Ob ich gleich einige Tage her auf ein fei - nes und hoͤfliches Bezeigen geſonnen habe, und auch nicht dreiſt genug ge - weſen bin, die Masque voͤllig abzu - ziehen: ſo habe ich doch ſchon das ſchoͤne Kind durch die feurigen und dabey anſtaͤndigen Vor - ſtellungen von meiner Liebe ſo weit gebracht, daß ſie mehr als einmal in ſich gegangen iſt. Jch habe ſie ſo weit gebracht, daß ſie geſtanden hat, ich ſey ihr mehr, als gleichguͤltig. Da ich ihr aber weiter zuſetzte, ein Liebesbekenntniß heraus - zulocken: ſo war die Antwort: was braucht es dergleichen Geſtaͤndniß, wenn ein Frau - enzimmer ſchon in die Ehe williget? Ein - mal ſtieß ſie mich gar voll Misveranuͤgen zuruͤck, und ich mußte zugleich hoͤren, die wahre Lie - be, welche ich ihr gelobte, wuͤrde durch Ehrerbietung, nicht durch angemaßte Frey - heit bewieſen. Jch erbot mich zwar zu meiner Vertheidigung allein ſie gab mir zu verſtehen,Fuͤnfter Theil. Aſie2ſie haͤtte ſich niemals einen andern Begriff von einer tadelhaften Liebe machen koͤnnen, als daß ſich dieſelbe auf eine ſolche Art, wie die meinige zu thun ſuchte, an den Tag legen muͤßte.
Jch bemuͤhete mich, mein Feuer dadurch zu rechtfertigen, daß ich ihr eine allzuſtrenge Tugend zur Laſt legen wollte. Aller waͤre das ihr Fehler, wußte ſie mir gar bald zu ſagen, ſo waͤre es mei - ner gewiß nicht. Sie muͤßte mir frey geſtehen, daß ich ihr nicht im Stande zu ſeyn ſchiene, rich - tig zu unterſcheiden, was eigentlich zu einem rei - nen und lautern Herzen erfordert werde. Viel - leicht ſtuͤnde ich in der ſtolzen und doch falſchen Einbildung, die mit einer ausſchweifenden Le - bensart verbunden zu ſeyn pflegte, daß ein Herz wie das andere, und zwiſchen dem unreinen kein anderer Unterſchied waͤre, als den Erziehung und Gewohnheit machte ‒ ‒ Und gleichwohl koͤnnte durch die Gewohnheit allein, wie ſie bemerkte, ſo wohl eine gute als boͤſe Gemuͤthsverfaſſung zur andern Natur werden.
Eben itzo habe ich von einigen unſchuldigen Freyheiten, die ich mir in Gegenwart unſerer Frauenzimmer genommen, Rede und Antwort geben muͤſſen. Jch hielte mich dazu berechtiget, weil ſie nicht anders wiſſen, als daß wir getrau - et ſind, und nun in der Hoffnung ſtehen, auch bald als Eheleute mit einander zu leben.
Es3Es ward mir ſchwer, den Verweis meiner Geliebten anzunehmen. Jch wuͤnſchte mit Un - geduld den gluͤcklichen Tag und die frohe Stunde zu ſehen, da ich ſie ganz mein eigen nennen, und von einer ſo zarten Empfindlichkeit, die ihres gleichen nicht haͤtte, keinen Vorwurf erwarten duͤrfte.
Sie ſahe mich mit einer gewiſſen ſchamhaf - tigen Verachtung an. Jch hielte es fuͤr Verach - tung; und frug deswegen nach der Urſache: in - dem ich mir, wie ich ihr zu erkennen gab, keiner Beleidigung bewußt waͤre.
Herr Lovelace, war ihre Antwort, dieß iſt nicht das erſtemal, daß ich Urſache gehabt, uͤbel mit ihnen zufrieden zu ſeyn, wenn ſie vielleicht nicht daran gedacht haben, daß an Jhnen etwas aus - zuſetzen waͤre ‒ ‒ Allein ich muß Jhnen ſagen, der Eheſtand iſt in meinen Augen ein Stand der Reinigkeit, und, wo ich nicht irre, ſo ſetzte ſie dieß noch hinzu, nicht fuͤr ausſchweifende Freyheit; wenigſtens habe ich ſie ſo verſtanden.
Reinigkeit im Eheſtande, Bruder! Jn Wahrheit, das klingt recht, als wenn man jemand auf der Schaubuͤhne reden hoͤrte. Jhr ange - nehmen Kinder, es iſt ja doch die Haͤlfte von dem ſchoͤnen Geſchlechte willig und bereit, mit ei - nem liederlichen Kerl davon zu laufen: eben weil er ein liederlicher Kerl iſt, und aus keiner andern Urſache; ja wenn ſo gar alle andere Gruͤnde wider ihre Wahl ſtreiten.
A 2Haben4Haben wir beyde, Belford, nicht junge Wei - ber geſehn, die man haͤtte fuͤr beſcheiden halten ſollen, und die auch in ihrem ledigen Stande wahnwitzig ſchuͤchtern waren? Haben wir nicht geſehn, wie eben dieſe ihren loͤffelnden Maͤnnern oͤffentlich Freyheiten verſtatteten, die genugſam bewieſen, daß ſie die Pflichten der Klugheit oder des Wohlſtandes vergeſſen haͤtten: da unterdeſ - ſen alle beſcheidne Augen ſich vor der unverſchaͤm - ten Dreiſtigkeit zuſchloſſen, und ein jedes beſcheid - nes Angeſicht fuͤr jene, die nicht erroͤthen konn - ten; ſich uͤber und uͤber vor Schaam verfaͤrbte?
Jch that einſtens bey einer ſolchen Gelegen - heit einer Geſellſchaft von etwa einem Dutzend Perſonen, denen auf die Art ein Aergerniß gege - ben wurde, den Vorſchlag ſich zu entfernen, in - dem ſie ja nothwendig einſehen muͤßten, daß die Gemahlinn ſowohl als der Cavallier, noͤthig haͤt - ten, allein zu ſeyn. Dieſer Vorſchlag hatte an dem verliebten Paar ſeine Wirkung; und ich ward fuͤr den Verweis, den ich ihnen ihrer aus - gelaſſenen Freyheit wegen gegeben hatte, mit gro - ßem Beyfall erhoben.
Allein bey einer andern Gelegenheit von die - ſer Art handelte ich dem gemeinen Ruf von mir ein wenig mehr gemaͤß. Denn ich wagte es, ei - ne Braut in Verſuchung zu fuͤhren. Dazu waͤre ich gewiß nicht dreiſt genug geweſen: wenn das unverſchaͤmte und bloß leidende Verhalten, wom it ſie ihres in ſie vergafften Liebſten oͤffentli - che Taͤndeleyen annahm, und dabey mehr mitFroh -5Frohlocken als mit Schaam auf alle gegenwaͤr - tige Frauenzimmer um ſich herumſahe, meine Neubegierde nicht gereitzet haͤtte. Jch ward da - durch begierig zu wiſſen, ob ſie einem geheimen Freunde nicht eben die Gefaͤlligkeit erzeigen duͤrf - te. Es iſt wahr, ich mußte mich bey meiner Eh - re verpflichten, das Geheimniß bey mir zu be - halten. Allein niemals habe ich nach der Zeit das Turteltaͤubchen zu Geſichte bekommen, ohne an die gezweyte Zahl fuͤr ſie zu gedenken, und dem eingenommenen Ehemann fuͤr die gute Unter - weiſung ſeiner Frauen in meinem Herzen Dank zu ſagen.
Aus dem, was ich beruͤhret habe, wirſt du ſehen, daß ich die Einwendung meiner Geliebten gegen oͤffentliche Liebesbezeigungen billige. Das hoffe ich, iſt alles, was die kaltſinnige Schoͤne unter der Reinigkeit im Eheſtande ver - ſtehet.
Alles vorhergehende wird doch zu dem Schlu - ße fuͤhren, daß ich in den verſtrichnen Tagen zwar nicht bloß ein unſchluͤßiger Zauderer, kein Hickmann, aber doch auch nicht vollkommen ge - ſchaͤftig, kein Lovelace, geweſen bin.
Die werthe Schoͤne ſieht ſich itzt als meine kuͤnftige Gemahlinn an. Jhr Herz, das hiedurch erleichtert iſt, wird nicht laͤnger ſtolz ſeyn, und nunmehr, wie ich hoffe, ſich nicht wider eine jede Handlung einer ihr nicht misfaͤlligen Mannsper - ſon auflehnen. Jedoch muß ſie ſo viel an ſich halten, als noͤthig ſeyn wird, die vorige Unbieg -A 3ſam -6ſamkeit zu rechtfertigen. Manche artige Seele wuͤrde ſich ergeben, wenn ſie nicht beſorgte, daß die beguͤnſtigte Perſon deswegen eine ſchlechtere Meynung von ihr faſſen moͤchte. Das iſt auch ein Stuͤck von den Glaubensartikeln freyer Lieb - haber. Allein ſie mag noch ſo empfindlich ſeyn, ſo kann ſie doch nun mit mir nicht brechen. Denn thut ſie es, ſo wird die Ausſoͤhnung mit ih - ren Angehoͤrigen gaͤnzlich zuruͤckgehen; und das auf eine ihr ſelbſt hoͤchſtnachtheilige Weiſe.
Eben bin ich von der Rechts-Cammer zu - ruͤckgekommen. Jch habe einen Trauſchein ge - ſucht. Wahrlich, Bruder, ich muß den Ver - druß haben, daß ich eine Schwierigkeit finde, dieſen gaͤnzlich feſſelnden Freybrief zu erhalten: weil das Frauenzimmer von Stande und bemit - telt iſt, und ich keine Einwilligung vom Vater oder von den naͤchſten Freunden aufzuweiſen habe.
Jch erzaͤhlte meiner Geliebten dieſe Schwie - rigkeit. Es iſt gar recht, ſagte ſie, daß derglei - chen Einwendungen gemacht werden. Aber ge - wiß, Bruder, keinem Manne von meinen Um - ſtaͤnden, wie ſie ein jeder kennet: und wenn das Frauenzimmer auch eines Herzogs Tochter waͤre.
Jch frug, ob ſie mit der Eheſtiftung zufrie - den waͤre, und bekam zur Antwort, daß ſie dieſel - be mit meiner Mutter ihrer zuſammengehalten und nichts dagegen einzuwenden haͤtte. Sie ge - ſtand, ſie haͤtte an die Fraͤulein Howe ſowohl die - ſer Sache wegen, als auch um ihr von unſerergegen -7gegenwaͤrtigen Verfaſſung Nachricht zu geben, geſchrieben(*)Weil dieſer Brief der Fraͤulein nichts neues in ſich haͤlt, nichts, was man nicht aus dem Schreiben des Herrn Lovelace abnehmen koͤnn - te: ſo iſt er ausgelaſſen..
Dieſen Augenblick hat mir meine Geliebte bey vollkommen guter Laune den Entwurf der Eheſtiftung wieder zuruͤckgegeben, wovon ich eine Abſchrift an den Capitain Tomlinſon geſandt ha - be. Sie machte mir das Compliment, daß ſie in dergleichen Faͤllen niemals an meiner Ehre eini - gen Zweifel gehabt haͤtte. Jn Sachen, da Mann und Mann mit einander zu thun haben, weißt du wohl, hat noch niemand jemals daran ge - zweifelt. Aber du wirſt ſagen, es ſey auch hoͤchſt noͤthig, daß ich wenigſtens einige gute Eigen - ſchaften haͤtte.
Große Laſter und große Tugenden werden oft in einer Perſon beyſammen gefunden. Jch bin gleichwohl in keinem Stuͤcke ſehr arg: wenn es nur nicht auf die Weibsperſonen angeſehen iſt. Und hat nicht ſelbſt eine von ihnen mit mir zuerſt angefangen(**)S. den I. Theil den XXXI. Brief auf der 325. S.?
Wir haben dafuͤr gehalten, daß die Frauen - zimmer keine Seelen haͤtten. Jch bin ein aͤch - ter Jude in dieſem Stuͤcke. Jch bin geneigt zu glauben, daß ſie keine haben. Jſt es ſo: wem ſoll ich denn von dem, was ich ihnen gethan habe,A 4Rechen -8Rechenſchaft zu geben? Ja, ſie moͤgen auch See - len haben. Weil dennoch in jener Welt kein anderes Geſchlecht iſt, auch keines ſeyn darf, was kann ein Frauenzimmer uͤber Beleidigungen, die ihr in ihrem weiblichen Stande widerfahren ſind, alsdann fuͤr eine Klage fuͤhren, wenn es mit dem weiblichen Geſchlecht ein Ende hat?
Nunmehr muß ich beynahe daran verzweifeln, daß ich bey meiner kalten Schoͤnen durch Liebe oder Hoͤflichkeit etwas ausrichten ſollte. Es iſt, wie ich dir ſchon berichtet habe, eine Abſchrift von dem Entwurfe zur Eheſtiftung an den Capi - tain Tomlinſon geſandt; und zwar durch einen eignen Boten. Er wird wirklich ins Reine ge - bracht. Jch bin wiederum bey der Rechts - Cammer geweſen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach wuͤrde ich mir durch Malorys Vermittelung ei - nen Trauſchein verſchaffet haben: wenn nicht ſein Freund, der Anwald, ploͤtzlich nach Ches - hunt geholet waͤre, einer alten Frauen ein Teſta - ment zu machen. Pritchard hat mir muͤndlich, ob ihn mein ſchoͤner Engel g eich nicht geſehen,alles,9alles, was ihr aus meines Onkels Briefe, den ich ihr nicht zeigen konnte, zu wiſſen noͤthig war, angebracht, und der Guͤter wegen, die mir bey meiner Heyrath uͤbertragen werden ſollen, mei - nen Willen vernommen. ‒ ‒ ‒ Dennoch iſt bey allem dieſen guͤnſtigen Anſchein kein guͤnſtiger Augenblick zu finden, keine fuͤr mich brauchbare Zaͤrtlichkeit zu erregen.
Es iſt wahr; ich habe ihr zweymal mit Ent - zuͤckung, die ſie einmal ungeſchliffen nannte, ei - nen Kuß gegeben. Aber jedesmal ward ſie uͤber die genommene Freyheit empfindlich und gieng weg. Doch muß ich ihr die Gerechtigkeit wie - derfahren laſſen, daß ſie ſo gewogen war, mir auf mein erſtes Bitten ihre Gegenwart wieder zu goͤnnen und der Urſache ihrer Entfernung mit keinem Worte zu gedenken.
Jſt es der Klugheit gemaͤß, ſich uͤber un - ſchuldige Freyheiten, die ſie nach ihren Umſtaͤn - den ſo bald verzeihen muß, ſo offenbar ungehalten zu bezeigen?
Allein die Frauenzimmer, welche uͤber die erſten Freyheiten nicht unempfindlich werden, ſind nothwendig verlohren. Denn die Liebe iſt eine Betriegerinn, die immer mehr Ein - griffe zu thun ſuchet. Sie geht niemals ruͤck - waͤrts. Sie trachtet immer weiter. Sie muß immer weiter trachten. Nichts als die letzte Gunſt, kann ſie befriedigen, wenn ihr einmal etwas eingeraͤumt iſt. Und was hat ein Liebha -A 5ber,10ber, der es nicht der Muͤhe werth achtet, den Frieden zu brechen, fuͤr Vortheile uͤber ſeine Ge - liebte, die denſelben mit aller Sorgfalt zu erhal - ten ſuchet?
Jtzt habe ich mich eben ſelbſt wohl zum zwoͤlf - ten mal zu einer halben Entſchließung gebracht. Tauſend angenehme Dinge habe ich ihr zu ſagen. Sie iſt in dem Speiſeſaale. Eben gieng ſie hin - auf. Wenn ſie da iſt: ſo erwartet ſie mich.
Aeußerſtes Misvergnuͤgen! ‒ ‒ das eine ploͤtzliche Entfernung nach ſich zog.
Jch hatte mich zu ihr geſetzet. Jch nahm ihre beyden Haͤnde in meine. So hatte ich es gewuͤnſcht. Meine Stimme war ganz gelinde und ſanft ‒ Jhres Vaters wurde mit Hochach - tung, ihrer Mutter mit Ehrerbietung erwaͤhnet. Selbſt von ihrem Bruder ward als von einem Freunde geſprochen. Jch haͤtte niemals gedacht, ſagte ich zu ihr, daß ich eine Ausſoͤhnung mit ih - ren Angehoͤrigen ſo ſehnlich wuͤnſchen koͤnnte, als ich ſie wirklich wuͤnſchte.
Dabey breitete ſich eine liebliche und dankge - fliſſene Roͤthe uͤber ihr ſchoͤnes Angeſicht aus. Bisweilen hub auch ein gelinder Seufzer ihr Halstuch in die Hoͤhe.
Jch haͤtte ein ſehr großes Verlangen, ſo fuhr ich fort, von dem Capitain Tomlinſon Nachricht einzuziehen. Es wuͤrde ihrem Onkel unmoͤglich ſeyn, an dem Entwurf der Eheſtiftung etwasaus -11auszuſetzen. Wie dem aber auch ſeyn moͤchte, ſo wollte ich es mit der Ueberſendung deſſelben nicht ſo gemeynet haben, als wenn ich geſonnen waͤre, den Auſſchub meines gluͤcklichen Tages ihrem On - kel freyzuſtellen. Wann, wann wuͤrde doch der be - ſtimmet ſeyn? Jch wollte wieder zu der Rechts - Cammer eilen und nicht ohne den Trauſchein zu - ruͤckkommen.
Jch ſchlug die Forſt zu unſerm Aufenthalte vor, ſo bald die gluͤckliche Vollziehung unſerer Ehe geſchehen waͤre. Jch ſchlug dazu dieſen und jenen Tag vor.
Es waͤre noch Zeit genug, antwortete ſie, den Tag zu benennen, wenn die Eheſtiftung voͤl - lig ausgefertiget und der Trauſchein erhalten waͤ - re. Gluͤcklich wuͤrde ſie ſeyn, wenn der guͤtige Capitain Tomlinſon ihres Onkels Gegenwart insgeheim auswirken koͤnnte!
Ein guter Wink! Vielleicht kann ich mir ihn zu Nutze machen; entweder Aufſchub zu ge - winnen, oder Frieden zu ſtiften.
Keine neue Verzoͤgerungen um des Himmels willen! So bat ich: indem ich ihr zugleich den bisherigen Verſchub hoͤflich vorhielte. Nennen ſie doch nur den Tag; einen baldigen Tag, etwa, wie ich hoffete, in der kuͤnftigen Woche ‒ ‒ da - mit ich zu ſeiner Naͤherung Gluͤck wuͤnſchen und die langſamen Stunden zaͤhlen moͤchte.
Jch legte meinen Kopf auf ihre Schulter. Jch kuͤßte ihre Haͤnde wechſelsweiſe. Sie ſtraͤub - te ſich mehr mit Schaam als mit Unwillen. Sie12Sie ſuchte ihre Haͤnde wegzuziehen, und mit ih - rer Schulter meinem darauf gelehnten Kopfe auszuweichen. Wie ich merkte, that ſie es un - gern. Noch vielweniger hatte ſie Luſt mit mir zu zanken. Jhr niedergeſchlagenes Auge ſagte mehr, als ihre Lippen aͤußern konnten. ‒ ‒ Nun, dachte ich, iſt es gewiß meine Zeit, zu verſuchen, ob ſie eine noch kuͤhnere Freyheit, als ich mir je - mals bisher genommen habe, verzeihen kann.
Jch lies ihr darauf ihre ringende Haͤnde los. Jch umfaßte ſie mit einem Arme. Jch kuͤßte ihren ſuͤßen Mund mit vielem Feuer. Sie ſagte nichts dazu, als: Seyn ſie doch geruhig, und wandte ihr Geſicht weg, als wenn ſie noch einen Kuß beſorgte.
Durch eine ſo gelinde Weigerung bekam ich noch mehr Muth. Jch redete auf das zaͤrtlich - ſte. Jch ſchob alsdenn mit der andern Hand das Halstuch weg, welches das Schoͤnſte unter allen Schoͤnheiten verdeckte, und druͤckte meine feurige Lippen an die reizungsvolle Bruſt, die meine ent - zuͤckte Augen jemals geſehen haben.
Aber den Augenblick fand ſich eine ganz an - dre Leidenſchaft bey ihr ein, als diejenige war, wodurch ihre Bruſt vorher mit ſo vieler Anmuth aufgeſchwollen. Sie riß ſich voll Unmuths aus meinen um ſie geſchlungenen Armen. Jch hiel - te ſie noch bey ihrer ringenden Hand. Laſſen ſie mich gehen, ſprach ſie. Jch ſehe wohl, man darf von ihnen nicht hoffen, daß ſie ſich in den gehoͤ - rigen Schranken halten werden. Niedertraͤchti -ger13ger Betrieger, der immer neue Eingriffe zu thun ſuchet! Hat es mit ihren Schmeichelworten ein ſolches Abſehen? ‒ ‒ So weit auch die Sache ſchon gegangen ſeyn mag: ſo will ich mich doch ihrer auf ewig entſagen. Sie haben ein haſſens - wuͤrdiges Herz. Laſſen ſie mich gehen, ich ſage es ihnen ‒ ‒
Jch mußte gehorchen, und ſie eilte mit Ge - walt von mir, indem ſie nur die vorigen Worte, niedertraͤchtiger, mit dem Zuſatz ſchmeichleri - ſcher, Betruͤger, wiederholte.
Vergebens habe ich durch die Dorcas um die verſprochene Gunſt, Mittagsmahlzeit mit ihr zu halten, inſtaͤndigſt erſuchen laſſen. Sie wollte zu Mittage gar nicht eſſen, hieß es: Sie koͤnnte es nicht.
Aber warum haͤlt ſie einen jeden Daumbreit von ihrer Perſon ſo heilig? ‒ ‒ Da doch die Zeit ſo nahe iſt in der ſie vermuthen muß, durch geſchloßnen Kauf und Eheſtiftung ganz und gar mein eigen zu ſeyn.
Sie hat ſonder Zweifel etwas von dem Kunſt - griff der morgenlaͤndiſchen Monarchen geleſen, die ſich den Augen ihrer Unterthanen deswegen entziehen, damit ſie von dieſen deſtomehr angebe - tet werden, wenn ſie es bey einigen feyerlichen Gelegenheiten fuͤr gut befinden, oͤffentlich zu er - ſcheinen.
Aber14Aber Belford, ich frage dich, ob nicht bey dieſen feyerlichen Gelegenheiten der vorreitende Zug, hier ein großer Kriegsbedienter und dort ein großer Rath, mit ihren Trabanten und ihrem blin - zenden Aufzuge, die Augen der bewundernden Zu - ſchauer nach und nach vorbereite, den blendenden Glanz der unter einem Himmel hervorleuchtenden Majeſtaͤt zu ertragen? Sollte dieſe ſelbſtgleich nur ein ſchlechter alter Mann ſeyn: ſo funkelt derſel - be doch in der vereinigten Pracht ſeines weiten Reiches.
Und ſollte ſich meine Geliebte nicht um ihrer ſelbſt willen nach und nach von der Goͤttlichkeit zur Menſchlichkeit herablaſſen? Jſt es Stolz, der ſie zuruͤckhaͤlt: muß denn nicht ein ſolcher Stolz geſtraft werden? Jſt es, wie bey den mor - genlaͤndiſchen Kayſern, ſowohl ein Kunſtgriff als Stolz: ſo iſt es etwas, das ſie unter allen Weibs - perſonen allein nicht noͤthig hat zu gebrauchen. Jſt es Schaam: was iſt denn das fuͤr eine Schaam, daß ſie ſich ſchaͤmet, ihren Anbeter das allerbewundernswuͤrdigſte von ihren perſoͤnlichen Reizungen ſehen zu laſſen?
Jch will des Todes ſeyn, Belford, wenn ich nicht die glanzreichſte Krone in der Welt fahren laſſen wollte, um nur das Vergnuͤgen zu haben, daß ich ein paar Zwillinge von Lovelace, an jeder ihrer ſchoͤnen Bruͤſte einen, die daraus ihre erſte Nahrung in ſich ſoͤgen, ſehen moͤchte. Dieß15Dieß Werk der muͤtterlichen Liebe ſollte nur einen Monath und nicht laͤnger dauren.
Mich deucht, ich ſehe ſchon itzt die Schoͤnſte unter den Weibern in dieſem angenehmen Dienſte begriffen. Jch ſehe, wie ſie mit ihren zarten Fingern einem jeden der begierigen Saͤuglinge wechſelsweiſe das edle Naß in den purpurrothen Mund druͤcket. Jch ſehe, wie ihr ſich be - wußtes Auge mit einem Seufzer von muͤtterli - cher Zaͤrtlichkeit bald auf den einen, bald auf den andern faͤllt, und ſich alsdenn zu meinem er - goͤtzten Auge aufſchlaͤget, voll von Wuͤnſchen um der artigen Buͤbchen und ihrer ſelbſt willen, daß ich ſie doch wuͤrdigen moͤchte, ſie zu recht - maͤßigen Kindern zu machen, daß ich mir doch gefallen laſſen moͤchte, die Feſſeln des ehlichen Bundes auf mich zu nehmen.
Ein Brief, den ich von dem braven Capitain Tomlinſon empfangen habe, hat mir denZutritt16Zutritt zu meiner Schoͤnen, eher als ich vielleicht ſonſt vorgelaſſen ſeyn moͤchte, eroͤffnet.
Mit zorniger Stirne trat ſie in den Speiſe - ſaal. Aber ich ſagte nicht ein Wort von dem, was vorgegangen war. Und ſo mußte ſich ihr Zorn in ſich ſelbſt verzehren.
„ Der Capitain meldet mir zuerſt, daß er fuͤr „ gut befunden nicht eher zu ſchreiben, als bis er „ den verſprochnen Entwurf von der Eheſtiftung „ bekommen haͤtte. Er berichtet hiernaͤchſt, ſein „ Freund, Herr Joh. Harlowe, haͤtte ſich bey der „ erſten Unterredung, ſo bald er zu Hauſe gekom - „ men, aͤußerſt entſetzet und wohl gar, wie er be - „ ſorgte, inniglich betruͤbet, als er gehoͤret, daß wir „ nicht verheyrathet waͤren. Die Welt, haͤtte er „ geſagt, die meine Art kennte, wuͤrde ſehr boͤſe „ urtheilen; wenn es bekannt werden ſollte, daß „ wir ſo lange unverheyrathet in einem Hauſe mit „ einander gelebet haͤtten: es moͤchte unſre Ehe - „ verbindung itzt auch noch ſo feyerlich vollzogen „ werden.
„ Sein Vetter Jacob, wuͤßte er gewiß, wuͤr - „ de gegen alle Vorſchlaͤge zu einer Ausſoͤhnung „ ein großes Werk daraus machen, und zwar mit „ deſto gluͤcklicherm Erfolg, weil in dem ganzen „ Koͤnigreiche keine Familie ſo eiferſuͤchtig fuͤr ihre „ Ehre waͤre. “
Dieß iſt wahr von den Harlowes, Bruder. Man hat ſie ſchon laͤngſt die ſtolzen Harlowes ge - nannt. Und ich habe allezeit befunden, daß aller junger Adel aufgeblaſen und empfindlich iſt.
Aber17Aber ſiehſt du nun, wie vollkommen ich auf dem rechten Wege geweſen bin, als ich mein ſchoͤ - nes Kind zu bereden ſuchte, ſie moͤchte ihres On - kels Freund doch in der Meynung laſſen, daß wir verheyrathet waͤren: ſonderlich da er ſchon, ehe er zu uns kam, vorbereitet war, es zu glau - ben, und da ihr Onkel hoffete, es wuͤrde ſo ſeyn? ‒ ‒ Allein es iſt nichts in der Welt ſo verkehrt, als ein Frauenzimmer, wenn es ſich einmal etwas in den Kopf geſetzet, und mit einem gelinden Manne, oder mit einem, der ſeine Ruhe liebet, zu thun hat.
Meine Geliebte ward bekuͤmmert. Sie zog ihr Schnupftuch hervor. Doch war ſie mehr mich, als ſich ſelbſt, anzuklagen geneigt.
Haͤtten ſie ihr Wort gehalten, Herr Lovelace, und mich, ſo bald wir nach London gekommen, verlaſſen ‒ ‒ Da brach ſie ab. Denn ſie wuß - te wohl, daß es ihre Schuld geweſen, daß wir nicht getrauet worden, ehe wir vom Lande weg - giengen. Wie konnte ich ſie aber nachher allei - ne laſſen, da ihr Bruder Anſchlaͤge ſchmiedete, ſie mit Gewalt wegzufuͤhren?
Er hat auch ſeine Anſchlaͤge noch nicht auf - gegeben. Denn wie der Capitain weiter ſchrei - bet, ſo hat „ Herr Joh. Harlowe ihm, ob wohl „ nur im Vertrauen, geſtanden, ſein Vetter gebe „ ſich noch bis dieſe Stunde Muͤhe unſern Aufent - „ halt aus zuforſchen. Da man von mir bey kei - „ nem meiner Anverwandten noch an denen Oer - „ tern, wo ich ſonſt meine Wohnung zu habenFuͤnfter Theil. Bpflegte,18„ pflegte, etwas hoͤrte: ſo ſey derſelbe verſichert, „ daß wir bey einander ſind. Daß wir aber in „ keinem Eheverbuͤndniſſe ſtehen, ſey aus dem noch „ ſo neulichen Antrag des Herrn Hickmanns an „ ihren Onkel, den er gewiß erfahren haben wuͤr - „ de, und aus der Bemuͤhung der Frau Norton „ bey ihrer Mutter, eben den Vorſchlag zu befoͤr - „ dern, ſattſam am Tage. Und er koͤnne nicht „ leiden, daß ich eines ſolchen Sieges in Ruhe ge - „ nießen ſollte.
Hiebey ward ein tiefer Seufzer gethan und das Schnupftuch wieder zu den Augen gehoben. Allein verdiente das angenehme Kind fuͤr ihre treuloſe Abſicht, mich ihrer ſelbſt zu berauben, nicht dieſe Vergeltung?
Jch las folgendergeſtalt weiter:
„ Herr Harlowe frug, warum denn ſeinem „ andern Freunde, der ſich erkundiget, geſagt waͤ - „ re, daß wir mit einander verheyrathet waͤren, „ und zwar von ſeiner Baſe eignem Cammer - „ Maͤdchen, die es doch wohl wiſſen mußte, die „ ſonder Zweifel uͤberzeugende Gruͤnde angeben „ konnte? ‒ ‒
Hier weinte ſie wieder, gieng queer uͤber das Zlmmer, und kam alsdenn zuruͤck ‒ Leſen ſie wei - ter, ſagte ſie ‒ ‒
Wollen ſie, mein wertheſter Engel, es ſelbſt leſen?
Jch will den Brief mit mir nehmen ‒ ‒ alſobald ‒ Jch kann nicht ſehen, ihn nun eben zu leſen ‒: Sie wiſchte ihre Augen ‒ ‒ Leſen ſieweiter.19weiter. Laſſen ſie mich ihn ganz hoͤren, daß ich ihre Meynung daruͤber vernehmen, und meine eigne ſagen kann.
„ Der Capitain erzaͤhlte hierauf ihrem Onkel „ Johann die Urſachen, die mich bewogen, vorzu - „ geben, daß wir verheyrathet waͤren. Er er - „ zaͤhlte ihm auch die Bedingungen, unter wel - „ chen meine Geliebte ſich dahin bringen laſſen, „ es nicht zu wiederrufen. Er bemerkte, daß eben „ dieſe uns, als Fremde nach dem ſtrengſten „ Wohlſtand mit einander umzugehen, verbun - „ den haͤtten. “
„ Allein meine gewoͤhnliche Art zu handeln „ haͤtte einen beſtaͤndigen Anſtoß gegeben. Herr „ Harlowe waͤre unzufrieden weggegangen. Der „ Capitain ſelbſt haͤtte ſich die Sache ſo nahe ge - „ hen laſſen, daß er nicht darauf geachtet, von „ dem Erfolg dieſer erſten Unterredung Nachricht „ zu geben.
„ Es waͤre aber, nachdem der Entwurf von „ der Eheſtiftung ihm zu Haͤnden gekommen, ei - „ ne andere, eben wie die vorige, um deſto gehei - „ mer zu verfahren, in ſeinem Hauſe gehalten „ worden. Bey dieſer haͤtte ſich der alte Herr, „ als er den Entwurf geleſen und des Capitains „ Meynung daruͤber gehoͤret, vergnuͤgter bezeiget. „ Jedoch haͤtte er frey herausgeſagt, es wuͤrde „ nicht leicht irgend eine andere Perſon von der „ Familie zu uͤberreden ſeyn, daß ſie von der Sa - „ che ſo vortheilhaft gedaͤchte, als er nunmehr zu „ thun geneigt waͤre, wenn ſie erfahren ſollten,B 2„ daß20„ daß wir ſo lange unverheyrathet mit einander „ gelebet.
„ Hierauf, ſchreibt der Capitain, haͤtte ſein „ wertheſter Freund einen Vorſchlag gethan. Er „ beſtuͤnde darinn: Wir ſollten uns ohne den „ geringſten Verzug trauen laſſen. Es „ muͤßte aber ſo geheim geſchehen als moͤg - „ lich waͤre. Er haͤtte bemerkt, daß wir „ ohne das es ſo zu thun geſonnen waͤren. An „ der Eheſtiftung koͤnnte er nichts ausſe - „ tzen. Jedoch vermuthete er, daß er zu „ deſto groͤßerer Beruhigung fuͤr ſich einen „ ſichern Freund von ſeiner Bekanntſchaft „ dabey zugegen ſeyn laſſen duͤrfte ‒ ‒
Hier hielt ich ein, und war willens boͤſe zu thun. Allein ſie verlangte, ich moͤchte fortleſen, und ich gehorchte ‒
„ Es muͤßte aber keine lebendige Seele, „ ausgenommen die ſichere Perſon, er ſelbſt „ und der Capitain, anders wiſſen, als daß „ wir von der Zeit an, da wir mit einander „ in einem Hauſe gelebet, verheytather ge - „ weſen. Auch muͤßte man dieſe Zeit ſo be - „ ſtimmen, daß ſie mit des Herrn Hickmanns „ Antrag an ihn von der Fraͤulein Howe „ uͤbereinkaͤme.
Dieß, mein liebſter Engel, ſagte ich, iſt ein ſehr bedaͤchtlicher Vorſchlag. Wir duͤrfen nur die Leute unten im Hauſe desfalls warnen. Jch haͤtte nicht gedacht, daß ihr Onkel Harlowe auf ein ſo geſchicktes Mittel fallen koͤnnte. Alleinſie21ſie ſehen, wie ſehr ihm die Ausſoͤhnung am Her - zen liege.
Was ſollte ich wohl fuͤr eine Antwort dar - auf bekommen? ‒ ‒ Sie haben, als ein Merk - maal ihrer Hoͤflichkeit, mir bey allen Gelegenhei - ten zu verſtehen gegeben, was ſie ſich fuͤr niedri - ge Gedancken von einem jeden meiner Angehoͤri - gen machen.
Doch du wirſt dencken, Belford, daß ich ihr den Verweis zu gute halten koͤnnte.
„ Der Capitain fuͤgt hinzu, er wiſſe nicht, „ wie dieſer Vorſchlag uns gefallen duͤrfte. Sei - „ nes Theils aber halte er ihn fuͤr ein bequemes „ Mittel, vielen Schwierigkeiten vorzubeugen, „ und den fernern Anſchlaͤgen des Herrn Jacob „ Harlowe vielleicht ein Ende zu machen. Des - „ wegen habe er ſich ſchon auf des Onkels Rath „ gegen zwo verſchiedne Perſonen, durch die es „ dem jungen Cavallier leicht zu Ohren kommen „ moͤchte, herausgelaſſen, daß er ſehr große Urſa - „ che habe zu glauben, daß wir gleich, nachdem „ des Herrn Hickmanns Antrag fruchtlos gewe - „ ſen, ehelich verbunden waͤren. “
„ Und dieſes, Herr Lovelace, ſchreibt der Ca - „ pitain ferner, wird Jhnen ein Recht geben, der „ Familie ein Compliment zu machen, das ſich „ zu einigen edelmuͤthigen Anerbietungen, welche „ ſie dem Fraͤulein in meiner Gegenwart zu thun „ beliebet, und Herr Joh. Harlowe ſich zur Be - „ foͤrderung der Ausſoͤhnung einigermaßen zu „ Nutze machen kann, nicht uͤbel ſchicken wird. B 3„ Es22„ Es iſt ja unter den Umſtaͤnden eine beſondre „ Hoͤflichkeit von ihnen, daß ſie ihrer Fraͤulein „ Gut nicht ſo bald, als ſie dazu berechtiget gewe - „ ſen, gefordert haben. “ Ein trefflicher Kopf, Raͤnke auszuſinnen! So muß meine Schoͤne hiebey nothwendig von dem braven Herrn Tom - linſon gedacht haben.
Der Capitain ſetzt aber noch weiter hinzu, „ wenn entweder der Fraͤulein oder mir ſeine Er - „ zaͤhlung von unſerm Eheverbuͤndniſſe nicht an - „ genehm waͤre, ſo wolle er ſie wiederrufen. Je - „ doch muͤſſe er mir frey bekennen, daß ſich Herr „ Joh. Harlowe dieß vorgeſchlagene Mittel die „ Sache zu treiben, als das einzige ſeiner Mey - „ nung nach, welches zu einer allgemeinen Aus - „ ſoͤhnung mit Erfolge zu gebrauchen ſey, ſehr feſt „ in den Kopf geſetzt habe. Allein wenn wir es „ genehm halten ſollten, ſo bitte er meine Schoͤ - „ ne, den begluͤckten Tag fuͤr mich nicht zu ver - „ ſchieben, damit er doch wenigſtens durch die „ Wahrheit der Hauptſache zu dem, was er ſpraͤ - „ che, berechtiget waͤre. “ Wie gewiſſenhaft iſt dieſer gute Mann! „ Man duͤrfe auch nicht er - „ warten, ſchreibt er, daß ihr Onkel eher zu der „ gewuͤnſchten Verſoͤhnung nur einen Schritt „ thun werde, als bis die Trauung wirklich ge - „ ſchehen iſt. “
Endlich meldet er noch, „ daß er bald in an - „ dern Geſchaͤfften zur Stadt kommen werde, und „ ſchlaͤgt vor, uns alsdenn zu beſuchen, und von „ allem, was zwiſchen Herrn Harlowe und ihm„ vor -23„ vorgefallen, oder weiter vorſallen duͤrſte, um - „ ſtaͤndlichere Nachricht zu geben. “
Was ſagen ſie nun, mein liebſtes Leben, was ſagen ſie zu ihres Onkels Vorſchlag? Soll ich an den Capitain ſchreiben, und ihm melden, daß wir nichts dagegen einzuwenden haben?
Sie ſchwieg einige Minuten lang ſtille. Endlich kam ein Seufzer! ‒ ‒ Sehen ſie, Herr Lovelace, ſprach ſie, wie weit ſie mich durch ihre krumme Wege gebracht haben! Sehen ſie, in was fuͤr Ungluͤck ich gerathen bin! ‒ ‒ Wahr - lich ſie haben nicht als ein weiſer Mann ge - handelt.
Erinnern ſie ſich denn nicht, mein liebſter Engel, wie inſtaͤndig ich um die Ehre, ihrer Hand gewuͤrdiget zu werden, ehe wir zur Stadt kaͤmen, angehalten habe? Waͤren ſie mir da - mals ſo geneigt geweſen ‒ ‒
Gut, gut, Herr ‒ ‒ Es iſt bey unſerer Sa - che an einer oder der andern Seite viel verſehen. Das iſt alles, was ich itzo ſagen will. Und da geſchehne Dinge nicht zu aͤndern ſtehen: ſo denke ich, man muß meinem Onkel gehorſam ſeyn.
Wie reizend iſt ſie in Beobachtung der Pflich - ten! ‒ Mir war unter den Umſtaͤnden nichts an - ders uͤbrig, als daß ich auf das inſtaͤndigſte um die Ernennung des gluͤcklichen Tages anhielte, damit ich dem wuͤrdigen Capitain und ihrem Onkel nichts nachgeben moͤchte. Das that ich mit vielem Eifer. Allein ſie wiederhohlte nur ihreB 4vorige24vorige Antwort, wie ich mir leicht vorſtellen konn - te, es waͤre Zeit genug den Tag zu benennen, wenn die Eheſtiftung voͤllig ausgefertiget, und der Trauſchein erhalten waͤre. Und o! Herr Lo - velace, fuhr ſie fort, indem ſie ſich mit einem un - nachahmlich zaͤrtlichen Reize und dem Schnupf - tuche an ihren Augen, von mir wandte, o! was fuͤr eine Gluͤckſeligkeit, wenn von meinem lieben Onkel ſo viel zu erhalten ſtuͤnde, daß er bey die - ſer Gelegenheit perſoͤnlich ein Vater fuͤr das ar - me vaterloſe Maͤdchen ſeyn wollte.
Was ſicht mich das an! ‒ ‒ Wo kommt dieſer Thautropfe her! ‒ ‒ Ein Thraͤnlein! ‒ ‒ So wahr ich lebe, es iſt ein Thraͤnlein, Bruder! ‒ ‒ Die ſitzen ſehr los, deucht mich ‒ ‒ Beym bloßen Vorleſen! ‒ ‒ Aber eben ſtand ihr leben - diges Bild in eben der Stellung, und mit eben denſelben Mienen, womit ſie die Worte ſprach, wieder vor mir ‒ ‒ Und in der That, damals, als ſie dieſelben ausſprach, fielen mir dieſe Zeilen von Schakeſpeare ein:
Dein Herz iſt dir zu ſchwer: Geh eilend fortund weine.Der Kummer hat geſiegt: Geh hin und bleiballeine.Denn weil in deinem Aug itzt Trauerperlenſtehn:So wollen mir bereits die Augen uͤbergehn.
Jch gieng weg und ſchrieb folgendes an den Capitain: „ Er moͤchte die Guͤte haben, ſeinemwer -25„ werthen Freunde zu melden, daß wir mit ſei - „ nem Vorſchlag vollkommen zufrieden waͤren, „ und bereits die Frauenzimmer im Hauſe nebſt „ ihren und unſern eignen Bedienten desfalls ge - „ warnet haͤtten, gehoͤrige Vorſichtigkeit zu ge - „ brauchen. Wollte derſelbe mich perſoͤnlich „ durch die Hand ſeiner wertheſten Baſe gluͤck - „ lich machen: ſo wuͤrde das unſerer beyden Wuͤn - „ ſche kroͤnen. Jn dem Fall ſollte der ihm belie - „ bige Tag, weil ich hoffte daß es ein naher Tag „ ſeyn wuͤrde, auch uns beliebig ſeyn. Auf die „ Art wuͤrde das Geheimniß in wenigern Haͤn - „ den bleiben. Jch waͤre ſelbſt der Meynung, „ daß die Trauung, wenn ſie auch noch ſo geheim „ geſchaͤhe, niemals zu geheim vollzogen werden „ koͤnnte: nicht nur um der weiſen Abſicht wil - „ len, die er dadurch zu erhalten geſonnen waͤre; „ ſondern auch deswegen, weil ich nicht gerne ſaͤ - „ he, daß mein Onkel, Lord M ‒ ‒, ſich fuͤr nach - „ geſetzet halten ſollte. Dieſer waͤre willens ge - „ weſen, wie ich dem Capitain ſchon erzaͤhlet haͤt - „ te, bey unſerer Vermaͤhlung Vaters Stelle zu „ vertreten: wenn wir ſein guͤtiges Anerbieten „ nicht deswegen von uns abgelehnet haͤtten, da - „ mit wir ein oͤffentliches Hochzeitfeſt vermeiden „ moͤchten. Denn dazu wollte ſeine geliebte Ba - „ ſe ſich nimmermehr entſchließen, ſo lange ſie bey „ ihren Freunden in Ungnade ſtuͤnde ‒ ‒ Sollte „ er es aber nicht fuͤr gut befinden, uns dieſe Eh - „ re zu erweiſen: ſo wuͤnſchte ich, daß der Capi - „ tain Tomlinſon die zuverlaͤßige Perſon ſeynB 5„ moͤchte,26„ moͤchte, die er bey dieſer gluͤcklichen Gelegenheit „ zugegen ſeyn laſſen wollte. “
Jch zeigte dieſen Brief meiner Schoͤnen. Sie war nicht uͤbel damit zufrieden. So ſiehſt du wohl, Bruder, daß wir nun mit der Eheſtif - tung und dem Trauſcheine nicht zu geſchwinde eilen koͤnnen. Der Vollziehungstag iſt der ih - rem Onkel oder vielleicht dem Capitain Tom - linſon beliebige Tag: wie es die Gelegenheit am beſten geben wird. Den Abſichten der Fraͤu - lein Howe mit der Zollbetriegerinn iſt nun auf alle Faͤlle gewiß vorgebeuget.
Doch, ich will dich nicht zum voraus von al - len denen Vortheilen, die wir von dieſen meinen geſchmiedeten und wohl uͤberdachten Raͤnken zu - wachſen moͤgen, urtheilen laſſen. Warum wol - len mich dieſe Maͤdchen auf meine Meiſterſtrei - che bringen?
Nun kommt es auf eine kleine Mine an, die ich im Begriff bin ſpringen zu laſſen: die erſte, und auf den Fuß, wie ich ſtehe, bald ſchluͤßig, bald reuevoll, vielleicht auch die letzte.
Jch nenne es nur eine kleine Mine. Allein ſie kann vielleicht große Wirkung thun. Es ſey, wie es wolle, ſo will ich es doch auf den Erfolg hievon nicht ſchlechterdings ankommen laſſen. Jch habe noch mehrere, die weit ſicherer ihre Wirkung thun, in Bereitſchaft. Und gleichwohl werden oft große Maſchinen durch kleine Trieb - federn beweget. Ein kleiner Funke, der von ohn -gefaͤhr27gefaͤhr in ein Pulvermagazin gefallen iſt, hat bisweilen mehr ausgerichtet, als hundert Ca - nonen.
Wenn es auch noch ſo arg geht: ſo muß die Hochzeitsfackel und eine weiſſe Schuͤrze meine amende honorable, wie die Franzoſen ſa - gen, oder meine ehrliche Strafe ſeyn.
So wenig ich auch bisher durch meine Vor - ſtellungen bey dir ausgerichtet habe, ſo kann ich es doch nicht uͤbers Herze bringen, daß ich zum Beſten dieſes wundernswuͤrdigen Frauen - zimmers nicht noch einmal mehr ſchreiben ſollte. Und gleichwohl bin ich ſelbſt nicht im Stande, von dem Eifer, der mich ihre Partey ſo ernſt - lich und aufrichtig zu nehmen antreibt, Grund zu geben.
Allein du erkenneſt ihren ganzen Werth. Du geſteheſt deine eigne Unart und ruͤhmeſt dich ſo gar damit. Was iſt denn fuͤr Hoffnung uͤbrig, einen ſo verſtockten Menſchen zu bewegen? ‒ ‒ Jedoch es iſt noch nicht zu ſpaͤt und du biſt itzo unter ſolchen Umſtaͤnden, die von deinem kuͤnfti - gen Zuſtande den Ausſchlag geben werden. Des -wegen28wegen hab ich mich entſchloſſen, zu verſuchen, was noch ein Brief ausrichten duͤrſte. Wirkt er nichts gutes: ſo iſt doch nur mein Schreiben ver - lohren. Willſt du mich aber etwas uͤber dich vermoͤgen laſſen: ſo weiß ich, du wirſt mich nach dieſem uͤberfluͤßig berechtiget achten, Dank von dir zu fordern.
Weitlaͤuftige Beweiſe zu fuͤhren, wuͤrde bey dir eine Thorheit ſeyn. Die Sache erfordert es auch nicht. Jch will dich alſo nur auf das in - ſtaͤndigſte bitten, daß du doch einen ſolchen Aus - bund von tugendhaften Frauenzimmern nicht der Belohnung ihrer wachſamen Tugend verluſtig machen wolleſt.
Jch glaube, es ſind niemals ſo arge Frey - geiſter in Anſehung der Lebensart geweſen, die nicht den Vorſatz gehabt haben ſollten, in einem oder dem andern kuͤnftigen Zeitlauf ihres Lebens auf Beſſerung zu gedenken. Erlaube mir denn, dich zu bitten, daß du bey dieſer wichtigen Sa - che deine zukuͤnftige Buße dir ſo leicht machen moͤgeſt, als du etwa einige Zeit hernach gethan zu haben wuͤnſchen duͤrfteſt. Wenn du nach dei - nen Anſchlaͤgen fortgeheſt: ſo zweifle ich gar nicht, die Sache wird auf eine oder die andre Wei - ſe ein trauriges Ende nehmen. Es muß noth - wendig ſo ſeyn. Ein ſolches Frauenzimmer muß Gott und Menſchen auf ihrer Seite haben. Was ich aber am meiſten beſorge, iſt dieß, daß ſie, vor Herzeleid uͤber die an ihr veruͤbte Schande, mit eigner Hand, als eine andere Lucretia, dieReinig -29Reinigkeit ihres Herzens außer Zweifel ſetzen, oder, wenn ihre Froͤmmigkeit ſie vor einem ſo ge - waltſamen Tode bewahret, der nagende Kummer ihren Tagen bald ein Ziel ſetzen werde. Und wuͤr - de nicht in einem jeden von dieſen Faͤllen das An - denken deiner ewigen Schuld, und deines ver - gaͤnglichen, kurzen Sieges, eine Quaal uͤber alle Quaal fuͤr dich ſeyn?
Es iſt in der That doch eine recht betruͤbte Sache, daß ein ſo artiges Frauenzimmer in ſo unartige und gewiſſenloſe Haͤnde fallen muͤſſen. Denn du haſt von deiner Wiegen an, wie ich dich ſelbſt habe geſtehen hoͤren, ein Vergnuͤgen daran gefunden, allezeit dasjenige Thier, das du liebteſt und woruͤber du Gewalt hatteſt, es mochte Vo - gel oder ſonſt ein Thier ſeyn, durch dein Spiel zu beunruhigen und zu quaͤlen.
Was hat es fuͤr eine verſchiedne Bewandniß mit dieſem liebenswuͤrdigen Frauenzimmer und allen andern Weibsperſonen, die du jemals ver - fuͤhret haſt! Jch darf dir nicht den Unterſchied, der allen in die Augen faͤllt, zu Gemuͤthe fuͤhren. Darauf habe ich nicht noͤthig zu beſtehen. Es iſt genug, daß Gerechtigkeit, Dankbarkeit, dein eigner Vortheil, deine Geluͤbde, alle dich verbin - den, und du ſie gewiß, ſo weit du zu lieben im Stande biſt, uͤber alle andre von ihrem Geſchlech - te liebeſt. Es iſt genug, daß ſie nicht durch Liſt auf Abwege zu bringen ſtehet, nicht verleitet wer - den kann, durch Leichtglaubigkeit oder Mangel an Verſtand und Ueberlegung ihr Leiden zu verdie -nen;30nen; welches bey einem ſo feinen Verſtande, als ſie beſitzet, ihr in ihrem Ungluͤcke eine neue herzna - gende Betrachtung ſeyn wird. Und doch iſt der Streit zwiſchen euch ſehr ungleich, wie er zwi - ſchen der bloßen Unſchuld und einer bewaffneten Bosheit ſeyn muß. Denn in einem jeden an - dern Stuͤcke uͤbertreffen ihre Gaben die deinigen ſehr weit. Das geſtehſt du ſelbſt ‒ ‒ Wie un - ertraͤglich wird ihr Schickſal ſeyn: wofern du nicht endlich durch deine wiederhohlten Gewiſ - ſensbiſſe uͤberwunden wirſt!
Zuerſt, als ich die Erlaubniß hatte, ſie zu ſe - hen, ehe ich ihr beſonderes und ruͤhrendes We - ſen bemerkte, ehe ich ſie ſprechen hoͤrte, vermuthe - te ich in der That, daß ſie eben keinen ſo außeror - dentlichen Verſtand beſaͤße, womit ſie groß thun duͤrfte. Denn ich dachte, ich ließe ihr ſchon voll - kommen Gerechtigkeit widerfahren, wenn ich ihre bluͤhende Jugend, die Liebenswuͤrdigkeit ihrer Perſon, und die ungezwungne Art ſich zu putzen, worauf ſie meiner Meynung nach die Haͤlfte ih - rer Zeit und Bemuͤhung verwandt haben muͤßte, fuͤr lobenswuͤrdig erkennete. Und gleichwohl war ich ſchon von dir vorbereitet, daß ich mir von ih - rer Einſicht und Beleſenheit ſehr hohe Gedan - ken machen ſollte. Allein ihre Entſchließung, ſich mit einem ſo luſtigen Bruder auf ſo wagli - che Bedingungen einzulaſſen, dachte ich, iſt ein ſicherer Beweis, daß es ihrem Verſtande noch an derjenigen Reife fehlet, die nur Jahre und Erfahrung zuwege bringen. Jhr Erkennt -niß,31niß, ſchloß ich bey mir ſelbſt, muß alles auf bloße Betrachtungen ankommen, und noch nicht zur Ausuͤbung gebracht ſeyn. Die Gefaͤlligkeit, welche allemal mit einem ſo bluͤhenden und mun - tern Alter verbunden iſt, wird ein ſo unerfahrnes Frauenzimmer wenigſtens abhalten, ſich uͤber freye Reden, woraus die gegenwaͤrtigen Perſo - nen von ihrem Geſchlechte und einige von unſerm, die ſo gelehrt, ſo wohl beleſen und wohl gereiſet ſind, ſich kein Verbrechen machen, misvergnuͤgt zu bezeigen.
Jn dieſem Wahne verſuchte ich mein Heil. Weil ich in meinen Gedanken vor der ganzen Ge - ſellſchaft, dich ausgenommen, den Vorzug hatte, und in ihren Augen gern fuͤr einen recht verſchla - genen Kopf angeſehen ſeyn wollte: ſo dacht ich, ich ließe mich recht ſehen, wenn ich etwas alber - nes ſagte, das mehr Klang, als Verſtand, hatte. Und wenn ich einen thoͤrichten Spaß machte, woruͤber deine Sinclair und die ſcheinbare Par - tington lachen mußte, die Fraͤulein Harlowe aber nicht einmal laͤchelte: ſo ſchrieb ich das entwe - der ihrer Jugend, oder einem gezwungenen We - ſen, oder einer Miſchung von beyden, vielleicht auch einer groͤßern Gewalt uͤber ihre Mienen und Gebeerden zu. ‒ ‒ Es traͤumte mir nichts weni - ger, als daß ich mir die ganze Zeit uͤber ihre Ver - achtung zuziehen ſollte.
Allein wie geſagt, ſo bald ich ſie ſprechen hoͤr - te; und das geſchahe nicht eher, als bis ſie uns alle von Grunde aus erforſchet hatte; ſo bald ichihre32ihre Meynung uͤber zwey oder drey Stuͤcke ver - nahm und auf das forſchende Auge, das bis in die innerſten Zellen unſers aufgeblaſenen Gehirns ſchoß, Achtung gab: ſo mußte ich bey meiner Treue in mich gehen. Jch fing an zu mir ſelbſt zu kommen und mich vor allem, was ich zuvor geredet hatte, zu ſchaͤmen. Kurz, ich entſchloß mich, ſtille zu ſitzen, bis alle herum geſchwatzt haͤtten, damit ich meine Thorheit im Zaume hal - ten moͤchte. Hierauf brachte ich die Dinge auf die Bahn, woruͤber ſie ſich einlaſſen konnte, und auch zu ſo vieler Verwirrung und Beſtuͤrzung eines jeden von uns wirklich einließ. Denn bey dir ſelbſt, Lovelace, war es ſtockfinſter, und du mußteſt eben ſo wohl, als wir, in dich gehen: ſo angeſehen dich auch ſonſt dein ſeiner Witz, deine Geſchwindigkeit alles zu beantworten, und deine Fertigkeit andere aufzuziehen, woran ſich alle, die mit dir umgehen, vergnuͤgen, laͤngſt gemachet haben.
Jch will dich nur an ein einziges Beyſpiel hievon erinnern. Wir ſchwatzten einmal uͤber das andere von Witz und Verſtand. Wir ſuchten alle damit zu prangen. Wir ſpielten da - mit, als mit einem Balle, den wir uns einan - der zuwarfen und zuletzt vorzuͤglich dir uͤberließen. Denn du haſt dich allezeit mit dieſer Geſchicklich - keit groß genug gemacht. Damals ſuchteſt du es noch mehr, als ſonſt, zu thun: weil du uns, ſo viel ich weiß, nur darum verſammlet hatteſt, daß du der Fraͤulein deine Vorzuͤge vor uns, unduns33uns deinen Sieg uͤber ſie zeigen moͤchteſt. Hier - auf ſagte Tourville, der ſich allemal mit dem Witz aus der andern Hand, mit dem Witz aus dem Gedaͤchtniſſe, mit fremden Witze begnuͤgen laͤſſet, einige gebundne Zeilen her, die ſich zu der Sache ſchickten. Zween von uns gaben ihren Beyfall daruͤber zu erkennen; ob ſie gleich voll Zweydeu - tigkeit waren. Du wandteſt dich zu der Fraͤu - lein, weil du ihr ernſthaftes Geſicht bey einer Stelle von dieſen Zeilen bemerkteſt, und bateſt, daß ſie uns ihre Gedanken, von dem Witze eroͤff - nen moͤchte: einer Eigenſchaft, ſagteſt du, die ein jeder ſchaͤtzte, er moͤchte ſie nun an ſich, oder an andern wahrnehmen.
Den Augenblick zog ſie alle unſre Aufmerk - ſamkeit auf ſich. Es waͤre eine Eigenſchaft, ſprach ſie, wovon viel geſchwatzet, aber, wie ſie glaubte, ſehr wenig verſtanden wuͤrde. Wenig - ſtens muͤßte ſie geſtehen, wenn ſie alſo frey ſeyn duͤrfte, ihr Urtheil nach dem, was in der gegen - waͤrtigen Geſellſchaft vorgefallen, davon zu faͤllen, daß Witz und Verſtand bey Mannsperſonen et - was anderes und bey Frauenzimmern wiederum ganz etwas anders waͤre.
Dieß ſetzte uns alle in Verwirrung ‒ ‒ Wie ſahen unſre Weibsbilder auf! Wie zogen ſie den Mund wieder ein, den kurz vorher ein freyes La - chen uͤber die hergeſagten Zeilen aus den Falten gebracht hatte! Wie wir an ihren Blicken merk - ten: ſo hatten ſie dieſelben ſehr wohl verſtanden. Unterdeſſen erſuchte ich die Fraͤulein, uns zu un -Fuͤnfter Theil. Cſerer34ſerer Belehrung wiſſen zu laſſen, was Verſtand und Witz bey den Frauenzimmern hieße: denn ich waͤre verſichert, daß es eben das bey Manns - perſonen ſeyn muͤßte.
Cowley, verſetzte ſie, haͤtte ihn verneinungs - weiſe gar artig erklaͤret.
Du bateſt, ſie moͤchte uns ſeine Erklaͤrung wiederholen.
Sie that es, und zwar mit einer ſo reizenden Fertigkeit, mit einem ſo ſchoͤnen und geſchickten Tone, daß wohl ein ſchlechtes Gedichte dadurch anmuthsvoll geworden waͤre.
Hier brach ſie ab, und ſahe auf uns alle um ſich herum, wie es mir vorkam, mit der Ueber - zeugung von ihrem Vorzuge. O Himmel, wie ſtarre ſahen wir! Du verſuchteſt inzwiſchen, uns deine Erklaͤrung von dem Witze zu geben, damit du nur etwas zu ſagen und nicht das Anſehn ha -ben35ben moͤchteſt, als wenn du ſo beſtuͤrzt geworden waͤreſt, daß du nichts als ein beſcheidnes Still - ſchweigen aͤußern koͤnnteſt.
Allein ſie berief ſich zu einer ausdruͤcklichern Entſcheidung auf eben den Schriftſteller, gleich als wenn ſie dir in der Sache nicht zu trauen gedaͤchte, und ſprach dieſelbe mit eben der wohl - klingenden Stimme, mit eben dem anmuthigen Tone ſehr nachdruͤcklich aus:
Wenn du dich auf dieſen Theil der Unterre - dung wieder beſinneſt; wenn du dich erinnerſt, wie wir als Narren einander anſahen; wenn du gedenkeſt, wie ſehr wir außer uns und in Furcht vor ihr geſetzet wurden, als wir befunden, daß uns in unſerm Umgange eben diejenige Art zu denken und zu handeln gaͤnzlich abgeſprochen ſey, welche wir nach unſerer Eitelkeit uns ſo zuver - ſichtlich zugeeignet hatten; wenn du dir endlich dieſ〈…〉〈…〉 Angedenken gehoͤrig zu Nutze macheſt: ſo wirſt du meiner Meynung ſeyn, daß bey der Bos - heit nicht ſo viel Witz iſt, als wir uns dabey zu ſehen geſchmeichelt haben.
Jn der That habe ich beſtaͤndig ſeit dieſer ge - habten Unterredung dafuͤr gehalten, daß der WitzC 2aller36aller liederlichen und ausſchweifend freyer Leute, mit denen ich jemals umgegangen bin, von dem anſehnlichen Raͤnkeſchmieder Lovelace an bis auf den kleinen Haͤnschen Hartop, den Hurenjaͤger, groͤßtentheils darinn beſtehe, ſchaͤmenswuͤrdige und anſtoͤßige Dinge mit einer ſolchen Dreiſtig - keit herauszuſagen, daß beſcheidne Leute davor erroͤthen, unverſchaͤmte daruͤber lachen und uner - fahrne dabey ſtarre ſehen.
Du denkeſt wohl, warum ich doch dieſe Dinge ſo zur Unzeit, wie es ſcheinen moͤchte, beruͤhre? Jch will es dir ſagen. Jch thue es bloß, um nur ein Beyſpiel unter vielen, die mir eben dieſe Abendge - ſellſchaftan die Hand geben koͤnnte, von dem Vorzu - ge dieſer Fraͤulein in ſolchen Gaben, welche die Na - tur adelten und ihr Geſchlecht verehrungswuͤrdig machen, anzufuͤhren. Den Vorzug mußte nicht allein ein jeder von uns, die den Anſtoß gaben, ſondern auch die ſchlaue Partington und die nicht ſo feine, aber trefflich heuchelnde Sinclair voll - kommen einſehen. Alle ſahen ihn ja uͤberzeu - gend in dem ſtrafenden Auge, in der uns nieder - ſchlagenden Roͤthe, welche mit eben ſo viel Mis - vergnuͤgen als Beſcheidenheit vermenget war. Und bisweilen, wie es die Gelegenheit erforder - te, da einige von uns ſo verhaͤrtet waren, daß ſie einen feinen Verweis nicht empfinden konnten, zeigte er ſich auch offenbar in der großmuͤthigen Verachtung, die mit einer gewiſſen Art eines ge - ringſchaͤtzenden Mitleidens vermiſchet war. Aus dieſem ließ ſich zugleich ſowohl ihr eigner Werthund37und die Ueberzeugung von demſelben, als unſere ſchaͤndliche Unwuͤrdigkeit erblicken.
O Lovelace! wie groß war damals ſelbſt in meinen Augen und wie groß iſt noch bey wieder - holter Ueberlegung der Sieg einer aͤchten Beſchei - denheit, eines aͤchten Witzes, einer aͤchten Hoͤflich - keit uͤber aufgeblaſenen Scherz, lachende Unver - ſchaͤmtheit und eine ſelbſt in den Augen der ſchul - digen ſo ſchaͤmenswuͤrdige Unflaͤtherey, daß ſie nicht anders als mit zweydeutigen Worten dar - auf weiſen moͤgen.
Alle ihre Beſtrafungen, wie du auch einmal bemerket haſt, entdeckte ſie durch ihr Auge. Sie that es aber nicht auf eine ſo armſelige Weiſe, wie es der gemeine Haufe von ihrem Geſchlechte zu thun pflegte. Sie nahm nicht etwa eine uͤber - triebene Einfalt an, als wenn ſie den Verſtand der Worte, die offenbar keiner Erklaͤrung bedurf - ten, nicht einſaͤhe. Nein, ihr Auge ließ ſo viele Empfindlichkeit blicken, daß es einer jeden unver - ſchaͤmten Perſon, die ſich zu lachen unterſtand, das Aergerniß deutlich vorhielte, welches einem reinen Herzen gegeben und von dieſem gefuͤhlet worden; einem Herzen, daß ſich nur unwiſſend auf ſeinem Wege verirret haͤtte, da es in eine ſol - che Geſellſchaft gerathen waͤre.
So iſt das Frauenzimmer, ſo iſt der Engel beſchaffen, den du mit Liſt in deine Gewalt gezo - gen haſt, den du zu betriegen und ins Ungluͤck zu ſtuͤrzen gedenkeſt. ‒ ‒ O die liebenswuͤrdige Schoͤne. Wuͤßte ſie nur, das dachte ich damalsC 3ſo -38ſowohl, als ich es itzo denke, wie ſie umringet iſt und was ihr zugedacht wird: wie viel lieber wuͤrde ſie den Tod ſuchen, als ſich ſo traurigen Umſtaͤnden uͤberlaſſen! Und wie kraͤſtig wuͤrde ihre Geſchichte, wenn ſie uͤberall bekannt waͤre, das ganze ſchoͤne Geſch lecht warnen, ſich niemals in unſere Gewalt zu geben, unſere Geluͤbde, Eidſchwuͤre und Betheurungen moͤgen ſo groß ſeyn als ſie wollen.
Allein laß mich noch einmal dich bitten, mein lieber Lovelace, wo du noch einige Achtung fuͤr deine Ehre, fuͤr die Ehre deiner Familie, fuͤr dei - ne kuͤnftige Ruhe oder auch fuͤr meine gute Mey - nung von dir traͤgeſt: wiewohl ich nicht das An - ſehen haben will, als wenn ich vielmehr durch Gruͤnde hiezu angetrieben wuͤrde, als durch den blendenden Glanz der großen Verdienſte deiner Geliebten, welcher dich billig noch mehr einneh - men ſollte. Laß mich noch einmal dich bitten, daß mein Wort etwas bey dir gelten moͤge, daß du nur ‒ ‒ daß du nur menſchlich ſeyn wolleſt, das iſt alles ‒ ‒ Nur dieß einzige, daß du die Menſchlichkeit, die wir mit einander gemein haben, nicht zu ſchanden machen wolleſt.
Jch weiß gewiß, ſo verhaͤrtet du auch ſeyn magſt, daß es bloß das verruchte Volk im Hauſe iſt, das dich zu einer widrigen Entſchließung ge - gen die Fraͤulein aufhetzet. O daß ſich doch die ſcharfſinnige Schoͤne, bey ſo vieler unſchuldigen Liebe in ihrem Herzen, nicht ſo eilfertig entſchloſ - ſen haͤtte, dieſe Weibsperſonen von ihrer Geſell - ſchaft entfernt zu halten! ‒ Daß ſie doch als eineKoſt -39Koſtgaͤngerinn oͤfterer mit ihnen zu Tiſche geweſen waͤre! So einen guten Schein ſie auch anzuneh - men wiſſen: ſo wuͤrde ſie dieſelben doch in einer Woche durch und durch kennen gelernet haben. Sie haͤtten nicht allemal ſo auf ihrer Huth ſeyn koͤnnen, als ſie nun geweſen ſind, da ſie nur ſelten mit ihr umgegangen und niemals anders, als wenn ſie ſich vorbereitet hatten, in ihrer Geſell - ſchaft zu ſeyn. Die Fraͤulein wuͤrde alsdenn ge - wiß ihr Haus, als einen von der Peſt angeſteck - ten Ort, zu fliehen geſucht haben. Jedoch viel - leicht haͤtte dieſe Entdeckung ihr Ungluͤck bey ei - nem Menſchen, der ſo feſt entſchloſſen iſt, alles zu unternehmen, nur noch beſchleuniget.
Jch weiß, daß du in deiner Liebe ekel biſt. Aber giebt es denn nicht hundert Frauenzimmer, die nicht eben auf das aͤußerſte gebracht ſind und doch bloß aus perſoͤnlichen Abſichten ſich von Herzen gern mit dir einlaſſen wuͤrden? Willſt du dein Spiel mit den Grundſaͤtzen keuſcher Tu - gend treiben: ſo treibe es bey ſolchen Perſonen von dem andern Geſchlechte, welche ſie fuͤr ein Spielwerk anſehen, raube aber einen Engel nicht diejenige Reinigkeit, welche in ihren Gedanken den Unterſchied zwiſchen engliſchen und thieriſchen Eigenſchaften ausmachet.
Wenn man die Leidenſchaft ſelbſt anſieht: ſo ſind ſowohl Manns-als Weibsperſonen allezeit deſto wolluͤſtiger, je weniger ſie von einer Seele haben. Du, Lovelace, haſt eine Seele, ob ſie gleich verderbt iſt, und richteſt deine Aufmerkſamkeit,C 4wie40wie du dich ſelbſt ruͤhmeſt, mehr auf die vor - laͤuſige Kriegesliſt, als auf den Zweck des Sieges.
Sehen wir nicht dieſen natuͤrlichen Trieb an einfaͤltigen Kloͤtzen und verruͤckten Koͤpfen? ‒ Die Neigung an ſich iſt ganz koͤrperlich. Und wenn wir am meiſten Thoren und verruͤckt ſind, denn laufen wir derſelben am hitzigſten nach. Bedenke, was fuͤr Narren dieſe Leidenſchaft aus den weiſeſten Leuten mache! Was fuͤr alberne Troͤpfe, was fuͤr eingenommene Traͤumer! wenn ſie ſich von derſelben hinreiſſen laſſen. ‒ ‒ Es iſt eine unbeſtaͤndige Leidenſchaft. Denn wofern wir ſie Liebe nennen muͤſſen; weil wir uns ihres eigentlichen Namens ſchaͤmen: ſo iſt eine be - guͤnſtigte Liebe ja ſchon eine befriedigte Lie - be; eine befriedigte Liebe aber iſt der erſte Schritt zur Gleichguͤltigkeit. Und ſo iſt es ſelbſt unter denen Umſtaͤnden, wo eine freye Ein - willigung an der einen Seite die Verbindlichkeit an der andern vermehret. Was kann denn wohl anders, als ein unruhiges Gewiſſen, auf eine gewaltſame Kraͤnkung der Ehre eines Frau - enzimmers erfolgen?
Suchen nicht ſo gar keuſche Verliebte bey ihren vorlaͤufigen Liebesbezeigungen allein zu ſeyn? Schaͤmen ſie ſich nicht auch nur ein Kind zum Zeugen ihrer thoͤrichten Handlungen und noch thoͤrichtern Ausdruͤckungen zu haben? ‒ ‒ Muß dieſe vergoͤtterte Leidenſchaft in ihrer groͤß - ten Hoͤhe nicht das Licht ſcheuen? ‒ ‒ Gehn nichtdie41die Verliebten, wenn ſie unter ſich einig geworden ſind, allein an verborgne Oerter und ins Finſtre, ihre Wuͤnſche zu erfuͤllen? Soll denn einer ſo ver - ſtohlnen Leidenſchaft, als dieſe iſt, die ſo leicht durch ſchlechtere Perſonen zu befriedigen ſteht, erlaubt ſeyn, die edelſte zu erniedrigen?
Der Aufſchub deines ehrloſen Vorhabens iſt gewiß der Ehrfurcht, welche ihre majeſtaͤtiſche Tugend dir eingefloͤßet hat, mehr zuzuſchreiben, als deinem Mangel an Geſchicklichkeit in loſen Raͤnken. Jch muß in dieſem Stuͤcke frey mei - ne Gedanken ſagen: denn habe ich dieſen Engel nicht ſelbſt geſehen? Sonſt wuͤrde ich einige von deinen Anſchlaͤgen und Vorwendungen, den ge - wuͤnſchten Tag zu verſchieben, als gemein, ver - legen und in meinen Augen, da ich deine Abſicht weiß, recht armſelig, tadeln. Jch wuͤrde ur - theilen, daß du allzu oft deine Zuflucht dazu ge - nommen, weil nichts heraus kommt, dich damit ruͤhmen zu duͤrfen. Das wuͤrde ich ſonderlich von dem Einſalle mit dem Mennell, den grillenſiechen Weibe und dem vollkommen eingerichteten Hau - ſe denken.
Sie muß ſelbſt bisweilen ſo gedacht, und dich deswegen in ihrem Herzen verachtet haben: oder ſie muß dich, ſo undankbar du biſt, zu ihrem Ungluͤcke lieben und wider alle Wahrſcheinlichkeit ihre Hoffnung unterhalten. Allein eben dieß wuͤr - de dem andern Geſchlechte eine neue Warnung ge - ben: wenn es ihre Geſchichte erfahren ſollte. Die Schoͤnen koͤnnten daraus lernen, mit wasC 5fuͤr42fuͤr elenden Vorwendungen ſie ſich befriedigen laſſen muͤſſen: wenn ſie ſich einmal der Gewalt eines von Anſchlaͤgen ſchwangeren Kopfes uͤber - laſſen haben.
Haͤtteſt du bloß die Abſicht, ſie auf die Probe zu ſtellen; wie du einſtens vorgabeſt(*)S. Th. III. Brief XVII. : ſo haſt du wahrlich dieſes Muſter der Tugend und Wach - ſamkeit genug gepruͤfet. Aber ich kannte dich zu gut, daß ich mir damals haͤtte vorſtellen ſollen, du wuͤrdeſt dabey ſtehen bleiben. Wenn Leute von unſerm Schlage erſt einmal auf irgend eine Perſon von dem ſchoͤnen Geſchlechte ihr Abſehen richten: ſo ſetzen ſie ihren Abſichten keine andre Grenzen, als die ihnen der Mangel an Vermoͤ - gen vorſchreibet. Jch wußte ſchon voraus, daß wenn du erſt einen Vortheil gewonnen haͤtteſt, du immer weiter gehen und einen neuen ſuchen wuͤrdeſt. Jch kannte deinen ſchon eingewurzel - ten Abſcheu vor dem Heyrathen nur gar zu gut. Und du geſteheſt ja in eben dem Briefe, in wel - chem du vorgiebſt, deine Hauptabſicht ſey nur ſie auf die Probe zu ſtellen, daß du dir Hoffnung ma - cheſt, ſie zum Beyſchlafe zu bewegen.
Allein uͤberzeugen dich nicht ſo gar deine eigne oͤftern Gewiſſensbiſſe, die dich wider deinen Wil - len uͤberfallen, ſelbſt wenn Zeit, Ort, Geſellſchaft und alle andre Umſtaͤnde dir zu deinem boͤſen Vorhaben guͤnſtig ſind, daß eine ſo eingebildete Hoffnung hier nicht Platz finden koͤnne? ‒ ‒ Warum willſt du denn, da du ſie doch lieber hey -rathen43rathen als fahren laſſen wollteſt, dir einen ewigen Haß von ihr zuziehen?
Wenn du aber unternehmen magſt, ſie fuͤr deine und ihre Perſon auf die Probe zu ſtellen, und in deiner Entſchließung, ſie nach ihrem Ver - halten bey derſelben zu belohnen, aufrichtig biſt: ſo bitte ich dich, ſie aus dieſem liederlichen Hauſe wegzunehmen. Das wird ihr und dein Gewiſ - ſen von allem Zwange befreyen. Dieß ange - nehme und betrogne Muſter der Vollkommenhei - ten verlaͤßt ſich nunmehr ſo feſt auf ihre vermeyn - te bald gluͤcklichere Umſtaͤnde, daß du nicht be - ſorgen darfſt, ſie moͤchte dir entfliehen oder zu dem Anſchlage der Fraͤulein Howe, der dich, wie du es nenneſt, auf deine Meiſterſtreiche bringet, ihre Zuflucht nehmen wollen.
Du magſt aber in dieſem Stuͤcke beſchloſſen haben, was du willſt; wenn ich etwa zu ſpaͤt ſchreibe und du ſchon wirklich die Masque abge - zogen haſt: ſo gehe doch in deinen Raͤnken nicht ſo weit, wofern du dir nicht von einem jeden im Herzen fluchen laſſen, und nach dieſem den Fluch deines eignen Herzens vermeiden willſt, daß du ſie, auch nur eine einzige Stunde, wenn ihr Un - willen gleich noch ſo groß ſeyn moͤchte, der Ge - walt des ehrloſen Weibes im Hauſe uͤbergeben ſollteſt. Denn dieſe hat, wofern es nur moͤglich iſt, noch weniger Gewiſſen als du ſelbſt, und treibt ja ihre Handthierung bloß damit, daß ſie den Widerſtand guter Gemuͤther uͤberwaͤltiget, und Herzen, die im Boͤſen ungeuͤbt ſind, aͤußerſtver -44verderbet ‒ ‒ O Lovelace, Lovelace, wie viele ſchreckliche Begebenheiten koͤnnte dieß ſcheusliche Weib dem ſchoͤnen Geſchlechte erzaͤhlen! Soll denn die Geſchichte der Fraͤulein Clariſſa Harlo - we die lange Reihe dieſer Suͤnden noch ver - mehren?
Jedoch dieſes haͤtte ich wohl ſparen koͤnnen. So ein arger Teufel du auch ſeyn magſt: ſo kannſt du doch ſo weit nimmermehr gehen. Du wuͤrdeſt einen Sieg, der ſo wohl deinem Stolze als der Menſchheit zu ſo großer Schande gereich - te, nicht ertragen koͤnnen.
