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Einleitung zur Ceremoniel - Wiſſenſchafft Der großen Herren,
Die in vier beſondern Theilen Die meiſten Ceremoniel-Hand - lungen / ſo die Europaͤiſchen Puiſſancen uͤberhaupt / und die Teutſchen Landes-Fuͤr - ſten inſonderheit, ſo wohl in ihren Haͤuſern, in Anſehung ihrer ſelbſt, ihrer Familie und Bedienten, als auch gegen ihre Mit-Regenten, und gegen ihre Unter - thanen bey Krieges - und Friedens-Zei - ten zu beobachten pflegen, Nebſt den mancherley Arten der Diver - tiſſemens vortraͤgt / ſie ſo viel als moͤglich in allgemeine Regeln und Lehr-Saͤtze einſchluͤßt, und hin und wieder mit einigen hiſtoriſchen Anmerckungen aus dem alten und neuen Geſchichten erlaͤutert,
Julio Bernhard von Rohr.
Berlin,bey Joh. Andreas Ruͤdiger,1729.
Mein Leſer!

§. 1.

Hier uͤbergeb ich dir diejeni - ge Schrifft / die ich in der Vorrede meiner Einlei - tung zur Ceremoniel - Wiſſenſchafft der Privat - Perſonen verſprochen. Jch muß bekennen / daß ich vor ein zehen oder zwoͤlff Jahren nicht gedacht haͤtte / von dieſer Materie etwas zu ſchreiben / indem mir das Ceremo - nien-Weſen allzu ſteril vorgekommen / und ich damahls ſo wohl als andere in den Gedancken ſtand / daß es an allen) (2undVorrede. und ieden Hoͤfen gaͤntzlich unter ſchie - den / und als ein Stuͤck des Juris Publici eines ieden Landes anzuſehen waͤre. Vor ein vier oder fuͤnff Jahren gab mir der Herr Hof-Rath Wolff in ſei - nen vernuͤnfftigen Gedancken von der Menſchen Thun und Laſſen die erſte Gelegenheit hiezu / als ich aus dem 179 §. des III. Capituls ermeldeter Schrifft erſahe / daß man mit gutem Grunde von den Ceremonien eine eigene Wiſſenſchafft machen koͤnte. Nachdem mir hernach faſt zu gleicher Zeit / bey Ubernehmung einer Arbeit vor einen andern / der die Ehre davon getragen / des Herrn Luͤnigs Theatrum Ceremonia - le in die Haͤnde gerieth / aus welchem ich eine und die andere Stelle auszeichnen muſte / und ich aus der allgemeinen Abhandlung / welche dieſer Schrifft an - gefuͤget / erſahe / daß man noch kein Syſtematiſch und Philoſophiſch Werck von den weltlichen Ceremonien haͤtte / ob ſchon dergleichen von der gelehrtenWeltVorrede. Welt laͤngſt verlangt worden / unter - ſchiedene Autores auch ſich hiezu anhei - ſchig gemacht / noch keiner aber zu Stan - de gebracht / ſo ward ich ſchluͤßig / ſelbſt einen kleinen Verſuch hierinnen vorzu - nehmen / und ſuchte ſo viel hiſtoriſche Schrifften auf / als ich erlangen konte / und zu meiner Abſicht vor dienlich er - achtete. Jch habe hierbey ſo wohl weit - laͤufftige und koſtbahre hiſtoriſche Tra - ctate, als auch die kleinſten Piécen und Beſchreibungen von Croͤnungen / Ein - zuͤgen / Illuminationen / Feuerwercken / Carouſellen u. ſ. w. mit zu rathe gezo - gen / und bin genoͤthiget worden / eine ſehr groſſe Menge der Geſchicht-Buͤ - cher theils mit Aufmerckſamkeit durch - zuleſen / theils mit fluͤchtigen Augen durchzulauffen. Die Ausarbeitung dieſer Schrifft iſt mit der groͤſten Muͤhe vergeſellſchafftet geweſen / ſo daß ich mehr als einmahl geſonnen war dieſe Arbeit liegen zu laſſen; ich habe biß - weilen gewiſſe Materien geſucht / und) (3dochVorrede. doch unmoͤglich allezeit die Schrifften wiſſen koͤnnen in welchen ich etwas da - von finden moͤchte / ſo habe ich auch den Jnhalt der neuen Lehr-Saͤtze / die ich geſucht / nicht vorher wiſſen moͤgen. Jch habe gar offters uͤber dreyßig hi - ſtoriſcher Beſchreibungen der Ceremo - niel-Handlungen die zu einerley Mate - rie gehoͤren / durchleſen muͤſſen / theils damit ich die Lehr-Saͤtze / die ich aus den vorigen Beſchreibungen heraus ge - zogen / pruͤfen moͤchte / ob ſie auch all - gemein ſeyn / und an allen Hoͤfen zu - treffen? theils auch um neue zu ſamm - len / die noch nicht vorgekommen. Es iſt alſo gar unangenehm geweſen / wenn ich bißweilen einige Stunden mit leſen zugebracht / und dennoch binnen der Zeit keinen neuen allgemeinen Lehr - Satz heraus bringen koͤnnen / ſondern lauter allzu ſpecielle hiſtoriſche Umſtaͤn - de angetroffen / die in den vorigen be - reits beruͤhret worden / und zu meiner Abſicht nicht gedienet. Waͤre mir mehrdaranVorrede. daran gelegen geweſen dieſen Tractat in kurtzer Zeit als mit gehoͤrigen Fleiß aus - zuarbeiten / ſo haͤtte ich mir vielmahls eine Erleichterung ſchaffen koͤnnen / wenn ich bey mancher Materie zu einem oder andern Autorem, der dieſelbige in eignen Schrifften abſonderlich abge - handelt / als der Wicqueforth und Wal - ſingham die Geſandtſchafften u. ſ. w. meine Zuflucht genommen / und alſo nicht noͤthig gehabt / ſo viel andere Schrifften dabey zu rathe zu ziehen. Es haben mich aber mancherley Bewe - gungs-Gruͤnde hievon zuruͤck gehalten. Jch habe geglaubt / daß es ruͤhmlicher ſey die Fontes ſelbſt aufzuſchlagen / als aus denjenigen / was andere zuſammen getragen / einen Auszug zu machen / und auch ſonſt erkandt / daß ermeldte Tra - ctate zu meinem Zweck nicht recht dien - lich. Einige Autores ſind zu alt / und beſchreiben nicht die neueſten Ceremo - niel-Handlungen der groſſen Herren / andere ſind bloß nach den juriſtiſchen Lei - ſten zugeſchnitten / ſie reden mehr von) (4denVorrede. den Staats-Rechten als Staats-Ge - braͤuchen / und noch andere mehr mit Antiquitæten als mit andern brauchba - ren Saͤtzen angefuͤllt / mehr nach der Weiſe der Gelehrten / als nach dem ge - nio Seculi abgefaſt.

§. 2.

Bey dieſer Arbeit habe ich meine Abſicht meiſtentheils auf die Gebraͤuche der Europæiſchen Hoͤfe gerichtet / ſinte - mahl die Ceremoniel-Handlungen der andern Regenten ſo auſſer Europa herr - ſchen / groͤſtentheils allzu ſeltzam / und die wenigſten davon in vernuͤnfftige Lehr-Saͤtze und allgemeine Claſſen ge - bracht werden koͤnnen. Unter den Eu - ropæiſchen hab ich als ein Teutſcher / der vor die Teutſchen geſchrieben / auch am meiſten auf die Teutſchen Hoͤfe geſehen. Nachdem auch der Unterſcheid der Re - ligionen bey den weltlichen Ceremoniel - Handlungen mancherley Unterſchied zu wuͤrcken pflegt / ſo hab ich hin und wie - der / und faſt in allen Capituln dasje -nige /Vorrede. nige / was ſich an den Hoͤfen ſo der Roͤmiſchen Kirche beypflichten / veraͤn - derliches hierbey ereignet / mit ange - fuͤhrt. Bey Beſchreibung der Hand - lungen hab ich die Ordnung in Betrach - tung gezogen / und dasjenige was von Anfang biß ans Ende dabey zu geſche - hen pflegt / vorgeſtellt. Weil viel Hand - lungen von einerley Art an allen Hoͤfen nicht auf einerley Weiſe vernichtet wer - den / ſo hab ich hierbey / damit dieſe Lehr - ſaͤtze allgemein werden moͤchten / die zwey - oder dreyerley Methoden / nach welchem ſie nach dem Unterſchied der Zeiten oder der Hoͤfe expedirt werden / vorgetragen.

§. 3.

Die Claſſen in welche ich die Cere - moniel-Handlungen der groſſen Herren eingetheilet / ſind mir am allernatuͤrlich - ſten geſchienen / ich haͤtte deren wohl mehr beſtimmen koͤnnen / ich habe aber geglaubt / daß dieſe zu einer Einleitung und zu dem Gebrauch der Anfaͤnger hin -) (5rei -Vorrede. reichend ſeyn. Vielleicht wird man - cher in den Gedancken ſtehen / als ob ich eine nothwendige Materie / nemlich die - jenige / die von den Ceremoniel-Weſen des Brief-Wechſels der groſſen Herrn handelt / unberuͤhrt gelaſſen: Jedoch ich habe dieſes mit guten Vorbedacht gethan / theils weil Herr Luͤnig dieſes Stuͤck gantz accurat und vollſtaͤndig in ſeinem Theatro Ceremoniali abgehan - delt / theils auch / weil man von dieſer Materie nicht gar wohl allgemeine Re - geln abſtrahiren kan / und denjenigen / die zu dergleichen Expedition gezogen wer - gen / und den Brief-Wechſel der groſſen Herren zu beſorgen haben / mit ſo kur - tzen Saͤtzen gar wenig gedienet ſeyn wuͤrde / die andern aber aus dieſer Schrifft ſich gar leicht dasjenige / was ihnen von dieſer Materie beliebet / ſelbſt auszeichnen koͤnnen.

§. 4.

Junge Leute / welchen ich dieſe Ar - beit hauptſaͤchlich gewidmet / werdenman -Vorrede. mancherley Nutzen hieraus ſchoͤpffen koͤnnen. Sie bekommen etwas wich - tigere und ordentlichere Begriffe von den Ceremoniel-Handlungen in Kopff als ſonſt / und koͤnnen den gantzen Zu - ſammenhang des Ceremonien-Weſens beſſer ins Gedaͤchtniß einpraͤgen / und ihn alſo voͤllig uͤberſehen und uͤberde - cken / da hingegen durch das bloſſe Le - ſen der weitlaͤufftig abgefaſten hiſtori - ſchen Schrifften / ſo die aller ſpecielſten Handlungen der groſſen Herren in ſich faſſen / ihre Gemuͤther nur beſchweret und gleichſam uͤberſchuͤttet werden / wenn ſie dieſes Compendium auf Reiſen bey ſich fuͤhren / ſo wiſſen ſie wornach ſie ſich an dieſen oder jenen Hof bey dem Ceremonien-Weſen inſonderheit zu er - kundigen haben / ſie finden ordentliche Claſſen / wohin ſie dasjenige was ſie ſelbſt erfahren und obſerviren / dazu tra - gen koͤnnen / ſie gelangen hierdurch in kurtze Zeit zu einer groſſen Erfah - rung / und finden dasjenige was an den meiſten Europæiſchen Hoͤfen / inſon -der -Vorrede. derheit den neueſten Zeiten nach / von ein dreyßig Jahren her biß ietzund im Gebrauch / an einem Orth beyſammen, welches ich allenthalben mit vieler Zeit und Gedult habe muͤſſen zuſammen ſuchen. Es werden auch diejenigen / die um der Zeit-Kuͤrtzung und Ge - muͤths-Erquickung wegen / hiſtoriſche Sachen leſen / vor ein weniges Geld / mancherley das ihnen angenehm ſeyn wird / zumahl in der letztern Abthei - lung hierinnen beyſammen antreffen / da ihnen ſonſt vielleicht ein paar hiſto - riſche Beſchreibungen einiger Ceremo - niel-Handlungen hoͤher zu ſtehen kom - men.

§. 5.

Jch beſitze keine ſolche Eigen-Lie - be / daß ich behaupten wolte / als ob durch gegenwaͤrtige Arbeit dem Ver - langen der gelehrten Welt ein voͤllig Genuͤgen geſchehen / und das Ceremo - niel-Weſen nach aller Vollkommenheit in die Regeln einer Wiſſenſchafft einge -ſchloſ -Vorrede. ſchloſſen; inzwiſchen glaub ich doch / daß die allenthalben zerſtreueten unor - dentlichen und weitlaͤufftigen Anmer - ckungen von dergleichen Handlungen / hiedurch in eine kuͤrtzere und beſſere Ordnung gebracht / und der Vortrag und Zuſammenhang dieſer Saͤtze / einer Syſtematiſchen Lehr-Art ziemlich gleich kommen werde. Von des Herrn Stie - fens Europæiſchen Hof-Ceremoniel, wel - ches ich gar nicht nachgeſchlagen / und vor vielen Jahren nur einmahl ein we - nig durchblaͤttert / wird ſich meine Ein - leitung darinnen abſondern / daß Herr Stief in ſeiner Schrifft in beliebter Kuͤr - tze von den Ceremonien / wie ſie itzund an den Europæiſchen Hoͤfen in Gebrauch ſind / ſpecielle hiſtoriſche Anmerckungen vorgetragen / und ich habe mir hinge - gen angelegen ſeyn laſſen / meinen Le - ſern allgemeine Lehr-Saͤtze mitzu - theilen. Es duͤrfften aber beyderley Schrifften ſich gar wohl mit einander vertragen / und ihren Beſitzern gemein - ſchafftliche Dienſte leiſten. Es wirddieſeVorrede. dieſe Einleitung gar gerne den vollſtaͤn - digen Wercken / ſo Staats-kundige Maͤnner die in Koͤniglichen oder Fuͤrſt - lichen Archiven ſitzen / und von den Ce - remonien einen beſondern und raren Apparatum eingeſammlet / kuͤnfftighin ausarbeiten moͤchten / den Rang und Vorzug goͤnnen; ich will inzwiſchen zufrieden ſeyn / wenn ich mit dieſer Ar - beit meinen Nachfolgern einige Erleich - terung / und den Anfaͤngern ſo lange biß iemand anders von dieſer Materie nach einer philoſophiſchen Lehr-Art et - was vollkommeners ſchreiben wird / ei - nigen Nutzen ſchaffe. Lebe wohl / Kirchhayn den 15. April 1729.

Verzeichniß der Capitel in J. B. v. Rohr Staats-Ceremoniel.

Der Erſte Theil. Von dem Privat-Ceremoniel der groſſen Herren in Anſehung ihrer eigenen Perſonen, und ihres Hauſes.
  • Das I. Cap. Vom Staats-Ceremoniel uͤber - haupt. pag. 1
  • Das II. Cap. Von dem Schlaffengehen und Aufſtehen der groſſen Herren. 18
  • Das III. Cap. Von der Kleidung. 26
  • Das IV. Cap. Von den Hochfuͤrſtlichen Occu - pationen und Beruffs-Geſchaͤfften. 34
  • Das V. Cap. Von Heiligen Handlungen. 42
  • Das VI. Cap. Von Einweyhung der Gebaͤu - de. 54
  • Das VII. Cap. Von Schloß - und Zimmer-Ce - remoniellen. 62
  • Das VIII. Cap. Vom Tafel-Ceremoniel. 90
  • Das IX. Cap. Von Reiſen der Fuͤrſtl. Herr - ſchafften. 124
  • Das X. Cap. Von Fuͤrſtl. Vermaͤhlungen. 132
  • Das XI. Cap. Von der Geburth und Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. 166
  • Das XII. Cap. Von der Auferziehung der Prin - tzen. 194
  • Das XIII. Cap. Von dem, ſo die Hochfuͤrſtliche Familie uͤberhaupt angehet. 215
  • Das XIV. Cap. Von den Hochfuͤrſtlichen Be - dienten. 229
  • Das XV. Cap. Von Rang-Ordnungen der Fuͤrſtl. Bedienten260
  • Das XVI. Cap. Von der Fuͤrſtl. Perſonen Vor - bereitung zu ihrem Tode, und vom Ster - ben ſelbſt. 272
  • Das XVII. Cap. Von Teſtamenten, deren Auf - richtung, Publication und Execution. 290
  • Das XVIII. Cap. Von Leich-Begaͤngniſſen und Begraͤbniſſen. 304
  • Das XIX. Cap. Von dem Hof - und Land-Trau - ren. 328
Der Andre Theil. Von dem Ceremoniel der groſſen Her - ren, in Anſehung ihrer Mit-Re - genten.
  • Das I. Cap. Vom Rang und Præcedenz der groſſen Herren unter ſich339
  • Das II. Cap. Von Viſiten und perſoͤnlichen Zu - ſammenkuͤnfften. 357
  • Das III. Cap. Von den Geſandten. 377
  • Das IV. Cap. Von Titulaturen. 415
  • Das V. Cap. Von Belehnungen. 437
  • Das VI. Cap. Von Buͤndniſſen. 460
  • Das VII. Cap. Vom Krieg. 475
  • Das VIII. Cap. Von Friedensſchluͤſſen. 505
Der
Der Dritte Theil. Von dem Ceremoniel der groſſen Her - ren, in Anſehung ihrer Unter - thanen.
  • Das I. Cap. Von Hochfuͤrſtl. Vormundſchaff - ten und Majorennitaͤts-Erklaͤrungen. 537
  • Das II. Cap. Von dem Fuͤrſtlichen Succeſſions - Weſen. 558
  • Das III. Cap. Vom Interregno und den Wah - len. 568
  • Das IV. Cap. Von Croͤnungen. 584
  • Das V. Cap. Von Einzuͤgen. 609
  • Das VI. Cap. Vom Antritt und Niederlegung der Regierung. 625
  • Das VII. Cap. Von der Huldigung. 657
  • Das VIII Cap. Von Reichs - und Landtaͤgen. 681
  • Das IX. Cap. Von Ritter-Orden. 708
  • Das X. Cap. Von der Ehre und Devotion, ſo die Unterthanen ihrem Landes-Herrn ab - ſtatten. 724
Der Vierdte Theil. Von dem Ceremoniel bey unterſchiede - nen Arten der Hochfuͤrſtlichen Divertiſſements.
  • Das I. Cap. Von den Hochfuͤrſtl. Divertiſſe - ments uͤberhaupt. 732
  • Das II. Cap. Von Aufzuͤgen. 739
  • Das III. Cap. Von den mancherley Turnieren und Ritterſpielen. 751
  • Das IV. Cap. Von Carouſellen, Ringrennen und Roß-Baletten. 769
  • Das V. Cap Von muſicaliſchen Concerten, Taͤntzen, Baͤllen, und Baletten. 784
  • Das VI. Cap. Von Opern und Comoͤdien. 796
  • Das VII. Cap. Von Carnevals und Maſquera - den. 815
  • Das VIII. Cap. Von Wirthſchafften u. Bauer - Hochzeiten. 824
  • Das IX. Cap. Von Schlittenfahrten. 834
  • Das X. Cap. Von Illuminationen. 838
  • Das XI. Cap. Von Feuerwercken. 846
  • Das XII. Cap. Von unterſchiedenen Arten der Luſtſchieſſen. 853
  • Das XIII. Cap. Von den mancherley Arten der Luſt-Jagden und Jagd-Divertiſſements. 859
  • Das XIV. Cap. Von unterſchiedenen andern Divertiſſements auf dem Lande. 876
[1]

Der erſte Theil. Von dem Privat-Cere - moniel der groſſen Herren / in Anſehung ihrer ſelbſt und ihres Hauſes.

Das I. Capitul. Von dem Staats-Ceremo - niel uͤberhaupt.

§. 1.

Das Staats-Ceremoniel ſchreibet den aͤuſſerlichen Handlungen der Regen - ten, oder derer die ihre Perſonen vor - ſtellen, eine gewiſſe Weiſe der Wohl - anſtaͤndigkeit vor, damit ſie hierdurch ihre Ehre und Anſehen bey ihren Un - terthanen und Bedienten, bey ihren Hoch-Fuͤrſt - lichen Anverwandten und bey andern Mitregenten entweder erhalten, oder noch vermehren und ver -Agroͤſſern.2I. Theil. I. Capitul. groͤſſern. Die Staats-Ceremoniel-Wiſſen - ſchafft reguliret die Handlungen der groſſen Her - ren, die ſie in Anſehung ihrer ſelbſt, ihrer Familie und ihrer Unterthanen vornehmen, und ſetzet auch dem, womit ſie andere Fuͤrſten oder ihre Geſandten beehren, eine gewiſſe Ziel und Maaße.

§. 2. Einige Ceremonien ſind gar vernuͤnfftig, und mit gutem Grunde etabliret. Sie ſind als Mittel anzuſehen, dadurch ein Landes-Herr einen gewiſſen Endzweck erreicht, immaſſen den Unter - thanen hiedurch eine beſondere Ehrfurcht und Ehr - erbietung gegen ihren Landes-Herrn zuwege ge - bracht wird. Sollen die Unterthanen die Maje - ſtaͤt des Koͤniges erkennen, ſo muͤſſen ſie begreiffen, daß bey ihm die hoͤchſte Gewalt und Macht ſey, und demnach muͤſſen ſie ihre Handlungen dergeſtalt einrichten, damit ſie Anlaß nehmen, ſeine Macht und Gewalt daraus zu erkennen. Der gemeine Mann, welcher bloß an den aͤuſſerlichen Sinnen hangt, und die Vernunfft wenig gebrauchet, kan ſich nicht allezeit recht vorſtellen, was die Majeſtaͤt des Koͤniges iſt, aber durch die Dinge, ſo in die Au - gen fallen, und ſeine uͤbrigen Sinnen ruͤhren, be - kommt er einen klaren Begriff von ſeiner Majeſtaͤt, Macht und Gewalt. S. des Hrn. Hofrath Wol - fens Gedancken von dem geſellſchafftlichen Leben der Menſchen, p. 499. und 501.

§. 3. Bey dem Urſprung mancher alten Cere - monien hat man dahin geſehen, daß ſo wohl die Regenten als Unterthanen durch dieſes oder jenesaͤuſſer -3Von dem Staats-Ceremoniel uͤberhaupt. aͤuſſerliches Zeichen, ſo in die Sinnen faͤllt, ſich ge - wiſſer Pflichten erinnern ſollen. Man hat aber nachgehends das Hauptwerck vergeſſen, und bloß das Nebenwerck behalten; man ſiehet auf das Zei - chen, und weiß doch nicht was dadurch angedeutet werden ſoll. Dieſe oder jene Handlung iſt nun einmahl ſo mode, ſie iſt von alten Zeiten her biß auf die jetzigen ſo beobachtet worden, und alſo macht man ſie mit, ſie mag bedeuten was ſie will.

§. 4. Viel Ceremonien ſind nach der Beſchaf - fenheit der damahligen Zeiten mit gutem Grunde angeordnet worden, die aber bey der gegenwaͤrti - gen Verfaſſung eines Landes oder Republic, weil die raiſon davon gantz und gar wegfaͤlt, in der That vor einfaͤltig und unvernuͤnfftig anzuſehen. Es ge - het damit, wie mit der application mancher Roͤmi - ſchen Geſetze in Teutſchland. Viel Roͤmiſche Ge - ſetze ſind hoͤchſt vernuͤnfftig in Abſicht auf die Roͤ - miſche Verfaſſung, ſchicken ſich aber im geringſten nicht vor unſere ietzige Beſchaffenheit in Teutſch - land.

§. 5. Manche Ceremonien ſind auch nach ih - rem Urſprunge laͤcherlich, die Gelegenheit dazu iſt wunder ſeltzam und bißweilen nicht allzu ruͤhmlich / und wenn ein Geſchichtſchreiber dieſelbige entdecken wolte und koͤnte, ſo wuͤꝛde er ſich bey manchen ſo we - nig merita machen, als ſich einer um ein adelich Ge - ſchlecht verdient machen wuͤrde, wenn er der Welt public machte, warum und bey was vor Gelegen - heit ſie dieſes oder jenes Stuͤck in ihre Wappen be - kommen haͤtten.

A 2§. 6.4I. Theil. I. Capitul.

§. 6. Die ſich auf das Ceremoniel-Weſen le - gen, thun uͤberaus wohl, daß ſie bey allerhand Ce - remonien acht haben, ob ſie etwas bedeuten oder nicht, denn hiedurch bekommen ſie offters Gelegen - heit, daß ſie den Grund davon entweder gewiß, oder doch nach einer groſſen Wahrſcheinlichkeit entde - cken. Bleibt ihnen die Bedeutung hievon unbe - kannt, und koͤnnen ſie den Grund nicht allezeit fin - den, ſo muͤſſen ſie doch nicht gleich ſchluͤſſen, daß ſie keine Bedeutung habe, und ungegruͤndet ſey. Die Unvollſtaͤndigkeit der Geſchichte iſt ſchuld, daß wir bey vielen Gebraͤuchen und Verfaſſungen, den Grund, warum unſern Vorfahren dergleichen be - liebet, nicht anzuzeigen wiſſen. Trifft es bey einer Sache ein, quod non omnium, quæ â majoribus ſancita ſunt, reddi poſſit ratio, ſo trifft es bey dem Ceremonien-Weſen ein.

§. 7. Waͤren die Ceremonien weniger, ſo wuͤr - den ſie offters auch nuͤtzlicher ſeyn. Da aber bey manchen oͤffentlichen Handlungen allzuviel Cere - monien unternommen werden, ſo werden diejeni - gen, die hierbey ihrer Pflichten wahrnehmen ſolten, uͤber den allzuvielen Weſen gantz confuſe, und von der noͤthigen Aufmerckſamkeit abgehalten.

§. 8. Daß bey den Ceremoniel-Stuͤcken der groſſen Herren viel Dinge mit unterlauffen, die der Ehre GOttes, der Vorſchrifft ſeines Wortes, und der Verordnung der natuͤrlichen Rechte zuwider lauffen, iſt mehr als zu gewiß, es wuͤrde aber eine verhaßte Arbeit ſeyn, wenn man die hierbey herr -ſchen -5Von dem Staats-Ceremoniel uͤberhaupt. ſchende Jrrthuͤmer ſpeciell anzeigen wolte. Man - che Gebraͤuche nutzen zu nichts, als daß ſie den la - ſterhafften Neigungen der groſſen Herren ſchmei - cheln, und ihnen zur Erweckung und Unterhaltung ihrer Wolluſt oder ihres Ehrgeitzes dienen.

§. 9. Was vor Mißbraͤuche wird man nicht bey den auſſerordentlichen Titulaturen und Ehrenbe - zeugungen der groſſen Herren gewahr, wie inſon - derheit der Fußkuß des Pabſtes ein klares Exempel hievon abgiebt, welches die Paͤbſte in ihrem Cere - moniali Sacro Libr. I. Sect. III. Cap. III. durch ein beſonder Edict verordnet: Omnes mortales & præſertim Chriſti fideles, cujuscunque ſint di - gnitatis & præeminentiæ, cum primum in con - ſpectum Pontificis advenerint, diſtantibus ſpatiis ter debent ante illum genu flectere & in hono - rem Salvatoris noſtri JEſu Chriſti cujus vices ge - rit in terris, ejus pedes oſculari. S. §. XVIII. von D. Mayers Tractat, de oſculo Pedum Ponti - ficis Romani. Daß dieſe Ehren-Bezeugung vor einen ſuͤndlichen und ſterblichen Menſchen zu groß ſey, haben einige der Roͤmiſch-Catholiſchen ſelbſt erkannt. Der Cardinal Zabarilli ſchreibet von der Beehrung des Pabſtes, und in ſpecie von dem Fußkuß: Eſt etiam conſiderandum de reverentia facienda Papæ, ne in ea excedatur modus, ut vi - deatur non minus honorari Papa quam Deus.

§. 10. Was vor greuliche profanationes gehen nicht mit den beyden herrlichen hymnis vor, mit dem Veni Creator Spiritus, ingleichen mit demA 3Te6I. Theil. I. Capitul. Te Deum laudamus. Jenes ſtimmet man offt nur pro forma und zum Spott GOttes an, damit er die Hertzen derer, ſo ein gewiß Subjectum zu ei - ner weltlichen oder geiſtlichen Dignitaͤt erwehlen ſollen, alſo erleuchte, daß ſie den wuͤrdigſten erweh - len moͤchten, und man hat ſich doch allbereits vor der Wahl durch mancherley geiſtliche Intriguen de - terminiret, wer dazu gelangen ſoll. Dieſes ge - ſchicht ſo wohl bey der Gelegenheit, wenn gewiſſe Geiſtliche um das Vaticanum Proceſſions-weiſe herum ziehen, und dieſen Geſang abſingen, ſo bald die Herren Cardinæle ſich in das Conclave zur Paͤbſtlichen Wahl begeben, als auch bey andern dergleichen Faͤllen mehr. Das Te Deum lauda - mus wird ebenfalls wie ein pur Ceremoniel tra - ctirt, und offt bey ſolchen Faͤllen gebraucht, dadurch GOtt zu neuem Zorn und Straf-Gerichten wieder einen Regenten und wieder ein Volck bewogen werden moͤchte. Man koͤnte von den Mißbraͤu - chen des goͤttlichen Nahmens und der goͤttlichen Ehre, wie ſie bey dem Ceremoniel-Weſen vor - kommen, einen ziemlichen Tractat anfuͤllen, wenn man ſich dieſer Arbeit unterziehen wolte.

§. 11. Die Ceremonien uͤberhaupt, und die aͤuſſerlichen Ehren-Bezeugungen, ſind nicht allein nach dem Unterſchied der Zeiten, ſondern auch nach dem Unterſchied der Hoͤfe und der Voͤlcker unter - ſchieden. An dieſem Ort wird dieſe oder jene So - lennitaͤt vor etwas vortreffliches, ruͤhmliches und vernuͤnfftiges gehalten, und hingegen in einem an -dern7Von dem Staats-Ceremoniel uͤberhaupt. dern Lande wuͤrde man ſie vor ſchimpflich und ein - faͤltig achten, und daruͤber lachen; ſo veraͤndern ſie ſich auch gewaltig nach den unterſchiedenen Senti - mens der groſſen Herren, oder ihrer Staats-Mini - ſtres und ihrer Favoriten. Mancher groſſe Herr, der den Staat und die Magnificenze liebet, und der ambition ſehr ergeben, iſt uͤberaus pointilleus in dieſem Stuͤck; er will, daß Einheimiſche und Auswaͤrtige nach der groͤſten und ſchaͤrffſten accu - rateſſe das Ceremoniel gegen ihn beobachten ſol - len, zumahl wenn er dabey von ſehr hitzigen Natu - rell iſt, und will denen andern, die ihm gewiſſe Eh - ren-Bezeugungen abfordern, nicht einen Nagel breit nachgeben. Es kommt aber nach ihm etwan ein anderer Nachfolger des Reichs, der die Wol - luſt oder das Intereſſe den Ceremonien vorzieht: dieſer raͤumet den andern bey den Gelegenheiten, da ſie ſeine Paſſion contentiren, zu gantzen Haͤnden voll ein; da hingegen ſein Anteceſſor nicht einen Finger breit nachgeben wollen. Sind einige groſ - ſe Herren ſo ungluͤcklich, daß ſie ſich von ihren Mi - niſtris beherrſchen laſſen, ſo werden die Ceremo - nien nach dem Maaß der Liebe, womit ſie dem an - dern zugethan, oder des Nutzens, den ſolche Mini - ſtres davon tragen, zu der Zeit, ſo lange ſie das Steuer-Ruder in Haͤnden fuͤhren, ausgetheilt.

§. 12. Das Intereſſe giebt bey dem Ceremo - nien-Weſen, ſo wohl unter Privat-Perſonen als auch groſſen Herren, ein trefflich Gewichte. Wenn man die Leute braucht, ſo giebet man ihnen zu derA 4Zeit8I. Theil. I. Capitul. Zeit nach, ſo viel als moͤglich, und erzeiget ihnen alle nur erſinnliche Hoͤflichkeit, biß man ſeinen Zweck erreicht, alsdenn laͤſt man wieder nach. Der Au - tor der Quæſtion, ob Reichs-Fuͤrſten befugt waͤ - ren, Ambaſſadeurs zu ſchicken, ſagt bey dem Cas - ſandro Thucelio in den Electis juris Publici p. 307. Les plus habiles Princes ont eté fort prodigues de Civilités quand elles leurs ont eté utiles, & il n’y a point de liberalité, qui incommode moins, & qui acquiert plus d’amis.

§. 13. Nicht weniger geſchehen bey den Cere - moniellen ſo wohl vor der Fuͤrſten eigne Perſonen als auch vor ihre Geſandten gewiſſe Ausnahmen, nachdem ein groſſer Herr in Europa bey den an - dern Puiſſancen durch ſeine Meriten und durch ſei - ne Macht ſich einen groſſen Nahmen erworben, oder ſich ſehr victorieus erwieſen, viel Conqueten erlangt, Staͤdte und Laͤnder eingenommen; Dieſe werden ſchon mit groͤßerer honeur angeſehen als diejenigen, die bey ihren Unterthanen und bey ihren Nachbaren ſich nicht ſehr venerabel und formi - dable gemacht. Die neuen geſchloßenen Allian - cen und eheliche Buͤndniſſe, und die dadurch zu wege gebrachten Anverwandtſchafften, veraͤndern ebenfalls eines und das andre bey den Ceremo - nien; und die unterſchiedenen Umſtaͤnde der Zei - ten, der Perſonen und der Oerter, ſetzen gar oͤffters den ſolenneſten Handlungen eine ziemlich einge - ſchraͤnckte Ziel und Maaße. Wenn Sterbens - Laͤuffte einfallen, oder der Krieg im Lande, oderdoch9Von dem Staats-Ceremoniel uͤberhaupt. doch vor der Thuͤre iſt, oder die Geld-Caſſen er - ſchoͤpfft ſind, ſo ſetzet man die Ceremonielle treff - lich bey Seite, und richtet alles de ſimplici & plano ein.

§. 14. Es geſchicht bißweilen, daß einige groſſe Koͤnige und Koͤniginnen, Fuͤrſten und Fuͤrſtinnen, entweder aus groſſer Demuth, zu der ſie, ihrer Hoheit unbeſchadet, ihren tugendhafften Naturell nach geneigt ſind, oder aus beſondrer Liebe, wo - mit ſie dieſe oder jene Perſon, von geringer Digni - tæt diſtinguiren wollen, von denjenigen Ehren - Bezeugungen, die ihnen andre zu leiſten ſchuldig und willig waͤren, ein groſſes nachlaſſen. Als die Princeßin von Waldeck bey dem hoͤchſtſeligſten Koͤnig in Engeland Georgio, da ſie ſich anno 1723. in Hannover aufhielten, nach der gewoͤhnlichen Engliſchen Weiſe ihren Reverence kniend verrich - ten wolten, ſo wurden ſie von Jhrer Koͤniglichen Majeſtaͤt daran verhindert, und gar gnaͤdig em - braſſirt. So wurde es ebenermaſſen mit der Hoch-Fuͤrſtlichen Schwartzburgiſchen Familie gehalten. S. Einleitung zur neueſten Hiſtorie der Welt p. 891.

§. 15. Die Pflichten der Hoͤflichkeit und die Regeln des Wohlſtandes werden von den groſſen Herren auch gar oͤffters mitten unter der Krieges - Unruhe gegen die Feinde beobachtet. Der Autor des XIII Stuͤckes der Europaͤiſchen Fama ſagt p. 301: Groſſe Herren ſind nicht geartet wie ge - meine Leute, dieſe wiſſen nicht, wie ſie einanderA 5krumm10I. Theil. I. Capitul. krumm genug anſehen ſollen, wenn ſie Streitig - keiten mit einander haben, jene aber ſchlagen ein - ander ein zehntauſend Mann nach den andern todt, und mahlen einander in den Krieges-Manifeſten auf das ſchwaͤrzeſte ab, hingegen, wenn etwas un - ter ihnen vorgehet ſo das Ceremoniel betrifft, ſo iſt von nichts als von Freundſchaffts-Bezeugun - gen, Gluͤckwuͤnſchungen, Freude uͤber des andern Wohlſtand, und Betruͤbniß uͤber des andern trau - rige Zufaͤlle zu hoͤren.

§. 16. Obſchon einige Ceremonien, wie ich in den vorhergehenden angefuͤhret, uͤber die maßen veraͤnderlich, weil ſie von dem Willen der Regen - ten dependiren, und von mancherley Umſtaͤnden gelencket werden, ſo kan man doch dieſes nicht von allen ſagen, inmaßen einige durch die Fundamen - tal-Geſetze des Reichs, durch die Pacta Conventa, durch die von den Regenten mit den Reichs - Staͤnden errichtete Capitulationen und durch an - dre oͤffentliche Tractaten ſo feſt etablirt und ange - ordnet, daß ein groſſer Herr vor ſich, ohne die Ein - willigung des dritten, der hierbey mit intereſſirt, nicht das geringſte zu aͤndern vermag, ja es wuͤr - den manche dencken, daß die Pfeiler des Reichs geruͤhrt und bewegt wuͤrden, wenn einige von der - gleichen Ceremonien ſolten veraͤndert, oder gar aufgehoben werden.

§. 17. Uber die Fundamental-Geſetze des Reichs werden auch noch viel Ceremoniel-Puncten in den Friedens-Schluͤſſen, in den Allianzen, in denEhe -11Von dem Staats-Ceremoniel uͤberhaupt. Ehe-Stifftungen, in den Fuͤrſtlichen Teſtamenten, Freund Bruͤderlichen Vergleichen, am allermei - ſten aber durch die Obſervanz decidirt. Mit dem interdicto uti poſſidetis, beſchuͤtzen ſie ihren Rang und die einmahl erlangten Vorrechte, ſo lange ſie koͤnnen, und bemuͤhen ſich hiedurch mancherley Ce - remoniel-Querellen vorzukommen. Jedoch man - gelt es auch hierbey nicht den andern, die ihnen die Poſſeß nicht zuerkennen wollen, an Ausfluͤchten, bald fuͤhren ſie an, Gegentheil haͤtte ihnen vorhero eine auſſerordentliche Hoͤflichkeit und Gefaͤlligkeit erwieſen, die ſie hiedurch haͤtten erwiedern wollen; bald gedencken ſie daß ihre Hof-Marſchalle oder Staats-Miniſtri dieſes ohne ihre Ordre, und wi - der ihren Willen, oder aus Unwiſſenheit und Nach - laͤßigkeit gethan; ſie erinnern auch wohl, es waͤre damahls nur aus beſonderer Gunſt und Freund - ſchafft geſchehen, da ſie aber ſaͤhen, daß aus dieſer Continuation der Hoͤflichkeit ein Actus poſſeſſio - nis angefuͤhrt werden wolte, ſo wolten ſie dieſe nicht mehr zugeſtehen.

§. 18. Einige Regenten ſind in Vertheidigung ihrer Ceremoniel-Rechte / und in Abforderung der Ehren-Bezeugungen, die andre ihnen bißan - hero ertheilet, hitziger als die andern. Manche wollen gleich alles Commerce auf einmahl ab - brechen, und bezeugen ihren ernſten Widerwillen, es mag ihnen das unangenehme ſelbſt, oder ihren Geſandten begegnet ſeyn. Sie reiſen ohne Ab - ſchied fort, und befehlen dergleichen ihren Geſand -ten,12I. Theil. I. Capitul. ten, ſie drohen mit der Revenge, und erfuͤllen ſie auch bey der erſten Gelegenheit; ja es iſt auch oͤff - ters genug auf eine empfindliche Unhoͤflichkeit eine ſolenne Krieges-Declaration erfolgt; ie feuriger ihr Naturell, und mehr ſie zur Ambition geneigt, ie mehr Vergnuͤgen finden ſie ihre Ehre bey dem Ceremoniel-Weſen zu verfechten. Ein gewiſſer Autor ſagt von dieſer Materie: Dieſes iſt ein Punct, darinnen die Potentaten uͤberaus em - pfindlich ſind, und wofern hierinnen etwas ver - geben wird, ſcheinet es, ob koͤnte man ſolches mit allen Schaͤtzen und Reichthuͤmern der Welt nicht wieder erſetzen; man laſſe die Weltweiſen mit vollem Halſe vom Morgen biß an den Abend ſchreyen, daß die Ehre nichts als ein bloſſer Schat - ten, ſo wollen wir doch dieſe Sauertoͤpffe, ehe ſie ſichs verſehen, mit ihren eigenen Worten ſchlagen. Denn wenn es wahr, daß der Schatten ein ſo veraͤchtlich Nichts, ſo frag ich, warum der unflaͤ - tige Diogenes ſeine retirade ſo fleißig in dem Schatten ſeines Philoſophiſchen Faſſes geſucht, um ſolchergeſtalt von der Sonnen-Hitze verwahrt zu ſeyn. Geſetzt nun, die Ehre ſey ein bloſſer Schatten, ſo wird doch kein Verſtaͤndiger die Groſſen dieſer Welt verdencken koͤnnen, daß ſie die brennende Hitze ihrer Ehrſucht in dem ange - nehmen Schatten der zeitlichen Ehre abzukuͤhlen trachten; ich meyne nicht, daß mir iemand ohne Nachtheil der geſunden Vernunfft widerſprechen koͤnne.

§. 19.13Von dem Staats-Ceremoniel uͤberhaupt.

§. 19. Andere Puiſſancen, oder deren Gevoll - maͤchtigte, laſſen ſich, zu Vermeidung der weit - laͤufftigen Jrrungen, die ſich ſonſt aus dergleichen Puncten entſpinnen koͤnten, mancherley Tempera - mente vorſchlagen, oder diejenigen, die ihnen ande - re vorſchlagen, gefallen; Sie erkennen ihre Feh - ler, und verreverſiren ſich, daß dergleichen in Zu - kunfft nicht wieder geſchehen ſolte, und daß ſie ihre Miniſtres, oder ſonſt die Jhrigen, erſtlich darum zur Rede ſetzen, auch wohl, nach Beſchaffenheit der Umſtaͤnde, gar beſtraffen wuͤrden, und alſo dem an - dern Satisfaction ſchaffen, ſie laſſen es auf die Ent - ſcheidung des Looſſes ankommen, ſie belieben eine alternation, ſie compromittiren auf den Ausſpruch eines unpartheyiſchen Fuͤrſtens, dem ſie die Deci - ſion dieſes Punctes uͤberlaſſen, ſie ſetzen ſich deßfalls mit einander in beſondern Conventionen, und was ſie ſonſt noch vor Mittel ergreiffen, nach Anleitung der beſondern Regeln der Klugheit, um den Frie - den zu erhalten.

§. 20. An den Hoͤfen, wo man das Ceremo - nien-Weſen mit groſſer Accurateſſe tractirt, hat man beſondre Ceremonien-Meiſter, die in Franck - reich und Jtalien am erſten aufgekommen, und von einigen Seculis her bereits etablirt. Dieſe muͤſſen alle die oͤffentlichen Handlungen reguliren, damit der Sachen nicht zu viel noch zu wenig geſchehe, und keinem Hofe noch ſonſt jemand einige Præju - diz zugezogen werde. Sie muͤſſen alle Ceremo - nien, bey den Hoch-Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen,Kind -14I. Theil. I. Capitul. Kindtaufften, ſolennen Eydesleiſtungen, praͤchti - gen Ein - und Auszuͤgen, Staats-Verſammlungen, oͤffentlichen Freuden-Bezeugungen, Leichen-Be - gaͤngniſſen, Errichtung der Begraͤbniß-Monumen - ten reguliren, die Ambaſſadeurs zuerſt introduci - ren, ſie beſuchen, tractiren und erkennen lernen, und den Hof, ſo viel als muͤglich, in guten Credit ſetzen.

§. 21. Man erwehlet mehrentheils zu dieſen an - ſehnlichen Chargen, die mit einem hohen Range verknuͤpfft ſind, Cavaliers von einem guten Hauſe, die eine ſchoͤne Perſon præſentiren, in den Geſchich - ten des Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Hauſes, und der andern Fuͤrſtlichen Haͤuſer wohl erfahren, und dabey geſpraͤchig, hoͤflich und manierlich ſind. An einigen Hoͤfen hat man zweyerley Ceremonien - Meiſter, als Ober-Ceremonien-Meiſter und Un - ter-Ceremonien-Meiſter, an andern Hoͤfen gar keinen, ſondern nur beſondere Introducteurs des Ambaſſadeurs. An den Teutſchen Hoͤfen pflegen mehrentheils die Hof-Marſchall-Aemter dasjenige zu dirigiren, was ſonſt den Ceremonien-Meiſtern zukommt.

§. 22. Uber die Ceremonien-Meiſter findet man in einigen Laͤndern, auch noch gewiſſe Cere - monien-Aemter, Herolds-Aemter, oder andre Collegia, die ſich um dergleichen zu bekuͤmmern pflegen. Alſo iſt in Rom ein ſolches die Con - gregatione de riti, welchem ein Cardinal als Præ - ſes vorſtehet. Zu dieſen werden einige Cardinaͤle als Nuntii à latere ernennt, um mit denſelben zuuͤber -15Von dem Staats-Ceremoniel uͤberhaupt. uͤberlegen, wenn ein wichtiger Punct im Ceremo - niel-Weſen vorkoͤmmt, z. e. wenn man einen Koͤ - nig im Nahmen Jhrer Paͤbſtl. Heiligkeit entgegen gehen will.

§. 23. Unter den Ceremonien-Meiſtern ſtehen auch die andern Subalternen, die bey dergleichen ſolennen Handlungen mit gebraucht werden, als gewiſſe Secretarii, Aides des Ceremonies die Herolde und Pourſuivans. Unter des Koͤnigs von Engeland ordinairen Hof-Bedienten ſind drey Wapen-Koͤnige, ſechs Ober-Herolde und vier Unter-Herolde. Der erſte und vornehmſte unter den Wapen-Koͤnigen wird der Garter vom Ho - ſenband genennt, weil er hauptſaͤchlich die Cere - monien, ſo den edeln Orden vom Hoſenband be - treffen, dirigiren muß. Die ſechs Ober-Herolde muͤſſen zu Hofe aufwarten, oͤffentlichen Solenni - taͤten beywohnen, Krieg und Frieden proclamiren, und werden bey ihrer Erwehlung zu Rittern ge - ſchlagen. Die Unter-Herolde muͤſſen alle Edel - leute von Geburth ſeyn, und aſſiſtiren dem Grafen Marſchall in ſeinem Marſchalls-Gemach. S. die vollſtaͤndige Beſchreibung der Ceremonien, wel - che bey der Croͤnung Georgii II. in Engeland vor - gangen.

§. 24. Es hat ſeinen guten Nutzen, wenn alle Kleinigkeiten bey dem Ceremoniel-Weſen an ei - nem Hofe in eine gute Ordnung gebracht und dar - innen erhalten werden, es gereicht ſolches zu Ver - mehrung des Grandeurs, zur Conſervation dererlang -16I. Theil. I. Capitul. erlangten Prærogativen, zur Beybehaltung der Freundſchafft unter groſſen Herrn, und des Re - ſpects der Anverwandten, Miniſtres und Untertha - nen, zur etablirung der voͤlligen Subordinationen, zwiſchen den Obern - und Unter-Bedienten, zu Vermeydung aller Colluſionen zwiſchen denen in Gleichheit ſtehenden Unterthanen, zu Verhuͤtung des Ranges und andern Ceremoniel-Streit bey Auswaͤrtigen, zu commoder Ausfuͤhrung des Gouvernement und Commando, weil alle Fuͤr - fallenheiten dadurch decidirt werden, und zur Zier - de eines gantzen Staats, Hofes und Landes.

§. 25. Mit der ſteigenden Pracht und Magnifi - cenze nehmen auch die Ceremonien an den Hoͤfen ſo wohl in Teutſchland, als auſſer Teutſchland, ie mehr und mehr zu; Die Vermehrung und Ver - groͤſſerung des Anſehens der Hoͤhern, gereicht auch den andern, die ihnen an Dignitæten nachgehen, zur ſtetswaͤhrender Æmulation, ſo daß ſie auch nachgehends ſo wohl bey den Hoͤhern als auch bey ihres gleichen und den Geringern, die Verbeſſe - rung bey ihren Ceremonien ſuchen, wie aus gar vielen Exempeln der neueſten Geſchichte des Teut - ſchen Juris Publici erhellet.

§. 26. So werden auch faſt allenthalben bey den Unterthanen, zu Bezeugung ihrer Devotion gegen ihren Landes-Herrn neue und beſondre Ce - remonielle eingefuͤhrt, die ſonſt nicht in Gebrauch geweſen. Alſo ſoll in vorigen Jahren die Gewohn - heit des Fuͤrſtenthums Siebenbuͤrgen nicht mitſich17Von dem Staats-Ceremoniel uͤberhaupt. ſich gebracht haben, daß die Einwohner die Ge - burths-Nahmens - und andre dergleichen ſolennen Taͤge des Roͤmiſchen Kayſers gefeyert, nunmehro aber haben ſie ſich auch angewoͤhnt, ihre Vaſallen und Unterthanen Pflichten beſſer zu beobachten, und dergleichen Feſtins zu celebriren. S. Ein - leitung zum neueſten Geſchichten der Welt. XXV. Stuͤck p. 89.

§. 27. Jn unſerm Teutſchland hat man ange - fangen, von der Zeit an, da der Muͤnſteriſche und Oßnabruͤckiſche Friede geſchloſſen worden, ſich mehr um das Ceremoniel-Weſen zu bekuͤmmern: Die vielen fremden Geſandten der auslaͤndiſchen Puiſſancen, die allda zuſammen kamen, gaben den Teutſchen Fuͤrſten Gelegenheit, ihre Rechte in ei - nem und dem andern Stuͤck beſſer erkennen zu ler - nen, und von den Auslaͤndern bey den Ceremoniel - Puncten manches, das ihnen nicht bekandt geweſen, oder darauf ſie doch nicht ſo acht gegeben hatten, zu lernen. Fürſtenerius gedencket in ſeinem Tra - ctate de Suprematu & jure legat. Princ. daß vor ein 30 Jahren von der Zeit an, da er ſeinen Tra - ctat geſchrieben, zu rechnen, viel Raͤthe an den Fuͤrſtlichen Hoͤfen den Unterſchied zwiſchen einen Ambaſſadeur und Envoyé nicht gewuſt haͤtten.

§. 28. Brunneman meldet in ſeiner Diſſertation de jure Ceremoniali circa legatos, die alten Pu - bliciſten wuͤrden ſich gewaltig verwundern, wann ſie wieder aufwachen und von dem jure Ceremo - niali hoͤren ſolten, ſie wuͤrden dencken, daß vielleichtBnichts18I. Theil. II. Capitul. nichts anders als das ehmahlige Moſaiſche Geſetz darunter verſtanden wuͤrde; und wenn man die politiſchen Schrifften, die vor ein 60 oder 70 Jah - ren von dergleichen Materien abgefaſt worden, mit denen ietzigen conferirt, ſo ſind ſie wie Tag und Nacht von einander unterſchieden. Ein gewiſſer Autor urtheilt von den Schrifften, die von der Ma - terie der Geſandtſchafften in den damahligen Zeiten abgefaſt worden, darinnen die Autores von der Ab - geſandten Keuſchheit, Maͤßigkeit und Anſehen des Leibes viel Worte machen, daß ſie eher vor gemahl - te als lebendige Geſandten gehoͤrten.

Das II. Capitul. Von dem Schlafen-gehen und Aufſtehen der groſſen Herrn.

§. 1.

An einigen Hoͤfen, wo die Regenten nicht allein ihren Unterthanen Geſetze, ſondern ſich auch ſelbſt bey ihren Handlungen ge - wiſſe Ordnungen vorſchreiben, iſt eine ge - wiſſe Stunde beſtimmt, in der die Hoch-Fuͤrſtli - chen Herrſchafften nebſt ihren Bedienten ſich zur Ruhe begeben, und des Morgens von ihren Lagern wieder aufſtehen, es muͤſte denn bißweilen bey eini - gen Solennitaͤten, oder bey dem Zuſpruch frembder Herrſchafften, eine Ausnahme von dieſer Regul vorgehen. An andern hingegen wird auf gewiſſeMaße19Vom Schlafengehen u. Aufſt. groſſer Hn. Maße die Nacht in Tag, und der Tag in Nacht verwandelt, ſie bringen einen groſſen Theil der zur Nacht-Ruhe beſtimmten Zeit mit Eſſen, Trincken, Spielen, Tantzen und andern Divertiſſemens zu, und halten hingegen biß faſt an die Mittags-Stun - den ihre Ruhe.

§. 2. Es iſt eine ſeltzame Sache, daß die Koͤnige in Spanien in dieſem Stuͤck gebunden ſind, und viel weniger Freyheit haben als alle ihre Untertha - nen, indem ſie, nach denen uͤber hundert Jahr ein - gefuͤhrten Hof-Reguln, im Sommer des Nachts um 10 Uhr, und des Winters um 9 zu Bette gehen muͤſſen. Die Geſchichtſchreiber gedencken, daß, als Koͤnigs Caroli II. erſte Gemahlin Maria Louyſe in Madrit angelangt, und ſich an dieſe vorgeſchrie - bene Stunde nicht kehren wollen, ſondern vermey - net, es waͤre alsdenn die beſte Zeit zu ſchlafen, wenn man dazu Luſt haͤtte, es oͤffters geſchehen waͤre, daß ihr Frauenzimmer, ohne ſie darum zu befragen, an - gefangen, des Abends, da ſie noch uͤber der Tafel geſeſſen, ſie auszuziehen; einige haͤtten ihr den Kopf zurecht gemacht, andere unter die Tafel gekrochen, ihr die Roͤcke auszuziehen, und waͤre ſie alsdenn ſo geſchwinde zu Bette gebracht worden, daß ſie manchmahl nicht gewuſt, wie ihr geſchehen waͤre. S. den I. Tomum von Luͤnigs Ceremoniel-Thea - tro, p. 336.

§. 3. Einige Hoch-Fuͤrſtliche Ehegatten ſchla - fen in einem Gemach und in einem Zimmer, andere aber ſind, den Betten und Schlaf-GemaͤchernB 2nach,20I. Theil. II. Capitul. nach, gantz von einander abgeſondert, und die Hoch-Fuͤrſtliche Ehemaͤnner muͤſſen mit vielen Ceremonien die Erlaubniß ſuchen, ihren Gemah - linnen in der Nacht Geſellſchafft zu leiſten. Jn Spanien ſoll der Koͤnig, dem daſelbſt eingefuͤhrten Reglement nach, auf folgende Weiſe zu der Koͤni - gin ins Zimmer gehen: Er hat ſeine Schuh als Pantoffeln angeſteckt, ſeinen ſchwartzen Mantel auf den Achſeln, an ſtatt des Schlafrocks, welcher eben ſo wenig als die Pantoffeln gebraͤuchlich - Sein Broquet oder Schild haͤngt ihm an dem lin - cken Arm, wie auch eine Flaſche, die an einem Baͤndgen angeknuͤpft, und nicht zum Trincken, ſon - dern zu einem andern naͤchtlichen Dienſt gebraucht wird. Ferner traͤgt er in der lincken Hand eine kleine Nacht-Laterne, und in der rechten einen groſ - ſen Stoß-Degen. Jſt er nun alſo bewaffnet, ſo darff er in der Koͤnigin Zimmer hinein treten. Ob dieſe Ceremonien, die Herr Luͤnig in ſeinem groſ - ſen Ceremoniel-Werck an vorhin angezogenem Orte anfuͤhret, und vielleicht aus einer alten Reiſe - Beſchreibung ausgezeichnet, heutiges Tages noch im Gebrauch, daran zweifle gar ſehr.

§. 4. An den meiſten Teutſchen Hoͤfen pflegen die Cavaliers zu der Zeit, da ſich der Fuͤrſt in ſein Schlaf-Zimmer begeben will, vom Hofe wegzu - gehen, auch ſo gar derjenige Cammer-Juncker, der das gewoͤhnliche Aufwarten hat, und uͤberlaſſen ih - ren Herrn alsdenn den Pagen und Cammer-Die - nern zum Auskleiden, er muͤſte denn unpaͤßlich ſeyn,da21Vom Schlafengehen u. Aufſt. groſſer Hrn. da einer, oder nach Gelegenheit auch wohl ein paar Hof-Cavaliere des Nachts bey ihm wachen muͤſ - ſen, nebſt dem Leib-Medico.

§. 5. Sind ſie in ihren Schlaf-Gemaͤchern al - lein, ſo muß entweder der Leib-Page, oder einer von ihren aͤlteſten und getreueſten Cammer-Dienern in der Nachbarſchafft ſchlafen, daß ſie ihn gleich ruf - fen, und bey der Hand haben koͤnnen. Dieſe legen ſich zur Ruhe, ſo bald die Nacht-Lichter angezuͤndet, und der Fuͤrſt ins Bette geſtiegen.

§. 6. Fruͤh Morgens ſtehen ſie auf, wenn es ih - nen gelegen, wie ſie ſich gewoͤhnet, wie es ihrem Temperament, oder denjenigen Verrichtungen, die ſie des Tages uͤber zu expediren haben, gemaͤß iſt. Die Krieges-Helden, oder die Liebhaber von der Jaͤgerey, ſind offters munterer als ihre Cava - liere, und pflegt es nicht ſelten zu geſchehen, daß ſie in der Campagne, oder wenn ſie auf die Jagt wol - len, fruͤh Morgens ihre Cavaliere aufwecken. Die - ſen wuͤrde bey ihrem Schlafengehen und Aufſtehen mit den Spaniſchen Ceremoniellen nicht gar viel gedient ſeyn.

§. 7. Einige haben im Gebrauch, daß ſie, auch bey ihrem geſunden Zuſtand, fruͤh Morgens im Schlaf-Rock biß um 9 oder 10 Uhr in ihrem Bet - te liegen bleiben, ob ſie ſchon gantz fruͤh aufgewacht. Sie laſſen alsdenn viele von fremden und ihren ei - genen Miniſtres und Cavaliers vor ſich, ſie ertheilen Audienzen, hoͤren die Vortraͤge an, unterſchreibenB 3die22I. Theil. II. Capitul. die Reſcripta und Befehle, und expediren die wich - tigſten Dinge.

§. 8. Auſſer dem aber, wo dieſes nicht eingefuͤhrt, wird niemand leicht erlaubet, in das Fuͤrſtliche Schlaf-Zimmer zu gehen, ſondern die meiſten muͤſ - ſen in den Vorgemaͤchern warten, biß der Fuͤrſt an - gekleidet. Jedoch haben, uͤber die Pagen und Cam - mer-Diener, die bey der Ankleidung des Fuͤrſten noͤthig ſind, auch nachfolgende Perſonen in dieſem Stuͤck bey einigen Fuͤrſten einen Vorzug, als (1) die Fuͤrſtlichen Kinder und Anverwandten, (2) die Favoriten, ſie moͤgen nun groſſe Miniſtri oder an - dere ſchlechte Leute ſeyn, bißweilen hat ein geringer Menſch Erlaubniß zum Eintritt in das Fuͤrſtliche Schlaf-Zimmer, der doch wohl einem Cavalier von ſehr hohem Range verſagt iſt, (3) die Leib - Medici, (4) die geheimen Secretairs, und (5) die Hof-Prediger, und bey den Roͤmiſch-Catholiſchen die Patres und Hof-Caplaͤne.

§. 9. Dieſen und einigen andern iſt bißweilen erlaubet, bey der Levée mit zu ſeyn, wenn die groſ - ſen Herren nur aus dem Bette gekommen, da hin - gegen andere nicht hinein gelaſſen werden, als biß ſie halb oder gantz angekleidet. Manche haben bey ihren Ankleiden eine groſſe Menge von Pagen und Cammerdienern um ſich herum, es muß auch wohl ein Cammer-Herr oder Cammer-Juncker zur Aufwartung mit dabey ſeyn, andre aber haben bey ihren Ankleiden und Auskleiden einen eintzigen Bedienten bey ſich, und findet man wohl bißwei -len23Vom Schlafengehen u. Aufſt. groſſer Hrn. len Leute von geringern Stande, die ſich hierbey mehr bedienen laſſen, als einige Fuͤrſten.

§. 10. An dem Koͤniglich Franzoͤſiſchen Hofe iſt das grand lever und pecit lever des Koͤniges bekannt, bey welchen unterſchiedene Einheimiſche und Fremde zugegen ſeyn duͤrffen. Au grand le - ver du Roy ſiehet man den Koͤnig in ſeinem Schlafzimmer das Hemde anziehen und ſich an - kleiden. Ein Fremder muß ein wenig vorher hin - auf gehen, und zuſehen, daß er mit der Suite hinein kommet, wenn die Thuͤre des Schlaf-Gemachs geoͤffnet wird. Kommt man etwan zu ſpaͤth, ſo wartet man im Vorgemach, biß entweder einer von den vornehmen Herrn hinein gehet, oder man kratzet gantz leiſe mit dem Nagel an die Thuͤre, da man dem Huiſſier oder Pfoͤrtner ſagt, wer man ſey.

§. 11. Bey dem petit lever du Roy, das iſt, wenn der Koͤnig aus dem Bette aufſtehet, und ſich den unterſten Theil des Leibes anziehen laͤſt, iſt niemand zugegen als die Printzen von Gebluͤthe, einige vornehme Herren denen die Entrée ins be - ſondre erlaubet, und dann die noͤthigen Cammer - Bedienten. Sind Printzen von Gebluͤthe bey dem lever du Roy zugegen, ſo reichet der vornehm - ſte unter ihnen dem Koͤnig das Hembde dar, in der Abweſenheit thut es einer von den vornehmſten Herrn am Hofe. S. Nemeitz Sejour du Paris p. 385.

§. 12. Die von Fuͤrſtlichen FrauenzimmerB 4pflegen24I. Theil. II. Capitul. pflegen groſſen theils eine lange Ze[i]t in ihren Habit negligée herum zu gehen, Caffé zu trincken / et - was zu leſen, und ſich ankleiden zu[l]aſſen, biß es faſt Zeit iſt zu Mittags zur Tafel zu gehen.

§. 13. So bald die Fuͤrſten angekleidet, muͤſ - ſen ſich die Cammer-Herren, Cammer-Juncker oder andere Hof-Cavaliere bey der geſetzten Stun - de in den Vor-Gemaͤchern zur Aufwartung parat finden laſſen, biß ſich hernach ein oder ein paar Stunden vor der Mittags-Tafel der groͤſte Theil von der Hof-Statt zuſammen findet.

§. 14. Die Leib-Medici muͤſſen vor andern die erſten mit ſeyn, die ſich Fruͤh-Morgens bey Durch - lauchtigſter Herrſchafft zeigen, es iſt auch mehren - theils in denen ihnen vorgeſchriebenen Inſtructio - nen anbefohlen, daß ſie ſich alle Morgen des Zu - ſtandes Durchlauchtigſter Herrſchafft erkundigen ſollen, es waͤre denn daß ſie bißweilen wegen hohen Alters oder eigener Unpaͤßlichkeit, davon diſpenſirt wuͤrden. Bißweilen haben ſie die Erlaubniß, wie ich oben geſagt, die Fuͤrſtlichen Perſonen zu beſu - chen, wenn ſie noch in Betten liegen, zuweilen aber, wenn ſie nicht in ſo gar groſſen Gnaden ſtehen, muͤſſen ſie in den Vor-Gemaͤchern warten biß ſie gefordert und gerufft werden.

§. 15. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen Potentaten finden ſich die Patres und Hof-Caplaͤne bey dem fruͤheſten Morgen zu Hofe mit ein; Sie muͤſſen ſichs aber auch bißweilen gefallen laſſen, wenn ſie den Beſcheid bekommen, ſie ſolten ſich vor dieſes -mahl25Vom Schlafengehen u. Aufſt. groſſer Hrn. mahl wieder nacher Hauſe begeben, man wolte ſie ein andermahl wieder hohlen laſſen, wenn man wuͤrde gelegenere Zeit haben.

§. 16. An einigen Hoͤfen wird des Abends und Morgens vor dem Schlafen-gehen und nach dem Aufſtehen, in Gegenwart der Durchlauchtigſten Herrſchafft und des mehreſten Theils von Dero Hofſtatt, von dem Fuͤrſtlichen Schloß - und Hof - Prediger Beth-Stunde gehalten, an andern aber iſt dieſes nicht Mode. Kayſer Ferdinandus II. war ſo devot, daß er gleich nach ſeinem Aufſtehen eine gantze Stunde vor einem Altaͤrlein, ſo zu ſol - chem Ende in ſeiner Schlaf-Cammer zugerichtet war, im Gebeth und andaͤchtiger Betrachtung zu - brachte. Als er nun einmahls auf der Reiſe ver - hindert ward, ſo ſchrieb er ſeinem Beicht-Vater, welcher dazumahl kranck zu Bette lag, folgendes Brieflein mit eigener Hand: Ehrwuͤrdiger Pater in Chriſto: biß dato hab ich iederzeit in Brauch ge - habt, mein Gebeth, eh ich mich angelegt / eine Stunde lang zu verrichten, welches mir aber auf dieſer Reiſe alſofort zu treiben, ziemlich ſchwehr ſeyn wuͤrde, weil ich alle Tage um 4. Uhr aufſtehen muß; ob nun wohl dißfalls einiges Geluͤbde nicht habe, nichts deſtoweniger begehr ich Eurer Ehr - wuͤrden Rath, ob ich nemlich in etwas diſpenſiren moͤge; ich bin GOtt Lob wohl auf. Straubingen den 24. Januarii 1637. S. Kevenhuͤllers Annal. Ferdinand. XII. Theil p. 397.

B 5Das26I. Theil. III. Capitul.

Das III. Capitul. Von der Kleidung.

§. 1.

Es beruhet von der Gefaͤlligkeit groſſer Her - ren, ob ſie bey ihrer Kleidung eine beſon - dere Pracht erweiſen wollen, oder nicht. Einige bemuͤhen ſich in dieſem Stuͤck ſo wohl als in andern an Magnificenze alle ihre Be - dienten und Unterthanen zu uͤbertreffen, andere aber erwehlen eine ſchlechtere und modeſte Kleidung, und wollen ſich lieber mit den innerlichen Schmuck, der einen Regenten noͤthig iſt, auszieren, als mit den aͤuſſerlichen. Der Herr von Loͤhneyſen ſagt in ſeiner Hof-Staats - und Regier-Kunſt p. 119. Ein Fuͤrſt ſoll ſich nicht zu geringe halten, ſondern die Mittel-Straße in acht haben, in Kleidung und Schmuck nicht allzupraͤchtig, auch nicht allzu - ſchlecht ſeyn, ſondern betrachten, was auf eine Zeit einem groſſen Koͤnig gerathen worden, nem - lich daß es viel feiner waͤre, und einen Fuͤrſten beſſer anſtuͤnde ein weiſes und tugendhafftes Hertz fuͤr die Leute zu bringen, als ein ſtattlich Kleid am Leibe.

§. 2. Einige, die aus einem geringen Stand in einem hoͤhern geſetzt worden, welches in den vori - gen Zeiten noch gebraͤuchlicher geweſen als in den ietzigen, haben aus beſonderer Demuth und zuſtets -27Von der Kleidung. ſtetswaͤhrender Erinnerung ihrer Niedrigkeit, ihre ehmahligen Kleider Zeit Lebens aufgehoben, und ſie auch wohl bißweilen angelegt. Alſo melden die Geſchicht-Schreiber, daß der Hertzog in Poh - len Leſcus II. der anno Chriſti 776. erwehlt wor - den, alle Jahre einmahl, zum Andencken ſeines Bauer-Standes, ſeine Fuͤrſtlichen Kleider mit ſon - derbahren Ceremonien abgelegt, und an deren Statt ſeine Bauer-Kleider angezogen. Nach - dem er nun die gantze Zeit ſeines Lebens dieſe Ge - wohnheit beobachtet, ſo ſind auch alle ſeine Hof - Bedienten hiedurch bewogen worden, um ſolche Zeit gleichfalls in geringen Kleidern einher zu ge - hen. S. Connors Beſchreibung von Pohlen, p. 20.

§. 3. Die bey ihrer eigenen Kleidung die Koſt - barkeit und Veraͤnderung lieben, ſehen auch der - gleichen gerne bey ihrer Hofſtatt. Bey dem Kay - ſer Joſepho, glorwuͤrdigſten Andenckens, war die ſo genannte Hof - oder Mantel-Tracht, welche Imperiale genennet wird, allezeit ſehr koſtbar, und konte auch bey ſeinen Miniſtris die Veraͤnderungen in der Kleidung trefflich leiden. Einmahl ſchertz - te er, da er noch Roͤmiſcher Koͤnig war, mit ſei - nen Premier-Miniſtre dem Cardinal Lamberg, und ſagte zu ihm, weil er allzu offt bey Hofe mit einem Kleide erſchien: ich glaube du und dein Kleid haben einander zur Ehe genommen, worauf aber Lamberg verſatzte: wenn Jhro Majeſtaͤt die Polygamie von unſern Kleidern verlangen, ſo wer -den28I. Theil. III. Capitul. den ſie ſich viel ſchuldige Diener machen, welchen ſcharffſinnigen Schertz der Kayſer wohl vertragen konte. S. curieuſes Buͤcher-Cabinet VI. Ein - gang p. 887.

§. 4. Eine gewiſſe Façon in der Kleidung, die entweder von einer hohen Standes-Perſon er - funden, oder doch von ihr beliebet und approbirt wird, muß hernach gar oͤffters viel andern zu ei - nem Muſter und Exempel dienen. Als an. 1696. die Savoyiſche Princeßin Maria Adelheit mit dem Hertzog von Burgundien vermaͤhlet ward, und ſie ſich bey dieſer Solennitæt in ihren eigenen Haaren aufputzte, ſo gefiel dieſes dem Koͤnig in Franckreich Ludwig XIV. ſo wohl, daß er allen Damen, ſo ihr aufwarteten, anbefohl, mit Able - gung aller hohen Fontangen, einen niedrigen Kopf-Zierrath anzunehmen. S. Theatr. Europ. Tom. XV. des Jahrs 1696. p. 100.

§. 5. Der groͤſte Pracht, den die hoͤchſten Standes-Perſonen in ihrer Kleidung bey den ſo - lenneſten Feſtivitæten erweiſen, kan in nichts an - ders beſtehen als in Kleidern von Sammet oder golden und ſilbern Stuͤck, die mit Garnituren von Diamanten, die bißweilen zu vielen Tonnen Gol - des auch Millionen werth, beſetzt ſind. Die Schleppen des Fuͤrſtlichen Frauenzimmers, wer - den entweder von Pagen oder Cavalieren, auch wol gar bey groſſen Solennitaͤten von hohen Stan - des-Perſonen, maͤnnlichen oder weiblichen Ge - ſchlechts, getragen. Als anno 1716 des Czaarsaͤlteſte29Von der Kleidung. aͤlteſte Tochter, Princeßin Catharina, mit dem Her - tzog zu Mecklenburg Schwerin Beylager hielt, ſo hatte ſie einen Sammetenen mit Diamanten be - ſetzten Thalar um, davon ihr die Schleppe 6 Ca - valiers nachtrugen. S. Electa juris publici Tom. IX. p. 909. Bey der Croͤnung der Koͤnigin in Preuſſen, Sophien Charlotten, muſte gar die Hertzogin von Holſtein den Schweif des Kleides nachtragen, und die Schleppe des Rocks der Her - tzogin ward von einem Cavalier nachgetragen. S. Thucelii Acta publica Tom. I. p. 731.

§. 6. Gleichwie die Franzoͤſiſche Nation in dem - jenigen, was zu dem Kleider-Weſen gehoͤrt, ſehr zu raffiniren pflegt, alſo iſt es vor etwas beſonders zu achten, da Monſieur Le Bon, Cammer-Præſident zu Montpellier, anno 1710 angegeben, wie man aus Spinneweben eine Seide zubereiten ſoll. Er hat hievon, ſo wohl vor den Koͤnig in Franckreich Ludwig XIV. eine Veſte, ſo ſie hoͤher als alle andere Zeuge von Franckreich ſollen eſtimirt haben, als auch vor die Koͤnigliche Societaͤt der Wiſſenſchaff - ten ein paar Struͤmpffe, ſo mehr nicht als Un - tzen gewogen, verfertigen laſſen, wie denn 13 Untzen ſolcher Spinnenhaͤußgen, 4 Untzen reiner Seide, und hievon 3 Untzen ein paar Struͤmpffe vor die groͤſte Manns-Perſon, 6 Quentlein aber ein paar Handſchuh geben ſollen. S. Memoires de Tre - voux a. 1710.

§. 7. Werden bey gewiſſen Solennitaͤten, an den Fuͤrſtlichen Nahmens - und Geburths-Taͤgen,oder30I. Theil. III. Capitul. oder auch bey Anweſenheit fremder Herrſchafften, Gala-Taͤge bey Hofe gehalten, ſo erſcheinen ſo wohl die Herrſchafften als auch ihre Bedienten in der beſten und praͤchtigſten Kleidung. An einigen Hoͤfen, als wie an dem Kayſerlichen und andern mehr, iſt bey gewiſſen Feſtivitaͤten die Spaniſche Kleidung eingefuͤhrt. So bringen auch die Statu - ta mancher Orden mit ſich, daß die Fuͤrſten, ſo mit einen gewiſſen Ritter-Orden beehret worden, bey einigen Solennitaͤten, die in des Fundatoris Fami - lie vorgehen, als Beylagern, Kindtauffen und Be - graͤbniſſen, wenn ſie denſelben mit perſoͤnlich bey - wohnen, ingleichen am erſten Oſter-Pfingſt - und Weyhnachts-Feyertage, uͤber ihre ordentliche Klei - dung noch die groſſe Ordens-Kette tragen.

§. 8. Bißweilen haben hohe Standes-Perſo - nen Gefallen, wann ſie ſich auf einem Land-Hauſe oder ſonſt bey einem gewiſſen angeſtellten Diver - tiſſement befinden, daß ſie nebſt ihrer gantzen Hof - ſtatt eine gantz auslaͤndiſche Kleidung anlegen. Al - ſo war vor einigen Jahren in Dresden bey einer angeſtellten Luſtbarkeit der gantze Koͤniglich-Pol - niſche und Chur-Fuͤrſtlich-Saͤchſiſche Hof in dem ſo genannten Tuͤrckiſchen Garten in Tuͤrckiſchen Habit eingekleidet. Es geſchicht auch wohl, daß ſie bey einem vornehmen auslaͤndiſchen und ihnen angenehmen Zuſpruch ſich ſelbſt und ihre gantze Hofſtatt nach der Façon der fremden Herrſchafft, ſo lange ſie ſich bey ihnen aufhaͤlt, in der Kleidung zu richten pflegen.

§. 9.31Von der Kleidung.

§. 9. Halten ſie ſich bey fremden Voͤlckern oder an einem auslaͤndiſchen Hofe auf, ſo confor - miren ſie ſich auch in den allergeringſten Stuͤcken der Kleidung nach den fremden Gebraͤuchen, zu - mahl wo ſie vorher wiſſen daß der fremde Hof, oder das fremde Volck ſehr darauf zu ſehen pflege, und es ihre beſondern Staats-Raiſons erfordern, die Gunſt des Hofes, oder des Volcks zu erwerben, oder zu erhalten. Man hat unterſchiedene Exem - pel in den alten und neuen Geſchichten, daß einige Printzen die Gunſt einer fremden Nation nicht eher vollkommen erhalten, biß ſie ſich in ihrer Klei - dung und andern aͤuſſerlichen Stuͤcken nach den Sitten des Volcks regulirt.

§. 10. Die beſondern Kleidungen, mit denen ſie bey groſſen Solennitæten angethan geweſen, als etwan bey Croͤnungen u. ſ. w. oder bey denen ſich ſonſt etwas merckwuͤrdiges ereignet, als die im Kriege durchſchoſſen, ohne daß der Coͤrper verletzt worden, werden zu ſtetswaͤhrendem Andencken in denen Ruͤſt - und Raritaͤten-Cammern aufgeho - ben, und verwahrlich beybehalten.

§. 11. Bey denen Roͤmiſch-Catholiſchen wer - den in denen Garde roben gewiſſe Creutze, mit de - nen ſie von den Paͤbſten beſchencket worden, und welche ſie an ihrer Kleidung auf der Bruſt oder auch ſonſt zu tragen pflegen, zugleich mit aufgeho - ben. Alſo iſt in dem XLIII. Articul des Teſta - ments des Koͤnigs in Spanien Caroli II. enthalten:Jn32I. Theil. III. Capitul. Jn meinen Kleider-Behalter befindet ſich ein Crucifix, ſo mit vielen Indulgentien oder Ablaſ - ſen begnadiget, welche der Koͤnig, mein Vater / mir und meinen Nachfolgern hinterlaſſen. Die - ſes Creutzes haben ſich Kayſer Carl der V. mein Ur-Anherr und ſeine Nachfolger biß auf den Koͤ - nig meinen Vater bey der Stunde ihres Todes bedienet, wie ich denn auch bey meinem Ende mich deſſen zu bedienen gewillet. Solches Hei - ligthum hinterlaſſe ich hiermit gleichfalls meinem Succeſſori und deſſen Nachfolgern, als ein Denck - mahl der Gottesfurcht und Froͤmmigkeit meiner Vorfahren.

§. 12. An einigen Koͤniglichen und andern groſſen Hoͤfen, iſt die Ober-Aufſicht uͤber die Koͤ - nigliche Garde Robe, eine beſondre anſehnliche Charge. An den teutſchen Hoͤfen hat entweder ein Ober-Cammer-Herr oder auch der oberſte und aͤlteſte Cammer-Juncker die Garde robe un - ter ſich. Dieſe helffen etwan mit Zuziehung der Fuͤrſtlichen Gemahlin, oder auch mit Beyrath der Cammer-Diener, die Fuͤrſtliche Kleidung befor - gen, und was bey derſelben Einkauff, Verfertigung, Anzug und Erhaltung noͤthig, zugleich mit veran - ſtatten.

§. 13. Einige Fuͤrſten nehmen in dieſem Stuͤck keinen Bey-Rath an, ſie halten davor, daß ſie noͤ - thigere Sachen zu verrichten haben, als daß ſie mit Beſorgung ihrer Kleidung zu viel Zeit verder -ben33Von der Kleidung. ben ſolten; ſie achten dieſes vor Taͤndeley, und er - wehlen den Zeug, die Farbe und die Façon nach ihrem eigenen Gefallen, ohne iemand darum zu befragen. Einige Krieges-Helden achten einen ſchlechten Soldaten-Habit, zumahl wenn ſie zu Felde ſind, vor anſtaͤndiger, als ein praͤchtig ver - bordirtes Kleid. Die Liebhaber von der Jaͤgerey erwehlen am liebſten und am meiſten eine gruͤne Kleidung u. ſ. w.

§. 14. Die abgeſetzten Fuͤrſtlichen Kleider ſind mehrentheils ein Accidens der Leib-Pagen und der Cammer-Diener, bißweilen geſchicht es auch, daß mancher Cavalier, der nicht gar zu ſehr bemittelt iſt, etwas mit davon bekommt.

§. 15. Jn uͤbrigen iſt aus der alten und neuen Hiſtorie bekannt, daß einige kluge Regenten, aus beſonderer Politique, ihre Fuͤrſtlichen Kleider zu Zeiten mit gantz geringen verwechſelt und hiedurch theils zur Abend-Zeit in ihren Fuͤrſtlichen Reſi - denzen, theils und vornemlich aber an auswaͤrti - gen Oertern ihres Landes, eines und das andere ausgekundſchafftet und erfahren, welches ihnen ſonſt als Landes-Regenten, wenn ſie in ihrer groͤ - ſten Pracht angethan geweſen waͤren, nimmer - mehr, oder doch vielleicht nicht ſo bald, nicht ſo voll - ſtaͤndig und accurat wuͤrde zu Ohren gekommen ſeyn.

CDas34I. Theil. IV. Capitul.

Das IV. Capitul. Von den Hoch-Fuͤrſtlichen Occupationen und Beruffs - Geſchaͤfften.

§. 1.

Ehriſtliche und weiſe Regenten erinnern ſich von ſelbſt desjenigen, ſo Jhnen von GOtt und dem Lande anvertraut: Sie wiſſen, daß ſie nicht allein Vaͤter ihres Hoch - Fuͤrſtlichen Hauſes, ſondern auch Vaͤter ihrer Un - terthanen, und alſo bemuͤhen ſie ſich, ſo viel als moͤg - lich, in allen Stuͤcken die ihnen zukommenden Pflichten zu erfuͤllen. Sie laſſen die Angelegen - heiten der Regierung ihre groͤſte Sorgfalt und be - ſten Zeitvertreib ſeyn. Kayſer Ferdinandus II. er - kannte ſolches ſehr wohl, welcher, ob er wohl in ſei - nen letzten Jahren an Kraͤfften mercklich abnahm, ſo unterzog er ſich doch der Arbeit auf eben die Art, wie er in ſeiner Jugend zu thun gewohnt geweſen. Wenn man ihn vermahnte, er ſolte ſich doch mit ſo viel Arbeit ein wenig verſchonen, die Suppliques, daran nicht ſo viel gelegen waͤre, andern durchzule - ſen geben, und ſeine Geſundheit in acht nehmen; ſo antwortete er: Er ſey von GOtt auf den Thron geſetzt worden, daß er arbeitete, nicht daß er muͤßig gienge, ein groſſer Potentate koͤnte ſeiner Geſund - heit nicht ſchonen, wenn er anders dem gemeinenWeſen35Von Hoch-Fuͤrſtl. Occupationen ꝛc. Weſen wolte gholffen ſehen, er wolte lieber ſich ſelbſt, als ſein Amt verſaͤumen. S. Kevenhuͤllers Annal. Ferdinaid. p. 2434.

§. 2. Einige pflegen ſo wohl die Zeit der Tage, als der Wochenauf das ordentlichſte einzutheilen. Alſo hat man beydem Kayſer Leopoldo, glorwuͤr - digſten Andenckens, als eine beſondere Regul an - gemerckt, daß erzu einerley Zeit und Stunde auf - geſtanden, die Meſſe gehoͤrt, geſpeiſet, ſpatzieren ge - gangen, Audienten gegeben, Rath gehalten, und ſich wieder niedergelegt, und dieſes alles ohne Ver - aͤnderung der Zeit.

§. 3. Viele ſind die Directores und Præſiden - ten von allen ihren Collegiis, und beſuchen dieſel - ben alle Wochen an gewiſſen Tagen. Dieſen Tag wohnen ſie dem geheimden Conſilio mit bey, einen andern begeben ſie ſich in die Landes-Regie - rung, und in das Juſtiz-Collegium, und noch an einen andern beſuchen ſie die Rent-Cammer u. ſ. w. Es iſt dieſes eine ſehr loͤbliche und gute Gewohnheit. Groſſe Herrn erlangen hiedurch eine groſſe Wiſ - ſenſchafft und Erfahrung, wenn die wichtigſten Sa - chen durch ihren Kopf muͤſſen, ſie erwerben ſich bey ihren Unterthanen eine ſehr groſſe Liebe und Hoch - achtung, ſie machen ſich bey den andern Mit-Re - genten einen groſſen Nahmen, und treiben hierdurch ihre Miniſtres und Raͤthe zu beſondern Fleiß und Accurateſſe an, richten es auch dabey ſo ein, daß al - le ihre Bedienten zwar voll Futter, aber auch volle Arbeit haben moͤgen. Sie ſetzen manchen Mini -C 2ſtris36I. Theil. IV. Capitul. ſtris die Inſtructionen ſelbſt auf, und ertheilen ih - nen die Vorſchrifften, wie ſie ſich bey dieſem oder jenem in ihren Functionen verhalten ſollen.

§. 4. Einige achten ihrem Fuͤrſten-Stande im geringſten nicht vor unanſtaͤndig, in ihren Reſiden - zien ſich in eigener hohen Perſon ſelbſt zu erkundi - gen, wie dieſe oder jene Stuͤcke des Policey-We - ſens beſtellet ſeyn, und in Obacht genommen wer - den. Beckmann erzehlet in dem V. Theile ſeiner Anhaͤltiſchen Geſchichte pag. 174. b. daß Fuͤrſt Joachim zu Anhalt kein Bedencken getragen, alle Wochen in der Stadt ſelbſt herum zu gehen, und in den Fleiſchbaͤncken, Brodtbaͤncken, und andern Orten mehr, Nachfrage zu halten, wie man hauß hielte, und ob auch den armen Leuten vor ihr Geld rechte Maaße gegeben wuͤrden.

§. 5. Andere erkundigen ſich durch eigene Rei - ſen, die ſie zu dem Ende anſtellen, auf das genaueſte des Zuſtandes ihres gantzen Landes, woher die Ge - brechen ruͤhren, wie die Nahrung zu verbeſſern, dem Lande wieder aufzuhelffen, und alles in beſſern Stand zu ſetzen ſey, ſie ſprechen bißweilen unver - muthet bey dieſen oder jenen Beamten ein, und ver - nehmen, wie er ſich bey ſeiner Gerichtsbarkeit auf - fuͤhre, und ob er nicht etwa derſelben mißbrauche, ſie unterſuchen ſelbſt die Maͤngel des Commercien - Weſens, der Manufacturen, u. ſ. w. und laſſen ſich gnaͤdigſt gefallen, einige Vorſchlaͤge der gemeinſten und geringſten Leute anzuhoͤren. Bey dem Mili - tair-Staat trauen ſie nicht allein den Relationendieſes37Von Hoch-Fuͤrſtl. Occupationen ꝛc. dieſes oder jenen groſſen Generals und Kriegs-Of - ficianten, ſondern forſchen auch ſelbſt bey den Ge - meinen nach, wie ſie mit ihren Officiers zufrieden ſind, ob ſie ihre Loͤhnung richtig bekommen, auf was vor Art ſie in Kriegs-Dienſte gekommen, u. ſ. w.

§. 6. Wie eine muͤhſame Application faͤhig ſey gute und qualificirte Regenten zu machen, iſt aus dem ruhmwuͤrdigen Exempel des letzt verſtorbenen Rußiſchen Kayſers Petri I. Majeſtaͤt zu erſehen, welcher durch ſeine viele Reiſen, die er nicht allein in ſeinen eigenen Laͤndereyen, ſondern auch in an - dern Europaͤiſchen Provinzien herum gethan, ſich eine ſo beſondere Erfahrung und groſſe Staats - Wiſſenſchafft zuwege gebracht, daß er dadurch ver - moͤgend worden, ſeine ehemahligen rohen Unter - thanen zu cultiviren, und die rauhen Laͤnder in ei - nen floriſantern Stand zu ſetzen. Jacobus, Koͤ - nig in Engeland, ſchrieb unter andern Staats-Ma - ximen in der Schrifft, welche er ein Koͤniglich Ge - ſchenck nennt, ſeinem Sohn folgende Regul mit vor: Er ſolte alle Jahre ſeine Laͤnder durchzie - hen, das lamentiren der Unterthanen ſelbſt anhoͤ - ren, damit er dasjenige, was etwan durch die Be - dienten und die Miniſtres verſehen worden, wieder verbeſſern koͤnte.

§. 7. Einige halten ihre eigene Diaria und Pro - tocolle, darein ſie dasjenige, was ſie bey Expedition der Regierungs-Geſchaͤffte noͤthig befinden, mit eigener hohen Hand einzeichnen. Alſo ruͤhmet derC 3Chur -38I. Theil. IV. Capitul. Chur. Saͤchſiſche Ober-Hof-Prediger, der ſeelige Herr D. Weller, in den Perſonalibus von Chur - Fuͤrſten Johann Georgen den I. Chriſt-mildeſten Andenckens, daß ſie nicht allein ein eigen Protocoll uͤber die einkommenden Reichs - und Land-Sa - chen gehalten, und auch bey waͤhrender Kranckheit offtmahls in einen Tage uͤber hundert Befehle und andere Sachen unterſchrieben, ſondern auch in ein beſonder Diarium und taͤgliches Handbuch aller - hand domeſtica und ſein hohes Hauß angehende Sachen angemerckt. Er haͤtte ſelbſt mit Her - tzens-Freude in Dero Chur-Fuͤrſtlichen Zimmer darinnen geleſen, wie ſie dem frommen GOtt ſo andaͤchtig fuͤr ſeiner Gemahlin, Printzen und Toͤch - ter Erhaltung gedancket, und daß weil ſie heute an dieſen Tage ihrer lieben Gemahlin einen neuen Hofemeiſter beſtellt, ſo baͤthen ſie GOtt, daß er ſolch Werck vom Himmel herab ſeegnen wolle. S. Hauſens Buſta Electorum Saxoniæ, pag. 1402. Chur-Fuͤrſt Friedrich der Weiſe, war ein guter Haußwirth, er durchſahe alle Morgen und Abend auch auf der Reiſe die Rechnungen und Regiſter ſelbſt, ſahe ſeinen Amtleuten und Schoͤſſern genau auf die Haube, und glaubte keinen weiter als er ihn ſahe. S. Lutheri Tiſchreden, C. 46. p. m. 485.

§. 8. Sie wohnen den Conferentien und Be - rathſchlagungen bey wichtigen Puncten in hoher Perſon ſelbſt bey, hoͤren die Vortraͤge mit an, und zeichnen ſich die Haupt-Reſolutionen in eine be - ſondere Regiſtrande. Kayſer Ferdinandus II. verließ39Von Hoch-Fuͤrſtl. Occupationen ꝛc. verließ nicht leichtlich die Conferenz-Zimmer, ob - ſchon die Berathſchlagungen bißweilen vier Stun - den nach einander gewaͤhret hatten. Wenn die Raͤthe wegen ſo ſchwerer Muͤhe und Arbeit muͤde und verdroſſen waren, ſo erfreuete er ſich, daß ihn nicht Gelegenheit gemangelt, tapffer zu arbeiten. Er pflegte zu ſagen: in drey Dingen wuͤrde ihm die Zeit nicht lang, im Gottesdienſt, im Rath, und im Jagen. S. Kevenhuͤllers Annal. Ferdinand. p. 2434.

§. 9. Eine ſehr loͤbliche Gewohnheit iſts, wenn einige Regenten an gewiſſen Tagen in der Wochen nicht allein fremden Miniſtris und Geſandten Au - dienz ertheilen, ſondern auch ihre Unterthanen gnaͤ - dig anhoͤren / und ſonderlich den nothleidenden und bedraͤngten einen freyen Zutritt verſtatten. An dem gottſeeligen Hertzog zu Sachſen-Gotha Erne - ſtum durffte ſich ein iedweder adreſſiren, er hoͤrte einen ieden mit vaͤterlicher Guͤte an, er nahm ihre Suppliquen ſelbſt an, und wenn ihre Bitten gerecht waren, oder er ihnen dieſelben accordiren konte, ſo bewilligte er dieſelben. S. die von Monſr. Teiſſier von ihm verfertigte Lebens-Beſchreibung, pag. 97. Einige haben die Geſchicklichkeit, auf die Vortraͤge der auslaͤndiſchen Miniſtres, und wenn ſie auch noch ſo weitlaͤufftig ſeyn ſolten, ſelbſt die gehoͤrige Antwort zu erſtatten. Kayſer Leopoldus beant - wortete alle Audienzen ſelbſt, und wenn in einem Vortrage zwantzig Puncte waren, wiederhohlte er ſolche in der vorgebrachten Ordnung, und beant -C 4wortete40I. Theil. IV. Capitul. wortete iedweden mit gehoͤrigem Beſcheide. Es wolte einſtens, gleich bey dem Anfang ſeiner Re - gierung ein Schwediſcher Abgeſandte, die Fertig - keit des Kayſers in der Lateiniſchen Sprache und uͤbrigen Studiis, von denen er viel gehoͤrt hatte, auf die Probe ſtellen. Als er Audienz verlangte, ward er von dem Obriſten Caͤmmerer gefragt, in was vor einer Sprache er die Rede thun wolte, woruͤber er ſich erklaͤrte, daß er ſich der Teutſchen bedienen wol - te. Als er aber fuͤr den Kayſer kam, legte er eine zierliche Lateiniſche Oration ab, woruͤber er wohl einige Wochen mochte ſtudiert haben. Den Kay - ſer bewegte dieſes im geringſten nicht, ſondern er beantwortete ſolche, ohne ſich lange zu bedencken, nicht allein mit gleichmaͤßiger Zierlichkeit, ſondern auch wohlgefaßter Eintheilung der Puncte, daß hernach der Geſandte geſtehen muſte, er habe ſich dergleichen Salomon nimmermehr einbilden koͤn - nen. S. die Lebens-Beſchreibung, die von ihm zu Leipzig heraus kommen, p. 33.

§. 10. Manche gehen in ihrer Regierungs - Sorgfalt ſo weit, daß ſie nicht allein ſich um das - jenige was in ihrem Lande, und an ihrem Hofe un - ter ihren Bedienten vorgehet, deren Staͤrcke und Schwaͤche ſie genau kennen lernen, auf das ange - legentlichſte bekuͤmmern, ſondern wenden auch alle Bemuͤhung an, den Hof-Staat der andern Hoͤfe / und alle hauptſaͤchlich ſich dabey er eignende Ver - aͤnderungen, mit denen ſie entweder in einiger Ver - bindung ſtehen, oder bey denen ſie ſonſt einig In -tereſſe41Von Hoch-Fuͤrſtl. Occupationen ꝛc. tereſſe haben auf das eigentlichſte zu erfahren. Sie unterhalten zu dem Ende die koſtbarſten Cor - reſpondencen, und theilen dieſerhalb viel Leuten gewiſſe Penſionen aus. Von dem Koͤnig in Franckreich Lidwig den XIV. ſagt man, daß ihm die redlichen und ungetreuen, die geſchickten und un - geſchickten Miliſtri an allen Europaͤiſchen Hoͤfen bekandt geweſen.

§. 11. Bey denjenigen Stuͤcken, die ſie bey ih - rer Regierung zu beſorgen haben, wenden ſie die meiſte Zeit auf die Angelegenheiten, die mit ihren Neigungen uͤbereinſtimmig. Die Liebhaber des Militair-Weſens laſſen Veſtungen anlegen, und Fortificationen repariren, Pulver-Muͤhlen er - bauen, Soldaten muſtern, u. ſ. w. Die an den Jagten ihr Vergnuͤgen finden, ſtellen ſehr fleißig Jagten an, und richten alles, was zum Jagt-We - ſen gehoͤrt, auf das ordentlichſte ein. Und alſo wird man allenthalben finden, daß dasjenige Objectum, ſo mit der Paſſion eines groſſen Herrn am meiſten harmonirt, auch am fleißigſten und eigentlichſten wird beſorgt werden.

§. 12. Unter allen Fuͤrſtlichen Occupationen iſt wohl keine nichtswuͤrdiger und einem groſſen Herrn unanſtaͤndiger, als diejenige, die der gottloſe Kayſer Domitianus unternommen, da er ſich zu vielen Stunden in ſeinem Gemach eingeſchloſſen, und mit einem ſilbernen Spießgen die Fliegen todt geſto - chen. Kluge Regenten bleiben eben diejenigen im Schertze, die ſie im Ernſt ſind, ſie fuͤhren ſich uͤber -C 5ein42I. Theil. V. Capitul. ein auf, bey ihrem Ausruhen als bey ihrer Arbeit, bey ihren Spielen und Luſtbarkeiten, die unten in einem beſondern Theile werden abgehandelt wer - den, als bey ihren Regierungs-Geſchaͤfften.

Das V. Capitul. Von den heiligen Hand - lungen.

§. 1.

D die Gottſeeligkeit zu allen Dingen nuͤtz - lich ſey, und die Verheiſſung habe dieſes und auch des zukuͤnfftigen Lebens, haben die ruͤhmlichen Exempel einiger Chriſtli - chen Regenten der alten und neuen Geſchichte er - weißlich gemacht, die bey ihrer Gottesfurcht vor ſich und vor ihre Unterthanen manches geiſtlichen und leiblichen Seegens theilhafftig worden.

§. 2. Das Geſetz des HErrn iſt einigen lieber als ihre gantzen Koͤnigreiche und Fuͤrſtenthuͤmer. Sie leſen des Morgens und Abends entweder ſelbſt fleißig in der Bibel, oder laſſen ſich doch ihre Cava - liere und Pagen daraus vorleſen. Man findet in unterſchiedenen Fuͤrſtlichen Bibliothecken ſolche Bibeln, darein die groſſen Herrn ſelbſt eigenhaͤndig eingeſchrieben, wie vielmahls ſie dieſelben durchge - leſen. Sie zeichnen ſich diejenigen Spruͤche aus, die ihnen zur Lehre, zur Vermahnung, zur War - nung und zum Troſt dienen, und halten ihre Prin -tzen43Von den heiligen Handlungen. tzen und Princeßinnen, auch alle ihre Bedienten zum fleißigen Bibel-leſen an.

§. 3. Sie halten uͤber der Reinigkeit der Lehre, und wo ſie ſpuͤhren, daß ſich einige Jrrthuͤmer ein - ſchleichen wollen, veranlaſſen ſie nicht allein bey ih - ren einheimiſchen Theologis gewiſſe Synodos, ſon - dern auch ſolche Colloquia, zu denen auswaͤrtige eingeladen werden. Viel dergleichen Exempel fin - det man in Seckendorfs Hiſtoria Lutheraniſmi und in andern Schrifften, die von dem Religions - Weſen handeln.

§. 4. Sie betrachten gerne das Wort des Hoͤch - ſten, und reden mit denen Jhrigen davon. Fuͤrſt Joachim Ernſts zu Anhalt ſteter Gebrauch war, daß er nicht allein iederzeit allerley Fragen aus Got - tes Wort vorbrachte, ſondern inſonderheit auch an den Feſt-Taͤgen, Weyhnachten, Oſtern, Pfing - ſten u. ſ. w. von derſelben Nahmen, Geſchichten, Nutzen und Application, ihm ſelbſt zur Staͤrckung, und andern zum Unterricht viel angenehme Geſpraͤ - che veranlaßte. S. Beckmanns Anhaͤltiſcher Ge - ſchichte V. Theil p. 193. Zu unſern Zeiten koͤnnen die Chriſt-Fuͤrſtl. Andachten Jhrer Hoch-Fuͤrſtli - chen Durchlauchtigkeit Hertzogs Johann Wil - helms zu Sachſen-Eiſenach bey dieſem Satze das deutlichſte Zeugniß ablegen.

§. 5. Die ſich zur Evangeliſch-Lutheriſchen Re - ligion bekennen, halten die Schrifften des ſeeligen Vaters Lutheri in ſehr hohem Werth. Fuͤrſt Johann III. zu Anhalt-Zerbſt bewahrte ſtets dasExem -44I. Theil. V. Capitul. Exemplar des kleinen Catechiſmi Lutheri als ein Kleinod, welches er in ſeiner Jugend gebraucht, und als er nach der Zeit ſeine junge Herrſchafft unter die Hand eines Præceptoris thate, ſo iſt daſſelbe Ca - techiſmus-Buͤchlein das erſte geweſen / welches er in ihr Muſeum gegeben. S. Beckmanns V. Theil p. 406.

§. 6. Bey ihrem Gebeth erweiſen ſie ſich ſehr eifrig und andaͤchtig; ſie ſetzen ſich entweder ſelbſt kraͤfftige Gebethe auf, dadurch ſie ihre Andacht anfeuren und erhalten, wie der fromme Chur-Fuͤrſt zu Sachſen Johann Friedrich gethan, oder zeich - nen ſich doch diejenigen, die ihnen vor andern am beſten gefallen und das Hertz ruͤhren, aus, und tra - gen ſolche zuſammen. Bey dem Tiſch-Gebethe, oder auch in der Kirche und in ihren Zimmern, wenn oͤffentlich gebethet wird, heben ſie die Haͤnde, nach einer, unter denen Chriſten hergebrachten guten Ge - wohnheit, auf, ihre Ehrerbietigkeit dadurch gegen den groſſen GOtt an den Tag zu legen; Sie hal - ten ihre Hof-Cavaliers und Bedienten ebenfalls dazu an, und nehmen es nicht wohl auf, wenn ſie ſich zu der Zeit die Air eines Hofmanns geben wollen.

