PRIMS Full-text transcription (HTML)
Clariſſa, Die Geſchichte eines vornehmen Frauenzimmers,
von demjenigen herausgegeben, welcher die Geſchichte der Pamela geliefert hat: und nunmehr aus dem Engliſchen in das Deutſche uͤberſetzt.
Fuͤnfter Theil.
[figure]
GOETTJNGEN,VerlegtsAbram Vandenhoeck, Univerſitaͤts-Buchh. 1750.
Mit Roͤm. Kayſerlichen, Koͤnigl. Großbrit. und Churf - Braunſchw. wie auch Koͤnigl. Pohln. und Churf. Saͤchſ. allergnaͤdigſten Privilegiis.
[1]

Clariſſa. Der fuͤnfte Theil.

Der erſte Brief von Herrn Lovelacen an Herrn Joh. Belford.

Ob ich gleich einige Tage her auf ein fei - nes und hoͤfliches Bezeigen geſonnen habe, und auch nicht dreiſt genug ge - weſen bin, die Masque voͤllig abzu - ziehen: ſo habe ich doch ſchon das ſchoͤne Kind durch die feurigen und dabey anſtaͤndigen Vor - ſtellungen von meiner Liebe ſo weit gebracht, daß ſie mehr als einmal in ſich gegangen iſt. Jch habe ſie ſo weit gebracht, daß ſie geſtanden hat, ich ſey ihr mehr, als gleichguͤltig. Da ich ihr aber weiter zuſetzte, ein Liebesbekenntniß heraus - zulocken: ſo war die Antwort: was braucht es dergleichen Geſtaͤndniß, wenn ein Frau - enzimmer ſchon in die Ehe williget? Ein - mal ſtieß ſie mich gar voll Misveranuͤgen zuruͤck, und ich mußte zugleich hoͤren, die wahre Lie - be, welche ich ihr gelobte, wuͤrde durch Ehrerbietung, nicht durch angemaßte Frey - heit bewieſen. Jch erbot mich zwar zu meiner Vertheidigung allein ſie gab mir zu verſtehen,Fuͤnfter Theil. Aſie2ſie haͤtte ſich niemals einen andern Begriff von einer tadelhaften Liebe machen koͤnnen, als daß ſich dieſelbe auf eine ſolche Art, wie die meinige zu thun ſuchte, an den Tag legen muͤßte.

Jch bemuͤhete mich, mein Feuer dadurch zu rechtfertigen, daß ich ihr eine allzuſtrenge Tugend zur Laſt legen wollte. Aller waͤre das ihr Fehler, wußte ſie mir gar bald zu ſagen, ſo waͤre es mei - ner gewiß nicht. Sie muͤßte mir frey geſtehen, daß ich ihr nicht im Stande zu ſeyn ſchiene, rich - tig zu unterſcheiden, was eigentlich zu einem rei - nen und lautern Herzen erfordert werde. Viel - leicht ſtuͤnde ich in der ſtolzen und doch falſchen Einbildung, die mit einer ausſchweifenden Le - bensart verbunden zu ſeyn pflegte, daß ein Herz wie das andere, und zwiſchen dem unreinen kein anderer Unterſchied waͤre, als den Erziehung und Gewohnheit machte Und gleichwohl koͤnnte durch die Gewohnheit allein, wie ſie bemerkte, ſo wohl eine gute als boͤſe Gemuͤthsverfaſſung zur andern Natur werden.

Eben itzo habe ich von einigen unſchuldigen Freyheiten, die ich mir in Gegenwart unſerer Frauenzimmer genommen, Rede und Antwort geben muͤſſen. Jch hielte mich dazu berechtiget, weil ſie nicht anders wiſſen, als daß wir getrau - et ſind, und nun in der Hoffnung ſtehen, auch bald als Eheleute mit einander zu leben.

Es3

Es ward mir ſchwer, den Verweis meiner Geliebten anzunehmen. Jch wuͤnſchte mit Un - geduld den gluͤcklichen Tag und die frohe Stunde zu ſehen, da ich ſie ganz mein eigen nennen, und von einer ſo zarten Empfindlichkeit, die ihres gleichen nicht haͤtte, keinen Vorwurf erwarten duͤrfte.

Sie ſahe mich mit einer gewiſſen ſchamhaf - tigen Verachtung an. Jch hielte es fuͤr Verach - tung; und frug deswegen nach der Urſache: in - dem ich mir, wie ich ihr zu erkennen gab, keiner Beleidigung bewußt waͤre.

Herr Lovelace, war ihre Antwort, dieß iſt nicht das erſtemal, daß ich Urſache gehabt, uͤbel mit ihnen zufrieden zu ſeyn, wenn ſie vielleicht nicht daran gedacht haben, daß an Jhnen etwas aus - zuſetzen waͤre Allein ich muß Jhnen ſagen, der Eheſtand iſt in meinen Augen ein Stand der Reinigkeit, und, wo ich nicht irre, ſo ſetzte ſie dieß noch hinzu, nicht fuͤr ausſchweifende Freyheit; wenigſtens habe ich ſie ſo verſtanden.

Reinigkeit im Eheſtande, Bruder! Jn Wahrheit, das klingt recht, als wenn man jemand auf der Schaubuͤhne reden hoͤrte. Jhr ange - nehmen Kinder, es iſt ja doch die Haͤlfte von dem ſchoͤnen Geſchlechte willig und bereit, mit ei - nem liederlichen Kerl davon zu laufen: eben weil er ein liederlicher Kerl iſt, und aus keiner andern Urſache; ja wenn ſo gar alle andere Gruͤnde wider ihre Wahl ſtreiten.

A 2Haben4

Haben wir beyde, Belford, nicht junge Wei - ber geſehn, die man haͤtte fuͤr beſcheiden halten ſollen, und die auch in ihrem ledigen Stande wahnwitzig ſchuͤchtern waren? Haben wir nicht geſehn, wie eben dieſe ihren loͤffelnden Maͤnnern oͤffentlich Freyheiten verſtatteten, die genugſam bewieſen, daß ſie die Pflichten der Klugheit oder des Wohlſtandes vergeſſen haͤtten: da unterdeſ - ſen alle beſcheidne Augen ſich vor der unverſchaͤm - ten Dreiſtigkeit zuſchloſſen, und ein jedes beſcheid - nes Angeſicht fuͤr jene, die nicht erroͤthen konn - ten; ſich uͤber und uͤber vor Schaam verfaͤrbte?

Jch that einſtens bey einer ſolchen Gelegen - heit einer Geſellſchaft von etwa einem Dutzend Perſonen, denen auf die Art ein Aergerniß gege - ben wurde, den Vorſchlag ſich zu entfernen, in - dem ſie ja nothwendig einſehen muͤßten, daß die Gemahlinn ſowohl als der Cavallier, noͤthig haͤt - ten, allein zu ſeyn. Dieſer Vorſchlag hatte an dem verliebten Paar ſeine Wirkung; und ich ward fuͤr den Verweis, den ich ihnen ihrer aus - gelaſſenen Freyheit wegen gegeben hatte, mit gro - ßem Beyfall erhoben.

Allein bey einer andern Gelegenheit von die - ſer Art handelte ich dem gemeinen Ruf von mir ein wenig mehr gemaͤß. Denn ich wagte es, ei - ne Braut in Verſuchung zu fuͤhren. Dazu waͤre ich gewiß nicht dreiſt genug geweſen: wenn das unverſchaͤmte und bloß leidende Verhalten, wom it ſie ihres in ſie vergafften Liebſten oͤffentli - che Taͤndeleyen annahm, und dabey mehr mitFroh -5Frohlocken als mit Schaam auf alle gegenwaͤr - tige Frauenzimmer um ſich herumſahe, meine Neubegierde nicht gereitzet haͤtte. Jch ward da - durch begierig zu wiſſen, ob ſie einem geheimen Freunde nicht eben die Gefaͤlligkeit erzeigen duͤrf - te. Es iſt wahr, ich mußte mich bey meiner Eh - re verpflichten, das Geheimniß bey mir zu be - halten. Allein niemals habe ich nach der Zeit das Turteltaͤubchen zu Geſichte bekommen, ohne an die gezweyte Zahl fuͤr ſie zu gedenken, und dem eingenommenen Ehemann fuͤr die gute Unter - weiſung ſeiner Frauen in meinem Herzen Dank zu ſagen.

Aus dem, was ich beruͤhret habe, wirſt du ſehen, daß ich die Einwendung meiner Geliebten gegen oͤffentliche Liebesbezeigungen billige. Das hoffe ich, iſt alles, was die kaltſinnige Schoͤne unter der Reinigkeit im Eheſtande ver - ſtehet.

Alles vorhergehende wird doch zu dem Schlu - ße fuͤhren, daß ich in den verſtrichnen Tagen zwar nicht bloß ein unſchluͤßiger Zauderer, kein Hickmann, aber doch auch nicht vollkommen ge - ſchaͤftig, kein Lovelace, geweſen bin.

Die werthe Schoͤne ſieht ſich itzt als meine kuͤnftige Gemahlinn an. Jhr Herz, das hiedurch erleichtert iſt, wird nicht laͤnger ſtolz ſeyn, und nunmehr, wie ich hoffe, ſich nicht wider eine jede Handlung einer ihr nicht misfaͤlligen Mannsper - ſon auflehnen. Jedoch muß ſie ſo viel an ſich halten, als noͤthig ſeyn wird, die vorige Unbieg -A 3ſam -6ſamkeit zu rechtfertigen. Manche artige Seele wuͤrde ſich ergeben, wenn ſie nicht beſorgte, daß die beguͤnſtigte Perſon deswegen eine ſchlechtere Meynung von ihr faſſen moͤchte. Das iſt auch ein Stuͤck von den Glaubensartikeln freyer Lieb - haber. Allein ſie mag noch ſo empfindlich ſeyn, ſo kann ſie doch nun mit mir nicht brechen. Denn thut ſie es, ſo wird die Ausſoͤhnung mit ih - ren Angehoͤrigen gaͤnzlich zuruͤckgehen; und das auf eine ihr ſelbſt hoͤchſtnachtheilige Weiſe.

Eben bin ich von der Rechts-Cammer zu - ruͤckgekommen. Jch habe einen Trauſchein ge - ſucht. Wahrlich, Bruder, ich muß den Ver - druß haben, daß ich eine Schwierigkeit finde, dieſen gaͤnzlich feſſelnden Freybrief zu erhalten: weil das Frauenzimmer von Stande und bemit - telt iſt, und ich keine Einwilligung vom Vater oder von den naͤchſten Freunden aufzuweiſen habe.

Jch erzaͤhlte meiner Geliebten dieſe Schwie - rigkeit. Es iſt gar recht, ſagte ſie, daß derglei - chen Einwendungen gemacht werden. Aber ge - wiß, Bruder, keinem Manne von meinen Um - ſtaͤnden, wie ſie ein jeder kennet: und wenn das Frauenzimmer auch eines Herzogs Tochter waͤre.

Jch frug, ob ſie mit der Eheſtiftung zufrie - den waͤre, und bekam zur Antwort, daß ſie dieſel - be mit meiner Mutter ihrer zuſammengehalten und nichts dagegen einzuwenden haͤtte. Sie ge - ſtand, ſie haͤtte an die Fraͤulein Howe ſowohl die - ſer Sache wegen, als auch um ihr von unſerergegen -7gegenwaͤrtigen Verfaſſung Nachricht zu geben, geſchrieben(*)Weil dieſer Brief der Fraͤulein nichts neues in ſich haͤlt, nichts, was man nicht aus dem Schreiben des Herrn Lovelace abnehmen koͤnn - te: ſo iſt er ausgelaſſen..

Dieſen Augenblick hat mir meine Geliebte bey vollkommen guter Laune den Entwurf der Eheſtiftung wieder zuruͤckgegeben, wovon ich eine Abſchrift an den Capitain Tomlinſon geſandt ha - be. Sie machte mir das Compliment, daß ſie in dergleichen Faͤllen niemals an meiner Ehre eini - gen Zweifel gehabt haͤtte. Jn Sachen, da Mann und Mann mit einander zu thun haben, weißt du wohl, hat noch niemand jemals daran ge - zweifelt. Aber du wirſt ſagen, es ſey auch hoͤchſt noͤthig, daß ich wenigſtens einige gute Eigen - ſchaften haͤtte.

Große Laſter und große Tugenden werden oft in einer Perſon beyſammen gefunden. Jch bin gleichwohl in keinem Stuͤcke ſehr arg: wenn es nur nicht auf die Weibsperſonen angeſehen iſt. Und hat nicht ſelbſt eine von ihnen mit mir zuerſt angefangen(**)S. den I. Theil den XXXI. Brief auf der 325. S.?

Wir haben dafuͤr gehalten, daß die Frauen - zimmer keine Seelen haͤtten. Jch bin ein aͤch - ter Jude in dieſem Stuͤcke. Jch bin geneigt zu glauben, daß ſie keine haben. Jſt es ſo: wem ſoll ich denn von dem, was ich ihnen gethan habe,A 4Rechen -8Rechenſchaft zu geben? Ja, ſie moͤgen auch See - len haben. Weil dennoch in jener Welt kein anderes Geſchlecht iſt, auch keines ſeyn darf, was kann ein Frauenzimmer uͤber Beleidigungen, die ihr in ihrem weiblichen Stande widerfahren ſind, alsdann fuͤr eine Klage fuͤhren, wenn es mit dem weiblichen Geſchlecht ein Ende hat?

Der zweyte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Johann Belford.

Nunmehr muß ich beynahe daran verzweifeln, daß ich bey meiner kalten Schoͤnen durch Liebe oder Hoͤflichkeit etwas ausrichten ſollte. Es iſt, wie ich dir ſchon berichtet habe, eine Abſchrift von dem Entwurfe zur Eheſtiftung an den Capi - tain Tomlinſon geſandt; und zwar durch einen eignen Boten. Er wird wirklich ins Reine ge - bracht. Jch bin wiederum bey der Rechts - Cammer geweſen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach wuͤrde ich mir durch Malorys Vermittelung ei - nen Trauſchein verſchaffet haben: wenn nicht ſein Freund, der Anwald, ploͤtzlich nach Ches - hunt geholet waͤre, einer alten Frauen ein Teſta - ment zu machen. Pritchard hat mir muͤndlich, ob ihn mein ſchoͤner Engel g eich nicht geſehen,alles,9alles, was ihr aus meines Onkels Briefe, den ich ihr nicht zeigen konnte, zu wiſſen noͤthig war, angebracht, und der Guͤter wegen, die mir bey meiner Heyrath uͤbertragen werden ſollen, mei - nen Willen vernommen. Dennoch iſt bey allem dieſen guͤnſtigen Anſchein kein guͤnſtiger Augenblick zu finden, keine fuͤr mich brauchbare Zaͤrtlichkeit zu erregen.

Es iſt wahr; ich habe ihr zweymal mit Ent - zuͤckung, die ſie einmal ungeſchliffen nannte, ei - nen Kuß gegeben. Aber jedesmal ward ſie uͤber die genommene Freyheit empfindlich und gieng weg. Doch muß ich ihr die Gerechtigkeit wie - derfahren laſſen, daß ſie ſo gewogen war, mir auf mein erſtes Bitten ihre Gegenwart wieder zu goͤnnen und der Urſache ihrer Entfernung mit keinem Worte zu gedenken.

Jſt es der Klugheit gemaͤß, ſich uͤber un - ſchuldige Freyheiten, die ſie nach ihren Umſtaͤn - den ſo bald verzeihen muß, ſo offenbar ungehalten zu bezeigen?

Allein die Frauenzimmer, welche uͤber die erſten Freyheiten nicht unempfindlich werden, ſind nothwendig verlohren. Denn die Liebe iſt eine Betriegerinn, die immer mehr Ein - griffe zu thun ſuchet. Sie geht niemals ruͤck - waͤrts. Sie trachtet immer weiter. Sie muß immer weiter trachten. Nichts als die letzte Gunſt, kann ſie befriedigen, wenn ihr einmal etwas eingeraͤumt iſt. Und was hat ein Liebha -A 5ber,10ber, der es nicht der Muͤhe werth achtet, den Frieden zu brechen, fuͤr Vortheile uͤber ſeine Ge - liebte, die denſelben mit aller Sorgfalt zu erhal - ten ſuchet?

Jtzt habe ich mich eben ſelbſt wohl zum zwoͤlf - ten mal zu einer halben Entſchließung gebracht. Tauſend angenehme Dinge habe ich ihr zu ſagen. Sie iſt in dem Speiſeſaale. Eben gieng ſie hin - auf. Wenn ſie da iſt: ſo erwartet ſie mich.

Aeußerſtes Misvergnuͤgen! das eine ploͤtzliche Entfernung nach ſich zog.

Jch hatte mich zu ihr geſetzet. Jch nahm ihre beyden Haͤnde in meine. So hatte ich es gewuͤnſcht. Meine Stimme war ganz gelinde und ſanft Jhres Vaters wurde mit Hochach - tung, ihrer Mutter mit Ehrerbietung erwaͤhnet. Selbſt von ihrem Bruder ward als von einem Freunde geſprochen. Jch haͤtte niemals gedacht, ſagte ich zu ihr, daß ich eine Ausſoͤhnung mit ih - ren Angehoͤrigen ſo ſehnlich wuͤnſchen koͤnnte, als ich ſie wirklich wuͤnſchte.

Dabey breitete ſich eine liebliche und dankge - fliſſene Roͤthe uͤber ihr ſchoͤnes Angeſicht aus. Bisweilen hub auch ein gelinder Seufzer ihr Halstuch in die Hoͤhe.

Jch haͤtte ein ſehr großes Verlangen, ſo fuhr ich fort, von dem Capitain Tomlinſon Nachricht einzuziehen. Es wuͤrde ihrem Onkel unmoͤglich ſeyn, an dem Entwurf der Eheſtiftung etwasaus -11auszuſetzen. Wie dem aber auch ſeyn moͤchte, ſo wollte ich es mit der Ueberſendung deſſelben nicht ſo gemeynet haben, als wenn ich geſonnen waͤre, den Auſſchub meines gluͤcklichen Tages ihrem On - kel freyzuſtellen. Wann, wann wuͤrde doch der be - ſtimmet ſeyn? Jch wollte wieder zu der Rechts - Cammer eilen und nicht ohne den Trauſchein zu - ruͤckkommen.

Jch ſchlug die Forſt zu unſerm Aufenthalte vor, ſo bald die gluͤckliche Vollziehung unſerer Ehe geſchehen waͤre. Jch ſchlug dazu dieſen und jenen Tag vor.

Es waͤre noch Zeit genug, antwortete ſie, den Tag zu benennen, wenn die Eheſtiftung voͤl - lig ausgefertiget und der Trauſchein erhalten waͤ - re. Gluͤcklich wuͤrde ſie ſeyn, wenn der guͤtige Capitain Tomlinſon ihres Onkels Gegenwart insgeheim auswirken koͤnnte!

Ein guter Wink! Vielleicht kann ich mir ihn zu Nutze machen; entweder Aufſchub zu ge - winnen, oder Frieden zu ſtiften.

Keine neue Verzoͤgerungen um des Himmels willen! So bat ich: indem ich ihr zugleich den bisherigen Verſchub hoͤflich vorhielte. Nennen ſie doch nur den Tag; einen baldigen Tag, etwa, wie ich hoffete, in der kuͤnftigen Woche da - mit ich zu ſeiner Naͤherung Gluͤck wuͤnſchen und die langſamen Stunden zaͤhlen moͤchte.

Jch legte meinen Kopf auf ihre Schulter. Jch kuͤßte ihre Haͤnde wechſelsweiſe. Sie ſtraͤub - te ſich mehr mit Schaam als mit Unwillen. Sie12Sie ſuchte ihre Haͤnde wegzuziehen, und mit ih - rer Schulter meinem darauf gelehnten Kopfe auszuweichen. Wie ich merkte, that ſie es un - gern. Noch vielweniger hatte ſie Luſt mit mir zu zanken. Jhr niedergeſchlagenes Auge ſagte mehr, als ihre Lippen aͤußern konnten. Nun, dachte ich, iſt es gewiß meine Zeit, zu verſuchen, ob ſie eine noch kuͤhnere Freyheit, als ich mir je - mals bisher genommen habe, verzeihen kann.

Jch lies ihr darauf ihre ringende Haͤnde los. Jch umfaßte ſie mit einem Arme. Jch kuͤßte ihren ſuͤßen Mund mit vielem Feuer. Sie ſagte nichts dazu, als: Seyn ſie doch geruhig, und wandte ihr Geſicht weg, als wenn ſie noch einen Kuß beſorgte.

Durch eine ſo gelinde Weigerung bekam ich noch mehr Muth. Jch redete auf das zaͤrtlich - ſte. Jch ſchob alsdenn mit der andern Hand das Halstuch weg, welches das Schoͤnſte unter allen Schoͤnheiten verdeckte, und druͤckte meine feurige Lippen an die reizungsvolle Bruſt, die meine ent - zuͤckte Augen jemals geſehen haben.

Aber den Augenblick fand ſich eine ganz an - dre Leidenſchaft bey ihr ein, als diejenige war, wodurch ihre Bruſt vorher mit ſo vieler Anmuth aufgeſchwollen. Sie riß ſich voll Unmuths aus meinen um ſie geſchlungenen Armen. Jch hiel - te ſie noch bey ihrer ringenden Hand. Laſſen ſie mich gehen, ſprach ſie. Jch ſehe wohl, man darf von ihnen nicht hoffen, daß ſie ſich in den gehoͤ - rigen Schranken halten werden. Niedertraͤchti -ger13ger Betrieger, der immer neue Eingriffe zu thun ſuchet! Hat es mit ihren Schmeichelworten ein ſolches Abſehen? So weit auch die Sache ſchon gegangen ſeyn mag: ſo will ich mich doch ihrer auf ewig entſagen. Sie haben ein haſſens - wuͤrdiges Herz. Laſſen ſie mich gehen, ich ſage es ihnen

Jch mußte gehorchen, und ſie eilte mit Ge - walt von mir, indem ſie nur die vorigen Worte, niedertraͤchtiger, mit dem Zuſatz ſchmeichleri - ſcher, Betruͤger, wiederholte.

Vergebens habe ich durch die Dorcas um die verſprochene Gunſt, Mittagsmahlzeit mit ihr zu halten, inſtaͤndigſt erſuchen laſſen. Sie wollte zu Mittage gar nicht eſſen, hieß es: Sie koͤnnte es nicht.

Aber warum haͤlt ſie einen jeden Daumbreit von ihrer Perſon ſo heilig? Da doch die Zeit ſo nahe iſt in der ſie vermuthen muß, durch geſchloßnen Kauf und Eheſtiftung ganz und gar mein eigen zu ſeyn.

Sie hat ſonder Zweifel etwas von dem Kunſt - griff der morgenlaͤndiſchen Monarchen geleſen, die ſich den Augen ihrer Unterthanen deswegen entziehen, damit ſie von dieſen deſtomehr angebe - tet werden, wenn ſie es bey einigen feyerlichen Gelegenheiten fuͤr gut befinden, oͤffentlich zu er - ſcheinen.

Aber14

Aber Belford, ich frage dich, ob nicht bey dieſen feyerlichen Gelegenheiten der vorreitende Zug, hier ein großer Kriegsbedienter und dort ein großer Rath, mit ihren Trabanten und ihrem blin - zenden Aufzuge, die Augen der bewundernden Zu - ſchauer nach und nach vorbereite, den blendenden Glanz der unter einem Himmel hervorleuchtenden Majeſtaͤt zu ertragen? Sollte dieſe ſelbſtgleich nur ein ſchlechter alter Mann ſeyn: ſo funkelt derſel - be doch in der vereinigten Pracht ſeines weiten Reiches.

Und ſollte ſich meine Geliebte nicht um ihrer ſelbſt willen nach und nach von der Goͤttlichkeit zur Menſchlichkeit herablaſſen? Jſt es Stolz, der ſie zuruͤckhaͤlt: muß denn nicht ein ſolcher Stolz geſtraft werden? Jſt es, wie bey den mor - genlaͤndiſchen Kayſern, ſowohl ein Kunſtgriff als Stolz: ſo iſt es etwas, das ſie unter allen Weibs - perſonen allein nicht noͤthig hat zu gebrauchen. Jſt es Schaam: was iſt denn das fuͤr eine Schaam, daß ſie ſich ſchaͤmet, ihren Anbeter das allerbewundernswuͤrdigſte von ihren perſoͤnlichen Reizungen ſehen zu laſſen?

Jch will des Todes ſeyn, Belford, wenn ich nicht die glanzreichſte Krone in der Welt fahren laſſen wollte, um nur das Vergnuͤgen zu haben, daß ich ein paar Zwillinge von Lovelace, an jeder ihrer ſchoͤnen Bruͤſte einen, die daraus ihre erſte Nahrung in ſich ſoͤgen, ſehen moͤchte. Dieß15Dieß Werk der muͤtterlichen Liebe ſollte nur einen Monath und nicht laͤnger dauren.

Mich deucht, ich ſehe ſchon itzt die Schoͤnſte unter den Weibern in dieſem angenehmen Dienſte begriffen. Jch ſehe, wie ſie mit ihren zarten Fingern einem jeden der begierigen Saͤuglinge wechſelsweiſe das edle Naß in den purpurrothen Mund druͤcket. Jch ſehe, wie ihr ſich be - wußtes Auge mit einem Seufzer von muͤtterli - cher Zaͤrtlichkeit bald auf den einen, bald auf den andern faͤllt, und ſich alsdenn zu meinem er - goͤtzten Auge aufſchlaͤget, voll von Wuͤnſchen um der artigen Buͤbchen und ihrer ſelbſt willen, daß ich ſie doch wuͤrdigen moͤchte, ſie zu recht - maͤßigen Kindern zu machen, daß ich mir doch gefallen laſſen moͤchte, die Feſſeln des ehlichen Bundes auf mich zu nehmen.

Der dritte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.

Ein Brief, den ich von dem braven Capitain Tomlinſon empfangen habe, hat mir denZutritt16Zutritt zu meiner Schoͤnen, eher als ich vielleicht ſonſt vorgelaſſen ſeyn moͤchte, eroͤffnet.

Mit zorniger Stirne trat ſie in den Speiſe - ſaal. Aber ich ſagte nicht ein Wort von dem, was vorgegangen war. Und ſo mußte ſich ihr Zorn in ſich ſelbſt verzehren.

Der Capitain meldet mir zuerſt, daß er fuͤr gut befunden nicht eher zu ſchreiben, als bis er den verſprochnen Entwurf von der Eheſtiftung bekommen haͤtte. Er berichtet hiernaͤchſt, ſein Freund, Herr Joh. Harlowe, haͤtte ſich bey der erſten Unterredung, ſo bald er zu Hauſe gekom - men, aͤußerſt entſetzet und wohl gar, wie er be - ſorgte, inniglich betruͤbet, als er gehoͤret, daß wir nicht verheyrathet waͤren. Die Welt, haͤtte er geſagt, die meine Art kennte, wuͤrde ſehr boͤſe urtheilen; wenn es bekannt werden ſollte, daß wir ſo lange unverheyrathet in einem Hauſe mit einander gelebet haͤtten: es moͤchte unſre Ehe - verbindung itzt auch noch ſo feyerlich vollzogen werden.

Sein Vetter Jacob, wuͤßte er gewiß, wuͤr - de gegen alle Vorſchlaͤge zu einer Ausſoͤhnung ein großes Werk daraus machen, und zwar mit deſto gluͤcklicherm Erfolg, weil in dem ganzen Koͤnigreiche keine Familie ſo eiferſuͤchtig fuͤr ihre Ehre waͤre.

Dieß iſt wahr von den Harlowes, Bruder. Man hat ſie ſchon laͤngſt die ſtolzen Harlowes ge - nannt. Und ich habe allezeit befunden, daß aller junger Adel aufgeblaſen und empfindlich iſt.

Aber17

Aber ſiehſt du nun, wie vollkommen ich auf dem rechten Wege geweſen bin, als ich mein ſchoͤ - nes Kind zu bereden ſuchte, ſie moͤchte ihres On - kels Freund doch in der Meynung laſſen, daß wir verheyrathet waͤren: ſonderlich da er ſchon, ehe er zu uns kam, vorbereitet war, es zu glau - ben, und da ihr Onkel hoffete, es wuͤrde ſo ſeyn? Allein es iſt nichts in der Welt ſo verkehrt, als ein Frauenzimmer, wenn es ſich einmal etwas in den Kopf geſetzet, und mit einem gelinden Manne, oder mit einem, der ſeine Ruhe liebet, zu thun hat.

Meine Geliebte ward bekuͤmmert. Sie zog ihr Schnupftuch hervor. Doch war ſie mehr mich, als ſich ſelbſt, anzuklagen geneigt.

Haͤtten ſie ihr Wort gehalten, Herr Lovelace, und mich, ſo bald wir nach London gekommen, verlaſſen Da brach ſie ab. Denn ſie wuß - te wohl, daß es ihre Schuld geweſen, daß wir nicht getrauet worden, ehe wir vom Lande weg - giengen. Wie konnte ich ſie aber nachher allei - ne laſſen, da ihr Bruder Anſchlaͤge ſchmiedete, ſie mit Gewalt wegzufuͤhren?

Er hat auch ſeine Anſchlaͤge noch nicht auf - gegeben. Denn wie der Capitain weiter ſchrei - bet, ſo hat Herr Joh. Harlowe ihm, ob wohl nur im Vertrauen, geſtanden, ſein Vetter gebe ſich noch bis dieſe Stunde Muͤhe unſern Aufent - halt aus zuforſchen. Da man von mir bey kei - nem meiner Anverwandten noch an denen Oer - tern, wo ich ſonſt meine Wohnung zu habenFuͤnfter Theil. Bpflegte,18 pflegte, etwas hoͤrte: ſo ſey derſelbe verſichert, daß wir bey einander ſind. Daß wir aber in keinem Eheverbuͤndniſſe ſtehen, ſey aus dem noch ſo neulichen Antrag des Herrn Hickmanns an ihren Onkel, den er gewiß erfahren haben wuͤr - de, und aus der Bemuͤhung der Frau Norton bey ihrer Mutter, eben den Vorſchlag zu befoͤr - dern, ſattſam am Tage. Und er koͤnne nicht leiden, daß ich eines ſolchen Sieges in Ruhe ge - nießen ſollte.

Hiebey ward ein tiefer Seufzer gethan und das Schnupftuch wieder zu den Augen gehoben. Allein verdiente das angenehme Kind fuͤr ihre treuloſe Abſicht, mich ihrer ſelbſt zu berauben, nicht dieſe Vergeltung?

Jch las folgendergeſtalt weiter:

Herr Harlowe frug, warum denn ſeinem andern Freunde, der ſich erkundiget, geſagt waͤ - re, daß wir mit einander verheyrathet waͤren, und zwar von ſeiner Baſe eignem Cammer - Maͤdchen, die es doch wohl wiſſen mußte, die ſonder Zweifel uͤberzeugende Gruͤnde angeben konnte?

Hier weinte ſie wieder, gieng queer uͤber das Zlmmer, und kam alsdenn zuruͤck Leſen ſie wei - ter, ſagte ſie

Wollen ſie, mein wertheſter Engel, es ſelbſt leſen?

Jch will den Brief mit mir nehmen alſobald Jch kann nicht ſehen, ihn nun eben zu leſen : Sie wiſchte ihre Augen Leſen ſieweiter.19weiter. Laſſen ſie mich ihn ganz hoͤren, daß ich ihre Meynung daruͤber vernehmen, und meine eigne ſagen kann.

Der Capitain erzaͤhlte hierauf ihrem Onkel Johann die Urſachen, die mich bewogen, vorzu - geben, daß wir verheyrathet waͤren. Er er - zaͤhlte ihm auch die Bedingungen, unter wel - chen meine Geliebte ſich dahin bringen laſſen, es nicht zu wiederrufen. Er bemerkte, daß eben dieſe uns, als Fremde nach dem ſtrengſten Wohlſtand mit einander umzugehen, verbun - den haͤtten.

Allein meine gewoͤhnliche Art zu handeln haͤtte einen beſtaͤndigen Anſtoß gegeben. Herr Harlowe waͤre unzufrieden weggegangen. Der Capitain ſelbſt haͤtte ſich die Sache ſo nahe ge - hen laſſen, daß er nicht darauf geachtet, von dem Erfolg dieſer erſten Unterredung Nachricht zu geben.

Es waͤre aber, nachdem der Entwurf von der Eheſtiftung ihm zu Haͤnden gekommen, ei - ne andere, eben wie die vorige, um deſto gehei - mer zu verfahren, in ſeinem Hauſe gehalten worden. Bey dieſer haͤtte ſich der alte Herr, als er den Entwurf geleſen und des Capitains Meynung daruͤber gehoͤret, vergnuͤgter bezeiget. Jedoch haͤtte er frey herausgeſagt, es wuͤrde nicht leicht irgend eine andere Perſon von der Familie zu uͤberreden ſeyn, daß ſie von der Sa - che ſo vortheilhaft gedaͤchte, als er nunmehr zu thun geneigt waͤre, wenn ſie erfahren ſollten,B 2 daß20 daß wir ſo lange unverheyrathet mit einander gelebet.

Hierauf, ſchreibt der Capitain, haͤtte ſein wertheſter Freund einen Vorſchlag gethan. Er beſtuͤnde darinn: Wir ſollten uns ohne den geringſten Verzug trauen laſſen. Es muͤßte aber ſo geheim geſchehen als moͤg - lich waͤre. Er haͤtte bemerkt, daß wir ohne das es ſo zu thun geſonnen waͤren. An der Eheſtiftung koͤnnte er nichts ausſe - tzen. Jedoch vermuthete er, daß er zu deſto groͤßerer Beruhigung fuͤr ſich einen ſichern Freund von ſeiner Bekanntſchaft dabey zugegen ſeyn laſſen duͤrfte

Hier hielt ich ein, und war willens boͤſe zu thun. Allein ſie verlangte, ich moͤchte fortleſen, und ich gehorchte

Es muͤßte aber keine lebendige Seele, ausgenommen die ſichere Perſon, er ſelbſt und der Capitain, anders wiſſen, als daß wir von der Zeit an, da wir mit einander in einem Hauſe gelebet, verheytather ge - weſen. Auch muͤßte man dieſe Zeit ſo be - ſtimmen, daß ſie mit des Herrn Hickmanns Antrag an ihn von der Fraͤulein Howe uͤbereinkaͤme.

Dieß, mein liebſter Engel, ſagte ich, iſt ein ſehr bedaͤchtlicher Vorſchlag. Wir duͤrfen nur die Leute unten im Hauſe desfalls warnen. Jch haͤtte nicht gedacht, daß ihr Onkel Harlowe auf ein ſo geſchicktes Mittel fallen koͤnnte. Alleinſie21ſie ſehen, wie ſehr ihm die Ausſoͤhnung am Her - zen liege.

Was ſollte ich wohl fuͤr eine Antwort dar - auf bekommen? Sie haben, als ein Merk - maal ihrer Hoͤflichkeit, mir bey allen Gelegenhei - ten zu verſtehen gegeben, was ſie ſich fuͤr niedri - ge Gedancken von einem jeden meiner Angehoͤri - gen machen.

Doch du wirſt dencken, Belford, daß ich ihr den Verweis zu gute halten koͤnnte.

Der Capitain fuͤgt hinzu, er wiſſe nicht, wie dieſer Vorſchlag uns gefallen duͤrfte. Sei - nes Theils aber halte er ihn fuͤr ein bequemes Mittel, vielen Schwierigkeiten vorzubeugen, und den fernern Anſchlaͤgen des Herrn Jacob Harlowe vielleicht ein Ende zu machen. Des - wegen habe er ſich ſchon auf des Onkels Rath gegen zwo verſchiedne Perſonen, durch die es dem jungen Cavallier leicht zu Ohren kommen moͤchte, herausgelaſſen, daß er ſehr große Urſa - che habe zu glauben, daß wir gleich, nachdem des Herrn Hickmanns Antrag fruchtlos gewe - ſen, ehelich verbunden waͤren.

Und dieſes, Herr Lovelace, ſchreibt der Ca - pitain ferner, wird Jhnen ein Recht geben, der Familie ein Compliment zu machen, das ſich zu einigen edelmuͤthigen Anerbietungen, welche ſie dem Fraͤulein in meiner Gegenwart zu thun beliebet, und Herr Joh. Harlowe ſich zur Be - foͤrderung der Ausſoͤhnung einigermaßen zu Nutze machen kann, nicht uͤbel ſchicken wird. B 3 Es22 Es iſt ja unter den Umſtaͤnden eine beſondre Hoͤflichkeit von ihnen, daß ſie ihrer Fraͤulein Gut nicht ſo bald, als ſie dazu berechtiget gewe - ſen, gefordert haben. Ein trefflicher Kopf, Raͤnke auszuſinnen! So muß meine Schoͤne hiebey nothwendig von dem braven Herrn Tom - linſon gedacht haben.

Der Capitain ſetzt aber noch weiter hinzu, wenn entweder der Fraͤulein oder mir ſeine Er - zaͤhlung von unſerm Eheverbuͤndniſſe nicht an - genehm waͤre, ſo wolle er ſie wiederrufen. Je - doch muͤſſe er mir frey bekennen, daß ſich Herr Joh. Harlowe dieß vorgeſchlagene Mittel die Sache zu treiben, als das einzige ſeiner Mey - nung nach, welches zu einer allgemeinen Aus - ſoͤhnung mit Erfolge zu gebrauchen ſey, ſehr feſt in den Kopf geſetzt habe. Allein wenn wir es genehm halten ſollten, ſo bitte er meine Schoͤ - ne, den begluͤckten Tag fuͤr mich nicht zu ver - ſchieben, damit er doch wenigſtens durch die Wahrheit der Hauptſache zu dem, was er ſpraͤ - che, berechtiget waͤre. Wie gewiſſenhaft iſt dieſer gute Mann! Man duͤrfe auch nicht er - warten, ſchreibt er, daß ihr Onkel eher zu der gewuͤnſchten Verſoͤhnung nur einen Schritt thun werde, als bis die Trauung wirklich ge - ſchehen iſt.

Endlich meldet er noch, daß er bald in an - dern Geſchaͤfften zur Stadt kommen werde, und ſchlaͤgt vor, uns alsdenn zu beſuchen, und von allem, was zwiſchen Herrn Harlowe und ihm vor -23 vorgefallen, oder weiter vorſallen duͤrſte, um - ſtaͤndlichere Nachricht zu geben.

Was ſagen ſie nun, mein liebſtes Leben, was ſagen ſie zu ihres Onkels Vorſchlag? Soll ich an den Capitain ſchreiben, und ihm melden, daß wir nichts dagegen einzuwenden haben?

Sie ſchwieg einige Minuten lang ſtille. Endlich kam ein Seufzer! Sehen ſie, Herr Lovelace, ſprach ſie, wie weit ſie mich durch ihre krumme Wege gebracht haben! Sehen ſie, in was fuͤr Ungluͤck ich gerathen bin! Wahr - lich ſie haben nicht als ein weiſer Mann ge - handelt.

Erinnern ſie ſich denn nicht, mein liebſter Engel, wie inſtaͤndig ich um die Ehre, ihrer Hand gewuͤrdiget zu werden, ehe wir zur Stadt kaͤmen, angehalten habe? Waͤren ſie mir da - mals ſo geneigt geweſen

Gut, gut, Herr Es iſt bey unſerer Sa - che an einer oder der andern Seite viel verſehen. Das iſt alles, was ich itzo ſagen will. Und da geſchehne Dinge nicht zu aͤndern ſtehen: ſo denke ich, man muß meinem Onkel gehorſam ſeyn.

Wie reizend iſt ſie in Beobachtung der Pflich - ten! Mir war unter den Umſtaͤnden nichts an - ders uͤbrig, als daß ich auf das inſtaͤndigſte um die Ernennung des gluͤcklichen Tages anhielte, damit ich dem wuͤrdigen Capitain und ihrem Onkel nichts nachgeben moͤchte. Das that ich mit vielem Eifer. Allein ſie wiederhohlte nur ihreB 4vorige24vorige Antwort, wie ich mir leicht vorſtellen konn - te, es waͤre Zeit genug den Tag zu benennen, wenn die Eheſtiftung voͤllig ausgefertiget, und der Trauſchein erhalten waͤre. Und o! Herr Lo - velace, fuhr ſie fort, indem ſie ſich mit einem un - nachahmlich zaͤrtlichen Reize und dem Schnupf - tuche an ihren Augen, von mir wandte, o! was fuͤr eine Gluͤckſeligkeit, wenn von meinem lieben Onkel ſo viel zu erhalten ſtuͤnde, daß er bey die - ſer Gelegenheit perſoͤnlich ein Vater fuͤr das ar - me vaterloſe Maͤdchen ſeyn wollte.

Was ſicht mich das an! Wo kommt dieſer Thautropfe her! Ein Thraͤnlein! So wahr ich lebe, es iſt ein Thraͤnlein, Bruder! Die ſitzen ſehr los, deucht mich Beym bloßen Vorleſen! Aber eben ſtand ihr leben - diges Bild in eben der Stellung, und mit eben denſelben Mienen, womit ſie die Worte ſprach, wieder vor mir Und in der That, damals, als ſie dieſelben ausſprach, fielen mir dieſe Zeilen von Schakeſpeare ein:

Dein Herz iſt dir zu ſchwer: Geh eilend fort
und weine.
Der Kummer hat geſiegt: Geh hin und bleib
alleine.
Denn weil in deinem Aug itzt Trauerperlen
ſtehn:
So wollen mir bereits die Augen uͤbergehn.

Jch gieng weg und ſchrieb folgendes an den Capitain: Er moͤchte die Guͤte haben, ſeinemwer -25 werthen Freunde zu melden, daß wir mit ſei - nem Vorſchlag vollkommen zufrieden waͤren, und bereits die Frauenzimmer im Hauſe nebſt ihren und unſern eignen Bedienten desfalls ge - warnet haͤtten, gehoͤrige Vorſichtigkeit zu ge - brauchen. Wollte derſelbe mich perſoͤnlich durch die Hand ſeiner wertheſten Baſe gluͤck - lich machen: ſo wuͤrde das unſerer beyden Wuͤn - ſche kroͤnen. Jn dem Fall ſollte der ihm belie - bige Tag, weil ich hoffte daß es ein naher Tag ſeyn wuͤrde, auch uns beliebig ſeyn. Auf die Art wuͤrde das Geheimniß in wenigern Haͤn - den bleiben. Jch waͤre ſelbſt der Meynung, daß die Trauung, wenn ſie auch noch ſo geheim geſchaͤhe, niemals zu geheim vollzogen werden koͤnnte: nicht nur um der weiſen Abſicht wil - len, die er dadurch zu erhalten geſonnen waͤre; ſondern auch deswegen, weil ich nicht gerne ſaͤ - he, daß mein Onkel, Lord M , ſich fuͤr nach - geſetzet halten ſollte. Dieſer waͤre willens ge - weſen, wie ich dem Capitain ſchon erzaͤhlet haͤt - te, bey unſerer Vermaͤhlung Vaters Stelle zu vertreten: wenn wir ſein guͤtiges Anerbieten nicht deswegen von uns abgelehnet haͤtten, da - mit wir ein oͤffentliches Hochzeitfeſt vermeiden moͤchten. Denn dazu wollte ſeine geliebte Ba - ſe ſich nimmermehr entſchließen, ſo lange ſie bey ihren Freunden in Ungnade ſtuͤnde Sollte er es aber nicht fuͤr gut befinden, uns dieſe Eh - re zu erweiſen: ſo wuͤnſchte ich, daß der Capi - tain Tomlinſon die zuverlaͤßige Perſon ſeynB 5 moͤchte,26 moͤchte, die er bey dieſer gluͤcklichen Gelegenheit zugegen ſeyn laſſen wollte.

Jch zeigte dieſen Brief meiner Schoͤnen. Sie war nicht uͤbel damit zufrieden. So ſiehſt du wohl, Bruder, daß wir nun mit der Eheſtif - tung und dem Trauſcheine nicht zu geſchwinde eilen koͤnnen. Der Vollziehungstag iſt der ih - rem Onkel oder vielleicht dem Capitain Tom - linſon beliebige Tag: wie es die Gelegenheit am beſten geben wird. Den Abſichten der Fraͤu - lein Howe mit der Zollbetriegerinn iſt nun auf alle Faͤlle gewiß vorgebeuget.

Doch, ich will dich nicht zum voraus von al - len denen Vortheilen, die wir von dieſen meinen geſchmiedeten und wohl uͤberdachten Raͤnken zu - wachſen moͤgen, urtheilen laſſen. Warum wol - len mich dieſe Maͤdchen auf meine Meiſterſtrei - che bringen?

Nun kommt es auf eine kleine Mine an, die ich im Begriff bin ſpringen zu laſſen: die erſte, und auf den Fuß, wie ich ſtehe, bald ſchluͤßig, bald reuevoll, vielleicht auch die letzte.

Jch nenne es nur eine kleine Mine. Allein ſie kann vielleicht große Wirkung thun. Es ſey, wie es wolle, ſo will ich es doch auf den Erfolg hievon nicht ſchlechterdings ankommen laſſen. Jch habe noch mehrere, die weit ſicherer ihre Wirkung thun, in Bereitſchaft. Und gleichwohl werden oft große Maſchinen durch kleine Trieb - federn beweget. Ein kleiner Funke, der von ohn -gefaͤhr27gefaͤhr in ein Pulvermagazin gefallen iſt, hat bisweilen mehr ausgerichtet, als hundert Ca - nonen.

Wenn es auch noch ſo arg geht: ſo muß die Hochzeitsfackel und eine weiſſe Schuͤrze meine amende honorable, wie die Franzoſen ſa - gen, oder meine ehrliche Strafe ſeyn.

Der vierte Brief von Herrn Belford an Herrn Robert Lovelace.

So wenig ich auch bisher durch meine Vor - ſtellungen bey dir ausgerichtet habe, ſo kann ich es doch nicht uͤbers Herze bringen, daß ich zum Beſten dieſes wundernswuͤrdigen Frauen - zimmers nicht noch einmal mehr ſchreiben ſollte. Und gleichwohl bin ich ſelbſt nicht im Stande, von dem Eifer, der mich ihre Partey ſo ernſt - lich und aufrichtig zu nehmen antreibt, Grund zu geben.

Allein du erkenneſt ihren ganzen Werth. Du geſteheſt deine eigne Unart und ruͤhmeſt dich ſo gar damit. Was iſt denn fuͤr Hoffnung uͤbrig, einen ſo verſtockten Menſchen zu bewegen? Jedoch es iſt noch nicht zu ſpaͤt und du biſt itzo unter ſolchen Umſtaͤnden, die von deinem kuͤnfti - gen Zuſtande den Ausſchlag geben werden. Des -wegen28wegen hab ich mich entſchloſſen, zu verſuchen, was noch ein Brief ausrichten duͤrſte. Wirkt er nichts gutes: ſo iſt doch nur mein Schreiben ver - lohren. Willſt du mich aber etwas uͤber dich vermoͤgen laſſen: ſo weiß ich, du wirſt mich nach dieſem uͤberfluͤßig berechtiget achten, Dank von dir zu fordern.

Weitlaͤuftige Beweiſe zu fuͤhren, wuͤrde bey dir eine Thorheit ſeyn. Die Sache erfordert es auch nicht. Jch will dich alſo nur auf das in - ſtaͤndigſte bitten, daß du doch einen ſolchen Aus - bund von tugendhaften Frauenzimmern nicht der Belohnung ihrer wachſamen Tugend verluſtig machen wolleſt.

Jch glaube, es ſind niemals ſo arge Frey - geiſter in Anſehung der Lebensart geweſen, die nicht den Vorſatz gehabt haben ſollten, in einem oder dem andern kuͤnftigen Zeitlauf ihres Lebens auf Beſſerung zu gedenken. Erlaube mir denn, dich zu bitten, daß du bey dieſer wichtigen Sa - che deine zukuͤnftige Buße dir ſo leicht machen moͤgeſt, als du etwa einige Zeit hernach gethan zu haben wuͤnſchen duͤrfteſt. Wenn du nach dei - nen Anſchlaͤgen fortgeheſt: ſo zweifle ich gar nicht, die Sache wird auf eine oder die andre Wei - ſe ein trauriges Ende nehmen. Es muß noth - wendig ſo ſeyn. Ein ſolches Frauenzimmer muß Gott und Menſchen auf ihrer Seite haben. Was ich aber am meiſten beſorge, iſt dieß, daß ſie, vor Herzeleid uͤber die an ihr veruͤbte Schande, mit eigner Hand, als eine andere Lucretia, dieReinig -29Reinigkeit ihres Herzens außer Zweifel ſetzen, oder, wenn ihre Froͤmmigkeit ſie vor einem ſo ge - waltſamen Tode bewahret, der nagende Kummer ihren Tagen bald ein Ziel ſetzen werde. Und wuͤr - de nicht in einem jeden von dieſen Faͤllen das An - denken deiner ewigen Schuld, und deines ver - gaͤnglichen, kurzen Sieges, eine Quaal uͤber alle Quaal fuͤr dich ſeyn?

Es iſt in der That doch eine recht betruͤbte Sache, daß ein ſo artiges Frauenzimmer in ſo unartige und gewiſſenloſe Haͤnde fallen muͤſſen. Denn du haſt von deiner Wiegen an, wie ich dich ſelbſt habe geſtehen hoͤren, ein Vergnuͤgen daran gefunden, allezeit dasjenige Thier, das du liebteſt und woruͤber du Gewalt hatteſt, es mochte Vo - gel oder ſonſt ein Thier ſeyn, durch dein Spiel zu beunruhigen und zu quaͤlen.

Was hat es fuͤr eine verſchiedne Bewandniß mit dieſem liebenswuͤrdigen Frauenzimmer und allen andern Weibsperſonen, die du jemals ver - fuͤhret haſt! Jch darf dir nicht den Unterſchied, der allen in die Augen faͤllt, zu Gemuͤthe fuͤhren. Darauf habe ich nicht noͤthig zu beſtehen. Es iſt genug, daß Gerechtigkeit, Dankbarkeit, dein eigner Vortheil, deine Geluͤbde, alle dich verbin - den, und du ſie gewiß, ſo weit du zu lieben im Stande biſt, uͤber alle andre von ihrem Geſchlech - te liebeſt. Es iſt genug, daß ſie nicht durch Liſt auf Abwege zu bringen ſtehet, nicht verleitet wer - den kann, durch Leichtglaubigkeit oder Mangel an Verſtand und Ueberlegung ihr Leiden zu verdie -nen;30nen; welches bey einem ſo feinen Verſtande, als ſie beſitzet, ihr in ihrem Ungluͤcke eine neue herzna - gende Betrachtung ſeyn wird. Und doch iſt der Streit zwiſchen euch ſehr ungleich, wie er zwi - ſchen der bloßen Unſchuld und einer bewaffneten Bosheit ſeyn muß. Denn in einem jeden an - dern Stuͤcke uͤbertreffen ihre Gaben die deinigen ſehr weit. Das geſtehſt du ſelbſt Wie un - ertraͤglich wird ihr Schickſal ſeyn: wofern du nicht endlich durch deine wiederhohlten Gewiſ - ſensbiſſe uͤberwunden wirſt!

Zuerſt, als ich die Erlaubniß hatte, ſie zu ſe - hen, ehe ich ihr beſonderes und ruͤhrendes We - ſen bemerkte, ehe ich ſie ſprechen hoͤrte, vermuthe - te ich in der That, daß ſie eben keinen ſo außeror - dentlichen Verſtand beſaͤße, womit ſie groß thun duͤrfte. Denn ich dachte, ich ließe ihr ſchon voll - kommen Gerechtigkeit widerfahren, wenn ich ihre bluͤhende Jugend, die Liebenswuͤrdigkeit ihrer Perſon, und die ungezwungne Art ſich zu putzen, worauf ſie meiner Meynung nach die Haͤlfte ih - rer Zeit und Bemuͤhung verwandt haben muͤßte, fuͤr lobenswuͤrdig erkennete. Und gleichwohl war ich ſchon von dir vorbereitet, daß ich mir von ih - rer Einſicht und Beleſenheit ſehr hohe Gedan - ken machen ſollte. Allein ihre Entſchließung, ſich mit einem ſo luſtigen Bruder auf ſo wagli - che Bedingungen einzulaſſen, dachte ich, iſt ein ſicherer Beweis, daß es ihrem Verſtande noch an derjenigen Reife fehlet, die nur Jahre und Erfahrung zuwege bringen. Jhr Erkennt -niß,31niß, ſchloß ich bey mir ſelbſt, muß alles auf bloße Betrachtungen ankommen, und noch nicht zur Ausuͤbung gebracht ſeyn. Die Gefaͤlligkeit, welche allemal mit einem ſo bluͤhenden und mun - tern Alter verbunden iſt, wird ein ſo unerfahrnes Frauenzimmer wenigſtens abhalten, ſich uͤber freye Reden, woraus die gegenwaͤrtigen Perſo - nen von ihrem Geſchlechte und einige von unſerm, die ſo gelehrt, ſo wohl beleſen und wohl gereiſet ſind, ſich kein Verbrechen machen, misvergnuͤgt zu bezeigen.

Jn dieſem Wahne verſuchte ich mein Heil. Weil ich in meinen Gedanken vor der ganzen Ge - ſellſchaft, dich ausgenommen, den Vorzug hatte, und in ihren Augen gern fuͤr einen recht verſchla - genen Kopf angeſehen ſeyn wollte: ſo dacht ich, ich ließe mich recht ſehen, wenn ich etwas alber - nes ſagte, das mehr Klang, als Verſtand, hatte. Und wenn ich einen thoͤrichten Spaß machte, woruͤber deine Sinclair und die ſcheinbare Par - tington lachen mußte, die Fraͤulein Harlowe aber nicht einmal laͤchelte: ſo ſchrieb ich das entwe - der ihrer Jugend, oder einem gezwungenen We - ſen, oder einer Miſchung von beyden, vielleicht auch einer groͤßern Gewalt uͤber ihre Mienen und Gebeerden zu. Es traͤumte mir nichts weni - ger, als daß ich mir die ganze Zeit uͤber ihre Ver - achtung zuziehen ſollte.

Allein wie geſagt, ſo bald ich ſie ſprechen hoͤr - te; und das geſchahe nicht eher, als bis ſie uns alle von Grunde aus erforſchet hatte; ſo bald ichihre32ihre Meynung uͤber zwey oder drey Stuͤcke ver - nahm und auf das forſchende Auge, das bis in die innerſten Zellen unſers aufgeblaſenen Gehirns ſchoß, Achtung gab: ſo mußte ich bey meiner Treue in mich gehen. Jch fing an zu mir ſelbſt zu kommen und mich vor allem, was ich zuvor geredet hatte, zu ſchaͤmen. Kurz, ich entſchloß mich, ſtille zu ſitzen, bis alle herum geſchwatzt haͤtten, damit ich meine Thorheit im Zaume hal - ten moͤchte. Hierauf brachte ich die Dinge auf die Bahn, woruͤber ſie ſich einlaſſen konnte, und auch zu ſo vieler Verwirrung und Beſtuͤrzung eines jeden von uns wirklich einließ. Denn bey dir ſelbſt, Lovelace, war es ſtockfinſter, und du mußteſt eben ſo wohl, als wir, in dich gehen: ſo angeſehen dich auch ſonſt dein ſeiner Witz, deine Geſchwindigkeit alles zu beantworten, und deine Fertigkeit andere aufzuziehen, woran ſich alle, die mit dir umgehen, vergnuͤgen, laͤngſt gemachet haben.

Jch will dich nur an ein einziges Beyſpiel hievon erinnern. Wir ſchwatzten einmal uͤber das andere von Witz und Verſtand. Wir ſuchten alle damit zu prangen. Wir ſpielten da - mit, als mit einem Balle, den wir uns einan - der zuwarfen und zuletzt vorzuͤglich dir uͤberließen. Denn du haſt dich allezeit mit dieſer Geſchicklich - keit groß genug gemacht. Damals ſuchteſt du es noch mehr, als ſonſt, zu thun: weil du uns, ſo viel ich weiß, nur darum verſammlet hatteſt, daß du der Fraͤulein deine Vorzuͤge vor uns, unduns33uns deinen Sieg uͤber ſie zeigen moͤchteſt. Hier - auf ſagte Tourville, der ſich allemal mit dem Witz aus der andern Hand, mit dem Witz aus dem Gedaͤchtniſſe, mit fremden Witze begnuͤgen laͤſſet, einige gebundne Zeilen her, die ſich zu der Sache ſchickten. Zween von uns gaben ihren Beyfall daruͤber zu erkennen; ob ſie gleich voll Zweydeu - tigkeit waren. Du wandteſt dich zu der Fraͤu - lein, weil du ihr ernſthaftes Geſicht bey einer Stelle von dieſen Zeilen bemerkteſt, und bateſt, daß ſie uns ihre Gedanken, von dem Witze eroͤff - nen moͤchte: einer Eigenſchaft, ſagteſt du, die ein jeder ſchaͤtzte, er moͤchte ſie nun an ſich, oder an andern wahrnehmen.

Den Augenblick zog ſie alle unſre Aufmerk - ſamkeit auf ſich. Es waͤre eine Eigenſchaft, ſprach ſie, wovon viel geſchwatzet, aber, wie ſie glaubte, ſehr wenig verſtanden wuͤrde. Wenig - ſtens muͤßte ſie geſtehen, wenn ſie alſo frey ſeyn duͤrfte, ihr Urtheil nach dem, was in der gegen - waͤrtigen Geſellſchaft vorgefallen, davon zu faͤllen, daß Witz und Verſtand bey Mannsperſonen et - was anderes und bey Frauenzimmern wiederum ganz etwas anders waͤre.

Dieß ſetzte uns alle in Verwirrung Wie ſahen unſre Weibsbilder auf! Wie zogen ſie den Mund wieder ein, den kurz vorher ein freyes La - chen uͤber die hergeſagten Zeilen aus den Falten gebracht hatte! Wie wir an ihren Blicken merk - ten: ſo hatten ſie dieſelben ſehr wohl verſtanden. Unterdeſſen erſuchte ich die Fraͤulein, uns zu un -Fuͤnfter Theil. Cſerer34ſerer Belehrung wiſſen zu laſſen, was Verſtand und Witz bey den Frauenzimmern hieße: denn ich waͤre verſichert, daß es eben das bey Manns - perſonen ſeyn muͤßte.

Cowley, verſetzte ſie, haͤtte ihn verneinungs - weiſe gar artig erklaͤret.

Du bateſt, ſie moͤchte uns ſeine Erklaͤrung wiederholen.

Sie that es, und zwar mit einer ſo reizenden Fertigkeit, mit einem ſo ſchoͤnen und geſchickten Tone, daß wohl ein ſchlechtes Gedichte dadurch anmuthsvoll geworden waͤre.

Er geht in tauſendfacher Pracht,
Gleich ſchoͤn in tauſendfacher Tracht.
Kein Maͤhrlein und kein Scherz, fuͤr Gaͤſte,
Zum Lachen bey dem Freudenfeſte
Kein blumenreicher Schwatz iſt dieſes Namens
werth:
Was wahrer Witz erzeigt, bleibt ewig unentehrt.
Darf denn ſich hier wohl etwas zeigen,
W ovor ſich keuſche Augen neigen?
Zum Feuer mit dergleichen Schaum!
Was uͤbrig bleibt, taugt dennoch kaum.
Wie billig ſollte da ſich der Verfaſſer ſchaͤmen,
Wo ſeine Leſer ihn nicht unentfaͤrbt vernehmen.

Hier brach ſie ab, und ſahe auf uns alle um ſich herum, wie es mir vorkam, mit der Ueber - zeugung von ihrem Vorzuge. O Himmel, wie ſtarre ſahen wir! Du verſuchteſt inzwiſchen, uns deine Erklaͤrung von dem Witze zu geben, damit du nur etwas zu ſagen und nicht das Anſehn ha -ben35ben moͤchteſt, als wenn du ſo beſtuͤrzt geworden waͤreſt, daß du nichts als ein beſcheidnes Still - ſchweigen aͤußern koͤnnteſt.

Allein ſie berief ſich zu einer ausdruͤcklichern Entſcheidung auf eben den Schriftſteller, gleich als wenn ſie dir in der Sache nicht zu trauen gedaͤchte, und ſprach dieſelbe mit eben der wohl - klingenden Stimme, mit eben dem anmuthigen Tone ſehr nachdruͤcklich aus:

Der Witz iſt recht dem wilden Weinſtock gleich.
Wofern er ſich nicht an die Tugend lehnet,
Und ſo geſtuͤtzt zum hoͤhern Schuß gewoͤhnet:
So wird er zwar an Laub und Fruͤchten reich;
Doch liegt er ungeſtalt und faulend an dem
Boden.

Wenn du dich auf dieſen Theil der Unterre - dung wieder beſinneſt; wenn du dich erinnerſt, wie wir als Narren einander anſahen; wenn du gedenkeſt, wie ſehr wir außer uns und in Furcht vor ihr geſetzet wurden, als wir befunden, daß uns in unſerm Umgange eben diejenige Art zu denken und zu handeln gaͤnzlich abgeſprochen ſey, welche wir nach unſerer Eitelkeit uns ſo zuver - ſichtlich zugeeignet hatten; wenn du dir endlich dieſ〈…〉〈…〉 Angedenken gehoͤrig zu Nutze macheſt: ſo wirſt du meiner Meynung ſeyn, daß bey der Bos - heit nicht ſo viel Witz iſt, als wir uns dabey zu ſehen geſchmeichelt haben.

Jn der That habe ich beſtaͤndig ſeit dieſer ge - habten Unterredung dafuͤr gehalten, daß der WitzC 2aller36aller liederlichen und ausſchweifend freyer Leute, mit denen ich jemals umgegangen bin, von dem anſehnlichen Raͤnkeſchmieder Lovelace an bis auf den kleinen Haͤnschen Hartop, den Hurenjaͤger, groͤßtentheils darinn beſtehe, ſchaͤmenswuͤrdige und anſtoͤßige Dinge mit einer ſolchen Dreiſtig - keit herauszuſagen, daß beſcheidne Leute davor erroͤthen, unverſchaͤmte daruͤber lachen und uner - fahrne dabey ſtarre ſehen.

Du denkeſt wohl, warum ich doch dieſe Dinge ſo zur Unzeit, wie es ſcheinen moͤchte, beruͤhre? Jch will es dir ſagen. Jch thue es bloß, um nur ein Beyſpiel unter vielen, die mir eben dieſe Abendge - ſellſchaftan die Hand geben koͤnnte, von dem Vorzu - ge dieſer Fraͤulein in ſolchen Gaben, welche die Na - tur adelten und ihr Geſchlecht verehrungswuͤrdig machen, anzufuͤhren. Den Vorzug mußte nicht allein ein jeder von uns, die den Anſtoß gaben, ſondern auch die ſchlaue Partington und die nicht ſo feine, aber trefflich heuchelnde Sinclair voll - kommen einſehen. Alle ſahen ihn ja uͤberzeu - gend in dem ſtrafenden Auge, in der uns nieder - ſchlagenden Roͤthe, welche mit eben ſo viel Mis - vergnuͤgen als Beſcheidenheit vermenget war. Und bisweilen, wie es die Gelegenheit erforder - te, da einige von uns ſo verhaͤrtet waren, daß ſie einen feinen Verweis nicht empfinden konnten, zeigte er ſich auch offenbar in der großmuͤthigen Verachtung, die mit einer gewiſſen Art eines ge - ringſchaͤtzenden Mitleidens vermiſchet war. Aus dieſem ließ ſich zugleich ſowohl ihr eigner Werthund37und die Ueberzeugung von demſelben, als unſere ſchaͤndliche Unwuͤrdigkeit erblicken.

O Lovelace! wie groß war damals ſelbſt in meinen Augen und wie groß iſt noch bey wieder - holter Ueberlegung der Sieg einer aͤchten Beſchei - denheit, eines aͤchten Witzes, einer aͤchten Hoͤflich - keit uͤber aufgeblaſenen Scherz, lachende Unver - ſchaͤmtheit und eine ſelbſt in den Augen der ſchul - digen ſo ſchaͤmenswuͤrdige Unflaͤtherey, daß ſie nicht anders als mit zweydeutigen Worten dar - auf weiſen moͤgen.

Alle ihre Beſtrafungen, wie du auch einmal bemerket haſt, entdeckte ſie durch ihr Auge. Sie that es aber nicht auf eine ſo armſelige Weiſe, wie es der gemeine Haufe von ihrem Geſchlechte zu thun pflegte. Sie nahm nicht etwa eine uͤber - triebene Einfalt an, als wenn ſie den Verſtand der Worte, die offenbar keiner Erklaͤrung bedurf - ten, nicht einſaͤhe. Nein, ihr Auge ließ ſo viele Empfindlichkeit blicken, daß es einer jeden unver - ſchaͤmten Perſon, die ſich zu lachen unterſtand, das Aergerniß deutlich vorhielte, welches einem reinen Herzen gegeben und von dieſem gefuͤhlet worden; einem Herzen, daß ſich nur unwiſſend auf ſeinem Wege verirret haͤtte, da es in eine ſol - che Geſellſchaft gerathen waͤre.

So iſt das Frauenzimmer, ſo iſt der Engel beſchaffen, den du mit Liſt in deine Gewalt gezo - gen haſt, den du zu betriegen und ins Ungluͤck zu ſtuͤrzen gedenkeſt. O die liebenswuͤrdige Schoͤne. Wuͤßte ſie nur, das dachte ich damalsC 3ſo -38ſowohl, als ich es itzo denke, wie ſie umringet iſt und was ihr zugedacht wird: wie viel lieber wuͤrde ſie den Tod ſuchen, als ſich ſo traurigen Umſtaͤnden uͤberlaſſen! Und wie kraͤſtig wuͤrde ihre Geſchichte, wenn ſie uͤberall bekannt waͤre, das ganze ſchoͤne Geſch lecht warnen, ſich niemals in unſere Gewalt zu geben, unſere Geluͤbde, Eidſchwuͤre und Betheurungen moͤgen ſo groß ſeyn als ſie wollen.

Allein laß mich noch einmal dich bitten, mein lieber Lovelace, wo du noch einige Achtung fuͤr deine Ehre, fuͤr die Ehre deiner Familie, fuͤr dei - ne kuͤnftige Ruhe oder auch fuͤr meine gute Mey - nung von dir traͤgeſt: wiewohl ich nicht das An - ſehen haben will, als wenn ich vielmehr durch Gruͤnde hiezu angetrieben wuͤrde, als durch den blendenden Glanz der großen Verdienſte deiner Geliebten, welcher dich billig noch mehr einneh - men ſollte. Laß mich noch einmal dich bitten, daß mein Wort etwas bey dir gelten moͤge, daß du nur daß du nur menſchlich ſeyn wolleſt, das iſt alles Nur dieß einzige, daß du die Menſchlichkeit, die wir mit einander gemein haben, nicht zu ſchanden machen wolleſt.

Jch weiß gewiß, ſo verhaͤrtet du auch ſeyn magſt, daß es bloß das verruchte Volk im Hauſe iſt, das dich zu einer widrigen Entſchließung ge - gen die Fraͤulein aufhetzet. O daß ſich doch die ſcharfſinnige Schoͤne, bey ſo vieler unſchuldigen Liebe in ihrem Herzen, nicht ſo eilfertig entſchloſ - ſen haͤtte, dieſe Weibsperſonen von ihrer Geſell - ſchaft entfernt zu halten! Daß ſie doch als eineKoſt -39Koſtgaͤngerinn oͤfterer mit ihnen zu Tiſche geweſen waͤre! So einen guten Schein ſie auch anzuneh - men wiſſen: ſo wuͤrde ſie dieſelben doch in einer Woche durch und durch kennen gelernet haben. Sie haͤtten nicht allemal ſo auf ihrer Huth ſeyn koͤnnen, als ſie nun geweſen ſind, da ſie nur ſelten mit ihr umgegangen und niemals anders, als wenn ſie ſich vorbereitet hatten, in ihrer Geſell - ſchaft zu ſeyn. Die Fraͤulein wuͤrde alsdenn ge - wiß ihr Haus, als einen von der Peſt angeſteck - ten Ort, zu fliehen geſucht haben. Jedoch viel - leicht haͤtte dieſe Entdeckung ihr Ungluͤck bey ei - nem Menſchen, der ſo feſt entſchloſſen iſt, alles zu unternehmen, nur noch beſchleuniget.

Jch weiß, daß du in deiner Liebe ekel biſt. Aber giebt es denn nicht hundert Frauenzimmer, die nicht eben auf das aͤußerſte gebracht ſind und doch bloß aus perſoͤnlichen Abſichten ſich von Herzen gern mit dir einlaſſen wuͤrden? Willſt du dein Spiel mit den Grundſaͤtzen keuſcher Tu - gend treiben: ſo treibe es bey ſolchen Perſonen von dem andern Geſchlechte, welche ſie fuͤr ein Spielwerk anſehen, raube aber einen Engel nicht diejenige Reinigkeit, welche in ihren Gedanken den Unterſchied zwiſchen engliſchen und thieriſchen Eigenſchaften ausmachet.

Wenn man die Leidenſchaft ſelbſt anſieht: ſo ſind ſowohl Manns-als Weibsperſonen allezeit deſto wolluͤſtiger, je weniger ſie von einer Seele haben. Du, Lovelace, haſt eine Seele, ob ſie gleich verderbt iſt, und richteſt deine Aufmerkſamkeit,C 4wie40wie du dich ſelbſt ruͤhmeſt, mehr auf die vor - laͤuſige Kriegesliſt, als auf den Zweck des Sieges.

Sehen wir nicht dieſen natuͤrlichen Trieb an einfaͤltigen Kloͤtzen und verruͤckten Koͤpfen? Die Neigung an ſich iſt ganz koͤrperlich. Und wenn wir am meiſten Thoren und verruͤckt ſind, denn laufen wir derſelben am hitzigſten nach. Bedenke, was fuͤr Narren dieſe Leidenſchaft aus den weiſeſten Leuten mache! Was fuͤr alberne Troͤpfe, was fuͤr eingenommene Traͤumer! wenn ſie ſich von derſelben hinreiſſen laſſen. Es iſt eine unbeſtaͤndige Leidenſchaft. Denn wofern wir ſie Liebe nennen muͤſſen; weil wir uns ihres eigentlichen Namens ſchaͤmen: ſo iſt eine be - guͤnſtigte Liebe ja ſchon eine befriedigte Lie - be; eine befriedigte Liebe aber iſt der erſte Schritt zur Gleichguͤltigkeit. Und ſo iſt es ſelbſt unter denen Umſtaͤnden, wo eine freye Ein - willigung an der einen Seite die Verbindlichkeit an der andern vermehret. Was kann denn wohl anders, als ein unruhiges Gewiſſen, auf eine gewaltſame Kraͤnkung der Ehre eines Frau - enzimmers erfolgen?

Suchen nicht ſo gar keuſche Verliebte bey ihren vorlaͤufigen Liebesbezeigungen allein zu ſeyn? Schaͤmen ſie ſich nicht auch nur ein Kind zum Zeugen ihrer thoͤrichten Handlungen und noch thoͤrichtern Ausdruͤckungen zu haben? Muß dieſe vergoͤtterte Leidenſchaft in ihrer groͤß - ten Hoͤhe nicht das Licht ſcheuen? Gehn nichtdie41die Verliebten, wenn ſie unter ſich einig geworden ſind, allein an verborgne Oerter und ins Finſtre, ihre Wuͤnſche zu erfuͤllen? Soll denn einer ſo ver - ſtohlnen Leidenſchaft, als dieſe iſt, die ſo leicht durch ſchlechtere Perſonen zu befriedigen ſteht, erlaubt ſeyn, die edelſte zu erniedrigen?

Der Aufſchub deines ehrloſen Vorhabens iſt gewiß der Ehrfurcht, welche ihre majeſtaͤtiſche Tugend dir eingefloͤßet hat, mehr zuzuſchreiben, als deinem Mangel an Geſchicklichkeit in loſen Raͤnken. Jch muß in dieſem Stuͤcke frey mei - ne Gedanken ſagen: denn habe ich dieſen Engel nicht ſelbſt geſehen? Sonſt wuͤrde ich einige von deinen Anſchlaͤgen und Vorwendungen, den ge - wuͤnſchten Tag zu verſchieben, als gemein, ver - legen und in meinen Augen, da ich deine Abſicht weiß, recht armſelig, tadeln. Jch wuͤrde ur - theilen, daß du allzu oft deine Zuflucht dazu ge - nommen, weil nichts heraus kommt, dich damit ruͤhmen zu duͤrfen. Das wuͤrde ich ſonderlich von dem Einſalle mit dem Mennell, den grillenſiechen Weibe und dem vollkommen eingerichteten Hau - ſe denken.

Sie muß ſelbſt bisweilen ſo gedacht, und dich deswegen in ihrem Herzen verachtet haben: oder ſie muß dich, ſo undankbar du biſt, zu ihrem Ungluͤcke lieben und wider alle Wahrſcheinlichkeit ihre Hoffnung unterhalten. Allein eben dieß wuͤr - de dem andern Geſchlechte eine neue Warnung ge - ben: wenn es ihre Geſchichte erfahren ſollte. Die Schoͤnen koͤnnten daraus lernen, mit wasC 5fuͤr42fuͤr elenden Vorwendungen ſie ſich befriedigen laſſen muͤſſen: wenn ſie ſich einmal der Gewalt eines von Anſchlaͤgen ſchwangeren Kopfes uͤber - laſſen haben.

Haͤtteſt du bloß die Abſicht, ſie auf die Probe zu ſtellen; wie du einſtens vorgabeſt(*)S. Th. III. Brief XVII. : ſo haſt du wahrlich dieſes Muſter der Tugend und Wach - ſamkeit genug gepruͤfet. Aber ich kannte dich zu gut, daß ich mir damals haͤtte vorſtellen ſollen, du wuͤrdeſt dabey ſtehen bleiben. Wenn Leute von unſerm Schlage erſt einmal auf irgend eine Perſon von dem ſchoͤnen Geſchlechte ihr Abſehen richten: ſo ſetzen ſie ihren Abſichten keine andre Grenzen, als die ihnen der Mangel an Vermoͤ - gen vorſchreibet. Jch wußte ſchon voraus, daß wenn du erſt einen Vortheil gewonnen haͤtteſt, du immer weiter gehen und einen neuen ſuchen wuͤrdeſt. Jch kannte deinen ſchon eingewurzel - ten Abſcheu vor dem Heyrathen nur gar zu gut. Und du geſteheſt ja in eben dem Briefe, in wel - chem du vorgiebſt, deine Hauptabſicht ſey nur ſie auf die Probe zu ſtellen, daß du dir Hoffnung ma - cheſt, ſie zum Beyſchlafe zu bewegen.

Allein uͤberzeugen dich nicht ſo gar deine eigne oͤftern Gewiſſensbiſſe, die dich wider deinen Wil - len uͤberfallen, ſelbſt wenn Zeit, Ort, Geſellſchaft und alle andre Umſtaͤnde dir zu deinem boͤſen Vorhaben guͤnſtig ſind, daß eine ſo eingebildete Hoffnung hier nicht Platz finden koͤnne? Warum willſt du denn, da du ſie doch lieber hey -rathen43rathen als fahren laſſen wollteſt, dir einen ewigen Haß von ihr zuziehen?

Wenn du aber unternehmen magſt, ſie fuͤr deine und ihre Perſon auf die Probe zu ſtellen, und in deiner Entſchließung, ſie nach ihrem Ver - halten bey derſelben zu belohnen, aufrichtig biſt: ſo bitte ich dich, ſie aus dieſem liederlichen Hauſe wegzunehmen. Das wird ihr und dein Gewiſ - ſen von allem Zwange befreyen. Dieß ange - nehme und betrogne Muſter der Vollkommenhei - ten verlaͤßt ſich nunmehr ſo feſt auf ihre vermeyn - te bald gluͤcklichere Umſtaͤnde, daß du nicht be - ſorgen darfſt, ſie moͤchte dir entfliehen oder zu dem Anſchlage der Fraͤulein Howe, der dich, wie du es nenneſt, auf deine Meiſterſtreiche bringet, ihre Zuflucht nehmen wollen.

Du magſt aber in dieſem Stuͤcke beſchloſſen haben, was du willſt; wenn ich etwa zu ſpaͤt ſchreibe und du ſchon wirklich die Masque abge - zogen haſt: ſo gehe doch in deinen Raͤnken nicht ſo weit, wofern du dir nicht von einem jeden im Herzen fluchen laſſen, und nach dieſem den Fluch deines eignen Herzens vermeiden willſt, daß du ſie, auch nur eine einzige Stunde, wenn ihr Un - willen gleich noch ſo groß ſeyn moͤchte, der Ge - walt des ehrloſen Weibes im Hauſe uͤbergeben ſollteſt. Denn dieſe hat, wofern es nur moͤglich iſt, noch weniger Gewiſſen als du ſelbſt, und treibt ja ihre Handthierung bloß damit, daß ſie den Widerſtand guter Gemuͤther uͤberwaͤltiget, und Herzen, die im Boͤſen ungeuͤbt ſind, aͤußerſtver -44verderbet O Lovelace, Lovelace, wie viele ſchreckliche Begebenheiten koͤnnte dieß ſcheusliche Weib dem ſchoͤnen Geſchlechte erzaͤhlen! Soll denn die Geſchichte der Fraͤulein Clariſſa Harlo - we die lange Reihe dieſer Suͤnden noch ver - mehren?

Jedoch dieſes haͤtte ich wohl ſparen koͤnnen. So ein arger Teufel du auch ſeyn magſt: ſo kannſt du doch ſo weit nimmermehr gehen. Du wuͤrdeſt einen Sieg, der ſo wohl deinem Stolze als der Menſchheit zu ſo großer Schande gereich - te, nicht ertragen koͤnnen.

Sollteſt du etwa gedenken, daß der traurige Anblick, den ich itzo ſtuͤndlich vor mir habe, mich ernſthafter gemacht habe, als ich ſonſt zu ſeyn pflegte: ſo wirſt du dich vielleicht darinn nicht irren. Allein es laͤßt ſich hieraus nichts weiter ſchließen, wenn ich auch meine vorige Lebensart wieder anfangen ſollte, als daß wir ohne Zweifel, wo wir noch zu denken im Stande ſind und Zeit dazu haben, auf eben die Art denken werden, ſo bald die Zeit zu gelaſſener Ueberlegung einfaͤllt, es mag nun durch unſre eigne oder durch anderer Ungluͤcksfaͤlle geſchehen.

Wir ſind nicht ſolche Narren, keiner von uns beyden, daß wir ein kuͤnftiges Leben in Zweifel ziehen, oder in den Gedanken ſtehen ſollten, als wenn wir durch einen blinden Zufall und zu kei - nem andern Ende, als alles das Boͤſe zu thun, das wir nur thun koͤnnen, in die Welt gekommen waͤren: unſre Lebensart mag auch beſchaffen ſeyn,wie45wie ſie will. Jch ſchaͤme mich nicht zu geſtehen, daß ich bey denen Gebetern, die ich meinem ar - men Onkel in der Abweſenheit eines ſehr guten Geiſtlichen, der ihn ordentlich beſucht, vorleſen muß, nicht vergeſſe, ein oder ein paar Worte fuͤr mich ſelbſt einfließen zu laſſen.

Lacheſt du uͤber mich, Lovelace: ſo wird dein Gelaͤchter mehr deinen Handlungen, als dem, was du glaubeſt, gemaͤß ſeyn. Die Teufel glauben und zittern. Kannſt du verruchter ſeyn, als dieſe ſind?

Jch muß hier noch bey der Gelegenheit, da ich meines armen Alten gedenke, hinzufuͤgen, daß ich oft wuͤnſche, du moͤchteſt nur eine halbe Stun - de des Tages gegenwaͤrtig ſeyn, damit du ſehen moͤchteſt, wie endlich die Hefen von einem luſti - gen Leben in der ſchmerzlichſten Marter, welche die Kolik, der Stein, und der kalte Brand zu - gleich verurſachen koͤnnen, verlaufen muͤſſen; da - mit du hoͤren moͤchteſt, wie er in der bitterſten Angſt eines Geiſtes, der alle Stunden auf den Ruf zu ſeiner letzten Rechenſchaft wartet, die Leichtfertigkeit in ſeinem vergangenen Leben be - weinet Gleichwohl hat er ſich, bey allen ſei - nen Bekenntniſſen, in Verlauf von ſieben und ſechzig Lebensjahren nicht die Haͤlfte von den recht ſchaͤndlichen Ausſchweifungen vorzuhalten, die wir, du und ich, allein in den letzten ſieben Jahren begangen haben.

Schluͤßlich46

Schluͤßlich empfehle ich dir alles, was ich geſchrieben habe, zu ernſtlicher Ueberlegung. Es reden dabey Herz und Seele

deines wahren Freundes Joh. Belford.

Der fuͤnfte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Es ſind noch immer Schwierigkeiten zur Er - langung des verdrießlichen Trauſcheins zu uͤberſteigen. Jch habe allezeit dieſe geiſtlichen Richter und ihr Gericht gehaſſet, und werde ſie auch allezeit haſſen.

Nun, Bruder, habe ich, wo nicht einen ge - wiſſen Sieg, doch eine ſichere Zuflucht.

Aber halt Dein Bedienter mit einem Briefe

Es iſt ein erſchrecklich langer Brief und doch nicht von Neuigkeiten Noch einmal zum Beſten der Fraͤulein Da liege, daß du ſchwarz wirſt, albernes Gewaͤſche! Was kannſt du ſchrei - ben, das bey dieſen entſcheidenden Umſtaͤnden et - was uͤber mich vermoͤge? Und habe ich dich nicht ſelbſt, ſo wie ich von Schritt zu Schrittfort -47fortgegangen bin, in den Stand geſetzt, alles zu ſa - gen, was fuͤr dich zu ſagen noͤthig geweſen iſt?

Jedoch noch einmal will ich es mit dir auf - nehmen.

Gemein, verlegen, armſelig, ſagſt du, ſind einige von meinen erſonnenen Anſchlaͤgen; ſonderlich der mit der Witwe Mir vergeht die Geduld mit dir Hatte dieſer Einfall zu der Zeit nicht ſeine Wirkung, mir Aufſchub zu ver - ſchaffen? Und hatte ich damals nicht Urſache zu fuͤrchten, daß ſie genug finden wuͤrde, wodurch ihr dieß Haus zuwider ſeyn koͤnnte? War es bey der Abſicht, die ich hatte, nicht recht, ſie von Zeit zu Zeit in den Gedanken zu erhalten, daß bald ein eignes Haus fuͤr ſie bereit ſeyn wuͤrde, damit ſie ſich bereden ließe, hier ſo lange zu bleiben?

Gemein, verlegen, armſelig! Du biſt ein ſchlechter Bruder und kein Richter, wenn du dieß ſagſt. Haͤtte ich dir nicht als ein Einfalts - pinſel, ſo wie ich von Schritt zu Schritt fortge - gangen bin, die geheimen Abſichten meines Her - zens entdecket, ſondern alles bey mir behalten, bis der Ausgang meine Geheimniſſe ans Licht gebracht: ſo wuͤrde ich dir auf alle Gefahr Trotz geboten haben, ob du das geringſte geſchickter, als die Fraͤulein, geweſen waͤreſt, das, was ihr begegnen ſollte, zu errathen, bis es wirklich ge - ſchehen waͤre. Jch zweifle auch in dem Fall nicht, daß du, an ſtatt uͤber ihre Leichtglaubigkeitdeine48deine Betrachtungen anzuſtellen, wie ſie mich zu ihrem Ungluͤcke liebe und wider alle Wahr - ſcheinlichkeit ihre Hoffnung unterhalte, weit geneigter geweſen ſeyn wuͤrdeſt, eine zu ſtren - ge Tugend und uͤbertriebene Bedenklichkeit an ihr zu tadeln. Und ich muß es dir ſagen, haͤtte ſie mich ſo geliebt, wie ich es wuͤnſchte: ſo haͤtte ſie ſich unmoͤglich ſo ſehr vor meinen Abſichten fuͤrchten koͤnnen; ſo haͤtte ſie nicht ſo bereit ſeyn koͤnnen, als ſie allemal geweſen iſt, die Vorſchlaͤ - ge der Fraͤulein Howe zu einer ſorgfaͤltigen Be - hutſamkeit bey ſich gelten zu laſſen. Das iſt nicht moͤglich: ob auch gleich der gemeine Ruf von mir nicht fuͤr mich bey ihr geweſen.

Aber in deinen Gedanken macht das Leichte und Ungezwungene, in meinen Anſchlaͤgen mich tadelnswuͤrdig. Und das iſt doch eben ihr Haupt - vorzug. Jch brauche keine Maſchinen zu be - wegen. Jch ſuche keinen unnatuͤrlichen Schwung. Jch bleibe allezeit bloß bey der Natur, und ma - che mir die Natur, wohin ſie ſich lenket, zu Nu - tze. Meine Erfindungen ſind ſo leicht und un - gekuͤnſtelt, daß, wenn ſie bekannt werden; du, ſo gar du, dir einbildeſt, du haͤtteſt auf eben die Gedanken kommen koͤnnen. Ja in der That ſcheineſt du zu geſtehen, daß die Geringſchaͤtzung, womit du ſie anſieheſt, bloß der fruͤhzeitigen Er - oͤffnung, die ich dir von denſelben und von mei - nen Abſichten dabey gemacht habe, zuzuſchreiben ſey, ſo kurzſichtig und undankbar als du biſt.

Jedoch49

Jedoch wollte ich bey allem dem nicht gern bey dir in dem Verdachte ſtehen, daß ich meine ſchwache Seite nicht kenne. Jch habe dir ſchon ehemals zu bedenken gegeben, daß es dem ge - ſchickteſten General ſchwer ſey zu ſagen, was er thun wolle oder thun koͤnne, wenn er ſeine Be - wegungen nach den Bewegungen eines wachſa - men Feindes abmeſſen und einrichten muß(*)S. Th. III. S. 299.. Wofern du dieſer Betrachtung ihr gehoͤriges Ge - wicht laͤſſeſt: ſo wirſt du dich nicht wundern, daß ich viele Maͤrſche und Contremaͤrſche thue, da - von einige einem ſchlechten Zuſchauer leicht un - noͤthig ſcheinen koͤnnen.

Allein ich muß mich doch beylaͤufig mit dir in den Streit uͤber dieſe Sache einlaſſen: da ich ſchon das Ende von meinem Zuge abſehen kann.

Du ſchreibſt mir eine Menge von Dingen, die nichts zur Sache beytragen. Einige davon haſt du bloß von mir ſelbſt: andre habe ich lan - ge vorher gewußt.

Alles, was du zum Lobe meiner reizenden Schoͤnen anfuͤhreſt, reicht lange noch nicht an dasjenige, was ich uͤber dieſe unerſchoͤpfliche Ma - terie geſagt und geſchrieben habe.

Jhre Tugend, ihr Widerſtand, welches ihre Verdienſte ſind, treiben mich eben an. Habe ich dir das nicht zwanzigmal geſagt?

Nennen mich dieſe Maͤdchen unter ſich einen Teufel: was bin ich denn fuͤr ein Teufel, andersalsFuͤnfter Theil. D50als in meinen liſtigen Erfindungen? Jn Betrach - tung der letzten Abſicht, die ich mir vorgeſetzt ha - be, bin ich nicht mehr ein Teufel, als andere. Denn wenn ich zu meinem Ziel gekommen bin: ſo bleibt es doch allemal nur eine Verfuͤhrung. Und vielleicht bin ich unterdeſſen der Suͤnde vie - ler Verfuͤhrungen uͤberhoben worden.

Was wuͤrde in dieſem Fall außerordentliches ſeyn: wenn ihre Wachſamkeit nicht waͤre? Denkeſt du, daß ich meinen Zweck nicht weit lie - ber mit weniger Unruhe und Suͤnde zu erhalten wuͤnſche, ſo ſehr ich auch wohlgeſpielte Haͤndel und liſtige Erfindungen liebe?

Derjenige, muß ich dir ſagen, der ſo boͤſe iſt, als er ſeyn kann, iſt aͤrger, als ich bin. Laß mich unter den freyen Liebhabern in England fra - gen, wen du willſt, ob er bey dem feſten Vorſatze, ſeinen Zweck zu erreichen, ſich ſo lange damit wuͤrde aufgehalten, oder ſo viele Ruͤhrungen des Gewiſſens, als ich, empfunden haben?

Saͤße ein jeder freyer Liebhaber, ja ſaͤße ein jeder Mann, wie ich, und ſchriebe alles, was ihm in den Kopf oder ins Herz kommt, und klagte ſich ſelbſt mit eben ſo vieler Freyheit als Wahrheit an: was wuͤrde ich fuͤr ein Heer von zweifelmuͤ - thigen Leuten vor mir haben, mich im Zaume zu halten?

Es iſt bey einigen eine feſtgeſetzte Regel, daß, wenn ſie mit einem Frauenzimmer alleine ſind, und keinen Verſuch an ihr wagen, ſie ſich ſelbſt fuͤr beſchimpft halten werden. Sind ſolcheLeute51Leute nicht aͤrger, als ich bin? Was muͤſſen dieſe fuͤr eine Meynung von dem ganzen ſchoͤnen Geſchlechte hegen?

Erlaube mir, daß ich dieß Geſchlecht, welches ich ſo herzlich liebe, auch vertheidige. Wenn dieſe von unſern aͤltern Bruͤdern fuͤr ihre Mey - nung uͤberhaupt und ohne Ausnahme Grund zu haben glauben: ſo muͤſſen ſie in ſehr boͤſe Geſell - ſchaft gerathen ſeyn oder von dem Herzen der Frauenzimmer nach ihrem eignen urtheilen. Es muß ſchon eine recht luͤderliche Weibsperſon ſeyn, die ſich bey einem groben und ploͤtzlichen Verſuche auf ihre Keuſchheit nicht, wie eine Schnecke in ihr Haus, zuruͤckziehen ſoll. Ein beſcheidnes Frauenzimmer muß natuͤrlicherweiſe kaltſinnig, fremd, und ſchuͤchtern ſeyn. Es kann nicht ſo ſehr und ſo bald geruͤhret werden, als Leute von freyer Lebensart ſich einzubilden im Stande ſind. Es muß wenigſtens einiges Vertrauen auf die Ehre und Verſchwiegenheit einer Mannsperſon haben, ehe es moͤglich iſt, daß in demſelben ein Verlangen Platz finde, die Flamme dieſer Perſon zu reizen und zu vergnuͤgen. Meines Theils bin ich allezeit in Geſellſchaft von Frauenzimmern bey den Regeln des Wohlſtandes geblieben, bis ich mich ihrer verſichert hatte. Jch habe auch nie - mals einen groͤßern Anſtoß zu geben gewaget, als bis ich gefunden, daß ſie die kleinern uͤberſe - hen, und, wenn ſie meine Lebens - und Gemuͤths - art gewußt, mich nicht zu vermeiden geſucht.

D 2Meine52

Meine goͤttliche Clariſſa hat mich in Verwir - rung geſetzet, und aus meiner Rolle gebracht. Einmal hoffte ich ſie durch eingejagte Furcht, ein andermal durch Liebe, durch eine Liebe, die beſtaͤndig ihre Geſtalt veraͤndert, wie ich mich ausgedruͤckt habe(*)Siehe Th. III. S. 160., zu uͤberwaͤltigen. Nun habe ich nur noch den Verſuch, ſie zu uͤber - rumpeln, den andern beyden Mitteln an die Seite zu ſetzen, und muß ſehen, was durch alle drey auszurichten ſteht.

Und in weſſen Eigenthum, ich bitte dich, wer - de ich einen Eingriff thun: wenn ich meinen Ab - ſichten der Liebe und Rache nachgehe? Haben nicht diejenigen, welche ein Recht auf ſie haben, ſich dieſes Rechts begeben? Haben ſie dieſelbe nicht freywillig der Gefahr bloßgeſtellet: da ſie doch wiſſen mußten, daß ein ſolches Frauenzim - mer von allen, die nur eine bequeme Gelegenheit, ſich an ſie zu machen, haben koͤnnten, fuͤr eine preisgegebne und erlaubte Beute wuͤrde angeſehen werden? Aber geſetzt auch, jene haͤtten ſie nicht ſo grauſam aller Gefahr uͤberlaſſen: iſt ſie denn nicht ein lediges Frauenzimmer? Muß ich dir noch erſt ſagen, Bruder, daß Leute von unſerm Schlage, und zwar die beſten unter denſelben; die aͤrgſten machen ſich aus nichts etwas; es fuͤr eine große Gnade und Gewogenheit gegen die verheyratheten Maͤnner anſehen, wenn ſie ihnen ihre Weiber laſſen und mit ihren Schweſtern, Toͤchtern, anvertrauten Minderjaͤhrigen und Ba -ſen53ſen zufrieden ſind? So anſtoͤßig dieſe Grund - ſaͤtze einem bedaͤchtlichen Gemuͤthe ſeyn muͤſſen: ſo ſind es doch die Grundſaͤtze von Tauſenden, die mit dem andern Geſchlechte nicht ſo umgehen wuͤrden, als ich gethan habe, ſelbſt wenn ich es in meiner Gewalt gehabt. Es ſind Grundſaͤtze, die von denſelben ſo oft zur Uebung gebracht werden, als es die Gelegenheit oder ihr Muth erlauben will Dergleichen Leute haben alſo kein Recht mich zu beſchuldigen.

Du ſtelleſt abermal vor, was ſie von ihren Angehoͤrigen leiden muͤſſen. Allein auf die Vor - ſtellung habe ich ſchon zu oft geantwortet, daß ich noͤthig haben ſollte, itzo mehr zu ſagen, als daß ſie nicht um meinentwillen gelitten hat. Denn hat ſie nicht der Bosheit ihres raubſuͤchtigen Bru - ders und ihrer neidiſchen Schweſter zum Opfer werden muͤſſen, die bloß auf eine Gelegenheit ge - wartet, ſie bey ihren andern Verwandten gaͤnz - lich auszuthun und dieſe, als die erſte, ergriffen haben, ſie aus dem Hauſe, und, wie es ſich fuͤgte, mir in die Armen zu treiben? Du weißt, wie wenig Neigung ſie dazu gehabt.

Was ihre eigne Suͤnden betrifft: o! fuͤr wie viele hat dieß ſchoͤne Kind der Liebe und mir Rechenſchaft zu geben! Hat ſie mir nicht zwan - zigmal und abermal zwanzigmal ins Geſicht ge - ſaget, daß ſie nicht aus Gunſt gegen mich den verhaßten Solmes abgewieſen habe? Und wie oft hat ſie ſich nicht erboten, ſich meiner fuͤr ein lediges Leben zu begeben, wenn die unverſoͤhnli -D 3chen54chen Leute ſie auf dieſe Bedingung wieder haͤtten annehmen wollen? Siehe, wie mancher Wiederholung, ich mich deines weibiſchen Mit - leidens wegen ſchuldig machen muß!

Laß uns aber ein wenig weiter zuruͤckſehen. Kannſt du das vergeſſen, was ich von dieſer hoch - muͤthigen Schoͤnheit alle die Zeit herdurch gelit - ten, da ich in den Jagdgehegen bey Harloweburg und im kleinen weißen Hirſchen zu Neale, wie wir es zu nennen pflegten, auf ihre ſtolze Bewe - gungen Acht geben mußte? Drohete ich ihr da - mals nicht Rache? Und hatte ich es nicht Urſache, weil ſie, daß ich nur dieſen einzigen Fall anfuͤh - re; mir ihr Wort, nicht gehalten, das ſie mir zu einer Unterredung gegeben hatte?

O Bruder, was hatte ich fuͤr eine Nacht dar - uͤber, in dem ſcheuslichen Waͤldchen, das an ih - res Vaters Thiergarten ſtoͤßet! Da meine Waͤ - ſche und Parucke gefroren, meine Glieder ganz vor Kaͤlte erſtarret und meine Finger nur noch eben von ſo vieler Waͤrme zum Gefuͤhl geſchickt waren, daß ich eine Feder halten konnte; und dieß bloß daher, weil ich die Haut davon abrieb und meine Haͤnde oft um meine bebenden Seiten ſchlug; da ich mit dem einen Knie auf das be - reifte Mooß kniete und auf dem andern ſchrieb, wofern ein Gekratze mit ſteifen Fingern ſchreiben heiſſen kann; da meine Fuͤſſe, als ich fertig war, Wurzeln geſchlagen zu haben ſchienen, und in der That auf einige Minuten mich nicht tragen konn - ten! Liebe und Rache erhielten damals meinHerz55Herz in Bewegung; und bloß Liebe und Rache konnten es thun: oder wie viel mehr muͤßte ich gelitten haben, als ich in der That litte!

Jch erzaͤhlte dir, als ich niedergeſchlagen und verdrieslich zuruͤck kam, den Jnhalt meines ab - gelaſſenen Briefes(*)Siehe Th. II. S. 200.. Nachher zeigte ich dir auch eine tyranniſche Antwort auf denſelben(**)Siehe Th. II. S. 203.. Damals Bruder, lobteſt du deinen Freund und beklagteſt deinen armen leidenden Lovelace. Selbſt der beleidigte Gott der Liebe billigte die von mir gedrohete Rache an der freyen Verſpre - cherinn: ob er gleich itzo, da ich die Gewalt in Haͤnden habe, ohne ſich der Nacht meines Leidens zu erinnern, durch dich ein Fuͤrſprecher fuͤr ſie geworden iſt.

Ja, brachte er nicht ſelbſt meine anbetens - wuͤrdige Nemeſis zu mir, und lenkten mich zu eben dem Geluͤbde: daß ich nicht eher ruhen wollte, bis ich dieſe Goͤttinn-Tochter der Harlo - wes zu meiner Beyſchlaͤferinn gemacht haͤtte, und das vor den Augen ihrer ganzen aufgebla - ſenen Familie? Auch dir kann dieß Geluͤbde nicht vergeſſen ſeyn. Eben dieſen Augenblick habe ich dich vor mir, ſo traurig, als du damals ausſaheſt.

Deine ſtarken Geſichtszuͤge gluͤeten von Mit - leiden gegen mich. Deine Lippen waren zuſam - men gepreßt; deine Stirne voll tiefer Runzeln;D 4dein56dein ganzes Geſicht aus der einfaͤltigen Run - dung in die ſcheuslichte laͤnglichte Geſtalt verzo - gen. Eine jede Sehne trug das ihrige bey, das graͤuliche Anſehen vollkommen zu machen. Und nicht ein Wort konnteſt du von dir geben, als Amen zu meinem Geluͤbde.

Was habe ich nach der Zeit fuͤr vorzuͤgliche Liebe, oder Gunſt, oder Zuverſicht von ihr erhal - ten, daß ich meine Geluͤbde deswegen brechen moͤchte?

Es iſt wahr, ich habe es nachher nicht wie - der erneuet, und bin wirklich eine lange Zeit willens geweſen, es zu vergeſſen: bis wiederholte Vergehungen von eben der Art das Andenken der vorigen wiederum erwecket haben. Wenn du nun zu dieſen den Jnhalt von einigen giftigen Briefen der Fraͤulein Howe ſetzeſt, die mir erſt ſo neulich in die Haͤnde gekommen ſind: was kannſt du denn fuͤr die aufruͤhriſche Schoͤne ſa - gen, das mit deiner Treue gegen deinen Freund beſtehen koͤnnte?

Ein jeder nach ſeiner Neigung und Beſchaf - fenheit. Hannibal ward der Vater der Krie - gesliſt genannt. Waͤre Hannibal eine Privat - perſon geweſen, und haͤtte ſeinen durchtriebenen Kopf gegen das andre Geſchlecht gewandt, oder waͤre ich ein General geweſen und haͤtte meinen gegen ſolche von meinen Nebengeſchoͤpfen mei - nes eignen Geſchlechts gewandt, die ich mich als meine Feinde anzuſehen, fuͤr berechtigt gehal - ten, weil ſie in einer andern Gegend gezeugetworden57worden und gelebet haͤtten: ſo wuͤrde Hannibal weniger, Lovelace mehr Ungluͤck angerichtet ha - ben. Das wuͤrde der ganze Unterſchied geweſen ſeyn.

Es iſt kein großer Herr in der Welt, wofern er nicht Froͤmmigkeit liebet, der nicht tauſendmal mehr boͤſes veruͤben muß, als ich, wenn er eine krie - geriſche Neigung hat. Und warum das? Weil er es in ſeiner Macht hat, mehr zu thun.

Ein rechtſchaffener Mann, wirſt du viel - leicht ſagen, wird ſich die Gewalt nicht wuͤnſchen, Schaden zu thun. Er muß es nicht thun, will ich dir ſagen: denn, wenn er ſie hat, ſo ſetze ich tauſend gegen eins, es machte ihn ſowohl uͤbermuͤthig, als gottlos.

Worinn bin ich denn ſo außerordentlich boͤſe?

Jn meinen liſtigen Anſchlaͤgen, wo nicht in dem mir dabey vorgeſetzten Zwecke. Das wird deine Antwort ſeyn: denn du biſt mein Echo.

Wie ſchwer befindet es ein jeder, eben ſowohl als ich, eine herrſchende Leidenſchaft zu uͤberwaͤl - tigen? Jch habe drey Leidenſchaften, die mich wechſelsweiſe regieren; alle mit gebieteriſcher Ge - walt: Liebe, Rache, Ehrgeiz oder eine Begierde Eroberungen zu machen.

Was inſonderheit die Erfindung mit Tom - linſon und dem Onkel betrifft, die du vielleicht fuͤr eine ſchwarze Liſt halten wirſt: ſo wuͤrde die geſparet ſeyn, wenn mich dieſe beyden unſchuldi -D 5gen58gen Fraͤulein nicht ſo weit gebracht haͤtten, daß ich fuͤr ihre Frau Townſend einen Mann finden muͤſſen. Der Anſchlag dient alſo bloß einem andern vorzubeugen. Meynſt du, daß es mir ertraͤglich ſeyn koͤnnte, meinen Witz durch anderer Witz beruͤcken zu laſſen? Und kann nicht vielleicht eben dieſer Kunſtgriff eine ganze Welt voll Un - gluͤck verhuͤten? Denn darfſt du wohl denken, daß ich die Fraͤulein dem Handel der Frau Town - ſend ganz gelaſſen hingegeben haben wuͤrde?

Was haſt du fuͤr eine Abſicht; es waͤre denn, deine eigne Vorſtellung umzuſtoſſen: wenn du ſageſt, daß Leute von unſerm Schlage keine andern Schranken fuͤr ihre Bosheit kennen, als den Mangel an Vermoͤgen; da du doch weißt, daß die Fraͤulein in meiner Gewalt iſt?

Genug, ſchreibſt du, habe ich dieſes Mu - ſter der Tugend auf die Probe geſtellet. Nicht alſo: denn ich habe ſie noch gar nicht auf die Probe geſetzet. Alles, was ich gethan habe, iſt nichts als nur eine Vorbereitung zu einer Probe.

Aber du biſt wegen der Mittel, zu denen ich bey der Probe Zuflucht nehmen moͤchte, und we - gen meiner Wahrheitsliebe beſorgt.

Elender Bruder! Denkſt du denn, daß je - mals irgend ein Mann ein Maͤdchen anders, als auf die Rechnung ſeiner Wahrheitsliebe betrogen habe? Wie kann man ſonſt ſagen, daß er be - truͤge?

Was59

Was die Mittel anlangt: ſo bildeſt du dir doch nicht ein, daß ich eine ausdruͤckliche Einwilli - gung erwarte. Meine vornehmſte Hoffnung iſt bloß auf ein nachgebendes Widerſtreben gerich - tet. Ohne daſſelbe, will ich ſchwoͤren, iſt nie - mals eine einzige Eroberung eines Frauenzim - mers geſchehen, wenn eine Perſon mit einer zu thun gehabt: ſo viel auch immer verſucht ſeyn moͤgen. Die gute Koͤniginn Eliſabeth von England wuͤrde ſich ſelbſt fuͤr meine Meynung erklaͤrt haben, wenn ſie am Leben geweſen waͤre, und man ſich auf ſie berufen haͤtte.

Es wuͤrde dem andern Geſchlechte nicht un - dienlich zu wiſſen ſeyn, was wir von dieſer Sa - che fuͤr Gedanken hegen Jch mag ſie gerne warnen Jch wuͤnſche keinem ſeinen Zweck bey ihnen zu erreichen, als mir ſelbſt. Jch habe dir ſchon vordem zu verſtehen gegeben, daß ich zwar luͤderlich, aber darum doch kein Freund von luͤderlichen Leuten ſey. (*)Siehe Th. III. S. 178.

Du ſchreibſt, ich ſey dem Ehebette allezeit feind geweſen. Darinn ſchreibſt du wahr: und doch eben ſo wahr, wenn du mir vorhaͤltſt, daß ich dieſe Fraͤulein lieber zur Ehe nehmen als fahren laſſen wollte. Denkſt du aber, ſie werden mich auf ewig verabſcheuen: wenn ich ſie auf die Probe ſetze und es mir nicht gelinget? Nimm dich in Acht Nimm dich in Acht, Bruder! Merkſt du nicht, daß dumich60mich dadurch warneſt, die Probe nicht anders an - zuſtellen, als mit dem Vorſatze zu ſiegen?

Jch muß beyfuͤgen, daß ich eine Zeitlang uͤberzeugt geweſen, es ſey uͤbel von mir gethan, alles ſo frey an dich hinzuſchmieren, als geſchehen iſt; und das um ſoviel mehr, wenn ich die Fraͤu - lein nach den Landesgeſetzen zu der meinigen machen ſollte: denn iſt nicht ein jeder Brief, den ich an dich geſchrieben habe, eine ſchriftliche An - klage wider mich ſelbſt geweſen? Jch mag mei - ne Eitelkeit zum Theil dafuͤr verfluchen; und ich denke, ich will das kuͤnftige zuruͤckhalten: denn du biſt wirklich ſehr unverſchaͤmt.

Ein frommer Mann, ich geſtehe es, moͤchte auf manches von denen Dingen beſtehen, worauf du mich dringeſt: aber, bey meiner Seele, von dir kommen ſie recht unſchicklich heraus. Du mußt dir bewußt ſeyn, daß ich nach denen Grundregeln, die wir lange gehabt und ausgeuͤbet ha - ben, einen jeden Tittel von dem, was du ſchrei - beſt, beantworten koͤnne. Bey der vorhin gege - benen Probe wirſt du ſehen, daß ich es kann.

Jch bitte dich, Bruder, ſage mir; wenn ich niemals von der Sache an dich geſchrieben haͤtte, und nicht mein eigner Anklaͤger geweſen waͤre: was wuͤrde wohl der kurze Begriff von meiner und meiner Geliebten Geſchichte, nachdem wir zehn Jahre bey einander geſchlafen haͤtten, geweſen ſeyn? Was anders, als dieß, was folget?

Robert Lovelace, ein beruͤchtigter Weiber - ſchlucker, bewirbt ſich auf eine anſtaͤndige Weiſe um61 um Fraͤulein Clariſſa Harlowe, ein junges Frau - enzimmer von den erhabenſten Vorzuͤgen Die aͤußerlichen Umſtaͤnde geben an beyden Seiten nicht das geringſte Bedenken.

Nachdem man ihm Muth gemacht: wird er von ihrem heftigen Bruder ſchimpflich belei - diget; der es ſeinen Vortheilen gemaͤß achtet, die Heyrath zu hintertreiben, und endlich, da er jenen herausfordert, genoͤthigt wird, ſein nichts - wuͤrdiges Leben von deſſen Haͤnden anzuneh - men.

Hieruͤber wird die Familie ſo raſend, als wenn er das Leben genommen haͤtte, das er ge - geben hatte, beſchimpft ihn perſoͤnlich und macht fuͤr die junge Fraͤulein einen haſſenswuͤrdigen Freyer ausfuͤndig.

Eine gezwungene Ehe zu vermeiden, laͤßt dieſe ſich bereden, ſich ſelbſt in Herrn Lovelacens Schutz zu begeben.

Jedoch leugnet ſie alle Neigung zu ihm, und erbietet ſich vielmal, ihm auf ewig zu ent - ſagen, wenn ihre Anverwandten ſie auf dieſe Bedingung wieder annehmen und von dem Anſpruche des gehaͤßigen Freyers losſagen wollen.

Herr Lovelace, ein Menſch von ſtarken Lei - denſchaften, und wie einige ſagen, von großem Hochmuthe, achtet ſich ihr deswegen gar wenig verpflichtet. Weil er ohne das von Natur nicht eben fuͤr den Eheſtand eingenommen iſt und ſo viele Urſache hat, ihre Verwandten zu haſſen: ſo62 ſo bemuͤht er ſich, ſie dahin zu bringen, daß ſie mit ihm das Leben der Ehre eingehe, wie er es nennet; und gewinnet zuletzt durch Raͤnke, Kuͤnſte und liſtige Anſchlaͤge.

Er entſchließet ſich, niemals ein anderes Frauenzimmer zu heyrathen, macht ſich eine Ehre daraus, ihr ſeinen Namen gegeben zu haben, da zwiſchen ihnen nichts als ein Kir - chengebrauch fehlet, und begegnet ihr mit ver - dienter Zaͤrtlichkeit. Kein Menſch zweifelt an ihrer Verheyrathung, als nur ihre ſtolzen An - verwandten, bey denen er den Zweifel wuͤnſchet. Alle Jahr ein artiges Knaͤbchen. Vermoͤgen genug, die anwachſende Familie mit anſtaͤndi - ger Pracht zu unterhalten Ein zaͤrtlicher Vater. Allezeit ein warmer Freund, ein guͤti - ger Hausherr und ein richtiger Bezahler Doch bisweilen vielleicht von ſo vieler Nachſicht gegen ſich ſelbſt, daß er einen neuen Gegenſtand waͤhlet, um ihn mit deſto groͤßerm Vergnuͤgen zu ſeiner reizenden Clariſſa zuruͤck zubringen Sein einziger Fehler iſt die Liebe zu dem an - dern Geſchlechte Der ſich gleichwohl, wie die Frauenzimmer ſagen, von ſelbſt beſſern wird Jn ſo fern iſt er zu vertheidigen, daß er bey ſeinen Streifereyen keinen Buͤndniſſen Eingriff thut

Was iſt denn bey dem gewoͤhnlichen Laufe der Welt ſo gar arges in dem allen?

Jch verſichere, daß es tauſend und abermal tauſend giebt, die aͤrgere Hiſtorien zu erzaͤhlen haben, als dieſe ſcheinen wuͤrde, wenn ich dichnicht63nicht ſelbſt auf den Fortgang zu meinem letzten Zwecke aufmerkſam gemacht haͤtte. Außer dem weißt du, daß die Beſchreibung, wie ich meinen Geliebten zu begegnen pflege, welche ich in einem Briefe an Joſeph Lehmann ſelbſt von mir ma - che(*)Siehe Th. III. S. 360., der Wahrheit ziemlich nahe komme.

Wollte ich in meiner Vertheidigung ſo ernſt - lich ſeyn, als du in meiner Anklage hitzig biſt: ſo koͤnnte ich dich durch andere Gruͤnde, Betrach - tungen und Vergleichungen uͤberfuͤhren; denn iſt nicht im menſchlichen Leben alles Gut und Uebel vergleichungsweiſe ſo zu nennen? Jch koͤnnte dich uͤberzeugen, daß ich zwar nach meiner offenherzi - gen Gemuͤthsart, wenn ich bloß an dich ſchreibe, dem alle Geheimniſſe meines Herzens entdeckt ſind, ſehr bereit ſey, mich in meinen Erzaͤhlungen ſelbſt anzuklagen, aber dennoch mir ſelbſt fuͤr mich ſelbſt etwas zu ſagen habe, wie ich meine Sache nach der Laͤnge anſtelle. Jnzwiſchen geſtehe ich, daß vielleicht keiner, der nicht ſelbſt luͤderlich iſt, eini - ges Gewicht darinn finden wuͤrde. Jch moͤch - te wohl tauſend andern, die ſich etwa buͤcken woll - ten, einen Stein auf mich zu werfen, dieſe War - nung geben: Sehet zu, daß euch eure eigne herrſchende Leidenſchaften, ſie moͤgen Na - men haben, wie ſie wollen, nicht zu eben ſo vielem Boͤſen verleiten, als mich mein Sehet zu, wenn ihr etwa in einigen Stuͤcken beſſer ſeyn ſolltet, als ich, daß ihr nicht in an - dern aͤrger ſeyn moͤget, und daß wohl gar in ſol -64 ſolchen Dingen, wovon ſich die uͤbeln Folgen weit mehr ausbreiten, als von der Verfuͤhrung (und nachmaligen Verſorgung) eines Maͤdchens welches von der Wiegen an mit Fuͤrſichtigkeit gegen die Raͤnke der Mannsperſonen gewaffnet iſt. Und dennoch bin ich nicht ſo partheyiſch gegen meine eigne Fehler, daß ich von dieſem geringe denken ſollte, wenn ich mir ſelbſt zu den - ken erlaube.

Noch ein wichtiges Stuͤck will ich hinzuſetzen: da ich doch einmal bey der Sache bin. Jch liebe das ſchoͤne Geſchlecht ſo herzlich, daß ich weit mehr auf die ſittlichen Grundſaͤtze fuͤr die Frauenzimmer geſehen haben wuͤrde, als ich wirklich gethan habe, wenn ich einen tugend - haften Character uͤberhaupt und ohne Ausnah - me noͤthig gefunden haͤtte, mich bey ihnen beliebt zu machen.

Alles kurz zuſammen zu faſſen Jch bin uͤberzeugt, daß Leute von edlen und ehrlichen Herzen, die ſich niemals, mit Vorbedachte boͤſes zu thun, erlaubt haben, und die ausnehmenden Vorzuͤge dieſes artigen Frauenzimmers zugleich in Betrachtung ziehen, mich nicht allein verdam - men ſondern auch verabſcheuen wuͤrden und muͤß - ten: wenn ſie ſo viel, als du; von mir wiſſen ſollten. Aber mich deucht, ich duͤrfte doch wohl zu meinem Vergnuͤgen dem Tadel derjenigen Maͤnner und auch ſelbſt derjenigen Weibsperſo - nen entgehen, die niemals erfahren haben, was Hauptproben und Hauptverſuchungen ſind; der -jenigen,65jenigen, die zu waglichen Unternehmungen nicht Witz genug haben; und am allermeiſten derjeni - gen, die bloß ihr Geheimniß beſſer verborgen ge - halten, als ich meines gehalten oder zu halten gewuͤnſcht habe.

Jch habe dir oben gedroht, in meinen Brie - fen an dich zuruͤck zuhalten. Aber laß dich das nicht anfechten, Bruder. Jch muß fortſchreiben und kann mir nicht helfen.

Der ſechſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Johann Belford.

Wahrlich, Bruder, du hatteſt mich mit deinem geſchriebenen Unſinn halb untuͤchtig ge - macht; ob ich es gleich in meinem geſtrigen Brie - fe nicht geſtehen wollte: weil mein Gewiſſen ſchon vorher auf deiner Seite geweſen war. Allein nunmehr denk ich, bin ich wieder mein eigner Herr.

So nahe zur Ausfuͤhrung meines durchtrie - benen Anſchlags! So nahe, meine Mine ſprin - gen zu laſſen! Alles zwiſchen den Weibsleuten im Hauſe und mir ſchon verabredet! Sonſt, glaub ich, haͤtteſt du mich uͤberwaͤltiget.

Fuͤnfter Theil. EJch66

Jch habe Zeit zu einigen wenigen Zeilen, als einer Vorbereitung zu dem, was in einer oder zwo Stunden vorgehen ſoll, und Luſt bis an den Augenblick zu ſchreiben

Wir ſind hoͤchſtgluͤcklich geweſen. Wie vie - le angenehme Tage haben wir mit einander zu - gebracht! Was moͤgen die naͤchſten zwo Stun - den zuwege bringen!

Als ich meine reizende Schoͤne verließ; und das that ich mit unendlichem Widerſtreben vor ei - ner halben Stunde: ſo geſchahe es auf ihr Ver - ſprechen, daß ſie nicht aufſitzen und ſchreiben oder leſen wollte. Denn die Unterredung war ſo vor - theilhaft fuͤr mich, daß ich darauf beſtand, wenn ſie ſich nicht alſobald zur Ruhe begaͤbe, ſo ſollte ſie mir außer der vorigen noch eine gluͤckliche Stunde vergoͤnnen. Und in der That war mein Verhalten waͤhrend der ganzen Zeit ihr offenbar angenehm.

Haͤtte ſie die halbe Nacht aufgeſeſſen und ge - ſchrieben oder geleſen, wie ſie bisweilen thut: ſo wuͤrde dadurch meine Abſicht fehlgeſchlagen ſeyn. Das wirſt du ſelbſt bemerken: wenn ſich meine kleine Liſt entwickelt.

Was Was Was nun! unruhiger Boͤ - ſewicht! Wollteſt du mich erwuͤrgen?

Jch ſprach mit meinem Herzen, Bruder. Es war mir eben an der Kehle Und wozu hilft dieß alles? Wenn eine Mannsperſon demZiel67Ziel nahe zu ſeyn denket: wie ungeſtuͤm treiben ihn eben alsdenn dieſe ſchuͤchterne Frauenzimmer aus der Bahn!

Jſt alles fertig, Dorcas? Hat meine Ge - liebte mir ihr Wort gehalten? Kommen die - ſe wellengleiche Bewegungen mehr von Liebe oder von Furcht? Jch kann nicht ſagen, wenn es auch mein Leben koſten ſollte, wovon ich am meiſten habe. Wenn ich ſie nur uͤbereilen kann, ehe ih - re Furcht, ehe ihre Beredtſamkeit erwach et

Meine Glieder, warum zuckt ihr ſo! Meine Knie, die bis itzo ſo feſt gehalten, warum ſeyd ihr ſo ſchwankend? Warum ſchlagt ihr ſo zuſammen? Werden mich nicht dieſe zitternde Finger, welche zweymal, die Feder zu fuͤhren, verſagt haben, und das Papier ſo krumm beflecken, auch in dem be - ſchwerlichen Augenblicke verlaſſen?

Noch einmal, warum und wozu alle dieſe Zuͤckungen? Jn Wahrheit, dieſer Anſchlag ſoll nicht auf die Ehe hinauslaufen.

Aber die Folgen muͤſſen wichtiger ſeyn, als ich bis dieſen Augenblick gedacht habe. Meiner Geliebten oder mein eignes Schickſal kann viel - leicht von dem Ausgange der zwo naͤchſten Stun - den abhangen!

Jch danke, ich werde zuruͤckgehen

Sanft, o heilige Jungfer, und eben ſo ſicher als ſanfte ſey dein Schlummer!

E 2Jch68

Jch will nun noch einmal zu meines Freun - des Belfords Briefe kehren. Du wirſt freye Haͤnde haben, meine reizende Schoͤne. Jch will noch einmal durchſehen, was dein Fuͤrſprecher fuͤr dich zu ſagen hat. Es koͤnnen es ſchwache Gruͤnde thun, in der Verfaſſung, worinn ich ſtehe.

Allein was ſoll das! Was ſoll das! Was fuͤr ein zweyfaͤltiger Doch der Aufruhr legt ſich! Was fuͤr ein zweyfaͤltiger fei - ger Kerl bin ich! Oder uͤberfaͤllt mich et - wa eben meine feige Zeit? Denn Helden haben ihre Anfaͤlle von Furcht, feige Memmen ihre herzhaften Stunden, und tugendhaſte Frauen - zimmer, alle, außer meiner Clariſſa, ihren ent - ſcheidenden Augenblick

Nun da ich in Geſchwindigkeit mit ſo kaltem Blute mir deine Betrachtungen zu Nutze ma - chen will. Erhebt ſich die Verwirrung wieder von neuem!

Was? Wo? Wie kam es?

Jſt meine Geliebte in Sicherheit?

O! wecket meine Geluͤbde nicht ſo unge - ſtuͤm auf!

Der69

Der ſiebende Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.

Nun iſt meine Beſſerung gewiß: denn ich werde niemals ein anderes Frauenzimmer lieben! O ſie iſt lauter Abwechſelung! Sie muß mir allezeit neu ſeyn Einen ſo ausneh - mend, ſo anſtaͤndig liebreizenden Engel kann kei - ne Einbildungskraft vorſtellen, viel weniger ein Pinſel ſchildern, noch die Seele der Mahlerey, die Dichtkunſt, beſchreiben! Jedoch ich will deine Ungeduld nicht zum voraus ſtillen. Ob die Sache gleich fuͤr ungeheiligte Augen zu heilig iſt: ſo ſollſt du ſie doch ganz vor dir ſehen, wie ſie zu - gegangen iſt; und das nicht von einem witzigen Kopf, der ſeine Kunſt zu beſchreiben bey einem ſo reichen Stoffe ſehen laſſen will, ſondern mit ei - nem Vorſatze deinen ſchwaͤrmenden Gedanken ein Ziel zu ſtecken. Sie weiter gehn zu laſſen, als ich geſtehen werde, wuͤrde eine groͤßere Bosheit ſeyn, als ſich ein Lovelace jemals ſchuldig ge - macht hat.

So fuͤhre ich dich denn zur Sache: indem ich mein letztes Schreiben mit dem gegenwaͤrti - gen verbinde.

E 3Haſt70

Haſt du bey dem Schluſſe meines vorigen Briefes nicht die Beſtuͤrzung gemerket, worinn ich mich eben damals befand, als ich deinen Brief noch einmal durchgehen wollte, damit ich ſo viel uͤber mich ſelbſt vermoͤgen moͤchte, daß ich den Vorſatz, meine ſchlummernde Schoͤne mit Schre - cken zu erwecken, fahren ließe? Und worauf, meynſt du, kam es an?

Jch wills dir ſagen

Es war ein wenig nach zwey. Das ganze Haus war ſtill, oder ſchien es zu ſeyn, und mei - ne Clariſſa, wie der Erfolg zeigte, zu Bette und in feſtem Schlafe. Jch hatte mich auch eine Stunde vorher einigermaßen ausgezogen und war in meinem Schlafrocke und in Pantoffeln: ob ich gleich dir zu Gefallen fortſchrieb. Auf ein - mal ſchreckte mich ein Lerm von ſtarkem Treten uͤber meinem Kopfe, und ein verworrenes Geraͤuſch von vermiſchten Stimmen, einige lauter als die andern, wie ein Keifen, und nicht viel anders als ein Klaggeſchrey, alles mit Vocativis, wie bey ei - ner ſchrecklichen Furcht. Jndem ich mich wun - derte, was da zu thun ſeyn moͤchte: rannte Dor - cas die Treppe herunter, kam an meine Thuͤr und rief, mit einem mehr von Schrecken und Heiſerkeit dumpfigten als helle ſchreienden Tone, Feuer! Feuer! Dieß ſchreckte mich deſto mehr, weil es ſchien, als wenn ſie gern lauter ſchreyen wollte, aber nicht koͤnnte.

Meine Feder, die zuletzt einen Seegen uͤber meine Geliebte hingekritzelt hatte, fiel mir ausden71den Fingern. Jch ſprang auf, that nur drey Schritte bis an die Thuͤr, oͤffnete ſie und ſchrie: Wo? Wo? beynahe eben ſo erſchrocken als das arme Maͤdchen, das unterdeſſen mehr als halb ausgekleidet, mit ihren Roͤcken in der Hand, auf die Treppen wies, weil ſie nicht vernehmlich ſpre - chen konnte.

Jch war in einem Augenblicke da und befand, daß alles von der Nachlaͤßigkeit der Frau Sin - clairs Koͤchinn herruͤhrte. Die hatte aufgeſeſſen, das einfaͤltige Hiſtoͤrchen von Doraſt und Fau - nia zu leſen, da ſie im Bette ſeyn ſollen, und dar - uͤber ein paar alte Fenſtergardinen von Coton Feuer fangen laſſen.

Jn ihrem Schrecken war ſie doch noch ſo ge - ſetzt geweſen, daß ſie die obern halbverbrannten Vorhaͤnge ſo wohl als die Gardinen niedergeriſ - ſen, und, obgleich in vollen Flammen, ſchon in den Camin geworfen hatte, wie ich hinauf kam. Jch hatte alſo das Vergnuͤgen, die Gefahr gluͤck - lich abgewandt zu finden.

Mittlerweile lief Dorcas, nachdem ſie mich auf die Treppe gebracht hatte, aus zaͤrtlicher Ach - tung gegen ihre Fraͤulein, wofuͤr ich das Maͤd - chen beſtaͤndig lieb haben werde, zu ihrer Thuͤr. Sie wußte nicht, daß das ſchlimmeſte voruͤber waͤre und vermuthete alle Augenblicke, daß das Haus in voller Flamme ſtehen wuͤrde. Deswe - gen klopfte ſie hart an, und weil ſie ihre Stim - me wieder bekommen hatte, ſchrie ſie mit einem ſo durchdringenden Tone, als ihrer Liebe gemaͤßE 4war,72war, Feuer! Feuer! Das Haus ſteht in Feuer! Stehen ſie auf, gnaͤdige Frau! Dieſen Augenblick ſtehen ſie auf wo ſie nicht in ihrem Bette verbrennen wollen!

Kaum hatte ſie das fuͤrchterliche Geſchrey ausgeſtoſſen: ſo hoͤrte ich meiner Fraͤulein Thuͤre mit uͤbereilter Heftigkeit aufriegeln, aufſchließen und oͤffnen, und die Stimme meiner reizenden Schoͤne nicht anders erſchallen, als wenn jemand von einer Ohnmacht uͤberfallen wird.

Du kannſt leicht errathen, wie ſehr ich ge - ruͤhret wurde. Jch zitterte aus Sorge fuͤr ſie, und eilte weit geſchwinder herunter als mich die Beſtuͤrzung von dem Feuerlerm hinaufzuren - nen getrieben hatte, um ſie dadurch zu beruhi - gen, daß alle Gefahr voruͤber waͤre.

Da ich zu ihrer Kammer-Thuͤr hernnter ge - flogen war: erblickte ich das liebenswuͤrdigſte Ge - ſchoͤpfe von der Welt, auf den Arm der keichen - den Dorcas geſtuͤtzt, ſeufzend, zitternd und nahe bey einer Ohnmacht, bloß mit einem Unterrocke bedeckt, ihre reizende Bruſt halb entbloͤßt und ihre Fuͤße nur eben mit der Spitze in die Schuhe geſteckt. So bald ſie mich ſahe, blieb ihr die Luft beſtehen und ſie gab ſich Muͤhe zu reden, konnte aber nichts ſagen, als o, Herr Lovelace! und wollte niederſinken.

Jch faßte ſie in meine Arme mit einem Feu - er, das ſie vorher niemals gefuͤhlt hatte. Mein wertheſtes Leben, fuͤrchten ſie nichts. Jch bin oben geweſen. Die Gefahr iſt vorbey. DasFeuer73Feuer iſt geloͤſchet. Und wie, naͤrriſcher Teu - fel! ſagte ich zu Dorcas, habt ihr meinen Engel durch euer ſcheusliches Gekreiſche ſo in Furcht und Schrecken ſetzen moͤgen!

O Bruder! wie hob ſich, wie bebte ihre an - muthsvolle Bruſt, als ich ſie an meine druͤckte! Jch konnte genau bemerken, wie ihr Herz gegen meines ſchlug und auf einige wenige Minuten be - ſorgte ich, ſie wuͤrde in Ohnmacht fallen.

Damit die halb lebloſe Schoͤne in ſo weni - gen Kleidern ſich nicht erkaͤlten moͤchte, hob ich ſie zu ihrem Bette und ſetzte mich auf die Seite deſſelben bey ihr nieder. Jch ſuchte mit der groͤßten Zaͤrtlichkeit, ſowohl in meinem Thun als Reden, ihr Schrecken zu vertreiben.

Allein was gewann ich durch dieſe meine edelmuͤthige Fuͤrſorge und durch meine gluͤckliche Bemuͤhung, ſie wieder zu ſich ſelbſt zu bringen? Nichts, ſo undankbar als ſie war, nichts als die heftigſten Beſchwerungen. Denn wir hatten beyde die Gelegenheit, welche ſie in meine Arme gebracht, ſchon vergeſſen; ſo fuͤrchterlich ſie auch geweſen war: ich vor Freuden, daß ich den bey - nahe bloßen Leib der liebenswuͤrdigſten Perſon von ihrem Geſchlechte umfaſſet hielte; ſie vor groͤ - ßerem Schrecken, weil ſie ſich in meinen Armen und uns beyde auf dem Bette ſitzend fand, wor - aus ſie ſo kurz vorher durch Furcht und Schre - cken verjaget war.

Nun, Belford, bedenke den fremden und ge - zwungenen Umgang, wozu die wachſame SchoͤneE 5mich74mich bisher genoͤthiget hatte. Bedenke meine Liebe und was ich ihrentwegen gelitten. Be - denke ihre Wachſamkeit und wie lange ich auf der Lauer geweſen war, dieſelbe zu betriegen. Bedenke die Ehrfurcht, worinn mich ihre kaltſin - nige Tugend und uͤbertriebene Bedenklichkeit ge - halten hatte, und daß ich vorher nieɯals ſo gluͤck - lich bey ihr geweſen war. Und denn uͤberlege, wie ausgelaſſen meine Entzuͤckungen in dieſen gluͤcklichen Augenblicken ſeyn mußten! Dennoch war ich in meinen Gedanken ſo wohl von anſtaͤndi - ger als edelmuͤthiger Auffuͤhrung. Die folgenden Zeilen, welche ich in die erſte Perſon verſetzt habe, ſchicken ſich unter allen, worauf ich mich beſinnen kann, am beſten zu dieſer entzuͤckungsvollen Ge - legenheit:

Jch kniete gebuͤckt und zwang mit ſanftem Muth
Die ſtraͤubendſchoͤne Hand mein klopfend Herz
zu druͤcken.
Hieruͤber ſunken mir die Lippen vor Entzuͤcken,
Und ihrer Finger Raum durchfloß der Seufzer
Fluth.
Mein ſchneller Puls ſchlug ſtark bey jedem hei -
ßen Kuß,
Und jede Sehne brannt in ſolchem Gluͤcks -
Genuß.

Aber weit gefehlt, daß ſie durch ein ſo feuri - ges Bezeigen geruͤhrt werden ſollte: ob gleich von einer Mannsperſon, gegen welche ſie ſo kurz vorher eine Achtung geſtanden und die ſie vor ei -ner75ner oder zwo Stunden ſo wohl zufrieden verlaſſen hatte. Niemals habe ich einen herbern oder mehr ruͤhrenden Schmerz geſehen, als da ſie voͤllig wie - der zu ſich ſelbſt kam.

Sie rief den Himmel gegen meine Treulo - ſigkeit an, wie ſie ſich ausdruͤckte: da ich unter - deſſen mit den feyerlichſten Betheurungen mein eignes und gleiches Schrecken und die Wirklich - keit der Gefahr, die uns beyde beunruhiget haͤtte, zu meiner Vertheidigung vorſtellte.

Sie beſchwur mich auf die feyerlichſte und beweglichſte Art, bald drohend, bald ſchmeichelnd, aus ihrem Zimmer zu gehen und ihr zu vergoͤn - nen, daß ſie ſich vor dem Tageslichte und vor al - len menſchlichen Augen verbergen moͤchte.

Jch bat ſie um Verzeihung: aber ich konnte der Beleidigung nicht entgehen. Jch gelobte von neuem, daß der morgende Tag bey Aufgang der Sonnen ein Zeuge von unſerm Verloͤbniſſe ſeyn ſollte: allein ſie ſahe, wie ich vermuthe, alle mei - ne Betheurungen von dieſer Art fuͤr eine Anzeige an, daß ich geſonnen waͤre bis aufs aͤußerſte zu gehen und wollte nichts hoͤren, das ich ſagte. Sie verdoppelte vielmehr ihr Beſtreben von mir los - zukommen, und betheurte mit gebrochnen Toͤnen und den heftigſten Ausrufungen, daß ſie eine ſo ſchaͤndliche und ehrenloſe Begegnung, wie ſie es nannte, nicht uͤberleben wollte. Hierauf ſahe ſie ganz wild um ſich herum, als wenn ſie ein Werk - zeug zu dem Ungluͤcke ſuchte. Sie ward auf ei - nem Stuhle an dem Bette ein paar ſcharfgeſpitzteScheeren76Scheeren gewahr, und bemuͤthe ſich, ſie zu erha - ſchen, in der Abſicht ihr Wort auf der Stelle wahr zu machen.

Weil ich ihre Verzweifelung ſahe, bat ich ſehr, ſie moͤchte ſich beruhigen laſſen und mich doch nur ein Wort hoͤren. Jch verſicherte, daß ich ihr keine Schande anzuthun willens waͤre. Unter - deſſen erwiſchte ich die Scheeren und warf ſie in den Camin. Da ſie beſtaͤndig mit vieler Heftig - keit auf meine Entfernung beſtand: ſo ließ ich zu, daß ſie ſich auf den Stuhl ſetzte.

Aber, o was fuͤr eine angenehme Unordnung! Jhre ſo unvergleichlich ſchoͤne und liebliche Schultern und Arme waren bloß. Jhre ausge - breiteten Haͤnde lagen kreuzweiſe uͤber ihren an - muthreichen Hals, bedeckten aber deſſen glaͤnzende Schoͤnheiten nicht halb. Der enge Rock ließ ihre ganze wundernswuͤrdige Bildung und zarte Glieder ſehen: als ſie von mir aufſtand. Jhre Augen giengen uͤber: allein ſie ſchienen zugleich eine kuͤnftige Rache zu drohen. Und endlich aͤußerten ihre Lippen, was ein jeder unwilliger Blick und alle gluͤende Geſichtszuͤge vorbedeutet hatten. Sie riefen uͤber mich aus, als wenn ich das aͤrgfte, was ich koͤnnte, veruͤbt haͤtte, und ge - lobten mir nimmer zu vergeben. Wirſt du dich wundern, daß ich nicht umhin konnte, die entruͤ - ſtete, die bereits allzu ſehr gereizte Schoͤne wieder anzugreiffen?

Jch that es, und druͤckte ſie noch einmal an meine Bruſt. Aber ihre Staͤrke war, in Be -trach -77trachtung ihrer zarten Leibesbeſchaffenheit, er - ſtaunlich, und zeigte genugſam, wie ſehr es ihr mit ihrem Zorne ein Ernſt war: denn ich hatte die aͤußerſte Muͤhe, ſie zu halten; und doch konnte ich nicht hindern, daß ſie mir aus meinen Armen glitſchte und auf ihre Knie fiel. Sie fiel mir zu den Fuͤſſen, und hub ſo in der Angſt ihrer See - len ihre ſtroͤmenden Augen zu mir auf, mit de - muͤthigſtbittender Sanftmuth, gefaltenen Haͤn - den und hangenden Haaren: denn weil ihr Nacht - kopfzeug in dem ringenden Widerſtreben abgefal - len war, ſo fielen ihre ſchoͤnen Haare in natuͤr - lich glaͤnzenden Locken nieder, gerade als wenn ſie dienſtfertig ſeyn wollten, die blendenden Schoͤn - heiten ihres Halſes und ihrer Schultern zu ver - decken. Auch ihre reizende Bruſt gieng von Seufzern und von gebrochnem Gluchſen auf und nieder: nicht anders als wenn ſie ihren lebenden Lippen in der Fuͤrſprache fuͤr ſie beyſtehen wollte. So rief ſie mein Mitleiden und meine Ehre an, nach dem der Kummer ihr zu reden vergoͤnnete; und that es mit Worten, welche ſie mit dem be - ſondern Nachdrucke ausſprach, der dieſe wunderns - wuͤrdige Schoͤne in ihrer Ausrede von allen Frauenzimmern unterſcheidet, die ich jemals re - den gehoͤrt habe.

Sehen ſie mich an, mein lieber Lovelace das waren ihre reizende Worte, ich bitte ſie auf meinen Knien, ſehen ſie mich an als ein armes Frauenzimmer, das keinen Schutz hat, außer Jhnen, das keinen Beyſtand hat außer ihrer Ehre.78 Ehre. Bey dieſer Ehre, bey ihrer Menſchlich - keit, bey allem dem, was ſie gelobet haben, be - ſchwoͤre ich ſie, mich nicht mir ſelbſt abſcheulich, nicht in meinen eignen Augen veraͤchtlich zu machen.

Jch erwaͤhnte des kuͤnftigen Morgens als des gluͤcklichſten Tages in meinem Leben.

Sagen ſie mir nicht von den kuͤnftigen Mor - gen. Wenn ſie es wirklich in Ehren mit mir meynen: ſo muͤſſen ſie es itzo, eben itzo dieſen Augenblick, zeigen und weggehen. Sie koͤnnen niemals in der ganzen Zeit eines langen Lebens das Boͤſe wieder gut machen, was ſie mir itzo zufuͤ - gen moͤgen.

Gottloſer Boͤſewicht! Unverſchaͤmter Be - trieger! Ja wahrlich ſie nannte mich einen unverſchaͤmten Betrieger: ob ſie gleich ſo ſehr in meiner Gewalt war! Und warum denn? Weil ich, mit vieler Hitze, das leugne ich nicht, ihren unvergleichlichen Hals, ihre Lippen, ihre Wan - gen, ihre Stirn und ihre ſtroͤmenden Augen kuͤſ - ſete, da ſo viele Schoͤnheiten ſich auf einmal mei - nem entzuͤckten Auge vereinigt darſtellten, als ſie zu meinen Fuͤßen auf den Knien liegen blieb und ich ſaß.

Wenn ich ein Betrieger bin, Fraͤulein Und dabey regte ſich meine greiffende aber zit - ternde Hand Jch hoffe, daß ich der zarteſten und liebenswuͤrdigſten von allen ihren Schoͤnhei - ten keinen Schaden gethan Wenn ich ein Be - trieger bin, Fraͤulein

Sie79

Sie zerriß mir die Manſchetten und entzog ſich mit erſtaunlicher Gewalt und Biegſamkeit meiner gluͤcklichen Hand: da ich ſie eben mit mei - nem andern Arm umfaſſen wollte.

Wahrlich ſie ſind es! der aͤrgſte unter den Betruͤgern Helfet! lieben Leute! Sie ſchrie ach und wehe Keine Huͤlfe fuͤr ein armes Frauenzimmer!

Bin ich denn ein Betrieger, Fraͤulein? Bin ich denn ein Betrieger, ſagen ſie? Und ſo ſchlug ich meine beyden Arme um ſie herum. Jch erbot mich, ſie zu meinem klopfenden Herzen aufzuheben

Ach nein! Und doch ſind ſie einer! Bald war ich wieder ihr lieber Lovelace! Jhre Haͤnde waren wiederum uͤber ihre ſchoͤne Bruſt geſchlagen. Toͤdten ſie mich! toͤdten ſie mich! wenn ich in ihren Augen verhaßt genug bin, dieſe Begegnung zu verdienen; und ich wer - de es ihnen danken. Zu lange, viel zu lan - ge iſt mein Leben mir ſchon eine Laſt geweſen! Oder geben ſie mir nur die Mittel, dabey ſahe ſie wild um ſich herum, ſo will ich ſie den Augenblick uͤberzeugen, daß meine Ehre mir lieber iſt, als mein Leben.

Dann hieß ich, noch mit gefaltenen Haͤnden und immer neuuͤberfließenden Augen, ihr herzlie - ber Lovelace. Und ſie wollte es mir mit ihrem letzten Odem danken, wenn ich ihr dieſe Wahl laſſen oder ſie von fernerer Schmach befreyen wollte.

Jch80

Jch ſaß auf einen Augenblick unſchluͤßig - Bey meiner Seele, dachte ich, du biſt vollkom - men bewaͤhrt, ein Engel und kein Frauenzim - mer! Dennoch umfaßte ich ſie wieder und druͤckte ſie an meine Bruſt: nachdem ich ſie von ihren Knien aufgehoben hatte. Sie entwiſchte wie - derum aus meinen Armen, und fiel auf dieſelben zuruͤck. Sehen ſie, Herr Lovelace! Lieber Gott! daß ich das Leben behalten muͤſſen, dieſe Stunde zu ſehen und dieſe Begegnung zu erdulden! Sehen ſie zu ihren Fuͤßen ein armes Frauenzimmer, wie es ihr Erbarmen ſu - chet; ein Frauenzimmer, das um ihretwillen von aller Welt verlaſſen iſt! Laſſen ſie meines Vaters Fluch nicht ſo erſchrecklich wirken! Werden ſie doch nicht der Vollzieher deſſelben, da ſie die Urſache ſchon geweſen ſind! ſondern ſchonen ſie mein! Jch bitte ſie, ſchonen ſie mein! Denn womit habe ich eine ſolche Begeg - nung von ihnen verdienet? Um ihrer ſelbſt willen, wo nicht um meinetwillen, und wie ſie wollen, daß Gott der Allmaͤchtige ſich ihrer in ihrer letzten Stunde erbarme, ſchonen ſie mein!

Was fuͤr ein Herz ſollte hiedurch nicht er - weichet ſeyn!

Jch wollte die fußfaͤllige Schoͤne wieder von ihren Knien aufgehoben haben: allein ſie wollte nicht aufgehoben ſeyn, bis mein beſaͤnftigtes Ge - muͤthe, wie ſie ſagte, ſie ihrer Bitte gewaͤhret und ihr befohlen haͤtte ſo aufzuſtehen, daß ſie unbefle - cket bliebe.

So81

So ſtehen ſie denn auf, mein Engel, und blei - ben, was ſie ſind, und alles was ſie zu ſeyn wuͤn - ſchen! Nur ſprechen ſie mich los und verzeihen mir alles, was vorgegangen iſt; ſagen ſie mir nur, daß ſie mich ferner mit eben dem guͤnſtigen und freundlichen Auge anſehen wollen, womit ich einige Tage her begluͤckt geweſen bin: ſo will ich mich meiner geliebten Siegerinn unterwerfen, de - ren Gewalt niemals ſo ſtark, als eben itzo, uͤber mich geweſen iſt, und in mein Zimmer zuruͤck - gehen.

Gott der Allmaͤchtige, ſprach ſie, erhoͤre ihr Gebet in ihren haͤrteſten Stunden, wie ſie meine Bitte erhoͤret haben. Und nun uͤberlaſſen ſie mich, dieſen Augenblick uͤberlaſſen ſie mich mei - ner Betrachtung, daß ich wieder zu mir ſelbſt komme. Sie werden mich dabey einem Elende uͤberlaſſen, das groß genug und weit groͤßer iſt, als ſie ihren bitterſten Feinden wuͤnſchen duͤrften.

Schreiben ſie, meine Allerliebſte, nicht alles einem Vorſatze zu: denn es iſt kein Vorſatz ge - weſen.

O Herr Lovelace!

Bey meiner Seele, Fraͤulein, das Feuer war nicht erdichtet Und das iſt auch wahr, Bru - der! Das Haus haͤtte leicht davon in Rauch aufgehen koͤnnen, wie ſie morgen vor Augen ſehen und uͤberzeugt ſeyn werden.

O Herr Lovelace!

Laſſen ſie meine große Liebe zu ihnen, Fraͤu - lein, und den unerwarteten Anblick von ihnen beyFuͤnfter Theil. Fihrer82ihrer Kammerthuͤr in einer ſo reizenden Stel - lung

Verlaſſen ſie mich, verlaſſen ſie mich dieſen Augenblick! Jch bitte ſie, verlaſſen ſie mich. Dabey ſahe ſie wild und in Verwirrung bald um ſich herum, bald auf ſich ſelbſt.

Verzeihen ſie mir, Wertheſte, die kleinen Frey - heiten, welche ſie, ſo unſchuldig dieſelben auch waren, aus allzugroßer Zaͤrtlichkeit uͤbel nehmen moͤchten.

Nicht mehr! Nicht mehr! Verlaſſen ſie mich, ich bitte ſie! Sie ſahe wieder auf ſich und um ſich herum in einer angenehmen Verwir - rung Gehen ſie fort! Gehn ſie fort! Hierauf weinte ſie und beſtrebte ſich ſehr heftig ihre Haͤnde wegzuziehen, die ich alle dieſe Zeit her - durch zwiſchen meinen gehalten hatte. Jhr Streben! O was fuͤr einen neuen Reiz gab ihr Streben, wie ich nun uͤberlege, einem jeden Ge - ſichtszuge, einem jeden Gliede einer ſo anmuths - vollen zierlichen und liebenswuͤrdigen Perſon.

Unmoͤglich! mein liebſtes Leben, bis ſie mich losſprechen! Sagen ſie nur, daß ſie mir ver - geben! Sagen ſie doch, daß ſie es thun!

Jch bitte ſie, gehen ſie fort! Ueberlaſſen ſie mich mir ſelbſt, daß ich darauf denken moͤge, was ich thun kann, und was ich thun muß.

Das, meine Allerliebſte, iſt noch nicht genug. Sie muͤſſen mir ſagen, daß es mir vergeben ſey, daß ſie mich morgen eben ſo wieder ſehen wol - len, als wenn nichts vorgefallen waͤre.

Darauf83

Darauf faßte ich ſie wieder in meine Armen: weil ich vermuthete, daß ſie mir nicht verzeihen wollte.

Jch will Jch vergebe ihnen Boͤſewicht!

Ja, meine Clariſſa! Jſt es eine ſo erzwun - gene Verzeihung, mit einem ſo beißenden Worte, womit ich mich abweiſen laſſen ſoll, da ſie ſo voll - kommen, ich druckte ſie hierbey feſt an mich, in meiner Gewalt ſind?

Jch, ich vergebe ihnen!

Von Herzen?

Ja, von Herzen!

Und freywillig?

Freywillig!

Und wollen ſie mich morgen ſo anſehen, als wenn nichts vorgegangen waͤre?

Ja, ja!

Jch kann kein ſo zorniges und verdrießliches Ja, das einem Nein im Herzen ſo aͤhnlich ſiehet, annehmen! Sagen ſie, ſie wollen es auf ihre Ehre!

Auf meine Ehre denn O nun, gehen ſie fort, gehen ſie fort! und niemals

Was niemals, mein Engel! Heißt das verzeihen?

Niemals, ſagte ſie, mag an das, was vorge - fallen iſt, wieder gedacht werden!

Jch drang auf einen Kuß, meine Begnadi - gung zu verſiegeln Und gieng als ein Narr, ein Narr von einem Frauenzimmer, wie ich in der That war, wieder zuruͤck! Jch giengF 2ſchlei -84ſchleichend wieder zuruͤck. Haͤtteſt du das glauben koͤnnen?

Allein ich war nicht ſo bald in mein Zimmer getreten: ſo bedachte ich, was ich fuͤr eine beque - me Gelegenheit aus den Haͤnden gelaſſen haͤtte, und daß alles, was ich bisher gewonnen, mir nur die Schwierigkeiten vermehren wuͤrde. Jch be - dachte, wie laͤcherlich man mich unten, wegen ei - ner Weichherzigkeit, die von meinem gewoͤhnli - chen Character ſo weit entfernet waͤre, in meiner Gegenwart machen wuͤrde. Es reuete mich, und ich eilte wieder zuruͤck, in Hoffnung, ſie wuͤrde aus Verwirrung des Gemuͤths, worinn ich ſie verlaſſen hatte, ihre Thuͤr nicht ſo bald verriegelt haben. Jch war voͤllig entſchloſſen, alle meine Abſichten zu erfuͤllen, es moͤchte daraus entſtehen, was da wollte. Denn ich habe doch ſchon, dach - te ich, ſo viel geſuͤndiget, daß ich ſchwerlich von Herzen Verzeihung erlangen werde; und wenn Ohnmachten und Verzweifelung folgen: ſo kann ich ſie doch zuletzt nur heyrathen, und denn werde ich ihr alles wieder gut machen.

Aber ich fand meine verdiente Strafe: denn ihre Thuͤr war feſt verwahret. Jch hoͤrte ihr Seufzen und Gluchſen, als wenn ihr das Herz berſten wollte. Meine geliebte Fraͤulein, ſagte ich, indem ich ſanft anklopfte und ihr Gluchſen aufhoͤrte, ich komme, ihnen nur drey Worte zu ſagen, welche unter allen, die ſie jemals von mir gehoͤrt haben, die angenehmſten ſeyn muͤſſen. Er - lauben ſie mir nur einen Augenblick ſie zu ſehen.

Jch85

Jch glaubte, ich hoͤrte ſie kommen, die Thuͤr zu oͤffnen, und das Herz huͤpfte mir in dieſer Hoff - nung. Allein ſie kam nur, noch einen Riegel vorzuſchieben und dieſelbe noch feſter zuverwah - ren. Entweder ſie konnte oder ſie wollte mir nicht antworten. Sie gieng weiter in ihr Zim - mer zuruͤck, vermuthlich in ihr Cloſet. Und ſo ſchlich ich, itzo noch mehr als vorher wie ein Narr, wiederum fort.

Dieß war meine Mine, mein durchtriebner Anſchlag Und dieß war alles, was ich mir davon zu Nutze machte.

Jch liebe ſie mehr, als jemals, und habe es auch wohl Urſache. Niemals habe ich ſo ſaube - res Elfenbein geſehen, als ihre Arme und Schul - tern zu ſeyn ſchienen. Niemals habe ich einen ſo weichen Sammet, als ihre Haut, gefuͤhlet. Und uͤber dieß eine ſo anſtaͤndige Zierlichkeit! O Bel - ford, ſie iſt lauter Vollkommenheit. Jhr arti - ger Fuß, der den Schuh, worein er, wie ich dir erzaͤhlt habe, nur eben mit der Spitze geſteckt war, in ihrem ringenden Widerſtreben verlohr, iſt eben ſo weiß und zart, als die Hand eines andern Frauenzimmers oder ſelbſt ihre eigne Hand!

Siehſt du aber itzo nicht, daß ich auf einen Vorzug wegen einer reizenden Eigenſchaft, die mir bisher jedermann abgeſprochen hatte, einen rechtmaͤßigen Anſpruch habe? Und das iſt die, daß ich durch Bitten und Thraͤnen geruͤhret wer - den kann. Wo, wo war bey dieſer Gelegenheit der callus, die Verhaͤrtung? Wo der Kieſel,F 3der86der nach gemeiner Sage mein Herz umſchließen ſollte?

Es iſt wahr, dieß iſt das erſte Beyſpiel in dergleichen Fall, daß ich mich jemals ruͤhren laſ - ſen. Aber warum? Weil ich niemals vorher einen ſo gar ernſtlichgemeynten Widerſtand, kurz einen ſo unwiderſtehlichen Widerſtand, gefun - den habe.

Was fuͤr einen Sieg hat ihr Geſchlecht in meinen Gedanken durch dieſe Probe und dieſen Widerſtand erhalten!

Aber wenn ſie mir dießmal vergeben kann Kann! Sie muß. Hat ſie es nicht ſchon auf ihre Ehre gethan? Allein wie wird das liebe Kind den Theil von ihrem Verſprechen hal - ten, der ſie verpflichtet, mich morgen ſo wieder zu ſehen, als wenn nichts vorgefallen waͤre?

Jch ſtelle mir vor, ſie wuͤrde die ganze Welt dafuͤr geben, daß die erſte Zuſammenkunft vor - uͤber ſeyn moͤchte! Sie hatte mir nicht gut verweifen! Und doch ſoll ſie mir itzt nichts zu verweiſen haben! Was fuͤr eine angenehme Verwirrung! Sie mag ihr Wort mit mir auf ih - re Gefahr brechen. Entfliehen kann ſie mir nicht. Zu andern darf ſie ſich von meinem Richterſtuhle nicht wenden. Was fuͤr einen Freund hat ſie in der Welt, wenn ſich mein Mitleiden nicht zu ihrem Beſten zeiget? Und hiernaͤchſt wird der wuͤrdige Capitain Tomlinſon und ihr Onkel Harlowe alles fuͤr mich gut zu machen im Stan -de87de ſeyn: meine letzte Beleidigung ſey ſo groß, als ſie wolle.

Was deine Furcht betrifft, ſie moͤchte gegen ſich ſelbſt etwas uͤbereiltes und heftiges vorneh - men: ſo unterſtehe ich mich zu behaupten, daß man dergleichen von ihrem Gemuͤthe, wenn es einer Ueberlegung gelaſſen iſt, nicht beſorgen duͤrfe; was ſie auch in ihrer Hitze immer gethan haben moͤchte, wenn ſie ihre Scheeren zu erha - ſchen oder irgend ein anderes Gewehr zu finden vermoͤgend geweſen waͤre. Eine Mannsperſon hat mit ſolchen wahrhaftig frommen und wirk - lich tugendhaften Frauenzimmern, nun glaube ich, daß es dergleichen giebt, ohne das Muͤhe genug. Es iſt wohl noͤthig, daß er einigen Vor - theil von, einige Sicherheit in ihrer tugendhaften Gemuͤthsart habe.

Kurz, mir iſt bey dieſem Frauenzimmer vor nichts, als vor der Traurigkeit, bange. Doch dieſe, weißt du wohl, wirket langſam und traͤge, und giebt Zeit, zwiſchen ihre verdrießliche Anfaͤlle eine kleine Freude einzuſchieben.

Der achte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Jhre Kammerthuͤr iſt noch nicht geoͤffnet. Jch darf nicht erwarten, daß ſie das FruͤhſtuͤckF 4mit88mit mir halten, vermuthlich auch nicht, daß ſie zu Mittage mit mir eſſen werde. Eine kleine wun - derliche Seele! Was macht ſie ſich durch ihre uͤbertriebne Bedenklichkeit fuͤr Unruhen! Alles, was ich ihr zu nahe gethan, wuͤrde, unter zehn von ihrem Geſchlechte, von neun Theilen bloß fuͤr einen Spaß, einen loſen Streich, gehal - ten, und folglich daruͤber gelacht worden ſeyn. Je mehr ſie daraus macht: deſto beſchwerlicher iſt es ihr ſelbſt ſowohl als mir.

Waͤre es nicht beſſer, Bruder, nach ih - rer eignen Art zu denken, daß ſie nicht ſo em - pfindlich ſchiene, als ſie ſich ſelbſt das Anſehen geben wird, wenn ſie itzt ſehr zornig iſt.

Jedoch vielleicht bin ich mehr beſorgt, als noͤ - thig iſt. Jch glaube, ich bin es. Meine Furcht ruͤhret mehr von ihrer uͤbertriebnen Bedenklich - keit her als von einer außerordentlichen Urſache, die ich ihr zum Widerwillen gegeben haͤtte. Das naͤchſte mal mag ſie ſich ſelbſt gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn ſie nicht aͤrger davon kommt.

Das liebſte Kind war die verwichene Nacht ſo erſchrocken und ſo ermuͤdet, daß es kein Wun - der iſt, wenn ſie dieſen Morgen ausruhet.

Jch hoffe, ſie hat mehr Ruhe gehabt als ich. Sanft und lieblich, hoffe ich, iſt ihr Schlummer geweſen, damit ſie in einer ertraͤglichen Gemuͤths - verfaſſung zu mir kommen moͤge. Ganz voll lieblicher Schamroͤthe und Verwirrung Jch weiß, wie ſie ausſehen wird! Aber warum ſoll -te89te ſie, die leidende Perſon, ſchamroth ſeyn, wenn ich, der Verbrecher, es nicht bin.

Doch Gewohnheit iſt ein wunderbares Ding. Man ſagt den Frauenzimmern, wie viel ihr Er - roͤthen ihre Annehmlichkeiten erhoͤhe. Darum uͤben ſie ſich darinn. Das Rothwerden kommt eben ſo bald, wenn ſie rufen, als ihre Thraͤnen. Siehe das iſt die Sache. Wir Maͤnner hinge - gen halten das Rothwerden fuͤr ein Zeichen der Schuld oder der Bloͤdigkeit. Deswegen bemuͤ - hen wir uns eben ſo ſehr, daſſelbe zu unterdruͤ - cken.

Bey meiner Treue, Bruder, ich ſchaͤme mich halb eben ſo viel, den Weibsleuten unten im Hauſe vor Augen zu kommen, als meine Schoͤne ſich ſchaͤmen kann, mich zu ſehen. Jch habe meine Thuͤr noch nicht aufgeſchloſſen, damit ich von ihnen nicht uͤberfallen werde.

Was fuͤr Teufel kann einer gleichwohl aus dem andern Geſchlechte machen! Zu was fuͤr ei - ner Hoͤhe von Wie ſoll ich es nennen? muͤſſen diejenigen von demſelben geſtiegen ſeyn, die einmal eine Mannsperſon ſo beſonders gelie - bet haben, als Marichen und Sara mich beyde geliebet, und dennoch ſo weit uͤber alle Regun - gen der Eiſerſucht, ſo weit uͤber alle beißende Vorſtellungen, die entſtehen muͤſſen, wenn die Zuneigung desjenigen, die ſie allen andern vor - ziehen, mit neuen Gegenſtaͤnden getheilet und ge -F 5mein90mein gemachet wird, hinaus gekommen ſind, daß ſie ſelbſt einen andern Antheil an ſeiner Liebe wuͤnſchen und ihn befoͤrdern, und ihr groͤßtes Vergnuͤgen darinn ſetzen, andern ſich gleich zu ma - chen! Denn du kannſt dir nicht einbilden, wie ſich eben Sara Martin die verwichene Nacht freuete, in der Meynung, daß der Fraͤulein ihre Stunde nahe ſey.

Niemals hat mich in meinem Leben noch ir - gend etwas mit ſo vieler Ungeduld verlanget, als meine Geliebte zu ſehen. Sie iſt dieſe zwo Stunden durch, wie es ſcheint, ſchon in Bewe - gung geweſen.

Dorcas hat eben itzo bey ihr angeklopft, ihre Morgenbefehle abzuholen.

Sie haͤtte keine fuͤr ſie, iſt die Antwort geweſen.

Jene hat zu wiſſen verlanget, ob ſie nicht etwas zum Fruͤhſtuͤcke haben wollte.

Ein aͤrgerliches Nein mit ſchwacher Stim - me bekam ſie wieder zuruͤck.

Jch will ſelbſt hingehen.

Zu drey verſchiednen malen habe ich an die Thuͤr geklopft, aber keine Antwort bekommen.

Erlauben ſie mir, meine Wertheſte, daß ich mich nach ihrem Wohlſeyn erkundige. Weil ſie ſich heute noch nicht haben ſprechen laſſen: ſo ver -langt91langt mich ſehr, zu erfahren, wie ſie ſich be - finden.

Kein Wort: aber wohl ein tiefer Seufzer und ſo gar ein Gluchſen.

Darf ich ſie nicht bitten, meine Fraͤulein, daß ſie noch ein paar Stufen mit mir hinauf ge - hen? Sie werden mit Vergnuͤgen ſehen, was fuͤr ein Gluͤck es fuͤr uns alle geweſen, ſo davon zu kommen.

Es iſt wirklich ein Gluͤck, Bruder, daß wir ſo davon gekommen ſind. Denn das Feuer hatte das Fenſtergeſimſe angegriffen, die Teppiche ver - ſengt und die Einfaſſung der Fenſterpfoſten von Tannenbretern verbrannt.

Keine Antwort, meine Fraͤulein! Bin ich nicht ein einzigs Wort werth? Halten ſie ihr Verſprechen ſo mit mir? Wollen ſie nicht die Gewogenheit haben, mir ihre Geſellſchaft auf zwo Minuten, nur auf zwo Minnten, in dem Speiſeſaale zu goͤnnen?

Ach! Und ein tiefer Seufzer! Das war die ganze Antwort.

Antworten ſie mir nur, wie ſie ſich befinden. Antworten ſie mir nur, daß ſie ſich wohl befin - den. Jſt das die Verzeihung, welche die Be - dingung von meinem Gehorſam war?

Hierauf ſagte ſie mit einer ohnmaͤchtigen aber zornigen Stimme, weg von meiner Thuͤ - re! Boͤſewicht, Unmenſch, Barbar, und alles, was niedertraͤchtig und verraͤtheriſch heißet! Weg von meiner Thuͤre! Quaͤlen ſie ein armesFrau -92Frauenzimmer nicht ſo, das Schutz, nicht Be - ſchimpfung, fordern kann.

Gut, meine Fraͤulein, ich ſehe, wie ſie mir ihr Wort halten. Wenn ein ploͤtzlicher Trieb, die Wirkung eines unerwarteten Zufalls, nicht vergeben werden kann

O! wie ſchwer druͤcket eines Vaters Fluch, der ſo genau nach dem Buchſtaben, ſo augen - ſcheinlich erfuͤllt werden ſoll!

Hiemit verlohr ſich die Sprache und ward ein unvernehmlich Gemurmel. Jch ſahe durch das Schluͤſſelloch und ſahe ſie auf ihren Knien, ihr Geſicht, ob gleich von mir weggewandt, ſo wohl als ihre Haͤnde aufgehoben, und dieſe ge - falten. Wie ich vermuthe, betete ſie, daß der Fluch dieſes finſtern Tyrannen abgewandt werden moͤchte.

Jch konnte nicht anders als geruͤhret werden.

Mein wertheſtes Leben, laſſen ſie mich doch nur auf zwo Minuten vor ſich, und beſtaͤtigen die zugeſagte Vergebung. Der Blitz mag mich auf der Stelle ruͤhren: wofern ich etwas anders, als meine Reue, zu einem ſo geheiligten Gefaͤße bringe! Jch will ſie hiernaͤchſt den ganzen Tag und bis morgen fruͤhe alleine laſſen. Alsdenn will ich ihnen mit den Schriften, die alle zur Unterzeichnung fertig ſind, mit einem ausgewirk - ten Trauſchein, oder wenn ich das nicht kann, mit einem Prediger ohne denſelben, meine Auf - wartung machen. Dieß glauben ſie mir nur ein -mal93mal zu. Wenn ſie die Wirklichkeit der Gefahr ſehen, die zu dieſem ihren ungluͤcklichen Wider - willen Gelegenheit gegeben hat: ſo werden ſie nicht ſo hart von mir denken. Und darf ich ſie nicht bitten, ein Verſprechen zu erfuͤllen, worauf ich eine nicht ganz und gar unedelmuͤthige Zu - verſicht geſetzet habe?

Jch kann ſie nicht ſehen! O waͤre es dem Himmel gefaͤllig geweſen, daß ich ſie nie geſehen haͤtte! Wenn ich ſchreibe: ſo iſt das alles, was ich thun kann.

So laſſen ſie dann ihr Schreiben, mein lieb - ſtes Leben, auch ihr Verſprechen beſtaͤtigen. Jn Erwartung deſſelben will ich weggehen.

Eben itzo klingelte ſie, daß Dorcas kommen ſollte, und gab ihr, mit der Thuͤre in der Hand, die nur halb geoͤſfnet war, ein Zettelchen an mich.

Wie ſahe das liebe Kind aus, Dorcas?

Sie war angekleidet, wandte ihr Geſicht ei - lend von mir weg und ſeufzete, als wenn ihr das Herz brechen wollte.

Angenehmes Kind! Jch kuͤßte die naſſe Oblate und zog ſie mit meinem Odem von dem Papier.

Hier iſt der Jnhalt. Kein obengeſchrieb - nes Herr! Kein Herr Lovelace!

Jch kann ſie nicht ſehen. Jch will es auch nicht, wofern ich es aͤndern kann. Worte koͤn -nen94nen die Angſt meiner Seelen uͤber ihre Nieder - traͤchtigkeit und ihren Undank nicht ausdruͤcken.

Stehen die Sachen ſo, daß ich kein Mittel habe, anders als durch ſie, mich mit denen aus - zuſoͤhnen, welche von Natur meine Beſchuͤtzer vor ſolchen Beſchimpfungen geweſen ſeyn wuͤrden; und das iſt der einzige Bewegungsgrund, den ich haben kann, nur noch einen Augenblick laͤnger in ihrer Bekanntſchaft zu bleiben: ſo muͤſſen itzo Feder und Dinte die einzigen Mittel ſeyn, wo - durch wir mit einander Gemeinſchaft haben.

Niedertraͤchtigſter unter allen Mannsperſo - nen! und abſcheulichſter unter allen Raͤnkeſchmie - den! Womit habe ich von ihnen die harten Be - ſchimpfungen verdienet? Jedoch nichts mehr Bloß um ihrer ſelbſt willen, wuͤnſchen ſie we - nigſtens auf eine Woche nicht, zu mir zu kom - men und zu ſehen

die unverſchuldet beleidigte und beſchimpfte Clariſſa Harlowe.

Nun ſiehſt du, daß mir nichts haͤtte helfen koͤnnen, als die verſteckte Charte mit Tomlinſon und ihrem Onkel. Was fuͤr wunderliche Um - ſtaͤnde habe ich mir gleichwohl zugezogen! Waͤre Caͤſar ein ſolcher Narr geweſen: ſo wuͤrde er niemals uͤber den Rubicon gekommen ſeyn. Haͤtte er ſich aber hernach, da er uͤber denſelben gegangen war, durch einen Rathsſchluß in Furcht geſetzt, unverrichteter Sache zuruͤckgezo -gen:95gen: was fuͤr eine artige Perſon wuͤrde er in der Geſchichte geſpielet haben! Jch haͤtte wiſſen koͤnnen, daß es eben ſo ſtraͤflich iſt, einen Raub zu verſuchen und eine Perſon ihres Leibes wegen in Furcht zu ſetzen, als wenn der Raub wirklich begangen waͤre.

Aber auf eine Woche ſie nicht zu ſe - hen! Die liebe artige Seele! Wie kommt ſie mir in allen Stuͤcken zuvor! Der Sachwal - ter wird die Schriften fertig haben, daß ſie heu - te oder morgen aufs laͤngſte unterzeichnet werden koͤnnen. Der Trauſchein mit dem Prediger, oder der Prediger ohne den Trauſchein, muß auch in den naͤchſten vier und zwanzig Stunden da ſeyn. Pritchard iſt mit ſeinen dreyfachen Ur - kunden ſo gut als bereit. Tomlinſon iſt mit ei - ner guͤnſtigen Antwort von ihrem Onkel zur Hand Und doch auf eine Woche ſie nicht zu ſehen! Die liebe angenehme Seele! Jhr guter Engel iſt verreiſet oder laͤuft wenig - ſtens ſpielen. Jndeſſen zweifle ich gar nicht, meine werthe Schoͤne, in einer Wochen und noch viel kuͤrzerer Zeit meinen Sieg voͤllig erhalten zu haben.

Allein was mich am meiſten beunruhiget, iſt, daß ein ſolcher Ausbund von vortrefflichen Frau - enzimmern ihr Wort brechen ſollte Pfuy, Pfuy fuͤr ſie! Jedoch niemand iſt ganz und gar vollkommen! Es iſt menſchlich zu irren, aber nicht, dabey zu verharren Jch hoffe meine Schoͤne kann nicht unmenſchlich ſeyn.

Der96

Der neunte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Es ſind zwiſchen uns, noch ehe ich ausgegan - gen bin, verſchiedne Handbriefchen durch Dorcas, als Botinn, gewechſelt. Deswegen ha - ben meine die Aufſchrift von ihrem Ehename. Sie hat ihre Thuͤr nicht oͤffnen wollen, dieſelben anzunehmen; vermuthlich aus Beyſorge, ich moͤchte etwa in der Naͤhe ſeyn: daher hat ſich Dorcas genoͤthigt geſehen, nachdem ſie fuͤr dich eine Abſchrift davon genommen, ſie unter die Thuͤre zu ſtecken und von dannen auch die Ant - wort zu holen. Beliebt es dir, ſo kannſt du ſie hier leſen.

An Frau Lovelace.

Jn Wahrheit, mein liebſtes Leben, ſie treiben dieſe Sache zu weit. Was werden die Leute un - ten im Hauſe, die uns fuͤr getrauet halten, von einer ſo großen Bedenklichkeit fuͤr Gedanken ha - ben? So unſchuldige Freyheiten! Eine ſo zu - faͤllige Gelegenheit! Sie werden ſich ſelbſt ſo wohl als mich ihren Urtheilen ausſetzen Bis - her wiſſen ſie noch nichts von dem, was vorge - fallen iſt. Und was iſt denn auch in der That vorgefallen, das allen dieſen Unwillen verurſa -chen97chen koͤnnte? Jch bin verſichert, ſie werden durch Brechung ihres auf Ehre gegebenen Wor - tes mir nicht Urſache zu ſchließen geben, daß ich nicht uͤbler haͤtte fahren koͤnnen, wenn ich ihnen nicht gehorſam geweſen waͤre.

Von ganzem Herzen reuet mich die Beleidi - gung, welche ihrer ſtrengen Tugend von mir widerfahren iſt Allein muß ich eines ſo ohnge - faͤhren Zufalls wegen ein Brandmark von ſo an - ſtoͤßigen Namen tragen? Niedertraͤchtigſter unter allen Mannsperſonen und abſcheu - lichſter unter allen Raͤnkeſchmieden ſind har - te Worte! Sonderlich aus der Feder einer ſol - chen Fraͤulein.

Wenn ſie nur noch ein paar Stuffen hinauf gehen: ſo werden ſie uͤberzeugt werden, daß, ſo abſcheulich ich ihnen immer ſeyn mag, ich doch in dieſer Sache kein Raͤnkeſchmieder geweſen bin.

Jch muß bey meiner inſtaͤndigſten Bitte blei - ben, ſie zu ſprechen, damit ich uͤber einige von denen Stuͤcken, wovon wir geſtern Abends nur geredet haben, ihren Willen vernehmen koͤnne.

Alles, was mehr als noͤthig iſt, iſt zu viel. Jch halte ſie bey ihrem Worte, mir zu verzeihen, und wuͤnſche dadurch meine Sache auf den Knien vor ihnen auszufuͤhren.

Jch erſuche ſie, mir in dem Speiſeſaal nur auf eine Viertelſtunde ihre Gegenwart zu goͤn -Fuͤnfter Theil. Gnen.98nen. Alsdenn will ich ſie den ganzen Tag allei - ne laſſen. Jch bin, mein wertheſtes Leben,

Jhr beſtaͤndiger Anbeter und aufrichtig reuevoller Lovelace.

An Herrn Lovelace.

Jch will ſie nicht ſehen. Jch kann ſie nicht ſehen. Jch habe ihnen keine Eroͤffnungen von meinem Willen zu thun. Die Vorſicht mag fuͤr mich entſcheiden, wie es ihr gefaͤllt.

Je mehr ich ihre Niedertraͤchtigkeit, ihre un - dankbare, ihre barbariſche Niedertraͤchtigkeit uͤberlege: deſto mehr werde ich gegen ſie er - bittert.

Sie ſind gewiß die letzte Perſon, deren Ur - theil ich uͤber das, was in Wohlſtandsſachen - zu weit oder nicht zu weit getrieben heißet, ver - langen wuͤrde.

Es iſt mir itzo ein Kummer an ſie zu ſchrei - ben oder nur zu denken. Darum beſchweren ſie mich nicht weiter. Noch einmal, ich will ſie nicht ſehen. Auch bekuͤmmere ich mich nunmehr, da ſie mich mir ſelbſt veraͤchtlich gemacht haben, gar nicht darum, was andre Leute von mir denken.

An Frau Lovelace.

Abermal erinnere ich ſie, meine Fraͤulein, an ihr Verſprechen: und erlauben ſie mir zu ſa - gen, ich beſtehe auf die Erfuͤllung deſſelben.

Erinnern99

Erinnern ſie ſich, mein liebſter Engel, daß das Vergehen einer tadelnswuͤrdigen Perſon ein Vergehen bey einer vollkommenen Perſon nicht rechtfertigen koͤnne. Uebertriebne Bedenklichkeit kann vielleicht keine Bedenklichkeit ſeyn!

Jch kann mir ſelbſt nichts vorwerfen, das dieſen heftigen Unwillen verdiene.

Jch geſtehe, die Heftigkeit meiner Neigung zu ihnen haͤtte mich uͤber die geziemenden Schran - ken treiben koͤnnen Aber daß ihre Befehle und Beſchwerungen in einem ſolchen Augenblicke eine ſo große Gewalt uͤber mich gehabt haben, das, unterſtehe ich mich gehorſamſt zu ſagen, ver - dienet einige Betrachtung.

Sie legen mir auf, eine ganze Woche durch ſie nicht zu ſehen. Wenn ich keine Verzeihung von ihnen erlanget habe, ehe der Capitain Tom - linſon zur Stadt kommt: was ſoll ich zu ihm ſagen?

Jch bitte noch einmal, goͤnnen ſie mir ihre Gegenwart in dem Speiſeſaale. Bey meiner Seele, Fraͤulein, ich muß ſie ſprechen.

Es iſt hoͤchſt noͤthig, daß ich ſie wegen des Trauſcheins und anderer beſondern Umſtaͤnde von großer Wichtigkeit um Rath frage. Die Leute unten im Hauſe halten uns fuͤr verheyrathet, und ich kann von ſolchen Dingen nicht mit ihnen re - den, wenn eine Thuͤr zwiſchen uns iſt.

Um des Himmels willen, erweiſen ſie mir die Gewogenheit, nur auf ein paar Minuten bey mirG 2zu100zu ſeyn. Jch will ſie hernach den ganzen Tag alleine laſſen.

Kann ich nach ihrem Verſprechen Verzeihung erlangen: ſo muß nothwendig die geſchwinde - ſte Verzeihung am wenigſten beſchwerlich ſeyn, ſowohl fuͤr ſie ſelbſt, als fuͤr

Jhren wahrhaftig niedergeſchlagenen und bekuͤmmerten Lovelace.

An Herrn Lovelace.

Je mehr ſie mich quaͤlen: deſto aͤrger wird es fuͤr ſie ſeyn.

Es braucht Zeit zu uͤberlegen, ob ich uͤberall jemals an ſie gedenken ſoll. Gegenwaͤrtig iſt es mein aufrichtiger Wunſch, daß ich ihr Angeſicht niemals wieder ſehen moͤge.

Alles, was ihnen den geringſten Schatten einer Gunſt von mir geben kann, ruͤhret von der gehofften Ausſoͤhnung mit meinem wahren, nicht meinem Judasgleichen Beſchuͤtzer her.

Jch bekuͤmmere mich itzo nicht um kuͤnftige Folgen. Jch haſſe mich ſelbſt: und wen habe ich Urſache zu achten? Gewiß nicht den Men - ſchen, der im Stande geweſen iſt, eine verdeckte Charte zu ſpielen, und dadurch ſowohl ſeine eigne Hoffnung, als ein armes freundloſes Frauenzim - mer, das noch dazu von ihm ſelbſt, ſreundlos gemacht iſt, durch Beſchimpfungen, woran man nicht ohne Ungeduld denken mag, zu ſchanden zu machen.

An101
An Frau Lovelace. Meine Fraͤulein.

Jch will zur Rechts Cammer gehen und in allen Stuͤcken ſo fortſchreiten, als wenn ich nicht das Ungluͤck haͤtte, ihnen misfaͤllig zu ſeyn.

Jch muß dabey bleiben, ſo ſtraͤflich mich auch meine heftige Neigung, bey einem ſo unerwarte - ten Vorfall, einem Frauenzimmer von ihrer zaͤrt - lichen Gewiſſensart vorſtellen duͤrfte, daß dennoch meine Willfahrung auf ihr Bitten, in einem ſol - chen Augenblicke, weil ſie ihnen ein Beyſpiel von ihrer Gewalt uͤber mich giebt, welches wenige Mannsperſonen abzulegen im Stande geweſen ſeyn wuͤrden, mir des feyerlichen Verſprechens, welches die Bedingung meines Gehorſams war, ein hinlaͤngliches Recht geben muͤſſe.

Jch hoffe ſie bey meiner Ruͤckkehr, in einer geneigtern, und ich will ſagen, gerechtern Ge - ſinnung zu finden. Jch mag den Trauſchein er - halten, oder nicht, ſo erlauben ſie mir zu bitten; daß das Bald, worauf ſie mir zu hoffen guͤtigſt be - fohlen haben, morgen ſruͤhe ſeyn moͤge. Das wird alles wieder gut und mich zu dem gluͤcklichſten Manne machen.

Die Eheſtiſtungen ſind zur Unterzeichnung fertig oder werden es gegen Abend ſeyn.

Um des Himmels willen, Fraͤulein, laſſen ſie doch ihren Unwillen nicht zu einem ſolchen Misvergnuͤgen ausbrechen, das mit der Beleidi - gung gar in keinem aͤhnlichen Verhaͤltniſſe ſtehet. G 3Denn102Denn das wuͤrde uns beyde den Urtheilen der Leute unten im Hauſe, und, was von unendlich wichtigerer Folge fuͤr uns iſt, des Capitain Tom - linſon, bloßſtellen. Laſſen ſie uns im Stande ſeyn, ich bitte ſie, meine Fraͤulein, ihn bey ſeinem naͤchſten Beſuche zu verſichern, daß wir eins ſind.

Weil ich die Erlaubniß, zu Mittage mit ih - nen zu ſpeiſen, nicht hoffen darf: ſo werde ich vor Abend nicht wieder zu Hauſe kommen; und denn, unterſtehe ich mich zu ſagen, erwarte ich; ihr Verſprechen giebt mir ein Recht dieß Wort zu gebrauchen; ſie geneigt zu finden, durch ihre Einwilligung auf morgen, gluͤcklich zu machen.

Jhren Anbeter, Lovelace.

Was ſtellte ich mir fuͤr ein Vergnuͤgen vor, wie dachte ich mir die angenehme Verwirrung zu Nutze zu machen, worinn ich ſie zu finden ver - muthete: weil alles noch ſo neu war! Doch ſie muß, ſie ſoll mich ſehen, wenn ich zuruͤckkom - me. Es waͤre beſſer fuͤr ſie und fuͤr mich, daß ſie nicht ſo viele Umſtaͤnde uͤber nichts ge - macht haͤtte. Jch muß meinen Zorn lebendig erhalten, daß er nicht in Mitleiden verwandelt werde. Liebe und Mitleiden ſind ſchwer zu trennen; man mag auch noch ſo ſehr gereizet werden: da hingegen der Zorn das, was ohne ihr Mitleiden ſeyn wuͤrde, in einen empfindli - chen Verdruß verwandelt. Es kann in denAugen103Augen einer Mannsperſon nichts liebenswuͤrdig ſcheinen, woruͤber er ganz und gar misvergnuͤgt iſt.

Jch befahl Dorcas, wenn ſie das letzte Hand - briefchen unter die Thuͤr ſteckte und es weggenom - men faͤnde, ihr zu ſagen, daß ich auf eine Ant - wort hoffete, ehe ich ausgienge.

Jhre Antwort war muͤndlich: Sagt ihm, daß ich mich nicht darum bekuͤmmere, wo er hingehe, noch was er mache Und dieß, ſprach ſie, als Dorcas von neuem anfrug, waͤre alles, was ſie mir zu ſagen haͤtte.

Jch ſahe durch das Schluͤſſelloch, als ich bey ihrer Thuͤr voruͤber ging, und erblickte ſie auf ih - ren Knien unten an ihrem Bette, ihren Kopf und ihre Bruſt an das Bette gelehnet, und ihre Arme ausgeſtreckt. Angenehmer Engel! Sie ſchien in Todesangſt zu ſeyn, und gluchſete, wie ich in der Entfernung hoͤrte, als wenn ihr das Herz berſten wollte. Bey meiner Seele, ich bin ein barmherziger Bruder. Ueberlegung iſt mein Feind! Goͤttlich vollkommne Schoͤne! So viele Tage mit einander gluͤcklich! Nun ſo ungluͤckſelig! Und weswegen? Jedoch ſie iſt die Reinigkeit ſelbſt Und warum ſollte ich ſie endlich ſo quaͤlen Allein in der Ge - muͤthsverfaſſung, worinn ich itzo bin, darf ich mit ſelbſt nicht trauen.

Jndem ich hier auf Mowbray und Mallory wartete, durch deren Huͤlfe ich den Trauſchein zuG 4erhal -104erhalten habe: ſo zog ich einige Papiere aus mei - ner Taſche, mir die Zeit zu vertreiben; und eben dein letztes Schreiben pfropfte ſich mir zuerſt dienſtfertig in die Hand. Jch that ihm die Eh - re, es nochmals durchzuſehen: und das machte bey mir die Vorſtellung von dem Gegenſtande, bey dem ich mich nicht auf mich ſelbſt zu verlaſ - ſen ſchluͤßig geworden war, wieder lebendig.

Jch beſinne mich, daß die angenehme Schoͤ - ne in ihrer zerriſſenen Antwort auf die vorgeſchla - gene Eheſtiftung ſchreibet, Herablaſſung zu anderer Schwachheit ſey keine Niedertraͤch - tigkeit. Sie weiß beſſer, als irgend ein Menſch, wie dieß auszumachen ſtehe. Herablaſſung ſchließt in der That erhabne Vorzuͤge in ſich: und erhabne Vorzuͤge ſind allemal bey ihrer Her - ablaſſung geweſen; jedoch ſolche erhabne Vorzuͤ - ge, die ihrer Herablaſſung Reiz und Anmuth ge - ben mußten. Denn es ward dadurch kein Stolz, keine Verſpottung, keine offenbare Erhebung ih - rer ſelbſt angedeutet. Die Fraͤulein Howe be - ſtaͤtigt, daß dieß ein Theil von ihrem uͤberall be - kannten Character ſey(*)Siehe den IV. Th. S. 34..

Jch kann ihr ſagen, wie ſie ſich verhalten moͤchte, wenn ich auf ewig ihr eigen ſeyn ſoll. Sie weiß, ſie kann mir nicht entgehen. Sie weiß, ſie muß mich fruͤher oder ſpaͤter ſehen: je fruͤher, deſto gefaͤlliger Jch wollte ihr vergoͤnnen zu zuͤrnen: nicht weil die Freyheiten, welche ich mir bey ihr genommen, Zorn verdienen, waͤre ſienicht105nicht eine Clariſſa; ſondern weil es ſich zu ihrer beſondern Bedenklichkeit ſchickt, zu zuͤrnen. Al - lein wollte ſie in ihrem Zuͤrnen nur mehr Liebe, als Abſcheu gegen mich bezeigen; wollte ſie ſcheinen, wenn es auch bloß ein ſcheinen waͤre, als hielte ſie das Feuer fuͤr keinen liſtigen Kunſt - griff, und alles, was darauf folgte, lediglich fuͤr etwas ohngefaͤhres; wollte ſie auf dieſe Art mir den Vortheil, welchen ich von ihrer Beſtuͤrzung ziehen wollen, nur zaͤrtlich vorhalten und verwei - ſen; wollte ſie endlich ruhig und verſichert ſeyn, wie ſie wirklich ſeyn kann, daß keine weitere Fol - gen daraus entſtehen ſollten, und auf meine Ehre einige edelmuͤthige Zuverſicht ſetzen; Macht lie - bet Vertrauen, Bruder: ſo denke ich, ich wollte allen ihren Proben ein Ende machen und ihr vor dem Altar meine Geluͤbde bezahlen.

Jedoch ſo kuͤhne Schritte, als der mit Tom - linſon und ihrem Onkel iſt, gethan zu haben So weit gegangen zu ſeyn O Belford, Bel - ford, in was fuͤr Verwirrungen habe ich mich ſelbſt ſo wohl als meine Geliebte geſetzet! Wie hat mich der verfluchte Ekel vor dem Ehe - bette verwickelt! Wie vieler Widerſpruͤche hat er mich ſchuldig gemacht!

Was fuͤr ein Vergnuͤgen iſt es mir ſelbſt, auf die begluͤckten Tage zuruͤckzuſchauen, die ich ihr verſchaffet habe: ob gleich meine ohne allen Zwei - fel viel reiner begluͤckt geweſen waͤren; wenn ich mich haͤtte entſchließen koͤnnen, meine Raͤnke fah -G 5ren106ren zu laſſen, und allezeit ſo aufrichtig zu ſeyn, als ſie es verdiente.

Finde ich, daß dieſe Geſinnung nur bis mor - gen fruͤhe anhaͤlt; itzt hat ſie zwo ganzer Stun - den gewaͤhret, und ich ſcheine, wie mich deucht, ein Vergnuͤgen in ihrer Unterhaltung zu finden: ſo denke ich, ich will dich beſuchen, oder dich zu mir kommen laſſen, und alsdenn mit dir daruͤber berathſchlagen.

Allein ſie wird ſich nimmermehr auf mich verlaſſen. Sie wird kein Vertrauen auf meine Ehre ſetzen. Zweifel iſt in dieſem Fall Mis - trauen. Sie liebt mich nicht genug, daß ſie mir edelmuͤthig verzeihen ſollte. Sie iſt ſo ſehr uͤber mich hinaus! Wie kann ich ihr einen fuͤr mei - nen Stolz ſo beißenden Vorzug zu gute halten! Sie denket, ſie weiß, ſie hat mir ſo gar frey herausgeſagt, daß ſie weit uͤber mich iſt. Dieſe Worte ſchallen noch allezeit in meinen Ohren: Weg Lovelace! Meine Seele iſt uͤber deine, Kerl! Du haſt ein viel zu ſtolzes Herz, daß man ſich mit dir einlaſſen koͤnnte. Meine Seele iſt uͤber deine, Kerl! (*)Siehe den IV. Th. S. 231. Fraͤulein Ho - we ſetzet ſie in ihren Gedanken auch weit uͤber mich hinaus. Du, ſo gar du, mein Freund, mein vertrauter Freund und Mitgenoſſe, biſt eben der Meynung. Jch fuͤrchte ſie eben ſo viel, als ich ſie liebe Wie koͤnnen dieſe Betrachtungen meinem Hochmuthe ertraͤglich ſeyn? Mein Weib, wie ich ſo oft geſagt habe, weil es mir ſooft107oft wieder in den Sinn kommt, ſoll ſo weit uͤber mich erhaben ſeyn! Jch ſelbſt ſoll in meiner ei - genen Familie, nur als die zweyte und geringere Perſon angeſehen werden! Kannſt du mich eine ſolche Vorſtellung, als dieſe iſt, vertragen lehren! Wollte man mir ſagen, wie viel ich mit ihr gewinne, und daß ſie mit allen ihren ausnehmen - den Vorzuͤgen mein voͤlliges Eigenthum ſeyn werde: ſo iſt das ein Jrrthum. Es kann nicht ſo ſeyn. Denn werde ich nicht ihr, und nicht mir ſelbſt zugehoͤren? Wird nicht eine jede Ausuͤbung ihrer Pflicht, da ich ſie nicht verdie - nen kann, eine Herablaſſung und ein Sieg uͤber mich ſeyn? Und muß ich es bloß ihrer Guͤte zu danken haben, daß ſie mich nicht verachtet? Soll ich ertragen, daß ſie ſich herablaſſen muß, mit meinen Schwachheiten Geduld zu haben! Daß ſie mich mit einem mitleidigen Auge verwundet! Soll eine Tochter der Harlowe den letzten, und wie ich vorher ſchon geſagt habe, nicht den geringſten von den Lovelacen ſo weit uͤbertreffen! Das ſey ferne!

Doch es ſey nicht ferne Denn ſehe ich ſie nicht itzo, ſehe ich ſie nicht alle Augenblicke vor mir, als lauter Reiz, und Wohlſtand und Rei - nigkeit, ſo wie verwichene Nacht in ihrem rin - genden Widerſtreben? Und in dieſem Widerſtre - ben Herz, Stimme, Augen, Haͤnde und alle Ge - ſinnungen, ſo vollkommen, ſo ruhmwuͤrdig dem - jenigen Character gemaͤß, den ſie von ihrer Wie - gen an bis auf dieſe Stunde behalten hat?

Aber108

Aber was raͤume ich dir fuͤr Vortheile ein?

Jedoch habe ich ihr nicht allezeit Gerechtig - keit widerfahren laſſen? Was ſoll denn deine quaͤ - lende Unverſchaͤmtheit?

Gleichwohl vergebe ich dir, Bruder! Denn ich wollte lieber, ſiehe ſo viel edelmuͤthige Liebe kann ich haben! daß mich die ganze Welt ver - dammen moͤchte, als daß ihr Character den ge - ringſten Nachtheil leiden ſollte.

Das liebe Kind ſagte mir einmal ſelbſt, daß eine wunderliche Miſchung, viel widerſprechendes, in meinem Gemuͤthe waͤre(*)Siehe Th. III. S. 266..

Jch habe ein Teufel und Beelzebub unter dieſen zwo ſtolzen Schoͤnen heißen muͤſſen: ich muͤßte wirklich ein Beelzebub ſeyn, wenn ich nicht einige leidliche Eigenſchaften an mir haͤtte.

Aber, wie Fraͤulein Howe ſchreibt, im Un - gluͤcke iſt ſie am ſchoͤnſten und groͤßten(**)Siehe Th. IV. S. 36., ihre Leidenszeit iſt die Zeit, da ihre Vollkom - menheiten am helleſten glaͤnzen. Bisher hat ſie nur beſtaͤndig ihre Vollkommenheiten glaͤnzen laſſen.

Sie hat mich binnen dieſen wenigen Stun - den erſt einen Betrieger genannt. Was kommt denn zuletzt fuͤr ein Schluß anders heraus, als daß ſie nicht ſo viel ein Engel geweſen waͤre, wenn ich nicht ein Betrieger, nach ihrem Be - griffe von dieſem Worte, geweſen waͤre?

O Bru -109

O Bruder, Bruder! Der Verſuch in ver - wichner Nacht hat mich zum Thoren, hat mich ganz untuͤchtig gemacht! Wie kann das liebe Kind ſagen, daß ich ſie in ihren eignen Augen veraͤchtlich gemacht habe, da ihr Verhalten bey einer ſolchen Beſtuͤrzung, und ihr empfindlicher Zorn, unter ſolchen Umſtaͤnden ſie in meinen Au - gen ſo weit erhoͤhet hat?

Woher aber dieſer wunderliche Miſchmaſch? Kommt er daher, daß ich hier? daß ich nicht bey Fr. Sinclair bin? Allein wenn das Haus anſteckend iſt: wie iſt meine Geliebte von der Seuche frey geblieben?

Doch nicht mehr in dieſem Zuge! Jch will ſehen, wie ſie ſich auffuͤhren wird, wenn ich zuruͤck - komme Jnzwiſchen fange ich gleichwohl ſchon itzo an, eine kleine Unbeſtaͤndigkeit, ein kleines Zuruͤckziehen zu beſorgen. Denn es iſt mir eben der Zweifel eingefallen, ob ich um ihrer ſelbſt willen zu wuͤnſchen habe, daß ſie mir leicht, oder ſchwerlich vergebe?

Jch bin auf dem Zug, den gewuͤnſchten Trau - ſchein zu erhalten.

Jch habe nun alles zwiſchen meiner Gelieb - ten und mir voͤllig uͤberleget, und meine Verwir - rung iſt voruͤber. Was mich zu einer geſchwin - dern Entſchließung gebracht, iſt dieſes, daß ich ausgefunden zu haben glaube, was ihre Abſicht bey der Entfernung ſey, worinn ſie mich eine ganzeWoche110Woche zu halten geſonnen iſt. Es iſt die, daß ſie Zeit haben moͤge, an Fraͤulein Howe zu ſchreiben, den verfluchten Vorſchlag, welchen ſie ausgeſonnen, ins Werk zu richten, und dabey ſol - che Maaßregeln zu nehmen, die ſie in den Stand ſetzen werden, mich zu verlaſſen und mir auf ewig zu entſagen. Wenn ich nun, Bruder, bey mei - ner Ruͤckkehr nicht vor ſie gelaſſen, ſondern hoch - muͤthig abgewieſen werde; wenn ſie auf ihre Woche beſteht, da ihr ſo gute Hoffnung gemacht wird: ſo werde ich in meiner Muthmaßung be - ſtaͤrket werden, und offenbar ſehen, daß wenig - ſtens die Liebe ſehr ſchwach geweſen, welche zu ei - ner Zeit, da die alles wieder gut machende Ce - remonie, wie ſie denken muß, auf ihren Befehl zu vollziehen iſt, einer Bedenklichkeit uͤber Klei - nigkeiten Raum laſſen konnte. Alsdenn will ich allen ihren Eigenſinn wiederum uͤberdenken, die Briefe der Fraͤulein Howe und die Abſchriften von einigen derſelben aufs neue durchſehen, und meiner Abneigung von dem Leben in Ketten und Banden ihren freyen Lauf laſſen. So ſoll ſie nach meiner eignen Weiſe die Meinige werden.

Jedoch, bey dem allen, hoffe ich, daß ſie ge - gen Abend alles beſſer uͤberlegt haben wird, daß ihre Drohung, mich auf eine ganze Woche nicht zu ſehen, ihr nur in der erſten Hitze entfahren iſt, und daß ſie ſelbſt geſtehen wird, ich habe eben ſo viel Urſache mit ihr zu zuͤrnen, weil ſie ihr Wort gebrochen hat, als ſie mit mir, weil ich den Frie - den gebrochen habe.

Dieſe111

Dieſe Zeilen von Rowe ſind mir eingefallen, und ich werde ſie den ganzen Weg uͤber, bis mich der Saͤnftentraͤger nach und nach zu ihr ſchuckelt, recht andaͤchtig uͤberbeten.

O Gottheit, lehre mich die rechte Rednerkunſt
Zu meines Vortrags Gluͤck, in Worten voller
Gunſt,
Die ſanft und unvermerkt ihr edles Herz be -
wegen,
Und keine Leidenſchaft mit Ungeſtuͤm erregen.