Sollteſt du etwa gedenken, daß der traurige Anblick, den ich itzo ſtuͤndlich vor mir habe, mich ernſthafter gemacht habe, als ich ſonſt zu ſeyn pflegte: ſo wirſt du dich vielleicht darinn nicht irren. Allein es laͤßt ſich hieraus nichts weiter ſchließen, wenn ich auch meine vorige Lebensart wieder anfangen ſollte, als daß wir ohne Zweifel, wo wir noch zu denken im Stande ſind und Zeit dazu haben, auf eben die Art denken werden, ſo bald die Zeit zu gelaſſener Ueberlegung einfaͤllt, es mag nun durch unſre eigne oder durch anderer Ungluͤcksfaͤlle geſchehen.
Wir ſind nicht ſolche Narren, keiner von uns beyden, daß wir ein kuͤnftiges Leben in Zweifel ziehen, oder in den Gedanken ſtehen ſollten, als wenn wir durch einen blinden Zufall und zu kei - nem andern Ende, als alles das Boͤſe zu thun, das wir nur thun koͤnnen, in die Welt gekommen waͤren: unſre Lebensart mag auch beſchaffen ſeyn,wie45wie ſie will. Jch ſchaͤme mich nicht zu geſtehen, daß ich bey denen Gebetern, die ich meinem ar - men Onkel in der Abweſenheit eines ſehr guten Geiſtlichen, der ihn ordentlich beſucht, vorleſen muß, nicht vergeſſe, ein oder ein paar Worte fuͤr mich ſelbſt einfließen zu laſſen.
Lacheſt du uͤber mich, Lovelace: ſo wird dein Gelaͤchter mehr deinen Handlungen, als dem, was du glaubeſt, gemaͤß ſeyn. Die Teufel glauben und zittern. Kannſt du verruchter ſeyn, als dieſe ſind?
Jch muß hier noch bey der Gelegenheit, da ich meines armen Alten gedenke, hinzufuͤgen, daß ich oft wuͤnſche, du moͤchteſt nur eine halbe Stun - de des Tages gegenwaͤrtig ſeyn, damit du ſehen moͤchteſt, wie endlich die Hefen von einem luſti - gen Leben in der ſchmerzlichſten Marter, welche die Kolik, der Stein, und der kalte Brand zu - gleich verurſachen koͤnnen, verlaufen muͤſſen; da - mit du hoͤren moͤchteſt, wie er in der bitterſten Angſt eines Geiſtes, der alle Stunden auf den Ruf zu ſeiner letzten Rechenſchaft wartet, die Leichtfertigkeit in ſeinem vergangenen Leben be - weinet ‒ ‒ Gleichwohl hat er ſich, bey allen ſei - nen Bekenntniſſen, in Verlauf von ſieben und ſechzig Lebensjahren nicht die Haͤlfte von den recht ſchaͤndlichen Ausſchweifungen vorzuhalten, die wir, du und ich, allein in den letzten ſieben Jahren begangen haben.
Schluͤßlich46Schluͤßlich empfehle ich dir alles, was ich geſchrieben habe, zu ernſtlicher Ueberlegung. Es reden dabey Herz und Seele
deines wahren Freundes Joh. Belford.
Es ſind noch immer Schwierigkeiten zur Er - langung des verdrießlichen Trauſcheins zu uͤberſteigen. Jch habe allezeit dieſe geiſtlichen Richter und ihr Gericht gehaſſet, und werde ſie auch allezeit haſſen.
Nun, Bruder, habe ich, wo nicht einen ge - wiſſen Sieg, doch eine ſichere Zuflucht.
Aber halt ‒ ‒ Dein Bedienter mit einem Briefe ‒ ‒
Es iſt ein erſchrecklich langer Brief und doch nicht von Neuigkeiten ‒ ‒ Noch einmal zum Beſten der Fraͤulein ‒ Da liege, daß du ſchwarz wirſt, albernes Gewaͤſche! Was kannſt du ſchrei - ben, das bey dieſen entſcheidenden Umſtaͤnden et - was uͤber mich vermoͤge? ‒ Und habe ich dich nicht ſelbſt, ſo wie ich von Schritt zu Schrittfort -47fortgegangen bin, in den Stand geſetzt, alles zu ſa - gen, was fuͤr dich zu ſagen noͤthig geweſen iſt?
Jedoch noch einmal will ich es mit dir auf - nehmen.
Gemein, verlegen, armſelig, ſagſt du, ſind einige von meinen erſonnenen Anſchlaͤgen; ſonderlich der mit der Witwe ‒ Mir vergeht die Geduld mit dir ‒ Hatte dieſer Einfall zu der Zeit nicht ſeine Wirkung, mir Aufſchub zu ver - ſchaffen? Und hatte ich damals nicht Urſache zu fuͤrchten, daß ſie genug finden wuͤrde, wodurch ihr dieß Haus zuwider ſeyn koͤnnte? War es bey der Abſicht, die ich hatte, nicht recht, ſie von Zeit zu Zeit in den Gedanken zu erhalten, daß bald ein eignes Haus fuͤr ſie bereit ſeyn wuͤrde, damit ſie ſich bereden ließe, hier ſo lange zu bleiben?
Gemein, verlegen, armſelig! ‒ ‒ Du biſt ein ſchlechter Bruder und kein Richter, wenn du dieß ſagſt. Haͤtte ich dir nicht als ein Einfalts - pinſel, ſo wie ich von Schritt zu Schritt fortge - gangen bin, die geheimen Abſichten meines Her - zens entdecket, ſondern alles bey mir behalten, bis der Ausgang meine Geheimniſſe ans Licht gebracht: ſo wuͤrde ich dir auf alle Gefahr Trotz geboten haben, ob du das geringſte geſchickter, als die Fraͤulein, geweſen waͤreſt, das, was ihr begegnen ſollte, zu errathen, bis es wirklich ge - ſchehen waͤre. Jch zweifle auch in dem Fall nicht, daß du, an ſtatt uͤber ihre Leichtglaubigkeitdeine48deine Betrachtungen anzuſtellen, wie ſie mich zu ihrem Ungluͤcke liebe und wider alle Wahr - ſcheinlichkeit ihre Hoffnung unterhalte, weit geneigter geweſen ſeyn wuͤrdeſt, eine zu ſtren - ge Tugend und uͤbertriebene Bedenklichkeit an ihr zu tadeln. Und ich muß es dir ſagen, haͤtte ſie mich ſo geliebt, wie ich es wuͤnſchte: ſo haͤtte ſie ſich unmoͤglich ſo ſehr vor meinen Abſichten fuͤrchten koͤnnen; ſo haͤtte ſie nicht ſo bereit ſeyn koͤnnen, als ſie allemal geweſen iſt, die Vorſchlaͤ - ge der Fraͤulein Howe zu einer ſorgfaͤltigen Be - hutſamkeit bey ſich gelten zu laſſen. Das iſt nicht moͤglich: ob auch gleich der gemeine Ruf von mir nicht fuͤr mich bey ihr geweſen.
Aber in deinen Gedanken macht das Leichte und Ungezwungene, in meinen Anſchlaͤgen mich tadelnswuͤrdig. Und das iſt doch eben ihr Haupt - vorzug. Jch brauche keine Maſchinen zu be - wegen. Jch ſuche keinen unnatuͤrlichen Schwung. Jch bleibe allezeit bloß bey der Natur, und ma - che mir die Natur, wohin ſie ſich lenket, zu Nu - tze. Meine Erfindungen ſind ſo leicht und un - gekuͤnſtelt, daß, wenn ſie bekannt werden; du, ſo gar du, dir einbildeſt, du haͤtteſt auf eben die Gedanken kommen koͤnnen. Ja in der That ſcheineſt du zu geſtehen, daß die Geringſchaͤtzung, womit du ſie anſieheſt, bloß der fruͤhzeitigen Er - oͤffnung, die ich dir von denſelben und von mei - nen Abſichten dabey gemacht habe, zuzuſchreiben ſey, ſo kurzſichtig und undankbar als du biſt.
Jedoch49Jedoch wollte ich bey allem dem nicht gern bey dir in dem Verdachte ſtehen, daß ich meine ſchwache Seite nicht kenne. Jch habe dir ſchon ehemals zu bedenken gegeben, daß es dem ge - ſchickteſten General ſchwer ſey zu ſagen, was er thun wolle oder thun koͤnne, wenn er ſeine Be - wegungen nach den Bewegungen eines wachſa - men Feindes abmeſſen und einrichten muß(*)S. Th. III. S. 299.. Wofern du dieſer Betrachtung ihr gehoͤriges Ge - wicht laͤſſeſt: ſo wirſt du dich nicht wundern, daß ich viele Maͤrſche und Contremaͤrſche thue, da - von einige einem ſchlechten Zuſchauer leicht un - noͤthig ſcheinen koͤnnen.
Allein ich muß mich doch beylaͤufig mit dir in den Streit uͤber dieſe Sache einlaſſen: da ich ſchon das Ende von meinem Zuge abſehen kann.
Du ſchreibſt mir eine Menge von Dingen, die nichts zur Sache beytragen. Einige davon haſt du bloß von mir ſelbſt: andre habe ich lan - ge vorher gewußt.
Alles, was du zum Lobe meiner reizenden Schoͤnen anfuͤhreſt, reicht lange noch nicht an dasjenige, was ich uͤber dieſe unerſchoͤpfliche Ma - terie geſagt und geſchrieben habe.
Jhre Tugend, ihr Widerſtand, welches ihre Verdienſte ſind, treiben mich eben an. Habe ich dir das nicht zwanzigmal geſagt?
Nennen mich dieſe Maͤdchen unter ſich einen Teufel: was bin ich denn fuͤr ein Teufel, andersalsFuͤnfter Theil. D50als in meinen liſtigen Erfindungen? Jn Betrach - tung der letzten Abſicht, die ich mir vorgeſetzt ha - be, bin ich nicht mehr ein Teufel, als andere. Denn wenn ich zu meinem Ziel gekommen bin: ſo bleibt es doch allemal nur eine Verfuͤhrung. Und vielleicht bin ich unterdeſſen der Suͤnde vie - ler Verfuͤhrungen uͤberhoben worden.
Was wuͤrde in dieſem Fall außerordentliches ſeyn: wenn ihre Wachſamkeit nicht waͤre? ‒ ‒ Denkeſt du, daß ich meinen Zweck nicht weit lie - ber mit weniger Unruhe und Suͤnde zu erhalten wuͤnſche, ſo ſehr ich auch wohlgeſpielte Haͤndel und liſtige Erfindungen liebe?
Derjenige, muß ich dir ſagen, der ſo boͤſe iſt, als er ſeyn kann, iſt aͤrger, als ich bin. Laß mich unter den freyen Liebhabern in England fra - gen, wen du willſt, ob er bey dem feſten Vorſatze, ſeinen Zweck zu erreichen, ſich ſo lange damit wuͤrde aufgehalten, oder ſo viele Ruͤhrungen des Gewiſſens, als ich, empfunden haben?
Saͤße ein jeder freyer Liebhaber, ja ſaͤße ein jeder Mann, wie ich, und ſchriebe alles, was ihm in den Kopf oder ins Herz kommt, und klagte ſich ſelbſt mit eben ſo vieler Freyheit als Wahrheit an: was wuͤrde ich fuͤr ein Heer von zweifelmuͤ - thigen Leuten vor mir haben, mich im Zaume zu halten?
Es iſt bey einigen eine feſtgeſetzte Regel, daß, wenn ſie mit einem Frauenzimmer alleine ſind, und keinen Verſuch an ihr wagen, ſie ſich ſelbſt fuͤr beſchimpft halten werden. ‒ ‒ Sind ſolcheLeute51Leute nicht aͤrger, als ich bin? ‒ Was muͤſſen dieſe fuͤr eine Meynung von dem ganzen ſchoͤnen Geſchlechte hegen?
Erlaube mir, daß ich dieß Geſchlecht, welches ich ſo herzlich liebe, auch vertheidige. Wenn dieſe von unſern aͤltern Bruͤdern fuͤr ihre Mey - nung uͤberhaupt und ohne Ausnahme Grund zu haben glauben: ſo muͤſſen ſie in ſehr boͤſe Geſell - ſchaft gerathen ſeyn oder von dem Herzen der Frauenzimmer nach ihrem eignen urtheilen. Es muß ſchon eine recht luͤderliche Weibsperſon ſeyn, die ſich bey einem groben und ploͤtzlichen Verſuche auf ihre Keuſchheit nicht, wie eine Schnecke in ihr Haus, zuruͤckziehen ſoll. Ein beſcheidnes Frauenzimmer muß natuͤrlicherweiſe kaltſinnig, fremd, und ſchuͤchtern ſeyn. Es kann nicht ſo ſehr und ſo bald geruͤhret werden, als Leute von freyer Lebensart ſich einzubilden im Stande ſind. Es muß wenigſtens einiges Vertrauen auf die Ehre und Verſchwiegenheit einer Mannsperſon haben, ehe es moͤglich iſt, daß in demſelben ein Verlangen Platz finde, die Flamme dieſer Perſon zu reizen und zu vergnuͤgen. Meines Theils bin ich allezeit in Geſellſchaft von Frauenzimmern bey den Regeln des Wohlſtandes geblieben, bis ich mich ihrer verſichert hatte. Jch habe auch nie - mals einen groͤßern Anſtoß zu geben gewaget, als bis ich gefunden, daß ſie die kleinern uͤberſe - hen, und, wenn ſie meine Lebens - und Gemuͤths - art gewußt, mich nicht zu vermeiden geſucht.
D 2Meine52Meine goͤttliche Clariſſa hat mich in Verwir - rung geſetzet, und aus meiner Rolle gebracht. Einmal hoffte ich ſie durch eingejagte Furcht, ein andermal durch Liebe, durch eine Liebe, die beſtaͤndig ihre Geſtalt veraͤndert, wie ich mich ausgedruͤckt habe(*)Siehe Th. III. S. 160., zu uͤberwaͤltigen. Nun habe ich nur noch den Verſuch, ſie zu uͤber - rumpeln, den andern beyden Mitteln an die Seite zu ſetzen, und muß ſehen, was durch alle drey auszurichten ſteht.
Und in weſſen Eigenthum, ich bitte dich, wer - de ich einen Eingriff thun: wenn ich meinen Ab - ſichten der Liebe und Rache nachgehe? Haben nicht diejenigen, welche ein Recht auf ſie haben, ſich dieſes Rechts begeben? Haben ſie dieſelbe nicht freywillig der Gefahr bloßgeſtellet: da ſie doch wiſſen mußten, daß ein ſolches Frauenzim - mer von allen, die nur eine bequeme Gelegenheit, ſich an ſie zu machen, haben koͤnnten, fuͤr eine preisgegebne und erlaubte Beute wuͤrde angeſehen werden? Aber geſetzt auch, jene haͤtten ſie nicht ſo grauſam aller Gefahr uͤberlaſſen: iſt ſie denn nicht ein lediges Frauenzimmer? Muß ich dir noch erſt ſagen, Bruder, daß Leute von unſerm Schlage, und zwar die beſten unter denſelben; die aͤrgſten machen ſich aus nichts etwas; es fuͤr eine große Gnade und Gewogenheit gegen die verheyratheten Maͤnner anſehen, wenn ſie ihnen ihre Weiber laſſen und mit ihren Schweſtern, Toͤchtern, anvertrauten Minderjaͤhrigen und Ba -ſen53ſen zufrieden ſind? So anſtoͤßig dieſe Grund - ſaͤtze einem bedaͤchtlichen Gemuͤthe ſeyn muͤſſen: ſo ſind es doch die Grundſaͤtze von Tauſenden, die mit dem andern Geſchlechte nicht ſo umgehen wuͤrden, als ich gethan habe, ſelbſt wenn ich es in meiner Gewalt gehabt. Es ſind Grundſaͤtze, die von denſelben ſo oft zur Uebung gebracht werden, als es die Gelegenheit oder ihr Muth erlauben will ‒ ‒ Dergleichen Leute haben alſo kein Recht mich zu beſchuldigen.
Du ſtelleſt abermal vor, was ſie von ihren Angehoͤrigen leiden muͤſſen. Allein auf die Vor - ſtellung habe ich ſchon zu oft geantwortet, daß ich noͤthig haben ſollte, itzo mehr zu ſagen, als daß ſie nicht um meinentwillen gelitten hat. Denn hat ſie nicht der Bosheit ihres raubſuͤchtigen Bru - ders und ihrer neidiſchen Schweſter zum Opfer werden muͤſſen, die bloß auf eine Gelegenheit ge - wartet, ſie bey ihren andern Verwandten gaͤnz - lich auszuthun und dieſe, als die erſte, ergriffen haben, ſie aus dem Hauſe, und, wie es ſich fuͤgte, mir in die Armen zu treiben? Du weißt, wie wenig Neigung ſie dazu gehabt.
Was ihre eigne Suͤnden betrifft: o! fuͤr wie viele hat dieß ſchoͤne Kind der Liebe und mir Rechenſchaft zu geben! Hat ſie mir nicht zwan - zigmal und abermal zwanzigmal ins Geſicht ge - ſaget, daß ſie nicht aus Gunſt gegen mich den verhaßten Solmes abgewieſen habe? Und wie oft hat ſie ſich nicht erboten, ſich meiner fuͤr ein lediges Leben zu begeben, wenn die unverſoͤhnli -D 3chen54chen Leute ſie auf dieſe Bedingung wieder haͤtten annehmen wollen? ‒ ‒ Siehe, wie mancher Wiederholung, ich mich deines weibiſchen Mit - leidens wegen ſchuldig machen muß!
Laß uns aber ein wenig weiter zuruͤckſehen. Kannſt du das vergeſſen, was ich von dieſer hoch - muͤthigen Schoͤnheit alle die Zeit herdurch gelit - ten, da ich in den Jagdgehegen bey Harloweburg und im kleinen weißen Hirſchen zu Neale, wie wir es zu nennen pflegten, auf ihre ſtolze Bewe - gungen Acht geben mußte? Drohete ich ihr da - mals nicht Rache? Und hatte ich es nicht Urſache, weil ſie, daß ich nur dieſen einzigen Fall anfuͤh - re; mir ihr Wort, nicht gehalten, das ſie mir zu einer Unterredung gegeben hatte?
O Bruder, was hatte ich fuͤr eine Nacht dar - uͤber, in dem ſcheuslichen Waͤldchen, das an ih - res Vaters Thiergarten ſtoͤßet! Da meine Waͤ - ſche und Parucke gefroren, meine Glieder ganz vor Kaͤlte erſtarret und meine Finger nur noch eben von ſo vieler Waͤrme zum Gefuͤhl geſchickt waren, daß ich eine Feder halten konnte; und dieß bloß daher, weil ich die Haut davon abrieb und meine Haͤnde oft um meine bebenden Seiten ſchlug; da ich mit dem einen Knie auf das be - reifte Mooß kniete und auf dem andern ſchrieb, wofern ein Gekratze mit ſteifen Fingern ſchreiben heiſſen kann; da meine Fuͤſſe, als ich fertig war, Wurzeln geſchlagen zu haben ſchienen, und in der That auf einige Minuten mich nicht tragen konn - ten! ‒ ‒ Liebe und Rache erhielten damals meinHerz55Herz in Bewegung; und bloß Liebe und Rache konnten es thun: oder wie viel mehr muͤßte ich gelitten haben, als ich in der That litte!
Jch erzaͤhlte dir, als ich niedergeſchlagen und verdrieslich zuruͤck kam, den Jnhalt meines ab - gelaſſenen Briefes(*)Siehe Th. II. S. 200.. Nachher zeigte ich dir auch eine tyranniſche Antwort auf denſelben(**)Siehe Th. II. S. 203.. Damals Bruder, lobteſt du deinen Freund und beklagteſt deinen armen leidenden Lovelace. Selbſt der beleidigte Gott der Liebe billigte die von mir gedrohete Rache an der freyen Verſpre - cherinn: ob er gleich itzo, da ich die Gewalt in Haͤnden habe, ohne ſich der Nacht meines Leidens zu erinnern, durch dich ein Fuͤrſprecher fuͤr ſie geworden iſt.
Ja, brachte er nicht ſelbſt meine anbetens - wuͤrdige Nemeſis zu mir, und lenkten mich zu eben dem Geluͤbde: „ daß ich nicht eher ruhen „ wollte, bis ich dieſe Goͤttinn-Tochter der Harlo - „ wes zu meiner Beyſchlaͤferinn gemacht haͤtte, „ und das vor den Augen ihrer ganzen aufgebla - „ ſenen Familie? „ Auch dir kann dieß Geluͤbde nicht vergeſſen ſeyn. Eben dieſen Augenblick habe ich dich vor mir, ſo traurig, als du damals ausſaheſt.
Deine ſtarken Geſichtszuͤge gluͤeten von Mit - leiden gegen mich. Deine Lippen waren zuſam - men gepreßt; deine Stirne voll tiefer Runzeln;D 4dein56dein ganzes Geſicht aus der einfaͤltigen Run - dung in die ſcheuslichte laͤnglichte Geſtalt verzo - gen. Eine jede Sehne trug das ihrige bey, das graͤuliche Anſehen vollkommen zu machen. Und nicht ein Wort konnteſt du von dir geben, als Amen zu meinem Geluͤbde.
Was habe ich nach der Zeit fuͤr vorzuͤgliche Liebe, oder Gunſt, oder Zuverſicht von ihr erhal - ten, daß ich meine Geluͤbde deswegen brechen moͤchte?
Es iſt wahr, ich habe es nachher nicht wie - der erneuet, und bin wirklich eine lange Zeit willens geweſen, es zu vergeſſen: bis wiederholte Vergehungen von eben der Art das Andenken der vorigen wiederum erwecket haben. Wenn du nun zu dieſen den Jnhalt von einigen giftigen Briefen der Fraͤulein Howe ſetzeſt, die mir erſt ſo neulich in die Haͤnde gekommen ſind: was kannſt du denn fuͤr die aufruͤhriſche Schoͤne ſa - gen, das mit deiner Treue gegen deinen Freund beſtehen koͤnnte?
Ein jeder nach ſeiner Neigung und Beſchaf - fenheit. Hannibal ward der Vater der Krie - gesliſt genannt. Waͤre Hannibal eine Privat - perſon geweſen, und haͤtte ſeinen durchtriebenen Kopf gegen das andre Geſchlecht gewandt, oder waͤre ich ein General geweſen und haͤtte meinen gegen ſolche von meinen Nebengeſchoͤpfen mei - nes eignen Geſchlechts gewandt, die ich mich als meine Feinde anzuſehen, fuͤr berechtigt gehal - ten, weil ſie in einer andern Gegend gezeugetworden57worden und gelebet haͤtten: ſo wuͤrde Hannibal weniger, Lovelace mehr Ungluͤck angerichtet ha - ben. Das wuͤrde der ganze Unterſchied geweſen ſeyn.
Es iſt kein großer Herr in der Welt, wofern er nicht Froͤmmigkeit liebet, der nicht tauſendmal mehr boͤſes veruͤben muß, als ich, wenn er eine krie - geriſche Neigung hat. Und warum das? Weil er es in ſeiner Macht hat, mehr zu thun.
Ein rechtſchaffener Mann, wirſt du viel - leicht ſagen, wird ſich die Gewalt nicht wuͤnſchen, Schaden zu thun. Er muß es nicht thun, will ich dir ſagen: denn, wenn er ſie hat, ſo ſetze ich tauſend gegen eins, es machte ihn ſowohl uͤbermuͤthig, als gottlos.
Worinn bin ich denn ſo außerordentlich boͤſe?
Jn meinen liſtigen Anſchlaͤgen, wo nicht in dem mir dabey vorgeſetzten Zwecke. Das wird deine Antwort ſeyn: denn du biſt mein Echo.
Wie ſchwer befindet es ein jeder, eben ſowohl als ich, eine herrſchende Leidenſchaft zu uͤberwaͤl - tigen? Jch habe drey Leidenſchaften, die mich wechſelsweiſe regieren; alle mit gebieteriſcher Ge - walt: Liebe, Rache, Ehrgeiz oder eine Begierde Eroberungen zu machen.
Was inſonderheit die Erfindung mit Tom - linſon und dem Onkel betrifft, die du vielleicht fuͤr eine ſchwarze Liſt halten wirſt: ſo wuͤrde die geſparet ſeyn, wenn mich dieſe beyden unſchuldi -D 5gen58gen Fraͤulein nicht ſo weit gebracht haͤtten, daß ich fuͤr ihre Frau Townſend einen Mann finden muͤſſen. Der Anſchlag dient alſo bloß einem andern vorzubeugen. Meynſt du, daß es mir ertraͤglich ſeyn koͤnnte, meinen Witz durch anderer Witz beruͤcken zu laſſen? Und kann nicht vielleicht eben dieſer Kunſtgriff eine ganze Welt voll Un - gluͤck verhuͤten? Denn darfſt du wohl denken, daß ich die Fraͤulein dem Handel der Frau Town - ſend ganz gelaſſen hingegeben haben wuͤrde?
Was haſt du fuͤr eine Abſicht; es waͤre denn, deine eigne Vorſtellung umzuſtoſſen: wenn du ſageſt, daß Leute von unſerm Schlage keine andern Schranken fuͤr ihre Bosheit kennen, als den Mangel an Vermoͤgen; da du doch weißt, daß die Fraͤulein in meiner Gewalt iſt?
Genug, ſchreibſt du, habe ich dieſes Mu - ſter der Tugend auf die Probe geſtellet. Nicht alſo: denn ich habe ſie noch gar nicht auf die Probe geſetzet. Alles, was ich gethan habe, iſt nichts als nur eine Vorbereitung zu einer Probe.
Aber du biſt wegen der Mittel, zu denen ich bey der Probe Zuflucht nehmen moͤchte, und we - gen meiner Wahrheitsliebe beſorgt.
Elender Bruder! Denkſt du denn, daß je - mals irgend ein Mann ein Maͤdchen anders, als auf die Rechnung ſeiner Wahrheitsliebe betrogen habe? Wie kann man ſonſt ſagen, daß er be - truͤge?
Was59Was die Mittel anlangt: ſo bildeſt du dir doch nicht ein, daß ich eine ausdruͤckliche Einwilli - gung erwarte. ‒ ‒ Meine vornehmſte Hoffnung iſt bloß auf ein nachgebendes Widerſtreben gerich - tet. Ohne daſſelbe, will ich ſchwoͤren, iſt nie - mals eine einzige Eroberung eines Frauenzim - mers geſchehen, wenn eine Perſon mit einer zu thun gehabt: ſo viel auch immer verſucht ſeyn moͤgen. Die gute Koͤniginn Eliſabeth von England wuͤrde ſich ſelbſt fuͤr meine Meynung erklaͤrt haben, wenn ſie am Leben geweſen waͤre, und man ſich auf ſie berufen haͤtte.
Es wuͤrde dem andern Geſchlechte nicht un - dienlich zu wiſſen ſeyn, was wir von dieſer Sa - che fuͤr Gedanken hegen ‒ ‒ Jch mag ſie gerne warnen ‒ ‒ Jch wuͤnſche keinem ſeinen Zweck bey ihnen zu erreichen, als mir ſelbſt. Jch habe dir ſchon vordem zu verſtehen gegeben, daß ich zwar luͤderlich, aber darum doch kein Freund von luͤderlichen Leuten ſey. (*)Siehe Th. III. S. 178.
Du ſchreibſt, ich ſey dem Ehebette allezeit feind geweſen. Darinn ſchreibſt du wahr: und doch eben ſo wahr, wenn du mir vorhaͤltſt, daß ich dieſe Fraͤulein lieber zur Ehe nehmen als fahren laſſen wollte. Denkſt du aber, ſie werden mich auf ewig verabſcheuen: wenn ich ſie auf die Probe ſetze und es mir nicht gelinget? ‒ ‒ Nimm dich in Acht ‒ Nimm dich in Acht, Bruder! ‒ ‒ Merkſt du nicht, daß dumich60mich dadurch warneſt, die Probe nicht anders an - zuſtellen, als mit dem Vorſatze zu ſiegen?
Jch muß beyfuͤgen, daß ich eine Zeitlang uͤberzeugt geweſen, es ſey uͤbel von mir gethan, alles ſo frey an dich hinzuſchmieren, als geſchehen iſt; und das um ſoviel mehr, wenn ich die Fraͤu - lein nach den Landesgeſetzen zu der meinigen machen ſollte: denn iſt nicht ein jeder Brief, den ich an dich geſchrieben habe, eine ſchriftliche An - klage wider mich ſelbſt geweſen? Jch mag mei - ne Eitelkeit zum Theil dafuͤr verfluchen; und ich denke, ich will das kuͤnftige zuruͤckhalten: denn du biſt wirklich ſehr unverſchaͤmt.
Ein frommer Mann, ich geſtehe es, moͤchte auf manches von denen Dingen beſtehen, worauf du mich dringeſt: aber, bey meiner Seele, von dir kommen ſie recht unſchicklich heraus. Du mußt dir bewußt ſeyn, daß ich nach denen Grundregeln, die wir lange gehabt und ausgeuͤbet ha - ben, einen jeden Tittel von dem, was du ſchrei - beſt, beantworten koͤnne. Bey der vorhin gege - benen Probe wirſt du ſehen, daß ich es kann.
Jch bitte dich, Bruder, ſage mir; wenn ich niemals von der Sache an dich geſchrieben haͤtte, und nicht mein eigner Anklaͤger geweſen waͤre: was wuͤrde wohl der kurze Begriff von meiner und meiner Geliebten Geſchichte, nachdem wir zehn Jahre bey einander geſchlafen haͤtten, geweſen ſeyn? Was anders, als dieß, was folget?
„ Robert Lovelace, ein beruͤchtigter Weiber - „ ſchlucker, bewirbt ſich auf eine anſtaͤndige Weiſe„ um61„ um Fraͤulein Clariſſa Harlowe, ein junges Frau - „ enzimmer von den erhabenſten Vorzuͤgen ‒ ‒ „ Die aͤußerlichen Umſtaͤnde geben an beyden „ Seiten nicht das geringſte Bedenken.
„ Nachdem man ihm Muth gemacht: wird „ er von ihrem heftigen Bruder ſchimpflich belei - „ diget; der es ſeinen Vortheilen gemaͤß achtet, „ die Heyrath zu hintertreiben, und endlich, da er „ jenen herausfordert, genoͤthigt wird, ſein nichts - „ wuͤrdiges Leben von deſſen Haͤnden anzuneh - „ men.
„ Hieruͤber wird die Familie ſo raſend, als „ wenn er das Leben genommen haͤtte, das er ge - „ geben hatte, beſchimpft ihn perſoͤnlich und macht „ fuͤr die junge Fraͤulein einen haſſenswuͤrdigen „ Freyer ausfuͤndig.
„ Eine gezwungene Ehe zu vermeiden, laͤßt „ dieſe ſich bereden, ſich ſelbſt in Herrn Lovelacens „ Schutz zu begeben.
„ Jedoch leugnet ſie alle Neigung zu ihm, „ und erbietet ſich vielmal, ihm auf ewig zu ent - „ ſagen, wenn ihre Anverwandten ſie auf dieſe „ Bedingung wieder annehmen und von dem „ Anſpruche des gehaͤßigen Freyers losſagen „ wollen.
„ Herr Lovelace, ein Menſch von ſtarken Lei - „ denſchaften, und wie einige ſagen, von großem „ Hochmuthe, achtet ſich ihr deswegen gar wenig „ verpflichtet. Weil er ohne das von Natur nicht „ eben fuͤr den Eheſtand eingenommen iſt und ſo „ viele Urſache hat, ihre Verwandten zu haſſen:„ ſo62„ ſo bemuͤht er ſich, ſie dahin zu bringen, daß ſie „ mit ihm das Leben der Ehre eingehe, wie er „ es nennet; und gewinnet zuletzt durch Raͤnke, „ Kuͤnſte und liſtige Anſchlaͤge.
„ Er entſchließet ſich, niemals ein anderes „ Frauenzimmer zu heyrathen, macht ſich eine „ Ehre daraus, ihr ſeinen Namen gegeben zu „ haben, da zwiſchen ihnen nichts als ein Kir - „ chengebrauch fehlet, und begegnet ihr mit ver - „ dienter Zaͤrtlichkeit. Kein Menſch zweifelt an „ ihrer Verheyrathung, als nur ihre ſtolzen An - „ verwandten, bey denen er den Zweifel wuͤnſchet. „ Alle Jahr ein artiges Knaͤbchen. Vermoͤgen „ genug, die anwachſende Familie mit anſtaͤndi - „ ger Pracht zu unterhalten ‒ ‒ Ein zaͤrtlicher „ Vater. Allezeit ein warmer Freund, ein guͤti - „ ger Hausherr und ein richtiger Bezahler ‒ ‒ „ Doch bisweilen vielleicht von ſo vieler Nachſicht „ gegen ſich ſelbſt, daß er einen neuen Gegenſtand „ waͤhlet, um ihn mit deſto groͤßerm Vergnuͤgen „ zu ſeiner reizenden Clariſſa zuruͤck zubringen ‒ ‒ „ Sein einziger Fehler iſt die Liebe zu dem an - „ dern Geſchlechte ‒ ‒ Der ſich gleichwohl, wie die „ Frauenzimmer ſagen, von ſelbſt beſſern wird ‒ ‒ Jn „ ſo fern iſt er zu vertheidigen, daß er bey ſeinen „ Streifereyen keinen Buͤndniſſen Eingriff thut “‒ ‒
Was iſt denn bey dem gewoͤhnlichen Laufe der Welt ſo gar arges in dem allen?
Jch verſichere, daß es tauſend und abermal tauſend giebt, die aͤrgere Hiſtorien zu erzaͤhlen haben, als dieſe ſcheinen wuͤrde, wenn ich dichnicht63nicht ſelbſt auf den Fortgang zu meinem letzten Zwecke aufmerkſam gemacht haͤtte. Außer dem weißt du, daß die Beſchreibung, wie ich meinen Geliebten zu begegnen pflege, welche ich in einem Briefe an Joſeph Lehmann ſelbſt von mir ma - che(*)Siehe Th. III. S. 360., der Wahrheit ziemlich nahe komme.
Wollte ich in meiner Vertheidigung ſo ernſt - lich ſeyn, als du in meiner Anklage hitzig biſt: ſo koͤnnte ich dich durch andere Gruͤnde, Betrach - tungen und Vergleichungen uͤberfuͤhren; denn iſt nicht im menſchlichen Leben alles Gut und Uebel vergleichungsweiſe ſo zu nennen? Jch koͤnnte dich uͤberzeugen, daß ich zwar nach meiner offenherzi - gen Gemuͤthsart, wenn ich bloß an dich ſchreibe, dem alle Geheimniſſe meines Herzens entdeckt ſind, ſehr bereit ſey, mich in meinen Erzaͤhlungen ſelbſt anzuklagen, aber dennoch mir ſelbſt fuͤr mich ſelbſt etwas zu ſagen habe, wie ich meine Sache nach der Laͤnge anſtelle. Jnzwiſchen geſtehe ich, daß vielleicht keiner, der nicht ſelbſt luͤderlich iſt, eini - ges Gewicht darinn finden wuͤrde. ‒ ‒ Jch moͤch - te wohl tauſend andern, die ſich etwa buͤcken woll - ten, einen Stein auf mich zu werfen, dieſe War - nung geben: „ Sehet zu, daß euch eure eigne „ herrſchende Leidenſchaften, ſie moͤgen Na - „ men haben, wie ſie wollen, nicht zu eben ſo „ vielem Boͤſen verleiten, als mich mein ‒ ‒ „ Sehet zu, wenn ihr etwa in einigen Stuͤcken „ beſſer ſeyn ſolltet, als ich, daß ihr nicht in an - „ dern aͤrger ſeyn moͤget, und daß wohl gar in„ ſol -64„ ſolchen Dingen, wovon ſich die uͤbeln Folgen „ weit mehr ausbreiten, als von der Verfuͤhrung „ (und nachmaligen Verſorgung) eines Maͤdchens „ welches von der Wiegen an mit Fuͤrſichtigkeit „ gegen die Raͤnke der Mannsperſonen gewaffnet „ iſt. “ Und dennoch bin ich nicht ſo partheyiſch gegen meine eigne Fehler, daß ich von dieſem geringe denken ſollte, wenn ich mir ſelbſt zu den - ken erlaube.
Noch ein wichtiges Stuͤck will ich hinzuſetzen: da ich doch einmal bey der Sache bin. „ Jch „ liebe das ſchoͤne Geſchlecht ſo herzlich, daß ich „ weit mehr auf die ſittlichen Grundſaͤtze fuͤr die „ Frauenzimmer geſehen haben wuͤrde, als ich „ wirklich gethan habe, wenn ich einen tugend - „ haften Character uͤberhaupt und ohne Ausnah - „ me noͤthig gefunden haͤtte, mich bey ihnen beliebt „ zu machen. “
Alles kurz zuſammen zu faſſen ‒ ‒ Jch bin uͤberzeugt, daß Leute von edlen und ehrlichen Herzen, die ſich niemals, mit Vorbedachte boͤſes zu thun, erlaubt haben, und die ausnehmenden Vorzuͤge dieſes artigen Frauenzimmers zugleich in Betrachtung ziehen, mich nicht allein verdam - men ſondern auch verabſcheuen wuͤrden und muͤß - ten: wenn ſie ſo viel, als du; von mir wiſſen ſollten. Aber mich deucht, ich duͤrfte doch wohl zu meinem Vergnuͤgen dem Tadel derjenigen Maͤnner und auch ſelbſt derjenigen Weibsperſo - nen entgehen, die niemals erfahren haben, was Hauptproben und Hauptverſuchungen ſind; der -jenigen,65jenigen, die zu waglichen Unternehmungen nicht Witz genug haben; und am allermeiſten derjeni - gen, die bloß ihr Geheimniß beſſer verborgen ge - halten, als ich meines gehalten oder zu halten gewuͤnſcht habe.
Jch habe dir oben gedroht, in meinen Brie - fen an dich zuruͤck zuhalten. Aber laß dich das nicht anfechten, Bruder. Jch muß fortſchreiben und kann mir nicht helfen.
Wahrlich, Bruder, du hatteſt mich mit deinem geſchriebenen Unſinn halb untuͤchtig ge - macht; ob ich es gleich in meinem geſtrigen Brie - fe nicht geſtehen wollte: weil mein Gewiſſen ſchon vorher auf deiner Seite geweſen war. Allein nunmehr denk ich, bin ich wieder mein eigner Herr.
So nahe zur Ausfuͤhrung meines durchtrie - benen Anſchlags! So nahe, meine Mine ſprin - gen zu laſſen! Alles zwiſchen den Weibsleuten im Hauſe und mir ſchon verabredet! Sonſt, glaub ich, haͤtteſt du mich uͤberwaͤltiget.
Fuͤnfter Theil. EJch66Jch habe Zeit zu einigen wenigen Zeilen, als einer Vorbereitung zu dem, was in einer oder zwo Stunden vorgehen ſoll, und Luſt bis an den Augenblick zu ſchreiben ‒ ‒
Wir ſind hoͤchſtgluͤcklich geweſen. Wie vie - le angenehme Tage haben wir mit einander zu - gebracht! Was moͤgen die naͤchſten zwo Stun - den zuwege bringen!
Als ich meine reizende Schoͤne verließ; und das that ich mit unendlichem Widerſtreben vor ei - ner halben Stunde: ſo geſchahe es auf ihr Ver - ſprechen, daß ſie nicht aufſitzen und ſchreiben oder leſen wollte. Denn die Unterredung war ſo vor - theilhaft fuͤr mich, daß ich darauf beſtand, wenn ſie ſich nicht alſobald zur Ruhe begaͤbe, ſo ſollte ſie mir außer der vorigen noch eine gluͤckliche Stunde vergoͤnnen. Und in der That war mein Verhalten waͤhrend der ganzen Zeit ihr offenbar angenehm.
Haͤtte ſie die halbe Nacht aufgeſeſſen und ge - ſchrieben oder geleſen, wie ſie bisweilen thut: ſo wuͤrde dadurch meine Abſicht fehlgeſchlagen ſeyn. Das wirſt du ſelbſt bemerken: wenn ſich meine kleine Liſt entwickelt.
Was ‒ Was ‒ Was nun! unruhiger Boͤ - ſewicht! Wollteſt du mich erwuͤrgen? ‒ ‒
Jch ſprach mit meinem Herzen, Bruder. Es war mir eben an der Kehle ‒ ‒ Und wozu hilft dieß alles? Wenn eine Mannsperſon demZiel67Ziel nahe zu ſeyn denket: wie ungeſtuͤm treiben ihn eben alsdenn dieſe ſchuͤchterne Frauenzimmer aus der Bahn!
Jſt alles fertig, Dorcas? Hat meine Ge - liebte mir ihr Wort gehalten? ‒ ‒ Kommen die - ſe wellengleiche Bewegungen mehr von Liebe oder von Furcht? Jch kann nicht ſagen, wenn es auch mein Leben koſten ſollte, wovon ich am meiſten habe. Wenn ich ſie nur uͤbereilen kann, ehe ih - re Furcht, ehe ihre Beredtſamkeit erwach et ‒ ‒
Meine Glieder, warum zuckt ihr ſo! Meine Knie, die bis itzo ſo feſt gehalten, warum ſeyd ihr ſo ſchwankend? Warum ſchlagt ihr ſo zuſammen? Werden mich nicht dieſe zitternde Finger, welche zweymal, die Feder zu fuͤhren, verſagt haben, und das Papier ſo krumm beflecken, auch in dem be - ſchwerlichen Augenblicke verlaſſen?
Noch einmal, warum und wozu alle dieſe Zuͤckungen? Jn Wahrheit, dieſer Anſchlag ſoll nicht auf die Ehe hinauslaufen.
Aber die Folgen muͤſſen wichtiger ſeyn, als ich bis dieſen Augenblick gedacht habe. Meiner Geliebten oder mein eignes Schickſal kann viel - leicht von dem Ausgange der zwo naͤchſten Stun - den abhangen!
Jch danke, ich werde zuruͤckgehen ‒
Sanft, o heilige Jungfer, und eben ſo ſicher als ſanfte ſey dein Schlummer!
E 2Jch68Jch will nun noch einmal zu meines Freun - des Belfords Briefe kehren. Du wirſt freye Haͤnde haben, meine reizende Schoͤne. Jch will noch einmal durchſehen, was dein Fuͤrſprecher fuͤr dich zu ſagen hat. Es koͤnnen es ſchwache Gruͤnde thun, in der Verfaſſung, worinn ich ſtehe.
Allein was ſoll das! ‒ Was ſoll das! ‒ ‒ Was fuͤr ein zweyfaͤltiger ‒ Doch der Aufruhr legt ſich! ‒ ‒ Was fuͤr ein zweyfaͤltiger fei - ger Kerl bin ich! ‒ ‒ Oder uͤberfaͤllt mich et - wa eben meine feige Zeit? Denn Helden haben ihre Anfaͤlle von Furcht, feige Memmen ihre herzhaften Stunden, und tugendhaſte Frauen - zimmer, alle, außer meiner Clariſſa, ihren ent - ſcheidenden Augenblick ‒ ‒
Nun da ich in Geſchwindigkeit mit ſo kaltem Blute mir deine Betrachtungen zu Nutze ma - chen will. ‒ ‒ Erhebt ſich die Verwirrung wieder von neuem!
Was? Wo? ‒ Wie kam es?
Jſt meine Geliebte in Sicherheit? ‒
O! wecket meine Geluͤbde nicht ſo unge - ſtuͤm auf! ‒
Nun iſt meine Beſſerung gewiß: denn ich werde niemals ein anderes Frauenzimmer lieben! ‒ O ſie iſt lauter Abwechſelung! Sie muß mir allezeit neu ſeyn ‒ Einen ſo ausneh - mend, ſo anſtaͤndig liebreizenden Engel kann kei - ne Einbildungskraft vorſtellen, viel weniger ein Pinſel ſchildern, noch die Seele der Mahlerey, die Dichtkunſt, beſchreiben! ‒ ‒ Jedoch ich will deine Ungeduld nicht zum voraus ſtillen. Ob die Sache gleich fuͤr ungeheiligte Augen zu heilig iſt: ſo ſollſt du ſie doch ganz vor dir ſehen, wie ſie zu - gegangen iſt; und das nicht von einem witzigen Kopf, der ſeine Kunſt zu beſchreiben bey einem ſo reichen Stoffe ſehen laſſen will, ſondern mit ei - nem Vorſatze deinen ſchwaͤrmenden Gedanken ein Ziel zu ſtecken. Sie weiter gehn zu laſſen, als ich geſtehen werde, wuͤrde eine groͤßere Bosheit ſeyn, als ſich ein Lovelace jemals ſchuldig ge - macht hat.
So fuͤhre ich dich denn zur Sache: indem ich mein letztes Schreiben mit dem gegenwaͤrti - gen verbinde.
E 3Haſt70Haſt du bey dem Schluſſe meines vorigen Briefes nicht die Beſtuͤrzung gemerket, worinn ich mich eben damals befand, als ich deinen Brief noch einmal durchgehen wollte, damit ich ſo viel uͤber mich ſelbſt vermoͤgen moͤchte, daß ich den Vorſatz, meine ſchlummernde Schoͤne mit Schre - cken zu erwecken, fahren ließe? Und worauf, meynſt du, kam es an?
Jch wills dir ſagen ‒ ‒
Es war ein wenig nach zwey. Das ganze Haus war ſtill, oder ſchien es zu ſeyn, und mei - ne Clariſſa, wie der Erfolg zeigte, zu Bette und in feſtem Schlafe. Jch hatte mich auch eine Stunde vorher einigermaßen ausgezogen und war in meinem Schlafrocke und in Pantoffeln: ob ich gleich dir zu Gefallen fortſchrieb. Auf ein - mal ſchreckte mich ein Lerm von ſtarkem Treten uͤber meinem Kopfe, und ein verworrenes Geraͤuſch von vermiſchten Stimmen, einige lauter als die andern, wie ein Keifen, und nicht viel anders als ein Klaggeſchrey, alles mit Vocativis, wie bey ei - ner ſchrecklichen Furcht. Jndem ich mich wun - derte, was da zu thun ſeyn moͤchte: rannte Dor - cas die Treppe herunter, kam an meine Thuͤr und rief, mit einem mehr von Schrecken und Heiſerkeit dumpfigten als helle ſchreienden Tone, Feuer! Feuer! Dieß ſchreckte mich deſto mehr, weil es ſchien, als wenn ſie gern lauter ſchreyen wollte, aber nicht koͤnnte.
Meine Feder, die zuletzt einen Seegen uͤber meine Geliebte hingekritzelt hatte, fiel mir ausden71den Fingern. Jch ſprang auf, that nur drey Schritte bis an die Thuͤr, oͤffnete ſie und ſchrie: Wo? Wo? beynahe eben ſo erſchrocken als das arme Maͤdchen, das unterdeſſen mehr als halb ausgekleidet, mit ihren Roͤcken in der Hand, auf die Treppen wies, weil ſie nicht vernehmlich ſpre - chen konnte.
Jch war in einem Augenblicke da und befand, daß alles von der Nachlaͤßigkeit der Frau Sin - clairs Koͤchinn herruͤhrte. Die hatte aufgeſeſſen, das einfaͤltige Hiſtoͤrchen von Doraſt und Fau - nia zu leſen, da ſie im Bette ſeyn ſollen, und dar - uͤber ein paar alte Fenſtergardinen von Coton Feuer fangen laſſen.
Jn ihrem Schrecken war ſie doch noch ſo ge - ſetzt geweſen, daß ſie die obern halbverbrannten Vorhaͤnge ſo wohl als die Gardinen niedergeriſ - ſen, und, obgleich in vollen Flammen, ſchon in den Camin geworfen hatte, wie ich hinauf kam. Jch hatte alſo das Vergnuͤgen, die Gefahr gluͤck - lich abgewandt zu finden.
Mittlerweile lief Dorcas, nachdem ſie mich auf die Treppe gebracht hatte, aus zaͤrtlicher Ach - tung gegen ihre Fraͤulein, wofuͤr ich das Maͤd - chen beſtaͤndig lieb haben werde, zu ihrer Thuͤr. Sie wußte nicht, daß das ſchlimmeſte voruͤber waͤre und vermuthete alle Augenblicke, daß das Haus in voller Flamme ſtehen wuͤrde. Deswe - gen klopfte ſie hart an, und weil ſie ihre Stim - me wieder bekommen hatte, ſchrie ſie mit einem ſo durchdringenden Tone, als ihrer Liebe gemaͤßE 4war,72war, Feuer! Feuer! ‒ Das Haus ſteht in Feuer! ‒ Stehen ſie auf, gnaͤdige Frau! ‒ ‒ Dieſen Augenblick ſtehen ſie auf ‒ ‒ wo ſie nicht in ihrem Bette verbrennen wollen!
Kaum hatte ſie das fuͤrchterliche Geſchrey ausgeſtoſſen: ſo hoͤrte ich meiner Fraͤulein Thuͤre mit uͤbereilter Heftigkeit aufriegeln, aufſchließen und oͤffnen, und die Stimme meiner reizenden Schoͤne nicht anders erſchallen, als wenn jemand von einer Ohnmacht uͤberfallen wird.
Du kannſt leicht errathen, wie ſehr ich ge - ruͤhret wurde. Jch zitterte aus Sorge fuͤr ſie, und eilte weit geſchwinder herunter als mich die Beſtuͤrzung von dem Feuerlerm hinaufzuren - nen getrieben hatte, um ſie dadurch zu beruhi - gen, daß alle Gefahr voruͤber waͤre.
Da ich zu ihrer Kammer-Thuͤr hernnter ge - flogen war: erblickte ich das liebenswuͤrdigſte Ge - ſchoͤpfe von der Welt, auf den Arm der keichen - den Dorcas geſtuͤtzt, ſeufzend, zitternd und nahe bey einer Ohnmacht, bloß mit einem Unterrocke bedeckt, ihre reizende Bruſt halb entbloͤßt und ihre Fuͤße nur eben mit der Spitze in die Schuhe geſteckt. So bald ſie mich ſahe, blieb ihr die Luft beſtehen und ſie gab ſich Muͤhe zu reden, konnte aber nichts ſagen, als o, Herr Lovelace! und wollte niederſinken.
Jch faßte ſie in meine Arme mit einem Feu - er, das ſie vorher niemals gefuͤhlt hatte. Mein wertheſtes Leben, fuͤrchten ſie nichts. Jch bin oben geweſen. Die Gefahr iſt vorbey. DasFeuer73Feuer iſt geloͤſchet. ‒ ‒ Und wie, naͤrriſcher Teu - fel! ſagte ich zu Dorcas, habt ihr meinen Engel durch euer ſcheusliches Gekreiſche ſo in Furcht und Schrecken ſetzen moͤgen!
O Bruder! wie hob ſich, wie bebte ihre an - muthsvolle Bruſt, als ich ſie an meine druͤckte! Jch konnte genau bemerken, wie ihr Herz gegen meines ſchlug und auf einige wenige Minuten be - ſorgte ich, ſie wuͤrde in Ohnmacht fallen.
Damit die halb lebloſe Schoͤne in ſo weni - gen Kleidern ſich nicht erkaͤlten moͤchte, hob ich ſie zu ihrem Bette und ſetzte mich auf die Seite deſſelben bey ihr nieder. Jch ſuchte mit der groͤßten Zaͤrtlichkeit, ſowohl in meinem Thun als Reden, ihr Schrecken zu vertreiben.
Allein was gewann ich durch dieſe meine edelmuͤthige Fuͤrſorge und durch meine gluͤckliche Bemuͤhung, ſie wieder zu ſich ſelbſt zu bringen? Nichts, ſo undankbar als ſie war, nichts als die heftigſten Beſchwerungen. Denn wir hatten beyde die Gelegenheit, welche ſie in meine Arme gebracht, ſchon vergeſſen; ſo fuͤrchterlich ſie auch geweſen war: ich vor Freuden, daß ich den bey - nahe bloßen Leib der liebenswuͤrdigſten Perſon von ihrem Geſchlechte umfaſſet hielte; ſie vor groͤ - ßerem Schrecken, weil ſie ſich in meinen Armen und uns beyde auf dem Bette ſitzend fand, wor - aus ſie ſo kurz vorher durch Furcht und Schre - cken verjaget war.
Nun, Belford, bedenke den fremden und ge - zwungenen Umgang, wozu die wachſame SchoͤneE 5mich74mich bisher genoͤthiget hatte. Bedenke meine Liebe und was ich ihrentwegen gelitten. Be - denke ihre Wachſamkeit und wie lange ich auf der Lauer geweſen war, dieſelbe zu betriegen. Bedenke die Ehrfurcht, worinn mich ihre kaltſin - nige Tugend und uͤbertriebene Bedenklichkeit ge - halten hatte, und daß ich vorher nieɯals ſo gluͤck - lich bey ihr geweſen war. Und denn uͤberlege, wie ausgelaſſen meine Entzuͤckungen in dieſen gluͤcklichen Augenblicken ſeyn mußten! ‒ Dennoch war ich in meinen Gedanken ſo wohl von anſtaͤndi - ger als edelmuͤthiger Auffuͤhrung. Die folgenden Zeilen, welche ich in die erſte Perſon verſetzt habe, ſchicken ſich unter allen, worauf ich mich beſinnen kann, am beſten zu dieſer entzuͤckungsvollen Ge - legenheit:
Aber weit gefehlt, daß ſie durch ein ſo feuri - ges Bezeigen geruͤhrt werden ſollte: ob gleich von einer Mannsperſon, gegen welche ſie ſo kurz vorher eine Achtung geſtanden und die ſie vor ei -ner75ner oder zwo Stunden ſo wohl zufrieden verlaſſen hatte. Niemals habe ich einen herbern oder mehr ruͤhrenden Schmerz geſehen, als da ſie voͤllig wie - der zu ſich ſelbſt kam.
Sie rief den Himmel gegen meine Treulo - ſigkeit an, wie ſie ſich ausdruͤckte: da ich unter - deſſen mit den feyerlichſten Betheurungen mein eignes und gleiches Schrecken und die Wirklich - keit der Gefahr, die uns beyde beunruhiget haͤtte, zu meiner Vertheidigung vorſtellte.
Sie beſchwur mich auf die feyerlichſte und beweglichſte Art, bald drohend, bald ſchmeichelnd, aus ihrem Zimmer zu gehen und ihr zu vergoͤn - nen, daß ſie ſich vor dem Tageslichte und vor al - len menſchlichen Augen verbergen moͤchte.
Jch bat ſie um Verzeihung: aber ich konnte der Beleidigung nicht entgehen. Jch gelobte von neuem, daß der morgende Tag bey Aufgang der Sonnen ein Zeuge von unſerm Verloͤbniſſe ſeyn ſollte: allein ſie ſahe, wie ich vermuthe, alle mei - ne Betheurungen von dieſer Art fuͤr eine Anzeige an, daß ich geſonnen waͤre bis aufs aͤußerſte zu gehen und wollte nichts hoͤren, das ich ſagte. Sie verdoppelte vielmehr ihr Beſtreben von mir los - zukommen, und betheurte mit gebrochnen Toͤnen und den heftigſten Ausrufungen, daß ſie eine ſo ſchaͤndliche und ehrenloſe Begegnung, wie ſie es nannte, nicht uͤberleben wollte. Hierauf ſahe ſie ganz wild um ſich herum, als wenn ſie ein Werk - zeug zu dem Ungluͤcke ſuchte. Sie ward auf ei - nem Stuhle an dem Bette ein paar ſcharfgeſpitzteScheeren76Scheeren gewahr, und bemuͤthe ſich, ſie zu erha - ſchen, in der Abſicht ihr Wort auf der Stelle wahr zu machen.
Weil ich ihre Verzweifelung ſahe, bat ich ſehr, ſie moͤchte ſich beruhigen laſſen und mich doch nur ein Wort hoͤren. Jch verſicherte, daß ich ihr keine Schande anzuthun willens waͤre. Unter - deſſen erwiſchte ich die Scheeren und warf ſie in den Camin. Da ſie beſtaͤndig mit vieler Heftig - keit auf meine Entfernung beſtand: ſo ließ ich zu, daß ſie ſich auf den Stuhl ſetzte.
Aber, o was fuͤr eine angenehme Unordnung! Jhre ſo unvergleichlich ſchoͤne und liebliche Schultern und Arme waren bloß. Jhre ausge - breiteten Haͤnde lagen kreuzweiſe uͤber ihren an - muthreichen Hals, bedeckten aber deſſen glaͤnzende Schoͤnheiten nicht halb. Der enge Rock ließ ihre ganze wundernswuͤrdige Bildung und zarte Glieder ſehen: als ſie von mir aufſtand. Jhre Augen giengen uͤber: allein ſie ſchienen zugleich eine kuͤnftige Rache zu drohen. Und endlich aͤußerten ihre Lippen, was ein jeder unwilliger Blick und alle gluͤende Geſichtszuͤge vorbedeutet hatten. Sie riefen uͤber mich aus, als wenn ich das aͤrgfte, was ich koͤnnte, veruͤbt haͤtte, und ge - lobten mir nimmer zu vergeben. Wirſt du dich wundern, daß ich nicht umhin konnte, die entruͤ - ſtete, die bereits allzu ſehr gereizte Schoͤne wieder anzugreiffen?
Jch that es, und druͤckte ſie noch einmal an meine Bruſt. Aber ihre Staͤrke war, in Be -trach -77trachtung ihrer zarten Leibesbeſchaffenheit, er - ſtaunlich, und zeigte genugſam, wie ſehr es ihr mit ihrem Zorne ein Ernſt war: denn ich hatte die aͤußerſte Muͤhe, ſie zu halten; und doch konnte ich nicht hindern, daß ſie mir aus meinen Armen glitſchte und auf ihre Knie fiel. Sie fiel mir zu den Fuͤſſen, und hub ſo in der Angſt ihrer See - len ihre ſtroͤmenden Augen zu mir auf, mit de - muͤthigſtbittender Sanftmuth, gefaltenen Haͤn - den und hangenden Haaren: denn weil ihr Nacht - kopfzeug in dem ringenden Widerſtreben abgefal - len war, ſo fielen ihre ſchoͤnen Haare in natuͤr - lich glaͤnzenden Locken nieder, gerade als wenn ſie dienſtfertig ſeyn wollten, die blendenden Schoͤn - heiten ihres Halſes und ihrer Schultern zu ver - decken. Auch ihre reizende Bruſt gieng von Seufzern und von gebrochnem Gluchſen auf und nieder: nicht anders als wenn ſie ihren lebenden Lippen in der Fuͤrſprache fuͤr ſie beyſtehen wollte. So rief ſie mein Mitleiden und meine Ehre an, nach dem der Kummer ihr zu reden vergoͤnnete; und that es mit Worten, welche ſie mit dem be - ſondern Nachdrucke ausſprach, der dieſe wunderns - wuͤrdige Schoͤne in ihrer Ausrede von allen Frauenzimmern unterſcheidet, die ich jemals re - den gehoͤrt habe.
„ Sehen ſie mich an, mein lieber Lovelace „ das waren ihre reizende Worte, „ ich bitte ſie auf „ meinen Knien, ſehen ſie mich an als ein armes „ Frauenzimmer, das keinen Schutz hat, außer „ Jhnen, das keinen Beyſtand hat außer ihrer„ Ehre.78„ Ehre. Bey dieſer Ehre, bey ihrer Menſchlich - „ keit, bey allem dem, was ſie gelobet haben, be - „ ſchwoͤre ich ſie, mich nicht mir ſelbſt abſcheulich, „ nicht in meinen eignen Augen veraͤchtlich zu „ machen. “
Jch erwaͤhnte des kuͤnftigen Morgens als des gluͤcklichſten Tages in meinem Leben.
Sagen ſie mir nicht von den kuͤnftigen Mor - gen. Wenn ſie es wirklich in Ehren mit mir meynen: ſo muͤſſen ſie es itzo, eben itzo dieſen Augenblick, zeigen und weggehen. Sie koͤnnen niemals in der ganzen Zeit eines langen Lebens das Boͤſe wieder gut machen, was ſie mir itzo zufuͤ - gen moͤgen.
Gottloſer Boͤſewicht! Unverſchaͤmter Be - trieger! ‒ Ja wahrlich ſie nannte mich einen unverſchaͤmten Betrieger: ob ſie gleich ſo ſehr in meiner Gewalt war! Und warum denn? Weil ich, mit vieler Hitze, das leugne ich nicht, ihren unvergleichlichen Hals, ihre Lippen, ihre Wan - gen, ihre Stirn und ihre ſtroͤmenden Augen kuͤſ - ſete, da ſo viele Schoͤnheiten ſich auf einmal mei - nem entzuͤckten Auge vereinigt darſtellten, als ſie zu meinen Fuͤßen auf den Knien liegen blieb und ich ſaß.
Wenn ich ein Betrieger bin, Fraͤulein ‒ ‒ Und dabey regte ſich meine greiffende aber zit - ternde Hand ‒ ‒ Jch hoffe, daß ich der zarteſten und liebenswuͤrdigſten von allen ihren Schoͤnhei - ten keinen Schaden gethan ‒ Wenn ich ein Be - trieger bin, Fraͤulein ‒
Sie79Sie zerriß mir die Manſchetten und entzog ſich mit erſtaunlicher Gewalt und Biegſamkeit meiner gluͤcklichen Hand: da ich ſie eben mit mei - nem andern Arm umfaſſen wollte.
Wahrlich ſie ſind es! ‒ der aͤrgſte unter den Betruͤgern ‒ ‒ Helfet! lieben Leute! Sie ſchrie ach und wehe ‒ ‒ Keine Huͤlfe fuͤr ein armes Frauenzimmer! ‒ ‒
Bin ich denn ein Betrieger, Fraͤulein? ‒ ‒ Bin ich denn ein Betrieger, ſagen ſie? ‒ ‒ Und ſo ſchlug ich meine beyden Arme um ſie herum. Jch erbot mich, ſie zu meinem klopfenden Herzen aufzuheben ‒ ‒
Ach nein! ‒ Und doch ſind ſie einer! ‒ ‒ Bald war ich wieder ihr lieber Lovelace! ‒ Jhre Haͤnde waren wiederum uͤber ihre ſchoͤne Bruſt geſchlagen. ‒ ‒ Toͤdten ſie mich! toͤdten ſie mich! wenn ich in ihren Augen verhaßt genug bin, dieſe Begegnung zu verdienen; und ich wer - de es ihnen danken. ‒ ‒ Zu lange, viel zu lan - ge iſt mein Leben mir ſchon eine Laſt geweſen! ‒ ‒ Oder geben ſie mir nur die Mittel, dabey ſahe ſie wild um ſich herum, ſo will ich ſie den Augenblick uͤberzeugen, daß meine Ehre mir lieber iſt, als mein Leben.
Dann hieß ich, noch mit gefaltenen Haͤnden und immer neuuͤberfließenden Augen, ihr herzlie - ber Lovelace. Und ſie wollte es mir mit ihrem letzten Odem danken, wenn ich ihr dieſe Wahl laſſen oder ſie von fernerer Schmach befreyen wollte.
Jch80Jch ſaß auf einen Augenblick unſchluͤßig - Bey meiner Seele, dachte ich, du biſt vollkom - men bewaͤhrt, ein Engel und kein Frauenzim - mer! Dennoch umfaßte ich ſie wieder und druͤckte ſie an meine Bruſt: nachdem ich ſie von ihren Knien aufgehoben hatte. Sie entwiſchte wie - derum aus meinen Armen, und fiel auf dieſelben zuruͤck. ‒ ‒ „ Sehen ſie, Herr Lovelace! ‒ ‒ „ Lieber Gott! daß ich das Leben behalten muͤſſen, „ dieſe Stunde zu ſehen und dieſe Begegnung zu „ erdulden! ‒ ‒ Sehen ſie zu ihren Fuͤßen ein „ armes Frauenzimmer, wie es ihr Erbarmen ſu - „ chet; ein Frauenzimmer, das um ihretwillen „ von aller Welt verlaſſen iſt! Laſſen ſie meines „ Vaters Fluch nicht ſo erſchrecklich wirken! „ Werden ſie doch nicht der Vollzieher deſſelben, „ da ſie die Urſache ſchon geweſen ſind! ſondern „ ſchonen ſie mein! Jch bitte ſie, ſchonen ſie mein! „ ‒ ‒ Denn womit habe ich eine ſolche Begeg - „ nung von ihnen verdienet? ‒ Um ihrer ſelbſt „ willen, wo nicht um meinetwillen, und wie ſie „ wollen, daß Gott der Allmaͤchtige ſich ihrer in „ ihrer letzten Stunde erbarme, ſchonen ſie mein! ‒ ‒
Was fuͤr ein Herz ſollte hiedurch nicht er - weichet ſeyn!
Jch wollte die fußfaͤllige Schoͤne wieder von ihren Knien aufgehoben haben: allein ſie wollte nicht aufgehoben ſeyn, bis mein beſaͤnftigtes Ge - muͤthe, wie ſie ſagte, ſie ihrer Bitte gewaͤhret und ihr befohlen haͤtte ſo aufzuſtehen, daß ſie unbefle - cket bliebe.
So81So ſtehen ſie denn auf, mein Engel, und blei - ben, was ſie ſind, und alles was ſie zu ſeyn wuͤn - ſchen! Nur ſprechen ſie mich los und verzeihen mir alles, was vorgegangen iſt; ſagen ſie mir nur, daß ſie mich ferner mit eben dem guͤnſtigen und freundlichen Auge anſehen wollen, womit ich einige Tage her begluͤckt geweſen bin: ſo will ich mich meiner geliebten Siegerinn unterwerfen, de - ren Gewalt niemals ſo ſtark, als eben itzo, uͤber mich geweſen iſt, und in mein Zimmer zuruͤck - gehen.
Gott der Allmaͤchtige, ſprach ſie, erhoͤre ihr Gebet in ihren haͤrteſten Stunden, wie ſie meine Bitte erhoͤret haben. Und nun uͤberlaſſen ſie mich, dieſen Augenblick uͤberlaſſen ſie mich mei - ner Betrachtung, daß ich wieder zu mir ſelbſt komme. Sie werden mich dabey einem Elende uͤberlaſſen, das groß genug und weit groͤßer iſt, als ſie ihren bitterſten Feinden wuͤnſchen duͤrften.
Schreiben ſie, meine Allerliebſte, nicht alles einem Vorſatze zu: denn es iſt kein Vorſatz ge - weſen. ‒ ‒
O Herr Lovelace! ‒ ‒
Bey meiner Seele, Fraͤulein, das Feuer war nicht erdichtet ‒ Und das iſt auch wahr, Bru - der! ‒ Das Haus haͤtte leicht davon in Rauch aufgehen koͤnnen, wie ſie morgen vor Augen ſehen und uͤberzeugt ſeyn werden.
O Herr Lovelace! ‒
Laſſen ſie meine große Liebe zu ihnen, Fraͤu - lein, und den unerwarteten Anblick von ihnen beyFuͤnfter Theil. Fihrer82ihrer Kammerthuͤr in einer ſo reizenden Stel - lung ‒
Verlaſſen ſie mich, verlaſſen ſie mich dieſen Augenblick! ‒ Jch bitte ſie, verlaſſen ſie mich. Dabey ſahe ſie wild und in Verwirrung bald um ſich herum, bald auf ſich ſelbſt.
Verzeihen ſie mir, Wertheſte, die kleinen Frey - heiten, welche ſie, ſo unſchuldig dieſelben auch waren, aus allzugroßer Zaͤrtlichkeit uͤbel nehmen moͤchten.
Nicht mehr! Nicht mehr! ‒ Verlaſſen ſie mich, ich bitte ſie! Sie ſahe wieder auf ſich und um ſich herum in einer angenehmen Verwir - rung ‒ ‒ Gehen ſie fort! Gehn ſie fort! ‒ ‒ Hierauf weinte ſie und beſtrebte ſich ſehr heftig ihre Haͤnde wegzuziehen, die ich alle dieſe Zeit her - durch zwiſchen meinen gehalten hatte. ‒ ‒ Jhr Streben! O was fuͤr einen neuen Reiz gab ihr Streben, wie ich nun uͤberlege, einem jeden Ge - ſichtszuge, einem jeden Gliede einer ſo anmuths - vollen zierlichen und liebenswuͤrdigen Perſon.
Unmoͤglich! mein liebſtes Leben, bis ſie mich losſprechen! ‒ ‒ Sagen ſie nur, daß ſie mir ver - geben! ‒ Sagen ſie doch, daß ſie es thun!
Jch bitte ſie, gehen ſie fort! Ueberlaſſen ſie mich mir ſelbſt, daß ich darauf denken moͤge, was ich thun kann, und was ich thun muß.
Das, meine Allerliebſte, iſt noch nicht genug. Sie muͤſſen mir ſagen, daß es mir vergeben ſey, daß ſie mich morgen eben ſo wieder ſehen wol - len, als wenn nichts vorgefallen waͤre.
Darauf83Darauf faßte ich ſie wieder in meine Armen: weil ich vermuthete, daß ſie mir nicht verzeihen wollte.
Jch will ‒ Jch vergebe ihnen ‒ Boͤſewicht!
Ja, meine Clariſſa! Jſt es eine ſo erzwun - gene Verzeihung, mit einem ſo beißenden Worte, womit ich mich abweiſen laſſen ſoll, da ſie ſo voll - kommen, ich druckte ſie hierbey feſt an mich, in meiner Gewalt ſind?
Jch, ich vergebe ihnen!
Von Herzen?
Ja, von Herzen!
Und freywillig?
Freywillig!
Und wollen ſie mich morgen ſo anſehen, als wenn nichts vorgegangen waͤre?
Ja, ja!
Jch kann kein ſo zorniges und verdrießliches Ja, das einem Nein im Herzen ſo aͤhnlich ſiehet, annehmen! ‒ Sagen ſie, ſie wollen es auf ihre Ehre!
Auf meine Ehre denn ‒ O nun, gehen ſie fort, gehen ſie fort! und niemals ‒ ‒
Was niemals, mein Engel! ‒ ‒ Heißt das verzeihen?
Niemals, ſagte ſie, mag an das, was vorge - fallen iſt, wieder gedacht werden!
Jch drang auf einen Kuß, meine Begnadi - gung zu verſiegeln ‒ Und gieng als ein Narr, ein Narr von einem Frauenzimmer, wie ich in der That war, wieder zuruͤck! ‒ ‒ Jch giengF 2ſchlei -84ſchleichend wieder zuruͤck. ‒ ‒ Haͤtteſt du das glauben koͤnnen?
Allein ich war nicht ſo bald in mein Zimmer getreten: ſo bedachte ich, was ich fuͤr eine beque - me Gelegenheit aus den Haͤnden gelaſſen haͤtte, und daß alles, was ich bisher gewonnen, mir nur die Schwierigkeiten vermehren wuͤrde. Jch be - dachte, wie laͤcherlich man mich unten, wegen ei - ner Weichherzigkeit, die von meinem gewoͤhnli - chen Character ſo weit entfernet waͤre, in meiner Gegenwart machen wuͤrde. Es reuete mich, und ich eilte wieder zuruͤck, in Hoffnung, ſie wuͤrde aus Verwirrung des Gemuͤths, worinn ich ſie verlaſſen hatte, ihre Thuͤr nicht ſo bald verriegelt haben. Jch war voͤllig entſchloſſen, alle meine Abſichten zu erfuͤllen, es moͤchte daraus entſtehen, was da wollte. Denn ich habe doch ſchon, dach - te ich, ſo viel geſuͤndiget, daß ich ſchwerlich von Herzen Verzeihung erlangen werde; und wenn Ohnmachten und Verzweifelung folgen: ſo kann ich ſie doch zuletzt nur heyrathen, und denn werde ich ihr alles wieder gut machen.
Aber ich fand meine verdiente Strafe: denn ihre Thuͤr war feſt verwahret. Jch hoͤrte ihr Seufzen und Gluchſen, als wenn ihr das Herz berſten wollte. Meine geliebte Fraͤulein, ſagte ich, indem ich ſanft anklopfte und ihr Gluchſen aufhoͤrte, ich komme, ihnen nur drey Worte zu ſagen, welche unter allen, die ſie jemals von mir gehoͤrt haben, die angenehmſten ſeyn muͤſſen. Er - lauben ſie mir nur einen Augenblick ſie zu ſehen.
Jch85Jch glaubte, ich hoͤrte ſie kommen, die Thuͤr zu oͤffnen, und das Herz huͤpfte mir in dieſer Hoff - nung. Allein ſie kam nur, noch einen Riegel vorzuſchieben und dieſelbe noch feſter zuverwah - ren. Entweder ſie konnte oder ſie wollte mir nicht antworten. Sie gieng weiter in ihr Zim - mer zuruͤck, vermuthlich in ihr Cloſet. Und ſo ſchlich ich, itzo noch mehr als vorher wie ein Narr, wiederum fort.
Dieß war meine Mine, mein durchtriebner Anſchlag ‒ ‒ Und dieß war alles, was ich mir davon zu Nutze machte.
Jch liebe ſie mehr, als jemals, und habe es auch wohl Urſache. Niemals habe ich ſo ſaube - res Elfenbein geſehen, als ihre Arme und Schul - tern zu ſeyn ſchienen. Niemals habe ich einen ſo weichen Sammet, als ihre Haut, gefuͤhlet. Und uͤber dieß eine ſo anſtaͤndige Zierlichkeit! O Bel - ford, ſie iſt lauter Vollkommenheit. Jhr arti - ger Fuß, der den Schuh, worein er, wie ich dir erzaͤhlt habe, nur eben mit der Spitze geſteckt war, in ihrem ringenden Widerſtreben verlohr, iſt eben ſo weiß und zart, als die Hand eines andern Frauenzimmers oder ſelbſt ihre eigne Hand!
Siehſt du aber itzo nicht, daß ich auf einen Vorzug wegen einer reizenden Eigenſchaft, die mir bisher jedermann abgeſprochen hatte, einen rechtmaͤßigen Anſpruch habe? Und das iſt die, daß ich durch Bitten und Thraͤnen geruͤhret wer - den kann. Wo, wo war bey dieſer Gelegenheit der callus, die Verhaͤrtung? Wo der Kieſel,F 3der86der nach gemeiner Sage mein Herz umſchließen ſollte?
Es iſt wahr, dieß iſt das erſte Beyſpiel in dergleichen Fall, daß ich mich jemals ruͤhren laſ - ſen. Aber warum? Weil ich niemals vorher einen ſo gar ernſtlichgemeynten Widerſtand, kurz einen ſo unwiderſtehlichen Widerſtand, gefun - den habe.
Was fuͤr einen Sieg hat ihr Geſchlecht in meinen Gedanken durch dieſe Probe und dieſen Widerſtand erhalten!
Aber wenn ſie mir dießmal vergeben kann ‒ ‒ Kann! ‒ Sie muß. Hat ſie es nicht ſchon auf ihre Ehre gethan? ‒ ‒ Allein wie wird das liebe Kind den Theil von ihrem Verſprechen hal - ten, der ſie verpflichtet, mich morgen ſo wieder zu ſehen, als wenn nichts vorgefallen waͤre?
Jch ſtelle mir vor, ſie wuͤrde die ganze Welt dafuͤr geben, daß die erſte Zuſammenkunft vor - uͤber ſeyn moͤchte! ‒ ‒ Sie hatte mir nicht gut verweifen! ‒ Und doch ſoll ſie mir itzt nichts zu verweiſen haben! ‒ ‒ Was fuͤr eine angenehme Verwirrung! Sie mag ihr Wort mit mir auf ih - re Gefahr brechen. Entfliehen kann ſie mir nicht. Zu andern darf ſie ſich von meinem Richterſtuhle nicht wenden. ‒ ‒ Was fuͤr einen Freund hat ſie in der Welt, wenn ſich mein Mitleiden nicht zu ihrem Beſten zeiget? ‒ ‒ Und hiernaͤchſt wird der wuͤrdige Capitain Tomlinſon und ihr Onkel Harlowe alles fuͤr mich gut zu machen im Stan -de87de ſeyn: meine letzte Beleidigung ſey ſo groß, als ſie wolle.
Was deine Furcht betrifft, ſie moͤchte gegen ſich ſelbſt etwas uͤbereiltes und heftiges vorneh - men: ſo unterſtehe ich mich zu behaupten, daß man dergleichen von ihrem Gemuͤthe, wenn es einer Ueberlegung gelaſſen iſt, nicht beſorgen duͤrfe; was ſie auch in ihrer Hitze immer gethan haben moͤchte, wenn ſie ihre Scheeren zu erha - ſchen oder irgend ein anderes Gewehr zu finden vermoͤgend geweſen waͤre. Eine Mannsperſon hat mit ſolchen wahrhaftig frommen und wirk - lich tugendhaften Frauenzimmern, nun glaube ich, daß es dergleichen giebt, ohne das Muͤhe genug. Es iſt wohl noͤthig, daß er einigen Vor - theil von, einige Sicherheit in ihrer tugendhaften Gemuͤthsart habe.
Kurz, mir iſt bey dieſem Frauenzimmer vor nichts, als vor der Traurigkeit, bange. Doch dieſe, weißt du wohl, wirket langſam und traͤge, und giebt Zeit, zwiſchen ihre verdrießliche Anfaͤlle eine kleine Freude einzuſchieben.
Jhre Kammerthuͤr iſt noch nicht geoͤffnet. Jch darf nicht erwarten, daß ſie das FruͤhſtuͤckF 4mit88mit mir halten, vermuthlich auch nicht, daß ſie zu Mittage mit mir eſſen werde. Eine kleine wun - derliche Seele! Was macht ſie ſich durch ihre uͤbertriebne Bedenklichkeit fuͤr Unruhen! ‒ ‒ Alles, was ich ihr zu nahe gethan, wuͤrde, unter zehn von ihrem Geſchlechte, von neun Theilen bloß fuͤr einen Spaß, einen loſen Streich, gehal - ten, und folglich daruͤber gelacht worden ſeyn. Je mehr ſie daraus macht: deſto beſchwerlicher iſt es ihr ſelbſt ſowohl als mir.