§. 7. Jn dem ietzigen Seculo iſt es wohl allent - halben eingefuͤhrt, daß die Hof-Prediger bey So - lennitaͤten, ſonſten aber die Pagen gewoͤhnlicher Weiſe das Tiſch-Gebeth an den Hoͤfen verrichten muͤſſen. Jn den alten Geſchichten der Hoch - Fuͤrſtlichen Haͤuſer findet man, daß einige groſſeHerren45Von den heiligen Handlungen. Herren in Teutſchland ihre Princeßinnen Toͤchter noch vor dem Tiſche bethen laſſen, ob ſie ſchon be - reits erwachſen, ja wohl gar an andere Printzen verſprochen geweſen; welches bey der heutigen Welt manchen trefflich ſpoͤttiſch vorkommen wuͤrde.

§. 8. Sie ſuchen ſich die ſchoͤnſten und herrlich - ſten Lieder aus, daran ſie in ihrem Leben ihr groͤſtes Vergnuͤgen gefunden, ſie befehlen, welche davon auf ihrem Sterbe-Bette ihnen ſollen vorgeleſen und vorgeſungen werden, und verordnen wohl gar, daß ſie ſollen zuſammen gedruckt werden, wie wir zu unſern Zeiten dieſes von der Allerdurchlauchtig - ſten und Großmaͤchtigſten Koͤnigin in Pohlen und Chur-Fuͤrſtin zu Sachſen, Frauen Chriſtinen Eberhardinen, deren Verluſt das gantze Chur - Fuͤrſtenthum Sachſen noch hoͤchſt-ſchmertzlich be - klaget, nachruͤhmen koͤnnen.

§. 9. An unterſchiedenen Hoͤfen muß der Hof - oder Schloß-Prediger des Morgens und Abends eine Bethſtunde halten, welcher die Durchlauch - tigſte Herrſchafft nebſt der gantzen Hof-Gemeinde mit beywohnen; an andern hingegen verrichten ſie dieſelben in den beſondern Beth-Stuͤbchen, die ſie zu dem Ende in ihren Fuͤrſtlichen Reſidentz-Haͤu - ſern anlegen laſſen, und darff ſich alsdenn kein Menſch unterſtehen ſie darinnen zu ſtoͤhren.

§. 10. Jn den Schloß-Kirchen wird entweder Fruͤh und Nachmittags geprediget, oder nur fruͤh Morgens. An einigen Orten ſind die Schloß -Kirchen46I. Theil. V. Capitul. Kirchen zugleich mit oͤffentliche Kirchen, welche nicht allein von der Hof-Gemeinde, ſondern auch von der Stadt-Gemeinde mit beſucht werden; an andern findet man nur kleine Schloß-Capellen, die bloß vor den Gottesdienſt der Durchlauchtigſten Herrſchafft und der Hofſtatt gewidmet ſind. Zu - weilen muß der Prieſter in der Stadt zugleich mit bey Hofe predigen; an vielen Hoͤfen aber iſt ein eigener Hof - und Schloß-Prediger beſtellt, der gar offters in einem anſehnlichen Range ſteht, und an einigen Orten uͤber die Fuͤrſtlichen Cammer-Jun - cker placirt wird. An groſſen Hoͤfen findet man zwey biß drey Hof-Prediger, und uͤber dieſe noch einen beſondern Ober-Hof-Prediger.

§. 11. Wo GOtt und ſein Wort geliebt und hochgehalten wird, ſo pflegen nicht allein die Fuͤrſt - lichen Perſonen ſelbſt der Predigt des Sonn - und Feſt-Tages Vormittags und Nachmittags mit beyzuwohnen, ſondern auch die Wochen-Predig - ten und Bethſtunden mit zu beſuchen, und genau Achtung zu geben, daß kein eintziger von ihren Be - dienten, zumahl von Cavalieren, ohne erhebliche Urſache aus der Kirche bleiben moͤge.

§. 12. Wie loͤblich iſt es doch, wenn man in ei - nigen alten und neuen Fuͤrſtlichen Hof-Ordnun - gen findet, daß, ſo bald des Sommers und Win - ters in die Kirche eingelaͤutet wird, der Hof - oder Hauß-Marſchall ſamt den Cavaliers, Pagen, La - queyen und andern Hof-Geſinde, ſich vor dem Fuͤrſtlichen Gemach einfinden, und mit in die Kir -che47Von den heiligen Handlungen. che begeben ſollen, und nicht, biß die Predigt ange - het, auf der Gallerie herum ſpatzieren, auch keiner, biß die Predigt ſamt dem gemeinen Gebeth oder die oͤffentliche Bethſtunde gaͤntzlich zu Ende, ſich ſelbſt heraus begeben, oder fuͤr ſich eigenes Willens da - von gehen. S. unter andern die Fuͤrſtl. Saͤchſiſch - Gothaiſche de anno 1648.

§. 13. Jn eben dieſer Hof-Ordnung findet man auch angefuͤhrt: weil man bißanhero wahrgenom - men, daß bey einigen Tiſchen, weder wenn ſie ſich geſetzt, noch wenn ſie aufgeſtanden, die gewoͤhnli - chen Tiſch-Gebethe weder vor-noch nach Tiſche verrichtet wuͤrden, vielweniger daß ſie bey den Ti - ſchen die Gaben Gottes mit entbloͤßten Haͤuptern zu ſich genommen; Als wuͤrde hiermit gnaͤdigſt an - befohlen, daß ſich hinfuͤhro keiner zu Tiſche ſetzen, noch davon abtreten ſolte, biß das Gebeth vor - und nach Tiſche gebuͤhrend verrichtet worden.

§. 14. Wenn eine ſehr tieffe Trauer einfaͤllt, ſo iſt es an unterſchiedenen Fuͤrſtl. Hoͤfen in Teutſch - land gebraͤuchlich, daß ſie ſich alsdenn ein acht, zehn biß zwoͤlff Wochen die Sonn - und Feſt-Taͤge uͤber in ihren Zimmern aufhalten, und den oͤffent - lichen Gottesdienſt in der Kirche nicht mit abwar - ten. Es muß alsdenn der Fuͤrſtliche Schloß - oder Hof-Prediger der Durchlauchtigſten Herrſchafft und der Hofſtatt in dem Gemach predigen. Ein gleiches pfleget auch zu geſchehen, wenn ſich eines von der Landes-Herrſchafft nicht wohl-auf be - findet.

§. 15.48I. Theil. V. Capitul.

§. 15. Gleichwie gottſeelige Regenten mit dem Koͤnig David die Staͤte des Hauſes Gottes, und den Ort, wo ſeine Ehre wohnet, lieb haben; alſo finden ſie auch ihr beſonder Vergnuͤgen, wenn ſie zu dem Bau oder zu Auszierung der Schloß - und anderer Kirchen, ingleichen zu beſſerer Regulirung des Gottesdienſtes etwas anordnen ſollen. Sie laſſen neue Kirchen bauen, und die andern in beſ - ſern Stand ſetzen, ſie beſchencken die Kirchen und Prieſter, beſorgen die Kirchen Muſic auf das fleiſ - ſigſte, und laſſen gar offters zu ihrer Erweckung und Unterhaltung der geiſtlichen Freude das muſicali - ſche Concert, welches an den Sonn - und Feſt-Taͤ - gen in den Kirchen gehalten werden ſoll, des Tages vorhero in dero Gemaͤchern erſchallen.

§. 16. Jnſonderheit aber laſſen ſie ihre vor - nehmſte Sorge dahin gerichtet ſeyn, damit das Kirchen - und Schul-Weſen in guter Obſicht gehal - ten, und darauf geſehen werde, daß durch die auf - geſtellten Lehrer und Prediger nicht mit leeren Pre - digen Kirchen und Tempel allein gefuͤllet, viel - mehr durch unermuͤdete Wachſamkeit, Chriſtlichen Wandel und eifrige Seelen-Arbeit, die Gemein - den und Unterthanen zu wahrhaffter Gottesfurcht angeleitet, und bey Alten und Jungen die taͤgliche Beſſerung und Erbauung getrieben werde. S. die hoͤchſtloͤbliche Verordnung, welche Seine Hoch - Fuͤrſtl. Durchlauchtigkeit der ietzt regierende Herr Marggraf zu Brandenburg-Bayreuth in Einem gnaͤdigſten Reſcript an dero Hoch-Fuͤrſtliches Con -ſiſtorium49Von den heiligen Handlungen. ſiſtorium zu Bayreuth, die Verbeſſerung des geiſt - lichen Standes betreffend, vor einigen Jahren pu - blicirt haben.

§. 17. Laſſen ſie bey den allgemeinen Landes - Noͤthen, um den erzuͤrnten GOtt in die Ruthe zu fallen, in ihren Landen Faſt-Buß - und Beth-Ta - ge ausſchreiben, ſo ſchreiben ſie nicht nur ihren Un - terthanen vor, wie ſie ſich an dieſen Tagen bezeu - gen ſollen, ſondern auch ſich ſelbſt, und gehen bey einer innerlichen Hertzens-Buſſe, und bey einem guten aͤuſſerlichen und ſtillen Weſen, dem gantzen Lande mit einem hoͤchſt ruͤhmlichen Exempel vor. Sie verordnen die Faſt-Taͤge nicht ſo wohl aus Gewohnheit und den Schlendrian nach, als viel - mehr aus einem wahren Triebe der Gottſeeligkeit. Der Autor der Europæiſchen Fama urtheilet an einem Orte von den Faſt-Taͤgen, es waͤre gut, wenn Landes-Vaͤter Faſt-Taͤge ausſchrieben, noch beſſer aber, wenn manche durch ihren Ehr-Geitz und Eigennutz nicht verurſachten, daß ihre Unter - thanen Jahr aus Jahr ein ſtetswaͤhrende Faſt - Taͤge halten muͤſten.

§. 18. Bey froͤlichen Begebenheiten laſſen ſie das Te Deum laudamus nicht par Ceremoniel, wie es leider an viel Orten geſchicht, ſondern aus einem wahren Eifer vor die Ehre und das Lob des groſſen Gottes erklingen, bißweilen und zwar ge - meiniglich unter Trompeten - und Paucken-Schall, bißweilen aber auch wohl gar unter Abfeurung der Canonen; im uͤbrigen trifft es leider! an manchenDOrten50I. Theil. V. Capitul. Orten mehr als zu wohl ein, was ein gewiſſer Autor von dieſem Lob-Geſange ſchreibt: Daß man des Vormittags mit dem Mund ſaͤnge, HErr GOtt dich loben wir, des Nachmittags aber mit der That, HErr GOtt dir freſſen wir, HErr GOtt dir ſauffen wir, HErr GOtt dir tantzen wir, HErr GOtt dir ſpielen wir Opern und Comoͤdien.

§. 19. Der vormahlige Koͤnig in Franckreich Ludwig XIV. hat das Te Deum laudamus wohl manchmahl zur Unzeit anſtimmen, und deswe - gen an ſeinen Vetter dem Ertz-Biſchoff zu Pa - riß manche vergebene Verordnung ergehen laſſen. Der Autor der Europaͤiſchen Fama ſagt in dem XXIIſten Theil p. 797. Dieſes Briefſchreiben koͤmmt ſo offt, daß man ſich billich wundert daß der Koͤnig, welcher ſonſt ſehr gerne neue Bedienungen erdenckt, nicht zum wenigſten einen abſonderlichen Te Deum laudamus Secretair verordnet, oder dem Ertz-Supertent in Pariß allemahl eine Erkennt - lichkeit abfordert, wenn ihm von hoher Hand eine ſo ſchoͤne Schrifft zugeſtellet wird, denn ſolche wuͤr - de des Jahrs etwas anſehnliches eintragen.

§. 20. Wenn Chriſtliche und gottſelige Regen - ten zu dem heiligen Abendmahl gehen wollen, ſo be - reiten ſich ſich vorher zu dieſem heiligen Werck mit aller gebuͤhrenden Andacht, und genieſſen dieſes hei - lige Liebes-Mahl des HErrn zu Staͤrckung ihres Glaubens zu unterſchiedenen mahlen im Jahre. Chur-Fuͤrſt Johann George II. zu Sachſen com - municirten zum oͤfftern, und mehrmahls binnenzwey51Von den heiligen Handlungen. zwey Monathen, fuͤrnemlich aber an Dero Ge - burths-Tage, und in der heiligen Marter-Woche am gruͤnen Donnerſtage, wie auch an den hohen Feſt-Taͤgen mit hertzinniglicher Andacht, præpa - rirten ſich auch die gantze Woche vorher recht Chriſtlich darauf, mit Unterlaſſung aller andern Expeditionen, mit Faſten und Bethen, wie ſie denn auch mehrentheils dero taͤgliches Gebeth in dero ordentlichem Gebeth - und Kirchen-Stuͤblein auf den Knyen zu verrichten pflegten. S. die Per - ſonalien, die der von D. Geyern dieſem hochtheuren Chur-Fuͤrſten gehaltenen Leich-Predigt mit an - gefuͤgt.

§. 21. Jn den alten Geſchichten ſind hin und wieder lobwuͤrdige Beyſpiele gecroͤnter Haͤupter und anderer groſſen Herren anzutreffen, die das all - gemeine Mahl goͤttlicher Liebe durchaus nicht an - ders, als mit der Gemeine haben nehmen wollen. Der tapffere Fuͤrſt Hunniades, Koͤnigs Matthiæ in Ungarn Herr Vater, lag ſchon kranck danieder, auf welchem Lager er auch im Jahr 1457. ſtarb; als ihm ſeine Raͤthe vorſchlugen, in ſeinem Zimmer ſich das heilige Abendmahl geben zu laſſen: Er gab aber zur Antwort, er wolte nicht, daß ſein JEſus ihm ſolte nachgehen, nachdem er Menſchen zu Ge - fallen manchen Weg gefahren und geritten, ſon - dern ließ ſich in die Kirche fuͤhren, und nahm da - ſelbſt bußfertig das heilige Abendmahl. S. Buch - holtz Indic. Chronolog. p. 458. Ein gleiches that ein Schottlaͤndiſcher Koͤnig, ſo gar, ob er auch ſchonD 2ver -52I. Theil. V. Capitul. verſpuͤhrte, daß ſein Lebens-Ende vorhanden waͤre, ſich dennoch nicht werth achtete, daß das heilige Abendmahl zu ihm ſolte ins Hauß gebracht werden, ſondern gieng in die Kirche, und empfieng es allda nach verrichtetem Gottesdienſt auf den Knien. S. Zwingeri Theatr. Vit. human. Vol. 27. Lib. 3. f. 4171.

§. 22. Jn den neuern Zeiten pflegen zwar die der Evangeliſchen Religion zugethane Fuͤrſten das heilige Abendmahl groͤſtentheils in ihren Zimmern zu empfangen; iedoch hat man auch hin und wie - der einige Exempel, daß ſie es oͤffentlich und vor der gantzen Gemeinde mit ihrer Hofſtatt genieſſen. Jhro Hoch-Fuͤrſtliche Durchlauchtigkeit zu Sach - ſen-Merſeburg, Hertzog Chriſtian I., ruhmwuͤr - digſten Andenckens, haben in dero Schloß - und Stiffts-Kirche oͤffentlich gebeichtet und commu - nicirt. Als Fuͤrſt Emanuel Lebrecht zu Anhalt - Coͤthen anno 1681. in dem zehnden Jahre ſeines Alters vor tuͤchtig gehalten wurde das heil. Abend - mahl zu empfangen, ſo hat er ſich ſolches zugleich mit Fuͤrſt Johann Georgen, als Fuͤrſtlichen Mit - Vormund, in der Stadt-Kirchen zu Coͤthen oͤffent - lich reichen laſſen. S. des beruͤhmten Theologi zu Marpurg, Samuelis Andreæ Diſſertation, die er hieruͤber gehalten, unter dem Titul: Puer decen - nis ad S. Cœnam admiſſus. Als anno 1718. Jhro Hoch-Fuͤrſtliche Durchlauchtigkeit zu Sach - ſen-Zeitz zu derjenigen Kirche, vom welcher ſie auf eine kurtze Zeit ausgegangen warren, auf eine ſo -lenne53Vonden heiligen Handlungen. lenne Weiſewieder zuruͤck kehrten, ſo communi - cirten ſie auch den 16. October in der Kirche zu Pegau oͤffentlich und mit groſſer Andacht.

§. 23. Die ſich nun vor ihre Perſonen ſelbſt ge - fallen laſſen, in der oͤffentlichen Kirche zu dem hei - ligen Tiſch des HErrn, entweder mit ihrer gantzen Hofſtatt, oder doch mit ihrer Hoch-Fuͤrſtlichen Fa - milie zu treten, koͤnnen auch deſto weniger leiden, wenn ſich einer von ihren Hof-Bedienten abſon - dern, und des heiligen Abendmahls privatim be - dienen will. Der ſo fromme als gelehrte Hertzog zu Braunſchweig, Auguſtus, als wieder die bißher gehaltene Gewohnheit einer ſeiner vornehmen Mi - niſtrorum nicht mit bey dem heiligen Abendmahl geweſen, und doch bey der Tafel ſich hernach ein - gefunden, gab dem, wegen ſeiner Logirung ſich er - kundigenden Hof-Marſchall die Antwort: Er hat an des HErrn Tiſch heute nicht mit geſſen, darum ſoll er auch heute das Brod an meiner Tafel nicht eſſen. S. Tentzel in monathlichen Unterredungen anno 1690. pag. 1617, und uͤberhaupt von dieſer Materie Herrn Mag. Scharfens eroͤffnetes Buch ſeines Gewiſſens uͤber der Frage, ob vornehme Standes-Perſonen Evangeliſcher Religion, auſſer dem Nothfall mit unverletzten Gewiſſen das heilige Abendmahl allein zu beſonderer Zeit und an beſon - dern Ort nehmen koͤnnen.

§. 24. Wenn ſich bey frommen und Chriſtlichen Regenten, in Anſehung beſonderer Faͤlle, Gewiſ - ſens-Scrupel ereignen, ſo conſuliren ſie nicht alleinD 3ihre54I. Theil. VI. Capitul. ihre Beichtvaͤter, ſondern befragen ſich auch wohl bey ihren Conſiſtorialibus, und erlaſſen ihnen bey dieſem Fall ihrer Pflichten, mit denen ſie ihnen ſonſt als ihren Landes-Fuͤrſten verwandt ſind, damit ſie ihre Gedancken und Hertzens-Meynungen deſto freymuͤthiger entdecken koͤnnen. Es geſchicht auch wohl, daß ſie bey verwirrten Angelegenheiten bey auswaͤrtigen Theologiſchen Facultaͤten Conſilia und Reſponſa einhohlen laſſen, und erwehlen als - denn denjenigen Weg, bey dem ihr Gewiſſen am meiſten beruhiget wird.

Das VI. Capitul. Von Einweyhung der Ge - baͤude.

§. 1.

Wenn groſſe Herren, entweder zu ihrem Vergnuͤgen oder zum Nutzen ihres Lan - des und ihrer Unterthanen, allerhand oͤf - fentliche Baue an Kirchen, Schloͤſſern, Bruͤcken / Pulver-Muͤhlen, Forſt-Jagt-Garten - und Luſt-Haͤuſern, auffuͤhren laſſen, ſo werden ſo wohl bey deren Bau, als auch nach geendigtem Bau, bey deren Einweyhung mancherley Solenni - taͤten wahrgenommen.

§. 2. Die meiſten Ceremonien gehen bey Le - gung des Grundſteines vor. Es iſt aber derſelbe mehrentheils ein viereckigter von ziemlicher Groͤſſeund55Von Einweyhung der Gebaͤude. und Dicke in zwey Theile zulegter, und inwarts gleich einem Kaſten ausgehauener, auch an dem Unterboden mit einer bleyernen Platte belegter Quaderſtein. Vielmahls laſſen ſich die Fuͤrſtli - chen Perſonen gefallen, den Grundſtein ſelbſt mit legen zu helffen, oder befehlen es dero Printzen an. Als anno 1695. Jhre Chur-Fuͤrſtl. Durchlauch - tigkeit zu Brandenburg den erſten Stein zu der Reformirten Pfarr-Kirche in Berlin legen lieſſen, ſo muſten Dero Chur-Printz mit ihren zarten Haͤn - den den Grundſtein mit beruͤhren helffen. Der Freyherr von Fuchß fuͤhrte in der ſolennen Ein - weyhungs-Rede mit an, daß Jhro Chur-Fuͤrſtli - che Durchlauchtigkeit Dero hertzgeliebten eintzigen Sohn und Chur-Erben mit an dieſen Ort bringen wollen, damit derſelbe nicht allein Zeuge desjenigen, was an dieſen Tage geſchiehet, und der theuren Verbindung, ſo Jhro Chur-Fuͤrſtliche Durch - lauchtigkeit auch vor ihn thun, ſey, ſondern daß Seine Chur-Printzliche Durchlauchtigkeit, auch ihre, ob gleich zarten Haͤnde zu dem Werck mit an - ſchlagen, und ſtets vor Augen haben moͤgen, daß ſie auch den Grundſtein zu dieſer Kirche mit legen helffen, und folglich zu Beſchuͤtzung derſelben vor ſich und ihre Nachkommen verbunden ſind. S. Reden der vornehmen Miniſtres II. Theil p. 684.

§. 3. Bißweilen werden in den Grundſtein ge - wiſſe darauf geſchlagene und mit beſondern Inſcri - ptionibus verſehene guͤldene und ſilberne Medail - len geleget, bißweilen aber nur allerhand gangba -D 4re56I. Theil. VI. Capitul. re Land-Muͤntzen, vom kleinen Pfennig an biß in - cluſive eines gantzen Thalers. Uber dieſes pflegt man ein ſauber geſchnitten Glaß mit Wein dazu zu ſetzen, zuweilen auch wohl gar zwey, als eines mit rothen und das andere mit weiſſen Wein. Bey den Evangeliſchen werden bey Erbauung der Kir - chen entweder zum Grundſtein oder in den Knopf des Kirch-Thurmes uͤber ein Exemplar einer ſau - ber eingebundenen Bibel auch noch die ſymboli - ſchen Buͤcher unſerer Kirchen gelegt, als der groſſe und kleine Catechiſmus Lutheri, die Augſpurgiſche Confeſſion, die Formula Concordiæ u. ſ. w. nebſt dem Geſang-Buche. Ferner werden auf Perga - ment-Boͤgen, den Nachkommen zum Beſten, Nachrichten mit beygefuͤgt, von dem gegenwaͤrti - gen Statu des Hofes, und alle Bedienten nach der Rang Ordnung von dem oberſten an biß auf den unterſten, von der Verfaſſung der Collegiorum, des Stadt-Raths und des Ehrwuͤrdigen Miniſte - rii. Gemeiniglich wird auch von einem Notario ein Inſtrument uͤber dieſen gantzen Actum verfer - tiget, und mit dem andern verwahrlich hinzu ge - than.

§. 4. Jſt es hohen Standes-Perſonen ſelbſt nicht gefaͤllig, der Legung des Grundſteines mit beyzuwohnen, ſo committiren ſie es einem von ih - ren Miniſtris, als einem geheimden Rath, oder dem Hof-Marſchall, oder dem Præſidenten des Conſi - ſtorii, der in ihren Nahmen dieſen Actum unter - nehmen muß. Dieſer haͤlt, nach dem Unterſchiedder57Von Einweyhung der Gebaͤude. der geiſtlichen oder weltlichen Gebaͤude, die erhoben werden ſollen, entweder in Beyſeyn des Miniſterii, oder des Stadt-Magiſtrats und der Deputirten von der Buͤrgerſchafft, der Soldateſque u. ſ. w. ei - ne ſolenne Rede, die hernach ein anderer von der Geiſtlichkeit, Stadt-Magiſtrat u. ſ. w. im Nahmen derer, denen zu Gefallen der neue Bau vorgenom - men wird, wieder beantwortet, und zugleich dem Landes-Herrn vor die Gnade, die er ihnen bey die - ſem Bau angedeyen laͤſt, unterthaͤnigſten Danck abſtattet.

§. 5. Die Legung des Grundſteines geſchiehet bey weltlichen Gebaͤuden gar offters unter Trom - peten - und Paucken-Schall, und unter Loͤſung der Stuͤcken. Bey den geiſtlichen Gebaͤuden aber werden bißweilen zu dieſer Zeit andaͤchtige und be - wegliche Danck-Lieder und Lob-Pſalmen ange - ſtimmt, zuweilen geſchicht es auch, daß man das Te Deum laudamus alsdenn unter Trompeten und Paucken abſinget. Es wird von einem Prediger eine beſondere Sermon dabey gehalten, und einige Collecten und Gebether, die darauf eingerichtet, verleſen.

§. 6. Jſt nun der Grundſtein, der bißweilen ein gemeiner Sand-Stein, bißweilen aber auch ein ſchwartzer oder anderer zierlich ausgehauener Mar - morſtein zu ſeyn pflegt, mit alle ſeinem Geraͤthe ge - hoͤrig eingelegt, und der Bedeckungs-Stein hin - auf gehoben, ſo pflegen die Standes-Perſonen oder Miniſtri, die bey der Legung mit zugegen ge -D 5weſen,58I. Theil. VI. Capitul. weſen, einige mahl mit einer Kellen Kalck auf den - ſelben zu werffen, ſchlagen mit den Hammer etliche Schlaͤge auf denſelben, in ſignum ratihabitionis, und uͤbergeben die fernere Befeſtigung der Mauren denen dabey befindlichen Maͤurern. Bißweilen pflegt das anweſende Volck bey Schlieſſung des Grundſteines ein offtmahliges freudiges Gluͤck zu! Gluͤck zu! noch auszuruffen.

§. 7. Jſt nun ein Gebaͤude voͤllig zu Stande und ausgebauet, ſo wird es mit beſondern Solen - nitæten eingeweyhet, die nach dem Unterſchiede der geiſtlichen und weltlichen Gebaͤude ebenfalls unterſchieden zu ſeyn pflegen. Bey Einweyhung der Kirchen pflegt die Durchlauchtigſte Herrſchafft mit ihrer gantzen Hofſtatt, allen Landes-Colle - giis, dem Stadt-Magiſtrat, und dem Miniſterio, Proceſſions-weiſe in die Kirche zu gehen, damit die Proceſſion deſto ſolenner ſey, wird die gantze Geiſtlichkeit in der Gegend herum mit dazu ver - ſchrieben; Vor und nach der Predigt hoͤret man eine wohl ordonirte Vocal - und Inſtrumental - Muſic, es wird von dem vornehmſten Geiſtlichen des Ortes oder des Landes meiſtentheils von dem oberſten Superintendenten oder Inſpectori eine beſondere Einweyhungs-Predigt gehalten, eigene auf dieſen Actum abgefaſte Gebethe und Colle - cten verleſen und abgeſungen, und der Gottesdienſt mit dem freudigen Te Deum laudamus, ſo unter Trompeten - und Paucken-Schall angeſtimmet worden, geſchloſſen. Es pflegen auch gemeiniglichvor59Von Einweyhung der Gebaͤude. vor oder nach geendigtem Gottesdienſt in der neuen Kirche allerhand ſonſt gewoͤhnliche Sacra, mit Hal - tung der Communion, Tauffe und Trauung, bey der Einweyhung vorgenommen zu werden. Biß - weilen pflegt es auch zu geſchehen, daß die Landes - Herrſchafft in der neuen Kirche, die ſie in ihrer Fuͤrſtlichen Reſidentz, oder in einer andern anſehn - lichen Stadt erbauen laſſen, zum erſtenmahl com - municiren, oder auch die Ordination eines Prie - ſters vornehmen laſſen.

§. 8. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen geſchehen bey den Einweyhungen ihrer Kirchen mancherley Beſprengungen mit dem geweyheten Waſſer, Sal - bungen mit dem heiligen Oehl und Chriſma, ver - ſchiedene Raͤucherwercke und Anzuͤndungen der Kertzen, vielfaͤltige Gebethe und Lob-Geſaͤnge. Dieſes alles thun ſie zu dem Ende, damit ſie den Ort von allem Boͤſen reinigen, und dadurch der hoͤchſten Majeſtaͤt Gottes eine wuͤrdige Wohnung, ſich aber in allen Noͤthen eine ſichere Zuflucht - Stadt zu bereiten. Werden gewiſſen Heiligen zu Ehren, wie es bey ihnen mehrentheils gebraͤuchlich iſt, Kirchen erbauet, ſo werden die Gebeine und Re - liquien deſſelben Heiligen von der gantzen Cleriſey beſonders verehrt, und unter Intonirung einer vor - trefflichen Muſic auf den hohen Altar niedergeſetzt. Es werden auch wohl die Reliquien deſſelben Hei - ligen unter einer ſolennen Proceſſion in der gan - tzen Stadt herum getragen. Erſtlich kommt ein Heer-Paucker und verſchiedene Trompeter, hier -auf60I. Theil. VI. Capitul. auf die Zuͤnffte der Handwercker, nach dieſen die Bruͤderſchafften mit ihren abſonderlichen Fahnen, Creutzen, Laternen, Bildern und andern Spielwer - cken. Und auf dieſe Weiſe marchiret die gantze Proceſſion durch unterſchiedene zu dem Ende er - baute Ehren-Pforten in die Kirche hinein und wie - der heraus.

§. 9. Bißweilen wird ſo wohl bey den Evange - liſchen als Roͤmiſch-Catholiſchen zu Ende der Ein - weyhung eine Salve aus Muſqueten gegeben, die Stuͤcken geloͤſt, und die gantze zu dieſer Handlung verſchriebene Geiſtlichkeit von der Herrſchafft auf das propreſte tractirt. Es werden auch oͤffters zum Gedaͤchtniß der erbauten Kirchen und andern oͤffentlichen Gebaͤuden goldene und ſilberne Muͤn - tzen geſchlagen. Als die ietzige glorwuͤrdigſt regie - rende Roͤmiſch-Kayſerliche Majeſtaͤt Carl der VI. anno 1716. dem heiligen Carolo Borromæo zu Ehren eine Kirche in der Vorſtadt von Wien er - bauen laſſen, ſo wurden unterſchiedene Medaillen geſchlagen. Auf der einen Seite ſtand des Kay - ſers Bildniß, und auf dem Revers: D. O. M. S. Imp. Cæſ. Car. VI. Aug. Pius P. P. Hujus in - tra pomœria Vindob. In fundo Princ. â Lichten - ſtain, XIV Auxiliatoribus dicatæ ædis ſacræ primum Lapidem & Pietatis Aug. monum. P. M. D. CC. XVI. S. Heræi Inſcriptiones und Gedichte p. 73.

§. 10. Zu der Einweyhung der weltlichen Ge - baͤude werden unterſchiedene frembde FuͤrſtlicheHerr -61Von Einweyhung der Gebaͤude. Herrſchafften eingeladen, ſie werden in dem neuen Gebaͤude auf das praͤchtigſte tractirt, und die Ein - weyhungs-Solennitaͤten mit mancherley Vocal - und Inſtrumental-Muſic, Tantzen, Balletten, Feuer - wercken, Illuminationen und andern Luſtbarkeiten vergnuͤgt geendiget.

§. 11. Jſt eine neue Bruͤcke zu Stande gebracht, ſo laſſen die Durchlauchtigſten Herrſchafften an das Ufer des Strohms, uͤber welchen die Bruͤcke gebauet, Gezelter aufſchlagen, und divertiren ſich in denſelben auf das beſte. Wollen fremde Reiſen - de zum erſten mahl uͤber die Bruͤcke paſſiren, ſo laſ - ſen ſie dieſelben bey dieſer erſten Uberfarth bey dero Anweſenheit Zoll - und Geleits-frey paſſiren, wuͤr - digen ſie dero Anrede / und befehlen an, daß ſie mit Eſſen und Trincken wohl verſorget werden ſollen.

§. 12. Laͤſt ein groſſer Herr ſeinem Herrn Va - ter oder Groß-Herr Vater zu Ehren eine mit ſinn - reichen Inſcriptionibus und ſchoͤner Bildhauer-Ar - beit gezierte Statue aufrichten, und ſie einweyhen, ſo ziehen bey der Einweyhung ein 24 Trompeter und einige Heer-Paucker vorher; auf dieſe folgen einige Herolde mit ihren beſondern Kleidern und Herolds Staͤben, und nach dieſen der Hof-Mar - ſchall und andere Hof-Officianten nach ihrem Ran - ge. Sie begeben ſich alle zuſammen Proceſſions - weiſe an den Ort / wo die Statue aufgerichtet. Der erſte Herold thut die Proclamation: Demnach Se. Hoch-Fuͤrſtl. Durchlauchtigkeit Herr N. N. ſeinem Herrn Vater oder Groß Herrn Vater zumſtets -62I. Theil. VII. Capitul. ſtetswaͤhrenden Nachruhm dieſe Statue haͤtten auf - richten laſſen, ſo haͤtten Sie ihm gnaͤdigſten Befehl ertheilet, allenthalben und zu iedermans Kundſchafft oͤffentlich auszuruffen und anzudeuten / daß ſie die - ſelbe, bey Vermeydung ernſtlicher Beſtraffung und ſchweren Ungnade, von iederman heilig, unverletzt, und in Ehren gehalten wiſſen wolten. Es wird nachgehends eine ſchoͤne Muſic dabey gehalten, die Soldateſque muß die Statue ſalutiren, und alle ho - neur erzeigen, und der March der Proceſſion gehet auf eben die Art wieder zuruck, wie er bey derſelben ankommen.

Das VII. Capitul. Von Schloß - und Zimmer - Ceremoniellen.

§. 1.

Jn den gantz alten Zeiten haben ſich ſo wohl die Teutſchen, als auch andere Europaͤi - ſche Landes-Regenten nicht ſo beſtaͤndig, als wie in den neuern in ihren Reſiden - tzien aufgehalten, ſondern ſind in ihrem Lande bald an dieſem Ort, bald an einem andern wieder her - um gezogen, wie es ihr Staats-Intereſſe, die Be - ſchaffenheit der Conjuncturen, und die Wohlfarth ihrer Unterthanen erfordern wollen. Alſo mel - det Lehmann in ſeiner Speyeriſchen Chronick in dem VII. Buch und deſſen XIV. Cap. pag. 754. daß63Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen. daß die Roͤmiſchen Kayſer und Koͤnige ihre Hof - haltung vor dieſen gar ſelten in ihren Laͤndern ange - ſtellt, ſondern dieſelbe gemeiniglich in den Reichs - Staͤdten aufgeſchlagen. Sie vertraueten ihre Kayſerlichen und Koͤniglichen Hoͤfe, welche Pfal - tzen Palaͤſte, oder Pahlentzen hieſſen, gewiſſen Be - amten, die im Nahmen der Roͤmiſchen Kayſer als Richter oder Grafen, wie ſie damahls genennt wor - den, bey den Einwohnern allerhand verrichten und entſcheiden muſten.

§. 2. Die Fuͤrſtlichen Reſidentz-Haͤuſer muͤſſen vor andern einer beſtaͤndigen Ruhe und Sicherheit genieſſen, und wer ſich unterſtehet auf dem Schloß - Platz oder gar in einem Fuͤrſtlichen Gemach den andern mit Verbal - oder Real-Injurien anzugreif - fen, wird mit weit haͤrterer Straffe angeſehen, als wer ſolches in einem andern Privat-Hauſe thut. Jn manchen Hof-Ordnungen iſt wohl gar die Ab - hauung der rechten Hand darauf geſetzt. Es heiſt dieſes den Burg-Frieden brechen, weil vor dieſen im Gebrauch geweſen, daß man bey den Schloͤſ - ſern gewiſſe Tafeln ausgehangen, und die Worte Burg-Frieden darauf ſetzen laſſen, zum Zeichen, daß an dieſen Orten eine allgemeine in violabilitaͤt ſeyn ſolte. S. Wehners Obſerv. Pract. voc. Burg - Friede.

§. 3. So darff ſich auch niemand unterfangen, aus den Fuͤrſtlichen Gemaͤchern von den Meublen etwas zu entwenden, zu vertauſchen, oder nur das allergeringſte Stuͤck / ſo in den Reſidentz-Haͤuſernange -64I. Theil. VII. Capitul. angetroffen wird, zu veraͤndern oder zu beſchaͤdigen. Daher iſt in den meiſten Pagen-Ordnungen anbe - fohlen, daß die Pagen in den Fuͤrſtlichen Gebaͤuden die darinnen befindlichen Thuͤren, Kaͤſten, Schraͤn - cke und Truhen, mit Abbrechung der Schloͤſſer, Baͤnder, Riegel und Handhaben, ingleichen Fen - ſter, Tiſche, Baͤncke, Bettſtaͤtten, Bett-Gewand - te, Tapezereyen, Contrefaits, Bilder, Gemaͤhlde, Welt-Land - und andere Charten und Tafeln nicht beſchaͤdigen, verwuͤſten, zubrechen und wegreiſſen, die Waͤnde, Tafelwerck, Geſpuͤnte, gegoſſene oder ſonſt ausgeſetzte Boͤden mit Fackeln, Lichtern, oder ſonſt in andere Wege nicht beſchmutzen, heßlich machen, begieſſen, oder verderben ſollen.

§. 4. Chur-Fuͤrſt Friedrich Wilhelm zu Bran - denburg reſcribirte ſub dato den 12. Januar. 1684, daß derjenige, welcher vom Chur-Fuͤrſtlichen Hof - Zimmer, ſo mit Dero Chur-Fuͤrſtlichen, oder De - ro Chur-Fuͤrſtlichen Gemahlin, oder auch des Chur-Printzens Nahmen oder Wapen bezeichnet, wie auch Kleinodien, oder Gold und andere Meu - blen zu ſtehlen ſich geluͤſten lieſſe, oder auch daruͤber betreten und uͤberzeugt wuͤrde, daß er mit Sperr - werck, oder Nach - und Diebs-Schluͤſſeln, die Ge - maͤcher auf dem Chur-Fuͤrſtlichen Schloß, es ſey zu Coͤln an der Spree, oder zu Potsdam, oder wo ſonſt Hof gehalten werden moͤchte, eroͤffnen, oder durch gefaͤhrliche Inſtrumente erbrechen wollen, ſolte, ob er gleich noch nicht wuͤrcklich geſtohlen, ohne Anſehen des Werths von dem geſtohlenenSilber65Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen. Silber oder Sachen, am Leben geſtrafft wer - den.

§. 5. Der ſeelige geheimde Rath Stryk gedenckt in ſeiner Diſſertation de ſanctitate reſidentiarum p. 36. eines curieuſen Caſus: Es haͤtte auf einem gewiſſen Brandenburg. Luſt-Schloß ein Mahler unter andern Phantaſien bey einem gewiſſen Jagt - Stuͤck ein etwas freches und leichtſinniges Wei - bes-Bild in einer Coquetten-Kleidung abgebildet. Wie ſich nun eine gewiſſe Frau dieſerwegen getrof - fen findet, und glaubt, daß ſie dadurch gemeynt und geſchimpffet ſey, ſo bekommt ſie einige Helffers - Helffer zu ſich, laͤſt die Thuͤre des Gemachs erbre - chen, und das Gemaͤhlde mit einer andern Farbe uͤberziehen; es iſt aber dieſes ſehr uͤbel aufgenom - men, und ſie von dem Procuratori fiſci dieſerwegen verklagt worden.

§. 6. Damit nun von den Fuͤrſtlichen Schloͤſ - ſern und Gemaͤchern allerhand boͤſe Leute deſto eher abgehalten werden, ſo ſind allenthalben / ſo wohl unten bey dem Eingange, als auch bey unterſchiede - nen Gemaͤchern, beſondere Wachen verordnet, die auf die Ein - und Ausgehenden ein wachſames Au - ge haben muͤſſen, und nicht leichtlich iemand von fremden, zumahl von verdaͤchtigen Leuten, ohne Er - laubniß des Hof-Marſchalls, oder des Schloß - Hauptmanns, in das Schloß einlaſſen duͤrffen.

§. 7. Zu den Schloß-Wachen werden entwe - der einige von der regulieren Milice genommen, als Granadiers u. ſ. w. oder andere handfeſte, anſehn -Eliche66I. Theil. VII. Capitul. liche und getreue Leute, auf die ſich die Herrſchafft verlaſſen kan, und die als Trabanten u. ſ. w. einge - kleidet werden. Die Schweitzeriſche Nation hat von einigen Seculis her vor andern die Ehre, daß gecroͤnte Haͤupter und andere groſſe Herren in Eu - ropa ſie zu ihren Leib-Wachen erwehlt. Die kei - ne Schweitzer annehmen, laſſen doch zum wenig - ſten ihre eigene Landes-Kinder nach der Kleidung der Schweitzer mondiren. Das Corps der Schloß-Wachen iſt nach dem Unterſchied der Hoͤfe, und nach dem groͤſſern oder kleinern Staat, den ein groſſer Herr formiren will, ſtaͤrcker oder ſchwaͤcher. Sie ſtehen entweder unter einen Ca - pitain Lieutenant, oder Capitain, oder auch unter einen Lieutenant.

§. 8. Jn den alten Hof-Ordnungen der Fuͤrſt - lichen Teutſchen Hoͤfe findet man, daß die Schloß - Thore zu Mittag und Abends, ſo bald man ſich zur Tafel geſetzt, zugeſchloſſen, und nicht eher, biß man wieder von der Tafel aufgeſtanden, ohne ſonderba - ren Befehl, geoͤffnet werden ſollen. Es muͤſſen in den damahligen Zeiten die Schloß-Thore entwe - der mit gar keiner, oder doch nicht mit ſo ſtarcker Wache beſetzt geweſen ſeyn, als ietzund, da ſie zu allen Zeiten mit Trabanten beſetzt ſind, und alſo nicht zugeſchloſſen werden duͤrffen.

§. 9. Uber die ordinairen Wachen werden biß - weilen bey gewiſſen Gemaͤchern, in denen beſonde - re Koſtbarkeiten von Gold, Silber und Kleinodien auf behalten werden, auch noch eigene Wachen vonOber -67Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen. Ober-Officiers, als zu welchen man ſich gemeinig - lich mehr honeteté zu verſehen pflegt, geſtellt, wie - wohl man in den neueſten Zeiten hin und wieder Exempel hat, daß auch dieſelben, aus Verleitung des Satans, die ihren Herrn ſchuldige Treue ge - brochen, und dasjenige, welches ſie haben bewachen ſollen, zu berauben geſucht, die aber auch ihren wohl - verdienten Lohn davor empfangen.

§. 10. Die zur Bewachung der Gebaͤude und Gemaͤcher geſtellten Garden muͤſſen von einem ie - den, Fremden und Einheimiſchen, aus Reſpect vor die Herrſchafft, und wenn es im uͤbrigen noch ſo ſchlechte und unanſehnliche Leute waͤren, vor dieje - nigen gehalten werden, die ſie ſind, will einer nicht bißweilen ein unangenehmes Tractament von ih - nen zu gewarten haben. Ein bey Hofe unbekand - ter, zumahl wenn er von geringerer Extraction, muß die Thuͤren nicht leichtlich von ſelbſt oͤffnen, ſondern ſelbige durch die Garden oͤffnen laſſen, nachdem er ihnen mit Hoͤflichkeit angezeigt, daß er gerne wolte hineingelaſſen ſeyn. Er muß ſich auch in acht neh - men, daß er ſich nicht in den Gemaͤchern umzuſe - hen verlange, wenn er in einem Surtout gehet, oder einen Mantel um ſich geſchlagen, weil dieſer Habit bey Hofe verhaßt und verdaͤchtig gehalten wird.

§. 11. Die allgemeine Ober-Aufſicht uͤber alle die Fuͤrſtlichen Luſt-Schloͤſſer und Jagt-Haͤuſer iſt entweder einem Ober-Land-Baumeiſter, oder ſonſt einen andern Intendant und Inſpecteur - General, oder wie er nach dem Unterſchied der Eu -E 2ropaͤi -68I. Theil. VII. Capitul. ropaͤiſchen Provintzien nur immer kan und mag ge - nennt werden, anvertrauet. Bißweilen wohnet zugleich auf dem ordinairen Reſidentz-Schloß der Herrſchafft noch ein Schloß-Hauptmann, oder Trabanten-Hauptmann, der uͤber die Trabanten geſtellt, und gemeiniglich uͤber dem Fuͤrſtl. Schloß - Thor einige Zimmer innen hat; bißweilen beſor - get aber auch der Hof-Marſchall oder Hauß-Mar - ſchall dasjenige, was dem Schloß-Hauptmann ſonſt zukommt.

§. 12. Das Hof-Marſchall-Amt, unter dem der Caſtellan, der Bettmeiſter und Hof-Verwalter ſtehen, helffen nebſt der Hoch-Fuͤrſtlichen Frau Hofmeiſterin, den Hof-Tapezierern, Hof-Mah - lern u. ſ. w. alles was bey Anſchaffung, Veraͤnde - rung und Verbeſſerung der Meublen noͤthig, or - doniren. Uber die uͤbrigen Schloͤſſer, die mit Meublen verſehen, und von der Herrſchafft zuwei - len beſucht werden, ſind eigene Caſtellane oder Bettmeiſter geſetzt. Bey den Fuͤrſtlichen Witt - wen, pflegen an ſtatt der Hof - oder Hauß-Mar - ſchalle, ihre Hofmeiſter Sorge davor zu tragen.

§. 13. An einigen Fuͤrſtlichen Hoͤfen in Teutſch - land hat der Hof - oder Hauß-Marſchall nicht die allgemeine Aufſicht uͤber alle Zimmer des Schloſ - ſes, ſondern einige ſtehen unter ſeiner Aufſicht, an - dere unter der Aufſicht des Ober-Hofmeiſters, noch einige andere, als wie die Retirade u. ſ. w. wieder unter einer andern Inſpection. So pflegen auch bey einigen Reſidentz-Schloͤſſern, deren Beſitzernicht69Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen. nicht allein weltliche Regenten des Landes, ſondern auch zugleich Adminiſtratores eines Biſchoffthums mit ſind, die hochwuͤrdigen Dom-Capitul gewiſſe Zimmer innen zu haben.

§. 14. Auſſer der Aufſicht, ſo uͤber das Schloß und deſſen Zimmer einigen Groſſen aufgetragen, haben noch einige andere geringere Subalternen die Inſpection uͤber gewiſſe Plaͤtze, Gemaͤcher und Be - haͤltniſſe, als, die Leib-Medici uͤber die Fuͤrſtlichen Apothecken, die Hof-Gaͤrtner uͤber die Fuͤrſtlichen Gaͤrten und Orengerien, die Hof-Grotiers uͤber die Fuͤrſtlichen Grotten und Caſcaden, die Biblio - thecarii uͤber die Bibliothecken, die Kunſt-Kaͤm - merer, oder wie ſie ſonſt genennt werden, uͤber die Kunſt-Kammern, Muſchel-Cabineter, und andere Naturalien, u. ſ. w.

§. 15. Die Fuͤrſtlichen Reſidentz-Haͤuſer in Teutſchland ſind zwar mehrentheils an einem be - ſondern, freyen, und von den andern Wohnungen der Stadt abgeſonderten Ort erbauet; iedoch fin - det man auch an einigen Orten, als wie in Hanno - ver, daß ſie mitten in der Stadt unter den andern Haͤuſern mit ſtehen.

§. 16. Bey einigen Schloͤſſern obſerviret man, daß, nach einer ſehr alten und bißweilen von einigen Seculis her eingefuͤhrten Gewohnheit, zu deren An - fang eine gewiſſe Geſchichte Gelegenheit gegeben, einige Voͤgel, als Raben, ſchwartze Stoͤrche u. ſ. w. beſtaͤndig auf behalten und gefuͤttert werden, welche ſich auf den Schloß-Plaͤtzen herum promeniren,E 3und70I. Theil. VII. Capitul. und taͤglich wegfliegen oder weg marchiren, und wieder zuruͤck kommen.

§. 17. Jn Anſehung der Einfarth der Caroſſen in den innern Schloß-Platz, hat man bey einigen groſſen Hoͤfen ebenfalls gewiſſe Reglemens. Alſo lieſſen anno 1693. der Kayſerliche Ober-Hof - Marſchall, Graf von Windiſchgraͤtz, an dem Kay - ſerlichen Hofe einen Anſchlag publiciren, wie es mit dem Einfahren der Waͤgen in die Kayſerliche Burg zu halten. Wenn iederman erlaubt wuͤrde in den innern Schloß-Platz zu fahren, ſo wuͤrde, bey der Stellung der Caroſſen und Pferde, durch das Geſchrey und Gelaͤrme der ein - und ausfahrenden Kutſcher mancherley Ungelegenheit verurſacht wer - den, ſo der Durchlauchtigſten Herrſchafft, und de - nen, auf dem Schloß gar offters zuſammen kom - menden Collegiis, ſehr verdruͤßlich ſeyn wuͤrde.

§. 18. Es wird entweder in beſondern Regle - mens, oder auch durch die bloſſe Obſervanz ausge - macht, welchen erlaubt ſeyn ſoll, in den innern Schloß-Platz zu fahren. Allen Fuͤrſtlichen Per - ſonen, wenn ſie als Gaͤſte bey dem andern Hofe einſprechen, iſt dieſes gemeiniglich zugelaſſen; ie - doch will bißweilen an einigen groſſen Hoͤfen ein Unterſchied gemacht werden, unter den regierenden Landes-Fuͤrſten und unter den apanagirten. Man - che wollen es auch denen Fuͤrſten, wenn ſie Vaſallen von ihnen, oder ſonſt einiger maßen dependant ſind, nicht wohl zugeſtehen, und ſetzt es bißweilen deswe - gen unter groſſen Herren einige Diſputen. Beyden71Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen. den Abgeſandten wird an einigen Hoͤfen ein Unter - ſchied gemacht, unter den Ambaſſadeurs und En - voyes. Denen Envoyés ſtehet dieſes nicht eher frey, als am Tage ihrer erſten Audienz und ihrer Abſchieds-Audienz. Uber dieſe Perſonen haben an einigen Orten manche Dames von hohem Ran - ge und einige groſſe Miniſtri die Erlaubniß, in den innern Schloß-Platz zu fahren. Die uͤbrigen Wagen und Pferde muͤſſen vor dem Schloß war - ten, und da ſich iemand unterfaͤngt, mit Gewalt einzufahren oder einzureiten, ſo werden ihm offters Wagen und Pferde verpfaͤndet.

§. 19. Bißweilen ſind die Fuͤrſtlichen Reſidentz - Haͤuſer ſo angelegt, daß die groͤſten und nothwen - digſten Hof-Officianten, die fleißig um die Herr - ſchafft ſeyn muͤſſen, entweder zugleich mit auf dem Schloſſe, oder doch in denen, dem Schloſſe mit an - geheffteten Neben-Gebaͤuden, logiren. Bey an - dern Hoͤfen hingegen wohnen die groͤſten Miniſtri und alle Hof-Cavaliere in der Stadt, und auf dem Schloſſe iſt auſſer denen Hof-Dames und den Pa - gen, niemand wohnhafft, als einige Bediente von der geringſten Sorte.

§. 20. Jn der untern Etage ſind gemeiniglich die Dienſt-Gemaͤcher, als, die Silber-Cammer, die Kuͤche und Conditorey, das Zimmer zum Waſſer - brennen mit der Kuͤch - und Keller-Stuben, ſammt dem Zehr-Garten in einer richtigen Ordnung anzu - treffen. Unter dieſen Gemaͤchern ſind die Keller zum Bier und Wein, ingleichen die Vorraths -E 4Keller,72I. Theil. VII. Capitul. Keller, welche offters dergeſtalt aptirt, daß man mit Pferd und Wagen gantz bequem hinein fahren kan.

§. 21. Bey den alten Schloͤſſern findet man meh - rentheils Wendel-Treppen mit ſchmahlen Stuf - fen. Bey den neuern hingegen ſind dieſe beſchwer - lichen und gefaͤhrlichen Treppen abgeſchafft, und an deren Statt breite und helle, mit beſondern Ruh - Plaͤtzen verſehene, und mit Statuen ausgezierte Stiegen angelegt. Nachdem das Steigen der Treppen einigen groſſen Herren incommode faͤllt, ſo hat man in den neuern Zeiten bequeme Seſſel erfunden, ſo an einem Gewichte haͤngen, durch de - ren Huͤlffe ſie ohne Treppe aus einem Zimmer in das andere fahren koͤnnen. Alſo haben Jhro Koͤ - nigliche Majeſtaͤt in Pohlen und Chur-Fuͤrſtliche Durchlauchtigkeit zu Sachſen dergleichen Seſſel in Dero Palais zu Alt-Dresden, ingleichen Jhro Hoch-Fuͤrſtliche Durchlauchtigkeit von Sachſen - Gotha auf dem Schloß zu Altenburg.

§. 22. Die Hof-Capellen ſind von vielen Jah - ren her an den allermeiſten Orten alſo erbauet, daß Fuͤrſtliche Perſonen aus ihren Gemaͤchern ſich tro - ckenes Fuſſes in die Kirche begeben, und dem Wort Gottes daſelbſt zuhoͤren koͤnnen. So zeigen ſich auch allenthalben auf den Fuͤrſtlichen Schloͤſſern groſſe und lange Saͤhle, welche theils zu mancher - ley Luſtbarkeiten, an den Fuͤrſtlichen Nahmens - und Geburths-Taͤgen, theils auch zu den Propoſi - tionen, die der Landſchafft vorzutragen, gewidmetſind;73Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen. ſind; an einigen Orten hat man eigene Propofi - tions-Saͤhle, auf welchen von Sereniſſimo bey Land - und Stiffts-Taͤgen denen getreuen Landſtaͤn - den die reſpective Allergnaͤdigſte und Gnaͤdigſte Propoſitionen eroͤffnet werden. Die Zimmer fol - gen mit ihren beſondern Vorgemaͤchern a plein pied hinter einander, damit man aus einem in das andere gehen koͤnne, und die Thuͤren alle nach per - ſpectiviſcher Ordnung, in gleicher Ordnung und Symmetrie geſehen werden. Die Fußboͤden der Zimmer ſind entweder mit allerhand raren und ſaubern Holtz ausgelegt, bey welchen mancherley kuͤnſtliche Deſſeins angebracht, oder von polirten Marmor, Jaſpis, und andern raren und geſchliffe - nen Steinen.

§. 23. Die Meublen und Tapiſſerien ſind nach dem Unterſchied der Gemaͤcher unterſchieden. Jn der erſten Antichambre ſind ſie nicht ſo koſtbar / als in der letztern. Je naͤher die Vorgemaͤcher den Herrſchafftlichen Gemaͤchern kommen, ie mehr nehmen die Meublen an Koſtbarkeit zu. So iſt auch ein Unterſchied unter den ordinairen Woh - nungs-Zimmern, und unter den Gemaͤchern die zur Aufnahme der fremden Herrſchafften gewidmet, ingleichen unter den Audienz-Gemaͤchern, Neben - Audienz-Gemaͤchern, Parade-Zimmern, Reti - raden u. ſ. w. Fallen Galla-Taͤge bey Hofe ein, ſo wird bey denſelben Solennitaͤten die Pracht der Meublen noch weit mehr vergroͤſſert, da zeigen ſich allenthalben, ſonderlich aber in den Parade-Zim -E 5mern /74I. Theil. VII. Capitul. mern, goldene und ſilberne Pretioſitaͤten, an Ti - ſchen, Spiegeln, Gueridons und Gheridonetten, Cron-Leuchtern, Wand-Leuchtern u. ſ. w.

§. 24. Jn den Tafel-Zimmern findet man zier - lich ausgearbeitete Bufets, die mit mancherley Trinck-Geſchirren von antiquen und neuen Sorten / aus Gold, Silber, Cryſtall, Perlen-Mutter u. d. g. ausgearbeitet / allerhand Trinck-Muſcheln und Schaalen, groſſen ſilbernen Flaſchen, Vaſen, Bas - ſins, Schweng-Keſſeln, und vielen andern mehr, gantz ordentlich und praͤchtig beſetzt ſind. Biß - weilen ſind auch in dieſen Zimmern Fontainen und Rafraichir-Waſſer durch die Kunſt gar artig an - gebracht. So wird man auch hier mancherley Tafeln gewahr, die ſehr ſinnreich ausgeſonnen, und nach allerhand Inventionen veraͤndert werden koͤnnen.

§. 25. Eine dergleichen kuͤnſtliche Tafel hat vor einigen Jahren der weyland beruͤhmte, nunmehro aber ſeelig verſtorbene Herr Gaͤrtner, Koͤniglicher Pohlniſcher und Chur-Fuͤrſtlich-Saͤchſiſcher Mo - del-Meiſter, in Dresden inventirt. Es wird eine unbedeckte Tafel aus dem Koͤniglichen Zimmer er - ſter Etage in das unter demſelben ſich befindliche Anrichtungs-Gemach durch eine beſondere Bewe - gung hinunter gezogen, hingegen kommt eine mit vollem Service und Speiſen beſetzte Tafel, nebſt vier Gueridons, deren ieder von 4 Fachen oder 4 Tellern, von unten durch den ſich eroͤffnenden Fuß - Boden hinauf, ohne daß Jhro Majeſtaͤt einer an -dern75Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen. dern beſondern Bedienung zu Aufhebung der Ta - feln dabey noͤthig haben. Jn der Tafel iſt noch eine a parte kleine Eroͤffnung, dadurch mit einer Schiefer-Tafel denen unten befindlichen Bedien - ten Nachricht gegeben werden kan, was Jhro Ma - jeſtaͤt von Getraͤncke oder ſonſt haben wollen, wel - ches denn unten durch gewiſſe Eroͤffnungen hinauf getrieben wird. Es heiſt dieſes eine Confidenz - Tafel, und dienet dazu, wenn Jhro Majeſtaͤt mit einigen vertrauten Miniſtris allein ſpeiſen wollen.

§. 26. Es darff ſich niemand von den Fremden unterfangen, an den Fuͤrſtlichen Hoͤfen die Herr - ſchafft ſpeiſen zu ſehen, es muͤſte denn ſolches die Herrſchafft oder der Hof-Marſchall erlauben. Bey manchen Solennitaͤten, wenn offene Tafel gehalten wird, iſt iederman vergoͤnnt in das Ta - fel-Zimmer zu treten, iedoch muͤſſen ſie in ſauberer und reinlicher Kleidung erſcheinen, und die Weibs - Perſonen duͤrffen keine Regentuͤcher, die Manns - Perſonen aber keine Maͤntel um ſich geſchlagen ha - ben. Es werden auch diejenigen, ſo kraͤncklich und ungeſund ausſehen, um der Herrſchafft bey der Ta - fel durch deren uͤbeln Anblick den Appetit zum Eſ - ſen nicht zu verderben, zuruͤck gehalten. Wollen Frembde in die Tafel - oder andere Zimmer ohne Erlaubniß eindringen, ſo werden ſie anfaͤnglich, wenn die Wache hoͤflich iſt, mit guter Manier ver - mahnt, zuruͤck zu bleiben, und wo ſie dem ungeach - tet weiter avanciren wollen, mit Gewalt, und durch ein paar Ribbenſtoͤſſe zuruͤck getrieben.

§. 27.76I. Theil. VII. Capitul.

§. 27. Jnſonderheit ſind die Fuͤrſtlichen Schlaf - Zimmer vor andern ſehr privilegirt, und wird, zu - mahl in Teutſchland, nicht ein iedweder in dieſelben hineingelaſſen, ob er gleich ſonſt in den uͤbrigen Zim - mern des Schloſſes herum gefuͤhret wird. Es iſt auch wider den Wohlſtand, ſich auf die Fuͤrſtlichen Lehn-Seſſel oder Fauteüils niederzuſetzen / oder in dem Beſehen weiter zu gehen, als einem verguͤnſti - get, oder von dem, der die Frembden herum fuͤhret, gezeiget wird.

§. 28. An einigen Hoͤfen darff ſich niemand, auſ - ſer einigen Groſſen, weder in einer Antichambre noch in einem andern Gemach mit einem Spani - ſchen Rohr in der Hand ſehen laſſen, an andern hingegen iſt es erlaubt, iedoch muͤſſen die Cavaliere, wenn ſie in das Fuͤrſtliche Gemach zur Herrſchafft hinein treten wollen, den Stab in dem Vorgemach zuruͤck laſſen.

§. 29. An manchen Hoͤfen wird auch ſo gar dar - innen eine Diſtinction gemacht, daß nicht ein ieder Hof-Cavalier, ohne Unterſchied, die Erlaubniß hat, ſich bey naͤchtlicher Weile durch ſeine Bedienten mit Fackeln die Treppe hinauf leuchten zu laſſen.

§. 30. Auf den Fuͤrſtlichen Schloͤſſern in Teutſch - land darff ſich ein Frembder nicht mit ſolcher Frey - heit umſehen, als wie in Franckreich. Daſelbſt koͤnnen die Frembden in den meiſten Zimmern des Schloſſes zu Verſailles nicht nur frey und ungehin - dert aus - und eingehen, ob gleich die Wache da ſtehet, ſondern auch ſelbſt in des Koͤnigs Schlaf -Gemach.77Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen. Gemach. Das Anklopffen an den Thuͤren iſt in den Koͤniglichen Haͤuſern nicht erlaubt, ſondern wenn ſie zugemacht, und man weiß, daß die Leute oder Bedienten darinnen ſind, kratzet man nur mit den Naͤgeln an.

§. 31. Wie man an den Hoͤfen bey mancherley Handlungen gar ſehr auf den Rang zu ſehen pflegt, alſo werden auch bey den Zimmern gewiſſe Rang - Ceremonielle beobachtet, iedoch iſt man in dieſem Stuͤck an einem Hofe immer accurater, als an dem andern. Die vornehmſten Bedienten, ſo der Herr - ſchafft am naͤchſten ſeyn muͤſſen, duͤrffen ſich auch in den Vorgemaͤchern, die den Zimmern der Fuͤrſt - lichen Herrſchafft am naͤchſten ſind, aufhalten, da hingegen die weitern denjenigen Cavalieren gewid - met, ſo im Range den andern nachgehen.

§. 32. An einigen Hoͤfen ſind eigene und beſon - dere Reglemens publicirt, in welchen Zimmern ſich ſo wohl die Pagen als Cavaliers, die Frembden und Einheimiſchen, nach dem Unterſchied ihres Stan - des und ihrer Bedienungen, duͤrffen finden laſſen. Ob zwar die Dames faſt allenthalben in den mei - ſten Stuͤcken vor den Cavalieren einen Vorzug ha - ben, ſo iſt ihnen doch nicht an allen Hoͤfen ohne Un - terſchied erlaubt, in der erſten Antichambre ihrer Fuͤrſtin zu ſeyn, ſondern einige muͤſſen ſich in der an - dern Antichambre aufhalten.

§. 33. An dem Kayſerlichen Hofe hat man zwar zu allen Zeiten in dieſem Stuͤck eine beſondere Ac - curateſſe in Obacht genommen. Man hat aberdoch78I. Theil. VII. Capitul. doch wahrgenommen, daß es zu Zeiten Kayſers Joſephi noch viel accurater gehalten worden, als zu Zeiten Leopoldi. Bey dieſen wurden alle En - voyés in die letzte Anticamera gelaſſen, welche man ſo gar den Abgeordneten der Reichs-Staͤdte nicht verſagte. Bey jenem aber iſt in die letzte Antica - mera niemand anders als Grafen, und die ſo von gleichem Stande, eingelaſſen worden, und muſten die Abgeſandten der Fuͤrſten in der andern Anti - camera ſtehen bleiben. S. des curieuſen Buͤcher - Cabinets VI. Eingang p. 889.

§. 34. Jn den Zimmer-Ordnungen einiger Hoͤ - fe, werden die Perſonen in folgende vier Claſſen eingetheilet: (I.) in die Geiſtlichkeit, (II. ) in die Hof-Bedienten, (III. ) in die Kriegs-Officianten, und (IV. ) in frembde Durchreiſende. Dieſes iſt mehrentheils bey den Roͤmiſch-Catholiſchen Hoͤ - fen, da man die Vorgemaͤcher ſtets mit einem groſ - ſen Theil der Geiſtlichkeit angefuͤllet findet. Ob ſie zwar vor den andern einen groſſen Vorzug ha - ben, ſo duͤrffen ſie doch nicht an allen Hoͤfen allent - halben eindringen, wie ſie wollen, es wird auch un - ter ihnen ſelbſt, nach ihren beſondern Dignitaͤten und Range, eine Differenz gemacht.

§. 35. Jn die Retraiten und Retiraden iſt an vielen Orten niemand erlaubt zu gehen, als Fuͤrſt - lichen Perſonen, die ſich an dem Hofe aufhalten, ſie moͤgen nun den Anverwandten beyzuzehlen ſeyn, oder nicht, ingleichen den Abgeſandten und groͤſten Miniſtris.

§. 36.79Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen.

§. 36. Die Pagen und Laqueyen duͤrffen ſich nicht weiter unterſtehen, in den Fuͤrſtlichen Zim - mern oder Antichambren aufzuhalten, als wenn ſie geruffen werden, oder ſo lange ſie etwas darin - nen zu verrichten haben, auſſer die Leib-Pagen, de - nen an allen Hoͤfen vor den andern eine Preference zuſtehet; iedoch haben ſie zu den Zeiten unſerer Vorfahren, da manche Leib-Pagen wohl dreyßig Jahr alt geweſen, in noch groͤſſern Anſehen geſtan - den, als ietzund.

§. 37. Wie der Staat allenthalben in gantz Teutſchland von ein 50. biß 60. Jahren her gewal - tig zugenommen; alſo haben ſich von dieſer Zeit an auf den Fuͤrſtlichen Schloͤſſern, ſo wohl in An - ſehung des Bauens als des Ausmeublirens, ge - waltige Veraͤnderungen ereignet. Zu Eingang des abgewichenen Seculi, wuſte man noch nicht ſo viel von ſo vielen Vorgemaͤchern, die hinter einan - der folgten, von den Gips-Decken, von den gebro - chenen Thuͤren, von den zierlichen Caminen und von mancherley praͤchtigen Meublen, die man heu - tiges Tages in den Fuͤrſtlichen Zimmern erblickt. Auf den Speiſe-Saͤhlen, ſahe man kuͤnſtliche aus - geſchnitzte Baͤncke von Linden-Baͤumen oder an - dern Holtze, auf denen die Cavaliers und Dames an den Marſchalls-Tafeln ſpeiſeten. Die Tape - ten ſind zwar eine ſehr alte Meuble, und von etli - chen hundert Jahren in Teutſchland bekandt. An - no 1500. waren bey dem Beylager, ſo mit Her - tzog Hanßen zu Sachſen mit Frau Sophia, ge -bohrner80I. Theil. VII. Capitul. bohrner von Mecklenburg geſchloſſen ward, auf dem Schloß zu Torgau mit Gold geſtickte und man - cherley Figuren und Hiſtorien durchwuͤrckte Tape - ten zu ſehen. S. aus einem alten Saͤchſ. Hiſtorico das III. Stuͤck von Struvens hiſtoriſch-politiſchen Archiv p. 50. Jedoch waren ſie nicht ſo gemein als ietzund, und nur bloß in den Fuͤrſtlichen Parade - Zimmern zu ſehen. An ſtatt der Tapeten ſahe man mehrentheils in den Vorgemaͤchern die Bildniſſe von den Hoch-Fuͤrſtlichen Anverwandten in Le - bens-Groͤſſe, oder auch Bilder von unterſchiedlich - gehaltenen Jagten, von jagtbahren Hirſchen, wil - den Schweinen, raren Hunden, u. ſ. w. Bißwei - len waren auch die Waͤnde mit Waſſer-Farben bemahlet, oder mit unterſchiedenen Spruͤchen der heiligen Schrifft beſchrieben.

§. 38. Einige Fuͤrſten ſind keine Liebhaber von Veraͤnderung der Meublen, ſondern diejenigen ſind ihnen die liebſten, die ſie von ihren Fuͤrſtlichen El - tern und Groß-Eltern noch herhaben. Andere hin - gegen finden ihr groͤſtes Vergnuͤgen an offtmahli - ger Abwechſelung, und in Nachahmung alles deſ - ſen, was bey den Auslaͤndern an Galanterien und Koſtbarkeiten wahrgenommen wird. Sie ſind bey der Architectur und Ausmeublirung ihrer Fuͤrſtlichen Reſidentz und Luſt-Haͤuſer nicht mit dem zufrieden, was ihnen die ſinnreichſten Meiſter in Franckreich und Jtalien, Holland und England an die Hand geben, ſondern ſie muͤſſen auch noch dazu, ſo wol bey der Bau-Art, als bey den Meublen,aus81Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen. aus der Tuͤrckey, China, und andern Laͤndereyen auſſerhalb Europa, neue Erfindungen herhohlen.

§. 39. Der ietzige Pabſt mag an praͤchtigen Zimmern und auslaͤndiſchen Galanterien kein ſon - derliches Gefallen haben, ſintemahl er bey ſeinem Einzug in das Quirinal alle Tapeten, Stuͤhle, und andere Meublen, die in den Apartemens des vori - gen Pabſtes auf dem Quirinal geſtanden, und mit groſſen Unkoſten aus Jndien von ihm angeſchafft, dem Prætendenten in Engelland verehret, welche ihm vermuthlich gantz willkommen werden geweſt ſeyn. S. das XXIXſte Stuͤck der Einleitung zur neueſten Hiſtorie der Welt / p. 294.

§. 40. Aus dem Teſtament des Koͤnigs in Spa - nien Carl II. erhellet faſt, daß die Koͤnige in Spa - nien nicht ſo freye Gewalt haben, wie andere Sou - verains, nach ihrem eigenen Gefallen mit den Meublen, die auf den Koͤnigl. Reſidentz-Schloͤſ - ſern anzutreffen, eine Veraͤnderung vorzunehmen, indem er in dem XLII. Articul diſponirte, daß ſein Pallaſt, wie auch alle andere Koͤnigliche Haͤuſer, in Madrit und andern Staͤdten und Orten ſeiner Lande, mit ſamt den Gemaͤhlden, Tapezereyen, Spiegeln und andern Geraͤthe, womit ſie ausge - zieret, ſeinem Succeſſori und Nachfolgern unver - aͤnderlich fuͤr eigen verbleiben ſolten. Dagegen benahm er ihnen alle Gewalt fuͤr ietzt und allezeit, daß ſie von dieſen Haͤuſern und Koͤniglichen Pal - laͤſten, nichts daraus wegzunehmen, oder darin - nen zu veraͤndern, Erlaubniß haben ſolten. ZuFVoll -82I. Theil. VII. Capitul. Vollziehung deſſen, befahl er, daß alle gegenwaͤr - tige Mobilien, nach den Inventariis, ſo ſchon in den Haͤuſern befindlich, collationirt, und dasjenige, was noch nicht eingeſchrieben, auch darein gezeich - net werde, damit allezeit geſorget werden koͤnne, daß von dieſen Mobilien, weder von ſeinem Succeſſore noch Nachfolgern, auſſer zu Beſchuͤtzung der Kirche und des Koͤnigreichs, etwas veraͤndert noch ver - ſchencket werde.

§. 41. Einige groſſe Herren halten viel auf koſt - bare Frantzoͤſiſche Tapiſſerien, die mit ihren eige - nen, oder ihrer Vorfahren beruͤhmten Thaten prangen, andere aber mehr auf andere koſtbahre Gemaͤhlde, und findet man bey ihnen, nach der, aus Jtalien ſich herſchreibenden Mode, die Saͤhle und Gemaͤcher von unten biß oben aus, nach einer ſehr guten Ordonance, mit den kuͤnſtlichſten Schil - dereyen ausgezieret. So erblicket man auch bey den Roͤmiſch-Catholiſchen, ſo wohl auf den Hoͤfen, als auch in den Gemaͤchern, hin und wieder Statuen von der Jungfrau Maria, und von einem und an - derm Heiligen, der bey ihnen in groſſer Hochach - tung ſtehet.

§. 42. Bißweilen werden zur Zeit eines decla - rirten Kriegs die Bildniſſe derjenigen Souverains, die ſich feindſelig erklaͤhrt, aus den Fuͤrſtlichen Zim - mern weggenommen. Alſo ſchaffte man an. 1706. die Portraite der beyden Chur-Fuͤrſten zu Coͤln und Bayern, nachdem ſie in die Acht erklaͤhret, und die vier aͤlteſten Bayeriſchen Printzen nach Clagen -furth83Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen. furth gefuͤhret worden aus den Kayſerlichen Zim - mern weg. Es iſt dieſes eine Revenge, die von dem Triebe der menſchlichen Natur entſpringt, dieweil niemand gerne die Bilder derjenigen lieben, oder in ſeinem Zimmer leiden will, die uns alles gebrandte Hertzleid angethan.

§. 43. Der zu Kayſers Leopoldi Zeiten be - ruͤhmte Miniſter am Kayſerlichen Hofe, Fuͤrſt Lobkowiz, erſann eine ſeltzame Meublirung, als er in eine Ungnade gefallen, und bey dieſem ſeinem Un - gluͤck ſo wenig die Freyheit als Unſchuld verlohren. Er ließ ſich ein Zimmer zurichten, welches die Helff - te mit Tapeten und mehrern Fuͤrſtlichen Meublen ausgezieret war, die andere Helffte aber die ſchlech - teſte Vorſtellung einer Bauer-Huͤtte an Tag leg - te; er erklaͤhrte ſich dabey, gegen alle, die ihn beſuch - ten, daß er an ſolchem Ort ſeines vorigen und ietzi - gen Zuſtandes am beſten eingedenck ſeyn koͤnte. S. das Leben des Kayſers Leopoldi, p. 249.

§. 44. Groſſe Herren finden bißweilen an man - chen Gegenden auf dem Lande einen beſondern Ge - fallen, und erbauen ſich nicht nur zu ihrem Plaiſir an denſelben Orten praͤchtige Schloͤſſer und ſchoͤne Land - und Luſt-Haͤuſer, ſondern ſie befehlen auch ihren hohen Miniſtris und vornehmſten Hof - und Kriegs-Officianten an, daß ſie ſich ebenfalls da - ſelbſt anbauen muͤſſen, theils, damit ſie dieſelben iederzeit um ſich haben, wenn ſie ihres Raths, oder ihrer uͤbrigen Dienſte benoͤthiget, theils auch, daß hiedurch diejenigen Oerter, die ſie gerne wollen an -F 2gebauet84I. Theil. VII. Capitul. gebauet wiſſen, peupliret, zur Nahrung und in Aufnehmen gebracht werden. Bißweilen veraͤn - dern ſie ihnen den Nahmen, als wie es ohnlaͤngſt in dem Chur-Fuͤrſtenthum Sachſen bey Oſchatz ge - legenen Jagt-Schloß Wermsdorff geſchehen / welches, nachdem es auf das neue praͤchtig ausge - bauet worden, von Jhro Koͤniglichen Hoheit dem Koͤniglichen Chur-Printzen zu Sachſen mit dem Nahmen Hubertus-Burg, beleget worden; ſie pri - vilegiren ſie auf mancherley Weiſe, und verwan - deln nicht ſelten die elendeſten Doͤrffer in ſchoͤne Staͤdte.

§. 45. Sie laſſen zur Beſchuͤtzung der Land - Schloͤſſer einige beſondere Compagnien unterhal - ten und zu deren Bewachung in der Naͤhe Wach - Haͤuſer anlegen. Wenn ſie ſich auf den Land - Haͤuſern aufhalten, ſo wird ein groſſer Theil des Ceremoniel-Weſens bey Seite geſetzt, und eine freyere Lebens-Art erwehlet. Jn Teutſchland iſt an viel Hoͤfen eingefuͤhrt, daß die Cavaliers bey der Herrſchafft, auf den Land-Haͤuſern ohne Degen erſcheinen, und wer aus Verſehen einen Degen angeſteckt, wird gemeiniglich mit einem groſſen Glaß Wein beſtrafft.

§. 46. Hier pflegen oͤffters die gecroͤnten Haͤu - pter des Mittags und Abends nicht nur in Geſell - ſchafft mit der Koͤniglichen Familie zu ſpeiſen, ſon - dern ziehen auch zuweilen einige von den anweſen - den Herren und Damen mit an die Tafel, welches ſonſt in ihren Koͤniglichen Reſidenzien nicht zu ge - ſchehen pflegt.

§. 47.85Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen.

§. 47. Jn manchen Luſt-Schloͤſſern / die ſie alle Jahre zu gewiſſen Zeiten zu beſuchen pflegen, ſind alle Meublen, von den groͤſten biß zu den kleineſten, derer die Hoch-Fuͤrſtlichen Herrſchafften, und alle Hof-Officianten, maͤnnlichen und weiblichen Ge - ſchlechts, benoͤthiget ſind, in beſtaͤndiger Ordnung. Andere hingegen, die nur bißweilen beſucht werden, ſind nicht ſtets ausmeublirt, und bey dieſen pflegen die Fuͤrſtlichen Hof-Tapezierers voraus geſchickt zu werden, wenn ſich die Herrſchafft auf denſelben eine Zeitlang aufhalten will.

§. 48. Die Architectur dieſer Luſt-Haͤuſer iſt unterſchiedlich. Viele beſtehen aus einem groſſen Pavillon, der mit unterſchiedenen andern umgeben, dieſe ſind bißweilen wiederum in kleinere Pavillons eingetheilet. Jn dem Haupt-Pavillon logiren, der Fuͤrſt mit ſeiner Gemahlin, oder mit derjenigen, die ſie als Gemahlin lieben, und in den andern die Perſonen der Fuͤrſtlichen Familie, oder die vor - nehmſten von der Hofſtatt. Bey einigen ſind die Zimmer alſo eingerichtet, daß man in der Runde herum aus einem in das andere gehen kan; Mitten in dem Pavillon iſt ein groſſer achteckigter Sahl, in welchem publique Aſſembleen, Ballette und andere Luſtbarkeiten gehalten werden. Auf den Pavillons ſind Couplen, die mit einem Uhrwerck geziert.

§. 49. Oeffters ſind bey dieſen Luſt-Gebaͤuden Galerien, die ein plattes Dach haben, die zu einem Altan dienen, auf welchem man rund um den PlatzF 3zu86I. Theil. VII. Capitul. zu den Haupt-Gebaͤuden kommen kan. Die Daͤ - cher ſind in der Mitten, und an den Ecken mit Frontiſpices, in denen das Wapen des Hoch - Fuͤrſtlichen Hauſes, und ſonſt verſchiedene ſchoͤne Ornamenta befindlich. Auf dem Chapiteau ſie - het man viel Statuen, und durch die Bildhauer - Kunſt gemachte Kraͤntze Zweige und andere Zier - rathen.

§. 50. Auf den Hof-Plaͤtzen ſind entweder gruͤ - ne Terraſſen, die mit geſchliffenen Pflaſter-Stei - nen oder auf andere Weiſe eingefaßt oder mancher - ley mit Statuen ausgezierte Orengerien und Fon - tainen. Die Haupt-Treppen ſind mit Baluſtra - den und andern feinen Auszierungen von Alfreſco - Mahlerey propre garnirt. Jn den Gemaͤchern findet man kuͤnſtlich zubereitete Camine, in deren Baſſo reliefs mancherley Portraite ſtehen. Man admiriret oͤffters in den Gemaͤchern die ſchoͤnſten Spiegel von allerhand Façon, vor den Spiegeln liegen bißweilen marmorne oder andere geſchnitzte nackte Venus-Bilder, die mit ungemeiner Kunſt verfertiget.

§. 51. Auf vielen Luſt-Schloͤſſern obſerviret man beſondere, mit Gold und Bildhauer-Arbeit untermengt angelegte Porcelain-Gemaͤcher oder Cabinetter, in welchen die ſchoͤnſten von Porcelain aufſteigenden Zierrathen anzuſehen, an groſſen Toͤpffen, Vaſen, Schuͤſſeln, Aufſaͤtzen, Thé-Cho - colade-Coffe-Services, mit dazwiſchen geſtellten Spiegeln, Jndianiſchen Urnen, Pagoden, nacheiner87Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen. einer ſchoͤnſten Ordnung, und mit beſonderer Ma - gnificenze.

§. 52. Bey den Luſt-Haͤuſern findet man die ſchoͤnſten Gaͤrten, die in verſchiedene Quartiere ein - getheilt, und mit beſondern Haupt - und Neben - Fontainen ausgezieret. Die gepflantzten Hecken ſtellen mancherley Theatra und Amphitheatra vor. So muͤſſen auch die mancherley Reſervoirs Aqueducs, Fontainen und Grotten die Land-Luſt vermehren helffen. Bey den Grotten ſind ſchoͤne Caſcaden, welche das Waſſer in die Baſſins werf - fen, im Sommer eine angenehme Kuͤhlung und Geraͤuſche verurſachen. Auf der Erden ſind man - cherley Jets d’eau angebracht. Jn den dabey be - findlichen Cabinettern, deren ſich die Hoch-Fuͤrſt - lichen Herrſchafften zur Sommers-Zeit, wegen der angenehmen kuͤhlenden und ſpielenden Waſſerwer - cke, mit beſondern Plaiſir zu bedienen, und woſelbſt ſie oͤffters Tafel zu halten pflegen, zeigen ſich man - cherley Statuen und Baſſo reliefs. So ſind auch bey den Grotten nicht ſelten Bade-Zimmer, von weiſſen Marmor, oder auf andere Art kuͤnſtlich aus - gearbeitet, mit angeſchloſſen.

§. 53. Bey den Luſt-Gaͤrten ſind gewiſſe Me - nagerien von allerhand frembden und raren Thie - ren. Jn den Parcs ſiehet man vielfaltig ſchoͤne Alleen, curieuſe Alabaſter - und Marmor-Statuen, kuͤnſtliche Waſſer, groſſe und kleine Caſcaden, Voͤ - gel-Haͤuſer, und Teiche, in welchen und auf wel - chen mancherley rare Fiſche, wie auch Enten,F 4Schwaͤh -88I. Theil. VII. Capitul. Schwaͤhne und andere Waſſer-Voͤgel aufbehal - ten werden. Auf den Canaͤlen liegen propre Jach - ten, oder andere zierliche Schiffe, darauf man ſich zu divertiren pflegt.

§. 54. Bißweilen werden auch Eremitagen vor - geſtellet, die als Cabinetter, und nach Art der Ein - oͤden, wie verfallen, von Holtz - und Mauerwerck aufgefuͤhret werden. Man findet hier eine kleine Capelle, Schlaf-Cammer, Kuͤche, Garten und Studier-Stube, die mit Gemaͤhlden von mancher - ley geiſtlichen Hiſtorien verſehen, und mit mancher - ley Einſiedler-Geraͤthe beſetzt ſind.

§. 55. Die Orengerie-Haͤuſer ſind ebenfalls oͤffters von einer accuraten Architectur, und in dieſelben bißweilen mancherley Waſſer-Spiele an - gebracht. Die Orengerie-Gaͤrten auch von ei - ner ſchoͤnen Ordonance und Regularité. Die raren Gewaͤchſe formiren unterſchiedene Alleen, zwiſchen welchen die Spatzier-Gaͤnge von gruͤnen Raaſen ſchnur gerade abgetheilet und beſetzt, und wie ſie etwan weiterhin nach unterſchiedenen In - ventionen kuͤnſtlich angelegt.

§. 56. Die Veneria, ein Jagt-Hauß des Her - tzogs von Savoyen, und nunmehrigen Koͤniges in Sicilien, iſt eines von den ſchoͤnſten Pallaͤſten und Land-Haͤuſern / die man finden kan. Es iſt eine Niederlage der Koͤniglichen Jagt, mit den unter - ſchiedenen Geſtalten der Goͤttin Dianæ, und denen zur Jagt gehoͤrigen Sinnbildern ungemein ausge - ziert. Der Eintritt des Koͤniglichen Pallaſts zeigtbald89Von Schloß - u. Zimmer-Ceremoniellen. bald im erſten Gewoͤlbe das Bild der Dianæ, ſo die alten Heyden vor eine Goͤttin der Jaͤgerey gehal - ten. Neben an ſind die vier Arten der Jagt, nem - lich, der Vogelfang, die Fiſcherey, die hohe und nie - dere Jagt. Unter den artigſten Siñbildern auf dem groſſen Getaͤfel, ſind zehn beſondere Geſchichte, ſo mit der Goͤttin Diana paſſirt, die unmoͤglich beſſer auszuſinnen. Unter andern ſtehet Actæon, der, weil er die Dianam mit ihren Nymphen nackend badend ſiehet, durch Beſprengung etlicher Tropf - fen Waſſers in einen Hirſch verwandelt wird, mit der Beyſchrifft: Chi vuol troppo veder, vede il ſuo male, wer gerne zu viel ſehen will, ſiehet gemei - niglich ſein eigen Ungluͤck; imgleichen ſtehet die Diana mit ihren Nymphen in einem Armeniſchen Luſt-Wald, wo ſie ein grimmig Tiegerthier mit ei - nem liſtigen Netz gefangen haͤlt, mit den Beywor - ten: Piu che la forza un bell inganno e in pregio, ein artiger Betrug iſt ſchaͤtzbarer, als eine oͤffentli - che Gewalt. Nebſt den Tafeln ſtehen in den uͤbri - gen Zimmern nicht allein die ſchoͤnſten Princeßin - nen ſelbiger Zeit nach dem Leben in Jaͤger-Kleidung abgeſchildert, ſondern auch die Neben-Zierrathen ſtellen allerhand Jaͤger-Inſtrumenta vor, und wird man bey nahe keine Hiſtorie von der Diana bey den alten Poeten, oder beſondere Geſchichte von Jagt - Hunden, Hirſchen, Loͤwen ꝛc. leſen, welche nicht all - hier mit der ſinnreichſten Manier ihre Stelle von dem Kuͤnſtler erhalten.

F 5Das90I. Theil. VIII. Capitul.

Das VIII. Capitul. Von dem Tafel-Ceremoniel.

§. 1.

Die groſſen Herren haben auf ihren Schloͤſ - ſern mehrentheils ihre beſondern Saͤhle und Tafel-Gemaͤcher, die auf das praͤch - tigſte ausmeubliret, und zumahl bey So - lennitaͤten mit ſehr vielen Luſtren, Girandolen, Cryſtallinen Spiegeln, und dergleichen Wand - Leuchtern gezieret ſind. Man findet daſelbſt praͤch - tige Credenz-Buffette, oder andere Credenz-Ti - ſche, die mit ſilbernen und guͤldenen, und andern koſtbaren Trinck-Geſchirren beſetzt ſind.

§. 2. Der Boden, worauf die Tafel ſtehet, iſt entweder mit rothen Scharlach, oder gar mit koſt - bahren Sammet beleget. Zuweilen ſind ſie, zu - mahl bey Solennitaͤten, etwas erhoͤhet, und muß man Staffeln-weiſe, gleich einem Theatro, hinauf ſteigen. Einige ſpeiſen a l’ordinaire unter einem Dais, andere aber nur bey Solennitaͤten unter einem ſammetenen geſtickten, mit goldnen oder ſilbernen Borten und Frangen beſetzten Himmel.

§. 3. Die Speiſen werden auf den Fuͤrſtlichen Tafeln entweder in ſilbernen oder verguͤldten, oder gar in goldenen Schuͤſſeln aufgeſetzt. Nach der neueſten Façon ſind die Schuͤſſeln iederzeit mit ſil - bernen Glocken bedeckt, theils, damit die Spei -ſen91Von dem Tafel-Ceremoniel. ſen darunter warm bleiben, theils und vornehmlich aber, damit ſie nicht durch den herabfallenden Poudre und andern Wuſt von denen, die ſie auf die Tafeln ſetzen, verunreiniget, und unappetitlich werden. Etwas beſonders iſts, was Herr Luͤnig in ſeinem Ceremoniel-Theatro pag. 362. von der Paͤbſtlichen Tafel anfuͤhret, daß des Pabſtes Schuͤſſeln mit einem Schloß verwahret waͤren / und daß niemand, bey Straffe hoͤchſter Excom - munication, in ſeine Kuͤche gehen ſolte. Die Speiſen kochte eine von ſeinen naͤchſten Befreund - tinnen; dieſe, und der Cardinal Nepote haͤtten die Schluͤſſel zu den Schuͤſſeln.

§. 4. Das oͤffentliche Tafel-halten der gecroͤn - ten Haͤupter geſchiehet auf unterſchiedene Weiſe. Einige ſpeiſen gantz allein / oder haben doch nie - mand an ihrer Tafel, als ihre Hoch-Fuͤrſtlichen Anverwandten / oder andere Fuͤrſtliche Perſonen, oder Abgeſandten. Andere hingegen laſſen auch unterſchiedene von ihren Miniſtris, Generals, und Hof-Cavaliers, mit ſpeiſen. Koͤnig Johannes Sobiesky in Pohlen hielt allemahl zu Mittag oͤf - fentliche Tafel, und ließ auch, wenn er auſſerhalb des Hofes ſpeiſete, ſeine eigene Bedienten, welche zu ſolcher Zeit das Aufwarten hatten, mit zur Tafel ziehen. Jhro Majeſtaͤt hielten dieſes fuͤr eine ſchlechterdings nothwendige Sache, maßen ſie be - ſorgten, daß der gantze Adel moͤchte ſchwuͤrig wer - den, wofern ſie dieſe Gnade einem aus deſſen Mit - tel verſagten. S. Connors Beſchreibung des Koͤ -nigreichs92I. Theil. VIII. Capitul. nigreichs Pohlen, p. 416. Wenn er aber bey Ho - fe ſpeiſete, hat ſich niemand, auſſer der Koͤnigin, den Koͤniglichen Kindern, und auslaͤndiſchen Miniſtris, bey ihm zur Tafel ſetzen duͤrffen.

§. 5. Der vorige Koͤnig in Franckreich, Lud - wig XIV. pflegte des Mittags in ſeinem Schlaf - Zimmer an einer kleinen Tafel zu ſpeiſen, welches aber des Abends nicht geſchahe. Zuweilen that er der Madame de Maintenon die Gnade, und ſpei - ſete bey derſelben zu Mittage, und die bath denn zur Geſellſchafft allemahl ein und die andere Dame von ihren Bekandten mit dazu. Daſelbſt wurden kei - ne frembden, ſondern nur die noͤthigen Bedienten hinein gelaſſen. S. Nemeitz Sejour de Paris, pag. 387.

§. 6. Bey beſondern Luſtbarkeiten wird auch bißweilen an den groͤſten Hoͤfen das ſonſt ſtrenge Tafel-Ceremoniel ein wenig bey Seite geſetzt, und an deſſen ſtatt, nach den unterſchiedenen Looſ - ſen, die ein ieder ausziehet, bey den Fuͤrſtlichen Ta - feln eine bunte Reyhe angeſtellt.

§. 7. Bey den Couverts findet man an einigen Hoͤfen, nach dem Unterſchied der Perſonen, die an einigen Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Hoͤfen mit ſpeiſen, einen Unterſchied. Alſo zeiget ſich an der Tafel des Koͤnigs in Franckreich vor dem Ort des Koͤnigs und der Koͤnigin ein ſo genandtes Catenat oder viereckigt verguldt Beſtecken, darinnen Saltz, Pfeffer und dergleichen, in gewiſſen Faͤchern vor - handen, hingegen vor die Printzen und Princeßin -nen93Von dem Tafel-Ceremoniel. nen ein bloſſer Teller mit einem Couvert und Saltzfaß.

§. 8. Es iſt ebenfalls ein beſonderer Unterſchied, ob einer auf die Fauteüils, oder auf andere Lehn - Stuͤhle geſetzt wird. Fuͤrſtliche Perſonen, und die ihnen gleich geachtet werden, ſetzet man auf Fau - teüils, die andern aber auf bloſſe Lehn-Seſſel. Die bey den Stuͤhlen diſtinguirt ſind, werden auch ge - meiniglich vor und nach der Tafel, bey dem Waſ - ſer zum Waſchen, bey dem Abtrocknen mit der Serviette, bey der Aufwartung, und auf andere Art diſtinguirt.

§. 9. Bevor man zu den Fuͤrſtlichen Tafeln an - richtet, wird gemeiniglich mit Trompeten und Pau - cken angekuͤndiget, daß diejenigen, die die Speiſen aufſetzen ſollen, ſich vor der Kuͤche verſammlen. Man findet in vielen Fuͤrſtlichen Hof-Ordnungen diſponirt: Wenn zur Tafel geblaſen wird, ſollen ſich ſo bald die Pagen und Laqueyen vor der Kuͤche einfinden, dabey gebuͤhrlich verhalten und die Spei - ſen vorſichtig auftragen, damit nichts verſchuͤttet werde. S. unter andern die Fuͤrſtl. Saͤchſ. Go - thaiſche Hof-Ordnung de anno 1641. im XIV. Artic. §. 4. 5. Zuweilen laſſen ſich bey iedem Gange, der aufgetragen wird, Trompeten und Paucken hoͤren.

§. 10. Bey dem Croͤnungs-Feſtin des ietzigen Koͤnigs in Franckreich, Ludwig des XV, giengen die Cammer-Hautboıſten, Trompeter und Quer - pfeiffer, ſo einen Marſch ſpielten, voraus, nach die -ſen94I. Theil. VIII. Capitul. ſen folgten die Herolde, auch Ober - und Ceremo - nien-Meiſter, alsdenn zwoͤlff Hauß-Hofmeiſter, nach dieſen der Ober-Hofmeiſter vom Koͤniglichen Hauſe, vor der erſten Tracht her, wovon der Ober - Brodt-Meiſter die erſte Schuͤſſel trug, die uͤbrigen aber wurden durch die Koͤniglichen Hof-Junckern getragen, ſo die Bedienung hatten. Der Ober - Vorſchneider ſetzte die Schuͤſſeln in gehoͤriger Ord - nung auf die Koͤnigliche Tafel, hub die Stuͤrtzen davon ab, ließ die Speiſen credentzen, deckte die - ſelben wieder zu, und erwartete die Ankunfft Jhrer Majeſtaͤt. S. das Frantzoͤſiſche Croͤnungs-Cere - moniel, ſo anno 1723. in Leipzig gedruckt worden, p. 93.

§. 11. Das Auftragen der Speiſen geſchicht gemeiniglich durch die Pagen, auch wohl durch die Fuͤrſtlichen Laquais. Bey einigen Solennitaͤten pflegen auch wohl die Landſtaͤnde und Hof-Cava - liers die Schuͤſſeln den andern Bedienten abzuneh - men, und ſolche auf die Fuͤrſtliche Tafel zu ſetzen. An dem Hoch-Fuͤrſtlich-Wolffenbuͤtteliſchen Ho - fe, ſetzet der aͤlteſte von dem Adelichen Geſchlecht de - rer von Veltheim, als Lehntraͤger und Erb-Kuͤchen - Meiſter, mit bedecktem Haupt die Eſſen auf die Tafel. S. Luͤnigs Theatr. Cerem. p. 309.

§. 12. An dem Kayſerlichen Hofe werden die Speiſen, wenn der Kayſer in der Stadt ſpeiſet, durch die Kayſerlichen Cammer-Diener, auf den Luſt-Haͤuſern aber durch die Pagen mit bedecktem Haupt, mit Vortretung eines Kayſerlichen Hart -ſchierers,95Von dem Tafel-Ceremoniel. ſchierers, und Schlieſſung eines Trabanten, biß zur Credenz getragen, allwo ſelbige vom Silber - Diener in Ordnung geſetzt, und folglich von ihm mit unbedecktem Haupt biß zur Tafel getragen wer - den, allwo ſie ein Cammer-Herr abzunehmen und auf die Tafeln zu ſtellen pflegt.

§. 13. An den Kayſerlichen Nahmens - oder Ge - burths-Taͤgen werden die erſten Speiſen von den Cammer-Herren getragen, doch mit dieſem Unter - ſchied, daß ſie die Speiſen mit bedecktem Haupt biß zu des Kayſers Mund-Tafel tragen, und ſelber ein ieder ſeine Speiſe auf die Tafel ſetzen thut, im - gleichen muͤſſen 2 Hartſchierer vortreten, und ein paar Trabanten ſchlieſſen, wovor ordentlich bey den Cammer-Dienern oder Pagen nur einer vortritt und ſchließt. Die Hartſchierer und Trabanten be - gleiten nur iederzeit biß in die erſte Camera, allwo ſie ſtehen bleiben. Wenn Jhro Kayſerliche Ma - jeſtaͤt en Serviette, oder in ihrer Retirade ſpeiſen, ſo deckt ein Kayſerlicher in Dienſten ſtehender Cam - mer-Herr, mit Huͤlffe der Cammer-Diener, die Tafel. Hierauf werden die Speiſen durch die Cammer-Diener allein, und nicht durch die Kna - ben, es mag ſeyn wo es will, iederzeit auf die erſte Manier getragen. Wann Sie in Campagne ſpeiſen, ſo ſetzen die Kayſerlichen Pagen die Speiſen zur Tafel.

§. 14. Bey Koͤniglichen Ordinair-Tafeln wer - den die Speiſen von den Laquais aus der Kuͤche biß in das Vorgemach getragen, nach dieſem nehmenſie96I. Theil. VIII. Capitul. ſie die Pagen und tragen ſie ins Tafel-Gemach. Bißweilen werden ſie nicht gleich auf die Koͤnigliche oder Fuͤrſtliche Tafel, ſondern erſt auf eine andere Tafel geſetzt, biß ſie hernach von dem Kuͤchen-Mei - ſter u. ſ. w. rangirt werden. Bey der Koͤniglichen Engliſchen Tafel muß derjenige, ſo die Speiſen hin - ein getragen, niederknien.

§. 15. Bey der Vermaͤhlung des Chur-Fuͤrſt - lich-Saͤchſiſchen Chur-Printzens zu Wien, wur - den 60. Raths-Herrn aus der Stadt Wien, wel - che ſich mit ſchwartzen Sammet-Roͤcken und Ve - ſten aus ihren Mitteln kleiden muſten, dazu beſtellt, daß ſie den Hof - und andern Dames, auch Mini - ſtres die Speiſen auftragen, und ſie bedienen mu - ſten.

§. 16. Bey auſſerordentlichen Mahlzeiten wer - den die Speiſen durch Jaͤgerey-Bediente, durch die Cadets, Grenadiers u. ſ. w. auf die Tafel ge - hoben. Alſo muſten vor einigen Jahren bey ei - ner groſſen Solennitaͤt in Dresden die Cadets die Speiſen aus der Kuͤche biß an einen gewiſſen de - ſignirten Platz des Schloſſes tragen, von dar ſie durch die Chevaliers-Garde auf die Koͤnigliche Tafel geſetzt wurden. Vor den Speiſen giengen zwey Brigadiers von der Chevaliers-Garde mit ihren Staͤben und unbedecktem Haupte, welchen der Maitre d’hotel mit den zugedeckten Speiſen folgete, die hernachmahls derjenige, ſo vorſchneidet, in der ihm bewuſten Ordnung auf die Tafel ſetzte, hinten nach giengen 2 Sous-Brigadiers, die ſich ie -desmahl,97Von dem Tafel-Ceremoniel. des mahl, wenn die Speiſen aufgeſetzt, reterir - ten.

§. 17. Sind die Speiſen aus der Fuͤrſtlichen Kuͤche heran getragen, ſo werden ſie entweder von dem Kuͤchen-Meiſter, oder einem Cammer-Herrn, oder einem andern, nach dem Unterſchied der Hoͤfe, in Ordnung geſetzt.

§. 18. Speiſet der Roͤmiſche Kayſer in der Re - ſidentz, ſo gehet nach denjenigen, ſo die Speiſen her - an getragen, und nach den Hartſchierern, der Kay - ſerliche Huiſſier, welcher einen langen ſchwartzen mit Silber beſchlagenen Stock in Haͤnden traͤgt, und wenn er in die Anticamera kommt, wo die Creden - tzen ſtehen, thut er einen Streich an die Thuͤre, zum Zeichen, daß die Speiſen kommen, ihm auf dem Fuß folgen die Cavaliers, oder die Cammer-Die - ner. Speiſet er aber an dem heiligen Oſter - oder Weyhnacht-Feſt en public und en Majeſté, in der ſo genannten Ritter-Stube, ſo werden auf vorbe - meldte Weiſe, in Vortretung des Huiſſiers und des oberſten Staͤbel-Meiſters, die erſten Speiſen mit bedecktem Haupt auf die Kayſerliche Tafel getra - gen, und von ihm ſelbſt geſetzt, die uͤbrigen Speiſen aber von den Kayſerlichen Pagen, nur in Vortre - tung eines Hartſchierers, und Schlieſſung eines Trabantens, mit bedecktem Haupt auf die Cre - dentz, und davon ab unbedeckt zur Kayſerlichen Tafel getragen, und von dem Kayſerlichen Vor - ſchneider von ihnen abgenommen und auf die Ta - fel geſetzt. Speiſet der Kayſer in Campagne, ſoGſetzt98I. Theil. VIII. Capitul. ſetzt ſolche der oberſte Silber-Caͤmmerer auf die Tafel von der erſten Tracht. Es geſchicht auch wohl, daß daſelbſt die Cammer-Diener ſie den Dames in die Haͤnde geben, und dieſe dem Tren - chir-Fraͤulein zum Aufſetzen. Sie nehmen ſolche auch wieder von ihnen hinweg, und geben ſie den Cammer-Dienern zum Hinaustragen.