Der zehnte Brief von Herrn Lovelacen an Herrn Joh. Belford.

Overflucht! ich moͤchte des Todes ſeyn! Zu Grunde! verlohren! bezogen, beruͤckt! Wer Henker! haͤtte das gedacht! Die Fraͤulein iſt ſort! gaͤnzlich fort! Entlaufen!

Du weißt nicht, du kannſt dir nicht vorſtel - len, was fuͤr ein Kummer mein Herz naget! Was ſoll ich thun? O Gott, o Gott, o Gott!

Und du, der du meine Haͤnde traͤge zu ma - chen geſucht haſt, wirſt noch wohl dazu uͤber die - ſe Zeitung deine Drachenfluͤgel vor Freuden zu - ſammenſchlagen.

Dennoch muß ich ſchreiben: oder ich wuͤrde verruͤckt im Kopfe werden. Nicht viel beſſer binich112ich dieſe zwo Stunden lang geweſen. Jch habe Boten geſchickt an alle Stationen, an alle Wirths - haͤuſer, an alle Wagen oder Kutſchen, ſie moͤgen fliegen oder kriechen, und an alle Haͤuſer, wo ein Zeichen aushaͤngt, auf fuͤnf Meilen in die Runde.

Die kleine Heuchlerinn, die keine Seele in dieſer Stadt kennet! Jch dachte, ich waͤre ihrer allezeit verſichert. So eine unerfahrne Betrie - gerinn! die mir noch dazu in ihrem erſten Hand - briefchen Hoffnung macht, daß die Erwartung, ſich mit ihren Anverwandten ausgeſoͤhnt zu ſehen, ſie abhalten wuͤrde, einen ſolchen Schritt zu thun Verflucht ſollen ihre Raͤnke ſeyn! Jch glaubte, es kaͤme von ihrer Schaamhaftigkeit, von ihrer Sittſamkeit her, daß ſie mir nach eini - gen unſchuldigen Freyheiten nicht ins Geſicht ſe - hen koͤnnte: da ſie immittelſt unverſchaͤmt, ja, unverſchaͤmt, ſage ich, ob ſie gleich Clariſſa Har - lowe heißt, Raͤnke ſchmiedete, mich des theure - ſten Eigenthums zu berauben, das ich jemals er - kauft hatte Erkauft mit einer beſchwerlichen Dienſtbarkeit von vielen Monaten: da ich mich fuͤr ſie durch die wilden Thiere ihrer Familie durchgeſchlagen, und mit einer Windmuͤhle von Tugend zu ſtreiten gehabt, die mich Millionen Meineide gekoſtet, daß ich nur einen Verſuch dar - auf thun koͤnnen, und mich nun mit ihren ver - dammten Fluͤgeln anderthalb Meilen von mei - ner Hoffnung verſchlagen hat! Und dieß noch dazu, eben als ich die Erfuͤllung aller meiner Wuͤnſche nahe vor Augen ſahe!

O Teu -113

O Teufel der Liebe! Nicht mehr Gott der Liebe! Wie habe ich das an dir verſchuldet! Jch, der ich vorher niemals ein Freund von fro - ſtiger Tugend geweſen bin! Ohnmaͤchtiger Teufel! denn ohnmaͤchtig mußt du ſeyn, wo du nicht etwa daͤchteſt mich zum Raube zu haben; wer wird kuͤnftig vor deinen Altaͤren knien! O daß dich alle brave Herzen verabſcheuen, ver - achten, verfluchen und dir entſagen, wie ich thue. Aber was hilft nun das Fluchen!

Nichts befremdet mich mehr, als wie ſie die - ſe ihre gottloſe Flucht ins Werk zu richten ver - moͤgend geweſen iſt; da die ganze Bande von Weibern im Hauſe auf ſie Achtung zu geben ge - habt hat: denn bisher habe ich noch nicht Ge - duld genug gehabt, mich nach den beſondern Um - ſtaͤnden zu erkundigen, oder eine Seele von ihnen zu mir kommen zu laſſen.

So viel weiß ich gewiß, ſonſt haͤtte ich ſie nicht hierher gebracht, daß nicht eine lebendi - ge Seele, die zu dieſem Hauſe gehoͤrt, durch Tu - gend oder Gewiſſen zu gewinnen ſtehet. Die groͤßte Freude, welche die hoͤlliſchen Nymphen dieſer aͤrger als hoͤlliſchen Wohnung, alle mit ein - ander, haben koͤnnten, wuͤrde die geweſen ſeyn, dieſe ſtolze Schoͤne in ihrer Reihe und ihnen gleich gemacht zu ſehen. Und was meinen Buben betrifft, der auch auf ſie Acht geben muß - te, ſo iſt der ein ſo abgerichteter Kerl, daß er amFuͤnfter Theil. HUn -114Ungluͤck, bloß weil es Ungluͤck iſt, Vergnuͤgen findet. Keine Geſchenke und Gaben wuͤrden ihn jemals verfuͤhren koͤnnen, in ſeinem Amte treu - los zu ſeyn, wenn nur Bosheit darinn ſeyn ſollte Jndeſſen war er mir nicht zur Hand, als ich die verfluchte Nachricht bekam. Weg war der Bube! ſie aufzuſpuͤren, und nicht wieder zu kom - men, noch mein Angeſicht zu ſehen, ſo, ſcheint es, hat er ſich erklaͤret, bis er einige Zeitung von ihr gehoͤret haͤtte. Alle dienſtloſe Buben von ſeiner zahlreichen Bekanntſchaft ſind unter der Hand benachrichtiget und mit eben dem Werke beſchaͤfftiget.

Zu welchem Ende habe ich dieſen Engel, En - gel muß ich ſie doch nennen, in dieß hoͤlliſche Haus gebracht? Hatte ich nicht im Sinne, ihr die verdiente Ehre zu thun? Bey meiner Seele, Belford, das war mein Vorſatz Aber du weißt, was ich unter gewiſſer Bedingung beſchloſſen hatte Und nun, ob ich gleich ſo ſehr auf ih - rer Seite war, wer kann mir ſagen, in was fuͤr Haͤnde ſie gefallen ſeyn mag?

Jch bin von Sinnen, ganz von Sinnen, beym Jupiter, wenn ich hieran gedenke! Mit nichts verſehen, verlaſſen, unbekannt Viel - leicht mag irgend ein Boͤſewicht, der aͤrger iſt, als ich ſelbſt, und ſie nicht, wie ich, anbetet, ihr uͤber den Hals gekommen ſeyn und ſich ihre be - druͤckte Umſtaͤnde zu Nutze gemacht haben Jch will verlohren ſeyn, Belford, wo eine ganze Hecatombe von Unſchuldigen, wie die kleinenCreatu -115Creaturen heißen, zum Suͤhnopfer fuͤr das ge - brochne Verſprechen und die boͤſen Kunſtgriffe dieſer grauſamen Schoͤne hinreichen ſoll.

Da ich mit ſo vortheilhaften Entſchließungen fuͤr ſie zu Hauſe kam: ſo magſt du ſelbſt urthei - len, wie beſtuͤrzt ich geworden, als mir ihre Flucht zuerſt nur von weitem, ob gleich in ge - brochnen Reden, zu verſtehen gegeben wurde. Jch wußte nicht, was ich ſagte, noch, was ich that. Jch haͤtte jemand ermorden moͤgen. Jch flog von einem Zimmer ins andre: da mir un - terdeſſen alle aus dem Wege giengen, ausgenom - men die alte Eliſabeth Carberry, welche mir den erſten Wink von der Sache gab. Jch beſchul - digte in meiner erſten Hitze alle und jede, daß ſie ſich erkaufen und beſtechen laſſen, und drohete al - ten und jungen den Hals zu brechen, wie ſie mir in den Weg kaͤmen.

Dorcas haͤlt ſich noch vor mir verſchloſſen. Sara und Maria haben ſich noch nicht unterſte - hen duͤrfen, ſich blicken zu laſſen. Die ehrenloſe Sinclair

Doch da kommt der haͤßliche Teufel. Sie klopft an die Thuͤr, ob ſie gleich nur vor dem Schloſſe ſteht, mit Heulen und Schnauben. Jch denke, ſie will verſuchen, mich durch Schmeicheln zu beſaͤnftigen.

H 2Was116

Was fuͤr ein huͤlfloſer Zuſtand! wenn man nichts mehr thun kann als ſich und andere ver - fluchen; wenn die Gelegenheit zum Unmuth fort - dauret; wenn das Uebel bey genauerer Ueberle - gung groͤßer wird; wenn ſelbſt die Zeit ſich mit dazu ſchickt, es aͤrger zu machen O wie fluch - te ich auf ſie!

Jch habe ſie, wie mich deucht, noch eben vor mir mit ihren aufgeblaſenen Wangen Wie verhaßt macht der Kummer ein garſtiges Ge - ſicht! Deines, Bruder, und dieſer alten Mutter ihres, muͤſſen in trauriger Stellung, ſtatt Mit - leiden zu erregen, den Haß immer mehr verſtaͤr - ken: da hingegen Schoͤnheit in Thraͤnen erhoͤ - hete Schoͤnheit iſt, und das, was mein Herz alle - zeit zu ſehen Vergnuͤgen gefunden hat.

Was fuͤr Entſchuldigung! Der Henker hohle euch und eure verfluchten Toͤchter! Was fuͤr Entſchuldigung koͤnnt ihr haben! Jſt ſie nicht fort? Jſt ſie nicht entwiſcht? Aber ehe ich ganz außer mir komme, ehe ich ein halb hundert Mordthaten veruͤbe, erzaͤhlt mir, wie es zugegan - gen iſt.

Jch habe ihre Hiſtorie gehoͤrt! Liſt! ver - dammte, verzweifelte, gottloſe, unverantwortliche Liſt! in einem Frauenzimmer von ihrer Art Doch zeige mir nur eine Weibsperſon: ich will dir allemal einen Raͤnkeſchmieder zeigen! Dieß117Dieß arge Geſchlecht iſt die Liſt ſelbſt. Eine jede einzelne Perſon davon iſt von Natur ein Raͤnkeſchmieder.

Hier iſt das Vornehmſte von des alten Wei - bes Erzaͤhlung.

Jch war kaum von dem ſchaͤndlichen Hauſe weggegangen: ſo gab Dorcas der Sirene Ey, Bruder, laß mich ſie bey ihrem Namen nen - nen! ich bitte dich, Bruder, laß mich ſie bey ih - rem Namen nennen! ſo gab Dorcas ihrer Fraͤu - lein davon Nachricht, und meldete ihr, es waͤre ſo von mir verlaſſen worden, daß ich zu der Rechts-Cammer gienge, und da auf einige Stunden, wenn etwa der Sachwalter oder ſonſt jemand nach mir fruͤge, im Horn anzutreffen, hernach aber entweder im Cacao-Baum oder Koͤnigsſchilde ſeyn, und erſt ſpaͤt wieder zu Hau - ſe kommen wuͤrde. Hierauf bat ſie dieſelbe, ei - nige Erfriſchung zu nehmen.

Als Dorcas zu ihr gegangen, war ſie in Thraͤnen, und ihre ſtolzen Augen waren vom Weinen aufgeſchwollen. Sie wollte weder eſſen noch trinken, und ſeufzete, als wenn ihr das Herz berſten wollte Falſche, teufliſche Traurig - keit! nicht die demuͤthige, ſtille Traurigkeit, die allein Mitleiden verdienet Mitten in derſel - ben dachte ſie auf Raͤnke, mich ungluͤcklich zu machen, mir alles zu rauben, was ich werth hielte.

Weil ſie aber willens war, mich wenigſtens auf eine Woche nicht zu ſehen: ſo befahl ſie, ihrH 3 drey118 drey oder vier Franzbrodte, ein wenig Butter und eine Flaſche mit Waſſer zu bringen, und ſagte, ſie wollte weiter keine Wartung haben; dieß ſollte alles ſeyn; wovon ſie inzwiſchen le - ben wollte. Die liſtige Creatur! So ſtellte ſie ſich, als wenn ſie Vorrath auf eine Belage - rung von einer Woche hinlegte Denn wirk - liche Nahrung braucht ſie eben ſo wenig als an - dere Engel. Engel, ſagte ich! Der Henker ſoll mich hohlen, wenn ich ſie noch einmal einen En - gel nennen werde. Denn ſie iſt in meinen Au - gen verhaßt. Jch haſſe ſie toͤdtlich.

Doch, o! Lovelace, du luͤgeſt! Sie iſt al - les, was liebenswuͤrdig, alles, was vortrefflich heißen mag.

Allein iſt ſie weg, kann ſie fort ſeyn! O wie wird die Fraͤulein Howe frohlocken! Aber wenn dieſe kleine Furie ſie aufnimmt: ſo ſoll das Schickſaal es mir reichlich wieder gut ma - chen. Denn ſo will ich Anſchlaͤge erſinnen, ſie beyde zu haben.

Jch ſahe eben zuruͤck, die Verbindung mit dem Vorhergehenden zu treffen. Aber der Teu - fel hohle die Verbindung: ich habe damit nichts zu thun. Das Gegentheil ſchickt ſich beſſer zu einem verruͤckten Kopfe: und der wird mir bald zufallen.

Dorcas frug die alte Mutter, ob ſie gehor - chen ſollte. O ja, bey Leibe: denn Herr Love - lace wuͤrde ſchon einmal an ſie zu kommen wiſ - ſen.119 ſen. Die alte befahl zugleich, eine Flaſche Si - reſer Seckt noch dazu zu nehmen.

Dieſe liebreiche Willfahrung verpflichtete ſie ſo ſehr, daß ſie ſich bereden ließ, hinaufzuge - hen und den Schaden, den das Feuer gethan hatte, anzuſehen. Sie ſchien daruͤber nicht al - lein beſtuͤrzt, ſondern auch dadurch verſichert zu werden, daß es kein loſer Streich geweſen waͤre, wie ſie nach ihrem eignen Geſtaͤndniſſe zuerſt be - ſorgt hatte. Dieß alles machte die Leute ſicher. Sie lachten ins Faͤuſtchen, weil ſie dachten, was die Fraͤulein fuͤr eine kindiſche Art, ihren Un - willen zu zeigen, erſonnen haͤtte. Sara ließ dabey auch ihren Witz ſpielen und ſagte, Frau Lovelace thaͤte recht, daß ſie wenigſtens doch mit ihrem Brod und Butter nicht zuͤr - nete.

Aber eben dieß Kindiſche, wie ſie es anſahen, bey einem ſolchen Geiſte und Verſtande, wuͤrde mich argwoͤhniſch gemacht haben. Jch haͤtte entweder gedacht, nach dem, was in verwichner Nacht vorgegangen war, daß es bey ihr nicht recht im Kopfe ſtuͤnde: oder ihre Abſichten wuͤrden mir verdaͤchtig vorgekommen ſeyn; da unſre Ver - maͤhlung, ſo viel ſie wußte, in der Woche voll - zogen werden ſollte, in welcher ſie ſich bis auf ih - ren Verlauf, vor mir in einem und eben demſel - ben Hauſe verborgen zu halten entſchloſſen war.

Sie ſandte meinen Wilhelm, mit einem Briefe an Fraͤulein Howe nach Wilſons Hauſe,H 4 und120 und befahl ihm nachzufragen, ob keiner an ſie da waͤre.

Er gab bloß vor, als wenn er hinginge und brachte ihr die Nachricht, es waͤre keiner da. Jhren Brief aber ſteckte er fuͤr mich in ſeine Taſche.

Hierauf befahl ſie ihm, einen andern, den ſie ihm uͤbergab, an mich im Horn zu tragen. Al - les dieß that ſie, ohne daß ſie eilfertig ſchien. Jedoch ſchien ſie ſehr ernſthaft und wiſchte die Augen oft mit ihrem Schnupftuche.

Wilhelm ſtellte ſich, als wenn er mit dem Briefe zu mir gehen wollte. Der Kerl war aber doch ſo verſchlagen, daß er dem Dinge nicht trauete, da ſie ihn zum zweyten mal und zwar an mich, den ſie nicht hatte ſehen wollen, aus - ſchickte. Das kam ihm fremd vor und er ge - ſtand ſein Mistrauen gegen Sara, Maria und Dorcas. Allein dieſe lachten uͤber ſeinen Argwohn, und Dorcas verſicherte ſie alle, daß ihre Fraͤulein vielmehr einfaͤltig bey ihrer Traurigkeit, als et - was zu unternehmen geſchickt ſchiene, und daß ſie in der That glaubte, die Fraͤulein waͤre ein wenig verruͤckt im Kopfe und wuͤßte nicht was ſie thaͤte Alle verließen ſich auf ihre Unerfahrenheit, auf ihre offenherzige Ge - muͤthsart, auf ihr gegenwaͤrtiges Betragen, da ſie nicht die geringſte Bewegung machte auszugehen oder eine Kutſche oder Saͤnfte holen zu laſſen, wie ſie bisweilen gethan hatte, und noch mehr auf die Zuruͤſtungen, die ſie zu einer121 einer Belagerung von einer Woche, wie ich es nennen mag, gemacht hatte.

Wilhelm ging aus, als wenn er den Brief an mich uͤberbringen wollte, kam aber eilend wieder zuruͤck. Sein Herz ſagte ihm nichts gutes zu: weil er ſich auf meine wiederholte Erinnerungen beſann, daß er nicht ſeinem Ur - theile folgen ſollte, wenn er ausdruͤckliche Befehle haͤtte, ſondern dieſen, wenn etwa von Umſtaͤn - den, die ich nicht vorher ſehenkoͤnnte, ein Zwei - ſel entſtuͤnde, aufs genaueſte und buchſtaͤblich nachgehen muͤßte, welches das einzige Mittel ſey, nicht ſtrafbar zu werden.

Dennoch mußte es in dieſer kleinen Zwi - ſchenzeit geſchehen ſeyn, daß ſie davon gegangen war. Denn ſo bald er wieder zuruͤckgekommen, machten ſie alle Thuͤren nach der Straße feſte zu: weil die Mutter und die beyden Nymphen ein wenig in den Garten ſpatziren giengen. Dor - cas ſtieg unterdeſſen die Treppe hinauf, und Wilhelm blieb unten in der Kuͤche, damit ſeine Fraͤulein ihn nicht ſehen, und ſeine Stimme nicht hoͤren moͤchte.

Ohngefaͤhr eine halbe Stunde hernach, hat - te Dorcas, die ſich an einem ſolchen Orte auf - hielte, wo ſie ihrer Fraͤulein Thuͤre oͤffnen ſehen konnte, die neubegierige Sorgfalt, durch das Schluͤſſelloch zu kucken: weil ihr, wie ſie vor - gab, das Herz zuſagte, daß ſich ihre Fraͤulein in dem Muthe, worinn ſie den ganzen Tag uͤber geweſen, ſelbſt Gewalt thun moͤchte. Da ſieH 5 nun122 nun den Schluͤſſel in der Thuͤre fand, welches nicht ſehr gewoͤhnlich war: ſo klopfte ſie drey bis vier mal an; und als ſie keine Antwort hoͤrte, ſchloß ſie auf und ſagte: Gnaͤdige Frau, gnaͤdige Frau, haben ſie gerufen? in Meynung ſie wuͤrde in ihrem Cloſet ſeyn.

Weil ſie noch keine Antwort bekam: ſo ging ſie weiter hinein und erſtaunte, daß ſie die Fraͤulein nicht da fand. Sie lief eilend in den Speiſeſaal, hernach in meine Zimmer, und durchſuchte ein jedes Cloſet, in beſtaͤndiger Furcht, einen betruͤbten Zufall zu ſehen.

Als ſie dieſelbe nirgends fand, lief ſie zu der Alten und ihren Nymphen herunter. Haben ſie meine Fraͤulein geſehen? So iſt ſie ſort! Oben iſt ſie nirgends.

Sie wußten gewiß, daß ſie nicht ausgegan - gen ſeyn konnte.

Das ganze Haus war den Augenblick in Lerm. Einige rannten die Treppen auf, andre nieder, von den oberſten bis zu den unterſten Zimmern, mit einem allgemeinen Klaggeſchrey, wie ſie mir ins Geſicht ſehen ſollten!

Wilhelm ſchrie, er waͤre des Todes! Er gab ihnen, ſie ihm, die Schuld, und ein jeder verklagte und entſchuldigte zugleich.

Nachdem ſie das ganze Haus und ein jedes Cloſet in demſelben wohl zehnmal vergeblich durchſucht hatten: ſo fiel ihnen endlich ein, an alle Forthelfer, Saͤnftentraͤger und Miethkut - ſcher zu ſchicken, die binnen den zwo letzten Stun -123 Stunden bey dem Hauſe in der Naͤhe geweſen waren, und nachzufragen, ob jemand von ihnen ſolch ein Frauenzimmer, als ſie beſchrieben, ge - ſehen haͤtte.

Dieß gab ihnen einiges Licht. Der einzi - ge Anſchein, gleichſam eine Daͤmmerung, zu der Hoffnung, die ich haben kann, und die noch verhuͤtet, daß ich nicht gar verzweifle. Einer von den Chaiſetraͤgern gab ihnen dieſe Nach - richt: Er habe ein wenig vor vier Uhr eine ſol - che Perſon aus dem Hauſe kommen ſehen, in großer Eil und als in Schrecken, mit einem kleinen Paͤcklein in der Hand, das in ein Schnupftuch gebunden geweſen. Er haͤtte al - ſobald zu ſeinem Mitgeſellen, der ſie angeſpro - chen hatte, ohne eine Antwort zu bekommen, geſagt, es waͤre ein feines junges Frauenzimmer, und er wollte wetten, daß ſie entweder einen boͤ - ſen Mann oder ſehr wunderliche Eltern haben muͤßte, weil ihre Augen vom Weinen geſchwol - len ſchienen. Darauf haͤtte ein dritter Mitge - noſſe verſetzt, es moͤchte wohl eine Hindinn ſeyn, die aus der alten Mutter verdammten Gehaͤ - ge entlaufen waͤre. Dieſes erzaͤhlte mir Frau Sinclair mit einem Fluch und Wunſche, den ver - wegnen Kerl zu kennen Sie daͤchte in der That, daß ſie einen beſſern Ruf haͤtte: ſo an - ſtaͤndig als ſie lebte, und ſo gut als ſie einen je - den bezahlte fuͤr das, was ſie kauſte; da noch uͤber dieß ihr Haus von den beſten und artigſten Cavalliers beſucht und niemals von Lerm oder Ge -124 Gezaͤnke etwas darinn gehoͤrt oder gewußt wuͤrde!

Dieſe ſcheinbare Anzeigen machten den gu - ten Kerl, der dieſe Nachricht gab, ſo neubegie - rig, daß er ihr unvermerkt nachfolgte. Sie ſahe oft hinter ſich. Ein jeder, der bey ihr vor - bey gieng, wandte ſich um ihr nachzuſehen und faͤllte ſein Urtheil, uͤber ihre Thraͤnen, ihre be - ſtuͤrzte Eilfertigkeit und ihre reizende Perſon: bis ſie an einen Platz kam, wo die Kutſchen zu ſtehen pflegen. Einer von den Kutſchern ſprach ſie an, und ward angenommen. Er ſtieg her - unter und oͤffnete die Kutſchenthuͤre in fliegen - der Eil; weil er ihre fliegende Eilfertigkeit ſahe: und ſie ſprang hinein, aber ſtolperte vor Fluͤch - tigkeit und zerſtieß ſich, wie der Kerl vermuthe - te, das Schienbein bey dem Stolpern.

Der Teufel hole mich, Bruder, wo mein edelmuͤthiges Herz nicht noch bey ihrer gottloſen Betruͤgerey gleichwohl ſtarke Regungen fuͤr ſie fuͤhlet: wenn ich bedenke, was ſie damals gedacht und gefuͤrchtet haben muß! Ein ſo zartes Ge - muͤth, und gleichwohl itzo um alle uͤble Nach - rede unbekuͤmmert! Aber doch vermuthlich bey einem jeden, den ſie ſahe, voller Furcht, von einem Lovelace ergriffen zu werden! Dabey in voͤlliger Ungewißheit, was fuͤr mannichfaltiger Gefahr ſie ſich ausſetzte oder bey wem ſie ein Obdach finden koͤnnte; unbekannt in der Stadt und aller Wege unkundig; zu einer Zeit, da der Nachmittag faſtver -125verſtrichen war; mit wenigem Gelde und keinen andern Kleidern, als die ſie anhatte.

Es iſt unmoͤglich, bey der kurzen Zeit, die ſeit verwichener Nacht verſtrichen iſt, daß die Frau Townsend und die Fraͤulein Howe etwas mit da - bey gethan haben koͤnnte.

Allein was muß ſie fuͤr ein Grauen vor mir haben, daß ſie alle dieſe Gefahr laufen mag! Wie ernſtlich und von ganzem Herzen muß ſie mich wegen meiner Freyheiten, die ich mir in vergan - gener Nacht herausgenommen habe, verabſcheuen! O daß ſie zu einem ſo heftigen Unwillen mehr Urſache moͤchte gehabt haben! Was ihre Tugend betrifft: ſo bin ich viel zu ſehr erbittert, daß ich ihr den Vorzug einraͤumen ſollte, den dieſe ver - dienet. Der Tugend kann es nicht zuzuſchreiben ſeyn, daß ſie aus ſo vortheilhaften Umſtaͤnden, die ſie vor Augen zu erwarten ſahe, entlaufen ſollte. Es kann ſonſt von nichts herkommen, als von Bosheit, Haß, Verachtung, Harlowerſtolz, dem aͤrgſten unter allen, und allen denen ſchreck - lichen Leidenſchaften, die jemals eine weibliche Bruſt beherrſchet haben Und wenn ich ſie nur wiederbekommen kann Doch ſeyd ſtille, ſeyd ruhig, ſeyd gelaſſen, meine ſtuͤrmiſche Leidenſchaf - ten: denn es iſt nicht Clariſſa, Harlowe muß ich ſagen! gegen welche ich ſo raſe!

Der Kerl hoͤrte ſie ſagen: Jagt ſcharf zu! recht ſcharf! Wohin Madame? An den Holborner Schlagbaum, antwortete ſie, und ſagte noch einmal: Jaget recht ſcharf zu! Hier - auf126 auf zog ſie die beyden Fenſter in die Hoͤhe, und er verlohr die Kutſche in einer Minute aus dem Geſichte.

So bald Wilhelm dieſe Nachricht hatte, eilte er fort, in Hoffnung ſie auszuſpuͤren, und erklaͤrte ſich, daß er niemals denken wollte mir vor Augen zu kommen, bis er einige Zeitung von ſeiner Fraͤulein gehoͤret haͤtte.

Nun, Bruder, beruhet alle meine Hoffnung darauf, daß dieſer liſtige Kerl, der auf unſerer Spatzierfarth nach Hampſtead, Highgate, Muz - zlehill, Kentſch-Town, bey uns geweſen, an einem oder dem andern von dieſen Oertern Nachricht von ihr einziehen wird. Jch baue hierauf um ſo viel mehr, weil ich mich beſinne, daß ſie ſich einmal, nachdem wir wieder zuruͤck gekommen waren, ſehr genau nach den Stationen und ih - ren Preiſen erkundigte, da ſie die Bequemlichkeit der Reiſenden alle Stunden fortzukommen ruͤh - mete, und dieß in Wilhelms Gegenwart, der da - mals die Aufwartung hatte. Wehe dem Buben, wo er ſich daran nicht erinnert.

Jch bin in ihrem Zimmer herumgegangen. Bald bin ich in Gedanken geweſen, bald habe ich alles, was ſie nur zu beruͤhren oder zu gebrau - chen pflegte, in die Haͤnde genommen. Den Spiegel, wovor ſie ſich anzukleiden gewohnt war, haͤtte ich bald zerſchmiſſen: weil er mir das Bild, welches er zuruͤckzuwerfen pflegte, das Bild vonder -127berjenigen Perſon, deren Vorſtellung beſtaͤndig in mir gegenwaͤrtig iſt, nicht zeigte. Jch rufe nach ihr, bald in den zaͤrtlichſten, bald in den haͤrteſten und verweiſenden Ausdruͤckungen, nicht anders, als wenn ſie mich hoͤren koͤnnte. Da ſie mir fehlet, fehlet mir meine eigne Seele, wenig - ſtens alles, was derſelben theuer und werth iſt. O wie viel mangelt meinem Herzen, wovon nur die leeren Stellen itzo in demſelben uͤbrig ſind! Was fuͤhle ich fuͤr eine Erſtarrung in meinem Blute, nicht anders, als wenn es in ſeinem Umlaufe ſtocken muͤßte! Jch fliege aus ihrem Zimmer in meines, in den Speiſeſaal, und in und aus von einem jeden Orte, wo ich meine in - nigſt Geliebte ſonſt geſehen habe. An keinem kann ich eine bleibende Staͤtte haben: da ihr liebliches Bild in einer gewiſſen lebendigen Stellung nach den verſchiednen Unterredungen, die mir einfal - len, mich an einem jeden grauſam uͤberfaͤllt.

Als ich aber in meiner erſten Hitze, wie ich zu Hauſe gekommen war, ein paar Treppen hin - aufſtieg, mit dem Vorſatze, die eingeſchloſſene Dor - cas zu ſehen, und das umſonſt verbrannte Fen - ſtergeſimſe ins Geſicht bekam, und mich meiner zu Spott gewordenen, durch meine eigne Thorheit zu Spott gewordenen Anſchlaͤge erinnerte: ſo dach - te ich, ich muͤßte voͤllig raſend werden. Jch lief herunter, als einer, der vor einem Geſpenſte er - ſchrocken iſt, und haͤtte faſt vor Beklemmung heu - len moͤgen. Kopf und Schlaͤfe ſchuͤtterten mir mit einer Heftigkeit, die ich niemals gefuͤhlt hatte,und128und mein Ruͤcken that mir ſo wehe, als wenn die Wirbelknochen aus einander geriſſen und in Stuͤcken zerfallen waͤren.

Allein itzo, da ich der alten Mutter Erzaͤh - lung gehoͤrt und die gleichſam in einer Daͤmme - rung hervorbrechende Hoffnung, welche mir die Nachricht des Saͤnftentraͤgers machet, uͤberlegt habe: ſo bin ich um ein großes erleichtert, und kann geruhiger meine Betrachtungen anſtellen. Von ganzem Herzen wuͤnſche ich alle vier oder fuͤnf Minuten, daß Wilhelm gluͤcklich ſeyn moͤge. Wofern ich ſie verliere: ſo wird alle meine Raſe - rey mit gedoppelter Wuth wiederkommen. Die Schande, von einem Lehrling[e], von einem Kinde, in Kunſtgriffen und Raͤnken beruͤckt zu ſeyn, und die Heftigkeit meiner Liebe zu ihr werden mir ent - weder das Herz abſtoßen, oder das Gehirn ver - ruͤcken, wodurch noch manches Herz bey unertraͤg - lichen Uebeln erhalten wird. Was hatte ich noͤ - thig, nach einem Trauſcheine zu laufen, bis ich ſie vorher wenigſtens wieder geſehen, und alles bey ihr gut gemacht hatte? Gewiß, waͤre es nicht ein Vorrecht der Hauptperſonen im Spiele, alle ihre Fehler auf ihre Unterhaͤndler zu ſchieben und niemals ſich ſelbſt ſchuldig zu erkennen: ſo wuͤr - de ich im Stande ſeyn zu erwaͤgen, daß ich mehr Schuld habe, als ſonſt jemand. Und da dieſe Betrachtung ihren Stachel wider mich ſchaͤrfen wird, wo ich die Fraͤulein nicht wiederbekom - me: wie werde ich vermoͤgend ſeyn, ſie zu er - tragen?

Wenn129

Wenn jemals

Note:

Hier legt Herr Lovelace ſich einen Fluch auf, der allzu anſtoͤßig iſt, daß man ihn wiederholen ſollte, wo er ſich nicht an der Fraͤulein raͤchen wolle, wenn er ſie noch einmal in die Haͤnde be - kommen wuͤrde.

Eben itzo habe ich die ſchnaubende Kroͤte Dorcas wieder weggehen laſſen, welche von der alten Mutter mit Thraͤnen zu mir gebracht wur - de, daß ich ihr verzeihen moͤchte. Jch habe ihr auf eine verneinende und unwillige Art verge - ben. Jch will aber auch bey Gelegenheit eben ſo heftig auf die beyden Nymphen wegen der Folgen meiner eignen Thorheit fluchen. Dieß wird ein gutes Mittel ſeyn, ihnen zuvorzukom - men, daß ſie ſich nicht uͤber mich luſtig machen, weil ich eine ſo herrliche Gelegenheit, als ich die verwichne Nacht oder vielmehr dieſen Morgen gehabt, aus den Haͤnden gelaſſen habe.

Jch habe aus den Nachrichten von dem Chai - ſetraͤger und aus dem, was Dorcas von der Flucht dieſer Grauſamen bemerket hat, eine Be - ſchreibung von ihrem Anzuge herausgebracht. Wo ich ſonſt nichts von ihr erfahren kann, bin ich willens, ſie als ein verlaufen Weib ſowohl mit ihrem Geburts-als angenommenen Namen in die Zeitungen ſetzen zu laſſen. Denn ihre Entlau - fung wird gar bald von allen Freunden in Er -Fuͤnfter Theil. Jfah -130fahrung gebracht werden; warum ſollten den meine Freunde keine Nachricht davon bekom - men, von deren Nachfrage und Kundſchaft ich einige Zeitungen von ihr erwarten kann?

Sie hatte einen braunen glanzſeidnen Schlaf - rock an, der ſauber und als neu ausſahe, wie wegen einer ihr natuͤrlichen Nettigkeit ein jedes Ding thut, das ſie traͤgt, es mag neu oder nicht neu ſeyn, einen Bieberhut, einen ſchwarzen Band um den Hals und blaue Knoͤpfchen vor der Bruſt; einen geſtickten Rock von fleiſchfar - bichtem Atlaß; einen Ring mit einem Rubin an ihren Fingern. Jn ihrer ganzen Perſon und und in ihrem Anſtande herrſchet, wie ich es aus - druͤcken werde, ſo wohl ein erhabnes Weſen als eine Schoͤnheit, die alle und jede, welche ſie ſehen, noͤthiget, mehr als einmal ihre Aufmerk. ſamkeit auf ſie zu richten.

Auf die Beſchreibung ihrer Perſon will ich ein wenig mehr Fleiß wenden. Mein Gemuͤth muß ſich vorher noch mehr ſelbſt gelaſſen ſeyn, ehe ich das unternehmen kann. Jch will zu - gleich drohen, daß, wenn nach Verlauf einer ge - ſetzten Zeit, zu ihrer freywilligen Ruͤckkehr, keine Nachrichten einlaufen, ich alle und jede, die ſich unterſtehen, ſie zu hegen zu beherbergen, aufzu - hetzen oder wider mich zu reizen, mit aller der Rache verfolgen will, die ein beleidigter Cavallier und Ehemann durch die Geſetze oder ſonſt zu nehmen bemaͤchtiget ſeyn mag.

Wieder131

Wieder eine neue Urſache, mich noch mehr zu beſchweren! Haͤtte ich nicht einen ſolchen Schreibegeiſt: ſo wuͤrde ich beſtaͤndig als unſin - nig herumlauſen.

Da ich noch einmal in ihre Kammer ging, weil es ihre war, und mit Seufzen das Bette und alles und jedes, was von Aufputz und Ge - raͤthe darinnen iſt, uͤberſahe: ſo warf ich mein Auge auf die Schiebladen an ihrem Nachttiſche, und ſahe in einer von den halbausgezogenen Laͤdchen die Ecke von einem Briefe, wie ich befand, eben hervor - ragen. Jch riß ihn heraus und fand von ihr die Auſſchrift: Herrn Lovelace. Der Anblick hievon machte mir ein Herzklopfen und ich zit - terte dergeſtalt, daß ich kaum das Siegel oͤffnen konnte.

Wie wenig maͤnnliches laͤßt mir dieſe ver - dammte Liebe! Aber auch kein Menſch hat jemals ſo geliebet, als ich liebe! Meine Liebe iſt ſo gar durch ihre ſchaͤndliche Flucht und den Be - trug in meiner Hoffnung vermehret. Undank - bare Seele, die von einer ſo bruͤnſtigen Liebe ent - laͤuft! von einer Liebe, die wie der Palmbaum, ſich deſto mehr erhebet, je mehr ſie unterdruͤcket und verachtet wird!

Jch will dir von dieſem Briefe keine Ab - ſchrift geben. Jch bin ihr nicht ſo vielen Dienſt ſchuldig.

J 2Allein132

Allein dachteſt du wohl, daß dieſe trotzige Seele, die ihr Verſprechen ohne Bedenken ge - brochen hat, ſich entſchließen koͤnnte, wie ſie doch wirklich thut, mir wegen desjenigen, was ver - wichne Nacht geſchehen iſt, ſchlechterdings und auf ewig zu entſagen? Daß ſie ſich entſchließen koͤnnte, alle ihre vor Augen ſchwebende Hoffnung zur Ausſoͤhnung fahren zu laſſen? Zu der Aus - ſoͤhnung mit einer nichtswuͤrdigen Familie, die ihr allein ſo nahe am Herzen gelegen hatte? Gleichwohl thut ſie es. Sie ſpricht mich von aller Verbindlichkeit gegen ſie los und begiebt ſich ſelbſt voͤllig aller Rechte auf das, was ſie von mir zu er - warten haben koͤnnte. Und warum denn das? O daß ich ihr doch in der That wirklich Ur - ſache dazu gegeben haͤtte! Verdammte, verzwei - felte Bedenklichkeit, Jungfernſtolz, gezwungenes Weſen, graͤuliche Unwiſſenheit! Bey mei - ner Seele, Belford, ich habe dir alle Umſtaͤnde geſchrieben. Jch bin mehr durch ihr Widerſtre - ben als durch meine Dreiſtigkeit in Schuld gera - then. Es iſt mir unertraͤglich, wenn ich beden - ke, wie ſchlecht meine anſtaͤndige Auffuͤhrung be - zahlet iſt. Sie koͤnnte, ſie wuͤrde nicht ſo ſehr eine Harlowe in ihrem empfindlichen Unwillen geweſen ſeyn, wenn ich ihn wirklich, wie ich haͤtte thun ſollen, verdient haͤtte. Alles, was ſie be - fuͤrchtete, wuͤrde alsdenn vorbey geweſen ſeyn, und ihre eigne gute Einſicht, ja ſelbſt ihre Sittſamkeit wuͤrde ſie gelehret haben, ſich ſo gut, als moͤglich, darein zu ſchicken.

Aber133

Aber wenn ich ſie jemals wieder in meine Haͤnde bekomme: ſo ſoll ſie Raͤnke uͤber Raͤnke, ja ſo gar, wo ſie es nothwendig macht, und es iſt offenbar, daß ſonſt nichts helfen wird, ſelbſt Zwang von demjenigen zu erfahren haben, deſ - fen Furcht vor ihr groͤßer als ſeine Liebe gegen ſie geweſen iſt, und uͤber deſſen Sanſtmuth und Nachſehen ſie ſo treulos geſieget hat. Wohl ſagt der Poet:

Es iſt weit edler Art, ſo bald die Luſt ſich regt,
Auf ſeinen Raub beherzt, gleich Loͤwen, loszu -
gehen:
Als zahm, und wie ein Hund, der nur zu bet -
teln pflegt,
Auf einen ſchnoͤden Reſt aus freyer Gunſt zu
ſehen.

Du weißt, was ich eben den Augenblick ge - lobet habe. Und dennoch, o grauſame und eben ſo undankbare als grauſame Seele! dennoch kann ich bisweilen nur mit allzuvielem Grunde der Wahrheit dieſe Zeilen eines andern Dichters auf mich deuten:

Sie herrſchet itzo mehr, als jemals, uͤber mich,
Haͤlt meine Bruſt beſetzt und waffnet ſelbſt fuͤr
ſich
Mein widerſpenſtig Herz, mit tauſend Lieblich -
keiten,
Zehn tauſend Reizungen und neuen Selten -
heiten.
J 3Der134

Der eilfte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Es iſt mir ein Brief zu Haͤnden gekommen, den mir Wilſon ſelbſt gegeben hat

Solch ein Brief!

Ein Brief von der Fraͤulein Howe an ihre grauſame Freundinn

Jch machte mir kein Bedenken, ihn zu er - brechen.

Es iſt ein großes Wunder, daß ich nicht in Ohnmacht gefallen bin, als ihn las, und gedachte, was die Folgen davon geweſen ſeyn wuͤrden, wenn er dieſer Clariſſa Harlowe, mein gerechter Un - muth mag meine Unehrerbietigkeit entſchuldigen, zu Haͤnden gekommen waͤre.

Collins hat ihn dieſen Nachmittag, ob es gleich ſein Tag nicht geweſen iſt, in Wilſons Haus gebracht, und dabey ausdruͤcklich verlanget, daß er ohne allen Verzug zu der Fraͤulein Beaumont gebracht, und wenn es moͤglich waͤre, ihr ſelbſt in die Haͤnde gegeben wuͤrde. Er war vorher ſchon hier, in Frau Sinclairs Hauſe, geweſen, in Meynung ihn ihr ſelbſt zuzuſtellen. Allein man hatte ihm geſagt, nur allzu wahr geſagt! daß ſie weggegangen waͤre, man wollte aber alles, was er fuͤr ſie da laſſen wuͤrde, ihr den Augen -blick,135blick, wenn ſie wiederkaͤme, uͤberliefern. Den - noch hat er ihnen ſein Gewerbe nicht anvertrauen wollen, ſondern iſt nach Wilſons Hauſe gegan - gen, wie ich aus der Beſchreibung von ihm an beyden Orten befinde; und da hat er den Brief gelaſſen: jedoch nicht eher als bis er zum andern mal nach ihr gefraget und ſie noch nicht zu Hauſe gefunden hatte.

Der Brief, den ich einſchließen will, weil er zum Abſchreiben zu lang iſt, wird dir die Ur - ſache ſelbſt zeigen, warum er hierher gekommen iſt.

O die teufliſche Fraͤulein Howe! Man muß etwas beſchließen und mit der kleinen Furie vornehmen.

Du wirſt dieſen verfluchten Brief durch und durch am Rande mit kleinen Sternchen bemahlt ſehen. Jch habe ſie hingeſetzt, diejenigen Stel - len zu bezeichnen, welche mir ein Geluͤbde mich zu raͤchen abgedrungen haben, oder Aufmerkſam - keit verdienen. Schicke du mir ihn den Augen - blick wieder, wenn du ihn geleſen haſt.

Lies ihn hier und huͤte dich, wo du kannſt, meinetwegen zu zittern.

An Fraͤulein Laͤtitiaͤ Beaumont, Meine wertheſte Freundin.

Sie werden vielleicht denken, daß ich zu lan - ge ein Stillſchweigen beobachtet habe. AlleinJ 4ich136ich habe ſeit meinem letzten ſchon zweene Briefe zu verſchiednen Zeiten angefangen und jedes mal ein gut Theil fortgeſchrieben. Jch verſichere, es war Feuer genug darinn: weil ich gegen den* ſcheuslichen Kerl, mit dem ſie leben muͤſſen, er - hitzt war; ſonderlich da ich Jhr Schreiben vom 21ten vorigen Monats geleſen hatte(*)Siehe den XXVI. Brief des IV. Th..

*Den erſten war ich willens ſo lange offen zu laſſen, bis ich Jhnen einige Nachricht von mei - nem Fortgange in dem Vorſchlage mit Fr. Town - ſend geben koͤnnte. Es war einige Tage vorher, ehe ich ſie zu ſprechen bekam. Da mir dieſer Zwiſchenraum Zeit gab, wieder nachzuſehen, was ich geſchrieben hatte: ſo fand ich fuͤr gut, ihn bey -* ſeite zu legen und ein klein wenig gelinder zu ſchreiben; denn ich weiß, ſie wuͤrden mir die Frey - heit in einigen von meinen Ausdruͤckungen, oder* Fluͤchen, wenn ihnen der Name beſſer ſcheinet, verwieſen haben. Als ich mit dem andern ſchon ziemlich weit gekommen war: ſo aͤnderten ſich ihre Umſtaͤnde; da er ihnen den Brief der Fraͤu - lein Montague zu leſen gab und ſich beſſer gegen ſie auffuͤhrte. Weil dieſe Veraͤnderung auch ih - re Geſinnung aͤnderte: ſo ließ ich denſelben gleich - falls liegen. Jn ſolcher Ungewißheit dachte ich zu warten und vorher den Ausgang der Sachen zwiſchen ihnen zu ſehen, ehe ich wieder ſchriebe: weil ich glaubte, daß alles bald zu einem oder dem andern Ende ausſchlagen wuͤrde.

Jch137

Jch waͤre vielleicht noch bey dieſer Entſchlieſ - ſung geblieben; da nach ihren Briefen alle An - zeigen immer mehr und mehr Hoffnung machten: wenn ich nicht in den beyden verwichnen Tagen eine Nachricht bekommen haͤtte, woran ihnen al - les gelegen iſt.

Allein ich muß hier einhalten und ein wenig* herumgehen, zu verſuchen, ob ich den gerechten Unwillen daͤmpfen kann, der mir die Feder fuͤh - ren will, wenn ich im Begriffe bin, ihnen das zu erzaͤhlen, was ich ihnen nicht vorenthalten darf.

Jch habe nicht Gewalt genug uͤber mich Noch dazu ſtoͤrt mich meine Mutter Sie geht beſtaͤndig auf und nieder und bewacht mich, als wenn ich an einen liederlichen Kerl ſchriebe Jch will inzwiſchen verſuchen, ob ich mich ſelbſt* in leidlichen Schranken halten kann

Die Weibsleute in dem Hauſe, wo ſie ſind o meine Werthe die Weibsleute in dem Hauſe Jedoch ſie haben niemals ſonderlich von ihnen gedacht So darf die Verwunde - rung nicht ſo groß ſeyn Sie wuͤrden auch* wohl nicht ſo lange bey ihnen geblieben ſeyn: wenn nicht die Vorſtellung, ein eignes Haus zu beziehen, gemacht haͤtte, daß ſie weniger unruhig geweſen, und ſich weniger um ihre Lebensart und Auffuͤhrung bekuͤmmert haben. Dennoch moͤch -* te ich itzo wuͤnſchen, daß ſie nicht ſo fremd mitJ 5ihnen138ihnen gethan haͤtten Allein ich quaͤle ſie * Kurz, meine allerliebſte Freundinn, ſie ſind gewiß in einem teufliſchen Hauſe Das Weib iſt ei - nes von den liederlichſten Sie kennen ſie nicht bey ihrem rechten Namen Das iſt ſicher Jhr Name iſt nicht Sinclair Die Gaſſe, wo ſie wohnt, heißt auch nicht Dover-ſtreet Sind ſie niemals allein von Hauſe geweſen, und haben die Kutſche oder die Saͤnſte wieder weggeſchickt und ſind mit einer andern zuruͤckgekommen? *Waͤre das geſchehen; ich beſinne mich aber nicht, daß ſie mir jemals davon geſchrieben: ſo wuͤr - den ſie nimmermehr den Weg wieder zu dem ſchaͤndlichen Hauſe geſunden haben, weder bey des Weibes Namen, Sinclair, noch bey dem Namen der Gaſſe, ſo wie ihn der Doleman in ſeinem Briefe von den vorgeſchlagenen Wohnun - gen angiebt(*)Siehe den III. Th. S. 297..

Der Kerl haͤtte in der That dieſe falſche Nachrichten mit einiger Entſchuldigung ausgeben moͤgen: wenn das Haus ehrlich geweſen waͤre und er bloß die Abſicht dabey gehabt haͤtte, al - lem Ungluͤck von ihrem Bruder vorzubauen Aber dieſer Streich iſt, wie ich denke, noch eher geſpielet, als ihr Bruder ſeine Anſchlaͤge geſchmie - det hat. Auf die Art laſſen ſich ſeine damali - gen Abſichten gar nicht entſchuldigen Er mag nunmehr geſonnen ſeyn, wie er will: da - mals, eben damals, iſt er gewiß ein Betrieger* in ſeinem Herzen geweſen.

Jch139

Jch bin ausnehmend unruhig, daß ich mich* wegen ihrer allzu großen Bedenklichkeit an der einen, und meiner Mutter ſtrengen Befehl an der andern Seite, habe zufrieden ſprechen laſſen, ohne zu wiſſen, wie ich meine Briefe gerade an ſie ſelbſt zu ihrer Wohnung ablaſſen koͤnnte. Jch denke ſo gar, daß der Vorſchlag, mich zu einer Kundſchaft durch die dritte Hand zu verweiſen, oder vielmehr in eine Unwiſſenheit aus der er - ſten Hand einzuhuͤllen, von ihm kam und ſie ihn bloß, eben(*)Siehe Th. III. S. 407 und 418, wo der Leſer be - merken wird, daß der Vorſchlag von ihr ſelbſt kam, welches ſie vermuchlich vergeſſen haben muß. Herr Lovelace gedachte deſſelben auch: wie man aus der Fraͤulein Harlowe Briefe S. 458 ſehen kann. Clariſſa hatte alſo einen gedoppelten Be - wegungsgrund, mit der vorgeſchlagenen Art, den Briefwechſel zwiſchen Fraͤulein Howe und ihr durch Wilſons Hand und unter dem Namen Laͤti - tia Beaumont anzuſtellen, zufrieden zu ſeyn. wie ich, nur genehm hiel - ten, aus einem unnoͤthigen und geringen Beden - ken damit ich der Wahrheit gemaͤß ſagen koͤnnte, wenn man mich ausforſchen wollte, daß ich nicht wuͤßte, wo man zu ihnen zu ſchicken haͤt - te Jch ſchaͤme mich vor mir ſelbſt Waͤ - re dieß auch anfangs zu entſchuldigen geweſen: ſo hat es doch nachher kein guter Grund ſeyn koͤnnen, in der Thorheit fortzugehen; nachdem ihnen das Haus nicht gefiel, und er anfing, ſie*mit140mit Raͤuken und Auſſchub von einer Zeit zur an - dern herumzuſuͤhren Wie! trauete ich mir ſelbſt nicht? Ließ ich andere von mir denken,* daß ich nicht ſchweigen koͤnnte? Allein das Haus, das von einer Zeit zur andern bezogen werden ſollte, hat uns beyde wie Schaafe, wie* zahme Schaafe in eine Falle gebracht So wahr ich lebe, meine liebe Freundinn, der Kerl iſt* ein ehrenloſer ein veraͤchtlicher Betrieger Jch muß es frey herausſagen. Wie hat er wohl uͤber uns beyde ins Faͤuſtchen gelacht! dafuͤr will ich Buͤrge ſeyn: ob ich gleich nicht ſagen kann, wie lange er ſo geſinnt geweſen.

Wer haͤtte aber wohl denken ſollen, daß ein Mann von guten Umſtaͤnden und auch noch von ziemlich gutem Rufe; ich meyne den Dole -* man, gewiß nicht ihren ſchlechten Kerl; der zwar vorher in der That liederlich geweſen ich habe mich nach ihm erkundiget vor langer Zeit und ſo habe ich deſto eher die verlangte Nachricht bekommen aber der doch hernach an ein Frauenzimmer von gutem Herkommen verheyrathet worden der einen Anfall vom Schlage gehabt und wie man* denken ſollte, ſich bekehret hat ein ſolches Haus Gewiß, meine Wertheſte, wenn er ſich nur im geringſten darnach erkundigt hat, ſo hat er fin - den muͤſſen, daß es ein boͤſes Haus iſt einem ſolchen Manne, als Lovelace iſt, vorſchlagen ſoll - te, daß er ſeine Verlobte, ja, wie man damals dachte, gar ſeine Vertrauete dahin braͤchte?

Jch141

Jch ſchreibe vielleicht allzu heftig, um nicht* dunkel zu ſeyn. Aber ich kann mir nicht helfen. Jndeſſen lege ich doch alle zehn Minuten die Fe - der weg und nehme ſie hernach wieder: weil ich gern etwas gelinder ſchreiben will Dazu laͤuft meine Mutter bey mir ein und aus Sie fragt mich, was ich noͤthig habe, mich zu verſchließen, wenn ich bloß die vordem gewechſel - ten Briefe leſe? Denn das iſt der Vorwand, den ich brauche, wenn ſie hereinkommt und mit ihrem von einer mehr qaͤulenden als vergnuͤgen - den Neubegierde ſcharfgeſchliffenen Geſichte, wie ich ſagen mag, alles durchſuchet. Gott ver - gebe es mir: aber ich glaube, ich werde ſie das erſte mal, das ſie wieder kommt, hart anfahren.

Vergeben ſie mir auch, meine Allerliebſte. Meine Mutter muß es wohl thun, weil ſie ſagt, daß ich meines Vaters Tochter bin, und ich ge - wiß weiß, daß ich ihre bin. Jch weiß nicht, was* ich thun ſoll. Jch weiß nicht, was ich zuerſt ſchreiben ſoll. Jch habe ſo viel zu ſchreiben und doch ſo wenig Geduld und ſo wenig Zeit und Ru - he dazu.

Aber ich will Jhnen ſchreiben, wie ich zu mei - ner Kundſchaft gekommen bin.

Da dieß eine geſchehene Begebenheit iſt* und deſto weniger Auſmerkſamkeit erfordert: ſowill142will ich verſuchen, Jhnen davon Rechenſchaft zu geben.

Jch bin denn auf folgende Art darhinter ge - kommen Fraͤulein Lardner, die Sie bey ihrer Baſe Biddulph geſehen haben, ward Jhrer am Sonntage vor vierzehn Tagen in der Jacobs - kirche gewahr. Sie hielte ihre Augen die ganze Zeit herdurch auf Sie gerichtet: aber konnte Jhnen nicht ein einziges mal ins Geſicht fallen; ob ſie ſich gleich zweymal vor Jhnen neigte. Sie gedachte, Jhnen nach Endigung des Gottesdienſtes muͤndlich ihr Compliment zu machen: denn ſie zweifelte gar nicht, daß ſie ver - heyrathet ſeyn wuͤrden und zwar aus einer wunderlichen Urſache weil Sie allein in* die Kirche gekommen waren Ein jedes Auge, ſagte ſie, war, wie gewoͤhnlich, auf Sie, meine Freundinn, gerichtet. Weil ſie dieß eil - fertig zu machen ſchien und Sie der Thuͤre naͤ - her waren, als die Fraͤulein Lardner: ſo ent - wiſchten Sie eher, als ſie zu Jhnen kommen konnte. Allein ſie befahl ihrem Bedienten, Jhnen bis ans Haus zu folgen. Dieſer Die - ner ſahe Sie in eine Saͤnfte ſteigen, welche Jh - rer wartete: und Sie befahlen den Traͤgern, Sie wieder an den Ort zu bringen, wo Sie von ihnen vorher abgehohlet waͤren.

Den Tag darauf ſandte die Fraͤulein Lardner eben den Bedienten, aus bloßer Neubegierde, ſich ins geheim zu erkundigen, ob Herr Lovelace bey Jhnen waͤre, oder nicht. Durch dieſe Nach -143 Nachfrage kam es von verſchiednen Leuten her -* aus, daß das Haus im Verdacht waͤre, eines von denen artigen boͤſen Haͤufern zu ſeyn, wor - inn allerhand manierliche Perſonen von beyder - ley Geſchlecht ihren Aufenthalt und Bequem - lichkeit faͤnden.

Ueber dieſe wunderliche Nachricht ward die Fraͤulein Lardner beſtuͤrzt und ließ weiter nach - fragen. Zugleich aber ſchaͤrſte ſie ſo wohl dem Bedienten, den ſie geſchickt hatte, als dem Ca - vallier, den ſie dabey gebrauchte, Verſchwie - genheit ein. Dem letztern ward eben die Nach - richt von einem liederlichen Freunde beſtaͤtiget,* der das Haus kannte und ihm erzaͤhlte, es waͤ - ren eigentlich zwey Haͤuſer; in dem einen wuͤr - de aller aͤußerlicher Wohlſtand beobachtet und ſelten Gaͤſte angenommen; das andre waͤre ein Wohnplatz fuͤr ſolche Perſonen, die gaͤnzlich ge - fangen und unter das ſchaͤndliche Joch gebracht waͤren.

Sagen Sie, meine liebe Freundinn, ſagen* ſie, ſoll ich den ſchlechten Kerl nicht verfluchen? Doch Worte vermoͤgen wenig. Was kann ich ſagen, das meinen Abſcheu vor einem ſolchen Boͤſewicht genugſam ausdruͤcken wird? vor ei - nem ſolchen Boͤſewicht, als er geweſen ſeyn muß, da er auf die Gedanken gerathen iſt, eine Clariſ - ſa Harlowe an einen ſolchen Ort zu bringen.

Die Fraͤulein Lardner behielte dieß einige Tage bey ſich: weil ſie nicht wußte, was ſie da - bey thun ſollte. Denn ſie hat viele Liebe zu Jhnen144 Jhnen und bewundert Sie allein unter allen Frauenzimmern. Zuletzt entdeckte ſie es aber nur im Vertrauen, der Fraͤulein Biddulph ſchriſtlich. Die Fraͤulein Biddulph beſorgte, es moͤchte mich beunruhigen, wenn ich es er - fuͤhre, und offenbarte es ebenfalls nur im Ver - trauen der Fraͤulein Bloyd. Und ſo gieng es als eine aͤrgerliche Sache, die man ſich nur ins Ohr ſagte, durch verſchiedne Haͤnde, und kam alsdenn erſt an mich. Dieß geſchahe nicht eher als verwichnen Montag.

Jch dachte, ich haͤtte uͤber eine ſo erſtaunli - che Nachricht in Ohnmacht ſinken ſollen. Aber* die Wuth nahm bey mir uͤberhand und vertrieb die ploͤtzliche Uebelkeit. Jch erſuchte die Fraͤu - lein Lloyd, einer jeden Perſon von ihrer Seite wiederum die Verſchwiegenheit zu empfehlen. Jch geſtand ihr, ich wollte um aller Welt nicht, daß es meine Mutter oder jemand von Jhren* Angehoͤrigen erfuͤhre. Und von Stunde an trug ich einem zuverlaͤßigen Freunde auf, nach Tom - linſon ſich ſo viel, als nur immer moͤglich waͤre, zu erkundigen.

*Jch war ſchon vorher willens geweſen, es zu thun. Weil ich mir aber einbildete, es wuͤrde unnoͤthig ſeyn; und mir nicht einmal in den Sinn kommen ließ, daß Sie in einem ſolchen Hauſe ſeyn koͤnnten; Sie auch ſelbſt mit Jhren veraͤnderten Umſtaͤnden von guter Hoffnung zu - frieden waren: ſo ſtand ich davon ab. Das* that ich um ſo viel eher: da die Sache ſo getrie -ben145ben wird, daß Frau Hodges vermuthlich nichts von der eingefaͤdelten Unterhandlung zum Ver - gleich wiſſen kann, ſondern im Gegentheil die Ab - ſicht iſt, ſie vor ihr und allen andern, außer den Parteyen ſelbſt, geheim zu halten, und es doch eben die Frau Hodges war, welche ich durch die andre Hand auszuforſchen gedachte.

Nun iſt ſo viel gewiß, meine werthe Freun -* dinn, ohne daß man ſich deswegen an dieſe allzu ſehr beguͤnſtigte Haushofmeiſterinn zu wenden gehabt hat, auf zehn Meilen um Jhren Onkel herum iſt kein ſolcher Mann. Das iſt ganz ſicher. Ein gewiſſer Tomkins iſt da, ohnge - faͤhr vier Meilen davon: aber das iſt nur ein Tageloͤhner. Etwa fuͤnf Meilen weit auf einen andern Weg iſt auch ein gewiſſer Thompſon: allein der iſt ein Dorffchulmeiſter, arm, und ge - gen ſiebzig Jahr alt.

Ein Mann, der nur jaͤhrlich acht hundert* Pfund hat, kann ſich nimmermehr aus einer Grafſchaft in die andre zu wohnen begeben, ohne daß es in beyden alle Leute wiſſen und davon reden.

Jnzwiſchen kann man doch, wenn ſie es ha - ben wollen, die Frau Hodges von weiten aus -* fragen laſſen. Jhr Onkel iſt ein alter Mann. Alte Leute halten ſich ihren Geliebten, wofern die - ſe juͤnger, als ſie ſelbſt, ſind, verpflichtet, und ver - heelen ihnen ſelten etwas. Wenn wir aber auch ſetzen, daß er aus der vorgenommenen Unter -* handlung ein Geheimniß macht: ſo iſt es gleich - wohl unmoͤglich, daß ſie ihn nicht vorher, ehe anFuͤnfter Theil. Kdie146die Unterhandlung gedacht iſt, geſehen, oder we - nigſtens Jhren Onkel von einem Manne, der fuͤr einen ſo vertrauten Freund von ihm ausgegeben wird, mit Ruhm ſprechen gehoͤrt haben ſollte; er mag auch noch ſo kurze Zeit in dieſen Gegen - den geweſen ſeyn.

*Bey dem allen, deucht mich, iſt die Hiſtorie ſo wahrſcheinlich. Tomlinſon iſt, nach Jhrer Beſchreibung, ein braver Mann und hat ſo viel von einem rechtſchaffenen Cavallier. Die Ab - ſicht, welche durch ihn, wenn er ein Betrieger ſeyn moͤchte, erhalten werden ſollte, iſt ſo ſehr* unnoͤthig: wofern Lovelace ehrenloſe Streiche im Kopfe hat; ſonderlich da Sie in einem ſolchen* Hauſe ſind Jhres liederlichen Kerls Auffuͤh - rung gegen ihn war ſo unbeſcheiden und herriſch: Tomlinſons Antwort hingegen ſo witzig und um - ſtaͤndlich. Hierzu kommt, was er Jhnen von* dem Antrage des Herrn Hickmanns an Jhren Onkel und der Frau Norton an Jhre Mutter meldete, wovon einige beſondre Umſtaͤnde ſo be - ſchaffen ſind, daß, wie ich verſichert bin, der nie - dertraͤchtige Unterhaͤndler, Joſeph Lehmann, ſie* ſeinen noch niedertraͤchtigern Anfuͤhrer nicht entde - cken koͤnnen. Jch bedenke ferner, wie er im Namen Jhres Onkels darauf beſtand, daß ein Tag zur Trauung feſtgeſetzet wuͤrde, wodurch keine hoͤſe Ab -* ſicht erhalten werden konnte. Jch bedenke, was er von Jhres Onkels Vorſchlag ſchreibt, jedermann in den Gedanken zu beſtaͤrken, daß Sie von der Zeit an, da Sie mit einander in einem Hauſegelebet,147gelebet, wirklich getrauet geweſen, und dieſe Zeit ſo zu beſtimmen, daß ſie mit Herrn Hickmanns Beſuche bey Jhrem Onkel zutraͤfe. Jch bedenke, wie er darauf dringet, daß eine zuverlaͤßige Per -* ſon, die der Onkel ernennen wuͤrde, bey der Trau - handlung gegenwaͤrtig ſey Alle dieſe Dinge machen mich geneigt zu verſuchen, ob ſich nicht alles wohl zuſammen reimen laſſe. Und dennoch ſetzet mich das, was an beyden Seiten der Frage vorkommt, in ſo große Verwirrung, daß ich den teufliſchen Kerl nothwendig verabſcheuen muß,* deſſen Erfindungen und durchtriebene Raͤnke ei - nem nachdenckenden Kopfe beſtaͤndig zu thun ma - chen, und ihm doch keine Mittel uͤbrig laſſen, auf eine voͤllige Entdeckung zu kommen.

Was ich aber muthmaßen moͤchte, iſt dieß, daß Tomlinſon, ſo einen guten Schein er auch hat, ein bloßes Triebwerk iſt, das Lovelace re - gieret und zu einer Abſicht brauchet, die bisher noch nicht erhalten iſt So viel iſt gewiß,* daß nicht allein Tomlinſon, ſondern auch Men - nel, der Sie, wie ich denke, mehr als einmal in dieſem ſchaͤndlichen Hauſe beſucht hat, wohl wiſſen muß, daß es ein ſchaͤndliches Haus iſt.

Was koͤnnen Sie denn ſonderliches davon denken, daß ſich Tomlinſon auf die geſchehene Nachfrage vortheilhaft fuͤr daſſelbe erklaͤret hat?

So gar Lovelace ſelbſt muß es wiſſen; und wo er es nicht vorher, ehe er Sie dahin gebracht, gewußt hat: ſo muß er es bald hernach erfah - ren haben.

K 2Viel -148

*Vielleicht giebt die Geſellſchaft, welche er da gefunden hat, den wahrſcheinlichſten Grund an die Hand, warum er das Haus leiden kann, und die Vollziehung der Heyrath ſo wunderlich von einer Zeit zur andern verſchoben hat, da es in ſeiner Gewalt geweſen iſt, einen ſolchen En - gel unter den Frauenzimmern zu ſeinem Eigen - thume zu machen.

*O meine wertheſte Freundinn, der Kerl iſt ein Betrieger! der groͤßte unter allen Betriegern, man mag ihn anſehn, von welcher Seite man will! Jch bin uͤberzeugt, er iſt es Und der Dole - man muß auch einer ſeyn, unter ſeinen Werk - zeugen.

*Aber darf ich wohl denken, ſo werden Sie mich mit Unwillen und Beſtuͤrzung fragen, daß Lovelace Abſichten wider Jhre Ehre haben kann?

*Daß er ſolche Abſichten gehabt hat, wo er ſie itzo nicht mehr hat, daran kann ich gar nicht zweifeln, da ich nunmehr weiß, daß das Haus, wohin er Sie gebracht hat, eine ſchaͤndliche Woh - nung iſt. Dieß iſt ein Leitfaden, der mich auf die Spur gebracht hat, ſeine ganze Auffuͤhrung gegen Sie, ſeit dem Sie in ſeinen Haͤnden gewe - ſen ſind, voͤllig zu erklaͤren.

Erlauben Sie mir, ein wenig auf alles zu - ruͤckzuſehen.

*Wir wiſſen beyde, daß Stolz, Rachbegierde und ein Vergnuͤgen ungebahnte Wege zu betre -ten,149ten, als hauptſaͤchliche Stuͤcke zu dem Character dieſes vollkommenen Freygeiſtes in der Lebensart gehoͤren.

Er haſſet Jhre ganze Familie, Sie allein aus -* genommen. Und ich habe in meinen Gedanken verſchiedne male bemerkt, wie es ihn gebiſſen und gekraͤnkt hat, daß die Liebe ihn verpflichtet, auf Jhrem Fußſchemel zu knien: bloß darum, weil* Sie eine Harlowe ſind. Dabey iſt dieſer elende Kerl doch noch einer von den wilden Maͤnnern in der Liebe Die Liebe, die ſonſt die unbaͤndigſten Gemuͤther zahm machet, iſt nicht vermoͤgend geweſen, ihn zu baͤndigen. Sein Stolz und die gute Meynung, welche ihm eini -* ge ſcheinbare Eigenſchaften unter ſo vielen haſſenswuͤrdigen zuwege gebracht, haben ihn* bey unſerm Geſchlechte, das nach dem Auge ur - theilet, wenig unterſcheidet, ſich ſelbſt ſchmeichelt und zu viel trauet, einer allzu guten Aufnahme verſichert, als daß er ſich auf Beſtaͤndigkeit, Ge - faͤlligſeyn, und Baͤndigung ſeiner unordentlichen Begierden im geringſten befleißigen ſollte.

Er hat einige Urſache, gegen alle Manns -* perſonen und ein Frauenzimmer von Jhrer Fa - milie erbittert zu ſeyn. Er hat Jhnen, und ſo gar allen ſeinen eignen Angehoͤrigen, jederzeit ge - wieſen, daß er ſeinen Stolz ſeinen Vortheilen* vorziehe. Er iſt ein offenbarer Feind vom Ehe - ſtande und ein beruͤchtigter Raͤnkeſchmieder. Er iſt voll von ſeinen Erfindungen und thut groß damit Er hat Sie noch niemals zu einerK 3Liebes -150Liebeserklaͤrung bringen koͤnnen. Er iſt nicht ein - mal, bis Jhre weiſen Angehoͤrigen Sie ſo, wie ſie gethan, verfolgt haben, vermoͤgend geweſen, Sie zu bewegen, daß Sie ſeinen Antrag unter* dem Namen eines Freyers annaͤhmen Er wußte aber, daß er Jhnen wegen ſeiner ungebun - denen Lebensart nach Jhrem eigenen Geſtaͤndniſſe nicht gefiele. Er konnte Sie daher mit Recht wegen Jhrer kaltſinnigen und gleichguͤltigen Auf - fuͤhrung gegen ihn nicht tadeln.

Jhre erſte Hauptabſicht bey dem Briefwech - ſel, worein er Sie verwickelte, war, Ungluͤck zu verhuͤten. Er haͤtte ſich alſo nicht wundern ſol - len, daß Sie ſich erklaͤren, dem ledigen Stande den Vorzug vor allen Eheverbindungen zu ge - ben. Er wußte, daß Sie dieſem allezeit den Vorzug gegeben hatten, und zwar noch vorher,* ehe er Sie mit ſo vielen Kunſtgriffen wegbrachte. Wie war hernach ſeine Auffuͤhrung gegen Sie beſchaffen, daß Sie Jhren Entſchluß auf einmal aͤndern ſollten?

So war ihre ganze Auffuͤhrung regelmaͤßig, uͤbereinſtimmend, und gehorſam gegen die, denen Sie von Geburt Gehorſam ſchuldig waren: und gegen ihn weder gezwungenſproͤde, buhleriſch, noch tyranniſch.

*Er hatte es genehm gehalten, ſich mit Jhnen unter den von Jhnen geſetzten Bedingungen ein - zulaſſen und Jhre Gewogenheit bloß von ſeinen eignen Verdienſten und kuͤnftiger Beſſerung zu erwarten.

Jn151

Jn der That ſahe ich, der Sie alles entdeck - ten, was Sie von Jhrem eignen Herzen wuß - ten, ob gleich nicht alles, was ich davon ausfin - dig machte, ganz offenbar, daß die Liebe ſich gar fruͤhe in demſelben eingeniſtelt hatte. Und dieß wuͤrden ſie ſelbſt eher entdeckt haben, als Sie wirklich gethan: wenn nicht ſeine verdaͤchtige,* ſeine unartige, ſeine rauhe Auffuͤhrung die Liebe unterhalten haͤtte.

Jch wußte aus der Erfahrung, daß die Liebe* ein Feuer iſt, womit ſich nicht ſpielen laͤßt, ohne die Finger zu verbrennen. Jch wußte, daß es fuͤr zwo ledige Perſonen von unterſchiedenem Ge - ſchlechte ein gefaͤhrlich Ding iſt, ſich mit einander in Vertraulichkeit und Briefwechſel einzulaſſen. Denn muß nicht, in Anſehung des letztern, eine Perſon, die im Stande iſt zu ſitzen und zu ſchrei - ben, und doch nicht von Herzen zu ſchreiben, zu vorſetzlichen Kunſtgriffen geſchickt ſeyn? Und wenn ein Frauenzimmer ihres Herzens Meynung an einen Mann von einigem Character ſchreibet: was giebt ſie ihm alsdenn fuͤr Vortheile uͤber ſich?

Da die Eitelkeit dieſes Menſchen ihm in den* Kopf geſetzet hatte, daß kein Frauenzimmer gegen die Liebe Stand halten koͤnnte, wenn ſein Antrag auf eine anſtaͤndige Art geſchaͤhe: ſo war es kein Wunder, daß er ſich, wie ein Loͤwe im Garn, ge - gen eine Neigung ſtraͤubete, die er nicht mit gl[ei -]cher Neigung, ſeinen Gedanken nach, verg[ol]ten ſahe Und wie konnten Sie anfang[en]einemK 4ſo152ſo wilden Gemuͤthe, und einem Menſchen, der Sie durch niedertraͤchtige Kuͤnſte beruͤckt und weggefuͤhret hatte, Gegenliebe zeigen, ohne dadurch dieſe Kuͤnſte zu billigen?

*Daher iſt es vielleicht nicht ſchwer zu glau - ben, daß es einem ſolchen ſchlechten Kerl, als er iſt, moͤglich geworden, ſeinen alten Vorurtheilen ge - gen den Eheſtand, und der Rachbegierde, die al - lezeit eine Hauptbegierde bey ihm geweſen war, freyen Lauf zu laſſen.

Dieß iſt meines Erachtens der einzige Weg, ſeine ſcheuslichen Abſichten zu erklaͤren, weswe - gen er ſie in ein ſchaͤndliches Haus gebracht hat.

*Und laͤßt ſich nun nicht alles uͤbrige natuͤrlich erklaͤren? Sein zoͤgern; ſeine quaͤlende Weit - laͤuftigkeiten; ſeine Bemuͤhung, wodurch er Sie dahin gebracht, ſich gefallen zu laſſen, daß er in eben dem Hauſe wohnete; ſein Vorgeben bey den Leuten in demſelben, als wenn Sie ſein Weib waͤren, zwar mit einiger Einſchraͤnkung, jedoch* ſonder Zweifel, da er der aͤrgſte Boͤſewicht iſt, in der Hoffnung, ſich den Vortheil uͤber Sie zu Nu - tze zu machen; ſein Einfall, Sie in der Geſellſchaft ſeiner ausſchweifenden Mitgeſellen zu bringen; der Verſuch, Jhnen die Jungfer Partington als eine Beyſchlaͤferinn aufzudringen, welcher nach aller Wahrſcheinlichkeit ſeine Erfindung zu der aͤrg - ſten Abſicht war; das Schrecken worinn er Sie zu verſchiednen malen geſetzet hat; ſein Zudrin - gen, Jhnen wider Jhren Willen Geſellſchaft zuleiſten,153leiſten, als Sie zur Kirche giengen, ohne Zweifel in der Abſicht, um zu verhuͤten, daß Sie nicht erfuͤhren, was es fuͤr Leute im Hauſe waͤren; die Vortheile, die er zu ſeinen Abſichten aus dem naͤrriſchen Anſchlage Jhres Bruders mit Sin - gleton gezogen hat.

Sehen Sie, meine allerliebſte Freundinn, wie natuͤrlich dieß alles aus der Entdeckung der Fraͤu - lein Lardner folget Sehen Sie, wie es nun herauskommt, daß das Ungeheuer, welches ich* fuͤr einen Narren hielte, und ſo oft mit dieſem Namen belegt habe, alle die Zeit herdurch einer* der groͤßten Betrieger von der Welt geweſen iſt!

Allein wenn dieß an dem iſt, duͤrfte ein Un - parteyiſcher fragen, was hat Sie denn bisher bewahret? Ruhmwuͤrdigſte Freundinn! was anders, nach der gemeinen Weiſe zu reden, als Jhre Wachſamkeit? Was anders, als dieſe, und Jhre majeſtaͤtiſche Tugend, das Erhabne in Jhrem Weſen, welches Jhnen angeboh - ren iſt, und bey ſo gefaͤhrlichen Umſtaͤnden, da Sie ohne Freunde, ganz verlaſſen, fuͤr ein Weib ausgegeben und in die Geſellfchaft von Leuten, die gewohnt ſind, unſchuldige Herzen zu beruͤcken und zu verderben, gezogen worden, Sie bisher in den Stand geſetzet hat, einen ſo gefaͤhrlichen Freydenker in ſeiner Auffuͤhrung, als er iſt, be - ſchaͤmt, furchtſam und verwirrt zu machen; ei - nen Menſchen, der, wie Sie an Jhm bemerket haben, durch ſo lange Gewohnheit alle Regungen des Gewiſſens unterdruͤcket hat, der ſo ſehr ver -K 5aͤnder -154aͤnderlich in ſeinen Neigungen, ſo reich an Er - findungen iſt, der ſo viele Helfershelfer, ſo vielen Ruͤckhalt, ſo viele Aufwiegler hat, als er wahr - ſcheinlicherweiſe gehabt hat? Das Erhabe - ne in Jhrem Weſen, welches Jhnen ange - bohren iſt, das Heroiſche, will ich es nennen, das ſich bey allen Gelegenheiten zu rechter Zeit* in ſeinem vollen Glanze gezeiget hat, ohne die rei - zende Gefaͤlligkeit und ſich herablaſſende Leutſee - ligkeit, die ſonſt allezeit jenes Erhabne in Jh - rem Weſen mildert, wenn Jhr Gemuͤth frey und ohne Furcht iſt!

*Erlauben Sie mir, daß ich hier ein wenig ſtille ſtehe, meine geliebteſte Freundinn zu bewun - dern und zu preiſen, die zum Ungluͤcke fuͤr ſich ſelbſt, in einem ſo zarten Alter, ohne Kenntniß der Welt und der niedertraͤchtigen Kuͤnſte liederlicher Leute, den haͤrteſten und heftigſten Verſuchungen von feindſeligen Verwandten an der einen, und einem ehrloſen Freyer an der andern Seite, ausgeſetzt, und doch im Stande geweſen iſt, ein ſo vortreff - liches Beyſpiel der Standhaftigkeit und Klugheit zu geben, als vor Jhr kein Frauenzimmer jemals gegeben hat; die ſich weit groͤßer im Ungluͤcke gezei - get hat, wie ich ſchon ehedem angemerket habe(*)Siehe Th. IV. S. 36., als ſie ſich aller Moͤglichkeit nach gezeigt haben koͤnnte, wenn alle ihre glaͤnzende Vorzuͤge ſich in* voͤlliger Kraft und Staͤrke bey dem fortdaurenden Laufe des Gluͤckes, daß ſie auf achtzehn Jahre un -ter155ter neunzehn von ihrem Leben begleitete, gewieſen haͤtten.

Aber nun, meine Allerliebſte, beſorge ich, daß* Sie in groͤßerer Gefahr ſind, als Sie jemals geweſen: wo ſie nicht in einer Woche getrauet werden und doch in dieſem ſcheuslichen Hauſe bleiben. Denn waͤren Sie nur da weg: ſo ge - ſtehe ich, ich wuͤrde mir Jhretwegen nicht viel Sorge machen.

Nachdem ich die Sache aufs reiflichſte uͤber - legt habe: ſo gehen meine Gedanken dahin. Er* iſt nunmehr uͤberzeugt, daß er nicht geſchickt ge - weſen, Jhre Wachſamkeit von Jhnen wegzu - ſchaffen. Wenn er alſo in dem Fortgange keine neue Vortheile uͤber Sie erhaͤlt: ſo iſt er entſchloſ - ſen, Jhnen alle die elende Gerechtigkeit wie - derfahren zu laſſen, die ein ſo elender Kerl, als er, thun kann. Er wird dazu um ſo viel mehr getrieben, da er ſieht, daß alle ſeine eigne Ver - wandten ſich Jhrer Sache ernſtlich angenom - men haben, und es ſein groͤßter Vortheil iſt, gegen Sie gerecht zu ſeyn. Hiernaͤchſt liebt* der ſcheusliche Kerl, ſo gut als er lieben kann, Sie uͤber alles Frauenzimmer. Jch habe hier - an gar keinen Zweifel Es iſt aber eine ſolche Liebe, als ein ſo elender Kerl zu haben geſchickt iſt, eine ſolche Liebe, als Herodes gegen ſeine Mariamne hatte Es iſt daher hoͤchſtwahr - ſcheinlich, daß es ihm nunmehr endlich ein Ernſt iſt.

Jch156

Jch habe mir Zeit genommen allerhand Nachrichten einzuziehen: weil ich nach ihren ge - genwaͤrtigen Umſtaͤnden wußte, daß ſeine Abſich - ten, ſie moͤgen gehn, wohin ſie wollen, weder zum Guten noch zum Boͤſen reif werden koͤnnen, bis aus ſeiner neuen Erfindung mit Tomlinſon und* Jhrem Onkel etwas herauskommen wird.

Daß es eine Erfindung von ihm iſt, daran zweifle ich gar nicht: es mag auch dieſer verſteck - te, dieſer unerforſchliche Kopf dadurch ſuchen, was er will.

*Und dennoch befinde ich vieles wahr. Der Sachwalter Williams, den Herr Hickmann als einen anſehnlichen Mann in ſeinem Werke ken - net, hat wirklich die Eheſtiftung ſo gut als fer - tig. Es ſind zwo Abſchriften davon gemacht:* und eine derſelben iſt oͤffentlich dazu beſtimmt, daß ſie an den Capitain Tomlinſon geſandt wer - de, wie der Schreiber ſagt Jch befinde auch, daß man ſich wirklich mehr als einmal um einen Trauſchein beworben hat und bisher dabey Schwierigkeiten gemacht ſind, wodurch Lovelace ſo wohl beunruhiget als in ſeinen Abſichten geſtoͤ - ret iſt. Meiner Mutter Anwald, ein vertrauter Freund von dem, an welchen ſich der elende Kerl gewandt hat, iſt im Vertrauen hinter dieſe Nach - richt gekommen, und giebt uns von weiten zu verſtehen, daß dieſe Schwierigkeiten, weil Love - lace ein Mann von großem Vermoͤgen und Stande iſt, wahrſcheinlicherweiſe bald gehoben ſeyn werden.

Aber157

Aber nun folgen die Urſachen, warum ich be - fuͤrchte, daß Sie in Gefahr ſind. Jch wuͤrde daran gar nicht einmal gedacht haben; weil bis - her noch nichts ſo gar arges verſucht iſt: wenn* ich nicht erfahren haͤtte, in was fuͤr einem Hauſe ſie ſind, und mit dieſer Entdeckung das, was bis - her vorgefallen iſt, zuſammen gehalten und uͤber - leget haͤtte.

Sie ſind durch die gegenwaͤrtigen Umſtaͤn - de, welche vortheilhaft ſcheinen, genoͤthigt, ihm* Jhre Geſellſchaft ſo oft zu goͤnnen, als er es ver - langet Sie ſind gezwungen, vergangene Beleidigungen zu vergeſſen, oder wenigſtens ei - nen ſolchen Schein anzunehmen, und ihn in ſei - nem Bezeigen als einen mit Jhnen verlobten Freyer anzuſehen. Sie werden ſich den Vor - wurf einer gezwungenen Sproͤdigkeit und eines angenommenen Weſens, vielleicht ſo gar in Jh - ren eignen Gedanken, zuziehen: wo Sie Jhm laͤnger eben den fremden Umgang auflegen, der bisher Jhre Sicherheit geweſen iſt. Seine* ploͤtzliche Uebelkeit, die eben ſo ploͤtzlich wieder voruͤber gieng, als ſie gekommen war, hat ihm eine bequeme Gelegenheit gegeben, zu entde - cken, daß Sie ihn lieben. Ach! meine Wer - theſte, ich wußte es ſchon, daß Sie ihn liebten. Er macht ſich dieß, wie Sie berichten, von Stunden zu Stunden mehr zu Nutze und greift immer weiter. Er hat, wie es geſchie -* nen, ſeine Natur geaͤndert, und iſt die Liebe und Leutſeligkeit ſelbſt. Der Wolf hat die Schaafs -158 Schaafskleider angezogen: aber doch ſchon mehr als einmal ſeine Zaͤhne und ſeine mit vie - ler Muͤhe eingezogne Klauen gewieſen. Der einzige Fall, den Sie mir von ſeiner gegen Jh - re Perſon herausgenommenen Freyheit gemel - det haben; von einer Freyheit, die ſie nothwen - dig uͤbel nehmen, und gleichwohl auch nothwen - dig, ſo wie die Sachen zwiſchen Jhnen beyden ſtehen, hingehen laſſen mußten, da ein Brief von Tomlinſon Jhre Geſellſchaft mit Jhm er - forderte(*)Siehe den II Brief in dieſem Theil.; zeiget ſchon den Vortheil, welchen* er nunmehr uͤber Sie hat, und daß, wenn er noch mehr erhalten kann, er noch mehr nehmen will. Und eben zu dem Ende iſt Tomlinſon, wie ich beſorge, ins Spiel gebracht. Man will* Sie dadurch deſto ſichrer machen. Er ſoll zur Vermittlung dienen: wenn Jhnen etwa durch einen ehrloſen Verſuch eine toͤdtliche Beleidi - gung widerfahren iſt Der Tag zur Trauung ſcheint itzt nicht mehr ſo viel in Jhrer Gewalt zu ſeyn, als es billig ſeyn ſollte, indem er nun zum Theil von Jhrem Onkel abhanget, deſſen Gegenwart er ſelbſt, auf Jhren eignen Vor - ſchlag, bey dieſer Gelegenheit gewuͤnſchet hat Ein Wunſch, der nach meinen Gedanken ſchwerlich genehm zu halten ſeyn wuͤrde, wenn alles richtig waͤre.

Sollte er ſich nun bey dieſen Umſtaͤnden groͤ -* ßere Freyheiten herausnehmen, muͤßten Sie ihm denn nicht vergeben?

Mir159

Mir iſt vor nichts bange; da ich weiß, wer eben das geſagt hat; vor nichts, was der Teufel, er ſey fleiſchern oder eingefleiſcht, offenbar gegen eine ſo befeſtigte Tugend unternehmen kann Aber vor Liſt und Gewalt, meine liebſte Freun -* dinn, die Sie in einem ſolchen Hauſe und unter den gedachten Umſtaͤnden uͤbereilen moͤchte, iſt mir ſehr bange. Der Kerl hat ſchon ſonſt uͤber Perſonen, die ſeiner Hand vollkommen wuͤrdig* waren, gefrohlocket.

Was haben Sie denn anders zu thun, als dieß Haus, dieß hoͤlliſche Haus zu fliehen! O daß Jhr Herz Jhnen erlauben moͤchte, ihn* auch zu fliehen!

Sollten Sie hierzu geneigt ſeyn: ſo wird Fr.* Townſend Jhnen zu Befehl ſtehen Doch wofern Sie keine Hinderniſſe, keine neue Urſa - chen zu zweifeln, finden: ſo halte ich dafuͤr, Jh - re Ehre vor den Augen der Welt, wenn gleich nicht ihre Gluͤckſeligkeit, erfordere es, daß Sie ſeine Gemahlinn werden Und gleichwohl kann ich auch nicht ertragen, daß ſolche liederliche Leu - te die Krone von unſerm Geſchlechte zur Beloh -* nung fuͤr ihre ehrenloſe Auffuͤhrung bekommen ſollten, da der Schaum von demſelben fuͤr ſie noch zu gut iſt.

Allein wo Sie den geringſten Grund zum Verdacht finden; wo er Sie in dem verhaßten Hauſe laͤnger aufhalten, oder wuͤnſchen ſollte, daß Sie in demſelben bleiben; da Sie nunmehr wiſ - ſen, was es fuͤr Leute ſind: ſo fliehen Sie ihn,*Jhre160Jhre Umſtaͤnde moͤgen auch noch ſo gute Hoff - nung machen; ihn ſo wohl als jene.

Haben Sie keine andre Gelegenheit: ſo wei - gern Sie ſich, bey einer Jhrer naͤchſten Spatzier - farthen, mit Jhm zuruͤckzukehren. Nennen Sie* mich als diejenige Perſon, von der Sie es ha - ben, daß Sie in einem boͤſen Hauſe wohnen. Meynen Sie, daß Sie nunmehr mit ihm nicht brechen koͤnnen: ſo ſtellen Sie ſich lieber, als wenn Sie glaubten, daß er es nicht wuͤßte, und* als wenn ich eben ſo gedaͤchte; ob uns gleich beyde dieſe Gedanken nicht gut kleiden muͤſſen.

Aber geſetzt, Sie verlangen, Sie beſtehen* darauf, friſche Luſt zu ſchoͤpfen und deswegen aus der Stadt zu fahren: wie ſchickt ſich das bey dieſem ſchwuͤlen Wetter? Sie koͤnnen nur Jhre Geſundheit vorſchuͤtzen. Dagegen darf er nichts einwenden. Jhres Bruders thoͤrichte Ab - ſichten, habe ich gehoͤret, ſind gewiß gaͤnzlich auf - gegeben. Alſo duͤrfen Sie ſich aus dem Grunde keine Sorge machen.

Wofern Sie auf dieſe Nachricht das Haus nicht fliehen oder auf eine oder die andre Weiſe aus demſelben kommen: ſo werde ich aus der wenigen Gewalt; die Sie uͤber ihn oder uͤber Sich ſelbſt haben, ſchließen, wie viel er uͤber Sie vermag.

*Eine von meinen Kundſchaften hat ſich ver - geblich nach der Fr. Fretchville erkundiget. Hat er Jhnen jemals die Gaſſe oder Squaͤre genannt, worinn ſie wohnte? Jch beſinne mich nicht,daß161daß Sie gegeu mich jemals in irgend einem Jh - rer Briefe eines von beyden Meldung gethan. *Dieß iſt wunderlich, recht wunderlich, nach mei - nen Gedanken! Es iſt keine ſolche Perſon, kein ſolches Haus in der Naͤhe bey den neuen Gaſſen oder Squaͤren zu finden, wo ihr Haus, ſo viel ich aus ihren Nachrichten errathen habe, zu ſu - chen ſeyn muͤßte Fragen Sie ihn, in wel -* cher Gaſſe das Haus iſt, wo er es Jhnen noch nicht geſagt hat, und melden es mir. Macht er bey dem Umſtande Schwierigkeit: ſo werden wir dadurch auf eine neue Entdeckung kommen. * Und dennoch, denke ich, Sie haben ohne dieß genug.

Jch werde dieſen langen Brief durch Col - lins uͤberſenden. Er aͤndert ſeinen Tag, da er ſonſt zur Stadt zu kommen pflegte, mir zu gefal - len, und zu verſuchen, ob er ihn in Jhre eigne Haͤnde uͤberliefern kann, nachdem ich nunmehr weiß, wo Sie anzutreffen ſind. Kann er es nicht: ſo wird er ihn in Wilſons Hauſe abge - ben. Weil keine von unſern Briefen durch die - ſen Weg verlohren gegangen ſind, als Sie dem Anſehen nach unter unangenehmern Umſtaͤnden geweſen: ſo hoffe ich, daß auch dieſer ſicher ge - hen wird, wenn Collins genoͤthigt ſeyn ſollte, ihn dort zu laſſen.

Jch ſchrieb in meiner erſten Hitze einen kur - zen Brief an Sie. Er war nicht uͤber zwanzig Zeilen lang, voller Schrecken, Beſtuͤrzung und Fluͤche. Weil ich aber beſorgte, meine Heftig -Fuͤnfter Theil. Lkeit162keit moͤchte Sie allzu ſehr angreiffen: ſo hielte ich fuͤr beſſer, ein wenig zu warten; theils we - gen der ſchon angezeigten Urſachen, theils auch deswegen, damit ich Jhnen ſo viele kleine Um - ſtaͤnde, als ich koͤnnte, und meine Gedanken dar - uͤber, zu entdecken im Stande ſeyn moͤchte. Wenn Sie nun andere Umſtaͤnde, wie ſie vorge - fallen ſind oder vorfallen moͤchten, mit zu Huͤl - fe nehmen: ſo denke ich, werden Sie hinlaͤnglich gegen alle ſeine Anſchlaͤge gewaffnet ſeyn, was fuͤr Kunſtgriffe er auch brauchen moͤchte.

*Noch eines. Bieten Sie mich auf: wenn ich Jhnen den geringſten Dienſt oder das gering - ſte Vergnuͤgen durch meine Gegenwart erwei - ſen kann. Jch achte keinen Ruf, ich achte kei - nen Vorwurf. Ja ich achte ſelbſt mein Leben, das denke ich im Ernſt, nicht ſo hoch, als Jhre Ehre und Freundſchaft. Denn iſt nicht Jhre Ehre meine Ehre? Und iſt nicht Jhre Freund - ſchaft der groͤßte Ruhm fuͤr mich in meinem Leben?

Der Himmel bewahre Sie, meine wertheſte Freundinn, und erhalte Sie in Ehren und Wohl - ergehen. Dieß iſt das Gebet, das ſtuͤndliche Gebet

Jhrer ewig getreuen und ergebnen Anna Howe. Donnerſtags, Morgens um 5 Uhr. Jch habe die ganze Nacht geſchrieben.

An163
An Fraͤulein Howe. Meine allerliebſte Freundinn.

Wie erſchrocken, verwirrt, beſtuͤrzt, erſtaunt haben Sie mich durch Jhre fuͤrchterliche Nach - richt gemacht! Mein Herz iſt zu ſchwach, einen ſolchen Streich auszuhalten! Da alle Hoffnung auf meiner Seite war! Da meine Um - ſtaͤnde ein ſo viel vortheilhafteres Anſehen gewon - nen hatten! Aber kann ein Menſch ein ſol - cher Boͤſewicht und Betrieger ſeyn, als dieſer ſchaͤndliche Anfuͤhrer und ſein eben ſo ſchaͤndlicher Unterhaͤndler!

Jch befinde mich in der That uͤbel Recht uͤbel Betruͤbniß und Schrecken und, nun will ich ſagen, Verzweifelung haben mich uͤbernom - men! Alles, alles, was Sie als Muthmaſ - ſung niedergeſchrieben haben, iſt in meinen Au - gen itzo offenbar mehr als Muthmaßung!

O daß Jhre Frau Mutter die Guͤte haben moͤchte, mich durch meiner liebſten Freundinn Gegenwart des einzigen Troſtes zu gewaͤhren, wodurch mein niedergeſchlagenes, mein halbge - brochnes Herze, wieder aufgerichtet werden koͤnn - te! Aber ich beſchwere Sie, daß Sie ohne ihre guͤtige Erlaubniß nicht daran denken zu mir zu kommen Jch befinde mich itzo zu uͤbel, mei - ne Allerliebſte, daß ich mich mit dieſem fuͤrchter - lichen Menſchen in einen Streit einlaſſen und aus dieſem ſcheuslichen Hauſe fliehen koͤnnte. L 2Das164Das werden Sie aus meiner ſchlechten Schrei - berey ſehen Allein meine Unpaͤßlichkeit wird mir gegenwaͤrtig zur Sicherheit dienen: wenn er ſich wirklich etwas ehrenloſes in den Kopf geſetzt haben ſollte Vergeben Sie, o vergeben Sie mir, meine allerliebſte Freundinn, die Unruhe, welche ich Jhnen verurſachet habe! Alles muß bald Jedoch warum will ich einen Kummer mit dem andern, eine Unruhe mit der andern ver - mehren! Jch beſchwoͤre Sie aber, mein lieb - ſtes Leben, daß Sie nicht daran denken, ohne Jhrer Fr. Mutter Erlaubniß zu mir zu kom - men, zu

der wirklich troſtloſen und kleinmuͤthigen Clariſſa Harlowe.

Nun Bruder! was denkſt du von dieſem letzten Briefe? Die Fraͤulein Howe achtet we - der Ruf noch Vorwurf. Meynſt du, daß die - ſer Brief die kleine Furie nicht in Bewegung bringen wird, wenn ſie auch kein anders Mittel fortzukommen finden koͤnnte, als ihrer Hoͤckerinn Koͤrbe, einen fuͤr ſich ſelbſt, den andern fuͤr ihr Dienſtmaͤdchen? Sie weiß nun, wo ſie hin - kommen ſoll! Jch habe manche kleine Un - art, weil ſie mehr gewußt, als ich haben wollen, eben dadurch geſtraft, daß ich Sie noch mehr wiſ - ſen und erfahren laſſen. Was denkſt du, Bel - ford, wenn ich dieß maͤnnliche Frauenzimmer hierher bringen und dadurch, daß ich ihr Urſa - che zu einem klaͤglichen Briefe an die ſchoͤne Ver -laͤuferinn165laͤuferinn gaͤbe, dieſe wiederum in meine Gewalt bekommen koͤnnte? Meynſt du, daß ſie die - jenige Freundinn in ihrem Ungluͤcke nicht beſu - chen wuͤrde, welche der ihr zugedachte Beſuch in ihrem Ungluͤcke eben in den Zuſtand verſetzet haͤt - te, wovor ſie ſich ſo treulos durch die Flucht in Sicherheit geſtellet hat?

Goͤnne mir, daß ich mich an dieſen Gedan - ken vergnuͤge!

Soll ich den Brief fortſchicken? Du ſiehſt, daß ich mir eine Ausflucht gelaſſen habe, wodurch ich eine allzu ſtrenge Unterſuchung ver - meiden kann, wenn ich eine ſo ſchoͤne Hand nicht genau nachzumahlen weiß. Verdienen ſie nicht beyde ſo von mir bezahlt zu werden? Siehſt du nicht, wie das raſende Maͤdchen ihrer Mutter drohet? Muß ſie nicht geſtrafet wer - den? Kann ich auch wohl ein aͤrgerer Teu - fel, oder Boͤſewicht, oder Scheuſal ſeyn, als ſie mich in dieſem Briefe nennet und in ihren vori - gen genannt hat, wenn ich ſie beyde ſo ſtrafe, wie mich meine Rache ſie zu ſtrafen treibet? Und wie vergnuͤgt, wie zufrieden koͤnnen ſie, nachdem ich dieſe meine Rache vollzogen habe, beyde auf das Land gehen und mit einander haushalten! Haben ſie alsdenn nicht einen weit beſſern Grund, als ihnen ihr Stolz geben konnte, in dem ledigen Stande zu leben, wofuͤr ſie beyde ſo ſehr einge - nommen geſchienen.

Jch will mich den Augenblick hinſetzen, den - ke ich, meinen entworfenen Brief abzuſchreiben. L 3Jch166Jch kann nachher ja noch meinen Entſchluß faſ - ſen, wie ich will. Jedoch was hat der arme Hickmann mir zuwider gethan, wodurch er dieß an mir verſchuldet haͤtte? Allein es wuͤrde dadurch nicht nur die Tochter, ſondern auch die Mutter fuͤr ihren niedertraͤchtigen Geiz, und fuͤr ihren Ungehorſam gegen den ehrlichen Herrn Howe, den ſie wirklich bis auf den Tod gekraͤn - ket hat, auf eine ruͤhmliche Art geſtraft werden. Jch bin faſt im Begriffe, Bruder! mich auf die - ſen Anſchlag einzulaſſen Jſt nicht ein Land ſo gut fuͤr mich, als das andre, wenn ich etwa daruͤber genoͤthigt werden ſollte, eine Wandrung zu thun?

Aber ich will es nicht wagen. Herr Hick - mann iſt ein guter Mann, wie mir geſagt iſt. Jch bin ein Freund von guten Leuten. Jch hoffe noch einmal ſelbſt ein guter Mann zu wer - den. Außerdem habe ich in dieſer Woche etwas von dem ehrlichen Manne gehoͤrt, woraus man ſehen kann, daß er eine Seele hat. Jch bin da - bey auf die Gedanken gekommen, daß, wenn er eine hat, ſie ein wenig ſehr tief vergraben lieget: weswegen ſie ſich nicht anders, als bey ſehr au - ßerordentlichen Gelegenheiten, zeigen kann, und alsdenn im Augenblicke wieder in ihr Kaͤmmer - chen von Fett zuruͤcke ſinket Er iſt ein fetter Wanſt. Haſt du ihn jemals geſehen, Bruder?

Allein167

Allein die vornehmſte Urſache, die mich zu - ruͤckhaͤlt; denn es iſt ſonſt ein verfuͤhriſcher und reizender Anſchlag; liegt in der Furcht, ich moͤchte gaͤnzlich verlohren ſeyn: wenn ich etwa mit meinem Briefe nicht geſchwinde genug kom - men, oder die Fraͤulein Howe erſt uͤber ihre Ab - reiſe zu Rathe gehen oder ihrer Mutter Einwil - ligung zu erhalten verſuchen ſollte. Jn der Zeit koͤnnte ihr ein Brief von meiner erſchrockenen Schoͤnen zu Haͤnden kommen. Denn ich zweif - le nicht, daß ihr erſtes Werk geweſen ſeyn wird, an ihre liſtige Freundinn zu ſchreiben, ſie mag gefluͤchtet ſeyn, wohin ſie will. Daher will ich Geduld haben und meine Gelegenheit abwarten, mich an der kleinen Furie zu raͤchen.

Es iſt wahr, ich habe Mitleiden mit Hick - mann. Jch beneide ihn bisweilen, weil er von beſſerer Gemuͤthsbeſchaffenheit und Lebensart iſt. Er iſt aber auch einer von denen Leuten, die durch Einfalt und Ungeſchicklichkeit, zum Ungluͤcke fuͤr uns liſtige Bruͤder, und oft zur Stoͤhrung unſe - rer Abſichten bey den Toͤchtern, der Muͤtter Gunſt gewinnen. Ja er hat ſich viele Muͤhe gegeben, dieſen gedoppelt bewaffneten Schoͤnen wider mich Beyſtand zu leiſten. Jch ſchwoͤre alſo, Trotz meinem Mitleiden gegen ihn, bey al - len hoͤhern und niedern Goͤttern, daß ich die Fraͤulein Howe in meiner Gewalt haben will, wenn ich ihre noch erhabnere Freundinn nicht be - kommen kann. Und was wird meine reizende Schoͤne alsdenn durch ihre Flucht gewinnen:L 4wo -168wofern die Liebe zwiſchen dieſen beyden Maͤdchen ſo feurig iſt, als ſie vorgeben?

Nun frage ich dich, da ich die Fraͤulein Howe nur noch ein wenig laͤnger regieren laſſen werde, ob du nicht in dem eingeſchloſſenen Brie - fe einen neuen Beweis findeſt, daß ſehr viele von den Schwierigkeiten, die ich bey ihrem herz - lieben Schweſterchen angetroffen habe, dieſem ungeſtuͤmen Maͤdchen zuzuſchreiben ſind? Jch leugne nicht, die Luft war hier von Natur ver - zweifelt ſcharf und wintermaͤßig. Es war kein Wunder, wenn ein wenig kalt Waſſer in den Weg gegoſſen wurde, daß es den Augenblick ge - froren war, und ein armer ehrlicher Wanders - mann es beynahe unmoͤglich fand fortzukommen: indem ihm der eine Fuß eben ſo geſchwinde wie - der zuruͤckglitte, als der andere vorwaͤrts ging, und er Gefahr laufen mußte, Arme und Beine, oder den Hals zu brechen. Aber ich halte es doch fuͤr unmoͤglich, daß Sie, die noch in den Lehrjahren ſteht und vorher niemals von der Mutter weggekommen iſt, mich ſo bey der Naſe herumgefuͤhrt haben ſollte, wenn ſie nicht von ei - nem maͤnnlichen Frauenzimmer, welches vorher beynahe ſelbſt durch ihr eignes Beyſpiel gezeiget hatte, daß ſie beſſer Regeln geben, als ausuͤben koͤnnte, ihre Ruͤſtung bekommen haͤtte. Allein dieß, glaube ich, habe ich ſchon mehr, als einmal, vorher geſagt.

Jch bin nicht geneigt, mir ſelbſt Vorwuͤrfe zu machen, da mir die grauſame Schoͤne entlau -fen169fen iſt. Denn wozu wuͤrde das anders dienen, als meine Quaal zu vermehren? Uebel, die man ſich ſelbſt zugezogen, die man haͤtte vermeiden koͤnnen, laſſen keiner Bemaͤntelung, keinem Tro - ſte Raum und Platz. Und gleichwohl, wenn du mir vorhaͤltſt, daß alle ihre Staͤrke von meiner Schwachheit hergeruͤhret, und ich in dieſer gan - zen Sache eine verfluchte feige Memme geweſen ſey, mag ich zwar wohl ſchamroth werden und Verdruß daruͤber empfinden, aber ich kann, bey meiner Seele, Bruder, dir nicht widerſprechen.

Doch dieſes hoffe ich, Belford. Kann ich den Gift von dieſem Briefe in ein heilſames Nah - rungsmittel verwandeln; kann ich mir denſelben zu meinem Vortheile zu Nutze machen: ſo werde ich dazu deine freye Einwilligung haben.

Jch gebe mir bereits viele Muͤhe, die Um - ſchlaͤge von Briefen ſaͤuberlich und ohne Verle - tzung des Siegels zu oͤffnen. Jch will mir von dieſem verfluchten Briefe ein ganzes A B C her - auszuziehen. Nicolaus Rowe ſoll nicht ſo emſig geweſen ſeyn, das Spaniſche zu lernen, als ihm ein gewiſſer Herr vom Oberparlament den Don Quixote angeprieſen hatte, wie ich ſeyn will, die Hand dieſer ungeſtuͤmen Fraͤulein voll - kommen zu lernen

L 5Der170

Der zwoͤlfte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Fraͤulein Howe.

Da mein letztes von nichts, als guter Hoffnung, geredet hat: ſo werden Sie uͤber den Jnn - halt des gegenwaͤrtigen in Beſtuͤrzung gerathen. O meine allerliebſte Freundinn, der Kerl hat ſich endlich offenbar als einen Boͤſewicht bewieſen! Jch habe mich verwichne Nacht nur mit der aͤußerſten Muͤhe von der ſchaͤndlichſten Enteh - rung gerettet. Er drang mir ein Verſprechen ab, daß ich ihm vergeben und ihn den folgenden Tag eben ſo wieder ſehen wollte, als wenn nichts vorgefallen waͤre. Aber wie konnte ich ihn den Tag darauf wieder ſehen, wenn es nur moͤglich war, zu fliehen und einem ſo elenden Kerl zu ent - kommen, der eine verſteckte Charte geſpielet hat - te, das Haus in Feuer zu ſetzen und durch ein ſolches Schrecken mich beynahe nackend in ſeine Arme zu jagen? Dieß habe ich nur allzu viele Urſache zu glauben.

Jch bin entkommen, der Himmel ſey geprie - ſen! und habe nun keinen andern Kummer, als daß ich die einzige Hoffnung, welche mir einen ſolchen Gemahl ertraͤglich gemacht haben koͤnnte, die Ausſoͤhnung mit meinen Freunden, die meiuOnkel171Onkel zu ſo großem Vergnuͤgen fuͤr mich uͤber - nommen hat, durch meine Flucht aufgebe.

Nun hoffe ich nichts anders, als irgend eine anſtaͤndige Familie oder Perſon von meinem Ge - ſchlechte anzutreffen, die uͤber See zu gehen genoͤ - thigt iſt, oder in der Fremde lebet. Es iſt mir gleichguͤltig, wo ich hinkomme. Wenn ich aber die Wahl haͤtte: ſo ginge ich gern zu einer von unſern amerikaniſchen Pflanzſtaͤdten; damit mei - ne Anverwandten, die ich ſo ſchmerzlich beleidigt habe, niemals weiter etwas von mir hoͤren moͤchten.

Laſſen Sie Jhr edles Herze nicht durch das, was ich ſchreibe, geruͤhret werden. Kann ich nur dem ſchrecklichſten Theile von meines Vaters Flu - che entgehen; denn in Auſehung des Zeitlichen iſt er bereits ſo merklich in die Erfuͤllung gegangen, daß ich vor Furcht wegen des andern Theils zittere: ſo werde ich den Verluſt meiner irdiſchen Guͤter als eine gluͤckliche Vermittelung anſehen.

Es iſt auch nicht noͤthig, daß Sie mir Jhre oft angebotene Guͤtigkeit aufs neue wieder anbie - ten. Jch habe Ringe und andre Koſtbarkeiten bey mir, die man mir zugleich mit meinen Klei - dern uͤberſandt hat. Dieſe will ich zu Gelde ma - chen und dadurch alle Beduͤrfniſſe vollkommen ſtillen, bis es der Fuͤrſehung gefallen wird, mich auf eine oder die andre Art unter ſolche Umſtaͤn - de zu ſetzen, daß ich mir ſelbſt helfen kann, wo - fern mein Leben zu meiner fernern Strafe, uͤber meine Wuͤnſche verlaͤngert werden ſoll.

Schrei -172

Schreiben Sie, meine geliebteſte Freundinn, dieſe Anſchlaͤge weder einer Verzweifelung noch dem romanenmaͤßigen Weſen zu, das ſich uͤber - haupt bey unſerm Geſchlechte, wie wir ſelbſt ver - muthet haben, von dem funfzehnten bis zum zwey und zwanzigſten Jahr findet. Belieben Sie nur meine ungluͤckliche Umſtaͤnde von der Seite zu betrachten, von der ſie wirklich allen bedaͤcht - lichen Perſonen, denen ſie bekannt ſind, in die Augen leuchten muͤſſen. Fuͤrs erſte wird der Kerl, der die Dreiſtigkeit gehabt hat, mich als ſein Eigenthum anzuſehen und ſich zu bemuͤhen, daß er mich dazu machen moͤchte, mich von einem Orte zum andern jagen, und allenthalben nach mir, als einer Verlaufenen, ſorſchen. Er weiß, daß er es frey thun kann: denn wer will mich gegen ihn ſchuͤtzen?

Hiernaͤchſt ſoll mein Gut, das beneidete Gut, die erſte Quelle von allem meinem Ungluͤcke, nie - mals durch den Weg Rechtens mein werden. Was hilft es, mich ruͤhmen zu koͤnnen, daß ich mehr im Vermoͤgen habe, als ich gebrauchen kann oder zu gebrauchen wuͤnſche? Jſt mein Vermoͤgen geringe: ſo werde ich von der Ver - antwortung frey ſeyn, die ich haben wuͤrde, wenn ich es nicht recht gebrauchte; welches ſehr wenige thun. Jch werde keinen Gemahl haben, auf auf deſſen Vortheile ich ſo ſorgfaͤltig ſehen muͤßte, daß ich gehindert wuͤrde, andern mehr als Ge - rechtigkeit widerfahren zu laſſen, damit ich ihm nicht weniger thun moͤchte. Daher bin ichſchon173ſchon zufrieden: wenn mein Vater ſich nur ge - fallen laſſen will, wie ich ihm zu rechter Zeit vor - zuſchlagen gedenke, zwo jaͤhrliche Leibrenten aus meinem Gute zu bezahlen; eine an meine liebe Frau Norton, wodurch ſie auf ihre uͤbrige Le - benszeit, weil ſie nun alt wird, ihre Bequemlich - keit finde; die andern von funfzig Pfund jaͤhr - lich, an eben dieſe gute Frau, zum Beſten meiner Armen, wie ich eine gewiſſe Anzahl von Leuten nach meiner Eitelkeit genannt habe, von denen ſie allen meinen Willen weiß. Dieß verlange ich nur deswegen, damit durch die Folgen von meinem Vergehen ſo wenige, als moͤglich iſt, lei - den moͤgen. Das uͤbrige wolle Gott meinen Verwandten geſegnen und ihnen dabey Zufrie - denheit und Vergnuͤglichkeit geben.

Andre Urſachen, die mich bewegen, den ge - meldeten Schritt zu thun, will ich hier alſobald beyfuͤgen.

Dieſer gottloſe Kerl weiß, daß Sie meine einzige Freundinn auf der Welt ſind. Er wuͤrde mich alſo zuerſt in Jhrer Nachbarſchaft ſuchen: wenn Sie es fuͤr moͤglich halten ſollten, mich da - ſelbſt zu verbergen. Und in dem Fall koͤnnten Sie wohl gar noch groͤßeren Verdrießlichkeiten, als Sie ſchon meinetwegen gehabt haben, ausgeſetzet ſeyn.

Von meinem Vetter Morden kann ich kei - nen Schutz erwarten: wenn er auch ankommen ſollte. Denn aus ſeinem Briefe an mich erhel - let ganz deutlich, daß mein Bruder ihn ſchon auf ſeine Seite gebracht hat. Jch moͤchte auch einen ſorecht -174rechtſchaffenen Mann auf keine Weiſe in Gefahr bringen: wie durch die Hitze von dieſem unbaͤndi - gen Gemuͤthe leicht geſchehen koͤnnte.

Was kann ich denn fuͤr einen beſſern Weg waͤhlen, wenn ich dieſe Dinge uͤberlege, als in die Ferne zu einer von den engliſchen Pflanzſtaͤdten zu gehen, wo niemand außer Jhnen etwas von mir wiſſen ſoll; ja ſie ſelbſt nicht einmal, ich muß es Jhnen frey geſtehen, gar zu bald; nicht eher, als bis ich einen feſten Sitz habe, und, wenn es Gott ſo gefaͤllt, eine ertraͤgliche Lebensart nach meiner Gemuͤthsverfaſſung fuͤhren kann. Denn es iſt kein geringer Theil von meinem Kummer, daß meine unbedaͤchtige Auffuͤhrung Jhnen, al - lerliebſte Freundinn, einen ſo ſchweren Freund - ſchaftszoll aufgeleget hat: da ich vordem Jhnen mehr Vergnuͤgen als Sorge zu machen hoffete.

Jch befinde mich itzo bey einer gewiſſen Frau Moore zu Hampſtead. Mein Herz ſagte mir nichts gutes zu, als ich in dieſen Flecken kam: weil ich mit ihm mehr als einmal hier geweſen war. Allein die Kutſche, die in Bereitſchaſt war, hierher zu gehen, kam mir ſo wohl zu ſtat - ten, daß ich nicht wußte, was ich beſſers thun koͤnnte. Außerdem werde ich hier nicht laͤnger bleiben, als bis ich Jhre Antwort auf mein ge - genwaͤrtiges erhalten kann. Haben Sie die Guͤte mir in derſelben Nachricht zu geben, ob ich nicht nach Jhrem ehemaligen Vorſchlage; gluͤcklich wuͤrde ich ſeyn, wenn ich mir ihn bey - zeiten zu Nutze gemacht haͤtte; durch Huͤlfe derFrau175Frau Townſend verborgen ſeyn kann, bis die er - ſte Hitze von ſeinem Nachſpuͤren voruͤber iſt. Deptford, denke ich, wird der richtigſte Weg ſeyn, von einer Gelegenheit, womit man fortkommen kann, zu hoͤren und ſicher an Bord zu gelangen.

O! warum wurden dem großen Feinde der Sterblichen ſeine Ketten geloͤſet! Warum wurde ihm erlaubt eine ſo ſcheinbare Geſtalt anzuneh - men und ſeine Fuͤße und Klauen zu verbergen, bis er im Begriff war, mit jenen meine Ehre zu untertreten, und mit dieſen mir ins Herz zu greif - fen! Und was hatte ich gethan, daß er ins be - ſondre auf mich losgelaſſen werden ſollte?

Vergeben Sie mir dieſe murrende Frage, die Wirkung von meiner Ungeduld; von meiner ſuͤndlichen Ungeduld, wie ich wohl nicht zwei - feln darf. Denn da ich mit meiner Ehre davon gekommen bin, und nichts, als meine weltliche Albſichten, mein Stolz, mein Ehrgeiz, meine Ei - telkeit, etwas bey dieſem Schiffbruche an meinem hoffnungsvollern Gluͤcke gelitten hat: bin ich denn vielleicht nicht annoch weit gluͤcklicher, als ich es verdiene? Steht es nicht noch in meiner Gewalt, durch Gottes Gnade den wichtigſten Theil von allen in Sicherheit zu bringen? Wer weiß, ob eben dieſer Pfad, worauf mich meine unbedaͤchtliche Auffuͤhrung gebracht hat, wenn er gleich mit Dornen und Diſteln beſtreuet iſt, wel - che meinen ſtolzen Aufputz in Stuͤcken zerriſſen, nicht die rechte Bahn ſeyn mag, mich auf den großen Weg zu meiner kuͤnftigen Gluͤckſeligkeitzu176zu fuͤhren, die ſonſt gar leicht durch eine boͤſe Gemeinſchaft in Gefahr gerathen ſeyn moͤchte?

Und giebt es endlich nicht Perſonen von weit groͤßern Verdienſten, als ich habe, die niemals in einem hauptſaͤchlichen Stuͤcke der Pflichten ge - fehlet haben, und doch mehr, als ich, gedemuͤthi - get ſind? Ja giebt es nicht ſo gar einige, denen eben das durch der Eltern und Anverwandten Verſehen, durch der Auffeher und Vormuͤnder Raͤnke und Niedertraͤchtigkeit, woran weder ih - re eigne Uebereilung noch ihre Thorheit einiges Antheil gehabt hat, widerfahren iſt?

Jch will alſo aus meinem gegenwaͤrtigen Schickſal, ſo viel als moͤglich iſt, Vortheil zu zie - hen ſuchen. Vereinigen Sie, meine beſte, mei - ne einzige Freundinn, ihr Gebet mit dem meini - gen, daß ſich hier meine Strafen endigen und meine gegenwaͤrtigen Drangſale mir zur Heili - gung dienen moͤgen.

Dieſer Brief wird Jhnen den Schluͤſſel zu den wenigen Zeilen geben, die ich fuͤr Sie nach Wilſons Hauſe geſchickt habe, bloß zum Schein, damit ich mir ſeinen Bedienten vom Halſe ſchaf - fen moͤchte. Er ſchiene, wie ich dachte, zu einem Auflaurer uͤber mich zuruͤck gelaſſen zu ſeyn. Weil er aber zu bald wiederkam: ſo ward ich genoͤthigt noch ein paar Zeilen zu ſeiner Beſchaͤfftigung an ſeinen Herrn zu ſchreiben, die er zu eben dem En - de in ein Weinhaus nahe bey der Rechtscam - mer tragen mußte. Und hiedurch erhielte ich gluͤcklich meinen Zweck.

Jch177

Jch ſchrieb heute fruͤhe einen harten Brief an den elenden Kerl, den ich ſo hingeleget habe, daß er ihm genug in die Augen fallen konnte. Jtzo hat er ihn vermuthlich ſchon in Haͤnden. Jch habe keine Abſchrift davon genommen. Bey mehrerer Muße aber werde ich mich wieder auf den Jnnhalt beſinnen und Jhnen von allen be - ſondern Umſtaͤnden Nachricht geben.

Jch weiß gewiß, Sie werden meine Flucht billigen: ſonderlich da die Leute im Hauſe von recht ſchaͤndlicher Art ſeyn muͤſſen. Denn ſie, und ſelbſt die Dorcas, hoͤrten mich um Huͤlfe ſchreyen. Das weiß ich ganz ſicher. Waͤre das Feuer etwas anders, als ein ehrenloſes Spiel, geweſen; ob ich gleich des Morgens, um ihnen ein Blendwerk zu machen, vorgab, als wenn ich anders davon daͤchte: ſo wuͤrden ſie eben ſo un - ruhig, als ich, geweſen ſeyn. Sie wuͤrden auf mein Angſtgeſchrey hereingelaufen ſeyn, mich zu beruhi - gen, wenn ſie glaubten, daß mein Schrecken von dem Feuer kaͤme, oder mir zu Huͤlfe zu kommen, wenn ſie glaubten, daß es etwas anders waͤre. Aber die ſchaͤndliche Dorcas lief davon, ſo bald ſie ſahe, daß der Kerl ſeine Arme um mich ſchlug. Bey meiner Ehre, meine Wertheſte, ich hatte nichts mehr an, als meine Pantoffeln und einen Unterrock. Jch ward durch ihr Geſchrey uͤber Feuer, und daß ich den Augenblick zu Aſche ver - brennen wuͤrde, aus dem Bette geſcheuchet. Wie ſchickte es ſich denn, daß ſie von mir ging und nicht wiederkam, ſo wenig als ſonſt jemand! UndFuͤnfter Theil. Mgleich -178gleichwohl hoͤrte ich in dem naͤchſten Zimmer Wei - besſtimmen. Davon bin ich verſichert. Jſt das nicht offenbar ein von ihnen allen geſpielter Streich? Gott ſey gelobet, ich bin aus ihrem Hauſe gekom̃en!

Jedoch iſt mein Schrecken noch nicht vor - uͤber. Jch kann mich ſchwerlich fuͤr ſicher hal - ten. So oft ich aus meinem Fenſter eine wohl - gekleidete Mannsperſon zu Pferde oder zu Fuße ſehe: ſo denke ich, daß er es ſchon iſt.

Jch weiß, daß Sie Jhre Antwort beſchleu - nigen werden. Morgen fruͤhe wird man mir einen Kerl zu Pferde verſchaffen, der mein ge - genwaͤrtiges uͤberbringen ſoll. Aber Sie koͤnnen gewiß durch eben den Menſchen mir keine Ant - wort zuruͤckſchicken: weil Sie erſt mit der Frau Townſend ſprechen muͤſſen. Jch werde inzwi - ſchen mit Ungeduld warten, bis ſie antworten koͤnnen: da ich keinen Freund oder Freundinn außer Jhnen habe, an die ich mich wenden moͤchte, und hier in dieſer Gegend ſo fremd bin, daß ich nicht weiß, welchen Weg ich waͤhlen, wohin ich gehen, oder was ich thun ſoll. Wie ſchrecklich habe ich mir dieſelbe gemacht!

Frau Moore, in deren Hauſe ich bin, iſt ei - ne Wittwe und von guter Gemuͤthsart. Dieſe Nachricht habe ich von einem ihrer Nachbaren eingezogen, bey dem ich ein Schnupftuch kaufte, bloß in der Abſicht, mich zu erkundigen, ehe ich es auf alle Gefahr wagen wollte.

Jch werde keinen Fuß aus der Thuͤre ſetzen, bis ich Jhren Rath und Jhre Meynung weiß. Jch179Jch bin hier deſto ſicherer, da ich mich gegen die Leute in dem Hauſe, wo mich die Kutſche nieder - ſetzte, verlauten laſſen, als wenn ich auf dem Wege nach Hendon, einem Flecken nicht weit von hier, einen Wagen fuͤr mich erwartete. Und als ich von ihrem Hauſe wegging, ging ich ruͤck - und vorwaͤrts auf dem Huͤgel; zuerſt, weil ich nicht wußte, was ich thun ſollte; und hernach, damit ich gewiß waͤre, daß ich nicht belauret wuͤrde, ehe ich es wagen wollte, mich nach einem Zimmer zu erkundigen.

Sie werden Jhren Brief an mich, meine geliebteſte Freundinn, unter dem Namen von Frau Harriot Lucas ergehen laſſen.

Haͤtte ich meine Flucht damals nicht bewerk - ſtelligen koͤnnen, als ich es wirklich that: ſo war ich entſchloſſen, es einmal uͤber das andere zu verſuchen. Er war zu der Rechtscammer gegangen, ſich um einen Trauſchein zu bewer - ben; wie er mir ſchriftlich gemeldet hatte. Denn ich wollte ihn nicht ſehen: ob mir gleich das Verſprechen, ihn zu ſehen, von ihm abgedrungen war.

Wie ſchwer, wie faſt unmoͤglich iſt es, meine Allerliebſte, manche kleine Vergehungen zu ver - meiden, wenn wir einmal in einen Hauptfehler hingeriſſen ſind!

Aus Furcht, ich moͤchte bey meinem erſten Verſuche nicht wegkommen, hatte ich ihm gemel - det, daß ich unter einer Wochen Friſt kein Auge auf ihn richten wollte: damit ich auf verſchiedneM 2Art180Art Zeit dazu gewinnen moͤchte. Waͤre ich ſo bewachet worden, daß es noͤthig geweſen ſeyn duͤrfte: ſo wuͤrde ich auf die Gaſſe hinaus gelaufen ſeyn, und mich in das naͤchſte Haus, in welches ich kom - men koͤnnen, begeben, oder bey der erſten Per - ſon, die mir begegnet waͤre, Schutz geſucht ha - ben; nachdem ich einmal einen ſo merklichen Be - weis von der Nachſicht unſerer Weiber im Hauſe geſehen hatte. Was muͤſſen das fuͤr Weibs - leute ſeyn, die ſich einer armen Perſon von ihrem Geſchlechte unter ſolchen Umſtaͤnden nicht anneh - men! Außerdem machten ſie des Morgens, als er ausgegangen war, einen ſo elenden Auf - zug, als wenn ſie kein gutes Gewiſſen haͤtten waren ſo ernſtlich bemuͤhet, mich die Treppe hin - auf zu bringen und mich durch das angebrannte Fenſtergeſimſe und die verbrannten Gardienen und obern Vorhaͤnge zu uͤberfuͤhren, das Feuer ſey nicht erdichtet geweſen daß ich immer mehr ſchluͤßig ward, aus ihrem Hauſe auf alle Gefahr zu entfliehen: ob ich mich gleich ſtellte, als wenn ich alles glaubte, was ſie haben wollten.

Da ich anfing, dachte ich nur ein paar Zeilen zu ſchreiben. Aber wenn ich an Sie ſchreibe, kann ich kein Ende finden: es betreffe auch, was es wolle. So iſt es mir allezeit gegangen: da - her kommt es nicht beſonders von den hoͤchſtbe - denklichen und ungluͤcklichen Umſtaͤnden, welche dennoch ſo beſchaffen ſind, daß Sie es mir leicht zu gute halten werden, wenn dieſelbenitzo181itzo alle meine Gedanken einnehmen, alle Ge - danken

Jhrer ungluͤcklichen aber ewig ergebenen Clariſſa Harlowe.

Der dreyzehnte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Nun ſinge Io triumphe! Io Clariſſa! Noch einmal, wie gluͤcklich iſt dein Freund! Ein einfaͤltiges liebes Kind, eine unerfahrne Schuͤlerinn, daß ſie vor anderer Leute Qhren dem Kutſcher ſagt, wohin er ſie fahren ſoll! Und daß ſie unter allen Flecken um London nach Hampſtead gehet! Dem Orte, wo wir mehr, als einmal, mit einander geweſen ſind!

Mich deucht, ich bin verdrießlich, daß ſie ih - ren Handel nicht beſſer gemacht hat! Jch beforge, es wird mir zu wenig Muͤhe koſten, ſie wiederzubekommen. Haͤtte ſie gewußt, wie viel durch Schwierigkeiten der Werth eines Dinges bey mir erhoͤhet wird; und haͤtte ſie nur den ge - ringſten Gedanken gehabt, mich zu verbinden: ſo wuͤrde ſie gewiß nimmermehr nahe bey Hampſtead geblieben ſeyn.

Aber nach allem dieſem Frohlocken wirſt du fragen, ob ich meine reizende Schoͤne denn be -M 3reits182reits wiederum zuruͤckgebracht habe? Das habe ich nicht. Aber da ich weiß, wo ſie ſich aufhaͤlt; ſo iſt es beynahe eben ſo gut, als wenn ich ſie in meiner Gewalt haͤtte. Es iſt mir ein Vergnuͤ - gen, daran zu gedenken, wie ſie ſtutzen und zit - tern wird, wenn ich ihr unverſehens uͤber den Hals komme! Was ſie fuͤr einen Blick thun wird, bey dem Bewußtſeyn ihrer Schuld, wodurch mein Vergehen in der Donnerſtags Nacht mehr als aufgehoben ſeyn wird: wenn ſie ihren beleidigten Verehrer und angenommenen Gemahl ſehen wird, von dem ſie ſich wegzuſtehlen geſucht hat; die groͤßte Treuloſigkeit, die erdacht werden kann!

Jedoch du wirſt mit Ungeduld auf die Nach - richt warten, wie dieß herausgekommen iſt. Lies nur den eingeſchloſſenen Brief, und beſinne dich, was ich meinem Kerl von Zeit zu Zeit fuͤr Ver - haltungsbefehle, aus Furcht vor einer ſolchen Ent - laufung, gegeben habe. Alsdenn wirſt du alles wiſſen und zugleich einſehen, was ich vernuͤnfti - gerweiſe von des Buben Fleiß und Anſtalten er - warten mag, wofern er jemals mein Angeſicht wieder zu ſehen wuͤnſchet.

Jch bekam den Brief ungefaͤhr vor einer halben Stunde: da ich mich eben in meinen Klei - dern niederlegen wollte. Er hat mich ſo munter gemacht, daß ich ſchon, ob es gleich mitten in der Nacht iſt, nach einem Wagen geſchickt habe, der mit anbrechendem Tage, und, wo es moͤglich iſt, mit meinem gewoͤhnlichen Kutſcher hier fuͤr mich bereit ſtehen ſoll. Weil ich nicht wußte,was183was ich ſonſt mit mir machen ſollte: ſo habe ich mich niedergeſetzet und nicht allein ſo weit geſchrie - ben, ſondern auch die Maaßregeln, welche ich neh - men will, wenn ich zu ihr komme, meinen Schluß gefaſſet. Denn ich habe wohl Urſache, wegen der Schwierigkeiten, die mir ihr verkehrter Sinn zu beſtreiten geben wird, auf meiner Huth zu ſeyn.

Knaͤdiger Her.

Dieſes dient Jhre Knaden zu melden, wie ich hier in Hameſtet bin, wo ich meine Freilein gefunden habe und daß ſie bey eine Frau Moore in Hauſe iſt, nahe an die Hameſteter Heide. Und ich habe das Dink ſo gemacht, daß die knaͤ - dige Freilein ſich nicht ruͤhren kann, ſondern ich muß ihr ein und ausgehen wuͤſſen. Dieweil ich wuſte, ich durfte Jhre Knaden nicht fuͤrs Geſigt kommen, wenn ich meine Freilein nicht gefunden hatte, ob ſchon ſie in eine Virtelſtunde, ſo zu ſa - gen, von dem vorigen Hauſe weggekommen wahr, ſo wußte ich, das Jhre Knaden ſich von Hertſen freien wuͤrden, zu vernaͤhmen, daß ich ſie gefun - den hatte. Und deſſenthalben ſende ich dißen Peter Partrick, welcher fuͤnf Schilling bekommen wird, weil es nun ſchon gegen zwoͤlf in der Nacht iſt. Denn er wollte nicht aus die Stelle gehen, ohne einen rechten Labedrunk noch oben ein, und ich wollte doch gern, daß alles im Hauſe vorher zu Ruhe ſein ſollte, ehe ich ſchickte.

Jch habe noch Geld von Jhre Knaden, aber ich dachte, daß der Mann, wenn er voraus vonM 4mir184mir bezahlet waͤhre, zum Schelm werden moͤgte. So habe das Jhre Knaden uͤberlaſſen.

Meine knaͤdige Freilein weis nichts davon, daß ich hier herum bin. Aber ich dachte, es waͤhre am beſten, keinen Fus von hier zu ſetzen, weil ſie die Loſchies nur auf ein paar Tage ge - nommen hat.

Wenn Jhre Knaden hier auf die Hoͤhe kom - men, will ich mich den ganzen Tag um die Schen - ke herum oder auf die Heide ſehen laſſen. Jch habe mir einen andern Rock geborcht, ſtat Jhre Knaden Lieferey, und eine ſchwarze Parrucke, ſo kann ich von meine Freilein nicht gekant wer - den, wenn ſie mich ja ſehen ſollte, und habe es ſo gemacht, als wenn ich Zahnſchmerzen haͤtte, mit meinen Schnubtuch vor den Mund. So kann man die Zaͤhn, welche mir Jhre Knaden mit Jhre Knaden Haͤnde auszuſchlagen beliebet ha - ben, und mein verdammt weit Muhl, als Jhre Knaden es beſchreiben, nicht erkennen.

Die beyden innern Briefe habe ich von mei - ne Freilein bekommen, ehe ſie von dem vorigen Hauſe abgegangen iſt. Den einen ſollte ich in Wilſons Haus laſſen fuͤr die Freilein Howe: den naͤchſten ſollt ich Jhre Knaden bringen. Aber ich wuſt, das Jhre Knaden nicht an dem beſtimm - ten Ort wahren, und beſorgte, daß es ſo kommen moͤgte, wie es ausgefallen iſt. Deſſentwegen habe ich ihn fuͤr Jhre Knaden zuruckbehalten, und ſo konnte ich ihn nicht abgeben, als bis ich Jhre Knaden ſelbſt zu ſehen bekaͤme. Jch machte esnur185nur meiner Freilein weiß, das ich den einen an Freilein Howe wegbraͤchte, und ſagte, als wenn nichts fuͤr ſie da waͤhre, wie ſie zu wiſſen verlang - te. So ſind ſie hier beyde.

Jch bin, wenn es Jhre Knaden vergoͤnnen.

Jhre Knaden gehorſamſter und noch einmal gluͤcklicher Knecht Wilhelm Summers.

Die beyden innern Briefe, wie ſie mein Wilhelm nennt, ſind offenbar zu keinem andern Ende geſchrieben, als ihn dadurch von der Hand zu ſchaffen: und der eine davon zugleich in der Abſicht, mich mit leeren Worten aufzuhalten.

An die Fraͤulein Howe ſind nur dieſe Zeilen gerichtet:

Jch ſchreibe gegenwaͤrtiges, meine liebe Fraͤu - lein Howe, bloß als eine Finte, und nur zu ſehen, ob es richtig zur Stelle kommen wird. Wo man mich nicht elendig beruͤcket: werde ich gar bald weitlaͤuftig ſchreiben.

Cl. H.

Was meynſt du nun, Bruder? Werden ih - re Finten meine Finten nicht rechtfertigen? Greifet ſie mir nicht ins Amt? Und kommt es nunmehr nicht offenbar darauf an, wer den an - dern am meiſten betriegen und beruͤcken wird? Auf die Art ſind wir endlich in dieſem Stuͤcke gleich. Das danke ich meinem guͤnſti -M 5gen186gen Geſtirne. Es iſt fuͤr mein Gewiſſen eine große Erleichterung, mußt du glauben. Jſt das wahr, was Hudibras ſaget: ſo ſtehet meiner entlaufenen Geliebten auch noch Vergnuͤgen im Ueberfluſſe bevor.

Jn Wahrheit, es iſt ſo vergnuͤgt,
Beruͤckt zu ſeyn, als zu beruͤcken:
Gleichwie bey Taſchenſpielerſtuͤcken
Die Einfalt ſich mit Luſt betruͤgt;
Und ſtets ihr Wundern hoͤher treibt,
Je fremder ihr der Handgriff bleibt.

Hier haſt du auch den Brief von meiner lie - ben Taſchenſpielerinn an mich. Das iſt der andere von den innern Briefen, die mir Wil - helm geſchickt hat.

Herr Lovelace.

Geben Sie mir keine Urſache, mich vor Jh - rer Zuruͤckkunft zu fuͤrchten. Wofern Sie nicht ewig von mir gehaſſet ſeyn wollen: ſo uͤberſen - den Sie mir durch den Ueberbringer des gegen - waͤrtigen nur eine halbe Zeile, und verſichern mich darinn, daß Sie auf eine ganze Woche, von heute an, nicht den geringſten Verſuch thun wol - len, mich zu ſehen. Jch kann Jhnen nicht ins Geſicht ſehen, ohne eben ſo viele Verwirrung als Widerwillen blicken zu laſſen. Die Gefaͤllig - keit, welche Sie mir hierinn thun werden, iſt fuͤr Jhre ſchaͤndliche Auffuͤhrung in verwichener Nacht nur ein elendes Opfer.

Sie187

Sie koͤnnen dieſe Zeit mit einer Reiſe zu Jh - rem Onkel zubringen. Und hegen die Fraͤuleins in Jhrer Familie ſo viele Gewogenheit fuͤr mich, als Sie mich verſichert haben: ſo darf ich nicht zweifeln, daß Sie leichtlich eine von denſelben dahin vermoͤgen werden, mich durch ihre Geſell - ſchaft auf die angenehmſte Art zu verbinden. Da Sie ſich in der vergangenen Nacht ſo nieder - traͤchtig bezeiget haben: ſo werden Sie ſich nicht wundern, daß ich auf dieſen Beweis fuͤr ihre Ehre, die ſie kuͤnftig beobachten wollen, unbeweg - lich beſtehe.

Sollte der Capitain Tomlinſon in der Zeit kommen: ſo kann ich ſelbſt hoͤren, was er zu ſa - gen hat, und Jhnen eine Nachricht davon zu - ſchicken.

Wenn Sie mich aber eher ſehen, als nach Verlauf einer Woche: ſo muß es durch eine neue Gewaltthaͤtigkeit geſchehen. Und davon wiſſen Sie die Folgen nicht.

Senden Sie mir die verlangte Zeile: wo Sie ſich irgend Hoffnung machen, daß die Ver - zeihung beſtaͤttigt werden ſoll, zu welcher Sie ein Verſprechen abgedrungen haben

der ungluͤcklichen Cl. H.

Nun, Belford, was kannſt du zur Entſchul - digung dieſes ſo angenehmen und doch ſo betrie - geriſchen Frauenzimmers ſagen? Was kannſt du fuͤr Sie ſagen? Es iſt augenſcheinlich, daß ſieſich188ſich voͤllig zur Flucht entſchloſſen hatte, als ſie dieß ſchrieb. Und ſo hat ſie mich durch die liſtige Zumuthung, ihr eine Woche Zeit zur Ausfuͤh - rung ihrer Anſchlaͤge zu geben, in ihre Partey wider mich ſelbſt ziehen, ja, was noch aͤrger iſt, mich April ſchicken wollen, eine von meinen Ba - ſen zu hohlen: daß wir nur das Vergnuͤ - gen haben ſollten, wenn wir ankaͤmen, ſie ent - laufen und mich einer beſtaͤndigen Unruhe aus - geſetzt zu finden. Was fuͤr eine Strafe kann fuͤr ſo einen kleinen Boͤſewicht von einem Frauen - zimmer arg genug ſeyn!

Bedenke uͤber dieß, wie ſcheinbar ſie durch dieſes Handbriefchen; wenn ſie etwa keine Gele - genheit haͤtte, ehe ich wieder zu Hauſe gekommen waͤre, davon zu laufen; ihre Entſchließung, mich auf eine ganze Woche nicht zu ſehen, und den Ein - fall mit dem Brodte und Butter rechtfertigen! So kindiſch es uns auch ſchiene!

Der Wagen iſt noch nicht gekommen. Wenn er auch ſchon da waͤre: ſo iſt es doch noch auf alle Weiſe, nur nicht fuͤr meine Ungeduld, zu fruͤ - he. Und da ich bereits alle meine Maaßregeln genommen habe, und an nichts, als an meinen Sieg, denken kann: ſo will ich ihren ungeſtuͤh - men Brief wieder vor die Hand nehmen, damit ich mich in meinen Entſchließungen gegen ſie beſtaͤrken moͤge. Es war vorher zu finſter bey mir, daß ich damit haͤtte fortkommen ſollen. Nun aber ſind alle Vorſtellungen von der Sache, die den Jnhalt deſſelben ausmachet, bey mir le -bendig,189bendig, und meine lebhaftere Einbildungskraft wird ſie, wie die Sonnenſtrahlen, erleuchten, und das gewoͤhnliche Dunkelgruͤn in ein helleres Gruͤn verwandeln.

Wenn ich mein liebes Kind erſtlich zur Re - chenſchaft gefordert habe, daß ſie mir einige Stel - len von ihrem Briefe erklaͤre, und fuͤr andre ein Suͤhnopfer leiſte: ſo will ich ihn, oder eine Ab - ſchrift davon, dir zuſchicken.

Gegenwaͤrtig mag es genug ſeyn, dir fuͤrs er - ſte zu melden, daß ſie feſt entſchloſſen iſt; niemals meine Gemahlinn zu werden Wahrlich in einer ſo wichtigen Sache muß kein Zwang ſeyn. Zwang war bey ihren Eltern der Fehler, den ich ſo ernſtlich getadelt habe, daß ich mich ſchwerlich eben deſſelben ſchuldig machen werde. Und es iſt mir lieb, daß ich in Abſicht auf ein ſo weſentliches Stuͤck ihre Geſinnung weiß.

Jch habe ſie voͤllig geſtuͤrzet, ſchreibt ſie. Das iſt gewiß eine kleine Luͤgen: du magſt es nach ihren Begriffen verſtehen. Haͤtte ich es gethan: ſo wuͤrde ſie vielleicht nicht von mir gelaufen ſeyn.

Sie iſt in die weite Welt gejagt. Nun geſtehe ich, daß die Haide von Hampſtead ſchon eine recht artige und gar weite Ausſicht giebt: aber es iſt doch noch lange nicht die weite Welt. Geſetzt auch, daß dieß nur ihr Kummer iſt: ſo hoffe ich, ſie bald wieder in eine engere zu bringen.

Jch190

Jch bin der Feind ſowohl von ihrer See - le als von ihrer Ehre. Verzweifelt ernſt - haft! Nichts deſto weniger iſt es wiederum eine kleine Luͤgen. Denn ich habe ihre Seele gar lieb: nur denke ich in dieſem Fall eben ſo wenig daran, als an meiner eignen.

Sie muß unter ganz fremde Leute gera - then. Jſt das nicht ihre eigne Schuld? Ganz und gar wider meinen Willen! das weiß ich ſicher.

Sie iſt aus einem Zuſtande, da ſie von niemand abhangen duͤrfen, in einen Stand, der ſie andern Leuten verbindlich machet, geſetzt worden. Sie iſt niemals unter den Umſtaͤnden geweſen, daß ſie von niemand haͤt - te abhangen duͤrfen. Das ſchickt ſich auch in keinem Alter und in keinem Stande fuͤr ein Frauenzimmer. Was aber den Zuſtand be - trifft, der ſie andern Leuten verbindlich macht: ſo iſt keine lebendige Seele, die nicht ei - nem oder dem andern verbunden ſeyn muͤßte. Verbindlichkeit gegen einander iſt das eigentliche Weſen und die Seele des geſelligen und gemein - ſchaftlichen Lebens: wie ſollte ſie denn davon aus - genommen ſeyn? Jch weiß gewiß, die Perſon, welche ſie in Gedanken hat, verlangt dieſe Aus - nahme fuͤr ſich nicht, iſt lange von ihr ab - haͤngend geweſen, und wuͤrde ſich eine Freude daraus machen, ihr ferner mehr Verbindlich - keit zu haben, als er ſich bisher ruͤhmen kann.

Sie191

Sie ſchwatzt von ihres Vaters Fluch. Allein habe ich ihn dafuͤr nicht hundertfaͤltig mit eben der Muͤnze bezahlt? Warum ſollen fremde Fehler mir vor die Thuͤre gelegt werden? Habe ich an meinen eignen nicht genug?

Jedoch der Tag faͤngt ſchon an zu grauen. Erlaube mir, daß ich alles in wenigen Worten zu - ſammenfaſſe.

Kurz zu ſagen: der Brief dieſes lieben Kin - des iſt eine Sammlung von harten Strafreden, die mir eben nicht gar neu ſind, ob ihr gleich die Gelegenheit dazu ſonder Zweifel neu iſt. Durch und durch zeigen ſich in demſelben einige kleine Spuren von einem romanenmaͤßigen und wider - ſinnigen Weſen. Sie liebet: und ſie haſſet. Sie reizet mich, ihr nachzuſetzen; weil ſie mir ſagt, daß ich es ſicher thun mag: und doch bit - tet ſie, daß ich es nicht thun wolle. Sie beſorgt Armuth und Duͤrftigkeit: dennoch entſchließet ſie ſich, ihr Landgut wegzugeben. Wem zu ge - fallen? Mit einem Worte, denen, die an allem ihrem Ungluͤcke ſchuld ſind. Und zuletzt faſſet ſie zwar den Schluß, niemals die Meinige zu ſeyn: aber es iſt ihr doch etwas empfindlich, mich zu verlaſſen; weil ſie ſo viele Hoffnung zur Ausſoͤhnung mit ihren Freunden vor ſich geſehen hatte.

Niemals iſt es mit der Morgendaͤmmerung ſo langſam zugegangen, als itzo. Der Wagen iſt auch noch nicht gekommen.

Ein192

Ein Cavallier will mit mir ſprechen, Dor - cas? Wer kann ſo fruͤhe etwas bey mir zu thun haben?

Capitain Tomlinſon, ſagſt du? Er muß ge - wiß die ganze Nacht gereiſet ſeyn! Wie hat er denken koͤnnen, daß er mich ſo fruͤhe auf fin - den wuͤrde: ob ich gleich fruͤhe aufzuſtehen ge - wohnt bin?

Wenn der Wagen nur kommt: ſo ſoll er alſobald bis an den Huͤgel mit mir fahren, damit ich, ohne Zeit zu verlieren, alles, was er zu ſagen hat, anhoͤren und ihm voͤllig meine Meynung ſa - gen koͤnne. Er muß alsdenn zwar zu Fuße wie - der in die Stadt zuruͤckgehen: aber der Capitain iſt die Guͤte und Gefaͤlligkeit ſelbſt.

Nun bin ich verſichert, daß dieſe meuteriſche Flucht zu meinem Beſten ausſchlagen wird: wie alle zerſtoͤrte Meutereyen zum Vortheile eines re - gierenden Beſitzers ausfallen.

Lieber Capitain, ich freue mich, ſie zu ſehen: eben zu einer ſo gelegnen Zeit, daß es nicht beſſer ſeyn koͤnnte Sehen ſie! Sehen ſie!

Die Morgenroͤthe kommt mit roſengleichen
Fingern,
Und ſchuͤttelt ſchon den Thau von ihrem Man -
tel ab.
Die Sonne gehet auf, die Sorgen zu verrin -
gern,
Und193
Und treibt den Nebel weg, der ſchlechte Hoff -
nung gab.
Verſpricht ſie uns dadurch nicht einen ſchoͤnen
Tag?

Verzeihen ſie, mein Herr, daß ich ſie mit den Worten meines Leibpoeten begruͤße. Wer mit der Lerche zugleich aufſteht, der kann auch mit ihr zugleich ſingen. Seltſame Neuigkeiten, Herr Capitain! ſeit dem ich die Ehre gehabt habe, ſie zuletzt zu ſehen. Die arme betrogne Fraͤulein! Aber ich weiß, ſie ſind viel zu guͤtig, daß ſie die Fehler dieſer eigenſinnigen Schoͤnen ihrem Onkel entdecken ſollten. Es wird alles zum Beſten ausſchlagen. Sie muͤſſen mich ein Stuͤck von dem Wege begleiten. Jch weiß, wie viel Vergnuͤgen ſie finden, wenn ſie Mishelligkeiten beylegen koͤnnen. Es gehoͤrt nur fuͤr verſtaͤndi - ge Leute, das wieder gut zu machen, was durch die Uebereilung und Thorheit der Unverſtaͤndigen verderbet iſt.

Eben itzo, da alles ſo ruhig und ſo ſtille um mich herum iſt, hoͤre ich eine ganze Gaſſe weit das Raſſeln von den Wagenraͤdern! Und nun fliege ich zu dieſem Engel von Frauenzimmer.

Belohne, o Gott der Liebe; es iſt ja deine eigne Sache; belohne du nach Verdienſt meine leidensvolle Beſtaͤndigkeit! Laß meine Bemuͤ - hung wohl gelingen, daß ich dieſe fluͤchtig ge - wordne Schoͤne wieder zu deinem GehorſamFuͤnfter Theil. Nbrin -194bringe! Gieb, daß ſie ihre Uebereilung er - kenne, ihre Beleidigungen bereue, Vergebung bey mir ſuche, und mich bitte, ſie wiederum voͤl - lig zu Gnaden anzunehmen, und das Andenken ihrer abſcheulichen Miſſethat gegen dich und ge - gen mich, deinen getreuen Verlobten, in tiefe Ver - geſſenheit zu vergraben.

Der Wagen ſteht vor der Thuͤr. Jch komme! Jch komme

Jch werde folgen, mein lieber Herr Ca - pitain

Jn Wahrheit, mein Herr

Jch bitte Sie, mein Herr Hoͤflichkeit beſteht nicht in vielen Weitlaͤuftigkeiten.

Nun bin ich wie ein Braͤutigam geputzt. Mein Herz iſt muthiger, als es bey einem ſeyn kann, der durch das heftigſte Verlangen getrie - ben wird. Jch habe einen Diener bey mir, den meine Geliebte niemals geſehen hat. Und wo bin ich denn? Jch bin ſchon zu Hampſtead.

Der vierzehnte Brief von Herrn Lovelacen an Herrn Joh. Belford.

Jch195

Jch bin itzo hier, und bin ſchon anderthalb Stunden hier geweſen. Was fuͤr einen arbeitſamen Geiſt habe ich! Kein Menſch kann ſagen, daß ich mein Brodt mit Muͤßiggehen eſſe. Jch habe rechtſchaffene Muͤhe fuͤr alles Vergnuͤ - gen, das ich genieße. Nothwendig muß ich mich ſelbſt außerordentlich bewundern. Denn gewiß ich wuͤrde mit einer ſo geſchaͤfftigen Seele ein recht großes Aufſehen gemacht haben: in was fuͤr eine Bedienung ich auch immer geſetzt waͤre. Aber wenn ich ein Fuͤrſt geworden waͤre: ſo wuͤrde ich wahrlich einen der edelſten Fuͤrſten abgegeben haben. Jch wuͤrde eben einen ſolchen Krieges - tanz, als der große Macedonier, aufgefuͤhret ha - ben. Jch wuͤrde ein Koͤnigreich nach dem an - dern erobert und alle benachbarte Fuͤrſten aus - gepluͤndert haben, damit ich den Namen Ro - bert des Großen erlanget haͤtte. Ja ich wuͤrde mit dem Großſultan, mit dem Schach und dem großen Mogol um ihr Serail geſtritten ha - ben: denn keiner von den morgenlaͤndiſchen Kay - ſern oder Koͤnigen ſollte ſich durch ein artiges Frauenzimmer begluͤckt geſehen haben, ehe ich ih - rer ſatt geweſen waͤre.

Nun aber habe ich ſo viel uͤbrige Zeit, nach - dem ich mich ſchon nach allen noͤthigen Umſtaͤn - den erkundiget habe, daß ich hier ſitze und dir ein kurzes Verzeichniß von meinen Begebenheiten mittheile, damit ich die Zeit ſo gut hinbringen moͤge, als ich kann. Denn die Sache iſt itzo ſo weit gekommen, daß ſie dieſer Muͤhe wuͤrdigN 2iſt,196iſt, und es iſt doch noch zu fruͤhe, wie ich glaube, meiner Geliebten meine Aufwartung zu machen, da ſie zween oder drey Tage her ſo viel auszuſte - hen gehabt hat. Ueber dieß habe ich dir noch vieles, was zur Vorbereitung zu meinem kuͤnfti - gen Verfahren dienet, zu erzaͤhlen, damit alles gehoͤrig verbunden und verſtaͤndlich werde.

Jch verließ den Capitain unten am Huͤgel: nachdem ich ihm zu ſeinem fernern Verhalten eine dreyfache Belehrung, naͤmlich in Abſicht auf die Sache, die wirklich vorgegangen iſt, in Abſicht auf die wahrſcheinlichen, und in Ab - ſicht auf die moͤglichen Folgen, gegeben hatte. Wenn wir, meine Geliebte und ich, ohne die Ver - mittelung dieſes rechtſchaffenen Cavalliers, zu - ſammen kommen und einig werden koͤnnen: ſo wird es deſto beſſer ſeyn. Es iſt allezeit bey mir eine Regel geweſen, in meinem Liebesſtreite ſo wenig fremde Huͤlfe zu gebrauchen, als ſich im - mer thun laſſen will. Wer weiß, ob es auch nicht deſto beſſer fuͤr ſie ſeyn mag, je weniger Huͤlfe durch ihre Schuld noͤthig iſt? Jch kann nicht leiden, daß ſie ſo gleichguͤltig gegen mich ſeyn ſollte, daß ſie ſich im Ernſte auf eine ſo ge - ringe oder auch irgend eine Veranlaſſung, es ſey, was es wolle, von mir ewig zu trennen ſuchte. Befinde ich, daß ſie es wirklich iſt Jedoch nicht mehr Drohungen, bis ſie in mei - ner Gewalt ſeyn wird Du weißt, was ich gelobet habe.

Wenn197

Wenn man alles zuſammen nimmt, was Wilhelm, ſeit der Flucht der Fraͤulein bis an die Zeit, da er ſie wieder gefunden, gemeldet hat, was die Leute im Hauſe erzaͤhlt haben, was der Kutſcher an Wilhelm, und ſo weiter, berichtet hat: ſo kommt es auf folgendes hinaus.

Die Hampſteader Kutſche hatte nur erſt zwo Perſonen zu fahren: als die Fraͤulein da - zu kam. Sie machte aber, daß der Kerl alſo - bald abgieng: weil ſie fuͤr die ledigen Plaͤtze bezahlte.

Da die beyden Reiſegefaͤhrten dem Kutſcher ſagten, daß er ſie zu Upper-Flask abſetzen ſollte: ſo verlangte ſie eben daſelbſt abzuſteigen.

Jene nahmen Abſchied von ihr, ſonder Zwei - fel mit vieler Ehrfurcht. Darauf gieng ſie ins Haus und frug, ob ſie nicht ein Koͤpfchen Thee und auf eine halbe Stunde ein Zimmer fuͤr ſich bekommen koͤnnte.

Die Leute wieſen ihr oben eben das Zimmer an, worinn ich itzo bin. Sie ſaß an eben dem Tiſche, an dem ich itzo ſchreibe, und ich glaube, es war auch ihr Stuhl, worauf ich itzo ſitze. O Belford, wo du weißt, was Liebe iſt: ſo wirſt du wohl einſehen koͤnnen, warum ich dieſe Klei - nigkeiten nicht vorbeylaſſe.

Sie ſchien niedergeſchlagen und ermuͤdet. Die Wirthinn nahm ſich ſelbſt die Muͤhe, einen ſo artigen und liebenswuͤrdigen Gaſt zu bedie - nen. Sie frug, ob ihr etwas Brodt und But - ter zu ihrem Thee zu nehmen gefaͤllig waͤre? N 3Nein:198 Nein: ſie koͤnnte nicht eſſen. Sie haͤtten gute Zwieback. Wie ihr beliebte. Die Frau gieng hinaus, ein paar hereinzuhohlen, und da ſie den Augenblick wiederkam, merkte ſie, daß die fluͤchtig gewordene Schoͤne Muͤhe hatte, einem heftigen Ausbruche der Traurigkeit, welcher ſie in der kleinen Zwiſchenzeit den freyen Lauf gelaſſen hatte, Einhalt zu thun.

Jedoch als der Thee kam, bat ſie die Wir - thinn, ſich bey ihr zu ſetzen und that ſehr viele Fragen in Anſehung der Doͤrfer und Schiffree - den in der Nachbarſchaft.

Die gute Frau gab ihr zu verſtehen, daß ſie innerlich betruͤbt ſchiene.

Zarte Gemuͤther, antwortete ſie, koͤnnten ſich nicht ohne Kummer von werthen Freun - den trennen. Sie meynte mich, ſonder Zweifel.

Sie erkundigte ſich gar nicht nach einem Wohnzimmer: ob du gleich aus dem Erfolge ſehen wirſt, daß ſie geſonnen ſchien, den Abend nicht weiter, als Hampſtead, zu gehen. Nach - dem ſie zwey Koͤpfchen getrunken und eine Zwie - back in ihre Taſche geſteckt hatte; vielleicht ihr ſtatt der Abendmahlzeit zu dienen, das liebe Kind : ſo legte ſie eine halbe Krone hin, und wollte nichts wieder heraus haben. Sie ſeuf - zete, nahm Abſchied, und ſagte, ſie wollte nach Hendon zu gehen. Wie weit es bis dahin waͤ - re, war ſchon vorher eine von ihren Fragen ge - weſen.

Man199

Man erbot ſich hinzuſchicken und fragen zu laſſen, ob nicht eine Hampſteader Kutſche noch den Abend nach Hendon ginge. Es ſey nicht noͤthig, verſetzte ſie: vielleicht traͤfe ſie den Wagen an. Das iſt wieder eine Finte von ihr; wie ich vermuthe: denn wie, oder mit wem, haͤtte dergleichen etwas ſeit geſtern fruͤhe verabre - det werden koͤnnen?

Sie hatte, wie die Leute einander ſagten, etwas ſo außerordentlich edles in ihrer Bildung, in ihrer Perſon und Auffuͤhrung, daß ſie verſi - chert waren, ſie muͤßte von Stande ſeyn. Da ſie aber niemand, weder von dem einen, noch von dem andern Geſchlechte, zur Bedienung bey ſich hatte, und ihre Augen; ihre feine Augen nannte ſie die gute Frau, ob ſie gleich fremd und ein Frauenzimmer war; aufgeſchwollen und roth waren: ſo hielten ſie fuͤr gewiß, daß es dabey auf eine Entlaufung entweder von El - tern oder von Aufſehern hinauskaͤme. Denn ſie ſahen ſie fuͤr allzu jung und allzu juͤngferlich an, daß ſie ſchon verheyrathet ſeyn ſollte. Und waͤre ſie verheyrathet: ſo wuͤrde kein Ehemann eine ſo artige und junge Frau ohne Bedienung und alleine laſſen, noch ihr zu ſo vielem Kum - mer Anlaß geben, als in ihrem Angeſichte deut - lich abgemahlet ſchiene. Außerdem, ſagten ſie, ſahe ſie bisweilen ſo wild und verwirret aus, daß ihnen bange war, ſie moͤchte im Sinne ha - ben, ſich ſelbſt davon zu helfen.

N 4 Alle200

Alle dieſe Dinge zuſammengenommen rei - zeten ihre Neubegierde. Sie brachten einen parlamentsherrlichen Bedienten, einen Die - ner, der mit Chriſtoph, dem Stallknechte, in der Schenke zechte, und ſo von ihnen genannt wurde, auf ihre Seite, daß er auf alle Bewegungen der Fraͤulein Acht gaͤbe. Dieſer Kerl erzaͤhlte folgende Umſtaͤnde, die mir wieder erzaͤhlet ſind.

Sie ging in der That den Weg nach Hen - don, und bey dem Hauſe auf der Heide, zur Burg genannt, voruͤber. Darauf blieb ſie ſte - hen, und ſahe um ſich herum und hinunter in das Thal vor ihr. Alsdenn wandte ſie ihr Angeſicht gegen London, und ſchiene, nach der Bewegung mit dem Schnupftuche zu ihren Au - gen, zu weinen. Wer weiß, ob ſie nicht den uͤbereilten Schritt, den ſie gethan hatte, bereuete, und ſich wieder zuruͤckwuͤnſchte?

Es iſt beſſer fuͤr ſie, wenn ſie es thut, Bru - der: das ſage ich noch einmal Wehe dem Maͤdchen, das ſich in den Sinn kommen laſſen koͤnnte, mich zu heyrathen, und doch im Stande ſeyn ſollte, von mir wegzulaufen und mir auf ewig zu entſagen!

Hierauf ging ſie wieder ein paar Schritte weiter und blieb auch wieder ſtehen. Es ließ als wenn ihr der Weg nicht gefiel, den ſie ge - waͤhlet hatte. Sie ſchien aufs neue zu weinen und wandte ihren Fuß nach Hampſtead zu - ruͤck.

Es201

Es iſt mir lieb, daß ſie ſo viel geweinet hat. Denn kein Herz berſtet, das dieſe angenehme Er - leichterung haben kann: die Gelegenheit zu dem Kummer mag ſeyn, was es will. Daher haͤlt es bey mir allezeit ſchwer, durch den Anblick die - ſer durchſichtigen Fluͤchtlinge an einem ſchoͤnen Frauenzimmer geruͤhrt zu werden. Wie oft ha - be ich in den verwichnen zwoͤlf Stunden gewuͤnſcht, daß ich auf das erſchrecklichſte heulen und weinen koͤnnte!

Darauf ſahe ſie eine ledige Kutſche, mit vier Pferden, die auf ſie zu kam. Sie ging da - her queer uͤber den Fußſteig, auf welchem ſie war, als wenn ſie derſelben entgegen kommen wollte; und ſchien geſonnen mit dem Kutſcher zu reden, wenn er ſtille gehalten oder zuerſt ge - redet haͤtte. Dieſer ſahe ſie eben ſo begierig an, als ſie ihn. Das that ein jeder, der vor - beyging. Und ſo konnte ſie deſto weniger auf den Kerl, der ſie belaurete, einen Verdacht wer - fen Was fuͤr ein gluͤcklicher Schelm waͤreſt du, Kutſcher, geweſen, wenn du gewußt haͤtteſt, mit wem du dich in eine Bekanntſchaft eingelaſſen, und wen du durch eine Gefaͤlligkeit verpflichtet haben wuͤrdeſt! Es war die goͤttliche Cla - riſſa Harlowe, die du angaffeteſt! Meine ei - gene Clariſſa Harlowe! Allein es war gut fuͤr mich, daß du nicht kluͤger wareſt, als deine Pfer - de. Wie wuͤrde ich ſonſt in die Jrre herumge - fuͤhret ſeyn!

N 5 Kurz,202

Kurz, die Fraͤulein ſo wohl, als der Kut - ſcher, ſchienen unſchluͤßig. Die Pferde liefen fort. Sonder Zweifel waren Kopf und Augen des Kerls ruͤckwaͤrts gekehret: aber er war bald ſo weit entfernet, daß man ſich nicht mehr abru - fen konnte. Sie ſahe ihm mit ſtarren Augen nach, ſeufzete und weinte wiederum. Das be - merkte der Diener, der eben damals ſchelmiſch bey ihr vorbeyging.

Unterdeſſen war ſie bis an die Haͤuſer ge - kommen. Sie ſahe ein jedes im Vorbeygehen an. Bisweilen hauchte ſie auf ihre bloße Hand und legte dieſelbe uͤber ihre geſchwollene Augen, die Roͤthe zu vertreiben und die Thraͤnen abzu - trocknen. Endlich, da ſie an einem Hauſe ei - nen Zettel ſahe, daß Zimmer zu vermiethen waͤren, ging ſie ein halb Dutzend mal ruͤck - und vorwaͤrts, als wenn ſie ſich nicht entſchließen koͤnnte, was ſie thun ſollte. Und hierauf ging ſie weiter in die Stadt hinein. Weil hier den guten Kerl einer von ſeinen vertrauten Freun - den mit einem Schmatz aufhielte: ſo verlohr er ſie auf eine kurze Zeit. Aber er ſahe ſie bald aus einer Leinwandsbude mit einem Dienſt - maͤgdchen, das ihr folgte, herauskommen: da ſie, ſeinem Vermuthen nach, einige Kleinigkeiten gekauft, und, wie der Erfolg zeigte, das Dienſt - maͤgdchen genommen hatte, mit ihr zu dem Hau - ſe zu gehen, wo ſie ſich itzo aufhaͤlt. (*)Siehe den XXI. Brief in dieſem Th.

Der203

Der Kerl wartete beynahe eine Stunde. Weil er ſie aber nicht wieder herauskommen ſahe: ſo ging er zuruͤck und ſchloß, daß ſie dort eingemiethet haͤtte.

Und hiemit endigt ſich der erſte Aufzug, wenn du dir meine Erzaͤhlung als ein Schauſpiel vor - ſtelleſt. Nun hebt ſich

Der II. Aufzug an. Der Schauplatz bleibt die Hampſteader Haide.

Mein Kerl tritt auf.

Weil mein Wilhelm alle dieſe Umſtaͤnde da - durch erfahren hatte, daß er andere da - gegen eben ſo offenherzig erzaͤhlte, wozu er ſchon von mir ſowohl muͤndlich als ſchriftlich vorberei - tet war: ſo fand ich die Leute bereits auf meiner Seite. Sie wuͤnſchten mir einen gluͤcklichen Fortgang und wiederholten vor meinen Ohren alles, was ſie ihm erzaͤhlt hatten.

Er hatte mir aber vorher gemeldet, was er ihnen von ſeiner Fraͤulein und von mir fuͤr Nach - richt gegeben haͤtte. Jch muß dir nothwendig die Umſtaͤnde von ſeiner Erzaͤhlung mittheilen: und es iſt mir auch noch ein wenig Zeit uͤbrig. Denn die Magd im Hauſe, die ausgeſchickt ge - weſen iſt, berichtet uns, daß ſie die Frau Moore, mit der ich mich zuerſt einlaſſen muß, in dasHaus204Haus eines jungen Herrn wenige Haͤuſer von ihr habe hineingehen ſehen. Dieſer ſoll eine un - verheyrathete Schweſter haben, Jungfer Rawlins mit Namen, die ihrer Klugheit wegen ſo bekannt iſt, daß niemand, der ſie kennet, etwas wichtiges ohne ihren Rath unternimmt.

Jnzwiſchen muß mein ehrlicher Kutſcher vor der Jungfer Rawlins Thuͤre herumgehen, da - mit er mir Nachricht bringe, wenn die Frau Moore wieder zu Hauſe kommt. Jch hoffe, ihr Gevatterſchwatz wird eben ſo bald, als meiner, ausgeplaudert werden. Meiner beſteht in fol - genden.

Wilhelm erzaͤhlte den Leuten vor meiner An - kunft, ſeine Fraͤulein waͤre erſt neulich an einen der artigſten Cavalliers von der Welt vermaͤh - let. Weil er aber luſtig und lebhaft waͤre: ſo waͤre ſie bis auf den Tod eiferſichtig, und in einer ſolchen Hitze von ihm gelaufen. Denn ſie liebte ihn zwar herzlich, und er waͤre auch gaͤnz - lich eingenommen; wie er wohl Urſache haͤtte, weil ſie das ſchoͤnſte Frauenzimmer heißen koͤnn - te, das jemals unter der Sonne geweſen iſt; das haͤtten ſie ſelbſt geſehen: aber ſie koͤnn - te ſehr eigenwillig und wunderlich ſeyn; wenn er ſich die Freyheit nehmen duͤrfte, ſo zu reden Jedoch Wahrheit bliebe Wahrheit. Wenn ſie nicht in allen Dingen ihren Willen haben koͤnnte: ſo wollte ſie gleich berechtigt ſeyn, ihn zu verlaſſen. Sie haͤtte ſeinem Herrn ſchon drey oder viermal ſolche Streiche geſpielet: al - lein205 lein niemals Tugend und Unſchuld dabey im geringſten verletzet. Sie waͤre nur zu einer ih - rer vertrauten Freundinnen gelaufen, welche bloß bey dieſem ihren einzigen Fehler gar zu viel Nachſicht gegen ſie haͤtte, und ſonſt ein jun - ges Fraͤulein waͤre, das auf Ehre und Tugend hielte. Deswegen haͤtte ſein Herr ſie nach Lon - don gebracht: da ſie ſonſt ordentlich ihren Auf - enthalt auf dem Lande zu haben pflegten. Weil er aber nicht geneigt geweſen waͤre, ihr Ver - langen in Anſehung einer gewiſſen Fraͤulein, mit der man ihn in dem Thiergarten geſehen haͤtte, zu erfuͤllen: ſo haͤtte ſie, ſeit dem ſie nach London gekommen waͤre, zum erſten mal ſeinen Herrn ſo bezahlet; welchen er daruͤber halb au - ßer ſich verlaſſen habe.

Wahrlich er muß wohl außer ſich ſeyn, der arme Herr! So ſchrien die ehrlichen Leute, und bedaureten mich, ehe ſie mich noch einmal geſehen hatten.

Er erzaͤhlte ihnen ferner, wie er zu der Nachricht gekommen waͤre, die er von ihr haͤt - te, und ließ ſich ſo vertraut mit ihnen ein, daß ſie ihm ſelbſt halfen, ſeine Kleidung zu veraͤn - dern. Ja der Wirth erkundigte ſich, auf ſein Erſuchen, insgeheim, ob die Fraͤulein wirklich bey der Frau Moore im Hauſe bliebe, und auf wie lange Zeit ſie die Zimmer gemiethet haͤtte. Er befand, daß es eigentlich nur auf eine Wo - che geſchehen war. Aber ſie hatte dabey geſagt, daß ſie ihrem Vermuthen nach ſchwerlich ſo lan - ge206 ge bleiben wuͤrde. Darauf ſchrieb er ſeinen Brief an mich und uͤberſchickte ihn durch den gu - ten Peter Partrick: wie du ſchon gehoͤret haſt.

Da meine Perſon und Kleidung bey mei - ner Ankunft mit Wilhelms Beſchreibung uͤber - eingekommen war: ſo haͤtten mich die Leute bald angebetet. Jch ſeufzete bisweilen: bis - weilen aber nahm ich ein heiteres Geſicht an; welches jedoch meiner Abſicht nach mehr von einer uͤbelverheelten Unruhe, als von einer wirk - lichen Zufriedenheit zeugen ſollte. Sie ſagten zu Wilhelm, es waͤre tauſend Schade, daß ein ſo ſchoͤnes Frauenzimmer ſolche wunderliche Einfaͤlle haͤtte, und ſetzten hinzu, ſie koͤnnte ſich dadurch in große Gefahr ſtuͤrzen: denn es waͤ - ren allenthalben liederliche Kerl; Lovelacen an allen Ecken und Orten, Bruder! Und ſelbſt um den Flecken herum gaͤbe es manche, die alles verſuchen wuͤrden, damit ſie nur in ih - re Geſellſchaft kaͤmen. Sollten ſie auch nichts vermoͤgen: ſo koͤnnten ſie doch ihrem guten Na - men ſchaden, und mit der Zeit die Liebe eines ſo artigen Herrn von ihr abwendig machen.

Gute mitleidige Leute! Nicht wahr, Bruder?

Herr Wirth, nur ein Wort. Mein Bedien - ter, finde ich, hat ſchon die Urſache, warum ich hierher komme, zu verſtehen gegeben. Eine un - gluͤckliche Sache, Herr Wirth! Eine recht un - gluͤckliche Sache! Aber bey dem allen iſt niemals ein tugendhafteres Frauenzimmer geweſen.

Das207

Das ſcheint ſie zu ſeyn, gnaͤdiger Herr. Tauſend Schade, daß die gnaͤdige Frau ſolche Gewohnheiten hat ſonderlich gegen einen Herrn von ſo gutem Sinne, als es das Anſehen hat.

Heimwehen, Herr Wirth! Heimwehen! Das iſt die Sache! Allein ich muß mich ſo gut, als moͤglich ſeyn will, darein ſchicken. Das ſagte ich mit einem Seufzer. Was ich brau - che, das iſt, daß er mir einen großen Mantelrock leihe. Es iſt mir gleichguͤltig, wie er ausſieht. Wenn meine Gemahlinn mich in der Ferne ſehen und erkennen ſollte: wuͤrde ſie es mir ſehr ſchwer machen, mit ihr zu ſprechen zu kommen. Nur einen großen Mantelrock mit einem Kragen, wo er einen hat. Jch muß ſie uͤbereilen, ehe ſie es gewahr wird.

Jch beſorge, gnaͤdiger Herr, daß ich keinen haben werde, der ſich fuͤr einen ſolchen Herrn ſchicket.

O es kann es ein jeder thun, er mag ausſehen, wie er will. Je aͤrger: deſto beſſer.

Der Wirth tritt ab. Er tritt wieder auf mit zween großen Man - telroͤcken.

Ja, Herr Wirth, dieſer wird der beſte ſeyn. Denn ich kann den Kragen unten uͤber das Ge - ſicht knoͤpfen. Sehe ich nicht verteufelt nieder - geſchlagen und bekuͤmmert aus?

Jch208

Jch habe niemals einen Cavallier zu Geſich - te bekommen, der beſſer ausgeſehen haͤtte. Es iſt zu bedauren, gnaͤdiger Herr, daß ſie ſolche Proben ausſtehen ſollen.

Jch bin freylich ungluͤcklich daran, Herr Wirth. Jedoch habe ich eine kleine Freude, wie er ſelbſt nothwendig denken mnß, daß ich ſie auf - geſpuͤret habe, ehe ihr einige Ungelegenheit be - gegnet iſt. Wenn ich ihr aber dieſe Grillen nicht vertreiben kann: ſo wird ſie mich herzlich kraͤn - ken; denn ich liebe ſie mit allen ihren Fehlern.

Die gute Frau, welche dieß alles anhoͤrte, beklagte mich ſehr.

Jhro Gnaden erlauben mir, ſagte ſie, wenn ich ſo frey ſeyn darf, zu fragen, ob die gnaͤdige Frau jemals Mamma geweſen iſt?

Nein! Jch ſeufzete dabey! Wir ſind nur eine kurze Zeit verheyrathet geweſen: und ich kann ihr wohl ſagen, es iſt ihre eigne Schuld, daß ſie nicht in denen Umſtaͤnden iſt. Daran iſt nicht ein Wort erlogen, Bruder! Wenn ich ihr aber die Wahrheit ſagen ſoll, meine liebe Frau: ſo geht es meiner Gemahlinn, wie dem Hunde in der Krippe

Jch verſtehe Jhro Gnaden, verſetzte ſie mit Laͤcheln. Sie iſt nur noch jung. Jch habe ſelbſt von einer oder zwoen ſo wunderlichen jun - gen Frauen zu meiner Zeit gehoͤret Allein wenn die gnaͤdige Frau erſt in denen Umſtaͤnden ſeyn wird: ſo wird ſich das alles geben, und ſie kann die beſte Gemahlinn werden; wo ſie JhroGnaden209Gnaden liebet. Es waͤre aber etwas ſeltſames, wenn ſie das nicht thaͤte.

Das iſt alle meine Hoffnung.

Sie iſt eine ſo ſchoͤne Perſon, als ich jemals geſehen habe. Jch hoffe, gnaͤdiger Herr, ſie wer - den nicht zu ſtrenge ſeyn. Alle dieſe Grillen werden voruͤbergehen: wenn ſie nur erſt einmal Mamma iſt; ich bin Buͤrge dafuͤr.

Jch kann gegen ſie nicht ſtrenge ſeyn: das weiß ſie. Den Augenblick, wenn ich ſie ſehe, hat aller Zorn bey mir ein Ende: ſie darf mir nur einen freundlichen Blick geben.

Alle dieſe Zeit uͤber zog ich meinen Reuter - rock an, und Wilhelm ſteckte die Knoten von meiner Perucke ein, und knoͤpfte den Kragen uͤber meinem Kinne zu.

Jch forderte von der Wirthinn ein wenig Puder. Sie brachte mir eine Puderbuͤchſe, und ich ſchuͤttelte den Puͤſter leiſe uͤber meinen Hut. Die eine Seite deſſelben ſchlug ich nieder. Je - doch ſahe die Treſſe etwas zu gut fuͤr meine Klei - dung aus. Jnzwiſchen zog ich ihn uͤber die Au - gen, und frug: was meynt ſie, Frau Wirthinn, wird man mich wohl kennen?

Jhro Gnaden ſind ſo erfahren! Jch wuͤnſche, menn ich ſo frey ſeyn darf, daß die gnaͤ - dige Frau nicht Urſache habe, eiferſuͤchtig zu ſeyn. Es wird unmoͤglich ſeyn, wo ſie ihr beſetztes Kleid nur verdeckt halten, daß jemand ſie in dem Auf - zuge fuͤr eben den Cavallier kennen ſollte wo -Fuͤnfter Theil. Ofern210fern nicht etwa ihre ſaubern Struͤmpfe ſie ver - rathen.

Das war eine gute Erinnerung Herr Wirth, kann er mir nicht ein paar Struͤmpfe leihen oder verkaufen, die ich daruͤber ziehe? Jch kann die Fußſocken abſchneiden, wenn ſie nicht in meine Schuhe gehen.

Er koͤnnte mir, antwortete er, ein paar gro - be, aber reine, Camaſchen geben, wenn es mir beliebte.

Die kann ich am beſten brauchen.

Er holte ſie. Wilhelm zog ſie mir an: und ſo ſahen meine Fuͤße vollkommen nach dem Po - dogra aus.

Die gute Frau laͤchelte und wuͤnſchte mir Gluͤck zu meinem Vorhaben. Eben das that auch der Wirth. Und wie du weiſt, daß ich nicht uͤbel eine verſtellte Perſon ſpiele: ſo nahm ich einen Stock, den ich von dem Wirthe borgte, zog die Schultern um einen Viertelfuß ein, und ſtolperte in die Queere fort zu der gruͤnen Kugel - bahn, damit ich mich ein wenig in dem kruͤpplich - ten Gange eines Podagriſten uͤbte. Die Wirthinn ſagte ihrem Manne ins Ohr, wie mir Wilhelm erzaͤhlet: Es iſt ein loſer Herr, ich bin Buͤrge dafuͤr! Die Schuld liegt gewiß nicht ganz an ei - ner Seite. Mein Wirth aber antwortete, ich waͤre ein ſo aufgeweckter und wohlgeſinnter Ca - vallier, daß er nicht wuͤßte, wie jemand mit mir uͤrnen koͤnnte, ich moͤchte thun, was ich wollte. Ein mitleidiger Bruder! Jch wollte wuͤn -ſchen,211ſchen, daß meine Geliebte eben der Meynung waͤre.

Nun gehe ich hin, und will verſuchen, ob ich mit der guten Frau Moore wegen der Zim - mer und anderer Bequemlichkeiten fuͤr meine kranke Frau nicht einig werden kann.

Fuͤr deine Frau, Lovelace! So, deucht mich, frageſt du.

Ja, fuͤr meine Frau: denn wer weiß, wie ſich die verlaufene Schoͤne aus Furcht vor mir verwahret haben mag.

Aber hat denn die ehrliche Frau Moore noch andre Zimmer zu vermiethen?

Ja, ja: darum habe ich mich ſchon bekuͤm - mert. Jch finde, daß ſie eben ſolche Bequem - lichkeiten hat, als ich brauche, und weiß, daß ſie meiner Frau gefallen werden. Denn ob ich gleich verheyrathet bin: ſo kann ich doch alles thun, was mir beliebt. Und das, weiſt du, iſt viel geſagt. Allein haͤtte ſie auch nur einen Boden unter dem Tache zu vermiethen: ſo wuͤrde er mir angeſtanden haben. Jch wuͤrde mich in dem Fall fuͤr einen armen Schriftſteller, der ſich vor der Wache fuͤrchtete, ausgegeben, und da meine Sicherheit geſucht haben. Jedoch wuͤrde ich ſo bedaͤchtlich geweſen ſeyn, daß ich fuͤr alles, was ich brauchte, voraus bezahlet haͤtte. Jch kann mich in alle Umſtaͤnde ſchicken: das iſt mein Troſt.

O 2Die212

Die Witwe Moore iſt zu Hauſe gekommen, ſagt ihr? Herunter, herunter mit dir, Flatterer! Das unverſchaͤmte Herz, denke ich, macht mir mehr Unruhe, als mein Gewiſſen Jch werde eine haͤrtere Strafe und eine rau - here Art annehmen muͤſſen, daß ich ſeinen flat - terhaften Taͤnzen Einhalt thue.

Aber laß mich ſehen Soll ich zornig oder freundlich ſeyn, wenn ich zu meiner Gelieb - ten komme?

Zornig: iſt das wohl Fragens werth? Hat ſie mir nicht ihr Wort gebrochen? Noch dazu zu einer Zeit, da ich ich ihr mit allem Dank Ge - rechtigkeit wiederfahren zu laſſen, willens war. Und iſt es bey frommen Leuten nicht ein ſchreck - liches Verbrechen, ſein Wort nicht zu halten? Jch habe allezeit fuͤr gut gefunden, die Beſchaf - fenheit der Sachen und Handlungen nicht ſo wohl nach dem, was ſie an ſich ſelbſt ſind, als nach der Gemuͤthsart derer, die ſie vornehmen, zu beurtheilen. Alſo wuͤrde es bey unſers glei - chen eben ſo wunderlich ſeyn, unſer Wort einer Frauensperſon zu halten, als es bey ihr gottlos ſeyn wuͤrde, ihr Wort gegen uns zu brechen.

Merkſt du nicht, daß ich dieſe unzeitige Stren - ge nur darum gut geheißen habe, damit ich das unruhige Pochen meines unbaͤndigen Herzens ſtillen moͤchte? Aber es will doch noch immerklopfen.213klopfen. Jch werde es zur Ruhe zu bringen ſu - chen, indem ich fahre.

Fahren, alberner Kerl! auf einen ſo kurzen Weg?

Ja, Bruder, fahren: denn bin ich nicht lahm? Und wird es nicht wohl ausſehen, einen Miethmann zu bekommen, der ſeine Kutſche und Pferde haͤlt? Welche Witwe, welcher Bediente wird einen Mann, der Pferde und Wagen hat, mit vielen Fragen beſchweren?

Mein Kutſcher ſo wohl, als mein anderer Bedienter, ſteht unter Wilhelms Aufſicht.

Niemals iſt ein ſo ſcheuslicher Kerl auf der Welt geweſen, als er ſich gemacht hat. Nur der Teufel und ſein anderer Herr koͤnnen ihn ken - nen. Beyde haben ihm ihr Zeichen eingedruͤckt. Meiner Gnaden Zeichen wird ſich aus ſeinem verdammt weiten Muhl, wie er es nennet, nimmermehr verlieren. Denn der Schelm wird eher an den Galgen kommen, als er ſeine uͤbrigen Zaͤhne vor Alter verlieren kann.

Jch bin weggegangen.

Der funfzehnte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Nun Belford, folgt das vornehmſte von meiner Erzaͤhlung. Jch werde ſie nach Bequem -O 3lich -214lichkeit fortſetzen, und zwar ſo geſchickt, daß, wenn ich auch zwanzig mal abbreche, du doch nicht merken ſollſt, wo ich meinen Faden wieder anknuͤpfe.

Ob mich das Podagra gleich ſehr plagete: ſo ſtieg ich doch aus meinem Wagen heraus. Jch lehnte mich mit der einen Hand ſteif auf meinen Stock, und mit der andern auf meines neuen Dieners Schulter. Jch ſtieg beynahe eben den Augenblick aus, da er an die Thuͤr geklopft hatte, damit ich gewiß waͤre, daß man mich einließe.

Jch ließ mir wohl angelegen ſeyn, meinen weiten Rock uͤber mich zuzuknoͤpfen, und ſo gar meinen Degenknopf damit zu bedecken, weil er ſich zu meinen Jahren nicht voͤllig ſchickte. Mir war unbekannt, was ich fuͤr Gelegenheit haben moͤchte, meinen Degen zu gebrauchen. Jch ging gebuͤckt fort und blinzte mit meinen Augen, da - mit man das Feuer in denſelben nicht merkte. Jch ruͤhme meine Augen hiemit nicht zu viel, Bruder! Mein vor Zahnſchmerzen einge - huͤlltes Kinn, mein liederlich niedergedruckter Treſſenhut, und ſo viel, als von meiner Perucke zu ſehen war, gab mir alles zuſammen das Anſe - hen eines veralteten Stutzers.

Jch beſchloß zum voraus, daß ich meine Frau an mannichfaltigen Beſchwerden zugleich krank machen wollte.

Die Magd kam an die Thuͤre. Jch ver - langte mit ihrer Frau zu ſprechen. Sie fuͤhrtemich215mich hierauf in einen Saal, und ich ſetzte mich mit einem podagriſchen Ach nieder.

Die gute Fran Moore tritt auf.

Jhr Diener, Madame aber um Ent - ſchuldigung: ich kann nicht wohl ſtehen. Jch ſehe aus dem Zettel an der Thuͤre, daß ſie Zimmer zu vermiethen haben Du mußt wiſ - ſen, daß ich alle meine Worte hermummelte, als wenn ich, wie mein Wilhelm, einige von meinen Voͤrderzaͤhnen verlohren haͤtte Seyn ſie ſo gut und ſagen mir, was es fuͤr Zimmer ſind. Jch will ihnen meine Hausumſtaͤnde erzaͤhlen. Jch habe eine Frau, eine gute alte Frau ein ziemliches Theil aͤlter, beylaͤufig zu ſagen, als ich bin. Es ſteht ſehr uͤbel um ihre Geſundheit, und ihr iſt deswegen verordnet, ſich der Luft zu Hampſtead zu bedienen. Sie wird zwo Cam - mermaͤgdchen und einen Diener bey ſich haben. Die Kutſche oder Chaiſe; denn ich werde ſie nicht beyde zugleich hier behalten; koͤnnen wir irgend wohin ſtellen, und der Kutſcher wird bey den Pferden bleiben.

Wenn muͤſſen ſie einziehen, mein Herr?

Jch will die Zimmer gleich von dieſem Tage an nehmen, und wo es ſich thun laſſen wird, meine Frau heute Nachmittag herbringen.

Vielleicht wollen ſie den Tiſch ſo wohl, als die Zimmer, bey mir haben?

Wie es ihnen beliebt. Koͤnnen wir ihn ha - ben: ſo werde ich die Muͤhe erſparen, meinenO 4Koch216Koch mitzubringen. Jch vermuthe aber, daß ſie Bedienten haben, die ein paar Schuͤſſeln zu - zurichten wiſſen. Meine Frau muß leichte und unverſetzte Speiſen eſſen, und ich bin kein Liebha - ber von gekuͤnſteltem Miſchmaſch.

Wir haben nur ein einzelnes Frauenzimmer bey uns, daß in zween oder dreyen Tagen wieder weg ſeyn wird. Sie hat eines von den beſten Zimmern. Das wird alsdenn frey ſeyn.

Unterdeſſen haben ſie doch vermuthlich noch eine oder ein paar Stuben uͤbrig, nur meine Frau aufzunehmen: denn wir haben die Zeit verſaͤu - met Die verfluchten Aerzte Entſchuldi - gen ſie mich, Madame, ich bin nicht gewohnt zu fluchen: dieß kommt nur von der Liebe, die ich zu meiner Gemahlinn habe Die Aerzte ha - ben ſie ſo lange in ihren Haͤnden behalten, daß ſie ſich ſchaͤmen mehr Geld zu ſchneiden, und nun verordnen ſie ihr die Luft. Jch wollte wuͤnſchen, daß wir ſie gleich anfangs hierher geſchickt haͤtten. Aber was ſoll man thun? Wir muͤſſen es itzt ſo gut machen als wir koͤnnen.

Halten ſie mir zu gut, Madame; denn ſie ſahe mich ſtarre an; daß ich bey dieſem warmen Wetter ſo vermummelt bin. Es iſt mir allzu empfindlich, daß ich mich eher, als ich haͤtte thun ſollen, aus meiner Kammer begeben habe. Viel - leicht werde ich dafuͤr wieder einen Anfall von Podagra bekommen. Außerdem bin ich auch wegen ſchrecklicher Schmerzen in den Backenzaͤh - nen ſo vermummelt ausgereiſet. Jch glaube,ich217ich habe einen Fluß daran. Allein meine arme Liebſte will mit keiner andern als meiner eignen Fuͤrſorge, zufrieden ſeyn. Und, wie ich ſchon ge - ſagt habe, iſt es itzo hohe Zeit.

Sie ſollen ſehen, mein Herr, wenn es ihnen gefaͤllig iſt, was ich fuͤr Bequemlichkeiten habe! Aber ſie ſind ſonder Zweifel zu ſchlecht zu Fuße, die Treppen zu ſteigen.

Jch kann zur Noth hinauf hinken: da ich ein wenig ausgeruhet habe. Jch will nur das Zimmer anſehen, das meine Frau bekommen ſoll. Fuͤr die Bedienten mag alles gut ſeyn. Weil ſie eine artige Frau ſcheinen: ſo will ich auch auf keinen Preiß beſtehen, und noch außer dem fuͤr die Unruhe, die wir verurſachen werden, gut bezahlen.

Sie wies mir den Weg: und ich fand Mit - tel, indem ich mich auf die Lehnen zur Seite ſtuͤtz - te, mit geringerer Muͤhe hinaufzukommen, als ich bey ſo ſchwachen Knoͤcheln vermuthete. Aber, o Bruder! was war Sixtus des Fuͤnften liſtige Unterdruͤckung ſeiner natuͤrlichen Kraͤfte gegen meine, da er, als der halbtodte Montalto, nach der paͤbſtlichen Krone, die er zum Scheine nicht ſuchete, begierig ſchnappete, und den Augenblick nach der Wahl auf das ſich muthig baͤumende Thier hinaufſprang, auf welches er nach den Ge - danken der erſtaunten Cardinalsverſammlung nicht im Stande ſeyn ſollte ohne Huͤlfe von Stuͤhlen und Menſchen zu ſteigen? Niemals hat man ein froheres Herz und leichtere Fuͤße zu -O 5ſammen218ſammen gefunden, als bey mir: dennoch weiger - ten ſich itzo beyde ihre Dienſte zu thun. Jenes flatterte ins geheim und ſuchte ſich zu erleichte - rungsvollen Ausdruͤckungen von ſeinen Banden loszureißen: dieſe mußten eine kruͤppelichte Be - wegung machen, da ſie, außer einem ſolchen Zwange, nach ihres Herrn Einbildung, ihn ohne Leiter bis zum Monde wuͤrden erhoben haben.

Es waren drey Stuben in einem Stockwerke. Zwo davon befand ich artig: und die dritte, ſag - te ſie, waͤre noch artiger. Allein darinne hielte ſich das Frauenzimmer auf.

Jch ſahe Jch ſahe, daß ſie da war. Denn indem ich hinauf hinkte, und mit der hei - ſermummelnden Stimme, die ich angenommen hatte, uͤber meine ſchwachen Knoͤchel ſchrie: er - blickte ich ein wenig von ihr. Sie hatte die Thuͤ - re nur eben geoͤffnet, daß ſie mit einem Auge her - ausſehen und bemerken konnte, wer herauf kaͤme. Da ſie nun einen ſolchen alten unbeholfnen Kerl ſahe, der bey ſo warmem Wetter einen großen Mantelrock anhatte, liederlich gekleidet und ganz vermummelt war: ging ſie zuruͤck und machte die Thuͤr zu, ohne die geringſte Bewegung zu fuͤhlen. Aber ſo war es bey mir nicht. Du kannſt dir nicht vorſtellen, wie mir das Herz klopf - te, ſo bald nur eben ein Strahl von ihr auf mich fiel. Mir war bange, daß dieſer pochende Boͤ - ſewicht, der vor ſo kurzer Zeit erſtlich eben ſo viel umſonſt gepochet hatte, mich itzo erwuͤrgen moͤchte.

Jch219

Jch ließ mir die Zimmer wohlgefallen: und das um ſo viel mehr, weil ſie ſagte, daß das drit - te noch ſauberer waͤre. Jch muß mich nieder - ſetzen, Madame Es war der dunkelſte Ort in der Stube, den ich waͤhlte Wollen ſie nicht auch einen Stuhl nehmen? Um des Preißes willen ſollen wir nicht geſchieden werden. Jch will ihnen und meiner Frauen, wo es ihnen be - liebt, uͤberlaſſen, den Vergleich zu ſchließen: und ſo auch mit dem Tiſche, ob wir ihn nehmen wer - den oder nicht. Seyn ſie nur ſo guͤtig, dieß zum Handgelde anzunehmen Jch ſteckte ihr hiebey eine Guinee in die Hand Dieß einzige will ich noch ſagen. Meine arme Frau hat das Geld lieb: allein ſie iſt deswegen nicht unartig. Sie hat mir vieles zugebracht. Weil aber das wirkliche Erbgut bey ihrem Tode wieder verfaͤllt: ſo wollte ich ſie ſo wohl deswegen, als auch, wie ein rechtſchaffener Mann, aus Liebe, gern erhal - ten. Wenn ſie daher allzu genau mit ihnen be - dinget: ſo ſagen ſie es mir; ich will es ohne ihr Wiſſen ſchon gut machen. Das iſt allezeit meine Weiſe. Sie mag ihr Geld gern behal - ten: und ich wollte ihr auf keine Art Unruhe oder Misvergnuͤgen goͤnnen.

Sie verſetzte, ich waͤre ein recht bedaͤchtlicher Herr: und ſie wuͤrde es auf die erwaͤhnte Be - dingung meiner Gemahlinn uͤberlaſſen, wie ſie den Vergleich einrichten wollte.

Aber, Madame, iſt es nicht erlaubt, in das andere Zimmer nur eben hineinzuſehen, damitich220ich meiner Frauen deſto genauer Nachricht geben kann, wie es beſchaffen und aufgezieret iſt?

Das Frauenzimmer will niemand zu ſich laſſen, mein Herr Jedoch Und hiermit woll - te ſie hingehen, von ihr Erlaubniß zu bitten.

Jch ergriff ſie bey der Hand Es mag ſeyn wie es will, bleiben ſie, bleiben ſie, Mada - me. Wenn das Frauenzimmer alleine und ge - heim zu ſeyn wuͤnſchet: ſo duͤrfte es ſich nicht ſchi - cken. Machen ſie nicht, daß ich mich ihr auf - dringe.

Kein Auf dringen, mein Herr: dafuͤr ſtehe ich. Das Frauenzimmer iſt von gutem Sinn. Sie wird gewiß ſo guͤtig ſeyn, ein wenig hinunter in den Saal zu gehen. Da ſie nur noch eine ſo kurze Zeit bey mir bleibt: ſo bin ich verſichert, daß ſie mir nicht hinderlich zu ſeyn wuͤnſchen wird.

Das iſt wahr, Madame: wo ſie von gutem Sinne iſt, wie ſie ſagen Jſt ſie ſchon lange bey ihnen geweſen?

Nur erſt ſeit geſtern, mein Herr!

Jch glaube, ich habe ſie eben mit einem Blicke geſehen. Sie ſcheint ein aͤltliches Frauen - zimmer zu ſeyn.

Nein, mein Herr: ſie haben ſich verſehen. Es iſt ein junges Frauenzimmer, und eine von den ſchoͤnſten Perſonen, die mir jemals zu Ge - ſichte gekommen ſind.

Ey! ſo muß ich ihretwegen um Verzeihung bitten! Bloß darum: weil ſie mir beſſer gefal -len221len haben wuͤrde; wofern ſie laͤnger bliebe; wenn ſie aͤltlich geweſen waͤre. Jch habe einen wunderlichen Geſchmack, werden ſie ſagen, Ma - dame: aber ich liebe in der That um meiner Frauen willen ein jedes aͤltliches Frauenzimmer. Es iſt in Wahrheit allezeit meine Meynung ge - weſen, daß man das Alter ehren muͤßte. Dieß hat eben verurſachet, daß ich mich an meine ge - genwaͤrtige Liebſte gemacht habe. Jedoch habe ich auch ihre vortheilhaften aͤußerlichen Umſtaͤnde dabey erwogen, das geſtehe ich.