Waͤre es nicht beſſer, Bruder, nach ih - rer eignen Art zu denken, daß ſie nicht ſo em - pfindlich ſchiene, als ſie ſich ſelbſt das Anſehen geben wird, wenn ſie itzt ſehr zornig iſt.
Jedoch vielleicht bin ich mehr beſorgt, als noͤ - thig iſt. Jch glaube, ich bin es. Meine Furcht ruͤhret mehr von ihrer uͤbertriebnen Bedenklich - keit her als von einer außerordentlichen Urſache, die ich ihr zum Widerwillen gegeben haͤtte. Das naͤchſte mal mag ſie ſich ſelbſt gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn ſie nicht aͤrger davon kommt.
Das liebſte Kind war die verwichene Nacht ſo erſchrocken und ſo ermuͤdet, daß es kein Wun - der iſt, wenn ſie dieſen Morgen ausruhet.
Jch hoffe, ſie hat mehr Ruhe gehabt als ich. Sanft und lieblich, hoffe ich, iſt ihr Schlummer geweſen, damit ſie in einer ertraͤglichen Gemuͤths - verfaſſung zu mir kommen moͤge. Ganz voll lieblicher Schamroͤthe und Verwirrung ‒ Jch weiß, wie ſie ausſehen wird! ‒ Aber warum ſoll -te89te ſie, die leidende Perſon, ſchamroth ſeyn, wenn ich, der Verbrecher, es nicht bin.
Doch Gewohnheit iſt ein wunderbares Ding. Man ſagt den Frauenzimmern, wie viel ihr Er - roͤthen ihre Annehmlichkeiten erhoͤhe. Darum uͤben ſie ſich darinn. Das Rothwerden kommt eben ſo bald, wenn ſie rufen, als ihre Thraͤnen. Siehe das iſt die Sache. Wir Maͤnner hinge - gen halten das Rothwerden fuͤr ein Zeichen der Schuld oder der Bloͤdigkeit. Deswegen bemuͤ - hen wir uns eben ſo ſehr, daſſelbe zu unterdruͤ - cken.
Bey meiner Treue, Bruder, ich ſchaͤme mich halb eben ſo viel, den Weibsleuten unten im Hauſe vor Augen zu kommen, als meine Schoͤne ſich ſchaͤmen kann, mich zu ſehen. Jch habe meine Thuͤr noch nicht aufgeſchloſſen, damit ich von ihnen nicht uͤberfallen werde.
Was fuͤr Teufel kann einer gleichwohl aus dem andern Geſchlechte machen! Zu was fuͤr ei - ner Hoͤhe von ‒ ‒ Wie ſoll ich es nennen? ‒ ‒ muͤſſen diejenigen von demſelben geſtiegen ſeyn, die einmal eine Mannsperſon ſo beſonders gelie - bet haben, als Marichen und Sara mich beyde geliebet, und dennoch ſo weit uͤber alle Regun - gen der Eiſerſucht, ſo weit uͤber alle beißende Vorſtellungen, die entſtehen muͤſſen, wenn die Zuneigung desjenigen, die ſie allen andern vor - ziehen, mit neuen Gegenſtaͤnden getheilet und ge -F 5mein90mein gemachet wird, hinaus gekommen ſind, daß ſie ſelbſt einen andern Antheil an ſeiner Liebe wuͤnſchen und ihn befoͤrdern, und ihr groͤßtes Vergnuͤgen darinn ſetzen, andern ſich gleich zu ma - chen! ‒ ‒ Denn du kannſt dir nicht einbilden, wie ſich eben Sara Martin die verwichene Nacht freuete, in der Meynung, daß der Fraͤulein ihre Stunde nahe ſey.
Niemals hat mich in meinem Leben noch ir - gend etwas mit ſo vieler Ungeduld verlanget, als meine Geliebte zu ſehen. Sie iſt dieſe zwo Stunden durch, wie es ſcheint, ſchon in Bewe - gung geweſen.
Dorcas hat eben itzo bey ihr angeklopft, ihre Morgenbefehle abzuholen.
Sie haͤtte keine fuͤr ſie, iſt die Antwort geweſen.
Jene hat zu wiſſen verlanget, ob ſie nicht etwas zum Fruͤhſtuͤcke haben wollte.
Ein aͤrgerliches Nein mit ſchwacher Stim - me bekam ſie wieder zuruͤck.
Jch will ſelbſt hingehen.
Zu drey verſchiednen malen habe ich an die Thuͤr geklopft, aber keine Antwort bekommen.
Erlauben ſie mir, meine Wertheſte, daß ich mich nach ihrem Wohlſeyn erkundige. Weil ſie ſich heute noch nicht haben ſprechen laſſen: ſo ver -langt91langt mich ſehr, zu erfahren, wie ſie ſich be - finden.
Kein Wort: aber wohl ein tiefer Seufzer und ſo gar ein Gluchſen.
Darf ich ſie nicht bitten, meine Fraͤulein, daß ſie noch ein paar Stufen mit mir hinauf ge - hen? Sie werden mit Vergnuͤgen ſehen, was fuͤr ein Gluͤck es fuͤr uns alle geweſen, ſo davon zu kommen.
Es iſt wirklich ein Gluͤck, Bruder, daß wir ſo davon gekommen ſind. Denn das Feuer hatte das Fenſtergeſimſe angegriffen, die Teppiche ver - ſengt und die Einfaſſung der Fenſterpfoſten von Tannenbretern verbrannt.
Keine Antwort, meine Fraͤulein! Bin ich nicht ein einzigs Wort werth? Halten ſie ihr Verſprechen ſo mit mir? ‒ ‒ Wollen ſie nicht die Gewogenheit haben, mir ihre Geſellſchaft auf zwo Minuten, nur auf zwo Minnten, in dem Speiſeſaale zu goͤnnen?
Ach! ‒ Und ein tiefer Seufzer! ‒ Das war die ganze Antwort.
Antworten ſie mir nur, wie ſie ſich befinden. Antworten ſie mir nur, daß ſie ſich wohl befin - den. ‒ ‒ Jſt das die Verzeihung, welche die Be - dingung von meinem Gehorſam war?
Hierauf ſagte ſie mit einer ohnmaͤchtigen aber zornigen Stimme, weg von meiner Thuͤ - re! ‒ Boͤſewicht, Unmenſch, Barbar, und alles, was niedertraͤchtig und verraͤtheriſch heißet! ‒ Weg von meiner Thuͤre! Quaͤlen ſie ein armesFrau -92Frauenzimmer nicht ſo, das Schutz, nicht Be - ſchimpfung, fordern kann.
Gut, meine Fraͤulein, ich ſehe, wie ſie mir ihr Wort halten. Wenn ein ploͤtzlicher Trieb, die Wirkung eines unerwarteten Zufalls, nicht vergeben werden kann ‒ ‒
O! wie ſchwer druͤcket eines Vaters Fluch, der ſo genau nach dem Buchſtaben, ſo augen - ſcheinlich erfuͤllt werden ſoll!
Hiemit verlohr ſich die Sprache und ward ein unvernehmlich Gemurmel. Jch ſahe durch das Schluͤſſelloch und ſahe ſie auf ihren Knien, ihr Geſicht, ob gleich von mir weggewandt, ſo wohl als ihre Haͤnde aufgehoben, und dieſe ge - falten. Wie ich vermuthe, betete ſie, daß der Fluch dieſes finſtern Tyrannen abgewandt werden moͤchte.
Jch konnte nicht anders als geruͤhret werden.
Mein wertheſtes Leben, laſſen ſie mich doch nur auf zwo Minuten vor ſich, und beſtaͤtigen die zugeſagte Vergebung. Der Blitz mag mich auf der Stelle ruͤhren: wofern ich etwas anders, als meine Reue, zu einem ſo geheiligten Gefaͤße bringe! Jch will ſie hiernaͤchſt den ganzen Tag und bis morgen fruͤhe alleine laſſen. Alsdenn will ich ihnen mit den Schriften, die alle zur Unterzeichnung fertig ſind, mit einem ausgewirk - ten Trauſchein, oder wenn ich das nicht kann, mit einem Prediger ohne denſelben, meine Auf - wartung machen. Dieß glauben ſie mir nur ein -mal93mal zu. Wenn ſie die Wirklichkeit der Gefahr ſehen, die zu dieſem ihren ungluͤcklichen Wider - willen Gelegenheit gegeben hat: ſo werden ſie nicht ſo hart von mir denken. Und darf ich ſie nicht bitten, ein Verſprechen zu erfuͤllen, worauf ich eine nicht ganz und gar unedelmuͤthige Zu - verſicht geſetzet habe?
Jch kann ſie nicht ſehen! O waͤre es dem Himmel gefaͤllig geweſen, daß ich ſie nie geſehen haͤtte! Wenn ich ſchreibe: ſo iſt das alles, was ich thun kann.
So laſſen ſie dann ihr Schreiben, mein lieb - ſtes Leben, auch ihr Verſprechen beſtaͤtigen. Jn Erwartung deſſelben will ich weggehen.
Eben itzo klingelte ſie, daß Dorcas kommen ſollte, und gab ihr, mit der Thuͤre in der Hand, die nur halb geoͤſfnet war, ein Zettelchen an mich.
Wie ſahe das liebe Kind aus, Dorcas?
Sie war angekleidet, wandte ihr Geſicht ei - lend von mir weg und ſeufzete, als wenn ihr das Herz brechen wollte.
Angenehmes Kind! ‒ ‒ Jch kuͤßte die naſſe Oblate und zog ſie mit meinem Odem von dem Papier.
Hier iſt der Jnhalt. ‒ Kein obengeſchrieb - nes Herr! Kein Herr Lovelace!
Jch kann ſie nicht ſehen. Jch will es auch nicht, wofern ich es aͤndern kann. Worte koͤn -nen94nen die Angſt meiner Seelen uͤber ihre Nieder - traͤchtigkeit und ihren Undank nicht ausdruͤcken.
Stehen die Sachen ſo, daß ich kein Mittel habe, anders als durch ſie, mich mit denen aus - zuſoͤhnen, welche von Natur meine Beſchuͤtzer vor ſolchen Beſchimpfungen geweſen ſeyn wuͤrden; und das iſt der einzige Bewegungsgrund, den ich haben kann, nur noch einen Augenblick laͤnger in ihrer Bekanntſchaft zu bleiben: ſo muͤſſen itzo Feder und Dinte die einzigen Mittel ſeyn, wo - durch wir mit einander Gemeinſchaft haben.
Niedertraͤchtigſter unter allen Mannsperſo - nen! und abſcheulichſter unter allen Raͤnkeſchmie - den! Womit habe ich von ihnen die harten Be - ſchimpfungen verdienet? ‒ Jedoch nichts mehr ‒ ‒ Bloß um ihrer ſelbſt willen, wuͤnſchen ſie we - nigſtens auf eine Woche nicht, zu mir zu kom - men und zu ſehen
die unverſchuldet beleidigte und beſchimpfte Clariſſa Harlowe.
Nun ſiehſt du, daß mir nichts haͤtte helfen koͤnnen, als die verſteckte Charte mit Tomlinſon und ihrem Onkel. Was fuͤr wunderliche Um - ſtaͤnde habe ich mir gleichwohl zugezogen! ‒ ‒ Waͤre Caͤſar ein ſolcher Narr geweſen: ſo wuͤrde er niemals uͤber den Rubicon gekommen ſeyn. Haͤtte er ſich aber hernach, da er uͤber denſelben gegangen war, durch einen Rathsſchluß in Furcht geſetzt, unverrichteter Sache zuruͤckgezo -gen:95gen: was fuͤr eine artige Perſon wuͤrde er in der Geſchichte geſpielet haben! ‒ ‒ Jch haͤtte wiſſen koͤnnen, daß es eben ſo ſtraͤflich iſt, einen Raub zu verſuchen und eine Perſon ihres Leibes wegen in Furcht zu ſetzen, als wenn der Raub wirklich begangen waͤre.
Aber auf eine Woche ſie nicht zu ſe - hen! ‒ ‒ Die liebe artige Seele! Wie kommt ſie mir in allen Stuͤcken zuvor! Der Sachwal - ter wird die Schriften fertig haben, daß ſie heu - te oder morgen aufs laͤngſte unterzeichnet werden koͤnnen. Der Trauſchein mit dem Prediger, oder der Prediger ohne den Trauſchein, muß auch in den naͤchſten vier und zwanzig Stunden da ſeyn. Pritchard iſt mit ſeinen dreyfachen Ur - kunden ſo gut als bereit. Tomlinſon iſt mit ei - ner guͤnſtigen Antwort von ihrem Onkel zur Hand ‒ ‒ Und doch auf eine Woche ſie nicht zu ſehen! Die liebe angenehme Seele! ‒ ‒ Jhr guter Engel iſt verreiſet oder laͤuft wenig - ſtens ſpielen. Jndeſſen zweifle ich gar nicht, meine werthe Schoͤne, in einer Wochen und noch viel kuͤrzerer Zeit meinen Sieg voͤllig erhalten zu haben.
Allein was mich am meiſten beunruhiget, iſt, daß ein ſolcher Ausbund von vortrefflichen Frau - enzimmern ihr Wort brechen ſollte ‒ ‒ Pfuy, Pfuy fuͤr ſie! ‒ ‒ Jedoch niemand iſt ganz und gar vollkommen! Es iſt menſchlich zu irren, aber nicht, dabey zu verharren ‒ Jch hoffe meine Schoͤne kann nicht unmenſchlich ſeyn.
Es ſind zwiſchen uns, noch ehe ich ausgegan - gen bin, verſchiedne Handbriefchen durch Dorcas, als Botinn, gewechſelt. Deswegen ha - ben meine die Aufſchrift von ihrem Ehename. ‒ Sie hat ihre Thuͤr nicht oͤffnen wollen, dieſelben anzunehmen; vermuthlich aus Beyſorge, ich moͤchte etwa in der Naͤhe ſeyn: daher hat ſich Dorcas genoͤthigt geſehen, nachdem ſie fuͤr dich eine Abſchrift davon genommen, ſie unter die Thuͤre zu ſtecken und von dannen auch die Ant - wort zu holen. Beliebt es dir, ſo kannſt du ſie hier leſen.
Jn Wahrheit, mein liebſtes Leben, ſie treiben dieſe Sache zu weit. Was werden die Leute un - ten im Hauſe, die uns fuͤr getrauet halten, von einer ſo großen Bedenklichkeit fuͤr Gedanken ha - ben? So unſchuldige Freyheiten! Eine ſo zu - faͤllige Gelegenheit! ‒ Sie werden ſich ſelbſt ſo wohl als mich ihren Urtheilen ausſetzen ‒ Bis - her wiſſen ſie noch nichts von dem, was vorge - fallen iſt. Und was iſt denn auch in der That vorgefallen, das allen dieſen Unwillen verurſa -chen97chen koͤnnte? ‒ ‒ Jch bin verſichert, ſie werden durch Brechung ihres auf Ehre gegebenen Wor - tes mir nicht Urſache zu ſchließen geben, daß ich nicht uͤbler haͤtte fahren koͤnnen, wenn ich ihnen nicht gehorſam geweſen waͤre.
Von ganzem Herzen reuet mich die Beleidi - gung, welche ihrer ſtrengen Tugend von mir widerfahren iſt ‒ Allein muß ich eines ſo ohnge - faͤhren Zufalls wegen ein Brandmark von ſo an - ſtoͤßigen Namen tragen? Niedertraͤchtigſter unter allen Mannsperſonen und abſcheu - lichſter unter allen Raͤnkeſchmieden ſind har - te Worte! ‒ Sonderlich aus der Feder einer ſol - chen Fraͤulein.
Wenn ſie nur noch ein paar Stuffen hinauf gehen: ſo werden ſie uͤberzeugt werden, daß, ſo abſcheulich ich ihnen immer ſeyn mag, ich doch in dieſer Sache kein Raͤnkeſchmieder geweſen bin.
Jch muß bey meiner inſtaͤndigſten Bitte blei - ben, ſie zu ſprechen, damit ich uͤber einige von denen Stuͤcken, wovon wir geſtern Abends nur geredet haben, ihren Willen vernehmen koͤnne.
Alles, was mehr als noͤthig iſt, iſt zu viel. Jch halte ſie bey ihrem Worte, mir zu verzeihen, und wuͤnſche dadurch meine Sache auf den Knien vor ihnen auszufuͤhren.
Jch erſuche ſie, mir in dem Speiſeſaal nur auf eine Viertelſtunde ihre Gegenwart zu goͤn -Fuͤnfter Theil. Gnen.98nen. Alsdenn will ich ſie den ganzen Tag allei - ne laſſen. Jch bin, mein wertheſtes Leben,
Jhr beſtaͤndiger Anbeter und aufrichtig reuevoller Lovelace.
Jch will ſie nicht ſehen. Jch kann ſie nicht ſehen. Jch habe ihnen keine Eroͤffnungen von meinem Willen zu thun. Die Vorſicht mag fuͤr mich entſcheiden, wie es ihr gefaͤllt.
Je mehr ich ihre Niedertraͤchtigkeit, ihre un - dankbare, ihre barbariſche Niedertraͤchtigkeit uͤberlege: deſto mehr werde ich gegen ſie er - bittert.
Sie ſind gewiß die letzte Perſon, deren Ur - theil ich uͤber das, was in Wohlſtandsſachen - zu weit oder nicht zu weit getrieben heißet, ver - langen wuͤrde.
Es iſt mir itzo ein Kummer an ſie zu ſchrei - ben oder nur zu denken. Darum beſchweren ſie mich nicht weiter. Noch einmal, ich will ſie nicht ſehen. Auch bekuͤmmere ich mich nunmehr, da ſie mich mir ſelbſt veraͤchtlich gemacht haben, gar nicht darum, was andre Leute von mir denken.
Abermal erinnere ich ſie, meine Fraͤulein, an ihr Verſprechen: und erlauben ſie mir zu ſa - gen, ich beſtehe auf die Erfuͤllung deſſelben.
Erinnern99Erinnern ſie ſich, mein liebſter Engel, daß das Vergehen einer tadelnswuͤrdigen Perſon ein Vergehen bey einer vollkommenen Perſon nicht rechtfertigen koͤnne. Uebertriebne Bedenklichkeit kann vielleicht keine Bedenklichkeit ſeyn!
Jch kann mir ſelbſt nichts vorwerfen, das dieſen heftigen Unwillen verdiene.
Jch geſtehe, die Heftigkeit meiner Neigung zu ihnen haͤtte mich uͤber die geziemenden Schran - ken treiben koͤnnen ‒ ‒ Aber daß ihre Befehle und Beſchwerungen in einem ſolchen Augenblicke eine ſo große Gewalt uͤber mich gehabt haben, das, unterſtehe ich mich gehorſamſt zu ſagen, ver - dienet einige Betrachtung.
Sie legen mir auf, eine ganze Woche durch ſie nicht zu ſehen. Wenn ich keine Verzeihung von ihnen erlanget habe, ehe der Capitain Tom - linſon zur Stadt kommt: was ſoll ich zu ihm ſagen?
Jch bitte noch einmal, goͤnnen ſie mir ihre Gegenwart in dem Speiſeſaale. Bey meiner Seele, Fraͤulein, ich muß ſie ſprechen.
Es iſt hoͤchſt noͤthig, daß ich ſie wegen des Trauſcheins und anderer beſondern Umſtaͤnde von großer Wichtigkeit um Rath frage. Die Leute unten im Hauſe halten uns fuͤr verheyrathet, und ich kann von ſolchen Dingen nicht mit ihnen re - den, wenn eine Thuͤr zwiſchen uns iſt.
Um des Himmels willen, erweiſen ſie mir die Gewogenheit, nur auf ein paar Minuten bey mirG 2zu100zu ſeyn. Jch will ſie hernach den ganzen Tag alleine laſſen.
Kann ich nach ihrem Verſprechen Verzeihung erlangen: ſo muß nothwendig die geſchwinde - ſte Verzeihung am wenigſten beſchwerlich ſeyn, ſowohl fuͤr ſie ſelbſt, als fuͤr
Jhren wahrhaftig niedergeſchlagenen und bekuͤmmerten Lovelace.
Je mehr ſie mich quaͤlen: deſto aͤrger wird es fuͤr ſie ſeyn.
Es braucht Zeit zu uͤberlegen, ob ich uͤberall jemals an ſie gedenken ſoll. Gegenwaͤrtig iſt es mein aufrichtiger Wunſch, daß ich ihr Angeſicht niemals wieder ſehen moͤge.
Alles, was ihnen den geringſten Schatten einer Gunſt von mir geben kann, ruͤhret von der gehofften Ausſoͤhnung mit meinem wahren, nicht meinem Judasgleichen Beſchuͤtzer her.
Jch bekuͤmmere mich itzo nicht um kuͤnftige Folgen. Jch haſſe mich ſelbſt: und wen habe ich Urſache zu achten? Gewiß nicht den Men - ſchen, der im Stande geweſen iſt, eine verdeckte Charte zu ſpielen, und dadurch ſowohl ſeine eigne Hoffnung, als ein armes freundloſes Frauenzim - mer, das noch dazu von ihm ſelbſt, ſreundlos gemacht iſt, durch Beſchimpfungen, woran man nicht ohne Ungeduld denken mag, zu ſchanden zu machen.
Jch will zur Rechts ‒ Cammer gehen und in allen Stuͤcken ſo fortſchreiten, als wenn ich nicht das Ungluͤck haͤtte, ihnen misfaͤllig zu ſeyn.
Jch muß dabey bleiben, ſo ſtraͤflich mich auch meine heftige Neigung, bey einem ſo unerwarte - ten Vorfall, einem Frauenzimmer von ihrer zaͤrt - lichen Gewiſſensart vorſtellen duͤrfte, daß dennoch meine Willfahrung auf ihr Bitten, in einem ſol - chen Augenblicke, weil ſie ihnen ein Beyſpiel von ihrer Gewalt uͤber mich giebt, welches wenige Mannsperſonen abzulegen im Stande geweſen ſeyn wuͤrden, mir des feyerlichen Verſprechens, welches die Bedingung meines Gehorſams war, ein hinlaͤngliches Recht geben muͤſſe.
Jch hoffe ſie bey meiner Ruͤckkehr, in einer geneigtern, und ich will ſagen, gerechtern Ge - ſinnung zu finden. Jch mag den Trauſchein er - halten, oder nicht, ſo erlauben ſie mir zu bitten; daß das Bald, worauf ſie mir zu hoffen guͤtigſt be - fohlen haben, morgen ſruͤhe ſeyn moͤge. Das wird alles wieder gut und mich zu dem gluͤcklichſten Manne machen.
Die Eheſtiſtungen ſind zur Unterzeichnung fertig oder werden es gegen Abend ſeyn.
Um des Himmels willen, Fraͤulein, laſſen ſie doch ihren Unwillen nicht zu einem ſolchen Misvergnuͤgen ausbrechen, das mit der Beleidi - gung gar in keinem aͤhnlichen Verhaͤltniſſe ſtehet. G 3Denn102Denn das wuͤrde uns beyde den Urtheilen der Leute unten im Hauſe, und, was von unendlich wichtigerer Folge fuͤr uns iſt, des Capitain Tom - linſon, bloßſtellen. Laſſen ſie uns im Stande ſeyn, ich bitte ſie, meine Fraͤulein, ihn bey ſeinem naͤchſten Beſuche zu verſichern, daß wir eins ſind.
Weil ich die Erlaubniß, zu Mittage mit ih - nen zu ſpeiſen, nicht hoffen darf: ſo werde ich vor Abend nicht wieder zu Hauſe kommen; und denn, unterſtehe ich mich zu ſagen, erwarte ich; ihr Verſprechen giebt mir ein Recht dieß Wort zu gebrauchen; ſie geneigt zu finden, durch ihre Einwilligung auf morgen, gluͤcklich zu machen.
Jhren Anbeter, Lovelace.
Was ſtellte ich mir fuͤr ein Vergnuͤgen vor, wie dachte ich mir die angenehme Verwirrung zu Nutze zu machen, worinn ich ſie zu finden ver - muthete: weil alles noch ſo neu war! ‒ ‒ ‒ Doch ſie muß, ſie ſoll mich ſehen, wenn ich zuruͤckkom - me. Es waͤre beſſer fuͤr ſie und fuͤr mich, daß ſie nicht ſo viele Umſtaͤnde uͤber nichts ge - macht haͤtte. Jch muß meinen Zorn lebendig erhalten, daß er nicht in Mitleiden verwandelt werde. Liebe und Mitleiden ſind ſchwer zu trennen; man mag auch noch ſo ſehr gereizet werden: da hingegen der Zorn das, was ohne ihr Mitleiden ſeyn wuͤrde, in einen empfindli - chen Verdruß verwandelt. Es kann in denAugen103Augen einer Mannsperſon nichts liebenswuͤrdig ſcheinen, woruͤber er ganz und gar misvergnuͤgt iſt.
Jch befahl Dorcas, wenn ſie das letzte Hand - briefchen unter die Thuͤr ſteckte und es weggenom - men faͤnde, ihr zu ſagen, daß ich auf eine Ant - wort hoffete, ehe ich ausgienge.
Jhre Antwort war muͤndlich: Sagt ihm, daß ich mich nicht darum bekuͤmmere, wo er hingehe, noch was er mache ‒ ‒ Und dieß, ſprach ſie, als Dorcas von neuem anfrug, waͤre alles, was ſie mir zu ſagen haͤtte.
Jch ſahe durch das Schluͤſſelloch, als ich bey ihrer Thuͤr voruͤber ging, und erblickte ſie auf ih - ren Knien unten an ihrem Bette, ihren Kopf und ihre Bruſt an das Bette gelehnet, und ihre Arme ausgeſtreckt. Angenehmer Engel! Sie ſchien in Todesangſt zu ſeyn, und gluchſete, wie ich in der Entfernung hoͤrte, als wenn ihr das Herz berſten wollte. ‒ ‒ Bey meiner Seele, ich bin ein barmherziger Bruder. Ueberlegung iſt mein Feind! ‒ ‒ Goͤttlich vollkommne Schoͤne! ‒ So viele Tage mit einander gluͤcklich! ‒ ‒ Nun ſo ungluͤckſelig! ‒ Und weswegen? ‒ ‒ Jedoch ſie iſt die Reinigkeit ſelbſt ‒ Und warum ſollte ich ſie endlich ſo quaͤlen ‒ ‒ Allein in der Ge - muͤthsverfaſſung, worinn ich itzo bin, darf ich mit ſelbſt nicht trauen.
Jndem ich hier auf Mowbray und Mallory wartete, durch deren Huͤlfe ich den Trauſchein zuG 4erhal -104erhalten habe: ſo zog ich einige Papiere aus mei - ner Taſche, mir die Zeit zu vertreiben; und eben dein letztes Schreiben pfropfte ſich mir zuerſt dienſtfertig in die Hand. Jch that ihm die Eh - re, es nochmals durchzuſehen: und das machte bey mir die Vorſtellung von dem Gegenſtande, bey dem ich mich nicht auf mich ſelbſt zu verlaſ - ſen ſchluͤßig geworden war, wieder lebendig.
Jch beſinne mich, daß die angenehme Schoͤ - ne in ihrer zerriſſenen Antwort auf die vorgeſchla - gene Eheſtiftung ſchreibet, Herablaſſung zu anderer Schwachheit ſey keine Niedertraͤch - tigkeit. Sie weiß beſſer, als irgend ein Menſch, wie dieß auszumachen ſtehe. Herablaſſung ſchließt in der That erhabne Vorzuͤge in ſich: und erhabne Vorzuͤge ſind allemal bey ihrer Her - ablaſſung geweſen; jedoch ſolche erhabne Vorzuͤ - ge, die ihrer Herablaſſung Reiz und Anmuth ge - ben mußten. Denn es ward dadurch kein Stolz, keine Verſpottung, keine offenbare Erhebung ih - rer ſelbſt angedeutet. Die Fraͤulein Howe be - ſtaͤtigt, daß dieß ein Theil von ihrem uͤberall be - kannten Character ſey(*)Siehe den IV. Th. S. 34..
Jch kann ihr ſagen, wie ſie ſich verhalten moͤchte, wenn ich auf ewig ihr eigen ſeyn ſoll. Sie weiß, ſie kann mir nicht entgehen. Sie weiß, ſie muß mich fruͤher oder ſpaͤter ſehen: je fruͤher, deſto gefaͤlliger ‒ ‒ Jch wollte ihr vergoͤnnen zu zuͤrnen: nicht weil die Freyheiten, welche ich mir bey ihr genommen, Zorn verdienen, waͤre ſienicht105nicht eine Clariſſa; ſondern weil es ſich zu ihrer beſondern Bedenklichkeit ſchickt, zu zuͤrnen. Al - lein wollte ſie in ihrem Zuͤrnen nur mehr Liebe, als Abſcheu gegen mich bezeigen; wollte ſie ſcheinen, wenn es auch bloß ein ſcheinen waͤre, als hielte ſie das Feuer fuͤr keinen liſtigen Kunſt - griff, und alles, was darauf folgte, lediglich fuͤr etwas ohngefaͤhres; wollte ſie auf dieſe Art mir den Vortheil, welchen ich von ihrer Beſtuͤrzung ziehen wollen, nur zaͤrtlich vorhalten und verwei - ſen; wollte ſie endlich ruhig und verſichert ſeyn, wie ſie wirklich ſeyn kann, daß keine weitere Fol - gen daraus entſtehen ſollten, und auf meine Ehre einige edelmuͤthige Zuverſicht ſetzen; Macht lie - bet Vertrauen, Bruder: ſo denke ich, ich wollte allen ihren Proben ein Ende machen und ihr vor dem Altar meine Geluͤbde bezahlen.
Jedoch ſo kuͤhne Schritte, als der mit Tom - linſon und ihrem Onkel iſt, gethan zu haben ‒ ‒ So weit gegangen zu ſeyn ‒ ‒ O Belford, Bel - ford, in was fuͤr Verwirrungen habe ich mich ſelbſt ſo wohl als meine Geliebte geſetzet! ‒ ‒ Wie hat mich der verfluchte Ekel vor dem Ehe - bette verwickelt! Wie vieler Widerſpruͤche hat er mich ſchuldig gemacht!
Was fuͤr ein Vergnuͤgen iſt es mir ſelbſt, auf die begluͤckten Tage zuruͤckzuſchauen, die ich ihr verſchaffet habe: ob gleich meine ohne allen Zwei - fel viel reiner begluͤckt geweſen waͤren; wenn ich mich haͤtte entſchließen koͤnnen, meine Raͤnke fah -G 5ren106ren zu laſſen, und allezeit ſo aufrichtig zu ſeyn, als ſie es verdiente.
Finde ich, daß dieſe Geſinnung nur bis mor - gen fruͤhe anhaͤlt; itzt hat ſie zwo ganzer Stun - den gewaͤhret, und ich ſcheine, wie mich deucht, ein Vergnuͤgen in ihrer Unterhaltung zu finden: ſo denke ich, ich will dich beſuchen, oder dich zu mir kommen laſſen, und alsdenn mit dir daruͤber berathſchlagen.
Allein ſie wird ſich nimmermehr auf mich verlaſſen. Sie wird kein Vertrauen auf meine Ehre ſetzen. Zweifel iſt in dieſem Fall Mis - trauen. Sie liebt mich nicht genug, daß ſie mir edelmuͤthig verzeihen ſollte. Sie iſt ſo ſehr uͤber mich hinaus! Wie kann ich ihr einen fuͤr mei - nen Stolz ſo beißenden Vorzug zu gute halten! Sie denket, ſie weiß, ſie hat mir ſo gar frey herausgeſagt, daß ſie weit uͤber mich iſt. Dieſe Worte ſchallen noch allezeit in meinen Ohren: „ Weg Lovelace! ‒ Meine Seele iſt uͤber deine, „ Kerl! ‒ Du haſt ein viel zu ſtolzes Herz, daß „ man ſich mit dir einlaſſen koͤnnte. “ ‒ ‒ Meine Seele iſt uͤber deine, Kerl! (*)Siehe den IV. Th. S. 231.‒ ‒ Fraͤulein Ho - we ſetzet ſie in ihren Gedanken auch weit uͤber mich hinaus. Du, ſo gar du, mein Freund, mein vertrauter Freund und Mitgenoſſe, biſt eben der Meynung. Jch fuͤrchte ſie eben ſo viel, als ich ſie liebe ‒ ‒ Wie koͤnnen dieſe Betrachtungen meinem Hochmuthe ertraͤglich ſeyn? ‒ ‒ Mein Weib, wie ich ſo oft geſagt habe, weil es mir ſooft107oft wieder in den Sinn kommt, ſoll ſo weit uͤber mich erhaben ſeyn! Jch ſelbſt ſoll in meiner ei - genen Familie, nur als die zweyte und geringere Perſon angeſehen werden! Kannſt du mich eine ſolche Vorſtellung, als dieſe iſt, vertragen lehren! ‒ ‒ Wollte man mir ſagen, wie viel ich mit ihr gewinne, und daß ſie mit allen ihren ausnehmen - den Vorzuͤgen mein voͤlliges Eigenthum ſeyn werde: ſo iſt das ein Jrrthum. Es kann nicht ſo ſeyn. Denn werde ich nicht ihr, und nicht mir ſelbſt zugehoͤren? ‒ Wird nicht eine jede Ausuͤbung ihrer Pflicht, da ich ſie nicht verdie - nen kann, eine Herablaſſung und ein Sieg uͤber mich ſeyn? ‒ Und muß ich es bloß ihrer Guͤte zu danken haben, daß ſie mich nicht verachtet? ‒ Soll ich ertragen, daß ſie ſich herablaſſen muß, mit meinen Schwachheiten Geduld zu haben! ‒ ‒ Daß ſie mich mit einem mitleidigen Auge verwundet! Soll eine Tochter der Harlowe den letzten, und wie ich vorher ſchon geſagt habe, nicht den geringſten von den Lovelacen ſo weit uͤbertreffen! ‒ Das ſey ferne!
Doch es ſey nicht ferne ‒ Denn ſehe ich ſie nicht itzo, ſehe ich ſie nicht alle Augenblicke vor mir, als lauter Reiz, und Wohlſtand und Rei - nigkeit, ſo wie verwichene Nacht in ihrem rin - genden Widerſtreben? Und in dieſem Widerſtre - ben Herz, Stimme, Augen, Haͤnde und alle Ge - ſinnungen, ſo vollkommen, ſo ruhmwuͤrdig dem - jenigen Character gemaͤß, den ſie von ihrer Wie - gen an bis auf dieſe Stunde behalten hat?
Aber108Aber was raͤume ich dir fuͤr Vortheile ein?
Jedoch habe ich ihr nicht allezeit Gerechtig - keit widerfahren laſſen? Was ſoll denn deine quaͤ - lende Unverſchaͤmtheit?
Gleichwohl vergebe ich dir, Bruder! Denn ich wollte lieber, ſiehe ſo viel edelmuͤthige Liebe kann ich haben! daß mich die ganze Welt ver - dammen moͤchte, als daß ihr Character den ge - ringſten Nachtheil leiden ſollte.
Das liebe Kind ſagte mir einmal ſelbſt, daß eine wunderliche Miſchung, viel widerſprechendes, in meinem Gemuͤthe waͤre(*)Siehe Th. III. S. 266..
Jch habe ein Teufel und Beelzebub unter dieſen zwo ſtolzen Schoͤnen heißen muͤſſen: ich muͤßte wirklich ein Beelzebub ſeyn, wenn ich nicht einige leidliche Eigenſchaften an mir haͤtte.
Aber, wie Fraͤulein Howe ſchreibt, im Un - gluͤcke iſt ſie am ſchoͤnſten und groͤßten(**)Siehe Th. IV. S. 36., ihre Leidenszeit iſt die Zeit, da ihre Vollkom - menheiten am helleſten glaͤnzen. Bisher hat ſie nur beſtaͤndig ihre Vollkommenheiten glaͤnzen laſſen.
Sie hat mich binnen dieſen wenigen Stun - den erſt einen Betrieger genannt. Was kommt denn zuletzt fuͤr ein Schluß anders heraus, als daß ſie nicht ſo viel ein Engel geweſen waͤre, wenn ich nicht ein Betrieger, nach ihrem Be - griffe von dieſem Worte, geweſen waͤre?
O Bru -109O Bruder, Bruder! Der Verſuch in ver - wichner Nacht hat mich zum Thoren, hat mich ganz untuͤchtig gemacht! Wie kann das liebe Kind ſagen, daß ich ſie in ihren eignen Augen veraͤchtlich gemacht habe, da ihr Verhalten bey einer ſolchen Beſtuͤrzung, und ihr empfindlicher Zorn, unter ſolchen Umſtaͤnden ſie in meinen Au - gen ſo weit erhoͤhet hat?
Woher aber dieſer wunderliche Miſchmaſch? ‒ ‒ Kommt er daher, daß ich hier? daß ich nicht bey Fr. Sinclair bin? ‒ Allein wenn das Haus anſteckend iſt: wie iſt meine Geliebte von der Seuche frey geblieben?
Doch nicht mehr in dieſem Zuge! ‒ Jch will ſehen, wie ſie ſich auffuͤhren wird, wenn ich zuruͤck - komme ‒ Jnzwiſchen fange ich gleichwohl ſchon itzo an, eine kleine Unbeſtaͤndigkeit, ein kleines Zuruͤckziehen zu beſorgen. Denn es iſt mir eben der Zweifel eingefallen, ob ich um ihrer ſelbſt willen zu wuͤnſchen habe, daß ſie mir leicht, oder ſchwerlich vergebe?
Jch bin auf dem Zug, den gewuͤnſchten Trau - ſchein zu erhalten.
Jch habe nun alles zwiſchen meiner Gelieb - ten und mir voͤllig uͤberleget, und meine Verwir - rung iſt voruͤber. Was mich zu einer geſchwin - dern Entſchließung gebracht, iſt dieſes, daß ich ausgefunden zu haben glaube, was ihre Abſicht bey der Entfernung ſey, worinn ſie mich eine ganzeWoche110Woche zu halten geſonnen iſt. Es iſt die, daß ſie Zeit haben moͤge, an Fraͤulein Howe zu ſchreiben, den verfluchten Vorſchlag, welchen ſie ausgeſonnen, ins Werk zu richten, und dabey ſol - che Maaßregeln zu nehmen, die ſie in den Stand ſetzen werden, mich zu verlaſſen und mir auf ewig zu entſagen. ‒ Wenn ich nun, Bruder, bey mei - ner Ruͤckkehr nicht vor ſie gelaſſen, ſondern hoch - muͤthig abgewieſen werde; wenn ſie auf ihre Woche beſteht, da ihr ſo gute Hoffnung gemacht wird: ſo werde ich in meiner Muthmaßung be - ſtaͤrket werden, und offenbar ſehen, daß wenig - ſtens die Liebe ſehr ſchwach geweſen, welche zu ei - ner Zeit, da die alles wieder gut machende Ce - remonie, wie ſie denken muß, auf ihren Befehl zu vollziehen iſt, einer Bedenklichkeit uͤber Klei - nigkeiten Raum laſſen konnte. Alsdenn will ich allen ihren Eigenſinn wiederum uͤberdenken, die Briefe der Fraͤulein Howe und die Abſchriften von einigen derſelben aufs neue durchſehen, und meiner Abneigung von dem Leben in Ketten und Banden ihren freyen Lauf laſſen. So ſoll ſie nach meiner eignen Weiſe die Meinige werden.
Jedoch, bey dem allen, hoffe ich, daß ſie ge - gen Abend alles beſſer uͤberlegt haben wird, daß ihre Drohung, mich auf eine ganze Woche nicht zu ſehen, ihr nur in der erſten Hitze entfahren iſt, und daß ſie ſelbſt geſtehen wird, ich habe eben ſo viel Urſache mit ihr zu zuͤrnen, weil ſie ihr Wort gebrochen hat, als ſie mit mir, weil ich den Frie - den gebrochen habe.
Dieſe111Dieſe Zeilen von Rowe ſind mir eingefallen, und ich werde ſie den ganzen Weg uͤber, bis mich der Saͤnftentraͤger nach und nach zu ihr ſchuckelt, recht andaͤchtig uͤberbeten.
Overflucht! ich moͤchte des Todes ſeyn! ‒ ‒ Zu Grunde! verlohren! bezogen, beruͤckt! Wer Henker! haͤtte das gedacht! Die Fraͤulein iſt ſort! ‒ gaͤnzlich fort! Entlaufen!
Du weißt nicht, du kannſt dir nicht vorſtel - len, was fuͤr ein Kummer mein Herz naget! ‒ Was ſoll ich thun? ‒ O Gott, o Gott, o Gott!
Und du, der du meine Haͤnde traͤge zu ma - chen geſucht haſt, wirſt noch wohl dazu uͤber die - ſe Zeitung deine Drachenfluͤgel vor Freuden zu - ſammenſchlagen.
Dennoch muß ich ſchreiben: oder ich wuͤrde verruͤckt im Kopfe werden. Nicht viel beſſer binich112ich dieſe zwo Stunden lang geweſen. Jch habe Boten geſchickt an alle Stationen, an alle Wirths - haͤuſer, an alle Wagen oder Kutſchen, ſie moͤgen fliegen oder kriechen, und an alle Haͤuſer, wo ein Zeichen aushaͤngt, auf fuͤnf Meilen in die Runde.
Die kleine Heuchlerinn, die keine Seele in dieſer Stadt kennet! Jch dachte, ich waͤre ihrer allezeit verſichert. So eine unerfahrne Betrie - gerinn! die mir noch dazu in ihrem erſten Hand - briefchen Hoffnung macht, daß die Erwartung, ſich mit ihren Anverwandten ausgeſoͤhnt zu ſehen, ſie abhalten wuͤrde, einen ſolchen Schritt zu thun ‒ ‒ Verflucht ſollen ihre Raͤnke ſeyn! ‒ ‒ Jch glaubte, es kaͤme von ihrer Schaamhaftigkeit, von ihrer Sittſamkeit her, daß ſie mir nach eini - gen unſchuldigen Freyheiten nicht ins Geſicht ſe - hen koͤnnte: da ſie immittelſt unverſchaͤmt, ja, unverſchaͤmt, ſage ich, ob ſie gleich Clariſſa Har - lowe heißt, Raͤnke ſchmiedete, mich des theure - ſten Eigenthums zu berauben, das ich jemals er - kauft hatte ‒ Erkauft mit einer beſchwerlichen Dienſtbarkeit von vielen Monaten: da ich mich fuͤr ſie durch die wilden Thiere ihrer Familie durchgeſchlagen, und mit einer Windmuͤhle von Tugend zu ſtreiten gehabt, die mich Millionen Meineide gekoſtet, daß ich nur einen Verſuch dar - auf thun koͤnnen, und mich nun mit ihren ver - dammten Fluͤgeln anderthalb Meilen von mei - ner Hoffnung verſchlagen hat! ‒ ‒ Und dieß noch dazu, eben als ich die Erfuͤllung aller meiner Wuͤnſche nahe vor Augen ſahe!
O Teu -113O Teufel der Liebe! Nicht mehr Gott der Liebe! ‒ Wie habe ich das an dir verſchuldet! Jch, der ich vorher niemals ein Freund von fro - ſtiger Tugend geweſen bin! ‒ Ohnmaͤchtiger Teufel! denn ohnmaͤchtig mußt du ſeyn, wo du nicht etwa daͤchteſt mich zum Raube zu haben; wer wird kuͤnftig vor deinen Altaͤren knien! ‒ ‒ O daß dich alle brave Herzen verabſcheuen, ver - achten, verfluchen und dir entſagen, wie ich thue. ‒ ‒ Aber was hilft nun das Fluchen!
Nichts befremdet mich mehr, als wie ſie die - ſe ihre gottloſe Flucht ins Werk zu richten ver - moͤgend geweſen iſt; da die ganze Bande von Weibern im Hauſe auf ſie Achtung zu geben ge - habt hat: denn bisher habe ich noch nicht Ge - duld genug gehabt, mich nach den beſondern Um - ſtaͤnden zu erkundigen, oder eine Seele von ihnen zu mir kommen zu laſſen.
So viel weiß ich gewiß, ſonſt haͤtte ich ſie nicht hierher gebracht, daß nicht eine lebendi - ge Seele, die zu dieſem Hauſe gehoͤrt, durch Tu - gend oder Gewiſſen zu gewinnen ſtehet. Die groͤßte Freude, welche die hoͤlliſchen Nymphen dieſer aͤrger als hoͤlliſchen Wohnung, alle mit ein - ander, haben koͤnnten, wuͤrde die geweſen ſeyn, dieſe ſtolze Schoͤne in ihrer Reihe und ihnen gleich gemacht zu ſehen. ‒ ‒ Und was meinen Buben betrifft, der auch auf ſie Acht geben muß - te, ſo iſt der ein ſo abgerichteter Kerl, daß er amFuͤnfter Theil. HUn -114Ungluͤck, bloß weil es Ungluͤck iſt, Vergnuͤgen findet. Keine Geſchenke und Gaben wuͤrden ihn jemals verfuͤhren koͤnnen, in ſeinem Amte treu - los zu ſeyn, wenn nur Bosheit darinn ſeyn ſollte ‒ ‒ Jndeſſen war er mir nicht zur Hand, als ich die verfluchte Nachricht bekam. Weg war der Bube! ſie aufzuſpuͤren, und nicht wieder zu kom - men, noch mein Angeſicht zu ſehen, ſo, ſcheint es, hat er ſich erklaͤret, bis er einige Zeitung von ihr gehoͤret haͤtte. Alle dienſtloſe Buben von ſeiner zahlreichen Bekanntſchaft ſind unter der Hand benachrichtiget und mit eben dem Werke beſchaͤfftiget.
Zu welchem Ende habe ich dieſen Engel, En - gel muß ich ſie doch nennen, in dieß hoͤlliſche Haus gebracht? Hatte ich nicht im Sinne, ihr die verdiente Ehre zu thun? Bey meiner Seele, Belford, das war mein Vorſatz ‒ Aber du weißt, was ich unter gewiſſer Bedingung beſchloſſen hatte ‒ ‒ Und nun, ob ich gleich ſo ſehr auf ih - rer Seite war, wer kann mir ſagen, in was fuͤr Haͤnde ſie gefallen ſeyn mag?
Jch bin von Sinnen, ganz von Sinnen, beym Jupiter, wenn ich hieran gedenke! ‒ Mit nichts verſehen, verlaſſen, unbekannt ‒ ‒ Viel - leicht mag irgend ein Boͤſewicht, der aͤrger iſt, als ich ſelbſt, und ſie nicht, wie ich, anbetet, ihr uͤber den Hals gekommen ſeyn und ſich ihre be - druͤckte Umſtaͤnde zu Nutze gemacht haben ‒ ‒ Jch will verlohren ſeyn, Belford, wo eine ganze Hecatombe von Unſchuldigen, wie die kleinenCreatu -115Creaturen heißen, zum Suͤhnopfer fuͤr das ge - brochne Verſprechen und die boͤſen Kunſtgriffe dieſer grauſamen Schoͤne hinreichen ſoll.
Da ich mit ſo vortheilhaften Entſchließungen fuͤr ſie zu Hauſe kam: ſo magſt du ſelbſt urthei - len, wie beſtuͤrzt ich geworden, als mir ihre Flucht zuerſt nur von weitem, ob gleich in ge - brochnen Reden, zu verſtehen gegeben wurde. Jch wußte nicht, was ich ſagte, noch, was ich that. Jch haͤtte jemand ermorden moͤgen. Jch flog von einem Zimmer ins andre: da mir un - terdeſſen alle aus dem Wege giengen, ausgenom - men die alte Eliſabeth Carberry, welche mir den erſten Wink von der Sache gab. Jch beſchul - digte in meiner erſten Hitze alle und jede, daß ſie ſich erkaufen und beſtechen laſſen, und drohete al - ten und jungen den Hals zu brechen, wie ſie mir in den Weg kaͤmen.
Dorcas haͤlt ſich noch vor mir verſchloſſen. Sara und Maria haben ſich noch nicht unterſte - hen duͤrfen, ſich blicken zu laſſen. Die ehrenloſe Sinclair ‒ ‒
Doch da kommt der haͤßliche Teufel. Sie klopft an die Thuͤr, ob ſie gleich nur vor dem Schloſſe ſteht, mit Heulen und Schnauben. Jch denke, ſie will verſuchen, mich durch Schmeicheln zu beſaͤnftigen.
H 2Was116Was fuͤr ein huͤlfloſer Zuſtand! wenn man nichts mehr thun kann als ſich und andere ver - fluchen; wenn die Gelegenheit zum Unmuth fort - dauret; wenn das Uebel bey genauerer Ueberle - gung groͤßer wird; wenn ſelbſt die Zeit ſich mit dazu ſchickt, es aͤrger zu machen ‒ ‒ O wie fluch - te ich auf ſie!
Jch habe ſie, wie mich deucht, noch eben vor mir mit ihren aufgeblaſenen Wangen ‒ ‒ Wie verhaßt macht der Kummer ein garſtiges Ge - ſicht! Deines, Bruder, und dieſer alten Mutter ihres, muͤſſen in trauriger Stellung, ſtatt Mit - leiden zu erregen, den Haß immer mehr verſtaͤr - ken: da hingegen Schoͤnheit in Thraͤnen erhoͤ - hete Schoͤnheit iſt, und das, was mein Herz alle - zeit zu ſehen Vergnuͤgen gefunden hat. ‒ ‒
Was fuͤr Entſchuldigung! ‒ Der Henker hohle euch und eure verfluchten Toͤchter! Was fuͤr Entſchuldigung koͤnnt ihr haben! Jſt ſie nicht fort? Jſt ſie nicht entwiſcht? ‒ ‒ Aber ehe ich ganz außer mir komme, ehe ich ein halb hundert Mordthaten veruͤbe, erzaͤhlt mir, wie es zugegan - gen iſt.
Jch habe ihre Hiſtorie gehoͤrt! ‒ Liſt! ver - dammte, verzweifelte, gottloſe, unverantwortliche Liſt! in einem Frauenzimmer von ihrer Art ‒ ‒ Doch zeige mir nur eine Weibsperſon: ich will dir allemal einen Raͤnkeſchmieder zeigen! ‒ ‒Dieß117Dieß arge Geſchlecht iſt die Liſt ſelbſt. Eine jede einzelne Perſon davon iſt von Natur ein Raͤnkeſchmieder.
Hier iſt das Vornehmſte von des alten Wei - bes Erzaͤhlung.
„ Jch war kaum von dem ſchaͤndlichen Hauſe „ weggegangen: ſo gab Dorcas der Sirene „ Ey, Bruder, laß mich ſie bey ihrem Namen nen - nen! ich bitte dich, Bruder, laß mich ſie bey ih - rem Namen nennen! „ ſo gab Dorcas ihrer Fraͤu - „ lein davon Nachricht, und meldete ihr, es waͤre „ ſo von mir verlaſſen worden, daß ich zu der „ Rechts-Cammer gienge, und da auf einige „ Stunden, wenn etwa der Sachwalter oder ſonſt „ jemand nach mir fruͤge, im Horn anzutreffen, „ hernach aber entweder im Cacao-Baum oder „ Koͤnigsſchilde ſeyn, und erſt ſpaͤt wieder zu Hau - „ ſe kommen wuͤrde. Hierauf bat ſie dieſelbe, ei - „ nige Erfriſchung zu nehmen.
„ Als Dorcas zu ihr gegangen, war ſie in „ Thraͤnen, und ihre ſtolzen Augen waren vom „ Weinen aufgeſchwollen. Sie wollte weder eſſen „ noch trinken, und ſeufzete, als wenn ihr das „ Herz berſten wollte „ Falſche, teufliſche Traurig - keit! nicht die demuͤthige, ſtille Traurigkeit, die allein Mitleiden verdienet ‒ ‒ Mitten in derſel - ben dachte ſie auf Raͤnke, mich ungluͤcklich zu machen, mir alles zu rauben, was ich werth hielte.
„ Weil ſie aber willens war, mich wenigſtens „ auf eine Woche nicht zu ſehen: ſo befahl ſie, ihrH 3„ drey118„ drey oder vier Franzbrodte, ein wenig Butter „ und eine Flaſche mit Waſſer zu bringen, und „ ſagte, ſie wollte weiter keine Wartung haben; „ dieß ſollte alles ſeyn; wovon ſie inzwiſchen le - „ ben wollte. “ Die liſtige Creatur! So ſtellte ſie ſich, als wenn ſie Vorrath auf eine Belage - rung von einer Woche hinlegte ‒ ‒ Denn wirk - liche Nahrung braucht ſie eben ſo wenig als an - dere Engel. ‒ Engel, ſagte ich! Der Henker ſoll mich hohlen, wenn ich ſie noch einmal einen En - gel nennen werde. Denn ſie iſt in meinen Au - gen verhaßt. Jch haſſe ſie toͤdtlich.
Doch, o! Lovelace, du luͤgeſt! ‒ Sie iſt al - les, was liebenswuͤrdig, alles, was vortrefflich heißen mag.
Allein iſt ſie weg, kann ſie fort ſeyn! O wie wird die Fraͤulein Howe frohlocken! ‒ ‒ Aber wenn dieſe kleine Furie ſie aufnimmt: ſo ſoll das Schickſaal es mir reichlich wieder gut ma - chen. Denn ſo will ich Anſchlaͤge erſinnen, ſie beyde zu haben.
Jch ſahe eben zuruͤck, die Verbindung mit dem Vorhergehenden zu treffen. Aber der Teu - fel hohle die Verbindung: ich habe damit nichts zu thun. Das Gegentheil ſchickt ſich beſſer zu einem verruͤckten Kopfe: und der wird mir bald zufallen.
„ Dorcas frug die alte Mutter, ob ſie gehor - „ chen ſollte. O ja, bey Leibe: denn Herr Love - „ lace wuͤrde ſchon einmal an ſie zu kommen wiſ -„ ſen.119„ ſen. Die alte befahl zugleich, eine Flaſche Si - „ reſer Seckt noch dazu zu nehmen.
„ Dieſe liebreiche Willfahrung verpflichtete „ ſie ſo ſehr, daß ſie ſich bereden ließ, hinaufzuge - „ hen und den Schaden, den das Feuer gethan „ hatte, anzuſehen. Sie ſchien daruͤber nicht al - „ lein beſtuͤrzt, ſondern auch dadurch verſichert zu „ werden, daß es kein loſer Streich geweſen waͤre, „ wie ſie nach ihrem eignen Geſtaͤndniſſe zuerſt be - „ ſorgt hatte. Dieß alles machte die Leute ſicher. „ Sie lachten ins Faͤuſtchen, weil ſie dachten, was „ die Fraͤulein fuͤr eine kindiſche Art, ihren Un - „ willen zu zeigen, erſonnen haͤtte. Sara ließ „ dabey auch ihren Witz ſpielen und ſagte, Frau „ Lovelace thaͤte recht, daß ſie wenigſtens doch „ mit ihrem Brod und Butter nicht zuͤr - „ nete. “
Aber eben dieß Kindiſche, wie ſie es anſahen, bey einem ſolchen Geiſte und Verſtande, wuͤrde mich argwoͤhniſch gemacht haben. Jch haͤtte entweder gedacht, nach dem, was in verwichner Nacht vorgegangen war, daß es bey ihr nicht recht im Kopfe ſtuͤnde: oder ihre Abſichten wuͤrden mir verdaͤchtig vorgekommen ſeyn; da unſre Ver - maͤhlung, ſo viel ſie wußte, in der Woche voll - zogen werden ſollte, in welcher ſie ſich bis auf ih - ren Verlauf, vor mir in einem und eben demſel - ben Hauſe verborgen zu halten entſchloſſen war.
„ Sie ſandte meinen Wilhelm, mit einem „ Briefe an Fraͤulein Howe nach Wilſons Hauſe,H 4„ und120„ und befahl ihm nachzufragen, ob keiner an ſie „ da waͤre.
„ Er gab bloß vor, als wenn er hinginge und „ brachte ihr die Nachricht, es waͤre keiner da. „ Jhren Brief aber ſteckte er fuͤr mich in ſeine „ Taſche.
„ Hierauf befahl ſie ihm, einen andern, den ſie „ ihm uͤbergab, an mich im Horn zu tragen. Al - „ les dieß that ſie, ohne daß ſie eilfertig ſchien. „ Jedoch ſchien ſie ſehr ernſthaft und wiſchte die „ Augen oft mit ihrem Schnupftuche.
„ Wilhelm ſtellte ſich, als wenn er mit dem „ Briefe zu mir gehen wollte. Der Kerl war „ aber doch ſo verſchlagen, daß er dem Dinge nicht „ trauete, da ſie ihn zum zweyten mal und zwar „ an mich, den ſie nicht hatte ſehen wollen, aus - „ ſchickte. Das kam ihm fremd vor und er ge - „ ſtand ſein Mistrauen gegen Sara, Maria und „ Dorcas. Allein dieſe lachten uͤber ſeinen Argwohn, „ und Dorcas verſicherte ſie alle, daß ihre Fraͤulein „ vielmehr einfaͤltig bey ihrer Traurigkeit, als et - „ was zu unternehmen geſchickt ſchiene, und daß „ ſie in der That glaubte, die Fraͤulein waͤre ein „ wenig verruͤckt im Kopfe und wuͤßte nicht was „ ſie thaͤte ‒ ‒ Alle verließen ſich auf ihre „ Unerfahrenheit, auf ihre offenherzige Ge - „ muͤthsart, auf ihr gegenwaͤrtiges Betragen, „ da ſie nicht die geringſte Bewegung machte „ auszugehen oder eine Kutſche oder Saͤnfte „ holen zu laſſen, wie ſie bisweilen gethan hatte, „ und noch mehr auf die Zuruͤſtungen, die ſie zu„ einer121„ einer Belagerung von einer Woche, wie ich es „ nennen mag, gemacht hatte.
„ Wilhelm ging aus, als wenn er den Brief „ an mich uͤberbringen wollte, kam aber eilend „ wieder zuruͤck. Sein Herz ſagte ihm nichts „ gutes zu: weil er ſich auf meine wiederholte „ Erinnerungen beſann, daß er nicht ſeinem Ur - „ theile folgen ſollte, wenn er ausdruͤckliche Befehle „ haͤtte, ſondern dieſen, wenn etwa von Umſtaͤn - „ den, die ich nicht vorher ſehenkoͤnnte, ein Zwei - „ ſel entſtuͤnde, aufs genaueſte und buchſtaͤblich „ nachgehen muͤßte, welches das einzige Mittel „ ſey, nicht ſtrafbar zu werden.
„ Dennoch mußte es in dieſer kleinen Zwi - „ ſchenzeit geſchehen ſeyn, daß ſie davon gegangen „ war. Denn ſo bald er wieder zuruͤckgekommen, „ machten ſie alle Thuͤren nach der Straße feſte zu: „ weil die Mutter und die beyden Nymphen ein „ wenig in den Garten ſpatziren giengen. Dor - „ cas ſtieg unterdeſſen die Treppe hinauf, und „ Wilhelm blieb unten in der Kuͤche, damit ſeine „ Fraͤulein ihn nicht ſehen, und ſeine Stimme „ nicht hoͤren moͤchte.
„ Ohngefaͤhr eine halbe Stunde hernach, hat - „ te Dorcas, die ſich an einem ſolchen Orte auf - „ hielte, wo ſie ihrer Fraͤulein Thuͤre oͤffnen ſehen „ konnte, die neubegierige Sorgfalt, durch das „ Schluͤſſelloch zu kucken: weil ihr, wie ſie vor - „ gab, das Herz zuſagte, daß ſich ihre Fraͤulein „ in dem Muthe, worinn ſie den ganzen Tag uͤber „ geweſen, ſelbſt Gewalt thun moͤchte. Da ſieH 5„ nun122„ nun den Schluͤſſel in der Thuͤre fand, welches „ nicht ſehr gewoͤhnlich war: ſo klopfte ſie drey „ bis vier mal an; und als ſie keine Antwort „ hoͤrte, ſchloß ſie auf und ſagte: Gnaͤdige Frau, „ gnaͤdige Frau, haben ſie gerufen? in Meynung „ ſie wuͤrde in ihrem Cloſet ſeyn.
„ Weil ſie noch keine Antwort bekam: ſo „ ging ſie weiter hinein und erſtaunte, daß ſie die „ Fraͤulein nicht da fand. Sie lief eilend in den „ Speiſeſaal, hernach in meine Zimmer, und „ durchſuchte ein jedes Cloſet, in beſtaͤndiger Furcht, „ einen betruͤbten Zufall zu ſehen.
„ Als ſie dieſelbe nirgends fand, lief ſie zu der „ Alten und ihren Nymphen herunter. Haben „ ſie meine Fraͤulein geſehen? ‒ So iſt ſie ſort! ‒ „ Oben iſt ſie nirgends.
„ Sie wußten gewiß, daß ſie nicht ausgegan - „ gen ſeyn konnte.
„ Das ganze Haus war den Augenblick in „ Lerm. Einige rannten die Treppen auf, andre „ nieder, von den oberſten bis zu den unterſten „ Zimmern, mit einem allgemeinen Klaggeſchrey, „ wie ſie mir ins Geſicht ſehen ſollten!
„ Wilhelm ſchrie, er waͤre des Todes! Er „ gab ihnen, ſie ihm, die Schuld, und ein jeder „ verklagte und entſchuldigte zugleich.
„ Nachdem ſie das ganze Haus und ein jedes „ Cloſet in demſelben wohl zehnmal vergeblich „ durchſucht hatten: ſo fiel ihnen endlich ein, an „ alle Forthelfer, Saͤnftentraͤger und Miethkut - „ ſcher zu ſchicken, die binnen den zwo letzten„ Stun -123„ Stunden bey dem Hauſe in der Naͤhe geweſen „ waren, und nachzufragen, ob jemand von ihnen „ ſolch ein Frauenzimmer, als ſie beſchrieben, ge - „ ſehen haͤtte.
„ Dieß gab ihnen einiges Licht. Der einzi - „ ge Anſchein, gleichſam eine Daͤmmerung, zu „ der Hoffnung, die ich haben kann, und die noch „ verhuͤtet, daß ich nicht gar verzweifle. Einer „ von den Chaiſetraͤgern gab ihnen dieſe Nach - „ richt: Er habe ein wenig vor vier Uhr eine ſol - „ che Perſon aus dem Hauſe kommen ſehen, in „ großer Eil und als in Schrecken, mit einem „ kleinen Paͤcklein in der Hand, das in ein „ Schnupftuch gebunden geweſen. Er haͤtte al - „ ſobald zu ſeinem Mitgeſellen, der ſie angeſpro - „ chen hatte, ohne eine Antwort zu bekommen, „ geſagt, es waͤre ein feines junges Frauenzimmer, „ und er wollte wetten, daß ſie entweder einen boͤ - „ ſen Mann oder ſehr wunderliche Eltern haben „ muͤßte, weil ihre Augen vom Weinen geſchwol - „ len ſchienen. Darauf haͤtte ein dritter Mitge - „ noſſe verſetzt, es moͤchte wohl eine Hindinn ſeyn, „ die aus der alten Mutter verdammten Gehaͤ - „ ge entlaufen waͤre. Dieſes erzaͤhlte mir Frau „ Sinclair mit einem Fluch und Wunſche, den ver - „ wegnen Kerl zu kennen ‒ ‒ Sie daͤchte in der „ That, daß ſie einen beſſern Ruf haͤtte: ſo an - „ ſtaͤndig als ſie lebte, und ſo gut als ſie einen je - „ den bezahlte fuͤr das, was ſie kauſte; da noch „ uͤber dieß ihr Haus von den beſten und artigſten „ Cavalliers beſucht und niemals von Lerm oder„ Ge -124„ Gezaͤnke etwas darinn gehoͤrt oder gewußt „ wuͤrde!
„ Dieſe ſcheinbare Anzeigen machten den gu - „ ten Kerl, der dieſe Nachricht gab, ſo neubegie - „ rig, daß er ihr unvermerkt nachfolgte. Sie „ ſahe oft hinter ſich. Ein jeder, der bey ihr vor - „ bey gieng, wandte ſich um ihr nachzuſehen und „ faͤllte ſein Urtheil, uͤber ihre Thraͤnen, ihre be - „ ſtuͤrzte Eilfertigkeit und ihre reizende Perſon: „ bis ſie an einen Platz kam, wo die Kutſchen zu „ ſtehen pflegen. Einer von den Kutſchern ſprach „ ſie an, und ward angenommen. Er ſtieg her - „ unter und oͤffnete die Kutſchenthuͤre in fliegen - „ der Eil; weil er ihre fliegende Eilfertigkeit ſahe: „ und ſie ſprang hinein, aber ſtolperte vor Fluͤch - „ tigkeit und zerſtieß ſich, wie der Kerl vermuthe - „ te, das Schienbein bey dem Stolpern. “
Der Teufel hole mich, Bruder, wo mein edelmuͤthiges Herz nicht noch bey ihrer gottloſen Betruͤgerey gleichwohl ſtarke Regungen fuͤr ſie fuͤhlet: wenn ich bedenke, was ſie damals gedacht und gefuͤrchtet haben muß! ‒ Ein ſo zartes Ge - muͤth, und gleichwohl itzo um alle uͤble Nach - rede unbekuͤmmert! Aber doch vermuthlich bey einem jeden, den ſie ſahe, voller Furcht, von einem Lovelace ergriffen zu werden! Dabey in voͤlliger Ungewißheit, was fuͤr mannichfaltiger Gefahr ſie ſich ausſetzte oder bey wem ſie ein Obdach finden koͤnnte; unbekannt in der Stadt und aller Wege unkundig; zu einer Zeit, da der Nachmittag faſtver -125verſtrichen war; mit wenigem Gelde und keinen andern Kleidern, als die ſie anhatte.
Es iſt unmoͤglich, bey der kurzen Zeit, die ſeit verwichener Nacht verſtrichen iſt, daß die Frau Townsend und die Fraͤulein Howe etwas mit da - bey gethan haben koͤnnte.
Allein was muß ſie fuͤr ein Grauen vor mir haben, daß ſie alle dieſe Gefahr laufen mag! Wie ernſtlich und von ganzem Herzen muß ſie mich wegen meiner Freyheiten, die ich mir in vergan - gener Nacht herausgenommen habe, verabſcheuen! O daß ſie zu einem ſo heftigen Unwillen mehr Urſache moͤchte gehabt haben! Was ihre Tugend betrifft: ſo bin ich viel zu ſehr erbittert, daß ich ihr den Vorzug einraͤumen ſollte, den dieſe ver - dienet. Der Tugend kann es nicht zuzuſchreiben ſeyn, daß ſie aus ſo vortheilhaften Umſtaͤnden, die ſie vor Augen zu erwarten ſahe, entlaufen ſollte. Es kann ſonſt von nichts herkommen, als von Bosheit, Haß, Verachtung, Harlowerſtolz, dem aͤrgſten unter allen, und allen denen ſchreck - lichen Leidenſchaften, die jemals eine weibliche Bruſt beherrſchet haben ‒ Und wenn ich ſie nur wiederbekommen kann ‒ ‒ Doch ſeyd ſtille, ſeyd ruhig, ſeyd gelaſſen, meine ſtuͤrmiſche Leidenſchaf - ten: denn es iſt nicht Clariſſa, Harlowe muß ich ſagen! gegen welche ich ſo raſe!
„ Der Kerl hoͤrte ſie ſagen: Jagt ſcharf zu! „ recht ſcharf! ‒ ‒ Wohin Madame? ‒ An „ den Holborner Schlagbaum, antwortete ſie, und „ ſagte noch einmal: Jaget recht ſcharf zu! Hier -„ auf126„ auf zog ſie die beyden Fenſter in die Hoͤhe, und „ er verlohr die Kutſche in einer Minute aus dem „ Geſichte.
„ So bald Wilhelm dieſe Nachricht hatte, „ eilte er fort, in Hoffnung ſie auszuſpuͤren, und „ erklaͤrte ſich, daß er niemals denken wollte mir „ vor Augen zu kommen, bis er einige Zeitung „ von ſeiner Fraͤulein gehoͤret haͤtte. “
Nun, Bruder, beruhet alle meine Hoffnung darauf, daß dieſer liſtige Kerl, der auf unſerer Spatzierfarth nach Hampſtead, Highgate, Muz - zlehill, Kentſch-Town, bey uns geweſen, an einem oder dem andern von dieſen Oertern Nachricht von ihr einziehen wird. Jch baue hierauf um ſo viel mehr, weil ich mich beſinne, daß ſie ſich einmal, nachdem wir wieder zuruͤck gekommen waren, ſehr genau nach den Stationen und ih - ren Preiſen erkundigte, da ſie die Bequemlichkeit der Reiſenden alle Stunden fortzukommen ruͤh - mete, und dieß in Wilhelms Gegenwart, der da - mals die Aufwartung hatte. Wehe dem Buben, wo er ſich daran nicht erinnert.
Jch bin in ihrem Zimmer herumgegangen. Bald bin ich in Gedanken geweſen, bald habe ich alles, was ſie nur zu beruͤhren oder zu gebrau - chen pflegte, in die Haͤnde genommen. Den Spiegel, wovor ſie ſich anzukleiden gewohnt war, haͤtte ich bald zerſchmiſſen: weil er mir das Bild, welches er zuruͤckzuwerfen pflegte, das Bild vonder -127berjenigen Perſon, deren Vorſtellung beſtaͤndig in mir gegenwaͤrtig iſt, nicht zeigte. Jch rufe nach ihr, bald in den zaͤrtlichſten, bald in den haͤrteſten und verweiſenden Ausdruͤckungen, nicht anders, als wenn ſie mich hoͤren koͤnnte. Da ſie mir fehlet, fehlet mir meine eigne Seele, wenig - ſtens alles, was derſelben theuer und werth iſt. O wie viel mangelt meinem Herzen, wovon nur die leeren Stellen itzo in demſelben uͤbrig ſind! Was fuͤhle ich fuͤr eine Erſtarrung in meinem Blute, nicht anders, als wenn es in ſeinem Umlaufe ſtocken muͤßte! Jch fliege aus ihrem Zimmer in meines, in den Speiſeſaal, und in und aus von einem jeden Orte, wo ich meine in - nigſt Geliebte ſonſt geſehen habe. An keinem kann ich eine bleibende Staͤtte haben: da ihr liebliches Bild in einer gewiſſen lebendigen Stellung nach den verſchiednen Unterredungen, die mir einfal - len, mich an einem jeden grauſam uͤberfaͤllt.
Als ich aber in meiner erſten Hitze, wie ich zu Hauſe gekommen war, ein paar Treppen hin - aufſtieg, mit dem Vorſatze, die eingeſchloſſene Dor - cas zu ſehen, und das umſonſt verbrannte Fen - ſtergeſimſe ins Geſicht bekam, und mich meiner zu Spott gewordenen, durch meine eigne Thorheit zu Spott gewordenen Anſchlaͤge erinnerte: ſo dach - te ich, ich muͤßte voͤllig raſend werden. Jch lief herunter, als einer, der vor einem Geſpenſte er - ſchrocken iſt, und haͤtte faſt vor Beklemmung heu - len moͤgen. Kopf und Schlaͤfe ſchuͤtterten mir mit einer Heftigkeit, die ich niemals gefuͤhlt hatte,und128und mein Ruͤcken that mir ſo wehe, als wenn die Wirbelknochen aus einander geriſſen und in Stuͤcken zerfallen waͤren.
Allein itzo, da ich der alten Mutter Erzaͤh - lung gehoͤrt und die gleichſam in einer Daͤmme - rung hervorbrechende Hoffnung, welche mir die Nachricht des Saͤnftentraͤgers machet, uͤberlegt habe: ſo bin ich um ein großes erleichtert, und kann geruhiger meine Betrachtungen anſtellen. Von ganzem Herzen wuͤnſche ich alle vier oder fuͤnf Minuten, daß Wilhelm gluͤcklich ſeyn moͤge. Wofern ich ſie verliere: ſo wird alle meine Raſe - rey mit gedoppelter Wuth wiederkommen. Die Schande, von einem Lehrling[e], von einem Kinde, in Kunſtgriffen und Raͤnken beruͤckt zu ſeyn, und die Heftigkeit meiner Liebe zu ihr werden mir ent - weder das Herz abſtoßen, oder das Gehirn ver - ruͤcken, wodurch noch manches Herz bey unertraͤg - lichen Uebeln erhalten wird. Was hatte ich noͤ - thig, nach einem Trauſcheine zu laufen, bis ich ſie vorher wenigſtens wieder geſehen, und alles bey ihr gut gemacht hatte? Gewiß, waͤre es nicht ein Vorrecht der Hauptperſonen im Spiele, alle ihre Fehler auf ihre Unterhaͤndler zu ſchieben und niemals ſich ſelbſt ſchuldig zu erkennen: ſo wuͤr - de ich im Stande ſeyn zu erwaͤgen, daß ich mehr Schuld habe, als ſonſt jemand. Und da dieſe Betrachtung ihren Stachel wider mich ſchaͤrfen wird, wo ich die Fraͤulein nicht wiederbekom - me: wie werde ich vermoͤgend ſeyn, ſie zu er - tragen?
Wenn129Wenn jemals ‒ ‒
Hier legt Herr Lovelace ſich einen Fluch auf, der allzu anſtoͤßig iſt, daß man ihn wiederholen ſollte, wo er ſich nicht an der Fraͤulein raͤchen wolle, wenn er ſie noch einmal in die Haͤnde be - kommen wuͤrde.
Eben itzo habe ich die ſchnaubende Kroͤte Dorcas wieder weggehen laſſen, welche von der alten Mutter mit Thraͤnen zu mir gebracht wur - de, daß ich ihr verzeihen moͤchte. Jch habe ihr auf eine verneinende und unwillige Art verge - ben. ‒ ‒ Jch will aber auch bey Gelegenheit eben ſo heftig auf die beyden Nymphen wegen der Folgen meiner eignen Thorheit fluchen. Dieß wird ein gutes Mittel ſeyn, ihnen zuvorzukom - men, daß ſie ſich nicht uͤber mich luſtig machen, weil ich eine ſo herrliche Gelegenheit, als ich die verwichne Nacht oder vielmehr dieſen Morgen gehabt, aus den Haͤnden gelaſſen habe.
Jch habe aus den Nachrichten von dem Chai - ſetraͤger und aus dem, was Dorcas von der Flucht dieſer Grauſamen bemerket hat, eine Be - ſchreibung von ihrem Anzuge herausgebracht. Wo ich ſonſt nichts von ihr erfahren kann, bin ich willens, ſie als ein verlaufen Weib ſowohl mit ihrem Geburts-als angenommenen Namen in die Zeitungen ſetzen zu laſſen. Denn ihre Entlau - fung wird gar bald von allen Freunden in Er -Fuͤnfter Theil. Jfah -130fahrung gebracht werden; warum ſollten den meine Freunde keine Nachricht davon bekom - men, von deren Nachfrage und Kundſchaft ich einige Zeitungen von ihr erwarten kann?
Sie hatte einen braunen glanzſeidnen Schlaf - rock an, der ſauber und als neu ausſahe, wie wegen einer ihr natuͤrlichen Nettigkeit ein jedes Ding thut, das ſie traͤgt, es mag neu oder nicht neu ſeyn, einen Bieberhut, einen ſchwarzen Band um den Hals und blaue Knoͤpfchen vor der Bruſt; einen geſtickten Rock von fleiſchfar - bichtem Atlaß; einen Ring mit einem Rubin an ihren Fingern. Jn ihrer ganzen Perſon und und in ihrem Anſtande herrſchet, wie ich es aus - druͤcken werde, ſo wohl ein erhabnes Weſen als eine Schoͤnheit, die alle und jede, welche ſie ſehen, noͤthiget, mehr als einmal ihre Aufmerk. ſamkeit auf ſie zu richten.
Auf die Beſchreibung ihrer Perſon will ich ein wenig mehr Fleiß wenden. Mein Gemuͤth muß ſich vorher noch mehr ſelbſt gelaſſen ſeyn, ehe ich das unternehmen kann. Jch will zu - gleich drohen, daß, wenn nach Verlauf einer ge - ſetzten Zeit, zu ihrer freywilligen Ruͤckkehr, keine Nachrichten einlaufen, ich alle und jede, die ſich unterſtehen, ſie zu hegen zu beherbergen, aufzu - hetzen oder wider mich zu reizen, mit aller der Rache verfolgen will, die ein beleidigter Cavallier und Ehemann durch die Geſetze oder ſonſt zu nehmen bemaͤchtiget ſeyn mag.
Wieder131Wieder eine neue Urſache, mich noch mehr zu beſchweren! Haͤtte ich nicht einen ſolchen Schreibegeiſt: ſo wuͤrde ich beſtaͤndig als unſin - nig herumlauſen.
Da ich noch einmal in ihre Kammer ging, weil es ihre war, und mit Seufzen das Bette und alles und jedes, was von Aufputz und Ge - raͤthe darinnen iſt, uͤberſahe: ſo warf ich mein Auge auf die Schiebladen an ihrem Nachttiſche, und ſahe in einer von den halbausgezogenen Laͤdchen die Ecke von einem Briefe, wie ich befand, eben hervor - ragen. Jch riß ihn heraus und fand von ihr die Auſſchrift: Herrn Lovelace. Der Anblick hievon machte mir ein Herzklopfen und ich zit - terte dergeſtalt, daß ich kaum das Siegel oͤffnen konnte.
Wie wenig maͤnnliches laͤßt mir dieſe ver - dammte Liebe! ‒ ‒ Aber auch kein Menſch hat jemals ſo geliebet, als ich liebe! Meine Liebe iſt ſo gar durch ihre ſchaͤndliche Flucht und den Be - trug in meiner Hoffnung vermehret. Undank - bare Seele, die von einer ſo bruͤnſtigen Liebe ent - laͤuft! von einer Liebe, die wie der Palmbaum, ſich deſto mehr erhebet, je mehr ſie unterdruͤcket und verachtet wird!
Jch will dir von dieſem Briefe keine Ab - ſchrift geben. Jch bin ihr nicht ſo vielen Dienſt ſchuldig.