§. 19. An vielen Koͤniglichen und Chur-Fuͤrſt - lichen Hoͤfen gehet uͤber dem Kuͤchen-Meiſter der Cammer-Fourier voran, und jener ſetzt die Spei - ſen auf. An dem Koͤniglichen Spaniſchen Hofe uͤbergiebt der Aufſeher uͤber das Brodt und Back - werck, und der Frucht-Meiſter die Schuͤſſeln ihren Aemtern. Der Groß-Becken - oder Back-Meiſter ſetzt ſie auf die Tafel, nachdem er ſie vorher creden - tzet. Der Groß-Becken - oder Back-Meiſter, nebſt dem Vorſchneider decken die Schuͤſſeln auf, und geben ſie einen andern hierzu beſtellten Officianten, der deßwegen hinter dem Vorſchneider ſtehet. Hat ſie dieſer bekommen, ſo uͤbergiebt er ſie dem Saucier, welcher ſie in ſein Amt ſendet, um ſelbige warm zu machen, und folglich ſie auf die Tafel des Ober - Hofmeiſters, des Hofmeiſters und der Junckern, ſo ſervirt, zu ſetzen.

§. 20. An manchen Hoͤfen, wo das Ceremo - niel nicht ſonderlich geachtet wird, iſt ein bloſſer Maitre d’hotel, der die Speiſen auf der Tafel in Ordnung ſetzt. Bey groſſen Solennitaͤten hinge - gen pflegt auch wohl uͤber dem Kuͤchen-Meiſter und dem Cammer-Fourier noch ein Hof-Mar -ſchall99Von dem Tafel-Ceremoniel. ſchall in das Tafel-Gemach voran zu gehen; zu - weilen kommen auch noch uͤber den Hof-Marſchall zwey vornehme Hof-Miniſtri mit Marſchalls - Staͤben.

§. 21. Die ietzigen Speiſe-Ordnungen, und die Aufſaͤtze der Trachten, ſind von den Zeiten der grauen Vorfahren gar ſehr unterſchieden. Jetzund haben manche vom buͤrgerlichen Stande bey ihren ſolennen Gaſtereyen mehr Gerichte auf ihren Ti - ſchen, als vor ein hundert oder ein paar hundert Jahren Fuͤrſtliche Perſonen auf ihren Tafeln. Die alten Geſchichtſchreiber melden, daß es auf dem Begaͤngniß Hertzogs Albrechts zu Sachſen, der anno 1500. geſtorben, und in der Dom-Kir - che zu Meiſſen begraben worden, ſehr praͤchtig zu - gegangen, indem die Fuͤrſtlichen Tiſche den erſten Abend mit 13, und den andern Abend mit 16 Ge - richten geſpeiſet worden. Die andern Tiſche, an welchen die Aebte, Grafen, Herren, Praͤlaten, Jungfrauen und Frauen geſeſſen, waͤren den erſten Abend mit 9, und den andern Tag mit 12 Spei - ſen beſetzt geweſen. Das Getraͤncke aber auf al - len dieſen Tiſchen haͤtte in Reynfahl, ſuͤſſen Wein, zweyerley ſchlechten Weinen, und einerley Bier beſtanden.

§. 22. Heutiges Tages werden bey groſſen So - len nitaͤten auf die Fuͤrſtlichen Tafeln wohl 80, 90, 100 ja uͤber hundert Speiſen aufgeſetzt. Die un - terſchiedene Gaͤnge werden mit den mancherley Confituren wohl drey - biß viermahl veraͤndert,G 2und100I. Theil. VIII. Capitul. und man zehlet auf iedem Gange bißweilen dreyſ - ſig, vierzig und funfzig Speiſen. So offt als ein neuer Gang aufgeſetzet wird, werden gar offters die Tafeltuͤcher und die Services veraͤndert, und bey dem letzten Aufſatz der Confituren gemeiniglich Teller von dem ſchoͤnſten Porcelain herum ge - legt.

§. 23. Jedoch findet man auch wohl bey unſe - rer Zeit, hohe und gecroͤnte Haͤupter, die ſich ohne das Confect, wenn ſie auch ſchon en public ſpei - ſen, nicht mehr bey ihrer gewoͤhnlichen Tafel, als zwoͤlff biß achtzehn Speiſen in zwey Gaͤngen auf - ſetzen laſſen. Ja einige nehmen wohl gar mit 6 biß 8 Speiſen vorlieb, die nach gemeiner Hauß - manns-Koſt, und ohne die Franzoͤſiſchen Olapa - trien, ordentlich und ſchmackhafft zugerichtet.

§. 24. Die Fournirungen der Speiſen werden nach dem Befehl des Ober-Hof-Marſchalls, Hauß-Marſchalls, Ober-Kuͤchen-Meiſters, oder bloß des Kuͤchen-Meiſters, eingerichtet. Die Speiſe-Ordnungen ſind hoͤchſt different, und koͤn - nen unmoͤglich in allgemeine Regeln und Claſſen gebracht werden. Anders ſind ſie nach dem Un - terſchied der Jahres-Zeiten bey den Roͤmiſch-Ca - tholiſchen, anders bey den Evangeliſchen, anders bey den Teutſchen Puiſſancen, anders bey den an - dern Europaͤiſchen. Auf den Tafeln der Jtaliaͤ - niſchen Fuͤrſten ſiehet man viel Garten-Fruͤchte und Confituren, auf den Franzoͤſiſchen ungemein viel Gebackens-Werck, auf den Engliſchen undNor -101Von dem Tafel-Ceremoniel. Nordiſchen viel Fleiſchwerck, Wildpreth und Fiſch - werck, und auf den Teutſchen Tafeln iſt alles auf unterſchiedene Weiſe untermengt. Bißweilen wird folgende Speiſe-Ordnung beobachtet, daß erſtlich die Fleiſch-Speiſen, nachgehends die Fiſche und Gebackenſe, endlich die Braten, und vierdtens das Confect aufgetragen werden.

§. 25. Es geſchicht nicht ſelten, daß einige von den Fuͤrſtlichen Miniſtres praͤchtigere Tafeln fuͤh - ren, als die Fuͤrſten ſelbſt, oder eine beſondere deli - cateſſe zu mancher Zeit eher in ihre Kuͤchen einlaͤuft, als in die Fuͤrſtlichen. Der Roͤmiſche Kayſer Jo - ſephus, glorwuͤrdigſten Andenckens, ſchertzte ein - ſtens von einem gewiſſen Miniſtre uͤber der Tafel, als ihm ein Gerichte Krebſe aufgeſetzt worden, weil ſelbige gantz klein waren, fragte er, woher es kaͤme, daß ſo kleine Krebſe auf ſeine Tafel geſetzt wuͤrden? Als man nun zur Antwort gab, man haͤtte vor die - ſesmahl keine groͤſſere bekommen koͤnnen, ſo verſetz - te er: Jhr wiſſet nur nicht, wo ihr gute Sachen ſu - chen ſollt, waͤret ihr nur zu meines Vaters R. ge - gangen, da wuͤrdet ihr gewiß ſie ſehr gut angetrof - fen haben; womit er auf die groſſen Einkuͤnffte deſ - ſelben zielte, wodurch es manche zuwege bringen, daß ſie ſich oͤffters mehr, als der Kayſer ſelbſt zu gute thun koͤnnen. S. des curieuſen Buͤcher-Ca - binets VI. Eingang, p. 885.

§. 26. Die Schau-Eſſen ſind in den alten Zei - ten mehr mode geweſen als ietzund. Man findet bey den alten Geſchicht-Schreibern, daß auf groſ -G 3ſen102I. Theil. VIII. Capitul. ſen Feſtivitaͤten, wo es ſehr praͤchtig zugangen, biß - weilen mehr Schau-Eſſen zur Parade aufgeſetzt worden als andere Speiſen zum Vorſchneiden und Vorlegen. Heutiges Tages ſind ſie nicht ſo haͤuf - fig, werden aber davor mit deſto groͤſſerer Inven - tion, und auf eine ſinnreichere Weiſe inventirt; Jnſonderheit aber die Confituren gar oͤffters nach beſondern Kunſt-Regeln aufgeſetzt. Bißweilen werden gantze Geſchichte vorgeſtellt. Alle Colon - nen Geſimſe und Auſſaͤtze, alle Statuen und Figuren, und was nur zur Architectur gehoͤrt, alle Blumen, Baͤume und Blaͤtter, alle Kleider und Gewandte an den Perſonen, die durchſichtigen Wolcken, und was nur zu ſehen iſt, iſt aus lauter Zucker dergeſtalt gegoſſen, daß die Farben den Marmor, die Bronze, die Perſonen, Blumen und Blaͤtter und Fruͤch - te auf das natuͤrlichſte und vollkommenſte vor - ſtellen.

§. 27. Anno 1726 haben Jhro Chur-Fuͤrſt - liche Durchlauchtigkeit zu Pfaltz am 5 Martii, als am groſſen Carneval, eine ſehr magnifique Tafel gehalten, und an dieſer 120 Perſonen von Diſtin - ction mit 400 praͤchtigen Speiſen auf das delica - teſte tractiret, wobey das merckwuͤrdigſte geweſen, daß das von dem Conditore zubereitete ſonderbah - re Confect, unter andern ein foͤrmliches Caſtel, mit ſeinen Forder - und Hinter-Roundelen, oder Thuͤr - men, aus welchen die Canonen und Raqueten ab - gefeuert, die letztern auch biß zu der obern Decke des groſſen Saals ſteigend, aufgetrieben worden, præ -ſenti -103Von dem Tafel-Ceremoniel. ſentiret. Alles mit unbeſchreiblicher Freude und Vergnuͤgen der hohen Gaͤſte. Es ſoll dieſe ſplen - dide Tafel uͤber 10tauſend Guͤlden gekoſtet haben.

§. 28. Die Galanterie-Speiſen oder Figuren ſtellen bißweilen allerhand Goͤtter aus dem Hey - denthum vor, die ſich zu einem ieden Feſtin ſchicken, ſie ſind zu Zeiten einige Schuh hoch, und werden unter die Confecturen mit geſetzt. Bißweilen wird zum Spaß, als ein Schau-Eſſen, eine groſſe Pa - ſtete aufgetragen, daraus ein kleiner Zwerg, wenn man ſie aufſchneidet, heraus geſprungen kommt, der der Herrſchafft an ihren Nahmens - oder Ge - burths-Taͤgen, oder denen vornehmſten von den Gaͤſten, ein Carmen oder etwas anders uͤber - reicht.

§. 29. Bey Solennitaͤten werden allerhand In - ventions-Tafeln von mancherley Gattung ange - richtet, und auf eine ſonderbahre und anmuthige Weiſe mit Pyramiden, Fontainen und andern ſinn - reichen Inventionen ausgeziert. Die Fontainen ſpritzen die herrlichſten wohlriechenden Waſſer von ſich, als Roſen-Waſſer, Zimmet-Waſſer, u. d. g. Zwiſchen dieſen ſiehet man allerhand, Citronen - Pomerantzen - und andere rare Baͤume mit ihren Fruͤchten. Man findet auch wohl, nach gewiſſen Erfindungen, einige rauchende Berge, aus welchen eine kleine Oeffnung gehet, die die herrlichſten Par - fums ausrauchen, und einige kleine Flammen von ſich geben, und ſich alſo wie Feuerſpeyende Berge præſentiren.

G 4§. 30.104I. Theil. VIII. Capitul.

§. 30. Manchmahl wird ein Garten vorgeſtellt, der von einem Ende der Tafel biß zum andern reicht. Der Grund der Parterre iſt gelber candirter Zu - cker, und um und um mit Buchsbaum beſteckt. Dieſe wird in vier Felder eingetheilet, ſo mit roth candirten Zucker uͤberſtreuet, und mit Buchsbaum bordirt; Jn der Mitten ſteht ein Becken mit einer Fontaine von fuͤnff Roͤhren, welche das Waſſer Schwibboͤgen-weiſe ausſpritzen. Der Rand iſt mit kleinen Alabaſternen ſehr zarten Figuren beſetzt, und an den Piedeſtalen ſtehet eine Reyhe Blumen - Toͤpffe mit Blumen von unterſchiedenen Farben. Die beyden Alleen ſtoſſen an die Parterre, von weiſſen candirten Zucker wird es wie Kieß gemacht, und an den Seiten mit Buchsbaum eingefaßt; in der Mitten aber hat man kleine, nach der Chineſi - ſchen Art gemachte Figuren in gewiſſen Diſtanzen von einander. Die Fruͤchte und Confecturen werden laͤngſt dem Garten hingeſetzt, und formi - ren, von dem Garten an zu rechnen die eine Rey - he, die Speiſen die andere, und die Bey-Eſſen die dritte.

§. 31. So laͤſt es auch gar manierlich, wenn die Tafeln rund herum an den Seiten mit Spie - geln belegt, auf dem Boden aber mit einem ſchoͤ - nen Blumen-Felde bedeckt ſind, ſo daß die daran ſitzenden, ſonderlich wegen der am Tiſche zwiſchen allerhand Laubwerck ſteckenden vielen Leute, bey - des dieſes Blumen-Feld und deſſen Parterre, als auch ſich unter einander beſtaͤndigſt ſehen koͤnnen,ohne105Von dem Tafel-Ceremoniel. ohne doch weiter, als nur vor ſich hin, und in die ge - gen uͤber ſtehenden Spiegel zu ſchauen.

§. 32. Zuweilen kommen oben von Decken Ta - feln herunter, und veraͤndern ſich zu unterſchiedenen mahlen, ſo daß immer die eine die andere vertreibt, und an der herabkommenden ſich niederlaͤſt, die vo - rigen aber von ſich ſelbſt ihr Raum machen, und ſich an den Boden herunter ſencken.

§. 33. Anno 1722. den 23. Martii wurde bey dem Nahmens-Tage / Hertzog Eberhards von Wuͤrtenberg, eine ſchoͤne Inventions-Tafel præ - ſentirt. Die Tafel war anzuſehen, als eine See, aus welcher 40 Strahlen Waſſer ſchoſſen, zwi - ſchen denſelben ſchwommen lebendige Enten und Fiſche. Um dieſen See war ein ſchoͤner Luſt-Gar - ten mit Pomerantzen - und Citronen-Baͤumen, der die Hertzogliche Tafel umgab. An derſelben ſaſ - ſen 48 hohe Fuͤrſtliche, Graͤfliche und andere Ade - liche Perſonen beyderley Geſchlechts, und wurden 148 Speiſen dabey aufgetragen.

§. 34. Es ſind zuweilen bey Abend uͤber den Ta - ſeln ſonderbahre Illuminationen angebracht. Die Saͤhle ſind nicht allein mit groſſen ſilbernen Cro - nen, die Aufſaͤtze und vielen Tafel-Leuchter unge - rechnet, ſondern auch mit groſſen Pyramiden, wor - an wohl etliche tauſend cryſtallene Lampen haͤngen / die der Hoch-Fuͤrſtlichen Perſonen Nahmen und Jahrzahl vorſtellen, ausgeziert; zwiſchen dieſen ſie - het man auch noch hin und wieder Gemaͤhlde, Sta - tuen, Deviſen und kleine Illuminationen, die ſichG 5zu106I. Theil. VIII. Capitul. zu ieder Solennitaͤt ſchicken, um die Tafel herum.

§. 35. Sind die Speiſen alle in ihrer gehoͤri - gen Ordnung auf die Tafel geſetzt, ſo pflegt der Hof-Marſchall ſolches der Fuͤrſtlichen Herrſchafft anzudeuten. An dem Kayſerlichen Hofe pflegt der oberſte Caͤmmerer es Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt anzuſagen, der Jhm auch den Hut abnimmt, und ſolchen auf das Hut-Tiſchlein legt. Sonntags und Feyertags, wie auch an Galla-Taͤgen pflegen Sie in der Anticamera zu ſpeiſen, und hier behal - ten Sie bey der Tafel den Hut auf dem Kopffe. Jſt der Ober-Hofmeiſter abweſend, ſo ſagt es der oberſte Cammer-Herr Sr. Kayſerlichen Majeſtaͤt an. An den meiſten Teutſchen Fuͤrſtlichen und Chur-Fuͤrſtlichen Hoͤfen gehet der Hof-Marſchall oder Hauß-Marſchall, oder ein anderer, der in deſ - ſen Abweſenheit den Stab fuͤhret, mit allen Hof - Cavalieren zur Herrſchafft hinein / melden, daß zur Tafel angerichtet, und hohlen ſie ab.

§. 36. Alsdenn fuͤhrt entweder der Fuͤrſt ſeine Gemahlin ſelbſt bey der Hand zur Tafel, oder ſie wird von ihren Hof-Meiſter oder einen von den Geheimen Raͤthen zur Tafel gefuͤhrt. Jſt aber ein Cavalier von einem fremden Hofe anweſend, der nicht von dem unterſten Rang, ſo pfleget ſol - cher die Fuͤrſtliche Gemahlin zur Tafel zu fuͤhren. Gleich vor der Tafel pflegen auch mehrentheils junge Cavaliers die Gnade zu haben, den Fuͤrſtli - chen Perſonen beyderley Geſchlechts den Rock zukuͤſſen.107Von dem Tafel-Ceremoniel. kuͤſſen. An einigen Hoͤfen werden ſie vorher in das Fuͤrſtliche Zimmer zur Audienz gefuͤhrt, an andern aber machen ſie ihren Reverence bey den Fuͤrſtlichen Perſonen, wenn ſie in das Tafel-Ge - mach treten. Alsdenn bekoͤmmt der Hof-Mar - ſchall Befehl, welcher von ihnen an die Fuͤrſtliche Tafel oder an die Marſchalls-Tafel placirt wer - den ſoll.

§. 37. Bevor ſie ſich zur Tafel ſetzen, wird den Fuͤrſtlichen Perſonen, maͤnnlichen Geſchlechts, der Hut und die Handſchuh, den Fuͤrſtlichen Frauen - zimmer aber die Handſchuh nebſt der Eventail abgenommen. An einigen Hoͤfen geſchicht ſol - ches von vornehmen Cavalieren, von Cammer - Herrn u. ſ. w. an andern aber von Cammer-Jun - ckern, auch wohl nur gar von Pagen, nachdem die groſſen Herren ſehr auf das Ceremoniel ſehen oder nicht. Bey einigen groſſen Solennitæten nimmt ein Ober-Cammer-Herr den Hut und die Handſchuh von dem Souverain, dieſer giebt ſie einen Cammer-Herrn, der ſie denn einem Cam - mer-Juncker uͤberreicht, welcher ſie ſo lange haͤlt, biß ſie nach der Tafel wieder zuruͤck gegeben wer - den. Und in eben dieſer Ordnung geſchiehet es auch bey der Fuͤrſtin.

§. 38. Vor dem Tiſch-Gebeth wird gemeini - glich das Waſſer præſentirt. An groſſen Koͤni - glichen Hoͤfen, und bey groſſen Solennitæten pflegt es wohl zu geſchehen, daß unter Anfuͤhrung des Ober-Hof-Marſchalls, einer von den Cammer -Herrn,108I. Theil. VIII. Capitul. Herrn, ſo das Aufwarten hat, die Gieß-Kanne haͤlt, und der andre das Hand-Becken, und creden - zet das Waſſer. Der Ober-Hof-Marſchall uͤberreicht die Serviette. Bey der Koͤniglichen Gemahlin ſerviren hiebey ebenfalls zwey Cam - mer-Herren, und der Ober-Schenck præſentirt die Serviette. Sonſt aber wird nur von dem Hof-Marſchall oder einem andern Miniſtre, ent - weder das Gieß-Becken mit Waſſer oder auch nur bloß eine naſſe Serviette auf dem Credenz - oder Service-Teller uͤberreicht.

§. 39. An einigen Hoͤfen præſentirt ein Page das Waſſer vor die Hoch-Fuͤrſtliche Herrſchafft einen Cammer-Juncker, der Cammer-Juncker ei - nen Cammer-Herrn, der Cammer-Herr dem Hof-Marſchall, oder einem andern groſſen Mini - ſter, und dieſer der Herrſchafft. An andern Hoͤ - fen aber hat man dieſe vielen Ceremonien nicht, ſondern ein Page præſentirt das Glaß Waſſer nebſt der Serviette einen Cammer-Herrn oder Cammer-Juncker, der es denn hernach den Hoch - Fuͤrſtlichen Herrſchafften uͤberreicht, und auf dieſe Weiſe wird es wieder zuruͤck gegeben. Es ge - ſchicht zuweilen, daß ein andrer Officiante das Hand-Becken uͤberreicht, und einer von einer an - dern Bedienung das Hand-Tuch oder die Ser - viette.

§. 40. Man findet auch wie in andern Stuͤ - cken als auch hierinnen einigen Unterſchied, nach - dem ſie en public, oder in ihrer Retirade en Ser -viette,109Von dem Tafel-Ceremoniel. viette, oder en Campagne, auf den Land - und Luſt-Haͤuſern, oder anderwaͤrts ſpeiſen.

§. 41. An dem Koͤniglichen Spaniſchen Hof reicht der Ober-Mundſchencke dem Koͤnig das Waſſer, und der Groß-Becken - oder Brodt-Mei - ſter nimmt die Serviette aus den Haͤnden des Aufſehers uͤber das Brodt und Backwerck, und giebt ſie dem Hof-Meiſter, der die Woche hat, dieſer aber dem Ober-Hofmeiſter, um ſelbige dem Koͤnig zu uͤberreichen. Jſt aber der Hofmeiſter abweſend, ſo wird die Serviette von einem andern Grandes uͤberreicht.

§. 42. Es geſchicht auch wohl, daß ſich hohe Haͤupter bloß von einem Pagen den Hut und die Handſchuh wegnehmen, und das Waſſer nebſt der Serviette von ihm præſentiren laſſen. Biß - weilen laſſen ſie den Hut und die Handſchuh in ihrem Gemach zuruͤck, und laſſen ſich weder vor noch nach der Mahlzeit das Handbecken præſen - tiren.

§. 43. An den meiſten Hoͤfen, zumahl bey den Proteſtirenden, ſind die Tiſch-Gebether vor und nach der Mahlzeit gebraͤuchlich, die meiſtentheils von einem Pagen hergeſprochen, oder vielmehr dem Schlendrian nach fein geſchwinde hergeplappert werden. Bey Solennitæten verrichten ſolche der Hof-Prediger, oder ein Biſchoff, oder auch ein Hof-Diaconus. An dem Koͤniglich Spaniſchen Hof, ſpricht der vornehmſte Prælat, der zugegen iſt, das Benedicite, iſt aber kein hoͤherer als der Groß -Almo -110I. Theil. VIII. Capitul. Almoſenier zugegen, ſo ſpricht ers, und in ſeiner Abweſenheit thut es der Aufſeher uͤber das Orato - rium.

§. 42. Nach verrichteten Gebeth macht derje - nige Miniſtre der den Stab fuͤhrt, mit ſeinem Sta - be den Reverence erſt gegen diejenigen Fuͤrſtli - chen Perſonen, die an die Fuͤrſtliche Tafel placirt werden, und nachgehends auch gegen diejenigen Dames und Cavaliers, ſo die Gnade haben daran zu ſpeiſen; die Dames werden meiſtentheils gegen die lincke Seite der Fuͤrſtlichen Herrſchafft geſetzt, die Cavaliers aber zur rechten.

§. 45. Die Tafeln ſind bey ihren ordinairen Mahlzeiten mehrentheils oval, und der Ober - Sitz iſt meiſtentheils den Buffets und den unter - ſten Thuͤren, wodurch man in das Tafel-Gemach gehet, gegen uͤber. Die Stuͤhle werden an groſ - ſen Hoͤfen und bey groſſen Solennitæten, durch ei - nen vornehmen Hof-Cavalier, durch den Ober - Caͤmmerer, oder einen aufwartenden Cammer - Herrn geruͤckt, vielmahls durch die Cammer - Juncker, ſo das Aufwarten haben, und meiſten - theils wenn ſie nicht en Ceremonie ſpeiſen, durch die Jagt - oder andere Pagen.

§. 46. Wenn ſich der Souverain mit ſeiner Gemahlin geſetzt, ſo laſſen ſich die uͤbrigen von der Fuͤrſtlichen Familie auch nieder, die von maͤnn - lichen Geſchlecht, auf die Seite wo der Regente ſitzt, und die von weiblichen Geſchlecht, auf der Gemahlin Seite, alsdenn ſetzen ſich die uͤbrigenDames111Von dem Tafel-Ceremoniel. Dames und Cavaliers nach ihrem Range und Ordnung.

§. 47. Hinter die Tafeln placiren ſich unter - ſchiedene groſſe Hof-Miniſtri, als der Ober-Hof - Marſchall, die Ober-Cammer-Herren, andere Cammer-Herren, u. ſ. w. Bey groſſen Solennien bleiben diejenigen Cammer-Herren oder Cammer - Junckern, die das Aufwarten haben, die gantze Zeit, ſo lange als die Tafel waͤhrt, hinter den Fuͤrſtlichen Perſonen ſtehen, ſonſt aber nur ſo lange, biß die Fuͤrſtlichen Perſonen den erſten Trunck gethan / oder biß ſie ein Zeichen geben, daß ſie ſich reteriren ſollen, alsdenn gehen ſie nebſt dem Hof-Marſchall, Hauß-Marſchall, oder andern groſſen Hof-Offi - cianten, oder den uͤbrigen Hof-Cavalieren, an die vor ihnen zubereitete Tafeln, und laſſen nur die Pa - gen und Laquais bey der Tafel zur Aufwartung, biß die Confituren aufgeſetzt. An einigen Hoͤfen warten nur die Pagen bey den Tafeln auf, und darf ſich kein Laquay oder Cammer-Diener denſelben naͤhern.

§. 48. An dem Kayſerlichen Hof bleibt der Ober - Caͤmmerer ſtets hinter den Seſſel ſtehen, der Ober - Kuͤchenmeiſter befindet ſich nebſt dem Ober-Sil - ber-Caͤmmerer auch ebenfalls meiſt gegenwaͤrtig, und die Kayſerlichen Pagen tragen die Speiſen auf die Tafeln ab, und zu. Hierbey iſt zu wiſſen, daß die Truchſeſſe, Vorſchneider, Mundſchencken und Stabelmeiſter an dem Kayſerlichen Hofe lauter Edelleute von guten Geſchlechtern, auch wohl gar Grafen ſind.

§. 49.112I. Theil. VIII. Capitul.

§. 49. An einigen Koͤniglichen Hoͤfen bleiben der Ober-Hof-Marſchall mit zweyen Hof-Mar - ſchaͤllen hinter den Koͤniglichen Perſonen bey der Tafel ſtehen. An andern haben die Dames biß - weilen zugleich mit die Aufwartung, und an man - chen wartet gar kein Cavalier hinter der Tafel auf, ſondern bloß die Pagen und Laquais. Bey beſon - dern Solennitaͤten ſtehen bißweilen uͤber die Cava - liers einige Trabanten mit ihren Partiſanen an der Tafel.

§. 50. Das Vorſchneiden wird an einigen groſ - ſen Hoͤfen, wo alles en Ceremonie zugehen ſoll, von ein paar Cammer-Herrn verrichtet. Zuweilen ſind gewiſſe hohe Aemter / denen das Vorſchnei - den zukommt, wie es denn bey den Oeſterreichiſchen Land-Taͤgen und Landes-Huldigungen von dem oberſten Landes-Vorſchneider unternommen wer - den muß.

§. 51. A l ordinaire pflegt ein Cammer-Jun - cker oder Hof-Juncker bey den Koͤniglichen, Chur - Fuͤrſtlichen und Fuͤrſtlichen Tafeln vorzuſchneiden. Dieſer uͤbergiebt die Speiſe mit dem Teller einem andern ſervirenden Cammer-Juncker, welcher um die Tafel herum gehet, und ſie mit einem verdeck - ten Teller den Perſonen von der Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Familie præſentiret. Zuweilen uͤber - bringt er ſie ſelbſt, oder uͤbergiebt ſie dem Pagen, der den Teller an die Fuͤrſtlichen Perſonen præſentiren muß. Zuweilen, welches aber doch wohl an den wenigſten Hoͤfen, iſt gar kein aparter Vorſchnei -der,113Von dem Tafel-Ceremoniel. der, ſondern der Fuͤrſt oder Koͤnig nehmen ſich ſelbſt aus einer oder der andern Schuͤſſel, oder laſſen ſich von einem General, oder einem andern, der mit bey der Tafel ſitzt, etwas vorlegen. Die uͤbrigen an der Tafel greiffen ſelbſt zu, und laſſen ſich von dem - jenigen, bey dem die Schuͤſſel ſtehet, etwas ge - ben.

§. 52. An den Fuͤrſtlichen Teutſchen Hoͤfen pfle - get gemeiniglich ein Page vorzuſchneiden, wenn ſie allein ſind, und nicht en Ceremonie ſpeiſen. Die - ſer uͤbergiebt den erſten Teller entweder dem Hof - Marſchall oder Hauß-Marſchall, oder in deſſen Abweſenheit, dem naͤchſten, der nach ihm den Stab fuͤhret, oder auch wohl nur einem Cammer-Jun - cker, die ihm denn nachgehends an dem Fuͤrſten præſentiren. Wenn ſich die andern Cavaliers an die Marſchalls-Tafel begeben, ſo præſentiren die Pagen die Speiſen auf den Tellern ſo lange an die Fuͤrſtlichen Perſonen, biß die Cavaliers von der Marſchalls-Tafel wieder aufgeſtanden, und in das Fuͤrſtl. Tafel-Gemach zuruͤck kommen. Manch - mahl hat ein Jaͤger, ein Soldat u. ſ. w. ſo wohl die Freyheit, einem groſſen Herrn den Teller mit Speiſen zu præſentiren, als ein Hof-Cavalier oder Page.

§. 53. An einigen Hoͤfen iſt in dieſem Stuͤck ſo wohl, als bey andern ein Unterſchied, unter den Mit - tags-Tafeln und unter den Abend-Tafeln. Bey dem vorigen Koͤnig in Franckreich Ludwig den XIV ſervirte ihm einer von den Premiers Gentils hom -Hmes114I. Theil. VIII. Capitul. mes de la Chambre, und die Vornehmſten des Reichs, ja alle Printzen vom Gebluͤthe, Cardinaͤle, und Marechaux de France warteten bey der Ta - fel ſtehend auf, welches aber des Abends nicht ge - ſchahe.

§. 54. Bißweilen werden die Speiſen, nach dem Unterſchied der Hoͤfe, mit beſondern Ceremonien, die an einem ieden Orte eingefuͤhret, vorher creden - tzet. Es nimmt entweder der Vorſchneider ein Stuͤckchen locker Brodt, ſo an einer langen Gabel ſteckt, faͤhret damit uͤber alle Schuͤſſeln und Spei - ſen, und nachdem er ſolche credentzet / giebt er die Gabel an den Tafeldecker / oder ein gewiſſer Offi - ciante, der neben dem Vorſchneider ſtehet, deckt alle Schuͤſſeln auf, und zeiget ſie dem Fuͤrſten; zu welchen er nun Belieben traͤgt, die werden cre - dentzt, und bleiben auf den Tafeln ſtehen, die uͤbri - gen aber weggetragen. Diejenigen, ſo die Spei - ſen credentzet, muͤſſen auch gemeiniglich das Brodt hernach eſſen.

§. 55. Das Getraͤncke wird ebenfalls vorher, ehe ſie es den Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Perſo - nen præſentiren, von dem Mundſchencken creden - tzet, und zu manchen Zeiten, wo man ſich etwan ei - niges Verdachts vermuthend iſt, noch groͤſſere Be - hutſamkeit dabey angewendet, als zu einer andern. Wenn Koͤnigliche oder Fuͤrſtliche Perſonen bey ſehr groſſen Solennitaͤten zu trincken begehren, ſo holen die ſervirenden Cammer-Juncker das Glaß, oder den Becher, und geben es dem Cammerherrn,der115Von dem Tafel-Ceremoniel. der Cammerherr uͤbergiebt es dem Ober-Cammer - Herrn, oder Ober-Hof-Marſchall, oder dem O - ber-Schencken u. ſ. w. die es denn nachgehends auf einen Credentz-Teller der Koͤniglichen oder Fuͤrſt - lichen Perſon præſentiren. Bey der Gemahlin wird es eben ſo gehalten, der Cammerherr uͤbergiebt es dem Ober-Hofmeiſter, und dieſer der Koͤnigin oder Fuͤrſtin; und dieſes Ceremoniel wird auf ei - nerley Art beobachtet ſo lange die Tafel waͤhret.

§. 56. Auſſer den Solennien aber pflegt nur der Ober-Marſchall, oder der Ober-Schencke, oder ein Cammer-Herr, oder Cammer-Juncker das er - ſte Glaß zu præſentiren, und ſo bald die Fuͤrſtlichen Perſonen den erſten Trunck gethan, ſo reteriren ſich dieſe hoͤhere Bedienten an ihre Tafeln, und uͤberlaſſen nachgehends die Uberreichung des Ge - traͤnckes den geringern Officianten.

§. 57. Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt wird der Trunck iederzeit durch den Mundſchencken præſen - tirt, und wenn Sie in der Retirade ſpeiſen, durch den Obriſten Caͤmmerer. Es geſchicht auch wohl bißweilen, daß die Cammer-Fraͤuleins die Trinck - Geſchirre nehmen, eine Hof-Dame traͤgt auf einer Tazze den Trunck, die andere das Glaß, woraus getruncken wird, die Herrſchafft ſchenckt ſich ſelbſt ein, und von dieſem Trunck muß die Cammer - Fraͤulein iedesmahl etliche Tropffen auf die Tazze ſchuͤtten und trincken.

§. 58. An dem Koͤniglich-Spaniſchen Hofe ge - hen hierbey viel Ceremonien vor. Will der Koͤ -H 2nig116I. Theil. VIII. Capitul. nig trincken, ſo giebt er dem Ober-Mundſichencken ein Zeichen, daß er an den Schenck-Tiſch gehen und den Becher nehmen ſoll. Dieſer laͤſſt Wein und Waſſer durch den Cammer-Medicum koſten, und nimmt den Becher aus den Haͤnden des Kel - ler-Meiſters. Der Cammer-Thuͤrhuͤter gehet vor ihm her, und auf ſolche Art naͤhert er ſich der Tafel, laͤſt ſich ſodann vor dem Koͤnig auf die Knie nieder, und præſentirt ihm den Becher, haͤlt auch demſelben, waͤhrender Zeit, als er trinckt, eine Schaale unter. Hat der Koͤnig getruncken, ſo nimmt er den Becher wieder zuruͤck, deckt denſelben zu, macht einen tieffen Reverenz, traͤgt ihn wieder auf den Schenck-Tiſch, und gehet wieder an ſeine vorige Stelle bey der Tafel.

§. 59. An den Fuͤrſtlichen Hoͤfen in Teutſch - land, pflegen mehrentheils nur die Pagen das Ge - traͤncke den Fuͤrſtlichen Perſonen auf Credentz - Tellern zu reichen, ſo lange der Hof-Marſchall oder Hauß-Marſchall mit den andern Hof-Cavalieren an den Marſchalls-Tafeln ſpeiſen; wenn ſie aber wieder zuruͤck kommen, und hinter der Herrſchafft ſtehen, ſo uͤbergiebt der Page den Teller mit dem Getraͤncke dem Hof-Marſchall oder Cammer - Juncker, und dieſer bedienet wieder die Fuͤrſtlichen Perſonen. Werden aber die Fuͤrſtlichen Nah - mens - oder Geburths - oder andere Gala-Taͤge ce - lebrirt, ſo pflegen ein paar aufwartende Cammer - Juncker, ſo wohl dem Fuͤrſten als der Fuͤrſtin ſtets bey waͤhrender Tafel den Trunck zu præſentiren.

§. 60.117Von dem Tafel-Ceremoniel.

§. 60. Bey dem Geſundheit-trincken der Fuͤrſt - lichen Perſonen werden Trompeten geblaſen und Paucken geſchlagen, oder auch, nach dem Unter - ſchiede der Koͤniglichen, Chur - und Fuͤrſtlichen Per - ſonen, die zuſammen an einer Tafel ſitzen, ſechs oder drey Stuͤcke, oder halbe Carthaunen abgeſeuert. Wann Kayſerliche oder Koͤnigliche Perſonen es Fuͤrſtlichen zutrincken, ſo pflegen dieſe ſo lange zu ſtehen, biß jene getruncken, ingleichen wenn ſie den Hoͤhern Beſcheid thun, oder deren Geſundheit trin - cken, wiewohl jene gar oͤffters einen Winck, oder ſonſt ein Zeichen zu geben pflegen, daß ſie ſich nie - derſetzen ſollen.

§. 61. Ob ſich gleich die von der Cleriſey auch noch heutiges Tages vor den andern bey den Roͤ - miſch-Catholiſchen Fuͤrſten eine ziemliche Freyheit heraus nehmen, ſo duͤrffen ſie es doch nicht ſo grob machen, wie in den vorigen Zeiten, ſondern muͤſſen in Worten und Geberden an Hoͤfen den Wohl - ſtand ſo wohl in Obacht nehmen, als andere. Jn den ietzigen Zeiten gehet das Compliment nicht mehr an, welches Johannes Magnus, ein Ertz-Biſchoff zu Upſal, dem Norwegiſchen Koͤnig Guſtavo I. machte, dem er ein Glaß zubrachte mit den Worten: Unſere Gnaden bringen es ewrer Gnaden. S. Hoyers Daͤniſche Geſchichte p. 125. Kaͤme ein Roͤmiſcher Geiſtlicher bey den itzigen Zeiten mit ſolchen Expres - ſionen angezogen, die mit dieſen einige Gleichheit haͤtten, ſo wuͤrde ihm ohnfehlbar durch ein ſtarckes Nota bene eine groͤſſere Hoͤflichkeit gelehret werden.

H 3§. 62.118I. Theil. VIII. Capitul.

§. 62. Gleichwie Unſere Teutſchen von ſehr vielen Seculis her in den Ruff geſtanden, daß ſie Liebhaber des Trinckens, alſo findet man in den aͤlteſten Geſchichten der Teutſchen Hoͤfe, daß man ſich iederzeit bey Solennitæten mit einem guten Trunck beluſtiget. Die mancherley Trinck-Ge - ſchirre, ſind auch iederzeit in guter Ordnung gehal - ten worden. Gantz alte Hiſtorici erzehlen, wie bey dieſen oder jenen Solennitæten ſchoͤne koͤſtliche Credenz-Tiſche geſtanden von guͤldnen und uͤber - guͤldeten Scheyer-Koͤpfen, Schaalen, Flaſchen, Schenck-Kannen und Handfaſſen biß auf die Decke aufgerichtet, und uͤberluſtig gezieret. S. den III Theil von Struvs Hiſtoriſch-Politiſchen Archiv: p. 80. und 81.

§. 63. Uber das uͤbermaͤßige Sauffen, ſo in dem ſechzehenden Seculo an manchen Hoͤfen in Teutſch - land geherrſcht, haben auf eine ſehr loͤbliche und Chriſt-Fuͤrſtliche Weiſe einige gottſelige Regen - ten ſelbſt geeifert. Als Fuͤrſt Joachim zu Anhalt, ſich an Hertzog Georgens zu Sachſen Hof auf - hielt, ſo mahnte ihn ſein Herr Bruder, Fuͤrſt George Anno 1528 den 28. April in einem be - ſondern Schreiben von der Trunckenheit gar nachdruͤcklich ab: Unter andern ſtellte er ihm fol - gendes vor: Derohalben wollen ſich Ew. Lieb - den die gute Geſellſchafft dazu nicht bewegen laſ - ſen, welche um ihrentwillen nicht kranck werden, oder zum Teufel fahren will, ſondern vielmehr zum Schaden noch Spotten werden. Es iſt vielein119Von dem Tafel-Ceremoniel. ein herrlicher Lob, das redliche Leute einen geben der Tugend halber, welches auch die Feinde nicht tadeln koͤnnen, denn daß man einen lobet, daß man die Becher und Glaͤſer raͤumen kan. S. Beckmanns Anhaͤltiſcher Hiſtorie V. Theil. p. 174.

§. 64. Bey dem Beylager Hertzogs Johann Friedrichs zu Sachſen, welches mit Sybillen, Hertzogs Johannis zu Cleve Tochter Anno 1527. vollzogen ward, waren unter andern Hertzog Ernſt zu Luͤneburg, und Hertzog Heinrich zu Mecklen - burg. Mit dieſen ſpeiſte einmahl D. Luther a parte, als nun der Hertzog zu Luͤneburg ſehr heff - tig uͤber das unmaͤßige Sauffen bey Hofe klagte, und meldete, daß gleichwohl bey ſolcher Voͤllerey ein iedweder ein guter Chriſt ſeyn und heiſſen wolte, welches gar ein groſſer Ubelſtand waͤre / dem man billich wehren ſolte, antwortete D. Luther darauf: Da ſoltet billich ihr Herren und Fuͤrſten daran thun, ja ſagte Hertzog Ernſt wir thun freylich da - zu, ſonſt waͤre es laͤngſt abkommen. S. Müll. Annal. Saxon. p. 81.

§. 65. Der letzte Gang, der auf die Fuͤrſtl. Ta - feln koͤmmt, beſtehet in Confecturen. Wie die - ſelben auf unterſchiedene ſinnreiche Weiſe aufge - ſetzt werden, iſt in dem vorhergehenden geſagt worden. Anno 1705 ward uͤber der Fuͤrſtlichen Tafel zu Bareuth an einem Geburths-Tage bey dem Confect die neu erbaute Stadt S. Georgen nebſt ihren Hafen, groſſen See, und darauf liegen - den Schiffen ſehr kuͤnſtlich vorgeſtellt. So baldH 4nun120I. Theil. VIII. Capitul. nun die Confituren aufgeſetzt werden, pflegen biß - weilen einige Printzen und andre Fuͤrſten, ſo die Gnade gehabt bey den hoͤchſten Haͤuptern der Chriſtenheit uͤber der Tafel zu ſeyn, aufzuſtehen, und ihre Aufwartung hinter der Tafel mit zu ma - chen. An den Teutſchen Fuͤrſtlichen Hoͤfen pfle - gen alsdenn der Hof-Marſchall, Hauß-Marſchall oder wer ſonſt in ſeiner Abweſenheit den Stab fuͤhrt, von den Marſchalls-Tafeln aufzuſtehen, und mit den ſaͤmtlichen Cavalieren ſich bey der Herr - ſchafft zur Aufwartung einzufinden.

§. 66. Unter der Tafel werden bey Solennitæ - ten ſchoͤne Muſiquen gehoͤrt, bißweilen beſtehen ſie nur in Trompeten und Paucken, zuweilen aber auch in der ſchoͤnſten Vocal - und Inſtrumental - Muſic, es werden Caſtraten und Cantatricen da - bey gehoͤrt, die mehrentheils Jtaliaͤniſche Piecen dabey abzuſingen pflegen. Finden die Fuͤrſtlichen Herrſchafften ein Gefallen unter Krieges-Gezel - ten, oder in Jagt - und Forſt-Haͤuſern, oder nach Art einer Bauer-Hochzeit, oder bey einer andern Verkleidung zu ſpeiſen, ſo wird die Muſique, da - mit alles zuſammen harmoniren moͤge, darnach eingerichtet. Bißweilen wird um das Gebaͤude, darinnen Sie Tafel halten, wo es ſich ſchicken will, ein Gang den Fenſtern gleich angelegt, darinnen ſich ein Jahrmarckt præſentirt, bey dem die Buden mit lauter Galanterie-Waaren auf das zierlichſte ausgeziert, und den Fuͤrſtlichen Herrſchafften bey der Tafel zu einen angenehmen Spectacul dienet. Bey121Von dem Tafel-Ceremoniel. Bey Solennitæten pflegt es manchmahl zu geſche - hen, daß die gantze Tafel, wie ſie mit allen Spei - ſen und Confituren beſetzt geweſen, den Zuſchauern, zum Vergnuͤgen der Herrſchafft, Preiß gegeben wird.

§. 67. Jſt es den Fuͤrſtlichen Herrſchafften ge - legen von der Tafel aufzuſtehen, ſo ruͤckt der vor - nehmſte Miniſter, der hinter der Herrſchafft ſtehet, oder ein Cammer-Herr, oder ein Cammer-Jun - cker die Stuͤhle, die hernach ein Page vollends weg - nimmt, und an ihre gewoͤhnliche Stelle ſetzt, die uͤbrigen, die an der Fuͤrſtlichen Tafel mit ſitzen, wer - den von den andern Perſonen, ſo unter waͤhrender Tafel die Aufwartung bey ihnen gehabt, wegge - ruͤckt; wo ſie en Serviette oder ſonſt ohne Ceremo - nie ſpeiſen, pflegt auch wohl nur ein Page den Stuhl zu ruͤcken, und zugleich wegzuſetzen.

§. 68. Wenn Sie aufgeſtanden, ſo wird das Tiſch-Gebeth wieder von dem Hof-Prediger, oder einem andern Geiſtlichen, oder auch von einem Pagen wie vorher verrichtet. Hernach wird das Gieß-Becken oder das Glaß mit Waſſer nebſt Serviette, von eben denjenigen Miniſtris oder Be - dienten, wie vor der Tafel, den Herrſchafften ge - reicht. An den Hoͤfen wo es eingefuͤhrt, daß ſo wohl die Speiſen als Getraͤncke auf den Credenz - Tellern kniend uͤberreicht werden muͤſſen, wird auch das Waſſer zum Haͤnde waſchen kniend præſen - tirt. An einem und dem andern groſſen Hofe iſt es etwas beſonders, daß dem Fuͤrſten das WaſſerH 5nebſt122I. Theil. VIII. Capitul. nebſt der Serviette uͤberreicht wird, weil er noch bey der Tafel ſitzt. So findet man auch zuwei - len, daß ein Cammer-Diener oder Page einer Cam - mer-Fraͤulein die Serviette und das Gieß-Becken giebt, die denn hernach den Fuͤrſtlichen Perſonen damit aufwartet.

§. 69. Haben ſich die Fuͤrſtlichen Perſonen ge - waſchen, ſo begeben ſie ſich wieder in ihre Gemaͤ - cher. Zuweilen fuͤhrt der Fuͤrſt ſeine Gemahlin ſelbſt bey der Hand in ihr Gemach, mehrentheils aber ihr Ober-Hofmeiſter, oder ſonſt ein groſſer Miniſter, es muͤſte denn iemand von frembden Printzen oder vornehmen Cavalieren vorhanden ſeyn, der dieſes an ſtatt ihrer verrichtete. Als - denn bleiben die Fuͤrſtlichen Perſonen entweder eine Zeitlang beyſammen in einem Gemach, und laſſen diejenigen hinein ruffen, die ſie verlangen, oder eine iede verfuͤgt ſich in ihr Zimmer, oder wo ſie ſonſt hin will. An den Fuͤrſtlichen Hoͤſen in Teutſchland pflegt der Hof-Marſchall mit den Hof-Cavalieren vor der Herrſchafft wieder in die Zimmer zu gehen / auf eben die Art, wie ſie dieſelben zur Tafel ge - fuͤhret.

§. 70. Jmmittelſt wird die Fuͤrſtliche Tafel von den Fuͤrſtlichen Laquais abgeraͤumet, und die Spei - ſen, nebſt allem Tafel-Geraͤthe an gehoͤrige Oerter verwahrlich aufbehalten. An dem Kayſerlichen Hofe iſt es etwas beſonders, daß die Kayſerliche Herrſchafft, wenn ſie ſich auf den Land-Haͤuſern befindet, dem Trenchir-Fraͤulein ein Zeichen zumAuf -123Von dem Tafel-Ceremoniel. Aufheben giebt, dieſe giebt den Dames alle Spei - ſen, und von dieſen nehmen es wieder die Cammer - Diener; es ſoll dieſes bey iedem Gange, und bey den Confituren ebener maßen ſo gehalten werden. An dem Koͤniglich-Spaniſchen Hofe, wo man in allen Stuͤcken ungemein viel Ceremonien vor - nimmt, hat man auch bey dem Aufheben der Tafel ungemein viel ceremonieuſe Handlungen. Der Groß-Becken - oder Brod-Meiſter hebt die Schaa - len und das Saltzfaß von der Tafel ab, und giebt ſie dem Aufſeher des Brodts und Backwercks, der ſie auf einen Bey-Tiſch traͤgt, woſelbſt er eine ge - faltene Serviette nimmt, und ſelbige dem Groß - Becken - oder Brodt-Meiſter giebt, um ſie Jhrer Majeſtaͤt zu præſentiren, wenn Sie die Haͤnde zu waſchen begehren. Der Ober-Hofmeiſter nimmt ſodann das eine Tafel-Tuch ab, und giebt es dem Aufſeher uͤber das Brodt und Backwerck, der es kniend annimmt, und auf den Schenck-Tiſch traͤgt. Jſt das erſte Tafel-Tuch von der Tafel genom - men, ſo faltet der Groß-Becken - oder Brodt-Mei - ſter eine Serviette, nimmt dieſelbe an einem, der Vorſchneider aber am andern Ende, und laſſen ſich ſodann alle beyde vor den Koͤnig auf die Knie nieder.

§. 71. Hierauf kommt der Ober-Mundſchen - cke, und haͤlt in der rechten Hand eine Gieß-Kan - ne, in der lincken aber ein Gieß-Becken, laͤſt ſich ſodann auf ein Knie nieder, und giebt dem Koͤnig das Waſſer zu waſchen. Hat ſich der Koͤnig dieHaͤnde124I. Theil. IX. Capitul. Haͤnde gewaſchen, ſo trocknet er dieſelben an der Serviette ab, welche der Groß-Becken - oder Brod - Meiſter und der Ober-Mundſchencke uͤber der Ta - fel halten. Hat ſich der Koͤnig die Haͤnde abge - trocknet, nimmt der Groß-Almoſenirer das ande - re Tafel-Tuch von der Tafel, und giebt es dem Aufſeher uͤber das Brodt und Backwerck, welcher daſſelbe auf den Schenck-Tiſch traͤgt. Der Ober - Hauß-Marſchall und ſeine Gehuͤlffen nehmen die Tafel weg, und der Groß-Almoſenirer ſagt das Gratias, um welche der Koͤnig ſteht. Der Vor - ſchneider macht ſodann die Kleidung des Koͤniges, wegen der Serviette, ſo er die gantze Mahlzeit durch uͤber der Achſel gehabt, wieder zurecht, und kuͤſt Jhrer Majeſtaͤt die Hand. Der Koͤnig wird von dem Ober-Hofmeiſter und den Hofmeiſtern in ſein Zimmer begleitet, und der Ober-Hofmeiſter begiebt ſich nebſt allen Bedienten, ſo dem Koͤnig bey der Tafel aufgewartet, zur Mahlzeit.

Das IX. Capitul. Von den Reiſen der Fuͤrſtli - chen Herrſchafft.

§. 1.

Es geſchicht bißweilen, daß die Landes-Re - genten, theils ihres Plaiſirs, offtmahls aber auch ihres Beruffs und der unver - meidlichen Angelegenheiten des Landeshalber,125Von den Reiſen der Fuͤrſtl. Herrſchafft. halber, in auswaͤrtige Provintzien eine Reiſe antre - ten. Bevor ſolches geſchicht, pflegen diejenigen Fuͤrſten, ſo nicht vollkommen en Souverain regie - ren, ihren Reichs-Staͤnden, oder denjenigen Col - legiis und Verſammlungen, ſo dieſelben vorſtellen, als in Engelland den Parlaments-Haͤuſern, einige Notification davon zu ertheilen, und auf gewiſſe Maße, wenn dergleichen etwan den Pactis Con - ventis, Capitulationen oder Fundamental-Geſe - tzen des Reichs gemaͤß, nach Anfuͤhrung der Mo - tiven, ſo ſie zu dieſer Reiſe bewegen, ihre Einwilli - gung auf gewiſſe Maße zu verlangen. Alſo iſt in der neuen Koͤniglich-Schwediſchen Regierungs - Forme, ſo von den Reichs-Staͤnden anno 1719 publicirt worden, §. 10, ausgemacht, daß die Koͤ - nige, ohne Einwilligung und Genehmhaltung der Staͤnde, nicht aus dem Reich, noch auſſer deſſelben Grentzen reiſen ſollen.

§. 2. Bevor ſie die Reiſe antreten, tragen ſie die Regierung des Landes, entweder einem von ihren Printzen oder ſonſt iemand von den Fuͤrſtlichen An - verwandten auf, der im Nahmen ihrer alles beſor - get, und verweiſen muͤndlich und ſchrifftlich alle Be - diente und Unterthanen, die bey Hofe etwas zu ſuchen haben, an diejenigen, die ſie in ihrer Abwe - ſenheit zu Landes-Regenten beſtellet. Als Fuͤrſt Wolfgang von Anhalt anno 1517 ihm eine Reiſe auſſerhalb Landes vornahm, ſo erſuchte er Frau Margarethen, Fuͤrſt Ernſts von Anhalt Gemahlin, daß ſie geruhen moͤchte, bey ſeiner Abweſenheit dieAdmi -126I. Theil. IX. Capitul. Adminiſtration ſeiner Lande zu fuͤhren, ſie wei - gerte ſich auch deſſen im geringſten nicht, und ſchrieb mit eigener Hand die ſchertzhaffte Antwort zuruͤck: Weil mir Ewre Liebden die Haußhaltung anbe - fehlen, ſo will ich gern als ein alter Ketten-Hund bellen, ſo viel ich kan, es mag lauten wie es will.

§. 3. Wo es ſich aber nicht thun laͤſt, daß ſie die Regierung einem von ihren Fuͤrſtl. Anverwandten anvertrauen, ſo benennen ſie gewiſſe Raͤthe und Miniſtres, die in ihren Nahmen, und nebſt Com - munication mit den Reichs - oder andern Staͤn - den, bey wichtigen Angelegenheiten alles expedi - ren; ſie reſerviren ſich aber hierbey gewiſſe Pun - cte, und befehlen ihnen an, daß ſie bey dieſen alles mit ihnen uͤberlegen, und nichts ohne ihre Genehm - haltung, es muͤſte denn ſummum periculum in mora ſeyn, entſchlieſſen ſolten.

§. 4. Vor der Reiſe erwehlen ſie diejenigen Ca - valiere und andere Bediente, die ſie auf die Reiſe mitnehmen wollen, und reguliren, nachdem ſie ent - weder oͤffentlich ihrem Stande gemaͤß, oder, wie es mehrentheils zu geſchehen pflegt, incognito rei - ſen wollen, oder nach den unterſchiedenen Endzwe - cken / die ſie ſich bey ihrer Reiſe vorgeſetzt, eine groͤſſere oder kleinere Hofſtatt. Uber diejenigen Bedienten, ſo uͤber die Pferde und Waͤgen geſetzt, nehmen ſie, zu Beſorgung ihrer Seele, einen oder mehr Reiſe-Prediger zu ſich, zu Beſorgung ihrer Geſundheit einen Leib-Medicum, Reiſe-Apothe - cker, und Reiſe-Balbier, zur Erhaltung ihres Leibesdie127Von den Reiſen der Fuͤrſtl. Herrſchafft. die Bedienten, die bey der Kuͤche und Kellerey noͤ - thig, zum Staat einen Reiſe-Marſchall, oder Rei - ſe-Stallmeiſter, nebſt einen oder zwey Cammer - Junckern, und zur Aufwartung einige Pagen, Cam - mer-Diener und Laquais, vor allen aber einen Rei - ſe-Fourier.

§. 5. Nachdem ſie nun von ihren Fuͤrſtlichen Anverwandten und von ihren Miniſtres Abſchied genommen, ſo treten ſie im Nahmen GOttes ihre Reiſe an, nach dem Plan, den ſie ſich vorher ge - macht, damit ſie zu Mittag und Abends diejenigen Oerter erreichen, die ſie ſich zur Mittags-Mahlzeit, und zum Nacht-Lager auserſehen. Der Reiſe - Fourier muß allezeit voraus gehen, damit ſie aller Orten ſo wohl die benoͤthigten Poſt-Pferde, als auch ſonſt gute Anſtalten finden moͤgen. Wo in ihren eigenen Landen die Wege, entweder zur Winters-Zeit wegen des Schnees impracticabel worden, oder auch ſonſt uͤbel und gefaͤhrlich zu pas - ſiren ſind, ſo befehlen ſie ihren Beamten an, daß die Bauern die Wege ausbeſſern, die Bruͤcken re - pariren, und alles auf den Straſſen, ſo weit die Grentzen ihres Reichs und ihres Gebiethes gehen, in guten Stand ſetzen.

§. 6. Sie laſſen ſich ſo wohl in ihrem eigenen Lande als in fremden Laͤndern gnaͤdig gefallen, auf geſchehene Invitation, bey denjenigen einzuſpre - chen, die weit geringer ſind als ſie, und ſind mit der hoͤflichen Bewirthung, die ihnen ein iedweder nach ſeinem Vermoͤgen leiſtet, gar wohl zufrieden. Diehoͤch -128I. Theil. IX. Capitul. hoͤchſten Haͤupter der Welt ſtatten nicht allein bey ihrer Durchreiſe, zur Bezeugung ihrer Gnade, bey manchen Printzen und Grafen einen freundſchafftl. Beſuch ab, ſondern kehren auch wohl nur bey man - chen von Adel ein, um ihr Mittags-Mahl bey ihm einzunehmen, oder ihr Nacht-Lager in ſeinem Hau - ſe zu halten. Bey ihrer Abreiſe, pflegen ſie gemei - niglich diejenigen, ſo ſie bewirthet, auf das reichlich - ſte zu beſchencken.

§. 7. Die Roͤmiſch-Catholiſchen Fuͤrſten pfle - gen auf ihren Reiſen gerne in den Kloͤſtern einzu - kehren, und ſo wohl die Marien-Bilder, als auch andere Heiligen, vor die ſie etwan eine beſondere Veneration haben, oder denen ſie ein Geluͤbde ge - than, mit Gold, Silber und Kleinodien zu regali - ren, und wo ſie ſelbſt nicht zu dieſer Freygebigkeit geneigt waͤren, ſo wiſſen die Herren Patres, inſon - derheit aber die Jeſuiten ſie mit trefflichen Floſcu - lis der Beredtſamkeit und kraͤfftigen Argumenten hiezu zu animiren.

§. 8. Gleichwie ſie gemeiniglich auf Reiſen in vielen Stuͤcken ihren Fuͤrſtlichen Splendeur ein we - nig renunciren, alſo laſſen ſie viel leichter, als biß - weilen in ihrem eigenen Lande, manche Fremde, in - ſonderheit aber die Cavaliers und Dames, zum Hand-Kuß.

§. 9. Bißweilen reiſen ſie andern Fuͤrſtlichen Reſidentzen ſo weit aus dem Wege als ſie koͤnnen, wo entweder ihre Reiſe ſehr preſſant iſt, und ſie daſelbſt einigen Aufhalt vermuthen, oder wo ſiewegen129Von den Reiſen der Fuͤrſtl. Herrſchafft. wegen des Rang-Ceremoniels ſtreitig, oder ſonſt mit derſelben Herrſchafft in keinem guten Verneh - men ſtehen, und alſo kein recht angenehm Acceuil vermuthen. Wo ſie es aber nicht aͤndern koͤnnen / ſo reiſen ſie zwar durch, aber nur incognito, laſſen ſich bey Hofe nicht melden und ſchicken auch keinen Cavalier nach Hofe, um ein Compliment daſelbſt bey der Herrſchafft abzulegen.

§. 10. Auſſer dem aber, wo ſie bey einer Fuͤrſtli - chen Reſidentz anlangen, ſchicken ſie einen Cavalier zu der frembden Herrſchafft, laſſen ſich durch ein Compliment ihres Zuſtandes erkundigen, ihre An - kunfft zu wiſſen thun, und ſich entweder durch den Cavalier bey der Herrſchafft anmelden, oder ent - ſchuldigen, daß ihre eilfertige Reiſe nicht verſtatten wolte, daß Sie Jhnen ihre Schuldigkeit bezeugen, oder ihren Beſuch bey Jhnen abſtatten koͤnten. Die Herrſchafft derſelben Reſidentz laͤſt hierauf durch einen von ihren Cavalieren ein freundlich und obligeant Gegen-Compliment machen, und Sie entweder auf das hoͤflichſte zu ſich laden oder laſ - ſen Sie doch in dem Wirths-Hauſe oder Poſt - Hauſe, wo ſie abtreten, mit ihrer gantzen Hofſtatt defrayiren; Und wo dieſes nicht geſchicht, ſchicken ſie ihnen doch aus Jhrer Fuͤrſtlichen Kuͤche und Kellerey, mancherley Delicateſſen an Speiſen und Getraͤncken zu. Bißweilen fahren ſie auch ſelbſt zu Sie vom Schloß herunter, und geben Jhnen ei - ne kurtze Viſite.

J§. 11.130I. Theil. IX. Capitul.

§. 11. Jn Jtalien iſt es mehrentheils gebraͤuch - lich, daß frembde durchreiſende Printzen von an - dern Fuͤrſten, oder auch von Republiquen und Staͤdten, mit raren Weinen, Confituren und man - cherley Arten friſchen Obſtes regaliret werden. Und wann die Fuͤrſten in Teutſchland durch die Reichs-Staͤdte oder andere anſehnliche Staͤdte paſſiren, ſo werden ſie, nach einer alten hergebrach - ten Gewohnheit, gemeiniglich von dem Magiſtrat mit dem Ehren-Wein, mit Hafer, und gewiſſen raren Fiſchen, als Forellen u. ſ. w. beſchenckt.

§. 12. Wenn andere Fuͤrſten den Durchreiſen - den beſondere Hoͤflichkeit erzeigen wollen ſo befeh - len ſie den Gouverneurs und Commendanten der Staͤdte und Feſtungen an, daß ſie Dieſelben nicht allein becomplimentiren, ſondern auch bey ihrer Ankunfft und Abreiſe mit Stuͤcken ſalutiren muͤſ - ſen. Es werden ihnen zu Ehren, vor ihre Quar - tiere, in denen ſie logiren, Wachen geſetzt, und die Milice aller Orten beordert, daß ſie ihnen Parade machen, und nach Soldaten Manier diejenige ho - neur erzeigen muͤſſen, die ſie ihrer eigenen Herr - ſchafft zu erweiſen pflegen.

§. 13. Haben die durchreiſenden Fuͤrſten et - wan unſichere Waͤlder oder andere ſchlimme Ge - genden zu paſſiren, ſo werden einige von der Milice oder von der Jaͤgerey befehliget, daß ſie dieſelben convoyren muͤſſen, es wird ihnen auch wohl zu ih - rer Ehre und Sicherheit eine eigene Eſcorte durch das gantze Land mitgegeben. Die Bauern wer -den131Von den Reiſen der Fuͤrſtl. Herrſchafft. den allenthalben aufgebothen, um die boͤſen Wege, ſo die frembde Herrſchafft treffen wuͤrde, auszubeſ - ſern. Wenn ſie die Grentzen eines Landes, deſſen Regente ihnen ſo viel Hoͤflichkeit auf ihrer Reiſe angethan, verlaſſen, ſo laſſen ſie ſich entweder durch ein abgelaſſenes Schreiben, oder durch einen von ihren Bedienten, den ſie zuruͤck ſchicken, bey dem Beſitzer des Landes auf das freundlichſte vor die - ſes civile Tractament bedancken.

§. 14. Begeben ſich geeroͤnte Haͤupter, oder an - dere groſſe Printzen auf die Flotten, die ſie ander - werts hin convoyiren muͤſſen, zu Waſſer, ſo wer - den aus den Staͤdten und Caſtellen alle Canonen geloͤſet, und eben dieſes thut man auf der gantzen Flotte, wenn der Fuͤrſt in ſein Leib-Schiff ſteigt. Es werden Schiffe voraus geſchickt, den benoͤthig - ten Piloten zuzuruffen, damit ſie ſich vor die Sand - Baͤncke in acht nehmen, auch ſich zugleich ihrer zur naͤhern Anlaͤndung bedienen zu koͤnnen.

§. 15. Derjenige Matroſe, ſo auf den groͤſten Maſtbaum ſteigt, und das Land zuerſt entdeckt, wird von dem groſſen Herrn beſchenckt. Wenn ſie anlaͤnden, werden ſie von den Caſtellen und al - len Schiffen des Ufers ſalutiret, worauf nachge - hends von des Fuͤrſten Haupt-Leib-Schiff, und folgends von der gantzen Flotte gedancket wird. Jſt nun die Ankunfft eines groſſen Printzen dem Herrn des Landes und des Volcks hoͤchſt erwuͤnſcht und angenehm, ſo kommt er ihm mit dem mehreſten Theil ſeiner Hofſtatt auf Schiffen entgegen, dieJ 2Matro -132I. Theil. X. Capitul. Matroſen ſind alsdann auf das praͤchtigſte geklei - det, auf dem Haupt-Schiff ſteckt eine vortreffliche Standarte, und an deſſen Vordertheil laſſen ſich Trompeter hoͤren. Andere von den Groſſen des Landes kommen ebenfalls entgegen, lagern ſich um das Leib-Schiff, und ruffen vielmahls mit dem am Ufer ſtehenden Volck ein hoͤchſt erfreuliches Vivat, Vivat aus.

Das X. Capitul. Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤh - lungen.

§. 1.

Es geſchicht nicht ſelten, daß diejenigen, ſo ſonſt Laͤnder und Unterthanen zu beherr - ſchen pflegen, bey ihren Vermaͤhlungen ihren eigenen Willen beherrſchen, und ſich mit einem Ehegatten verbinden muͤſſen, nicht, wie ſie ihn ſonſt nach dem natuͤrlichen und freyen Zuge ihres Hertzens erwehlen wuͤrden, ſondern, wie ſie nach ihren beſondern Staats-Abſichten hierzu genoͤthiget werden.

§. 2. Bißweilen ſuchen ſie ſich nach ihrer eige - nen Willkuͤhr eine Gemahlin aus, ohne iemand darum zu befragen, bißweilen aber erwehlen ſie die - jenigen, die ihre Hoch-Fuͤrſtliche Eltern ihnen vor - ſchlagen, oder pflegen doch dieſerhalben des Bey - raths mit ihren Hoch-Fuͤrſtlichen AnverwandtenEs133Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. Es geſchicht auch wohl, daß entweder ſie ſelbſt, oder ihr Hoch-Fuͤrſtlicher Herr Vater, den hierunter geſaßten Schluß, oder ihre Hertzens-Meynung, auf welch Hoch-Fuͤrſtlich Hauß ſie inſonderheit refle - ctiren, den Staͤnden des Reichs und ihrer Lande, oder denjenigen Collegiis, welche die geſammten Staͤnde vorſtellen, vorher zu wiſſen thun; ſie ver - ſichern ihre Unterthanen, daß aus dieſer Eh-Al - liance viel gute Suiten entſtehen wuͤrden, und ver - langen auch wohl von ihnen einige Subſidien-Gel - der zur Beſtreitung der hierzu erforderlichen Un - koſten.

§. 3. Nachdem die groſſen Herren nicht ſo leicht zuſammen reiſen koͤnnen, als wie Privat-Perſonen, ſo laſſen ſie ſich gemeiniglich vorher die Portraite des Printzen oder der Princeßin, mit der ſie ſich zu alliiren gedencken, zuſchicken und befehlen den Mah - lern auf das ſchaͤrffſte, daß ſie ja nicht flatiren, oder die Copie ſchoͤner abſchildern ſollen, als das Ori - ginal iſt. Oeffters trauen die Printzen hierunter den Mahlern nicht, ſondern reiſen lieber ſelbſt an denjenigen Hof, und ſolten ſie es auch incognito thun, wo ſich ihre auserſehene Braut aufhaͤlt, und nehmen ſie in Augenſchein.

§. 4. Es iſt eine ſeltzame Sache, wenn zu Zei - ten, Hoch-Fuͤrſtliche Kinder, nach dem Schluß ihrer Eltern oder ihrer andern Anverwandten, in denjenigen Jahren, da ſie nicht verſtehen was Ver - lobung und Eheſtand iſt, mit einander aus Staats - Raiſons verlobet werden. Die alten und neuenJ 3Ge -134I. Theil. X. Capitul. Geſchichte ſind mit dergleichen Exempeln angefuͤllt. S. Carmons Diſſ. de Sponſalibus illuſtrium in incunabulis. Man hat aber auch gar oͤffters er - fahren, daß ſie, wenn ſie zu reifern Verſtande kommen, dergleichen Verloͤbniſſe ſelbſt eigenmaͤch - tiger weiſe trennen, die erſte Braut, die ihnen zu - gedacht geweſen, fahren laſſen, und ſich eine andre erwehlen. Dergleichen vorgeſchlagene Heyrath iſt auch bißweilen von den Hoch-Fuͤrſtlichen El - tern oder Angehoͤrigen, wegen der beyderſeits noch unzeitigen Jahre, nebſt gebuͤhrender Danckſagung durch eine hoͤfliche Vorſtellung declinirt worden. Zu Zeiten wird bey dergleichen Fall in den Ehe - Stifftungen beredet, daß der Braͤutigam der Braut, nach Verflieſſung ſechs oder acht Jahre, wofern inzwiſchen keine weitere prorogation er - folgt, zu ſeinem ehelichen Gemahl nehmen, und keine andre Gemahlin haben ſoll. Es wird auch wohl eine Conventions-Strafe darauf geſetzt, daß auf den Fall da einer von dieſen beyden contrahi - renden, und zwar in einigen Puncten, dieſen nicht nachgehen oder ſich ſaͤumig dabey erweiſen wuͤrde, dem andern ſo und ſo viel bezahlen ſolte.

§. 5. Gehen die unter den Fuͤrſtlichen Perſo - nen verabredeten Verloͤbniſſe wieder zuruͤck, ſie moͤgen nun unter denen die von juͤngern oder aͤl - tern Jahren ſind, ſeyn geſchloſſen worden, ſo wer - den gemeiniglich die Præſente und Verſprechungs - Pfaͤnder wieder zuruͤck genommen.

§. 6.135Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen.

§. 6. Die Anwerbung um die Hoch-Fuͤrſtliche Braut, geſchicht bißweilen von einem Printzen ſelbſt bey den Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern, Vormun - den oder andern Angehoͤrigen, unter deren Dire - ction die Princeßin ſtehet. Jedoch iſt es bey Vermaͤhlung eines Roͤmiſchen Kayſers oder Koͤ - nigs durch eine lange Obſervanz hergebracht, daß derſelbe niemahls perſoͤnlich oder unmittelbahr in ſeinen Nahmen um die Braut, und kuͤnfftige Ge - mahlin, ſo nur Hertzoglichen oder Reichs-Fuͤrſtli - chen Herkommens iſt, anwirbt, oder anhalten laͤſt, ſondern es wird allezeit ein Churfuͤrſt oder andrer groſſe Fuͤrſt erſucht, bey dieſer Heyraths-Hand - lung einen Unterhaͤndler oder Procurator abzuge - ben. Dieſe Obſervanz ruͤhret aus einer beſon - dern Prærogativ her, die ſich ein Roͤmiſcher Kay - ſer oder Koͤnig als Ober-Haupt des gantzen Roͤ - miſchen Reichs vor andern groſſen Puiſſancen vor - behaͤlt.

§. 7. Gemeiniglich wird ein groſſer Miniſter als Abgeſandter mit einem Creditiv und Voll - macht von dem Fuͤrſten ſelbſt, oder von ſeinem Herrn Vater an den fremden Hof abgeſchickt, um bey den Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern oder ihren An - verwandten, und zugleich bey der Princeßin ſelbſt anzuwerben, und das Ja-Wort zu hohlen, und die uͤbrigen Tractaten als die Ehe-Stifftungen, Wit - thums-Verſchreibungen, Verzicht-Briefen, Leib - gedings, Wiederfalls, Gewiſſens-Freyheits und andre Verſicherungen auszuwechſeln und zu re -J 4guli -136I. Theil. X. Capitul. guliren. Der Herr Geheimbde Rath Ludwig gedencket in ſeiner Diſſertation de matrimoniis Principum per Procuratores, daß er einſten einen gewiſſen maͤchtigen Fuͤrſten in Teutſchland bedient geweſen, der es uͤbel aufgenommen haͤtte, daß er um den ehelichen Contract zu Stande zu bringen, bloß einen Hof-Rath abgeſchickt gehabt, da es doch gewoͤhnlich waͤre, daß bey Anwerbung um eine Braut, von demjenigen, die befugt waͤren einen Ambaſſadeur zu ſchicken, entweder ein Ambaſſa - deur oder doch ſonſt ein Geheimbder Rath und groſſer Miniſter abgeſchickt wuͤrde; es wuͤrde nicht wohl ſtehen, wenn die Fuͤrſtliche Braut an denje - nigen, der nicht von dem hoͤchſten Range, die Hand geben ſolte.

§. 8. Die abgeſchickten Miniſtri legen bey einer ſolennen Audienz eine wohlgeſetzte Anwerbungs - Rede ab, ſo wohl bey den Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern, Groß-Eltern, Vormuͤndern u. ſ. w. als auch bey der Princeßin; ſie entdecken die Intention ihres Hoch-Fuͤrſtlichen Herrn Principalen, und erſuchen Sie hierauf ihm mit einem vergnuͤgten Jawort zu erfreuen. Hierbey uͤberliefern ſie bißweilen das Portrait des Hoch-Fuͤrſtlichen Herrn Braͤutigams, welches ſtarck mit Diamanten beſetzt, zum Unter - pfand ſeiner Liebe mit der Verſicherung, daß er ſich ſelbſt reſervirte, bald im Original darzuſtellen.

§. 9. Bißweilen verweiſen die Princeßinnen die poſitive Reſolution und die anwerbenden Herren Geſandten zu ihren Eltern oder Vormuͤndern, undſtellen137Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. ſtellen es in deren Conſens und Vorwiſſen. Biß - weilen iſt aber ſchon alles richtig und bereits con - certirt, die Princeßin Braut iſt bey der Audienz und bey der Anwerbung ſelbſt gegenwaͤrtig. Sie wird von ihren Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern darum be - fragt, und ſie erklaͤhret ſich in Gegenwart des Herrn Abgeſandten, vermittelſt eines Reverence, in Fa - veur des Herrn Braͤutigams. Eines von den Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern haͤngt manchmahl mit ei - gener Hand das von dem Herrn Abgeſandten en mignature uͤberbrachte Bildniß des Herrn Braͤu - tigams der Princeßin an die Bruſt.

§. 10. Jſt der Abgeſandte bey ſeiner Anwerbung gluͤcklich geweſen, ſo ſtattet er im Nahmen ſeines Principalen eine ſolenne Danckſagung in einer zierlichen Rede ab, bringet vor den Fuͤrſtlichen Herrn Braͤutigam ein ander Præſent, welches ent - weder in einem hochſchaͤtzbaren Ringe, oder koſtbar eingefaßtem Bildniß der Princeßin beſtehet, mit zuruͤck, und wird von ſeinem Herrn, wegen des an - genehmen mit ſich zuruͤck gebrachten Jaworts, und gluͤcklich vollendeten Expedition, wohl recompen - ſiret; unterweilen bekommt er auch von dem an - dern Hofe, an dem er negociret, wenn ſeine Per - ſon angenehm geweſen, noch darzu ein Præſent.

§. 11. Mit Regulirung der Ehe-Pacten wird bißweilen lange Zeit zugebracht. Es wird darin - nen determiniret, wie viel der Braut Vater zur Ausſtattung mitgeben will, was ſie an Geld und Silber-Geſchirr / Kleinodien und Jubelen, PerlenJ 5und138I. Theil. X. Capitul. und Edelſteinen mitbringt, wie ſie wegen des Ge - gen-Vermaͤchtniſſes ſoll verſichert, und mit dem Leib-Gedinge verſorget werden. Von einigen Jahrhunderten her iſt in Teutſchland der beſtaͤndi - ge Gebrauch geweſen, daß an ſtatt der gewiſſen Rheiniſchen Guͤlden an Golde, die dem Braͤuti - gam zum Heyraths-Guth verſprochen worden, die Braut hingegen auf ſo und ſo viel tauſend Rheini - ſche Gold-Guͤlden jaͤhrlicher Nutzungen verleibdin - get; die Morgen-Gabe aber, theils nach einer ge - wiſſen ausgedruckten und verabredeten Summe, theils in genere nach dem Herkommen und der Ge - wohnheit eines gewiſſen Hoch-Fuͤrſtlichen Hauſes verſprochen wird.

§. 12. Vor Zeiten haben die Teutſchen Fuͤrſten bey den Fuͤrſtlichen Ehe-Beredungen zu mehrer Verſicherung vier von ihren Grafen, ſo viel von den anſehnlichen Staͤnden ihrer Ritterſchafft, und eben ſo viel von ihren Staͤdten zu Buͤrgen geſetzt. Heutiges Tages aber werden ſie nur von den Fuͤrſtlichen Contrahenten und Agnaten unterſchrie - ben, und gar oͤffters Jhrer Roͤmiſchen Kayſerlichen Majeſtaͤt zur Confirmation uͤbergeben.

§. 13. Damit nicht etwan zwey maͤchtige Rei - che in Europa, zum groſſen Præjudiz der andern Puiſſancen, inſonderheit aber der Nachbarn, uͤber lang oder kurtz, durch eine Heyrath mit einander vereiniget werden, ſo werden die Koͤniglichen Prin - ceßinnen als Braͤute genoͤthiget, in ihren Ehe-Pa - cten allen An - und Zuſpruͤchen, die ſie oder ihreNach -139Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. Nachkom̃en in ewigen Zeiten auf dieſe Laͤnder u. Koͤ - nigreiche machen koͤnten eydlich zu renunciren. Alſo muſte die Spaniſche Infantin, Fr. Maria Thereſia, als ſie mit dem Koͤnig in Franckreich Ludwig XIV vermaͤhlet ward, auf das buͤndigſte abſchweren, daß ſie ſich an den Spaniſchen Landen keine Ge - walt oder Rechte mehr anmaſſen wolte, ſie moͤch - ten ihr auch zufallen, woher ſie nur immer wolten, und dieſes alles ohn einige Widerrede, Exception, Reſtitution, Abſolution oder Diſpenſation Paͤbſt - licher Heiligkeit.

§. 14. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen wird ge - meiniglich in die Ehe-Pacta mit eingeruͤckt, daß ſich die Fuͤrſtlichen Contrahenten wolten gefallen laſ - ſen, den Pabſt zu erſuchen, daß er dieſe Heyraths - Abrede approbiren, und ſeinen Apoſtoliſchen See - gen daruͤber ertheilen moͤchte. Sind Braut und Braͤutigam etwan mit allzunaher Bluts-Freund - ſchafft und Verwandtſchafft einander zugethan, ſo wird in den Ehe-Stifftungen verſprochen, daß ſie Paͤbſtliche Diſpention vorher anſchaffen wollen. Die Paͤbſte ſind mit Ertheilung dieſer Diſpenſa - tionen gemeiniglich gar facil, und wenn auch gleich dieſe Verwandtſchafft, wie vielmahls am Franzoͤ - ſiſchen Hofe geſchehen, aus einem unehlichen Bet - te entſtanden waͤre.

§. 15. Wie der Roͤmiſche Hof auch in dieſem Stuͤck zu unterſchiedenen mahlen bey den Fuͤrſten in Teutſchland einige Unordnung anrichten wollen, iſt aus unterſchiedenen Exempeln der aͤltern undneuern140I. Theil. X. Capitul. neuern Zeiten bekandt. Jn dem II. Theil der von Herrn Luͤnig edirten Teutſchen Rechs-Cantzley findet man pag. 391. ein Schreiben, der auf dem Reichs-Tage zu Regenſpurg verſommleten Ge - ſandten der Evangel. Chur-Fuͤrſten und Staͤnde an den Kayſer Leopoldum, daß ſie das, dem Herrn Hertzog Chriſtian zu Mecklenburg, uͤber die vom Pabſt zu Rom erhaltene Diſpenſation, zu vorge - nommener anderweitigen Ehe, ertheilte decretum confirmatorium caſſiren, und dergleichen Unfug im heiligen Roͤmiſchen Reich wieder alle Reichs - Conſtitutiones einreiſſen zu laſſen, nicht verſtatten moͤchten.

§. 16. Jn den Ehe-Pacten werden auch die Ti - tulaturen, die Curialien, und andre Ceremonielle, wenn die kuͤnfftige Gemahlin entweder aus einem hoͤhern oder geringern Stande iſt, ausgemacht. Churfuͤrſt Rudolph IV. aus dem Anhaltiſchen Stamm, nennte ſeine Gemahlin Annam, Land - grafens Baltzers in Thuͤringen Tochter, in der ihr ausgeſtellten Leib-Gedings-Verſchreibung, ſeine eheliche Wirthin. Es bedeutete dieſes uhralte teutſche Wort damahls eine Hauß-Frau, und hat man von alten Zeiten her einen Hauß-Vater Wirth genennet, heutiges Tages aber will es nicht in einer ſo vornehmen Bedeutung angeſehen wer - den.

§. 17. Es iſt von einigen Seculis her braͤuchlich geweſen, daß die Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen an an - dere Procuratores oder Gevollmaͤchtigte geſchehen. Biß -141Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. Bißweilen ſind die beyden Braͤute den andern nur angetrauet, bißweilen aber auch gar zum Schein bey gelegt worden. Offtmahls vertreten Fuͤrſtliche Anverwandten dieſe Stelle, manchmahl aber auch andre groſſe Miniſtri oder Generals. Fuggerus ein Oeſterreichiſcher Scribent / erzehlet in dem V. Buch Cap. 26. n. 16. daß ſich Hertzog Ludwig von Bayern Anno 1474. als Stellverweſer, im Nahmen Ertz-Hertzogs Maximiliani, die Princeſ - ſin an die Hand trauen laſſen, und nach Fuͤrſtli - chen Gebrauch das Beylager mit ihr gehalten. Er waͤre am rechten Fuß und Arm mit leichten Har - niſchen angethan geweſen, und zwiſchen ihnen bey - den haͤtte ein bloß Schwerd gelegen. Die Her - tzogin Margaretha ſammt der Ober-Hofmeiſterin Frauen von Halwin haͤtten auf der einen, und die Raͤthe auf der andern Seite geſtanden, und waͤre dieſe Trauung den 26 April um Mitternacht ver - richtet worden. Der Roͤmiſche Kayſer Joſephus haben dergleichen Procuratorem zweymahl abge - geben, einmahl da er ſich im Nahmen ſeines Herrn Bruders die Wolffenbuͤtteliſche Princeßin Eliſa - beth Chriſtinen, als itzige Roͤmiſche Kayſerin an - trauen ließ, und zum andernmahl, da er Procurato - rio nomine des Koͤnigs in Portugall mit ſeiner leiblichen aͤlteſten Schweſter, Maria Anna Joſe - pha, copulirt wurde; Alſo wurde auch die Hanno - veriſche Chur-Princeßin, ſtatt des Cron Printzens von Preuſſen, am den Koͤniglichen Preußiſchen Ge - neral von Finckenſtein, durch Prieſterliche Hand gegeben.

§. 18.142I. Theil. X. Capitul.

§. 18. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen werden dieſe Copulationen durch eine beſondre Einſegnung mit vielen Ceremonien wiederhohlet. Die Ein - ſegnung geſchiehet meiſtentheils in der vornehm - ſten Kirche, auf einer praͤchtigen Eſtrade, ſo eini - ge Stuffen erhoben, mit rothen Sammet beleget, und auf der Seite mit koſtbaren Tapeten behan - gen. Uber der Eſtrade iſt ein Baldachin von ro - then Sammet, der mit Gold und Silber ausge - ſteckt, und mit den Hoch-Fuͤrſtlichen Wapen ge - ziert. Uber den Baldachin haͤngen bey Koͤnigli - chen Vermaͤhlungen Koͤnigliche Maͤntel von Sammet, mit reichen guͤldnen Brocat gefuͤttert, und ebenfalls geſtickt. Jn der Mitten, von den 4. Seiten des Baldachin, haͤngt eine guͤldne Car - touche mit des Koͤnigs und der Koͤnigin Nahmen, uͤber dem Baldachin ſchweben einige Figuren, welche die guͤldnen Cordons und Quaſten halten. Es wird dieſer Baldachin nebſt den Maͤnteln auf eine gar ſinnreiche Weiſe uͤber der gantzen Eſtra - de ausgebreitet, alſo daß der gantze Platz, wo die Ceremonie der Einſegnung geſchicht, von dem Bal - dachin bedeckt iſt. Unter dem Baldachin ſtehet etwan ein guͤldner Tiſch zwiſchen 2 guͤldnen Gueri - dons mit guͤldnen Leuchtern. Um dieſen Platz ſte - het das Koͤnigliche Hauß nebſt den Grandes des Hofes, und vornehmſten Dames, welche dieſer Proceſſion gefolgt waren.

§. 19. Ob ſchon bey der mit einem Gevoll - maͤchtigten geſchehenen Vermaͤhlung, nach Able -ſung143Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. ſung der Vollmachten, die Princeßin Braut von dem Biſchoff, der die Copulation verrichtet, befra - get wird, ob ſie den Hoch-Fuͤrſtlichen Herrn Braͤu - tigam, deſſen Stelle gegenwaͤrtiger Herr Gevoll - maͤchtigter vertritt, zu ihren kuͤnfftigen Eh-Gemahl verlangen, und ſie auch dieſes mit einem deutlichen Ja bekraͤfftiget, ſo wird ſie doch wegen der vorhin durch den Gevollmaͤchtigten geſchloſſenen ehelichen Verbindung erinnert und befragt, das von beyden Verlobten wiederholte Ja-Wort wird von dem Biſchoff befeſtiget. Dieſe Einſegnung wird durch eine vortreffliche Vocal - und Inſtrumental-Muſic begleitet. Der Biſchoff ſpricht nach verrichteten Gebeth den Seegen GOttes uͤber diß Paar. Die Stuͤcke werden geloͤſet, die Soldatesque giebt auſ - ſer der Kirche Feuer, und die Herrſchafft begiebt ſich unter Trompeten - und Paucken-Schall wieder nach Hauſe. Mit dieſen Ceremonien geſchahe Anno 1708 die Koͤnigliche Spaniſche Einſegnung zu Barcelona in der Dom-Kirche zu unſrer lieben Frauen, von dem Ertz-Biſchoff zu Tarragona, wel - chen 4 Biſchoͤffe und andre Praͤlaten beyſtunden. Von den unterſchiedenen Kayſerlichen, Koͤnigli - chen und Fuͤrſtlichen Heyrathen, die in den aͤltern und neuern Zeiten durch Gevollmaͤchtigte vollzo - gen worden, kan des weltberuͤhmten Koͤniglichen Preußiſchen Geheimbden Raths des Herrn Lud - wigs Diſſertation de matrimoniis Principum per Procuratores nachgeſchlagen werden.

§. 20.144I. Theil. X. Capitul.

§. 20. Vielmahls pflegen die Fuͤrſtlichen Her - ren Braͤutigams, zu Schlieſſung der Verloͤbniſſe und wuͤrcklicher Vollziehung der Vermaͤhlungen, in Perſon an diejenigen Hoͤfe zu reiſen, an denen ſich die vor ihnen deſtinirte Fuͤrſtlichen Braͤute aufhal - ten. Sie uͤberſchicken vorher einen Fourier Zed - dul, wie viel ſie an hoͤhern und niedern Bedienten, ingleichen an Pferden mit ſich bringen werden, da - mit die Fuͤrſtlichen Gemaͤcher vor ſie zurecht ge - macht, und alles uͤbrige zu ihrer Fuͤrſtlichen Auf - nahme veranſtaltet werden moͤge.

§. 21. Bißweilen geſchehen die Fuͤrſtlichen Bey - lager gantz in der Stille, und ohn alle Pracht. Das Hoch-Fuͤrſtliche Paar wird in einem Gemach ge - traut; Die Cavaliers und Dames werden durch ein paar Marſchaͤlle aufgefuͤhrt, und der Braͤuti - gam fuͤhrt ſeine Braut zur Copulation ſelbſt bey der Hand; Nach der Copulation wird Tafel ge - halten, das Hoch-Fuͤrſtliche Paar zu Bette ge - bracht und alles ohne große Ceremonien beſchloſ - ſen. Es wird auch wohl in gewoͤhnlichen Notifi - cation-Schreiben mit ausgedruͤckt, wenn die Bey - lager gantz in der Stille vollzogen worden.

§. 22. Jn den vorigen Zeiten ſind unter den Proteſtirenden Fuͤrſten die Trauungen in den Kir - chen gewoͤhnlicher geweſen als itzund. Man findet auch wohl, bey den alten Geſchicht-Schreibern, daß wenn die Fuͤrſtlichen Perſonen zur Copulation in die Kirche gefahren, einige Adeliche Dames vom Lande, oder nach dem damahlichen ſtylo, Ade -liche145Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. liche Jungfern, auf der Straſſe voran gegangen, und den gantzen Kirchweg, aus ſilbernen oder an - dern Koͤrbgen, mit Blumen beſtreuet, welches heu - tiges Tages manchen ziemlich ſpoͤttiſch anſcheinen wuͤrde.

§. 23. Es ſind auch ehedem die ſolennen Trau - Predigten gewoͤhnlicher geweſen, als zu unſrer Zeit. Anno 1548. den 8. Octobr. wurde Hertzog Au - guſtus von Sachſen an die Koͤnigliche Princeßin Annam, Koͤnigs Chriſtiani III. zu Daͤnnemarck Tochter, auf dem Schloß zu Torgau, bey einer, vom Fuͤrſten Georgio zu Anhalt abgelegten Trau - Predigt, auch von ihm copuliret; welche Trau - ungs-Predigt in ſeinen Schrifften f. 309, und in folgenden zu leſen. Es ſoll dieſes inſonderheit der Koͤniglichen Frau Mutter uͤberaus wohl gefallen, und ſie bezeuget haben, daß dieſes der praͤchtigſte Actus bey dem Fuͤrſtlichen Beylager geweſen, daß die Trauung durch eine Fuͤrſtliche Perſon geſche - hen.

§. 24. Etwas beſonders war es, daß dem ſeeli - gen D. Martin Luthero, bey der Vermaͤhlung Her - tzog Philips zu Pommern, mit Chur-Fuͤrſtens Johann Friedrichs zu Sachſen Schweſter, Ma - rien, die ebenfalls auf dem Schloß zu Torgau ge - ſchahe, einer von den Trau-Ringen ungefehr ent - fiel, er bewegte ſich hieruͤber in etwas, faßte ſich aber doch bald wieder, und ſagte: Hoͤrſt du Teufel, du wirſt nichts ausrichten, es gehet dich nichts an; die beyden Verlobten ſeegnete er mit den Worten:KWach -146I. Theil. X. Capitul. Wachſet, und euer Saame muͤſſe nicht unterge - hen. Jnzwiſchen iſt es doch geſchehen, daß die Hertzoge zu Pommern hundert Jahr hernach gaͤntz - lich ausgeſtorben. S. Muͤllers Annal. Saxon. p. 90.

§. 25. Man trifft ebenfalls in der alten Hiſtorie unterſchiedene Exempel an, daß die Fuͤrſtlichen Per - ſonen, ob es gleich im uͤbrigen ſehr ſolenn dabey her - gangen, auf den Saͤhlen und in den Gemaͤchern ihrer Schloͤſſer getrauet worden. Vorher gien - gen ein 12 paar Trompeter und ein Paucker, nach dieſen folgte eine anſehnliche Ritterſchafft von Adel, hernach acht brennende Fackeln, ſo die vornehmſten von Adel trugen, alsdenn Braut und Braͤutigam mit ihren Fuͤhrern, Hof-Cavalieren und Hof - Frauenzimmer; Alſo funden ſie ſich zur Copula - tion in dem Trauungs-Sahl ein. Nach der Trauung wurden Braut und Braͤutigam mit vor - hergehenden Trompetern und Heer-Pauckern von dem Trauungs-Sahl in die Tafel-Stube ge - bracht, in welcher ein herrliches Bette zugerichtet war, darein das Fuͤrſtliche Paar, dem damahligen Gebrauch nach, in Gegenwart des Hofes geleget ward, inzwiſchen wurde dem Ehe-Paar, und den andern, Confituren und ſuͤſſe Weine ausgetheilet; nach dieſem ward das zugerichtete Parade-Bette wieder aus einander genommen, und Braut und Braͤutigam unter Trompeten - und Pauckenſchall an die Fuͤrſtliche Tafel gefuͤhret. S. Becmanns Anhaͤltiſcher Geſchichte V. Theil, p. 205.

§. 26.147Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen.

§. 26. Die Kleidungen des Hoch-Fuͤrſtlichen Braut-Paars ſind an dem Tage ihrer Copulation ſo praͤchtig, als ihnen entweder beliebig, oder nach ihren Einkuͤnfften moͤglich iſt. An dem Kayſerli - chen Hofe iſt die Kleidung meiſtentheils Spaniſch, und nach daſigem Gebrauch vom Haupt biß auf die Fuͤſſe Drap d’argent. Die Schleppen des Kleides oder Mantels der Braut werden von den vornehmſten Dames getragen. Bey Kayſerli - chen und Koͤniglichen Vermaͤhlungen tragen biß - weilen gar Fuͤrſtliche Perſonen die Schleppen der Princeßin Braut, und deren Schleppen hernach wieder Cavaliere oder Pagen.

§. 27. Der Hoch-Fuͤrſtliche Herr Braͤutigam und die Hoch-Fuͤrſtliche Braut, werden gemeinig - lich von ihren Hoch-Fuͤrſtlichen Anverwandten, als Herrn Vaͤtern, Bruͤdern oder Vettern, zur Trauung gefuͤhret, bißweilen aber auch von an - ſehnlichen Herren Abgeſandten und hohen Mini - ſtris, dafern keine andere Printzen oder hoͤhere Standes-Perſonen vorhanden ſeyn. Zu Zeiten fuͤhret der Herr Braͤutigam ſeine Braut ſelbſt bey der Hand.

§. 28. Soll ein ſolennes Beylager gehalten werden, ſo werden viel frembde Fuͤrſtliche Herr - ſchafften entweder muͤndlich oder ſchrifftlich darzu eingeladen. Auf dem Beylager Fuͤrſt Carls zu Anhalt, welches anno 1557. zu Zerbſt mit Prin - ceßin Annen, Hertzogs-Barnim zu Ponmern Tochter, vollzogen ward, hatten ſich ſo viel Fuͤrſt -K 2liche148I. Theil. X. Capitul. liche und andere hohe Standes-Perſionen dabey eingefunden, daß man 2384 Pferde zelylete. Die muͤndlichen Einladungen geſchehen heutiges Ta - ges meiſtentheils durch einen abgeſchiickten Cava - lier, der ein kurtz Compliment abſtattet. Vor die - ſen aber wurden gar offters groſſe und ſolenne Re - den bey dieſer Gelegenheit abgelegt, wie aus des Herrn Luͤnigs geſammleten Reden der vornehmen Miniſtres zu erſehen.

§. 29. An ſtatt der Trauungs-Predigten wer - den heutiges Tages von den Prieſtern, die das Hoch-Fuͤrſtliche Paar zuſammen geben, bey der Copulation nur Trau-Sermone gehalten. Nach der Trauung werden die Trompeten geblaſen und Paucken geſchlagen, die Stuͤcke geloͤſet, und von der auf dem Schloß-Platz ſtehenden Soldateſque Salve gegeben. Bißweilen werden auch bey dem Auswechſeln der Trau-Ringe die Canonen abge - feuert.

§. 30. Ob zwar die Trau-Sermone gewoͤhnli - cher, ſo ſind doch die Trauungs-Predigten nicht gantz und gar abgekommen, wo nehmlich die Co - pulationen noch in den Kirchen und oͤffentlichen Gottes-Haͤuſern vorgehen. Es wird eine vor - treffliche Vocal - und Inſtrumental-Muſic dabey ge - hoͤret, die auch bißweilen mit der Orgel accompa - gniret wird. Unterſchiedene Lob-Pſalmen ſind hierbey gewoͤhnlicher, als andere Geſaͤnge.

§. 31. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen pflegen die vornehmſten von der Geiſtlichkeit, als die Bi -ſchoͤffe;149Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. ſchoͤffe, Ertz-Biſchoͤffe u. ſ. w. die Copulation zu ver - richten, zuweien auch die Paͤbſtlichen Nuntii, die ſich an einen Hofe allbereits aufhalten. Dem Hoch-Fuͤrſtlichen Paar werden die Stolen um die Haͤnde gebunden, und die Ringe, die ſie einan - der geben, zuvor benedicirt. Heyrathen ſie et - wan in die nahe Freundſchafft, ſo werden die von dem Pabſt indulgirten Diſpenſationes vorher ab - geleſen. Es wird der Coͤrper, oder doch einige ſei - ner Gebeine und Reliquien, eines gewiſſen Heili - gen auf den Altar geleget, vor dem das Hoch-Fuͤrſt - liche Paar copuliret werden ſoll. Nach verrichte - ter Copulation werden die Ringe mit Weyhwaſ - ſer beſprenget. Zu Zeiten werden die Canonen 3 mahl abgefeuert, als zum erſten mahl bey Wech - ſelung der Ringe, zum andern mahl nach geſproche - nen Seegen, und zum dritten mahl nach Abgang der ſaͤmtlichen Durchlauchtigſten Perſonen in De - ro Gemaͤcher.

§. 32. Nach verrichteter Trauung uͤbergiebt ei - ner von des Hoch-Fuͤrſtlichen Herrn Braͤutigams Miniſtris oder Hof-Cavalieren die Morgen-Gabe, und zugleich die Verſchreibung mit dabey. Sie beſtehet mehrentheils in den allerkoſtbarſten Ga - lanterien, Kleinodien und Jubelen, die auf einem praͤchtigen geſtickten ſammeten Kuͤſſen, oder in einer ſilbernen oder guͤldenen Schaale præſentiret wer - den. Der Cavalier macht ein kuꝛtz Compliment da - bey, daß ihm anbefohlen waͤre, Jhrer Hoch-Fuͤrſtl. Durchlauchtigkeit, als gegenwaͤrtigem FuͤrſtlichenK 3Braut,150I. Theil. X. Capitul. Braut, dies geringe Andencken zu uͤbergeben, es waͤre zwar bey weitem nicht dem guten Vorſatz gleich, welchen Sie hierunter haͤtten, es hofften aber Seine Hoch-Fuͤrſtliche Durchlauchtigkeit, als ſein Principal, die Princeßin Braut werde damit vor - lieb nehmen, und nicht ſo wohl auf die Geringfuͤgig - keit des Geſchencks, als auf den Geber, den Hoch - Fuͤrſtlichen Herrn Braͤutigam, Jhr Abſehen rich - ten. Hierauf dancket die Braut, entweder in Per - ſon, oder ein Cavalier ſtattet in ihren Nahmen ein Danckſagungs-Compliment ab.

§. 33. Uber dieſe gewoͤhnliche Morgen-Gabe, werden nach der Obſervanz eines ieden Landes und Hofes, noch mancherley Præſente, entweder von dem Braͤutigam an die Braut, oder von der Braut an den Braͤutigam uͤberreicht. So pfle - gen auch die Eltern des Braͤutigams, entweder vor der Copulation, oder den Tag darauf, die Braut mit mancherley Silberwerck, Jubelen u. ſ. w. zu be - ſchencken. Nicht weniger bezeugen die Reichs - und Land-Staͤnde, durch Uberreichung eines an - ſehnlichen Donativs, ihre beſondere Devotion. Jn Pohlen præſentiren die Edelleute und Damen, nach der daſelbſt gebraͤuchlichen Weiſe, bey den Koͤnigli - chen Vermaͤhlungen der Princeßin Braut viel herrliche Geſchencke, als Z. E. einige feine ſilberne Gefaͤſſe, mit Diamenten beſetzte Uhren, und koſt - bare Kleinodien, wobey iede Perſon ein beſonder Compliment macht; es wird aber dieſe Gewohn - heit, da man die Braut zu beſchencken pflegt, nichtallein151Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. allein bey den Beylagern der Koͤniglichen Princeſ - ſinnen, ſondern auch bey den Vermaͤhlungen aller andern vornehmen Damen gehalten. S. Connor Beſchreibung von Pohlen, p. 237.