Sie thun ſehr wohl, mein Herr, daß ſie das Alter ehren. Wir hoffen alle, ſo lange zu leben, daß wir alt werden.

Gar recht, Madame. Allein ſie ſagen, das Frauenzimmer ſey ſchoͤne. Nun muͤſſen ſie wiſ - ſen, daß ich zwar mit den aͤlterern umzugehen fuͤr gut gefunden habe, doch aber ein ſchoͤnes jun - ges Frauenzimmer ungemein gern ſehe, eben wie ich gern ſchoͤne Blumen in einem Garten ſehe. Kann man nicht einen Blick auf ſie thun, ohne von ihr bemerkt zu werden? Denn in dieſem Aufzuge, und ſo vermummelt, mag ich mich wahr - lich eben ſo wenig ſehen laſſen, als ſie, wenn ihr die geheime Einſamkeit auch noch ſo lieb ſeyn ſollte.

Jch will hingehen, mein Herr, und fragen, ob ich das Zimmer einem Herrn zeigen darf. Da ſie verheyrathet und nicht uͤberjung ſind: ſo wird ſie vermuthlich deſto weniger Bedenken haben.

So222

So hat ſie vielleicht, wie ich, mit aͤltlichen Leuten am liebſten zu thun. Allein ſie mag wohl von juͤngerern etwas gelitten haben.

Jch bilde mir ein, mein Herr, daß es ſo iſt, oder daß ſie es befuͤrchtet. Sie verlanget, ſehr geheim und verborgen zu bleiben, und will, daß wir ſie verleugnen ſollen, wenn jemand mit Be - ſchreibung ihrer Perſon Nachfrage um ſie thut.

Du haſt Recht, meine gute Frau Moore, dachte ich bey mir ſelbſt.

Ey Schade! Schade! Was mag ihr denn begegnet ſeyn, ich bitte ſie?

Sie haͤlt ihre Begebenheiten ſehr geheim. Soll ich ihnen aber meine Gedanken ſagen: ſo glaube ich, daß es auf die Liebe hinauskommt. Sie weint beſtaͤndig, und fragt nicht viel nach Geſellſchaft.

Gewiß, Madame, es ſchickt ſich nicht fuͤr mich Frauenzimmer-Geheimniſſe auszuforſchen. Jch brauche nicht, mich um anderer Leute Sachen zu bekuͤmmern. Aber, ich bitte ſie, womit bringt ſie ihre Zeit hin? Jedoch ſie iſt erſt geſtern zu ihnen gekommen: und ſo koͤnnen ſie das wohl nicht ſagen.

Sie ſchreibt beſtaͤndig, mein Herr.

Solche Weibsleute, Bruder, geben gar nicht darauf, daß ſie etwas nicht wiſſen ſollten, wenn man ſie ausfragt.

Jn Wahrheit, Madame, ich bin nichts we - niger, als neubegierig. Allein wenn ihre Sache verwickelt und nicht bloß Liebe iſt: ſo wollte ichihr,223ihr, weil ſie eine Freundinn von ihnen iſt, mit meinem Rathe dienen.

So ſind ſie ein Rechtsgelehrter, mein Herr

Ja, Madame, ich bin wirklich einige Zeit bey dem Gerichte geweſen: aber ich habe es ſchon lange nicht mehr getrieben. Jnzwiſchen werde ich in ſchweren Faͤllen von meinen guten Freun - den viel um Rath gefraget. Jch gebe oft Geld zu einer Sache fuͤr Arme, nehme aber, auch von den Reichſten, niemals etwas.

Auf die Art ſind ſie ein ſehr guͤtiger Herr.

Ey, Madame, wir koͤnnen ja nicht beſtaͤndig hier leben, und muͤſſen ſo viel gutes thun, als uns moͤglich iſt Aber ich mag nicht gern das An - ſehen haben, daß ich dienſtfertig ſeyn will. Bleibt das Frauenzimmer noch einige Zeit, und findet es fuͤr gut, nach naͤherer Bekanntſchaft, mich um ihre Sache wiſſen zu laſſen: ſo kann es vielleicht ein gluͤcklicher Tag fuͤr ſie ſeyn; wenn ich befinde, daß ſie eine gerechte Sache hat. Denn ſie muͤſſen wiſſen, daß ich niemals, ſo lange ich bey dem Gerichte zu thun gehabt habe, ein ſo bos - hafter Kerl geweſen bin, der um eines elenden Gewinnſtes willen weiß ſchwarz, und ſchwarz weiß, zu machen geſucht haͤtte. Was wuͤrde das wohl anders geweſen ſeyn, als daß ich mich bemuͤhet haͤtte, die Bosheit durch Raͤnke reich und groß zu machen, da ich unterdeſſen an dem Unſchuldi - gen zum Raͤuber geworden waͤre?

Sie ſind ein vortrefflicher Herr: ich wollte wuͤnſchen; und dabey ſeufzete ſie; ich waͤre ſogluͤck -224gluͤcklich geweſen, zu wiſſen daß ein ſolcher Sach - walter in der Welt waͤre; und ſo gluͤcklich, mit ihm bekannt zu ſeyn.

Gut, gut, Fr. Moore; ich denke ſo heißen ſie; es mag ja wohl noch nicht zu ſpaͤt ſeyn Wenn ſie und ich beſſer mit einander bekannt ſind: ſo kann ich ihnen vielleicht helfen. Allein laſſen ſie ſich gegen das Frauenzimmer nichts da - von merken: denn, wie ich geſagt habe, ich mag nicht gern das Anſehen haben, daß ich dienſtfertig ſeyn will.

Jch wußte gewiß, wenn die gute Frau Moo - re bey der Probe hielte, die ſie mir von ihrer weib - lichen Gemuͤthsart gegeben hatte, daß eben die - ſes Verbot ſie veranlaſſen wuͤrde, es bey der er - ſten bequemen Gelegenheit zu erzaͤhlen: wofern es zu meinem Zwecke noͤthig ſeyn ſollte.

Es ſchien mir uͤberhaupt ſo gleichguͤltig zu ſeyn, ob ich die Stube oder das Frauenzimmer zu ſehen bekommen koͤnnte, oder nicht, daß die gute Frau deſto begieriger ward, mir beyde zu zeigen: und das um ſo viel mehr, da ich in der Abſicht, ſie zu reizen, geſagt hatte, daß in meinen Augen zu dem Vorzuge eines ſchoͤnen Frauen - zimmers mehr gehoͤrte, als die meiſten Leute fuͤr noͤthig hielten, und daß ich niemals ſechs wirk - lich liebenswuͤrdige Schoͤnheiten in meinem Le - ben geſehen haͤtte.

Kurz, ſie gieng hinein: und kam nach einer kleinen Weile wieder heraus. Das Frauenzim - mer hat ſich in ihr Cloſet begeben, mein Herr:ſie225ſie koͤnnen alſo hineingehen und die Stube an - ſehen.

O! wie fing hierauf mein Herz wieder an, ſeine Affenſtreiche zu ſpielen.

Jch hinkte hinein und ſtolperte herum. Das Zimmer gefiel mir wohl, und ich war verſichert, es wuͤrde auch meiner Frauen gefallen. Jch bat um Entſchuldigung, daß ich mich niederſetzen muͤßte, und frug, wer der Geiſtliche an dem Or - te waͤre? Ob er gut predigte? Wer in der Ca - pelle predigte? Ob er nicht nur gute Predigten hielte, ſondern auch zugleich einen guten Wan - del fuͤhrte. Jch muß hiernach fragen, Mada - me, ſetzte ich hinzu: denn ich kann es nicht ber - gen, ich ſehe gern, daß die Geiſtlichen das auch ſelbſt thun, was ſie predigen.

Gar recht, mein Herr: allein es geſchieht nicht ſo oft, als zu wuͤnſchen waͤre.

Deſto mehr iſt es zu bedauren, Madame. Aber ich habe eine große Hochachtung gegen die Geiſtlichkeit uͤberhaupt. Es iſt vielmehr ein bei - ßender Vorwurf gegen die menſchliche Natur, als gegen den Stand: wenn wir annehmen, daß diejenigen, welche die beſte Gelegenheit haben, gut zu ſeyn, weniger vollkommen ſind, als andere Leute. Jch fuͤr mein Theil halte eben ſo wenig von den Urtheilen uͤber ganze Staͤnde als uͤber ganze Voͤlker Jedoch ich halte die Jung - fer in ihrem Cloſet auf. Mein Podagra macht mich unhoͤflich.

Fuͤnfter Theil. PHiemit226

Hiemit ſtund ich, wie ein Kruͤppel, von mei - nem Stuhle auf Was iſt das fuͤr Zeug zu den Fenſtergardienen, Madame?

Wollenes, mein Herr, auf Damaſten Art.

Es ſieht ſehr ſchoͤn aus und gefaͤllt mir beſſer als Seide. Es iſt gewiß waͤrmer und bequemer auf dem Lande, ſonderlich fuͤr Leute bey Jahren. Das Bette iſt nach einem artigen Geſchmacke ein - gerichtet. Es iſt ſauber und rein, mein Herr: das iſt alles, worauf wir ſehen.

Ey ſehr ſchoͤn recht ſchoͤn ſeidner Came - lot, wie ich denke recht ſchoͤn, in Wahrheit! Jch weiß gewiß, es wird meiner Frauen ge - fallen. Aber wir wollten um aller Welt willen das Frauenzimmer nicht aus ihrer Wohnung ver - treiben. Die andern beyden Stuben werden vor der Hand ſchon gut fuͤr uns ſeyn.

Hierauf hinkte ich gegen das Cloſet zu. Ueber der Thuͤre zu demſelben hing ein Gemaͤhlde Was iſt das fuͤr ein Gemaͤhlde? O! ich ſe - he, es iſt die heil. Caͤcilia.

Es iſt nur ein mittelmaͤßiges Bild, mein Herr!

Recht artig, recht artig! Es iſt nach einem italiaͤniſchen Meiſter gemacht Jch wollte um der ganzen Welt willen das junge Frauenzimmer nicht aus ihrer Stube vertreiben. Wir koͤnnen uns mit den andern beyden behelfen. Dieß ſag - te ich noch einmal, weit lauter als vorher; jedoch wiederum mit einer mummelnden und heiſernStim -227Stimme: denn ich gab eben ſo viel auf eine alle - zeit gleiche Ausſprache als auf meine Worte Ach - tung.

O! Belford! da ich meinem Engel ſo nahe war: ſo bedenke, was ich mir fuͤr einen muͤhſa - men Zwang anthun mußte!

Jch hatte beſchloſſen, wenn es moͤglich waͤ - re, ſie herauszuholen, und ſtellte mich, als wenn ich weggehen wollte. Sie koͤnnen wohl keine Zeit angeben, Fr. Moore, wann wir dieſe dritte Stube bekommen moͤgen? Koͤnnen ſie es? Nicht etwa; ſprach ich mit meinem murmelnden Tone, jedoch laut genug, um in dem naͤchſten Gemach gehoͤret zu werden; nicht etwa, daß ich dem jungen Frauenzimmer Unbequemlichkeit ver - urſachen wollte: ſondern nur, damit ich meiner Frauen ſagen koͤnne, wann ohngefaͤhr Die Weiber, wiſſen ſie, Fr. Moore, moͤgen gern alles auf die Art klar vor ſich haben.

Frau Moore, ſagte meine reizende Schoͤne. Und niemals hatte mir ihre Stimme ſo lieblich geklungen. O wie pochte mein Herz wiederum! Es redete ſo gar gewiſſermaßen mit mir. Jch hoͤrte ſein unruhiges Flattern, wie ich dachte, nicht weniger als ich es fuͤhlte: und eine jede Ader an mir kam mir als ein Puls vor. Fr. Moore, ſie koͤnnen den Herrn verſichern, daß ich hier nur zween oder drey Tage aufs hoͤchſte blei - ben werde, bis ich auf einen Brief vom Lande Antwort bekomme. Ehe ich ihnen aber hinder -P 2lich228lich ſeyn moͤchte, will ich mich lieber mit einem Zimmer ein paar Treppen hoͤher begnuͤgen laſſen.

Nein! um aller Welt nicht! um aller Welt nicht, Madame, ſchrie ich. Meine Frau, ſo lieb ich ſie auch habe, ſollte eher auf dem Boden unter dem Dache liegen, als einem ſolchen be - daͤchtlichen Frauenzimmer, wie ſie zu ſeyn ſchei - nen, die geringſte Unbequemlichkeit verurſachen.

Sie machte aber die Thuͤre doch noch nicht auf. Jch mußte mehr ſagen. Sie ſind ſehr guͤtig, Madame. Allein wenn ich in das Cloſet nur eben, wie ich ſtehe, hinein ſehen duͤrfte: ſo koͤnnte ich meiner Frauen Nachricht geben, ob es fuͤr einen Schrank, den ſie ſehr hoch haͤlt und al - lezeit allenthalben bey ſich haben will, breit ge - nug iſt.

Darauf oͤffnete mein reizendes Kind die Thuͤ - re; und ſtrahlte in vollem Lichte auf mich zu: in einem ſo ſtarken Lichte, als einen Menſchen, wie man ſich leicht vorſtellen kann, ruͤhren wuͤrde, der blind gebohren worden, und auf einmal bey der Mittagsſonne durch eine guͤnſtige Macht gluͤcklich ſein Geſicht erlanget haͤtte.

Bey meiner Seele, ich war noch niemals vor - her ſo heftig geruͤhret worden. Jch hatte viele Muͤhe, daß ich mich nicht den Augenblick ſelbſt entdeckte. Alles, was ich mit vielem Stottern und großer Verwirrung zu ſagen wußte, indem ich in das Cloſet und in demſelben herum kuckte, war dieſes: Es iſt, wie ich ſehe, Raum da fuͤr den Schrank meiner Frauen; und in dieſem ſindzwar229zwar viele Edelgeſteine von hohem Werthe, aber bey meiner Seele, es kann nichts ſo ſchaͤtzbares hierher gebracht werden, als die gegenwaͤrtige Schoͤne. Jch konnte das Schwoͤren nicht laſſen Gewohnheit iſt ein verfluchtes Ding, Bruder!

Sie ward beſtuͤrzt und ſahe mich mit Schre - cken an. Weil mein Compliment die Wahrheit war und mir von Herzen ging: ſo hatte es, ſo viel ich weiß, die Verſtellung aufgehoben, die ich bey meiner Ausſprache zu beobachten ſuchte.

Jch ſahe, daß ich mich unmoͤglich laͤnger vor ihr verbergen konnte: eben ſo wenig, als ich vor den heftigen Trieben meiner Neigung umhin konnte, daß ich mich nicht entdecken ſollte. Jch knoͤpfte alſo meinen Kragen auf, ich zog meinen niedergeſchlagenen liederlichen Hut ab, ich riß meinen großen Mantelrock auf, und, wie der Teufel in Miltons Gedichte, ob es gleich eine wunderliche Vergleichung iſt,

Auf einmal ließ ich mich in goͤttlicher Geſtalt
Jn eigner Bildung ſehn. O himmliſche Gewalt
Von ihrer Augen Strahl! der noch weit ſtaͤr -
ker ruͤhret,
Als jener Spieß, den dort Jthuriel gefuͤhret.

Nun, Belford, moͤchte ich nur ein Gleichniß wiſſen Nun moͤchte ich etwas aͤhnliches wiſ - ſen, wodurch ich dieß zum Erſtaunen ruͤhrende Schauſpiel und die Wirkung deſſelben uͤber mei - nen reizenden Engel und die gute Frau, erlaͤu -P 3tern230tern koͤnnte. Jedoch es hatte nichts aͤhnli - ches, nichts gleiches. Es kann nur durch eine klare und deutliche Erzaͤhlung deſſen, was wirk - lich vorgegangen iſt, beſchrieben und abgeſchildert werden. Auf die Art ſollſt du es denn hier vor dir ſehen.

Sie hatte nicht ſo bald gemerkt, wer es waͤ - re: ſo that ſie dreymal ein gewaltiges Geſchrey. Und ehe ich ſie noch in meine Arme faſſen konn - te; wie ich den Augenblick ſelbſt, da ich mich ent - deckte, zu thun im Begriffe war: ſank ſie mir zu den Fuͤßen in eine Ohnmacht. Jch verfluchte deswegen meine Unbedaͤchtlichkeit, daß ich mich ſo ploͤtzlich und mit ſo vieler Hitze entdecket hatte.

Als die Frau im Hauſe eine ſo wunderbare Verwandlung in meiner Perſon und Bildung, und Stimme und Kleidung gewahr ward: ſo ſchrie ſie wechſelsweiſe Moͤrder! Huͤlfe! Moͤr - der! Huͤlfe! und rannte wohl zwoͤlfmal hier und dort herum. Dieß ſetzte das Haus in Lerm. Es liefen zwo Cammermaͤgdchen herauf, und mein Diener hinter ſie her. Jch rief um Waſſer und Hirſchhorn: und alle flogen faſt hinweg, theils hier, theils dort hinaus. Eine von den Cam - mermaͤgdchen ſtuͤrzte ſo geſchwinde wieder hinun - ter, als ſie heraufgekommen war. Die gute Frau aber lief aus einem Zimmer in das andere, und das Gemach, worinn wir waren, wechſels - weiſe auf und nieder, ohne Abſicht oder Endzweck. Sie231Sie rung ihre thoͤrichten Haͤnde und wußte nicht, was ſie that.

Hierauf kam ein Herr mit ſeiner Schweſter heraufgelaufen, welche das Cammermaͤgdchen, das eben hinunter gerannt war, geholet und her - eingebracht hatte. Weil daſſelbe einen verfluch - ten finſtern alten Kerl, der vom Podagra hinkte, und mit einer heiſernen Stimme aus Mangel der Zaͤhne nur mummelte, hineingeſuͤhret hatte, und dieſer auf einmal in einen lebhaften, mun - tern, jungen Herrn, mit einer reinen Ausſprache und allen ſeinen Zaͤhnen, verwandelt war: ſo blieb ſie dabey, daß ich nichts anders, als der Teufel, ſeyn koͤnnte, und huͤtete meine Fuͤße be - ſtaͤndig mit ihren Augen. Sonder Zweifel war - tete ſie alle Augenblicke darauf, daß ſich die Klauen daran ſehen laſſen ſollten.

Jch meines Theils war ſo geſchaͤfftig, mei - nen Engel wieder zu ſich ſelbſt zu bringen, daß ich ſonſt auf niemand Achtung gab. Endlich, da ſie langſam wiederum einige Bewegung be - kam, mit ſchwerem Seufzen und Gluchſen; ob gleich nur das Weiſſe in ihren Augen auf einige Augenblicke zu erkennen war: ſo rief ich ihr in dem zaͤrtlichſten Tone zu, indem ich bey ihr auf den Knien lag und mit meinem Arm ihren Kopf hielte, mein Engel! mein ſchoͤnſter Engel! mei - ne Clariſſa! ſehen ſie mich nur an, mein werthes Leben! Jch bin nicht zornig uͤber ſie Jch will ihnen verzeihen, meine Allerliebſte!

P 4Der232

Der Herr und ſeine Schweſter wußten nicht, was ſie aus dieſem allen machen ſollten: und das noch um ſo viel weniger, als meine Schoͤne, nach - dem ſie ihr Geſicht wieder bekam, von neuem ei - nen Blick auf mich fallen ließ, und dabey alſo - bald wieder ſeufzete und in Ohnmacht ſank.

Jch ſchob das Fenſter in dem Cloſet auf, da - mit friſche Luft hineinzoͤge und uͤberließ ſie hier - auf der Fuͤrſorge des jungen Frauenzimmers, eben der merkwuͤrdigen Jungfer Rawlins, wo - von ich zu Upper-Flask gehoͤret hatte, und der guten Fr. Moore, die unterdeſſen wieder zu ſich ſelbſt gekommen war. Alsdenn ging ich in die eine Ecke von der Stube und ließ mir von mei - nem Diener meine Podagriſten-Struͤmpfe abzie - hen, meinen Hut auskehren und auf die gewoͤhn - liche muntre Art aufftaffiren.

So ging ich in das Cloſet zu dem Herrn Rawlins, den ich vorher in der allgemeinen Ver - wirrung nicht ſonderlich bemerket hatte. Mein Herr, ſagte ich, ſie haben ein außerordentliches Schauſpiel vor ſich. Das Frauenzimmer iſt mit mir verheyrathet, und alle andere Mannsper - ſonen außer mir ſind hier unnoͤthig.

Jch bitte um Verzeihung, mein Herr. Wenn das Frauenzimmer mit ihnen vermaͤhlet iſt: ſo habe ich hier nichts zu thun. Aber, mein Herr, nach dem ruͤhrenden Kummer derſelben bey dem Anblicke von ihnen

Jch bitte ſie, mein Herr, ſparen ſie alle ihr wenn und aber, ich bitte ſie darum: und be -kuͤm -233kuͤmmern ſie ſich nicht um des Frauenzimmers Kummer. Sie ſind in dieſer Sache ein ſehr unzulaͤßiger Richter, und ich erſuche ſie, mein Herr, erweiſen ſie mir die Hoͤflichkeit, ſich wegzu - begeben. Die Frauensperſonen ſchicken ſich bey dieſer Gelegenheit alleine, ſetzte ich hinzu, und ich achte mich denſelben fuͤr ihre Sorgfalt und ihren guͤtigen Beyſtaͤnd verbunden.

Es war gut, daß er kein Wort mehr ſagte. Denn ich fand, daß mir die Galle ſchon uͤberlau - fen wollte. Jch konnte nicht leiden, daß der ſchoͤnſte Hals, die ſchoͤnſten Arme und Fuͤße von der Welt, den Augen einer lebendigen Seele von Mannsperſonen, außer den meinigen, bloßgeſtellt ſeyn ſollten.

Jch ging noch einmal aus dem Cloſet, als ich merkte, daß ſie ſich wiederum erholen wollte, damit der allzuploͤtzliche Anblick von mir ſie nicht aufs neue außer ſich ſetzte.

Die erſten Worte, welche ſie ſprach, indem ſie mit den heftigſten Regungen um ſich herum ſahe, waren dieſe: O verſtecken ſie mich! Ver - ſtecken ſie mich! Jſt er weg? O verſtecken ſie mich! Jſt er weg?

Die Jungfer Rawlins kam mit einem etwas entſcheidenden und dreiſten Anſehen zu mir, und ſagte: mein Herr, das iſt eine erſtaunliche Sa - che, das Frauenzimmer kann den Anblick von ih - nen nicht ertragen. Was ſie gemacht haben, das wiſſen ſie ſelbſt am beſten. Allein noch eine ſolche Ohnmacht wuͤrde vermuthlich ihre letzteP 5ſeyn.234ſeyn. Es waͤre alſo nur eine geringe Hoͤflich - keit von ihnen, wenn ſie ſich wegbegaͤben.

Es war mir daran gelegen, daß ich eine ſo merkwuͤrdige Perſon auf meiner Seite behielte; und das um ſo viel mehr, da ich ihren unver - ſchaͤmten Bruder unwillig gemacht hatte.

Das liebe Herz, ſagte ich, hat wohl Urſa - che verwirrt und bekuͤmmert zu ſeyn. Wenn ſie einen Mann haͤtten, Mademoiſelle, der ſie ſo liebte, wie ich jene liebe: ſo bin ich verſichert, ſie wuͤrden nicht von ihm laufen und ſich ſelbſt vie - len widrigen Zufaͤllen bloßſtellen; wie ſie thut, da ſie nirgends hin weiß, jedoch ohne eine boͤſe Abſicht bloß weil ſie Heimwehen hat. Das iſt ihr Fehler, und ihr einziger Fehler. Der iſt ihr aber um ſo viel weniger zu verzeihen, da ich der Mann bin, deꝛ ſie ſelbſt gewaͤhlet hat, und Urſache habe zu glauben, daß ſie mich mehr, als irgend eine Mannsperſon in der Welt, liebet.

Hier, Bruder, hatte ich nun eine Hiſtorie von der Fraͤulein, und zwar ihr ins Angeſicht, zu vertheidigen(a)Damit du, Belford, hiebey aus Unachtſamkeit nicht uͤber meine Verwegenheit ſtutzeſt, ſo muß ich dich erinnern, und zwar nur wie durch eine Randgloſſe, um den Faden meiner Erzaͤhlung nicht zu zerreiſſen, daß dieſe meine Dreiſtigkeit bloß eine Folge von denen Maaßregeln war, die ich ſchon vorlaͤufig, ſo wie ich dir von Zeit zu Zeitgemel -.

Sie235

Sie ſprechen, wie ein artiger Herr, und ſehen auch ſo aus, ſagte Jungfer Rawlins Allein, mein Herr, das iſt etwas wunderliches: das Frau -enzimmer(a)gemeldet habe, aus Furcht vor einem ſolchen Zu - fall, als mir itzo wirklich begegnet iſt, genommen hatte. Denn war das liebe Kind nicht ſchon vor vier Cavalliers von Stande und guten Um - ſtaͤnden fuͤr meine Frau ausgegeben worden(*)Siehe den III. Th. S. 495. 501.? War ſie es nicht vor der Frau Sinclair, und ihren Hausgenoſſen, und vor der Jungfer Par - tington? Und hatte ſie ſich nicht den Anſchlag ihres Onkels gefallen laſſen, daß ſie dafuͤr von der Zeit an, da Hr. Hickmann dieſem Onkel ih - retwegen einen Antrag gethan hatte, angeſehen werden ſollte(†)Siehe dieſen V. Th. und den III. Brief.; und daß der brave Capitain Tomlinſon die Freyheit haben moͤchte, dieſe Mey - nung mehrern Leuten beyzubringen? Er hat es auch wirklich zwoen Familien erzaͤhlet, und dieſe ver - muthlich mehrern, damit es Jacob Harlowen zu Ohren kommen, und dem Onkel Johann zu einem Grunde dienen moͤchte, worauf er die vorgeſetzte Ausſoͤhnung bauen koͤnnte. (††)Siehe eben dieſen Th. und zwar den III. Brief.Darfſt du wohl denken, daß alle dieſe Erfindungen kein Abſehen gehabt haben, und daß ich nicht noch weiter in Bereitſchaft ſey, meine Hiſtorie zu verthei - digen? Es iſt wahr, ich dachte damals, als ich aus Vorſichtigkeit dieſe Anſchlaͤge faſſete, wenig daran, daß ſie jemals im Stande ſeyn ſollte, wenn ſie ja den Willen haͤtte, aus meinen Haͤnden zu kom - men. Jch vermuthete nicht, daß ich anders Ge -legen -236enzimmer ſcheint ſich vor dem Anblicke von ihnen zu fuͤrchten.

Das

(a)legenheit haben wuͤrde, meine Zuflucht dazu zu nehmen, als bloß in dem Fall, wenn ich dreiſte genug ſeyn ſollte, den großen Verſuch zu wagen, und darinn gluͤcklich waͤre. Alsdenn hoffete ich dadurch das liebe Kind, und zwar bloß aus Zaͤrt - lichkeit gegen ſie; denn was habe ich ſonſt jemals die Traurigkeit, die Fluͤche, die Thraͤnen einer Weibesperſon, die ich beſieget hatte, geachtet? dahin zu bringen, daß ſie mich vor ihren Augen leiden, daß ſie mit mir zanken, und ſich durch mei - ne Vertheidigung und ihre kuͤnftige Hoffnung, die auf den Vorſchlag zur Ausſoͤhnung, auf meine wie - derholte Geluͤbde und auf des Capitains Verſiche - rung gegruͤndet waͤre, befriedigen laſſen moͤchte Denn haͤtte ſie mir in dem Fall nur verzie - hen; haͤtte ſie ſich erſt auf eine Woche mit mir eingelaſſen: ſo wuͤrde das eben ſo gut geweſen ſeyn, als wenn ſie mir auf ewig verziehen, und ſich auf ewig mit mir eingelaſſen haͤtte. Und ſo wuͤrde meine liebſte Lebensart, das Leben auf Eh - re, Platz gefunden haben. Alle Proben, die ſie auszuhalten gehabt haͤtte, wuͤrden voruͤber gewe - ſen ſeyn. Sie wuͤrde von nichts, als Dankbar - keit, Liebe und Freude, bis an den Tod eines von uns, gewußt haben. Denn niemals wollte ich, niemals koͤnnte ich ein ſo bewundernswuͤrdiges Frauenzimmer verlaſſen haben, als ſie iſt. Du weiſt, ich habe mich niemals als einen nieder - traͤchtigen Betruͤger gegen irgend eine Perſon von denen, die ihr weit nachzuſetzen waren, bewieſen. Die ihr weit nachzuſetzen waren, ſage ich Denn wer iſt wohl ihr nicht weit nachzuſetzen?

237

Das iſt gar kein Wunder, Mademoiſelle. Hiebey fuͤhrte ich ſie ein wenig auf die Seite, naͤher zu der Frau Moore. Jch habe dem lie - ben Kinde ſchon dreymal verziehen Aber dieſe Eiferſucht Es iſt etwas von derſelben dabey und wohl gar etwas von einer Verruͤ - ckung Dieß fliſperte ich ihr nur zu, damit es das Anſehen eines Geheimniſſes haben, und ſie folglich deſto aufmerkſamer machen moͤchte Jedoch unſere Geſchichte iſt zu lang

Jch lenkte mich hiernaͤchſt ſo, als wenn ich zu der Fraͤulein gehen wollte. Allein ſie baten mich, in das naͤchſte Zimmer zu treten. Sie wollten ſie zu bereden ſuchen, daß ſie ſich nieder - legte.

Jch bat, ſie moͤchten nicht zugeben, daß ſie in das Reden kaͤme. Denn ſie waͤre zu Anfaͤl - len geneigt, und wuͤrde in dem Zuſtande von allem ſchwatzen, was ihr in den Sinn fiele. Je mehr man ihr darinn den Willen ließe: deſto aͤrger waͤre ſie. Und wo man ſie nicht in Ruhe hielte: wuͤrde ſie in Raſerey verfallen, die ihr gar leicht eine ganze Woche zuſetzen moͤchte.

Sie verſprachen, ſie ruhig zu halten: und ich begab mich in das naͤchſte Zimmer; indem ich allen und jeden, außer der Frau Moore und Jungfer Rawlins, hinunter zu gehen befahl.

Die Fraͤulein war voll Klagen, welche ſie ausrief. Ungluͤcklich, elend, verlohren und zu Grunde gerichtet nannte ſie ſich ſelbſt. Sie rung ihre Haͤnde, und bat, ſie moͤchten ihr helfen, daßſie238ſie den ſchrecklichen Uebeln entgehen koͤnnte, die ihr ſonſt auszuſtehen ſeyn wuͤrden.

Die beyden Frauensperſonen predigten ihr Geduld und Ruhigſeyn, und wollten gern, daß ſie ſich niederlegen ſollte. Allein ſie ſchlug es ab. Jedoch ſank ſie auf einen bequemen Stuhl. Denn ſie zitterte ſo, daß ſie nicht ſtehen konnte.

Unterdeſſen vermuthete ich, ſie wuͤrde ſich ge - nug erholet haben, die Gegenwart einer Perſon zu ertragen, die ich ſie, weil mir daran gelegen war, zu ertragen noͤthigen mußte. Und da ich beſorgte, ſie moͤchte bey ihren klaͤglichen Ausru - fungen etwas ausſtoßen, das mich noch mehr verwirren duͤrfte: ſo kam ich wieder in das Zim - mer.

O! da iſt er! ſagte ſie, und zog ihre Schuͤr - ze uͤber das Geſicht Jch kann ihn nicht ſehen! Jch kann kein Auge vor ihm oͤffnen Weg! Weg! Mich nicht angeruͤhrt!

Denn ich nahm ihre ſtraͤubende Hand und bat, ſie moͤchte ſich zufrieden geben. Jch verſi - cherte, daß ich alles nach ihren ſelbſtbeliebigen Bedingungen und Wuͤnſchen mit ihr gut machen wollte.

Niedertraͤchtiger Kerl, ſagte die hitzige Fraͤu - lein, ich habe keine andern Wuͤnſche, als euch nie - mals mehr zu ſehen! Warum muß ich mich ſo verfolgen und jagen laſſen? Habt ihr mich nicht ſchon elend genug gemacht? Entbloͤßt von allem Beyſtande, von aller Huͤlfe und von allen Freun - den bin ich es zufrieden, daß ich arm, niedrig undelend239elend ſeyn muß: wenn ich von euren Verfolgun - gen frey werden kann!

Die Jungfer Rawlins ſahe mich ſtarre an. Was fuͤr ein vertraulichs Schaͤfchen iſt die Jung - fer Rawlins, dachte ich! Frau Moore that eben das Jch habe es ihnen geſagt, fliſperte ich ihnen zu, nachdem ich mich gegen ſie gewandt hatte, und indem ich den Kopf mit einem bekuͤm - merten und mitleidigen Geſichte ſchuͤttelte. Jch fing aber darauf alſobald wieder mit meiner Schoͤnen an zu reden. Meine Allerliebſte, wie wunderlich reden ſie! Sie werden ſich von den Wirkungen dieſer Heftigkeit nicht leicht wie - der erholen. Haben ſie Geduld, meine Geliebte! Seyn ſie ruhig! Wir wollen gelaſſen und mit kaltem Muthe von der Sache reden. Sie un - terwerfen ſich ſelbſt ſo wohl als mich ungleichen Urtheilen. Dieſe Frauenzimmer werden gewiß denken, daß ſie unter Raͤuber und Moͤrder gefal - len ſind, und daß ich das Haupt davon bin.

Das ſind ſie auch! das ſind ſie auch! Hie - bey ſtampfte ſie mit dem Fuß, und hielte ihr Ge - ſicht noch immer bedeckt. Sie dachte ſonder Zweifel an die Mittwochens Nacht. Sie ſeuf - zete, als wenn ihr das Herz brechen wollte, und legte ihre Hand an den Vorkopf Jch werde ganz außer mir kommen!

Jch will den Vorhang, meine Herzens-Lieb - ſte, nicht von ihrem Geſichte ziehen. Sie ſollen mich nicht anſehen: da ich ihnen ſo verhaßt bin. Allein240Allein dieß iſt eine Heftigkeit, die ich ihnen nim - mermehr zugetrauet haͤtte.

Jch wollte eben meine Lippen an ihre Hand druͤcken, wie ich ſie hielte: aber ſie zog dieſelbe mit Unwillen von mir weg.

Laſſen ſie mich los, Herr, ſagte ſie. Jch will von ihnen nicht angeruͤhret ſeyn. Ueberlaſſen ſie mich meinem Schickſal. Was fuͤr Recht, was fuͤr Anſpruch haben ſie, daß ſie mich ſo verfolgen?

Was fuͤr Recht, was fuͤr Anſpruch, meine Geliebte! Jedoch dieß iſt nicht die Zeit Jch habe einen Brief von dem Capitain Tomlinſon Hier iſt er Jch reichte ihr denſelben hin

Jch will nichts von ihren Haͤnden annehmen Sagen ſie mlr nichts von dem Capitain Tom - linſon Sagen ſie mir von niemand ein Wort Sie haben kein Recht, mich ſo zu uͤberfallen Noch einmal, uͤberlaſſen ſie mich meinem Schick - ſal Haben ſie mich nicht elend genug ge - machet?

Jch ruͤhrte eine zarte Saite, damit ich ſie vor den beyden Weibsperſonen in eine ſolche Gemuͤths - bewegung ſetzen moͤchte, daß dadurch mein Ver - lauten von der Verruͤckung beſtaͤtigt wuͤrde.

Was iſt das fuͤr ein Wechſel! Vor kur - zem ſo gluͤcklich! Da nichts als die Ausſoͤh - nung zwiſchen ihnen und ihren Freunden fehlte! Da dieſe Ausſoͤhnung ſelbſt auf ſo gutem Fuße! Soll eine ſo wenigbedeutende, ſozufaͤl -241zufaͤllige Gelegenheit alle unſere Gluͤckſeligkeit uͤber einen Haufen werfen koͤnnen?

Sie ſprang mit bebender Ungeduld auf und ihre Schuͤrze fiel von ihrem zornigen Geſichte Nun, ſagte ſie, da du dich unterſteheſt, die Ge - legenheit wenigbedeutend und zufaͤllig zu nen - nen, und ich gluͤcklich aus deinen ſchaͤndlichen Haͤnden und aus einem Hauſe, das ich fuͤr eben ſo ſchaͤndlich zu halten Urſache habe, heraus bin, Verraͤther und Boͤſewicht! ſo will ich es wagen, ein Auge auf dich fallen zu laſſen Und o! daß es in meiner Gewalt ſtuͤnde, zum Beſten meines Geſchlechtes dich erſt zu Schaam und Reue und alsdenn zu Tode zu ſehen.

Dieſe heftige Sprache, die aus den Trauer - ſpielen geborget ſchiene, und die hohe Art, womit ſie dieſelbe vorbrachte, hatten ihre gewuͤnſchte Wirkung. Jch ſahe die beyden Weibsperſonen und die Fraͤulein wechſelsweiſe mit einem mitlei - digen Auge an, und jene ſchuͤttelten ihre weiſen Haͤupter, und baten mich, daß ich wegginge, und ſie, daß ſie ſich niederlegen moͤchte, damit ſie in Ruhe und zu ſich ſelbſt kaͤme.

Dieſer Sturm legte ſich alsbald, wie bey Stuͤrmen gewoͤhnlich iſt, mit einem Platzregen. Sie warf ſich noch einmal in ihren Lehnſtuhl und bat die Frauenzimmer, ihrer heftigen Ausſchwei - fung wegen, um Entſchuldigung; mich aber nicht: und ich vermuthete gleichwohl, wenn es zu Com - plimenten kaͤme, daß ich auch Theil daran haben ſollte.

Fuͤnfter Theil. QJn242

Jn Wahrheit, ſagte ich zu den Frauenzim - mern; dreiſte genug, wirſt du ſprechen; die - ſe Heftigkeit iſt meiner Geliebten nach ihrer Art nicht natuͤrlich Misverſtaͤndniß

Misverſtaͤndniß, du elender Kerl! Und brauche ich Entſchuldigungen von dir?

O! was fuͤr Verachtung regte ſich dabey in allen ihren lieblichen Zuͤgen!

Sie wandte hiemit ihr Geſicht von mir weg und fuhr fort zu reden. Jch habe keine Geduld, o du betruͤgeriſcher Verraͤther, dich anzuſehen Weg von mir! Weg von mir! Wie unter - ſtehſt du dich mit einem ſo unverſchaͤmten Ange - ſichte mir vor Augen zu kommen?

Nunmehr, dachte ich, erforderte der Chara - cter eines Ehemannes, daß ich zornig wuͤrde.

Sie werden ſchon einmal, Madame, dieſe Auffuͤhrung gegen mich bereuen Bey meiner Seele, ſie werden es thun Sie wiſſen, ich ha - be es nicht an ihnen verſchuldet Sie wiſſen, ich habe es nicht.

Weiß ich, daß ihr es nicht verſchuldet habt? Elender Kerl! Weiß ich das?

Sie wiſſen es, Madame Und niemals iſt einem Manne von meinem Anſehen und Stande; das hielte ich fuͤr dienlich mit einflieſ - ſen zu laſſen; ſo begegnet worden. Die Fraͤu - lein hub hiebey ihre Haͤnde auf; aber ſie konnte vor Unwillen nicht reden Jedoch, fuhr ich fort, es iſt alles von gleichem Schlage mit dem Vorwurf, den ſie auf mich bringen wollen, daßich243ich ſie von allem Beyſtande und von aller Huͤlfe entbloͤße, daß ich ſie arm und niedrig mache, und mit andern ungegruͤndeten Reden. Jch will nur dieß einzige vor den gegenwaͤrtigen beyden Frauenzimmern ſagen, daß, weil es ſo ſeyn muß, und weil ihre vorige Achtung gegen mich in einen ſo ſtarken Haß verwandelt iſt, ich ſie bald, gar bald, gaͤnzlich frey machen werde. Jch will mich wegbegeben Jch will ſie ih - rem eignen Schickſale uͤberlaſſen, wie ſie ſich ausdruͤcken: und o! daß daſſelbe gluͤcklich ſeyn moͤge Damit ich aber nicht das Anſehen ei - nes Menſchen, der ſie entbloͤße, eines wirklichen Raͤubers, habe: ſo melden ſie mir nur, wohin ich ihre Kleider, und alles, was ihnen ſonſt zuge - hoͤret, ſenden ſoll. Jch will es ſenden.

Schicken ſie es hierher und verſichern mich, daß ſie mir niemals mehr beſchwerlich ſeyn, niemals ſich mehr zu mir naͤhern wollen. Das iſt alles, was ich von ihnen verlange.

Jch will es thun, Madame, ſagte ich mit ei - nem niedergeſchlagenen Weſen. Aber haͤtte ich wohl jemals denken ſollen, daß ich ihnen ſo gleich - guͤltig waͤre? Doch dem ſey, wie ihm wolle: ſie muͤſſen mir nichts deſto weniger die inſtaͤndig - ſte Bitte erlauben, daß ſie dieſen Brief leſen, mit dem Capitain Tomlinſon ſprechen und hoͤren wollen, was er ihnen von ihrem Onkel zu ſagen habe. Er wird bald hier ſeyn.

Taͤndeln ſie nicht mit mir, verſetzte ſie mit einem gebieteriſchen Tone Erfuͤllen ſie das,Q 2wozu244wozu ſie ſich erboten haben. Jch werde keinen Brief von ihren Haͤnden annehmen. Wenn ich mit dem Capitain Tomlinſon ſpreche: ſo ſoll es auf ſeine eigne, nicht auf ihre, Rechnung geſche - hen. Sie haben ſich verlauten laſſen, daß ſie mir meine Kleider ſenden wollen. Wo ich ir - gend etwas von dem, was ſie ſagen, glauben ſoll: ſo laſſen ſie dieß die Probe von ihrer Aufrichtig - keit ſeyn Verlaſſen ſie mich nun und ſchi - cken mir meine Sachen.

Die andern Weibsperſonen ſahen ſtarr[e]. Sie thaten nichts anders, als ſtarre ſehen, und ſchienen immer mehr und mehr verlegen zu ſeyn, was ſie aus der Sache zwiſchen uns beyden ma - chen ſollten.

Jch ſtellte mich, als wenn ich mit Unwillen von ihr gehen wollte. Allein nachdem ich bis an die Thuͤre gekommen war, kehrte ich wieder um: nicht anders, als wenn ich mich von neu - em gefaßt haͤtte. Noch ein Wort, meine Aller - liebſte! Reizend auch ſo gar in ihrem Zorne! O wie ſehr iſt mein Herz bezaubert! Dieß letz - te ſagte ich, indem ich mich halb umkehrte und mein Schnupftuch herauszog.

Jch glaube, Bruder, meine Augen glaͤnzten ein wenig Jch zweifle nicht daran Die beyden Frauensleute hatten Mitleiden mit mir. Die ehrlichen Seelen! Sie zeigten, daß ſie auch eine jede ein Schnupftuch haͤtten, ſo gut als ich. Haſt du nicht auf eben die Art bemerkt, damit ich eine bekannte Erlaͤuterung beybringe,daß245daß ein jeder in einer Geſellſchaft von zwoͤlf oder mehr Perſonen mit einer hoͤflichen Artigkeit ſei - ne Uhr herauszieht, wenn etwa jemand gefragt hat: wie iſt es an der Zeit?

Nur ein Wort, Madame, ſprach ich noch einmal, ſo bald meine Stimme ihren Ton wie - der bekommen hatte. Jch habe dem Capitain Tomlinſon die Urſache von unſerm itzigen Mis - verſtaͤndniß auf der vortheilhafteſten Seite vorgeſtellt. Sie wiſſen, worauf ihr Onkel beſtehe, und was ſie ſelbſt genehm gehalten haben. Der Brief, den ſie in meiner Hand ſehen; und dabey bot ich ihr denſelben noch einmal dar; wird ihnen zeigen, was ſie von der geſchaͤfftigen Bosheit ihres Bruders zu fuͤrch - ten haben.

Sie wollte in einem hohen Tone zu reden an - fangen, und ſtieß den Brief mit der offenen fla - chen Hand von ſich Ey! hoͤren ſie mich doch aus, Madame. Der Capitain, wiſſen ſie, hat es zwoen verſchiednen Perſonen erzaͤhlet, daß wir verheyrathet ſind. Es iſt ihrem Bruder zu Ohren gekommen. Meine Anverwandten haben anch davon gehoͤret. Jch habe Briefe von der Lady Eliſabeth Lawrance und der Fraͤulein Mon - tague bekommen, die man mir dieſen Morgen aus der Stadt gebracht hat. Hier ſind ſie. Jch zog dieſelben aus meiner Taſche und reichte ſie ihr zugleich mit dem Schreiben von dem Ca - pitain hin. Aber ſie zog ihre noch offne Hand zuruͤck, damit ſie ſie nicht annehmen moͤchte. Q 3Ueber -246Ueberlegen ſie, Madame, ich bitte, uͤberlegen ſie die ungluͤcklichen Folgen, welche ihr hoͤchſtempfind - licher Zorn haben kann.

So lange ich ſie gekannt habe, antwortete ſie, bin ich beſtaͤndig in einer Wildniß von Zweifel und Jrrthum geweſen. Jch danke Gott, daß ich aus ihren Haͤnden bin. Jch will meine An - gelegenheiten fuͤr mich zur Richtigkeit bringen. Jch ſpreche ſie von aller Sorge fuͤr mich los. Bin ich nicht mein eigner Herr? Bin ich es nicht?

Die Weibsleute ſahen ſtarre. Geht zum Teufel mit eurem ſtarre ſehen, dachte ich: koͤnnt ihr denn nichts anders thun, als ſtarre ſehen? Es war hohe Zeit, daß ich der Fraͤulein hier den Mund ſtopfte. Jch erhob meine Stimme, um ſie zu uͤberſchreien. Sie pflegten ja, meine Al - lerliebſte, ſie pflegten ja ſonſt ein zartes und vor - ſichtiges Herze zu haben. Niemals iſt daſſelbe ſo noͤthig geweſen, als itzo.

Laſſen ſie mich fuͤr mich ſelbſt urtheilen, nach dem, was ich ſehen, nicht nach dem, was ich hoͤ - ren werde Meynen ſie, ich ſoll beſtaͤndig

Mir ward bange, ſie moͤchte weiter in den Text kommen Sie muͤſſen mich hoͤren, Ma - dame. Jch erhob meine Stimme noch mehr. Sie muͤſſen mich ihnen einen oder ein paar Ab - ſaͤtze von dieſem Briefe vorleſen laſſen, wo ſie ihn nicht ſelbſt leſen wollen

Weg247

Weg von mir, Kerl! Weg von mir mit dei - nen Briefen! Was haſt du fuͤr Recht, mich ſo zu quaͤlen

Meine Allerliebſte, was bringen ſie fuͤr Fragen auf die Bahn! Fragen, die ſie eben ſo gut ſelbſt beantworten koͤnnen

Jch kann, ich will Und ſo beantworte ich ſie

Darauf fing ich geſchwinde noch lauter an zu ſchreyen. Sie ward alſo uͤberſchrien. Ange - nehmes Kind! Es wuͤrde viel ſeyn, dachte ich, ob gleich recht boͤſe auf ſie, wenn ein ſolches Ge - muͤth, als deines iſt, einem ſolchen, wie meines iſt, nicht nachzugeben genoͤthigt werden koͤnnte!

Jch fing an, leiſer zu reden: als ſie ſtille ſchwieg. Ganz ſanft, ganz beweglich war mein Ton: mein Kopf niedergebogen; die eine Hand ausgeſtreckt, und die andere an mein ehr - liches Herz geleget Um des Himmels willen, mein liebſter Engel, entſchließen ſie ſich, den Ca - pitain Tomlinſon mit gutem Sinne zu ſehen. Er wuͤrde ſchon mit mir hergekommen ſeyn: wenn ich nicht willens geweſen waͤre zu verſuchen, daß ich ihr Gemuͤthe vorher wegen dieſes ungluͤckli - chen Misverſtaͤndniſſes beſaͤnftigen moͤchte; und das um ihrer eignen Wuͤnſche willen. Denn was geht es mich ſonſt an, ob ihre Freunde mit ih - nen ausgeſoͤhnet werden oder nicht? Brauche ich einige Gunſt von denſelben? Ma - chen ſie alſo um ihrer eignen Ruhe willen die Unterhandlung des Capitains Tomlinſons nichtQ 4frucht -248fruchtlos. Dieſer brave Cavallier wird auf den Nachmittag hier ſeyn Die Lady Eliſabeth will nebſt meiner Baſe Montague in einem oder zweenen Tagen zur Stadt kommen. Beyde wollen ihren Beſuch bey ihnen abſtatten. Jch bitte, treiben ſie dieß Misverſtaͤndniß nicht ſo weit, daß es der Lord M. die Lady Eliſabeth und die Lady Sarah erfahren. Was fuͤr ein vor - nehmes Anſehen gab mir dieß in den Augen der beyden Frauenzimmer! Die Lady Eliſa - beth wird nicht ablaſſen, bis ſie ſich entſchließen, dieſelbe auf ihren eignen Ritterſitz zu begleiten Und dieſer Lady koͤnnen ſie ihre Sache ſicher ver - trauen.

Sie wollte wiederum ausbrechen: da ich ei - nen Augenblick inne hielte. Die Zuͤge in ihrem Geſichte und der Ton von ihrer Stimme gefie - len mir nicht Meyneſt du, niedertraͤchtiger Kerl das waren die Worte, welche ſie wirklich ausſtieß. Jch erhob meine Stimme aufs neue und uͤberſchrie ſie Niedertraͤch - tiger Kerl, Madame! Sie wiſſen, daß ich ſo harte Namen, als ſie mir geben, nicht verdienet habe So ſchimpfliche Worte von einem ſo ge - laſſenen Gemuͤthe Jedoch ſie ſind es, Ma - dame, die mir ſo begegnen Sie, die ich mehr als meine eigne Seele liebe Bey dieſer mei - ner Seele ſchwoͤre ich, daß ich es thue Die beyden Weibsperſonen ſahen ſich einander an. Es ſchien, als wenn ihnen mein Feuer gefiele. Frauenzimmer, ſie moͤgen Weiber, Jungfernoder249oder Witwen ſeyn, ſehen gern eine feurige Liebe. Selbſt die Fraͤulein Howe, wie du weiſt, redet feurigen Liebesbezeigungen das Wort. Nichts deſto weniger; ſo fuhr ich fort; muß ich ſagen, daß ſie bey dieſer Gelegenheit die Sache zu weit getrieben haben, Jch ſehe, ſie haſſen mich

Sie war eben im Begriff zu ſprechen Muͤſſen wir auf ewig getrennet ſeyn, ſagte ich darauf weiter mit einer ſtarken und nachdruͤckli - chen Stimme: ſo ſoll dieſe Jnſel nicht lange von mir beſchweret werden. Unterdeſſen laſſen ſie ſich doch nur belieben, dieſe Briefe durchzuſehen, und uͤberlegen, was ihres Onkels Freunde zu ſa - gen iſt, und was er ihrem Onkel ſagen ſoll Zu allem will ich behuͤlflich ſeyn; ſie moͤgen mir entſagen, wenn ſie wollen; was zu ihrer Beru - higung und zu der Ausſoͤhnung, die ihnen noch ſo kuͤrzlich am Herzen gelegen, irgend dienen kann. Aber nach meiner geringen Einſicht halte ich unmaßgeblich fuͤr nothwendig, daß ſie eine beſſere Geſinnung gegen mich annehmen: wenn es auch nur deswegen geſchehen ſollte, damit dem, was vorgegangen iſt, ein vortheilhafter Schein, und allem kuͤnftigen Antrage bey ihren Freun - den, auf was Art ſie auch denſelben zu thun fuͤr dienlich befinden werden, einiges Gewicht dadurch gegeben wuͤrde.

Jch legte ſo dann die Briefe auf ihren Schooß, und ging mit einer tiefen Bewegung und einem recht nachdruͤcklichen Geſichte in das naͤch - ſte Zimmer.

Q 5Die250

Die beyden Weibsperſonen folgten mir alſo - bald nach. Fr. Moore ging weg; damit ſie der ſchoͤnen Unart Zeit laſſen moͤchte die Briefe zu leſen. Die Jungfer Rawlins that es aus eben der Urſache, und weil ſie nach Hauſe gerufen wurde.

Die Witwe bat die Jungfer, daß ſie bald wiederkommen moͤchte. Jch vereinigte meine Bitte mit der ihrigen: und ſie war willig genug, uns dieſe Gefaͤlligkeit zu verſprechen.

Jch entſchuldigte mich bey der Fr. Moore wegen der Verkleidung, worinn ich zuerſt erſchie - nen war, und wegen des Maͤhrchens, das ich er - ſonnen hatte. Jch gab ihr zu verſtehen, daß ich mich verbunden hielte, fuͤr das ganze Stock - werk, worinn wir waren, und fuͤr eine Stube weiter hinauf fuͤr meinen Diener, es mit ihr gut zu machen; und zwar auf einen Monat gewiß.

Sie machte verſchiednes Bedenken und bat, daß ich darauf bey ihr nicht dringen moͤchte, bis ſie die Jungfer Rawlins um Rath gefragt haͤtte.

Jch lleß es mir gefallen: aber erinnerte zu - gleich, daß ſie von mir Handgeld genommen haͤt - te; und ich hoffete, es wuͤrde ſich daruͤber nicht mehr ſtreiten laſſen.

Eben den Augenblick kam die Jungfer Raw - lins wieder. Eine heftige Neubegierde ſahe ihr aus den Augen. Da ſie gehoͤret hatte, was un - terdeſſen zwiſchen der Fr. Moore und mir vorge - fallen war: ſo nahm ſie alſobald ein dienſtferti - ges Geſicht an; woruͤber ich mein Wohlgefallenbezeig -251bezeigte, weil ich offenbar ſahe, daß, wenn ich ſie auf meiner Seite haͤtte, die andere auch fuͤr mich waͤre.

Sie wuͤnſchte; wenn Zeit dazu waͤre, und es ihr nicht als eine große Unbeſcheidenheit ausge - legt wuͤrde, es zu verlangen; daß ich der Fr. Moore und ihr eine kurze Nachricht von einer Sache geben moͤchte, die nach ihrem Ausdrucke neu, geheimnißvoll und wunderbar ausſaͤhe: denn bisweilen kaͤme es ihr vor, als wenn wir verhey - rathet waͤren; bald aber ſchiene dieß wieder zwei - felhaft; und gleichwohl leugnete es das junge Frauenzimmer nicht ſchlechterdings; hielte ſich aber bey dem allen fuͤr hoͤchſt beleidiget.

Unſere Begebenheiten, antwortete ich, waͤren etwas ſehr beſonderes. Wenn ich ſie ihnen er - zaͤhlte: ſo wuͤrde eines und das andere davon ih - nen kaum glaublich vorkommen. Jedoch weil ich ſie fuͤr bedaͤchtliche Perſonen hielte: ſo wollte ich ihnen den ganzen Verlauf kuͤrzlich erzaͤhlen; und zwar ſo deutlich und aufrichtig, daß dadurch alles, was zwiſchen der Fraͤulein und mir vorge - gangen waͤre, oder noch ferner vorgehen moͤchte, zu ihrer Befriedigung in voͤlliges Licht geſetzt wuͤrde.

Sie ſetzten ſich bey mir nieder und richteten alle Zuͤge ihres Geſichtes zur Aufmerkſamkeit ein. Jch war entſchloſſen, der Wahrheit ſo nahe zu kommen, als moͤglich waͤre, damit meiner Ge - liebten nicht etwas entfallen koͤnnte, das mich Luͤ - gen ſtrafen moͤchte. Doch ſuchte ich auch das,was252was auf der Hoͤhe bey Hampſtead vorgefallen war, nicht aus den Augen zu laſſen.

Du weiſt zwar meine ganze Geſchichte und ein gutes Theil von meinen Abſichten. Es iſt aber doch noͤthig, dir das Weſentliche von dem, was ich ihnen erzaͤhlte, zu melden.

Jch gab ihnen ſo kurz, als ich konnte, Nach - richt von unſern Familien, Gluͤcksumſtaͤnden, Verwandtſchaften, Feindſeligkeiten und ſonder - lich von der zwiſchen ihrem Bruder und mir. Jch behauptete, daß wir wirklich ins geheim ge - trauet waͤren. Aus dem Briefe von dem Capitain, den ich einſchließen will, wirſt du ſe - hen, was ich fuͤr Urſachen dazu gehabt habe. Außer dem moͤchten mir auch vielleicht die Weibs - perſonen einen Pfarrer vorgeſchlagen haben, der unſern Streit ſchlichten ſollte. Jch entdeckte ihnen die Bedingung, welche ich meiner Ge - mahlinn haͤtte ſchwoͤren muͤſſen, und woran ſie mich feſt hielte, damit ſie, ſagte ich, deſto eher mich zu der Ausſoͤhnung mit ihren Angehoͤrigen bewegen moͤchte.

Jch geſtand, daß dieſer Zwang mich bis - weilen auszufliegen reizte. Und Fr. Moore war ſo guͤtig, daß ſie ſich erklaͤrte, ſie wunderte ſich daruͤber nicht gar ſehr.

Du biſt eine recht gute Art von Weibern, Fr. Moore, dachte ich dabey.

Weil die Fraͤulein Howe unſere Mutter wirk - lich ausgekundſchaftet hat, und es nicht unmoͤglich iſt, daß ſie noch ein Mittel finde, ihre Entdeckun -gen253gen ihrer Freundinn zu offenbaren: ſo hielte ich es fuͤr dienlich, die beyden Weibsperſonen durch eine gute Meynung von der Fr. Sinclair und ih - ren Muͤmchen zum voraus einzunehmen.

Jch ſagte, ſie waͤren von gutem Herkom - men und haͤtten kein boͤſes Herze. Meine Ge - mahlinn waͤre in der That keine Freundinn von ihnen: weil ſie ſich einmal alle mit einander die Freyheit genommen haͤtten, ihre uͤbertriebene Bedenklichkeit gegen mich zu tadlen. Leute, ſetzte ich hinzu, ja wohl gar rechtſchaffene Leu - te, die ſich eines Fehlers bewußt waͤren, den ſie keine Luſt haͤtten zu beſſern, ließen gar zu oft die groͤßte Ungeduld blicken, wenn man ihnen denſelben vorhielte: da ſie weniger, als andre, leiden koͤnnten, daß man gleichguͤltig von ihnen daͤchte.

Sie geſtunden, dieß geſchehe mehr als zu oft.

Der Fr. Sinclair Haus waͤre ein ganz ar - tiges Haus, und fuͤr Leute vom erſten Range be - quem. Wahr genug, Bruder! Sie ſelbſt waͤre eine Wittwe von recht guten Umſtaͤnden: eine Wittwe von gutem Stande wie ſie ſind, Fr. Moore. Sie vermiethet Zimmer wie ſie, Fr. Moore. Sie iſt vordem unter vortheil - haftern Umſtaͤnden geweſen wie ſie, Fr. Moo - re, vielleicht auch geweſen ſind. Sie iſt die Wittwe des Obriſten Sinclair: Sie, Fr. Moo - re, koͤnnen den Obriſten Sinclair wohl kennen Er hat zu Hampſtead Zimmer gehabt.

Sie hatte von dem Namen gehoͤret.

O!254

O! er war mit den beſten Familien in Schottland verwandt: und ſeine Witwe wird nicht geachtet, weil ſie Zimmer vermiethet. Sie wiſſen, wie es geht, Fr. Moore Sie wiſſen, Jungfer Rawlins

Mehr als zu wahr, mehr als zu wahr. Sie konnten ſich nicht entbrechen zu ſagen, daß es ei - nem ſolchen Frauenzimmer, als meine Gemah - linn, eben nicht artig ſtuͤnde, ſo tadelſuͤchtig zu ſeyn.

Hier habe ich einen Grund, dachte ich, wo - durch ich mir die Huͤlfe dieſer Weibsperſonen, meine fluͤchtig gewordene Schoͤne wieder zuruͤck - zubringen, oder wenigſtens ihre Nachſicht dabey verſchaffen kann. Hier habe ich einen Grund aller kuͤnftigen Kundſchaft von der Fraͤulein Ho - we vorzubauen.

Jch gab ihnen einen Abriß von dieſem maͤnn - lichen Frauenzimmer, und bemerkte daß ſie ſchwerlich ihres gleichen unter ihrem Geſchlechte haͤtte, wenn es auf einen Kopf Ungluͤck zu ſchmie - den, und auf ein Herz es auszufuͤhren an - kaͤme.

Dieſe Fraͤulein Howe, ſagte Fr. Moore, waͤ - re es, wie ſie vermuthete, an welche meine Ge - mahlinn mit ſo großem Verlangen einen Kerl zu Pferde bey anbrechendem Tage mit einem Brie - fe, den ſie die vorige Nacht, ehe ſie zu Bette ge - gangen waͤre, geſchrieben haͤtte, abzuſchicken ge - ſucht habe: mit dem Verlauten, nicht laͤnger zublei -255bleiben, als bis ſie eine Antwort darauf bekom - men haͤtte.

Es iſt eben dieſelbe, erwiederte ich. Jch wußte wohl, daß ſie unmittelbar zu dieſer ihre Zuflucht nehmen wuͤrde. Es wuͤrde mehr, als ein Gluͤck, fuͤr mich geweſen ſeyn: haͤtte ich einen ſolchen Brief auffangen oder es ſo ſpielen koͤnnen, daß er der Fr. Howe, ſtatt ihrer Tochter, zu Haͤn - den gekommen waͤre. Frauensperſonen, die eine Zeitlang in der Welt gelebt haͤtten, wuͤßten beſ - ſer, was ſich ſchickte, als daß ſie junge Weiber in ſolchen wunderlichen Grillen ſtaͤrken ſollten.

Jch muß hier ein wenig abbrechen, und dir, weil ich eben daran denke, ſchreiben, daß ich nach - her Wilhelmen ſeinen Beſcheid gegeben, den Auf - enthalt des Mannes, der mit dem Briefe mei - ner verlaufenen Schoͤne abgegangen iſt, ausfuͤn - dig zu machen, und bey ſeiner Ruͤckkehr vorher mit ihm zu ſprechen, ehe ſie mit ihm ſpricht.

Den beyden Weibsleuten erzaͤhlte ich ferner, daß ich gaͤnzlich daran verzweifelte, ob es jemals beſſer mit uns werden wuͤrde, ſo lange die Fraͤu - lein Howe eine ſo große Gewalt uͤber meine Ge - mahlinn behielte und ſelbſt unverheyrathet bliebe; und bis die Ausſoͤhnung mit ihren Freunden auszuwirken ſtuͤnde; oder eine noch gluͤcklichere Veraͤnderung wie ich es noth - wendig anſehen muͤßte, der ich der letzte maͤnn - liche Erbe von meiner Familie waͤre, und durch mein thoͤrichtes Geluͤbde und ihre Strenge bis - her

Hiebey256

Hiebey hielte ich inne, nahm ein ſchamhafti - ges Geſicht an und drehete meinen diamantenen Ring am Finger herum: da unterdeſſen die gute Fr. Moore ſehr nachdenklich ausſahe und es ei - nen ganz beſondern Fall nannte; das unverhey - rathete Frauenzimmer aber die Augen mit ihrem Fecherſpiel wegwandte, ſchamhaft that und den Mund zog, um zu zeigen, daß das, was ich ſagte, keine weitere Erklaͤrung brauchte.

Jch erzaͤhlte ihnen die Gelegenheit zu un - ſerer gegenwaͤrtigen Mishelligkeit; behauptete, daß das Feuer kein Blendwerk geweſen waͤre: aber geſtand, daß ich mir kein Gewiſſen gemacht haben wuͤrde, weil ich das Recht eines Gemahls fuͤr mich haͤtte, den unnatuͤrlichen Eid, dadurch ich von ihr gebunden waͤre, zu brechen; da ſie der Schrecken durch einen ſo ungefaͤhren Zufall mir in die Arme gejagt haͤtte. Jch machte mir ſelbſt den groͤßten Vorwurf, daß ich es nicht ge - than: in Erwaͤgung deſſen, daß ſie fuͤr gut fuͤn - de, ihren Unwillen ſo hoch zu treiben, und mir ſo wenig Recht wiederfahren ließe, zu vermu - then, daß das Feuer ein geſpielter Streich von mir waͤre.

Und wenn es auch waͤre; ſagte Fr. Moore Da wir verheyrathet waͤren und die guaͤdige Frau ſo wunderlich Ein jeder Herr wuͤrde nicht Hier brach Fr. Moore ab.

Zu vermuthen, daß ich zu einem ſo elenden Streiche meine Zuflucht nehmen ſollte, fuhr ich fort, da ich das liebe Kind alle Stunden ſaheWar257War das nicht ein kuͤhnes Vorgeben, Bru - der?

Jn Wahrheit, ein ſehr außerordentlicher Fall! ſprach das unverheyrathete Frauenzimmer. Sie machte ſich mehrentheils mit ihrem Fecher etwas zu thun: jedoch kam ſie auch ein mit ih - rem gut, aber, mit ihrem ausforſchenden Jch bitte, mein Herr! und ihrem zuruͤckhaltenden Genug mein Herr! Sie fiel von einer Frage auf die andere. Bisweilen war ihr der Sitz nicht bequem, aus Furcht, ich moͤchte aus allzu geringer Bedenklichkeit ihre uͤbermaͤßige Scham - haftigkeit beleidigen: und gleichwohl war es ſchwer, ihre mehr als uͤbermaͤßige Neubegierde zu ſtillen.

Die Eiferſucht meiner Geliebten, die von ſelbſt den Frauenzimmern tauſend Dinge, die ſich ſonſt nicht erklaͤren laſſen, begreiflich macht, und der Vorwurf einer halben Verruͤckung, welche durch den gottloſen Fluch ihres Vaters, und durch die vorhergehenden Verfolgungen von ihrer ganzen Familie bey ihr entſtanden waͤre, waren dasjenige, wobey ich mich vornehm - lich aufhielte, damit ich den kuͤnftigen Faͤllen vorbeugen moͤchte.

Kurz; ich bekannte wider mich ſelbſt das meiſte von denen Beleidigungen, welche mir die Fraͤulein, wie ich nicht zweifeln durfte, vor ih - ren Ohren vorhalten konnte. Da eine jede Sache eine gute und eine ſchlimme Seite hat: ſo ſuchte ich den ſchlimmſten Theilen von unſe -Fuͤnfter Theil. R rer258 rer Geſchichte durch die artigſten Wendungen aufzuhelfen. Als ich fertig war: gab ich ih - nen einige parteyiſche Winke von dem Jnhalt des Briefes von dem Capitain Tomlinſon, den ich bey ihr gelaſſen hatte: mit der Erinnerung, daß ſie gegen die Nachfrage Jacob Harlowens und des Capitain Singleton oder eines jeden, der einem Schiffer aͤhnlich ſaͤhe, auf ihrer Hut ſeyn moͤchten. Dieß war noͤthig: du wirſt es aus dem Briefe ſelbſt erkennen. Hier magſt du ihn alſo leſen. Und du wirſt finden, wenn du die geringſte Aufmerkſamkeit auf den Jnhalt deſ - ſelben wendeſt, daß es ein vortrefflicher Brief zu meiner Abſicht iſt.

Herrn Robert Lovelace.

Wertheſter Herr.

Meine Geſchaͤffte erfordern zwar, daß ich mor - gen oder hoͤchſtens uͤbermorgen ſelbſt zur Stadt komme. Dennoch habe ich nicht unterlaſſen wollen, mit einem von meinen Bedienten, den ich einer beſondern Angelegenheit wegen vorausſende, an Sie zu ſchreiben, um Jhnen zu melden, daß Sie wahrſcheinlicher Weiſe von einigen Jhrer eignen Verwandten Jhre [vorgege - bene*Alles, was zwiſchen ſolchen Haͤckchen [] einge - ſchloſſen iſt, kannſt du als etwas anſehen, das ichden] Vermaͤhlung hoͤren werden. HerrLilbur -259Lilburne, einer von denen Perſonen, welchen ich meine Vermuthung von Jhrer Heyrath merken ließ, iſt von ohngefaͤhr mit Herrn Spurrier, dem Haushofmeiſter der Lady Eliſabeth Lawrance, be - kannt geworden, und hat es, weil ihm nichts ver - boten war, dem Hrn. Spurrier, und dieſer wie - derum der Lady Eliſabeth, als gewiß geſaget. Deswegen hat ſich Jhro Gnaden, ob ich gleich nicht die Ehre habe derſelben perſoͤnlich bekannt zu ſeyn, durch ihren Hofmeiſter bey mir erkundi - gen laſſen. Wie der in Geſellſchaft des Herrn Lilburne zu mir kam: ſo hatte ich keinen andern Weg uͤbrig, als die Nachricht zu bekraͤftigen. Jch merke, daß die Lady Eliſabeth es uͤbel nimmt, daß ſie eine ſo erwuͤnſchte Neuigkeit nicht von Jh - nen ſelbſt erfahren hat.

Jhro Gnaden ſcheinet Geſchaͤffte zu ha - ben, weswegen ſie zur Stadt kommen muß: [und Sie werden vermuthlich ihr aus dem Jrr - thume zu helfen dienlich achten. Thun Sie das: ſo wird es hoffentlich im Vertrauen geſchehen; damit nicht aus Jhrer eignen Familie etwas un - ter die Leute gebracht werde, das meiner Ausſage widerſpreche.]

[Jch bin allezeit der Meynung geweſen, daß man in allen Faͤllen aufs genaueſte bey der Wahrheit bleiben muͤſſe: und es macht mirR 2Unruhe,*den beyden Frauensleuten, bey meiner Erzaͤhlung von dem Jnhalte dieſes Briefes, verſchwiegen habe.260Unruhe, daß ich von meiner alten Regel, ob gleich in ſo guter Abſicht, gewichen bin. Allein, mein lieber Freund Johann Harlowe wollte es ſo ha - ben. Jnzwiſchen habe ich niemals eine Abwei - chung von dieſer Art, eine ganz einfache Ab - weichung, die nur einen einzigen Tritt ausmachet, gefunden. Nichts deſto weniger, damit es ſo gut werde, als es immer werden kann, erlauben Sie mir, mein Herr, daß ich die Fraͤulein noch ein - mal erſuche, die ausgebrachte Nachricht wahr zu machen.] Wenn ſie beyde die Sache einhellig geſtehen: ſo wird es bey einem jeden eine unver - ſchaͤmte Dreiſtigkeit ſeyn, genau nach dem Tage oder der Woche zu fragen. [Und wer wird im Stande ſeyn, meine Ausſage einer Falſchheit zu beſchuldigen; wenn es ſo geheim vollzogen wird, als Sie geſonnen ſind: da die Weibsleu - te, bey denen Sie wohnen, gehoͤrig vorbereitet ſind, wie Sie ſagen, und wirklich glauben, daß Sie ſchon laͤngſt getrauet worden?]

Unterdeſſen iſt ſehr wahrſcheinlich, daß genaue Nachfrage geſchehen wird: und deswegen iſt es noͤthig, ſich vorher wohl zu verwahren. Denn Herr Jacob Harlowe will nicht glauben, daß Sie vermaͤhlet ſind. Er weiß gewiß, ſaget er, daß Sie beyde mit einander in einem Hauſe gewoh - net haben, als Herr Hickmanns Antrag bey Hrn. Joh. Harlowe geſchehen iſt. Wenn Sie aber eine Zeitlang bey einander gelebet haben: ſo ſchließet er aus Jhrem Charakter, Herr Lovelace, es ſey nicht wahrſcheinlich, daß Sie es jemals zurHey -261Heyrath kommen laſſen werden. Er uͤberlaͤſſet es dabey ſeinen beyden Onkeln zu entſcheiden, ob man nicht, wenn Sie auch verheyrathet ſeyn ſollten, Urſache zu glauben habe, daß ſeine Schwe - ſter vorher entehret ſey. Und waͤre das: ſo moͤch - ten dieſelben auch ſelbſt urtheilen, was ſie fuͤr Recht zu ihrer Gewogenheit oder zu der Verzei - hung von einem ihrer Familie haben koͤnnte. Jch glaube, mein Herr, es wird am beſten ſeyn, daß Sie dieß Stuͤck von meinem Briefe vor der Fraͤulein geheim halten.

So viel iſt gewiß: der junge Herr Harlowe iſt feſt entſchloſſen, dieß auszukundſchaſten, und ſo gar mit ſeiner Schweſter zu ſprechen. Zu dem Ende iſt er heute morgen, wie ich von ſicherer Hand weiß, mit einem großen Gefolge, wohl be - waffnet, ausgereiſet: und Herr Solmes ſoll die Partey verſtaͤrken. Was ihn aber deſto eifriger macht, es auszuforſchen, iſt dieſes. Herr Joh. Harlowe hat der ganzen Familie eroͤffnet, daß er geſonnen ſey, ſeinen letzten Willen zu aͤndern und neu aufſetzen zu laſſen. Eben das iſt Herr An - ton Harlowe in Anſehung ſeiner zu thun entſchloſ - ſen: denn es ſcheint, daß er die Gedanken, ſich zu veraͤndern, aufgegeben hat, nachdem ihm vor kurzem ſeine Abſicht in dieſem Stuͤcke bey der Fr. Howe fehlgeſchlagen iſt. Die beyden Bruͤder handeln uͤberhaupt auf einhellige Art. Nun befuͤrchtet Herr Jacob Harlowe; und ich kann es Jhnen wohl ſagen, er hat Urſa - che dazu, nach dem, was mir mein Hr. HarloweR 3erzaͤhlet262erzaͤhlet hat; daß ſeine juͤngſte Schweſter durch die vorgeſetzte Aenderung zuletzt mehr Vortheil erhalten werde, als er wuͤnſchet. Er hat ſich ſchon Muͤhe gegeben, ſeinen Onkel Harlowe dar - uͤber auszufragen, und gern wiſſen wollen, ob von Seiten ſeiner Schweſter ein neuer Antrag an ihn gekommen ſey. Herr Harlowe wollte ihm nicht eigentlich antworten: ſondern bezeigte, wie ſehr er eine allgemeine Ausſoͤhnung wuͤnſchte, und daß er hoffte, ſeine Baſe wuͤrde verheyrathet ſeyn. Daruͤber ward der hltzige junge Herr boͤſe: und er erinnerte ſeinen Onkel an die Ver - pflichtungen, die ſie alle bey ſeiner Schweſter Entlaufung uͤbernommen haͤtten, ſich nicht an - ders, als mit allgemeiner Einwilligung, auszuſoͤhnen.

Herr Joh. Harlowe beklagt ſich oft gegen mich uͤber die Unbaͤndigkeit ſeines Vetters, und ſagt, daß der junge Herr itzo, da er niemand hat, fuͤr deſſen hoͤhere Einſicht er Achtung haben muß, in ſeiner Auffuͤhrung gegen keinen von ihnen den Wohlſtand beobachtet. Dieß vermehret bey meinem Herrn Harlowe mehr, als jemals, das Verlangen, ſeine juͤngſte Baſe wieder in Gunſt zu bringen. Jch will nicht alles ſagen, was ich von des jungen Herrn außerordentlichen Gierig - keit ſagen koͤnnte: aber man ſollte denken, daß ſolche Leute, die alles an ſich ziehen wollen, ewig in der Welt zu leben vermuthen.

Jch nahm mir erſt vor kaum zwo Stunden die Freyheit, die Errichtung eines Briefwech -ſels263 ſels zwiſchen meinem Freunde und ſeiner Tochter Baſe, wie er ſie noch bisweilen aus herzlicher Liebe nennet, vorzuſchlagen, und erbot mich, es unter meinem Umſchlage geſchehen zu laſſen. Sie beſaͤße ſo viele Klugheit, ſagte ich, daß ich verſichert waͤre, ſie wuͤrde alles weit beſ - ſer, als ſonſt jemand, zu dem erwuͤnſchten Ende lenken koͤnnen. Allein er gab zur Antwort, er achtete es gegenwaͤrtig ſeiner Freyheit nicht vollkommen uͤberlaſſen, einen ſolchen Schritt zu thun: und es waͤre beſſer, wenn es in ſeiner Gewalt bliebe, bey vorfallender Gelegenheit frey zu bekennen, daß er keinen Briefwechſel mit ihr, oder keinen Brief von ihr haͤtte.

Aus dem allen, mein Herr, werden ſie ſehen, wie noͤthig es ſey, unſere Unterhandlung als ein gaͤnzliches Geheimniß zu halten. Sollte die Fraͤulein ihrer wuͤrdigen Freundinn, der Fraͤulein Howe, etwas davon geſchrieben haben: ſo hoffe ich, daß es nur im Vertrauen geſchehen ſeyn wird.

[Nun muß ich Jhnen aber auch ein paar Zeilen zur Antwort auf Jhr Geehrtes vom vo - rigen Montage ſchreiben.]

[Herr Harlowe war ſehr wohl zufrieden, daß Sie ſich ſeinen Vorſchlag ſo willig gefallen laſ - ſen. Wenn Sie aber beyde verlangen, daß er bey der Trauung gegenwaͤrtig ſeyn moͤchte: ſo gab er dagegen zu bedenken, wie ſein Vetter alle ſeine Schritte und Tritte ſo genau bewachte, daß er es nicht fuͤr thunlich hielte, wenn er auch dazuR 4geneigt264geneigt waͤre, Jhnen dieſe Gefaͤlligkeit zu erwei - ſen. Jedoch wollte er von Herzen gern geſche - hen laſſen, daß ich diejenige Perſon waͤre, die von ſeiner Seite ins geheim bey Vollziehung dieſes Kirchengebrauchs gegenwaͤrtig ſeyn ſollte.]

[Nichts deſto weniger denke ich ein Mittel zu haben, wodurch der Sache abgeholfen wer - den kann: wofern Jhre Fraͤulein noch immer ein großes Verlangen nach ihres Onkels Gegen - wart traͤget; es waͤre denn, daß er ſich feſter ent - ſchloſſen haͤtte, als ſeine Antwort anzuzeigen ſchien. Jch werde Jhnen daſſelbe, und vielleicht auch was er dazu ſagt, eroͤffnen: wenn ich das Ver - gnuͤgen habe, Sie in der Stadt zu ſehen. Jn der That aber denke ich, daß Sie keine Zeit zu verlieren haben. Herr Harlowe wartet mit Un - geduld auf die Nachricht, daß Sie wirkllch ver - einigt ſind: und ich hoffe ihm, wenn ich Sie ehe - ſtens wieder verlaſſe, die Zeitung zuruͤckzubrin - gen, daß ich die Trauung vollzogen geſehn habe.]

[Sollte von der Fraͤulein etwas in den Weg geleget werden; denn von Jhnen kann es nicht geſchehen: ſo werde ich in Verſuchung ge - rathen, von ihrer Bedenklichkeit ein wenig hart zu gedenken.]

Herr Harlowe macht ſich die Hoffnung, daß Sie, mein Herr, dem ungeſtuͤmen jungen Men - ſchen mehr aus dem Wege, als entgegen zu gehen, ſuchen werden. Er hat eine deſto beſſere Meynung von Jhnen; das kann ich Jhnen wohlſagen:265ſagen: da ich ihm Jhre Maͤßigung und Jhr ar - tiges Bezeigen erzaͤhlet habe, von welchen beyden Eigenſchaften keine ſeinem Vetter beywohnet. Allein wir haben alle unſere Fehler.

Sie koͤnnen ſich nicht vorſtellen, wie herzlich mein Freund noch ſeine unvergleichliche Baſe liebet. Jch will Jhnen zum Beweiſe davon nur ein Beyſpiel geben, welches mich nicht wenig ruͤhrte. Wenn ich nur noch einmal; ſagte er, da wir vor dem letzten mal bey einander waren; dieß angenehme Kind, als meine Hauswirthinn in dem mir zugefallenen Monat, zur Zierde oben an meinem Tiſche ſitzend und alle uͤbrigen, die von der Familie gegenwaͤrtig ſeyn moͤchten, als ihre Gaͤſte ſehen kann: denn ſo wollte ich es haben; und ihre Mutter hatte mir dazu ihre Einwilligung gegeben Hier brach er ab, weil er ſein ehrwuͤrdiges Angeſicht von mir zu kehren genoͤthigt ward. Die Thraͤnen liefen ihm uͤber die Wangen. Er wollte ſie gern verborgen haben: aber er konnte nicht Je - doch jedoch, ſprach er wie wie der arme Herr, gluchſete recht vor Weinen wie werde ich die erſte Zuſammenkunft zu ertragen im Stande ſeyn!

Jch danke Gott, Herr Lovelace, daß ich kein unempfindlicher Mann bin. Meine Augen zeigten meinem wuͤrdigen Freunde, daß er nicht Urſache haͤtte, ſich ſeiner menſchlichen Regungen vor mir zu ſchaͤmen.

R 5Jch266

Jch will endlich dieſen Brief ſchließen. Ha - ben Sie die Guͤte, meine gehorſamſte Empfeh - lung an das unvergleichliche Frauenzimmer zu machen, und halten mich,

Wertheſter Herr, fuͤr Jhren treuen Freund und gehor - ſamen Diener Anton Tomlinſon.

Waͤhrend der obigen Unterredung hatte ich mich an das entfernte Ende des Zimmers, worinn wir waren, gegen die Thuͤre uͤber, welche offen war, und gerade gegen die Kammerthuͤr der Fraͤu - lein, welche zugemacht war, hingeſtellet. Jch redete ſo leiſe, daß ſie in der Entfernung unmoͤg - lich hoͤren konnte, was wir ſagten: und in der Stellung konnte ich ſehen, wenn ihre Thuͤre aufginge.

Jch verſicherte die beyden Weibsperſonen, daß das wirklich an dem waͤre, was ich von der Lady Eliſabeth und ihrer Baſe Ankunſt in die Stadt, und ihrem Vorſatze, meine Gemahlinn, die ſie niemals geſehen haͤtten, ſo wenig als dieſe jene, zu beſuchen geſagt hatte, und daß ich alle Stun - den die Zeitung von ihrer Ankunft erwartete. Hiernaͤchſt zeigte ich ihnen Abſchriften von den andern beyden Briefen, die ich bey der Fraͤulein gelaſſen hatte. Der eine war von der Lady Eli - ſabeth, der andere von meiner Baſe Montague Du kannſt ſie hier leſen, wo es dir beliebt.

Es267

Es iſt ein ewiges Verweiſen, ein ewiges Vor - ruͤcken von meinen unverſchaͤmten Verwandten. Allein ſie ergreifen mit Fleiß die Gelegenheit, ei - nen Fehler an mir zu finden. Jhre Liebe, ihre Liebe, Bruder, und ihre Ueberzeugung von mei - ner bekannten und guten Gemuͤthsart iſt ihr An - trieb!

Herrn Robert Lovelace.

Lieber Herr Vetter.

Jch vernehme, daß nun endlich alle unſere Wuͤnſche durch Jhre Vermaͤhlung erfuͤllet ſind. Meiner Meynung nach aber haͤtte es ſich wohl ſo gut geſchickt, dieſe Nachricht unmittelbar von Jhnen ſelbſt zu erhalten, als durch den weiten Umweg, wodurch wir ſie bekommen haben. Mich deucht, das Vermoͤgen und die gute Ge - ſinnung, welche wir haben, Jhnen zu Gefallen zu ſeyn, ſollte uns doch wohl billig Jhrer Ver - achtung und Geringſchaͤtzung nicht noch mehr bloßſtellen. Mein Bruder hatte es ſich feſt vor - genommen, Jhnen diejenige Gattinn ſelbſt zu ge - ben, deren Verbindung mit Jhnen wir alle ſo lan - ge gewuͤnſchet haben. Sind Sie aber ſchon da - mals, als Sie ihn darum erſuchten, wirklich ver - heyrathet geweſen; weil ſie vielleicht vermutheten, daß ſein Podagra ihm nicht erlauben wuͤrde, zu Jhnen zu kommen: ſo ſieht Jhnen das gar nichtunaͤhn -268unaͤhnlich(*)Jch ließ die beyden Weibsleute in den Gedanken, Bruder, daß dieſer Vorwurf gegruͤndet waͤre.. Wenn Jhre Fraͤulein gleich ihre Urſachen hatte, warum ſie wuͤnſchte, daß es geheim ſeyn ſollte; da die Mishelligkeiten zwi - ſchen ihrer Familie und ihr noch fortdauren: ſo haͤtten Sie es uns doch nichts deſto weniger un - ter dieſer Bedingung zu wiſſen thun koͤnnen. Wir wuͤrden alsdenn die oͤffentlichen Freudens - bezeigungen uͤber eine Veraͤnderung, die wir ſo lange gewuͤnſchet, unterlaſſen haben.

Der weite Umweg, wodurch wir es erfahren haben, iſt dieſer. Mein Hoffmeiſter iſt mit ei - nem Freunde von Capitain Tomlinſon bekannt, welchem es dieſer Herr entdecket hat. Wie es ſcheint: ſo hat der es von Jhnen und Jhrer Fraͤulein ſelbſt mit ſolchen Umſtaͤnden erfahren, daß man daran nicht zweifeln darf.

Jch bin in der That ſehr uͤbel mit Jhnen zu - frieden: und meine Schweſter Sadlair nicht weniger. Allein ich werde gar bald Gelegenheit haben, es Jhnen muͤndlich zu erkennen zu geben: indem ich meiner alten Kauzeley-Sache wegen zur Stadt zu kommen genoͤthiget bin. Meine Baſe, Leeſon, welche auf die Albemarleſtraße, wie es ſcheint, gezogen iſt, hat Nachricht davon. Jch werde bey Jhr im Hauſe ſeyn, und beſtelle mir hiemit Jhren Beſuch daſelbſt am Sonntag Abend. An meine Baſe Charlotte habe ich ge - ſchrieben, daß entweder ſie, oder ihre Schweſtermir269mir zu Reading entgegen komme und mich in die Stadt begleite. Jch werde nur wenige Tage bleiben: weil mein Geſchaͤffte bloß die aͤußerli - chen Anſtalten betrifft. Auf meiner Ruͤckreiſe werde ich bey meinem Bruder zu M. Hall ein - ſprechen, um zu ſehen, in was fuͤr einem Stande ihn ſein letzter Zufall gelaſſen hat.

Jnzwiſchen, da ich Jhnen meine Meynung wegen Jhrer Nachlaͤßigkeit geſagt habe, kann ich nicht umhin, Jhnen beyden bey dieſer Gele - genheit Gluͤck zu wuͤnſchen: Jhrer ſchoͤnen Fraͤu - lein inſonderheit zu dem Eintritte in eine Familie, die laͤngſt vorbereitet iſt, ſie zu bewundern und zu lieben.

Meine vornehmſte Abſicht, warum ich an Sie ſchreibe, ohne mich an die ſonſt noͤthigen Kleinigkeiten itzo zu binden, iſt dieſe, daß Sie meiner lieben neuen Baſe vermelden, ich wolle mir die Ehre ihrer Begleitung nach Oxfordſchire nicht abſchlagen laſſen. Jch ſehe wohl, daß ihr Haus, worinn Sie zu wohnen gedenken, Jhre Einrichtung, Pferde und Wagen nicht ſo bald in Bereitſchaft ſeyn koͤnnen. Sie ſoll bey mir blei - ben, bis alles in Ordnung iſt. Jch beſtehe dar - auf. Dieß ſoll alles wieder gut machen. Mein haus ſoll ihr eignes: meine Bedienten, Wagen und Pferde ſollen ihr eigen ſeyn.

Die Lady Sarah, welche in vier Monaten nicht aus ihrem Hauſe gekommen iſt, will mir die Gefaͤlligkeit erweiſen, zu Ehren einer ſo theu - er geliebten Baſe, als ſie gewiß uns allen ſeynwird,270wird, mir auf eine Woche ihre Geſellſchaft zu goͤnnen.

Da ich in der Stadt nur bey andern im Hauſe bin: ſo koͤnnen weder Sie, noch Jhre Ge - mahlinn viele Umſtaͤnde verlangen.

Am Montage hoffe ich zu einer oder der an - dern Zeit meinen Beſuch bey ihr abzulegen, um ihr mein Compliment zu machen, und ihre Schutz - rede fuͤr die Nachlaͤßigkeit des Gemahls anzu - nehmen. Dieſe und ihre Abreiſe mit mir, wie zuvor gemeldet habe, ſoll zur vollkommenen Ver - guͤtigung dienen. Unterdeſſen wuͤnſche ich ihr von dem Himmel viel Gluͤck fuͤr ihre Herzhaf - tigkeit; ſagen Sie ihr das: und Jhnen beyden vom Himmel viel Gluͤck durch einander. Das wird fuͤr uns alle eine Gluͤckſeligkeit ſeyn ſonderlich aber fuͤr

Jhre aufrichtig ergebene Tante Eliſabeth Lawrance.

Herrn Robert Lovelace.

Wertheſter Herr Vetter.

Endlich zeiget ſich einige Hoffnung von Jh - nen, wie ichvernehme. Nun betet mein guter Lord ſeinen Roſenkranz von Spruͤchwoͤrtern uͤber.

Nun, Herr Vetter, ſage ich, iſt Jhre Zeit gekommen: und, wie ich hoffe, werden Sie nicht laͤnger weder ein Untreuer gegen die Gewalt oder die Vorzuͤge desjenigen Geſchlechts, welches ſie ſich bisher ſo weit herunter zu ſetzen angemaßethaben,271haben, noch ein hoͤhniſcher Veraͤchter oder Spoͤt - ter einer Anordnung ſeyn, welche alle ehrbare Leu - te verehren, und alle liederliche fruͤh oder ſpaͤter zu verehren, oder, daß ſie dieſelbe verehrt haͤtten, zu wuͤnſchen, genoͤthiget werden.

Jch moͤchte gern ſehen, wie Jhnen Jhre ſeid - ne Feſſeln ſtehen: ob das reizende Joch Jhren Schultern leicht wird. Jſt es nicht; da Sie doch eine ſo angenehme Gehuͤlfinn haben, die es mit Jhnen traͤgt: ſo denken mein Lord und meine Schweſter, ſo wohl als ich, daß Sie ein en - geres Band um Jhren Hals zu haben ver - dienen.

Der Lord berſtet vor Verdruß, wie ein von Gummi glaͤnzender Taffet, daß Sie ihm nicht den Tag, die Stunde, die Art und Weiſe und alles geſchrieben haben. Jch frage ihn aber, wie er bereits ſchon eine Probe der Hochachtung oder Hoͤflichkeit von Jhnen erwarten kann? Er muͤſſe Geduld haben, ſage ich ihm, bis unter an - dern auch dieſes Zeichen der Beſſerung von der Gewalt, die Jhre Gemahlinn uͤber Sie hat, und von ihrem Beyſpiele ans Licht kommen muß: es werde ſich aber geſchwinde ſehen laſſen; wenn Sie jemals in einem Stuͤcke gut werden wollen. Und o! mein lieber Herr Vetter, was fuͤr eine weite, weite Reiſe haben Sie von dem ſchreckli - chen Lande ausſchweifender Freyheiten durch die glaͤnzenden Gegenden der Beſſerung zu dem auf - geklaͤrten Reiche der Gluͤckſeligkeit! Sie haben Urſache, keine Zeit zu verlieren. Sie muͤſſenmanche272manche ermuͤdende Schritte thun, ehe Sie denen Wanderern zuvorkommen koͤnnen, die aus einer geringern Entfernung dahin abgehen. Allein Sie haben einen vortrefflichen Leitſtern zu Jhrer Fuͤhrung: das iſt Jhr Vortheil. Jch wuͤnſche Jhnen viel Vergnuͤgen davon: und wie ich nie - mals eine beſondere Hoͤflichkeit von Jhnen er - wartet habe; ſo trage ich kein Bedenken, ſelbſt den Anfang zu machen. Jedoch geſchieht es bloß, das muß ich Jhnen ſagen, aus Achtung gegen meine neue Baſe: zu deren Beytritt in unſere Familie wir uns von ganzem Herzen un - ter einander Gluͤck wuͤnſchen und uns daruͤber erfreuen.

Jch habe Briefe von der Lady Eliſabeth. Sie befiehlt, daß ich, oder meine Schweſter, ihrer zu Reading warten ſoll, um mit ihr in die große unſaubere Stadt zu unſerer Baſe Leeſon zu fah - ren. Sie macht dem Lord M. Hoffnung, daß ſie unſere liebenswuͤrdige neue Verwandtinn, ge - wiß mitbringen wird: denn ſie ſagt, ſie wolle keine abſchlaͤgige Antwort annehmen. Der Lord iſt um ſo viel mehr geneigt, mich die verlangte Perſon ſeyn zu laſſen: da ich faſt außer mir bin, vor Begierde, ſie zu ſehen; und meine Schweſter ſchon vor zwey Jahren dieſe Ehre bey Herrn Robert Biddulph gehabt hat. Halten Sie ſich nur bereit, uns bey unſerer Ruͤckreiſe zu beglei - ten: es waͤre denn, daß Jhre Gemahlinn etwas dagegen zu erinnern haͤtte, das ſtark genug ſeyn koͤnnte, uns alle zu befriedigen. Die Lady Sa -rah273rah hat großes Verlangen, ſie zu ſehen, und ſagt, daß dieſer Zuwachs bey unſerer Familie den Ver - luſt ihrer geliebten Tochter erſetzen werde.

Jch werde bald, wie ich hoffe, in Perſon der wertheſten Gemahlinn mein Compliment machen: daher habe ich nichts mehr beyzufuͤgen, als daß ich ſey

Jhre alte wunderliche Spielgeſellinn und Baſe Charlotte Montague.

Nachdem die Frauenzimmer die Abſchriften von dieſen beyden Briefen geleſen hatten: ſo dachte ich, daß ich nun wohl einmal drohen und pochen moͤchte Aber ich habe gar wenig Luſt, ſprach ich, einen ſolchen Beſuch von der Lady Eliſabeth und der Fraͤulein Montague bey meiner Gemahlinn zu befoͤrdern. Denn end - lich bin ich ihrer wunderlichen Weiſe uͤberdruͤ - ßig. Sie iſt nicht mehr was ſie geweſen iſt. Jch will, wie ich ihr ſchon in ihrer beyden Ge - genwart geſagt habe, dieſe verhaßte Jnſel ver - laſſen: ob gleich mein Geburtsort und der Strich Landes, den ich darinnen habe, ſehr be - traͤchtlich iſt. Jch will davon gehen und in Frankreich oder Jtalien meinen Sitz aufſchla - gen, und niemals weder an mich ſelbſt als ei - nen Ehemann gedenken, noch als ein Ehe - mann leben.

O! Werther Herr! ſagte die eine.

Das waͤre etwas betruͤbtes! ſprach die andere.

Fuͤnfter Theil. SJa,274

Ja, Madame! verſetzte ich, zu der Frau Moore gekehrt Jn der That, Mademoiſelle. zu der Jungfer Rawlins Jch bin ganz in Verzweifelung. Jch kann dergleichen Auffuͤh - rung nicht laͤnger ertragen. Jch habe das Gluͤck gehabt, von recht artigen Frauenzimmern, ob ich es gleich ſelbſt ſage; und dabey nahm ich ein ſchamhaftiges Geſicht an; ſo wohl in der Fremde, als zu Hauſe, mit freundlichen Bli - cken beguͤnſtigt zu werden. Du weiſt, Bru - der, daß dieß wahr iſt. Jn Anſehung mei - ner Gemahlinn, habe ich nur eine Hoffnung uͤbrig: denn was die Ausſoͤhnung mit ihren Freunden betrifft; ſo ſchaͤtze ich ſie alle gar zu geringe, daß ich dieſe anders als um ihretwillen achten ſollte. Meine einzige Hoffnung iſt, daß, wenn es Gott gefiele, uns Kinder zu geben, ſie wieder vollkommen zu ihrer gewoͤhnlichen Mun - terkeit gelangen, und wir alsdenn gluͤcklich ſeyn moͤchten. Aber die Ausſoͤhnung, welche ihr bisher ſo ſehr am Herzen gelegen, iſt nunmehr, wie ich ſchon vorher zu verſtehen gegeben habe, nicht weiter zu hoffen Das macht der uͤber - eilte Schritt, den ſie gethan hat, und die noch un - bedaͤchtlichere Gemuͤthsverfaſſung, worinn ſie ſte - het. Denn ihr Bruder und ihre Schweſter, wie ſie leicht glauben koͤnnen, werden daraus ei - nen artigen Handel gegen uns machen, wenn es ihnen zu Ohren kommt: da ſie ſich anmaßen werden, wie ſie ſchon itzo thun, unſere Vermaͤh - lung in Zweifel zu ziehen und das liebe Kindſelbſt275ſelbſt nur allzu bereit iſt dieſen Zweifel zu beſtaͤr - ken weil wir bloß durch die Trauung verbunden ſind

Hier war ich ſchamhaft: denn die Jungfer Rawlins erinnerte mich durch ihre vorlaͤufige Sproͤdigkeit, daß es ſich nicht anders ſchicke.

Jch kehrte mich halb um. Hiernaͤchſt ſahe ich die Fecherſpielerinn, und die ehrbare Frau wie - der an Sie, ſie ſelbſt, meine lieben Frauen - zimmer, wußten ja bis auf dieſen Augenblick, da ich ihnen unſere Begebenheit erzaͤhlet habe, nicht, was ſie glauben ſollten. Jch verſichere ſie, daß ich mir nicht ſo viele Muͤhe geben werde, Leute zu uͤberfuͤhren, die ich nicht vertragen kann; Leute, von denen ich keine Gefaͤlligkeit erwarte oder verlange, und die ſchluͤßig ſind, ſich nicht uͤberzeugen zu laſſen. Und ich bitte ſie, was muß daraus entſtehen; wenn ihres Onkels Freund kommt: ob er gleich ein recht braver Mann zu ſeyn ſcheinet? Jſt es fuͤr ihn nicht ganz na - tuͤrlich, zu ſagen: Zu welchem Ende, Herr Love - lace, ſollte ich eine Ausſoͤhnung zwiſchen der Frau Lovelacinn und ihren Verwandten durch Ver - mittelung ihres aͤltern Onkels auf die Bahn bringen, wenn zwiſchen ihnen ſelbſt ein gutes Verſtaͤndniß fehlet? Eine richtige Folge, Frau Moore! Eine richtige Folge, Jungfer Rawlins! Und da iſt das Ungluͤck So lange, bis ſie mit ihnen ausgeſoͤhnet wird, iſt nach ihren Begriffen der verfluchte Eid bindend!

S 2Die276

Die Weibsperſonen ſchienen geruͤhret: denn ich redete mit vielem Eifer, ob gleich nur leiſe Und außerdem ſehen ſie es gern, daß ihr Geſchlecht und die Gunſt von demſelben uns wichtig ſchei - net. Sie ſchuͤttelten ihre tieſſinnigen Koͤpfe gegen einander und ſahen bekuͤmmert aus. Dieß ruͤhrte auch ſo gar mein zartes Herze.

Es iſt etwas unerhoͤrtes, meine lieben Frau - enzimmer Haͤtte ſie mich nicht allen Mannsperſonen vorgezogen Da brach ich ab Und das iſt es, fing ich wieder an, in - dem ich nach meinem Schnupftuche fuͤhlte, was den Capitain Tomlinſon unſchluͤßig machte, als er ihre Flucht hoͤrte: der das letzte mal, da er uns bey einander ſahe, an uns das allervertrau - teſte Paar von der Welt geſehen hatte! das allervertrauteſte Paar von der Welt! ſagte ich noch einmal in einem klaͤglichen Tone.

Hierauf zog ich mein Schnupftuch heraus, hielte es vor den Augen, ſtund auf und ging an das Fenſter Es macht mich weichherziger, als eine Frauensperſon! Liebte ich ſie nicht ſo, wie niemals ein Mann ſeine Frau geliebet hat Jch zweifele nicht, Bruder, daß ich dieß wirklich thue.

Hier hielte ich wieder inne: und fuhr her - nach fort. So reizend ſie auch iſt, wie ſie ſelbſt ſehen: ſo wollte ich doch wuͤuſchen, daß ich ihr Angeſicht niemals geſehen haͤtte. Entſchul - digen ſie mich. Dabey ging ich queer durch das Zimmer. Nachdem ich meine Augen ſo lange ge -trie -277trieben hatte, bis ich vermnthete, daß ſie roth ſeyn muͤßten: ſo wandte ich mich wieder zu den Weibs - leuten und zog mein Brieftaſche hervor. Jch will ihnen einen Brief zeigen Hier iſt er Leſen ſie ihn, Jungfer Rawlins, wo es ihnen gefaͤllig iſt Sie werden daraus noch mehr verſichert werden, wie ſehr meine ganze Familie zum vor - aus eingenommen iſt, ſie zu bewundern. Jch bin frey darinn getadelt Das bin ich auch in den andern beyden: allein nach dem, was ich ihnen erzaͤhlet habe, darf nichts fuͤr ſie beyde ein Geheimniß ſeyn.

Sie nahm ihn mit einem ſolchen Anſehen, das von heftiger Neubegierde zeugte, und beſahe das Siegel, welches mit praͤchtigen Zierrathen gekroͤnet war, und die Auſſchrift, die ſie ganz aus las: Herrn Robert Lovelace Ja Mada - me Ja Mademoiſelle das iſt mein Name Hier gab ich mir ſelbſt ein Anſehen: ob ich es ihnen gleich ſchon vorher geſagt hatte Jch ſchaͤme mich nicht davor. Meiner Gemahlinn jungfraͤulicher Name Unehlicher Name ſollte ich vielmehr ſagen wie thoͤricht bin ich! Vor Verdruß rieb ich mir die Wangen. Thoͤricht genug war ich, Bruder, in meinem Gewiſſen! war Harlowe Clariſſa Har - lowe Sie haben gehoͤrt, daß ich ſie meine Clariſſa nannte.

Jch hoͤrte es wohl: aber ich dachte, es waͤre ein erdichteter oder ein Liebesname, ſagte Jungſer Rawlins.

S 3Jch278

Jch denke Wunder, Bruder, was der Jung - fer Rawlins Liebesname iſt. Die meiſten von den ſchoͤnen Romanenfreundinnen haben ſich in ihrer Jugend Liebesnamen ausgeſucht. Es hat wohl niemals ein Pfarrer mehr wirkliche Na - men gegeben, als ich erdichtete Namen gegeben habe; und in recht guter Abſicht. Manches lie - bes Kind hat mir auf einen Brief geantwortet, weil ich ihr einen Namen beygeleget, den ihre Pathinn ihr niemals gegeben hatte.

Nein, es war ihr wirklicher Name, ſprach ſie.

Jch bat ſie, den ganzen Brief durchzuleſen. Wenn die rechte Art zu ſchreiben nicht genau be - obachtet iſt, Jungfer Rawlins, ſagte ich: ſo wer - den ſie es entſchuldigen; es iſt ein Lord, der es ge - ſchrieben hat. Aber vielleicht mag ich ihn mei - ner Gemahlinn nicht zeigen. Denn wenn jene, die ich bey ihr gelaſſen habe, nichts uͤber ſie ver - moͤgen: ſo wird es dieſer auch nicht koͤnnen; und ich will meinen Lord M. ihrer Verachtung nicht gern ausgeſetzt ſeyn laſſen. Jch fange in der That an mich um die Folgen gar nicht zu be - kuͤmmern.

Die Jungfer Rawlins konnte uͤber dieſes Merckmal des Vertrauens zu ihr nicht anders als vergnuͤgt ſeyn. Sie ſahe ſo aus, als wenn ſie mich bedaurete.

Und hier magſt du den Brief leſen. No. III.

Herrn279

Herrn Robert Lovelace.

Herr Vetter Lovelace.

Jch denke, ſie wuͤrden doch wohl Zeit gefunden haben, uns die wirkliche Vollziehung ihrer Hochzeit wiſſen zu laſſen. Jch moͤchte dieſes klei - ne Stuͤck der Hoͤflichkeit von ihnen erwartet ha - ben. Jedoch vielleicht war die Trauung ſchon zu der Zeit vollzogen, als ſie mich erſuchten Va - tersſtelle bey ihrer Fraͤulein zu vertreten Allein ich werde in Zorn gerathen: wo ich in meinen Muthmaßungen weiter gehe Und wenig geſagt, iſt bald verbeſſert.

Aber ich kann ihnen vermelden, daß die Lady Eliſabeth, was auch Lady Sarah thun mag, ih - nen nicht ſo bald verzeihen will, als ich gethan habe. Frauenzimmer empfinden gering - ſchaͤtzige Begegnungen laͤnger als Manns - perſonen. Sie, die ſo viel von dieſem Ge - ſchlechte wiſſen; das ſage ich jedoch ihnen nicht zum Lobe; haͤtten auch das wohl wiſſen moͤgen. Vorher aber ſind ſie niemals mit einem ſo lie - benswuͤrdigen Frauenzimmer bekannt geweſen. Jch hoffe, es wird unter ihnen nur eine Seele ſeyn. Sie haben ſchon eher, als itzo, von mir gehoͤret, daß ich ſie enterben und alles, was ich kann, ihr vermachen will, wo ſie mit ihr nicht ein guter Ehemann werden.

S 4Jch280

Jch wuͤnſche, daß dieſe Heyrath mit vielen artigen Buͤbchen; Maͤgdchen verlange ich nicht; geſegnet ſeyn moͤge, ein ſo altes Geſchlecht wieder anzubauen. Das erſte Buͤbchen ſoll durch einen Parlamentsbrief meinen Zunahmen bekommen. Dieß ſteht in meinem letzten Willen.

Die Lady Eliſabeth und die Baſe Charlotte werden Geſchaͤffte halber in der Stadt ſeyn, ehe ſie wiſſen, wo ſie ſind. Sie tragen viel Ver - langen, ihrer ſchoͤnen Gemahlinn ihr Compli - ment zu machen. Jch vermuthe, daß ſie ſchwer - lich eben auf der Forſt ſeyn werden, wenn jene zur Stadt kommen: weil Greme mir Nachricht giebt, daß ſie daſelbſt keine Anſtalten zu Bewir - thung ihrer Gemahlinn zu machen beſohlen haben.

Pritchard hat alles zur Unterzeichnung in Bereitſchaft. Jch will mir ihre geringſchaͤtzige Auffuͤhrung nicht zu Nutze machen. Jn der That bin ich derſelben ſchon zu ſehr gewohnet: jedoch iſt das mehr ein Ruhm meiner Geduld als ihrer Hoͤflichkeit.

Eine Urſache, warum die Lady Eliſabeth hin - auf geht, iſt, wie ich ihnen unter der Roſe ge - ſagt haben will, in der Lady Sarah und unſer aller Namen einige anſtaͤndige Geſchenke einzu - kaufen, die wir bey dieſer angenehmen Gelegen - heit machen wollen.

Wir wuͤrden es uͤberall bekannt gemacht ha - ben, wenn wir es bey Zeiten haͤtten erfahren koͤn - nen. Unſeren Gedanken nach wuͤrde es allen umuns281uns herum angenehm geweſen ſeyn. Der glei - chen Gelegenheiten fallen nicht alle Tage vor.

Nach meinem ergebenſten Compliment und Gluͤckwunſche an meine neue Baſe, ſchließe ich itzo in heftigen Schmerzen, welche ſie bey allem ihren Heldenmuthe toll machen wuͤrden, und nenne mich

Jhren aufrichtig ergebenen Onkel M.

Durch dieſen Brief wandte ſich das Blatt. Sie habe nur geſehen, ſagte Jungfer Ran[o]lins, daß ich ein wilder Herr geweſen waͤre, und das haͤtte ſie in Wahrheit den Augenblick, als ſie mich zu Geſichte bekommen, gedacht.

Beyde fingen an, fuͤr meine Gemahlinn Fuͤr - bitten einzulegen. So fein hatte ich die Sache gedrehet. Sie baten, ich moͤchte nicht davon ge - hen, und einen ſo ſehnlichen Wunſch der Ausſoͤh - nung an einer, und ſo angenehme Hoffnung an der andern Seite, in meiner eignen Familie durch meine Schuld nicht fehl ſchlagen laſſen.

Wer weiß, dachte ich bey mir ſelbſt, ob aus dieſem geſpielten Streiche nicht mehr kommen kann, als ich mir einmal davon verſprochen hatte? Wie gluͤcklich werde ich ſeyn: wenn dieſe Weibs - leute dahin zu bringen ſind, daß ſie mir meine Vermaͤhlung ehrlich vollenden helfen.

Meine lieben Frauenzimmer, ſie ſind aus - nehmend guͤtig gegen uns beyde. Jch wuͤrde ei -S 5nige282nige Hoffnung haben: wenn meine ungluͤcklich zaͤrtliche Gemahlinn ſo weit gebracht werden koͤnn - te, daß ſie mir den unnatuͤrlichen Eid, wodurch ſie mich gebunden hat, erließe. Sie ſehen, unter was fuͤr Umſtaͤnden ich bin. Glauben ſie, daß ich nicht darauf dringen moͤge, von dieſem ab - ſcheulichen Eide durch ſie ſelbſt losgeſprochen zu werden? Wollen ſie ſo guͤtig ſeyn, die Anſtalten machen zu laſſen, daß um Schlafenszeit nur ein Zimmer fuͤr einen Mann und ſeine Frau bereit ſey? Das war beſcheiden gegeben, Belford! Erlaube mir hier zu bemerken, daß außer mir wenige freye Liebhaber eine ſo anſtaͤndige Sprache finden wuͤrden, wodurch ſie ſchamhafti - ge Weibsperſonen bereden koͤnnten, ſich mit ihnen in ſolchen Faͤllen einzulaſſen.

Sie laͤchelten beyde und ſahen einander an.

Die Dinge, wovon die Rede war, machen al - lezeit, daß Weibsleute wenigſtens ins Laͤcheln ge - rathen. Man darf ihnen nur die verſteckteſten Winke davon geben. Eine Mannsperſon, die in Frauenzimmer-Geſellſchaft ungeſchliffen iſt, verdient mit einer Keule zu Boden geſchlagen zu werden. Denn es iſt mit ihnen nicht anders, als wenn ſo viele muſikaliſche Jnſtrumente da waͤren. Man darf nur eine Saite ruͤhren: ſo ſind die lieben Seelen alle uͤber und uͤber em - pfindlich.

Gewiß, ſagte Jungfer Rawlins auf gelehrte Art bey ihrem Fecherſpiel, ein Rechtserfahrner wuͤrde die Entſcheidung geben, daß das ehelicheGe -283Geluͤbde alle andere Verbindlichkeit uͤberwiegen muͤſſe.

Fr. Moore war an ihrem Theile der Mey - nung, wenn die Fraͤulein geſtuͤnde, daß ſie meine Gemahlinn waͤre, ſo muͤßte ſie ſich auch als eine Gemahlinn ſchicken.

Es mag bey dieſer uͤberall aͤugichten Schoͤ - nen mein Gluͤck ſeyn, dachte ich, wie es will: ein jedes anderes Frauenzimmer in der Welt von funfzehn bis zu fuͤnf und zwanzig Jahren wuͤrde gewiß, ehe es Morgen wird, unter mir beliebigen Bedingungen mein ſeyn.

Und nun, damit ich mir alle Vortheile zu Nutze machen moͤge, ſagte ich bey mir ſelbſt, will ich mich guter Zimmer zu verſichern ſuchen.

Jch bin ihr Miethmann, Fr. Moore, durch das Handgeld, welches ich ihnen gegeben habe, fuͤr dieſe Zimmer, und eines oben, das ſie fuͤr meinen Diener entbehren koͤnnen: ja in der That fuͤr alle, die ſie entbehren koͤnnen Denn wer weiß, was meiner Gemahlinn Bruder unterneh - men mag? Jch will bezahlen, was ſie fordern: und zwar auf einen oder zween Monate gewiß, den Tiſch mit eingeſchloſſen; nachdem ich ihnen hinderlich oder nicht hinderlich ſeyn werde. Neh - men ſie dieſes zum Pfande oder auf Abſchlag Jch reichte ihr hiebey einen Bankzettel auf dreyßig Pfund.

Sie weigerte ſich ihn anzunehmen, und ver - langte erſt die Fraͤulein daruͤber zu fragen. Je - doch ſetzte ſie hinzu, daß ſie an meiner Ehre kei -nen284nen Zweifel haͤtte, und ihre Zimmer an keinen vermiethen wollte, den ſie nicht kennete, ſo lange ich und die Fraͤulein hier waͤren.

Die Fraͤulein, die Fraͤulein! hieß es be - ſtaͤndig bey den beyden Weibsleuten, welches doch noch einigen Zweifel in ihren Herzen anzeigte: und nicht ihre Gemahlinn, ihre Fraͤulein, mein Herr.

Jch habe niemals ſolche Frauenzimmer ge - funden, waren meine Gedanken Nur erſt dieſen Augenblick ſo vollkommen uͤberzeugt und doch ſchon wieder zweifelhaft! Mir iſt bange, daß ich mit einem Paar aus der Schule der Zweifler zu thun habe.

Jch wuͤßte keine Urſache, ſprach ich, warum meine Gemahlinn Einwendungen dagegen ma - chen ſollte, daß ich hier in einem Hauſe mit ihr wohnte: ſo wenig als ſie in der Stadt etwas ein - zuwenden gehabt haͤtte, da ich in Fr. Sinclairn Hauſe bey ihr geweſen waͤre. Sollte ſie aber wirklich Einwendungen machen: ſo wuͤrde ich mich doch nicht aus dem Beſitze geben; indem es nicht unglaublich waͤre, daß eben die Grillen, die ſie nach Hampſtead gefuͤhret haͤtten, ſie ganz und gar aus meiner Kundſchaft bringen moͤchten.

Sie ſchienen beyde in Verwirrung zu gera - then; und ſahen einander an: jedoch mit ſolchen Blicken, als wenn ſie daͤchten, daß das Grund haͤtte, was ich ſagte. Jch erklaͤrte mich fuͤr ih - ren Koſtgaͤnger ſowohl, als fuͤr ihren Miethmann. Und als der Mittag kam: ward mir das erſte nicht verſaget.

Der285

Der ſechzehnte Brief von Herrn Lovelacen an Herrn Joh. Belford.

Nunmehr, dachte ich, waͤre es hohe Zeit, alle meine Gedanken auf meine Geliebte zu rich - ten. Sie hatte voͤllige Muße gehabt, den Jn - halt der Briefe, die ich bey ihr gelaſſen hatte, zu erwaͤgen.

Jch erſuchte alſo Fr. Moore, hineinzugehen und ſich zu erkundigen, ob es ihr zu erlauben be - liebte, daß ich ihr in ihrem Zimmer auf Veran - laſſung der Briefe, die ich bey ihr gelaſſen haͤtte, meine Aufwartung machte: oder ob ſie die Guͤte haben wollte, mir ihre Geſellſchaft in dem Spei - ſeſaal zu goͤnnen?

Frau Moore hat die Jungfer Rawlins, mit ihr zu der Fraͤulein zu gehen. Sie klopften an die Thuͤre und wurden beyde vorgelaſſen.

Jch muß hier einen Augenblick abbrechen, und, ob gleich wider mich ſelbſt, uͤber die Sicher - heit, welche aus der Unſchuld entſtehet, eine Be - trachtung anſtellen. Es wuͤrde beſſer geweſen ſeyn, wenn bey derſelben mehr von der Klugheit der Schlange mit der Aufrichtigkeit der Taube vereinigt geweſen waͤre. Denn da ſie ſich hier gar um nichts bekuͤmmerte, was ich hinter ihren Ruͤcken ſagen konnte; weil ſie ſich auf ihre gutenEigen -286Eigenſchaften vollkommen verließ: ſo geſtattete ſie, daß ich meine Hiſtorie ohne Unterbrechung Perſonen vortrug, die in Anſehung ihrer eben ſo ſehr, als in Anſehung meiner, Fremde waren; und von denen man, als von Fremden fuͤr beyde, vermuthen durfte, daß ſie ſich auf die Seite des am meiſten beleidigten Theils lenken wuͤrden; und das war, wie ich die Sache ſpielte, eben auf meine Seite. Eine liebe einfaͤltige Seele! dach - te ich damals, daß ſie ſich auf die Lauterkeit ih - res eignen Herzens verlaͤſſet: da man doch in das Herz nicht anders, als durch die aͤußerlichen Handlungen, ſehen kann; und ſie dem Anſehen nach ein Fluͤchtling, eine verlaufene Frau, iſt, die einen zaͤrtlichen und hoͤchſtgelinden Ehegat - ten verlaſſen hat! Daß ſie einzelnen Per - ſonen eine gute Meynung von ſich beyzubringen verabſaͤumet: da doch die ganze Welt durch das aͤußerliche Anſehen regieret wird!

Jedoch, was kann man von einem Engel un - ter zwanzig Jahren erwarten? Sie hat ei - ne Welt von Erkenntniß; von beſchauender Erkenntniß, wenn ich ſo ſagen mag: aber keine Erfahrung. Wie ſollte ſie dieſe bekommen ha - ben? Und eine Erkenntniß durch bloße allgemei - ne Lehrſaͤtze, iſt ein flatterndes ungewiſſes Licht: ein Jrrwiſch, der das zweifelhafte Gemuͤth eben ſo oft verleitet, als auf den rechten Weg fuͤhret.

Es giebt viele Dinge in der Welt, koͤnnte ein Sittenlehrer ſagen, welche einem nachdenken - den Gemuͤthe unausſprechliches Vergnuͤgen ge -ben287ben wuͤrden: wenn ſie nicht mit andern unter - miſcht an uns kaͤmen. Jch will noch nachdruͤck - licher reden. Jch habe Eltern geſehen; vielleicht iſt meinen eignen eben das begegnet; welche ſich gerade an denen Eigenſchaften ihrer Kinder, ſo lange ſie jung waren, ergetzten, deren natuͤrliche Folgen, weil man denſelben zu viel nachgeſehen und ſie ſelbſt befoͤrdert hatte, bey zunehmenden Jahren die Kinder zu einer herznagenden Quaal der Eltern machten. Wenn ich dieß zu meinem gegenwaͤrtigen Zwecke anwenden will: ſo muß ich dir ſagen, daß ich dieß reizende Kind zwar ihrer wachſamen Klugheit wegen liebe; aber doch, wie mich deucht, nicht gern wuͤnſchen wollte, daß ſie vermoͤge dieſer Klugheit, welche gleichwohl noͤ - thig iſt, ſie uͤber die Anſchlaͤge aller Uebrigen in der Welt hinauszuſetzen, auch fuͤr meine An - ſchlaͤge zu weiſe ſeyn moͤchte.

Meine Rache, meine geſchworne Rache, behaͤlt nichts deſto weniger, ich mag ſie anbeten, ſo ſehr ich will, die Oberhand in meinem Herzen. Die Fraͤulein Howe ſchreibt, meine Liebe ſey eine Herodesmaͤßige Liebe. (*)Siehe den XI. Brief dieſes Theils.Bey meiner Seele, das Maͤgdchen iſt eine Wahrſagerinn! Es geht mir faſt nahe zu ſagen, daß ich an der Tyranney uͤber das, was ich liebe, ein Ver - gnuͤgen finde. Du magſt es ein unedles Ver - gnuͤgen nennen; wenn du willſt: gleichwohl fuͤh - len es auch ſanftmuͤthigere Herzen, als meines iſt. Die Frauenzimmer fuͤhlen es gegen einFrauen -288Frauenzimmer, und zeigen es ſo gar, wenn nur die Macht in ihren Haͤnden iſt. Wie ſollte es denn fremde ſcheinen, daß ich, der ich ſie ſo innig liebe, und ſo genau zu kennen ſuche, von ihnen angeſteckt werde?

Der ſiebenzehnte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Nun will ich dir das vornehmſte von der Un - terredung zwiſchen den beyden Frauenzim - mern und der Fraͤulein mittheilen.

Wundere dich nicht, daß eine verkehrte Frau einen horchenden Mann machet. Der Erfolg rechtfertigte inzwiſchen, wie du finden wirſt, die alte Anmerkung, daß Horcher ſelten etwas gutes von ſich hoͤren. Da ſie ſich ihrer Schuld bewußt ſind; wenn ich nach mir ſelbſt eine Vermuthung anſtellen darf; das iſt Aufrich - tigkeit, Bruder! und da ſie ſich vor widrigen Ur - theilen fuͤrchten: ſo finden ſie ſich ſelten betrogen. Es iſt doch bey dem allen etwas Verſtand in dieſen Sprichwoͤrtern, in dieſen Redensarten, in dieſer Weisheit der Voͤlker.

Fr. Moore ſollte die Bothſchaft ausrichten: aber die Jungfer Rawlins fing die Unterre - dung an.

Jhr289

Jhr Herr Gemahl, gnaͤdige Frau das Teufelskind! Sie wollte durch dieſen Ausdruck nur eine voͤllige Erklaͤrung von der Fraͤulein herauslocken, ob ſie unſere Vermaͤhlung leugnete oder geſtuͤnde.

Cl. Mein Gemahl, Mademoiſelle

Jungfer Rawl. Herr Lovelace, gnaͤdige Frau, verſichert, daß ſie mit ihm vermaͤhlet ſind, und laͤßt um die Erlaubniß zu Jhnen zu kom - men oder um ihre Geſellſchaft in dem Speiſeſaale erſuchen, damit er ſich wegen des Jnhalts der Briefe, welche er bey ihnen gelaſſen hat, mit ih - nen beſprechen koͤnne.

Cl. Es iſt ein elender gottloſer Kerl. Ha - ben ſie die Guͤte, Mademoiſelle, ich bitte darum, mir ſo oft, als moͤglich iſt, ihre Gegenwart zu goͤnnen, ſo lange er hier herum ſeyn wird. Jch bleibe hier.

Jungf. Rawl. Jch will Jhnen mit Ver - gnuͤgen meine Aufwartung machen, Jhro Gna - den. Aber mich deucht, es wuͤrde nicht unrecht ſeyn zu wuͤnſchen, daß ſie ſich gefallen laſſen moͤch - ten, den Herrn zu ſehen und zu hoͤren, was er in Abſicht auf die Briefe zu ſagen habe.

Cl. Mein Schickſal iſt hart, ſehr hart Jch bin ganz außer mir Jch weiß nicht, was ich machen ſoll Jch habe nicht einen Freund in der Welt, der mir helfen koͤnne oder wolle Gleichwohl hatte ich nichts als Freun - de: bis ich dieſen Menſchen kennen lernte.

Fuͤnfter Theil. TJungf. 290

Jungf. Rawl. Der Herr hat weder das Anſehen noch die Sprache von einem boͤſen Man - ne Er iſt eben kein gar boͤſer Mann: wie es mit den Maͤnnern geht.

Wie es mit den Maͤnnern geht! Arme Jungfer Rawlins, dachte ich! Und weiſt du, wie es mit den Maͤnnern geht?

Cl. O Mademoiſelle, ſie kennen ihn nicht Er kann ſich in einen Engel des Lichts ver - ſtellen: aber er hat ein ſcheusliches, ein recht ſcheus - liches Herze.

Jch armer Schelm!

Jungf Rawl. Jch haͤtte es in der That nicht denken ſollen Allein es iſt eine betruͤg - liche Sache mit den Maͤnnern heut zu Tage!

Heut zu Tage! eine Thoͤrinn! Ha - ben ihre Geſchichtbuͤcher ſie nicht gelehret, daß es allezeit ſo geweſen iſt?

Fr. Moore holte einen tiefen Seufzer. Jch habe es gewiß zu meinem Schaden erfah - ren!

Wer weiß, ob die arme gute Fr. Moore nicht zu ihrer Zeit an einen Lovelace, oder einen Bel - ford oder einen dergleichen ehrloſen Bruder ge - rathen ſeyn mag? Meine kleine wunderlich ſchuͤchterne Schoͤne weis nicht, was fuͤr ſeltſame Begebenheiten ihr ein jedes Frauenzimmer in der Welt, das ſich nur im geringſten ſelbſt gelaſ - ſen geweſen, erzaͤhlen koͤnnte, wenn ſolche Perſo - nen eben ſo offenherzig mit ihren Schickſalen waͤ - ren, als ſie iſt. Allein hier liegt der Hundbegra -291begraben Jch habe ihr Urſache genug gege - ben, beleidigt zu ſeyn: aber nicht genug, den Mund zu halten.

Clar. Was die Briefe anlanget, die er bey mir gelaſſen hat: ſo weiß ich nicht, was ich dazu ſagen ſoll; ihm aber bin ich feſt entſchloſſen nie - mals etwas zu ſagen zu haben.

Jungf. Rawl. Darf ich mir die Freyheit nehmen, Jhro Gnaden, es zu geſtehen: ſo den - ke ich, daß ſie die Sache ſehr weit treiben.

Cl. Hat er aus einer boͤſen Sache etwa eine gute bey ihnen zu machen gewußt, Mademoiſelle? Das kann er meiſterlich bey denen, die ihn nicht kennen. Jch habe ihn wohl ſchwatzen ge - hoͤrt: aber nicht, was er ſagte; und das iſt mir auch gleichguͤltig. Allein was erzaͤhlt er von ſich ſelber?

Dieß war mir lieb zu hoͤren. Es iſt eine angenehme Vorbedeutung, dachte ich, daß ſie auf dieſe Art ihrer heftigen Regung mitten in ihrem ſtaͤrkſten Laufe Einhalt thut.

Hierauf ſchlug die geſchaͤfftige Jungfer Raw - lins an, entweder eine Beſtaͤtigung oder Ver - neinung deſſen, was ich erzaͤhlet hatte, herauszu - locken. War der Lord M. mein Onkel? Be - warb ich mich anfangs mit Bewilligung ihrer Freunde, ihren Bruder ausgenommen, um ihre Gewogenheit? Mußte ich mich unvermuthet mit dieſem Bruder ſchlagen? Hatte ſie um eines ſehr unleidlichen Mannes, eines gewiſſen Solmes,T 2willen292willen ſo viel auszuſtehen, daß ſie dadurch bewo - gen wurde, ſich in meinen Schutz zu begeben?

Keiner von dieſen Umſtaͤnden wurde geleug - net. Alle Einwendungen, die ſie haͤtte machen koͤnnen, wurden unterdruͤcket oder zuruͤckgehal - ten, weil ſie, wie ſie ſelbſt erwaͤhnte, bedachte, daß ſie hier nur eine kurze Zeit bleiben wuͤrde und ih - re Begebenheiten zu weitlaͤuftig zu erzaͤhlen waͤ - ren. Aber die Jungfer Rawlins wollte ſich nicht ſo leicht abweiſen laſſen.

Jungf. Rawl. Er ſagt, gnaͤdige Frau, daß er nicht eher von ihnen habe erhalten koͤnnen, ſich mit ihm zu vermaͤhlen, als bis er mit einem feyerlichen Eide ſeine Einwilligung gegeben haͤt - te, ſo lange ihre Familie noch nicht ausgeſoͤhnet waͤre, vom Bette geſchieden zu bleiben.

Cl. O der elende Kerl! Was mag er nun noch im Kopfe haben, warum er dieſe Hi - ſtorien unter fremde Leute zu bringen ſucht!

So leugnet ſie es doch nicht ſchlechterdings, dachte ich! das iſt unvergleichlich! Es wird bald alles gut werden!

Jungf. Rawl. Er hat geſtanden, daß ein von ohngefaͤhr entſtandenes Feuer in der Mitt - wochens Nacht ſie in ſehr großes Schrecken ge - ſetzet und daß und daß und daß ein von ohngefaͤhr entſtandenes Feuer ſie in Schre - cken geſetzet ſie in ſehr großes Schrecken geſetzt in verwichener Mittwochens Nacht

Hierauf hielte ſie ein wenig inne und fuhr ſo dann fort Kurz, er hat geſtanden, daß erſich293ſich einige unſchuldige Freyheiten genommen, wel - che ihn leicht haͤtten verleiten koͤnnen, den Eid zu brechen, den ſie ihm auſgelegt haͤtten; und daß dieß die Urſache ihres Misvergnuͤgens waͤre.

Jch moͤchte wohl geſehen haben, was mein ſchoͤnes Kind hiebey fuͤr ein Geſicht machte Gewiß ſie war in ihrem Herzen verlegen, wie ſie eine ſo heftige Empfindlichkeit uͤber eine ſo gerin - ge Beleidigung rechtfertigen ſollte. Sie wußte nichts zu ſagen Sie fing nicht alsbald an zu reden Als ſie anfing: wuͤnſchte ſie nur, daß Jungfer Rawlins niemals an eine Mannsperſon gerathen moͤchte, die ſich ſolche unſchuldige Frey - heiten bey ihr nehmen wollte.

Jungfer Rawlins trieb die Sache weiter.

Jhre Begebenheiten, gnaͤdige Frau, haben in Wahrheit ſehr viel Beſonderes. Wofern aber die Hoffnung zu einer Ausſoͤhnung mit ihren Freunden dadurch, daß ſie ihn verlaſſen, noch weiter entfernet wird: ſo erlauben ſie mir zu ſa - gen, daß es ein Jammer ein Jammer ; hiebey vermuthe ich, wird die Jungfer recht ſproͤ - de gethan, ſich gefechert und entfaͤrbet haben; daß es ein Jammer iſt, daß der Eid nicht zu er - laſſen ſtehet; ſonderlich da er geſtehet, daß er eben kein ſo ſtrenges Leben gefuͤhret hat.

Jch moͤchte faſt hineingegangen ſeyn und das Maͤgdchen hiefuͤr gekuͤſſet haben.

Cl. Sie haben ſeine Hiſtorie gehoͤret. Mei - ne iſt zu lang, wie ich ihnen ſchon geſagt habe, und zu traurig, meine Verwirrung bey dem An -T 3blicke294blicke des elenden Kerls zu groß, und meine Zeit hier zu kurz, daß ich mich um meinetwillen dar - uͤber einlaſſen ſollte. Hat er bey ſeiner Rechtfer - tigung eine Abſicht, wobey ich nur nicht perſoͤn - lich leiden werde: ſo mag er ſich ſo weiß machen, als einen Engel; ich will es ihm von ganzem Herzen goͤnnen.

Hierauf wurde meine Liebe gegen ſie und die vortreffliche Abſchilderung, die ich von ihrer Ge - muͤthsart gemacht haͤtte, zu meiner Vertheidigung vorgeſtellet.

Cl. O der ſcheinbare Verfuͤhrer! Sa - gen ſie mir nur, ob ich nicht durch einen Neben - weg von ihm kommen kann?

Wie pochte und klopfte mir hiebey das Herze!

Cl. Laſſen ſie mich einmal herausſehen Jch hoͤrte, daß das Fenſter aufgeſchoben wurde. Wo geht der Fußſteig hin? Jſt es nicht moͤglich dadurch an eine Kutſche zu kom - men? Jn Wahrheit, er muß mit dem boͤſen Feinde zu thun haben: wie haͤtte er mich ſonſt aufſpuͤren koͤnnen? Kann ich nicht unver - merkt zu eines Nachbarn Hauſe ſchleichen, wo ich ſo lange verborgen ſeyn mag, bis es moͤglich wird, gaͤnzlich wegzukommen? Sie ſind gu - te Leute! Jch bin nicht allezeit unter ſolchen geweſen! O helfen ſie mir, helfen ſie mir, meine lieben Frauenzimmer; das ſagte ſie mit einer Stimme, die von großer Ungeduld zeugte; oder ich bin verlohren!

Nach -295

Nachdem ſie hier ein wenig inne gehalten, frug ſie weiter. Jſt das der Weg nach Hen - don? Vermuthlich wies ſie mit dem Finger darauf. Jſt Hendon ein einſamer Ort? Die Hampſteader Kutſche, hat man mir geſagt, faͤhrt auch dahin.

Fr. Moore. Jch habe einen ehrlichen Freund zu Mill-hill; der Teufel hole ſie, dach - te ich; wo ſie, wenn das ihr Vorſatz iſt, gnaͤdi - ge Frau, und ſie meynen, daß ſie in Gefahr ſind, ſicher ſeyn moͤgen, wie ich glaube.

Cl. Es mag gehen, wohin es will: wenn ich nur von dieſem Menſchen wegkommen kann! Wohin geht der Fußſteig an jener Seite? Wie heißt die Stadt zur rechten Hand?

Fr. M. Highgate, Jhro Gnaden.

Jungf. Rawl. Zur Seite an der Haide iſt ein kleiner Flecken, der Northend heißet. Da wohnet eine Verwandtinn von mir. Aber ihr Haus iſt klein. Jch weiß nicht, ob ſie ein ſo vornehmes Frauenzimmer bewirthen kann.

Der Teufel hole ſie auch, dachte ich! Jch bildete mir ein, daß ich dieſe Weibsleute mehr auf meine Seite gebracht haͤtte. Aber das gan - ze Geſchlecht hat einen Gefallen an Raͤnken und ſo gar an Raͤnkeſchmiedern, Bruder!

Cl. Eine Scheure, ein Hinterhaus, ein Bo - den unter[dem]Tache wird ein Palaſt fuͤr mich ſeyn: wenn ich daſelbſt nur eine ſichere Zuflucht vor dieſem Menſchen habe,

T 4Jhre296

Jhre Empfindungen, dachte ich, ſind weit lebhafter, als meine. Was Teufel habe ich ge - than, daß ſie ſo gar unverſoͤhnlich ſeyn ſollte! Jch habe dir alles erzaͤhlet, Belford, was ich ge - than habe. War etwas ſo gar ſehr arges dar - unter? ſonderlich da ſie ſo gute Hoffnung zur Ausſoͤhnung mit ihrer Familie vor ſich ſahe! Gewiß ſie iſt ein ſehr empfindliches Frauen - zimmer!

Hiernaͤchſt ward ſie meinen neuen Diener gewahr, der unter dem Fenſter herumging, und frug, ob es nicht einer von meinen Leuten waͤ - re.

Wilhelm war auf der Lauer nach dem alten Grimes. So heißt der Kerl, den meine Gelieb - te an die Fraͤulein Howe abgefertigt hat. Da ſie hoͤrte, daß der Menſch, den ſie ſahe, mein Be - dienter waͤre: ſprach ſie, ich ſehe, daß hier nicht zu entfliehen iſt, wofern ſie; meiner Vermu - thung nach ſagte ſie dieß zu der Jungfer Rawlins; mir nicht Freundſchaft erzeigen koͤn - nen, bis ich weiter fortkommen kann. Jch zweif - le gar nicht, daß dieſer Kerl an das Haus geſtel - let iſt, auf alle meine Tritte zu lauren. Aber der gottloſe Kerl, ſein Herr, hat kein Recht einen Aufſeher uͤber mich abzugeben. Er ſoll mir nicht verwehren, hinzugehen, wohin es mir beliebt. Jch will die ganze Stadt wider ihn rege machen: wo er mir beſchwerlich iſt. Jſt denn keine Hin - terthuͤr da, meine lieben Frauenzimmer, wo ichunter -297unterdeſſen, daß ſie ihn im Schwatz aufhalten, hinausgehen koͤnnte?

Jungf. R. Erlauben ſie mir noch eine Fra - ge, Jhro Gnaden. Jſt es gar nicht zu hoffen, daß die Sache wieder beygeleget werde? Thaͤten ſie nicht beſſer, wenn ſie mit ihm ſpraͤchen? Er liebet ſie gewiß herzlich. Er iſt ein artiger Herr. Sie koͤnnen ihn vielleicht erbittern und es fuͤr ſich ſelbſt noch ſchlimmer machen.

Cl. O! Frau Moore! O! Jungfer Raw - lins! Sie kennen den Kerl nicht. Jch wuͤnſche ſein Angeſicht nicht mehr zu ſehen und Zeit Lebens kein Wort mehr mit ihm zu wechſeln.

Fr. Moore. Jch befinde nicht, Jungfer Rawlins, daß der Herr irgend etwas falſch er - zaͤhlet hat. Sie ſehen, Jhro Gnaden, ſprach ſie zu meiner Clariſſa, wie ehrerbietig er ſich be - zeiget, daß er nicht hereinkommt, bis er die Er - laubniß hat. Er liebet ſie herzlich. Ey, Jhro Gnaden, erlauben ſie ihm, wie er wuͤnſchet, von dem Jnhalt der Briefe mit ihm zu ſprechen.

Das war recht guͤtig von der Frau Moore. Frau Moore, dachte ich, iſt eine gar gute Frau Jch fluchte nicht mehr auf ſie.

Jungfer Rawlins ſagte etwas, aber ſo leiſe, daß ich nicht hoͤren konnte, was es war. Es wurde ſo beantwortet:

Cl. Jch bin ſehr elend daran! Jch weiß nicht, was ich thun ſoll! Allein, Fr. Moore, haben ſie die Guͤte, ihm ſeine Briefe zuzuſtellen. Hier ſind ſie. Seyn ſie ſo gut und ſagenT 5ihm,298ihm, daß ich ihm und ſeiner Tante und Baſe wuͤnſche, gluͤcklich einander vorzufinden. Es kann ihm nimmermehr gegen dieſelben an Entſchuldi - gungen wegen desjenigen, was vorgefallen iſt, fehlen: ſo wenig es ihm an Vorwand gegen die, welche er hinters Licht fuͤhren will, jemals man - gelt. Sagen ſie ihm, daß er mir bey meinen eignen Freunden eine gaͤnzlich boͤſe Meynung zu - wege gebracht habe. Aus der Urſache bekuͤmme - re ich mich deſto weniger darum, was die ſeini - gen von mir denken.

Frau Moore kam darauf zu mir. Weil mir bange war, es moͤchte unterdeſſen zwiſchen ben andern beyden etwas vorgehen, das mir nicht gefiele: ſo nahm ich die Briefe und ging in das Zimmer. Jch fand, daß ſie ſich in das Cloſet begeben hatten. Meine Geliebte fliſperte mit ei - nem ernſtlichen Geſichte der Jungfer Rawlins ins Ohr, welche die Aufmerkſamkeit ſelbſt war.

Jhr Ruͤcken war mir zugekehrt. Da aber Jungfer Rawlins ein Zeichen gab, daß ich da waͤre; indem ſie ihr bey dem Ermel zupſte: ſo fing ſie mit Unwillen an zu mir zu ſprechen; nicht anders als wenn ſie in einer Erzaͤhlung, die ihr auf dem Herzen lag, unterbrochen waͤre. Kann ich niemals allein ſeyn, mein Herr, ohne uͤberfal - len zu werden? Was haben ſie hier, oder mit mir zu thun? Sie haben ja ihre Briefe. Haben ſie ſie nicht?

Lovel. Jch habe ſie, meine Allerliebſte: er - lauben ſie wir aber, daß ich ſie bitte, ſelbſt zu uͤber -legen,299legen, unter was fuͤr Umſtaͤnden ſie ſind. Jch erwarte jeden Augenblick den Capitain Tomlin - ſon. Bey meiner Seele, ich erwarte ihn. Er hat verſprochen das, was vorgegangen iſt, vor ihrem Onkel zu verhelen. Aber was wird er denken, wenn er findet, daß ſie bey dieſem wun - derlichen Sinne bleiben?

Cl. Jch will mich bemuͤhen, mein Herr, auf einen oder zween Augenblicke mit ihnen Geduld zu haben, da ich Jhnen in Gegenwart dieſer Jung - fer und der Frau Moore; die damals eben hereinkam; welche ſie beyde durch ihre ſchein - bare Hiſtoͤrchen zum voraus fuͤr ſich eingenom - men haben, einige Fragen zu beantworten gebe. Wollen ſie ſagen, mein Herr, daß wir mit einander verheyrathet ſind? Legen ſie die Hand an ihre Bruſt und antworten mir. Bin ich ih - re angetraute Frau?

Jch bin zu weit gegangen, dachte ich, daß ich mich durch einen ſolchen Streich, als dieſer iſt, zuruͤcktreiben ließe ſo derbe und eintreibend er auch iſt.

Mein wertheſtes Leben, wie koͤnnen ſie eine ſolche Frage auf die Bahn bringen? Macht es ihnen oder mir ſelbſt Ehre, daß daran ge - zweifelt werde? Gewiß, gewiß, Madame, ſie muͤſſen auf den Jnnhalt des Briefes von Capi - tain Tomlinſon gar nicht Acht gegeben haben.

Sie beklagte ſich oft, ſo lange unſer Streit wehrte, uͤber Mangel an Munterkeit und uͤber Schwaͤche des Leibes und Gemuͤths, wegen derOhn -300Ohnmachten, worein ſie geſtuͤrzt war. Aber meinen Gedanken nach hatte ſie zu dieſer Klage keine Urſache: da ſie im Stande war mich dazu zu bringen, wie ſie wirklich that. Jch geſtehe inzwiſchen, daß ich zu verſchiedenen malen ihrent - wegen ſehr beſorgt war.

Jhr und ich! Schaͤndlichſter Kerl

Mein Name iſt Lovelace, Madame

Eben deswegen nenne ich euch den ſchaͤnd - lichſten Kerl. War das zu verzeihen, Bruder? Jhr und ich wiſſen die Wahrheit, die reine Wahrheit von allem Jch brauche nicht, bey dieſen Frauenzimmern meinen guten Namen zu rechtfertigen der ſchon bey allen, die ich am mei - ſten zu achten Urſache hatte, verloren iſt. Aber laßt mich dieſe neue Probe ſehen, was ihr zu thun im Stande ſeyd. Sage, elender Kerl, ſage, Love - lace, wenn du lieber ſo heißen willſt, biſt du wirk - lich und wahrhaftig mein angetraueter Ehemann? Sage! Antworte ohne zu ſtocken!

Sie zitterte vor Ungeduld und Widerwillen: hatte aber etwas wildes in ihrem Weſen, welches ich mir einiger maßen zu Nutze machte, dieſen verfluchten Stoß abzuwehren Es war in der That ein verfluchter Stoß. Denn haͤtte ich es ausdruͤcklich bekraͤftiget; ſo wuͤrde ſie nimmermehr etwas, das ich geſagt haͤtte, geglaubt haben. Und haͤtte ich geſtanden, daß ich nicht mit ihr vermaͤhlet waͤre: ſo haͤtte ich meine eigne Anſchlaͤge, ſo wohl in Anſehung der Weibsleute, als in Anſehung ihrer, zu nichte gemacht, und wuͤrde keinen Vorwandge -301gehabt haben, warum ich ſie verfolgete oder ihr verwehrte, wohin es ihr beliebte, zu gehen. Du darfſt nicht glauben, daß ich mich etwa ſchaͤmete, es zu bekraͤftigen: wenn es der Klugheit gemaͤß geweſen waͤre. Fuͤr einen ſolchen Milchbart wollte ich von dir nicht angeſehen ſeyn.

Lovel. Meine Allerliebſte, wie verwildert reden ſie! Was wollen ſie haben, das ich ant - worten ſoll? Jſt es noͤthig, daß ich antworten ſollte? Darf ich mich nicht desfalls wiederum auf ihr eignes Bewußtſeyn ſo wohl als auf des Capi - tain Tomlinſons Unterhandlung und Schreiben be - rufen? Sie wiſſen ja ſelbſt, wie die Sachen zwi - ſchen uns ſtehen. Und der Capitain Tomlinſon

Cl. O elender Kerl! Jſt das eine Antwort auf meine Frage? Sage! ſind wir verheyrathet, oder ſind wir es nicht?

Lov. Wir wiſſen alle, was eine Heyrath ausmache. Jſt es die Vereinigung zweyer Herzen; hier hatte ich eine Ausflucht, Bru - der: ſo muß ich zu meiner aͤußerſten Betruͤbniß ſagen, daß wir es nicht ſind; weil ich nun ſehe, daß ſie mich haſſen. Jſt es die Vollendung der Ehe: ſo muß ich zu meiner Beſchaͤmung und Reue geſtehen, daß wir es nicht ſind. Allein, meine Wertheſte, wollen ſie ſich belieben laſſen zu erwaͤgen, was fuͤr eine Antwort ein halb Du - tzend Leute, von welchen ſie hierher gekommen ſind, auf ihre Frage geben koͤnnten? Erregen ſie doch itzo, in der Verwirrung ihres Gemuͤths und in der groͤßten Hitze, vor dieſen Frauenzimmerndurch302durch ihre Fragen keinen Zweifel uͤber eine Sa - che, die ſie ſelbſt vor denen, welche uns beſſer ken - nen, geſtanden haben.

Jch wuͤrde ihr etwas von der Unterhandlung mit ihrem Onkel und von dem Jnhalt des Brie - fes von dem Capitain zu verſtehn gegeben haben. Allein die ſtolze Schoͤne ging zuruͤck, ſtieß mit der Hand von ſich und ſchrie: Bleibe ferne von mir, Kerl! Jch berufe mich auf dein eignes Herz; das wird es dir wohl zuſagen: weil du mir auf eine ſo elende Art entwiſcheſt. Jch bin keine Heyrath mit dir geftaͤndig! Sie ſollen mei - ne Zeugen ſeyn, Frauenzimmer, daß ich es nicht bin. Und du, hoͤre auf mich zu quaͤlen, hoͤre auf mir zu folgen. Gewiß, gewiß, ſo viel ich auch verſehen haben mag: ſo habe ich doch nicht verdient, ſo verfolgt zu werden! Jch wiederhole alſo meine vorige Rede: Jhr habt kein Recht mich zu verfolgen. Jhr wißt, daß ihr es nicht habt. So packt euch denn fort, und laßt mich, daß ich mir mein hartes Schickſal ſo ertraͤglich mache, als moͤglich iſt. O mein herzlieber, doch grauſamer, Vater! ſprach ſie in einem gewaltigen Anfalle von Traurigkeit; indem ſie auf die Knie fiel und ihre aufgehobne Haͤnde zuſammenſchlug; dein ſchwerer Fluch iſt an deiner verbannten Tochter erfuͤllet. Jch bin geſtrafet, erſchrecklich geſtrafet, durch eben den Boͤſewicht, auf welchen ich mein ſuͤndliches Vertrauen geſetzet hatte!

Bey303

Bey meiner Seele, Belford, die kleine Zau - berinn ruͤhrte mich durch ihre Worte, jedoch noch mehr durch ihr Bezeigen und Weſen! Wundre dich alſo nicht, daß ihr Thun, ihre Be - truͤbniß, ihre Thraͤnen die Weibsleute zu aͤhnli - chen und mitleidensvollen Bezeigungen brachten.

Hatte ich dabey nicht eine verfluchte Arbeit?

Die beyden Frauensperſonen gingen an die andre Ecke von dem Zimmer und fliſperten ein - ander ins Ohr: Ein wunderlicher Fall! Es iſt keine Verruͤckung dabey Das hoͤrte ich eben von ihnen.

Meine reizende Schoͤne warf ihr Schnupf - tuch uͤber ihren Kopf und Hals, und blieb auf den Knien liegen, mit dem Ruͤcken zu mir ge - kehrt, und mit dem Geſichte auf einen Stuhl ge - lehnet, daß es auch nicht zu ſehen waͤre. Sie ſeufzete und gluchſete einmal uͤber das andre vor Traurigkeit und Kummer.

Jch ergriff dieſe Gelegenheit, zu den beyden Weibsleuten zu treten, damit ich ſie ſtandhaſt er - hielte.

Sie ſehen, meine lieben Frauenzimmer, ſag - te ich ihnen ins Ohr, was fuͤr ein ungluͤcklicher Maun ich bin! Sie ſehen, was fuͤr einen Sinn dieſe mir ſo theure Schoͤne hat! Alles, alles ruͤhret von ihren unverſoͤhnlichen Verwand - ten und von dem Fluche ihres Vaters her Verflucht moͤgen ſie alle ſeyn: ſie haben die ſchoͤn - ſte Weibsperſon in der Welt verruͤckt gemacht.

Ey,304

Ey, Ey, mein Herr, antwortete Jungfer Rawlins, was ihre Verwandten auch immer moͤgen verſehen haben: ſo iſt doch nicht alles zwiſchen ihnen und ihr, wie es ſeyn ſollte. Es iſt offenbar, daß ſie ſich nicht fuͤr verheyrathet haͤlt: es iſt offenbar, daß ſie es nicht thut. Ha - ben ſie noch einige Achtung gegen das arme Frau - enzimmer; und wollen ſie daſſelbe nicht gaͤnzlich ihrer Sinne berauben: ſo thaͤten ſie beſſer, wenn ſie ſich wegbegaͤben und der Zeit und einer ge - laſſenen Ueberlegung den Ausſchlag zu ihrem Vortheil uͤberließen.

Sie wird mich endlich dazu noͤthigen: das befuͤrchte ich, Jungfer Rawlins. Jch fuͤrchte, ſie bringet mich ſo weit: und alsdenn ſind wir beyde verlohren. Denn ich kann ohne ſie nicht leben; das weiß ſie nur allzu wohl: und ſie hat nicht einen Freund, der ein Auge auf ſie werfen wird; dieß weiß ſie auch. Unſre Vermaͤh - lung wird unwiderſprechlich bewieſen werden: wenn ihres Onkels Freund ankommt. Jch ſchaͤme mich aber, daß ich ihr Raum gegeben ha - be, es fuͤr keine Vermaͤhlung zu halten: das iſt es, worauf ſie hinaus will.

Allein es iſt eine wunderliche Sache, eine ſehr wunderliche Sache, verſetzte Jungfer Rawlins, und wollte eben weiter reden, als meine erzuͤrnte Schoͤne nach der Thuͤre zu ging und ſagte: Fr. Moore, erlauben ſie mir, ein Wort mit ihnen zu ſprechen. Darauf gingen ſie beyde in den Spei - ſeſaal.

Jch305

Jch ſahe, daß ſie eben vorher ein kleines Paͤcklein in die Taſche ſteckte: und folgte ihnen aus dem Zimmer nach, aus Furcht, ſie moͤchte mir entwiſchen. Jch trat an die Treppe, daß ſie nicht bey mir vorbeygehen ſollte, und rief laut, Wilhelm: ob ich gleich wußte, daß et nicht in der Naͤhe war Ey, mein Kind, ſprach ich zu einem Maͤdchen, das mir antwortete, rufe ſie einem von meinen Bedienten zu mir.

Alſobald kam meine Geliebte auf mich zu, mit einem zornigen Geſichte. Rufen ſie ihren Bedienten, mein Herr, mir zu verwehren, daß ich nicht neben ihnen weggehe, wohin es mir beliebt?

Legen ſie doch nicht alles ſo uͤbel aus, mein wertheſtes Leben, was ich thue. Koͤnnen ſie mich wohl fuͤr ſo niedertraͤchtig und unedel anſehen, daß ich einen Bedienten brauchen ſollte, ſie zu zwingen? Jch rufe ihm nur, um ihn zu den Wirthshaͤuſern oder Herbergen in dieſer Stadt zu ſchicken, daß er ſich nach dem Capitain Tom - linſon erkundige, der vielleicht bey einem von dieſen Haͤuſern ausgeſtiegen iſt und ſich etwa nun ohne Noth erſt anputzet. Jch wollte, daß er nur hierher kaͤme: wenn er auch ohne Kleider waͤre; Gott vergebe es mir! Denn ihre Grau - ſamkeit iſt mir, als ein Schwerdt, durchs Herze gegangen.

Es ward mir Antwort gebracht, daß keiner von meinen Bedienten zu finden waͤre.

Fuͤnfter Theil. UNicht306

Nicht zu finden, ſprach ich Wo koͤnnen die Hunde hingelaufen ſeyn?

O mein Herr! fing die Fraͤulein mit einer veraͤchtlichen Mine an, nicht weit: ich will Buͤr - ge dafuͤr ſeyn. Einer davon war erſt eben unter dem Fenſter, ihrem Befehl gemaͤß, wie ich ver - muthe, auf meine Schritte und Tritte Achtung zu geben Allein ich will thun, was mir be - liebt, und gehen, wohin es mir beliebt: und das vor ihren Augen.

Gott bewahre mich, daß ich ihnen in irgend einem Stuͤcke hinderlich ſeyn ſollte, das ſie, ohne ſich ſelbſt in Gefahr zu ſetzen, thun moͤgen!

Nun glaube ich in der That, daß ihre Abſicht geweſen iſt, nach der zwiſchen ihr und Jungfer Rawlins bey ihrem Fliſpern in dem Cloſet ge - nommenen Abrede herauszuwiſchen: vielleicht nach Jungfer Rawlins Hauſe.

Sie ging darauf wieder zuruͤck zu der Frau Moore, und gab ihr etwas, welches ein Diaman - tener Ring war, wie ſich hernach gezeiget hat. Sie erſuchte dieſelbe, nicht mit Fliſpern, aber mit einer Mine, die von Mistrauen gegen mich zeug - te, das als ein Pfand fuͤr ſie zu behalten, bis ſie ihren Forderungen Genuͤge thaͤte; wozu ſie bald Mittel finden wuͤrde: da ſie itzo nicht mehr Geld bey ſich haͤtte, als ſie brauchen moͤchte, bis ſie zu einer Bekanntſchaſt kaͤme.

Frau Moore wuͤrde gern ausgeſchlagen ha - ben, es anzunehmen: aber ſie wollte es ſich nicht abſchlagen laſſen. Hiernaͤchſt wiſchte ſie ihreAugen307Augen ab und zog ihre Handſchue an Nie - mand hat ein Recht, mich aufzuhalten, ſagte ſie. Jch will gehen. Vor wem ſollte ich mich fuͤrchten? Das angenehme Kind! Jhre Frage ſelbſt zeugte ja von ihrer Furcht.

Jch bitte um Verzeihung, Madame, wegen der Unruhe, die ich ihnen gemacht habe, ſprach ſie zu der Frau Moore und neigte ſich gegen dieſel - be Jch bitte um Verzeihung, Mademoiſelle, ſagte ſie auch zu der Jungfer Rawlins und neig - te ſich gleichfalls Sie koͤnnen vielleicht beyde von mir zu einer gluͤcklichern Stunde Nachricht haben: wenn mir eine ſolche zu Theil werden ſoll. Leben ſie beyde wohl und vergnuͤgt! Sie ſtraͤubte ſich gegen ihre Thraͤnen, bis ſie gluchſete und fortging.

Jch trat zu der Thuͤre, machte ſie zu, ſtellte mich mit dem Ruͤcken dagegen und ergriff ihre ſtraͤubende Hand Mein liebſtes Leben! Mein Engel, ſagte ich, warum wollen ſie mich ſo un - gluͤcklich machen? Jſt dieß die Verzeihung, die ſie mir ſo feyerlich verſprochen haben?

Laſſen ſie mich los, mein Herr! Sie haben nichts mit mir zu thun! Sie haben kein Recht uͤber mich! Das wiſſen ſie ſelbſt.

Aber meine Allerliebſte, wohin, wohin woll - ten ſie gehen? Denken ſie nicht, daß ich ih - nen folgen werde: wenn es auch bis an der Welt Ende waͤre? Wohin wollten ſie gehen?

Sie moͤgen mich wohl fragen, wohin ich ge - hen wollte: da ſie ſchuld daran ſind, daß mirU 2nicht308nicht ein Freund uͤbrig iſt! Aber Gott, der meine Unſchuld und meine aufrichtige Abſichten kennet, wird mich nicht gaͤnzlich verlaſſen: wenn ich nur aus ihrer Gewalt bin Allein ſo lan - ge ich darinn bleibe, kann ich nicht erwarten, daß ein Strahl der goͤttlichen Gnade oder Huld auf mich falle.

Wie hart iſt dieß! Wie entſetzlich hart! Ohne ihre Gegenwart, meine erzuͤrnte Schoͤ - ne, kann ich weder das eine, noch das andere, hoffen. Sie ſind mein Leitſtern und meine Fuͤh - rerinn; wie meine Baſe Montague in dem Brie - fe, den ſie geleſen haben, bemerket: und wo ich jemals hier oder dort gluͤcklich ſeyn ſoll; ſo muß es in ihnen und durch ſie ſeyn.

Sie wollte mich hierauf gern von der Thuͤre vertrieben haben. Weil ich mich aber ehrerbie - tig widerſetzte: ſo ſagte ſie: Weg, Kerl! Weg, Herr Lovelace Verſperren ſie mir den Weg nicht. Wo ich nicht einen Sprung aus dem Fenſter verſuchen ſoll; ſo laſſen ſie mir den ſrey - en Weg durch die Thuͤre. Denn, noch einmal, ſie haben kein Recht mich zu halten.

Jch will gern geſtehen, mein liebſtes Leben, daß ſie Urſache haben zu zuͤrnen Jch will bekennen, daß ich mich aͤußerſt vergangen habe. Auf meinen Knien, hiemit fiel ich nieder, bitte ich ſie um Verzeihung. Koͤnnen ſie es abſchla - gen, ihr eignes Verſprechen zu beſtaͤtigen? Sehen ſie auf die gluͤcklichen Umſtaͤnde hinaus, die wir zu hoffen vor uns haben. Sehen ſienicht,309nicht, wie meinen Onkel den Lord M. und die Lady Sarah verlanget, ihnen Gluͤck zu wuͤnſchen? weil ſie mir und ihrer ganzen Familie zum Gluͤ - cke dienen? Jſt es moͤglich, daß ſie an dem ver - ſprochenen Beſuche der Lady Eliſabeth und meiner Baſe Montague kein Vergnuͤgen finden? Daß ſie ſich den Schutz nicht geſallen laſſen, den ih - nen dieſe anbieten, wenn ſie mit meinem nicht zufrieden ſind? Wuͤnſchen ſie gar nicht ihres Onkels Freund zu ſehen? Bleiben ſie doch nur ſo lange, bis der Capitain Tomlinſon kommt Hoͤren ſie von ihm die Zeitung, wie vollkom - men ihr Onkel unſerer beyden Wuͤnſche genehm halte.

Sie ſchien ganz in die Enge getrieben, waͤre beynahe zur Erden geſunken und ward genoͤthigt, ſich an das Tafelwerk zu lehnen, wie ich zu ihren Fuͤſſen kniete. Endlich brach ein Strohm von Thraͤnen aus ihren nicht mehr ſo zornigen Augen hervor Guͤtiger Himmel, ſprach ſie mit Er - hebung ihres liebenswuͤrdigen Angeſichtes und mit zuſammengeſchlagenen Haͤnden, wie ſoll es endlich mit mir werden? Errette mich von dieſem gefaͤhrlichen Menſchen und lenke mich auf den rechten Weg! Jch weis nicht, was ich thue, was ich thun kann, was ich thun ſoll.

Da ich geſtanden hatte, daß unſere Vermaͤh - lung nur halb vollendet waͤre: ſo hoͤrten die bey - den Weibsleute bey dieſem ganzen Aufzuge nichts, das meiner Erzaͤhlung widerſprochen, offenbar widerſprochen, haͤtte. Sie glaubten in ihremU 3wie -310wiederkehrenden guten Sinne und ihrer wankel - haften Entſchließung eine Liebe gegen mich zu ent - decken, welche ihr Unwillen vorher unterdruͤcket hatte: und ſie halfen mir, die Fraͤulein zu bere - den, daß ſie verzoͤge, bis der Capitain kaͤme, und ſeinen Vortrag anhoͤrte; indem ſie ihr die Gefahr, der ſie ſich ausſetzen moͤchte, die Beſchwerden, die ſie auszuſtehen haben wuͤrde, als ein Frauenzim - mer von ſolchem Anſehen, ohne Aufſicht und Wartung, ohne Schutz, vorſtelleten. Andern Theils beſtunden ſie auf meine bezeigte Reue und meine Verſprechungen, fuͤr deren Erfuͤllung ſie ſich zu Buͤrgen erboten So ſehr hatte ſie mein demuͤthiges Bezeigen auf den Knien ge - ruͤhret.

Die Weibsperſonen, Bruder, erkennen ſtill - ſchweigend dadurch, daß ſie ſich eine Ehre daraus machen, einen knieenden Liebhaber zu ihren Fuͤſ - ſen zu ſehen, den Vorzug unſeres Geſchlechtes vor ihrem eignen.

Sie kehrte von mir zuruͤck und warf ſich in einen Stuhl.

Jch ſtand auf und naͤherte mich mit Ehrer - bietung zu ihr Meine Allerliebſte, ſagte ich und wollte fortfahren Allein ſie fiel mir ins Wort, mit einem Geſichte, worinn ſich die helleſten Strahlen von dem ihr bewußten Vor - zuge ſehen ließen Unedler, undankbarer Lo - velace! Sie kennen den Werth desjenigen Herzens nicht, das ſie ſchimpflich beleidiget ha - ben! Sie koͤnnen ſich auch nicht vorſtellen, wieſehr311ſehr meine Seele ihre niedertraͤchtige Geſinnung verachte. Aber eine niedertraͤchtige Geſinnung muß demjenigen allezeit anhangen, der nieder - traͤchtig handeln kann!

Die Frauenzimmer glaubten, daß wir uns vermuthlich mit einander wieder vertragen wuͤr - den, und gingen deswegen von uns. Meine wunderliche Geliebte ſetzte ſich zwar dagegen: allein ſie ſahen, daß mir ihre Abweſenheit lieb ſeyn wuͤrde. Als ſie abgetreten waren: warf ich mich ihr noch einmal zu den Fuͤſſen, erkannte meine Schuld, wodurch ich ſie beleidigt hatte, bat um Verzeihung, nur fuͤr dieß einzige mal, und verſprach auf das kuͤnftige die genaueſte Vorſichtigkeit.

Es waͤre ihr unmoͤglich, verſetzte ſie, ihr Gedaͤchtniß zu behalten und mir zu verzeihen. Was hatteſt du in der Auffuͤhrung der Clariſſa Harlowe geſehen, das dir zu einer ſolchen Be - ſchimpfung, als du dich ihr anzuthun unterſtun - deſt, Muth machen ſollte? Was fuͤr niedrige Gedanken mußt du von ihr haben, daß du dir herausnehmen konnteſt, ſo ſtraͤflich zu verfahren, und von ihr vermuthen mochteſt, ſie wuͤrde die Schwachheit begehen, dir zu vergeben.

Jch bat, ſie moͤchte mir erlauben, den Brief des Capitains Tomlinſons mit ihr durchzugehen. Jch waͤre verſichert, ſie koͤnnte unmoͤglich die gehoͤrige Aufmerkſamkeit darauf gewandt haben.

U 4Jch312

Jch habe die gehoͤrige Aufmerkſamkeit dar - auf gewandt, ſprach ſie: und auch auf die an - dern Briefe. Alſo iſt es wohl uͤberlegt, was ich ſage. Und was habe ich von meinem Bruder und meiner Schweſter zu fuͤrchten? Sie koͤnnen nur mein Gluͤck bey meinem Vater und meinen Onkeln voͤllig zernichten. Das moͤgen ſie thun: und Gluͤck dazu! Sie, mein Herr, haben mich in Abſicht auf die Gluͤcksguͤter erniedriget; das danke ich ihnen: aber Gott ſey gelobet, daß mit mei - nen Gluͤcksumſtaͤnden mein Gemuͤth nicht zugleich niedriger geworden iſt. Es hat ſich vielmehr uͤber das Gluͤck und uͤber euch erhoben. Und jene duͤrfen mich nur ein halbes Wort merken laſſen: ſo ſollen ſie mein Gut, weswegen ſie mich benei - det haben, und eine Verzicht auf alles kuͤnſtige Antheil an meiner Familie, das ihnen Sorge machen kann, bekommen.

Jch hob meine Haͤnde und Augen mit ſtill - ſchweigender Verwunderung uͤber ſie auf!

Mein Bruder mag mich fuͤr entehret halten. Zum Preiſe ihrer beſchrienen Gemuͤthsart, wo - durch ich verfuͤhr et und von den Meinigen ge - bracht bin, mag er es immerhin fuͤr unmoͤg - lich anſehen, bey ihnen zu ſeyn und unſchuldig zu bleiben. Sie haben die harten Urtheile mei - ner Verwandten uͤber ſie nur mehr als zu viel in allen Stuͤcken ihrer Auffuͤhrung gerechtfertiget. Jch aber will nun, da ich von ihnen entflohen bin, und mich ihre geheimnißvolle Anſchlaͤge nicht mehr treffen, mich in meine Unſchuld einhuͤllen;dabey313dabey ſchlug ſie ihre Arme voller Regung um ſich herum; und der Zeit und meiner kuͤnftigen Be - hutſamkeit die Wiederherſtellung meines guten Namens uͤberlaſſen So verlaſſen ſie mich denn, mein Herr Verfolgen ſie mich nicht.

Lieber Gott! fiel ich ihr in die Rede Und warum dieß alles? Haͤtte ich ſie ihrer Bitte nicht gewaͤhret; verzeihen ſie mir, Fraͤulein: ſo koͤnnten ſie ja ihren Unwillen nicht weiter getrie - ben haben.

Elender Kerl! War es nicht Bosheit genug, zu ſolchen Bitten Gelegenheit zu geben? Willſt du dir noch ein Verdienſt daraus machen, daß du eine Perſon, die du haͤtteſt ſchuͤtzen ſol - len, nicht aͤußerſt ungluͤcklich gemacht? Weg, Kerl! Hiemit wandte ſie ſich von mir, und ihr Geſicht war vor Bewegung des Gemuͤths uͤber und uͤber roth gefaͤrbet Komme mir nicht mehr vor das Geſicht! Jch kann dich nicht vor Augen leiden!

Allerliebſter, allerliebſter Engel!

Wo ich dir vergebe, Lovelace Hier brach ſie ab. Mit Vorbedacht, fuhr ſie ſort, durch nie dertraͤchtige Raͤnke, durch ein Feuerge - ſchrey ein armes Frauenzimmer zu erſchrecken zu ſuchen! Ein armes Frauenzimmer, das ſich hatte gefallen laſſen, mit dir einen elenden Wechſelſtand zur Lebensart zu erwaͤhlen!

Um des Himmels willen Jch wollte hierauf ihre Hand ergreifen, mit der ſie beſtaͤn -U 5dig314dig abwehrte: als ſie von mir gegen das Cloſet zu flohe

Was haſt du fuͤr Recht, zu deinem Vortheil des Himmels Sache zu fuͤhren, o ſcheuslichſter unter allen menſchlichen Gemuͤthern!

Darauf wandte ſie ſich von mir, wiſchte ihre Augen ab und kehrte ſich wieder gegen mich: aber ihr angenehmes Geſicht war halb auf die Seite gerichtet. Jn was fuͤr Schwierigkeiten haſt du mich verwickelt! Du, der du eine ebne Bahn vor dir hatteſt, nachdem du mich betruͤgeriſcher - weiſe in deine Gewalt gezogen. Mein Gemuͤth ſtellet ſich auf einmal alle krumme Wege bey dei - nem Verhalten vor. Und wo du ſo von Clariſſa Harlowe denkeſt, als du nach dem Zeugniſſe, das derſelben ihr ſtolzes Herz giebet, von ihr geden - ken ſollteſt: ſo wirſt du dein Gluͤck anderswo ſu - chen. Wie oft haſt du mich gereizet, dir zu ſa - gen, daß meine Seele weit uͤber dich erhaben iſt?

Um Gottes willen, Fraͤulein, um einer See - le willen, die ſie vom Verderben zu erretten in ihrer Gewalt haben, vergeben ſie mir die geſche - hene Beleidigung. Jch will der groͤßte Boͤſe - wicht auf Erden ſeyn: wo ſie aus Vorſatz ge - ſchehen iſt. Doch maße ich mir nicht an, mich zu entſchuldigen. Jch uͤberlaſſe mich gaͤnzlich ihrer mitleidigen Huld und Gunſt. Jch will nichts zu meiner Vertheidigung vorbringen, als meine Reue. Sehen ſie nur den Capitain Tom - linſon. Sehen ſie nur meine Tante und Baſe. Erlau -315Erlauben ſie, daß dieſe meine Sache fuͤhren, daß dieſe fuͤr meine Ehre Buͤrgen werden.

Wo Capitain Tomlinſon kommt, wenn ich noch hier bin: ſo kann ich ihn wohl ſehen. Aber ſie, mein Herr

Liebſter Engel, erlauben ſie mir, zu bitten, daß ſie meine Beleidigung bey dem Capitain nicht ſchwerer machen, wenn er kommt. Erlau - ben ſie mir, zu bitten

Was forderſt du? Jſt es nicht dieß, daß ich wider mich ſelbſt ſeyn ſoll? daß ich be - maͤnteln ſoll

Beſchuldigen ſie mich nicht, Fraͤulein, fiel ich ihr ins Wort, eines ehrloſen Vorſatzes! Geben ſie meiner Beleidigung keine ſolche Ge - ſtalt, daß dadurch ihr Onkel in ſeiner Meynung wankend gemacht daß dadurch ihr Bruder in ſeinen Gedanken beſtaͤrket werde

Sie flog von mir bis in die andere Ecke des Zimmers: Sie konnte nicht weiter gehen Und eben den Augenblick kam Fr. Moore herauf und ſagte ihr, daß die Mittagsmahlzeit bereitet waͤre, und daß ſie die Jungfer Rawlins beredet haͤtte, ihr Geſellſchaft zu leiſten.

Sie muͤſſen mich entſchuldigt halten, Fr. Moore Jungfer Rawlins, hoffe ich, wird es auch thun. Jch kann nicht eſſen. Jch kann nicht hinunter gehen. Sie aber, mein Herr, wer - den es, wie ich vermuthe, fuͤr gerecht halten, ſich wegzubegeben: wenigſtens ſo lange, bis der Herr kommt, auf den ſie warten.

Jch316

Jch trat mit vieler Ehrerbietung in das naͤch - ſte Zimmer ab, damit Fr. Moore ihr vermelden moͤchte; ich durſte es ſelbſt nicht thun; daß ich ihr Miethmann und Koſtgaͤnger waͤre. Darum bat ich ſie, und ſagte es ihr ins Ohr. Jungfer Rawlins begegnete mir auf dem Wege. Liebſte Jungfer Rawlins, ſagte ich, bleiben ſie meine Freundinn. Vereinigen ſie ſich mit der Fr. Moore, meine Gemahlinn zu beſaͤnftigen: wo ſie neue Grillen daruͤber bekommt, daß ich hier ein - gemiethet habe und hier zu Tiſche zu gehen ge - ſonnen bin. Jch hoffe, ſie wird edelmuͤthiger ge - ſinnet ſeyn, als daß ſie einer rechtſchaffenen Frauen hinderlich ſeyn ſollte, ihre Zimmer zu ver - miethen.

Jch vermuthe, daß Fr. Moore, die ich bey meiner Schoͤnen zuruͤckgelaſſen, ihr ſchon Nach - richt davon gegeben hatte, ehe Jungfer Rawlins hineinging. Denn ich hoͤrte ſie unterdeſſen, daß ich Jungfer Rawlins aufhielte, ſagen: Nein, in der That, er irret ſich ſehr Gewiß er den - ket nicht, daß ich will.

Sie ſtritten beyde mit ihr: ſo viel ich aus den abgebrochnen Stuͤcken von dem, was ſie ſagten, zuſammen bringen konnte. Denn ſie redeten ſo leiſe, daß ich keinen ganzen Satz deutlich zu hoͤ - ren vermoͤgend war: ohne nur von der wunder - lichen Schoͤnen, welche der Zorn lauter machte. Jch hoͤrte deswegen, wie ſie ſich zur Antwort auf verſchiedne Stuͤcke, welche ſie zu ihr geſagt hat - ten, herauswickelte Gute Fr. Moore, liebe Jung -317 Jungſer Rawlins, dringen ſie nicht weiter in mich Jch kann mit ihm nicht zu Tiſche ſitzen!

Jene ſagten, wie ich vermuthe, etwas zu mei - nem Beſten O! der elende Kerl! Wie ſchmeichelt er ſich ein! Was habe ich fuͤr Schutz gegen einen Menſchen, der einen jeden, ja ſelbſt die tugendhaſten Perſonen von meinem Geſchlechte, ich mag gehen, wohin ich will, auf ſeine Seite bringen kann?

Nachdem noch ſonſt eines und das andre ge - ſagt war, das ich nicht deutlich hoͤrte: ſprach die Fraͤulein wieder. Das iſt verfluchte Kuͤhnheit! Kennten ſie nur ſein boͤſes Herz: er macht ſich Hoffnung, ſie beyden gute Leute zu gewin - nen, daß ſie ihm in dem niedertraͤchtigſten von ſeinen Anſchlaͤgen huͤlfliche Hand leiſten.

Wie, dachte ich eben den Augenblick, iſt ſie zu aller dieſer Scharfſichtigkeit gekommen? Mein Teufel will mich gewiß nicht zur Beute haben. Daͤchte ich, daß er es wollte: ſo wuͤrde ich hey - rathen, und als ein ehrlicher Mann leben, um richtig mit ihm zu ſeyn.

Hiernaͤchſt, vermuthe ich, drungen ſie auf die Vorſtellung, wovon ich der Jungfer Rawlins, da ſie hineinging, einen Wink gegeben hatte, daß ſie der Fr. Moore nicht hinderlich ſeyn wollte. Denn ſo druͤckte ſie ſich aus: Er wird ohne Zweifel bezahlen, was ſie fordern. Sie duͤrfen an ſeiner Freygebigkeit nicht zweifeln. Aber wir koͤnnen nicht beyde in einem Hauſe ſeyn. War - um318 um bin ich ſonſt von ihm geflohen, mir unter Fremden eine ſichere Zuflucht zu ſuchen?

Auf etwas anderes, das die Frauenzimmer vorſtellten, gab ſie zur Antwort: Es iſt ein Ver - ſehen, Madame. Jch bin mit ihm nicht aus - geſoͤhnet. Jch werde nichts glauben, was er ſaget. Hat er ihnen nicht durch die Verklei - dung, worinn ſie ihn zuerſt ſahen, eine offenba - re Probe gegeben, was er fuͤr ein Menſch, und was er zu unternehmen im Stande ſey? Mei - ne Geſchichte iſt zu lang, und meines Bleibens wird hier nur eine kurze Zeit ſeyn: ſonſt koͤnnte ich ſie uͤberfuͤhren, daß mein Unwillen gegen ihn mehr als zu wohl gegruͤndet iſt.

Darauf, vermuthe ich, bewarben ſie ſich um ihre Erlaubniß, daß ich mit ihnen zu Mittage eſſen duͤrfte. Denn dieß hoͤrte ich von der Fraͤu - lein. Jch habe nichts dazu zu ſagen Es iſt ihr eignes Haus, Fr. Moore Es iſt ihr eigner Tiſch Sie koͤnnen annehmen, wen ſie nach eignem Belieben wollen Nur laſſen ſie mir meine Freyheit, ſelbſt meine Geſellſchaft zu waͤhlen.

Zur Antwort, wie ich mir vorſtelle, auf der Frauenzimmer Anerbieten, ihr das Eſſen hinauf zu ſenden, gab ſie dieſes: Ein Biſſen Brodts, wenn es ihnen gefaͤllig iſt, und ein Glaß Waſſer. Das iſt alles, was ich itzo hinunterbringen kann. Jch befinde mich wirklich ſehr uͤbel. Sahen ſie nicht, wie ſchlimm mir war? Nur bloß der Un -319 Unwillen hat meine Lebensgeiſter in Bewegung erhalten koͤnnen!

Jch habe nichts dagegen einzuwenden, Ma - dame, daß er mit ihnen Mittagsmahlzeit haͤlt, verſetzte ſie vermuthlich auf eine fernere Frage uͤber eben dieſelbe Sache aber ich will nicht ei - ne Nacht in dem Hauſe bleiben, wo er ſich auf - haͤlt, wenn ich es aͤndern kann.

Jungfer Rawlins hatte ihr geſagt, wie ich mir einbilde, daß ſie nicht zum Mittagseſſen blei - ben wollte. Denn dieß war die Antwort der Fraͤulein: Laſſen ſie mich nicht die Fr. Moore ihrer Geſellſchaft berauben, Jungfer Rawlins. Sie werden uͤber ſeine Reden nicht misvergnuͤgt werden. Er kann kein Abſehen auf ſie haben.

Sie ſtellten ihr darauf vermuthlich vor, was ich hinter ihrem Ruͤcken ſagen koͤnnte, meiner Hi - ſtorie ein gutes Anſehen zu geben. Jch be - kuͤmmere mich nicht um das, was er ſagt, oder was er von mir gedenket. Reue und Beſſerung ſind das einzige Leid, das ich ihm wuͤnſche: mir mag es gehen, wie es will!

Nach ihrem Tone zu urtheilen, weinte ſie, als ſie dieſe letzten Worte ſprach.

Die Frauenzimmer kamen endlich heraus und wiſchten beyde ihre Augen ab. Sie wuͤrden mich gerne beredet haben, die Zimmer fahren zu laſſen, und ſo lange wegzugehen, bis ihres Onkels Freund ankaͤme. Aber ich verſtand es beſſer. Jch wollte dem Teufel nicht trauen, daß ich ſie wieder aufſpuͤren wuͤrde, wenn ſie noch einmalent -320entwiſchte: ſo gut ich auch, nach ihren und der Fraͤulein Howe Gedanken, mit ihm bekannt ſeyn ſoll.

Was ich am meiſten beſorge, iſt dieß, daß ſie ſich unter ihre eigne Verwandten begeben wird. Und thut ſie das: ſo bin ich verſichert, daß ſie ih - rer ruͤhrenden Beredtſamkeit nicht zu widerſtehen vermoͤgend ſeyn werden. Jedoch der Brief des Capitains an mich, wie du ſehen wirſt, iſt vor - trefflich ausgeſonnen, demjenigen vorzubeugen, was ich in dieſem Stuͤcke befuͤrchte: vornehmlich in Anſehung der Stelle, wo er ſchreibt, daß ihr Onkel es ſeiner Freyheit nicht uͤberlaſſen zu ſeyn glaubte, gerades Weges mit ihr Briefe zu wech - ſeln, oder von ihr Vorſchlaͤge anzunehmen ſon - dern nur durch den Capitain Tomlinſon; wie ſich daraus unleugbar ſchließen laͤſſet(*)Siehe in dem XV. Briefe dieſes Theils den Brief von Tomlinſon. .

Jch muß geſtehen, ob ich gleich ein ſo feyer - liches Geluͤbde gethan, mich zu raͤchen, daß ich ihr gar gern ihre wiedergeſchenkte Gunſt als ein Verdienſt gegen mich angerechnet, und der Vermittelung des Capitain Tomlinſons ſo wenig, als moͤglich, zugeſchrieben haͤtte. Meinem Stol - ze war daran gelegen. Und dieß war eine von den Urſachen, warum ich ihn nicht mit mir brach - te. Eine andre war dieſes, daß, wenn ich genoͤ - thigt wuͤrde, zu ſeiner Huͤlfe meine Zuflucht zu nehmen, ich beſſer im Stande ſeyn moͤchte, nach -dem321dem ich ſie vorher ohne ihn beſucht haͤtte, ſeine Worte und Handlungen ſo zu richten, wie es ih - re Geſinnung erforderte.

Jch war bey allem dem doch von Herzen froh, daß Fr. Moore eben ſo zu rechter Zeit her - auf kam und die Mittagsmahlzeit anſagte. Die entlaufne Schoͤne war ganz in Bewegung. Sie hatte das Spiel in ihren Haͤnden. Da ſie mir nun eine ſo gute Entſchuldigung wegzugehen ge - geben hatte: ſo gewann ich Zeit, mich geſetzter zu machen; der Capitain, zu kommen; und die Fraͤulein, ſich abzukuͤhlen. Shakeſpeare giebt ei - nen guten Rath.

Beſtuͤrme keine Wuth, wenn ihre Kraft ſie
naͤhrt.
Gieb ihr ein wenig Raum: ſo leget ſie ſich
wieder.
Der hohen Fluth wird nicht durch Daͤmme
vorgekehrt:
Daruͤber ſteigt ſie weg und ſchlaͤgt die Saaten
nieder.
Man theilet ſie vielmehr, ſo wie die Klugheit
zeigt,
Und ſucht ſie ſicherer durch Schleuſſen abzu -
leiten.
Wenn ſie nun ſo geſchwaͤcht, und nicht von
neuem ſteigt:
So laͤſſet ſich der Reſt durch Waͤlle ſchon be -
ſtreiten,
Und man kann durch die Furth bald trocknes
Fußes gehn.

Jch ging mit den Weibsleuten herunter zu Tiſche. Fr. Moore ſandte ihrer ſchoͤnen Koſt -Fuͤnfter Theil. Xgaͤn -322gaͤngerinn eine Schuͤſſel hinauf: allein ſie nur einen Biſſen Brodt und trank ein Glaß Waſſer. Jch zweifelte nicht, daß ſie ihr Wort halten wuͤrde, da es einmal heraus war. Jſt ſie nicht eine Harlowe? Sie ſcheinet ſich zur Haͤrte zu gewoͤhnen, die ſie doch, wenn es auf das aͤrgeſte geht, nicht erfahren kann. Denn ſollte ſie ſich auch zuletzt weigern, mir verbunden zu ſeyn, oder, daß ich mich meinem eignen Her - zen gemaͤßer ausdruͤcke, mich zu verbinden: ſo muß dennoch ein jeder, der ſie ſiehet, ihr Freund - ſchaft erzeigen.

Aber ich muß dich fragen, Belſord! Biſt du nicht fuͤr mich beſorgt, wegen des Jnhalts von dem Briefe, den die zornige Schoͤne geſchrieben und durch einen Kerl zu Pferde weggeſchicket hat? Biſt du nicht beſorgt, was die Fraͤulein Howe darauf antworten mag? Willſt du nicht ſchon fragen, ob es nicht zu vermuthen iſt, daß die Fraͤulein Howe, wenn ſie ihrer verwegenen Freundinn Flucht erfaͤhret, ſich um ihren Brief bekuͤmmern wird: da ſie wiſſen muß, daß er nicht eher, als nach der Flucht, in Wilſons Haus an - kommen koͤnnen und alſo wahrſcheinlicherweiſe in meine Haͤnde fallen wird?

Allen dieſen Dingen iſt ſchon mit ſo vieler Liſt, als menſchliche Vorſicht erlaubet, vorgebauet: wie du bey dem Erfolge ſehen wirſt.

Jch habe dir ſchon gemeldet, daß Wilhelm nach dem alten Grimes auf der Lauer ſtehet. Der alte Grimes, wie es ſcheint, iſt ein ſchwatz -hafter,323hafter, alberner Kerl. Kann Wilhelm ihn nur antreffen: ſo will ich fuͤr den Erfolg Buͤrge ſeyn. Denn iſt er nicht ſchon ſieben Jahre her mein Diener geweſen?

Der achtzehnte Brief. Eine Fortſetzung des vorhergehenden von Herrn Lovelace.

Wir hatten, außer Jungfer Rawlins, eine junge verwitwete Baſe von Fr. Moore am Tiſche, die einen Monat bey ihrer Tante zu bleiben hergekommen iſt. Bevis iſt ihr Name. Sie iſt ſehr geſchwinde, ſehr lebhaft und eine gro - ße Bewunderinn von mir, ich verſichere dich Sie merkte mit freundlichen Blicken auf alles, was ich ſagte, und war zum voraus bereit, ein jedes Wort zu billigen, ehe ich ſprach. Unter der Zeit, daß wir die Mittagsmahlzeit halb vollbracht hatten, wußte ſie, durch Huͤlfe deſſen, was ſie vor - her zuſammen gebracht, eben ſo viel von unſerer Geſchichte als eine von den andern beyden.

Da meine Sache erforderte, daß ich dieſe Frauenzimmer gegen alles, was von der Fraͤulein Howe kommen moͤchte, zum voraus einnaͤhme: ſo machte ich mir den Wink, den ich ſchon oben wider dieſe Ungluͤck ſtiftende Fraͤulein gegebenX 2hatte,324hatte, zu Nutze. Jch beſchrieb ſie als eine hoch - muͤthige, rachgierige, liſtige, kuͤhne und eine ſolche Perſon, die, wenn ſie ein Mannsbild geworden waͤre, wuͤrde geſchworen und geflucht, Frauen - zimmer genothzuͤchtiget, und, ſo viel ich wuͤßte; ich zweifle gar nicht daran, Bruder! einen Teu - fel abgegeben haben: die aber nichts deſto weni - ger durch den Vortheil von einer weiblichen Er - ziehung, von ihrem Ehrgeiz, von ihrem Stolz, wie ich glaubte, perſoͤnlich tugendhaft waͤre.

Fr. Bevis gab zu, daß Erziehung und Ehrgeiz ſelbſt ſehr viel Theil daran haͤtten. Jungfer Rawlins aber brach unterdeſſen mit ge - zwungener Sproͤdigkeit aus: Behuͤte Gott, daß Tugend allein von Erziehung herruͤhren ſollte! Dem ſey wie ihm wolle: ich bezeugte inzwiſchen, daß die Fraͤulein Howe feine Kunſtgriffe haͤtte, Ungluͤck zu ſtiften. Sie waͤre allezeit meine Feindinn geweſen: ihre Bewegungsgruͤnde wuͤß - te ich nicht; nur waͤre mir bekannt, daß ihr der Mann, den ihr ihre Mutter gern geben wollte, ein gewiſſer Hickmann, gar nicht anſtuͤnde. Ob ich nun gleich nicht eigentlich behauptete, daß ſie mich lieber gehabt haben wuͤrde: ſo bildeten ſich doch die Weibsleute alſobald ein, daß dieß der Grund von ihrem heftigen Unwillen gegen mich, und ihrem Neide gegen meine Geliebte waͤre. Es waͤre ſchlecht, ſagten ſie, daß ein ſo feines jun - ges Frauenzimmer eine ſolche verſtellte Freundinn nicht durchſchauen und erforſchen koͤnnte.

Gleich -325

Gleichwohl, ſetzte ich hinzu, ſollte niemand beſſer aus der Erfahrung wiſſen, als ſie, was ein Haß, der in Beneidung ſeinen Grund hat, fuͤr Gewalt haͤtte: wie ich ihnen, Fr. Moore, und ihnen, Jungfer Rawlins, ſchon oben durch die Begebenheit mit ihrer Schweſter Arabelle ei - nigermaßen zu verſtehen gegeben habe.

Bey dieſer Gelegenheit wurden mir wegen meiner Perſon und Gaben viele Hoͤflichkeiten ge - ſagt. Dadurch bekam ich eine beſonders vor - theilhafte Veranlaſſung, meine Beſcheidenheit ſe - hen zu laſſen: indem ich den Werth derſelben herunterſetzte. Nein in der That! Jch muͤßte ſehr eitel ſeyn: wenn ich ſo gedaͤch - te. Weil ich mich auf die Art erniedrigte und die Fraͤulein Howe erhob: ſo ward ich ſo wohl fuͤr beſcheiden als edelmuͤthig angeſehen, und hatte uͤber dieß noch den Vortheil, daß mir alle ange - nehme Eigenſchaften, die ich von mir ablehnte, beygelegt wurden.

Kurz, ſie unterdruͤckten ſo gar die Beſcheiden - heit, welche ihre Lobeserhebung; daß ich be - ſcheiden von mir ſelbſt rede; in mir erzeug - ten: weil ſie nichts von dem, was ich wider mich ſelbſt ſagte, glauben wollten.

Und in Wahrheit, ich kann es nicht bergen, ſie haben mich beynahe ſelbſt beredet, daß die Fraͤulein Howe wirklich in mich verliebt iſt. Jch bin oft geneigt geweſen, es zu hoffen. Wer weiß auch, ob ſie es nicht in der That ſeyn mag? Der Capitain und ich haben die Abrede genom -X 3men,326men, es gelegentlich mit einfließen zu laſſen Und was meyneſt du, Bruder? Sie haſſet Hick - mannen gewiß: Maͤgdchen aber, die noch frey ſind, haſſen ſelten; wenn ſie gleich etwa nicht lieben moͤchten. Und haͤtte ſie lieber einen an - dern gehabt: warum ſollte ich nicht dieſer an - dre ſeyn koͤnnen? Denn bin ich nicht ein witzi - ger Kopf und ein liederlicher Bruder? Und ha - ben unſre muntern Frauenzimmer nicht gern un - ſre witzigen Koͤpfe und liederlichen Bruͤder? Was iſt es außer dem wohl fuͤr ein Wunder, daß der Mann, der die Gunſt der Fraͤulein Harlowe zu gewinnen gewußt, auch die Zuneigung einer an - dern Fraͤulein, mit ihrem Ach(*)Siehe den XI. Brief dieſes Theils, wo die Fraͤu - lein Howe ſchreibt: Ach meine Wertheſte, ich wußte es ſchon, daß ſie ihn liebten. , welche von der Erniedrigung ihrer Mitbuhlerinn Ehre ha - ben wuͤrde, gewinnen ſollte?

Beſchuldige du mich deswegen nicht einer ausnehmenden Eitelkeit bey dieſer Vermuthung, Belford. Sollteſt du die geheime Eitelkeit ken - nen, die in den Herzen dererjenigen verborgen liegt, welche ſie verdecken, oder auf das beſte bemaͤnteln: ſo wuͤrdeſt du hohe Urſache finden, mich loszuſprechen oder mir wenigſtens nachzuſehen. Denn eben das Bewußtſeyn des Heuchlers, daß er uͤber und uͤber von Ein - bildung fuͤr ſich voll iſt, macht ihn uͤberhaupt am meiſten behutſam, es zu verbergen Den -noch327noch wird es bisweilen bey dieſen Leuten, ſo de - muͤthigſtolz ſie ſeyn moͤgen, trotz aller Bemaͤnte - lung ausbrechen: ſollte es auch nur in Selbſt - verleugnung, in ruͤhmſuͤchtiger Selbſterniedri - gung ſeyn.

Da ich mich aber in dieſer Sache auf dich ſelbſt berufen habe: ſo muß ich zum Behuf mei - ner Anmerkung, daß die Frauenzimmer uͤber - haupt einen liederlichen Kerl einem ordentlichen Manne vorziehen, und meiner darauf gebaueten Vermuthung, daß die Fraͤulein Howe in mich verliebt iſt, einen andern Grund anfuͤhren. Es iſt dieſer: Es geht die gemeine Sage, daß Hick - mann ein ſehr tugendhafter, ein ſehr unſchuldiger Mann iſt ein reiner Junggeſelle: Jch bin Buͤrge dafuͤr! Fuͤr einen albernen Kna - ben habe ich ihn allezeit angeſehen Nun, Bruder, haben die Frauenzimmer nicht gern Lehr - linge. Jhnen gefaͤllt eine Liebe gegen ihr Ge - ſchlecht, die ſich auf die Erkenntniß von demſel - ben gruͤndet. Jhre Urſache dazu iſt gut. Lehr - linge erwarten nach ihren Vorſtellungen mehr, als ſie in der Gemeinſchaft mit ihnen vielleicht finden koͤnnen. Eine Mannsperſon, die ſie ken - net und doch von Flammen gegen ſie brennet, doch hitzig liebet; daß ich von der Fraͤulein Ho - we(*)Siehe den IV. Th. S. 106. 204. 209. ein Wort borge; iſt der Mann, den ſie am liebſten reden hoͤren: ob ſchon uͤberhaupt die - ſe Flammen mehr von dem Teufel in ihm, als von dem armen Kinde außer ihm herruͤhren. X 4Er328Er weiß, was er zu erwarten hat und womit er ſich befriedigen laſſen muß.

Hierzu kommt, daß in einigen Faͤllen der Vorzug, den die Weibsleute haben, Unwiſſen - heit ſeyn muß: es mag nun eine wirkliche oder angenommene Unwiſſenheit ſeyn. Die Manns - perſon muß ſich in dieſen Faͤllen als einen Kunſterfahrnen beweiſen. Wird man ſich denn daruͤber wundern, daß ein Frauenzimmer elnen liederlichen Bruder einem Lehrlinge vorzie - het? Da ſie von dem einen die Dreiſtigkeit erwartet, die ihr fehlet: ſo ſieht ſie hingegen den andern und ſich ſelbſt als zwo Parallel-Linien an, die, wenn ſie auch in Ewigkeit neben einander fortlaufen, doch nimmermehr zuſammen kom - men.

Jnzwiſchen betruͤget ſich das ſchoͤne Geſchlecht uͤberhaupt auch eben in dieſem Stuͤcke. Denn ſolche ſchuͤchterne Bruͤder ſind ſchlau Jch bin vordem ſelbſt bloͤde geweſen: und dieß hat mich beſſer in den Stand geſetzet von beyden Ge - ſchlechtern zu urtheilen; wie ich dir ſchon bey an - derer Gelegenheit zu verſtehen gegeben habe(*)Siehe den III. Th. S. 208.. Allein ich muß in meiner Erzaͤhlung wieder fortfahren.

Nachdem ich alſo alle gegen einen jeden Brief, der von der Fraͤulein Howe kommen moͤchte, und gegen die Antwort durch den Boten meiner Geliebten zum voraus eingenommen hat - te: ſo hielte ich es fuͤr dienlich, dieſes Stuͤck un -ſerer329ſerer Unterredung damit zu beſchließen, daß ich ihnen zu verſtehen gab, meine Gemahlinn koͤnn - te es nicht vertragen, wenn man etwas ſagte, das auf die Fraͤulein Howe fiele. Nur ſetz - te ich noch mit einem tiefen Seufzer hinzu, daß ich mehr als einmal durch ſolche uͤbelgeſinnte Frauenzimmer, die ich niemals beleidigt haͤtte, ſehr ungluͤcklich gemacht waͤre.

Die Witwe Bevis glaubte, daß dieß leicht - lich ſeyn koͤnnte.