J 2Allein132Allein dachteſt du wohl, daß dieſe trotzige Seele, die ihr Verſprechen ohne Bedenken ge - brochen hat, ſich entſchließen koͤnnte, wie ſie doch wirklich thut, mir wegen desjenigen, was ver - wichne Nacht geſchehen iſt, ſchlechterdings und auf ewig zu entſagen? Daß ſie ſich entſchließen koͤnnte, alle ihre vor Augen ſchwebende Hoffnung zur Ausſoͤhnung fahren zu laſſen? Zu der Aus - ſoͤhnung mit einer nichtswuͤrdigen Familie, die ihr allein ſo nahe am Herzen gelegen hatte? Gleichwohl thut ſie es. Sie ſpricht mich von aller Verbindlichkeit gegen ſie los und begiebt ſich ſelbſt voͤllig aller Rechte auf das, was ſie von mir zu er - warten haben koͤnnte. Und warum denn das? ‒ ‒ O daß ich ihr doch in der That wirklich Ur - ſache dazu gegeben haͤtte! Verdammte, verzwei - felte Bedenklichkeit, Jungfernſtolz, gezwungenes Weſen, graͤuliche Unwiſſenheit! ‒ ‒ Bey mei - ner Seele, Belford, ich habe dir alle Umſtaͤnde geſchrieben. Jch bin mehr durch ihr Widerſtre - ben als durch meine Dreiſtigkeit in Schuld gera - then. Es iſt mir unertraͤglich, wenn ich beden - ke, wie ſchlecht meine anſtaͤndige Auffuͤhrung be - zahlet iſt. Sie koͤnnte, ſie wuͤrde nicht ſo ſehr eine Harlowe in ihrem empfindlichen Unwillen geweſen ſeyn, wenn ich ihn wirklich, wie ich haͤtte thun ſollen, verdient haͤtte. Alles, was ſie be - fuͤrchtete, wuͤrde alsdenn vorbey geweſen ſeyn, und ihre eigne gute Einſicht, ja ſelbſt ihre Sittſamkeit wuͤrde ſie gelehret haben, ſich ſo gut, als moͤglich, darein zu ſchicken.
Aber133Aber wenn ich ſie jemals wieder in meine Haͤnde bekomme: ſo ſoll ſie Raͤnke uͤber Raͤnke, ja ſo gar, wo ſie es nothwendig macht, und es iſt offenbar, daß ſonſt nichts helfen wird, ſelbſt Zwang von demjenigen zu erfahren haben, deſ - fen Furcht vor ihr groͤßer als ſeine Liebe gegen ſie geweſen iſt, und uͤber deſſen Sanſtmuth und Nachſehen ſie ſo treulos geſieget hat. Wohl ſagt der Poet:
Du weißt, was ich eben den Augenblick ge - lobet habe. Und dennoch, o grauſame und eben ſo undankbare als grauſame Seele! dennoch kann ich bisweilen nur mit allzuvielem Grunde der Wahrheit dieſe Zeilen eines andern Dichters auf mich deuten:
Es iſt mir ein Brief zu Haͤnden gekommen, den mir Wilſon ſelbſt gegeben hat ‒
Solch ein Brief! ‒
Ein Brief von der Fraͤulein Howe an ihre grauſame Freundinn ‒
Jch machte mir kein Bedenken, ihn zu er - brechen.
Es iſt ein großes Wunder, daß ich nicht in Ohnmacht gefallen bin, als ihn las, und gedachte, was die Folgen davon geweſen ſeyn wuͤrden, wenn er dieſer Clariſſa Harlowe, mein gerechter Un - muth mag meine Unehrerbietigkeit entſchuldigen, zu Haͤnden gekommen waͤre.
Collins hat ihn dieſen Nachmittag, ob es gleich ſein Tag nicht geweſen iſt, in Wilſons Haus gebracht, und dabey ausdruͤcklich verlanget, daß er ohne allen Verzug zu der Fraͤulein Beaumont gebracht, und wenn es moͤglich waͤre, ihr ſelbſt in die Haͤnde gegeben wuͤrde. Er war vorher ſchon hier, in Frau Sinclairs Hauſe, geweſen, in Meynung ihn ihr ſelbſt zuzuſtellen. Allein man hatte ihm geſagt, nur allzu wahr geſagt! daß ſie weggegangen waͤre, man wollte aber alles, was er fuͤr ſie da laſſen wuͤrde, ihr den Augen -blick,135blick, wenn ſie wiederkaͤme, uͤberliefern. Den - noch hat er ihnen ſein Gewerbe nicht anvertrauen wollen, ſondern iſt nach Wilſons Hauſe gegan - gen, wie ich aus der Beſchreibung von ihm an beyden Orten befinde; und da hat er den Brief gelaſſen: jedoch nicht eher als bis er zum andern mal nach ihr gefraget und ſie noch nicht zu Hauſe gefunden hatte.
Der Brief, den ich einſchließen will, weil er zum Abſchreiben zu lang iſt, wird dir die Ur - ſache ſelbſt zeigen, warum er hierher gekommen iſt.
O die teufliſche Fraͤulein Howe! ‒ ‒ Man muß etwas beſchließen und mit der kleinen Furie vornehmen.
Du wirſt dieſen verfluchten Brief durch und durch am Rande mit kleinen Sternchen bemahlt ſehen. Jch habe ſie hingeſetzt, diejenigen Stel - len zu bezeichnen, welche mir ein Geluͤbde mich zu raͤchen abgedrungen haben, oder Aufmerkſam - keit verdienen. Schicke du mir ihn den Augen - blick wieder, wenn du ihn geleſen haſt.
Lies ihn hier und huͤte dich, wo du kannſt, meinetwegen zu zittern.
Sie werden vielleicht denken, daß ich zu lan - ge ein Stillſchweigen beobachtet habe. AlleinJ 4ich136ich habe ſeit meinem letzten ſchon zweene Briefe zu verſchiednen Zeiten angefangen und jedes mal ein gut Theil fortgeſchrieben. Jch verſichere, es war Feuer genug darinn: weil ich gegen den* ſcheuslichen Kerl, mit dem ſie leben muͤſſen, er - hitzt war; ſonderlich da ich Jhr Schreiben vom 21ten vorigen Monats geleſen hatte(*)Siehe den XXVI. Brief des IV. Th..
*Den erſten war ich willens ſo lange offen zu laſſen, bis ich Jhnen einige Nachricht von mei - nem Fortgange in dem Vorſchlage mit Fr. Town - ſend geben koͤnnte. Es war einige Tage vorher, ehe ich ſie zu ſprechen bekam. Da mir dieſer Zwiſchenraum Zeit gab, wieder nachzuſehen, was ich geſchrieben hatte: ſo fand ich fuͤr gut, ihn bey -* ſeite zu legen und ein klein wenig gelinder zu ſchreiben; denn ich weiß, ſie wuͤrden mir die Frey - heit in einigen von meinen Ausdruͤckungen, oder* Fluͤchen, wenn ihnen der Name beſſer ſcheinet, verwieſen haben. Als ich mit dem andern ſchon ziemlich weit gekommen war: ſo aͤnderten ſich ihre Umſtaͤnde; da er ihnen den Brief der Fraͤu - lein Montague zu leſen gab und ſich beſſer gegen ſie auffuͤhrte. Weil dieſe Veraͤnderung auch ih - re Geſinnung aͤnderte: ſo ließ ich denſelben gleich - falls liegen. Jn ſolcher Ungewißheit dachte ich zu warten und vorher den Ausgang der Sachen zwiſchen ihnen zu ſehen, ehe ich wieder ſchriebe: weil ich glaubte, daß alles bald zu einem oder dem andern Ende ausſchlagen wuͤrde.
Jch137Jch waͤre vielleicht noch bey dieſer Entſchlieſ - ſung geblieben; da nach ihren Briefen alle An - zeigen immer mehr und mehr Hoffnung machten: wenn ich nicht in den beyden verwichnen Tagen eine Nachricht bekommen haͤtte, woran ihnen al - les gelegen iſt.
Allein ich muß hier einhalten und ein wenig* herumgehen, zu verſuchen, ob ich den gerechten Unwillen daͤmpfen kann, der mir die Feder fuͤh - ren will, wenn ich im Begriffe bin, ihnen das zu erzaͤhlen, was ich ihnen nicht vorenthalten darf.
Jch habe nicht Gewalt genug uͤber mich ‒ Noch dazu ſtoͤrt mich meine Mutter ‒ Sie geht beſtaͤndig auf und nieder und bewacht mich, als wenn ich an einen liederlichen Kerl ſchriebe ‒ ‒ Jch will inzwiſchen verſuchen, ob ich mich ſelbſt* in leidlichen Schranken halten kann ‒
Die Weibsleute in dem Hauſe, wo ſie ſind ‒ o meine Werthe ‒ ‒ die Weibsleute in dem Hauſe ‒ ‒ Jedoch ſie haben niemals ſonderlich von ihnen gedacht ‒ ‒ So darf die Verwunde - rung nicht ſo groß ſeyn ‒ ‒ Sie wuͤrden auch* wohl nicht ſo lange bey ihnen geblieben ſeyn: wenn nicht die Vorſtellung, ein eignes Haus zu beziehen, gemacht haͤtte, daß ſie weniger unruhig geweſen, und ſich weniger um ihre Lebensart und Auffuͤhrung bekuͤmmert haben. Dennoch moͤch -* te ich itzo wuͤnſchen, daß ſie nicht ſo fremd mitJ 5ihnen138ihnen gethan haͤtten ‒ ‒ Allein ich quaͤle ſie ‒* Kurz, meine allerliebſte Freundinn, ſie ſind gewiß in einem teufliſchen Hauſe ‒ ‒ Das Weib iſt ei - nes von den liederlichſten ‒ Sie kennen ſie nicht bey ihrem rechten Namen ‒ ‒ Das iſt ſicher ‒ ‒ Jhr Name iſt nicht Sinclair ‒ Die Gaſſe, wo ſie wohnt, heißt auch nicht Dover-ſtreet ‒ Sind ſie niemals allein von Hauſe geweſen, und haben die Kutſche oder die Saͤnſte wieder weggeſchickt und ſind mit einer andern zuruͤckgekommen? *Waͤre das geſchehen; ich beſinne mich aber nicht, daß ſie mir jemals davon geſchrieben: ſo wuͤr - den ſie nimmermehr den Weg wieder zu dem ſchaͤndlichen Hauſe geſunden haben, weder bey des Weibes Namen, Sinclair, noch bey dem Namen der Gaſſe, ſo wie ihn der Doleman in ſeinem Briefe von den vorgeſchlagenen Wohnun - gen angiebt(*)Siehe den III. Th. S. 297..
Der Kerl haͤtte in der That dieſe falſche Nachrichten mit einiger Entſchuldigung ausgeben moͤgen: wenn das Haus ehrlich geweſen waͤre und er bloß die Abſicht dabey gehabt haͤtte, al - lem Ungluͤck von ihrem Bruder vorzubauen ‒ Aber dieſer Streich iſt, wie ich denke, noch eher geſpielet, als ihr Bruder ſeine Anſchlaͤge geſchmie - det hat. Auf die Art laſſen ſich ſeine damali - gen Abſichten gar nicht entſchuldigen ‒ ‒ Er mag nunmehr geſonnen ſeyn, wie er will: da - mals, eben damals, iſt er gewiß ein Betrieger* in ſeinem Herzen geweſen.
Jch139Jch bin ausnehmend unruhig, daß ich mich* wegen ihrer allzu großen Bedenklichkeit an der einen, und meiner Mutter ſtrengen Befehl an der andern Seite, habe zufrieden ſprechen laſſen, ohne zu wiſſen, wie ich meine Briefe gerade an ſie ſelbſt zu ihrer Wohnung ablaſſen koͤnnte. Jch denke ſo gar, daß der Vorſchlag, mich zu einer Kundſchaft durch die dritte Hand zu verweiſen, oder vielmehr in eine Unwiſſenheit aus der er - ſten Hand einzuhuͤllen, von ihm kam ‒ ‒ und ſie ihn bloß, eben(*)Siehe Th. III. S. 407 und 418, wo der Leſer be - merken wird, daß der Vorſchlag von ihr ſelbſt kam, welches ſie vermuchlich vergeſſen haben muß. Herr Lovelace gedachte deſſelben auch: wie man aus der Fraͤulein Harlowe Briefe S. 458 ſehen kann. Clariſſa hatte alſo einen gedoppelten Be - wegungsgrund, mit der vorgeſchlagenen Art, den Briefwechſel zwiſchen Fraͤulein Howe und ihr durch Wilſons Hand und unter dem Namen Laͤti - tia Beaumont anzuſtellen, zufrieden zu ſeyn. wie ich, nur genehm hiel - ten, aus einem unnoͤthigen und geringen Beden - ken ‒ ‒ damit ich der Wahrheit gemaͤß ſagen koͤnnte, wenn man mich ausforſchen wollte, daß ich nicht wuͤßte, wo man zu ihnen zu ſchicken haͤt - te ‒ ‒ Jch ſchaͤme mich vor mir ſelbſt ‒ ‒ Waͤ - re dieß auch anfangs zu entſchuldigen geweſen: ſo hat es doch nachher kein guter Grund ſeyn koͤnnen, in der Thorheit fortzugehen; nachdem ihnen das Haus nicht gefiel, und er anfing, ſie*mit140mit Raͤuken und Auſſchub von einer Zeit zur an - dern herumzuſuͤhren ‒ Wie! trauete ich mir ſelbſt nicht? ‒ Ließ ich andere von mir denken,* daß ich nicht ſchweigen koͤnnte? ‒ ‒ Allein das Haus, das von einer Zeit zur andern bezogen werden ſollte, hat uns beyde ‒ wie Schaafe, wie* zahme Schaafe in eine Falle gebracht ‒ So wahr ich lebe, meine liebe Freundinn, der Kerl iſt* ein ehrenloſer ein veraͤchtlicher Betrieger ‒ Jch muß es frey herausſagen. ‒ ‒ Wie hat er wohl uͤber uns beyde ins Faͤuſtchen gelacht! dafuͤr will ich Buͤrge ſeyn: ob ich gleich nicht ſagen kann, wie lange er ſo geſinnt geweſen.
Wer haͤtte aber wohl denken ſollen, daß ein Mann von guten Umſtaͤnden und auch noch von ziemlich gutem Rufe; ich meyne den Dole -* man, gewiß nicht ihren ſchlechten Kerl; ‒ ‒ der zwar vorher in der That liederlich geweſen ‒ ‒ ich habe mich nach ihm erkundiget ‒ ‒ vor langer Zeit ‒ ‒ und ſo habe ich deſto eher die verlangte Nachricht bekommen ‒ ‒ aber der doch hernach an ein Frauenzimmer von gutem Herkommen verheyrathet worden ‒ ‒ der einen Anfall vom Schlage gehabt ‒ ‒ und wie man* denken ſollte, ſich bekehret hat ‒ ein ſolches Haus ‒ ‒ Gewiß, meine Wertheſte, wenn er ſich nur im geringſten darnach erkundigt hat, ſo hat er fin - den muͤſſen, daß es ein boͤſes Haus iſt ‒ ‒ einem ſolchen Manne, als Lovelace iſt, vorſchlagen ſoll - te, daß er ſeine Verlobte, ja, wie man damals dachte, gar ſeine Vertrauete dahin braͤchte?
Jch141Jch ſchreibe vielleicht allzu heftig, um nicht* dunkel zu ſeyn. Aber ich kann mir nicht helfen. Jndeſſen lege ich doch alle zehn Minuten die Fe - der weg und nehme ſie hernach wieder: weil ich gern etwas gelinder ſchreiben will ‒ ‒ Dazu laͤuft meine Mutter bey mir ein und aus ‒ ‒ Sie fragt mich, was ich noͤthig habe, mich zu verſchließen, wenn ich bloß die vordem gewechſel - ten Briefe leſe? ‒ ‒ Denn das iſt der Vorwand, den ich brauche, wenn ſie hereinkommt und mit ihrem von einer mehr qaͤulenden als vergnuͤgen - den Neubegierde ſcharfgeſchliffenen Geſichte, wie ich ſagen mag, alles durchſuchet. ‒ ‒ Gott ver - gebe es mir: aber ich glaube, ich werde ſie das erſte mal, das ſie wieder kommt, hart anfahren.
Vergeben ſie mir auch, meine Allerliebſte. Meine Mutter muß es wohl thun, weil ſie ſagt, daß ich meines Vaters Tochter bin, und ich ge - wiß weiß, daß ich ihre bin. Jch weiß nicht, was* ich thun ſoll. Jch weiß nicht, was ich zuerſt ſchreiben ſoll. Jch habe ſo viel zu ſchreiben und doch ſo wenig Geduld und ſo wenig Zeit und Ru - he dazu.
Aber ich will Jhnen ſchreiben, wie ich zu mei - ner Kundſchaft gekommen bin.
Da dieß eine geſchehene Begebenheit iſt* und deſto weniger Auſmerkſamkeit erfordert: ſowill142will ich verſuchen, Jhnen davon Rechenſchaft zu geben.
Jch bin denn auf folgende Art darhinter ge - kommen ‒ „ Fraͤulein Lardner, die Sie bey ihrer „ Baſe Biddulph geſehen haben, ward Jhrer am „ Sonntage vor vierzehn Tagen in der Jacobs - „ kirche gewahr. Sie hielte ihre Augen die „ ganze Zeit herdurch auf Sie gerichtet: aber „ konnte Jhnen nicht ein einziges mal ins Geſicht „ fallen; ob ſie ſich gleich zweymal vor Jhnen „ neigte. Sie gedachte, Jhnen nach Endigung „ des Gottesdienſtes muͤndlich ihr Compliment zu „ machen: denn ſie zweifelte gar nicht, daß ſie ver - „ heyrathet ſeyn wuͤrden ‒ und zwar aus einer „ wunderlichen Urſache ‒ ‒ weil Sie allein in* „ die Kirche gekommen waren ‒ ‒ Ein jedes „ Auge, ſagte ſie, war, wie gewoͤhnlich, auf Sie, „ meine Freundinn, gerichtet. Weil ſie dieß eil - „ fertig zu machen ſchien und Sie der Thuͤre naͤ - „ her waren, als die Fraͤulein Lardner: ſo ent - „ wiſchten Sie eher, als ſie zu Jhnen kommen „ konnte. Allein ſie befahl ihrem Bedienten, „ Jhnen bis ans Haus zu folgen. Dieſer Die - „ ner ſahe Sie in eine Saͤnfte ſteigen, welche Jh - „ rer wartete: und Sie befahlen den Traͤgern, „ Sie wieder an den Ort zu bringen, wo Sie von „ ihnen vorher abgehohlet waͤren.
„ Den Tag darauf ſandte die Fraͤulein Lardner „ eben den Bedienten, aus bloßer Neubegierde, „ ſich ins geheim zu erkundigen, ob Herr Lovelace „ bey Jhnen waͤre, oder nicht. Durch dieſe„ Nach -143„ Nachfrage kam es von verſchiednen Leuten her -* „ aus, daß das Haus im Verdacht waͤre, eines „ von denen artigen boͤſen Haͤufern zu ſeyn, wor - „ inn allerhand manierliche Perſonen von beyder - „ ley Geſchlecht ihren Aufenthalt und Bequem - „ lichkeit faͤnden.
„ Ueber dieſe wunderliche Nachricht ward die „ Fraͤulein Lardner beſtuͤrzt und ließ weiter nach - „ fragen. Zugleich aber ſchaͤrſte ſie ſo wohl dem „ Bedienten, den ſie geſchickt hatte, als dem Ca - „ vallier, den ſie dabey gebrauchte, Verſchwie - „ genheit ein. Dem letztern ward eben die Nach - „ richt von einem liederlichen Freunde beſtaͤtiget,* „ der das Haus kannte und ihm erzaͤhlte, es waͤ - „ ren eigentlich zwey Haͤuſer; in dem einen wuͤr - „ de aller aͤußerlicher Wohlſtand beobachtet und „ ſelten Gaͤſte angenommen; das andre waͤre ein „ Wohnplatz fuͤr ſolche Perſonen, die gaͤnzlich ge - „ fangen und unter das ſchaͤndliche Joch gebracht „ waͤren. „
Sagen Sie, meine liebe Freundinn, ſagen* ſie, ſoll ich den ſchlechten Kerl nicht verfluchen? Doch Worte vermoͤgen wenig. Was kann ich ſagen, das meinen Abſcheu vor einem ſolchen Boͤſewicht genugſam ausdruͤcken wird? vor ei - nem ſolchen Boͤſewicht, als er geweſen ſeyn muß, da er auf die Gedanken gerathen iſt, eine Clariſ - ſa Harlowe an einen ſolchen Ort zu bringen.
„ Die Fraͤulein Lardner behielte dieß einige „ Tage bey ſich: weil ſie nicht wußte, was ſie da - „ bey thun ſollte. Denn ſie hat viele Liebe zu„ Jhnen144„ Jhnen und bewundert Sie allein unter allen „ Frauenzimmern. Zuletzt entdeckte ſie es aber „ nur im Vertrauen, der Fraͤulein Biddulph „ ſchriſtlich. Die Fraͤulein Biddulph beſorgte, „ es moͤchte mich beunruhigen, wenn ich es er - „ fuͤhre, und offenbarte es ebenfalls nur im Ver - „ trauen der Fraͤulein Bloyd. Und ſo gieng es „ als eine aͤrgerliche Sache, die man ſich nur ins „ Ohr ſagte, durch verſchiedne Haͤnde, und kam „ alsdenn erſt an mich. Dieß geſchahe nicht eher „ als verwichnen Montag.
Jch dachte, ich haͤtte uͤber eine ſo erſtaunli - che Nachricht in Ohnmacht ſinken ſollen. Aber* die Wuth nahm bey mir uͤberhand und vertrieb die ploͤtzliche Uebelkeit. Jch erſuchte die Fraͤu - lein Lloyd, einer jeden Perſon von ihrer Seite wiederum die Verſchwiegenheit zu empfehlen. Jch geſtand ihr, ich wollte um aller Welt nicht, daß es meine Mutter oder jemand von Jhren* Angehoͤrigen erfuͤhre. Und von Stunde an trug ich einem zuverlaͤßigen Freunde auf, nach Tom - linſon ſich ſo viel, als nur immer moͤglich waͤre, zu erkundigen.
*Jch war ſchon vorher willens geweſen, es zu thun. Weil ich mir aber einbildete, es wuͤrde unnoͤthig ſeyn; und mir nicht einmal in den Sinn kommen ließ, daß Sie in einem ſolchen Hauſe ſeyn koͤnnten; Sie auch ſelbſt mit Jhren veraͤnderten Umſtaͤnden von guter Hoffnung zu - frieden waren: ſo ſtand ich davon ab. Das* that ich um ſo viel eher: da die Sache ſo getrie -ben145ben wird, daß Frau Hodges vermuthlich nichts von der eingefaͤdelten Unterhandlung zum Ver - gleich wiſſen kann, ſondern im Gegentheil die Ab - ſicht iſt, ſie vor ihr und allen andern, außer den Parteyen ſelbſt, geheim zu halten, und es doch eben die Frau Hodges war, welche ich durch die andre Hand auszuforſchen gedachte.
Nun iſt ſo viel gewiß, meine werthe Freun -* dinn, ohne daß man ſich deswegen an dieſe allzu ſehr beguͤnſtigte Haushofmeiſterinn zu wenden gehabt hat, auf zehn Meilen um Jhren Onkel herum iſt kein ſolcher Mann. Das iſt ganz ſicher. Ein gewiſſer Tomkins iſt da, ohnge - faͤhr vier Meilen davon: aber das iſt nur ein Tageloͤhner. Etwa fuͤnf Meilen weit auf einen andern Weg iſt auch ein gewiſſer Thompſon: allein der iſt ein Dorffchulmeiſter, arm, und ge - gen ſiebzig Jahr alt.
Ein Mann, der nur jaͤhrlich acht hundert* Pfund hat, kann ſich nimmermehr aus einer Grafſchaft in die andre zu wohnen begeben, ohne daß es in beyden alle Leute wiſſen und davon reden.
Jnzwiſchen kann man doch, wenn ſie es ha - ben wollen, die Frau Hodges von weiten aus -* fragen laſſen. Jhr Onkel iſt ein alter Mann. Alte Leute halten ſich ihren Geliebten, wofern die - ſe juͤnger, als ſie ſelbſt, ſind, verpflichtet, und ver - heelen ihnen ſelten etwas. Wenn wir aber auch ſetzen, daß er aus der vorgenommenen Unter -* handlung ein Geheimniß macht: ſo iſt es gleich - wohl unmoͤglich, daß ſie ihn nicht vorher, ehe anFuͤnfter Theil. Kdie146die Unterhandlung gedacht iſt, geſehen, oder we - nigſtens Jhren Onkel von einem Manne, der fuͤr einen ſo vertrauten Freund von ihm ausgegeben wird, mit Ruhm ſprechen gehoͤrt haben ſollte; er mag auch noch ſo kurze Zeit in dieſen Gegen - den geweſen ſeyn.
*Bey dem allen, deucht mich, iſt die Hiſtorie ſo wahrſcheinlich. Tomlinſon iſt, nach Jhrer Beſchreibung, ein braver Mann und hat ſo viel von einem rechtſchaffenen Cavallier. Die Ab - ſicht, welche durch ihn, wenn er ein Betrieger ſeyn moͤchte, erhalten werden ſollte, iſt ſo ſehr* unnoͤthig: wofern Lovelace ehrenloſe Streiche im Kopfe hat; ſonderlich da Sie in einem ſolchen* Hauſe ſind ‒ ‒ Jhres liederlichen Kerls Auffuͤh - rung gegen ihn war ſo unbeſcheiden und herriſch: Tomlinſons Antwort hingegen ſo witzig und um - ſtaͤndlich. Hierzu kommt, was er Jhnen von* dem Antrage des Herrn Hickmanns an Jhren Onkel und der Frau Norton an Jhre Mutter meldete, wovon einige beſondre Umſtaͤnde ſo be - ſchaffen ſind, daß, wie ich verſichert bin, der nie - dertraͤchtige Unterhaͤndler, Joſeph Lehmann, ſie* ſeinen noch niedertraͤchtigern Anfuͤhrer nicht entde - cken koͤnnen. Jch bedenke ferner, wie er im Namen Jhres Onkels darauf beſtand, daß ein Tag zur Trauung feſtgeſetzet wuͤrde, wodurch keine hoͤſe Ab -* ſicht erhalten werden konnte. Jch bedenke, was er von Jhres Onkels Vorſchlag ſchreibt, jedermann in den Gedanken zu beſtaͤrken, daß Sie von der Zeit an, da Sie mit einander in einem Hauſegelebet,147gelebet, wirklich getrauet geweſen, und dieſe Zeit ſo zu beſtimmen, daß ſie mit Herrn Hickmanns Beſuche bey Jhrem Onkel zutraͤfe. Jch bedenke, wie er darauf dringet, daß eine zuverlaͤßige Per -* ſon, die der Onkel ernennen wuͤrde, bey der Trau - handlung gegenwaͤrtig ſey ‒ ‒ Alle dieſe Dinge machen mich geneigt zu verſuchen, ob ſich nicht alles wohl zuſammen reimen laſſe. Und dennoch ſetzet mich das, was an beyden Seiten der Frage vorkommt, in ſo große Verwirrung, daß ich den teufliſchen Kerl nothwendig verabſcheuen muß,* deſſen Erfindungen und durchtriebene Raͤnke ei - nem nachdenckenden Kopfe beſtaͤndig zu thun ma - chen, und ihm doch keine Mittel uͤbrig laſſen, auf eine voͤllige Entdeckung zu kommen.
Was ich aber muthmaßen moͤchte, iſt dieß, daß Tomlinſon, ſo einen guten Schein er auch hat, ein bloßes Triebwerk iſt, das Lovelace re - gieret und zu einer Abſicht brauchet, die bisher noch nicht erhalten iſt ‒ ‒ So viel iſt gewiß,* daß nicht allein Tomlinſon, ſondern auch Men - nel, der Sie, wie ich denke, mehr als einmal in dieſem ſchaͤndlichen Hauſe beſucht hat, wohl wiſſen muß, daß es ein ſchaͤndliches Haus iſt.
Was koͤnnen Sie denn ſonderliches davon denken, daß ſich Tomlinſon auf die geſchehene Nachfrage vortheilhaft fuͤr daſſelbe erklaͤret hat?
So gar Lovelace ſelbſt muß es wiſſen; und wo er es nicht vorher, ehe er Sie dahin gebracht, gewußt hat: ſo muß er es bald hernach erfah - ren haben.
K 2Viel -148*Vielleicht giebt die Geſellſchaft, welche er da gefunden hat, den wahrſcheinlichſten Grund an die Hand, warum er das Haus leiden kann, und die Vollziehung der Heyrath ſo wunderlich von einer Zeit zur andern verſchoben hat, da es in ſeiner Gewalt geweſen iſt, einen ſolchen En - gel unter den Frauenzimmern zu ſeinem Eigen - thume zu machen.
*O meine wertheſte Freundinn, der Kerl iſt ein Betrieger! der groͤßte unter allen Betriegern, man mag ihn anſehn, von welcher Seite man will! ‒ ‒ Jch bin uͤberzeugt, er iſt es ‒ ‒ Und der Dole - man muß auch einer ſeyn, unter ſeinen Werk - zeugen.
*Aber darf ich wohl denken, ſo werden Sie mich mit Unwillen und Beſtuͤrzung fragen, daß Lovelace Abſichten wider Jhre Ehre haben kann?
*Daß er ſolche Abſichten gehabt hat, wo er ſie itzo nicht mehr hat, daran kann ich gar nicht zweifeln, da ich nunmehr weiß, daß das Haus, wohin er Sie gebracht hat, eine ſchaͤndliche Woh - nung iſt. Dieß iſt ein Leitfaden, der mich auf die Spur gebracht hat, ſeine ganze Auffuͤhrung gegen Sie, ſeit dem Sie in ſeinen Haͤnden gewe - ſen ſind, voͤllig zu erklaͤren.
Erlauben Sie mir, ein wenig auf alles zu - ruͤckzuſehen.
*Wir wiſſen beyde, daß Stolz, Rachbegierde und ein Vergnuͤgen ungebahnte Wege zu betre -ten,149ten, als hauptſaͤchliche Stuͤcke zu dem Character dieſes vollkommenen Freygeiſtes in der Lebensart gehoͤren.
Er haſſet Jhre ganze Familie, Sie allein aus -* genommen. Und ich habe in meinen Gedanken verſchiedne male bemerkt, wie es ihn gebiſſen und gekraͤnkt hat, daß die Liebe ihn verpflichtet, auf Jhrem Fußſchemel zu knien: bloß darum, weil* Sie eine Harlowe ſind. ‒ ‒ Dabey iſt dieſer elende Kerl doch noch einer von den wilden Maͤnnern in der Liebe ‒ ‒ Die Liebe, die ſonſt die unbaͤndigſten Gemuͤther zahm machet, iſt nicht vermoͤgend geweſen, ihn zu baͤndigen. Sein Stolz und die gute Meynung, welche ihm eini -* ge ſcheinbare Eigenſchaften unter ſo vielen haſſenswuͤrdigen zuwege gebracht, haben ihn* bey unſerm Geſchlechte, das nach dem Auge ur - theilet, wenig unterſcheidet, ſich ſelbſt ſchmeichelt und zu viel trauet, einer allzu guten Aufnahme verſichert, als daß er ſich auf Beſtaͤndigkeit, Ge - faͤlligſeyn, und Baͤndigung ſeiner unordentlichen Begierden im geringſten befleißigen ſollte.
Er hat einige Urſache, gegen alle Manns -* perſonen und ein Frauenzimmer von Jhrer Fa - milie erbittert zu ſeyn. Er hat Jhnen, und ſo gar allen ſeinen eignen Angehoͤrigen, jederzeit ge - wieſen, daß er ſeinen Stolz ſeinen Vortheilen* vorziehe. Er iſt ein offenbarer Feind vom Ehe - ſtande und ein beruͤchtigter Raͤnkeſchmieder. Er iſt voll von ſeinen Erfindungen und thut groß damit ‒ ‒ Er hat Sie noch niemals zu einerK 3Liebes -150Liebeserklaͤrung bringen koͤnnen. Er iſt nicht ein - mal, bis Jhre weiſen Angehoͤrigen Sie ſo, wie ſie gethan, verfolgt haben, vermoͤgend geweſen, Sie zu bewegen, daß Sie ſeinen Antrag unter* dem Namen eines Freyers annaͤhmen ‒ ‒ Er wußte aber, daß er Jhnen wegen ſeiner ungebun - denen Lebensart nach Jhrem eigenen Geſtaͤndniſſe nicht gefiele. Er konnte Sie daher mit Recht wegen Jhrer kaltſinnigen und gleichguͤltigen Auf - fuͤhrung gegen ihn nicht tadeln.
Jhre erſte Hauptabſicht bey dem Briefwech - ſel, worein er Sie verwickelte, war, Ungluͤck zu verhuͤten. Er haͤtte ſich alſo nicht wundern ſol - len, daß Sie ſich erklaͤren, dem ledigen Stande den Vorzug vor allen Eheverbindungen zu ge - ben. Er wußte, daß Sie dieſem allezeit den Vorzug gegeben hatten, und zwar noch vorher,* ehe er Sie mit ſo vielen Kunſtgriffen wegbrachte. Wie war hernach ſeine Auffuͤhrung gegen Sie beſchaffen, daß Sie Jhren Entſchluß auf einmal aͤndern ſollten?
So war ihre ganze Auffuͤhrung regelmaͤßig, uͤbereinſtimmend, und gehorſam gegen die, denen Sie von Geburt Gehorſam ſchuldig waren: und gegen ihn weder gezwungenſproͤde, buhleriſch, noch tyranniſch.
*Er hatte es genehm gehalten, ſich mit Jhnen unter den von Jhnen geſetzten Bedingungen ein - zulaſſen und Jhre Gewogenheit bloß von ſeinen eignen Verdienſten und kuͤnftiger Beſſerung zu erwarten.
Jn151Jn der That ſahe ich, der Sie alles entdeck - ten, was Sie von Jhrem eignen Herzen wuß - ten, ob gleich nicht alles, was ich davon ausfin - dig machte, ganz offenbar, daß die Liebe ſich gar fruͤhe in demſelben eingeniſtelt hatte. Und dieß wuͤrden ſie ſelbſt eher entdeckt haben, als Sie wirklich gethan: wenn nicht ſeine verdaͤchtige,* ſeine unartige, ſeine rauhe Auffuͤhrung die Liebe unterhalten haͤtte.
Jch wußte aus der Erfahrung, daß die Liebe* ein Feuer iſt, womit ſich nicht ſpielen laͤßt, ohne die Finger zu verbrennen. Jch wußte, daß es fuͤr zwo ledige Perſonen von unterſchiedenem Ge - ſchlechte ein gefaͤhrlich Ding iſt, ſich mit einander in Vertraulichkeit und Briefwechſel einzulaſſen. Denn muß nicht, in Anſehung des letztern, eine Perſon, die im Stande iſt zu ſitzen und zu ſchrei - ben, und doch nicht von Herzen zu ſchreiben, zu vorſetzlichen Kunſtgriffen geſchickt ſeyn? ‒ ‒ Und wenn ein Frauenzimmer ihres Herzens Meynung an einen Mann von einigem Character ſchreibet: was giebt ſie ihm alsdenn fuͤr Vortheile uͤber ſich?
Da die Eitelkeit dieſes Menſchen ihm in den* Kopf geſetzet hatte, daß kein Frauenzimmer gegen die Liebe Stand halten koͤnnte, wenn ſein Antrag auf eine anſtaͤndige Art geſchaͤhe: ſo war es kein Wunder, daß er ſich, wie ein Loͤwe im Garn, ge - gen eine Neigung ſtraͤubete, die er nicht mit gl[ei -]cher Neigung, ſeinen Gedanken nach, verg[ol]ten ſahe ‒ ‒ Und wie konnten Sie anfang[en]einemK 4ſo152ſo wilden Gemuͤthe, und einem Menſchen, der Sie durch niedertraͤchtige Kuͤnſte beruͤckt und weggefuͤhret hatte, Gegenliebe zeigen, ohne dadurch dieſe Kuͤnſte zu billigen?
*Daher iſt es vielleicht nicht ſchwer zu glau - ben, daß es einem ſolchen ſchlechten Kerl, als er iſt, moͤglich geworden, ſeinen alten Vorurtheilen ge - gen den Eheſtand, und der Rachbegierde, die al - lezeit eine Hauptbegierde bey ihm geweſen war, freyen Lauf zu laſſen.
Dieß iſt meines Erachtens der einzige Weg, ſeine ſcheuslichen Abſichten zu erklaͤren, weswe - gen er ſie in ein ſchaͤndliches Haus gebracht hat.
*Und laͤßt ſich nun nicht alles uͤbrige natuͤrlich erklaͤren? Sein zoͤgern; ſeine quaͤlende Weit - laͤuftigkeiten; ſeine Bemuͤhung, wodurch er Sie dahin gebracht, ſich gefallen zu laſſen, daß er in eben dem Hauſe wohnete; ſein Vorgeben bey den Leuten in demſelben, als wenn Sie ſein Weib waͤren, zwar mit einiger Einſchraͤnkung, jedoch* ſonder Zweifel, da er der aͤrgſte Boͤſewicht iſt, in der Hoffnung, ſich den Vortheil uͤber Sie zu Nu - tze zu machen; ſein Einfall, Sie in der Geſellſchaft ſeiner ausſchweifenden Mitgeſellen zu bringen; der Verſuch, Jhnen die Jungfer Partington als eine Beyſchlaͤferinn aufzudringen, welcher nach aller Wahrſcheinlichkeit ſeine Erfindung zu der aͤrg - ſten Abſicht war; das Schrecken worinn er Sie zu verſchiednen malen geſetzet hat; ſein Zudrin - gen, Jhnen wider Jhren Willen Geſellſchaft zuleiſten,153leiſten, als Sie zur Kirche giengen, ohne Zweifel in der Abſicht, um zu verhuͤten, daß Sie nicht erfuͤhren, was es fuͤr Leute im Hauſe waͤren; die Vortheile, die er zu ſeinen Abſichten aus dem naͤrriſchen Anſchlage Jhres Bruders mit Sin - gleton gezogen hat.
Sehen Sie, meine allerliebſte Freundinn, wie natuͤrlich dieß alles aus der Entdeckung der Fraͤu - lein Lardner folget ‒ ‒ Sehen Sie, wie es nun herauskommt, daß das Ungeheuer, welches ich* fuͤr einen Narren hielte, und ſo oft mit dieſem Namen belegt habe, alle die Zeit herdurch einer* der groͤßten Betrieger von der Welt geweſen iſt!
Allein wenn dieß an dem iſt, duͤrfte ein Un - parteyiſcher fragen, was hat Sie denn bisher bewahret? Ruhmwuͤrdigſte Freundinn! was anders, nach der gemeinen Weiſe zu reden, als Jhre Wachſamkeit? Was anders, als dieſe, und Jhre majeſtaͤtiſche Tugend, das Erhabne in Jhrem Weſen, welches Jhnen angeboh - ren iſt, und bey ſo gefaͤhrlichen Umſtaͤnden, da Sie ohne Freunde, ganz verlaſſen, fuͤr ein Weib ausgegeben und in die Geſellfchaft von Leuten, die gewohnt ſind, unſchuldige Herzen zu beruͤcken und zu verderben, gezogen worden, Sie bisher in den Stand geſetzet hat, einen ſo gefaͤhrlichen Freydenker in ſeiner Auffuͤhrung, als er iſt, be - ſchaͤmt, furchtſam und verwirrt zu machen; ei - nen Menſchen, der, wie Sie an Jhm bemerket haben, durch ſo lange Gewohnheit alle Regungen des Gewiſſens unterdruͤcket hat, der ſo ſehr ver -K 5aͤnder -154aͤnderlich in ſeinen Neigungen, ſo reich an Er - findungen iſt, der ſo viele Helfershelfer, ſo vielen Ruͤckhalt, ſo viele Aufwiegler hat, als er wahr - ſcheinlicherweiſe gehabt hat? ‒ ‒ Das Erhabe - ne in Jhrem Weſen, welches Jhnen ange - bohren iſt, das Heroiſche, will ich es nennen, das ſich bey allen Gelegenheiten zu rechter Zeit* in ſeinem vollen Glanze gezeiget hat, ohne die rei - zende Gefaͤlligkeit und ſich herablaſſende Leutſee - ligkeit, die ſonſt allezeit jenes Erhabne in Jh - rem Weſen mildert, wenn Jhr Gemuͤth frey und ohne Furcht iſt!
*Erlauben Sie mir, daß ich hier ein wenig ſtille ſtehe, meine geliebteſte Freundinn zu bewun - dern und zu preiſen, die zum Ungluͤcke fuͤr ſich ſelbſt, in einem ſo zarten Alter, ohne Kenntniß der Welt und der niedertraͤchtigen Kuͤnſte liederlicher Leute, den haͤrteſten und heftigſten Verſuchungen von feindſeligen Verwandten an der einen, und einem ehrloſen Freyer an der andern Seite, ausgeſetzt, und doch im Stande geweſen iſt, ein ſo vortreff - liches Beyſpiel der Standhaftigkeit und Klugheit zu geben, als vor Jhr kein Frauenzimmer jemals gegeben hat; die ſich weit groͤßer im Ungluͤcke gezei - get hat, wie ich ſchon ehedem angemerket habe(*)Siehe Th. IV. S. 36., als ſie ſich aller Moͤglichkeit nach gezeigt haben koͤnnte, wenn alle ihre glaͤnzende Vorzuͤge ſich in* voͤlliger Kraft und Staͤrke bey dem fortdaurenden Laufe des Gluͤckes, daß ſie auf achtzehn Jahre un -ter155ter neunzehn von ihrem Leben begleitete, gewieſen haͤtten.
Aber nun, meine Allerliebſte, beſorge ich, daß* Sie in groͤßerer Gefahr ſind, als Sie jemals geweſen: wo ſie nicht in einer Woche getrauet werden und doch in dieſem ſcheuslichen Hauſe bleiben. Denn waͤren Sie nur da weg: ſo ge - ſtehe ich, ich wuͤrde mir Jhretwegen nicht viel Sorge machen.
Nachdem ich die Sache aufs reiflichſte uͤber - legt habe: ſo gehen meine Gedanken dahin. „ Er* „ iſt nunmehr uͤberzeugt, daß er nicht geſchickt ge - „ weſen, Jhre Wachſamkeit von Jhnen wegzu - „ ſchaffen. Wenn er alſo in dem Fortgange keine „ neue Vortheile uͤber Sie erhaͤlt: ſo iſt er entſchloſ - „ ſen, Jhnen alle die elende Gerechtigkeit wie - „ derfahren zu laſſen, die ein ſo elender Kerl, als „ er, thun kann. Er wird dazu um ſo viel mehr „ getrieben, da er ſieht, daß alle ſeine eigne Ver - „ wandten ſich Jhrer Sache ernſtlich angenom - „ men haben, und es ſein groͤßter Vortheil iſt, „ gegen Sie gerecht zu ſeyn. Hiernaͤchſt liebt* „ der ſcheusliche Kerl, ſo gut als er lieben kann, „ Sie uͤber alles Frauenzimmer. Jch habe hier - „ an gar keinen Zweifel ‒ Es iſt aber eine ſolche „ Liebe, als ein ſo elender Kerl zu haben geſchickt „ iſt, eine ſolche Liebe, als Herodes gegen ſeine „ Mariamne hatte ‒ ‒ Es iſt daher hoͤchſtwahr - „ ſcheinlich, daß es ihm nunmehr endlich ein Ernſt „ iſt.
Jch156Jch habe mir Zeit genommen allerhand Nachrichten einzuziehen: weil ich nach ihren ge - genwaͤrtigen Umſtaͤnden wußte, daß ſeine Abſich - ten, ſie moͤgen gehn, wohin ſie wollen, weder zum Guten noch zum Boͤſen reif werden koͤnnen, bis aus ſeiner neuen Erfindung mit Tomlinſon und* Jhrem Onkel etwas herauskommen wird.
Daß es eine Erfindung von ihm iſt, daran zweifle ich gar nicht: es mag auch dieſer verſteck - te, dieſer unerforſchliche Kopf dadurch ſuchen, was er will.
*Und dennoch befinde ich vieles wahr. Der Sachwalter Williams, den Herr Hickmann als einen anſehnlichen Mann in ſeinem Werke ken - net, hat wirklich die Eheſtiftung ſo gut als fer - tig. Es ſind zwo Abſchriften davon gemacht:* und eine derſelben iſt oͤffentlich dazu beſtimmt, daß ſie an den Capitain Tomlinſon geſandt wer - de, wie der Schreiber ſagt ‒ Jch befinde auch, daß man ſich wirklich mehr als einmal um einen Trauſchein beworben hat und bisher dabey Schwierigkeiten gemacht ſind, wodurch Lovelace ſo wohl beunruhiget als in ſeinen Abſichten geſtoͤ - ret iſt. Meiner Mutter Anwald, ein vertrauter Freund von dem, an welchen ſich der elende Kerl gewandt hat, iſt im Vertrauen hinter dieſe Nach - richt gekommen, und giebt uns von weiten zu verſtehen, daß dieſe Schwierigkeiten, weil Love - lace ein Mann von großem Vermoͤgen und Stande iſt, wahrſcheinlicherweiſe bald gehoben ſeyn werden.
Aber157Aber nun folgen die Urſachen, warum ich be - fuͤrchte, daß Sie in Gefahr ſind. Jch wuͤrde daran gar nicht einmal gedacht haben; weil bis - her noch nichts ſo gar arges verſucht iſt: wenn* ich nicht erfahren haͤtte, in was fuͤr einem Hauſe ſie ſind, und mit dieſer Entdeckung das, was bis - her vorgefallen iſt, zuſammen gehalten und uͤber - leget haͤtte.
„ Sie ſind durch die gegenwaͤrtigen Umſtaͤn - „ de, welche vortheilhaft ſcheinen, genoͤthigt, ihm* „ Jhre Geſellſchaft ſo oft zu goͤnnen, als er es ver - „ langet ‒ ‒ Sie ſind gezwungen, vergangene „ Beleidigungen zu vergeſſen, oder wenigſtens ei - „ nen ſolchen Schein anzunehmen, und ihn in ſei - „ nem Bezeigen als einen mit Jhnen verlobten „ Freyer anzuſehen. ‒ Sie werden ſich den Vor - „ wurf einer gezwungenen Sproͤdigkeit und eines „ angenommenen Weſens, vielleicht ſo gar in Jh - „ ren eignen Gedanken, zuziehen: wo Sie Jhm „ laͤnger eben den fremden Umgang auflegen, der „ bisher Jhre Sicherheit geweſen iſt. ‒ ‒ Seine* „ ploͤtzliche Uebelkeit, die eben ſo ploͤtzlich wieder „ voruͤber gieng, als ſie gekommen war, hat ihm „ eine bequeme Gelegenheit gegeben, zu entde - „ cken, daß Sie ihn lieben. Ach! meine Wer - „ theſte, ich wußte es ſchon, daß Sie ihn „ liebten. Er macht ſich dieß, wie Sie berichten, „ von Stunden zu Stunden mehr zu Nutze und „ greift immer weiter. Er hat, wie es geſchie -* „ nen, ſeine Natur geaͤndert, und iſt die Liebe „ und Leutſeligkeit ſelbſt. Der Wolf hat die„ Schaafs -158„ Schaafskleider angezogen: aber doch ſchon „ mehr als einmal ſeine Zaͤhne und ſeine mit vie - „ ler Muͤhe eingezogne Klauen gewieſen. Der „ einzige Fall, den Sie mir von ſeiner gegen Jh - „ re Perſon herausgenommenen Freyheit gemel - „ det haben; von einer Freyheit, die ſie nothwen - „ dig uͤbel nehmen, und gleichwohl auch nothwen - „ dig, ſo wie die Sachen zwiſchen Jhnen beyden „ ſtehen, hingehen laſſen mußten, da ein Brief „ von Tomlinſon Jhre Geſellſchaft mit Jhm er - „ forderte(*)Siehe den II Brief in dieſem Theil.; zeiget ſchon den Vortheil, welchen* „ er nunmehr uͤber Sie hat, und daß, wenn er „ noch mehr erhalten kann, er noch mehr nehmen „ will. ‒ Und eben zu dem Ende iſt Tomlinſon, „ wie ich beſorge, ins Spiel gebracht. Man will* „ Sie dadurch deſto ſichrer machen. Er ſoll zur „ Vermittlung dienen: wenn Jhnen etwa durch „ einen ehrloſen Verſuch eine toͤdtliche Beleidi - „ gung widerfahren iſt ‒ Der Tag zur Trauung „ ſcheint itzt nicht mehr ſo viel in Jhrer Gewalt „ zu ſeyn, als es billig ſeyn ſollte, indem er nun „ zum Theil von Jhrem Onkel abhanget, deſſen „ Gegenwart er ſelbſt, auf Jhren eignen Vor - „ ſchlag, bey dieſer Gelegenheit gewuͤnſchet hat „ ‒ ‒ Ein Wunſch, der nach meinen Gedanken „ ſchwerlich genehm zu halten ſeyn wuͤrde, wenn „ alles richtig waͤre.
Sollte er ſich nun bey dieſen Umſtaͤnden groͤ -* ßere Freyheiten herausnehmen, muͤßten Sie ihm denn nicht vergeben?
Mir159Mir iſt vor nichts bange; da ich weiß, wer eben das geſagt hat; vor nichts, was der Teufel, er ſey fleiſchern oder eingefleiſcht, offenbar gegen eine ſo befeſtigte Tugend unternehmen kann ‒ ‒ Aber vor Liſt und Gewalt, meine liebſte Freun -* dinn, die Sie in einem ſolchen Hauſe und unter den gedachten Umſtaͤnden uͤbereilen moͤchte, iſt mir ſehr bange. Der Kerl hat ſchon ſonſt uͤber Perſonen, die ſeiner Hand vollkommen wuͤrdig* waren, gefrohlocket.
Was haben Sie denn anders zu thun, als dieß Haus, dieß hoͤlliſche Haus zu fliehen! ‒ ‒ O daß Jhr Herz Jhnen erlauben moͤchte, ihn* auch zu fliehen!
Sollten Sie hierzu geneigt ſeyn: ſo wird Fr.* Townſend Jhnen zu Befehl ſtehen ‒ ‒ Doch wofern Sie keine Hinderniſſe, keine neue Urſa - chen zu zweifeln, finden: ſo halte ich dafuͤr, Jh - re Ehre vor den Augen der Welt, wenn gleich nicht ihre Gluͤckſeligkeit, erfordere es, daß Sie ſeine Gemahlinn werden ‒ ‒ Und gleichwohl kann ich auch nicht ertragen, daß ſolche liederliche Leu - te die Krone von unſerm Geſchlechte zur Beloh -* nung fuͤr ihre ehrenloſe Auffuͤhrung bekommen ſollten, da der Schaum von demſelben fuͤr ſie noch zu gut iſt.
Allein wo Sie den geringſten Grund zum Verdacht finden; wo er Sie in dem verhaßten Hauſe laͤnger aufhalten, oder wuͤnſchen ſollte, daß Sie in demſelben bleiben; da Sie nunmehr wiſ - ſen, was es fuͤr Leute ſind: ſo fliehen Sie ihn,*Jhre160Jhre Umſtaͤnde moͤgen auch noch ſo gute Hoff - nung machen; ihn ſo wohl als jene.
Haben Sie keine andre Gelegenheit: ſo wei - gern Sie ſich, bey einer Jhrer naͤchſten Spatzier - farthen, mit Jhm zuruͤckzukehren. Nennen Sie* mich als diejenige Perſon, von der Sie es ha - ben, daß Sie in einem boͤſen Hauſe wohnen. Meynen Sie, daß Sie nunmehr mit ihm nicht brechen koͤnnen: ſo ſtellen Sie ſich lieber, als wenn Sie glaubten, daß er es nicht wuͤßte, und* als wenn ich eben ſo gedaͤchte; ob uns gleich beyde dieſe Gedanken nicht gut kleiden muͤſſen.
Aber geſetzt, Sie verlangen, Sie beſtehen* darauf, friſche Luſt zu ſchoͤpfen und deswegen aus der Stadt zu fahren: wie ſchickt ſich das bey dieſem ſchwuͤlen Wetter? ‒ ‒ Sie koͤnnen nur Jhre Geſundheit vorſchuͤtzen. Dagegen darf er nichts einwenden. Jhres Bruders thoͤrichte Ab - ſichten, habe ich gehoͤret, ſind gewiß gaͤnzlich auf - gegeben. Alſo duͤrfen Sie ſich aus dem Grunde keine Sorge machen.
Wofern Sie auf dieſe Nachricht das Haus nicht fliehen oder auf eine oder die andre Weiſe aus demſelben kommen: ſo werde ich aus der wenigen Gewalt; die Sie uͤber ihn oder uͤber Sich ſelbſt haben, ſchließen, wie viel er uͤber Sie vermag.
*Eine von meinen Kundſchaften hat ſich ver - geblich nach der Fr. Fretchville erkundiget. Hat er Jhnen jemals die Gaſſe oder Squaͤre genannt, worinn ſie wohnte? ‒ ‒ Jch beſinne mich nicht,daß161daß Sie gegeu mich jemals in irgend einem Jh - rer Briefe eines von beyden Meldung gethan. *Dieß iſt wunderlich, recht wunderlich, nach mei - nen Gedanken! Es iſt keine ſolche Perſon, kein ſolches Haus in der Naͤhe bey den neuen Gaſſen oder Squaͤren zu finden, wo ihr Haus, ſo viel ich aus ihren Nachrichten errathen habe, zu ſu - chen ſeyn muͤßte ‒ ‒ Fragen Sie ihn, in wel -* cher Gaſſe das Haus iſt, wo er es Jhnen noch nicht geſagt hat, und melden es mir. Macht er bey dem Umſtande Schwierigkeit: ſo werden wir dadurch auf eine neue Entdeckung kommen. *‒ Und dennoch, denke ich, Sie haben ohne dieß genug.
Jch werde dieſen langen Brief durch Col - lins uͤberſenden. Er aͤndert ſeinen Tag, da er ſonſt zur Stadt zu kommen pflegte, mir zu gefal - len, und zu verſuchen, ob er ihn in Jhre eigne Haͤnde uͤberliefern kann, nachdem ich nunmehr weiß, wo Sie anzutreffen ſind. Kann er es nicht: ſo wird er ihn in Wilſons Hauſe abge - ben. Weil keine von unſern Briefen durch die - ſen Weg verlohren gegangen ſind, als Sie dem Anſehen nach unter unangenehmern Umſtaͤnden geweſen: ſo hoffe ich, daß auch dieſer ſicher ge - hen wird, wenn Collins genoͤthigt ſeyn ſollte, ihn dort zu laſſen.
Jch ſchrieb in meiner erſten Hitze einen kur - zen Brief an Sie. Er war nicht uͤber zwanzig Zeilen lang, voller Schrecken, Beſtuͤrzung und Fluͤche. Weil ich aber beſorgte, meine Heftig -Fuͤnfter Theil. Lkeit162keit moͤchte Sie allzu ſehr angreiffen: ſo hielte ich fuͤr beſſer, ein wenig zu warten; theils we - gen der ſchon angezeigten Urſachen, theils auch deswegen, damit ich Jhnen ſo viele kleine Um - ſtaͤnde, als ich koͤnnte, und meine Gedanken dar - uͤber, zu entdecken im Stande ſeyn moͤchte. Wenn Sie nun andere Umſtaͤnde, wie ſie vorge - fallen ſind oder vorfallen moͤchten, mit zu Huͤl - fe nehmen: ſo denke ich, werden Sie hinlaͤnglich gegen alle ſeine Anſchlaͤge gewaffnet ſeyn, was fuͤr Kunſtgriffe er auch brauchen moͤchte.
*Noch eines. Bieten Sie mich auf: wenn ich Jhnen den geringſten Dienſt oder das gering - ſte Vergnuͤgen durch meine Gegenwart erwei - ſen kann. Jch achte keinen Ruf, ich achte kei - nen Vorwurf. Ja ich achte ſelbſt mein Leben, das denke ich im Ernſt, nicht ſo hoch, als Jhre Ehre und Freundſchaft. Denn iſt nicht Jhre Ehre meine Ehre? Und iſt nicht Jhre Freund - ſchaft der groͤßte Ruhm fuͤr mich in meinem Leben?
Der Himmel bewahre Sie, meine wertheſte Freundinn, und erhalte Sie in Ehren und Wohl - ergehen. Dieß iſt das Gebet, das ſtuͤndliche Gebet
Jhrer ewig getreuen und ergebnen Anna Howe. Donnerſtags, Morgens um 5 Uhr. Jch habe die ganze Nacht geſchrieben.
Wie erſchrocken, verwirrt, beſtuͤrzt, erſtaunt haben Sie mich durch Jhre fuͤrchterliche Nach - richt gemacht! ‒ ‒ Mein Herz iſt zu ſchwach, einen ſolchen Streich auszuhalten! ‒ Da alle Hoffnung auf meiner Seite war! Da meine Um - ſtaͤnde ein ſo viel vortheilhafteres Anſehen gewon - nen hatten! ‒ ‒ Aber kann ein Menſch ein ſol - cher Boͤſewicht und Betrieger ſeyn, als dieſer ſchaͤndliche Anfuͤhrer und ſein eben ſo ſchaͤndlicher Unterhaͤndler!
Jch befinde mich in der That uͤbel ‒ Recht uͤbel ‒ Betruͤbniß und Schrecken und, nun will ich ſagen, Verzweifelung haben mich uͤbernom - men! ‒ ‒ Alles, alles, was Sie als Muthmaſ - ſung niedergeſchrieben haben, iſt in meinen Au - gen itzo offenbar mehr als Muthmaßung!
O daß Jhre Frau Mutter die Guͤte haben moͤchte, mich durch meiner liebſten Freundinn Gegenwart des einzigen Troſtes zu gewaͤhren, wodurch mein niedergeſchlagenes, mein halbge - brochnes Herze, wieder aufgerichtet werden koͤnn - te! Aber ich beſchwere Sie, daß Sie ohne ihre guͤtige Erlaubniß nicht daran denken zu mir zu kommen ‒ ‒ Jch befinde mich itzo zu uͤbel, mei - ne Allerliebſte, daß ich mich mit dieſem fuͤrchter - lichen Menſchen in einen Streit einlaſſen und aus dieſem ſcheuslichen Hauſe fliehen koͤnnte. L 2Das164Das werden Sie aus meiner ſchlechten Schrei - berey ſehen ‒ ‒ Allein meine Unpaͤßlichkeit wird mir gegenwaͤrtig zur Sicherheit dienen: wenn er ſich wirklich etwas ehrenloſes in den Kopf geſetzt haben ſollte ‒ ‒ Vergeben Sie, o vergeben Sie mir, meine allerliebſte Freundinn, die Unruhe, welche ich Jhnen verurſachet habe! ‒ Alles muß bald ‒ ‒ Jedoch warum will ich einen Kummer mit dem andern, eine Unruhe mit der andern ver - mehren! ‒ ‒ Jch beſchwoͤre Sie aber, mein lieb - ſtes Leben, daß Sie nicht daran denken, ohne Jhrer Fr. Mutter Erlaubniß zu mir zu kom - men, zu
der wirklich troſtloſen und kleinmuͤthigen Clariſſa Harlowe.
Nun Bruder! was denkſt du von dieſem letzten Briefe? ‒ Die Fraͤulein Howe achtet we - der Ruf noch Vorwurf. Meynſt du, daß die - ſer Brief die kleine Furie nicht in Bewegung bringen wird, wenn ſie auch kein anders Mittel fortzukommen finden koͤnnte, als ihrer Hoͤckerinn Koͤrbe, einen fuͤr ſich ſelbſt, den andern fuͤr ihr Dienſtmaͤdchen? ‒ Sie weiß nun, wo ſie hin - kommen ſoll! ‒ ‒ Jch habe manche kleine Un - art, weil ſie mehr gewußt, als ich haben wollen, eben dadurch geſtraft, daß ich Sie noch mehr wiſ - ſen und erfahren laſſen. Was denkſt du, Bel - ford, wenn ich dieß maͤnnliche Frauenzimmer hierher bringen und dadurch, daß ich ihr Urſa - che zu einem klaͤglichen Briefe an die ſchoͤne Ver -laͤuferinn165laͤuferinn gaͤbe, dieſe wiederum in meine Gewalt bekommen koͤnnte? ‒ ‒ Meynſt du, daß ſie die - jenige Freundinn in ihrem Ungluͤcke nicht beſu - chen wuͤrde, welche der ihr zugedachte Beſuch in ihrem Ungluͤcke eben in den Zuſtand verſetzet haͤt - te, wovor ſie ſich ſo treulos durch die Flucht in Sicherheit geſtellet hat?
Goͤnne mir, daß ich mich an dieſen Gedan - ken vergnuͤge!
Soll ich den Brief fortſchicken? ‒ ‒ Du ſiehſt, daß ich mir eine Ausflucht gelaſſen habe, wodurch ich eine allzu ſtrenge Unterſuchung ver - meiden kann, wenn ich eine ſo ſchoͤne Hand nicht genau nachzumahlen weiß. ‒ ‒ Verdienen ſie nicht beyde ſo von mir bezahlt zu werden? ‒ ‒ Siehſt du nicht, wie das raſende Maͤdchen ihrer Mutter drohet? ‒ Muß ſie nicht geſtrafet wer - den? ‒ ‒ Kann ich auch wohl ein aͤrgerer Teu - fel, oder Boͤſewicht, oder Scheuſal ſeyn, als ſie mich in dieſem Briefe nennet und in ihren vori - gen genannt hat, wenn ich ſie beyde ſo ſtrafe, wie mich meine Rache ſie zu ſtrafen treibet? Und wie vergnuͤgt, wie zufrieden koͤnnen ſie, nachdem ich dieſe meine Rache vollzogen habe, beyde auf das Land gehen und mit einander haushalten! Haben ſie alsdenn nicht einen weit beſſern Grund, als ihnen ihr Stolz geben konnte, in dem ledigen Stande zu leben, wofuͤr ſie beyde ſo ſehr einge - nommen geſchienen.
Jch will mich den Augenblick hinſetzen, den - ke ich, meinen entworfenen Brief abzuſchreiben. L 3Jch166Jch kann nachher ja noch meinen Entſchluß faſ - ſen, wie ich will. Jedoch was hat der arme Hickmann mir zuwider gethan, wodurch er dieß an mir verſchuldet haͤtte? ‒ ‒ Allein es wuͤrde dadurch nicht nur die Tochter, ſondern auch die Mutter fuͤr ihren niedertraͤchtigen Geiz, und fuͤr ihren Ungehorſam gegen den ehrlichen Herrn Howe, den ſie wirklich bis auf den Tod gekraͤn - ket hat, auf eine ruͤhmliche Art geſtraft werden. Jch bin faſt im Begriffe, Bruder! mich auf die - ſen Anſchlag einzulaſſen ‒ ‒ Jſt nicht ein Land ſo gut fuͤr mich, als das andre, wenn ich etwa daruͤber genoͤthigt werden ſollte, eine Wandrung zu thun?
Aber ich will es nicht wagen. Herr Hick - mann iſt ein guter Mann, wie mir geſagt iſt. Jch bin ein Freund von guten Leuten. Jch hoffe noch einmal ſelbſt ein guter Mann zu wer - den. Außerdem habe ich in dieſer Woche etwas von dem ehrlichen Manne gehoͤrt, woraus man ſehen kann, daß er eine Seele hat. Jch bin da - bey auf die Gedanken gekommen, daß, wenn er eine hat, ſie ein wenig ſehr tief vergraben lieget: weswegen ſie ſich nicht anders, als bey ſehr au - ßerordentlichen Gelegenheiten, zeigen kann, und alsdenn im Augenblicke wieder in ihr Kaͤmmer - chen von Fett zuruͤcke ſinket ‒ ‒ Er iſt ein fetter Wanſt. Haſt du ihn jemals geſehen, Bruder?
Allein167Allein die vornehmſte Urſache, die mich zu - ruͤckhaͤlt; denn es iſt ſonſt ein verfuͤhriſcher und reizender Anſchlag; liegt in der Furcht, ich moͤchte gaͤnzlich verlohren ſeyn: wenn ich etwa mit meinem Briefe nicht geſchwinde genug kom - men, oder die Fraͤulein Howe erſt uͤber ihre Ab - reiſe zu Rathe gehen oder ihrer Mutter Einwil - ligung zu erhalten verſuchen ſollte. Jn der Zeit koͤnnte ihr ein Brief von meiner erſchrockenen Schoͤnen zu Haͤnden kommen. Denn ich zweif - le nicht, daß ihr erſtes Werk geweſen ſeyn wird, an ihre liſtige Freundinn zu ſchreiben, ſie mag gefluͤchtet ſeyn, wohin ſie will. Daher will ich Geduld haben und meine Gelegenheit abwarten, mich an der kleinen Furie zu raͤchen.
Es iſt wahr, ich habe Mitleiden mit Hick - mann. Jch beneide ihn bisweilen, weil er von beſſerer Gemuͤthsbeſchaffenheit und Lebensart iſt. Er iſt aber auch einer von denen Leuten, die durch Einfalt und Ungeſchicklichkeit, zum Ungluͤcke fuͤr uns liſtige Bruͤder, und oft zur Stoͤhrung unſe - rer Abſichten bey den Toͤchtern, der Muͤtter Gunſt gewinnen. Ja er hat ſich viele Muͤhe gegeben, dieſen gedoppelt bewaffneten Schoͤnen wider mich Beyſtand zu leiſten. Jch ſchwoͤre alſo, Trotz meinem Mitleiden gegen ihn, bey al - len hoͤhern und niedern Goͤttern, daß ich die Fraͤulein Howe in meiner Gewalt haben will, wenn ich ihre noch erhabnere Freundinn nicht be - kommen kann. Und was wird meine reizende Schoͤne alsdenn durch ihre Flucht gewinnen:L 4wo -168wofern die Liebe zwiſchen dieſen beyden Maͤdchen ſo feurig iſt, als ſie vorgeben?
Nun frage ich dich, da ich die Fraͤulein Howe nur noch ein wenig laͤnger regieren laſſen werde, ob du nicht in dem eingeſchloſſenen Brie - fe einen neuen Beweis findeſt, daß ſehr viele von den Schwierigkeiten, die ich bey ihrem herz - lieben Schweſterchen angetroffen habe, dieſem ungeſtuͤmen Maͤdchen zuzuſchreiben ſind? ‒ ‒ Jch leugne nicht, die Luft war hier von Natur ver - zweifelt ſcharf und wintermaͤßig. Es war kein Wunder, wenn ein wenig kalt Waſſer in den Weg gegoſſen wurde, daß es den Augenblick ge - froren war, und ein armer ehrlicher Wanders - mann es beynahe unmoͤglich fand fortzukommen: indem ihm der eine Fuß eben ſo geſchwinde wie - der zuruͤckglitte, als der andere vorwaͤrts ging, und er Gefahr laufen mußte, Arme und Beine, oder den Hals zu brechen. Aber ich halte es doch fuͤr unmoͤglich, daß Sie, die noch in den Lehrjahren ſteht und vorher niemals von der Mutter weggekommen iſt, mich ſo bey der Naſe herumgefuͤhrt haben ſollte, wenn ſie nicht von ei - nem maͤnnlichen Frauenzimmer, welches vorher beynahe ſelbſt durch ihr eignes Beyſpiel gezeiget hatte, daß ſie beſſer Regeln geben, als ausuͤben koͤnnte, ihre Ruͤſtung bekommen haͤtte. Allein dieß, glaube ich, habe ich ſchon mehr, als einmal, vorher geſagt.
Jch bin nicht geneigt, mir ſelbſt Vorwuͤrfe zu machen, da mir die grauſame Schoͤne entlau -fen169fen iſt. Denn wozu wuͤrde das anders dienen, als meine Quaal zu vermehren? Uebel, die man ſich ſelbſt zugezogen, die man haͤtte vermeiden koͤnnen, laſſen keiner Bemaͤntelung, keinem Tro - ſte Raum und Platz. Und gleichwohl, wenn du mir vorhaͤltſt, daß alle ihre Staͤrke von meiner Schwachheit hergeruͤhret, und ich in dieſer gan - zen Sache eine verfluchte feige Memme geweſen ſey, mag ich zwar wohl ſchamroth werden und Verdruß daruͤber empfinden, aber ich kann, bey meiner Seele, Bruder, dir nicht widerſprechen.
Doch dieſes hoffe ich, Belford. Kann ich den Gift von dieſem Briefe in ein heilſames Nah - rungsmittel verwandeln; kann ich mir denſelben zu meinem Vortheile zu Nutze machen: ſo werde ich dazu deine freye Einwilligung haben.
Jch gebe mir bereits viele Muͤhe, die Um - ſchlaͤge von Briefen ſaͤuberlich und ohne Verle - tzung des Siegels zu oͤffnen. Jch will mir von dieſem verfluchten Briefe ein ganzes A B C her - auszuziehen. Nicolaus Rowe ſoll nicht ſo emſig geweſen ſeyn, das Spaniſche zu lernen, als ihm ein gewiſſer Herr vom Oberparlament den Don Quixote angeprieſen hatte, wie ich ſeyn will, die Hand dieſer ungeſtuͤmen Fraͤulein voll - kommen zu lernen
Da mein letztes von nichts, als guter Hoffnung, geredet hat: ſo werden Sie uͤber den Jnn - halt des gegenwaͤrtigen in Beſtuͤrzung gerathen. O meine allerliebſte Freundinn, der Kerl hat ſich endlich offenbar als einen Boͤſewicht bewieſen! Jch habe mich verwichne Nacht nur mit der aͤußerſten Muͤhe von der ſchaͤndlichſten Enteh - rung gerettet. Er drang mir ein Verſprechen ab, daß ich ihm vergeben und ihn den folgenden Tag eben ſo wieder ſehen wollte, als wenn nichts vorgefallen waͤre. Aber wie konnte ich ihn den Tag darauf wieder ſehen, wenn es nur moͤglich war, zu fliehen und einem ſo elenden Kerl zu ent - kommen, der eine verſteckte Charte geſpielet hat - te, das Haus in Feuer zu ſetzen und durch ein ſolches Schrecken mich beynahe nackend in ſeine Arme zu jagen? Dieß habe ich nur allzu viele Urſache zu glauben.
Jch bin entkommen, der Himmel ſey geprie - ſen! und habe nun keinen andern Kummer, als daß ich die einzige Hoffnung, welche mir einen ſolchen Gemahl ertraͤglich gemacht haben koͤnnte, die Ausſoͤhnung mit meinen Freunden, die meiuOnkel171Onkel zu ſo großem Vergnuͤgen fuͤr mich uͤber - nommen hat, durch meine Flucht aufgebe.
Nun hoffe ich nichts anders, als irgend eine anſtaͤndige Familie oder Perſon von meinem Ge - ſchlechte anzutreffen, die uͤber See zu gehen genoͤ - thigt iſt, oder in der Fremde lebet. Es iſt mir gleichguͤltig, wo ich hinkomme. Wenn ich aber die Wahl haͤtte: ſo ginge ich gern zu einer von unſern amerikaniſchen Pflanzſtaͤdten; damit mei - ne Anverwandten, die ich ſo ſchmerzlich beleidigt habe, niemals weiter etwas von mir hoͤren moͤchten.
Laſſen Sie Jhr edles Herze nicht durch das, was ich ſchreibe, geruͤhret werden. Kann ich nur dem ſchrecklichſten Theile von meines Vaters Flu - che entgehen; denn in Auſehung des Zeitlichen iſt er bereits ſo merklich in die Erfuͤllung gegangen, daß ich vor Furcht wegen des andern Theils zittere: ſo werde ich den Verluſt meiner irdiſchen Guͤter als eine gluͤckliche Vermittelung anſehen.
Es iſt auch nicht noͤthig, daß Sie mir Jhre oft angebotene Guͤtigkeit aufs neue wieder anbie - ten. Jch habe Ringe und andre Koſtbarkeiten bey mir, die man mir zugleich mit meinen Klei - dern uͤberſandt hat. Dieſe will ich zu Gelde ma - chen und dadurch alle Beduͤrfniſſe vollkommen ſtillen, bis es der Fuͤrſehung gefallen wird, mich auf eine oder die andre Art unter ſolche Umſtaͤn - de zu ſetzen, daß ich mir ſelbſt helfen kann, wo - fern mein Leben zu meiner fernern Strafe, uͤber meine Wuͤnſche verlaͤngert werden ſoll.
Schrei -172Schreiben Sie, meine geliebteſte Freundinn, dieſe Anſchlaͤge weder einer Verzweifelung noch dem romanenmaͤßigen Weſen zu, das ſich uͤber - haupt bey unſerm Geſchlechte, wie wir ſelbſt ver - muthet haben, von dem funfzehnten bis zum zwey und zwanzigſten Jahr findet. Belieben Sie nur meine ungluͤckliche Umſtaͤnde von der Seite zu betrachten, von der ſie wirklich allen bedaͤcht - lichen Perſonen, denen ſie bekannt ſind, in die Augen leuchten muͤſſen. Fuͤrs erſte wird der Kerl, der die Dreiſtigkeit gehabt hat, mich als ſein Eigenthum anzuſehen und ſich zu bemuͤhen, daß er mich dazu machen moͤchte, mich von einem Orte zum andern jagen, und allenthalben nach mir, als einer Verlaufenen, ſorſchen. Er weiß, daß er es frey thun kann: denn wer will mich gegen ihn ſchuͤtzen?
Hiernaͤchſt ſoll mein Gut, das beneidete Gut, die erſte Quelle von allem meinem Ungluͤcke, nie - mals durch den Weg Rechtens mein werden. Was hilft es, mich ruͤhmen zu koͤnnen, daß ich mehr im Vermoͤgen habe, als ich gebrauchen kann oder zu gebrauchen wuͤnſche? Jſt mein Vermoͤgen geringe: ſo werde ich von der Ver - antwortung frey ſeyn, die ich haben wuͤrde, wenn ich es nicht recht gebrauchte; welches ſehr wenige thun. Jch werde keinen Gemahl haben, auf auf deſſen Vortheile ich ſo ſorgfaͤltig ſehen muͤßte, daß ich gehindert wuͤrde, andern mehr als Ge - rechtigkeit widerfahren zu laſſen, damit ich ihm nicht weniger thun moͤchte. ‒ Daher bin ichſchon173ſchon zufrieden: wenn mein Vater ſich nur ge - fallen laſſen will, wie ich ihm zu rechter Zeit vor - zuſchlagen gedenke, zwo jaͤhrliche Leibrenten aus meinem Gute zu bezahlen; eine an meine liebe Frau Norton, wodurch ſie auf ihre uͤbrige Le - benszeit, weil ſie nun alt wird, ihre Bequemlich - keit finde; die andern von funfzig Pfund jaͤhr - lich, an eben dieſe gute Frau, zum Beſten meiner Armen, wie ich eine gewiſſe Anzahl von Leuten nach meiner Eitelkeit genannt habe, von denen ſie allen meinen Willen weiß. Dieß verlange ich nur deswegen, damit durch die Folgen von meinem Vergehen ſo wenige, als moͤglich iſt, lei - den moͤgen. Das uͤbrige wolle Gott meinen Verwandten geſegnen und ihnen dabey Zufrie - denheit und Vergnuͤglichkeit geben.
Andre Urſachen, die mich bewegen, den ge - meldeten Schritt zu thun, will ich hier alſobald beyfuͤgen.
Dieſer gottloſe Kerl weiß, daß Sie meine einzige Freundinn auf der Welt ſind. Er wuͤrde mich alſo zuerſt in Jhrer Nachbarſchaft ſuchen: wenn Sie es fuͤr moͤglich halten ſollten, mich da - ſelbſt zu verbergen. Und in dem Fall koͤnnten Sie wohl gar noch groͤßeren Verdrießlichkeiten, als Sie ſchon meinetwegen gehabt haben, ausgeſetzet ſeyn.
Von meinem Vetter Morden kann ich kei - nen Schutz erwarten: wenn er auch ankommen ſollte. Denn aus ſeinem Briefe an mich erhel - let ganz deutlich, daß mein Bruder ihn ſchon auf ſeine Seite gebracht hat. Jch moͤchte auch einen ſorecht -174rechtſchaffenen Mann auf keine Weiſe in Gefahr bringen: wie durch die Hitze von dieſem unbaͤndi - gen Gemuͤthe leicht geſchehen koͤnnte.
Was kann ich denn fuͤr einen beſſern Weg waͤhlen, wenn ich dieſe Dinge uͤberlege, als in die Ferne zu einer von den engliſchen Pflanzſtaͤdten zu gehen, wo niemand außer Jhnen etwas von mir wiſſen ſoll; ja ſie ſelbſt nicht einmal, ich muß es Jhnen frey geſtehen, gar zu bald; nicht eher, als bis ich einen feſten Sitz habe, und, wenn es Gott ſo gefaͤllt, eine ertraͤgliche Lebensart nach meiner Gemuͤthsverfaſſung fuͤhren kann. Denn es iſt kein geringer Theil von meinem Kummer, daß meine unbedaͤchtige Auffuͤhrung Jhnen, al - lerliebſte Freundinn, einen ſo ſchweren Freund - ſchaftszoll aufgeleget hat: da ich vordem Jhnen mehr Vergnuͤgen als Sorge zu machen hoffete.