§. 34. Die Tafeln werden bey den Fuͤrſtlichen Beylagern auf eine ſehr propre und ſolen ne Wei - ſe angerichtet. Es wird niemand leichtlich daran gezogen, als Fuͤrſtliche Perſonen und frembde Ab - geſandten, und bey den Roͤmiſch-Catholiſchen die Cardinaͤle. Es pflegen vielmahls an dieſen merck - wuͤrdigen Taͤgen die Cavaliers die Speiſen auf die Tafeln zu ſetzen; Man ſiehet alsdenn ſo wohl bey den Confituren, als auch bey den andern Schau - und Parade-Speiſen, beſondere Erfindungen, mit Sinnbildern und Inſcriptionen, die ſich zu derglei - chen Feſtivitaͤten ſehr wohl ſchicken. Daß die ie - tzige Art zu tractiren von der Weiſe unſerer Vor - fahren gar ſehr unterſchieden geweſen, iſt in dem Ca - pitul von Tafel-Ceremoniellen angefuͤhret wor - den, und braucht hier keiner neuen Wiederholung. Man findet in den alten Beſchreibungen der Fuͤrſt - lichen Beylager, daß bißweilen nur gemeine Buͤr - gers-Leute zu Marſchallen der Tafeln der Hoch - Fuͤrſtlichen Hochzeit-Gaͤſte beſtellet worden, und die Maͤßigkeit, zum wenigſten in Anſehung der we - nigen Tractamente, die man aufgeſetzt, ſehr ge - herrſchet.

§. 35. Nach der Tafel, wird alter Gewohnheit nach, der gewoͤhnliche Ehren-Tantz mit Fackeln und Lichtern gehalten, wobey 12 Fackeln von Hof -K 4Cava -152I. Theil. X. Capitul. Cavaliers, bißweilen auch von Cammer-Herren und Generalen vorgetragen werden. Die Vor - taͤntze, wie einer dem andern von den Fuͤrſtlichen Perſonen nach Braut und Braͤutigam vortantzen ſolte, wurden vor dieſem allezeit vorher ausgethei - let; heutiges Tages iſt man in dieſem Stuͤck nicht mehr ſo accurat, und nimmt man es bey einer Luſt - barkeit ſo genau eben nicht, ob einer dem andern vortantzet.

§. 36. Nach geendigtem Tantze helffen die ſaͤmt - lichen Hoch-Fuͤrſtlichen Hochzeit-Gaͤſte, inſonder - heit aber die Hoch-Fuͤrſtlichen Anverwandten, Braut und Braͤutigam zu Bette bringen. Biß - weilen fuͤhret der Braut Vater, oder derjenige, ſo deſſen Stelle vertritt, den Fuͤrſtlichen Herrn Braͤutigam, wenn er in Nacht-Habit eingekleidet, gantz allein zu der Braut vors Bette, giebt ihm eine kleine Erinnerung, er verhoffte, er wuͤrde ſich ſo ge - gen ſeine Tochter zu bezeugen wiſſen, wie es einem ehrliebenden Fuͤrſten eignete und gebuͤhrte; wor - auf der Fuͤrſtliche Herr Braͤutigam in einem Com - pliment verſichert, dieſes Pfand als ſeinen eigenen Leib, ſeine eigene Ehre, ja ſeine eigene Seele zu hal - ten, und aus einem treuen, frommen, redlichen und Fuͤrſtlichen Hertzen alles dasjenige zu leiſten, was ein ehrliebender Fuͤrſt und Braͤutigam ſeiner gelieb - ten Braut zu leiſten ſchuldig waͤre. Vor Zeiten ſind auch bey dieſer Gelegenheit vor dem Braut - Bette von einem Miniſtre des Bꝛaͤutigams, ſolenne und weitlaͤufftige Reden gehalten worden, dem her -nach153Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. nach wieder ein anderer Cavalier in einer Gegen - Rede geantwortet.

§. 37. Die Gluͤck-wuͤnſchungs-Complimens von den anweſenden Hoch-Fuͤrſtlichen Hochzeit - Gaͤſten, von den anweſenden frembden Miniſtres, von den Deputirten der ſaͤmtlichen Collegiorum und der Staͤnde, werden meiſtentheils nach der Copulation vor der Tafel abgelegt. Die andern abweſenden Fuͤrſten pflegen nicht eher zu feliciti - ren, als biß die Notiſicationen wegen der geſchloſſe - nen ehelichen Alliance bey ihnen eingelauffen, als - denn gratuliren ſie entweder ſchrifftlich, oder laſſen durch ihre Miniſtres und hierzu Gevollmaͤchtigte, muͤndliche Felicitationen abſtatten, zuweilen auch dem neuen Hoch-Fuͤrſtlichen Paar einige Præſente uͤberreichen.

§. 38. So lange das Hoch-Fuͤrſtliche Beyla - ger waͤhret, werden mancherley Luſtbarkeiten vor - genommen, mit Carouſellen, Masqueraden, Wirth - ſchafften, Feuerwercken, Illuminationen, Fuß - Turnieren, Kampf-Jagten, Schnepper-Schieſ - ſen, Scheiben-Schieſſen, Opern und Comoͤdien und andern dergleichen, die in der letzten Abtheilung ausfuͤhrlich werden beſchrieben werden. Unter dieſen allen ſind die Turniere und Ritter-Spiele die aͤlteſten, welche von dem zehenden Seculo an / faſt bey allen Fuͤrſtlichen Beylagern, die man mit Solennitæt celebrirt, gehalten worden. Auf die Hochzeit-Feſtivitæten pflegen nach einen eben - maͤßigen alten Gebrauch in Teutſchland entwederK 5gewiſſe154I. Theil. X. Capitul. gewiſſe currente Muͤntzen oder Schau-Stuͤcken und Medaillen geſchlagen zu werden.

§. 39. Die Heimfuͤhrungen der Fuͤrſtlichen Braut geſchehen mit groſſen Solennitæten und praͤchtigen Einzuͤgen, die an einem andern Orte werden beſchrieben werden. Die Trouppen wer - den mit ihrer bey ſich habenden Artillerie auf die Parade gefuͤhrt, nebſt der gantzen Hof-Statt an denjenigen Ort, wo die Fuͤrſtlichen Herren Braͤu - tigams Dero Gemahlin mit ihrer Entgegenkunfft beehren wollen. Jn den vorigen Zeiten war es bey der Heimfuͤhrung gebraͤuchlich, daß viel hun - dert Kinder, welche alle in weiſſen Hembden einge - kleidet, auf den Koͤpffen Craͤntze, und in Haͤnden gruͤne Straͤuſer habend, auf den Straſſen und Gaſſen, durch welche die Hoch-Fuͤrſtliche Braut paſſiren muſte, in zwey Reyhen ſtunden / und ſie mit einem hoͤchſt-erfreulichen, und zu vielmahlen wiederhohlten es lebe ꝛc. beehrten, doch die ietzige Welt wuͤrde dieſe Parade vor Kinder-Poſſen hal - ten.

§. 40. Jſt die Hoch-Fuͤrſtliche Braut ange - langt, ſo werden auf das neue ihr zu Ehren, und zum Vergnuͤgen, viel Tage nach einander man - cherley Luſtbarkeiten angeſtellt, von denen die Bauer-Hochzeiten und andre Divertiſſemens, die man in Bauer-Kleidung vorgenommen, ebenfalls von langer Zeit her, ſo wohl bey den Beylagern als auch bey den Heimfuͤhrungen in Gebrauch gewe - ſen. Johann George III. lieſſen als Chur-Printzzu155Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. zu Sachſen Anno 1669 unter der Masque eines Wendiſchen Braͤutigams, an Dero Herrn Vater Chur-Fuͤrſt Johann Georgen den II. zu Sachſen, unter der Perſon eines Meißniſchen Bauer-Rich - ters, ein curieus Schreiben abgehen, worinnen ſie denſelben, zu dem, auf ſeine Hochzeit angeſtellten Aufzug und Ringrennen invitirt. S. den II. Theil von Luͤnigs Teutſchen Reichs-Cantzley pag. 783. Der Schluß dieſes Schreibens war folgender: Dannenhero will ich euch gantz hoͤchlich erſucht haben, mir dabey Geſellſchafft zu leiſten; So dann wollen wir erweiſen, daß Bauern auch noch Leute ſeyn, und ſehen, ob unſer Wendiſcher Heyde-Gruͤtze, oder euer Meißniſcher Hirſche-Brey mehr Staͤrcke in Armen habe.

§. 41. Nach beſchehener Heimfuͤhrung pflegen die Hoch-Fuͤrſtlichen Herren Schwieger-Soͤhne, wann ſie bey der Vermaͤhlung nicht ſelbſt gegen - waͤrtig geweſen, auf das obligeanteſte an Jhre Hoch-Fuͤrſtlichen Schwieger-Eltern zu ſchreiben, ſie dancken vor die Uberſendung einer ſo liebens - wuͤrdigen Braut, ſie verſichern ſich gegen ſie als ein getreuer Eh-Gemahl zu erweiſen, und Zeitle - bens mit aller Harmonie und Eintracht in der Verknuͤpffung dieſer Haͤuſer zu leben.

§. 42. Die Vermaͤhlungen der Fuͤrſten mit Frauenzimmer aus geringern Stande, ſind zu allen Zeiten bey ſehr vielen, ja ich moͤchte wohl ſagen bey den meiſten Koͤniglichen und Fuͤrſtlichen Haͤu - ſern in Gebrauch geweſen, und durch ſie ſolenniſirtworden.156I. Theil. X. Capitul. worden. Ob dergleichen Heyrathen dem Staats - Intereſſe der Hoch-Fuͤrſtlichen Haͤuſer, zumahl in Teutſchland / geziemend ſeyn oder nicht, unterſuchen die Staatskundigen. S. den Bericht eines ge - wiſſen Miniſtri eines Fuͤrſtlichen Hauſes, wegen ungleicher Heyrathen. S. Elect. Jur. Publ. Tom. VIII. p. 352. Einigen Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern ſind ſie ſehr verhaſt, und findet man, daß unter - ſchiedene Fuͤrſten ihren Printzen dergleichen mes Alliancen in den Teſtamenten, unter der Entzie - hung ihres vaͤterlichen Seegens, und gar unter Bedrohung eines Fluchs unterſagt. Bißweilen aber ſind ſie von den Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern und andern Anverwandten, wo nicht alſobald bey dem Anfang, iedoch mit der Zeit approbirt, und vor genehm geachtet worden. Hertzog Wilhelm zu Sachſen, heyrathete Anno 1482 Catharinam von Brandſtein, des Ritters Eberhards von Brand - ſtein zu Roßla Tochter, nach vorhergegangener Approbation der Chur - und Fuͤrſtlichen Agnaten, und wurde zu Weymar in Gegenwart des Chur - Fuͤrſtens von Sachſen Hertzogs Wilhelms zu Braunſchweig, Landgrafens zu Heſſen, und vieler andern anweſenden Fuͤrſtlichen Perſonen copulirt. Sie wurde von dem Chur - und Fuͤrſten zu Sach - ſen ſehr lieb und werth gehalten, und mit dem Ti - tul Jhre Liebden tractirt. S. Artic. III. des III. Theiles von Struvs hiſtoriſch-politiſchen Archiv p. 83 & 86. Der Braͤutigam hielt ſie ſo hoch, daß er ſie in den Fuͤrſtlichen Invitation-Schreiben dieedle157Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. edle und tugendhaffte Catharinam von Brand - ſtein benennte.

§. 43. Bißweilen ſchluͤſſen ſie mit einer Perſon geringern Standes eine Heyrath ad morganati - cam, zuweilen auch juſtum matrimonium, daruͤ - ber es denn unter den Hoch-Fuͤrſtlichen Herren Vettern, zumahl unter denen, die einſten eine Suc - ceſſion zu hoffen haͤtten, zu mancherley Jrrungen und Diſputen koͤmmt. Bißweilen errichten ſie, um die auf ſie geſtammte Fuͤrſtliche Dignitæt, Wuͤrde und Hoheit beſtens zu erhalten, mit ihrer Ehegenoßin ein ſolch Pactum, daß zwar dieſe Per - ſon als ihr rechtes Eh-Gemahl ſeyn und bleiben ſoll, iedoch mit dem Verſprechen, daß dieſelbe, ver - mittelſt dieſer ehelichen Verpflichtung, keines weges in den Fuͤrſten-Grafen - oder Freyen Stand erho - ben werden, ſondern bey ihren angebohrnen alten Adelichen Stand verbleiben ſoll, ſich daher auch des Fuͤrſtlichen Nahmens / Wapens / Tituls, Ehre und Wuͤrden zugleich enthalten, ingleichen daß die Kinder und Kindes-Kinder in infinitum bey dem Adel-Stande verbleiben, ſich aller Fuͤrſtlichen Prærogativen enthalten, und ihre Nachkommen mit einem gewiſſen verglichnen Nahmen zufrieden, und den andern Fuͤrſten, wie andere Adeliche Va - ſallen unterworffen ſeyn, ſie vor ihre ordentliche Obrigkeit erkennen, und ihnen treu, hold und ge - waͤrtig ſeyn ſollen. Ertz-Hertzog Ferdinand von Oeſterreich, Kayſers Ferdinandi I. Sohn, ver - maͤhlte ſich mit Philippina Welſerin, aus den Ge -ſchlech -158I. Theil. X. Capitul. ſchlechtern von Augſpurg, und reverſirte ſich gegen ſein Ertz-Hauß, daß ſich ſeine Kinder nicht Ertz - Hertzoge nennen und intituliren ſolten. S. Ke - venhuͤllers Annales I. Tom. p. 130.

§. 44. Vielmahls beſcheiden ſich die neu-Ver - maͤhlten in einem Pacte, welches ſie mit den andern Hoch-Fuͤrſtlichen Anverwandten errichten, daß ſie bey allen Occaſionen den andern Fuͤrſtinnen von Hauſe den Vorgang laſſen, und ſich allenthalben in Schreiben und uͤbrigen Vorfallenheiten ſo ge - gen ſie bezeugen wolten, daß die ſaͤmtlichen Hoch - Fuͤrſtlichen Herrn Vettern, die beſondre Conſi - deration, welche ſie vor ſie hegten, genugſam ab - zunehmen haben wuͤrden, hingegen erklaͤren ſich die - ſe hinwiederum, daß ſie alle ihre Deſcendenten vor rechtmaͤßige Fuͤrſten und Fuͤrſtinnen zu NN. halten und erkennen, und ſelbige aller und ieder, bey dem Fuͤrſtlichen Hauſe wohleingefuͤhrten Rech - te, als inſonderheit die Princeßinnen, bey der her - gebrachten Ausſtattung und Schmuckes-Geldern wollen erhalten helffen.

§. 45. Manchmahl geſchiehet es, daß die aus einer ungleichen Fuͤrſtlichen Ehe erzeugten Kinder mit dem von ihren Vater errichteten Pacto, daß ſie nemlich inferioris conditionis ſeyn ſollen, in geringſten nicht zufrieden ſind, ſondern nach ſeinem Tode ſich der Succeſſion in die Fuͤrſtlichen Lande und andrer Fuͤrſtlichen Vorzuͤge anmaſſen, ſie fuͤh - ren an, daß ein ſolch Pactum wiederrechtlich, und erregen den Herrn Vettern und andern FuͤrſtlichenAnver -159Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. Anverwandten oͤffters viel Verdruß. Hierdurch acquiriren ſie nicht ſelten durch eine Convention, die ſie mit dem Hoch-Fuͤrſtlichen Hauſe aufrichten, etwas aus dem Fuͤrſtlichen Wapen, und einen Ti - tul der etwas honorifiquer, iedoch mit ihren Per - ſonen ausgehet, und auf die Enckel und Enckelin - nen im geringſten nicht abſtammet. Die Diß - falls aufgerichteten Fuͤrſtlichen Receſſe und Ver - gleiche werden bißweilen von dem Kayſer con - firmirt.

§. 46. Jſt die Ehe allzu ungleich, und ein Fuͤrſt hat eine aus dem allergeringſten Poͤbel, die noch da - zu in ſehr ſchlechten Ruff ſtehet, ſich beylegen laſ - ſen, ſo pflegt die Roͤmiſche Kayſerliche Majeſtaͤt bißweilen an den Fuͤrſten zu reſcribiren, daß ſie auch nach der Vermaͤhlung den Fuͤrſtlichen Titul und Tractament weder der mit ihr copulirten Per - ſon, noch denen mit ihr erzeugten oder noch erzeu - genden Kindern ferner beylegen, oder dergleichen zu thun andern geſtatten ſollen.

§. 47. Sind bey einem gewiſſen Hoch-Fuͤrſt - lichen Hauſe die mes-alliancen ſtarck eingeriſſen, und der Hoch-Fuͤrſtliche Herr Vater, der aber kei - nen Gefallen an denſelben hat, vermuthet, daß ei - ner von ſeinen Printzen darauf fallen moͤchte, ſo wiederrathen ſie ſolche deſto eher in ihren Teſta - menten. Alſo hat der alte Fuͤrſt zu Anhalt-Bern - burg, Victor Amadeus, ſeinem Teſtament folgen - de Clauſul mit eingeruͤckt. Wir erinnern und re - commendiren unſern geliebten Soͤhnen hiermittreu160I. Theil. X. Capitul. treu vaͤterlich, ſich zufoͤrderſt vor ungleichen Hey - rathen zu huͤten, noch dadurch ihr uhraltes Fuͤrſt - liches Hauß zu vernachtheiligen, vielmehr ſolchen - falls auf Standesmaͤßige tugendhaffte Perſonen ihr Abſehen zu richten, und dadurch den luſtre ih - res Fuͤrſtlichen Hauſes zu befoͤrdern. S. Extra - ctum Teſtamenti, weyland Herrn Fuͤrſtens Vi - ctoris Amadei zu Anhalt Hoch-Fuͤrſtl. Durch - lauchtigkeit, bey dem Schreiben die an eine hoch - loͤbliche allgemeine Reichs-Verſammlung zu Re - genſpurg von Herrn Victore Amadeo Adolpho, Fuͤrſt zu Anhalt-Hoym, wegen der in dem Gra - fen-Stand als Grafen von Baͤhrenfeld erhoͤheten, der Landes-Succeſſion aber unfaͤhig erklaͤrten Ge - bruͤder, mit Beylagen ſub Lit. A. B. & C.

§. 48. Wann die bey dergleichen Heyrathen vermaͤhlte Perſonen beſondere Meriten vor ſich ha - ben, oder ſonſt kein erhebliches Bedencken hierbey vorwaltet, ſo werden die Gemahlinnen, auf vorher beſchehenes unterthaͤnigſtes Anſinnen, gar oͤffters von Roͤmiſcher Kayſerlichen Majeſtaͤt, entweder in den Reichs-Fuͤrſtlichen, oder doch in den Reichs - Graͤflichen Stand erhoben. Die Formalien ſind hierbey folgende: So haben Wir oben beſagter N. N. die Kayſerliche Gnade gethan, und Sie in des Heil. Roͤmiſchen Reichs Graͤflichen Stand geſetzt, gewuͤrdiget und erhoben, ordnen, wuͤrdi - gen, ſetzen und verordnen vorgemeldte N. N. hier - mit in den Stand, Ehre und Wuͤrde Unſerer und des Heil. Roͤmiſchen Reichs rechtgebohrnen Graͤ -finnen,161Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. finnen, zufuͤgen, vergleichen und geſellen ſie zu der - ſelben Schaar, Geſell - und Gemeinſchafft, erthei - len und geben ihr den Titul und Nahmen des hei - ligen Roͤmiſchen Reichs Graͤfin von N. N. und erlauben ihr, ſich alſo zu nennen und zu ſchreiben, ſetzen und wollen auch, daß ſie eine Reichs-Graͤ - fin von N. N. ſey, und ſich alſo ſchreibe, auch von Uns und ſonſt maͤnniglich davor geachtet, geehret, genannt, geſchrieben und erkannt werde, und da - zu alle und iegliche Gnade, Freyheit, Ehre und Wuͤrde, Vorgang, Stand, Sitz, Herrlichkeiten, Recht und Gerechtigkeiten, gleich andern Reichs - Graͤfinnen, Graͤflichen Stellen auf hohen und nie - dern Dom-Stifftern, geiſt - und weltliche Lehn und Aemter zu empfangen, zu haben und zu tra - gen, auch ſonſt von allen andern Orten des Graͤf - lichen Tituls mit allen Ehren gebrauchen ſoll, und vermoͤge, nicht anders, als eine andere aus uhral - tem Reichs-Graͤflichen Hauſe gebohrne und ent - ſproſſene Graͤfin, und immaſſen ſich andern unſern und des Heil. Roͤmiſchen Reichs Graͤfinnen von Rechts - und Gewohnheit wegen eignet und ge - buͤhret.

§. 49. Betruͤblich iſts, wenn groſſe Herren, bey Lebzeiten ihrer Gemahlinnen, auf andere verehlichte oder ledige Dames ein unzuͤchtiges Auge werffen, ſie als Maitreſſen auf eine koſtbahre Art ernehren, und uneheliche Kinder mit ihnen zeugen. Anno 1487 ereignete ſich hierbey in Teutſchland ein im - portantes Exempel, ſo man bey auswaͤrtigen groſ -Lſen162I. Theil. X. Capitul. ſen Fuͤrſten ſo leicht nicht finden wird. Der anno 1481 regierende Hertzog, Johannes II, von Cleve, Graf zur Marck, hatte zur Eh-Gemahlin Princeſ - ſin Mechtildis, Landgrafens Henrichs zu Heſſen Tochter, mit ſelbiger zeugete er drey Fuͤrſtliche Kin - der. Naͤchſt dieſer hielt er etliche Concubinen, mit welchen er zuſammen 63 natuͤrliche Kinder er - zeugt, von denen er ſich oͤffentlich zum Vater er - kannte, und die mehreſten, nach geſchehener Legiti - mation, wohl verſorgte. S. Egbert. Hopp de Statu Cliviæ p. 170.

§. 50. Bißweilen werden ſie gar ſo weit von ih - ren Paſſionen hingeriſſen, daß ſie ihre rechten Ge - mahlinnen dabey verſtoſſen, ſich von ihnen ohne alle Urſach trennen, die Maitreſſe heyrathen, und nachgehends die Succeſſion, zum Præjudiz ihrer uͤbrigen Succeſſions-Folger, auf die, mit der Con - cubine erzeugte Kinder bringen wollen. Bevor nun die Verſtoſſung und anderweitige Heyrath er - folget, ſo ſtellen die verſtoſſenen Gemahlinnen, in den beweglichſten Schreiben bey ihren Hoch - Fuͤrſtlichen Ehegatten ihre Unſchuld, und zugleich das ihnen hiedurch zugefuͤgte Unrecht nach goͤttli - chen und weltlichen Rechten unter Augen, und re - ſerviren ſich alle competirende Mittel. Will die - ſes nichts verfangen, ſo uͤbergeben ſie bey der Roͤ - miſchen Kayſerlichen Majeſtaͤt den Caſum und Spe - ciem facti, bringen ihre Beſchwerden an, thun ihre Contradiction und Wiederrede, wie es zu Recht am beſtaͤndigſten ſeyn kan, und erſuchen den Kay -ſer163Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. ſer allerdemuͤthigſt, daß er doch Sein allerhoͤchſtes Kayſerliches Richter-Amt hierinnen interponiren moͤchte. Sie kommen auch zu gleicher Zeit bey dem Reichs-Convent ein, und erſuchen die ſaͤmt - lichen Staͤnde des heiligen Roͤmiſchen Reichs, daß ſie dieſelben, in puncto der von ihrem Herrn Ge - mahl wiederrechtlich prætendirten Eheſcheidung, ſie bey ihrer gerechten Sache nachdruͤcklich zu ſchuͤ - tzen, geruhen moͤchten. Wer einige Nachricht ver - langet, zu erkennen, wie eine Concubine vermoͤ - gend ſey, das Hertz eines klugen und weiſen Regen - ten von ſeiner rechten Gemahlin ab, und an ſich zu ziehen, und hiedurch die ungluͤckſeelige Gemahlin in die aͤuſſerſte Wehmuth und Betruͤbniß zu ſetzen - darff nur dasjenige Schreiben leſen, welches Frau Charlotta, Chur-Fuͤrſtin und Pfaltz-Graͤfin bey Rhein, an Kayſer Leopoldum abgehen laſſen, daß Derſelbe allergnaͤdigſt geruhen moͤchte, die von dero Herrn Gemahl Chur-Fuͤrſt Carl Ludwig zu Pfaltz, mit ihr vorgenommens Cheſcheidung zu hintertreiben, und ſie beyderſeits durch ſeine hohe Kayſerliche Interpoſition zu reconciliiren.

§. 51. Die Roͤmiſche Kayſerliche Majeſtaͤt wen - den ſodann alle nur erſinnliche Bemuͤhungen an, ſie wieder mit einander auszuſohnen, und die præ - judicirlichen Eheſcheidungen zu hintertreiben. Sie laſſen erſtlich nachdruͤckliche Handſchreiben an ſie abgehen, und dehortiren ſie von ihren Unterneh - men; wollen dieſe nichts verfangen, ſo verordnen ſie Kayſerliche Commiſſarios, ſie verſchaffen denL 2verſtoſ -164I. Theil. X. Capitul. verſtoſſenen Gemahlinnen Schutz und Sicherheit, und laſſen dieſes gantze Werck in den hoͤchſten Ge - richten des heiligen Roͤmiſchen Reichs, und auch ſonſt Reichs-Conſtitutions-maͤßig tractiren.

§. 52. Manche Regenten werden von dem Roͤ - miſch-Catholiſchen Clero aufgebracht, daß ſie an - fangen, einen Haß gegen ihre rechte Gemahlin, die etwan der Proteſtirenden Religion zugethan, zu werffen / und ſich hingegen an eine andere, die der Roͤmiſchen Kirche beypflichtet, zu haͤngen. Alſo meldet ſich der Pfaltz-Grafe zu Zweybruͤcken, Gu - ſtav Samuel, anno 1723 mit einem weitlaͤufftigen Schreiben bey Roͤmiſcher Kayſerlicher Majeſtaͤt, daß er nothwendig ſeine rechte Gemahlin verlaſſen muͤſte, weil ihm ſein Gewiſſen ſagte, keine Lutheri - ſche, die auf ihre Religion ſo beſtaͤndig erpicht waͤre, laͤnger um ſich zu dulden. Da nun der Biſchoff von Metz, aus Paͤbſtlicher Diſpenſation, dieſe Scheidung vorgenommen, als zweifelte er nicht, es wuͤrden Jhro Kayſerliche Majeſtaͤt ſeine gute In - tention und gottſeeliges Procedere gleichfalls al - lergnaͤdigſt vor genehm halten, und dieſes um ſo vielmehr, da er nunmehro die Reſolution gefaßt, eine Catholiſche, ob ſchon ſeinem Stand ungleiche Perſon, mit welcher erverhoffte geruhiger zu leben, zu heyrathen, damit ſeine Gemahlin nicht dereinſt ſagen ſolte, als wenn er aus einer andern eiteln Ab - ſicht ſich eine Princeßin von einem Fuͤrſtl. Hauſe beygelegt haͤtte. S. Einleitung zur neueſten Hi - ſtorie der Welt, p. 530. Was nun in dieſer Sa -che165Von den Fuͤrſtlichen Vermaͤhlungen. che weiter unternommen worden, iſt aus der neue - ſten Hiſtorie bekandt.

§. 53. Jſt eine irregulaire und unrechtmaͤßige Ehe-Trennung und anderweitige Vermaͤhlung de facto vorgangen, ſo kommen vielmahls die ſaͤmmt - lichen Chur-Fuͤrſten, Fuͤrſten und Staͤnde des heiligen Roͤmiſchen Reichs, bey dem Kayſer in ei - nem allerunterthaͤnigſten Schreiben ein, berichten ihm, wie N. N. nicht allein ſeiner Gemahlin die Ehe aufgekuͤndiget, ſondern ſich auch mit einer an - dern Perſon vermaͤhlet, und daß, wenn dieſe Kin - der von ihm haben wuͤrde, ſolche aller Succeſſion faͤhig ſeyn ſolten. Sie erſuchen hierauf Kayſerli - che Majeſtaͤt, Seine allerhoͤchſte Kayſerliche Au - toritaͤt zu interponiren, daß entweder dieſe ander - weitige Vermaͤhlung annulliret, oder doch hiedurch den rechtmaͤßigen Succeſſoribus an ihrem einmahl erlangten Rechte zum Præjudiz nichts verhaͤnget werden moͤchte.

§. 54. Wann die Fuͤrſtlichen Gemahlinnen, wegen gepflogener unzulaͤßlichen Converſation, dem Fuͤrſten einen gegruͤndeten Verdacht gegeben, ſo enthalten ſie ſich von der Zeit an, da ſie Nach - richt hievon erlangt, ihrer Beywohnung, ſie laſſen ſie in leidliche Verwahrung bringen, und durch ih - re vertrauten Raͤthe und Miniſtres uͤber gewiſſe Puncte befragen. Sie laſſen ihre Diſputen an ihre Conſiſtoriales gelangen, denen ſie auch wohl noch darzu einen oder ein paar Adeliche Raͤthe ad - jungiren, erlaſſen ſie ihrer Pflicht, tragen ihnenL 3cogni -166I. Theil. XI. Capitul. cognitionem cauſæ auf, und befehlen ihnen an, daß ſie bey Theologiſchen und Juriſtiſchen Facul - taͤten einige bedenckliche Puncte ſollen eroͤrtern, und die Urtheile von ihnen einholen laſſen. Dieſe Ur - theile werden nachgehends in Beyſeyn der Fuͤrſt - lichen Anwaͤlde publiciret, und wenn dem ſchuldi - gen Theile alle die gewoͤhnlichen rechtlichen Bene - ficia nachgelaſſen worden, endlich nach dem Unter - ſchied der Verbrechen, nachdem ſie vorher durch die Interceſſiones der andern Puiſſancen auf das gelindeſte moderirt worden, und nach den Regeln der Klugheit, die bey iedem Fall in Obacht zu neh - men, in ſo weit zur Execution gebracht, daß dem unſchuldigen Theil eine anderweitige Vermaͤhlung verſtattet, dem ſchuldigen aber die Abſonderung, bißweilen auch eine, iedoch ihrem Stande gemaͤße Retraite, bey Fuͤrſtlichem Unterhalt / zuerkandt wird.

Das XI. Capitul. Von der Geburth und Tauffe der Fuͤrſtlichen Kinder.

§. 1.

Die groͤſten Fuͤrſtlichen Haͤuſer erleiden ihre Veraͤnderungen und Periodos fatales ſo wohl, als die Privat-Familien. Einige alte Haͤuſer ſterben aus, und andere neuekom -167Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. kommen wieder an ihre Stelle. Ja man hat in der alten und neuen Hiſtorie unterſchiedene Exem - pel, daß oͤffters diejenigen, die vor einigen Jahren noch ſo ſtarck und beſetzt geweſen, nach Verflieſſung einer kurtzen Zeit, wenn es goͤttliche Regierung ſo beſchloſſen, ihrem Untergang gantz nahe kommen. Bißweilen iſt auch wohl eine und die andere miß - traͤuiſche oder ſonſt irrige Meynung, wenn die Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern in den Gedancken geſtan - den, als ob ſie mit einer allzu ſtarcken Anzahl der Leibes-Erben von GOtt geſeegnet worden, auf ei - ne oder die andere Weiſe von GOtt geſtrafft wor - den. Der Maͤrckiſche Hiſtoricus, Nicolaus Len - tinger, meldet in ſeinen Commentariis P. VII. f. 12. bey Erwehnung der Stadt Ratenau, daß, als an - no 1318. 19 Marggrafen auf einem gewiſſen Ber - ge bey Ratenau, welcher daher noch der Marggra - fen-Berg genannt wuͤrde, zuſammen kommen, und ſich uͤber die Vermehrung, und das daraus zu be - ſorgende Unvermoͤgen ihrer Familie unter einander beklagt, ſo waͤre es geſchehen, daß ſie alle binnen zwey Jahren erloſchen. Fuͤrſt Magnus zu Anhalt war hierinnen anderer Meynung, er ſchrieb a. 1516 an Fuͤrſt Ernſts Gemahlin, Frau Margaretham, die ſich ebenfalls wegen der gar zu vielen Kinder beklaget hatte, ein Troſt-Schreiben, worinnen un - ter andern folgende Worte enthalten waren: Der Schatz der heiligen Ehe, nemlich die Kinder, ma - chen zwar viel Unruhe, weil aber ſonſt keine Ruhe allhier auf Erden, ſo iſt das eine ſeelige Arbeit, mitL 4den168I. Theil. XI. Capitul. den Seinigen ſich zu bekuͤmmern, und mit ſeinem Fleiſch und Blut die Welt zu mehren.

§. 2. Wie ſich nun einige uͤber die allzu groſſe Anzahl ihrer Deſcendenten faſt beſchweren wollen, alſo fehlet es hingegen manchen an ehelichen Leibes - Erben, ſo gar, daß einige bemuͤhet geweſen, in Er - mangelung der ehelich-gebohrnen, die Succeſſion ihrer Lande auf ihre unehlich-gebohrne Kinder zu transferiren, oder ſie zu adoptiren. Eine ſonder - bahre Veraͤnderung mochte es wohl heiſſen, da bey dem Anfang dieſes Jahres ein Laquey des Mar - quis de Capegna unvermuthet zu einem Fuͤrſten von Brancaccio im Neapolitaniſchen wurde. Denn der Fuͤrſt von Brancaccio hatte keine eheliche Er - ben, wuſte aber, daß gedachter Laquey von ihm mit einem Bauer-Maͤdgen, das er auf der Jagt angetroffen, gezeuget war. Er ließ ihn demnach legitimiren, oder fuͤr ſeinen ehelichen Sohn erklaͤh - ren, ſatzte ihn zum Erben aller ſeiner Guͤter ein, und uͤbergab ihm unterdeſſen eine ſeiner Herrſchafften in Calabrien / um ſich als ein Fuͤrſt aufzufuͤhren, in welchen Stand er ſich denn hochmuͤthig genug zu ſchicken wuſte. S. Theatr. Europ. T. XVII. pag. 346. des Jahrs 1705.

§. 3. So bald die Hoch-Fuͤrſtlichen Gemah - linnen ihre Schwangerſchafft antreten, wird es al - lenthalben public gemacht, und gemeldet, wie ſie von Monath zu Monath in ihrer Schwangerſchafft avanciren, es muͤſte denn ſeyn, daß es bey manchen Umſtaͤnden, aus beſondern Staats-Raiſons, ſe -cretirt169Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. cretirt wuͤrde. Es wird dieſes an andere Hoͤfe ge - meldet, da ſie denn hernach ſo wohl von frembden als auch von ihren Unterthanen, inſonderheit von den Reichs - und Land-Staͤnden, durch ihre De - putirte die Gratulationen dieſerwegen erhalten. Es werden beſondere Kirchen-Gebethe angeord - net, und allenthalben alle nur erſinnliche und moͤg - liche Anſtalten gemacht, damit die Hoch-Fuͤrſtliche ſchwangere Frau Mutter vor allem Schaden und Gefahr erhalten, und der kuͤnfftige Erbe gluͤcklich auf die Welt gebracht werde. Wird von Lan - des-Herrn Unterthanen ein Printz gewuͤnſchet und erwartet, ſo fehlet es nicht an Poeten, die mit aller Gewalt einen maͤnnlichen Erben, ich weiß nicht, nach was vor einem prophetiſchen Geiſt, progno - ſticiren und erdichten wollen. Es werden bey Zeiten die Kind-Mutter, die Amme, die Ober - und Unter-Gouvernantinnen, die Ober - und Unter - Cammer-Frau, und alle die uͤbrigen Bedienten, ſo die Fuͤrſtin bey Jhrer Niederkunfft, und den neu-gebohrnen Printzen oder Princeßin bedienen ſollen, denominiret.

§. 4. Bey der Niederkunfft der Fuͤrſtlichen Ge - mahlin ſind die Gewohnheiten unterſchiedlich. An einigen Hoͤfen muͤſſen, der Landes-Obſervanz nach, gewiſſe Leute, ſo der Niederkunfft der Fuͤrſtlichen Gemahlin beywohnen ſollen, ſich in dem Neben - Zimmer des Gemachs, in dem ſie niederkoͤmmt, aufhalten, damit ſie das Kind in dem Augenblick, da es auf die Welt koͤmmt, gleich ſehen koͤnnen. L 5Alſo170I. Theil. XI. Capitul. Alſo iſt in Engelland der Printz von Wallis nebſt andern Perſonen, nach den Geſetzen des Landes, bey Entbindung der Princeßin ſelbſt gegenwaͤrtig. Es wird auch vielen andern aus dieſer curieuſen Nation alſofort erlaubet, den jungen Printzen in Augenſchein zu nehmen, und frembde Miniſtri fin - den in dieſen Lande viel eher Gelegenheit, als an - derwerts, das auf die Welt gekommene Kind zu ſehen, und ihre Felicitations-Complimens abzu - ſtatten.

§. 5. Bey der Geburth eines Dauphin in Franckreich, wird, allen Verdacht zu vermeyden, folgende Vorſichtigkeit wahrgenommen. Die Koͤnigin darff ſich nicht ſchaͤmen in Beyſeyn der Printzen von Koͤniglichen Gebluͤth niederzukom - men, und wird es alſo damit gehalten: Jn dem Saal, der zur Geburth beſtimmt iſt, werden zwey Gezelte aufgerichtet, in dem groſſen, ſo faſt zwan - tzig Ellen in Umcreyß haͤlt, und an den vier Enden mit Vorhaͤngen verſehen, ſitzt der Koͤnig, nebſt den Printzen des Koͤniglichen Gebluͤthes, ſamt etzlichen Fuͤrſtinnen; in der Mitte deſſelben iſt ein ander kleiner Gezelt, in welches ſich die Koͤnigin mit der Heb-Amme begiebt. Vorher aber, und ehe die Koͤnigin herein gehet, werden die Vorhaͤnge und Fluͤgel des Gezeltes aufgethan, daß iedermann ſe - hen kan, daß kein ander Weib noch Kind darun - ter ſey. Nach der Geburth wird das neugebohr - ne Kind, wie es aus Mutter Leibe kommen, den Fuͤrſtlichen und andern hohen Perſonen gezeigt,und171Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. und damit aller Argwohn einer Suppoſition be - nommen.

§. 6. Solte bißweilen ein monſtröſes oder ſehr gebrechliches Kind auf die Welt kommen, ſo wird es bald auf die Seite geſchafft, daß niemand viel davon zu ſehen noch zu hoͤren bekommt. Vor einigen Jahren ſoll allererſt bekandt worden ſeyn, daß von dem Koͤnig in Franckreich Ludwig den XIV noch eine, und zwar Kohl-ſchwartze Tochter, in der Welt vorhanden, die in einem Cloſter ohn - weit Fontainebleau gantz geheim erzogen wird. S. das I. Stuͤck der Einleitung zum neueſten Ge - ſchichten der Welt p. 35.

§. 7. Nach der Geburth eines Hoch-Fuͤrſtli - chen Kindes gehen mancherley Solennitæten vor, ſie ſind aber faſt allenthalben groͤſſer bey der Ge - burth eines Printzens, als einer Princeßin. Jn - ſonderheit ſpuͤhret man an dem Kayſerlichen Hofe, daß bey der Geburth einer Ertz-Hertzogin, unter - ſchiedene Solennien, die ſonſt bey der Geburth ei - nes Ertz-Hertzogs vorzukommen pflegen, zuruͤck bleiben. Nach der gluͤcklichen Entbindung der Hoch-Fuͤrſtlichen Gemahlin, werden in der Fuͤrſt - lichen Reſidenz alsbald die Stuͤcken abgefeuert. Die Geburth wird nicht allein den gegenwaͤrtigen frembden Geſandten und Reſidenten muͤndlich, ſondern auch den frembden Puiſſancen und Staa - ten, abſonderlich denen, mit welchen ſie in Alliance ſtehen, ſchrifftlich notificirt, und ſind dieſe Notifi - cationen von langen Zeiten her in Gebrauch ge -weſen.172I. Theil. XI. Capitul. weſen. Als Hertzogs Johann Friedrichs zu Sach - ſen Gemahlin auf dem Grimmenſtein mit einem Printzen entbunden ward, ſo vermeldeten ſolches der Hertzog dem Chur-Fuͤrſt Auguſto in folgenden Schreiben: Daß GOtt uns abermahls einen jungen Sohn und Landes-Erben gnaͤdiglich gege - ben, darum wir denn ſeine Allmacht von Hertzen Lob, Ehr und Danck ſagen, und es Eurer Liebden um ſich mit Jhrer Liebden und Uns gleichergeſtalt zu erfreuen zu haben, hiermit freundlich vermel - den thun. Der Chur-Fuͤrſt antwortete: Thun Uns deſſelben gegen Euer Liebden freundlich be - dancken, und wie Wirs mit beſondern Freuden empfangen und erfahren, alſo wuͤnſchen wir auch Eurer Liebden ſamt den freundlichen lieben Ge - mahl von dem Allmaͤchtigen Gluͤck und Heyl da - zu, damit dieſer und die andern Erben Eurer Lieb - den GOtt zu Ehren, und dem Hauſe Sachſen zum guten, ein langes Leben und ſelig Alter errei - chen. S. Rudolph Goth. Diplomat. I Theil. pag. 60.

§. 8. Die Chur-Fuͤrſten und Fuͤrſten des hei - ligen Roͤmiſchen Reichs laſſen bey Kayſerlicher Majeſtaͤt durch ihre Miniſtres in beſondern ſolen - nen Reden die Geburth ihrer Prinzen anbringen, und bitten, den neugebohrnen Sohn zu wuͤrdigen, ihn in dero Kayſerliche Gnade und Protection al - lergnaͤdigſt aufzunehmen; eben dergleichen thun ſie bey der regierenden Roͤmiſchen Kayſerin, und zuweilen auch bey denen verwittibten Kayſerinnen. Manch -173Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. Manchmahl geſchicht es auch, daß die Regenten ihren oͤffentlichen Feinden, mit denen ſie in einem blutigen Krieg verwickelt ſind, par Ceremonie dergleichen Notifications-Compliment machen laſſen.

§. 9. Nachdem die Geburth entweder notifi - cirt, oder doch ſonſt public worden, ſo erfolgen die Gratulationen und Præſente. Die Hoch-Fuͤrſt - lichen Anverwandten, die ſich in der Reſidentz auf - halten, ſind die erſten, die ſich einfinden, und auf mancherley Weiſe ihre Freude und ihre Liebe ge - gen die Hoch-Fuͤrſtliche Frau Woͤchnerin und den neugebohrnen Printzen an Tag legen. Bey die - ſer Gelegenheit iſt es unter einigen groſſen Puis - ſancen, die beſondere Orden auszutheilen pflegen, gar etwas gewoͤhnliches, daß ſie den kleinen Prin - tzen mit einem Orden beehren. Als der vorige Koͤ - nig von Franckreich, Ludwig der XIVte, von der Entbindung der Hertzogin von Burgund Nach - richt erlangte, daß ſie mit einem Printzen niederge - kommen, gieng er zu der Hertzogin vors Bette, leg - te einen verbindlichen Gluͤcks-Wunſch bey ihr ab, und hieng dem jungen Printzen das Band des Rit - ter-Ordens vom Heiligen Geiſt um den Hals, und ſagte zu ihm: Hertzog von Burgund, ich mache dich zum Ritter. S. den XLIIſten Theil der Euro - paͤiſchen Famæ p. 129. So wurde auch der hoch - ſeelige Ertz-Hertzog, Printz Leopoldus, anno 1716 zum Andreas-Ritter gemacht. Der Kayſer fuͤhr - te uͤber dieſen Durchlauchtigſten Candidaten diedrey174I. Theil. XI. Capitul. drey gewoͤhnliche Ritter-Streiche, ſprechend: Efficiat Te Deus bonum & honorabilem Equi - tem in nomine Domini noſtri & S. Andreæ, er gab ihm darauf die guͤldene Ritter-Ordens-Kette um, und las ihm aus dem Ordens-Rituali vor: Ipſe Te hic ordo in ſodalitatem amicabilem ſuam recepit, in ſignum ejus rei, torquem hunc tibi ego circumdo, faxit Deus ut geſtare eum diu poſſis, idque ut ſimul ad divinam gloriam atque cultum exaltationem que Eccleſiæ cedat, nec non ad am - plificationem honoremque hujus ipſius ordinis in univerſum. S. Elect. J. Publ. Tom. IX. pag. 15.

§. 10. Andere Hoch-Fuͤrſtliche Anverwandten, die ſich an entfernten Orten aufhalten, regaliren nicht allein die Couriers oder Cavaliers, die ihnen von der Geburth eines Printzen die Notification uͤberbracht, ſondern uͤbermachen auch anſehnliche Præſente, die theils in koſtbahren Wochen-Betten und praͤchtigen Wiegen, theils in etwas anders be - ſtehen.

§. 11. Die Paͤbſte pflegen mehrentheils den neugebohrnen Roͤmiſch-Catholiſchen Printzen Windeln zu weyhen und ſie damit zu beſchencken, wenn ſie gegen die Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern eine beſondre Hochachtung wollen an Tag legen. Biß - weilen ſind ſie koſtbar, bißweilen aber ſoll die Krafft der Paͤbſtlichen Benediction die Koſtbar - keit erſetzen. Kinder muͤſſen bißweilen mit ſolchen Windeln vorlieb nehmen, uͤber deren Anſchaffungdie175Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. die Paͤbſtliche Cammer nicht verarmen kan, und erwachſene Leute muͤſſen offtmahls mit Lumpen vorlieb nehmen, die zwar als Heiligthuͤmer beſchrie - ben werden, in der That aber offtmahls von man - chen unheiligen Bettler, aus einem unſaubern Ho - ſpital ihren Urſprung nehmen. S. Europaͤiſche Fama XXV. Theil. Etwas ſeltzames war es, daß Pabſt Clemens XI. Anno 1705 den neugebohr - nen Hertzog von Bretagne, ſehr koſtbare Windeln widmete, er ſtarb aber, ehe ſie von Rom wegge - fuͤhrt und uͤberliefert werden konten. Hierauf ent - ſchloß ſich der Pabſt, dieſelben als Altar-Tuͤcher zu gebrauchen, dieweil es dem Scheine nach nicht ſeyn ſolte, daß ſie einen jungen Fuͤrſten dienten, da drey derſelbigen, denen ſie deſtinirt geweſen, nem - lich der Portugieſiſche, Kayſerliche und Frantzoͤſi - ſche Printz, hintereinander geſtorben. S. den XVII. Tomum des Theatri Europæi p. 206.

§. 12. Es lauffen bey einer Hoch-Fuͤrſtlichen Entbindung, nicht allein von Fuͤrſtlichen Perſonen, mancherley Præſente ein, ſondern es geſchicht auch wohl, daß die Land-Staͤnde, von Ritterſchafft und Staͤdten, durch gewiſſe Deputirte, ja auch wohl eintzelne Collegia, Jnnungen und Gemeinden, zu Bezeugung ihrer Devotion und allgemeinen Freu - de des Landes, zum Wiegen-Bande gewiſſe Ge - ſchencke uͤberreichen. Es werden auch wohl gar bißweilen die Ammen koſtbar beſchenckt. Alſo regalirte der Cardinal Portocarero die Amme des Printzens von Aſturien mit einer mit Diamantenbeſetzten176I. Theil. XI. Capitul. beſetzten Taube, ingleichen mit einer, mit allerhand Jubelen angefuͤllten Schachtel, und einen Beutel von 150 Piſtohlen. S. den 74 Theil der Europaͤi - ſchen Fama p. 146.

§. 13. Nach der Niederkunfft werden unter Trompeten - und Paucken-Schall, Laͤutung aller Glocken, Loßfeurung der Canonen und einer drey - fachen Salve der in der Reſidenz liegenden Milice, beſondre Danck-Feſte gehalten; Es wird den, an frembden Hoͤfen ſubſiſtirenden Abgeſandten Or - dre ertheilet, dieſerhalben beſondre Illuminationen anzurichten, praͤchtige Feuerwercke anzuzuͤnden, Geld unter die Armen auszutheilen, Fontainen mit Wein lauffen zu laſſen, und ſonſt mancherley Freuden-Bezeugungen anzuſtellen. Die Roͤ - miſch-Catholiſchen verehren bey dieſer Gelegen - heit gar oͤffters, zur Bezeugung ihrer Danckbar - keit, entweder der Mutter GOttes, oder einen an - dern Heiligen, gegen den ſie ſich etwan durch ein beſonder Geluͤbde pflichtig gemacht, ein ſilbern Bild, ſo eben ſo ſchwehr als der neugebohrne Printz wieget.

§. 14. Bey der Geburth eines laͤngſt verlangten und erwuͤnſchten Printzens, werden nicht ſelten Ge - fangene loßgelaſſen, die Brunnen ſpringen mit Wein, man hoͤret und ſiehet einige Tage nach ein - ander in der Fuͤrſtlichen Reſidenz nichts als Illu - minationen, muſicaliſche Concerte, Opern und Comœdien, und mancherley Jubel-Geſchrey; un - ter das arme Volck wird Brod, Bier und Geldausge -177Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. ausgetheilt. Bißweilen werden dieſe und andre Solennitæten, gleich bey dem Anbruch des Tages, durch die erſte Freuden-Bezeugung, mit Trompe - ten, Waldhoͤrnern, Paucken und Hautbois ange - kuͤndiget. Jn einigen Reichen werden die Prin - tzen einige Tage nach einander, dem, in groſſer Men - ge herzu lauffenden Volck, von den Balcons und Erckern der Koͤniglichen Pallaͤſte, gezeiget.

§. 16. Nicht weniger werden entweder nach der Geburth, oder nach beſchehener Tauffe, mancher - ley Muͤntzen und Medaillen gepraͤget. Bißweilen in der Forme allerhand Land-Muͤntzen, an Reichs - Thalern, Zweydrittel-Eindrittel-Stuͤcken u. ſ. w. die gaͤng - und gaͤbe ſind, bißweilen aber auch nur als Schauſtuͤcken. Als anno 1670 den 22 Dec. Hertzog Friedrichen zu Sachſen-Gotha die erſte Princeßin Anna Sophia gebohren wurde, ſo ließ Hertzog Ernſt einen Tauf-Thaler praͤgen mit un - terſchiedenen Dictis Biblicis. Auf dem Revers ſtunden folgende Reime: GOtt Vater durch die Tauf, zum Kind mich nimmet auf; GOtt Sohn mit ſeinem Blut, macht mich gerecht und gut; GOtt Heil’ger Geiſt zeucht ein, mein Lehrer, Troſt, zu ſeyn; Biß aus der Ei - telkeit, ich komm zur Ewigkeit. S. Wermuths Saͤchſiſches Medaillen-Cabinet IV. Theil p. 748. Auf die Welt erfreuliche Geburth des Durchlauch - tigſten Ertz-Hertzog Leopolds wurde folgende Schau-Muͤntze geſchlagen: Es zeiget die Ewig - keit des Durchlauchtigſten Ertz-Hauſes durch einMauf178I. Theil. XI. Capitul. auf der Welt-Kugel ſitzendes Kind, umgeben mit einigen Wolcken, als vom Himmel herunter gelaſ - ſen. Es haͤlt in der Rechten das Palladium, ein Bild der mit Erhaltung aller Wiſſenſchafften und Kuͤnſte genau verbundenen Erhaltung der Reiche, als ehemahls des Trojaniſchen, hernach des Roͤ - miſchen, nachdem es den Veſtalen ſammt dem ewi - gen Feuer zur Verwahrung anvertrauet, und als ein Pfand des unvergaͤnglichen Roͤmiſchen Reichs angeſehen worden. Die Uberſchrifft iſt: Aeter - nitas Auguſta, und unten: Nato Principe juven - tutis M. D. CC. XVI. d. XIII. April. S. Heræi Gedichte und Inſcriptiones p. 93. Manchmahl werden auch an Jhren Geburths-Taͤgen gewiſſe Muͤntzen gepraͤget. Als Fuͤrſt Leopold zu Anhalt Deſſau kaum ein Jahr alt war, wurde eine Muͤn - tze geſchlagen, welche um ſo viel remarquabler, ie mehr man ſchon auf derſelben von ſeinem zukuͤnff - tigen Helden-Muth und vortrefflichen Gaben aus den Merckmahlen der Jugend gleichſam geweiſſa - get. Auf der einen Seite ſind die Worte zu leſen: Leopoldo Princip. Anhalt. Principi juventutis, poſtquam III. Julii anno M. D. CC. XXVII. ex - pleviſſet feliciter annum, annis ſubditus octua - gies multis acclamat votis. Die andere Seite ſtellet vor, einen jungen Herculem, welcher in ieg - licher Hand eine Schlange fuͤhrt, um den etliche Bienen gemahlet ſind, mit der Umſchrifft: Dat ſerpens pugnæ, dat apis præſagia mentis. S. An - ton. Paullini Buͤcher-Cabinets VI Eingang p. 35.

§. 17.179Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder.

§. 17. Gleichwie bey Geburth der Menſchen, zwiſchen Standes-Perſonen und gemeinen Leuten kein Unterſchied. Alſo bringen ſo wohl jene als dieſe Zwillinge auf die Welt. Wo das Recht der Erſt - geburth eingefuͤhrt, ſo iſt ein groſſes daran gelegen, daß man beobachte, welcher unter ſelbigen der erſte, oder der andere gebohrne. Einige Rechts-Lehrer ziehen in ſolchem Fall, bald den ſchoͤnſten, bald den ſtaͤrckſten, bald den verſtaͤndigſten und kluͤgſten vor, andere ſtellen hierunter die Determination dem Willen des Vaters anheim, noch andere ach - ten vor billich, daß die commoda Primogenituræ, wegen des ſonderbahren hiebey mit unterlauffenden Zweiffels, zwiſchen beyde getheilet werden; hinge - gen ſind wiederum viele, die allen dieſen Wegen das Looß vorziehen, als deſſen Fuͤhrer der allwiſſen - de GOtt ſelbſt waͤre.

§. 18. Die Roͤmiſch-Catholiſchen Printzen ha - ben vor vielen apanagirten Printzen, die ſich zu der Proteſtantiſchen Religion bekennen, und nicht Ge - legenheit haben, ſich im Kriege zu pouſſiren, den Vortheil, daß ſie in mancherley geiſtlichen Digni - taͤten aſcendiren, und dabey ihren Fuͤrſtl. Staat fuͤhren koͤnnen. Alſo hat das Hauß Bayern ſich einige Secula durch, bey den Stifften und Ertz - Stifften, zu deren Beſitz es gekommen, ſehr wohl befunden.

§. 19. An manchen Hoͤfen, bey manchen Um - ſtaͤnden, und zu manchen Zeiten, wird die heilige Tauffe ohne praͤchtige Ceremonien vollzogen;M 2Die180I. Theil. XI. Capitul. Die naͤchſten Gevattern, die am erſten zu erlangen, werden erwehlet, und alle eclatante Solennitaͤten dabey vermieden; vielmahls aber werden die Fe - ſtivitaͤten bey der Tauffe mit den groͤſten Solennien celebriret, und die heilige Tauffe, um der andern Anſtalten willen, manchmahl eine lange Zeit auf - geſchoben: Bißweilen werden nur drey oder vier Tauf-Zeugen genommen, bißweilen aber auch 24, und noch mehr. Mehrentheils werden hohe Fuͤrſt - liche Anverwandten oder andere frembde Puiſſan - cen dazu erwehlet, bißweilen aber auch andere. Jn den alten Zeiten iſt es gar nichts ungewoͤhnliches geweſen, daß Fuͤrſtliche Perſonen auch bißweilen einige von der Geiſtlichkeit mit zu Gevattern gebe - then. Bey der Tauf-Handlung Printzens Fran - ciſci Georgii, den Fuͤrſt Bernhard zu Anhalt an - no 1567 den 16 Octobr. mit ſeiner Gemahlin zeu - gete, war naͤchſt ſeiner Frau Groß-Mutter, Frau Clara, gebohrne Hertzogin zu Sachſen-Lauenburg, und andern Fuͤrſtlichen Perſonen, auch des Fuͤrſt - lichen Herrn Vaters Hof-Caplan, Jacob Stei - rer, welchen Fuͤrſt Bernhard ſonderlich liebte, mit Tauf-Pathe. S. Beckmanns Anhaͤlt. Geſchichte Vter Theil p. 178.

§. 20. Es pflegt auch wohl noch heutiges Ta - ges bey einigen Reichs-Fuͤrſten in Teutſchland zu geſchehen, daß ſie einige von ihren vornehmſten Land-Staͤnden, oder einige von den Magiſtrats - Perſonen der benachbarten Reichs-Staͤdte, oder andere anſehnliche Leute, aus denen, mit ihnen an -grentzen -181Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. grentzenden Creyßen, zur Gevatterſchafft invitiren. Alſo hat Hertzog Ernſt zu Sachſen-Meinungen die Herren Directores, Hauptleute, Raͤthe und ſaͤmtliche Reichs-freye Ritterſchafft aller ſechs Or - ten in Francken, zu Gevattern bitten laſſen. Die Herren Hertzoge zu Holſtein haben zu unterſchie - denen mahlen die Stadt Hamburg, und die Marg - grafen zu Bayreuth, die Stadt Nuͤrnberg invi - tiret.

§. 21. Die Hoch-Fuͤrſtlichen und andere hohe erbetene Tauf-Zeugen, ſtehen entweder in Perſon, und heben das Kind aus der Tauffe, oder erſchei - nen durch ihre Abgeſandten und Deputirte. Es geſchicht auch wohl, daß die am Hofe anweſende Hoch-Fuͤrſtliche Anverwandten, oder hohe Offi - cianten, die Stelle der Abweſenden vertreten. Zu - weilen werden die in Dienſten ſtehenden Miniſtri und Dames zugleich mit invitiret. Alſo verrichte - te anno 1717 die Hertzogin von Sanct Alban, als erſte Dame d’honneur der Princeßin von Wallis, bey der Geburth Printz Georg Wilhelms in En - gelland die Function einer Pathe. S. Elect. Jur. Publ. Tom. XII. p. 288.

§. 22. Die Hoch-Fuͤrſtlichen Tauf-Zeugen werden gemeiniglich durch eine beſondere Abſchi - ckung zu dieſer Handlung eingeladen. Je hoͤher die Tauf-Zeugen, ie groͤſſere Miniſtri werden zu die - ſer Invitation ausgeſucht. Die ſolenne Einla - dung wird hinwiederum durch eine andere Danck - ſagungs-Rede beantwortet. Vielmahls werdenM 3auch182I. Theil. XI. Capitul. auch die Hoch-Fuͤrſtlichen Tauf-Zeugen zur Ge - vatterſchafft in Briefen invitirt, und findet man in des Herrn Luͤnigs Teutſchen Reichs-Cantzley viel von dergleichen Schreiben.

§. 23. Wenn Fuͤrſtliche Herrſchafften ſich ſelbſt in Perſon zur Gevatterſchafft einſtellen, ſo werden ſie von abgeſchickten Cavaliers auf den Grentzen angenommen. Die Cavaliers vermelden in einem Compliment, daß ſie von Jhrer Hoch-Fuͤrſtlichen Durchlauchtigkeit, als ihrer gnaͤdigſten Herrſchafft, befehliget waͤren, Sie, an ſtatt Jhrer Hoch-Fuͤrſt - lichen Durchlauchtigkeit, an gegenwaͤrtigen Gren - tzen Jhres Landes anzunehmen, und ferner biß zu Jhrer Hoch-Fuͤrſtlichen Durchlauchtigkeit zu be - gleiten, auch Jhnen, nebſt dem bey ſich habenden Comitat, ſo viel als moͤglich, Fuͤrſtliches Tracta - ment und Ausrichtung zu beſtellen, mit unterthaͤ - nigſter Bitte, Jhro Hoch-Fuͤrſtliche Durchlauch - tigkeit wollen damit freundlich vorlieb und zu willen nehmen. Die Fuͤrſtlichen Herrſchafften laſſen hin - wieder duꝛch einen von ihꝛen Cavalieren ein Danck - ſagungs-Compliment abſtatten. Vor dieſen wur - den, bey dieſen und andern dergleichen Faͤllen, weit - laͤufftige Reden gehalten, heutiges Tages aber ſind kurtze Complimens gebraͤuchlicher.

§. 24. Die Abgeſandten der Hoch-Fuͤrſtlichen Herrſchafften, die ſich zu dem heiligen Werck ein - ſtellen, wenn ihre Principalen ſelbſt verhindert wer - den, erſcheinen mit der groͤſten Pracht, und werden ebenfalls mit groſſen Solennitaͤten eingeholet, undwie183Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. wie ihre Principalen empfangen und tractiret. Sie melden in einem Compliment, daß ihnen gnaͤdig aufgetragen waͤre, im Nahmen Jhrer Hoch-Fuͤrſt - lichen Durchlauchtigkeit das heilige Werck uͤber ſich zu nehmen, den Freund-Fuͤrſtlichen Wunſch abzuſtatten, und von beyderſeits Hoch-Fuͤrſtlichen Durchlauchtigkeiten gegenwaͤrtiges Præſent zu uͤberreichen, mit dem Anſinnen, nicht ſo wohl das Præſent an ihm ſelbſt, ſondern vielmehr die Freund - Vetterliche u. ſ. w. Wohlgewogenheit daraus zu erkennen. Dieſes Compliment wird mit einem Gegen-Compliment erwiedert, darinnen Sie ſo wohl vor die beſchehene Abſchickung, als auch Uber - ſchickung des Hoch-Fuͤrſtlichen Præſents, gehoͤri - gen Danck abſtatten.

§. 25. Die Arten der Eingebinder und Præſen - tes, ſo an die Hoch-Fuͤrſtlichen neugebohrnen Kin - der geſchehen, ſind unterſchiedlich. Bißweilen be - ſtehen ſie in jaͤhrlichen Penſionen. Alſo pflegen die Herren General-Staaten von Holland, gar oͤffters bey dergleichen Occaſionen, jaͤhrliche Pen - ſionen von einigen tauſend Hollaͤndiſchen Guͤlden einzubinden. Zuweilen auch in koſtbaren Schmuck, in Bouquetern von Brillanten, in Silberwerck, in einer groſſen Summe ſehr rarer, oder doch gantz neu-gepraͤgter guͤldenen und ſilbernen Muͤntzen, und andern dergleichen. Uber dieſe Eingebinde pfle - gen auch noch bißweilen andere Præſente auf das Hoch-Fuͤrſtliche Wochen-Bette abgegeben zu werden. Alſo verehrten anno 1716 die Vorder -M 4Oeſter -184I. Theil. XI. Capitul. Oeſterreichiſchen Staͤnde in Brißgau, Arlberg und Schwaben, bey der Geburth des hochſeeligen Ertz - Hertzogs Leopoldi, der Roͤmiſchen Kayſerin einen groſſen goldenen Medaillon von 16 Marck Goldes, zu einem allerunterthaͤnigſten Wiegen-Bande. S. Heræi Gedichte und Inſcriptiones, p. 103.

§. 26. Die Handlung der heiligen Tauffe wird nach den unterſchiedenen Obſervanzen der Hoͤfe, die an einem ieden Ort eingefuͤhret, oder nach den Umſtaͤnden des Kindes, nachdem es ſehr ſchwach, oder friſch und munter iſt, oder nach dem Unter - ſchied der Solennitaͤten, die vorgenommen ſollen werden, entweder auf dem Schloß in einem Ge - mach oder Sahle, oder in der Fuͤrſtlichen Schloß - Capelle celebriret. Unter den Proteſtirenden wird entweder bey der Tauffe, wenn ſie in der Kirche ge - ſchicht, nur ein kurtzer Sermon gehalten, oder eine beſondere Tauf-Predigt abgelegt. Alſo hielte der ſeelige D. Martin Geyer, als damahliger Chur - Saͤchſiſcher Ober-Hof-Prediger, bey der Tauffe des Chur-Printzens, Johann George des IV. eine Tauf-Predigt in der Schloß-Kirche zu Dres - den.

§. 27. Bißweilen geſchicht die Tauffe des A - bends, damit der Luſtre bey den brennenden Wachs-Fackeln deſto groͤſſer ſeyn moͤge. Die Schloß-Capellen werden auf das praͤchtigſte aus - meubliret, und die Cantzeln, Altaͤre und Taufſtein auf das ſchoͤnſte ausgeſchmuͤcket; Man findet al - lenthalben die Hoch-Fuͤrſtlichen Wapen mit derfeinſten185Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. feinſten colorirten Seide, Gold, Silber und Per - len geſtickt und angehefftet. Solten auch ſchon ſonſt die Kirchen, wegen einer ſehr tieffen Landes - Trauer, mit ſchwartzen Tuch umhangen ſeyn, ſo findet man doch alles bey einer ſolchen Feſtivitaͤt in Galla. Uber den Taufſteinen ſiehet man biß - weilen ſehr koſtbahre Baldachine, ingleichen uͤber den Tiſchen, die in den Gemaͤchern ſtatt der Tauf - ſteine dienen, und mit brocatnen Teppichen und Sammet-Kuͤſſen beleget ſind. Bißweilen wer - den wohl gar, nach beſondern Erfindungen der Bildhauer und Tapezierer, gewiſſe Amphitheatra verfertiget, mit Statuen, Colonnaden und Tapiſſe - rien ausgezieret, und gewiſſe Sitze vor die Durch - lauchtigſten Herrſchafften, hohe Abgeſandten, und andere vornehme Anweſende zurecht gemacht, wel - che hernach von den Ceremonien-Meiſtern einen ieden angewieſen werden.

§. 28. Die hohen Tauf-Zeugen verfuͤgen ſich in einer ſolennen Proceſſion an den Ort, wo die Tauffe geſchehen ſoll. Sie werden vorher durch die Hof-Trompeter, Heer-Paucker, Herolde, Hef - Marſchaͤlle, Ceremonien-Meiſter und die ſaͤmt - lichen Cavaliere, die gewoͤhnlicher maßen nach ih - rem Range vor den Hoch-Fuͤrſtlichen Herrſchaff - ten gehen, aufgefuͤhret. Die groͤſten Miniſtri und Officianten des Reiches tragen eines und das an - dere zu dem Tauf-Geraͤth gehoͤriges Stuͤcke, als, bey den Roͤmiſch-Catholiſchen das Saltz, oder das Geſchirr mit dem Chriſma, bey den ProteſtantenM 5aber186I. Theil. XI. Capitul. aber das Tauf-Waſſer, oder Weſter-Hembdgen. Die Printzen werden unter einem praͤchtigen Him - mel von Sammet getragen, und in die ſchoͤnſten Parade-Wiegen gelegt, zuweilen auch in Sammet - Kuͤſſen, die mit goldenen und ſilbernen Frangen ausgezieret, eingewickelt. Nach dem Unterſchied der Diſtancen, werden die Fuͤrſtlichen Kinder ent - weder von den hohen Tauf-Zeugen ſelbſt, oder von den Hoch-Fuͤrſtlichen Miniſtres oder deren Wei - bern, in den Tauf-Sahl, oder in die Kirche getra - gen. An einigen Orten muͤſſen bey dem Tauf - Actu, entweder der gantze Adel, oder doch die vor - nehmſten des Hofes mit erſcheinen. Vor und nach der Tauffe hoͤret man eine vortreffliche Vocal - und Inſtrumental-Muſic, es werden alle Glocken dabey gelaͤutet, und bey Ertheilung des Nahmens gemeiniglich die Canonen abgefeuert; Jn einigen Reichen, als wie in Franckreich, iſt es auch ge - braͤuchlich, daß ein Herold alsdenn ausrufft: Es lebe mein Herr der Dauphin.

§. 29. Die Nahmen werden bey der Tauffe, entweder nach den Hoch-Fuͤrſtlichen Anverwand - ten, oder hohen Tauf-Zeugen ertheilet, und bey den Roͤmiſch-Catholiſchen nach gewiſſen Heiligen, die ſie ins beſondere veneriren, oder denen ſie ein be - ſonder Geluͤbde gethan; bißweilen auch nach den Tagen, an welchen ihre Tauffe einfaͤllt. Ob zwar die Roͤmiſch-Catholiſchen Printzen in der Tauffe bißweilen acht und mehr Nahmen beygelegt be - kommen, ſo pflegen ſie ſich doch mehrentheils nurdes187Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. des erſten Nahmens zu bedienen, als welches der Haupt-Nahme iſt.

§. 30. Manchmahl giebt ein beſonderer Umſtand Gelegenheit, daß die Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern ih - rem Kinde einen gewiſſen Nahmen zulegen, der ſonſt in der Hoch-Fuͤrſtlichen Familie gantz und gar nicht gewoͤhnlich iſt. Man hat wahrgenom - men, als Kayſer Leopold a. 1615 den 19 Martii alle ſeine Reiche und Laͤnder dem heiligen Joſeph, Chriſti Pfleg-Vater, gewidmet, er zugleich die erſte Bitte an dieſen Heiligen aus dem I. Buch Moſis am XXX Capitul v. 1. mit den Worten: Da mihi liberos, Schaffe mir Kinder, gethan, dieſes die Haupt-Urſache geweſen ſeyn ſoll, warum der Kay - ſer dieſem ſeinen erſtgebohrnen Printzen den Nah - men Joſeph vornemlich beylegen laſſen, als welcher ſonſt, ſo wohl in den Oeſterreichiſchen als andern Durchlauchtigen Haͤuſern, nicht ſo gar oͤffters ge - brauchet worden. S. Leben des Kayſers Leopol - di p. 293.

§. 31. Aus der Hiſtorie iſt bekandt, daß manche Nahmen dieſem oder jenem Koͤniglichen oder Fuͤrſt - lichen Hauſe fatal oder gluͤcklich geweſen. Alſo fuͤrchten ſich die Koͤnige in Franckreich vor den Nahmen Henrich, weil alle Franzoͤſiſche Koͤnige, ſo dieſen Nahmen gefuͤhret, keines natuͤrlichen To - des geſtorben. S. M. Stenders Diſſertation de nomine Henrici Regibus Galliæ infauſto. Hin - gegen iſt eine bekandte und gewiſſe Anmerckung der Scribenten, daß der Nahme Friedrich dem Durch -lauch -188I. Theil. XI. Capitul. lauchtigſten Chur-Fuͤrſtlichen Brandenburgiſchen Hauſe iederzeit Gluͤck angezeiget, maßen alle gluͤck - liche Veraͤnderungen in dieſem Hauſe durch Fuͤr - ſten geſchehen, ſo den Nahmen Friedrich gefuͤhret. Die Gefuͤrſtete und maͤchtige Burggrafſchafft Nuͤrnberg, welche dem alten Stamm des Hauſes Hohen-Zollern den erſten Grundſtein zum kuͤnff - tigen Wachsthum gelegt, war von einem Friedrich erworben. Die Chur-Wuͤrde der Marggraff - ſchafft Brandenburg konte nicht eher ihren beſtaͤn - digen Sitz erhalten, biß GOtt einen Friedrich er - weckte, der ſelbige auf ewige Zeiten ſeinem Ge - ſchlecht einverleiben konte. Ein Friedrich ſatzte ſich die Preußiſche Crone auf. S. des Herrn Ge - heimbden Rath Ludwigs Cron-wuͤrdigen Preußi - ſchen Adler.

§. 32. Jſt die Tauf-Handlung geendiget, ſo ge - het der ſaͤmtliche Comitat auf eben die Art aus der Kirche, oder aus dem Sahl wieder zuruͤck, als ſie hinein gegangen. Die Hof-Marſchalle oder Ce - remonien-Meiſter, fuͤhren nach den Obſervanzen eines ieden Hofes, die Tauf-Zeugen, oder andere frembde Miniſtres und Deputirte, zur Fuͤrſtlichen Herrſchafft, um die Felicitations-Complimens abzuſtatten. Es wird bißweilen im Nahmen der Durchlauchtigſten Herrſchafft von einem vorneh - men Cavalier nach der Einſeegnung eine ſolenne Rede abgelegt, und darinnen Danck abgeſtattet, daß die ſaͤmtlichen Gevattern entweder in Perſon erſchienen, oder durch anſehnliche Abgeordnete derChriſt -189Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. Chriſtlichen Einſeegnung beywohnen, dem jungen Printzen GOttes Gnade und Seegen und alle Gluͤckſeligkeit anwuͤnſchen, koſtbare Præſente uͤber - reichen, und ſich zu fernerer Freund - und Dienſt - willigkeit anerbiethen wollen.

§. 33. Nachgehends geſchicht unter Trompe - ten - und Paucken-Schall die Einladung zur Ta - fel, die auf das magnifiqueſte angerichtet wird, und es wird nicht allein dieſer Tauf-Tag, ſondern auch noch viel folgende Tage / die zur Celebration dieſer Feſtivitaͤten beſtimmet ſind, bey Hofe und in der gantzen Reſidentz mit mancherley Freuden-Bezeu - gungen, mit Feuerwercken, Illuminationen, muſi - caliſchen Concerten, Ballettern, Banquetern, Co - mœdien, Opern, und andern dergleichen zuge - bracht.

§. 34. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen geſche - hen die Tauffen von einem Cardinal und Ertz-Bi - ſchoff, dem noch zwey andere Biſchoͤffe in pontifi - calibus beyſtehen, bißweilen auch von einem Paͤbſt - lichen Nuntio. Die Cleriſey kommt den hohen Tauf-Zeugen mit brennenden weiſſen Wachs - Kertzen unter Trompeten - und Paucken-Schall entgegen, und ertheilet ihnen die Benedictionen; Nach geendigter Tauffe wird hohe Meſſe gehal - ten, und unter ſolcher das Te Deum laudamus bey Paucken - und Trompeten-Schall, unter vortreff - licher Muſic, abgeſungen.

§. 35. Es pflegen auch bey ihnen einige Tropf - fen von dem Waſſer aus dem Fluß Jordan unterdas190I. Theil. XI. Capitul. das Tauf-Waſſer mit gemiſcht, und mancherley Reliquien, entweder von unſerm Heyland oder von der Jungfrau Maria, auf das Tauf-Tiſchgen mit geſetzt zu werden, wie aus folgender Beſchreibung zu erſehen, wie es bey der Tauffe des Ertz-Hertzogs Leopoldi gehalten worden: Bey dieſer Tauffe ward in der Ritter-Stube ein Baldachin von gol - denem Stuͤck aufgeſtellt, und darunter ein Altar aufgerichtet. Auf dieſen ſetzte man ein groß ſilbern Crucifix mit 6 dergleichen koſtbahren Leuchtern, ingleichen das groſſe Kayſerliche Tauf-Becken, nebſt noch einem kleinen, ſo alle von purem Gold, auch mit koſtbaren Steinen beſetzt, und darinnen das Tauf-Waſſer geweſen, in welches man fuͤnf Tropffen von dem Waſſer aus dem Fluß Jordan, darinnen weyland der Heyland der Welt von Jo - hanne dem Taͤuffer getaufft worden, hinein gethan, wie auch verſchiedene koſtbare Reliquien, als das heilige Blut, ein Nagel damit unſer Heyland ans Creutz genagelt worden, ein Dorn von der Crone Chriſti, von unſer lieben Frauen etwas Milch, wel - ches alles aus der Regierenden Kayſerin Schlaf - Zimmer in iedesmahliger Begleitung zwey Kay - ſerlicher Trabanten abgeholet, auch nach der heili - gen Tauffe wieder dahin getragen worden. S. Elect. Jur. Publ. Tom. IX. p. 15.

§. 36. Sind die Tauf-Solennitaͤten einmahl geendiget, und die Hoch-Fuͤrſtlichen Tauf-Zeugen durch ihre abgeordneten Miniſtres erſchienen, ſo laſſen die Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern an die frembdeHerr -191Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. Herrſchafft, die ſie dazu invitirt, ein Schreiben ab - gehen, welches ſie dem abgeordneten Miniſtre mit - geben. Sie vermelden darinnen, daß Jhrer Lieb - den Abgeſandter und Geheimbder Rath, ſich zu der, von Jhnen angeſtellten Chriſtlichen Tauf - Handlung zurecht eingefunden, dasjenige, ſo Jhre Liebden ihm mit aufgegeben, bey Jhnen muͤndlich verrichtet, Dero Fuͤrſtliche Stelle bey dem heiligen Tauf-Actu, und den anhaͤngigen Solennitaͤten vertreten, und ſonſt alles, was ſich hierzu geeignet, wohl verrichtet. Sie dancken, daß ſie nicht allein den aufgetragenen Gevatter-Stand willig und ger - ne an - und aufgenommen, und das Chriſtliche Werck durch einen eigenen Abgeſandten verrichten laſſen, ſondern auch den neugebohrnen Printzen ſo reichlich beſchencken wollen.

§. 37. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen werden die Tauf-Ceremonien, wenn die Kinder ein ſechs oder acht Jahr alt ſind, wiederholet. Die von der Cleriſey, nehmen alsdenn den Exorciſmum vor, weyhen das Saltz, thun es dem Printzen oder der Princeßin in Mund, entbloͤſſen ihm das Haupt und die Schultern, die Biſchoͤffe ſalben ſie mit dem hei - ligen Oehle der Catechumenorum, und befragen ſie, ob ſie dem Teuffel, und allen ſeinen Wercken, und allen ſeinem Weſen entſagten, und ſie muͤſſen die uͤbrigen Glaubens Fragen, die an ſie nach dem Rituali ergehen, ſelbſt beantworten. Hierauf de - clariren ſie Dieſelben vor diejenigen, die dem Schooß der Chriſtlichen Kirche einverleibet waͤren,und192I. Theil. XI. Capitul. und bethen nachgehends mit ihnen das Apoſtoliſche Symbolum und Gebeth des HErrn. Die Tauffe mit Waſſer aber bleibet auſſen.

§. 38. Wenn die Durchlauchtigſte Woͤchne - rin ihre Wochen geendiget, ſo wird ein ſolenner Kirchgang gehalten, bey welchem unter den Roͤ - miſch-Catholiſchen noch viel mehr Solennitaͤten ob - ſerviret werden, als unter den Proteſtirenden. Es wird aus dem Schloß biß in die Schloß-Capelle oder andere Kirche eine groſſe Proceſſion von der gantzen Hofſtatt gehalten. Die Straſſen oder die Gaͤnge zur Kirchen werden mit Tapeten, Gemaͤhl - den, Ehren-Pforten und dergleichen, auf das ſchoͤn - ſte geſchmuͤckt, die Garden muͤſſen allenthalben biß an die Kirch-Thuͤren und den hohen Altar paradi - ren. Die Heyducken, Laquais und Pagen wer - den von den Cammer-Fouriers aufgefuͤhrt, auf die - ſe folgen die Cammer-Junckern, Cammer-Herren und andere Hof - und Staats-Miniſtri nach ihrer Ancienneté, auf dieſe die Durchlauchtigſte Woͤch - nerin, welche entweder von ihrem Gemahl, oder ei - nem andern Hoch-Fuͤrſtlichen Anverwandten, oder einem groſſen Miniſter, gefuͤhret wird, und mit der reichſten Kleidung angethan, das Kind wird von einem vornehmen Frauenzimmer auf einem ſam - metenen mit Gold und Silber ausgeſtickten Kuͤſ - ſen in die Kirche getragen. Die Schloß-Capellen werden auf das propreſte ausgeſchmuͤckt, die Geiſt - lichkeit kommt ihnen unter Trompeten - und Pau - cken-Schall, und mit weiſſen Wachs-Kertzen inHaͤnden193Von Geburth u. Tauffe Fuͤrſtl. Kinder. Haͤnden haltend, entgegen; die Durchlauchtigſte Woͤchnerin naͤhert ſich mit ihrem Kinde dem hohen Altar, ſie kniet davor nieder, bekommt eine geweyhe - te weiſſe brennende Wachs-Kertze in die Hand, und erhaͤlt von dem Paͤbſtlichen Nuntio, einem Cardinal oder Ertz-Biſchoff, der in Pontifical-Ha - bit angethan, und deme 2. Prælaten aſſiſtiren, den Seegen. Der Cardinal oder Biſchoff leget den Printz oder die Printzeßin auf den Altar, und laſſen ſie ſo lange liegen, biß die gewoͤhnlichen Gebethe verrichtet worden, alsdenn giebt er das Kind der Woͤchnerin wieder zuruͤck, nachdem er ihm die Be - nediction mitgetheilet. Hierauf wird oͤffentlicher Gottesdienſt, und eine ſolenne Meſſe gehalten, und das Te Deum laudamus unter Trompeten - und Paucken-Schall, auch wohl unter Abfeuerung der Canonen abgeſungen; es wird auf dem hohen Al - tar viel Geld geopffert, und einem gewiſſen Heili - gen zu Ehren, uͤber die allgemeine, die an die Heilige Dreyfaltigkeit geſchicht, auch noch eine beſondere Danckſagung abgeſtattet. Die Proceſſion gehet auf eben die Weiſe, wie ſie in die Kirche gegangen, aus derſelben wieder zuruͤck; die Herrſchafft be - kommt von ihren Miniſtris und fremden Geſand - ten die Gratulationen; es iſt denſelben Tag bey Hofe Galla und ſolenne oͤffentliche Tafel, und auf den Abend ſiehet man mancherley Freuden-Feuer, Illuminationen und andere Luſtbarkeiten, die auch wohl zuweilen einige Tage continuiren.

NDas194I. Theil. XII. Capitul.

Das XII. Capitul. Von Auferziehung der Fuͤrſt - lichen Printzen.

§. 1.

Gleichwie nicht allein den Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern und hohen Anverwandten eines Hoch-Fuͤrſtlichen Hauſes, ſondern auch allen Unterthanen eines Landes und den benachbarten Provintzien ſelbſt, aus dem Bezeu - gen eines Regentens ein beſonder Intereſſe zu - waͤchſt, alſo haben iederzeit weiſe und vor das Heyl ihrer Unterthanen bemuͤhete Souverains, nebſt ih - ren vertrauten Miniſtres und Cooperation der Reichs - und Land-Staͤnde, ihre vornehmſte Sorg - falt dahin gerichtet / daß die kuͤnfftigen Nachfolger in Reichen und Fuͤrſtenthuͤmern, in den Jahren ihrer Jugend zu allen guten und einem vollkom - menen Regenten nuͤtzlichen Qualitaͤten erzogen werden moͤchten.

§. 2. Anno 1703. lieſſen der erſte Rußiſche Kay - ſer, Petrus I., eine wohlausgearbeitete Inſtruction publiciren, wornach ſich diejenigen zu richten haͤt - ten, welchen die Information von Seiner Hoheit dem Czaariſchen Printzen anvertrauet werden ſol - te. Es iſt darinnen enthalten, wie er zur Gottes - furcht anzufuͤhren, wie ihm eine Liebe zur Tugend,und195Von Auferziehung der Fuͤrſtl. Printzen. und ein Haß gegen die Laſter beyzubringen, wie des Printzens Hofſtatt zu reguliren, wie die Me - thode der Information beſchaffen ſeyn ſoll, wie die auslaͤndiſchen Sprachen mit ihm vorzunehmen, wie die Hiſtorie, die Geographie, die Politica nebſt den Exercitiis, Jure Civili und Studiis Mathema - ticis mit ihm zu tractiren. S. Thucelii Acta Publi - ca, Tom. II. p. 872.

§. 3. Jn der Koͤniglich-Schwediſchen a. 1719 zu Stockholm zum oͤffentlichen Vorſchein gekom - menen neuen Regiments-Forme, iſt § 3 enthalten, daß den Staͤnden Macht zukommen ſoll, mit Jh - rer Koͤniglichen Majeſtaͤt gnaͤdigſtem Belieben, geſchickte Perſonen zu ernennen und zu verordnen, ſelbige auch mit gehoͤrigem Unterricht zu verſorgen, zu anſtaͤndiger Erzieh - und Unterweiſung der Koͤ - niglichen Kinder in der reinen Lutheriſchen Lehre, und allen Koͤniglichen Tugenden, Sitten und Wiſ - ſenſchafften, als dem Grunde eines kuͤnfftigen or - dentlichen und verſtaͤndigen Regiments. Zu dem Ende muͤſſen auch diejenigen Perſonen, welchen dieſe hohe Angelegenheit zu rechtſchaffener eifriger Beſorgung anvertrauet wird, den Reichs-Staͤu - den Rede und Antwort geben, ob durch ihre Nach - laͤßigkeit und Verhaͤngniß etwas moͤchte zu Schul - den kommen; wie denn auch die Reichs-Staͤnde Macht haͤtten, wann es noͤthig befunden wuͤrde, mit ihnen Wechſel und Veraͤnderung zu treffen.

§. 4. Daß die Fuͤrſtliche Auferziehung der Prin - tzen nicht allezeit ſo beſorget wird, wie es wohl bil -N 2lich196I. Theil. XII. Capitul. lich ſeyn ſolte, haben einige groſſe Herren ſelbſt er - kandt. Fuͤrſt Johann Ludwig zu Anhalt erinnerte einſtens bey einer gewiſſen Gelegenheit gar beweg - lich, daß bey Auferziehung der Fuͤrſtlichen Kinder nicht allemahl der Fleiß angewendet wuͤrde, wie es von GOtt - und Rechts wegen ſeyn ſolte, und die Fuͤrſten in dieſem Stuͤck weit ungluͤcklicher als Pri - vati waͤren, auch wohl bißweilen ein Arcanum Po - liticum einiger Miniſtrorum darunter verborgen laͤge, es zu verhindern, damit Fuͤrſtliche Perſonen nicht kluͤger wuͤrden als ſie. S. Beckmans Hiſto - rie des Fuͤrſtenthums Anhalt V. Theil p. 446.

§. 5. Die Durchlauchtigſten Eltern laſſen ge - meiniglich ihre Printzen, zumahl die Erb-Printzen, nach der Weiſe erziehen, die ihren Neigungen ge - maͤß iſt. Sind ſie Liebhaber der Wiſſenſchaff - ten und Gelehrſamkeit, ſo muͤſſen ſich ihre Printzen, von ihrer erſten Jugend an, auf Studia appliciren, und zwar auf ſolche, die mit der Staats-Wiſſen - ſchafft einige Verbindung und Verwandtſchafft haben; Sind ſie dem Kriegs - und Militair-Weſen ergeben, ſo muͤſſen ſie bey Zeiten das Muſtern der Regimenter, das Commandiren, Exerciren, und was nur zum Kriegs-Metier gehoͤret, begreiffen ler - nen. Finden die Durchlauchtigſten Vaͤter vor andern Freude an der Jagt, ſo werden die Printzen mehr zur Jaͤgerey, als zu etwas anders erzogen. Bißweilen geſchiehet es, daß ſie ihren Printzen eine andere Education geſtatten, als ſie ehedeſſen ſelbſt gehabt, oder als ihrem eigenen Temperament ge -maͤß;197Von Auferziehung der Fuͤrſtl. Printzen. maͤß; theils, weil ſie an ſich gewahr werden, daß ih - nen bey ihrer Auferziehung eines und das andere er - mangelt, und ſie ihre Printzen zu einem hoͤhern Grad der Vollkommenheit bringen wollen; theils auch weil ſie ſpuͤhren, daß ihre Printzen von einem gantz andern Naturell, und ſie alſo ihre Neigungen nicht beherrſchen noch uͤbermeiſtern koͤnnen.

§. 6. Es iſt ſehr wohl gethan, wenn es die Hoch - Fuͤrſtlichen Eltern nicht allein auf die Sorgfalt ih - rer Informatorum und Hofmeiſter ankommen laſ - ſen, ſondern ſich ſelbſt angelegen ſeyn laſſen die Auf - erziehung ihrer Fuͤrſtlichen Jugend zu beſorgen, und deren Ober-Aufſeher zu ſeyn, ſie auch von Kindes - Beinen an zu aller Furcht, Ehrerbietung und Ge - horſam gegen ſie anhalten. Bey dem Roͤmiſchen Koͤnig Joſepho war die Auferziehung wegen der Aufſicht der Kayſerlichen Frau Mutter ſo ſcharff, daß, als die Kayſerin noch damit fortfuhr, da Joſe - phus ſchon zu Augſpurg zum Roͤmiſchen Koͤnig ge - croͤnet worden, der Printz einmahl ungedultig dar - uͤber werden wolte, und ſagte, es ſchickte ſich dieſes Tractament keinesweges vor ein zum andern mahl gecroͤntes Haupt. S. des curieuſen Buͤcher-Ca - binets VI. Eingang p. 878.

§. 7. Weil einige groſſe Herren wohl wiſſen, daß ihren Kindern von der Wiege an, das Hoch-Fuͤrſt - liche Weſen mehr als zu ſehr im Kopff ſtecket, ſo wollen ſie durchaus nicht haben, daß ihre Printzen vor der Zeit ihren Hoch-Fuͤrſtlichen Stand auf eine ſolche Weiſe ſollen kennen lernen, dadurch ſieN 3zu198I. Theil. XII. Capitul. zu einem eitlen Ehrgeitz, und zu einer uͤbermaͤßigen Verachtung derer andern verleitet werden; ſie ver - biethen auch daher ihren Hofmeiſtern, Exercitien - Meiſtern, Informatoribus u. ſ. w. auf das ſchaͤrff - ſte, daß ſie dieſelben nicht Gnaͤdiger Herr, oder Jhre Durchlauchtigkeit, ſondern nur Printz Wil - helm, Printz Auguſt u. ſ. w. nennen ſollen. An manchen Hoͤfen hingegen iſt es eingefuͤhrt, die klein - ſten Printzen, noch ehe ſie das zehende Jahr zuruͤck gelegt, mit den Titulaturen eines Gnaͤdigen Herrn, Jhrer Gnaden, und Jhrer Durchlauchtigkeit, be - ehret werden.

§. 8. Jn Anſehung der Beſtrafungen und Zuͤch - tigungen der Printzen, ſind die Gebraͤuche der Hoͤfe ebenfalls unterſchieden. Bißweilen bekommen die Informatores oder die Gouverneurs Erlaub - niß, den kleinen Printzen, wenn ſie es verdienen, ei - nige real Correction zu geben, zuweilen aber auch nicht / ſondern muͤſſen es bey dergleichen Faͤllen entweder an die Ober-Gouverneurs oder an die Durchlauchtigſten Eltern ſelbſt gelangen laſſen. Als der Informator des Roͤmiſchen Kayſers Leo - poldi ihn als damahligen kleinen Ertz-Hertzog mit der Ruthe ſtrafen wolte, riß er ihn dieſelbe aus der Hand, und uͤberreichte ſie dem Kayſer mit die - ſen Worten: Niemand in der Welt hat auſſer Eurer Kayſerlichen Majeſtaͤt die Macht, einen Ertz-Hertzog von Oeſterreich abzuſtrafen. S. das Leben des Kayſers Leopoldi p. 27.

§. 9. An einem Hofmeiſter, der verſtaͤndig,Gottes -199Von Auferziehung der Fuͤrſtl. Printzen. Gottesfuͤrchtig, aufrichtig, und in weltlichen Sa - chen wohl erfahren, welcher ſeines unſtraͤflichen Le - bens und Wandels halber ein gut Geruͤchte und Zeugniß hat, iſt viel gelegen, und daher wohl zu rathen, daß ein Fuͤrſt an einen ſolchen Mann kei - ne Koſten noch Beſoldung ſpahren oder ſich dauren laſſe, und wofern ein Fuͤrſt einen ſolchen Mann in ſeinem Lande nicht haben ſolte, muß er ihn anders - woher fordern und hohlen laſſen, weil auf die Er - ziehung und Unterweiſung junger Herren ſehr viel ankommt, damit ein Herr in guten Sitten, Tu - genden und Kuͤnſten wohl unterrichtet werde. S. Loͤhneyſen Hof-Staat und Regier-Kunſt VI Cap. pag. 5.

§. 10. Folgende Inſtruction ſo der von uns itzt allegirte Staats-Miniſter in der angezogenen Schrifft und deſſen VII Capitul vortraͤgt, iſt gar wohl gegruͤndet: Der Hofmeiſter ſoll auf ſeinen jungen Herrn, der ihn auf ſeine Eyd und Pflicht anvertraut und befohlen, fleißige Aufſicht haben, und nach ſeinem hoͤchſten Vermoͤgen und ver - ſtand ihn zu aller Gottesfurcht und Fuͤrſtlichen Tugenden erziehen, und von allen Untugenden und Leichtfertigkeiten abhalten, 2) des Morgens ſo zeitlich bey Hofe ſeyn, biß ſich der junge Herr an - gekleidet, ſeine Haͤnde gewaſchen, und ſein Ge - beth zu GOtt gethan, und dem Informatori uͤber - geben, 3) des Abends auch ſo lange bey ihm ſeyn und bleiben biß er gebethet, und ſich zu Bette ge - legt, 4) wenn er ſiehet daß der Herr Mangel hat, N 4 oder200I. Theil. XII. Capitul. oder etwas bedarff bey Zeiten dem Herrn Vater oder ſeine Frau Mutter anzeigen, damit ſolches gewendet werde, 5) ihn mit Ernſt anhalten, daß er ſich nicht wiederſpenſtig gegen ſeine Herren Præceptores, oder Exercitien-Meiſter erweiſe, 6) ihn nirgends hingehen oder hinreiten laſſen, er ſey denn bey ihm und was er thut, ſoll er mit Vor - bewuſt des Hofmeiſters thun, 7) niemand geſtat - ten, zu dem jungen Herrn ins Gemach zu gehen, es waͤren denn etzliche von Raͤthen oder andern vornehmen Leuten, auch das Geſinde, Pagen und andre Leute, die ihn mancherley boͤſe Sentimens beybringen koͤnten, nicht in das Gemach laſſen, uͤber die Pagen und alles andre Geſinde ſo einen jungen Herrn zugeordnet, zu gebiethen haben, und ſie nach ſeinem Geheiß und Befehl richten, 9) die Cavaliers, die Pagen u. ſ. w. die um ihn ſind, fleiſ - ſig vermahnen, daß ſie ſich in ihrer Aufwartung dienſtgewaͤrtig und emſig erweiſen, auch des uͤber - fluͤßigen Truncks enthalten, in Betrachtung, daß ihnen kein geringes anvertraut, und mit trunckenen Leuten weder in Feuers-Gefahr, Aufruhr, oder andern vorfallenden Sachen etwas zu beſtellen noch zu verrichten, 10) Aufſicht haben, daß kein Gelack oder Zeche in des jungen Herrn Gemach gehalten werde, vielweniger geſtatten, daß ein jun - ger Herr ſich mit dem Trunck uͤberlade, 11) wenn er aus ſeinem Hoflager verreiſet, des Nachts bey ihn in der Cammer in ſeinem Gemach bleiben, und fleißig aufſehen, daß er nicht von iedermannaller -201Von Auferziehung der Fuͤrſtl. Printzen. allerley Eſſen und Trincken nehme, 12) daß er fleißig und zeitig in die Kirche gehe, 13) daß ſein junger Herr des Morgens und Abends zu rechter Zeit eſſe, 14) alle Mahlzeiten mit zur Tafelſitzen, damit er auf ſein Eſſen und auf ſeine Geberden ach - tung geben koͤnne, und im Fall er ſich unhoͤflich verhielte, ihn darum beſtrafen, 15) daran ſeyn, daß der junge Herr in Kleidung, Waͤſche, und Equipage reinlich und ſauber gehalten werde, und 16) acht haben, daß der junge Herr weder durch Gewehr, noch ſonſt auf andre Weiſe eini - gen Schaden nehmen moͤge.

§. 11. Wenn ein vornehmer Cavalier an ei - nem groſſen Hofe einem jungen Herrn zum Hof - meiſter vorgeſtellt wird, ſo pflegt ihm, in Beyſeyn des Durchlauchtigſten Herrn Vaters, und in deſ - ſen Nahmen, der junge Printz in einer ſolennen Rede, die ein groſſer Miniſtre ablegt, uͤbergeben und an ihn gewieſen zu werden. Es wird ſon - derlich darinnen vorgeſtellt, daß Sie zu Dero Hertz-geliebten Sohnes Durchlauchtigkeit das vaͤ - terliche gnaͤdige Vertrauen haben, dieſelben auch dahin anweiſen, daß Sie dieſen ihren vorgeſetzten Gouverneur, ſo lange ſie unter deſſen Erziehung ſtehen, in allen gleichwie ihnen ſelber gehorchen und folgen ſollen; Sie wollen auch, daß der Herr Hofmeiſter in allen wichtigen Vorfallenheiten ſeine Zuflucht zu ihnen nehmen, und ſich alles benoͤ - thigten Beyſtandes und Schutzes verſichert hal - ten ſolle. Der Hofmeiſter haͤlt wieder eine RedeN 5dage -202I. Theil. XII. Capitul. dagegen, und verſichert, alles beſtmoͤglichſt in Ob - acht zu nehmen. Es geſchicht auch wohl, daß der Hoch-Fuͤrſtliche Herr Vater oder Frau Mutter noch uͤber dieſes in einer beſondern Rede ſo wohl dem Printzen als dem Hofmeiſter zu Beobachtung ihrer Pflichten anmahnen.

§. 14. Es werden bißweilen zwey Hofmeiſter geſetzt, als ein Unter-Hofmeiſter und ein Ober - Gouverneur, und erwehlet man hierzu geſchickte und erfahrne Welt - und Staats-Leute; inſonder - heit ſucht man zum Ober-Gouverneur einen ſol - chen Miniſtre aus, der ein homme de lettres, und zugleich ein guter Hof - und Staats-Mann, oder ein braver Soldate. Sie bekommen beyde von den Durchlauchtigſten Eltern ihre Inſtructiones. Der Ober-Gouverneur hat die General-Aufſicht uͤber den Printzen und ſeine gantze Hofſtatt, von ihm dependirt der Unter-Hofmeiſter, er regulirt die gantze Auferziehung; es muß ihm alles, was den Printzen und ſeinen Hof angehet, hinterbracht werden, iedoch hat er nicht noͤthig, um die Perſon des Printzen ſtets zu ſeyn, ſondern dieſes kommt mehr dem Unter-Hofmeiſter zu.

§. 13. Uber dieſe Hofmeiſter werden die Prin - tzen einem Informatori oder Lehrmeiſter zur Infor - mation uͤbergeben, der ihnen die Grundſaͤtze der Religion, die Lateiniſche Sprache und andere Wiſ - ſenſchafften beybringen muß. Die Informatores werden auch bißweilen abgetheilt in Ober-Infor - matores und Unter-Informatores. An einigenHoͤfen203Von Auferziehung der Fuͤrſtl. Printzen. Hoͤfen haben unterſchiedne Printzen zuſammen nur einen Informatorem, an andern aber wird einem ieden Printzen ſein beſondrer Informator gehalten, ohne die Fechtmeiſter, Ballmeiſter, Tantzmeiſter, Sprachmeiſter, Zeichenmeiſter, maitres de Mathe - matique u. ſ. w.

§. 14. An den Teutſchen Fuͤrſtlichen Hoͤfen werden zu Informatoribus bißweilen Studioſi Theologiæ angenommen, die ſie auch manch - mahl zu Interims-Hof-Predigern, oder auch zu Vorbethern bey den Abend - und Fruͤh-Stunden fuͤglich mit gebrauchen; meiſtentheils aber Juriſten, oder ſo genannte Politici, die gemeiniglich in dem was zu den Staats-Wiſſenſchafften gehoͤrig, er - fahrner als die andern. Bey den Roͤmiſch-Ca - tholiſchen Hoͤfen laſſen ſich die Herren Jeſuiten an - gelegen ſeyn, daß ſie an der Information der Prin - tzen Antheil bekommen. Einige verwundern ſich, daß der Roͤmiſche Kayſer Leopoldus, da er doch die Jeſuiten ſo gar ſehr geliebet, dem Ertz-Hertzog und nachmahligen Kayſer Joſeph, in Religions - Sachen keinen Jeſuiten anvertrauet, ſondern einem Prieſter der keinen Orden hatte, nehmlich dem nachmahligen Biſchoff zu Wien, Rummel. S. den VI. Eingang des curieuſen Buͤcher-Cabinets pag. 878.