Dieſe gegebne Winke, welche die Sachen in - nerhalb Hauſes betreffen, nebſt den andern, die mein Wilhelm bekommen hat, was ſowohl außer - halb als innerhalb Hauſes wahrzunehmen iſt; denn ich habe die Abſicht, daß er ſich mit dem Dienſtmaͤgdchen der Witwe Moore in Liebeshaͤn - del einlaſſen und wenigſtens ein hundert Pfund in meinen Dienſten gewonnen haben ſoll; wer - den mir ſehr zu ſtatten kommen: wie die Sa - chen etwa laufen koͤnnen.

Der neunzehnte Brief. Eine Fortſetzung des vorhergehenden von Herrn Lovelace.

Wir hatten kaum die Mittagsmahlzeit gehal - ten: als mein Kutſcher, der auf den Ca -X 5pitain330pitain Tomlinſon, wie Wilhelm auf den alten Grimes, laurte, den braven Herrn hierher brachte. Er hatte einen Diener bey ſich: und beyde waren zu Pferde. Er ſtieg ab. Jch kam ihm an der Thuͤre entgegen.

Du kenneſt ſein gewoͤhnliches Weſen und ſeine unverſchaͤmte Freyheit: allein du kannſt dir nicht einbilden, wie vornehm der Schalk that, und wie ehrerbietig ich mich gegen ihn bezeigte.

Jch fuͤhrte ihn in den Saal, und ſtellte ihn den Frauenzimmern und dieſe ihm vor Jch glaubte, daß mir ſehr daran gelegen ſeyn wuͤrde, ſie gaͤnzlich von der Richtigkeit alles deſſen, was ich behauptet hatte, zu uͤberfuͤhren: da ſie in unſere Vermaͤhlung, wegen der zuruͤckgeſchobe - nen Fragen meiner Schoͤnen an dieſem Theile, noch einiges Mistrauen ſetzen moͤchten. Wie konnte ich dieß beſſer thun: als wenn ich mich vor ihren Ohren ein wenig mit ihm unterredete?

Werther Herr Capitain, mich hat lange nach ihnen verlanget: denn ich habe mit meiner Ge - mahlinn einen harten Kampf gehabt.

Capit. Es thut mir leid, daß ich ſpaͤter kom - me, als ich willens war Meine Rechnung mit meinem Wechsler Es iſt ein loſer Hund, Bruder! hat mir mehr Zeit weggenommen, als ich vermuthet hatte Alle dieſe Zeit uͤber ſtrich er ſeine Manſchetten nieder denn wir waren nicht weit von einander; nur zwanzig Pfund, in der That, wovon ich keine Rechnung bekommen hatte. Der Schalk hat wohl in ze -hen331hen Jahren nicht zwanzig Pfund geſehen, die ſein eigen geweſen ſind.

Hiernaͤchſt hatten wir die Gemuͤthsart der Harlowiſchen Familie vor. Jch machte mich uͤber ſie alle luſtig. Der Capitain aber nahm ſeines lieben Freundes, Herrn Joh. Harlowe, Partey mit einem Nicht ſo hitzig! Nicht ſo hitzig, junger Herr! und andern dergleichen freyen Redensarten.

Er rechtfertigte ihre Feindſeligkeit durch meinen Trotz. Es wuͤrde ſich keine Familie, die eine ſo reizungsvolle Tochter haͤtte, trotzen laſſen, an ſtatt daß man ihre Gunſt ſuchen ſoll - te. Er muͤßte reden, wie es ihm ums Herze ſey: er waͤre niemals zweyzuͤnglicht geweſen. Er beriefe ſich auf das Urtheil der Frauenzimmer, ob er nicht Recht haͤtte.

Er bekam ſie auf ſeine Seite.

Die Zuͤchtigung, die dem Bruder von mir widerfahren waͤre, ſagte er, muͤßte nothwendig die Sachen ſchlimmer gemacht haben.

O! was ward ich hiedurch fuͤr ein Held in den Augen der Weibsperſonen! Das ſchoͤne Geſchlecht liebt uns muthige Bruͤder in ihren Herzen.

Es moͤchte ſeyn, wie es wollte, waren meine Worte: ich wuͤrde doch niemals gegen einen von ihrem Hauſe, außer meiner Gemahlinn, Liebe hegen; und da ich nichts von ihnen brauchte, mich auch nicht anders, als um ihrentwillen,ſo332ſo weit, als ich gethan haͤtte, in eine Ausſoͤhnung eingelaſſen haben.

Das waͤre recht gut von mir, ſagte Frau Moore.

Recht gut, in Wahrheit, ſprach Jungfer Rawlins.

Gut! Mehr als gut: es iſt recht edel - muͤthig, ſetzte die Witwe hinzu.

Capit. Ja es iſt wahr: ich muß es ſelbſt geſtehen. Denn es geht mir nahe, daß dem Herrn Lovelace von ihnen allen unhoͤflich begeg - net iſt weit unhoͤflicher, als daß man ſich haͤtte einbilden koͤnnen, ein Herr von ſeinem Stande und Muth wuͤrde es hingehen laſſen. Aber dabey, mein Herr; hiemit wandte er ſich zu mir; denke ich, ſie ſind durch eine ſolche Fraͤu - lein uͤberfluͤßig belohnet, und muͤſſen billig dem Vater um der Tochter willen vergeben.

Fr. M. Jn der That, das denke ich auch.

Jungf. R. Das muß ein jeder denken, der die gnaͤdige Frau nur geſehen hat.

Die Witwe. B. Ein feines Frauenzim - mer, in Wahrheit! Aber nach dem, was ich ge - hoͤret habe, hat ſie einen harten Kopf, und wohl gar einige ſehr wunderliche Grillen. Man er - kennet nicht eher, wie ſchaͤtzbar gute Ehegenoſſen ſind, als bis man ſie verloren hat.

Jhr Gewiſſen zwang ihr hiebey einen Seuf - zer ab.

Lovel. Keine Seele muß auf meinen En - gel etwas zu ſagen haben Ein Engel iſt ſiein333in der That Einige kleine Fehler hat ſie wohl in Anſehung ihrer uͤbereilenden Heftigkeit und ihres unverſoͤhnlichen Sinnes. Allein dieß hat ſie von dem Harlowiſchen Geſchlechte, und wird noch dazu von der Fraͤulein Howe aufge - hetzet Hingegen ihre unzaͤhlbaren und un - vergleichlichen Vorzuͤge hat ſie als ein beſonderes Eigenthum von ſich ſelbſt.

Capit. Ey! was will man von ihrem har - ten Kopfe und ihrer Heftigkeit ſagen! Das iſt ein rechter Kopf, den ſie eben itzo genannt haben, weil ſie der Fraͤulein Howe erwaͤhnten! Und ſo gab ich ihm Anleitung, alles, was ich von dem ungeſtuͤmen Frauenzimmer geſagt hatte, zu be - kraͤftigen. Jedoch, ſprach er, man muͤßte wohl Mitleiden mit ihr haben: und ſahe mich ſo an, als wenn er vieles damit ſagen wollte.

Jch hatte vorher die Abrede mit ihm genom - men, wie ich dir bereits zu verſtehen gegeben ha - be, der Fraͤulein Howe gelegentlich eine heim - liche Liebe beyzumeſſen: als das beſte Mittel, al - les, was zu meinem Nachtheile von ihr kommen moͤchte, zu entkraͤften.

Capit. Jch kenne ihre Beſcheidenheit, Herr Lovelace: ſonſt koͤnnten ſie wohl einen Grund angeben

Lovel. Mit niedergeſchlagenen Augen und einem ſehr ſchamhaftigen Geſichte. Das kann ich nicht gedenken, Herr Capitain Aber laſſen ſie uns eine andere Urſache nennen.

Alle334

Alle gegenwaͤrtige Frauenzimmer konnten mir dreiſt ins Geſichte ſehen: ſo ſchamroth war ich.

Capit. Es mag gut ſeyn; aber was unſere gegenwaͤrtigen Umſtaͤnde betrifft Nur will es ſich nicht ſchicken Hiebey ſahe er mich und denn die Frauensperſonen nach der Reihe an.

Lovel. O Herr Capitain, vor dieſer Geſell - ſchaft koͤnnen ſie alles ſagen Nur, Andreas, ſagte ich zu meinem neuen Diener, der uns bey Tiſche aufwartete, geht ihr hinaus. Dieß gute Maͤgdchen, ich ſahe auf die Cammermagd, wird uns zu allem verhelfen, was wir brauchen.

Andreas ging hinaus: er wußte ſeine Rolle ohne das ſchon; und das Cammermaͤgdchen ſchien uͤber den Vorzug, den ihr meine Gnaden gaben, hoͤchſt vergnuͤgt.

Capit. Was unſere gegenwaͤrtigen Um - ſtaͤnde betrifft, ſage ich, Herr Lovelace Ge - wiß, mein Herr, unſer Ziel wird uns ganz ver - ruͤcket werden; das muß ich ihnen frey geſtehen: wenn mein Freund, Herr Joh. Harlowe, erfah - ren ſollte, wie dieſelben ſtehen. Er wuͤrde die Wirklichkeit ihrer Vermaͤhlung eben ſo ſehr in Zweifel ziehen, als die uͤbrigen von der Familie thun.

Hier ſpitzten die Weibsleute ihre Ohren. Sie waren ſtill und die Aufmerkſamkeit ſelbſt.

Capit. Jch habe ſie ſchon vorher nach den eigentlichen Umſtaͤnden gefragt: aber ſie woll - ten mir dieſelben nicht eroͤffnen Es magſich335ſich in der That vielleicht nicht ſchicken, daß ich ſie erfahre. Aber ich muß doch geſtehen, es uͤber - ſchreitet meinen Verſtand, daß eine Frau etwas, das ihr Mann vornehmen mag, wenn es nur den Frieden nicht bricht, ſo hoch empfinden kann, daß ſie ſich berechtigt haͤlt, von ihm zu laufen.

Lovel. Herr Capitain Tomlinſon mein Herr Jch verſichere ſie, daß ich mich fuͤr be - leidigt halten werde daß es mir aͤußerſt empfindlich ſeyn wird wenn ich das Wort noch einmal hoͤre.

Capit. Jhre Bedenklichkeit und ihre Liebe, mein Herr, koͤnnen wohl verurſachen, daß ſie ſich fuͤr beleidigt halten Allein es iſt meine Art, ein jedes Ding bey ſeinem Namen zu nennen: es mag ſich daruͤber beleidigt finden, wer da will.

Du kannſt dir nicht vorſtellen, Belford, wie muthig und wie vornehm der Schalk dabey ausſahe.

Capit. Wenn ſie es fuͤr dienlich halten wer - den, mein junger Herr, uns die eigentlichen Um - ſtaͤnde wiſſen zu laſſen: ſo wollen wir fuͤr dieſes uͤbereilte Vornehmen von einem ſo bewunderns - wuͤrdigen Frauenzimmern einen Namen finden, der ihnen beſſer anſtehen ſoll. Sie ſehen, mein Herr, daß, weil ich die Perſon meines wer - then Freundes, Herrn Joh. Harlowe vorſtelle, ich eben ſo frey rede, als er meiner Vermuthung nach thun wuͤrde, wenn er gegenwaͤrtig waͤre. Jedoch ſie werden roth, mein Herr Jch bit - te um Verzeihung, Herr Lovelace: es ſtehet ei -nem336nem ſchamhaftigen Manne nicht an, in ſolche Geheimniſſe zu ſchauen, die ein ſchamhafter Mann nicht aufdecken kann.

Jch ward wirklich nicht roth, Bruder: doch lehnte ich das Compliment nicht von mir ab, ſon - dern ſchlug die Augen nieder. Den Weibsper - ſonen ſchien meine Schamhaftigkeit zu gefallen: nur die Witwe Bevis war mehr geneigt mich auszulachen, als mich deswegen zu loben.

Capit. Es mag die Urſache von dieſem ge - wagten Schritte ſeyn, was es will; ich will es nicht wieder ein Entlaufen nennen, mein Herr, weil dieß harte Wort ihre Zaͤrtlichkeit verletzet: ſo muß ich doch nothwendig meine Beſtuͤrzung daruͤber bezeugen; wenn ich an ihr zaͤrtliches Be - tragen gegen einander gedenke, wovon ich Zeuge war, als ich ihnen das letzte mal meine Aufwar - tung machte. Ueber-Liebe denke ich, mein Herr, ſagten ſie einmal Allein Ueber-Lie - be; dabey laͤchelte er; erlauben ſie mir zu ſagen, iſt eine ſeltſame Urſache zum Zank. Wenige Frauenzimmer

Lovel. Werther Herr Capitain! Und hiemit verſuchte ich roth zu werden.

Die Weibsleute verſuchten es auch: und weil ſie mehr dazu gewoͤhnt waren, kamen ſie beſſer damit fort Frau Bevis hat wirklich eine Feuerfarbe im Geſichte, und iſt immer roth.

Jungf. R. Es iſt nicht noͤthig, die Sache ſo genau zu unterſuchen: ſondern nur zu beden -ken,337ken, daß, wie die gnaͤdige Frau oben redet, es ſo gut ſey, als wenn ſie ihre Vermaͤhlung leugnet. Sie wiſſen es ſelbſt, mein Herr. Dabey wandte ſie ſich zu mir.

Capit. Sie leugnet ihre Vermaͤhlung! Him - mel! wie habe ich denn meinem lieben Freunde, Herrn Joh. Harlowe etwas weiß gemachet!

Lovel. Meine arme Geliebte! Allein es darf niemand an ihrer aufrichtigen Geſinnung, allezeit die Wahrheit zu ſagen, zweifeln. Sie wuͤrde ſich gewiß um der ganzen Welt willen keiner wiſſentlichen Unwahrheit ſchuldig machen.

Hiedurch verdiente ich wieder ein allgemeines Lob von ihnen.

Lovel. Das liebe Kind Sie denket, daß ſie Urſache hat, unſere Vermaͤhlung zu leugnen. Sie wiſſen, Frau Moore, ſie wiſſen, Jungfer Rawlins, was ich ihnen oben geſtanden habe, in Anſehung meines Geluͤbdes

Jch ſchlug die Augen nieder, und drehete meinen Diamantenen Ring, wie vorher einmal, an den Finger herum. Fr. Moore ſahe auf die Seite und gab der Jungfer Rawlins, als die mit ihr an der Erzaͤhlung, worauf ich zielte, Theil hatte, einen Wink mit den Augen.

Jungfer Rawlins ſahe vor ſich nieder, ſo wie ich. Jhre Augenlieder waren halb geſchloſſen, als wenn ſie ein Pater noſter betete. Sie hatte ihre ſtillen Betrachtungen uͤber ihre Schnupfta - backsdoſe, und der eingezogne Mund machte, daßFuͤnfter Theil. Yſich338ſich die Entfernung zwiſchen ihrer Naſe und ih - rem Kinn verlaͤngerte.

Mir fiel dabey die andaͤchtige Fr. Fetherſtone zu Oxford ein, die ich dir einmal unter andern ſeltſa - men Bildern in der Marienkirche zeigte, wohin wir gegangen waren, ihre beyden Schweſtern in Au - genſchein zu nehmen. Sie hatte die Augen zu - geſchloſſen; als wenn ſie ihrem Herzen nicht trau - en duͤrfte, wenn ſie offen waͤren: ſchlug aber doch die Augenlieder eben halb auf, um zu ſehen, wer zuletzt gekommen waͤre; und ließ ſie wieder nie - der, nachdem ihre Neubegierde geſtillet war.

Die Witwe Bevis machte ſtarre Augen: als wenn ſie auf ein Geheimniß laurete.

Der Capitain ſahe großmuͤthig aus: als wenn er ſchon halb hinter eines gekommen waͤre.

Endlich unterbrach Frau Moore das ſcham - hafte Stillſchweigen. Das Betragen der Frau Lo - velacen, ſprach ſie, koͤnnte durch nichts erklaͤret wer - den, als durch die uͤbeln Dienſte der Fraͤulein Howe und die Haͤrte ihrer Anverwandten, wel - che ihr vermuthlich den Kopf bisweilen ein we - nig moͤchte eingenommen haben. Es waͤre ſehr edelmuͤthig von mir gehandelt, ſetzte ſie hinzu, daß ich dem Sturm, wenn er ſich erhuͤbe, lieber den freyen Lauf ließe, als ihn zu einer ſolchen Zeit aͤrger machte.

Erlauben ſie mir zu ſagen, meine Herren, ſprach die Witwe Bevis, daß dieß unter tauſend Ehemaͤnnern nicht einer wuͤrde gethan haben.

Jch339

Jch bat, daß man von dieſer Unterredung meine Gemahlinn nicht das geringſte mer - ken ließe, und ſahe noch immer ſchamhafter aus. Jhr Hauptfehler, muͤßte ich geſtehen, waͤre ihre allzu große Bedenklichkeit.

Der Capitain ſahe ſtarr um ſich herum, und ſagte, er glaubte, daß er aus denen Winken, die ich ihm in der Stadt von meiner Ueber-Liebe gegeben haͤtte, und aus dem was nun vorgegan - gen waͤre, errathen koͤnnte, daß wir unſere Ver - maͤhlung nicht vollendet haͤtten.

O Bruder, wie einſaͤltig ſahe dabey dein Freund aus! oder wie ſehr bemuͤhete er ſich viel - mehr, ſo auszuſehen! wie ſproͤde ſahe die gute Frau Moore aus! wie gezwungen die Jungfer Rawlins! da unterdeſſen die ehrliche Witwe Bevis dreiſt um ſich gaffete; und, ob ſie gleich mit dem Munde nur laͤchelte, mit ihren Augen in vollem Lachen war, und alle Augen in der Ge - ſellſchaft zum Lachen aufzufordern ſchien.

Er machte die Anmerkung, daß ich ein rech - ter Phoͤnix unter den Maͤnnern waͤre, wenn es ſo ſeyn ſollte. Er koͤnnte in dem Fall nicht an - ders hoffen, als daß in einem oder zween Tagen die ganze Sache gluͤcklich beygelegt ſeyn, und er alsdenn das Vergnuͤgen haben wuͤrde, ihren On - kel zu verſichern, daß er, ſo zu ſagen, an ihrem Hochzeitstage gegenwaͤrtig geweſen waͤre.

Die Weibsleute ſchienen ſich alle eben dieſe Hoffnung mit ihm zu machen.

Y 2O!340

O! Herr Capitain! O! meine liebe Frau - enzimmer wie gluͤcklich wuͤrde ich ſeyn: wenn ich meine wertheſte Gemahlinn zu eben der Ge - ſinnung bringen koͤnnte!

Das wuͤrde ein ſehr gluͤcklicher Ausgang von einer ſehr verwirrten Sache ſeyn, ſagte die Wit - we Bevis, und ich ſehe nicht, warum wir nicht dieſe kuͤnftige Nacht ſelbſt zu einer Nacht der Freude machen koͤnnten.

Der Capitain laͤchelte mich mit einem vor - nehmen Geſichte an. Er ſaͤhe offenbar genug, ſprach er, daß wir bisher beym Kinderſpiel ge - blieben waͤren. Ein Mann von meiner Ge - muͤths - und Lebensart muͤßte eine erſtaunliche Achtung gegen ſeine Frau haben: wenn er einen ſolchen Eigenſinn, als dieſer iſt, leiden koͤnnte. Aber er wollte ſich unterſtehen, mir eines zu ſa - gen, und das waͤre dieſes. So ſehr auch junge wunderliche Weiber in dem Stuͤcke ihren Willen zu haben verlangten: ſo waͤre es doch allemal ein ſehr ſchlimmer Schritt, den der Mann dabey wagte; indem er ſeiner Vertrauten einen ſehr ſtarken Beweis gaͤbe, wie viel ſie uͤber ihn ver - moͤchte. Er wollte wetten, daß kein Frauenzim - mer von einem ſolchen Sinne jemals den Mann deswegen hoͤher achtete; ſondern vielmehr das Gegentheil. Und man koͤnnte Gruͤnde anfuͤh - ren, warum ſie es nicht thun ſollte.

Gut, gut, Herr Capitain: nicht mehr von dieſer Sache in Gegenwart der Frauenzimmer. Einer empfindet es wohl, ſagte ich auf eineſcham -341ſchamhaftige Art mit einem Verſuche roth zu werden und mit einem Achſelzucken, daß er ſo ausgelachet wird Jch bin fuͤr meine zaͤrtli - che Thorheit genug beſtrafet.

Jungſer Rawlins hatte ihren Fecher genom - men und wollte ihr Angeſicht gern darhinter ver - ſtecken: vermuthlich, weil ſie mit ihrem Roth - werden nicht voͤllig in Bereitſchaft war.

Frau Moore huſtete und ſchlug die Augen nieder: und dadurch ließ ſie ihres voruͤbergehen.

Die muntere Witwe lachte inzwiſchen uͤber - laut, und ruͤhmte den Capitain als einen von des Hudibras methaphyſikaliſchen Koͤpfen.

Er weiß, was etwas iſt: das geht ſo hoch hinan,
Als bey Metaphyſik ein Geiſt nur fliegen kann.

Dieß machte, daß die Jungfer Rawlins wirklich roth wurde. Pfuy, Pfuy, Fr. Be - vis, rief ſie aus, vor Unwillen, wie ich vermuthe, daß man ſie ganz fuͤr unwiſſend hielte.

Kurz von der Sache zu reden: ich gerieth auf die Gedanken, daß ich keinen uͤbeln Tauſch gethan; da ich ſtatt unſerer Mutter, die ihr Handwerk bekannt werden ließe, die Fr. Moore, die dergleichen nicht fuͤr ihr Handwerk erkennete, bekommen haͤtte. Jn Wahrheit, die Weibsleu - te und ich, ja meine Geliebte ſelbſt, haben alle einerley zum Zwecke: wir ſind nur in der Art und Weiſe, zu dem vorgeſetzten Ziele zu gelangen, von einander unterſchieden.

Y 3Der342

Der zwanzigſte Brief. Eine Fortſetzung des vorhergehenden von Herrn Lovelace.

Es war nunmehr hohe Zeit, meiner Gemah - linn zu wiſſen zu thun, daß der Capitain Tomlinſon angekommen waͤre: und zwar um ſo viel mehr, weil uns das Cammermaͤgdchen ſagte, daß die Fraͤulein gefragt haͤtte, ob nicht ein ſolcher Cavallier, wie ſie ihn beſchrieb, in dem Saale waͤre.

Frau Moore ging hinauf und bat in mei - nem Namen, daß ſie uns Gehoͤr geben moͤchte.

Aber ſie kam mit der Bitte wieder zuruͤck, daß der Capitain Tomlinſon ſie fuͤr itzo entſchul - digt halten moͤchte. Sie befaͤnde ſich ſehr uͤbel. Jhre Mattigkeit verſtattete nicht, ſich mit ihm in Unterredung einzulaſſen. Sie muͤßte ſich nie - derlegen.

Jch ward unruhig und anfangs ſehr unge - halten. Der Capitain ward auch unruhig. Du kannſt leichtlich glauben, daß ich ſeinetwegen noch mehr beſorgt war.

Sie hatte ſehr viele Beſchwerden gehabt: das muß ich geſtehen. Jhre Ohnmachten, die ihr dieſen Morgen zugeſtoßen, mußten ſie noth - wendig abgemattet haben. Sie hatte ihren Un -willen343willen ſo hoch getrieben, daß es deſto weniger Wunder war, wenn ſie ihre Kraͤfte niedergeſchla - gen befand, nachdem ſich die aufgetriebnen Lebens - geiſter wiederum geſetzet hatten. Sehr nieder - geſchlagen, darf ich ſagen: wofern zwiſchen dem Steigen und Fallen ein aͤhnliches Verhaͤltniß iſt: denn ſie war uͤber die Schranken eines ordentli - chen Menſchen hoch hinaus geweſen.

Der Capitain ſchickte inzwiſchen in ſeinem eignen Namen hinauf, und ließ ſagen, daß er es fuͤr eine beſondere Gewogenheit anſehen wollte, wenn ihm erlaubt wuͤrde, ein Schaͤlchen Thee mit ihr zu trinken. Er wollte hernach zur Stadt zuruͤckkehren, und, wo es moͤglich waͤre, einige nothwendige Geſchaͤffte zur Richtigkeit bringen, damit er morgen ganz frey waͤre, ihr ſeine Auf - wartung zu machen.

Allein ſie entſchuldigte ſich mit heftigen Kopf - ſchmerzen: und Fr. Moore verſicherte, daß die Entſchuldigung Grund haͤtte.

Jch wollte gern, daß der Capitain hier dieſe Nacht bleiben ſollte: ſo wohl ihm eine Hoͤflich - keit zu ſagen; als mir zu meiner Abſicht, da ich von meinen neugemietheten Zimmern Beſitz zu nehmen gedachte, den Weg zu bahnen. Seine Stunden waren ihm aber zu koſtbar, daß er den Abend bleiben ſollte.

Es waͤre ihm in der That ſehr unbequem, ſagte er, morgen wiederzukommen: allein er wollte gern alles thun, was in ſeinem Vermoͤgen ſtuͤnde, dieſe Luͤcke wieder zu ergaͤnzen; und dasY 4nicht344nicht weniger um mein ſelbſt und meiner Gemah - linn, als um ſeines lieben Freundes, Herrn Joh. Harlowe willen, welcher nicht erfahren muͤßte, wie weit dieß Misverſtaͤndniß gegangen ſey. Er wollte alſo nur ein Schaͤlchen Thee mit den Frauenzimmern und mir trinken.

Nachdem er nun dieß gethan und ich noch eine kurze Unterredung insgeheim mit ihm gehabt hatte: ſo eilte er von dannen.

Unterdeſſen hatte ſein Bedienter den Maͤg - den der Frau Moore eine ſehr vortheilhafte Be - ſchreibung von ihm gemacht. Und da die Wit - we Bevis, welche nicht ſtolz iſt und mit allen Maͤgden ihrer Tante, als eine gute Mitgeſel - linn, als mit ihres gleichen, wie man ſagt, um - gehet, dieſelbe wieder erzaͤhlet hatte: ſo war er bey ihnen allen ein ſeiner Cavallier, ein verſtaͤn - diger Herr, ein Mann von Einſicht und Er - ziehung. Sie bedaurten nur, daß er bey ſo vie - len Geſchaͤfften, die ihm auf dem Halſe lagen, noch einmal wiederzukommen genoͤthiget wuͤrde.

Jch will meinen Kopf zum Pfande ſetzen, fliſperre die Witwe Bevis auf eine vernehmliche Weiſe, daß ſo wohl ein wunderlicher Sinn als die Kopfſchmerzen bey einer gewiſſen Perſon ſchuld daran ſind, daß ſie den Beſuch dieſes bra - ven Herrn von ſich abgelehnet hat. O! mein Gott! wie gluͤcklich koͤnnten manche Leute ſeyn: wenn ſie nur ſelbſt wollten!

Es iſt keine vollkommene Gluͤckſeligkeit in dieſer Welt, ſagte ich ſehr ernſthaft und mit ei -nem345nem Seufzer: denn die Witwe mußte wiſſen, daß ich ſie gehoͤrt hatte. Wenn wir keine wirk - liche Ungluͤckſeligkeit haben: ſo koͤnnen wir ſie uns ſelbſt aus dem Ueberfluſſe unſers eignen Gluͤcks erzeugen.

Nur mehr als zu wahr, nur mehr als zu wahr! ſagten die beyden Witwen. Eine vor - treffliche Anmerkung! ſprach die Fr. Bevis. Die Jungfer Rawlins gab ihrem Beyfall durch Laͤcheln zu erkennen, und nannten mich, meinen Gedanken nach, in ihrem Herzen einen unver - gleichlichen Mann: denn ſie will fuͤr eine große Bewunderinn von Betrachtungen aus der Sit - tenlehre angeſehen ſeyn.

Jch hatte kaum Abſchied von den Capitain genommen und mich wieder bey den Weibsleu - ten niedergeſetzt: ſo kam Wilhelm und und rief mich heraus: Herr, Herr, ſagte er mit ſeltſamen Geberden und mit einer vertraulichen Dreiſtig - keit in ſeinen Blicken, als wenn ihn das, was er zu ſagen hatte, berechtigte, ſich Freyheiten heraus - zunehmen: Jch habe den Kerl vom Pferde gebracht! Jch habe den alten Grimes herun - ter gebracht Ha, ha, ha, ha Er iſt zu Lower-Flask beynahe ſo voll als ein Schwein, und erlauben Jhro Gnaden der Hund war ſelbſt nicht viel beſſer hier iſt ſein Brief von von Fraͤulein Howe - Ha, ha, ha, ha. So lachte der Bube und hielte ihn feſt: als wenn er ſich erſt etwasY 5aus -346ausbedingen, und mich ſowohl zu ſeinem Lobe als zur Ungeduld reizen wollte.

Jch haͤtte ihn uͤbern Haufen ſtoßen koͤnnen: aber er wollte ſeine Zeit haben auszureden Der alte Grimes weiß nicht, daß ich den Brief habe Jch muß wieder zu ihm kommen, ehe er ihn vermiſſet Jch habe nur einen Vorwand gemacht, auf wenige Augenblicke hin - aus zu gehen Aber Aber Dabey lachte der Schelm wieder Er muß warten der alte Grimes muß warten bis ich wiederkomme, die Zeche zu bezahlen.

Der Teufel hole den Schwaͤtzer! Al berner Bube! den Brief den Brief!

Darauf zog er ſein weites Muhl ein, wie er es nennet, und gab mir den Brief, doch mehr mit einem verwegenen Stolz, als mit einem demuͤthigen Bezeigen. Alsdenn ſprang er zur Seite, wie ein Hahn auf der Witwe Sor - lings Miſthaufen, vor Freuden, daß er ein gro - ßes Feſt gehabt hatte. Alle die Zeit uͤber, daß ich den Brief gegen das Licht hielte, um zu ver - ſuchen, ob ich den Jnhalt nicht herausbringen koͤnnte, ohne das Siegel zu brechen; denn er war in Eil abgefertiget und hatte keinen Um - ſchlag; ſtand er da und lachte, zuckte die Schul - tern, ſpielte mit den Fuͤßen. Bald ſtrich er ſei - nen glaͤnzenden Bart; bald drehete er ſeinen Hut auf dem Daume herum; bald gaffte er mir ins Geſichte und machte mit dem Kopfe allerhandWen -347Wendungen. Bisweilen ſchrie der Bube gar, o Himmel!

Wie freut ſich der Hund uͤber Ungluͤck! Mehr, als ich uͤber die Erfuͤllung meiner vor - nehmſten Abſichten thun kann. Dieſe Kerls ſind allezeit gluͤcklicher als ihre Herren.

Jch war einmal willens, den Brief ſo lan - ge zu zerknittern, bis ich das Siegel gebrochen haͤtte. Junge Familien; Fraͤulein Howe hat kein altes Geſchlecht; haben gern praͤchtige Siegel. Man haͤtte denken koͤnnen, daß es in des alten Grimes Hoſentaſche zerquetſchet waͤre. Aber ich freuete mich, daß ich mich ſowohl der Schuld, als des Argwohns, einen ſo ſchaͤndlichen Streich zu ſpielen, uͤberhoben ſahe. Jch war im Stande, ohne das ſo viel von dem Jnhalt, als du ſehen wirſt, zu meinem Zwecke genug, mit abgekuͤrzten Zuͤgen eilfertig herauszuzeichnen: indem die Falten mir bloß einige Verbindungs - worte verſteckten, die ich zwiſchen den Haͤckchen aus dem Verſtande ergaͤnzet habe.

Meine Fraͤulein Harlowe hatte vorher, wie du weiſt, ihren Namen in Fraͤulein Laͤtitia Be - aumont veraͤndert. Nun hat ſie wieder einen andern auf eine andere Art, Bruder; ich ha - be ſie ſchon gelehret, in dieſem Fall einen halben Schalk abzugeben: denn der gegenwaͤrtige Brief war nach der Aufſchrift an Frau Harriot Lucas gerichtet.

Jch wuͤnſche Jhnen von ganzem Herzen und von ganzer Seele Gluͤck, meine Wertheſte Freun -348 Freundinn, zu [ihrer Errettung] aus den Haͤn - den des niedertraͤchtigen Boͤſewichts. [Mich verlanget ſehr] nach den beſondern Umſtaͤnden von allem. [Meine Mamma] iſt nicht zu Hau - ſe. Weil ich ſie aber alle Augenblicke wieder vermuthete: ſo habe ich [Jhren] Boten alſo - bald abgefertiget. Jch will, ohne Zeit zu ver - ſaͤumen, der Fr. Townſend [habhaft zu werden ſuchen], und in einem oder zween Tagen weit - laͤuftig ſchreiben, wo ich ſie unterdeſſen zu ſehen bekommen kann. [Jnzwiſchen bin] ich ſehr unruhig wegen eines Briefes, den ich geſtern durch Collins zu Jhnen geſchickt habe. [Er muß ihn] in Wilſons Hauſe gelaſſen haben: nachdem ſie ſchon abgegangen geweſen. [Es iſt ſehr] viel daran gelegen. [Jch will hoffen], daß ihn der Boͤſewicht nicht bekommen hat. Jch wollte um aller Welt willen nicht, daß er ihm [in die Haͤnde gefallen waͤre.] Senden ſie alſobald darnach: wofern Jhr Aufenthalt nur dadurch nicht verrathen [wird.] Sollte er ihn haben: ſo geben ſie mir davon auf eine oder die andre Art [ohne einigen] Verzug Nach - richt. Wo nicht: ſo haben ſie nicht noͤthig zu mir zu ſchicken. Jch verbleibe

beſtaͤndig, beſtaͤndig Jhre ergebenſte A. H.

O Bruder! wie zufrieden bin ich uͤber die - ſen Fang! Jch ſchickte den Galgenvogelmit349mit dem Briefe wieder zu dem alten Grimes zu - ruͤck, und befahl ihm nicht tiefer in die Kruͤge zu kucken. Er geſtand, daß er ſchon halb ſelig waͤre: wie er ſich ausdruͤckte.

Bube! ſprach ich, muͤſſet ihr nicht dieſe Nacht mit einer von der Fr. Moore Maͤgden verliebt thun?

Vergeben ſie mir, gnaͤdiger Herr! Jch will nuͤchtern ſeyn. Das hatte ich nur ver - geſſen Aber der alte Grimes iſt verzweifelt zaͤhe Jch dachte, ich wuͤrde ihn niemals vom Pferde gebracht haben.

Fort, Boͤſewicht! Laß den alten Gri - mes kommen: und zwar zu Pferde, bis an die Thuͤre

Er ſoll kommen, verzeihen Jhro Gnaden, wenn ich ihn nur auf das Pferd bringen und wenn er nur ſitzen kann

Binde ihm ja ein, ſich nicht merken zu laſſen, daß er abgeſtiegen geweſen oder mit einer Seele geſprochen hat

Gut, gnaͤdiger Herr! Und dabey nickte er ganz vertraut mit dem Kopfe, mir zu zeigen, daß er mich verſtuͤnde. So ging der Bube fort: und ich begab mich wieder zu den Frauensperſo - nen in dem Saale.

Eine Viertelſtunde hernach kam der alte Gri - mes zu Pferde. Er ſchwankete auf den Sattel - knopf, bald an die eine, bald an die andre Seite: und reichte unter andern mit dem Kopfe beynahe an den Kopf ſeines weit nuͤchternern Vlehes.

Es350

Es gefiel den Weibsleuten ſehr wohl, daß ich mit dem alten Grimes nicht zu ſprechen ſuch - te; ob ich gleich vor ihren Ohren gewuͤnſcht hat - te, daß ich den Jnhalt deſſen, was er zuruͤck braͤchte, erfahren moͤchte. Es gefiel ihnen, daß ich vielmehr verlangte, ſie moͤchten meiner Ge - mahlinn den Augenblick die Wiederkunft ihres Boten anſagen. Dieſe eilte wie in vollem Flu - ge herunter: ſo heftige Kopfſchmerzen ſie auch hatte.

O wie ſehr wuͤnſchte ich eine bequeme Gele - genheit, wegen der ihres Onkels Freunde un - dankbar verurſachten Beſchwerde, an ihr geraͤ - chet zu werden!

Sie nahm den Brief von dem alten Grimes mit ihren eignen Haͤnden an, und begab ſich in einen Saal weiter hinten im Hauſe, denſelben zu leſen.

Bald hernach kam ſie wieder zu dem Kerl heraus, der viele Muͤhe hatte, auf ſeinem Pferde zu ſitzen. Hier iſt euer Geld, guter Freund. Jhr habt mir die Zeit etwas lang gemacht. Aber wie bekomme ich jemand, der alſobald fuͤr mich zur Stadt reite? denn ich ſehe wohl, ihr koͤnnet nicht.

Der alte Grimes nahm ſein Geld, ließ ſei - nen Hut fallen, indem er ihn abzog, bekam ihn wiedergegeben und ritte fort. Seine Augen wa - ren wie Spiegelſtein und ſtunden ſtarre in ſeinem Kopfe. Das ſahe ich durch das Fenſter. Ge - wiſſermaßen war er gar ſprachlos: indem alleſeine351ſeine Reden nichts als Schlucken waren. Mein Kerl, der Hund, haͤtte nicht noͤthig gehabt, ſo tief mit dieſem zaͤhen alten Grimes in die Kruͤge zu kucken Allein der Bube iſt in ſeinem Him - melreich mit ihm geweſen.

Die Fraͤulein wandte ſich an Fr. Moore. Sie machte wegen der Koſten kein Bedenken, ſondern frug nur, ob nicht ein Kerl zu Pferde fuͤr ſie gedungen werden koͤnnte? Er ſollte nur einen Brief holen, der in eines gewiſſen Herrn Wil - ſons Hauſe im Pall Mall fuͤr ſie abgegeben waͤre.

Man dung einen armen Nachbarn. Man ſchaffete ihm ein Pferd. Er bekam ſeinen Be - ſcheid.

Vergebens bemuͤhete ich mich, meine Ge - liebte in unſere Geſellſchaft zu ziehen, als ſie un - ten war. Jhre Kopfſchmerzen kamen vermuth - lich wieder. Sie kann ſich, wie alle andre Frauenzimmer, wohl oder uͤbel befinden, wenn es ihr beliebt

Jch ſehe, was ſie im Sinne hat, dachte ich. Sie will von der Fraͤulein Howe erſt voͤllig un - terrichtet ſeyn, ehe ſie ſich entſchließet, und darnach ihre Maaßregeln nehmen.

Sie ging hinauf und bezeigte viele Ungeduld wegen des Briefes, wornach ſie geſchickt hatte. Sie bat die Fr. Moore, ihr einen Wink zu ge - ben, wenn ich mich etwa erboͤte, einen von mei - nen Bedienten zur Stadt zu ſchicken. Vermuth - lich war ſie beſorgt, ich moͤchte den Brief in mei -ne352ne Haͤnde zu bekommen ſuchen. Allein ſie haͤtte dießfalls ganz ruhig ſeyn koͤnnen. Jedoch wuͤr - de ſie es vielleicht nicht geweſen ſeyn: wenn ſie gewußt haͤtte, daß der wuͤrdige Capitain Tomlin - ſon, der eher, als ihr Bote, in der Stadt ſeyn wird, den wichtigen Brief daſelbſt abzugeben hat; welcher hoffentlich ſie zufrieden zu ſtellen, und mit mir auszuſoͤhnen helfen wird.

O Bruder, Bruder! Meynſt du, daß ich mir umſonſt alle dieſe Muͤhe mit Raͤnken geben werde, daß ich umſonſt ſo oft ein Boͤſewicht hei - ßen will?

Jedoch zielt dieſe Muͤhe nicht dahin, daß ich das ſchoͤnſte Kind von der Welt, nicht bloß auf einen verfliegenden Augenblick, ſondern auf Lebenszeit bekomme? Nur kann ich mit mir ſelber nicht einig werden, ob ich ſie auf mei - ne eigne, oder auf ihre Weiſe haben ſoll!

Nun, weiß ich, wirſt du aus Furcht fuͤr mich allen deinen Witz verlieren Was, Lovelace! willſt du ihr einen Brief in die Haͤnde kommen laſſen, der unfehlbar dich, die alte Mutter und alle ihre Toͤchter voͤllig verrathen wird! und dich dennoch nicht entſchließen, beſſer zu werden und zu heyrathen.

Geduld, einfaͤltiger Knabe! Kannſt du es nicht auf deinen Meiſter ankommen laſſen?

Der353

Der ein und zwanzigſte Brief. Eine Fortſetzung des vorhergehenden von Herrn Lovelace.

Jch ging hinauf in mein neugemiethetes Zim - mer und gerieth, wie gewoͤhnlich, uͤber das Schreiben. Jch dachte, ich waͤre meines Auf - enthalts wegen zur Richtigkeit. Aber da die grauſame Schoͤne merkte, daß ich willens waͤre, meine Wohnung dort aufzuſchlagen: ſetzte ſie ſich mit ſo vieler Heftigkeit dawider, daß ich nach - geben und ein anderes Zimmer, welches Fr. Moo - re vorſchlug, ungefaͤhr zwoͤlf Haͤuſer davon, neh - men mußte. Alles, was ich zu meinem Vor - theile erhalten konnte, war dieſes, daß Wilhelm, ohne meiner Gemahlinn Wiſſen, und aus Furcht vor einem neuen Anfall von ihren Grillen, in dem Hauſe ſchlafen ſollte.

Fr. Moore wollte in der That gern keinem von uns beyden vor den Kopf ſtoſſen. Aber Jungfer Rawlins war der Meynung, daß man mir nichts weiter einraͤumen muͤßte. Unterdeſ - ſen geſtand Fr. Moore, daß dieſe Weigerung ei - ne ſeltſame Haͤrte gegen einen Ehemann ſey, wo - fern ich ein Ehemann waͤre.

Jch war nicht uͤbel geneigt, der Jungfer Rawlins dafuͤr einen kleinen Streich zu ſpielen. Fuͤnfter Theil. ZKomm,354Komm, Bruder, und beſchaue ſie Wenn ſie dir gefaͤllt: ſo will ich ſie dir, ohne einen Finger zu ruͤhren, ſchaffen.

Die Witwe Bevis nahm ſich meiner wirklich mit vielem Eifer an. Ein unſchuldiger oder be - leidigter Mann wird allenthalben Freunde fin - den. Wenn man einigen Weibern viel nach - gaͤbe, ſprach ſie, wuͤrde man dadurch nur genoͤ - thigt, noch immer mehr nachzugeben. Und ich machte mit einem Seufzer die Anmerkung dabey, daß gelinde Gemuͤther allezeit leiden muͤß - ten. Jn meinem Herzen erneurete ich mein Ge - luͤbde, mich an dieſer ſtolzen und verkehrten Schoͤnheit zu raͤchen.

Der andere Bote kam ungefaͤhr um neun Uhr, mit der Fraͤulein Howe Briefe vom verwi - chenen Mittwochen, aus der Stadt zuruͤck. Col - lins, wie es ſcheint, hatte gebeten, da er ihn abgegeben, daß er ſicher und ohne Verzug der Fraͤulein Laͤtitia Beaumont in die Haͤnde gelie - fert wuͤrde. Weil aber Wilſon vernommen, daß weder ſie noch ich in der Stadt waͤre; du mußt dir vorſtellen, daß er von unſerer Mis - helligkeit nichts wiſſen konnte: ſo hatte er ſich entſchloſſen, ihn bis zu unſerer Ruͤckkehr aufzu - heben, damit er ihn einem von uns beyden ſelbſt in die Haͤnde liefern moͤchte. Und nun hatte er denſelben ihrem Boten zugeſtellet.

Dieß ward ihr erzaͤhlet. Wilſon iſt ſonder Zweifel dadurch in ihre Gunſt gekommen.

Sie355

Sie nahm den Brief mit großer Hitze, oͤff - nete ihn eilfertig; das war mir lieb, ob ich gleich vermuthe, daß alles recht geweſen iſt; in Gegenwart der Fr. Moore und Fr. Bevis; Jungfer Rawlins war zu Hauſe gegangen; und ſagte: ſie wollte um aller Welt willen nicht, daß ich den Brief bekommen haͤtte; ſie wollte es ihrer wertheſten Freundinn wegen nicht, von de - ren Haͤnden er waͤre, und die desfalls mit vieler Sorge an ſie geſchrieben. Jhre wertheſte Freundinn! ſagte Fr. Bevis noch einmal, da ſie mir dieß erzaͤhlte. Dergleichen Ungluͤcks - ſtiſter heißen allemal wertheſte Freunde, bis ſie ſich verrathen haben.

Die Witwe ſpricht, ich ſey der feinſte und ar - tigſte Herr, den ſie jemals geſehen habe.

Jch habe befunden, daß ſie einen feurigen Kuß, den ich ihr ein und das andre mal gegeben, ſehr freundlich angenommen hat.

Jch wuͤrde ein recht boͤſer Bube ſeyn, Bru - der: wenn ich alles Uebel, was in meiner Ge - walt ſtehet, thun wollte. Allein ich werde von Zeit zu Zeit mehr geneigt, einen allzu leichten Raub den kriechendliederlichen Bruͤdern zu uͤberlaſſen. Was anders, als die Schwierigkeit, macht mich hier ſo beſtaͤndig? ob gleich meine Fraͤulein ein Engel iſt. Es heißt hier nunmehr: Siege oder ſtirb.

Jch komme eben itzo aus der Geſellſchaft die - ſer ehrlichen Witwe. Sie beſuchte mich in mei -Z 2ner356ner neuen Wohnung. Jch habe ihr geſagt, ich ſaͤhe wohl, daß ich ihr in dem Fortgange dieſer ſchweren Sache weiter verbunden ſeyn muͤßte: Sie muͤßte mir erlauben, ihr ein anſtaͤndiges Ge - ſchenk zu machen, wenn alles gluͤcklich vorbey waͤ - re. Jch baͤte aber, ſie moͤchte ſich von dem, was unter uns vorfallen ſollte, gegen niemand etwas verlauten laſſen; auch ſelbſt gegen ihre Tante nicht: weil ſich dieſelbe, wie ich ſaͤhe, von Jung - fer Rawlins regieren ließe. Da dieſe ein unver - heyrathetes Frauenzimmer waͤre: ſo wuͤßte ſie ja nicht, was in Eheſtands-Sachen recht und ſchick - lich waͤre; wie ſie, meine liebe Witwe.

Wahr genug! Wie ſollte ſie? verſetzte Fr. Bevis und that ſtolz mit einer Wiſſenſchaft von nichts! Sie aber, ihres Theils, verlangte kein Geſchenk. Es waͤre ihr ſchon genug, wenn ſie etwas beytragen koͤnnte, Mann und Frau mit einander auszuſoͤhnen, und Leuten, die nur Un - gluͤck anrichten, ihre Hoffnung zu Waſſer zu ma - chen. Sie zweifelte nicht, daß eine ſo neidiſche Perſon, als Fraͤulein Howe, ſich freuen wuͤrde, daß Fr. Lovelacen davon gelaufen waͤre. Eiferſucht und Liebe waͤren alte Gefaͤrthen!

Siehe, Belford, wie trefflich die Sachen zwi - ſchen mir und meiner neuen Bekanntinn, der Witwe, von ſtatten gehen! Wer weiß, ob ſie nicht nach einer weitern kleinen Vertraulichkeit einen Beſuch um Mitternacht bey meiner Gemahlinn, wenn alles ſtill und in feſtem Schlafe lieget, fuͤrmich357mich zu Stande bringen kann: ob ich gleich die Naͤchte uͤber aus dem Hauſe gebannet bin?

Wo kann ein Frauenzimmer ſicher ſeyn, das ſich einmal mit einem liſtigen und unerſchrocknen Liebhaber eingelaſſen hat?

Aber wie ſteht es, deucht mich, fragſt du, mit dem Briefe von der Fraͤulein Howe?

Jch wußte wohl, daß du dir meinetwegen Sorge machen wuͤrdeſt. Allein habe ich dir nicht ſchon zu verſtehen gegeben, daß ich allen Dingen vorgebauet, daß ich allezeit Sorge getragen haͤt - te, die Siegel unverletzt und die Umſchlaͤge unbe - ſchaͤdigt zu erhalten? Was meynſt du denn, iſt es nicht leicht geweſen, aus einem langen Briefe einen kuͤrzern zuſammenzuſetzen und die Worte ſelbſt nachzuſchreiben?

Er war ſo wohl eingerichtet, kann ich dir ſa - gen, daß ich nicht leicht verrathen werden konnte: weil kein Verdacht war, daß er in meinen Haͤn - den geweſen waͤre. Waͤre es meiner Geliebten Hand geweſen: ſo wuͤrde es mir unmoͤglich gefallen ſeyn, ſie in einem ſo langen Schreiben nachzuah - men. Jhr zaͤrtliches und gelaſſenes Gemuͤth zei - get ſich ſelbſt in den Zuͤgen ihrer Buchſtaben. Fraͤulein Howe ſchreibt eben keine ſchlechte Hand: allein ihre Hand iſt nicht ſo gleich und regelmaͤ - ßig. Die natuͤrliche Ungeduld bey dieſem klei - nen Teufel hat auch ihre Finger eilfertig gemacht, und vermuthlich von Anfange an, ihrer Hand - ſchrift ſowohl, als dem uͤbrigen, was von ihr kommt, ein hitziges und zufahrendes Weſen, undZ 3die358die beſondern Merkmaale eingedruͤcket, die, gleich - ſam als ſtarke Zuͤge in einem Geſichte, weder die Feder noch der Pinſel verfehlen kann.

Haſt du Luſt zu ſehen, was ich der Fraͤulein Howe an ihre liebenswuͤrdige Freundinn zu ſchrei - ben erlaubt habe? Wohlan, hier magſt du es als eine Anmerkung zu meinem Briefe leſen. Es iſt aus ihrem Schreiben(*)Siehe in dem XI. Briefe dieſes Theils den Brief von Fraͤulein Howe. von verwichener Mittwoche herausgezogen, und mit einigen we - nigen Zuſaͤtzen von mir vermehret. Die Zu - ſaͤtze ſind unterſtrichen(**)Herrn Lovelacens Zuſaͤtze und Verbindungen ſind mit verſchiedenen Schriften gedruckt..

Wo

Meine Wertheſte Freundinn.

Sie werden vielleicht denken, daß ich zu lange ein Stillſchweigen beobachtet habe. Allein ich ha - be ſeit meinem letzten ſchon zweene Briefe zu ver - ſchiedenen Zeiten angefangen und jedesmal ein gut Theil fortgeſchrieben. Jch verſichere, es war Feuer genug darinn: weil ich gegen den ſcheuslichen Kerl, mit dem Sie leben muͤſſen, erhitzt war; ſonderlich da ich Jhr Schreiben vom 21ten vorigen Monats geleſen hatte.

Den erſten war ich willens ſo lange offen zu laſſen, bis ich Jhnen einige Nachricht von meinem Fortgange in dem Vorſchlage mit Fr. Townſend ge - ben koͤnnte. Es war einige Tage vorher, ehe ich ſie zu ſprechen bekam. Da mir dieſer Zwiſchenraum Zeit gab, wieder nachzuſehen, was ich geſchrieben hat -

te:
28359

Wo du alle meine Vorſichtigkeit, die ich bey dieſem Briefe gebraucht habe, einzuſehen faͤhigbiſt:

te: ſo fand ich fuͤr gut, ihn beyſeite zu legen, und ein klein wenig gelinder zu ſchreiben; denn ich weiß, ſie wuͤrden mir die Freyheit in einigen von meinen Aus - druͤckungen oder Fluͤchen, wenn Jhnen der Name beſſer ſcheinet, verwieſen haben. Als ich mit dem andern ſchon ziemlich weit gekommen war: ſo aͤnder - ten ſich Jhre Umſtaͤnde; da er Jhnen den Brief der Fraͤulein Montague zu leſen gab und ſich beſſer ge - gen ſie auffuͤhrte. Weil dieſe Veraͤnderung auch Jh - re Geſinnung aͤnderte: ſo ließ ich denſelben gleich - falls liegen. Jn ſolcher Ungewißheit dachte ich zu warten und vorher den Ausgang der Sachen zwi - ſchen ihnen zu ſehen, ehe ich wieder ſchriebe: weil ich glaubte, daß alles bald zu einem oder dem andern Ende ausſchlagen wuͤrde.

Hier ward ich genoͤthiget abzubrechen. Jch bin mir ſelbſt zu wenig gelaſſen Meine Mutter geht beſtaͤndig auf und nieder, und bewacht mich, als wenn ich an einen liederlichen Kerl ſchriebe. Sie fragt mich, was ich noͤthig habe, mich zu verſchließen: wenn ich bloß die vordem gewechſelten Briefe leſe? denn das iſt der Vorwand, den ich brauche, wenn ſie hereinkommt und mit ihrem von einer mehr quaͤlen - den als vergnuͤgenden Neubegierde ſcharfgeſchliffenen Geſichte, wie ich ſagen mag, alles durchſuchet Gott vergebe es mir: aber ich glaube, ich werde ſie das erſte mal, das ſie wiederkommt, hart anfahren.

Vergeben Sie mir auch, meine Allerliebſte. Mei - ne Mutter muß es wohl thun: weil ſie ſagt, daß ich

Z 4meines
29360

biſt: ſo wirſt du meine Scharfſinnigkeit und Liſt eben ſo ſehr bewundern, als ich ſelbſt thue. Du

ſieheſt,

meines Vaters Tochter[b]in, und ich gewiß weiß, daß ich ihre bin.

So wahr ich lebe, meine wertheſte Freundinn, ich bin bisweilen der Meynung, daß dieſer nieder - traͤchtige Kerl im Stande geweſen iſt, Jhre Enteh - rung zum Zwecke zu haben. Wenn ich auf ſeine vorige Auffuͤhrung zuruͤckſehe: ſo kann ich mir nicht helfen; ich muß ſo gedenken. Was fuͤr ein nieder - traͤchtiger Boͤſewicht: wofern es ſich wirklich nicht anders verhaͤlt! Nunmehr aber hoffe ich und glaube in Wahrheit, daß er dergleichen Gedanken aufgegeben bat. Meine Gruͤnde fuͤr beyde Mey - nungen will ich Jhnen mittheilen.

Zu Beſtaͤrkung der erſten, daß er es naͤmlich ehemals wirklich im Kopfe gehabt, uͤber Sie Vor - theile zu erhalten, wenn er koͤnnte, ziebe ich in Er - waͤgung, daß Stolz, Rachbegierde und ein Vergnuͤ - gen ungebahnte Wege zu betreten, als hauptſaͤchli - che Stuͤcke zu dem Charakter dieſes vollkommenen Freygeiſtes in der Lebensart gehoͤren. Er haſſet ihre ganze Familie, Sie allein ausgenommen Dabey iſt er doch noch einer von den wilden Maͤn - nern in der Liebe. Sein Stolz und die gute Mey - nung, welche ihm einige wenige ſcheinbare Eigen - ſchaften unter ſo vielen haſſenswuͤrdigen zuwege ge - bracht haben ihn bey unſerm Geſchlechte, das nach dem Auge urtheilet, wenig unterſcheidet, ſich ſelbſt ſchmeichelt und zu viel trauet, einer allzu guten Auf - nahme verſichert, als daß er ſich auf Beſtaͤndigkeit, Gefaͤlligſeyn und Baͤndigung ſeiner Begierden im geringſten befleißigen ſollte.

Er hat einige Urſache gegen alle Mannsperſonen und ein Frauenzimmer von Jhrer Familie erbittert

zu
30361

ſieheſt, daß Fraͤulein Lardner, Frau Sinclair, Tomlinſon, Frau Fretchville, Mennel, ſind alle

darinn

zu ſeyn. Er hat Jhnen und ſo gar ſeinen eignen Angehoͤrigen, jederzeit gewieſen, daß er ſeinen Stolz ſeinen Vortheilen vorziehe. Er iſt ein offenbarer Feind vom Eheſtande und ein beruͤchtigter Raͤnke - ſchmieder. Er iſt voll von ſeinen Erfindungen und thut groß damit. Da ſeine Eitelkeit ihm in den Kopf geſetzet hatte, daß kein Frauenzimmer gegen ſeine Liebe Stand halten koͤnnte: ſo iſt es gar kein Wun - der, daß er ſich, wie ein Loͤwe im Garn, gegen eine Neigung ſtraͤubete, die er nicht mit gleicher Neigung, ſeinen Gedanken nach, vergolten ſahe. Daher iſt es vielleicht nicht ſchwer zu glaubeu, daß es einem ſolchen ſchlechten Kerl, als er iſt, moͤglich geworden, ſeinen alten Vorurtheilen gegen den Eheſtand und der Rachbegierde, die allezeit eine Hauptbegierde bey ihm geweſen war, freyen Lauf zu laſſen.

Und eben hierinn finden wir eine Erklaͤrung von ſeinem Zoͤgern; von ſeinen quaͤlenden Weitlaͤuf - tigkeiten; von ſeiner Bemuͤhung, wodurch er Sie dahin gebracht, ſich gefallen zu laſſen, daß er in eben dem Hauſe wohnete; von ſeinem Vorgeben bey den Leuten in demſelben, als wenn Sie ſein Weib wa - ren; von ſeinem Einfall, Sie in die Geſellſchaft ſei - ner ausſchweifenden Mitgeſellen zu bringen; von dem Verſuche, Jhnen die Jungfer Partington als eine Beyſchlaͤferinn aufzudringen u. ſ. w.

Meine Gruͤnde fuͤr das Gegentheil, daß er naͤmlich itzo entſchloſſen iſt, Jhnen alle Gerechtig - keit wiederfahren zu laſſen, die in ſeiner Gewalt ſtehet, ſind dieſe. Er ſieht, daß alle ſeine eigne Ver - wandten ſich Jhrer Sache ernſtlich angenommen haben. Hiernaͤchſt liebet Sie der ſcheusliche Kerl; wiewohl es eine ſolche Liebe iſt, als Herodes ge -

Z 5gen
31362

darinn beruͤhret. Meiner erſten Freyheiten ge - gen Jhre Perſon iſt ebenfalls Erwaͤhnung ge -

ſchehen.

gen ſeine Marianni hatte. Jch befinde auch vieles von den angegebenen Umſtaͤnden wahr; da ich mich erkundigt habe. Der Sach walter Williams, den Herr Hickmann als einen anſehnlichen Mann in ſeinem Werke kennet, hat wirklich die Eheſtiftung ſo gut als fertig. Es ſind zwo Abſchriften davon gemacht: und eine derſelben iſt oͤffentlich dazu be - ſtimmet, daß ſie an eben den Capitain Tomlinſon geſandt werde. Jch befinde auch, daß man ſich wirk - lich mehr als einmal um einen Trauſchein beworben hat, und bisher dabey Schwierigkeiten gemacht ſind, wodurch Lovelace ſo wohl beunruhiget, als in ſeinen Abſichten geſtoͤret iſt. Meiner Mutter Anwald, ein vertrauter Freund von dem, an welchen ſich der elende Kerl gewandt hat, iſt im Vertrauen hinter dieſe Nachricht gekommen, und giebt uns von weiten zu verſtehen, daß dieſe Schwierigkeiten, weil Love - lace ein Mann von großem Vermoͤgen und Stande iſt, wahrſcheinlicherweiſe bald gehoben ſeyn werden.

Jch war einmal willens, mich genau nach Tomlinſon zu erkundigen: und man kann noch, wenn Sie es haben wollen, Jhres Onkels Haus - hofmeiſterinn, die ſeine vollkommene Gunſt hat, von weiten ausfragen laſſen.

Mir iſt wohl bekannt, daß die Sache ſo einge - faͤdelt iſt, daß Frau Hodges von der vorgenommenen Unterhandlung des Capitain Tomlinſons zum Ver - gleich nichts wiſſen ſoll. Aber Jhr Onkel iſt ein alter Mann: und alte Leute halten ſich ihren Ge - liebten, wofern dieſe juͤnger, als ſie ſelbſt, ſind, ver - pflichtet, und verheelen ihnen ſelten etwas. Je - doch mich deucht, es wird nicht noͤthig ſeyn. Denn Tomlinſon iſt, nach Jhrer Beſchreibung, ein ſo bra -

ver
32363

ſchehen. Schamhaftigkeit, Belford, Scham - haftigkeit iſt meiner Meynung nach, ſelbſt bey

den

ver Mann, und hat ſo viel von einem rechtſchaffenen Cavallier. Die Abſicht, welche durch ihn, wenn er ein Betrieger ſeyn moͤchte, erhalten werden ſoll, iſt ſo ſehr unnoͤthig: wofern Lovelace ehrenloſe Strei - che im Kopfe hat, Hierzu kommt, was er Jhnen von dem Antrage des Herrn Hickmanns an Jhren Onkel und der Frau Norton an Jhre Mutter mel - dete: wovon einige beſondre Umſtaͤnde ſo beſchaffen ſind, daß, wie ich verſichert bin, der niedertraͤchtige Unterhaͤndler Joſeph Lehmann, ſie ſeinem noch nie - dertraͤchtigern Anfuͤhrer nicht entdecken koͤnnen. Jch bedenke ferner, wie er im Namen Jhres Onkels dar - auf beſtand, daß ein Tag zur Trauung feſtgeſetzet wuͤrde: wodurch keine boͤſe Abſicht erhalten werden konnte. Jch bedenke, was er von Jhres Onkels Vorſchlag ſchreibet, jedermann in den Gedanken zu beſtaͤrken, daß Sie von der Zeit an, da Sie mit ein - ander in einem Hauſe gelebet, wirklich getrauet ge - weſen; und dieſe Zeit ſo zu beſtimmen, daß ſie mit Herrn Hickmanns Beſuch bey Jhrem Onkel zutraͤf - fe. Jch bedenke, wie er darauf dringet, daß eine zuverlaͤßige Perſon, die der Onkel ernennen wuͤrde, bey der Trauhandlung gegenwaͤrtig ſey. Alle dieſe Dinge verſichern mich, daß er es nunmehr endlich ehrlich meynet.

Sollte aber von ſeiner Seite wider Vermu - then von neuem Aufſchub geſucht werden: ſo mel - den Sie mir, meine wertheſte Freundinn, auf was fuͤr einer Gaſſe Frau Sinclair eigentlich wohnet, und wo der Frau Fretchvillen Haus lieget. Jch kann nicht finden, daß Sie in Jhren vorigen Brie - fen jemals davon gedacht haben: und das iſt ein we nig ſeltſam. Alsdenn will ich mich genau nach

den
33364

den zaͤrtlichſten Gemuͤthern, mehr an Zeit, Ort und Gelegenheit gebunden, als dieſe Gemuͤther

es

denſelben und auch nach Tomlinſon erkundigen, und, wo Jhnen Jhr Herz zulaͤſſet, meinen Rath zu fol - gen, Jhnen alsbald eine ſichere Zuflucht vor ihm bey der Frau Townsend verſchaffen.

Allein warum ſetze ich Sie nun, da Sie auf ei - nem ſo guten Wege zu ſeyn ſchienen, durch meine Betrachtungen uͤber die vergangenen Umſtaͤnde in Unruhe und Verwirrung? Vielleicht koͤnnen ſie Jhnen Dienſte thun: wenn von ſeiner Seite etwa ein Aufſchub vorfallen ſollte.

Jedoch das, denke ich, kann nicht wohl ſeyn. Was Sie daber itzo zu thun haben, iſt dieſes, daß Sie durch Jhre Auffuͤhrung gegen den ſtolzen Kerl aus ſeinem Gemuͤthe das Andenken der vergange - nen Beleidigungen zu verbannen ſuchen, und ihn in ſeinem Bezeigen als einen mit Jhnen verlobten Freyer anſehen. Sie werden ſich den Vorwurf ei - ner gezwungenen Sproͤdigkeit und eines angenom - menen Weſens zuziehen: wo Sie ihm laͤnger eben den fremden Umgang auflegen, den Sie ihm bisher aufgeleget haben. Seine ploͤtzliche Uebelkeit, die eben ſo ploͤtzlich wieder voruͤberging, als ſie gekom - men war, hat ihm eine bequeme Gelegenheit gege - ben, zu entdecken, daß Sie ihn lieben. Ach! meine Wertheſte, ich wußte es ſchon, daß Sie ihn liebten. Er hat, wie es geſchienen ſeine Natur geaͤndert und iſt die Liebe und Leutſeligkeit ſelbſt. Janken Sie nun nicht mehr, das bitte ich Sie.

Nichts deſto weniger bin ich ſehr boͤſe auf ihn, daß er ſich ſo riele Freyheiten gegen Jhre Perſon herausgenommen hat. (*)Siehe den II. Brief dieſes Theils.Jch halte einige Wach -

ſam -
34365

es glauben moͤchten. Warum aber habe ich dieß alles aus dem eigentlichen Schreiben der Fraͤu -

lein

ſamkeit fuͤr noͤthig: weil er gewiß ein Betruͤger iſt, der immer mehr Eingriffe zu than ſuchet. Allein in der That ſind alle Mannsperſonen von der Art: und Sie ſind eine ſo reizende Schoͤnheit; und haben ihn gleichwohl zu einem ſo fremden Umgange genoͤ - thiget. Jedoch genug bievon! Seyn Sie nur nicht allzu bedenklich, meine liebſte Freundinn: da Sie nunmehr dem Hafen ſo nahe ſind. Sie ſehen, was Sie ſich ſelbſt fuͤr Schwierigkeiten zu - gezogen hatten, als der Brief von Tomlinſon wie - derum Jhre Geſellſchaft mit dem elenden Kerl er - forderte.

Wofern Sie keine Hinderniſſe, keine neue Urſa - chen zu zweifeln ſinden: ſo liegt Jhre Ehre vor den Augen der Welt daran, daß Sie ſeine Gemahlinn werden, und, wie Jhr Onkel gar recht urtheilet, alle Leute in den Gedanken ſtehen, daß Sie es ſchon eher, als itzo, geweſen ſind. Und gleichwohl, das muß ich Jhnen frey geſtehen, kann ich kaum die Vorſtellung ertragen, daß ſolche liederliche Leute das Beſte von unſerm Geſchlechte zur Belohnung fuͤr ihre ehrenloſe Auffuͤhrung bekommen ſollten, da das Schlechteſte von demſelben fuͤr ſie noch zu gut iſt.

Jch werde dieſen langen Brief durch Collins uͤberſenden. Er aͤndert mir zu gefallen ſeinen Tag, da er ſonſt zur Stadt zu kommen pflegte. Weil kei - ne von unſern Briefen durch Wilſons Haͤnde verloh - ren gegangen ſind, als Sie dem Anſehen nach unter unangenehmern Umſtaͤnden geweſen: ſo zweifle ich gar nicht, daß auch dieſer ſicher gehen wird.

Fraͤulein Lardner, die Sie bey ihrer Baſe Bid - dulph geſchehen haben, ward Jhrer am Sonntage vor vierzehn Tage in der Jacobs-Kirche gewahr.

Sie
36366

lein Howe beybehalten? Warum anders, als aus Beyſorge, es moͤchte etwa kuͤnſtig ein Brief von

dieſem

Sie hielte ihre Augen die ganze Zeit herdurch auf Sie gerichtet: aber konnte Jhnen nicht ein einzigs mal ins Geſicht fallen; ob ſie ſich gleich zweymal vor Jhnen neigte. Sie gedachte, Jhnen nach En - digung des Gottesdienſtes muͤndlich ihr Compliment zu machen: denn ſie zweifelte gar nicht, daß Sie verheyrathet ſeyn wuͤrden und zwar aus einer wunderlichen Urſache weil Sie allein in die Kir - che gekommen waren. Ein jedes Auge, ſagte ſie, war, wie gewoͤhnlich, auf Sie, meine Freundinn ge - richtet. Weil Sie dieß eilfertig zu machen ſchien, und Sie der Thuͤre naͤher waren, als die Fraͤulein Lardner: ſo entwiſchten Sie eher, als ſie zu Jhnen kommen konnte. Allein ſie befahl ihrem Bedienten, Jhnen bis ans Haus zu folgen. Dieſer Diener ſa - he Sie in eine Saͤnfte ſteigen, welche Jhrer war - tete: und Sie befahlen den Traͤgern, Sie wieder an den Ort zu bringen, wo Sie von ihnen vorher ab - geholet waͤren. Die Fraͤulein Lardner beſchreibet das Haus als recht artig, und zum Aufenhalt fuͤr manierliche Leute bequem. Die Urſache, warum ich dieß ſchreibe, iſt, daß Sie vielleicht einen Beſuch von ihr, oder wenigſtens Bothſchaft, bekommen werden.

Sie haben alſo Dolemanns Zeugniß fuͤr das Haus, und die Leute, bey denen Sie ſind: und der iſt ein Mann von guten Umſtaͤnden und auch noch von ziemlich gutem Rufe, der zwar vorher in der That lie - derlich geweſen, aber hernach an ein Frauenzim̃er von gutem Herkommen verheyrathet iſt, und, weil er einen Anfall vom Schlage gehabt hat, ſich, wie man den - ken ſollte, bekehret hat. Sie haben auch Herrn Mennels Zeugniß, wenigſtens in ſo fern, daß er

nichts
37367

dieſem ungeſtuͤmen Frauenzimmer meinen Haͤn - den entgehen, worinn ſie ſich auf dieſe Namen

beziehen

nichts darwider eingewendet hat. Sie haben das Zeugniß von Tomlinſon, und nun zuletzt von der Fraͤulein Lardner. Daher wird es um ſo viel weniger noͤthig ſeyn, weiter nachzufra - gen. Aber ſie kennen meine geſchaͤffrige und forſchen - de Gemuͤthsart ſowohl, als meine Liebe gegen Sie: und wiſſen, wie ſehr mir Jhre Ehre am Her - zen lieget. Jedoch aller Zweifel wird bald in Ge - wißheit verwandelt ſeyn.

Nichts deſto weniger muß ich noch dieſes von meiner Geſinnung beyfuͤgen. Bieten Sie mich auf: wenn ich Jhnen den geringſten Dienſt oder das ge - ringſte Vergnuͤgen durch meine Gegenwart erwei - ſen kann. Jch achte keinen Ruf, ich achte kei - nen Vorwurf. Ja ich achte ſelbſt mein Le - ben, das denke ich im Ernſt, nicht ſo hoch als Jhre Ehre und Freundſchaft Denn iſt nicht Jhre Ehre meine Ehre? Und iſt nicht Jhre Freund - ſchaft der groͤßte Ruhm fuͤr mich in meinem Leben?

Der Himmel bewahre Sie, meine wertheſte Freundinn, und erhalte Sie in Ehren und Wohler - gehen. Dieß iſt das Gebeth, das ſtuͤndliche Gebeth Donnerſtags, Morgens um fuͤnf Uhr.

Jhrer ewig getreuen und ergebenen Anna Howe.

Jch habe die ganze Nacht geſchrieben. Ent - ſchuldigen Sie mich, daß ich ſo ſchlecht geſchrieben habe. Meine Rabenſpulen ſind bis an den Stiel abgenutzet. Jch muß mir wieder einen neuen Vorrath anſchaffen.

Dieſe Frauenzimmer ſchreiben allezeit mit Ra - benſpulen, Bruder.

38368

beziehen koͤnnte? Waͤre alsdenn einer von den - ſelben nicht in dieſem, der fuͤr den ihrigen ausge - geben werden ſoll: ſo wuͤrde ich zu Pferde und zu Fuße in die Flucht geſchlagen ſeyn, wie der Lord M. ſich in einem aͤhnlichen Falle ausdruͤcken duͤrfte.

Es iſt verteufelt hart, und gleichwohl habe ich es mir ſelbſt zu danken, daß ich mich aller dieſer Qvaal und Muͤhe unterziehen muß! War - um denn? fragſt du. O Bruder, um eines Sieges willen, den ich gegenwaͤrtig hoͤher ſchaͤ - tze, als eine kayſerliche Krone. Frage nicht, wie viel ich ihn nach Verlauf eines Monats achten werde. Was iſt ſelbſt eine kayſerliche Krone, wenn jemand ſchon dazu gewoͤhnet iſt?

Fraͤulein Howe hatte wohl Urſache ihres Briefes wegen beſorgt zu ſeyn. Jhre angeneh - me Freundinn aber hat Urſache, nach dem, was ich aus demſelben beybehalten habe, ſich an der Vor - ſtellung zu vergnuͤgen, daß er nicht in meine Haͤn - de gefallen iſt.

Nun muß ich alle meine Kuͤnſte anwenden, daß ich den Brief, der von der Fraͤulein Howe erwartet wird, auffange. Dieſer wird ihr ver - muthlich einen ſichern Aufenthalt, und einen Ort, da ſie außer meiner Kundſchaft ſey, anweiſen ſol - len. Frau Townſend muß ſie in dieſem Fall, ſonder Zweifel, verſtohlnerweiſe, wie ihre Waa - ren, wegfuͤhren. Jch hoffe, der Boͤſewicht, wie ich ſo oft unter dieſen beyden Maͤgdchen heiße,wird369wird im Stande ſeyn, die gehoͤrigen Maaßregeln in dieſem Stuͤcke zu nehmen.

Aber was? fragſt du vielleicht, wenn es der Fraͤulein in den Kopf kommen ſollte, durch die Nachſicht der Jungfer Rawlins heimlich in der Nacht dieß Haus zu verlaſſen?

Jch habe ſchon daran gedacht, Bruder. Schlaͤft mein Wilhelm nicht in dem Hauſe? Und iſt die Witwe Bevis nicht meine zuverlaͤßi - ge Freundinn?

Der zwey und zwanzigſte Brief von Herrn Lovelacen an Herrn Joh. Belford.

Die Fraͤulein hat geſtern Abends dem Schaͤtz - chen meines Wilhelms einen Brief gege - ben, daß ſie ihn dieſen Morgen ins Poſthaus tragen ſollte. Er war an Fraͤulein Howe unter einem Umſchlag an Hickmann gerichtet. Jch kann wohl ſagen, daß man es weder dem Um - ſchlage noch dem Briefe anſehen wird, daß ſie ge - oͤffnet ſind. Der Jnhalt beſtand nur aus acht Zeilen Sie meldet den ſichern Empfang ihres Briefes von zween unterſchiedenen Tagen, und beziehet ſich auf einen laͤngern Brief den ſie zu ſchreiben willens iſt, wenn ſie ein ruhigersFuͤnfter Theil. A a Herz370 Herz und nicht mehr ſo bebende Finger haben wird: erwaͤhnet aber, daß etwas vorgefallen ſey; ſie meynet ihre Entdeckung; das ihr ſehr ſtarkes Herzklopfen, große Verwirrung und Furcht verurſachet habe; wovon ſie inzwiſchen den Ausgang erwarten wolle; einige Hoff - nung fuͤr mich, Bruder! ehe ſie ihr neue Unruhe und Sorge ihrentwegen machte. Sie bezeiget, mit wie vieler Ungeduld ſie ihr naͤchſtes Schreiben erwarten werde u. ſ. w.

Nun dachte ich, Belford, es waͤre eine ſchul - dige Pflicht der Liebe, daß ich der Fraͤulein Ho - we die Unruhe erſparete, welche ihr dieſe Winke verurſachen konnten. Denn bey einem ſolchen Gemuͤthe muͤßte die Neubegierde dadurch auf eine erſtaunliche Weiſe erreget worden ſeyn. Da ich alſo eine ſo gute Abſchrift zur Nachahmung hatte: ſo ſchrieb ich, nahm das Schreiben von meiner Geliebten heraus und ſchob unter eben den Umſchlag folgendes kurze Briefchen ein; wovon die erſten und letzten Zeilen mit ihren eignen Worten abgefaſſet ſind.

Meine ewig liebe Fraͤulein Howe.

Sie bekommen itzo nur einige wenige Zeilen, bis mir ein ruhigeres Gemuͤth und feſtere Finger gegoͤnnet werden, und bis ich die Beſtuͤrzung, welche mir Jhre Nachricht zuwege gebracht hat, uͤberwinden kann. Jch will Jhnen nur mel - den, daß Jhr freundliches langes Schreibenvom371vom Mittwochen und, wie ich ſagen mag, vom Donnerſtag Morgen, mir ſicher zu Haͤnden ge - kommen iſt. So bald ich Jhr letztes durch mei - nen Bothen empfangen hatte, ſchickte ich hin, daſſelbe von Wilſon abholen zu laſſen. Da lag es noch, dem Himmel ſey Dank! Dieſer vergel - te Jhnen alle Jhre ſchon erzeigte und alle Jhre noch zugedachte Guͤtigkeit gegen

Jhre ewig verpflichtete Cl. Harlowe.

Jch gab mir viele Muͤhe, dieß zu ſchreiben. Es kann nicht verdaͤchtig ſeyn, wie ich hoffe. Jhre Hand iſt ſo ſehr zaͤrtlich. Jedoch iſt ihres dieß mal nicht ſo ſchoͤn geſchrieben, als ſie ordent - lich zu ſchreiben pflegt: und ich hoffe, die Fraͤu - lein Howe wird fuͤr die Unruhe des Gemuͤths und die bebenden Finger etwas hingehen laſſen.

Meine Beyſorge fuͤr der Fraͤulein Howe Gemuͤthsruhe erſtreckte ſich noch weiter, als auf den Fall, wovon ich Meldung gethan habe.

Damit dieß Briefchen ſo bald, als moͤglich, und eher, als es durch die Poſt an Hickmann kommen konnte, ihr eingehaͤndigt wuͤrde, ſo ſchick - te ich es durch einen Bedienten von Mowbray fort. Waͤre es fehlgegangen oder irgend ein wenig liegen geblieben: ſo moͤchte die Fraͤulein Howe, wie du leichtlich denken kannſt, ihre Be - aͤngſtigung ihrer entlaufenen Freundinn, undA a 2dieſe372dieſe mir, vielleicht auf eine nicht angenehme Art, entdecket haben.

Noch einmal wirſt du voll Verwunderung fragen Alle dieſe Muͤhe um eines einzigen Maͤgdchens willen?

Ja, Bruder! Aber iſt dieß Maͤgdchen nicht eine Clariſſa? Und wer weiß, ob nicht das guͤtige Gluͤck zur Belohnung fuͤr meine Be - ſtaͤndigkeit, mir ſeine ſchoͤne Freundinn in die Ar - me ſpielen mag! Es ſind wohl Dinge geſchehen, Belford, die weit unglaublicher waren. Und gewiß, ich werde ſie bekommen, wenn ich es mir vorſetzen.

Der drey und zwanzigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Johann Belford.

Jch bin von der Frau Moore zuruͤckgekommen, wohin ich gegangen war, meiner Schoͤnen Befehle zu erwarten. Aber es war kein Zutritt zu erhalten. Sie hat eine ſehr ſchlechte Nacht gehabt.

Ohne Zweifel muß ſie eben ſo unruhig ſeyn, daß ſie ihren Unwillen ſo weit getrieben hat, als ich zu ſeyn Urſache habe, daß ich mir die beque -me373me Gelegenheit, welche ich in der Mittwochs Nacht gehabt, ſo wenig zu Nutze gemacht habe.

Jch muß aber meine gegenwaͤrtigen Umſtaͤn - de ein wenig uͤberſehen, und dir einen kleinen Wink, oder ein paar, von meiner Vorſichtigkeit geben.

Jch habe die Weibsleute dieſen Morgen ge - ſprochen, und finde ſie halb auf dem rechten Wege, halb zweifelhaft.

Der Jungfer Rawlins haͤlt ihr Bruder vor, daß ſie bey Frau Moore ihre Wohnung auf - ſchlaͤget.

Frau Moore kann nichts ohne Jungfer Rawlins thun.

Leute, die an oͤffentlichen Orten Zimmer hal - ten, ſuchen einen jeden an ſich zu ziehen, der in ihre Gegenden kommt. Ob es mir alſo gleich nicht erlaubet wurde, ſelbſt meine Wohnung da zu nehmen: ſo habe ich doch alle Zimmer, die Frau Moore uͤbrig hat, bis auf den oberſten Bo - den unter dem Tache, gemiethet, und zwar, wie ich dir ſchon vorher geſchrieben, auf einen Mo - nat gewiß, und zu dem Preiſe, den ſie ſelbſt ſe - tzet; den Tiſch mit eingeſchloſſen; fuͤr meine Ge - mahlinn und uns alle. Aber dieſe muß es itzo noch nicht wiſſen. So habe ich hoffentlich die Frau Moore durch den Vortheil, den ſie da - von hat, gefeſſelt.

Das heißt recht, wie der Teufel, die Verſu - chungen nach den Neigungen einrichten.

A a 3Jch374

Jch habe allezeit bemerket, und ich glaube, ich habe dir ſchon laͤngſt einen Wink davon gege - ben(*)Siehe den III. Th. S. 270., daß alle Handelsleute, wenn es auch nur mit Stecknadeln waͤre, ſich viel eher durch Kund - leute bey ihren Stecknadeln mit einer Kleinigkeit ge - winnen laſſen, als durch ein eigentliches Geſchenk, das zehen mal ſo viel werth ſeyn moͤchte; ſonderlich wenn ſie gewiſſenhaft ſeyn wollen. Denn ein angebotenes Geſchenk wuͤrde nicht allein zum Verdacht Anlaß geben; ſondern auch ihre Be - denklichkeit rege und aufruͤhriſch machen: da hin - gegen der hohe Preis, um den man etwas kau - fet, nur als eine Willigkeit anzuſehen iſt, ſich auf die Art, wie jemand ſeiner Handthierung nach, etwas zu gewinnen ſuchet, hintergehen zu laſſen. Habe ich nicht geſagt, daß das menſchliche Herz ſchelmiſch iſt(**)Siehe den III. Th. S. 279. und den IV. Th. S. 25.? Und weiß ich das nicht?

Jch will dir ein hoͤheres Beyſpiel geben. Wie viele ſtolze Rathsglieder ließen ſich im 1720 Jahr durch Geſchenke von Zetteln oder durch Anweiſungen auf das Capital bey der Handels - geſellſchaft der Suͤd-See verleiten, einen Vorſchlag zu befoͤrdern, der den Untergang der Nation nach ſich ziehen mußte: welche doch einen jeden uͤber Hals und Kopf von ſich gejagt haben wuͤrden, der ſich unterſtanden haͤtte, ihnen zweymal ſo viel gewiß anzubieten, als ſie auf ungewiſſes Gluͤck durch jenes Capital gewinnen konnten? Je -375Jedoch ich muß wieder auf meine Umſtaͤnde, die ich zu uͤberſehen habe, und auf meine Vorſich - tigkeit kommen.

Jungfer Rawlins wanket von einer Seite zur andern: nachdem ſie entweder der Fraͤulein oder meine Erzaͤhlung hoͤret. Sie iſt vermuth - lich etwas unglaͤubig. Jch habe bisher noch nicht auf ihre Schwaͤche gemerket. Das erſte mal, daß ich ſie ſehe, will ich genau auf alle Maale und Flecken in ihrem Gemuͤthe Achtung geben: alsdenn ſchließen und die Anwendung machen.

Die Witwe Bevis, wie ich dir geſchrieben habe, iſt mir ganz und gar ergeben.

Mein Kerl, Wilhelm, ſchlaͤfet in dem Hauſe. Mein anderer neuer Bedienter hat be mi r die Aufwartung: und kann daher nicht ganz einfaͤl - tig ſeyn.

Schon itzo ſteckt Wilhelm bis uͤber die Ohren in der Liebe mit einer von der Frau Moore Maͤg - den. Er iſt den Augenblick in ſie verliebt geworden, da er ſie nur geſehen hat: und es iſt doch nur eine ungeſchickte Bauermagd. Aber alle Weibs - leute, von der Graͤfinn an bis auf die Kuͤchen - magd, werden vollkommen in ſich ſelbſt vergnuͤgt: wenn eine Mannsperſon bey dem erſten Anblicke von ihnen eingenommen wird. Sie moͤgen auch noch ſo wenig Reizung haben; kein Frauen - zimmer kann garſtig ſeyn, Bruder! ſo werden ſie doch allemal außer der Haupturſache, die das Ziel ſelbſt trifft, durch Huͤlfe des Spiegels von außen, ja vielleicht zum Trotze deſſelben, und ih -A a 4rer376rer Einbildung von innen, zwa nzig gute Gruͤnde finden, des ehrlichen Kerls verfuͤhreriſches Zeugniß zu rechtfertigen.

Der Schelm hat in meinen Dienſten ſchon hundert und funfzig Pfund gewonnen Funfzig Pfund mehr, als ich ihm zu ſagen be - fohlen habe. Sonder Zweifel denkt er, daß er es gethan haben koͤnnte: ob er gleich, wie ich glaube, nicht zween Groſchen reich ſeyn mag. Jch bin der beſte Herr von der Welt Zwar wohl ein wenig hitzig: aber bald wieder be - ſaͤnftiget.

Die gute Magd iſt ſchon ausnehmend freund - lich gegen ihn. Die andre iſt gegen ihn eben - falls ſehr hoͤflich. Er hat einen Mann fuͤr ſie in dem Kucker. Sie kann nicht anders als ſa - gen, daß Monſieur Andreas, mein anderer Die - ner; das Maͤgdchen mag gern die Perſon be - ſtimmt haben; ein recht geſpraͤchiger hoͤflicher junger Menſch ſey.

Wir gemeinen Leute haben eben ſowohl un - ſere Luſt, mit Jhro Gnaden Erlaubniß, ſagt der ehrliche Joſeph Lehmann, als vornehmere Leu - te(*)Siehe den III. Th. S. 358.. Der ehrliche Joſeph Lehmann ſagt die Wahrheit Wenn ich ein bequemes Leben den Schwierigkeiten vorzoͤge: ſo wuͤrde ich dieſe geringeren S[]nder um einige von ihren Ergoͤ - tzungen beneiden.

Haͤtte mein Wilhelm auch den Maͤgden nichts von der Liebe eingebildet: ſo wiſſen wir doch alle,daß377daß Dienſtbothen, die in einer gemeinſchaftlich zu beſprechenden Sache mit einander zu thun haben, von dem Augenblicke an, da ſie ſich einan - der nur ſehen, vertraute Freunde ſind Ja ſie ſind auch große Meiſter in der Geſchlechts - kunde: ſie wiſſen alſobald die ganze Verwandt - ſchaft von einander, wenn ſie gleich uͤber die drey Reiche zerſtreuet ſeyn ſollte, und die Ge - ſchlechtsregiſter von den Anverwandten ihrer Herrſchaften.

Meine Vorſichtigkeit endiget ſich hierbey noch nicht.

O Bruder, was fuͤr Gelegenheit haͤtte ich, bey einer ſolchen Erfindung, meine Geliebte wie - der in der Frau Sinclairn Haus zu bringen?

Meine Gemahlinn kann vielleicht die Bothen, welche ſie ſchon einmal geſchickt hat, den einen an Fraͤulein Howe, den andern an Wilſon, weiter brauchen. Mit dem einen von denſelben iſt Wilhelm ſchon gut bekannt: das haſt du gehoͤ - ret. Gemeinſchaftlich zechen iſt bey ſolchen Kerln ſo gut als gemeinſchaftliche Geſinnungen hegen. Mit dem andern wird er bald bekannt werden: wo er es nicht ſchon iſt.

Des Capitains Bedienter weiß was er zu thun hat und wie er ſich verhalten ſoll. Jch ha - be ſchon einige Winke(*)Siehe den XX. Brief dieſes Theils. davon gegeben. Er dienet ebenfalls einem liebreichen und angeſehenen Herrn. Jch mag gern einem jeden Achtung und Anſehen verſchaffen, damit ich deſto mehr vermoͤge.

A a 5Auf378

Auf die Poſten, ſo wohl auf die allgemeine als auf die Stuͤber-Poſt(*)Die Stuͤber-Poſt iſt in London diejenige, wodurch fuͤr einen Stuͤber auf alle Stunden des Tages Briefe und Paͤcklein, die nicht uͤber ein Pfund wie - gen, an alle Ecken der Stadt und Vorſtadt, ja gar auf zehn engliſche Meilen in die Runde au - ßerhalb London, wenn bey dem Empfange noch ein Stuͤber bezahlet wird, ordentlich beſtellet werden., wird gleichfalls ge - nau Achtung gegeben werden.

Es iſt auch nicht vergeſſen, den guten Collins der Fraͤulein Howe, imgleichen die Livreen der Fraͤulein Howe und Herrn Hickmanns, zu be - ſchreiben.

Vor Jacob Harlowe und Singleton iſt ge - warnet. Jch ſoll von einer jeden Nachfrage, die etwa nach meiner Gemahlinn, es ſey bey ihrem ehelichen oder Geſchlechtsnamen, geſchehen moͤch - te, vorher Nachricht bekommen, ehe ihr etwas da - von geſagt wird und das zu dem Ende, da - mit es in meiner Gewalt ſtehe, Ungluͤck zu verhuͤten.

Jch habe an Mowbray und Tourville, auch an Belton, wo es ſeine Geſundheit leidet, Be - fehle geſchickt, daß ſie, mit ihren Bedienten zur Aufwartung, auf eine Woche ihre Wohnung zu Hampſtead aufſchlagen ſollen. Jch verſchone dich gegenwaͤrtig deiner eignen Angelegenheiten wegen. Aber halte dich doch willig in Bereit - ſchaft, zum Zeichen deiner Treue gegen dein Oberhaupt.

Was379

Was meine Gemahlinn betrifft: hat ſie nicht Urſache mit mir zufrieden zu ſeyn, daß ich den Brief der Fraͤulein Howe aus Wilſons Hauſe habe in ihre Haͤnde kommen laſſen? Dieß iſt ja ein klarer Beweis, daß ich entweder kein liſtiger Kopf bin, oder keine andere Abſichten habe, als mich mit ihr wegen einer ſo geringen und ſo zu - faͤlligen Beleidigung wieder auszuſohnen.

Fraͤulein Howe ſchreibt, ob ſie gleich den Ein - gang dazu mit einem klaͤglichen Ach! machet, daß ihre ſchoͤne Freundinn mich liebet. Sie muß ſich daher nach dieſer Verſoͤhnung ſchmerzlich ſeh - nen So vortheilhafte Umſtaͤnde zu hoffen Begegnete ſie mir mit weniger Haͤrte und mehr Hoͤflichkeit; zeigte ſie mir einiges Mitlei - den; ſchiene ſie geneigt meiner zu ſchonen, und die vortheilhafteſten Deutungen zu machen: ſo kann ich nicht anders, als ſagen, daß es unmoͤg - lich ſeyn wuͤrde, ihr nicht einige Hoffnung zu ma - chen. Allein welcher Fuͤrſt kann es wohl ertra - gen, daß ein Aufruͤhriſcher, der in ſeiner Gewalt iſt, ihn beſchimpfe und herausfordere?

Jch gehe wieder zu dem Schauplatze, wo das Spiel aufgefuͤhret wird. Jch muß die Weibs - leute ſtand haft erhalten. Meine rechtſchaffne Fr. Bevis habe ich keine Gelegenheit gehabt in geheim zu ſprechen.

Tomlinſon, der Hund, iſt noch nicht ge - kommen.

Der380

Der vier und zwanzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Jungfer Rawlins iſt bey ihrem Bruder; Fr. Moore hat mit Hausgeſchaͤfften zu thun; die Witwe Bevis putzet ſich: alſo habe ich nichts anders vorzunehmen als zu ſchreiben. Der ver - fluchte Tomlinſon iſt noch nicht angekommen! Ohne ihn iſt nichts anzufangen.

Jch denke, er ſoll ſich in einem recht hohen Tone uͤber die Begegnung, die ihm geſtern wider - fahren iſt, beklagen. Was gehn ihn unſre Sa - chen an? Er kann keine andere Abſicht haben, als uns zu dienen. Es iſt etwas grauſames, einen Mann von ſeiner Beſchaͤfftigung und von ſeinem Anſehen wieder in die Stadt zuruͤck zu ſchicken, ohne ihm Gehoͤr gegeben, ohne ihn ge - ſehen zu haben. Er geht niemals aus der Stel - le, ohne daß etwas wichtiges auf ſeine Bewe - gung ankommt. Es iſt ein verzweifelt wun - derliches Ding, ſo nach ſeinen Grillen mit eines ſolchen Herren Stunden zu ſpielen. Der - gleichen Weibsleute bilden ſich ein, daß alle Ge - ſchaͤffte in der Welt um ihrer eingebildeten Mutterbeſchwerden willen; ein Wort das ſich gut fuͤr die Weiber ſchickt, Bruder! liegen bleiben muͤſſen. Daß ſich die groͤßten Spiel - kraͤmer381 kraͤmer unter allen Geſchoͤpfen in den Kopf ſe - tzen, als wenn ſie unter denſelben diejenigen We - ſen waͤren, auf die am meiſten ankaͤme Maria, komm herauf! wie ich die gute Frau Sorlings zu ihren Maͤgden habe ſagen hoͤren, wenn ſie mit ihnen theils aus Zorn theils aus Verachtung geſcholten.

Wenn ich alles uͤberlege: ſo deucht mich, es waͤre wohl einmal fuͤr mich noͤthig, daß dieſe We - hen; du ſiehſt, wie voll mir der Kopf von Wei - bern und ihren Worten iſt; voruͤber, gluͤcklich voruͤber waͤren, damit ich in Ruhe ſitzen, und der Gefahr, die ich ausgeſtanden, und den Beſchwer - den, die ich erduldet habe, nachdenken koͤnnte. Jch habe einen nachdenkenden Kopf, wie du weißt: aber das Wort ſelbſt ſchließet ſchon ein, daß alles uͤberſtanden ſey.

Jn was fuͤr Hecken und Dornen laͤuft der elende Menſch; ein zerkratztes Geſicht und zer - riſſene Kleider, ſind die unvermeidlichen Folgen; der mit aller Gewalt einen neuen Weg durch ei - nen uͤberwachſenen jungen Wald bahnen will, und den Pfad, welchen andere, die vor ihm eben die Straße gereiſet ſind, fuͤr ihn ausgetreten ha - ben, verlaͤſſet!

Jch habe einen Beſuch von der Witwe Be - vis in meinem eignen Zimmer gehabt. Sie hat mir erzaͤhlet, daß meine Gemahlinn verwichene Nacht, als ich zu meiner Wohnung gegangenwar,382war, willens geweſen, der Fr. Mooren Haus zu verlaſſen. Jch wollte nichts mehr wuͤnſchen, als daß ſie es moͤchte verſucht haben.

Jungfer Rawlins, an die ſie ſich desfalls ge - wandt hatte, hat es ihr widerrathen, wie es ſcheinet.

Frau Moore ſtellte ihr ebenfalls die Schwie - rigkeiten vor, die ſie nach ihrer Meynung antref - fen wuͤrde, ohne mein Wiſſen ungehindert fortzu - kommen: ob ſie ihr gleich nicht bekannte, daß mein Wilhelm in ihrem Hauſe ſchliefe, oder viel - mehr aufſaͤße und Liebeshaͤndel triebe. Die gute Frau verſicherte ſie, daß ſie nirgends ſicherer, als bey ihr, ſeyn koͤnnte, bis ſie ſchluͤßig geworden waͤre, wohin ſie ſich begeben wollte. Und die Fraͤulein ſelbſt beſann ſich, daß, wenn ſie fortgin - ge, der Brief verlohren gehen moͤchte, den ſie von ihrer theuren Freundinn, der Fraͤulein Howe, er - wartete: Dieſer ſollte ihr aber, nach ihrem eignen Geſtaͤndniſſe, bey ihren kuͤnftigen Unternehmun - gen zu einer Richtſchnur dienen.

Sie mußte gewiß auch begierig ſeyn, zu er - fahren, was ihres Onkels Freund ihr von ihrem Onkel zu ſagen haͤtte: ſo veraͤchtlich ſie auch ge - ſtern einem Manne von ſeinem Anſehen begegnet hatte. Sie konnte ebenfalls, wie ich denken ſoll - te, nicht gaͤnzlich beſchloſſen haben, ſich dem Be - ſuche von zweyen der vornehmſten Frauenzimmer aus meiner Familie ſelbſt zu entziehen, und vor ihrer aller Augen voͤllig mit mir zu brechen. Wohin haͤtte ſie auch, außer dem, gehen koͤn -nen?383nen? Da uͤber dieß der Brief von der Fraͤulein Howe ihr nach ihrer Entlaufung ſo ſicher zu Haͤn - den gekommen war: ſo mußte das nothwendig mehr Vertrauen zu mir und zu allen uͤbrigen in ihr erwecken; ob ſie es gleich nicht offenbar geſte - hen wollte.

Aber dieſe guten Leute haben ſo wenig Liebe gegen den Naͤchſten! Sind ſo ſtrenge Richter! Und wer iſt doch wohl ganz voll - kommen? Es waͤre wenigſtens zu wuͤn - ſchen, daß ſie ſo beſcheiden ſeyn moͤchten, biswei - len in ſich ſelbſt einiges Mistrauen zu ſetzen: als - denn wuͤrden ſie gegen andere einiges Nachſehen haben, wie andere gegen ſie haben muͤſſen; ſo vollkommen ſie ſich auch zu ſeyn einbilden.

Tomlinſon iſt endlich gekommen. Er iſt ge - noͤthigt worden fuͤnf Meilweges umzureiten; wiewohl ich ſeinen Verzug vielen und wich - tigen Geſchaͤfften zuſchreiben werde; damit er zween oder dreyen unverſchaͤmten Buben aus - wiche und ſich nicht mit ihnen ſchlagen duͤrfte, welche ſich ihm aufzudringen genoͤthigt waren, weil ſie ſich nicht traͤumen ließen, in weſſen Sa - chen er zu thun haͤtte. Jch habe mir vorgenom - men dieſem guten Kerl beſſere Tage zu machen: wenn er ſich in dieſer Sache ſo gegen mich ver - haͤlt, wie ich es wuͤnſche.

Jch ſchickte den Augenblick hinauf, da er an - kam.

Sie384

Sie ließ um Entſchuldigung bitten, daß ſie ſeinen Beſuch nicht eher als um vier Uhr des Nachmittags annehmen konnte.

Unertraͤglich! Nichts wird geachtet! Gar nichts wird bey dieſem Geſchlechte ge - achtet, wenn ihre verfluchten Grillen rege ſind. Der Zahltag, oder vielmehr die Zahlſtun - de, wird ſchon kommen! O! daß es die naͤchſte Stunde waͤre!

Der Capitain iſt verdrieslich. Wer kann es ihm uͤbel nehmen? Die Weibsleute ſind ſelbſt der Meynung, daß mit einem Manne von ſol - chem Stande, der in ſo edelmuͤthiger Geſinnung uns zu dienen kommt, hart verfahren werde. Haͤtte es doch der Himmel gewollt, daß ſie ver - wichne Nacht davon zu gehen geſucht haͤtte! Wer weiß, da die Weibsleute nicht meine Feinde ſind, ob meine Gewalt, die ich als Ehemann gebraucht haben wuͤrde, nicht ſo viel Nachſicht gefunden haͤtte, daß es zum Schluſſe gekommen waͤre, ſie entweder zu ihrer vorigen Wohnung zuruͤck zu - bringen, oder in der Fr. Mooren Hauſe, Trotz aller Ausrufungen, Ohnmachten und der uͤbrigen bey Frauenzimmern gewoͤhnlichen Arten zu bitten, unſere Ehe zu vollenden?

Meine Geliebte hat ſich heute von niemand, als von der Fr. Moore allein, ſehen laſſen. Sie iſt ſehr matt und niedergeſchlagen, wie es ſcheinet. Sie iſt zu der wichtigen Unterredung, die heute Nachmittag gehalten werden ſoll, gar nicht auf - gelegt. Sie ſehnt ſich, von ihrer lieben Freun -dinn,385dinn, der Fraͤulein Howe, Nachricht zu haben Gleichwohl kann ſie noch auf einen oder zween Tage keinen Brief erwarten. Sie hat eine uͤbele Meynung von allen Menſchen Kein Wunder! So ein vollkommenes Mu - ſter als ſie iſt! bey einem ſolchen Vater, ſolchen Onkeln, einem ſolchen Bruder, als ſie hat.

Wie ſieht ſie aus?

Beſſer, als man nach der geſtrigen Beſchwer - de und der ſchlechten Ruhe in verwichner Nacht vermuthen konnte.

Dieſe zarten Taͤubchen, wiſſen nicht eher, als bis es darzu kommt, was ſie ausſtehen koͤnnen: vornehmlich wenn ſie in Liebesſachen verwickelt werden, und ihre Aufmerkſamkeit gaͤnzlich einge - nommen iſt. Allein das ſchoͤne Geſchlecht mag gern muͤhſame Schauſpiele haben. Ein ſtilles Leben iſt ihnen zuwider. Ein Frauenzimmer wird lieber ſelbſt einen Sturm erregen, als ohne denſelben leben. Wie ſie alsdenn bey dem Wir - belwinde die Hauptperſonen ſeyn und ihn lenken koͤnnen: ſo ſind ſie gluͤcklich. Nur meiner Geliebten Ungluͤck iſt, daß ſie in Unruhen leben muß: und doch dieſelben weder erreget, noch zu lenken im Stande iſt.

Fuͤnfter Theil. B bDer386

Der fuͤnf und zwanzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Der Teufel hole mich, wo ich zu errathen ver - moͤgend bin, was der Ausgang von allen meinen Raͤnken und Erfindungen ſeyn wird. Aber, wie der Lord M. ſagen wuͤrde, ich will mir bey meinem eignen Markte nicht vorkau - fen.

Um vier, als zur beſtimmten Stunde, ſchickte ich hinauf, und ließ den Capitain und auch mich ſelbſt anmelden.

Sie wollte den Capitain alſobald erwarten; (mich nicht!) und zwar in dem Saale, wo er nicht beſetzet waͤre.

Da das Speiſezimmer mein war: ſo moch - te dieß vielleicht die Urſache ſeyn, warum ſie den Saal nannte Wiederum eine ſehr große Bedenklichkeit: wo es an dem iſt! Dieſe Hartnaͤckigkeit, dachte ich, iſt kein gutes Zeichen fuͤr mich.

Jn dem Saal waren bey mir und dem Ca - pitain Fr. Moore, Jungfer Rawlins und Fr. Bevis.

Die Weibsleute ſagten, ſie wollten wegge - hen, wenn die Fraͤulein herunterkaͤme.

Lovel. 387

Lovel. Nein: wofern ſie es nicht etwa aus - druͤcklich verlangen ſollte. Leute, die ſo weit uͤber Kleinigkeiten hinaus ſind, als ich, duͤrfen aus keiner von ihren Sachen ein Geheimniß ma - chen. Außer dem ſind ſie drey Frauenzimmer, denen alle unſere Angelegenheiten ſchon bekannt ſind.

Capit. Jch habe ihrer Gemahlinn etwas zu ſagen, das ſie vielleicht niemand gerne hoͤren laſ - ſen moͤchte: auch ſie nicht einmal, Hr. Lovelace; da ſie und ihre Familie in keinem ſo guten Ver - ſtaͤndniſſe leben, als zu wuͤnſchen waͤre.

Lovel. Gut, gut, Herr Capitain: ich muß mir es gefallen laſſen. Geben ſie uns nur ein Zeichen, wenn es geſchehen ſoll: ſo wollen wir weggehen.

Es war beſſer, daß er die Gegenwart der Weibsleute verbot, als wenn ich es gethan haͤtte.

Capit. Jch will den Kopf neigen und meine Hand ſo bewegen: wenn ich mit ihr allei - ne zu ſeyn wuͤnſche. Jhr Onkel iſt ganz von ihr eingenommen. Jch hoffe, Herr Lovelace, ſie werden die Ausſoͤhnung um des Eifers willen, womit mein theurer Freund dieſelbe zu Stande zu bringen ſuchet, nicht ſchwerer machen. Nur eines muß ich ihnen ſagen: wie ich es ihnen ſchon mehr als einmal geſagt habe. Mir iſt bange, daß ſie mir die Veranlaſſung zu die - ſem Misverſtaͤndniſſe geringer vorgeſtellet, als es ſeyn ſollte.

B b 2Lovel. 388

Lovel. Jch hoffe, Herr Capitain Tomlin - ſon, ſie werden meine Liebe zur Wahrheit nicht ſtreitig machen.

Capit. Verzeihen ſie, Herr Lovelace Die Dinge, welche wir Mannsperſonen fuͤr ge - ringe halten moͤgen, ſind es vielleicht bey einem Frauenzimmer von zaͤrtlichem Gemuͤthe nicht Und hiernaͤchſt, wenn ſie ſich ſelbſt durch ein Geluͤbde verbunden haben, ſo muͤſſen ſie

Jungfer Rawlins zierte ſich, hielte ihre Lip - pen geſchloſſen, zog aber den Mund um ſo viel laͤnger, weil ſie ihn nicht in die Runde preßte, zu einem Laͤcheln, das ihren Beyfall zu erkennen gab, und zeigte dadurch ſtillſchweigend, daß ihr die Zaͤrtlichkeit des Capitains gefiel.

Fr. Moore konnte ſprechen Vollkom - men wahr! war inzwiſchen alles, was ſie mit einer Bewegung des Kopfes, die den zum Bey - fall gewoͤhnlichen Wink anzeigte, wirklich ſagte.

Jch meines Theils, ſagte die muntre Witwe mit ſtarren und großen Augen, weiß wohl, was ich weiß Allein Mann und Frau ſind Mann und Frau: oder ſie ſind nicht Mann und Frau. Jch kann mir ſolche Bedenklichkeiten nicht vorſtellen.

Aber, da kommt ſie! ſchrie die eine, weil ſie hoͤrte, daß ihre Kammerthuͤr geoͤffnet wurde Da kommt ſie! rief die andere, welche die Thuͤre hinter ihr zuſchließen hoͤrte Und alſobald war der Engel unter uns.

Wir389

Wir ſtunden alle auf, buͤckten und neigten uns. Das konnten wir nicht aͤndern. Denn ſie trat mit einem ſolchen Anſehen herein, das uns lauter Ehrerbietung einfloͤßete. Jedoch ſa - he der Capitain verzweifelt ernſthaft aus.

Cl. Jch bitte ſie, meine lieben Frauenzim - mer, bleiben ſie ſitzen Jch bitte, gehen ſie nicht weg denn die Weibsleute waren bereit wegzu - gehen: jedoch wuͤrde Jungfer Rawlins vor Un - willen geborſten ſeyn; wenn die Fraͤulein es in Anſehung ihrer zugegeben haͤtte. Sie haben ſchon vorher meine ganze Geſchichte gehoͤrt: da - ran habe ich keinen Zweifel. Jch bitte, behal - ten ſie ihren Platz Die Stuͤhle gehoͤren we - nigſtens alle Herrn Lovelacen.

Das iſt ein recht kuͤhner und ſeltſamer An - fang, dachte ich.

Jhre Dienerinn, Herr Capitain Tomlinſon. So wandte ſie ſich zu ihm mit einer unnachahm - lichen Anſtaͤndigkeit. Jch hoffe, ſie werden es nicht uͤbel genommen haben, daß ich ihren Be - ſuch geſtern abgelehnet. Jch war in der That nicht im Stande, von einer Sache, die Aufmerk - ſamkeit erforderte, zu reden.

Capit. Es iſt mir angenehm, Jhro Gnaden, daß ich ſie in beſſerem Stande finde. Jch hoffe, es wird ſo ſeyn.

Cl. Jch befinde mich in der That nicht wohl. Jch wuͤrde mich nicht entſchuldigt haben, ihren Beſuch einige Stunden eher anzunehmen: wenn ich mir nicht die Hoffnung gemacht haͤtte, daßB b 3es390es unterdeſſen beſſer werden ſollte. Jch bitte ſie um Verzeihung, mein Herr, daß ich ihnen ſo viele Muͤhe gemacht habe: und werde dieſelbe um ſo viel mehr erwarten, da dieſer Tag hoffentlich alles zum Ende bringen wird.

So geſetzt! ſo ſchluͤßig! dachte ich Und es doch erſt beſchlafen zu haben! Al - lein da ihre Worte ſo wohl einen guten als boͤſen Verſtand haben konnten: ſo wollte ich ihnen kei - ne nachtheilige Deutung geben.

Lovel. Der Herr Capitain hat es bedauret, meine Allerliebſte, daß er nicht den Augenblick, da er geſtern angekommen, ſeinen Beſuch abzu - ſtatten bemuͤht geweſen. Er hat beſorgt, ſie moͤchten es uͤbel genommen haben.

Cl. Vielleicht haͤtte ich denken koͤnnen, daß meines Onkels Freund gewuͤnſchet haben wuͤrde, mich ſo bald, als er ankaͤme, zu ſprechen Wie ſtarre ſahen wir, Bruder! Aber, mein Herr, ſagte ſie zu mir, ihren Abſichten iſt es etwa gemaͤß geweſen, ihn aufzuhalten.

Der Teufel, dachte ich! So iſt es doch wirklich ſo wohl Empfindlichkeit, als Kopfſchmer - zen geweſen, daß ſie des ehrlichen Herrn Be - ſuch ausgeſchlagen hat. Meine gute Freundinn, die Fr. Bevis, hat es getroffen.

Capit. Sie wollten mich aufhalten, Herr Lovelace Jch war der Meynung, den Augen - blick, da ich kam, ihrer Gnaden meine ſchuldig - ſte Aufwartung zu machen

Clar. 391

Clar. Es mag ſeyn, mein Herr: wir wol - len dieß uͤbergehen. Jch moͤchte nicht gern das Anſehen haben, als wenn ich uͤber alle Kleinig - keiten empfindlich waͤre. Wenn es ihnen nur keine Unbequemlichkeit verurſachet hat, daß ſie noch einmal wieder zu kommen genoͤthigt worden ſind: ſo will ich ſchon vergnuͤgt ſeyn.

Capit. halb unwillig. Ein wenig, ich kann es nicht anders ſagen, iſt es mir beſchwer - lich geweſen. Jch habe in Wahrheit zu viel auf dem Halſe. Jedoch das Verlangen, ſo wohl ih - nen und dem Herrn Lovelace zu dienen, als mei - nem lieben Freunde, ihrem Onkel Harlowe, eine Gefaͤlligkeit zu erweiſen, macht große Beſchwer - den fuͤr mich geringe.

Cl. Sie ſind ſehr hoͤflich, mein Herr Hier iſt eine große Veraͤnderung vorgegangen: ſeit dem ſie uns das letzte mal verlaſſen haben.

Capit. Jn der That, eine große Veraͤnde - rung, Jhro Gnaden! Jch bin daruͤber am Don - nerſtag, Abends, ſehr beſtuͤrzt geworden: als mich Herr Lovelace zu ihrer Wohnung fuͤhrte, wo wir ſie anzutreffen hoffeten.

Cl. Haben ſie mir von meinem Onkel ſelbſt etwas zu ſagen, das ich allein hoͤren muß? Ge - hen ſie nicht weg, meine lieben Frauenzimmer Denn die Weibsleute ſtunden auf und woll - ten fortgehen Wenn Herr Lovelace gegen - waͤrtig bleibt: ſo koͤnnen ſie gewiß auch bleiben.

Jch zog die Stirn. Jch biß die Lippen. Jch ſa - he die Weibsleute an und ſchuͤttelte den Kopf.

B b 4Capit. 392

Capit. Jch habe nichts anzubringen, als woran Herr Lovelace ſelbſt Antheil hat, und was er hoͤren mag: ein, oder ein paar Worte ausge - nommen, die in geheim zu ſagen ſind und ſich bis zuletzt verſparen laſſen.

Cl. Jch bitte, meine lieben Frauenzimmer, behalten ſie ihren Platz Die Sachen haben ſich geaͤndert, mein Herr, ſeit dem ich ſie zuletzt geſprochen habe. Sie koͤnnen itzo nichts mehr ſagen, das mich angehet, woran der Cavallier Theil haben ſollte.

Capit. Sie ſetzen mich in Beſtuͤrzung, Jh - ro Gnaden! Jch hoͤre dieß ſehr ungern! Ungern um ihres Onkels willen! Ungern um ihrer ſelbſt willen! Ungern um des Herrn Lovelacens willen! Und dennoch bin ich ver - ſichert, daß er ihnen mehr Anlaß gegeben ha - ben muß, als er gegen mich geſtanden hat; oder

Lovel. Jn Wahrheit, Herr Capitain, in Wahrheit, meine lieben Frauenzimmer, ich habe ihnen ein großes Theil von dem, was mit mir vorgegangen iſt, erzaͤhlet. Was ich von meiner Beleidigung, die mir zur Laſt geleget wird, ge - ſagt habe, iſt die Wahrheit geweſen: was ich von meinen Begebenheiten verſchwiegen habe, iſt bloß dasjenige geweſen, was mich beſorgt gemacht hat, es moͤchte meine Geliebte desfalls, wenn es bekannt wuͤrde, mehr fuͤr tadelſuͤchtig, als zu guͤ - tigen Urtheilen nach der Liebe geneigt, angeſehen werden.

Cl. 393

Cl. Jmmerhin, immerhin, mein Herr, ſa - gen ſie, was ihnen beliebt. Schwaͤrzen ſie mich an, wie es ihnen gefaͤllt. Machen ſie ſich ſelbſt ſo weiß, als ſie koͤnnen. Jch bin itzo nicht mehr in ihrer Gewalt: das wird mir gegen alles zur Beruhigung dienen.

Capit. Gott behuͤte mich, daß ich ein Ver - gehen, das ein tugendhaftes und ehrliebendes Frauenzimmer nicht vergeben kann, zu vertheidi - gen ſuchen ſollte! Aber gewiß, gewiß, Jhro Gna - den! Dieß iſt zu weit gegangen,

Cl. Urtheilen ſie nicht unguͤtig von mir, Herr Capitain Tomlinſon. Jch habe eine gute Meynung von ihnen, als von einem Freunde mei - nes Onkels. Sind ſie aber ein Freund von dem Herrn Lovelace: ſo iſt das ein ander Ding. Denn meine und des Herrn Lovelacens Angele - genheiten muͤſſen nunmehr auf ewig von einan - der abgeſondert werden.

Cl. Erlauben ſie mir nur ein Wort mit ih - nen allein, Jhro Gnaden, wo es ihnen beliebt Er ſchlug vor, einen Abtritt zu nehmen.

Cl. Sie koͤnnen in Gegenwart dieſer Frau - enzimmer alles ſagen, was ihnen beliebt. Herr Lovelace mag Geheimniſſe haben: ich habe keine. Sie ſchienen mich fuͤr ſchuldig zu halten: mir wuͤrde es eine Freude ſeyn, wenn alle Welt mein Herz kennete. Meine Feinde moͤgen Richter uͤber meine Handlungen ſeyn: wenn ſie aufrich - tig unterſuchet werden; ſo iſt mir vor dem Aus - ſpruche nicht bange. Sie moͤgen mich ſo gar nachB b 5mei -394meinen geheimeſten Gedanken fragen: ich will ſie entdecken; es ſey nun, daß ſie fuͤr oder wider mich ausfallen.

Lovel. Edelmuͤthige Schoͤne! wer kann ſo, wie ſie, reden?

Die Weibsleute hielten ihre Haͤnde und Au - gen in die Hoͤhe: eine jede, als wenn ſie, nicht ich, geſprochen haͤtte.

Hier iſt keine Unordnung, die von einer Ge - muͤthskrankheit zeuge, ſprach Jungfer Rawlins: allein wenn ſie nach ihrem Herzen urtheilte, ſo, glaube ich, dachte ſie auch zugleich, daß gewaltig viel Unwahrſcheinliches dabey waͤre.

Gewiß recht fein geſprochen, ſagte die Wit - we Bevis und zuckte die Achſel.

Frau Moore ſeufzete.

Bruder Belford, dachte ich, weiß alle meine Gedanken. Jch bin in dieſem Stuͤcke aufrichti - ger, als eine von den dreyen Weibsperſonen, und ſchicke mich wohl zu dieſem unvergleichlichen Mu - ſter, ein Paar mit ihr auszumachen.

Cl. Wie Herr Lovelace mich hier aufgeſpuͤ - ret habe, kann ich nicht ſagen. Aber ſolche nie - dertraͤchtige Raͤnke, ſo liſtige ſo arge Verklei - dungen, damit er mir ſeine Gegenwart unerwar - tet aufdringen moͤchte; ſo kuͤhne, ſo nachtheilige Unwahrheiten

Capit. Haben ſie die Gewogenheit, Jhro Gnaden, mir nur ein Wort in geheim zu erlau - ben

Cl. 395

Cl. Damit er ein Recht behaupten koͤnnte, das er nicht uͤber mich hat! O mein Herr, o Herr Capitain Tomlinſon! Jch glaube, ich habe Urſache zu ſagen, daß der Menſch alle nie - dertraͤchtige Bosheit zu veruͤben im Stande iſt.

Die Weibsleute ſahen wechſelsweiſe ſich un - ter einander und mich an. Sie wollten ſehen, wie ich mich dabey bezeigte. Jch hatte eben den Augenblick ſolche Bewegungen, als wie von Pfei - len, in meinem Kopfe, daß ich dachte, ich waͤre von Sinnen gekommen. Mein Gehirn ſchien im Feuer zu ſtehen. Was wuͤrde ich darum ge - geben haben, daß ich ſie allein bey mir gehabt haͤtte. Jch lief queer durch das Zimmer und ſchlug mit geſchloſſener Fauſt an meine Stirn. O daß ich jemand hier haͤtte, dachte ich, den ich, wie Hercules, da er bey folternden Schmerzen, von dem vergifteten Kleide aus Deianirens Haͤn - den, in Flammen ſtund, in Stuͤcken zerreiſſen koͤnnte!

Capit. Sehen Jhro Gnaden nicht, wie der arme Herr Himmel, wie habe ich auf dieſe Art ihrem Onkel einen blauen Dunſt vorgemacht! Wie gluͤcklich, ſagte ich ihm, haͤtte ich ſie geſehen! Wie gluͤcklich, war ich verſichert, wuͤrden ſie durch einander ſeyn!

Cl. O mein Herr, ſie wiſſen nicht, wie viele vorſetzliche Beleidigungen ich ſchon vergeben hat - te, als ich ſie das letzte mal ſahe, ehe ich vor ih - nen unter der Perſon, die ich damals hoffete,kuͤnftig396kuͤnftig zu ſeyn, erſcheinen konnte! Aber nun - mehr moͤgen ſie meinem Onkel ſagen, wo es ih - nen beliebt, daß ich mir zu ſeiner Vermittelung keine Hoffnung machen kann. Sagen ſie ihm, daß mein ſtrafbares Vergehen, da ich dieſem Menſchen Gelegenheit gegeben habe, mich von meinen gepruͤften, meinen verſuchten, meinen natuͤrlichen Freunden, ſo hart ſie auch mit mir umgegangen ſind, liſtigerweiſe wegzuziehen, mir taͤglich mehr und mehr in die Augen falle; und das um ſo viel mehr, weil mein Schickſal ſich ei - ner entſcheidenden Veraͤnderung, nach dem Fluche meines beleidigten Vaters, zu naͤhern ſcheinet.

Hierauf zerfloſſen ihre Augen in Thraͤnen: und dadurch ward auch ſo gar der Hund geruͤh - ret, welcher eben deswegen hergebracht war, daß er mich dreiſte machen und reizen ſollte, nun aber ſelbſt ganz zu einem veraͤnderten Belford ge - worden war.

Die Weibsleute, welche nach Art ihres Ge - ſchlechtes eben ſo gewohnt ſind, ohne Trauren zu weinen, als ohne Urſache zu lachen, bloß weil andere weinen oder lachen; der Hen - ker hole ihre Gewohnheiten! mußten nothwen - dig ihre Schnupftuͤcher herausziehen. Jedoch war es dießmal deſto weniger Wunder: da ich mich ſelbſt zwiſchen Verwirrung, Beſtuͤrzung und Kummer kaum halten konnte.

Wozu nuͤtzt ein zaͤrtliches Herze! Wer kann gluͤcklich ſeyn, wenn er ein empfindliches Herz hat? Und gleichwohl wirſt du ſagen,daß397daß derjenige, welcher es nicht hat, ein Tieger und kein Menſch ſeyn muͤſſe.

Capit. Erlauben ſie mir, Jhro Gnaden, daß ich ein Wort mit ihnen ingeheim reden duͤr - fe, und zwar fuͤr mich ſelbſt.

Die Frauenzimmer machten ſich hierauf be - reit wegzugehen. Sie beſtand aber darauf, daß wenn jene weggingen, ich nicht da bleiben ſollte.

Capit. Mein Herr, darf ich bitten Er buͤckte ſich gegen mich.

Jch hoffe, dachte ich, daß ich dieſem Hunde mit einem ſo feyerlichen Bezeigen trauen kann: da er ſo wohl belehret iſt, wie er ſich zu verhalten habe. Sie ſetzet kein Mistrauen in ihn. Jch will nicht laͤnger draußen bleiben, als daß ich ihr Zeit laſſe, ihr erſtes Feuer zu verlieren.

Jch ging alſo mit den Weibsleuten fort und verhielte mich bloß leidend aber buͤckte mich ſo gegen meine Goͤttinn, daß dadurch aller Herzen fuͤr mich gewonnen wurden, nur dasje - nige nicht, welches ich am meiſten noͤthig hatte zu gewinnen: denn das ſtolze Maͤgdchen bog nicht ein Knie dafuͤr.

Die Unterredung zwiſchen dem Capitain und der Fraͤulein, nach unſerm Abtritte, beſtand in dem, was ich dir im folgenden alſobald mitthei - len will. Sie ſprachen beyde laut genug, daß ich ſie hoͤren konnte: die Fraͤulein aus Zorn; der Capitain aus Vorſatz. Und du kannſt verſichert ſeyn, daß niemand horchte, als ich ſelbſt. Wasich398ich nicht ganz aufſchrieb, daß ſetzte ich nachher hinzu. Jch hatte meine Schreibtafel bey mir, alles aufzuzeichnen. Haͤtte ich das gewußt: ſo wuͤrde ſie vielleicht mit ihren heftigen Ausdruͤ - ckungen wider mich ſparſamer geweſen ſeyn; aber vielleicht auch nicht.

Er ſagte dieſes. Da ſich ihr Bruder feſt vorgenommen haͤtte, ſie zu ſprechen; da er ſelbſt, um ſich nach dem Vorſchlage ihres Onkels zu richten, ihre Vermaͤhlung anderen Leuten erzaͤh - let; da dieſe Erzaͤhlung dem Lord M. der Lady Eliſabeth und den uͤbrigen von meinen Verwand - ten zu Ohren gekommen, und er ſeiner erſten Ausſage wegen verbunden geweſen waͤre, ſie zu bekraͤftigen; da ihr Bruder endlich ausforſchen moͤchte, wo ſie ſich aufhielte, und ſich an die Weibsleute allhier wenden duͤrfte, eine Bekraͤfti - gung oder Widerlegung der bekannt gemachten Vermaͤhlung zu hoͤren: ſo haͤtte er ſich ſelbſt ver - pflichtet gehalten, die Erzaͤhlung in Gegenwart der Frauenzimmer zu behaupten. Dieß haͤtte ihn nicht wenig verwirret: weil er um aller Welt willen nicht wollte, daß ſie Urſache haben moͤchte, ihn fuͤr einen Mann zu halten, der betruͤgeriſch handeln, Raͤnke ſchmieden oder falſch ſeyn koͤnnte. Eben deswegen haͤtte er in geheim mit ihr reden wollen.

Es waͤre wahr, antwortete ſie, daß ſie in ei - nen ſolchen Vorſchlag gewilliget haͤtte: weil ſie geglaubt, daß er von ihrem Onkel kaͤme, und gar nicht gedacht, daß er zu ſo vielen Jrrthuͤmernleiten399leiten wuͤrde. Dennoch haͤtte ſie wohl wiſſen koͤnnen, daß ein Jrrthum oft viele erzeuget. Herr Lovelace haͤtte gemacht, daß ſie die Wahrheit dieſer Anmerkung bey mehr als einer Gelegenheit em - pfunden: und es waͤre eine Anmerkung, die er, der Capitain, ſelbſt in einem von denen Briefen, die ihr geſtern gezeigt waͤren, beygebracht haͤtte.

Er hoffete, daß ſie kein Mistrauen gegen ihn haben, daß ſie an ſeiner Ehre nicht zweifeln wuͤrde. Halten ſie mich fuͤr verdaͤchtig, Jhro Gnaden Glauben ſie, daß ich im Stande bin Was fuͤr ein Mann Gott ſey mir gnaͤdig! Was fuͤr ein Mann muß ich in ih - ren Augen ſeyn!

Jch hoffe, daß kein Mann in der Welt ſeyn kann, der in einem ſolchen Fall, wie dieſer iſt, fuͤr verdaͤchtig gehalten zu werden verdienen koͤnn - te. Jch halte ſie nicht fuͤr verdaͤchtig. Waͤre es moͤglich, daß es einen ſolchen Menſchen geben koͤnnte: ſo bin ich verſichert, Herr Capitain Tom - linſon, ein Vater, der ſelbſt Kinder hat, ein Mann bey Jahren, von Verſtande und Erfahrung, kann der Mann nicht ſeyn.

Er hat mir erzaͤhlet, daß ihm damals eben nicht anders zu Muthe geweſen, als wenn er ei - nen ploͤtzlichen Blitz von ihrem Auge, einen Au - genſtrahl, wie er es nannte, gefuͤhlet haͤtte, der als ein Pfeil durch ſeine bebende Nieren gegan - gen waͤre: er haͤtte zittern muͤſſen.

Das iſt des Hundes eignes Gewiſſen, Bru - der! Nichts anders! Jch habe wohl einhalb400halb Dutzend ſolcher Blitze, ſolcher Augenſtrah - len, in eben ſo vielen verſchiednen Unterredungen mit dieſer durch die Seele dringenden Schoͤnheit gefuͤhlet.

Jhr Onkel, muͤßte ſie geſtehen, waͤre nicht gewohnt, auf ſolche Auswege zu denken: allein ſie haͤtte dieß bey ſich ſebſt dadurch mit einander zu reimen gewußt, daß der Fall zum Ungluͤck ganz außerordentlich waͤre, und er fuͤr ihre Ehre Sorge truͤge.

Dieß erleichterte dem armen Schelm das Herz und machte ihn mehr Muth.

Sie frug ihn ob er glaubte, daß die Lady Eliſabeth und die Fraͤulein Montague ihr einen Beſuch zugedacht haͤtten.

Er zweifelte gar nicht daran.

Bildet Herr Lovelace ſich ein, fuhr ſie fort, daß ich mich bewegen laſſen koͤnnte, die Nach - richt, welche ſie ausge bracht haben, gegen die - ſelben zu unterſtuͤtzen?

Jch hatte mir Hoffnung gemacht ſie dahin zu bringen, Bruder: ſonſt haͤtte ſie ihre Briefe nicht zu ſehen bekommen. Aber ich hatte dem Capitain ſchon geſagt, daß ich glaubte, ich muͤßte dieſe Hoffnung aufgeben.

Nein. Er glaubte, daß ich mir keine ſol - che Gedanken machte. Er waͤre faſt verſichert, daß ich willens waͤre, ihnen, wenn ich ſie ſpraͤ - che, die reine Wahrheit, als im Vertrauen, zu ſagen.

Hier -401

Hiernaͤchſt erzaͤhlte er ihr, daß ihr Onkel ſchon einige Schritte zu einer allgemeinen Aus - ſoͤhnung gethan haͤtte. Den Augenblick, Jhro Gnaden, wenn er erfaͤhret, daß ſie wirklich ver - maͤhlet ſind, wird er ſich mit ihrem Vater daruͤ - ber in Unterhandlung einlaſſen: indem er ſein Verlangen, mit ihnen, mit ihrer Frau Mut - ter, ausgeſoͤhnet zu ſeyn, ausdruͤcklich bezeu - get hat.

Was ſagte denn meine Mutter, mein Herr? Was ſagte meine liebe Muter? Dieß fragte ſie mit großer Bewegung, und hielte ihr anmuth - reiches Geſicht, wie ſie mir der Capitain be - ſchrieben hat, mit der ſorgfaͤltigſten Aufmerkſam - keit hervor, als wenn ſie den Weg, welchen ſeine Worte zu ihrem Herzen nehmen ſollten, verkuͤrzen wollte.

Jhre Frau Mutter, gnaͤdige Fraͤulein, ge - rieth daruͤber in Thraͤnen, und ihr Onckel wur - de durch die zaͤrtliche Liebe derſelben ſo geruͤh - ret, daß er die Unterredung von der Sache nicht weiter fortſetzen konnte. Er iſt aber geſonnen, ſich eigentlich daruͤber mit ihr einzulaſſen: ſo bald er hoͤret, daß die Trauung geſchehen iſt.

Nach dem Tone von ihrer Stimme zu ur - theilen, weinte ſie. Das liebe Kind, dachte ich, faͤnget an nachzugeben. Jch beneidete dem Buben ſeine Beredſamkeit. Kaum war mir der Gedanke ertraͤglich, daß eine lebendige Seele unter den Mannsperſonen das Vermoͤgen haben ſollte, das ich verlohren hatte, dieſe ſtolze Fraͤu -Fuͤnfter Theil. C clein402lein zu bereden, wenn es gleich zu meinem eig - nen Vortheil waͤre. Und ſollteſt du es wohl denken? Dieſe Vorſtellung erregte den Augen - blick mehr Misvergnuͤgen bey mir, als ich uͤber ihre Vorwuͤrfe, ſo heftig ſie auch geweſen wa - ren, empfunden; oder als ich uͤber ihr vermu - thetes Nachgeben Vergnuͤgen gehabt hatte. Denn in allem, was ſie ſaget und thut, nimmt man Schoͤnheit wahr: Schoͤnheit in ihren Leidenſchaf - ten; Schoͤnheit in ihren Thraͤnen. Waͤre der Capitain ein junger Herr, und von Stande und Mitteln geweſen: ſo wuͤrde ſein Hals in Ge - fahr geweſen ſeyn, und ich haͤtte mir ſehr harte Gedanken von ihr gemacht.

O Herr Capitain Tomlinſon, ſprach ſie, ſie wiſſen nicht, was ich wegen der wunderlichen We - ge, die dieſer Menſch zu gehen gewohnt iſt, aus - geſtanden habe. Er hatte, wie ich mich nicht geſchaͤmt habe, ihm geſtern in die Augen zu ſa - gen, eine ebene Bahn vor ſich. Er zog mich zuerſt mit Liſt in ſeine Gewalt. Als ich aber in derſelben war Hier brach ſie ab. Hernach fing ſie wieder an O mein Herr, ſie wiſſen nicht, was fuͤr ein ſeltſamer Menſch er geweſen iſt! Ein ungeſchliffener, uͤbelgeſitteter Menſch! Zur Schande fuͤr ſeine Geburth und Erzie - hung und Erkenntniß ein ungeſchliffener Menſch! Und der ſo gehandelt hat, als wenn ihn ſei - ne weltliche und perſoͤnliche Vorzuͤge uͤber die an - genehmen Eigenſchaften, welche einem Cavallier wahre Vorzuͤge geben, hinaus ſetzten.

Das403

Das iſt die erſte Weibsperſon, dachte ich, die jemals ſo von mir geredet oder gedacht hat: das iſt mein Troſt. Aber meine Allerliebſte, da dieß hinter meinem Ruͤcken zu dem Freunde deines Onkels geſprochen iſt: ſo hilft es dein ſchon mehr als zu volles Maaß noch weiter aufhaͤufen. Es iſt in meiner Schreibtafel niederge - ſchrieben.

Cl. Wenn ich auf ſein ganzes Bezeigen ge - gen ein armes junges Frauenzimmer; ich bin ja noch ſehr jung, zuruͤckſehe; ſo kann ich ihn von dem Vorwurfe entweder einer großen Thorheit; oder durchtriebener Raͤnke nicht frey ſprechen Und verwichene Mittwoche Dabey hielte ſie inne, und kehrte, wie ich vermuthe, ihr Geſicht weg. Jch wundere mich, daß ſie ſich nicht ſchaͤmte, von dem, was ſie fuͤr ſo ſchaͤmens - wuͤrdig hielte, einen Wink zu geben; und zwar gegen eine Mannsperſon, die noch dazu allei - ne mit ihr war.

Capit. Es ſey ferne von mir, gnaͤdige Fraͤu - lein, daß ich um eine ſo bedenkliche Sache allzu genau zu wiſſen verlangen ſollte. Er geſtehet, daß ſie Urſache haben, uͤber ihn misvergnuͤgt zu ſeyn. Aber er ſpricht ſich gegen mich ſo feyerlich von aller vorſetzlichen Beleidigung frey

Cl. Er kann ſich nicht freyſprechen, Herr Tomlinſon. Die Leute von dem Hauſe muͤſſen eben ſo wohl, als er, von recht ehrenloſer Geſin - nung ſeyn. Jch bin uͤberzeugt, daß ein gottloſesC c 2Buͤnd -404Buͤndniß unter ihnen geweſen iſt. Allein nichts mehr von einer ſolchen Sache.

Capit. Nur noch ein Wort, gnaͤdige Fraͤu - lein. Er ſagt mir, daß er ihnen eine ſolche Pro - be von ihrer Gewalt uͤber ihn gegeben habe, als niemals eine Mannsperſon geben moͤchte: und daß ſie verſprochen, ihm zu verzeihen.

Cl. Er wußte wohl, daß er keine Verzeihung verdiente: ſonſt haͤtte er das Verſprechen nicht von mir erzwungen. Jch wuͤrde es ihm auch nicht gegeben haben: wenn ich mich dadurch nicht vor der niedertraͤchtigſten und grauſamſten Be - ſchimpfung zu ſchuͤtzen genoͤthigt worden waͤre.

Capit. Jch moͤchte wuͤnſchen, Jhro Gna - den; da er doch wegen der Zuverſicht auf ihr Verſprechen etwas fuͤr ſich zu ſagen hat, ſo we - nig auch ſeine Auffuͤhrung zu entſchuldigen ſtehet; daß, um des aͤußerlichen Anſehens willen vor der Welt, und zur Vermeidung des Ungluͤcks, das leichtlich entſtehen koͤnnte, wenn ſie gaͤnzlich mit ihm brechen, ſie ihr von Natur edelmuͤthiges Herz gewinnen koͤnnten, durch ihre Vergebung ihm ei - ne Verbindlichkeit aufzulegen.

Sie ſchwieg ſtille.

Capit. Jhr Herr Vater und ihre Frau Mut - ter beweinen eine fuͤr ſie verlohrne Tochter, wel - che ihre Großmuth gegen Herrn Lovelace ihnen wieder ſchenken kann. Laſſen ſie es nicht auf den moͤglichen Wechſel ankommen, daß ſie Urſache haben duͤrfen, einen doppelten Verluſt zu bewei - nen; den Verluſt eines Sohnes ſo wohl, alseiner405einer Tochter: eines Sohnes, der durch ſeine eigne Heftigkeit, welcher ſie vielleicht vorbeugen koͤnnen, auf ewig fuͤr ſie und fuͤr die ganze Fa - milie verlohren ſeyn kann.

Sie war ſtille. Sie weinte. Sie geſtand, daß ſie die Staͤrke dieſes Bewegungsgrundes merkte.

Jch will dieſem guten Kerl ſein Gluͤck machen, dachte ich.

Capit. Erlauben ſie mir, gnaͤdige Fraͤu - lein, ihnen zu ſagen, daß es meinen Gedanken nach nicht ſchwer ſeyn wuͤrde, ihren Onkel, wenn ſie darauf beſtehen, dahin zu vermoͤgen, daß er in geheim zur Stadt komme, und ſie mit eigner Hand dem Herrn Lovelace gebe. Je - doch ausgenommen, wenn ihr gegenwaͤrtiges Misverſtaͤndniß ihm zu Ohren kommen ſollte.

Cl. Aber, mein Herr, warum ſollte ich mich ſo ſehr vor meinem Bruder fuͤrchten? Mein Bruder hat mich beleidiget, nicht ich ihn. Soll ich vor meinem Bruder Schutz bey Herr Love - lace ſuchen? Wer ſoll mich denn vor Herrn Lo - velace ſchuͤtzen. Wird mir der eine wohl das bieten, was mir der andere geboten hat? Der gottloſe, undankbare Menſch! daß er einem verlaſſenen Frauenzimmer, ohne Freunde, ohne Schutz, das noch dazu durch ihn ihrer Freunde beraubet iſt, Schimpf anzuthun ſuchet Jch kann unmoͤglich, ich kann unmoͤglich von ihm auf die Art mehr denken, wie ich ehedem von ihm dachte. Er hat nichts mit mir zu thun. Er mag mich verlaſſen. C c 3Mein406Mein Bruder mag mich finden. Jch bin kein ſo elendes Maͤgdchen, daß ich vor dem Anblicke desjenigen Bruders, der mir Unrecht gethan hat, furchtſam ſeyn ſollte.

Capit. Kaͤmen ſie und ihr Bruder nur al - lein zuſammen, ſich mit einander zu beſprechen, ſich einander ihre Beſchwerden vorzuhalten, die Schwierigkeiten zu heben: ſo waͤre es eine ande - re Sache. Aber was fuͤr einen Ausgang, gnaͤ - dige Fraͤulein, koͤnnen ſie ſich von einer Zuſam - menkunft, in Geſellſchaft des Herrn Solmes, vorſtellen: wenn er ſie unverheyrathet findet, und entſchloſſen, den Herrn Lovelace nimmermehr zu nehmen; geſetzt auch, daß Herr Lovelace ſich nicht darein mengte; welches nicht zu vermu - then iſt?

Cl. Jch kann nur ſagen, daß ich ſehr un - gluͤcklich daran ſey Jch muß mich dem Wil - len der Fuͤrſehung unterwerfen, und unter den Uebeln, welche mich dieſelbe nicht vermeiden laſſen will, geduldig ſeyn. Jnzwiſchen habe ich meine Maaßregeln genommen. Herr Lovelace kann mich niemals gluͤcklich machen: ich ihn auch nicht. Jch warte hier nur auf einen Brief von der Fraͤulein Howe. Der muß mich ſchluͤſ - ſig machen.

Schluͤßig in Abſicht auf Herrn Lovelace, gnaͤdige Fraͤulein? fiel ihr der Capitain in die Rede.

Cl. Jn Abſicht auf denſelben bin ich ſchon ſchluͤßig.

Capit. 407

Capit. Wo es nicht zu ſeinem Vortheile iſt: ſo habe ich nichts weiter zu ſagen. Jch kann keine ſtaͤrkere Gruͤnde gebrauchen, als ich ſchon gebrauchet habe: und es wuͤrde unverſchaͤmt ſeyn, ſie noch einmal zu wiederholen. Jſt es nicht moͤglich, daß ſie ihm die Beleidigung vergeben koͤnnen: ſo muß ſie nothwendig viel groͤßer ge - weſen ſeyn, als er gegen mich geſtanden hat. Wo ſie ſich vollkommen entſchloſſen haben: ſo belieben ſie mir zu eroͤffnen, was ich zu ihrem Onkel ſagen ſoll? Sie haben die Gewogenheit gehabt, mich zu verſichern, daß dieſer Tag mei - ner Muͤhe, wie ſie es nannten, ein Ende machen ſollte: ich wuͤrde es fuͤr keine Muͤhe gehalten ha - ben, wenn ich zur Ausſoͤhnung zwoer Perſonen von Verdienſt und Anſehen ein geringes Werk - zeug abzugeben vermoͤgend geweſen waͤre.

Hierauf ging ich mit einem ernſthaften Ge - ſichte hinein.

Lovel. Herr Tomlinſon, ich habe ein gro - ßes Theil von der Unterredung gehoͤret, die zwiſchen ihnen und dieſer unverſoͤhnlichen, ob gleich ſonſt unvergleichlichen Fraͤulein vorgefal - len iſt. Es kraͤnket mich innigſt, daß ich dieſe allerliebenswuͤrdigſte Perſon ſo ſchluͤßig finde. Jch haͤtte es nimmermehr fuͤr moͤglich halten koͤnnen, bey ſo vortheilhaften Umſtaͤnden als wir zu hoffen vor uns hatten, daß ich ſo wenig Theil an ihrer Achtung haben ſollte. Jnzwiſchen muß ich mir ſelbſt wegen der Beleidigung, die ich das Ungluͤck gehabt habe zu verurſachen, Gerechtig -C c 4keit408keit leiſten: Da ich finde, daß ſie geneigt ſind, dieſelbe fuͤr weit groͤßer anzuſehen, als ſie in der That geweſen iſt.

Cl. Jch will ihre Wiederholungen nicht anhoͤren, mein Herr. Jch habe allein das Recht, und muß allein das Recht haben, uͤber ſchimpfli - che Beleidigungen meiner Perſon zu urtheilen. Jch laſſe mich mit ihnen in keinen Wortwechſel daruͤber ein, und hoͤre ſie auch nicht von einer ſo anſtoͤßigen Sache. Hiemit wollte ſie fort - gehen.

Jch ſtellte mich zwiſchen ſie und die Thuͤ - re. Sie koͤnnen ohne Bedenken alles hoͤ - ren, gnaͤdige Fraͤulein, was ich zu ſagen habe. Mein Vergehen iſt nicht von ſolcher Beſchaffen - heit, daß ſie es nicht ohne Bedenken thun koͤnn - ten. Jch will ein gerechter Anklaͤger von mir ſelber ſeyn und ihre Ohren nicht verletzen.

Jch betheurte hierauf, daß es mit dem Feuer kein erdichteter Vorwand geweſen waͤre. Das war die Wahrheit. Jch leugnete; aber in der That war das nicht ſo richtig; daß ich den ge - ringſten Vorſatz gehabt haͤtte. Jch geſtand, daß ich durch ein Feuer der Jugend und eine ploͤtzliche aufſteigende Regung, welche wenige andre Perſonen in dergleichen Umſtaͤnden zu unterdruͤ - cken wuͤrden vermoͤgend geweſen ſeyn, hingeriſſen waͤre. Jch ſtellte aber auch vor, daß ich auf ih - ren Befehl und ihr Bitten, im Vertrauen zu dem Verſprechen, daß ſie mir zu verzeihen ge - than haͤtte, weggegangen, ohne im geringſtenetwas409etwas unanſtaͤndiges zu begehen oder mir irgend eine Freyheit heraus zu nehmen, welche nicht ſelbſt Perſonen von zaͤrtlicher Gemuͤthsart wuͤr - den vergeben haben, wenn ſie unvermuthet in ei - nem ſo reizenden Stande angetroffen worden. Jch ſtellte vor, daß ihr Schrecken und die Furcht vor dem Feuer ein liebkoſendes Bezeigen und ei - ne Zaͤrtlichkeit gegen ihre Perſon erfordert haͤtte, da ſie beynahe in Ohnmacht gefallen waͤre. Jch ſtellte endlich vor, daß der gluͤckliche Tag, auf welchen ich gehoffet, ſo nahe geweſen, daß ich haͤt - te vermuthen duͤrfen, als ein verlobter Liebhaber angeſehen zu werden. Und hiebey erwaͤhnte ich zugleich, daß dieſe Entſchuldigung auch fuͤr die Weibsleute in jenem Hauſe anzufuͤhren waͤre: als welche, da ſie uns fuͤr wirklich vermaͤhlet ge - halten, ſich deſto weniger haͤtten befugt achten duͤrfen, bey einer ſo bedenklichen Gelegenheit ſich einzumengen. Das war ein kuͤhner Vorwand, Bruder, zur Rechtfertigung der Weibsleute.

Jhr Auge, worinn nichts als Verachtung herrſchte, war mit dem heftigſten Unwillen ange - fuͤllet, und ein Augenſtrahl uͤber den andern ſchoß, wie ein Blitz, auf mich zu. Alle Zuͤge in ihrem anmuthreichen Geſichte hatten Seel und Leben in ſich. Jedoch ſprach ſie nicht. Vielleicht moch - te ſie denken, Bruder, daß dieſe Vertheidigung der Weibsleute den Grund zeigte, warum ich die Liſt gebraucht hatte, ſie bey denſelben fuͤr ver - heyrathet auszugeben, als ich ſie zuerſt dorthin brachte.

C c 5Capit. 410

Capit. Jch muß in der That geſtehen, mein Herr, ſie haben nicht wohl daran gethan, daß ſie die Furcht eines ſchon vorher in Schrecken geſetz - ten Frauenzimmers noch vermehret haben.

Sie verſuchte hierauf neben mir wegzugehen. Jch ſtellte mich aber mit dem Ruͤcken an die Thuͤr und bat ſie, noch einige Augenblicke bey uns zu bleiben. Jch wuͤrde nicht einmal ſo viel ge - ſaget haben, meine Allerliebſte: wenn ich es nicht ihrentwegen ſo wohl als um mein ſelbſt willen ge - than haͤtte, damit der Capitain Tomlinſon nicht denken moͤchte, daß ich ſchaͤndlicher gehandelt haͤtte, als wirklich geſchehen iſt. Jch will auch kein Wort mehr von der Sache reden, ſondern nur theils ihnen ſelbſt zu bedenken anheimſtellen, ob es nicht noͤthig geweſen iſt, ſo viel zu ſagen, theils mich auf den eignen Ausſpruch des Capi - tains berufen, ob er nicht ſonſt mit einer weit aͤr - gern Meynung von mir, weggegangen waͤre, wenn er die von mir geſchehene Beleidigung nach der Heftigkeit ihres Unwillens beurtheilet haͤtte.

Capit. Das wuͤrde ich allerdings gethan haben. Jch muß es geſtehen. Es iſt mir lieb, Herr Lovelace, daß ſie im Stande ſind, ſich ſo weit zu vertheidigen.

Cl. Eine Sache, wobey der Beleidiger mit dem Richter auf einer Bank ſitzet, muß wohl ge - pruͤfet werden Jch laſſe den Ausſpruch uͤber meine Sache nicht auf Mannsperſonen ankom -men411men auch ſelbſt auf ſie nicht, Herr Capi - tain Tomlinſon: erlauben ſie mir das zu ſagen, ob ich gleich geneigt bin, eine gute Meynung von ihnen zu hegen. Waͤre der Menſch nicht verſi - chert geweſen, daß er ſie zu ſeinem Vortheil einge - nommen haͤtte: ſo wuͤrde er ſie nicht nach Hamp - ſtead gebracht haben.

Capit. Daß ich eingenommen bin, wie ſie es nennen, gnaͤdige Fraͤulein, iſt mehr um ihres Onkels und ihrer ſelbſt, als um des Herrn Love - lace willen: das will ich ihm in die Augen ſa - gen. Was kann ich anders zur Abſicht haben, als Friede und Verſoͤhnung zu ſtiſften? Jch ha - be an Hrn. Lovelacen von Anfange getadelt, und tadle es nun wieder, daß er uͤbel aͤrger ge - macht und Schrecken durch Schrecken vermehret hat: da die Fraͤulein, wie ſie, mein Herr, ſelbſt geſtehen, ſchon vorher beynahe in Ohnmacht ge - fallen war Bey dieſen Worten ſahe er ſehr vornehm aus.

Lovel. Jch will bekennen, Herr Capitain Tomlinſon, daß ich ein ſehr ſtrafwuͤrdiger, ein recht thoͤrichter, und, wo dieſe wertheſte Fraͤulein mich jemals mit ihrer Liebe beehret hat, ein un - dankbarer Menſch geweſen ſey. Aber ich habe allzu viel Urſache gehabt, daran zu zweifeln. Und itzo iſt dieß ja ein offenbarer Beweis, wie wenig ſie gegen mich diejenige Achtung gehabt, welche mein ſtolzes Herz gewuͤnſchet hat, daß, da ſo vortheilhafte Umſtaͤnde vor unſern Augen ſind; da der gewuͤnſchte Tag ſo nahe iſt; da dieEhe -412Eheſtiftung gebilligt und abgeſchrieben iſt; da ihr Onkel durch ſeine Vermittelung eine Ausſoͤhnung zu Stande zu bringen ſuchet, zu welcher ich ih - rentwegen, nicht um mein ſelbſt willen, ſo ge - neigt geweſen bin; ſie gleichwohl um einer ſo wirklich geringen Beleidigung willen, bey einer ſo wahrhaftig zufaͤlligen Gelegenheit, vermoͤ - gend iſt, mir auf ewig zu entſagen, mit mir zu - gleich alle Hoffnung zu der Ausſoͤhnung auf die von ihrem Onkel angefangene und von ihr ge - billigte Art fahren zu laſſen, und ſich allen kuͤnfti - gen Folgen, ſo traurig ſie auch vielleicht ſeyn moͤ - gen, bloßzuſtellen. Bey meiner Seele, Herr Capitain, die liebenswuͤrdige Schoͤne muß mich alle die Zeit uͤber gehaſſet haben, da ſie geneigt geweſen iſt, mich mit ihrer Hand zu beehren. Jtzo aber kann ſie ſich nicht anders entſchließen, mich gaͤnzlich zu verlaſſen, als, ſo viel ich weiß, mit einer vorzuͤglichen Neigung gegen den haſ - ſenswuͤrdigſten Kerl gegen den Solmes, welcher, wie ſie mir erzaͤhlen, ihren Bruder be - gleitet. Und in welcher Hoffnung, in welcher Abſicht begleitet er ihn? Wie kann es mir ertraͤglich ſeyn, nur einmal daran zu geden - ken?

Cl. Es iſt ganz recht, mein Herr, daß ſie meine Achtung gegen ſie nach ihrer Unwuͤrdigkeit, der ſie ſich bewußt ſind, abmeſſen. Dennoch aber wiſſen ſie wohl, daß ſie mehr Theil daran gehabt haben, als ſie verdienet.

Sie413

Sie ging darauf einige Schritte von uns: und kam mit dieſen Worten wieder zuruͤck. Jch will ihnen geſtehen, Herr Capitain, daß es mir nach meiner Gemuͤthsart nicht moͤglich geweſen iſt, mich zu entſchließen, meine Hand zu geben, und nichts mehr als meine Hand Habe ich davon nicht eine offenbare Probe gegen meinen vormals liebreicheſten Vater abgeleget? Dieß hat mich ja eben in das Ungluͤck gebracht, welches dieſer Menſch noch vermehret hat, da er aus Dankbarkeit und Liebe fuͤr ſeine Ehre ſich vielmehr haͤtte bemuͤhen ſollen, mir daſſelbe er - traͤglich zu machen. Jch habe ſo gar einige Nei - gung auf ſeine Seite gehabt, mein Herr: das trage ich kein Bedenken zu ſagen. Lange, nur allzu lange! habe ich ſeine unverantwortliche Auffuͤhrung ertragen: indem ich ſeine Fehler bloß einer unbedaͤchtlichen Munterkeit und einem Man - gel der Einſicht zugeſchrieben. Jch habe ge - glaubt, daß er nur nicht wuͤßte, was wahre Zaͤrt - lichkeit und wahre Großmuth von einem zu dank - baren Regungen geſchickten Herzen gegen eine Perſon, die durch ihn in ungluͤckliche Umſtaͤnde verwickelt iſt, erforderte. Nunmehr iſt es Bos - heit an ihm, eine Bosheit, wodurch alle ſeine Worte ihren Glauben verlieren, daß er die letzte grauſame und undankbare Beſchimpfung meiner Perſon fuͤr etwas nicht vorſetzliches ausgiebet. Allein was darf ich mehr von dieſer Beſchim - pfung ſagen: da ſie von einer ſolchen Beſchaffen - heit geweſen iſt, daß ſie die Neigung auf ſeineSeite414Seite veraͤndert und mich zu dem Entſchluſſe ge - bracht hat, alle reizende Hoffnung, wovon er ſchwa - tzet, aufzugeben, und alle Gefahr zu wagen, da - mit ich mich nur von ſeiner Gewalt frey mache.

O meine Allerliebſte! wie gluͤcklich wuͤrde es fuͤr uns beyde geweſen ſeyn: wenn ich dieſe Nei - gung auf meine Seite, wie ſie es guͤtigſt nen - nen, unter ſolchen Zuruͤckhaltungen, als wohl nie eine Mannsperſon bey einem Frauenzimmer an - getroffen hat, zu entdecken geſchickt geweſen waͤre.

Er hat ſie wirklich entdecket, Herr Capitain. Er hat mich mehr als einmal dahin gebracht, ſie zu geſtehen. Er hat mich, um ſo viel mehr ohne Noth, dahin gebracht: da ich ſagen darf, daß ihm ſeine Eitelkeit keine Urſache gelaſſen, daran zu zweifeln; und da ich keinen andern Grund gehabt, warum ich mich nicht uͤbereilet habe, ſie zu bekennen, als weil ich nur allzu billig beſorgt geweſen bin, daß es ihm an edelmuͤthiger Geſinnung fehle. Mit einem Wort, Herr Ca - pitain, ich wuͤrde mir ſelbſt veraͤchtlich geweſen ſeyn; das trage ich itzo deſto weniger Bedenken zu ſagen, da ich meine Maaßregeln vollkommen gefaßt habe: wenn ich gefunden haͤtte, daß ich im Stande waͤre, gegen diejenige Mannsperſon, wel - che ich zu heyrathen geſonnen, eine gezwungene Sproͤdigkeit oder Tyranney zu beweiſen. Jch habe allezeit einen Fehler von dieſer Art an mei - ner liebſten Freundinn in der Welt getadelt. Mit einem Wort

Lovel. 415

Lovel. Haben mein Engel wirklich und in der That die geneigte Geſinnung gegen mich ge - heget, welche ihnen itzo zu bezeugen gefaͤllig gewe - ſen iſt? Allerliebſte Fraͤulein, vergeben ſie mir. Goͤnnen ſie mir ihre Gewogenheit wieder. Gewiß ich habe nicht ſo ſchwer geſuͤndiget, daß keine Vergebung ſtatt haben ſollte. Sie ſagen, ich haͤtte das Verſprechen, das ſie mir gethan, von ihnen erzwungen. Allein wenn ich nicht ge - dacht haͤtte, daß noch Raum waͤre, Vergebung zu erwarten: ſo haͤtte ich mir nicht in den Sinn kommen laſſen koͤnnen, das Verſprechen zur Be - dingung meines Gehorſams zu machen. Erlau - ben ſie, ich bitte darum, daß die gehoffeten Vor - theile, welche ſich zu ſo großem Vergnuͤgen nahe vor uns ſehen ließen, Platz finden moͤgen. Jch will mich in die Stadt begeben und den Trau - ſchein bringen. Alle Schwierigkeiten ihn zu er - langen ſind uͤberſtiegen. Der Capitain Tomlin - ſon ſoll bey den Ehevertraͤgen Zeuge ſeyn. Er will der Trauung im Namen ihres Onkels per - ſoͤnlich beywohnen. Ja er hat mir wirklich Hoff - nung gemacht, daß ihr Onkel ſelbſt

Capit. Das iſt wahr, Herr Lovelace: und ich will ihnen meine Gruͤnde eroͤffnen, warum ich dazu Hoffnung gemacht. Jch habe meinem werthen Freunde, ihrem Onkel, gnaͤdige Fraͤu - lein, vorgeſchlagen, daß er vorgeben moͤchte, als wenn er ſich eine Veraͤnderung machen und mit mir zu meinem kleinen Landhauſe, wie ich es nen - ne, nahe bey Northampton, auf elne Woche, oderſo416ſo ohngefaͤhr verreiſen wollte. Der arme Herr iſt die letzte Zeit uͤber ſehr wenig von Hau - ſe gekommen. Er nimmt in der That allzu merklich ab. Man haͤtte vorgeben koͤnnen, daß ihm die Veraͤnderung der Luft gut waͤre Allein ich ſehe, gnaͤdige Fraͤulein, daß dieß eine allzu zaͤrtliche Sache iſt, viel davon zu ſagen.

Das liebe Kind weinte. Sie wußte, wie ſie den von dem Capitain gegebenen Wink, der Ab - ſicht gemaͤß, auf die Gelegenheit zu der abneh - menden Geſundheit ihres Onkels deuten ſollte.

Capit. Jch habe ihm vorgeſtellet, daß wir wirklich den Weg nehmen, aber bald wieder um - kehren und in meinem Wagen nach London fahren koͤnnten. Auf die Art wuͤrde er mit ſei - nen eignen Augen die Trauung vollzogen ſehen, und ſo wohl der erwuͤnſchte Vater als der gelieb - te Onkel ſeyn.

Die Fraͤulein wandte ſich um und wiſchte ih - re Augen aus.

Cap. Es ſcheinen auch wirklich itzo nur zwo Einwendungen dagegen zu ſeyn: weil Herr Har - lowe den Vorſchlag nicht verwarf. Die eine iſt das ungluͤckliche Misverſtaͤndniß zwiſchen ihnen beyden. Jch wollte um aller Welt willen nicht, daß er dieß erfuͤhre: er moͤchte ſonſt den unge - rechten Muthmaßungen des Herrn Jacob Har - lowe ein Gewicht zu geben im Stande ſeyn. Die andre iſt, daß es nothwendig einen Aufſchub der Trauung veranlaſſen wuͤrde, welche in einem oderzween417zween Tagen, ſo viel ich ſehe, vollzogen werden kann wenn

Hiebey buͤckte er ſich mit vieler Ehrerbietung gegen meine Goͤttinn Ein unvergleichlicher Kerl! Jedoch fluchte ich oft meinen Ster - nen, daß ſie mich noͤthigten, ſeiner Geſchicklichkeit ſo viel Verbindlichkeit zu haben.

Die Fraͤulein wollte anfangen zu reden. Weil mir aber ihre Mienen nicht gefielen; ob ihre Heftigkeit und ihr Unwillen gleich ſich ein wenig gelegt zu haben ſchienen, wie es mir vor - kam: ſo nahm ich das Wort und ſahe ſo aus, als wenn ich daruͤber aufgeblaſen waͤre Ein Vorſchlag iſt mir eben itzo eingefallen, wo - durch der Sache abzuhelfen waͤre.

Cl. Keinen von ihren Vorſchlaͤgen, Herr Lo - velace! Jch verabſcheue ihre Vorſchlaͤge, ihre Erfindungen Jch habe ſchon zu viele davon gehabt.

Lovel. Sehen ſie, Herr Capitain Tomlin - ſon! Sehen ſie, mein Herr O wie ge - ben wir uns ſelbſt gegen ſie bloß! Sie haben ſich wohl nicht eingebildet, daß wir beſtaͤndig in einem ſolchen Misverſtaͤndniſſe mit einander gelebet! Aber ſie werden alles zum beſten wenden. Wir koͤnnen doch noch gluͤcklich ſeyn. O haͤtte ich nur verſichert ſeyn koͤnnen, daß dieſe liebenswuͤrdigſte Fraͤulein den hundertſten Theil von der Liebe, die ich fuͤr ſie habe, gegen mich hegete! Unſer Mistrauen iſt auf beyden Seiten geweſen. Die - ſer liebe Engel hat allzu viel Bedenklichkeit:Fuͤnfter Theil. D dund418und mir iſt bange, daß ich zu wenig habe. Da - her ruͤhren unſere Schwierigkeiten. Allein ich habe ein Herz, Herr Capitain, ein Herz, das mir auf ihre Liebe zu hoffen befiehlet: weil es entſchloſ - ſen iſt, dieſelbe zu verdienen, ſo viel als ein Menſch ſie verdienen kann.

Capit. Es iſt wahr, ich bin uͤber das, was ich geſehen und gehoͤret habe, erſtaunet. Jch re - de dem Herrn Lovelace nicht das Wort, gnaͤdige Fraͤulein, wegen der Beleidigung, die ihnen von ihm widerfahren iſt. Weil ich ſelbſt Vater bin und Toͤchter habe: ſo kann ich das nicht thun; ob gleich ſein Vergehen geringer ſcheinet, als ich mir vorgeſtellet hatte. Nichts deſto weniger denke ich nach meinem Gewiſſen, ihre Gnaden, daß ſie ihren Unwillen zu hoch treiben.

Cl. Zu hoch, mein Herr! zu hoch, ge - gen einen Menſchen, der gluͤcklich haͤtte ſeyn koͤn - nen, wenn er gewollt haͤtte! Zu hoch gegen einen Menſchen, der in hundert Faͤllen mein Ge - muͤth in ungewiſſer Erwartung gelaſſen hat, ſeit dem er durch Liſt und Betrug, eine Gewalt uͤber mich bekommen! Sage, Lovelace, ſage du ſelbſt: Biſt du nicht eben der Lovelace, der durch verwegne Beſchimpfungen meiner Perſon deine eigne Hoffnung zernichtet hat? Der elende Kerl, welcher ſich ſo ſchaͤndlich verkleidet hatte, einen alten lahmen Mann vorſtellte und Zimmer fuͤr ſein kraͤnkliches Weib ſuchte? Der den Frauensleuten hier im Hauſe ſelbſt er -fun -419fundene Hiſtoͤrchen erzaͤhlte und gegen ſie ein ehe - liches Recht uͤber mich behauptete, das du nicht haſt? Darf man wohl vermuthen; ſie wand - te ſich zu dem Capitain; daß ich den Betheurun - gen eines ſolchen Menſchen trauen ſollte!

Lovel. Begegnen ſie mir, allerliebſte Fraͤu - lein, wie es ihnen gefaͤllt: ich will es ertragen. Dennoch aber haben ihre ſchimpfliche Verachtung und ihre Heftigkeit einen Dolch in meinem Her - zen zuruͤckgelaſſen War es wohl moͤglich an - ders als verkleidet zu ihnen zu kommen und ſie zu ſprechen? Und konnte ich mich ihrer be - raubet ſehen, ſo lange noch Nachſinnen, ſo lange noch Erfindung mir ein Mittel zeigte, wodurch es in meiner Gewalt ſtuͤnde, ihren Zorn zu ſtil - len und mir Hoffnung gemacht wuͤrde, ſie zu be - wegen, daß ſie mir die zugeſagte Verzeihung beſtaͤtigten? Mein Bezeigen gegen ſie und meine Reden vor den Weibsleuten, als wenn wir getrauet waͤren, gruͤndeten ſich auf das, was ihr Onkel gerathen und ſie ſelbſt genehm gehal - ten hatten. Jch durfte um ſo viel weniger an - ders handeln und reden: da ihr Bruder, Sin - gleton und Solmes ſich auszukundſchaften vor - geſetzt hatten, ob die Nachricht von unſerer Ver - maͤhlung wahr oder falſch waͤre, damit ſie ihre Maaßregeln darnach nehmen moͤchten. Ja es konnte auch deswegen nicht anders ſeyn: weil ich hoffete, dem Ungluͤck dadurch vorzubeugen, wel - chem ich nur allzu ſorgfaͤltig vorzubeugen geſucht habe, indem dieſe Gelindigkeit ihren Bruder undD d 2ſeine420ſeine Mitgenoſſen nur mehr zum Trotz und Fre - vel gereizet hat.

Cl. O du wunderlicher Kerl, wie ſchwatzeſt du! Erlauben ſie mir zu ſagen, Herr Capi - tain Tomlinſon, daß, wenn ich geneigt waͤre, laͤn - ger von der Sache zu reden, ich mich auf den Aus - ſpruch der Jungfer Rawlins berufen wuͤrde. Wen habe ich ſonſt, auf den ich mich berufen koͤnn - te? Sie ſcheinet eine kluge und ehrliebende Per - ſon zu ſeyn. Nimmermehr aber wuͤrde ich es auf den Ausſpruch einer Mannsperſon ankom - men laſſen, ob ich meinen Unwillen uͤber die ge - hoͤrigen Schranken treibe, wenn ich mich ent - ſchließe

Capit. Verzeihen ſie, gnaͤdige Fraͤulein, daß ich ihnen in die Rede falle. Jch glaube, daß ſie keine Urſache dazu haben koͤnnen. Sie muͤſſen allein, wie ſie ſelbſt geſagt haben, uͤber unan - ſtaͤndige Beleidigungen, die ihnen widerfahren, urtheilen. Die Frauenzimmer allhier ſind Fremde fuͤr ſie. Sie werden vielleicht nur eine kurze Zeit unter ihnen bleiben. Entdecken ſie einer von denſelben die eigentliche Beſchaffenheit ihrer Umſtaͤnde; und kommt ihr Bruder, ſich bey ihnen zu erkundigen: ſo wird die Vermittelung, welche ihr Onkel zu uͤbernehmen geſonnen iſt, entdecket und hintertrieben werden. Jch ſelbſt werde fuͤr eine Perſon angeſehen werden, fuͤr die ich in meinem Leben nicht angeſehen bin Denn dieſe Weibsleute koͤnnen ſich vielleicht nicht zur Verſchwiegenheit verbunden achten.

Clar. 421

Clar. O in was fuͤr Schwierigkeiten hat mich ein ungluͤcklicher Schritt verwickelt! Jedoch es iſt auch nicht noͤthig, daß ich mich auf jemand in meiner Sache berufe. Jch bin ſchluͤſ - ſig, was ich fuͤr Maaßregeln zu nehmen habe.

Capit. Vollkommen ſchluͤßig, gnaͤdige Fraͤulein?

Cl. Ja vollkommen.

Capit. Was ſoll ich ihrem Onkel Harlowe ſagen, ihre Gnaden? Der arme Herr! Wie wird er ſich entſetzen! Sie ſehen, Herr Love - lace Sie ſehen, mein Herr Er wandte ſich zu mir mit einer gekuͤnſtelten Bewegung der Hand Aber ſie moͤgen es ſich ſelbſt danken Und hiemit ging er ungemein zierlich von uns zuruͤck.

Es iſt wahr, bey meiner Seele. So dachte ich dabey. Jch lief queer durch das Zim - mer und zerbiß meine unberedeten Lippen, bald die obere, bald die untere, vor Verdruß.

Der Capitain buͤckte ſich tief gegen die Fraͤu - lein und ging an das Fenſter, wo ſein Hut und ſeine Peitſche lagen. Nachdem er dieſe genom - men hatte: oͤffnete er die Thuͤre. Kind, ſprach er zu jemand, den er ſahe, ich bitte meinem Be - dienten zu ſagen, daß er mein Pferd an die Thuͤ - re bringe.

Lovel. Sie werden ja nicht weggehen, mein Herr! Jch hoffe, ſie werden doch nicht weg - gehen! Jch bin der ungluͤckſeligſte Menſch in der Welt! Sie werden ja nicht wegge -D d 3hen422hen Jedoch, ach! Aber ſie werden ja nicht weggehen, mein Herr! Vielleicht iſt noch Hoffnung, daß die Lady Eliſabeth etwas bey ihr vermag

Capit. Mein lieber Herr Lovelace, darf denn mein rechtſchaffener Freund, ein guͤtiger On - kel, nicht auch hoffen, etwas bey ſeiner Tochter Baſe zu gelten? Allein ich bitte um Ver - zeihung So oft ſie ſchreiben, werden ſie mich allemal bereit finden, der Fraͤulein zu dienen; und das ſo wohl um ihrer ſelbſt, als um meines theureſten Freundes willen.

Die Fraͤulein hatte ſich in einen Stuhl ge - worfen. Sie ſaß mit niedergeſchlagenen Augen und war ganz unbeweglich, als in tiefen Ge - danken.

Der Capitain buͤckte ſich noch einmal gegen ſie: ward aber nicht mit der geringſten Gegen - hoͤflichkeit beehret. Herr Lovelace, ſagte er mit einem gleichguͤltigen und freyen Geſichte, ich bin ihr Diener.

Noch immer ſaß die liebe unerforſchliche Fraͤulein ſo unbeweglich als eine Bildſeule. Sie regte weder Hand, Fuß, Kopf, noch Auge Jch habe in meinem Leben niemals jemand in ſo tiefen Gedanken, in einem ſo wachenden Trau - me geſehen.

Er ging bey ihr voruͤber, um durch die Thuͤ - re hinauszugehen, an welcher ſie ſaß: ob gleich die andere Thuͤre der gerade Weg fuͤr ihn war. Er buͤckte ſich wieder. Sie ruͤhrete ſich nicht. Jch423Jch will die Fraͤulein in ihren Betrachtungen nicht ſtoͤren, mein Herr Leben ſie wohl, Herr Lovelace Nicht weiter, ich bitte ſie.

Endlich fuhr ſie zuſammen, und ſeufzete Wollen ſie weggehen, Herr Capitain.

Capit. Ja, gnaͤdige Fraͤulein. Es wuͤrde mir ein Vergnuͤgen geweſen ſeyn, ihnen zu die - nen. Aber ich ſehe, es ſteht nicht in meiner Ge - walt.

Sie ſtund auf und ſtreckte die eine Hand mit unnachahmlicher Anſtaͤndigkeit und Anmuth vor ſich aus Es iſt mir leid, mein Herr, daß ſie ſchon weggehen wollen Jch kann nicht hel - fen Jch habe keinen Freund, bey dem ich mich Raths erholen koͤnnte Herr Lovelace hat die Kunſt, oder das Gluͤck, wie ich es viel - leicht nennen ſollte, ſich viele zu machen. Wohlan, mein Herr Wenn ſie gehen wollen: ſo kann ich nicht helfen.

Capit. Jch will nicht gehen, gnaͤdige Fraͤu - lein das ſagte er mit blinzenden Augen: die Menſchheit uͤberfiel ihn wieder. Jch will nicht gehen: wo meine fernere Gegenwart ihnen entweder zum Dienſt oder zum Vergnuͤgen ge - reichen kann. Was hatten ſie, mein Herr; er wandte ſich zu mir; was hatten ſie fuͤr einen Vorſchlag, Herr Lovelace? Vielleicht iſt noch ein Mittel uͤbrig, gnaͤdige Fraͤulein

Sie ſeufzete und ſchwieg ſtille.

O Rache, rief ich bey mir ſelbſt, befe - ſtige deinen Thron in meinem Herzen D d 4Wo424Wo die unrechtmaͤßige Beherrſcherinn, die Liebe, dich noch einmal von demſelben ver - treibet: ſo wirſt du niemals wieder zum Beſitze gelangen.

Lovel. Was mir eingefallen, was ich vor - zuſchlagen willens war; dabey ſeufzete ich; war dieſes, daß die liebenswuͤrdigſte Fraͤulein, wo ſie mir ja nicht vergeben will, wie ſie doch verſprochen hat, ihr Misvergnuͤgen gegen mich ſo lange aufheben moͤchte, bis die Lady Eliſabeth an - kommt. Dieſe mag die Mittelsperſon zwi - ſchen uns ſeyn. Meine allerliebſte Fraͤulein mag ſich in ihren Schutz begeben und mit ihr zu ih - rem Gut in Oxfordſchire reiſen. Es iſt eine von den Abſichten der Lady, daß ſie ihre neue Baſe, wie ſie glaubet, dahin vermoͤgen will, mit ihr hin - unter zu kommen. Es kann inzwiſchen ein je - der, außer der Lady Eliſabeth, ihnen, Herr Capi - tain, und ihrem Freunde Herrn Harlowe, wie er es haben will, in den Gedanken gelaſſen werden, daß wir ſchon ſeit einiger Zeit vermaͤhlet ſind. Wenn die Fraͤulein bey meinen Anverwandten iſt: ſo wird das dem Herrn Jacob Harlowe zu einem Beweiſe dienen, daß wir es wirklich ſind. Alsdenn kann unſere Vermaͤhlung in geheim und nach meiner Geliebten Gutbefinden vollzogen, und ihre Erzaͤhlung, Herr Capitain, wahr gemachet werden.

Capit. Bey meiner Ehre, gnaͤdige Fraͤu - lein; er ſchlug an ſeine Bruſt; ein unver -gleich -425gleichlicher Vorſchlag! Dadurch wird alles zum erwuͤnſchten Zweck zu bringen ſeyn.

Sie war in Gedanken. Sie wußte ſich nicht herauszuhelfen. Endlich ſagte ſie: Gott regiere mich! Jch weiß nicht, was ich thun ſoll. Ein junges Frauenzimmer ohne Freunde! Wen habe ich, mit dem ich mich be - rathſchlagen koͤnnte? Erlauben ſie mir, daß ich in mein Zimmer gehe, wo ich gehen kann.

Sie ging hierauf mit langſamen und beben - den Fuͤßen in ihre Kammer hinauf.

Um des Himmels willen, ſagte der weichher - zige Kerl mit aufgehobenen Haͤnden, um des Himmels willen, haben ſie Mitleiden mit dieſer bewundernswuͤrdigen Fraͤulein. Jch kann nicht weiter gehen Jch kann nicht weiter gehen Sie verdienet alles

Sachte! verfluchter Kerl! Die Weibsleute kommen herein.

Er verſchluckte ſeine Klage wandte ſich um huſtete einen maͤnnlichern Ton auf Wiſche deine verfluchten Augen aus Er that es. Der Sonnenſchein zeigte ſich an der einen Wange und breitete ſich langſam auch uͤber die andere aus. Darauf hatte er ſein ganzes Geſicht wieder.

Die Weibsleute kamen alle drey herein, und wurden von der ewig neugierigen Jungfer Raw - lins aufgefuͤhret. Jch erzaͤhlte ihnen, daß die Fraͤulein hinauf gegangen waͤre, alles zu uͤberle - gen, und daß wir gute Hoffnung von ihr haͤtten. D d 5Wir426Wir machten ihnen von allem, was vorgegangen war, eine ſolche Vorſtellung, daß dadurch ent - weder ein verdeckter oder offenbarer Vorwurf der Haͤrte und uͤllertriebenen Bedenklichkeit auf die verkehrte Schoͤne fallen mußte.

Die Witwe Bevis inſonderheit ſteckte die ei - ne Lippe aus, warf den Kopf in die Hoͤhe, zog Runzeln an der Stirne, und machte ſolche Be - wegungen mit ihren bald aufgehobenen bald nie - dergeſchlagenen Augen, welche zu erkennen ga - ben, daß ſie dachte, die Fraͤulein haͤtte nicht we - nig verkehrtes und gezwungenes an ſich. Bis - weilen verwandelte ſie ihre tadelſuͤchtigen Blicke in mitleidige Blicke gegen mich Allein ſie moͤchte nicht gern etwas aͤrger machen, wie ſie ſagte. Eine klaͤgliche Sache, leyder Got - tes! Hierzu zuckte ſie die Achſeln Eine klaͤg - liche Sache, daß man einen ſolchen Umſchweif machet! Jhre Augen lachten herzlich Gelindigkeit und Nachſicht waͤre eine gute Sa - che! Liebe waͤre eine gute Sache. Aber zu viel waͤre zu viel.

Jungfer Rawlins nannte inzwiſchen die Witwe Bevis mit einem ſproͤden Laͤcheln eine Frau, die zu Luſtſpielen aufgelegt waͤre. Sie bezeugte, daß bey unſern Begebenheiten et - was ſeyn muͤßte, das ſie nicht ergruͤnden koͤnnte, ging von uns in eine Ecke und ſetzte ſich nieder, voll Verdruß, wie es ſchien, daß ſie es nicht konnte.

Der427

Der ſechs und zwanzigſte Brief. Eine Fortſetzung des vorhergehenden von Herrn Lovelace.

Da die Fraͤulein laͤnger oben blieb, als wir wuͤnſchten; und wir vermutheten, daß ſie etwa nach Frauenzimmer Art, nur auf eine Ein - ladung wartete, wieder zu uns zu kommen: ſo bat ich die Witwe Bevis, ſie im Namen des Ca - pitains, der wiederum zur Stadt zuruͤckzukehren genoͤthigt wuͤrde, um die Ehre ihrer Geſellſchaft zu erſuchen.

Jch wollte weder die Jungfer Rawlins noch die Frau Moore mit dieſem Antrage hinauf ſchi - cken: damit meine Geliebte nicht etwa Luſt ha - ben moͤchte, ihre Umſtaͤnde zu erzaͤhlen; ſon - derlich da ſie ſich hatte merken laſſen, daß ſie ſich auf der Jungfer Rawlins Entſcheidung berufen wollte, die ohne das eine ſo unmaͤßige Neube - gierde hat.

Frau Bevis kam alſobald mit der Antwort zuruͤck, daß die Fraͤulein ihr zu uns herunter folgen wollte, und winkte und blinzte mir zu. Jungfer Rawlins mußte nothwendig, wie die an - dern, bereit ſeyn abzutreten. Jnzwiſchen gaben ihre Augen zu verſtehen, daß ſie lieber da geblie - ben waͤre. Weil aber dieſe nicht ſolche Gegen -blicke428blicke bekamen, als ſie zu wuͤnſchen ſchien: ſo ging ſie mit den uͤbrigen, jedoch mit langſamern Tritten. Kaum war ſie aus dem Saal: ſo kam die Fraͤulein zur andern Thuͤr herein mit einem traurig erhabenen Weſen in ihrer Perſon und ihren Minen.

Sie ſetzte ſich nieder. Seyn ſie ſo guͤtig, Herr Tomlinſon, und ſetzen ſich. Er nahm ſei - nen Platz gegen ihr uͤber. Jch aber ſtund hin - ter ihrem Stuhl, damit ich ihm die verabrede - ten Zeichen geben koͤnnte, wenn es noͤthig ſeyn ſollte.

Es war auf folgende Art ausgemacht. Ein Wink mit dem linken Auge bedeutete: Treiben ſie den Punkt weiter, Herr Capitain.

Ein Wink mit dem rechten Auge und dem Kopfe zeigte meinen Beyfall zu dem, was er geſagt hat.

Wenn ich meinen Vorderfinger in die Hoͤhe hielte und mir auf die Lippen biß: ſo hieß das ſo viel: laſſen ſie das, ſo geſchwinde als moͤg - lich iſt, fahren.

Ein gerader Wink mit dem Kopf und ein ſaures Geſicht bedeutete: Schweren ſie dazu, Herr Capitain.

Die ausgebreitete Hand war eine Warnung, ſich in Acht zu nehmen, daß er von dem be - ſondern Stuͤcke nicht zu viel ſagte.

Und alle dieſe Bewegungen, auch die mit der Hand, konnte ich machen, ohne den Arm aufzu - heben oder das Gelenke hinten an der Hand zubewe -429bewegen; wenn die Weibsleute zugegen geweſen waͤren: ich wußte aber nicht anders, als daß ſie gegenwaͤrtig ſeyn wuͤrden, da ich dieſe Abrede nahm.

Eine runzlichte Stirn und ein ſteifer Wink mit dem Kopfe war ein Befehl, unwillig zu werden.

Die Fraͤulein huſtete Daher wollte ich anfangen zu reden, um ihr die vermeynte Ver - wirrung zu erſparen. Allein dieß Frauenzimmer weiß ſich allemal in Geſchwindigkeit zu finden, wenn entweder ihre Ehre oder der ihr ſelbſt be - wußte Vorzug, der ſie von allen mir jemals be - kannten Weibsperſonen unterſcheidet, ein gegen - waͤrtiges Gemuͤth erfordert.

Jch habe alles, ſagte ſie, was vorgefallen iſt, ſo wohl uͤberleget, als ich im Stande geweſen bin. Jch habe alles, was geſagt iſt, und auch meine ungluͤcklichen Umſtaͤnde, uͤberleget. Jch denke nichts Boͤſes, ich wuͤnſche auch keiner le - bendigen Seele etwas Boͤſes, Herr Tomlinſon. Jch habe mir allezeit ein Vergnuͤgen daraus ge - macht, ſo gar bisweilen von uͤbelgearteten Ge - muͤthern, wie der Erfolg gezeiget hat, lieber vor - theilhafte als nachtheilige Schluͤſſe zu machen. Die Tadelſucht iſt nicht ein natuͤrlicher Fehler von mir: was ich auch fuͤr Fehler haben mag. Aber nach den Umſtaͤnden, worunter ich bin, nach der Begegnung, die mir widerfahren iſt, nach der ſchimpflichen Begegnung von einem Meu -ſchen,430ſchen, der den Kopf voller Raͤnke hat, und ſich damit ruͤhmet

Lovel. Mein liebſtes Leben! Jedoch ich will ſie nicht ſtoͤren.

Cl. Nach einer ſolchen Begegnung muß ich billig zweifeln. Es liegt meine Ehre daran, daß ich zweifele, daß ich in Furcht, daß ich in Sorge ſtehe. Jhre Vermittelung, mein Herr, kommt ſo bequem, iſt ſo guͤnſtig fuͤr dieſen Men - ſchen Meines Onkels Vorſchlag, der erſte, wie ich glaube, von ſolcher Art, woran er jemals gedacht hat, da er ein aufrichtiger, ehrlicher, wohl - geſinnter Mann iſt, der keine ſolche Auswege lie - bet Jhre Erzaͤhlung, die ſich auf dieſen Vor - ſchlag beziehet Die Folgen dieſer Erzaͤhlung; die Beunruhigung meines Bruders; ſein uͤber - eilter Schluß, den er desfalls gefaſſet hat Die Unruhe, welche ſich die Lady Eliſabeth und die uͤbrigen Anverwandten des Herrn Lovelace daruͤber gemacht haben Die unerwarteten Briefe, die deswegen an ihn geſchrieben und nebſt ihrem mir von ihm gezeiget ſind Alles Ceremoniel, unter Perſonen, die zu Beobach - tung des Ceremoniels gebohren ſind, und ein Recht haben ſich auf die Vorzuͤge ihres Ver - ſtandes uͤber andere zu ſetzen Alle dieſe Dinge haben ſich ſo geſchwinde und einige davon zu ſo gelegener Zeit zugetragen

Lovel. Die Lady Eliſabeth, wie ſie ſehen, gnaͤdige Fraͤulein, erklaͤret ſich ja ſelbſt in ihrem Briefe, daß ſie ſich an die kleinen Umſtaͤnde,welche431welche der Wohlſtand eingefuͤhret hat, aus Hoͤf - lichkeit gegen ſie nicht binden wolle. Die Fraͤu - lein Charlotte bezeuget eben das in ihrem Schrei - ben, und fuͤhret eben die Urſache an. Lieber Himmel! ſollte die Hochachtung, welche ihnen meine Anverwandten zu bezeigen ſuchen, die ſonſt in allen andern Faͤllen die kleinen Umſtaͤn - de des aͤußerlichen Wohlſtandes wirklich genau beobachten, ſo ausgeleget werden! Sie haben ſich gefreuet, gnaͤdige Fraͤulein, daß ſie eine be - queme Gelegenheit haͤtten, auf meine Koſten ih - nen Hoͤflichkeiten zu beweiſen. Ein jeder von meinen Angehoͤrigen macht ſich ein Vergnuͤgen daraus, mir etwas anzuhaben Allein ihre Freude bey der vermeynten Gelegenheit

Cl. Kann ich wohl zweifeln, mein Herr, daß ſie nicht etwas zu ſagen haben ſollten, alles, was ſie zu thun dienlich achten, zu rechtfertigen? Jch rede mit dem Capitain Tomlinſon, mein Herr Jch wollte wuͤnſchen, daß ſie ſich be - lieben ließen, wegzugehen wenigſtens hinter meinem Stuhl hervorzukommen.

Sie ſahe hierbey den Capitain an. Son - der Zweifel merkte ſie, daß ſeine Augen von mei - nen Verhaltungsbefehle einzuholen ſchienen.

Ein ſchoͤnes Paar, beym Jupiter!

Der Capitain gerieth in Verwirrung. Der Hund hatte wohl in zehn Jahren keine ſolche Farbe im Geſichte gehabt. Jch zerbiß mir vor Verdruß die Lippen, ging in den Zimmer herum, nahm aber doch meinen vorigen Platz wiederein,432ein, und winkte dem Capitain mit meinen Augen, daß er mehr auf ſeine Achtung geben ſollte. Hiernaͤchſt runzelte ich die Stirn und gab ihm den ſteifen Wink mit dem Kopfe. Das war ſo gut, als wenn ich ſagte: Nehmen ſie das uͤbel, Herr Capitain.

Capit. Jch hoffe, gnaͤdige Fraͤulein, ſie wer - den keinen Verdacht haben, daß ich im Stande ſeyn ſollte

Cl. Werden ſie nicht unwillig uͤber mich, Herr Capitain Tomlinſon. Jch habe ihnen ſchon geſagt, daß ich nicht von argwoͤhniſcher Gemuͤths - art bin. Entſchuldigen ſie mich um meiner Auf - richtigkeit willen. Es iſt kein aufrichtigers Herz in der Welt, das kann ich kuͤhnlich ſagen, als das - jenige, welches ſie vor ſich ſehen.

Sie zog ihr Schnupftuch heraus und hielte es an ihren Augen.

Jch wollte eben den Augenblick ihrem Bey - ſpiele folgen und die Ehrlichkeit meines Herzens betheuren: aber mein Gewiſſen ſpielte mit mir, wie des Mennells Gewiſſen mit ihm geſpielt hatte, und wollte die Betheurung, welche ich im Sinne hatte, nicht uͤber die Lippen kommen laſ - ſen. Eine verteufelte Sache, dachte ich, fuͤr einen Menſchen, daß er ſich ſo wenig in ſei - ner Gewalt hat, wenn er ſeiner am meiſten be - darf!

Der Bube, Tomlinſon, ſahe mich ſo klaͤglich an, als wenn er um Erlaubniß baͤte, uͤber Geſell - ſchaft zu rufen. Es moͤchte faſt eben ſo gut geweſenſeyn:433ſeyn: wenn er gerufen haͤtte. Ein empfindli - ches Herz, oder die Zeichen davon, welche durch ein redendes Auge gegeben werden, ſind ſehr ſchaͤtzbare Dinge, wenn ſie bey einer ſolchen Ge - legeuheit in gehoͤrigen Schranken gehalten werden.

Hier muß ich dir frey meine Schwaͤche geſte - hen. Wohl zwanzig mal ſagte ich waͤhrend die - ſer pruͤfenden Unterredung bey mir ſelbſt, daß ich von Anfang aufrichtig und ehrlich geweſen ſeyn wollte, wenn ich mir haͤtte vorſtellen koͤnnen, daß ich alle dieſe Unruhe haben und alle dieſe Schuld auf mich laden ſollte. Aber warum, fragte ich, iſt dieß werthe Kind ſo liebenswuͤrdig? und doch ſo unuͤberwindlich? Haſt du wohl jemals gehoͤret, daß die Mayblumen im Chriſtmonat gebluͤhet haben?

Capit. Haben ſie die Gewogenheit ha - ben ſie die Gewogenheit, gnaͤdige Fraͤulein wo ſie an meiner Ehre zweifeln

Ein altes Klageweib! Er ſollte recht gering gethan haben Warum hatte ich ihm ſonſt den ſteifen Wink gegeben? Er ſollte ans Fenſter gegangen ſeyn, als wenn er ſeine Peitſche und ſei - nen Hut nehmen wollte.

Cl. Jch mache nur ſolche Anmerkungen, als meine Jugend, meine Unerfahrenheit und meine gegenwaͤrtigen ungluͤcklichen Umſtaͤnde mir an die Hand geben Ein rechtſchaffenes Herz; das, hoffe ich, hat Capitain Tomlinſon; darf ſich vor keiner Unterſuchung fuͤrchten darfFuͤnfter Theil. E eſich434ſich nicht ſcheuen, daß jemand in daſſelbe hinein - ſchaue Was fuͤr Zweifel dieſer Menſch, der ſelbſt an meinen Fehlern ſchuld iſt, und, nach dem Fluch meines ſtrengen Vaters, ſelbſt die von ihm verurſachten Fehler an mir beſtrafet, auch immer gegen mich und gegen meine Ehre gehabt haben moͤchte: ſo wollte ich ihm vergeben haben; wenn er ſie mir frey entdecket haͤtte. Denn er moͤchte vielleicht an der kuͤnftigen Auffuͤhrung eines Frauenzimmers, das er hatte verleiten koͤnnen, gegen das Verbot ihrer Eltern und ihre eigne Ueberzeugung, mit ihm Briefwechſel und Gemein - ſchaft zu unterhalten, einige Zweifel geheget ha - ben. Haͤtte er mir ſie nur als ein rechtſchaffener Mann und Cavallier eroͤffnet: ſo wuͤrde ich mich gefreuet haben, daß ich eine bequeme Gelegenheit bekommen, meine Abſichten in ihrer Unſchuld dar - zuſtellen, und das Recht, warum er eine gute Meynung von mir haben muͤßte, zu zeigen. Und ich hoffe, ſie, mein Herr

Capit. Jch bin bereit, gnaͤdige Fraͤulein, alle ihre Zweifel zu hoͤren und zu heben

Cl. Jch kann es ihnen, mein Herr, bloß auf ihr Gewiſſen und auf ihre Ehre anheimſtel - len

Der Hund konnte nicht ruhig ſitzen; er ruͤck - te beſtaͤndig mit den Fuͤßen. Sie hatte ihr Au - ge unverwandt auf ihn gerichtet: er fuͤrchtete ſich daher, nachdem er einmal angelaufen war, mich anzuſehen und meine Bewegungen zu bemerken. Bald wandte er ſeine Augen zu mir; bald vonmir:435mir: als wenn er ſeine eigne Blicke, einen durch den andern, aufheben wollte. Der Kopf ging ihm, wie ein Wetterhahn bey einem Sturm - winde.

Cl. ob alles wahr iſt, was ſie mir ge - ſchrieben und geſagt haben.

Jch gab ihm einen geraden Wink und mach - te ein ſaures Geſicht. Das hieß ſo viel: Schwe - ren ſie dazu, Herr Capitain, Aber der Lum - penhund richtete ſich nicht ſo vollkommen dar - nach, als ich wuͤnſchte. Jedoch bekraͤftigte er, daß es wahr waͤre.

Er haͤtte gehoffet, ſagte er, daß die Umſtaͤnde bey dem, was ihm aufgetragen waͤre, und ſelbſt dasjenige, was er ihr eroͤffnet haͤtte, und er von keinem, als allein von ſeinem werthen Freunde, ihrem Onkel, wiſſen koͤnnte, ihn ſo gar vor allem Schatten eines Verdachts in Sicherheit geſetzt haben wuͤrde Aber ich bin zufrieden, fuhr er nicht ohne Stottern fort, daß ſie von mir geden - ken daß ſie von mir gedenken was was ihnen beliebet, bis bis ſie uͤberzeu - get ſind

Ein Baſtart!

Cl. Die Umſtaͤnde, worauf ſie ſich beziehen, ich muß es geſtehen, ſollten ſie billig von allem Verdachte frey machen Aber der Menſch, den ſie vor ſich ſehen, iſt von ſolcher Art, daß er auch einen Engel verdaͤchtig machen wuͤrde, wenn er ihm das Wort reden ſollte.

E e 2Jch436

Jch kam hinter dem Stuhle hervor, ging queer durch das Zimmer und empfand in der That eine blutduͤrſtige Regung Jch habe keine Geduld mehr, gnaͤdige Fraͤulein Da - bey zerbiß ich wieder meine unberedten Lippen.

Cl. Kein Menſch muß uͤber Beſchuldigun - gen ungeduldig werden, die er ſich nicht ſchaͤmet zu verdienen. Ein Unſchuldiger wird ſich nicht ungehalten beweiſen: wenn ihm dergleichen beygemeſſen wird. Ein Schuldiger aber muß es nicht thun. Wie vortrefflich, Bruder, wuͤrde dieß reizende Kind mit meinem Lord M. in Spruͤchen reden! Jedoch es iſt itzo meine Sache nicht, mein Herr, ſie uͤber ihre Verdienſte zu einem Verhoͤr zu fordern. Es iſt mir nur leid, daß ich gezwungen bin, dieſem weit recht - ſchaffenern Cavallier Fragen vorzulegen, die ich ihm vielleicht, ſo weit ſie ihn ſelbſt angehen, nicht vorlegen muͤßte. Jch hoffe, Herr Ca - pitain Tomlinſon, daß ſie, welche den Herrn Lo - velace nicht ſo gut kennen, als ich ihn zu meinem Ungluͤcke kennen gelernet habe, ſie, welche ſelbſt Kinder haben, ein armes junges Frauenzimmer entſchuldigen werden: ein junges Frauenzimmer, das alles anſtaͤndigen Schutzes beraubet, und durch den argliſtigſten Menſchen von der Welt, ja vielleicht gar durch eine Bande von ſeinen Mitgeſellen, ſchimpflich beleidiget und in Gefahr geſtuͤrzet iſt.

Hier hielte ſie inne, ſtand auf und ſahe mich an. Jedoch war ihr Zorn offenbar mit Furchtver -437vermiſchet. Und das mußte ſeyn. Jch freuete mich bey dem allen uͤber dieſes elende Zeichen der Liebe Niemand fuͤrchtet ſich vor einem, den er nicht achtet.

Jch hatte ſchon im Munde, zu ſagen, daß Weiber-Zungen alle Freyheit zu ſchwatzen haͤt - ten. Allein mein Gewiſſen wollte mir nicht zu - laſſen, ſie ein Weib zu nennen, oder eine ſo ge - meine Redensart gegen ſie zu gebrauchen. Jch konnte nichts mehr thun, als durch meine Be - wegungen toben, meine Augen aufheben, meine Haͤnde ausbreiten, mein Geſicht zerreiben, meine Perucke zerren und wie ein Narr ausſehen. Jn Wahrheit hatte ich einen guten Anſatz raſend zu werden. Waͤre ich allein geweſen: ſo wuͤrde ich es geworden ſeyn, und ſie ſollte die Folgen davon empfunden haben.

Der Capitain ſchlug ſich fuͤr mich ins Mit - tel: jedoch ſehr gelinde, und ſo furchtſam als ein Menſch, der nicht vollkommen verſichert waͤre, ob er ſelbſt frey geſprochen wuͤrde. Er drang von neuem auf einige derer Vorſtellungen, die wir ſchon gethan hatten und ſprach ganz lei - ſe Der arme Cavallier! ſagte er. Wer ſollte wohl nicht Mitleiden mit ihm haben! Jn der That, gnaͤdige Fraͤulein, bey allen ſeinen Fehlern iſt doch leicht zu ſehen, was ſie fuͤr Ge - walt uͤber ihn haben.