Jch befinde mich itzo bey einer gewiſſen Frau Moore zu Hampſtead. Mein Herz ſagte mir nichts gutes zu, als ich in dieſen Flecken kam: weil ich mit ihm mehr als einmal hier geweſen war. Allein die Kutſche, die in Bereitſchaſt war, hierher zu gehen, kam mir ſo wohl zu ſtat - ten, daß ich nicht wußte, was ich beſſers thun koͤnnte. Außerdem werde ich hier nicht laͤnger bleiben, als bis ich Jhre Antwort auf mein ge - genwaͤrtiges erhalten kann. Haben Sie die Guͤte mir in derſelben Nachricht zu geben, ob ich nicht nach Jhrem ehemaligen Vorſchlage; gluͤcklich wuͤrde ich ſeyn, wenn ich mir ihn bey - zeiten zu Nutze gemacht haͤtte; durch Huͤlfe derFrau175Frau Townſend verborgen ſeyn kann, bis die er - ſte Hitze von ſeinem Nachſpuͤren voruͤber iſt. Deptford, denke ich, wird der richtigſte Weg ſeyn, von einer Gelegenheit, womit man fortkommen kann, zu hoͤren und ſicher an Bord zu gelangen.
O! warum wurden dem großen Feinde der Sterblichen ſeine Ketten geloͤſet! Warum wurde ihm erlaubt eine ſo ſcheinbare Geſtalt anzuneh - men und ſeine Fuͤße und Klauen zu verbergen, bis er im Begriff war, mit jenen meine Ehre zu untertreten, und mit dieſen mir ins Herz zu greif - fen! ‒ Und was hatte ich gethan, daß er ins be - ſondre auf mich losgelaſſen werden ſollte?
Vergeben Sie mir dieſe murrende Frage, die Wirkung von meiner Ungeduld; von meiner ſuͤndlichen Ungeduld, wie ich wohl nicht zwei - feln darf. Denn da ich mit meiner Ehre davon gekommen bin, und nichts, als meine weltliche Albſichten, mein Stolz, mein Ehrgeiz, meine Ei - telkeit, etwas bey dieſem Schiffbruche an meinem hoffnungsvollern Gluͤcke gelitten hat: bin ich denn vielleicht nicht annoch weit gluͤcklicher, als ich es verdiene? Steht es nicht noch in meiner Gewalt, durch Gottes Gnade den wichtigſten Theil von allen in Sicherheit zu bringen? Wer weiß, ob eben dieſer Pfad, worauf mich meine unbedaͤchtliche Auffuͤhrung gebracht hat, wenn er gleich mit Dornen und Diſteln beſtreuet iſt, wel - che meinen ſtolzen Aufputz in Stuͤcken zerriſſen, nicht die rechte Bahn ſeyn mag, mich auf den großen Weg zu meiner kuͤnftigen Gluͤckſeligkeitzu176zu fuͤhren, die ſonſt gar leicht durch eine boͤſe Gemeinſchaft in Gefahr gerathen ſeyn moͤchte?
Und giebt es endlich nicht Perſonen von weit groͤßern Verdienſten, als ich habe, die niemals in einem hauptſaͤchlichen Stuͤcke der Pflichten ge - fehlet haben, und doch mehr, als ich, gedemuͤthi - get ſind? Ja giebt es nicht ſo gar einige, denen eben das durch der Eltern und Anverwandten Verſehen, durch der Auffeher und Vormuͤnder Raͤnke und Niedertraͤchtigkeit, woran weder ih - re eigne Uebereilung noch ihre Thorheit einiges Antheil gehabt hat, widerfahren iſt?
Jch will alſo aus meinem gegenwaͤrtigen Schickſal, ſo viel als moͤglich iſt, Vortheil zu zie - hen ſuchen. Vereinigen Sie, meine beſte, mei - ne einzige Freundinn, ihr Gebet mit dem meini - gen, daß ſich hier meine Strafen endigen und meine gegenwaͤrtigen Drangſale mir zur Heili - gung dienen moͤgen.
Dieſer Brief wird Jhnen den Schluͤſſel zu den wenigen Zeilen geben, die ich fuͤr Sie nach Wilſons Hauſe geſchickt habe, bloß zum Schein, damit ich mir ſeinen Bedienten vom Halſe ſchaf - fen moͤchte. Er ſchiene, wie ich dachte, zu einem Auflaurer uͤber mich zuruͤck gelaſſen zu ſeyn. Weil er aber zu bald wiederkam: ſo ward ich genoͤthigt noch ein paar Zeilen zu ſeiner Beſchaͤfftigung an ſeinen Herrn zu ſchreiben, die er zu eben dem En - de in ein Weinhaus nahe bey der Rechtscam - mer tragen mußte. Und hiedurch erhielte ich gluͤcklich meinen Zweck.
Jch177Jch ſchrieb heute fruͤhe einen harten Brief an den elenden Kerl, den ich ſo hingeleget habe, daß er ihm genug in die Augen fallen konnte. Jtzo hat er ihn vermuthlich ſchon in Haͤnden. Jch habe keine Abſchrift davon genommen. Bey mehrerer Muße aber werde ich mich wieder auf den Jnnhalt beſinnen und Jhnen von allen be - ſondern Umſtaͤnden Nachricht geben.
Jch weiß gewiß, Sie werden meine Flucht billigen: ſonderlich da die Leute im Hauſe von recht ſchaͤndlicher Art ſeyn muͤſſen. Denn ſie, und ſelbſt die Dorcas, hoͤrten mich um Huͤlfe ſchreyen. Das weiß ich ganz ſicher. Waͤre das Feuer etwas anders, als ein ehrenloſes Spiel, geweſen; ob ich gleich des Morgens, um ihnen ein Blendwerk zu machen, vorgab, als wenn ich anders davon daͤchte: ſo wuͤrden ſie eben ſo un - ruhig, als ich, geweſen ſeyn. Sie wuͤrden auf mein Angſtgeſchrey hereingelaufen ſeyn, mich zu beruhi - gen, wenn ſie glaubten, daß mein Schrecken von dem Feuer kaͤme, oder mir zu Huͤlfe zu kommen, wenn ſie glaubten, daß es etwas anders waͤre. Aber die ſchaͤndliche Dorcas lief davon, ſo bald ſie ſahe, daß der Kerl ſeine Arme um mich ſchlug. Bey meiner Ehre, meine Wertheſte, ich hatte nichts mehr an, als meine Pantoffeln und einen Unterrock. Jch ward durch ihr Geſchrey uͤber Feuer, und daß ich den Augenblick zu Aſche ver - brennen wuͤrde, aus dem Bette geſcheuchet. Wie ſchickte es ſich denn, daß ſie von mir ging und nicht wiederkam, ſo wenig als ſonſt jemand! UndFuͤnfter Theil. Mgleich -178gleichwohl hoͤrte ich in dem naͤchſten Zimmer Wei - besſtimmen. Davon bin ich verſichert. ‒ ‒ Jſt das nicht offenbar ein von ihnen allen geſpielter Streich? Gott ſey gelobet, ich bin aus ihrem Hauſe gekom̃en!
Jedoch iſt mein Schrecken noch nicht vor - uͤber. Jch kann mich ſchwerlich fuͤr ſicher hal - ten. So oft ich aus meinem Fenſter eine wohl - gekleidete Mannsperſon zu Pferde oder zu Fuße ſehe: ſo denke ich, daß er es ſchon iſt.
Jch weiß, daß Sie Jhre Antwort beſchleu - nigen werden. Morgen fruͤhe wird man mir einen Kerl zu Pferde verſchaffen, der mein ge - genwaͤrtiges uͤberbringen ſoll. Aber Sie koͤnnen gewiß durch eben den Menſchen mir keine Ant - wort zuruͤckſchicken: weil Sie erſt mit der Frau Townſend ſprechen muͤſſen. Jch werde inzwi - ſchen mit Ungeduld warten, bis ſie antworten koͤnnen: da ich keinen Freund oder Freundinn außer Jhnen habe, an die ich mich wenden moͤchte, und hier in dieſer Gegend ſo fremd bin, daß ich nicht weiß, welchen Weg ich waͤhlen, wohin ich gehen, oder was ich thun ſoll. ‒ Wie ſchrecklich habe ich mir dieſelbe gemacht!
Frau Moore, in deren Hauſe ich bin, iſt ei - ne Wittwe und von guter Gemuͤthsart. Dieſe Nachricht habe ich von einem ihrer Nachbaren eingezogen, bey dem ich ein Schnupftuch kaufte, bloß in der Abſicht, mich zu erkundigen, ehe ich es auf alle Gefahr wagen wollte.
Jch werde keinen Fuß aus der Thuͤre ſetzen, bis ich Jhren Rath und Jhre Meynung weiß. Jch179Jch bin hier deſto ſicherer, da ich mich gegen die Leute in dem Hauſe, wo mich die Kutſche nieder - ſetzte, verlauten laſſen, als wenn ich auf dem Wege nach Hendon, einem Flecken nicht weit von hier, einen Wagen fuͤr mich erwartete. Und als ich von ihrem Hauſe wegging, ging ich ruͤck - und vorwaͤrts auf dem Huͤgel; zuerſt, weil ich nicht wußte, was ich thun ſollte; und hernach, damit ich gewiß waͤre, daß ich nicht belauret wuͤrde, ehe ich es wagen wollte, mich nach einem Zimmer zu erkundigen.
Sie werden Jhren Brief an mich, meine geliebteſte Freundinn, unter dem Namen von Frau Harriot Lucas ergehen laſſen.
Haͤtte ich meine Flucht damals nicht bewerk - ſtelligen koͤnnen, als ich es wirklich that: ſo war ich entſchloſſen, es einmal uͤber das andere zu verſuchen. Er war zu der Rechtscammer gegangen, ſich um einen Trauſchein zu bewer - ben; wie er mir ſchriftlich gemeldet hatte. Denn ich wollte ihn nicht ſehen: ob mir gleich das Verſprechen, ihn zu ſehen, von ihm abgedrungen war.
Wie ſchwer, wie faſt unmoͤglich iſt es, meine Allerliebſte, manche kleine Vergehungen zu ver - meiden, wenn wir einmal in einen Hauptfehler hingeriſſen ſind!
Aus Furcht, ich moͤchte bey meinem erſten Verſuche nicht wegkommen, hatte ich ihm gemel - det, daß ich unter einer Wochen Friſt kein Auge auf ihn richten wollte: damit ich auf verſchiedneM 2Art180Art Zeit dazu gewinnen moͤchte. Waͤre ich ſo bewachet worden, daß es noͤthig geweſen ſeyn duͤrfte: ſo wuͤrde ich auf die Gaſſe hinaus gelaufen ſeyn, und mich in das naͤchſte Haus, in welches ich kom - men koͤnnen, begeben, oder bey der erſten Per - ſon, die mir begegnet waͤre, Schutz geſucht ha - ben; nachdem ich einmal einen ſo merklichen Be - weis von der Nachſicht unſerer Weiber im Hauſe geſehen hatte. ‒ ‒ Was muͤſſen das fuͤr Weibs - leute ſeyn, die ſich einer armen Perſon von ihrem Geſchlechte unter ſolchen Umſtaͤnden nicht anneh - men! ‒ ‒ Außerdem machten ſie des Morgens, als er ausgegangen war, einen ſo elenden Auf - zug, als wenn ſie kein gutes Gewiſſen haͤtten ‒ ‒ waren ſo ernſtlich bemuͤhet, mich die Treppe hin - auf zu bringen und mich durch das angebrannte Fenſtergeſimſe und die verbrannten Gardienen und obern Vorhaͤnge zu uͤberfuͤhren, das Feuer ſey nicht erdichtet geweſen ‒ ‒ daß ich immer mehr ſchluͤßig ward, aus ihrem Hauſe auf alle Gefahr zu entfliehen: ob ich mich gleich ſtellte, als wenn ich alles glaubte, was ſie haben wollten.
Da ich anfing, dachte ich nur ein paar Zeilen zu ſchreiben. Aber wenn ich an Sie ſchreibe, kann ich kein Ende finden: es betreffe auch, was es wolle. So iſt es mir allezeit gegangen: da - her kommt es nicht beſonders von den hoͤchſtbe - denklichen und ungluͤcklichen Umſtaͤnden, welche dennoch ſo beſchaffen ſind, daß Sie es mir leicht zu gute halten werden, wenn dieſelbenitzo181itzo alle meine Gedanken einnehmen, alle Ge - danken
Jhrer ungluͤcklichen aber ewig ergebenen Clariſſa Harlowe.
Nun ſinge Io triumphe! Io Clariſſa! ‒ ‒ Noch einmal, wie gluͤcklich iſt dein Freund! ‒ ‒ Ein einfaͤltiges liebes Kind, eine unerfahrne Schuͤlerinn, daß ſie vor anderer Leute Qhren dem Kutſcher ſagt, wohin er ſie fahren ſoll! ‒ ‒ Und daß ſie unter allen Flecken um London nach Hampſtead gehet! ‒ ‒ Dem Orte, wo wir mehr, als einmal, mit einander geweſen ſind!
Mich deucht, ich bin verdrießlich, daß ſie ih - ren Handel nicht beſſer gemacht hat! ‒ ‒ Jch beforge, es wird mir zu wenig Muͤhe koſten, ſie wiederzubekommen. Haͤtte ſie gewußt, wie viel durch Schwierigkeiten der Werth eines Dinges bey mir erhoͤhet wird; und haͤtte ſie nur den ge - ringſten Gedanken gehabt, mich zu verbinden: ſo wuͤrde ſie gewiß nimmermehr nahe bey Hampſtead geblieben ſeyn.
Aber nach allem dieſem Frohlocken wirſt du fragen, ob ich meine reizende Schoͤne denn be -M 3reits182reits wiederum zuruͤckgebracht habe? Das habe ich nicht. Aber da ich weiß, wo ſie ſich aufhaͤlt; ſo iſt es beynahe eben ſo gut, als wenn ich ſie in meiner Gewalt haͤtte. Es iſt mir ein Vergnuͤ - gen, daran zu gedenken, wie ſie ſtutzen und zit - tern wird, wenn ich ihr unverſehens uͤber den Hals komme! Was ſie fuͤr einen Blick thun wird, bey dem Bewußtſeyn ihrer Schuld, wodurch mein Vergehen in der Donnerſtags Nacht mehr als aufgehoben ſeyn wird: wenn ſie ihren beleidigten Verehrer und angenommenen Gemahl ſehen wird, von dem ſie ſich wegzuſtehlen geſucht hat; die groͤßte Treuloſigkeit, die erdacht werden kann!
Jedoch du wirſt mit Ungeduld auf die Nach - richt warten, wie dieß herausgekommen iſt. Lies nur den eingeſchloſſenen Brief, und beſinne dich, was ich meinem Kerl von Zeit zu Zeit fuͤr Ver - haltungsbefehle, aus Furcht vor einer ſolchen Ent - laufung, gegeben habe. Alsdenn wirſt du alles wiſſen und zugleich einſehen, was ich vernuͤnfti - gerweiſe von des Buben Fleiß und Anſtalten er - warten mag, wofern er jemals mein Angeſicht wieder zu ſehen wuͤnſchet.
Jch bekam den Brief ungefaͤhr vor einer halben Stunde: da ich mich eben in meinen Klei - dern niederlegen wollte. Er hat mich ſo munter gemacht, daß ich ſchon, ob es gleich mitten in der Nacht iſt, nach einem Wagen geſchickt habe, der mit anbrechendem Tage, und, wo es moͤglich iſt, mit meinem gewoͤhnlichen Kutſcher hier fuͤr mich bereit ſtehen ſoll. Weil ich nicht wußte,was183was ich ſonſt mit mir machen ſollte: ſo habe ich mich niedergeſetzet und nicht allein ſo weit geſchrie - ben, ſondern auch die Maaßregeln, welche ich neh - men will, wenn ich zu ihr komme, meinen Schluß gefaſſet. Denn ich habe wohl Urſache, wegen der Schwierigkeiten, die mir ihr verkehrter Sinn zu beſtreiten geben wird, auf meiner Huth zu ſeyn.
Dieſes dient Jhre Knaden zu melden, wie ich hier in Hameſtet bin, wo ich meine Freilein gefunden habe und daß ſie bey eine Frau Moore in Hauſe iſt, nahe an die Hameſteter Heide. Und ich habe das Dink ſo gemacht, daß die knaͤ - dige Freilein ſich nicht ruͤhren kann, ſondern ich muß ihr ein und ausgehen wuͤſſen. Dieweil ich wuſte, ich durfte Jhre Knaden nicht fuͤrs Geſigt kommen, wenn ich meine Freilein nicht gefunden hatte, ob ſchon ſie in eine Virtelſtunde, ſo zu ſa - gen, von dem vorigen Hauſe weggekommen wahr, ſo wußte ich, das Jhre Knaden ſich von Hertſen freien wuͤrden, zu vernaͤhmen, daß ich ſie gefun - den hatte. Und deſſenthalben ſende ich dißen Peter Partrick, welcher fuͤnf Schilling bekommen wird, weil es nun ſchon gegen zwoͤlf in der Nacht iſt. Denn er wollte nicht aus die Stelle gehen, ohne einen rechten Labedrunk noch oben ein, und ich wollte doch gern, daß alles im Hauſe vorher zu Ruhe ſein ſollte, ehe ich ſchickte.
Jch habe noch Geld von Jhre Knaden, aber ich dachte, daß der Mann, wenn er voraus vonM 4mir184mir bezahlet waͤhre, zum Schelm werden moͤgte. So habe das Jhre Knaden uͤberlaſſen.
Meine knaͤdige Freilein weis nichts davon, daß ich hier herum bin. Aber ich dachte, es waͤhre am beſten, keinen Fus von hier zu ſetzen, weil ſie die Loſchies nur auf ein paar Tage ge - nommen hat.
Wenn Jhre Knaden hier auf die Hoͤhe kom - men, will ich mich den ganzen Tag um die Schen - ke herum oder auf die Heide ſehen laſſen. Jch habe mir einen andern Rock geborcht, ſtat Jhre Knaden Lieferey, und eine ſchwarze Parrucke, ſo kann ich von meine Freilein nicht gekant wer - den, wenn ſie mich ja ſehen ſollte, und habe es ſo gemacht, als wenn ich Zahnſchmerzen haͤtte, mit meinen Schnubtuch vor den Mund. So kann man die Zaͤhn, welche mir Jhre Knaden mit Jhre Knaden Haͤnde auszuſchlagen beliebet ha - ben, und mein verdammt weit Muhl, als Jhre Knaden es beſchreiben, nicht erkennen.
Die beyden innern Briefe habe ich von mei - ne Freilein bekommen, ehe ſie von dem vorigen Hauſe abgegangen iſt. Den einen ſollte ich in Wilſons Haus laſſen fuͤr die Freilein Howe: den naͤchſten ſollt ich Jhre Knaden bringen. Aber ich wuſt, das Jhre Knaden nicht an dem beſtimm - ten Ort wahren, und beſorgte, daß es ſo kommen moͤgte, wie es ausgefallen iſt. Deſſentwegen habe ich ihn fuͤr Jhre Knaden zuruckbehalten, und ſo konnte ich ihn nicht abgeben, als bis ich Jhre Knaden ſelbſt zu ſehen bekaͤme. Jch machte esnur185nur meiner Freilein weiß, das ich den einen an Freilein Howe wegbraͤchte, und ſagte, als wenn nichts fuͤr ſie da waͤhre, wie ſie zu wiſſen verlang - te. So ſind ſie hier beyde.
Jch bin, wenn es Jhre Knaden vergoͤnnen.
Jhre Knaden gehorſamſter und noch einmal gluͤcklicher Knecht Wilhelm Summers.
Die beyden innern Briefe, wie ſie mein Wilhelm nennt, ſind offenbar zu keinem andern Ende geſchrieben, als ihn dadurch von der Hand zu ſchaffen: und der eine davon zugleich in der Abſicht, mich mit leeren Worten aufzuhalten.
An die Fraͤulein Howe ſind nur dieſe Zeilen gerichtet:
Jch ſchreibe gegenwaͤrtiges, meine liebe Fraͤu - lein Howe, bloß als eine Finte, und nur zu ſehen, ob es richtig zur Stelle kommen wird. Wo man mich nicht elendig beruͤcket: werde ich gar bald weitlaͤuftig ſchreiben.
Cl. H.
Was meynſt du nun, Bruder? Werden ih - re Finten meine Finten nicht rechtfertigen? Greifet ſie mir nicht ins Amt? Und kommt es nunmehr nicht offenbar darauf an, wer den an - dern am meiſten betriegen und beruͤcken wird? Auf die Art ſind wir endlich in dieſem Stuͤcke gleich. Das danke ich meinem guͤnſti -M 5gen186gen Geſtirne. Es iſt fuͤr mein Gewiſſen eine große Erleichterung, mußt du glauben. Jſt das wahr, was Hudibras ſaget: ſo ſtehet meiner entlaufenen Geliebten auch noch Vergnuͤgen im Ueberfluſſe bevor.
Jn Wahrheit, es iſt ſo vergnuͤgt,Beruͤckt zu ſeyn, als zu beruͤcken:Gleichwie bey TaſchenſpielerſtuͤckenDie Einfalt ſich mit Luſt betruͤgt;Und ſtets ihr Wundern hoͤher treibt,Je fremder ihr der Handgriff bleibt.
Hier haſt du auch den Brief von meiner lie - ben Taſchenſpielerinn an mich. Das iſt der andere von den innern Briefen, die mir Wil - helm geſchickt hat.
Geben Sie mir keine Urſache, mich vor Jh - rer Zuruͤckkunft zu fuͤrchten. Wofern Sie nicht ewig von mir gehaſſet ſeyn wollen: ſo uͤberſen - den Sie mir durch den Ueberbringer des gegen - waͤrtigen nur eine halbe Zeile, und verſichern mich darinn, daß Sie auf eine ganze Woche, von heute an, nicht den geringſten Verſuch thun wol - len, mich zu ſehen. Jch kann Jhnen nicht ins Geſicht ſehen, ohne eben ſo viele Verwirrung als Widerwillen blicken zu laſſen. Die Gefaͤllig - keit, welche Sie mir hierinn thun werden, iſt fuͤr Jhre ſchaͤndliche Auffuͤhrung in verwichener Nacht nur ein elendes Opfer.
Sie187Sie koͤnnen dieſe Zeit mit einer Reiſe zu Jh - rem Onkel zubringen. Und hegen die Fraͤuleins in Jhrer Familie ſo viele Gewogenheit fuͤr mich, als Sie mich verſichert haben: ſo darf ich nicht zweifeln, daß Sie leichtlich eine von denſelben dahin vermoͤgen werden, mich durch ihre Geſell - ſchaft auf die angenehmſte Art zu verbinden. Da Sie ſich in der vergangenen Nacht ſo nieder - traͤchtig bezeiget haben: ſo werden Sie ſich nicht wundern, daß ich auf dieſen Beweis fuͤr ihre Ehre, die ſie kuͤnftig beobachten wollen, unbeweg - lich beſtehe.
Sollte der Capitain Tomlinſon in der Zeit kommen: ſo kann ich ſelbſt hoͤren, was er zu ſa - gen hat, und Jhnen eine Nachricht davon zu - ſchicken.
Wenn Sie mich aber eher ſehen, als nach Verlauf einer Woche: ſo muß es durch eine neue Gewaltthaͤtigkeit geſchehen. Und davon wiſſen Sie die Folgen nicht.
Senden Sie mir die verlangte Zeile: wo Sie ſich irgend Hoffnung machen, daß die Ver - zeihung beſtaͤttigt werden ſoll, zu welcher Sie ein Verſprechen abgedrungen haben
der ungluͤcklichen Cl. H.
Nun, Belford, was kannſt du zur Entſchul - digung dieſes ſo angenehmen und doch ſo betrie - geriſchen Frauenzimmers ſagen? Was kannſt du fuͤr Sie ſagen? Es iſt augenſcheinlich, daß ſieſich188ſich voͤllig zur Flucht entſchloſſen hatte, als ſie dieß ſchrieb. Und ſo hat ſie mich durch die liſtige Zumuthung, ihr eine Woche Zeit zur Ausfuͤh - rung ihrer Anſchlaͤge zu geben, in ihre Partey wider mich ſelbſt ziehen, ja, was noch aͤrger iſt, mich April ſchicken wollen, eine von meinen Ba - ſen zu hohlen: ‒ ‒ daß wir nur das Vergnuͤ - gen haben ſollten, wenn wir ankaͤmen, ſie ent - laufen und mich einer beſtaͤndigen Unruhe aus - geſetzt zu finden. ‒ ‒ Was fuͤr eine Strafe kann fuͤr ſo einen kleinen Boͤſewicht von einem Frauen - zimmer arg genug ſeyn!
Bedenke uͤber dieß, wie ſcheinbar ſie durch dieſes Handbriefchen; wenn ſie etwa keine Gele - genheit haͤtte, ehe ich wieder zu Hauſe gekommen waͤre, davon zu laufen; ihre Entſchließung, mich auf eine ganze Woche nicht zu ſehen, und den Ein - fall mit dem Brodte und Butter rechtfertigen! ‒ ‒ So kindiſch es uns auch ſchiene!
Der Wagen iſt noch nicht gekommen. Wenn er auch ſchon da waͤre: ſo iſt es doch noch auf alle Weiſe, nur nicht fuͤr meine Ungeduld, zu fruͤ - he. Und da ich bereits alle meine Maaßregeln genommen habe, und an nichts, als an meinen Sieg, denken kann: ſo will ich ihren ungeſtuͤh - men Brief wieder vor die Hand nehmen, damit ich mich in meinen Entſchließungen gegen ſie beſtaͤrken moͤge. Es war vorher zu finſter bey mir, daß ich damit haͤtte fortkommen ſollen. Nun aber ſind alle Vorſtellungen von der Sache, die den Jnhalt deſſelben ausmachet, bey mir le -bendig,189bendig, und meine lebhaftere Einbildungskraft wird ſie, wie die Sonnenſtrahlen, erleuchten, und das gewoͤhnliche Dunkelgruͤn in ein helleres Gruͤn verwandeln.
Wenn ich mein liebes Kind erſtlich zur Re - chenſchaft gefordert habe, daß ſie mir einige Stel - len von ihrem Briefe erklaͤre, und fuͤr andre ein Suͤhnopfer leiſte: ſo will ich ihn, oder eine Ab - ſchrift davon, dir zuſchicken.
Gegenwaͤrtig mag es genug ſeyn, dir fuͤrs er - ſte zu melden, daß ſie feſt entſchloſſen iſt; niemals meine Gemahlinn zu werden ‒ ‒ ‒ Wahrlich in einer ſo wichtigen Sache muß kein Zwang ſeyn. Zwang war bey ihren Eltern der Fehler, den ich ſo ernſtlich getadelt habe, daß ich mich ſchwerlich eben deſſelben ſchuldig machen werde. Und es iſt mir lieb, daß ich in Abſicht auf ein ſo weſentliches Stuͤck ihre Geſinnung weiß.
Jch habe ſie voͤllig geſtuͤrzet, ſchreibt ſie. ‒ ‒ Das iſt gewiß eine kleine Luͤgen: du magſt es nach ihren Begriffen verſtehen. Haͤtte ich es gethan: ſo wuͤrde ſie vielleicht nicht von mir gelaufen ſeyn.
Sie iſt in die weite Welt gejagt. ‒ ‒ Nun geſtehe ich, daß die Haide von Hampſtead ſchon eine recht artige und gar weite Ausſicht giebt: aber es iſt doch noch lange nicht die weite Welt. Geſetzt auch, daß dieß nur ihr Kummer iſt: ſo hoffe ich, ſie bald wieder in eine engere zu bringen.
Jch190Jch bin der Feind ſowohl von ihrer See - le als von ihrer Ehre. ‒ ‒ Verzweifelt ernſt - haft! Nichts deſto weniger iſt es wiederum eine kleine Luͤgen. Denn ich habe ihre Seele gar lieb: nur denke ich in dieſem Fall eben ſo wenig daran, als an meiner eignen.
Sie muß unter ganz fremde Leute gera - then. ‒ ‒ Jſt das nicht ihre eigne Schuld? Ganz und gar wider meinen Willen! das weiß ich ſicher.
Sie iſt aus einem Zuſtande, da ſie von niemand abhangen duͤrfen, in einen Stand, der ſie andern Leuten verbindlich machet, geſetzt worden. ‒ ‒ Sie iſt niemals unter den Umſtaͤnden geweſen, daß ſie von niemand haͤt - te abhangen duͤrfen. Das ſchickt ſich auch in keinem Alter und in keinem Stande fuͤr ein Frauenzimmer. Was aber den Zuſtand be - trifft, der ſie andern Leuten verbindlich macht: ſo iſt keine lebendige Seele, die nicht ei - nem oder dem andern verbunden ſeyn muͤßte. Verbindlichkeit gegen einander iſt das eigentliche Weſen und die Seele des geſelligen und gemein - ſchaftlichen Lebens: wie ſollte ſie denn davon aus - genommen ſeyn? Jch weiß gewiß, die Perſon, welche ſie in Gedanken hat, verlangt dieſe Aus - nahme fuͤr ſich nicht, ‒ iſt lange von ihr ab - haͤngend geweſen, und wuͤrde ſich eine Freude daraus machen, ihr ferner mehr Verbindlich - keit zu haben, als er ſich bisher ruͤhmen kann.
Sie191Sie ſchwatzt von ihres Vaters Fluch. ‒ ‒ Allein habe ich ihn dafuͤr nicht hundertfaͤltig mit eben der Muͤnze bezahlt? Warum ſollen fremde Fehler mir vor die Thuͤre gelegt werden? Habe ich an meinen eignen nicht genug?
Jedoch der Tag faͤngt ſchon an zu grauen. Erlaube mir, daß ich alles in wenigen Worten zu - ſammenfaſſe.
Kurz zu ſagen: der Brief dieſes lieben Kin - des iſt eine Sammlung von harten Strafreden, die mir eben nicht gar neu ſind, ob ihr gleich die Gelegenheit dazu ſonder Zweifel neu iſt. Durch und durch zeigen ſich in demſelben einige kleine Spuren von einem romanenmaͤßigen und wider - ſinnigen Weſen. Sie liebet: und ſie haſſet. Sie reizet mich, ihr nachzuſetzen; weil ſie mir ſagt, daß ich es ſicher thun mag: und doch bit - tet ſie, daß ich es nicht thun wolle. Sie beſorgt Armuth und Duͤrftigkeit: dennoch entſchließet ſie ſich, ihr Landgut wegzugeben. Wem zu ge - fallen? Mit einem Worte, denen, die an allem ihrem Ungluͤcke ſchuld ſind. Und zuletzt faſſet ſie zwar den Schluß, niemals die Meinige zu ſeyn: aber es iſt ihr doch etwas empfindlich, mich zu verlaſſen; weil ſie ſo viele Hoffnung zur Ausſoͤhnung mit ihren Freunden vor ſich geſehen hatte.
Niemals iſt es mit der Morgendaͤmmerung ſo langſam zugegangen, als itzo. Der Wagen iſt auch noch nicht gekommen.
Ein192Ein Cavallier will mit mir ſprechen, Dor - cas? ‒ ‒ Wer kann ſo fruͤhe etwas bey mir zu thun haben?
Capitain Tomlinſon, ſagſt du? Er muß ge - wiß die ganze Nacht gereiſet ſeyn! ‒ ‒ Wie hat er denken koͤnnen, daß er mich ſo fruͤhe auf fin - den wuͤrde: ob ich gleich fruͤhe aufzuſtehen ge - wohnt bin?
Wenn der Wagen nur kommt: ſo ſoll er alſobald bis an den Huͤgel mit mir fahren, damit ich, ohne Zeit zu verlieren, alles, was er zu ſagen hat, anhoͤren und ihm voͤllig meine Meynung ſa - gen koͤnne. Er muß alsdenn zwar zu Fuße wie - der in die Stadt zuruͤckgehen: aber der Capitain iſt die Guͤte und Gefaͤlligkeit ſelbſt.
Nun bin ich verſichert, daß dieſe meuteriſche Flucht zu meinem Beſten ausſchlagen wird: wie alle zerſtoͤrte Meutereyen zum Vortheile eines re - gierenden Beſitzers ausfallen.
Lieber Capitain, ich freue mich, ſie zu ſehen: eben zu einer ſo gelegnen Zeit, daß es nicht beſſer ſeyn koͤnnte ‒ ‒ Sehen ſie! Sehen ſie!
Verzeihen ſie, mein Herr, daß ich ſie mit den Worten meines Leibpoeten begruͤße. Wer mit der Lerche zugleich aufſteht, der kann auch mit ihr zugleich ſingen. Seltſame Neuigkeiten, Herr Capitain! ſeit dem ich die Ehre gehabt habe, ſie zuletzt zu ſehen. Die arme betrogne Fraͤulein! ‒ ‒ Aber ich weiß, ſie ſind viel zu guͤtig, daß ſie die Fehler dieſer eigenſinnigen Schoͤnen ihrem Onkel entdecken ſollten. Es wird alles zum Beſten ausſchlagen. Sie muͤſſen mich ein Stuͤck von dem Wege begleiten. Jch weiß, wie viel Vergnuͤgen ſie finden, wenn ſie Mishelligkeiten beylegen koͤnnen. Es gehoͤrt nur fuͤr verſtaͤndi - ge Leute, das wieder gut zu machen, was durch die Uebereilung und Thorheit der Unverſtaͤndigen verderbet iſt.
Eben itzo, da alles ſo ruhig und ſo ſtille um mich herum iſt, hoͤre ich eine ganze Gaſſe weit das Raſſeln von den Wagenraͤdern! Und nun fliege ich zu dieſem Engel von Frauenzimmer.
Belohne, o Gott der Liebe; es iſt ja deine eigne Sache; belohne du nach Verdienſt meine leidensvolle Beſtaͤndigkeit! ‒ Laß meine Bemuͤ - hung wohl gelingen, daß ich dieſe fluͤchtig ge - wordne Schoͤne wieder zu deinem GehorſamFuͤnfter Theil. Nbrin -194bringe! ‒ ‒ Gieb, daß ſie ihre Uebereilung er - kenne, ihre Beleidigungen bereue, Vergebung bey mir ſuche, und mich bitte, ſie wiederum voͤl - lig zu Gnaden anzunehmen, und das Andenken ihrer abſcheulichen Miſſethat gegen dich und ge - gen mich, deinen getreuen Verlobten, in tiefe Ver - geſſenheit zu vergraben.
Der Wagen ſteht vor der Thuͤr. ‒ ‒ Jch komme! Jch komme ‒
Jch werde folgen, mein lieber Herr Ca - pitain ‒ ‒
Jn Wahrheit, mein Herr ‒ ‒
Jch bitte Sie, mein Herr ‒ ‒ Hoͤflichkeit beſteht nicht in vielen Weitlaͤuftigkeiten.
Nun bin ich wie ein Braͤutigam geputzt. Mein Herz iſt muthiger, als es bey einem ſeyn kann, der durch das heftigſte Verlangen getrie - ben wird. Jch habe einen Diener bey mir, den meine Geliebte niemals geſehen hat. Und wo bin ich denn? Jch bin ſchon zu Hampſtead.
Jch bin itzo hier, und bin ſchon anderthalb Stunden hier geweſen. Was fuͤr einen arbeitſamen Geiſt habe ich! Kein Menſch kann ſagen, daß ich mein Brodt mit Muͤßiggehen eſſe. Jch habe rechtſchaffene Muͤhe fuͤr alles Vergnuͤ - gen, das ich genieße. Nothwendig muß ich mich ſelbſt außerordentlich bewundern. Denn gewiß ich wuͤrde mit einer ſo geſchaͤfftigen Seele ein recht großes Aufſehen gemacht haben: in was fuͤr eine Bedienung ich auch immer geſetzt waͤre. Aber wenn ich ein Fuͤrſt geworden waͤre: ſo wuͤrde ich wahrlich einen der edelſten Fuͤrſten abgegeben haben. Jch wuͤrde eben einen ſolchen Krieges - tanz, als der große Macedonier, aufgefuͤhret ha - ben. Jch wuͤrde ein Koͤnigreich nach dem an - dern erobert und alle benachbarte Fuͤrſten aus - gepluͤndert haben, damit ich den Namen Ro - bert des Großen erlanget haͤtte. Ja ich wuͤrde mit dem Großſultan, mit dem Schach und dem großen Mogol um ihr Serail geſtritten ha - ben: denn keiner von den morgenlaͤndiſchen Kay - ſern oder Koͤnigen ſollte ſich durch ein artiges Frauenzimmer begluͤckt geſehen haben, ehe ich ih - rer ſatt geweſen waͤre.
Nun aber habe ich ſo viel uͤbrige Zeit, nach - dem ich mich ſchon nach allen noͤthigen Umſtaͤn - den erkundiget habe, daß ich hier ſitze und dir ein kurzes Verzeichniß von meinen Begebenheiten mittheile, damit ich die Zeit ſo gut hinbringen moͤge, als ich kann. Denn die Sache iſt itzo ſo weit gekommen, daß ſie dieſer Muͤhe wuͤrdigN 2iſt,196iſt, und es iſt doch noch zu fruͤhe, wie ich glaube, meiner Geliebten meine Aufwartung zu machen, da ſie zween oder drey Tage her ſo viel auszuſte - hen gehabt hat. Ueber dieß habe ich dir noch vieles, was zur Vorbereitung zu meinem kuͤnfti - gen Verfahren dienet, zu erzaͤhlen, damit alles gehoͤrig verbunden und verſtaͤndlich werde.
Jch verließ den Capitain unten am Huͤgel: nachdem ich ihm zu ſeinem fernern Verhalten eine dreyfache Belehrung, naͤmlich in Abſicht auf die Sache, die wirklich vorgegangen iſt, in Abſicht auf die wahrſcheinlichen, und in Ab - ſicht auf die moͤglichen Folgen, gegeben hatte. Wenn wir, meine Geliebte und ich, ohne die Ver - mittelung dieſes rechtſchaffenen Cavalliers, zu - ſammen kommen und einig werden koͤnnen: ſo wird es deſto beſſer ſeyn. Es iſt allezeit bey mir eine Regel geweſen, in meinem Liebesſtreite ſo wenig fremde Huͤlfe zu gebrauchen, als ſich im - mer thun laſſen will. Wer weiß, ob es auch nicht deſto beſſer fuͤr ſie ſeyn mag, je weniger Huͤlfe durch ihre Schuld noͤthig iſt? Jch kann nicht leiden, daß ſie ſo gleichguͤltig gegen mich ſeyn ſollte, daß ſie ſich im Ernſte auf eine ſo ge - ringe oder auch irgend eine Veranlaſſung, es ſey, was es wolle, von mir ewig zu trennen ſuchte. Befinde ich, daß ſie es wirklich iſt ‒ Jedoch nicht mehr Drohungen, bis ſie in mei - ner Gewalt ſeyn wird ‒ ‒ Du weißt, was ich gelobet habe.
Wenn197Wenn man alles zuſammen nimmt, was Wilhelm, ſeit der Flucht der Fraͤulein bis an die Zeit, da er ſie wieder gefunden, gemeldet hat, was die Leute im Hauſe erzaͤhlt haben, was der Kutſcher an Wilhelm, und ſo weiter, berichtet hat: ſo kommt es auf folgendes hinaus.
„ Die Hampſteader Kutſche hatte nur erſt „ zwo Perſonen zu fahren: als die Fraͤulein da - „ zu kam. Sie machte aber, daß der Kerl alſo - „ bald abgieng: weil ſie fuͤr die ledigen Plaͤtze „ bezahlte.
„ Da die beyden Reiſegefaͤhrten dem Kutſcher „ ſagten, daß er ſie zu Upper-Flask abſetzen ſollte: „ ſo verlangte ſie eben daſelbſt abzuſteigen.
„ Jene nahmen Abſchied von ihr, ſonder Zwei - „ fel mit vieler Ehrfurcht. Darauf gieng ſie ins „ Haus und frug, ob ſie nicht ein Koͤpfchen Thee „ und auf eine halbe Stunde ein Zimmer fuͤr ſich „ bekommen koͤnnte.
„ Die Leute wieſen ihr oben eben das Zimmer „ an, worinn ich itzo bin. Sie ſaß an eben dem „ Tiſche, an dem ich itzo ſchreibe, und ich glaube, „ es war auch ihr Stuhl, worauf ich itzo ſitze. „ O Belford, wo du weißt, was Liebe iſt: ſo wirſt du wohl einſehen koͤnnen, warum ich dieſe Klei - nigkeiten nicht vorbeylaſſe.
„ Sie ſchien niedergeſchlagen und ermuͤdet. „ Die Wirthinn nahm ſich ſelbſt die Muͤhe, einen „ ſo artigen und liebenswuͤrdigen Gaſt zu bedie - „ nen. Sie frug, ob ihr etwas Brodt und But - „ ter zu ihrem Thee zu nehmen gefaͤllig waͤre? ‒N 3Nein:198„ Nein: ſie koͤnnte nicht eſſen. ‒ ‒ Sie haͤtten „ gute Zwieback. ‒ Wie ihr beliebte. ‒ Die „ Frau gieng hinaus, ein paar hereinzuhohlen, „ und da ſie den Augenblick wiederkam, merkte „ ſie, daß die fluͤchtig gewordene Schoͤne Muͤhe „ hatte, einem heftigen Ausbruche der Traurigkeit, „ welcher ſie in der kleinen Zwiſchenzeit den freyen „ Lauf gelaſſen hatte, Einhalt zu thun.
„ Jedoch als der Thee kam, bat ſie die Wir - „ thinn, ſich bey ihr zu ſetzen und that ſehr viele „ Fragen in Anſehung der Doͤrfer und Schiffree - „ den in der Nachbarſchaft.
„ Die gute Frau gab ihr zu verſtehen, daß „ ſie innerlich betruͤbt ſchiene.
„ Zarte Gemuͤther, antwortete ſie, koͤnnten „ ſich nicht ohne Kummer von werthen Freun - „ den trennen. Sie meynte mich, ſonder „ Zweifel.
„ Sie erkundigte ſich gar nicht nach einem „ Wohnzimmer: ob du gleich aus dem Erfolge „ ſehen wirſt, daß ſie geſonnen ſchien, den Abend „ nicht weiter, als Hampſtead, zu gehen. Nach - „ dem ſie zwey Koͤpfchen getrunken und eine Zwie - „ back in ihre Taſche geſteckt hatte; vielleicht ihr „ ſtatt der Abendmahlzeit zu dienen, ‒ das liebe „ Kind ‒: ſo legte ſie eine halbe Krone hin, und „ wollte nichts wieder heraus haben. Sie ſeuf - „ zete, nahm Abſchied, und ſagte, ſie wollte nach „ Hendon zu gehen. Wie weit es bis dahin waͤ - „ re, war ſchon vorher eine von ihren Fragen ge - „ weſen.
„ Man199„ Man erbot ſich hinzuſchicken und fragen „ zu laſſen, ob nicht eine Hampſteader Kutſche „ noch den Abend nach Hendon ginge. Es ſey „ nicht noͤthig, verſetzte ſie: vielleicht traͤfe ſie den „ Wagen an. „ Das iſt wieder eine Finte von ihr; wie ich vermuthe: denn wie, oder mit wem, haͤtte dergleichen etwas ſeit geſtern fruͤhe verabre - det werden koͤnnen?
„ Sie hatte, wie die Leute einander ſagten, „ etwas ſo außerordentlich edles in ihrer Bildung, „ in ihrer Perſon und Auffuͤhrung, daß ſie verſi - „ chert waren, ſie muͤßte von Stande ſeyn. Da „ ſie aber niemand, weder von dem einen, noch „ von dem andern Geſchlechte, zur Bedienung bey „ ſich hatte, und ihre Augen; ihre feine Augen „ nannte ſie die gute Frau, ob ſie gleich fremd „ und ein Frauenzimmer war; aufgeſchwollen „ und roth waren: ſo hielten ſie fuͤr gewiß, daß „ es dabey auf eine Entlaufung entweder von El - „ tern oder von Aufſehern hinauskaͤme. Denn „ ſie ſahen ſie fuͤr allzu jung und allzu juͤngferlich „ an, daß ſie ſchon verheyrathet ſeyn ſollte. Und „ waͤre ſie verheyrathet: ſo wuͤrde kein Ehemann „ eine ſo artige und junge Frau ohne Bedienung „ und alleine laſſen, noch ihr zu ſo vielem Kum - „ mer Anlaß geben, als in ihrem Angeſichte deut - „ lich abgemahlet ſchiene. Außerdem, ſagten ſie, „ ſahe ſie bisweilen ſo wild und verwirret aus, „ daß ihnen bange war, ſie moͤchte im Sinne ha - „ ben, ſich ſelbſt davon zu helfen.
N 4„ Alle200„ Alle dieſe Dinge zuſammengenommen rei - „ zeten ihre Neubegierde. Sie brachten einen „ parlamentsherrlichen Bedienten, einen Die - „ ner, der mit Chriſtoph, dem Stallknechte, in der „ Schenke zechte, und ſo von ihnen genannt wurde, „ auf ihre Seite, daß er auf alle Bewegungen „ der Fraͤulein Acht gaͤbe. Dieſer Kerl erzaͤhlte „ folgende Umſtaͤnde, die mir wieder erzaͤhlet „ ſind.
„ Sie ging in der That den Weg nach Hen - „ don, und bey dem Hauſe auf der Heide, zur „ Burg genannt, voruͤber. Darauf blieb ſie ſte - „ hen, und ſahe um ſich herum und hinunter in „ das Thal vor ihr. Alsdenn wandte ſie ihr „ Angeſicht gegen London, und ſchiene, nach der „ Bewegung mit dem Schnupftuche zu ihren Au - „ gen, zu weinen. „ Wer weiß, ob ſie nicht den uͤbereilten Schritt, den ſie gethan hatte, bereuete, und ſich wieder zuruͤckwuͤnſchte?
Es iſt beſſer fuͤr ſie, wenn ſie es thut, Bru - der: das ſage ich noch einmal ‒ ‒ Wehe dem Maͤdchen, das ſich in den Sinn kommen laſſen koͤnnte, mich zu heyrathen, und doch im Stande ſeyn ſollte, von mir wegzulaufen und mir auf ewig zu entſagen!
„ Hierauf ging ſie wieder ein paar Schritte „ weiter und blieb auch wieder ſtehen. Es ließ „ als wenn ihr der Weg nicht gefiel, den ſie ge - „ waͤhlet hatte. Sie ſchien aufs neue zu weinen „ und wandte ihren Fuß nach Hampſtead zu - „ ruͤck.
Es201Es iſt mir lieb, daß ſie ſo viel geweinet hat. Denn kein Herz berſtet, das dieſe angenehme Er - leichterung haben kann: die Gelegenheit zu dem Kummer mag ſeyn, was es will. Daher haͤlt es bey mir allezeit ſchwer, durch den Anblick die - ſer durchſichtigen Fluͤchtlinge an einem ſchoͤnen Frauenzimmer geruͤhrt zu werden. Wie oft ha - be ich in den verwichnen zwoͤlf Stunden gewuͤnſcht, daß ich auf das erſchrecklichſte heulen und weinen koͤnnte!
„ Darauf ſahe ſie eine ledige Kutſche, mit „ vier Pferden, die auf ſie zu kam. Sie ging da - „ her queer uͤber den Fußſteig, auf welchem ſie „ war, als wenn ſie derſelben entgegen kommen „ wollte; und ſchien geſonnen mit dem Kutſcher „ zu reden, wenn er ſtille gehalten oder zuerſt ge - „ redet haͤtte. Dieſer ſahe ſie eben ſo begierig „ an, als ſie ihn. Das that ein jeder, der vor - „ beyging. Und ſo konnte ſie deſto weniger auf „ den Kerl, der ſie belaurete, einen Verdacht wer - „ fen „ ‒ Was fuͤr ein gluͤcklicher Schelm waͤreſt du, Kutſcher, geweſen, wenn du gewußt haͤtteſt, mit wem du dich in eine Bekanntſchaft eingelaſſen, und wen du durch eine Gefaͤlligkeit verpflichtet haben wuͤrdeſt! ‒ ‒ Es war die goͤttliche Cla - riſſa Harlowe, die du angaffeteſt! ‒ Meine ei - gene Clariſſa Harlowe! ‒ Allein es war gut fuͤr mich, daß du nicht kluͤger wareſt, als deine Pfer - de. Wie wuͤrde ich ſonſt in die Jrre herumge - fuͤhret ſeyn!
N 5„ Kurz,202„ Kurz, die Fraͤulein ſo wohl, als der Kut - „ ſcher, ſchienen unſchluͤßig. Die Pferde liefen fort. „ Sonder Zweifel waren Kopf und Augen des „ Kerls ruͤckwaͤrts gekehret: aber er war bald ſo „ weit entfernet, daß man ſich nicht mehr abru - „ fen konnte. Sie ſahe ihm mit ſtarren Augen „ nach, ſeufzete und weinte wiederum. Das be - „ merkte der Diener, der eben damals ſchelmiſch „ bey ihr vorbeyging.
„ Unterdeſſen war ſie bis an die Haͤuſer ge - „ kommen. Sie ſahe ein jedes im Vorbeygehen „ an. Bisweilen hauchte ſie auf ihre bloße Hand „ und legte dieſelbe uͤber ihre geſchwollene Augen, „ die Roͤthe zu vertreiben und die Thraͤnen abzu - „ trocknen. Endlich, da ſie an einem Hauſe ei - „ nen Zettel ſahe, daß Zimmer zu vermiethen „ waͤren, ging ſie ein halb Dutzend mal ruͤck - und „ vorwaͤrts, als wenn ſie ſich nicht entſchließen „ koͤnnte, was ſie thun ſollte. Und hierauf ging „ ſie weiter in die Stadt hinein. Weil hier den „ guten Kerl einer von ſeinen vertrauten Freun - „ den mit einem Schmatz aufhielte: ſo verlohr „ er ſie auf eine kurze Zeit. Aber er ſahe ſie bald „ aus einer Leinwandsbude mit einem Dienſt - „ maͤgdchen, das ihr folgte, herauskommen: da ſie, „ ſeinem Vermuthen nach, einige Kleinigkeiten „ gekauft, und, wie der Erfolg zeigte, das Dienſt - „ maͤgdchen genommen hatte, mit ihr zu dem Hau - „ ſe zu gehen, wo ſie ſich itzo aufhaͤlt. (*)Siehe den XXI. Brief in dieſem Th.
„ Der203„ Der Kerl wartete beynahe eine Stunde. „ Weil er ſie aber nicht wieder herauskommen „ ſahe: ſo ging er zuruͤck und ſchloß, daß ſie dort „ eingemiethet haͤtte.
Und hiemit endigt ſich der erſte Aufzug, wenn du dir meine Erzaͤhlung als ein Schauſpiel vor - ſtelleſt. Nun hebt ſich
Mein Kerl tritt auf.
Weil mein Wilhelm alle dieſe Umſtaͤnde da - durch erfahren hatte, daß er andere da - gegen eben ſo offenherzig erzaͤhlte, wozu er ſchon von mir ſowohl muͤndlich als ſchriftlich vorberei - tet war: ſo fand ich die Leute bereits auf meiner Seite. Sie wuͤnſchten mir einen gluͤcklichen Fortgang und wiederholten vor meinen Ohren alles, was ſie ihm erzaͤhlt hatten.
Er hatte mir aber vorher gemeldet, was er ihnen von ſeiner Fraͤulein und von mir fuͤr Nach - richt gegeben haͤtte. Jch muß dir nothwendig die Umſtaͤnde von ſeiner Erzaͤhlung mittheilen: und es iſt mir auch noch ein wenig Zeit uͤbrig. Denn die Magd im Hauſe, die ausgeſchickt ge - weſen iſt, berichtet uns, daß ſie die Frau Moore, mit der ich mich zuerſt einlaſſen muß, in dasHaus204Haus eines jungen Herrn wenige Haͤuſer von ihr habe hineingehen ſehen. Dieſer ſoll eine un - verheyrathete Schweſter haben, Jungfer Rawlins mit Namen, die ihrer Klugheit wegen ſo bekannt iſt, daß niemand, der ſie kennet, etwas wichtiges ohne ihren Rath unternimmt.
Jnzwiſchen muß mein ehrlicher Kutſcher vor der Jungfer Rawlins Thuͤre herumgehen, da - mit er mir Nachricht bringe, wenn die Frau Moore wieder zu Hauſe kommt. Jch hoffe, ihr Gevatterſchwatz wird eben ſo bald, als meiner, ausgeplaudert werden. Meiner beſteht in fol - genden.
Wilhelm erzaͤhlte den Leuten vor meiner An - kunft, „ ſeine Fraͤulein waͤre erſt neulich an einen „ der artigſten Cavalliers von der Welt vermaͤh - „ let. Weil er aber luſtig und lebhaft waͤre: ſo „ waͤre ſie bis auf den Tod eiferſichtig, und in „ einer ſolchen Hitze von ihm gelaufen. Denn ſie „ liebte ihn zwar herzlich, und er waͤre auch gaͤnz - „ lich eingenommen; wie er wohl Urſache haͤtte, „ weil ſie das ſchoͤnſte Frauenzimmer heißen koͤnn - „ te, das jemals unter der Sonne geweſen „ iſt; das haͤtten ſie ſelbſt geſehen: aber ſie koͤnn - „ te ſehr eigenwillig und wunderlich ſeyn; wenn „ er ſich die Freyheit nehmen duͤrfte, ſo zu reden „ ‒ Jedoch Wahrheit bliebe Wahrheit. Wenn „ ſie nicht in allen Dingen ihren Willen haben „ koͤnnte: ſo wollte ſie gleich berechtigt ſeyn, ihn „ zu verlaſſen. Sie haͤtte ſeinem Herrn ſchon „ drey oder viermal ſolche Streiche geſpielet: al -„ lein205„ lein niemals Tugend und Unſchuld dabey im „ geringſten verletzet. Sie waͤre nur zu einer ih - „ rer vertrauten Freundinnen gelaufen, welche „ bloß bey dieſem ihren einzigen Fehler gar zu „ viel Nachſicht gegen ſie haͤtte, und ſonſt ein jun - „ ges Fraͤulein waͤre, das auf Ehre und Tugend „ hielte. Deswegen haͤtte ſein Herr ſie nach Lon - „ don gebracht: da ſie ſonſt ordentlich ihren Auf - „ enthalt auf dem Lande zu haben pflegten. Weil „ er aber nicht geneigt geweſen waͤre, ihr Ver - „ langen in Anſehung einer gewiſſen Fraͤulein, „ mit der man ihn in dem Thiergarten geſehen „ haͤtte, zu erfuͤllen: ſo haͤtte ſie, ſeit dem ſie nach „ London gekommen waͤre, zum erſten mal ſeinen „ Herrn ſo bezahlet; welchen er daruͤber halb au - „ ßer ſich verlaſſen habe. „
Wahrlich er muß wohl außer ſich ſeyn, der arme Herr! So ſchrien die ehrlichen Leute, und bedaureten mich, ehe ſie mich noch einmal geſehen hatten.
„ Er erzaͤhlte ihnen ferner, wie er zu der „ Nachricht gekommen waͤre, die er von ihr haͤt - „ te, und ließ ſich ſo vertraut mit ihnen ein, daß „ ſie ihm ſelbſt halfen, ſeine Kleidung zu veraͤn - „ dern. Ja der Wirth erkundigte ſich, auf ſein „ Erſuchen, insgeheim, ob die Fraͤulein wirklich „ bey der Frau Moore im Hauſe bliebe, und auf „ wie lange Zeit ſie die Zimmer gemiethet haͤtte. „ Er befand, daß es eigentlich nur auf eine Wo - „ che geſchehen war. Aber ſie hatte dabey geſagt, „ daß ſie ihrem Vermuthen nach ſchwerlich ſo lan -„ ge206„ ge bleiben wuͤrde. Darauf ſchrieb er ſeinen „ Brief an mich und uͤberſchickte ihn durch den gu - „ ten Peter Partrick: wie du ſchon gehoͤret haſt.
„ Da meine Perſon und Kleidung bey mei - „ ner Ankunft mit Wilhelms Beſchreibung uͤber - „ eingekommen war: ſo haͤtten mich die Leute „ bald angebetet. Jch ſeufzete bisweilen: bis - „ weilen aber nahm ich ein heiteres Geſicht an; „ welches jedoch meiner Abſicht nach mehr von „ einer uͤbelverheelten Unruhe, als von einer wirk - „ lichen Zufriedenheit zeugen ſollte. Sie ſagten „ zu Wilhelm, es waͤre tauſend Schade, daß ein „ ſo ſchoͤnes Frauenzimmer ſolche wunderliche „ Einfaͤlle haͤtte, und ſetzten hinzu, ſie koͤnnte ſich „ dadurch in große Gefahr ſtuͤrzen: denn es waͤ - „ ren allenthalben liederliche Kerl; Lovelacen „ an allen Ecken und Orten, Bruder! Und „ ſelbſt um den Flecken herum gaͤbe es manche, „ die alles verſuchen wuͤrden, damit ſie nur in ih - „ re Geſellſchaft kaͤmen. Sollten ſie auch nichts „ vermoͤgen: ſo koͤnnten ſie doch ihrem guten Na - „ men ſchaden, und mit der Zeit die Liebe eines ſo „ artigen Herrn von ihr abwendig machen.
Gute mitleidige Leute! Nicht wahr, Bruder?
Herr Wirth, nur ein Wort. Mein Bedien - ter, finde ich, hat ſchon die Urſache, warum ich hierher komme, zu verſtehen gegeben. Eine un - gluͤckliche Sache, Herr Wirth! Eine recht un - gluͤckliche Sache! Aber bey dem allen iſt niemals ein tugendhafteres Frauenzimmer geweſen.
Das207Das ſcheint ſie zu ſeyn, gnaͤdiger Herr. Tauſend Schade, daß die gnaͤdige Frau ſolche Gewohnheiten hat ‒ ‒ ſonderlich gegen einen Herrn von ſo gutem Sinne, als es das Anſehen hat.
Heimwehen, Herr Wirth! Heimwehen! Das iſt die Sache! Allein ich muß mich ſo gut, als moͤglich ſeyn will, darein ſchicken. Das ſagte ich mit einem Seufzer. Was ich brau - che, das iſt, daß er mir einen großen Mantelrock leihe. Es iſt mir gleichguͤltig, wie er ausſieht. Wenn meine Gemahlinn mich in der Ferne ſehen und erkennen ſollte: wuͤrde ſie es mir ſehr ſchwer machen, mit ihr zu ſprechen zu kommen. Nur einen großen Mantelrock mit einem Kragen, wo er einen hat. Jch muß ſie uͤbereilen, ehe ſie es gewahr wird.
Jch beſorge, gnaͤdiger Herr, daß ich keinen haben werde, der ſich fuͤr einen ſolchen Herrn ſchicket.
O es kann es ein jeder thun, er mag ausſehen, wie er will. Je aͤrger: deſto beſſer.
Der Wirth tritt ab. Er tritt wieder auf mit zween großen Man - telroͤcken.
Ja, Herr Wirth, dieſer wird der beſte ſeyn. Denn ich kann den Kragen unten uͤber das Ge - ſicht knoͤpfen. Sehe ich nicht verteufelt nieder - geſchlagen und bekuͤmmert aus?
Jch208Jch habe niemals einen Cavallier zu Geſich - te bekommen, der beſſer ausgeſehen haͤtte. Es iſt zu bedauren, gnaͤdiger Herr, daß ſie ſolche Proben ausſtehen ſollen.
Jch bin freylich ungluͤcklich daran, Herr Wirth. Jedoch habe ich eine kleine Freude, wie er ſelbſt nothwendig denken mnß, daß ich ſie auf - geſpuͤret habe, ehe ihr einige Ungelegenheit be - gegnet iſt. Wenn ich ihr aber dieſe Grillen nicht vertreiben kann: ſo wird ſie mich herzlich kraͤn - ken; denn ich liebe ſie mit allen ihren Fehlern.
Die gute Frau, welche dieß alles anhoͤrte, beklagte mich ſehr.
Jhro Gnaden erlauben mir, ſagte ſie, wenn ich ſo frey ſeyn darf, zu fragen, ob die gnaͤdige Frau jemals Mamma geweſen iſt?
Nein! ‒ Jch ſeufzete dabey! ‒ Wir ſind nur eine kurze Zeit verheyrathet geweſen: und ich kann ihr wohl ſagen, es iſt ihre eigne Schuld, daß ſie nicht in denen Umſtaͤnden iſt. Daran iſt nicht ein Wort erlogen, Bruder! Wenn ich ihr aber die Wahrheit ſagen ſoll, meine liebe Frau: ſo geht es meiner Gemahlinn, wie dem Hunde in der Krippe ‒ ‒
Jch verſtehe Jhro Gnaden, verſetzte ſie mit Laͤcheln. ‒ Sie iſt nur noch jung. Jch habe ſelbſt von einer oder zwoen ſo wunderlichen jun - gen Frauen zu meiner Zeit gehoͤret ‒ ‒ Allein wenn die gnaͤdige Frau erſt in denen Umſtaͤnden ſeyn wird: ſo wird ſich das alles geben, und ſie kann die beſte Gemahlinn werden; wo ſie JhroGnaden209Gnaden liebet. Es waͤre aber etwas ſeltſames, wenn ſie das nicht thaͤte.
Das iſt alle meine Hoffnung.
Sie iſt eine ſo ſchoͤne Perſon, als ich jemals geſehen habe. Jch hoffe, gnaͤdiger Herr, ſie wer - den nicht zu ſtrenge ſeyn. Alle dieſe Grillen werden voruͤbergehen: wenn ſie nur erſt einmal Mamma iſt; ich bin Buͤrge dafuͤr.
Jch kann gegen ſie nicht ſtrenge ſeyn: das weiß ſie. Den Augenblick, wenn ich ſie ſehe, hat aller Zorn bey mir ein Ende: ſie darf mir nur einen freundlichen Blick geben.
Alle dieſe Zeit uͤber zog ich meinen Reuter - rock an, und Wilhelm ſteckte die Knoten von meiner Perucke ein, und knoͤpfte den Kragen uͤber meinem Kinne zu.
Jch forderte von der Wirthinn ein wenig Puder. Sie brachte mir eine Puderbuͤchſe, und ich ſchuͤttelte den Puͤſter leiſe uͤber meinen Hut. Die eine Seite deſſelben ſchlug ich nieder. Je - doch ſahe die Treſſe etwas zu gut fuͤr meine Klei - dung aus. Jnzwiſchen zog ich ihn uͤber die Au - gen, und frug: was meynt ſie, Frau Wirthinn, wird man mich wohl kennen?
Jhro Gnaden ſind ſo erfahren! ‒ ‒ Jch wuͤnſche, menn ich ſo frey ſeyn darf, daß die gnaͤ - dige Frau nicht Urſache habe, eiferſuͤchtig zu ſeyn. Es wird unmoͤglich ſeyn, wo ſie ihr beſetztes Kleid nur verdeckt halten, daß jemand ſie in dem Auf - zuge fuͤr eben den Cavallier kennen ſollte ‒ wo -Fuͤnfter Theil. Ofern210fern nicht etwa ihre ſaubern Struͤmpfe ſie ver - rathen.
Das war eine gute Erinnerung ‒ ‒ Herr Wirth, kann er mir nicht ein paar Struͤmpfe leihen oder verkaufen, die ich daruͤber ziehe? Jch kann die Fußſocken abſchneiden, wenn ſie nicht in meine Schuhe gehen.
Er koͤnnte mir, antwortete er, ein paar gro - be, aber reine, Camaſchen geben, wenn es mir beliebte.
Die kann ich am beſten brauchen.
Er holte ſie. Wilhelm zog ſie mir an: und ſo ſahen meine Fuͤße vollkommen nach dem Po - dogra aus.
Die gute Frau laͤchelte und wuͤnſchte mir Gluͤck zu meinem Vorhaben. Eben das that auch der Wirth. Und wie du weiſt, daß ich nicht uͤbel eine verſtellte Perſon ſpiele: ſo nahm ich einen Stock, den ich von dem Wirthe borgte, zog die Schultern um einen Viertelfuß ein, und ſtolperte in die Queere fort zu der gruͤnen Kugel - bahn, damit ich mich ein wenig in dem kruͤpplich - ten Gange eines Podagriſten uͤbte. Die Wirthinn ſagte ihrem Manne ins Ohr, wie mir Wilhelm erzaͤhlet: Es iſt ein loſer Herr, ich bin Buͤrge dafuͤr! Die Schuld liegt gewiß nicht ganz an ei - ner Seite. Mein Wirth aber antwortete, ich waͤre ein ſo aufgeweckter und wohlgeſinnter Ca - vallier, daß er nicht wuͤßte, wie jemand mit mir uͤrnen koͤnnte, ich moͤchte thun, was ich wollte. Ein mitleidiger Bruder! ‒ ‒ Jch wollte wuͤn -ſchen,211ſchen, daß meine Geliebte eben der Meynung waͤre.
Nun gehe ich hin, und will verſuchen, ob ich mit der guten Frau Moore wegen der Zim - mer und anderer Bequemlichkeiten fuͤr meine kranke Frau nicht einig werden kann.
Fuͤr deine Frau, Lovelace! So, deucht mich, frageſt du.
Ja, fuͤr meine Frau: denn wer weiß, wie ſich die verlaufene Schoͤne aus Furcht vor mir verwahret haben mag.
Aber hat denn die ehrliche Frau Moore noch andre Zimmer zu vermiethen?
Ja, ja: darum habe ich mich ſchon bekuͤm - mert. Jch finde, daß ſie eben ſolche Bequem - lichkeiten hat, als ich brauche, und weiß, daß ſie meiner Frau gefallen werden. Denn ob ich gleich verheyrathet bin: ſo kann ich doch alles thun, was mir beliebt. Und das, weiſt du, iſt viel geſagt. Allein haͤtte ſie auch nur einen Boden unter dem Tache zu vermiethen: ſo wuͤrde er mir angeſtanden haben. Jch wuͤrde mich in dem Fall fuͤr einen armen Schriftſteller, der ſich vor der Wache fuͤrchtete, ausgegeben, und da meine Sicherheit geſucht haben. Jedoch wuͤrde ich ſo bedaͤchtlich geweſen ſeyn, daß ich fuͤr alles, was ich brauchte, voraus bezahlet haͤtte. Jch kann mich in alle Umſtaͤnde ſchicken: das iſt mein Troſt.
O 2Die212Die Witwe Moore iſt zu Hauſe gekommen, ſagt ihr? ‒ ‒ ‒ Herunter, herunter mit dir, Flatterer! ‒ ‒ Das unverſchaͤmte Herz, denke ich, macht mir mehr Unruhe, als mein Gewiſſen ‒ ‒ Jch werde eine haͤrtere Strafe und eine rau - here Art annehmen muͤſſen, daß ich ſeinen flat - terhaften Taͤnzen Einhalt thue.
Aber laß mich ſehen ‒ ‒ Soll ich zornig oder freundlich ſeyn, wenn ich zu meiner Gelieb - ten komme?
Zornig: iſt das wohl Fragens werth? Hat ſie mir nicht ihr Wort gebrochen? ‒ Noch dazu zu einer Zeit, da ich ich ihr mit allem Dank Ge - rechtigkeit wiederfahren zu laſſen, willens war. Und iſt es bey frommen Leuten nicht ein ſchreck - liches Verbrechen, ſein Wort nicht zu halten? Jch habe allezeit fuͤr gut gefunden, die Beſchaf - fenheit der Sachen und Handlungen nicht ſo wohl nach dem, was ſie an ſich ſelbſt ſind, als nach der Gemuͤthsart derer, die ſie vornehmen, zu beurtheilen. Alſo wuͤrde es bey unſers glei - chen eben ſo wunderlich ſeyn, unſer Wort einer Frauensperſon zu halten, als es bey ihr gottlos ſeyn wuͤrde, ihr Wort gegen uns zu brechen.
Merkſt du nicht, daß ich dieſe unzeitige Stren - ge nur darum gut geheißen habe, damit ich das unruhige Pochen meines unbaͤndigen Herzens ſtillen moͤchte? Aber es will doch noch immerklopfen.213klopfen. Jch werde es zur Ruhe zu bringen ſu - chen, indem ich fahre.
Fahren, alberner Kerl! auf einen ſo kurzen Weg?
Ja, Bruder, fahren: denn bin ich nicht lahm? Und wird es nicht wohl ausſehen, einen Miethmann zu bekommen, der ſeine Kutſche und Pferde haͤlt? Welche Witwe, welcher Bediente wird einen Mann, der Pferde und Wagen hat, mit vielen Fragen beſchweren?
Mein Kutſcher ſo wohl, als mein anderer Bedienter, ſteht unter Wilhelms Aufſicht.
Niemals iſt ein ſo ſcheuslicher Kerl auf der Welt geweſen, als er ſich gemacht hat. Nur der Teufel und ſein anderer Herr koͤnnen ihn ken - nen. Beyde haben ihm ihr Zeichen eingedruͤckt. Meiner Gnaden Zeichen wird ſich aus ſeinem verdammt weiten Muhl, wie er es nennet, nimmermehr verlieren. Denn der Schelm wird eher an den Galgen kommen, als er ſeine uͤbrigen Zaͤhne vor Alter verlieren kann.
Jch bin weggegangen.
Nun Belford, folgt das vornehmſte von meiner Erzaͤhlung. Jch werde ſie nach Bequem -O 3lich -214lichkeit fortſetzen, und zwar ſo geſchickt, daß, wenn ich auch zwanzig mal abbreche, du doch nicht merken ſollſt, wo ich meinen Faden wieder anknuͤpfe.
Ob mich das Podagra gleich ſehr plagete: ſo ſtieg ich doch aus meinem Wagen heraus. Jch lehnte mich mit der einen Hand ſteif auf meinen Stock, und mit der andern auf meines neuen Dieners Schulter. Jch ſtieg beynahe eben den Augenblick aus, da er an die Thuͤr geklopft hatte, damit ich gewiß waͤre, daß man mich einließe.
Jch ließ mir wohl angelegen ſeyn, meinen weiten Rock uͤber mich zuzuknoͤpfen, und ſo gar meinen Degenknopf damit zu bedecken, weil er ſich zu meinen Jahren nicht voͤllig ſchickte. Mir war unbekannt, was ich fuͤr Gelegenheit haben moͤchte, meinen Degen zu gebrauchen. Jch ging gebuͤckt fort und blinzte mit meinen Augen, da - mit man das Feuer in denſelben nicht merkte. Jch ruͤhme meine Augen hiemit nicht zu viel, Bruder! Mein vor Zahnſchmerzen einge - huͤlltes Kinn, mein liederlich niedergedruckter Treſſenhut, und ſo viel, als von meiner Perucke zu ſehen war, gab mir alles zuſammen das Anſe - hen eines veralteten Stutzers.
Jch beſchloß zum voraus, daß ich meine Frau an mannichfaltigen Beſchwerden zugleich krank machen wollte.
Die Magd kam an die Thuͤre. Jch ver - langte mit ihrer Frau zu ſprechen. Sie fuͤhrtemich215mich hierauf in einen Saal, und ich ſetzte mich mit einem podagriſchen Ach nieder.
Die gute Fran Moore tritt auf.
Jhr Diener, Madame ‒ ‒ ‒ aber um Ent - ſchuldigung: ich kann nicht wohl ſtehen. ‒ ‒ Jch ſehe aus dem Zettel an der Thuͤre, daß ſie Zimmer zu vermiethen haben ‒ Du mußt wiſ - ſen, daß ich alle meine Worte hermummelte, als wenn ich, wie mein Wilhelm, einige von meinen Voͤrderzaͤhnen verlohren haͤtte ‒ ‒ Seyn ſie ſo gut und ſagen mir, was es fuͤr Zimmer ſind. Jch will ihnen meine Hausumſtaͤnde erzaͤhlen. Jch habe eine Frau, eine gute alte Frau ‒ ‒ ein ziemliches Theil aͤlter, beylaͤufig zu ſagen, als ich bin. Es ſteht ſehr uͤbel um ihre Geſundheit, und ihr iſt deswegen verordnet, ſich der Luft zu Hampſtead zu bedienen. Sie wird zwo Cam - mermaͤgdchen und einen Diener bey ſich haben. Die Kutſche oder Chaiſe; denn ich werde ſie nicht beyde zugleich hier behalten; koͤnnen wir irgend wohin ſtellen, und der Kutſcher wird bey den Pferden bleiben.
Wenn muͤſſen ſie einziehen, mein Herr?
Jch will die Zimmer gleich von dieſem Tage an nehmen, und wo es ſich thun laſſen wird, meine Frau heute Nachmittag herbringen.
Vielleicht wollen ſie den Tiſch ſo wohl, als die Zimmer, bey mir haben?
Wie es ihnen beliebt. Koͤnnen wir ihn ha - ben: ſo werde ich die Muͤhe erſparen, meinenO 4Koch216Koch mitzubringen. Jch vermuthe aber, daß ſie Bedienten haben, die ein paar Schuͤſſeln zu - zurichten wiſſen. Meine Frau muß leichte und unverſetzte Speiſen eſſen, und ich bin kein Liebha - ber von gekuͤnſteltem Miſchmaſch.
Wir haben nur ein einzelnes Frauenzimmer bey uns, daß in zween oder dreyen Tagen wieder weg ſeyn wird. Sie hat eines von den beſten Zimmern. Das wird alsdenn frey ſeyn.
Unterdeſſen haben ſie doch vermuthlich noch eine oder ein paar Stuben uͤbrig, nur meine Frau aufzunehmen: denn wir haben die Zeit verſaͤu - met ‒ ‒ Die verfluchten Aerzte ‒ Entſchuldi - gen ſie mich, Madame, ich bin nicht gewohnt zu fluchen: dieß kommt nur von der Liebe, die ich zu meiner Gemahlinn habe ‒ ‒ Die Aerzte ha - ben ſie ſo lange in ihren Haͤnden behalten, daß ſie ſich ſchaͤmen mehr Geld zu ſchneiden, und nun verordnen ſie ihr die Luft. Jch wollte wuͤnſchen, daß wir ſie gleich anfangs hierher geſchickt haͤtten. Aber was ſoll man thun? Wir muͤſſen es itzt ſo gut machen als wir koͤnnen.
Halten ſie mir zu gut, Madame; denn ſie ſahe mich ſtarre an; daß ich bey dieſem warmen Wetter ſo vermummelt bin. Es iſt mir allzu empfindlich, daß ich mich eher, als ich haͤtte thun ſollen, aus meiner Kammer begeben habe. Viel - leicht werde ich dafuͤr wieder einen Anfall von Podagra bekommen. Außerdem bin ich auch wegen ſchrecklicher Schmerzen in den Backenzaͤh - nen ſo vermummelt ausgereiſet. Jch glaube,ich217ich habe einen Fluß daran. Allein meine arme Liebſte will mit keiner andern als meiner eignen Fuͤrſorge, zufrieden ſeyn. Und, wie ich ſchon ge - ſagt habe, iſt es itzo hohe Zeit.
Sie ſollen ſehen, mein Herr, wenn es ihnen gefaͤllig iſt, was ich fuͤr Bequemlichkeiten habe! Aber ſie ſind ſonder Zweifel zu ſchlecht zu Fuße, die Treppen zu ſteigen.
Jch kann zur Noth hinauf hinken: da ich ein wenig ausgeruhet habe. Jch will nur das Zimmer anſehen, das meine Frau bekommen ſoll. Fuͤr die Bedienten mag alles gut ſeyn. Weil ſie eine artige Frau ſcheinen: ſo will ich auch auf keinen Preiß beſtehen, und noch außer dem fuͤr die Unruhe, die wir verurſachen werden, gut bezahlen.
Sie wies mir den Weg: und ich fand Mit - tel, indem ich mich auf die Lehnen zur Seite ſtuͤtz - te, mit geringerer Muͤhe hinaufzukommen, als ich bey ſo ſchwachen Knoͤcheln vermuthete. Aber, o Bruder! was war Sixtus des Fuͤnften liſtige Unterdruͤckung ſeiner natuͤrlichen Kraͤfte gegen meine, da er, als der halbtodte Montalto, nach der paͤbſtlichen Krone, die er zum Scheine nicht ſuchete, begierig ſchnappete, und den Augenblick nach der Wahl auf das ſich muthig baͤumende Thier hinaufſprang, auf welches er nach den Ge - danken der erſtaunten Cardinalsverſammlung nicht im Stande ſeyn ſollte ohne Huͤlfe von Stuͤhlen und Menſchen zu ſteigen? Niemals hat man ein froheres Herz und leichtere Fuͤße zu -O 5ſammen218ſammen gefunden, als bey mir: dennoch weiger - ten ſich itzo beyde ihre Dienſte zu thun. Jenes flatterte ins geheim und ſuchte ſich zu erleichte - rungsvollen Ausdruͤckungen von ſeinen Banden loszureißen: dieſe mußten eine kruͤppelichte Be - wegung machen, da ſie, außer einem ſolchen Zwange, nach ihres Herrn Einbildung, ihn ohne Leiter bis zum Monde wuͤrden erhoben haben.
Es waren drey Stuben in einem Stockwerke. Zwo davon befand ich artig: und die dritte, ſag - te ſie, waͤre noch artiger. Allein darinne hielte ſich das Frauenzimmer auf.
Jch ſahe ‒ ‒ Jch ſahe, daß ſie da war. Denn indem ich hinauf hinkte, und mit der hei - ſermummelnden Stimme, die ich angenommen hatte, uͤber meine ſchwachen Knoͤchel ſchrie: er - blickte ich ein wenig von ihr. Sie hatte die Thuͤ - re nur eben geoͤffnet, daß ſie mit einem Auge her - ausſehen und bemerken konnte, wer herauf kaͤme. Da ſie nun einen ſolchen alten unbeholfnen Kerl ſahe, der bey ſo warmem Wetter einen großen Mantelrock anhatte, liederlich gekleidet und ganz vermummelt war: ging ſie zuruͤck und machte die Thuͤr zu, ohne die geringſte Bewegung zu fuͤhlen. Aber ſo war es bey mir nicht. Du kannſt dir nicht vorſtellen, wie mir das Herz klopf - te, ſo bald nur eben ein Strahl von ihr auf mich fiel. Mir war bange, daß dieſer pochende Boͤ - ſewicht, der vor ſo kurzer Zeit erſtlich eben ſo viel umſonſt gepochet hatte, mich itzo erwuͤrgen moͤchte.