§. 15. Der Hertzog von Beauvilliers befahl als Ober-Hofmeiſter der Hertzoge von Anjou, Bour - gogne und Berry, deren Informatoribus an, ſie ſolten die Printzen mehr in Tugenden als Wiſſen -ſchaff -204I. Theil. XII. Capitul. ſchafften unterrichten. S. den XVI. Eingang des Buͤcher-Cabinets p. 8. Ob nun zwar eine ſolche Gelehrſamkeit, die nur auf eine hiſtoriſche Erkennt - niß mancherley Meynungen, auf unnuͤtze Subtilit - ten, auf ein leeres Woͤrter-kennen, und auf das bloſſe Gedaͤchtniß-Werck ankommt, einen groſſen Herrn im geringſten nicht anſtaͤndig, ſo gereicht es doch einem Landes-Herrn zu beſondern Nutzen, ei - genem Vergnuͤgen und groſſer Hochachtung, die er ſich bey den Auslaͤndern, bey ſeinen eigenen Die - nern und Unterthanen erwecket, wenn er aus man - cherley Wiſſenſchafften ſich diejenigen Lehrſaͤtze, die in die Staats-Wiſſenſchafft einen Einfluß ha - ben, bekandt gemacht, und inſonderheit diejenigen Wiſſenſchafften, die mit der Regier-Kunſt noth - wendig verbunden ſeyn muͤſſen, gruͤndlich ſtudiret. Es iſt Land und Leuten ſo wohl daran gelegen, wenn ein Landes-Herr verſtaͤndig und weiſe als fromm und tugendhafft iſt.

§. 16. Nachdem nun viel Regenten der alten und neuen Zeiten dieſes zur Gnuͤge erkandt, ſo ha - ben ſie auch ihre Printzen in ihrer zarten Jugend zu mancherley Studiis u. Wiſſenſchafften anhalten laſ - ſen. Als einige Hofleute den theuren Churfuͤrſten zu Sachſen, Johannem dem Beſtaͤndigen vermahn - ten, er ſolte aus ſeinen Soͤhnen keine Studenten und Schreiber machen, ſondern ſie zur Jagt und ritterlichen Ubungen anfuͤhren laſſen; ſo antwor - tete er ihnen: es lernet ſich ſo wohl von ſelbſt, wie man zwey Beine uͤber ein Pferd haͤngen, des Fein -des205Von Auferziehung der Fuͤrſtl. Printzen. des und der wilden Thiere ſich erwehren, oder einen Haaſen fangen ſoll; aber wie man gottſelig leben, chriſtlich regieren, auch Land und Leuten loͤblich vor - ſtehen ſoll, darzu beduͤrffen ich und meine Soͤhne gelehrte Leute, gute Buͤcher, nebſt GOttes Geiſt und Gnade. S. Rudolph. Goth. Diplomat. I. Theil p. 42. Er ließ ſeine Printzen ſehr wohl auferziehen. Hertzog Johann Friedrichen uͤber - gab er dem Spalatino zur Unterweiſung, und Her - tzog Johann Ernſten, Lucas Edenbergern; er hat - te eine ſonderbahre Freude, wenn er von deren Profectibus hoͤrete. Der junge Hertzog Johann Ernſt hatte ihm einſtens einen Lateiniſchen Brief geſchrieben, dem zeigte er Luthero mit groſſen Freu - den, und ſprach: Mein Sohn Hanß Ernſt hat mich in dieſem Brief gebethen, ich ſoll ihm einen Hirſch ſchencken, ich habe ihm ſelbſt einen geſchoſ - ſen, und geſchickt; ich will, daß er in ſeiner Jugend fleißig ſtudire, hernach wird er auch ſchon reiten ler - nen. S. aus Roſini Vita Johannis Conſtantis, Hauſens Glorioſa Electorum Saxoniæ buſta. pag. 78.

§. 17. Es ſcheinet faſt, daß die Lateiniſche Spra - che in den vorigen Zeiten beliebter geweſen, als ſie heutiges Tages an manchem Hofe zu ſeyn pflegt. An. 1642 den 28 May legte Hertzog Johann Frie - drich II und Mittlere zu Sachſen im 13. Jahr ſei - nes Alters auf dem Schloß zu Torgau in der ſo genannten Stein-Stube, in Beyſeyn ſeines Herrn Vaters und Herrn Vetters Churfuͤrſtens JohannFrie -206I. Theil. XII. Capitul. Friedrichs, und Hertzogs Johann Ernſtens zu Sachſen, wie auch anderer Fuͤrſtlichen Perſonen eine zierliche Oration in Lateiniſcher Sprache vom Amte eines frommen Fuͤrſten; ingleichen den 5. Julii dieſes Jahres Hertzog Johann Wilhelm im 12. Jahr ſeines Alters, und in Gegenwart einiger Fuͤrſtlichen und andrer gelehrten Perſonen zu Tor - gau auf dem Fuͤrſtlichen Schloß eine Oration vom Ritter Sanct Georgen ab. S. Müll. Annal. Sa - xon. p. 98. Nicht weniger perorirte Printz Wil - helm Ludwig zu Anhalt An. 1653. auf dem Gy - mnaſio zu Zerbſt in dem XV. Jahre ſeines Alters in Lateiniſcher Sprache de cura & cuſtodia ſcho - larum bey damahliger Einweyhung des neuen Rectoris, mit dem groͤſten Applauſu. Dieſe Ora - tion iſt noch in Druck zu haben.

§. 18. Damit nun die Durchlauchtigſten Vaͤ - ter, und andere hohe Anverwandten erfahren moͤ - gen, was vor profectus ihre Printzen von Zeit zu Zeit erlangt, ſo laſſen ſie bißweilen in Beyſeyn unterſchiedner hohen Standes-Perſonen, fremden Miniſtris und gelehrten Leute, ein ſolenn examen mit ihnen vornehmen, wovon man in der alten und neuen Hiſtorie unterſchiedene Exempel antrifft. Der Hochtheuerſte Hertzog zu Sachſen-Gotha Erneſtus der Gottſelige, ließ ſeine Printzen von Zeit zu Zeit durch ſeine Raͤthe examiniren, ob ſie in den Studiis Progreſſen gemacht; Er ſchrieb ſeinen Printzen ſelbſt gewiſſe Inſtructionen vor, und ver - ordnete auf das ſchaͤrffſte, daß ſie derſelben nach -gehen207Von Auferziehung der Fuͤrſtl. Printzen. gehen ſolten. Jhro Hoch-Fuͤrſtliche Durchlauch - tigkeit der itzo regierende Hertzog zu Hollſtein Got - torf wurden in Gegenwart des gantzen Hofes, und vieler Koͤniglichen Reichs-Raͤthe An. 1717 aus allen denjenigen Wiſſenſchafften befragt, die ein qualificirter Regente wiſſen muß. Der Lothrin - giſche Erb-Printz, der am Kayſerlichen Hofe auf - gezogen wird, wurde An. 1728. zu Anfang des Auguſti in Gegenwart der gantzen Kayſerl. Hof - Statt examinirt, wieweit er in ſeinen Studiis ge - kommen, da man nun befand, daß er durch ſeinen auſſerordentlichen Fleiß ſchon gute Progreſſen ge - macht, als ward er von Jhrer Kayſerlichen Ma - jeſtaͤt herrlich beſchenckt, damit er beſtaͤndig in ſei - nen Fleiß zu noch mehrern aufgemuntert werden moͤchte. S. Einleit. zur neueſten Hiſtorie XXXVI. Stuͤck. p. 732.

§. 19. Daß die jungen Herrn des Studierens nicht uͤberdruͤßig werden, ſondern nach ihrer Ar - beit wiederum einige Abwechslung und Erquickung des Gemuͤthes finden moͤgen, ſo iſt man auf aller - hand Veraͤnderungen bey ihnen bedacht. Man vergoͤnnt ihnen zum Divertiſſement allerhand Ar - ten Spiele, als Kegelſpiel, Volanten ſchlagen, Bi - liard-Tafeln u. ſ. w. es waͤre aber am beſten, wenn man ihre Spiele und ihren gantzen Zeitvertreib ſo einrichtete, daß ſie allezeit etwas nuͤtzliches dabey vornaͤhmen, ihre Sinnen und Gemuͤther nicht mit lauter Spiel-Ideen anfuͤllten, ſondern iederzeit lern - ten auch bey den Spielen ihre Gedancken auf et -was208I. Theil. XII. Capitul. was beſtaͤndiges nuͤtzliches und ernſthafftes zu ap - pliciren. Jn den vorigen Zeiten war unter den groſſen Herren das Drechſeln ziemlich mode, es iſt aber dieſes amuſement ziemlich abkommen, man kan auch in der That jungen Herrn einen an - dern Zeitvertreib machen, der ihnen plaiſanter und nuͤtzlicher iſt.

§. 20. Es iſt wohlgethan, wenn der Hofmei - ſter in den Promenaden und Luſt-Reiſen die er mit ihnen vornimmt, eines und das andere aus der Phyſic und Mathematie, ſo in die Cameral-Wiſ - ſenſchafft laͤufft, bey der Gelegenheit ihnen im Di - ſcours beybringt, oder ſie bißweilen zu allerhand Kuͤnſtlern in der Hoch-Fuͤrſtlichen Reſidenz her - um fuͤhret, oder die Naturalien - und Kunſt-Kam - mern mit ihnen beſucht, oder ihnen allerhand Mo - delle von Veſtungen, Schloͤſſern, Gebaͤuden, Ma - chinen u. ſ. w. erklaͤhret, auch ſie mit mancherley optiſchen Raritaͤten, mit kleinen Feuerwercken, Il - luminationen u. ſ. w. zu divertiren ſucht.

§. 21. Die Manége iſt ein ſolch Exercitium, zu welchem junge Printzen bey Zeiten angefuͤhret wer - den. Hierbey muß ein Hofmeiſter auf das ernſt - lichſte Sorge tragen, daß der Bereuter die junge Herrſchafft nicht uͤber die behoͤrige Zeit auf der Reitbahne aufhaͤlte, ingleichen ſie nicht zu zeitlich auf den Springer ſetze, und ſie bey dem Auf - und Abſteigen der Pferde wohl in acht genommen werden.

§. 22.209Von Auferziehung der Fuͤrſtl. Printzen.

§. 22. Bey Umgehung mit dem Gewehr, und da ſie lernen mit Piſtohlen oder Flinten nach der Scheibe, nach dem Fluge und Lauff zu ſchieſſen, iſt acht zu geben, daß die Diener iederzeit das Gewehr laden und tragen, auch nicht nicht eher hingeben, biß die Printzen einen Schuß thun wollen; So muͤſ - ſen ſie auch das Gewehr, ehe ſie wieder nach Hau - ſe kommen, wieder loßſchieſſen und ledig machen, und alſo niemahls ein geladen Gewehr in der jun - gen Herrſchafft Zimmern, oder unter ihrer Hand dulten.

§. 23. Wenn die Printzen in ihren Studiis und Wiſſenſchafften es ſo weit gebracht, daß ſie ſich nachgehends ſelbſt helffen koͤnnen, ſo treten ſie ent - weder die Reiſen in fremde Laͤnder an, oder es wird ihnen von ihren Durchlauchtigſten Vaͤtern eines und das andere Stuͤck der Hoch-Fuͤrſtlichen Ad - miniſtration der Lande mit aufgetragen, damit ſie nach und nach lernen die Hand an das Steuer-Ru - der mit zu legen, und ihre in der Jugend begriffene Theorien in Praxin zu ſetzen. Heutiges Tages gehoͤret es unter die groͤſten Raritaͤten, wenn ein Printz Studierens halber die Academien beſuchen ſolte; in dem XV und XVI Seculo aber hatte man unterſchiedene Exempel der hoͤchſten Standes - Perſonen, die ſichs vor eine beſondere Ehre achte - ten, wenn ſie die Univerſitaͤten beziehen konten. Alſo ward unter andern Fuͤrſt George II. zu An - halt, nebſt ſeinem Bruder Fuͤrſt Joachim auf die Univerſitaͤt Leipzig geſchickt, und einem gelehrtenOMann,210I. Theil. XII. Capitul. Mann M. Georgio Helto von Pfortzheim, uͤber - geben, der ihm dann ſo wohl in den Humanioribus als in der Theologie ſo weit unterrichtet, daß er dem Colloquio zu Leipzig, zwiſchen Luthero, Carlſtad - ten und D. Eck, bey annoch zarten Alter und nicht vollendetem zwoͤlfften Jahre beywohnen konnte. Fuͤrſt George zu Anhalt, von dem noch eine Poſtil - le vorhanden, brachte es in der Theologiſchen Er - kaͤntniß gar ſo weit, daß er von dem ſel. D. Martino Luthero im Stifft Merſeburg zum Lehrer und Pre - diger beſtellet wurde. Die Anhaͤltiſchen Theologi ruͤhmen von ihm in der Vorrede uͤber das Anhaͤl - tiſche Glaubens-Bekaͤntniß, fol. 16. daß derglei - chen Exempel der Gottſeligkeit, daß nemlich ein ge - bohrner Fuͤrſt im heiligen Roͤmiſchen Reich Teut - ſcher Nation, das goͤtiliche Wort ſelbſt oͤffentlich geprediget, und ſo wohl muͤndlich als ſchrifftlich mit Lehren und Bekennen treulich fortpflantzen helffen, in keinem andern Hauſe, auſſer in dem Aſcaniſchen Stamm, anzutreffen. Die Printzen ſchaͤmeten ſich damahls ſo wenig die Theologie oͤffentlich zu ſtudieren und zu lehren, als vor dem Tiſch zu bethen. Es muſten auch ſo gar einige von den Fuͤrſtlichen Printzeßinnen vor der Tafel bethen, wenn ſie auch gleich ziemlich erwachſen. Der beruͤhmte D. Sel - neccer erzehlet in der Leichen-Predigt, ſo er der Durchlauchtigſten Fuͤrſtin und Frau, Frau Anna, Koͤnigs Chriſtiani III. zu Dennemarck Tochter gehalten, daß die Fuͤrſtliche Braut eben an dem Tage, da das Beylager gehalten werden ſollen,nebſt211Von Auferziehung der Fuͤrſtl. Printzen. nebſt andern mit aufgehabenen Haͤnden noch fuͤr dem Tiſch ſtehen und bethen muͤſſen.

§. 24. Die Reiſen in fremde Laͤnder, wenn ſie mit guter Precaution, und unter der Direction ei - nes chriſtlichen, tugendhafften und welt-klugen Hofmeiſters geſchehen, contribuiren gar vieles, um einen Fuͤrſten qualificirter und vollkommener zu machen; hingegen iſt es aber auch gewiß ge - nug, daß ſie manchmahl einem Printzen nicht al - lein gar keinen Nutzen zuwege bringen, ſondern auch manchen jungen Herrn mehr ſchaͤdlich, als nuͤtzlich ſind. Fuͤrſt Johann Ludwig zu Anhalt ge - dachte einſtens, daß er nicht wuͤſte warum man die edle Zeit mit dem guten Gelde durch die Reiſen nach Franckreich ſo verwitterte, und offt nicht mehr als etwan ein paar Franzoͤſiſche Taͤntze, oder die Faͤhigkeit auf einigen abgerichteten und ſich ſelbſt exercirenden Pferden zu reiten, mit heraus ge - bracht, oder wohl gar bloß eine Mode mit den Schneidern abgeſehen haͤtte, da wir doch in Teutſchland in Wiſſenſchafften und Exercitien die geſchickteſten Koͤpffe und Meiſter haͤtten, und alſo nicht erſt nach Franckreich reiſen duͤrfften. S. Beck - mans Anhaͤlt. Geſchichte V. Th. p. 446.

§. 25. Die Hoch-Fuͤrſtlichen Printzen reiſen bißweilen oͤffentlich nach ihrem ihnen angebohrnen Stande, meiſtentheils aber incognito als Grafen und Barons, theils zur Erſpahrung der Unkoſten, theils auch einigen verdruͤßlichen Rang-Ceremo - niellen und Streitigkeiten zu entgehen. Unter die -O 2ſem212I. Theil. XII. Capitul. ſem Character geben ſie andern fremden Printzen die Viſiten, und bekommen auch von ihnen die Ge - gen-Viſiten. Sie halten ſich gemeiniglich bey den Miniſtres und Abgeſandten auf, die von ihren Hoch - Fuͤrſtlichen Eltern an den fremden Hof abgeſchicket worden. Nachdem nun die gecroͤnten Haͤupter, an deren Hoͤfe ſie kommen, mit ihrem Hauſe in gutem Vernehmen ſtehen, oder ihre Familie zu die - ſer oder jener Zeit unter den Europaͤiſchen Puiſſan - cen in hoͤhern oder ſchlechtern Anſehen ſtehet, oder auch die jungen Herren ſich ſelbſt zu conduiſiren wiſſen, oder nicht, nach dem werden ſie auch mit mehrern oder wenigern Marquen der Gnaden, Freundſchafft und Hoͤflichkeit diſtinguiret.

§. 26. Die groͤſten Potentaten empfangen biß - weilen die jungen Printzen der Hoch-Fuͤrſtlichen Haͤuſer in Teutſchland, bey der Audienz auf das freundlichſte, erkundigen ſich des Zuſtandes ihrer Hoch Fuͤrſtlichen Eltern, offeriren ſich in allen und ieden Stuͤcken, ihnen auf ihrer Reiſe zu ihrem Con - tentement befoͤrderlich zu ſeyn, empfehlen ſie ihren Hofmeiſtern zu guter Vorſorge auf das fleißigſte, laſſen ihnen in ihren Reſidentien alle Merckwuͤr - digkeiten zeigen, und ſorgen, daß ſie bey den Solen - nitaͤten, die bey Hofe vorgehen, einen guten Platz bekommen, wenn ſie Zuſchauer dabey abgeben, oder ziehen ſie auch wohl ſelbſt mit dazu; bey ih - rer Abreiſe geben ſie ihnen obligeante Schreiben mit, entweder an ihre Hoch-Fuͤrſtliche Eltern, oder an andere Puiſlancen, deren Laͤnder ſie beſuchen wollen.

§. 27.213Von Auferziehung der Fuͤrſtl. Printzen.

§. 27. Bevor ſie abreiſen, ertheilen die Durch - lauchtigſten Vaͤter, ſo wohl ihren Printzen, als de - ren Hofmeiſtern, die ſie ihnen mitgeben, gewiſſe In - ſtructionen, wie ſie ſich auf ihrer Reiſe verhalten ſollen und befehlen ihnen an, daß ſie von Monath zu Monath, oder von Woche zu Woche ihr gehal - ten Reiſe-Diarium einſchicken ſollen. Jnſonder - heit binden ſie ihnen auf das allernach druͤcklichſte ein, daß ſie ſich bey fremden Religions-Verwand - ten von demjenigen Glauben, zu dem ſie ſich beken - nen, im geringſten nicht ſollen abwendig machen laſſen. Wo eine Religions-Veraͤnderung beſorget wird, ruffen ſie dieſelben alſobald nach Hauſe, und wo ſie allbereits erfolget, ſtellen ſie ihnen ihren Un - beſtand auf das nachdruͤcklichſte zu Gemuͤthe. Ein ſehr eifriges und buͤndiges Schreiben, welches Graf Johannes zu Naſſau-Jdſtein an ſeinen Herrn Sohn Graf Guſtav Adolph, anno 1653 abgehen laſſen, worinnen er ihn auf das ſchaͤrffſte verweiſet, daß er zur Catholiſchen Kirche uͤberge - treten, kan in dem II. Theil von des Herrn Luͤnigs Europaͤiſcher Staats-Cantzley p. 935. nachgele - ſen werden.

§. 28. Kommen die Printzen von den Reiſen aus frembden Landen wieder zuruͤcke, ſo deſtiniren ſie nachgehends die Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern zu ge - wiſſen Geſchaͤfften, die ihren Hoch-Fuͤrſtlichen Stande anſtaͤndig und geziemend, und zugleich mit ihren natuͤrlichen Neigungen uͤbereinſtimmig. Die zum Kriege Luſt haben engagiren ſich bey ei -O 3ner214I. Theil. XII. Capitul. ner frembden Puiſſance oder Republic Krieges - Dienſte anzunehmen, und avanciren nachgehends von einer hohen Charge zu der andern. Andere die wegen ihrer Erkenntniß in der Staats-Wiſſen - ſchafft groſſe Renomme in der Welt erlangt, wer - den von dem hoͤchſten Souverains zu den wichtig - ſten Civil Chargen gezogen, und entweder zu Præ - ſidenten in den anſehnlichſten Collegiis, oder zu Ober-Land-Droſten, Gouverneurs und Statt - haltern gewiſſer Provincien declarirt. Den Erb - Printzen wird nach und nach ein Theil der Hoch - Fuͤrſtlichen Landes-Regierung mit aufgetragen, ſie werden zu den geheimeſten Conferenzen gezo - gen, und helffen vielmahls als Directores des Ge - heimbden Raths-Collegii das Heyl der Untertha - nen mit ihren Hoch-Fuͤrſtlichen Herrn Vaͤtern zu - gleich beſorgen, und ſeine ſchwehre Regiments - Laſt erleichtern.

§. 29. Nach Belieben des Regentens und nach Beſchaffenheit der Hoͤfe und deſſen Umſtaͤnde, wird dem Erb-Printzen entweder eine eigene und beſondere Hof-Statt zugeordnet, und eine eigene Tafel beſtellt, wenn ſie anfangen ihre muͤndigen Jahre zu erreichen, oder muͤſſen ſich bißweilen mit dem von ihren Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern ihnen gewidmeten appointement, und den wenigen ih - nen zugegebenen Bedienten eine lange Zeit behelf - fen, ob ſie ſchon vermaͤhlet, und wiederum andere Hoch-Fuͤrſtliche Deſcendenten haben.

Das215Von der Hochfuͤrſtl. Familie uͤberhaupt.

Das XIII. Capitul. Von einigem was die Hoch - Fuͤrſtliche Familie uͤberhaupt angehet.

§. 1.

Alle Vortheile und Prærogativen des Ran - ges, der Titulaturen, Ceremonielle, der Einkuͤnffte, Poteſtæt und Exemtion der Hoch-Fuͤrſtlichen Wittwen, der Printzen und Princeßinnen, und andern Hoch-Fuͤrſtlichen Anverwandten, von regierenden und apanagirten Herrn, dependiren theils von den Obſervanzen des Hofes und Landes, von den Fundamental - Geſetzen des Reichs, theils und inſonderheit aber von den Hoch-Fuͤrſtlichen Eheſtifftungen, Teſta - menten, Verſchreibungen, Belehnungen, Rever - ſalien, getroffenen Compactatis, Vergleichen und Receſſen.

§. 2. Die Hoch-Fuͤrſtlichen Wittwen bezie - hen nach dem Tode ihres ſeligen Gemahls dasje - nige Leib-Gedinge, welches ihnen ehedem ver - ſchrieben und ausgeſetzt, es waͤre denn daß ſie zu Vormuͤndern der Hoch-Fuͤrſtlichen Kinder in dem Teſtament waͤren beſtimmet worden, bey wel - chen Fall ſie ihren Wittwen-Stuhl nicht verruͤcken duͤrffen, ſondern ſich in der Hoch-Fuͤrſtlichen Re - ſidenz und auf dem Schloß ſo lange aufhalten,O 4und216I. Theil. XIII. Capitul. und die Adminiſtration der Lande fuͤhren, biß der Printz zu ſeinen vogtbahren Jahren gekommen, und zur Regierung ſelbſt faͤhig iſt. Zuweilen ge - ſchichts daß ihnen ein Theil des Schloſſes ein - geraͤumt und verguͤnſtiget wird, in denen ſie ſich biß an ihr Ende die Wohnung auserſehen, ob ſchon der Printz die Regierung ſelbſt angetreten, aber gar ſehr ſelten, indem die Hoch-Fuͤrſtlichen Schwieger-Toͤchter nicht allezeit mit ihren Hoch - Fuͤrſtlichen Schwieger-Muͤttern uͤberein ſtim - men.

§. 3. Die Fuͤrſtlichen Wittwen der apanagir - ten Herren werden ebenfalls von dem regierenden Hauſe verſorget, iedoch nach dem Unterſchied ih - res Einbringens, oder des hohen und maͤchtigen Hauſes mit dem ſie verbunden. Die wenig oder gar nichts eingebracht, und ſich bey Lebzeiten ihrer Gemahle bey dem regierenden Hauſe nicht in be - ſondere Gunſt geſetzt, oder viel vermoͤgende Inter - ceſſionales anzuſchaffen wiſſen, muͤſſen bißweilen mit einer gar ſchlechten apanage zufrieden ſeyn.

§. 4. Die Hoch-Fuͤrſtlichen Printzen und Princeßinnen, die aus einem rechtmaͤßigen Ehe - Bette erzeuget, werden ihres hohen Standes und Geburth wegen, allenthalben beſonders diſtin - guirt. Es werden ihnen, nach dem Unterſchied ih - rer Geburth, beſondere Benennungen und Titula - turen beygelegt, die nach dem Unterſchied der Laͤn - der unterſchieden. Jm Koͤnigreich Pohlen wer - den die Koͤniglichen Kinder, ob ſich ſchon daſelbſtein217Von der Hochfuͤrſtl. Familie uͤberhaupt. ein iedweder gemeiner Edelmann einbildet, er ſey nach den Reichs-Satzungen eben ſo gut als ſie, und koͤnne ſich mit ihnen ebenfalls Recht auf die Koͤnigliche Crone machen, dennoch bey allen Ge - legenheiten als Printzen vom Koͤniglichen Gebluͤth tractirt. Der aͤlteſte Sohn des Koͤniges fuͤhrt den Titul als Printz von Pohlen, und die uͤbrigen werden gleicher geſtalt Printzen genennt, wobey man aber ihre Tauf-Nahmen zuzuſetzen pflegt, als Printz Alexander, Printz Conſtantin von Pohlen. Die aͤlteſte Tochter des Koͤniges heiſt Princeßin von Pohlen, und die uͤbrigen nur ſchlecht weg Prin - ceßinnen mit dem Zuſatz ihres Tauf-Nahmens, z. e. Princeßin Maria von Pohlen. Wenn aber der Koͤnig ihr Herr Vater abgehet, und ein neuer an deſſen Stelle kommt, der ebenfalls Kinder hat, ſo laſſen ſie den Titul eines Printzen oder einer Princeßin von Pohlen fahren, und nennen ſich nur mit ihren Geſchlechts-Nahmen, oder von ihren Herrſchafften und Laͤndern, als Princeßin Sobies - ky, Princeßin Czartorinsky. Der Koͤnigliche Senat hat allezeit ein beſonder Abſehen auf ſie, er muß ſie mit Penſionen verſehen, und darauf den - cken daß ſie ihren Stand und Herkommen gemaͤß leben koͤnnen. S. Connor. Beſchreibung des Koͤ - nigreichs Pohlen p. 429.

§. 5. Die Koͤniglichen Printzen und Princeßin - nen werden in gantz Europa mit dem Titul Jhrer Koͤnigl. Hoheit beehret, und behalten die Princeſ - ſinnen dieſe Titulatur, ob ſie ſchon an andere Prin -O 5tzen,218I. Theil. XIII. Capitul. tzen, die nur aus Fuͤrſtlichen Gebluͤth entſproſſen, vermaͤhlet wuͤrden, es waͤre denn daß ſie aus be - ſondern Raiſons freywillig dieſem Ceremoniel renunciren wolten. Man muß ſich wundern, daß die Ertz-Hertzoge und Ertz-Hertzoginnen von Oeſterreich fuͤr den andern Printzen von Teutſch - land keinen Unterſcheid haben, indem ſie nur den Nahmen Durchlauchtigkeit annehmen, ohne daß die Aelteſte Ertz-Hertzogin die groſſe Frau genennt wird. Was waͤre billiger, als daß die Kinder des Kayſers ſich den Titul Koͤniglicher Hoheit bedien - ten. Wenn man auch gleich ſagen wolte, daß ſie dieſen Titul deswegen nicht brauchen koͤnten, weil das Kayſerthum nicht erblich waͤre, ſo ſind ſie doch Erb-Printzen und Erb-Princeßinnen von Ungarn und Boͤhmen, krafft deren beyden Reiche ihnen dieſer Titul mit Recht gebuͤhret.

§. 6. Den Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Prin - ceßinnen iſt gemeiniglich von ſehr langen Zeiten her, nach den Fundamental-Geſetzen des Reichs und Verfaſſungen des Landes, eine gewiſſe beſtaͤn - dige Summe Geldes zum Heyraths-Guth und zur Ausſtattung ausgemacht. Es pflegen aber die Koͤniglichen oder Hoch-Fuͤrſtlichen Eltern, wenn ſie viel eingeſammlet, oder vor ihre Toͤchter und kuͤnfftigen Schwieger-Soͤhne beſondere Inclina - tion haben, aus ihrem eigenen Vermoͤgen bey die - ſer Summe noch ein groſſes zuzuſetzen. So wer - den auch bißweilen in einigen Laͤndern die Untertha - nen zur Ausſteuer durch eine beſondere Art der Col - lecten angehalten.

§. 7.219Von der Hochfuͤrſtl. Familie uͤberhaupt.

§. 7. Hat ſich ein voͤllig ſouverainer Fuͤrſt eine Gemahlin von gantz geringen Stande ausgeſucht, ſo geneuſt ſo wohl die Gemahlin als auch die Kin - der, die er mit ihr im rechtmaͤßigen Ehebette erzeu - get, in allen Stuͤcken die Rechte und Privilegia, die ihrem reſpective Gemahl und Vater eigenthuͤm - lich ſind. Doch dieſes hat eine andere Bewandt - niß mit den Fuͤrſten in Teutſchland. Denn wo ſich dieſe bey ihrer Vermaͤhlung allzu ſehr erniedri - gen, ſo haben ſie bißweilen viel und groſſe Muͤhe, bevor ſie es bey des Roͤmiſchen Kayſers Majeſtaͤt und bey ihren Hoch-Fuͤrſtlichen Agnaten dahin bringen, daß ihre Ehegatten und ihre aus ſolcher ungleichen Ehe herkommenden Deſcendenten vor Fuͤrſtlich erkandt werden. Jſt die Vermaͤhlung auſſerhalb Landes geſchehen, ſo erfolgt wohl gar manchmahl vom Kayſerlichen Hof ein Verboth, daß ſie ihre Ehe-Conſortin in die Fuͤrſtlichen Lande nicht bringen ſollen. Zu Zeiten werden die Kinder in den Grafen-Stand erhoben, und inzwiſchen doch der Succeſſion der Lande vor unfaͤhig er - kandt.

§. 8. Ob es ſchon bey einigen barbariſchen, auch wohl in den aͤlteſten Zeiten bey einigen Europaͤi - ſchen und mitternaͤchtiſchen Voͤlckern im Gebrauch geweſen, daß die natuͤrlichen, oder von einer Mai - treſſe auſſer der Ehe erzeugten Kinder ihren Vaͤ - tern in der Succeſſion gefolget ſo ſind ſie dennoch in den neuern Zeiten / nach dem allgemeinen Voͤl - cker-Recht, und den Fundamental-Geſetzen derwohl -220I. Theil. XIII. Capitul. wohlgeſitteten Voͤlcker, groͤſtentheils davon ausge - ſchloſſen worden. Franckreich hat ihnen von der Zeit an, da die Crone von der Carolingiſchen auf die Capetingiſche Linie gekommen, die Hoffnung zur Reichs-Folge abgeſchnitten. Charles Loyſeau ſagt in ſeinem Traité des Ordres des Princes Chap. VII. n. 88. La troiſiéme ligne des Roys de France a toujours obſervé tres juſtement d’exclure les batards de la ſucceſſion du Royaume ſelon le droit commun, établi de preſent, comme je crois, en tous les Etats de Chretienté, ou la Po - lygamie & le Concubinage ſont defendus.

§. 9. Man findet hin und wieder in der Hiſtorie einige Exempel, daß manche Printzen aus einer all - zu groſſen Hitze gegen ihre Maitreſſen ſo weit ge - gangen, daß ſie ihre natuͤrlichen Kinder nicht allein vor Succeſſions-faͤhig erklaͤhren, ſondern ſie auch wohl gar ihren rechtmaͤßigen Leibes-Erben vorzie - hen wollen. Alſo wolte Albertus Degener dem mit der Kunigunda von Eiſenberg erzeugten Sohn Apicium in ſeinen Landen zum Erben einſetzen, und ſeine beyden rechten Soͤhne Fridericum mit dem Backenbiß, und Dicemannum davon ausſchlieſ - ſen, wie aus der Saͤchſiſchen Hiſtorie bekandt.

§. 10. Es iſt billich, daß die in der unordentli - chen Ehe, oder vielmehr auſſer dem Eheſtand er - zeugten Kinder, um eine Stuffe iederzeit geringer ſeyn, als die ehelich gebohrnen. Der vorhin alle - girte Franzoͤſiſche Autor, Charles Loyſeau, ſagt in dem V. Cap. ſeines Tractats n. 64. Les bâtardsdoivent,221Von der Hochfuͤrſtl. Familie uͤberhaupt. doivent, toujours ètre mis d’un degré plus bas, que leurs Péres, de ſorte que les batards des Roys ſont Princes, ceux des Princes ſont Seigneurs, ceux des Seigneurs ſont Gentils hommes, & ceux des Seigneurs ſont roturiers, afin que le concu - binage n’ait autant d’honeur que le loyal ma - riage.

§. 11. Die natuͤrlichen Kinder der groſſen Her - ren erlangen hoͤhere oder geringere Dignitaͤten und Prærogativen, nach dem Unterſchied des Standes ihrer Muͤtter, und nach dem Unterſchied ihrer Qua - litaͤten, die ſie von ſich erweiſen, und durch welche ſie ſich einer groͤſſern oder geringern Gunſt ihrer Durchlauchtigſten Vaͤter wuͤrdig machen. Die natuͤrlichen Soͤhne des vorigen Koͤnigs in Franck - reich Ludwigs des XIV., der Hertzog von Maine, und der Graf von Thoulouſe, brachten es ſo weit, daß ſie anno 1714 durch ein Koͤniglich Edict zu Printzen von Koͤniglichem Gebluͤth erklaͤhret wur - den. Der Premier-Preſident im Parlament zu Pariß, Herr Johann Anton de Meſme, legte vor - hero in der Gegenwart dieſer beyden Herren, ehe das Koͤnigliche Edict abgeleſen und regiſtrirt wur - de, eine ſolenne Rede ab; er fuͤhrte darinnen an, daß die groſſen Qualitaͤten, ſo der Koͤnig nach ih - rer abgelegten Kindheit an ihnen verſpuͤhret, die Ehre, daß ſie von einem ſo glorieuſen Gebluͤthe entſproſſen, und iederzeit ſo treulich bey der Perſon des Koͤnigs gehalten, haͤtten demſelben allbereits bewogen, daß er ſie durch einen beſondern Vorzugin222I. Theil. XIII. Capitul. in hohen Stand erheben wollen, indem er, vermit - telſt der im Monath May des 1694 Jahres publi - cirten Erklaͤhrung, ſo wohl ihnen als ihren Kindern, und aus ordentlicher Ehe gezeugten Nachkommen, bey allen Begebenheiten, den Rang und Sitz nach den rechtmaͤßigen Printzen vom Gebluͤthe, und alſo vor allen Printzen der auslaͤndiſchen ſouverainen Haͤuſer, ingleichen vor allen andern vornehmen Herrn des Reichs, von was vor Ehre, Wuͤrden und Qualitaͤten ſie nur immer ſeyn moͤchten, ge - geben.

§. 12. Jn Engelland werden die natuͤrlichen Soͤhne des Koͤniges nicht allein mit groſſen Bene - ficien begabet, ſondern auch mit illuſtren Digni - tæten verſehen; Alſo ertheilte Koͤnig Carl II. allen ſeinen natuͤrlichen Soͤhnen den Caracter Fiz-Roy i. e. filius Regis, und die Dignitæt von Hertzogen. Jn Dennemarck fuͤhren die natuͤrlichen Soͤhne der Koͤnige dem Caracter von Jhrer hohen Excel - lenz. Es iſt auch ſonſt in andern Provintzien und an andern Hoͤfen gebraͤuchlich, daß die natuͤrlichen Kinder der Dignitæt der Mutter folgen, wie es auch der Verordnung der Rechte gemaͤß: Jſt die Mut - ter eine Princeßin oder Fuͤrſtin, ſo werden ſie vor Printzen declarirt; iſt ihre Mutter eine Graͤfin, ſo bleiben ſie Grafen. Jſt ein groſſer Herr gegen ein Buͤrger-Maͤdgen entzuͤndet worden, ſo werden die aus dieſer Liebe gezeugten Kinder vor buͤrgerlich angeſehen, und tractirt.

§. 13. Jn der Hiſtorie des XVI. Seculi habenwir223Von der Hochfuͤrſtl. Familie uͤberhaupt. wir ein gantz beſonder Exempel, da der Landgraf zu Heſſen Philippus Magnanimus aus ſehr wich - tigen Urſachen, und bey auſſerordentlichen Umſtaͤn - den bey Lebzeiten ſeiner Gemahlin noch eine andere eheligte, nemlich die Margrethe von der Saale, und wurden vorhero von groſſen und gewiſſenhaff - ten Theologis, Luthero, Bucero, Philippo Me - lanchtone und andern beſondre Judicia geſamm - let, die in des Daphnæi Arcuarii Tractat koͤnnen nachgeleſen werden.

§. 14. Nach den toͤdtlichen Abgang der Hoch - Fuͤrſtlichen Eltern, fuͤhren die aus einem rechtmaͤſ - ſigen Fuͤrſtlichen Ehe-Bette erzeugten Printzen entweder eine Gemeinſchafftliche Regierung, oder die Regierung der Hoch-Fuͤrſtlichen Lande wird bloß dem aͤlteſten aufgetragen, und die uͤbrigen werden apanagirt, nachdem durch Obſervanzen, Pacta und Teſtamente das Recht der Erſtgeburth eingefuͤhrt oder nicht. Bey den Gemeinſchafft - lichen Regierungen reſolviren ſie alle Sachen zu - gleich; alle die Bedienten und Officianten von oberſten biß auf den geringſten werden in gemein - ſchafftliche Pflichten genommen, und die Mandata und Reſcripta in Nahmen der ſaͤmtlichen Hoch - Fuͤrſtlichen Herrn Gebruͤder publicirt. Daß bey dieſem Falle gar oͤffters mancherley Diſpüten un - ter Herrſchafften und Bedienten vorfallen, und es nicht gantz ohne Verwirrung und Unordnung im Lande abgehe, iſt aus einigen Exempeln der aͤltern und neuern Zeiten bekandt.

§. 15.224I. Theil. XIII. Capitul.

§. 15. Nach dem das Recht der Erſt-Geburth heutiges Tages bey den meiſten Hoch-Fuͤrſtlichen Haͤuſern eingefuͤhrt, ſo uͤberkommen nur die aͤlte - ſten die Hoch-Fuͤrſtliche Regierung und die Lan - desherrliche Hoheit, und die uͤbrigen Herren Bruͤ - der werden entweder bloß mit gewiſſen Aemtern, daruͤber ihnen die Adminiſtration verguͤnſtiget wird, oder mit gewiſſen Einkuͤnfften verſehen. Die Art und Weiſe der Apanagen wird durch Ver - gleiche und Pacta ausgemacht. Bißweilen wird ihnen ein gewiſſes Amt, oder auch wohl ein Stuͤck - gen Landes zu ihrer voͤlligen Diſpoſition gelaſſen, daß ſie darinnen nach eignen Gefallen ſchalten und walten koͤnnen wie ſie nur ſelbſt wollen; Sie er - langen die voͤllige Landesherrliche Hoheit biß auf einige wenige Rechte, die dem regierenden Landes - Fuͤrſten durch Teſtament oder Vergleich ausge - dungen und vorbehalten worden. Manchmahl haben ſie nur einen Schatten der Superioritatis territorialis, der in der Ausuͤbung einiger wenigen Rechte beſtehet, die auch wohl bißweilen anſehn - lichen Unterthanen uͤberlaſſen werden.

§. 16. Manche apanagirte Herren bekommen bloß die Erlaubniß, daß ſie an einem gewiſſen Ort, der ihnen zu ihrer Reſidenz eingeraͤumet wird, woh - nen, und ihre Apanagen-Gelder daſelbſt verzehren ſollen, dieſe haben gar keine Jurisdiction uͤber den - ſelben Ort, ſondern die Hoch-Fuͤrſtlichen Beamten exerciren dieſelbe im Nahmen des regierenden Herrn; inzwiſchen muͤſſen ſie doch von dem Hoch -Fuͤrſt -225Von der Hochfuͤrſtl. Familie uͤberhaupt. Fuͤrſtlichen Beamten, und allen den Einwohnern deſſelben Ortes, ihrem Fuͤrſtlichen Stande gemaͤß hoͤflich und ehrerbietig tractirt werden.

§. 17. Andern wird nicht allein die Jurisdi - ction, das iſt, die Ober - und Unter-Gerichtsbar - keit uͤber das zu ihrer Apanage ausgeſetzte Amt uͤber - laſſen, ſondern auch das voͤllige Oeconomie-We - ſen, ſo daß ſie durch die Adminiſtration des Amtes ihre Apanagen-Gelder bekommen. Bey man - chen Fuͤrſtlichen Haͤuſern in Teutſchland ſind die Seniorate eingefuͤhret, vermoͤge welcher demjenigen von den Agnaten, ſo in dieſem Hoch-Fuͤrſtlichen Hauſe der aͤlteſte an Jahren iſt, nach gewiſſen al - ten hergebrachten Pactis, Gewohnheiten und Ob - ſervanzen beſondere Jura zuſtehen.

§. 18. Die apanagirten Hoch-Fuͤrſtlichen Her - ren Gebruͤder und Agnaten haben ein gemeinſchafft - liches Archiv, zu welchem ein jeder von ihnen einen beſondern Schluͤſſel beſitzt, und welchem ein ge - meinſchafftlicher Archivarius vorſtehet, der in den Pflichten des gantzen Hoch-Fuͤrſtlichen Hauſes ſtehet. So iſt auch das Erb-Begraͤbniß oder die Fuͤrſtliche Leichen-Grufft vor das gantze Hoch - Fuͤrſtliche Hauß beſtimmt. Nicht weniger wer - den die Hoch-Fuͤrſtlichen Anverwandten in die Kirchen-Gebether mit eingeſchloſſen, wiewohl gar offters Streitigkeiten ſich daruͤber ereignen, weil ſie bißweilen verlangen, daß ſie mit Nahmen und mit ihren beſondern Haͤuſern ausgedruckt werden; die regierenden Linien hingegen wollen ihnen dieſesPnicht226I. Theil. XIII. Capitul. nicht zugeſtehen, und verordnen meiſtentheils, daß die Vorbitte unter der Benennung der Hochfuͤrſt - lichen Herren Vettern und Frauen Muhmen ab - geſtattet werde.

§. 19. Bißweilen wollen die apanagirten Her - ren, die mit einer anſehnlichen und weitlaͤufftigen Apanage verſorget, ihre beſondern Regierungs - Collegia etabliren, und ihre eigenen Hof - und Ju - ſtiz-Raͤthe beſtellen. Sie finden aber hiebey nicht ſelten bey den Haupt-Haͤuſern mancherley Con - tradictionen. Bald wollen ſie ihnen das Recht der Cantzeleyen, aber nicht der Regierungen zuge - ſtehen, bald auch dieſes nicht einmahl erlauben, ſie muͤſten denn vor einen und dem andern eine gantz beſondere Conſideration haben. Vielmahls wird bey dieſen und andern dergleichen Umſtaͤnden den Vaͤtern etwas verguͤnſtiget, und bloß auf ihre Leb - zeiten eingeſchraͤncket, welches den Deſcendenten nicht verſtattet wird. Die Vaͤter muͤſſen ſich ver - pflichten und verreverſiren, daß ſie dieſes oder je - nes nur als ein precarium annehmen, und im ge - ringſten nicht als erblich anſehen oder machen wollen.

§. 20. Jn wie weit die apanagirten Haͤuſer dem Haupt-Hauſe unterworffen, und unter deſſen Ju - risdiction ſtehen, kan uͤberhaupt nicht determini - ret werden. Die Belehnungen, Teſtamenta, Vertraͤge und Receſſe geben hierinnen am beſten Ziel und Maaß. Das iſt gewiß, daß die regie - rende Linie allenthalben den Vorzug hat, inzwi -ſchen227Von der Hochfuͤrſtl. Familie uͤberhaupt. ſchen behalten doch die Neben-Linien ebenfalls ih - ren einmahl erlangten Fuͤrſtlichen Stand und Splendeur, nach welchem ſie den uͤbrigen Unter - thanen nicht gleich tractiret und angeſehen wer - den.

§. 21. Gleichwie es uͤberhaupt unter groſſen Herren gewoͤhnlich, daß ſie ſich bey mancherley Faͤllen und Veraͤnderungen, die ſich in ihren Haͤu - ſern ereignen, mit Notificationen gar freygebig erweiſen; alſo pflegen ſonderlich die Hoch-Fuͤrſt - lichen hohen Anverwandten einander alle Vermaͤh - lungen, Geburthen, Kindtauffen, Todes-Faͤlle, und was ſich nur in ihren Haͤuſern veraͤnderliches ereignet, reciproquement zu berichten, ſie muͤſten denn wegen einigen unter ihnen vorfallenden Diffe - rentien in einer kleinen Disharmonie mit einander ſtehen.

§. 22. Wollen ſich Streitigkeiten unter ihnen entſpinnen, ſo veranlaſſen ſie freundliche Zuſam - menkuͤnffte, da ſie ſelbſt zuſammen kommen, und ſich wegen der irrigen Puncte mit einander ver - gleichen, und hernach Freund-Bruͤderliche oder Freund-Vetterliche Pacta aufrichten, die in den kuͤnfftigen Zeiten bey dergleichen Vorfallenheiten ein principium regulativum abgeben, oder wo die Gemuͤther allzuweit von einander entfernet, daß ſie ſich bey ihrer perſoͤnlichen Zuſammenkunfft keines recht friedlichen Ausganges verſprechen, ſo inſtrui - ren ſie ihre Miniſtres, und geben ihnen gewiſſe Vollmachten, wie weit ſie gehen ſollen. DieſeP 2halten228I. Theil. XIII. Capitul. halten denn Conferentien mit den Gegenſeitigen Miniſtris, und bemuͤhen ſich, einen guten Vergleich zum Vortheil ihrer Herrſchafft zu treffen. Da es bißweilen unmoͤglich iſt, in den Tractaten, die bey - derſeits Hoch-Fuͤrſtliche Theile mit einander ſchlieſ - ſen, alle Faͤlle vorher zu ſehen, manche Puncte, auch in den Pactis, nicht mit aller Deutlichkeit, wie es wohl ſeyn koͤnte und ſolte, iederzeit exprimiret werden, ſo geſchicht es nicht ſelten, daß, uͤber die Haupt-Vergleiche, hernach noch gewiſſe Neben - Receſſe, oder, nach Verflieſſung einiger Zeit, be - ſondere Dilucidations - und Erlaͤuterungs-Receſſe aufgerichtet werden.

§. 23. Koͤnnen die Demeleen auf keinerley fried - liche Weiſe beygelegt werden, ſo provociren die Fuͤrſten in Teutſchland, denen dieſes zukommt, auf das Recht der Fuͤrſtlichen Austraͤge, oder ſie im - ploriren das allerhoͤchſte Kayſerliche Ober-Rich - terliche Amt, nachdem ſie vorher alle gelinde Mit - tel und Wege ergriffen, alsdenn werden die ſtrei - tigen Rechte entweder in dem Reichs-Cammer - Gerichte zu Wetzlar, oder in dem Kayſerlichen Reichs-Hof-Raths-Collegio zu Wien in Diſcus - ſion gezogen, und nach erfolgtem allerhoͤchſtem Ausſpruch einem ieden zu ſeinem Recht geholffen, und nach Jnhalt der Reichs-Geſetze den benach - barten Reichs - und Creyß-Fuͤrſten die Commis - ſion und Execution bißweilen aufgetragen.

Das229Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten.

Das XIV. Capitul. Von den Hoch-Fuͤrſtlichen Bedienten.

§. 1.

Weiſe Regenten, die ſich die Regierung ih - rer von GOtt ihnen anvertrauten Fuͤrſt - lichen Staaten recht angelegen ſeyn laſ - ſen, wenden ihre Sorgfalt dahin, damit ſie nicht ſo wohl ihre Bedienten mit Aemtern und Bedienungen, als vielmehr ihre Aemter mit tuͤch - tigen Leuten verſorgen, ſo die Faͤhigkeit beſitzen, ihnen nach Wuͤrden vorzuſtehen. Sie verkauf - fen niemahls die Chargen um Geld, es muͤſte denn ein unvermeidlicher Nothfall ſolches auf eine kurtze Zeit erfordern wollen, und ſetzen dennoch auch bey dieſen Umſtaͤnden die Meriten nicht aus den Augen. Die ſich durch unrechtmaͤßige Wege in die Aemter eindringen, leiden ſie auch nicht lange in ihren Dien - ſten. Alſo machte es der theure Hertzog zu Sach - ſen Erneſtus Pius. Dieſer, wenn er erfuhr, daß iemand durch einen ſchlimmen Weg in das Amt eingedrungen, und ſolches erwieſen war, ſo entzog er ihm nachgehends alſobald ſolche Bedienung. S. die von Monſ. Teiſſier verfertigte Lebens-Be - ſchreibung dieſes frommen Fuͤrſtens.

§. 2. Sie erforſchen bey Annehmung ihrer Be - dienten, von dem oberſten biß zu dem unterſten, zuP 3was230I. Theil. XIV. Capitul. was ſie ſich am beſten ſchicken, und lernen ihre Staͤrcke und Schwaͤche kennen. Jetzt angefuͤhr - ter Erneſtus Pius erkundigte ſich auch ſo gar bey den Pagen, ob ſie von Studiis oder Degen Profes - ſion machen wolten, und wenn ers erfuhr, ſo gab er auch Acht, ob ſie ſich auf dasjenige, worauf ſie ſich legen wolten, recht applicirten. S. Teiſſier p. 105. Sie ſehen hierbey nicht ſo wohl auf ihr Vaterland und Landsmannſchafft, als vielmehr auf ihre Meri - ten, iedoch ziehen ſie die einheimiſchen, wenn ſie mit den fremden von gleicher Geſchicklichkeit und Tu - gend ſind, denen auswaͤrtigen vor; es muͤſten denn beſondere Regeln der Klugheit ein anders erfor - dern.

§. 3. Nach der Verfaſſung mancher Reiche und Provintzien, muͤſſen gewiſſe Bedienungen, zumahl von wichtigen Hof - und Reichs-Chargen, nur bloß mit einheimiſchen beſetzt werden. Alſo werden nach dem XXIII. Articul der Kayſerlichen Capitu - lation Kayſers Caroli VI., die Geſandtſchafften, die Chargen der Obriſten Hofmeiſter, Obriſten Caͤmmerer, Hatſchierer und Leib-Guarde, Haupt - manns und dergleichen, mit keinen andern beſetzt, als mit angebohrnen Teutſchen, oder aufs wenigſte mit denen, die dem Reich mit Lehns-Pflichten ver - wandt ſind. Als man nach Ankunfft der jungen Koͤnigin in Spanien, die eine Tochter des Hertzogs von Savoyen war, alle derſelben aus Savoyen mitgebrachte Bedienten, ohne ihren Vorbewuſt heimlich zuruͤck geſandt, und ihr an deren Stattlauter231Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. lauter fremde Perſonen zugegeben, ſoll ſie ſolchen Unmuth daruͤber verſpuͤhret haben, daß ſie wieder zuruͤck reiſen wollen. Nachdem aber ihre Ober - Hofmeiſterin, die Princeßin Urſini, ihr vorgeſtellet, daß die Gewohnheit der Spanier mit ſich braͤchte, keine andere Perſonen bey ihren Koͤniginnen zu lei - den, als die von ihrer Nation waͤren, ſo hat ſie ſich endlich wieder zufrieden geſtellet. S. curieuſen Buͤcher-Cabinets XVI. Eingang p. 262.

§. 4. Man findet zwar an allen regulieren und wohlbeſtellten Hoͤfen gewiſſe Ordnungen, die den Hof-Bedienten vorgeſchrieben, und darinnen ihre Pflichten etwas ſpecieller ausgedruckt ſind; doch ſcheinet es faſt, als ob man in den vorigen Zeiten, ſonderlich bey den Teutſchen Fuͤrſten, in dieſem Stuͤck noch accurater geweſen, als ietzund. Es werden dieſe Hof-Ordnungen entweder geſchrie - ben, oder gar gedruckt, und allen denjenigen die ſie beobachten, und in deren Wiſſenſchafft ſie kommen ſollen, publicirt, im uͤbrigen aber nach ihren Ori - ginalien in den Hof-Marſchalls-Aemtern aufbe - halten, und von Zeit zu Zeit veraͤndert, vermehret und verbeſſert.

§. 5. Unter andern findet man Frauenzimmer - Ordnungen, Pagen-Ordnungen, Kuͤchen-Ordnun - gen, Keller-Ordnungen und Stall-Ordnungen. Jn den Frauenzimmer-Ordnungen wird vorge - ſchrieben, wie ſich das adeliche und buͤrgerliche Frauenzimmer, ſo um die Durchlauchtigſte Herr - ſchafft iſt, der Zucht und Erbarkeit befleißigen, allenP 4boͤſen232I. Theil. XIV. Capitul. boſen Schein eines verdaͤchtigen Umgangs mit den Hof-Cavalieren vermeiden, der Hoch-Fuͤrſtlichen Gemahlin und der Frau Hofmeiſterin unterthaͤnig ſeyn, und bey dem Gottesdienſt, bey der Tafel, und bey der Fuͤrſtlichen Aufwartung auffuͤhren ſoll. S. Hertzogs Johann Caſimirs zu Sachſen-Co - burg Frauenzimmer-Ordnung de anno 1608. in dem V. Theile des Rudolphi Gothæ Diplomati - p. 301. Die Pagen-Ordnungen diſponiren, wenn die Pagen aufſtehen, bethen, ihre Aufwartung antreten, zur Information und zu ihren Exercitiis ſich begeben, und ſich gegen die Durchlauchtigſte Herrſchafft, gegen die Hof-Dames und Hof-Cava - liers, wie auch gegen ihre Vorgeſetzten, gegen ih - ren Hofmeiſter, Informatores und Exercitien-Mei - ſter verhalten ſollen, ingleichen wie ſie ſich bey der Fuͤrſtlichen Tafel, bey dem Aufſatz der Speiſen, auf der Reiſe, und ſonſt allenthalben zu conduiſi - ren haben.

§. 6. Jn den Kuͤchen-Ordnungen wird expri - miret, was, wie viel, und auf was vor Art auf die Fuͤrſtlichen Tafeln, ingleichen auf die Marſchalls - Tafeln und Bey-Tiſche der Hof-Jungfern und Pagen aufgeſetzet und angerichtet werden ſoll; wie die Koͤche ſich zu rechter Zeit zum Feuer ſchicken, die Speiſen, ſo zu ieder Mahlzeit angeſetzt und ange - ſteckt, ſauber, rein, muͤrbe, und alſo zubereiten, daß wenn zur Tafel geblaſen wird, ſie alſobald parat ſeyn, wie ſie Acht haben ſollen, daß niemand, wer der auch ſey, einheimiſch oder auswaͤrtig, ſich in dieKuͤche233Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. Kuͤche, und zuvoraus um die Heerdſtatt dringe, damit aller ungleicher Verdacht vermieden werde; wie es bey dem Anrichten gehalten werden ſoll; was an Paſteten, Braten, Gebackenen und an - dern Speiſen aufzutragen, und hernach wieder auf - zuheben; wie es mit dem Einhauen und Lieferung der Victualien zu halten; wie mit Gewuͤrtze, Zu - cker, Schmaltz, Saltz und andern dergleichen raͤth - lich umzugehen, damit nichts veruntrauet oder ver - ſchwendet, noch weniger die Butter in das Feuer geworffen werde; wie an Wildpreth, Fleiſch, Fi - ſchen, Gewuͤrtz, Butter, Kaͤß, und allen andern, ſo wie ſie Nahmen haben, an niemand nichts heimlich noch oͤffentlich abzutragen, und kein ungewoͤhnlich Eſſen, an Kraͤhen, Elſtern, Fuͤchſen und andern der - gleichen zuzurichten.

§. 7. Jn den Keller-Ordnungen wird den Mund - ſchencken und Kellerſchreibern, oder wie ſie ſonſt genennet werden moͤgen, anbefohlen, wie ſie die Glaͤſer, ſilberne Becher, Flaſchen, und alles was ſie in ihren Verwahrſam bekommen, wohl aufheben und in Acht nehmen ſollen; wie ſie ſich bey dem Einſchencken auffuͤhren, wie viel, und von was fuͤr Sorte ſie einem ieden geben, wie viel ſie bey der Ta - fel und unter der Tafel weggeben, wie ſie weder in Kellern noch Keller-Stuben Unterſchleiff gebrau - chen, das Aus - und Einlauffen auſſer und unter den ordentlichen Mahlzeiten niemand verſtatten, vielweniger Winckel-Zechen zu laſſen, und ſelbſt da - zu Anlaß geben, auch mit Fleiß darob ſeyn, daß dieWeine234I. Theil. XIV. Capitul. Weine mit fuͤllen und wiſchen wohlgehalten und nicht verfaͤlſchet werden. Es wird ihnen darinnen angedeutet, daß ſie das Keller-Inventarium, an ſilbernen, kuͤpffernen, meßingenen, blechernen, hoͤl - tzernen und andern Gefaͤß, wie es bey der Recen - ſion befunden, in Acht nehmen ſollen, daß davon nichts verſchleifft oder entwendet, noch muthwillig zubrochen und vernichtet werde; ſondern was jaͤhr - lich darinnen verbeſſert, verneuert, vermehret und vermindert wird, ſteigt und faͤllt, alſobald in das Inventarium aufgezeichnet werde.

§. 8. Jn den Stall-Ordnungen werden die Pflichten aller Stall-Bedienten, vom oberſten biß auf den unterſten, vorſtellig gemacht, auch angezei - get, wie ſie ſo wohl die Reit-als Kutſch-Pferde, nebſt den Kutſchen / ingleichen dasjenige, was ih - nen, vermittelſt des Inventarii, an Satteln, Zeu - gen, Decken, Piſtohlen und andern Ruͤſtungen, auch ſonſten untergeben und vertrauet, in guter Verwahrung halten ſollen, damit nichts verderbe und etwan Schaden leide, von Futter im gering - ſten nichts verparthieren, auf die Leib-Pferde gute Acht haben, mit denſelben ſittſam und gemach um - gehen, keine fremde Pferde, ohne beſondern Fuͤrſt - lichen Befehl, in den Stall ziehen, und ſtallen laſ - ſen, auch ohne des Stallmeiſters Erlaubniß und Befehl niemand einig Pferd vorziehen, noch ver - leihen u. ſ. w.

§. 9. Das Anſehen und die Bedeutungen der Bedienungen ſind nach dem Unterſchied der Hoͤfevon235Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. von einander unterſchieden. Manche Charge iſt an dieſem Hofe mit einem groſſen Range und be - ſondern Dignitaͤt verknuͤffet, die hingegen an einem andern eben nicht vor ſo gar anſehnlich geachtet wird. Alſo iſt die Charge der Staats-Secretairs in Franckreich und Dennemarck ein gar vorneh - mes Amt, hingegen haben ſich bißanhero in Teutſchland viele von unſern Cavalieren keine Eh - re draus machen wollen, wenn man ihnen geheim - de Secretairs-Expeditionen zugedacht. Eine glei - che Bewandniß hats mit der Bedienung der Cam - mer-Herren, dieſe ſtehen an vielen Hoͤfen in einem vornehmen Poſto und hohen Range, an einigen Hoͤfen in Teutſchland aber findet man, daß dieſe Charge um einige Grade geringer geachtet wird. An dem Kayſerlichen Hofe ſind die Cammer-Her - ren-Schluͤſſel zweyerley, einige ſind hohl und of - fen, welche diejenigen Cammer-Herren tragen, ſo wuͤrcklich aufwarten; andere aber zu, welche vor die - jenigen gehoͤren, die nicht wuͤrcklich zur Aufwar - tung gebraucht werden.

§. 10. An dieſem Hofe iſt auch eine Charge, in dem Ober-Stallmeiſter-Amt, welche man den Sattel-Knecht nennet. Dieſes iſt ein ſo hono - rabler Dienſt, daß auch vornehme Leute ſolchen anzunehmen kein Bedencken tragen. Als nun zu Kayſers Leopoldi Zeiten einer, der ſolchen aller - erſt empfangen, anhielte, der Kayſer moͤchte doch die verhaßte Knecht-Benennung abſchaffen, und ſolche in einen andern Titul veraͤndern, ſagte derhoch -236I. Theil. XIV. Capitul. hochſelige Kayſer, wer den Nahmen nicht leiden koͤnte, ſchickte ſich auch nicht zum Dienſte; und bey allen ſolchen Veraͤnderungen pflegte er in dem Munde zu fuͤhren: Was ſeine Vorfahren haͤtten vertragen koͤnnen, koͤnte ihm auch gut ſeyn, und wuͤrde alſo bey ſeinem Leben nichts zu aͤndern ſeyn. S. das Leben des Kayſers Leopoldi p. 110. Der ietzt angezogene Autor meldet auch p. 112. daß die Kayſerlichen Edel-Knaben nicht Pagen genennet wuͤrden, weil man in Wien einen iedweden Jun - gen dieſen Titul gaͤbe.

§. 11. Es geſchicht bißweilen, daß einige kleine Fuͤrſten, die kein groß Land, und auch keine gar zu weitlaͤufftige Hofhaltung haben, dennoch in Aus - theilung hoher Characteres und groſſen Titulaturen den groͤſten Puiſſancen nachahmen, ſie muͤſſen aber auch nicht ſelten erfahren, daß ihre hoch-characteri - firte Miniſtres nicht allenthalben an denjenigen Hoͤ - fen, wo ſie dieſelben hinſchicken, in dieſer Qualitaͤt erkandt werden, zumahl bey denen, von welchen ihre Principalen einiger maßen dependant ſind.

§. 12. Die Vergebung der neuen Chargen de - pendiren, nach der unterſchiedenen Verfaſſung der Hoͤfe, entweder von den Landes-Herrn allein, oder von den Landes-Fuͤrſten und den Reichs - und Land - Staͤnden zugleich. Jn den neuern Zeiten ſind manche Collegia etabliret, und manche neue Char - gen ausgedacht worden, davon man in den vori - gen Zeiten nichts gewuſt. Gleichwie der Staat und die Magnificenze an den meiſten Hoͤfen zuge -nommen,237Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. nommen, alſo iſt auch die Menge der Hof-Bedien - ten, der Titulaturen, und der Chargen mit denſel - ben zugleich vermehret worden. Man findet hin und wieder bey den alten Geſchicht-Schreibern, daß man anſehnlichen und maͤchtigen Reichs-Fuͤr - ſten in Teutſchland als eine praͤchtige Hofhaltung nachgeruͤhmet, wenn ſie 6. oder 7. Ritter um ſich gehabt, da doch heutiges Tages manche Reichs - Grafen in dieſem Stuͤck eine groͤſſere Figur ma - chen. Chur-Fuͤrſt Friedrich der Weiſe hielt eine gar enge Hofſtatt; da er einſtens vorhatte ſeinen Dienern Koſt-Geld zu geben, und befand, daß ſol - ches 800 Guͤlden austragen wuͤrde, ſo rechnete er dieſes ſchon vor eine ſehr groſſe Summa Geldes. S. Zinckgraͤfs Teutſche Apophtegmata p. 98.

§. 13. Groſſe Herren ertheilen neue Aemter, Præ - dicata und Beſoldungen, wenn es ihnen beliebt, nachdem es entweder die Officianten verdienen, und ſich durch ihre Meriten den Weg zu weitern Avancemens gebaͤhnet, oder nachdem ſie ſich durch allerhand Methoden bey ihnen, oder bey ihren Fa - voriten maͤnnlichen oder weiblichen Geſchlechts, in Gnade geſetzt, oder nachdem ſie von andern Hoch-Fuͤrſtlichen Haͤuſern, mit denen ſie entweder in Freundſchafft oder Anverwandtſchafft ſtehen, oder vor die ſie beſondere Conſideration hegen, ſtarcke Recommendations - und Interceſſions - Schreiben mit ſich bringen. An vielen Teutſchen Hoͤfen iſt gebraͤuchlich, daß die Hoch-Fuͤrſtlichen Herrſchafften an ihren ſolennen Geburths-Taͤ -gen238I. Theil. XIV. Capitul. gen neue Chargen vergeben, und einige Diene avanciren laſſen.

§. 14. Wenn die Soͤhne entweder in die vaͤ - terlichen Fußſtapffen treten, oder das Gluͤck haben, die Gnade der Succeſſion ſo wohl zu erlangen, als ihre Vaͤter, ſo werden ſie ihren Vaͤtern gar offters adjungiret, und die Chargen werden hierdurch auf gewiſſe Maße erblich. An dem Kayſerlichen Ho - fe hatte man vor einiger Zeit ein denckwuͤrdig illu - ſtre Exempel: Es ſtarb anno 1716. den 16 Julii zu Wien, Herr Philip Sigmund, Graf von Die - trichſtein, Kayſerlicher Ober-Stallmeiſter, der Herr Bruder Fuͤrſt Ferdinand war des hochſeeli - gen Kayſers Leopoldi Ober-Hofmeiſter, deſſen Sohn Fuͤrſt Leopold, Kayſers Joſephi Ober - Stallmeiſter; der Vater Fuͤrſt Maximilian, Kay - ſers Matthiæ Ober-Stallmeiſter, Kayſers Ferdi - nandi II. und Kayſers Ferdinandi III. Ober-Hof - meiſter; der Groß-Vater Sigmund, Kayſers Rudolphi II. Miniſter, und Ertz-Hertzogs Ernſts Ober-Stallmeiſter; der Aelter-Vater, Kayſers Maximiliani II. Ober-Caͤmmerer, und Rudol - phi II. Ober-Hofmeiſter; der Uhrahne Sigmund, Kayſers Maximiliani I. Caroli V. und Ferdinan - di I. Miniſter. S. Heræi Gedichte p. 155.

§. 15. Die unterſchiedenen Objecta, die man - cherley Angelegenheiten des Landes, die unterſchie - denen Geſchaͤffte des Hofes, und die beſondern Neigungen der Herrſchafft verurſachen den Unter - ſchied der Aemter und Bedienungen, deren hiſtori -ſche239Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. ſche Beſchreibung, wie ſie heutiges Tages bey den meiſten Europaͤiſchen Hoͤfen anzutreffen, in eignen Schrifften zu leſen. Die vornehmſten Miniſtri des Kayſerlichen Hofes ſind, der Ober-Hofmeiſter, der Obriſte Caͤmmerer, der Obriſte Hof-Mar - ſchall, und endlich der Obriſte Stallmeiſter; die gantze uͤbrige Hofſtatt wird in dieſe vier hohe Aem - ter eingetheilet. Der Ober-Hofmeiſter-Stab iſt der vornehmſte; unter ihm ſtehen, der Ober-Hof - Kuͤchenmeiſter, der Ober-Silber-Caͤmmerer, der Unter-Silber-Caͤmmerer, der Obriſte Staͤbelmei - ſter, welcher voran gehet, wenn man dem Kayſer die Speiſen auftraͤgt; er klopfft mit einem Stabe an die Thuͤre, damit die in der Ritter-Stube und Anti-Camera ſtehenden Perſonen Platz machen. Die Truchſeße warten dem Kayſer bey der Tafel auf, und ſind deren eine groſſe Anzahl; unter ihnen ſtehen 13. Mund-Schencken, zwey Vorſchneider, die Hof-Capelle, die Hof-Secretarii, ingleichen alle Hof-Zehr-Garten-Kellerey-Tafel-Kuͤch-und Waſch-Bedienten.

§. 16. Der Obriſte Caͤmmer-Stab fuͤhret die Ambaſſadeurs, Envoyés und andere Standes - Perſonen zur Audienz, ihm wird das Creditiv - Schreiben der Herren Geſandten vorher eingelie - fert, und denſelben von ihm durch einen Thuͤrhuͤter von der Anti-Camera eine gewiſſe Stunde ange - ſetzt; Unter ihm ſtehen die Cammer-Herren, de - ren eine uͤberaus groſſe Menge, wie auch der Kay - ſerliche Beicht-Vater, die Leib-Medici, die Leib -Apo -240I. Theil. XIV. Capitul. Apothecker, die Leib-Balbierer, auch alle Cammer - und Garde Roben-Bedienten. Der Obriſte Hof - Marſchall hat nicht allein die Jurisdiction uͤber die Hof-Bedienten, ſondern auch uͤber die Frembden, als Abgeſandten, Reſidenten, Agenten, Sollicitan - ten; er macht Quartier wenn der Kayſer ſeine Re - ſidentz veraͤndert. Daher ſtehen unter ihm, das Hof-Quartier-Amt, und die dazu gehoͤrigen Ober - Hof-Quartier-Meiſter, Fourirer &c. ferner das Ober-Hof-Marſchall-Amt, ſamt ſeinen Raͤthen, Aſſeſſoribus und Bedienten.

§. 17. Dem Ober-Stallmeiſter iſt alles, was zum Stall gehoͤret, untergeben; er hilfft dem Kay - ſer zu Pferde oder Wagen, auſſer der Stadt aber pflegt er bey dem Kayſer mit entbloͤßtem Haupt in der Kutſche zu ſitzen. Es ſind auch die Exercitien - Meiſter bey Hofe an denſelben gewieſen. Zu ſei - nem Stabe gehoͤren die Kayſerlichen Edel-Kna - ben, ſo Graͤflichen und Freyherrlichen Standes, ingleichen alle Stall-Pferde - und Wagen-Be - diente. Auf dieſe vier Haupt-Staͤbe folgen, der Hatſchier-Hauptmann, der Leib-Garde Traban - ten-Hauptmann, der Obriſte Land-Hof - und Jaͤ - ger-Meiſter, der Ober-Hof-Falcken-Meiſter, und andere hohe Officianten mehr.

§. 18. An vielen Hoͤfen der gecroͤnten Haͤupter, und anderer hohen Puiſſancen findet man, uͤber die andern Staats-Miniſtres und andere hohen Offi - cianten, noch einen Miniſtriſſimum, einen Premier - Miniſter, einen Miniſtre principal d’Etat, einendiri -241Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. dirigirenden Staats-Miniſter, oder wie ſie etwan weiter koͤnnen genennet werden. Von dieſen bringt es, in Anſehung der fortwaͤhrenden Gnade und der Dauer dieſes hoͤchſten Ehren-Gipffels, einer im - mer weiter als der andere, nachdem einer Meriten hat, und ſich neceſſair zu machen gelernt, oder durch ſein gutes Bezeigen ſich bey der Herrſchafft und dem Hof beliebt zu machen weiß. Bißweilen ver - ſehen einige hohe Anverwandte des Hauſes dieſe Function, bißweilen aber auch andere Staats - kundige Maͤnner. An den Roͤmiſch-Catholiſchen Hoͤfen bemuͤhen ſich die Cardinaͤle, bey dieſer Char - ge einen groſſen Theil des Steuer-Ruders nebſt den Regenten zugleich mit in Haͤnden zu halten, wie aus der alten und neuen Hiſtorie bekandt iſt. Alſo beherrſchten in den vorigen Zeiten die beyden Cardinaͤle, Richelieu und Mazarin, als Premier - Miniſtres gantz Franckreich. Richelieu legte den Grund, und Mazarin bauete drauf.

§. 19. Auf gewiſſe Maße geben bißweilen einige Staats-kundige Damen, die das Hertz des Re - genten in Haͤnden fuͤhren, oder das Gluͤck haben, dem Miniſtriſſimo ſelbſt beſonders zu gefallen, und mit ihm vertraut zu ſeyn, Premier-Miniſtres mit ab, und dieſe ertheilen auf eine gewiſſe Zeit denjenigen Sachen, von denen ſie Erkaͤntniß erlanget, und zu denen ſie mit zu Rathe gezogen werden, ein ſehr ſtarck Gewicht. An einigen Hoͤfen ſind die Pre - mier-Miniſtres zugleich Favoriten, aber nicht al - lenthalben. Bißweilen muß ein Regent einenQPre -242I. Theil. XIV. Capitul. Premier-Miniſtre um ſich leiden, weil das Volck an ihm haͤnget, weil er ſich allenthalben inſinuiret, weil er von trefflicher Capacitaͤt, und die Regie - rungs-Sachen wohl innen hat, inzwiſchen iſt er ihn eben nicht vollkommen zugethan, und eine an - dere zuweilen ſchlechte Perſon, von keinen oder doch geringen Meriten, vertritt die Stelle des Favoriten. Ein beſtaͤndiger und getreuer Favorite des Koͤnigs in Engelland war Wilhelm von Bentheim Graf von Portland, der anno 1710. den 10 November im 62ſten Jahr ſeines Alters ſtarb. Vor ſeinem Lebens-Ende bath er, daß man ſeinen Leichnam ſo nahe an den Coͤrper Koͤnigs Wilhelms III. legen moͤchte, als ſichs thun lieſſe, und hatte auch die Eh - re, daß er in der Abtey zu Weſtmuͤnſter in der Ca - pelle Koͤnigs Henrichs des VII. beygeſetzt ward.

§. 20. Caſpar de Gutsmann Graf von Oliva - rez hatte das Gluͤck, daß er bey dem Koͤnig Phi - lippo III. in Spanien die Staats-Affairen des Koͤnigreichs XXII Jahr nach einander als Pre - mier-Miniſter dirigiren konte. Der Franzoͤſiſche Hiſtoricus, Michael Le Valſor, urtheilet in ſeiner Hiſtorie du Regne Louis XIII. liv. 56. p. 10. folgen - des von ihm: Olivarez gouvernoit & le Roy & toute l’Eſpagne avec un pouvoir abſolu, homme d’un eſprit altier, rempli de maximes ſeuéres & naturellement porté aux conſeils violens. Com - me il avoit inſinué a ſon maitre de prendre le ſurnom de grand, il cherchoit tous les moyens d’augmenter la puiſſance & la gloire de Phi -lippe;243Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. lippe; mais la fortune ſeconda ſi mal les pro - jets du Conte, que durant ſon adminiſtration la monarchie d’Eſpagne perdit ſon ancien ſplen - deur.

§. 21. An dem Paͤbſtlichen Hofe, der alles durch den Beyrath der Cardinaͤle expediret, verſiehet derjenige Cardinal, der ſich zu der Zeit am meiſten auf die Staats-Affairen appliciret, ſich in den Pabſt zu ſchicken, und von der Schwaͤche des Pabſtes zu profitiren weiß, die Stelle eines Pre - mier-Miniſtri. Einige wollen es einem groſſen Herrn vor einen Fehler anſchreiben, wenn er kei - nen Premier-Miniſter haͤlt, zumahl wenn er ſelbſt in ſeinen Verrichtungen ſehr langſam und bedaͤch - tig, und dennoch alles ſelbſt annehmen und anhoͤ - ren will; ſintemahl die Reſolutionen hierdurch gar ſehr gehindert, und viel Geſchaͤffte verabſaͤumet wuͤrden. Andere hingegen ſchreiben es einen Re - genten vor eine ſehr groſſe Weißheit an, wenn er ſelbſt Premier-Miniſter iſt, und keinen andern um ſich dultet.

§. 22. Es iſt uͤberaus loͤblich, und bringt einem Fuͤrſten einen beſondern Ruhm zuwege, wenn er die Dienſte, die ihm treue und fleißige Diener lei - ſten, auf mancherley Art und Weiſe an ihnen ſelbſt, oder an den Jhrigen belohnet. Fuͤrſt Joachim Ernſt zu Anhalt wird nachgeruͤhmet, daß er inner - halb 12 Jahren etliche 40 Paar Diener, adelichen und buͤrgerlichen Standes, deren Heyrathen er mehrentheils ſtifften und anbringen helffen, aufQ 2dem244I. Theil. XIV. Capitul. dem Schloß zu Torgau trauen und beylegen laſſen, und denſelben nicht allein ihre Hochzeiten ausge - richtet, ſondern ſie auch mildiglich begnadiget. S. Beckmans Hiſtorie von Anhalt V. Theil p. 194. Hertzog Friedrich von Gotha verordnete, daß die Witwen und Erben der Fuͤrſtlichen getreuen Die - ner nach ihrem Tode alle ihre Beſoldungen und Ac - cidentien noch folgende zwey Ouartale behalten ſolten. Einige goͤnnen den Witwen der groͤſten Miniſtres und anderer Officianten, die ihnen eine lange Zeit getreue und erſprießliche Dienſte gelei - ſtet, nach dem Tode ihrer Maͤnner anſehnliche Pen - ſionen, wenn ſie ſelbſt nicht ſo viel in Vermoͤgen haben, daß ſie Standes-maͤßig davon leben koͤnnen.

§. 23. Nachdem bey Veraͤnderung der Lan - des-Regenten gemeiniglich auch unter den Bedien - ten, hoͤhern und geringern Standes, ſich groſſe Veraͤnderungen ereignen, ſo wird vielmahls in die - jenigen Fuͤrſtlichen Pacta und Vergleiche, ſo unter den Durchlauchtigſten kuͤnfftigen Succeſſoribus aufgerichtet werden, dieſe Clauſul mit eingeruͤckt: Weil der Billichkeit gemaͤß, daß treuer und wohl - verdienter Raͤthe und Bedienten erwieſene nuͤtzli - che Officia nicht unbelohnet bleiben, ſo haben ſich die Fuͤrſtlichen hohen Herren Paciſcenten dahin gnaͤdigſt erklaͤhret daß ſie, und zwar ein ieder nach ſeiner Rata, fuͤr diejenigen Raͤthe und Miniſtros, ſo bey Abgang eines oder des andern Fuͤrſtlichen Theiles in dero Dienſten ſich wuͤrcklich befinden,und245Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. und wohl meritirt gemacht, dergeſtaltige Sorge tragen wollen, damit entweder durch anderweitige Accommodirung, oder nach Befindung durch eine erkleckliche Proviſion ihnen, ſo viel moͤglich, Unter - haltung und Subſiſtenz verſchafft werden moͤge.

§. 24. Gehet ein Kayſer mit Tod ab, ſo ſind alle Bediente des gantzen Kayſerlichen Hofes ſo gleich ihrer Dienſte erlaſſen, und der neue Kayſer nimmt ſodann diejenigen, welche ihm belieben, erſt wieder an. Der eintzige Reichs-Vice Cantzler bleibt un - verruͤckt in ſeinen Dienſten, weil ſeine Charge nicht ſo wohl von dem Kayſer, als vielmehr von Chur - Mayntz und dem Reich dependiret.

§. 25. Was der Autor der Perſianiſchen Brie - fe in ſeiner XXIX Lettre von dem vorigen Koͤnig in Franckreich Ludwig dem XIV. raiſoniret, geſchie - het auch bißweilen auſſer den Franzoͤſiſchen Gren - tzen bey einem andern Regenten: Il paye auſſi li - beralement les aſſiduites ou plutot l’oiſiveté de ſes Courtiſans que les Campagnes laborieuſes de ſes Capitaines, ſouvent il préfere un homme, qui le deshabille, ou qui luy donne la ſerviette l’ors qu’il Je met a table, à un autre, qui luy prend des villes, ou luy gagne de batailles; il ne croit pas, que la grandeur ſouveraine doit être genée dans la diſtribution des graces & ſans examiner, ſi celuy, qu’il comble de bien eſt homme de merite il croit que ſa choix va le rendre tel, auſſi luy a t’on vu donner une petite penſion, a un homme, de merite & un beauQ 3gou -246I. Theil. XIV. Capitul. gouvernement a un autre, qui auoit fuy deux lieux.

§. 26. Einige Hof-Officianten werden nach dem Unterſchied ihrer Bedienungen der Objectorum, die ſie zu verwalten haben, und der Obſervanz der Hoͤfe in Pflicht genommen, andere aber nicht; ei - nige werden auf Art eines Contracts in Dienſte gezogen; manchen wird ein beſonder Decret zu ih - rer honeur, auch mehrern Verſicherung ausgefer - tiget. Groſſe Miniſtri erhalten ihre Beſtallungen mit groſſen Solennitaͤten, die geringern Subalternen hingegen werden ohne beſondere Ceremonie ange - nommen. Wird einer zu einem Hoch-Fuͤrſtlichen Rath in ein Collegium aufgenommen, ſo wird er vorhero von einem Miniſtre, vermittelſt einer ſo - lennen Rede, introduciret. Derjenige ſo ihn introducirt, offeriret ihm nomine Sereniſſimi die vacante Stelle, und zweiffelt nicht, er werde, der Hoch-Fuͤrſtlichen Intention gemaͤß, ſolche willig annehmen, die gewoͤhnliche Vorhaltung anhoͤren, und daß er derſelben in allen pflichtmaͤßig nachleben wollen, mit dem Handſchlag angeloben, und ſodann der wuͤrcklichen Anweiſung ſeiner Seſſion gewaͤrtig ſeyn. Der neue Rath haͤlt wieder eine ſolenne Danckſagungs-Rede dagegen. Bißweilen in - ſtalliret ein Geringerer einen Hoͤhern, mehrmahls aber einer von einem groͤſſern und hoͤhern Range einen andern, der keine ſo hohe und anſehnliche Di - gnitaͤt beſitzet.

§. 27. Nimmt ein Rath oder Miniſter aus ei -nem247Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. nem Collegio Abſchied, und wird in ein anderes geſetzt, ſo haͤlt er bey dem Abſchied eine Rede, und bey dem Eintritt in das neue Collegium, in wel - ches er introduciret wird, wieder eine, wie ſehr viel Exempel, bey dieſen und andern dergleichen Faͤllen, in den Reden der vornehmſten Miniſtres nachgeſe - hen werden koͤnnen.

§. 28. Wird dem Erb-Printzen eine Hofſtatt formiret, ſo wird, mit Zuziehung der Herren Ge - heimden Raͤthe, auch bißweilen des Herrn Ober - Hof-Predigers, eine gewiſſe Ordnung, wie es in Zukunfft bey des Printzen Hofſtatt gehalten wer - den ſoll, abgefaſt, und zu Papier gebracht, auch wohl durch des Printzen Hofmeiſter, oder einen andern Cavalier, bey einer ſolennen Rede publi - ciret. Es wird anbefohlen, daß dieſe Ordnung in Gegenwart des Erb-Printzen den ſaͤmtlichen zu der Hofſtatt gehoͤrigen Officianten und Bedienten zu gewiſſer Zeit jaͤhrlich vorgetragen, wiederhohlet und abgeleſen werden ſoll.

§. 29. Zu manchen feindſeligen Zeiten, oder wenn ein Land mit einer ſehr groſſen Schulden-Laſt ge - druͤckt iſt, wird die allzu zahlreiche Hofſtatt vermin - dert / und von einem Hof-Miniſter durch eine ſo - lenne Rede dimittiret. Er dancket ihnen nomine Sereniſſimi vor ihre Dienſte, verſichert ihnen, daß ſie bey wiederhergeſtellter Ruhe, und bey ereignen - der Gelegenheit, wieder accommodiret, immittelſt aber ihren allerſeits biß hieher gehabten Rang vor wie nach, und den freyen Zutritt bey Hofe behaltenQ 4ſolten.248I. Theil. XIV. Capitul. ſolten. Ordentlicher Weiſe verbleibet den abge - danckten Bedienten ihr Character und gefuͤhrter Titul eigenthuͤmlich; zuweilen geſchicht es aber doch wohl, daß ſie bey einer ſehr groſſen Ungnade der Herrſchafft, und bey einem hoͤchſt unanſtaͤndi - gen und unwuͤrdigen Bezeigen, ihres Ranges und Tituls verluſtig werden; es wird ſodann allen Col - legiis des Landes verbothen, daß ſie dieſelben in de - nen an ſie abgelaſſenen Schreiben nicht mehr nach ihrem vorigen Character benennen ſollen.

§. 30. Nachdem ordentlicher Weiſe die Be - dienten nach ihren Gefallen aus den Dienſten ge - hen koͤnnen, wenn ihr Jahr geendiget, ohne daß ſie noͤthig haͤtten, ihre Dienſte ein Viertel-Jahr vor - her aufzukuͤndigen, wie etwan die Bedienten der Privat-Perſonen, ſo wird bißweilen ausdruͤcklich in ihre Beſtallungen mit eingeruͤckt, daß ihre Reſi - gnation mit der Einwilligung ihres Herrn, und ihre Loßkuͤndigung ein Viertel-Jahr vorher geſchehen ſoll; auſſer dieſem Fall ſind ſie nicht ſchuldig, nach der Reſignation noch ein Viertel-Jahr zu warten, und duͤrffen auch nicht Rede und Antwort davon geben, daß ſie ſolches nicht gethan. Bey den Cam - mer-Gerichts-Aſſeſſoribus iſt es ausdruͤcklich ver - ordnet, daß ſie die Reſignation ein Viertel-Jahr zuvor intimiren muͤſſen.

§. 31. Bißweilen verſprechen die Landes-Re - genten einigen Officianten vom hoͤhern Range, und die ſie von auswaͤrtigen Oertern herbekommen, bey Annehmung in ihre Dienſte, und zwar durch be -ſondere249Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. ſondere mit eigener Hand und Siegel ausgefertig - te Receſſe, daß ſie dieſelben ohne wichtige und recht - maͤßige Urſachen ihrer Dienſte nicht erlaſſen wollen. Nicht weniger machen ſie ſich anheiſchig bey denen, die ſie mit groſſer Muͤhe uͤberkommen, und an denen ihnen ein gar vieles gelegen, daß ſie nach ihrem To - de ihren hinterlaſſenen Weibern und Kindern eine Penſion deſtiniren wollen.

§. 32. Einige groſſe Herren verfahren nicht all - zu ſchnell mit Abdanckung der Bedienten, zumahl derer, die ihnen eine Zeit gute und erſprießliche Dienſte geleiſtet. Hertzog Wilhelm zu Sachſen - Weimar pflegte zu ſagen: Bey unſerm Fuͤrſtlichen Hauſe iſt es nicht herkommens, daß man alte treue Diener, die ſich um Uns und die Unſrigen ſo viel Zeit und Jahre wohl verdient gemacht, abſchaffe; Er ſoll auch einſtens gegen einen alten Diener dieſe Rede gefuͤhret haben: Hoͤret Alter, ihr ſeyd etlichen beſchwerlich, und lebet ihnen zu lange, man will euch von der Krippe ſtoſſen, die Jungen ſollen es beſſer koͤnnen; aber nein, es iſt ſo boͤſe nicht gemeynt, ich bin mit euren Dienſten gar wohl zufrieden, und bleibe euer gnaͤdiger Herr, wer euch verachtet, der muß mich, der ich aͤlter bin, als ihr ſeyd, auch ver - achten, ſterben wir aber beyde, ſo wird es gut ſeyn, wenn ſie es beſſer machen koͤnnen, als wirs gemacht haben. S. Muͤllers Annal. Saxon. p. 449.

§. 33. Wo die Regierung eines Regentens ei - niger maßen eingeſchraͤncket, als wie in Engelland, ſo pflegt man bey der auf dem Tapet ſeyenden Ab -Q 5dan -250I. Theil. XIV. Capitul. danckung eines groſſen Miniſtri, der zumahl bey dem Volck, oder bey einigen Groſſen des Hofes ziemlich wohl angeſehen, gar behutſam zu procedi - ren. Es werden nicht ſelten von den Reichs - oder Land-Staͤnden, oder von den hohen Collegiis, De - putirte an den Koͤnig abgeſchickt, die vor ihm in - rercediren, und bey dem Koͤnig reſpective Vor - ſtellungen thun muͤſſen. Durch dieſe laͤſt ſich denn ein Landes-Regent entweder von ſeinem Vorſatz abbringen / oder er ſtellet ihnen die Urſachen vor, warum er zu dieſer Dimiſſion geſchritten, verſichert aber im uͤbrigen, daß er nicht geſonnen waͤre weite - re Veraͤnderungen vorzunehmen.

§. 34. Einige Hof-Officianten, die ihres Lebens und zugleich ihrer Hof-Dienſte ſatt und uͤberdruͤßig worden, kommen bey Sereniſſimo ſelbſt muͤndlich oder ſchrifftlich ein, fuͤhren mit aller Submiſſion ihr hohes Alter, Unvermoͤgen und Leibes-Schwach - heit an, beklagen, daß ſie nicht vermoͤgend waͤren, denen ihnen gnaͤdigſt anvertrauten hochwichtigen und muͤhſamen Dienſten weiterhin nutzbarlich vor - zuſtehen, noch ihren ſchweren Pflichten ein ſattſa - mes Genuͤgen zu leiſten, und erſuchen ſie alſo ih - rer bißherigen Dienſte ſie in allen Gnaden zu er - laſſen.

§. 35. Wenn ſich nun die Landes-Regenten bey dieſen Umſtaͤnden entſchlieſſen muͤſſen, ſo dancken ſie ihnen wegen ihrer bißherigen lange geleiſteten treuen Dienſte, ſie verſichern ſie weiterhin und biß an ihr Ende aller Gnade, und laſſen ihnen auch ge -mei -251Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. meiniglich ihre gehabte Beſoldungen biß an ihr Ende. Sie bedienen ſich bißweilen ihres guten Raths, wenn ſie auch ſchon dieſelben ihrer Dien - ſte erlaſſen, und laſſen ſie zu ſich fordern. Sind ſie mit dem Podagra beladen, oder ſonſt wegen hohen Alters ſehr ſchwach und matt, daß ſie nicht wohl zu Fuß ſind, ſo erlauben ſie ihren alten Die - nern, daß ſie ſich duͤrffen in die Zimmer tragen laſ - ſen, und in einen Arm-Stuhl niederſetzen.

§. 36. Dafern einige groſſe Herren, entweder aus eigener freyen Bewegniß, oder auf Anſtifften anderer Bedienten, auf einen Officianten eine Un - gnade geworffen, der aber doch unſchuldig iſt, und durch ſein Bezeigen keine rechtmaͤßige Gelegenheit darzu gegeben, und den ſie doch auch nicht ſo gleich caſſiren und abdancken wollen, ſo laſſen ſie ihm ent - weder durch die dritte oder vierdte Hand unter dem Fuß geben, daß er ſelbſt aus einigen falſchen Schein-Gruͤnden um ſeine Dimiſſion und um die Ruhe anhalten muß, da doch manchen mit einer laͤngern Hof-Unruhe gedienet waͤre; oder ſie geben ihm ein Employ, und manchmahl noch ein ein - traͤglichers, als er gehabt, an einem andern Ort, der etwas von der Reſidentz entfernet, damit er ih - nen nur aus den Augen kommen moͤge, oder ſie re - legiren ihn gar auf eine honette Weiſe in ein an - der Land, das iſt, ſie ertheilen ihm in einer andern Provintz, die auch ihrer Bothmaͤßigkeit unterworf - fen, ein ander Amt und andere Occupationen.

§. 37.252I. Theil. XIV. Capitul.

§. 37. Die disgraciirten Hof-Officianten kom - men bißweilen bey Durchlauchtigſter Herrſch afft mit einem unterthaͤnigſten Memorial ein, und bit - ten, daß ihnen gnaͤdigſt eroͤffnet werden moͤchte, wodurch ſie ſich einer ſolchen Ungnade ſchuldig ge - macht. Graf Abraham von Zinzendorf, nach - mahliger Ober-Hofmeiſter Kayſers Leopoldi, fuͤhrte in dem Schreiben, welches er an die Kay - ſerin Eleonoram, Kayſers Ferdinandi III. hinter - laſſene Witwe / allerunterthaͤnigſt uͤbergeben ließ, und darinnen er anno 1675. bey derſelben um al - lergnaͤdigſte Erlaſſung ſeiner Dienſte allerunter - thaͤnigſt anſuchte, unter andern folgendes an: Jm Fall einige Ubelgeſinnete bey Eurer Majeſtaͤt mich moͤchten angegeben haben, ſo bitte, mir die Klage zukommen zu laſſen, ich will antworten, und wenn ich uͤberwieſen, die Straffe des Verbrechens gerne ausſtehen. Dieſe Umſtaͤnde und das Verlangen Eure Majeſtaͤt voͤllig vergnuͤgt, und nach eigenem Belieben bedient zu ſehen, bewegen mich des Tro - ſtes, dero Dienſte mich zu berauben, und mit tief - ſter Ehrerbietung um die Erlaſſung zu einer reputir - lichen Retirade zu bitten, und nach dero Wohlge - fallen mit dem von mir verwalteten Officio zu dis - poniren. Eure Majeſtaͤt wollen befehlen, wenn, wie, und in weß Haͤnde ich ſolches zu uͤberlaſſen habe. Mein Nachfolger wird gluͤckſeliger, aber nicht eifriger dienſtbahrer und getreuer ſeyn koͤnnen. S. das LXXIII. Schreiben des IV. Theils von Luͤnigs Europaͤiſchen Staats-Cantzley.

§. 38.253Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten.

§. 38. Jſt ein Miniſter bißweilen unſchuldiger weiſe angeſchwaͤrtzt worden, und bekommt bey Zei - ten Nachricht davon, ſo begiebt er ſich oͤffters unter fremde Protection, und fuͤhrt daſelbſt ſeine Sa - chen aus. Alſo begab ſich anno 1652. der vor - nehmſte Koͤniglich-Daͤniſche Staats-Miniſter, Herr Corfiz Ullefeld, unter die Protection der Koͤnigin Chriſtina in Schweden, und als der Koͤ - nig von Dennemarck darum ſchrieb, ſo antwortete die Koͤnigin: Es hat uns nicht wollen anſtehen, da es nicht von uns begehret worden, ohne vorher - gehende Verhoͤrung, mit unſerer Cenſur einigen Menſchen, er ſey hohen oder niedrigen Standes, Freund oder Feind præjudicirlich zu ſeyn; ſon - dern haben ihm dißfalls dieſe Freyheit und Sicher - heit vergoͤnnet, innerhalb unſern Grentzen und deſ - ſen Provintzien, und unter unſerer Jurisdiction ſo lange zu verbleiben, biß er ſeine Sachen bey Eurer Liebden ausgefuͤhrt und beygelegt haͤtte.

§. 39. Haben ſich einige gewiſſer Malverſatio - nen ſchuldig gemacht, ſo werden ſie mit Arreſt be - legt. Geſchicht die Arretirung an einem oͤffentli - chen Orte, oder bey einem ſehr groſſen Staats-Mi - niſter, ſo wird den andern Miniſtris fremder Puis - ſancen Nachricht davon gegeben, auch wohl die gantze Hiſtorie gedruckt, und der Welt kund ge - than, weil doch groſſe Herren ihre Facta und Ver - fahren in allen Dingen gerne juſtificiren wollen. Jn den Memoiren des Monſr. de Lamberty wird man hiervon einige Exempel antreffen.

§. 40.254I. Theil. XIV. Capitul.

§. 40. Bißweilen werden ſie, nach Erlegung ei - ner gewiſſen Caution de judicio ſiſti & judicatum ſolvi, auf freyen Fuß geſtellet, bißweilen muͤſſen ſie aber auch, nach dem Unterſchied ihrer Verbrechen / in Arreſt verbleiben. Jhre Malverſation wird nachgehends durch gewiſſe darzu beſtellte Commis - ſarien unterſucht; bißweilen wird denen ordentli - chen Gerichts-Beamten ein oder mehr Hof-Raͤ - the, auch wohl nach Gelegenheit, noch ein hoͤherer characteriſirter Miniſter adjungirt; vielmahls aber werden eigene und auſſerordentliche Comiſſa - rien darzu erwehlet, und mit beſondern Pflichten belegt, daß ſie alles geheim halten ſollen.

§. 41. Manche behalten ihre Dignitaͤt und ein - mahl erlangten Character, ob ſie ſchon in Arreſt gebracht worden, andere aber werden deſſen bey beſondern Umſtaͤnden vorher verluſtig. Ein Pol - niſcher von Adel, welcher einmahl ein voͤlliges Amt uͤberkommen, und in deſſelben wuͤrcklichem Beſitz iſt, kan ſeiner einmahl erlangten Charge, wenn er ſich auch des allergroͤſten Verbrechens, wider die Crone oder wider den Staat theilhafftig gemacht, nicht ſo leicht beraubet und entſetzt werden, es muͤſte denn ſolches mit einmuͤthiger Bewilligung aller auf dem Reichs-Tage verſammleten Reichs-Staͤnde geſchehen, und wenn ſie auch alle, biß auf einen ein - tzigen, den er unter einer ſolchen Menge auf ſeiner Seite behalten, damit zufrieden waͤren, ſo wuͤrde dennoch die Proteſtation dieſes eintzigen ſo viel wuͤr - cken, daß er wider den Willen aller der uͤbrigen daseinmahl255Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. einmahl verliehene Amt die Zeit ſeines Lebens wuͤr - de behalten duͤrffen. S. Connor Beſchr. des Koͤ - nigreichs Pohlen p. 424.

§. 42. Man hat allenthalben gewiſſe Staats - Gefaͤngniſſe, in welchen die Priſoniers d’Etat ent - weder biß an ihren Todt, oder nur ein Zeitlang, in weiter oder enger Verwahrung aufbehalten wer - den. Es werden mehrentheils gewiſſe Veſtungen oder ſonſt alte Schloͤſſer darzu auserſehen, in wel - chen, nach dem Unterſchied der Verbrechen, und dem unterſchiedenen Stand und andern Umſtaͤnde der Miſſethaͤter, entweder uͤberirdiſche oder unter - irdiſche, ſchlechte oder praͤchtig ausmeublirte Be - haͤltniſſe angetroffen werden. Jn Franckreich wer - den die Staats-Gefangenen in die Baſtille geſetzt / vormahls aber in das Chateau de Vincennes. Es iſt einer ungluͤcklich, wenn einer in die Baſtille ge - ſetzt wird, man faͤngt gemeiniglich ab executione an / und mittlerweile muß einer manchmahl Jahr und Tag ſitzen, ehe man vornimmt, die Sache zu unterſuchen, warum einer eigentlich eingeſetzt wor - den. Die Gouverneurs haben ihren Profit da - von, als welche nach Proportion vor ieden Gefan - genen, und deſſen Unterhaltung, vom Hofe bezahlet werden. S. Nemeitz Sejour de Paris p. 432.

§. 43. Werden die Acta nach Verſpruch Rech - tens geſchickt, ſo wird die Urthels-Frage nicht ſelten unter verdeckten Nahmen abgefaßt, und das Urthel unter einen andern Nahmen publiciret, wenn es etwan bedencklich, daß die rechten Umſtaͤnde man -chen256I. Theil. XIV. Capitul. chen Leuten kund werden; manchmahl werden auch die gantzen Acta, die in der Sache ergangen, weggelegt und bey Seite geſchafft, daß ſie nachge - hends niemand mehr zu Geſicht kommen.

§. 44. Solte bey ſehr harten Verbrechen gar ein Todes-Urthel geſprochen werden, ſo geſchicht die Execution des Urthels entweder oͤffentlich, oder gantz in geheim, ohne daß iemand etwas davon er - faͤhret, im Gefaͤngniß nach der Wichtigkeit des Verbrechens, nach der Beſchaffenheit der Offician - ten, und nach Groͤſſe der Ungnade und des Zorns, die ein Regent auf ſeinen Diener geworffen, und nach den Regeln der Klugheit, die hierbey in Be - trachtung zu ziehen.