Cl. Es iſt mir gar kein Vergnuͤgen, mein Herr, jemand ungluͤcklich zu machen auch ſo gar ihn nicht, da er mich doch in das aͤußerſteE e 3Un -438Ungluͤck geſtuͤrzet hat. Allein, wenn ich denke, und wenn ich ihn vor mir ſehe: ſo kann ich mich nicht halten. Wahrlich, wahrlich, Herr Ca - pitain, Herr Lovelace hat gegen mich weder als ein dankbarer, ein edelmuͤthiger, noch als ein klu - ger Mann gehandelt! Er kennet den Werth desjenigen Herzens nicht, wie ich ihm ſchon ge - ſtern geſagt habe, welches er ſo ſchimpflich belei - diget hat!

Hiemit brach das Engelskind ab und hielte das Schnupftuch an den Augen.

O Belford, Belford! Sollte es wohl ertraͤg - lich ſeyn, ſie ſo weit uͤber mich erhaben zu ſehen, daß ſie mich bisweilen in meinen eignen Gedan - ken zu einem Boͤſewicht machte!

Jch bat ſie um Verzeihung. Jch verſprach, meine ganze Bemuͤhung ſollte Lebenslang dahin gehen, daß ich dieſelbe verdienen moͤchte. Mei - ne Fehler moͤchten ſeyn, was ſie wollten: ſo waͤ - ren ſie doch vielmehr Fehler in ihren Gedan - ken als in der That. Jch bat, ſie moͤchte ſich den Vorſchlag gefallen laſſen, den ich angegeben haͤtte. Jch wiederholte ihn noch einmal. Der Capitain verſtaͤrkte meine Partey und drang eben darauf, um ihres Onkels willen. Jch bat noch einmal um der allgemeinen Ausſoͤhnung willen, um meiner ganzen Familie willen, um dieß zu vermeidenden Ungluͤcks willen, das ſonſt entſtehen koͤnnte.

Sie weinte. Sie ſchien unſchluͤßig. Sie wandte ſich von mir. Jch erwaͤhnte des Brie -fes439fes von dem Lord M. Jch bat, ſie moͤchte doch alle unſere Mishelligkeiten auf die Vermittelung der Lady Eliſabeth ankommen laſſen: wo ſie mir nicht vergeben wollte, ehe ſie dieſelbe ſpraͤche.

Sie wandte ſich zu mir. Sie hatte etwas auf der Zunge: aber ihr Herz war voll. Sie kehrte ihr Geſicht wieder von mir. Endlich wandte ſie daſſelbe halb zu mir, mit dem Schnupf - tuche an den Augen, und fing an zu reden. Erwarten ſie wirklich und in der That, die Lady Eliſabeth und Fraͤulein Montague? Und meynen ſie Da brach ſie wieder ab.

Jch antwortete auf eine feyerliche Weiſe.

Sie kehrte darauf ihr ganzes Geſicht von mir, hielte eine Zeitlang inne und ſchien ſich zu beſtimmen. Bald aber wandte ſie ſich in einem heftigen Tone wieder zu mir. O wie ſchwer, Bruder, wie ſchwer wird es einem Harlowiſchen Kopfe, zu vergeben. Die Lady mag kom - men, wenn es ihr beliebt, ſprach ſie Jch kann nicht, ich kann nicht wuͤnſchen, ſie zu ſpre - chen Und wo ſie ihnen das Wort redet, kann ich auch nicht wuͤnſchen, ſie zu hoͤren. Je mehr ich denke: deſto weniger kann ich ein Unterneh - men vergeben, wovon ich verſichert bin, daß es auf meinen Untergang gezielet. Ein verzwei - felt hartes Wort, Bruder! geſetzt, ſie haͤtte Recht. Was iſt in meiner Auffuͤhrung zu finden geweſen, wodurch ich einen Schimpf von der Art, daß es eine Schwachheit ſeyn wuͤr - de, ihn zu vergeben, verdient haben moͤchte? E e 4Jch440Jch bin in meinen eignen Augen gefallen. Und wie kann ich einen Beſuch annehmen, der mich noch mehr erniedrigen muß?

Der Capitain drang noch eifriger, als zuvor, in ſie zu meinem Vortheil. Wir beyde ſchrien ſo gar, wie ich ſagen mag, um Gnade und Ver - gebung. Haſt du niemals die guten Leute ſchwa - tzen gehoͤret, den Himmel durch Sturm einzu - nehmen? Es ward noch einmal ein Be - kenntniß der Reue abgelegt eine gaͤnzliche Beſſerung verſprochen der gluͤckliche Vorſchlag wieder auf die Bahn gebracht und angeprieſen.

Cl. Jch habe meine Maaßregeln genom - men. Jch bin zu weit gegangen, daß ich zuruͤ - cke ziehen koͤnnte, oder zuruͤck zu ziehen wuͤnſchen moͤchte. Mein Gemuͤth iſt ſchon zu Widerwaͤr - tigkeiten vorbereitet. Es iſt mein Troſt, daß ich die traurigen Schickſale, welche mir begegnet ſind, nicht verdienet habe. Jch habe an die Fraͤulein Ho - we geſchrieben, was ich zu thun willens ſey. Mein Herz iſt nicht mit ihnen: es iſt wider ſie, Herr Lovelace. Haͤtte ich mich nicht feſt ent - ſchloſſen, ihnen auf ewig zu entſagen; es moͤchte mir gehen, wie es wollte: ſo wuͤrde ich in dem Briefe, den ich hinter mir zuruͤckgelaſſen, nicht ſo geſchrieben haben, als ich gethan habe.

Nun war ich voller Hoffnung. So hart auch ihre Ausdruͤckungen waren: ſo ſahe ich doch, daß ſie ſich fuͤrchtete, ich moͤchte an das, was ſie geſchrieben hatte, gedenken. Und in der That, ihr Brief iſt lauter Galle. Zornige Leute,Bruder,441Bruder, ſollten niemals ſchreiben, ſo lange ihre Hitze dauret.

Lov. Die Haͤrte, gnaͤdige Fraͤulein, welche ſie mir entweder ſchriftlich oder muͤndlich bewie - ſen haben, ſoll niemals anders, als fuͤr ihre Eh - re, in meinem Angedenken ſeyn. So wie ſie die Sachen angeſehen haben, iſt alles verſchuldet, und bloß eine natuͤrliche Folge von einer tugend - haften Empfindlichkeit. Jch verehre ſie als an - betenswuͤrdig, ſelbſt um der Schmerzen willen, die ſie mir verurſachet haben.

Sie ſchwieg ſtille. Sie hatte mit ihrem Schnupftuche an den Augen genug zu thun.

Lovel. Sie klagen bisweilen, daß ſie keine Freundinnen haben, mit denen ſie zu Rathe ge - hen koͤnnen Jungfer Rawlins, muß ich geſte - hen, iſt zu neubegierig, daß man ihr etwas ver - trauen koͤnnte. Es gefiel mir nicht, wie du leicht denken kannſt, daß ſie ſich vorher auf den Ausſpruch der Jungfer Rawlins berufen hatte Sie mag es vielleicht gut meynen. Aber ich habe doch in meinem Leben keine Perſon gekannt, die ſo begierig geweſen in anderer Leute Geheimniſſe zu ſchauen, auf welche man ſich haͤt - te verlaſſen koͤnnen. Die Neubegierde ſolcher Leute wird von einem Ehrgeize regieret, der ſich nicht anders befriedigen laͤßt, als wenn ſie das Geheimniß ſo lange durch Ohrenblaſen herum - tragen, bis es oͤffentlich bekannt wird, damit ſie entweder ihr wichtiges Anſehen bey andern oder ihre Scharfſinnigkeit zeigen. So iſt es in allenE e 5Faͤllen.442Faͤllen. Welche Manns - oder Weibsperſon, die nach Gewalt oder Reichthum ſtrebet, ſtrebet deswegen darnach, daß ſie es recht gebrauchen moͤge? Aber auf die Frauenzimmer von mei - ner Familie koͤnnen ſie ſich verlaſſen. Sie hal - ten es ſich fuͤr eine Ehre, von ihnen ſo, wie von ſich ſelbſt zu gedenken. Erneuren ſie nur ihre Einwilligung, daß ſie, um des von ihrem Onkel geſchehenen Vorſchlags willen, und damit Un - gluͤck verhuͤtet werde, bey der Welt fuͤr eine Fraͤu - lein angeſehen werden, die ſchon einige Zeit ver - heyrathet iſt. Die Lady Eliſabeth mag die reine Wahrheit erfahren. Sie koͤnnen ihr Geſellſchaft leiſten, wie ſie ſich Hoffnung macht, und mit ihr zu ihrem Gute fahren. Und wenn es ſo ſeyn muß: ſo moͤgen ſie mich unterdeſſen als einen Menſchen anſehen, der in einem Stande der Buße oder der Pruͤfung ſtehet, daß ich angenom - men oder verworfen werde, wie ich es zu verdie - nen ſcheine.

Der Capitain ſchlug wieder an ſeine Bruſt und betheuerte auf ſeine Ehre, daß dieß ein Vor - ſchlag waͤre, den er nicht anders als zu ſeinem groͤßten Leidweſen ausgeſchlagen ſehen wuͤrde: wenn es ſeine eigne Tochter anginge, und ſie nicht geſonnen waͤre, die Vermaͤhlung alſobald voll - ziehen zu laſſen; welches er doch fuͤr weit beſſer hielte.

Cl. Waͤre ich bey den Anverwandten des Herrn Lovelace, und wuͤrde vor der Welt als ſei - ne Gemahlinn angeſehen: ſo haͤtte ich nichtsmehr443mehr zu waͤhlen. Wie konnte er auch alsdenn in einem Stande der Pruͤfung ſtehen? O, Herr Tomlinſon, ſie ſind ein zu großer Freund von ihm, daß ſie in ſeine eigentlichen Abſichten hin - ein ſchauen koͤnnten.

Capit. Jch bin ſein Freund, das habe ich ſchon zuvor geſaget, gnaͤdige Fraͤulein, wie ich ihr und ihres Onkels Freund bin, damit eine allgemeine Ausſoͤhnung erhalten werde. Dieſe muß nothwendig mit einem beſſern Verſtaͤndniſſe zwiſchen ihnen beyden den Anfang nehmen.

Lovel. Entſchließen ſie ſich nur, mein aller - liebſtes Leben, auf die Ankunft und den Beſuch der Lady Eliſabeth zu warten. Erlauben ſie ihr, unſere Sache zu entſcheiden.

Capit. Das kann ihnen nicht nachtheilig ſeyn, gnaͤdige Fraͤulein. Sie koͤnnen keine Un - gelegenheit davon haben. Wenn die Beleidi - gung, welche Herr Lovelace verurſachet hat, von ſolcher Beſchaffenheit iſt, daß ein Frauenzimmer von dem Charakter der Lady ſie fuͤr unverzeihlich haͤlt: wohlan ſo

Cl. Sie fiel ihm in die Rede und wand - te ſich zu mir. Wenn ſie ſich mir nicht auf - dringen wollen, mein Herr wenn ich mein eigen bin; wie ich billig ſeyn muß: ſo will ich in dieſem ehrlichen Hauſe; dabey ſchoß ein Au - genſtrahl, wie es der Capitain nennet, als ein Blitz auf mich zu; ſo lange bleiben, bis ich einen Brief von der Fraͤulein Howe bekommen. Das, hoffe ich, wird in einem oder zween Tagen geſche -hen.444hen. Wo unterdeſſen die Lady und die Fraͤulein kommen, welche ſie erwarten; und das arme Frauenzimmer ſprechen wollen, das ſie ungluͤck - lich gemacht haben: ſo werde ich wiſſen, ob ich ihren Beſuch annehmen kann oder nicht.

Sie wandte ſich hierauf in Geſchwindigkeit zur Thuͤre, ging fort, und die Treppen hinauf zu ihrer Kammer.

O mein Herr, fing der Capitain an, ſo bald ſie weggegangen war, was fuͤr ein Engel von ei - nem Frauenzimmer iſt dieſe Fraͤulein! Jch bin ein recht gottloſer Menſch geweſen und bin es noch Aber wenn durch mein Verſchul - den dieſer unvergleichlichen Fraͤulein etwas boͤſes widerfahren ſollte: ſo werde ich mehr Urſache ha - ben, mir desfalls ſelbſt Vorwuͤrfe zu machen, als wenn ich alle meine Suͤnden in meinem ganzen Leben zuſammen naͤhme.

Seine Augen glaͤnzten ſchon.

Es kann ihr nichts boͤſes widerfahren: du machſt dir unnoͤthige Sorge. Was kann ihr boͤſes widerfahren? Muͤſſen wir unſere Vorſtellung von Dingen nach den romanenmaͤſ - ſigen Begriffen eines Maͤgdchens einrichten, das nach ihrer Einbildung das geringſte Uebel fuͤr das groͤßte haͤlt? Habe ich dir nicht unſere ganze Geſchichte erzaͤhlet? Hat ſie ihr Verſprechen nicht gebrochen? Habe ich ihrer nicht großmuͤ - thig geſchonet, als ſie in meiner Gewalt war? Jch hielt mich in den Schranken des Wohlſtan - des: ob ich gleich ſolche Vortheile uͤber ſie hatte. Jch445Jch habe mir wohl in oͤffentlichen Geſellſchaften bey Frauenzimmern von Stande groͤßere Frey - heiten genommen: man hat nur daruͤber gelacht, und in meiner Gegenwart Halstuch und Kopf - zeug wieder in Ordnung gebracht und die Roͤcke wieder zu rechte geſchuͤttelt. Niemals hat ſich eine Mannsperſon in der Welt, unter derglei - chen Umſtaͤnden; bey einem ſolchen Vorſatze, als ich hatte; und ſo gereizet, als ich war, theils durch ihr Geſchlecht, theils durch die Triebe einer hefti - gen Leidenſchaft; ſo anſtaͤndig aufgefuͤhret. Was weiß ſie mir nun aber fuͤr Dank?

Dieſer erbaͤrmliche Kerl, Bruder, war wie - derum einer von der ungluͤcklichen Bande, wozu du ſelbſt gehoͤreſt. Seine Gruͤnde dienten nur mich in eben dem Vorſatze zu beſtaͤrken, welchen ich nach ſeiner Abſicht um derſelben willen aufge - ben ſollte. Haͤtte er mich mir ſelbſt und meiner natuͤrlichen Zaͤrtlichkeit, ſo geruͤhret, als ich da - mals war, da die Fraͤulein wegging, uͤberlaſſen, und ſich niedergeſetzt und verdriesliche Geſichter gemacht und nichts geſagt: ſo waͤre es gar leicht moͤglich geweſen, daß ich den Stuhl gegen ihm uͤber, wovon ſie aufgeſtanden war, genommen und auf eine halbe Stunde mit ihm gemeinſchaft - lich geheulet und geſchrien haͤtte. Aber daß der elende Kerl mit mir ſtreiter! Daß er ſich an - maßet einen Menſchen zu uͤberzeugen, der in ſeinem Herzen uͤberfuͤhrt iſt, daß er nicht recht thut! Er mußte ja nothwendig denken, daß mich dieſes reizen wuͤrde, zu verſuchen, was ichzu446zu meiner Vertheidigung ſagen koͤnnte. Und wenn die erweckte Regung des Gewiſſens ſich von dem Herzen auf die Lippen bringen laͤſſet: ſo muß ſie in Worte verrauchen.

Du wuͤrdeſt vielleicht, wenn du an dieſer Stelle geweſen waͤreſt, auf eben die Gruͤnde ge - drungen haben, worauf er drang. Was ich al - ſo ihm geantwortet habe, das laß auch dir geſaget ſeyn, und erſpare dir die Muͤhe, ein gutes Theil Un - ſinn zu ſchreiben, mir die Muͤhe, es zu leſen.

Capit. Sie haben die Guͤte gehabt mir zu erzaͤhlen, mein Herr, daß ſie ſich bloß vorgeſetzet haͤtten, ihre Tugend auf die Probe zu ſtellen, und daß ſie glaubten, ſie wuͤrden ſich wirklich mit ihr vermaͤhlen.

Lovel. Das werde ich thun: und kann nicht anders. Jch zweifle gar nicht, daß es geſchehen wird. Jſt ſie aber, was die Probe betrifft, itzo nicht auf der hoͤchſten Stuffe der Pruͤfung? Ha - be ich nicht Urſache zu denken, daß ſie herum - kommt? Laͤßt ſie nun nicht ſchon nach, in ihrem Unwillen uͤber einen Verſuch, von dem ſie denket, daß ſie ihn nicht vergeben muß? Thut ſie es: kann ſie denn auch den aͤußerſten Verſuch nicht wohl vergeben? Mit einem Worte kann ſie mehr uͤber denſelben zuͤrnen, als ſie uͤber dieſen ſchon gewagten Verſuch zuͤrnet? Die Weibsleute werden oft um ihrer ſelbſt willen den aͤußerſten Verſuch geheim halten: aber ſich groß zu machen, Goͤttern und Menſchen die Ohren mit ihrem Geſchrey uͤber eine fruchtloſeZu -447Zumuthung anfuͤllen. Es iſt eine Thorheit, ei - ne Schwachheit von mir geweſen, daß ich ihr nicht mehr Urſache zu dieſer ausſchweifenden Heftigkeit gegeben habe.

Capit. O mein Herr, ſie werden niemals im Stande ſeyn, dieſe Fraͤulein ohne Gewalt zu be - zwingen.

Lovel. Wohlan denn, einfaͤltiger Bube, muß ich mich nicht bemuͤhen, bequeme Zeit und Ort zu finden

Capit. Verzeihen ſie mir, mein Herr! Koͤn - nen ſie ſich wohl in den Sinn kommen laſſen, ei - nem ſo ſeinen und artigen Frauenzimmer Gewalt anzuthun?

Lovel. An Gewalt verabſcheue ich in der That zu gedenken. Warum, meyneſt du, habe ich mir ſo viele Muͤhe gemacht und ſo viele Per - ſonen in meine Sache eingeflochten? Warum anders, als zu vermeiden, daß kein gewaltſa - mer Zwang noͤthig waͤre? Bildeſt du dir aber deswegen ein, daß ich eine eigentliche Einwil - ligung von einer ſolchen Verehrerinn des aͤußer - lichen Wohlſtandes, wofuͤr dieſe Fraͤulein bekannt iſt, erwarte? Jch muß dir ſagen, Mc Donald, daß dein Meiſter Belford ſchon mit allen denen Gruͤnden worauf du beſteheſt, fuͤr deine Seite der Frage geſtritten hat. Bin ich denn dazu ver - dammt, daß ich das Gewiſſen eines jeden einfaͤl - tigen Kerls, ſo wohl als mein eignes, beruhigen ſoll? Bey meiner Seele, Patrick, ſie hat einen Freund hier; ich ſchlug an meine Bruſt;der448der mit groͤßerer und unwiderſprechlicherer Be - redtſamkeit das Wort fuͤr ſie fuͤhret, als alle Menſchen in der Welt fuͤr ſie reden koͤnnen. Und war ſie nicht von mir loßgekommen? Wie habe ich aber meine erſte Abſicht, ſie(*)Siehe den III Th. den XVII. Brief S. 177 u. f. und in ihr die Tugend der Allertugendhafteſten unter dem ſchoͤnen Geſchlechte auf die Probe zu ſtellen, ausgefuͤhret? Einfaͤltiger Bube, wollteſt du wohl verlangen, daß ich eine Probe, die zur Ehre eines Geſchlechtes gereicht, das wir alle ſo herz - lich lieben, aufgeben ſollte?

So haben ſie denn, mein Herr, keine Gedan - ken keine Gedanken er ſahe noch im - mer trauriger aus dieſe wundernswuͤrdige Fraͤulein zu heyrathen?

Ja, einfaͤltiger Knabe, ich habe allerdings die Gedanken. Aber ich muß erſt, meinen Stolz zu vergnuͤgen, ihren Stolz herunterbrin - gen. Jch muß ſehen, daß ſie mich ſtark genug liebet, mir um mein ſelbſt willen zu vergeben. Hat ſie ſich nicht kurz zuvor beklaget, daß ſie nicht in ihres Vaters Hauſe geblieben waͤre: da doch dir Folge davon, wenn ſie geblieben waͤre, nothwendig dieſe wuͤrde geweſen ſeyn, daß ſie des verhaßten Solmes Weib geworden waͤre? Sie - heſt du denn nicht, daß, wenn ſie ſich nun, die Meinige zu werden, bewegen laͤßt, bloß die Aus - ſoͤhnung mit ihren verfluchten Anverwand - ten, wie es allemal bey ihr geweſen iſt, nichtLiebe449Liebe zu mir, der Bewegungsgrund dazu ſey? Weder ihre Tugend noch ihre Liebe kann an - ders, als durch eine voͤllige Probe, durch die aͤu - ßerſte Probe, befeſtiget werden Bleibt aber ihr Widerſtand und ihr Unwillen ſo, wie ich bis - her Urſache zu vermuthen habe; und finde ich in dem Unwillen weniger Haß gegen mich als ge - gen die That: ſo ſoll ſie auf die Art, wie ſie es ſelbſt wuͤnſchet, die meinige ſeyn. Alsdenn will ich ſie heyrathen: ſo verhaßt mir auch das Le - ben in Feſſeln iſt.

Wohlan, mein Herr, ich kann nichts mehr ſagen, als daß ich nur wie eines Toͤpfers Tohn in ihren Haͤnden bin, alles aus mir zu bilden, was ihnen beliebt. Aber wenn, wie ich zuvor geſagt

Nichts von eurem zuvor geſagten. Jch weiß noch alles, was du geſagt haſt. Jch weiß auch alles, was du ferner ſagen kannſt. Du willſt nur, wie Pontius Pilatus, deine Haͤnde waſchen; kenne ich dich nicht? damit du et - was haben moͤgeſt, dein Gewiſſen zu ſtillen; in - dem du alle Schuld auf mich ladeſt. Wir ſind ſchon zu weit gegangen, daß wir wieder zuruͤck - ziehen koͤnnten. Sind nicht alle unſere Trieb - werke in Bereitſchaft? Trockne deine traurigen Augen ab. Laß die Gleichguͤltigkeit und Ge - muͤthsruhe deine feyerliche Bildung wieder bele - ben. Du haſt deine Perſon bisher ausnehmend wohl geſpielet. Beſchaͤme deine vergangene Auffuͤhrung nicht durch die kuͤnftige: es wartetFuͤnfter Theil. F feine450eine reiche Belohnung auf dich. Biſt du wie eines Toͤpfers Tohn: ſo ſey wie eines Toͤpfers Tohn dabey ſchlug ich ihm auf die Schul - ter. Nimm nur deine vorige Geſtalt wieder an: ich will fuͤr den Erfolg ſtehen.

Er buͤckte ſich und gab dadurch ſeine Einwil - ligung und Willfaͤhrigkeit zu erkennen. Er ging zum Spiegel und fing an ſeine Geſichtszuͤge aus - zuwickeln und aufzuklaͤren. Er zog ſeine Peru - cke zu rechte: als wenn dieſelbe ſo wohl, als ſein Kopf und Herz durch die Regungen des Gewiſ - ſens in Verwirrung gerathen waͤre. Er ward endlich noch einmal gewonnen, ſich dem alten Vulkan, der auch dem haͤrteſten Eiſen eine jede Geſtalt zu geben wußte, und mir zu uͤberlaſſen.

Aber dachteſt du wohl, Bruder, daß ſo viel wie ſoll ich es nennen? in dieſem Tom - linſon ſteckte? Bildeteſt du dir wohl ein, daß ein ſolcher Kerl, wie er, ein menſchliches Herz haͤtte? daß die Natur, die in ihm in Anſehung aller Wirkungen der Menſchheit ſo lange todt und be - graben gelegen, ſo wieder aufleben und ſich aͤu - ßern ſollte? Doch warum lege ich dir dieſe Frage vor: da du zu gleichem Erſtaunen fuͤr mich, bey eben der Gelegenheit ſolche Spuren einer mitlei - digen Empfindlichkeit gezeiget haſt?

Was Tomlinſon anlanget; ſo ſcheint es, daß ihn die Armuth zu einem ſo gottloſen Kerl, als er iſt, gemacht habe: wie hingegen Ueberfluß und Leichtfertigkeit das aus uns gemacht hat, was wir ſind. Die Noth iſt gewiß der rechte Pro -bier -451bierſtein guter Grundſaͤtze. Aber was liegt denn in dem wunderlichen Worte, oder Dinge, das man Ehrlichkeit nennet, daß auch ich ſo gar, da mir dadurch in meinem gegenwaͤrtigen Abſichten kein Dienſt geſchehen mag, mich nicht entbrechen kann, ſelbſt die zufaͤlligen Wirkungen davon an Tomlinſon fuͤr liebenswuͤrdig zu halten, ob ſie gleich in einer Sache, die das Frauenzimmer betrifft, bewieſen werden? Woher kommt es, daß ich mir nicht wehren kann, eben deswegen ei - ne beſſere Meynung von ihm zu hegen, weil er zu ſolchen Regungen aufgeleget iſt?

Der ſieben und zwanzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Dieſer Streit zwiſchen dem Capitain und mir war kaum vorbey: als die drey Frauenzim - mer, unter welchen Jungfer Rawlins auffuͤhrte, herein kamen. Sie hoffeten, es wuͤrde uns nicht ungelegen ſeyn. Sie waͤren ſehr begierig, ſagte die Jungfer, zu wiſſen, ob wir Hoffnung haͤtten, unſere Zwiſtigkeiten beyzulegen.

O ja, ich habe die Hoffnung. Sie wiſſen ſelbſt, liebe Frauenzimmer, daß das ſchoͤne Ge - ſchlecht in dieſen Faͤllen ihre gewoͤhnlichen Regeln des aͤußerlichen Wohlſtandes beobachten muß. F f 2Wir452Wir haben einen gluͤcklichen Vorſchlag gethan. Der Onkel hat wegen unſerer Vermaͤhlung ſich einige Zweifel in den Kopf geſetzet. Er kann nicht glauben, es wird auch ſonſt niemand glau - ben, daß es moͤglich iſt, daß ein ſo verliebter Mann bey einer ſo reizenden Fraͤulein

Sie verſtunden alle dieſen Wink Die beyden Witwen bekannten, es waͤre ein ſehr au - ßerordentlicher Fall. Die Weibsleute haben ho - he Gedanken von dem, was ſie fuͤr uns thun koͤn - nen: das habe ich ſchon ſonſt irgendwo ange - merket, wie ich glaube. Jungfer Rawlins bat, wenn es mir beliebte, ihnen den Vorſchlag zu eroͤffnen, und ſahe ſo aus, als wenn es nicht noͤ - thig waͤre, daß ich in meiner Rede fortfuͤhre.

Jch erſuchte ſie, ſich gegen die Fraͤulein nicht merken zu laſſen, daß ich ihnen erzaͤhlt haͤtte, wo - rinn der Vorſchlag beſtuͤnde.

Das verſprachen ſie mir.

Der Vorſchlag ſagte ich hierauf waͤre dieſer. Die Trauung ſollte, dem Herrn Harlowe zu ge - fallen, noch einmal vollzogen werden, damit er gaͤnzlich beruhiget wuͤrde. Er ſollte in geheim ſelbſt gegenwaͤrtig ſeyn und mir ſeine Baſe mit ſeinen eignen Haͤnden geben Sie waͤre ab - getreten, es zu uͤberlegen.

Du ſiehſt, Bruder, daß ich mir eine Ent - ſchuldigung vorbehalten habe, meine Wahrheits - liebe vor den Weibsleuten allhier zu retten: wenn ich etwa zum Heyrathen geneigt werden moͤchte, und ſie die Gegenwart der Jungfer Rawlins beyder453der Trauung verlangen ſollte. Jch zweifelte nicht, meine Schoͤne zu bereden, daß ſie meine Ehre bey dieſer Gelegenheit erhielte: wofern ich ſie gewinnen koͤnnte, darein zu willigen, daß ſie die meinige wuͤrde.

Ein vortrefflicher Vorſchlag, rief die Witwe. Sie waren alle drey bereit, vor Freuden daruͤber in die Haͤnde zu klopfen. Die Weibsleute moͤ - gen gern wenigſtens zweymal verheyrathet ſeyn, Bruder: ob gleich in der That nicht an einen und eben denſelben Mann. Sie lobten alle den Vorſchlag zur Ausſoͤhnung und preiſeten den Erfinder deſſelben gluͤcklich. Weil ſie glaubten, er kaͤme von dem Capitain: ſo ſahen ſie ihn alle mit Vergnuͤgen an; und ſein Geſicht ward unter - deſſen uͤber den ihm zugedachten Beyfall aufge - klaͤret. Er wuͤrde ſich ſehr gluͤcklich ſchaͤtzen: wenn er eine allgemeine Ausſoͤhnung zu Stande bringen koͤnnte. Der Kopf ging ihm dabey eben ſo herum, als meinem Wilhelm bey ſeinem Sie - ge uͤber den alten Grimes. Er warf ihn bis - weilen in die Hoͤhe, wie die Jungfer Rawlins zu thun pflegt, wenn ſie ſich recht ſproͤde ſtellet?

Nunmehr aber ward es Zeit fuͤr den Capi - tain, daß er wieder an den Ruͤckweg zur Stadt gedaͤchte: da er noch ſehr viele Geſchaͤffte vor dem morgenden Tage auszurichten hatte. Er konn - te auch nicht gewiß ſagen, ob es ihm moͤglich ſeyn wuͤrde, uns vor ſeiner Abreiſe nach Hauſe zu Hampſtead zu beſuchen.

F f 3Jm454

Jm Ernſt war meine Meynung nicht, daß er dieſe Nacht aus Hampſtead kommen ſollte. Denn alles ſchickte ſich zu einem entſcheidenden Ausſchlage an.

Es ward inzwiſchen, auf mein Verlangen, Fr. Moore aus der vorgegebenen Urſache hinauf geſchickt, eine Empfehlung von dem Capitain zu machen, und ſich zu erkundigen, ob ſie etwas fuͤr ihn an ihren Onkel zu befehlen haͤtte.

Jch gab den Weibsleuten zu verſtehen, daß es ſich am beſten ſchicken wuͤrde, wenn ſie uns al - lein ließen, wofern die Fraͤulein herunter kommen wollte. Sie moͤchte ſich ſonſt uͤber einen ſo be - ſondern Vorſchlag vor ihnen nicht ſo frey erklaͤ - ren wollen, als ſie gegen uns thun wuͤrde, die ihn ſelbſt zu uͤberlegen gegeben haͤtten.

Fr. Moore brachte die Antwort herunter, daß die Fraͤulein ihr folgen wollte. Sie traten alſo alle drey ab: und meine Geliebte kam eben zu der einen Thuͤr herein, als ſie zur andern hin - ausgingen.

Der Capitain redete ſie an und wiederholte den Jnhalt deſſen, was ihr von der Fr. Moore ſchon vermeldet war. Er bat, ſie moͤchte befeh - len, was er ihrem Onkel Harlowe fuͤr Beſcheid bringen ſollte.

Jch weiß nicht, was ich ſagen ſoll, mein Herr: auch nicht, was ich meinem Onkel durch ſie ſa - gen laſſen moͤchte. Vielleicht haben ſie noch in der Stadt zu thun Vielleicht duͤrfen ſie mei - nen Onkel nicht eher ſprechen, bis ich von derFraͤu -455Fraͤulein Howe Nachricht habe; bis die Lady Eliſabeth ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll.

Jch bat ſie inſtaͤndigſt, mir die Gewogenheit wieder zuzuwenden, welche ſie ehedem fuͤr mich gehabt und ſo edelmuͤthig geſtanden haͤtte. Jch duͤrfte mir ſelbſt wohl ſchmeicheln, daß die Lady Eliſabeth fuͤr ihre Perſon und im Namen mei - ner ganzen Familie im Stande ſeyn wuͤrde, auf meine verſprochene Beſſerung und bezeugte Reue etwas zu meinem Vortheil auszurichten: ſon - derlich da der Anſchein von allen Umſtaͤnden in anderer Betrachtung, in Abſicht auf die gewuͤnſch - te allgemeine Ausſoͤhnung, ſo vortheilhaft und gluͤcklich waͤre. Aber, fuhr ich fort, erlauben ſie, meine allerliebſte Fraͤulein, daß ich die Verzei - hung, welche ich ſo demuͤthig ſuche, vielmehr ih - rer edelmuͤthigen Geſinnung, als der Vermitte - lung irgend einer Perſon auf Erden zu danken haben moͤge. Wie viel angenehmer muß es ih - nen ſelbſt ſeyn, mein liebſtes Leben, und wie viel verbindlicher fuͤr mich, daß ihre erſte perſoͤnliche Bekanntſchaft mit meinen Anverwandten und dieſer mit ihnen; denn ſie werden ſich den Be - ſuch bey ihnen nicht abſchlagen laſſen; ſich nicht mit bittern Vorwuͤrfen und Berufungen auf ih - ren Ausſpruch anfange! Da die Lady Eliſabeth bald hier ſeyn wird: ſo wird es ihnen vielleicht nicht moͤglich ſeyn, ihren Beſuch mit gaͤnzlich heiterer Stirne anzunehmen. Dennoch, aller - liebſte, allerliebſte Fraͤulein, bitte ich ſie, unſerF f 4Mis -456Misverſtaͤndniß als eine Kleinigkeit bey ihr hin - gehen zu laſſen als ein Misverſtaͤndniß, das ſchon gehoben iſt. Wenn man ſich auf jeman - des Entſcheidung berufet: ſo giebt das der Per - ſon, auf die man ſich beruft, einen Stolz und Vorzug, und kann den, der ſich ihrem Ausſpruche uͤberlaͤſſet, nicht allein in ihren, ſondern auch in ſeinen eignen Augen, veraͤchtlich machen. Er - heben ſie diejenigen nicht zu Richtern, die zum voraus ſich von ihnen lehren und unterweiſen zu laſſen bereit ſind. Ein jeder von meiner Fami - lie iſt eben ſo ſtolz, als ich ſeyn ſoll. Aber alle werden ihnen willig den Vorzug einraͤumen. Sie werden in aller Augen das angeſehnſte Frau - enzimmer von der Familie ſeyn.

Dieß haͤtte bey allen andern Weibsperſonen in der Welt die erwuͤnſchte Wirkung haben moͤ - gen: nur nicht bey dieſer Fraͤulein. Und doch iſt ſie das einzige Frauenzimmer in der Welt, von dem es ſich mit Wahrheit ſagen laͤſſet. Aber hoͤre nur, wie zornig ſie dieſe Hoͤflichkeit von ſich ablehnte.

Ja, in Wahrheit! Bey denen Worten hielte ſie einen Augenblick inne und ihre anmuth - reiche Bruſt hob ſich von einer edlen Verachtung Jch, die ich von Anfange durch Liſt und Raͤn - ke mir ſelbſt geraubet bin Ein Fluͤchtling von meiner Familie! von meinen Verwandten gaͤnzlich aufgegeben! von ihren ſchimpflich belei - diget! eine Perſon, die bey ihren Angehoͤrigen demuͤthig Schutz ſuchen muß! Jſt das nichtdie457die Seite, von welcher ich nicht nur den Frauen - zimmern von ihrer Familie, ſondern auch der ganzen Welt in die Augen fallen muß? Glauben ſie, mein Herr, unter dieſen Umſtaͤn - den, oder wenn ich auch in dem gluͤcklichſten Stande geweſen waͤre, daß mich die Vorſtellung eines unverdienten Vorzugs ruͤhren koͤnnte? Sie kennen das Gemuͤth von Clariſſa Harlowe gar noch nicht: wenn ſie ihr einem ſo elenden und ſo ungebuͤhrlichen Stolz zutrauen!

Sie entfernte ſich hierauf von uns in die an - dere Ecke des Zimmers.

Der Capitain war wiederum geruͤhret. Jch nannte ſie eine unvergleichliche Fraͤulein, naͤher - te mich ihr mit großer Ehrerbiethung und trieb die Vorſtellung, welche ich kurz zuvor gethan hatte, etwas weiter.

Es iſt noch nicht lange, waren meine Worte, daß mir die Meynungen meiner Verwandten von mir, ſie mochten gut oder boͤſe ſeyn, mehr als gleichguͤltig geweſen ſind. Es geſchiehet mehr um ihrentwillen, als um mein ſelbſt willen, daß ich itzo mit meiner ganzen Familie wohl zu ſtehen wuͤnſche. Die vornehmſte Ur - ſache, warum die Lady Eliſabeth herauf kommt, iſt, Geſchenke fuͤr die ganze Familie einzukaufen, welche bey der gluͤcklichen Gelegenheit gemacht werden ſollen.

Jch weiß wohl, wandte ich mich zu dem Capitain, daß dieſe Vorſtellung bey einem ſo edelmuͤthigen Frauenzimmer kein Gewicht ha -F f 5ben458ben kann: als nur in ſo fern daraus meiner Verwandten Hochachtung gegen ihre Perſon zu erkennen iſt. Aber wie wuͤrden ſich dieſe, nach ihrer edlen Geſinnung, kraͤnken: wenn ſie befin - den ſollten, daß ihre neue Baſe, wie ſie denken, welche ſie ſo ſehr bewundern, nicht allein ihre Ba - ſe nicht iſt, ſondern ſich ſo gar entſchließen kann, mir auf ewig zu entſagen! Sie lieben mich. Sie lieben mich alle. Es iſt wahr, ich habe mich einiger Nachlaͤßigkeit und Leichtſinnigkeit gegen ſie ſchuldig gemacht: aber es iſt auch nichts mehr als Nachlaͤßigkeit und Leichtſinnigkeit geweſen; die noch dazu bloß von einem Stolz hergeruͤh - ret, welcher mich uͤber alle niedrige Geſinnung er - hoben hat, ob er mir gleich nicht allemal vortheil - haft geweſen iſt.

Meine ganze Familie wird ſich zu Buͤrgen darſtellen fuͤr meine gute Auffuͤhrung gegen dieſe allerliebſte Fraͤulein, ihre Baſe, ihre Tochter, ihre Muhme, ihre Freundinn, ihre erwuͤnſchte Ge - ſpielinn und Fuͤhrerinn, ihr alles in allen Bey meiner Seele, Herr Capitain, wir koͤnnen, wir muͤſſen gluͤcklich ſeyn.

Erlauben ſie mir, allerliebſte, allerliebſte Fraͤulein, daß ich auf meinen Knien ihr eignes Verſprechen, mir zu verzeihen, fuͤr mich an - fuͤhre Jch fiel nieder: und ihr Geſicht war alle dieſe Zeit uͤber, wie ſie am Fenſter ſtand, halb von mir gekehret, ihr Schnupftuch aber oft zu den Augen gehoben. Laſſen ſie nicht zu, daß wir ihnen bey ihrem Beſuche ſo ungluͤcklichmit459mit einander ſcheinen. Die Lady Eliſabeth wird die erſte Stunde darauf, nachdem ſie mit ihnen geſprochen hat, ihre Meynung von ihnen und von der Wahrſcheinlichkeit unſeres kuͤnftigen Gluͤckes an ihre Schweſter, die Lady Sarah, ſchreiben. Dieſe iſt eine wehmuͤthige Frau, die itzo den Verluſt ihrer Tochter, woruͤber ſie noch immer klaget, in meiner Gemahlinn fuͤr ſich zu erſetzen hoffet.

Der Capitain ſuchte dabey zugleich ſeine Dienſte zu leiſten. Er berief ſich wieder auf ihres Onkels Hoffnung und Erwartung, und auf deſſelben Entſchluß, die allgemeine Ausſoͤhnung wirklich zu unternehmen. Er ſtellte von neuem vor, was fuͤr Ungluͤck verhuͤtet werden moͤchte, und wie gewiß er verſichert waͤre, daß ſich ihr Onkel wuͤrde gewinnen laſſen, mir ſie mit eigner Hand zu geben, wenn ſie etwa am liebſten auf ſeine Ankunft warten wollte. Jedoch wollte er ſeines Theils unmaßgeblich rathen und inſtaͤn - digſt bitten, daß ſie den naͤchſtkuͤnftigen Tag, oder den Montag aufs laͤngſte, zu dem gluͤcklichen Tage fuͤr mich machen moͤchte.

Erlauben ſie mir, ſprach er, erlauben ſie mir, wertheſte Fraͤulein, ſie zu erſuchen, daß ſie mir Gelegenheit geben, ihren Onkel zu verſichern, daß ich mit meinen eignen Augen geſehen habe, wie das gluͤckliche Band geknuͤpfet ſey. Jch moͤchte faſt ſelbſt vor ihnen auf die Knie fallen er beugte auch wirklich ſeine Knie ob ich gleich keinen andern Vortheil bey meinem Eifer habe,als460als das Vergnuͤgen, welches ich empfinden wuͤr - de, wenn ich im Stande waͤre, ihnen allen zu dienen. Laſſen ſie meine Bitte ſtatt finden: ſo rwird alles Misverſtaͤndniß, aller Zweifel, alles Mistrauen ein Ende habe.

Und was, gnaͤdige Fraͤulein; fiel ich wieder - um ein, indem ich noch auf den Knien lag; was kann bey allen ihren neuen Maaßregeln ſeyn; ſie moͤgen auch beſtehen, worinn ſie wollen, das allen gegenwaͤrtigen Schwierigkeiten ſo gluͤck - lich, ja ich darf wohl ſagen, ſo anſtaͤndig fuͤr un - ſere Ehre bey der Welt abhelfen mag?

Die Fraͤulein Howe ſelbſt; das ſtellte der Capitain noch mit gebeugten Knien vor! muß ihnen zu einem ſo gluͤcklichen Beſchluſſe Gluͤck wuͤnſchen, gnaͤdige Fraͤulein, wo dieſelbe ſie lie - bet, wo ſie ihren guten Namen achtet.

Nun wandte ſie einmal ihr Geſicht um und ſahe den Capitain halb kniend O mein Herr! O Herr Capitain Tomlinſon! Was ſoll die ungebuͤhrliche Herablaßung? Sie reckte ihre Hand aus, ihn aufzuheben Jch kann das nicht ertragen. Hiernaͤchſt warf ſie auch ein Auge auf mich. Stehen ſie auf, Herr Love - lace. Knien ſie nicht vor einem armen Frauen - enzimmer, das ſie beſchimpfet haben! Wie grau - ſam iſt die Gelegenheit dazu! Und wie niedrig dieſe Unterwerfung!

Nicht niedrig gegen einen ſolchen Engel! Jch kann nicht aufſtehen ehe ich Verzeihung er - langet habe.

Der461

Der Capitain bat noch einmal inſtaͤndigſt um die Ernennung des Tages Er waͤre erſtaunt, ſagte er, wenn ſie jemals einige Achtung gegen mich gehabt haͤtte

O Capitain Tomlinſon, fiel ſie ihm ins Wort, wie ſehr ſind ſie dieſes Menſchen Freund! Haͤtte ich niemals einige Achtung fuͤr ihn gehabt: ſo wuͤrde er es niemals in ſeiner Gewalt gehabt haben, mich zu beſchimpfen; und ich wuͤrde den Schimpf, den er mir ſo unverdienterweiſe, ſo un - dankbar angethan hat, niemals ſo, wie ich thue, zu Herzen genommen haben, ſo ab - ſcheulich er auch geweſen iſt. Aber laſſen ſie ihn abtreten Nur auf einen Augenblick laſ - ſen ſie ihn abtreten.

Jch war mehr als halb beſorgt, dem Capi - tain mit ihr allein zu trauen. Er gab mir inzwiſchen ein Zeichen, daß ich mich auf ihn ver - laſſen koͤnnte. Jch zog alſo ſeinen Brief an mich, die Briefe von der Lady Eliſabeth, von der Fraͤulein Montague und von dem Lord M. welchen letztern ſie noch nicht geſehen hatte, aus meiner Taſche und gab ſie ihm. Vor allen Dingen, Herr Tomlinſon, ſuchen ſie es fuͤr mich dahin zu bringen, daß dieſe drey Briefe noch ein - mal, und auch dieſer von dem Lord M. durchge - ſehen werden. Jch bitte ſie, mein allerliebſtes Leben, ziehen ſie den Jnhalt gehoͤrig in Erwaͤ - gung, und laſſen mich die gluͤcklichen Wirkungen davon finden, wenn ich wieder hereinkomme.

Jch462

Jch ging darauf hinaus, jedoch mit langſa - men Schritten und mit einem Herzen, das mir nicht viel gutes zuſagte.

Der Capitain drang darauf, wie er mir er - zaͤhlet, daß die Briefe vorlaͤufig durchgeſehen wuͤrden, ehe ſie ihm eroͤffnete, was ſie zu ſagen haͤtte. Sie ließ es ſich, wiewohl mit einiger Schwierigkeit gefallen: nicht anders als wenn ſie beſorgt waͤre, ſie moͤchte zu meinem Beſten beſaͤnftiget werden.

Sie beklagte ſich uͤber ihre ungluͤcklichen Um - ſtaͤnde, daß ſie von allen Freunden verlaſſen waͤ - re, und nicht wuͤßte, wohin ſie gehen, oder was ſie thun ſollte. Sie fragte ihn, ſie fragte ihn auf das genaueſte, nach ihrem Onkel, nach ih - rer Familie, und nach dem, was er von des Herrn Hickmanns fruchtloſen Antrag ihrentwegen wuͤßte.

Er war in dieſem Stuͤcke wohl vorbereitet: denn ich hatte ihm die Briefe, und Auszuͤge aus Briefen, von der Fraͤulein Howe gezeigt, die mir zu ſo gutem Gluͤcke in die Haͤnde gekommen wa - ren. (*)Siehe den IV. Th. S. 195. u. f.Sie fragte ihn, ob ſie ſicher glauben koͤnnte, daß ihr Bruder mit Singleton und Sol - mes wirklich auf dem Wege waͤre, ſie aufzu - ſuchen?

Er betheurete, daß es an dem waͤre.

Sie fragte weiter, ob er glaubte, daß ich mir Hoffnung machte, ſie wieder in die Stadt zuruͤcke zu bringen?

Er463

Er waͤre verſichert, hieß die Antwort, daß ich dazu keine Hoffnung haͤtte.

Stehn ſie denn wirklich in den Gedanken, daß die Lady Eliſabeth mich beſuchen will?

Daran habe ich gar keinen Zweifel.

Aber, mein Herr! aber, Herr Capitain Tom - linſon Sie wandte ſich voll Ungeduld von ihm und wieder zu ihm Jch weiß nicht, was ich thun ſoll Allein wenn ich ihre Tochter waͤre, mein Herr Wenn ſie mein Vater waͤren Ach, mein Herr, ich habe weder Vater noch Mutter!

Der Capitain kehrte ſich um und wiſchte die Augen ab.

O mein Herr! ſie haben noch ein menſchli - ches Herz Sie weinte ſo gar Es ſind doch noch Leute in der Welt, dem Himmel ſey Dank, die geruͤhret werden koͤnnen. O mein Herr, ich habe mit ſteinernen Herzen und zwar ſelbſt in meiner eignen Familie zu thun gehabt Sonnſt koͤnnte ich nicht ſo ungluͤcklich ſeyn, als ich bin Jch mache noch dazu einen jeden ungluͤcklich!

Jch vermuthe, daß ihm hierbey die Augen uͤberliefen.

Theureſte! Goͤttliche Fraͤulein! wer kann wer kann ſo ſtotterte der Hund mit aufgeblaſenen Wangen, vor Weinen, wie er mir ſelbſt geſtanden hat. Jch hoͤrte auch in der That eines und das andere, das vorkam: ob ſie gleich beyde leiſer redeten, als ich wuͤnſchte. Denn464Denn die Beſchaffenheit ihrer Unterredung litte nicht, daß ſie laut ſprachen.

Sie! Sie beyde! O wie hart iſt es fuͤr mich, dieſen Engel von einem Frauenzimmer mit irgend einer Mannsperſon, außer mir ſelbſt, in ein Wort zu ſchließen!

Capit. Wer kann ſich wohl halten, nicht ge - ruͤhret zu werden! Aber, gnaͤdige Fraͤulein, ſie koͤnnen keines andern Gemahlinn werden.

Cl. Jch wuͤnſchte es auch nicht. Allein er iſt gar zu ſehr bey mir gefallen. Das Haus in Feuer zu ſetzen! Ein ſo niedertraͤchtiger Kunſtgriff! der zu der aͤrgſten Abſicht er - ſonnen iſt! Wollten ſie wohl eine Tochter haben Doch was wollte ich ſagen? Sie ſehen, daß ich niemand habe, auf den ich mich verlaſſen kann. Herr Lovelace iſt ein rachgieri - ger Mann. Er konnte unmoͤglich ein Frauen - zimmer lieben, daß er ſo beſchimpfen konnte, als er mich beſchimpfet hat! Sie ſchwieg hierauf ein wenig ſtille Kurz, ich kann ihm niemals, niemals, vergeben: und er mir auch nicht. Den - ken ſie, daß ich ſo weit gegangen ſeyn wuͤrde, als ich gegangen bin: wenn ich willens geweſen waͤre, je - mals mit ihm an einem Joche zu ziehen? Jch ha - be einen ſolchen Brief hinter mir zuruͤckgelaſſen

Sie wiſſen ja ſelbſt, gnaͤdige Fraͤulein, daß er ihren Unwillen vollkommen fuͤr gerecht erkannt hat

O mein Herr, er kann wohl funfzig mal an einem Tage erkennen und wieder zuruͤckziehen Glau -465Glauben ſie nur nicht, daß ich mit mir ſelbſt und mit ihnen ſpiele, und bloß noͤthig habe, beredet zu werden, daß ich ihm vergebe und die ſeinige werde Es iſt keine Perſon auf der Welt von meinem Geſchlechte, die offenherziger und freymuͤthiger geweſen ſeyn wuͤrde, als ich von dem Augenblicke an, da ich die Abſicht gehabt die ſeinige zu werden, geweſen waͤre, wenn ich mit einem Herzen, wie mein eignes iſt, zu thun gehabt haͤtte. Jch darf ohne Bedenken ſagen, mein Herr, daß ich allezeit viel zu erhabne Ge - ſinnungen geheget habe, ein verſtecktes We - ſen anzunehmen, wo ich keine Urſache zu zwei - feln gehabt. Des Herrn Lovelace Bezeigen hat gemacht, daß ich vielleicht von einer uͤbertriebe - nen Bedenklichkeit geſchienen: da doch mein Herz nur aufgemuntert und verſichert werden durfte, und alsdenn, wenn das geſchehen waͤre, meine ganze Auffuͤhrung dadurch wuͤrde regieret worden ſeyn.

Sie hielte hierauf inne und hatte das Schnupftuch an den Augen. Jch habe mich nach allen Kleinigkeiten in ihrem Betragen ſo wohl, als nach ihrem Worten, erkundiget. Du weißt, ich mag gern die menſchliche Natur und vornehmlich an den Frauenzimmern, in ihren verborgenſten Winkeln aufſuchen.

Der jaͤmmerliche Kerl verlohr ſich ſelbſt in ſtil - ler Bewunderung der Fraͤulein. Dieſe edle Schoͤne fuhr alſo fort zu reden.

Fuͤnfter Theil. G gEs466

Es iſt das gewoͤhnliche Schickſal bey un - gleichen Ehen, daß dadurch oft ganz leidliche Perſonen in Vorwuͤrfe gerathen, die ſonſt, wenn ſie gluͤcklicher geheyrathet haͤtten, ſich wuͤr - den Ruhm erworben haben. Soll ich denn nicht billig ein Buͤndniß mit einem Manne fliehen, der ein Frauenzimmer zu Fehlern verleiten koͤnnte, das ſich ſchmeichelt, mit einer Neigung zum Gu - ten begluͤckt zu ſeyn, und das einen jeden, mit dem ſie einige Verbindung hat, bis auf ihre Bedienten ſelbſt, gluͤcklich zu machen wuͤnſchet?

Sie ruhete wiederum aus und ging einmal im Zimmer herum. Der alberne Kerl, hohl ihn der Teufel, war alle dieſe Zeit uͤber ein todter Hund. Die Fraͤulein ſetzte die Unterre - dung wieder fort.

Es iſt wahr, ehemals habe ich mir Hoff - nung gemacht, ein geringes Werkzeug zu ſeiner Bekehrung zu werden. Da ich aber keine ſol - che Hoffnung weiter habe: iſt es denn wohl recht; ſie ſind ja ein aufrichtiger Mann, mein Herr; et - was zu wagen, wodurch meine eigenen Grund - ſaͤtze in der Sittenlehre Gefahr leiden duͤrf - ten?

Noch immer ſchwieg der elende Kerl ſtille. Hatte mein Fuͤrſprecher nichts fuͤr mich zu ſa - gen: was blieb mir denn fuͤr Hoffnung uͤbrig, meine Sache zu treiben?

Was kommt nun aus dem allen heraus, mein Herr? Es iſt dieſes. Wo ſie den Ein - fluß uͤber ihn haben, den ein Mann von ihremVer -467Verſtande und von ihrer Erfahrung billig ha - ben muß: ſo werden ſie ihn ſo wohl um ſein ſelbſt als um meinetwillen zu gewinnen ſuchen, daß er mich in Freyheit laſſe, meinem Schickſale zu fol - gen. Davon koͤnnen ſie ihn verſichern, daß ich niemals einen andern Mann nehmen will.

Unmoͤglich, gnaͤdige Fraͤulein! Jch weiß, daß Herr Lovelace mich nicht geduldig uͤber einen ſochen Antrag hoͤren wuͤrde. Und ich verſichere ſie, daß ich auch Herz habe und keine unanſtaͤn - dige Begegnung von ihm oder von irgend einem Manne leiden wuͤrde.

Sie ſchwieg ein wenig ſtille Bald nahm ſie das Wort wieder. Denken ſie, mein Herr, daß mein Onkel ſich weigern werde, einen Brief von mir anzunehmen? O wie abgeneigt war ſie, Bruder, auch nur das geringſte zu meinem Vortheil einzuraͤumen!

So wie die Sachen itzo ſtehen, gnaͤdige Fraͤulein, weiß ich, daß er nicht darauf antworten wuͤrde. Wo es ihnen gefaͤllig iſt, will ich einen mit hinunter nehmen.

Will er ſeine guten Abſichten fuͤr mich nicht beybehalten, und ſich mit mir nicht ausſoͤhnen, wo ich nicht verheyrathet bin?

Aus dem, was ihr Bruder vorgiebt, und ſich zu glauben in den Kopf geſetzt hat, weil Herr Lovelace bey ihnen iſt in eben demſelben

Nicht mehr, mein Herr Jch bin un - gluͤcklich daran.

G g 2Er468

Er ſtellte hiernaͤchſt wiederum aufs nach - druͤcklichſte vor, daß es in ihrer Gewalt ſtuͤnde, den Augenblick, oder morgen, allen dieſen Schwie - rigkeiten ein Ende zu machen.

Wie kann das moͤglich ſeyn? verſetzte ſie, da der Trauſchein noch erſt auszuwirken, die Eheſtiftung noch erſt zu unterſchreiben, die Ant - wort der Fraͤulein Howe auf mein letztes noch nicht angekommen iſt? Und ſoll ich mich ſo uͤbereilen, mein Herr, als wenn ich daͤchte, daß meine Ehre in Gefahr waͤre, wenn ich zoͤgerts? dennoch aber denjenigen Mann hey - rathen, von dem ſie allein Gefahr leiden kann? Ungluͤckliche, hoͤchſt ungluͤckliche Clariſſa Harlowe! in wie viele Schwierigkeiten hat dich ein uͤbereilter Schritt verwickelt? So wand - te ſie ſich von ihm und weinete.

Der Bube weinte zum Troſt ſelbſt mit. Jh - re Thraͤnen waren gleichwohl, wie er leicht haͤtte bemerken koͤnnen, mehr Zeichen eines nachge - benden als eigenſinnigen Gemuͤths.

Es giebt eine Art von Steinen, wie du weißt, welche in dem Bruche ſo weich ſind, daß ſie ſich faſt mit einem Meſſer durchſchneiden laſſen. Ver - ſaͤumt man aber die rechte Zeit, und laͤßt ſie eine Weile der Luft ausgeſetzet bleiben: ſo werden ſie ſo hart, als Marmor, und weichen alsdenn kaum vor dem Meißel(*)Von der Art ſind ins beſondre die Steine in der Gegend von Bath.. So geht es auch mit die - ſer Fraͤulein. Da man ſie nicht den Augenblickge -469gefaßt hatte: ſo ward ſie feſter in ihrem Ent - ſchluſſe; nachdem ſie ein oder zweymal queer durch das Zimmer gegangen war. Sie erklaͤrte ſich wieder, wie ſie vorher gethan hatte, daß ſie den Ausſchlag von der Fraͤulein Howe Antwort auf ihren Brief, den ſie von hier abgelaſſen hatte, erwarten, und darnach ihre Maaßregeln nehmen wollte. Unterdeſſen wollte ſie ihm uͤberlaſſen, ihrem Onkel das zu ſagen, was er ſelbſt fuͤr dien - lich hielte. Sie zweifelte nach der Guͤtigkeit des Capitains Tomlinſon im geringſten nicht, daß er die vortheilhafteſte Nachricht, die nur mit der Wahrheit beſtehen koͤnnte, geben wuͤrde: und ſie wuͤrde ſich freuen, wenn ſie ein paar Zeilen von ihm bekaͤme, wodurch ſie dieſelbe erfahren moͤchte.

Sie wuͤnſchte ihm eine gluͤckliche Reiſe, be - klagte ſich uͤber ihren Kopf und war im Begriff wegzugehen. Allein ich ging zu der andern Thuͤ - re bey den Treppen herum: als wenn ich eben aus dem Garten gekommen waͤre. Dieſen ruͤhm - te ich deswegen, als ich hineintrat, und ergriff ihre ringende Hand, da ſie hinausgehen wollte. Mein liebſtes Leben, ſie werden ja nicht wegge - hen! Was fuͤr Hoffnung, Herr Capitain? Haben ſie mir keine Hoffnung zur Verzei - hung und Verſoͤhnung zu geben?

Die Fraͤulein ſagte, ſie wollte nicht aufge - halten ſeyn. Jnzwiſchen wollte ich ſie doch nicht eher gehen laſſen, bis ſie mir wiederzukommen ver -G g 3ſpro -470ſprochen hatte, ſo bald mir der Capitain ihre Ent - ſchließung gemeldet haͤtte.

Rachdem er es gethan; erinnerte ich ſie ih - res Verſprechens: und ſie kam wieder herunter. Sie wiederholte eben daſſelbe, was er mir geſagt hatte, und erklaͤrte ſich, daß dieß ihr Schluß waͤ - re, bey dem es bleiben ſollte.

Jch that ihr desfalls auf die ehrerbietigſte und eifrigſte Weiſe Vorſtellung. Sie noͤthigte mich, viele von den Gruͤnden, welche ich vorher ſchon fuͤr mich angefuͤhret hatte, zu wiederholen. Der Capitain ſtand mir mit gleichem Eifer bey. Endlich fielen wir beyde vor ihr auf die Knie.

Nun war ſie in der Enge. Mir ward ein - mal bange, daß ſie in Ohnmacht ſinken moͤchte. Dennoch wollte keiner von uns aufſtehen, ehe ihm etwas zugeſtanden waͤre. Jch redete fuͤr mich ſelbſt: der Capitain fuͤr ſeinen werthen Freund, ihren Onkel. Beyde ſtellten wir vor, daß kuͤnftiges Ungluͤck vermieden und die Ruhe und Gluͤckſeligkeit zwoer Familien hergeſtellet werden muͤßte.

Sie geſtand, daß ſie dem Streite nicht ge - wachſen waͤre. Sie ſeufzete, ſie gluchſete, ſie weinte, ſie rang ihre Haͤnde.

Jch war in meinen Geluͤbden und Betheu - rungen vollkommen beredt. Jhre Thraͤnenvollen Augen ſahen auf mich nieder. Die reizenden Wangen gluͤheten. Jn einem jeden liebenswuͤr - digen Zuge ihres Geſichtes ließ ſich die Angſt au - genſcheinlich merken. Endlich ſchienen ihre be -bende471bende Knie ihr die gewoͤhnlichen Dienſte zu ver - ſagen: ſie fiel in den naͤchſten Stuhl, und ihr liebreizendes Antlitz ſunk auf ihre Schultern; nicht anders, als wenn es einen Ort ſuchte, ſich zu verbergen, wozu der Mutter Schooß ſich am beſten geſchickt haͤtte.

Jn dem Augenblicke vergaß ich alle meine Geluͤbde mich zu raͤchen. Jch warf mich zu ih - ren Fuͤßen, wie ſie da ſaß. Jch erhaſchte ihre Hand und druͤckte ſie an meine Lippen. Jch bat den Himmel mir meine vorige Schuld zu verge - ben und meine kuͤnftige Hoffnung zu ſegnen: da ich ehrliche und gerechte Geſinnungen gegen die bezaubernde Gebieterinn meines Herzens hegete; wo ſie mir nur noch einmal ihre Gunſt wieder ſchenken wollte. Es kam mir vor, als wenn ich Tropfen von ſiedendem Waſſer fuͤhlte; konn - ten das wohl Thraͤnen ſeyn? Die auf meine Wan - gen herunter triefeten: da dieſe unterdeſſen, wie Feuer, gluͤheten, und die ungebetenen Gaͤſte durch die Hitze zu verzehren ſchienen.

Jch ſtand alſo auf: weil ich nicht mehr zwei - felte, daß in dieſer ſtummen Verwirrung eine Verzeihung fuͤr mich laͤge. Jch richtete den Ca - pitain auf, und ſagte ihm ins Ohr: bey meiner Seele, Kerl, es iſt mein Ernſt Nun ſchwatze von Verſoͤhnung, von ihrem Onkel, von dem Trauſchein, von der Eheſtiftung Ja ich er - hob ſelbſt meine Stimme. Wenn nun endlich mein Engel mir erlauben will, Herr Capitain, ein ſo großes Gut mein Eigenthum zu nennen:G g 4ſo472ſo werden ſie unmoͤglich ihrem Onkel zu viel von meiner Dankbarkeit, Ergebenheit und Treue ge - gen ſeine Baſe ruͤhmen koͤnnen; und er darf ſicher ſein guͤtiges Vornehmen, die erwuͤnſchte Ausſoͤh - nung zu Stande zu bringen, ins Werk richten, ſo bald es ihm beliebet. Er ſoll mir keine Be - dingungen vorſchreiben, die ich mir nicht gefallen laſſen will.

Der Capitain wuͤnſchte mir mit Augen und Haͤnden Gluͤck. Gott ſey Dank, ſagte er mir heimlich: und wir naheten uns der Fraͤulein zugleich mit einander.

Was hindert, wertheſte Fraͤulein, ſprach er, was hindert nun, daß die Lady Eliſabeth Law - rance, wenn ſie kommt, nicht die Wahrheit von allem erfahren und in geheim ihrer Hochzeit bey - wohnen ſollte? Jch will ſo lange bleiben, bis ſie vollzogen iſt. Alsdenn werde ich mit der gluͤcklichen Zeitung zu meinem lieben Herrn Har - lowe hinunter reiſen und alles wird, alles muß bald gluͤcklich ſeyn.

Jch muß eine Antwort von der Fraͤulein Howe haben, verſetzte die noch bebende Schoͤne. Jch kann meine neuen Maaßregeln ohne ihren Rath nicht aͤndern. Jch will lieber alle meine Hoffnung, in dieſer Welt gluͤcklich zu werden, als ihre gute Meynung von mir, verlieren, daß ſie mich fuͤr unbeſonnen, flatterhaft oder uͤberei - lend halten ſollte. Alles was ich gegenwaͤrtig von der Sache weiter ſagen kann, iſt dieſes. Wenn ich ihre Antwort auf das, was ich ihr ge -ſchrie -473ſchrieben habe, bekomme: ſo will ich ihr den gan - zen Zuſtand der Sache ſchreiben; wie ich alsdenn zu thun im Stande ſeyn werde.

Lovel. So muß ich auf ewig verzweifeln O Herr Capitain Tomlinſon, die Fraͤulein Howe haſſet mich! die Fraͤulein Howe

Capit. Vielleicht iſt es nicht alſo. Wenn die Fraͤulein Howe erfaͤhret, wie leid es ihnen iſt, daß ſie zur Beleidigung Anlaß gegeben haben: ſo wird ſie nimmermehr rathen, daß bey einem ſo gluͤcklichen Anſchein zur allgemeinen Ausſoͤh - nung ſo viele anſehnliche Perſonen in beyden Fa - milien in ihrer Hoffnung betrogen werden ſollten. Eine kleine Zeit wird nothwendig hingehen, wie dieſe unvergleichliche Fraͤulein vorausgeſehen und zu verſtehen gegeben hat, daß der Trauſchein wirklich erhalten und die Eheſtiftung nachgeſehen und unterſchrieben werde. Unterdeſſen kann vielleicht die Antwort von der Fraͤulein Howe, auch die Lady Eliſabeth ſelbſt, ankommen: und dieſe wird ſonder Zweifel vermoͤgend genug ſeyn, der Fraͤulein alle Einwendungen zu benehmen und den begluͤckten Tag zu beſchleunigen. Jch meines Theils will inzwiſchen dem Herrn Harlo - we eine Freude machen. Alles, warum ich mich vor dem Aufſchub fuͤrchte, iſt das, was von dem Herrn Jacob Harlowe zu beſorgen ſtehet: und deswegen muß alles kluͤglich und geheim getrie - ben werden; wie ihr Onkel, gnaͤdige Fraͤu - lein, ſelbſt vorgeſchlagen hat.

G g 5Sie474

Sie ſchwieg ſtille: ich freuete mich uͤber ihr Stillſchweigen. Das liebe Kind, dachte ich, hat mir in ihrem Herzen wirklich vergeben! Aber warum will ſie mir nicht durch die Groß - muth einer ausdruͤcklichen Erklaͤrung eine Ver - bindlichkeit auflegen! Jedoch da dieß bey der Sache nichts beſchleunigen wuͤrde, indem der Trauſchein noch nicht in meinen Haͤnden iſt: ſo iſt ſie deſto weniger zu tadeln; wenn ich ihr Ge - rechtigkeit widerfahren laſſe; daß ſie mehr Zeit nahm, ſich herabzulaſſen.

Jch ſchlug vor, mich morgen Abend zur Stadt zu begeben. Jch zweifelte nicht, daß ich Montags fruͤhe den Trauſchein mit mir herauf - bringen koͤnnte. Nur fragte ich, ob ſie die Ge - wogenheit haben wollte, mich zu verſichern, daß ſie der Fr. Moore Haus nicht verlaſſen wollte.

Sie wuͤrde bey der Fr. Moore bleiben, ant - wortete ſie, bis ſie eine Antwort von der Fraͤulein Howe bekaͤme.

Jch gab ihr zu verſtehen, daß ich hoffete, ſie wuͤrde wenigſtens ſtillſchweigend einwilligen, daß der Trauſchein geſuchet wuͤrde.

An ihren Geſichtszuͤgen merkte ich, daß ich dieſe Frage nicht haͤtte thun ſollen. Sie war von einer ſtillſchweigenden Einwilligung ſo weit entfernet, daß ſie ſich gerade fuͤr das Gegen - theil erklaͤrte.

Weil ich, wie ich ſagte, niemals die Abſicht hatte, von ihr zu verlangen, daß ſie in ein Haus, wo ihr die Leute ſo zuwider waͤren, zuruͤckkehrte:ſo475ſo fragte ich, ob ſie die Guͤte haben wollte, zu be - fehlen, daß ihre Kleider hierher gebracht wuͤr - den; oder ob Dorcas ihre Befehle desfalls abho - len ſollte.

Sie verlangte niemals jemand, der zu dem Hauſe gehoͤrte, wieder zu ſehen. Sie moͤchte vielleicht die Fr. Moore, oder Fr. Bevis, bitten, fuͤr ſie dahin zu gehen und ihre Schluͤſſel mit ſich zu nehmen.

Jch zweifelte nicht, fuhr ich fort, daß die La - dy Eliſabeth unterdeſſen ankommen wuͤrde, und ich hoffete, ſie wuͤrde nichts dargegen einzuwen - den haben, daß ich die Lady und meine Baſe Mon - tague mit mir heraufbraͤchte.

Sie ſchwieg ſtille.

Gewiß, Herr Lovelace, ſagte der Capitain, die Fraͤulein kann nichts dargegen einzuwenden haben.

Sie ſchwieg noch immer ſtille. Auf die Art war das Stillſchweigen in dieſem Falle ſtatt der Einwilligung.

Jch fragte weiter, ob ſie ſich belieben laſſen wollte an die Fraͤulein Howe zu ſchreiben

Herr! Herr! fiel ſie mir voll Verdruß in die Rede, nicht mehr gefragt: mir nichts vorgeſchrie - ben Sie werden thun was ſie fuͤr gut befin - den. So will ich auch thun, was mir beliebt. Jch bin ihnen keine Verbindlichkeit geſtaͤndig. Jhre Dienerinn, Herr Capitain Tomlinſon: em - pfehlen ſie mich meinem Onkel Harlowe. Hier - mit ging ſie fort.

Jch476

Jch ergriff ihre widerſtrebende Hand, und bat ſie nur, mir zu verſprechen, daß ſie mich morgen, und zwar fruͤhe, wieder ſehen wollte.

Zu welchem Ende ſoll ich ſie wieder ſehen? Haben ſie noch mehr zu ſagen, als geſaget iſt? Jch habe Geluͤbde und Betheurungen genug gehabt, Herr Lovelace. Zu welchem Ende ſollte ich ſie morgen fruͤhe wieder ſehen?

Jch wiederholte meine Bitte auf das inſtaͤn - digſte, und nannte die Zeit um ſechſe des Mor - gens.

Sie wiſſen, daß ich allemal um dieſe Jahrs - zeit noch fruͤher aufſtehe . Das war ihre halb - ausdruͤckliche Einwilligung.

Hiernaͤchſt empfahl ſie ſich ihrem Onkel noch einmal und ging weg.

So, Belford, hatte ſie ihre Waare geſtei - gert, wie der Lord M. ſagen wuͤrde, und meine war abgeſchlagen. Auf den naͤchſten Brief von der Fraͤulein Howe kommt nun unſer bey - den Schickſal an. Jch werde gaͤnzlich zu Grun - de und verlohren ſeyn: wo ich ihn nicht auffangen kann.

Der477

Der acht und zwanzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Die Gottloſen haben keinen Frieden, ſagt eine Schriftſtelle, woruͤber ich einmal pre - digen hoͤrte. Jch kann auch kein Auge zuſchlieſ - ſen, und wollte mich doch begnuͤgen laſſen, nur eine halbe Stunde in einem Lehnſtuhle zu ſchlafen. So muß ich nothwendig ſchreiben.

Jch nahm von dem Capitain Abſchied, nach - dem ich noch einen harten Kampf mit ihm uͤber das kuͤnftige Schickſal meiner Fraͤulein gehabt hatte. Da der Kerl einen vortrefflichen Kopf hat, und in allen Staͤnden eine anſehnliche Per - ſon vorgeſtellt haben wuͤrde, wenn er nicht ſeine juͤngern Jahre durch ein grobes Verbrechen be - fleckt haͤtte, und darinn entdecket waͤre; da er uͤber dieß die beſte Seite zu vertheidigen hatte: ſo fand ich viele Schwierigkeiten bey ihm, und ward endlich dahin gebracht, zu verſprechen, daß, wenn ich ſie gewinnen koͤnnte, mir großmuͤthig zu verzeihen und wieder ihre Gunſt zu ſchenken, ich alle meine Bemuͤhung anwenden wollte, aus mei - nen Raͤnken, ſo gut, als moͤglich waͤre, herauszu - kommen; nur daß die Lady Eliſabeth und Char - lotte kommen muͤßten. Alsdenn wollte ich ihnan478an die Stelle des Gevollmaͤchtigten von ihrem Onkel ſetzen, mich ſchaͤmen und heyrathen.

Aber, Bruder, wenn ich das wirklich thun ſollte; da ich doch gegen dieſen Stand die niedrig - ſten Regungen fuͤhle, die jemals ein Mann ge - fuͤhlet hat: was wuͤrde ich in den Jahrbuͤchern freyer Liebhaber fuͤr eine Perſon ſpielen? Kann ich mir alle dieſe Muͤhe, die ich gehabt habe, um nichts gemacht haben? Oder um eines Weibes willen, das zwar unvergleichliche Vorzuͤge hat; und ich glaube, daß ich aus einer jeden Weibs - perſon etwas gutes machen koͤnnte, weil ich ihr Furcht und Liebe einzufloͤßen vermoͤgend ſeyn wuͤrde; aber das doch ohne die Quaal, welche ich ausgeſtanden habe, zu erhalten geweſen waͤre. Haſt du nicht bemerket, daß dieſe ſtolze Fraͤulein nicht einmal weiß, wie man auf eine liebreiche Weiſe verzeihen muß? Daß ſie mir in der That noch gar nicht vergeben hat, ſondern meine See - le in einer ungewiſſen Erwartung haͤlt, die doch ihrem eignen Gemuͤthe ſo beſchwerlich ge - weſen iſt?

Jn dieſem ſtillen Augenblicke gedenke ich, daß, wenn ich meine vorigen Anſchlaͤge verfolgen; wenn ich mich entſchließen ſollte zu verſuchen, ob ich nicht ein groͤßeres Vergehen ſtatt eines Schwammes brauchen koͤnne, ein geringeres auszuwiſchen, und doch alsdenn Verzeihung des - wegen erhalten werde; ich mich gleich wohl bey mir ſelbſt rechtfertigen kann: und das iſt allesin479in allen, wie die unverſoͤhnliche Schoͤne ſagen wuͤrde.

Jch habe bey allen meinen Betrachtungen die Abſicht, nichts zu wiederholen, wenigſtens mich bey nichts aufzuhalten, was ich dir ſchon zuvor geſchrieben habe: wenn ſich auch der Zuſtand der Sachen nicht geaͤndert hat. Daher bitte ich dich meine alten Gruͤnde, ſonderlich die, welche in meiner Antwort(*)Siehe den V Brief dieſes Theils. auf deinen letzten Unſinn vol - ler Vorwuͤrfe enthalten ſind, wiederum zu uͤber - legen und die neuen, wie ſie mir aus der Feder gehen, darzu zu nehmen. Alsdenn werde ich mich ſelbſt fuͤr unuͤberwindlich anſehen: we - nigſtens in ſo fern als ich wie ein liederlicher Kerl mit einem liederlichen Kerl Gruͤnde und Ge - gengruͤnde gegen einander halte.

Jch halte es fuͤr ein weſentliches Stuͤck zu meiner Gluͤckſeligkeit, daß ich dieſe Fraͤulein ge - winne. Jſt es aber nicht allen Menſchen na - tuͤrlich, den Beſitz desjenigen zu ſuchen, wodurch ſie gluͤcklich zu werden gedenken: der Gegenſtand ſelbſt mag in anderer Augen mehr oder weniger betraͤchtlich ſeyn?

Stoͤßeſt du dich etwa an der Art und Weiſe, wie ich ſie zu erhalten ſuche, durch falſche Eid - ſchwuͤre, Geluͤbde und dergleichen? Ey! er - zaͤhlen uns nicht ſchon die alten Dichter vor zwey tauſend Jahren und weiter hinaus, daß Jupiter uͤber die Meineyde der Verliebten nur lachet? Erlaube mir zu dem, was ich ſchon ehemals zudieſem480dieſem Zwecke beruͤhret habe, noch eine oder zwo Fragen hinzuzuthun.

Predigen nicht die Muͤtter, die Tanten, die Großmuͤtter, die Aufſeherinnen der artig unſchul - digen Kinder ihnen allemal, von der Wiegen an bis zu reifern Jahren, von der Betruͤglichkeit der Mannsperſonen vor? daß ſie ihre Eid - ſchwuͤre, Geluͤbde, Verſprechungen nicht achten ſollen? Was fuͤr eine elende Bande von Luͤgne - rinnen wuͤrden nicht alle dieſe ehrwuͤrdige Ma - tronen ſeyn: wenn nicht dann und wann ein gar leichtglaͤubiges Kind zur Rechtfertigung ihrer Predigten gefangen wuͤrde, damit es als ein Wachfeuer, das zum Beſten der uͤbrigen aufge - ſtecket iſt, dienen moͤge?

Sehen wir denn nicht, daß ein ehrlicher Kerl, der ein Frauenzimmer heimlich ertappet, in man - cher Betrachtung ein nothwendiges Uebel ſey? Sehen wir nicht, daß nothwendig bisweilen ein angenehmes Maͤgdchen von ihm auf die Seite gebracht werden muß? Und iſt nicht das Bey - ſpiel, aller Wahrſcheinlichkeit nach, deſto kraͤftiger: je mehr Vorzuͤge das Frauenzimmer an Perſon, Gemuͤthe, und Gluͤcksumſtaͤnden beſitzet?

Werden mir dieſe Forderungen zugegeben: ſo bitte ich dich, welche Perſon kann wohl meiner bezaubernden Schoͤnen in allen dieſen Stuͤcken gleich kommen? Welche kann folglich zu einem Beyſpiel fuͤr die Uebrigen von dem ſchoͤnen Ge - ſchlechte ſo geſchickt ſeyn? Will man das aͤrg - ſte ſagen: ſo bin ich gaͤnzlich mit dem Grund -ſatze481ſatze meines rechtſchaffenen Freundes, Mande - villes, einig, daß Laſter an einzelnen Perſo - nen Wohlthaten zum gemeinen Beſten ſind.

Wenn nun aber dieſes angenehme Kind zum Beſten aller artigen Thoͤrinnen von dem ſchoͤnen Geſchlechte fallen muß; wie man es nennet: ſo muß ſie; und damit hat die Sache ein Ende. Was wuͤrde außerordentliches oder ſeltenes da - bey geweſen ſeyn: wenn ich nicht ſo lange damit zu thun gehabt haͤtte? So entſchlage ich mich aller fernern Gruͤnde und Streitigkeiten uͤber die Frage, und lege dir, wenn du an mich ſchreibeſt, ein ewiges Stillſchweigen uͤber dieſen Punkt auf.

Als eine nachher geſchriebene Einleitung zu den folgenden Abſaͤtzen war dieſes zu einer Beylage angeſiegelt.

OHimmel, Bruder, was ſoll ich nunmehr thun! Wie zeuget doch ein Uebel das andere! Jch habe dir eine traurige Zeitung zu mel - den. Da ich nur einen bloßen Raub zu be - gehen dachte: ſo habe ich mich hier, ob gleich in der That zu meiner Vertheidigung, einer Mord - that ſchuldig gemacht! Einer blutigen Mord - that! So glaube ich wird es ausfallen Nach dem letzten Othem zu urtheilen! Die arme unverſchaͤmte Widerſacherinn! die mir ewig widerſtrebte! ewig widerſprach! Da lieget ſie nun und waͤlzet ſich in ihrem Blute! JchFuͤnfter Theil. H hhabe482habe ihr den Todes-Stoß gegeben. Allein ſie war eine Diebinn, eine Betruͤgerinn, und noch dazu eine Peinigerinn. Sie hatte mir die Fe - der geſtohlen. Jndem ich meinen Gedanken voller Verdruß nachhing, und ungewiß war, was ich auf das kuͤnftige fuͤr Maaßregeln zu nehmen haͤtte: ſo ſtohl ſie mir dieſelbe unterdeſſen und ſchrieb folgendes damit, in einer Hand, die der meinigen vollkommen aͤhnlich war; ja wollte mir ſo gar ins Geſicht behaupten, daß es wirklich meine eigne Handſchrift waͤre.

Aber laß mich uͤberlegen, ehe es zu ſpaͤt iſt. Laß mich die mannichfaltigen Vollkommenheiten dieſes beſtaͤndig wundernswuͤrdigen Kindes uͤber - legen. Die Hand iſt itzo nur noch erſt aufge - hoben. Der Streich iſt noch nicht vollzogen. Der letzte Brief von der Fraͤulein Howe kann es vielleicht gar mit dir ausmachen. Nach den Regeln der Klugheit ſollteſt du wenigſtens nun - mehr ehrlich ſeyn. Du kannſt nicht ohne ſie leben. Du wollteſt ſie ja lieber heyrathen, als ganz und gar verlieren. So unbiegſam als ſie zu ſeyn ſcheinet: ſo kannſt du ſie vielleicht doch zur Heyrath bewegen. Findet ſie aber itzo ei - nen Betruͤger an dir: ſo kann es ſeyn, daß ſich ihre Aufmerkſamkeit niemals mehr von dir wie - derum gewinnen laͤßt; und ſie wird dich viel - leicht abweiſen und verabſcheuen.

Jedoch bin ich nicht ſchon zu weit gegan - gen? Ein Dieb, den die Reue uͤberfaͤllt, fuͤrch - tet ſich vor ſeiner Bande, und iſt genoͤthigt fort - zu -483 zufahren, aus Furcht noch eher gehangen zu werden, als es ſonſt zum Hangen kommt. Eben ſo geht es mir auch: ich fuͤrchte mich vor der Bande meiner verfluchten Raͤnke.

So wahr ich das Leben haben will: mir iſt itzo, da ich dieſes ſchreibe, ſehr leid, daß ich ein ſo thoͤrichter Raͤnkeſchmieder geweſen bin, daß ich mir ſelbſt die Gewalt benommen habe, wie ich beſorge, ehrlich zu ſeyn. Jch haſſe al - len Zwang, er mag erſcheinen, in welcher Ge - ſtalt er will, und kann es nicht ertragen, daß ich auch nur einmal gezwungen ſeyn ſollte, der Boͤſewicht zu ſeyn, welcher ich nach freyer Wahl habe ſeyn wollen. So bin ich nun endlich, Belford, wie du geſaget haſt, eine bloße Ma - ſchine und kein freyer Menſch.

Bey meiner Seele, Bruder, es iſt ein recht naͤrriſches Ding fuͤr einen verſtaͤndigen Men - ſchen, ſich ſelbſt ſo weit in der Bosheit getrieben zu haben, daß er fortfahren muß, und ſich ſelber nicht helfen kann; und dennoch bey nahe gewiß zu ſeyn, daß eben ſein Sieg ihn zu Grunde rich - ten werde.

Was fuͤr eine Gluͤckſeligkeit muß der Menſch empfinden, der eine loͤbliche Abſicht auf eine re - gelmaͤßige Art zu erhalten ſuchet, und ſich in dem Fortgange dabey nichts vorzuwerfen hat! Wie groß und lauter muß ſeine Freude in dem Ge - nuſſe derſelben ſeyn: wenn er durch anſtaͤndige Mittel zu ſeinem Zwecke gelanget! Was fuͤr ein gluͤckſeliger Menſch waͤre ich in dieſem Falle ge -H h 2 weſen:484 weſen: wenn ich nur das geweſen waͤre, oder wenn es mir gegeben waͤre, nur das zu ſeyn, was ich nach meinem Wunſche ſcheinen wollte zu ſeyn!

So weit hatte mein Gewiſſen mit meiner Feder geſchrieben: und ſiehe, wie feige mich dieſe Feindinn gemacht hatte! Jch griff ihr an die Kehle Da! da, ſagte ich, du ſchaͤndli - che und unverſchaͤmte! Nimm das und das! Wie oft habe ich dich gewarnet! Nun hof - fe ich mit dir fertig zu ſeyn, Nichtswuͤrdige, die ſich mir immer zu ungelegner Zeit aufdringen wollte!

Du thuſt klaͤglich und hebeſt mit gebrochner Stimme dein verfluchtes Haupt in die Hoͤhe. Vergebens fleheſt du mich um Barmherzigkeit an: da du mir in deinem Leben ſo wenig erzei - get haſt. Nimm das, als einen Gnaden - Stoß! Nun wird deine Pein und meine Pein von dir bald voruͤber ſeyn. Da liege! Waͤlze dich immerfort! Haͤtte ich dir nicht den Todes Stoß gegeben: ſo wuͤrdeſt du mich aller meiner Freude beraubet haben. Du haͤtteſt mich nicht beſſern koͤnnen: das iſt offen - bar am Tage. Du haͤtteſt mich nur in Verzwei - felung ſtuͤrzen koͤnnen. Saheſt du nicht, daß ich zu weit gegangen war, wieder zuruͤckzuziehen? Waͤlze dich immerfort, ich bitte dich noch einmal! Schnappe immerhin nach Othem! Nun ſchnappeſt du gewiß zum letztenmal. Wie ſchwer ſtirbſt du! Lebe wohl! Es iſtdoch485doch noch eine Hoͤflichkeit von dir, daß du mir ein Lebe wohl! zurufeſt! Fahre wohl, fahre wohl, fahre wohl auch du, o du unbiegſame und bis itzo unuͤberwindliche Feindinn, die ſich eine mir ſo ungelegne Herrſchaft uͤber meine Bruſt anzu - maßen geſuchet hat! Fahre du wohl auf ewig!

Der neun und zwanzigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Johann Belford.

Nur ein paar Worte auf die Nachricht, wel - che du mir verwichnen Abend von deinem armen Alten zugeſchickt haſt: alsdenn ſtehe ich von meinem Stuhle auf, ſchuͤttele mich, erfriſche mich, putze mich von neuem an; und ſo zu mei - ner bezaubernden Schoͤnen. Jch mache mir Hoffnung, ſo fremde ſie auch thut, daß ich ſie ge - winnen werde, bey dieſem warmen und angeneh - men Morgen mit mir auf die Haide hinauszu - ſpatzieren.

Die Voͤgel muͤſſen ſie ſchon eher, als itzo, auf - gewecket haben. Dieſe ſind in vollem Geſange. Sie hat ſich allezeit ihrer Gewohnheit geruͤhmet, den Aufgang der Sonne, eines von den Wun -H h 3dern486dern Gottes in der Natur, wie ſie es einmal nann - te, anzuſehen.

Jhr Fenſter liegt gegen Oſten. Unterdeſſen daß ich bey ihr bin, muͤſſen die Thaͤler von den Strahlen derſelben wie Gold gefaͤrbet werden: denn den Huͤgeln haben ſie ſchon eine lachende Geſtalt und der Natur ein angenehmes Anſehen gegeben.

Wie wenig wird ſich nach deinen Gedanken dieſer luſtige Eingang zu einer ſo finſtern Sache ſchicken, als diejenige iſt, zu der ich mich itzo wende.

Es iſt mir lieb zu hoͤren, daß deine verdries - liche Erwartung endlich erfuͤllet iſt.

Dein Bedienter ſagt mir, du ſeyſt uͤber den Abgang des alten Knabens herzlich betruͤbt.

Jch muß bekennen, daß du wohl ſo ausſehen magſt, als wenn du es waͤreſt: da es dir Quaal genug gemacht hat, viele Tage und Naͤchte ſo nahe um einen Sterbenden zu ſeyn, und ſeine herannahende Stunde zu ſehen Da du des Wohlſtandes wegen genoͤthigt geweſen, dich zu ſtellen, als wenn du uͤber ſeine quaͤlende Schmer - zen weineteſt. Wenn du den Anlauf von tau - ſend Unverſchaͤmten leiden und ihnen auf ihre Nachfrage nach der Geſundheit eines Mannes, deſſen Tod du wuͤnſcheteſt, Antwort geben muß - teſt Wenn du ihm vorbeten denn ſo haſt du mir einmal geſchrieben Wenn du ihm vorleſen mußteſt Wenn du gezwungen waͤreſt, dich in Berathſchlagungen einzulaſſen miteinem487einem Theile weiſe-ſcheinen-wollender Aerzte von feyerlichen Mienen und ihren dienſtfertigen Gauck - lern, den Apothekern, nebſt der Metzgerzunft von Badern, die ſich alle vereinigt hatten, das Poſſenſpiel aus der Arzneykunſt anzuheben und aus ſeinem Ruͤcken und Guͤtern Riemen zu ſchnei - den Wenn du noch dazu in Furcht ſtehen mußteſt, deinen Vortheil von dem, was er ver - laſſen wird, mit einem Haufen von hungrigen Verwandten, die nicht genug bekommen koͤnnen, von andern, denen etwas vermacht iſt, und der Teufel weiß von was fuͤr Leuten mehr, von gehei - men Helfershelfern bey loͤblichen ſo wohl als ſtraf - baren Leidenſchaften, zu theilen Wenn du dich unter ſolchen Umſtaͤnden befandeſt: ſo wun - dere ich mich nicht, daß du Bedienten, welche im Herzen eben ſo wenig, als du ſelbſt, betruͤbt ſind, und nach Vermaͤchtniſſen, wie du nach der Erb - ſchaft, ſchnappen, ſo vorkameſt, als wenn du in der That traurig waͤreſt, und das groͤßte Wehe, welches ein Geſicht verſtellen muß, dich uͤberfal - len haͤtte.

Darzu kommt, wie ich oft gedacht habe, die Vorſtellung, welche natuͤrlicherweiſe von ſolchen traurigen Gegenſtaͤnden entſtehet, als der Tod ei - nes Menſchen, mit dem wir vertraut gelebet ha - ben, nothwendig an die Hand geben muß, wenn wir genoͤthigt ſind, ihn in ſeiner langſamen Her - annaͤherung und in ſeinen heftigen Schmerzen, woruͤber ſich das ganze Geſicht verziehen muß, zu erwarten: die Vorſtellung, daß eben das einſtH h 4auch488auch unſer Schickſal ſeyn werde. Dieſe traͤgt ſehr vieles bey, dem Scheine der Traurigkeit ein glaubwuͤrdiges Anſehen zu geben.

Wenn man es ernſtlich uͤberleget: ſo iſt dieß dasjenige, was dem Wehklagen munterer Wit - wen, im Herzen frohlockender Erben, und der uͤbrigen Leute, denen etwas vermacht iſt, ſie moͤ - gen Namen haben, wie ſie wollen, auf eine Zeit - lang einen feinen Schein der Aufrichtigkeit gie - bet. Denn da dieſe Vorſtellungen, welche je - den Menſchen ſo nahe angehen, die innerliche Freude nieder halten: ſo muͤſſen ſie das Geſicht nothwendig traurig machen, und den angenom - menen truͤben Geberden das Anſehn einer wirk - lichen Traurigkeit verſchaffen.

Das mag ſeyn. Da du nun aber die Be - lohnung deines Wachens, deiner Angſt und dei - ner beſtaͤndig nahen Gegenwart bey ihm bekom - men haſt: ſo ſchreibe mir, wie es damit beſchaf - fen iſt; ſchreibe mir, ob ſie deine Unruhe erſetzet und deine Hoffnung erfuͤllet.

Was mich ſelbſt anlanget: ſo ſiehſt du wohl aus der Ernſthaftigkeit meiner Schreibart, wie dieſe Sache mich niederzuſchlagen geholfen habe. Jedoch mein Zuſtand, der mich noͤthigt, entwe - der geſchwinde zu heyrathen oder eine gewaltſame Schwaͤchung zu veruͤben, hat uͤber den frohern Anſchein fuͤr mich eine traurige Decke gezogen, und mehr, als die Begebenheit ſelbſt dazu beyge - tragen, daß ich bey deinem gegenwaͤrtigen freudi - gen Kummer einerley Geſinnung mit dir hege.

Lebe489

Lebe wohl, Bruder. Jch muß bald aus meiner Pein heraus ſeyn, und meine Clariſſa ſoll bald aus der ihrigen heraus ſeyn. So erfordert es ſelbſt die Haͤrte, welche dieſen Zufall begleitet.

Der dreyßigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Jch habe die Ehre gehabt auf zwo volle Stun - den in der Geſellſchaft meiner bezaubernden Schoͤne zu ſeyn. Wir kamen vor ſechſen in der Frau Moore Garten zuſammen. Ein Spatzier - gang auf die Haide ward mir abgeſchlagen.

Das ruhige Weſen in ihrem Geſichte und ihre guͤtige Gefaͤlllgkeit bey dieſer Zuſammenkunſt machte mir gute Hoffnung. Alles was entwe - der der Capitain oder ich ſelbſt geſtern vorgeſtel - let hatte, eine voͤllige und freye Verzeihung von ihr zu erlangen, das wiederhohlte ich auf das nachdruͤcklichſte. Jch eroͤffnete ihr noch außer - dem, daß der Capitain Tomlinſon mit der Hoff - nung hinunter gereiſet waͤre, ihren Onkel Har - lowe dahin zu vermoͤgen, daß er in Perſon her - aufkaͤme, mich mit dem groͤßten Gute, das je - mals ein Menſch erlanget haͤtte, ſelbſt zu be - ſchenken.

H h 5Das490

Das Hoͤchſte, was ich erhalten konnte, war, daß ſie zu meinem Vortheile keinen Schluß eher faſſen wollte, als bis ſie den erſten Brief von der Fraͤulein Howe bekaͤme.

Jch will die Gruͤnde nicht wiederholen, die ich gebrauchte: ich will dir nur das Vornehmſte von ihrer Antwort mittheilen.

Sie haͤtte alles uͤberleget, ſagte ſie zu mir. Meine ganze Aufſuͤhrung ſtuͤnde ihr vor Augen. Das Haus, wohin ich ſie gebracht haͤtte, muͤßte ein ſchaͤndliches Haus ſeyn. Die Leute in dem - ſelben haͤtten durch den ernſtlichen Verſuch, ihr die Jungfer Partington, wie ſie gar nicht zwei - felte mit meiner Genehmhaltung, anzuhaͤngen, ſchon fruͤhe gezeiget, wie weit ſie gehen koͤnnten. Gewiß, dachte ich, ſie hat doch keine Abſchrift von dem Briefe der Fraͤulein Howe bekommen, worinn ſolche Entdeckungen gemacht ſind. Das Herz ſage es ihr zu. Meine ſchimpfliche Begegnung gegen ſie waͤre unſtreitig mit Vor - ſatz geſchehen. Wenn ſie ſich meines ganzen vorlaͤufigen Bezeigens erinnerte: ſo muͤßte es nothwendig ſo ſeyn. Jch haͤtte die ſchaͤndlichſten Abſichten geheget: daran ſey gar kein Zweifel; und meine Auffuͤhrung gegen ſie ſetzte es außer allem Streit.

Sie iſt nichts als Seele, Belford! Sie ſcheinet uͤber kleine Freyheiten empfindlich, bey denen mich die Liebe unempfindlich macht, daß ich ſie mir genommen habe.

Sie491

Sie bat mich, alle Gedanken von ihr aufzu - geben. Bisweilen, ſprach ſie, daͤchte ſie, daß ih - re naͤheſten und liebſten Verwandten grauſam mit ihr umgegangen waͤren. Bey ſolchen Stun - den nehme ein heftiges Misvergnuͤgen und wohl gar Unwillen Platz. Die Ausſoͤhnung, welche ihr zu andern Zeiten ſo ſehr am Herzen laͤge, waͤre alsdenn nicht ſo ſehr ihr liebſter Wunſch, als es der Anſchlag waͤre, den ſie vorher gefaſſet haͤtte ihre gute Frau Norton zu ihrer An - fuͤhrerinn und Wegweiſerinn zu nehmen, und auf ihrem eignen Gute ſo, wie es ihres Großvaters Abſicht geweſen, zu leben.

Sie zweifelte nicht, daß ihr Vetter Morden, als einer von denen, welchen die Vollziehung des Teſtaments in Anſehung dieſes Gutes aufgetra - gen waͤre, ſie in den Stand ſetzen wuͤrde, und zwar, wie ſie hoffete, ohne Proceß, dieſen Anſchlag auszufuͤhren. Wenn er aber das kann und thut, fuhr ſie fort: was habe ich in ihrer Auffuͤhrung geſehen, daß ich bewogen werden ſollte, eine Ver - einigung der aͤußerlichen Vortheile, wobey eine ſolche Uneinigkeit der Gemuͤther iſt, demſelben vorzuziehen?

So ſiehſt du, Bruder, daß ſo wohl Vernunft als Unwillen ihre gegen mich getroffene Wahl begleitet. Du ſieheſt, daß ſie in den Gedanken ſtehet, ſie koͤnne ohne mich gluͤcklich, und muͤſſe mit mir ungluͤcklich ſeyn.

Jch hatte ſie, bey dem Beſchluſſe meiner nachdruͤcklich wiederholten Gruͤnde, erſuchet, nocheher492eher an die Fraͤulein Howe zu ſchreiben, als die Antwort derſelben ankommen koͤnnte, um ihr den gegenwaͤrtigen Zuſtand der Sachen vorzulegen, und, wenn ſie ſich nach dem Urtheile dieſer Fraͤu - lein richten wollte, ihr die Bequemlichkeit zu ge - ſtatten, das Urtheil mit voͤlliger Wiſſenſchaft der Sache zu faͤllen.

Das wuͤrde ich thun, Herr Lovelace, war die Antwort: wenn ich ſelbſt noch zweifelhaft waͤre, was ich vorziehen wollte; die Heyrath, oder den Anſchlag, deſſen ich gedacht habe. Sie koͤnnen nicht anders gedenken, mein Herr, als daß ich das letzte waͤhlen muͤſſe. Jch wuͤnſche mich bey gu - tem Sinne von ihnen zu trennen Noͤthigen ſie mich nicht zu wiederholen

Von mir zu trennen, gnaͤdige Fraͤulein! fiel ich ihr in die Rede. Die Worte kann ich unmoͤglich ertragen! Erlauben ſie mir doch zu bitten, daß ſie an die Fraͤulein Howe ſchreiben. Jch hoffe, wo Fraͤulein Howe, nicht meine Feindinn iſt

Sie iſt keine Feindinn von ihrer Perſon, mein Herr: davon wuͤrden ſie uͤberzeugt werden, wenn ſie ihren letzten Brief an mich ſehen ſollten(*)Die Fraͤulein meynt in ihrer Unſchuld einen Brief, den Herr Lovelace ſelbſt geſchmiedet hat. Siehe den XXI. Brief dieſes Theils.. Waͤre ſie aber nicht eine Feindinn von ihren Handlungen: ſo wuͤrde ſie weder mei - ne Freundinn, noch eine Freundinn von Tugend ſeyn. Warum wollen ſie mich zu denen hartenAus -493Ausdruͤckungen reizen, Herr Lovelace, die ich eben itzo nicht gern gebrauchen will, ob ſie es gleich wohl verdieneten: da ich von meiner eignen Heftigkeit in den zween verwichnen Tagen genug gelitten habe?

Jch biß mir vor Verdruß auf die Lippen. Jch ſchwieg ſtille

Die Fraͤulein Howe, ſprach ſie weiter, weiß ſchon die voͤllige Beſchaffenheit der Sache. Die Antwort, welche ich von ihr erwarte, betrifft mich, nicht ſie, mein Herr. Jhr Herz iſt in der Freundſchaft viel zu feurig, daß ſie mich einen Augenblick laͤnger, als zu dem, was ich wiſſen muß, noͤthig iſt, in Ungewißheit laſſen ſollte. Jhre Ant - wort ſteht auch nicht ganz allein bey ihr ſelbſt. Sie muß erſt eine gewiſſe Perſon ſprechen: und dieſe muß vielleicht noch andere vorher ſprechen.

Die verfluchte Zollbetruͤgerinn, Bruder! der Fraͤulein Howe Townſend, ſonder Zweifel! Was fuͤr Raͤnke, Erfindungen, verſteckte Streiche, hinterliſtige Kunſtgriffe! Dieſe Frauenzimmer ſind doch rechte Maulwuͤrfe, die heimlich unter dem Erdboden alles umwuͤhlen. Allein die Erde mag mich bedecken, ich will ſo gar ſelbſt ein Maulwurf werden, dachte ich: wo ihnen ihr Spiel gelingen und dieſe Fraͤulein mir nun aus den Haͤnden kommen ſoll.

Sie geſtand offenherzig, daß ſie im Sinne gehabt haͤtte, außer aller unſerer Kundſchaft zu einer von unſern Pflanzſtaͤdten in America zu ſchiffen. Allein nunmehr, da ſie gezwungen worden waͤre, mich zu ſprechen; wovor ſie ſicham494am meiſten gefuͤrchtet haͤtte, und welches zu ver - meiden ſie ihr Leben wuͤrde hingegeben haben: ſo daͤchte ſie bey ihrem vorigen und liebſten An - ſchlage am gluͤcklichſten zu fahren; wenn die Fraͤulein Howe einen anſtaͤndigen und geheimen Ort finden koͤnnte, wohin ſie ihre Zuflucht neh - men moͤchte, bis ihr Vetter Morden ankom - men koͤnnte. Kaͤme er aber nicht bald; und faͤnde ſie eine Schwierigkeit, einen ſichern Aufenthalt zu erlangen; es moͤchte nun ihr Bru - der oder ſonſt jemand hinderlich ſeyn; vermuth - lich meynte ſie mich: ſo koͤnnte ſie doch noch viel - leicht in die weite Welt gehen. Denn die Wahr - heit zu ſagen, waͤre es ihr unmoͤglich daran zu gedenken, daß ſie wieder zu ihres Vaters Hauſe zuruͤckkehren ſollte. Jhres Bruders Wuth, ih - rer Schweſter Vorwuͤrfe, ihres Vaters Zorn, ihrer Mutter Sorgen, die ſie noch weit mehr ruͤhreten, und ihr eignes Bewußtſeyn bey dem allen, wuͤrde ihr unertraͤglich ſeyn.

O Bruder, ich bin ſterbenskrank, ich verge - he, ich ſterbe vor dem erſten Briefe von Fraͤulein Howe! Jch moͤchte binden, knebeln, pluͤndern, rauben und alles thun, nur nicht morden, daß ich ihn auffangen koͤnnte.

So feſt entſchloſſen ſie inzwiſchen zu ſeyn ſchiene: ſo merkte ich doch offenbar, daß ſie noch einige Zaͤrtlichkeit fuͤr mich hatte.

Sie weinte oft bey ihrer Unterredung und ſeufzete noch oͤfterer. Sie ſahe mich zweymal mit einem Auge an, das unſtreitig von Guͤtig -keit495keit zeugte, und dreymal mit einem Auge, das auf Mitleid und Erweichung zielte: aber die guͤti - gen Strahlen deſſelben wurden eben ſo oft zuruͤck gehaſchet, wie ich ſagen moͤchte, und ihr Ge - ſicht von mir gewandt; nicht anders, als wenn ihrem angenehmen Auge nicht zu trauen waͤre, und es gegen meine ſcharfen Augen nicht Stand halten koͤnnte, die ein verlohrnes Herz in den ih - rigen aufſuchten und ſich ſelbſt bis in ihre Seele zu dringen beſtrebten.

Mehr als einmal ergriff ich ihre Hand. Sie ſtraͤubete ſich nicht ſehr wider dieſe Freyheit. Jch druͤckte ſie auch einmal an meine Lippen. Sie war nicht ſehr zornig daruͤber. Es iſt wahr, ſie nahm dabey ein verdriesliches Geſicht an: aber ein verdriesliches Geſicht, das mehr von Verwir - rung als von Unwillen zeugte.

Wie kam die theure Seele, die mit einem ſo zarten Kleide umgeben iſt, zu aller ihrer Stand - haftigkeit(*)Siehe in dem I. Th. S. 81. 82. 142. 211. 212 was ſie ſelbſt von dieſer Standhaftigkeit ſaget, die Herr Lovelace, ob er gleich dadurch nach Verdienſt leidet, ſich nicht entbrechen kann zu bewundern.? War es nothwendig, daß das geſchaͤfftige finſtere Weſen eines Tyrannen von einem Vater mit einer ſolchen leidenden Ge - faͤlligkeit einer Mutter ohne allen eignen Willen vermiſchet wuͤrde, in der Tochter eine Beſtaͤn - digkeit, eine Gleichmuͤthigkeit, eine Standhaf - tigkeit, deren ſich vorher niemals ein Frauenzim - mer zu ruͤhmen gehabt, hervorzubringen? Jſt es ſo: ſo iſt ſie dem herriſchen Vater mehrver -496verpflichtet, als ich mir von einer ſolchen Perſon haͤtte einbilden konnen, die allen und jeden ihrer Anverwandten einen gr*ßern Vorzug gab, als ei - ne Crone ſelbſt geben konnte.

Jch hoffete, fuhr ich fort, daß ſie den ihr zu - gedachten Beſuch von den beyden oft erwaͤhnten Frauenzimmern annehmen wuͤrde.

Sie waͤre hier, bekam ich zur Antwort. Sie haͤtte mich geſprochen. Sie koͤnnte ſich itzo nicht helfen. Sie haͤtte allezeit die groͤßte Hochachtung gegen die Frauenzimmer von meiner Familie, ihrer wuͤrdigen Gemuͤthsart wegen, geheget. Hierbey wandte ſie ihr liebliches Angeſicht weg und erſtick - te einen ſchon halb aufgeſtiegenen Seufzer.

Jch fiel ihr darauf zu den Fuͤßen. Es war auf einem gruͤnen Polſter: denn wir befanden uns eben auf dem graſichten Gange. Jch ergriff ih - re Hand. Jch bat ſie mit einem Eifer, wodurch mein Herz, wie ich fuͤhlte, zu den Augen auf - getrieben wurde, daß ſie mich doch, durch ihre Verzeihung und durch ihr Beyſpiel, ſolcher Verwandten ſo wohl als ihrer guͤtigen und edel - muͤthigen Wuͤnſche wuͤrdig machen moͤgte. Bey meiner Seele, gnaͤdige Fraͤulein, ſetzte ich hin - zu, ſie toͤdten mich mit ihrer Guͤte, mit ihrer un - dienten Guͤte! Jch kann ſie nicht ertragen.

Warum, warum, dachte ich itzo, und mehr als einmal bey dieſer Unterredung, warum will ſie mir nicht großmuͤthig verzeihen? Warum will ſie mich noͤthigen meine Tante und meine Ba - ſe zu meinem Beyſtande herzubringen? Kannwohl497wohl eine Veſtung, die ſich den Aufforderungen eines unuͤberwindlichen Siegers nicht ergiebet, eben die vortheilhaften Bedingungen zur Ueber - gabe erwarten, als wenn ſie ihm nicht die Be - ſchwerde verurſachet haͤtte, ſein ſchweres und gro - bes Geſchuͤtze herbeyzuſchaffen und gegen ſie zu richten?

Was fuͤr Empfindlichkeit, ſagte meine Goͤttinn und zog ihre Hand weg, was fuͤr Em - pfindlichkeit mußt du unterdruͤcket haben! Was fuͤr eine ſchreckliche, was fuͤr eine richterliche Haͤrte muß dein Herz angenommen haben: da du ſolche Ruͤhrungen, als du bisweilen gezeiget haſt, und ſolche Geſinnungen, als bisweilen aus deinen Lippen gefloſſen ſind, zu haben im Stande biſt, und ſie doch alle ſo weit haſt uͤberwaͤltigen koͤnnen, daß du ſo zu handeln vermoͤgend gewe - ſen biſt, als du gehandelt haſt, und zwar aus rechtem Vorſatz und mit Vorbedacht; und dieß, wie ich ſchon geſagt habe, dein ganzes Leben her - durch, von Kindheit an bis auf dieſe Zeit.

Jch verſetzte, daß ich mir Hoffnung gemacht haͤtte, da ſie ſo edelmuͤthig Antheil an mir genom - men, als ich ſo ploͤtzlich und gefaͤhrlich von einer Unpaͤßlichkeit uͤberfallen waͤre Jch meynte den Verſuch mit dem Jpecacuanha, Bruder!

Sie fiel mir in die Rede Ja ſie haben mir das genommene Antheil, wovon ſie reden, ſehr wohl belohnet Jnzwiſchen will ich nun, da ich ſchluͤßig bin, nicht mehr an ſie zu gedenken, frey geſtehen, daß ſie, ſo wenig ich auch bey demFuͤnfter Theil. J iallen498allen mit ihnen zufrieden war, ſich vielleicht haͤt - ten einige Gunſt zuwege bringen koͤnnen

Hier hielte ſie inne. Jch bat, ſie moͤchte fortfahren.

Stellen ſie ſich vor, mein Herr Dabey wandte ſie, ſo wie wir ſpatzieren gingen, ihr lie - benswuͤrdiges Angeſicht von mir weg Stellen ſie ſich vor, daß ich nicht daraufgedacht, mir einen Entwurf zu machen, nach welchem ich mich ſelbſt einrichtete: da ich mich ſo ungluͤcklich uͤberraſchet, und wie ich ſagen moͤchte, mir ſelbſt betruͤgeriſcher - weiſe geraubet fand? Da ich befand, daß ich nicht ſeyn, nicht thun koͤnnte, was ich zu ſeyn und zu thun wuͤnſchte: bilden ſie ſich denn wohl ein, daß ich nicht herumgeſonnen, welches zu meinem Zwecke der naͤchſte Weg waͤre, der ſich fuͤr mich ſchickte? Und glauben ſie, daß dieſer naͤchſte Weg, den ich gewaͤhlet habe, mich nicht einigen Schmerzen gekoſtet habe: da ich genoͤthigt bin zu

Hier brach ſie wieder ab.

Allein laſſen ſie uns die Unterredung aufheben So fing ſie von neuem an. Die Sache wird zu Sie ſeufzete Laſſen ſie uns die Un - terredung abbrechen Jch will hineingehen Jch will mich zur Kirche fertig machen Der Teufel! dachte ich So gut als ich in dieſen alltaͤglichen Kleidern erſcheinen kann Dabey ſahe ſie auf ſich ſelbſt Jch will in die Kirche gehen.

Hier -499

Hierauf wandte ſie ſich von mir, um in das Haus hineinzugehen.

Begluͤcken ſie mich, meine geliebte Fraͤulein, begluͤcken ſie mich noch laͤnger mit dieſer ruͤhren - den Unterredung. Mein Herz iſt ganz von Reue eingenommen Jch habe ausnehmend boͤſe gehandelt Geben ſie, durch die Fortſe - tzung dieſer ſtillen, aber durch meine Seele drin - genden Unterredung, mir ferner Urſache, meine unbedaͤchtliche Thorheit zu verfluchen.

Nein, nein, Herr Lovelace. Jch habe zu viel geſaget. Die Ungeduld faͤngt an, ſich mei - ner zu bemaͤchtigen. Koͤnnen ſie mich bey der Lady und Fraͤulein Montague entſchuldigen: ſo wird es um meines Gemuͤthes und um ihres gu - ten Namens willen beſſer ſeyn, daß ich dieſelben nicht ſpreche. Geben ſie mich bey ihnen fuͤr all zu eigen, unartig, ſproͤde aus: wofuͤr es ihnen beliebt, dafuͤr geben ſie mich bey ihnen aus. Keine Seele außer der Fraͤulein Howe, bey der ich, naͤchſt dem Allmaͤchtigen und meiner Mut - ter, von vorſetzlichen Fehlern losgeſprochen zu ſeyn wuͤnſche, ſoll ganz erfahren, was vorgegan - gen iſt. Seyn ſie gluͤcklich, wie ſie ſeyn koͤnnen! Verdienen ſie gluͤcklich zu ſeyn: ſo werden ſie wenigſtens in ihren eignen Gedanken gluͤcklich ſeyn; wenn ſie auch in anderer Betrachtung noch ſo ungluͤcklich ſeyn ſollten. Kann ich mei - nes Theils nur, bey gehoͤriger Ueberlegung, auf meine eigne Auffuͤhrung ohne den wichtigen Vor - wurf, daß ich ſo vorſetzlich und gegen meine Ueber -J i 2zeu -500zeugung gefehlet habe, zuruͤckſehen: ſo werde ich weit gluͤcklicher ſeyn, als wenn ich alles haͤtte, was die Welt fuͤr ſchaͤtzbar haͤlt.

Das edelgeſinnte Kind ſetzte die Unterredung fort: denn ich konnte nicht ſprechen.

Wenn mir Kraft verliehen wird, die Finſter - niß, welche itzt nur allzu oft mein Gemuͤth bene - belt, zu vertreiben: ſo hoffe ich wird dieſe inner - liche Rechtfertigung meiner ſelbſt mich uͤber alles Ungluͤck, daß mich uͤberfallen kann, erheben.

Jhre ganze Perſon ward nach ihrer Geſin - nung gebildet. Sie kam mir groͤßer vor, als vorher. O wie erhoͤhete die Gottheit, welche in ihr wohnet, ſie nicht allein uͤber mich, ſondern uͤber ſie ſelbſt.

Goͤttliche Fraͤulein! So nannte ich ſie und ſo dachte ich auch. Jch erkannte, daß ihr Ge - muͤth weit uͤber mich erhaben waͤre, und wollte weiter reden Aber ſie fiel mir ins Wort. Alle menſchliche Hoheit, ſprach ſie, iſt nur ver - gleichungsweiſe anzunehmen. Mein Gemuͤth, glaube ich, iſt in der That uͤber das ihrige erha - ben: da das ihrige durch boͤſe Uebungen und Ge - wohnheiten erniedriget iſt. Allein ich haͤtte nicht gewußt, daß es ſo waͤre: wenn ſie ſich nicht Muͤhe gegeben haͤtten, mich von der niedrigern Beſchaffenheit des ihrigen zu uͤberfuͤhren.

Wie groß, wie erhaben und groß iſt dieſes Frauenzimmer! Bey meiner Seele, ich kann, um ihrer Tugenden willen, ihr nicht ver - geben Es laͤßt ſich das Bewußtſeyn der un -endlich501endlich niedrigern Gemuͤthsart, die ſie mir vor - wirft, nicht ertragen Aber warum will ſie ſich von mir reißen, wenn gute Entſchließungen bey mir Platz nehmen? Sie will das Eiſen nicht ſchmieden, wenn es heiß iſt! O warum will ſie das weiche Wachs erſt hart werden laſſen?

Wir waren nur einige Schritte nach dem Hauſe zu gegangen, als uns die unverſchaͤmten Weibsleute entgegen kamen, mit der Nachricht, daß das Fruͤhſtuͤck bereit waͤre. Jch konnte nichts mehr thun, als ſie mit aufgehabenen Haͤn - den bitten, mir zu einer neuen Unterredung nach dem Fruͤhſtuͤcke Hoffnung zu machen.

Nein: ſie wollte in die Kirche gehen.

So ging ſie in das Haus hinein und gerades Weges die Treppen hinauf. Sie wollte mir auch nicht einmal die Gefaͤlligkeit erweiſen, mir bey dem Thee ihre Geſellſchaft zu goͤnnen.

Jch erklaͤrte mich gegen die Fr. Moore, lie - ber von dem Tiſche und aus dem Saale ſelbſt weg - zugehen, als daß ſich die Fraͤulein ausſchließen oder die beyden Witwen ihrer Geſellſchaft berau - ben ſollte.

Das waͤre die Sache eigentlich nicht, ſprach die Fraͤulein zu der Frau Moore. Sie haͤtte mit ſich zu ſtreiten gehabt, ihren Unwillen niederzu - halten. Es haͤtte ſie einige Muͤhe gekoſtet. Sie moͤchte ſich gern wieder faſſen, in Hoffnung, aus dem Gottesdienſte, dem ſie beywohnen wollte, ge - ſegnete Vortheile zu ziehen.

J i 3Frau502

Frau Moore machte ſich auf den Mittag Hoffnung zu ihrer Gegenwart.

Die Fraͤulein waͤre lieber entſchuldigt gewe - ſen. Denn wenn ſie die gehoffte Gemuͤthsver - faſſung erlangen koͤnnte, ſo moͤchte ſie nicht abge - neigt ſeyn, zu zeigen, daß ſie uͤber dergleichen Empfindlichkeit hinaus waͤre, die einen Menſchen, der nicht mehr verdiente, das bey ihr zu ſeyn, was er geweſen waͤre, betraͤchtlich machte.

Dieß ſagte ſie ſonder Zweifel, um der Frau Moore zu verſtehen zu geben, daß die Unterredung im Garten nicht zur Ausſoͤhnung gedienet haͤtte.

Frau Moore ſchien ſich zu wundern, daß wir nach einer ſo langen Unterhandlung nicht auf einem beſſern Fuße mit einander ſtuͤnden: und zwar um ſo viel mehr, weil ſie glaubte, daß die Fraͤulein ſich den Vorſchlag, die Trauung zu wie - derholen, haͤtte gefallen laſſen; gleichwie ich ih - nen erzaͤhlet hatte, daß ihr Onkel Harlowe dar - auf beſtuͤnde. Jch aber loͤſete dieſe Schwierig - keit dadurch auf, daß ich den beyden Witwen er - oͤffnete, die Fraͤulein waͤre geſonnen, ſo lange zu - ruͤckzuhalten, bls ſie von dem Capitain Tomlin - ſon gehoͤret haͤtte, ob ihr Onkel der feyerlichen Handlung in Perſon beywohnen, oder dieſem bra - ven Herrn zu ſeinem Bevollmaͤchtigten ernennen wollte.

Jch knuͤpfte ihnen wiederum eine genaue Verſchwiegenheit in Anſehung dieſes Umſtandes ein. Die Witwen verſprachen dieſelbe ſo wohl fuͤr ſich als fuͤr Jungfer Rawlins: von derenVer -503Verſchwiegenheit ſie mir eine Vorſtellung mach - ten, welche mir offenbar zeigte, daß ſie fuͤr alle angeſehne Weibsperſonen zu Hampſtead die Ober-Geheimniß-Bewahrerinn waͤre.

O Himmel, Bruder! Was fuͤr eine Welt voll Unheil muß Jungfer Rawlins auf dieſe Art wiſſen! Was fuͤr eine Pandorens Buͤchſe muß ihre Bruſt ſeyn! Doch haͤtte ich nicht auf etwas zu ſehen, das meiner Aufmerkſamkeit wuͤrdiger waͤre: ſo wollte ich mich damit einlaſ - ſen, ſie zu oͤffnen und mir die Entdeckung zu Nutze zu machen.

Nun merkſt du wohl, Belſord, daß ich alle mein Vertrauen auf die Vermittelung der Lady Eliſabeth und der Fraͤulein Montague, und auf die Hoffnung, den naͤchſten Brief von Fraͤulein Howe aufzufangen, geſetzet habe.

Die unerbittliche Schoͤne iſt wirklich mit der Frau Moore und Frau Bevis in die Kirche ge - gangen. Allein mein Wilhelm hat genau auf ihre Bewegungen Acht: und ich bin bey der Hand, gelegentlich alle Kundſchaft von ihm zu bekommen.

Sie wollte nicht; ein maͤchtiges Wort bey dem ſchoͤnen Geſchlechte! gerade als wenn ſie allemal ihren eignen Willen haben muͤßten; daß ich bey ihr waͤre. Jch drang nicht ſehr darauf, damit ſie nicht beſorgen moͤchte, daß ich UrſacheJ i 4zu504zu haben daͤchte, warum ich an ihrer freywilligen Ruͤckkehr zweifeln duͤrfte.

Jch hatte es mir einmal in den Kopf geſetzt, der Witwe Bevis andere Beſchaͤfftigung zu ge - ben. Und ich glaube, es wuͤrde ihr meine Ge - ſellſchaft eben ſo gut gefallen haben, als das Kir - chen gehen: denn ſie ſchiene unſchluͤßig, als ich zu ihr ſagte, daß zwo Perſonen aus einem Hau - ſe, die in die Kirche giengen, fuͤr einen Tag genug waͤren. Weil ſie aber ihre Sachen, wie die Wei - ber alles nennen, ſchon einmal anhatte, und ihre Tante Moore ihre Geſellſchaft erwartete: ſo hiel - te ſie es fuͤr das Beſte, zu gehen Sonſt wuͤrde es wunderlich ausſehen, wiſſen ſie wohl, ſagte ſie einer Perſon ins Ohr, die weit daruͤber hinaus war, daß ſie darauf achten ſollte, wie es ausſehen moͤchte.

Der ein und dreyßigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.

O Belford! wie iſt es nur auf ein Haar breit um mich zu thun geweſen, daß ich nicht davon gekommen waͤre! So, daß ich zwi - ſchen Schrecken und Freude erzittere, wenn ich gedenke, was ſich haͤtte zutragen koͤnnen und nicht geſchehen iſt.

Was505

Was fuͤr ein verkehrtes Maͤgdchen iſt dieß, daß ſie mit ihrem Schickſal ſtreitet: da ſie doch Urſache hat zu gedenken, daß ihr Geſtirn ſelbſt wider ſie fechte! Jch bin der Gluͤcklichſte auf Er - den Aber der Othem vergehet mir noch, wenn ich uͤberlege, an was fuͤr einem zarten Faden mein Schickſal gehangen.

Jedoch ich will dich nicht laͤnger in ungewiſ - ſer Erwartung laſſen: ich habe binnen dieſer hal - ben Stunde den Beſitz von dem erwarteten Brie - fe der Fraͤulein Howe erlanget und zwar durch einen ſolchen Zufall! Allein ich muß ſchließen und dieß mit dem vorhergehenden ab - ſchicken: weil dein Bothe wartet.

Der zwey und dreyßigſte Brief. Eine Fortſetzung des vorhergehenden von Herrn Lovelace.

Die Sache verhielte ſich alſo Meine Ge - liebte ging dieſen Nachmittag wiederum in Geſellſchaft der Frau Moore zur Kirche. Jch hatte mich anfangs ſehr eifrig bezeiget, mir ih - re Gegenwart bey dem Mittagseſſen auszubitten: aber vergebens. Dem zu folge, was ſie zu der Frau Moore geſagt hatte, war ich ihr zu betraͤcht - lich, daß ſie dieſe Gewogenheit verſtatten konnte. J i 5Her -506Hernach bat ich ſie, mir nach der Mittagsmahl - zeit noch einen Spatziergang mit ihr in dem Gar - ten zu vergoͤnnen. Allein ſie wollte wieder in die Kirche gehen. O wie viel Urſache habe ich, froh zu ſeyn, daß ſie das that!

Meine wuͤrdige Freundinn, Fr. Bevis, hiel - te eine Predigt, die wohl beobachtet waͤre, auf einen Tag fuͤr hinlaͤnglich. Daher blieb ſie zu Hauſe, mir Geſellſchaft zu leiſten.

Die Fraͤulein und Fr. Moore waren kaum eine Viertelſtunde weg: ſo kam ein junger Bauerkerl zu Pferde an die Thuͤr und frug nach Fr. Harrior Lucas. Die Witwe und ich hat - ten uns noch nicht entſchloſſen, wie wir uns ein - ander unterhalten wollten, und waren in dem Saal nahe bey der Thuͤre. Da ich den Kerl nachfragen hoͤrte: waren meine erſten Worte, O meine liebe Frau Bevis, ich bin verlohren, auf ewig verlohren, wo ſie mir nicht aushelfen! denn hier iſt aller Wahrſcheinlichkeit nach ein Bote von der unverſoͤhnlichen Fraͤulein Howe mit einem Briefe, der alles zernichten kann, was wir ausgerichtet haben, wo er der Fr. Lovelace zu Haͤnden kommt.

Was wollen ſie haben, war ihre Antwort, daß ich thun ſoll?

Rufen ſie den Augenblick die Magd, daß ich ihr ſagen koͤnne, wie ſie ſich zu verhalten hat. Wenn es ſo iſt, wie ich mir einbilde: ſo ſollen ſie alsdenn von mir hoͤren, was ſie thun ſollen.

Die507

Die Witwe. Margaret! Margaret! kommt den Augenblick herein.

Lovel. Was habt ihr dem Manne fuͤr eine Antwort gegeben, Margaret, als er nach der Fr. Harriot Lucas fragte?

Margaret. Jch habe ihn nur gefragt, was ſein Gewerbe waͤre und wo er her kaͤme? Denn Jhro Gnaden Bedienter hat mir ſchon erzaͤhlt, wie die Sachen ſtehen. Jch bin alſobald gekom - men, Madame, als ſie riefen, ehe er mir ant - wortete.

Lovel. Gut, Kind, wo ihr ſelbſt jemals in dem Eheſtande gluͤcklich zu ſeyn und Leuten, die zwiſchen euch und eurem Manne nur Ungluͤck ſtiften wollen, ihre Abſichten zu nichte zu machen wuͤnſchet: ſo locket ſein Gewerbe, oder den Brief, wenn er einen hat, von ihm heraus und bringt ihn zu mir und ſagt Fr. Lovelacen nichts wenn ſie zu Hauſe kommt. Hier iſt eine Guinee fuͤr eure Muͤhe.

Margar. Jch will alles thun, was ich kann, Jhro Gnaden zu dienen, und ohne Geld Nichts deſto weniger nahm ſie mit williger Hand die Guinee an Denn Mr. Wilhelm ſagt mir genug, was ſie fuͤr ein guter Herr ſind.

Hiemit ging Margaret zu dem Kerl vor der Thuͤre.

Margar. Was iſt euer Gewerbe, guter Freund, an Fr. Harry Lucas?

Der Kerl. Jch muß ſie, ſie ſelbſt ſprechen.

Lovel. 508

Lovel. Meine liebſte Witwe, ſtellen ſie ſich, als wenn ſie Fr. Lovelacen waͤren Um des Himmels willen, ſtellen ſie ſich, als wenn ſie Fr. Lovelacen waͤren.

Witw. Jch ſoll mich ſtellen, mein Herr, als wenn ich Fr. Lovelacen waͤre! Wie kann ich das thun? Sie iſt ſchoͤn: ich bin ein brau - nes Weibsbild. Sie iſt geſchlang: ich bin ſtark von Perſon

Lovel. Das thut nichts, das thut nichts Der Kerl mag vielleicht ein neuer Bedienter ſeyn: er hat keine Liverey wie ich ſehe. Er mag ſie wohl nicht von Perſon kennen. Sie koͤnnen nur geſchwollen ſeyn und die Waſſerſucht haben.

Witw. Waſſerſuͤchtige Leute ſehen nicht ſo friſch und roth aus, als ich

Lovel. Das iſt wahr Aber der Bauer kann das vielleicht nicht wiſſen Es kommt nur auf einen Betrug fuͤr dieſe kurze Zeit an.

Margaret, Margaret, rief ich an der Thuͤre ganz leiſe mit einer Weibesſtimme. Madame, antwortete Margaret, und kam zu mir an die Saal-Thuͤre herauf.

Lovel. Sagt ihm, die Frau befinde ſich nicht wohl, und habe ſich auf das Ruhebette gelegt. Sucht ſein Gewerbe von ihm heraus zu locken, thut, was ihr thun moͤget.

Darauf ging Margaret wieder fort.

Lovel Nun, meine liebe Witwe, legen ſie ſich die Laͤnge auf das Ruhebette, und ziehen ihr Schnupftuch uͤber das Geſicht, daß er ihre Au -gen509gen und Haare nicht ſehen kann, wenn er ſie ſelbſt ſprechen will So das iſt recht. Jch will neben ihnen in das Cloſet gehen.

Das that ich.

Margaret, die wieder zuruͤckkam. Er will mir ſein Gewerbe nicht ſagen. Er will Fr. Harry Lucas ſelbſt ſprechen.

Lovel. mit der Thuͤre in der Hand. Sagt ihm, daß dieß Fr. Harriot Lucas ſey: und laßt ihn herein kommen. Gebt ihm heimlich zu ver - ſtehen, daß ſie geſchwollen, waſſerſuͤchtig und nicht mehr das Frauenzimmer iſt, das ſie war.

So ging Margaret wieder fort.

Lovel. Nun, meine liebe Witwe, laſſen ſie mich ſehen, wie ſchoͤn ſie die Perſon der Fr. Love - lacen ſpielen koͤnnen! Fragen ſie, ob er von der Fraͤulein Howe kommt. Fragen ſie, ob er bey ihr iſt. Fragen ſie, wie ſie ſich befinde. Nen - nen ſie dieſelbe bey jedem Worte ihre liebſte Fraͤu - lein Howe. Bieten ſie ihm Geld Da ha - ben ſie eine halbe Guinee Klagen ſie uͤber ihren Kopf, damit ſie einen Vorwand haben, warum ſie ihn herunter halten. Bedecken ſie ihren Vorkopf und ihre Augen mit der Hand, da, wo ihr Schnupſtuch das Geſicht nicht verdecket Das iſt recht Und fertigen ſie den Kerl ab Hier kommt er ſo bald als ſie koͤnnen.

Eben kam der Kerl herein mit Buͤcken und Kratzen, den Huth mit beyden Haͤnden vor ſich heraus gehalten.

Der510

Der Kerl. Es thut mir leid, Madame, verguͤnnen ſie, daß ich ſie nicht wohl zu ſeyn finde.

Witw. Was bringt ihr mir gutes, mein Freund?

Der Kerl. Sie ſind doch Fr. Harriot Lucas, ſoll ich denken, Madame?

Witw. Ja. Kommt ihr von der Fraͤulein Howe?

Der Kerl. Das thue ich, Madame.

Witw. Weißt du meinen rechten Namen, Freund?

Der Kerl. Jch kann’n wohl ſo was rathen. Aber das iſt mir nicht zu beſtellen geſagt.

Witw. Was iſt denn dein Gewerbe? Jch hoffe doch, daß ſich Fraͤulein Howe wohl be - findet.

Der Kerl. Ja, Madame, vuͤllig wohl, Gott ſey Dank. Jch wollte, daß ſie ſich auch ſo be - funden.

Witw. Jch habe allzu vielen Kummer, daß ich mich wohl befinden koͤnnte.

Der Kerl. So denk ich, hab ich ſagen ge - hurt.

Witw. Der Kopf thut mir ſo erſchrecklich wehe, daß ich ihn nicht in die Hoͤhe halten kann. Jch bitte euch, ſagt mir euer Gewerbe.

Der Kerl. Ja, wenus das alle iſt, mein Gewerbe iſt bald vernummen. Es iſt nur, die - ſen Brief in ihre ſelbſt eigne Haͤnde beſunders zu geben. Hier iſt er.

Witw. 511

Witw. die ihn annahm. Von meiner liebſten Freundinn, der Fraͤulein Howe? Ach mein Kopf!

Der Kerl. Ja, Madame: aber es thut mir leid, daß ſie ſo ſchlimm ſind.

Witw. Seyd ihr bey der Fraͤulein Howe?

Der Kerl. Nein, Madame: ich bin einer von ihres Pachters Suͤhnen. Jhre gnaͤdige Fr. Mutter muß nicht wiſſen, wie ich hierher zur Bothſchaft gekommen bin. Aber der Brief, ſoll ich denken, wird ſie alles berichten.

Witw. Was ſoll ich euch fuͤr euren Dienſt und Muͤhe geben?

Der Kerl. Nichts uͤberall. Was ich thue, iſt aus Liebe fuͤr Fraͤulein Howe. Sie wird mir mehr geben, als genug iſt. Aber vielleicht koͤn - nen ſie keine Antwort ſchicken: ſie ſind ſo uͤbel.

Witw. Habt ihr Befehl auf eine Antwort zu warten?

Der Kerl. Nein: das kann ich eben nicht ſagen. Mir iſt nur befohlen zuzuſehen, wie ſie ausſaͤhen und wie ſie waͤren, und wenn ſie eine Zeile oder ſo ſchreiben wollten, es wohl in Acht zu nehmen und allein unſerer jungen Fraͤulein in geheim zuzuſtellen.

Die Witw. Jhr ſeht, ich ſehe wunderlich aus. Nicht ſo gut, als ich pflegte.

Der Kerl. Jch weiß mich eben nicht zu be - ſinnen, daß ich ſie mehr als einmal vorher geſe - hen; und das war an einem Stege, wo ich ih - nen und meiner gnaͤdigen Fraͤulein begegnete:aber512aber ich wußte beſſer, was mir gebuͤhrte, als einer vornehmen Frauensperſon ſtarr ins Geſicht zu ſe - hen; ſunderlich an einem Stege.

Witw. Wollt ihr etwas eſſen oder trinken, mein Freund?

Der Kerl. Einen Krug ſchwach Bier ſoll ich wohl nicht ausſchlagen.

Witw. Margaret, nehmt den jungen Men - ſchen hinunter, und gebt ihm, was das Haus ver - mag, zu eſſen.

Der Kerl. Jch bedanke mich, Madame - Jch habe eben dort auf der Haide erſt gegeſſen, wie ich des Weges kam: ſonſt waͤre ich eher hier geweſen; wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll. Dank ſey meinem Geſtirne, dachte ich, daß du das gethan haſt! Es war eben ein Stuͤck Peckelfleiſch auf dem Tiſche in dem Wirths - hauſe zur Burg, wo ich abſtieg, nach dieſem Hau - ſe zu fragen: und ſo kunnt ichs nicht helfen, ich mußte eſſen, ob ſchon ich nur willens war, mei - nen Hals naß zu machen. So ſoll ich allein ihr Bier koſten: denn das Rindfleiſch war wunder - ſtark geſalzen.

Darauf ging er mit Buͤcken und Kratzen fort.

Der Henker hole dich, waren meine Gedan - ken: gehe deines Weges, geſchwaͤtziger Bube!

Jch wiſchte aus dem Cloſet heraus und rief ganz leiſe in einer Weibsſtimme, mit der Saal - thuͤre in der Hand: Margaret, ſchaffet ihn ausdem513dem Hauſe, ſo bald als ihr koͤnnet; ſonſt kommen ſie aus der Kirche und finden ihn hier.

Margar. Sorgen ſie nicht, mein Herr.

Der Kerl ging hinunter und mochte wohl ei - nen guten Zug von dem Biere thun. Weil Mar - garet ihn aber ſehr ſchwatzhaft befand: ſo gab ſie ihn zu verſtehen, er wuͤrde es nicht uͤbel nehmen; ſie haͤtte einen Liebſten, der eben von der See ge - kommen waͤre, und den ſie genoͤthigt worden in dem Brodſchranke zu verſtecken; deswegen wuͤr - de er es ihr nicht verdenken, daß ſie nicht bey ihm bleiben koͤnnte.

Ey im geringſten nicht, ſagte der Bauer: denn wenn er ſeinen Kurzweil nicht haben koͤnnte, ſo wollte er doch keinem etwas zu - wider thun. Allein er ſagte ihr ins Ohr, daß ein gewiſſer Herr Lovelace ein verdammter Schelm waͤre, wenn man die Wahrheit ſagen duͤrfte.

Warum? fragte Margaret: und haͤtte ihm gern eine derbe Maulſchelle gegeben, wie ſie er - zaͤhlte.

Weil er alle Weibsleute kuͤßte, zu denen er kaͤme: das war ſeine Antwort.

Zu gleicher Zeit ſchlung ſich der Hund um Margareten und gab ihr einen Schmatz, den, ih - rer Beſchreibung nach, Fr. Bevis in dem Saa - le haͤtte hoͤren moͤgen.

So iſt die menſchliche Natur beſchaffen, Bruder: und ſo wirket ſie in allen Staͤnden. So thut der Bauer ſo wohl, als die Vernah -Fuͤnfter Theil. K kmern,514mern, das, was er tadelt, und tadelt, was er thut. Dennoch wußte dieſer ſchlaue Hund nicht anders, als daß die arme Magd einen Liebſten in dem Brodſchranke verſchloſſen haͤtte. Haͤtte er die Wahrheit gewußt: ſo koͤnnten ihn vielleicht eini - ge rothe Milchmaͤgde mit eben ſo vielem Grun - de einen verdammten Schelm nennen, als die vornehmern Frauenzimmer den Ritter Lovelace.

Der Kerl ließ ſich gegen die Magd verlau - ten, daß, ſo viel er von dem Geſichte der jungen Frau wahrgenommen haͤtte, es ſehr roth ausſaͤ - he, wie er dafuͤr hielte. Er glaubte auch, daß ſie ein gutes Theil fetter waͤre, wie ſie da gelegen, und nicht ſo lang.

Alle Weibsleute, Bruder, ſind gebohren, Raͤnke zu ſpielen: und uͤben es mehr oder weni - ger aus. Davon koͤnnen Vaͤter, Auſſeher und Aufſeherinnen aus Erfahrung zeugen, die ihnen theuer zu ſtehen kommt. Jn Liebesſachen ſind ſie von Natur erfahren, und bey ihrem Witze noch halb einmal ſo geſchwinde als Mannsperſonen. Dieſe fertige Magd, die doch nur aus dem groͤ - beſten Zeuge war, gab ein Beyſpiel hiervon, und machte ſich den Wink, den ich von der Waſſer - ſucht gegeben hatte, zu Nutze. Daß die junge Frau ſo ſtark von Perſon ſchiene, das kaͤme von den waſſerſuͤchtigen Beſchwerden und von der runden Lage, in der ſie ſich befunden haͤtte. Sehr wahrſcheinlich, in der That. Wenn ſie ihm nicht ſo lang vorgekommen waͤre: ſo ruͤhrte das, wie er leicht haͤtte bemerken koͤnnen, daher,daß515daß ſie die Fuͤße vor Schmerzen, und weil das Ruhebette vermuthlich zu kurz waͤre, hinauf ge - zogen haͤtte. So ſo, daran haͤtte er nicht ge - dacht Jhre rothe Farbe waͤre ihrer Betruͤb - niß und den Kopfſchmerzen zuzuſchreiben Ja, das koͤnnte wohl ſeyn Es waͤre ihm in - zwiſchen herzlich lieb, daß er den Brief der Fr. Harriot ſelbſt in die Haͤnde gegeben haͤtte: und das wuͤrde er der Fraͤulein Howe ſagen.

Er verlangte die Frau noch einmal zu ſpre - chen, als er wegging, und wollte ſich nicht abwei - ſen laſſen. Die Witwe ſetzte ſich daher in die Hoͤhe, zog das Schnupftuch uͤber das Geſicht, und lehnte ſich mit dem Kopfe an das Tafel - werk.

Er fragte, ob ſie etwas beſunderes zu be - ſtellen haͤtte.

Nein: ſie befaͤnde ſich ſo ſchlecht, daß ſie nicht ſchreiben koͤnnte; und dieß waͤre ein großer Kum - mer fuͤr ſie.

Hiernaͤchſt erkundigte er ſich, ob er den fol - genden Tag wieder nachfragen ſollte: denn er wollte nach London gehen, da er ſo nahe waͤre; und wuͤrde die Nacht uͤber bey einen Vetter blei - ben, der in einer Gaſſe, Fetter-Lane genannt, wohnete.

Nein: ſie wollte ſo bald, als ſie im Stande waͤre, ſchreiben, und den Brief mir der Poſt ſenden.

Wo ſie denn nichts durch ihn zu uͤberſchi - cken haͤtte: ſo moͤchte er vielleicht einen oder einK k 2paar516paar Tage in der Stadt bleiben. Denn er haͤtte die Loͤwen in dem Tower, das Haus fuͤr unſinni - ge Leute, Bedlam, und die Grabmaale noch nie - mals geſehen. Er wuͤrde ſich alſo einen oder zween Feyertage machen, wie er Erlaubniß haͤtte, wenn ſie kein Gewerbe oder nichts zu beſtellen haͤtte, weswegen er des folgenden Tages wieder abgehen muͤßte.

Sie haͤtte nichts.

Sie bot ihm die halbe Guinee an, welche ich ihr fuͤr ihn gegeben hatte. Allein er wollte ſie nicht nehmen und betheurte ſeine Uneigennuͤ - tzigkeit und Liebe, wie er ſagte, gegen Fraͤulein Hewe. Derſelben zu dienen, wollte er wohl bis an der Welt Ende oder gar nach Jericho reiten.

Endlich ging der beſchwerliche Kerl fort. Jch war von Herzen froh, als er weg war. Denn ich fuͤrchtete mich vor nichts ſo ſehr, als daß er ſo lauge bleiben moͤchte, bis ſie aus der Kirche kaͤmen.

So kam ich zu meines Herzens Wunſch, dem Briefe der Fraͤulein Howe: und zwar durch eine ſolche Verknuͤpfung von zufaͤlligen Begeben - heiten, die mir Grund genug zu ſagen gab, daß das Geſtirn der Fraͤulein gegen ſie fechte. Je - doch muß ich auch ein gutes Theil meiner Vor - ſichtigkeit zuſchreiben, daß ich die rechten Maaß - regeln genommen hatte. Denn haͤtte ich mich nicht der Witwe durch meine Erzaͤhlungen, und der Magd durch meinen Diener verſichert: ſo wuͤrde alles nichts geholfen haben. Dieſer hatteich517ich mich aber ſo treu verſichert, der einen durch eine einzige Guinee, der andern durch ein halb Dutzent feuriger Kuͤſſe, und beyder, durch den Abſcheu, welchen ſie gegen die boͤſen Leute hegten, die ihr Vergnuͤgen darinn ſuchten, Ungluͤck zwi - ſchen Mann und Frau zu ſtiften, daß ſie mir ver - ſprachen, weder der Fr. Moore, noch der Jung - fer Rawlins, noch der Fr. Lovelacen, noch irgend einer lebendigen Seele das geringſte davon zu ſa - gen, bis wenigſtens eine Woche vergangen waͤre, und bis ich ihnen die Erlaubniß gaͤbe.

Die Witwe freuete ſich, daß ich den Brief von der Ungluͤcksſtiſterinn erwiſchet haͤtte. Jch entſchuldigte mich bey ihr und ging den Augen - blick mit demſelben weg. Nachdem ich ihn gele - ſen hatte: ſo machte ich mich daruͤber, dir ein kurzes Verzeichniß von dem, was vorgefallen war, zu geben, damit ich dir mein gutes Gluͤck nicht unbekannt ſeyn ließe. Sie kamen nicht ſo bald zu Hauſe, als die Kirche aus war: indem ſie zu der Jungfer Rawlins gegangen waren, wie ſich hernach zeigte, und ſich daſelbſt eine Zeitlang aufgehalten hatten, um das geſchaͤfftige Maͤgdchen mit ſich zum Thee zu bringen. Daher ſchrieb ich dir unterdeſſen ſo weit, damit du dich mit mir, wenn du an dieſen Ort kaͤmeſt, uͤber die guͤnſtige Gelegenheit erfreuen moͤchteſt.

Eben ſind ſie alle drey herein gekommen Jch eile zu ihnen.

K k 3Der518

Der drey und dreyßigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Jch habe ſchon einen andern Brief an dich an - gefangen, meine Erzaͤhlung fortzuſetzen: aber ich gedenke dir dieſen eher zu ſenden, als ich jenen ſchließen werde. Aus dem Einſchluſſe wirſt du ſehen, daß keine von den beyden Perſo - nen, welche ſolche Briefe mit einander wechſeln, Barmherzigkeit von mir verdiene: und ich bin entſchloſſen, wenn ich mit der einen fertig bin, mit der andern wieder anzufangen.

Wollteſt du etwa ſagen, daß der Anlaß, den ich gegeben, und wodurch ich die eine von denſel - ben aufgebracht habe, ihre Freyheiten gegen mich rechtfertigen werde: ſo hoͤre meine Antwort. Bey allen andern, nur nicht bey mir, wird das ſtatt haben. Wer im Stande iſt, ſolchen Anlaß zu geben und dadurch zu reizen; dabey aber Macht genug hat, diejenigen zu ſtrafen, die ihn deswe - gen mishandeln, weil er denſelben gegeben hat, der wird ſeine Ahndung desfalls zeigen, und das vielleicht mit deſto groͤßerer Rache, je mehrer die gegen ihn genommene Freyheiten verdienet hat.

Sprichſt du, es ſey gleichwohl boͤſe, ſo zu han - deln: ſo antworte ich, es ſey nichts deſto weniger die menſchliche Natur. Und wollteſt dudenn519denn wohl verlangen, Bruder, daß ich kein Menſch ſeyn ſollte?

Hier ließ den Brief: wo du willſt. Du biſt mein Freund nicht: wo du noch einer von dieſen beyden uͤbermuͤthigen Weibsperſonen das Wort zu reden unternimmſt; nachdem du ihn geleſen haſt.

An Fr. Harriot Lucas bey Fr. Moore zu Hampſtead.

Nach denen Entdeckungen, die ich von den ſchaͤndlichen Anſchlaͤgen des ruchloſeſten Menſchen von der Welt gemachet, und in mei - nem weitlaͤuftigen Briefe vom verwichnen Mitt - wochen umſtaͤndlich beſchrieben habe(*)Siehe den Brief von der Fraͤulein Howe in dem XI. Briefe dieſes Theils., werden Sie leicht glauben, wertheſte Freundinn, daß ich, bey Durchleſung ihres letztern, am Donnerſtage von Hampſtead abgelaſſenen Schreibens(**)Siehe den XII Brief dieſes Theils., nicht ſo viel Beſtuͤrzung als Unwillen bey mir ge - ſpuͤret. Haͤtte der Boͤſewicht ſich unterfangen, eine Stadt ſtatt eines Hauſes anzuſtecken: ſo wuͤrde ich mich nicht daruͤber gewundert haben. Das einzige, woruͤber ich erſtaunet bin, iſt, daß er ſeine Klauen nicht eher gezeiget hat: da er, wie mir geſaget iſt, ſich damit ruͤhmet, daß ihn kein Frauenzimmer aus ihrer Schlafkammer hal - ten ſoll, wenn er ſich vorgeſetzet hat, darinnen zuK k 4ſeyn.520ſeyn. Und eben ſo wunderbar kommt es mir vor, daß Sie im Stande geweſen ſind, damals, als er Jhnen unter ſo bedenklichen und fuͤr ihn ſo vor - theilhaften Umſtaͤnden, in einem ſo ſcheuslichen Hauſe, uͤber den Hals gekommen war, der Ent - ehrung zu entgehen und hernach von einer ſol - chen hoͤlliſchen Rotte zu entkommen.

Jch habe Jhnen in meinem langen Briefe, vom verwichenen Mittwochen und Donnerſtage, Gruͤnde an die Hand gegeben, warum ſie billig in den ſcheinbaren Tomlinſon ein Mistrauen ſe - tzen muͤſſen. Der Menſch, meine Liebſte, muß ein ſtattlicher Betruͤger ſeyn. O daß doch ein Blitz vom Himmel den gottloſen Kerl ver - zehrte, der ihn, und die uͤbrigen von ſeiner gewiſſenloſen Rotte in Bewegung gebracht hat, damit ſie die vollkommenſte Tugend zu Grunde zu richten ſuchen ſollen. Der Himmel ſey geprieſen! Sie ſind allen ihren Stricken entgangen und nunmehr außer Ge - fahr Daher will ich Sie itzo nicht mit de - nen Umſtaͤnden beunruhigen, die ich weiter von dieſer abſcheulichen Betruͤgerey geſammlet habe.

Aus eben der Urſache verſchweige ich Jhnen auch einige neue Hiſtorien von dem ſcheusli - chen Kerl ſelbſt, die mir zu Ohren gekommen ſind. Eine inſonderheit iſt ſo anſtoͤßig! Jn Wahrheit, meine wertheſte Freundinn, der Kerl iſt ein Teufel.

Die ganze Geſchichte von der Fr. Fretchville und ihrem Hauſe trage ich gleichfalls kein Be -denken521denken ſchlechterdings fuͤr eine Erdichtung zu er - klaͤren. Der liederliche Kerl! Wie heftig verabſcheuet meine Seele den Boͤſe - wicht!

Jhr Vorſatz, weit von hier in ein fremdes Land zu gehen, und Jhre Gruͤnde, warum ſie das thun wollen, muͤſſen mich nothwendig auf das empfindlichſte ruͤhren. Aber getroſt, liebſte Freundinn: ich hoffe, daß ſie nicht noͤthig haben werden, ihr Vaterland zu verlaſſen. Wuͤßte ich gewiß, daß dieß das grauſame Schickſal ſeyn wuͤrde: ſo wollte ich alles, was ich ſelbſt beſſeres zu hoffen habe, fahren laſſen und bald bey Jhnen ſeyn. Jch wuͤrde Sie begleiten, Sie moͤchten gehen, wohin Sie wollten. Jch wuͤrde Gluͤck und Ungluͤck mit Jhnen theilen. Denn es iſt unmoͤglich, daß ich gluͤcklich ſeyn ſollte: wenn ich wuͤßte, daß Sie nicht allein der Gefahr des Mee - res, ſondern auch den Angriffen anderer ſchaͤnd - licher Mannsperſonen ausgeſetzet waͤren; da Jhre perſoͤnliche Reizungen ein jedes Auge auf ſich ziehen und Sie ſtuͤndlich einer Gefahr bloß ſtellen, welche andere mit wenigern vorzuͤglichen Gaben der Natur vermeiden koͤnnen Das iſt alles, was ich weiß, worzu Schoͤnheit dienet: ob ſie gleich ſo begierig geſuchet und ſo ſehr be - wundert wird.

O, meine Allerliebſte, wenn ich jemals hey - rathen und die Mutter von einer Clariſſa wer - den ſollte; Clariſſa muͤßte der Name ſeyn, wo - fern ſie liebenswuͤrdig zu werden ſchiene: wie oftK k 5wuͤrde522wuͤrde ſich mein Herz um das liebe Kind quaͤlen, wenn es heran wuͤchſe; da eine Klugheit und Vorſicht, welche in Frauenzimmern ihres glei - chen nicht hat, in Jhnen nicht Schutz genug fuͤr diejenige Schoͤnheit geweſen iſt, die ſo viele Bewunderer nach ſich gezogen hatte, als Augen waren, welche ſie geſehen! Wie wenig wuͤr - de ich mich uͤber die Gewalt der grauſamen Krankheit, wie man ſie nennet, betruͤben, die oft in den ſchoͤnſten Geſichtern die groͤßten Spuren ihrer Wuth zuruͤcklaͤſſet.

Jch habe eben die Frau Townſend verlaſ - ſen(*)Von dem, was die Frau Townſend angehet, ſie - he Th. IV. S. 159. u. f.. Jch dachte, Sie haͤtten dieſelbe einmal bey mir geſehen: aber ſie ſagt, daß ſie niemals die Ehre gehabt haͤtte, Jhnen von Perſon be - kannt zu werden. Sie hat ein maͤnnliches Herze. Sie kennet die Welt. Da ihre beyden Bruͤder in der Stadt ſind: ſo iſt ſie verſichert, daß ſie dieſe bereden kann, ſich einer ſo guten Sa - che anzunehmen, und im Stande ſeyn wird, wenn es noͤthig ſeyn ſollte, das Volk von ih - ren beyden Schiffen zu meiner Freundinn Dienſten zu verſchaffen.

Willigen Sie darein, meine Wertheſte: ſo ſoll der ſcheusliche Boͤſewicht fuͤr alle ſeine Schandthaten wenigſtens mit gebrochnen Bei - nen bezahlet werden.

Das523

Das Ungluͤck iſt nur, daß Frau Townſend nicht eher, als kuͤnftigen Donnerſtag, oder hoͤchſtens kuͤnftigen Mittwochen, bey Jhnen ſeyn kann. Sind Sie gewiß, daß Sie ſo lange da, wo Sie ſind, ſicher ſeyn koͤnnen? Jch glaube, Sie ſind zu nahe bey London: und vielleicht waͤ - ren Sie in der Stadt ſelbſt beſſer geſichert geweſen. Wo Sie aufbrechen: ſo laſſen Sie mich den Augenblick wiſſen, wohin.

Wie ſchmerzlich naget es mein Herz, wenn ich an die Noth gedenke, worzu eine ſo werthe Fraͤulein getrieben wird, daß ſie ſich verbergen muß! Der verteufelte Kerl! Er muß recht ſeinen Kurzweil und Uebermuth mit ſeinen Er - findungen getrieben haben Jedoch dieſer grauſame, dieſer barbariſche Kurzweil hat Sie von der ploͤtzlichen Gewaltthaͤtigkeit gerettet, wo - zu er bey der Entehrung anderer Perſonen ſeine Zuflucht genommen hatte, ob ſie gleich auch nicht von ſchlechtem Stande und Herkommen geweſen ſind. Der Boͤſewicht hat ſich allezeit damit geruͤhmet, daß er nur fuͤr ſolche ſeine Fallſtricke lege.

Die niedertraͤchtige Bosheit dieſes ſchein - baren Ungeheuers hat mehr, als irgend eine andere Vorſtellung thun konnte, bey mir gewir - ket, Herr Hickmann in Gunſt zu ſetzen. Von meiner Seite weiß nur er allein ihre Flucht und die Urſache davon. Haͤtte ich ihm die Urſache nicht geſagt: ſo haͤtte er ſich noch aͤrgere Ge - danken von dem ſchaͤndlichen Unternehmen ge -gen524gen Jhre Perſon machen koͤnnen. Jch entdeckte ihm die Sache: indem ich ihm Jhren Brief von Hampſtead zeigte. Als er ihn geleſen hatte; er zitterte aber und erroͤthete, da er ihn las: fiel er mir zu den Fuͤßen, und bat mich um die Er - laubniß, ſich zu Jhnen zu begeben, und Jhnen in ſeinem Hauſe Sitz zu verſchaffen. Die Thraͤnen ſtunden dem gutherzigen Manne in den Augen. Er bezeigte ſeinen Eifer in der Sache zu wieder - holten malen: und ſchlug vor, eine Kutſche mit vier Pferden, oder mit einem Geſpanne, zu neh - men, und ſich in Perſon, vor den Augen der gan - zen Welt, den Ruhm zu machen, daß er eine ſo bedruckte Unſchuld ſchuͤtzete.

Jch konnte nicht anders als zufrieden mit ihm ſeyn: und verheelte ihm auch nicht, daß ich es waͤre. Jch vermuthete kaum ſo viel Herz - haftigkeit von ihm. Allein die Zagheit eines Mannes gegen einen geliebten Gegenſtand von unſerm Geſchlechte, mag vielleicht nicht einen Beweis von einem Mangel an Muth bey gehoͤ - rigen Gelegenheiten abgeben.

Jch hielte mich an meiner Seite dagegen verbunden, wiederum auf ſeine Sicherheit bedacht zu ſeyn: weil ein ſo offenbar gewagter Schritt ihm die Rache des kuͤhneſten Boͤſewichts von der Welt zuziehen wuͤrde, der allezeit eine Ban - de von gleichen Bruͤdern bey der Hand hat, welche bereit ſind ſich einander in den ſchaͤndlich - ſten Gewaltthaͤtigkeiten zu unterſtuͤtzen. Jnzwi - ſchen da Herr Hickmann ſich durch gerichtlicheHuͤlfe525Huͤlfe haͤtte verſtaͤrken koͤnnen: ſo wuͤrde ich dar - auf nicht beſtanden ſeyn; wenn ich nicht ihr zaͤrt - liches Gemuͤth gekannt haͤtte; indem ein ſolches Unternehmen nothwendig vielen Lerm gemacht und zum Anſtoß Gelegenheit gegeben haben wuͤr - de, als ob einiger Vortheil uͤber Sie erhalten waͤre; und wenn ſich nicht die hoͤchſte Wahr - ſcheinlichkeit zeigte, daß durch Frau Townſends Vermittelung alles weit ſtiller und mit beſſerm Erfolg getrieben werden koͤnnte.

Frau Townſend wird Jhnen in Perſon ihre Aufwartung machen. Sie hoffet, daß es am Mittwochen geſchehen ſoll. Jhre Bruͤder und einige von ihren Leuten werden vertheilt, und als wenn ſie nichts von Jhnen wuͤßten, wie wir es verabredet haben, zuſehen, daß Sie nicht allein in London, ſondern auch in ihrem Hauſe zu Deptford ſicher ſind.

Sie hat eine Anverwandtinn, die zu Jhren Dienſten ſtehen wird, wenn ſie ſelbſt genoͤthigt iſt, Sie zu verlaſſen. Und da koͤnnen Sie ſo lange bleiben, bis die Wuth des liederlichen Kerls uͤber den Verluſt von Jhnen, und ſein Nachſpuͤ - ren, voruͤber iſt.

Er wird vermuthlich gar bald ein neues Bubenſtuͤck unternehmen, daß ihn beſchaͤfftigen kann: und man mag vorgeben, daß Sie verrei - ſet ſind, bey Jhrem Vetter Morden zu Florenz Schutz zu ſuchen.

Viel -526

Vielleicht wird er, wenn man ihn bereden kann, es zu glauben, ſelbſt hinuͤber reiſen, in Hoffnung, Sie daſelbſt zu finden.

Nach Verlauf einiger Zeit kann ich Jhnen einen Aufenthalt in einem von den benachbarten Flecken verſchaffen, wo ich das Gluͤck haben mag, Sie taͤglich zu beſuchen. Und wofern dieſer Hickmann nicht einfaͤltig und albern iſt; meine Mutter aber nicht unverantwortliche Dinge vor - nimmt: ſo kann ich vielleicht deſto eher an das Heyrathen gedenken, damit ich ohne Einrede meine herzliebſte Freundinn aufnehmen und be - wirthen moͤge.

Jch mache mir Hoffnung, daß wir noch vie - le, recht viele, begluͤckte Tage mit einander erle - ben werden. Gleichwie dieß meine Hoffnung iſt: alſo vermuthe ich, daß es Jhr Troſt ſeyn werde.

Was ihr Gut betrifft: ſo wollen wir, weil Sie entſchloſſen ſind, keinen Proceß daruͤber zu fuͤhren, Geduld haben, bis entweder der Obriſt Morden ankommt, oder die Schaam gewiſſe Leu - te treibet, gerecht zu ſeyn.

Alles wohl erwogen, kann ich nicht anders denken, als daß Sie nunmehr viel vortheilhaf - tere Umſtaͤnde zu gewarten haben, als Sie haͤtten erwarten koͤnnen, wenn Sie wirklich mit einem ſolchen Manne, als dieſer iſt, vermaͤhlet waͤren. Jch muß Jhnen daher Gluͤck wuͤnſchen, daß Sie nicht allein von einem ſcheuslichen Freygeiſte in ſeiner Lebensart, ſondern auch von einemſo527ſo ſchlechten Gemahl, als er fuͤr ein jedes Frau - enzimmer, ſonderlich aber fuͤr eine Perſon von Jhrer Tugend und Gemuͤths zaͤrtlichkeit geweſen ſeyn muͤßte, frey gekommen ſind.

Sie haſſen ihn, meine liebſte Freundinn, ſie haſſen ihn von Herzen, wie ich hoffe Jch bin verſichert, daß Sie es thun. Es wuͤrde wun - derlich ſeyn, wenn ein ſo reines Leben und ſo rei - ne Sitten nicht dienen ſollten, das zu verabſcheu - en, was denſelben gaͤnzlich entgegen iſt.

Jn Jhrem Briefe, den ich vor mir habe, ge - denken Sie eines andern, der zu einer Finte(*)Siehe den XII. und XIII. Brief dieſes Theils. geſchrieben ſey. Jch habe keinen ſolchen Brief bekommen. Verlaſſen Sie ſich alſo darauf, daß er ihn haben muß. Hat er ihn aber: ſo iſt es ein Wunder, daß er mein langes Schreiben vom 7ten nicht gleichfalls erhaſchet hat. Der Himmel ſey geprieſen, daß es nicht geſchehen, und daß es Jhnen ſicher zu Haͤnden gekommen iſt!

Jch uͤberſende gegenwaͤrtiges durch einen jungen Menſchen, deſſen Vater einer von unſern Pachtern iſt, und habe ihm befohlen, es keinem, als Jhnen ſelbſt, in die Haͤnde zu liefern. Er ſoll gerades Weges wieder zuruͤckkommen: wo Sie ihm einen Brief mitgeben. Wo nicht: ſo wird er zu ſeinem eignen Vergnuͤgen weiter nach London gehen. Er iſt ein einfaͤltiger Kerl: aber recht ehrlich. Daher koͤnnen Sie ihm alles ſa - gen. Wenn Sie mir durch ihn nicht ſchreiben:ſo528ſo bitte ich mir ſo bald, als es moͤglich iſt, eine oder ein paar Zeilen aus.

Meine Mutter weiß nichts davon, daß er zu Jhnen gehet. Sie weiß auch nicht, daß Sie den liederlichen Kerl verlaſſen haben. Ver - zeihen Sie mir! Er hat kein Recht eine beſſere Begegnung zu fordern.

Mich wird ſehr verlangen zu hoͤren, wie Sie und Frau Townſend die Sachen anſtellen. Jch wollte wuͤnſchen, daß ſie eher haͤtte bey Jhnen ſeyn koͤnnen. Jnzwiſchen habe ich keine Zeit verſaͤumet, wie Sie leicht glauben werden, mit ihr einig zu werden. Jn dem, was ich noch fer - ner zu ſchreiben und zu berichten habe, beziehe ich mich auf dieſelbe. Alſo werde ich mit meinem Gebete ſchließen, daß der Himmel Sie, meine liebſte Freundinn, leiten und ſchuͤtzen, und Jhnen kuͤnftig begluͤckte Tage verleihen wolle.

Anna Howe.

Nun will ich ſetzen, Bruder, daß du dieſen verfluchten Brief geleſen haſt. Erlaube mir ei - nige Erinnerungen uͤber ein Theil von dem Jn - halt deſſelben zu machen. Jch will es in meiner verkuͤrzten Schreibart mit Rabenſpulen thun, daß ſie als Anmerkungen uͤber die eigne Handſchrift von dem ungeſtuͤmen Frauenzimmer ſcheinen moͤgen.

Es kommt der Fraͤulein Howe wunderbar vor, daß ihre Freundinn im Stande geweſen iſt, da ich ihr unter ſo bedenklichen und fuͤr mich ſo vortheil -haften529haften Umſtaͤnden uͤber den Hals gekommen war ꝛc.] Es kommt mir ſelbſt wunderbar vor. Wenn ich noch einmal eine ſo bequeme Gelegenheit bekomme: ſo, glaube ich, ſoll die Urſache zu unſerer beyden Verwunderung wegfallen.

Du ſiehſt, daß Tomlinſon noch weiter entdecket iſt. Es iſt keine ſolche Perſon vorhanden, als Fr. Fretchville ſeyn ſoll. O daß doch ein Blitz vom Himmel O Gott, o Gott, o Gott! Was fuͤr ein abſcheulich ungeſtuͤmes Maͤgdchen iſt dieß! Meine Rotte, ja ſo gar meine gewiſſenloſe Rotte wird beruͤhret Und du willſt dieſen Maͤgd - chens noch wieder das Wort reden? Willſt du? Der Himmel ſey geprieſen, ſchreibt ſie, daß ihre Freundinn außer Gefahr iſt Fraͤulein Howe ſollte erſt gewiſſe Nachricht haben, daß dieß wahr, und daß ſie ſelbſt ſicher iſt. Bey dieſer Heldinn haͤt - te ich gewiß, wie ich oft geſagt habe, meine Sache beſſer machen muͤſſen.

Sie hat neue Hiſtorien von mir, Bruder! Was koͤnnen das fuͤr Hiſtorien ſeyn? Jch habe nicht gefunden, daß mein edelmuͤthiges Ver - fahren gegen mein Roſenknoͤspchen mir jemals bey dieſen beyden Freundinnen die verdiente Achtung zuwege gebracht hat. Es iſt ſehr hart, Belford, daß zum Beſten eines liederlichen Kerls nicht ſo wohl, als eines jeden gemeinen Mannes, die ausgeliehenen Guͤter gegen die Schulden geſetzt und die Rechnun - gen darnach gehoͤrig gemacht werden koͤnnen! Allein, von wem man nichts gutes erwartet, dem rechnet man das Gute, was er thut, nicht an.

Jch haͤtte ein wenig mehr auf den Ruf bey den Leuten ſehen ſollen, als ich gethan habe. Denn ob gleich die Regeln von dem, was gut und boͤſe iſt, fuͤr ſo klar und unſtreitig ausgegeben worden: ſo muß ich dir doch ſagen, daß der Ruf bey den Leu - ten den Ausſchlag giebet und jedermann hinreißet. Fuͤnfter Theil. L lLaß530Laß nur einen Mann oder eine Weibsperſon ſich erſt bey der Welt in eine gute Meynung ſetzen: ſo wird alles, was der eine oder die andere thut, hei - lig heißen. Ja hilft nicht ſelbſt vor Gericht der Ruf bey den Leuten eben ſo oft als die veruͤbten Thaten, und bisweilen wohl gar Trotz aller veruͤbten Thaten, losſprechen oder verdammen? Den - noch habe ich meinen Ruf ſo wenig geachtet! O wie ſehr habe ich meine Regeln der Klugheit verſaͤumet, und wie ſehr verſaͤume ich ſie noch itzo! Nun - mehr iſt es ſchon nicht zu erſetzen: ich zweifle ſehr daran Aber wir wollen die Sittenlehre ruhen laſſen.

Du weißt beynahe alle meine Unternehmungen, Bruder, die denkwuͤrdig ſind. Sollte die beſondere Geſchichte, worauf dieß Maͤgdchen zielet, wohl die Begebenheit mit Lucia Villars ſeyn koͤnnen? Oder ſollte ſie wohl von meinen Streichen mit der artigen Gypſey, die ich zu Norwood antraf, gehoͤret haben, und von der Falle, worinn ich ihren grauſa - men Mann, einen eben ſo finſtern und tyranniſchen Kerl, als der alte Harlowe iſt, damals fing, als er ein Weib verfolgte, daß ſich nicht uͤbel um ihn wuͤrde verdient gemacht haben, wenn er ſich wohl um ſie verdient gemacht haͤtte? Allein er kam nicht um den Hals. Der Kerl lebt noch dieſen Tag: und Fraͤulein Howe gedenket der Hiſtorie, als einer ſehr anſtoͤßigen Sache Außerdem ſind dieſe beyden Be - gebenheiten ſchon zwoͤlf Monathe alt oder noch aͤlter.

Aber boͤſe Geruͤchte und aͤrgerliche Thaten ſind allemal neu. Wenn die beleidigende Perſon eine ſchaͤndliche That ſchon vergeſſen hat: ſo wird ſie oft einem oder dem andern erzaͤhlet, der ſie noch nicht gehoͤret hat, und als etwas neues allenthalben bey andern auspoſaunet. Gar wohl ſagte der ehrliche Richter zu Madrid: des Guten, was jemand thut, erinnert man ſich nur auf einen Tag; aber desBoͤſen531Boͤſen auf viele Jahre hernach, wenn der Thaͤter nicht mehr am Leben iſt. Ein Denkſpruch, womit ich die Sammlung meines Lords M. bereichert ha - be. So groß iſt das Wohlgefallen, das die Welt an aͤrgerlichen Handlungen hat: oder mit an - dern Worten, ſo ſuchet ſich ein jeder weiß zu machen, wenn er ſeinen Nachbarn anſchwaͤrzet. Du und ich, Belford, haben der Welt große Dienſte gethan, daß wir ihr viele bequeme Gelegenheiten verſchaffet haben, ihrer teufliſchen Neigung Genuͤge zu thun.

Fraͤulein Howe will alles, was ſie ſelbſt beſ - ſeres zu hoffen hat, fahren laſſen, und Gluͤck und Ungluͤck mit ihr theilen, wenn ſie weit von hier in ein fremdes Land gehen muͤßte.] Eine vor - treffliche Heldinn aus dem Romanenlande! Jch muß mich an dieß Maͤgdchen machen, Bruder. Jch habe allezeit gute Hoffnung von einem Frauenzim - mer gehabt, das ſeine Leidenſchaften ſo weit treibt. Haͤtte ich die Fraͤulein Howe zuerſt angegrif - fen: ſo wuͤrden ihre Gemuͤthsbewegungen, wenn ſie ſo angeflammet und geleitet waͤren, als ich ſie haͤtte lenken koͤnnen, ſie innerhalb vierzehn Tagen in mein Garn gebracht haben.

Glaubeſt du aber wohl; ich denke doch, du bil - deſt dir es ein; daß dieſe hochfliegende Gedanken bey dem ſchoͤnen Geſchlechte etwas zu bedeuten ha - ben? Jn Wahrheit, Bruder, dieſe heiße Freund - ſchaften ſind nichts, als Spreue und Stoppeln, die ſich durch eben den Wind, der ſie erhebet, verwe - hen laſſen. Sie ſind Affen, bloße Affen von uns. Sie denken, das Wort Freundſchaft klinget ſchoͤn; und es wird viel davon geſchwatzet: es iſt ein Wort nach der Mode. Daher will in der That ein ledi - ges Frauenzimmer, welches glaubt, daß ſie eine See - le hat, und weiß, daß ihr etwas fehlet, das Anſe - hen haben, als wenn ſie unter ihrem eignen Ge - ſchlechte eine Seele, die ſich fuͤr ſie ſchicket, ihrenL l 2Mangel532Mangel zu erſetzen gefunden habe. Allein ich ſage noch einmal, daß bey ihnen das Wort ein leeres Wort, das Ding ein bloßer Name iſt: ein Weber - ſchifflein mit einem Boden von Kork, das ſie gern aus einem eingebildeten Vergnuͤgen hin und her ſtreichen, um ſich einander bey dem froſtigen Wet - ter des ledigen Standes zu erwaͤrmen; aber das gar bald, wenn ein Mann zwiſchen die vermeynten unzertrennlichen Seelen kommt, eben ſo, wie ihre Muſik und ihr anderer jungfraͤulicher Zeitvertreib, aufgegeben wird, und gleichwohl noͤthig ſeyn mag, die artigen ſchelmiſchen Kinder unterdeſſen von Un - heil, dabey ſie ſich noch geſchaͤfftiger beweiſen koͤnn - ten, abzuhalten. Kurz, alsdenn legen ſie das Netz beyſeite, weil ſie den Fiſch gefangen haben(*)Er zielet hier auf die Geſchichte eines Pabſtes, der, weil er ſonſt ein armer Fiſcher geweſen war, bey allen Ehrenſtellen, wozu er erhoben wurde, ja ſelbſt bey der Cardinalswuͤrde, ſein Netz zum Zeichen ſeiner Niedrigkeit, ſeinen Gaͤſten vor die Augen haͤngte. Als er aber auf den paͤbſtlichen Stuhl kam: ſo nahm er es herunter, und ſagte, daß er nun das Netz nicht mehr brauchte, weil er den Fiſch gefangen haͤtte..

Du haſt vielleicht Luſt, eine Ausnahme fuͤr dieſe beyden Frauenzimmer zu machen. Von Her - zen gern. Wo irgend eine Weibsperſon eine See - le hat, die zur Freundſchaft aufgelegt iſt: ſo hat ſie meine Clariſſa. Jhr Feuer iſt leuchtend und beſtaͤn - dig. Aber bey der Fraͤulein Howe iſt es zu heftig, daß es Beſtand haben ſollte: wenn es nicht durch die Widerſetzung ihrer Mutter unterhalten wuͤrde. Wie oft habe ich erfahren, daß Widerſtand nicht nur Freundſchaft befeſtiget, ſondern ſo gar Liebe gezeuget hat? Jch bin gewiß verſichert, der arme Hickmann wuͤrde mit dieſer ungeſtuͤmen Fraͤuleinbeſſer533beſſer fahren: wenn ihre Mutter ſo herzlich wider ihn waͤre, als ſie fuͤr ihn iſt.

So viel will ich dir in der That von dieſen beyden Frauenzimmern zugeben, daß der unruhige Geiſt der einen, und die leutſelige Gemuͤthsart der andern ihre Freundſchaft weit dauerhafter machen moͤge, als ſie ſonſt ſeyn wuͤrde. Denn es iſt gewiß, daß in aller Freundſchaft, ſie ſey zwiſchen Maͤnnern oder Weibern, ein maͤnnlicher und ein weidlicher Geiſt ſeyn muͤſſe; das heißt ſo viel, einer von ihnen muß nachgeben und viel vertragen koͤnnen; damit ſie dauerhaſt ſeyn moͤge.

Allein dieß behaupte ich, als eine Wahrheit, die durch alle Erfahrung beſtaͤtiget wird, daß Freundſchaft zwiſchen Weibsperſonen niemals bis zur Aufopferung hauptſaͤchlich wichtiger Gefaͤllig - keiten, oder bis zur Gefahr des Lebens, Leibes, oder Gutes, Stich haͤlt, wie ſie oft bey unſerm weit edlern Geſchlechte thut.

Das mag hiervon genug ſeyn. Nun aber folgt ein richterlicher Ausſpruch wider die arme Schoͤn - heit. Was hat die Schoͤnheit gethan, daß die Fraͤulein Howe auf ſie zuͤrnen ſollte? Fraͤulein Howe, Bruder, iſt ein reizendes Maͤgdchen. Sie hat nicht Urſache, ſich mit der Schoͤnheit zu zanken! Haſt du ſie jemals geſehen? Es iſt wahr, ſie hat fuͤr ein Maͤgdchen zu viel Feuer und Geiſt in den Augen. Aber das iſt kein Fehler bey einem Manne, der das Feuer und den Geiſt nach Gefallen nieder halten kann: und ich weiß, daß ich der Mann bin, der das kann.

Eine angenehme dunkelbraune Schoͤne iſt Fraͤulein Howe: eine Schoͤnheit vom erſten Ran - ge; wenn ihre noch angenehmere Freundinn; mit einer ſo lieblichen Miſchung von heiterer Anmuth, von natuͤrlicher Artigkeit, von angebohrner Holdſe - ligkeit und einem doch erhabenen Weſen, deſſen ſieL l 3ſich534ſich wohl, aber ohne Stolz, bewußt iſt, indem zugleich alle Zuͤge in ihrer Bildung die helleſten Strahlen des Verſtandes zeigen; nicht in der Geſellſchaft iſt.

Jch habe bisweilen meine Luſt daran gehabt, den Unterſchied zwiſchen dieſen beyden, wenn ſie zu - ſammen geweſen ſind, in dem Bezeigen eines Frem - den, der zu ihnen beyden hereingekommen, wenn ſie neben einander geſtanden, deutlich zu leſen. Es hat ſich bey dergleichen Gelegenheit niemals getrof - fen, daß der Fremde nicht zuerſt ſeine Schuldigkeit gegen meine Clariſſa beobachtet haͤtte.

Eine ehrfurchtsvolle und nicht gemeine Hoch - achtung mahlte ſich in allen Geſichtszuͤgen desjeni - gen ab, der ſich zu ihr wandte. Sein Auge ſchien um Erlaubniß zu bitten, daß er ſich ihr nahen duͤrf - te. Es mochte eine Manns - oder Weibsperſon ſeyn: ſo buͤckte oder neigte ſie ſich tiefer, als gemei - niglich. Und ob dieſe Ehrfurcht gleich alſobald durch die Holdſeligkeit der Fraͤulein, wodurch ſie ſich zu einem jeden herabzulaſſen pflegte, verringert wurde: ſo hoͤrte ſie doch nicht gaͤnzlich auf; ſondern man konnte ſehen, daß die Ehrerbietung allemal uͤbrig blieb, nicht anders, als wenn die fremde Per - ſon mehr von der Goͤttinn als von dem Frauenzim - mer in ihr erblickte.

Den Augenblick aber, da ſich eben der Frem - de zur Fraͤulein Howe wendet, ob ſie gleich ſtolz und frech, hoch und ſteif iſt, wird man in ſeinem Geſich - te, in ſeinem Weſen, womit er ſie anredet, eine ge - wiſſe Art von angenommener Gleichheit wahrneh - men. Man ſieht ihm an, daß er das Frauenzimmer in ihr entdecket hat: ſo reizend auch dieß Frauen - zimmer iſt. Er laͤchelt. Er ſcheinet ein Erwiede - rung und ſcharfſinnige Antwort zu erwarten: und es ſchlaͤgt ihm niemals fehl. Alsdenn aber ſetzt er ſich augenſcheinlich in die Verfaſſung, ſowohl ſelbſtzu535zu geben, als zu nehmen. Er unterſteht ſich, nach - dem er eine Zeitlang in ihrer Geſellſchaft geweſen iſt, uͤber etwas mit ihr zu ſtreiten: da hingegen der andern alles zugegeben wird; ob gleich keine gebieteriſche oder lehrende Miene es erzwinget.

Kurz, bey der Fraͤulein Howe ſieht ein dreiſter Menſch; ſonder Zweifel hat es auch Herr George Colmar geſehen; daß er und ſie entweder ſehr bald mit einander vertraut ſeyn koͤnnen; ich verſtehe es auf eine unſchuldige Art; oder er ihr ſo misfaͤllig werden mag, daß er auf ewig von ihrer Gegenwart verbannet ſeyn muß.

Da ich ſelbſt das erſte mal zu dieſer Fraͤulein gefuͤhret wurde; welches von meiner Goͤttinn ge - ſchahe, indem ſie einen Beſuch bey der Fraͤulein Howe ablegte; ſo war ich noch nicht eine halbe Stunde bey ihr geweſen, als mich ſchon recht hun - gerte und durſtete, mit dieſem lebhaften und ſchel - miſchen Maͤgdchen ein Feſt zu haben. Bey dem andern und dritten Beſuche ward ich mehr durch die zaͤrtliche Gemuͤthsart ihrer Freundinn, als durch das, was ich von ihr ſelbſt beſorgete, abgeſchrecket. Die Gegenwart dieſer reizenden Schoͤnen, wie es mir vorkam, hielte uns beyde in Furcht. Jch wuͤnſchte, daß ſie nicht da ſeyn moͤchte, wenn auch alle andern Frauenzimmer gegenwaͤrtig waͤren, da - mit ich den Unterſchied in der Auffuͤhrung der Fraͤu - lein Howe vor den Augen ihrer Freundinn, und hinter ihrem Ruͤcken durch eine Probe erfahren moͤchte.

Frauenzimmer von zaͤrtlicher Tugend machen ſo wohl, daß andere Frauenzimmer auch eine zaͤrt - liche Tugend beobachten, als daß die Mannsperſonen beſcheiden ſind und den Wohlſtand nicht verletzen. Bey allem Feuer und Geiſt der Fraͤulein Howe war es doch leicht ſelbſt an ihrem Auge zu ſehen, daß ſie von dem durchdringenden Auge ihrer weit ſanf -L l 4ter -536tergeſinneten Freundinn auf Unterricht wartete und Vorwurf beſorgte(*)Fraͤulein Howe ſchreibt in dem III. Th. S. 182. daß ſie ſich allezeit mehr vor ihr, als vor ihrer Mutter gefuͤrchtet habe, und S. 334. daß ſie ſich eben ſo ſehr vor ihr fuͤrchtete, als ſie dieſelbe liebe. So beſtaͤtigt ſie auch in vielen andern Stellen ihrer Briefe an die Fraͤulein Harlowe eben dieſe Anmerkung des Herrn Lovelace. Und gleichwohl war es eben ſo leicht an der Aufrichtigkeit und dem liebreichen Bezeigen der andern wahrzunehmen, daß die Furcht, welche die Fraͤulein Howe vor ihr hatte, mehr von ihrer eignen und edelmuͤthigen Beyſorge, bey wei - ten nicht die trefflichen Vorzuͤge derſelben zu errei - chen, als von der Fraͤulein Harlowe eignem Be - wußtſeyn ihrer ausnehmenden Vorzuͤge vor jener herruͤhrete.

Jch habe oft, ſeit dem mir die Briefe der Fraͤu - lein Howe in die Haͤnde gekommen ſind, das gegruͤn - dete und ſchoͤne Lob uͤberleget, welches in einem derſelben enthalten iſt(**)Siehe den IV. Th. S. 34.. Jedermann ſahe, daß ſie nicht ſtolz daruͤber wuͤrden, wenn man ſich ih - nen ſelbſt nachſetzte, noch ſich merken ließen, daß ſie ſich kenneten. Denn ſie hatten allezeit bey dem, was ſie behaupteten, etwas zu ſagen, das ſelbſt die - jenigen aufrichtete, welche nachgeben mußten, und alle mit ſich ſelbſt vergnuͤgt und zufrieden machte, ob ſie gleich den Preis nicht davon trugen.

Weil ich mir vorgenommen habe, in dem Fort - gange meines Lebens alle Muͤhe anzuwenden, daß ich die Jugendfreyheiten, welche ich mir bey einzel - nen Perſonen von dem ſchoͤnen Geſchlechte genom - men habe, durch Warnungen und Lehren fuͤr ſie alle uͤberhaupt, wieder gut mache; ſo habe ich mir etwas zu einem Denkzeichen aufgeſchrieben, dieſeLehre537Lehre weiter auszufuͤhren, daß es eben ſo noͤthig ſey, die Toͤchter in der Wahl ihrer Geſpielinnen gehoͤrig anzufuͤhren, als ſie vor den Anſchlaͤgen der Manns - perſonen zu bewahren.

Jnzwiſchen ſage ich dieß nicht zur Verkleine - rung der Fraͤulein Howe. Sie hat das durch den Ehrgeiz erhalten, was ihre Freundinn durch gute Grundſaͤtze erlanget hat. Gott moͤchte dem ſchoͤ - nen Geſchlechte gnaͤdig ſeyn: wenn es den Ehrgeiz nicht haͤtte! Dennoch bin ich verſichert, daß die Fraͤulein Howe ihre groͤßten Vortheile dem Umgange und Briefwechſel mit der Fraͤulein Har - lowe zu danken hat. Wenn wir aber dieſe beyden Frauenzimmer aus dem Spiele laſſen: ſo trage ich kein Bedenken zu behaupten; und ich, Bruder, ſollte doch wohl etwas von der Sache verſtehen; daß mehr Maͤgdchen durch Perſonen von ihrem eignen Geſchlechte, Maͤgde und Geſpielinnen zuſammen genommen, verderbet, oder wenigſtens zum Verder - ben vorbereitet ſind, als eigentlich durch die An - ſchlaͤge und Betruͤgereyen der Mannsperſonen zu ihrem Falle gekommen.

Allein es iſt noch Zeit genug, wenn ich alt und zum Vergnuͤgen untuͤchtig bin, uͤber dieß Haupt - ſtuͤck mehr zu ſagen.

Mit der Vergleichung dieſer beyden Frauen - zimmer will ich mich weitlaͤuftiger abgeben; weil ich Vergnuͤgen daran finde: wenn ich ſie beyde be - kommen habe Jch hoffe, du wirſt zugeſtehen, daß dieſer Brief von dem ungeſtuͤmen Maͤgdchen mir vollkommene Sicherheit gebe, es zu verſuchen.

Jch wende mich wieder zu dem Jnhalt deſſel - ben, wovon ich noch etwas weniges beleuchten will, meine Rache, die ich ſo nahe im Geſichte habe, zu rechtfertigen.

Was die Frau Townſend, was ihr maͤnnliches Herz, ihre zween Bruͤder und derſelben SchiffsvolkL l 5be -538betrifft: ſo ſage ich nur dieß zu den verwegnen Drohungen Laß ſie kommen!

Wie gefaͤllt dir aber ihre niedertraͤchtige Dro - hung, den ſcheuslichen Boͤſewicht, wie ſie mich nennet, fuͤr alle Schandthaten mit gebrochenen Beinen zu bezahlen? Mit gebrochenen Beinen, Belford! Wer kann dieſe poͤbelhafte Drohung vertragen! Mit gebrochnen Beinen, Bruder! Der Henker hole die kleine gemeine Sage mir einen Namen fuͤr ſie Jedoch ich ver - banne allen heftigen Zorn. Wenn ich dieſe bey - den Maͤgdchen in meine Gewalt bekomme; ſo bewah - re mich der Himmel, daß ich ein anderer Phalaris werden, und, wie der ſeinen ehernen Ochſen zum Verderben des Werkmeiſters ſelbſt gebrauchte, die Erfinderinn mit der von ihr ausgeſonnenen Strafe bezahlen ſollte! Jch will ihnen kein Bein brechen. Sie ſollen bey mir weit gelinder davon kommen.

Aber die Kerls, welche wider mich ausgeſchickt worden, ſind verſtohlne Handelsleute, wie es ſchei - net. Bin ich denn nicht auch ein verſtohlner Han - delsmann? Jch habe nicht den geringſten Zweifel, daß ich mein Gut vor dem Donnerſtage oder auch wohl vor dem Mittwochen werde in Sicherheit ge - bracht haben.

Fehlte es mir noch an einem liſtigen Anſchla - ge: wie vortrefflich waͤre alsdenn die neue Erfin - dung, worauf mich dieſer Brief von der Fraͤulein Howe bringet! Es iſt mir beynahe leid, daß ich mich ſchon zu einer andern entſchloſſen habe Denn wie leicht wuͤrde es hier fuͤr mich ſeyn, eine Rotte von Schiff jungen zuſammen zu treiben und eine Frau Townſend, die meiner Geliebten, wie du ſieheſt, von Perſon nicht bekannt iſt, aufzuſtellen, daß ſie ſchon auf den Dienſtag, auf neuen Antrieb der Fraͤulein Howe, ankaͤme, und mein liebes Kind inein539ein Waarenlager braͤchte, das mir ſelbſt zuge - hoͤrte?

Unterdeſſen iſt dieß meine vornehmſte Hoffnung, woruͤber ich frohlocke, daß eben zu der Zeit, wenn dieſe Lumpenhunde zu Hampſtead ſeyn und uns ſuchen werden, meine liebe Fraͤulein Harlowe und ich in der Stadt einander in den Armen feſt und ruhig ſchlafen wollen. So, ſtelle ich mir vor, iſt es von dem Schickſal beſchloſſen. Sey ſtille, Boͤſewicht, bis die Zeit kommt. Mein Herz, Bruder, mein Herz meyne ich. Das pochet allemal, wenn ich dergleichen Hoffnung auch nur in der groͤß - ten Entfernung anſehe.

Es ſcheint, daß die niedertraͤchtige Bosheit dieſes ſcheinbaren Ungeheuers; ſie meynt mich, Bru - der; Hickmannen bey ihr in Gunſt gebracht habe. So habe ich doch etwas Gutes gethan. Allein wem es widerfahren ſey, das kann ich nicht ſagen. Denn dieſer arme Knabe wird durch die Erfuͤllung ſeiner eignen Wuͤnſche geſtrafet werden; wie es uns allen vielfaͤltig ergehet: wenn ich zulaſſen ſollte, daß er die maͤnnliche Heldinn bekaͤme. Sie kann auch bey ihm nicht gluͤcklich ſeyn, wie ich es anſehe: wo er ſich nach ihrem Willen regieren laſſen und ſelbſt kei - nen Willen haben ſollte. Es hat noch niemals ein Weib, welches die Herrſchaft gehabt, ihre Gren - zen gewußt. Macht und Gewalt machen eine ſolche Perſon uͤbermuͤthig. Sie ſchaͤtzet den Mann geringe, den ſie regieren kann. Sie wird es machen, wie Alexander, der daruͤber weinte, daß er nicht mehrere Welten zu bezwingen haͤtte. Sie wird neue Mittel ſuchen, ihre Gewalt auszuuͤben: bis ſie ſich ſelbſt zur Laſt, ihrem Manne zur Schande, und allen, die um ſie ſind, zur Qvaal werden wird.

Allein dieſer ehrliche Mann hat, dem Anſehen nach, mit thraͤnenden Augen und fußfaͤlliger Demuth die ungeſtuͤme Fraͤulein um die Erlaubniß gebeten,in540in ſeiner Kutſche mit vier Pferden ſich auf den Weg zu machen, und ſich vor den Augen der ganzen Welt den Ruhm zu erwerben, daß er eine ſo be - druckte Unſchuld ſchuͤtzete. Ja er ward roth, wie es ſcheint, und erzitterte ſo gar, als er den Brief der klagenden Schoͤnen las Wie großmuͤthig iſt dieß alles! Die Weibsleute haben herzhafte Maͤnner gern. Es iſt kein Wunder, daß ſeine Thraͤ - nen, ſein Zittern und ſeine fußfaͤllige Demuth ihm bey der ſanftmuͤthigen Fraͤulein Howe eine große Achtung zuwege gebracht hat.

Glaubſt du wohl, Bruder, daß ich in einem ſolchen Fall, und wenn ich auf gleiche Art durch das Glend geruͤhret waͤre, es ſo gemacht haben wuͤr - de? Meynſt du, daß ich nicht zuerſt das Frauenzim - mer befreyet und hernach, wenn ich ſie in meinen Haͤnden gehabt haͤtte, mich deswegen entſchuldigt haben wuͤrde, wo es noͤthig geweſen waͤre? Wuͤr - beſt du das nicht auch gethan haben, eben wie ich?

Es iſt aber am beſten ſo, wie es iſt. Der ehr - liche Hickmann kann nun in ganzer Haut ſchlafen - Das iſt inzwiſchen vielleicht mehr, als er, auch ohne den Verſuch, die Fraͤulein zu befreyen, gewagt zu haben, einmal davon getragen haͤtte, wenn ich hin - ter ſeine geſuchte Erlaubniß auf eine andere Art, als durch einen Brief gekommen waͤre, den man von mir nicht aufgefangen wiſſen muß.

Sie bildet ſich ein, daß ich durch ein neues Bubenſtuͤck, welches auf die Bahn kommen moͤch - te, leicht abgehalten werden koͤnnte, meine reizende Schoͤne zu verfolgen. Bubenſtuͤck iſt ein Wort, worinn ſie ſich ſehr verliebt hat. Jch kann ihr aber erzaͤhlen, daß es bey mir unmoͤglich iſt, bis ich meine Abſicht bey dieſem Bubenſiuͤcke erreichet habe. Schwierigkeiten ſind fuͤr einen ſolchen Geiſt, als der meinige iſt, nur lauter Triebfedern. Jch daͤchte, die Fraͤulein Howe ſollte mich beſſer kennen. Wennſie541ſie ſich auch ſelbſt, eine Perſon fuͤr die andere, in dem romanenmaͤßigen Eifer ihrer Freundſchaft an - boͤte, um ihre Freundinn zu retten: ſo wuͤrde ich es nicht eingehen; weil das liebe Kind gegen jene nur der Mond iſt.

Sie danket dem Himmel, daß ihre Freundinn ihren Brief vom 7ten bekommen hat. Es iſt uns allen lieb. Sie muß auch mir danken. Allein ich will itzo ihren Dank nicht fordern.

Wenn ſie ſich aber freuet, daß der Brief ſicher gegangen iſt: rufet ſie denn nicht in der That Ra - che uͤber ſich und erwartet Rache? Alles zu ſei - ner Zeit, Fraͤulein Howe. Wenn machſt du dich auf den Weg, meine Liebe, nach der Jnſel Wight.

Jch will itzo mit der Bitte beſchließen, daß du einen Auszug von denen giftigen Ausdruͤckungen macheſt, womit der eingeſchloſſene Brief angefuͤllet iſt. Vermutheſt du nur alsdenn, daß ich mir auch einen gemacht, und alle Blumen von eben der Art, welche in den vorigen Briefen dieſes uͤbermuͤthigen Maͤgdchens, und in dem von der Fraͤulein Harlowe bey ihrer Flucht fuͤr mich zuruͤckgelaſſenen Schrei - ben ſtehen, geſammlet und hinzugethan habe: ſo wirſt du gewiß gedenken, daß ich genug gereizet ſey, alles zu rechtfertigen, was ich gegen die eine oder die andere vornehmen werde.

Schicke mir den Einſchluß augenblicklich zu - ruͤck, wenn du ihn geleſen haſt.

Der542

Der ein und dreyßigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Da mich der Jnhalt des Briefes von der Fraͤulein Howe beynahe ganz eingenom - men hatte: ſo ging ich eben den Augenblick, als die Fraͤulein Harlowe und Frau Moore in Be - gleitung der Jungfer Rawlins zu Hauſe kamen, mit einem rachbegierigen Herzen hinunter; aber hatte in meinem Geſichte alle das ſanfte, das ge - ruhige, das freundliche, was der Spiegel lehren konnte; und in meinem Bezeigen alle das feine, was ein ſo wenig ſeiner Menſch, als ich nach ih - rer Erklaͤrung oft habe heißen muͤſſen, anzuneh - men vermoͤgend war.

Die Jungfer Rawlins ward beynahe ſo bald, als ſie gekommen war, zuruͤckgerufen; weil ſie einen unerwarteten Beſuch annehmen ſollte. Dieß gereichte nicht allein ihr zu großem Mis - vergnuͤgen; ſondern machte auch, daß meine Schoͤne in ihrer Hoffnung betrogen ward: wie ich aus ihrer beyden Blicken abnehmen konnte. Denn es ſchien, daß ſie mit einander die Abrede genommen hatten, auf der Haide, oder wenig - ſtens in dem Garten der Frau Moore einen Spatziergang zu thun, wenn ich mich zur Stadtbegeben543begeben ſollte. Jch hatte geſagt, daß ich es willens waͤre. Wer weiß aber, was es fuͤr einen Ausgang gehabt haben moͤchte: wenn ſich die heftige Neubegierde bey der einen, mit der Nei - gung, ihr Herz auszuſchuͤtten, bey der andern, vereinigt haͤtte?

Jungfer Rawlins verſprach zwar, wieder zu kommen, wenn es moͤglich waͤre: allein ſie ſchick - te hernach, und ließ ſich entſchuldigen; weil die Perſon, welche bey ihr einen Beſuch ablegte, ſich vorgenommen haͤtte, den ganzen Abend bey ihr zu bleiben.

Jch freuete mich herzlich uͤber ihre Both - ſchaſt; und erhielte nach vielem und inſtaͤndigen Bitten die Gewogenheit von meiner Geliebten, daß ſie mir zu noch einem Spatziergange in dem Garten ihre Geſellſchaft goͤnnete: weil ich ihr, wie ich mich erklaͤrte, ſehr vieles zu ſagen, ſehr vieles vorzuſchlagen haͤtte, und ſelbſt von vielem unterrichtet ſeyn mußte, damit ich mich in meinem kuͤnftigen Verhalten gaͤnzlich darnach richten koͤnnte.

Sie hatte ſich gefallen laſſen, das muß ich dir doch auch erzaͤhlen, ein paar Schaͤlchen Thee in meiner Geſellſchaft, aber mit den Augen von mir gewandt, und ſelbſt halb auf die Seite gekehret, einzuſchlurfen. Das liebe Kind! Wie unhoͤfflich macht der Zorn die aller - hoͤfflichſte Perſon! Jch hatte niemals geſehen, daß die Fraͤulein Harlowe ſich ſo ungeſchickt be -zeigte.544zeigte. Jch bildete mir ein, daß ſie nicht wuͤßte, wie ſie ungeſchickt ſeyn ſollte.