Jch219Jch ließ mir die Zimmer wohlgefallen: und das um ſo viel mehr, weil ſie ſagte, daß das drit - te noch ſauberer waͤre. Jch muß mich nieder - ſetzen, Madame ‒ ‒ Es war der dunkelſte Ort in der Stube, den ich waͤhlte ‒ Wollen ſie nicht auch einen Stuhl nehmen? Um des Preißes willen ſollen wir nicht geſchieden werden. Jch will ihnen und meiner Frauen, wo es ihnen be - liebt, uͤberlaſſen, den Vergleich zu ſchließen: und ſo auch mit dem Tiſche, ob wir ihn nehmen wer - den oder nicht. Seyn ſie nur ſo guͤtig, dieß zum Handgelde anzunehmen ‒ Jch ſteckte ihr hiebey eine Guinee in die Hand ‒ Dieß einzige will ich noch ſagen. Meine arme Frau hat das Geld lieb: allein ſie iſt deswegen nicht unartig. Sie hat mir vieles zugebracht. Weil aber das wirkliche Erbgut bey ihrem Tode wieder verfaͤllt: ſo wollte ich ſie ſo wohl deswegen, als auch, wie ein rechtſchaffener Mann, aus Liebe, gern erhal - ten. Wenn ſie daher allzu genau mit ihnen be - dinget: ſo ſagen ſie es mir; ich will es ohne ihr Wiſſen ſchon gut machen. Das iſt allezeit meine Weiſe. Sie mag ihr Geld gern behal - ten: und ich wollte ihr auf keine Art Unruhe oder Misvergnuͤgen goͤnnen.
Sie verſetzte, ich waͤre ein recht bedaͤchtlicher Herr: und ſie wuͤrde es auf die erwaͤhnte Be - dingung meiner Gemahlinn uͤberlaſſen, wie ſie den Vergleich einrichten wollte.
Aber, Madame, iſt es nicht erlaubt, in das andere Zimmer nur eben hineinzuſehen, damitich220ich meiner Frauen deſto genauer Nachricht geben kann, wie es beſchaffen und aufgezieret iſt?
Das Frauenzimmer will niemand zu ſich laſſen, mein Herr ‒ Jedoch ‒ Und hiermit woll - te ſie hingehen, von ihr Erlaubniß zu bitten.
Jch ergriff ſie bey der Hand ‒ ‒ Es mag ſeyn wie es will, bleiben ſie, bleiben ſie, Mada - me. Wenn das Frauenzimmer alleine und ge - heim zu ſeyn wuͤnſchet: ſo duͤrfte es ſich nicht ſchi - cken. Machen ſie nicht, daß ich mich ihr auf - dringe.
Kein Auf dringen, mein Herr: dafuͤr ſtehe ich. Das Frauenzimmer iſt von gutem Sinn. Sie wird gewiß ſo guͤtig ſeyn, ein wenig hinunter in den Saal zu gehen. Da ſie nur noch eine ſo kurze Zeit bey mir bleibt: ſo bin ich verſichert, daß ſie mir nicht hinderlich zu ſeyn wuͤnſchen wird.
Das iſt wahr, Madame: wo ſie von gutem Sinne iſt, wie ſie ſagen ‒ ‒ Jſt ſie ſchon lange bey ihnen geweſen?
Nur erſt ſeit geſtern, mein Herr!
Jch glaube, ich habe ſie eben mit einem Blicke geſehen. Sie ſcheint ein aͤltliches Frauen - zimmer zu ſeyn.
Nein, mein Herr: ſie haben ſich verſehen. Es iſt ein junges Frauenzimmer, und eine von den ſchoͤnſten Perſonen, die mir jemals zu Ge - ſichte gekommen ſind.
Ey! ſo muß ich ihretwegen um Verzeihung bitten! Bloß darum: weil ſie mir beſſer gefal -len221len haben wuͤrde; wofern ſie laͤnger bliebe; wenn ſie aͤltlich geweſen waͤre. Jch habe einen wunderlichen Geſchmack, werden ſie ſagen, Ma - dame: aber ich liebe in der That um meiner Frauen willen ein jedes aͤltliches Frauenzimmer. Es iſt in Wahrheit allezeit meine Meynung ge - weſen, daß man das Alter ehren muͤßte. Dieß hat eben verurſachet, daß ich mich an meine ge - genwaͤrtige Liebſte gemacht habe. Jedoch habe ich auch ihre vortheilhaften aͤußerlichen Umſtaͤnde dabey erwogen, das geſtehe ich.
Sie thun ſehr wohl, mein Herr, daß ſie das Alter ehren. Wir hoffen alle, ſo lange zu leben, daß wir alt werden.
Gar recht, Madame. Allein ſie ſagen, das Frauenzimmer ſey ſchoͤne. Nun muͤſſen ſie wiſ - ſen, daß ich zwar mit den aͤlterern umzugehen fuͤr gut gefunden habe, doch aber ein ſchoͤnes jun - ges Frauenzimmer ungemein gern ſehe, eben wie ich gern ſchoͤne Blumen in einem Garten ſehe. Kann man nicht einen Blick auf ſie thun, ohne von ihr bemerkt zu werden? Denn in dieſem Aufzuge, und ſo vermummelt, mag ich mich wahr - lich eben ſo wenig ſehen laſſen, als ſie, wenn ihr die geheime Einſamkeit auch noch ſo lieb ſeyn ſollte.
Jch will hingehen, mein Herr, und fragen, ob ich das Zimmer einem Herrn zeigen darf. Da ſie verheyrathet und nicht uͤberjung ſind: ſo wird ſie vermuthlich deſto weniger Bedenken haben.
So222So hat ſie vielleicht, wie ich, mit aͤltlichen Leuten am liebſten zu thun. Allein ſie mag wohl von juͤngerern etwas gelitten haben.
Jch bilde mir ein, mein Herr, daß es ſo iſt, oder daß ſie es befuͤrchtet. Sie verlanget, ſehr geheim und verborgen zu bleiben, und will, daß wir ſie verleugnen ſollen, wenn jemand mit Be - ſchreibung ihrer Perſon Nachfrage um ſie thut.
Du haſt Recht, meine gute Frau Moore, dachte ich bey mir ſelbſt.
Ey Schade! ‒ ‒ Schade! ‒ ‒ Was mag ihr denn begegnet ſeyn, ich bitte ſie?
Sie haͤlt ihre Begebenheiten ſehr geheim. Soll ich ihnen aber meine Gedanken ſagen: ſo glaube ich, daß es auf die Liebe hinauskommt. Sie weint beſtaͤndig, und fragt nicht viel nach Geſellſchaft.
Gewiß, Madame, es ſchickt ſich nicht fuͤr mich Frauenzimmer-Geheimniſſe auszuforſchen. Jch brauche nicht, mich um anderer Leute Sachen zu bekuͤmmern. Aber, ich bitte ſie, womit bringt ſie ihre Zeit hin? ‒ ‒ Jedoch ſie iſt erſt geſtern zu ihnen gekommen: und ſo koͤnnen ſie das wohl nicht ſagen.
Sie ſchreibt beſtaͤndig, mein Herr.
Solche Weibsleute, Bruder, geben gar nicht darauf, daß ſie etwas nicht wiſſen ſollten, wenn man ſie ausfragt.
Jn Wahrheit, Madame, ich bin nichts we - niger, als neubegierig. Allein wenn ihre Sache verwickelt und nicht bloß Liebe iſt: ſo wollte ichihr,223ihr, weil ſie eine Freundinn von ihnen iſt, mit meinem Rathe dienen.
So ſind ſie ein Rechtsgelehrter, mein Herr ‒ ‒
Ja, Madame, ich bin wirklich einige Zeit bey dem Gerichte geweſen: aber ich habe es ſchon lange nicht mehr getrieben. Jnzwiſchen werde ich in ſchweren Faͤllen von meinen guten Freun - den viel um Rath gefraget. Jch gebe oft Geld zu einer Sache fuͤr Arme, nehme aber, auch von den Reichſten, niemals etwas.
Auf die Art ſind ſie ein ſehr guͤtiger Herr.
Ey, Madame, wir koͤnnen ja nicht beſtaͤndig hier leben, und muͤſſen ſo viel gutes thun, als uns moͤglich iſt ‒ ‒ Aber ich mag nicht gern das An - ſehen haben, daß ich dienſtfertig ſeyn will. Bleibt das Frauenzimmer noch einige Zeit, und findet es fuͤr gut, nach naͤherer Bekanntſchaft, mich um ihre Sache wiſſen zu laſſen: ſo kann es vielleicht ein gluͤcklicher Tag fuͤr ſie ſeyn; wenn ich befinde, daß ſie eine gerechte Sache hat. Denn ſie muͤſſen wiſſen, daß ich niemals, ſo lange ich bey dem Gerichte zu thun gehabt habe, ein ſo bos - hafter Kerl geweſen bin, der um eines elenden Gewinnſtes willen weiß ſchwarz, und ſchwarz weiß, zu machen geſucht haͤtte. Was wuͤrde das wohl anders geweſen ſeyn, als daß ich mich bemuͤhet haͤtte, die Bosheit durch Raͤnke reich und groß zu machen, da ich unterdeſſen an dem Unſchuldi - gen zum Raͤuber geworden waͤre?
Sie ſind ein vortrefflicher Herr: ich wollte wuͤnſchen; und dabey ſeufzete ſie; ich waͤre ſogluͤck -224gluͤcklich geweſen, zu wiſſen daß ein ſolcher Sach - walter in der Welt waͤre; und ſo gluͤcklich, mit ihm bekannt zu ſeyn.
Gut, gut, Fr. Moore; ich denke ſo heißen ſie; es mag ja wohl noch nicht zu ſpaͤt ſeyn ‒ ‒ Wenn ſie und ich beſſer mit einander bekannt ſind: ſo kann ich ihnen vielleicht helfen. Allein laſſen ſie ſich gegen das Frauenzimmer nichts da - von merken: denn, wie ich geſagt habe, ich mag nicht gern das Anſehen haben, daß ich dienſtfertig ſeyn will.
Jch wußte gewiß, wenn die gute Frau Moo - re bey der Probe hielte, die ſie mir von ihrer weib - lichen Gemuͤthsart gegeben hatte, daß eben die - ſes Verbot ſie veranlaſſen wuͤrde, es bey der er - ſten bequemen Gelegenheit zu erzaͤhlen: wofern es zu meinem Zwecke noͤthig ſeyn ſollte.
Es ſchien mir uͤberhaupt ſo gleichguͤltig zu ſeyn, ob ich die Stube oder das Frauenzimmer zu ſehen bekommen koͤnnte, oder nicht, daß die gute Frau deſto begieriger ward, mir beyde zu zeigen: und das um ſo viel mehr, da ich in der Abſicht, ſie zu reizen, geſagt hatte, daß in meinen Augen zu dem Vorzuge eines ſchoͤnen Frauen - zimmers mehr gehoͤrte, als die meiſten Leute fuͤr noͤthig hielten, und daß ich niemals ſechs wirk - lich liebenswuͤrdige Schoͤnheiten in meinem Le - ben geſehen haͤtte.
Kurz, ſie gieng hinein: und kam nach einer kleinen Weile wieder heraus. Das Frauenzim - mer hat ſich in ihr Cloſet begeben, mein Herr:ſie225ſie koͤnnen alſo hineingehen und die Stube an - ſehen.
O! wie fing hierauf mein Herz wieder an, ſeine Affenſtreiche zu ſpielen.
Jch hinkte hinein und ſtolperte herum. Das Zimmer gefiel mir wohl, und ich war verſichert, es wuͤrde auch meiner Frauen gefallen. Jch bat um Entſchuldigung, daß ich mich niederſetzen muͤßte, und frug, wer der Geiſtliche an dem Or - te waͤre? Ob er gut predigte? Wer in der Ca - pelle predigte? Ob er nicht nur gute Predigten hielte, ſondern auch zugleich einen guten Wan - del fuͤhrte. Jch muß hiernach fragen, Mada - me, ſetzte ich hinzu: denn ich kann es nicht ber - gen, ich ſehe gern, daß die Geiſtlichen das auch ſelbſt thun, was ſie predigen.
Gar recht, mein Herr: allein es geſchieht nicht ſo oft, als zu wuͤnſchen waͤre.
Deſto mehr iſt es zu bedauren, Madame. Aber ich habe eine große Hochachtung gegen die Geiſtlichkeit uͤberhaupt. Es iſt vielmehr ein bei - ßender Vorwurf gegen die menſchliche Natur, als gegen den Stand: wenn wir annehmen, daß diejenigen, welche die beſte Gelegenheit haben, gut zu ſeyn, weniger vollkommen ſind, als andere Leute. Jch fuͤr mein Theil halte eben ſo wenig von den Urtheilen uͤber ganze Staͤnde als uͤber ganze Voͤlker ‒ ‒ Jedoch ich halte die Jung - fer in ihrem Cloſet auf. Mein Podagra macht mich unhoͤflich.
Fuͤnfter Theil. PHiemit226Hiemit ſtund ich, wie ein Kruͤppel, von mei - nem Stuhle auf ‒ ‒ Was iſt das fuͤr Zeug zu den Fenſtergardienen, Madame?
Wollenes, mein Herr, auf Damaſten Art.
Es ſieht ſehr ſchoͤn aus und gefaͤllt mir beſſer als Seide. Es iſt gewiß waͤrmer und bequemer auf dem Lande, ſonderlich fuͤr Leute bey Jahren. Das Bette iſt nach einem artigen Geſchmacke ein - gerichtet. Es iſt ſauber und rein, mein Herr: das iſt alles, worauf wir ſehen.
Ey ſehr ſchoͤn ‒ recht ſchoͤn ‒ ſeidner Came - lot, wie ich denke ‒ recht ſchoͤn, in Wahrheit! ‒ ‒ Jch weiß gewiß, es wird meiner Frauen ge - fallen. Aber wir wollten um aller Welt willen das Frauenzimmer nicht aus ihrer Wohnung ver - treiben. Die andern beyden Stuben werden vor der Hand ſchon gut fuͤr uns ſeyn.
Hierauf hinkte ich gegen das Cloſet zu. Ueber der Thuͤre zu demſelben hing ein Gemaͤhlde ‒ ‒ Was iſt das fuͤr ein Gemaͤhlde? ‒ ‒ O! ich ſe - he, es iſt die heil. Caͤcilia.
Es iſt nur ein mittelmaͤßiges Bild, mein Herr!
Recht artig, recht artig! Es iſt nach einem italiaͤniſchen Meiſter gemacht ‒ ‒ Jch wollte um der ganzen Welt willen das junge Frauenzimmer nicht aus ihrer Stube vertreiben. Wir koͤnnen uns mit den andern beyden behelfen. Dieß ſag - te ich noch einmal, weit lauter als vorher; jedoch wiederum mit einer mummelnden und heiſernStim -227Stimme: denn ich gab eben ſo viel auf eine alle - zeit gleiche Ausſprache als auf meine Worte Ach - tung.
O! Belford! da ich meinem Engel ſo nahe war: ſo bedenke, was ich mir fuͤr einen muͤhſa - men Zwang anthun mußte!
Jch hatte beſchloſſen, wenn es moͤglich waͤ - re, ſie herauszuholen, und ſtellte mich, als wenn ich weggehen wollte. ‒ ‒ Sie koͤnnen wohl keine Zeit angeben, Fr. Moore, wann wir dieſe dritte Stube bekommen moͤgen? Koͤnnen ſie es? ‒ ‒ Nicht etwa; ſprach ich mit meinem murmelnden Tone, jedoch laut genug, um in dem naͤchſten Gemach gehoͤret zu werden; nicht etwa, daß ich dem jungen Frauenzimmer Unbequemlichkeit ver - urſachen wollte: ſondern nur, damit ich meiner Frauen ſagen koͤnne, wann ohngefaͤhr ‒ ‒ Die Weiber, wiſſen ſie, Fr. Moore, moͤgen gern alles auf die Art klar vor ſich haben.
Frau Moore, ſagte meine reizende Schoͤne. Und niemals hatte mir ihre Stimme ſo lieblich geklungen. O wie pochte mein Herz wiederum! Es redete ſo gar gewiſſermaßen mit mir. Jch hoͤrte ſein unruhiges Flattern, wie ich dachte, nicht weniger als ich es fuͤhlte: und eine jede Ader an mir kam mir als ein Puls vor. Fr. Moore, ſie koͤnnen den Herrn verſichern, daß ich hier nur zween oder drey Tage aufs hoͤchſte blei - ben werde, bis ich auf einen Brief vom Lande Antwort bekomme. Ehe ich ihnen aber hinder -P 2lich228lich ſeyn moͤchte, will ich mich lieber mit einem Zimmer ein paar Treppen hoͤher begnuͤgen laſſen.
Nein! um aller Welt nicht! um aller Welt nicht, Madame, ſchrie ich. ‒ ‒ Meine Frau, ſo lieb ich ſie auch habe, ſollte eher auf dem Boden unter dem Dache liegen, als einem ſolchen be - daͤchtlichen Frauenzimmer, wie ſie zu ſeyn ſchei - nen, die geringſte Unbequemlichkeit verurſachen.
Sie machte aber die Thuͤre doch noch nicht auf. Jch mußte mehr ſagen. Sie ſind ſehr guͤtig, Madame. Allein wenn ich in das Cloſet nur eben, wie ich ſtehe, hinein ſehen duͤrfte: ſo koͤnnte ich meiner Frauen Nachricht geben, ob es fuͤr einen Schrank, den ſie ſehr hoch haͤlt und al - lezeit allenthalben bey ſich haben will, breit ge - nug iſt.
Darauf oͤffnete mein reizendes Kind die Thuͤ - re; und ſtrahlte in vollem Lichte auf mich zu: in einem ſo ſtarken Lichte, als einen Menſchen, wie man ſich leicht vorſtellen kann, ruͤhren wuͤrde, der blind gebohren worden, und auf einmal bey der Mittagsſonne durch eine guͤnſtige Macht gluͤcklich ſein Geſicht erlanget haͤtte.
Bey meiner Seele, ich war noch niemals vor - her ſo heftig geruͤhret worden. Jch hatte viele Muͤhe, daß ich mich nicht den Augenblick ſelbſt entdeckte. Alles, was ich mit vielem Stottern und großer Verwirrung zu ſagen wußte, indem ich in das Cloſet und in demſelben herum kuckte, war dieſes: Es iſt, wie ich ſehe, Raum da fuͤr den Schrank meiner Frauen; und in dieſem ſindzwar229zwar viele Edelgeſteine von hohem Werthe, aber bey meiner Seele, es kann nichts ſo ſchaͤtzbares hierher gebracht werden, als die gegenwaͤrtige Schoͤne. Jch konnte das Schwoͤren nicht laſſen ‒ ‒ Gewohnheit iſt ein verfluchtes Ding, Bruder!
Sie ward beſtuͤrzt und ſahe mich mit Schre - cken an. Weil mein Compliment die Wahrheit war und mir von Herzen ging: ſo hatte es, ſo viel ich weiß, die Verſtellung aufgehoben, die ich bey meiner Ausſprache zu beobachten ſuchte.
Jch ſahe, daß ich mich unmoͤglich laͤnger vor ihr verbergen konnte: eben ſo wenig, als ich vor den heftigen Trieben meiner Neigung umhin konnte, daß ich mich nicht entdecken ſollte. Jch knoͤpfte alſo meinen Kragen auf, ich zog meinen niedergeſchlagenen liederlichen Hut ab, ich riß meinen großen Mantelrock auf, und, wie der Teufel in Miltons Gedichte, ob es gleich eine wunderliche Vergleichung iſt,
Auf einmal ließ ich mich in goͤttlicher GeſtaltJn eigner Bildung ſehn. O himmliſche GewaltVon ihrer Augen Strahl! der noch weit ſtaͤr -ker ruͤhret,Als jener Spieß, den dort Jthuriel gefuͤhret.
Nun, Belford, moͤchte ich nur ein Gleichniß wiſſen ‒ Nun moͤchte ich etwas aͤhnliches wiſ - ſen, wodurch ich dieß zum Erſtaunen ruͤhrende Schauſpiel und die Wirkung deſſelben uͤber mei - nen reizenden Engel und die gute Frau, erlaͤu -P 3tern230tern koͤnnte. ‒ ‒ Jedoch es hatte nichts aͤhnli - ches, nichts gleiches. Es kann nur durch eine klare und deutliche Erzaͤhlung deſſen, was wirk - lich vorgegangen iſt, beſchrieben und abgeſchildert werden. Auf die Art ſollſt du es denn hier vor dir ſehen.
Sie hatte nicht ſo bald gemerkt, wer es waͤ - re: ſo that ſie dreymal ein gewaltiges Geſchrey. Und ehe ich ſie noch in meine Arme faſſen konn - te; wie ich den Augenblick ſelbſt, da ich mich ent - deckte, zu thun im Begriffe war: ſank ſie mir zu den Fuͤßen in eine Ohnmacht. Jch verfluchte deswegen meine Unbedaͤchtlichkeit, daß ich mich ſo ploͤtzlich und mit ſo vieler Hitze entdecket hatte.
Als die Frau im Hauſe eine ſo wunderbare Verwandlung in meiner Perſon und Bildung, und Stimme und Kleidung gewahr ward: ſo ſchrie ſie wechſelsweiſe Moͤrder! Huͤlfe! Moͤr - der! Huͤlfe! und rannte wohl zwoͤlfmal hier und dort herum. Dieß ſetzte das Haus in Lerm. Es liefen zwo Cammermaͤgdchen herauf, und mein Diener hinter ſie her. Jch rief um Waſſer und Hirſchhorn: und alle flogen faſt hinweg, theils hier, theils dort hinaus. Eine von den Cam - mermaͤgdchen ſtuͤrzte ſo geſchwinde wieder hinun - ter, als ſie heraufgekommen war. Die gute Frau aber lief aus einem Zimmer in das andere, und das Gemach, worinn wir waren, wechſels - weiſe auf und nieder, ohne Abſicht oder Endzweck. Sie231Sie rung ihre thoͤrichten Haͤnde und wußte nicht, was ſie that.
Hierauf kam ein Herr mit ſeiner Schweſter heraufgelaufen, welche das Cammermaͤgdchen, das eben hinunter gerannt war, geholet und her - eingebracht hatte. Weil daſſelbe einen verfluch - ten finſtern alten Kerl, der vom Podagra hinkte, und mit einer heiſernen Stimme aus Mangel der Zaͤhne nur mummelte, hineingeſuͤhret hatte, und dieſer auf einmal in einen lebhaften, mun - tern, jungen Herrn, mit einer reinen Ausſprache und allen ſeinen Zaͤhnen, verwandelt war: ſo blieb ſie dabey, daß ich nichts anders, als der Teufel, ſeyn koͤnnte, und huͤtete meine Fuͤße be - ſtaͤndig mit ihren Augen. Sonder Zweifel war - tete ſie alle Augenblicke darauf, daß ſich die Klauen daran ſehen laſſen ſollten.
Jch meines Theils war ſo geſchaͤfftig, mei - nen Engel wieder zu ſich ſelbſt zu bringen, daß ich ſonſt auf niemand Achtung gab. Endlich, da ſie langſam wiederum einige Bewegung be - kam, mit ſchwerem Seufzen und Gluchſen; ob gleich nur das Weiſſe in ihren Augen auf einige Augenblicke zu erkennen war: ſo rief ich ihr in dem zaͤrtlichſten Tone zu, indem ich bey ihr auf den Knien lag und mit meinem Arm ihren Kopf hielte, mein Engel! mein ſchoͤnſter Engel! mei - ne Clariſſa! ſehen ſie mich nur an, mein werthes Leben! ‒ ‒ Jch bin nicht zornig uͤber ſie ‒ Jch will ihnen verzeihen, meine Allerliebſte!
P 4Der232Der Herr und ſeine Schweſter wußten nicht, was ſie aus dieſem allen machen ſollten: und das noch um ſo viel weniger, als meine Schoͤne, nach - dem ſie ihr Geſicht wieder bekam, von neuem ei - nen Blick auf mich fallen ließ, und dabey alſo - bald wieder ſeufzete und in Ohnmacht ſank.
Jch ſchob das Fenſter in dem Cloſet auf, da - mit friſche Luft hineinzoͤge und uͤberließ ſie hier - auf der Fuͤrſorge des jungen Frauenzimmers, eben der merkwuͤrdigen Jungfer Rawlins, wo - von ich zu Upper-Flask gehoͤret hatte, und der guten Fr. Moore, die unterdeſſen wieder zu ſich ſelbſt gekommen war. Alsdenn ging ich in die eine Ecke von der Stube und ließ mir von mei - nem Diener meine Podagriſten-Struͤmpfe abzie - hen, meinen Hut auskehren und auf die gewoͤhn - liche muntre Art aufftaffiren.
So ging ich in das Cloſet zu dem Herrn Rawlins, den ich vorher in der allgemeinen Ver - wirrung nicht ſonderlich bemerket hatte. Mein Herr, ſagte ich, ſie haben ein außerordentliches Schauſpiel vor ſich. Das Frauenzimmer iſt mit mir verheyrathet, und alle andere Mannsper - ſonen außer mir ſind hier unnoͤthig.
Jch bitte um Verzeihung, mein Herr. Wenn das Frauenzimmer mit ihnen vermaͤhlet iſt: ſo habe ich hier nichts zu thun. Aber, mein Herr, nach dem ruͤhrenden Kummer derſelben bey dem Anblicke von ihnen ‒ ‒
Jch bitte ſie, mein Herr, ſparen ſie alle ihr wenn und aber, ich bitte ſie darum: und be -kuͤm -233kuͤmmern ſie ſich nicht um des Frauenzimmers Kummer. Sie ſind in dieſer Sache ein ſehr unzulaͤßiger Richter, und ich erſuche ſie, mein Herr, erweiſen ſie mir die Hoͤflichkeit, ſich wegzu - begeben. Die Frauensperſonen ſchicken ſich bey dieſer Gelegenheit alleine, ſetzte ich hinzu, und ich achte mich denſelben fuͤr ihre Sorgfalt und ihren guͤtigen Beyſtaͤnd verbunden.
Es war gut, daß er kein Wort mehr ſagte. Denn ich fand, daß mir die Galle ſchon uͤberlau - fen wollte. Jch konnte nicht leiden, daß der ſchoͤnſte Hals, die ſchoͤnſten Arme und Fuͤße von der Welt, den Augen einer lebendigen Seele von Mannsperſonen, außer den meinigen, bloßgeſtellt ſeyn ſollten.
Jch ging noch einmal aus dem Cloſet, als ich merkte, daß ſie ſich wiederum erholen wollte, damit der allzuploͤtzliche Anblick von mir ſie nicht aufs neue außer ſich ſetzte.
Die erſten Worte, welche ſie ſprach, indem ſie mit den heftigſten Regungen um ſich herum ſahe, waren dieſe: O verſtecken ſie mich! Ver - ſtecken ſie mich! Jſt er weg? ‒ O verſtecken ſie mich! Jſt er weg?
Die Jungfer Rawlins kam mit einem etwas entſcheidenden und dreiſten Anſehen zu mir, und ſagte: mein Herr, das iſt eine erſtaunliche Sa - che, das Frauenzimmer kann den Anblick von ih - nen nicht ertragen. Was ſie gemacht haben, das wiſſen ſie ſelbſt am beſten. Allein noch eine ſolche Ohnmacht wuͤrde vermuthlich ihre letzteP 5ſeyn.234ſeyn. Es waͤre alſo nur eine geringe Hoͤflich - keit von ihnen, wenn ſie ſich wegbegaͤben.
Es war mir daran gelegen, daß ich eine ſo merkwuͤrdige Perſon auf meiner Seite behielte; und das um ſo viel mehr, da ich ihren unver - ſchaͤmten Bruder unwillig gemacht hatte.
Das liebe Herz, ſagte ich, hat wohl Urſa - che verwirrt und bekuͤmmert zu ſeyn. Wenn ſie einen Mann haͤtten, Mademoiſelle, der ſie ſo liebte, wie ich jene liebe: ſo bin ich verſichert, ſie wuͤrden nicht von ihm laufen und ſich ſelbſt vie - len widrigen Zufaͤllen bloßſtellen; wie ſie thut, da ſie nirgends hin weiß, ‒ ‒ jedoch ohne eine boͤſe Abſicht ‒ ‒ bloß weil ſie Heimwehen hat. Das iſt ihr Fehler, und ihr einziger Fehler. Der iſt ihr aber um ſo viel weniger zu verzeihen, da ich der Mann bin, deꝛ ſie ſelbſt gewaͤhlet hat, und Urſache habe zu glauben, daß ſie mich mehr, als irgend eine Mannsperſon in der Welt, liebet.
Hier, Bruder, hatte ich nun eine Hiſtorie von der Fraͤulein, und zwar ihr ins Angeſicht, zu vertheidigen(a)Damit du, Belford, hiebey aus Unachtſamkeit nicht uͤber meine Verwegenheit ſtutzeſt, ſo muß ich dich erinnern, und zwar nur wie durch eine Randgloſſe, um den Faden meiner Erzaͤhlung nicht zu zerreiſſen, daß dieſe meine Dreiſtigkeit bloß eine Folge von denen Maaßregeln war, die ich ſchon vorlaͤufig, ſo wie ich dir von Zeit zu Zeitgemel -.
Sie235Sie ſprechen, wie ein artiger Herr, und ſehen auch ſo aus, ſagte Jungfer Rawlins ‒ ‒ Allein, mein Herr, das iſt etwas wunderliches: das Frau -enzimmer(a)gemeldet habe, aus Furcht vor einem ſolchen Zu - fall, als mir itzo wirklich begegnet iſt, genommen hatte. Denn war das liebe Kind nicht ſchon vor vier Cavalliers von Stande und guten Um - ſtaͤnden fuͤr meine Frau ausgegeben worden(*)Siehe den III. Th. S. 495. 501.? War ſie es nicht vor der Frau Sinclair, und ihren Hausgenoſſen, und vor der Jungfer Par - tington? ‒ ‒ Und hatte ſie ſich nicht den Anſchlag ihres Onkels gefallen laſſen, daß ſie dafuͤr von der Zeit an, da Hr. Hickmann dieſem Onkel ih - retwegen einen Antrag gethan hatte, angeſehen werden ſollte(†)Siehe dieſen V. Th. und den III. Brief.; und daß der brave Capitain Tomlinſon die Freyheit haben moͤchte, dieſe Mey - nung mehrern Leuten beyzubringen? Er hat es auch wirklich zwoen Familien erzaͤhlet, und dieſe ver - muthlich mehrern, damit es Jacob Harlowen zu Ohren kommen, und dem Onkel Johann zu einem Grunde dienen moͤchte, worauf er die vorgeſetzte Ausſoͤhnung bauen koͤnnte. (††)Siehe eben dieſen Th. und zwar den III. Brief.Darfſt du wohl denken, daß alle dieſe Erfindungen kein Abſehen gehabt haben, und daß ich nicht noch weiter in Bereitſchaft ſey, meine Hiſtorie zu verthei - digen? Es iſt wahr, ich dachte damals, als ich aus Vorſichtigkeit dieſe Anſchlaͤge faſſete, wenig daran, daß ſie jemals im Stande ſeyn ſollte, wenn ſie ja den Willen haͤtte, aus meinen Haͤnden zu kom - men. Jch vermuthete nicht, daß ich anders Ge -legen -236enzimmer ſcheint ſich vor dem Anblicke von ihnen zu fuͤrchten.
Das(a)legenheit haben wuͤrde, meine Zuflucht dazu zu nehmen, als bloß in dem Fall, wenn ich dreiſte genug ſeyn ſollte, den großen Verſuch zu wagen, und darinn gluͤcklich waͤre. Alsdenn hoffete ich dadurch das liebe Kind, und zwar bloß aus Zaͤrt - lichkeit gegen ſie; denn was habe ich ſonſt jemals die Traurigkeit, die Fluͤche, die Thraͤnen einer Weibesperſon, die ich beſieget hatte, geachtet? dahin zu bringen, daß ſie mich vor ihren Augen leiden, daß ſie mit mir zanken, und ſich durch mei - ne Vertheidigung und ihre kuͤnftige Hoffnung, die auf den Vorſchlag zur Ausſoͤhnung, auf meine wie - derholte Geluͤbde und auf des Capitains Verſiche - rung gegruͤndet waͤre, befriedigen laſſen moͤchte ‒ ‒ Denn haͤtte ſie mir in dem Fall nur verzie - hen; haͤtte ſie ſich erſt auf eine Woche mit mir eingelaſſen: ſo wuͤrde das eben ſo gut geweſen ſeyn, als wenn ſie mir auf ewig verziehen, und ſich auf ewig mit mir eingelaſſen haͤtte. Und ſo wuͤrde meine liebſte Lebensart, das Leben auf Eh - re, Platz gefunden haben. Alle Proben, die ſie auszuhalten gehabt haͤtte, wuͤrden voruͤber gewe - ſen ſeyn. Sie wuͤrde von nichts, als Dankbar - keit, Liebe und Freude, bis an den Tod eines von uns, gewußt haben. Denn niemals wollte ich, niemals koͤnnte ich ein ſo bewundernswuͤrdiges Frauenzimmer verlaſſen haben, als ſie iſt. Du weiſt, ich habe mich niemals als einen nieder - traͤchtigen Betruͤger gegen irgend eine Perſon von denen, die ihr weit nachzuſetzen waren, bewieſen. Die ihr weit nachzuſetzen waren, ſage ich ‒ Denn wer iſt wohl ihr nicht weit nachzuſetzen?
237Das iſt gar kein Wunder, Mademoiſelle. Hiebey fuͤhrte ich ſie ein wenig auf die Seite, naͤher zu der Frau Moore. Jch habe dem lie - ben Kinde ſchon dreymal verziehen ‒ Aber dieſe Eiferſucht ‒ ‒ Es iſt etwas von derſelben dabey ‒ und wohl gar etwas von einer Verruͤ - ckung ‒ ‒ Dieß fliſperte ich ihr nur zu, damit es das Anſehen eines Geheimniſſes haben, und ſie folglich deſto aufmerkſamer machen moͤchte ‒ ‒ Jedoch unſere Geſchichte iſt zu lang ‒ ‒
Jch lenkte mich hiernaͤchſt ſo, als wenn ich zu der Fraͤulein gehen wollte. Allein ſie baten mich, in das naͤchſte Zimmer zu treten. Sie wollten ſie zu bereden ſuchen, daß ſie ſich nieder - legte.
Jch bat, ſie moͤchten nicht zugeben, daß ſie in das Reden kaͤme. Denn ſie waͤre zu Anfaͤl - len geneigt, und wuͤrde in dem Zuſtande von allem ſchwatzen, was ihr in den Sinn fiele. Je mehr man ihr darinn den Willen ließe: deſto aͤrger waͤre ſie. Und wo man ſie nicht in Ruhe hielte: wuͤrde ſie in Raſerey verfallen, die ihr gar leicht eine ganze Woche zuſetzen moͤchte.
Sie verſprachen, ſie ruhig zu halten: und ich begab mich in das naͤchſte Zimmer; indem ich allen und jeden, außer der Frau Moore und Jungfer Rawlins, hinunter zu gehen befahl.
Die Fraͤulein war voll Klagen, welche ſie ausrief. Ungluͤcklich, elend, verlohren und zu Grunde gerichtet nannte ſie ſich ſelbſt. Sie rung ihre Haͤnde, und bat, ſie moͤchten ihr helfen, daßſie238ſie den ſchrecklichen Uebeln entgehen koͤnnte, die ihr ſonſt auszuſtehen ſeyn wuͤrden.
Die beyden Frauensperſonen predigten ihr Geduld und Ruhigſeyn, und wollten gern, daß ſie ſich niederlegen ſollte. Allein ſie ſchlug es ab. Jedoch ſank ſie auf einen bequemen Stuhl. Denn ſie zitterte ſo, daß ſie nicht ſtehen konnte.
Unterdeſſen vermuthete ich, ſie wuͤrde ſich ge - nug erholet haben, die Gegenwart einer Perſon zu ertragen, die ich ſie, weil mir daran gelegen war, zu ertragen noͤthigen mußte. Und da ich beſorgte, ſie moͤchte bey ihren klaͤglichen Ausru - fungen etwas ausſtoßen, das mich noch mehr verwirren duͤrfte: ſo kam ich wieder in das Zim - mer.
O! da iſt er! ſagte ſie, und zog ihre Schuͤr - ze uͤber das Geſicht ‒ Jch kann ihn nicht ſehen! ‒ Jch kann kein Auge vor ihm oͤffnen ‒ ‒ Weg! Weg! Mich nicht angeruͤhrt! ‒
Denn ich nahm ihre ſtraͤubende Hand und bat, ſie moͤchte ſich zufrieden geben. Jch verſi - cherte, daß ich alles nach ihren ſelbſtbeliebigen Bedingungen und Wuͤnſchen mit ihr gut machen wollte.
Niedertraͤchtiger Kerl, ſagte die hitzige Fraͤu - lein, ich habe keine andern Wuͤnſche, als euch nie - mals mehr zu ſehen! Warum muß ich mich ſo verfolgen und jagen laſſen? Habt ihr mich nicht ſchon elend genug gemacht? Entbloͤßt von allem Beyſtande, von aller Huͤlfe und von allen Freun - den bin ich es zufrieden, daß ich arm, niedrig undelend239elend ſeyn muß: wenn ich von euren Verfolgun - gen frey werden kann! ‒ ‒
Die Jungfer Rawlins ſahe mich ſtarre an. Was fuͤr ein vertraulichs Schaͤfchen iſt die Jung - fer Rawlins, dachte ich! Frau Moore that eben das ‒ ‒ Jch habe es ihnen geſagt, fliſperte ich ihnen zu, nachdem ich mich gegen ſie gewandt hatte, und indem ich den Kopf mit einem bekuͤm - merten und mitleidigen Geſichte ſchuͤttelte. Jch fing aber darauf alſobald wieder mit meiner Schoͤnen an zu reden. Meine Allerliebſte, wie wunderlich reden ſie! ‒ ‒ Sie werden ſich von den Wirkungen dieſer Heftigkeit nicht leicht wie - der erholen. Haben ſie Geduld, meine Geliebte! Seyn ſie ruhig! Wir wollen gelaſſen und mit kaltem Muthe von der Sache reden. Sie un - terwerfen ſich ſelbſt ſo wohl als mich ungleichen Urtheilen. Dieſe Frauenzimmer werden gewiß denken, daß ſie unter Raͤuber und Moͤrder gefal - len ſind, und daß ich das Haupt davon bin.
Das ſind ſie auch! das ſind ſie auch! Hie - bey ſtampfte ſie mit dem Fuß, und hielte ihr Ge - ſicht noch immer bedeckt. Sie dachte ſonder Zweifel an die Mittwochens Nacht. Sie ſeuf - zete, als wenn ihr das Herz brechen wollte, und legte ihre Hand an den Vorkopf ‒ ‒ Jch werde ganz außer mir kommen!
Jch will den Vorhang, meine Herzens-Lieb - ſte, nicht von ihrem Geſichte ziehen. Sie ſollen mich nicht anſehen: da ich ihnen ſo verhaßt bin. Allein240Allein dieß iſt eine Heftigkeit, die ich ihnen nim - mermehr zugetrauet haͤtte.
Jch wollte eben meine Lippen an ihre Hand druͤcken, wie ich ſie hielte: aber ſie zog dieſelbe mit Unwillen von mir weg.
Laſſen ſie mich los, Herr, ſagte ſie. Jch will von ihnen nicht angeruͤhret ſeyn. Ueberlaſſen ſie mich meinem Schickſal. Was fuͤr Recht, was fuͤr Anſpruch haben ſie, daß ſie mich ſo verfolgen?
Was fuͤr Recht, was fuͤr Anſpruch, meine Geliebte! Jedoch dieß iſt nicht die Zeit ‒ ‒ Jch habe einen Brief von dem Capitain Tomlinſon ‒ ‒ Hier iſt er ‒ Jch reichte ihr denſelben hin ‒
Jch will nichts von ihren Haͤnden annehmen ‒ Sagen ſie mlr nichts von dem Capitain Tom - linſon ‒ Sagen ſie mir von niemand ein Wort ‒ Sie haben kein Recht, mich ſo zu uͤberfallen ‒ ‒ Noch einmal, uͤberlaſſen ſie mich meinem Schick - ſal ‒ Haben ſie mich nicht elend genug ge - machet?
Jch ruͤhrte eine zarte Saite, damit ich ſie vor den beyden Weibsperſonen in eine ſolche Gemuͤths - bewegung ſetzen moͤchte, daß dadurch mein Ver - lauten von der Verruͤckung beſtaͤtigt wuͤrde.
Was iſt das fuͤr ein Wechſel! ‒ Vor kur - zem ſo gluͤcklich! ‒ ‒ Da nichts als die Ausſoͤh - nung zwiſchen ihnen und ihren Freunden fehlte! ‒ ‒ Da dieſe Ausſoͤhnung ſelbſt auf ſo gutem Fuße! ‒ ‒ Soll eine ſo wenigbedeutende, ſozufaͤl -241zufaͤllige Gelegenheit alle unſere Gluͤckſeligkeit uͤber einen Haufen werfen koͤnnen?
Sie ſprang mit bebender Ungeduld auf und ihre Schuͤrze fiel von ihrem zornigen Geſichte ‒ ‒ Nun, ſagte ſie, da du dich unterſteheſt, die Ge - legenheit wenigbedeutend und zufaͤllig zu nen - nen, und ich gluͤcklich aus deinen ſchaͤndlichen Haͤnden und aus einem Hauſe, das ich fuͤr eben ſo ſchaͤndlich zu halten Urſache habe, heraus bin, Verraͤther und Boͤſewicht! ſo will ich es wagen, ein Auge auf dich fallen zu laſſen ‒ ‒ Und o! daß es in meiner Gewalt ſtuͤnde, zum Beſten meines Geſchlechtes dich erſt zu Schaam und Reue und alsdenn zu Tode zu ſehen.
Dieſe heftige Sprache, die aus den Trauer - ſpielen geborget ſchiene, und die hohe Art, womit ſie dieſelbe vorbrachte, hatten ihre gewuͤnſchte Wirkung. Jch ſahe die beyden Weibsperſonen und die Fraͤulein wechſelsweiſe mit einem mitlei - digen Auge an, und jene ſchuͤttelten ihre weiſen Haͤupter, und baten mich, daß ich wegginge, und ſie, daß ſie ſich niederlegen moͤchte, damit ſie in Ruhe und zu ſich ſelbſt kaͤme.
Dieſer Sturm legte ſich alsbald, wie bey Stuͤrmen gewoͤhnlich iſt, mit einem Platzregen. Sie warf ſich noch einmal in ihren Lehnſtuhl und bat die Frauenzimmer, ihrer heftigen Ausſchwei - fung wegen, um Entſchuldigung; mich aber nicht: und ich vermuthete gleichwohl, wenn es zu Com - plimenten kaͤme, daß ich auch Theil daran haben ſollte.
Fuͤnfter Theil. QJn242Jn Wahrheit, ſagte ich zu den Frauenzim - mern; dreiſte genug, wirſt du ſprechen; die - ſe Heftigkeit iſt meiner Geliebten nach ihrer Art nicht natuͤrlich ‒ ‒ Misverſtaͤndniß ‒ ‒
Misverſtaͤndniß, du elender Kerl! ‒ ‒ Und brauche ich Entſchuldigungen von dir?
O! was fuͤr Verachtung regte ſich dabey in allen ihren lieblichen Zuͤgen!
Sie wandte hiemit ihr Geſicht von mir weg und fuhr fort zu reden. Jch habe keine Geduld, o du betruͤgeriſcher Verraͤther, dich anzuſehen ‒ ‒ Weg von mir! Weg von mir! Wie unter - ſtehſt du dich mit einem ſo unverſchaͤmten Ange - ſichte mir vor Augen zu kommen?
Nunmehr, dachte ich, erforderte der Chara - cter eines Ehemannes, daß ich zornig wuͤrde.
Sie werden ſchon einmal, Madame, dieſe Auffuͤhrung gegen mich bereuen ‒ ‒ Bey meiner Seele, ſie werden es thun ‒ Sie wiſſen, ich ha - be es nicht an ihnen verſchuldet ‒ ‒ Sie wiſſen, ich habe es nicht.
Weiß ich, daß ihr es nicht verſchuldet habt? ‒ Elender Kerl! Weiß ich das?
Sie wiſſen es, Madame ‒ ‒ Und niemals iſt einem Manne von meinem Anſehen und Stande; das hielte ich fuͤr dienlich mit einflieſ - ſen zu laſſen; ſo begegnet worden. Die Fraͤu - lein hub hiebey ihre Haͤnde auf; aber ſie konnte vor Unwillen nicht reden ‒ ‒ Jedoch, fuhr ich fort, es iſt alles von gleichem Schlage mit dem Vorwurf, den ſie auf mich bringen wollen, daßich243ich ſie von allem Beyſtande und von aller Huͤlfe entbloͤße, daß ich ſie arm und niedrig mache, und mit andern ungegruͤndeten Reden. Jch will nur dieß einzige vor den gegenwaͤrtigen beyden Frauenzimmern ſagen, daß, weil es ſo ſeyn muß, und weil ihre vorige Achtung gegen mich in einen ſo ſtarken Haß verwandelt iſt, ich ſie bald, gar bald, gaͤnzlich frey machen werde. Jch will mich wegbegeben ‒ ‒ Jch will ſie ih - rem eignen Schickſale uͤberlaſſen, wie ſie ſich ausdruͤcken: und o! daß daſſelbe gluͤcklich ſeyn moͤge ‒ ‒ Damit ich aber nicht das Anſehen ei - nes Menſchen, der ſie entbloͤße, eines wirklichen Raͤubers, habe: ſo melden ſie mir nur, wohin ich ihre Kleider, und alles, was ihnen ſonſt zuge - hoͤret, ſenden ſoll. Jch will es ſenden.
Schicken ſie es hierher und verſichern mich, daß ſie mir niemals mehr beſchwerlich ſeyn, niemals ſich mehr zu mir naͤhern wollen. Das iſt alles, was ich von ihnen verlange.
Jch will es thun, Madame, ſagte ich mit ei - nem niedergeſchlagenen Weſen. Aber haͤtte ich wohl jemals denken ſollen, daß ich ihnen ſo gleich - guͤltig waͤre? ‒ ‒ Doch dem ſey, wie ihm wolle: ſie muͤſſen mir nichts deſto weniger die inſtaͤndig - ſte Bitte erlauben, daß ſie dieſen Brief leſen, mit dem Capitain Tomlinſon ſprechen und hoͤren wollen, was er ihnen von ihrem Onkel zu ſagen habe. Er wird bald hier ſeyn.
Taͤndeln ſie nicht mit mir, verſetzte ſie mit einem gebieteriſchen Tone ‒ ‒ Erfuͤllen ſie das,Q 2wozu244wozu ſie ſich erboten haben. Jch werde keinen Brief von ihren Haͤnden annehmen. Wenn ich mit dem Capitain Tomlinſon ſpreche: ſo ſoll es auf ſeine eigne, nicht auf ihre, Rechnung geſche - hen. Sie haben ſich verlauten laſſen, daß ſie mir meine Kleider ſenden wollen. Wo ich ir - gend etwas von dem, was ſie ſagen, glauben ſoll: ſo laſſen ſie dieß die Probe von ihrer Aufrichtig - keit ſeyn ‒ ‒ Verlaſſen ſie mich nun und ſchi - cken mir meine Sachen.
Die andern Weibsperſonen ſahen ſtarr[e]. Sie thaten nichts anders, als ſtarre ſehen, und ſchienen immer mehr und mehr verlegen zu ſeyn, was ſie aus der Sache zwiſchen uns beyden ma - chen ſollten.
Jch ſtellte mich, als wenn ich mit Unwillen von ihr gehen wollte. Allein nachdem ich bis an die Thuͤre gekommen war, kehrte ich wieder um: nicht anders, als wenn ich mich von neu - em gefaßt haͤtte. Noch ein Wort, meine Aller - liebſte! ‒ ‒ Reizend auch ſo gar in ihrem Zorne! ‒ O wie ſehr iſt mein Herz bezaubert! Dieß letz - te ſagte ich, indem ich mich halb umkehrte und mein Schnupftuch herauszog.
Jch glaube, Bruder, meine Augen glaͤnzten ein wenig ‒ ‒ Jch zweifle nicht daran ‒ Die beyden Frauensleute hatten Mitleiden mit mir. Die ehrlichen Seelen! ‒ ‒ Sie zeigten, daß ſie auch eine jede ein Schnupftuch haͤtten, ſo gut als ich. Haſt du nicht auf eben die Art bemerkt, damit ich eine bekannte Erlaͤuterung beybringe,daß245daß ein jeder in einer Geſellſchaft von zwoͤlf oder mehr Perſonen mit einer hoͤflichen Artigkeit ſei - ne Uhr herauszieht, wenn etwa jemand gefragt hat: wie iſt es an der Zeit?
Nur ein Wort, Madame, ſprach ich noch einmal, ſo bald meine Stimme ihren Ton wie - der bekommen hatte. Jch habe dem Capitain Tomlinſon die Urſache von unſerm itzigen Mis - verſtaͤndniß auf der vortheilhafteſten Seite vorgeſtellt. Sie wiſſen, worauf ihr Onkel beſtehe, und was ſie ſelbſt genehm gehalten haben. Der Brief, den ſie in meiner Hand ſehen; und dabey bot ich ihr denſelben noch einmal dar; wird ihnen zeigen, was ſie von der geſchaͤfftigen Bosheit ihres Bruders zu fuͤrch - ten haben.
Sie wollte in einem hohen Tone zu reden an - fangen, und ſtieß den Brief mit der offenen fla - chen Hand von ſich ‒ Ey! hoͤren ſie mich doch aus, Madame. Der Capitain, wiſſen ſie, hat es zwoen verſchiednen Perſonen erzaͤhlet, daß wir verheyrathet ſind. Es iſt ihrem Bruder zu Ohren gekommen. Meine Anverwandten haben anch davon gehoͤret. Jch habe Briefe von der Lady Eliſabeth Lawrance und der Fraͤulein Mon - tague bekommen, die man mir dieſen Morgen aus der Stadt gebracht hat. Hier ſind ſie. Jch zog dieſelben aus meiner Taſche und reichte ſie ihr zugleich mit dem Schreiben von dem Ca - pitain hin. Aber ſie zog ihre noch offne Hand zuruͤck, damit ſie ſie nicht annehmen moͤchte. Q 3Ueber -246Ueberlegen ſie, Madame, ich bitte, uͤberlegen ſie die ungluͤcklichen Folgen, welche ihr hoͤchſtempfind - licher Zorn haben kann.
So lange ich ſie gekannt habe, antwortete ſie, bin ich beſtaͤndig in einer Wildniß von Zweifel und Jrrthum geweſen. Jch danke Gott, daß ich aus ihren Haͤnden bin. Jch will meine An - gelegenheiten fuͤr mich zur Richtigkeit bringen. Jch ſpreche ſie von aller Sorge fuͤr mich los. Bin ich nicht mein eigner Herr? ‒ Bin ich es nicht?
Die Weibsleute ſahen ſtarre. Geht zum Teufel mit eurem ſtarre ſehen, dachte ich: koͤnnt ihr denn nichts anders thun, als ſtarre ſehen? Es war hohe Zeit, daß ich der Fraͤulein hier den Mund ſtopfte. Jch erhob meine Stimme, um ſie zu uͤberſchreien. Sie pflegten ja, meine Al - lerliebſte, ſie pflegten ja ſonſt ein zartes und vor - ſichtiges Herze zu haben. Niemals iſt daſſelbe ſo noͤthig geweſen, als itzo.
Laſſen ſie mich fuͤr mich ſelbſt urtheilen, nach dem, was ich ſehen, nicht nach dem, was ich hoͤ - ren werde ‒ Meynen ſie, ich ſoll beſtaͤndig ‒ ‒
Mir ward bange, ſie moͤchte weiter in den Text kommen ‒ Sie muͤſſen mich hoͤren, Ma - dame. Jch erhob meine Stimme noch mehr. Sie muͤſſen mich ihnen einen oder ein paar Ab - ſaͤtze von dieſem Briefe vorleſen laſſen, wo ſie ihn nicht ſelbſt leſen wollen ‒ ‒
Weg247Weg von mir, Kerl! Weg von mir mit dei - nen Briefen! Was haſt du fuͤr Recht, mich ſo zu quaͤlen ‒ ‒
Meine Allerliebſte, was bringen ſie fuͤr Fragen auf die Bahn! Fragen, die ſie eben ſo gut ſelbſt beantworten koͤnnen ‒ ‒
Jch kann, ich will ‒ ‒ Und ſo beantworte ich ſie ‒ ‒
Darauf fing ich geſchwinde noch lauter an zu ſchreyen. Sie ward alſo uͤberſchrien. Ange - nehmes Kind! Es wuͤrde viel ſeyn, dachte ich, ob gleich recht boͤſe auf ſie, wenn ein ſolches Ge - muͤth, als deines iſt, einem ſolchen, wie meines iſt, nicht nachzugeben genoͤthigt werden koͤnnte!
Jch fing an, leiſer zu reden: als ſie ſtille ſchwieg. Ganz ſanft, ganz beweglich war mein Ton: mein Kopf niedergebogen; die eine Hand ausgeſtreckt, und die andere an mein ehr - liches Herz geleget ‒ ‒ Um des Himmels willen, mein liebſter Engel, entſchließen ſie ſich, den Ca - pitain Tomlinſon mit gutem Sinne zu ſehen. Er wuͤrde ſchon mit mir hergekommen ſeyn: wenn ich nicht willens geweſen waͤre zu verſuchen, daß ich ihr Gemuͤthe vorher wegen dieſes ungluͤckli - chen Misverſtaͤndniſſes beſaͤnftigen moͤchte; und das um ihrer eignen Wuͤnſche willen. Denn was geht es mich ſonſt an, ob ihre Freunde mit ih - nen ausgeſoͤhnet werden oder nicht? Brauche ich einige Gunſt von denſelben? ‒ ‒ Ma - chen ſie alſo um ihrer eignen Ruhe willen die Unterhandlung des Capitains Tomlinſons nichtQ 4frucht -248fruchtlos. Dieſer brave Cavallier wird auf den Nachmittag hier ſeyn ‒ ‒ Die Lady Eliſabeth will nebſt meiner Baſe Montague in einem oder zweenen Tagen zur Stadt kommen. Beyde wollen ihren Beſuch bey ihnen abſtatten. Jch bitte, treiben ſie dieß Misverſtaͤndniß nicht ſo weit, daß es der Lord M. die Lady Eliſabeth und die Lady Sarah erfahren. Was fuͤr ein vor - nehmes Anſehen gab mir dieß in den Augen der beyden Frauenzimmer! Die Lady Eliſa - beth wird nicht ablaſſen, bis ſie ſich entſchließen, dieſelbe auf ihren eignen Ritterſitz zu begleiten ‒ ‒ Und dieſer Lady koͤnnen ſie ihre Sache ſicher ver - trauen.
Sie wollte wiederum ausbrechen: da ich ei - nen Augenblick inne hielte. Die Zuͤge in ihrem Geſichte und der Ton von ihrer Stimme gefie - len mir nicht ‒ ‒ „ Meyneſt du, niedertraͤchtiger „ Kerl „ ‒ ‒ das waren die Worte, welche ſie wirklich ausſtieß. Jch erhob meine Stimme aufs neue und uͤberſchrie ſie ‒ ‒ Niedertraͤch - tiger Kerl, Madame! Sie wiſſen, daß ich ſo harte Namen, als ſie mir geben, nicht verdienet habe ‒ So ſchimpfliche Worte von einem ſo ge - laſſenen Gemuͤthe ‒ ‒ Jedoch ſie ſind es, Ma - dame, die mir ſo begegnen ‒ Sie, die ich mehr als meine eigne Seele liebe ‒ ‒ Bey dieſer mei - ner Seele ſchwoͤre ich, daß ich es thue ‒ ‒ Die beyden Weibsperſonen ſahen ſich einander an. Es ſchien, als wenn ihnen mein Feuer gefiele. Frauenzimmer, ſie moͤgen Weiber, Jungfernoder249oder Witwen ſeyn, ſehen gern eine feurige Liebe. Selbſt die Fraͤulein Howe, wie du weiſt, redet feurigen Liebesbezeigungen das Wort. ‒ ‒ Nichts deſto weniger; ſo fuhr ich fort; muß ich ſagen, daß ſie bey dieſer Gelegenheit die Sache zu weit getrieben haben, Jch ſehe, ſie haſſen mich ‒ ‒
Sie war eben im Begriff zu ſprechen ‒ ‒ Muͤſſen wir auf ewig getrennet ſeyn, ſagte ich darauf weiter mit einer ſtarken und nachdruͤckli - chen Stimme: ſo ſoll dieſe Jnſel nicht lange von mir beſchweret werden. ‒ ‒ Unterdeſſen laſſen ſie ſich doch nur belieben, dieſe Briefe durchzuſehen, und uͤberlegen, was ihres Onkels Freunde zu ſa - gen iſt, und was er ihrem Onkel ſagen ſoll ‒ ‒ Zu allem will ich behuͤlflich ſeyn; ſie moͤgen mir entſagen, wenn ſie wollen; was zu ihrer Beru - higung und zu der Ausſoͤhnung, die ihnen noch ſo kuͤrzlich am Herzen gelegen, irgend dienen kann. Aber nach meiner geringen Einſicht halte ich unmaßgeblich fuͤr nothwendig, daß ſie eine beſſere Geſinnung gegen mich annehmen: wenn es auch nur deswegen geſchehen ſollte, damit dem, was vorgegangen iſt, ein vortheilhafter Schein, und allem kuͤnftigen Antrage bey ihren Freun - den, auf was Art ſie auch denſelben zu thun fuͤr dienlich befinden werden, einiges Gewicht dadurch gegeben wuͤrde.
Jch legte ſo dann die Briefe auf ihren Schooß, und ging mit einer tiefen Bewegung und einem recht nachdruͤcklichen Geſichte in das naͤch - ſte Zimmer.
Q 5Die250Die beyden Weibsperſonen folgten mir alſo - bald nach. Fr. Moore ging weg; damit ſie der ſchoͤnen Unart Zeit laſſen moͤchte die Briefe zu leſen. Die Jungfer Rawlins that es aus eben der Urſache, und weil ſie nach Hauſe gerufen wurde.
Die Witwe bat die Jungfer, daß ſie bald wiederkommen moͤchte. Jch vereinigte meine Bitte mit der ihrigen: und ſie war willig genug, uns dieſe Gefaͤlligkeit zu verſprechen.
Jch entſchuldigte mich bey der Fr. Moore wegen der Verkleidung, worinn ich zuerſt erſchie - nen war, und wegen des Maͤhrchens, das ich er - ſonnen hatte. Jch gab ihr zu verſtehen, daß ich mich verbunden hielte, fuͤr das ganze Stock - werk, worinn wir waren, und fuͤr eine Stube weiter hinauf fuͤr meinen Diener, es mit ihr gut zu machen; und zwar auf einen Monat gewiß.
Sie machte verſchiednes Bedenken und bat, daß ich darauf bey ihr nicht dringen moͤchte, bis ſie die Jungfer Rawlins um Rath gefragt haͤtte.
Jch lleß es mir gefallen: aber erinnerte zu - gleich, daß ſie von mir Handgeld genommen haͤt - te; und ich hoffete, es wuͤrde ſich daruͤber nicht mehr ſtreiten laſſen.
Eben den Augenblick kam die Jungfer Raw - lins wieder. Eine heftige Neubegierde ſahe ihr aus den Augen. Da ſie gehoͤret hatte, was un - terdeſſen zwiſchen der Fr. Moore und mir vorge - fallen war: ſo nahm ſie alſobald ein dienſtferti - ges Geſicht an; woruͤber ich mein Wohlgefallenbezeig -251bezeigte, weil ich offenbar ſahe, daß, wenn ich ſie auf meiner Seite haͤtte, die andere auch fuͤr mich waͤre.
Sie wuͤnſchte; wenn Zeit dazu waͤre, und es ihr nicht als eine große Unbeſcheidenheit ausge - legt wuͤrde, es zu verlangen; daß ich der Fr. Moore und ihr eine kurze Nachricht von einer Sache geben moͤchte, die nach ihrem Ausdrucke neu, geheimnißvoll und wunderbar ausſaͤhe: denn bisweilen kaͤme es ihr vor, als wenn wir verhey - rathet waͤren; bald aber ſchiene dieß wieder zwei - felhaft; und gleichwohl leugnete es das junge Frauenzimmer nicht ſchlechterdings; hielte ſich aber bey dem allen fuͤr hoͤchſt beleidiget.
Unſere Begebenheiten, antwortete ich, waͤren etwas ſehr beſonderes. Wenn ich ſie ihnen er - zaͤhlte: ſo wuͤrde eines und das andere davon ih - nen kaum glaublich vorkommen. Jedoch weil ich ſie fuͤr bedaͤchtliche Perſonen hielte: ſo wollte ich ihnen den ganzen Verlauf kuͤrzlich erzaͤhlen; und zwar ſo deutlich und aufrichtig, daß dadurch alles, was zwiſchen der Fraͤulein und mir vorge - gangen waͤre, oder noch ferner vorgehen moͤchte, zu ihrer Befriedigung in voͤlliges Licht geſetzt wuͤrde.
Sie ſetzten ſich bey mir nieder und richteten alle Zuͤge ihres Geſichtes zur Aufmerkſamkeit ein. Jch war entſchloſſen, der Wahrheit ſo nahe zu kommen, als moͤglich waͤre, damit meiner Ge - liebten nicht etwas entfallen koͤnnte, das mich Luͤ - gen ſtrafen moͤchte. Doch ſuchte ich auch das,was252was auf der Hoͤhe bey Hampſtead vorgefallen war, nicht aus den Augen zu laſſen.
Du weiſt zwar meine ganze Geſchichte und ein gutes Theil von meinen Abſichten. Es iſt aber doch noͤthig, dir das Weſentliche von dem, was ich ihnen erzaͤhlte, zu melden.
„ Jch gab ihnen ſo kurz, als ich konnte, Nach - „ richt von unſern Familien, Gluͤcksumſtaͤnden, „ Verwandtſchaften, Feindſeligkeiten und ſonder - „ lich von der zwiſchen ihrem Bruder und mir. „ Jch behauptete, daß wir wirklich ins geheim ge - „ trauet waͤren. „ Aus dem Briefe von dem Capitain, den ich einſchließen will, wirſt du ſe - hen, was ich fuͤr Urſachen dazu gehabt habe. Außer dem moͤchten mir auch vielleicht die Weibs - perſonen einen Pfarrer vorgeſchlagen haben, der unſern Streit ſchlichten ſollte. „ Jch entdeckte „ ihnen die Bedingung, welche ich meiner Ge - „ mahlinn haͤtte ſchwoͤren muͤſſen, und woran ſie „ mich feſt hielte, damit ſie, ſagte ich, deſto eher „ mich zu der Ausſoͤhnung mit ihren Angehoͤrigen „ bewegen moͤchte. “
„ Jch geſtand, daß dieſer Zwang mich bis - „ weilen auszufliegen reizte. “ Und Fr. Moore war ſo guͤtig, daß ſie ſich erklaͤrte, ſie wunderte ſich daruͤber nicht gar ſehr.
Du biſt eine recht gute Art von Weibern, Fr. Moore, dachte ich dabey.
Weil die Fraͤulein Howe unſere Mutter wirk - lich ausgekundſchaftet hat, und es nicht unmoͤglich iſt, daß ſie noch ein Mittel finde, ihre Entdeckun -gen253gen ihrer Freundinn zu offenbaren: ſo hielte ich es fuͤr dienlich, die beyden Weibsperſonen durch eine gute Meynung von der Fr. Sinclair und ih - ren Muͤmchen zum voraus einzunehmen.
Jch ſagte, „ ſie waͤren von gutem Herkom - „ men und haͤtten kein boͤſes Herze. Meine Ge - „ mahlinn waͤre in der That keine Freundinn von „ ihnen: weil ſie ſich einmal alle mit einander die „ Freyheit genommen haͤtten, ihre uͤbertriebene „ Bedenklichkeit gegen mich zu tadlen. Leute, „ ſetzte ich hinzu, ja wohl gar rechtſchaffene Leu - „ te, die ſich eines Fehlers bewußt waͤren, den ſie „ keine Luſt haͤtten zu beſſern, ließen gar zu oft „ die groͤßte Ungeduld blicken, wenn man ihnen „ denſelben vorhielte: da ſie weniger, als andre, „ leiden koͤnnten, daß man gleichguͤltig von ihnen „ daͤchte.
Sie geſtunden, dieß geſchehe mehr als zu oft.
„ Der Fr. Sinclair Haus waͤre ein ganz ar - „ tiges Haus, und fuͤr Leute vom erſten Range be - „ quem. Wahr genug, Bruder! Sie ſelbſt „ waͤre eine Wittwe von recht guten Umſtaͤnden: „ eine Wittwe von gutem Stande ‒ wie ſie ſind, „ Fr. Moore. Sie vermiethet Zimmer ‒ ‒ wie „ ſie, Fr. Moore. Sie iſt vordem unter vortheil - „ haftern Umſtaͤnden geweſen ‒ wie ſie, Fr. Moo - „ re, vielleicht auch geweſen ſind. Sie iſt die „ Wittwe des Obriſten Sinclair: Sie, Fr. Moo - „ re, koͤnnen den Obriſten Sinclair wohl kennen „ ‒ ‒ Er hat zu Hampſtead Zimmer gehabt.
Sie hatte von dem Namen gehoͤret.
„ O!254„ O! er war mit den beſten Familien in „ Schottland verwandt: und ſeine Witwe wird „ nicht geachtet, weil ſie Zimmer vermiethet. Sie „ wiſſen, wie es geht, Fr. Moore ‒ Sie wiſſen, „ Jungfer Rawlins ‒ ‒
Mehr als zu wahr, mehr als zu wahr. Sie konnten ſich nicht entbrechen zu ſagen, daß es ei - nem ſolchen Frauenzimmer, als meine Gemah - linn, eben nicht artig ſtuͤnde, ſo tadelſuͤchtig zu ſeyn.
Hier habe ich einen Grund, dachte ich, wo - durch ich mir die Huͤlfe dieſer Weibsperſonen, meine fluͤchtig gewordene Schoͤne wieder zuruͤck - zubringen, oder wenigſtens ihre Nachſicht dabey verſchaffen kann. Hier habe ich einen Grund aller kuͤnftigen Kundſchaft von der Fraͤulein Ho - we vorzubauen.
Jch gab ihnen einen Abriß von dieſem maͤnn - lichen Frauenzimmer, und bemerkte „ daß ſie „ ſchwerlich ihres gleichen unter ihrem Geſchlechte „ haͤtte, wenn es auf einen Kopf Ungluͤck zu ſchmie - „ den, und auf ein Herz es auszufuͤhren an - „ kaͤme.
Dieſe Fraͤulein Howe, ſagte Fr. Moore, waͤ - re es, wie ſie vermuthete, an welche meine Ge - mahlinn mit ſo großem Verlangen einen Kerl zu Pferde bey anbrechendem Tage mit einem Brie - fe, den ſie die vorige Nacht, ehe ſie zu Bette ge - gangen waͤre, geſchrieben haͤtte, abzuſchicken ge - ſucht habe: mit dem Verlauten, nicht laͤnger zublei -255bleiben, als bis ſie eine Antwort darauf bekom - men haͤtte.
Es iſt eben dieſelbe, erwiederte ich. Jch wußte wohl, daß ſie unmittelbar zu dieſer ihre Zuflucht nehmen wuͤrde. Es wuͤrde mehr, als ein Gluͤck, fuͤr mich geweſen ſeyn: haͤtte ich einen ſolchen Brief auffangen oder es ſo ſpielen koͤnnen, daß er der Fr. Howe, ſtatt ihrer Tochter, zu Haͤn - den gekommen waͤre. Frauensperſonen, die eine Zeitlang in der Welt gelebt haͤtten, wuͤßten beſ - ſer, was ſich ſchickte, als daß ſie junge Weiber in ſolchen wunderlichen Grillen ſtaͤrken ſollten.
Jch muß hier ein wenig abbrechen, und dir, weil ich eben daran denke, ſchreiben, daß ich nach - her Wilhelmen ſeinen Beſcheid gegeben, den Auf - enthalt des Mannes, der mit dem Briefe mei - ner verlaufenen Schoͤne abgegangen iſt, ausfuͤn - dig zu machen, und bey ſeiner Ruͤckkehr vorher mit ihm zu ſprechen, ehe ſie mit ihm ſpricht.
Den beyden Weibsleuten erzaͤhlte ich ferner, „ daß ich gaͤnzlich daran verzweifelte, ob es jemals „ beſſer mit uns werden wuͤrde, ſo lange die Fraͤu - „ lein Howe eine ſo große Gewalt uͤber meine Ge - „ mahlinn behielte und ſelbſt unverheyrathet „ bliebe; und bis die Ausſoͤhnung mit ihren „ Freunden auszuwirken ſtuͤnde; oder eine noch „ gluͤcklichere Veraͤnderung ‒ ‒ wie ich es noth - „ wendig anſehen muͤßte, der ich der letzte maͤnn - „ liche Erbe von meiner Familie waͤre, und durch „ mein thoͤrichtes Geluͤbde und ihre Strenge bis - „ her ‒ ‒
Hiebey256Hiebey hielte ich inne, nahm ein ſchamhafti - ges Geſicht an und drehete meinen diamantenen Ring am Finger herum: da unterdeſſen die gute Fr. Moore ſehr nachdenklich ausſahe und es ei - nen ganz beſondern Fall nannte; das unverhey - rathete Frauenzimmer aber die Augen mit ihrem Fecherſpiel wegwandte, ſchamhaft that und den Mund zog, um zu zeigen, daß das, was ich ſagte, keine weitere Erklaͤrung brauchte.
„ Jch erzaͤhlte ihnen die Gelegenheit zu un - „ ſerer gegenwaͤrtigen Mishelligkeit; behauptete, „ daß das Feuer kein Blendwerk geweſen waͤre: „ aber geſtand, daß ich mir kein Gewiſſen gemacht „ haben wuͤrde, weil ich das Recht eines Gemahls „ fuͤr mich haͤtte, den unnatuͤrlichen Eid, dadurch „ ich von ihr gebunden waͤre, zu brechen; da ſie „ der Schrecken durch einen ſo ungefaͤhren Zufall „ mir in die Arme gejagt haͤtte. Jch machte mir „ ſelbſt den groͤßten Vorwurf, daß ich es nicht ge - „ than: in Erwaͤgung deſſen, daß ſie fuͤr gut fuͤn - „ de, ihren Unwillen ſo hoch zu treiben, und mir „ ſo wenig Recht wiederfahren ließe, zu vermu - „ then, daß das Feuer ein geſpielter Streich von „ mir waͤre. “
Und wenn es auch waͤre; ſagte Fr. Moore ‒ ‒ Da wir verheyrathet waͤren und die guaͤdige Frau ſo wunderlich ‒ ‒ Ein jeder Herr wuͤrde nicht ‒ ‒ Hier brach Fr. Moore ab.
„ Zu vermuthen, daß ich zu einem ſo elenden „ Streiche meine Zuflucht nehmen ſollte, fuhr ich „ fort, da ich das liebe Kind alle Stunden ſaheWar257War das nicht ein kuͤhnes Vorgeben, Bru - der?
Jn Wahrheit, ein ſehr außerordentlicher Fall! ſprach das unverheyrathete Frauenzimmer. Sie machte ſich mehrentheils mit ihrem Fecher etwas zu thun: jedoch kam ſie auch ein mit ih - rem gut, aber, mit ihrem ausforſchenden Jch bitte, mein Herr! und ihrem zuruͤckhaltenden Genug mein Herr! Sie fiel von einer Frage auf die andere. Bisweilen war ihr der Sitz nicht bequem, aus Furcht, ich moͤchte aus allzu geringer Bedenklichkeit ihre uͤbermaͤßige Scham - haftigkeit beleidigen: und gleichwohl war es ſchwer, ihre mehr als uͤbermaͤßige Neubegierde zu ſtillen.
„ Die Eiferſucht meiner Geliebten, die von „ ſelbſt den Frauenzimmern tauſend Dinge, die „ ſich ſonſt nicht erklaͤren laſſen, begreiflich macht, „ und der Vorwurf einer halben Verruͤckung, „ welche durch den gottloſen Fluch ihres Vaters, „ und durch die vorhergehenden Verfolgungen „ von ihrer ganzen Familie bey ihr entſtanden „ waͤre, waren dasjenige, wobey ich mich vornehm - „ lich aufhielte, damit ich den kuͤnftigen Faͤllen „ vorbeugen moͤchte.
Kurz; „ ich bekannte wider mich ſelbſt das „ meiſte von denen Beleidigungen, welche mir die „ Fraͤulein, wie ich nicht zweifeln durfte, vor ih - „ ren Ohren vorhalten konnte. Da eine jede „ Sache eine gute und eine ſchlimme Seite hat: „ ſo ſuchte ich den ſchlimmſten Theilen von unſe -Fuͤnfter Theil. R„ rer258„ rer Geſchichte durch die artigſten Wendungen „ aufzuhelfen. Als ich fertig war: gab ich ih - „ nen einige parteyiſche Winke von dem Jnhalt „ des Briefes von dem Capitain Tomlinſon, den „ ich bey ihr gelaſſen hatte: mit der Erinnerung, „ daß ſie gegen die Nachfrage Jacob Harlowens „ und des Capitain Singleton oder eines jeden, „ der einem Schiffer aͤhnlich ſaͤhe, auf ihrer Hut „ ſeyn moͤchten. “ Dieß war noͤthig: du wirſt es aus dem Briefe ſelbſt erkennen. Hier magſt du ihn alſo leſen. Und du wirſt finden, wenn du die geringſte Aufmerkſamkeit auf den Jnhalt deſ - ſelben wendeſt, daß es ein vortrefflicher Brief zu meiner Abſicht iſt.
Meine Geſchaͤffte erfordern zwar, daß ich mor - gen oder hoͤchſtens uͤbermorgen ſelbſt zur Stadt komme. Dennoch habe ich nicht unterlaſſen wollen, mit einem von meinen Bedienten, den ich einer beſondern Angelegenheit wegen vorausſende, an Sie zu ſchreiben, um Jhnen zu melden, daß Sie wahrſcheinlicher Weiſe von einigen Jhrer eignen Verwandten Jhre [vorgege - bene*Alles, was zwiſchen ſolchen Haͤckchen [] einge - ſchloſſen iſt, kannſt du als etwas anſehen, das ichden] Vermaͤhlung hoͤren werden. HerrLilbur -259Lilburne, einer von denen Perſonen, welchen ich meine Vermuthung von Jhrer Heyrath merken ließ, iſt von ohngefaͤhr mit Herrn Spurrier, dem Haushofmeiſter der Lady Eliſabeth Lawrance, be - kannt geworden, und hat es, weil ihm nichts ver - boten war, dem Hrn. Spurrier, und dieſer wie - derum der Lady Eliſabeth, als gewiß geſaget. Deswegen hat ſich Jhro Gnaden, ob ich gleich nicht die Ehre habe derſelben perſoͤnlich bekannt zu ſeyn, durch ihren Hofmeiſter bey mir erkundi - gen laſſen. Wie der in Geſellſchaft des Herrn Lilburne zu mir kam: ſo hatte ich keinen andern Weg uͤbrig, als die Nachricht zu bekraͤftigen. Jch merke, daß die Lady Eliſabeth es uͤbel nimmt, daß ſie eine ſo erwuͤnſchte Neuigkeit nicht von Jh - nen ſelbſt erfahren hat.
Jhro Gnaden ſcheinet Geſchaͤffte zu ha - ben, weswegen ſie zur Stadt kommen muß: [und Sie werden vermuthlich ihr aus dem Jrr - thume zu helfen dienlich achten. Thun Sie das: ſo wird es hoffentlich im Vertrauen geſchehen; damit nicht aus Jhrer eignen Familie etwas un - ter die Leute gebracht werde, das meiner Ausſage widerſpreche.]
[Jch bin allezeit der Meynung geweſen, daß man in allen Faͤllen aufs genaueſte bey der Wahrheit bleiben muͤſſe: und es macht mirR 2Unruhe,*den beyden Frauensleuten, bey meiner Erzaͤhlung von dem Jnhalte dieſes Briefes, verſchwiegen habe.260Unruhe, daß ich von meiner alten Regel, ob gleich in ſo guter Abſicht, gewichen bin. Allein, mein lieber Freund Johann Harlowe wollte es ſo ha - ben. Jnzwiſchen habe ich niemals eine Abwei - chung von dieſer Art, eine ganz einfache Ab - weichung, die nur einen einzigen Tritt ausmachet, gefunden. Nichts deſto weniger, damit es ſo gut werde, als es immer werden kann, erlauben Sie mir, mein Herr, daß ich die Fraͤulein noch ein - mal erſuche, die ausgebrachte Nachricht wahr zu machen.] Wenn ſie beyde die Sache einhellig geſtehen: ſo wird es bey einem jeden eine unver - ſchaͤmte Dreiſtigkeit ſeyn, genau nach dem Tage oder der Woche zu fragen. [Und wer wird im Stande ſeyn, meine Ausſage einer Falſchheit zu beſchuldigen; wenn es ſo geheim vollzogen wird, als Sie geſonnen ſind: da die Weibsleu - te, bey denen Sie wohnen, gehoͤrig vorbereitet ſind, wie Sie ſagen, und wirklich glauben, daß Sie ſchon laͤngſt getrauet worden?]