§. 45. Unter andern Hof-Gebraͤuchen die man bey den Hof-Bedienten wahrnimmt, iſt auch das Wehrhafft machen der Pagen, welches mit beſon - dern Ceremonien zu geſchehen pflegt. Jſt der Tag zum Wehrhafftmachen angeſetzt, ſo laͤſt der Fuͤrſt in Beyſeyn ſeiner Gemahlin, und des Hof-Mar - ſchalls oder Hauß-Marſchalls, und einiger andern von der Hofſtatt, den Pagen zu ſich fordern, ruͤhmet ſeine gute Auffuͤhrung, verehrt ihm einen Degen, ertheilt ihm gute Vermahnungen, wie er ſich dieſes Degens zur Beſchuͤtzung der Ehre GOttes, des Vaterlandes, und ſeines eigenen Lebens bedienen ſolle, und declarirt ihn hierdurch vor einen Cavalier. Will er ihm beſondere Gnade erzeigen, ſo verehret er ihm noch wohl uͤber dieſes ein ſchoͤn Pferd, ein neu Kleid, einen Beutel mit Geld, u. ſ. w. Wennes257Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. es der Fuͤrſt ſelbſt nicht thut, ſo haͤlt der Hof-Mar - ſchall, oder der ſonſt zu dieſer oder jener Zeit deſſen Stelle vertritt, und den Stab fuͤhrt, eine kleine Re - de an den Pagen, in Beyſeyn der Durchlauchtig - ſten Herrſchafft. Hierauf haͤlt der Page entweder ſelbſt eine Gegen-Rede, wenn ſich ſeine Geſchick - lichkeit ſo weit erſtreckt, und bedanckt ſich bey der Durchlauchtigſten Herrſchafft vor die Gnade, die ſie ihm hierunter erzeiget, oder er erſucht einen Ca - valier, daß er im Nahmen ſeiner, eine Danckſa - gungs-Rede bey der Durchlauchtigſten Herrſchafft ablegen ſoll. Nachgehends wird der wehrhafft gemachte Page denſelben Tag an die Fuͤrſtliche Tafel mit gezogen, und muß auch wohl an ſeinen Ehren-Tage ein groß Glaß Wein austrincken.

§. 46. An einigen Hoͤfen bekommen ſie auch bey ihrer Wehrhafftmachung, nach einem ſehr al - ten Gebrauch, noch eine Ohrfeige, welche eine Rit - ter-maͤßige Ohrfeige genennet wird. Caſpar Lerch meldet hiervon in ſeinem Diſcours von dem Ritter - Weſen der Teutſchen. Es wurde vor dieſem kei - ner ſo leicht zum Krieg oder Ritter-Weſen zugelaſ - ſen, man hatte denn ſeine Mannheit, Treue und redlich Gemuͤth vorher erkandt, alsdenn guͤrtete man ihm erſt die Waffen und Wehr an, und machte ihn damit wehrhafft; ſintemahl vor al - ten Zeiten bey Menſchen Gedencken her ein Her - bringen entſtanden, daß keiner, er ſey denn wehr - hafft gemacht und erkandt worden, die Wehre tragen duͤrffte, welche denen Jungen von AdelRund258I. Theil. XIV. Capitul. und reißigen Knechten mit einem Backenſtreich zu - geſtellet worden; es wurde nicht ein ied weder fre - cher und ungeſcheuter Juͤngling, Scribent und A - cker-Bube zum Waffen gelaſſen, wie ietzt, da ſie ein ieder faſt an ſich ſelbſt nimmt. Zu welcher Zeit dieſe Ohrfeigen-Ceremonie aufkommen, kan man ſo eigentlich nicht ſagen; ſie ſoll aber doch ſchon zu Zeiten Kayſers Caroli des Groſſen im Gebrauch geweſen ſey. Heutiges Tages iſt dieſe Solenni - taͤt an ſehr viel Hoͤfen in Teutſchland gantz und gar abgekommen. S. das VIII. Capitul und den gantzen Tractat, den der Hoch-Fuͤrſtlich-Sachſen - Gothaiſche Hof-Rath Foͤrſter von Wehrhafft - machen geſchrieben.

§. 47. Die Farbe der Libereyen, in welche man die Pagen und Laquais einkleidet, iſt an einigen Hoͤ - fen veraͤnderlich, und werden nach Belieben der Durchlauchtigſten Herrſchafft mancherley Ver - aͤnderungen damit vorgenommen; an andern aber hingegen wechſelt man nicht leichtlich, ſondern man behaͤlt die Farbe ſo die Durchlauchtigſten Eltern, Groß-Eltern und Vor-Eltern gefuͤhret. Jn vo - rigen Seculis war es mode, daß bey manchen So - lennitaͤten gewiſſe Worte, ſo ſich zu denſelben freu - digen oder traurigen, ſchertzhafften oder ernſthaff - ten Handlungen ſchickten, auf die Libereyen geſtickt und genehet worden, welches in der heutigen Welt manchen gewißlich gar ſehr ſpoͤttiſch vorkommen wuͤrde. Alſo meldet Georg Spalatinus in der Be - ſchreibung des Beylagers, welches anno 1500 zuTorgau259Von den Hochfuͤrſtlichen Bedienten. Torgau zwiſchen Hertzog Johanſen von Sachſen mit Frau Sophia, gebohrner von Mecklenburg, ge - halten worden, daß die Diener vieler Fuͤrſten, Praͤ - laten, Grafen, Herren, Frauen und Edlen auf dem rechten Ermel dieſe Worte gefuͤhret: Gluͤck zu mit Freuden! Man hat ſich damahls eingebildet, daß es trefflich ſchoͤne ſtehe, ſintemahl eben dieſer Spa - latinus nur darzu ſetzt, es waͤre geweſen ein faſt ſchoͤner wohlgeruͤſteter Zeug. Ob wohl Spalati - nus dieſes von den Herrſchafften ſelbſt geſagt, (ſ. Struvs Hiſtoriſch-Politiſches Archiv pag. 89. III. Stuͤck,) ſo vermuthe ich doch, daß dieſes von den Bedienten zu verſtehen, und daß der Hiſtoricus das Wort Diener ausgelaſſen. Es ſind mir unter - ſchiedene Exempel vorkommen, daß man in da - mahliger Zeit mancherley Worte auf die Libereyen gehefftet; ich habe aber auſſer dieſem noch keines gefunden, daß dieſes bey den Herrſchafften ſelbſt gebraͤuchlich geweſen. Chur-Fuͤrſt Johannes der Beſtaͤndige, ließ ſein Symbolum: Verbum Domini manet in æternum, ſeinen Hof-Die - nern ebenfalls auf die Ermel hefſten. Als nun der Chur-Fuͤrſt mit dieſem Staat zu Augſpurg auf dem Reichs-Tag geweſen, trieben ihrer viele uͤber dieſe Buchſtaben ein Geſpoͤtte, und ſagten: Verbum Domini manet in Ermel. S. Muͤllers Annales Saxon. p. 57.

R 2Das260I. Theil. XV. Capitul.

Das XV. Capitul. Von Rang-Ordnungen der Fuͤrſtlichen Bedienten.

§. 1.

Bey Verfaſſung der Rang-Ordnungen er - eignen ſich, wegen der mancherley Ab - ſichten und Umſtaͤnde, gemeiniglich vie - lerley Zweifel, indem bald das Amt, bald die Perſon und ihr Stand, bald die langwierigen Dienſte, bald andere Reſpectus dabey in Betrach - tung gezogen werden wollen. Jnzwiſchen thun doch groſſe Herren wohl, wenn ſie gewiſſe Regle - mens ſetzen, wornach ſich ihre Miniſtri und Be - dienten im Range zu richten haben. Denn ob - ſchon der Rang keine wahre Ehre geben kan, ſon - dern nur ein aͤuſſerlich Weſen darlegt, ſo iſt doch noͤthig, daß bey einem gemeinen Weſen auch diß - falls eine Ordnung vorhanden ſey; es wird man - chen Diſputen, Streitigkeiten, und wohl gar Duel - len vorgebeuget, wenn ein iedweder weiß, wie er ſich, nach der Intention und dem Ausſpruch ſeines Fuͤrſten, ſeinem Character und Function gemaͤß, ſo wohl bey publiquen und ſolennen, als Privat - Zuſammenkuͤnfften, des Ranges und Vorſitzes halber achten ſoll.

§. 2. Von Rechts wegen ſolte der Rang alle - zeit mit den Ehren-Tituln in gleichem Grade ſte -hen,261Von Rang-Ordn. Fuͤrſtl. Bedienten. hen, und die Ehren-Titul ſich nach eines ieden Ver - dienſten richten. Die aͤuſſerlichen Ehren-Bezei - gungen ſolten mit dem Stande und der Tugend harmoniren; ſo wuͤrden Rang und Titul zu Mit - teln werden ehrliebende Gemuͤther aufzumuntern, daß ſie etwas nuͤtzliches zum gemeinen Beſten lei - ſten wuͤrden, und die Rang-Ordnungen wuͤrden allezeit auf dieſe Weiſe ihren guten Grund haben. S. des Herrn Hof-Rath Wolfens Tractat vom Geſellſchafftlichen Leben der Menſchen pag. 401. Daß aber dieſes nicht allenthalben beobachtet wird, iſt aus der Erfahrung mehr als zu wohl be - kandt.

§. 3. Einige Rang-Ordnungen ſind auf alle Bedienten eines Hofes eingerichtet, andere aber erſtrecken ſich nur auf die Miniſtros und andere vornehme Officianten. Jene ſind manchmahl ſo noͤthig als dieſe; und erzehlet der Autor des VI. Stuͤckes des XII. Tomi der Electorum Juris Pu - blici, wie ihm ein Caſus bekandt, der ſich an dem Hofe eines Geiſtlichen Reichs-Fuͤrſten zugetra - gen, daß zwiſchen dem Hof-Gaͤrtner und Hof - Schneider ein Præcedentz-Streit entſtanden, und daß jener dieſen die Præcedentz, welche ſolcher nach der Rang-Ordnung gehabt, aus einem ſol - chen Capite quæſtionirlich machen wollen, weil er den Degen zu tragen pflegte, der Hof-Schnelder aber nicht.

§. 4. Es waͤre gut, wenn man allenthalben nicht nur accurate und ſpecielle Hof-Ordnun -R 3gen262I. Theil. XV. Capitul. gen haͤtte, in denen der Rang aller und ieder Hof - Bedienten vom oberſten biß auf den unterſten determinirt waͤre, ſondern auch allgemeine Rang - Ordnungen, die allen Unterthanen im Lande nach ihren unterſchiednen Staͤnden, Aemtern, Gewer - ben und Profeſſionen den Rang vorſchrieben, und die eben wie die Geſinde-Ordnungen und andere dergleichen ins Land ausgeſchrieben - und durch Landesherrliche autoritæt beſtaͤrcket wuͤrden, ſo wuͤrde manch Gezaͤncke bey allerhand oͤffentlichen und privat-Zuſammenkuͤnfften, ja auch wohl gar bey den heiligſten Handlungen, und mancher un - noͤthiger Proceß unterbleiben. Jetzund depen - dirt das meiſte bey dieſen Rangweſen, theils von Obſervanzen der Oerter, die bißweilen unvernuͤnff - tig und ungerecht ſind, theils von den Ausſpruͤchen der Facultæten und Schoͤppen-Stuͤhle, die keine gewiſſe Fundamenta vor ſich haben, und in dieſen Stuͤck ihre Urtheile nicht ſolten nach ihren Nei - gungen einrichten.

§. 5. Wenn neue Rang-Ordnungen projecti - ret und abgefaſt werden ſollen, ſo wird dieſe Arbeit mehrentheils einen von den Geheimbden Raͤthen, dem Hof - oder Hauß-Marſchall und einen oder ein paar von den Hof - und Juſtiz-Raͤthen aufgetra - gen, die muͤſſen ſich zuſammen ſetzen, und ein Pro - ject abfaſſen, welches hernach von dem Geheimb - den Conſilio und von Sereniſſimo ſelbſt unter - ſucht und geaͤndert, und nachdem es voͤllig in das reine gebracht, endlich unterſchrieben und publicirtwird.263Von Rang-Ordn. Fuͤrſtl. Bedienten. wird. Büßweilen werden, bevor ein voͤllig Ge - neral-Reglement zu Stande kommt, in Anſehung der vornehmſten Bedienten nur Particulier-Ver - ordnungen, in denen gewiſſen Miniſtris ihr Rang beſtimmt wird, autoriſirt, und bekandt gemacht. Jn einigen wird auch exprimirt, wie die Cavaliers von Lande, ingleichen die frembden, die ſich aber auf eine Zeitlang in der Fuͤrſtlichen Reſidenz wohnhafft niedergelaſſen, ob ſie ſchon nicht in Fuͤrſtlichen Dienſten ſtehen, placirt werden ſollen.

§. 6. Es erſtrecken ſich dieſe Reglemens auf alle Faͤlle, und auf alle Handlungen, bey welchen man ceremonieus zu ſeyn pflegt. Sie binden alle Bedienten und Unterthanen zum Gehorſam ſo wohl als wie andere Geſetze und Ordnungen, wenn ſie vorher publicirt, und zu eines ieden Wiſſen - ſchafft gebracht worden. Die Contravenienten verfallen bißweilen in eine Strafe von etzliche hun - dert auch wohl von tauſend Thalern, es wird ihnen der Zutritt bey Hofe nicht mehr geſtattet, und bey fernern und neuen Ungehorſam, werden ſie mit haͤrtern willkuͤhrlichen Strafen belegt, zuweilen auch wohl gar mit Verluſt ihrer Chargen be - ſtrafft.

§. 7. Jnzwiſchen behalten ſich die Durchlauch - tigſten Geſetzgeber freye Macht vor, ſolche nach ihren Gefallen, zu veraͤndern, zu vermehren, zu vermindern, und auch, wenn ſie es vor gut befin - den, gantz und gar zu caſſiren und aufzuheben. R 4Es264I. Theil. XV. Capitul. Es geſchehen hin und wieder caſus pro amicis, da man denen, welchen man beſonders gnaͤdig iſt, wider die Rang-Ordnungen bey manchen Gele - genheiten favoriſirt. Manchmahl bekommt auch ein gewiſſer Officiante aus beſondeter Conſidera - tion, ohne kuͤnfftige Conſequenz in dem neuen Rang-Reglement einen gewiſſen Platz, der in Zu - kunfft einem andern, der zu dem Beſitz eben dieſer charge kommt, verſagt wird.

§. 8. Die Hof-Reglemens leyden mancherley Veraͤnderungen, nicht allein bey Veraͤnderung der Regenten, ſo daß die Nachfolger nicht ſelten das vorige gantz und gar uͤber den hauffen ſchmeiſſen, und nach ihren Gefallen ein neues abfaſſen, ſon - dern auch durch Veraͤnderung der Collegiorum, und der Bedienungen, und dem Bezeugen der Be - dienten. Nachdem bey der zunehmenden Menge des Adels in den ietzigen Zeiten manche Chargen, die man ehedem vor buͤrgerlich angeſehen, von Cavalieren ambiret und bekleidet werden, ſo wohl bey den gelehrten Aemtern, als auch bey der Jaͤ - gerey und ſonſt hin und wieder, ſo bekommen auch dieſelben Aemter aus Conſideration vor die, die ſie erhalten, einen etwas hoͤhern Rang. Jſt ein Hof-Bedienter auf eine Zeitlang in Ungnade ge - fallen, ſo muß er ſichs gefallen laſſen, daß er bey Hofe, bey manchen Gelegenheiten, im Range ei - nigen andern, denen er von Rechtswegen nach der Vorſchrifft der Rang-Ordnung vorgehen ſolte, nachgeſetzt wird.

§. 9.265Von Rang Ordn. Fuͤrſtl. Bedienten.

§. 9. Es giebt an allen Hoͤfen gewiſſe Reichs - und erbliche Bedienungen, welche ihren Rang und Subordination von ihren Urſprung bekommen, und durch eine langwierige Poſſeß dergeſtalt dar - innen beſtaͤtiget worden, daß ſie nicht leicht eine Aenderung zu befuͤrchten haben; auſſer dem aber iſt der Wille des Souverain dasjenige Princi - pium, welches den Chargen ihren Valeur und Rang zuſchreibt. Nachdem ein groſſer Herr vor dieſes oder jene Objectum mehr oder weniger ge - neigt iſt, nachdem theilt er auch bey den Chargen den Rang aus; Liebt ein Regent die Studia und Gelehrſamkeit, ſo werden die Staats-Miniſtri, die Geheimbden Raͤthe, und uͤberhaupt die Civil - Chargen ſehr wohl placirt, commandirt aber der Degen die Feder, ſo muß mancher wieder um eine oder ein paar Stellen tieffer herunter ruͤcken, und denen Herren Officiers Platz machen.

§. 10. Jn den Hof-Reglemens werden gemei - niglich die Hof-Bedienten der Hoch-Fuͤrſtlichen Frau Gemahlin zuerſt ausgedruckt, nachgehends die Bedienten des Fuͤrſtens, wiewohl es auch in etzlichen umgekehrt iſt; hierauf folgen die zur Hoch - Fuͤrſtlichen Hofſtatt der Printzen und Princeßin - nen, als Kinder vom Hauſe gehoͤren, und endlich die Officianten der andern Hoch-Fuͤrſtlichen An - verwandten, die ebenfalls ihren ſubordinirten Rang und Platz haben.

§. 11. Es iſt billich, daß die rechtmaͤßigen und ehlich gebohrnen Printzen allen Officianten, auchR 5den266I. Theil. XV. Capitul. den allergroͤſten Staats-Miniſtris vorgehen, wie denn auch wohl keinen einfallen wird, ein Dubium heruͤber zu erregen; Mit den natuͤrlichen Kindern aber hat es eine andere Bewandniß. Das Gluͤck das einige die von dem Koͤnig in Franckreich Lud - wig den XIV aus unaͤchten Ehe-Bette erzeuget, genoſſen, da ſie vor Printzen vom Gebluͤthe erklaͤ - ret worden, wiederfaͤhret nicht allen. Man hat bey den natuͤrlichen Kindern bißweilen ein gewiſſes Reglement. An einigen Hoͤfen wird ihr Rang in den Rang-Ordnungen mit exprimiret, ohne daß der Unterſcheid ihrer Muͤtter, von denen ſie gebohren worden, in Betrachtung gezogen wird, an andern aber bekommen ſie einen Platz nach dem Unterſchied ihrer Dignitæten, und des Stan - des den ſie erhalten, auch nach dem unterſchiednen grad der Liebe, mit dem ihre Durchlauchtigſten Vaͤter ihnen zugethan.

§. 12. Die Hoch-Fuͤrſtlichen Herren Vettern und hohen Anverwandten von Hauſe, haben die naͤchſte Stelle nach den Fuͤrſtlichen Kindern, und werden allen Officianten von Adelichen und Graͤf - lichen Stande vorgezogen. Bißweilen ſetzet es aber ſehr ſcharffe Diſputen nicht allein unter ihnen ſelbſten, ſondern auch unter den hoͤchſten Hof - Staats - und Kriegs-Miniſtern, die mit ihnen ei - nes gleichen Standes ſind, dieſe und andere der - gleichen Rang-Streitigkeiten werden meiſtentheils durch mancherley Temperamente beygelegt. Jm Monath December anno 1723. ward ein Rang -Streit267Von Rang-Ordn. Fuͤrſtl. Bedienten. Streit zwiſchen denen Printzen vom Gebluͤthe, und denen Hertzogen und Pairs von Franckreich im Parlament zu Paris auf folgende Weiſe entſchie - den, als ſie ſich wegen ihres Sitzes in dem Parla - ment nicht vergleichen konten. Die Printzen von Gebluͤth ſolten in einer Linie wegſitzen und hernach die Hertzoge und Pairs von Franckreich in ihrer Ordnung, jedoch mit dieſen Unterſcheid, daß die Printzen auf Sammet-Kuͤſſen ſitzen ſolten, und zwiſchen ihnen und den Pairs ſolte ein Platz von zwey Perſonen ledig bleiben. Siehe den II. Theil der Einleitung zur neueſten Hiſtorie. p. 91.

§. 13. Die auswaͤrtigen Printzen, die ſich an ei - nen Hof entweder beſtaͤndig aufhalten, daſelbſt in Bedienungen ſtehen, oder ſonſt im Lande anſeßig gemacht, haben nicht ſelten mancherley Streitig - keiten um den Rang mit den groͤſten Miniſtris der groſſen Koͤniglichen oder Kaͤyſerlichen Hoͤfe, da die - ſe jenen offt nicht weichen wollen / ob ſie ſchon nur Adelichen oder Freyherrlichen oder Graͤflichen Standes. Um ſolches point d’honeúr wird man - ches Gute gehindert, welches ſonſt durch gemein - ſchafftliche Cooperation, und durch die Harmonie der Gemuͤther weit geſchwinder, ſicherer und voll - kommener wuͤrde befoͤrdert und zu Wege gebracht werden koͤnnen.

§. 14. Es iſt ſehr billig, daß bey denen die in ei - nerley Collegiis ſitzen, oder ſonſt einerley Functio - nen vorſtehen, die Anciennité beobachtet wird, ſo daß diejenigen, die eher in ein Collegium gekom -men,268I. Theil. XV. Capitul. men, denen die ſpaͤter in daſſelbe aufgenommen worden, vorſitzen und vorgehen. Doch finden ſich auch hiebey bißweilen nach dem Unterſchied ihres hoͤhern oder geringern Standes und andern Um - ſtaͤnden einige Unterſchiede. An einigen Hoͤfen ha - ben die Grafen ein Præferenz vor den Cavaliern, und die Cavalier wieder vor denen die von civilen Stande. Die mit einen Ritter-Orden begnadi - get, werden auch nie beſonder vor den andern di - ſtinguiret. Manchmahl haben dieſe einen Vor - zug in den Collegio bey den Votiren Unterſchrei - ben, und allen Handlungen die in dem Collegio vorfallen, und hingegen jene auſſer dem Collegio, bey Hofe, in denen Geſellſchafften und Zuſammen - kuͤnfften.

§. 15. An einigen Hoͤfen wird bey den Officiis, die auf Studia und Gelehrſamkeit ankommen, keine Diſtinction gemacht, es moͤgen diejenigen ſo ihnen vorſtehen, adelichen oder buͤrgerlichen Standes ſeyn, an andern aber wird der Adelſtand den buͤr - gerlichen vorgezogen. Die buͤrgerlichen Raͤthe, es moͤgen nun Geheimde, Hof - und Regierungs - oder Cammer-Raͤthe ſeyn, gehen zwar an den meiſten Teutſchen Hoͤfen den wuͤrcklichen Adeli - chen nach, wenn ſie gleich aͤltere Beſtallungen als dieſe haben, in denen Collegiis aber behalten ſie ih - re Plaͤtze nach der Anciennité.

§. 16. Jn den Koͤniglich Daͤniſchen Reglement de anno 1717. iſt es etwas beſonders, daß dieje - nigen, welche einige von denen in den erſten Claſſender269Von Rang-Ordn. Fuͤrſil. Bedtenten. der Rang-Ordnungen ſpecificirte Chargen bedie - nen, ohne Unterſcheid ihres Standes, Herkunfft und Vaterlands, es moͤgen gebohrne Unterthanen oder fremde ſeyn, vor ſich, ihre Weiber und aus rechtmaͤßigen Ehebette erzeigten Deſcendenten zu ewigen Zeiten vor uhralte von Adel gehalten wer - den, und in allen Stuͤcken, mit denſelben gleiche Privilegien, Ehren, Wuͤrden und Prærogativen ge - nieſſen, ſie moͤgen von dem Koͤnig mit Schild und Wappen begnadigt ſeyn oder nicht.

§. 17. Die wuͤrcklichen Officianten, das iſt, die - jenigen die entweder in Collegiis Votum und Ses - ſion erlangt, oder ihre Beſoldung ziehen, und den Aemtern Dienſte leiſten, werden und zwar mit gu - ten Grunde allenthalben den Titulairen vorgezo - gen. Jn der Koͤniglich Polniſchen und Churfuͤrſt - lich Saͤchſiſchen Rang-Ordnung von anno 1716. wurde ausgemacht, daß diejenigen, ſo dato das Prædicat als wuͤrckliche Geheimbde Raͤthe erlangt haͤtten, denen Seſſionibus aber nicht beywohnten, ihren zwar daher gebrachten Rang unveraͤnderlich behielten, in Zukunfft aber ſolten nur allein diejeni - gen vor wuͤrckliche geheimbde Raͤthe geachtet wer - den, welche Votum & Seſſionem in dem ge - heimbden Conſilio erlangt, alle andere aber wuͤr - den fuͤr Titulares geachtet.

§. 18. Unter andere Temperamente, die bey dem Rang-Weſen vorfallen, gehoͤrt auch mit, daß einige Chargen nach ihrer Anciennité roulliren, und mit einander alterniren, nachdem ſie gekom -men,270I. Theil. XV. Capitul. men, oder in Dienſte getreten. Die entweder ſelbſt bey der Durchlauchtigſten Herrſchafft um Er - laſſung ihrer Dienſte anſuchen, oder ihre Dimiſſion erhalten, werden ihres einmahl erlangten Ranges nicht verluſtig, es muͤſte denn bey gewiſſen ſeltenen und auſſerordentlichen Umſtaͤnden das Abdancken cum infamia geſchehen ſeyn.

§. 19. Die Weiber gehen durchgehends nach dem Rang ihrer Maͤnner, und wiſſen ihrer Maͤnner Anciennité vielmahls beſſer als die Maͤn - ner ſelbſt; Haben aber einige aus dem Stan - de geheyrathet, ſo muͤſſen ſich die Weiber gar offters gefallen laſſen, daß ſie den andern nachge - hen, die Geſetze moͤgen behaupten wie ſie wollen, daß eine Frau mit den Strahlen ihres Mannes leuchten ſoll, die Opinion und die Mode iſt in die - ſen und andern Stuͤcken gemeiniglich ſtaͤrcker als die Vorſchrifft der Geſetze. Die Witwen behal - ten ſo lange den Rang ihrer Maͤnner, als ſie ſich nicht wieder veraͤndern.

§. 20. Solte man eine und die andere ſpecielle Rang-Ordnung nach der geſunden Vernunfft examiniren, ſo wuͤrde man bey mancher gar viel zu reformiren finden; Doch dieſe Arbeit wuͤrde gar verhaßt und unangenehm ſeyn, auch ſehr ſchlechten Nutzen haben, es wuͤrde deswegen doch alles blei - ben, wie es zuvor geweſen, das Tel eſt notre Plai - ſir ſetzt den Rang-Ordnungen Ziel und Maaße.

§. 21. An den Kaͤyſerlichen Hofe ſoll der Rang folgender ſeyn und unveraͤnderlich bleiben. DieKay -271Von Rang-Ordn. Fuͤrſtl. Bedienten. Kaͤyſerlichen Geheimbden Raͤthe gehen allen an - dern vor, und unter ſich haben ſie ihren Rang nach ihrer Anciennité. Sonſt giebt keine Charge am Kaͤyſerlichen Hofe den Rang. Denn ein Obriſter Hofmeiſter, Obriſter Cammerherr, Ober-Hof - Marſchall, Ober-Stallmeiſter, Reichs-Hofraths - Præſident, Kriegs-Præſident, General Feld - Marſchall, alle Generale, die Geheimen Raͤthe ꝛc. folgen einander.

22. Jm Felde gilt unter den Officirern der Rang von Cammerherrn und Geheimbden Raͤthen nichts, ſondern da bleibt es bey dem Rang der Chargen. Bey Hofe giebt keine Charge einen Rang, ſondern da geht es nach dem Rang der Ge - heimen Raͤthe, oder der Cammerherrn, und ſonſt nach nichts, auſſer daß die Hof-Aemter in ihren Functionibus den Rang vor allen andern haben. Denn der Ober-Hofmeiſter iſt ſonſt der erſte, aber auſſer dem Hofe in der Stadt und auf dem Lande hat der Ober-Stallmeiſter den Rang uͤber alle Hof-Aemter, und wenn der Ober-Stallmeiſter in den Hof-Wagen vor den Kaͤyſer herfaͤhret, ſo ſetzt er ſich oben an, und der Ober-Hofmeiſter, der Ober-Caͤmmerer, der Ober-Hof-Marſchall muß ſich unter ihn ſetzen, oder wenn ſie hinter des Kaͤy - ſers Caroſſe reiten, ſo reitet der Ober Stallmeiſter uͤber alle die andern. S. Luͤnigs Europaͤiſch - Staats-Ceremon. Theatr. II. Tomum.

Das272I. Theil. XVI. Capitul.

Das XVI. Capitul. Von der Fuͤrſtlichen Perſonen Vorbereitung zu ihrem Tode / und von ihrem Sterben ſelbſt.

§. 1.

Nachdem der Tod der Fuͤrſtlichen Pallaͤſte ſo wenig verſchonet als der Bauerhuͤtten, ſo pflegen Chriſtliche und weiſe Fuͤrſten und Fuͤrſtinnen ihr Hoch-Fuͤrſtliches Hauß bey Zeiten zu beſtellen, und in allen Stuͤ - cken zu verordnen, wie es ſo wohl bey ihrem Ende als auch nach ihrem Tode in einem und dem an - dern gehalten werden ſoll, damit ſie der Tod nicht unvermuthet uͤberfallen moͤge, ſondern ſie ihn mit guter Ordnung und Gelaſſenheit entgegen treten moͤgen.

§. 2. Sie ſuchen ſich bey Zeiten die herrlichſten Lieder, und die kraͤfftigſten Troſt-Spruͤche aus, die wider die Schrecken des Todes dienen, damit ſie ſich dieſelben auf ihrem kuͤnfftigen Tod-Bette zum Heyl ihrer Seelen von ihren Beicht-Vaͤtern, von ihren Hoch-Fuͤrſtlichen Anverwandten und Bedienten vorbethen und vorſingen laſſen, wie wir bey dieſen und andern Stuͤcken, die zu einer Chriſt-Fuͤrſtlichen Vorbereitung des Todes die -nen,273Von der Fuͤrſtl. Perſ. Vorber. zum Tode. nen, aus der neueſten Hiſtorie an der Aller-Durch - lauchtigſten und Großmaͤchtigſten Koͤnigin in Poh - len und Churfuͤrſtin zu Sachſen, Frau Chriſtinen Eberhardinen, ein hoͤchſt-ruͤhmliches Exempel haben, welches wir aus den unterſchiednen gedruck - ten wahrhafften hiſtoriſchen Berichten, bekandt iſt, nicht allein allen hohen Standes-Perſonen, ſondern auch Privat-Leuten zu einem vollkommnen und hoͤchſt-loͤblichen Muſter dienen kan. Fuͤrſt Wolffgang zu Anhalt ließ 15 Jahr vor ſeinem En - de allerhand Gemaͤhlde und Spruͤche von Toden, Auferſtehung der Toden u. ſ. w. vor ſein Bette haͤngen, um ſich dermahleinſten eines ſeligen Ab - ſchiedes hierbey zu erinnern.

§. 3. Sie befehlen vor ihrem Ende, wann GOtt der HErr uͤber ſie gebiethen wuͤrde, und ſie vielleicht aus groſſen Schmertzen ein Glied ihres Leibes, welches beydes GOtt und die Natur zu - zudecken befohlen, entbloͤſſen wuͤrden, daß ſie die - ſelben auf das allerfleißigſte zudecken, auch nicht leichtlich ohn Unterſchied und unangemeldet eine Perſon andern Geſchlechts, und wenn es auch ihre naͤchſten Anverwandten waͤren, zu ihnen vor das Krancken - und Sterbe-Bette laſſen ſolten.

§. 4. Einige verbiethen auf das ſchaͤrffſte alle unnoͤthige Schmuͤckung des Leibes, und alle praͤch - tige Ceremonien, die ſonſt mit und bey den todten Leichnahmen, zumahl bey Fuͤrſtlichen Perſonen pflegen vorgenommen zu werden. Die Gemah - lin Hertzogs Auguſti des Adminiſtratoris zuSHalle274I. Theil. XVI. Capitul. Halle pflegte zu ſagen: den Lebendigen gehoͤrten Schmuck und Kleinodien, den Verſtorbnen aber keinesweges, daher ſie auch dergleichen wenig in den Sarg mitgenommen. S. Müllers Annal. Sa - xon. p. 489. Die Roͤmiſche Kayſerin Eleonora Magdalena Thereſia verlangte in ihrem Leben, daß man nach Dero erfolgten Tode weder Dero Leib waſchen / noch von einem Manns-Bilde ent - bloͤßen, noch weniger eroͤffnen oder einbalſamiren ſolte, und ſie auf das allerſchlechteſte einkleiden. Es iſt auch ſolches geſchehen. Sie wurde in ei - nem weißen Habit und Himmel-blauen Scapulier von Cardis, auf welchen Scapulier oben auf der Bruſt das Bildniß der Mariaͤ Verkuͤndigung ge - weſen, und um den Leib mit einem gewoͤhnlichen eiſernen Kettlein, daran unten ein Todten-Kopff gehangen, umguͤrtet, das Haupt aber mit einen weißen Schleyer umgeben, in die Haͤnde wurden ihr ein braun hoͤltzern Creutz mit einem hoͤltzern Roſenkrantz gegeben. Der Habit war eine Klei - dung von der Geſellſchafft der Durchlauchtigſten Hoch-Adelichen ſo genannten Sclavinnen oder Leibeigene Dienerinnen Mariaͤ.

§. 5. So geſchicht auch manchen kein Gefallen, wenn ſie in den Leichen-Predigten oder Perſona - lien mit allzu vielen Lob beehret werden. Fuͤrſt Auguſt zu Anhalt-Coͤthen verordnete, man ſolte ihn bey ſeiner Beyſetzung kein Perſonal-Lob nach - leſen, mit beygefuͤgter Urſache, er haͤtte Ruhms genug davon, daß er wuͤſte daß ſein Nahme imHim -275Von der Fuͤrſtl. Perſ. Vorber. zum Tode. Himmel angeſchrieben ſtuͤnde, mit dieſen Ruhm wolte er ſich allein begnuͤgen, von keinen andern Ruhm in der Welt mehr wiſſen. S. Beckmanns Anhaͤltiſcher Geſchichte V Theil p. 452.

§. 6. Einige junge Princeßinnen ſind dem To - de ſo getroſt entgegen gangen, daß ſie ſich auch die Craͤntze und das andere Laubwerck, womit die Saͤrge haben ſollen ausgeziert werden, bey ihrem Leben ſelbſt zuſammen geſetzt und zurecht gemacht.

§. 7. Bey dem Roͤmiſch-Catholiſchen werden unterſchiedene wunderthaͤtige Bilder der heiligen Jungfrau Mariaͤ, ingleichen die Reliquien einiger Heiligen, auch wohl gar ihre Leiber, in die Fuͤrſt - lichen Sterbe-Zimmer und vor ihre Sterbe-Bet - ten getragen, ſie hertzen und kuͤſſen dieſelben, neh - men ſie in die Arme, getroͤſten ſich ihrer Vorbitte, und empfehlen ihnen ſich ſelbſt und ihr Land. Kommen ſie ihres Lagers wieder auf, ſo ſchreiben ſie es ihnen zu, und thun ihnen nachgehends beſon - dere Geluͤbden. Als Anno 1692 der Bayriſche Chur-Printz kranck war, und in ſolchen Zuſtande den heiligen Bennonem anruffen, auch deſſen Haube, welche zu Muͤnchen verwahret wird, auf - ſatzte, und darauf geſund ward, hat man alſobald den heiligen Bennoni zu Ehren auf den 16 Junii in dem gantzen Churfuͤrſtenthum Bayern einen neuen Feyertag angeſetzt, und celebriret. S. den XI. Eingang des Buͤcher-Cabinets p. 13.

§. 8. Einigen darff ihr gefaͤhrlicher Zuſtand und die Annehmung ihres Abſchiedes weder von denS 2Medi -276I. Theil. XVI. Capitul. Medicis noch von andern recht deutlich geſagt und entdeckt, ſondern koͤnnen die Schmeicheley vertra - gen, biß ihnen die Seele von dem Coͤrper getrennet wird, andere aber ſind bey ihren Tode gantz getroſt, und befehlen den Medicis an, wo ſie ihren nahen Todt nicht ſelbſt bey ſich fuͤhlen, daß ſie ihnen die wahre Beſchaffenheit ihrer Kranckheit entdecken ſollen. Alſo ſagte der theure Churfuͤrſt zu Sach - ſen Johann Fridrich kurtz vor ſeinem Ende wieder die Medicos; Jſts gefaͤhrlich, ſo ſagt mirs, denn ich fuͤrchte mich GOtt Lob vor dem Tode gar nicht. S. den wahrhafften Bericht von Churfuͤrſtens Jo - hann Fridrichs Abſterben in den Buſtis Electorum Saxoniæ des Hrn. M. Hauſens p. 184.

§. 9. Mehrentheils koͤnnen die Hochfuͤrſtlichen ſterbenden Perſohnen auf ihren Sterbe-Betten das Weinen ſo wenig vertragen, als andere, und ſprechen nicht ſelten, denen die ſie hinter ſich laſſen vor ihrem Ende ſelbſt den Troſt zu. Als die Ge - mahlin des Churfuͤrſtens zu Sachſen Chriſtiani I. weinete, ſo troͤſtete ſie der gottſeelige Churfuͤrſt: Ach was weineſt du, was biſt du fuͤr eine Chriſtin, du verliereſt mich ja nicht, ſondern ich entferne mich nur eine Zeitlang von dir, goͤnneſt du mir die See - ligkeit nicht.

§. 10. Sie nehmen bißweilen von ihrer gantzen Familie, von ihrer Hofſtatt, von denen Miniſtris und Bedienten, auch wohl von denen anweſenden vornehmſten Reichs - und Land-Staͤnden bewegli - chen Abſchied, ſie erkennen und beweinen ihre Feh -ler,277Von der Fuͤrſtl. Perſ. Vorber. zum Tode. ler, und bitten um Vergebung, daß ſie bey ihrer Regierung ihre Pflichten nicht in allen Stuͤcken ſo vollkommen beobachtet, als ſie wohl zu thun ſchul - dig geweſen waͤren.

§. 11. Sie erſuchen ihre Succeſſores, dasjeni - ge zu verbeſſern, was ſie verſehen, und dasjenige auszufuͤhren, was ſie unvollkommen haben muͤſſen liegen laſſen, und ertheilen ſonderlich ihren Kindern gute Vermahnungen, und ihren Erb-Printzen heylſame Regeln, wie ſie ihre Regierung anſtellen ſollen. Alſo hielt Churfuͤrſt Friedrich zu Sachſen vor deſſen Abſterben eine treffliche Abſchieds - und Vermahnungs-Rede an ſeine beyden Herrn Soͤh - ne, wie es in den II. Theil der von Herrn Luͤnig ge - ſammleten Reden derer groſſen Herren und vorneh - men Miniſtris p. 881. nachgeleſen werden kan. Der tapffere Fuͤrſt Landgraf Philip zu Heſſen der aͤltere, verließ nicht allein ein herrliches und hoch - weiſes Teſtament, dergleichen wohl nicht vielmehr zu finden / und darinnen er ſeinen hinterlaſſenen vier Soͤhnen treffliche Maximen zu leben, und wohl zu regieren vorſchrieb, ſondern redete auch ſeinen aͤl - teſten Sohn Landgraf Wilhelmen als derſelbe ein - ſtens fuͤr ſein Tod-Bette kam / folgender geſtalt an: Mein Sohn, wirſt du uͤber GOttes Wort halten, und die ſeeligmachende Lehre des heiligen Evangelii befoͤrdern, ſo wird dich GOtt an Land und Leuten, und an deinen eigenen Saamen und Geſchlechte ſeegnen und mit ewiger Seeligkeit kroͤnen, wirſt du aber ſolches nicht thun, ſo wirſt du an Land und Leu -S 3ten278I. Theil. XVI. Capitul. ten abnehmen, mit deinem Saamen und Geſchlecht ungluͤcklich auch ewig verlohren und verdammt ſeyn. S. Reinkings Bibliſch Policey Lib. III. Art. LV.

§. 12. Sie recommandiren den Succeſſoribus entweder alle ihre Bedienten und ihre gantze Hof - ſtatt zu kuͤnfftiger Vorſorge, oder doch diejenigen / die es am allermeiſten vor andern verdienet, und vor die ſo die groͤſte Gnade gehabt. Der zwar junge aber ſehr loͤbliche Regente Herzog George Wilhelm zu Liegnitz, Brieg und Wohlau, erſuch - te anno 1675. auf ſeinen Tod-Bette in einem aller - unterthaͤnigſten Schreiben des Roͤmiſchen Kaͤyſers Leopoldi Majeſtaͤt, ſeine treuen Diener zu gerech - teſter Beobachtung und Manutenenz ſich empfoh - len ſeyn zu laſſen, vornehmlich aber ſeine armen Un - terthanen bey ihren bißherigen Privilegiis und Glaubens-Ubung in Kaͤyſerlichen Hulden und Gnade allergnaͤdigſt zu erhalten. S. den XCVII. Brief des III. Tomi von des Herrn Luͤnigs Euro - paͤiſchen Staats-Cantzley. p. 286.

§. 13. So bald nun ein Regent verſtorben, wird die Hochfuͤrſtliche Leiche von Cavalieren Tag und Nacht bewacht, und nach Verordnung, die ſie bey ihrem Leben ausgeſtellt / oder nach den Gefallen der Hinterlaſſenen entweder ſecirt, und einbalſa - mirt, oder ohne Section gelaſſen; Man veranſtal - det die Auskleidung und Paradirung der Fuͤrſtlichen Leiche, es werden ſo fort Couriers und Staffetten an andere Hoͤfe abgeſchicket, um dieſen Todes-Fallden279Von der Fuͤrſtl. Perſ. Vor ber. zum Tode. den andern Puiſſancen ſonderlich den naͤchſten An - verwandten, und denen, auf welche die naͤchſte Suc - ceſſion der Lande verfaͤllt, zu notiſiciren. Die Obſignation der Hochfuͤrſtlichen Verlaſſenſchafft wird an allen Orten der Apert gewordenen Lande von des verſtorbenen Herrn hinterlaſſenen Mini - ſtris und Bedienten mit Zuziehung eines Notarii verrichtet, damit die Reſignation, Inventirung und Theilungen von allerſeits Fuͤrſtlichen Intereſſenten abzuordnenden Raͤthen mit guter Ordnung und Richtigkeit bewerckſtelliget werden koͤnnen.

§. 14. Meiſtentheils werden die Hochfuͤrſtlichen Leichen einbalſamiret, und zwar das Hertz beſon - ders, die uͤbrigen Eingeweide auch beſonders. Das Hertz wird gar offters in ein ſilbern oder ander koſt - bar Behaͤltniß verſchloſſen, und mit einer kurtzen Inſcription die noͤthigen Umſtaͤnde dabey erklaͤhrt. Die uͤbrigen Inteſtina werden etwan in einer Urna verwahrt. Bey den Roͤmiſch Catholiſchen wird das Hertz mit vielen Ceremonien in einen Kloſter, das der verſtorbene Fuͤrſt vor andern am meiſten geliebet, beygeſetzt, und eine eigene Proceſſion dabey gehalten. Nebſt den Hertzen wird zuweilen die Zunge auch mit zugleich abgeſondert; und mit dem Eingeweyde das Gehirn und die Augen, welche in einen vergoldten Keſſel in eine Capell oder an einen andern Ort mit gewiſſen Solennitaͤten getragen werden. Alſo ward das Hertz und die Zunge des Roͤmiſchen Kaͤyſers Leopoldi in einen ſilbern ver - guldeten Becher mit der Uberſchrifft: Cor LeopoldiS 4Primi280I. Theil. XVI. Capitul. Primi Romanorum Imperatoris mortui dies Maji 1705. in die Loretto-Capell beygeſetzt, und das Gehirn und die Augen nebſt den Inteſtinis in einen verguldten Keſſel aus der Ritter-Stube in die Kaͤyſerliche Hof-Capelle getragen. Der Keſ - ſel war auſſen her mit den Kaͤyſerlichen Adler, und der Umſchrifft: Inteſtina Leopoldi Primi Roma - norum Imperatoris mortui die 5. Maji anno 1705. bemerckt. Es wird gar offters von einen Cavalier der die Ehre hat, das Hertz oder die Inte - ſtina den Kloſter, oder den Vorſteher einer Ca - pelle zu uͤberbringen, eine kleine Rede gehalten, und diejenigen, die ſolche Stuͤcke annehmen, beantwor - ten ſie nachgehends wieder.

§. 15. Als Printz George von Heſſen-Darm - ſtadt in Catalonien geblieben, ſo ſolte ſein Cam - mer-Diener das balſamirte Hertz ſeines Principa - len anno 1706. nach Darmſtadt uͤberbringen, es ward aber das Engliſche Paquet-Boot ſo ſolches mitnahm, ſo ungluͤcklich, daß es von einem gewiſ - ſen Frantzoͤſiſchen Caper von Sanct Malo aufge - bracht wurde. Es war merckwuͤrdig, daß dieſer vortreffliche Printz, der die Zeit ſeines Lebens dem Hauſe Oeſterreich und Spanien wider Franck - reich ſo vortreffliche Dienſte geleiſtet, noch itzo nach dem Tode ſein Hertz den Feinden in ihrer Gewalt laſſen muſte. S. den XLVſten Theil der Europaͤi - ſchen Fama p. 508.

§. 16. Von der beſondern Begraͤbniß des Her - tzens und der Eingeweyde findet man keine Merck -mahle281Von der Fuͤrſtl. Perſ. Vorber. zum Tode. mahle in der alten Kirchen oder weltlichen Hiſto - rie. Weil man aber genoͤthiget worden, die er - blichenen Coͤrper der Standes-Perſonen zum oͤff - tern gar weit zu fuͤhren, ſo hat man, um dieſelben deſto beſſer zu conſerviren, das Eingeweyde daraus genommen, und ſolche an Ort und Stelle hernach begraben. Was nun anfaͤnglich aus Noth ge - ſchehen, hat man nach der Zeit zu einem point d’honeur gemacht, und ein ieder gern das Hertz, als das edelſte Theil des Menſchen, bey ſich haben wollen. Heutiges Tags beſtehet die Urſache war - um dieſes geſchicht, meiſtentheils aus der Hochach - tung oder Devotion gegen dieſen oder jenen Ort. S. Luͤnigs Theatr. Cerem. p. 765.

§. 17. So lange die Hoch-Fuͤrſtliche Leiche auf dem Schloß in den Zimmern ſtehet, wird ſie ent - weder von vornehmen Miniſtris, oder doch von an - dern Hof - oder Land-Cavalieren, nach dem Unter - ſchied der Hoͤfe und deren Obſervanzen, bewacht, die zu gewiſſen Zeiten, bißweilen alle Stunden ein - ander abloͤſen muͤſſen. Bey den Fuͤrſtinnen muͤſ - ſen die Hof-Dames an einigen Hoͤfen ihre Aufwar - tung dabey haben. Wenn aber die Fuͤrſtlichen Leichen in ein Gewoͤlbe in friſchen Sand biß zur Beerdigung auf einige Wochen, oder wohl gar noch laͤnger geſetzt werden, ſo hoͤrt gemeiniglich die Aufwartung der Cavaliers auf, und da werden ſie entweder gar nicht bewacht, oder es iſt ſchon genug, wenn Trabanten-Wache darbey iſt.

§. 18. Die Hoch-Fuͤrſtlichen Leichen pflegen ge -S 5meinig -282I. Theil XVI. Capitul. meiniglich eine Zeitlang, bißweilen einige Tage, und bißweilen wohl gar einige Wochen auf koſt - baren Parade-Betten geſtellt und gezeigt zu werden, die man auf unterſchiedene Art inventiret. Zu - weilen werden ſie auf eine Eſtrade geſetzt, ſo einige Stuffen hoch iſt; dieſe Eſtrade wird von einigen Pilaſtren, die mit Sammet und goldenen Treſſen bekleidet, unterſtuͤtzt, an welchen hernach die Wa - pen haͤngen. Andere ſind mit Sinnbildern, Wachs-Fackeln, Illuminationen, Statuen, Ur - nen und dergleichen ausgezieret. Es ſind magni - fique Baldachine daruͤber zu ſehen. Die Leichen ſind auf das praͤchtigſte in Sammet, Brocat und auf andere Weiſe eingekleidet. Die Fuͤrſtlichen Inſignia, als Cronen, Chur-Huͤte, Fuͤrſten-Huͤte u. ſ. w. liegen nach den Regeln der Kunſt nicht weit davon auf eine ſolche Weiſe, wie es am beſten in die Augen faͤllt, und die groͤſte Parade macht. Bey den Biſchoͤffen ſiehet man die Biſchoffs-Hauben und die Biſchoffs-Staͤbe. Bey den Kriegs-Hel - den, die gemeiniglich mit Harniſchen angethan, liegt auf der rechten Seite der Commando Stab, und auf der lincken der bloſſe Degen.

§. 19. An ſtatt der wuͤrcklichen Leichen wird biß - weilen ein Bild von Wachs auf die Parade-Bet - ten gelegt. Dieſes iſt aber wohl ein ſeltzamer Ge - brauch geweſen / deſſen Herr Luͤnig in dem II. Theil ſeines Theatri Ceremonialis p. 600. gedencket, der ſonſt in Franckreich uͤblich geweſen, daß man ſtatt der Koͤniglichen Leichen, die man eine Zeitlang aufdem283Von der Fuͤrſtl. Perſ. Vorber. zum Tode. dem Parade-Bette gezeiget / nicht allein ein waͤch - ſern Bild hingelegt, ſondern ſolches auch 40 Tage und 40 Naͤchte mit einer Mittags - und Abend - Mahlzeit bedienet.

§. 20. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen werden die Leichen mit beſondern Ceremonien, theils von der Geiſtlichkeit, theils auch von den naͤchſten der Familie mit Weyhwaſſer beſprengt. Zuweilen geſchicht es auch von den Hof-Officianten, und da muß dann ebenfalls der Rang und die Ordnung dabey in Obacht genommen werden. Es werden viel Seel-Meſſen dabey gehalten, mancherley Vi - gilien, unterſchiedene an die Heiligen gerichteten Gebether dabey abgeleſen, und ein hauffen Beraͤu - cherungen vorgenommen. Dieſe Ceremonien dauren bißweilen einige Wochen hinter einander, bald geſchehen ſie von einem Cardinal, bald von dem Paͤbſtlichen Nuntio, bald von dieſem Colle - gio, bald von einem andern.

§. 21. Bey den Fuͤrſtlichen Saͤrgen, ſie moͤgen nun in Zimmern oder in Kirchen ſtehen, werden ſehr viel ſilberne hohe Geridons geſetzt mit weiſſen Wachs-Fackeln, die ſo wohl Tag als Nacht bren - nen. Soll es noch proprer ſeyn, ſo ſiehet man zwiſchen den Geridons und Girendolen unterſchie - dene groſſe Flambeaux auf hohen verſilberten Fuͤſ - ſen. Die Wachs-Kertzen werden gemeiniglich mit Flohr umwunden, und gar offters mit Merck - mahlen der Durchlauchtigſten Ahnen, mit Schil - dern und Wapen ausgeziert. Man findet vonetlichen284I. Theil. XVI. Capitul. etlichen hundert Jahren her, daß die Saͤrge und Baaren mit ſehr viel Lichtern beſetzt geweſen, da an ieden ein kleines Schild aus dem Hoch-Fuͤrſt - lichen Wapen gehangen. Alſo iſt bey dem Leich - Begaͤngniß Hertzogs Albrechts zu Sachſen die Bahre mit 114. Lichtern, iegliches vier Pfund ſchwehr beſteckt geweſen, und eine iegliche Kertze, ſo die Grafen, Ritter und Edelleute bey Fuͤhrung der Schilder getragen, ſoll 18 Pfund gewogen haben.

§. 22. Die Saͤrge ſind bißweilen ſehr ſchlecht von gemeinen Holtz, mit ſchwartzen Tuch ausge - ſchlagen / und ohne alle Zierrath. Chur-Fuͤrſt Friedrich der Streitbahre zu Sachſen wurde in ei - nen Sarg von Kiefern-Holtz gelegt, und mit ei - nem langen ſchwartzen Rock, der ihm biß auf die Fuͤſſe gieng, von einer wollenen klahren Sarge an - gethan. S. Muͤllers Annal. Saxon. p. 14. Der Roͤmiſchen Kayſerin Eleonoræ Magdalenæ Sarg war ebenfalls ohn alle Zierrath. Die Aufſchrifft des Sarges war: Eleonora Magdalena Thereſia, arme Suͤnderin, geſtorben anno 1720. den 19. Januar. Oeffters werden ſie doppelt verfertiget / als erſtlich von eichnen, oder wenn es noch koſtbah - rer ſeyn ſoll, von Cypreſſen-Holtz, und nachgehends von Kupffer oder Zinn, oder wohl gar von Silber. Einige Fuͤrſtliche Perſonen belieben Saͤrge von ſchwartzen Marmor, als welche bey Kriegs-Zeiten und feindlichen Verheerungen eines Landes von den Feinden nicht ſo aufgeſucht werden, als wie das Metall.

§. 23.285Von der Fuͤrſtl. Perſ. Vorber. zum Tode.

§. 23. Bey manchen Saͤrgen iſt bißweilen die allerſchoͤnſte Bildhauer-Arbeit und Architectur angebracht, und findet man zuweilen den gantzen Lebens-Lauff einer Hoch-Fuͤrſtlichen Perſon auf dem Sarge. Einer von den ſchoͤnſten Saͤrgen der neuern Zeiten iſt wohl derjenige, der auf Befehl Jhrer ietzo regierenden Koͤnigl. Majeſtaͤt in Preuſ - ſen vor Dero gottſeeligen Herrn Vaters Majeſtaͤt, durch den Herrn Wachter Profeſſor und Inventor der Inſcriptionen, inventirt und angegeben wor - den. Es iſt eine eigene Beſchreibung davon im Druck, unter dem Titul: Eigentliche Beſchrei - bung des groſſen Koͤniglichen Sarges, welchen Seine Koͤnigliche Majeſtaͤt in Preuſſen zu dem pompeuſen Leich-Begaͤngniß Dero in GOtt hoͤchſt-ſeeligen Herrn Vaters Koͤniglichen Maje - ſtaͤt, und Deſſen Beyſetzung in die Koͤnigliche Grufft, zum ewigen Andencken verfertigen laſſen, wie ſelbiger, unter Direction Dero Ober-Mar - ſchalln und wuͤrcklichen geheimen Staats-Miniſtri Herrn von Printzen Excellenz, mit allen ſeinen Figuren, Inſcriptionen, und bas reliefs bewerck - ſtelliget worden.

§. 24. Bißweilen pflegt man in die Saͤrge Ge - daͤchtniß-Muͤntzen zu legen. Bey dem Leich-Be - gaͤngniß Pabſts Innocentii XIII. der anno 1724. ſtarb / wurden 60 Gedaͤchtniß-Muͤntzen in ſeinem Cypreſſen Sarge mit verwahret, als 20 von Gold, und eben ſo viel von Silber und Metall, auf wel - chen des Pabſts Bildniß und deſſen vornehmſtenVer -286I. Theil. XVI. Capitul. Verrichtungen zu ſehen geweſen. S. das XXVIII. Stuͤck der Einleitung zur neueſten Hiſtorie der Welt p. 234. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen werden die Saͤrge gemeiniglich mit Weyhwaſſer beſprengt, und einige Tage nach einander Beth - ſtunden und Muſic dabey gehalten.

§. 25. Jn den Kirchen werden nach dem Hin - tritt der Hoch-Fuͤrſtlichen Perſonen gemeiniglich praͤchtige Caſtra Doloris aufgerichtet. Jſt ein Regent bey dem Roͤmiſch-Catholiſchen unter der Cleriſey ſehr beliebt geweſen, ſo werden ihm faſt in allen Kloͤſtern und von ieden Fraternitæten der - gleichen erbauet. Jn den alten Zeiten findet man in den Geſchichten wenig davon, und werden ſie in Teutſchland kaum von ein paar hundert Jahren her bekandt ſeyn. Sie werden mit den ſchoͤnſten Statuen, Architectur - und Bildhauer-Arbeit, mit Fackeln und Illuminationen ambellirt, und mit Piedeſtalen, Sinn-Bildern und Inſcriptionen ausgeziert.

§. 26. Bey den Trauer-Geruͤſten præſentiren ſich unterſchiedene Statuen oder Tugenden, die mit den wahren Umſtaͤnden der verſtorbenen Fuͤrſt - lichen Perſon harmoniren muͤſſen. Alſo wuͤrde ſich bey einem weltlich geſinnten Herrn, der ſich in ſeinem Leben trefflich nach der Weiſe der Welt lu - ſtig gemacht, die Gottgelaſſenheit, die Gedult, der beſtaͤndige Glauben und das Verlangen nach dem Himmel ſehr ſchlecht ſchicken, ob man ſchon der Devotion und Schmeicheley einige Freyheit ver -ſtatten287Von der Fuͤrſtl. Perſ. Vorber. zum Tode. ſtatten muß. Die Emblemata reguliren ſich ent - weder nach allerhand denckwuͤrdigen Handlun - gen, die der Verſtorbene in ſeinem Leben gethan, oder nach mancherley remarquablen Begebenhei - ten die er erfahren.

§. 27. Einerley Tugend wird bißweilen nach unterſchiedenen Deviſen vorgeſtellt, als die Hoff - nung in groſſen Noͤthen, die in aller Gefahr unbe - wegliche Hoffnung, die auf GOtt geſetzte Hoff - nung u. ſ. w. Bey den Caſtris Doloris ſiehet man auch hin und wieder unter andern Statuen, die entweder von Alabaſter und Marmor, oder von Holtz und Pappewerck errichtet werden, kla - gende Weibes-Perſonen, Knaben mit umgekehr - ten und ausgeloͤſchten Lebens-Fackeln, Romani - ſche Urnen, Inſcriptionen u. ſ. w. die hin und wie - der an den Geſimſen, an den Portalen, und zwi - ſchen die Colonnaden und Saͤulenwercke ange - bracht werden. An der Haupt-Facade des Ca - ſtri Doloris ſtehen gemeiniglich ein paar Mar - ſchaͤlle, und auf den Seiten herum andere Cava - liers.

§. 28. Uber dieſes werden die Kirchen gantz und gar mit ſchwartzen Tuch bekleidet, und auf den Fuͤrſtlichen und andern Empor-Kirchen, auch biß - weilen an andern Plaͤtzen der Kirche die Fuͤrſt - lichen Wapen angehefftet. Bißweilen iſt die gantze Kirche wie ein Mauſoleum ausgeziert, nach den vollkommenſten Regeln der Architectur und Bildhauer-Arbeit. Man ſiehet allenthalben Cy -preſſen -288I. Theil. XVI. Capitul. preſſen-Baͤume / Sinn-Bilder, Statuen, Illumina - tionen, und brennende Wachs-Kertzen, die an Chryſtallenen oder ſilbernen Cronen und Haͤnge - Leuchtern haͤngen. Die Pendanten von Leuchtern ſcheinen als feurige Obelisken, welche durch ihren Eclat die gantze Kirche dermaſſen erleuchten, als ob ſie von der Sonne erleuchtet wuͤrden; ein jeder Pendant beſteht offt wieder aus verſilberten lu - ſtris, deren ein ieder mit antiquen Urnen, Cronen und Fuͤrſten-Huͤten gezieret, und oͤffters die Jahre des Fuͤrſten oder Fuͤrſtin andeuten.

§. 29. Bißweilen ſcheinet ihr Anſehen um ſo viel herrlicher und wunderlicher, je weniger man gewahr werden kan, wie ſich die Lichter conſumi - ren, maßen man ſie durch eine ſonderliche Inven - tion alſo ordiniren kan, daß alle die Flammen allezeit in gleicher Hoͤhe bleiben. Manchmahl ſtehen auch unter und zwiſchen den Leuchtern Cry - ſtallene Lampen von einer ſonderlichen Compoſi - tion angefuͤllt, welche ohn einigen Rauch und Dampff uͤber 24 Stunden einen ſehr hellen und klaren Brand von ſich geben. Die Gewoͤlber des Chores werden entweder mit ſchwartzen Tuch oder mit ſchwartzen Sammt, bißweilen auch wohl gar mit einer ausdruͤcklichen dazu verfertigten ſil - bernen Gaze bedeckt, und mit brodirten Cronen oder gewiſſen Stuͤcken, die aus den Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Wapen heraus genommen, be - ſtreuet.

§. 30. Die Statuen beſtehen manchmahl aus Fi -guren,289Von der Fuͤrſtl. Perſ. Vorber. zum Tode. guren, die aus weiſſen Wachs poſſiret, welche wie natuͤrliche Menſchen mit koſtbahren Stoffen be - kleidet, und auf den Haupt mit natuͤrlichen Haaren bedeckt. Der Fuß-Boden des Chores wird mit ſchwartzen Tuch oder gar mit Sammet belegt, und die uͤberkleideten Cantzeln, Altaͤre und Tauff - Steine mit goldenen Treſſen oder Frangen ge - ziert.

§. 31. Uber dieſes findet man noch koſtbahre Mo - numenta, die mit ſehr viel maſſiven Silber-Werck ornirt, von unten biß oben aus mit Wachs-Kertzen beſteckt, und gar offters die Verdienſte der Vor - fahren mit den ſinnreichſten Inſcriptionen vorſtel - len. Die Pfeiler der Kirchen ſind gar offters mit Emblematibus, ſo die beruͤhmten Thaten ab - ſchildern, ausgeziert. Man ſiehet auch bey einigen brodirte Wapen der ſaͤmmtlichen Provincien auf ſchwartzen Sammt, ſie ſind allenthalben mit ordo - nirten Empilaſtris, und maſſiven Silber-Werck ausgeziert.

§. 32. Dergleichen Mauſolea bleiben bißweilen einige Wochen, Monathe, auch zu halben Jahren ſtehn, bevor ſie abgetragen werden. Nachge - hends werden ſie in Kupffer geſtochen, und den ge - druckten Leich-Predigten mehrentheils angehaͤngt. Groſſe Herren bezeigen hierdurch ihre beſondere Hochachtung, Liebe und Reſpect gegen ihre Hoch - fuͤrſtliche Anverwandten, die ihnen durch den Tod entzogen worden, und erwecken nicht allein bey al - len ihren Unterthanen, ſondern auch bey allen fremb -Tden,290I. Theil. XVII. Capitul. den, die Zuſchauer hievon abgeben, beſondere Ideen des Mitleydens wegen eines ſo hohen Falles der Betruͤbniß und Wehmuth.

Das XVII. Capitul. Von Teſtamenten / deren Auf - richtung / Publication und Exe - cution.

§. 1.

Groſſe Herren haben zwar bey ihren Leben vor ihren Unterthanen und andern pri - vat-Perſohnen vieles zum Voraus, bey ihren Tode aber gehet es ihnen wie an - dern Leuten. Sie tragen ihre zubrechlichen Huͤt - ten allenthalben mit ſich herum, und muͤſſen eben ſo wohl die Schuld der Natur bezahlen, als die elendeſten unter ihren Sclaven. Je mehr ſie ſich nun ihrer Sterblichkeit erinnern, und alle die ihrigen nach ihrem Tode in gute Richtigkeit und Ordnung geſetzt wiſſen wollen, je zeitlicher ſind ſie vor die Erklaͤrung ihres lezten Willens beſorgt.

§. 2. Sie verordnen in ihren Teſtamenten, wie es nach ihrem Tode mit dem Succeſſions-Weſen beſtellt ſeyn ſoll; Jſt ihr kuͤnfftiger Nachfolger im Reich noch unmuͤndig, ſo diſponiren ſie wie es mit deſſen Vormundſchafft zu halten, ſie beſehlen wer inzwiſchen biß zu deſſen erlangter Majorennitaͤt die Regierung des Reichs uͤbernehmen ſoll, ſie re -guli -291Von Teſtam., deren Aufr. Publ. u. Exec. guliren die gantze Auferziehung des Printzen, und beſtimmen die Gouverneurs und Informatores, ſie beſtellen die groͤſten Miniſtres bey den Kriegs - und Civil-Chargen, und richten den gantzen kuͤnff - tigen Hof-Staat ein. Jedoch machen nicht ſel - ten die Veraͤnderungen derer kuͤnfftigen Zeiten ei - nen ſehr groſſen Strich durch alle dergleichen Di - ſpoſitionen, wie aus vielen Exempeln klar am Tage lieget.

§. 3. Wo die Regenten voͤllig en Souverain herr - ſchen, ſo koͤnnen ſie wegen ihrer kuͤnfftigen Nach - folger im Reiche ſehr frey diſponiren, und iſt es wohl eher geſchehen, daß ſie den aͤlteſten und erſt - gebohrnen Printz von der Succeſſion ausgeſchloſ - ſen, wann ſie einige Unfaͤhigkeit zur Regierung bey ihm wahrgenommen, und hingegen den juͤngſten vorgezogen, wo aber die Succeſſion durch die Fun - damental-Geſetze des Reichs allbereits etablirt iſt, ſo koͤnnen ſie durch ihre Teſtamentliche Verord - nungen denſelben nichts derogiren.

§. 4. Es geſchicht bißweilen, daß wenn ein großer Herr nach ſeinem Tode keine Deſcendenten, oder auch andere nahe Angehoͤrige hinter ſich laͤſt, die ſeine Succeſſores abgeben koͤnten, andere Puiſſan - cen, denen ſeine Laͤndereyen treflich in die Augen fallen, noch bey ſeinem Lebzeiten dieſerwegen einen Theilungs-Tractat unter einander ſchluͤſſen. Ob es nun zwar einige Publiciſten vor wohlgethan ach - ten, wenn die kuͤnfftigen Prætendenten bey Zeiten durch einen guͤtlichen Vergleich ohne Blutvergieſ -T 2ſen292I. Theil. XVII. Capitul. ſen aus einander geſetzt wuͤrden / ſo halten es doch andere, und zwar mit guten Grunde vor unbillich, daß ſich jemand die Muͤhe naͤhme, uͤber eines an - dern Guͤter zu diſponiren; Sie meynen es wuͤrde es kein Privatus leyden, vielweniger hohe Poten - taten, als deren Ehre und Intereſſe hierdurch wuͤrck - lich geruͤhret wuͤrde, es ſtuͤnden auch uͤble Conſe - quentien hieraus zu beſorgen, es wuͤrde kein groſ - ſer Herr bey ſeinen Poſſeſſionen und Laͤndern ſicher ſeyn, wann ein dritter befugt waͤre, ihnen darinnen Eingriffe zu thun, und vorzuſchreiben wie er darin - nen diſponiren ſollte.

§. 5. Ereignet ſich nun ein ſolcher Caſus, ſo ſchreiben diejenigen Printzen deren Laͤndern man kuͤnfftighin wider ihren Willen gewiſſe Succeſſores obtrudiren will, an andere Hoͤfe, und beſchweren ſich dieſerwegen, ſie gedencken, ſie wuͤrden nicht ge - ſtatten, daß frembde einen in Vorſchlag braͤch - ten / ſie haͤtten allein das Recht uͤber Dero Lande zu diſponiren, und wuͤrden einen Fuͤrſten zur Succes - ſion ernennen, der am meiſten dazu berechtiget, und der Ruhe von Europa am zutraͤglichſten waͤre, es haͤtte niemand an dero Gerechtigkeit und Vorſich - tigkeit zu zweiffeln.

§. 6. Die groſſen Herren verordnen nicht allein in ihren Teſtamenten, wer ihre Erben ſeyn ſollen in Lehn - und Allodial-Guͤtern, ſondern auch wer ihre Pretioſa, Diamanten, Meublen und Equipage haben ſoll, ſie verſchreiben mancherley Legaten, ſie beſorgen die unterſchiedenen Succeſſions-Faͤlle,und293Von Teſtam., deren Aufr. Publ. u. Exec. und wer nach des einen Abgang dem andern zu ſub - ſtituiren, ſie ordonniren, wie viel die Princeßin - nen zu ihrer Ausſtattung und Braut-Schmuck bekommen ſollen, wovon ihre Schulden zu bezah - len, wie ihre Bedienten nach ihrem Tode mit Pen - ſionen zu verſorgen, und auf andere Weiſe zu be - gnadigen, wie ihr Leichen-Begaͤngniß anzuſtellen, u. ſ. w.

§. 7. Gleichwie die ſouverainen Koͤnige und groſſen Haͤupter ſich gar ſelten an diejenigen Geſe - tze ſo ſie ihren Unterthanen vorſchreiben, zu binden pflegen, alſo kehren ſie ſich auch bey ihren letzten Diſpoſitionen im geringſten nicht an die Ceremo - nielle und Solennitæten, ſo die Rechte ſonſt bey dieſen Handlungen andern Leuten vorſchreiben, ſondern ſie richten ihre Teſtamenta nach ihren ei - genen Willen und nach der ihnen zuſtehenden freyen Macht und Gewalt ein, wie ſie denn auch ſolches in den Formulen ihrer Teſtamente aus - drucken. Alſo lautet der LIX Articul von den Te - ſtament des Koͤnigs in Spanien Caroli II, ich will und befehle, daß dieſer mein Aufſatz und was darin - nen enthalten, ohne einigen Widerſpruch fuͤr mei - nen letzten Willen u. Teſtament gelten ſoll, und wo etwan dieſem meinem Teſtament einige Solenni - taͤt, oder etwas anders dergleichen, was es ſeyn kan / abgehen moͤchte, ſo erſetze ich ſolches durch mein ei - gen Belieben / gut Gewiſſen und vollkommene Koͤ - nigliche Gewalt, der ich mich hierbey bediene, und welche diß alles vor guͤltig angeſehen, und ohne ei -T 3nig294I. Theil. XVII. Capitul. nig Obſtacul davor gehalten. Jch will, daß der Jnhalt dieſes meinen Teſtaments ungeachtet aller Geſetze, Rechte, Gemeinen oder beſonderen Ge - braͤuche einiger meiner Koͤnigreiche, Staaten und Herrſchafften, ſo dieſen meinen Thun entgegen ſeyn moͤchten, ſoll vollzogen und erfuͤllet werden; ich will auch, daß jede Sache oder Theil, ſo darinnen enthalten, als ein Schluß der vor voͤlliger Reichs - Verſammlung mit reifer Uberlegung beſchloſſen worden, angeſehen werden ſoll.

§. 8. Es pflegen die ſouverainen Printzen biß - weilen mit eigner Hand bey ihren Teſtamenten al - lerhand Zuſaͤtze zu machen, und Legata oder anders dergleichen mit anzufuͤgen, und erklaͤhren ſich die - ſerwegen auf folgende Weiſe: Wir behalten uns die Macht vor, durch unſere Hand und Unterzeich - nung, alle dergleichen abſonderliche Legata und Verordnungen zu machen, als wir hernach vor gut befinden, und wollen, daß diejenigen ſo bereits durch uns allein geſchrieben und unterzeichnet, oder durch iemand anders geſchrieben und unterzeichnet werden moͤchten, von eben der Krafft und Wuͤrde ſeyn ſollen, als ob ſie in dem Teſtament allbereits eingezeichnet. Wir wollen, daß es vollkommene Wuͤrckung haben ſoll, als ein Teſtament, Codicill, Schenckung auf den Todesfall, oder wie es ſonſt die beſte Wuͤrckung haben kan. Bißweilen diſpo - niren ſie zugleich uͤber die Lehn - und Fidei com - miß-Guͤter, daruͤber andern Potentaten ein Jus quæſitum zuſtehet, woruͤber denn nachgehends viel und groſſe Mißhelligkeiten erwachſen.

§. 9.295Von Teſtam., deren Aufr. Publ. u. Exec.

§. 9. Sie verclauſuliren ihre Teſtamenta zu deren Feſthaltung und Beobachtung mit den aller - buͤndigſten Ausdruckungen, die ſie nur finden koͤn - nen, und bißweilen wohl gar mit entſetzlichen Fluͤ - chen und Execrationen / die ſich unterſtehen wuͤr - den, auf einigerley Art und Weiſe ſie zu violiren, oder denſelben zu nahe zu treten. Alſo legte die Rußiſche Kayſerin Catharina Alexieiewna, in dem XIV. Articul ihres Teſtaments einen groſſen Fluch auf diejenigen, von ihren Kindern und von ihrer Fa - milie, die nicht ihr Teſtament ihrer Intention ge - maͤß, feſt halten, ſondern es behindern wolten.

§. 10. Damit ſie auch deſto ſicherer ſeyn, daß ihr letzter Wille nach ihrem Ableben in allen und ieden Puncten und Clauſulen werde erfuͤllet wer - den, ſo verordnen ſie in ihren Teſtamenten gewiſ - ſe Executores. Bißweilen conſtituiren ſie ihre Gemahlinnen dazu / und unterſchiedene in dem Te - ſtament ſpecificirte groſſe Miniſtres, und befehlen ihnen an, daß ſie bey allen und ieden, die ſich in ih - ren Koͤnigreichen, Staaten und Herrſchafften be - finden, oder auch allen den Auswaͤrtigen, ſie moͤgen Nahmen haben wie ſie wollen, auf einigerley Weiſe an dem kuͤnfftigen Regiment einig Antheil haben moͤchten, es zur Valor und zur Ausfuͤhrung ſolten bringen helffen.

§. 11. Oeffters werden auch fremde Puiſſancen und Fuͤrſten zu Executoren der Teſtamente ernen - net, und iſt einer von ihnen der Principal-Execu - tor. Vielmahls ſchreiben die Fuͤrſten eigenhaͤn -T 4dig296I. Theil. XVII. Capitul. dig an den im Teſtament zum Principal-Executor ernannten Fuͤrſten, recommendiren ihm das zu - gleich mitgeſchickte Teſtament zu getreuer Ver - wahrung, und bitten es nach ſeinem Abſterben exequiren zu laſſen. Hierauf antwortet der de - ſignirte Executor dem Teſtatori in hoͤflichen Ter - minis, bedancket ſich vor das gute Vertrauen, wuͤnſchet daß es zu der ausgebethenen Execution noch lange nicht kommen moͤchte, verſichert anbey, bey dem ſich ereignenden Fall alles beſtmoͤglichſt zu beſorgen, damit die Intention des Teſtatoris erfuͤllet werden moͤchte.

§. 12. Unter den Teutſchen Fuͤrſten iſts ſehr ge - braͤuchlich, daß ſie in ihren Teſtamenten gewiſſen hierzu deputirten Raͤthen, zu denen ſie ein gutes Vertrauen haben, gnaͤdigſten Befehl ertheilen, mit Erinnerung ihrer theuren Pflicht, daß ſie uͤber ſol - chem Teſtament halten, und dadurch dero zu Jhrer hochſeeligſten Hoch-Fuͤrſtlichen Durchlauchtigkeit iederzeit getragene unterthaͤnigſte Devotion erzei - gen ſollen.

§. 13. Die gecroͤnten Haͤupter pflegen die von ihnen verfertigten Teſtamenta mit beſondern So - lennitaͤten, entweder in ihre Reichs-Archiva bey - legen zu laſſen, und thun es ihren Reichs-Miniſtris und andern, die ſie zur Execution ihres letzten Wil - lens beſtimmt, kund, damit derſelbe nach ihrem Ab - ſterben publicirt und erfuͤllet werden koͤnne, oder uͤbergeben denſelben ihren Reichs-Collegiis, Par - laments-Verſammlungen, und wie ſie nach demUnter -297Von Teſtam., deren Aufr. Publ. u. Exec. Unterſchied der Laͤnder weiter heiſſen koͤnnen. Alſo ließ der Koͤnig in Franckreich Ludwig XIV ſein Te - ſtament bey ſeinem Parlament, deſſen Macht und Anſehen er ſonſt ziemlich geſchwaͤcht und gantz ent - kraͤfftet hatte, verwahren. Er uͤbergab es in einen Packet, und mit einem Edict, darinnen er befahl daß dieſes Packet deponiret und geheim gehalten werden moͤchte; er hatte mit eigener Hand darauf geſchrieben: Dieſes iſt unſer Teſtament, und un - ten gezeichnet, Ludewig. Monſieur de Joly Ge - neral-Advocat bey dem Parlament zu Pariß, hielt an die Parlaments-Verſammlung eine ſolenne Rede, und das Parlament ſtattete ihm eine devo - teſte Danckſagung ab, vor die Guͤte und das Ver - trauen, ſo er demſelben hiedurch zu erzeigen allergnaͤ - digſt geruhet.

§. 14. Die Regenten diſponiren auch, entwe - der in Teſtamentern, oder in Fuͤrſtlichen Hand - Schreiben, ſo denſelben beſonders mit beygefuͤgt, wie und welchergeſtalt dero letzter Wille publicirt werden ſoll, und wer von Fuͤrſtlichen Perſonen oder Abgeſandten mit dabey zu erſcheinen habe.

§. 15. Jn den vorigen Seculis, biß an die Zeit der Reformation, beſtellten die Fuͤrſten in Teutſch - land und ihre Gemahlinnen, ihr Teſtament und Seelen-Geraͤthe, wie ſie es damahls gar oͤffters zu nennen pflegten, mehrentheils bey denen Canoni - cis, weil ſie zu denſelben vor andern ein beſonder gutes Vertrauen hatten. Man findet auch ſonſt in den damahligen Zeiten dey den Teſtamenten vielT 5papi -298I. Theil. XVII. Capitul. papiſtiſche Taͤndeleyen, die trefflich nach den Aber - glauben ſchmecken. Die Graͤfin Theda zu Oſt - Frießland machte anno 1494. ihr Teſtament zu ihres ſeeligen Ehgemahls Grafens Ulrici, und ih - rer verſtorbenen Kinder Seligkeit. S. Brenney - ſens Oſt-Frießlaͤndiſche Hiſtorie Tom. I. Lib. IV. Hertzog Johannes, nachmahls Chur-Fuͤrſt zu Sachſen, richtete den 11. Dec. anno 1516. ſub dato Weymar, ein Teſtament auf, und zwar ſo - wohl im Nahmen der ewigen und unzertheilten al - lerheiligſten Dreyfaltigkeit, als auch im Nahmen 42 Heiligen, die alle mit Nahmen ſpecificiret werden.

§. 16. Churfuͤrſt Fridrich der Weiſe dictirte ſei - nen Secretario Johann Vilhelm ſein Teſtament vor ſeinen Ende. Er hatte zwar zuvor ſchon 2. Teſtamente gemacht, als das erſte anno 1493, da er nach Jeruſalem gereiſet, und das andere den 4. Octobr. 1517. in welchen letztern er ſeine Seele nicht nur dem Dreyeinigen GOtt befahl, ſondern auch der Vorbitte der Mutter GOttes, Sanct Bar - tholomæi ſeines Patrons, ſeines Schutz-Engels und aller Heiligen, und verordnete, daß man ihm einen gantzen Monath, taͤglich 50. Seel-Meſſen ſolte halten laſſen. Jedoch in den gantz letztern Teſtament unterließ er dieſes alles, und fieng ſein Teſtament folgender geſtalt an: Erſtlich bitte ich den Allmaͤchtigen GOtt durch das heilige und ei - nige Verdienſt ſeines Sohnes, daß er mir alle mei - ne Suͤnden und Gebrechen vergeben wolle, dennich299Von Teſtam., deren Aufr. Publ. u. Exec. ich zweiffle nicht, daß ich durch das theure Blut meines allerliebſten HErrn und Heylandes JEſu Chriſti erloͤſet ſey. Hernach befehl ich meine Seele um ſie ſeelig zu halten, ſeiner unerforſchlichen ewigen und unendlichen Gnade und Barmhertzig - keit, und in ſeine allmaͤchtigen Haͤnde; ich vergebe auch allen, die mir etwas zu leyd gethan, und bitte dagegen alle um GOttes willen, daß ſie mir um GOttes willen, und aus Chriſtlicher Liebe alles was ich ihnen zu Leyde gethan, von Hertzen ver - zeyhen, wie wir alle taͤglich von GOtt dem Vater der Barmhertzigkeit um Vergebung unſerer Suͤn - den bitten. S. Seckendorff Hiſtorie des Luther - thums p. 703.

§. 17. Die Reichs-Fuͤrſten in Teutſchland pfle - gen gar offters die von ihnen errichteten Teſtamen - ta und Codicille, dem Roͤmiſchen Kaͤyſer zur Con - ſirmation allerunterthaͤnigſt einzureichen, und des Kaͤyſers Majeſtaͤt pflegen dieſelben gemeiniglich, daferne kein rechtmaͤßig erheblich Bedencken dabey vorwaltet, mit folgender Clauſul zu confirmiren: Wir confirmiren und beſtaͤtigen ſothanes Teſta - ment und Codicill nach der uns zuſtehenden Kaͤy - ſerlichen Macht und Gewalt vollkommentlich und wohl wiſſentlich in Krafft dieſes Briefs, und mey - nen, ſetzen und wollen, daß ſolches Teſtament und Codicill mit allen Articulen, Puncten, Clauſulen, Worten, Jnhalten, Meynungen und Begreiffun - gen, allerdings verbindlich, kraͤfftig und maͤchtig ſeyn, ſtete, feſt und unverbruͤchlich gehalten undvoll -300I. Theil. XVII. Capitul. vollzogen, und dawider von niemand, wer der auch ſeyn mag, gehandelt und verfahren werden ſoll, doch uns, dem Heiligen Roͤmiſchen Reich, auch ſonſt maͤnniglich an ſeinen Rechten und Gerech - tigkeiten ohnvorgegriffen und unſchaͤdlich. Und gebiethen darauf allen und jeden Churfuͤrſten ꝛc. und inſonderheit des ſupplicirenden Fuͤrſten zu N. N. Eingangs benannten Soͤhnen und Enckeln ernſt und feſtiglich mit dieſen Brief, und wollen / daß ſie vor inſerirtes Teſtament und Codicill, und dieſe unſere daruͤber wohlbedaͤchtig ertheilte Con - firmation, Beſtaͤtigung und Manutenenz auf kei - ne Weiſe hindern, irren, oder anfechten, ſondern dieſelbe vielmehr mit allen Worten, Clauſulen und Beyruffungen, erhalten und verbleiben laſſen, ſol - chen allen ſich gaͤntzlich gemaͤß bezeugen, dawider nichts thun, handeln oder fuͤrnehmen, noch jemand andern zu thun geſtatten, in keine Weyſe noch Wege, als lieb einen jeden ſey unſer und des Reichs ſchwerer Ungnade und Straffe zu vermeyden.

§. 18. Ob es gleich nicht eben noͤthig, daß groſ - ſe Herren Zeugen und Notarien zu ihren Teſta - menten requiriren, wie die Privat-Perſohnen, ſo haben doch bißweilen einige mehrere, andere aber weniger Zeugen darzu genommen. Der Hertzog von Savoyen Carl der III. erforderte zu ſeinem Teſtament 12. Zeugen nebſt einem Notario; der Koͤnig in Sicilien Carl der II. einen Notarium Publicum, mit unterſchiedenen Bedienten des Reichs; der Koͤnig in Franckreich Ludwig XIII. bat301Von Teſtam., deren Aufr. Publ. u. Exec. bat die Printzen von Gebluͤthe, die Pairs, Hertzoge, Marſchaͤlle von Franckreich, und andere Miniſtres darzu und er forderte in Beyſeyn des Koͤniges und ſeines Bruders einen ſolennen Eyd von ihnen, daß ſie ſeine letzte Diſpoſition beſtens in Acht nehmen wolten. Koͤnig William III. in Engelland uͤber - gab ſein Teſtament, den 19 Octobr. 1698. in Ge - genwart zwey Zeugen, und eines immatriculirten Notarii Publici. S. den V. Theil der Europaͤiſchen Fama p. 477.

§. 19. Die Landes-Fuͤrſten in Teutſchland, weil ſie ſelbſt mit Landesherrlicher Hoheit verſehen, und alſo an die Roͤmiſchen Geſetze nicht gebunden, pfle - gen bey ihren Teſtamenten die Roͤmiſchen Solen - nitaͤten heutiges Tages nicht ſo in Acht zu nehmen, als wie vor dieſem. Jn den vorigen Seculis ha - ben ſie mehrentheils, nach der Vorſchrifft der Roͤ - miſchen Geſetze, ſieben Zeugen und einen Notarium darzu requiriret, die das Teſtament mit unterſchrei - ben muͤſſen. Sind die Zeugen in den Fuͤrſtlichen Dienſten geſtanden, ſo haben ſie dieſelben vor die - ſe Handlung ihrer Pflichten erlaſſen, womit ſie de - nen Fuͤrſten verwandt geweſen.

§. 20. Bißweilen ſind die Zeugen, wenn es et - wan Standes-Perſonen, oder auswaͤrtige Miniſtri geweſen, durch eine ſolenne Rede im Nahmen des Durchlauchtigſten Teſtatoris invitiret worden, und einer von ihnen hat hinwiederum im Nahmen der uͤbrigen eine ſolenne Gegen - und Danckſagungs - Rede gehalten; er hat die Intention des Serenis -ſimi302I. Theil. XVII. Capitul. ſimi hoͤchlich geruͤhmet, vor die Ehre dieſer Einla - dung gedancket, ſich zu præſtation dieſes Gezeug - niſſes gantz bereitwillig erklaͤhret, und anbey ge - wuͤnſchet / daß dieſe Chriſt-Fuͤrſtlichen und Lob - wuͤrdigen Gedancken noch lange Zeit ohne Effect ſeyn moͤchten.

§. 21. Soll ein Teſtament publiciret werden, ſo wird ein gewiſſer Tag dazu angeſetzt, und der an - beraumte Termin denen Fuͤrſtlichen Manns - und Weibes-Perſonen, Fuͤrſtlichen Abgeordneten, Grafen und Graͤfinnen, auch Praͤlaten, ingleichen der Ritter - und Landſchafft, zur Eroͤffnung und An - hoͤrung des Teſtaments eroͤffnet. Den Fuͤrſtli - chen Perſonen geſchiehet dieſe Notification biß - weilen durch ein Handſchreiben, bißweilen aber auch durch einige abgeſchickte Raͤthe, die in einer ſolennen Rede Jhnen anheim geben, ob dieſelben als Hoch-Fuͤrſtliche Anverwandten iemand von Dero Miniſtris und Bedienten, dieſer Eroͤffnung beyzuwohnen, zu deputiren belieben, auf welchem Fall ſie kein Bedencken haben wuͤrden, dieſelben zu admittiren, oder ob ſie in eigenen hohen Per - ſonen bey der Eroͤffnung zu erſcheinen geruhen wolten.

§. 22. Haben ſich nun alle diejeniger, die hierzu noͤthig ſind / eingefunden, ſo legt der Cantzler des Fuͤrſtens gemeiniglich vor der Publication eine ſo - lenne Rede ab / ruͤhmt darinnen die Meriten des hochſeelig verſtorbenen Fuͤrſten, und ſonderlich wie er loͤbliche und weiſe Anſtalten getriffen, nachſeinem303Von Teſtam., deren Aufr. Publ. u. Exec. ſeinem Tode unter den Hochfuͤrſtiichen Anver - wandten in ſeinen Lande, und allenthalben ſo viel als moͤglich gute Richtigkeit und Ordnung zu er - halten. Hierauf wird das gantze Teſtament vor - gezeigt, und allen den Anweſenden Fuͤrſtlichen Per - ſonen, Fuͤrſtlichen Herren Abgeſandten, ingleichen Prælaten, Ritterſchafft und Landſtaͤnden ad viden - dum & recognoſcendam manum & ſigillum vorgelegt, es wird das gantze Teſtament und Co - dicill und die daruͤber auf allen Seiten und Blaͤt - tern ſtehende Fuͤrſtliche Unterſchrifft, und das dar - anhangende groſſe Jnſiegel, ingleichen der Zeugen Unterſchrifft und Beſieglung, das zu Ende befindli - che Inſtrumentum Notarii, ſo dann deſſen Unter - ſchrifft und Signet examinirt.

§. 23. Der Cantzler bleibt bey einem jeden Punct ſtehen, und erinnert dasjenige was hierbey zu erin - nern noͤthig. Jſt nun das Teſtament vor richtig befunden worden, ſo bittet derjenige der es publi - cirt, die Hochfuͤrſtlichen Herren Gevollmaͤchtigten und Abgeordneten, ſie moͤchten ſich doch gefallen laſſen zu declariren, ob dieſelben das Teſtament ein jeder fuͤr ſeinen Theil in Dero Gnaͤdigſten Prin - cipalen hoͤchſten Nahmen fuͤr genehm halten, und demſelben in allen Puncten und Clauſulen nachle - ben wolten, da ſich denn ein jeder erklaͤhrt, daß er auf alle Weiſe bemuͤhet ſeyn wolte, damit dieſer Hochfuͤrſtliche Wille moͤchte erfuͤllet werden.

§. 24. Jſt dieſes geendiget, ſo wird das Fuͤrſtli - che Teſtament den geſchwohrnen Regiſtratori insArchiv304I. Theil. XVIII. Capitul. Archiv zu reponiren zugeſtellt. Nach der Publi - cation des Teſtaments haͤlt der Cantzler eine ſolen - ne Rede / wuͤndſchet dem hochſeelia verſtorbenen Fuͤrſten die ewige Ruhe, und dem Succeſſori alles Gluͤck und Heyl, und ſchaͤrfft ihm nach Jnhalt des Teſtaments, jedoch mit dem allerhoͤflichſten und freundlichſten Expreſſionen, die Pflichten eines Re - genten ein. Es wird auch wohl bißweilen nach der Publication ein Hand-Briefgen mit abgeleſen, welches der Vater an ſeinen Sohn geſchrieben, und viel heylſame Monita in ſich faſſet, die dem Durchlauchtigſten Succeſſori nicht eher als zu die - ſer Zeit, und bey der Gelegenheit haben ſollen hin - terbracht werden.

Das XVIII. Capitul. Von Leich-Begaͤngniſſen und Begraͤbniſſen.

§. 1.

Man wird wohl in der gantzen Hiſtorie kein ſo ungewoͤhnlich Leich-Begaͤng - niß haben als dieſes, da ſich der Roͤ - miſche Kayſer Carolus V. noch bey ſeinem Leben einige Jahre vor ſeinem Tode eine Leich-Beſtattung halten ließ, nachdem die Exe - quien ſeiner Schweſter der Koͤnigin Eleonoræ, ſammt dem kurtz darauf begangenen jaͤhrlichenGedaͤcht -305Von Leich-Begaͤngn. u. Begraͤbniſſen. Gedaͤchtniß vor ſeine abgelebte Mutter, eine be - ſondere Begierde hierzu bey ihm erweckt hatten.

§. 2. Bey einigen Fuͤrſten, die in ihrem Leben auf die Ceremonien und Solennitæten nicht gar viel gehalten, werden gar keine ſolennen Proces - ſionen gehalten, man ſpuͤhret weder ein Caſtrum doloris, noch andern ausputz in der Kirche; Die Hoch-Fuͤrſtlichen Leichen werden in aller Stille beygeſetzt, die Hof-Bedienten gehen am Tage der Beerdigung ihres Herrn nicht Proceſſions-Weiſe / ſondern nur eintzeln in die Kirche, um die Leich - Predigt mit anzuhoͤren, oder zu ſehen, wie der Fuͤrſt in die Grufft werde geſencket werden.

§. 3. Wo aber ſolenne Exequien angeſtellet werden ſollen, da werden vorhero ſchrifftliche und bißweilen gar gedruckte Reglemens publicirt, wie es bey allen und ieden Faͤllen gehalten werden ſoll, damit keine Unordnung entſtehe, und ein iedweder ſeinen gewiſſen Platz, auch ſeine ihn zukommende Pflicht wiſſen moͤge. An einigen Orten wird am Tage vor der Beerdigung durch einen Herold mit Paucken und Trompeten ſo wohl Vor-als Nachmittages an den freyen Plaͤtzen der Koͤnig - lichen oder Fuͤrſtlichen Reſidentz ausgeruffen, daß die Koͤnigliche oder Fuͤrſtliche Beerdigung folgen - den Tag geſchehen ſoll.

§. 4. Zu dem Leich-Begaͤngniß werden andere Hoch-Fuͤrſtliche Perſonen, ſonderlich von den na - hen hohen Anverwandten meiſtentheils invitiret, und zwar entweder ſchrifftlich oder muͤndlich. SieUerſuchen306I. Theil. XVIII. Capitul. erſuchen dieſelben, ihnen den beſondern Gefallen, dem verblichenen Leichnahm aber die letzte Ehre zu erweiſen, und ſich gegen erwehnte Zeit perſoͤn - lich einzufinden, auch nebſt den uͤbrigen hohen An - verwandten, deren ſie gewaͤrtig, dem Leich-Be - gaͤngniß mit beyzuwohnen. Werden ſie ver - hindert, ſich einzufinden, ſo ſchicken ſie im Nah - men ihrer einen Cavalier, der etwan durch folgen - des Complimens die Entſchuldigungen anbringt: Nachdem Eurer Hoch-Fuͤrſtl. Durchlauchtigkeit gefallen, meinen gnaͤdigſten Herrn und meine gnaͤ - digſte Frau, zur angeſtellten Trauer-Begaͤngniß des Hochſelig verſtorbenen ꝛc. freund-bruͤderlich einzuladen, ſo haͤtten ſie beyderſeits gewuͤnſcht, daß ſie vor dißmahl ſich perſoͤnlich einfinden, und ſol - chen Actui beywohnen koͤnnen, allein es waͤren dieſelben beyderſeits durch viele Verrichtungen und Verhinderungen, ihre gute Intention werck - ſtellig zu machen, abgehalten worden, nichts deſto weniger haͤtten ſie ſeiner wenige Perſon aufgetra - gen, auf anberaumte Zeit bey Jhrer Hoch-Fuͤrſtl. Durchlauchtigkeit ſich einzufinden, um deroſelben Stellen und Vices zu vertreten, und ihn darneben anbefohlen, daß er ſich nach Jhro Hoch-Fuͤrſtl. Durchl. Geheiß und Willen in allen richten ſoll.

§. 5. Wenn gecroͤnte Haͤupter zu den Exe - quien invitirt worden, ſo ſchicken ſie an ſtatt ihrer meiſtentheils einen Fuͤrſten als Abgeſandten zu die - ſer Trauer-Handlung. Es werden auch an allen Hoͤfen die vornehmſten und groͤſten Miniſtri hier - zu erkieſet.

§. 6.307Von Leich-Begaͤngn. u. Begraͤbniſſen.

§. 6. Andere Hoch-Fuͤrſtliche Perſonen / ſie moͤgen nun zu der Leich-Beſtattung invitiret wor - den ſeyn oder nicht, laſſen gar oͤffters, ſo bald als ihnen der Trauer-Fall notificiret worden, in ihrem Lande, um ihre Liebe und Hochachtung gegen den Verſtorbenen an Tag zu legen, bey ihren Unter - thanen mancherley Trauer-Handlungen anſtel - len. Je naͤher ſie ihm mit Anverwandtſchafft oder Freundſchafft zugethan geweſen oder ie mehr ſie ſeine Verdienſte ſchaͤtzen und erkennen, ie haͤuf - figer und ie ſolenner ſind auch die Handlungen, dadurch ſie ſein Gedaͤchtniß verehren. Die Roͤ - miſchen Paͤbſte pflegen gar oͤffters denjenigen Printzen, die ihnen vor andern beſondern Gehor - ſam geleiſtet, und ihr Intereſſe auf mancherley Weiſe befoͤrdert, nach ihrem Tode zu ihren Ehren in dem geheimen Conſiſtorio ſolenne Leich-Re - den zu halten.

§. 7. Es laſſen auch nicht ſelten frembde Mi - niſtri und Abgeſandten an ihren Haͤuſern und Portalen, gewiſſe Illuminationen, die mit beſon - dern Sinn-Bildern, ſo ſich auf den gegenwaͤrtigen Trauer-Fall ſchicken, ausgezieret, zur Abends - Zeit anzuͤnden, um die Betruͤbniß und das Bey - Leyd ihrer Durchlauchtigſten Principalen dadurch oͤffentlich an den Tag zu legen.

§. 8. Es iſt mehr als zu bekandt, daß alle dieje - nigen, die ſich bey der Leich-Proceſſion finden laſ - ſen, in ſchwartzer Kleidung zu erſcheinen pflegen, ſo gar, daß ſich auch kein eintziger von den BedientenU 2der308I. Theil. XVIII. Capitul. der Cavaliers, oder der andern, die mit dabey ſind, in einem bunten Kleide, darff ſehen laſſen, er muͤſte denn weit voraus gehen, oder gantz hinten, nach - dem ſie voͤllig geſchloſſen, nachfolgen. Es iſt alſo etwas beſonders bey dem Leich-Begaͤngniß des Pabſtes Innocentii XII. geweſen, daß die Stall - Bedienten in roth gekleidet mit angezuͤndeten Wachs-Lichtern, und hernach die Laqueyen gleich - falls in roth gekleidet, aber mit dunckel blauen Maͤnteln, und angezuͤndeten Kertzen mitgangen, es muͤſte denn ſolches bey allen Paͤbſtlichen Leich-Pro - ceſſionen gebraͤuchlich ſeyn.

§. 9. Nachdem eine Proceſſion mit beſondern Solennien gehalten werden ſoll, oder nicht, nach - dem werden auch alle die Unterthanen durch ſchrifftliche Befehle beordert, daß ſie in ſtarcker oder ſchwacher Anzahl dabey erſcheinen ſollen; Biß - weilen muͤſſen die Land-Staͤnde, die Dom-Capi - tul, die Collegia, die Univerſitæten, die Geiſtlich - keit, auch wohl gar die Jnnungen / u. ſ. w. in cor - pore, bißweilen aber nur per Deputatos erſcheinen. Bey den Roͤmiſch Catholiſchen pflegen gar offters bey ſolennen Proceſſionen, inſonderheit bey denen die auf die Cleriſey ſehr viel halten, alle die Muͤn - che und Bruͤderſchafften mit zu gehen, als die Au - guſtiner, Bernhardiner, Fratres miſericordiæ, Minoriten, Carmeliter u. ſ. w. So iſt es auch bey denſelben gebraͤuchlich, daß eine groſſe Menge ar - mer Maͤnner und Weiber aus den Hoſpitelern oder von andern Orten her in die Proceſſion mitenge -309Von Leich-Begaͤngn. u. Begraͤbniſſen. eingeſchloſſen werden. Alſo giengen bey den Exe - quien des Churfuͤrſtens zu Pfaltz anno 1716. dreyßig Hauß-Arme mit verhuͤllten Koͤpffen und Maͤnteln, ingleichen 30. Studenten auch mit ver - huͤllten Koͤpffen und Maͤnteln, welche paarweiſe Fackeln trugen. Bey dem Leich-Begaͤngniß Hertzogs Albrechts zu Sachſen wurden 1500 arme Leute zu dreymahlen mit drey Gerichten Bier und Brodt geſpeiſet.

§. 10. Es werden zuweilen bey den Proceſſio - nen eine oder mehr Ehren-Pforten aufgerichtet, durch welche die Leiche und der gantze Trauer-Zug durchpaſſiret. Die Gaſſen werden zu beyden Seiten entweder von der Milice oder von der Buͤr - gerſchafft geſchloſſen, damit die Ordnung von dem neugierigem und andringendem Volck auf keinerley Weiſe etwas gefuͤhret oder getrennet werden koͤn - ne. Unter waͤhrenden Trauer-Zug werden die Glocken in allen Kirchen gelaͤutet, und in allen Haͤuſern wird auf das ſchaͤrffſte anbefohlen, daß ſich keine weder von den Handwerckern noch von andern unterſtehen ſoll, ein Getoͤſe oder Lermen unter waͤhrenden Trauer-Zuge zu machen. Ge - ſchicht eine Proceſſion des Abends, ſo werden die Fenſter auf den Gaſſen bey welchen der Zug vor - bey gehet, allenthalben mit Lichtern erleuchtert.

§. 11. Wird die Hochfuͤrſtliche Leiche von einen Ort zum andern zu ihren Fuͤrſtlichen Erb-Begraͤb - niſſen gefuͤhrt, ſo wird vor der Abfuͤhrung von ei - nem Cavalier gemeiniglich eine Rede gehalten, dieU 3man310I. Theil. XVIII. Capitul. man eine Stand-Rede zu nennen pflegt. Es werden nicht allein in allen Doͤrffern, durch welche der Trauer-Zug paſſiret, ſondern auch in allen um - liegenden, ſo bald ſie die Ankunfft der Leiche von ferne gewahr werden, die Glocken gelaͤutet. Jn den Staͤdten werden nicht allein die Glocken gelaͤu - tet, ſondern es muͤſſen auch die Schule, die Geiſt - lichkeit, und der Magiſtrat ſich vor der Stadt bey Ankunfft der Leiche in Trauer-Kleidern finden laſ - ſen hernach in die Ordnung des Marches mit ein - treten, und mit entbloͤßten Haͤuptern zwiſchen die auf beyden Seiten in Gewehr ſtehenden Buͤrger - ſchafft durchgehen, welche das Gewehr mit aller - hand Trauer-Zeichen, die bey dergleichen Faͤllen unter der Miliz gebraͤuchlich ſind, præſentiren. Aus den Feſtungen werden ſie unter Loßbrennung der Canonen begleitet.