Als wir in dem Garten waren: ſo ſchuͤttete ich mein ganzes Herze vor ihren aufmerkſamen Ohren aus, und bat ſie, mir ihre Gunſt wieder zuzuwenden.

Sie vermeldete mir aber, daß ſie ihrer kuͤnf - tigen Lebensart wegen ſchon ihre Maaßregeln ge - nommen haͤtte. So ſchaͤndlich ihr auch von mir begegnet waͤre: ſo waͤre das doch nicht allein der Grund, warum ſie mir meine Bitte abſchluͤge; ſondern ſie waͤre bey der reiflichſten Ueberlegung voͤllig uͤberzeuget, daß ſie weder mit mir gluͤck - lich ſeyn, noch mich gluͤcklich machen koͤnnte. Alſo empfahl ſie mir, um unſerer beyden willen, nicht mehr an ſie zu gedenken.

Jch ſtellte ihr dagegen vor, der Capitain waͤre eiligſt, und gewiſſermaßen wie mit der Poſt, hinunter geritten, meine Wuͤnſche bey ihrem On - kel zu beſchleunigen. Die Lady Eliſabeth und Fraͤulein Montague wuͤrden ohne Zweifel ſchon in der Stadt angekommen ſeyn. Jch wollte morgen ganz fruͤhe von hier gehen, um ihnen meine Aufwartung zu machen. Beyde verehr - ten ſie. Beyde truͤgen ein ſehnliches Verlangen, ſie zu ſprechen. Beyde wollten ſie ſchlechter - dings ſprechen. Sie wollten ſich ihre Geſell - ſchaft nach Oxfordſchire nicht abſchlagen laſſen. Wohin koͤnnte ſie wohl beſſer gehen, um von den Beleidigungen ihres Bruders frey zu ſeyn? Wohin beſſer, um nichts von irgend ſonſtjemand545jemand zu befuͤrchten zu haben? Endlich fragte ich ſie, ob ich mir einige Hoffnung machen duͤrfte, ihre Gunſt wieder zu erlangen, wenn die Fraͤulein Howe zu gewinnen waͤre, eine Fuͤrbitte fuͤr mich zu thun?

Fraͤulein Howe ſollte zu gewinnen ſeyn, eine Fuͤrbitte fuͤr ſie zu thun! Das wieder - holte ſie mit einer veraͤchtlichen und hohen, aber an ihr ſehr artigen Miene: und dabey brach ſie ab.

Jch bezeugte noch einmal, wie nahe es mir gehen wuͤrde, wenn ich genoͤthigt ſeyn ſollte, gegen die Lady Eliſabeth und meine Baſe von unſerm Misverſtaͤndniſſe, als einer Sache, die noch erſt zu ſchlichten waͤre, Erwaͤhnung zu thun, und dadurch den Schein zu geben, als wenn ei - ner liebenswuͤrdigſten Perſon, daran mir ſo viel gelegen, ſo gar wenig an mir gelegen waͤre. Jch ſtellte auf das nachdruͤcklichſte vor, daß dieß mich nicht allein in meinen eigenen, ſondern auch in mei - ner Anverwandten Gedanken, aͤußerſt erniedrigen wuͤrde.

Aber ſie bezog ſich noch immer auf den naͤch - ſten Brief von der Fraͤulein Howe. Alles, was ich von ihr in dieſer ganzen Unterredung erhal - ten konnte, war, daß ſie die Ankunft und den Beſuch der Lady und der Fraͤulein erwarten woll - te, wenn ſie binnen einem oder zween Tagen an - kaͤmen, oder eher, als ſie den erwarteten Brief von der Fraͤulein Howe empfinge.

Fuͤnfter Theil. M mDieß546

Dieß ſey dem Himmel gedanket! dachte ich. Nun kann ich mich zur Stadt begeben, in Hoff - nung, bey meiner Ruͤckkehr dich, Allerliebſte, da wiederzufinden, wo ich dich verlaſſen werde.

Jedoch ich will darauf nicht gaͤnzlich trauen: weil ſie vielleicht Urſachen finden kann, ihre Geſinnung in meiner Abweſenheit zu aͤndern. Men Kerl, der in dem Hauſe iſt, und durch der Fr. Bevis guͤtige Kundſchaft alle ihre Tritte und Schritte erfahren wird, ſoll daher meinen Andre - as und ein Pferd in Bereitſchaft haben, mir alſo - bald von ihren Anſchlaͤgen Nachricht zu geben, und noch dazu, ſie mag gehen, wohin ſie will, ei - ner von ihrem Gefolge ſeyn, ob gleich, wo es moͤg - lich iſt, ohne ihr Wiſſen.

Dieß war alles, worzu ich die unerbittliche Schoͤne bringen konnte. Soll ich mich daruͤber freuen oder betruͤben?

Jch muß mich daruͤber freuen: wie ich glau - be. Gleichwohl iſt mein Ehrgeiz verzweiſelt gedemuͤthiget, wenn ich denken muß, daß ich die Zuneigung dieſer Harlowiſchen Tochter ſo wenig gewonnen hatte.

Sage mir nur nicht, daß Tugend und gute Grundſaͤtze ihr bey dieſer Gelegenheit zur Leitung dienen. Es iſt Ehrgeiz, ein groͤßerer Ehr - geiz, als ich ſelbſt habe, der ſie regieret. Liebe hat ſie gar nicht: das ſiehſt du wohl. Sie hat auch niemals Liebe gehabt: wenigſtens nicht in einem hoͤhern Grad. Die Liebe iſt noch niemals unter der Herrſchaft der Klugheit, oder irgendeiner547einer Kraft vernuͤnftig zu ſchließen geweſen. Meine Fraͤulein kann nur nicht leiden, daß man ſie fuͤr eine Weibsperſon halte: ich bin Buͤrge dafuͤr! Und befinde ich ſie in dem letzten Verſuche nicht als eine Weibsperſon: was wird ſie denn wohl um der ausgeſtandenen Pro - be willen ſchlechter ſeyn? Niemand darf deswegen einen Vorwurf beſorgen, weil er ein Uebel leidet, das er nicht abhalten oder vermei - den kann.

Wenn ein General von einem Straßenraͤu - ber uͤbermannet und gepluͤndert werden ſollte: wuͤrde er deswegen weniger geſchickt ſeyn, ein Kriegsheer anzufuͤhren? Es iſt wahr; wenn der General ſich großer Tapferkeit geruͤhmet, und damit geprahlet haͤtte, daß er ſich nimmer - mehr wollte pluͤndern laſſen: dennoch aber, nach - dem es mit ihm zur Probe gekommen waͤre, nur ſchwachen Widerſtand thaͤte, und ſeinen Geldbeu - tel hingaͤbe, da er noch ſein Schwerdt frey zu gebrauchen haͤtte: ſo wuͤrde allerdings der Stra - ßenraͤuber, der ihn pluͤndert, fuͤr tapferer gehalten werden.

Dieſe letzte Unterredung hat mir einen Grund, den ich noch niemals gebraucht habe, an die Hand gegeben, meinen Vorſatz, in welchen ich verliebt bin, zu vertheidigen.

O Bruder! was fuͤr eine Schwierigkeit muß nach aller Geſtaͤndniß ein Menſch finden, eine herrſchende Leidenſchaft, es ſey, welche es wolle, zu uͤberwaͤltigen; wenn es in ſeiner Gewalt ſte -M m 2het,548het, ſie zu befriedigen: er mag auch noch ſo gut wiſſen, wie boͤſe der Entſchluß ſey, ihr Genuͤge zu thun! Ueberlege dieß: ſo wirſt du im Stande ſeyn, ein nach einem gemachten Entwurfe vorge - ſetztes Verbrechen, das eine lange Uebung fuͤr ſich anzufuͤhren hat, in einer eben ſo ungeſtuͤmen als unbaͤndigen Bruſt, aus ſeinem eigentlichen Grunde zu begreifen, wo nicht zu entſchuldi - gen.

Nun hoͤre meinen neuen Grund.

Sollte die Fraͤulein bey der Probe unterlie - gen; ſollte ich meinen Zweck erreichen, ſie ſich aber weigern, ſich weiter mit mir einzulaſſen, ja mich auch wohl gar nicht heyrathen wollen; welches ich nicht wiſſen kann; und ſollte ſie es fuͤr unanſtaͤndig halten, mir wegen der guten Ver - ſorgung, die ich fuͤr ſie, ſo gar bis zur Haͤlfte meiner Guͤter, auszumachen mir zur Ehre rech - nen wuͤrde: ſo kann ſie doch bey dem allen nicht ungluͤcklich ſeyn. Hat ſie nicht ein Recht auf ein Gut, woruͤber niemand Gewalt hat? Wird der Obriſt Morden, als ihr Vormund, ſie nicht in den Beſitz deſſelben ſetzen? Und beſtimmte ſie nicht in unſerer vorigen Unterhandlung ganz eigentlich diejenige Lebensart, welche ſie allezeit dem ehe - lichen Stande vorzoͤge? Jhre gute Frau Norton zu ihrer Anfuͤhrerinn und Wegweiſe - rinn zu nehmen, und auf ihrem eignen Gute ſo, wie es ihres Großvaters Abſicht geweſen, zu leben(*)Siehe den vorhergehenden XXX. Brief.?

Ueber549

Ueber dieſes iſt in Erwaͤgung zu ziehen, daß ſie nach ihren eignen Begriffen nicht mehr als eine Haͤlfte von ihrem guten Namen wieder er - langen kann; wenn wir uns nun einander heyra - then ſollten: ſo viel hat ſie in ihrer Einbildung da - durch gelitten, daß ſie mit mir davon gegangen iſt. Wird ſie denn nicht beſtaͤndig uͤber den Verluſt der andern Haͤlfte misvergnuͤgt und traurig ſeyn? Muß ſie aber um der Haͤlfte willen ein ſo unzufriednes und klaͤgliches Leben fuͤhren: kann ſie denn nicht eben ſo gut um des Ganzen willen misvergnuͤgt und traurig ſeyn?

Es wird auch ihre vorgenommene Buße, das muß ich dir ebenfalls ſagen, in dieſem Falle nicht halb ſo vollkommen ſeyn, wo ſie nicht faͤllt, als wenn ſie faͤllt. Denn was fuͤr eine thoͤrich - te Perſon wird ſie unter den Bußfertigen vorſtel - len, da ſie nichts hat, wofuͤr ſie Buße thue? Du weißt, ſie thut ſich ſelbſt darauf etwas zu gute, und macht mir einen Vorwurf daraus, daß ſie nicht aus freyen Willen mit mir davon ge - gangen, ſondern ſich ſelbſt durch Liſt geſtohlen iſt.

Verweiſe mir nur nicht, daß ich die ſo oft wiederholten Geluͤbde vorſetzlich breche. Sie will ja nicht zulaſſen, wie du ſieheſt, daß ich ſie er - fuͤlle. Und wollte ſie es: ſo habe ich noch dieß zu ſagen, daß ich zu der Zeit, da ich die feyerlich - ſten Geluͤbde that, vollkommen entſchloſſen gewe - ſen bin, ſie zu halten. Welcher Fuͤrſt aber haͤlt ſich verbunden, die Geſetze der heiligſt beſchwor -M m 3nen550nen Vergleiche laͤnger zu halten, als es ſeinem Vortheil oder ſeiner Neigung gemaͤß iſt: ob gleich der Bruch, wie er weiß, den Untergang von Tau - ſenden nach ſich ziehen muß.

Kommt denn nicht dieß alles endlich darauf hinaus, daß die Fraͤulein Clariſſa Harlowe, nachdem ſie ihre Ehre verlohren hat, wie man es nennet, wenn es nicht ihre eigne Schuld iſt, eben ſo tugendhaft ſeyn kann, als ſie vorher geweſen iſt? Sie kann ein noch erhabeners Bey - ſpiel fuͤr das ſchoͤne Geſchlecht, und, wenn ſie bey der Probe nachgiebt, nur ein wenig nachgiebt, eine vollkommenere Perſon unter den Buß - fertigen ſeyn. Jn ſchlechte Gluͤcksumſtaͤn - de kann ſie auch nicht anders, als durch ihren Eigenſinn gerathen.

Auf die Art koͤnnen ihre alte Amme und ſie, ein alter Kutſcher mit einem Paar alter Kutſch - pferde, zwo oder drey alte Cammermaͤgdchen und vielleicht ein oder zween recht alte Diener, well alles um ſie herum alt und buͤßend ſeyn wird, recht vergnuͤgt mit einander leben, alte Predig - ten und alte Gebethbuͤcher leſen, alten Maͤnnern und alten Weibern durch Troſt und Huͤlfe zu ſtatten kommen, und den jungen Frauenzimmern in ihrer Nachbarſchaft, ſo wohl bey neuen als alten Vorfaͤllen, alte Lehren und alte Warnun - gen geben. So kann ſie ja ein gutes Alter er - reichen und viel Gutes durch Lehre und Beyſpiel in dem Geſchlechte ihrer Zeiten ſchaffen.

Laͤßt551

Laͤßt ſich denn wohl von einem Frauenzim - mer, das ohne jemandes Einrede ſo artig le - ben kann, das den ledigen Stand dem eheli - chen Leben allezeit vorgezogen hat, und noch vorziehet, das im Stande iſt, alles zu thun, wor - zu ſie der gemachte Plan fuͤhren wird; laͤßt ſich von einem ſolchen Frauenzimmer wohl ſagen, daß es ungluͤcklich gemacht, zu Grunde gerichtet ſey, und was dergleichen Zeugs mehr iſt? Mir vergeht die Geduld bey den wunderlichen Thoren, die ſolche harte Worte gebrauchen, das allernichtigſte Uebel, ein Uebel, welches ein bloßer Kirchengebrauch kein Uebel mehr ſeyn laͤſſet, zu beſchreiben.

Wenn man dieſe Romanenſprache fuͤhren will: wie viel verbluͤmtes Ungluͤck der Frau - enzimmer iſt dir ſo wohl, als mir, bewußt? Wir duͤrfen nur um uns ſehen: ſo werden wir unter unſerer Bekanntſchaft von dieſem Geſchlechte bald einige der ſtolzeſten und tadelſuͤchtigſten Perſo - nen finden, die itzt fuͤr keuſche Weiber gehalten werden, von welchen ſich doch ſeltſame Hiſtorien erzaͤhlen ließen; und andere, die ihre Ehemaͤnner, ſo wohl vor, als nach der Heyrath, durch ihre luſtigen Streiche herzlich betruͤbet haben, da jene doch nicht halb ſo viel von ihnen wiſſen, als einer oder der andere von uns ehrlichen Bruͤdern den - ſelben erzaͤhlen koͤnnte?

Jndem ich mich aber alſo in Abſicht auf das aͤrgſte, was dieſer reizungsvollen Schoͤnen widerfahren kann, befriedigt habe, und uͤberzeugtM m 4bin,552bin, daß es ihre eigne Schuld ſeyn wird, wo ſie ungluͤcklich iſt: ſo habe ich gar nicht uͤberlegt, was vermuthlich mein eignes Verhaͤngniß ſeyn koͤnne.

Fraͤulein Howe misgoͤnnet uns zwar das beſte von dem ſchoͤnen Geſchlechte, und ſagt, das ſchlechteſte ſey noch zu gut fuͤr uns(*)Siehe in dem XI. Briefe dieſes Theils den Brief der Fraͤulein Howe nicht weit vom Ende.: allein ich habe allezeit in den Gedanken geſtanden, daß die Frau eines Freygeiſtes in der Lebensart rein, ohne Tadel und unbefleckt ſeyn muͤſſe. Zu wel - chem Ende hat ein ſolcher Mann ein freyes Le - ben gefuͤhret, anders als die Welt kennen zu ler - nen und ſich das zu Nutze zu machen? Und recht ernſthaft zu ſeyn, es wuͤrde zum Ungluͤck fuͤr das gemeine Weſen gereichen: wenn beyde Haͤupter einer Familie boͤſe ſeyn ſollten. Von ſolchen zwo Perſonen koͤnnte ja ein ganzes Ge - ſchlecht von Buben, von Lovelacen und Belfor - den, wenn du es ſo haben willſt, erzeuget wer - den, die großes Unheil in der Welt anrichten moͤchten.

Du ſiehſt im Grunde, daß ich kein ganz verruchter Kerl bin, und daß ich noch etwas anſtaͤndiges und ernſthaftes an mir habe. Dieß kann vielleicht mit dem Alter bey mir zu - nehmen; und wenn meine Faͤhigkeit, geſchaͤfftig und wirkfam zu ſeyn, ſchwaͤcher zu werden an - faͤngt: ſo mag ich mich wohl noch einmal mit dem Prediger niederſetzen und mein ganzes vorgegan -genes553genes Leben auf Eitelkeit und Unruhe des Gei - ſtes hinausleiten.

So viel iſt gewiß, daß ich niemals eine Weibsperſon finden werde, die ſo wohl nach mei - nem Geſchmack ſey, als die Fraͤulein Clariſſa Harlowe. Jch wuͤnſche nur, wo ich den Tag er - lebe, ein ſolches Frauenzimmer, als ſie iſt, zu ha - ben, welches mir den Abend meiner Tage ver - gnuͤgt und angenehm mache. Jch habe es oft als ein Ungluͤck fuͤr uns beyde angeſehen, daß ein ſo vortreffliches Kind fuͤr die Zeit, da ich mich zu meiner Lebensart auf den Weg machte, ein wenig zu ſpaͤt, und bey meinem Fortgange auf demſelben ein wenig zu fruͤhe, eher als ich an die Ruͤckkehr gedenken kann, aufgeſchoſſen iſt. Gleichwohl, da ich nun einmal auf meinem We - ge an dieſe liebenswuͤrdige Reiſende gerathen bin: ſo kann ich nicht anders, als wuͤnſchen, daß ſie mir auf meiner noch uͤbrigen Reiſe Geſellſchaft leiſte, wenn ſie auch mir zu gefallen aus ihrer ei - genen Bahn treten ſollte. Vielleicht koͤnntenwir alsdenn am Abend in einerley Herberge einkeh - ren, und in unſerm Umgange mit einander recht gluͤckſelig ſeyn: indem wir uns die Schwierig - keiten und die Gefahr auf unſerm Wege zu der - ſelben wieder erzaͤhlten.

Jch denke, du wirſt wohl vermuthen koͤnnen, daß einige Stellen in dieſem Briefe in der Stadt geſchrieben ſind. Wahrlich, Bruder, ich muß geſtehen, daß die Luft zu Weſtminſter ein wenig groͤber, als zu Hampſtead, und der Umgang mitM m 5der554der Fr. Sinclair und ihren Nymphen nicht ſo unſchuldig iſt, als der mit der Fr. Moore und der Jungfer Rawlins. Jch glaube wirklich im Ernſt, daß ich ſolche Dinge an dem einen Orte ſagen und ſchreiben kann, die ich an dem andern nicht ſagen und ſchreiben kann, noch auch in der That ſonſt irgendwo.

Jch kam heute fruͤhe um ſieben zur Stadt: nachdem ich vorher alle noͤthige Verhaltungs - regeln zu geben, und alle noͤthige Vorſichtigkeit einzuſchaͤrfen, eingedenk geweſen war.

Jch bat mir die Gewogenheit aus, vorgelaſ - ſen zu werden, ehe ich abreiſete. Jch wollte gern ſehen, welches von ihren lieblichen Geſichtern ihr anzunehmen beliebet haͤtte, nachdem noch eine Nacht verſtrichen war. Aber, ſie war entſchloſ - ſen, wie ich befand, unſern Streit unentſchieden zu laſſen. Sie wollte mir nicht einmal eine ſo bequeme Gelegenheit verſtatten, daß ich ſie er - ſuchen koͤnnte, ihn beyzulegen, ehe die Lady Eliſa - beth und meine Baſe ankaͤmen.

Jch hatte durch ein paar Zeilen, die mir eben, als ich abgehen wollte, durch einen Kerl zu Pfer - de uͤberbracht wurden, Nachricht von meinem Anwalt, daß ſeit zween Tagen alle Schwierigkei - ten gehoben waͤren, und daß ich den Trauſchein nur abholen duͤrfte.

Jch ſchickte meiner Geliebten den Brief durch Fr. Bevis hinauf. Er verſchaffte mir aber kei -nen555nen Zutritt, ob ich ihn gleich mit dieſer Bitte begleitet hatte.

Nun, Belford, gehe ich Geſchaͤffte halber aus.

Der fuͤnf und dreyßigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Johann Belford.

Haſt du jemals einen Trauſchein geſehen, Bruder?

Wir, N. N. durch goͤttliche Fuͤrſehung Lord Biſchof zu London, entbieten unſerm wohlgeliebten in Chriſto, Robert Lovelace, (Jhr Diener, mein lieber Lord! Was habe ich gethan, ſo viele Guͤte zu verdienen: da ich Eu. Hochwuͤrden Herrlichkeit niemals in mei - nem Leben geſehen?) von der Gemeine zu St. Martin in den Fields, als Braͤutigam ledi - gen Standes, und Clariſſa Harlowe von eben der Gemeine, als Braut, gleichfalls le - digen Standes, unſern Gruß Nach - dem ihr, wie uns vorgebracht iſt, entſchloſ - ſen ſeyd, durch und mit Einwilligung von ꝛc. ꝛc. ꝛc. in den Stand der heiligen Ehe zu treten, (dieß iſt nur vorgebracht, wie du bemer - keſt) und ſehr wuͤnſchet, daß eure Heyrath vor den Augen der Kirche feyerlich vollzo -gen556gen werde: als ſind wir geneigt, daß ſol - ches euer loͤbliches Verlangen (Loͤbliches Ver - langen, Bruder!) unverzuͤglich ſeine gehoͤ - rige Wirkung habe; und daher, damit ihr zu erhalten vermoͤgend ſeyd, daß ſolche Heyrath frey und geſetzmaͤßig in der Pfarr - kirche St. Martin in den Fields, oder St. Aegidius in den Fields, in der Grafſchaft Middieſex, von dem Aufſeher, oder dem an deſſen Stelle Verordneten, oder dem Pfar - rer derſelben, zu aller und jeder Zeit des Jahres (zu aller und jeder Zeit des Jahrs, Bruder!) ohne Aufgeboth vollzogen wer - de; wohl verſehen, daß von einer ander - weitigen Verlobung (Jch denke in Wahrheit, daß ich in meinem Leben ſchon drey oder vier an - derweitige Verlobungen gehabt habe: aber die guten Maͤgdchen haben ſeit langer Zeit keinen Anſpruch darauf gemacht) von Blutsfreund - ſchaft, von Verſchwiegerung, oder von ir - gend einer andern geſetzmaͤßigen Urſache kein Hinderniß dabey ſey; und daß gegen - waͤrtig kein Proceß, geſchehene Belangung, Klage, Streit, oder Anforderung, wegen irgend einer von oder mit einem oder dem andern Theil von euch geſchloſſenen Hey - rath, vor irgend einem geiſt oder weltli - chen Richter in Bewegung ſey, oder anhaͤn - gig gemacht liege; auch, daß die ermelde - te Heyrath oͤffentlich in oben benannter Kirche zwiſchen acht und zwoͤlfen Vor -mittags,557mittags, ohne Nachtheil des Geiſtlichen von dem Orte, wo die genannte Frauens - perſon eingepfarret iſt, vollzogen werde; geben und verwilligen wir hiedurch aus guten Urſachen (Es koſtet mich Laß ſeben, Bruder Was koſtete es mich?) die Frey - heit, ſo wohl euch, den ſchließenden Par - teyen, als dem Aufſeher, oder dem an deſſen Stelle Verordneten, oder dem Pfarrer be - ſagter Kirche, wo die gedachte Heyrath vollzogen werden ſoll, dieſelbe auf ober - waͤhnte Art und Weiſe, nach den Gewohn - heiten und Gebraͤuchen, welche in dem auf Befehl des Parlaments desfalls herausge - kommenen oͤffentlichen Gebetbuche vorge - ſchrieben ſind, zu vollziehen; jedoch in alle Wege wohl verſehen, daß, wofern ſich nach - her aͤußern ſollte, daß zu der Zeit, da dieſer Trauſchein erhalten iſt, irgend einiger Be - trug, entweder durch falſche Vorgebungen, oder Vorenthaltung der Wahrheit began - gen ſey, (dieß iſt ein wenig hart fuͤr uns, Bru - der: denn ich kann nicht ſagen, daß ein jedes Vorgeben von uns buchſtaͤblich wahr ſey. Alſo ſollte ich mich nach Gewiſſen auf dieſen Trau - ſchein nicht verheyrathen. ) der Trauſchein in aller Abſicht nichtig ſeyn ſoll, ſo gut, als wenn er nicht verwilliget waͤre; auf wel - chen Fall wir allen und jeden Geiſtlichen, wofern etwas von beſagten Stuͤcken zu ih - rer Wiſſenſchaft kommen ſollte, hiemit un -terſa -558terſagen, zur Vollziehung gedachter Hey - rath zu ſchreiten, ohne vorher Uns oder un - ſern General-Vicarius zu fragen. Gege - ben ꝛc.

Hierauf folgt des Actuarius Name und ein großes hangendes Siegel, um welches dieſe Wor - te herum ſtehen: Siegel des General-Vica - rius und Ober-Officialen des Bezirks von London.

Es iſt eine ſeine wunderliche Urkunde: alles zuſammen genommen! Aber was, meynſt du wohl, iſt das Wappen von dieſem Herolde des Eheſtandes? Zuerſt ſieht man zwey Schwerdter, creutzweiſe geleget; um zu zei - gen, daß die Ehe ein Stand ſey, worinn man ſo wohl angreiffet, als ſich vertheidiget. Ferner drey Loͤwen; anzuzeigen, daß diejenigen, wel - che in dieſen Stand treten, einen dreyfach großen Muth haben muͤſſen. Und; haͤtteſt du dir wohl einbilden koͤnnen, daß dieſe geiſtlichen Bruͤder, bey einer ſo heiligen Sache, ihren Kurzweil mit den armen Seelen treiben wuͤrden, die in der Ab - ſicht zu ihnen kommen, damit ſie in den Stand geſetzet werden, ihr loͤbliches Verlangen zu er - fuͤllen? es ſind auch drey gekruͤmmte Hoͤrner da, welche ſauber mit Bandſchleifen gezieret ſind. Da dieß der Frauenzimmer Tracht iſt: ſo ſcheint dadurch angedeutet zu werden, daß ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach das Geweihe ſo wohl ſchmuͤcken, als ſchenken, koͤnnen.

Es559

Es nach der Wappenkunſt zu beſchreiben: ſo findet man, wo ich mich nicht irre, im rothen Felde zwey guͤldne Schwerdter, welche als ein Andreas-Creutz gelegt ſind; in dem andern Quar - tier, einen ſchwarzen Queerbalken zwiſchen dreyen guͤldnen Jaͤgerhoͤrnern; guͤlden muͤſſen die Hoͤrner ſeyn; an einer Stelle des Haupts von dem andern Quartier erſtlich drey aufgerichtete Loͤwen Allein der Teufel hole ſie mit ihren hieroglyphiſchen Bildern, wuͤrde ich ſagen, wenn ich im Ernſt zu heyrathen geſonnen waͤre

Jch wuͤrde aber zu heyrathen geſonnen ſeyn: wofern mich nicht dieſe Betrachtung abhielte, daß, wenn ich einmal geheyrathet habe, ich auf Lebenszeit verheyrathet bin.

Das iſt das Leidweſen dabey Koͤnnte ein Menſch es ſo machen, wie die Voͤgel, und alle Valentins-Tage wechſeln; gewiß eine von der Natur ſelbſt feſtgeſetzte Ordnung! denn die Voͤgel haben fuͤrwahr den Verſtand nicht, ſich ſelbſt zu feſſeln, wie wir klugen Thoren uns gro - ße und feyerliche Muͤhe zu thun geben: ſo wuͤr - de gar nichts daran ſeyn. Und was fuͤr herrli - che Tage haͤtten alsdenn theils die Rechtsge - lehrten, mit ihrem kund und zu wiſſen ſey jedermann, und mit ihren Rechtshaͤndeln uͤber Wiederherſtellung der Guͤter und eigenthuͤmlicher Habe: theils die Pfarrer, mit ihren Freybrie - fen zu dem loͤblichen Verlangen ihrer Schutz - genoſſen, welche jaͤhrlich ſo, wie andere Freyhei - ten, zu erneuren ſeyn muͤßten?

Waͤre560

Waͤre hiernaͤchſt eine geſetzte Geldſtrafe, nach eines jeden Stande und Vermoͤgen, zu den Be - duͤrfniſſen des Staats bey jeder Veraͤnderung zu bezahlen; nur nicht, wenn eine alte Liebe wie - der erneuret wuͤrde, damit zur Beſtaͤndigkeit, ſonderlich unter den Geringern, einige Reizung vorhanden ſeyn moͤchte: ſo wuͤrde die Veraͤnde - rung ſchwer genug gemacht werden, und das ge - meine Weſen ſich dabey deſto beſſer ſtehen. Denn diejenigen Kinder, uͤber deren Verpflegung ſich die Eltern nicht vergleichen koͤnnten, duͤrften als die Kinder des gemeinen Weſens ange - ſehen, und ſo verſorget werden, wie die Kinder der alten Spartaner, welche ein ganzes Volk von Helden waren, gleichwie die unſrigen in dem Falle auch ſeyn wuͤrden. Wie ſchoͤn, Bruder, haͤtte ich mir die Verordnungen von Lycurgus zu weiterer Verbeſſerung zu Nutze machen koͤnnen, wenn ich ein Geſetzgeber geworden waͤre (*)!

(*) Habe ich dir niemals einen Entwurf zu einem Vorſchlage, der nach dieſen Gedanken eingerichtet war, gezeiget? in welchem ich die Bequemlich - kei ten bewieſen, die man haben und den Unbequem - lichkeiten, die etwa zu beſorgen ſtuͤnden, abgeholfen wuͤrde, wenn man in dieſem Stuͤcke die gegenwaͤr - tige Mode aͤnderte? Jch glaube nicht, daß ich ihn dir jemals gezeiget habe.

Jch erinnere mich, darinn bis zur ungezweifel - ten Gewißheit erwieſen zu haben, daß eine ſolche Veraͤnderung ein Mittel ſeyn wuͤrde, vier oder fuͤnf greuliche und bis auf den Tod ſtrafbare Suͤnden aufzuheben, ganz und gar aufzuheben. Gewalt -ſame561ſame Schwaͤchungen, wie man es gemeiniglich nennt, Ehebruch und Hurerey wuͤrden wegfallen. Man wuͤrde auch nicht ſo ſehr auf die Vielweiberey er - picht ſeyn. Sehr oft wuͤrde Mord und Zwey - kampf dadurch verhuͤtet werden. Schwerlich wuͤr - de man mehr von einem ſolchen Dinge, als Eifer - ſucht, der Urſache aͤrgerlicher Gewaltthaͤtigkeiten, hoͤ - ren. Verſtellung und Falſchheit zwiſchen Mann und Weib wuͤrde aus jeder Bruſt verbannet ſeyn. Aller Wahrſcheinlichkeit nach wuͤrde auch der Vor - wurf der Unfruchtbarkeit nicht mehr uͤbrig ſeyn, wie er itzo nur allzu oft vorkommt, wo er am wenig - ſten verſchuldet iſt. Vermuthlich wuͤrde keine ſolche Perſon, als ein unfruchtbares Weib, vorhanden ſeyn.

Was wuͤrde außerdem fuͤr eine Menge von Hausſtreitigkeiten vermieden werden: wenn ein ſol - cher Vorſchlag ins Werk gerichtet waͤre? Beyde Parteyen wuͤrden einander mit Geduld tragen, in Betrachtung, daß ſie ſich binnen wenigen Monaten helfen koͤnnten.

Was fuͤr einen reizenden Stoff zur Unterre - dung wuͤrde hiernaͤchſt der artige und großmuͤthige Abſchied zuletzt zwiſchen Mann und Weib abgeben! Wenn vielleicht ein jedes Theil ſchon eine neue Par - tey in den Augen haͤtte, und ſich in geheim uͤber die Loslaſſung erfreuete: ſo koͤnnte es doch im Stande ſeyn, ein hoͤflich bekuͤmmertes Anſehen zu haben. So wuͤrde zum Exempel jemand erzaͤhlen: Er beſchenk - te ſie mit dieſem Edelgeſtein; ſie ihn mit jenem; wie weinte er! wie gluchſete ſie! wie ſahen ſie ein - ander nach! da doch, das iſt eben die Luſt dabey, keiner von beyden es noch wieder zwoͤlf Monate aufs neue mit einander zu verſuchen wuͤnſchte.

Wenn auch unbeſonnene Maͤnner, oder unbe - ſonnene Maͤgdchen in der erſten Ehe, entweder aus Unerfahrenheit, weil ſie mehr bey der Sache zu fin -Fuͤnfter Theil. N nden562den vermuthet haͤtten, als dabey zu finden ſeyn kann, oder aus Eigenſinn an ihrer, oder herrſchſuͤchtiger Hartnaͤckigkeit an ſeiner Seite, ſich nicht wohl verhal - ten haͤtten, und ein Theil mit dem andern betrogen waͤre: was fuͤr eine treffliche Gelegenheit wuͤrde nach dieſem Vorſchlage ein jedes haben, einen ver - lohrnen guten Ruf bey dem naͤchſten Vorfall wieder zu erlangen und alles gut zu machen? Ein großer Unterſchied, Bruder, bey einer und eben derſelben Perſon, ob ſie irgendwo zu Hauſe gehoͤrt, oder nur zum Beſuche iſt!

Und, o Bruder, mit was fuͤr Freude, mit was fuͤr entzuͤckender Luſt wuͤrden die Freunde der Ab - wechſelung, oder die Veraͤnderlichen, wenn dir das Wort beſſer gefaͤllt, die Wochen, die Tage, die Stun - den zaͤhlen, nachdem die jaͤhrige Verbindlichkeit zu ihrem erwuͤnſchten Wechſel nahete!

Was die Milzſucht oder melancholiſche Be - ſchwerden betrifft: ſo wuͤrde man von keiner ſolchen Krankheit wiſſen oder hoͤren. Die Zunft der Aerzte wuͤrde in der That dabey leiden, und zwar ganz al - lein. Denn es wuͤrden zu neuer Geſundheit beſtaͤn - dig friſche Lebensgeiſter, als die Folgen von ſuͤſſem Blute und ſuͤſſen Saͤften, einfließen: da Seel und Leib immer mit einander zufrieden ſeyn wuͤrden. Die Freude, welche aus einer erwartenden Hoffnung ent - ſpringet, unſere hoͤchſte Freude unter allen, wuͤrde alles geſund und lebendig erhalten.

Allein, damit niemand leiden moͤchte, koͤnnten nach meinen Gedanken die Aerzte Pfarrer werden: weil nach den Pfarrern viel Nachfragens ſeyn wuͤr - de. Außer dem, da ſie an dem gemeinen Wohl Theil haben wuͤrden, muͤßten ſie in der That verdrießliche Leute ſeyn: wenn ſie ſich ſelbſt dem gemeinen Beſten vorziehen wollten.

Ein jeder wuͤrde wenigſtens ein Dutzentmal verheyrathet werden. So wohl Maͤnner als Wei -ber563ber wuͤrden fuͤr ihren guten Ruf Sorge tragen, und ſo wohl in ihrem Bezeigen fein und hoͤflich, als in Anſehung ihrer Perſon, auf alle Artigkeit ſorgfaͤltig bedacht und in ihrer Kleidung zierlich ſeyn. Ein jedes von dieſen Stuͤcken, muß ich dir ſagen, traͤgt ſehr vieles bey, die Liebe lebendig zu erhalten. Alle aber wuͤrden ſich ſo beſtreben, entweder eine alte Liebe wieder zu erneuren, oder ſich bey einer neuen beliebt zu machen. Dabey wuͤrden die Tageblaͤtter gepreßt voll ſeyn und alle Welt ſie leſen, weil aller Welt daran gelegen ſeyn wuͤrde, zu wiſſen, was fuͤr ein Paar bey einander waͤre.

Geſtern, wuͤrde es zum Exempel heißen, be - gab ſich in den Stand der heiligen Ehe; wir wuͤr - den alsdenn alle mit Ehrerbietung von dem Ehe - ſtande reden; der Hochgebohrne Herr Robert Graf Lovelace; ich werde um die Zeit ein Graf ſeyn; mit Jhrer Hoheit der verwitweten Herzoginn von Funfzigherrſchaften, als Jhrer Hochgebohrnen Gnaden ein und dreyßigſter Gemahlinn Jch werde vielleicht alsdenn mit einer Witwe verlieb nehmen, wie man ſagt. Aber ſie muß niemals mehr als einen Gemahl gehabt haben. Du weißt, daß ich in dieſem Stuͤcke etwas eigen bin.

Jch bin verſichert, Bruder, daß du deines Theils meinen Vorſchlag billigen wirſt.

Da der Lord M. und ich, mit einander, drey oder vier Herrſchaften zu Befehl haben: ſo denke ich in das Parlament zu kommen, damit ich zu dieſem guten Zweck eine Bille aufbringen moͤge.

Weder das Parlament noch die Gemeinen wer - den Urſache haben, etwas dargegen einzuwenden. Alle Cammern, geiſtliche oder weltliche, buͤrgerliche oder nicht buͤrgerliche, werden ihre Rechnung dabey finden, wenn es zu einem Geſetze geworden iſt.

Bey meiner Seele, Burder, ich wuͤrde einen all - gemeinen Aufſtand, und zwar von den Weibern, be -N n 2ſorgen:564ſorgen: wenn eine ſolche Bille herauskommen ſollte Denn hierinn liegt die Vortrefſlichkeit dieſes Vorſchlages: die Weiber werden eben ſo viele Ur - ſache haben, damit zufrieden zu ſeyn, als die Maͤn - ner.

Meyneſt du, daß der alte gebieteriſche Harlo - we zum Exempel, wenn ein ſolches Geſetz im Gan - ge waͤre, nicht ſeine Hoͤrner haͤtte einziehen muͤſſen? Eine ſo vortreffliche Frau, als er hat, wuͤrde ſonſt nimmermehr mit einem ſo finſtern Tyrannen die Liebe erneuret haben: und er ſo wohl, als alle andere Tyrannen, haͤtte ſich von Jahr zu Jahr gut verhalten muͤſſen.

Ein Weib, das den Huth haͤtte, wuͤrde eben ſo etwas ſeltſames ſeyn, als der Vogel Phoͤnix: wenn ein ſolches Geſetz gelten ſollte.

Die Kirchen wuͤrden die einzigen Marktplaͤtze fuͤr das ſchoͤne Geſchlecht, und haͤusliche Vorzuͤge der Hauptpreis fuͤr ſie ſeyn.

Es wuͤrde auch keine alte Jungfer in Groß - britannien und dem ganzen Gebiete deſſelben gefun - den werden. Denn was fuͤr ein ſeltſames Thier muͤßte die ſeyn, mit der es niemand auf zwoͤlf Mo - nat verſuchen moͤchte.

Kurz, in ſehr wenigen Jahren, muͤßte aus ei - nem ſo heilſamen Geſetze eine gaͤnzliche Verbeſſerung der Sitten und Lebensart bey beyderley Geſchlecht entſtehen.

Wer ſollte wohl ein ſo ſchoͤnes Geſetz von mir erwartet haben? Jch wuͤnſche nur, daß der Teufel es mir nicht nachtrage und mir einen Poſſen dafuͤr ſpiele.

Wuͤrde auch der Unterſchied nicht recht artig ſeyn, Bruder, wie er bey den Blumen iſt: wenn es hieße, dieſer Mann oder dieſe Frau iſt eine jaͤhrige; jene eine uͤherjaͤhrige?

Jedoch565

Jedoch eine Schwierigkeit, wie ich mich beſin - ne, kam mir vor, weil es ſich der Wahrſcheinlich - keit nach zutragen koͤnnte, daß eine Frau ſchwanger waͤre. Aber dieſe habe ich auf folgende Art ge - hoben.

Es ſollte keinem Manne in dem Falle erlaubt ſeyn, ohne ſeines dermaligen Weibes Einwilligung eine andere zu heyrathen, bis ſie niedergekommen waͤre, und er alle vorfallende Koſten erſetzet haͤtte, auch beyde unter ſich einig geworden, ob das Kind ihm, ihr oder dem Staate zugehoͤren ſollte. Die Wei - ber ſollten unter ſolchen Umſtaͤnden die freye Wahl haben, Einſpruch zu thun: denn ich moͤchte es auch nicht gern dem Manne in ſeiner Gewalt laſſen, ein ſchelmiſcher Hund zu ſeyn.

Jn der That habe ich in allen Stuͤcken bey mei - nem entworfenen Vorſchlage den Weibern den Vor - theil eingeraͤumet, den Ausſchlag zu geben. Jch lie - be ja die ſuͤßen Kinder herzlich.

Wie unendlich viele Vorzuͤge hat dieſer mein Vorſchlag vor der Vielweiberey der Erzvaͤter, welche Weiber und Beyſchlaͤferinnen ohne Zahl hatten! Jch glaube, David und Salomon hatten ihrer hun - dert auf einmal. War es nicht ſo, Bruder?

Jch will endlich nur noch dieſes beyfuͤgen, daß jaͤhrige Parlamenter und jaͤhrige Ehen die Vor - ſchlaͤge ſind, welche mir am naͤchſten am Herzen lie - gen. Wie weitlaͤuftig koͤnnte ich die Vortheile, welche aus beyden entſtehen wuͤrden, vorſtellen!

N n 3Der566

Derſechs und dreyßigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.

Nunmehr muͤſſen ſich meine Kuͤnſte vermehren, und meine Beſchaͤfftigung, dir davon zu ſchreiben, bald zum Ende kommen. Denn da ich nun den Trauſchein ausgewirket habe, und Frau Townſend mit ihren Schiffknechten naͤchſt - kuͤnftigen Mitwochen oder Donnerſtag zu Hamp - ſtead anlangen wird, auch vielleicht noch ein Brief oder Bothe von der Fraͤulein Howe kom - men kann, auf die Erzaͤhlung des Bauren von der Unpaͤßlichkeit der Fraͤulein Harlowe nachzu - fragen, wie ſie ſich befinde, und ihre Verwunde - rung zu entdecken, daß ſie keine Antwort auf den Brief wegen ihrer Flucht erhalten hat: ſo muß ich bald mit der Fraͤulein fertig oder ſelbſt verloh - ren ſeyn. Daher mache ich mich bereit, nebſt der Lady Eliſabeth und meiner Baſe Montague, in einer Kutſche mit vier Pferden oder einem Geſpann, meiner Geliebten aufzuwarten: denn die Lady Eliſabeth wird niemals um aller Welt willen mit zween Pferden ausfahren; wenn es auch nur auf zwo oder drey Meilen weit gehen ſollte. Dieß iſt ein ſehr bekanntes Stuͤck von ihrer Gemuͤthsart.

Aber567

Aber wie wird es mit ihren Wappen und Federbuͤſchen auf der Kutſche und dem Geſchirre werden?

Weißt du nicht, daß eine Miethkutſche ſtatt ihrer eignen dienen muß, weil dieſe unterdeſſen neu ausgeſchlagen und ausgebeſſert wird? Sie will ſich die Gelegenheit zu Nutze machen, da ſie in der Stadt iſt. Auf dem Lande kann ihr nichts von dergleichen Dingen nach ihrem Sinne ge - macht werden. Die Livereyen werden denen, welche Lady Eliſabeth giebt, nahe kommen.

Du haſt die Lady Eliſabeth Lawrance ver - ſchiedne mal geſehen. Nicht wahr, Bruder?

Nein, in meinem Leben nicht einmal.

Ey allerdings haſt du ſie geſehen und ſo gar bey ihr gelegen: oder das Geruͤcht thut dir mehr Ehre, als du verdieneſt. Wie, Bruder, kennſt du nicht den andern Namen der Lady Eli - ſabeth? Den andern Namen! Hat ſie zween?

Freylich. Was denkſt du wohl von der Lady Barbara Wallis?

O der Teufel!

Nun biſt du auf dem rechten Wege. Lady Barbara, weißt du, iſt nach ihren Umſtaͤnden, und aus Stolz etwas hoch, und erſcheint oder zeigt ſich niemals, als nur bey beſondern Gele - genheiten vor Perſonen von Stande oder Werth eine Herzoginn, oder wenigſtens eine Graͤ - ſinn vorzuſtellen. Etwas erhabenes in ihremN n 4Weſen,568Weſen, welches wenige Frauenzimmer von Stan - de erreichen koͤnnen, hat ihr allezeit Bewunde - rung zuwege gebracht: und niemals iſt jemand auf den Argwohn gekommen, daß ſie eine ande - re Perſon waͤre, als die, wofuͤr ſie ſich ausgaͤbe; ob ſie gleich vielfaͤltig von Lords geliebet iſt.

Und wer, meynſt du wohl, iſt meine Baſe Montague?

Ey, wie ſollte ich das wiſſen?

Wie, freylich! Meine kleine Hannchen Gol - ding iſt es, ein munteres Maͤgdchen, das aber doch ſittſam ausſiehet.

Da iſt nun eine Tante, Belford! Da iſt eine Baſe! Beyde haben den Witz in ihrer Gewalt. Beyde ſind gewohnt, Standesperſonen nachzuaͤf - fen. Beyde ſind von artigen Herkommen, un - ter keines andern Gewalt, und wohl erzogen Doch ihr mitleidiges Gemuͤth ausgenommen. Sie ſind rechte Spartaniſche Frauenzimmer, die ſich vor nichts ſcheuen, als entdeckt zu werden und daher gegen dieſen Zufall allezeit auf ihrer Hut. Wenn ſie die vornehmſten Perſonen ſpielen, ſind ſie in ihren eignen Gedanken wirklich von dem Stande, dem ſie nachaͤffen.

Und was denkſt du wohl, wie ich ſie ausputze? Jch will es dir ſagen.

Lady Eliſabeth erſcheint in einem reichen Zeu - ge von Gold, mit koſtbaren Edelgeſteinen ge - ſchmuͤcket.

Meine Baſe Montague hat ein Kleid von blaſſem ausgehackten Zeuge, mit einer geſticktenBorte569Borte von ſilbernen Blumen, von ihrer eignen Arbeit. Charlotte ſticket vortrefflich, wie meine Geliebte. Sie iſt nicht ſo reich mit Edelgeſtei - nen ausgeputzet, als die Lady Eliſabeth. Aber ihre Ohrringe und ihr Halsgeſchmeide ſind recht koſtbar und ſtehen ihr unvergleichlich.

Hannchen, wie du weißt, hat eine gute Far - be, einen ſchoͤnen Hals und ausnehmend feine Ohren Charlotte hat das auch. Sie iſt beynahe eben ſo groß von Perſon, als Charlotte.

Beyde ſind mit den reicheſten Spitzen aus - geſchmuͤcket, die zu haben geweſen ſind.

Du kannſt dir nicht vorſtellen, wie viel mich die Edelgeſteine, ob gleich nur auf drey Tage, zu leihen koſten.

Dieß liebe Maͤgdchen wird mich noch halb arm machen. Jedoch ſieheſt du itzo nicht, daß ſie nur noch eine kurze Zeit zu regieren hat? Es kann nicht anders ſeyn. Frau Sinclair hat ſchon alles bereit gemacht, ſie noch einmal aufzu - nehmen.

Da kommen die Frauenzimmer. Jhnen folget Suſanne Morriſon, eines Pachters Toch - ter, als der Lady Eliſabeth Cammerfrau. Sie traͤget ihre Haͤnde zierlich vor ſich, und weiß voll - kommen, wie ſie ſich verhalten ſoll.

Wie ſehr kommt doch der Putz den Weibern zu ſtatten! ſonderlich denen, die von Natur einN n 5arti -570artiges Anſehen und Weſen haben, und wohl er - zogen ſind.

Haͤtteſt du geſehen, wie ſie damit prangeten! Vetter und Vetter, hieß es bey jedem Wor - te. Lady Eliſabeth trug ſich hoch und ſahe ſo aus, als wenn ſie ſich herabließe, ohne ihrem Stolz etwas zu vergeben. Charlotte ſpielte mit ihrem Fecher und ging ſo fluͤchtig uͤber das Zimmer, daß ſie kaum den Boden beruͤhrte.

Wie verlangt mich, meine kuͤnftige Neffe zu ſehen! ſprach die eine Denn es iſt ihnen ſchon erzaͤhlet, daß wir noch nicht getrauet ſind, und ſie freuen ſich, daß ich ſie nicht ſo geringe ge - ſchaͤtzet habe, als ſie beſorgt hatten.

Wie verlangt mich, meine kuͤnftige Baſe zu ſehen! ſagte die andere.

Jhro Gnaden und Jhro Gnaden hoͤrte man mit gezwungener Sproͤdigkeit von Suſanne Mor - riſon, und ein jedes Wort begleitete eine unge - ſchickte Beugung.

Spielet eure Perſonen recht, ihr Schaͤlke! Jhr wiſſet, wie genau ich zu unterſcheiden weiß. Es wird in dieſem Fall keine Leidenſchaft das Auge bey dem Urtheil verblenden und dem ausgeſonnenen Betruge zu ſtatten kommen, als wenn ihr euch mit vornehmen Suͤndern einlaſſet. Meine bezaubernde Schoͤne iſt eben ſo bey kaltem Blute, und eben ſo ſcharfſichtig, als ich bin, ob gleich in Anſehung ihres eignen Geſchlechtes nicht ſo ausgelernt. Euer hohes Weſen, das ihr ge - meiniglich annehmet, iſt itzo fuͤr mich nicht genug. Es571Es muß ein erhabnes Anſehen ſeyn, als wenn ihr zu Standesperſonen gebohren waͤret. Aber nicht uͤbertrieben! Zuverſichtlich! Laßt euer Geſicht nicht euer Herz verachten.

Frey und ungezwungen! Euer Auſputz ſelbſt wird euch Ehre genug geben.

Ein wenig anſtaͤndiger und ernſtlicher, Lady Eliſabeth! Zeiget mehr nachdruͤckliches und weniger ſteifes in eurem hohen Weſen.

Das iſt das rechte Anſehen! Unvergleichlich getroffen! Noch einmal! Jhr habt es.

Der Teufel hole euch! Nicht ſo ſtolz. Jhr nehmt das Weſen einer neuen Standes - perſon an. Laßt euch euren neuen Stand nicht ſo ſehr merken. Leute, die ſchon durch die Ge - burth erhaben ſind, floͤßen Ehrfurcht ein, ohne daß es noͤthig iſt, ſie zu verlangen.

Wie ſieht es nun mit euch aus, Baſe Char - lotte

Recht gut. Nur das Weſen iſt ein wenig zu luſtig Jedoch habe ich meiner Geliebten ſchon zum voraus beygebracht, in euch beyden viele Lebhaftigkeit und Freyheit von Standesper - ſonen zu erwarten.

Verfluchte Augen ſind das! Die fun - kelnden Blicke werden es nicht gut machen. Ein niedergeſchlagenes ſittſames Geſicht muß es ſeyn, was ihr es in eurer Gewalt habet. Seht mich an. Stellet euch nun einmal vor, als wenn ich meine Geliebte waͤre.

Der572

Der Teufel hole das Gaffen. Das iſt zu merklich loſe und leichtfertig! Vordem habe ich euch inmal als ein ſolches Maͤgdchen gekannt, wie ich euch itzo gern ſehen moͤchte.

Frey und munter, aber nicht frech, Baſe Charlotte! Vor allen Dingen vergeſſet nicht die Augen niederzuſchlagen, oder auf die Seite zu ſehen, wenn man euch anſiehet. So oft die Augen auf einander treffen, laßt ſich die eurigen allezeit zuruͤckziehen. Euer Geſicht wird die Probe halten.

O Himmel! o Himmel! Wie kann ein ſo junges Maͤgdchen ſo bald das unſchuldige We - ſen vergeſſen, wodurch ſie zuerſt reizete, und wel - ches ich bey euch allen fuͤr angebohren hielte! Koͤnnen fuͤnf Jahre das niederreißen, was zwanzig gebauet haben? Wie natuͤrlich iſt das, was man zuletzt gelernet hat! Wie ſchwer, das vorige wieder anzunehmen!

Jch will nicht ſelig ſeyn, wo ihr in den vor - nehmſten Kuͤnſten eures Geſchlechtes nicht ganz unerfahren ſeyd! Noch einmal, was den Teufel hat euer Herz in euren Augen zu thun?

Habe ich euch nicht geſagt, daß meine Ge - liebte ſich ſehr auf die Augen verſteht? Sie hat mir einmal eine Schriftſtelle(*)Sirach XXVI 12. 14. Ein huriſch Weib kann man an ihren frechen Blicken und Augenliedern erkennen. Gieb Acht auf ein unverſchaͤmtes Au - ge und verwundere dich nicht, wenn es wider dich boͤſe handelt. angezogen, wel -che573che mir zeigte, wie ſie zu ihrer Erkenntniß kom - men iſt. Dorcas ward den erſten Augen - blick, da ſie ihr zu Geſichte kam, verraͤtheriſch be - funden.

Noch einmal, ſtellt euch vor, als wenn ich meine reizende Schoͤne waͤre. Nun ſollt ihr vor meinem forſchenden Auge und meinem zwei - felsvollen Herzen ſtehen.

Das iſt meine Geliebte!

Befleißigt euch auf das Anſehen in dem Spiegel.

Schoͤn! Vollkommen recht!

Jhre Gnaden, nun, Teufels!

Ganz gut, Baſe Charlotte, fuͤr eine junge Fraͤulein vom Lande! So lange bis man von den gewoͤhnlichen Weitlaͤuftigkeiten im Um - gange zur Vertraulichkeit kommt, koͤnnet ihr euch wohl immer tief neigen. Man muß nicht den Verdacht von euch haben, daß ihr euer We - ſen, daß ihr in der Schule gelernet, ſchon vergeſ - ſen habt.

Aber das iſt zu tief, zu tief, Lady Eliſabeth, fuͤr eure Jahre und euren Stand. Der gemei - ne Fehler bey eurem Geſchlechte wird euch gefaͤhr - lich ſeyn. Sie wollen allzu lange jung ſeyn Der Teufel beſitzt euch alle, wenn ihr nach euren Wuͤnſchen und eurer Eitelkeit von euch urthei - let! Funfzig wird alsdenn niemals mehr als funfzehn ſeyn.

O wie ſchwer iſt ein anmuthreicher und freyer Anſtand, ein erhabnes Weſen, deſſen manſich574ſich ſelbſt bewußt iſt, wie meine reizende Schoͤne an ſich hat, zu treffen!

Nun einmal beyde zuſammen

Schoͤn! Das iſt das Anſehen, Lady Eli - ſabeth das iſt die Perſon, Baſe Charlotte, die ſich zu einer jedon Stande und Umſtaͤnden ſchickt! Aber, noch einmal, gebt vor allen Dingen auf eure Augen Achtung.

Sorgen ſie vor nichts, lieber Enkel.

Sorgen ſie vor nichts, lieber Vetter.

Ein Schluͤckgen zur Erſriſchung fuͤr jede

Und nun ſind wir fort.

Der ſieben und dreyßigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford. Bey der Fr. Sinclair.

Alles ſteht itzo nach Herzens Wunſch! Trotz aller Einwendung, Trotz eines bis zur Ohnmacht getriebenen Widerſtrebens, Trotz aller ihrer Vorſicht, Wachſamkeit und argwoͤhniſchen Sorge, iſt meine bezaubernde Schoͤne noch einmal wieder in ihrer neuen Woh - nung.

Nun ſchlaͤgt eine jede Ader! Nun klopf - klopf klopfet mein pochendes Herz doch nicht umſonſt!

Jch575

Jch habe nicht Zeit, dir die eigentlichen Um - ſtaͤnde, wie wir unſern Handel getrieben haben, zu melden.

Meine Geliebte laͤßt itzo einige von ihren Kleidern zuſammen packen: um nimmer - mehr einen Fuß wieder in dieß Haus zu ſetzen. Sie wird es auch niemals wieder thun, das kann ich zuverſichtlich ſagen, wenn ſie noch einmal aus demſelben heraus iſt.

Allein ich habe nicht die geringſte Hoffnung zur Vergebung, nicht einmal zu einer bedingten Vergebung, bisher erlangen koͤnnen! Die Harlowiſchgeſinnte Schoͤne will ſich meiner Barmherzigkeit nicht wuͤrdig machen! Sie will auf den naͤchſten Brief von der Fraͤulein Howe warten: und alsdenn, wo ſie eine Schwie - rigkeit bey ihren neuen Anſchlaͤgen findet; dabey habe ich ihr fuͤr nichts zu danken; will ſie Was will ſie? Ey alsdenn will ſie ſich noch erſt Zeit nehmen, zu uͤberlegen, ob ſie mir vergeben kann oder mich auf ewig abweiſen muß. Eine Gleichguͤltigkeit, die in meinem Herzen das Andenken von tauſend andern dieſer Art wieder lebendig machet! Und gleichwohl erklaͤren ſich Lady Eliſabeth und Fraͤulein Montague, daß ich mit einem ſo ſtolzen Aufſchub, der mich auf das ungewiſſe abweiſet, zufrieden ſeyn muͤſſe. Man moͤchte faſt in die Verſuchung gerathen, Bruder, zu denken, als wenn ſie wuͤnſchten, daß die Fraͤulein meine Rache reizen moͤchte.

Sie576

Sie hangen ihr gaͤnzlich an. Alles, was ſie ſaget, iſt und muß ein Evangelium ſeyn. Sie ſind Buͤrgen, daß ſie dieſen Abend wieder nach Hampſtead zuruͤckkommen ſoll. Sie wol - len mit ihr zuruͤckgehen. Es iſt eine Abend - mahlzeit bey der Lady Eliſabeth in Fr. Moorens Hauſe verabredet. Alle ledige Zimmer, die da ſind, ſollen mit meiner Erlaubniß; denn ich hatte ſie fuͤr gewiß ſchon auf einen Monat gemiethet; von ihnen und ihren Bedienten wenigſtens auf eine Woche bezogen werden: oder ſo lange, bis ſie die eigenſinnige Schoͤne, ihrer Hoffnung nach, gewinnen koͤnnen, mir ihre Gewogenheit wieder zuzuwenden, und die Lady Eliſabeth nach Or - fordſchire zu begleiten.

Das liebe Kind hat ſich ſo weit gefaͤllig be - wieſen, daß ſie an die Fraͤulein Howe ſchrei - ben und ihr melden will, wie die Sachen itzo ſtehen.

Schreibt ſie wirklich: ſo werde ich ſehen, was ſie ſchreibet. Jch glaube aber, daß ſie bald etwas anders zu thun haben wird.

Lady Eliſabeth iſt verſichert, ſagt ſie zu ihr, daß ſie dieſelbe gewinnen werde, mir zu verge - ben: ob ſie gleich frey geſtehen darf, daß ich kei - ne Vergebung verdiene. Die Lady haͤlt es nach ihrer zaͤrtlichen Gemuͤthsart zu bedenklich, ſich genau nach der eigentlichen Beſchaffenheit mei - ner Beleidigung zu erkundigen. Allein es muß nothwendig eine Beleidigung ihrer ſelbſt, der Fraͤulein Montague und aller tugendhaften Per -ſonen577ſonen des ganzen Geſchlechtes ſeyn: ſonſt koͤnnte ſie nicht ſo hoch empfunden werden. Jnzwiſchen will ſie die Fraͤulein nicht eher verlaſſen, als bis dieſelbe mir vergiebt, und bis ſie unſere Vermaͤh - lung in geheim vollzogen ſiehet. Weil ſie aber ihres Onkels Vorſchlag billiget: ſo will ſie un - terdeſſen vor fremden Leuten mit ihr nicht an - ders umgehen, als wenn ſie ſchon meine Ge - mahlinn waͤre.

Stedmann, ihr Anwalt, mag nach Hamp - ſtead zu ihr kommen, ihren Willen wegen der Sache bey der Kanzeley zu vernehmen. Beyde wollen nicht eine Stunde, die ihnen gegoͤnnet werden kann, von der Geſellſchaft und Unterre - dung mit einer ſo lieben, ſo reizungsvollen neuen Anverwandtinn verlieren.

Es wuͤrde daher ſehr hart geweſen ſeyn, wenn ſie ihnen nicht mit ihrer Geſellſchaft gefaͤllig ge - weſen, und in ihrer Kutſche mit vier Pferden zu und von ihrer Baſe Leeſon mitgefahren waͤre, welche ein großes Verlangen hatte, wie ſie ſelbſt gehabt, eine ſo billig geprieſene Fraͤulein zu ſprechen.

Wie wird der Lord M. entzuͤckt werden: wenn er ſie ſiehet, und ſeine Baſe nennen kann!

Wie gluͤcklich wird ſich die Lady Sarah achten! Sie wird nunmehr den Verluſt ihrer lieben Tochter, woruͤber ſie klaget, auf eine begluͤckte Art erſetzet glauben.

Fuͤnfter Theil. O oDie578

Die Fraͤulein Montague erhebt ein jedes Wort, das von den Lippen meiner Schoͤnen faͤllt. Sie verehret ihre neue Baſe vollkommen als anbetenswuͤrdig. Denn ihre Baſe muß ſie ſeyn; und ihre Baſe will ſie ſie nennen. Sie ſteht dafuͤr, daß ihre Schweſter Martha mit ihr gleiche Bewunderung hegen werde.

Ey, reif ich, zwar leiſe, aber doch laut genug daß ſie es hoͤren konnte, wie werden meiner Ba - ſe Martha Taubenaugen ſelbſt bey dem erſten Anblicke glaͤnzen und uͤbergehen! Eine ſo anmuthreiche, ſo edle, ſo ungezwungene Perſon!

Was fuͤr eine gluͤckſelige Familie wird die unſrige ſeyn! Das riefen wir alle in einem Chor.

Dieſe und alle andre dergleichen Bewunde - rungen, womit wir uns einander Gluͤck wuͤn - ſchen, werden alle Stunden wiederholet. Jhre Beſcheidenheit wird durch dieſe Lobeserhebungen in unſerer Entzuͤckung beleidiget. Jhre ange - nehme Gaben ſind ihr zu natuͤrlich, daß ſie ſtolz darauf ſeyn ſollte: aber ſie muß ſich gefal - len laſſen, dafuͤr geſtraft zu werden, daß bey ihren ausnehmenden Vorzuͤgen auch die aller - treflichſten Eigenſchaften nur wie im Schatten ſtehen.

Kurz, wir ſind hier ſo, wie zu Hampſtead, voller Freude und entzuͤckender Luſt: wir alle, ausgenommen meine Geliebte. Da dieſe ihr faſt bis zur Ohnmacht getriebenes Widerſtreben, nicht wieder in dieß Haus zu kommen, noch nichtuͤber -579uͤberwunden hat: ſo herrſchet in ihrem lieblichen Geſichte eine gewiſſe aͤngſtliche Freundlichkeit! Aber wie wird auch dieſe ſelbſt in wenigen Stunden verwandelt ſeyn!

Mich deucht, ich fange an, mit dieſer halb furchtſamen Schoͤnheit Mitleiden zu haben! Allein, fort ungebetener Gaſt, ung elegnes Mit - leiden! Du haſt es ſchon mehr als einmal bey - nahe mit mir ausgemacht Gute Nacht Ue - berlegung! Weg Achtung und Erbarmen! Jch gebe euch allen euren Abſchied wenigſtens auf eine ganze kuͤnftige Woche! Es erwecke ſich in mir das Angedenken ihrer Untreue, womit ſie ihr Wort gebrochen hat! Das Angedenken ihrer Flucht zu der Zeit, da meine fuͤr ſie eingenom - mene Seele ihr Barmherzigkeit zu thun gedachte! Das Angedenken der Haͤrte, womit ſie mir in ihrem Briefe bey der Flucht nach Hampſtead begegnet! Des Giftes, das ſie zu Hampſtead uͤber mich ausgegoſſen hat! Was iſt wohl, das ſie von einem aus ſeinen Ketten gelaſſenen Beelzebub, von einem ehrenloſen Raͤnkeſchmieder nicht erwarten wuͤßte?

Es erwecke ſich auch das Angedenken des Vorzugs, den ſie dem ledigen Stande vor mir giebet! Daß ſie mich verachtet! Daß ſie ſich ſo gar weigert, mein Weib zu ſeyn! Ein ſtolzer Lovelace ſollte ſich ein Weib abſchla - gen laſſen! Sollte noch ſtolzer von einer Harlowiſchen Tochter abgewieſen werden! Da die vornehmen Frauenzimmer aus meinerO o 2Familie;580Familie; ſie ſieht ſie doch dafuͤr an; vergebens flehen, daß ſie ihrem Verwandten ihre Gunſt wieder zuwenden wolle, und ſich nach ihrer noch immer ſtolzern Bedenklichkeit, als nach Geſetzen, richten!

Es erwecke ſich nicht weniger das Angeden - ken der Fluͤche, welche ihre ungeſtuͤme Freundinn auf mich geleget hat! Sie ſind ja durch ihre Vorſtellungen uͤber mich gebracht und dadurch zu ihren eignen Fluͤchen geworden!

Es erwecke ſich aber inſonderheit noch mehr das Angedenken des geſchmiedeten Anſchlages mit ihrer Townſend, der zwiſchen ihnen auf die Bahn gebracht iſt, und nun binnen einem oder zween Tagen ausbrechen ſoll: und das Angedenken der poͤbelhaften Drohungen, welche jene kleine Furie wider mich ausgelaſſen hat.

Jſt dieß nicht der entſcheidende Augenblick, auf den ich lange gewartet habe? Soll Tomlin - ſon, ſollen dieſe Weibsleute angenommen und be - ſchaͤfftiget, ſollen ſo viele Triebwerke mit unſaͤgli - chen Koſten in Bewegung gebracht ſeyn: und das alles umſonſt?

Jſt dieß nicht die Stunde, da ſie ihre Probe aushalten muß und in ihr die Tugend des ganzen Geſchlechts; eine Probe, worauf ich ſo lange vorher geſonnen, die ich ſo lange gedrohet habe? Ob ihre Kaltſinnigkeit in der That Kaltſinnigkeit iſt? Ob ihre Tugend auf wahren Grundſaͤtzen beruhet? Ob ſie, wenn ſie einmal untergelegen, nicht allemal unterliegenwird? 581wird? Und wird ihr nicht die rechte Krone ih - res Ruhms, der Beweis ihrer trefflichen Vorzuͤ - ge, die bisher uͤber alles gehen, fehlen: wenn ich nahe bey dem letzten Verſuche inne halte?

Nunmehr iſt das Ende meiner vorgeſetzten Abſichten vor der Hand, welche lange durch die Ehrfurcht gegen ihre Perſon unterdruͤcket, oft verſchoben ſind. Habe ich wohl noͤthig, das was ihre verfluchte Familie geſuͤndiget hat, mit in die Wagſchale zu legen, die ſchon ohne das nur all - zu weit uͤberſchlaͤgt?

Allein Gewalt ſey verfluchet! Ver - flucht ſey der Gedanke, Gewalt zu gebrau - chen! Durch Gewalt erhaͤlt man keinen Sieg uͤber den Willen! Dieß habe ich ſelbſt geſagt: das weiß ich wohl(*)Siehe den IV. Th. S. 264.. Aber habe ich denn nicht auf alle Art vermeiden wollen, Gewalt zu gebrauchen, wo ich koͤnnte? Habe ich nicht alle andere Mittel verſucht? Und iſt mir noch eine andere Zuflucht uͤbrig? Kann ſie wohl die aͤußerſte Gewalt hoͤher empfinden, als ſie einen ſchwaͤchern Verſuch empfunden hat? Und wenn ihr Unwillen auch noch ſo hoch ſtei - get: kann ich es denn nicht durch Heyrathen wie - der gut machen? Sie wird meine Hand nicht ausſchlagen; das weiß ich, Bruder; die uͤbermuͤ - thige Schoͤne wird meine Hand nicht ausſchla - gen: wenn ihr Stolz, daß ſie in ihrer Perſon unverletzet iſt, gedemuͤthiget worden; wenn ſie keine Hiſtoͤrchen erzaͤhlen kann, ſondern ſelbſt Per -O o 3ſonen582ſonen von ihrem eignen Geſchlechte, ſie mag ſich geſtraͤubet haben wie ſie will, in dem Widerſtan - de ein Nachgeben vermuthen und ihn desſalls verdaͤchtig halten werden, ja wenn eben die Scham - haftigkeit, welche ihre Bruſt mit Unwillen erfuͤl - len mag, ihr den Mund zuſchließen wird.

Aber woher weiß ich, ob ich mir die Schwie - rigkeiten nicht ſelbſt gemachet habe? Jſt ſie nicht eine Weibsperſon? Wie kann ein be - gangnes Uebel wieder gehoben werden? Muß ſie nicht leben? Jhre Gottſeligkeit wird ihr Leben von ihren Haͤnden in Sicherheit ſtellen. Und wird die Zeit mir nicht guͤnſtig ſeyn? Mit einem Worte, wie wird ſie ſich nachher ver - halten? Sie kann mich nicht fliehen! Sie muß mir vergeben Und, wie ich oft geſagt habe, einmal vergeben, wird auf ewig ver - geben ſeyn.

Warum ſollte denn dieß entkraͤftende Mit - leiden mein thoͤrichtes Herze entwaffnen?

Es ſoll es nicht. Jch will mich aller der Dinge erinnern, und an nichts anders gedenken, damit ich einen Entſchluß feſt halte, den ich, nach der Erklaͤrung der Weibsleute um mich herum, zu behalten allezeit außer Stande ſeyn ſoll.

Jch will meine wertheſte Schoͤne lehren, wie ſie mir in Liſt und Raͤnken nacheifern muͤſſe! Jch will ſie lehren, gegen ihren Ueberwinder Ge - webe und Haͤndel anzuſpinnen! Jch will ihr zeigen, daß ſie in ihren Anſchlaͤgen mit der Zollbetruͤgerinn nur eine Spinne gegen mich iſt,und583und alle dieſe Zeit uͤber nichts als ein Spinnege - webe geſponnen hat!

Was ſollen wir nun anfangen! Wir ſind in den tiefſten Kummer und die groͤßte Furcht verſunken! Wie uͤbel ſtellen ſich die Weibs - leute, wenn ſie in ihrer Hoffnung betrogen wer - den! Da ſie ſich in den Kopf geſetzt hat, wieder nach Hampſtead zu kommen, und auf ewig ein Haus, in welches ſie noch einmal mit dem hoͤchſten Widerſtreben den Fuß geſetzet, zu ver - laſſen; da die Sachen, die ſie mit ſich zu nehmen willens geweſen, ſchon zuſammen gepacket ſind; da ſie ſelbſt im Begriff ſtehet, abzugehen, und ich, ſie dahin zu begleiten: ſo faͤngt ſie an zu fuͤrch - ten, daß ſie dieſen Abend nicht abgehen moͤchte, laͤuft in Betruͤbniß und Verzweifelung in ihr altes Zimmer, verſchließet ſich, und Dorcas ſieht ſie durch das Schluͤſſelloch auf den Knien liegend Vermuthlich betet ſie, daß ſie unverletzt er - rettet werden moͤge.

Aber woher? Und weswegen fuͤrchtet ſie ſich mit ſolcher Todesangſt?

Ey, hier iſt die Urſache. Die unguͤtige Lady Eliſabeth und die wunderliche Baſe Montague ſind unterdeſſen, daß ſie beſchaͤfftigt geweſen, ein - packen zu laſſen, in der Kutſche zu ihren Woh - nungen gefahren; jene mit Wiſſen meiner wer - then Fraͤulein, ob gleich in ihren eignen Geſchaͤff - ten; dieſe ohne ihr Wiſſen. Sie haben in derO o 4That584That nur einige Nachtkleider, und dergleichen ho - len wollen, damit ſie bey ihrer lieben Baſe zu Hampſtead bleiben koͤnnten: aber ſie ſind, zu nicht geringerer Beſtuͤrzung fuͤr mich, als fuͤr meine Geliebte, noch nicht wieder gekommen.

Jch habe hingeſchickt und laſſe fragen, was dieß zu bedeuten habe.

Die Fraͤulein haͤtte in ihrer großen Hitze wohl gern geſehen, daß ich ſelbſt gegangen waͤre. Sie iſt kaum auf einige Art zu beruhigen. Das Maͤgdchen iſt vor eitler Furcht ganz ver - wildert: Gott ſey ihr gnaͤdig! Wovor mag ſie ſich wohl fuͤrchten?

Jch fluche auf meine Tante und Baſe, daß ſie ſo zoͤgern. Wie lange bleibt der traͤge Bube, mein Kerl! Der Teufel hole ſie! Laß ſie uns nur ihre Kutſche ſchicken: ſo wollen wir ohne ſie wegfahren. Das befahl ich dem Kerl, vor den Ohren meiner Geliebten, ihnen zu ſagen. Vielleicht bleibt er deswegen ſo lange, weil er die Kutſche mitbringen will, wo etwas vorge - fallen iſt, das jene hindert, meiner liebſten Fraͤulein dieſen Abend Geſellſchaft zu leiſten.

Der Teufel hole ſie, ſage ich noch einmal! Sie haben noch dazu verſprochen, daß ſie nicht lange bleiben wollten, weil erſt ſeit zwoen Naͤchten unten an der Hoͤhe bey Hampſtead eine Kutſche von Raͤubern uͤberfallen waͤre. Dasmachte585machte meine Schoͤne auch unruhig, als ſie es hoͤrte.

Ey, da iſt meiner Tante Diener mit einem Handbriefchen.

An Herrn Robert Lovelace.

Entſchuldigen ſie uns, lieber Herr Vetter, ich bitte ſie, bey meiner wertheſten Baſe. Eine Nacht kann ja nichts zur Sache thun. Die Fraͤulein Montague iſt ploͤtzlich von einer heftigen Unpaͤßlichkeit uͤberfallen, und hat drey Ohnmach - ten, eine nach der andern, bekommen. Jhre heftige Freude, glaube ich, daß ſie an ihrer lie - benswuͤrdigen Fraͤulein ſo viele Vorzuͤge gefun - den, die alle Erwartung ſo weit uͤbertreffen, iſt ſchuld daran. Sie wiſſen ſelbſt, daß nirgends jemals die Liebe zur Familie ſo ſtark geherrſchet hat, als unter uns. Hiernaͤchſt hat ihr ſtarkes Verlangen, dieſelbe zu ſehen und zu ſprechen, auch wohl etwas dazu beygetragen. Sie iſt nur ſchwaͤchlich, das arme Maͤgdchen! ſo gut ſie aus - ſiehet.

Wo es beſſer mit ihr wird: ſo wollen wir ge - wiß morgen fruͤhe mit ihnen reiſen, und in ihrer Wohnung vorher mit unſerer lieben Baſe das Fruͤhſtuͤck halten. Sie mag aber beſſer werden oder nicht, ſo will ich mich ſelbſt des Vergnuͤgens nicht berauben, zu Hampſtead um ihre Fraͤulein zu ſeyn, und deswegen fruͤhe um neun zu ihnenO o 5kom -586kommen. Nach ſchuldiger Empfehlung an ihre wuͤrdigſte Geliebte, verharre ich

Jhre ergebene Eliſabeth Lawrance.

Bey meiner Treue, Bruder, ich weiß nicht, was ich mit mir ſelbſt anfangen ſoll. Da ich itzt eben durch Dorcas obiges Briefchen zu mei - ner Geliebten hinein geſchickt hatte: kam ſie, mit demſelben in der Hand, heraus; in einem An - fall von Verruͤckung. Bey meiner Seele, es iſt wahr.

Sie hatte wirklich den ganzen Abend uͤber ihren Kopf geklaget.

Dorcas kam außer Othem zu mir gelaufen, und wollte mir ſagen, daß ihre Fraͤulein in einen wunderlichen Zuſtand gerathen waͤre. Allein ſie folgete ihr ſo geſchwinde, daß das erſchrockne Maͤgdchen nicht Zeit hatte, zu ſagen, in was fuͤr einen Zuſtand.

Es ſcheint, ſie habe alſobald, nachdem ſie das Handbriefchen geleſen hatte, geſagt: Nun bin ich in der That verlohren! O die arme Clariſſa Harlowe!

Sie riß ihr Kopfzeug herunter, fragte, wo ich waͤre, und kam eiligſt herein. Jhre glaͤnzen - den Locken flogen um ihren Hals herum. Jhre Manſchetten waren zerriſſen und hingen in Stuͤ - cken um ihre weiſſe Haͤnde herum. Jhre Arme waren ausgeſtrecket und ihre Augen gingen wild in dem Kopfe herum, als wenn ſie aus ihremKreiſe587Kreiſe ſpringen wollten. Sie ſank mir zu den Fuͤßen, ſo bald ſie nahe zu mir kam. Jhre rei - zungsvolle Bruſt hub ſich zu ihrem in die Hoͤhe gerichteten Geſichte. Sie ſchlug ihre Arme um meine Knie. Lieber Lovelace, ſagte ſie, wo je - mals wo jemals wo jemals Mehr war ſie nicht im Stande zu ſprechen. Sie ließ ihre Arme los und fiel ganz zu Boden, weder voͤllig in Ohnmacht, noch voͤllig frey davon.

Jch war ganz erſtaunet. Alles, was ich mir vorgenommen hatte, blieb auf einige Augenblicke in gaͤnzlicher Ungewißheit ausgeſetzet. Jch wuß - te weder, was ich ſagen, noch was ich thun ſollte. Allein ich faßte mich wieder. Bin ich denn ſchon wiederum, dachte ich, in einem ſolchen Zuſtande, daß ich unterliegen und zu einem Nar - ren werden ſoll? Wo ich nun zuruͤckziehe: ſo bin ich auf ewig zuruͤckgegangen.

Jch hub ſie auf. Aber ſie ſank nieder, als wenn alle Gelenke aus einander gegangen waͤren. Jhre Glieder verſagten ihr die gewoͤhnlichen Dienſte: Doch war ſie nicht in einer Ohn - macht. Jch habe niemals gehoͤrt oder geſehen, daß jemand in einem ſo unbegreiflichen Zuſtande geweſen, als dieß liebe Kind: beynahe ohne Leben und ohne Sprache auf einige Augenblicke! Wie groß mußte ihre Furcht damals ſeyn! Und wo - vor? Was fuͤr hochfliegende Begriffe in der theuren Seele! Große Unwiſſenheit! dachte ich.

Weil588

Weil ich niemals einen ſo ringenden Wi - derſtand angetroffen habe: ſo ward ich ſtutzig. Jch ward verwirret Jedoch woher ſollte ich wiſſen, daß es ſo ſeyn wuͤrde, bis ich es verſuchte? Und wie konnte ich zuruͤck ziehen; da ich ſo weit gegangen war: wenn auch die Weibsleute mich nicht aufgehetzet, und aus Umſtaͤnden, da - von ſie beſſer zu urtheilen wiſſen wollten, Klei - nigkeiten gemacht haͤtten.

Jndeſſen hub ich ſie auf einen Stuhl, und ſagte ihr mit ſolchen Worten, die von einer ver - wirrten Leidenſchaft zeugeten, daß alle ihre Furcht unnoͤthig waͤre. Jch wunderte mich daruͤber; bat ſie, ruhig zu ſeyn; bat ſie, daß ſie ſich auf meine Treue und Ehre verlaſſen moͤchte, und er - neuerte alle meine alten Geluͤbde, ſtieß auch noch neue dazu heraus.

Endlich ſprach ſie mit einem herzbrechenden Seufzer: Jch ſehe, ich ſehe, Herr Lovelace ſie redete nur gebrochen ich ſehe ich ſe - he daß ich doch zuletzt zuletzt ver - lohren verlohren bin wo ihr Mitleiden Laſſen ſie mich ihr Mitleiden erbitten! Und ſo ſank ihr Kopf mit einem Seufzer, der bis zu meinem Herzen ging, auf ihre Bruſt herun - ter: nicht anders als eine Lilie mit einem halbge - brochnen Stengel, wenn ihr der Kopf von dem Morgenthau uͤberladen und zu ſchwer iſt.

Jch ſagte alles, was ich nur erdenken konnte, ihr die Furcht zu benehmen, wenn ſie ein wenig zu ſich ſelbſt gekommen war.

Warum,589

Warum, fragte ſie, ſchickte ich nicht nach ih - rer Kutſche, wie ich mich haͤtte verlauten laſſen zu thun? Sie konnte ja fuͤr die Lady und Fraͤu - lein morgen fruͤhe wieder zuruͤckkommen.

Jch haͤtte es wirklich gethan, antwortete ich, da ich ihre ſeltſame Unruhe geſehen. Aber ſie waͤre eben ausgeſchickt geweſen, einen Arzt fuͤr die Fraͤulein Montague zu holen, wenn etwa ſeine Kutſche nicht bereit ſeyn ſollte.

Ach! Lovelace! verſetzte ſie mit einem zwei - felmuͤthigen Geſichte und aͤngſtlich flehenden Auge.

Jch gab ihr zu bedenken, wie fremd es der Lady Eliſabeth vorkommen muͤßte, wenn ſie er - fahren ſollte, daß es ihr ſo ſehr zuwider waͤre, um ihrer Geſellſchaft willen nur eine Nacht in ei - nem Hauſe zu bleiben, wo ſie ſchon ſonſt ſo viele zugebracht haͤtte.

Sie legte mir deswegen manche Namen bey Sie hatte es ſchon vorher eben ſo gemacht. Jch war gedultig.

Jch ſollte ſie denn zur Lady Eliſabeth gehen, den Augenblick gehen laſſen: wofern die Per - ſon, welche ich Lady Eliſabeth nennete, wirklich die Lady Eliſabeth waͤre.

Wofern! meine Allerliebſte! O Himmel! Fuͤr was fuͤr einen Boͤſewicht erklaͤret mich das Wofern in ihren Gedanken!

Jch kann mir nicht helfen Jch bitte ſie noch einmal, laſſen ſie mich zur Fr. Leeſon gehen, wenn das Wofern ihnen nicht gefaͤllt.

Hierauf590

Hierauf nahm ſie mehr Entſchließung und Standhaftigkeit an! Jch will gehen! Jch will ſchon auffragen, wohin ich gehen muß! Jch will allein fuͤr mich gehen! Sie waͤre gern bey mir weggehuſchet.

Jch ſchlug meine Arme um ſie herum und hielte ſie zuruͤck. Jch ſtellte ihr vor, wie uͤbel ſich die arme Charlotte befaͤnde, und wie viel un - ruhiger dieſelbe ihre Ungeduld machen wuͤrde, wenn ſie dahin ginge.

Sie wollte nichts glauben, was ich ſagte: wo ich nicht alſobald eine Kutſche beſtellte; weil ſie der Lady Eliſabeths Wagen nicht haben, und auch nicht zu der Fr. Leeſon gehen ſollte; und ſie darinn nach Hampſtead fahren ließe; ſo ſpaͤt als es ſeyn moͤchte; und zwar ganz allein; das waͤre deſto beſſer. Sie haͤtte ſich feſt vorgenom - men, nicht eine Nacht mehr in dem Hauſe von ſolchen Leuten zu bleiben, die der Lady Eliſabeth, auf ihre Nachfrage, nicht gut beſchrieben waͤren. Dieß hatte ſich meine ſchwatzhafte neue Verwandtinn thoͤrichter Weiſe entfallen laſſen, um ſich ſelbſt durch anderer Verklei - nerung ein gutes Anſehen zu geben. Alles in dieſem Hauſe, und ein jedes Geſicht, verriethe ſo viele heimtuͤckiſche Bosheit, als mein eignes. Du biſt noch zu empfindlich, mein liebes Kind! dachte ich dabey.

Weil mir bange war, es moͤchte mit ihrem Verſtande nicht gut ausſehen; und ich ſehr be - ſorgte, daß ſie vielleicht, ehe es morgen wuͤrde,noch591noch vieles anrichten duͤrfte; ob ſie gleich bey dem aͤrgſten Zufall, wovor ſie ſich fuͤrchtete, nicht wohl heftiger verfahren konnte: ſo gab ich ihr nach, und befahl meinem Wilhelm, auszugehen, und alſobald eine Kutſche zu ſuchen, die uns nach Hampſtead braͤchte, ſie moͤchte koſten, was ſie wollte.

Vor Raͤubern, womit ich ſie ſchrecken wollte, fuͤrchtete ſie ſich nicht. Jch war allein ihre Furcht, wie ich befand: und dieß Haus ihr Schrecken. Denn ich ſahe offenbar, daß ſie nun die Lady Eliſabeth und die Fraͤulein Montague beyde fuͤr Betruͤgerinnen hielte.

Aber ihr Mistrauen iſt ein wenig zu ſpaͤt, daß es ihr Dienſte thun koͤnnte.

O Bruder, ich raſe vor Liebe, ich raſe vor Rachbegierde. Beyde zerreiſſen mich wechſels - weiſe. Bedenke, wie weit ich ſchon gegangen bin! Bedenke, wie mich die Weibsleute aufhetzen! Bedenke, wie vollkommen es in meiner Gewalt ſtehet, ſie auf die aͤußerſte Probe zu ſtellen, und doch noch zu heyrathen, wenn ich ſie nicht zu meinem Gefallen bereden kann! Jch will des Todes ſeyn, Belford, wo ſie mir nun ent - wiſchet!

Wilhelm iſt noch nicht wieder zuruͤck gekom - men Es iſt nicht weit von eilf Uhr.

Eben592

Eben den Augenblick kommt Wilhelm wie - der zu Hauſe Es iſt keine Kutſche fuͤr Geld oder gute Worte zu haben.

Noch einmal dringet ſie in mich Zur Fr. Leeſon laſſen ſie mich gehen! Lovelace! Lieber Lovelace! Laſſen ſie mich zur Fr. Leeſon ge - hen! Was iſt die Unpaͤßlichkeit der Fraͤulein Montague gegen mein Schrecken? Um Gottes des Allmaͤchtigen willen, Herr Lovelace! Das ſagte ſie mit zuſammengeſchlagenen Haͤnden.

O mein Engel! Was iſt dieß fuͤr ein wildes Weſen! Wiſſen ſie, ſehen ſie, mein liebſtes Leben, was fuͤr ein Anſehen ihnen ihre ungegruͤn - dete Furcht gegeben habe? Wiſſen ſie, daß es nach eilf Uhr iſt?

Zwoͤlfe, ein, zwey, drey, vier was fuͤr Uhr es ſey iſt mir gleichguͤltig Meynen ſie es in Ehren mit mir: ſo laſſen ſie mich aus dieſem verhaßten Hauſe gehen.

Du wirſt bemerken, Belford, daß, ob dieß gleich nachher geſchrieben iſt, ich es doch, wie ſonſt in andern Stellen, ſo ſchreibe, als es geſprochen und vorgefallen iſt: nicht anders, als wenn ich mich allemal allein begeben haͤtte, eine jede Rede, wie ſie ausgeſprochen worden, niederzuſchreiben. Jch weiß, dir gefaͤllt dieſe lebhafte Art die Sa - chen als gegenwaͤrtig vorzuſtellen: gleichwie ſie etwas mir beſonders eignes iſt.

Eben593

Eben da ſie die letzten Worte: Meynen ſie es in Ehren mit mir, ſo laſſen ſie mich aus dieſem verhaßten Hauſe gehen, ausgeſprochen hatte, kam Fr. Sinclair in großer Wallung her - ein. Und, Madame, erlauben ſie, was hat ihnen dieß Haus zuwider gethan? Herr Lovelace, ſie haben mich ſchon einige Zeit gekannt. Und wenn ich gleich nicht ſo eigen und von ſo vie - ler Bedenklichkeit bin, als dieß Frauenzimmer: ſo hoffe ich doch nicht zu verdienen, daß man mir ſo begegne.

Sie ſetzte darauf ihre großen und groben Ar - me ſteif in die Seite. Ho! Madame, ſie moͤ - gen wiſſen, daß ich mich ausnehmend uͤber die Freyheiten wundere, die ſie gegen meinen Stand und guten Namen gebrauchen! Und Herr Love - lace; hiebey warf ſie den Kopf in die Hoͤhe und ſchuͤttelte ihn gewaltig; wenn ſie ein rechtſchaffe - ner Cavallier ſind, und ein Mann, der auf Ehre haͤlt

Da die Fraͤulein an dieſem Weibe vorher niemals etwas anderes, als Willfaͤhrigkeit, geſe - hen hatte; ſo wenig ſie auch von ihr hielte: ſo ward ſie durch ihr maͤnnliches Anſehen und ihre freche Blicke in Schrecken geſetzet Gott hel - fe mir! rief ſie. Wie wird es nun mit mir werden! Sie wandte hierauf den Kopf in einer gewiſſen wilden Beſtuͤrzung von einer Seite zur andern und redete weiter. Wer iſt mein Be - ſchuͤtzer! Wie wird es nun mit mir werden!

Fuͤnfter Theil. P pJch594

Jch will ihr Beſchuͤtzer ſeyn, mein liebſter Engel! Aber ſie ſind in der That unfreund - lich hart gegen die arme Fr. Sinclair! Jn der That, ſie ſind es! Sie iſt eine Frau von gu - tem Herkommen und die Witwe eines angeſeh - nen Mannes. Ob ſie gleich in ſolchen Umſtaͤn - den von ihm gelaſſen iſt, daß ſie genoͤthigt wird, Zimmer zu vermiethen: ſo wuͤrde ſie es doch fuͤr ſchaͤndlich halten, mit Wiſſen und Willen eine Niedertraͤchtigkeit zu begehen.

Das hoffe ich es mag ſo ſeyn ich kann mich irren Aber Aber es iſt doch kein Verbrechen, meines Crachtens, keine Verraͤ - therey, wenn ich ſage, daß mir ihr Haus nicht geſaͤllt.

Der alte Drache ſpreitzte ſich inzwiſchen ge - gen ſie und ſetzte ihre Haͤnde wiederum frech in die Seite. Jhre Augenbraunen ſtunden in die Hoͤhe, wie die Buͤrſten auf einem Schweinsruͤ - cken. Sie ruͤmpfte ihre kurze Naſe: und ver - ſteckte dadurch ihre durchforſchenden Augen mehr, als auf die Haͤlfte. Jhr Mund war ungeſtaltet verzogen. Sie bließ ihre dicken Lippen auf: als wenn ſie mit Blaſebaͤlgen Wind und Lerm in ihren pferdmaͤßigen Naſeloͤchern machen woll - te. Jhr Kinn war lang gezogen, und ragte bey ihrer Gemuͤthsbewegung weiter, als ſonſt ordent - lich, hervor.

Sie ging mit einem zweymal wiederholten Ho! Madame, auf die erſchrockne Schoͤne zu: und dieſe ergriff vor Schrecken meinen Ermel.

Jch595

Jch beſorgte, ſie moͤchte in Ohnmacht fallen, und ſagte daher der Fr. Sinclair mit einem un - willigen Blick, daß dieſe Zimmer mir gehoͤrten, und ich alſo nicht abſehen koͤnnte, was ſie haben wollte, wenn ſie horchte, was zwiſchen mir und meiner Gemahlinn vorginge, oder gar ungebeten herein kaͤme; noch viel weniger aber, warum ſie ſich ein ſo gewaltiges und heftiges Anſehen gaͤbe.

Man kann mir wohl einen Vorwurf daraus machen, daß ich es gelitten habe, daß ſie ſich der - gleichen Anſehen gaͤbe: allein ſie kam wenigſtens ohne mein Geheiß herein.

Das alte Weib warf ſich in einen Stuhl und fing an zu heulen und zu ſchreyen, daß ihr die Wangen davon aufliefen. Unterdeſſen, da ich ſie zufrieden ſprach und die Fraͤulein mit ihr wie - der auszuſoͤhnen ſuchte, verlief die Zeit ſo, daß es nicht weit von ein Uhr war.

Auf die Art wurden ihr theils durch Schre - cken, theils durch die ſpaͤte Zeit, theils durch das, was hierauf erfolgte, die Gedanken benommen, zu der Fr. Leeſon, oder irgend ſonſt wohin, zu geben.

P p 2Der596

Der acht und dreyßigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Nun, Belford, kann ich nicht weiter gehen. Die Sache iſt vorbey. Clariſſa lebet. Und ich bin

dein gehorſamſter Diener R. Lovelace.

Note:

Der ganze Verlauf dieſer traurigen Hand - lung wird von der beleidigten Fraͤulein in ihren folgenden Briefen vom Donners - tage, den 6ten Jul. erzaͤhlet, auf welche der Leſer verwieſen wird.

Der neun und dreyßigſte Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace.

Odu wildes Ungeheuer! Was haſt du dir in einer ſtraf baren Stunde auf eine ganze Lebenszeit zu buͤßen angerichtet!

Jch kann es nicht ausdruͤcken, wie ſehr mir das Schickſa! dieſer unvergleichlichen Fraͤuleinzu597zu Herzen gehe! Sie haͤtte in keines andern le - bendigen Mannes Haͤnde fallen und das ausſte - hen koͤnnen, was ſie bey dir ausgeſtanden hat.

Jch hatte ſchon ein gutes Theil von einem andern langen Briefe geſchrieben, um zu verſu - chen, ob ich dein ſteinernes Herz zu ihrem Beſten erweichen koͤnnte: denn es kam mir nur allzu glaublich vor, daß du deinen Vorſatz erreichen und ſie wieder zu den verfluchten Weibsleuten zuruͤckbringen wuͤrdeſt. Aber ich finde, daß es zu ſpaͤt geweſen waͤre: wenn ich ihn geendiget und abgeſchickt haͤtte. Jnzwiſchen kann ich doch nicht umhin, zu ſchreiben, und in dich zu drin - gen, daß du dein Verbrechen, auf die Art, die dir itzo allein uͤbrig iſt, durch einen gehoͤrigen Ge - brauch des ausgewirkten Trauſcheins, bey ihr wieder gut zu machen ſucheſt.

Die arme, arme Fraͤulein! Es iſt eine Quaal ſuͤr mich, daß ich ſie jemals geſehen habe. Wie! hat eine ſolche Verehrerinn der Tugend den ſchaͤnd - lichſten Perſonen von ihrem Geſchlechte aufge - opfert werden muͤſſen! Und wie! haſt du zu ei - nem ſo niedertraͤchtigen, ſo unedlen, ſo unmenſch - lichen Vorſatz, ihr Werkzeug in des Teufels Haͤn - den ſeyn koͤnnen! Mache dich groß, o grau - ſamſter unter den Menſchenkindern, mit dieſer Betrachtung. Mache dich groß damit, daß dein Sieg uͤber eine Fraͤulein, welche um deinetwil - len von allen ihren Freunden in der Welt verlaſ - ſen war, nicht durch ihre Schwachheiten und Leichtglaͤubigkeit, die du dir haͤtteſt zu Nutze ma -P p 3chen598chen koͤnnen, ſondern durch die ſcheuslichſten Kuͤn - ſte erhalten iſt: nachdem eine lange Reihe von ausgeſonnenen Betruͤgereyen vergeblich verſuchet war.

Jch kann dir ſagen, es iſt gut entweder fuͤr dich oder fuͤr mich, daß ich nicht der Fraͤulein Bruder bin. Waͤre ich ihr Bruder geweſen: ſo haͤtte ihre Entehrung das Blut eines von uns beyden koſten muͤſſen.

Halte mich entſchuldigt, Lovelace, und laß es der Fraͤulein um des Antheils willen, das ich an ihr nehme, nicht aͤrger gehen. Jedoch ich habe noch einen andern Grund, Entſchuldigung von dir zu fordern. Es iſt dieſer. Jch habe es dei - ner eignen Feder, die ſo fertig geweſen iſt, mir alles zu offenbaren, zu danken, daß ich um deine barbariſche Schandthat weiß. Waͤre es dir ge - faͤllig geweſen: ſo haͤtteſt du ſie ja bey mir bloß fuͤr eine gemeine Verfuͤhrung ausgeben koͤnnen.

Clariſſa lebet, ſchreibſt du. Jch wundre mich, daß ſie lebet: und dieſe Worte zeigen, daß du ſelbſt kaum vermuthet haſt, daß ſie dieſe ge - waltſame Beſchimpfung uͤberleben wuͤrde; ob du glei ch nichts deſto weniger dein Vorhaben ins Werk zu richten im Stande geweſen biſt. Wie beklemmt muß der armen Fraͤulein zu Muthe ge - weſen ſeyn; ſo wachſam ſie uͤber ihre Ehre gehal - ten hat: als ſich eine ſchreckensvolle Gewißheit ſtatt einer grauſamen Furcht einſtellte! Man kann wohl einigermaßen errathen, wie es gewe - en ſeyn muͤſſe: wenn man bedenkt, wie du ſelbſtihre599ihre Umſtaͤnde abſchilderſt, da ſie vermuthete, daß ſie von deiner vermeynten Tante und Baſe be - ruͤckt, verlaſſen und verrathen waͤre.

Man wird es kaum fuͤr glaublich halten. Du haſt ſie bey dieſer Gelegenheit ihres Verſtan - des beraubt, und halb ſprachlos, halb in Ohn - macht dir zu den Fuͤßen liegend ſehen, und doch bey deinem boͤſen Vorhaben bleiben koͤnnen! Das wird ſo gar denen kaum glaublich vorkom - men, die dich kennen: wenn ſie die Fraͤulein auch geſehen haben.

Die arme, arme Fraͤulein! Wie hat ſie mit ſolchen edlen Eigenſchaften, welche die vortreff - lichſte Ehe geſchmuͤckt haben wuͤrden, in die Haͤn - de desjenigen Mannes fallen muͤſſen, der allein in der ganzen Welt ihr ſo zu begegnen vermoͤ - gend geweſen iſt, als du mit ihr umgegangen biſt! Was iſt das fuͤr eine unmenſchliche Grau - ſamkeit geweſen, daß du den alten Drachen, wie du das Weib gar wohl nenneſt, auf die vorher in Schrecken geſetzte Unſchuld losgelaſſen! Was fuͤr ein elendes Probeſtuͤck unmenſchlicher Grauſam - keit! das bloß zu dem Ende abgeleget iſt, damit du dasjenige durch Schrecken erhalten moͤgeſt, was du durch Liebe, ob ſie gleich durch die hinter - liſtigſten Raͤnke unterſtuͤtzet war, zu erhalten nicht die geringſte Hoffnung hatteſt.

O Lovelace! Lovelace! Haͤtte ich vor - her daran gezweifelt: ſo wuͤrde ich nun uͤberzeuget ſeyn, daß es eine andere Welt nach dieſer geben muͤſſe; damit den unrecht -P p 4maͤßig600maͤßig bedraͤngten Verdienſten Gerechtig - keit widerfahre, und eine ſolche unmenſch - liche Treuloſigkeit geſtraft werde. Haͤtte wohl ſonſt der goͤttliche Socrates und die goͤtt - liche Clariſſa leiden koͤnnen?

Erlaube mir aber, wo es moͤglich iſt, dieſe ehrenloſe und gewaltſame Beſchimpfung des unvergleichlichſten Frauenzimmers auf einen Au - genblick zu vergeſſen.

Jch habe hier Geſchaͤffte, die mich noch eini - ge Tage aufhalten werden: und hernach werde ich vielleicht dieß Haus auf ewig verlaſſen.

Es iſt mir eine bedenkliche und verdriesliche Zeit geweſen, die ich darinn zugebracht habe. Jch haͤtte niemals gedacht, daß ich auch nur halb die Achtung gegen den alten Herrn haͤtte, die ich wirklich ber mir gefunden habe: wenn ich nicht, auf ſein ernſtliches Verlangen, ſo nahe um ihn, und ein Zeuge von der Marter, die er ausgeſtan - den hat, geweſen waͤre.

Dieſe traurige Begebenheit hat vielleicht et - was beygetragen, mich mit der Menſchheit be - kannter zu machen. Aber in Wahrheit, ich haͤt - te doch niemals gegen ein Frauenzimmer, das nur die Haͤlfte von den unvergleichlichen Vorzuͤ - gen dieſer Fraͤulein an ſich gehabt haͤtte, ein ſo ge - wiſſenloſer Bube ſeyn koͤnnen, als du geweſen biſt.

Jch bitte dich, lieber Lovelace, wo du ein Menſch, und nicht ein Teufel biſt; entſchließe dich alſobald, dein undankbares Verbrechen da - durch zu verbeſſern, daß du dir die hoͤchſte Ehreerwei -601erweiſeſt, die du erlangen kannſt, und ſie nach den Geſetzen zu der Deinigen macheſt.

Kannſt du nicht ſo viel von dir ſelbſt erhal - ten, daß du ihr dieſe Gerechtigkeit widerſahren laͤſſeſt: ſo moͤchte ich vermuthlich wohl kein Bedenken tragen, einen Kampf mit dir zu wa - gen, wo du ſie den verfluchten Weibsleuten auf - opferſt; wenigſtens muͤßten wir auf ewig mit einander brechen.

Du verlangſt zu wiſſen, was fuͤr Vortheil ich durch meines Onkels Abſterben einerndte. Jch weiß es nicht gewiß. Denn ich habe mich nicht ſo begierig darum bekuͤmmert, als einige von der Verwandtſchaft gethan haben, welche, wie ich ihnen zu verſtehen gegeben, ſchuldig ge - weſen waͤren, den Wohlſtand beſſer zu beobach - ten, und die Leiche erſt kalt werden zu laſſen, ehe ſie ihre hungrige Nachfrage zu thun angefangen haͤtten. Jedoch, ſo viel ich aus den Reden des armen Mannes, der oͤfter, als ich wuͤnſchte, die Sache beruͤhrte, geſchloſſen habe, urtheile ich, daß es ſich uͤber fuͤnf tauſend Pfund, nach Abzug al - ler Vermaͤchtniſſe, an Baarſchaften und Capital belaufen wird, außer dem Landgut, das jaͤhrlich ganz rein fuͤnf hundert Pfund traͤget.

Jch wuͤnſchte von Herzen, daß du das Geld liebeteſt! Waͤre das Gut auch noch einmal ſo viel werth: ſo ſollteſt du unter einer einzigen Bedingung einen jeden Groſchen haben. Denn meine Umſtaͤnde ſind ſchon vorher ſo gut gewe - ſen, als ich wuͤnſche: da ich nicht verheyrathetP p 5bin.602bin. Die Bedingung aber ſollte dieſe ſeyn, daß du mir die Ehre geſtatten moͤchteſt, bey dieſer vaterloſen Fraͤulein Vatersſtelle vor dem Altar zu vertreten.

Ueberlege dieß, mein lieber Lovelace. Sey ehrlich, und laß mich dir den koſtbareſten und helleſten Edelgeſtein, den jemals ein Mann be - ſeſſen hat, zum Geſchenke uͤberreichen. Dadurch wirſt du mit Leib und Seel auf ewig verpflichten

deinen Belford.

Der vierzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

L mich gehen, du großer Hund, du! Laß mich gehen! habe ich einen kleinen Jungen mit ſeinen feigen Armen uͤber den Kopf und das Geſicht, zu einem großen ſagen hoͤren, der ihn ſtieß, weil er mit ſeinem Apfel, ſeiner Pomeranze oder ſeinem Pfefferkuchen davon ge - laufen war.

Eben ſo ſage ich zu dir, auf Veranlaſſung deiner ernſthaften Strenge gegen deinen armen Freund, der dir nach deinem eignen Geſtaͤndniß ſelbſt die Waffen gereichet hat, ſo wenig Groß - muth du auch bezeigeſt, welche du wider ihnſchwen -603ſchwenkeſt. Und zu welchem Ende? Da das Ungluͤck geſchehen iſt; da folglich der Sache nicht zu helfen iſt; und da eine Clariſſa mich nicht zu ruͤhren vermoͤgend geweſen.

Bey dem allen aber muß ich doch geſtehen, daß etwas recht ſonderbares in der Begebnheit mit dieſer Fraͤulein vorkommt. Jch kann mich bisweilen nicht entbrechen zu bedauren, daß ich es jemals mit ihr aufgenommen habe: da nicht eine einzige Kraft weder ihres Leibes noch ihrer See - len auf meine Seite zu lenken geweſen; und gleichwohl, daß ich den Ausdruck jenes Weltwei - ſen, bey einer viel wichtigern Gelegenheit, gebrau - che, kein Unterſchied zwiſchen der Hirnſchedel von Koͤnig Philipp und von einem andern Menſchen zu finden iſt.

Aber die ausſchweifenden Begriffe der Leute, welche ſie ſich von Dingen machen, veraͤndern die Natur der Sachen nicht, Belford. Wenn alles herumkommt: ſo hat die Fraͤulein Clariſſa Harlowe bloß das gemeine Schickſal tauſend an - derer Perſonen von ihrem Geſchlechte erfahren Der einzige Unterſchied iſt, daß dieſe keinen ſo romanenmaͤßigen Werth dem Dinge, was ſie ihre Ehre nennen, beygeleget haben. Weiter iſt es nichts.

Jedoch, ich will dir dieß zugeben Wenn jemand einem Dinge einen hohen Werth beyle - get; es mag an ſich, oder in anderer Augen, noch ſo eine nichtswuͤrdige Kleinigkeit ſeyn: ſo iſt der Verluſt, wo er deſſelben beraubt wird, fuͤr ihnnicht604nicht eine Kleinigkeit. Sieht man die Sache von dieſer Seite an: ſo habe ich dieſer unver - gleichlichen Fraͤulein, das muß ich geſtehen, Leid, großes Leid gethan.

Allein habe ich nicht zwanzig und abermal zwanzig von dem ſchoͤnen Geſchlechte gekannt, die ihre Begriffe von der Tugend hoch zu treiben geſchienen, und doch, wenn es zur Probe gekom - men iſt, von ihrer Strenge nachgelaſſen haben? Und wie ſollten wir uͤberzeugt werden, daß irgend eine von ihnen die Probe halte, bis ſie auf die Probe geſetzet iſt?

Wohl tauſendmal habe ich ſchon geſagt, daß mir noch niemals ein ſolches Frauenzimmer, als dieſes, vorgekommen. Waͤre es geſchehen: ſo wuͤrde ich ſchwerlich jemals mich an die Fraͤu - lein Clariſſa Harlowe gewaget haben. Bisher iſt ſie ein vollkommener Engel. War das nicht eben die Sache, welche ich mir von Anfange durch die Probe auszumachen vorgenommen hatte? Und war nicht meine Hauptabſicht allezeit, ſie zu gewinnen, daß ſie ein Bette, wenn gleich nicht einen Namen, mit mir haben ſollte? Bin ich aber nun endlich nicht auf dem rechten Wege dazu? Es iſt wahr, ich habe mich ihrer frey - en Einwilligung nicht zu ruͤhmen. Gerade das Gegentheil. Allein itzo kommt es auf die Probe an, ob ſie nicht dahin zu bringen iſt, daß ſie ſich in ein Uebel, das nicht zu aͤndern ſteht, ſchicke, und aus der Noth eine Tugend mache? Sie hat Urſache ſich zu beklagen: und ich will gedultig ganze Stun -den605den bey ihr ſitzen, und ihre Klagen anhoͤren, bis ſie derſelben muͤde iſt. Wenn ſie aber klaget: ſo wird ſie denn vielleicht ſich auch mit mir einlaſſen, mir Vorwuͤrfe zu machen. Macht ſie mir Vor - wuͤrfe: ſo werde ich Hoffnung bekommen. Jch werde daraus abnehmen, daß ſie mich nicht haſſet. Haſſet ſie mich nicht: ſo wird ſie mir vergeben. Vergiebt ſie mir aber itzo: ſo wird alles vorbey ſeyn. Sie wird denn nach meinem eignen Gefallen die Meinige werden. Und ſo ſoll kuͤnftig alle Bemuͤhung in meinem Leben dahin gehen, ſie gluͤcklich zu machen.

Alſo ſiehſt du, Belford, daß ich von Anfange ein feſtgeſetztes Augenmerk gehabt habe, und mit demſelben, ob gleich durch unzaͤhlige Jrrgaͤnge, unter eben ſo unzaͤhlbaren Gewiſſensbiſſen, zu dieſem Ziele fortgegangen bin. Erlaube mir denn, daß ich auf deine inſtaͤndige Bitte, ihr durch die Ehe dankbarlich Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, mit zwoen Zeilen von Matthaͤus Prior uͤber ſeine gehoffte Auditorſtelle antworte, wie er ſie ſeinem heil. Johannes und Harley in den Mund leget:

Laß das geſchehn, was mein Matthaͤus ſpricht.

Ja, ſagt der Graf Allein nur heute nicht.

Du ſiehſt, Bruder, daß ich gleichwohl keinen Schluß faſſe, ihr zu einer oder der andern Zeit nicht die erwuͤnſchte Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen: wenn ich auch ſo gar in meiner Haupt - abſicht, ſie zu meiner Bettgeſellinn zu haben,gluͤck -606gluͤcklich ſeyn ſollte. So viel verſichere ich dich, daß, wo ich jemals eine Frau nehme, es die Fraͤulein Clariſſa Harlowe ſeyn muß und ſeyn ſoll. Jhre Ehre iſt auch durch das, was ſie ſo weit gelitten hat, in meinen Gedanken gar nicht gekraͤnket: es iſt vielmehr gerade das Gegentheil. Sie muß nur Sorge tragen, wo ſie endlich mir zu verzeihen bewogen wird, daß ſie mir zeige, ihr Lovelace ſey die einzige Manns. perſon auf der Welt, der ſie in ſolchem Fall habe vergeben koͤnnen.

Aber, ach, Bruder, was ſoll ich unterdeſſen mit dieſem wundernswuͤrdigen Frauenzimmer machen? Gegenwaͤrtig Es wird mir ſchwer zu ſagen Gegenwaͤrtig iſt ſie ganz ohne Sinne und Empfindung.

Mich deucht, ich haͤtte es lieber geſehen, daß ſie alle ihre Kraͤfte in gewoͤhnlicher Staͤrke und Wirkſamkeit behalten haͤtte, wenn ich auch ihre Naͤgel und Zaͤhne gefuͤhlt haben ſollte, als daß ſie in einen ſolchen Zuſtand gaͤnzlicher Un - empfindlichkeit, ſo will ich es nennen, verſunken waͤre, in welchem ſie ſeit dem Dienſtag fruͤhe be - ſtaͤndig geweſen iſt. Dennoch, da ſie ein wenig anfaͤngt wieder aufzuleben, und dann und wann zu ſchelten und klaͤglich auszurufen, fuͤrchte ich mich beynahe, mit der Angſt eines Gemuͤthes zu thun zu haben, das ſeine außerordentliche Bewe - gungen einer zaͤrtlichen Bedenklichkeit, wovon weder in der aͤltern noch neuern Geſchichte ein Beyſpiel vorhanden iſt, zu danken hat. Dennwas607was iſt ihr bey dem allen begegnet, daß eine ſo reizende Perſon in ſo feurigen und bluͤhenden Jahren ganz unempfindlich machen und betaͤuben ſollte? Allzu große Traurigkeit, all zu großes Schrecken hat wohl ſonſt gemacht, daß jemand die Haare zu Berge geſtanden ſind, und ſo gar, wie wir geleſen haben, die Farbe derſelben ver - aͤndert iſt. Aber daß eine Perſon dadurch ſo betaͤubt werden ſollte, daß ſie bey jenen eingebil - deten Uebeln, welche ſonſt andere aus der Betaͤu - bung erwecken wuͤrden, unempfindlich gemacht wird, das iſt recht erſtaunlich.

Jch will mich nur nicht laͤnger bey dieſer Sache aufhalten. Sonſt wuͤrde ich daruͤber zu ernſthaft werden.

Geſtern bin ich zu Hampſtead geweſen und habe daſelbſt mit nicht geringem Beyfall alles richtig gemacht. Jch habe den Leuten geſagt, daß die Fraͤulein itzo eben ſo gluͤcklich waͤre, als ich ſelbſt. Und das iſt eben nicht ſehr wider die Wahrheit: denn ich bin auch nicht gar gluͤcklich: wenn ich mir ſelbſt die Freyheit laſſe zu denken.

Frau Townſend mit ihren Schiffsknechten war damals noch nicht dort geweſen. Jch habe ihnen in den Mund gelegt, was ſie ſagen ſollen, wenn ſie kommt.

Bey dem allen; Wie manches bey dem al - len habe ich? Bey dem allen koͤnnte ich ſehr ernſt - haft ſeyn: wenn ich meiner Neigung dazu den Lauf laſſen wollte. Der Teufel mag mich zum Narren haben! Es ſoll mich wundern, wasaus608aus mir werden wird! Jch muß auf einige Tage friſchere Luft ſchoͤpfen.

Allein was ſoll ich unterdeſſen mit der bewun - dernswuͤrdigen Fraͤulein machen? Du magſt mich erhenken, wo ich es weiß! Denn gehe ich aus der Stelle: ſo wird die giftige Spinne, welche hier ihre Wohnung hat, auf die ſchoͤne Fliege losgehen, deren weiche Fluͤgel in mein un - geheures Gewebe ſchon ſo verſtricket ſind, daß ſie weder Hand noch Fuß ruͤhren kann. So weit hat ſie die Traurigkeit betaͤubet, daß ſie itzo eben ſo vollkommen ohne freyen Willen iſt, als ſie al - lezeit ohne Begierden zu ſeyn geſchienen. Jch muß alſo nicht daran denken, ſie eher als nach zween Tagen alleine zu laſſen.

Der ein und vierzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Jch habe eben itzo eine Probe geſehen, wie weit der Unwillen und die Empfindlichkeit bey dieſem lieben Kinde gehen werden, wenn ſie ganz wieder zu ſich ſelbſt gekommen iſt. Es war eine ruͤhrende Probe! Da ich der Dor - cas in ihr Zimmer folgte und ihr verwirrtes Ge - muͤth zu beſaͤnftigen und zu beruhigen ſuchte: hiel - te ſie mitten unter meinen Liebkoſungen, in ſprach - loſer Todesangſt, den unſchuldigen Trauſchein,den609den ſie in ihrer Gewalt hat, zum Himmel auf; wie die armen und ungluͤcklichen Catalonier bey einer Gelegenheit, welche der aͤrgſten unter mei - nen Handlungen nichts nachgiebt, den Frie - densvertrag mit den Englaͤndern in die Hoͤhe hielten.

Sie ſchien im Begriff, vom Himmel Rache uͤber mich zu rufen: als zu gutem Gluͤck der Gott der Ruhe, aus Mitleiden gegen ihren zit - ternden Lovelace, ſeinen Stab uͤber ihre halb uͤber - ſchwemmte Augen bewegte, und die klaͤglich aus - rufende Schoͤne zum Schlafen brachte, ehe ſie mit ihrem vorgeſetzten Fluch halb fertig werden konnte.

Du wirſt leicht aus dem, was ich geſchrie - ben habe, muthmaßen, daß ein wenig Kunſt ge - brauchet iſt. Es iſt aber in einer edlen Abſicht geſchehen; wo du mir dieß Wort bey einer ſol - chen Gelegenheit erlauben willſt: in der Abſicht, daß die allzu lebhafte Empfindung geſchwaͤchet werden moͤchte, welche ſie, der Wahrſcheinlichkeit nach, von dem, was ſie leiden ſollte, haben wuͤr - de. Jch habe ſonſt niemals eine ſolche Liſt noͤ - thig gefunden, und haͤtte auch itzo nicht daran gedacht, wenn Frau Sinclair mir nicht den Vor - ſchlag gethan haͤtte. Dieſer habe ich die Beſor - gung uͤberlaſſen. Aber ich habe ſeit der Zeit nichts gethan, als beſtaͤndig auf ſie geflucht, wenn die ungebuͤhrliche Menge des ihr beygebrachten Mittels ihren ſchoͤnen Verſtand auf ewig bene - belt haben ſollte.

Fuͤnfter Theil. Q qDaher610

Daher ruͤhret mein Kummer Denn ich denke, daß man mit der armen Fraͤulein nicht ſo haͤtte handeln ſollen. Arme Fraͤulein, ſagte ich? Was habe ich mit deiner kriechenden Schreibart zu thun? Bin ich aber dabey nicht am ſchlechteſten daran: indem ihre Unem - pfindlichkeit verurſachet hat, daß ich meine Freu - de nur geſtohlen?

Jch war nicht willens, dir etwas von dieſer kleinen und unſchuldigen Liſt; denn ſo, dachte ich, ſollte ſie ſeyn; zu erzaͤhlen. Allein ich haſſe ein verſtecktes Weſen: vornehmlich gegen dich. Da ich es auch nicht vermeiden kann, ernſthafter zu ſchreiben, als unter uns gewoͤhnlich iſt: ſo wuͤrdeſt du dir vielleicht eingebildet haben, wenn ich dir nicht die wahre Urſache angegeben haͤt - te, daß mir die That ſelbſt leid waͤre. Dieß wuͤrde dir viele Muͤhe gemacht haben, albernes Zeug zuſammenzuſchmieren, damit du mich be - redeteſt, durch die Ehe es wieder gut zu machen: und mir wuͤrde es auch Muͤhe verurſachet haben, deinen rohen Unſinn zu leſen. Außerdem haͤtteſt du einmal, wenn ich es nicht geſtanden haͤtte, mit ſchlimmern Zuſaͤtzen davon hoͤren koͤnnen. Jch weiß, du haſt eine ſo hohe Meynung von der Tugend dieſer Fraͤulein, daß du verlegen ſeyn wuͤrdeſt, wenn du Urſache haben ſollteſt zu glau - ben, daß ſie durch ihre eigne Einwilligung, oder irgend das geringſte Nachgeben, in Anſehung ihres Willens, uͤberwunden waͤre. Und ſo iſt ſie mir gewiſſermaßen verpflichtet, daß ſie auf Ko -ſten611ſten meiner Ehre eine ſo gegruͤndete und gerech - te Vertheidigung fuͤr ſich fuͤhren kann, welche die ihrige vollkommen retten wird.

Nun iſt das ganze Geheimniß aus.

Du wirſt ſagen, ich ſey ein ſcheuslicher Kerl wie die Fraͤulein mich den aus ſeinen Ket - ten losgelaſſenen Beelzebub und einen ſchaͤnd - lichen Raͤnkeſchmieder nennet. Da aber dieß eben dasjenige iſt, was ihr ſchon vorher geſagt habet, und nichts aͤrgers geſagt werden kann: ſo bitte ich dich, deine Strafreden zuruͤck zu behal - ten; wo du nicht haben willſt, daß ich ganz ernſthaft mit dir verfahren und glauben ſoll, daß du mit deinem angekuͤndigten Kampfe etwas mehr meyneſt, als ich zu glauben geneigt bin. Denn iſt die Sache nicht ſchon geſchehen? Steht ſie zu aͤndern? Und muß ich itzo nicht verſuchen, es ſo gut damit zu machen, als moͤg - lich iſt? Jch empfehle dir dieß und eine un - verbruͤchliche Verſchwiegenheit um ſo viel mehr: weil ich anfange zu denken, daß meine Strafe groͤßer ſeyn wird, als mein Verbrechen; ſollte ſie auch nur von meiner eignen Vorſtellung herruͤhren.

Q q 2Der612

Der zwey und vierzigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Johann Belford.

Jch habe das Ungluͤck, das dir begegnet iſt, ungern gehoͤrt: aber ich hoffe, daß du nicht lange deswegen bettlaͤgerig ſeyn wirſt. Dein Bedienter erzaͤhlt mir, wie bald es um deinen Hals geſchehen geweſen waͤre. Jch wuͤnſche nur, daß es keine boͤſe Vorbedeutung ſeyn moͤge: wie - wohl du mir nicht mehr ſo viel zu wagen ſchei - neſt, als vordem. Allein du ſieheſt doch daß der Hals eines liederlichen Bruders, er mag froͤhlich oder traurig ſeyn, allemal in Gefahr iſt, wo nicht vor dem Henker, vor ſeinem eignen Pſerde. Die Schindkracke taugt nicht, wie es ſcheint. Du moͤchteſt es nur niemals wieder wagen, dich dar - auf zu ſetzen. Denn es iſt eine ſchlimme Sache, wenn Reuter und Pferd beyde nichts taugen.

Dein Kerl ſagt mir, du verlangeſt, daß ich mit meinen Briefen an dich fortfahren ſoll, damit ich dich bey deinem Verdruß uͤber den Zwang, eingeſperrt zu ſeyn, aufmuntere. Aber wie kann ich glauben, daß es in meiner Gewalt ſte - he, jemand aufzumuntern, wenn das, wovon ich ſchreibe, mir ſelbſt nicht gefaͤllt.

Caͤſar wußte niemals, was es hieße, mistrau - iſch und furchtſam zu ſeyn, bis er das ward, wasPom -613Pompejus war, oder bis er den Gipfel ſeiner ehrgeizigen Abſichten erreichete: eben ſo hat auch dein Lovelace nicht gewußt, was es hieße, finſter und misvergnuͤgt zu ſeyn, bis er ſeine Wuͤnſche bey dem ſchoͤnſten Frauenzimmern in der Welt, wie jener bey dem maͤchtigſten Staat, der jemals geweſen, erfuͤllet hatte.

Allein warum ſage ich, erfuͤllet? Da der Wille, an ihrer Seite, ihre Einwilligung, fehlet und ich noch mein Augenmerk darauf gerichtet habe?

Jch koͤnnte beynahe mit dir einig ſeyn, und mir den Wunſch, den du durch deinen Diener an mich beſtellet haſt, ſo unfreundlich er auch iſt, gefallen laſſen, daß ich dein Ungluͤck vor der verwichnen Montagsnacht gehabt haben moͤchte. Denn die arme Fraͤulein iſt itzo auf die andere Seite in eine Ausſchweifung gerathen, die gerade das Gegentheil von demjenigen iſt, was ich dir zuletzt geſchrieben habe. Sie iſt nun eben ſo viel zu lebhaft, als ſie vorher unempfindlich war - Wenn man ausnimmt, daß ſie einige Abwechſe - lungen hat, wobey ſie oft ganz verſtaͤndig iſt: ſo wuͤrde man ſie fuͤr unſinnig halten, und ich koͤnn - te faſt gezwungen werden, ſie einzuſperren.

Jch bin verzweifelt unruhig dabey; denn mir wird bange, daß ihr Verſtand einen unerſetz - lichen Schaden gelitten habe.

Wer Teufel haͤtte von einer ſo gemeinen und ſo geringen Urſache ſo wunderliche Wirkungen vermuthen koͤnnen?

Q q 3Allein614

Allein ſolche Maͤgdchen von hohem Geiſte und von erhabnem Gemuͤthe, die einmal ſchei - nende Lichter und Muſter fuͤr die Uebrigen von dem ſchoͤnen Geſchlechte abgeben wollen; nun ſe - he ich, daß es wirklich dergleichen giebt; ſind ſo ſchwer unter die gemeine Fahne zu bringen, daß ein weiſer Mann, der ſeine Gemuͤthsruhe der Ehre, eine von dieſem hohen Range zu uͤberwin - den, vorziehet, ihnen nichts zu ſagen haben wuͤrde.

Jch thue alles, was mir moͤglich iſt, ihr Ge - muͤth zu beruhigen, ſo oft ich mich mit Gewalt zu ihr draͤnge.

Einen Augenblick bitte ich um Verzeihung: den andern gelobe ich Treue und Ehre.

Jch haͤtte ſie anfangs gern uͤberredet, daß wir wirklich getrauet waͤren, und erbot mich Zeugen dafuͤr zu bringen. Ob ſie gleich den Trauſchein in Haͤnden hatte: ſo dachte ich doch, dieß Vor - geben wuͤrde bey ihrer Verwirrung durchgehen, und verſprach mir davon treffliche Folgen. Aber es wollte nicht angehen

Jch gab alſo dieſe Hoffnung auf: und itzo erklaͤre ich mich gegen ſie, daß mein feſter Ent - ſchluß ſey, ſie zu heyrathen, ſo bald nur ihr On - kel Harlowe melden wuͤrde, daß er die feyerliche Handlung mit ſeiner Gegenwart zieren wolle.

Allein ſie glaubt kein Wort von dem, was ich ſage. Sie kann mich auch nicht gelaſſen vor Augen ſehen: weder wenn ſie ihrer Sinne maͤch - tig iſt, noch ſonſt.

Jch615

Jch bedaure ſie von ganzem Herzen, und fluche mir ſelbſt, ſo wohl wenn ſie ihre traurigen Anfaͤlle hat, als wenn ich beſorge, daß ſo ſchoͤne Kraͤfte des Verſtandes, wie die ihrigen waren, auf beſtaͤndig geſchwaͤchet ſeyn moͤchten Aber noch mehr fluche ich denen Weibsleuten, die mich zu einem ſolchen Mittel gebracht haben! O Himmel! o Himmel! was habe ich dadurch an - gerichtet! Und noch dazu, was habe ich davon?

Verwichene Nacht gerieth ſie zum erſten mal ſeit vergangenem Montag uͤber ihre Feder und Dinte. Sie iſt aber ſo hitzig und uͤbereilt bey ihrem Schreiben, daß man daraus die Un - ordnung in ihrem Kopfe mehr als zu wohl erken - nen kann.

Jnzwiſchen hoffe ich doch, daß dieſe Be - ſchaͤfftigung etwas helfen wlrd, ihr Gemuͤth zu beruhigen.

Eben itzo erzaͤhlt mir Dorcas, daß ſie alles in Stuͤcken zerreißet, was ſie ſchreibet, und die zerriſſenen Blaͤtter unter den Tiſch wirft: entwe - der weil ſie ſelbſt nicht weiß, was ſie thut; oder weil ihr nicht gefaͤllt, was ſie ſchreibet. Bald ſteht ſie auf, ringet ihre Haͤnde, weinet, und ſetzt ſich nach der Reihe auf alle Stuͤhle in dem Zim - mer: bald geht ſie wieder an ihren Tiſch, ſetzt ſich nieder und ſchreibt von neuem.

Q q 4Einen616

Einen albernen Brief, ſo kann ich ihn wohl nennen, hat mir Dorcas eben von ihr gebracht Bringe das, ſagte ſie, dem ſchaͤndlichſten Kerl von der Welt. Dorcas, die einfaͤltige Kroͤte! brachte ihn mir, ohne weitern Beſcheid, wer derjenige ſeyn ſollte Jch ſetzte mich nie - der und war willens, dir eine Abſchrift davon zu geben; ob er gleich ziemlich lang iſt: aber ich kann es nicht thun, wenn es mich auch das Leben koſten ſollte; ſo ausſchweifend iſt er. Und die Urſchrift iſt zu ſehr eine Urſchrift, daß ich ſie aus den Haͤnden laſſen ſollte.

Jedoch einige von den zuſammengerafften Blaͤttern und unvollſtaͤndigen Aufſaͤtzen, die ent - weder zerriſſen oder bey Seite geworfen ſind, will ich abſchreiben, weil es ſo etwas außeror - lich neues iſt, und damit ich dir zeige, wie ihre Seele nun wirke, da ſie in dieſem ſeltſamen Zu - ſtande iſt. Jch weiß wohl, daß ich dir nur noch immer neue Waffen wider mich in die Haͤnde gebe: allein ſpare deine Anmerkungen. Meine eigne Betrachtungen machen ſchon, daß ſie unnoͤ - thig ſind. Dorcas glaubt, die Fraͤulein werde darnach fragen. Deswegen will ſie ſie gern bald zuruͤck haben und wieder unter ihren Tiſch legen.

Aus dem erſten Blatte wirſt du muthmaßen, daß ich ihr geſagt habe, die Fraͤulein Howe befin - de ſich nicht wohl, und koͤnne nicht ſchreiben. Esiſt617iſt darum geſchehen, damit ſie deſto beſſer begreif - fen koͤnne, woher es komme, daß ſie den Brief, der ihr zugedacht war, nicht empfangen hat.

Das I Blatt. Es war in zwey Stuͤcken zerriſſen.

Meine allerliebſte Fraͤulein Howe.

Owas fuͤr ſchreckliche, ſchreckliche Dinge habe ich Jhnen zu erzaͤhlen! Aber ich kann ſie Jhnen nicht einmal erzaͤhlen. Allein ſagen Sie mir, ſind Sie wirklich unpaͤßlich, wie ein ſchaͤnd - licher, ſchaͤndlicher Boͤſewicht mir vermeldet?

Jedoch er hat mir niemals die Wahrheit ge - ſagt: und ich hoffe, daß er es hierinn auch nicht gethan habe. Und gleichwohl, wenn es nicht wahr waͤre, wuͤrde ich gewiß ſchon eher etwas von Jhnen gehoͤrt haben. Aber was darf ich Jhnen Vorwuͤrfe machen? Sie moͤgen wohl etwa meiner uͤberdruͤßig ſeyn! Sind Sie es: ſo kann ich Jhnen leicht verzeihen. Denn ich bin meiner ſelbſt uͤberdruͤßig, und alle meine Ver - wandten ſind es lange vor Jhnen geweſen.

Wie gut ſind Sie mir allezeit gewefen, meine Herzliebe Anna Howe! Aber wie ſchwerme ich herum!

Jch ſetzte mich nieder, Jhnen ſehr vieles zu ſchreiben Mein Herz war ganz voll Jch wußte nicht, was ich zuerſt ſchreiben ſollte Gedanken, Betruͤbniß, Verwirrung, und, o mein armer Kopf! ich weiß nicht was Q q 5Gedan -618Gedanken, Betruͤbniß und Verwirrung uͤberfie - len mich auf einmal in ſo großer Menge; das eine wollte das erſte ſeyn, das andere wollte das erſte ſeyn, alles wollte das erſte ſeyn; daß ich gar nichts ſchreiben kann Nur dieß einzige will ich ſchreiben. Jch kann nicht ſagen, was ſie mit mir gemacht haben: aber ich bin in kei - nem Stuͤcke das mehr, was ich geweſen bin Jn keinem Stuͤcke ſagte ich? Ja; nur in einem bin ich noch, was ich war: denn ich bin noch und werde allezeit ſeyn

Jhre getreue

Der Henker hole es! Jch kann von dieſem redneriſchen Unſinn, der mehr von einer erhitzten als geſchwaͤchten Einbildungskraft zeuget, ſelber nichts mehr ſchreiben. Dorcas ſoll die uͤbrigen auf einzelnen Papieren abſchreiben, wie ſie von der grillenſuͤchtigen Schoͤnen geſchrieben ſind. Nach Verlauf einiger Zeit, wenn alles vorbey iſt, und es mir ertraͤglicher wird, ſie zu leſen, kann ich ſie wohl von dir zum Durchſehen fordern. Verwahre ſie dießfalls gut: denn wir ſehen oft mit Vergnuͤgen auf die traurigſten Begebenhei - ten zuruͤck, wenn die Urſache der Traurigkeit ge - hoben iſt.

Das II Blatt. Es war durchſtrichen und unter den Tiſch geworfen.

Und koͤnnen ſie, lieber geehrteſter Herr Va - ter, ſich auf ewig entſchließen, ihr ar - mes Kind zu verſtoßen? Jch weiß gewiß,ſie619ſie wuͤrden es nicht thun: wenn ſie wuͤßten, was es ausgeſtanden hat, ſeit der ungluͤcklichen Und will niemand fuͤr ihr armes geplagtes Maͤgdchen eine Fuͤrbitte thun? Nicht eine gute Seele? Wohlan denn, Wertheſter Herr Vater, laſſen ſie es ein Werk ihrer eignen angebohrnen Guͤtigkeit ſeyn, die ich ſo viel erfah - ren und ſo viel gemisbrauchet habe. Jch laſſe mir nicht die hohen Gedanken in den Kopf kommen, daß ſie mich wieder annehmen ſollten Nein, in der That nicht Mein Name iſt Jch weiß nicht, wie ich heiße Jch darf nimmermehr wuͤnſchen, wieder in ihre Fa - milie zu kommen. Nur ihr ſchwerer Fluch, Herr Vater Ja, ich will ſie Vater nennen: ſie moͤgen ſelbſt thun, was ſie wollen Denn ſie ſind mein eigner lieber Vater, ſie moͤgen wol - len oder nicht Und bin ich gleich ein unwuͤr - diges Kind ſo bin ich doch ihr Kind

Das III Blatt.

Ein Maͤgdchen warf ihre Neigung auf einen jungen Loͤwen oder Baͤr, ich weiß nicht, was es von beyden war aber ein Baͤr oder ein Tiger, glaube ich, war es. Das Thier ward ihr geſchenkt, da es noch ganz klein war. Sie fuͤt - terte es mit ihrer eignen Hand. Sie zog die boͤ - ſe Bruth mit großer Zaͤrtlichkeit auf und wollte damit ohne Furcht, oder ohne einige Gefahr zu beſorgen, ſpielen. Das Thier gehorchte ihr inallem620allem nach ihrem Willen: und ward immer zah - mer, wie ſie zu ruͤhmen pflegte, je groͤßer es ward; ſo daß es ihr uͤberall im Hauſe folgen wollte, wie ein Schooßhuͤndchen. Aber man be - denke, was geſchahe. Endlich, ich weiß nicht wie, ob ſie ſeinen hungrigen Schlund nicht ſorg - faͤltig genug befriediget oder es ſonſt boͤſe gemacht hatte, nahm es ſeine Natur wieder an, uͤberfiel ſie auf einmal und zerriß ſie in Stuͤcken. Man ſage mir doch, wer hatte wohl die meiſte Schuld! das unvernuͤnftige Thier oder das Maͤgd - chen? Gewiß das Maͤgdchen! Denn was ſie that, war wider die Natur, wenigſtens wi - der die gewoͤhnliche Art: was jenes that, that es nach ſeiner Natur.

Das IV Blatt.

Wie biſt du nun in den Staub geleget, du ſtol - ze Clariſſa Harlowe! Du, die du niemals einen Fuß aus deines Vaters Hauſe ſetzeteſt, als nur um bewundert zu werden! die du gewohnt wareſt, dein Auge, das mit geſunder Lebhaftig - keit, und voͤlliger Zufriedenheit mit ſich ſelbſt, fun - kelte, auf verſchiedne Gegenſtaͤnde zugleich zu werfen, nicht anders; denn ſo pflegte deine ſcharf - ſichtige Schweſter zu ſagen; als wenn du dich uͤber dem erwarteten Beyfall von allen, die dich ſahen, ſelbſt aufblaſen wollteſt! Du, die du dich, vergnuͤgt mit denen Schmeicheleyen, welche dir den Tag uͤber gezollet waren, zur Ruhe zu be -geben621geben pflegeteſt, und alles, nur nicht deine Eitel - keit, ablegen konnteſt!

Das V Blatt.

Freuet euch nun nicht, meine Arabella, meine Schweſter, meine Freundinn: ſondern habt Mitleiden mit der erniedrigten Perſon, deren thoͤ - richtes Herz ihr, wie ihr zu ſagen pflegtet, durch den duͤnnen Vorhang der Demuth, welcher es bedeckte, ſahet.

Es muß wirklich ſo geweſen ſeyn! Sonſt haͤtte mein Fall nicht zugelaſſen werden koͤnnen.

Jhr durchſchauetet mein ſtolzes Herz mit der Eiferſucht, die dem forſchenden Auge einer aͤltern Schweſter eigen zu ſeyn pfleget.

Jhr kanntet mich beſſer, als ich ſelbſt.

Daher kamen eure Vorwuͤrfe und euer Schel - ten, wenn ich anfing zu wanken.

Aber verzeihet mir nun jenes eitele Frohlo - cken meines Herzens.

Jch armes ſtolzes Maͤgdchen dachte, daß das, was ihr ſagtet, eurem Neide zuzuſchrei - ben waͤre.

Jch glaubte, ich konnte mich in meinen Ab - ſichten von ſolcher Eitelkeit gaͤnzlich freyſpre - chen.

Jch war zu ſicher bey der Erkenntniß, die ich mir von meinem eignen Herzen zu haben ein - bildete.

Meine622

Meine vermeynten Vorzuͤge wurden ein Fall - ſtrick fuͤr mich

Und worauf iſt nun alles hinausgelaufen?

Das VI Blatt.

Was iſt nun aus der Hoffnung eines gluͤckſe - ligen Lebens geworden, die ich einſtens vor mir im Geſichte zu haben glaubte? Wer ſoll nun den feyerlichen Vorbereitungen beywohnen? Wer ſoll nun den Hochzeitsſchmuck beſorgen, der die ſchwermuͤthigen Gedanken der furchtſamen Jungfer lindert und vertreibet? Niemand zollet nun ferner meinem Laͤcheln ſeine Liebkoſungen! Nein, niemand ſaget dir kuͤnftig ſolche Hoͤflichkei - ten, die dich aufmuntern, und dir die Hoffnung einfloͤßen koͤnnten, ein Gemuͤth, das deiner nicht unwuͤrdig waͤre, zu verbinden! Nun darfſt du dich nimmermehr wegen dir bewußter Vorzuͤge und einer unbefleckten Tugend, welche einen all - gemeinen Preis verdiene, erheben, daß du auf ei - nen Verehrer zu deinen Fuͤßen und eine ganze Welt von Bewunderern herabſehen, und zu ver - gnuͤgten und froͤhlichen Eltern und Verwandten in die Hoͤhe ſchauen ſollteſt!

Das VII Blatt.

Du ſchaͤdliche Raupe, welche die ſchoͤnen Blaͤt - ter des jungfraͤulichen Ruhmes und Na - mens zum Raube hat, und diejenigen, welche ſie nicht frißt, durch ihr Gift verderbet!

Du623

Du wuͤtender Brand, du ſchneidender Oſt - wind, du ſtreichender Mehlthau, der alles, was das beſte Jahr verſpricht, fruͤhe zernichtet, der den muͤhſamen und ſauren Fleiß zu ſchanden ma - chet, und die frohe Hoffnung des arbeitſamen Landmannes vereitelt.

Du nagende Motte, die das ſchoͤnſte Gewand zu Grunde richtet.

Du freſſendes Ungeziefer, das die aufgehen - den Knoſpen zum Raube nimmt und die feineſte Roſe in ſchwarzgelbe Blaͤtter verwandelt.

Wo uns Gott, wie die Religion lehret, gro - ßentheils nach unſern guten oder boͤſen Handlun - gen gegen einander richten wird: O Boͤſe - wicht, ſo bedenke, bedenke beyzeiten, wie groß deine Verdammniß ſeyn muͤſſe!

Das VIII Blatt.

Anfangs ſahe ich etwas in ihrem Weſen und ihrer Perſon, das mir nicht misfiel. Jhre Geburt und Gluͤcksumſtaͤnde waren nicht gerin - ge Vorzuͤge fuͤr ſie. Sie handelten nicht un - edelmuͤthig gegen meinen ungeſtuͤmen Bruder. Jedermann ſagte, ſie waͤren herzhaft: jedermaun ſagte, ſie waͤren großmuͤthig. Ein herzhafter Menſch, dachte ich, koͤnnte nicht niedertraͤchtig ſeyn: ein großmuͤthiger Menſch, glaubte ich, koͤnnte nicht unedelmuͤthig verfahren, wo er ſich verbunden achten muͤßte. Da ich von die - ſem Vorurtheil geblendet war: hoffete ich allesuͤbri -624uͤbrige, was meine Seele lieben und wuͤnſchen koͤnnte, in ihrer Lebensaͤnderung. Jch wußte keine offenbare Proben ihrer niedertraͤchtigen Bos - heit, anders als vom Hoͤrenſagen. Sie ſchienen ſo wohl unverſteckt als edelmuͤthig. Ein unver - ſtecktes und edelmuͤthiges Weſen hat mich alle - zeit an ſich gezogen. So oft jemand dergleichen Schein annahm: urtheilte ich von ſeinem Her - zen nach meinem eignen. Was ich auch fuͤr Ei - genſchaften an ſolchen Perſonen zu finden wuͤn - ſchen mochte: ſo war ich bereit, ſie zu finden; und wenn ich ſie fand, glaubte ich, daß ſie wirk - lich auf dem Grunde und Boden von Natur her - vorgekommen waͤren.

Meine Gluͤcksumſtaͤnde, meinen Stand, meine bekannte Gemuͤthsart hielte ich fuͤr eine fernere Sicherheit. Jn keinen von dieſen Be - trachtungen war ich unwuͤrdig, die Schnur des Lords M. und ſeiner beyden edlen Schweſtern zu ſeyn Jhre Geluͤbde, ihre Fluͤche Aber Ach! ſie haben ſich auf eine unmenſchliche und niedertraͤchtige Art gegen eben die Ehre verſchwo - ren, die ſie zu ſchuͤtzen verbunden geweſen waͤren: und nun haben ſie mich zu Was iſt wohl ſchaͤndliches, wozu ſie mich nicht gemacht ha - ben?

Allein Gott kennet mein Herz: ich hatte kei - ne ſtrafbare Neigungen! Jch ehrte die Tugend Jch haßte das Laſter Aber ich wußte nur nicht, daß ſie das Laſter ſelbſt waren!

Das625
Das IX Blatt.

Waͤre die Gluͤckſeligkeit der elendeſten und ver - worfenſten Perſon von der Welt, die ich niemals geſehen, niemals gekannt, und von der ich niemals gehoͤrt haͤtte, ſo vollkommen in mei - ner Gewalt geweſen, als meine Gluͤckſeligkeit in ihren Haͤnden geſtanden: ſo wuͤrde mein gutes Herz mir Fluͤgel gemacht haben, einer ſo elenden und bedraͤngten Perſon zu Huͤlfe zu kommen Mit was fuͤr Vergnuͤgen wuͤrde ich das nieder - geſchlagene Haupt aufgerichtet, und das verzagte Herz getroͤſtet und geſtaͤrket haben! Wer wird nun aber mit dem armen Maͤgdchen, das die Zahl der Elenden, ſtatt ſie zu vermindern, vermehret hat, wohl Mitleiden haben!

Das X Blatt.
Komm, bringe mich an einen Ort,
Wo ich im Denken mich verliere,
Daß ich in ſtetem Schlummer dort
Des ſchnoͤden Lebens Reſt vollfuͤhre,
Um mich und jenen Tag der Schuld
Bey mir in ſtete Nacht zu ſenken
O grauſam ſchrecklichs Angedenken!
Wie truͤg ich dich wohl mit Geduld?
O deine That
Befleckt das Antlitz keuſcher Tugend.
Der Liebe Schmuck bey reiner Jugend,
Die Roſe, findet nicht mehr ſtatt.
Denn dieſe unſchuldsvolle Pracht
Haſt du zu Rauch und Dampf gemacht.
Der Tod kann nur die Bosheit ſchrecken,
Der Unſchuld iſt er Larvenſpiel:
Dieß kann bey Kindern Furcht erwecken,
Bey Kluͤgern heißt es nicht ſo viel;
Sieht ſie den Tod nur ohne Masque ſtehn,
So wird ſie ihn als Freund erſcheinen ſehn.
Fuͤnfter Theil. R rSo626
So legt ich denn mein Haupt erblaßt:
Zur kalten Erde legt ichs nieder.
Die Seele, frey von ihrer Laſt,
Flog irgend ſeltſam hin und wieder.
Ach Thoͤrinn! ſprach ich, als ich ſah,
Daß ſie zum Kerker wiederkehrte
Und die gebrochnen Ketten ehrte,
Wie? Seele! biſt du wieder da?
Willſt du hier noch das Ruder ziehn,
Und ſo beſtimmt, verdammt zu klagen,
O Thoͤrinn! zu betruͤbten Tagen
Zuruͤck zu deinem Koͤrper fliehn?
O Fraͤulein Howe, gefall ich dir,
So hilf mir, daß ich Troſt gewinne.
Denn meine Seele kaͤmpft in mir
Bis zur Betaͤubung meiner Sinne.
Am Friedensufer ſteh ich zwar:
Doch weiß ich keinen Fuß zu faſſen.
Nur du wirſt mich nicht ſinken laſſen.
Errette mich bey der Gefahr!
Jſt man der Ehre ſchon beraubt:
So iſt es nur ein Troſt zu ſterben.
Dadurch wird noch das Gluͤck erlaubt,
Hier nicht in Schande zu verderben.
Jch koͤnnte dir ſehr viel erzaͤhlen
Es wuͤrde dich zu herzlich quaͤlen.
Wie werd ich von des Ungluͤcks Wuth
So eilend und ſo ſcharf beſtuͤrmet,
Daß ſich, wie Wellen raſcher Fluth,
Ein Unfall auf den andern thuͤrmet!
So fahre wohl, der Jugend Pracht!
So gute Nacht den frohen Stunden,
Die ſonſt die Jugend hier gefunden!
So ſelbſt dem Leben gute Nacht!
Denn ſelbſt das Leben kann auf Erden
Niemals vollkommen gluͤcklich werden.
Der Himmel ſtraft die boͤſe Bruth
Und ſpricht der Frommen Werke gut.
Bey627

Bey dem allen, Belford, habe ich nur ein fluͤchtigs Auge auf die von Dorcas abgeſchriebne Blaͤtter geworfen, und ſehe, daß in einigen Ord - nung und Verſtand iſt, ſo wild auch andere ſind. Jch ſehe, daß ihr Gedaͤchtniß, welches ihr bey den hochfliegenden Gedanken in der Dichtungs - kunſt ſo wohl zu ſtatten kommt, im geringſten nicht geſchwaͤchet iſt: und dieß macht mir Hoff - nung, daß ſie ihren ſchoͤnen Verſtand bald wie - der bekommen wird ob ich gleich ohne Zwei - fel dabey leiden werde.

Jedoch in dem Briefe, den ſie an mich ge - ſchrieben hat, kommen noch groͤßere Ausſweifun - gen vor. Jch habe zwar geſagt, daß er allzu ruͤhrend waͤre, dir eine Abſchrift davon mit zuthei - len. Aber weil ich dich einmal die loseinge - ſchloſſenen Blaͤtter habe ſehen laſſen, ſo denke ich, ich koͤnne dir auch wohl von demſelben eine Ab - ſchrift geben. Dorcas ſoll ihn alſo hier abſchrei - ben: ich kann es nicht thun. Da ich ihn nur geleſen habe, bin ich ſchon zehn mal mehr geruͤh - ret worden, als mich die haͤrteſten Vorwuͤrfe von einem geſunden Verſtande ruͤhren wuͤrden.

An Herrn Lovelace.

Jch war niemals willens, wieder eine Zeile an ſie zu ſchreiben. Jch wollte ſie nicht ſprechen oder ſehen, wenn ich es hindern koͤnnte. O waͤre es doch niemals geſchehen!

R r 2Aber628

Aber ſagen ſie mir einmal die Wahrheit: iſt Fraͤulein Howe wirklich und in der That unpaͤß - lich? recht unpaͤßlich? Und kommt ih - re Unpaͤßlichkeit nicht vom Gift? Und wiſſen ſie nicht, wer es ihr gegeben hat?

Was ſie, oder Fr. Sinclair, oder ſonſt je - mand, ich weiß nicht wer, meinem armen Kopfe gethan haben, muͤſſen ſie am beſten wiſſen. Jch werde gewiß niemals ſeyn, was ich geweſen bin. Mein Kopf iſt hin. Jch habe alle mein Gehirn weggeweinet, glaube ich: denn ich kann nicht mehr weinen. Jn der That habe ich auch mein Theil vollkommen darinn gethan: und ſo kommt es nicht darauf an.

Das mag ſeyn: aber, Lovelace, ſchicken ſie die Fr. Sinclair nicht wieder uͤber mich! Jch habe ihr ja niemals etwas zu nahe gethan. Sie ſchrecket mich ſo, wenn ich ſie ſehe! Allemal ſeit Wenn war es? Jch kann es nicht ſa - gen. Sie koͤnnen es vermuthlich. Sie mag wohl eine gute Frau ſeyn, ſo viel ich weiß. Sie hat einen angeſehnen Mann gehabt das kann gar wohl ſeyn ob ſie gleich genoͤthigt iſt, zu ihrem Auskommen Zimmer zu vermiethen. Die arme Frau! Sagen ſie ihr, daß ich Mitlei - den mit ihr habe: aber laſſen ſie ſie nicht wieder nahe zu mir kommen; ich bitte ſie darum.

Sie mag doch wohl eine recht gute Frau ſeyn

Was wollte ich ſagen! Jch vergeſſe, was ich eben ſagen wollte.

O Love -629

O Lovelace, ſie ſind der Satan ſelbſt: oder er hilft ihnen auch in allen Dingen; und das iſt eben ſo arg.

Aber haben ſie ſich ihm wirklich und in Wahr - heit verkauft? Und ſeit wie lange? Wie lange ſoll ihr Reich dauren?

Elender Menſch! Der Vergleich wird ein Ende nehmen: und wie wird es denn mit ihnen werden!

O! Lovelace! wenn ſie um ſich ſelbſt beſorgt ſeyn koͤnnten, ſo wollte ich auch um ſie beſorgt ſeyn aber nur, wenn alle meine Thuͤren feſt verſchloſſen ſind, und nichts als das Schluͤſſelloch offen, und der Schluͤſſel zu dem letzten Zimmer mit in daſſelbe hineingenommen iſt, daß ich auf gewiſſe Art, ohne eine von denſelben zu oͤffnen, da ſeyn moͤchte, wo ſie ſind O ungluͤckſelige, un - gluͤckſelige Clariſſa Harlowe!

Denn ich will nimmermehr Lovelacinn heiſ - ſen mein Onkel mag ſagen, was ihm be - liebt.

Jedoch nun beſinne ich mich, was ich ſagen wollte Es iſt zu ihrem, nicht zu meinem Beſten Denn mir kann nun nichts mehr zum Beſten gereichen! O du ſchaͤndlicher Kerl! Du verhaßter Lovelace!

Fr. Sinclair mag wohl eine gute Frau ſeyn Wo ſie mich lieben Aber das koͤnnen ſie nicht thun Allein laſſen ſie dieſelbe ſich nicht wieder mit ihren aͤrgern als kerlmaͤßigen Mienen gegen mich aufblaſen! O ſie iſt ein ſchrecklichesR r 3Weib!630Weib! Wo ſie ein Weib iſt! Sie haͤtte nicht noͤthig gehabt, die fuͤrchterliche Masque anzulegen, daß ſie mir meinen armen Verſtand durch Schrecken raubete. Aber erzaͤhlen ſie ihr nicht, was ich ſage Jch habe keinen Haß ge - gen ſie Es iſt nur Schrecken und alberne Furcht, weiter nichts Sie mag wohl keine boͤſe Frau ſeyn Die Maͤnner ſind auch, eben ſo wenig als die Weibsperſonen, alle ein - ander gleich Gott behuͤte, daß ſie ihnen gleich ſeyn ſollten!

Ach! ihr habt meinen Kopf unter euch zu Grunde gerichtet Jch ſage nicht, wer es gethan hat Gott vergebe euch allen! Aber waͤre es nicht beſſer geweſen, mich auf ein - mal ganz aus dem Wege zu ſchaffen! Sie haͤt - ten es ſicher thun koͤnnen! Denn niemand wuͤrde mich von ihren Haͤnden gefordert haben Nein, keine Seele Ausgenommen, daß Fraͤu - lein Howe in der That zu ihnen geſagt haben wuͤrde, wenn ſie mit ihnen ſprechen ſollte, was, Lovelace, haben ſie mit Clariſſa Harlowe gemacht? Alsdenn haͤtten ſie obenhin auf eine luſtige Art antworten koͤnnen: Jch habe ſie uͤber See geſchickt; oder ſie iſt von mir gelaufen, wie ſie von ihren Eltern gelaufen war. Dieß wuͤrde leichtlich Glauben gefunden haben. Denn ſie wiſſen, Lovelace, daß eine Perſon, die von jenen laufen konnte, auch gar wohl von ihnen laufen moͤchte.

Aber631

Aber dieß iſt noch nichts von dem, was ich ſagen wollte. Nun beſinne ich mich.

Es iſt mir wieder entfallen Das alberne Maͤgdchen kommt auch und plagt mich War - um ſollte ich eſſen? Warum ſollte ich wuͤnſchen zu leben? Jch ſage dir, Dorcas, ich will we - der eſſen noch trinken. Es kann mit mir nicht ſchlimmer werden, als es iſt.

Jch will alles thun, was ihr haben wollt Liebe Dorcas, ſiehe mich nicht ſo grimmig an Doch du kannſt nicht ſo boͤſe ausſehen, als ich ei - ne gewiſſe Perſon geſehen habe.

Erlauben ſie mir nun, Herr Lovelace, da ich mich beſinne, weswegen ich die Feder ergriffen habe, daß ich meine Gedanken eiligſt von mir ſa - ge, damit ich ſie nicht wieder verliere Hier bin ich empfindlich Jedoch ich bin auch kaum empfindlich Aber ich weiß, daß bey dem al - len mein Kopf nicht iſt, wie er ſeyn ſollte daher laſſen ſie mich ihnen eines vorſchlagen. Es iſt zu ihrem, nicht zu meinem Beſten: und es iſt dieß.

Jch muß ihnen nothwendig Unruhe und Ko - ſten verurſachen. Wenn nun mein Onkel Har - lowe erfaͤhrt, in welchem Zuſtande ich ſey: ſo wird er nimmermehr wuͤnſchen, daß ich einen Mann nehme; nein, auch ſie ſelbſt nicht, da ſie die Gelegenheit dazu geweſen ſind Unmenſch - licher und Undankbarer! Eine lange nicht ſo durchtriebene, nicht ſo vielfache Bosheit koſteteR r 4einen632einen Tarquin doch ich vergeſſe wieder, was ich ſagen wollte.

Dieß war es: Jch werde niemals wiederum ich ſelbſt ſeyn. Jch bin ein recht gottloſes Maͤgd - chen geweſen ein eitles, ſtolzes, elendes Maͤgdchen voll heimlichen Stolzes, den ich unter einer demuͤthigen Geſtalt forttrieb und damit jedermann betrog Das ſagt meine Schweſter Und nun bin ich geſtraft So laſſen ſie mich denn aus dieſem Hauſe und aus ihrem Geſichte in geheim in das oͤffentliche Tollhaus bringen, das ich einmal geſehen habe. Es war damals ein trauriger Anblick fuͤr mich, ſo wenig ich mir auch traumen ließ, was mir ſelbſt begegnen ſollte! Das iſt alles, was ich ſagen wollte: das iſt alles, was ich zu wuͤnſchen habe Alsdenn werde ich ihnen gaͤnzlich aus dem Wege und verſorgt ſeyn. Brodt und Waſ - ſer werden mir, wenn ich nur von der Marter, die ſie mir auflegen, frey bin, Leckerbißgen ſeyn, und mein Strohbette das gemaͤhlichſte, worinn ich gelegen habe ſeit Jch kann nicht ſa - gen ſeit wie lange!

Meine Kleider will ich verkaufen, und mich dort dafuͤr halten, vielleicht ſo lange, als ich leben werde. Aber Lovelace; theureſter Lovelace will ich ſie nennen; denn ſie haben mich genug geko - ſtet, das weiß ich gewiß! Laſſen ſie mich nicht zum Schauſpiel werden: um meiner Familie willen, ja um ihrer ſelbſt willen, thun ſie das nicht Denn, wenn ich alles weiß, was ich ge -litten633litten habe; noch weiß ich es nicht, und es liegt nichts daran, wenn ich es auch niemals weiß: ſo koͤnnte ich wohl unſinnig gegen ſie mit Na - men reden, und alle ihre niedertraͤchtige Bosheit gegen eine arme und gedemuͤthigte Perſon, die ehemals ſo ſtolz geweſen, als irgend je - mand, erzaͤhlen nur das nicht, was ich nicht ſagen kann meine Thorheit und Eitelkeit dabey ausgenommen Aber die mag hinge - hen: weil ich genug dafuͤr geſtrafet bin

Alſo wollen wir ſetzen, daß es ſtatt des oͤffent - lichen Tollhauſes ein geheimes Haus fuͤr Unſin - nige waͤre, wohin niemand koͤmmt! Das wird ein großes Theil beſſer ſeyn.

Aber noch eines, Lovelace: laſſen ſie die Leute nicht grauſam mit mir umgehen, wenn ich da bin Sie ſind grauſam genug mit mir umgegan - gen, das wiſſen ſie Laſſen ſie die Leute nicht grauſam mit mir umgehen: denn ich will mich ganz leicht regieren laſſen, und thun, was ein je - der von mir haben will nur das nicht, was ſie von mir haben wollten das werde ich nie - mals thun Noch eines, Lovelace: erzaͤhlen ſie dieß nicht der guten Frauen in dieſem Hauſe, ich haͤtte bald geſagt der ſchaͤndlichen Frauen; aber erzaͤhlen ſie ihr dieß nicht: weil ſie viel - leicht nicht zugeben wuͤrde, daß ſie mich zu die - ſem gluͤcklichen und ſichern Auffenthalt bringen ließen, wenn ſie es erfahren ſollte.

Noch eines, Lovelace: Machen ſie es aus, daß mir dort Feder, Dinte und Papier zu brau -R r 5chen634chen erlaubt ſey Das wird das einzige ſeyn, womit ich mich zum Zeitvertreib beſchaͤfftigen kann Aber die Leute ſollen nicht noͤthig ha - ben, das, was ich ſchreibe, zu irgend jemand zu ſchicken, an den ich ſchreiben werde. Das wuͤr - de denſelben nur beſchwerlich ſeyn. Und viel - leicht koͤnnte jemand ihnen, Herr Lovelace, ein Ungluͤck zufuͤgen. Jch wuͤnſche nicht, daß irgend jemand irgend einem Menſchen meinet - wegen ein Ungluͤck zuwege bringe.

Sie ſagen mir, daß die Lady Eliſabeth Law - rance und ihre Baſe Montague hier geweſen, Abſchied von mir zu nehmen; aber daß ich ge - ſchlafen und nicht zu erwecken geweſen waͤre. Eben ſo haben ſie mir auch anfangs erzaͤhlet, wie ſie wiſſen, daß ich verheyrathet und ſie mein Mann waͤren Ach! Lovelace! bedenken ſie, was ſie reden Allein laſſen ſie jene, weil ſie nur uͤber mein Elend ſpotten werden, laſſen ſie jene Lady Eliſabeth, laſſen ſie jene Fraͤulein Mon - tague; die wirklichen Perſonen dieſes Namens moͤgen thun, was ſie wollen; laſſen ſie auch Frau Sinclair, irgend jemand von ihren Miethleuten, und ihre Baſen ja nicht hineinkommen, mich in meinem Aufenthalt zu ſehen Die wirkli - chen Perſonen dieſes Namens, ſage ich: denn Lovelace, ich werde alle ihre ehrenloſe Streiche mit der Zeit einſehen Jn der That ich werde es thun Darum laſſen ſie mich dieſelben ſo bald, als ſie nur koͤnnen, wiſſen Es iſt zu ihrem Beſten Alles635Alles was ich ſagen kann, wird denn fuͤr wahn - witzige Reden hingehen: wie vieler armen Per - ſonen klaͤgliche Ausruffungen dafuͤr angeſehen werden; ich zweifle nicht daran; ob gleich bey dem allen nur allzu viel Wahrheit dahinter ſte - cket Sie wiſſen ja, daß ich ſchon zu Hamp - ſtead anfing, verruͤckt zu ſeyn So ſagten ſie Ach ſchaͤndlicher Boͤſewicht! was habt ihr nicht zu verantworten!

Es ſcheint mir eine kleine Abwechſelung ge - goͤnnt zu ſeyn. Jch hatte deswegen angefangen, das, was ich geſchrieben habe, zu uͤberſehen. Es iſt nicht ſo beſchaffen, daß es jemand ſehen duͤrf - te: ſo weit ich im Stande geweſen bin, es wieder durchzugehen. Allein mein Kopf wird mir nicht gut thun, wie ich vermuthe, alles nachzuleſen. Wofern ich alſo mein ernſtliches Verlangen nicht ſchon gemeldet habe: ſo will ich ihnen ſagen, es iſt dieſes, daß ich ohne Verzug aus dieſem ſcheus - lichen Hauſe beſchaffet, und in eine oder die an - dere von den geheimen Wohnungen fuͤr unſinni - ge Leute eingeſperret werde; denn ſolche Haͤuſer ſcheinen hier zu ſeyn; damit ich niemals mehr geſehen oder vor jemand gebracht werden moͤge, ausgenommen zu ihrer Rechtfertigung, wenn ſie etwa des Mordes gegen meine Perſon beſchul - digt werden ſollten; eines weit geringern Ver - brechens, als die wider meine Ehre veruͤbte Schandthat iſt; wider meine Ehre, die mir von dem niedertraͤchtigſten Boͤſewicht auf Erden ge - raubet worden. Schlagen ſie mir dieſe meineletzte636letzte Bitte nicht ab: und auch noch dieß nicht; ich bitte ſie; ſich nimmermehr vor mir weiter ſe - hen zu laſſen. Dieſe Gefaͤlligkeit kann gewiß wohl zugeſtanden werden der

jaͤmmerlich gemishandelten Clariſſa Harlowe.

Jch will deine Strafpredigten uͤber dieſen verdrieslichen Brief nicht hoͤren. Alſo nicht ein Wort in dem Tone! Das Papier, wie du ſieheſt, iſt ſo gar von den Thraͤnen der verhaͤrteten Ab - ſchreiberinn aufgelaufen. Daher iſt ihre Dinte hin und wieder zerfloſſen.

Frau Sinclair iſt eine rechte Heldinn, und beſchaͤmet uns alle in meinen Gedanken. Sie iſt noch dazu eine Weibsperſon. Die beſten Dinge, wirſt du ſagen, werden die aͤrgeſten, wenn ſie verderbet ſind. Allein dieß iſt doch gewiß, daß die Weibsleute alles durchſetzen, worauf ſie nur fallen. Daher kommt es, daß ein Ungluͤck, welches unter loſen Mannsperſonen bey einem bloßen Raube bleiben wuͤrde, auf einen Mord hinauslaͤuft, wenn ein Weibsbild mit eingefloch - ten iſt.

Jch weiß, du wirſt mir einen Vorwurf dar - aus machen, daß ich meine Zuflucht zu einem Kunſtgriffe genommen habe. Aber ſchreiben nicht ſelbſt die Aerzte in heftigen Zufaͤllen Schlaf - truͤnke vor, wo die gewaltſamen Unordnungen den Kranken in ein Fieber oder in eine Raſerey ſtuͤrzen koͤnnten? Jch verſichere, daß ich zu dieſem Mit -tel637tel keinen andern Bewegungsgrund gehabt, als mein Mitleiden. Es konnte auch nichts anders ſeyn. Denn ein Raub der Jungferſchaft, weißt du wohl, iſt fuͤr uns liederliche Voͤgel gar keine unangenehme Sache. Nichts als die Geſetze ſtehen uns hier im Wege: und die Meynung, die ein ehrlicher Bruder von dem hat, was ein ſcham - haftiges Frauenzimmer lieber leiden, als mit lauter Stimme klagen werde, verringert in die - ſem Stuͤcke ſeine Furcht um ein großes. Wenn hiernaͤchſt dieſe einſchlaͤfernde Mittel; ich mag das Wort Schlaftruͤnke bey dieſer Gelegenheit nicht leiden; ihr den Kopf verruͤcket haben: ſo iſt das eine Wirkung, die ſie oft bey einigen Koͤr - pern wegen derſelben Beſchaffenheit haben; und in dieſem Fall iſt es mehr dem Verſehen, daß das eigentliche Maaß nicht getroffen worden, als der Abſicht desjenigen, der ſie eingegeben hat, zuzu - ſchreiben geweſen.

Allein iſt nicht der Wein ſelbſt gewiſſerma - ßen ein Schlaftrunk? Wie viele Weibsleu - te ſind durch Wein und andere noch mehr berau - ſchende Getraͤnke gefangen worden? Jch muß dir ſagen, Bruder, die Erfahrung vieler Perſonen von dem Geſchlechte, das hier leidet, und das Gewiſſen noch mehrerer Perſonen von dem Geſchlechte, welches geſchaͤfftig dabey wir - ket, wird Zeugniß geben, wenn man ſich darauf beruffet, daß dein Lovelace nicht der aͤrgſte Schelm iſt. Jch wollte aber auch nicht gern von dir da -zu638zu getrieben ſeyn, daß ich mich durch die Verglei - chung mit andern rechtfertigen muͤßte.

Wenn ſie von einer anhaltenden Verruͤckung frey kommt, nachdem meine Raͤnke ſich endigen: ſo glaube ich, daß das alles ſey, warum ich mich bekuͤmmern muͤſſe. Jch verlange alſo von dir, daß, wo meine Handlung auf eine zweyfache Art ausgelegt werden koͤnne, du mir die vortheilhaf - teſte Deutung angedeihen laſſeſt. Denn dieß erfordert nicht allein die Freundſchaft von dir: ſondern auch meine Offenherzigkeit, der du es zu danken haſt, daß du um die Unternehmungen weißt, gegen welche du ſo fertig biſt, Strafreden zu halten.

Wilhelm iſt eben von einer Geſandtſchaft nach Hampſtead zuruͤckgekommen, und meldet mir, daß Frau Townſend geſtern in Begleitung von dreyen oder vier rauhen Kerln bey der Frau Moore geweſen iſt. Sie iſt uͤber die neuen Zei - tungen ausnehmend beſtuͤrzt geworden, daß mei - ne Gemahlinn und ich gaͤnzlich mit einander aus - geſoͤhnet, daß zwey feine Frauenzimmer von mei - ner Verwandtſchaft bey ihr Beſuch abzuſtatten gekommen, und mit ihr zur Stadt gefahren waͤ - ren, daß ſie daſelbſt vollkommen gluͤcklich mit mir leben ſollte. Sie waͤre verſichert, hat ſie ge - ſagt, daß wir nicht getrauet waͤren, wofern es nicht unterdeſſen, da wir zu Hampſtead gewe - ſen, geſchehen ſeyn moͤchte. Die Weibsleutein639in dem Hauſe haben dagegen verſichert, daß es daſelbſt nicht geſchehen, aber doch unſtreitig waͤre, daß die Fraͤulein gluͤcklich und zufrieden lebte: und Frau Moore und Frau Bevis haben dabey den Ungluͤcksſtiftern einen Stich gegeben; weil ſie wußten, daß Frau Townſend mit der Fraͤulein Howe bekannt iſt.

Da meine Schoͤne nunmehr weder Briefe bekommen noch wegſchicken kann: ſo bin ich die - ſer Frau Townſend und ihrer Anſtifterinn wegen ganz geruhig. Jch bilde mir ein, die Fraͤulein Howe werde nicht wiſſen, was ſie von der Sache denken ſoll. Sie wird ſich fuͤrchten, durch Wil - ſons Hand einen Brief gehen zu laſſen. Viel - leicht muthmaßet ſie, daß ihre Freundinn ſie ge - ringe ſchaͤtze, oder ihre Geſinnung zu meinem Vortheil geaͤndert habe, und ſich ſchaͤme, es zuge - ſtehen; weil ſie auf das, was ſie geſchrieben, keine Antwort bekommen hat; und glauben wird, daß der Bauerkerl ihren letzten Brief ihrer Freundinn ſelbſt in die Haͤnde geliefert habe.

Jmmittelſt iſt mir ein kleiner Anſchlag von einer neuen Art eingefallen. Er ſoll bloß zum Zeitvertreib dienen: zu weiter nichts. Abwech - ſelung iſt ſo etwas angenehmes, daß man ihren Reizungen nicht widerſtehen kann. Es iſt mir nicht moͤglich zu leben, wenn ich nicht einen klei - nen Streich ſpiele. Meine Geliebte fuͤhlet keine Regungen, keine von denen Regungen, die ich ger - ne bey ihr ſehen moͤchte. Sie verbindet mich zu vollkommener Ehrerbietung. Jch bin itzo mehrgeneigt,640geneigt, was ich gethan habe, zu bereuen, als neue Beleidigungen anzurichten. Ja ich werde es allezeit bereuen, bis ich ſehe, wie ſie es nimmt, wenn ſie wieder zu ſich ſelbſt gekommen iſt.

Soll ich dir meinen Anſchlag erzaͤhlen? Er iſt nicht von hoher Wichtigkeit Er be - ſteht darinn Jch will die Frau Moore, die Jungfer Rawlins, und meine Witwe Bevis hierher bringen: denn ſie tragen großes Verlan - gen, meine Gemahlinn zu beſuchen; da wir nun in einem ſo gluͤcklichen Vernehmen mit einander ſtehen. Kann ich die rechten Anſtalten treffen: ſo wollen wir, Belton, Mowbray, Tourville und ich, ſie die Weiſe dieſer gottloſen Stadt etwas mehr kennen lehren, als ſie bisher davon wiſſen. Wie ſollten ſie mit einer Mannsperſon von mei - ner Art bekannt ſeyn, und dadurch nicht beſſer und weiſer werden? Jch wollte gern, daß alle und jede mit Verſtand und guter Wiſſen - ſchaft ihre Zungen gegen liederliche Bruͤder ge - brauchen moͤchten: wenn ſie ihre Zungen doch gegen ſie brauchen wollen. Zwo von dieſen Weibsleuten haben mir viel Unruhe gemacht: und die dritte, das weiß ich ſicher, wird einen lu - ſtigen Abend nicht uͤbel nehmen.

Jch ſchmachte von Herzen nach einer frohen Luſtbarkeit, und zweifle nicht, daß dieß eine ange - nehme Gelegenheit ſeyn werde. Dieſe Weibs - perſonen halten mich ſchon fuͤr einen wilden Vo - gel: und ich gefalle ihnen darum nicht we - niger; ſo viel ich merken kann. Jch werdeSorge641Sorge tragen, daß mit ihnen, mit einer jeden vor der andern Augen, ſo frey umgegangen wer - de, daß ſie aus Klugheit, eine jede der andern Sache, geheim halten ſollen. Und was wird dieß fuͤr eine gute Wirkung bey ihnen haben! Es wird ein unaufloͤsliches Band der Einigkeit und Freundſchaft zwiſchen dreyen Weibsleuten knuͤ - pfen, die Nachbarinnen ſind und gegenwaͤrtig nur gemeine und gewoͤhnliche Verbindlichkeiten gegen einander haben. Man darf dir nicht erſt ſagen, daß Liebesgeheimniſſe, und Geheimniſſe von dieſer Art, uͤberhaupt die ſtaͤrkſten Bande ſind, zwiſchen Frauenzimmern Freundſchaften zu befeſtigen.

Sollte aber bey dem allen meine Geliebte ih - ren Verſtand gluͤcklich wieder erlanget haben: ſo koͤnnten wir wohl unter uns Schauſpiele finden, die muͤhſam genug ſeyn wuͤrden, alle Kraͤfte dei - nes Freundes zu beſchaͤfftigen, ohne daß er ſich nach neuen Gelegenheiten dazu umſehen duͤrfte. Sie iſt ohne das ſchon, wie ich oft bemerket ha - be, ein Mittel geweſen, das viele andere Frauen - zimmer vor mir in Sicherheit geſetzet hat: ob gleich ohne ihr Wiſſen.

Nach der Erzaͤhlung, die Dorcas von der Auffuͤhrung ihrer Fraͤulein macht, ſcheint das lie - be Kind wieder zu ſich ſelbſt zu kommen. Jch werde dem braven Capitain Tomlinſon ſchleu - nigſt Nachricht davon geben, damit er ihrem On -Fuͤnfter Theil. S skel642kel Johann dieſer Zeitung verſichere. Jch muß von dieſer Seite gehoͤrig in den Stand geſetzt werden, ſie zu beruhigen oder wenigſtens ihre er - ſte Hitze zu daͤmpfen.

Der drey und vierzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Jch bin dieſen Morgen fruͤhe ausgegangen, und nicht eher, als eben itzo, wieder zu Hau - ſe gekommen. Jch habe alſobald erfahren, daß in meiner Abweſenheit meiner Geliebten einge - fallen iſt, zu verſuchen, ob ſie nicht entwiſchen koͤnnte.

Sie iſt mit einem Paͤcklein in einem Schnupf - tuche und mit ihrer Kappe herunter geſchlichen, und wirklich ſchon bey dem Eingange geweſen, als Fr. Sinclair ſie noch geſehen hat.

Haben ſie die Guͤte, Madame, und laſſen mich wiſſen, wohin ſie gedenken. Jndem die Frau dieß ſagte, ſprang ſie zwiſchen die Fraͤulein und die Thuͤre an der Gaſſe.

Wer hat ein Recht, Rede und Antwort deswegen von mir zu fordern? hieß der Be - ſcheid.

Jch643

Jch habe es, Madame, auf Befehl ihres Gemahls: und; dieß ſetzte ſie mit den Haͤnden in der Seite hinzu, wie ſie ſelbſt geſtanden hat; ich bitte, daß ſie ſich belieben laſſen, wieder hin - auf zu gehen.

Meine Geliebte haͤtte gern geſprochen: aber ſie konnte nicht. Sie ließ ihren Thraͤnen den Lauf, kehrte um und ging in ihre Kammer hin - auf. Dorcas iſt zur Rechenſchaft gezogen, daß ſie dieſelbe ſo weit auf den Weg kommen laſſen, ehe ſie geſehen worden.

Dieß zeigt, daß ſie ihren ſchoͤnen Verſtand wieder bekommt, wie wir ſchon geſtern Abend hoffeten.

Dorcas ſagt, ſie waͤre ihr den ganzen Tag, außer kurz vorher, im Geſichte geweſen, und haͤt - te ganz ordentlich und ruhig geſchienen.

Jch will ſuchen, ſie zu ſprechen. Es muß vermuthlich in ihrer eignen Kammer geſchehen: denn ſie wird wohl ſchwerlich zu mir in den Saal kommen. Was fuͤr Vortheile wird mir die bey unſerm Geſchlecht gewoͤhnliche Dreiſtigkeit uͤber die dem ihrigen eigne Schamhaftigkeit geben: wo ſie wieder zu ſich ſelbſt gekommen iſt! Jch, der dreiſteſte Kerl von der Welt: Sie, ein Frau - enzimmer von der zaͤrtlichſten Gemuͤthsart. Die reizende Schoͤne! Mich deucht, ich habe ſie vor mir: mit weggewandtem Geſichte, mit Seufzern ſtatt der Sprache beſchaͤmt ihrer Schuld bewußt Was fuͤr einen ſieghaſtenS s 2Anblick644Anblick wird mir dieſes verſtatten: wenn ich ihr dreiſt in die niedergeſchlagenen Augen ſehe!

Eben den Augenblick ſagt mir Dorcas, ſie glaube, daß meine Geliebte komme, mich zu ſu - chen. Sie haͤtte nach mir gefragt, und, wie Dorcas von ihr gegangen waͤre, ihre rothgeſchwol - lene Augen vor dem Spiegel ausgetrocknet. Sie hat gewiß nicht die Abſicht, mich durch ihre Thraͤ - nen zu bewegen. Jedoch hat ſie dabey merklich genug uͤber meinen unbeweglichen Muth geſeuf - zet. Warum bin ich aber ſo weit gegangen: wo ich nun meine Hauptabſicht nicht verfolge? Allzu große und zaͤrtliche Bedenklichkeit muß ein wenig vertrieben werden. Sie weiß das aͤrgſte. Daß ſie mich nicht fliehen kann; daß ſie mich ſehen und ſprechen muß, daß ich ſie durch meine Blicke in eine angenehme Verwirrung zu ſetzen vermoͤgend bin: das ſind alles Umſtaͤnde, die fuͤr mich ſehr vortheilhaft ſind. Was kann ſie mehr thun, als wunderlich reden und ausru - fen? Jch bin ſchon gewohnt wunderliche Reden und Ausrufungen zu hoͤren Allein, wo ſie ſich wieder erholet hat: ſo werde ich ſehen, wie ſie ſich nach dem, was ſie gelitten, bey dieſer un - ſerer erſten Zuſammenkunft, bey welcher ſie ihrer Sinne maͤchtig iſt, bezeiget.

Da kommt ſie!

Der645

Der vier und vierzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Verweiſe mir nimmermehr, daß ich bey dieſer wundernswuͤrdigen Fraͤulein Kunſt gebrau - chet habe. Wenn ſich auch alle Fuͤrſten der Luſt, oder unter derſelben, mit mir vereinigt haͤtten: ſo waͤre es doch niemals moͤglich geweſen, ſie zu uͤberwinden; ſo lange ſie den Gebrauch ihrer Sinne gehabt haͤtte.

Jch will mir ſelbſt in meiner Erzaͤhlung nicht vorgreifen Nur dieß will ich dir ſagen: ich bin durch dich viel zu munter gemacht, daß ich an den Schlaf gedenken ſollte, wenn ich auch zu Bette ginge. Alſo werde ich nichts zu thun ha - ben, als daß ich eine Erzaͤhlung von unſerer ſelt - ſamen Unterredung auſſetze: da ſie mein Gemuͤth noch ſo ſtark eingenommen hat, daß ich an ſonſt nichts gedenken kann.

Sie hatte einen Schlafrock an von weißem Damaſt, und war etwas mehr, als einige Tage her, geputz[e]t. Jch ſaß mit meiner Feder zwi - ſchen den Fingern: und ſtand mit großer Hoͤf - lichkeit auf, da ich ſie erſt ſahe; nicht anders, als wenn der gewuͤnſchte Tag noch immer in ihrer Gewalt waͤre. Er iſt es auch in der That.

S s 3Sie646

Sie trat mit einem ſo erhabenen Weſen her - ein, daß es mich in große Ehrfurcht ſetzte, und zu der jaͤmmerlichen Perſon, die ich in der folgenden Unterredung ſpielte, vorbereitete. Eine jaͤmmer - liche Perſon, in Wahrheit! Allein ich will ihr Gerechtigkeit widerfahren laſſen.

Sie kam mit geſchwinden Schritten herauf, ganz nahe an mich. Sie hatte ein weißes Schnupftuch in der Hand. Jhre Augen waren weder boͤſe, noch guͤtig, aber vollkommen ernſt - haft. Eine geſetzte Stille und Gemuͤthsruhe herrſchte in ihrem ganzen Anſehen. Dieſe ſchien die Wirkung einer tiefſinnigen Betrachtung zu ſeyn. Und ſo redete ſie mich an mit einem We - ſen und Anſtand, denen ich niemals etwas gleich geſehen habe.

Sie ſehen, mein Herr, das elende Frauenzim - mer vor ſich, daß ſie fuͤr den ihnen gegebenen Vorzug vor allen Perſonen ihres Geſchlechtes belohnet haben wie es in der That verdienet hat, belohnet zu werden. Meines Vaters ſchreckli - cher Fluch hat ſchon auf das genaueſte ſeine Wir - kung uͤber mich gehabt; ſo weit er das gegenwaͤrtige Leben betrifft: und es ſcheint mir nur allzu un - leugbar, daß an ihnen die Schuld nicht liegen ſoll, wenn er nicht gaͤnzlich erfuͤllet wird; in dem Verluſt meiner Seele ſo wohl, als meiner Ehre welche ihr, ſchaͤndlicher Kerl! mir geraubet habet; und das mit einer ſo unnatuͤrlichen, ſo unmenſchlichen Niedertraͤchtigkeit, daß es ſcheint, als ob ihr, ſo gar ihr, nicht das Herz gehabt ha -bet,647bet, ſie anzugreiffen, bis meine Sinne vorher aufgeopfert waͤren.

Hierauf bemuͤhete ich mich zu reden, ob ich gleich nicht damit fortkommen konnte, und legte meine Feder nieder. Allein ſie fuhr fort: Hoͤre mich aus, ſtrafbarer Boͤſewicht! verruchter Kerl! Kerl ſage ich? Ja, was kann ich dir wohl ſonſt fuͤr einen Namen geben? Das Morden und Wuͤrgen der grimmigſten Thiere wuͤrde weit natuͤrlicher, und mir unausſprechlich lieber geweſen ſeyn, als das, was ihr gegen mich veruͤbet habt; und noch dazu mit ſolchen vorſetzli - chen Anſchlaͤgen und Kunſtgriffen, die nur allein dem einzigen Herzen anſtaͤndig ſind, das itzo, ſo niedertraͤchtig und undankbar du auch biſt, in dir zu zittern ſcheinet Du haſt wohl Urſache zu zittern; du haſt wohl Urſache zu beben und zu ſtocken und zu ſtottern, wie du thuſt: wenn du bedenkeſt, was ich deinetwegen ausgeſtanden ha - be, und wie du mir vergolten haſt.

Bey meiner Seele, Belford, der ganze Bau meines Koͤrpers ward erſchuͤttert. Denn nicht allein ihre Blicke und ihr Anſtand, ſondern auch ihre ſo nachdruͤckliche Stimme war unausſprech - lich ruͤhrend. Ja mein verfluchtes Verbrechen, und ihre Unſchuld, ihre Verdienſte, ihr Stand, ihre hohen Gaben, alles fiel mir damals ſo fuͤrch - terlich in die Augen, daß die Rechenſchaft, zu welcher ſie mich unerwartet forderte, mir nach meinen damaligen Gedanken jenem allgemeinen Gerichte aͤhnlich ſchien, zu welchem wir aufge -S s 4fordert648fordert werden ſollen, wenn unſer Gewiſſen unſer Anklaͤger ſeyn wird.

Allein ſie hatte Zeit gehabt, alle Staͤrke ihrer Beredtſamkeit zuſammenzunehmen. Vermuth - lich war ſie den ganzen Tag ihres Verſtandes maͤchtig geweſen. Und ich ſahe mich um ſo viel mehr betrogen und verlegen: weil ich mir einge - bildet hatte, daß ich das liebe Kind mit meinen Blicken in Verwirrung bringen koͤnnte. Aber es iſt augenſcheinlich, daß die lebhafte Empfin - dung von ihrem gelittenen Unrechte, dieß unver - gleichliche Frauenzimmer uͤber alle geringere, alle weichlichere Vorſtellungen hinausſetzet.

Meine Wertheſte Meine Allerliebſte Jch Jch Jch will niemals Nein niemals Meine Lippen bebeten. Meine Haͤnde und Fuͤße zitterten. Meine Sprache war hohl, ſtockend und gebrochen. Gewiß nie - mals hat wohl ein Miſſethaͤter ſo vollkommen wie ein Miſſethaͤter ausgeſehen. Unterdeſſen ſetzte ſie ihre Rede mit einer ſolchen Bewegung ihrer ſchneeweißen Hand fort, welche alle Anmuth einer ruͤhrenden Beredtſamkeit an ſich hatte.

Jch mache mir gar keine Ehre aus der Ver - wirrung, die ſich in deiner ganzen Perſon augen - ſcheinlich zeiget. Jch habe den ganzen Tag ge - betet, eine ſolche Gemuͤthsverfaſſung zu erbitten, die mich, wofern ich aus dieſem ſchaͤndlichen Hau - ſe nicht entfliehen koͤnnte, noch einmal in den Stand ſetzte, mit dem Bewußtſeyn einer unſchul - dig leidenden Perſon auf meinen Verderber indie649die Hoͤhe zu ſehen. Du ſieheſt mich, da mein Uebel zu groß iſt, ſich mit Worten ausdruͤ - cken zu laſſen, du ſiehſt mich geruhig genug, den Wunſch zu thun, daß du durch die Regun - gen deines eignen Gewiſſens ferner beſtaͤndig ge - quaͤlet werden moͤgeſt, bis dich eine kraͤftige Reue ergreife, damit du nicht alles Recht auf diejeni - ge Barmherzigkeit verſcherzeſt, die du dem ar - men Frauenzimmer nicht erwieſen haſt, welches itzo vor dir ſtehet, und ſo wohl verdienet hatte, ei - nen treuen Freund zu finden, wo es den aͤrgſten Feind gefunden hat.

Aber ſage mir einmal; denn du haſt ſonder Zweifel einige Abſichten zu verfolgen; ſage mir einmal, weil ich in dem ſchaͤndlichſten Hauſe eine Gefangene bin, wie ich befinde, und keinen Freund habe, der mich ſchuͤtze oder rette, was den - keſt du aus dem Ueberreſte eines Lebens zu ma - chen, das nicht werth iſt, erhalten zu werden? Sage mir, ob mir noch mehrere Uebel aufbehal - ten ſind; ob du mit dem großen Betruͤger, in der Perſon ſeiner ſcheuslichen Unterhaͤndlerinn, in die - ſem Hauſe einen Bund gemachet haſt; und ob das Verderben meiner Seele, damit meines Va - ters Fluch erfuͤllet werden moͤge, die Siege von einem ſo ſchaͤndlichen Buͤndniſſe vollmachen ſoll? Antworte mir Sprich, wenn du Herz haſt, frey gegen die Perſon herauszureden, die du ungluͤcklich gemacht haſt: ſage mir, was ich noch weiter von deiner unmenſchlichen Grauſamkeit zu leiden habe.

S s 5Hier650

Hier hielte ſie inne, ſeufzete, wandte ihr ange - nehmes Geſicht von mir und wiſchte mit ihrem Schnupftuche die Thraͤnen ab, die ſie zuruͤckzu - halten, und da ſie das nicht konnte, vor mir zu verbergen ſuchte.

Jch hatte mich, wie ich dir geſagt habe, auf heftige Leidenſchaften, unſinniges Toben, Fliehen, Reißen, Fluchen gefaßt gemacht. Dergleichen heftige und voruͤbergehende Bewegungen, als Wirkungen von ploͤtzlicher Traurigkeit und Schaam und Rachbegierde, wuͤrden uns auf ei - nen gleichen Fuß mit einander geſetzet, und die Rechnungen abgethan haben. Zu dieſen bin ich ſchon gewohnt: und da nichts, was heftig iſt, lange dauret, haͤtte ich wuͤnſchen moͤgen, ſie zu finden. Allein da ſie in einer ſo erhabenen Ge - muͤthsverfaſſung ſtand Da ſie mich ſuchte, den ſie doch, wie aus ihrem Verſuche davon zu gehen erhellet, gerne nicht geſehen haͤtte da ſie an keine Rache uͤber ſich ſelbſt, wie eine Lucre - tia, gedachte und gleichwohl in einem ſo ſchweren Kummer, der nach ihrem eignen Wor - ten viel zu groß war, ſich durch Worte ausdruͤ - cken zu laſſen, voͤllig, ja mit ihren ganzen Ge - muͤthe, ſo zu ſagen, verſunken lag Da ſie im Stande war; ſo wenig ſie auch bis dieſen Morgen ſelbſt ihrer maͤchtig geweſen; mir eine ſolche eintreibende Frage vorzulegen, als wenn ſie meine kuͤnftigen Abſichten vollkommen errathen haͤtte: wie konnte es denn anders ſeyn, als daß ich wie ein Narr ausſehen, und ſo, wievorher,651vorher, in gebrochnen Worten und verwirrt ant - worten mußte.

Was Was Was geſchehen iſt das, kann ich, ich, ich, nicht anders ſa - gen das, muß ich geſtehen das, muß ich bekennen ach ach iſt nicht recht iſt nicht, wie es ſeyn ſollte Aber a Aber Aber es iſt mir in Wahrheit, in Wahrheit ſehr leid bey meiner See - le, es iſt mir leid und und ich will alles thun alles thun alles thun, was was meine Pflicht iſt alles was ſie was ſie was ſie verlangen werden, es bey ih - nen wieder gut zu machen.

O Belford, Belford! an weſſen Seite war nun der Sieg? An ihrer oder an meiner Seite?

Wieder gut zu machen! O du nichtswuͤrdi - ger Boͤſewicht! Darauf ſchlug ſie ihre Au - gen in die Hoͤhe Lieber Himmel, wer wird ſich der Elenden erbarmen, die durch ein ſo nie - dertraͤchtiges Gemuͤth zu ihrem Fall gebracht wer - den koͤnnen! Jedoch Hierbey warf ſie ihre Blicke voller Unwillen und Verachtung auf mich Jedoch, ich haſſe dich, ſo niedertraͤch - tig und kriechend du auch geſinnet biſt, nicht halb ſo ſehr, als mich ſelbſt, daß ich dich nicht eher in deiner eigentlichen Geſtalt geſehen habe daß ich mir jemals Hoffnung gemacht, Gewiſſen, Dankbarkeit oder Menſchlichkeit an einem lieder - lichen Kerl von ſo genannter freyen Lebensart zufinden,652finden, der doch, um ein ſo freyer und liederlicher Kerl zu werden, vorher alles Gewiſſen, alle hei - lige Pflichten unterdruͤckt und verſpottet haben muß(*)Siehe den III. Th. S. 557..

Sie rief hierauf uͤber ihren Vetter Morden, als wenn er ſie vor einem Menſchen von der freyen Lebensart gewarnet haͤtte, und ging ans Fenſter mit ihrem Schnupftuch vor den Augen. Sie kehrte aber kurz wieder zu mir um, mit ei - ner Miene, die ihr erhabnes Gemuͤth und zugleich die Verachtung gegen mich an den Tag legte O! was haͤtte ich den Augenblick darum gegeben, daß ich ſie niemals beleidiget ha - ben moͤchte! Was haſt du vorzuſchlagen, wodurch du es bey mir wieder gut macheſt? Wie kann ein ſolcher Kerl, als du, bey einer ver - ſtaͤndigen, oder nur nicht ganz einfaͤltigen Perſon, das Uebel wieder gut machen, das du mir auf ei - ne unmenſchliche Art zu leiden aufgeleget haſt.

So bald, gnaͤdige Fraͤulein So bald als So bald, als ihr Onkel oder um nicht zu warten

Du willſt vermuthlich ſagen Jch weiß, was du ſagen willſt Allein meyneſt du, daß die Ehe ein ſolches Verbrechen, wie das deinige iſt, gut machen werde? So vollkommen du mich auch aller Freunde und Guͤter beraubet haſt: ſo iſt mir doch der Boͤſewicht, der ſich ſelbſt die Tugend ſeiner Frauen rauben koͤnnen, viel zu veraͤchtlich, daß ich auch nur in der Betrach -tung653tung an dich gedenken koͤnnte, in welcher du dir Hoffnung zu machen ſcheineſt, von mir angenom - men zu werden!

Jch fing an zu ſtottern und wollte ihr ins Wort fallen: aber meine Gedanken verrauchten auf meinen bebenden Lippen, ehe ich ſie mit Wor - ten ausdruͤcken konnte. Jch konnte nur das ein - zige Wort Heyrath ausſprechen Und ſie ſetzte ihre Rede alſo fort.

Laßt mich dahero wiſſen, ob ich nicht ohne Einrede kuͤnftig mit mir machen ſoll, was ich will? Ob in einem freyen Lande, wie dieſes iſt, wo das hoͤchſte Oberhaupt ſich nicht eurer Bosheit ſchul - dig machen muß, und auch ihr es niemals haͤt - tet wagen duͤrfen, wenn ich nur einen Freund oder Verwandten haͤtte, der auf mich ſaͤhe, ich als eine Gefangene hier gehalten werden ſoll, um neue Beleidigungen zu erdulden? Ob, mit einem Worte, ihr willens ſeyd, mich zu hindern, daß ich nicht gehe, wohin mich mein Schickſal leiten wird?

Nach einer kleinen Stille: denn ich ſchwieg noch immer; fuhr ſie fort zu reden.

Koͤnnt ihr mir auf dieſe leichte Frage nicht antworten? Jch begebe mich alles Rechts, aller Anſpruͤche auf euch Was habt ihr fuͤr Recht mich zu halten?

Jch konnte nicht ſprechen. Was konnte ich auf eine ſolche Frage ſagen?

O Boͤſewicht! Sie rang ihre aufgeho - benen Haͤnde waͤre ich nicht meiner Sinne be -raubet654raubet worden; und zwar auf die niedertraͤchtig - ſte Weiſe Jhr wiſſet am beſten, wie Waͤ - re ich im Stande geweſen, mich auf mich ſelbſt und auf euer Verfahren zu beſinnen, oder nur zu wiſſen, wie die Tage hingingen: ſo ſollte nicht eine ganze Woche vorbeygeſtrichen ſeyn, wie ich itzo befinde, ehe ich euch geſagt haͤtte, was ich euch nun ſage daß der Kerl, welcher ſich als einen ſo ehrenloſen Betruͤger gegen mich bewieſen hat, wie ihr euch bewieſen habt, mich nimmer mehr zu ſeiner Frauen machen ſoll. Jch will an meinen Onkel ſchreiben, daß er ſeine guͤtige Abſichten gegen mich fahren laſſe Alle Hoffnung, die ich vor mir ſahe, iſt verflogen. Jch gebe mich ſelbſt in Anſehung dieſer Welt verlohren. Hindert mich nicht, ein ſtrenges Leben anzufangen, und ernſtliche Bu - ße zu thun, daß ich mich verbotenerweiſe mit ei - nem Boͤſewicht, der alle Warnungen und anhal - tende Strenge meiner Eltern und Angehoͤrigen mehr als zu wohl gerechtfertiget hat, in einen Briefwechſel eingelaſſen, und mich ſelbſt ſeinen ſchaͤndlichen Raͤnken bloßgeſtellet habe. Laßt mich verſuchen, die einzige Hoffnung, wel - che mir noch uͤbrig iſt, in Sicherheit zu bringen Dieß iſt alles, was ich von euch zur Erſe - tzung verlange. Jch wiederhole alſo meine Fra - ge: Bin ich nun frey, daß ich mit mir ſelbſt machen kann, was ich will?