Unterdeſſen iſt ſehr wahrſcheinlich, daß genaue Nachfrage geſchehen wird: und deswegen iſt es noͤthig, ſich vorher wohl zu verwahren. Denn Herr Jacob Harlowe will nicht glauben, daß Sie vermaͤhlet ſind. Er weiß gewiß, ſaget er, daß Sie beyde mit einander in einem Hauſe gewoh - net haben, als Herr Hickmanns Antrag bey Hrn. Joh. Harlowe geſchehen iſt. Wenn Sie aber eine Zeitlang bey einander gelebet haben: ſo ſchließet er aus Jhrem Charakter, Herr Lovelace, es ſey nicht wahrſcheinlich, daß Sie es jemals zurHey -261Heyrath kommen laſſen werden. Er uͤberlaͤſſet es dabey ſeinen beyden Onkeln zu entſcheiden, ob man nicht, wenn Sie auch verheyrathet ſeyn ſollten, Urſache zu glauben habe, daß ſeine Schwe - ſter vorher entehret ſey. Und waͤre das: ſo moͤch - ten dieſelben auch ſelbſt urtheilen, was ſie fuͤr Recht zu ihrer Gewogenheit oder zu der Verzei - hung von einem ihrer Familie haben koͤnnte. Jch glaube, mein Herr, es wird am beſten ſeyn, daß Sie dieß Stuͤck von meinem Briefe vor der Fraͤulein geheim halten.
So viel iſt gewiß: der junge Herr Harlowe iſt feſt entſchloſſen, dieß auszukundſchaſten, und ſo gar mit ſeiner Schweſter zu ſprechen. Zu dem Ende iſt er heute morgen, wie ich von ſicherer Hand weiß, mit einem großen Gefolge, wohl be - waffnet, ausgereiſet: und Herr Solmes ſoll die Partey verſtaͤrken. Was ihn aber deſto eifriger macht, es auszuforſchen, iſt dieſes. Herr Joh. Harlowe hat der ganzen Familie eroͤffnet, daß er geſonnen ſey, ſeinen letzten Willen zu aͤndern und neu aufſetzen zu laſſen. Eben das iſt Herr An - ton Harlowe in Anſehung ſeiner zu thun entſchloſ - ſen: denn es ſcheint, daß er die Gedanken, ſich zu veraͤndern, aufgegeben hat, nachdem ihm vor kurzem ſeine Abſicht in dieſem Stuͤcke bey der Fr. Howe fehlgeſchlagen iſt. Die beyden Bruͤder handeln uͤberhaupt auf einhellige Art. Nun befuͤrchtet Herr Jacob Harlowe; und ich kann es Jhnen wohl ſagen, er hat Urſa - che dazu, nach dem, was mir mein Hr. HarloweR 3erzaͤhlet262erzaͤhlet hat; daß ſeine juͤngſte Schweſter durch die vorgeſetzte Aenderung zuletzt mehr Vortheil erhalten werde, als er wuͤnſchet. Er hat ſich ſchon Muͤhe gegeben, ſeinen Onkel Harlowe dar - uͤber auszufragen, und gern wiſſen wollen, ob von Seiten ſeiner Schweſter ein neuer Antrag an ihn gekommen ſey. Herr Harlowe wollte ihm nicht eigentlich antworten: ſondern bezeigte, wie ſehr er eine allgemeine Ausſoͤhnung wuͤnſchte, und daß er hoffte, ſeine Baſe wuͤrde verheyrathet ſeyn. Daruͤber ward der hltzige junge Herr boͤſe: und er erinnerte ſeinen Onkel an die Ver - pflichtungen, die ſie alle bey ſeiner Schweſter Entlaufung uͤbernommen haͤtten, ſich nicht an - ders, als mit allgemeiner Einwilligung, auszuſoͤhnen.
Herr Joh. Harlowe beklagt ſich oft gegen mich uͤber die Unbaͤndigkeit ſeines Vetters, und ſagt, daß der junge Herr itzo, da er niemand hat, fuͤr deſſen hoͤhere Einſicht er Achtung haben muß, in ſeiner Auffuͤhrung gegen keinen von ihnen den Wohlſtand beobachtet. Dieß vermehret bey meinem Herrn Harlowe mehr, als jemals, das Verlangen, ſeine juͤngſte Baſe wieder in Gunſt zu bringen. Jch will nicht alles ſagen, was ich von des jungen Herrn außerordentlichen Gierig - keit ſagen koͤnnte: aber man ſollte denken, daß ſolche Leute, die alles an ſich ziehen wollen, ewig in der Welt zu leben vermuthen.
„ Jch nahm mir erſt vor kaum zwo Stunden „ die Freyheit, die Errichtung eines Briefwech -ſels263„ ſels zwiſchen meinem Freunde und ſeiner „ Tochter Baſe, wie er ſie noch bisweilen aus „ herzlicher Liebe nennet, vorzuſchlagen, und erbot „ mich, es unter meinem Umſchlage geſchehen zu „ laſſen. Sie beſaͤße ſo viele Klugheit, ſagte ich, „ daß ich verſichert waͤre, ſie wuͤrde alles weit beſ - „ ſer, als ſonſt jemand, zu dem erwuͤnſchten Ende „ lenken koͤnnen. Allein er gab zur Antwort, „ er achtete es gegenwaͤrtig ſeiner Freyheit nicht „ vollkommen uͤberlaſſen, einen ſolchen Schritt zu „ thun: und es waͤre beſſer, wenn es in ſeiner „ Gewalt bliebe, bey vorfallender Gelegenheit frey „ zu bekennen, daß er keinen Briefwechſel mit ihr, „ oder keinen Brief von ihr haͤtte.
„ Aus dem allen, mein Herr, werden ſie ſehen, „ wie noͤthig es ſey, unſere Unterhandlung als ein „ gaͤnzliches Geheimniß zu halten. Sollte „ die Fraͤulein ihrer wuͤrdigen Freundinn, der „ Fraͤulein Howe, etwas davon geſchrieben haben: „ ſo hoffe ich, daß es nur im Vertrauen geſchehen „ ſeyn wird. „
[Nun muß ich Jhnen aber auch ein paar Zeilen zur Antwort auf Jhr Geehrtes vom vo - rigen Montage ſchreiben.]
[Herr Harlowe war ſehr wohl zufrieden, daß Sie ſich ſeinen Vorſchlag ſo willig gefallen laſ - ſen. Wenn Sie aber beyde verlangen, daß er bey der Trauung gegenwaͤrtig ſeyn moͤchte: ſo gab er dagegen zu bedenken, wie ſein Vetter alle ſeine Schritte und Tritte ſo genau bewachte, daß er es nicht fuͤr thunlich hielte, wenn er auch dazuR 4geneigt264geneigt waͤre, Jhnen dieſe Gefaͤlligkeit zu erwei - ſen. Jedoch wollte er von Herzen gern geſche - hen laſſen, daß ich diejenige Perſon waͤre, die von ſeiner Seite ins geheim bey Vollziehung dieſes Kirchengebrauchs gegenwaͤrtig ſeyn ſollte.]
[Nichts deſto weniger denke ich ein Mittel zu haben, wodurch der Sache abgeholfen wer - den kann: wofern Jhre Fraͤulein noch immer ein großes Verlangen nach ihres Onkels Gegen - wart traͤget; es waͤre denn, daß er ſich feſter ent - ſchloſſen haͤtte, als ſeine Antwort anzuzeigen ſchien. Jch werde Jhnen daſſelbe, und vielleicht auch was er dazu ſagt, eroͤffnen: wenn ich das Ver - gnuͤgen habe, Sie in der Stadt zu ſehen. Jn der That aber denke ich, daß Sie keine Zeit zu verlieren haben. Herr Harlowe wartet mit Un - geduld auf die Nachricht, daß Sie wirkllch ver - einigt ſind: und ich hoffe ihm, wenn ich Sie ehe - ſtens wieder verlaſſe, die Zeitung zuruͤckzubrin - gen, daß ich die Trauung vollzogen geſehn habe.]
[Sollte von der Fraͤulein etwas in den Weg geleget werden; denn von Jhnen kann es nicht geſchehen: ſo werde ich in Verſuchung ge - rathen, von ihrer Bedenklichkeit ein wenig hart zu gedenken.]
Herr Harlowe macht ſich die Hoffnung, daß Sie, mein Herr, dem ungeſtuͤmen jungen Men - ſchen mehr aus dem Wege, als entgegen zu gehen, ſuchen werden. Er hat eine deſto beſſere Meynung von Jhnen; das kann ich Jhnen wohlſagen:265ſagen: da ich ihm Jhre Maͤßigung und Jhr ar - tiges Bezeigen erzaͤhlet habe, von welchen beyden Eigenſchaften keine ſeinem Vetter beywohnet. Allein wir haben alle unſere Fehler.
Sie koͤnnen ſich nicht vorſtellen, wie herzlich mein Freund noch ſeine unvergleichliche Baſe liebet. Jch will Jhnen zum Beweiſe davon nur ein Beyſpiel geben, welches mich nicht wenig ruͤhrte. „ Wenn ich nur noch einmal; ſagte er, „ da wir vor dem letzten mal bey einander waren; „ dieß angenehme Kind, als meine Hauswirthinn „ in dem mir zugefallenen Monat, zur Zierde „ oben an meinem Tiſche ſitzend und alle uͤbrigen, „ die von der Familie gegenwaͤrtig ſeyn moͤchten, „ als ihre Gaͤſte ſehen kann: denn ſo wollte ich „ es haben; und ihre Mutter hatte mir dazu „ ihre Einwilligung gegeben ‒ ‒ Hier brach er ab, weil er ſein ehrwuͤrdiges Angeſicht von mir zu kehren genoͤthigt ward. Die Thraͤnen liefen ihm uͤber die Wangen. Er wollte ſie gern verborgen haben: aber er konnte nicht ‒ ‒ „ Je - „ doch ‒ ‒ jedoch, ſprach er ‒ ‒ wie ‒ ‒ wie „ ‒ ‒ der arme Herr, gluchſete recht vor Weinen „ ‒ ‒ wie werde ich die erſte Zuſammenkunft zu „ ertragen im Stande ſeyn!
Jch danke Gott, Herr Lovelace, daß ich kein unempfindlicher Mann bin. Meine Augen zeigten meinem wuͤrdigen Freunde, daß er nicht Urſache haͤtte, ſich ſeiner menſchlichen Regungen vor mir zu ſchaͤmen.
R 5Jch266Jch will endlich dieſen Brief ſchließen. Ha - ben Sie die Guͤte, meine gehorſamſte Empfeh - lung an das unvergleichliche Frauenzimmer zu machen, und halten mich,
Wertheſter Herr, fuͤr Jhren treuen Freund und gehor - ſamen Diener Anton Tomlinſon.
Waͤhrend der obigen Unterredung hatte ich mich an das entfernte Ende des Zimmers, worinn wir waren, gegen die Thuͤre uͤber, welche offen war, und gerade gegen die Kammerthuͤr der Fraͤu - lein, welche zugemacht war, hingeſtellet. Jch redete ſo leiſe, daß ſie in der Entfernung unmoͤg - lich hoͤren konnte, was wir ſagten: und in der Stellung konnte ich ſehen, wenn ihre Thuͤre aufginge.
Jch verſicherte die beyden Weibsperſonen, daß das wirklich an dem waͤre, was ich von der Lady Eliſabeth und ihrer Baſe Ankunſt in die Stadt, und ihrem Vorſatze, meine Gemahlinn, die ſie niemals geſehen haͤtten, ſo wenig als dieſe jene, zu beſuchen geſagt hatte, und daß ich alle Stun - den die Zeitung von ihrer Ankunft erwartete. Hiernaͤchſt zeigte ich ihnen Abſchriften von den andern beyden Briefen, die ich bey der Fraͤulein gelaſſen hatte. Der eine war von der Lady Eli - ſabeth, der andere von meiner Baſe Montague ‒ ‒ Du kannſt ſie hier leſen, wo es dir beliebt.
Es267Es iſt ein ewiges Verweiſen, ein ewiges Vor - ruͤcken von meinen unverſchaͤmten Verwandten. Allein ſie ergreifen mit Fleiß die Gelegenheit, ei - nen Fehler an mir zu finden. Jhre Liebe, ihre Liebe, Bruder, und ihre Ueberzeugung von mei - ner bekannten und guten Gemuͤthsart iſt ihr An - trieb!
Jch vernehme, daß nun endlich alle unſere Wuͤnſche durch Jhre Vermaͤhlung erfuͤllet ſind. Meiner Meynung nach aber haͤtte es ſich wohl ſo gut geſchickt, dieſe Nachricht unmittelbar von Jhnen ſelbſt zu erhalten, als durch den weiten Umweg, wodurch wir ſie bekommen haben. Mich deucht, das Vermoͤgen und die gute Ge - ſinnung, welche wir haben, Jhnen zu Gefallen zu ſeyn, ſollte uns doch wohl billig Jhrer Ver - achtung und Geringſchaͤtzung nicht noch mehr bloßſtellen. Mein Bruder hatte es ſich feſt vor - genommen, Jhnen diejenige Gattinn ſelbſt zu ge - ben, deren Verbindung mit Jhnen wir alle ſo lan - ge gewuͤnſchet haben. Sind Sie aber ſchon da - mals, als Sie ihn darum erſuchten, wirklich ver - heyrathet geweſen; weil ſie vielleicht vermutheten, daß ſein Podagra ihm nicht erlauben wuͤrde, zu Jhnen zu kommen: ſo ſieht Jhnen das gar nichtunaͤhn -268unaͤhnlich(*)Jch ließ die beyden Weibsleute in den Gedanken, Bruder, daß dieſer Vorwurf gegruͤndet waͤre.. ‒ ‒ Wenn Jhre Fraͤulein gleich ihre Urſachen hatte, warum ſie wuͤnſchte, daß es geheim ſeyn ſollte; da die Mishelligkeiten zwi - ſchen ihrer Familie und ihr noch fortdauren: ſo haͤtten Sie es uns doch nichts deſto weniger un - ter dieſer Bedingung zu wiſſen thun koͤnnen. Wir wuͤrden alsdenn die oͤffentlichen Freudens - bezeigungen uͤber eine Veraͤnderung, die wir ſo lange gewuͤnſchet, unterlaſſen haben.
Der weite Umweg, wodurch wir es erfahren haben, iſt dieſer. Mein Hoffmeiſter iſt mit ei - nem Freunde von Capitain Tomlinſon bekannt, welchem es dieſer Herr entdecket hat. Wie es ſcheint: ſo hat der es von Jhnen und Jhrer Fraͤulein ſelbſt mit ſolchen Umſtaͤnden erfahren, daß man daran nicht zweifeln darf.
Jch bin in der That ſehr uͤbel mit Jhnen zu - frieden: und meine Schweſter Sadlair nicht weniger. Allein ich werde gar bald Gelegenheit haben, es Jhnen muͤndlich zu erkennen zu geben: indem ich meiner alten Kauzeley-Sache wegen zur Stadt zu kommen genoͤthiget bin. Meine Baſe, Leeſon, welche auf die Albemarleſtraße, wie es ſcheint, gezogen iſt, hat Nachricht davon. Jch werde bey Jhr im Hauſe ſeyn, und beſtelle mir hiemit Jhren Beſuch daſelbſt am Sonntag Abend. An meine Baſe Charlotte habe ich ge - ſchrieben, daß entweder ſie, oder ihre Schweſtermir269mir zu Reading entgegen komme und mich in die Stadt begleite. Jch werde nur wenige Tage bleiben: weil mein Geſchaͤffte bloß die aͤußerli - chen Anſtalten betrifft. Auf meiner Ruͤckreiſe werde ich bey meinem Bruder zu M. Hall ein - ſprechen, um zu ſehen, in was fuͤr einem Stande ihn ſein letzter Zufall gelaſſen hat.
Jnzwiſchen, da ich Jhnen meine Meynung wegen Jhrer Nachlaͤßigkeit geſagt habe, kann ich nicht umhin, Jhnen beyden bey dieſer Gele - genheit Gluͤck zu wuͤnſchen: Jhrer ſchoͤnen Fraͤu - lein inſonderheit zu dem Eintritte in eine Familie, die laͤngſt vorbereitet iſt, ſie zu bewundern und zu lieben.
Meine vornehmſte Abſicht, warum ich an Sie ſchreibe, ohne mich an die ſonſt noͤthigen Kleinigkeiten itzo zu binden, iſt dieſe, daß Sie meiner lieben neuen Baſe vermelden, ich wolle mir die Ehre ihrer Begleitung nach Oxfordſchire nicht abſchlagen laſſen. Jch ſehe wohl, daß ihr Haus, worinn Sie zu wohnen gedenken, Jhre Einrichtung, Pferde und Wagen nicht ſo bald in Bereitſchaft ſeyn koͤnnen. Sie ſoll bey mir blei - ben, bis alles in Ordnung iſt. Jch beſtehe dar - auf. Dieß ſoll alles wieder gut machen. Mein haus ſoll ihr eignes: meine Bedienten, Wagen und Pferde ſollen ihr eigen ſeyn.
Die Lady Sarah, welche in vier Monaten nicht aus ihrem Hauſe gekommen iſt, will mir die Gefaͤlligkeit erweiſen, zu Ehren einer ſo theu - er geliebten Baſe, als ſie gewiß uns allen ſeynwird,270wird, mir auf eine Woche ihre Geſellſchaft zu goͤnnen.
Da ich in der Stadt nur bey andern im Hauſe bin: ſo koͤnnen weder Sie, noch Jhre Ge - mahlinn viele Umſtaͤnde verlangen.
Am Montage hoffe ich zu einer oder der an - dern Zeit meinen Beſuch bey ihr abzulegen, um ihr mein Compliment zu machen, und ihre Schutz - rede fuͤr die Nachlaͤßigkeit des Gemahls anzu - nehmen. Dieſe und ihre Abreiſe mit mir, wie zuvor gemeldet habe, ſoll zur vollkommenen Ver - guͤtigung dienen. Unterdeſſen wuͤnſche ich ihr von dem Himmel viel Gluͤck fuͤr ihre Herzhaf - tigkeit; ſagen Sie ihr das: und Jhnen beyden vom Himmel viel Gluͤck durch einander. Das wird fuͤr uns alle eine Gluͤckſeligkeit ſeyn ‒ ‒ ſonderlich aber fuͤr
Jhre aufrichtig ergebene Tante Eliſabeth Lawrance.
Endlich zeiget ſich einige Hoffnung von Jh - nen, wie ichvernehme. Nun betet mein guter Lord ſeinen Roſenkranz von Spruͤchwoͤrtern uͤber.
Nun, Herr Vetter, ſage ich, iſt Jhre Zeit gekommen: und, wie ich hoffe, werden Sie nicht laͤnger weder ein Untreuer gegen die Gewalt oder die Vorzuͤge desjenigen Geſchlechts, welches ſie ſich bisher ſo weit herunter zu ſetzen angemaßethaben,271haben, noch ein hoͤhniſcher Veraͤchter oder Spoͤt - ter einer Anordnung ſeyn, welche alle ehrbare Leu - te verehren, und alle liederliche fruͤh oder ſpaͤter zu verehren, oder, daß ſie dieſelbe verehrt haͤtten, zu wuͤnſchen, genoͤthiget werden.
Jch moͤchte gern ſehen, wie Jhnen Jhre ſeid - ne Feſſeln ſtehen: ob das reizende Joch Jhren Schultern leicht wird. Jſt es nicht; da Sie doch eine ſo angenehme Gehuͤlfinn haben, die es mit Jhnen traͤgt: ſo denken mein Lord und meine Schweſter, ſo wohl als ich, daß Sie ein en - geres Band um Jhren Hals zu haben ver - dienen.
Der Lord berſtet vor Verdruß, wie ein von Gummi glaͤnzender Taffet, daß Sie ihm nicht den Tag, die Stunde, die Art und Weiſe und alles geſchrieben haben. Jch frage ihn aber, wie er bereits ſchon eine Probe der Hochachtung oder Hoͤflichkeit von Jhnen erwarten kann? Er muͤſſe Geduld haben, ſage ich ihm, bis unter an - dern auch dieſes Zeichen der Beſſerung von der Gewalt, die Jhre Gemahlinn uͤber Sie hat, und von ihrem Beyſpiele ans Licht kommen muß: es werde ſich aber geſchwinde ſehen laſſen; wenn Sie jemals in einem Stuͤcke gut werden wollen. Und o! mein lieber Herr Vetter, was fuͤr eine weite, weite Reiſe haben Sie von dem ſchreckli - chen Lande ausſchweifender Freyheiten durch die glaͤnzenden Gegenden der Beſſerung zu dem auf - geklaͤrten Reiche der Gluͤckſeligkeit! ‒ Sie haben Urſache, keine Zeit zu verlieren. Sie muͤſſenmanche272manche ermuͤdende Schritte thun, ehe Sie denen Wanderern zuvorkommen koͤnnen, die aus einer geringern Entfernung dahin abgehen. Allein Sie haben einen vortrefflichen Leitſtern zu Jhrer Fuͤhrung: das iſt Jhr Vortheil. Jch wuͤnſche Jhnen viel Vergnuͤgen davon: und wie ich nie - mals eine beſondere Hoͤflichkeit von Jhnen er - wartet habe; ſo trage ich kein Bedenken, ſelbſt den Anfang zu machen. Jedoch geſchieht es bloß, das muß ich Jhnen ſagen, aus Achtung gegen meine neue Baſe: zu deren Beytritt in unſere Familie wir uns von ganzem Herzen un - ter einander Gluͤck wuͤnſchen und uns daruͤber erfreuen.
Jch habe Briefe von der Lady Eliſabeth. Sie befiehlt, daß ich, oder meine Schweſter, ihrer zu Reading warten ſoll, um mit ihr in die große unſaubere Stadt zu unſerer Baſe Leeſon zu fah - ren. Sie macht dem Lord M. Hoffnung, daß ſie unſere liebenswuͤrdige neue Verwandtinn, ge - wiß mitbringen wird: denn ſie ſagt, ſie wolle keine abſchlaͤgige Antwort annehmen. Der Lord iſt um ſo viel mehr geneigt, mich die verlangte Perſon ſeyn zu laſſen: da ich faſt außer mir bin, vor Begierde, ſie zu ſehen; und meine Schweſter ſchon vor zwey Jahren dieſe Ehre bey Herrn Robert Biddulph gehabt hat. Halten Sie ſich nur bereit, uns bey unſerer Ruͤckreiſe zu beglei - ten: es waͤre denn, daß Jhre Gemahlinn etwas dagegen zu erinnern haͤtte, das ſtark genug ſeyn koͤnnte, uns alle zu befriedigen. Die Lady Sa -rah273rah hat großes Verlangen, ſie zu ſehen, und ſagt, daß dieſer Zuwachs bey unſerer Familie den Ver - luſt ihrer geliebten Tochter erſetzen werde.
Jch werde bald, wie ich hoffe, in Perſon der wertheſten Gemahlinn mein Compliment machen: daher habe ich nichts mehr beyzufuͤgen, als daß ich ſey
Jhre alte wunderliche Spielgeſellinn und Baſe Charlotte Montague.
Nachdem die Frauenzimmer die Abſchriften von dieſen beyden Briefen geleſen hatten: ſo dachte ich, daß ich nun wohl einmal drohen und pochen moͤchte ‒ ‒ „ Aber ich habe gar wenig „ Luſt, ſprach ich, einen ſolchen Beſuch von der „ Lady Eliſabeth und der Fraͤulein Montague bey „ meiner Gemahlinn zu befoͤrdern. Denn end - „ lich bin ich ihrer wunderlichen Weiſe uͤberdruͤ - „ ßig. Sie iſt nicht mehr was ſie geweſen iſt. „ Jch will, wie ich ihr ſchon in ihrer beyden Ge - „ genwart geſagt habe, dieſe verhaßte Jnſel ver - „ laſſen: ob gleich mein Geburtsort und der „ Strich Landes, den ich darinnen habe, ſehr be - „ traͤchtlich iſt. Jch will davon gehen und in „ Frankreich oder Jtalien meinen Sitz aufſchla - „ gen, und niemals weder an mich ſelbſt als ei - „ nen Ehemann gedenken, noch als ein Ehe - „ mann leben. „
O! Werther Herr! ſagte die eine.
Das waͤre etwas betruͤbtes! ſprach die andere.
Fuͤnfter Theil. SJa,274Ja, Madame! verſetzte ich, zu der Frau Moore gekehrt ‒ Jn der That, Mademoiſelle. zu der Jungfer Rawlins ‒ ‒ Jch bin ganz in Verzweifelung. Jch kann dergleichen Auffuͤh - rung nicht laͤnger ertragen. Jch habe das Gluͤck gehabt, von recht artigen Frauenzimmern, ob ich es gleich ſelbſt ſage; und dabey nahm ich ein ſchamhaftiges Geſicht an; ſo wohl in der Fremde, als zu Hauſe, mit freundlichen Bli - cken beguͤnſtigt zu werden. Du weiſt, Bru - der, daß dieß wahr iſt. Jn Anſehung mei - ner Gemahlinn, habe ich nur eine Hoffnung uͤbrig: denn was die Ausſoͤhnung mit ihren Freunden betrifft; ſo ſchaͤtze ich ſie alle gar zu geringe, daß ich dieſe anders als um ihretwillen achten ſollte. Meine einzige Hoffnung iſt, daß, wenn es Gott gefiele, uns Kinder zu geben, ſie wieder vollkommen zu ihrer gewoͤhnlichen Mun - terkeit gelangen, und wir alsdenn gluͤcklich ſeyn moͤchten. Aber die Ausſoͤhnung, welche ihr bisher ſo ſehr am Herzen gelegen, iſt nunmehr, wie ich ſchon vorher zu verſtehen gegeben habe, nicht weiter zu hoffen ‒ ‒ Das macht der uͤber - eilte Schritt, den ſie gethan hat, und die noch un - bedaͤchtlichere Gemuͤthsverfaſſung, worinn ſie ſte - het. Denn ihr Bruder und ihre Schweſter, wie ſie leicht glauben koͤnnen, werden daraus ei - nen artigen Handel gegen uns machen, wenn es ihnen zu Ohren kommt: da ſie ſich anmaßen werden, wie ſie ſchon itzo thun, unſere Vermaͤh - lung in Zweifel zu ziehen ‒ ‒ und das liebe Kindſelbſt275ſelbſt nur allzu bereit iſt dieſen Zweifel zu beſtaͤr - ken ‒ ‒ ‒ weil wir bloß durch die Trauung verbunden ſind ‒ ‒
Hier war ich ſchamhaft: denn die Jungfer Rawlins erinnerte mich durch ihre vorlaͤufige Sproͤdigkeit, daß es ſich nicht anders ſchicke.
Jch kehrte mich halb um. Hiernaͤchſt ſahe ich die Fecherſpielerinn, und die ehrbare Frau wie - der an ‒ Sie, ſie ſelbſt, meine lieben Frauen - zimmer, wußten ja bis auf dieſen Augenblick, da ich ihnen unſere Begebenheit erzaͤhlet habe, nicht, was ſie glauben ſollten. Jch verſichere ſie, daß ich mir nicht ſo viele Muͤhe geben werde, Leute zu uͤberfuͤhren, die ich nicht vertragen kann; Leute, von denen ich keine Gefaͤlligkeit erwarte oder verlange, und die ſchluͤßig ſind, ſich nicht uͤberzeugen zu laſſen. Und ich bitte ſie, was muß daraus entſtehen; wenn ihres Onkels Freund kommt: ob er gleich ein recht braver Mann zu ſeyn ſcheinet? Jſt es fuͤr ihn nicht ganz na - tuͤrlich, zu ſagen: „ Zu welchem Ende, Herr Love - „ lace, ſollte ich eine Ausſoͤhnung zwiſchen der Frau „ Lovelacinn und ihren Verwandten durch Ver - „ mittelung ihres aͤltern Onkels auf die Bahn „ bringen, wenn zwiſchen ihnen ſelbſt ein gutes „ Verſtaͤndniß fehlet? ‒ ‒ Eine richtige Folge, Frau Moore! ‒ ‒ Eine richtige Folge, Jungfer Rawlins! ‒ ‒ Und da iſt das Ungluͤck ‒ ‒ So lange, bis ſie mit ihnen ausgeſoͤhnet wird, iſt nach ihren Begriffen der verfluchte Eid bindend!
S 2Die276Die Weibsperſonen ſchienen geruͤhret: denn ich redete mit vielem Eifer, ob gleich nur leiſe ‒ ‒ Und außerdem ſehen ſie es gern, daß ihr Geſchlecht und die Gunſt von demſelben uns wichtig ſchei - net. Sie ſchuͤttelten ihre tieſſinnigen Koͤpfe gegen einander und ſahen bekuͤmmert aus. Dieß ruͤhrte auch ſo gar mein zartes Herze.
Es iſt etwas unerhoͤrtes, meine lieben Frau - enzimmer ‒ ‒ ‒ Haͤtte ſie mich nicht allen Mannsperſonen vorgezogen ‒ ‒ Da brach ich ab ‒ ‒ Und das iſt es, fing ich wieder an, in - dem ich nach meinem Schnupftuche fuͤhlte, was den Capitain Tomlinſon unſchluͤßig machte, als er ihre Flucht hoͤrte: der das letzte mal, da er uns bey einander ſahe, an uns das allervertrau - teſte Paar von der Welt geſehen hatte! ‒ ‒ das allervertrauteſte Paar von der Welt! ſagte ich noch einmal in einem klaͤglichen Tone.
Hierauf zog ich mein Schnupftuch heraus, hielte es vor den Augen, ſtund auf und ging an das Fenſter ‒ ‒ Es macht mich weichherziger, als eine Frauensperſon! ‒ ‒ Liebte ich ſie nicht ſo, wie niemals ein Mann ſeine Frau geliebet hat ‒ ‒ Jch zweifele nicht, Bruder, daß ich dieß wirklich thue.
Hier hielte ich wieder inne: und fuhr her - nach fort. So reizend ſie auch iſt, wie ſie ſelbſt ſehen: ſo wollte ich doch wuͤuſchen, daß ich ihr Angeſicht niemals geſehen haͤtte. ‒ ‒ Entſchul - digen ſie mich. Dabey ging ich queer durch das Zimmer. Nachdem ich meine Augen ſo lange ge -trie -277trieben hatte, bis ich vermnthete, daß ſie roth ſeyn muͤßten: ſo wandte ich mich wieder zu den Weibs - leuten und zog mein Brieftaſche hervor. Jch will ihnen einen Brief zeigen ‒ ‒ Hier iſt er ‒ ‒ Leſen ſie ihn, Jungfer Rawlins, wo es ihnen gefaͤllig iſt ‒ ‒ Sie werden daraus noch mehr verſichert werden, wie ſehr meine ganze Familie zum vor - aus eingenommen iſt, ſie zu bewundern. Jch bin frey darinn getadelt ‒ ‒ Das bin ich auch in den andern beyden: allein nach dem, was ich ihnen erzaͤhlet habe, darf nichts fuͤr ſie beyde ein Geheimniß ſeyn.
Sie nahm ihn mit einem ſolchen Anſehen, das von heftiger Neubegierde zeugte, und beſahe das Siegel, welches mit praͤchtigen Zierrathen gekroͤnet war, und die Auſſchrift, die ſie ganz aus las: Herrn Robert Lovelace ‒ ‒ Ja Mada - me ‒ Ja Mademoiſelle ‒ das iſt mein Name ‒ Hier gab ich mir ſelbſt ein Anſehen: ob ich es ihnen gleich ſchon vorher geſagt hatte ‒ ‒ Jch ſchaͤme mich nicht davor. Meiner Gemahlinn jungfraͤulicher Name ‒ ‒ Unehlicher Name ſollte ich vielmehr ſagen ‒ ‒ wie thoͤricht bin ich! ‒ Vor Verdruß rieb ich mir die Wangen. Thoͤricht genug war ich, Bruder, in meinem Gewiſſen! ‒ ‒ war Harlowe ‒ Clariſſa Har - lowe ‒ ‒ Sie haben gehoͤrt, daß ich ſie meine Clariſſa nannte.
Jch hoͤrte es wohl: aber ich dachte, es waͤre ein erdichteter oder ein Liebesname, ſagte Jungſer Rawlins.
S 3Jch278Jch denke Wunder, Bruder, was der Jung - fer Rawlins Liebesname iſt. Die meiſten von den ſchoͤnen Romanenfreundinnen haben ſich in ihrer Jugend Liebesnamen ausgeſucht. Es hat wohl niemals ein Pfarrer mehr wirkliche Na - men gegeben, als ich erdichtete Namen gegeben habe; und in recht guter Abſicht. Manches lie - bes Kind hat mir auf einen Brief geantwortet, weil ich ihr einen Namen beygeleget, den ihre Pathinn ihr niemals gegeben hatte.
Nein, es war ihr wirklicher Name, ſprach ſie.
Jch bat ſie, den ganzen Brief durchzuleſen. Wenn die rechte Art zu ſchreiben nicht genau be - obachtet iſt, Jungfer Rawlins, ſagte ich: ſo wer - den ſie es entſchuldigen; es iſt ein Lord, der es ge - ſchrieben hat. Aber vielleicht mag ich ihn mei - ner Gemahlinn nicht zeigen. Denn wenn jene, die ich bey ihr gelaſſen habe, nichts uͤber ſie ver - moͤgen: ſo wird es dieſer auch nicht koͤnnen; und ich will meinen Lord M. ihrer Verachtung nicht gern ausgeſetzt ſeyn laſſen. Jch fange in der That an mich um die Folgen gar nicht zu be - kuͤmmern.
Die Jungfer Rawlins konnte uͤber dieſes Merckmal des Vertrauens zu ihr nicht anders als vergnuͤgt ſeyn. Sie ſahe ſo aus, als wenn ſie mich bedaurete.
Und hier magſt du den Brief leſen. No. III.
Herrn279Jch denke, ſie wuͤrden doch wohl Zeit gefunden haben, uns die wirkliche Vollziehung ihrer Hochzeit wiſſen zu laſſen. Jch moͤchte dieſes klei - ne Stuͤck der Hoͤflichkeit von ihnen erwartet ha - ben. Jedoch vielleicht war die Trauung ſchon zu der Zeit vollzogen, als ſie mich erſuchten Va - tersſtelle bey ihrer Fraͤulein zu vertreten ‒ ‒ Allein ich werde in Zorn gerathen: wo ich in meinen Muthmaßungen weiter gehe ‒ ‒ Und wenig geſagt, iſt bald verbeſſert.
Aber ich kann ihnen vermelden, daß die Lady Eliſabeth, was auch Lady Sarah thun mag, ih - nen nicht ſo bald verzeihen will, als ich gethan habe. Frauenzimmer empfinden gering - ſchaͤtzige Begegnungen laͤnger als Manns - perſonen. Sie, die ſo viel von dieſem Ge - ſchlechte wiſſen; das ſage ich jedoch ihnen nicht zum Lobe; haͤtten auch das wohl wiſſen moͤgen. Vorher aber ſind ſie niemals mit einem ſo lie - benswuͤrdigen Frauenzimmer bekannt geweſen. Jch hoffe, es wird unter ihnen nur eine Seele ſeyn. Sie haben ſchon eher, als itzo, von mir gehoͤret, daß ich ſie enterben und alles, was ich kann, ihr vermachen will, wo ſie mit ihr nicht ein guter Ehemann werden.
S 4Jch280Jch wuͤnſche, daß dieſe Heyrath mit vielen artigen Buͤbchen; Maͤgdchen verlange ich nicht; geſegnet ſeyn moͤge, ein ſo altes Geſchlecht wieder anzubauen. Das erſte Buͤbchen ſoll durch einen Parlamentsbrief meinen Zunahmen bekommen. Dieß ſteht in meinem letzten Willen.
Die Lady Eliſabeth und die Baſe Charlotte werden Geſchaͤffte halber in der Stadt ſeyn, ehe ſie wiſſen, wo ſie ſind. Sie tragen viel Ver - langen, ihrer ſchoͤnen Gemahlinn ihr Compli - ment zu machen. Jch vermuthe, daß ſie ſchwer - lich eben auf der Forſt ſeyn werden, wenn jene zur Stadt kommen: weil Greme mir Nachricht giebt, daß ſie daſelbſt keine Anſtalten zu Bewir - thung ihrer Gemahlinn zu machen beſohlen haben.
Pritchard hat alles zur Unterzeichnung in Bereitſchaft. Jch will mir ihre geringſchaͤtzige Auffuͤhrung nicht zu Nutze machen. Jn der That bin ich derſelben ſchon zu ſehr gewohnet: jedoch iſt das mehr ein Ruhm meiner Geduld als ihrer Hoͤflichkeit.
Eine Urſache, warum die Lady Eliſabeth hin - auf geht, iſt, wie ich ihnen unter der Roſe ge - ſagt haben will, in der Lady Sarah und unſer aller Namen einige anſtaͤndige Geſchenke einzu - kaufen, die wir bey dieſer angenehmen Gelegen - heit machen wollen.
Wir wuͤrden es uͤberall bekannt gemacht ha - ben, wenn wir es bey Zeiten haͤtten erfahren koͤn - nen. Unſeren Gedanken nach wuͤrde es allen umuns281uns herum angenehm geweſen ſeyn. Der glei - chen Gelegenheiten fallen nicht alle Tage vor.
Nach meinem ergebenſten Compliment und Gluͤckwunſche an meine neue Baſe, ſchließe ich itzo in heftigen Schmerzen, welche ſie bey allem ihren Heldenmuthe toll machen wuͤrden, und nenne mich
Jhren aufrichtig ergebenen Onkel M.
Durch dieſen Brief wandte ſich das Blatt. Sie habe nur geſehen, ſagte Jungfer Ran[o]lins, daß ich ein wilder Herr geweſen waͤre, und das haͤtte ſie in Wahrheit den Augenblick, als ſie mich zu Geſichte bekommen, gedacht.
Beyde fingen an, fuͤr meine Gemahlinn Fuͤr - bitten einzulegen. So fein hatte ich die Sache gedrehet. Sie baten, ich moͤchte nicht davon ge - hen, und einen ſo ſehnlichen Wunſch der Ausſoͤh - nung an einer, und ſo angenehme Hoffnung an der andern Seite, in meiner eignen Familie durch meine Schuld nicht fehl ſchlagen laſſen.
Wer weiß, dachte ich bey mir ſelbſt, ob aus dieſem geſpielten Streiche nicht mehr kommen kann, als ich mir einmal davon verſprochen hatte? Wie gluͤcklich werde ich ſeyn: wenn dieſe Weibs - leute dahin zu bringen ſind, daß ſie mir meine Vermaͤhlung ehrlich vollenden helfen.
Meine lieben Frauenzimmer, ſie ſind aus - nehmend guͤtig gegen uns beyde. Jch wuͤrde ei -S 5nige282nige Hoffnung haben: wenn meine ungluͤcklich zaͤrtliche Gemahlinn ſo weit gebracht werden koͤnn - te, daß ſie mir den unnatuͤrlichen Eid, wodurch ſie mich gebunden hat, erließe. Sie ſehen, unter was fuͤr Umſtaͤnden ich bin. Glauben ſie, daß ich nicht darauf dringen moͤge, von dieſem ab - ſcheulichen Eide durch ſie ſelbſt losgeſprochen zu werden? Wollen ſie ſo guͤtig ſeyn, die Anſtalten machen zu laſſen, daß um Schlafenszeit nur ein Zimmer fuͤr einen Mann und ſeine Frau bereit ſey? ‒ ‒ Das war beſcheiden gegeben, Belford! ‒ ‒ Erlaube mir hier zu bemerken, daß außer mir wenige freye Liebhaber eine ſo anſtaͤndige Sprache finden wuͤrden, wodurch ſie ſchamhafti - ge Weibsperſonen bereden koͤnnten, ſich mit ihnen in ſolchen Faͤllen einzulaſſen.
Sie laͤchelten beyde und ſahen einander an.
Die Dinge, wovon die Rede war, machen al - lezeit, daß Weibsleute wenigſtens ins Laͤcheln ge - rathen. Man darf ihnen nur die verſteckteſten Winke davon geben. Eine Mannsperſon, die in Frauenzimmer-Geſellſchaft ungeſchliffen iſt, verdient mit einer Keule zu Boden geſchlagen zu werden. Denn es iſt mit ihnen nicht anders, als wenn ſo viele muſikaliſche Jnſtrumente da waͤren. Man darf nur eine Saite ruͤhren: ſo ſind die lieben Seelen alle uͤber und uͤber em - pfindlich.
Gewiß, ſagte Jungfer Rawlins auf gelehrte Art bey ihrem Fecherſpiel, ein Rechtserfahrner wuͤrde die Entſcheidung geben, daß das ehelicheGe -283Geluͤbde alle andere Verbindlichkeit uͤberwiegen muͤſſe.
Fr. Moore war an ihrem Theile der Mey - nung, wenn die Fraͤulein geſtuͤnde, daß ſie meine Gemahlinn waͤre, ſo muͤßte ſie ſich auch als eine Gemahlinn ſchicken.
Es mag bey dieſer uͤberall aͤugichten Schoͤ - nen mein Gluͤck ſeyn, dachte ich, wie es will: ein jedes anderes Frauenzimmer in der Welt von funfzehn bis zu fuͤnf und zwanzig Jahren wuͤrde gewiß, ehe es Morgen wird, unter mir beliebigen Bedingungen mein ſeyn.
Und nun, damit ich mir alle Vortheile zu Nutze machen moͤge, ſagte ich bey mir ſelbſt, will ich mich guter Zimmer zu verſichern ſuchen.
Jch bin ihr Miethmann, Fr. Moore, durch das Handgeld, welches ich ihnen gegeben habe, fuͤr dieſe Zimmer, und eines oben, das ſie fuͤr meinen Diener entbehren koͤnnen: ja in der That fuͤr alle, die ſie entbehren koͤnnen ‒ ‒ Denn wer weiß, was meiner Gemahlinn Bruder unterneh - men mag? Jch will bezahlen, was ſie fordern: und zwar auf einen oder zween Monate gewiß, den Tiſch mit eingeſchloſſen; nachdem ich ihnen hinderlich oder nicht hinderlich ſeyn werde. Neh - men ſie dieſes zum Pfande oder auf Abſchlag ‒ ‒ Jch reichte ihr hiebey einen Bankzettel auf dreyßig Pfund.
Sie weigerte ſich ihn anzunehmen, und ver - langte erſt die Fraͤulein daruͤber zu fragen. Je - doch ſetzte ſie hinzu, daß ſie an meiner Ehre kei -nen284nen Zweifel haͤtte, und ihre Zimmer an keinen vermiethen wollte, den ſie nicht kennete, ſo lange ich und die Fraͤulein hier waͤren.
Die Fraͤulein, die Fraͤulein! hieß es be - ſtaͤndig bey den beyden Weibsleuten, welches doch noch einigen Zweifel in ihren Herzen anzeigte: und nicht ihre Gemahlinn, ihre Fraͤulein, mein Herr.
Jch habe niemals ſolche Frauenzimmer ge - funden, waren meine Gedanken ‒ ‒ Nur erſt dieſen Augenblick ſo vollkommen uͤberzeugt und doch ſchon wieder zweifelhaft! Mir iſt bange, daß ich mit einem Paar aus der Schule der Zweifler zu thun habe.
Jch wuͤßte keine Urſache, ſprach ich, warum meine Gemahlinn Einwendungen dagegen ma - chen ſollte, daß ich hier in einem Hauſe mit ihr wohnte: ſo wenig als ſie in der Stadt etwas ein - zuwenden gehabt haͤtte, da ich in Fr. Sinclairn Hauſe bey ihr geweſen waͤre. Sollte ſie aber wirklich Einwendungen machen: ſo wuͤrde ich mich doch nicht aus dem Beſitze geben; indem es nicht unglaublich waͤre, daß eben die Grillen, die ſie nach Hampſtead gefuͤhret haͤtten, ſie ganz und gar aus meiner Kundſchaft bringen moͤchten.
Sie ſchienen beyde in Verwirrung zu gera - then; und ſahen einander an: jedoch mit ſolchen Blicken, als wenn ſie daͤchten, daß das Grund haͤtte, was ich ſagte. Jch erklaͤrte mich fuͤr ih - ren Koſtgaͤnger ſowohl, als fuͤr ihren Miethmann. Und als der Mittag kam: ward mir das erſte nicht verſaget.
Nunmehr, dachte ich, waͤre es hohe Zeit, alle meine Gedanken auf meine Geliebte zu rich - ten. Sie hatte voͤllige Muße gehabt, den Jn - halt der Briefe, die ich bey ihr gelaſſen hatte, zu erwaͤgen.
Jch erſuchte alſo Fr. Moore, hineinzugehen und ſich zu erkundigen, ob es ihr zu erlauben be - liebte, daß ich ihr in ihrem Zimmer auf Veran - laſſung der Briefe, die ich bey ihr gelaſſen haͤtte, meine Aufwartung machte: oder ob ſie die Guͤte haben wollte, mir ihre Geſellſchaft in dem Spei - ſeſaal zu goͤnnen?
Frau Moore hat die Jungfer Rawlins, mit ihr zu der Fraͤulein zu gehen. Sie klopften an die Thuͤre und wurden beyde vorgelaſſen.
Jch muß hier einen Augenblick abbrechen, und, ob gleich wider mich ſelbſt, uͤber die Sicher - heit, welche aus der Unſchuld entſtehet, eine Be - trachtung anſtellen. Es wuͤrde beſſer geweſen ſeyn, wenn bey derſelben mehr von der Klugheit der Schlange mit der Aufrichtigkeit der Taube vereinigt geweſen waͤre. Denn da ſie ſich hier gar um nichts bekuͤmmerte, was ich hinter ihren Ruͤcken ſagen konnte; weil ſie ſich auf ihre gutenEigen -286Eigenſchaften vollkommen verließ: ſo geſtattete ſie, daß ich meine Hiſtorie ohne Unterbrechung Perſonen vortrug, die in Anſehung ihrer eben ſo ſehr, als in Anſehung meiner, Fremde waren; und von denen man, als von Fremden fuͤr beyde, vermuthen durfte, daß ſie ſich auf die Seite des am meiſten beleidigten Theils lenken wuͤrden; und das war, wie ich die Sache ſpielte, eben auf meine Seite. Eine liebe einfaͤltige Seele! dach - te ich damals, daß ſie ſich auf die Lauterkeit ih - res eignen Herzens verlaͤſſet: da man doch in das Herz nicht anders, als durch die aͤußerlichen Handlungen, ſehen kann; und ſie dem Anſehen nach ein Fluͤchtling, eine verlaufene Frau, iſt, die einen zaͤrtlichen und hoͤchſtgelinden Ehegat - ten verlaſſen hat! ‒ ‒ ‒ Daß ſie einzelnen Per - ſonen eine gute Meynung von ſich beyzubringen verabſaͤumet: da doch die ganze Welt durch das aͤußerliche Anſehen regieret wird!
Jedoch, was kann man von einem Engel un - ter zwanzig Jahren erwarten? ‒ ‒ Sie hat ei - ne Welt von Erkenntniß; von beſchauender Erkenntniß, wenn ich ſo ſagen mag: aber keine Erfahrung. Wie ſollte ſie dieſe bekommen ha - ben? Und eine Erkenntniß durch bloße allgemei - ne Lehrſaͤtze, iſt ein flatterndes ungewiſſes Licht: ein Jrrwiſch, der das zweifelhafte Gemuͤth eben ſo oft verleitet, als auf den rechten Weg fuͤhret.
Es giebt viele Dinge in der Welt, koͤnnte ein Sittenlehrer ſagen, welche einem nachdenken - den Gemuͤthe unausſprechliches Vergnuͤgen ge -ben287ben wuͤrden: wenn ſie nicht mit andern unter - miſcht an uns kaͤmen. Jch will noch nachdruͤck - licher reden. Jch habe Eltern geſehen; vielleicht iſt meinen eignen eben das begegnet; welche ſich gerade an denen Eigenſchaften ihrer Kinder, ſo lange ſie jung waren, ergetzten, deren natuͤrliche Folgen, weil man denſelben zu viel nachgeſehen und ſie ſelbſt befoͤrdert hatte, bey zunehmenden Jahren die Kinder zu einer herznagenden Quaal der Eltern machten. Wenn ich dieß zu meinem gegenwaͤrtigen Zwecke anwenden will: ſo muß ich dir ſagen, daß ich dieß reizende Kind zwar ihrer wachſamen Klugheit wegen liebe; aber doch, wie mich deucht, nicht gern wuͤnſchen wollte, daß ſie vermoͤge dieſer Klugheit, welche gleichwohl noͤ - thig iſt, ſie uͤber die Anſchlaͤge aller Uebrigen in der Welt hinauszuſetzen, auch fuͤr meine An - ſchlaͤge zu weiſe ſeyn moͤchte.
Meine Rache, meine geſchworne Rache, behaͤlt nichts deſto weniger, ich mag ſie anbeten, ſo ſehr ich will, die Oberhand in meinem Herzen. ‒ ‒ Die Fraͤulein Howe ſchreibt, meine Liebe ſey eine Herodesmaͤßige Liebe. (*)Siehe den XI. Brief dieſes Theils.Bey meiner Seele, das Maͤgdchen iſt eine Wahrſagerinn! ‒ ‒ Es geht mir faſt nahe zu ſagen, daß ich an der Tyranney uͤber das, was ich liebe, ein Ver - gnuͤgen finde. Du magſt es ein unedles Ver - gnuͤgen nennen; wenn du willſt: gleichwohl fuͤh - len es auch ſanftmuͤthigere Herzen, als meines iſt. Die Frauenzimmer fuͤhlen es gegen einFrauen -288Frauenzimmer, und zeigen es ſo gar, wenn nur die Macht in ihren Haͤnden iſt. Wie ſollte es denn fremde ſcheinen, daß ich, der ich ſie ſo innig liebe, und ſo genau zu kennen ſuche, von ihnen angeſteckt werde?
Nun will ich dir das vornehmſte von der Un - terredung zwiſchen den beyden Frauenzim - mern und der Fraͤulein mittheilen.
Wundere dich nicht, daß eine verkehrte Frau einen horchenden Mann machet. Der Erfolg rechtfertigte inzwiſchen, wie du finden wirſt, die alte Anmerkung, daß Horcher ſelten etwas gutes von ſich hoͤren. Da ſie ſich ihrer Schuld bewußt ſind; wenn ich nach mir ſelbſt eine Vermuthung anſtellen darf; das iſt Aufrich - tigkeit, Bruder! und da ſie ſich vor widrigen Ur - theilen fuͤrchten: ſo finden ſie ſich ſelten betrogen. Es iſt doch bey dem allen etwas Verſtand in dieſen Sprichwoͤrtern, in dieſen Redensarten, in dieſer Weisheit der Voͤlker.
Fr. Moore ſollte die Bothſchaft ausrichten: aber die Jungfer Rawlins fing die Unterre - dung an.
Jhr289Jhr Herr Gemahl, gnaͤdige Frau ‒ ‒ das Teufelskind! ‒ ‒ Sie wollte durch dieſen Ausdruck nur eine voͤllige Erklaͤrung von der Fraͤulein herauslocken, ob ſie unſere Vermaͤhlung leugnete oder geſtuͤnde.
Cl. Mein Gemahl, Mademoiſelle ‒ ‒
Jungfer Rawl. Herr Lovelace, gnaͤdige Frau, verſichert, daß ſie mit ihm vermaͤhlet ſind, und laͤßt um die Erlaubniß zu Jhnen zu kom - men oder um ihre Geſellſchaft in dem Speiſeſaale erſuchen, damit er ſich wegen des Jnhalts der Briefe, welche er bey ihnen gelaſſen hat, mit ih - nen beſprechen koͤnne.
Cl. Es iſt ein elender gottloſer Kerl. Ha - ben ſie die Guͤte, Mademoiſelle, ich bitte darum, mir ſo oft, als moͤglich iſt, ihre Gegenwart zu goͤnnen, ſo lange er hier herum ſeyn wird. Jch bleibe hier.
Jungf. Rawl. Jch will Jhnen mit Ver - gnuͤgen meine Aufwartung machen, Jhro Gna - den. Aber mich deucht, es wuͤrde nicht unrecht ſeyn zu wuͤnſchen, daß ſie ſich gefallen laſſen moͤch - ten, den Herrn zu ſehen und zu hoͤren, was er in Abſicht auf die Briefe zu ſagen habe.
Cl. Mein Schickſal iſt hart, ſehr hart ‒ ‒ Jch bin ganz außer mir ‒ ‒ Jch weiß nicht, was ich machen ſoll ‒ ‒ Jch habe nicht einen Freund in der Welt, der mir helfen koͤnne oder wolle ‒ ‒ Gleichwohl hatte ich nichts als Freun - de: bis ich dieſen Menſchen kennen lernte.
Fuͤnfter Theil. TJungf. 290Jungf. Rawl. Der Herr hat weder das Anſehen noch die Sprache von einem boͤſen Man - ne ‒ ‒ Er iſt eben kein gar boͤſer Mann: wie es mit den Maͤnnern geht.
Wie es mit den Maͤnnern geht! ‒ ‒ Arme Jungfer Rawlins, dachte ich! ‒ ‒ Und weiſt du, wie es mit den Maͤnnern geht?
Cl. O Mademoiſelle, ſie kennen ihn nicht ‒ ‒ Er kann ſich in einen Engel des Lichts ver - ſtellen: aber er hat ein ſcheusliches, ein recht ſcheus - liches Herze.
Jch armer Schelm! ‒ ‒
Jungf Rawl. Jch haͤtte es in der That nicht denken ſollen ‒ ‒ Allein es iſt eine betruͤg - liche Sache mit den Maͤnnern heut zu Tage!
Heut zu Tage! ‒ ‒ eine Thoͤrinn! ‒ ‒ Ha - ben ihre Geſchichtbuͤcher ſie nicht gelehret, daß es allezeit ſo geweſen iſt?
Fr. Moore holte einen tiefen Seufzer. Jch habe es gewiß zu meinem Schaden erfah - ren! ‒ ‒
Wer weiß, ob die arme gute Fr. Moore nicht zu ihrer Zeit an einen Lovelace, oder einen Bel - ford oder einen dergleichen ehrloſen Bruder ge - rathen ſeyn mag? ‒ ‒ Meine kleine wunderlich ſchuͤchterne Schoͤne weis nicht, was fuͤr ſeltſame Begebenheiten ihr ein jedes Frauenzimmer in der Welt, das ſich nur im geringſten ſelbſt gelaſ - ſen geweſen, erzaͤhlen koͤnnte, wenn ſolche Perſo - nen eben ſo offenherzig mit ihren Schickſalen waͤ - ren, als ſie iſt. ‒ ‒ Allein hier liegt der Hundbegra -291begraben ‒ ‒ Jch habe ihr Urſache genug gege - ben, beleidigt zu ſeyn: aber nicht genug, den Mund zu halten.
Clar. Was die Briefe anlanget, die er bey mir gelaſſen hat: ſo weiß ich nicht, was ich dazu ſagen ſoll; ihm aber bin ich feſt entſchloſſen nie - mals etwas zu ſagen zu haben.
Jungf. Rawl. Darf ich mir die Freyheit nehmen, Jhro Gnaden, es zu geſtehen: ſo den - ke ich, daß ſie die Sache ſehr weit treiben.
Cl. Hat er aus einer boͤſen Sache etwa eine gute bey ihnen zu machen gewußt, Mademoiſelle? ‒ ‒ Das kann er meiſterlich bey denen, die ihn nicht kennen. Jch habe ihn wohl ſchwatzen ge - hoͤrt: aber nicht, was er ſagte; und das iſt mir auch gleichguͤltig. Allein was erzaͤhlt er von ſich ſelber?
Dieß war mir lieb zu hoͤren. Es iſt eine angenehme Vorbedeutung, dachte ich, daß ſie auf dieſe Art ihrer heftigen Regung mitten in ihrem ſtaͤrkſten Laufe Einhalt thut.
Hierauf ſchlug die geſchaͤfftige Jungfer Raw - lins an, entweder eine Beſtaͤtigung oder Ver - neinung deſſen, was ich erzaͤhlet hatte, herauszu - locken. War der Lord M. mein Onkel? Be - warb ich mich anfangs mit Bewilligung ihrer Freunde, ihren Bruder ausgenommen, um ihre Gewogenheit? Mußte ich mich unvermuthet mit dieſem Bruder ſchlagen? Hatte ſie um eines ſehr unleidlichen Mannes, eines gewiſſen Solmes,T 2willen292willen ſo viel auszuſtehen, daß ſie dadurch bewo - gen wurde, ſich in meinen Schutz zu begeben?
Keiner von dieſen Umſtaͤnden wurde geleug - net. Alle Einwendungen, die ſie haͤtte machen koͤnnen, wurden unterdruͤcket oder zuruͤckgehal - ten, weil ſie, wie ſie ſelbſt erwaͤhnte, bedachte, daß ſie hier nur eine kurze Zeit bleiben wuͤrde und ih - re Begebenheiten zu weitlaͤuftig zu erzaͤhlen waͤ - ren. Aber die Jungfer Rawlins wollte ſich nicht ſo leicht abweiſen laſſen.
Jungf. Rawl. Er ſagt, gnaͤdige Frau, daß er nicht eher von ihnen habe erhalten koͤnnen, ſich mit ihm zu vermaͤhlen, als bis er mit einem feyerlichen Eide ſeine Einwilligung gegeben haͤt - te, ſo lange ihre Familie noch nicht ausgeſoͤhnet waͤre, vom Bette geſchieden zu bleiben.
Cl. O der elende Kerl! ‒ ‒ Was mag er nun noch im Kopfe haben, warum er dieſe Hi - ſtorien unter fremde Leute zu bringen ſucht!
So leugnet ſie es doch nicht ſchlechterdings, dachte ich! ‒ ‒ das iſt unvergleichlich! ‒ ‒ Es wird bald alles gut werden!
Jungf. Rawl. Er hat geſtanden, daß ein von ohngefaͤhr entſtandenes Feuer in der Mitt - wochens Nacht ſie in ſehr großes Schrecken ge - ſetzet ‒ ‒ und daß ‒ ‒ und daß ‒ und daß ‒ ‒ ein von ohngefaͤhr entſtandenes Feuer ſie in Schre - cken geſetzet ‒ ‒ ‒ ſie in ſehr großes Schrecken geſetzt ‒ ‒ in verwichener Mittwochens Nacht ‒
Hierauf hielte ſie ein wenig inne und fuhr ſo dann fort ‒ ‒ Kurz, er hat geſtanden, daß erſich293ſich einige unſchuldige Freyheiten genommen, wel - che ihn leicht haͤtten verleiten koͤnnen, den Eid zu brechen, den ſie ihm auſgelegt haͤtten; und daß dieß die Urſache ihres Misvergnuͤgens waͤre.
Jch moͤchte wohl geſehen haben, was mein ſchoͤnes Kind hiebey fuͤr ein Geſicht machte ‒ ‒ Gewiß ſie war in ihrem Herzen verlegen, wie ſie eine ſo heftige Empfindlichkeit uͤber eine ſo gerin - ge Beleidigung rechtfertigen ſollte. Sie wußte nichts zu ſagen ‒ ‒ Sie fing nicht alsbald an zu reden ‒ ‒ Als ſie anfing: wuͤnſchte ſie nur, daß Jungfer Rawlins niemals an eine Mannsperſon gerathen moͤchte, die ſich ſolche unſchuldige Frey - heiten bey ihr nehmen wollte.
Jungfer Rawlins trieb die Sache weiter.
Jhre Begebenheiten, gnaͤdige Frau, haben in Wahrheit ſehr viel Beſonderes. Wofern aber die Hoffnung zu einer Ausſoͤhnung mit ihren Freunden dadurch, daß ſie ihn verlaſſen, noch weiter entfernet wird: ſo erlauben ſie mir zu ſa - gen, daß es ein Jammer ‒ ‒ ein Jammer ‒; hiebey vermuthe ich, wird die Jungfer recht ſproͤ - de gethan, ſich gefechert und entfaͤrbet haben; ‒ daß es ein Jammer iſt, daß der Eid nicht zu er - laſſen ſtehet; ſonderlich da er geſtehet, daß er eben kein ſo ſtrenges Leben gefuͤhret hat.
Jch moͤchte faſt hineingegangen ſeyn und das Maͤgdchen hiefuͤr gekuͤſſet haben.
Cl. Sie haben ſeine Hiſtorie gehoͤret. Mei - ne iſt zu lang, wie ich ihnen ſchon geſagt habe, und zu traurig, meine Verwirrung bey dem An -T 3blicke294blicke des elenden Kerls zu groß, und meine Zeit hier zu kurz, daß ich mich um meinetwillen dar - uͤber einlaſſen ſollte. Hat er bey ſeiner Rechtfer - tigung eine Abſicht, wobey ich nur nicht perſoͤn - lich leiden werde: ſo mag er ſich ſo weiß machen, als einen Engel; ich will es ihm von ganzem Herzen goͤnnen.
Hierauf wurde meine Liebe gegen ſie und die vortreffliche Abſchilderung, die ich von ihrer Ge - muͤthsart gemacht haͤtte, zu meiner Vertheidigung vorgeſtellet.
Cl. O der ſcheinbare Verfuͤhrer! ‒ ‒ Sa - gen ſie mir nur, ob ich nicht durch einen Neben - weg von ihm kommen kann?
Wie pochte und klopfte mir hiebey das Herze!
Cl. Laſſen ſie mich einmal herausſehen ‒ ‒ Jch hoͤrte, daß das Fenſter aufgeſchoben wurde. ‒ ‒ Wo geht der Fußſteig hin? Jſt es nicht moͤglich dadurch an eine Kutſche zu kom - men? ‒ ‒ Jn Wahrheit, er muß mit dem boͤſen Feinde zu thun haben: wie haͤtte er mich ſonſt aufſpuͤren koͤnnen? ‒ ‒ Kann ich nicht unver - merkt zu eines Nachbarn Hauſe ſchleichen, wo ich ſo lange verborgen ſeyn mag, bis es moͤglich wird, gaͤnzlich wegzukommen? ‒ ‒ Sie ſind gu - te Leute! ‒ ‒ Jch bin nicht allezeit unter ſolchen geweſen! ‒ ‒ O helfen ſie mir, helfen ſie mir, meine lieben Frauenzimmer; das ſagte ſie mit einer Stimme, die von großer Ungeduld zeugte; oder ich bin verlohren!
Nach -295Nachdem ſie hier ein wenig inne gehalten, frug ſie weiter. Jſt das der Weg nach Hen - don? ‒ ‒ Vermuthlich wies ſie mit dem Finger darauf. ‒ ‒ Jſt Hendon ein einſamer Ort? ‒ ‒ Die Hampſteader Kutſche, hat man mir geſagt, faͤhrt auch dahin.
Fr. Moore. Jch habe einen ehrlichen Freund zu Mill-hill; der Teufel hole ſie, dach - te ich; wo ſie, wenn das ihr Vorſatz iſt, gnaͤdi - ge Frau, und ſie meynen, daß ſie in Gefahr ſind, ſicher ſeyn moͤgen, wie ich glaube.
Cl. Es mag gehen, wohin es will: wenn ich nur von dieſem Menſchen wegkommen kann! ‒ ‒ Wohin geht der Fußſteig an jener Seite? ‒ ‒ Wie heißt die Stadt zur rechten Hand?
Fr. M. Highgate, Jhro Gnaden.
Jungf. Rawl. Zur Seite an der Haide iſt ein kleiner Flecken, der Northend heißet. Da wohnet eine Verwandtinn von mir. Aber ihr Haus iſt klein. Jch weiß nicht, ob ſie ein ſo vornehmes Frauenzimmer bewirthen kann.
Der Teufel hole ſie auch, dachte ich! ‒ ‒ Jch bildete mir ein, daß ich dieſe Weibsleute mehr auf meine Seite gebracht haͤtte. Aber das gan - ze Geſchlecht hat einen Gefallen an Raͤnken und ſo gar an Raͤnkeſchmiedern, Bruder!
Cl. Eine Scheure, ein Hinterhaus, ein Bo - den unter[dem]Tache wird ein Palaſt fuͤr mich ſeyn: wenn ich daſelbſt nur eine ſichere Zuflucht vor dieſem Menſchen habe,
T 4Jhre296Jhre Empfindungen, dachte ich, ſind weit lebhafter, als meine. Was Teufel habe ich ge - than, daß ſie ſo gar unverſoͤhnlich ſeyn ſollte! ‒ Jch habe dir alles erzaͤhlet, Belford, was ich ge - than habe. War etwas ſo gar ſehr arges dar - unter? ſonderlich da ſie ſo gute Hoffnung zur Ausſoͤhnung mit ihrer Familie vor ſich ſahe! ‒ ‒ Gewiß ſie iſt ein ſehr empfindliches Frauen - zimmer! ‒ ‒
Hiernaͤchſt ward ſie meinen neuen Diener gewahr, der unter dem Fenſter herumging, und frug, ob es nicht einer von meinen Leuten waͤ - re. ‒ ‒
Wilhelm war auf der Lauer nach dem alten Grimes. So heißt der Kerl, den meine Gelieb - te an die Fraͤulein Howe abgefertigt hat. Da ſie hoͤrte, daß der Menſch, den ſie ſahe, mein Be - dienter waͤre: ſprach ſie, ich ſehe, daß hier nicht zu entfliehen iſt, wofern ſie; meiner Vermu - thung nach ſagte ſie dieß zu der Jungfer Rawlins; mir nicht Freundſchaft erzeigen koͤn - nen, bis ich weiter fortkommen kann. Jch zweif - le gar nicht, daß dieſer Kerl an das Haus geſtel - let iſt, auf alle meine Tritte zu lauren. Aber der gottloſe Kerl, ſein Herr, hat kein Recht einen Aufſeher uͤber mich abzugeben. Er ſoll mir nicht verwehren, hinzugehen, wohin es mir beliebt. Jch will die ganze Stadt wider ihn rege machen: wo er mir beſchwerlich iſt. Jſt denn keine Hin - terthuͤr da, meine lieben Frauenzimmer, wo ichunter -297unterdeſſen, daß ſie ihn im Schwatz aufhalten, hinausgehen koͤnnte?
Jungf. R. Erlauben ſie mir noch eine Fra - ge, Jhro Gnaden. Jſt es gar nicht zu hoffen, daß die Sache wieder beygeleget werde? Thaͤten ſie nicht beſſer, wenn ſie mit ihm ſpraͤchen? Er liebet ſie gewiß herzlich. Er iſt ein artiger Herr. Sie koͤnnen ihn vielleicht erbittern und es fuͤr ſich ſelbſt noch ſchlimmer machen.
Cl. O! Frau Moore! O! Jungfer Raw - lins! Sie kennen den Kerl nicht. Jch wuͤnſche ſein Angeſicht nicht mehr zu ſehen und Zeit Lebens kein Wort mehr mit ihm zu wechſeln.
Fr. Moore. Jch befinde nicht, Jungfer Rawlins, daß der Herr irgend etwas falſch er - zaͤhlet hat. Sie ſehen, Jhro Gnaden, ſprach ſie zu meiner Clariſſa, wie ehrerbietig er ſich be - zeiget, daß er nicht hereinkommt, bis er die Er - laubniß hat. Er liebet ſie herzlich. Ey, Jhro Gnaden, erlauben ſie ihm, wie er wuͤnſchet, von dem Jnhalt der Briefe mit ihm zu ſprechen.
Das war recht guͤtig von der Frau Moore. Frau Moore, dachte ich, iſt eine gar gute Frau ‒ ‒ Jch fluchte nicht mehr auf ſie.
Jungfer Rawlins ſagte etwas, aber ſo leiſe, daß ich nicht hoͤren konnte, was es war. Es wurde ſo beantwortet:
Cl. Jch bin ſehr elend daran! Jch weiß nicht, was ich thun ſoll! ‒ ‒ Allein, Fr. Moore, haben ſie die Guͤte, ihm ſeine Briefe zuzuſtellen. ‒ Hier ſind ſie. ‒ ‒ Seyn ſie ſo gut und ſagenT 5ihm,298ihm, daß ich ihm und ſeiner Tante und Baſe wuͤnſche, gluͤcklich einander vorzufinden. Es kann ihm nimmermehr gegen dieſelben an Entſchuldi - gungen wegen desjenigen, was vorgefallen iſt, fehlen: ſo wenig es ihm an Vorwand gegen die, welche er hinters Licht fuͤhren will, jemals man - gelt. Sagen ſie ihm, daß er mir bey meinen eignen Freunden eine gaͤnzlich boͤſe Meynung zu - wege gebracht habe. Aus der Urſache bekuͤmme - re ich mich deſto weniger darum, was die ſeini - gen von mir denken.
Frau Moore kam darauf zu mir. Weil mir bange war, es moͤchte unterdeſſen zwiſchen ben andern beyden etwas vorgehen, das mir nicht gefiele: ſo nahm ich die Briefe und ging in das Zimmer. Jch fand, daß ſie ſich in das Cloſet begeben hatten. Meine Geliebte fliſperte mit ei - nem ernſtlichen Geſichte der Jungfer Rawlins ins Ohr, welche die Aufmerkſamkeit ſelbſt war.
Jhr Ruͤcken war mir zugekehrt. Da aber Jungfer Rawlins ein Zeichen gab, daß ich da waͤre; indem ſie ihr bey dem Ermel zupſte: ſo fing ſie mit Unwillen an zu mir zu ſprechen; nicht anders als wenn ſie in einer Erzaͤhlung, die ihr auf dem Herzen lag, unterbrochen waͤre. Kann ich niemals allein ſeyn, mein Herr, ohne uͤberfal - len zu werden? ‒ ‒ Was haben ſie hier, oder mit mir zu thun? ‒ ‒ Sie haben ja ihre Briefe. Haben ſie ſie nicht?
Lovel. Jch habe ſie, meine Allerliebſte: er - lauben ſie wir aber, daß ich ſie bitte, ſelbſt zu uͤber -legen,299legen, unter was fuͤr Umſtaͤnden ſie ſind. Jch erwarte jeden Augenblick den Capitain Tomlin - ſon. Bey meiner Seele, ich erwarte ihn. Er hat verſprochen das, was vorgegangen iſt, vor ihrem Onkel zu verhelen. ‒ ‒ Aber was wird er denken, wenn er findet, daß ſie bey dieſem wun - derlichen Sinne bleiben?
Cl. Jch will mich bemuͤhen, mein Herr, auf einen oder zween Augenblicke mit ihnen Geduld zu haben, da ich Jhnen in Gegenwart dieſer Jung - fer und der Frau Moore; die damals eben hereinkam; welche ſie beyde durch ihre ſchein - bare Hiſtoͤrchen zum voraus fuͤr ſich eingenom - men haben, einige Fragen zu beantworten gebe. ‒ ‒ Wollen ſie ſagen, mein Herr, daß wir mit einander verheyrathet ſind? Legen ſie die Hand an ihre Bruſt und antworten mir. Bin ich ih - re angetraute Frau?
Jch bin zu weit gegangen, dachte ich, daß ich mich durch einen ſolchen Streich, als dieſer iſt, zuruͤcktreiben ließe ‒ ‒ ſo derbe und eintreibend er auch iſt.
Mein wertheſtes Leben, wie koͤnnen ſie eine ſolche Frage auf die Bahn bringen? ‒ ‒ Macht es ihnen oder mir ſelbſt Ehre, daß daran ge - zweifelt werde? ‒ ‒ Gewiß, gewiß, Madame, ſie muͤſſen auf den Jnnhalt des Briefes von Capi - tain Tomlinſon gar nicht Acht gegeben haben.
Sie beklagte ſich oft, ſo lange unſer Streit wehrte, uͤber Mangel an Munterkeit und uͤber Schwaͤche des Leibes und Gemuͤths, wegen derOhn -300Ohnmachten, worein ſie geſtuͤrzt war. Aber meinen Gedanken nach hatte ſie zu dieſer Klage keine Urſache: da ſie im Stande war mich dazu zu bringen, wie ſie wirklich that. Jch geſtehe inzwiſchen, daß ich zu verſchiedenen malen ihrent - wegen ſehr beſorgt war.
Jhr und ich! Schaͤndlichſter Kerl ‒ ‒
Mein Name iſt Lovelace, Madame ‒ ‒
Eben deswegen nenne ich euch den ſchaͤnd - lichſten Kerl. War das zu verzeihen, Bruder? ‒ ‒ Jhr und ich wiſſen die Wahrheit, die reine Wahrheit von allem ‒ ‒ Jch brauche nicht, bey dieſen Frauenzimmern meinen guten Namen zu rechtfertigen ‒ ‒ der ſchon bey allen, die ich am mei - ſten zu achten Urſache hatte, verloren iſt. Aber laßt mich dieſe neue Probe ſehen, was ihr zu thun im Stande ſeyd. ‒ ‒ Sage, elender Kerl, ſage, Love - lace, wenn du lieber ſo heißen willſt, biſt du wirk - lich und wahrhaftig mein angetraueter Ehemann? ‒ Sage! Antworte ohne zu ſtocken! ‒ ‒
Sie zitterte vor Ungeduld und Widerwillen: hatte aber etwas wildes in ihrem Weſen, welches ich mir einiger maßen zu Nutze machte, dieſen verfluchten Stoß abzuwehren ‒ ‒ Es war in der That ein verfluchter Stoß. Denn haͤtte ich es ausdruͤcklich bekraͤftiget; ſo wuͤrde ſie nimmermehr etwas, das ich geſagt haͤtte, geglaubt haben. Und haͤtte ich geſtanden, daß ich nicht mit ihr vermaͤhlet waͤre: ſo haͤtte ich meine eigne Anſchlaͤge, ſo wohl in Anſehung der Weibsleute, als in Anſehung ihrer, zu nichte gemacht, und wuͤrde keinen Vorwandge -301gehabt haben, warum ich ſie verfolgete oder ihr verwehrte, wohin es ihr beliebte, zu gehen. Du darfſt nicht glauben, daß ich mich etwa ſchaͤmete, es zu bekraͤftigen: wenn es der Klugheit gemaͤß geweſen waͤre. Fuͤr einen ſolchen Milchbart wollte ich von dir nicht angeſehen ſeyn.
Lovel. Meine Allerliebſte, wie verwildert reden ſie! Was wollen ſie haben, das ich ant - worten ſoll? Jſt es noͤthig, daß ich antworten ſollte? Darf ich mich nicht desfalls wiederum auf ihr eignes Bewußtſeyn ſo wohl als auf des Capi - tain Tomlinſons Unterhandlung und Schreiben be - rufen? Sie wiſſen ja ſelbſt, wie die Sachen zwi - ſchen uns ſtehen. ‒ ‒ Und der Capitain Tomlinſon ‒ ‒
Cl. O elender Kerl! Jſt das eine Antwort auf meine Frage? Sage! ſind wir verheyrathet, oder ſind wir es nicht?
Lov. Wir wiſſen alle, was eine Heyrath ausmache. Jſt es die Vereinigung zweyer Herzen; hier hatte ich eine Ausflucht, Bru - der: ſo muß ich zu meiner aͤußerſten Betruͤbniß ſagen, daß wir es nicht ſind; weil ich nun ſehe, daß ſie mich haſſen. Jſt es die Vollendung der Ehe: ſo muß ich zu meiner Beſchaͤmung und Reue geſtehen, daß wir es nicht ſind. Allein, meine Wertheſte, wollen ſie ſich belieben laſſen zu erwaͤgen, was fuͤr eine Antwort ein halb Du - tzend Leute, von welchen ſie hierher gekommen ſind, auf ihre Frage geben koͤnnten? Erregen ſie doch itzo, in der Verwirrung ihres Gemuͤths und in der groͤßten Hitze, vor dieſen Frauenzimmerndurch302durch ihre Fragen keinen Zweifel uͤber eine Sa - che, die ſie ſelbſt vor denen, welche uns beſſer ken - nen, geſtanden haben.
Jch wuͤrde ihr etwas von der Unterhandlung mit ihrem Onkel und von dem Jnhalt des Brie - fes von dem Capitain zu verſtehn gegeben haben. Allein die ſtolze Schoͤne ging zuruͤck, ſtieß mit der Hand von ſich und ſchrie: Bleibe ferne von mir, Kerl! ‒ ‒ Jch berufe mich auf dein eignes Herz; das wird es dir wohl zuſagen: weil du mir auf eine ſo elende Art entwiſcheſt. Jch bin keine Heyrath mit dir geftaͤndig! Sie ſollen mei - ne Zeugen ſeyn, Frauenzimmer, daß ich es nicht bin. Und du, hoͤre auf mich zu quaͤlen, hoͤre auf mir zu folgen. Gewiß, gewiß, ſo viel ich auch verſehen haben mag: ſo habe ich doch nicht verdient, ſo verfolgt zu werden! Jch wiederhole alſo meine vorige Rede: Jhr habt kein Recht mich zu verfolgen. Jhr wißt, daß ihr es nicht habt. So packt euch denn fort, und laßt mich, daß ich mir mein hartes Schickſal ſo ertraͤglich mache, als moͤglich iſt. O mein herzlieber, doch grauſamer, Vater! ſprach ſie in einem gewaltigen Anfalle von Traurigkeit; indem ſie auf die Knie fiel und ihre aufgehobne Haͤnde zuſammenſchlug; dein ſchwerer Fluch iſt an deiner verbannten Tochter erfuͤllet. Jch bin geſtrafet, erſchrecklich geſtrafet, durch eben den Boͤſewicht, auf welchen ich mein ſuͤndliches Vertrauen geſetzet hatte!
Bey303Bey meiner Seele, Belford, die kleine Zau - berinn ruͤhrte mich durch ihre Worte, jedoch noch mehr durch ihr Bezeigen und Weſen! Wundre dich alſo nicht, daß ihr Thun, ihre Be - truͤbniß, ihre Thraͤnen die Weibsleute zu aͤhnli - chen und mitleidensvollen Bezeigungen brachten.
Hatte ich dabey nicht eine verfluchte Arbeit?