§. 12. Es wird alles nach den vorhergehenden Reglement eingerichtet. Die hinter der Leiche herreitenden Guarden haben nach der gewoͤhnli - chen Trauer-Manier den entbloͤſten Degen unter dem Arm. Der Einzug des Nachts geſchiehet bey Wachs-Fackeln, welche bey der Leiche theils von den Pagen, theils aber von reitenden Guarden du Corps getragen werden. Der Ort, wo die Leiche des Nachts bleiben ſoll, wird mit ſchwar - tzen Tuch behangen, und mit einer genugſamen Menge Wachs-Lichtern verſehen. Die Wache dabey wird entweder von Cavalieren, von Pagen, oder von Trabanten verrichtet; So iſt auch einUnter -311Von Leich-Begaͤngn. u. Begraͤbniſſen. Unterſchied, unter der Wache, die in dem Gemache iſt, in welchem die Koͤnigliche oder Fuͤrſtliche Lei - che niedergeſetzt wird, und unter der Wache auſ - ſerhalb des Gemachs. jene geſchiehet von hoͤ - hern Perſonen, dieſe aber von geringern.

§. 13. Auf fremden Fuͤrſtlichen Grentzen wer - den die Leichen nebſt den Comitat der darzu gehoͤrt, mit einer ſolennen Rede angenommen, und wider biß an die andern Grentzen begleitet, auch der gan - tze Zug Fuͤrſtlichen Gebrauch nach bedienet; Auf die Annehmungs-Rede wird von einen andern unter deſſen Direction die Abfuͤhrung der Hoch - fuͤrſtlichen Leiche geſchiehet, wieder eine Gegen - Rede zu halten.

§. 14. Bey den Proceſſionen ordiniret man unterſchiedliche Marſchalle, die mit verdeckten An - geſichtern und mit ſchwartz uͤberzogenen Mar - ſchalls-Staͤben, theils die Hochfuͤrſtlichen Manns - Perſonen, theils das Hochfuͤrſtliche Frauenzim - mer, theils auch die anderen Corpora und Diviſio - nen der Proceſſion fuͤhren. Nachdem ein Trauer - Zug ſehr weitlaͤufftig iſt, aus vielen Abtheilungen beſtehet, oder nicht, nachdem ſind auch mehr oder wenigere Marſchaͤlle dabey. Uber die Marſchaͤlle ſind bey ſolennen Proceſſionen auch noch beſon - dere Herolde, in ihren Herolds - und Trauer-Habit, mit ihren Herolds-Staͤben, an welche Floͤhre ge - bunden, ingleichen eigene Ceremonien-Meiſter, welche allenthalben die Ceremonien reguliren, und inſonderheit den Leichbegleitern die Plaͤtze und Si -U 4tze312I. Theil XVIII. Capitul. tze in der Kirche anweiſen. Bißweilen wird inti - mirt, das ſich der Land-Adel, oder einige andere bey denen der Rang, den ſie untereinander haben, nicht recht gewiß beſtimmt iſt, ſelbſt nach Gefallen nntereinander ſtellen ſollen.

§. 15. Bey den Hoch-Fuͤrſtlichen Leich-Pro - ceſſionen gehet es mehrentheils wie bey den Ein - zuͤgen / daß die geringern vorweg marchiren, die hoͤhern und vornehmern aber darauf folgen. Der Anfang davon geſchiehet bißweilen mit einem Be - reuter / welchem einige Marſchaͤlle folgen. Biß - weilen macht ein vornehmer Officier den Anfang des Zuges, dem unterſchiedene Regimenter folgen; nach dieſen reitet ein Hof-Fourier mit einem lan - gen Mantel und Flohr auf dem Hut; als denn ma - chen die adelichen Marſchaͤlle die Ouverture mit der Leich-Proceſſion. Es geſchicht auch wohl, daß einige Trabanten mit verkehrten Gewehr vor andern vorweg marchiren, hernach folgen die Fa - ckel-Traͤger, und nach dieſen die Marſchaͤlle. Bey den unterſchiedenen Abtheilungen der Proceſſion kommen wieder, ein Fourier, einige Marſchaͤlle und Herolde. Dieſe letztern ſind nicht allezeit ſchwartz gekleidet, ſondern bißweilen mit einigen bundten Sammet - und verchamerirten Kleidern angethan, die mit dem Fuͤrſtlichen Wapen gezie - ret, und fuͤhren in der Hand Commando-Staͤbe.

§. 16. Die Trompeter und Paucker, die auf unterſchiedene Weiſe mit einander zu wechſeln pfle - gen, laſſen ſich auch bey den Proceſſionen hoͤren,aber313Von Leich-Begaͤngn. u. Begraͤbniſſen. aber mit ſtiller und gedaͤmpffter Muſic. Die Trompeter fuͤhren die ſilbernen Trompeten uͤber den Maͤnteln, die mit Floͤhren angehaͤngt. Manch - mahl reiten auch die Heer-Paucker allein ohne Paucken.

§. 17. Jn Teutſchland iſt es bey den Hoch - Fuͤrſtlichen Leich-Begaͤngniſſen von ſehr vielen Se - culis her gebraͤuchlich geweſen, daß bey Abgang der Landes-Regenten, Freuden - und Trauer - Pferde geritten worden; die Trauer-Pferde zei - gen den ſchmertzlichen Verluſt an, den das Land erlitten; die Freuden-Pferde aber, die Freude der Unterthanen, daß der Abgang des Landes-Regen - tens durch den Succeſſorem wieder erſetzt iſt.

§. 18. Die Freuden-Pferde ſind auf das aller - praͤchtigſte gezieret, mit Schabracken von der hel - leſten Couleur belegt, die mit Silber und Gold, auch wohl gar Edelgeſteinen geſtickt ſind, in Sum - ma, das gantze Pferde-Zeug brilliret mit allen dem - jenigen, ſo in die Augen fallen kan. Auf dem Kopffe und Schweiffe haben ſie groſſe Feder-Buͤſche, die der Couleur nach mit den uͤbrigen harmoniren. Bißweilen werden ſie von einen vornehmen Offi - cier gefuͤhret, und auf der Seite geht ein Reit - Knecht im langen Mantel, und mit der Spieß-Ru - the in der Hand. Bißweilen aber auch von einen Leib-Pagen, einen Cavalier oder Officier geritten. Zu den Freuden-Pferden werden mehrentheils die Springer erwehlet, und muͤſſen in ſteter Action geritten werden.

U 5§. 19.314I. Theil. XVIII. Capitul.

§. 19. Der das Freuden-Pferd reitet, hat ei - nen vortrefflich-verguͤldeten und auf das zierlichſte emaillirten Harniſch an, auf dem Haupt ein der - gleichen Caſquet, worauf ein Bouquet mit man - cherley buntfarbigen Blumen, in der rechten Hand einen bloſſen Degen haltend, deſſen Gefaͤß mit Gold und Diamanten beſetzt. Jſt das eine Pferd abgeſondert vom Reuter, und wird nur, wie ich im vorhergehenden gemeldet, dabey hergefuͤhret, ſo iſt dasjenige Pferd, ſo geritten wird, ebenfalls mit Bouqueten von Blumen, an Schabracken, Piſto - len-Halfftern Halffter-Kappen, Hinter - und Vor - der-Zeuge, Zaum und Steigbuͤgeln, mit Gold, Silber und Edelſteinen auf das trefflichſte ausge - putzt. Auf der Seite pflegen entweder ein paar Reit-Knechte, oder mehrentheils ein paar Traban - ten neben herzugehen.

§. 20. Mit dem Trauer-Pferde hat es eine glei - che Beſchaffenheit. Es iſt uͤber und uͤber mit ſchwartzen Boy oder Friſet behangen / an ſtatt der Meenen mit Flohr friſirt, auch unten herum mit Flohr beſetzt. Dieſes wird mehrentheils nicht ge - ritten, ſondern von einem oder ein paar Cavalieren oder Officirern gefuͤhret. Darauf folgt ein Hof - oder Cammer-Juncker, der ein ander Pferd reitet. Das Pferd iſt traurig ausgeputzt, und auf dem Kopff und Schweiff traͤgt es Bouqueter von Blu - men. Der Reuter fuͤhrt einen gantz ſchwartzen Curaß und dergleichen Caſquet, in der rechten Hand den bloſſen Degen, der an einen ſchwar -tzen315Von Leich-Begaͤngn. u. Begraͤbniſſen. tzen Flohr angebunden, und die Spitze unterwaͤrts kehrt.

§. 21. Hierbey ſind auch Freuden - und Trauer - Fahnen. Die Freuden-Fahne iſt von der helle - ſten bunten Couleur, und muß mit den Farben der Schabracke des Freuden-Pferdes accordiren. Sie iſt mit goldenen und ſilbernen Frangen, auch dergleichen Banderolen reichlich beſetzt, worauf ſchoͤne Deviſen geſtickt, die ſich zu der Trauer - Handlung ſchicken, und wird gemeiniglich von ei - nem vornehmen Kriegs-Officier, als von einem Obriſten u. ſ. w. getragen. Die Trauer-Fahne iſt von ſchwartzen Doppel-Taffet, rings umher mit Flohr dichte friſirt, wird ebenfalls von einem Obriſten getragen.

§. 22. Zuweilen ſind, uͤber die groſſe und ſolenne Trauer - und Freuden-Fahne, auch noch unterſchie - dene andere Freuden-Fahnen von weiſſen Taffet, ingleichen einige mit ſchwartzen Taffet, darinnen die Hochfuͤrſtlichen Wapen geſtickt, oder darauf angehefftet. Bey der Proceſſion groſſer Kriegs - Helden, zumahl wenn ſie in der Bataille geblieben, wird auch noch eine Blut-Fahne von dunckel ro - then oder couleur de feu Taffet oder Damaſt gefuͤhrt, ingleichen das Bataillen-Pferd, welches eine propre Schabracke von couleur de feu Sammet traͤgt, und mit lauter Armaturen und Kriegs-Ruͤſtungen verſehen. Die Houſſe, Sat - tel und Piſtolen-Halfftern die Steigbuͤgel, der Zaum, das Hinter - und Voͤrder-Zeug ſind mitGold,316I. Theil. XVIII. Capitul. Gold, Silber, Diamanten, Schmaragden und Rubinen auf das reichſte beſetzt. Zur Seiten ge - hen ein paar Reut-Knechte in langen Maͤnteln, und mit Spieß-Ruthen in Haͤnden.

§. 23. So viel Landſchafften die Landes-Re - genten in ihren Tituln fuͤhren, ſo viel Wapen wer - den auch bey ihren Proceſſionen geſehen, die auf unterſchiedene Weiſe angebracht werden. Ge - meiniglich geſchiehet ſolches in beſondern Fahnen, ſo von den Cavalieren entweder zu Fuß oder zu Pferde gefuͤhret werden. Bißweilen wird das gantze Koͤnigliche oder Chur-Fuͤrſtliche Wapen, ſo von Kupffer oder Silber getrieben, und rings herum mit allerhand Kriegs-Ruͤſtungen gezieret iſt, von unterſchiedenen vornehmen Cavaliers, oder wohl gar von Cavalieren getragen, denen einige junge von Adel zu Huͤlffe gegeben werden.

§. 24. Das tragen der Koͤniglichen / Churfuͤrſt - lichen und Fuͤrſtlichen Inſignien, iſt eine Haupt - Solennitæt bey dergleichen Leich-Proceſſionen. Es beſtehen ſolche in unterſchiedenen Stuͤcken, die nach dem Unterſcheid der Koͤniglichen, Churfuͤrſt - lichen und Fuͤrſtlichen Dignitæten, und dem Un - terſchied der Hoͤfe, und deren Obſervanzen unter - ſchieden ſind. Es ſind ſolche gemeiniglich Cronen und Scepter, nebſt den Reichs-Aepffeln, Chur - und Fuͤrſten-Huͤte, die Chur-Schwerdter, die Majeſtaͤts-Siegel, die mit mancherley plamen be - ſetzten Casquetes, die Regiments - und Commando - Staͤbe, und die Ordens-Zeichen, die ſie von an -dern317Von Leich-Begaͤngn. u. Begraͤbniſſen. dern erhalten. Bey den Reichs-Grafen ſind die Inſignien, die verguͤldeten Spohren, verguͤldeten Casquetes, der Harniſch, die verguͤldeten Hand - ſchuhe und der Degen.

§. 25. Dieſe Inſignien ſind auf mancherley Art entweder auf eine traurige oder koſtbahre Weiſe mit Flohr, oder Sammet, oder Gold, Silber, und Edelſteinen ausgeputzt, und werden nach den Ge - braͤuchen, die an einem ieden Ort eingefuͤhret, ent - weder in goldenen oder ſilbernen Kaͤſtlein, oder auf Sammeten mit Gold oder Silber geſtickten Kuͤſ - ſen von den vornehmſten und hoͤchſten Officianten des Reiches oder des Hofes getragen, und von ei - nigen neben her gehenden Trabanten begleitet.

§. 26. Die Leichen-Tuͤcher, ſo uͤber den Sarg ausgebreitet, beſtehen gemeiniglich in einem weiſ - ſen Taffeten und ſchwartzen Sammeten. Zuwei - len ſind ſie mit Gold und Silber auf das praͤch - tigſte geſtickt, bißweilen aber gantz ſchlecht. Manch - mahl iſt auch wohl noch uͤber die andern Leichen - Tuͤcher ein gantz brocaten Leich-Tuch. An den Leichen-Tuͤchern und an den ſchwartz Sammeten Baldachins ſind die Wappen des Hoch-Fuͤrſtli - chen Hauſes zu ſehen. Die Schnur des Him - mels oder Baldachins pflegen von vornehmen Ca - valieren getragen zu werden, wie auch die Stan - gen. Die vier Ecken des Leichen-Tuches wer - den ebenfalls von Cavalieren oder Officirern in der Proceſſion ergrieffen, und werden dieſe Poſte vor places d’honeur gehalten. Wenn ſie naͤher andie318I. Theil. XVIII. Capitul. die Kirche ruͤcken, ſo pflegen bißweilen noch hoͤhere Reichs-Hof - oder Krieges-Officianten die vier Ecken des Leichen-Tuchs zu ergreiffen.

§. 27. Die Leiche wird von 6. oder 8. Pferden gezogen, die gantz langſam fort gehen, ſo daß ſie ſich nur zu ruͤhren ſcheinen; Die Pferde ſind gantz mit ſchwartzen Boy oder Sammet uͤberhangen, auf den Pferde-Decken ſind die Wapen des Koͤ - niglichen oder Fuͤrſtlichen Hauſes auf manch erley Weiſe angebracht; bißweilen ſind auch ſo gar bey den Pferden auf den Stirnen Wapen zu ſe - hen, ein iedes Pferd wird von einem vornehmen Officier gefuͤhret, neben dieſen gehen acht Reit - Knechte in langen Maͤnteln mit Spießruthen in Haͤnden, und auf beyden Seiten der Leiche 24 vornehme Cavaliers, bißweilen auch weniger, oder auch eine gewiſſe Anzahl Trabanten mit langen Maͤnteln, und ſchwartzen uͤberzogenen Partiſanen, ſo die Spitzen unterwerts gekehrt.

§. 28. Hinter der Leiche kommen Marſchaͤlle mit Viſiren und uͤberzogenen Staͤben, wiewohl die Viſirs nicht allenthalben gebraͤuchlich, in den vorigen Zeiten ſind ſie mehr in Gebrauch geweſen, als in den ietzigen. Darauf folgen die Hoch - Fuͤrſtlichen Leidtragenden Manns-Perſonen, de - ren Maͤntelſchleppen von Hof-Cavalieren getra - gen werden. Je naͤher ſie der Hoch-Fuͤrſtlichen verſtorbenen Perſon verwandt geweſen, ie naͤher ſind ſie der Leiche. Sie werden von großen Mi - niſtris und vornehmen Cavaliers begleitet, undTra -319Von Leich-Begaͤngn. u. Begraͤbniſſen. Trabanten gehen ihnen zur Seit. Je hoͤher die Hoch-Fuͤrſtlichen Perſonen unter ſich am Range und andern Umſtaͤnden, deſto groͤſſer iſt die An - zahl der Trabanten, ſo neben ihnen her gehen, ie hoͤher ſind auch die Officianten, ſo ihnen die Schleppen tragen, ſo, daß bißweilen groſſe Gene - rals dazu genommen werden. Den Durchlauch - tigſten Manns-Perſonen folgen die groſſen Mini - ſtri und Hof-Cavaliers, auch die Collegia, nach ih - rer Rang-Ordnung, von den oberſten biß auf den unterſten.

§. 29. Das Durchlauchtigſte Leid-tragende Frauenzimmer wird ebenfalls von hohen Stan - des-Perſonen, von Printzen, Grafen oder hohen Miniſtris gefuͤhret, und ſolget denen vor ſie be - ſtimmten Marſchaͤllen. Die Schleppen werden ihnen von Hof-Cavalieren getragen, und gehen auch Cavaliers hinter ihnen her. Auf beyden Sei - ten aber Trabanten. Dafern ſich bey einer Koͤ - niglichen oder Chur-Fuͤrſtlichen Leich-Proceſſion Graͤfinnen mit befinden, ſo iſt bey ihnen dieſe Di - ſtinction, daß ihnen keine Trabanten zur Seite gehen, daß ſie von keinen Cavalieren gefuͤhret wer - den, kein Cavalier ihnen die Schleppen nachtraͤgt, und auch keiner ihnen folget. Hinter dem Durch - lauchtigſten Frauenzimmer folget das Adeliche Frauenzimmer / als erſtlich die Hoch-Fuͤrſtliche Frau Hofmeiſterin nebſt den Hof-Dames, und hernach das andere Frauenzimmer nach ihren re - ſpective Maͤnnern und Vaͤtern.

§. 30.320I. Theil. XVIII. Capitul.

§. 30. Jſt eine Proceſſion ſehr groß und weit - laͤufftig ordonirt, ſo gehen nicht allein alle Magi - ſtrats-Perſonen, Advocaten, und die gantze Buͤr - gerſchafft einer Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Reſi - dentz mit, ohne den Adel, und die Deputirten aus den fremden Provintzien, ſondern es marchiren auch wohl ein oder etliche Regimenter von der Mi - lice mit, die ihr Gewehr nach Trauer-Manier ver - kehrt, und ihre Spieſe verdeckt fuͤhren.

§. 31. Zuweilen werden auch in der Proceſſion ſehr viel Hand-Pferde von den Stall-Bedienten mit zugleich gefuͤhret, die alle mit Trauer-Scha - bracken belegt, auf welchen das Koͤnigliche oder Fuͤrſtliche Wapen geſtickt zu ſehen; wiewohl die - ſes in den vorigen Zeiten noch gebraͤuchlicher gewe - ſen, als in den ietzigen. Bey der Leich-Proceſſion Chur-Fuͤrſtens Chriſtiani II. zu Sachſen wurden alle Pferde, die dabey mit gefuͤhret worden, mit Nahmen benennet, als der lichtbraune Altvater, der ſchwartzbraune Merſeburger, die alte Schecke, der graue Patron, der kleine Fahle u. ſ. w. S. die Ordnung der Leich-Proceſſion in M. Hauſens glo - rieuſen Buſtis Electorum Saxoniæ p. 1246.

§. 32. Es iſt von vielen Seculis her gebraͤuchlich geweſen / daß bey dem Hochfuͤrſtlichen Begraͤbniſ - ſen mancherley Muͤntzen ausgetheilet werden, es geſchicht ſolches nicht allein bey Koͤniglichen und Churfuͤrſtlichen, ſondern auch bey Reichs-Graͤfli - chen Exequien, da die Reichs-Grafen des Recht haben Muͤntzen zu praͤgen. Alſo wurdenbey demBegaͤng -321Von Leich-Begaͤngn. u. Begraͤbniſſen. Begaͤngniß des letzten Grafens zu Mannsfeld Jo - hann Georgens III. Muͤntzen in vielerley Sorten nemlich in Thalern, halben Thalern, Ortsthalern und Groſchen unter die Geiſtlichkeit, Schul-Be - dienten und allen bey der Proceſſion Anweſenden ausgetheilet. Manchmahl ſind es currente Land - Muͤntzen, bißweilen aber auch nur bloſſe Medaillen und Schauſtuͤcke. An einigen Orten werden ſie von denen Herolden unter das gemeine Volck aus - geworffen.

§. 33. Der Schluß der Leichen-Proceſſion be - ſtehet bey ſolennen Proceſſionen eines groſſen Herrn, meiſtentheils in einem Regiment oder Com - pagnie Milice, bißweilen in der Buͤrgerſchafft, oder in armen Leuten, und kan man hiervon keine gewiſ - ſe Regel geben, maßen die abwechſelnden Ord - nungen der Diviſionen oder Coͤrper, aus denen eine Proceſſion beſteht, auf vielfache Weyſe von einan - der unterſchieden.

§. 34. So bald die Proceſſion in die Kirche kommt, werden ſie von den beſonderen Ceremo - nien-Meiſtern oder von den Marſchallen nach ih - rem Stande und Rang, um der Leichen-Predigt und den Gottesdienſt mit beyzuwohnen, auf die Empor-Kirchen, oder in die Kirchen-Staͤnde pla - cirt, und der Gottesdienſt eroͤffnet ſich mit Abſin - gung der gewoͤhnlichen Sterbe-Geſaͤnge bey den Evangeliſch Lutheriſchen, und Anſtimmung beſon - derer Trauer-Cantaten, unter einer lieblichen, be - weglichen und gedaͤmpfften Trauer-Muſic.

X§. 35.322I. Theil. XVIII. Capitul.

§. 35. Die Leich-Predigten ſind bey den Koͤ - niglichen und Hochfuͤrſtlichen Perſonen von Zeit der Reformation an unter den Evangeliſch Lutheri - ſchen in Gebrauch geweſen, und ſind deren man - chen Potentaten wohl zwantzig / dreyßig und noch mehr gehalten worden. Der theure Churfuͤrſt Auguſtus zu Sachſen und ſeine Gemahlin haben 46 Leich-Predigten bekommen. Jn den vorigen Zeiten findet man bey den wenigſten Leich-Pre - digten Perſonalien, und ſcheinet es, daß dieſelben nur erſt im XV Seculo aufkommen.

§. 36. Nachdem nun die Prediger Hertz und Muth haben, oder allzu groſſe Menſchen-Furcht und Heucheley beſitzen, oder nachdem ſie ſich Men - ſchen gefaͤllig machen wollen, nach dem erzeigen ſie ſich in Ausbreitung des Lobes der verſtorbenen Fuͤrſten-maͤßig oder unmaͤßig. Rechtſchaffene Lehrer und Prediger beobachten auch hiebey die Pflichten, die ſie als Diener Gottes, GOtt und ihren Gewiſſen ſchuldig, und zugleich die Pflichten, die ſie als treue und devote Unterthanen ihren ver - ſtorbenen Landes-Fuͤrſten und ihrer gegenwaͤrti - gen Landes-Herrſchafft abzuſtatten haben. Der ſelige D. Martin Luther ſagt in ſeiner Leich-Pre - digt, die er dem Chur-Fuͤrſten zu Sachſen Johan - nes dem Beſtaͤndigen gehalten: Wir wollen un - ſern lieben Herrn nicht ſo gar rein machen, wie - wohl er ein ſehr frommer freundlicher Herr gewe - ſen iſt, ohn allen Falſch, indem ich noch nie mein Lebenlang einigen Stoltz, Zorn noch Neid an ihmgeſpuͤh -323Von Leich-Begaͤngn. u. Begraͤbniſſen. geſpuͤhret, der alles leichtlich tragen und vergeben konnte, und mehr denn zu viel milde geweſen iſt. Dieſe Tugend laß ich ietzt fallen, ob er darneben zuweilen im Regiment gefehlet hat; wie ſoll man ihm thun? ein Fuͤrſt iſt auch ein Menſch, und hat allewege zehn Teufel um ſich her, wo ſonſt ein Menſch nur einen hat, daß ihn GOtt ſonderlich muß fuͤhren. Es ſind auch ſehr vernuͤnfftige Wor - te die ein gewiſſer Chur-Fuͤrſtlicher Hof-Prediger in der Leich-Predigt, ſo er einem groſſen Chur-Fuͤr - ſten gehalten, vortraͤgt: Es muß ein Unterſchied zwiſchen Hof-Predigern und Hof-Fuchsſchwaͤn - tzern bleiben; und wie wir groſſen Herren im Leben offt muͤſſen ſagen, was ſie nicht gerne hoͤren, ſoll an - ders ihr Blut nicht von unſern Haͤnden gefordert werden; Alſo koͤnnen wir auch nach dem Tode, was Unrecht iſt, nicht zu Recht und Tugend ma - chen. Gleichwohl iſts auch nicht unbillig, daß, was GOtt aus Gnaden bedeckt, und dort nicht mehr vorſuchen will, wir auch in Chriſtlicher Liebe ſchweigen, und ſein Werck hingegen aus ſchuldiger Danckbarkeit gegen GOtt und hertzlicher Liebe ge - gen die hohe Obrigkeit preiſen ſollen.

§. 37. Bißweilen pflegt anbefohlen zu werden / daß an eben dem Tage, da dem Hoch-Fuͤrſtli - chen Landes-Vater in der Reſidentz die Exequien gehalten werden, auch in allen Staͤdten, und in allen Dorff-Kirchen des gantzen Landes, ihm Leich-Predigten und ſolenne Proceſſionen ge - ſchehen.

X 2§. 38.324I. Theil. XVIII. Capitul.

§. 38. Wird die Leiche in die Hoch-Fuͤrſtliche Grufft eingeſenckt, ſo werden bißweilen die Trom - peten dabey geblaſen, und die Paucken geſchlagen, auch die Canonen abgefeuert; und von der Mili - ce eine Salve gegeben. Jedoch pflegt dieſes nicht allenthalben zu geſchehen. Es wird auch gar off - ters die Fuͤrſtliche Leiche unter Muſicirung des in der gantzen Evangeliſchen Kirche eingefuͤhrten Lie - des, Mit Fried und Freud ich fahr dahin, einge - ſenckt. An einigen Orten werden zu der Zeit da die Leiche ſoll eingeſenckt werden, alle die Lichter in der Kirche mit aller Vorſichtigkeit ausgeloͤſcht, und es werden auf beyden Seiten der Kirche, Reyhen von Trabanten geſchloſſen, damit das eindringende Volck allenthalben abgehalten werde. Vornehme Hof-Cavaliers oder Officiers muͤſſen nebſt den Werckmeiſtern und andern geringern Subalternen helffen die Leiche in die Grufft ſen - cken.

§. 39. An der Grufft werden zuweilen rechte Portails aufgebauet, mit den ſchoͤnſten Arcaden, Pilaſtren, Statuen, Sinnbildern und Inſcriptio - nen ausgezieret, und hin und wieder Cypreſſen - Baͤumen, Urnen und andere Todten - und Trauer - Geraͤthe aus der Antiquitæt mit angebracht. Jn Franckreich ſollen der Ober-Hof-Meiſter von Franckreich nebſt den Haus-Hof-Meiſtern, ihre Staͤbe zubrechen, ſolche in die Grufft werffen, und ſo dann uͤberlaut ruffen: Der Koͤnig iſt ge - ſtorben. Der Wapen-Koͤnig ſoll die Worte:Der325Von Leich-Begaͤngn. u. Begraͤbniſſen. Der Koͤnig iſt geſtorben, laſt uns alle vor die Ruhe ſeiner Seelen bitten, dreymahl wiederhoh - len. Hierauf verrichtet man ein Gebeth, und end - lich rufft der Wappen-Koͤnig dreymahl uͤberlaut: Es lebe Koͤnig N. N. Die gantze Verſammlung thut desgleichen, und hierauf erſchallen Trompe - ten und Paucken. Bey dem Abſterben Printz Georgens von Dennemarck, der Koͤnigin Annæ in Engeland Gemahls, haben unter andern Cere - monien auch diejenigen Beamten, welche weiße Staͤbe trugen, dieſelben zubrochen und auf das Grab geworffen. S. den 84 Theil der Europaͤi - ſchen Famæ p. 919.

§. 40. Stirbt ein Fuͤrſt oder Herr, der der letzte von derſelben Familie, ſo wird bey dem Grabe der Regiments-Stab zerbrochen, das Siegel entzwey geſchnitten, des Hertzogs Hut ſammt der Trauer - Fahne entzwey geriſſen, und zugleich mit in des Fuͤrſtens Grab gelegt. Bißweilen werden die Worte darzu gefuͤgt, heute Fuͤrſt N. N., mit Vermeldung des gantzen Fuͤrſtlichen Tituls, und morgen nimmermehr, zum Zeichen daß kein ein - tziger mehr von dieſen Stamm und Nahmen mehr uͤbrig ſey.

§. 41. Die Zerbrechung des Wapens und Schildes bey dem Begraͤbniß derer, ſo die letzten eines Stammes und Nahmens ſind, iſt ſchon von langen Zeiten her ein Gebrauch geweſen. Es ge - dencket ein alter Hiſtoricus in den 11. Articul des 1ſten Theils von Struvens hiſtoriſch-politiſchenX 3Archiv326I. Theil. XVIII. Capitul. Archiv p. 177, daß mit dem letzten Burggrafen zu Leißnick Hugone, der Anno 1538. verſtorben. Schild und Helm, Pantzer, Kragen, Schwerdt Spieß und Meſſer, ſammt aller ritterlichen Wehr und Zierde dieſes loͤblichen Geſchlechts gantz und gar aufgehoben, in das Grab geworffen, und zu - gleich mit ihm eingeſcharret worden, zu einer An - zeigung daß nunmehr dieſes herrliche, alte, edle und hochloͤbliche Geſchlecht gantz dahin waͤre.

§. 42. Der Schild, Helm und Siegel werden zwar zubrochen, und ins Grab geworffen, nichts deſto weniger aber werden ein anderweitiges Schild, Helm, Commandir-Stab und Fahne in der Kirche, wo das Begraͤbniß iſt an unterſchie - denen Orten zum Andencken angehefftet. An an - dern Orten iſt die lobwuͤrdige Gewohnheit, damit den Nachkommen das Gedaͤchtniß des Wapens nicht entzogen werden moͤge, daß auf das Grab - mahl das Wapen verkehrt eingehauen, und der Schild gleichfalls verkehrt aufgehaͤngt wird.

§. 43. Wenn die Unterthanen vor ihre Landes - Regenten ſehr viel Liebe und Devotion gehabt, ſo hegen ſie auch vor Dero Graͤber eine beſondere Hochachtung, und verehren ſie, wie ſonderlich aus der alten Hiſtorie bekandt iſt, auf mancherley Art und Weyſe. Jnſonderheit iſt die Veneration des Roͤmiſch Catholiſchen Poͤbels gegen die Paͤbſte ſo groß, daß man oͤffters ihre Graͤber verbauen muß, weil ſich taͤglich viel Leute finden, welche daſelbſt auf den Knien liegen, und ihr Gebeth abſtatten,und327Von Leich-Begaͤngn. u. Begraͤbniſſen. und muß man bißweilen beſorgen, es moͤchte ihren Graͤbern, oder gar ihren Coͤrpern ſelbſt Gewalt wiederfahren, und die Stuͤcken an ſtatt der koſt - bahren Reliquien gebraucht werden.

§. 44. Viel groſſe Herrn die ihre Ehgatten ſehr zaͤrtlich geliebet, haben, da ſie ſich ihre Graͤber ver - fertigen laſſen, ausdruͤcklich verlangt daß ihre Ge - mahlinnen ihnen beygeſellet werden woͤchten. Da ſich Churfuͤrſt Johann Fridrich zu Sachſen in der Schloß-Capelle zu Torgau ein ſchoͤn Begraͤbniß machen laſſen, ſo befahl er bey Verfertigung ſeines Grabes dem Secretario ſeiner Gemahlin, Johann Rudolphen, er ſolte den Maͤurern ſagen, ſie ſolten ihm auch bey ſeiner Gemahlin einen Platz machen / denn er wolte ihr bald nachfolgen, und bey ihr ru - hen. S. Rudolphi Gothæ Diplomaticæ I. Theil p. 461.

§. 45. Jm XI. XII. und XIII. Seculo war es grand mode, daß die Biſchoͤffe und andere groſſe Herren ihre Bildniſſe wie ſie hergangen, mit vol - len Wapen auf ihre Graͤber hauen lieſſen. So war es auch in dieſen und folgenden Seculis ſehr gebraͤuchlich, daß die Fuͤrſtlichen Epitaphia mit halb teutſchen und halb lateiniſchen Grabſchrifften verſehen worden: Z. E. Hier liegt ein Fuͤrſte loͤbe - lich, quam vulgus flebile plangit, von Meiſſen Marggraf Friderich, cujus inſignia pangit &c. Jn den ſechzehenden Jahrhundert hoͤrten dieſer Art Grabſchrifften auf, und da erfolgten nachge - hends entweder gantz lateiniſche oder teutſche inX 4proſa328I. Theil. XIX. Capitul. proſa oder in Reimen, und hat man von dergleichen gantze Volumina angefuͤllt.

Das XIX. Capitul. Von den Hof - und Land - Trauern.

§. 1.

Es iſt unter den groſſen Herren, ob ſie ſchon einander mit naher Anverwandtſchafft eben nicht zugethan, gar gewoͤhnlich daß ſie einander die Trauer-Faͤlle, die ſich in ihren Hoch-Fuͤrſtlichen Haͤuſern zutragen, notifi - ciren. Doch geſchiehet dieſes eben nicht an alle ohne Unterſchied, ſondern an diejenigen, die an Di - gnitaͤten nicht allzu weit von ihnen entfernet, mit de - nen ſie bekandt ſind, vor die ſie eine beſondere Liebe und Hochachtung hegen, mit denen ſie in einiger Verbindung ſtehen, und mit denen ſie auch ſonſt in einiger Correſpondence ſind.

§. 2. So bald die Notifications-Schreiben einlauffen, ergehet alſobald die Antwort wieder darauf. Sind ſie nah mit ihnen verwandt, oder haben einen beſondern Egard und groſſe Ergeben - heit vor ſie, ſo ſchicken ſie ein eigenhaͤndiges Ant - wort-Schreiben an ſie ab. Es iſt auch unter den Evangeliſchen Fuͤrſten gar gewoͤhnlich, daß ſie den andern die gehaltenen Leich-Predigten zuſchicken. Dieſe329Von Hof - und Land-Trauern. Dieſe dancken in dem Antwort-Schreiben vor die uͤbermachten Leich-Predigten, und verſichern, daß ſie ſothane Trauer-Schrifften nicht nur zu ſchuldi - gen Ehren Seiner hochſeeligen Liebden durchſehen, ſondern auch zu Dero ſteten Andencken verwahr - lich beyzubehalten, ſich angelegen ſeyn laſſen wol - len.

§. 3. Nach eingekommenen Notification-Schrei - ben wird die Trauer bey Hofe, nach dem Unter - ſchied der nahen Anverwandtſchafft oder andern Conſiderationen, auf eine kuͤrtzere oder laͤngere Zeit angelegt. Bißweilen dauren die Trauern nur ein ſechs Wochen oder ein Viertel-Jahr, und dieſe werden insgemein die Cammer-Trauern ge - nennet, bißweilen aber auch ein halbes und ein gantz Jahr.

§. 4. Es iſt nicht ungewoͤhnlich, daß die groſſen Herren einander betrauren, ob ſie ſchon in Kriege mit einander verwickelt. Sie ſtellen ſich bißwei - len an, als ob ihnen der toͤdtliche Verluſt deſſen, der ſich doch als Feind gegen ſie declarirt, ſehr nahe zu Hertzen gehe, oder bemuͤhen ſich doch, die Freude die ſie in ihrem Gemuͤthe uͤber einen gewiſſen To - des-Fall empfunden, vor der Welt zu verbergen. Alſo ließ der vorige Koͤnig in Franckreich Ludwig der XIV, ſo bald er die Zeitung von dem Abſterben des Koͤnigs in Engelland Williams des III. erfah - ren, dem General-Lieutenant der Policey Mon - ſieur d Argençon anbefehlen, alle benoͤthigte Sorgfalt anzuwenden, damit der Poͤbel uͤber deſ -X 5ſen330I. Theil. XIX. Capitul. ſen Tod keine oͤffentlichen Freuden-Bezeigungen ſpuͤhren laſſen moͤchte. S. Europaͤiſche Fama II. Theil p. 739.

§. 5. Die ſchwartze und weiſſe Farbe iſt wohl zu allen Zeiten unter den moraliſirten Voͤlckern vor die Trauer-Farbe angeſehen worden. An dem Koͤniglichen Frantzoͤſiſchen Hofe pflegt der Koͤnig in Violet zu trauern, und hat man es als etwas be - ſonders angeſehen, daß Ludwig XII. den Tod ſei - ner Gemahlin Annæ in ſchwartzer Kleidung be - trauert, ingleichen daß Koͤnig Ludwig XIV., als er des Cromwels Tod erfahren, ſchwartz einher gan - gen. S. Beomanns Notit. Dignit. Illuſtr. Diſſ. VI. Die Koͤnigin in Franckreich trauert in Caſtanien - braun ſo lange ihr Gemahl lebet, in weiß aber, wenn derſelbe verſtorben, und ſo lange ſie leben.

§. 6. Bey dem Begraͤbniß eines Doge zu Ve - nedig erſcheinet der Senat in rother Kleidung, eine Farbe die ſonſt gar wenig trauriges an ſich hat. Man thut aber ſolches zu weiſen, daß, ob zwar ihr Hertzog ſterblich, dennoch die Republic ewig, und keiner Aenderung unterworffen ſey. Welche Ewig - keit des Regiments in dem Mittel des Senats zu ſu - chen, von welchen die Wohlfarth des ihm unter - worffenen Volcks dependirte, und ſtuͤnde es nur Privat-Perſonen, nicht aber dem gemeinen Weſen zu, zu weinen. Ja ſie wollen lieber ihrer Ehr-Be - gierde, als der hergebrachten Ehrerbietung gegen die Todten, ein Genuͤgen thun, indem ſie es ihrem hohen Anſehen verkleinerlich halten, ſie oͤffentlichzu331Von Hof - und Land-Trauern. zu beklagen. Einige ſind der Meynung, daß ſie vielleicht dieſe Art von Leichen-Begaͤngniſſen mit Fleiß angeordnet, ſelbige durch dieſen beſondern Gebrauch deſto anſehnlicher zu machen. Dem Exempel der Roͤmer zu folge, welche den Leich - Begaͤngniſſen ihrer Cenſorum mit Purpur-Roͤ - cken, hingegen der andern Senatorum nur in ihrer ordentlichen Kleidung, ſo bloß mit Purpur eingefaßt waren, beywohnten. S. Luͤnigs Theatr. Cerem. P. II. p. 765.

§. 7. Der Habit der Hoch-Fuͤrſtlichen Witwen iſt nach dem Abſterben ihrer Ehe-Herren an eini - gen Hoͤfen ſchwartz, ob ſie ſchon jung von Jahren annoch ſeyn ſolten. Alſo ſind die Witwen von dem hohen Ertz-Herzoglich-Oeſterreichſchen Hau - ſe alle ſchwartz gekleidet, an andern Hoͤfen aber er - wehlen ſie zwar keine ſchwartze, iedoch ſonſt mo - deſte und nicht allzu hell colorirte Kleidung.

§. 8. Die Trauer-Reglemens werden an den Hoͤfen in den geheimden Collegiis, mit Zuziehung des Hof-Marſchalls, auch wohl des Cammer-Di - rectoris abgefaßt und in Ordnung geſetzt, und nach - gehends der Fuͤrſtlichen Herrſchafft zur Unterſu - chung und Approbation vorgetragen.

§. 9. Sind die Reglemens ajouſtirt, ſo wird den ſaͤmtlichen Hof-Officianten aus dem Hof-Mar - ſchall-Amt durch den Cammer-Fourier die Trauer angeſagt, und ihnen vorgeſchrieben / wie ſie ſich nicht allein vor ſich, und vor ihre Familie und Be - dienten, bey der Trauer in Anſehung der Kleidung,ſondern332I. Theil. XIX. Capitul. ſondern auch wegen ihrer Caroſſen, Equipage, Be - kleidung ihrer Zimmer u. ſ. w. auffuͤhren ſollen.

§. 10. Es werden ſo wohl bey den Cavalieren als bey den Dames alle Stuͤcke der Kleidung ſpe - cifique ausgedruͤckt, wie viel Wochen oder Mo - nathe die Manns-Perſonen in friſirten Tuch mit Pleureuſen, mit ungepouderten Perruquen, in ſaͤ - miſchen Schuhen, in uͤberzogenen Degen; das Frauenzimmer aber in ſchwartz - und weiſſen Flohr u. ſ. w. einher gehen ſollen. Die Caroſſen werden mit ſchwartzen Boy uͤberzogen, und mit dem Ade - lichen Wapen rings herum verſehen, die Laqueyen fuͤhren buntfarbigte Achſel-Baͤnder, da die Cou - leuren nach den Farben der Helm-Decken einge - richtet worden. Die Zimmer werden ordentlicher Weiſe von den Hof-Cavalieren in ihren Privat - Wohnungen nicht ausgeſchlagen / als nur von den Miniſtris vom hoͤchſten Range, und nachdem in Anſehung ihrer einige Grade des Ranges ſind, nachdem muͤſſen ſie auch mehr oder weniger Zim - mer ſchwartz auskleiden laſſen.

§. 11. Man obſerviret eine beſondere Diſtin - ction unter denen Adelichen Bedienten, und unter denen von buͤrgerlichen Stande, ſo daß dieſe, wenn ſie wider das Verboth und vorgeſchriebene Re - glement, es den Adelichen, wie es bißweilen zu ge - ſchehen pflegt, nachthun wollen, nicht ſelten in Straffe verfallen. Jedoch iſt wieder ein beſon - derer Unterſcheid unter denen von buͤrgerlicher An - kunfft, die aber adeliche Chargen beſitzen, und unterden333Von Hof - und Land-Trauern. den andern; jene haben vor dieſem einen beſon - deren Vorzug, und werden den adelichen in vielen, iedoch nicht in allen Stuͤcken gleich geſetzt.

§. 12. Nach dem Verlauff einiger Zeit nimmt die Trauer ab, und alsdenn wird von den Hoffmar - ſchall-Amt durch den Cammer-Fourier den Hof - bedienten maͤnnlichen und weiblichen Geſchlechts wiederum angeſagt, wie ſie mit der Trauer ein we - nig ruͤcken ſollen. Den Cavalieren wird erlaubet, daß ſie die Peruquen poudern, die ſaͤmiſchen Schu - he, die uͤberzogenen Degen wieder ablegen, und ſol - che gegen ihre gewoͤhnlichen verwechſeln ſollen. Und ſo ruͤckt die Trauer alle vier oder 6. Wochen weiter, biß ſie ſich endlich gantz und gar endiget.

§. 13. Jſt man bey Hofe geſonnen mit den Trauern zu eylen, und ſich geſchwinde zu expediren, ſo faͤngt man an die Trauer zu nehmen von Zeit der beſchehenen Notification des Todesfalls an / ob ſchon die Trauer eine gute Zeit hernach angelanget worden, damit man deſto eher damit fertig werde. Bißweilen geſchicht es, daß man auch bey der tieff - ſten Trauer auf eine Zeitlang die Trauer ablegt / und ausſetzt, wenn etwan ſolenne Nahmens - oder Geburths-Taͤge oder andere erfreuliche Feſtivitæ - ten einfallen, oder auch fremde Herrſchafft bey Ho - fe ankommen, vor die man beſondere Conſidera - tion hat, und denen zu Ehren und zu Gefallen der gantze Hof in Galla erſcheinen muß.

§. 14. Die Fuͤrſtlichen Gemaͤcher werden mit ſchwartzen Tuch ausgekleidet, iedoch iſt ebenfallsein334I. Theil. XIX. Capitul. ein Unterſchied, ob die Trauer ſehr tieff iſt, oder nicht; Bey einer ſehr tieffen Trauer werden nicht allein die Wohnungs-Zimmer der Fuͤrſtlichen Herrſchafften, ſondern auch die Tafel-Gemaͤcher, die Audienz-Gemaͤcher u. ſ. w. ausgekleidet, bey einer andern aber, die nicht ſo gar tieff, entweder nur die ordinairen Wohnungs-Gemaͤcher, oder die Audienz-Zimmer. Es wird auch ſo gar mit den Meublen eine Veraͤnderung bey der Trauer-Zeit vorgenommen, manche bunte Meublen werden verdeckt und uͤberkleidet, andere aber inzwiſchen weggeſetzt, und andere an deren Stelle geſchafft.

§. 15. Wo kleine Schloß-Capellen, ſo werden ſie entweder gantz und gar mit ſchwartzen Tuch ausgekleidet, oder in den andern werden doch die Orgel, die Altaͤre, der Tauffſtein, die Cantzel, die Fuͤrſtlichen und andern Beichtſtuͤhle, die Fuͤrſtli - chen Empor-Kirchen, die vornehmſten Stuͤhle und Porkirchen der Hof-Bedienten und andern, mit Boy beſchlagen, und zugleich mit den Hochfuͤrſt - lichen Wapen und verzogenen Nahmen ausge - zieret.

§. 16. Die Hochfuͤrſtlichen Herrſchafften hal - ten ſich zur Zeit der tieffen Trauer des Sonn - und Feſt-Tages in 6. oder 8. Wochen bißweilen auch wohl noch laͤnger in denen Zimmern auf, und laſſen ſich durch ihre Schloß - und Hof-Prediger die Pre - digten ablegen, und ihre Hof-Gemeinde in ſo weit ſie aus den vornehmſten Hof-Bedienten beſtehet, zuſammen beruffen.

§. 17.335Von Hof - und Land-Trauern.

§. 17. Bey den Trauer-Solennitaͤten werden nicht allein alle Hof-Bedienten ſchwartz eingeklei - det, nebſt den Schweitzern oder andern Traban - ten, die als Garden bey Hofe aufwarten, ſondern es bekommt auch die Milice Floͤhre an die Fahnen und Trommeln, die mit Jhrer Majeſtaͤt hohen Nahmen - und Wapen-Schildern behaͤnget wer - den.

§. 18. Die allgemeinen Land-Trauern werden von der Landes-Herrſchafft ausgeſchrieben, der die Adminiſtration des gantzen gemeinen Weſens zu - kommt, und in dieſen und andern Stuͤcken mehr die aͤuſſerlichen Handlungen der Unterthanen zu regu - liren hat. Wie es ſich nun nicht ſelten zutraͤgt, daß die Fuͤrſten wegen eines gewiſſen Fuͤrſtenthums in Streit gerathen, alſo geſchiehet es auch bißweilen, daß ſich bey Ausſchreibung der Land-Trauren Contradictiones erheben, und was der eine aus - geſchrieben, von dem andern wieder verbothen wird. Man hat Exempel, daß bey dergleichen Contradi - ctionen die Kirchen mit gewaffneter Hand zuge - ſchloſſen, die Laͤutung der Glocken mit aller Gewalt hintertrieben, und mancherley vorgenommen wor - den, was die Trauer zu hindern und zu ſtoͤhren pflegt. Jn wie weit die Sequeſtri der Fuͤrſtlichen Provintzen, die Fuͤrſtlichen Vormuͤnder u. ſ. w. be - rechtiget die Land-Trauern auszuſchreiben, und zu reguliren, unterſucht die Lehre von dem Staats - Recht, die ſich um dergleichen Sachen zu bekuͤm - mern pflegt.

§. 19.336I. Theil. XIX. Capitul.

§. 19. Die Land-Trauern ſind nach dem Umter - ſcheid der Todes-Faͤlle die ſich in einen Hochfuͤrſt - lichen Hauſe zugetragen, nach dem Unterſcheid der Anordnungen derer ſo ſie nach eigenen Gefallen ausſchreiben, und nach den Obſervanzen der Laͤn - der und Gegenden unterſchieden. Jnzwiſchen iſt es doch allenthalben der Devotion und Pflicht der Unterthanen und Bedienten gemaͤß, daß ſie mit ihren Landes-Herrſchafften zugleich trauern, und mit ihren Regenten die ihre Scepter mit Flohr um - wickeln, ihre Betruͤbniß zugleich an Tag legen.

§. 20. Jn den Formularien ſo zu dem Ende in das Land ausgeſchrieben werden, wird gnaͤdigſt anbefohlen, alſofort die Verfuͤgung zu thun, daß nicht allein in allen Kirchen Dero geſammten Lan - de Jhrer Hochfuͤrſtlichen Durchlauchtigkeit ſeeli - ges Abſterben nach Anweiſung des hierbey kom - menden gedruckten Formulars kund gethan, und der groſſe GOtt um Abwendung aller fernern traurigen und wiedrigen Zufaͤlle von Jhrer Hoch - fuͤrſtlichen Durchlauchtigkeit und Dero Hoch - fuͤrſtlichen Hauße mit hertzinbruͤnſtigen Gebet an - geruffen, ſondern auch in allen Kirchen in den Staͤdten und auf dem Lande, von 11. biß 12. Uhr zu Mittags, die Glocken 6. Wochen gelaͤutet, und alle Muſique und Froͤligkeit auf ein gantz Jahr ein - geſtellt, auch alles / was in dergleichen traurigen Begebenheiten hergebracht, veranlaßet werde. Hiedurch wird Jhrer Hochfuͤrſtlichen Durch - lauchtigkeit gnaͤdigſte Verordnung und WillensMey -337Von Hof - und Land-Trauern. Meynung bekandt gemacht, und ein ieder muß ſich darnach gebuͤhrend zu achten wiſſen.

§. 21. Bey dergleichen Ausſchreiben wird biß - weilen einiger Unterſchied gemacht unter den Unter - thanen, und unter einigen Vaſallen hoͤhern Stan - des. Dieſen wird zwar ebenfalls die Trauer - Abkuͤndigungs-Notul zugeſchickt, mit Begehren ſolche von den Cantzeln ableſen zu laſſen, und nicht allein vor ſich ſelbſt die Orgeln in den Kirchen ſo - wohl als andere Freuden - und Saͤytenſpiel bey Hochzeiten, Kindtauffen, Gaſtereyen, Fechtſchulen und Commœdien biß auf fernerer Verordnung einzuſtellen, ſondern auch bey ihren Unterthanen dergleichen anzuordnen, inzwiſchen werden doch die Redens-Arten in den Ausſchreiben bey dieſen letztern bißweilen ein wenig honorifiques geſetzt, auch einigermaſſen eher diſpenſirt, wenn die aus - geſchriebene Trauer bey ihnen nicht ſo gar ſcharff und rigeureus in Obacht genommen wird.

§. 22. Haben die Vaſallen und Unterthanen vor die verſtorbene Hochfuͤrſtliche Perſon viel Devo - tion und Hochachtung gehoͤrt, oder viel Liebe vor ihren Landes-Regenten, ſo braucht es keines groſ - ſen Ausſchreibens; es iſt alsdenn eine allgemeine Land-Trauer, die einen ieden Unterthanen ſehr nahe und zu Hertzen gehet, ſie ſind freywillig ge - neigt dasjenige zu thun, was ihnen nur angeordnet werden koͤnte, ja ſie thun oͤffters noch wohl mehr, als ihnen anbefohlen worden, ſie laſſen hier und da mit groſſen Unkoſten koſtbahre Trauer-GeruͤſteYund338I. Th. XIX. Cap. von Hof - u. Land-Traueꝛn. und praͤchtige Caſtra doloris aufrichten, ſie balſa - miren ſein Andencken mit Thraͤnen ein, und begra - ben ihn in ihrer Seelen; Hier ſtimmet alles uͤber - ein ihre Zimmer trauern, ihre Kleider trauern, ihre Geſichter trauern, und ihre Hertzen trauern. Bey manchen Faͤllen aber beſtehet die Land-Trauer in nichts als in einen aͤuſſerlichen Blendwerck, ſo nie - mand zu Hertzen gehet. Die wenigſten Untertha - nen wollen trauern, ſie muͤſſen aber doch alle, wollen ſie nicht Straffen zu erwarten haben. Jhre Klei - der trauern und ihre Hertzen ſind froͤlich. Duͤrf - fen ſie keine oͤffentliche Muſic haben, ſo haben ſie dieſelbe heimlich, und ſind ſehr begierig nach dem Ende ihrer Trauer.

Der339

Der andere Theil. Von dem Ceremoniel der groſſen Herren, in Anſe - hung ihrer Mit-Regen - ten.

Das I. Capitul. Vom Rang und Præcedenz der groſſen Herren unter ſich.

§. 1.

Urſpruͤnglich und nach den allgemeinen Voͤl - cker-Rechten, kommt keinem freyen Volck und keinem Souverainen, der von einem andern nicht dependant iſt, ſondern ſeine Unterthanen nach denen hergebrachten Fundamen - tal-Geſetzen des Reichs auf eine freye Art beherr - ſchet, ein Rang und Vorſitz uͤber die andern zu, ſon - dern ſie ſind alle unter einander gleich; Es haben aber nachgehends unterſchiedene Bewegungs - Gruͤnde veranlaßt, daß einige ſich vor dem andern einer Præcedenz angemaßt, andere aber ihnen theils nachgegeben und beygepflichtet, theils aber auch mit gutem Grunde wiederſprochen, daher dennY 2man -340II. Theil. I. Capitul. mancherley Rang - und Præcedenz-Streitigkeiten ſich entſponnen.

§. 2. Es hat immer einen Grund, warum ſich ein Regent dem andern vorziehen will, oder auch bey andern Puiſſancen hierinnen Beyfall erhaͤlt, mehr Schein der Wahrheit, als der andere. Vor die - ſen haben ſich die Paͤbſte in Decidirung der Rang - Streitigkeiten groſſer Herren eine ziemliche Gurcke heraus genommen, und dieſelben, nachdem ſie der Roͤmiſchen Kirche ſehr favoriſirt, und ihr viel Ge - horſam und Reſpect erzeiget, oder nicht, in der Paͤbſtlichen Capelle und in den Ceremonialibus hoch oder niedrig placirt, und daher manchen Sou - verain Gewalt und Unrecht gethan. Jedoch die proteſtirenden Puiſſancen und Fuͤrſten kehren ſich an die Paͤbſtlichen Reglemens nicht; es haben auch allbereits in den papiſtiſchen Zeiten die Roͤ - miſch-Catholiſchen nicht gar viel darauf gehalten. S. Londorp. Actor. Publicor. Tom. VI. p. 318. & 319.

§. 3. Vor Zeiten hat man einem Volck die Præ - cedenz zuſchreiben wollen, nicht allein wegens des Alterthums uͤberhaupt, ſondern auch wegen des Al - terthums des Chriſtlichen angenommenen Glau - bens. Es iſt aber auch dieſes ein gar ſchwacher Grund, es gebuͤhret dem Volck einiges Lob, daß es die heydniſche Finſterniß eher verlaſſen; doch da - her iſt kein Argument zu nehmen von den Vorzug, denn das Volck, das die Chriſtliche Religion zu - letzt angenommen, iſt eben ſo gut, als dasjenige, ſoſich341Von Rang u. Præcedenz groſſer Herren. ſich zur Chriſtlichen Religion zu erſt bekehret hat. Nicht weniger iſt dieſes eine Taͤndeley, die von den Belehnungen, von den Tituln und Wapen herge - nommen, damit die Fuͤrſten oder Republicken von den Paͤbſten beehret werden. Die von den Paͤb - ſten auf dieſe Art nicht beguͤnſtiget, ſind oͤffters ſo maͤchtig und anſehnlich als die andern. Die Roͤ - miſche Kirche hat gar wohl gethan, daß ſie ſich ge - gen ihre Wohlthaͤter erkenntlicher erwieſen als ge - gen die uͤbrigen, es koͤnnen aber die Rechte des Drittenmanns hiedurch nicht verletzt werden.

§. 4. Die uͤberwiegende Gewalt, da ein Volck das andere an Macht und Anſehen uͤbertrifft, giebt einen groͤſſern Ausſchlag als der Wille des Pabſts, oder das Alter. Die Republick Genua iſt wohl unſtreitig eine aͤltere Republick als Holland, und der Pabſt duͤrffte ihr wohl lieber favoriſiren, inzwi - ſchen muß ſie doch dieſer den Vorzug laſſen, weil ſie ihr an Macht und Gewalt weit uͤberlegen. Es giebt dieſes nicht allein ein Momentum mit ab, wenn eine Puiſſance uͤberhaupt an Laͤndereyen maͤchtiger, ſondern auch, wenn ein groſſer Herr zu dieſer oder jener Zeit durch die ſtarcken Armeen, die er auf den Beinen hat, durch die vielen Geld - Summen, die er ſich geſammlet, und durch die vie - len Siege die er uͤber ſeine Feinde erhalten, ſich formidable gemacht. Die andern Potentaten haben vor einen ſolchen gleich mehr Conſideration, und geben ihm und ſeinen Geſandten im Range nach, ſo viel als moͤglich. Jſt aber ein PotentatY 3ſehr342II. Theil. I. Capitul. ſehr geſchwaͤcht worden, und mit ſeinen Untertha - nen herunter kommen, ſo muß er auch bißweilen an dieſen oder jenen Ort, zu dieſer oder jener Zeit eini - gen Tort bey dem Range erdulten.

§. 5. Nicht weniger kommt bey dem Rangwe - ſen gar viel mit an auf die Tugenden, Weißheit, Tapfferkeit, und andere Meriten eines groſſen Herrn, durch welche ſich einer in Europa bey allen Potentzen einen groſſen Nahmen und beſondern Ruhm erworben, ingleichen auf das Luſtre eines Hauſes, nachdem es ſich durch Allianzen, Heyra - then u. ſ. w. mit andern maͤchtigen und anſehnlichen Puiſſancen verbunden, auf das beſondere Staats - Intereſſe, da manches hohes Hauß eines andern Freundſchafft, in Anſehung gegenwaͤrtiger Con - juncturen ſehr benoͤthiget, auf die Complaiſance, ſo ein Regent dem andern, oder deſſen Familie, oder Geſandten und Miniſtris erzeiget, und andere dergleichen Umſtaͤnde.

§. 6. Alles dieſes hilfft nun zwar etwas mit - wuͤrcken, daß manches Volck und mancher Regent geneigter iſt, dieſen oder jenen groſſen Herrn zu mancher Zeit, und bey mancher Occaſion bey dem Range nachzugeben, inzwiſchen wird doch hie - durch dem Range eines gewiſſen Hauſes keine be - ſtaͤndige Ziel und Maaße geſetzt, ſondern die Præ - cedenz wird gemeiniglich durch die Poſſeſs und Ob - ſervanz ausgemacht. Die erſte und aͤlteſte Pos - ſeſſion giebt, nach der Meynung der bewaͤhrteſten Publiciſten und Rechts-Lehrer, in dergleichen desVor -343Von Rang u. Præcedenz groſſer Herren. Vorſitzes halber ſich ereignenden Streitigkeiten, das Haupt-Deciſum ab. Die Exempel gelten hier mehr als die Gruͤnde.

§. 7. Herr D. Hofmann gedencket in ſeiner Diſ - ſertation de fundamento decidendi Controver - ſias de præcedentia p. 38. die Concilia in der Chriſtenheit haͤtten die erſte Gelegenheit zur Ord - nung der Præcedenz gegeben. Nachdem nun dieſe Ordnung der Seſſion und Præcedenz appro - biret worden, ſo haͤtten ſich auch die Voͤlcker und ihre Beherrſcher derſelben auf den andern Zuſam - menkuͤnfften bedient. Mancher haͤtte durch eine ausdruͤckliche oder heimliche Einwilligung die erſte Stelle erhalten und hieraus waͤre hernach ein Recht und Beſugniß entſtanden. Die ein - mahl freywillig nachgegeben, haͤtten nachgehends nicht zuruͤck treten noch die alte Ordnung brechen duͤrffen.

§. 8. Die Roͤmiſchen Kaͤyſer haben allezeit vor den andern Puiſſancen eine ſo groſſe Prærogativ erhalten, daß ſie auch in ihren eigenen Haͤuſern und Hof-Laͤgern keinem gecroͤnten Haupte, Koͤnigen oder Koͤniginnen die place d’honeur oder Ober - hand gegeben. Es iſt dieſes von den aͤlteſten Zei - ten an biß auf die neueſten ſo beybehalten worden. Alſo konnte anno 1698. der zu Wien anweſende Moſcowitiſche Czaar Peter Alexowiz nicht anders als in cognito und ohne Ceremonien den Roͤmi - ſchen Kaͤyſer, die Kaͤyſerin und den Roͤmiſchen Koͤ - nig Joſephum ſehen und beſuchen.

Y 4§. 9.344II. Theil. I. Capitul.

§. 9. Ob ſchon alle Koͤnige einander an Nah - men und Majeſtaͤt gleich, ſo hat man doch vor die - ſen einen vor dem andern den Vorzug ertheilen wollen, theils wegen der langwierigen und durch das allgemeine Voͤlcker-Recht erlangten Poſſeſs, da manche nebſt allen ihren Vorfahren auf allen geiſtlichen und weltlichen ſolennen Zuſammen - kuͤnfften den andern vorgeſetzt worden, theils wegen der Macht und Weitlaͤufftigkeit der Koͤnigreiche und Laͤnder, theils wegen der Souverainité, theils auch wegen des erblichen Rechts, ſo ihnen durch das Koͤnigliche Gebluͤte an der Ehre zuſtuͤnde. Heutiges Tages aber wird mehrentheils allen ge - croͤnten Haͤuptern in gleichen Character, Ehre und Prærogativ zugeſchrieben. Wo es ſich nun heuti - ges Tages zutraͤgt, daß die Koͤnige in Perſon und am dritten Ort zuſammen kommen, ſo vergleichen ſie ſich gemeiniglich, daß ſie die Ceremonielle bey Seite ſetzen, ſonſt wuͤrden ſich viel Differentien er - heben, indem ſie den Range nach einander gleich ſeyn wollen, und keiner dem andern nachgeben will.

§. 10. Wenn ein Europaͤiſcher Koͤnig zu einem andern gecroͤnten Haupt kommt, und demſelben in ſeinem Hauſe oder Hof-Lager beſucht, ſo giebt der Koͤnig ſo Wirth iſt, dem andern als Gaſt (1) die erſte Viſite, (2) die rechte Hand in allen Zuſam - menkuͤnfften, (3) den Vortritt und pas d’honeur in den Cammern, Audienz-Gemaͤchern und Zim - mern, bey der Tafel, in der Hof-Capell, bey demGottes -345Von Rang u. Præcedenz groſſer Herren. Gottesdienſt und ſonſt aller Orten, wo ſie zuſam - men kommen.

§. 11. Wo ein Cron-Printz, deſſen regierender Herr Vater und Koͤnig der Zeit annoch am Leben, und dann ein regierender Churfuͤrſt in des Vaters des Koͤniges oder eines andern Churfuͤrſten oder Fuͤrſten Hof-Lager, und in publicis conventibus zuſammen kommen, da iſt die Sache ratione des Vortritts und der Præcedenz noch nicht ſo ausge - macht. Die Cron-Printzen fuͤhren an, daß ſie in dem Blute bereits die Koͤnigliche Majeſtaͤt truͤ - gen, da hingegen die Churfuͤrſten nur den Koͤnigen gleiche Dignitæt aber keine Succeſſion zur Koͤnig - lichen Majeſtaͤt haͤtten, es waͤre nie erhoͤrt, daß ein Cron-Printz am dritten Orte einem Churfuͤrſten den Rang und die Præcedenz gegeben, und alſo ſtritte in dieſen Fall eine perpetuirliche Poſſeſs fuͤr die Cron-Printzen. Die Churfuͤrſten fuͤhren an, der Vorzug den ein Koͤnig vor den Churfuͤrſten haͤtte, ſchloͤße die Cron-Printzen nicht mit in ſich, es waͤre nur eine eintzige Majeſtaͤt in der Perſon des Koͤniges, und keinen Cron-Printzen waͤre iemahls ein actus poſſeſſionis zugeſtanden worden.

§. 12. Man hat unterſchiedene Exempel, daß Koͤ - nigliche Prinzeßinnen nicht allein den Rang vor al - len ſouverainen Fuͤrſtinnen in Europa, ſondern auch den Churfuͤrſtinnen oͤffters prætendiret, iedoch die regierenden Churfuͤrſtinnen haben dergleichen prætendirte Prærogativ niemahls directe agno - ſciren wollen. Die Koͤniglichen Bruͤder habenY 5eben346II. Theil. I. Capitul. eben wie die Cron-Printzen allezeit am dritten Ort den Rang und die Præcedenz vor den Europaͤi - ſchen Fuͤrſten genommen, und nehmen wollen, auch wenn ein ſolcher Fuͤrſt in das Koͤnigliche Hof-Lager ihres Herrn Vaters und aͤlteſten Bruders als des regierenden Koͤnigs gekommen, denſelben die Hand und place d’honeur allzeit diſputirt.

§. 13. Einige Churfuͤrſten haben ſich vor den re - gierenden vornehmſten Reichs-Fuͤrſten darinnen diſtinguirt, daß ſie dieſen ſo offt ſie von ihnen be - ſucht worden, auch in ihren eigenen Hof-Lager und an der Tafel, die place d’honeur und rechte Hand nie geben wollen. So haben auch die Car - dinæle den Churfuͤrſten den Rang diſputirlich machen wollen. Es iſt aber dieſer Rang-Streit in Anſehung der drey Geiſtlichen Churfuͤrſten anno 1717. von den Pabſt entſchieden worden, nachdem er die Churfuͤrſten zu Maͤyntz / Trier und Coͤlln zu Patriarchen in Jeruſalem, Antiochia und Alexan - dria ernennte, durch welche Dignitæt ſie den Rang uͤber alle Cardinæle erhalten. S. Luͤnigs Theatr. Ceremon. I. Theil p. 14.

§. 14. Die Teutſchen regierenden Reichs - Fuͤrſten maßen ſich vor den Jtalieniſchen und andern Europaͤiſchen einen Vorzug an, und be - haupten, daß ſie mehrentheils aus vortrefflichen Koͤniglichen und Churfuͤrſtlichen oder alten illu - ſtren Gebluͤth entſproſſen waͤren, da hingegen die andern nur Graͤflicher und Adelicher, auch wohl mancher unter ihnen wohl gar unehlicher Geburthund347Von Rang u. Præcedenz groſſer Herren. und Herkommens waͤren. Die Dignitæt der Teutſchen Reichs-Fuͤrſten, Hertzoge, Land - und Marg Grafen, ſtammte von uhralters her, und ihre Vorfahren waͤren ſchon undenckliche Jahre darinnen poſſeſſionirt, die andern Printzen hin - gegen waͤren nur in den neueſten Zeiten von eini - gen Seculis her zu ihren Hertzoglichen und Fuͤrſt - lichen Dignitæten gelangt.

§. 15. Die geiſtlichen Fuͤrſten und Staͤnde de - duciren ihre Præcedenz 1) von dem Reſpect ſo der Biſchoͤffe und Prælaten-Stand von Alters her in der Chriſtlichen Kirche gehabt, und der ihnen vor den weltlichen Puiſſancen billich aus Ehrerbie - tung gegen die Kirche und Religion erzeiget wer - den muͤſte, 2) von der Ehre, welche die alten Teut - ſchen Kayſer von Ottonis Primi Zeiten her, den geiſtlichen Dignitæten gegoͤnnet, 3) von dem Range, den ſie in den alten Kayſerlichen Diplo - matibus auch Reichs-Conſtitutionibus und De - cretis uͤber die weltlichen gehabt. S. Zweyburgs Theatrum Præcedentiæ Tit. 101. Von der Cogni - tion und Judicatur uͤber die Præcedenz-Streitig - keiten im Teutſchen Roͤmiſchen Reich unter geiſt - und weltlichen Magnaten.

§. 16. Bey den Fuͤrſtlichen Familien in Teutſch - land conſiderirt man das alte vortreffliche Hauß, von welchen ſie abſtammen, die anſehnlichen Lan - de und ihnen zuſtehenden hohen Jura, das Tracta - ment, welches ſie von vielen Jahren her von Kayſern, Koͤnigen und Churfuͤrſten genoſſen, undob348II. Theil. I. Capitul. ob ſie berechtiget an frembde Staaten Abgeſand - ten zu ſchicken, und von denſelben wieder anzu - nehmen. Es wird alſo ein groſſer Unterſcheld ge - macht, unter dieſen und unter den andern, ſo aus keinen Churfuͤrſtlichen oder ſonſt illuſtren alten Gebluͤthe und Familie entſproſſen, auch keinen vornehmen Biſchoͤfflichen noch andern Geiſtlichen Character oder Hertzoglichen, Land - noch Marg - graͤflichen Titul fuͤhren, ſondern nur bloſſe Fuͤr - ſten, Herren, Reichs-Aebte, Prælaten, oder welt - liche einfache regierende Reichs-Fuͤrſten. Bey den vornehmen aus den Hertzoglichen, Marggraͤf - lichen und Landgraͤflichen Familien entſproſſenen Printzen wird conſiderirt, ob ihre regierenden Vaͤter bereits geſtorben, und ſie unter der Vor - mundſchafft ſtehen, oder ob ihre Vaͤter noch am Leben ſind. Nach dieſen Unterſchieden werden ſie auf unterſchiedene Weiſe an frembden Hoͤfen tractirt.

§. 17. Wenn einige Fuͤrſten wegen des Ran - ges unter ſich competiren, und der Competenz - Streit zwiſchen ihnen noch nicht beygelegt, auch noch keiner ſich in Poſſeſſionen ſeiner fuͤr den an - dern prætendirten Præcedenz fundirt, ſo verhuͤ - ten ſolche Fuͤrſten auf alle Wege, daß ſie weder in Perſon noch dero Miniſtri am dritten Ort, und bey ſolennen Zuſammenkuͤnfften, oder bey Koͤnig - lichen und Churfuͤrſtlichen Tafeln zuſammen kom - men. Sind einige an Dignitæt und Gradu ein - ander gleich, obſchon etzliche unter ihnen an Guͤ -tern349Von Rang u. Præcedenz groſſer Herren. tern und Herrſchafften reicher als die andern, und ſie ſind an Koͤniglichen und Churfuͤrſtlichen Hoͤ - fen anweſend, ſo werden gemeiniglich die aͤltern den juͤngern vorgezogen.

§. 18. Wie die Præcedenz-Streitigkeiten unter den Europaͤiſchen Puiſſancen in Europa und unter den Fuͤrſten des heiligen Roͤmiſchen Reichs in Teutſchland der allgemeinen Ruhe und Wohl - farth nachtheilig, iſt mehr als zu bekandt. So lange dieſelben ventilirt werden, und ſich kein Temperament ausgefunden, werden die allge - meinen Angelegenheiten ausgeſetzt, und das gute Vernehmen gehemmt und unterbrochen. So offt als eine neue Handlung vorfaͤllt, die zu unter - nehmen waͤre, ſo offt iſt wieder ein neu Hinder - niß, und ein neuer Auffenthalt, immaſſen der Rang und Vorzug nicht allein in Vorgehen und Vorſitzen, ſondern auch in Vorſtimmen, Vor - ſchreiben, und Sigilliren in Betrachtung gezogen wird.

§. 19. Es geſchicht nicht ſelten, daß die Be - dienten, in Verfaſſung des Ranges ihrer Herr - ſchafften, hitziger ſind als die Herren ſelbſt, zu - mahl ſolche, die von keinen ſonderlichen Nachſin - nen. Anno 1696 begab ſich in Pariß unter ei - nigen Kutſchern, die in einer engen Straſſe ein - ander nicht ausweichen, und dadurch den Re - ſpect ihrer Herrſchafften mainteniren wolten, ein ſeltzamer Rang-Streit. Sie begegneten einan - der, und weil keiner dem andern ausweichen wolte,ſo350II. Theil I. Capitul. ſo hielten ſie mit ihren Caroſſen ſtille von fruͤh an biß des Nachmittags um 4 Uhr, und lieſſen ihren Pferden Futter bringen. Endlich kam ein Fuhr - mann mit einem Fuder Wein gefahren, dieſer klagte es dem Commiſſario der Gegend, welcher hernach die Verfuͤgung that, ſie ſolten beyde zu - ruͤck fahren, und keiner dieſen Abend wieder auf der Straſſe ſich ſehen laſſen, womit den beyde zufrieden waren, und dieſer Præcedenz-Streit ſich endigte. S. Theatr. Europ. T. XV. p. 110.

§. 20. Bißweilen iſt nicht allein ein Diſput we - gen der Præcedenz uͤberhaupt, ſondern auch we - gen des Platzes, welcher vor den obern oder nie - drigern Platz zu achten. Einige haben das Axio - ma, daß der oberſte Platz eines geringern Ortes vor ſchlechter zu halten, als der unterſte eines hoͤhern Ortes; andere halten davor, dieſe Regul koͤnte in einer diſtincten Societaͤt Platz finden, aber nicht in einer vereinigten Aſſemblee.

§. 21. Damit nun bey dieſen und andern der - gleichen Faͤllen allen Rang-Streitigkeiten, ſo viel als moͤglich vorgebogen werde, ſo iſt man auf man - cherley Temperamente bedacht, es moͤgen nun die Herrſchafften ſelbſt oder ihre Geſandten concurri - ren. Bey dem Friedens-Schluß zu Veroins, da der Frantzoͤſiſche und Spaniſche Geſandte ſtritten, welcher von ihnen zu des Paͤbſtlichen Legats Rech - ten ſitzen ſolte, wurde diß Mittel getroffen: Man ließ den in Franckreich reſidirenden Paͤbſtlichen Nuncium kommen, welcher ſich dem Legato zurRechten351Von Rang u. Præcedenz groſſer Herren. Rechten ſetzte, und hernach wurde dem Frantzoͤſi - ſchen Geſandten die Wahl gelaſſen, einen Platz zu kießen welchen er wolte, er erwehlte ſich aber des Legati lincke Hand, und uͤberließ dem Spaniſchen Geſandten den andern Platz zur rechten, welcher auch damit zufrieden war, in der Meynung, er haͤtte die Oberhand behalten. S. Joh. Finets Ceremo - niel der Ambaſſadeurs p. 78.

§. 22. Wo zwey Abgeſandten einen gleichen Rang haben, geſchicht es bißweilen daß ein Herr dieſen Geſandten ſagen laͤſt, er ſolte zwar zu dieſer oder jener Solennitaͤt zu erſt eingeladen werden, es wuͤrde ihm aller zu einem beſondern Gefallen ge - reichen, wenn er vorhero, Verdruͤßlichkeit und Rang-Streit zu vermeiden, verſichern wuͤrde, daß er ausbleiben, und ſein Abweſen nach eigenem Ge - fallen mit einer Entſchuldigung beſchoͤnigen wolte. Es pflegen aber die Herren Geſandten mit dieſem Vorſchlag gar ſelten zufrieden zu ſeyn.

§. 23. Die ſich eine Præcedenz zueignen wol - len, ſuchen mancherley Mittel und Wege vor, die - ſelbe zu behaupten. Sie bemuͤhen ſich, den Vor - ſitz und die Oberhand durch Liſt zu erlangen, ſie wollen ſich entweder bey dieſen oder jenen Con - vent gar nicht einfinden, und ſimuliren wohl gar zum Behuf einige Kranckheit, oder drohen, daß ſie ſich von dem Orte, wo ſie ſich gegenwaͤrtig aufhal - ten, wieder weg begeben, und die dadurch angeſtell - te Verſammlung trennen wollen; ſie geben Prote - ſtationes ad Acta, daß ihren Rechten hierdurchim352II. Theil. I. Capitul. im geringſten nichts præjudicirt werden ſolte, u. ſ. w.

§. 24. Damit nun die gemeinſchafftlichen An - gelegenheiten uͤber den Rang-Diſputen nicht erlie - gen bleiben, ſo werden ſie oͤffters durch das Looß entſchieden, oder es wird bey dem ſitzen und voti - ren eine Alternation beliebet. Es geſchicht auch wohl, daß beyde um die Præcedenz mit einander ſtreitende Theile alles zugleich thun, ſich zugleich niederſetzen, zugleich aufſtehen, ſich gegen einander buͤcken, und mit aller Hoͤflichkeit einander begegnen. Es werden die Ehren-Bezeigungen von andern ge - gen diejenigen, die dißfalls in Jrrungen mit einan - der ſtehen auf eine gleiche Weiſe eingetheilet, z. E. den einen wird zuerſt vorgelegt, und dem andern zu - erſt zu trincken gegeben. Bey den Roͤmiſch-Ca - tholiſchen werden bey gewiſſen Ceremonien in der Kirche der eine zu erſt mit Weyhwaſſer beſprengt, der andere zu erſt beraͤuchert.

§. 25. Bey dem heiligen Roͤmiſchen Reiche, und in deſſelben alten Obſervanz und Verfaſſung iſt hergebracht, daß der Rang und die Præce - denz vieler geiſtlichen und weltlichen, geoſſen und kleinen Reichs-Glieder, Magnaten und Staͤnde, nicht ſo wohl nach der Ordnung ihrer ankleben - den Dignitæten, Prærogativen, illuſtren Gebluͤ - the, Nahmen Hertzoglichen, Marggraͤflichen und Fuͤrſtlichen Stande Character und Herkommen, als vornehmlich nach denen auf ſolennen Reichs - und Creyß-Conventen groſſen Verſammlungen,Colle -353Von Rang u. Præcedenz groſſer Herren. Collegial - und Deputations-Taͤgen recipirten, und von undencklichen Zeiten her gebraͤuchlichen Ceremoniellen, und angewieſenen Reichs-Seſſio - nen regulirt wird, und haben hierbey die mehre - ſten Teutſchen vortrefflichen Reichs-Staͤnde und illuſtren Glieder, Chur-Fuͤrſten und Fuͤrſten, ohne daß ſie auf ſpecielle Prærogativen ihrer Familien geſehen, acquieſciret.

§. 26. Jnzwiſchen ſind doch noch genug Præce - denz-Streitigkeiten uͤbrig, die unter den Staͤnden des heiligen Roͤmiſchen Reichs ventilirt werden. Einige wollen als ein Momentum anfuͤhren, war - um ſie vor den andern Staͤnden eine Præcedenz behaupten koͤnten, weil dieſer Stand ſich gar oͤff - ters in den Reichs-Abſchieden vor andern unter - ſchrieben haͤtte; andere aber erinnern gar wohl, daß nicht allemahl ein Schluß hieraus zu machen waͤre, weil bißweilen ſich etliche Staͤnde nach den andern geſchrieben, denen doch ein Vorſitz zukommt.

§. 27. Zu Zeiten wird, Krafft eines Teſtaments oder bruͤderlichen Vergleichs, einem Sohn oder Bruder, und allen ſeinen Deſcendenten eine beſon - dere Landes-Fuͤrſtliche Eminenz, nebſt andern Emolumentis und zu des gantzen Hauſes Autori - taͤt gehoͤrigen Regalibus uͤberlaſſen, und dieſer præ - tendirt mit Grunde ein Vorzugs-Recht. Ge - ſchicht es aber, daß die juͤngere Linie wegen ihrer Meriten von dem Kayſer mit einer neuen Dignitaͤt, oder etwas anders begnadiget wird, ſo will ſie her - nach jener den Rang ſtreitig machen. MancheZFuͤr -354II. Theil. I. Capitul. Fuͤrſten des heiligen Roͤmiſchen Reichs, die ſonſt uͤber andere, bevor ſie zu der Chur-Fuͤrſtlichen Wuͤrde gelangt, den Rang gehabt, wollen zwar den neuern Chur-Fuͤrſten bey den Actibus mere Electoralibus, als bey den Wahl - und Croͤnungs - Taͤgen der Roͤmiſchen Kayſer, bey den Chur-Fuͤr - ſten Taͤgen u. ſ. w. die Præcedenz laſſen, bey den andern Handlungen aber nicht.

§. 28. Wenn unter den Reichs-Staͤnden bey den Comitiis, oder auf Creyß-Taͤgen, oder andern Conſultationen, ſich einige Zwiſtigkeiten erheben, ſo pflegen ſie Kaͤyſerlicher Majeſtaͤt anheim zu ſtel - len, ob dieſelben uͤber dieſe Vorſitz-Streitigkeit entweder a comitiis imperii ein Reichs-Gutach - ten erfordern, oder allergnaͤdigſt geruhen wollen, ſo fort darunter zu determiniren, oder auch biß auf anderweite Vergleiche oder rechtliche Entſcheidung proviſionaliter und Interims-weiſe auf eine ihnen unverfaͤngliche Weiſe zu entledigen, damit bey de - nen etwan bevorſtehenden Creyß-Conſultatio - nen dieſer wegen kein weiter Hinderniß erwachſen moͤge.

§. 29. Bey manchen Faͤllen geben einige, die ſich ſonſt einen Vorſitz uͤber den andern anmaßen, aus Betrachtung vor eine ſehr hohe Interceſſion, etwas nach, ſie fuͤgen aber nachgehends eine Prote - ſtation mit an, daß ſie es bloß dieſer Puiſſance oder dieſem Mit-Stande zu Ehren oder zu Gefallen thaͤ - ten, hierdurch aber weder ihnen ſelbſt, noch andern Reichs-Fuͤrſten das geringſte wolten vergelen ha -ben,355Von Rang u. Præcedenz groſſer Herren. ben, als worwider ſie auf das ſolenneſte wolten proteſtiret haben. Bey dieſem Falle weichen ſie entweder gaͤntzlich, oder laſſen ſich doch ein gewiß Temperament gefallen.

§. 30. Viele von dem Reichs-Fuͤrſtlichen, Reichs-Graͤflichen und Herrſchafftlichen Stande und Geſchlechtern, auch viel freye Reichs-Staͤdte, ſo auf ihrem point d’honeur allzu ſehr beſtanden und noch beſtehen, und dißfalls nicht einig werden koͤnnen, laſſen es auf das Deciſum und den Aus - ſpruch Jhrer Roͤmiſch-Kayſerlichen Majeſtaͤt, als welchen als ein hohes Reſervatum die Cognition der Præcedenz-Streitigkeiten zukommt. Man - che werden auch durch die in dem Fuͤrſtlichen Hauſe hergebrachten Austraͤge, und in dem Reichs-Hof - Raths-Collegio ausgemacht.

§. 31. Am beſten iſts, wenn die Rang-Strei - tigkeiten auf eine friedliche Weiſe durch guͤtliche Conferenzen entſchieden werden, und der Rang in den Vergleichen ſecundum ætates Majoratus, Lineas oder Senioratus reguliret wird. Alſo iſt in dem Anhaͤltiſchen ausgemacht, daß die regieren - den Herren denen nicht regierenden, ob wohl aͤltern, vorgehen, die regierenden aber unter einander den Vorrang nach dem Alterthum Dero Jahre in der Regierung haben ſollen. Es pflegen dergleichen Præcedenz-Receſſe von Zeit zu Zeit renouvellirt zu werden.

§. 32. Einige Staͤnde des Reichs, die ihren Mit-Staͤnden, oder den Herren Vettern ihresZ 2Hauſes,356II. Theil. I. Capitul. Hauſes, einen groͤſſern Rang mitgetheilet, pflegen dieſes an andere hoͤhere Haͤuſer zu notificiren, da - mit ſie ihnen in Zukunfft mehr Prærogativen ſelbſt erzeigen, und auch bey ihren Mit-Staͤnden zuwege bringen. Alſo berichtete der Landgraf zu Heſſen - Darmſtadt Ludwig, Chur-Fuͤrſt Lothario Fran - tzen zu Mayntz: Nachdem bißanhero die abgetheil - ten Fuͤrſten aus den alten Fuͤrſtlichen Haͤuſern eine Zeit her im Range mercklich zuruͤck geſetzt worden, ſie aber ſolches der Billichkeit nicht gemaͤß befaͤn - den, und daher zu mehrer Bezeugung ihrer aufrich - tigen Intention und Wohlmeynenheit ſich erklaͤh - ret, gedachten ihres freundlich geliebten Vetters Liebden und ſeinen Succeſſoren, wenn dieſe eben zu ihm kommen wuͤrden, die Hand in ihrem Hauſe zu geben; ſo haͤtten ſie nicht ermangeln wollen, Jhro Liebden in hergebrachtem Vertrauen dieſe Eroͤff - nung zu thun, mit freundlichen Erſuch, es nicht nur bey zutragenden Faͤllen mit ihres freundlich gelieb - ten Vetters Liebden, an Dero Chur-Fuͤrſtlichen Hofe eben alſo zu halten, ſondern auch Dero hoch - moͤgenden Officia bey andern Dero Mit-Chur - Fuͤrſten dahin anzuwenden, damit Seiner Liebden von denſelben ein gleichmaͤßig Tractament wieder - fahren moͤge.

§. 33. Bey den Reichs-Verſammlungen iſt unter den Staͤnden, die ſonſt wegen des Vorſitzes nicht recht einig werden koͤnten, die Alternation eingefuͤhret, ſie tractiren einander auf dieſe Weiſe al pari, ſie ſitzen wechſels weiſe einander vor, ohnealle357Von Rang u. Præcedenz groſſer Herren. alle Competenz und Zwiſtigkeiten. Manche neue Reichs-Fuͤrſten prætendiren auch eine Alterna - tion, weil aber dieſes unter ihnen zur Zeit noch nicht introducirt, ſo muß ein ieder ſeine Seſſion ſuo loco & ordine, wie ſie ihm von den Erb-Marſchall von Pappenheim bey der Introduction angewieſen, behalten, ſo lange biß von Kayſerlicher Majeſtaͤt dem Reiche, und ihme dem neuen Fuͤrſt ſelbſt ein - muͤthig etwas anders beliebt und verordnet iſt.

Das II. Capitul. Von den Viſiten und perſoͤn - lichen Zuſammenkuͤnfften der groſſen Herren.

§. 1.

Es erfordern bißweilen die Anverwand - ſchafften und freundſchafftliche Zunei - gungen ſo groſſe Herren gegen einander tragen, theils die Schuldigkeit gegen die Hoͤhern, theils auch mancherley raiſons d’Etat. daß ſie einander in Perſon beſuchen. Eine freund - liche Unterredung hatgar offters mehr gefruchtet, ihnen ſelbſt mehr Zufriedenheit und Bequemlich - keit, und ihren Unterthanen groſſen Nutzen zuwege gebracht, als wenn ſie viel Jahre einander Abge - ſandten zugeſchickt, und durch dieſelben tractirenZ 3laſſen.358II. Theil. II. Capitul. laſſen. Es wollen aber auch theils die allzuweite Entfernung, und die allzugroſſen Unkoſten die zu ei - ner ſolchen Reiſe erfordert wuͤrden, theils die Nothwendigkeit der Regierungs-Geſchaͤffte, theils und vornehmlich aber das verdruͤßliche Ceremo - niel-Weſen, dergleichen Viſiten nicht allezeit ver - ſtatten. Es wuͤrden auch zuweilen dergleichen Zuſammenkuͤnffte, wenn die groſſen Herren von allzu diſcrepanten Gemuͤths-Neigungen ſeyn, mehr hindern als befoͤrdern, mehr ſchaden als nuͤtzen.

§. 2. Zu Vermeydung mancherley Præcedenz - Streitigkeiten haben die groſſen Herren ein Mittel gefunden, nemlich unter einen angenommenen Cha - racter, oder incognito ſich aufzufuͤhren; iedoch wollen der Wohlſtand, die Umſtaͤnde und vorfal - lenden Begebenheiten nicht allemahl verſtatten, ſich ſolches Mittels zu bedienen, ſondern es fuͤgt ſich gar offt, daß die Majeſtaͤten und ihnen gleich - geltenden Perſonen unter denen ihnen angeſtamm - ten, oder durch andere aufgetragenen Character mit einander concurriren.

§. 3. Bey den Zuſammenkuͤnfften ſiehet man mehrentheils auf das Herkommen, und auf die Poſſeſs. Wo man aber keine Exempel vor ſich hat, darauf man ſicher fußen kan, wird vorhero alles von denjenigen Theilen, ſo mit einander concurriren wollen, genau uͤberlegt, und endlich durch gemein - ſchafftlichen Conſens ein ſolches Reglement abge - faßt, daß einen ieden das gehoͤrige mitgetheilet, undder359Von Viſiten u. Zuſammenk. groſſer Herren. der Haupt-Zweck der angeſtellten Zuſammenkunfft, durch den Verdruß des Ceremonielle, nicht ge - hindert werde.

§. 4. Bey dergleichen Ceremoniellen ſind alle Umſtaͤnde reiflich zu uͤberlegen, und iſt darauf zu ſehen, ob die Perſon, ſo mit denen andern concur - rirt, hoͤher, gleicher oder niedriger, als jene, ob ſie denn ſouverain, welcher die Viſite bekommt, mit Bluts-Freundſchafft, Alliancen, oder ſonſt durch ein genau Attachement verwandt, welche unter beyden Wirth oder Gaſt ſey, ob die eine oder an - dere Perſon weder die Stelle eines Wirths noch Gaſtes vertreten, ſondern beyde an einen dritten Orte zuſammen kommen, und beyde als frembde zu conſideriren.

§. 5. Kommen Puiſſancen von ungleichen Stande zuſammen, wenn zum Exempel ein Fuͤrſt, Churfuͤrſt oder Koͤnig, einen Kaͤyſer in ſeinen Lan - de und in ſeiner Reſidenz beſucht, oder dieſe in Ge - gentheil von einem Kaͤyſer die Viſite in ihren Laͤn - dern und Reſidentien erhalten, auch wohl an dritten Orte eine Zuſammenkunfft veranlaßt, ſo wird ein Koͤnig / Churfuͤrſt oder Fuͤrſt von Kaͤyſerlicher Ma - jeſtaͤt nicht mit ſo groſſen Ceremonien empfangen, als dieſer von jenen bekommt.

§. 6. Bey dergleichen Gelegenheiten wird alle - zeit der gradus prærogativæ in Obacht genommen, und das Ceremoniel in allen darnach proportio - nirt, alſo daß ſich der hoͤhere bey einen Congreſs mit einen niedrigen, es ſey in ſeinem eigenem LandeZ 4und360II. Theil. II. Capitul. und Reſidenz, oder auch an einen dritten Orte, ſtets eines ſolchen Ceremoniels gegen denſelben bedient, wodurch ſein Vorzug vor dem andern kenntlich bleibt, ob er ihm gleich ſonſt alle nur er - ſinnliche Hoͤflichkeit beweiſet. Der niedrige aber, er gebe oder bekomme eine Viſite, muß allemahl ein ſolch Ceremoniel geben oder annehmen, durch welches den hoͤhern ein mercklicher Vorzug gelaſ - ſen wird. Sind aber die Perſohnen, ſo mit ein - ander concurriren, von gleichen Range, z. E. ein Koͤnig mit einem Koͤnig, ein Churfuͤrſt mit einem Churfuͤrſten, ein Cardinal mit einem Cardinal, ſo genuͤſſen ſie auch ein gleiches Ceremoniel in Eſſen, Unterredungen, in Sitzen, bey Bedeckungen des Haupts u. ſ. w. iedoch mit dieſen Unterſcheid, daß der Wirth den Gaſt im Gehen und Sitzen und al - lenthalben die Oberhand und den Vorzug, auch ſonſt aus purer Hoͤflichkeit allerhand prærogativen laͤſt, die er ihm an einen dritten Orte nicht verſtat - ten wuͤrde.

§. 7. Dergleichen Actus ſind offt meræ faculta - tis, und gruͤnden ſich auf allerhand veraͤnderliche Urſachen, nemlich auf Bluts-Freundſchafft, Alli - anzen, erwieſene Freundſchaffts-Gefaͤlligkeiten, u. ſ. w. Nachdem nun dieſe und andere dergleichen Urſachen fortwaͤhren oder aufhoͤren, nachdem wird auch mit den Ceremoniellen eine Veraͤnderung vorgenommen, und bey dergleichen Handlungen der Hoͤflichkeit entweder etwas zugeſetzt, oder ver - mindert.

§. 8.361Von Viſiten u. Zuſammenk. groſſer Herren.

§. 8. Es wird auch oͤffters, wenn viel Koͤnigliche und Churfuͤrſtliche Perſonen zuſammen kommen, zu Vermeydung des Rang-Streits nur eine bunte Reyhe gehalten, und ſie ſetzen ſich péle méle an die Tafel. Die hohen Standes-Perſonen maͤnnli - chen Geſchlechts nehmen die Hochfuͤrſtlichen Da - mes bey der Hand, und fuͤhren ſie zur Tafel, ohne auf einigen Rang zu reflectiren, entweder wie ſie wollen, oder wie ſie zu gewiſſen Stellen durch das Loß angewieſen werden.

§. 9. Wenn eine Viſite von einem geringern an einen hoͤhern abgeſtattet werden ſoll, die zwar aus Hoͤflichkeit geſchehen koͤnnte oder wuͤrde, die aber doch nicht von unvermeydlicher Nothwendigkeit iſt, und der geringere erfaͤhrt, daß er bey dem hoͤ - heren ein allzuſchlecht Ceremoniel bekommen ſoll, ſo bleibt er lieber davon. Dieſes ereignet ſich nicht ſelten in Teutſchland, wenn maͤchtige und an - ſehnliche Vaſallen bey ihren Lehns-Herren einſpre - chen wollen. Sie prætendiren bey ihren Viſiten dasjenige, ſo andern Standes-Perſonen bey der - gleichen Zuſpruͤchen an Hoͤflichkeit erwieſen wird, ſie wollen mit ihren Kutſchen in den innern Schloß-Hof hineinfahren, und unten an der Stiegen abſteigen, ſie verlangen einen Cammer - Juncker zur Aufwartung, ſie wollen in den Fuͤrſt - lichen Zimmern logiren, und wie die andern ſervirt ſeyn, u. ſ. w. doch dergleichen Ceremoniel wird ih - nen gar ſelten accordirt.

§. 10. Sind ihre Gemahlinnen von hoͤherenZ 5Stande,362II. Theil. II. Capitul. Stande, wie es denn hin und wieder geſchicht, daß Fuͤrſten ſich mit Koͤniglichen Princeßinnen, und Reichs-Grafen mit Fuͤrſtlichen Princeßinnen vermaͤhlen, ſo wird ein beſonders Ceremoniel mit den Gemahlinnen, und ein anders mit den Manns - Perſonen vorgenommen, jene werden nach ihrem Stande tractirt, dieſe aber etwas geringer an - geſehen.

§. 11. Bey dem Sitzen iſt auch ein groß Cere - moniel, der Unterſcheid, ſo unter den Lehnſtuͤh - len, und den Tabourets, das iſt, die keine Lehnen haben, beobachtet wird, nachdem ſie einander an Prærogativen uͤbertreffen, nachdem werden ſie auch hierinnen diſtinguirt. Curioſus Alethophi - lus meldet in ſeinem Tractat de moribus, ritibus ac Ceremoniis aulicis, p. 116. daß der Hertzog von Crequi 2. Jahre mit der Koͤnigin Chriſtina geſtritten, was ſie ihm fuͤr einen Stuhl ſolte ſetzen laſſen.

§. 12. Bevor die frembden Hochfuͤrſtlichen Perſonen in einem Hof-Lager ankommen, ſo pflegen ſie gemeiniglich durch einen Fourier den Fourier-Zeddul in das Hof-Marſchall-Amt zu uͤberſchicken, wie ſtarck ihre Suite ſeyn werde, und wie viel ſie an hoͤhern und niedern Bedienten, an Pferden und Caroſſen mitbringen werden, damit der Hof-Marſchall, Hauß-Marſchall oder ein anderer Miniſter, der den Stab fuͤhret, wiſſen moͤge, wie und wohin er ſie einlogiren, und was er ſonſt bey ihrer Reception beobachten ſoll.

§. 13.363Von Viſiten u. Zuſammenk. groſſer Herren.

§. 13. Bißweilen werden die frembden Herr - ſchafften, ſo bald ſie an die Grentzen kommen, beneventirt, es werden ihnen Cavaliers entgegen geſchickt, die ſie mit einen ſolennen Compliment annehmen muͤſſen, ſie werden auch wohl mit ih - rer gantzen Suite defrayirt.

§. 14. Wenn nun diejenigen, ſo Wirths Stelle vertreten, ihnen vermelden laſſen, an wel - chem Ort ſie ihrer Viſite erwarten wolten, und die frembden in der Naͤhe angelangt, ſo hohlen ſie dieſelben bißweilen mit einem praͤchtigen Einzug ein, ſie ſchicken ihnen ihre propreſte Leib-Caroſſe entgegen, und einen groſſen Theil von ihrer Hof - ſtatt, von der Jaͤgerey, von ihren unterſchiedenen Garden, als Leib-Garden, Chevalier-Garden, u. ſ. w. Erfordert es der Reſpect gegen die hoͤ - hern, ſo kommen die regierenden Herren ihren Hochfuͤrſtlichen Gaͤſten entweder ſelbſt entgegen, oder ſchicken doch zu dem Ende ihre Printzen oder anderen Hochfuͤrſtlichen Anverwandten ab. Ein groſſer Theil der Poſtillions nebſt den Trompetern und Pauckern reiten vorweg, und fuͤhren den gan - tzen Zug. Die Jaͤgerey wird von ihren Chefs angefuͤhrt, und die Poſt - und Waldhoͤrner laſſen ſich Wechſels weiſe dabey mit blaſen hoͤren. Es werden ihnen auch wohl die Introducteurs der Ambaſſadeurs mit entgegen geſchickt.

§. 15. Jn allen Feſtungen durch welche ſie pas - ſiren, werden die Canonen abgefeuert, und die Garniſons muͤſſen Parade machen. Naͤhern ſieder364II. Theil. II. Capitul. der Hochfuͤrſtlichen Reſidenz, ſo wird durch eine aufſteigende Raquete ein Zeichen gegeben zu Loͤ - ſung der Stuͤcken, und dieſelben werden zu drey mahlen nach den unterſchiedenen Oertern auf wel - chen ſie angelangt, loßgebrandt. Die Buͤrger - ſchafft und die Garniſons muͤſſen bey dem Einzuge paradiren. Es geſchicht aber auch wohl, daß ſie gantz unvermuthet ankommen, oder doch lieber in der Stille einziehen wollen, das Abfeuern der Ca - nons und alle andere oͤffentliche Solennitæten de - preciren.

§. 16. Kommen die groſſen Herren einander ſelbſt entgegen, ſo ſteigen ſie, ſo bald ſie einander in das Geſicht bekommen, entweder von ihren Pferden ab, oder aus den Caroſſen, machen einan - der einige Reverences, und embraſſiren entwe - der einander auf das freundlichſte, oder machen doch einander obligeante Complimens, darauf ſie ſich denn entweder in einem Wagen oder zu Pferde mit einander ſetzen.

§. 17. Wo es bey einigen Congreſſen groſſer Herren ſehr ceremonieus zugehen ſoll, da werden die Schritte gegen einander abgemeſſen. Alſo giengen bey der Zuſammenkunfft des Koͤnigs in Spanien Philippi IV. und des Koͤnigs in Franck - reich Ludwig des XIV, die auf der Conferenz - Jnſul auf dem Fluß Bidaſſao anno 1660. geſcha - he, beyde Koͤnige einander mit gleichen und abge - meſſenen Schritten entgegen, biß an die Linie welche in den Conferenz-Saal gemacht worden. S. den365Von Viſiten u. Zuſammenk. groſſer Herren. S. den I. Tomum des Herrn Luͤnigs Theatri Ce - remonialis p. 200. b.

§. 18. Jſt der Wirth ſeinem Gaſt auſſerhalb der Hoch-Fuͤrſtlichen Reſidenz nicht entgegen ge - fahren, oder entgegen geritten, ſo kommt er ihm auf dem Schloſſe entweder unten am Wagen, oder an einer Stiegen, oder an einem gewiſſen Zimmer ent - gegen, nach dem Unterſchied der Gleichheit, oder der Prærogativen, die einer vor dem andern hat. Es wird auch hierbey gar oͤffters eine Diſtinction ge - macht, wie weit und wie viel Schritte die regieren - den Herren ſelbſt, oder ihre Printzen und andere Anverwandten, oder ihre Miniſtri, die Frembden annehmen und in ihre Zimmer fuͤhren ſollen.