Nun kommt der Narr, der Miſſethaͤter, wieder und ſtottert ſeine gebrochne Antwort her -aus.655aus. Meine Allerliebſte, ich bin beſchaͤmt und verwirrt, ganz beſchaͤmt und verwirret: wenn ich gedenke was geſchehen iſt; und wenn ich gedenke Wem. Jch ſehe, ich ſehe, ihrer Beredtſamkeit iſt nicht zu widerſtehen! Sol - che unwiderſprechliche Proben der Liebe zur Tu - gend, weil ſie Tugend iſt, habe ich niemals gehoͤret, niemals geſunden, in allem, was ich ge - leſen. Koͤnnen ſie einem reuevollen Boͤſewicht vergeben, der ſie ſo auf ſeinen Knien um Verge - bung anflehet; hiemit fiel ich zu ihren Fuͤßen nie - der, und meynte alles, was ich ſagte, vollkommen aufrichtig und ernſtlich: ſo gelobe ich bey allem, was Heilig und Gerecht heißet; ein Donnerkeil erſchlage mich zu ihren Fuͤßen, wo ich es nicht redlich meyne; daß ich noch vor morgen Nach - mittag, ohne auf ihren Onkel, oder ſonſt jemand, zu warten, ihnen durch die Eheverbindung alle Gerechtigkeit widerfahren laſſen will, die ihnen nun von mir widerfahren kann. Sie ſollen be - ſtaͤndig in Zukunft die Aufſicht uͤber mich haben, und mich nach Gefallen regieren: bis ſie mich ih - rer engliſchreinen Tugend wuͤrdiger gemacht ha - ben, als ich itzo bin. Jch will mich nicht einmal unterſtehen, ihr Kleid anzuruͤhren, bis ich die Eh - re habe, ein ſo großes Gut nach Recht und Ge - ſetzen das meinige zu nennen.

O du betruͤgeriſcher Verraͤther! Es iſt ein gerechter Gott, den du zur Rache uͤber dich auf - forderſt: und doch faͤllt kein Donnerkeil hernie -der;656der; du lebeſt, daß du fluchen und betruͤgen moͤ - geſt!

Mein allerliebſtes Leben! Hierbey ſtand ich auf: denn ich hoffete, ſie waͤre ein wenig be - ſaͤnſtiget

Haͤtteſt du nicht ſo geſuͤndiget, daß es un - moͤglich iſt, dir zu vergeben; fiel ſie mir in die Rede; und waͤre dieß das erſte mal geweſen, daß du ſo feyerliche Verſprechungen gethan, und die Rache, der du ſo oft Trotz geboten haſt, uͤber dich aufgerufen haͤtteſt: ſo moͤchte mich vielleicht mein verzweifelter Zuſtand bewogen haben, daß ich ge - dacht haͤtte, ein elendes Leben mit einem ſo ver - ruchten Menſchen einzugehen. Aber nach al - lem, was ich von dir gelitten habe, wuͤrde es hoͤchſtſtrafbar an mir ſeyn, wenn ich wuͤnſchen ſollte, meine Seele mit einem Menſchen, der mit dem Verderben ſo nahe vereiniget iſt, in einen Bund zu verſtricken.

Lieber Gott! wie lieblos! Jch un - ternehme keine Vertheidigung O daß es ſich zuruͤckrufen ließe! So nahe mir dem Ver - derben vereiniget, gnaͤdige Fraͤulein! Ein ſo vernichter Menſch, gnaͤdige Fraͤulein!

O wie wenig reichet der Ausdruck an dein Verbrechen und mein Leiden! Was fuͤr eine vorſetzliche Bosheit lieget in deiner Niedertraͤch - tigkeit! Daß du den guten Namen anſehnli - cher Perſonen von deiner eignen Familie beſchim - pfeſt und das alles, um ein armes Frauen - zimmer zu betruͤgen, das du ſchuldig geweſen waͤ -reſt657reſt Jedoch was ſchwatze ich mit dir? dein Verbrechen falle auf deinen Kopf Jch frage dich nur noch einmal: Bin ich itzo frey und mir ſelbſt gelaſſen, oder nicht?

Jch bemuͤhete mich, eine Rechtfertigung we - gen der Frauenzimmer vorzubringen und behau - ptete, daß ſie wirklich die Perſonen geweſen waͤ - ren, fuͤr welche ich ſie ausgegeben haͤtte

Nimm dir nicht heraus, unterbrach ſie mich, ſo niedertraͤchtig als du biſt, ein einziges Wort zu deiner Vertheidigung in dieſem Stuͤcke zu ſa - gen. Jch habe ihr Bezeigen, ihren Umgang, ihre uͤbertriebene Bereitwilligkeit, ſich alles ge - fallen zu laſſen, was ich zu deinem Nachtheil ſag - te, und ihre freye, aber doch gezwungen bedaͤcht - liche und leichte Arten zu handeln uͤberleget. Da der traurige Ausgang mir nun die Augen geoͤff - net hat; und ich in der kleinen Zwiſchenzeit, die mir gegoͤnnet wird, was vorgegangen und geredet iſt, mit einander zuſammen gehalten habe: ſo wundere ich mich, daß ich das Betragen der lie - derlichen und einer ehrwuͤrdigen Frauen ganz un - gleichen Weibsperſon, die du nur ins Spiel ge - bracht hatteſt, mich verraͤtheriſch zu betruͤgen, nicht von der rechtſchaffenen Lady, welche du die Ehre haſt, deine Tante zu nennen, zu unterſchei - den, und das uͤbertuͤnchte Bild, welches du bey mir fuͤr die tugendhafte Fraͤulein Montague aus - gegeben, nicht zu entdecken gewußt habe.

Eine erſtaunliche Liebloſigkeit bey einer Fraͤu - lein, die doch ſo tugendhaft iſt! Wie? ſollteFuͤnfter Theil. T tdie658die muntere und frohe Auffuͤhrung, zu der ſie das Vergnuͤgen, Sie zu ſehen und zu ſprechen, ge - bracht hatte, ihnen ſolche Vorwuͤrfe zuziehen! Jch betheure auf das feyerlichſte, gnaͤdige Fraͤulein

Daß es, fiel ſie ein, wirklich und in der That die Lady Eliſabeth Lawrance und deine Baſe Montague geweſen ſind! O Boͤſe - wicht! Jch ſehe aus deiner feyerlichen Betheu - rung; ich hatte es gleichwohl noch nicht be - theuret; wie viel auf alles uͤbrige zu bauen iſt. Haͤtte ich keine andere Probe

Hier unterbrach ich ſie, und bat, ſie moͤchte mich doch einmal gedultig hoͤren. Jch haͤtte befunden, ſagte ich, daß ich ihr beynahe nach ihrer ausdruͤcklichen Erklaͤrung veraͤchtlich und verhaßt waͤre. Jch haͤtte keine Hoffnung gehabt, mir ihre Liebe oder ihr Vertrauen zu erwerben. Der Brief, den ſie bey ihrem Ab - gange nach Hampſtead hinter ſich gelaſſen: haͤtte mich hinlaͤnglich uͤberzeuget, daß ſie ſich gaͤnzlich von der Fraͤulein Howe leiten ließe, und nur auf eine Antwort von ihr wartete, um ſich in ſolche Maaßregeln einzulaſſen, die mich ihrer auf ewig berauben wuͤrden. Die Fraͤu - lein Howe waͤre mir allezeit feind geweſen. Sie waͤre mir ſonder Zweifel nachher, da ſie den Jnhalt des Briefes, den ſie bey ihrer An - kunft zu Hampſtead an ſie abgelaſſen haͤtte, ge - ſehen, noch mehr feind geworden. Jch haͤtte es nicht wagen duͤrfen, den Ausſchlag auf einen ſolchen659 ſolchen Brief ankommen zu laſſen, und mich al - ſo uͤber eine bequeme Gelegenheit, durch die La - dy Eliſabeth und meine Baſe Montague, ob dieſe gleich meine Abſichten nicht gewußt, ſie wieder zur Stadt zuruͤck zu bringen, gefreuet. Allein ich waͤre damals weit von dem Vorſatz entfernet geweſen, die ſchimpfliche Beleidigung auszuuͤben, zu der mich meine Verzweifelung und ihr Mistrauen gegen mich ſo ſchaͤndlich ver - leitet haͤtte

Jch wuͤrde weiter gegangen ſeyn, und ſonder - lich etwas von dem Capitain Tomlinſon und ih - rem Onkel geſagt haben: aber ſie wollte mich nicht laͤnger hoͤren. Es geſchahe auch in der That mit augenſcheinlichem Widerwillen und nicht ohne verſchiedne zornige Unterbrechungen meiner Rede, daß ſie mir ſo viel zuhoͤrte.

Sie fragte mich, ob ich meine Niedertraͤch - tigkeit zu bemaͤnteln ſuchen duͤrfte? Sie waͤ - re uͤberzeugt, daß die beyden Weibsleute betruͤge - rinnen waͤren Sie wuͤßte nicht anders, als daß Capitain Tomlinſon und Herr Mennel ſelbſt von eben der Art ſeyn muͤßten. Allein ſie moͤch - ten es ſeyn oder nicht: ſo waͤre ich es doch gewiß. Sie drang darauf, ſich ſelbſt fuͤr die uͤbrige Zeit ihres kurzen Lebens gelaſſen zu ſeyn denn ſie haͤtte in der That in aller Betrachtung einen Ab - ſcheu vor mir: und inſonderheit am meiſten in derjenigen, in welcher ich mich ihr zur Aufnahme anboͤte.

T t 2Jndem660

Jedem ſie dieß ſagte: eilte ſie von mir, und verließ mich ihres Theils ganz beſtuͤrzt und ver - wirret uͤber eine Unterredung, welche ſie mit ſo außerordentlicher, obgleich ſtrenger Gemuͤthsver - faſſung anfing, und mit einem ſo herzlichen und ungezwungenen Widerwillen endigte.

Nun, Bruder, muß ich ins beſondre an dich ein paar ernſthafte Zeilen richten.

Jch habe mir noch nicht das geringſte von einem vertrauten Umgange ohne die Ehe entfal - len laſſen Jhres Onkels Vermittelung zieht ſie nicht ſchlechterdings in Zweifel, wie ich das Vergnuͤgen gehabt habe, aus einem kleinen Wink bey dieſer Unterredung zu merken Und den - noch haͤlt ſie meine kuͤnftige Abſichten fuͤr ver - daͤchtig, und heget wider Mennel und Tomlinſon ein Mistrauen.

Kommt ſie von ſich ſelbſt zu ihrer Ein - ſicht, zu ihrer Entdeckung, oder wie ſoll ich es nennen? ſo iſt ihre Scharfſinnigkeit wunder - bar.

Kommt ſie aber nicht von ſich ſelbſt dazu: ſo laͤßt ſich ihr Mistrauen, ſo laͤßt ſich ihre Ab - neigung gegen mich klar begreifen.

Jch will rein heraus reden Du haſt doch gewiß mir keinen Streich ſpielen koͤnnen, Bru - der? Gewiß du haſt dich doch wohl dein weichherziges Mitleiden mit ihr zu keiner unver - zeihlichen Verraͤtherey gegen deinen Freund, der dir ſo offenherzig alles entdecket hat, verleiten laſſen koͤnnen?

Jch661

Jch kann nicht glauben, daß du zu einer ſol - chen Niedertraͤchtigkeit aufgelegt ſeyn ſollteſt. Jn - zwiſchen beſriedige mich in dieſem Stuͤcke. Jch muß eine verfluchte Perſon in ihren Augen ſpie - len, wenn ich gelobe und betheure, wie ich mir kein Bedenken machen werde, bey Gelegenheit zu thun: wo ſie alle die Zeit uͤber unwiderſprechli - che Nachricht von meiner Treuloſigkeit gehabt hat. Jch weiß, du ſuͤrchteſt dich eben ſo we - nig vor mir, ſo oft es auf ein maͤnnliches Herz ankommt, als ich mich vor dir: und wirſt es fuͤr ſchimpflich halten, es zu leugnen, wo du es ge - than haſt, da es dir ſo nahe gelegt wird.

Hier habe ich gute Luſt abzubrechen und nicht weiter zu ſchreiben, bis ich deine Antwort habe.

Jch will es thun.

Der fuͤnf und vierzigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.

Jch muß wieder fortſchreiben. Jch kann mir ſonſt mit nichts die Zeit und die Gedanken vertreiben: und ich denke, du kannſt kein falſcher Hund gegen mich geweſen ſeyn. Jch haͤtte gernT t 3meine662meine Augen geſchloſſen: aber der Schlaf fliehet vor mir. Horaz ſaget gar wohl:

Der Schlaf, ein Halcyon, pflegt nimmermehr
ſein Neſt
Jn ſtuͤrmiſchrauher Bruſt zu bauen.
Ein dunkles Herz haͤlt ihn nicht feſt,
Er wird der Finſterniß ſich nicht allein ver -
trauen.
Sie reicht nicht hin, ihn mehr als halb zu
binden.
Er bleibt noch nicht: Er muß auch Ruhe finden.

Nun wuͤnſche ich in der That von Herzen, daß ich dieſe Fraͤulein niemals gekannt haͤtte. Allein wer haͤtte wohl denken ſollen, daß ein ſol - ches Frauenzimmer in der Welt geweſen waͤre. Bey allen, die ich von dem ſchoͤnen Geſchlechte bisher gekannt, oder von denen ich gehoͤrt, oder geleſen habe, iſt einmal uͤberwunden ſo gut geweſen als allemal uͤberwunden. Der erſte Widerſtand war uͤberhaupt der letzte: oder der folgende Widerſtand war wenigſtens immer ſo viel ſchwaͤcher und ſchwaͤcher, daß eine Manns - perſon denſelben lieber haben moͤchte, als ohne denſelben ſiegen. Aber wie weiß ich gleich - wohl

Es iſt itzo nicht weit von ſechſen Die Sonne hat ſchon einige Stunden her alles um mich erleuchtet: denn dieſer unparteyiſche Feuer - ball ſcheint ſo wohl uͤber Mutter Sinclairn Haus,als663als uͤber ein anderes. Jn mir aber kann ſie nichts erleuchten.

Bey Anbruch des Tages, ſahe ich durch das Schluͤſſelloch an der Thuͤre zu meiner Geliebten Zimmer. Sie hatte ſich erklaͤret, daß ſie ihre Kleider in dieſem Hauſe niemals mehr ablegen wollte. Jch ſahe ſie dort in einem ſuͤſſen Schlum - mer, welcher hoffentlich ihren zerruͤtteten Sinnen zur Staͤrkung gereichen wird. Sie ſaß in ei - nem Lehnſtuhl und hatte ihre Schuͤrze uͤber den Kopf geſchlagen. Der Kopf ruhete auf der ei - nen von ihren ſchoͤnen Haͤnden: die andere hing in einer ſchlaͤfrigen Lebloſigkeit an ihrer Seiten herunter. Von ihren artigen Fuͤßen war nur einer halb zu ſehen.

Siehe, dachte ich, was fuͤr ein Unterſchied zwiſchen unſern Umſtaͤnden iſt! Sie, die beleidig - te Schoͤne, kann fuͤſſe ſchlafen: da unterdeſſen der ſchelmiſche Beleidiger kein Auge ſchließen kann, und die ganze Nacht uͤber vergebens verſu - chet hat, ſeine Grillen zu vertreiben und ſich ſelbſt zu fliehen.

Wie ein jedes Laſter uͤberhaupt ſchon in die - ſem Leben ſeine Strafe mit ſich fuͤhret: ſo wuͤrde mich, wenn mich irgend etwas in die Verſuchung bringen koͤnnte, an kuͤnftiger Beſtrafung zu zweifeln, eben dieß dahin bringen, daß ſchwerlich eine groͤßere Strafe ſeyn kann, als dieſe iſt, die ich itzo in der Unruhe meines nagenden Gewiſ - ſens empfinde.

T t 4Jch664

Jch hoffe, ſie wird voruͤber gehen Wo nicht: ſo wird die liebenswuͤrdige Fraͤulein ge - nug geraͤchet ſeyn: denn ich werde der elendeſte Menſch auf der Welt ſeyn muͤſſen.

Um ſechſe.

Eben itzo bringt mir Dorcas die Nachricht, daß die Fraͤulein ſich offenbar und ohne Verſtel - lung fertig mache, von hier zu gehen. Es iſt ſehr wahrſcheinlich. Die Geſinnung, in welcher ſie geſtern Abends von mir geflogen, laͤßt mich wohl ein ſolches Unternehmen erwarten.

Nun, Bruder, ſoll ich ſo gehaſſet und verach - tet ſeyn! Wo ich ſo geſuͤndiget habe, daß es nicht moͤglich iſt Vergebung zu erlangen

Jedoch ſie hat mir durch Dorcas Bothſchaft geben laſſen, daß ſie zu mir in den Saal kommen will. Sie verlangt; wunderlich genug! dieß Cammerkaͤtzchen ſoll bey der Unterredung, die zwiſchen uns vorfallen wird, gegenwaͤrtig ſeyn. Dieſe Bothſchaft macht mir gute Hoffnung.

Um neune.

Verzweifelte Kunſtgriffe, Argliſt und Betruͤ - gerey! Bey meiner Seele, ſie waͤre mir bey - nahe unter den Haͤnden entwiſchet. Sie hat kei - ne andere Abſicht bey ihrer Bothſchaft gehabt, als Dorcas aus dem Wege zu ſchaffen und eine freye Seite zu haben. Jſt ein eingebildetes Un - gluͤck hinlaͤnglich, dieſe Fraͤulein zu rechtfertigen, daß ſie von ihren eignen Grundſaͤtzen abweichet? Zeigt665Zeigt ſie mir nicht, daß ſie ſo gut, als ich, vor - ſetzlich betruͤgen kann?

Waͤre ſie in dem Voͤrderhauſe geweſen, und haͤtte ſie nicht einen kleinen Weg bis an die Gaſ - ſenthuͤre gehabt: ſo wuͤrde ſie gewiß fortgekom - men ſeyn. Aber ihre Eilfertigkeit hat ſie verra - then. Denn Sarah Martin war von ohnge - faͤhr in dem Voͤrderſaal; und da ſie eine ge - ſchwindere Bewegung, als gewoͤhnlich, und ein Rauſchen von ſeidenem Zeuge hoͤrte, als wenn je - mand eilfertig waͤre: ſo ſahe ſie heraus; und ſo bald ſie gewahr ward, wer es waͤre, lief ſie zwi - ſchen dieſelbe und die Thuͤre und ſtellte ſich mit dem Ruͤcken gegen dieſe.

Sie muͤſſen nicht weggehen, Madame. Jn Wahrheit ſie muͤſſen nicht.

Aus was fuͤr Recht? Und wie unterſte - hen ſie ſich? Dieß und dergleichen gebieteri - ſches Weſen mehr nahm das liebe Kind an Sarah rief unterdeſſen uͤber ihre Tante: und alſobald vereinigten ſich ein halb Dutzend Stim - men, und ſchrien, daß ich eiligſt, eiligſt den Augen - blick hinunter kommen moͤchte.

Jch war eben oben an der Treppe und un - terrichtete Dorcas ſorgfaͤltig, wie ſie ſich verhal - ten ſollte; voller Verwunderung, was bey der Unterredung, von welcher ſie Zeuge ſeyn ſollte, vorgehen moͤchte: als dieß Geſchrey zu meinen Ohren kam. Jch flog hinunter und da ſtand das ſchoͤne Kind, die angenehme Betruͤge - rinn, außer Othem, mit dem Ruͤcken gegen dieT t 5Schei -666Scheidewand und mit einem Paͤcklein in der Hand. Die Weibsleute gehen niemals fort ohne ihr Buͤndelchen. Sarah, Marichen, die ihr aber mit vieler Gefaͤlligkeit das Wort re - dete, die Mutter, Mabelle und Peter der Haus - knecht waren um ſie herum: jedoch alle in gehoͤ - riger Entfernung; nur die Mutter und Sarah ſtunden zwiſchen ihr und der Thuͤr. Die liebe Fraͤulein ſagte einmal uͤber das andere in ihrem ſanften Zorn: Jch will gehen! Niemand hat ein Recht Jch will gehen! Wenn ihr mich auch toͤdtet, Weibsleute: ſo will ich nicht wieder hinaufgehen!

So bald ſie mich ſahe: ging ſie einen oder zweene Schritte auf mich zu. Herr Lovelace, ich will gehen, ſprach ſie Geben ſie dieſen Weibsleuten die Gewalt Was fuͤr Recht haben dieſelben, und auch ſie, mich aufzu - halten?

Jſt dieß die Vorbereitung, meine Allerlieb - ſte, zu der Unterredung in dem Speiſeſaal, welche ſie mich zu erwarten veranlaſſet haben? Glauben ſie, daß ich mich ſo von ihnen ſcheiden koͤnne? Glauben ſie, daß ich es thun wolle?

Soll ich denn ſo beſetzt werden, mein Herr ſo umringet ſeyn? Was haben dieſe Weibsleute mit mir zu thun?

Jch bat dieſelben, ſie moͤchten uns alle verlaſ - ſen, außer Dorcas, welche eben ſo bald herunter gekommen war, als ich ſelbſt. Nun glaubte ich, waͤre es recht, ein ſtrengeres und ſchluͤßigeres We -ſen667ſen anzunehmen: da ich gefunden hatte, daß mei - ne Gelindigkeit ſo zum Spotte geworden war. Laſſen ſie ſich denn itzo belieben, meine Wertheſte, ſprach ich, in den Vorderſal zu gehen. Zugleich aber zog ich ihre widerſtrebende Fuͤße fort. Hier, weil ſie die Treppen nicht ſteigen wollen Hier koͤnnen wir unſere Unterredung halten: und Dorcas mag Zeuge dabey ſeyn Was iſt ihnen nun gefaͤllig, gnaͤdige Fraͤulein? fragte ich, mit den Haͤnden in die Seite geſetzet, nachdem ich ſie zum Sitzen gebracht hatte.

Vermeſſener Boͤſewicht! antwortete ſie vol - ler Wuth. Sie ſtand auf, lief an das Fenſter und zog die Vorſetzer auf. Vermuthlich wußte ſie nicht, daß eiſerne Gitter vor den Fenſtern wa - ren. Als ſie nun ſahe, daß ſie nicht auf die Gaſ - ſe hinauskommen konnte: ſo ließ ſie ihr Buͤndel - chen fallen und ſchlug ihre aufgehobene Haͤnde zuſammen Um Gottes willen, lieber Freund! Um Gottes willen, gute Frau! rief ſie zwoen Perſonen zu, die eben vorbeygingen ein armes, armes Frauenzimmer, das ungluͤcklich gemacht iſt!

Weil das Volk ſich um das Fenſter zu ver - ſammeln anfing: ſo faßte ich ſie in meine Arme. Darauf ſchrie ſie: Mord! Helfet, helfet! Jch aber brachte ſie, Trotz ihres kleinen tuͤckiſchen Herzens, wie ich es nun wohl nennen mag, in den Speiſeſaal hinauf: ob ſie ſich gleich gewaltig ſtraͤubete; und hier und dort, ſo viel ſie konnte, ſich an den Lehnen der Treppe feſt hielte. Jchwollte668wollte ſie daſelbſt niederſetzen: allein ſie ſank halb unbeweglich zur Erden, ſo weiß als eine Leiche. Zu gutem Gluͤcke ſchaffete ihr ein heftiger Thraͤ - nenguß einige Erleichterung.

Dorcas weinte uͤber ſie. Dieß Maͤgdchen war wirklich mitleidig gegen ſie geworden.

Hierauf folgten gewaltige Mutterbeſchwer - den. Jch ging von ihr und ließ nur Mabelle, Dorcas und Marichen bey ihr bleiben. Die letzte kann ſie unter der Schweſterſchaft noch am beſten leiden.

Dieſer ſo herzhafte Verſuch machte mir in - zwiſchen nicht wenig Unruhe.

Fr. Sinclair und ihre Nymphen ſind noch weit mehr beſorget: weil die Ehre ihres Hauſes, wie ſie es nennen, dadurch gekraͤnket iſt; indem ſie einige gewaltſame Beſchimpfungen gelitten haben; man hat gedrohet, die Fenſter einzu - ſchlagen; daß ſie das junge Frauenzimmer, wel - ches geſchrien hatte, herausgeben ſollten.

Da das unruhige Volk ſeine Unterſuchung ſchon bis auf das hoͤchſte getrieben hatte: kamen die Weibsleute zu mir herauf gelaufen, und woll - ten wiſſen, was ſie thun ſollten; weil wirklich ein Qvartiermeiſter geholet war.

Laßt den Qvartiermeiſter mit dreyen oder vieren der frecheſten von dem Poͤbel in den Saal kommen, war mein Beſcheid, und bringet den Augenblick eine von den Nymphen mit einge - zwiebelten Augen, mit verſtoͤhrtem Kopfzeuge und Halstuche hervor. Laßt dieſe ſich fuͤr die Perſonbeken -669bekennen, und ein Weiberſchaͤrmuͤtzel zur Gele - genheit angeben, aber ſich mit der Genugthuung, die ihr geleiſtet waͤre, zufrieden bezeigen. Als - denn gebt einem jeden Kerl ein oder ein paar Schluͤckchen; ſo wird alles gut ſeyn.

Um eilf Uhr.

Alles iſt geſchehen, wie ich befohlen habe: und alles iſt gut.

Frau Sinclair wuͤnſchet, daß ſie ein ſo hart - naͤckichtes Frauenzimmer niemals mit Augen ge - ſehen haͤtte. Sie und Sarah dringen gewaltig in mich, daß ich die verkehrte Schoͤne ihrer Zucht, wie ſie ſagen, nur auf vier oder fuͤnf Tage uͤber - laſſen ſoll. Aber ich habe ſie mit Fluchen zum Stillſchweigen gebracht, und bloß befohlen, in Zukunft gedoppelte Vorſicht zu gebrauchen.

Marichen ſpricht zwar dem lieben wunderli - chen Kinde, wenn ſie bey ihr iſt, allen Troſt zu, den ſie kann: allein gegen mich bleibt ſie dabey, daß nichts, als Schrecken, ihre Auffuͤhrung gegen mich leidlich machen werde.

Dorcas ward von den Weibsleuten aufge - zogen, weil ſie geweinet hatte. Sie bekannte, daß ihre Thraͤnen ihr wirklich von Herzen gegan - gen waͤren. Sie ſagte, ſie ſchaͤmte ſich vor ſich ſelbſt: koͤnnte es aber nicht aͤndern. So eine aufrichtige, ſo eine ſtandhafte Traurigkeit bey einem ſo anmuthreichen Frauenzimmer!

Die Weibsleute lachten ſie aus. Jch hin - gegen befahl ihr, keine Schutzrede fuͤr ihre Thraͤ -nen670nen zu halten, und ſich an der andern Lachen nicht zu kehren. Mir waͤre es lieb zu ſehen, daß ſie bey ihr ſo los ſaͤßen. Vielleicht koͤnnte man ſich dergleichen Fremdlinge wohl zu Nutze ma - chen. Kurz, ich wollte, daß ſie ihnen oft den freyen Lauf ließe, und verſuchen moͤchte, ob es nicht moͤglich waͤre, ſich bey ihrer Fraͤulein durch das Antheil an ihren Zufaͤllen ein Vertrauen zu erwerben.

Sie ſagte, ihre Fraͤulein haͤtte derſelben freundlich gegen ſie Erwaͤhnung gethan, und ſich gefreuet, ſolche Zeichen der Menſchlichkeit an ihr wahrzunehmen.

Wohlan denn, verſetzte ich, es iſt eure Rol - le bey dieſem Spiel, weichherzig zu ſeyn: es mag nun etwas daraus entſtehen oder nicht. Es kann keinen Schaden thun: wo es keinen Vor - theil bringet. Nur nehmet euch in Acht, daß ihr nicht allzu ploͤtzlich und zu gefaͤllig mitlei - dig ſeyd.

Auf die Weiſe, glaube ich, wird Dorcas gar geſchwinde bey ihrer Fraͤulein ein ehrliches Menſch von gutem Gemuͤthe ſeyn. Da dieß Weibsleu - ten anſtaͤndig iſt; und meine Geliebte ſich gern von ihrem Geſchlechte hohe Gedanken macht: ſo wird es deſto eher bey ihr hingehen.

Jch dachte, ich haͤtte eine Probe gemacht, weil ich ſo weit gegangen bin, ob ſie mir nicht den vertraulichſten Umgang ohne die Ehe verſtat - ten wuͤrde. Allein was kann ich fuͤr Hoffnung haben, zu meinem Zweck zu kommen? Sieiſt671iſt unuͤberwindlich! Wider alle meine Be - griffe, wider alle meine Vorſtellungen; wenn ich von ihr als von einer Weibsperſon, und als von einem Frauenzimmer, bey welcheɯ alle Rei - zungen recht in ihrer Bluͤthe ſtehen, gedenke; iſt ſie ſchlechterdings unuͤberwindlich! Meine ganze Abſicht iſt itzo allein, ihr nach den Geſetzen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen: wenn ich ſie nur noch einmal wieder beſaͤnftigen kann.

Die freye Einwilligung eines ſolchen Frauenzimmers muß nothwendig machen, daß ſie immer neu, immer reizend bleibet. Aber es iſt etwas erſtaunliches! Kann ein Kirchengebrauch, wenn er fehlet, einen ſolchen Unterſchied machen!

Sie iſt mir ihre Einwilligung noch ſchuldig: denn bisher habe ich mich mit nichts zu ruͤhmen. Alles, was ich davon getragen habe, iſt ein na - gendes Gewiſſen, ein geaͤngſtetes Gemuͤth, und eine mehr ſtaͤrker als ſchwaͤcher gewordene Liebe geweſen.

Wie empfindlich kraͤnket mich die ſtolze Ver - achtung, mit welcher ſie meine Hand ausſchlaͤget! Jnzwiſchen hoffe ich doch noch, ſie dahin zu bringen, daß ſie meinen Erzaͤhlungen von der Ausſoͤhnung ihrer Familie, von ihrem Onkel, von dem Capitain Tomlinſon, Gehoͤr giebet. Da ſie mir ſelbſt einen Vorwand, ſie wider ihren Willen feſtzuhalten, gegeben hat: ſo muß ſie mich ſehen und ſprechen; es ſey nun bey gutem oder boͤſem Sinne Sie kann es nicht aͤndern. Und wo Liebe nichts ausrichten wird: muß Schre -cken672cken verſucht werden, wie die Weibsleute rathen.

Alles wohl erwogen, hat meine Geliebte gleichwohl eine ſehr bedenkliche Rolle zu ſpielen. Vergiebt ſie mir leichtlich: ſo ſuche ich vielleicht wie - der meinen erſten Vorſatz zu verfolgen. Treibt ſie ihre Weigerung, meine Hand anzunehmen, bis aufs hoͤchſte: ſo kann dergleichen Heftigkeit mich wohl zur Verzweifelung bringen, und zu neuer Gewaltthaͤtigkeit Gelegenheit geben. Sie muß bedenken, wo ſie iſt: da ſie glaubet, die Weibsleute hier im Hauſe kennen gelernet zu haben.

Jch kann mit mir ſelber gar nicht einig wer - den. Gebe ich meine Anſchlaͤge, mein Vergnuͤ - gen an liſtigen Streichen, Raͤnken und Erfindun - gen auf: ſo werde ich nur ein Menſch von ge - meiner Art ſeyn; ein eben ſo ungeſchickter, ſchwer - muͤthiger Kerl, als du biſt. Und was habe ich gleichwohl von meinen ausgeſonnenen Raͤnken, wenn ſie auch gluͤcklich von ſtatten gehen? Was anders, als Schande, Misvergnuͤgen und Reue? Allein dieſe Fraͤulein iſt mir uͤberlegen, vollkom - men uͤberlegen. Jch weiß nicht, was ich mit ihr, oder ohne ſie machen ſoll.

Der673

Der ſechs und vierzigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Johann Belford.

Jch bekomme eben dieſen Augenblick Nachricht von Simon Parſons, einem von des Lords M. Hofmeiſtern, daß ſich der Lord ſchlecht befin - det. Simon, der mein gehorſamer Diener iſt, weil ich allem Vermuthen nach der Erbe bin, giebt mir in ſeinem Briefe einen Wink, daß mei - ne Gegenwart zu M. Hall nicht undienlich ſeyn werde. Alſo muß ich eilen: was fuͤr einen Weg ich auch zu gehen Erlaubniß haben, oder gezwun - gen ſeyn werde.

Es ſieht nicht uͤbel fuͤr dieß liebe Kind aus: wenn der alte Lord ſo hoͤflich ſeyn wollte, mir Platz zu machen. Sein Podagra hat ihn ſchon vielfaͤltig daran erinnert. Ein richtiges Einkom - men von acht tauſend Pfund alle Jahre, und vielleicht der Titel, der auf mich faͤllt, wuͤrde mir bey ihr wieder aufhelfen.

So groß ſich dieſe Fraͤulein damit macht, daß ſie uͤber allen Stolz erhaben ſeyn will: ſo werden doch Hoheit und Anſehen Reizungen fuͤr ſie haben; denn Hoheit und Anſehen geben dem Geſichte einer Mannsperſon allemal in den Au - gen eines Frauenzimmers den helleſten Glanz. Jch habe ein recht anſehnliches Gut: weil es gar nicht beſchweret iſt. Allein mit was fuͤr ei -Fuͤnfter Theil. U uner674ner edlen und mannichfaltigen Abwechſelung wird ein rechtſchaffener Kerl Unfug anrichten koͤnnen: wenn ihn ein jaͤhrliches Einkommen von acht tauſend Pfund darzu in den Stand ſetzet?

Vielleicht wirſt du ſagen, ich thue ohne das ſchon alles, was mir in den Sinn kommt: aber darinn irreſt du Jch thue nicht die Haͤlfte: das kann ich verſichern. Und auch ſelbſt from - me Leute, wie ich gehoͤrt habe, wollen gern das Vermoͤgen haben, Unfug anzurichten; ſie moͤgen ſich deſſelben bedienen; oder nicht. Die ehema - lige Koͤniginn Anna, die doch Froͤmmigkeit und Tu - gend liebte, war allezeit fuͤr eine vorzuͤgliche Hoheit und Gewalt eingenommen: und ihre Raͤthe machten ſich in mehr als einem Falle die - ſe Schwachheit in ihrem Namen bey den oͤffent - lichen Geſchaͤfften zu Nutze.

Nun ſoll ich endlich vor meine zornige Schoͤ - ne gelaſſen werden: nachdem ſie es mir dreymal abgeſchlagen hat, und meine unwiderrufliche Entſchließung, ſie in ihrer Kammer zu ſpre - chen, wenn es in dem Speiſeſaal nicht geſchehen koͤnnte, ihr von Dorcas hinterbracht iſt.

Dorcas erzaͤhlt mir inzwiſchen, ſie ſage, daß ſie mich niemals wieder ſehen und ſprechen woll - te, wenn ſie ihre Freyheit haͤtte. Jch hoͤre auch von eben derſelben, daß ſie ſich nach der Beſchaf - fenheit und den Umſtaͤnden der Nachbarn erkun - diget habe. Vermuthlich wuͤrde ſie wohl beyihnen675ihnen um Huͤlfe rufen; da ſie einmal ihre Stim - me zu gebrauchen weiß: wenn ſie jemand von denſelben hoͤren wollte.

Wie es ſcheint, beſteht ſie itzo darauf, daß ich von Anfang an ſo gottlos geweſen ſey, zu ihrem Verderben ein Haus auszuſuchen und zu beſtel - len, das ſich ſo wohl ſchickte, erſchreckliches Unheil anzurichten.

Dorcas bittet ſie, ſich zufrieden zu geben; erſuchet ſie inſtaͤndigſt, mich gelaſſen zu ſehen und zu ſprechen; erzaͤhlet ihr, daß ich, wie ſie gehoͤrt habe, einer von den unbiegſamſten Koͤpfen ſey daß durch Gelindigkeit etwas bey mir auszu - richten ſeyn moͤge, aber durch ſonſt nichts, wie ſie glaube. Und was waͤre es denn auch, da ihre Gnaden; ſo nennt ſie ihre Fraͤulein allemal; mit mir vermaͤhlet waͤren: wenn ich meinen Eid gebrochen haͤtte, oder zu brechen willens ſeyn ſollte!

Die Fraͤulein hat ſich gegen das ehrliche Maͤgdchen deutlich genug merken laſſen, daß ſie nicht mit mir vermaͤhlet waͤre Aber Dor - cas hat ſie nicht verſtehen wollen.

Dieß zeiget, daß ſie ſich entſchloſſen hat, nichts zu achten. Es wird nun auf ein Meiſterſtuͤck ankommen, die Probe zu machen, ob ſie wirklich ſo weit gehen will, als ſie kann, oder nicht.

Dorcas hat ihr von der Unpaͤßlichkeit mei - nes Lords einen Wink gegeben: als wenn ſie die - ſe Nachricht von ohngefaͤhr aus meinen Geſpraͤ - chen gemerket haͤtte.

U u 2Jedoch676

Jedoch hier will ich abbrechen. Meine Geliebte hat ſich nach meiner unwiederruflichen Bothſchaft bequemet, und iſt eben in den Spei - ſeſaal hinauf gegangen.

Der ſieben und vierzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Habe Mitleiden mit mir, Bruder, wo nicht alles Mitleiden verlohren ſeyn ſoll. Denn haſt du kein Mitleiden mit mir: ſo wird es ſonſt keine Seele haben. Und dennoch hat niemals ein Menſch von meiner Gemuͤthsart und von meinem lebhaften Weſen in der Welt gelebet, der es mehr noͤthig gehabt haͤtte. Wir pflegen dem Teufel alles beyzumeſſen, was uns begegnet, und wir nicht gern ſehen: allein hier, da ich ſelbſt der Teufel bin, wie du vielleicht ſagen wirſt, kommen meine Plagen von einem Engel. Jch glaube, daß ein jeder von einem Weſen, welches das Ge - gentheil von ihm iſt, geplaget werde.

Sie fing den Augenblick, als ich in den Saal trat, vollkommen nach Weiberart mit mir zu handeln an. Sie hatte gefehlt: ich mußte die Vorwuͤrfe leiden Nicht ein Wort, wodurch ſie ſich zu rechtfertigen geſucht haͤtte, nicht die ge - ringſte Entſchuldigung wegen des Aufruhrs, denſie677ſie gemacht, und der Unruhe, die ſie mir verur - ſachet hatte.

Jch komme, ſprach ſie, deine mir abſcheuli - che Gegenwart zu ertragen: weil ich es nicht aͤndern kann. Aber warum ſoll ich hier in Ge - fangenſchaft ſeyn? Ob gleich vergebens; ich kann nicht helfen

Allerliebſte Fraͤulein, fiel ich ihr in die Rede, geben ſie nicht ſo vieler Heftigkeit Raum. Sie muͤſſen wiſſen, daß ſie ganz und gar in keiner an - dern Abſicht hier aufbehalten werden, als weil ich das groͤßte Verlangen trage, mein Vergehen auf alle mir moͤgliche Art bey ihnen wieder gut zu machen; und das ſo wohl ihretwegen, als um mein ſelbſt willen Gewiß es iſt noch ein Mittel uͤbrig, das Unrecht, welches ſie gelitten haben, zu erſetzen

Kannſt du die vergangene Woche aus der Zeit herausreißen? Verſchiedne ſchon verſtri - chene Wochen, ſollte ich ſagen: ſelbſt von der Zeit an, da ich bey dir geweſen bin. Kannſt du die Zeit wieder zuruͤckrufen? Wo du kannſt

Gewiß, gnaͤdige Fraͤulein, fiel ich ihr noch einmal ins Wort, gewiß, wenn es mir erlaubet iſt, ſie nach den Geſetzen die Meinige zu nen - nen: ſo haͤtte ich ja nur vorlaͤuf

Du Boͤſewicht! Sage mir nicht ein Wort mehr davon. Als du zu Hampſtead gelobeteſt, als du verſpracheſt: ſo war ich faſt auf die Ge - danken gekommen, daß ich die Deinige werdenU u 3muͤßte.678muͤßte. Haͤtte ich auf Anſuchen derer, die ich fuͤr deine Verwandten hielte, darein gewilliget: ſo wuͤrde mir dieß der vornehmſte Bewegungs - grund dazu geweſen ſeyn, daß ich damals, was das nothwendigſte war, eine unbefleckte Ehre dir, einem elenden Kerl, der gar keine Ehre hat, zum Brautſchatz mitbringen, und die Gluͤck - wuͤnſche einer Familie, welcher dein ganzes Leben beſtaͤndig zur Schande geweſen iſt, mit einem Bewußtſeyn, ihre Gluͤckwuͤnſche zu verdienen, annehmen konnte. Allein meyneſt du, daß ich deinem ehrwuͤrdigen Onkel und deinen wirkli - chen Tanten eine entehrte Neffe, und deinen Ba - ſen eine Baſe aus einem Hurenhauſe in meiner Perſon geben wolle? Denn von der Art iſt in meinen Gedanken dieß verfluchte Haus. Hierauf hub ſie ihre zuſammengeſchlagenen Haͤn - de in die Hoͤhe. Großer und gnaͤdiger Gott, ſprach ſie, gieb mir Gedult, mich unter der Laſt dieſes Leidens zu erhalten, das du aus weiſen und guten Abſichten, ob ſie mir gleich itzo uner - forſchlich ſind, uͤber mich verhaͤnget haſt!

Alsdenn wandte ſie ſich zu mir, da ich nicht wußte, was ich zu ihr oder fuͤr mich ſelbſt ſagen ſollte Jch entſage dir auf ewig, Lovelace! Du Scheuſal! auf ewig entſage ich dir! Suche dein Gluͤck, wo du willſt! Nur itzo, da du mich ſchon zu ſchanden gemachet haſt

Sie zu ſchanden gemacht, liebſte Fraͤulein Die Welt darf ja nicht Jch wußte nicht, was ich ſagen ſollte.

Ja679

Ja du haſt mich zu ſchanden gemacht in mei - nen eignen Augen, und das iſt mir eben ſo viel, als wenn es die ganze Welt wuͤßte Hin - dere mich nicht, frey wegzugehen, wohin mich mein geheimnißvolles Schickſal leiten wird

Warum bedenken ſie ſich, mein Herr? Was fuͤr Recht haben ſie, mich aufzuhalten, wie ſie nicht lange vorher gethan, und mich mit Gewalt heraufzubringen, daß mir Haͤnde und Arme von ihrem gewaltſamen Angreifen braun und blau ſind? Was fuͤr Recht haben ſie, mich hier feſt - zuhalten?

Jhre ſo heftige Reden, gnaͤdige Fraͤulein, gehen mir durchs Herze. Jch empfinde das Un - recht, das ich ihnen gethan habe, nur allzu ſehr: ſonſt wuͤrde ich ihre harten Vorwuͤrfe nimmer - mehr leiden koͤnnen. Ein Menſch, der eine ſchaͤndliche That begehet, und dabey zu bleiben gedenket, zeiget niemals ſo herzliche Reue, als ich zeige. Jedoch, wo ſie ſelbſt glauben, daß ſie in meiner Gewalt ſind: ſo wollte ich ihnen wohl die Warnung geben, mich nicht zur Verzweifelung zu bringen. Denn ſie ſollen die Meinige ſeyn: oder es ſoll mein Leben koſten. Das Leben iſt ohne ſie nicht werth, daß ich es habe!

Die Deinige ſeyn! Jch die Deinige ſeyn! ſagte die hitzige Schoͤne. O wie liebens - wuͤrdig war ſie in ihrer heftigen Bewegung.

Ja, gnaͤdige Fraͤulein, die Meinige ſeyn! Jch ſage es noch einmal, ſie ſollen die Meinige ſeyn! Mein Verbrechen ſelbſt gereichet ih -U u 4nen680nen zum Ruhme. Meine Liebe gegen ſie, mei - ne Bewunderung ihrer Vorzuͤge iſt durch das, was vorgegangen iſt, noch vermehret. Es kann auch nicht anders ſeyn. Jch bin be - reit, gnaͤdige Fraͤulein, mich mit aller erſinnlichen Hoͤflichkeit wieder um ihre Gnnſt zu bewerben: allein dieß muß ich ihnen ſagen; waͤre das Haus auch mit tauſend bewaffneten Leuten beſe - tzet, die ſich vorgenommen haͤtten, ſie von mir zu reißen, ſo ſollten ſie doch ihren Vorſatz nicht ins Werk richten, ſo lange ich das Leben haͤtte.

Jch will niemals, niemals die Jhrige ſeyn, verſetzte ſie mit zuſammen geſchlagenen Haͤnden und aufgehabenen Augen! Jch will niemals die Jhrige ſeyn!

Wir koͤnnen ja noch viele begluͤckte Jahre mit einander erleben, liebſte Fraͤulein. Alle ihre Freunde koͤnnen wieder mit ihnen ausgeſoͤhnet werden. Die Unterhandlung, welche zu dem Ende geflogen wird, hat ſchon weit groͤßern Fort - gang gewonnen, als ſie ſich einbilden. Sie ha - ben zu viele Einſicht, das ſie ſich deswegen niedrigere Gedanken von ſich ſelbſt machen ſoll - ten, weil ſie etwas gelitten haben, daß ſie nicht aͤndern konnten. Befehlen ſie mir nur die Be - dingungen, unter welchen ich mich mit ihnen aus - ſoͤhnen kann: ich will mich alſobald darnach achten.

Niemals, niemals will ich die Jhrige ſeyn! Das wiederholte ſie ſtatt der Antwort.

Ver -681

Vergeben ſie mir nur dieß einzige mal, mein allerliebſtes Leben! Eine ſo unuͤberwindliche Tugend! Was kann ich weiter fuͤr Abſichten ge - gen ſie haben? Habe ich weiter irgend eine Beleidigung unternommen? Wenn ſie die Meinige ſeyn wollen: ſo wird alles Unrecht, was ihnen widerfahren iſt, mir ſelbſt widerfahren ſeyn. Sie haben die unnatuͤrlichen Kuͤnſte, welche ge - brauchet ſind, nur allzu wohl errathen! Al - lein kann ihrer Tugend wohl ein groͤßeres Zeug - niß gegeben werden? Nun habe ich nur die einzige Hoffnung, daß, ob ich es gleich bey ihnen nicht vollkommen wieder gut machen kann, ſie mir dennoch erlauben werden, es auf alle moͤg - liche Art gut zu machen.

Hoͤren ſie mich aus, ich bitte ſie, wertheſte Fraͤulein: denn ſie wollte mit einem unverſoͤhn - lich zornigen Geſichte zu reden anfangen. Der Gott, dem ſie dienen, fordert nur Buße und Beſ - ſerung. Folgen ſie ihm nach, meine Allerliebſte, und begluͤcken mich mit den Mitteln, eine Le - bensart, die mir verhaßt zu werden anfaͤngt, zu beſſern. Das war ehedem ihre Hauptabſicht. Faſſen ſie dieſelbe wieder, liebſte Fraͤulein: aus Liebe zu einer Seele ſo wohl als einem Koͤrper, die ihnen einmal, wie ich mir geſchmeichelt habe, mehr als gleichguͤltig geweſen ſind, faſſen ſie die - ſelbe wieder. Laſſen ſie den morgenden Tag Zeu - ge von unſerer Vermaͤhlung ſeyn.

Jch kann dich nicht richten, antwortete ſie: aber der Gott, auf den du dich ſo kuͤhnlich beru -U u 5feſt,682feſt, kann es; und ich verſichere dich, Er wird es thun. Aber wo du wirklich die Regungen des Gewiſſens fuͤhleſt; wo du in der That uͤber deine undankbare Niedertraͤchtigkeit empfindlich biſt, und bey Anfuͤhrung des heiligen Beyſpieles, daß du mir zur Nachahmung anpreiſeſt, etwas gedenkeſt: ſo laß mich in dieſem Augenblick, da deine vorgegebene Reue noch waͤhret, dich durch und durch erforſchen. Aus deiner Antwort will ich urtheilen, ob dein Vorgeben aufrichtig iſt.

Sage mir denn: Jſt wirklich etwas an dem Vergleich, der nach deinem Vorgeben zwiſchen meinem Onkel, dem Capitain Tomlinſon und dir im Werke ſeyn ſoll? Sage und bedenke dich nicht erſt lange: Jſt etwas wahres an der Ge - ſchichte? Allein uͤberlege, wo es nicht iſt, und du es doch bekraͤftigeſt, was fuͤr eine fernere Verdammung deine Betheurung nach ſich ziehen muͤſſe, wenn ſie ſo feyerlich geſchiehet, als ich es verlange!

Dieß war ein verfluchter Angriff. Was konn - te ich ſagen? Gewiß, dachte ich, dieſe un - barmherzige Fraͤulein will mich verdammen, und beſchuldigt mich doch, als wenn ich etwas wider ihre Seele zu unternehmen willens waͤre! War ich aber nicht genoͤthigt fortzufahren, wie ich angefangen hatte?

Kurz, ich betheurete feyerlich, daß die Ge - ſchichte wahr ſey! Wie fuͤhrt doch eine Suͤn - de immer zu der andern! daß ich mit den From - men rede.

Jch683

Jch ſetzte noch hinzu: der Capitain waͤre in der Stadt geweſen und wuͤrde ihr ſeine Aufwar - tung gemacht haben, wenn ſie ſich nicht ſo uͤbel befunden haͤtte. Er waͤre ſehr betruͤbt, ſo wohl um ihretwillen, als ihres Onkels wegen, wieder abgereiſet: ob ich ihm gleich weder die wahre Be - ſchaffenheit ihrer Unpaͤßlichkeit, noch die ewig zu bereuende Veranlaſſung dazu gemeldet, ſondern nur geſagt haͤtte, daß es ein heſtiges Fieber waͤ - re. Er haͤtte ſeit der Zeit, auf ihres Onkels Ver - langen, zweymal geſchickt und nach ihrer Geſund - heit fragen laſſen. Jch aber haͤtte itzo ſchon ei - nen Bothen zu Pferde mit einem Briefe abgefer - tiget, ihm, und durch ihn ihrem Onkel, Nach - richt von ihrer Geneſung zu geben: wobey ich inſtaͤndigſt gebeten, daß er ſeine Bemuͤhungen bey ihrem Onkel erneuren moͤchte, damit er ſo guͤ - tig waͤre, uns ſeine Gegenwart bey unſerer gehei - men Vermaͤhlung zu goͤnnen. Jch erwartete, wo nicht heute Abends, gewiß morgen fruͤhe eine Antwort.

Laß mich weiter fragen. Du weißt, was ich fuͤr eine Meynung von den Weibsleuten hege, die du zu mir nach Hampſtead gebracht, und die mich zu meinem Ungluͤck betruͤgeriſcherweiſe hier - her gefuͤhret haben. Laß mich fragen: Sind ſie wirklich und in Wahrheit die Lady Eliſabeth Lawrance und deine Baſe Montague geweſen? Was ſageſt du Stocke nicht Was ſageſt du zu dieſer Frage?

Es684

Es iſt erſtaunlich, meine wertheſte Fraͤulein, daß ſie einen Verdacht auf dieſelben werfen moͤ - gen! Was kann ich ſagen, Glauben zu ver - dienen: da ich weiß, was ſie ſich fuͤr wunderliche Gedanken von ihnen machen?

Jſt dieß die Antwort, die du mir giebeſt? Sucheſt du auf die Art meiner Frage auszu - weichen? Laß mich wiſſen; denn ich will itzo dei - ne Redlichkeit auf die Probe ſtellen, und nach deiner Antwort auf dieſe Frage von deinen neuen Betheurungen urtheilen; laß mich wiſſen, ich ſa - ge es noch einmal, ob die Weibsleute wirklich die Lady Eliſabeth Lawrance und deine Baſe Monta - gue geweſen ſind.

Haben ſie nur die Gewogenheit, meine Aller - liebſte, mich morgen in den Stand zu ſetzen, daß ich ſie nach den Rechten die Meinige nennen koͤn - ne: ſo wollen wir den naͤchſtfolgenden Tag, wenn es ihnen beliebt, nach Berkſchire zu meinem Lord M. abreiſen, wo ſie ſich itzo beyde aufhalten. Als - denn ſollen ſie durch ihre eigne Augen und durch ihre eigne Ohren uͤberzeugt werden. Denen wer - den ſie eher glauben, als alles, was ich ihnen ſa - gen und ſchwoͤren kann.

Nun, Belford, war mir wirklich bange, du moͤchteſt mich verrathen haben. Daher kam es, daß ich eine ſo elende Ausflucht ſuchte. Sonſt haͤtte ich ja eben ſo ſicher die Wahrheit in die - ſem Stuͤcke als in dem vorigen beſchwoͤren koͤn - nen. Da ſie aber noch immer auf eine ausdruͤck - liche Antwort beſtand: ſo ließ ich es darauf an -kom -685kommen, und ſchwur; Eidſchwuͤre der Ver - liebten, Bruder! daß ſie wirklich und in Wahr - heit die Lady Eliſabeth Lawrance und meine Ba - ſe Montague geweſen waͤren.

Sie hub ihre Haͤnde und Augen auf Was kann ich denken! Was kann ich den - ken!

Sie denken, ich ſey der Teufel, gnaͤdige Fraͤulein, der Teufel ſelbſt: ſonſt koͤnnten ſie, nachdem ſie mir dieſe Fragen vorgelegt haben, an der Wahrheit ſo feyerlich beſchworner Antworten nicht zu zweifeln ſcheinen.

Und wenn ich das auch von dir denke: habe ich nicht Urſache dazu? Jſt wohl ſonſt ein Menſch in der Welt; ich hoffe um der menſchlichen Na - tur willen, daß keiner ſeyn werde; der mit einem armen und von allen Freunden verlaſſenen Frau - enzimmer ſo verfahren koͤnnte, als du mit mir gethan haſt, die du ſelbſt aller Freude beraubet hatteſt da ich vorher ehe ich dich kannte, an einem jeden, der mich kannte, ein Freund fand.

Jch habe ihnen ſchon vorher geſagt, werthe - ſte Fraͤulein, daß meine Tante und meine Baſe wirklich hier geweſen ſind, Abſchied von ihnen zu nehmen, ehe ſie nach Berkſchire abreiſeten. Al - lein die Wirkungen meines undankbaren Ver - brechens; dafuͤr erkenne ich es mit Schaam und Reue; waren ſchuld daran, daß ſie dieſelben nicht ſehen und ſprechen konnten. Jch konnte auch keine Luſt haben, ſie von denſelben ſehen zulaſſen:686laſſen: denn ſie wuͤrden mir niemals vergeben haben; wenn ſie erfahren haͤtten, was vorgegan - gen waͤre Und was hatte ich fuͤr Grund zu vermuthen, daß ſie es wuͤrden vor ihnen ver - ſchwiegen haben, wenn ſie zu ſich ſelbſt gekom - men waͤren?

Es hat itzo nichts auf ſich, wer oder was ſie ſind, da der Endzweck, warum ſie zum Vor - ſchein gekommen, in meinem Ungluͤcke erhalten iſt. Aber wenn du zwey falſche Dinge ſo feyer - lich betheuret haſt: was fuͤr einen Boͤſewicht ſe - he ich denn vor mir!

Jch dachte, ſie haͤtte nunmehr Urſache zufrie - den zu ſeyn, und bat ſie um die Erlaubniß, von dem morgenden Tage, als dem gluͤcklichſten in meinem Leben zu reden. Wir haben den Trau - ſchein, liebſte Fraͤulein Sie muͤſſen mich ent - ſchuldigen, daß ich ſie nicht von hier gehen laſſen kann, bis ich alle Mittel verſuchet habe, die ich verſuchen kann, Vergebung von ihnen zu er - langen.

Soll ich denn, verſetzte ſie mit einer gewiſſen Art unſinniger Wildheit, in dieſem ſcheuslichen Hauſe eine Gefangene ſeyn? Soll ich, mein Herr? Nehmen ſie ſich in Acht! Nehmen ſie ſich in Acht Sie drohete dabey mit aufgehobner Hand daß ſie mich nicht zur Verzweifelung bringen Wo ich umkom - me, ſollte es auch durch meine eigne Hand ſeyn: ſo wird gewiß meines Blutes wegen Unterſu - chung geſchehen. Siehe zu, daß deine Raͤnkedich687dich nicht verlaſſen: wenn es ſo ſeyn ſollte Jch beſchwoͤre dich, mache, daß du deiner Sache gewiß ſeyſt. Grabe eine Grube, die tief ge - nug ſey, dieſen ungluͤcklichen Leib zu verſcharren und zu verbergen. Denn verlaſſe dich darauf, daß einige von denen, die nicht einen Fuß aus der Stelle ſetzen wollen, mich in meinem Leben zu ſchuͤtzen, Himmel und Erde bewegen werden, mich nach meinem Tode zu raͤchen.

Ein ſchreckliches liebes Kind! Bey mei - ner Seele, ſie machte mir ein Schauern. Sie hat in der That wohl Urſache von ihrem Ungluͤck zu ſchwatzen, daß ſie in die Haͤnde desjenigen Menſchen gefallen iſt, der einzig und allein auf der Welt ſo mit ihr umgehen koͤnnen, als ich mit ihr umgegangen bin! Sie iſt die einzige Weibs - perſon in der Welt, welche mich ſo verwirrt und unruhig gemacht haben koͤnnte, als ſie gethan hat. So haben wir in der Betrachtung ei - nerley Schickſal: und ich denke, an meiner Sei - te iſt es noch um vieles ſchlimmer. Mein Vergnuͤgen iſt ſehr geringe: meine Unruhe ſehr groß geweſen. Jhre Strafe, wie ſie es nennt, iſt vorbey: aber wer kann ſagen, wenn meine voruͤber ſeyn werde, oder worinn ſie beſtehen moͤge?

Bedenke, wie ich itzo geruͤhret ſeyn muͤſſe! Da ich dieß alles nur kuͤrzlich wiederholte, wie es vorgegangen iſt: ſo ward ich genoͤthigt abzubre - chen und mir ſelbſt ein Lied zu ſingen. Jch ge - dachte eine muntere Aria anzuſtimmen: alleines688es ward mehr ein Quacken als ein Singen dar - aus; ich fiel in den alten wunderlichen Ton von den Neujahrsliedern. Jch huſtete und reuſper - te mich, einen lebhaftern Ton herauszubringen: aber es wollte nicht gehen, und ich endigte endlich, wie ein Uebelthaͤter, mit einem Todtengeſange.

Ho-ha-ho -! Jch gaͤhne und ſchnappe, wie ein noch nicht fluͤcker Geier in ſeinem Neſte, wenn er Muͤhe hat, ein junges Huͤnchen, das ihm von ſeiner raͤuberiſchen Mutter in den Mund ge - ſtopfet iſt, zu verſchlucken!

Was, Teufel, fehlt mir! Jch kann we - der denken noch ſchreiben!

Da liege, Feder, da liege auf einen Augen - blick!

Der acht und vierzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Es iſt gewiß viel wahres in der Anmerkung, daß es einen Menſchen zehnmal mehr Muͤhe koſte, gottlos zu ſeyn, als es ihn ko - ſten wuͤrde, fromm zu ſeyn. Was fuͤr eine verfluchte Anzahl von Raͤnken iſt es, zu denen ich meine Zuflucht genommen habe; damit ich bey dieſer reizenden Schoͤnen zu meinem Zweck kaͤme! Und wie habe ich nun, wenn alles erwo -gen689gen wird, mich ſelbſt dadurch verwirret! Wie wenig fehlt daran, daß ich doch noch in die Gru - be taumele, welche ich durch alle meine Kuͤnſte zu vermeiden gedachte! Was fuͤr ein gluͤcklicher Menſch waͤre ich mit einem ſolchen Ausbund al - ler Tugenden und Vorzuͤge geweſen: wenn ich mich haͤtte uͤberwinden koͤnnen, ſie damals alſo - bald zu heyrathen, da ich ſie ſo weit brachte, daß ſie ihres Vaters Haus verließ! Jedoch wie haͤtte ich alsdenn gewußt; daruͤber habe ich ſchon oft meine Betrachtungen angeſtellet; daß eine Schoͤne in ihrer ſchoͤnſten Bluͤte, die ſich mit ei - nem wilden und uͤberall dafuͤr bekannten Kerl in einen geheimen Briefwechſel einlaſſen und ſich mit ihm in ſolche Gefahr wagen konnte, nicht durch ihre Neigung hingeriſſen wuͤrde? Und das wuͤrde einem ſolchen Freygeiſte in der Lebensart, wie ich bin, eben ſo viel Kummer bey genauerer Ueberlegung dereinſt verurſachet haben, als es mir damals Vergnuͤgen machte. Du beſinneſt dich wohl, was der Wirth in dem Arioſto ſagt, und ſo wohl deine als meine eigne Erfahrung kann uns bey zwanzig Fiametten zum Beweiſe der Schwachheit des ſchoͤnen Geſchlechts dar - ſtellen.

Allein ich muß in meiner Erzaͤhlung fort - fahren.

Die liebe Fraͤulein fiel wieder auf das, was ihr ſo ſehr am Herzen lag. Sie beſtand darauf, daß ſie dieß verhaßte Haus verlaſſen wollte: und redete in einem ſehr hohen Tone.

Fuͤnfter Theil. X xJch690

Jch drang auf das nachdruͤcklichſte in ſie, daß ſie den naͤchſtfolgenden Tag in einer von den beyden Kirchen, die in dem Trauſchein genannt waͤren, mit mir zum Altar kommen ſollte. Jch bat, ſie moͤchte mir erlauben, dieſe Sache in der Stille mit ihr abzuthun, was auch ihre Entſchlie - ßung immer ſeyn duͤrfte.

Wo ich wollte, war ihre Antwort, daß ſie mein Begehren der geringſten Betrachtung wuͤr - dig achten ſollte: ſo muͤßte ich ihr freye Macht und Gewalt uͤber ſich ſelbſt laſſen. Zu welchem Ende verlangte ich ihre Einwilligung, wenn ſie weder uͤber ihre Perſon noch uͤber ihr Thun freye Macht haͤtte?

Wollen ſie mir ihre Ehre zum Pfande ſetzen, gnaͤdige Fraͤulein, wenn ich meine Einwilligung gebe, daß ſie ein ihnen ſo unangenehmes Haus verlaſſen moͤgen?

Meine Ehre, mein Herr! ſprach das liebe Kind Ach! Und hiemit wandte ſie ſich weinend von mir, mit einer Anmuth, die ihres gleichen nicht haben kann Nicht anders, als wenn ſie geſagt haͤtte Ach! Sie haben mir ja meine Ehre geraubet!

Jch hoffete, daß ſich ihr Zorn nunmehr gele - get haben wuͤrde! Aber ich betrog mich ſehr. Denn da ich ſie mit vielem Feuer und auf das inſtaͤndigſte bat, den begluͤckten Tag fuͤr mich zu beſtimmen; und das um unſerer beyderſeitigen Ehre willen, und wegen der Ehre unſerer beydenFa -691Familien: ſo antwortete ſie mir mit dieſer hoch - fliegenden und großmuͤthigen Rede:

Kannſt du ſo niedertraͤchtig ſeyn, Lovelace, daß du aus einer Perſon, die du ſo ſchimpflich beleidiget, entehret, und gemishandelt haſt, wie mich, deine Frau zu machen wuͤnſcheſt? Mußte Clariſſa Harlowe nothwendig erſt ſo weit ernie - drigt werden, als dich deine Schandthaten ernie - drigen, ehe ſie ſich zu einer Frau fuͤr dich ſchicken konnte? Du haſt einen Vater gehabt, der Ehre und Tugend liebte: eine Mutter, die eines beſſern Sohnes wuͤrdig war Du haſt einen Onkel, der dem hohen Adel keine Schande macht, in ei - nem Reiche, deſſen Lords mehr Anſehn und Ehre haben, als der Adel in irgend einem andern Lan - de. Du haſt auch andere Verwandten, mit de - nen du dich wohl ruͤhmen magſt, ob ſie ſich gleich mit dir nicht ruͤhmen koͤnnen. Kannſt du dir nicht vorſtellen, wie du dieſelben; die verſtor - benen aus ihren Graͤbern, die lebendigen aus ei - nem loͤblichen und ehrliebenden Gemuͤthe; dir zurufen hoͤreſt, daß du dein altes und anſehnli - ches Haus nicht durch ein Ehebuͤndniß mit einer Elenden, die du dem Unflath auf der Gaſſen gleich gemacht, und mit den Veraͤchtlichſten von ihrem Geſchlechte in eine Reihe geſetzet haſt, ent - ehren moͤgeſt?

Jch erhob ihre Großmuth und Tugend. Jch verfluchte mich ſelbſt wegen meines ſtrafbaren Verbrechens. Jch ſtellte ihr vor, wie angenehm die Ehre, um die ich flehete, ſo wohl den abge -X x 2ſchie -692ſchiedenen Seelen meiner Voreltern, als der guten Geſinnung der noch lebenden, ſeyn wuͤrde.

Aber ſie blieb beſtaͤndig dabey, daß ſie frey handeln und ſich vorher in einer andern Woh - nung befinden muͤßte, ehe ſie meine Vorſtellun - gen der geringſten Betrachtung wuͤrdigen woll - te. Ja ſie wollte mir auch alsdenn keine Gunſt zuſagen, noch mir Beſuche erlauben. Wie koͤnn - te ich denn, fragte ich ſie, ihr Begehren genehm halten, ohne daß ich mich entſchließen muͤßte, ſie auf ewig zu verlieren?

Sie legte ihre Hand oft an den Kopf, wenn ſie redete. Endlich ſchuͤtzte ſie Kopfſchmerzen vor, und ging weg. Keines von uns beyden war mit dem andern zufrieden: doch ſie war noch zehn mal weniger mit mir zufrieden, als ich mit ihr.

Dorcas ſcheint ſich bey ihr in Gunſt geſetzt zu haben

Was nun! Was nun!

Wie ſteif beſteht dieſe Fraͤulein auf ihren Kopf! Noch einmal waͤre ſie uns beynahe entwiſchet! Was fuͤr ein unbeweglicher Wi - derwillen! Sie hatte bloß zu dem Ende, wie ich finde, ſich ein wenig ruhiger geſtellt, damit ſie den Verdacht vermindern moͤchte. Sie war hin - unter gegangen, und hatte ſchon wirklich die Thuͤ - re nach der Gaſſe zu aufgeriegelt: ehe ich an ſie kommen konnte; da mich die Koͤchinn der Frau Sinclair rege gemacht hatte, welche ſie alleinvorbey693vorbey fliegen geſehen. Und gleichwohl kann der Blitz nicht geſchwinder ſeyn, als ich war.

Jch brachte ſie wieder, mit unſaͤglichem Wi - derſtreben an ihrer Seite, in den Speiſeſaal hin - auf; und befahl vor ihren Ohren einem Bedien - ten, daß er in Zukunft beſtaͤndig unten an der Treppe ſtehen ſollte.

Die Betruͤbniß und das Misvergnuͤgen, ſich in ihrer Abſicht betrogen zu ſehen, ſchienen ſie bey - nahe zu erwuͤrgen.

Dorcas bewies ſich ausnehmend geſchaͤfftig um ſie, und ſagte ganz dreiſt, als ihre eigne Mey - nung, heraus, daß ihre theureſte Fraͤulein billig die Freyheit haben ſollte, ſich einen andern Auf - enthalt zu machen, da dieß Haus ihr ſo zuwi - der waͤre: wenn ſie auch todt daruͤber geſchlagen wuͤrde, wollte ſie es doch ſagen. Dafuͤr hieß ſie auch hernach die gute Dorcas.

Eine Zeitlang war das liebe Kind lauter Feuer und Flamme.

Jch ſehe, ich ſehe, ſprach ſie, nachdem ich ſie wieder herauf gebracht hatte, was ich von euren neuen Betheurungen zu gewarten habe, o nieder - traͤchtigſter Kerl!

Habe ich das geringſte gegen ſie unternom - men, meine Geliebte, das dieſe Ungedult nach ei - ner mehr hoffnungsvollen Beruhigung rechtfer - tigen koͤnne?

Sie rang ihre Haͤnde. Sie verſchob ihr Kopfzeug. Sie zerriß ihre Manſchetten. Sie war vollkommen außer ſich.

X x 3Mir694

Mir war bange, ihre Krankheit moͤchte ſie wiederum uͤberfallen. Weil Bitten und Flehen ſie aber nur noch immer heftiger machte: ſo nahm ich ein zorniges Weſen an. Jch gab ihr zu verſtehen, daß ſie das aͤrgſte erwarten moͤchte, was ſie zu fuͤrchten haͤtte. Jch ſetzte meine Drohungen fort, in Hoffnung, ihr Furcht einzu - jagen: als ſie zu meinen Fuͤßen nieder fiel.

Es wird ein Werk der Barmherzigkeit ſeyn, waren ihre Worte, ein Werk der groͤßten Barm - herzigkeit, die ſie mir erweiſen koͤnnen: wenn ſie mich hier auf der Stelle toͤdten auf dieſer gluͤcklichen Stelle, ſo will ich ſie in meinen letzten Augenblicken nennen Und darauf entbloͤßte ſie mit noch mehr verruͤckter Heftigkeit ein Theil von ihrem entzuͤckendſchoͤnen Halſe Hier, hier, ſprach die quaͤlendruͤhrende Schoͤne, hier laſſe aus Barmherzigkeit die Spitze eindrin - gen! So will ich dir Dank ſagen und alles ver - gangene, ſo ſchrecklich es iſt, vergeben! Mit meinem letzten Othem will ich dir vergeben und dir danken! Oder hilf mir nur zu den Mit - teln: ſo will ich mich ſelbſt, eine ſo elende Crea - tur, dir aus dem Wege raͤumen, und dir fuͤr dieſe gegebne Mittel Gluͤck und Segen wuͤn - ſchen.

Was ſollen alle dieſe heftige Bewegungen? Was alle dieſe Ausrufungen? Habe ich ihnen denn irgend etwas von neuem zu leide gethan, mein liebſtes Leben? Wie ſind ſie außer ſich! Bin ich nicht bereit, alles mit ihnen wieder gutzu695zu machen: ſo weit ich es gut machen kann? Hatte ich nicht Urſache zu hoffen

Nein, nein, nein, nein ein halb Du - tzend male: ſo geſchwinde ſie nur ſprechen konnte.

Hatte ich nicht Urſache zu hoffen, daß ſie vielmehr auf die Mittel denken wuͤrden, mich gluͤcklich und ſich ſelbſt nicht elend zu machen, als auf eine ſo unnoͤthige und ſo uͤbereilte Flucht?

Nein, nein, nein, nein: wie vorher. Und dabey ſchuͤttelte ſie den Kopf mit wilder Unge - dult, als wenn ſie ſich vorgenommen haͤtte, auf das, was ich ſagte, nicht Achtung zu geben.

Meine Entſchließungen ſind ſo edel und an - ſtaͤndig, wenn ſie dieſelben nur ins Werk zu rich - ten erlauben wollen, daß ich mich nicht bekuͤm - mern darf, wo ſie hingehen, wenn ſie mir den Beſuch vergoͤnnen und meine Geluͤbde anneh - men wollen. Gott iſt mein Zeuge, daß ich ſie nicht mit irgend einer Abſicht wider ihre Ehre von der Thuͤre zuruͤckbringe: nein, vielmehr das Gegentheil. Jch will dieſen Augenblick nach ei - nem Geiſtlichen ſchicken, allen ihren Zweifeln und aller ihrer Furcht ein Ende zu machen.

Sage dieß und ſage es noch tauſendmal mehr, und berufe dich feyerlich bey jedem Worte auf den Gott, auf welchen du dich fuͤr die Wahr - heit der ſchaͤndlichſten Unwahrheiten zu berufen gewohnt biſt: es wird doch noch alles viel zu we - nig ſeyn, gegen das, was du ſchon ſonſt gelobet und verſprochen haſt. Wenn auch mein Herz dich wegen deiner Meineide nicht ſo verabſcheu -X x 4ete,696ete, ſich nicht ſo ſehr gegen dich empoͤrte, als es wirklich thut: ſo wollte ich dennoch nicht, das ſage ich dir noch einmal, ſo wollte ich dennoch nicht, um tauſend Welten willen, meine Seele mit einem ſolchen Kerl in einen Bund ver - ſtricken.

Beruhigen ſie ſich doch, gnaͤdige Fraͤulein: um ihrer ſelbſt willen beruhigen ſie ſich. Er - lauben ſie mir, daß ich ſie aufhebe: ſo ſehr mich auch ihre Seele verabſcheuet

Nein, wo ich ſie nicht anruͤhren darf Denn ſie ſchlug mir ganz verwildert auf die Haͤn - de: aber mit einem ſo angenehm geruͤhrten We - ſen; indem ihre Bruſt mit vieler Bewegung auf und nieder ging, da ſie zu mir in die Hoͤhe ſahe; daß ich ſie mit Entzuͤckung haͤtte an die meinige druͤcken koͤnnen, ob ich gleich von Herzen boͤſe war

Wenn ich ſie nicht anruͤhren muß: ſo will ich nicht Aber glauben ſie ſicher; ich nahm die ernſthafteſte Mine an, die mir moͤglich war, um zu verſuchen, was das ausrichten wuͤrde; glau - ben ſie ſicher, gnaͤdige Fraͤulein, daß dieß nicht der rechte Weg iſt, den Uebeln zu entgehen, die ſie beſuͤrchten. Jch mag thun, was ich will: ſo kann ich mir nicht uͤbel begegnen laſſen! Dor - cas, geht eure Wege!

Sie ſtand auf, da Dorcas im Begriff war, wegzugehen: und ergriff dieſelbe mit vieler Wild - heit bey dem Arm. O Dorcas! wo du wirklich von meinem Geſchlechte biſt: ſo beſchwoͤre ichdich,697dich, verlaß mich nicht! Darauf ließ ſie ihre Dorcas los, warf ſich in der oberſten Ecke des Zimmers auf die Kniee, ſchlug ihre Haͤnde um einen Stuhl und legte ihr Geſicht auf den Sitz. O wo kann ich ſicher ſeyn? Wo, wo kann ich vor dieſem Menſchen, der zu nichts als zu Gewaltthaͤtigkeiten aufgeleget iſt, ſicher ſeyn?

Dieß gab der Dorcas eine bequeme Gelegen - heit, das Vertrauen ihrer Fraͤulein zu ihr noch mehr zu befeſtigen. Die Hure fiel mir zu den Fuͤßen, da ich heftig zu zuͤrnen ſchien und u mfaß - te meine Kniee Toͤdten ſie mich, gnaͤdiger Herr, toͤdten ſie mich, gnaͤdiger Herr, wenn es ihnen ſo gefaͤllt Jch muß mich ihnen in den Weg ſtellen, meine Fraͤulein zu retten Hal - ten ſie es mir zu Gnaden es iſt nicht an - ders moͤglich, ſie muͤſſen aufgebracht ſeyn! Gott vergebe es den Ungluͤcksſtiſtern Ge - wiß ihr eignes Herz wuͤrde dieß nicht zugeben: wenn es ſich ſelbſt gelaſſen waͤre! Schonen ſie aber doch, gnaͤdiger Herr, ſchonen ſie meiner Fraͤulein, ich bitte ſie! Sie polterte auf den Kniee um mich herum: als wenn ich willens ge - weſen waͤre, mich zu der Fraͤulein zu naͤhern, wo ſie mich nicht abgehalten haͤtte.

Jch bezeigte mich unwillig. Fort, du Teu - fel! Dienſtfertiger Teufel, fort! Dieß machte das liebe Kind ſtutzig. Sie reckte den Kopf geſchwinde in die Hoͤhe und zog ihn eben ſo geſchwinde wiederum nieder. Daruͤber ſtieß ſie,X x 5wie698wie ich vermuthe, die Naſe auf die Ecke von dem Stuhl, daß das Blut in Menge herauslief und ſtrohmweiſe die Bruſt herunterfloß: weil ſie zu ſehr erſchrocken war, es zu merken.

Niemals hat wohl ein Menſch ſolches Schre - cken und ſolche Unruhe empfunden, als ich da - mals empfand. Jch ſchloß alſobald, daß ſie ſich mit einem verborgenen Gewehr durchſtochen haͤtte.

Jch rannte in wilder Todesangſt zu ihr Denn Dorcas war vor Schrecken aus allen ih - ren verſtellten Fuͤrbitten gekommen

Was haben ſie gemacht! O was haben ſie gemacht! Sehen ſie auf zu mir, mein liebſtes Leben! Suͤßes, beleidigtes, unſchuldiges Herz, ſehen ſie auf zu mir! Was haben ſie ge - macht! Lange will ich ſie gewiß nicht uͤber - leben. Es fehlte nicht viel, ſo haͤtte ich mei - nen Degen gezogen, mich ſelbſt von der Welt zu bringen: als ich eben gewahr ward Zu was fuͤr einem weichherzigen Toͤlpel macht mich dieß reizende Kind nach ihrem eignen Gefallen! daß alles, was ich fuͤrchtete, nichts mehr als eine blutende Naſe war; welche ihr vielleicht den Kopf und den Verſtand erhalten hat; denn das Blut konnte eine Viertelſtunde lang nicht geſtil - let werden.

Jch ſehe inzwiſchen aus dieſem wunderlichen Falle, daß das liebe Kind im Grunde nur eine recht feige Seele iſt, und daß ich ihr durch Schre - eken die Galle gegen mich benehmen kann, ſo oftich699ich ein ernſthaftes und zorniges Weſen annahm. Aber ich finde auch zugleich, wenn ich mir den Vortheil, den mir dieſes uͤber ſie giebet, an - maße, daß ich ſelbſt ein feiger Tropf bin; wel - ches ich mir ſonſt nicht haͤtte in den Sinn kom - men laſſen: da ich aus Furcht, ſie moͤchte ſich Gewalt thun, ſo leicht habe in Schrecken gera - then koͤnnen.

Der neun und vierzigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.

By allem Widerwillen meiner Geliebten ge - gen mich, laͤßt mich doch mein Herz nicht anders gedenken, als daß ſie zuletzt alles uͤberſe - hen, und ſich, einerley Joch mit mir zu tragen, gefallen laſſen wird. Sollte ſie auch morgen ſterben; und ſie wuͤßte es vorher: wuͤrde wohl ein Frauenzimmer von ihrem Verſtande, von ihrer Bedenklichkeit, unter ihren Umſtaͤnden, von ei - ner ſo ſtolzen Familie, nicht lieber verheyrathet ſterben, als in einem andern Stande? Es iſt kein Zweifel daran: wenn ſie den Mann auch noch ſo herzlich haſſete. Jſt dieß aber: ſo iſt itzo nur ein Mann, den ſie bekommen koͤnnte und das bin ich.

Da700

Da ich nun ſo leichtſinnig von dem Joche - tragen ſchwatze; an vertraute Freunde ſchrei - ben iſt ja nichts anders, Bruder, als ſchwa - tzen: ſo wirſt du fertig ſeyn, das weiß ich gewiß, mich nach meiner Geſinnung uͤber dieſen Punkt zu befragen.

Jch will dir ſo viel von meinem Herzen ſa - gen, als ich ſelbſt davon weiß Wenn ich von ihr bin: ſo kann ich es noch nicht aͤndern, daß ich mich nicht uͤber das Heyrathen bedenken und oft gar dawider entſchließen ſollte. Dann ſetze ich mir vor, meinen Anſchlag, den ich ſo lieb habe, ins Werk zu richten, und ſie zu einem vertraulichen Leben ohne Vermaͤhlung zu bewe - gen. Allein ſo bald ich bey ihr bin: ſage, ſchwoͤ - re und thue ich gern alles, was ihr nach meinen Gedanken am gefaͤlligſten iſt. Ja waͤre nur ein Pfarrer bey der Hand: ſo wuͤrde ich ohne allen Zweifel auf einmal in den Stand hineinplum - pen.

Jch habe oft, bey gemeinen Faͤllen, daran gedacht, was es fuͤr ein Gluͤck fuͤr viele unbe - daͤchtliche Mannsperſonen iſt; es giebt ſo wohl unbedaͤchtliche Mannsperſonen, als unbedaͤchtli - che Maͤgdchen, Bruder, und vielleicht werden je - ne eben ſo oft ins Garn gezogen, als dieſe; daß feſtgeſetzte Gebraͤuche und große Anſtalten zur feyerlichen Vollziehung dieſes unaufloͤslichen Buͤndniſſes erfordert werden, und eine Manns - perſon gemeiniglich Zeit hat, ſich noch zwiſchen dem heiſſen Abend und dem kuͤhlern Morgen zubeſin -701beſinnen. Sonſt wuͤßte ich nicht, wer den an - muthigen Zauberinnen entgehen koͤnnte, deren Zauberkraſt noch dazu durch unſere erhitzte Ein - bildungen ſo ſehr unterſtuͤtzet wird.

Ein Weib kann man alle Tage haben, pflegte ich ſonſt zu ſagen. Jch habe allezeit Vertrauen und Eitelkeit genug gehabt, mir die Gedanken zu machen, daß kein Frauenzimmer auf der Welt mir ihre Hand verſagen koͤnnte, wenn ich nur die meinige hinreichte. Es iſt ein verzweifelter Verdruß fuͤr mich, wenn ich be - finden muß, daß dieſe Fraͤulein mich auf der Lauer ſtehen laſſen, und alle meine ehrlichen Ge - luͤbde ausſchlagen kann.

Was fuͤr Gewalt; vergoͤnne mir eine ernſt - hafte Betrachtung, Bruder! ſie will niederge - ſchrieben ſeyn; was fuͤr Gewalt haben doch boͤſe Gewohnheiten uͤber das menſchliche Gemuͤth! Wenn wir zuerſt einen Abweg betreten: ſo bil - den wir uns ein, es werde in unſerer Macht ſte - hen, wenn wir wollen, wieder zu dem rechten Wege zuruͤckzukehren. Aber es iſt nicht an dem: das ſehe ich augenſcheinlich. Wer kann die Ver - dienſte dieſer liebenswuͤrdigen Fraͤulein, und ſei - ne eigne Fehler beſſer erkennen, als ich? Wer kann eine empfindlichere Reue fuͤhlen, als ich bis - weilen uͤber die Beleidigungen fuͤhle, welche ihr von mir widerfahren ſind? Wer kann einen ſtaͤr - kern Vorſatz haben, dieſe Beleidigungen wieder gut zu machen? Und wie bald gehet gleich - wohl meine Reue voruͤber! Wie werde ichhinge -702hingeriſſen! Kannſt du mir ſagen, wodurch? O Teufel der Jugend und Teufel der Raͤnke, wie verleitet ihr mich! Wie oft endigen wir mit ſolchem Erfolg, der die empfindlichſten Ge - wiſſensbiſſe nach ſich ziehet, was wir mit Ver - meſſenheit und Uebermuth angefangen ha - ben!

Jtzt, da ich dieſes ſchreibe, iſt inzwiſchen der Ausſchlag fuͤr die Ehe. Denn ich verzweifele daran, daß ich meine Abſicht, die mir ſonſt am Herzen liegt, bey ihr erhalten ſollte.

Die Fraͤulein ſagt zu Dorcas, daß ihr das Herz gebrochen ſey, und daß ſie nicht lange mehr leben werde. Jch denke nichts davon: wenn wir heyrathen. Einmal weiß ſie noch nicht, was in einem Stande, dem alle von dem ſchoͤnen Ge - ſchlechte mit großem Vergnuͤgen entgegenſehen, ein ruhiges Gemuͤth ohne Furcht und Sorge uͤber ſie fuͤr Wirkungen haben werde. Wie oft hat ſich die ganze heilige Verſammlung der Car - dinaͤle auf dieſe Art in ihrer Wahl eines Pabſtes betrogen: indem ſie nicht bedacht, daß die neue Wuͤrde an ſich ſchon hinreichend ſey, neues Leben zu geben! Eine Gemuͤthsruhe auf einige Monate wird meiner bezaubernden Schoͤnen ganz andere Begriffe von Dingen beybringen: und ich kann ſicher ſagen, wie ich bereits ſonſt ge - ſagt habe(*)Siehe den XXXV. Brief dieſes Theils.; wenn ich einmal verheyrathet bin, ſo bin ich Zeit Lebens verheyrathet.

Hier -703

Hiernaͤchſt will ich zugeben, daß ihr Stolz in einer Betrachtung gedemuͤthiget ſey: aber ihr Sieg iſt in allen uͤbrigen deſto groͤßer. Da ich nun glauben kann, daß alle ihre Pruͤfungen nichts als ein neuer Zuwachs zu ihrer Ehre ſind, und daß ich den Grund zu ihrem herrlichen Ruhm in meiner eignen Schande geleget habe: darf man mich denn wohl grauſam nennen, wenn ich durch ihren Kummer nicht ſo geruͤhret wer - de, als manche ſeyn wuͤrden?

Und warum ſollte wohl ihr Herz gebrochen ſeyn? Jhr Wille iſt ja unbeſchaͤdigt, unverſeh - ret: Gegenwaͤrtig, es ſey ſonſt, wie es wolle, iſt ihr Wille unbeſchaͤdiget, unverſehret. Wenn gute Gemuͤthsfaſſungen ausgetilget, und zum Verderben des ganzen Herzens boͤſe an ih - rer Stelle eingefuͤhret werden: ſo heißt das be - ſchaͤdigen und verſehren. Daß ihr Wille aber nicht verderbet, daß ihr Gemuͤth nicht erniedri - get ſey, das hat ſie bisher unſtreitig bewieſen. Giebt ſie Gelegenheit zu ferneren Verſuchungen, und haͤlt feſt bey ihrer unbefleckten Tugend: was wird ſie denn wohl fuͤr Vorſtellungen unter - halten koͤnnen, die geſchickt waͤren, ihre guten Grundſaͤtze zu verderben? Was fuͤr Spu - ren, was fuͤr Erinnerungen werden wohl in ih - rer Seele zuruͤckgelaſſen werden, als nur ſolche, die ihr einen Abſcheu vor ihrem Verſucher ein - floͤßen muͤſſen?

Was iſt es denn fuͤr ein Unſinn, zu glauben, daß eine ſolche bloß eingebildete Verletzung, alsſie704ſie gelitten hat, vermoͤgend ſeyn ſollte, den Lebens - faden zu zerſchneiden?

Jhre gottſelige Tugend wird ſie allemal da - fuͤr in Sicherheit ſtellen, ſie mag verheyrathet oder unverheyrathet ſeyn, daß ein ſo geringer Zu - fall, ein ſolches nicht freywilliges Leiden zu ih - rem Verderben gereichen ſollte.

Dieſe, und dergleichen Betrachtungen ſind es, die mich gegen alle Furcht vor eingebildet - ſchreckhaften Folgen verwahren. Jch wollte wuͤnſchen, daß ſie auch bey dir einiges Gewicht haben moͤchten: da du ein ſo tapferer Vertheidi - ger fuͤr ſie biſt. Jedoch dieß gebe ich dir zu, daß ſie in der That zu viel daraus machet, daß ſie es zu ſehr zu Herzen nimmt. Gewiß ſie haͤtte es itzo ſchon vergeſſen ſollen: es waͤre denn, daß die unvergleichliche, unvergleichliche Folge kaͤme, die ich noch immer in Hoffnung erwarte, wenn ich auch nicht weiter gehen ſollte. Und fuͤrchtet ſie ſich ſelbſt davor, ſo hat die liebe und allzu zaͤrtliche Seele einige Urſache, es ſo ſehr zu Her - zen zu nehmen. Jedoch, denke ich, wuͤrde ſie ſich alsdenn wohl nicht weigern, ſich zu einer recht - maͤßigen Frau und Mutter machen zu laſſen.

O Bruder! haͤtte ich eine Kayſerkrone: ich ſchwoͤre dir zu, ich wollte ſie hingeben, ſo gar meinem Feinde; wenn ich nur ein ſchoͤnes Buͤb - chen von dieſer Fraͤulein haben ſollte. Und ſoll - te ſie mir entkommen, aber doch keine ſolche Wirkung erfolgen: ſo wuͤrde meine Rache an ihrer Familie, und, in dem Falle, an ihr ſelbſtunvoll -705unvollkommen ſeyn; und ich wuͤrde mir, ſo lange ich lebte, einen Vorwurf machen.

Waͤre ich verſichert, daß dieſer gute Grund geleget ſey; und warum ſollte ich es nicht hoffen? ſo wuͤrde ich nicht daran zweifeln, ſie noch auf meine eigne Bedingungen zu bekommen; wenn ſie ihre Gnadenzeit verſaͤumen ſollte. Jch wuͤr - de mir unter dieſen Umſtaͤnden auch gar keine Zweifel einfallen laſſen, ob in ihr diejenige Zu - neigung wieder lebendig geworden ſeyn moͤch - te, die bey einer Weibsperſon gegen den Vater ihres erſten Kindes, es mag in oder außer der Ehe gebohren ſeyn, ſelten ausbleibet.

Jch bitte dich, Bruder, bedenke dieſe groß - muͤthige Geſinnung. Erlaube mir, ſie einen unterſcheidenden Vorzug an mir vor andern lie - derlichen Bruͤdern zu nennen, die faſt alle bloß ihren Neigungen folgen, ohne ſich um die Folgen zu bekuͤmmern: nicht anders, als der ſtrotzig ein - hergehende und treuloſe Vogel, der von einer ge - fiederten Schoͤnheit zur andern flieget, ſeinem ge - bieteriſchen Vergnuͤgen genug zu thun, und es ſeinen glatten Buhlſchaften uͤberlaͤſſet, die Frucht in Hoͤlen und Winkeln, welche ſie ſelbſt auf - geſuchet haben, auszubruͤten.

Fuͤnfter Theil. Y yDer706

Der funfzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Nunmehr, Bruder, ſtehen wir auf einem an - dern Fuße mit einander. Dieſe Schoͤne will mich nicht gut haben. Sie rechtfertigt itzo alle meine Raͤnke durch ihr eignes Bey - ſpiel.

Du mußt im hoͤchſten Grade parteyiſch ſeyn: wo du mir nun Vorwuͤrfe machſt, daß ich meine vorigen Anſchlaͤge wieder ins Werk zu richten ſuche; da ich in dem Falle nur ihrem Leitfaden folgen werde. Jch mache keine gezwungene Deutung von ihrem Thun, unter dieſen Umſtaͤn - den, daß ich etwa eine boͤſe Sache oder eine boͤſe Abſicht zu rechtfertigen ſuchen ſollte. Es iſt wahr, der Wolf brauchte nur einen keinen Vor - wand, wenn er dem Lamme etwas anhaben woll - te: aber ſo iſt es itzo nicht mit mir.

Denn, haͤtteſt du es wohl geglaubt? da ſie ſich der Dorcas mitleidiges Gemuͤth, und einige feurige Ausdruͤckungen, welche die weichherzige Magd gegen die Grauſamkeit der Mannsperſo - nen ausgeſtoſſen, zu Nutze machet, und wuͤnſchet, daß es in ihrer Gewalt ſtehen moͤchte, ihr zu die - nen: ſo hat ſie ihr die folgende Handſchrift ge - geben, und mit ihrem Geburtsnamen unterſchrie -ben;707ben; weil ſie es fuͤr dienlich gehalten, der mitlei - digen Dorcas mit ausdruͤcklichen und klaren Worten zugeſtehen, daß ſie nicht verheyrathet iſt.

Jch Endes unterſchriebene verſpreche hie - durch, wenn ich zu dem Beſitz meines eignen Gutes gelange, Dorcas Martindale auf eine anſtaͤndige Weiſe in meinem eignen Hauſe zu verſorgen: oder, wofern ich nicht bald zu dem Beſitze kommen, oder vorher ſterben ſollte, verbinde ich hiedurch mich ſelbſt, und diejenigen, denen die Vollzie - hung und Verwaltung des mir zugefalle - nen Vermaͤchtniſſes oblieget, ihr, oder dem, den ſie dazu beſtellen wird, ſo lange ſie le - bet, an jedem der vier gewoͤhnlichen Qua - tember im Jahr, fuͤnf Pfund St. das iſt, jaͤhrlich zwanzig Pſund, zu bezahlen; un - ter der Bedingung, wenn ſie mir bey mei - ner Flucht aus einer unrechtmaͤßigen Ge - fangenſchaft, worunter ich itzo ſeufze, treu - lich beyſtehet; und ſoll die erſte Quartal - zahlung nach Verlauf dreyer Monate, un - mittelbar von dem Tage meiner Befrey - ung an gerechnet, faͤllig ſeyn. Auch ver - ſpreche ich, zum Zeugniſſe, daß bey meiner Ehre das Uebrige erfuͤllet werden ſoll, ihr den diamantenen Ring zu geben, welchen ich ihr gezeiget habe. Zur BeſcheinigungY y 2gebe708gebe ich hiemit meine Hand, den 19ten Jun. des obengenannten Jahres.

Clariſſa Harlowe.

Nun, Bruder, was ſoll ich mit einer ſo lie - ben Betruͤgerinn, die mir die Leute beſticht, fuͤr Maaßregeln beobachten? Was meyneſt du? Siehſt du nicht, wie ſie mich haſſet? Siehſt du nicht, daß ſie ſich feſt vorgeſetzet hat, mir nim - mermehr zu vergeben? Siehſt du nicht, bey dem allen, daß ſie ſich ſelbſt in den Augen der Welt ſchaͤnden muß, wenn ſie wirklich entkom - men ſollte? Daß ſie unſaͤglichem Ungluͤck, unſaͤglicher Gefahr unterworfen ſeyn muß? Denn wen hat ſie, der ſie aufnehmen und ſchuͤ - tzen moͤge? Und dennoch entſchließet ſie ſich, es auf alle dieſe Gefahr zu wagen! Ja, was noch mehr iſt, verfaͤllt auf niedrige Kunſtgriffe, und macht ſich des herrſchenden Laſters unſerer Zeiten, der Verblendung durch Geld, der Beſte - chung, ſchuldig! O Bruder, Bruder! ſage, ſchreibe mir nicht ein Wort mehr zu ihrem Be - ſten.

Du haſt mir verwiefen, daß ich ſie in dieß Haus gebracht habe. Allein haͤtte ich ſie in ir - gend ein anderes Haus in England gefuͤhret, wo nur ein Bedienter oder Einwohner geweſen waͤ - re, der ſich entweder haͤtte zum Mitleiden be - wegen, oder beſtechen laſſen koͤnnen: was wuͤrde nothwendig erfolget ſeyn?

Siehſt709

Siehſt du aber nicht, daß die unverſoͤhnliche Schoͤne gleichwohl bey dieſer ſchlechten Erfin - dung, wie ein Menſch, der erſaufen muß, nur nach einem Strohhalm greife, ſich zu retten! Sie ſoll finden, daß ſie nur zu einem Stroh - halm ihre Zuflucht genommen habe.

Der ein und funfzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Jehr uͤbel! Ausnehmend uͤbel! wie mir Dorcas ſagt, damit ſie mich nicht ſe - hen und ſprechen duͤrfe Jedoch in ihrem Ge - muͤthe mag ſich die liebe Seele wohl ſo befinden Aber iſt das nicht Zweydeutigkeit? Jn eines jeden Menſchen eigner Bruſt wohnt eine oder die andere herrſchende Leidenſchaft, welche durch alle gute Grundſaͤtze bricht und einen jeden hinreiſſet. Bey mir iſt es Liebe und Rache, die mit einander abwechſeln. Bey ihr iſt es Haß Dieß iſt noch mein Troſt, daß der Haß, ſo bald er ſich leget, ein Anfang zur Liebe iſt; oder vielmehr, in dieſem Fall, eine Erneue - rung der Liebe: wofern hier jemals Liebe Platz gehabt hat.

Allein wir wollen unſere Betrachtungen beyſeite ſetzen. Du ſiehſt, Bruder, ihr AnſchlagY y 3wird710wird bald ins Werk gerichtet werden. Morgen ſoll er ausbrechen.

Jch bin aus geweſen, einen Gegenanſchlag auf die Bahn zu bringen, der ihr das Ziel ver - ruͤcke. Nun ſteht alles gut, Belford!

Jch beſtand darauf, daß ich meine unpaͤßli - che Schoͤne beſuchen wollte. Dorcas ſuchte ſie mit vieler Geſaͤlligkeit zu entſchuldigen. Jch fluchte auf die Magd wegen ihrer Unverſchaͤmt - heit, ſo laut, daß ſie es hoͤren konnte; ſtampfte mit den Fuͤßen, und machte ein Gepolter, welches bey der Fraͤulein ſo gar die Furcht erreg - te, ich wuͤrde ihre getreue Vertraute die Treppe hinuntergeſtoßen haben.

Er iſt ein ungeſtuͤmer Boͤſewicht! Aber Dorcas; liebe Dorcas heißt es nun; du ſollſt an mir bis an mein Ende eine Freundinn ha - ben.

Und was fuͤr einen Namen, denkſt du wohl, hat itzo ihr guter Engel? Dorcas Mar - tindale; nicht mehr Wykes; wie du aus der Handſchrift in meinem vorigen Briefe ſieheſt. Sie iſt eine Chriſtinn und mehr Das liebe Kind hat ſie, außer dem Bande des aͤußerlichen Vortheils, auch durch die feyerlichſten Ver - pflichtungen an ſich verbunden.

Wohin gedenken ſie zu gehen, gnaͤdige Fraͤu - lein: wenn ſie aus dieſem Hauſe kommen?

Jch will in das erſte Haus fliehen, das ich offen finde, und um Schutz bitten, bis ich eineKutſche,711Kutſche, oder einen Aufenthalt in einer guten und ehrlichen Familie antreffen kann.

Wie wollen ſie es mit den Kleidern machen, gnaͤdige Fraͤulein? Jch vermuthe, ſie wer - den keine andern mit ſich nehmen koͤnnen, als die ſie anhaben werden.

O, was frage ich nach Kleidern: wenn ich nur aus dieſem Hauſe kommen kann!

Wie wird es mit dem Gelde werden, gnaͤdi - ge Fraͤulein? Jch habe wohl gehoͤrt, daß ſich der gnaͤdige Herr daruͤber beklaget hat, daß er ſie nicht bewegen koͤnnte, ihm desfalls einige Verbindlich - keit zu haben, ob er gleich beſorgte, ſie muͤßten ſehr wenig mehr uͤbrig haben.

O, ich habe Ringe und andere Koſtbarkeiten. Es iſt wahr, ich habe nur noch vier Guineen: und zwo davon fand ich neulich in einem kleinen Stuͤck von Spitzen eingewickelt, weil ſie zu ei - nem Liebesdienſt beſtimmt waren; aber nun, lei - der! muß die Liebe bey mir ſelbſt anfangen. Je - doch iſt mir noch eine werthe Freundinn uͤbrig, wo ſie annoch lebet, wie ich in Gott hoffe, der ich verbunden ſeyn kann, wenn ich zu kurz kom - me. O Dorcas, ich muͤßte ſchon eher von ihr Nachricht haben: wenn ich freye Haͤnde gehabt haͤtte.

Jn Wahrheit, gnaͤdige Fraͤulein, ſie ſind ſehr uͤbel daran. Jch bedaure ſie von ganzem Her - zen.

Jch danke euch, Dorcas! Es iſt mein Ungluͤck, daß ich nicht eher bedacht habe, daß ichY y 4zu712zu deinem mitleidigen Gemuͤthe und deinem Ge - ſchlechte ein Vertrauen haben moͤchte.

Jch habe ſie oft und vielfaͤltig bedauret, gnaͤ - dige Fraͤulein: aber ſie waren allezeit mistrauiſch gegen mich, wie es mir vorkam. Und dann zweifelte ich nicht, ſie wuͤrden verheyrathet ſeyn, und glaubte, ſie begegneten dem gnaͤdigen Herrn unfreundlich. Daher hielte ich es fuͤr meine Schuldigkeit, vielmehr dem gnaͤdigen Herrn, als ihrem wunderlichen Sinne, wie ich es anſahe, gnaͤdige Fraͤulein, wohlzuwollen. Haͤtte ich doch nur eher gewußt, daß ſie nicht verheyrathet waͤren! Solch eine Fraͤulein! von ſol - chem Stande und Vermoͤgen! ſoll auf ei - ne ſo betruͤbte auf eine ſo verraͤtheriſche Weiſe be - ruͤckt ſeyn!

Ach Dorcas! ich bin auf eine ſchaͤndliche Art ins Garn gezogen worden! Meine Jugend! Meine wenige Kenntniß der Welt! Und ich habe mir ſelbſt eines und das andere vorzu - werfen: wenn ich zuruͤckgedenke!

O Himmel, gnaͤdige Fraͤulein, was fuͤr be - truͤgeriſche Creaturen ſind dieſe Mannsleute! Weder Eidſchwuͤre, noch Geluͤbde! Jch weiß es nur allzu wohl! Jch weiß es nur allzu wohl! Und hiebey rieb ſie ein halb Dutzent male rechtſchaffen ihre Augen mit der Schuͤrze Jch mag die Zeit wohl verfluchen, da ich in dieß Haus gekommen bin!

Dieſes war der Deckmantel fuͤr ihre unver - ſchaͤmten Augen! Waͤre es nicht beſſer geweſen,daß713daß ſie ein Haus, wovon ihre Fraͤulein nicht aͤr - gere Gedanken haben konnte, als ſie ſelbſt aͤußer - te, ganz aufgegeben haͤtte, damit ſie fuͤr aufrich - tig angeſehen wuͤrde, als daß ſie durch eine ſchein - bare Vertheidigung deſſelben ihre angebotene Dienſte verdaͤchtig machte?

Arme Dorcas! Wie gluͤcklich ſind wir, die wir unſere ganze Lebenszeit auf dem Lande zubringen! Wie wenig wiſſen wir von dieſer gottloſen Stadt.

Haͤtte ich ſchreiben koͤnnen, rief die altklu - ge Hexe, ſo wuͤrde ich gewiß einigen von meinen andern nahen Verwandten, die ich in Wallis habe, einen kleinen Wink gegeben haben, wie die Sachen ſtehen; ſie wuͤrden mich gerettet ha - ben von von von

Jhr Gluchſen war genug. Die Weibsleute befuͤrchten in dieſen Faͤllen allezeit etwas, ehe es ihnen noch geſagt wird.

Sie gluchſete immer fort, und hub ihre Schuͤrze wieder zum Geſichte. Sie hat mir ge - zeigt, wie ſie es machte.

Arme Dorcas! ſprach jene, und wiſchte ſelbſt ihre ſchoͤnen Augen.

Dieß liebe Kind iſt voller Liebe und Mitleiden gegen einen jeden Bedraͤngten, nur nicht gegen mich.

Wollte denn eine Tante ihre eigne Anver - wandtinn nicht ſchuͤtzen? Ein abſcheuliches Weib!

Y y 5Jch714

Jch kann nicht Jch kann nicht Jch kann nicht anders ſagen, als daß meine Tante nicht Theil daran hatte. Sie gab mir gute Lehren. Sie wußte lange Zeit nicht, daß ich daß ich daß ich uh! uh! uh!

Nichts mehr, nichts mehr, gute Dorcas! O! in was fuͤr einer Welt leben wir! Jn was fuͤr einem Hauſe bin ich! Aber komme nur, weine nicht Und gleichwohl konnte ſie ſich ſelbſt nicht enthalten Es kann vielleicht ein Gluͤck fuͤr dich ſeyn, daß ich, ob gleich zu meinem eignen Verderben, verraͤtheriſcherweiſe hierher gebracht bin. Wo ich lebe: ſoll es ſo ſeyn.

Jch danke ihnen, gnaͤdige Fraͤulein, verſetzte ſie weinend, mit aufgeblaſenen Backen. Es iſt mir leid, recht leid, daß ſie es ſo uͤbel getroffen haben: allein es mag zur Wohlfarth meiner See - le gereichen; wenn ich zu ihrer Gnaden ins Haus kommen kann Haͤtte ich nur gewußt, daß ſie nicht vermaͤhlet waͤren, ich wollte mir eher die Finger abgebiſſen haben, als, als, als

Dorcas gluchſete und weinte. Die Fraͤu - lein ſeufzete, und weinte auch.

Nun aber erlaube mir, Bruder, uͤber das vorhergehende eine ernſthafte Betrachtung anzu - ſtellen.

Wie wollen es die Frommen erklaͤren, daß der Satan ſo getreue Werkzeuge hat, und daß das Band der Bosheit weit ſtaͤrker iſt, als die Bande der Tugend? Nicht anders, alswenn715wenn es die Natur des menſchlichen Gemuͤths waͤre, boͤſe und gottlos zu ſeyn. Denn waͤre hier Dorcas fromm geweſen, und zu irgend einem Boͤſen ſo verſuchet worden, wie ſie verſuchet ward, ſo zweifele ich im geringſten nicht, ſie wuͤrde von der Verſuchung hingeriſſen ſeyn.

Kann unſere Bruͤderſchaft nicht in hundert Faͤl - len Proben davon geben, daß das Laſter die Herr - ſchaft uͤber die Tugend hat, und daß wir zum Dienſte und zur Befoͤrderung des erſtern mehr gewaget haben, als jemals ein Frommer zum Dienſte eines Frommen, oder einer guten Sache, gethan? Haben wir nicht Leben und Gluͤck ver - ſchwenderiſch daran geſetzet? Haben wir nicht bey Gelegenheit der buͤrgerlichen Obrigkeit Trotz geboten, Gefaͤngniſſe zu ſtuͤrmen verſuchet, und alles kuͤhnlich unternommen, bloß eine eingezogne und leichtfertige Perſon frey zu machen?

Woher kann dieß wohl kommen, Bruder?

O ich weiß es ſchon, wie ich glaube. Die Laſterhaften ſind ſo arg, als ſie ſeyn koͤnnen: und treiben des Teufels Werk, ohne zuruͤckzudenken. Unterdeſſen ſtellet er ſeine Netze beſtaͤndig nach den uͤbrigen aus: und waͤhlet, wie ein geſchickter Angler, ſolche Lockſpeiſen, die ſich fuͤr die Fiſche ſchicken, nach welchen er angelt.

Es duͤrfen auch die ſo genannten ehrlichen Leute der armen Dorcas keinen Vorwurf machen, daß ſie ſich in einer boͤſen Sache ſo getreu bewie - ſen hat. Denn thut nicht ein General, der einem ehrgeizigen Fuͤrſten auf eine verdeckte Art in ſei -nen716nen ungerechten Abſichten gegen ſeine Nachbarn, oder gegen ſeine unterdruͤckte Unterthanen dienet: thut nicht ſelbſt der Rechtsgelehrte, der um ei - nes ſchnoͤden Gewinnſtes willen eine ſchwarze Sache weiß zu machen, und gegen einen andern, von dem er weiß, daß er fromm und rechtſchaffen iſt, zu vertheidigen unternimmt, eben das, was Dorcas gethan hat? Und ſind nicht beyde in al - len Stuͤcken eben ſo ſtrafwuͤrdig? Dennoch wird der eine zu einem Helden und Ritter geſchlagen: der andere zu einem vortrefflichen Manne ge - macht werden; zu einem Manne, um den ſich alle Clienten zanken; und ſeine zweydeutige Ge - ſchicklichkeit wird ihn mit Ruhm und Beyfall durch alle große Ehrenſtellen in den Rechten hin - durchfuͤhren.

Genug hievon. Was iſt aber zu thun: da die Fraͤulein ſo feſt darauf beſtehet, fortzugehen? Jſt kein Mittel, daß man ihr willfahren, und doch ihr Unternehmen ſelbſt zur Befoͤrde - rung meiner Abſichten lenken koͤnnte? Jch bilde mir ein, daß ein ſolches Mittel ausfuͤndig zu machen ſey.

Jch will darauf ſinnen

Geſetzt, ich leide es, daß ſie die Flucht nimmt. Jhr ganzes Herze iſt darauf gerichtet. Setzet ſie es nun wirklich ins Werk: ſo wird der Sieg, den ſie dadurch uͤber mich erhalten wird, alles, was ſie gelitten hat, uͤberwiegen.

Jch will ihr darinn zu Gefallen ſeyn: wo es moͤglich iſt.

Der717

Der zwey und funfzigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Johann Belford.

Da ich durch eine lange Folge ermuͤdender Ta - ge und ſchlafloſer Naͤchte, und durch die Betrachtung der bloß auf Bitten und Betteln hinauslaufenden Verfaſſung, worinn ich mit mei - ner Geliebten ſtehe, muͤde und verdrieslich gemacht war: ſo fiel ich in tiefe Gedanken. Aus dieſen ward ein Schlaf: und aus dem Schlafe ein Traum; ein gluͤcklicher Traum, der meinem wirkſamen Gemuͤthe, wie ich mir vorſtelle, die Mittel zeigen wird, den gefaͤlligen, aber zweyfa - chen Vorſatz, ins Werk zu richten, der mir itzo noch einmal ſo ſehr am Herzen lieget.

Was iſt doch der Genuß des ſchoͤnſten Frau - enzimmers in der Welt, dieß habe ich oft erwo - gen; gegen die kuͤnſtliche Erfindung, die ange - nehme Unruhe, die unerwarteten Veraͤnderungen, und zuletzt den gluͤcklichen Ausgang von einem wohlgeſpielten Streiche? Die reizenden Um - wege, wodurch man ſich am naͤheſten geht, die Zweifel, die Furcht, das Herzklopfen, die vorgeſetzten Siege, ſind die Ergoͤtzungen, welche uns das erwuͤnſchte Gut theuer und werth ma - chen. Denn was iſt alles uͤbrige? Was anders, als daß man einen Engel, nach der Ein - bildung, verſchwunden, und, nach der wahren Be -ſchaffen -718ſchaffenheit, zu einer Weibsperſon erniedriget findet? Jedoch ich muß auf meinen Traum kommen.

Es kam mir vor, als wenn es Mittwochens fruͤhe um neune war, da eine Kutſche mit dem Wagen einer adlichen Witwe auf den Schlaͤgen, und in derſelben ein anſehnliches ehrbares Frau - enzimmer; das dem Geſichte nach der Mutter H. nicht unaͤhnlich war, aber o! wie unaͤhnlich, nach dem Herzen! vor eines Gewuͤrzhaͤndlers Laden, etwa zehn Haͤuſer von hier an der andern Seite der Gaſſe, ſtille hielte, um einige Gewuͤrz - waaren einzukaufen. Dorcas, die ausgegangen war, und ſehen wollte, ob ihre Fraͤulein einen freyen Weg zur Flucht hatte, und ob in der Naͤ - he eine Kutſche zu haben waͤre, ſchien mir dieſe Kutſche mit dem Wapen der adlichen Witwe, und die ehrbare Frau in derſelben, aufzuſpuͤren. Was that Dorcas, dieſe liſtige Verraͤtherinn! Mich deuchte, ſie ſprang hinauf zu der alten ehr - baren Frau, und ſagte mit erhabner Stimme: Erlauben ſie mir, gnaͤdige Frau, ein Wort mit ihrer Gnaden zu reden.

Sage, was du mir zu ſagen haſt, ſprach die Alte. Der Gewuͤrzhaͤndler ging inzwiſchen auf die Seite, und blieb in der Ferne ſtehen, damit Dorcas frey vor ihm reden koͤnnte. Dieſe brach - te ihr Wort ohngefaͤhr auf folgende Art an.

Sie ſcheinen mir von ſehr gutem Gemuͤthe zu ſeyn, gnaͤdige Frau: und hier in der Nach - barſchaft, in einem Hauſe von nicht gar zu gutem Rufe,719 Rufe, iſt ein unſchuldiges Frauenzimmer von Stand und Vermoͤgen; ſchoͤn wie ein ange - nehmer Morgen in dem May; jung wie ein Roſenknoͤspgen und vollkommen ſo anmuthig und liebenswuͤrdig. Sie iſt durch Liſt von ei - nem gottloſen Cavallier, der um alle Schliche in der Stadt weiß, hierher gebracht, und wird noch dieſe Nacht zu einem Opfer werden muͤſ - fen, wo ſie nicht aus ſeinen Haͤnden entwiſchet. Wenn ſie nun, gnaͤdige Frau, dieſe junge Fraͤu - lein, an welcher ſie bey dem erſten Anblick Ur - ſache finden werden, alles, was ich ſage, zu glau - ben, an ihrem Mitleiden und ihrer Guͤte Theil haben laſſen, ihr nur einen Platz in ihrer Kut - ſche vergoͤnnen, und ſie bloß auf einen Tag, bis ſie an ihre reiche und maͤchtige Freunde einen Bothen zu Pferde abſenden kann, in ihrem Schutz behalten wollen: ſo werden ſie ein Frau - enzimmer aus dem Verderben erretten, das an Tugend ſo wohl, als an Schoͤnheit, ihres glei - chen nicht hat.

Die alte Matrone, wie es mir vorkam, ward durch die Erzaͤhlung der Dorcas geruͤhret. Eile, gutes Maͤgdchen, antwortete ſie; du biſt zu ei - ner gluͤcklichen Stunde gekommen: da du mir Gelegenheit giebeſt, der Unſchuld und Tugend dienen zu koͤnnen: welches mir allezeit ein Ver - gnuͤgen geweſen iſt. Eile zu dieſer jungen Fraͤulein und laß ſie ohne einigen Verzug hier - her zu mir kommen. Sage ihr, daß meine Kutſche ihr zu einer ſichern Zuflucht dienen ſolle. Wofern720 Wofern ich alles wahr befinde, was du ſageſt: ſo ſoll mein Haus ein Heiligthum fuͤr ſie ſeyn; und ich will ſie gegen alle ihre Verfolger ſchuͤtzen.

Hierauf eilte die verraͤtheriſche Dorcas zu der Fraͤulein zuruͤck, und gab ihr Nachricht, was ſie gethan haͤtte. Mich deuchte, die Fraͤulein billigte ihr Verfahren vollkommen, und wuͤnſchte ihr fuͤr ihren guten Gedanken Heil und Segen.

Jch aber erhub meine Augen, und ſahe die Fraͤulein aus dem Hauſe herausgehen, und, oh - ne zuruͤckzuſehen, an die Kutſche mit dem Wap - pen der adlichen Witwe rennen. Die Matrone empfing ſie mit offenen Armen. Willkommen, willkommen, willkommen, ſchoͤne Fraͤulein, die mit der Beſchreibung des getreuen Maͤgdchens ſo wohl uͤbereinſtimmet. Jch will ſie den Au - genblick in mein Haus fuͤhren, wo ſie alle gute Bewirthung, die ſie nur wuͤnſchen koͤnnen, an - treffen ſollen: bis ſie ihren reichen und maͤchti - gen Freunden von der ausgeſtandenen Gefahr und ihrer gegenwaͤrtigen Errettung Nachricht geben koͤnnen.

Jch danke ihnen, danke ihnen, danke ih - nen, danke ihnen, wuͤrdigſte Frau, daß ſie einer jungen und hoͤchſtungluͤcklichen Perſon, die ſchaͤndlich verfuͤhret und betrogen, ja bis an den Rand des Verderbens gebracht iſt, ſo freund - lich ihren Schutz anbieten.

Die Matrone befahl darauf, weil ſie unter der Zeit, da die Fraͤulein zu ihr kaum, die noͤthi -gen721gen Waaren gekauft und bezahlt hatte, dem Kut - ſcher eiligſt zu Hauſe zu fahren, der nicht eher ſtille hielte, als bis er in eine gewiſſe Gaſſe kam, nicht weit von der Gegend(*)Von dem Gebaͤude Lincolns-Jnn ſiehe den IV. Th. S. 162. in der Anmerkung. von Lincolns-Jnn. Da hatte die ehrbare Witwe eine koſtbare Woh - nung, voller Jungfern, die vortrefflich in Muſ - ſelin, Camericher, und anderer feinen Leine - wand, arbeiteten, und ſich auf alle, fleißigen Jungfern angenehme und anſtaͤndige Art, nur nicht mit Weben und Spinnen, beſchaͤfftigten.

Den ganzen Weg uͤber, ſo lange die junge Fraͤulein und die alte Matrone fuhren, und, nach - dem ſie zu Hauſe gekommen waren, bis die Mit - tagsmahlzeit angerichtet war, brachte die Fraͤu - lein die Zeit mit der ſchrecklichen Erzaͤhlung von ihrem Ungluͤck und Leiden zu, dergleichen niemals das Ohr eines Sterblichen gehoͤrt hatte. Sie erzaͤhlte alles auf eine ſo bewegliche Art, daß die gute Matrone nichts that als weinen, ſeufzen, gluchſen und ſchelten. Sie ſchalt auf die Raͤn - ke gottloſer Mannsperſonen, und auf den abſcheu - lichen Ritter Lovelace. Der war nach ihrem Ausdruck, wie mich dauchte, ein ſchaͤndlicher Kaͤnkeſchmieder, und, noch mehr als dieß, ein aus ſeinen Ketten losgelaſſener Beelzebub.

Es kam mir vor, als wenn ich in einer ſchrecklichen Todesangſt war: da ich fand, daßdieFuͤnfter Theil. Z z722die Fraͤulein davon gegangen ſey. Jn meinem Zorn haͤtte ich beynahe Dorcas, unſere Mutter, und alle, die mir in den Weg kamen, erſchlagen. Aber durch einen geſchwinden Wechſel, und eine wunderliche Verwandelung, wovon man in Traͤu - men nicht allemal den eigentlichen Grund antrifft, ſtellte ſich mir dieſe Matrone, auf einmal veraͤn - dert, in der Geſtalt der beruͤchtigten Mutter H. dar, und ließ ſich bereden, als eine alte Bekannte von Mutter Sinclair, mir in meinem Anſchlage auf die junge Fraͤulein beyzuſtehen.

Dann folgte ein ſeltſames Schauſpiel. Weil Mutter H. großes Verlangen hatte, mehr von der Geſchichte der jungen Fraͤulein zu hoͤren, und es Nacht war: ſo bat ſie dieſelbe, ſich einen Platz in ihrem eignen Bette gefallen zu laſſen, damit ſie von allem unter ſich allein ſchwatzen koͤnnten. Denn es hatten ſie, wie mich dauchte, zwo junge Baſen von ihr mitten in der ſchrecklichen Erzaͤh - lung uͤberfallen und geſtoͤret.

Alſo gingen ſie fruͤhe zu Bette. Die trau - rige Geſchichte ward wieder vorgenommen, und mit eben ſo großem Eifer an der einen, als Auf - merkſamkeit an der andern Seite, verfolget. Ehe die junge Fraͤulein weit in ihrer Erzaͤhlung ge - kommen war: ſtieß der Mutter H. ein Anfall von der Colik zu. Weil die Schmerzen zunah - men: ſo ward ſie genoͤthigt aufzuſtehen, und ſich einen Staͤrkungstrank zu holen, den ſie in dieſer Krankheit, womit ſie ungluͤcklicher Weiſe oft ge - plaget war, bewaͤhrt gefunden hatte.

Nach -723

Nachdem ſie aufgeſtanden und in ihr Cloſet gegangen war, dauchte mich, daß ſie auf dem Ruͤckwege den Wachsſtock fallen ließ. Und, o eine noch ſeltſamere Verwandelung, als die vori - ge! was fuͤr unbegreifliche Dinge ſind die Traͤu - me! da ſie im Finſtern wieder zu Bette kam: fand die junge Fraͤulein, zu unſaͤglichem Erſtau - nen, Kummer und Schrecken, die Mutter H. in eine junge Perſon von dem andern Geſchlechte verwandelt. Ob nun gleich Lovelace derjenige war, den ihre Seele verabſcheuete: ſo gereichte es ihr doch zu einigem Troſte, weil ſie beſorgte, es moͤchte eine andere Perſon ſeyn, als ſie befand, daß es kein anderer, als er ſelbſt, und daß ſie nur noch von einem und eben demſelben Manne die Beyſchlaͤferinn geweſen waͤre.

Nun folgte eine wunderliche und verwirrte Miſchung von abendtheurlichen Begebenheiten. Die Auftritte veraͤnderten ſich in dieſem Schau - ſpiel beſtaͤndig. Jtzt hoͤrte man von der Fraͤu - lein nichts als Seufzen, Winſeln, Ausrufen, Ohnmaͤchtigwerden, Sterben : von dem Ca - vallier nichts, als Geluͤbde, Verſprechungen, Be - theurungen, Entſagungen von verfolgten Anſchlaͤ - gen, und alle in den Liebeskriegen gewoͤhnliche, theils gelinde, theils ſcharfe Zuredungen.

Bald, ſo geſchwinde als die Gedanken ein - ander treiben; denn Traͤume, weißt du wohl, bin - den ſich nicht an die Regeln der Schauſpiele; er - folgte Geneſung, Niederkunft, Kindtaufe: undZ z 2da724da war das laͤchelnde Buͤbchen, welches das Lei - den der Mutter, ſelbſt in ihren eignen Gedan - chen, reichlich belohnte.

Dann ward des Großvaters Gut, das vor - her ſchon aufgegeben war, in Beſitz genommen Auf demſelben lebte ſie vollkommen gluͤcklich. Jhre geliebte Norton leiſtete ihr Geſellſchaft: Fraͤulein Howe beſuchte ſie fleißig, und war in den Stand geſetzet; ſchoͤn! wunderſchoͤn! daß ſie Urſache hatte, gemeinſchaftlich mit ihr Rath zu pflegen. Sie hatte ein reizendes Maͤgd - chen, von eben dem Vater, fuͤr das reizende Buͤb - chen ihrer Freundinn. Da beyde hervorgewach - ſen waren: heyratheten ſie einander, damit die Freundſchaft ihrer Mutter noch mehr befeſtiget wuͤrde; denn bey Traͤumen kommt die Bluts - freundſchaft niemals in Betrachtung; und ver - aͤnderten durch einen Parlamentsbrief ihre Na - men, um zu dem Beſitze meines Gutes zu gelan - gen Jch weiß nicht, was noch mehr von dergleichem wunderlichen Zeuge vorkam.

Jch erwachte, wie du dir leicht vorſtellen kannſt, in großer Verwirrung, und freuete mich, daß ich meine bezaubernde Schoͤne in dem naͤch - ſten Zimmer, und Dorcas treu und ehrlich fand.

Nun wirſt du ſagen, dieß ſey ein recht unge - reimter Traum geweſen. Aber es iſt gleichwohl nicht ganz unwahrſcheinlich; denn ich bin ein wunderlicher Traͤumer; daß etwas aͤhnliches vor - gehen moͤge: da das einfaͤltige Kind die Schwach -heit725heit hat, auf Dorcas ein Vertrauen zu ſetzen, die ihr doch, bis itzo, gar nicht angeſtanden.

Allein ich habe dir ein Stuͤck von meinem Traum zu erzaͤhlen vergeſſen: und das war die - ſes. Den naͤchſtfolgenden Morgen ließ die Fraͤulein ſich von Traurigkeit und Unwillen ſo weit hinreißen, daß es Muͤhe koſtete, ſie von ei - ner Gewaltthaͤtigkeit gegen ſich ſelbſt abzuhalten. Jnzwiſchen ward ſie doch endlich gewonnen, daß ſie ſich entſchloß, am Leben zu bleiben, und ſich ſo gut, als moͤglich, in die Sache zu ſchicken. Ein Brief von dem Capitain Tomlinſon, dauchte mich, half ſie zufrieden ſprechen. Jn demſel - ben ward mir gemeldet, daß ihr Onkel Harlowe gewiß am Mittwochen, Abends, den 28ten Jun. zu Kenntiſch-Town ſeyn wollte: weil der folgen - de Tag, der 29te Jun. ſein Geburtstag waͤre; und er in der Betrachtung ein doppeltes Verlan - gen truͤge, unſere Vermaͤhlung alsdenn in ſeiner Gegenwart in geheim vollzogen zu ſehen.

Jſt denn aber der Donnerſtag, der 29te, wirklich ihres Onkels Geburtstag? Mich deucht, du frageſt darnach. Allerdings iſt er es: ſonſt ſollte der Vollziehungstag fruͤher eingefallen ſeyn. Vor dreyen Wochen habe ich es ſelbſt von ihr gehoͤret. Jch weiß auch ſchon die Geburtstaͤge von allen uͤbrigen in ihrer Familie, und den Hoch - zeittag von ihren Eltern. Die kleinſten Um - ſtaͤnde koͤnnen oft in Sachen von der aͤußerſten Wichtigkeit große Dienſte thun.

Was ſagſt du nun zu meinem Traume?

Z z 3Wer726

Wer ſagt, daß ich, ſchlafend und wachend, nicht feine Huͤlfe von einem oder dem andern Menſchen, oder vielmehr, wie du zu ſagen im Stande ſeyn wirſt, von einem oder dem andern Geiſte habe? Allein es iſt kein Wunder, daß ein Beelzebub ſeine Teufelchen hat, die ihm zu Gebote ſtehen.

Jch kann auf keine Art an dem gluͤcklichen Erfolge desjenigen zweifeln, was Mutter H. bey dieſem Vorſchlage zu thun hat. Denn wird die Fraͤulein, welche ſich entſchließet, in das erſte Haus zu laufen, das ihr offen ſtehet, oder die erſte Perſon, die ihr begegnet, um Schutz zu bitten; wird die Fraͤulein, welche ſich einbil - det, daß ihr außer dieſem Hauſe keine Gefahr zu - ſtoßen koͤnne, die dem gleich ſey, was ſie in dem - ſelben von mir beſorget, wohl Bedenken tragen, die Kutſche einer adlichen Witwe anzunehmen, die ſich ihr von ungefaͤhr anbietet? Wird ſie wohl Bedenken tragen, ſich dem Schutze der an - ſehnlichen Frauen zu uͤberlaſſen, den ihr ihre ge - treue und zur Befoͤrderung ihrer Flucht ſo ſtark beſtochne Dorcas ausgewirket hat? Außer dem hat Mutter H. die Mine und das Anſehen einer ehrwuͤrdigen Matrone, und iſt kein ſo ſcheus - licher Teufel, als Frau Sinclair.

Die liebe Einfalt kennt die Welt gar nicht. Sie weiß nicht, daß es Leuten, die Geld haben, niemals an Beyſtand in ihren Abſichten fehlet: ſie moͤgen beſchaffen ſeyn wie ſie wollen. Wie koͤnnten ſonſt die Fuͤrſten der Erden ſo verdecktin727in allen Stuͤcken zu ihrem Zwecke gelangen, als ſie wirklich thun: wenn ſie auch noch ſo oft mit ihren Unterhaͤndlern welchſeln und noch ſo gott - loſe Abſichten haben?

Kann ich ſie nur gewinnen, daß ſie ſich bis zum Mittwochen in der kuͤnftigen Woche mit mir einlaͤſſet: ſo werden wir unter der Zeit in ganz geruhige Verfaſſung mit einander kommen. Und in Wahrheit, wo ſie nicht ganz undankbar iſt, und das geringſte von den Schwachheiten ih - res Geſchlechts an ſich hat: ſo muß ſie denken, daß ich fuͤr die Muͤhe, die ſie mich gekoſtet hat, ihre Gunſt verdiene. Denn ſie ſehen ja alle herzlich gern, das Mannsperſonen ſich um ſie und fuͤr ſie Muͤhe geben.

Hier will ich fuͤr dießmal meine Feder nie - derlegen, und mir ſelbſt zu meiner vorheilhaften Crfindung Gluͤck wuͤnſchen; da ihr Hartnaͤckigkeit mich noch einmal dahin bringet, meine Erfin - dungskraft zu gebrauchen: jedoch mit dem Vorſatze, wie ich denke, daß, wo mir der gegen - waͤrtige Anſchlag misgelinget, ich alle Kraͤfte mei - ner Seele, alle meine Gaben anwenden will, mir ein gegruͤndetes Recht zu ihrer Gunſt zuwege zu bringen; und das Trotz aller meiner Abneigung von dem Eheſtande, Trotz aller Eingebungen des großen Teufels außer dieſem Hauſe, und ſeiner geheimen Werkzeuge in demſelben. Denn iſt ſie itzo nicht zu gewinnen oder ins Garn zu zie - hen: ſo wird es umſonſt ſeyn, ferner einen Ver - ſuch auf ſie zu wagen.

Z z 4Der728

Der drey und funfzigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.

Noch kein Zutritt zu meiner Geliebten! Sie befindet ſich ſehr uͤbel Es iſt ein hefti - ges Fieber, glaubet Dorcas. Dennoch will ſie keinen Rath haben.

Dorcas vermeldet ihr, wie ſehr ich deswegen bekuͤmmert ſey.

Erlaube mir aber, noch einmal zu fragen: Thut dieſe Fraͤulein recht, daß ſie ſich krank ma - chet, wenn ſie es doch nicht iſt? Jch meines Orts, ſo ein Freygeiſt ich auch in den Gedanken der Welt bin, nahm etwas von dem Jpecacuan - ha ein, als ich noͤthig hatte, krank zu werden, damit ich mich nicht einer Unwahrheit ſchuldig machte. Jch war auch recht herzlich krank: wie ſie ſelbſt, die damals Mitleiden mit mir hatte, wohl wußte. Wie unchriſtlich aber iſt es hier, daß ſie ſich fuͤr ſehr krank ausgiebet, nur, damit ſie eine bequeme Gelegenheit bekomme, davon zu laufen, und einem Menſchen, da ſie beleidiget hat, nicht vergeben duͤrfe! Wo fromme Leute es fuͤr erlaubt halten, eine erkannte Pflicht auf die - ſe Art zu brechen und ſich ſelbſt dergleichen vor -ſetz -729ſetzliche Raͤnke zu betruͤgen nicht zur Suͤnde ma - chen: wer ſoll denn uns ſtrafen, Belſord?

Jch habe eine ſeltſame Ahndung, daß die an - ſehnliche Matrone morgen ſruͤhe um neun Uhr gewiß vor des Wuͤrzhaͤndlers Laden ſeyn werde. Denn Dorcas hat gehoͤrt, daß ich zu der Fr. Sin - clairn geſagt habe, ich wuͤrde morgen fruͤhe juſt um acht Uhr ausgehen: und eben um die Zeit ſoll ſie eine Kutſche ſuchen. Sollte es ſich nun fuͤgen, daß der Wagen von der adlichen Witwe da waͤre: wie gluͤcklich wuͤrde das fuͤr meine Ge - liebte ſeyn! wie wunderbar wuͤrde mein Traum erfuͤllet ſeyn!

Jch habe dieſen Augenblick einen Brief von dem Capitain Tomlinſon bekommen. Jſt es nicht wundernswuͤrdig! Das war ein Stuͤck von meinem Traume!

Jch werde nach dieſem allezeit erſtaunlich auf Traͤume halten. Es kann wohl gar geſche - hen, daß ich ein Buch davon ſchreibe. Meine eigne Erfahrung wird mir ein großes Theil dazu an die Hand geben. Glanville von Hexen, und Baxters Geſchichte von Geiſtern und Erſcheinungen werden gegen Lovelacens Traͤume gar nichts mehr ſeyn.

Der Brief iſt vollkommen ſo, wie es mir ge - traͤumet hat. Mir macht nur dieß einzige Kum - mer, daß des Onkels Johann Geburtstag nicht drey oder vier Tage eher einfaͤllt. Sollte meinerZ z 5bezau -730bezaubernden Schoͤnen ein neues Ungluͤck begeg - nen: ſo kann ſie ſich vielleicht nicht bis auf den Donnerſtag in kuͤnftiger Woche halten. Jn - zwiſchen wird es mir doch deſto mehr Zeit zu neuen Anſchlaͤgen geben: wenn der gegenwaͤrtige nicht gelingen ſollte; wie ich gleichwohl nicht vermu - then kann.

An Herrn Robert Lovelace. Wertheſter Herr.

Jch kann ihnen itzo wieder eine Freude dafuͤr machen, daß ſie mir ſo wohl als meinem theuren Freunde, durch die Zeitung von der Ge - neſung ſeiner geliebten Baſe, eine Freude ge - macht haben: denn er hat ſich entſchloſſen, der - ſelben und ihre eigne Wuͤnſche zu erfuͤllen, und ſie ihnen ſelbſt mit ſeiner Hand zu geben.

Da die Trauung nothwendig wegen ihrer Unpaͤßlichkeit aufgeſchoben iſt; und am Donner - ſtage, den 29ten Jun. Herrn Harlowes Geburts - tag einfaͤllt, mit welchem er in ſein vier und ſie - benzigſtes Jahr tritt; auch zur voͤlligen Geneſung der wertheſten Fraͤulein noch vielleicht einige Zeit erfordert wird: ſo wuͤnſcht er herzlich, daß die Vermaͤhlung an dem Tage vollzogen werde, da - mit er kuͤnftig an demſelben, bis ans Ende ſeines Lebens, eine gedoppelte Freude haben moͤge.

Zu dem Ende iſt er willens, ſich in geheim auf den Weg zu machen, ſo daß er am Mittwochenuͤber731uͤber acht Tage, des Abends, zu Kentiſch-Town ſeyn kann.

Die ganze Familie, ſagt er, pflegte ſonſt zu - ſammen zu kommen, um dieſen Tag mit ihm zu feyren. Weil ſie aber gegenwaͤrtig in allzu un - gluͤcklichen Umſtaͤnden dazu iſt: ſo will er vorge - ben, daß er ihn nicht zu Hauſe ausſtehen koͤnne, und ſich deswegen entſchloſſen habe, auf zween oder drey Tage abweſend zu ſeyn.

Damit die Sache deſto geheimer bleibe, will er, bloß unter Begleitung eines getreuen Die - ners, zu Pferde abgehen. Er wird ſich dort in dem anſehnlichſten Wirthshauſe aufhalten, und ſie beyde den Morgen darauf erwarten: wofern er nichts von mir hoͤret, das ihn abhalten koͤnnte. Nach vollzogener Vermaͤhlung gedenket er, ſich mit ihnen in der Kutſche, worinn ſie ſeiner Ver - muthung nach ankommen werden, zur Stadt zu begeben.

Er wuͤnſchet eifrigſt, daß ich bey der Gele - genheit gegenwaͤrtig ſeyn ſollte. Aber ſo viel ha - be ich ihm, auf ſein Anſuchen, verſprochen, daß ich den Tag vorher hinaufkommen will, um die Eheſtiftung ins Werk gerichtet und alles gehoͤ - rig in Bereitſchaft geſetzet zu ſehen.

Es iſt ihm ſehr lieb, daß ſie den Trauſchein bereit haben.

Er ſpricht ſehr freundlich von ihnen, Herr Lovelace, und ſaget, wenn jemand von der Fami - lie ſich noch widerſetzen wird, nachdem er die feyer - liche Handlung vollzogen geſehen hat, ſo wolleer732er ſich von ihnen trennen und mit ſeiner lieben Baſe gemeinſchaftliche Sache machen.

Jch habe ihnen ſchon bey meinem letzten Auf - enthalt zu London gemeldet, daß ich meinem wer - then Freunde eine kleine Nachricht von dem Mis - verſtaͤndniſſe zwiſchen ihnen und ſeiner Baſe ge - geben habe, und zwar aus Beyſorge, die Fraͤu - lein moͤchte etwa in ſeiner Gegenwart einiges Misvergnuͤgen blicken laſſen, wenn ich im Stan - de geweſen ſeyn ſollte, ihn dahin zu vermoͤgen, daß er in Perſon hinaufkaͤme, welches damals noch zweifelhaft war. Nunmehr aber mache ich mir Hoffnung, daß das Misvergnuͤgen vollkom - men gehoben ſey.

Weil ich nicht zu Hauſe geweſen bin, als ihr Bote zu mir gekommen iſt: ſo werden ſie mich entſchuldigt halten, daß ich mit demſelben nicht geſchrieben habe.

Haben ſie die Gewogenheit, meine gehorſam - ſte Empfehlung an die unvergleichliche Fraͤulein zu machen, und glauben, daß ich beſtaͤndig ſeyn werde

Jhr getreuer und gehorſamer Diener Anton Tomlinſon.

Dieſen Brief ſiegelte ich, und brach ihn auf: Er ward, wie du leicht vermuthen kannſt, durch einen beſondern Bothen gebracht: und das Sie - gel war ſo beſchaffen, daß der Brieſſteller ſich nicht davor ſchaͤmen durfte. Jch brauchte die Vorſicht, mich nach des Capitains Befinden zuerkun -733erkundigen, daß es meine Geliebte hoͤrte. Nun liegt dieß Schreiben bereit, zu einer Friedensſtif - tung aufgewieſen zu werden, nach dem ſie es aufnimmt oder empfindet, wenn die beyden Verwandelungen nach meinem wundervollen Traum vorgehen. Da ich großen Glauben zu Traͤumen habe: ſo darf ich wohl ſagen, daß ſie vorfallen werden. Jch glaube, es wird nicht undienlich ſeyn, dieſen Brief von dem braven Ca - pitain, wenn ich meine Kleider wechſele, meiner Geliebten zur Hand liegen zu laſſen.

Der vier und funfzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Was ſoll ich nun ſagen! Jch, der ich noch vor wenigen Stunden ſo viel auf Traͤume hielte, und mir vorgenommen hatte, al - ſobald meine Abhandlung von Traͤumen der Schlafenden und Wachenden anzufangen; ich, der ich mich ſelbſt an den Unterredungen zwi - ſchen der alten Matrone und der jungen Fraͤu - lein, und an den beyden Verwandelungen belu - ſtigte, in gewiſſer Verſicherung, daß alles ſo aus - fallen wuͤrde, wie es in meinem Traum entwor - fen war; ich will mich niemals mehr auf dieſefluͤchti -734fluͤchtigen Thorheiten, auf dieſe betruͤgeriſchen Bil - der einer verderbten und wahnwitzigen Einbil - dungskraft verlaſſen.

So verzweifelt iſt es mit der Sache abge - laufen.

Jch ging um acht Uhr in vollkommener Zu - friedenheit mit mir ſelbſt aus, damit ich der mit Raͤnken umgehenden Fraͤulein und ihrem beſtoch - nen Kammermaͤdgchen die geſuchte Bequemlich - keit verſtattete. Nur befahl ich meinem Wil - helm, ein gutes Auge auf ſie zu haben: aus Furcht, die Fraͤulein moͤchte etwas von meinem Anſchlage argwoͤhnen, oder aus Verſehen an eine Miethkutſche ſtatt des Wagens der adlichen Witwe gerathen. Vorher aber ſandte ich zu ihr, und ließ mich nach ihrem Befinden erkundigen. Jch bekam zur Antwort, ſie befaͤnde ſich ſehr uͤbel: haͤtte eine ſehr ſchlechte Nacht gehabt. Das letzte war nur mehr als zu wahrſcheinlich. Denn dieß weiß ich, daß Leute, die mit Raͤnken umgehen, eben ſo ſelten gute Naͤchte haben als ſie ſie verdienen.

Jch verlangte, man ſollte einen Arzt kommen laſſen: allein es ward abgeſchlagen.

Darauf that ich einen Spatziergang in St. James Park, und wuͤnſchte mir ſelbſt den ganzen Weg uͤber zu meinen trefflichen Erfindungen Gluͤck. Hernach nahm ich vor Ungedult eine Kutſche, zog das eine Fenſter ganz, das andere groͤßtentheils, auf, und warf auf jeden Wagen, der mir bis an die Gegend von Lincolns. Jnn be -gegnete,735gegnete, verſtohlne Blicke. Als ich dahin gekom - men war, ſchickte ich den Kutſcher ab, daß jemand aus dem Hauſe von Mutter H. zu mir an die Kutſche kommen ſollte, und glaubte gewiß, da - ſelbſt von meiner fluͤchtig gewordenen Schoͤnen Nachricht einzuziehen, weil es ſchon eine halbe Stunde nach zehen war.

Es kam ein Bedienter zu mir, und gab mir zu verſtehen, daß die anſehnliche Matrone eben ganz allein in ihrem Wagen zuruͤckgekommen waͤre.

Dieß erſchreckte mich ſo, daß ich allen Witz verlohr. Jch ſtieg aus, und hoͤrte aus dem ei - gnen Munde der Mutter, daß Dorcas ſie erſucht haͤtte, die Fraͤulein in Schutz zu nehmen, aber hernach wiedergekommen waͤre, und geſagt haͤtte, ſie haͤtte ſich anders bedacht und wollte das Haus nicht verlaſſen.

Jch erſtaunte. Jch wußte nicht, was vor - gefallen ſeyn moͤchte, und befahl dem Kutſcher, eiligſt zu unſerer Mutter zu jagen.

Jn einem Augenblick war ich hier. Das erſte Wort, das ich fragte, war, ob die Fraͤulein in Sicherheit waͤre(*)Herr Lovelace giebt hier eine umſtaͤndliche Nachricht von dem, was zwiſchen der Fraͤulein und Dorcas vorgegangen war. Weil er aber ihre Be - wegungsgruͤnde, warum ſie nicht abgehen wollte, als Dorcas ihr meldete, daß ſie ihr den Schutz einer adlichen Witwe ausgewirket haͤtte, bloß durch Muth - maßungen errathen mußte: ſo hat man fuͤr dienlich geachtet, ſeine Erzaͤhlung wegzulaſſen, und durch ei -nige?

736
(*)nige Nachrichten aus dem Tagebuche der Fraͤulein zu erſetzen. Es wird inzwiſchen noͤthig ſeyn, vor - her die Gelegenheit anzuzeigen, bey welcher dieß Tagebuch gemachet iſt. Der Leſer beliebe ſich zu erinnern, daß ſie in dem Briefe, welchen ſie bey ihrer Flucht nach Hamp - ſtead an die Fraͤulein Howe geſchrieben, verſpricht, bey mehrerer Muße ihr die eigentlichen Umſtaͤnde von ihrer Flucht zu melden(*)Siehe oben S. 177.. Sie war in der That willens ihre Erzaͤhlung von allem dem, was zwiſchen ihr und Herrn Love - lacen ſeit ihren letzten Nachrichten vorgegangen war, fortzuſetzen. Allein die Ungewißheit, worinn ſie von der Zeit an lebte, nebſt der verfluchten Begegnung, die ihr widerfuhr, als ſie betruͤgeriſcherweiſe wieder zuruͤckgebracht war, worauf eine Verruͤckung ihres Kopfes eine ganze Woche lang erfolgte, hatte ſie bis - her gehindert, ihren Vorſatz auszufuͤhren. Da ſie es nichts deſto weniger noch im Sinne hatte, ihr Verſprechen zu erfuͤllen, ſo bald ſich ihr eine beque - me Gelegenheit zeigte: ſo machte ſie ein kurzes Ver - zeichniß von allem, wie es vorging, damit ſie ihrem Gedaͤchtniſſe zu ſtatten kommen moͤchte dem ſie nach ihrer letzten Verwirrung, wie ſie an einem Or - te bemerket, weniger, als vorher, trauen konnte. Jn dieſem kurzen Verzeichniſſe, oder Tagebuche, merket ſie folgendes an. Weil ſie beſorgt haͤtte, Dorcas moͤchte eine Verraͤtherinn ſeyn: ſo waͤre ſie willens geweſen, unter der Zeit, da dieſelbe nach einer Kutſche gegangen, davon zu gehen; und haͤtte ſich auch wirklich in der Abſicht die Treppe hinun - ter geſchlichen. Da ſie aber Fr. Sinclair an der Thuͤre gefunden, welche Dorcas unterdeſſen, daß ſie ausgegangen war, dahin geſtellet hatte: ſo waͤ - re ſie eiligſt wieder hinaufgeſtiegen, ohne geſehen zu werden. Hierauf
(*)737
(*)Hierauf ging ſie in den Speiſeſaal und ſahe den Brief von dem Capitain Tomlinſon. Dabey be - merket ſie in ihrem Tagebuche folgendes. Wie bin ich nun verwirret! Er hat viel - leicht dieſen Brief aus Vorſatz liegen laſſen: da keine von den uͤbrigen Papieren, die nebſt demſel - ben zuruͤckgelaſſen ſind, etwas zu bedeuten haben Wie ſieht es an beyden Seiten aus? Soll ich bleiben und von dem ſchaͤndlichſten Kerl eine Frau werden? O wie ſtraͤubet ſich mein Herz dage - gen! Soll ich verſuchen davon zu kommen? Schlaͤgt es fehl: ſo bin ich ganz gewiß verlohren! Dorcas kann mich vielleicht verrathen! Es kommt mir nicht anders vor, als wenn ſie noch ſein Werkzeug iſt! Da er ausging: redete er ihr ins Ohr, wie ich unvermerkt ſahe und noch dazu auf eine ſehr vertraute Weiſe Fuͤrchten ſie ſich vor nichts, mein Herr, antwortete ſie und neigte ſich dabey. Bey ihrer willfaͤhrigen Erklaͤrung, meine Flucht geſchehen zu laſſen, iſt ſie nicht auf ihre eigne Sicherheit bedacht geweſen, wenn ich davon gegan - gen waͤre. Gleichwohl hatte ſie in dem Fall Urſa - che, Rache von ihm zu erwarten: und es fehlt ihr nicht an Ueberlegung Haͤtte ich ſie mit mir ge - nommen: ſo waͤre das eben ſo gut, als wenn ich mich ihrer Kundſchaft uͤberließe und verrathen ſeyn wollte, wo ſie treulos iſt Jch will inzwiſchen, ob ich gleich meine Behutſamkeit nicht fahren laſſe, doch auch nach der Liebe urtheilen! Kann eine Weibsperſon gegen die andere wohl ſo ſchaͤndlich handeln? O ja! Fr. Sinclair: ihre Tan - te Gott errette mich! Aber ach! ich ha - be mich ſeinem Schutze durch die natuͤrlichen Mit - tel ſchon ſelbſt entzogen und bin bereits zu ſchanden gemacht! Eines Vaters Fluch iſt gleichfalls wider mich! Da ich alle Warnun -Fuͤnfter Theil. A a agen,
(*)738
(*) gen, alle Fuͤrſorge meiner Freunde habe vergeblich ſeyn laſſen: ſo muß ich nicht auf Wunder zu mei - nem Beſten hoffen. Gehe ich davon: was kann aus mir werden; einem armen, huͤlfloſen, verlaſſenen Frauenzimmer! Das huͤlflos iſt in Anſehung ihres Geſchlech - tes! Huͤlflos in Anſehung ihrer Umſtaͤnde! und aller Gefahr ausgeſetzet! Gott ſchuͤtze mich! Sein ſchaͤndlicher Kerl iſt nicht mit ihm ge - gangen! Er laurt hier ſonder Zweifel auf, und ſoll auf alle meine Schritte und Tritte Achtung geben! Es ſey wie es wolle: ich will mit dem Wagen nicht fortgehen. Der Wagen ſollte ſo gelegen hierher kommen! Das ſieht ſo manchen gar zu bequemen Ge - legenheiten von ſeiner Erfindung allzu ahnlich! Dorcas ſollte ploͤtzlich auf den Gedanken gefallen ſeyn! Sollte das Herz bey dem Gedanken ge - habt haben, ein vornehmes Frauenzimmer zum Be - ſten einer ganz fremden Perſon in Anſehung deſſel - ben anzuſprechen! Das Frauenzimmer ſollte ſo willig dazu ſeyn! Und doch ſollte die Unter - handlung zwiſchen ihnen ſo viele Zeit wegnehmen, wenn man ihren Unterſchied von Stande bedenket! So vielen Schwierigkeiten die Sache auch un - terworfen war; ſo koſtbar auch die Zeit: ſo blieb Dorcas doch uͤber eine halbe Stunde weg. Und gleichwohl ſollte die Kutſche bey einem Gewuͤrzla - den, wenige Haͤuſer von hier, bereit ſtehen! Es iſt wohl wahr, einige alte Frauensleute ſind ſchwatzhaft: und es giebt auch ohne Zweifel einige gute Leute in der Welt Aber es ſollte ſich eben ſo fuͤgen, daß es eine adliche Witwe waͤre, die ihre voͤllige Freyheit h aͤtte,zu
(*)739
(*) zu thun, was ihr beliebte! Und das ſollte Dorcas an ihrem Wapen ſehen! da Leute von ihren Um - ſtaͤnden, wie ich glaube, in der Wapenkunſt ordent lich nicht ſo erfahren ſind. Jedoch moͤgen es wohl einige ſeyn! Denn Bediente ſuchen gar zu gern, nach dem Range der Perſonen von Stande, denen ſie dienen, ſich unter einander Ehre und unterſchiedene Vorzuͤge zu geben. Aber ſein ſchlauer Kerl iſt nicht mit ihm gegan - gen! Dann auch dieſer Brief von Tomlin - ſon! Ob ich gleich feſt entſchloſſen bin, dieſen Boͤ - ſewicht niemals zu einem Manne zu haben: mag ich mich dennoch nicht ſelbſt zu Kentiſch-Town oder Highgate in meines Onkels Schutz begeben, wo ich nicht eher entfliehen kann, und auf die Art gaͤnzlich von ihm befteyet werden? Kann nicht vielleicht das Uebel, was ich ſchon erfahren habe, geringer ſeyn, als dasjenige, in welches ich gerathen mag, wenn ich nur vor fernerer Niedertraͤchtigkeit geſichert bin? Er hat mir doch noch nichts wei - ter gedrohet: ſo frey und ſtrenge ich auch mit ihm umgegangen! Jch will nicht fortgehen, denke ich: wenigſtens nicht ohne daß ich dieſen Kerl aus dem Wege ſchaffe(*)Sie verſuchte dieß: aber konnte ihren Zweck nicht erreichen, weil der Kerl vorwandte, er haͤtte das Gelenke am Unterfuße vertreten, da er die Trep - pe hinunter geglitſchet waͤre: Ein Streich, ſagt ſein erfindungsreicher Herr in der wegaelaſ - ſenen Erzaͤhlung, denich ihn bey einer aͤhnlichen Gelegenheit, zu Amiens, gelehret hatte. . Der Kerl iſt ein Boͤſewicht! Das Maͤgdchen, mir kommt es faſt ſo vor, iſt ein ſchaͤndliches MaͤgdA a a 2chen.
(*)740
(*) chen. Nun iſt ſie endlich um ihre Sicherheit bekuͤm - mert: treibt mich auf alle Art, eine Kutſche zu nehmen. Jtzo iſt alle meine Hoffnung verlohren, daß ich fortkommen werde! Ungluͤckſelige! zu was fuͤr Uebeln biſt du noch weiter aufbehalten! O wie empoͤret ſich mein Herz, daß ich noch gezwun - gen bin, einen ſo ſchaͤndlichen Kerl zu ſehen und zu ſprechen!
(*)

Der fuͤnf und funfzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Da ſich die verkehrte Schoͤne in ihrer Hoffnung zu entfliehen betrogen ſahe; da ſie wi - der ihren Willen genoͤthigt war, zu mir in den Speiſeſaal zu kommen; und vielleicht auch beſorgte, wegen ihrer Kunſt, ſich krank zu ſtellen, Vorwuͤrfe zu hoͤren: ſo vermuthete ich wohl, daß ſie hitzig und unwillig mit mir anfangen wuͤrde. Aber weil ſie nach ihrer natuͤrlichen Ge - muͤthsart ſanftmuͤthig iſt; weil ich von ihr er - wartete, daß ſie nach ihrem Zuſtande den Brief von dem Capitain Tomlinſon, welchen ſie geſe - hen hatte, wie mir Dorcas erzaͤhlte, in Betrach - tung ziehen wuͤrde; und weil ſie Zeit gehabt hat - te, ſeit dem ſie mich das letztemal vor ſich gelaſſen, ihre Hitze zu daͤmpfen und alles zu uͤberlegen: ſomachte741machte ich mir Hoffnung, daß ſie es die ganze Unterredung durch nicht ſo heftig treiben wuͤrde, als ſie wirklich that.

So bald ich in den Saal trat, wuͤnſchte ich ihr und mir ſelbſt zu ihrer ploͤtzlichen Geneſung Gluͤck. Jch wollte ſie mit einem ehrerbietig zaͤrt - lichen Weſen bey der Hand faſſen. Allein ſie hatte ſich vorgenommen, da wieder anzufangen, wo ſie es gelaſſen hatte.

Sie wandte ſich von mir, und zog ihre Hand mit einem veraͤchtlichen und unwilligen Blick an ſich. Jch komme noch einmal zu ihnen, ſprach ſie, weil ich es nicht aͤndern kann. Was haben ſie mir zu ſagen? Warum werde ich hier wider meinen Willen feſtgehalten?

Jch drang mit den feyerlichſten Worten und dem feyerlichſten Bezeigen auf die Trauung. Jch ſahe, daß mir nichts anders uͤbrig war. Jch haͤtte einen Brief in meiner Taſche, ſagte ich, und fuͤhlte darnach, ob ich ihn gleich von dem Tiſche, wo ich ihn liegen laſſen, und bey welchem wir damals eben nahe waren, nicht weggenom - men hatte. Der Jnhalt deſſelben wuͤrde uns beyde gluͤcklich machen: wenn er aufmerkſam er - wogen wuͤrde. Jch haͤtte ihn ihr nur deswegen vorher nicht gern zeigen wollen, weil ich ſie zu ge - winnen hoffte, daß ſie noch eher, als an dem dar - inn gedachten Tage, die Meinige ſeyn moͤchte.

Jch ſuͤhlte in allen meinen Taſchen darnach, und gab unterdeſſen auf ihre Augen Achtung. A a a 3Jch742Jch merkte, daß ſie verſtohlne Blicke auf den Tiſch warf, wo er lag.

Jch war unruhig, daß ich ihn nicht finden konnte Endlich, da mich ihre ſchlaue Augen wieder auf den rechten Ort fuͤhrten, entdeckte ich ihn auf dem Tiſche in der andern Ecke des Zim - mers.

Mit Freuden holte ich ihn. Belieben ſie die - ſen Brief zu leſen, gnaͤdige Fraͤulein, ſprach ich mit einer Mine, die von einer vergnuͤgten Beru - higung zeugte.

Sie nahm ihn, und ließ die Augen ſo fluͤch tig und unachtſam daruͤber weggehen, daß man offenbar merkte, daß ſie ihn ſchon vorher geleſen hatte. Hernach warf ſie ihn mit Undank auf das Fenſtergeſimſe vor ſich.

Jch bat ſie inſtaͤndigſt, mich morgen oder am Freytage fruͤhe, gluͤcklich zu machen: wenigſtens ihres Onkels Reiſe und guͤtige Bemuͤhungen, zwiſchen uns allen eine Verſoͤhnung zu ſtiften, nicht vergeblich ſeyn zu laſſen.

Zwiſchen uns allen! Das wiederholte ſie mit einer eben ſo unwilligen als unglaͤubiſchen Mine. O Lovelace, du biſt gewiß in deinem ſorg - faͤltigen Beſtreben, die Verſuchungen nach den Neiungen einzur chten, mit dem großen Betruͤ - ger nahe verwandt! Aber wenn es auch moͤg - lich waͤre, wie es nicht iſt, daß ich mich hieruͤber mit dir in ein Geſpraͤch einlaſſen koͤnnte: was fuͤr Ehre, was fuͤr Treue, was fuͤr Aufrichtigkeit magich743ich von einem ſolchen Kerl erwarten, als du dich mir gezeiget haſt?

Jch war ganz in Bewegung gebracht. Ein Frauenzimmer von ihrer vollkommenen Gemuͤths - art, gnaͤdige Fraͤulein, das ſich krank geſtellet hat, nur, damit ſie denjenigen nicht ſehen duͤrfte, der ſie anbetete, ſollte

Jch weiß, was du ſagen willſt, fiel ſie mir ins Wort Zu zwanzig und abermal zwan - zig niedertraͤchtigen Dingen bin ich durch deine anſteckende Geſellſchaft, und durch die Noth - wendigkeit welche du mir aufgeleget haſt, nieder - traͤchtig zu erſcheinen, gebracht worden, woruͤber ſonſt meine Seele erhaben geweſen ſeyn wuͤrde, derer ich mich nicht ſchuldig gemacht haͤtte, und weswegen ich mir ſelbſt veraͤchtlich geweſen bin. Aber ich danke Gott, ſo verlaſſen ich auch bin, daß ich doch noch nicht ſo tief geſunken, daß ich wuͤnſchen ſollte, die Deinige zu ſeyn.

Jch, als der Beleidiger, gnaͤdige Fraͤulein, muß Gedult haben. Es ſteht nur der beleidig - ten Perſon zu, Verweiſe zu geben. Allein ihr Onkel iſt doch hoffentlich nicht in einen Anſchlag wider ſie verwickelt. Es kommen Umſtaͤnde in dem Briefe vor, den ſie mit fluͤchtigen Augen durchgeſehen haben

Wieder fiel ſie mir in die Rede. Warum, ich frage dich noch einmal, werde ich in dieſem Hauſe feſt gehalten? Sehe ich mich nicht mit elenden Leuten umgeben, die zwar die Kleider von meinem Geſchlechte tragen, aber dennoch, ſoA a a 4viel744viel ich weiß, wohl auf mein Verderben lauren moͤgen?

Sie wuͤrde es gewiß nicht gerne ſehen, ver - ſetzte ich, daß Fr. Sinclair und ihre Baſen her - aufgerufen wuͤrden, ſich und ihr Haus zu recht - fertigen.

Wollten ſie mich nur toͤdten: ſo laß ſie kom - men; ſie ſollen mir willkommen ſeyn. Jch will die Hand als ein Werkzeug meines Gluͤckes ver - ehren, die mir den Streich verſetzen wird: in Wahrheit, ich will es thun.

Es heißt nichts, gar nichts, vom Sterben zu ſchwatzen. Es iſt ein leeres Gewaͤſche von jun - gen Frauenzimmern, wenn ſie von denen, welche ihnen verhaßt ſind, Widerſtand leiden muͤſſen Erlauben ſie mir aber, meine Allerliebſte, ſie zu bitten

Bitte mich um nichts. Laß mich nicht ſo wider meinen Willen feſtgehalten werden! O ich Ungluͤckſelige! fuhr ſie in einer gewiſſen Art der Verruͤckung fort, indem ſie zugleich ihre Haͤnde rang, ſich von mir wandte und die Augen in die Hoͤhe ſchlug. Dein Fluch, o mein grauſamer Vater, ſcheinet itzo ſeine hoͤchſte Wir - kung zu erreichen! Jch bin auf dem Wege, in Anſehung des zukuͤnftigen ſo wohl, als des ge - genwaͤrtigen Lebens, verlohren zu gehen! Gnaͤdi - ger, gnaͤdiger Gott, ſprach ſie und fiel auf ihre Kniee, rette mich! O rette mich von mir ſelbſt und von dieſem Menſchen.

Jch745

Jch ward ausnehmend geruͤhret und warf mich bey ihr auf die Knie O daß ich die vergan - genen Tage wieder zuruͤckrufen koͤnnte! Ver - geben ſie mir, mein liebſtes Leben, vergeben ſie mir, was geſchehen iſt, da es nun nicht anders, als durch ein Mittel, zu erſetzen ſtehet. Verge - ben ſie mir nur unter dieſer Bedingung daß kuͤnftig meine Treue und Ehre

Sie fiel mir ins Wort, und ſtand auf Wo ſie etwa mich zu bitten gedenken, daß ich mich niemals durch die Geſetze, oder eine Beru - fung auf meine Verwandten, inſonderheit meinen Vetter Morden, wenn er nach England kommt, zu raͤchen ſuche

Der Teufel hole die Geſetze, ſprach ich und ſtand ebenfalls auf, ſie aber ward ſtutzig Der Teufel hole die Geſetze und alle diejenigen, von denen ſie ſchwatzen, um ſich auf dieſelben zu beru - fen. Jch biete ſo wohl dieſen als jenen Trotz Alles, was ich bitte, iſt, daß Sie mir ver - geben, und mir auf meine ungeheuchelte Reue ihre Gunſt wieder ſchenken

O nein, nein, nein! mit aufgehobenen und zu - ſammengeſchlagenen Haͤnden. Niemals, niemals will ich, niemals, niemals kann ich ihnen vergeben. Es iſt eine aͤrgere Strafe fuͤr mich, als der Tod, daß ich genoͤthigt bin, zu ihnen zu kommen, oder ſie zu ſehen.

Dieß iſt das letzte mal, mein wertheſtes Le - ben, daß ſie mich jemals bey dieſer Gelegenheit in dieſer Stellung ſehen werden. Und hiemitA a a 5fiel746fiel ich wieder vor ihr auf die Knie Ma - chen ſie mir Hoffnung, daß ſie am kuͤnftigen Donnerſtage, an ihres Onkels Geburtstage, die Meinige werden wollen, wo nicht eher. O daß ich niemals ſchaͤndlich gehandelt haͤtte! Jhr Un - willen iſt nicht groͤßer, kann nicht groͤßer ſeyn, als meine Gewiſſensangſt Hiebey ergriff ich ihr Kleid. denn ſie wollte eben von mir gehen.

Gewiſſensangſt ſey dein Theil! Um dein ſelbſt willen ſey Gewiſſensangſt dein Theil! Jch will dir nimmer, nimmermehr vergeben! Jch will nimmer, nimmermehr die Deinige ſeyn! Laß mich gehen! Was knieeſt du vor der Elenden, die du ſo ſchaͤndlich erniedriget haſt?

Sagen ſie nur, meine Allerliebſte, daß ſie es uͤberlegen wollen Sagen ſie nur, daß ſie erwaͤgen wollen, was die Ehre unſerer beyderſei - tigen Familien von ihnen fordert. Jch will nicht auſſtehen: ich will ſie nicht gehen laſſen; denn ich hielte ſie noch bey dem Kleide; bis ſie mir ſagen, daß ſie es uͤberlegen wollen. Neh - men ſie dieſen Brief. Erwaͤgen ſie wohl ihre und meine Umſtaͤnde. Sagen ſie, daß ſie hin - gehen wollen es zu uͤberlegen: ſo will ich ſie nicht zuruͤckzuhalten ſuchen.

Zwang wird bey mir nichts ausrichten. Bin ich gleich eine Sklavinn, eine Gefangene, in Betrachtung meiner Umſtaͤnde: ſo bin ich doch keine Sklavinn, in Anſehung meines Willens. Nichts will ich dir verſprechen Feſtgehal -gen,747ten, gezwungen Nichts will ich dir verſpre - chen

Edelſte Seele! Aber doch nicht unver - ſoͤhnlich, wie ich hoffe! Verſprechen ſie mir nur, in einer Stunde wieder zu kommen!

Nichts will ich dir verſprechen!

Sagen ſie nur, daß ſie mich dieſen Abend wie - erſehen wollen!

O daß ich ſagen koͤnnte daß es in mei - ner Gewalt ſtuͤnde zu ſagen: Niemals will ich dich wiederſehen! Wollte der Himmel, daß ich dich niemals wieder ſehen ſollte!

Zornige und heftige Schoͤne Jch hielte ſie noch beſtaͤndig

Jch ſpreche zwar mit Heftigkeit, aber doch mit voͤlliger Ueberlegung, was meines Herzens Wunſch und Meynung iſt O! duͤrfte ich nicht auf dich hinabſehen, niedriger und krie - chender Kerl, der eben ſo niedertraͤchtig, als kuͤhn zum beleidigen iſt Laß mich gehen! Meine Seele empoͤret ſich! Laß mich gehen!

Jch ließ ſie los, damit ich meine Haͤnde zu - ſammenſchlagen koͤnnte So gehn ſie denn, unumſchraͤnkte Beherrſcherinn meines Schickſals! Gehen ſie, wo ſie gehen wollen! Mein Geſchick ſteht in ihrer Gewalt! Es haͤngt an ihrem Othem! Jhre Verachtung vermehret nur meine Liebe! Jhr Zorn iſt mehr als zu wohl gegruͤndet! Aber, meine Allerliebſte, kommen ſie wieder, kommen ſie wieder, mit demEnt -748Entſchluſſe, ihren getreuen Anbeter durch Verge - bung und Friede gluͤcklich zu machen!

Sie flog von mir. So bald nur die Fluͤgel frey waren: flog der Engel von mir. Jch, der kriechende und kniende Kerl, der veraͤchtliche Sklave, nicht mehr der ſtolze Sieger, ſtand auf, ging alleine, und verſuchte mich damit zu troͤſten, daß unter den Umſtaͤnden, worunter ſie iſt, da ſie weder Freunde noch Vermoͤgen hat, und uͤber dieß ihr Onkel, der alles ſo bald verſoͤhnen ſoll; wie ſie, Dank ſey meinem Geſtirn! noch beſtaͤn - dig glaubet, erwartet wird

O daß ſie mir vergeben wollte! Wollte ſie mir nur großmuͤthig vergeben, und den Augen - blick, da ſie mir vergiebet, meine Geluͤbde vor dem Altar annehmen: damit ich nicht Zeit ha - ben moͤchte, wiederum auf meine alte Vorurthei - le zu verfallen! Bey meiner Seele, Belford, dieß liebe Kind ſtraft alle unſere liederlichen Bruͤ - der, und ihre angenommene Grundregeln, Luͤgen. Es muß etwas mehr als ein bloßer Name an der Tugend ſeyn! Jch ſehe es itzo wohl! Einmal uͤberwunden, allemal uͤberwunden! Das iſt eine treffliche Unwahrheit! Aber o! Bruder, ſie iſt noch niemals uͤberwunden geweſen. Was habe ich mehr erlanget, als daß ſich meine Schaam und Verwirrung ver - groͤßert haben! da hingegen ihr Ruhm durch ihr Leiden befeſtiget iſt.

Dieß einzige Verdienſt iſt mir inzwiſchen doch uͤbrig gelaſſen, daß ich ihrem ganzen Ge -ſchlechte749ſchlechte eine Verbindlichkeit gegen mich aufgele - get: weil ich dieſe edle Fraͤulein auf die Probe geſtellt habe; welches ihnen allen, da ſie die Pro - be ſo ruͤhmlich ausgehalten, Ehre gebracht hat.

Aber Jedoch ich will nichts mehr hin - zuſetzen Was fuͤr Macht haben uͤble Ge - wohnheiten! Jch will friſche Luft ſchoͤpfen, und verſuchen, von mir ſelbſt zu fliehen Verweiſe du mir nicht meine Weichherzigkeit, wovon ich ſo oft einen Anfall bekomme meine wider einander laufende Entſchließungen meine Unſchluͤßigkeit So wird alles gut ſeyn.

Der ſechs und funfzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Eben itzo iſt ein Kerl von M. Hall gekommen, der mir die Nachricht bringet, daß mein Lord in einem ſehr gefaͤhrlichen Zuſtande ſey. Das Podagra iſt ihm im hoͤchſten Grad in den Magen geſtiegen, weil er ſehr viele Limonade ge - trunken hat.

Sollte ein Mann, der jaͤhrlich acht tauſend Pfund einzukommen hat, ſeine ſinnliche Begierde ſeiner Geſundheit vorziehen! Er verdient zu ſterben! Wiewohl, wir haben alle unſereun -750unordentlichen Begierden, denen wir willfahren Und ſie bringen gemeiniglich ihre Strafe mit ſich das bezeuget der Enkel, ſo wohl als der Onkel.

Der Kerl war in andern Geſchaͤfften herauf geſchickt, hat aber ſeinen Befehl ein wenig weiter ausgedehnet, damit er einem kuͤnftigen Erben ſeine Empfehlung machte.

Es iſt mir lieb, daß ich zu der Zeit nicht zu M. H. geweſen bin, da mein Lord den angeneh - men Trank genommen hat; er iſt ihm gewiß damals angenehm geweſen: denn es giebt Leute in der Welt, die ſo boshaft geweſen ſeyn wuͤrden, daß ſie geſagt haͤtten, ich haͤtte ihn beredet, den - ſelben zu trinken.

Der Mann ſagt, wie er abgegangen waͤre, haͤtte ſiche der Lord ſo ſchlecht befunden, daß man im Hauſe angefangen zu ſchwatzen, man wollte durch die ſchleunigſte Poſt nach mir ſchicken. Da ich weiß, daß der alte Lord ein gutes Theil an baarem Gelde bey ſich hat, woruͤber er ſelten Rechnung fuͤhret: ſo erfordert es mein eigner Nutzen, ſo bald, als ich kann, hinunter zu reiſen. Aber was ſoll ich unterdeſſen mit dieſem lieben Kinde machen? Wenn der morgende Tag vorbey iſt: ſo werde ich vielleicht im Stande ſeyn, meine eigne Frage zu beantworten Mir iſt bange, daß ſie mich zur Verzweifelung bringen werde.

Denn751

Denn ich habe eben hinauf geſchickt und ſie um ihre Geſellſchaft erſuchen laſſen: aber ſie hat es mir mit Verachtung abgeſchlagen.

Jch bin ſo gluͤcklich geweſen, dieſen Augen - blick von meiner werthen Freundinn, die mit mir Briefe wechſelt, von der Fraͤulein Howe, einen dritten Brief zu bekommen. Ein kleiner harter Teufel! Meiner Geliebten wuͤrde das Herz gebrochen ſeyn, wenn er ihr in die Haͤnde gefal - len waͤre. Jch will eine Abſchrift davon ein - ſchließen. Lies ihn hier

Meine wertheſte Fraͤulein Harlowe.

Roch einmal wage ich es, beynahe gegen meine Neigung, an ſie zu ſchreiben: und zwar durch den vorigen Weg; ob er mir gleich nicht ſehr gefaͤllt.

Jch weiß nicht, wie es mit ihnen ſtehet. Es mag vielleicht nicht gut ſeyn: und ſo wuͤrde es hart ſeyn, ihnen ein Stillſchweigen zu verweiſen, das ſie nicht im Stande geweſen ſind, zu vermei - den. Jſt dieß aber nicht: was ſoll ich denn ſa - gen, das hart genug waͤre, daß ſie auf keinen von meinen letzten Briefen geantwortet haben. Den erſten davon(*)Siehe den gegenwaͤrtigen Th. S. 135. haben ſie bekommen, wie ſie ſelbſt geſtanden: und ich denke, es waͤre ihnenzu752zu viel daran gelegen, ſtille darauf zu ſchweigen. Der andere, der ihnen ſelbſt in die Haͤnde gelie - fert iſt(*)Siehe den XXXIII. Brief dieſes Theils., enthielte eine ſo inſtaͤndige Bitte, mich nur mit einer Zeile zu beehren, daß ich erſtaunte, wie mir dieſe Gefaͤlligkeit verſagt werden konnte Noch mehr aber bin ich erſtaunt, daß ich ſeit dem nicht von ihnen gehoͤrt habe.

Der Kerl beſchrieb den Zuſtand, worinn er ſie geſehen haͤtte, und ihre Reden mit ihm, ſo wunderlich, daß ich nicht weiß, was ich daraus ſchließen ſoll: außer daß er ein einfaͤltiger, unbe - daͤchtlicher und doch eingebildeter Klotz iſt, der, weil er an Beſchreibungen und an dem baͤuri - ſchen Wunderbaren Luſt hat, allen Dingen, die er erzaͤhlt, das Anſehen von einem baͤuriſchen Abentheuer giebet. Daß dieß ſeine Art ſey, werden ſie leichtlich glauben, wenn ſie ſeine Be - ſchreibung hoͤren. Er beſchrieb ſie ausnehmend traurig(**)Siehe den XXXII. Brief dieſes Theils., jedoch ſo viel ſtaͤrker von Perſon und Bildung; ſo roſenroth, dieß war ſein Wort, von Geſichte; ſo bluͤhend von Farbe; und ſo fett an ihren Armen, daß man ſchließen moͤchte, ſie wuͤrden von der Wirkung eines boͤſen Giftes geplaget; und das um ſo viel mehr, da er zu ih - nen hineingefuͤhret worden, als ſie auf einem Ru - hebette gelegen, von welchem ſie nicht haͤtten auf - ſtehen oder ſich aufrichten moͤgen.

Auf753

Auf mein Wort, Fraͤulein Harlowe, ich bin ihrenthalben ſehr verlegen. Jch muß ihnen frey bekennen, daß ſie in ihrer fertigen Ruͤckkehr mit ihrem Betruͤger meinen Erwartungen gar nicht Genuͤge gethan, noch ihrem eignen Charakter gemaͤß gehan delt haben. Denn Frau Townſend erzaͤhlt mir aus der Nachricht von den Weibs - leuten zu Hampſtead, wie liebreich ſie ſich wiede - rum in ſeine Haͤnde begeben haͤtten. Dennoch konnten ſie damals unmoͤglich vermaͤhlet ſeyn.

O Himmel, meine Wertheſte, was iſt es Schade, daß ſie ſich ſo viele Muͤhe gegeben ha - ben, von dem Menſchen wegzukommen! Allein ſie wiſſen es am beſten! Bisweilen denke ich, ſie koͤnnen es nicht geweſen ſeyn, der mein Brief von dem Bauren uͤbergeben iſt. Aber es muß doch ſeyn. Gleichwohl iſt es wunderlich, daß ich durch ihn nicht eine Zeile von ihnen be - kommen konnte: nicht eine einzige; da ſie ſich doch ſo bald wohl genug befunden haben, mit ihm wieder zuruͤckzugehen.

Jch bin nicht verſichert, daß der gegenwaͤrti - ge Brief ihnen zu Haͤnden kommen werde. Da - her will ich nicht halb ſagen, was ich auf meinem Herzen habe zu ſagen. Wo ſie es aber nicht fuͤr einen unnuͤtzen Zeitvertreib halten, an mich zu ſchreiben: ſo haben ſie die Guͤte, mir zu melden, was fuͤr feine Frauenzimmer, ſeine An - verwandten, es geweſen ſind, die ihnen zu Hamp - ſtead Beſuch abgeſtattet, und ſie ſo froͤhlich wie - der an einen Ort zuruͤckgefuͤhret haben, vor demFuͤnfter Theil. B b bich754ich ſie ſo weitlaͤuftig und vollkommen gewarnet hatte Jedoch ich will nichts mehr ſagen: we - nigſtens, bis ich mehr weiß. Denn ich kann nichts thun, als mich verwundern, und er - ſtaunen.

Ungeachtet aller Niedertraͤchtigkeit des Men - ſchen, iſt es offenbar, daß es mehr, als eine ſchlei - chende Liebe, geweſen Lieber Gott! Al - lein ich habe genug geſagt! Und doch weiß ich nicht, wie ich genug geſagt haben ſoll! Aber ich muß ich will

Erklaͤren ſie mir nur, meine Wertheſte, was ich gar nicht erklaͤren kann: und melden mir, ob ſie wirklich vermaͤhlet ſind, oder nicht. Als - denn werde ich wiſſen, ob unſere Freundſchaft ein kuͤrzeres Ziel, als das Leben einer von uns bey - den, haben muͤſſe oder nicht, welche bisher eine Ehre und ein Ruhm geweſen iſt fuͤr

Jhre Anna Howe.

Dorcas ſagt mir, daß ſie eben itzo eine pruͤ - fende Unterredung, wie ſie es nennet, mit ihrer Fraͤulein gehabt habe. Sie iſt geneigt, wie ſie dem Maͤgdchen zu verſtehen gegeben hat, noch ein Vertrauen auf ſie zu ſetzen. Dorcas hofft, ihr das Mistrauen wieder benommen zu haben: wuͤnſchet aber, daß ich mich nicht darauf verlaſ - ſen moͤge. Dennoch muß des Capitain Tom - linſons Brief gewiß bey ihr ein Gewicht haben. Jch habe ihn eben durch Dorcas hinein geſchickt und bitten laſſen, ſie moͤchte ihn doch noch einmaldurch -755durchleſen. Er iſt mir nicht zuruͤckgeſchickt, wie ich beſorgte: und das, denke ich, iſt ein gutes Zeichen.

Jch ſage ich denke und ich denke: denn dieſe reizende Schoͤne verwirret mich zehn tau - ſendmal mehr, als ich ſie; ſo verſtrickt ich auch in meinen eignen Erfindungen bin.

Der ſieben und funfzigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Johann Belford.

Jch will des Todes ſeyn: wo ich weiß, was ich entweder mit mir ſelbſt, oder mit dieſer erſtaunenswuͤrdigen Fraͤulein machen ſoll Bald iſt ſie ſanft und geruhig: bald ungeſtuͤm. Allein ich weiß, du biſt kein Freund davon, ſo wenig als ich, daß man ſich in ſeiner Erzaͤhlung vorgreifet.

Auf mein wiederholtes Anſuchen kam ſie dieſen Morgen um ſechſe zu mir. Sie war voll - kommen angekleidet: denn ſie hat ihre Kleider nicht von dem Leibe gehabt, ſeit der Zeit, da ſie ſich erklaͤrte, daß ſie dieſelben in dieſem Hauſe niemals wieder ablegen wollte. Reizend ſah ſie aus, bey allem Abbruch, den ihr ein heftiges Ma - genwehe; Dorcas hat mir geſagt, daß ſie ſich wirklich uͤbel befunden habe; gethan hatte: da ſieB b b 2noch756noch dazu keine Ruhe gehabt, und die Augen roth und vom Weinen aufgeſchwollen waren. Etwas wunderbares fuͤr mich, daß dieſe ſchoͤne Springbrunnen nicht ſchon lange erſchoͤpfet ſind. Jedoch ſie iſt eine Weibsperſon; und ich glaube, die Zergliederer halten dafuͤr, daß die Weibs - leute waͤſſerichtere Koͤpfe haben, als die Mannsperſonen.

Nun, meine Allerliebſte, ich hoffe, daß ſie itzo den Jnhalt von des Capitain Tomlinſons Briefe durch und durch erwogen haben. Da wir aber ſo fruͤhe zuſammen kommen: ſo erlauben ſie mir, zu bitten, daß ſie dieſen Tag zu meinem begluͤck - ten Tage machen.

Sie ſahe mich nicht geneigt an. Jhre Stirn war bewolket, als ſie hereintrat. Jedoch, da ſie mir antworten wollte: nahmen ihre reizen - de Zuͤge ein noch feyerlichers Anſehen an.

Jhre Minen und ihr Geſicht, meine Ge - liebte, ſind mir nicht gewogen. Ehe ſie reden, erlauben ſie mir zu bitten, daß ſie alle weitere Verweiſe vorbeylaſſen. Denn ich habe ohne das ſchon eine ſolche Empfindung von meinem ſchaͤndlichen Verfahren gegen ſie, daß ich nicht weiß, wie ich die Vorwuͤrfe von meinem eigenen Gemuͤthe ertragen ſoll.

Jch habe mich bemuͤhet, antwortete ſie; da es mir nicht erlaubt iſt, ſie zu meiden; daß ich eine ſolche Gemuͤthsfaſſung erlangen moͤchte, in welcher ich ſie niemals mehr zu ſehen glaubte. Wie lange ich dieſelbe behalten moͤge, kann ichnicht757nicht ſagen. Jch hoffe aber, daß ich im Stande ſeyn werde, mit ihnen ohne die Heftigkeit zu re - den, welche ich geſtern zu erkennen gab und nicht hindern konnte(*)Die Fraͤulein ſchreibt in ihren Verzeichniſſen alſo: Jch fuͤrchte, Dorcas moͤchte falſch ſeyn. Kann ich ihn nicht vielleicht ſelbſt bewegen mich in Freyheit zu laſſen? Beſſer, dieß zu verſuchen, als ihr zu trauen. Kann ich ihn nicht dahin vermoͤgen; ſondern muß mit ihm und meinem Onkel zuſammen kommen: ſo hoffe ich, daß ich ſtark genug ſeyn werde, ihm alsdenn zu entſagen. Jedoch wollte ich gern vermeiden, mich mit dem Boͤſewicht zu vergleichen, oder ihm eine Hoffnung zu machen, die ich nicht zu erfuͤllen willens bin. Wo es in meiner Gewalt bleibet, mich zu ent - ſchließen: ſo ſoll mein Onkel ſelbſt mich nicht vermoͤgen, daß ich meine Seele mit einem ſo ſchaͤndlichen Kerl in einen Bund verſtricke..

Nach einer kleinen Stille; denn ich war die Aufmerkſamkeit ſelbſt; fuhr ſie folgendergeſtalt fort.

Es iſt fuͤr mich leicht einzuſehen, Herr Love - lace, daß mir noch mehr Gewaltthaͤtigkeiten zu - gedacht ſind, wo ich mir nicht ihre Abſichten ge - fallen laſſe, wie ſie auch beſchaffen ſeyn moͤgen. Jch will glauben, daß dieſelben nicht anders ſind, als ſie ſo feyerlich betheuren. Aber ich habe ih - nen eben ſo feyerlich meine Geſinnung eroͤffnet, daß ich die Jhrige niemals ſeyn wolle, niemals ſeyn koͤnne: und auch, wenn dieß iſt, keines an - dern Mannes auf der Welt. Nichts deſto we - niger begebe ich mich aller Rache wegen des Boͤ -B b b 3ſen,758ſen, das ſie mir gethan haben. Jch will mich nur in einen dunkeln Winkel ſtecken, daß ich mich vor ihnen und vor allen, die mich ſonſt liebeten, verberge. Das Verlangen, welches mir einſtens ſo ſehr am Herzen lag, nach einer Ausſoͤhnung mit meinen Freunden, hat gar viel nachgelaſſen. Sie ſollen mich itzo nicht aufnehmen: wenn ſie auch wollten. Da ich in meinen eignen Augen geſunken bin: ſo halte ich mich nun ſelbſt ihrer Gunſt unwuͤrdig. Daher beſchwoͤre ich ſie, Hr. Lovelace, in der Angſt meiner Seelen; die Thraͤ - nen ſtunden ihr in den Augen; mich meinem Schickſal zu uͤberlaſſen. Wenn ſie das thun: ſo werden ſie mir ein Vergnuͤgen machen; das groͤßte, welches ich nur empfinden kann.

Wohin, mein liebſtes Leben

Es kommt nicht darauf an, wohin. Jch will der Fuͤrſehung uͤberlaſſen, wenn ich aus dieſem Hauſe bin, meine Schritte ferner zu leiten. Mein verlaſſener Zuſtand iſt mir empfindlich genug. Jch weiß, daß ich keinen Freund in der Welt habe. Selbſt die Fraͤulein Howe hat mich auf - gegeben oder ſie ſind Doch ich wollte nicht gern heftig werden! Jhrentwegen ha - be ich ſie alle verlohren und ſie ſelbſt ſind ein grauſamer Feind gegen mich geweſen. Sie wiſſen es mehr als zu wohl.

Sie ruhete aus.

Jch konnte nichts ſprechen.

Alle Uebel, die ich gelitten habe; fuhr ſie fort, indem ſie ſich von mir wandte; ob ſie gleichuner -759unerſetzlich, ſind doch nur zeitliche Uebel Laſſen ſie mir meine Hoffnung, daß ich geſchickt ſeyn werde, wegen der Beleidigung, die ich meinen Eltern und der Tugend zu verurſachen verleitet bin, Vergebung von Gott zu erlangen: damit ich ſo den Uebeln entgehen moͤge, die mehr als zeitlich ſind. Dieß iſt nun alles, was ich zu wuͤnſchen habe. Was iſt es, das ich fordere, und kein Recht zu fordern haͤtte? Es iſt eine un - rechtmaͤßige Gewaltthaͤtigkeit, mich davon ab - zuhalten.

Es waͤre mir unmoͤglich, ſagte ich frey her - aus, hierinn gefaͤllig zu ſeyn. Jch bat, ſie moͤchte mir noch dieſen Tag ihre Hand geben. Jch koͤnnte nicht ohne ſie leben. Jch entdeckte ihr den gefaͤhrlichen Zuſtand meines Onkels, als ei - nen Grund, warum ich nicht bis an ihres Onkels Geburtstag zu warten wuͤnſchete. Jch bat, ſie moͤch - te mich durch ihre Einwilligung gluͤcklich machen, und, wenn die Trauung geſchehen waͤre, mit mir nach Berks hinunter reiſen. Und ſo, mein lieb - ſtes Leben, ſprach ich, werden ſie von einem Hau - ſe befreyet werden, gegen welches ſie einen ſo gro - ßen Widerwillen gefaſſet haben.

Dieß, wirſt du geſtehen, war ein fuͤrſtliches Anerbieten: und ich war entſchloſſen, mein Wort zu halten. Jch dachte, ich haͤtte mein Gewiſſen getoͤdtet, wie ich dir vor einiger Zeit erzaͤhlte, Belford. Aber ich befinde, das Gewiſſen kann nicht ſterben: ob es ſich gleich auf eine Zeitlang erſticken laͤſſet. Darf es nicht laut reden: ſoB b b 4ſpricht760ſpricht es in geheim. Und eben dieſen Augen - blick kam es mir vor, da ich nur ein wenig zu - ruͤckwiche, als wenn ich dieſe wieder aufgelebte Feindinn fuͤhlte, wie ſie ſich, gleich einer Schlan - ge, rund um mein Herze herum ſchlang, und nach Art derſelben, wenn ſie ſtirbet und alle ihre Kraft in ihren Kopf zuſammen zieht, ihre giftige Zaͤhne in mein Herz feſt zuſammenbiß.

Sie ſtockte und ſahe vor ſich nieder, als wenn ſie unſchluͤßig waͤre. Dieß verurſachte, daß mir das Herz bis zum Munde hinauf fuhr. Und glaube mir, ich hatte im Augenblick, in meiner Ein - bildung, einen alten laͤcherlichen Pfarrer mit einem weißen Weſterhemd uͤber einen ſch warzen Rock; ein geſchicktes Sinnbild von des Eisvogels Weiſe, der oft unter einer guten Geſtalt ein Leben voller Sturm und Ungewitter bringet; auf den Hals, welcher mit beweglicher und ſchnaubender Stimme den unwiederruflichen Kirchengebrauch vollzog.

Jch hoffe nun, meine Allerliebſte; ſprach ich, indem ich ihre Hand erhaſchte und an meine Lip - pen druͤckte; ich hoffe nun, daß ihr Stillſchwei - gen mir etwas Gutes bedeute. Geben ſie mir nur, dieſen Augenblick, ſchweigend ihre Einwilli - gung, daß ich ausgehen und einen Geiſtlichen holen darf. Denn verſprach ich, wie ſehr mein ganzes Leben kuͤnftig ihren Befehlen erge - ben ſeyn ſollte. Jch verſprach der beſte und zaͤrt - lichſte Mann zu werden.

Endlich wandte ſie ſich zu mir. Jch habe ihnen meine Meynung geſagt, Herr Lovelace. Den -761Denken ſie, daß ich vermoͤgend ſeyn ſollte ſo fey - erlich Hier brach ſie ab Jch bin zu ſehr in ihrer Gewalt, fuhr ſie fort: ihre Gefangene viel - mehr, als eine freye Perſon, daß ich fuͤr mich ſelbſt waͤhlen, oder ſagen koͤnnte, was ich thun oder ſeyn will Aber zu einem Zeugniſſe, daß ſie es wohl mit mir meynen, laſſen ſie mich augen - blicklich dieß Haus verlaſſen. So will ich ihnen ſchriftlich eine ſolche Antwort geben, die ſich am beſten zu meinen ungluͤcklichen Umſtaͤndenſchickt.

Bildeſt du dir wohl ein, meine Schoͤne, dachte ich, daß dieß bey einem Lovelace hingehen werde? Du haͤtteſt wiſſen muͤſſen, daß Leute von freyer Lebensart, wie Staatsraͤthe, niemals eine Gewalt, die ſie in ihren Haͤnden haben, fahren laſſen, ohne noch einmal ſo viel, als ſie werth iſt, an ihrer Stelle zu bekommen.

Jch ſtellte vor, wenn wir uns dieſen Mor - gen; oder wo nicht, morgen fruͤhe; oder wo auch das nicht, am Donnerſtage, an ihres On - kels Geburtstage und in ſeiner Gegenwart; mit einander verbunden, und hernach, wie ich vorge - ſchlagen haͤtte, nach Berks abgingen: ſo wuͤrden wir von ſelbſt dieß Haus geſchwinde verlaſſen, und, bey unſerer Zuruͤckkunft in die Stadt, das Haus bereit finden, welches ich im Vorſchlage haͤtte.

Sie antwortete mir nicht anders, als mit Thraͤnen und Seufzern. Da ich nun geneigt war, das zu glauben, was ich hoffete: ſo ſchrieb ich ihr Stillſchweigen der Schamhaftig -B b b 5keit762keit ihres Geſchlechtes zu. So feyerlich es das liebe Kind mit mir anfing, dachte ich, iſt ſie doch in Gedanken, in einer angenehmen Ungewißheit, wie ſie den guͤtigen Vorſatz ihres ſich herablaſſen - den Herzens in geſchickte Worte faſſen ſoll. Al - lein, da ich mit einer liebkoſenden Freundlichkeit in ihr abgewandtes Geſicht ſahe, merkte ich au - genſcheinlich, daß es Widerwillen und nicht Schamhaftigkeit war, was ſich in ihrer Bruſt ſtraͤubete(*)Die Fraͤulein geſteht in ihren Verzeichniſſen, daß ſie viele Muͤhe gehabt, in dieſer Unterredung ih - ren Unwillen zuruͤckzuhalten. Aber da ich be - fand, ſchreibt ſie, daß alle mein Bitten vergeb - lich, und daß er entſchloſſen war, mich feſtzuhal - ten: ſo konnte ich meine Ungedult nicht laͤnger unterdruͤcken..

Zuletzt brach ſie das Stillſchweigen. Jch habe keine Gedult mehr, waren ihre Worte, daß ich mich als eine Sklavinn, eine Gefangene in einem ſchaͤndlichen Hauſe anſehen muß Sagen ſie mir, mein Herr, ſagen ſie mir mit aus - druͤcklichen Worten, ob ſie willens ſind oder nicht, mir zu geſtatten, daß ich es verlaſſe? Ob ſie willens ſind, mir die Freyheit zu erlauben, die mein Geburtsrecht iſt, als eines engliſchen Unter - thans?

Wird nicht die Folge ſeyn, wenn ſie von hier gehen, daß ich ſie auf ewig verlieren werde, gnaͤ - dige Fraͤulein? Und koͤnnen mir dieſe Ge - danken wohl ertraͤglich ſeyn?

Darauf763

Darauf flog ſie von mir Meine Seele achtet dich nicht wuͤrdig, daß ich mit dir ein Ge - ſpraͤche halte, war ihr heftiger Ausdruck. Jch aber warf mich zu ihren Fuͤßen, und ergriff ihre widerſtrebende Hand. Jch fing an zu flu - chen, zu geloben, zu verſprechen. Allein die zornige Schoͤne fiel mir in die Rede: und ſo nahm ſie das Wort.

Jch bin deiner uͤberdruͤßig, Kerl! Eine an einander hangende Reihe von Geluͤbden, Eid - ſchwuͤren und Betheurungen, die nur der Zeit und dem Orte nach unterſchieden ſind, geht be - ſtaͤndig aus deinem Munde! Warum haͤltſt du mich hier feſt? Mein Herz erhebet ſich gegen dich, o grauſames Werkzeug der unverſchul - deten Rachbegierde meines Bruders Alles, warum ich dich bitte, iſt, daß du mir nur den zukuͤnftigen Theil von dem ſchrecklichen Flu - che meines Vaters erlaſſeſt! Den zeitlichen Theil haſt du, Niedertraͤchtiger und Undankbarer! ſchon zur Erfuͤllung gebracht.

Jch war ſprachlos Jch hatte auch wohl Urſache! Jhres Bruders Werkzeug! Jacob Harlowes Werkzeug! Der Henker, Bruder, was waren das fuͤr Worte!

Jch ließ ihre widerſtrebende Hand fahren. Sie ging zwey oder dreymal queer uͤber das Zim - mer: und ihre trotzigſtolze Seele bildete ſich ganz in ihren Mienen ab. Dann nahete ſie ſich zu mir, aber ſchwieg ſtille, wandte ſich von mir, und wieder zu mir, mit einer ſanftern Sprache Jch764Jch ſehe deine Verwirrung, Lovelace! Oder iſt es deine Gewiſſensangſt? Jch habe nur eine Bitte an dich; die Bitte, die ich ſo oft wiederholet habe: daß du mir dieſen Augen - blick erlauben wolleſt, dieß Haus zu verlaſſen. So lebe dann wohl, erlaube mir es zu ſagen, le - be ewig wohl! Wie ſehr wuͤnſchte ich, daß du derjenigen Gluͤckſeligkeit in dieſer Welt genießen moͤgeſt, der du mich, ſo wie aller Freunde, die ich in derſelben habe, beraubet haſt!

Und indem ſie dieß ſagte, flog ſie von mir, und ließ mich in einer ſo großen Verwirrung, daß ich nicht wußte, was ich denken, ſagen, oder thun ſollte.

Aber Dorcas weckte mich bald wieder auf Wiſſen ſie, mein Herr, rief ſie in vollem Lau - fe, daß meine Fraͤulein die Treppe hinunter ge - gangen iſt!

Nein, wahrlich! Und alſobald flog ich hinunter und fand ſie noch einmal an der Gaſſen - thuͤre, wo ſie mit Marichen Horton zankte, daß ſie hinausgelaſſen ſeyn wollte.

Sie huſchte bey mir voruͤber in den Voͤrder - ſaal hinein, flog an das Fenſter und verſuchte noch einmal die Vorſetzer aufzuziehen Lieben Leute! Lieben Leute! rief ſie.

Jch faßte ſie in meine Arme, und hub ſie von dem Fenſter weg. Weil mir aber bange war, ich moͤchte der reizenden Schoͤnen Leid thun; reizend war ſie ſelbſt in ihrer Wuth: ſo glitſche ſie mir aus den Armen, und fiel zu Boden. Laß765Laß mich hier ſterben! Laß mich hier ſterben! waren ihre Worte: und ſo blieb ſie ohne Gelenke und Bewegung liegen, bis Sarah und Fr. Sin - clair herein eileten.

Man ſahe ihr augenſcheinlich an, daß ſie bey dem Anblick des alten Unthiers in Schrecken ge - rieth. Jch war inzwiſchen von Herzen geruͤhret und berief mich auf jene. Zeugen ſie, Fr. Sin - clair! Zeugen ſie, Jungfer Martin! Jungfer Horton! Ein jeder zeuge, daß ich dieſer Geliebten keine Gewalt zu thun ſuche!