Die beyden Frauensperſonen gingen an die andre Ecke von dem Zimmer und fliſperten ein - ander ins Ohr: Ein wunderlicher Fall! Es iſt keine Verruͤckung dabey ‒ ‒ Das hoͤrte ich eben von ihnen.
Meine reizende Schoͤne warf ihr Schnupf - tuch uͤber ihren Kopf und Hals, und blieb auf den Knien liegen, mit dem Ruͤcken zu mir ge - kehrt, und mit dem Geſichte auf einen Stuhl ge - lehnet, daß es auch nicht zu ſehen waͤre. Sie ſeufzete und gluchſete einmal uͤber das andre vor Traurigkeit und Kummer.
Jch ergriff dieſe Gelegenheit, zu den beyden Weibsleuten zu treten, damit ich ſie ſtandhaſt er - hielte.
Sie ſehen, meine lieben Frauenzimmer, ſag - te ich ihnen ins Ohr, was fuͤr ein ungluͤcklicher Maun ich bin! Sie ſehen, was fuͤr einen Sinn dieſe mir ſo theure Schoͤne hat! ‒ ‒ ‒ ‒ Alles, alles ruͤhret von ihren unverſoͤhnlichen Verwand - ten und von dem Fluche ihres Vaters her ‒ ‒ Verflucht moͤgen ſie alle ſeyn: ſie haben die ſchoͤn - ſte Weibsperſon in der Welt verruͤckt gemacht.
Ey,304Ey, Ey, mein Herr, antwortete Jungfer Rawlins, was ihre Verwandten auch immer moͤgen verſehen haben: ſo iſt doch nicht alles zwiſchen ihnen und ihr, wie es ſeyn ſollte. Es iſt offenbar, daß ſie ſich nicht fuͤr verheyrathet haͤlt: es iſt offenbar, daß ſie es nicht thut. Ha - ben ſie noch einige Achtung gegen das arme Frau - enzimmer; und wollen ſie daſſelbe nicht gaͤnzlich ihrer Sinne berauben: ſo thaͤten ſie beſſer, wenn ſie ſich wegbegaͤben und der Zeit und einer ge - laſſenen Ueberlegung den Ausſchlag zu ihrem Vortheil uͤberließen.
Sie wird mich endlich dazu noͤthigen: das befuͤrchte ich, Jungfer Rawlins. Jch fuͤrchte, ſie bringet mich ſo weit: und alsdenn ſind wir beyde verlohren. Denn ich kann ohne ſie nicht leben; das weiß ſie nur allzu wohl: ‒ und ſie hat nicht einen Freund, der ein Auge auf ſie werfen wird; dieß weiß ſie auch. Unſre Vermaͤh - lung wird unwiderſprechlich bewieſen werden: wenn ihres Onkels Freund ankommt. Jch ſchaͤme mich aber, daß ich ihr Raum gegeben ha - be, es fuͤr keine Vermaͤhlung zu halten: das iſt es, worauf ſie hinaus will.
Allein es iſt eine wunderliche Sache, eine ſehr wunderliche Sache, verſetzte Jungfer Rawlins, und wollte eben weiter reden, als meine erzuͤrnte Schoͤne nach der Thuͤre zu ging und ſagte: Fr. Moore, erlauben ſie mir, ein Wort mit ihnen zu ſprechen. Darauf gingen ſie beyde in den Spei - ſeſaal.
Jch305Jch ſahe, daß ſie eben vorher ein kleines Paͤcklein in die Taſche ſteckte: und folgte ihnen aus dem Zimmer nach, aus Furcht, ſie moͤchte mir entwiſchen. Jch trat an die Treppe, daß ſie nicht bey mir vorbeygehen ſollte, und rief laut, Wilhelm: ob ich gleich wußte, daß et nicht in der Naͤhe war ‒ ‒ Ey, mein Kind, ſprach ich zu einem Maͤdchen, das mir antwortete, rufe ſie einem von meinen Bedienten zu mir.
Alſobald kam meine Geliebte auf mich zu, mit einem zornigen Geſichte. Rufen ſie ihren Bedienten, mein Herr, mir zu verwehren, daß ich nicht neben ihnen weggehe, wohin es mir beliebt?
Legen ſie doch nicht alles ſo uͤbel aus, mein wertheſtes Leben, was ich thue. Koͤnnen ſie mich wohl fuͤr ſo niedertraͤchtig und unedel anſehen, daß ich einen Bedienten brauchen ſollte, ſie zu zwingen? ‒ ‒ Jch rufe ihm nur, um ihn zu den Wirthshaͤuſern oder Herbergen in dieſer Stadt zu ſchicken, daß er ſich nach dem Capitain Tom - linſon erkundige, der vielleicht bey einem von dieſen Haͤuſern ausgeſtiegen iſt und ſich etwa nun ohne Noth erſt anputzet. Jch wollte, daß er nur hierher kaͤme: wenn er auch ohne Kleider waͤre; Gott vergebe es mir! Denn ihre Grau - ſamkeit iſt mir, als ein Schwerdt, durchs Herze gegangen.
Es ward mir Antwort gebracht, daß keiner von meinen Bedienten zu finden waͤre.
Fuͤnfter Theil. UNicht306Nicht zu finden, ſprach ich ‒ ‒ Wo koͤnnen die Hunde hingelaufen ſeyn?
O mein Herr! fing die Fraͤulein mit einer veraͤchtlichen Mine an, nicht weit: ich will Buͤr - ge dafuͤr ſeyn. Einer davon war erſt eben unter dem Fenſter, ihrem Befehl gemaͤß, wie ich ver - muthe, auf meine Schritte und Tritte Achtung zu geben ‒ ‒ Allein ich will thun, was mir be - liebt, und gehen, wohin es mir beliebt: und das vor ihren Augen.
Gott bewahre mich, daß ich ihnen in irgend einem Stuͤcke hinderlich ſeyn ſollte, das ſie, ohne ſich ſelbſt in Gefahr zu ſetzen, thun moͤgen!
Nun glaube ich in der That, daß ihre Abſicht geweſen iſt, nach der zwiſchen ihr und Jungfer Rawlins bey ihrem Fliſpern in dem Cloſet ge - nommenen Abrede herauszuwiſchen: vielleicht nach Jungfer Rawlins Hauſe.
Sie ging darauf wieder zuruͤck zu der Frau Moore, und gab ihr etwas, welches ein Diaman - tener Ring war, wie ſich hernach gezeiget hat. Sie erſuchte dieſelbe, nicht mit Fliſpern, aber mit einer Mine, die von Mistrauen gegen mich zeug - te, das als ein Pfand fuͤr ſie zu behalten, bis ſie ihren Forderungen Genuͤge thaͤte; wozu ſie bald Mittel finden wuͤrde: da ſie itzo nicht mehr Geld bey ſich haͤtte, als ſie brauchen moͤchte, bis ſie zu einer Bekanntſchaſt kaͤme.
Frau Moore wuͤrde gern ausgeſchlagen ha - ben, es anzunehmen: aber ſie wollte es ſich nicht abſchlagen laſſen. Hiernaͤchſt wiſchte ſie ihreAugen307Augen ab und zog ihre Handſchue an ‒ ‒ Nie - mand hat ein Recht, mich aufzuhalten, ſagte ſie. ‒ ‒ Jch will gehen. ‒ ‒ Vor wem ſollte ich mich fuͤrchten? ‒ ‒ Das angenehme Kind! Jhre Frage ſelbſt zeugte ja von ihrer Furcht.
Jch bitte um Verzeihung, Madame, wegen der Unruhe, die ich ihnen gemacht habe, ſprach ſie zu der Frau Moore und neigte ſich gegen dieſel - be ‒ ‒ Jch bitte um Verzeihung, Mademoiſelle, ſagte ſie auch zu der Jungfer Rawlins und neig - te ſich gleichfalls ‒ ‒ Sie koͤnnen vielleicht beyde von mir zu einer gluͤcklichern Stunde Nachricht haben: wenn mir eine ſolche zu Theil werden ſoll. ‒ ‒ Leben ſie beyde wohl und vergnuͤgt! ‒ ‒ Sie ſtraͤubte ſich gegen ihre Thraͤnen, bis ſie gluchſete und fortging.
Jch trat zu der Thuͤre, machte ſie zu, ſtellte mich mit dem Ruͤcken dagegen und ergriff ihre ſtraͤubende Hand ‒ ‒ Mein liebſtes Leben! Mein Engel, ſagte ich, warum wollen ſie mich ſo un - gluͤcklich machen? ‒ ‒ Jſt dieß die Verzeihung, die ſie mir ſo feyerlich verſprochen haben? ‒ ‒
Laſſen ſie mich los, mein Herr! ‒ ‒ Sie haben nichts mit mir zu thun! Sie haben kein Recht uͤber mich! Das wiſſen ſie ſelbſt.
Aber meine Allerliebſte, wohin, wohin woll - ten ſie gehen? ‒ ‒ Denken ſie nicht, daß ich ih - nen folgen werde: wenn es auch bis an der Welt Ende waͤre? ‒ Wohin wollten ſie gehen?
Sie moͤgen mich wohl fragen, wohin ich ge - hen wollte: da ſie ſchuld daran ſind, daß mirU 2nicht308nicht ein Freund uͤbrig iſt! ‒ ‒ Aber Gott, der meine Unſchuld und meine aufrichtige Abſichten kennet, wird mich nicht gaͤnzlich verlaſſen: wenn ich nur aus ihrer Gewalt bin ‒ ‒ Allein ſo lan - ge ich darinn bleibe, kann ich nicht erwarten, daß ein Strahl der goͤttlichen Gnade oder Huld auf mich falle.
Wie hart iſt dieß! ‒ Wie entſetzlich hart! ‒ ‒ Ohne ihre Gegenwart, meine erzuͤrnte Schoͤ - ne, kann ich weder das eine, noch das andere, hoffen. Sie ſind mein Leitſtern und meine Fuͤh - rerinn; wie meine Baſe Montague in dem Brie - fe, den ſie geleſen haben, bemerket: und wo ich jemals hier oder dort gluͤcklich ſeyn ſoll; ſo muß es in ihnen und durch ſie ſeyn.
Sie wollte mich hierauf gern von der Thuͤre vertrieben haben. Weil ich mich aber ehrerbie - tig widerſetzte: ſo ſagte ſie: Weg, Kerl! Weg, Herr Lovelace ‒ ‒ Verſperren ſie mir den Weg nicht. Wo ich nicht einen Sprung aus dem Fenſter verſuchen ſoll; ſo laſſen ſie mir den ſrey - en Weg durch die Thuͤre. Denn, noch einmal, ſie haben kein Recht mich zu halten.
Jch will gern geſtehen, mein liebſtes Leben, daß ſie Urſache haben zu zuͤrnen ‒ ‒ Jch will bekennen, daß ich mich aͤußerſt vergangen habe. Auf meinen Knien, hiemit fiel ich nieder, bitte ich ſie um Verzeihung. Koͤnnen ſie es abſchla - gen, ihr eignes Verſprechen zu beſtaͤtigen? ‒ ‒ Sehen ſie auf die gluͤcklichen Umſtaͤnde hinaus, die wir zu hoffen vor uns haben. Sehen ſienicht,309nicht, wie meinen Onkel den Lord M. und die Lady Sarah verlanget, ihnen Gluͤck zu wuͤnſchen? weil ſie mir und ihrer ganzen Familie zum Gluͤ - cke dienen? Jſt es moͤglich, daß ſie an dem ver - ſprochenen Beſuche der Lady Eliſabeth und meiner Baſe Montague kein Vergnuͤgen finden? Daß ſie ſich den Schutz nicht geſallen laſſen, den ih - nen dieſe anbieten, wenn ſie mit meinem nicht zufrieden ſind? ‒ Wuͤnſchen ſie gar nicht ihres Onkels Freund zu ſehen? ‒ ‒ Bleiben ſie doch nur ſo lange, bis der Capitain Tomlinſon kommt ‒ Hoͤren ſie von ihm die Zeitung, wie vollkom - men ihr Onkel unſerer beyden Wuͤnſche genehm halte.
Sie ſchien ganz in die Enge getrieben, waͤre beynahe zur Erden geſunken und ward genoͤthigt, ſich an das Tafelwerk zu lehnen, wie ich zu ihren Fuͤſſen kniete. Endlich brach ein Strohm von Thraͤnen aus ihren nicht mehr ſo zornigen Augen hervor ‒ ‒ Guͤtiger Himmel, ſprach ſie mit Er - hebung ihres liebenswuͤrdigen Angeſichtes und mit zuſammengeſchlagenen Haͤnden, wie ſoll es endlich mit mir werden? ‒ ‒ Errette mich von dieſem gefaͤhrlichen Menſchen und lenke mich auf den rechten Weg! ‒ ‒ Jch weis nicht, was ich thue, was ich thun kann, was ich thun ſoll.
Da ich geſtanden hatte, daß unſere Vermaͤh - lung nur halb vollendet waͤre: ſo hoͤrten die bey - den Weibsleute bey dieſem ganzen Aufzuge nichts, das meiner Erzaͤhlung widerſprochen, offenbar widerſprochen, haͤtte. Sie glaubten in ihremU 3wie -310wiederkehrenden guten Sinne und ihrer wankel - haften Entſchließung eine Liebe gegen mich zu ent - decken, welche ihr Unwillen vorher unterdruͤcket hatte: und ſie halfen mir, die Fraͤulein zu bere - den, daß ſie verzoͤge, bis der Capitain kaͤme, und ſeinen Vortrag anhoͤrte; indem ſie ihr die Gefahr, der ſie ſich ausſetzen moͤchte, die Beſchwerden, die ſie auszuſtehen haben wuͤrde, als ein Frauenzim - mer von ſolchem Anſehen, ohne Aufſicht und Wartung, ohne Schutz, vorſtelleten. Andern Theils beſtunden ſie auf meine bezeigte Reue und meine Verſprechungen, fuͤr deren Erfuͤllung ſie ſich zu Buͤrgen erboten ‒ ‒ So ſehr hatte ſie mein demuͤthiges Bezeigen auf den Knien ge - ruͤhret.
Die Weibsperſonen, Bruder, erkennen ſtill - ſchweigend dadurch, daß ſie ſich eine Ehre daraus machen, einen knieenden Liebhaber zu ihren Fuͤſ - ſen zu ſehen, den Vorzug unſeres Geſchlechtes vor ihrem eignen.
Sie kehrte von mir zuruͤck und warf ſich in einen Stuhl.
Jch ſtand auf und naͤherte mich mit Ehrer - bietung zu ihr ‒ ‒ Meine Allerliebſte, ſagte ich ‒ ‒ und wollte fortfahren ‒ ‒ Allein ſie fiel mir ins Wort, mit einem Geſichte, worinn ſich die helleſten Strahlen von dem ihr bewußten Vor - zuge ſehen ließen ‒ ‒ Unedler, undankbarer Lo - velace! ‒ ‒ Sie kennen den Werth desjenigen Herzens nicht, das ſie ſchimpflich beleidiget ha - ben! Sie koͤnnen ſich auch nicht vorſtellen, wieſehr311ſehr meine Seele ihre niedertraͤchtige Geſinnung verachte. Aber eine niedertraͤchtige Geſinnung muß demjenigen allezeit anhangen, der nieder - traͤchtig handeln kann! ‒ ‒
Die Frauenzimmer glaubten, daß wir uns vermuthlich mit einander wieder vertragen wuͤr - den, und gingen deswegen von uns. Meine wunderliche Geliebte ſetzte ſich zwar dagegen: allein ſie ſahen, daß mir ihre Abweſenheit lieb ſeyn wuͤrde. Als ſie abgetreten waren: warf ich mich ihr noch einmal zu den Fuͤſſen, erkannte meine Schuld, wodurch ich ſie beleidigt hatte, bat um Verzeihung, nur fuͤr dieß einzige mal, und verſprach auf das kuͤnftige die genaueſte Vorſichtigkeit.
Es waͤre ihr unmoͤglich, verſetzte ſie, ihr Gedaͤchtniß zu behalten und mir zu verzeihen. Was hatteſt du in der Auffuͤhrung der Clariſſa Harlowe geſehen, das dir zu einer ſolchen Be - ſchimpfung, als du dich ihr anzuthun unterſtun - deſt, Muth machen ſollte? Was fuͤr niedrige Gedanken mußt du von ihr haben, daß du dir herausnehmen konnteſt, ſo ſtraͤflich zu verfahren, und von ihr vermuthen mochteſt, ſie wuͤrde die Schwachheit begehen, dir zu vergeben.
Jch bat, ſie moͤchte mir erlauben, den Brief des Capitains Tomlinſons mit ihr durchzugehen. Jch waͤre verſichert, ſie koͤnnte unmoͤglich die gehoͤrige Aufmerkſamkeit darauf gewandt haben.
U 4Jch312Jch habe die gehoͤrige Aufmerkſamkeit dar - auf gewandt, ſprach ſie: und auch auf die an - dern Briefe. Alſo iſt es wohl uͤberlegt, was ich ſage. Und was habe ich von meinem Bruder und meiner Schweſter zu fuͤrchten? ‒ ‒ Sie koͤnnen nur mein Gluͤck bey meinem Vater und meinen Onkeln voͤllig zernichten. Das moͤgen ſie thun: und Gluͤck dazu! Sie, mein Herr, haben mich in Abſicht auf die Gluͤcksguͤter erniedriget; das danke ich ihnen: aber Gott ſey gelobet, daß mit mei - nen Gluͤcksumſtaͤnden mein Gemuͤth nicht zugleich niedriger geworden iſt. Es hat ſich vielmehr uͤber das Gluͤck und uͤber euch erhoben. Und jene duͤrfen mich nur ein halbes Wort merken laſſen: ſo ſollen ſie mein Gut, weswegen ſie mich benei - det haben, und eine Verzicht auf alles kuͤnſtige Antheil an meiner Familie, das ihnen Sorge machen kann, bekommen.
Jch hob meine Haͤnde und Augen mit ſtill - ſchweigender Verwunderung uͤber ſie auf!
Mein Bruder mag mich fuͤr entehret halten. Zum Preiſe ihrer beſchrienen Gemuͤthsart, wo - durch ich verfuͤhr et und von den Meinigen ge - bracht bin, mag er es immerhin fuͤr unmoͤg - lich anſehen, bey ihnen zu ſeyn und unſchuldig zu bleiben. Sie haben die harten Urtheile mei - ner Verwandten uͤber ſie nur mehr als zu viel in allen Stuͤcken ihrer Auffuͤhrung gerechtfertiget. Jch aber will nun, da ich von ihnen entflohen bin, und mich ihre geheimnißvolle Anſchlaͤge nicht mehr treffen, mich in meine Unſchuld einhuͤllen;dabey313dabey ſchlug ſie ihre Arme voller Regung um ſich herum; und der Zeit und meiner kuͤnftigen Be - hutſamkeit die Wiederherſtellung meines guten Namens uͤberlaſſen ‒ ‒ So verlaſſen ſie mich denn, mein Herr ‒ Verfolgen ſie mich nicht.
Lieber Gott! fiel ich ihr in die Rede ‒ ‒ Und warum dieß alles? ‒ ‒ Haͤtte ich ſie ihrer Bitte nicht gewaͤhret; verzeihen ſie mir, Fraͤulein: ſo koͤnnten ſie ja ihren Unwillen nicht weiter getrie - ben haben.
Elender Kerl! ‒ ‒ War es nicht Bosheit genug, zu ſolchen Bitten Gelegenheit zu geben? Willſt du dir noch ein Verdienſt daraus machen, daß du eine Perſon, die du haͤtteſt ſchuͤtzen ſol - len, nicht aͤußerſt ungluͤcklich gemacht? ‒ ‒ Weg, Kerl! Hiemit wandte ſie ſich von mir, und ihr Geſicht war vor Bewegung des Gemuͤths uͤber und uͤber roth gefaͤrbet ‒ ‒ Komme mir nicht mehr vor das Geſicht! ‒ ‒ Jch kann dich nicht vor Augen leiden! ‒ ‒
Allerliebſter, allerliebſter Engel!
Wo ich dir vergebe, Lovelace ‒ ‒ Hier brach ſie ab. Mit Vorbedacht, fuhr ſie ſort, durch nie dertraͤchtige Raͤnke, durch ein Feuerge - ſchrey ein armes Frauenzimmer zu erſchrecken zu ſuchen! ‒ ‒ Ein armes Frauenzimmer, das ſich hatte gefallen laſſen, mit dir einen elenden Wechſelſtand zur Lebensart zu erwaͤhlen!
Um des Himmels willen ‒ ‒ Jch wollte hierauf ihre Hand ergreifen, mit der ſie beſtaͤn -U 5dig314dig abwehrte: als ſie von mir gegen das Cloſet zu flohe ‒ ‒
Was haſt du fuͤr Recht, zu deinem Vortheil des Himmels Sache zu fuͤhren, o ſcheuslichſter unter allen menſchlichen Gemuͤthern!
Darauf wandte ſie ſich von mir, wiſchte ihre Augen ab und kehrte ſich wieder gegen mich: aber ihr angenehmes Geſicht war halb auf die Seite gerichtet. Jn was fuͤr Schwierigkeiten haſt du mich verwickelt! ‒ ‒ Du, der du eine ebne Bahn vor dir hatteſt, nachdem du mich betruͤgeriſcher - weiſe in deine Gewalt gezogen. Mein Gemuͤth ſtellet ſich auf einmal alle krumme Wege bey dei - nem Verhalten vor. Und wo du ſo von Clariſſa Harlowe denkeſt, als du nach dem Zeugniſſe, das derſelben ihr ſtolzes Herz giebet, von ihr geden - ken ſollteſt: ſo wirſt du dein Gluͤck anderswo ſu - chen. Wie oft haſt du mich gereizet, dir zu ſa - gen, daß meine Seele weit uͤber dich erhaben iſt?
Um Gottes willen, Fraͤulein, um einer See - le willen, die ſie vom Verderben zu erretten in ihrer Gewalt haben, vergeben ſie mir die geſche - hene Beleidigung. Jch will der groͤßte Boͤſe - wicht auf Erden ſeyn: wo ſie aus Vorſatz ge - ſchehen iſt. Doch maße ich mir nicht an, mich zu entſchuldigen. Jch uͤberlaſſe mich gaͤnzlich ihrer mitleidigen Huld und Gunſt. Jch will nichts zu meiner Vertheidigung vorbringen, als meine Reue. Sehen ſie nur den Capitain Tom - linſon. Sehen ſie nur meine Tante und Baſe. Erlau -315Erlauben ſie, daß dieſe meine Sache fuͤhren, daß dieſe fuͤr meine Ehre Buͤrgen werden.
Wo Capitain Tomlinſon kommt, wenn ich noch hier bin: ſo kann ich ihn wohl ſehen. Aber ſie, mein Herr ‒ ‒
Liebſter Engel, erlauben ſie mir, zu bitten, daß ſie meine Beleidigung bey dem Capitain nicht ſchwerer machen, wenn er kommt. Erlau - ben ſie mir, zu bitten ‒ ‒
Was forderſt du? ‒ ‒ Jſt es nicht dieß, daß ich wider mich ſelbſt ſeyn ſoll? ‒ ‒ daß ich be - maͤnteln ſoll ‒ ‒
Beſchuldigen ſie mich nicht, Fraͤulein, fiel ich ihr ins Wort, eines ehrloſen Vorſatzes! ‒ ‒ Geben ſie meiner Beleidigung keine ſolche Ge - ſtalt, daß dadurch ihr Onkel in ſeiner Meynung wankend gemacht ‒ ‒ daß dadurch ihr Bruder in ſeinen Gedanken beſtaͤrket werde ‒ ‒
Sie flog von mir bis in die andere Ecke des Zimmers: Sie konnte nicht weiter gehen ‒ ‒ Und eben den Augenblick kam Fr. Moore herauf und ſagte ihr, daß die Mittagsmahlzeit bereitet waͤre, und daß ſie die Jungfer Rawlins beredet haͤtte, ihr Geſellſchaft zu leiſten.
Sie muͤſſen mich entſchuldigt halten, Fr. Moore ‒ Jungfer Rawlins, hoffe ich, wird es auch thun. Jch kann nicht eſſen. Jch kann nicht hinunter gehen. Sie aber, mein Herr, wer - den es, wie ich vermuthe, fuͤr gerecht halten, ſich wegzubegeben: wenigſtens ſo lange, bis der Herr kommt, auf den ſie warten.
Jch316Jch trat mit vieler Ehrerbietung in das naͤch - ſte Zimmer ab, damit Fr. Moore ihr vermelden moͤchte; ich durſte es ſelbſt nicht thun; daß ich ihr Miethmann und Koſtgaͤnger waͤre. Darum bat ich ſie, und ſagte es ihr ins Ohr. Jungfer Rawlins begegnete mir auf dem Wege. Liebſte Jungfer Rawlins, ſagte ich, bleiben ſie meine Freundinn. Vereinigen ſie ſich mit der Fr. Moore, meine Gemahlinn zu beſaͤnftigen: wo ſie neue Grillen daruͤber bekommt, daß ich hier ein - gemiethet habe und hier zu Tiſche zu gehen ge - ſonnen bin. Jch hoffe, ſie wird edelmuͤthiger ge - ſinnet ſeyn, als daß ſie einer rechtſchaffenen Frauen hinderlich ſeyn ſollte, ihre Zimmer zu ver - miethen.
Jch vermuthe, daß Fr. Moore, die ich bey meiner Schoͤnen zuruͤckgelaſſen, ihr ſchon Nach - richt davon gegeben hatte, ehe Jungfer Rawlins hineinging. Denn ich hoͤrte ſie unterdeſſen, daß ich Jungfer Rawlins aufhielte, ſagen: „ Nein, „ in der That, er irret ſich ſehr ‒ ‒ Gewiß er den - „ ket nicht, daß ich will. “
Sie ſtritten beyde mit ihr: ſo viel ich aus den abgebrochnen Stuͤcken von dem, was ſie ſagten, zuſammen bringen konnte. Denn ſie redeten ſo leiſe, daß ich keinen ganzen Satz deutlich zu hoͤ - ren vermoͤgend war: ohne nur von der wunder - lichen Schoͤnen, welche der Zorn lauter machte. Jch hoͤrte deswegen, wie ſie ſich zur Antwort auf verſchiedne Stuͤcke, welche ſie zu ihr geſagt hat - ten, herauswickelte ‒ ‒ „ Gute Fr. Moore, liebe„ Jung -317„ Jungſer Rawlins, dringen ſie nicht weiter in „ mich ‒ ‒ Jch kann mit ihm nicht zu Tiſche „ ſitzen!
Jene ſagten, wie ich vermuthe, etwas zu mei - nem Beſten ‒ ‒ „ O! der elende Kerl! Wie „ ſchmeichelt er ſich ein! ‒ ‒ Was habe ich fuͤr „ Schutz gegen einen Menſchen, der einen jeden, „ ja ſelbſt die tugendhaſten Perſonen von meinem „ Geſchlechte, ich mag gehen, wohin ich will, auf „ ſeine Seite bringen kann?
Nachdem noch ſonſt eines und das andre ge - ſagt war, das ich nicht deutlich hoͤrte: ſprach die Fraͤulein wieder. „ Das iſt verfluchte Kuͤhnheit! „ ‒ ‒ Kennten ſie nur ſein boͤſes Herz: er macht „ ſich Hoffnung, ſie beyden gute Leute zu gewin - „ nen, daß ſie ihm in dem niedertraͤchtigſten von „ ſeinen Anſchlaͤgen huͤlfliche Hand leiſten.
Wie, dachte ich eben den Augenblick, iſt ſie zu aller dieſer Scharfſichtigkeit gekommen? Mein Teufel will mich gewiß nicht zur Beute haben. Daͤchte ich, daß er es wollte: ſo wuͤrde ich hey - rathen, und als ein ehrlicher Mann leben, um richtig mit ihm zu ſeyn.
Hiernaͤchſt, vermuthe ich, drungen ſie auf die Vorſtellung, wovon ich der Jungfer Rawlins, da ſie hineinging, einen Wink gegeben hatte, daß ſie der Fr. Moore nicht hinderlich ſeyn wollte. Denn ſo druͤckte ſie ſich aus: „ Er wird ohne „ Zweifel bezahlen, was ſie fordern. Sie duͤrfen „ an ſeiner Freygebigkeit nicht zweifeln. Aber wir „ koͤnnen nicht beyde in einem Hauſe ſeyn. War -„ um318„ um bin ich ſonſt von ihm geflohen, mir unter „ Fremden eine ſichere Zuflucht zu ſuchen?
Auf etwas anderes, das die Frauenzimmer vorſtellten, gab ſie zur Antwort: „ Es iſt ein Ver - „ ſehen, Madame. Jch bin mit ihm nicht aus - „ geſoͤhnet. Jch werde nichts glauben, was er „ ſaget. Hat er ihnen nicht durch die Verklei - „ dung, worinn ſie ihn zuerſt ſahen, eine offenba - „ re Probe gegeben, was er fuͤr ein Menſch, und „ was er zu unternehmen im Stande ſey? Mei - „ ne Geſchichte iſt zu lang, und meines Bleibens „ wird hier nur eine kurze Zeit ſeyn: ſonſt koͤnnte „ ich ſie uͤberfuͤhren, daß mein Unwillen gegen ihn „ mehr als zu wohl gegruͤndet iſt.
Darauf, vermuthe ich, bewarben ſie ſich um ihre Erlaubniß, daß ich mit ihnen zu Mittage eſſen duͤrfte. Denn dieß hoͤrte ich von der Fraͤu - lein. „ Jch habe nichts dazu zu ſagen ‒ ‒ Es „ iſt ihr eignes Haus, Fr. Moore ‒ ‒ Es iſt ihr „ eigner Tiſch ‒ Sie koͤnnen annehmen, wen ſie „ nach eignem Belieben wollen ‒ ‒ Nur laſſen „ ſie mir meine Freyheit, ſelbſt meine Geſellſchaft „ zu waͤhlen.
Zur Antwort, wie ich mir vorſtelle, auf der Frauenzimmer Anerbieten, ihr das Eſſen hinauf zu ſenden, gab ſie dieſes: „ Ein Biſſen Brodts, „ wenn es ihnen gefaͤllig iſt, und ein Glaß Waſſer. „ Das iſt alles, was ich itzo hinunterbringen kann. „ Jch befinde mich wirklich ſehr uͤbel. Sahen ſie „ nicht, wie ſchlimm mir war? ‒ ‒ Nur bloß der„ Un -319„ Unwillen hat meine Lebensgeiſter in Bewegung „ erhalten koͤnnen! ‒ ‒
„ Jch habe nichts dagegen einzuwenden, Ma - „ dame, daß er mit ihnen Mittagsmahlzeit haͤlt, “verſetzte ſie vermuthlich auf eine fernere Frage uͤber eben dieſelbe Sache „ aber ich will nicht ei - „ ne Nacht in dem Hauſe bleiben, wo er ſich auf - „ haͤlt, wenn ich es aͤndern kann.
Jungfer Rawlins hatte ihr geſagt, wie ich mir einbilde, daß ſie nicht zum Mittagseſſen blei - ben wollte. Denn dieß war die Antwort der Fraͤulein: „ Laſſen ſie mich nicht die Fr. Moore „ ihrer Geſellſchaft berauben, Jungfer Rawlins. „ Sie werden uͤber ſeine Reden nicht misvergnuͤgt „ werden. Er kann kein Abſehen auf ſie haben.
Sie ſtellten ihr darauf vermuthlich vor, was ich hinter ihrem Ruͤcken ſagen koͤnnte, meiner Hi - ſtorie ein gutes Anſehen zu geben. ‒ ‒ „ Jch be - „ kuͤmmere mich nicht um das, was er ſagt, oder „ was er von mir gedenket. Reue und Beſſerung „ ſind das einzige Leid, das ich ihm wuͤnſche: mir „ mag es gehen, wie es will!
Nach ihrem Tone zu urtheilen, weinte ſie, als ſie dieſe letzten Worte ſprach.
Die Frauenzimmer kamen endlich heraus und wiſchten beyde ihre Augen ab. Sie wuͤrden mich gerne beredet haben, die Zimmer fahren zu laſſen, und ſo lange wegzugehen, bis ihres Onkels Freund ankaͤme. Aber ich verſtand es beſſer. Jch wollte dem Teufel nicht trauen, daß ich ſie wieder aufſpuͤren wuͤrde, wenn ſie noch einmalent -320entwiſchte: ſo gut ich auch, nach ihren und der Fraͤulein Howe Gedanken, mit ihm bekannt ſeyn ſoll.
Was ich am meiſten beſorge, iſt dieß, daß ſie ſich unter ihre eigne Verwandten begeben wird. Und thut ſie das: ſo bin ich verſichert, daß ſie ih - rer ruͤhrenden Beredtſamkeit nicht zu widerſtehen vermoͤgend ſeyn werden. Jedoch der Brief des Capitains an mich, wie du ſehen wirſt, iſt vor - trefflich ausgeſonnen, demjenigen vorzubeugen, was ich in dieſem Stuͤcke befuͤrchte: vornehmlich in Anſehung der Stelle, wo er ſchreibt, daß ihr Onkel es ſeiner Freyheit nicht uͤberlaſſen zu ſeyn glaubte, gerades Weges mit ihr Briefe zu wech - ſeln, oder von ihr Vorſchlaͤge anzunehmen ‒ ſon - dern nur durch den Capitain Tomlinſon; wie ſich daraus unleugbar ſchließen laͤſſet(*)Siehe in dem XV. Briefe dieſes Theils den Brief von Tomlinſon. .
Jch muß geſtehen, ob ich gleich ein ſo feyer - liches Geluͤbde gethan, mich zu raͤchen, daß ich ihr gar gern ihre wiedergeſchenkte Gunſt als ein Verdienſt gegen mich angerechnet, und der Vermittelung des Capitain Tomlinſons ſo wenig, als moͤglich, zugeſchrieben haͤtte. Meinem Stol - ze war daran gelegen. Und dieß war eine von den Urſachen, warum ich ihn nicht mit mir brach - te. Eine andre war dieſes, daß, wenn ich genoͤ - thigt wuͤrde, zu ſeiner Huͤlfe meine Zuflucht zu nehmen, ich beſſer im Stande ſeyn moͤchte, nach -dem321dem ich ſie vorher ohne ihn beſucht haͤtte, ſeine Worte und Handlungen ſo zu richten, wie es ih - re Geſinnung erforderte.
Jch war bey allem dem doch von Herzen froh, daß Fr. Moore eben ſo zu rechter Zeit her - auf kam und die Mittagsmahlzeit anſagte. Die entlaufne Schoͤne war ganz in Bewegung. Sie hatte das Spiel in ihren Haͤnden. Da ſie mir nun eine ſo gute Entſchuldigung wegzugehen ge - geben hatte: ſo gewann ich Zeit, mich geſetzter zu machen; der Capitain, zu kommen; und die Fraͤulein, ſich abzukuͤhlen. Shakeſpeare giebt ei - nen guten Rath.
Beſtuͤrme keine Wuth, wenn ihre Kraft ſienaͤhrt.Gieb ihr ein wenig Raum: ſo leget ſie ſichwieder.Der hohen Fluth wird nicht durch Daͤmmevorgekehrt:Daruͤber ſteigt ſie weg und ſchlaͤgt die Saatennieder.Man theilet ſie vielmehr, ſo wie die Klugheitzeigt,Und ſucht ſie ſicherer durch Schleuſſen abzu -leiten.Wenn ſie nun ſo geſchwaͤcht, und nicht vonneuem ſteigt:So laͤſſet ſich der Reſt durch Waͤlle ſchon be -ſtreiten,Und man kann durch die Furth bald trocknesFußes gehn.
Jch ging mit den Weibsleuten herunter zu Tiſche. Fr. Moore ſandte ihrer ſchoͤnen Koſt -Fuͤnfter Theil. Xgaͤn -322gaͤngerinn eine Schuͤſſel hinauf: allein ſie aß nur einen Biſſen Brodt und trank ein Glaß Waſſer. Jch zweifelte nicht, daß ſie ihr Wort halten wuͤrde, da es einmal heraus war. Jſt ſie nicht eine Harlowe? ‒ ‒ Sie ſcheinet ſich zur Haͤrte zu gewoͤhnen, die ſie doch, wenn es auf das aͤrgeſte geht, nicht erfahren kann. Denn ſollte ſie ſich auch zuletzt weigern, mir verbunden zu ſeyn, oder, daß ich mich meinem eignen Her - zen gemaͤßer ausdruͤcke, mich zu verbinden: ſo muß dennoch ein jeder, der ſie ſiehet, ihr Freund - ſchaft erzeigen.
Aber ich muß dich fragen, Belſord! Biſt du nicht fuͤr mich beſorgt, wegen des Jnhalts von dem Briefe, den die zornige Schoͤne geſchrieben und durch einen Kerl zu Pferde weggeſchicket hat? Biſt du nicht beſorgt, was die Fraͤulein Howe darauf antworten mag? Willſt du nicht ſchon fragen, ob es nicht zu vermuthen iſt, daß die Fraͤulein Howe, wenn ſie ihrer verwegenen Freundinn Flucht erfaͤhret, ſich um ihren Brief bekuͤmmern wird: da ſie wiſſen muß, daß er nicht eher, als nach der Flucht, in Wilſons Haus an - kommen koͤnnen und alſo wahrſcheinlicherweiſe in meine Haͤnde fallen wird? ‒ ‒
Allen dieſen Dingen iſt ſchon mit ſo vieler Liſt, als menſchliche Vorſicht erlaubet, vorgebauet: wie du bey dem Erfolge ſehen wirſt.
Jch habe dir ſchon gemeldet, daß Wilhelm nach dem alten Grimes auf der Lauer ſtehet. ‒ ‒ Der alte Grimes, wie es ſcheint, iſt ein ſchwatz -hafter,323hafter, alberner Kerl. Kann Wilhelm ihn nur antreffen: ſo will ich fuͤr den Erfolg Buͤrge ſeyn. Denn iſt er nicht ſchon ſieben Jahre her mein Diener geweſen?
Wir hatten, außer Jungfer Rawlins, eine junge verwitwete Baſe von Fr. Moore am Tiſche, die einen Monat bey ihrer Tante zu bleiben hergekommen iſt. Bevis iſt ihr Name. Sie iſt ſehr geſchwinde, ſehr lebhaft und eine gro - ße Bewunderinn von mir, ich verſichere dich ‒ ‒ Sie merkte mit freundlichen Blicken auf alles, was ich ſagte, und war zum voraus bereit, ein jedes Wort zu billigen, ehe ich ſprach. Unter der Zeit, daß wir die Mittagsmahlzeit halb vollbracht hatten, wußte ſie, durch Huͤlfe deſſen, was ſie vor - her zuſammen gebracht, eben ſo viel von unſerer Geſchichte als eine von den andern beyden.
Da meine Sache erforderte, daß ich dieſe Frauenzimmer gegen alles, was von der Fraͤulein Howe kommen moͤchte, zum voraus einnaͤhme: ſo machte ich mir den Wink, den ich ſchon oben wider dieſe Ungluͤck ſtiftende Fraͤulein gegebenX 2hatte,324hatte, zu Nutze. Jch beſchrieb ſie als eine hoch - muͤthige, rachgierige, liſtige, kuͤhne und eine ſolche Perſon, die, wenn ſie ein Mannsbild geworden waͤre, wuͤrde geſchworen und geflucht, Frauen - zimmer genothzuͤchtiget, und, ſo viel ich wuͤßte; ich zweifle gar nicht daran, Bruder! einen Teu - fel abgegeben haben: die aber nichts deſto weni - ger durch den Vortheil von einer weiblichen Er - ziehung, von ihrem Ehrgeiz, von ihrem Stolz, wie ich glaubte, perſoͤnlich tugendhaft waͤre.
Fr. Bevis gab zu, daß Erziehung ‒ und Ehrgeiz ſelbſt ſehr viel Theil daran haͤtten. Jungfer Rawlins aber brach unterdeſſen mit ge - zwungener Sproͤdigkeit aus: Behuͤte Gott, daß Tugend allein von Erziehung herruͤhren ſollte! Dem ſey wie ihm wolle: ich bezeugte inzwiſchen, daß die Fraͤulein Howe feine Kunſtgriffe haͤtte, Ungluͤck zu ſtiften. Sie waͤre allezeit meine Feindinn geweſen: ihre Bewegungsgruͤnde wuͤß - te ich nicht; nur waͤre mir bekannt, daß ihr der Mann, den ihr ihre Mutter gern geben wollte, ein gewiſſer Hickmann, gar nicht anſtuͤnde. Ob ich nun gleich nicht eigentlich behauptete, daß ſie mich lieber gehabt haben wuͤrde: ſo bildeten ſich doch die Weibsleute alſobald ein, daß dieß der Grund von ihrem heftigen Unwillen gegen mich, und ihrem Neide gegen meine Geliebte waͤre. Es waͤre ſchlecht, ſagten ſie, daß ein ſo feines jun - ges Frauenzimmer eine ſolche verſtellte Freundinn nicht durchſchauen und erforſchen koͤnnte.
Gleich -325Gleichwohl, ſetzte ich hinzu, ſollte niemand beſſer aus der Erfahrung wiſſen, als ſie, was ein Haß, der in Beneidung ſeinen Grund hat, fuͤr Gewalt haͤtte: wie ich ihnen, Fr. Moore, und ihnen, Jungfer Rawlins, ſchon oben durch die Begebenheit mit ihrer Schweſter Arabelle ei - nigermaßen zu verſtehen gegeben habe.
Bey dieſer Gelegenheit wurden mir wegen meiner Perſon und Gaben viele Hoͤflichkeiten ge - ſagt. Dadurch bekam ich eine beſonders vor - theilhafte Veranlaſſung, meine Beſcheidenheit ſe - hen zu laſſen: indem ich den Werth derſelben herunterſetzte. Nein in der That! ‒ Jch muͤßte ſehr eitel ſeyn: wenn ich ſo gedaͤch - te. Weil ich mich auf die Art erniedrigte und die Fraͤulein Howe erhob: ſo ward ich ſo wohl fuͤr beſcheiden als edelmuͤthig angeſehen, und hatte uͤber dieß noch den Vortheil, daß mir alle ange - nehme Eigenſchaften, die ich von mir ablehnte, beygelegt wurden.
Kurz, ſie unterdruͤckten ſo gar die Beſcheiden - heit, welche ihre Lobeserhebung; daß ich be - ſcheiden von mir ſelbſt rede; in mir erzeug - ten: weil ſie nichts von dem, was ich wider mich ſelbſt ſagte, glauben wollten.
Und in Wahrheit, ich kann es nicht bergen, ſie haben mich beynahe ſelbſt beredet, daß die Fraͤulein Howe wirklich in mich verliebt iſt. Jch bin oft geneigt geweſen, es zu hoffen. Wer weiß auch, ob ſie es nicht in der That ſeyn mag? Der Capitain und ich haben die Abrede genom -X 3men,326men, es gelegentlich mit einfließen zu laſſen ‒ ‒ Und was meyneſt du, Bruder? Sie haſſet Hick - mannen gewiß: Maͤgdchen aber, die noch frey ſind, haſſen ſelten; wenn ſie gleich etwa nicht lieben moͤchten. Und haͤtte ſie lieber einen an - dern gehabt: warum ſollte ich nicht dieſer an - dre ſeyn koͤnnen? Denn bin ich nicht ein witzi - ger Kopf und ein liederlicher Bruder? Und ha - ben unſre muntern Frauenzimmer nicht gern un - ſre witzigen Koͤpfe und liederlichen Bruͤder? Was iſt es außer dem wohl fuͤr ein Wunder, daß der Mann, der die Gunſt der Fraͤulein Harlowe zu gewinnen gewußt, auch die Zuneigung einer an - dern Fraͤulein, mit ihrem Ach(*)Siehe den XI. Brief dieſes Theils, wo die Fraͤu - lein Howe ſchreibt: Ach meine Wertheſte, ich wußte es ſchon, daß ſie ihn liebten. , welche von der Erniedrigung ihrer Mitbuhlerinn Ehre ha - ben wuͤrde, gewinnen ſollte?
Beſchuldige du mich deswegen nicht einer ausnehmenden Eitelkeit bey dieſer Vermuthung, Belford. Sollteſt du die geheime Eitelkeit ken - nen, die in den Herzen dererjenigen verborgen liegt, welche ſie verdecken, oder auf das beſte bemaͤnteln: ſo wuͤrdeſt du hohe Urſache finden, mich loszuſprechen oder mir wenigſtens nachzuſehen. Denn eben das Bewußtſeyn des Heuchlers, daß er uͤber und uͤber von Ein - bildung fuͤr ſich voll iſt, macht ihn uͤberhaupt am meiſten behutſam, es zu verbergen ‒ ‒ Den -noch327noch wird es bisweilen bey dieſen Leuten, ſo de - muͤthigſtolz ſie ſeyn moͤgen, trotz aller Bemaͤnte - lung ausbrechen: ſollte es auch nur in Selbſt - verleugnung, in ruͤhmſuͤchtiger Selbſterniedri - gung ſeyn.
Da ich mich aber in dieſer Sache auf dich ſelbſt berufen habe: ſo muß ich zum Behuf mei - ner Anmerkung, daß die Frauenzimmer uͤber - haupt einen liederlichen Kerl einem ordentlichen Manne vorziehen, und meiner darauf gebaueten Vermuthung, daß die Fraͤulein Howe in mich verliebt iſt, einen andern Grund anfuͤhren. Es iſt dieſer: Es geht die gemeine Sage, daß Hick - mann ein ſehr tugendhafter, ein ſehr unſchuldiger Mann iſt ‒ ‒ ein reiner Junggeſelle: Jch bin Buͤrge dafuͤr! ‒ ‒ Fuͤr einen albernen Kna - ben habe ich ihn allezeit angeſehen ‒ ‒ Nun, Bruder, haben die Frauenzimmer nicht gern Lehr - linge. Jhnen gefaͤllt eine Liebe gegen ihr Ge - ſchlecht, die ſich auf die Erkenntniß von demſel - ben gruͤndet. Jhre Urſache dazu iſt gut. Lehr - linge erwarten nach ihren Vorſtellungen mehr, als ſie in der Gemeinſchaft mit ihnen vielleicht finden koͤnnen. Eine Mannsperſon, die ſie ken - net und doch von Flammen gegen ſie brennet, doch hitzig liebet; daß ich von der Fraͤulein Ho - we(*)Siehe den IV. Th. S. 106. 204. 209. ein Wort borge; iſt der Mann, den ſie am liebſten reden hoͤren: ob ſchon uͤberhaupt die - ſe Flammen mehr von dem Teufel in ihm, als von dem armen Kinde außer ihm herruͤhren. X 4Er328Er weiß, was er zu erwarten hat und womit er ſich befriedigen laſſen muß.
Hierzu kommt, daß in einigen Faͤllen der Vorzug, den die Weibsleute haben, Unwiſſen - heit ſeyn muß: es mag nun eine wirkliche oder angenommene Unwiſſenheit ſeyn. Die Manns - perſon muß ſich in dieſen Faͤllen als einen Kunſterfahrnen beweiſen. Wird man ſich denn daruͤber wundern, daß ein Frauenzimmer elnen liederlichen Bruder einem Lehrlinge vorzie - het? ‒ ‒ Da ſie von dem einen die Dreiſtigkeit erwartet, die ihr fehlet: ſo ſieht ſie hingegen den andern und ſich ſelbſt als zwo Parallel-Linien an, die, wenn ſie auch in Ewigkeit neben einander fortlaufen, doch nimmermehr zuſammen kom - men.
Jnzwiſchen betruͤget ſich das ſchoͤne Geſchlecht uͤberhaupt auch eben in dieſem Stuͤcke. Denn ſolche ſchuͤchterne Bruͤder ſind ſchlau ‒ ‒ Jch bin vordem ſelbſt bloͤde geweſen: und dieß hat mich beſſer in den Stand geſetzet von beyden Ge - ſchlechtern zu urtheilen; wie ich dir ſchon bey an - derer Gelegenheit zu verſtehen gegeben habe(*)Siehe den III. Th. S. 208.. ‒ Allein ich muß in meiner Erzaͤhlung wieder fortfahren.
Nachdem ich alſo alle gegen einen jeden Brief, der von der Fraͤulein Howe kommen moͤchte, und gegen die Antwort durch den Boten meiner Geliebten zum voraus eingenommen hat - te: ſo hielte ich es fuͤr dienlich, dieſes Stuͤck un -ſerer329ſerer Unterredung damit zu beſchließen, daß ich ihnen zu verſtehen gab, meine Gemahlinn koͤnn - te es nicht vertragen, wenn man etwas ſagte, das auf die Fraͤulein Howe fiele. Nur ſetz - te ich noch mit einem tiefen Seufzer hinzu, daß ich mehr als einmal durch ſolche uͤbelgeſinnte Frauenzimmer, die ich niemals beleidigt haͤtte, ſehr ungluͤcklich gemacht waͤre.
Die Witwe Bevis glaubte, daß dieß leicht - lich ſeyn koͤnnte.
Dieſe gegebne Winke, welche die Sachen in - nerhalb Hauſes betreffen, nebſt den andern, die mein Wilhelm bekommen hat, was ſowohl außer - halb als innerhalb Hauſes wahrzunehmen iſt; denn ich habe die Abſicht, daß er ſich mit dem Dienſtmaͤgdchen der Witwe Moore in Liebeshaͤn - del einlaſſen und wenigſtens ein hundert Pfund in meinen Dienſten gewonnen haben ſoll; wer - den mir ſehr zu ſtatten kommen: wie die Sa - chen etwa laufen koͤnnen.
Wir hatten kaum die Mittagsmahlzeit gehal - ten: als mein Kutſcher, der auf den Ca -X 5pitain330pitain Tomlinſon, wie Wilhelm auf den alten Grimes, laurte, den braven Herrn hierher brachte. Er hatte einen Diener bey ſich: und beyde waren zu Pferde. Er ſtieg ab. Jch kam ihm an der Thuͤre entgegen.
Du kenneſt ſein gewoͤhnliches Weſen und ſeine unverſchaͤmte Freyheit: allein du kannſt dir nicht einbilden, wie vornehm der Schalk that, und wie ehrerbietig ich mich gegen ihn bezeigte.
Jch fuͤhrte ihn in den Saal, und ſtellte ihn den Frauenzimmern und dieſe ihm vor ‒ ‒ Jch glaubte, daß mir ſehr daran gelegen ſeyn wuͤrde, ſie gaͤnzlich von der Richtigkeit alles deſſen, was ich behauptet hatte, zu uͤberfuͤhren: da ſie in unſere Vermaͤhlung, wegen der zuruͤckgeſchobe - nen Fragen meiner Schoͤnen an dieſem Theile, noch einiges Mistrauen ſetzen moͤchten. Wie konnte ich dieß beſſer thun: als wenn ich mich vor ihren Ohren ein wenig mit ihm unterredete?
Werther Herr Capitain, mich hat lange nach ihnen verlanget: denn ich habe mit meiner Ge - mahlinn einen harten Kampf gehabt.
Capit. Es thut mir leid, daß ich ſpaͤter kom - me, als ich willens war ‒ ‒ Meine Rechnung mit meinem Wechsler ‒ ‒ Es iſt ein loſer Hund, Bruder! ‒ ‒ hat mir mehr Zeit weggenommen, als ich vermuthet hatte ‒ Alle dieſe Zeit uͤber ſtrich er ſeine Manſchetten nieder ‒ ‒ denn wir waren nicht weit von einander; nur zwanzig Pfund, in der That, wovon ich keine Rechnung bekommen hatte. Der Schalk hat wohl in ze -hen331hen Jahren nicht zwanzig Pfund geſehen, die ſein eigen geweſen ſind.
Hiernaͤchſt hatten wir die Gemuͤthsart der Harlowiſchen Familie vor. Jch machte mich uͤber ſie alle luſtig. Der Capitain aber nahm ſeines lieben Freundes, Herrn Joh. Harlowe, Partey mit einem Nicht ſo hitzig! ‒ ‒ Nicht ſo hitzig, junger Herr! und andern dergleichen freyen Redensarten.
Er rechtfertigte ihre Feindſeligkeit durch meinen Trotz. Es wuͤrde ſich keine Familie, die eine ſo reizungsvolle Tochter haͤtte, trotzen laſſen, an ſtatt daß man ihre Gunſt ſuchen ſoll - te. Er muͤßte reden, wie es ihm ums Herze ſey: er waͤre niemals zweyzuͤnglicht geweſen. Er beriefe ſich auf das Urtheil der Frauenzimmer, ob er nicht Recht haͤtte.
Er bekam ſie auf ſeine Seite.
Die Zuͤchtigung, die dem Bruder von mir widerfahren waͤre, ſagte er, muͤßte nothwendig die Sachen ſchlimmer gemacht haben.
O! was ward ich hiedurch fuͤr ein Held in den Augen der Weibsperſonen! ‒ ‒ Das ſchoͤne Geſchlecht liebt uns muthige Bruͤder in ihren Herzen.
Es moͤchte ſeyn, wie es wollte, waren meine Worte: ich wuͤrde doch niemals gegen einen von ihrem Hauſe, außer meiner Gemahlinn, Liebe hegen; und da ich nichts von ihnen brauchte, mich auch nicht anders, als um ihrentwillen,ſo332ſo weit, als ich gethan haͤtte, in eine Ausſoͤhnung eingelaſſen haben.
Das waͤre recht gut von mir, ſagte Frau Moore.
Recht gut, in Wahrheit, ſprach Jungfer Rawlins.
Gut! ‒ ‒ Mehr als gut: es iſt recht edel - muͤthig, ſetzte die Witwe hinzu.
Capit. Ja es iſt wahr: ich muß es ſelbſt geſtehen. Denn es geht mir nahe, daß dem Herrn Lovelace von ihnen allen unhoͤflich begeg - net iſt ‒ ‒ weit unhoͤflicher, als daß man ſich haͤtte einbilden koͤnnen, ein Herr von ſeinem Stande und Muth wuͤrde es hingehen laſſen. Aber dabey, mein Herr; hiemit wandte er ſich zu mir; denke ich, ſie ſind durch eine ſolche Fraͤu - lein uͤberfluͤßig belohnet, und muͤſſen billig dem Vater um der Tochter willen vergeben.
Fr. M. Jn der That, das denke ich auch.
Jungf. R. Das muß ein jeder denken, der die gnaͤdige Frau nur geſehen hat.
Die Witwe. B. Ein feines Frauenzim - mer, in Wahrheit! Aber nach dem, was ich ge - hoͤret habe, hat ſie einen harten Kopf, und wohl gar einige ſehr wunderliche Grillen. Man er - kennet nicht eher, wie ſchaͤtzbar gute Ehegenoſſen ſind, als bis man ſie verloren hat.
Jhr Gewiſſen zwang ihr hiebey einen Seuf - zer ab.
Lovel. Keine Seele muß auf meinen En - gel etwas zu ſagen haben ‒ ‒ Ein Engel iſt ſiein333in der That ‒ ‒ Einige kleine Fehler hat ſie wohl in Anſehung ihrer uͤbereilenden Heftigkeit und ihres unverſoͤhnlichen Sinnes. Allein dieß hat ſie von dem Harlowiſchen Geſchlechte, und wird noch dazu von der Fraͤulein Howe aufge - hetzet ‒ ‒ ‒ Hingegen ihre unzaͤhlbaren und un - vergleichlichen Vorzuͤge hat ſie als ein beſonderes Eigenthum von ſich ſelbſt.
Capit. Ey! was will man von ihrem har - ten Kopfe und ihrer Heftigkeit ſagen! Das iſt ein rechter Kopf, den ſie eben itzo genannt haben, weil ſie der Fraͤulein Howe erwaͤhnten! ‒ ‒ Und ſo gab ich ihm Anleitung, alles, was ich von dem ungeſtuͤmen Frauenzimmer geſagt hatte, zu be - kraͤftigen. ‒ ‒ Jedoch, ſprach er, man muͤßte wohl Mitleiden mit ihr haben: und ſahe mich ſo an, als wenn er vieles damit ſagen wollte.
Jch hatte vorher die Abrede mit ihm genom - men, wie ich dir bereits zu verſtehen gegeben ha - be, der Fraͤulein Howe gelegentlich eine heim - liche Liebe beyzumeſſen: als das beſte Mittel, al - les, was zu meinem Nachtheile von ihr kommen moͤchte, zu entkraͤften.
Capit. Jch kenne ihre Beſcheidenheit, Herr Lovelace: ſonſt koͤnnten ſie wohl einen Grund angeben ‒ ‒
Lovel. Mit niedergeſchlagenen Augen und einem ſehr ſchamhaftigen Geſichte. ‒ ‒ Das kann ich nicht gedenken, Herr Capitain ‒ ‒ Aber laſſen ſie uns eine andere Urſache nennen.
Alle334Alle gegenwaͤrtige Frauenzimmer konnten mir dreiſt ins Geſichte ſehen: ſo ſchamroth war ich.
Capit. Es mag gut ſeyn; aber was unſere gegenwaͤrtigen Umſtaͤnde betrifft ‒ Nur will es ſich nicht ſchicken ‒ ‒ Hiebey ſahe er mich und denn die Frauensperſonen nach der Reihe an.
Lovel. O Herr Capitain, vor dieſer Geſell - ſchaft koͤnnen ſie alles ſagen ‒ Nur, Andreas, ſagte ich zu meinem neuen Diener, der uns bey Tiſche aufwartete, geht ihr hinaus. Dieß gute Maͤgdchen, ich ſahe auf die Cammermagd, wird uns zu allem verhelfen, was wir brauchen.
Andreas ging hinaus: er wußte ſeine Rolle ohne das ſchon; und das Cammermaͤgdchen ſchien uͤber den Vorzug, den ihr meine Gnaden gaben, hoͤchſt vergnuͤgt.
Capit. Was unſere gegenwaͤrtigen Um - ſtaͤnde betrifft, ſage ich, Herr Lovelace ‒ ‒ Ge - wiß, mein Herr, unſer Ziel wird uns ganz ver - ruͤcket werden; das muß ich ihnen frey geſtehen: wenn mein Freund, Herr Joh. Harlowe, erfah - ren ſollte, wie dieſelben ſtehen. Er wuͤrde die Wirklichkeit ihrer Vermaͤhlung eben ſo ſehr in Zweifel ziehen, als die uͤbrigen von der Familie thun.
Hier ſpitzten die Weibsleute ihre Ohren. Sie waren ſtill und die Aufmerkſamkeit ſelbſt.
Capit. Jch habe ſie ſchon vorher nach den eigentlichen Umſtaͤnden gefragt: aber ſie woll - ten mir dieſelben nicht eroͤffnen ‒ ‒ Es magſich335ſich in der That vielleicht nicht ſchicken, daß ich ſie erfahre. Aber ich muß doch geſtehen, es uͤber - ſchreitet meinen Verſtand, daß eine Frau etwas, das ihr Mann vornehmen mag, wenn es nur den Frieden nicht bricht, ſo hoch empfinden kann, daß ſie ſich berechtigt haͤlt, von ihm zu laufen.
Lovel. Herr Capitain Tomlinſon ‒ ‒ mein Herr ‒ ‒ Jch verſichere ſie, daß ich mich fuͤr be - leidigt halten werde ‒ ‒ ‒ daß es mir aͤußerſt empfindlich ſeyn wird ‒ ‒ wenn ich das Wort noch einmal hoͤre.
Capit. Jhre Bedenklichkeit und ihre Liebe, mein Herr, koͤnnen wohl verurſachen, daß ſie ſich fuͤr beleidigt halten ‒ ‒ Allein es iſt meine Art, ein jedes Ding bey ſeinem Namen zu nennen: es mag ſich daruͤber beleidigt finden, wer da will.
Du kannſt dir nicht vorſtellen, Belford, wie muthig und wie vornehm der Schalk dabey ausſahe.
Capit. Wenn ſie es fuͤr dienlich halten wer - den, mein junger Herr, uns die eigentlichen Um - ſtaͤnde wiſſen zu laſſen: ſo wollen wir fuͤr dieſes uͤbereilte Vornehmen von einem ſo bewunderns - wuͤrdigen Frauenzimmern einen Namen finden, der ihnen beſſer anſtehen ſoll. ‒ ‒ Sie ſehen, mein Herr, daß, weil ich die Perſon meines wer - then Freundes, Herrn Joh. Harlowe vorſtelle, ich eben ſo frey rede, als er meiner Vermuthung nach thun wuͤrde, wenn er gegenwaͤrtig waͤre. Jedoch ſie werden roth, mein Herr ‒ ‒ Jch bit - te um Verzeihung, Herr Lovelace: es ſtehet ei -nem336nem ſchamhaftigen Manne nicht an, in ſolche Geheimniſſe zu ſchauen, die ein ſchamhafter Mann nicht aufdecken kann.
Jch ward wirklich nicht roth, Bruder: doch lehnte ich das Compliment nicht von mir ab, ſon - dern ſchlug die Augen nieder. Den Weibsper - ſonen ſchien meine Schamhaftigkeit zu gefallen: nur die Witwe Bevis war mehr geneigt mich auszulachen, als mich deswegen zu loben.
Capit. Es mag die Urſache von dieſem ge - wagten Schritte ſeyn, was es will; ich will es nicht wieder ein Entlaufen nennen, mein Herr, weil dieß harte Wort ihre Zaͤrtlichkeit verletzet: ſo muß ich doch nothwendig meine Beſtuͤrzung daruͤber bezeugen; wenn ich an ihr zaͤrtliches Be - tragen gegen einander gedenke, wovon ich Zeuge war, als ich ihnen das letzte mal meine Aufwar - tung machte. Ueber-Liebe denke ich, mein Herr, ſagten ſie einmal ‒ ‒ Allein Ueber-Lie - be; dabey laͤchelte er; erlauben ſie mir zu ſagen, iſt eine ſeltſame Urſache zum Zank. ‒ ‒ Wenige Frauenzimmer ‒ ‒
Lovel. Werther Herr Capitain! ‒ Und hiemit verſuchte ich roth zu werden.
Die Weibsleute verſuchten es auch: und weil ſie mehr dazu gewoͤhnt waren, kamen ſie beſſer damit fort ‒ ‒ Frau Bevis hat wirklich eine Feuerfarbe im Geſichte, und iſt immer roth.
Jungf. R. Es iſt nicht noͤthig, die Sache ſo genau zu unterſuchen: ſondern nur zu beden -ken,337ken, daß, wie die gnaͤdige Frau oben redet, es ſo gut ſey, als wenn ſie ihre Vermaͤhlung leugnet. Sie wiſſen es ſelbſt, mein Herr. Dabey wandte ſie ſich zu mir.
Capit. Sie leugnet ihre Vermaͤhlung! Him - mel! wie habe ich denn meinem lieben Freunde, Herrn Joh. Harlowe etwas weiß gemachet!
Lovel. Meine arme Geliebte! ‒ ‒ Allein es darf niemand an ihrer aufrichtigen Geſinnung, allezeit die Wahrheit zu ſagen, zweifeln. Sie wuͤrde ſich gewiß um der ganzen Welt willen keiner wiſſentlichen Unwahrheit ſchuldig machen.
Hiedurch verdiente ich wieder ein allgemeines Lob von ihnen.
Lovel. Das liebe Kind ‒ ‒ Sie denket, daß ſie Urſache hat, unſere Vermaͤhlung zu leugnen. Sie wiſſen, Frau Moore, ſie wiſſen, Jungfer Rawlins, was ich ihnen oben geſtanden habe, in Anſehung meines Geluͤbdes ‒ ‒
Jch ſchlug die Augen nieder, und drehete meinen Diamantenen Ring, wie vorher einmal, an den Finger herum. Fr. Moore ſahe auf die Seite und gab der Jungfer Rawlins, als die mit ihr an der Erzaͤhlung, worauf ich zielte, Theil hatte, einen Wink mit den Augen.
Jungfer Rawlins ſahe vor ſich nieder, ſo wie ich. Jhre Augenlieder waren halb geſchloſſen, als wenn ſie ein Pater noſter betete. Sie hatte ihre ſtillen Betrachtungen uͤber ihre Schnupfta - backsdoſe, und der eingezogne Mund machte, daßFuͤnfter Theil. Yſich338ſich die Entfernung zwiſchen ihrer Naſe und ih - rem Kinn verlaͤngerte.
Mir fiel dabey die andaͤchtige Fr. Fetherſtone zu Oxford ein, die ich dir einmal unter andern ſeltſa - men Bildern in der Marienkirche zeigte, wohin wir gegangen waren, ihre beyden Schweſtern in Au - genſchein zu nehmen. Sie hatte die Augen zu - geſchloſſen; als wenn ſie ihrem Herzen nicht trau - en duͤrfte, wenn ſie offen waͤren: ſchlug aber doch die Augenlieder eben halb auf, um zu ſehen, wer zuletzt gekommen waͤre; und ließ ſie wieder nie - der, nachdem ihre Neubegierde geſtillet war.
Die Witwe Bevis machte ſtarre Augen: als wenn ſie auf ein Geheimniß laurete.
Der Capitain ſahe großmuͤthig aus: als wenn er ſchon halb hinter eines gekommen waͤre.
Endlich unterbrach Frau Moore das ſcham - hafte Stillſchweigen. Das Betragen der Frau Lo - velacen, ſprach ſie, koͤnnte durch nichts erklaͤret wer - den, als durch die uͤbeln Dienſte der Fraͤulein Howe und die Haͤrte ihrer Anverwandten, wel - che ihr vermuthlich den Kopf bisweilen ein we - nig moͤchte eingenommen haben. Es waͤre ſehr edelmuͤthig von mir gehandelt, ſetzte ſie hinzu, daß ich dem Sturm, wenn er ſich erhuͤbe, lieber den freyen Lauf ließe, als ihn zu einer ſolchen Zeit aͤrger machte.
Erlauben ſie mir zu ſagen, meine Herren, ſprach die Witwe Bevis, daß dieß unter tauſend Ehemaͤnnern nicht einer wuͤrde gethan haben.
Jch339Jch bat, daß man von dieſer Unterredung meine Gemahlinn nicht das geringſte mer - ken ließe, und ſahe noch immer ſchamhafter aus. Jhr Hauptfehler, muͤßte ich geſtehen, waͤre ihre allzu große Bedenklichkeit.
Der Capitain ſahe ſtarr um ſich herum, und ſagte, er glaubte, daß er aus denen Winken, die ich ihm in der Stadt von meiner Ueber-Liebe gegeben haͤtte, und aus dem was nun vorgegan - gen waͤre, errathen koͤnnte, daß wir unſere Ver - maͤhlung nicht vollendet haͤtten.
O Bruder, wie einſaͤltig ſahe dabey dein Freund aus! oder wie ſehr bemuͤhete er ſich viel - mehr, ſo auszuſehen! wie ſproͤde ſahe die gute Frau Moore aus! wie gezwungen die Jungfer Rawlins! ‒ ‒ da unterdeſſen die ehrliche Witwe Bevis dreiſt um ſich gaffete; und, ob ſie gleich mit dem Munde nur laͤchelte, mit ihren Augen in vollem Lachen war, und alle Augen in der Ge - ſellſchaft zum Lachen aufzufordern ſchien.
Er machte die Anmerkung, daß ich ein rech - ter Phoͤnix unter den Maͤnnern waͤre, wenn es ſo ſeyn ſollte. Er koͤnnte in dem Fall nicht an - ders hoffen, als daß in einem oder zween Tagen die ganze Sache gluͤcklich beygelegt ſeyn, und er alsdenn das Vergnuͤgen haben wuͤrde, ihren On - kel zu verſichern, daß er, ſo zu ſagen, an ihrem Hochzeitstage gegenwaͤrtig geweſen waͤre.
Die Weibsleute ſchienen ſich alle eben dieſe Hoffnung mit ihm zu machen.
Y 2O!340O! Herr Capitain! O! meine liebe Frau - enzimmer ‒ ‒ wie gluͤcklich wuͤrde ich ſeyn: wenn ich meine wertheſte Gemahlinn zu eben der Ge - ſinnung bringen koͤnnte!
Das wuͤrde ein ſehr gluͤcklicher Ausgang von einer ſehr verwirrten Sache ſeyn, ſagte die Wit - we Bevis, und ich ſehe nicht, warum wir nicht dieſe kuͤnftige Nacht ſelbſt zu einer Nacht der Freude machen koͤnnten.
Der Capitain laͤchelte mich mit einem vor - nehmen Geſichte an. Er ſaͤhe offenbar genug, ſprach er, daß wir bisher beym Kinderſpiel ge - blieben waͤren. Ein Mann von meiner Ge - muͤths - und Lebensart muͤßte eine erſtaunliche Achtung gegen ſeine Frau haben: wenn er einen ſolchen Eigenſinn, als dieſer iſt, leiden koͤnnte. Aber er wollte ſich unterſtehen, mir eines zu ſa - gen, und das waͤre dieſes. So ſehr auch junge wunderliche Weiber in dem Stuͤcke ihren Willen zu haben verlangten: ſo waͤre es doch allemal ein ſehr ſchlimmer Schritt, den der Mann dabey wagte; indem er ſeiner Vertrauten einen ſehr ſtarken Beweis gaͤbe, wie viel ſie uͤber ihn ver - moͤchte. Er wollte wetten, daß kein Frauenzim - mer von einem ſolchen Sinne jemals den Mann deswegen hoͤher achtete; ſondern vielmehr das Gegentheil. Und man koͤnnte Gruͤnde anfuͤh - ren, warum ſie es nicht thun ſollte.
Gut, gut, Herr Capitain: nicht mehr von dieſer Sache in Gegenwart der Frauenzimmer. Einer empfindet es wohl, ſagte ich auf eineſcham -341ſchamhaftige Art mit einem Verſuche roth zu werden und mit einem Achſelzucken, daß er ſo ausgelachet wird ‒ ‒ Jch bin fuͤr meine zaͤrtli - che Thorheit genug beſtrafet.
Jungſer Rawlins hatte ihren Fecher genom - men und wollte ihr Angeſicht gern darhinter ver - ſtecken: vermuthlich, weil ſie mit ihrem Roth - werden nicht voͤllig in Bereitſchaft war.
Frau Moore huſtete und ſchlug die Augen nieder: und dadurch ließ ſie ihres voruͤbergehen.
Die muntere Witwe lachte inzwiſchen uͤber - laut, und ruͤhmte den Capitain als einen von des Hudibras methaphyſikaliſchen Koͤpfen.
Dieß machte, daß die Jungfer Rawlins wirklich roth wurde. ‒ ‒ Pfuy, Pfuy, Fr. Be - vis, rief ſie aus, vor Unwillen, wie ich vermuthe, daß man ſie ganz fuͤr unwiſſend hielte.
Kurz von der Sache zu reden: ich gerieth auf die Gedanken, daß ich keinen uͤbeln Tauſch gethan; da ich ſtatt unſerer Mutter, die ihr Handwerk bekannt werden ließe, die Fr. Moore, die dergleichen nicht fuͤr ihr Handwerk erkennete, bekommen haͤtte. Jn Wahrheit, die Weibsleu - te und ich, ja meine Geliebte ſelbſt, haben alle einerley zum Zwecke: wir ſind nur in der Art und Weiſe, zu dem vorgeſetzten Ziele zu gelangen, von einander unterſchieden.
Es war nunmehr hohe Zeit, meiner Gemah - linn zu wiſſen zu thun, daß der Capitain Tomlinſon angekommen waͤre: und zwar um ſo viel mehr, weil uns das Cammermaͤgdchen ſagte, daß die Fraͤulein gefragt haͤtte, ob nicht ein ſolcher Cavallier, wie ſie ihn beſchrieb, in dem Saale waͤre.
Frau Moore ging hinauf und bat in mei - nem Namen, daß ſie uns Gehoͤr geben moͤchte.
Aber ſie kam mit der Bitte wieder zuruͤck, daß der Capitain Tomlinſon ſie fuͤr itzo entſchul - digt halten moͤchte. Sie befaͤnde ſich ſehr uͤbel. Jhre Mattigkeit verſtattete nicht, ſich mit ihm in Unterredung einzulaſſen. Sie muͤßte ſich nie - derlegen.
Jch ward unruhig und anfangs ſehr unge - halten. Der Capitain ward auch unruhig. Du kannſt leichtlich glauben, daß ich ſeinetwegen noch mehr beſorgt war.
Sie hatte ſehr viele Beſchwerden gehabt: das muß ich geſtehen. Jhre Ohnmachten, die ihr dieſen Morgen zugeſtoßen, mußten ſie noth - wendig abgemattet haben. Sie hatte ihren Un -willen343willen ſo hoch getrieben, daß es deſto weniger Wunder war, wenn ſie ihre Kraͤfte niedergeſchla - gen befand, nachdem ſich die aufgetriebnen Lebens - geiſter wiederum geſetzet hatten. Sehr nieder - geſchlagen, darf ich ſagen: wofern zwiſchen dem Steigen und Fallen ein aͤhnliches Verhaͤltniß iſt: denn ſie war uͤber die Schranken eines ordentli - chen Menſchen hoch hinaus geweſen.
Der Capitain ſchickte inzwiſchen in ſeinem eignen Namen hinauf, und ließ ſagen, daß er es fuͤr eine beſondere Gewogenheit anſehen wollte, wenn ihm erlaubt wuͤrde, ein Schaͤlchen Thee mit ihr zu trinken. Er wollte hernach zur Stadt zuruͤckkehren, und, wo es moͤglich waͤre, einige nothwendige Geſchaͤffte zur Richtigkeit bringen, damit er morgen ganz frey waͤre, ihr ſeine Auf - wartung zu machen.
Allein ſie entſchuldigte ſich mit heftigen Kopf - ſchmerzen: und Fr. Moore verſicherte, daß die Entſchuldigung Grund haͤtte.
Jch wollte gern, daß der Capitain hier dieſe Nacht bleiben ſollte: ſo wohl ihm eine Hoͤflich - keit zu ſagen; als mir zu meiner Abſicht, da ich von meinen neugemietheten Zimmern Beſitz zu nehmen gedachte, den Weg zu bahnen. Seine Stunden waren ihm aber zu koſtbar, daß er den Abend bleiben ſollte.
Es waͤre ihm in der That ſehr unbequem, ſagte er, morgen wiederzukommen: allein er wollte gern alles thun, was in ſeinem Vermoͤgen ſtuͤnde, dieſe Luͤcke wieder zu ergaͤnzen; und dasY 4nicht344nicht weniger um mein ſelbſt und meiner Gemah - linn, als um ſeines lieben Freundes, Herrn Joh. Harlowe willen, welcher nicht erfahren muͤßte, wie weit dieß Misverſtaͤndniß gegangen ſey. Er wollte alſo nur ein Schaͤlchen Thee mit den Frauenzimmern und mir trinken.
Nachdem er nun dieß gethan und ich noch eine kurze Unterredung insgeheim mit ihm gehabt hatte: ſo eilte er von dannen.
Unterdeſſen hatte ſein Bedienter den Maͤg - den der Frau Moore eine ſehr vortheilhafte Be - ſchreibung von ihm gemacht. Und da die Wit - we Bevis, welche nicht ſtolz iſt und mit allen Maͤgden ihrer Tante, als eine gute Mitgeſel - linn, als mit ihres gleichen, wie man ſagt, um - gehet, dieſelbe wieder erzaͤhlet hatte: ſo war er bey ihnen allen ein ſeiner Cavallier, ein verſtaͤn - diger Herr, ein Mann von Einſicht und Er - ziehung. Sie bedaurten nur, daß er bey ſo vie - len Geſchaͤfften, die ihm auf dem Halſe lagen, noch einmal wiederzukommen genoͤthiget wuͤrde.
Jch will meinen Kopf zum Pfande ſetzen, fliſperre die Witwe Bevis auf eine vernehmliche Weiſe, daß ſo wohl ein wunderlicher Sinn als die Kopfſchmerzen bey einer gewiſſen Perſon ſchuld daran ſind, daß ſie den Beſuch dieſes bra - ven Herrn von ſich abgelehnet hat. ‒ ‒ O! mein Gott! wie gluͤcklich koͤnnten manche Leute ſeyn: wenn ſie nur ſelbſt wollten! ‒ ‒
Es iſt keine vollkommene Gluͤckſeligkeit in dieſer Welt, ſagte ich ſehr ernſthaft und mit ei -nem345nem Seufzer: denn die Witwe mußte wiſſen, daß ich ſie gehoͤrt hatte. Wenn wir keine wirk - liche Ungluͤckſeligkeit haben: ſo koͤnnen wir ſie uns ſelbſt aus dem Ueberfluſſe unſers eignen Gluͤcks erzeugen.
Nur mehr als zu wahr, nur mehr als zu wahr! ſagten die beyden Witwen. Eine vor - treffliche Anmerkung! ſprach die Fr. Bevis. Die Jungfer Rawlins gab ihrem Beyfall durch Laͤcheln zu erkennen, und nannten mich, meinen Gedanken nach, in ihrem Herzen einen unver - gleichlichen Mann: denn ſie will fuͤr eine große Bewunderinn von Betrachtungen aus der Sit - tenlehre angeſehen ſeyn.
Jch hatte kaum Abſchied von den Capitain genommen und mich wieder bey den Weibsleu - ten niedergeſetzt: ſo kam Wilhelm und und rief mich heraus: „ Herr, Herr, ſagte er mit ſeltſamen Geberden und mit einer vertraulichen Dreiſtig - keit in ſeinen Blicken, als wenn ihn das, was er zu ſagen hatte, berechtigte, ſich Freyheiten heraus - zunehmen: „ Jch habe den Kerl vom Pferde „ gebracht! ‒ Jch habe den alten Grimes herun - „ ter gebracht ‒ Ha, ha, ha, ha ‒ ‒ Er iſt zu „ Lower-Flask ‒ ‒ beynahe ſo voll als ein „ Schwein, und erlauben Jhro Gnaden “‒ ‒ der „ Hund war ſelbſt nicht viel beſſer ‒ ‒ “hier „ iſt ſein Brief ‒ ‒ von ‒ von Fraͤulein Howe - „ Ha