Hierauf lernte ſie ihre Fuͤße wieder gebrau - chen O Haus, ſprach ſie, und ſahe gegen das Fenſter und auf alles um ſich herum, o Haus, das tuͤckiſcherweiſe recht eigentlich zu meinem Ver - derben ausgeſuchet iſt! Aber laſſen ſie mir das Weib nicht vor Augen kommen Auch dieſe Jungfer Horton nicht, die ſich nicht unter - nommen haben wuͤrde, mir hinderlich zu ſeyn, wenn ſie nicht eine ſchaͤndlich niedertraͤchtige Per - ſon waͤre.

Ey, mein Herr! Ey Madame! ſchrie die alte Creatur, mit den Haͤnden in der Seite, und warf den einen Fuß, ſo weit es die Roͤcke litten Was fuͤr Getuͤmmel iſt hier um nichts und wieder nichts! Dergleichen Weſen habe ich in meinem Leben niemals geſehen, zwiſchen einem Schaͤfchen von Cavallier und einem Tiger von Frauenzimmer!

Die Fraͤulein ward augenſcheinlich in Schre - cken geſetzet, und eilte die Treppen hinauf. Einboͤſes766boͤſes Weib, Bruder, iſt gewiß ihrem eignen Ge - ſchlechte ſchrecklicher, als ein boͤſer Kerl.

Jch folgte ihr hinauf. Sie huſchte bey ih - rem eignen Zimmer vorbey in den Speiſeſaal hin - ein. Kein Schrecken kann machen, daß ſie ihre Bedenklichkeit vergeſſen ſollte.

Alles, was daſelbſt vorfiel, von harten Re - den, Ausrufungen, Drohungen, ſelbſt wider ihr eignes Leben, an einer; und von Vorwuͤrfen, flehentlichen Bitten, bisweilen auch Drohungen, an der andern Seite, wuͤrde allzu ruͤhrend ſeyn zu erzaͤhlen: und es laͤßt ſich nach den genauen Be - ſchreibungen, die ich ſchon von dergleichen Aufzuͤ - gen gegeben habe, eben ſo gut durch die Einbil - dungskraft vorſtellen, als ausdruͤcken.

Jch will alſo nur erwaͤhnen, daß ich endlich eine Gefaͤlligkeit von ihr erzwang. Sie hatte Urſache(*)Die Fraͤulein beruͤhret in ihrem Tagebuche, daß ſie kein anderes Mittel fuͤr ſich geſehen, als dieſe Gefaͤlligkeit einzuraͤumen, da ſie beſorgt haͤtte, ſie wuͤrde einer Entehrung auf der Stelle nicht ent - gehen koͤnnen. Jhre einzige Hoffnung ſey nun, ſchreibet ſie, wo ſie durch der Dorcas Nachſicht, welche ſie gleichwohl fuͤr verdaͤchtig haͤlt, nicht da - von kommen kann, ein Mittel zu finden, wodurch ſie ſich ihres Onkels Schutz, und wenn es noͤthig ſeyn ſollte, gar den Schutz der buͤrgerlichen Obrig - keit am kuͤnftigen Donnerſtage auswirken moͤge. Er ſolle ſehen, fuͤr ſo zahm und feige er ſie auch gehalten habe, was ſie zu unternehmen im Stan - de zu denken, daß es auf der Stelle aͤr -ger767ger um ſie geweſen ſeyn wuͤrde, wenn ſie mir die - ſelbe nicht eingeraͤumet haͤtte. Es war dieſe, daß ſie ſich zu beruhigen ſuchen wollte, bis ſie ſaͤhe, was am kuͤnftigen Donnerſtage, an ihres Onkels Geburtstag, erfolgen wuͤr - de. Aber o daß es keine Suͤnde waͤre; rief ſie mit heftiger Bewegung aus, da ſie mir nur dieſe elende Gefaͤlligkeit einraͤumte; vielmehr ihrem Leben ſelbſt ein Ende zu machen, als ſo weit nach - zulaſſen, daß ſie mir bloß dieſe Verſicherung gaͤbe!

Dieß zeigt mir inzwiſchen, daß ſie wohl mer - ket, wie die wider Willen gegebene Verſicherung an meiner Seite leicht als eine Hoffnung zur Vermaͤhlung ausgeleget werden koͤnne. Will ſie nur itzo, auch nur itzo noch, vor ſich hinaus ſe - hen: ſo denke ich, nach meines Herzens Mey - nung, daß ich ihre Liverey anlegen und Zeit Le - bens tragen werde.

Jn was fuͤr Umſtaͤnden bin ich mit allen meinen verfluchten Erfindungen! Wenn alles herauskommt: ſo bin ich irre, verwirrt und vor mir ſelbſt beſchaͤmet. Wie habe ich mir ſo viele Muͤhe gegeben, ein Boͤſewicht zu ſeyn! Al - lein ich frage dich, wohl zum funſzigſten male: Wer haͤtte denken ſollen, daß eine ſolche Weibs -perſon(*) de ſey, damit ſie einem ſo verhaßten Zwange, und einem Menſchen, der zu einer ſo vorſetzlich ſchaͤndlichen und unmenſchlichen Niedertraͤchtig - keit aufgelegt waͤre, entgehen koͤnne.768perſon in der Welt geweſen waͤre? Unter - deſſen thaͤte ſie am beſten, wenn ſie ſich in Acht naͤhme, daß ſie ihre Widerſpenſtigkeit nicht viel weiter triebe. Sie weiß nicht, wozu mich die Rache einer verachteten Liebe bringen werde.

Die muͤhſamen Aufzuͤge, die ich eben durch - gegangen bin, haben mein Herz in ſolche Bewe - gungen gebracht, daß ſie fuͤr eine gute Weile nicht zu ſtillen ſeyn werden. Da ich das, was ich ge - ſchrieben habe, wieder durchſehe: ſo bemerke ich, daß mein Herz auch meinen Fingern ſein Zittern mitgetheilet habe; und in einigen Stellen ſind die Zuͤge ſo undeutlich und unfoͤrmlich, daß du ſchwerlich im Stande ſeyn wirſt, ſie herauszu - bringen. Aber wenn nur eine Haͤlfte von ihnen leſerlich und verſtaͤndlich iſt: ſo wird es ſchon ge - nug ſeyn, mir deine Verachtung uͤber den Hals zu ziehen, daß ich einen ſo boͤſen Gebrauch von meinen Anſchlaͤgen und Erfindungen gemacht ha - be. Doch gewiß, Bruder, ich habe durch dieß Verſprechen einigermaßen einen feſten Fuß be - kommen.

Nun nur noch ein Wort, wegen der Verſi - cherungen, die du mir uͤberſchreibeſt, daß du mei - ne Geheimniſſe in Anſehung dieſer reizenden Fraͤulein nicht verrathen habeſt. Du haͤtteſt ſie ſparen koͤnnen, Belford. Mein Verdacht hielte nicht laͤnger an, als ſo lange ich davon ſchrieb(*)Siehe den XLIV Brief dieſes Theils nicht weit vom Ende.. Denn769Denn ich erkannte gar wohl, da ich mir Zeit ließ zu denken, daß du keine gute Grundſaͤtze, keine Tugend haͤtteſt, wodurch du verleitet ſeyn moͤch - teſt. Jch erkannte, daß ein gutes Theil von ſtar - kem Neid, und ein wenig von weich herzigem Mit - leiden, deine Bewegurſachen waͤren. Meinen Zorn konnteſt du nicht reizen, und mein Mitlei - den haſt du allezeit fuͤr dich gehabt. Jtzo biſt du inſonderheit noch mehr berechtiget, einen An - ſpruch darauf zu machen: weil du ein mitleidi - ger Bruder biſt.

Alle deine neue Vorwuͤrfe, zum Beſten mei - ner Geliebten, will ich beantworten, wenn ich dich ſpreche.

Der acht und funfzigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.

Verzweifelt uͤbel zufrieden bin ich mit dieſer ver - kehrten Fraͤulein. Du wirſt es mir nicht verweiſen, wo du mein Freund biſt. Sie ſieht die zugeſtandne Gefaͤlligkeit als ein ihr abgedrun - genes Verſprechen an. Wir ſind itzo wieder eben ſo weit mit einander, als wir vorher waren, ehe ſie mir dieſelbe einraͤumte.

Mit großer Muͤhe habe ich es ſo weit ge - bracht, daß ſie mir auf eine halbe Stunde dieſenFuͤnfter Theil. C c cAbend770Abend ihre Geſellſchaft goͤnnete. Meine Reiſe, die ich nach M. Hall nothwendig thun ſollte, war die Gelegenheit, woruͤber ich mit ihr ſprechen mußte.

Jch ſagte ihr, da ſie ſo guͤtig geweſen waͤre mir zu verſprechen, daß ſie ſich bis den Donner - ſtag in kuͤnftiger Woche beruhigen und denſelben vorbeygehen laſſen wollte ſo hoffete ich, daß ſie kein Bedenken tragen wuͤrde, mir gefaͤllig zu ſeyn, und ihr Wort zu geben, daß ich ſie bey mei - ner Ruͤckkunft von M. Hall hier wieder finden ſollte.

Nein, in Wahrheit, das wollte ſie mir nicht verſprechen. Es ward ja damals nichts von dieſem Hauſe gegen mich erwaͤhnet, ſprach ſie: das wiſſen ſie ſelbſt wohl. Und denken ſie, daß ich zu meiner Gefangenſchaft in demſelben meine Einwilligung gegeben haben wollte?

Jch ward ſehr verdrieslich, und auch ſelbſt in meiner Hoffnung betrogen. Wenn ich nicht nach M. Hall hinuntergehe: ſo werden ſie doch kein Bedenken haben, wie ich vermuthe, hier zu bleiben, bis der Donnerſtag voruͤber iſt?

Wenn ich mir ſelbſt nicht helfen kann: ſo muß ich wohl Aber ich dringe darauf, daß ich die Erlaubniß habe, aus dieſem Hauſe weg - zugehen: ſie moͤgen es verlaſſen, oder nicht.

Gut, gnaͤdige Fraͤulein, ſo will ich mich dann nach ihren Befehlen achten. Jch will noch die - ſen Abend ausgehen und Zimmer ſuchen, gegen die ſie keine Einwendung haben werden.

Jch771

Jch will keine Zimmer annehmen, die ſie be - ſtellet haben, mein Herr. Jch will zu der Fr. Moore nach Hampſtead gehen.

Zur Fr. Moore, gnaͤdige Fraͤulein? Jch habe nichts gegen Fr. Moore einzuwenden Allein wollen ſie mir verſprechen, daß ſie mich da - ſelbſt vor ſich laſſen wollen?

Wie ich hier thue Wenn ich es nicht aͤn - dern kann.

Wohlan denn, gnaͤdige Fraͤulein Wol - len ſie ſo gut ſeyn, mich wiſſen zu laſſen, was ſie bey ihrem Verſprechen im Sinne gehabt ha ben, daß ſie ſich beruhigen wollten

Mich zu beruhigen ſuchen wollte, mein Herr waren die Worte bis ſie ſaͤhen, was am kuͤnftigen Donnerſtage erfolgen wuͤrde?

Legen ſie mir keine Fragen vor, wodurch ich gefangen werden koͤnnte. Jch bin zu ehrlich fuͤr die Geſellſchaft, in der ich bin.

Erlauben ſie mir zu fragen, gnaͤdige Fraͤu - lein: Was meynten ſie damit, als ſie ſagten, wenn es keine Suͤnde waͤre, ſo wollten ſie eher ſterben, als daß ſie mir die Verſicherung gaͤben.

Sie ſchwieg voll Widerwillen ſtille.

Sie dachten, gnaͤdige Fraͤulein, daß ſie mir Gelegenheit gegeben haͤtten, mir dadurch Hoff - nung zur Verzeihung zu machen.

Wenn ich erſt glauben werde, daß ich ſchul - dig ſey, ihnen mit Gedult zu antworten: ſo will ich reden.

C c c 2Den -772

Denken ſie, daß ſie in meiner Gewalt ſind, g n aͤdige Fraͤulein?

Waͤre ich es nicht Hier brach ſie ab

Meine Allerliebſte, reden ſie aus Jch bit - te ſie, meine Allerliebſte, reden ſie aus.

Sie ſchwieg ſtille: und ihr reizendes Geſicht gluͤhete uͤber und uͤber.

Haben ſie einige Zuverſicht zu meiner Ehre, gnaͤdige Fraͤulein?

Noch ſchwieg ſie beſtaͤndig ſtille.

Sie haſſen mich, gnaͤdige Fraͤulein. Sie halten mich geringſchaͤtziger als das veraͤchtlichſte Geſchoͤpfe auf Gottes Erdboden.

Sie muͤßten mich geringe ſchaͤtzen, wenn ich das nicht thaͤte.

Sie ſagen, gnaͤdige Fraͤulein, ſie ſind in ei - nem boͤſen Hauſe. Sie haben kein Zutrauen zu meiner Sie glauben, daß ſie mir nicht ausweichen koͤnnen

Sie ſtund auf. Jch bitte ſie, laſſen ſie mich weggehen.

Jch erhaſchte ihre Hand, indem ich auch auf - ſtund, und druͤckte ſie in wilder Verwirrung an meine Lippen, und dann an mein Herz. Sie haͤtte wohl fuͤhlen koͤnnen, daß der pochende Un - gluͤcksſtifter in Bereitſchaft war, durch ſeine Schranken durchzubrechen. Sie ſollen ge - hen Jn ihr eignes Zimmer, wenn es ihnen beliebt Aber, ſo wahr Gott im Himmel lebt, ich will ſie dahin begleiten.

Sie773

Sie zitterte und bebte Jch bitte, ich bit - te ſie Herr Lovelace, erſchrecken ſie mich nicht ſo!

Setzen ſie ſich, gnaͤdige Fraͤulein! Jch bitte ſie, ſetzen ſie ſich!

Jch will mich niederſetzen

So thun ſie es denn, gnaͤdige Fraͤulein, thun ſie es Meine Seele war ganz in mei - nen Augen, und das Blut in meinem Herzen ſchlug bis an die aͤußerſten Spitzen meiner Fin - ger.

Jch will Jch will Sie thun mir Schaden Jch bitte Herr Lovelace, erſchre - cken erſchrecken ſie mich nicht ſo Und hiemit ſetzte ſie ſich bebend nieder: meine Hand aber griff beſtaͤndig nach der ihrigen.

Jch hing uͤber ihrer klopfenden Bruſt: und ſchlug meinen andern Arm um ſie herum Und ſie ſagen, ſie haſſen mich, gnaͤdige Fraͤulein Und ſie ſagen, ſie halten mich geringſchaͤtzig! Und ſie ſagen, ſie haben mir nichts verſpro - chen

Ja, ja, ich habe ihnen verſprochen Druͤ - cken ſie mich nicht ſo nieder Sie ſehen, daß ich mich niedergeſetzt habe, als ſie es befohlen ha - ben Was braucht es, ſagte ſie mit ringen - dem Widerſtande, daß ſie mich ſo niederhalten? Jch habe verſprochen, daß ich mich zu beru - higen ſuchen wollte, bis der Donnerſtag vorbey waͤre? Aber ſie wollen es ja nicht zu - laſſen! Wie kann ich ruhig ſeyn? Jch bitte ſie, erſchrecken ſie mich nicht ſo.

C c c 3Und774

Und was meynten ſie dann mit ihrem Ver - ſprechen? Meynten ſie etwas zu meinem Vor - theil damit? Sie hatten die Abſicht dabey, daß ich damals ſo davon gedenken ſollte. Meynten ſie etwas zu meinem Vortheil damit, gnaͤdige Fraͤulein? Hatten ſie die Abſicht, daß ich ſo davon gedenken ſollte?

Laſſen ſie meine Hand los, mein Herr Nehmen ſie ihren Arm um mich weg Sie ſtraͤubete ſich: aber zitterte doch Warum ſe - hen ſie mich mit ſo ſtarren Augen an?

Antworten ſie mir, gnaͤdige Fraͤulein Meynten ſie etwas zu meinem Beſten mit ihrem Verſprechen?

Laſſen ſie mich doch nicht ſo gezwungen wer - den, zu antworten.

Hierauf ruhete ſie ein wenig aus, und nach - dem ſie mehr Muth gefaſſet hatte, fing ſie wieder an. Laſſen ſie mich gehen. Jch bin nur eine Weibsperſon nur eine ſchwache Weibsper - ſon. Allein mein Leben iſt in meiner eignen Ge - walt, wenn meine Perſon es gleich nicht iſt Jch will nicht ſo gezwungen werden.

Sie ſollen dann auch nicht. Hiemit ließ ich ihre Hand fahren und buͤckte mich: aber mein Herz war mir ſchon an der Kehle, und hoffete nur, weiter gereizet zu werden.

Sie ſtand auf und wollte davon eilen.

Jch verfolge ſie nicht, gnaͤdige Fraͤulein Jch will es auf eine Probe ihrer Großmuth an - kommen laſſen Bleiben ſie ſtehen Kom -men775men ſie wieder zuruͤck den Augenblick blei - ben ſie ſtehen, kommen ſie wieder zuruͤck, wo ſie mich nicht zur Verzweifelung bringen wollen.

Sie blieb an der Thuͤre ſtehen, und fing hef - tig an zu weinen O Lovelace! Wie, wie, habe ich verdienet

Haben ſie die Gewogenheit, liebſter En - gel, wieder zuruͤckzukommen.

Sie kam wieder allein bezeugte ihr Wi - derſtreben ausdruͤcklich und ſchrieb ihre Willfah - rung dem Schrecken zu.

Schrecken, Bruder; wie ich ſchon vorher ausgefunden habe, ob mir gleich dieſe Entdeckung ſo wenig genutzet hat; muß meine Zuͤflucht ſeyn, wenn ſie es noͤthig macht Sonſt wird nichts bey dieſer unbiegſamen Schoͤnen anſchlagen.

Sie ſetzte ſich gegen mich uͤber und war in aͤußerſter Verwirrung Jedoch hatte Zorn und Unwillen in ihren Zuͤgen augenſcheinlich die Oberhand.

Jch wollte auf ſie zu gehen: mit einem Ge - ſichte, das mit allem Fleiße wiederum Liebe und Sanftmuth angenommen hatte. Angenehmſter, liebſter Engel, waren meine Worte in dem zaͤrt - lichſten Tone Allein ſie ſtand auf, und drang in mich, daß ich in einer Entfernung von ihr ſitzen bleiben ſollte.

Jch gehorchte und bat nur, daß ſie meiner ausgereckten Hand ihre Hand uͤber dem Tiſche reichen moͤchte: um zu ſehen, wie ich ſagte, ob ſie mir in irgend einem Stuͤcke gefaͤllig ſeynC c c 4wollte.776wollte. Aber kein gelindes, kein ſanftmuͤthi - ges, kein liebreiches Weſen wollte helfen. Sie ſchlug mir ihre Hand ab! Handelte ſie klug, Bruder, daß ſie mich in den Gedanken beſtaͤrkte, nichts, als Schrecken, wuͤrde etwas ausrichten?

Laſſen ſie mich nur wiſſen, gnaͤdige Fraͤulein, ob ihr Verſprechen, daß ſie den Ausgang des kuͤnftigen Donnerſtags mit Gedult zu erwarten ſuchen wollten, zu meinem Vortheil abzielte?

Erwarten ſie einige freywillige Gunſt von ei - ner Perſon, der ſie keine freye Wahl laſſen?

Sind ſie willens, gnaͤdige Fraͤulein, mich in ihres Onkels Gegenwart mit ihrer Hand zu be - ehren, oder nicht?

Mein Herz und meine Hand ſollen niemals getrennet ſeyn. Warum, glauben ſie, widerſetzte ich mich ſonſt dem Willen meiner beſten, meiner natuͤrlichen Freunde?

Jch weiß, was ſie meynen, gnaͤdige Fraͤulein Bin ich ihnen denn ſo verhaßt, als der ſchaͤndliche Solmes?

Legen ſie mir nicht eine ſolche Frage vor, Herr Lovelace.

Jch muß Antwort haben. Bin ich ihnen ſo verhaßt, als der ſchaͤndliche Solmes?

Warum nennen ſie den Herrn Solmes ſchaͤndlich?

Halten ſie ihn nicht dafuͤr, gnaͤdige Fraͤu - lein?

Warum ſollte ich? Hat Herr Solmes jemals ſchaͤndlich gegen mich gehandelt?

Aller -777

Allerliebſte Fraͤulein, ſetzen ſie mich nicht, durch gehaͤßige Vergleichungen und vielleicht durch einen noch gehaͤßigern Vorzug, außer mich.

Legen ſie, mein Herr, mir nicht Fragen vor, von denen ſie verſichert ſind, daß ich ſie nach der Wahrheit beantworten werde, wenn meine Ant - wort ſie auch noch ſo raſend machen ſollte.

Mein Herz, gnaͤdige Fraͤulein, meine Seele, iſt gegenwaͤrtig ihnen ganz und gar zum Eigen - thume gelaſſen. Aber ſie muͤſſen mir Hoffnung machen, daß ihr Verſprechen, nach ihrer eignen Deutung, ſie verbinde, da keine neue Urſache zum Gegentheil vorhanden iſt, am Donnerſtage die Meinige zu ſeyn. Wie kann ich ſie ſonſt ver - laſſen?

Laſſen ſie mich nach Hampſtead gehen, und trauen auf meine Gunſt.

Kann ich darauf trauen? Sagen ſie nur, kann ich darauf trauen?

Wie wollen ſie darauf trauen: wenn ſie eine Antwort auf dieſe Frage erzwingen?

Sagen ſie nur, meine Allerliebſte, ſagen ſie nur, kann ich auf ihre Gunſt trauen, wenn ſie nach Hampſtead gehen?

Wie duͤrfen ſie, mein Herr, wenn ich frey herausreden muß, ein Verſprechen einiger Gunſt von mir erwarten? Was fuͤr eine nieder - traͤchtige Seele muͤßte ich in ihren Gedanken ſeyn, nachdem ſie ſo undankbar und ſchaͤndlichC c c 5mit778mit mir umgegangen ſind, wenn ich ihnen ein ſolches Verſprechen thun ſollte?

Hiemit ſtand ſie auf, ſchlug ihre Haͤnde zu - ſammen und verfaͤrbte ſich uͤber und uͤber vor Unwillen. Du, o ſchaͤndlichſter Kerl, haſt mich zu einer Einwohnerinn des ſchaͤndlichſten Hauſes gemacht Nichts deſto weniger werde ich, ſo lange ich in demſelben bin, ein Herz haben, das zu nichts faͤhig iſt, als zum Abſcheu gegen daſ - ſelbe und gegen dich.

Dann ſahe der Engel um ſich herum, und auf mich. Die Furcht vor den Folgen dieſer freyen Erklaͤrung mahlte ſich dabey in ihrem angeneh - men Geſichte deutlich ab. Aber was fuͤr ein Teufel muͤßte ich geweſen ſeyn; ich, der ich an einer Mannsperſon Herzhaftigkeit liebe: wenn ich in dem Augenblick nicht mehr von Verwunde - rung uͤber ihren tapfern Muth geruͤhret, als von Rache getrieben waͤre?

Edelmuͤthigſte Fraͤulein! denken ſie, daß ich ſo leicht, ohne die aͤußerſte Gewalt, ſie, und mein Antheil an einem ſo vortrefflichen Muſter aller Vorzuͤge, verlaſſen kann? Wenn ich kein Verſprechen habe! keine Hoffnung! Wo ſie mich nur nicht zur Verzweifelung brin - gen: ſo mag mich den Augenblick ein Blitz ver - zehren, wofern ich ihnen nicht alle Gerechtigkeit widerfahren laſſe, die mir moͤglich iſt.

Sind ſie irgend geneigt, mir gefaͤllig zu ſeyn und mich zu verbinden: ſo laſſen ſie mir meine eigne Freyheit und laſſen mich nicht in dieſemſcheus -779ſcheuslichen Hauſe feſtgehalten werden. Soll ich ſo gezwungen ſeyn, als ich bisher geweſen bin! Soll ich mir von ihren ſchaͤndlichen Unter - haͤndlerinn den Weg verrennen laſſen! Soll ich, wenn ich mich ſelbſt gegen eine ſo unrechtmaͤßige Gewalt vertheidige, leiden, daß ich mit Gewalt hinauf geſchleppet und zerdruͤckt werde! Jch habe Herz genug zu ſterben, Lovelace Und eine Perſon, die ſich vor dem Tode nicht fuͤrchtet, laͤßt ſich durch Furcht zu keiner Nieder - traͤchtigkeit, die ſich fuͤr ihr Herz und ihre Grund - ſaͤtze nicht ſchicket, bringen!

Wundernswuͤrdiger Engel! Aber warum, gnaͤdige Fraͤulein, warum haben ſie mir Anlaß gegeben, etwas vortheilhaftes auf kuͤnftigen Don - nerſtag zu hoffen? Noch einmal, bringen ſie mich nicht zur Verzweifelung Mit aller ih - rer Großmuth, erhabne, glorwuͤrdige Fraͤulein! ich war mehr als halb unſinnig, Belford koͤnnen ſie wohl, koͤnnen ſie wohl Aber machen ſie nicht, daß ich auf eine grauſame Art drohen muͤſſe! Bringen ſie, bringen ſie mich nicht zur Verzweifelung!

Mein Anblick, glaube ich, drohete noch mehr, als meine Worte. Jch wollte aufſtehen Sie ſtund auf Herr Lovelace, laſſen ſie ſich beruhigen Sie ſind mir ſo gar noch ſchreck - licher, als der Lovelace, der mir laͤngſt ſchrecklich geweſen iſt Laſſen ſie mich weggehen Jch bitte ſie um Erlaubniß, wegzugehen Sie ſetzen mich wirklich in Schrecken Den -noch780noch mache ich ihnen keine Hoffnung Von ganzem Herzen verab

Sagen ſie nicht, gnaͤdige Fraͤulein, daß ſie mich verabſcheuen Sie muͤſſen, um ih - res eignen Beſtens willen, ihren Haß verbergen wenigſtens nicht ausdruͤcklich geſtehen Jch ergriff ihre Hand.

Laſſen ſie mich weggehen Laſſen ſie mich weggehen, ſprach ſie beynahe außer Athem.

Jch will nur ſagen, gnaͤdige Fraͤulein, daß ich mich auf ihre Großmuth berufe. Meinem Herzen iſt in dieſem Augenblick nicht zu trauen. Zu einem Zeichen meiner Unterwerfung zu ihrem Willen ſollen ſie weggehen, wo es ihnen beliebt Aber ich will nicht nach M. Hall abreiſen Mein Onkel mag leben, oder ſterben, ich will nicht nach M. Hall abreiſen ſondern will die Erfuͤllung ihres Verſprechens erwarten. Er - innern ſie ſich, gnaͤdige Fraͤulein, ſie haben mir verſprochen, daß ſie ſich zu beruhigen ſuchen wollten, bis ſie ſehen wuͤrden, was am kuͤnf - tigen Donnerſtag erfolgete. Kuͤnftigen Donnerſtag, erinnern ſie ſich, kommt ihr Onkel herauf, uns vermaͤhlt zu ſehen. Das iſt es, was erfolgen wird. Sie denken uͤbel von ihrem Lovelace Laſſen ſie ihre eigne Grund - ſaͤtze der Tugend durch ſein anſteckendes Bey - ſpiel, wie ſie es nannten, nicht ihren Werth ver - lieren.

So flog die bezaubernde Schoͤne mit dieſer halben Erlaubniß davon und dachte ſonderZwei -781Zweifel, daß ſie einer Gefahr entgangen waͤre auch nicht ohne Grund.

Jch wußte auf eine halbe Stunde nicht, was ich mit mir ſelbſt machen ſollte. Jedoch war ich nun von Herzen verdrieslich, da ſie von mir war; als ich ihren Haß gegen mich und ihr Mistrauen uͤberlegte; daß ich mich ſo durch die Ehrfurcht gegen ſie ſchuͤchtern machen, ſo bezaͤhmen, ſo zu - ruͤckhalten ließ

Und itzo, indem ich ſo weit geſchrieben, und unſere ganze Unterredung nach ihrem Verlauf wieder uͤberdacht habe, werde ich mehr und mehr gegen mich ſelbſt entruͤſtet.

Allein ich will zu den Weibsleuten hinunter - gehen und mich vielleicht von denſelben aus - lachen laſſen.

Der Teufel hole ſie, ſie wollen ihr eignes Geſchlecht kennen. Sarah war ein wohl erzo - genes Frauenzimmer Marichen auch Beyde haben geleſen Beyde haben Ver - ſtand Sind von nicht ſchlechtem Herkommen Ehedem waren auch beyde ſittſam Be - ſtaͤndig, ſagen ſie, warum ſie ſittſam und ſcham - haftig geweſen, ausgenommen gegen mich Sie ſind noch itzo nicht ganz ohne alle Bedenk - lichkeit: ob ſie gleich gegen meinen perſoͤnlichen Antrag ſich zu wenig Bedenken machen; ſo un - gern ſie auch ſehen, daß ich in dieſen Gedanken ſtehe Die Alte ſelbſt iſt eine Weibsperſon von gutem Geſchlechte: ungeachtet ſie, ſo wohl aus boͤſer Neigung, als zuerſt wegen ihrer ſchlech -ten782ten Umſtaͤnde, ſo jaͤmmerlich verfallen iſt Daher wollen ſie ſich alle erinnern koͤnnen, was ſie ehedem geweſen, und wollen fuͤr die Neigun - gen und Heucheley des ganzen Geſchlechts ſtehen. Sie wuͤnſchen aus der Urſache nichts ſo eifrig, als daß ich die verkehrte Fraͤulein ihrer Zucht unterdeſſen, da ich nach Berkſchire gereiſet ſeyn werde, uͤberlaſſen wolle. Sie nehmen es ſchlech - terdings auf ſich, daß ſie bey meiner Zuruͤckkunft gedemuͤthiget ſeyn und alles leiden ſoll. Sie ruͤh - men ſich mit den vielen verkehrten Frauenzim - mern, die ſie genoͤthigt haben, in ihre Fußtapfen zu treten.

Sie ſagen mir oft zu einem Vorwurfe vor, daß ſie verſichert ſind, ich werde zuletzt doch zur Ehe ſchreiten Und Sarah hatte das letzte mal, als ich bey ihr war, die Dreiſtigkeit, mir zu verſtehen zu geben, daß, wenn ſie erſt eine Frau waͤre, ein anderer nicht halb die Schwierigkeit finden wuͤrde, die ich gefunden haͤtte Jn der That eine Dreiſtigkeit! Aber dennoch muß ich ſagen, daß dieſe liebenswuͤrdige Fraͤulein die einzige Weibsperſon in der Welt iſt, uͤber die ich nicht eiferſuͤchtig ſeyn wuͤrde. Wenn ſich inzwi - ſchen ein Mann der Geſellſchaft dieſer Teufel uͤberlaͤſſet: ſo werden ſie ihm nicht eher Ruhe laſſen, bis er ſeine Frau entweder verdaͤchtig haͤlt, oder haſſet.

Jedoch ein oder zwey Worte von andern Sachen, wo es moͤglich iſt.

Mich783

Mich deucht, ich trage Verlangen zu wiſſen, wie es zu M. Hall ſtehe. Jch habe noch eine geheime Nachricht, daß der alte Lord in der groͤßten Gefahr iſt.

Jch muß hinunter reiſen. Aber was iſt un - terdeſſen mit dieſer Fraͤulein zu machen! Die verfluchten Weibsleute ſind voll Grauſamkeit und kuͤhner Unternehmung. Sie wird in mei - ner Abweſenheit nimmermehr geruhig bey ihnen ſeyn. Daher werden ſie gereizet werden und ei - nen Vorwand haben. Allein wehe ihnen, wenn

Jedoch, was wird die Rache helfen, wenn eine gewaltſame Beſchimpfung vorgegangen iſt? Die zwo Nymphen werden durch eiferſuͤchtige Wuth getrieben werden Und was wird ein eiferſuͤchtiges und ſchon verlohrnes Weibsbild zu - ruͤckhalten!

Daß ich ſie an einen andern Ort gehen laſ - ſen ſollte, das laͤßt ſich nicht thun. Jch bin noch entſchloſſen, ehrlich zu ſeyn: wo ſie mir Hoffnung machen; wo ſie mich ehrlich ſeyn laſſen will Jnzwiſchen will ich ſehen, wie ſie ſich nach dem Streit, den ſie unſerer letzten Unterredung wegen, gewiß zwiſchen ihrem Unwillen und dem nicht un - gegruͤndeten Schrecken finden wird, bezeigen wer - de. Alſo mag dieſe Sache bis morgen ru - hen. Jch will noch einmal wieder auf den alten Lord kommen.

Jch mache mir ſchon die Rechnung, daß ich viele Muͤhe haben werde, bey dem erwartetenVorfalle784Vorfalle mich geziemend zu verhalten: ob ich gleich kein Geizhals bin. Wie ſoll ich es hier - naͤchſt in denen Tagen machen, an welchen je - dermann ſein Beyleid zu bezeugen kommt: da ich kein Heuchler bin! Was fuͤr alberne Schau - ſpiele habe ich durchzugehen, und die Hauptper - ſon in denſelben vorzuſtellen! Jch will ver - ſuchen, an mein letztes Ende, an einen grauen Bart und einen unverſchaͤmten Erben zu geden - ken, damit ich mich ernſthaft mache.

Du, Belford, weißt ein gutes Theil von die - ſen ſeltſamen Geberden: und kannſt einem froͤh - lichen Herzen ein wenig von dem Unheil mitthei - len. Aber es ſind auch alle Zuͤge in deinem Ge - ſichte recht dazu ausgeſchnitten. Mein Herz kann vielleicht eher, als deines, geruͤhret werden. Denn, du magſt mir glauben, oder nicht, ich ha - be ein recht zartes Herze. Allein, die Urſache, traurig zu ſeyn, ſey auch noch ſo groß: ſo wird doch kein Menſch, der mir ins Geſicht ſiehet, glauben, daß dieß Herz ſo ſchweren Kummer fuͤhle.

Alles iſt geruhig, vergnuͤgt, heiter, in meiner Bildung. Die Traurigkeit kann keine halbe Stunde in meinem Geſichte ſitzen. Ja, ich glaube, daß ſelbſt des Lords M. Geneſung, wenn ſie etwa erfolgen ſollte, mich nicht uͤber eine Vier - telſtunde anfechten wuͤrde. Es iſt mir nur um die neuen Aufzuͤge zu thun, und um das Ver - gnuͤgen bey der Familie einen Heraclit vorzuſtel - len, wenn ich unterdeſſen bey meinen vertrautenFreunden785Freunden ein Democrit bin: ſonſt mangelt mir nichts, das mir der alte Lord verlaſſen koͤnnte. Warum ſollte denn der Kummer ſolche froͤhliche, ſolche muntere Zuͤge, als ich habe, traurig machen und verziehen?

Deine aber ſind von ganz anderer Art. Wenn ein Mord auf der Gaſſe veruͤbt waͤre, und du nur vorbey gingeſt; der Moͤrder ſelbſt aber ſo gar vor Augen ſeyn ſollte: ſo wuͤrden die Haͤ - ſcher ihn laufen laſſen und dich greifen. Ja eben eine Bildung wuͤrde dir ſo wohl das Haͤn - gen, als das Greifen, zuziehen.

Jedoch ein Wort zur Sache, Bruder. Mit wem theilteſt du deinen Kummer? Wareſt du wohl aufgenommen? Jch werde ein gu - tes Theil davon brauchen. Denn ich bin wil - lens, alle und jede in der Familie traurig zu ma - chen von außen, wo ni cht von innen

Der neun und funfzigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.

Jch ging dieſen Morgen fruͤhe aus. Jch hat - te einen Anſchlag. Jch weiß aber noch nicht, ob ich ihn verfolgen werde, oder nicht. Fuͤnfter Theil. D d dDa786Da ich zuruͤck kam: fand ich Simon Parſons, meines Lords Verwalter in Berkſchire, vor mir, der eben angekommen war, und auf mich wartete, mit einer ordentlichen Geſandtſchaft, die die gan - ze Familie an mich ergehen ließ, um mich deſto mehr anzutreiben, daß ich hinunter kaͤme; und zwar auf ausdruͤckliches Verlangen meines Lords, der mich nothwendig vorher ſehen und ſprechen muß, ehe er ſtirbet.

Simon hat meines Lords Kutſche mit ſechs Pferden, die vielleicht itzo ſchon meine eigne ſeyn mag, mitgebracht, mich hinunter zu holen. Jch habe befohlen, daß ſie morgen fruͤhe um vier in Bereitſchaft ſeyn ſoll. Die Thiere ſollen fuͤr den Verzug rauchen: und werden deſto beſſer im Stande ſeyn, es auszuhalten, weil ſie unter - deſſen Ruhe gehabt haben.

Jch bin noch entſchloſſen zu heyrathen: wo meine verkehrte Schoͤne meine Hand annehmen will. Will ſie aber nicht: wohlan, ſo muß ich alſobald, nicht meinem Gewiſſen, ſon - dern den Weibsleuten unten im Hauſe Gehoͤr geben.

Dorcas hatte ihrer Fraͤulein von Simons Ankunft und Geſandtſchaft Nachricht gegeben. Meine Geliebte hatte ihn zu ſprechen verlanget. Allein da ich zu Hauſe kam: ſo ward er abgehal - ten, zu ihr zu kommen; eben als Dorcas ihn unterrichtete, was fuͤr Fragen er nicht beantwor - ten ſollte, die etwa an ihn geſchehen moͤchten.

Jch787

Jch werde auf mein wiederholtes Anſuchen alſobald vor ſie kommen Gewiß der Zu - wachs, den ich zu hoffen habe, wird mir helfen, alles mit ihr gut zu machen Sie iſt eben in den Speiſeſaal hinauf gegangen.

Nichts will helſen, Bruder! Jch kann keine Gunſt von ihr erlangen: ob ſie gleich ihre Abſicht in dem, was ihr am Herzen lag, bey mir erreichet hat.

Jch will dir ein kurzes Verzeichniß von al - lem geben, was zwiſchen uns vorgefallen iſt.

Jch ſchlug zuerſt vor, mich alſobald mit ihr zu vermaͤhlen; und zwar auf die feurigſte Art: allein ich ward eben ſo feurig abgewieſen.

Hierauf fragte ich, ob ſie die Gewogenheit haben wollte, mich zu verſichern, daß ſie nur bis Dienſtags fruͤhe hier bleiben wollte? Jch wollte nichts mehr thun, als hinunter reiſen, und zuſe - hen, wie ſich mein Lord befaͤnde Damit ich erfuͤhre, ob er mir etwas beſonders zu ſagen, oder zu verordnen haͤtte, indem er ſich noch ſeiner be - wußt waͤre, da er ſo ernſtlich mich zu ſprechen verlangte Vielleicht koͤnnte ich ſchon am Sonntage wieder herauf ſeyn Raͤumen ſie mir doch in einem Stuͤcke eine Gefaͤlligkeit ein Jch bitte ſie, gnaͤdige Fraͤulein, zeigen ſie mir eine kleine Achtung.

Wie, Herr Lovelace, muß ich mich nach ih - ren Bewegungen richten? Denken ſie, daßD d d 2ich788ich freywillig eine Rechtfertigung fuͤr meine Ge - fangenſchaft an die Hand geben wolle? Was geht mich ihr Bleiben oder ihr Wiederkommen an?

Eine Rechtfertigung fuͤr ihre Gefan - genſchaft an die Hand geben! Meynen ſie, gnaͤdige Fraͤulein, daß ich mich vor den Ge - ſetzen fuͤrchte?

Jch haͤtte dieſe thoͤrichte und trotzige Frage ſparen moͤgen Allein mein Stolz wollte es nicht zulaſſen. Jch dachte, ſie drohete mir, Bruder.

Nein, das denke ich nicht, mein Herr Sie ſind allzu herzhaft, daß ſie im geringſten entweder ſittliche oder goͤttliche Verordnungen achten ſollten.

Es iſt gut, gnaͤdige Fraͤulein! Aber for - dern ſie etwas von wir, worinn ich ihnen gefaͤl - lig ſeyn kann: ich will ihnen gefaͤllig ſeyn; ob ſie mir gleich in nichts gefaͤllig ſeyn wollen.

So fordere ich denn von ihnen, ſo erſuche ich ſie denn, daß ſie mich nach Hampſtead gehen laſſen.

Jch ſchwieg ein wenig ſtille und end - lich hieß es Bey meiner Seele, ſie ſollen Dieſen Augenblick will ich ihnen aufwarten und ſie daſelbſt eingemiethet ſehen: wo ſie mir auf den Donnerſtag in Gegenwart ihres Onkels ver - ſprechen wollen

Jch brauche ſie nicht, mich eingemiethet zu ſehen Jch will nichts verſprechen.

Neh -789

Nehmen ſie ſich in Acht, gnaͤdige Fraͤulein, mir nicht zu zeigen, daß ich auf ihre kuͤnftige Gewogenheit nicht trauen koͤnne!

Jch bin ſchon gewohnt, mein Herr, mir von ihnen drohen zu laſſen Allein ich will ihren Beſuch zu Hampſtead annehmen Jch will in einer Viertelſtunde bereit ſeyn, abzugehen Meine Kleider koͤnnen mir nachgeſchickt werden.

Sie wiſſen die Bedingung, gnaͤdige Fraͤu - lein Kuͤnftigen Donnerſtag

Sie duͤrfen nicht darauf trauen

Meine unendlich große Unwuͤrdigkeit ſaget mir, daß ich es nicht thun muͤſſe Nichts deſto weniger will ich auf ihre Großmuth ein Vertrauen ſetzen. Morgen fruͤhe; wofern nichts neues vorfaͤllt, welches Grund zum Ge - gentheil giebet; ſo zeitig als ihnen beliebt, moͤ - gen ſie nach Hampſtead gehen.

Dieß ſchien ihr angenehm zu ſeyn. Jedoch ließ ſich in ihrem Geſichte der Zweifel merken.

Jch will zu den Weibsleuten hinunter gehen, und da ich keine beſſere Richter bey der Hand habe, hoͤren, was ſie zu meinen entſcheidenden Um - ſtaͤnden ſagen, worunter ich itzo mit dieſer ſtolzen Schoͤnen ſtehe, die ſo uͤbermuͤthig einen zu ihren Fuͤßen knieenden Lovelace verworfen hat, ob er ſich gleich, Trotz aller ſeiner Vorurtheile gegen den Stand der Feſſeln, mit aufrichtiger Zaͤrtlichkeit zu einem Ehemanne anbot.

D d d 3Der790

Der ſechzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Eben komme ich von den Weibsleuten.

Bin ich ſo weit gegangen, und fuͤrchte mich itzo weiter zu gehen? Habe ich nicht ſchon ſo ſchwer geſuͤndiget, wie ihr Verhalten zeiget, daß ich keine Vergebung erlangen kann? Thraͤnen einer Weibsperſon pflegten ja bey mir nichts mehr zu ſeyn, als Waſſer, das in kleinen Tropfen auf ein gluͤhendes Feuer ge - ſprenget wird, und nur eine ſtaͤrkere und hellere Gluth machet. Und womit kann ſich dieſe Fraͤulein anders wehren, als mit ihren Thraͤ - nen und mit ihrer beredten Zunge? Sie iſt vorher an keiner ſchwachen Seite angegrif - fen worden. Sie war ohne Empfindung in denen Augenblicken, in welchen ſie die Pro - be aushalten mußte. Haͤtte ſie Empfindung gehabt: ſo haͤtte ſie Empfindung haben muͤſſen. So ſagten ſie. Selbſt die Art und Weiſe, wie ich es mit ihr gemacht habe, haben ihren Ruhm und ihren Stolz vermehret. Sie hat nun ein Hiſtoͤrchen zu erzaͤhlen, daß ſie zu ihrer eignen Ehre erzaͤhlen kann. Keine ihrer Neigungen iſt mitſchuldig. Sie kann mich durch ihre Blicke in Verwirrung ſetzen, und iſt ſich dabey nicht791 nicht einmal eines Gedankens bewußt, wovor ſie ſich zu ſchaͤmen Urſache haͤtte.

Dieß, Bruder, iſt das Hauptſaͤchlichſte von meiner Unterhandlung mit den Weibsleuten.

Erlaube mir, dieſes hinzuzufuͤgen, daß die liebe Schoͤne itzo ſiehet, ich ſey gezwungen, ſie zu verlaſſen. Sie hat ſich in den Kopf geſetzet, mich auszuforſchen. Meine Anſchlaͤge ſind von einer ſolchen Beſchaffenheit, daß ich in der Ge - ſtalt des haſſenswuͤrdigſten Menſchen erſcheinen muß, wo ich mit dieſer Nebenehe entdecket wer - de. Und dennoch habe ich verſprochen, wie du ſieheſt, daß ſie nach Hampſtead abgehen ſoll, ſo bald es ihr morgen gefaͤllig iſt, und zwar ohne alle Bedingung an ihrer Seite.

Fragſt du, was ich bey dieſem Verſprechen fuͤr eine Abſicht gehabt habe?

Wofern nichts neues vorfiele, war die Bedingung an meiner Seite, wie du dich erin - nern wirſt. Allein es wird etwas neues vor - fallen.

Stelle dir vor, daß Dorcas die Handſchrift, welche ihr die Fraͤulein zur Verſicherung ihres Verſprechens gegeben, fallen laſſen und verlieren ſollte? Bediente, ſonderlich diejenigen, die weder leſen noch ſchreiben koͤnnen, gehen mit beſchriebe - benen Papieren hoͤchſt unachtſam um. Stelle dir vor, daß ich die Handſchrift finden und auf - nehmen ſollte Selbſt zu der Zeit, da ich ent - ſchloſſen waͤre, dem lieben Kinde ihr voͤllige Frey - heit zu laſſen Wird dieſe Entdeckung nichtD d d 4ein792ein neuer Vorfall ſeyn? Ein Vorfall, der den Schein der Undankbarkeit wider ſie an die Hand geben wird?

Jhr Vorſatz, es vor mir geheim zu hal - ten, zeigt, daß ſie ſich fuͤrchtet, entdeckt zu werden, und, wie ſich daraus ſchließen laͤßt, ſich der Schuld bewußt iſt. Mir fehlte nur ein Vorwand. Kann ich einen beſſern haben? Wenn ich bey dieſer Entdeckung heftig aufge - bracht werde: wird denn nicht von allen und je - den zugeſtanden, daß eine heftige Gemuͤthsbewe - gung eine veruͤbte Gewaltthaͤtigkeit geringer ma - che? Sind nicht alle Maͤnner und Weiber verbunden, die Fehler an einander zu entſchul - digen, welche ſie bisweilen als eine Folge von ſol - chen gottloſen Wirkungen an ſich ſelbſt wahr - nehmen?

Stelle dir vor, daß die Mutter und die Schweſterſchaft verſammlet werde, uͤber das ſchaͤndliche Maͤgdchen, das ſich hat beſtechen laſ - ſen, Gericht zu halten Der geringſte Vor - theil, der mir aus dieſer zufaͤlligen Entdeckung erwachſen muß, wo ſie mir, wie doch wohl ge - ſchehen mag, nicht zur wirklichen Vollziehung meiner Abſicht einen Vorwand giebt, wird dieſer ſeyn, daß ich eine Entſchuldigung haben werde, warum ich meine Befehle von neuem ſchaͤrfe, ſie bis auf meine Wiederkunft von M. Hall feſtzuhalten, und genauer, als vorher, uͤber ſie zu wachen; mit der Verordnung, alle Briefe, welche von ihr oder an ſie geſchrieben werdenmoͤgen,793moͤgen, mir zu uͤberſenden. Und wenn ich wieder zuruͤckkomme: ſo muß der Teufel darinn ſeyn; wo ich nicht ein Mittel finde, zu machen, daß ſie ſelbſt eine andere Wohnung waͤhlet, weil ihr dieſe ſo verhaßt iſt; welche allen meinen Abſichten gemaͤß iſt; und zwar ohne daß ich mehr das Anſehen habe, ihre Wahl dabey zu len - ken, als[ich] es vorher bey dieſer hatte.

Du wirſt auf mich fluchen, wenn du an die - ſe Stelle kommſt. Jch weiß es gewiß. Allein denkeſt du, daß ich, nach einer ſolchen Reihe von Raͤnken, dieß unvergleichliche Frauenzimmer des - wegen verlieren will, weil ich nicht ein wenig Raͤnke mehr gebrauchen mag? Ein lieder - licher Kerl iſt ein liederlicher Kerl, Bruder! Und welcher liederliche Kerl laͤßt ſich durch gute Grundſaͤtze von einer boͤſen That abhalten, die er ſich vorgeſetzet hat, und mit der er gluͤcklich fortzukommen glaubet? Außerdem, bin ich nicht ernſtlich geſonnen ſie zu heyrathen? Wird mich nicht der große Haufe der Welt frey - ſprechen, wenn ich ſie heyrathe? Was hat aber eine ſolche Beleidigung zu bedeuten, welche ein Kirchengebrauch allezeit wieder gut machen wird? Haͤlt man nicht allemal den Aus - gang einer Geſchichte, die ſich mit der Hoch - zeit endiget, fuͤr gluͤcklich: die Schwierigkei - ten, ehe man dazu gelanget, moͤgen auch noch ſo groß ſeyn?

Allein, wie bin ich hier von dieſer Fraͤulein eingenommen, da unterdeſſen mein armer Lord,D d d 5wie794wie mir Simon erzaͤhlet, in der ſchrecklichſten Todesangſt lieget und winſelt? Wie viel muß er leiden! Der Himmel erleichtere es ihm! Jch habe ein allzu mitleidiges Herz. Das wuͤrde auch die liebe Schoͤne befunden ha - ben, wenn ich nur das aͤrgſte von ihrem Leiden dem geringſten von ſeinem haͤtte gleich achten koͤnnen. Jch verſtehe es von der Sache ſelbſt, die geſchehen iſt: denn von dem Theile ihres Lei - dens, das von einer aͤußerſtzarten Empfindlich - keit herruͤhret, weiß ich nichts; und kann alſo auch dafuͤr nicht Rechenſchaft geben.

Der ein und ſechzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Dieſen Augenblick komme ich von meiner be - zaubernden Schoͤnen. Sie will mir nicht zulaſſen, nur einmal die Haͤlfte von den angeneh - men, den zaͤrtlichen Dingen, zu ſagen, wovon mein ehrliches Herz uͤberzufließen bereit iſt. Ein verzweifelter Zuſtand, daß, wenn eine Mannsper - ſon ſich aufgelegt befindet, beredt und zugleich ruͤhrend zu ſeyn, er doch die Beherrſcherinn ſei - nes Schickſals nicht bewegen kann, ſeinem feinen Geſpraͤche ein Ohr zu leihen.

Jch kann itzo vollkommen begreifen, woher es kommt, daß Verliebte, wenn ihre Schoͤnengrau -795grauſam ſind, in Einoͤden laufen, und ihr Herz gegen Holz und Steine ausſchuͤtten. Denn bin ich nicht ſelbſt genoͤthigt, dir meine Klagen vorzubringen?

Als ſie mich nur ſahe, drang ſie alſobald auf die Erfuͤllung meines Verſprechens, daß ich ihr erlauben wollte; dieß Wort ſprach ſie vermeſ - ſenſtolz aus; nach Hampſtead zu gehen, ſo bald ich nach Berks abgereiſet waͤre.

Jch erneurete es auf das liebreicheſte.

Sie verlangte, daß ich vor ihren Ohren dazu Befehl geben ſollte.

Jch ließ Dorcas und Wilhelm rufen Sie kamen herein Jhr ſollt beyde wiſſen, (Aber vielleicht, Wilhelm, nehm ich euch mit mir), daß eurer gnaͤdigen Frauen Befehl in al - len Stuͤcken geſchehen ſoll. Sie iſt willens, ſo bald als ich weg bin, nach Hampſtead zuruͤckzu - kehren. Meine Wertheſte, wollen ſie nicht einen Bedienten zur Aufwartung haben?

Jch werde dort keinen Bedienten brauchen.

Wollen ſie Dorcas mit ſich nehmen?

Wenn ich Dorcas noͤthig haben ſollte: ſo kann ich nach ihr ſchicken.

Dorcas mußte nothwendig ſagen, ſie wuͤrde ſich eine große Ehre daraus machen

Gut, gut, das kann vielleicht bey meiner Ruͤck - kunft geſchehen, wo es eure gnaͤdige Frau erlau - bet Soll ich Fr. Sinclair herauf rufen, mein Engel, und ihr zu eben dem Ende, vor ihren Ohren, Befehl geben?

Jch796

Jch verlange weder Fr. Sinclair, noch je - mand, der zu ihr gehoͤrt, zu ſehen.

Wie ihnen beliebt, Madame.

Nachdem nun die Bedienten weggegangen waren: ſo bat ich ſie wiederum inſtaͤndigſt um die Verſicherung, daß ſie kuͤnftigen Donnerſtag mit mir zum Altar kommen wollte. Aber ver - gebens. Mag ſie ſich nicht ſelbſt alles danken, was erfolgen kann?

Eine einzige Gunſt wollte ich mir inzwiſchen nicht abſchlagen laſſen: daß ich die Erlaubniß haͤtte, den Abend mit ihr zuzubringen.

Jch will bey dieſer Gelegenheit die Sanft - muth und Gefaͤlligkeit ſelbſt ſeyn. Meine ganze Seele ſoll ſich ausſchuͤtten, ſie zur Vergebung zu bewegen. Will ſie nicht; und ſollte die Hand - ſchrift uͤber ihr Verſprechen mir zur Hand kom - men: ſo wird ſonder Zweifel die Rache mich gaͤnzlich einnehmen.

Da das ganze Haus auf meiner Seite iſt, und nicht nur ein jeder in demſelben ſich anhei - ſchig macht, Furcht einzujagen und mir beyzuſte - hen, wie es die Sache erfordern wird, ſondern auch alle fuͤr meinen gluͤcklichen Fortgang durch ihre Erfahrung Gewaͤhr leiſten; wo es nicht mein eigner Fehler iſt: was muß die Folge ſeyn?

Jnzwiſchen, Bruder, ſoll dieß ihre letzte Pro - be ſeyn; und wo ſie ſich ſo edel in und nach die - ſem zweyten Verſuche, da ſie aller ihrer Sin - ne maͤchtig iſt, beweiſet, als ſie ſich nach demerſten797erſten bewieſen hat: ſo wird ſie, zum Trotz aller Maͤnner, Weiber, und des Teufels ſelbſt, auf vollkommene Probe ein Engel ſeyn. Denn ſoll alle ihr Leiden ein Ende haben. Jch will als - denn dem uͤberwundenen Teufel entſagen und mich beſſern. Wo ja noch ein ſchaͤndlicher Ein - fall in mir aufſteiget: ſo will ich ihn lieber in meinem Herzen, wie er entſtehet, alſobald unter - druͤcken, als ihn Platz finden laſſen.

Wenige Stunden werden nunmehr alles ent - ſcheiden. Der Ausgang aber mag ſeyn, wie er will: ſo werde ich zu viel zu thun haben, daß ich noch wieder ſchreiben koͤnnte, bis ich zu M. Hall anlange.

Unterdeſſen empfinde ich eine ſeltſame Unru - he. Jch muß ſie, wo moͤglich, unterdruͤcken: ehe ich mich vor ihre Augen wage Mein Herz ſchlaͤgt meine Bruſt von dem Tiſche zuruͤck. Jch will die Feder niederlegen, und mich gaͤnz - lich ſeinen Trieben uͤberlaſſen.

Der798

Der zwey und ſechzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Jch dachte, ich wuͤrde weder Zeit noch Luſt ge - habt haben, annoch eine Zeile zu ſchreiben, ehe ich zu M. Hall ankaͤme. Aber die erſte iſt ſchon da; und die letzte muß ſich finden: weil ich weder ſchlafen, noch etwas anders thun kann, als ſchreiben; wo ich dieß noch thun kann. Jch bin verzweifelt verdrieslich. Die Urſache mag fol - gen: wo ſie folgen will Jch mache keine Vorbereitung dazu.

Jch verſuchte durch Freundlichkeit und Liebe zu erweichen Was? Marmor. Ein Herz, das weder zur Liebe, noch zur Freundlich - keit geſchickt iſt. Jhre vorigen Beleidigungen ſtecken ihr ewig in dem Kopfe. Sie war wohl bereit, eine Gunſtbezeigung, die Erlaubniß, daß ſie nach Hampſtead gehen moͤchte, anzunehmen: aber, ſie weder zu verdienen, noch durch irgend eine Gunſt an ihrer Seite zu vergelten, geneigt. Alſo ward mein Vorſchlag, ſie durch Guͤte zu ge - winnen, bald aufgegeben.

Jch wollte dann nur gereizet ſeyn: wie ein feiger Bube, der auf den erſten Schlag wartet,ehe799ehe er ſich uͤberwinden kann, ein Gefechte einzu - gehen. Jch reizete ſie halb, daß ſie mich reizen oder herausfordern ſollte. Sie ſchien, ihre Ge - fahr zu merken: und wollte daher meinem Zorn nicht eigentlich Trotz bieten; ſondern hielte in ih - rem Bezeigen ſo die Mittelſtraße, daß ich weder einen Vorwand, ſie zu beleidigen, noch Grund zu hoffen, finden konnte. Dennoch glaubte ſie mein Maͤrchen, daß ihr Onkel nach Kentiſch-Town kommen wuͤrde: und ſchien nicht zu fuͤrchten, daß Tomlinſon ein Betruͤger ſeyn moͤchte.

Bey dem allen war ſie ſehr unruhig in mei - ner Gefellſchaft, und wollte oft von mir aufbre - chen: jedoch hielte ſie mich ſo bey meinem Ver - ſprechen, ihr zu erlauben, nach Hampſtead zu ge - hen, daß ich nicht wußte, wie ich davon loskom - men ſollte; ob es mir gleich unter den erbettelten Umſtaͤnden, in welchen ich mich mit ihr befand, unmoͤglich war, daſſelbe zu erfuͤllen.

Was war mir in dieſem Zuſtande uͤbrig: da die Weibsleute bereit waren, mir beyzuſtehen, und wo ich nicht weiter ginge, eben ſo bereit, mich auszulachen? Was anders, als daß ich den ver - abredeten Vorſchlag verfolgte, und einen Vor - wand ſuchte, Streit mit ihr anzufangen, damit ich meine verſprochne Erlaubniß wiederrufen, und ſie uͤberzeugen koͤnnte, daß ich um nichts und wieder nichts keine ſolche Vorwuͤrfe leiden wollte, als wenn ich der aͤrgſte Raͤuber waͤre.

Jch hatte mit den Weibsleuten die Abrede genommen, daß, wenn ich in der Fraͤulein Ge -genwart800genwart keinen Vorwand zu meinen Unterneh - mungen finden koͤnnte, die von ihr geſtellte Hand - ſchrift mir in dem Wege liegen ſollte, und ich ſie aufheben wollte, ſo bald ſie von mir gegangen waͤre. Aber da es gegen zehn Uhr kam: fiel mir der Zweifel ein, daß es Gefahr haben wuͤrde, ihr wieder beyzukommen; wenn ſie einmal, wirk - lich ſich zur Ruhe zu begeben, weggegangen waͤ - re. So ernſtlich wuͤnſchte ſie mich zu verlaſſen: indem ihr mein allzu feuriges Bezeigen gegen ſie, und mein hitziges Greifen nach ihrer Hand, welches ich zwey oder dreymal that, daß mir die Augen, wie ich fuͤhlte, aufliefen, verdaͤchtig vor - kam, und ihre Augen Unruhe und Furcht zeigten. Weil ich es alſo nicht gern auf die Gefahr an - kommen laſſen wollte: ſo ging ich ein wenig nach zehn heraus, in der Abſicht, die verabredete Ein - richtung etwas zu veraͤndern; und ſagte, ich woll - te den Augenblick wieder bey ihr ſeyn. Allein da ich zuruͤckkam: begegnete ſie mir an der Thuͤre, und war willens, wegzugehen, und ſich zur Ruhe zu begeben. Jch konnte ſie nicht bereden, wie - der zuruͤckzugehen, und hatte auch nicht Herz ge - nug, da ich eben vorher ſo hoͤflich und gefaͤllig gegen ſie geweſen war, ſie mit Gewalt aufzuhal - ten. Alſo entwiſchte ſie mir unter den Haͤnden in ihr Zimmer hinein. Daher war mir nichts mehr uͤbrig, als daß ich meinen vorigen Anſchlag, wie er verabredet war, beybehielte.

Jch haͤtte ſchon vorher melden ſollen; aber ich bekuͤmmere mich nicht um Ordnung nach derZeit,801Zeit, um Verbindung, oder um ſonſt etwas; daß zwiſchen achten und neunen des Abends noch ein Bedienter von dem Lord M. zu Pferde, ange - kommen, um mich zu erſuchen, daß ich den D. S. mit mir hinunterbraͤchte: weil mein Onkel ein - mal in den letzten Zuͤgen, in welchen er nach ih - rem Urtheil auch itzo ſeyn ſoll, von ihm Huͤlfe und Friſt bekommen hat. Jch habe hingeſchickt und dieſen Arzt beſprochen, daß er mich hinunter begleiten ſoll. Jch muß ihn dieſen Morgen um vier abrufen: ſonſt moͤchte der Teufel Onkel und Doctor holen, wo ich aus der Stelle gehen wuͤr - de, bis ich bey mir alles in Ordnung gebracht haͤtte.

Stecke deine verdammte Naſe nur zum vor - aus in den Erfolg, wo du willſt Jch will verflucht ſeyn, wo du ihn herausbringen ſollſt, bis zu gehoͤriger Zeit und Stelle Und als - denn noch zu fruͤhe.

Sie war kaum in ihre Kammer gekommen: ſo fand ich ein wenig Papier, als ich in meine ge - hen wollte. Jch nahm es auf und oͤffnete es: denn es war ſorgfaͤltig noch in ein anderes Pa - pier gewickelt und mit Nadeln zugeſteckt. Was ſollte es wohl anders ſeyn, als eine Handſchrift, die zur Beſtechung gegeben war, nebſt der fer - nern Verſprechung eines diamantenen Ringes, um Dorcas zu bewegen, daß ſie die Flucht ihrer Fraͤulein befoͤrderte.

O! wie veraͤnderte ſich mein Sinn in einem Augenblick! Kling, kling, kling, kling, gingFuͤnfter Theil. E e emeine802meine Klocke, mit einer ſolchen Heftigkeit, daß die Schnur haͤtte reiſſen moͤgen, und als wenn das Haus im Feuer ſtuͤnde.

Ein jeder Teufel, ward rege und lebendig ge - macht. Das ganze Haus war in Aufruhr. Wilhelm kam herauf gerannt Herr Herr Herr! Mit aufgeſperrten Augen und verzogenem Maul Laß die verdammte Kroͤte, Dorcas, herkommen, ſchrie ich in erſchreck - licher Wuth und außer Athem, wie ich oben an der Treppen ſtand.

Das Teufelskind kam mit Zittern zum Vor - ſchein aber blieb von ferne ſtehen: ſo wohl wegen der Nachricht, die ihr Wilhelm von mei - nem heftigen Zorn gegeben hatte; als auch we - gen desjenigen, was ſie von mir ſelbſt hoͤrte.

Wie ein Blitz war mein Schwerdt aus der Scheide: denn ich hatte es eben an der Seite Verfluchte, verzweifelte, betruͤgeriſche Geldſchnei - derey und Beſtechung!

Sie lief eilends hinauf an die Thuͤre der Fraͤulein, und ſchrie um Sicherheit und Schutz.

Gnaͤdiger Herr, ſchlug ſich Wilhelm ins Mit - tel, um Gottes willen O Himmel, o Him - mel! da er einen guten Schlag mit der Fauſt bekam.

Das ſollſt du dafuͤr haben, Bube, daß du die undankbare Katze meiner Rache entzogen haſt.

Katze, war ich willens zu ſagen: iſt es aber ein anderes Wort, faſt von gleicher Endi -gung,803gung, geweſen; ſo muß mich der Zorn entſchul - digen.

Alſobald kamen zwo oder drey von der Schwe - ſterſchaft herauf gerannt. Was iſt hier zu thun! Was iſt hier zu thun!

Was zu thun! Denn meine Geliebte oͤff - nete ihre Thuͤre noch nicht: ſondern ſchob viel - mehr noch einen Riegel vor Die verfluchte Dorcas! Ruft ihre Tante herauf! Sie ſoll ſehen, was ſie fuͤr eine Verraͤtherinn um mich beſtellet hat! Und laßt ſie die Kroͤte mitbrin - gen, Rede und Antwort von ſich zu geben! Die verfluchte Dorcas hat ſich beſtechen laſſen, hat eine Verpflegung auf Lebenszeit angenommen, ihre Teue verraͤtheriſcherweiſe zu brechen, um da - durch eine ewige Uneinigkeit zwiſchen einem Man - ne und ſeiner Frauen anzurichten, und alle Hoff - nung zur Ausſoͤhnung zwiſchen uns vergeblich zu machen.

Jch will des Todes ſeyn, Belford, wo ich Ge - dult habe, dieß wunderliche Zeug weiter fortzu - ſchreiben.

Die Tante kam mit Schnauben und Blaſen herauf! So gewiß als ſie Gnade und Barm - herzigkeit von Gott hoffete, haͤtte ſie nicht Theil an der Sache! Sie haͤtte in ihrem Leben nie - mals ein ſolches raͤnkevolles und verkehrtes Frauen - zimmer geſehen! Bediente moͤchten wohl ſo arg ſeyn, als ſie waͤren, wenn ſolche Perſonen,E e e 2als804als Fr. Lovelacen, ſich kein Gewiſſen machten, ſie zu verderben und zu beſtechen. Jhres Theils verlangte ſie nicht, daß man gegen das boͤſe Maͤgdchen Barmherzigkeit haben ſollte. Sie erkennete dieſelbe nicht fuͤr ihre Baſe: wenn ſie nicht getren waͤre! Allein, fragte ſie, was hat man denn fuͤr Beweis?

Darauf ward ihr das Papier gezeiget

Nur allzu augenſcheinlich! Verfluchte, verfluchte Kroͤte, Teufel, Hure, ging aus eines je - den Munde: und man ſchalt auf die ſchaͤndliche Untreu der Beſtochenen, und das unanſtaͤndige Unternehmen der Beſtecherinn.

So dann gingen wir alle hinauf, und bey der Thuͤre der Fraͤulein vorbey in den Speiſeſaal, um zu dem Verhoͤr zu ſchreiten.

Es war ein Stampfen von allen Fuͤßen, und ein Gemurmel von allen Zungen

Bringt das garſtige Menſch den Augenblick herauf vor uns alle!

Wie? hat ſie aus dem Hauſe entwiſchen wol - len, ſagen ſie?

Dieß war das Geraͤuſch und das Geſpraͤche, wie wir bey der Thuͤre der ſchoͤnen Beſtecherinn vorbeyraſſelten.

Dorcas ward heulend zwiſchen zwoen Per - ſonen heraufgebracht, die beyde aus vollem Halſe ſchrieen Jhr muͤßt gehen! Jhr ſollt gehen! Es iſt billig, daß ihr fuͤr euch ſelbſt Rede und Antwort gebet Jhr ſeyd ein Schand - fleck fuͤr alle rechtſchaffene Bediente! in -dem805dem ſie dieſelbe die Treppen hinauf zogen und ſtießen Sie aber rief weinend: Jch kann den gnaͤdigen Herrn nicht ſehen! Jch kann einen ſo guͤtigen und freygebigen Herrn nicht ins Geſicht ſehen! O wie ſoll ich meiner Tante Zorn und Hitze ertragen!

Komme herauf, daß dich der Henker hole Bringt ſie hervor zu ihrem gebietenden Richter! Was fuͤr ein Jammer! Es iſt die Entdeckung, nicht das Verbrechen, was euch verwirrt und beſchaͤmt machet. Jhr habt einige Tage herdurch ruhig genug ſeyn koͤnnen, wie ich aus der Unterſchrift ſehe, unter der Bosheit. Sage mir, undankbarer Teufel, ſage mir, wer hat den Anfang gemacht.

Ja, Schandfleck fuͤr mein Geſchlecht und Gebluͤte, ſchrie die Alte Sage dem gnaͤdi - gen Herrn! Sage die Wahrheit! Wer hat den Anfang gemacht?

Ja, verfluchte Creatur, rief Sarah Wer hat den Anfang gemacht?

Jch habe ſchon an einer Seite treulos gehan - delt! O laſſen ſie mich nicht auch an der an - dern treulos werden! Meine gnaͤdige Frau iſt eine recht gute Frau! O laſſen ſie dieſelbe nicht deswegen leiden!

Sagt alles, was ihr wiſſet. Sagt die reine Wahrheit, Dorcas, ſchrie Marichen Horton Der gnaͤdige Herr liebt ſeine Gemahlinn viel zu ſehr, daß er ſie vieles leiden laſſen ſollte: ſo we - nig ſie auch ſeine Liebe erwiedert!

E e e 3Das806

Das ſieht ein jeder, rief Sarah Nur all - zu gut in Wahrheit, fuͤr Seine Gnaden, hatte ich auf der Zunge zu ſagen.

Bis itzo habe ich geglaubt, daß ſie meine Lie - be verdiente! Aber eine Dienſtmagd ſo zu beſte - chen, von der ſie vermuthet, daß ſie etwa Befehl haben moͤchte, aus Furcht vor einer zwoten Ent - laufung, uͤber ihre Gaͤnge zu wachen! Und mir dieſe Vorſicht als ein Verbrechen auszulegen! Jedoch ich muß ſie lieben! Vergeben ſie mir dieſe Schwachheit!

Jch verfluche meine ſeltſame Geberden und Reden! Wo ich Gedult habe, ſie zu wieder - holen: ſo Allein du ſollſt ſie alle erfahren Jch kann dir nicht veraͤchtlicher werden, als ich mir ſelbſt bin!

Wie aber, gnaͤdiger Herr, ſprach Sarah, wenn ſie die gnaͤdige Frau und das Menſch ge - gen einander hoͤren koͤnnten? Sie ſehen, die Magd will nicht bekennen.

O meine Unachtſamkeit! ſchrie Dorcas Laſſen ſie meine arme Herrſchaft nicht dafuͤr leiden! Jn Wahrheit, wenn ſie alle wuͤßten, was ich weiß: ſie wuͤrden ſelbſt ſagen, daß der gnaͤdigen Frauen grauſam begegnet waͤre.

Siehe! Siehe! Siehe! Sie - he! riefen alle zugleich einmal uͤber das andere Bloß die Entdeckung geht ihr nahe, wieJhre807Jhre Gnaden ſagen Nicht das Verbre - chen

Verfluchte Creatur, verteufeltes Menſch, hoͤr - te man aus eines jeden Munde.

Eure Herrſchaft wird gewiß nicht, darf nicht herauskommen, euch zu retten, ſchrie Sa - rah: ob es gleich mehr eine Barmherzigkeit von dem gnaͤdigen Herrn, als euer Verdienſt iſt, daß er euch nicht den Augenblick die ſchaͤndliche Kehle abſchneidet.

Saget, rief Marichen noch einmal, war es eure gnaͤdige Frau, die den Anfang machte, oder ihr, ihr ſcheusliches Menſch?

Wo die gnaͤdige Frau ſo viel Ehre hat, bloͤck - te die Mutter, entſchuldigen ſie mich, So Entſchuldigen ſie mich, mein Herr Der Hen - ker hole das alte Weib! ſie haͤtte mich beynahe Sohn genannt Wo die gnaͤdige Frau ſo viel Ehre hat, als wir gedacht haben: ſo wird ſie erſcheinen, ein armes Dienſtmaͤgdchen, das durch ſo große Verſprechungen verleitet iſt, zu rechtfer - tigen. Allein ich hoffe, gnaͤdiger Herr, ſie werden beyden Theilen Gerechtigkeit widerfah - ren laſſen: ich hoffe, ſie werden es thun! O was iſt es fuͤr ein Jammer! was iſt es fuͤr ein Jammer! mit zuſammengeſchlagenen Haͤn - den daß ihr alles eingeraͤumet wird, was ſie nur fordern kann! Daß ihr in ihrem ungeziemen - den Haß gegen mein armes und unſchuldiges Haus nachgeſehen wird! Daß ihr zugeſtanden wird, nach Hampſtead zu gehen: ob Jhre Gna -E e e 4den808den uns gleich erzaͤhlt haben, daß ſie keine Ge - faͤlligkeit von ihr zu erlangen vermoͤgend gewe - ſen; nein, nicht die geringſte! O! mein Herr! O mein Herr! Jch hoffe Jch hoffe Wo die gnaͤdige Frau nicht herauskommen will Jch hoffe, ſie werden ein Mittel finden, dieſe Sache in ihrer Gegenwart vorzunehmen. Es kommt mir auf meine Thuͤren, bey einer ſol - chen Gelegenheit, als dieß iſt, nicht an. Jch habe allemal Gerechtigkeit geliebet. Jch verlan - ge, daß ſie auf den Grund davon kommen, zu meiner Rechtfertigung! Jch will ſchwoͤ - ren, daß ich an dieſer ſcheuslichen Beſtechung kein Theil habe.

Eben den Augenblick hoͤrten wir, daß die Thuͤ - re der Fraͤulein aufgeriegelt und aufgeſchloſſen ward.

Nun, mein Herr!

Nun, Herr Lovelace!

Nun, mein Herr! So ſuchte mich eines jeden Mund zu reizen.

Aber, o Bruder! Bruder! Bruder! ich kann nicht weiter ſchreiben!

Wenn du alles wiſſen mußt: ſo mußt du!

Nun ſiehe, Belford, wie wir alle im Gerich - te ſitzen, die ſchoͤne Beſtecherinn zur Strafe zu ziehen: ich, und die Mutter, die bisher mit Schrecken gefuͤrchtete Mutter, die Baſen, Sarah, und Marichen, die Verraͤtherinn Dorcas,und809und Mabelle, als eine Wache uͤber ſie, daß ſie nicht weglaufen und ſich verſtecken moͤchte; alle zum voraus feſt entſchloſſen, und aus hoͤch - ſter Noth zum voraus entſchloſſen, weil ich die Reiſe vornehmen mußte und mit ihr in einem ſo erbettelten Verhaͤltniſſe ſtand. Hoͤre, wie ſie die Thuͤre aufriegelt und aufſchließet, und dann den Schluͤſſel, wie es nachher heraus ge - kommen iſt, von außen wieder in das Schloß ſtecket, die Thuͤre verſchließet, und ihn hierauf in der Taſche mit ſich nimmt. Jch wußte, daß Wilhelm unten war, der mir Nachricht geben wuͤrde, wenn ſie etwa unterdeſſen, da wir alle oben waren, den ungerechten Weg nehmen, und, an ſtatt in den Speiſeſaal zu kommen, die Treppen hinunter gehen ſollte. Die Thuͤren nach der Gaſſe waren auch gedop - pelt verwahret, und alle Fenſterladen rund her - um am Hauſe zugemacht, daß man kein Ge - raͤuſch oder Geſchrey hoͤren ſollte. Dieß war die grauſame Vorbereitung Dann hoͤre weiter, wie ſie zu uns gehet, und ſiehe, wie ſie unter uns tritt, mit einer vollkommenen Zuver - ſicht auf ihre Unſchuld, und mit einer Majeſtaͤt in ihrer Perſon und in ihrem Weſen, die ihr na - tuͤrlich iſt, aber damals in aller ihrer Pracht und Herrlichkeit glaͤnzete! Alle Zungen waren ſtille: alle Augen vor Schaam und Ehrfurcht niedergeſchlagen. Alle Herzen bebeten, meines war auf eine beſondere Art geſunken, ohne Be - wegung, und zweymal niedriger, als ſeine gewoͤhn -E e e 5liche810liche Lage iſt; ob es gleich einſtens bis an meine Kehle hinauf ſchlug. Ein beſchaͤmter und feiger Miſſethaͤter! Sie ſchwieg auch ſtille und ſahe um ſich herum: zuerſt auf mich; hernach auf die Mutter, als wenn ſie ſich nicht weiter vor ihr fuͤrchtete; dann auf Sarah und Marichen; endlich auf die angeklagte Dorcas. So aͤuſ - ſerte ſich in dem Augenblick voll ſchrecklicher Ehrfurcht, die herrliche Macht der Unſchuld!

Sie wollte gern reden: aber ſie konnte nicht; nur ihre Blicke ſetzten meine Schuld in Verwir - rung. Man haͤtte eine Maus hoͤren koͤnnen: wenn ſie uͤber den Fußboden gelaufen waͤre. Die leichten Fuͤße und die rauſchende Seide von den Kleidern der Fraͤulein wuͤrden es nicht gehindert haben: denn ſie ſchien auf Luft zu treten, und nichts als Seele zu ſeyn Sie ging zwey oder dreymal zur Thuͤre, und wieder zu mir zuruͤck: ehe die Sprache uͤber den Unwillen die Oberhand behalten konnte. Endlich reuſperte ſie ſich zwey oder dreymal, ihre vernehmliche Stimme wieder zu bekommen O du veraͤchtlicher und ver - ruchter Lovelace, denkeſt du, daß ich durch dieſe armſelige und ſchaͤndliche Raͤnke von dir, und dieſen deinen gottloſen Mitgenoſſen, nicht hindurch ſchaue?

Du Weib; ſie ſahe hiebey die Mutter an; das mir einmal Schrecken eingejaget, allezeit misfaͤllig und zuwider geweſen iſt, nun aber von mir verabſcheuet wird! Du haͤtteſt noch einmal; denn von deiner Hand war vielleicht die Zuberei -tung;811tung; einen berauſchenden Trank fuͤr mich beſor - gen ſollen, damit ich meiner Sinne beraubet waͤre

Und alsdenn, ſo wandte ſie ſich zu mir; haͤtteſt du nichtswuͤrdiger Kerl dich ſicherer auf einen ſo niedrigen Kunſtgriff, als dieſer iſt, verlaſ - ſen moͤgen!

Jhr aber, ſchaͤndliche Weibsbilder, die viel - leicht hundert unſchuldigen Perſonen an Leib und Seele zum Verderben gedienet; ihr zeiget mir, wie, in voͤlliger Verſammlung; wiſſet, daß ich nicht verheyrathet bin So ſehr ich auch durch eure Huͤlfe zu ſchanden gemachet bin: ſo danke ich doch Gott, daß ich mit dieſem gewiſſenloſen Boͤſewicht nicht verheyrathet bin Jch habe Freunde, die meine Ehre von euren Haͤnden for - dern werden! Auf deren Anſehen und Ge - walt will ich mich berufen: denn dieſer Kerl hat kein Recht uͤber mich. Sehet alſo wohl zu, was fuͤr gewaltſame Beſchimpfungen ihr ferner gegen mich unternehmet, oder ihn gegen mich zu unter - nehmen reizet. Jch bin eine Perſon von Stan - de und Vermoͤgen: ob ich gleich verraͤtheriſcher - weiſe ſo ſchaͤndlich beruͤcket bin. Jch will nie - mals die Seinige werden, und zu eurem aͤußerſten Ungluͤck ſchon Freunde finden, euch zu verfolgen. Und nunmehr, da ich dieſe voͤllige Probe von eu - rer abſcheulichen Bosheit habe, und eure nieder - traͤchtige Aufhetzungen ſelbſt gehoͤret, will ich kei - ne Barmherzigkeit gegen euch haben.

Jtzt812

Jtzt konnten ſie uͤber die elende Perſon, die ich ſpielte, nicht lachen O Himmel! wie zit - terte ein jeder Teufel, mit geruͤhrtem Gewiſſen!

Was fuͤr ein niedergeſchlagenes Weſen muͤß - te beſtaͤndig mit der Schuld verbunden ſeyn: wenn es der Unſchuld allemal gegeben waͤre, ſich ſo zu zeigen!

Und du, du ſchaͤndliche Dorcas! du ge - doppelte Betruͤgerinn! die aus verſtellter Liebe gegen mich weinet! Packe dich fort, nichtswuͤrdiges Menſch! Niemand wird dir Leid thun! Packe dich fort, ſage ich! Du haſt deine Rolle viel zu gut geſpielet, daß dir von irgend jemand, außer mir ſelbſt, Vorwuͤrfe zu machen ſeyn ſollten Du biſt ſicher: dei - ne Schuld iſt in einem ſolchen Hauſe, als dieß iſt, deine Sicherheit! Deine ſchaͤndliche, dei - ne elende Rolle haſt du ſo gut geſpielet, als das niedrige Schauſpiel es dir nur erlauben konnte! So gut, als ein jeder von dieſen Leuten, die zwar deine Herrſchaften, aber nichts beſſer, als du, ſind, ſeine Rolle, wie du ſieheſt, ſpielen kann Schleiche dich weg zur Finſterniß! Es wird keine Unterſuchung nach dieſem mehr geſchehen, wer den Anfang gemacht habe, du, oder ich.

So wahr, als ich zu leben hoffe, das Menſch ward verzweifelt erſchrecket, und ſchlich davon; und ihre Wache, Mabelle, machte es eben ſo: ob ich ſie gleich zuruͤckzubringen ſuchte, und nach Dorcas ſchrie, daß ſie bleiben ſollte. Jchglaube813glaube der Teufel haͤtte ſie nicht halten koͤnnen: da ein Engel ihr befahl, ſich fortzupacken.

Madame, ſprach ich, erlauben ſie mir, ihnen zu ſagen: und ging, mit einem grimmigen Ge - ſichte, verflucht verdrieslich und gar beſchaͤmt, auf ſie zu

Aber ſie wandte ſich zu mir: Bleib ſtehen, wo du biſt, o ſchaͤndlichſter und verruchteſter Kerl! Bleib ſtehen, wo du biſt! Und unterſtehe dich nicht, mich mit dem vermeſſenen Geſichte anruͤhren zu wollen: wo du nicht willſt, daß ich den Augenblick als eine Leiche zu deinen Fuͤßen liege!

Zu meinem Erſtaunen hatte ſie ein Feder - meſſer in der Hand, hielte die Spitze gegen ihre eigne Bruſt, und faßte bedaͤchtlich den ganzen Stiel ſo, daß es nicht zu verſuchen war, ihr daſ - ſelbe wegzunehmen.

Jch will niemand Schaden zufuͤgen, als mir ſelbſt. Jhr, mein Herr, und ihr Weibsleute, ſeyd vor aller Gewaltthaͤtigkeit von mir geſichert. Die Geſetze ſollen allein meine Zuflucht ſeyn. Die Geſetze; dieß Wort ſprach ſie mit beſonde - rem Nachdruck aus; die fuͤr ſolche Leute natuͤr - licherweiſe Schrecken mit ſich fuͤhren, und ihnen auch nun die aͤußerſte Furcht einjagten.

Kein Wunder! Da diejenigen, welche ſich ſelbſt der Verdammniß uͤbergeben wollen, damit ſie ſich nur in dieſer Welt gute Tage und alle Fuͤlle verſchaffen, vor allem dem erzittern werden, was ihre gewoͤhnlichen Mittel, dieſe guten Tageund814und alle Fuͤlle zu erlangen, zu bedrohen ſchei - net

Die Geſetze ſollen allein meine Zuflucht ſeyn!

Hierauf ſagte mir die ſchaͤndliche Mutter ins Ohr, es waͤre beſſer ſich mit dieſem wunderli - chen Frauenzimmer zu ſetzen und ſie gehen zu laſſen.

So unverſchaͤmt muthig ſich Sarah zu an - dern Zeiten beweiſet: ſo hieß es itzo doch: Wenn Herr Lovelace ihnen etwas erzaͤhlet haͤtte, das nicht wahr waͤre, daß ſie ſeine Gemahlinn

Nicht anders klang es bey Marichen Horton: Sie muͤßte nothwendig ſagen, daß die Fraͤulein, wo ſie nicht meine Gemahlinn waͤre, gar ſehr beleidiget waͤre. Das war alles.

Das iſt itzo keine Sache, woruͤber ſich ſtrei - ten laͤſſet, ſchrie ich. Sie, Madame, und ich, wiſſen

Ja, wir wiſſen, ſprach ſie: und ich danke Gott, daß ich nicht dein bin Noch einmal, ich danke Gott dafuͤr! Jch zweifele gar nicht an der fernern Schandthat, die du bey dieſer eh - renloſen und niedrigen Liſt gegen mich im Sinue gehabt haſt. Allein ich habe meine Sinne, Lo - velace: und verachte dich von ganzem Herzen, du recht armſeliger Lovelace! Wie kannſt du vor meinen Augen ſtehen! Du, der

Madame, Madame, Madame Dieß ſind Beſchimpfungen, die nicht zu ertragen ſtehen Jch nahete mich ihr. Aber ſie zogſich815ſich bis an die Thuͤr zuruͤck, ſetzte ihren Ruͤcken dagegen und hielte das ſpitzige Federmeſſer an ihre klopfende Bruſt: da unterdeſſen die Weibs - leute mich hielten, und baten, die ungeſtuͤme Fraͤu - lein nicht zu reizen Um ihres Hauſes wil - len, der Henker mochte ſie holen, baten ſie mich und hingen ſich alle drey an mich. Jm - mittelſt trotzte mir die recht heldenmuͤthige Fraͤu - lein in der Entfernung.

Nahe dich mit Unwillen zu mir, Lovelace, wo du willſt. Jch habe Herz zu ſterben. Es geſchieht zur Vertheidigung meiner Ehre. Gott wird meiner armen Seele Barmherzigkeit wider - fahren laſſen! Von dir erwarte ich keine Barmherzigkeit. Jch habe einmal dieſe Entfer - nung erreichet. Kommſt du noch zween Schritte naͤher zu mir: ſo ſollſt du ſehen, was ich zu thun Herz habe!

Laßt mich los, Weibsleute, uͤberlaſſet mich mir ſelbſt und meinem Engel! Hierauf gin - gen ſie etwas von mir zuruͤck O meine Ge - liebte, wie ſchrecken ſie mich So redete ich mit ausgereckten Armen und knieend auf dem ei - nen Knie Nicht einen Schritt, nicht einen Schritt will ich weiter kommen: ohne nur ſelbſt den Tod von der beleidigten Hand, die ih - ren Tod drohet, zu empfangen. Jch bin ein Boͤſewicht! der ſcheusliche Boͤſewicht! Sa - gen ſie nur, ſie wollen ihr Meſſer dem Beleidiger, nicht der Beleidigten, ins Herze ſtoſſen: ſo will ich mich in der That zu ihnen nahen; aber ſonſt nicht.

Die816

Die Mutter machte ein Geraͤuſch mit ihrer verdammten Naſe. Sarah und Marichen zo - gen ihre Schnupftuͤcher heraus und wandten ſich von uns. Nachher erzaͤhlten ſie mir, daß ſie in ihrem Leben niemals einen ſolchen Aufzug geſe - hen haͤtten

Die Unſchuld ſo ſieghaft: die Bosheit ſo er - niedriget, mußten ſie meynen!

Aus Unachtſamkeit auf mich ſelbſt hatte ich mich unterdeſſen weiter zu meinmm Engel bewe - get Und ſagſt du dich noch immer von dei - ner Bosheit los, kommſt du noch immer naͤher Ruͤckeſt du, ruͤckeſt du noch immer hinterli - ſtigerweiſe naͤher zu mir Jhre Hand war ſchon ausgerecket Jch habe Herz Jch habe Herz Jedoch auch nicht uͤberilt Mein Herz verabſcheuet nach guten Grundſaͤtzen die That, wozu du mich noͤthigeſt! Gott, nach deiner Barmherzigkeit! Das ſagte ſie mit aufgehobenen Augen und Haͤnden Gott nach deiner Barmherzigkeit!

Jch flog in die andere Ecke des Zimmers. Den Augenblick waren ihre Gedanken mit ei - nem Seufzer, einem ſtillen Seufzer beſchaͤfftiget. Marichen ſagt, daß nur das Weiße von ihren liebenswuͤrdigen Augen zu ſehen geweſen. Aber eben, da ſie ihre Hand ausreckte, ohne allen Streit, ſich den toͤdtlichen Stoß zu verſetzen; o! wie beunruhiget mich noch die bloße Erzaͤh - lung: warf ſie ihre Augen auf mich, und ſahe mich in der aͤußerſten Entfernung, die das Zim -mer817mer nur zulaſſen wollte, und hoͤrte meine ge - brochne Stimme. Meine Stimme war wirk - lich ganz gebrochen. Jch wußte auch nicht was ich ſagte, noch ob es ſich zur Sache ſchickte, oder nicht. Jhre reizenden Wangen aber, die vorher ganz gluͤhend waren, wurden blaß: als wenn ſie uͤber ihren Vorſatz ſelbſt in Schrecken gerathen waͤre. Gott ſey Dank! ſprach der Engel und ſchlug die Augen in die Hoͤhe Jch bin errettet fuͤr dießmal: fuͤr dießmal bin ich von mir ſelbſt errettet! Bleiben ſie, mein Herr, bleiben ſie in der Entfernung Hiebey ſahe ſie auf mich nieder: und ich lag auf dem Boden, mit einem ſo verwundeten Herzen, als wenn es von hundert Pfeilen durchbohret waͤre Die Entfernung hat ein Leben gerettet, von dem der Allmaͤchtige allein weiß, wozu es noch aufbehalten ſey!

Gluͤcklich zu ſeyn, Madame, und gluͤcklich zu machen! O! laſſen ſie mich nur auf Morgen ihre Gunſt hoffen! Jch will mei - ne Reiſe ſo lange verſchieben Und Gott mag

Schwoͤren ſie nicht, mein Herr! ſprach ſie mit einem ehrfurchtswuͤrdigen und durchdringenden Anblick Sie haben zu oft, allzu oft geſchwo - ren! Gottes Auge iſt uͤber uns! Sein unmittelbar gegenwaͤrtiges Auge! Sie ſahe dabey ganz verwildert aus die Weibs - leute aber ſahen an die Decke des Zimmers hin - auf: als wenn ſie ſich vor dem Auge GottesFuͤnfter Theil. F f ffuͤrch -818fuͤrchteten. Sie hatten auch wohl Urſache; und ich ſelbſt nicht weniger: da wir alle noch vor ſo kurzer Zeit den Teufel in unſern Herzen ge - habt.

Wo nicht Morgen, Madame: ſo ſagen ſie nur, kuͤnftigen Donnerſtag, an ihres Onkels Geburtstage; ſagen ſie nur kuͤnftigen Don - nerſtag!

Dieß ſage ich; dieß iſt es, wovon ſie ſich verſichert halten koͤnnen: Jch will nimmermehr, nimmermehr die Jhrige ſeyn. Laſſen ſie mich hoffen, daß ich auf die Erfuͤllung ihres Verſpre - chens einen Anſpruch machen duͤrfe, nach wel - chem ſie mir erlauben wollten, ſo bald als der Tag anbricht, dieß unſchuldige Haus zu ver - laſſen; wie es vorher jemand nannte; wiewohl meine Ohren laͤngſt zu ſolchen Verdrehungen der Worte gewohnt ſind.

Wenn auch mein Verderben davon abhinge, Madame: ſo koͤnnen ſie das nicht; ohne nur, unter gewiſſen Bedingungen. Jch hoffe ſie werden mich nicht ſchrecken denn ich fuͤrchtete mich noch immer vor dem verfluchten Meſſer.

Nichts geringers, als ein Verſuch gegen meine Ehre, ſoll mich zur Verzweifelung bringen Jch habe keine andere Abſicht, als meine Ehre zu vertheidigen. Auch bloß in der Abſicht habe ich mich mit ihrer ſchaͤndlichen Unterhaͤnd - lerinn, die itzt unten iſt, in ein Verſtaͤndniß ein - gelaſſen. Jch habe die Zuverſicht zu Gott, daßer819er mir eben den Entſchluß, welchen ſie geſehen, bey eben dem Vorfall wieder verleihen werde. Aber um etwas geringern willen, wuͤnſche ich ihn nicht zu haben. Nur wiſſet, Weibsbilder, daß ich keine Frau von dieſem Kerl bin. So niedertraͤchtig er auch mit mir umgegangen iſt: ſo bin ich doch ſeine Frau nicht. Er hat keine Macht uͤber mich. Wenn er einmal von hier gehet, es ſey, wann es wolle; und ihr nach der von ihm gegebenen Vollmacht handelt, mich auf - zuhalten: ſo ſehet wohl zu.

Hierauf nahm ſie eines von den Lichtern, wandte ſich von uns und ging unbelaͤſtiget fort Keine Seele war im Stande, ſie zu belaͤ - ſtigen.

Mabelle ſahe, wie ſie, mit Zittern, und in groͤßter Eil, den Schluͤſſel zu ihrer Kammer - thuͤre aus der Taſche zog, und aufſchloß: und hoͤrte, ſo bald ſie hineingegangen war, wie ſie die Thuͤre zweymal zuſchloß und verriegelte.

Weil ſie ihren Schluͤſſel auszog; da ſie aus ihrer Kammer zu uns kam: ſo muß ſie ſonder Zweifel von meiner Abſicht aus Verdacht einige Vermuthung gehabt haben. Es war wirklich mein Vorſatz, wenn ſie mich noͤthigte, Gewalt zu gebrauchen, ſie erſt zu ſchrecken, hernach in mei - nen Armen dahin zu tragen, und ihr die Nacht uͤber Geſellſchaft zu leiſten.

Sie ſollte verſchiedne Kammerweiber gehabt haben, die ihr Handreichung gethan haben wuͤr - den, ſie bey Gelegenheit auszukleiden. AberF f f 2von820von dem Augenblick an, da ſie mit ſo vieler Un - erſchrockenheit in den Speiſeſaal trat, war es ſchlechterdings unmoͤglich, daß ich daran haͤtte denken ſollen, meine ſchaͤndliche Abſichten gegen ſie zu verfolgen.

Dieß, dieß, Belford, war der Vortheil, den ich von einem liſtig erſonnenen Anſchlage hatte, wovon ich mir ſo viel verſprach! Und nun bin ich zehnmal ſchlimmer daran, als vorher!

Du haſt in deinem Leben niemals Leute ge - ſehen, die ſo, wie Narren, einander anſahen, als die Mutter, ihre Mitgenoſſen, und ich auf einige Augenblicke thaten. Endlich fingen die beyden verteufelten Nymphen an mich laͤcherlich zu ma - chen: da unterdeſſen die Alte um ihr Haus, um die Ehre ihres Hauſes bekuͤmmert war. Jch fluchte auf ſie alle mit einander, ging in meine Kammer, und ſchloß mich ein.

Nun iſt es Zeit, mich auf den Weg zu machen. Alles, was ich gewonnen habe, iſt dieß, daß ich entdeckt bin, Schande habe, durch wiederholte Beleidigungen in neue Schuld gera - then und derjenigen, die mein ganzes Herz[e]eingenommen hat, ja was fuͤr ein ſtolzes Herz noch aͤrger iſt, mir ſelbſt veraͤchtlich geworden bin.

Der gluͤckliche Erfolg, der gluͤckliche Erfolg machte bey erſonnenen Anſchlaͤgen alles aus. Fuͤr was fuͤr einen unvergleichlichen Kerl hielte ich mich bis itzo! Selbſt um dieſes Einfalls wil -len821len unter andern! Aber wie jaͤmmerlich albern ſieht er nun in meinen Augen aus! Strei - che, kratze ine jede Stelle in meinen vorhergehen - den Briefen aus, wo ich mich mit demſelben ge - ruͤhmet habe, daß ſie niemals wieder geleſen wer - den! Und laß dir niemals in den Kopf kom - men, mich mit dieſem verfluchten Dinge aufzu - ziehen: denn ich kann es nicht vertragen.

Allein, was ſoll ich dir von der Fraͤulein ſchrei - ben? Bey meiner Seele, ich liebe, ich bewun - dere ſie mehr, als jemals! Jch muß ſie ha - ben. Jch will ſie noch haben. Mit Eh - ren, oder ohne Ehre: wie ich oft gelobet habe. Meine verfluchte Furcht, bey ihrer von un - gefaͤhr blutigen Naſe, die ſie noch ſo neulich erſt geſehen, hat ſie auf den Einfall gebracht, auf die - ſe Art einen Vortheil uͤber mich zu erhalten. Haͤtte ſie mir gedrohet: ſo wuͤrde ich bald Mei - ſter von einem Arm und in beyden geweſen ſeyn! Aber da ſie eine ſo reine Tugend be - wies, daß ſie nur ſich ſelbſt drohete, und kei - nem andern Furcht einzujagen ſuchte; da ſie ein ſo geſetztes Gemuͤth zeigte, daß ſie, ſelbſt bey der heftigen Entſchließung, die Nothwendigkeit der That zur Rettung ihrer Ehre zu unterſchei - den wußte, und ſo aufrichtig allen geringern Veranlaſſungen dazu entſagte; welches ein Zeug - niß von ſo vieler Ueberlegung, von einer ſo voll - kommen freyen Wahl, von ſo guten Grundſaͤtzen war; da ſie mich endlich mit einer ſolchen Wach - ſamkeit in einer Entfernung von ſich hielte, daßF f f 3ich822ich ihre Hand nicht ſo bald ergreifen konnte, als ſie ſich den toͤdtlichen Stoß zu verſetzen vermoͤ - gend geweſen waͤre: wie unmoͤglich war es denn, daß ich durch eine ſo wahre und ſo bedaͤchtli - che Großmuth nicht ſollte uͤberwunden werden.

Aber ſie iſt noch nicht weg: ſie ſoll nicht wegkommen. Jch will ſie durch Briefe auf das nachdruͤcklichſte wegen des Donnerſtags zu bewegen ſuchen Sie ſoll doch noch die Mei - nige, nach Recht und Geſetzen die Meinige ſeyn. Denn ein vertraulicher Umgang ohne die Ehe iſt nun keine Sache mehr, woran zu gedenken waͤre.

Der Capitain ſoll ſie mir als Gevollmaͤch - tigter von ihrem Onkel geben. Mein Lord wird ſterben. Mein Vermoͤgen wird meinem Wil - len zu ſtatten kommen und mich uͤber alles und uͤber alle Menſchen hinausſetzen.

Allein hier ſteckt der verfluchte Knoten: Sie verachtet mich, Bruder! Welcher Mann, das habe ich ſchon vorher geſaget, kann es wohl ertragen, daß er verachtet werde ſonderlich von ſeiner Frauen? O Himmel! O Him - mel! was fuͤr einen Vortheil, was fuͤr einen ver - fluchten Vortheil habe ich von dieſem Kunſtgrif - fe gezogen! Und hier endiget ſich

Die Geſchichte von der Fraͤulein und dem Federmeſſer!!! Der Teufel hole das Fe - dermeſſer! Wider mich ſelbſt aber muß ich ſa - gen, Gott ſegne und begluͤcke die Fraͤulein.

Nicht weit von fuͤnfen, Sonnabends fruͤhe.

Der823

Der drey und ſechzigſte Brief von Hrn. Lovelace an Fraͤulein Clariſſa Harlowe. Mit der Aufſchrift: An Frau Lovelacen.

Mein allerliebſtes Leben.

Wo Sie die elende Perſon, welche ich geſtern Abends vor Jhnen ſpielte, nicht der Liebe und dem Schrecken, das die Liebe erweckte, zu - ſchreiben, ſo werden Sie mir nicht Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Jch dachte, ich wollte bis auf den letzten Augenblick verſuchen, ob ich Sie nicht gewinnen koͤnnte, wenn ich Jhnen in allen Stuͤcken gefaͤllig waͤre, mir zu verſprechen, daß Sie kuͤnftigen Donnerſtag die Meinige ſeyn woll - ten: da Sie mir doch den Tag nicht eher beſtim - men wollten. Haͤtte ich ſo gluͤcklich ſeyn koͤnnen: ſo wuͤrde Jhnen keine Hinderniß geleget ſeyn, nach Hampſtead, oder wohin Jhnen ſonſt belieb - te, zu gehen. Da ich Sie aber nicht bewegen konnte, mir dieſe Verſicherung zu geben: was hatte ich denn wohl fuͤr Grund uͤbrig, bey meiner ſo großen Unwuͤrdigkeit zu glauben, daß ich Jh -F f f 4rer824rer nicht auf ewig verluſtig werden ſollte, wenn Sie dahin gingen.

Jch will Jhnen geſtehen, gnaͤdige Fraͤulein, daß ich das Papier, welches Dorcas hatte fallen laſſen, geſtern Nachmittags aufgehoben. Sie hat bekannt, daß ſie Jhnen zu Jhrer Flucht huͤlfli - che Hand geleiſtet haben wuͤrde: wenn ſie eine bequeme Gelegenheit dazu gefunden haͤtte. Es iſt unſtreitig von ungefaͤhr geſchehen, daß ſie das Pappier verlohren hat. Haͤtte ich Sie in Abſicht auf den kuͤnftigen Donnerſtag gewin - nen koͤnnen: ſo wuͤrde ich es nicht gebrauchet haben; indem ich mich alsdenn auf Jhr gegebe - benes Wort, die Meinige zu ſeyn, gaͤnzlich ver - laſſen haͤtte. Da ich Sie aber unbeweglich fand: ſo entſchloß ich mich zu verſuchen, ob ich nicht, wenn ich uͤber die Verraͤtherey der Dor - cas zuͤrnete, unter der Bedingung, daß ich ihr verzeihen moͤchte, ſelbſt von Jhnen Verzeihung erlangen koͤnnte; und wo nicht, daher Gelegen - heit zu nehmen, meine Einwilligung, daß Sie aus der Fr. Sinclairn Hauſe weggehen moͤch - ten, zu wiederrufen; weil die Folge davon fuͤr mich ſo ungluͤcklich geweſen ſeyn muͤßte.

Jn ſo weit war in der That mein Verfah - ren ein niedriger Kunſtgriff: und da mir daſ - ſelbe auf eine ſo erhabene und edle Art als ein Kunſtgriff vorgehalten wurde; konnte ich nicht anders, als mich deſſen ſelbſt ſchaͤmen.

Aber Sie muͤſſen mir die Hoffnung geſtat - ten, gnaͤdige Fraͤulein, daß Sie mich fuͤr eine ſoelende825elende Erfindung nicht allzu hart ſtrafen wollen: weil ſie nicht auf Jhre Entehrung zielte, und Sie eben zu der Zeit, da dieſelbe vollzogen wer - den ſollte, einen ſo großen Beweis von meiner Unfaͤhigkeit, boͤſe und niedrige Maaßregeln zu vertheidigen, und zugleich von Jhrer Gewalt uͤber mich, hatten, als ein Menſch geben konnte; mit einem Worte, weil Sie muͤſſen geſehen ha - ben, daß ich mich ſchlechterdings von Gewiſſen und Liebe leiten ließ.

Jch will mich nicht zu vertheidigen ſuchen, daß ich wuͤnſche, Sie moͤchten da bleiben, wo Sie ſind, bis Sie mir entweder Jhr Wort geben, am Donnerſtage mit mir zum Altar zu kommen, oder bis ich die Ehre habe, Jhnen mei - ne Aufwartung zu machen, damit wir uns zu der feyerlichen Handlung vorbereiten, welche je - nen Tag zu dem gluͤcklichſten in meinem Leben machen wird.

Es iſt mir mehr, als zu ſehr, empfindlich, daß dieſe Art der Begegnung bey Jhnen das Anſehen einer willkuͤrlichen und widerrechtlichen Zumuthung haben kann. Allein da die Folgen nicht allein fuͤr uns ſelbſt, ſondern auch fuͤr un - fre beyderſeitige Familien, hoͤchſt ungluͤcklich ſeyn moͤgen; wo Sie nicht zu meinem Vortheil ge - wonnen werden koͤnnen: ſo erlauben Sie mir, zu bitten, daß Sie mir dieſen Zwang, in Be - trachtung der Nothwendigkeit, die Sie, Werthe - ſte, mir ſelbſt aufgeleget haben, mich deſſelben ſchuldig zu machen, vergeben, und die feyerlicheF f f 5Hand -826Handlung am kuͤnftigen Donnerſtage zugleich zur Vergeſſenheit aller vergangenen Beleidigungen dienen laſſen.

Was ich den Leuten im Hauſe befohlen habe, beſtehet hierinn: Es ſoll Jhnen in allen Stuͤ - cken gehorchet werden, die mit meiner Hoffnung, Sie kuͤnftigen Mittwochen bey meiner Zuruͤck - kunft in die Stadt daſelbſt zu finden, beſtehen koͤnnen. Weil Fr. Sinclair und ihre Baſen ſich Jhren gerechten Widerwillen zugezogen ha - ben: ſo ſollen ſie nicht, ohne ausdruͤcklichen Be - fehl von Jhnen, vor Jhre Augen kommen. Auch Dorcas ſoll nicht Erlaubniß haben, die Aufwartung bey Jhnen zu verrichten, bis ſie ih - re Auffuͤhrung vollkommen ſo weit gerechtferti - get hat, daß Sie zufrieden ſind. An ihrer Stelle ſoll Mabella aufwarten, von welcher Sie ſich vor einiger Zeit merken ließen, daß Sie dieſelbe noch wohl leiden koͤnnten. Wil - helm habe ich zuruͤck gelaſſen, damit er Jhnen auf Befehl zu Dienſte ſtehe. Sollte er nach - laͤßig, oder ungeſchliffen ſeyn: ſo ſoll der Ab - ſchied, den Sie ihm geben, auf ewig ſein Ab - ſchied aus meinen Dienſten bleiben. Was aber Briefe anbetrifft, die entweder an Sie kommen, oder die Sie wegzuſenden haben moͤchten: ſo muß ich gehorſamſt bitten, daß auf die wenigen Tage, da ich abweſend ſeyn werde, keine von Jhnen oder an Sie frey durchgehen duͤrfen. Jnzwiſchen verſichere ich Sie, gnaͤdige Fraͤulein, daß die Siegel von beyden Arten heilig ſeyn ſol -len:827len: und die Briefe, wo ja einige geſchickt wer - den, ſollen den Augenblick, da die Trauung voll - zogen iſt, oder vorher, wenn Sie es verlangen, Jhnen ſelbſt in die Haͤnde geliefert werden.

Mittlerweile will ich mich erkundigen, und Jhnen Nachricht geben, wie ſich Fraͤulein Howe befindet, und woher ihr langes Stillſchweigen kommt, wenn ich es erfahren kann.

Jch habe, bey meiner Ankunft mit dem D. S. den D. Perkins hier gefunden. Er giebt mir die Nachricht, daß Jhr Vater, Jhre Mut - ter, Jhre Onkels und die noch weniger wuͤrdi - gen Perſonen von Jhrer Familie ſich wohl be - finden, und willens ſind, kuͤnftige Woche alle bey Jhrem Onkel Harlowe zu ſeyn, wie ich vermu - the, ſeinen Geburtstag zu begehen. Dieß kann keine andere, als gluͤckliche Veraͤnderung, in den Perſonen, am Donnerſtage machen: weil mich Herr Tomlinſon verſichert hat, daß, wenn etwas vorfallen ſollte, wodurch Jhr Onkel gehindert wuͤrde, in Perſon herauf zu kommen; welches er gleichwohl damals noch nicht vermuthete; er zu - frieden ſeyn wollte, wenn ſein Freund, der Capi - tain, als ſein Gevollmaͤchtigter gegenwaͤrtig waͤ - re. Jch werde morgen einen Kerl zu Pferde an den Capitain ſchicken, damit ich deſto gewiſſer ſeyn moͤge.

Jch ſende gegenwaͤrtiges durch einen eignen Bothen, der auf Jhren Willen nach Jhrem Be - lieben warten wird. Jch mache mir in unter - thaͤniger Ergebenheit die Hoffnung, daß Sie mirden -828denſelben in Abſicht auf den Donnerſtag, den ich mit Ungedult zu ſehen wuͤnſche, durch eine Zeile melden werden.

Mein Lord verlanget, ob er gleich kaum noch Empfindung hat, und nichts mehr zu Herzen nimmt, als unſere Gluͤckſeligkeit, daß ich ſeine er - gebenſte Empfehlung an Sie machen ſoll. Er hat verſchiedne Koſtbarkeiten zum Geſchenke fuͤr Sie in Bereitſchaft; und hoffet, daß ſie Jhnen nicht unangenehm ſeyn werden: er mag nun leben und ſie ſelbſt von Jhnen angelegt ſehen, oder nicht.

Die Lady Sarah und die Lady Eliſabeth ha - ben gleichfalls die Zeichen ihrer Hochachtung be - reit, daß ſie Jhnen zur geneigten Aufnahme em - pfohlen werden. Allein moͤchte doch der Him - mel Jhnen das Herze lenken, daß Sie Gelegen - heit gaͤben, noch ehe die kuͤnftige Woche zu Ende iſt, von ihnen und von meiner Baſe Montague perſoͤnlich empfangen und mit allen Hoͤflichkeiten aufgenommen zu werden.

Der Lord befindet ſich ſehr ſchlecht. D. S. hat keine Hoffnung von ihm. Der einzige Troſt, den ich bey dem Tode eines Verwandten haben kann, welcher mich ſo zaͤrtlich liebet, wo - fern er ſterben ſollte, muß dieſer ſeyn, daß ich da - durch noch mehr in den Stand geſetzet werde; Jhnen zu zeigen, wie ſehr ich ſey,

Mein allerliebſtes Leben, Jhr ewig ergebener und getreuer Lovelace.

Der829

Der vier und ſechzigſte Brief von Hrn. Lovelace an Fraͤulein Clariſſa Harlowe Mit der Aufſchrift: An Frau Lovelacen.

Mein liebſter Engel.

Jch kann nicht Worte finden, es auszudruͤcken, wie empfindlich ich gekraͤnket bin, daß mein Bothe, ohne eine Zeile von Jhnen, wieder zuruͤck gekommen iſt.

Der Donnerſtag iſt ſo nahe, daß ich alle vier Stunden, bis ich eine erwuͤnſchte Antwort habe, einen Boten nach den andern, wovon einer dem andern begegnen ſoll, abſchicken werde, bis der heilige Abend zu dem Tage einfaͤllt: damit ich erfahre, ob ich es wagen moͤge, vor Jhnen zu er - ſcheinen, mit der Hoffnung, meine Wuͤnſche an dem Tage erfuͤllet zu ſehen.

Jhre Liebe, gnaͤdige Fraͤulein, erwarte ich nicht, und verlange ſie auch nicht: ich werde ſie nicht verlangen, bis meine kuͤnftige Auffuͤhrung Jhnen Grund zu denken giebet, daß ich ſie ver - diene. Alles, was ich mich itzo zu wuͤnſchen un - terſtehe, iſt dieß einzige, daß ich es in meiner Ge -walt830walt haben moͤge, Jhnen alle Gerechtigkeit, die mir nunmehr moͤglich iſt, widerfahren zu laſſen. Jhrer Großmuth will ich es uͤberlaſſen, mich mit Jhrer Zuneigung, wie ich verdienen werde, zu belohnen.

Wenn ich itzo mein elendes Bezeigen vor Jh - nen am Freytag, Abends, bedenke: ſo glaube ich, daß ich lieber zu meinem letzten Gerichte gehen wollte, ſo wenig ich mich auch dazu bereitet habe, als vor Jhren Augen erſcheinen; ohne wenn Sie mir einige Hoffnung machen, daß ich vielmehr wie Jhr kuͤnftiger Ehegatte, als wie ein verab - ſcheueter Miſſethaͤter, ob ich dieſes gleich verdie - net habe, aufgenommen werden ſoll.

Erlauben Sie mir alſo, ein Mittel vorzu - ſchlagen, damit ich mir die Verwirrung, und Jhnen den Verdruß erſpare, daß Sie zu der in - nigſt quaͤlenden Vorruͤckung genoͤthigt ſeyn ſoll - ten, die ich nicht ausſtehen kann, und die Jhnen ſelbſt unangenehm ſeyn muß Nennen Sie die Kirche: ich will alles in Bereitſchaft haben; ſo daß unſere erſte Zuſammenkunft gewiſſermaſ - ſen bey dem Altar ſelbſt geſchehe. Alsdenn wer - den Sie dem gefaͤlligen und ergebenen Eheman - ne die Fehler des undankbaren Liebhabers zu ver - geben haben. Jſt Jhr Unwillen noch zu groß, mehr zu ſchreiben: ſo laſſen Sie nur von Jhrer eignen werthen Hand dieſe Worte an mich ge - langen: St. Martins Kirche, Donnerſtags; oder dieſe: St. Aegidius Kirche, Donnerſtags. Jch will nicht einmal eine Ueberſchrift, oder Un -terſchrift,831terſchrift, oder auch nur die Anfangsbuchſtaben von Jhrem Namen verlangen. Jenes ſoll alle Gewogenheit ſeyn, die ich erwarten will, bis die werthe Hand ſelbſt mit der meinigen, vor den Augen des hoͤchſten Weſens verbunden wird, das ich zu einem Zeugen anrufe der unverbruͤch - lichen Treue und Ehre

Jhres Anbeters, Lovelace.

Der fuͤnf und ſechzigſte Brief von Hrn. Lovelace an Fraͤulein Clariſſa Harlowe. Mit der Aufſchrift: An Frau Lovelacen.

Noch einmal, mein liebſtes Leben, beſchwoͤre ich Sie, mir die vier Worte zu ſenden, die ich mir ausgebeten habe. Es iſt keine Zeit zu verlieren. Jch wollte um aller Welt willen nicht, daß der kuͤnftige Donnerſtag vorbeygehen und ich doch kein Recht haben ſollte, Sie die Mei - nige zu nennen: und das ſo wohl Jhrentwegen, als um mein ſelbſt willen. Bisher iſt alles, was vorgegangen iſt, zwiſchen Jhnen und mir allein geblieben: aber nach dem Donnerſtagewird832wird alles, wo meine Wuͤnſche nicht erfuͤllet ſind, der Welt vor Augen liegen.

Mein Lord befindet ſich ausnehmend ſchlecht, und leidet nicht, daß ich ihm nur eine halbe Stun - de aus den Augen gehe. Allein das ſoll bey mir nicht ein Haar gelten: wenn es Jhnen gefaͤllig iſt, mir in den vier ausgebetenen Worten den Oelzweig zum Zeichen des Friedens zu reichen.

Jch habe folgende Nachricht von dem Capi - tain Tomlinſon.

Jhre ganze Familie iſt bey Jhrem Onkel Harlowe. Jhr Onkel findet, daß er nicht her - auf kommen kann: und ernennet den Capitain Tomlinſon zu ſeinem Gevollmaͤchtigten. Er iſt willens, Jhre ganze Familie bey ſich zu behalten, bis ihn der Capitain verſichert, daß die Trauung vollzogen iſt.

Er hat bereits nicht ohne Hoffnung zu einem gluͤcklichen Erfolg, den Verſuch mit Jhrer Mut - ter angefangen, dieſelbe mit Jhnen auszuſoͤh - nen.

Mein Lord hat ſich eben itzo gegen mich mer - ken laſſen, wie gluͤcklich er ſich ſchaͤtzen wuͤrde, wenn er noch vor ſeinem Ende Gelegenheit ha - ben koͤnnte, Sie als ſeine Baſe zu kuͤſſen. Jch habe ihm Hoffnung gemacht, daß er Sie ſehen ſoll, und ſchon angezeiget, daß ich am Mittwo - chen zur Stadt gehen werde, damit ich Sie ge - winnen moͤge, mich am Donnerſtage oder Frey - tage hinunter zu begleiten. Jch habe befohlen, daß ein Geſpanne in Bereitſchaft ſeyn ſoll, michhinauf833hinauf zu bringen: und befaͤnde ſich mein Lord nicht ſo gar uͤbel; ſo wuͤrde ſich meine Baſe Montague, wie ſie mir ſaget, ſelbſt erbieten, Jhnen ihre Aufwartung zu machen. Wenn es Jhnen alſo gefaͤllig iſt: ſo koͤnnen wir den Augen - blick, da die Trauung vollzogen iſt, uns hierher auf den Weg machen.

Machen Sie nicht, wertheſte Fraͤulein, daß ſich aller dieſer vortheilhafte Anſchein zerſchlage, und handeln durch Jhre Weigerung, Jhre eigene Ehre, und die Ehre Jhrer Familie, vor den Au - gen der Welt zu retten, nicht noch aͤrger gegen ſich ſelbſt, als der undankbareſte Boͤſewicht unter der Sonnen gegen Sie gehandelt hat. Denn, wenn wir vermaͤhlet ſind, ſo wird alle Schande, die Sie als eine unverheyrathete Fraͤulein gelitten zu haben glauben, meine eigne Schande, und nur uns ſelbſt bekannt ſeyn.

So erwaͤgen Sie denn wohl, ich bitte Sie noch einmal, unter was fuͤr Umſtaͤnden wir mit einander ſtehen. Erinnern Sie ſich, mein lieb - ſtes Leben, daß der Donnerſtag bald hier ſeyn wird, und Sie keine Zeit zu verlieren haben.

Jn einem Briefe, welchen ich durch eben den Bothen abgeſchickt, den ich mit dem gegenwaͤrti - gen abfertige, habe ich meinen Freund, Herrn Belford, der ein ſehr großer Bewunderer von Jhnen iſt, und um alle Geheimniſſe meines Her - zens weiß, erſuchet, daß er Jhnen ſeine Aufwar - tung mache, um zu erfahren, worauf ich mich in Anſehung des gewaͤhlten Tages zu verlaſſen habe.

Fuͤnfter Theil. G g gGe -834

Gewiß, meine Wertheſte, Sie haben niemals von einer grauſamen Ungewißheit nur halb ſo viel leiden koͤnnen, als ich leide.

Wo ich auf Gegenwaͤrtiges, entweder aus Jh - rer eignen Guͤtigkeit, oder auf des Herrn Bel - fords Fuͤrbitte, keine Antwort bekomme: ſo wird es zu ſpaͤt fuͤr mich ſeyn, mich auf den Weg zu machen; und Capitain Tomlinſon, der in der Abſicht zur Stadt kommt, Jhr Vergnuͤgen zu be - foͤrdern, wird ſich in ſeiner Hoffnung betrogen finden.

Ein Bewegungsgrund zu dem ſanften Zwan - ge, den ich mich unterſtanden habe, Jhnen anzu - legen, iſt, daß alles Ungluͤck vermieden werde, welches erfolgen, und eben ſo wahrſcheinlich die unſchuldigere, als die nicht ſo unſchuldige Perſon, treffen moͤchte, wenn Sie an jemand ſchreiben ſollten, ſo lange noch Jhr Gemuͤth ſo ſehr gegen mich aufgebracht und angeflammet iſt. Da ich Jhnen meine desfalls gemachte Anſtalt eroͤffnet habe: ſo wundere ich mich, daß Sie ſich dennoch bemuͤhet haben, einen Brief an Fraͤulein Howe, ob gleich in einem Umſchlage an derſelben Kammermaͤgdchen, abzulaſſen(*)Die Fraͤulein hatte wirklich verſucht, einen Brief wegzuſchicken.; weil Sie den - ken mußten, daß er nach aller Wahrſcheinlichkeit mir in die Haͤnde fallen wuͤrde.

Die gerechte Empfindung von dem, was nach meinem Verſchulden der Jnhalt ſeyn wuͤrde,laͤßt835laͤßt mich im geringſten nicht zweifeln, was der Jnhalt wirklich ſey. Nichts deſtoweniger ſchi - cke ich ihn eingeſchloſſen an Sie wieder zuruͤck, mit unerbrochnem Siegel, wie Sie ſehen wer - den.

Lindern Sie, wertheſte Fraͤulein, ich bitte Sie, durch die vier ausgebetenen Worte, oder durch Herrn Belford, die Angſt

Jhres ewig ergebenen und verpflichteten Lovelace.

Erinnern Sie ſich, daß keine Zeit ſeyn wird, kei - ne Zeit ſeyn kann, noch einmal zu ſchreiben, und doch am Donnerſtage, an Jhres Onkels Geburtstage, hinaufzukommen.

Der ſechs und ſechzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Du wirſt aus den eingeſchloſſenen Abſchriften dreyer Briefe die Verfaſſung ſehen, in wel - cher ich mit der Fraͤulein Harlowe ſtehe. Auf zween von denſelben habe ich ſchon nicht ein Wort zur Antwort bekommen, ich bin ihr allzu veraͤcht - lich dazu: und auf den dritten, den ich nun durch eben den Bothen, der dir gegenwaͤrtiges uͤber - hringet, abgeſchickt habe, wird vermuthlich, wieG g g 2mir836mir bange iſt, eben ſo wenig geachtet werden Geſchieht es: ſo iſt ihr Gnadentag ſchlechterdings vorbey.

Man ſollte ſich einbilden, da ſie ſo lange zum Zwange ſelbſt gewoͤhnt iſt, daß ſie mit dem Sie - ge, den ſie am Freytag, Abends, uͤber uns alle davon trug, zufrieden geweſen ſeyn moͤchte: ei - nem Siege, der bis auf dieſe Stunde meinen Stolz und meine Eitelkeit ſo ſehr erniedriget hat, daß ich die Worte, Raͤnke, Erfindung, aus - gekuͤnſtelte Anſchlaͤge beynahe haſſe, und in Zu - kunft bey allem, was mir in meinen erfindungs - reichen Kopf kommt, mir ſelber nicht trauen werde.

Siehſt du aber nicht, daß ich genoͤthigt bin, ſie noch bey der Fr. Sinclairn zu laſſen, und ihr allen Briefwechſel zu unterſagen?

Da ich nun wirklich, Belford, bey meiner gegenwaͤrtigen Gemuͤthsfaſſung, an nichts an - ders gedenke, als mich mit ihr zu vermaͤhlen; wo ſie den Donnerſtag nicht vorbeygehen laͤßt: ſo ſaͤhe ich gern, daß du nach der Anzeige, die ich ihr in meinem Briefe von eben dieſem Tage des - falls gethan habe, zu ihr gingeſt, fuͤr mich gelobe - teſt, fuͤr mich ſchwuͤreſt, und alle Gruͤnde gebrau - cheteſt, die dir dein freundſchaftliches Herz einge - ben kann, damit du mir eine Antwort von ihr verſchaffeteſt; die ſie nur in vier Worten geben mag, wie du ſehen wirſt. Und dann bin ich wil - lens, den Lord M. zu verlaſſen, ſo gefaͤhrlich auch ſeine Krankheit iſt, und zu ihr in die von ihr be -nannte837nannte Kirche kommen, damit unſere Vermaͤh - lung vollzogen werde. Wenn ſie auch nur die vier Worte, welche du ſchreiben magſt, mit den Anfangsbuchſtaben Cl. H. unterzeichnen will: ſo ſoll es ſchon gut ſeyn! Jch wollte nicht gern hin - aufkommen, mich vor den Augen meiner ganzen Familie und aller meiner Freunde zum Narren machen zu laſſen.

Wofern ſie den Tag vorbeygehen laſſen ſoll - te: ſo werde ich zur Verzweifelung gebracht ſeyn Jch bin in meinen eignen Erfindungen verſtricket, und kann es nicht leiden, daß ſie mich entdecken ſollte.

O! daß ich ehrlich gehandelt haͤtte! Was fuͤr einen verteufelten Erfolg haben alle mei - ne Raͤnke gehabt! Was haben ſie fuͤr einen Aus - gang, als daß ſie auf mich ſelbſt zu einer großen Verſtrickung zuſammenfallen und mir ein Recht zu ewiger Schmach und Schande geben! Al - lein, weil ich mich auf deine freundſchaftlichen Dienſte verlaſſe: ſo will ich hievon nicht mehr ſa - gen! Laß ſie mir nur eine Zeile ſenden! Nur eine Zeile! Und mir nicht ſo be - gegnen, als wenn ich ihrer Achtung unwuͤrdig waͤre, da ſie doch vollkommen in meiner Gewalt iſt Das kann ich nicht das will ich nicht leiden.

Mein Lord, wie ich erwaͤhnet habe, befindet ſich ausnehmend ſchlecht. Die Aerzte geben ihn auf. Er giebt ſich ſelber auf. Diejenigen, wel - che nicht gerne ſehen wuͤrden, daß er ſtuͤrbe, be -G g g 3ſorgen,838ſorgen, er werde ſterben. Was mich anlanget: ſo bin ich in Zweifel. Denn der lange und hef - tige Streit zwiſchen ſeiner Natur und der Krank - heit, ob die letztere gleich drey Aerzte und einen Apotheker zum Beyſtande hat, und alle dreye noch dazu in ihren Vorſchriften ganz unterſchiedner Meynung ſind, zeigen eine verzweifelt zaͤhe Na - tur an, und geben mehr Anſchein zur Geneſung, als zum Tode: und das um ſo viel mehr, da er zu keinen ſo ſcharfen oder heftigen Empfindun - gen aufgelegt iſt, welche die Empfindungsglieder ſeines Koͤrpers auf das aͤußerſte ſchwaͤchen und ſein Fieber zu etwas mehr, als einem Zufalle, dem doch zu helfen iſt, machen koͤnnten.

Du wirſt aus dem Einſchluſſe ſehen, was ich fuͤr Muͤhe habe, Bothen abzufertigen: die be - ſtaͤndig auf dem Wege ſind, einander zu begeg - nen, ſo daß einer von ihnen mit einem vierten zuſammentreffen muß, der ſeine Station zu Lon - don hat, und fuͤnf Meilen, oder bis er jenem be - gegnet, herankommt. Jn Wahrheit aber habe ich zu gleicher Zeit einige andere Sachen mit dem Wechsler meines Lords und mit ſeinem Sach - walter fuͤr ſie zu beſorgen, welche mich in den Stand ſetzen werden, wo der Lord ſo gut iſt, und fuͤr dieß mal ſtirbt, einigen von meinen andern Verwandten uͤberlegen zu ſeyn. Charlotte und Martha meyne ich nicht; denn die ſind von edler Geſinnung: ſondern andere, die in meiner Ab - weſenheit, wie ſo viele Maulwuͤrfe, unter dem Grunde gekratzet und gegraben haben; und de -ren839ren Thun ich, ſeit dem ich unten geweſen bin, durch die kleinen aufgeworfenen Haͤufchen von Koth entdecket habe.

Eine baldige Nachricht von dem, was ich dir aufgetragen habe, lieber Bruder! Der Brief geht die ganze Nacht durch.

Der ſieben und ſechzigſte Brief von Hrn. Belford an Herrn Robert Lovelace.

Jhr muͤßt mich entſchuldigt halten, Lovelace, daß ich mich mit dem Dienſt, den ihr mir aufgetragen habet, nicht abgebe, bis ich beſſer verſichert ſeyn kann, daß ihr endlich in der That ehrliche und geziemende Abſichten gegen dieſe hoͤchſtbeleidigte Fraͤulein heget.

Jch glaube, ihr kennet euren Freund Bel - ford zu wohl, daß ihr denken moͤchtet, er wuͤrde ſich mit euch, oder mit irgend jemand auf der Welt vertragen, der ihn zu gewinnen ſuchen ſoll - te, etwas fuͤr ihn zu verſprechen, das er niemals zu halten geſonnen waͤre. Jch muß dir ſagen, daß ich der Ehre eines Menſchen, der durch Nachahmung von Haͤnden; ſo will ich es nur nennen; ſo wenig Achtung fuͤr die Ehre ſei -G g g 4ner840ner eignen Verwandten gezeiget hat, nicht viel zutraue.

Wenn du nicht ſolche jeſuitiſche Bemaͤnte - lungen haͤtteſt: ſo ſollte ich denken, du wuͤrdeſt endlich von den Regungen des Gewiſſens geruͤh - ret, und durch den uͤbeln Erfolg der letzten Er - findung, wozu ich dir von Herzen Gluͤck wuͤnſche, zur Schaam uͤber deine verfluchte Raͤnke ge - bracht ſeyn.

O! die goͤttliche Fraͤulein! Jedoch ich will deine Schuld nicht vergroͤßern!

Wenn du aber ſchreibeſt, daß du bey deiner gegenwaͤrtigen Gemuͤthsfaſſung an das Hey - rathen gedenkeſt, und doch ſo leicht in eine ande - re Gemuͤthsfaſſung gerathen kannſt; wenn ich weiß, daß dein Herz ſich wider dieſen Stand auf - lehnet, und bedenke, daß die vier Worte, welche du durch Liebkoſung von der Fraͤulein herauszu - locken ſucheſt, eben ſo viel zu deinem Zweck aus - richten, als wenn ſie vierzig ſchriebe; indem ſie zeigen werden, daß ſie die groͤßte Beleidigung, die Frauensleuten widerfahren kann, zu verge - ben im Stande iſt; wenn ich endlich uͤberlege, wie leicht du Entſchuldigungen finden kannſt, zuruͤck - zuziehen: ſo mußt du dich uͤber deine wirkliche Abſichten und kuͤnftige Beobachtung deiner Ehre ein gutes Theil ausdruͤcklicher erklaͤren, als du thuſt. Denn ich kann einer Reue nicht trauen, die nur auf eine Zeitlang da iſt, die noch dazu durch fehlgeſchlagene Hoffnung, nicht durch guteGrund -841Grundſaͤtze, erreget iſt, und dergleichen du ſchon oft unterdruͤcket haſt.

Wo du mich zeitig genug, in Anſehung des beſtimmten Tages, uͤberzeugen kannſt, daß du wirklich die Abſicht habeſt mit ihr ehrlich und rechtſchaffen, nach der eigentlichen Bedeutung, worinn ſie ſelbſt die Worte nimmt, zu handeln; oder, wenn es nicht zeitig genug geſchehen kann, einen andern Tag beſtimmen willſt; den du bil - lig in ihren freyen Willen ſtellen, und ſie alſo nicht an den Donnerſtag binden ſollteſt, ſonder - lich da dein Vorwand, warum du es thuſt, eine bloße Erdichtung iſt: ſo will ich deine Sache mit der zaͤrtlichſten Freundſchaft uͤber mich nehmen; in Perſon, wo ſie mich vor ſich laſſen will; wo nicht, durch die Feder. Aber in dem Fall mußt du mir erlauben, fuͤr deine Treue Buͤrge zu wer - den. Und geſchiehet dieß: ſo magſt du dich dar - auf verlaſſen; ſo hoch ich dich ſchaͤtze und ſo ſehr ich deine gute Einſicht in alle Eigenſchaften eines Cavalliers achte; daß ich dem Namen und der Art eines Buͤrgen gemaͤß handeln werde, und zwar mit mehrerer Achtung der Ehre, als die Fuͤrſten in unſern Tagen gemeiniglich thun das mag zu ihrer Schande geſaget ſeyn.

Unterdeſſen kann ich dir nicht bergen, daß mir das Herz blute, wenn ich alles Uebel erwaͤ - ge, das dieſe engliſche Fraͤulein ausgeſtanden hat. Und wo du ſie nicht heyratheſt, wenn ſie dich haben will; und dich nach der Heyrath als den heſten und zaͤrtlichſten Ehemann gegen ſie bewei -G g g 5ſeſt:842ſeſt: ſo wollte ich lieber ein Hund, eine Meerka - tze, ein Baͤr, eine Otter, oder eine Kroͤte, als an deiner Stelle ſeyn.

Befehle mir mit Ehren: ſo ſollſt du nie - mand bereitwilliger finden, dir gefaͤllig zu ſeyn, als

deinen aufrichtigen Freund Johann Belford.

Der acht und ſechzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Euer Schreiben iſt mir dieſen Augenblick, durch eine außerordentliche Beſchleunigung der Boten, zu Haͤnden gekommen.

Was fuͤr ein ehrliebender Mann biſt du auf einmal geworden!

Und ſo droheſt du mir in der eingebildeten Geſtalt eines Buͤrgen!

Waͤre es mit der Fraͤulein nicht mein Ernſt geweſen: ſo wuͤrde ich nicht daran gedacht ha - ben, dich in der Sache zu gebrauchen. Aber, das muß ich dir ſagen, haͤtteſt du das Werk uͤber - nommen, und ich nachher fuͤr dienlich gefunden, mei - ne Geſinnung zu aͤndern: ſo wuͤrde ich mich damit begnuͤget haben, daß ich dir geſaget, es ſey damals, als du dich fuͤr mich eingelaſſen, wirklich meineGeſin -843Geſinnung geweſen, und dir meine Gruͤnde zu dieſer Veraͤnderung angegeben haͤtte; alsdenn aber haͤtte ich dich machen laſſen, was du gewollt. Denn ich habe noch niemals gewußt, was es heiße, ſich vor einem Kerl fuͤrchten auch nicht, was es heiße, ſich vor einer Weibsperſon fuͤrchten, bis ich mit Fraͤulein Clariſſa Harlowe bekannt ward, ja, welches am meiſten erſtau - nenswuͤrdig iſt, bis ich ſie in meiner Gewalt hatte.

Alſo willſt du der bezaubernden Gebieterinn meines Herzens nicht anders, als unter gemeſſe - nen Bedingungen, deine Aufwartung machen! Laß es bleiben, verflucht ſeyſt du: ich frage nichts darnach Aber ich trauete der Achtung, welche du gegen ſie bezeuget haſt, ſo viel, daß ich dachte, der Dienſt wuͤrde dir eben ſo angenehm, als fuͤr mich nuͤtzlich ſeyn. Was war es auch anders, als daß du ſie zu bereden ſuchteſt, in die Erſetzung ihrer Ehre zu willigen? Denn was habe ich gethan, als daß ich mir ſelbſt Schande zugezogen und mir meine eigne Ergoͤtzungen ge - ſtohlen habe? Und wenn eine Vereinigung der Herzen, und ein Vorſatz, ſich geſetzmaͤßig zu vermaͤhlen, da iſt: was fehlet denn noch mehr, als der alberne Kirchengebrauch? Und dazu erbiete ich mich annoch. Will ſie aber ihre Hand zuruͤckhalten; will ſie mich meine vergebens aus - recken laſſen: wie kann ich helfen?

Jch ſchreibe ihr nur noch einen Brief; und wo ſie nach deſſen Empfang tuͤckiſch ſtillſchwei -get:844get: ſo muß ſie ſich ſelbſt danken, was erfolgen wird.

Bey dem allen iſt doch mein ganzes Herz ihr ergeben. Jch liebe ſie mehr, als ich ſagen kann: und kann es nicht aͤndern. Jch hoffe daher, daß ſie dieß letzte Erbieten annehmen werde, wie ich wuͤnſche: und daß ſie nicht wil - lens ſey, nach der eigentlichen Weiſe der Weibs - leute, mich zu plagen, zu kraͤnken und zu quaͤ - len; da ſie nun gefunden, was ſie fuͤr Gewalt uͤber mich hat. Wo ſie mich nun zu Gnaden annehmen will, indem dieſe Gewiſſensregungen bey mir noch waͤhren: ſo ſollen alle ihre Pruͤfungen, ob es mir gleich zu veraͤchtlich iſt, unter der Be - dingung meiner Aufrichtigkeit mit dir einen Vergleich zu treffen, voruͤber ſeyn; wie ich mich ſchon vorher erklaͤret habe; und ſie ſoll ſo gluͤck - lich werden, als ich ſie machen kann. Denn wenn ich alles uͤberdenke, was zwiſchen uns, ſeit meiner erſten Bekanntſchaft mit ihr bis auf dieſe Stunde, vorgegangen iſt: ſo muß ich bekennen, daß ſie die Tugend ſelbſt iſt, und ſage noch ein - mal, ſie hat ihres gleichen nicht.

Wenn ihr mir einen Wink gebt, die Benen - nung eines andern Tages in ihren freyen Willen zu ſtellen: bedenkt ihr denn wohl, daß es unmoͤg - lich ſey, meine Raͤnke und Kunſtgriffe viel laͤn - ger vor ihr zu verbergen? Eben dieß macht, daß ich auf den Tag, ob er gleich ſo nahe iſt, dringe: und zwar um ſo viel mehr, da ich von ihres Onkels Geburtstage ſo viel Weſens gemachthabe.845habe. Schickt ſie mir die vier Worte: ſo will ich keine Beſchwerden ſcheuen, beyzeiten, wo nicht, zu der durch die Kirchenordnung beſtimmten Stunde, in der Kirche, doch zu einer andern Stunde des Tages in ihrem eignen, oder einem andern Zimmer zu ſeyn. Geld wird alles aus - richten: und das habe ich in dieſer Sache nie - mals geſparet.

Um dir zu zeigen, daß ich keine Feindſchaft auf dich geworfen habe, ſchließe ich die Abſchrif - ten von zween Briefen ein. Der eine iſt an die Fraͤulein; es iſt der vierte und muß der letzte von der Sache ſeyn: der andere iſt an Capi - tain Tomlinſon, und wie du ſehen wirſt, ſo fuͤr ihn eingerichtet, daß er ihn der Fraͤulein zeigen ſoll.

Nun, Bruder, magſt du dich in dieſe Sa - che mengen, oder nicht: ſo weißt du die Mey - nung von

Robert Lovelace.

Der846

Der neun und ſechzigſte Brief von Hrn. Lovelace an Fraͤulein Clariſſa Harlowe. Mit der Aufſchrift: an Frau Lovelacen.

Nicht eine Zeile, mein liebſtes Leben, nicht ein Wort, auf drey Briefe, die ich geſchrieben habe! Die Zeit iſt nunmehr ſo kurz, daß dieß der letzte Brief ſeyn muß, der Jhnen vor der wichti - gen Stunde, welche uns nach Recht und Geſe - tzen vereinigen moͤchte, zu Haͤnden kommen kann.

Mein Freund, Herr Belford, beſorget, er moͤchte, wegen einiger nothwendigen Geſchaͤffte, Jhnen nicht zu gehoͤriger Zeit ſeine Aufwartung machen koͤnnen.

Jch bedaure um ſo viel weniger, daß dieſe Hoffnung fehlgeſchlagen: weil ich eine noch an - genehmere Perſon, wie ich hoffe, den Capitain Tomlinſon, an deſſen Stelle verſchaffet habe; an welchen ich mich zu dem Ende ſchon vorher gewandt hatte, eheich von dem Hrn. Belford Antwort bekam.

Jch habe mir deſto mehr angelegen ſeyn laſſen, dieſe Gefaͤlligkeit von ihm zu erlangen: weil er morgen, wie ich mich in unterthaͤnigerHoch -847Hochachtung zu hoffen unterſtehe, den angeneh - men Dienſt leiſten wird, den er zu leiſten uͤber - nommen hat. Dieſer verbindet ihn ohne das heute in der Stadt zu ſeyn. Jch habe ihm von dem ungluͤcklichen Zuſtande, worinn ich mit Jh - nen ſtehe, Nachricht gegeben, und ihn gebeten, daß er mir bey dieſer Gelegenheit zeigen moͤchte, daß ich eben ſo viel Theil an ſeiner Gunſt und Freundſchaft haͤtte, als Jhr Onkel: indem die ganze Unterhandlung zum Vergleich abgebro - chen werden muͤßte; wenn er Sie nicht zu mei - nem Vortheil gewinnen koͤnnte.

Er wird den Bothen alſobald abfertigen: und ich bin willens, dieſem in Perſon zu Slough entgegen zu kommen; damit ich entweder mit einem frohen Herzen nach London fortgehe, oder mit einem niedergeſchlagenen Gemuͤthe nach M. Hall zuruͤckkehre.

Jch ſollte billig dem Vergnuͤgen nicht vorgrei - fen, aber ich kann es nicht wehren, das ſich Herr Tomlinſon zu machen gedenket, wenn er Jhnen melden wird, wie wahrſcheinlich es ſey, daß Jhre Mutter Jhres Onkels Abſichten befoͤrdern helfen werde. Denn es ſcheint, er habe ihr ſeinen loͤb - lichen Vorſatz in geheim entdecket: und ſo wohl ihre als ſeine Entſchließung wird von dem Aus - gange des morgenden Tages abhangen.

Laſſen Sie denn, ich bitte Sie, ſo wohl um hundert anderer Perſonen, als um mein ſelbſt willen, laſſen Sie doch dieſen Onkel, und dieſe Mutter, deren Misvergnuͤgen ich Sie ſo oft be -dau -848dauren gehoͤret habe, ſich nicht in ihrer Hoffnung betrogen ſehen.

Sie koͤnnen vielleicht gedenken, daß es fuͤr mich unmoͤglich ſeyn wuͤrde, London zu der Stunde, die nach der Kirchenordnung beſtimmt iſt, zu erreichen. Sollte es ſeyn: ſo kann die Trauung in ihrem eignen Zimmer zu einer oder der andern Zeit an dem Tage, oder des Abends vollzogen werden; daß Capitain Tomlinſon Jh - rem Onkel die Verſicherung geben mag, ſie ſey an ſeinem Geburtstage vollzogen.

Sagen Sie nur dem Capitain, daß Sie mir nicht verbieten, zu Jhnen zu kommen. Das ſoll genug ſeyn, auf den Fluͤgeln der Liebe zu Jhnen zu bringen

Jhren ewig dankbaren und ergebenen Lovelace.

Der ſiebzigſte Brief an Herrn Patrick M c Donald, in ſeiner Wohnung, bey Herrn Brown, Parucken - macher, in der St. Martinsſtraße, in Weſt - minſter.

Lieber Mc Donald.

Ueberbringer dieſes hat einen Brief an die Fraͤulein abzugeben. (*)Naͤmlich den vorhergehenden Brief.Jch habe mirdie849die Muͤhe genommen, eine Abſchrift davon zu machen, welche ich beyſchließe, damit ſie ihre Rolle nicht verfehlen moͤgen.

Sie werden wohl ſchließen koͤnnen, was ich fuͤr Urſachen gehabt, warum ich die Unter - ſchrift von dem verſiegelten Einſchluſſe(*)Siehe den folgenden Brief. der Zeit nach fruͤher eingerichtet habe. Es iſt unter dem Namen Tomlinſons an ſie gerichtet, und ſie ſollen ihn der Fraͤulein, als im Vertrauen zeigen. Sie werden ihn auf die gewoͤhnliche Art oͤffnen.

Jch zweifele nicht an ihrer Geſchicklichkeit und kluger Ausrichtung, lieber Mc Donald: auch nicht an ihrem Eifer; ſonderlich da die Hoff - nung zu einem vertraulichen Leben ohne Ehe nun aufgegeben ſeyn muß. Der Anſchlag iſt unmoͤg - lich auszurichten. Jch koͤnnte ihr wohl das Herz brechen: aber nicht ihren Willen lenken. Daher bin ich im Ernſt geſonnen, mich mit ihr zu vermaͤhlen: wo ſie den Tag nicht vorbeygehen laͤßt.

Machen ſie ſich den Wink von ihrer Mutter zu Nutze. Das muß ſie ruͤhren. Aber erin - nern ſie ſich wohl, daß Johann Harlowe ſich mit der gnaͤdigen Frauen nur in geheim eingelaſſen Jn geheim, ſage ich: ſonſt wiſſen ſie wohl; des Grundes nicht zu gedenken, der fuͤr den vori - gen Vorſchlag ihres Onkels angegeben iſt; daßſieFuͤnfter Theil. H h h850ſie Mittel finden moͤchte, an den einen oder die andere einen Brief wegzuſchaffen, um die Wahr - heit zu erfahren; oder auch an Fraͤulein Howe, damit ſie derſelben auftruͤge, ſich darnach zu er - kundigen. Sollte ſie das thun: ſo wird ſich durch das Wort in geheim erklaͤren laſſen, warum ihr Onkel und ihre Mutter es leugnen.

Bey dem allen unterlaſſen ſie nicht, unſerer Mutter und ihren Nymphen in meinem Namen einzuſchaͤrfen, daß ſie ihre Wachſamkeit ſo wohl in Anſehung der Perſon als der Briefe der Fraͤulein verdoppeln. Jtzo iſt alles ſeinem ent - ſcheidenden Augenblicke nahe gekommen. Aber ihr muß doch auch nicht uͤbel begegnet werden.

Wenn der Donnerſtag vorbey iſt: ſo wer - de ich wiſſen, wozu ich mich entſchließen muͤſſe.

Wo es noͤthig iſt: ſo muͤſſen ſie ſich ein ge - bietendes Anſehen geben. Der Teufel muß dar - inn ſeyn, wenn ein ſolches Maͤgdchen, als ſie iſt, einen Mann von ihren Jahren und ihrer Erfah - rung in Furcht halten ſoll. Fahren ſie auſ: wenn ſie an ihrer Ehre zweifelt. Gemuͤther, die von Natur ſanft und gelinde ſind, koͤnnen durch heftigern Zorn aus ihrer Rolle herausge - bracht und niedergeſchlagen werden, wenn ſie auch noch ſo ſehr aufgebracht ſind. Alle Weibs - leute ſind im Grunde feige: nur alsdenn unge - ſtuͤm und heftig, wenn ſie es frey ſeyn koͤnnen. Jch habe oft ein Maͤgdchen durch Sturm aus ihrem Mistrauen gebracht, und dadurch ausge -richtet,851richtet, daß ſie ſelbſt in Anſehung desjenigen Stuͤ - ckes, weswegen ſie mit großem Unwillen mis - trauiſch geweſen war, nachgegeben hat, ehe ſie noch einmal gewußt, wo ſie waͤre; und das dar - um, damit ſie mich nur wieder gut machte, ob ich gleich der angreifende Theil war.

Wenn dieſe Sache ſo gut von ſtatten gehet, als ich es wuͤnſche; oder wenn ſie auch nicht ge - het, und ſie es nur nicht verſehen: ſo will ich ſie von dem Zwange losſagen, ihren verfluchten ver - ſtohlnen Handel laͤnger zu treiben, der ſonſt ein - mal ungluͤcklich fuͤr ſie auslaufen moͤchte.

Keiner von uns Menſchen iſt vollkommen, Mc Donald. Dieſe liebenswuͤrdige Fraͤulein macht mich bisweilen Trotz meines eignen Her - zens ernſthaft. Aber da beſondere und bloß per - ſoͤnliche Laſter nicht ſo ſtrafbar ſind, als ſolche, die das gemeine Weſen treffen; und ich dafuͤr halte, daß der verſtohlne Handel, wie man es nennet, ein Uebel ſey, welches das ganze Volck angehet: ſo trage ich kein Bedenken, ſie fuͤr ei - nen weit aͤrgern Menſchen, als mich ſelbſt, zu erklaͤren, und werde mir in dieſer Betrachtung ein Vergnuͤgen daraus machen, ſie zu beſſern.

Jch uͤberſende ihnen hiebey zehn Guineas, als ein kleines Handgeld zu fernerer Erkenntlich - keit. Bisher haben ſie ſich als einen recht ge - ſchickten Mann bewieſen.

Was die Kleider zum Donnerſtage betrifft: ſo wird in der Monmouthgaſſe ein hinlaͤnglicher Vorrath bereit ſeyn. Ganz neue KleidungenH h h 2wuͤr -852wuͤrden ſie nur verdaͤchtig machen. Jnzwiſchen koͤnnen ſie ſo lange warten, dafuͤr zu ſorgen, bis ſie ſehen, ob die Fraͤulein zu gewinnen iſt. Jhre Reitkleider werden ſich zu dem erſten Beſuch gut genug ſchicken. Laſſen ſie auch ihre Stiefeln nicht allzu rein ſeyn: ich habe ihnen allemal ge - ſaget, wie viel darauf ankomme, daß man die Kleinigkeiten beobachte, wo man Kunſt; oder Betrug, wie es unhoͤfliche Leute nennen wuͤrden; zu gebrauchen im Sinne hat. Jhre Waͤſche muß zerknittert und ſchmutzig ſeyn, wenn ſie zu ihr gehen. Das laͤßt ſich alles leichtlich thun! Sie kommen eben erſt zur Stadt Vergeſſen ſie nicht, ſich, wie vorher, fein bequem zu lehnen, Haͤnde und Fuͤße von ſich zu ſtrecken, ihre Manſchet - ten niederzuſtreichen, als wenn ſie genug zu be - deuten haͤtten, daß ſie nicht viel auf ſich Acht ge - ben duͤrften. Sind ſie nicht ein Mann von de - nen Jahren, die von dem hoͤflichen Zwange aus - genommen ſind: wenn gleich die Gegenwart ei - ner feinen Fraͤulein eine andere Auffuͤhrung er - fordern wuͤrde? Sie haben keine Abſicht auf die - ſelbe, das wiſſen ſie. Sie ſind ſelbſt ein Vater von eben ſo erwachſenen Toͤchtern, als ſie iſt. Viele Umſtaͤnde und Gefaͤlligkeiten ſind alle - mal verdaͤchtig: ſie muͤſſen entweder einen albernen Kopf oder ein ſchalkhaftes Herz anzeigen. Ge - ben ſie ſich alſo ſelbſt ein vornehmes Anſehen: ſo wird man ihnen als einem Manne von An - ſehen begegnen. Jch habe meine Sache oft ſelbſt mehr als halb durch meine Hoͤflichkeit verderbet,und853und indem ich mich vor Vorwuͤrfen fuͤrchtete, Vorwuͤrfe auf mich geladen.

Jch denke, ich habe ihnen itzo nichts mehr zu ſagen. Jch bin willens zu Slough, oder auf dem Wege hahin, zu ſeyn: weil dieß mein Weg zu der Fraͤulein iſt. Leben ſie wohl, ehrlicher Mc Donald.

R. L.

Der ein und ſiebzigſte Brief an Capitain Anton Tomlinſon. Er war in dem vorhergehenden eingeſchloſ - ſen, daß er der Fraͤulein, als im Ver - trauen, gezeigt werden ſollte.

Lieber Capitain Tomlinſon.

Da ein ungluͤckliches Misverſtaͤndniß zwiſchen der liebenswuͤrdigſten Fraͤulein in der Welt, und mir, entſtanden iſt; wovon ſie ihnen viel - leicht die eigentlichen Umſtaͤnde erzaͤhlen mag, ich aber nicht will, indem ich parteyiſch fuͤr mich ſcheinen moͤchte; und da ſie ſich weigert, meine flehentlichſten und ehrerbietigſten Briefe zu be -H h h 3ant -854antworten: ſo bin ich in einer hoͤchſt verwirren - den Ungewißheit, ob ſie kuͤnftigen Donnerſtag zu uns kommen wird, oder nicht, die Vermaͤhlung zu vollziehen.

Mein Lord befindet ſich ſo ausnehmend ſchlecht, daß, wenn ich glaubte, ſie wuͤrde mich nicht durch ihre Willfahrung verpflichten, ich meine Abreiſe zur Stadt noch zween oder drey Tage aufſchieben wuͤrde. Er will mich nicht gern aus ſeinem Geſichte laſſen: inzwiſchen hat er doch ein ſehnliches Verlangen, meine Geliebte, noch vor ſeinem Ende, als ſeine Baſe zu kuͤſſen. Jch habe ihm verſprochen, die Gelegenheit dazu zu verſchaffen: indem ich geſonnen bin, wo die wertheſte Fraͤulein mich gluͤcklich machen will, mich alſobald von der Kirche aus mit ihr hierher zu begeben.

Jch ſage es ungern von der reizenden Be - herrſcherinn meines Herzens: aber Unverſoͤhn - lichkeit iſt ihr Geſchlechtsfehler; der in Wahr - heit an ihr um ſo viel weniger zu entſchuldigen iſt, da ſie durch denſelben von ihren eignen Ver - wandten ſelbſt ſo viel leidet.

Da ſie nun, mein Herr, willens geweſen ſind, einige Zeit vor dem Donnerſtage in der Stadt zu ſeyn: ſo wuͤrde mir eine Gefaͤlligkeit geſchehen, wo es ihnen nicht eine gar zu große Unbequemlichkeit verurſachet, wenn ſie meinet - wegen, ſo bald als moͤglich hinaufgehen wollten. Jch erſuche darum deſto dreiſter, da ich vermuthe, daß es ihnen, als einem Manne, der ſo viele eigneund855und wichtige Geſchaͤffte unter Haͤnden hat, ſelbſt lieb ſeyn wuͤrde, in Anſehung des Tages Gewiß - heit zu haben.

Sie, mein Herr, koͤnnen ihr die ungluͤckli - chen Folgen, welche ſo wohl in Anſehung der fehlgeſchlagenen Hoffnung ihres Onkels, als in Betrachtung des Antheils, das ihre Frau Mut - ter, wie ſie mich verſichert haben, an der ge - wuͤnſchten Ausſoͤhnung zu nehmen willens iſt, daraus entſtehen werden, wenn der Tag vorbey gelaſſen wird, ſo ruͤhrend und eigentlich vorſtel - len, daß ich mir große Hoffnung mache, ſie wer - de ſich gewinnen laſſen, Es ſoll ein Kerl zu Pferde auf ihre Abfertigung warten und mir Nachricht bringen.

Koͤnnen ſie aber nichts zu meinem Vortheil ausrichten: ſo werden ſie die Guͤte haben, ihren Freund, Herrn Johann Harlowe, zu verſichern, daß die Schuld nicht an mir gelegen, daß ihm nicht gewillfahret iſt. Jch bin, wertheſter Herr,

Jhr hoͤchſtverbundener und getreuer Diener R. Lovelace.

H h h 4Der856

Der zwey und ſiebzigſte Brief an Herrn Robert Lovelace.

Hochgeehrter Herr.

Jch habe ihre Zuſchrift, wie ihr Bedienter zu melden bittet, heute fruͤhe um zehn er - halten. Pferd und Kerl rauchten.

Jch zog mich den Augenblick an, als wenn ich von einer Reiſe kaͤme, und eilte zu der Fraͤu - lein, mit dem Vorſatz, wichtige Geſchaͤffte vorzu - ſchuͤtzen, daß ich auf ihren Brief vom vorigen Tage nicht eher gekommen waͤre, und mich eil - fertig zu bezeigen, damit ich einen Vorwand haben moͤchte, die Fraͤulein zu uͤbereilen, und mir eine vergnuͤgliche Antwort an ihren Bothen nicht abſchlagen zu laſſen: allein, da ich in Frau Sinclairn Haus trat, fand ich alles in der groͤß - ten Beſtuͤrzung.

Sie muͤſſen ſich nicht entſetzen, mein Herr. Es iſt mir nicht angenehm, daß ich die ſchlimme Zeitung vermelden ſoll: aber es iſt an dem, die Fraͤulein iſt fort. Man hatte ſie nur eine halbe Stunde vorher, ehe ich kam, vermiſſet.

Jhr Kammermaͤgdchen iſt weggelaufen; oder man hat ſie wenigſtens bisher nicht gefun -den.857den: ſo daß ſie vermuthen, es ſey durch ihre Nachſicht geſchehen.

Sie hatten ſchon, ehe ich kam, zu meinen ge - ehrteſten Herren, Herrn Belton, Herrn Mow - bray und Herrn Belford geſchicket. Herr Tour - ville iſt nicht in der Stadt.

Zwiſchen Fr. Sinclair, Jungfer Horton, und Jungfer Martin, fallen heftige Reden vor: und eben ſo auch mit Dorcas. Jhr Diener, Wil - helm, drohet, ſich ſelbſt zu erhenken oder zu er - ſaͤufen.

Sie haben ausgeſchickt, um zu erfahren, ob ſie von Mabelle, dem Kammermaͤgdchen, bey ih - rer Mutter etwas hoͤren koͤnnen, welche ſich in dem Huͤnergaͤßgen in Weſt-Smithfield aufhaͤlt. Sie haben auch zu einem Onkel von ihr geſchi - cket, der nahe dabey eine Schenke, zum Cow - croß genannt, haͤlt, und bey dem ſie zuletzt gewe - ſen iſt.

Jhr Bothe hat nur eben das Pferd gewech - ſelt und iſt ſchon wieder zuruͤckgekommen. Da - her will ich ihn nicht laͤnger aufhalten, und nur dieß beyfuͤgen, daß ich, mit vielem Antheil an dieſem Ungluͤck, und ſchuldigſten Dank fuͤr die mir zu gelegner Zeit gekommene Gunſtbezeigung ſo wohl, als fuͤr ihre guͤtige Abſichten gegen mich; ich bin verſichert, daß dieß mein Verſehen nicht ge - weſen iſt; beſtaͤndig verharre,

Hochgeehrter Herr, Jhr verbundenſtgehorſamſter Diener Patrick Mc Donald.

H h h 5Der858

Der drey und ſiebzigſte Brief von Hrn. Mowbray an Hrn. Robert Lovelace.

Lieber Lovelace.

Jch habe dir betruͤbte Nachrichten zu geben. Fraͤulein Harlowe iſt fort! ganz fort, bey meiner Seele! Jch habe nicht Zeit, die eigentlichen Umſtaͤnde zu melden: weil dein Be - dienter im Begriff iſt, abzugehen. Haͤtte ich aber auch Zeit: ſo ſind wir doch noch nicht recht hinter die Sache gekommen. Die Weibsleute allhier heulen, wie Teufel; und klagen einander verwirrt an: da unterdeſſen Belton und ich ſie alle mit einander in deinem Namen verdam - men.

Wenn du hoͤren ſollteſt, daß dein Kerl, Wil - helm, todt aus einem Pferdeteich gezogen, und Dorcas von dem Verdecke uͤber ihr Bette, wie ſie in ihren eignen Strumpfbaͤndern gebammelt, herunter geſchnitten ſey: ſo entſetze dich nicht. Hier iſt der Teufel los. Niemand iſt ruhig, als Bruder Belford, der mit dem nachdruͤcklichen Geſichte eines Richters von Middleſex ein genaues Verzeichniß von den Verhoͤren, Klagen und Be - kenntniſſen macht, und, wie ich vermuthe, willens iſt, dir alle Umſtaͤnde weitlaͤuftig zu ſchreiben.

Jch859

Jch beklage dich von Herzen: das thut auch Belton. Aber es kann noch zum Beſten aus - ſchlagen: denn, wie ich vernehme, iſt ſie mit dei - nem Merkzeichen weggegangen. Ein kleiner al - berner Teufel! Wo will ſie ſich verbeſſern? Niemand wird ſie einmal anſehen. Und man ſagt mir, du wuͤrdeſt ſie gewiß geheirathet haben, wenn ſie geblieben waͤre. Allein ich kenne dich beſſer.

Lebe wohl, liebes Bruͤderchen. Wenn dein Onkel nun ſterben wollte, dich fuͤr dieſen Verluſt zu troͤſten: wie recht zu gelegner Zeit wuͤrde er ſich abfuͤhren! Laß uns einen Brief von dir haben: ich bitte dich, thue es. Du kannſt teu - felmaͤßig an Belforden ſchreiben, der uns gar nichts zeiget.

Dein herzlichergebener Richard Mowbray.

Der vier und ſiebzigſte Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace.

Du haſt deine Zeitung ſchon von Mc Donald und Mowbray gehoͤret. Jch weiß nicht, ob du ſie gut oder boͤſe nennen wirſt. Nur wuͤnſchte ich, daß ich dir eben dieſe Freude zu ma -chen860chen vermoͤgend geweſen waͤre, ehe die ungluͤckli - che Fraͤulein betruͤgeriſcherweiſe von Hampſtead zuruͤckgebracht worden: denn von was fuͤr einer undankbaren Schandthat wuͤrdeſt du alsdenn frey geblieben ſeyn, die du nun zu verantworten haſt.

Jch bin bloß in der Abſicht zur Stadt ge - kommen, daß ich dir bey der Fraͤulein dienen woll - te: indem ich vermuthete, dein naͤchſt folgendes Schreiben wuͤrde mir ſo weit Genuͤge thun, daß ich dieſe Bemuͤhung mit Ehren uͤbernehmen koͤnn - te. Anfangs, da ich befand, daß ſie fortgegan - gen war, hatte ich halb Mitleiden mit dir: denn nunmehr wirſt du unvermeidlich verrathen ſeyn. Und in was fuͤr einer verfluchten Geſtalt wirſt du vor aller Welt erſcheinen! Armer Lovelace! Du biſt in deinen eignen Fallſtricken gefangen! Deine Strafe hebt ſich erſt an!

Allein ich will mich zu meiner Erzaͤhlung wenden. Jch vermuthe, du wirſt alle Umſtaͤn - de von mir erwarten: da Mowbray dir Nach - richt gegeben hat, daß ich ſie geſammlet habe.

Die edelmuͤthige Herzhaftigkeit, welche ſie am Freytage, Abends, gezeiget, hatte ſie, wie es ſcheint, ſehr angegriffen: dergeſtalt daß ſie ſich bis den Sonnabend, Abends, nicht ſehen ließ; zu welcher Zeit Mabelle ſie zu Geſichte bekam, und ſie ſich ſehr uͤbel zu befinden ſchien. Nach - dem ſie ſich aber am Sonntage fruͤhe angeklei - det, als wenn ſie in die Kirche gehen wollte: befahl861 befahl ſie Mabellen, ihr eine Kutſche vor die Thuͤr kommen zu laſſen.

Das Menſch ſagte, ſie ſollte ihr in allen Stuͤcken gehorchen, aber nur keine Kutſche oder Saͤnfte holen.

Sie ſchickte nach Wilhelmen, und gab ihm eben den Befehl.

Dieſer ſtellte vor, daß ihm ſein Herr das Gegentheil befohlen haͤtte, und bat deswegen um Entſchuldigung.

Hierauf ging ſie ſelbſt hinunter, und wuͤrde unvermerkt fortgegangen ſeyn. Weil ſie aber die Thuͤre nach der Gaſſen gedoppelt zugeſchloſ - ſen, und den Schluͤſſel nicht in dem Schloſſe fand: ſo ging ſie in den Voͤrderſaal, und wuͤr - de, wie man nicht zweifelt, die Vorſetzer in die Hoͤhe geſchoben haben, um die Vorbeygehenden anzurufen: aber ſeit ihrem letzten Verſuch von der Art waren dieſelben feſtgemachet.

Hiernaͤchſt ging ſie dreiſt in der Fr. Sin - clairn Saal in dem Hinterhauſe, wo der alte Teufel, und ihre beyden Mitgenoſſen waren, und forderte den Schluͤſſel zu der Gaſſenthuͤr oder daß man ihr dieſelbe oͤffnen ſollte.

Sie entſetzten ſich alle: baten aber um Ent - ſchuldigung, und beriefen ſich auf euren Be - fehl.

Sie behauptete hingegen, daß ihr keine Macht uͤber ſie haͤttet, und niemals Macht uͤber ſie haben ſolltet. Die gegenwaͤrtige Weige - rung waͤre derſelben eignes Werk. Sie ſaͤhe wohl,862 wohl, was es mit ihrem Hinterhauſe zu bedeu - ten haͤtte, und warum ſie in daſſelbe geſteckt waͤre. Sie berief ſich auf ihren Stand und Vermoͤgen, und ſagte, die Weibsleute haͤtten kein Mittel ihr aͤußerſtes Ungluͤck zu vermeiden, als daß ſie ihr die Thuͤren oͤffneten, oder ſie er - mordeten, und in ihrem Garten oder Keller, der allzu tief zur Entdeckung waͤre, begruͤben. Schon dasjenige, was ihr widerfahren waͤre, verdiente Todesſtrafe. Sie moͤchten ſie auf ih - re eigne Gefahr feſthalten.

Was fuͤr einen edlen, was fuͤr einen recht - ſchaffenen Eifer hat dieſe reizende Fraͤulein, bey ſolchen Vorfaͤllen, die einen Gebrauch des Ei - fers rechtfertigen werden!

Jene antworteten, Herr Lovelace koͤnnte ſei - ne Vermaͤhlung mit ihr beweiſen, und wuͤrde ſie ſchadlos halten. Sie wuͤrden auch alle ihre Auffuͤhrung am Freytage, Abends, und die Eh - re ihres Hauſes gerechtfertiget haben: allein die Fraͤulein wollte ſie davon nicht hoͤren, und eilte mit Drohen von ihnen.

Sie ging darauf ein halb Dutzent Stuffen zu ihrem Zimmer hinan: aber ſtieg alſobald wieder herunter, als wenn ſie ſich beſonnen haͤt - te, und ging nach dem Voͤrderſaal zu. Da ſie bey der ſchaͤndlichen Dorcas vorbey kam: ſprach ſie, ich will mir ſelbſt Schutz verſchaffen; wenn auch die Fenſter leiden ſollten. Aber das Maͤgdchen hatte nach ihrem eignen Einfall, als die Fraͤulein aus dieſem Saal zu der Fr. Sin - clairn863 clairn gegangen war, die Thuͤre verſchloſſen, und den Schluͤſſel ausgezogen. Alſo fand ſie ſich in ihrer Hoffnung betrogen, fing an zu wei - nen und ging mit Drohen und Gluchſen die Treppen wieder hinauf.

Nach dieſem that ſie keinen Verſuch mehr, bis auf denjenigen, der wirklich ſeinen Erfolg gehabt hat. Eure Briefe und Bothen, die ſo geſchwinde auf einander kamen, ob ſie gleich kei - nen davon beantworten wollte, machten ihr, wie man vermuthete, einigen Zeitvertreib, und be - ſtaͤrkte die Leute in den Gedanken, daß ſie euch doch zuletzt vergeben, und ſich alsdenn alles, wie ihr es wuͤnſchetet, endigen wuͤrde.

Die Weibsleute unterſtanden ſich, nach eu - rem Befehl, nicht, ſich ihr aufzudringen, und Dorcas kam ihr auch alle uͤbrige Zeit am Sonn - tage nicht vors Geſicht; am Montage und Dienſtage eben ſo wenig. Weil ſich die Fraͤu - lein aber ſehr zu Mabelle herabgelaſſen hatte; ſo gar bis zur Vertraulichkeit: ſo bildeten ſie ſich ein, daß ſie es alle die Zeit uͤber im Sinne haben muͤßte, wegzukommen. Sie verdoppel - ten daher ihre Warnungen bey dem Maͤgdchen, daß es vorſichtig ſeyn ſollte: und da daſſelbe ih - nen ſo getreu alles erzaͤhlte, was zwiſchen ihr und der Fraͤulein vorfiel; ſo zweifelten ſie nicht an ihrer Treue in ihrem gottloſen Amte.

Es iſt wahrſcheinlich, daß ſie alle dieſe Zeit uͤber etwas im Kopfe gehabt, aber keine Gele - genheit gefunden habe, irgend einen Anſchlag ins864 ins Werk zu richten. Der Einfall, wodurch ſie ihre Flucht ausgefuͤhret hat, ſcheint ihr nicht eher, als eben an dem Tage, eingekommen zu ſeyn: weil er zum Theil von dem Wetter ab - hing, wie ſich gezeiget hat. Allein es iſt au - genſcheinlich, daß ſie von Mabellens Einfalt, oder Dankbarkeit, oder Mitleiden etwas gehof - fet, weswegen ſie alle dieſe Zeit uͤber ihre Hoͤf - lichkeit gegen dieſelbe unterhalten hat.

Marichen machte ihr am Mittwochen, fruͤ - he Morgens, ihre Aufwartung, und ward beſſer aufgenommen, als ſie zu vermuthen Urſache hatte. Jedoch beklagte ſie ſich mit vieler Hitze uͤber ihre Einſperrung. Marichen verſetzte, es wuͤrde naͤchſtfolgenden Tages, wie ſie vermuthe - te, ein gluͤckliches Ende damit gewinnen, wo es eine Einſperrung waͤre. Die Fraͤulein behau - ptete aber ſchlechterdings das Gegentheil auf die Art, wie es Marichen meynte, und ſagte, Herr Lovelace ſollte bey ſeiner Ruͤckkunft, welches der Sache ein ſolches Anſehen gab, als wenn ſie darauf zu warten geſonnen waͤ - re, Urſache haben, die Befehle, die er ausge - ſtellet haͤtte, zu bereuen, wie ſie alle die Be - obachtung derſelben. Er moͤchte noch zwanzig Briefe ſchicken: ſo wollte ſie doch nicht einen beantworten, was auch daraus entſtehen moͤch - te, noch ihm zu der geringſten Gewogenheit Hoff - nung machen, ſo lange ſie in dem Hauſe waͤre. Sie haͤtte die Fr. Sinclairn und ſie alle aufrich - tig gewarnet. Keine Befehle von einem an -dern865 dern muͤßten ſie bewegen, eine freye Perſon ge - fangen zu halten. Da ſie aber oͤffentlich ver - ſucht haͤtte, davon zu gehen, und von ihnen auf - gehalten waͤre: ſo waͤre ſie deſto geruhiger; ſie moͤchten zuſehen, was erfolgen wuͤrde.

Dieß redete ſie inzwiſchen doch mit vielem Unwillen. Daher Marichen, als ihre eigne Meynung, nicht ohne Furcht wegen ihrer aller Sicherheit, zu verſtehen gab, daß ſie nicht ein - mal weggehen wuͤrde, wenn ſie auch koͤnnte, da ſie eine ſo gute Urſache haͤtte, ſie alle zu ſtrafen. Und was, ſchloß Marichen, was heißt die Schad - loshaltung von einem Menſchen, der auf die ſchaͤndlichſte Art eine Perſon von Stande mit Gewalt entehret hat, und ſelbſt, wenn er deswe - gen verfolgt wird, entweder die Flucht ergreifen oder ſich aufhaͤngen laſſen muß?

Sinclair, ſo will ich ſie noch nennen, ver - ſetzte auf dieſe Vorſtellung von Marichen, ſie ſaͤhe voraus, daß dieſer wunderliche Handel, wie ſie es nannte, ſich zum Ungluͤck ihres ar - men Hauſes endigen wuͤrde. Sarah und Dorcas nahmen auch Theil an der Furcht. Dieß brachte ſie auf die Gedanken, es wuͤrde in Zukunft rathſam ſeyn, daß die Thuͤre nach der Gaſſe bey Tage allemal nur mit einem Riegel verwahret waͤre, den ein jeder von innen auf - ſchieben koͤnnte, und der Schluͤſſel in der Thuͤre ſtecken bliebe: damit die in großer Anzahl bey ihnenEin - und Aus-gehenden, wie ſie ihre Gaͤſte nannten, im Stande waͤren, zu bezeugen, daßFuͤnfter Theil. J i i ſie866 ſie haͤtte ausgehen moͤgen, wenn ſie wollte. Je - doch vergaſſen ſie nicht, ihre Befehle bey Wil - helmen, bey Dorcas, bey Mabellen und den uͤbrigen zu erneuren, daß ſie ihre Wachſamkeit bey dieſer Gelegenheit verdoppelten, der Flucht der Fraͤulein vorzubeugen Dabey zweifelte keine von ihnen, daß die Liebe derſelben gegen einen Mann, der in dieſer Leute Augen ſo an - ſehnlich war, und die Hoffnung zu dem, was am Donnerſtage, an ihres Onkels Geburtsta - ge, wie ſie Urſache zu glauben hatte, vorgehen ſollte, ſie bewegen wuͤrde, ihren Sinn zu aͤndern, ob gleich, um ihres Stolzes willen; das Wort brauchten ſie; nicht eher, als bis auf die letzte Stunde.

Man glaubt, daß ſie den Schluͤſſel in der Thuͤre bemerkt habe. Denn ſie iſt mehr als einmal heruntergekommen, in dem kleinen Gar - ten zu ſpatzieren, und hat allemal, wie es ge - ſchienen, ein Auge auf die Thuͤre nach der Gaſ - ſe geworfen.

Geſtern fruͤhe um achte, eine Stunde her - nach, da Marichen von ihr gegangen war, ſagte ſie zu Mabellen, ſie waͤre verſichert, daß ſie nicht lange leben wuͤrde; und da ſie viele Anzuͤge haͤtte, die nach ihrem Tode keinem Menſchen, den ſie achtete, nuͤtzen wuͤrde: ſo wollte ſie ihr einen braunen langen Rock von glaͤnzender Sei - de geben, der nach einiger Aenderung, damit er ihrem Stande gemaͤß eingerichtet wuͤrde, ihr lange Zeit zu einem Sonntagskleide dienenkoͤnnte;867 koͤnnte; weil ſie, Mabelle, die einzige Perſon in dem Hauſe waͤre, an welche ſie ohne Schrecken oder Widerwillen gedenken moͤchte.

Als Mabelle bey der Gelegenheit ihre Dank - barkeit zu bezeugen ſuchte: ſo ſprach die Fraͤu - lein, ſie haͤtte eben nichts, womit ſie ſich beſchaͤff - tigen moͤchte, und wenn jene alſobald eine Schnei - derinn bekommen koͤnnte, wollte ſie ihre Sachen uͤberſehen, und ihr geben, was ſie ihr zugedacht haͤtte.

Die Schneiderinn ihrer Frauen, welche bloß Weibskleider machte, wohnte nicht weit von hier, antwortete das Maͤgdchen: und ſie zweifelte nicht, daß ſie dieſelbe, oder eine von ihren taͤglichen Arbeitsfrauen bekommen koͤnn - te, das Kleid alſobald zu aͤndern.

Jch will euch auch einen ausgenaͤheten Rock geben, ſagte die Fraͤulein, woran wenig zu aͤn - dern ſeyn wird, wo es gar einmal noͤthig iſt: denn ihr ſeyd beynahe von meiner Perſon. Aber wegen des langen Rocks will ich gehoͤrige Ver - fuͤgung machen: weil die Ermel, das Baͤnder - werk, und die Verbraͤmungen an demſelben ge - aͤndert werden muͤſſen, daß ihr ihn tragen koͤnnet, da er ſonſt, meiner Meynung nach, uͤber euren Stand iſt. Sehet zu, ob ihr die Schneiderinn bekommen koͤnnet: ſo wollen wir uns daruͤber beſprechen. Wo ſie itzo nicht kommen kann: ſo laßt ſie nur heute Nachmittage kommen. Jch haͤtte es aber lieber itzo: weil es mir ein Zeitvertreib ſeyn wird, euch dabey zu helfen.

J i i 2 Darauf868

Darauf ging ſie ans Fenſter. Es regnet, ſprach ſie: und das hatte es den ganzen Morgen gethan. Setzt die Kappe auf und haͤngt das Maͤntelchen uͤber, das ich euch tragen geſehen habe, und kommt alsdenn zu mir, wenn ihr fertig ſeyd, auszugehen, weil ihr mir etwas mitbringen ſollet, das ich gebrauche.

Mabelle kleidete ſich dieſer Verordnung ge - maͤß an, und bekam Befehl, ihr einige Kleinig - keiten zu kaufen. Dann ging ſie von ihr, lief aber im Vorbeygehen in den Hinterſaal, wo Dorcas bey der Fr. Sinclairn war, und erzaͤhl - te, wo ſie hinginge und zu welchem Ende. Sie bat zugleich Dorcas, ſo lange auszuſehen, bis ſie wieder zuruͤckkaͤme. So getreu war das elende Menſch in dem, was ihr anvertrauet war: und ſo wenig hatte die Freygebigkeit der Fraͤu - lein bey ihr gewirket.

Fr. Sinclair lobte ſie: Dorcas hingegen beneidete ſie, und vertrat ihre Stelle. Mabelle kam bald mit der Arbeitsſrau der Weibsſchnei - derinn zuruͤck; ſie haͤtte ſich feſt vorgenommen, ſagte ſie, nicht ohne dieſelbe zu kommen: und Dorcas ging von der Wache ab.

Die Fraͤulein ſuchte den langen Rock und den Unterrock aus, und beredete Mabelle, ihn vor der Schneiderinn anzuprobiren. Damit er deſto beſſer ſitzen moͤchte, uͤberredete ſie das willige Menſch, ihren Oberrock abzuziehen, und den, welchen ſie ihr gab, anzulegen. Hiernaͤchſt befahl ſie ihnen, in Herrn Lovelacens Zimmerzu869 zu gehen, und vor dem Spiegel daſelbſt alles recht abzupaſſen, auch ſo lange da zu bleiben, bis ſie zu ihnen kaͤme, ihre Meynung davon zu ſagen.

Mabelle wollte ihre eigne Kleider, und die Kappe und das Maͤntelchen mit ſich nehmen: aber die Fraͤulein ſagte: Es kommt nicht dar - auf an; ihr koͤnnt ſie hier wieder anziehen, wenn wir geſehen haben, was zu aͤndern ſeyn wird; es iſt nicht noͤthig, das andere Zimmer deswegen in Unordnung zu bringen.

Sie gingen alſo hinein: und den Augen - blick, wie man vermuthet, zog die Fraͤulein Mabellens Roͤcke uͤber ihren eignen, der von weiſſem Damaſt war, ſetzte des Maͤgdchens Kappe auf, haͤngte das Maͤntelchen uͤber, band derſelben ſchlechte Schuͤrze vor, und ging hin - unter.

Da man jemand in dem Gange nach der Thuͤre zu treten hoͤrte: liefen Wilhelm und Dor - cas beyde an die Saalthuͤre und ſahen ſie. Weil man ſie aber fuͤr Mabelle hielte: ſo ſchriee Wilhelm nur: Geht ihr weit, Mabelle?

Sie reckte bloß ihre Hand aus, und wies auf die Treppe, ohne das Geſicht umzuwenden oder zu antworten. Das nahmen beyde als eine Erinnerung an, in ihrer Abweſenheit Ach - tung zu geben; und indem ſie vermutheten, daß ſie nicht lange bleiben wuͤrde, da ſie ihnen nicht wieder umſtaͤndlich und eigentlich die Wa - che aufgetragen hatte: ſo ging Wilhelm hinaufJ i i 3 und870 und laurete oben an der Treppe, bis die vermeyn - te Mabelle zuruͤckkommen moͤchte.

Mabelle und die Arbeitsfrau der Schnei - derinn warteten eine gute Weile, und vertrieben ſich die Zeit nicht misvergnuͤgt: die eine, weil ſie mit ihrer Handthierung zu thun hatte; die andere, weil ſie ſich uͤber ihren feinen langen Rock und Unterrock freuete. Aber endlich wunderten ſie ſich doch, daß die Fraͤulein nicht zu ihnen kaͤme. Mabelle ging deswegen leiſe zu ihrer Thuͤre, und klopfte an. Wie ſie keine Antwort bekam: ſo ging ſie ſelbſt in die Kammer hinein.

Wilhelm ward den Augenblick ſehr beſtuͤrzt, als er, von ſeinem Poſten oben an der Treppe, Mabelle in den Kleidern der Fraͤulein ſahe; denn er hatte von dem Geſchenke gehoͤret, wie gemeiniglich Geſchenke fuͤr Bediente, ehe man es ſich verſieht, von einem Dienſtboten zum an - dern ausgetragen werden. Er ward beſtuͤrzt: weil er ſie eben in ihren eignen Kleidern, nach ſeinen Gedanken, hatte ausgehen ſehen. Daher ging er hinauf, und begegnete ihr an der Thuͤr. Wie, Teufel, geht das zu? ſprach er. Eben itzo ginget ihr ja in euren eignen Kleidern aus! Wie ſeyd ihr denn in dieſen hierher gekommen? Wie habt ihr, ohne daß ich euch geſehen, bey mir vorbeykommen koͤnnen? Jndeſſen kuͤſſete er ſie doch, und ſagte: Nun wollte er ſich ruͤh - men, daß er die Fraͤulein gekuͤſſet haͤtte, oder ei - ne in ihren Kleidern.

Es871

Es iſt mir lieb, Wilhelm, ſchriee Mabelle, daß ich euch hier ſo ſorgfaͤltig ſehe. Aber wiſ - ſet ihr, wo meine Fraͤulein iſt?

Jſt ſie nicht in meines Herrn Zimmer? fragte Wilhelm. Redete ſie nicht dieſen Augen - blick mit euch?

Nein, das iſt eine Schneiderinn von Fr. Dolins.

Daruͤber wurden ſie beyde aͤußerſt beſtuͤrzt, wie ſie ſagten: indem ſich Wilhelm wieder be - ſonn, daß er Mabelle in ihren eigenen Kleidern, ſeiner Meynung nach, hatte ausgehen ſehen. Jn - dem ſie daruͤber ſtritten und ſich wunderten: kam Dorcas mit deinem vierten Briefe herauf, der eben damals fuͤr die Fraͤulein gebracht war. Da dieſe Mabelle ausgeputzt ſahe, welche ſie gleichfalls kurz vorher, wie ſie vermuthete, in ihren gewoͤhnlichen Kleidern hatte ausgehen ſe - hen: ſo verwunderte ſie ſich nicht weniger; bis Mabelle wieder in das Zimmer der Fraͤulein ging und ihre eigne Kleider vermiſſete. Wie ſie nun hieraus muthmaßete, was geſchehen waͤre, und die andern auf den Grund ihres Arg - wohns fuͤhrte: ſo ſtimmten ſie alle uͤberein, daß ſie gewiß davon gegangen waͤre. Hierauf folg - te nun ein ſolcher Aufruhr von gegenſeitiger An - klage aller unter einander, Jhr haͤttet das thun ſollen, und Jhr haͤttet das thun ſollen, daß das ganze Haus in Bewegung gebracht wurde, und ein jedes Zimmer in beyden Haͤu - ſern ſeinen Teufel, bis auf vierzehn oder funf -J i i 4 zehn872 zehn Perſonen, die Mutter und ihre Mitgenoſ - ſen eingeſchloſſen, vorzeigte.

Wilhelm erzaͤhlte ihnen ſeine Geſchichte: und darauf lief er aus, wie vormals bey eben der Gelegenheit, Erkundigung einzuziehen, ob jemand von den Kutſchern, Saͤnftentraͤgern oder andern Traͤgern, die ſich in der Nachbarſchaft gemeiniglich aufhielten, die Fraͤulein geſehen haͤtte. Dorcas rechtfertigte ſich unterdeſſen al - ſobald, und zwar auf Koſten der armen Ma - belle, die eben ſo ſchuldig und ſtrafwuͤrdig, als ſeltſam ausſahe, indem ſie noch den verdaͤchti - gen Lohn ihrer Verraͤtherey anhatte, welchen ihr Dorcas aus Neid gern vom Leibe geriſſen haͤtte.

Hierauf bellete die ganze Kuppel das arme Menſch an, und die Mutter bloͤckete, mit rau - chendem Maule, ihren Befehl aus, die verdaͤch - tige Miſſethaͤterinn zu ergreifen: welche dage - gen bey ihrer eignen Vertheidigung weder ge - hoͤrt werden konnte, noch, wenn ſie auch gehoͤret waͤre, Glauben gefunden haͤtte.

Sollte ſolch eine treuloſe Katze ihr Haus ſchaͤnden! rief die Mutter Fromme und rechtſchaffene Leute moͤchten wohl verfuͤhret werden: aber das waͤr eine feine Sache, wenn ſolch ein Haus, als das ihrige, von verfluchten Creaturen, die ſich ſelbſt nach ihrer Gemuͤths - art vermietheten und keinen Anſpruch auf gu - te Grundſaͤtze machen durften, nicht getreue Dienſte haben koͤnnte! Jch wollte, daß ſie ver -873 verdammt waͤre, fuhr das elende Weib fort Sie haͤtte keine Geduld mit ihr! Ruft den Koch herbey und den Kuͤchenjungen.

Dieſe waren bey der Hand.

Siehe den ſcheckichten Teufel! Das war ihr Wort, weil ſie den langen Rock der Fraͤulein auf dem Leibe hatte Aber ich will ſie zur Warnung aller Treuloſen, die ihre Pflicht ver - geſſen, ſchon ſtrafen. Setzt den Augenblick die große Roͤſte uͤber! Ein Schwur oder ein Fluch fuhr bey jedem Worte mit herans Macht ein gewaltiges Feuer an! Bringt mir den Augenblick die Axt!

Jch will ſie mit eigner Hand in Stuͤcken zer - hauen, und die Verraͤtherinn, zu einem Feſte fuͤr alle Hunde und Katzen in der Nachbarſchaft, zu einer Carbonade machen und roͤſten, und ſelbſt das erſte Stuͤck von der Kroͤte ohne Salz und Pfeffer eſſen.

Die arme Mabelle verlohr aus Schrecken alle ihre Sinne; und erwartete jeden Augen - blick, daß man ſie in Stuͤcken zerreißen wuͤrde: da ein halbes Schock Pfoten mit offenen Klau - en auf einmal wider ſie gerichtet war. Sie verſprach alles zu bekennen: aber das alles war nichts, als ſie Gehoͤr erlanget hatte; denn ſie hatte nichts zu bekennen.

Hierauf befahl ihr Sarah, mit einem barm - herzigen Fluch, auf die Seite zu gehen: undJ i i 5 nahm874 nahm uͤber ſich, daß ſie und Marichen ſelbſt Verhoͤr und Unterſuchung uͤber ſie anſtellen wollten, damit ſie im Stande ſeyn moͤchten, dem gnaͤdigen Herrn alle Umſtaͤnde zu ſchreiben. Hernach, wenn ſie ſich nicht vollkommen recht - fertigen, oder, wo ſie ſchuldig ſeyn ſollte, von der Fraͤulein, die ſo gottlos geweſen waͤre, ihnen alle dieſe Unruhe zu machen, einige Nachricht geben koͤnnte, daß ſie dieſelbe wieder bekommen moͤchten: ſo wollten ſie von Herzen gern die Axt und Roͤ - ſte gebrauchen laſſen.

Das Maͤgdchen freuete ſich uͤber die gege - bene Friſt, und ging die Treppen hinauf. Un - terdeſſen aber, da Sarah das Geſetz predigte, und nach ihrer gewoͤhnlichen und richteriſchen Art fortſchwatzte: zog ſie einen andern Rock an, ſchlich die Treppen hinunter und flohe zu ihren Verwandten. Und dieſe Flucht, die doch gewiß mehr vom Schrecken als von einem Bewußtſeyn der Schuld herruͤhrte, ward, nach der aͤchten Auslegung ungerechter Richter, zu einer Beſtaͤtigung des letztern gemacht.

Dieß ſind die Umſtaͤnde von der Flucht der Fraͤulein Harlowe. Du wirſt ſchwerlich denken, daß ich allzu genau in meiner Beſchreibung ge - weſen. Wie verlangt mich, uͤber deine Unge - duld und Wuth bey dieſer Gelegenheit zu froh - locken!

Jch bitte dich, lieber Lovelace, tobe recht ruͤhm - lich in deinem naͤchſten Briefe. Jch werdemich875mich zu meinem groͤßten Verdruſſe in meiner Hoffnung betrogen ſehen: wo du es nicht thuſt.

Aber, Lovelace, wohin kann die arme Fraͤu - lein wohl gegangen ſeyn? Und wer kann das Un - gluͤck beſchreiben, worinn ſie ſtecken muß?

Nach euren vorigen Briefen iſt zu vermu - then, daß ſie ſehr wenig Geld uͤbrig haben kann: und bey der uͤbereilten Flucht kann ſie auch nicht mehrere Kleider haben, als die ſie an hat. Du weißt wohl, wer einmal ſagte(*)Siehe den IV. Theil S. 24.: Jhre El - tern, ihre Onkels wollen ſie nicht aufnehmen; ihre Frau Norton muß ſich nach jenen richten, und darf ihr keine Zuflucht in ihrem Hauſe verſtatten; die Fraͤulein Howe wird es ſich auch nicht unterſtehen; in London hat ſie keinen Freund oder Vertrauten und iſt ganz unbekannt in der Stadt. Nun erlaube mir hinzuzuſetzen: Jhrer Ehre iſt ſie durch denjenigen beraubt, dem ſie alles aufgeopfert hat, und der ihr durch tau - ſend Eidſchwuͤre und Geluͤbde verbunden war, ihr Mann, ihr Beſchuͤtzer, und Freund zu ſeyn.

Wie heftig muß ſie die unmenſchliche Be - gegnung, die ihr wiederfahren iſt, empfinden! Wie anſtaͤndig iſt es fuͤr ſie, wie wuͤrdig ihrer erhabe - nen Gemuͤthsart, daß dadurch die Liebe, die ſie niemals geheget hat, gegen eben denſelben Men - ſchen in Haß verkehret iſt! Daß ſie lieber ihre Entehrung der ganzen Welt kund werden laſſen,als876als ihn heyrathen will! Daß ſie die Ausſoͤhnung mit ihren Freunden, die ihr ſo nahe am Herzen lag, aufgiebet, und ſich in tauſend Ungluͤck waget, dem ihre Jugend und ihr Geſchlecht eine duͤrftige und von allen Freunden verlaſſene Schoͤnheit nur nach allzu vieler Wahrſcheinlichkeit bloß ſtellen kann!

Beſinneſt du dich nicht, wie ſie dich in einem von denen Blaͤttern eintreibet, die ſie in ihrer Verruͤckung geſchrieben hat: wiewohl man die Spuren einer Verruͤckung nicht darinn findet?

Jch verſichere dich, daß ich nach der Zeit ſehr oft ernſtliche Betrachtungen daruͤber ange - ſtellet habe. Da mich aber die zwote gewaltſa - me Beſchimpfung, welche du gegen ſie im Sin - ne gehabt, uͤberzeuget, daß es damals keinen Eindruck bey dir gemachet und du vielleicht nach - her niemals daran gedacht haſt: ſo will ich dieſe gute Lehre hier wiederum niederſchreiben.

Wo uns Gott, wie die Religion lehret, großentheils nach unſern guten oder boͤſen Handlungen gegen einander richten wird: O Boͤſewicht, ſo bedenke, bedenke beyzeiten, wie groß deine Verdammniß ſeyn muͤſſe(*)Siehe den gegenwaͤrtigen Th. S. 623. !

Und iſt denn dieſe holdſelige Lehre der Jnbe - griff der Religion? Bey meiner Treue, ich glau -be877be es. Denn; daß wir uns auch einmal einen ernſthaften Gedanken geſtatten, da wir doch nicht Gottesverleugner ſind, ausgenommen in der Le - bensart; braucht Gott, das hoͤchſte Weſen unter allen, irgend etwas von uns fuͤr Sich ſelbſt? Und befiehlet er uns nicht Werke der Barmherzigkeit gegen einander, als die Mittel, Seine Barmherzigkeit zu erlangen? Eine er - habene Vorſchrift, und die dem hoͤchſten Ober - aufſeher und Vater aller Dinge vollkommen anſtaͤndig iſt! Aber wenn wir nach dieſer edlen Vorſchrift gerichtet werden ſollen: wie groß muß, in Wahrheit, deine Verdammniß, nur allein in Abſicht auf dieſe Fraͤulein, ſeyn! Wie groß die Meinige, und wie groß die Verdamm - niß unſerer ganzen Bruͤderſchaft in Abſicht auf andere Weibsperſonen: ob gleich keiner von uns halb ſo arg iſt, als du biſt; ſo wohl weil es uns an Neigung dazu, wie ich hoffe, als weil es uns an Gelegenheit fehlet!

Jch muß noch dieſes beyfuͤgen, daß ich, nicht nur um der Fraͤulein, ſondern auch um dein ſelbſt willen, wuͤnſche, ihr moͤchtet noch mit ein - ander verheyrathet werden. Dieß iſt das einzi - ge Mittel, welches man finden kann, euer beyder Ehre zu retten. Alles, was vorgegangen iſt, kann noch vor der Welt und ihren Anverwandten ver - borgen bleiben: und du kannſt ihr alles Leiden erſetzen, wenn du dich entſchließeſt, ein zaͤrtlicher und guͤtiger Mann gegen ſie zu ſeyn.

Wo878

Wo dieß in der That deine Abſicht iſt: ſo will ich mit Vergnuͤgen einen Auftrag von dir annehmen, der zur Befoͤrderung eines ſo guten Zwecks dienen ſoll; wenn ſie jemals wieder zu finden iſt; das heißt, wo ſie einen Menſchen, der ſich fuͤr einen Freund von dir bekennet, vor ſich laſſen will. Jch kann dir keinen groͤßern Beweis geben, daß ich ſey

Dein aufrichtiger Freund J. Belford.

P. S. Mabellens Kleider waren heute fruͤ - he in den Gang geworfen: niemand weiß, von wem.

Ende des fuͤnften Theils.

About this transcription

TextClarissa
Author Samuel Richardson
Extent891 images; 182097 tokens; 13965 types; 1242654 characters
Responsibility Alexander Geyken, ed.; Susanne Haaf, ed.; Bryan Jurish, ed.; Matthias Boenig, ed.; Christian Thomas, ed.; Frank Wiegand, ed.

CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe

EditionVollständige digitalisierte Ausgabe.

About the source text

Bibliographic informationClarissa die Geschichte eines vornehmen Frauenzimmers von demjenigen herausgegeben, welcher die Geschichte der Pamela geliefert hat: und nunmehr aus dem Englischen in das Deutsche übersetzt Fünfter Theil Samuel Richardson. . 878 S. VandenhoeckGöttingen1750.

Identification

SUB Göttingen SUB Göttingen, 8 FAB IX, 1185:5 RARA

Physical description

Fraktur

LanguageGerman
ClassificationBelletristik; Roman; Belletristik; Roman; core; ready; china

Editorial statement

Editorial principles

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.

Publication information

Publisher
  • dta@bbaw.de
  • Deutsches Textarchiv
  • Berlin-Brandenburg Academy of Sciences and Humanities (BBAW)
  • Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW)
  • Jägerstr. 22/23, 10117 BerlinGermany
ImprintBerlin 2019-12-09T17:34:07Z
Identifiers
Availability

Distributed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial 3.0 Unported License.

Holding LibrarySUB Göttingen
ShelfmarkSUB Göttingen, 8 FAB IX, 1185:5 RARA
Bibliographic Record Catalogue link
Terms of use Images served by Deutsches Textarchiv. Access to digitized documents is granted strictly for non-commercial, educational, research, and private purposes only. Please contact the holding library for reproduction requests and other copy-specific information.