§. 19. Die Hoch-Fuͤrſtlichen Dames genieſſen, aus honneur vor ihr Geſchlecht, bey dieſen und an - dern dergleichen Ceremoniellen beſondere Præro - gativen. Als Jhro ietzt regierende Kayſerliche Majeſtaͤt, als Koͤnig in Spanien, anno 1704. bey der Koͤnigin Anna in Engelland einſprach, ſo ſtun - de die Koͤnigin ein paar Schritte von der obern Stuffe, Dero der Koͤnig ſo gleich die Juppe ergriff, und ſolche zu kuͤſſen Mine machte. Allein die Koͤ - nigin hub ihn auf, und embraſſirte ſelbigen unter Gebung eines Kuſſes. Der Koͤnig fuͤhrte ſelbige hinauf bey der Hand, Jhro zur lincken Seite ge - hend, durch drey Zimmer zuruͤck, in ihr Bett-Ge - mach, von dar er ſich nach einem kurtzen Aufenthalt, unter Begleitung des Printz Georgens, in ſein eigen Apartement begab. Die Gemahlin Chur-Fuͤr -ſtens366II. Theil. II. Capitul. ſtens Friedrich Wilhelms zu Brandenburg em - pfingen den Koͤnig in Dennemarck Chriſtianum dem V. zu Gadebuſch anno 1675. unten an der Treppe, und begehrten, Jhro Majeſtaͤt biß in ihr Gemach zu begleiten; allein das Zimmer der Chur - Fuͤrſtin war, unten, und des Koͤniges oben, daher Jhro Majeſtaͤt Sie in ihr Gemach fuͤhrte.

§. 20. Die Paͤbſte ſcheinen von dem gewoͤhnli - chen Ceremoniel des Fuß-Kuſſes nicht viel nach - zulaſſen, ob ſie ſchon von Koͤniginnen die Viſiten erhalten. Als die verwittibte Koͤnigin Maria Ca - ſimira Louyſe in Pohlen, anno 1699. bey dem Pabſt Innocentio XII. einſprach, muſte ſie in dem Zimmer Jhrer Heiligkeit den gewoͤhnlichen Reve - rence mit dreyfacher Kniebeugung ablegen, und dem Pabſt den Fuß und die Hand kuͤſſen. Jh - re Heiligkeit begaben ſich zwar nicht von ihrem Thron, iedoch empfingen ſie die Koͤnigin ſehr guͤtig; darauf ſich Jhro Majeſtaͤt in einen Lehn-Seſſel niederlieſſen, und bey anderthalb Stunden allda verblieben.

§. 21. Jſt der Einzug einer fremden Herrſchafft mit Solennitaͤt geſchehen, ſo muͤſſen alle Garden auf dem Schloß-Platz bey ihrer Ankunfft paradi - ren; wo aber nicht, begeben ſie ſich in der Stille in ihre Zimmer, wohin ſie von dem Hoch-Fuͤrſtlichen Wirth gefuͤhret werden. Einige werden, um einer Diſtinction willen, wenn ſie etwan von niedrigem Stande, nicht einmahl auf das Schloß logirt; und andere hingegen, ob ſie gleich mit der Herr -ſchafft,367Von Viſiten u. Zuſammenk. groſſer Herren. ſchafft, ſo Wirths Stelle vertritt, ſich in gleicher Dignitaͤt befinden, haben mehr Gefallen in einem Garten-Hauſe oder andern publiquen Gebaͤude abzutreten, als auf dem Schloſſe.

§. 22. Es wird den Hoch-Fuͤrſtlichen Gaͤſten bey ihrem Anweſen alles nur erſinnliche an Hoͤf - lichkeit und Plaiſir erwieſen, ſo ihren Neigungen, ih - rem Stande und Temperament gemaͤß, und ihnen zum Divertiſſement mancherley Arten der Luſt - und Waſſer-Jagten, der Inventions-Tafeln, der Comœdien, Opern, Balletten, Carruſellen, Kampf - Jagten, Schneppen-ſchieſſen, Feuerwercke, Illu - minationen und Maſqueraden angeſtellt. Es wird ihnen alles gezeiget, was ſich nur remarquables in der Reſidenz und um dieſelbe herum befindet. Es wird allenthalben anbefohlen, daß nicht nur ihre gantze Suite und alle ihre Domeſtiquen auf das hoͤflichſte tractirt werden ſollen, ſondern es werden auch ſo gar alle die Frembden, die aus denſelben Lande her ſind, waͤhrender Zeit daß ſich eine fremb - de Herrſchafft in der Reſidenz aufhaͤlt, viel beſſer angeſehen als ſonſten. Jnſonderheit bekommen auch die Hof-Narren ſcharffe Lectionen, daß ſie ſich in acht nehmen, damit ſie niemand von den Frembden durch ihre plumpen Raiſonemens cho - quiren.

§. 23. Die groſſen Herren die ſich als hohe Gaͤſte einſtellen, thun auch einigen Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Miniſtris die Gnade, und ſpeiſen nach beſchehener unterthaͤnigſten Invitation beyihnen368II. Theil. II. Capitul. ihnen zu Mittage oder des Abends, und regaliren ſie nachgehends entweder mit einem Ritter-Or - den, oder mit einem koſtbahren mit Diamanten beſetzten Portraite, oder einen andern anſehnlichen Præſent.

§. 24. Bißweilen bekommen diejenigen Oer - ter, wo groſſe Herren eine unvermuthete und ange - nehme Entrevue, entweder zwiſchen ihren Hoch - Fuͤrſtlichen Anverwandten, oder auch andern Mit-Regenten halten, einen beſondern Nahmen. Als Chur-Fuͤrſt Johann Friedrich bey ſeiner Zu - ruͤckkunfft aus dem Gefaͤngniß, auf Weymar zu - reiſete, und auf den Jagt-Hauſe zu Wolfersdorff, allda ihm ſeine Gemahlin nebſt andern Hoch - Fuͤrſtlichen Angehoͤrigen empfangen, das Mittags - Mahl hielt, bekam dieſer Ort den Nahmen der froͤlichen Wiederkunfft, welchen er auch biß ietzo noch behalten. Sie laſſen auch wohl zum An - dencken ſolcher Oerter und dieſer Zuſammenkuͤnff - te, gewiſſe guͤldene und ſilberne Muͤntzen praͤgen, wie man in der alten und neuen Hiſtorie davon gar viel Exempel antrifft.

§. 25. Vor dieſen iſt es unter den groſſen Her - ren in Teutſchland gebraͤuchlich geweſen, daß ſie bey dergleichen Faͤllen zum Spaß mit den Huͤten mit einander getauſchet. Als Fuͤrſt Johann George I. zu Anhalt mit dem Chur-Fuͤrſten zu Sachſen Johann Georgen den I. den 26. Martii Anno 1618. auf den ſo genannten rothen Hauſe in dem Anhaͤltiſchen, eine ſehr vertraute Zuſam -menkunfft369Von Viſiten u. Zuſam̃enk. groſſer Herren. menkunfft hielten, waren ſie ſo vergnuͤgt daß ſie mit ihren Huͤten tauſchten. Fuͤrſt Johann Geor - ge zu Anhalt erinnerte ſich deſſen noch den Tag vor ſeinem Ableben, und nahm den ertauſchten Hut mit ſich ins Grab. S. Beckmanns Anhaͤl - tiſcher Geſchichte V. Theil, p. 219.

§. 26. Wenn ſich die groſſen Herren wieder auf die Ruͤck-Reiſe begeben, ſo pflegen ſie vor ih - rer Abreiſe diejenigen von der Hofſtatt, die ihnen allerhand Aufwartung geleiſtet, zu beſchencken. Sie ſchicken gar offters, wenn ſie ſich auf den Grentzen des Landes, aus welchen ſie abreiſen, be - finden, einen Cavalier zuruͤck an die Herrſchafft die ſie beſucht gehabt, laſſen ihnen Danck abſtat - ten vor alle die genoſſene Hoͤflichkeit, ihnen ver - ſichern wie ſie ſehr vergnuͤgt geweſen, und wie ſie keine Gelegenheit aus den Haͤnden laſſen wuͤrden, Sereniſſimo hinwiederum alle Freund-Schwaͤ - ger - und Vetterliche Dienſte zu erweiſen. Biß - weilen werden ſie bey ihrer Zuruͤckreiſe allenthalben defrayirt, und von denjenigen Miniſtris, die ſie am beſten leiden koͤnnen, biß an die Grentzen wieder be - gleitet.

§. 27. Wenn ein vornehmer regierender Teut - ſcher und des heiligen Roͤmiſchen Reichs Fuͤrſt von hohem Hauſe, geiſtlichen oder weltlichen Standes, in das Kayſerliche Hof-Lager kommt, ſo geſchicht ihm gar keine ſolenne Reception, weniger Aufneh - mung, ſondern es kommt ein ſolcher Printz mit ſei - nem Train ohne Solennitaͤt an. Die Privat-Au -A adien -370II. Theil. II. Capitul. dienzen geſchehen bey dem Kayſer und der Kayſe - rin mehrentheils ohne Ceremonie.

§. 28. Der Fuͤrſt faͤhrt in ſeinem mit zwey Pfer - den beſpannten Wagen nach Hofe, und findet ſich ohne Reception in der Kayſerlichen Raths-Stube ein, dahin ihm der Kayſerliche Hof-Fourier anwei - ſet, welcher ihm vorher Zeit und Stunde zur Au - dienz angeſagt, allda findet er den Oberſten Caͤm - merer des Kayſers, der ihm in die Retraite zum Kayſer introduciret. Der Kayſer geht dem Fuͤr - ſten etwan drey Schritte biß in die Mitte des Ge - machs entgegen, und iſt unbedeckt, ſie reden ſtehend, und bey dem Abtritt begleitet der Kayſer dem Fuͤr - ſten ein paar Schritte hinwieder. Er beurlaubet ſich in der geheimen Raths-Stuben vom Obriſten Caͤmmerer, und bey der Kayſerin vom Obriſten Hofmeiſter, von welchen er zur Audienz gebracht wird, und alſo iſt die Affaire gethan.

§. 29. Bey einer ſolennen Audienz faͤhrt ein Reichs-Fuͤrſt in einer mit 6 Pferden beſpannten Caroſſe, darinnen er ſelbſt ſitzt, und in der andern Caroſſe ſeine Hofſtatt, nach dem Kayſerlichen Hof - Lager allda wird er von dem Kayſerlichen Ober - Hof-Marſchall in Begleitung einiger Kayſerlichen Bedienten empfangen, von dem Ober-Caͤmmerer in die geheime Raths-Stube gefuͤhret wo die Au - dienz geſchiehet. Der Kayſer ſtehet bedeckt, der Fuͤrſt trit aber unbedeckt hinein. Der Kayſer gruͤßt den Fuͤrſten mit Abziehung des Hutes, geht ihm auch drey biß vier Schritt entgegen, und ſetztihn371Von Viſiten u. Zuſam̃enk. groſſer Herren. ihn wieder auf, der Kayſer giebt dem anredenden Fuͤrſten ein Zeichen, daß er ſich auch bedeckt. Kurtz darauf nimmt der Fuͤrſt den Hut wieder ab, und redet ferner unbedeckt mit dem Kayſer, welcher be - deckt bleibet.

§. 30. Kan der Kayſer Alters - oder Unpaͤßlich - keit halber nicht ſtehen, ſondern laͤſt ſich auf ſeinem geſetzten Fauteuil nieder, ſo wird dem Fuͤrſten eine Chaiſe a dos oder ſchlechter Ruͤcken-Stuhl geſetzt, darauf er ſich zu ſetzen vom Kayſer genoͤthiget wird. Nimmt er ſeinen Abtritt aus der Audienz, entdeckt ſich der Kayſer wieder, ſetzt aber alſobald wieder auf, und giebt ihm 2 biß 3 Schritte in dem Audienz - Zimmer zur Thuͤre hinzu das Geleite.

§. 31. Es wird auch darinnen eine Diſtinction gemacht, wenn ein geiſtlicher oder weltlicher Fuͤrſt nicht ſo wohl in ſeinem Fuͤrſtlichen Character und Qualitaͤt, ſondern als ein Verwandter zum Kayſer oder zur Kayſerin kommt. Dieſe werden nebſt ih - ren Gemahlinnen durch ſpecielle Commiſſarios unter Weges, und ehe ſie zum Kayſerlichen Hof - Lager kommen, angenommen und becomplimen - tiret, auch unter Weges defrayirt. Man logirt ſie zwar nicht in das Kayſerliche ordentliche, ſondern Neben-Hof-Lager, ſo zu Wien die Stall-Burg benennet wird. Sie und ihre Leute werden, ſo lange ſie in dem Kayſerlichen Hof-Lager anweſend, frey gehalten. Man nimmt ſie an der Kayſerin Tafel, wenn der Kayſer auf der Kayſerin SeiteA a 2ſpeiſt,372II. Theil. II. Capitul. ſpeiſt, ſie muͤſſen aber unter allen und ieden Kayſer - lichen Kindern ſitzen.

§. 32. Die Anmeldung zur Audienz bey Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt geſchiehet ebenfalls bey dem Oberſten Caͤmmerer, mit Vermeldung, ob man ei - ne publique oder Privat-Audienz verlange. Die Reverence wird bey publiquen Audienzen auf Spaniſche Art dreymahl, als erſtlich bey dem Ein - gang, in der Mitten, und fuͤr der Eſtade gemacht; Bey Privat-Audienzen aber nur zweymahl, als bey dem erſten Anſehen Kayſerlicher Majeſtaͤt, und dann bey der Empfahung. Bey Darreichung der Kayſerlichen Hand iſt wohl Acht zu haben, daß ſie auf ſelbigem Fall gekuͤſt werde.

§. 33. Die erſte Propoſition geſchiehet beſſer in bloſſen Complimens, was aber uͤber dieſes anzu - bringen, erfolget nach Gelegenheit und Antwort Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt, entweder bey der er - ſten, oder andern, oder letztern Audienz. Bey dem Abgehen werden Reverences gemacht, wie zu erſt bey dem Eingang, es waͤre denn, daß die Audienz zugleich bey der Kayſerin in Beyſeyn einer oder meh - rer Ertz-Hertzoglicher Princeßinnen geſchaͤhe, wo - bey denn die Reverence nicht auf Spaniſcht, ſon - dern nach einer andern beliebigen Weiſe, auch nicht 3 mahl, ſondern nur 2 mahl geſchiehet. Die An - rede wird zwar zufoͤrderſt an Jhro Majeſtaͤt die Roͤmiſche Kayſerin gerichtet, iedoch ſind auch ſo wohl mit dem Compliment als mit der Mine, dieErtz -373Von Viſiten u. Zuſam̃enk. groſſer Herren. Ertz-Hertzoglichen Princeßinnen dabey nicht aus der Acht zu laſſen.

§. 34. Wenn die Fuͤrſten zur Kayſerlichen Ta - fel gezogen werden, welches zwar felten zu geſche - hen pflegt, es muͤſte denn auf dem Lande ſeyn, ſo muͤſſen ſie ſich mit Spaniſchen Reverences naͤhern. Das Aufſtehen geſchicht auch mit dergleichen Re - verences. Nachdem man aufgeſſen, denn pfle - gen die Fuͤrſtlichen Perſonen Kayſerlicher Majeſtaͤt die Servietten abzunehmen.

§. 35. Bey dem Eintritt Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt in Dero Gemach, richtet man ſich mit der Nachfolge oder im Vorangehen, nach dem was Jhro Majeſtaͤt veranlaſſen, ſonſt bleibt man in der Anti-Camera ſtehen.

§. 36. Will ein Fuͤrſt bey der Roͤmiſchen Kay - ſerin Audienz haben, ſo muß er durch einen Cava - lier ſo die Aufwartung hat, um die Anmeldung Anſuchung thun, der denn wieder bey dem Obri - ſten Hofmeiſter anmeldet, bey welchem alsdenn um die Audienz in Jtaliaͤniſcher oder Lateiniſcher Sprache gebeten wird. Bey den Ertz-Hertzog - lichen Princeßinnen geſchiehet die Anmeldung bey dem Hofmeiſter.

§. 37. Die Chur-Printzen bekommen ſchon ein honorifiquer Tractament, ſie ſchicken einen Cavalier zum Kaͤyſerlichen Ober-Hofmeiſter, laſ - ſen Kaͤyſerlicher Majeſtaͤt ihre Ankunfft notifici - ren, und um Audienz anhalten. Der Kaͤyſer ſchickt einen von den Caͤmmerern den Chur -A a 3Prin -374II. Theil II. Capitul. Printzen zu beneventiren, nebſt einigen Caroſſen mit 6. Pferden beſpannt, ſie fahren in den Schloß - Hof ein, werden vom Kaͤyſerlichen Ober-Hof - Meiſter und Hof-Marſchall oberhalb des letzten Abſatzes der unterſten Stiegen, und von dem Obri - ſten Caͤmmerer bey der Anti-Camera empfangen, und in der Kaͤyſerlichen Retirade zur Audienz ge - fuͤhrt.

§. 38. Jn der Anti-Camera werden ſie von dem Kaͤyſerlichen Ober-Hofmeiſter empfangen, und zu ihrer Kaͤyſerlichen Majeſtaͤt in die Retirade be - gleitet, da ſie denn der Kaͤyſer bey der Thuͤre em - pfaͤngt, und ſie nachgehends auf einem Stuhl nie - derſitzen laͤſt. Nach der Audienz fuͤhrt ſie der oberſte Caͤmmerer zu der Kaͤyſerin, die empfaͤngt ſie an der Thuͤre der andern Anti-Camera durch Dero obriſten Hofmeiſter, es wird ihnen ein Stuhl zu ſitzen gegeben, wie bey dem Kaͤyſer.

§. 39. Es wird auch eine Diſtinction gemacht unter den Chur-Printzen, und ihren anderen Her - ren Bruͤdern. Als anno 1717. die beyden Baͤyeri - ſchen Printzen als der Chur-Printz und Printz Ferdinand ſich zu Wien aufhielten, ſo bemerckte man bey ihren Ceremoniellen mancherley Diffe - rentien. Der Chur-Printz ſaß bey allen den hohen Viſiten, und ihm wiederfuhr das Ceremo - niel, welches man gegen die Ambaſſadeurs zu ge - brauchen gewohnt, hingegen Printz Ferdinand hatten ihre Audienzen incognito. Der Chur - Printz logirte im Stratmanniſchen Hauſe, wochesmit375Von Viſiten u. Zuſam̃enk. groſſer Herren. mit Kaͤyſerlichen Koſten und Eſpaliéren auf das praͤchtigſte ausgeziert war, er wurde auch daſelbſt auf Kaͤyſerliche Koſten tractirt, und mit Kaͤyſerli - chen Service bedient. Printz Ferdinand aber hielt ſich in der Behauſung der Chur-Baͤyeriſchen Geſandtſchafft auf. Der Chur-Printz ſpeiſete mit dem Kaͤyſer zu Laxenburg, ſpielte auch mit ihm, Hertzog Ferdinand aber bey dem Kaͤyſerlichen Obriſten Hofmeiſter. S. Elect. Jur. Publ. Tom. XI. p. 93.

§. 40. Die Churfuͤrſten ſelbſt erhalten ein noch honorifiquer Ceremoniel. Sie werden auf das ſolenneſte zur Audienz abgehohlt, ſie haben im Sitzen vor den Chur-Printzen eine Prærogativ, ſie werden von dem Kaͤyſer und ſeinen Miniſtris einige Schritte weiter empfangen und begleitet, zu Wien an die Kaͤyſerliche Tafel mit gezogen, und bey der gantzen Kaͤyſerlichen Familie nach ihrer Dignitæt tractirt.

§. 41. Sie trincken des Kaͤyſers Geſundheit ſte - hend, und neigen ſich gegen denſelben vor und nach dem Trincken gantz tieff, der Kaͤyſer hingegen bleibt ſitzen, und bedancket ſich mit Neigen. Sie ſtehen auf wenn das Confect noch auf der Tafel iſt, und uͤberreichen dem Kaͤyſer bey dem Hand - waſchen die Serviette.

§. 42. Die uͤbrigen gecroͤnten Haͤupter in Eu - ropa wollen den Churfuͤrſten in ihren eigenen Hof - Laͤgern den place d’honeur nicht geben. Denn obſchon die Churfuͤrſten des heiligen RoͤmiſchenA a 4Reichs376II. Theil. II. Capitul. Reichs in Reſpect und Ehren von uhralten Zeiten her den gecroͤnten Haͤuptern gleich geachtet wor - den, auch eine hergebrachte Obſervanz iſt, daß ein Koͤniglicher Geſandter in ſeinem eigenen Logiment den Churfuͤrſtlichen Geſandten bey Viſiten die rech - te Hand giebt, in welcher Betrachtung die Chur - fuͤrſten des Reichs von den Koͤnigen, wenn ſie ſel - bige in ihren Koͤniglichen Haͤuſern beſuchen, den place d’honeur ebenfalls verlangen, ſo haben doch die Koͤnige ſolches nicht eingehen wollen, weil zwi - ſchen einem Koͤnig und Churfuͤrſten dennoch ein Unterſchied waͤre, indem ein Koͤnig ein wuͤrcklich gecroͤntes Haupt, und ein Churfuͤrſt hingegen nur ein vornehmer Printz waͤre, welcher nicht unter die gecroͤnten Haͤupter gezehlt, ſondern nur wegen ſei - ner Dignitæt und Puiſſance den Koͤnigen certo modo agendi gleich geachtet, und naͤchſt ihnen placirt werden koͤnte. Alſo habe der Ungariſche Koͤnig Joſephus I. bevor er noch zum Roͤmiſchen Koͤnig erwehlt worden, in ſeinem eigenen Hauſe den place d’honeur vor allen Churfuͤrſten genom - men, welche ihn beſucht gehabt, und ſind derglei - chen Exempel in der Hiſtorie mehr zu finden. S. Luͤnigs Theatr. Ceremoniell. Tom. I. p. 221.

§. 43. Als der Churfuͤrſt zu Coͤln an. 1706. ſich an dem Koͤniglich Frantzoͤſiſchen Hofe aufhielt, ſo ſagte ihm der vorige Koͤnig in Franckreich: Sie ſolten an dem Koͤniglichen Hofe nicht frembde thun, und dannenhero auch kein Ceremoniel erwarten, weil Sie daſelbſt gleichſam zu Hauſe waͤren. Esraiſo -377Von Viſiten u. Zuſam̃enk. groſſer Herren. raiſonirt aber ein gewiſſer Autor uͤber dieſe Hiſto - riſche Stelle, die er anfuͤhrt, mit guten Grunde, die Complimente haͤtten abſonderlich an den Hoͤfen offtermahls einen ſehr verborgenen Verſtand, und vielleicht haͤtte dieſe in Worten bezeugte Hoͤflichkeit verhindern ſollen, daß Jhro Churfuͤrſtliche Durch - lauchtigkeit ſich keine widrige Gedancken daruͤber machen ſolten, wenn Deroſelben nicht mit ſo viel Ehren-Bezeugungen begegnet wuͤrde, als ein Churfuͤrſt mit Fug prætendiren koͤnnte.

Das III. Capitul. Von den Geſandten.

§. 1.

Die Negotianten koͤnnen in unterſchiedene Claſſen eingetheilt werden. Die ober - ſten unter ihnen ſind die Ambaſſadeurs, welche allenthalben vor den Envoyés ei - nen beſonderen Vorzug haben. (1) Die Envoyés muͤſſen allen Ambaſſadeurs ſie moͤgen eher oder ſpaͤter ankommen als ſie, die erſte Viſite geben, (2) muͤſſen ſie allen Ambaſſadeurs der ſouverainen Haͤuſer, wenn ſchon ihre Principalen geringer ſind als die ihrigen, die Oberhand und den Vorz〈…〉〈…〉 laſ - ſen, (3) den Ambaſſadeurs den Titul Excellenz geben, ſelben aber nicht wieder prætendiren, ſon - dern nur mit dem Prædicat Herr zufrieden ſeyn,A a 5(4) ſich378II. Theil. III. Capitul. (4) ſich begnuͤgen laſſen, wenn ſie bey der Viſite eines Ambaſſadeurs von einen oder etzlichen ſeiner Cavaliers an der Caroſſe, von den Ambaſſadeurs aber an der Thuͤre ihrer Antichambres empfan - gen werden.

§. 2. Nach dieſen kommen die Envoyés, die zu gewiſſen Zeiten und an gewiſſe Hoͤfe abgeſchickt werden, theils zur Erſpahrung der Unkoſten, theils zu Vermeydung einiger Concurrenz und Be - ſchwerlichkeiten mit andern Ambaſſadeurs, theils auch der Religion wegen, weil gar viel Solenni - tæten dabey ein Abgeſandter ſeine Præeminenz an Tag legen kan, die Religion mit touchiren. Beyde ſind wieder ordentliche oder auſſerordent - liche. Die auſſerordentlichen genieſſen einiger be - ſondern Ehren-Bezeugungen, welche die ordent - lichen Geſandten nicht bekommen. Solcher ge - ſtalt werden in Franckreich die auſſerordentlichen Geſandten der Cronen, auf Befehl des Koͤniges, drey Tage lang im Pallaſt der auſſerordentlichen Abgeſandten einlogiret und ausgeloͤſt, welches den ordentlichen nicht wiederfaͤhret, immaſſen ih - nen der Koͤnig weder freye Wohnung noch Aus - loͤſung giebt. S. Calliéres Staats-erfahrnen Ab - geſandten p. 85.

§. 3. Es giebt auch geheime Geſandten, welche nur Privat-Audienzen bey den Puiſſancen bekom - men, mit denen ſie tractiren, und dieſe muͤſſen eben ſo ſicher ſeyn als die oͤffentlichen Miniſtres, und davor erkannt werden, wenn ſie die Creditiv -Schrei -379Von den Geſandten. Schreiben ihrer Herren uͤberreichen, die ihnen ſol - che Qualitæten beylegen. Am Paͤbſtlichen Ho - fe ſind die Legati, Nuntii und Internuntii bekandt. Die Legati â latere ſind iederzeit Cardinaͤle, wel - chen der Pabſt groſſe und ſich weit erſtreckende Vollmachten giebt, um wichtige Geſchaͤffte zu tractiren. Nuntii ſind die ordinairen Geſand - ten der Paͤbſte, Internuntii eine Art Paͤbſtlicher Reſidenten, dergleichen ſich hier und da aufhal - ten; es bleiben auch die Auditeurs der Nuntio - rum offtmahls an verſchiedenen Hoͤfen nach dero Abreiſe als internuntii, ſo lange biß ein ander Nuntius ankommt. S. das VI. und VII. Cap. von des Calliéres Staats-erfahrnen Abgeſand - ten.

§. 4. Die Reſidenten ſind auch Miniſtri publi - ci, allein dieſer Titul beginnet geringer geachtet zu werden nachdem man am Kayſerlichen und Frantzoͤſiſchen Hofe zwiſchen ihnen und den Ge - ſandten einen Unterſcheid gemacht, nichts deſto - weniger bleibt ſolcher noch zu Rom und andern Hoͤfen gebraͤuchlich, wo die Reſidenten eben ſo wie die Geſandten tractirt werden. Jn Teutſch - land ſind ſie nicht von ſo groſſen Anſehen, und giebt es deren unterſchiedene Gattungen. Einige halten die Chur-Fuͤrſten des Reichs beſtaͤndig bey dem Reichs-Hof-Rath, andere die von ſouverai - nen Republiquen abgeſchickt werden, halten ſich in groſſen See - und Handels-Staͤdten auf. So pflegen auch die Reichs-Staͤnde denenjenigen,denen380II. Theil. III. Capitul. denen ſie ihre Correſpondence auftragen, den Titul der Reſidenten beyzulegen.

§. 5. Die Secretarii oder Agenten treiben bey den Hoͤfen die Affairen ihrer Herren; Allein in Franckreich bekommen ſie keine Audienz bey den Koͤnig, ſondern ſie werden nur von den Staats - Secretairs, welchen die auslaͤndiſchen Sachen vertraut, gehoͤret, iedoch wird ihnen nach dem Voͤlcker-Recht der Schutz und die Sicherheit der frembden Miniſtres ertheilt.

§. 6. Es ſtehet nur den ſouverainen Fuͤrſten und Staaten zu, den Character eines Ambaſſa - deurs, Envoye oder Reſidentens zu ertheilen, im - maſſen diejenigen, welchen die Staͤnde eines Lan - des oder einer Stadt-Obrigkeit an ihre Herrſchafft abſchicken, Deputirte genennt werden, und ſind ſie keines weges vor Miniſtri publici anzuſehen. Jn freyen Handels-Staͤdten als zu Hamburg und Luͤbeck hat man Kaufleute, welche ſich den Titul als Commiſſarii gewiſſer Fuͤrſter geben laſſen, allein in der That ſind ſie nichts anders als Factors, und ſolche Leute, denen die Fuͤrſten Commiſſionen ge - ben, dieſes oder jenes vor ſie einzukauffen, ihre Brieffe anzunehmen, ihr Geld durch Wechſel fort - zuſchaffen, u. ſ. w. Der Character eines ieden Abgeſandten wird theils aus ſeinen Creditiv und Vollmacht, theils aus der Agnition und Ehren - Bezeugung deſſen, an welchen er abgeſchickt wird, beurtheilt. Die neuen Nahmen haben bißweilen neue Diſputen erregt. Da alſo die Hollaͤnder zuZeiten381Von den Geſandten. Zeiten ihren Miniſtris, zu Vermeydung der Pracht und des Ceremonien-Weſens, den Nahmen der Extraordinair-Deputirten beygelegt, ſo haben an - dere Puiſſancen nicht gewuſt, wie ſie dieſelben recht tractiren ſolten, weil dieſer Titul an den meiſten Hoͤfen nicht bekandt geweſen.

§. 7. Auf eine geſchickte Wahl der Abgeſandten kommt ſehr viel an, und ziehet man hiebey den Genie des Volcks, oder des Fuͤrſtens an welchen man die Geſandten abſchickt, gerne in Betrach - tung. Zu einer Ambaſſade, die an einen galanten und magnifiquen Hof abgehen ſoll, erwehlet man anſehnliche, galante und junge Leute, die eine gute Parade machen. Zu einem martialiſchen Herrn ſchickt man große Generals ab; zu einen Regenten der ein Liebhaber von Studien, auch in der Litera - tur ſehr erfahren, choiſiret man ſolche, die mit der Klugheit zu leben die Wiſſenſchafften verbunden, ſintemahl groſſen Herren der Vortrag von denen die mit ihnen von gleichen Sentimens ſind, weit lieber iſt als von andern.

§. 8. Wo bey einem turbulenten Zuſtand ei - nes Landes oder Hofes, in auswaͤrtige Miniſtres einig Mißtrauen geſetzt wird, da werden einheimi - ſche den auswaͤrtigen vorgezogen. Alſo wurde an. 1712. in dem Koͤnigreich Pohlen auf dem Reichs - Tage zu Warſchau ausgemacht, daß die aus - waͤrtigen Geſandten an frembden Hoͤfen, insge - ſammt angeſeſſene Landes-Einwohner der Cron Pohlen und des Groß-Hertzogthums Litthauenſeyn382II. Theil. III. Capitul. ſeyn ſolten. S. den IV. Tomum der Electorum juris Publici p. 651.

§. 9. Nebſt der Geſchicklichkeit erwegt man auch den Stand und Character derjenigen, die man zur Verſchickung gebrauchen will, und pflegt man nicht leichtlich an ſehr hohe Regenten / Leute von geringer Condition abzuſchicken, es muͤſten deñ andere, die man dazu nehmen koͤnnte, ermangeln, oder ihre groſſe Faͤhigkeit ihren geringern Stand erſetzen. Wollen es einige nicht wohl aufnehmen / daß man ſolche die von keiner illuſtren Naiſſance waͤren, an ſie abgeordnet, ſo laſſen die anderen bißweilen zur Antwort hinterbringen, daß ſie bey ihrem Abgeſandten mehr auf die Faͤhigkeit als auf die Geburt ſaͤhen.

§. 10. Mehrentheils werden an groſſen Hoͤfen vornehme Standes-Perſonen und hochcharacteri - ſirte Miniſtri zu Abgeſandten erwehlet, iedoch nicht leichtlich, aus beſondeꝛen rationibus politicis, Fuͤrſt - liche Anverwandten dazu genommen. Es war daher etwas beſonders, daß anno 1694 bey der Vermaͤhlung des Churfuͤrſten von Baͤyern mit der Polniſchen Princeßin, Printz Jacob der Braut Bruder, mit der Bewilligung des Koͤnigs und Churfuͤrſtens von Baͤyern, die Qualitæt eines Ab - geſandten am Tage der Vermaͤhlung uͤbernom - men, weil der Polniſche Hof keine Ambaſſade von den Churfuͤrſten von Baͤyern, als der kein ſouve - rainer Herr waͤre, annehmen wolte. S. Connors Beſchreibung des Koͤnigreichs Pohlen p 237.

§. 11.383Von den Geſandten.

§. 11. Bey manchen Handlungen werden 2. biß drey Abgeſandte erwehlt, damit bey des einen Unpaͤßlichkeit die Stelle alſofort durch den andern wieder erſetzt ſey, oder der eine dem andern, in dem - jenigen was ihm fehlt, aſſiſtiren moͤge. Alſo iſt mancher in Studiis treflich verſirt, und hat eine ſehr genaue Erkaͤnntniß des Negotii welches er tractiren ſoll, es fehlt ihm aber an einem und an - dern Hof-Manieren, an der Politeſſe und Galan - terie. Demnach muß derjenige, der das Haupt - Werck tractirt, in einigen Puncten die zum Neben - Werck gehoͤren, Lehre und Unterricht von dem andern annehmen.

§. 13. Sie negociiren ſchrifftlich oder muͤnd - lich. Die erſte Art iſt an den Koͤniglichen und Fuͤrſtlichen Hoͤfen gewoͤhnlicher, die andere hin - gegen wird mehr gebraucht, wenn man mit Re - publiquen oder in gewiſſen Verſammlungen tra - ctirt, als da ſind die Reichs-Taͤge im Roͤmiſchen Reiche, die Tageſatzung der Schweitzer, die Con - ferenzen wegen der Friedens-Schluͤſſe und an - derer Zuſammenkuͤnffte, u. ſ. w.

§. 13. Bey ihren Geſandſchaffts-Affairen muͤſ - ſen ſie das Miniſterium des Hofes, an dem ſie re - ſidiren, ſich zu Freunden machen, mit auswaͤrtigen Miniſtris an daſigem Hofe fleißig converſiren, mit ihrer Principalen an auswaͤrtigen Hoͤfen befindli - chen Miniſtris von Zeit zu Zeit Brieffe wechſeln. Sie muͤſſen durch allerhand Leute, von allem unver - merckte Nachricht einziehen, damit ihnen nicht diegeringſte384II. Theil. III. Capitul. geringſte Gelegenheit, wodurch ſie ihres Principa - len Intereſſe befoͤrdern koͤnten, aus den Haͤnden gehe; ſie muͤſſen ein richtig Diarium halten, in welches ſie alles was bey ihren Audienzen, Viſiten und Reviſiten, ſolennen Feſtins, Promenaden u. ſ. w. merckwuͤrdiges vorgefallen, einzeichnen, und zugleich ein accurat Protocoll fuͤhren, darein ſie die zu den Staats - und Geſandſchaffts-Ver - richtungen gehoͤrigen Acta, auch auf was vor Art dieſes oder jenes debattirt und geſchloſſen worden, treulichſt eintragen. Jnſonderheit muͤſſen ſie ſich auch bey den Solennitaͤten an den Hoͤfen, wo ſie ſich aufhalten, und bey allerhand froͤlichen und traurigen Begebenheiten mit einſtellen, es muͤſte denn wegen des Ceremoniels eines und das ande - re noch nicht recht ausgemacht ſeyn.

§. 14. Das Pouvoir und Anſehen der Geſand - ten wird aus ihrem Creditiv erkandt. Wird ih - nen in dem Creditiv nur der Titul der Gevollmaͤch - tigten gegeben, ſo weigern ſich oͤffters die andern ihn vor einen Abgeſandten zu erkennen, und ſetzt es bißweilen viel Diſputen, ob einer vor einen accredi - tirten Miniſter zu halten ſey, oder nicht? An ei - nigen Hoͤfen iſt gebraͤuchlich, daß die Ceremonien - Meiſter oder Introducteurs des Ambaſſadeurs das Creditiv ſehen muͤſſen, und wo es eingefuͤhrt, da duͤrffen ſich die Ambaſſadeurs nicht entbrechen ſolches in copia zu weiſen. Die Expreſſiones ſind nach dem Unterſchied der Ambaſſadeurs, Envoyés, Plenipotentiaires, Secretairs u. ſ. w. unterſchie -den,385Von den Geſandten. den, doch kommen ſie alle darinnen uͤberein, daß der Fuͤrſt der einen Miniſter oder Bedienten abſchickt, den andern erſucht, ſeinen Abgeſchickten vollkom - men Glauben zuzuſtellen. Jn dem Creditiv eines Ambaſſadeurs ſtehen die Worte: Ewre Majeſtaͤt wollen dieſem unſern Miniſter gleich uns ſelbſt auf - und annehmen, wie wir ihm dann die Macht er - theilet, ſich aller uns zuſtehenden Prærogativen und Gerechtigkeiten zu bedienen.

§. 15. Bevor ſie ihre Reiſe antreten, werden die noͤthigen Pasporte zu ihrer Sicherheit ausgefer - tiget, ingleichen Inſtructionen aufgeſetzt, zu denen ſie ihre Zuflucht nehmen koͤnnen, um ihrem Ge - daͤchtniß dadurch zu helffen, und ihre Auffuͤhrung darnach einzurichten. Jn Pohlen pflegt der Senat mit den Koͤniglichen Staats-Miniſtris zu uͤberle - gen, nebſt Zuziehung des Reichs-Tags-Mar - ſchalls, wohin die Geſandſchafft zu ſchicken noͤthig, und die Cron - und Litthauiſche Cantzley pflegt die gehoͤrigen Inſtructionen hierauf zu expediren.

§. 16. Bey ſolennen Ambaſſaden wird ihnen eine anſehnliche Suite mit gegeben von Cavalieren, Secretairs, Cantzley-Bedienten, Stallmeiſtern, Pagen, Laquayen und andern Bedienten, die ih - nen zu ihren Verrichtungen, in ihrem Hauſe, und bey ihrer Tafel noͤthig ſind. Die Geſandſchaffts - Cavaliers muͤſſen in den Vorgemaͤchern aufwar - ten, die Fremden welche mit den Ambaſſadeurs ſprechen wollen, und nicht bald vorgelaſſen werden koͤnnen, mit Diſcourſen zu unterhalten, die ViſitenB bund386II. Theil. III. Capitul. und Complimens bey andern Ambaſſadeurs an - zunehmen und abzuſtatten, ihre Tafeln zu bedienen, ihre Gemahlinnen in die Kirche, an die Tafel u. ſ. w. zu fuͤhren.

§. 17. Jn ihren Quartieren, in ihrer Equipage, und bey ihrer Tafel muͤſſen ſie ſich ſo auffuͤhren, daß es ihren Principalen nicht zu einiger disrenommée gereiche. Sie muͤſſen auch bey ihrer Parade eine gleiche Auffuͤhrung beobachten, damit ſie nicht praͤchtig anfangen, und hernach ſchlecht beſchlieſ - ſen. Alſo ſollen bey dem Weſtphaͤliſchen Frie - dens-Congreſs ihrer viele mit exceſſiver Pracht angefangen haben, die aber im Fortgang trefflich nachgelaſſen, und bey dem Schluß ſich gar ſchlecht aufgefuͤhret. Daher man auch von dieſer Abwech - ſelung Schertz-weiſe zu ſagen pflegen, es haͤtten ſich auf dem Weſtphaͤliſchen Friedens-Congreſs die 4 poëtiſchen Secula præſentiret, nemlich (1) das Aureum, (2) Argenteum, (3) Stanneum, und (4) das Plumbeum.

§. 18. Bey manchen Hoͤfen, bey manchen Voͤl - ckern, und bey manchen Handlungen iſt eine beſon - dere Magnificenze und Freygebigkeit vor andern noͤthig. Wenn z. E. ein Abgeſandter auf die Wahl eines Koͤniges in Pohlen geſchickt wird, ſo muß er eine groſſe Figur machen, offene Tafel hal - ten, viel Geld aufwenden, und anſehnliche Geſchen - cke austheilen, daß die auf dem Wahl-Tag ver - ſammleten Staͤnde nicht etwan den Schluß ma - chen: wenn ſie nur den geringſten Argwohn eini -ger387Von den Geſandten. ger Spahrſamkeit oder Kargheit bekaͤmen, daß der Principal eines ſolchen Ambaſſadeurs ein ar - mer und unvermoͤgender Herr ſeyn muͤſte, ſie wuͤr - den ſich nachgehends ſchwerlich entſchluͤſſen, den - ſelben, oder denjenigen den er vorgeſchlagen, auf den erledigten Thron zu ſetzen. Sie muͤſſen ihre Freygebigkeit nicht auf einmahl erweiſen, ſondern allmaͤhlich nach und nach, damit ſie nicht auf die Hinter-Fuͤſſe treten, wenn ſie ſetzen daß nichts mehr zu hoffen.

§. 19. Die Ceremonien, womit man den ab - geſchickten Miniſtris zu begegnen pflegt, machen ein nothwendig Stuͤck der Ambaſſaden aus; und alſo muͤſſen ſie vorher, theils an ihrem Hofe von dem ſie verſchickt werden, theils auch von den auswaͤrtigen Miniſtris des Hofes, die mit ihnen in gleichem Ran - ge ſind Erkundigung einziehen, was darinnen ge - braͤuchlich ſey, damit ſie nicht mehr verlangen als ihnen zukommt, und von andern auf eine ungebuͤhr - liche und laͤcherliche Weiſe prætendiren. Jn Dennemarck kam anno 1642 zu Coppenhagen ein Moſcowitiſcher Geſandter an, mit dem man des Ceremoniels halber mehr zu thun hatte, als der Handlung ſelbſt wegen. Da nun der Koͤnig bey der ſolennen Audienz, in der groͤſten Pracht auf dem Thron ſitzend, den Hut aufbehielt, ſo hielt der Abgeſandte, da er angefangen zu reden, und auf den Titul ſeines Principalen kommen, innen, und bath den Koͤnig, er moͤchte doch aufſtehen und den Hut abnehmen, er wolte den Titul ſeines HerrnB b 2reci -388II. Theil. III. Capitul. recitiren. Wie nun der Koͤnig ſich uͤber dieſes ſeltzame Begehren hoͤchlich verwunderte, ſo wand - te der Abgeſandte vor, es waͤre ſo braͤuchlich, ſein Herr der Czaar haͤtte es auch ſo gemacht, wie der Daͤniſche Geſandte in Moſcau des Koͤnigs in Den - nemarck Titul hergeſagt. Darauf denn der Koͤ - nig aufgeſtanden, ſich aber bald wieder niederge - ſetzt, und die Propoſition, iedoch mit bedecktem Haupt, angehoͤret.

§. 20. Den Abgeſandten wird vor ihrer Abrei - ſe von ihren Durchlauchtigſten Principalen die Ge - neral-Ordre mitgetheilet, daß ſie ihren Herrſchaff - ten in den Ceremoniellen zwar nichts vergeben, aber auch nichts præjudicirlich verhaͤngen, iedoch mit aller erſinnlichen Præcaution vermeiden ſollen, damit nicht ein gewiſſer Paſſus zu ihrer Herrſchaff - ten Desavantage zu einiger Contradiction etwan ausſchlage. Faͤlt ihnen bey dem Ceremoniel in einen und dem andern etwas bedencklich vor, ſo er - kundigen ſie ſich bey ihren Principalen, wie ſie ſich hierbey verhalten ſollen, und bekommen ſodann we - gen dieſer Puncte neue Inſtructionen.

§. 21. Es geſchehen oͤffters bey dem Ceremo - niel-Weſen Veraͤnderungen, wenn mit der Re - genten eine Veraͤnderung vorgehet, und ſetzet es denn bey der Einfuͤhrung der neuen Ceremonielle allezeit Diſputen, weil ſich keiner von den Geſand - ten darnach accommodiren, noch von demjenigen ſo bißher eingefuͤhrt geweſen, abgehen will. Incli - niren nun einige Geſandten vor ihre Perſonen ſelbſtzum389Von den Geſandten. zum Ehrgeitz, ſo formiren ſie bißweilen ſo wunder - liche und ſeltzame Prætenſionen, die nimmermehr koͤnnen eingegangen werden, und dadurch dem Haupt Werck ein groſſer Aufhalt zugefuͤget wird.

§. 22. Bißweilen halten ſich die Ambaſſadeurs an einem Hofe eine Zeitlang als Privat-Perſonen auf, und unterreden ſich auf ſolche Weiſe mit den andern, ohne daß ſie mit einem Ceremoniel ange - nommen und nach Hofe gefuͤhret werden. So bald ſie ſich aber oͤffentlich ſehen laſſen, und ihre Ankunfft notificiren, werden ſie ſolenniter ange - nommen und nach Hofe gefuͤhret, ſie nehmen auch ſodann oͤffentliche Viſiten an, und ſtatten derglei - chen wieder ab. Sie vermeiden auch dadurch manchen Zeitverluſt und Weitlaͤufftigkeit im Ce - remoniel, wenn ſie den ſaͤmmtlichen Geſandten bey ihrer Verſammlung eine Haupt-Veraͤnderung ih - res Hofes, die ſie alle zuſammen concernirt, noti - ficiren. Alſo notificirte der Miniſter Mediationis, auf dem Friedens-Congreſs zu Ryßwick, das Ab - ſterben ſeines Principalen des Koͤnigs in Schwe - den Caroli IX. in pleno Conſeſſu, und empfieng darauf zugleich die Condolenz-Complimens, Haͤtte er es einem ieglichen in ſein Quartier ver - melden laſſen, ſo waͤre auch ſodann ein ieder ver - bunden geweſen, ihm die Condolenz a part abzu - ſtatten; es waͤre aber damit ſehr viel Zeit verdor - ben worden. S. Luͤnigs Theatr. Ceremon. T. I. pag. 937.

B b 3§. 23.390II. Theil. III. Capitul.

§. 23. Nachdem die Principalen und Puiſſamcen in guten Vernehmen mit einander ſtehen, oder auch nachdem ſie etwas negociren, ſo dem Hofe an dem ſie abgeſchickt werden, vortheilhafft und ruͤhmlich iſt, nach dem wird ihnen auch an demſel - ben Hofe mehr oder weniger honorifique begeg - net. Alſo wird ihnen an manchem Hofe eine extraordinaire Ehre angethan, wenn ſie z. E. einen ſehr avantageuſen Allianz-Tractat ſchluͤſſen.

§. 24. Sie prætendiren meiſtentheils an Cere - moniellen dasjenige, was ihnen oder ihren Vor - fahren ehedem begegnet, ſie bekommen aber auch gar oͤffters die Replique, es waͤre damahls aus Un - wiſſenheit geſchehen. Wollen ſie ſich auf dasje - nige beruffen, was den andern, die mit ihnen in gleicher Dignitæt ſtehen, zugetheilt worden, ſo wird etwan eine nahe Bluts-Freundſchafft, die hierin - nen einen Unterſchied zu wege braͤchte, vorgeſchuͤtzt, oder man ſuͤhrt auch an, daß man ihnen bey einer andern Occaſion dasjenige, was man ihnen bey jenen Fall zu viel gegeben, wieder genommen haͤtte.

§. 25. Die Reſidenten der hoͤhern Puiſſancen haben offters Rang-Streit mit den Envoyés der geringern, und verlangen eben das auch wohl bißweilen noch mehr als ſie. Daferne ein Hof, einen Ambaſſadeur eines Hofes, der mit den an - dern in gleicher Dignitæt ſteht, im Range mehr fa - voriſirt, ſo pflegt der andere Hof hernach nicht ei - nen Ambaſſadeur, ſondern nur einen Envoyé ab -zuſchi -391Von den Geſandten. zuſchicken. Alſo iſt ſeit der Regierung Caroli V. an dem Frantzoͤſiſchen Hofe kein Kaͤyſerlicher Am - baſſadeur geſehen worden, wie denn beyderſeits l’uiſſancen nur Envoyés einander zugeſchickt, weil man am Kaͤyſerlichen Hofe dem Spaniſchen Am - baſſadeur im Range einen Vorzug gegoͤnnt, und daher Franckreich lieber einen Envoyé nach Wien geſchickt, welches denn vom Kaͤyſer wieder ſo beob - achtet worden. Nachdem aber dieſe Urſache ces - ſirt, und der Kaͤyſer wegen der Prætenſion auf Spanien, ſich zugleich einen Koͤnig von Spanien ſchreibt, von dem Duc d’Anjou aber kein Geſand - ter vorhanden, und daher dieſerhalb kein Rang - Streit entſtehen koͤnnen, ſo haben der Koͤnig in Franckreich ſeit dem Raſtadter und Badeniſchen Frieden, den Grafen von Luc Dero Ambaſſadeur nach Wien, Jhro Kaͤyſerliche Majeſtaͤt aber den Herrn Grafen von Koͤnigseck in gleicher Qualitæt nach Paris geſchickt, welcher anno 1718 den 28 Octobr. ſeinen ſolennen Einzug daſelbſt gehal - ten.

§. 26. Vermuthen die groſſen Herren, daß ih - ren Geſandten bey dem Ceremoniel-Weſen in ei - nen und dem andern eine Difficultæt erreget wer - den moͤchte, und es iſt ihnen doch an Beſchleuni - gung der Sache und des Negotii gar viel gelegen, ſo pflegen ſie zu einer Cautel ihre Geſandten mit doppelten Credenz-Schreiben zu verſehen, die theils auf Ambaſſadeurs, theils auf Envoyes ein - gerichtet. Jn einigen Reichen iſt was beſonders,B b 4daß392II. Theil. III. Capitul. daß ſie ihre Creditive nicht allein von den Koͤnigen, ſondern auch von den vornehmſten Officianten des Reichs erhalten. Die Schweitzeriſchen Geſand - ten bekommen nicht allein ein General-Creditiv von den ſaͤmmtlichen 13 Cantons, ſondern auch von einem ieden Canton eines ins beſondere.

§. 27. Einige Rang-Streitigkeiten der Geſand - ten wegen des Vorſitzes, wegen gewiſſer Schritte die ſie einander entgegen gehen, oder ihrer Cava - liers, welche ſie einander entgegen ſchicken ſollen, involviren gar nichts reelles, bringen auch einer Puiſſance keinen, oder doch keinen ſonderlichen Præ - judiz zuwege.

§. 28. Jn Teutſchland haben die Churfuͤrſten mit den Reichs-Fuͤrſten iederzeit einige Diſputen gehabt ihrer Abgeſandten wegen, und dieſerwegen Jhro Kaͤyſerliche Majeſtaͤt angegangen. Anno 1688 ſchrieb das Churfuͤrſtliche Collegium auf den Reichs-Tag zu Regenſpurg an den Kaͤyſer Leopoldum, und erſuchte Seine Majeſtaͤt Dero neuen Principal-Commiſſario daſelbſt, Herrn Marggrafen Herrmann zu Baden-Baden ge - meſſen zu inſtruiren, daß er auf dem Reichs-Tage in den Ceremoniel zwiſchen den Chur - und Fuͤrſt - lichen Abgeſandten einen notablen Unterricht be - obachten moͤchte.

§. 29. Die Churfuͤrſten haben ſich in ihren Ca - pitulationen mit den Kayſern gute Jura ihrer Ge - ſandten wegen bedungen. Alſo iſt ſo wohl in den vorigen als in der letztern Wahl-Capitula -tion393Von den Geſandten. tion des ietzigen Roͤmiſchen Kayſers Caroli VI. §. 4. ausgemacht, daß die Churfuͤrſtlichen Geſand - ten aller andern auswaͤrtigen Republicken Ge - ſandten und auch den Fuͤrſten in Perſon ohne Un - terſchied vorgehen, und unter ihnen nehmlich den Fuͤrſtlichen Geſandten primi Ordinis, es moͤgen auch deren mehr als einer ſeyn, weder an den Kay - ſerlichen Hofe, noch ſonſt aller Orten, in und auſſer dem Reiche einige Diſtinction mehr gemacht, ſon - dern allen und jeden gleiche Honneur in allen wie den Koͤniglichen Geſandten gegeben werden ſoll. S. Art. III. Capit. Caroli VI. §. 4.

§. 30. Die Fuͤrſtlichen haben zwar um gleiche Jura Anſuchung gethan, derſelben aber biß dato noch nicht theilhafftig werden koͤnnen. Einige von den anſehnlichſten Reichs-Fuͤrſten haben zu unterſchiedenen mahlen Jhro Roͤmiſche Kaͤyſerli - che allergehorſamſt erſucht, es durch ihre Coopera - tion dahin zu bringen, damit ihnen und den Mini - ſtres der andern Reichs-Fuͤrſten auf den Frie - dens-Congreſſen das Prædicat Ambaſſadeur ge - geben werden moͤchte, wenn ſie ihre Gevollmaͤch - tigten dahin ſchickten. Jhro Kayſerliche Majeſtaͤt haben hierauf iederzeit verſichert, ihres Theils ger - ne zu cooperiren, damit den Reichs-Fuͤrſten ihr geziemender Reſpect, Hoheit und Prærogativ den Herkommen nach, aufrichtig und ungekraͤnckt er - halten wuͤrde.

§. 31. Bey dem Ceremoniel-Weſen iſt auch das Fahren mit 2. 4. 6. oder 8. Pferden wohl in Be -B b 5trach -394II. Theil. III. Capitul. trachtung zu ziehen, ſintemahl es die Natur des Ceremoniels dergeſtallt angenommen, daß daruͤ - ber ie und zuweilen Streit entſtanden. S. das ſtreitige Fahren mit 6. Pferden reſpectu der Graͤf - lichen Subdelegirten zu Wetzlar, in den V. Tomo der Electorum juris Publici p. 417.

§. 32. Wenn die Geſandten von einigen Oer - tern ankommen die wegen der Peſt verdaͤchtig ſind, ſo muͤſſen ſie in einem Land - und Garten-Hauſe etwan ein 14 Tage oder 4 Wochen Guarantaine halten, ihre Bagage zu einigen mahlen luͤfften laſ - ſen, und duͤrffen inzwiſchen keinen Brief an Hof abſchicken, er muͤſte denn vorher wohl durchraͤu - chert ſeyn, iedoch wird ihnen alles noͤthige an Er - friſchungen, Speiſe und Getraͤncke, u. ſ. w. zuge - ſchickt.

§. 33. So bald ſie ankommen werden ſie in die Palais, die zur Aufnahme der Geſandſchafften de - ſtinirt ſind, einlogirt; ſie halten ſich mehrentheils ſo lange incognito auf, biß ſie zu Ehren ihres Principals ihre gantze Equipage in Ordnung ge - ſetzt. Nach der Beſchaffenheit der Gelder, die ſie zu ihrer Geſandſchafft bekommen, und nach der Vorſchrifft, die ihnen hieruͤber von ihren hehen Herrſchafften ertheilt werden, machen ſie eine groͤſ - ſere oder geringere Figur; iedoch muͤſſen ſie auch alles ſo einrichten, daß ſie ſelbſt und ihre Souve〈…〉〈…〉 ins keine deshonneur davon haben.

§. 34. Sie laſſen uͤber die Portale der Haͤuſer und Palais in denen ſie logiren gemeiniglich dieWapen395Von den Geſandten. Wapen ihrer Koͤniglichen, Churfuͤrſtlichen oder Fuͤrſtlichen Herrſchafften aufrichten, damit man ſie deſto geſchwinder finden moͤge, und ihren Haͤu - ſern der gehoͤrige Reſpect erzeiget werde. Die aber an demſelben Orte eigene Haͤuſer haben, oder doch lange Zeit gemiethete Quartiere beſitzen, un - terlaſſen es; Sie laſſen die Wapen auch nicht eher aufrichten, biß ſie von allen vor accreditirte Miniſtres oͤffentlich erkandt worden.

§. 35. Jhre Zimmer, inſonderheit die Audienz - und Parade-Zimmer, laſſen ſie auf das properſte ausmeubliren. Jn den Audienz-Zimmern ſie - het man mehrentheils das Portrait ihres Durch - lauchtigſten Committentens in Lebens-Groͤſſe, und uͤber denſelben einen Baldachin von Sammet oder Drap d’Or. Vor dieſes Bild muß ein ieder Reſpect haben, und darf man ihn nicht leichtlich den Ruͤcken zukehren, oder es mit aufgeſetzten Hut betrachten, will man nicht von denen die dieſes ge - wahr werden, vor unhoͤflich angeſehen werden.

§. 36. Jedoch duͤrffen ſich die Gemahlinnen der Abgeſandten nicht unterſtehen, in ihren Zimmern dergleichen Dais zu haben. Es hat alſo alle ge - wundert, daß die Gemahlin des Schwediſchen Mediateurs-Miniſtri bey den Ryßwickiſchen Frie - dens-Schluß, in ihren Apartement einen Dais gehabt, da doch der junge Koͤnig in Schweden Carl der XII. keine Gemahlin hatte, deren Perſon ſie haͤtte koͤnnen vorſtellen, und auch keine Ambas - ſadrice ſich mit einer Vollmacht legitimiren kan,es396II. Theil. III. Capitul. es hat es ihr auch keine nachgethan. S. Luͤnigs Theatr. Cerem. T. I. p. 142.

§. 37. Sie haben ihre beſondern Tafeln. Als zum erſten die Geſandten-Tafeln, daran ihre Fa - milie, groſſe Herren und vornehme Miniſtri mit ſpeiſen; zum andern die Marſchalls-Tafel, die vor die Geſandſchaffts-Cavaliere, Legations-Secre - tairs, und andere dergleichen deſtiniret iſt; und denn hernach die unterſchiedenen Bey Tiſche der geringern Bedienten. Dieſe letztern bekommen bißweilen Koſt-Geld, und werden gar nicht geſpei - ſet; Und dieſes alles dependirt von der Reglement des Hofes.

§. 38. Wenn ſie nicht viel Geſandſchaffts-Ca - valiers, oder Domeſtiquen von Hauſe mitgenom - men, ſo finden ſich allenthalben Leute genug, die ſich bey der Ambaſſade, um Sicherheit zu genieſſen, unter ihre Protection begeben, und ihnen inzwi - ſchen Dienſte und Aufwartung leiſten. Jnſon - derheit nehmen ſie an den ſolennen Taͤgen, als bey ihren Einzuͤgen, ingleichen bey den oͤffentlichen Au - dienzen, eine groſſe Menge Pagen und Laquais an, die ſie auf das praͤchtigſte kleiden laſſen, und nach - gehends wieder dimittiren. Sie geben bißweilen drey koſtbahre und von einander unterſchiedene Li - bereyen, als eine bey dem Einzuge, und nachge - hends zwey bey den beſondern oͤffentlichen Au - dienzen.

§. 39. Bey der Reception der Abgeſandten wird ſo wohl als bey den andern Stuͤcken des Ce -remo -397Von den Geſandten. remoniels ein Unterſchied gemacht, ob es Kayſer - liche, Koͤnigliche, Chur-Fuͤrſtliche, Fuͤrſtliche, oder Reichs-Graͤfliche Geſandten, ingleichen ob ſie von alten oder neuen Haͤuſern, von regierenden oder apanagirten Herren abgeſchickt werden. Bißwei - len halten ſie einen ſehr praͤchtigen und ſolennen Einzug, zuweilen aber ſtellen ſie ſich ohne derglei - chen Solennitaͤt in der Stille ein.

§. 40. An einigen Koͤniglichen Hoͤfen, als wie Franckreich, laſſen die Ambaſſadeurs ihre Ankunfft den ſo genannten Introducteurs des Ambaſſadeurs und den Staats-Secretairs ſo die auslaͤndiſchen Affairen dirigiren, zu wiſſen thun, die es ſofort dem Koͤnige notificiren, und von ihm Befehl erwarten, auf was vor Art ſie die Ambaſſadeurs empfangen ſollen. Es werden dieſelben auf unterſchiedene Weiſe tractirt, entweder nachdem es hergebracht, oder nachdem man vor ihre Souverains Egard hat. Man hat an den meiſten Hoͤfen gewiſſe Regle - mens, auf was vor Art die Ambaſiadeurs einge - holet, bewillkommet, empfangen und tractirt wer - den ſollen.

§. 41. Es muͤſſen ſich die Geſandten, bevor man ihnen als oͤffentlich-accreditirten Miniſtris die ge - woͤhnliche Honneur erzeigt, durch ihre Credentia - les legitimiren. Alſo wurde a. 1717 der Fran - tzoͤſiſche Miniſtre Conte de Gergy, als Abgeſand - ter in Comitiis zu Regenſpurg nicht eher pro legi - timato erkandt, als biß derſelbe ſeine Credentiales in Lateiniſcher oder Teutſcher Sprache uͤbergeben,oder398II. Theil. III. Capitul. oder ſeinem Original ein Transſumt beygelegt. S. Elect. Jur. Publ. Tom. X. p. 950.

§. 42. Die Ankunfft der Geſandtſchafften wird von der Zeit der Arrivée des erſten Geſandten an - gerechnet. Die Notification der Ankunfft ge - ſchicht durch einen Cavalier. Die Geſandſchafft laͤſt en corps notificiren, doch geſchicht ſolche No - tification einem ieden Miniſtre der Geſandſchafft. Das Gegen-Compliment wird gleichfalls von der gantzen Geſandſchafft abgeſtattet. Es geſchiehet dieſe Notification allen anweſenden Miniſtris, de - ren Principalen mit den ihrigen in keinem Kriege, oder offenbahrer Feindſeligkeit verwickelt ſind.

§. 43. Wenn die ankommenden Geſandten den anweſenden ihre Ankunfft notificirt, ſo bekommen ſie von ihnen die Viſite. Kommt aber ein gerin - gerer an, ſo giebt er denen die hoͤher ſind als er die erſte Viſite. Es geſchicht zuweilen, daß auch hoͤ - here denen niedern ihre Ankunfft andeuten, und gleichwohl pflegen alsdenn die geringern die hoͤhern zum erſten zu beſuchen, wenn ſie nicht ſtricte ver - fahren wollen; ſonſt iſt in der Viſite kein Unter - ſchied, und die Ambaſſadeurs notificiren auch de - nen Envoyes ihre Ankunfft, wenn ſie wollen be - ſucht werden.

§. 44. Bißweilen wird ein gewiß Concer ge - macht, wie es mit den Viſiten und Reviſiten gehal - ten werden ſoll, damit alle Diſputen, ſo viel als moͤglich, vermieden werden. Manchmahl wird eine Viſite verzoͤgert, wenn ein Geſandter z. C. ſei -nen399Von den Geſandten. nen Einzug incognito gehalten, und er noch nicht recht weiß, was er vor einen Character annehmen werde.

§. 45. Die Viſiten und Reviſiten werden ſine præjudicio ordinis gegeben, und angenommen, nachdem man ſich fruͤher oder ſpaͤther anſagen laͤſt. Laͤſt ſich die Geſandſchafft in corpore anmelden, ſo muß das Anmelden durch einen Cavalier ge - ſchehen, und die gefaͤllige Stunde von dem andern, der die Viſite bekommt, vorgeſchrieben werden. Wenn aber bey den nachfolgenden Viſiten nur ein Geſandter den andern en particulier beſucht, ſo iſt es genug wenn ein Page oder Laquay das Anmel - den verrichtet.

§. 46. Die Viſiten geſchehen mit ſo viel Kutſchen als ein Geſandter will. Zuweilen ſind die Viſitati nicht zufrieden, wenn die Vifitantes nicht in den ge - hoͤrigen Caroſſen mit 6 Pferden, ſondern nur in ei - nigen Lehn-Waͤgen mit zwey Pferden erſcheinen. Sind die Geſandten alſo logirt, daß man in den Hof fahren kan, ſo faͤhrt bloß die Caroſſe darin - nen die Geſandten ſitzen, in den Hof, die uͤbrigen aber in denen die Geſandſchaffts-Cavaliers ſitzen, bleiben drauſſen.

§. 47. Die Viſitati empfangen die Viſitantes unten an der Caroſſe entweder ſelbſt, oder durch ih - re Cavaliers, und laſſen ihnen im Gehen, Sitzen und Eintritt in die Zimmer die Oberhand, doch daß dem Parade-Stuhl nicht gaͤntzlich der Ruͤcken zu - gekehret werde. Die Cavaliers und Pagen desViſi -400II. Theil. III. Capitul. Viſitati und Viſitantis halten ſich inzwiſchen in den Vorgemaͤchern auf.

§. 48. Bevor ſie die Viſiten ablegen wollen, erkundigen ſie ſich zuvor genau, auf was vor Art ſie von den andern werden empfangen und tracti - ret werden; wenn ſie vorher mercken daß ihnen das Ceremoniel nicht recht anſtaͤndig ſeyn moͤchte, ſo laſſen ſie auch wohl die Viſiten gar unterweges. Es werden aber mehrentheils, durch Vermittelung anderer, Temperamente hierbey ausgefunden, und wo ſie der Conjuncturen wegen nothwendig mit einander zu reden haben, ſo abſtrahiren ſie von allen Ceremonien, und beſuchen nur einander pri - vatim.

§. 49. Die abgehenden Miniſtri, Ambaſſa - deurs, Envoyés u. ſ. w. geben die erſte Abſchieds - Viſite an die bleibenden, ungeachtet die abgehen - den hoͤher ſind, und empfangen hernach von den bleibenden die Gegen-Viſite. Die Ambaſſadeurs geben in ihren Hauſe den geringern Charactérs die rechte Hand nicht, doch ſetzen die geringern den Hut auf. Die erſten, andern, oder dritten Ge - ſandten haben mehrentheils ein gleiches Tracta - ment zu erwarten; Sie nennen einander Jhro Ex - cellenz, iedoch ſetzt es nicht ſelten Diſputen wegen der Abgeſandten der kleinern Puiſſancen. Man - che wollen dieſen Titul zwar den erſten Haupt - Geſandten geben, verweigern ihn aber den andern und dritten.

§. 50.401Von den Geſandten.

§. 50. Wo ſie mißtrauiſch gegen einander, da obſerviren ſie einander alle Tritte und Schritte die ſie thun, die Haͤuſer in denen ſie ſich aufhalten, die Leute mit denen ſie umgehen, die Expreſſen die ſie erhalten, und abſchicken, um ihre Meſſures dar - nach zu nehmen.

§. 51. Ob zwar die Geſandten der Fuͤrſten ein - ander nicht beſuchen ſo lange der Krieg waͤhret, ſo begegnen ſie doch einander gantz hoͤflich, wann ſie am dritten Orte zuſammen kommen, immaſſen der Krieg die Regeln des Wohlſtandes und der Hoͤf - lichkeit nicht aufhebt. Werden ſie zu einer gewiſ - ſen Solennitæt, Gaſterey oder Aſſemblée einge - laden, ſo erkundigen ſie ſich genau, was vor Ge - ſandte daſelbſt zugegen ſeyn moͤchten, damit ſie be - urtheilen, wenn ihnen die Geſellſchafft nicht recht anſtaͤndig waͤre, ob ſie kommen, oder ſich entſchul - digen ſollen. Sie ziehen nicht allein wegen der daſelbſt befindlichen Geſandten Nachricht ein, ſon - dern auch wegen der andern Standes. Perſonen, indem einige im Range ſo weit gehen, daß ſie auch uͤber die apanagirten Printzen den Rang ver - langen.

§. 52. Wenn die Geſandten an einem Hofe zur oͤffentlichen Audienz wollen gelaſſen ſeyn, ſo laſſen ſie ſich vorher bey dem groͤſten Staats-Mi - niſtre anmelden, und vernehmen welchen Tag ſie dazu gelangen koͤnnen. Jſt ihnen nun Tag und Stunde hiezu anberaumt ſo fahren ſie mit groſſen Staat und vielen Caroſſen zur Audienz, und wer -C cden402II. Theil. III. Capitul. den auch wohl mit unterſchiedenen Caroſſen ein - gehohlt. Bey der Audienz ſtehen die unterſchie - denen Wachen an Gens d’Armes, Schweitzern, Trabanten, Leib-Wachten, und wie ſie nur wei - ter genandt werden koͤnnen in Parade, von dem Schloß-Platz und Schloß-Thor an, biß an den Audienz-Saal, und erzeigen ihnen mit Præſenti - rung des Gewehrs, klingenden Spiele und flie - genden Fahnen die gewoͤhnliche Ehre. So bald ſie ausgeſtiegen, werden ſie an unterſchiedenen Oertern, als theils unten an der Stiegen, theils oben an der Treppe, und wieder an der Anti - Chambre von unterſchiedenen Staats-Miniſtres angenommen, und in den Audienz-Saal ge - fuͤhret, worinnen die Regenten unter einen koſtba - ren Baldachin ſtehn, oder auf einen praͤchtigen Thron ſitzen, und bißweilen nach dem Unterſchied ihrer Dignitæten, oder nachdem es eingefuͤhrt, ent - weder bloß aufſtehen, oder wohl gar den Herrn Geſandten einige Schritte entgegen gehen. Die gecroͤnten Haͤupter ſitzen bey der Audienz mit be - deckten Haͤuptern, ſie entbloͤſen aber das Haupt, ſo offt die Geſandten bey dem Hereingehen oder Her - ausgehen die Reverences machen, oder ihre Princi - palen nennen. Von den Geſandten werden meh - rentheils bey dem Hereingehen und Herausgehen 3. Reverences gemacht.

§. 53. Bißweilen erlangen auch die Gemah - linnen der Geſandten bey den Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Standes-Perſonen weiblichen Ge -ſchlechts403Von den Geſandten. ſchlechts Audienz, und die Geſandten præſentiren bey der Audienz gar offters ihre bey ſich habenden Cavaliers an die Durchlauchtigſten Herrſchafften, damit ſie zum gnaͤdigſten Hand-Kuß gelaſſen werden.

§. 54. Jn Wien muͤſſen ſich alle Ambaſſadeurs mit ihrer voͤlligen Suite, den Tag wenn ſie Au - dienz haben ſollen, auf ein Luſt-Schloß eine Stunde von Wien begeben, von daraus erwarten ſie den Kayſerlichen Obriſten Hof-Marſchall, wel - cher ſie nebſt allen von den Wieneriſchen Adel zu - geſchickten Caroſſen nach Hof fuͤhren muß. S. das Leben des Kayſers Leopoldi p. 718.

§. 55. An dem Tuͤrckiſchen Hofe haben die Ge - ſandten das ſonderbahre Privilegium, daß ſie die Audienz in dem Divan der Tuͤrckiſchen Kayſer ſitzend nehmen, und wird ihnen allezeit bey der Au - dienz ein erhabner Polſter oder Seſſel geſetzt. S. Warſawic in Oratione de Legatione & Lega - tis, allwo er anfuͤhrt ein Exempel eines Kayſerli - chen an die Tuͤrcken abgeſchickten Geſandtens, David Ungnads, welcher da er geſehen, daß ihm bey der Audienz kein Seſſel geſetzt worden, ſeinen Mantel untergelegt, und ſich waͤrender Audienz darauf niedergeſetzt, auch den Mantel im Audienz - Saal zu Conſtantinopel liegen laſſen. Es iſt auch bey den Tuͤrckiſchen Audienzen etwas wunderli - ches, daß ſich einige frembde Geſandten vorher mit Tuͤrckiſchen Caftans uͤberkleiden muͤſſen. Als der neue Venetianiſche Ambaſſadeur Gio Emo beyC c 2dem404II. Theil. III. Capitul. dem Tuͤrckiſchen Kayſer anno 1720. am 24. Octobr. ſeinen oͤffentlichen Einzug und Audienz hatte, ſo ließ ihm der Groß-Vezier und den 30. Perſonen von ſeinem Gefolge, koſtbahre Caftane uͤberreichen, die ſie uͤber ihre Kleider anlegten; wie ſolches geſchehen, ward der Herr Geſandte nebſt den vornehmſten Perſonen, ſo bey ihm waren, durch einen Capigi-Baſſa in das Apartement des Groß-Sultans gefuͤhrt.

§. 56. Es hat ſich von ein 50 oder 100 Jahren her ſo wohl bey dem Audienz-Weſen der Abge - ſandten, als bey den andern Stuͤcken des Ceremo - niel-Weſens an den meiſten Hoͤfen gar vieles ge - aͤndert. Johann Finet gedencket in ſeinen auser - leſenen Anmerckungen uͤber das Ceremoniel der Ambaſſadeurs p. 45. daß als anno 1618 die Ruſ - ſiſchen Geſandten am Engliſchen Hofe Audienz gehabt, die Menge des Volcks verurſacht haͤtte, daß ſie ihre unmaͤßige tieffe Ehrerbielung oder vielmehr Anbetung nicht verrichten koͤnnen, indem ſie nach ihren damahligen Gebrauch mit ihren Haͤuptern dreymahl haͤtten die Erde ſchlagen ſol - len, es haͤtte aber dieſes nur einmahl geſchehen koͤn - nen, und zwar da ſie gantz nahe vor ihre Majeſtaͤt geſtanden, welches ſie nicht wenig aus ihrer Con - tenance geſetzt. Doch dieſes iſt heutiges Ta - ges nicht mehr in Gebrauch.

§. 57. Die Geſandten thun ihre Anrede entwe - der in ihrer eigenen Mutter-Sprache, oder in der Sprache des Volcks zu welchen ſie geſchickt wer -den.405Von den Geſandten. den. Bey jenen Fall muͤſſen entweder ihre Lega - tions-Secretairs oder andere Dollmeiſcher ihren Vortrag in unterſchiedene Sprachen uͤberſetzen, damit derſelbe allen auslaͤndiſchen und dabey ſich befindlichen frembder Puiſſancen Miniſtris ver - ſtaͤndlichen werde. Bey dieſen Fall hat ein Geſand - ter mehr Ehre. Es war alſo bey der Audienz, ſo der Moſcowitiſche Geſandte, Fuͤrſt Dolgorucki den 26 April anno 1706 in Pariß erlangte, etwas beſonders, daß da vormahls mit den Moſcowiti - ſchen Geſandten, welcher bloß ihre Rußiſche Lan - des-Sprache verſtund, nicht anders als durch ei - nen Dollmetſcher zu tractiren war, dieſes mahl kein Dollmetſcher von noͤthen geweſen, ſintemahl er ſich in der Frantzoͤſiſchen wohl explicirt. Es gereichte dieſes Lob nicht allein der Moſcowitiſchen Nation zur Ehre, ſondern auch zu groſſen Vortheil, weil ein iedlicher Geſandter der in ein frembd Land geſchickt wird, in ſeinen Handlungen beſſer reuſſirt, und mehr neues erfaͤhrt, wenn er die Landes - Sprache verſteht, und mit den Hofleuten ſelbſt re - den kan, als wenn er alles durch frembde Leute auskundſchafften und ſich hernach verdollmetſchen ſoll. S. den L. Theil der Europaͤiſchen Famæ p. 134.

§. 58. Die Miniſtri, welche an auswaͤrtige Staaten verſchickt werden, bemuͤhen ſich ihren Vortrag auf das allerobligeanteſte einzurichten, ſie melden gar offters wie ſie nicht ſo wohl den Nutzen ihrer hohen Herren Principalen, als viel -C c 3mehr406II. Theil. III. Capitul. mehr die Wohlfarth des Staats an den ſie abge - ſchickt worden, vor Augen haͤtten, und befleiſſen ſich dieſes mit vielen nach der Treue und Aufrich - tigkeit ſchmeckenden Worten zu zeigen. Jnſon - derheit iſt bey Republicken noͤthig, daß ſie in den Schrifften trefliche Infinuatoria mit einmiſchen, ihre Perſonen extenuiren, und dabey mit den ver - buͤndlichſten Ausdruͤcken die Hochachtung die ſie vor ſie haben an den Tag legen.

§. 59. Die Regenten beantworten die Reden der fremden Geſandten entweder ſelbſt, oder durch ihre Cantzler und andere Staats-Miniſter, wie es an einem ieden Hofe Herkommens. Haben ſie ſelbſt die Geſchicklichkeit, auf den beſchehenen Vor - trag die gehoͤrige Antwort zu ertheilen, und duͤrffen bey der Audienz keine ſtummen Perſonen abgeben, ſo werden ſie allezeit von den Geſandten mehr ad - mirirt als andere. Es machen auch wohl die groſ - ſen Herren obligeante Complimens gegen die Ge - ſandten, daß die getroffene Wahl ihrer Perſonen ihnen uͤber die maßen angenehm. Sie gedencken, wie ſie ſich erfreueten, daß ein ſolcher Miniſter ab - geſchickt worden, der nicht allein das Intereſſe ſei - nes hohen Principalen mit groſſer Treue ſuchte, ſondern ſich auch ſeiner eigenen Neigung wegen, die gemeine Sache ſehr angelegen ſeyn lieſſe, und bey derſelben moͤglichſten Fleiß anwendete. Sie ver - ſichern ihm alles Eſtims und Liebe.

§. 60. Je manierlicher ſie ſich auffuͤhren, und je mehr ſie ſich den Neigungen des Herrn oder desVolcks407Von den Geſandten. Volcks an welches ſie abgeſchickt worden, confor - mirem, je angenehmer und beliebter machen ſie ſich, wenn ſie auch ſchon bißweilen einen Schertz mit einer guten Art anbringen. Kayſer Rudolphus verlangte einſtens von einem Pommeriſchen Her - tzog, der ſich bey der Kayſerlichen Hofſtatt aufhielt, in Schertz, er ſolte ihn doch einmahl einen recht groben Pommer ſehen laſſen, welches der Hertzog Kayſerlicher Majeſtaͤt verſprochen. Nach etlichen Tagen langte von ihm ein Abgeſandter bey dem Kayſerlichen Hofe an, in einem gar altfraͤnckiſchen Jaͤger-Kleide, mit ziemlich ungeſchliffenen Wor - ten und Geberden, ſo daß der Kayſer und ſeine Hofſtatt ſich hoͤchlich daruͤber verwunderten. Bey dem Abſchied aber erſchien der Geſandte in einem andern Habit, und conduiſirte ſich wie der aller - hoͤflichſte und manierlichſte Cavalier. S. das I. Stuͤck von Schoͤtgens alten und neuen Pommer - lande, p. 117.

§. 61. An einigen Hoͤfen werden die Geſandten zu allen jungen Printzen und Princeßinnen zur Au - dienz gefuͤhret, an andern aber nicht, und es ge - ſchicht nur bißweilen zur Diſtinction. Bißweilen ſuchen ſie auch Audienz bey den natuͤrlichen Kin - dern, doch pflegt dieſes gar ſehr ſelten zu geſche - hen.

§. 62. Einige Abgeſandten bringen von ihren Durchlauchtigſten Principalen anſehnliche Præ - ſente mit, an koſtbahren Pferden, Galanterien, de - licaten Weinen u. ſ. w. Sie werden auch wohlC c 4ſelbſt408II. Theil. III. Capitul. ſelbſt von einigen Hoͤfen beſchenckt, wenn ſie durch ihre gute Conduite eine ſolche Handlung haben helffen zu Stande bringen, die ſo wohl den Hofe von dem ſie abgeſchickt, als auch dem an welchen ſie geſendet worden, Vortheil und Ruhm zuwege bringt; als wenn z. E. durch ihre Vermittelung ein gewiſſer Allianz-Tractat zu Stande kommen. Sie erhalten, wenn ſie ſich von ihren Geſandt - ſchafften wohl acquitirt, von ihren Herrſchafften bey ihrer Zuruͤckkunfft mancherley Begnadigung, und gemeiniglich einen hoͤhern Character.

§. 63. Werden die Geſandten an den Hoͤfen nicht ſo tractirt, wie es ihrem Character gemaͤß iſt, ſo melden ſie es ihren Principalen, und ſuchen ent - weder bey dem Hofe um Abſchieds-Audienz an, oder gehen auch wohl ſo ohne Abſchied vom Hofe.

§. 64. Bißweilen ſind die Geſandten durch ihr unartig Bezeigen ſelbſt ſchuld, daß ihnen nicht ſo begegnet wird, als wie ſie wohl verlangen. Wenn ſich einige durch ihre allzu groſſe Freyheit im Re - den mit groſſen Herren zu ſehr familiriaſiren wollen, ſo bekommen ſie manchmahl dieſerwegen ein treff - liches Nota bene. Als der Frantzoͤſiſche Reſident ſich a. 1632 mit dem Koͤnig in Schweden Guſtavo Adolpho in Muͤnchen gar zu gemein machte, ant - wortete ihm der Koͤnig: Jhr gebraucht euch der Frantzoͤſiſchen Freyheit im Reden gar zu viel, ihr ſoltet wiſſen, daß ich und euer Koͤnig in beſſerer Cor - reſpondenz ſtehen, als ihr vermeyt; ihr ſoltet mitbeſſern409Von den Geſandten. beſſern Reſpect mit mir reden, auch zu Gemuͤthe fuͤhren, mit wem ihr redet, und an was vor einem Orte ihr redet. S. Kevenhuͤllers Annales T. XII. pag. 136.

§. 65. Manche erregen ſich deswegen Verdruͤß - lichkeiten, weil ſie ſich in Sachen mengen, die ihnen nichts angehen. Es iſt auch dieſerwegen in eini - gen Fundamental-Geſetzen des Reichs und Wahl - Capitulationen ausgemacht, daß die auswaͤrtigen Geſandten ſich nicht in die Reichs-Sachen einmi - ſchen ſollen. Der Frantzoͤſiſche Geſandte wandte anno 1703 in Portugall zu Lißabon allen Fleiß an, um den General-Inquiſitorem dahin zu vermoͤgen, daß er dem Portugieſiſchen Koͤnig vorſtellen ſolte, es ſey derſelbe im Gewiſſen verbunden, ſich an kei - ne ketzeriſchen Fuͤrſten oder Republicken wider ei - nem Roͤmiſch-Catholiſchen Koͤnig zu verbinden. Als aber der Koͤnig davon Nachricht bekam, ließ er dem Frantzoͤſiſchen Geſandten zu wiſſen thun, daß ſoferne derſelbe fortfuͤhre, ſich in dergleichen Haͤn - del zu miſchen, ſo wuͤrde man genoͤthiget werden, ſolche Anſtalten zu machen, die ihm vielleicht nicht gefaͤllig ſeyn wuͤrden. S. den XX. Theil der Eu - ropaͤiſchen Famæ p. 683. Chur-Fuͤrſt Friedrich Wilhelm zu Brandenburg ſchrieben anno 1658 an Landgraf Wilhelm VI. zu Heſſen-Caſſel, wi - der die zu den Allianz-Tractaten zu Franckfurt an - weſende Geſandten, daß ſelbige ſich unterſtuͤnden, Jhrer Chur-Fuͤrſtlichen Durchlauchtigkeit vorzu - ſchreiben, wie ſie ſich in ihren Actionen verhaltenC c 5und410II. Theil. III. Capitul. und begegnen ſolten; es ſtiege ihnen um dieſto ſchmertzlicher zu Gemuͤthe, daß ſich die Leute unter - wuͤnden, ihnen ein ſolch bedrohlich Schreiben zu - zuſchicken; Gleichwie ſie davor hielten, daß ſolches ohne ihrer Herren Principalen Willen u. Vorwiſ - ſen geſchehen. Als wolten ſie gebeten haben, ſol - ches den ihrigen auf das ſchaͤrffſte zu verweiſen, und ſie dergeſtalt anſehen, daß ſie daran eln Vergnuͤ - gen haben moͤchten. S. Luͤnigs Teutſche Reichs - Cantzley I. Theil p. 815.

§. 66. Haben die Geſandten etwan andere in - ſultiret, oder Schreiben mit anzuͤglichen Terminis uͤbergeben, oder auch wohl gar geſucht in dem Lan - de eine Conſpiration zu erregen, ſo bekommen ſie Ordre, daß ſie innerhalb 24 Stunden die Reſi - denz, und innerhalb 2 oder 3 Tagen das gantze Koͤnigreich, oder die ſaͤmtlichen Hoch-Fuͤrſtlichen Lande verlaſſen ſollen. Es werden bey dieſem Fall die ſchaͤrffſten Drohungen bißweilen anne - ctiret. Alſo reſcribirte Kayſer Leopoldus, anno 1701 an die Reichs-Stadt zu Regenſpurg, daß wenn des Duc d Anjou Abgeſandte, der von Neuveforge, nach Verflieſſung der ihm beſtimm - ten 3 Tage, bey dem Abzuge einige Renitenz wuͤr - de verſpuͤhren laſſen, und ſich nicht gutwillig hin - weg begeben, daß er als denn ohne einig Nachſe - hen durch die Stadt-Garde unfehlbar ſolte hinaus gefuͤhret werden. Fuͤhret ſich ein Geſandter feind - ſelig auf, ſo darff er ſich nicht wundern, wenn man ihn gleichfalls feindſelig tractirt. Weiſet er abernicht411Von den Geſandten. nicht einmahl ſein Creditiv-Schreiben auf, und legitimirt ſich als Abgeſandter, ſo hat er ſich vol - lends nicht zu beſchweren, wenn er auch von denen an welche er geſandt wird, nicht als Abgeſandter tractirt wird.

§. 67. Es geſchicht wohl gar, daß man zu der Arretirung eines Geſandten ſchreitet, der wider den Staat etwas gefaͤhrliches machinirt. Man ver - ſichert ſich bey demſelben Fall ſo wohl ſeiner Per - ſon, als auch aller ſeiner Briefſchafften; Es wird alsdenn durch ein Circular-Schreiben allen Mi - niſtris der frembden Puiſſancen Nachricht davon gegeben, und in einer oͤffentlichen Schrifft dieſes Verfahren juſtificiret, iedoch werden die gefaͤhr - lichen Projecte, Manifeſte und Memoiren nicht eher bekandt gemacht, biß es die noͤthige Sicherheit, und die aus Vorſichtigkeit gefaßten Gegen-Anſtalten verſtatten wollen.

§. 68. Auſſer dem aber iſt mehr als zu bekandt, daß die Geſandten nach den Rechten aller morali - ſirten Voͤlcker vor inviolabel zu achten. Zu mehre - rer Sicherheit laſſen die Puiſſancen Placate heraus - gehen, und verbieten darinnen allen ihren Unter - thanen auf das ſtrengſte und ſchaͤrffſte, daß ſie we - der directe noch indirecte, weder mit Gedancken, Worten, Minen noch Wercken, die Ambaſſadeurs, Envoyes, Reſidenten oder Agenten, und andere Miniſtres der Koͤnige, Provintzen oder Republi - cken auf keinerley Weiſe inſultiren ſollen. S. der - gleichen Placat, das anno 1651 von den HerrenGeneral -412II. Theil. III. Capitul. General-Staaten abgefaßt worden, in dem II. To - mo der Memoires de Lamberty pag. 161. Die Sicherheit ſo die Geſandten zu genieſſen haben, gehet auch mit auf ihre Domeſtiquen und die uͤbri - gen von ihrer Suite, weil dieſe gleichſam ein Acces - ſorium von ihnen ſind, und alſo in dem Accord, worinnen ihnen bey ihrer Annehmung Sicherheit verſprochen wird, ebenfalls mit eingeſchloſſen. Nicht weniger erſtreckt ſie ſich auf ihr Hauß, Quar - tier, Wagen, Caroſſen und uͤbrigen Sachen. Man nennet dieſes Recht die Quartiers-Freyheit, welches einſtens inſonderheit der Frantzoͤſiſche Ge - ſandte Marquis de Lavardin zu Rom mit Gewalt behaupten wolte. Hingegen Pabſt Innocentius der IX konte nicht leiden, daß ſolchergeſtalt allen frevelhafften Dieben und Moͤrdern eine offene Freyſtadt gegeben wuͤrde.

§. 69. Jſt einem Geſandten durch einen andern, oder ſonſt durch iemand ein Affront geſchehen, ſo ſucht der Herr ſelbſt dieſerwegen Reparation und Satisfaction, und laͤſt nachdruͤckliche Schreiben vorher ergeben. S. das Schreiben Chur-Fuͤr - ſtens Ferdinandi Mariæ in Bayern an das Chur - Fuͤrſtliche Collegium zu Franckfurth am Mayn, worinnen er wegen des von Chur-Fuͤrſten Carl Ludwigen zu Pfaltz, ſeinen Geheimen Rath und zum Wahl-Tag bevollmaͤchtigten Mit-Abgeſand - ten, Herrn D. Oexeln, vor dem gantzen Chur-Fuͤrſt - lichen Collegio, nachdem er wegen Verwaltung des Vicariats eine Schrifft abgeleſen, erwieſenenAffronts,413Von den Geſandten. Affronts, durch Werffung des Dinten-Faſſes auf den Tiſch, oder wie andere wollen, nach dem Herrn Abgeſandten, Satisfaction begehret, de anno 1658. S. Luͤnigs Reichs-Cantzley, p. 717.

§. 70. Bey dergleichen Beleidigungs-Faͤllen wird die Satisfaction entweder von dem beleidigten Herrn vorgeſchrieben, oder es werden Repreſſalien gebraucht. Jſt die Sache von einiger Wichtig - keit geweſen, und ſie wird nicht durch Vermitte - lung anderer Puiſſancen in Guͤte gehoben, ſo ent - ſtehet wohl gar zuweilen ein Krieg daraus. S. Kemmerichs Grund-Saͤtze des Voͤlcker-Rechts von der Unverletzlichkeit der Geſandten, ſammt ei - ner Relation von dem Affront, der anno 1708. dem Moſcowitiſchen Abgeſandten in Engelland er - wieſen worden.

§. 71. Bißweilen geſchicht die Dimiſſion der an frembden Hoͤfen ſubſiſtirenden Miniſtres, theils der Sachen, theils ihrer Perſon wegen. Manch - mahl iſt zwar die Perſon dem Hofe anſtaͤndig, weil aber andere Urſachen die laͤngere Subſiſtenz nicht verſtatten wollen, ſo muß man zur Dimiſſion ſchrei - ten. Hat aber zuweilen eine Herrſchafft eine Averſation vor der abgeſchickten Perſon, ſo giebet ſie auch wohl Anlaß zur Dimiſſion.

§. 72. Bey dem letztern Fall reiſen die Geſand - ten in aller Stille und ohne beſondere Ceremonie weg. Bey dem erſtern Fall aber, dafern nicht ei -ne414II. Theil. III. Capitul. ne jaͤhlinge Ruptur vorgefallen, oder ſie zur ſchleuͤni - nigen Abreiſe von ihren Principalen Befehl erhal - ten, legen ſie gemeiniglich bey den Herrſchafften ihre Abſchieds-Audienzen noch vorher ab.

§. 73. Die Abſchieds-Audienzen geſchehen auf eben die Weiſe wie die erſtern. Sie legen ſolche theils bey den Regenten ſelbſt, theils auch bey den uͤbrigen von der Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Fa - milie ab. Bey den natuͤrlichen Kindern aber ſehr ſelten und faſt gar nicht, es muͤſte denn aus einer beſondern Conſideration einmahl geſchehen. Es wird dieſes auch von den wenigſten Puiſſancen prætendirt, auſſer daß der Koͤnig in Franckreich Ludwig XIV. es bißweilen angeſonnen. Als ließ er anno 1700 dem Paͤbſtlichen Nuntio dem Car - dinal Delfino wiſſen, da er in Begriff war abzu - reiſen und ſeine Abſchieds-Audienzen zu nehmen, daß dafern er nicht auch dieſelbe bey ſeinen natuͤrli - chen Kindern dem Hertzog von Maine und Grafen von Thouloſe, gleich andern Koͤniglichen Prin - tzen, nehmen wuͤrde; So ſolte ihm dieſelbe bey ihm auch nicht verſtattet ſeyn; Jedoch unterließ dem ungeachtet der Cardinal ſolche, und reiſete oh - ne Abſchied von Hofe. S. Theatr. Europ. Tom. XV. des Jahrs 1700. p. 873.

Das415Von Titulaturen.

Das IV. Capitul. Von Titulaturen.

§. 1.

Es iſt mit den Titulaturen ſo wohl unter den hoͤheſten Standes-Perſonen als unter Privat-Leuten, von den aͤlteſten Zeiten an biß auf die ietzigen, manche Veraͤnde - rung vorgegangen. Einige alte Titul hatten faſt mehr Realité als die neuern. Ehedem waren die groͤſten Monarchen mit dem Titul Herr zufrieden, weil man aber dieſes Wort zu einer allgemeinen Benennung derjenigen gebrauchte, welche andern etwas zu befehlen haben, ſo ertheilte man ihnen nach der Zeit andere Beywoͤrter, um die Hoͤhern von den Geringern zu unterſcheiden. Jn Teutſch - land wird bey unterſchiedenen geiſtlichen und welt - lichen Dignitæten groſſe Parade gemacht, weil groſſe Einkuͤnffte und ein hoher Rang damit ver - geſellſchafftet, und manche wuͤrden ſich doch gewiß der Verrichtungen ſchaͤmen, welche ſonſt diejeni - gen, deren Succeſſores ſie ſeyn wollen, uͤber ſich genommen.

§. 2. Ob zwar in den vorigen Zeiten da das Hey - denthum geherrſchet, ſo wohl den Kayſern als an - dern Regenten, ebenfalls ſehr groſſe Titul und faſt goͤttliche Benennungen beygelegt worden, wovondie416II. Theil. IV. Capitul. die Diſſertation des Herrn D. Poſt de Divinis Im - peratorum Titulis nachgeleſen werden kan, ſo muß man doch bekennen, daß die Titulaturen mehren - theils ehedem weit geringer geweſen, und ihre Magnificenze faſt durchgehends in den folgenden Zeiten durch die aͤußerliche zunehmende Pracht, durch die Schmeicheleyen der Unterthanen, und die Æmulation der andern vermehret worden.

§. 3. Daß die Koͤnige der Longobarden ſich den Titul Excellentiſſimi ſelbſt gegeben, ſiehet man bey dem Mabillon de re Diplomatica. L. II. C IV. §. 12. Bevor der Titul Durchlauchtig aufkam, wurden die Fuͤrſten und Churfuͤrſten nur mit dem Titul Jhrer Fuͤrſtlichen und Churfuͤrſtlichen Gna - gen beehrt. S. Wicquefort de Legat. l. 1. C. XX. f. 386. Anno 1440 und 1443 wurde Ulricus Herr und Regent zu Oſt-Frießland, Ehrhaffter Juncker, Edler Juncker und Edler Mann genannt. S. Brenneyſens Oſtfrießlaͤndiſche Hiſtorie I. To - mus p. 59. Anno 1450 wurde in der Ehe-Be - redung, die Churfuͤrſt Friedrich der Guͤtige, und Hertzog Albrecht III. in Ober - und Nieder - Baͤyern ihrer Kinder wegen mit einander aufrich - teten, die Prinzeßin Eliſabeth von Baͤyern, Jungſer Eliſabeth genannt. S. Müllers Annal. Saxon. pag. 72. Anno 1586 wurde am Spanſchen Hofe wegen der Titulaturen, darum ſo viel Strei - tigkeiten entſtanden waren, eine Policey-Ordnung publicirt, der Koͤnig befahl in dieſer Ordnung daß man ihn im Schreiben nicht mehr als oben imBrieffe417Von Titulaturen. Brieffe Sennor, und auf der Uberſchrifft Al Rey nueſtro Senor geben, in der Uberſchrifft aber kei - ne Corteſia brauchen, ſondern der, welcher den Brief ſchriebe, allein ſeinen Nahmen unterzeich - nen ſolte. Gleiche Manier ſolte man mit den Printzen und Infanten halten, und Jhnen an ſtatt Jhrer Majeſtaͤt Altezza geben, die uͤbrigen Gran - des aber unter einander weder oben noch uͤber den Brieffen Corteſien ſetzen, ſondern ſtracks von dem Negotio zu ſchreiben anfangen. S. Kevenhuͤllers Annal. Ferdin. II. Tomum p. 483.

§. 4. Der ehmahlige Koͤnig in Schweden Gu - ſtavus mag ſich auch um die Titul nicht groß be - kuͤmmert haben. Denn als die Lieflaͤnder anno 1559 ihre Geſandten an ihn abſchickten, und er auf dem Credenz-Schreiben wahrgenommen, daß ſie ihm Erlauchtigſt genennt, ſagte er zu den Geſand - ten, was bedeutet Erleuchten, es iſt durch GOttes Gnade der Schwediſche Koͤnig nicht ſo dunckel, daß er der Lieflaͤnder Erleuchtung von noͤthen haͤt - te. S. Harsdoͤrffers Part. II. des Teutſchen Secre - tar. Præf. von den Ehren-Tituln. n. 15.

§. 5. Jn den vorigen Zeiten ſind in der That ſehr viel Titul deren ſich groſſe Herren nachge - hends bedient, anfaͤnglich niemahls auf eine oͤffent - liche Weiſe, oder durch einen allgemeinen Conſens ausgemacht worden, ſondern einige von ihren Un - terthanen haben ihnen dieſelben aus eigennuͤtzigen Abſichten zu erſt beygelegt. Wenn ſie nun die - ſelben ihren Stand und Sinn gemaͤß befunden,D dſo418II. Theil IV. Capitul. ſo haben ſie ſolche durch einen ſtillſchweigen den Conſens approbirt, ſie auch wohl in die aus ih - ren Cantzeleyen expedirten Schrifften mit einflieſ - ſen laſſen; andere die mit ihnen von gleichem Stande haben es ihnen nachgehends aus Jalouſie, damit ſie dadurch keinen Vorzug gewinnen moͤch - ten, nachgethan, und daher ſind manche Titulatu - ren aufgekommen.

§. 6. Es hat zu jeden Zeiten ſehr viel Diſputen gegeben, wann ſich ein Fuͤrſt eine Gemahlin aus einem geringern Stande beylegen, und derſelben ſo wohl bey den Hochfuͤrſtlichen Gefreunden, als auch bey den uͤbrigen Puiſſancen, die gewoͤhnliche Titulatur auswuͤrcken wollen. Daher haben auch unterſchiedene um aller Zwiſtigkeiten uͤberho - ben zu ſeyn, hierinnen nachgegeben, ſo viel nur moͤglich geweſen. Als ſich der Hertzog zu Sach - ſen Wilhelm III. mit der Catharina von Brand - ſtein vermaͤhlen wolte, ſo befahl er in der Inſtru - ction, ſeinen Geſandten die er an ſeinen Herrn Bruder Churfuͤrſt Fridrichen den Guͤtigen und ſeine Soͤhne, wegen Præſtirung ihres Conſen - ſes, zu Conſtituirung des Leibgedinges abfertigte: Dafern man Churfuͤrſtlicher Seiten etwan we - gern wuͤrde, in dem Verwilligungs-Brief die Worte, die Hochgebohrne Fuͤrſtin zu ſetzen, dawi - der nichts zu moviren, ſondern nur anzuſuchen, daß allein Durchlauchtigſte Fuͤrſtin moͤchte geſetzt werden; Dieſes letztere iſt zwar bey ietzigen Zeiten noch mehr als jenes, iedoch hat man ſonder Zweifeldie419Von Titulaturen. die Abſicht darauf genommen, daß der Titul Hoch - gebohren, Jhre Qualitæt, Geburth und Herkunfft an Tag legt. Sie iſt ſo gluͤcklich geweſen, daß ſie von Churfuͤrſt Ernſten und deſſen Bruder Her - tzog Albrechten das Prædicat Jrlaucht, das iſt Durchlauchtige Fuͤrſtin und Hochgebohrne Fuͤr - ſtin, gleich ihren Gemahl erhalten. S. Muͤllers Annal. Saxon.

§. 7. Der Roͤmiſche Pabſt ſtehet mit einigen die ihn ſchmeicheln in den Gedancken, als ob ihm allein zukomme unter den groſſen Herren die Titul auszutheilen, und daß die weltlichen ſouverainen Fuͤrſten verbunden waͤren, ihre Gewalt und Titul von ihm zu hohlen. Daher haben ſie nicht allein zu unterſchiedenen mahlen ſich den proteſtirenden Puiſſancen wiederſetzt, wenn ſie hoͤhere Dignitæten und Titulaturen annehmen wollen, ſondern auch andere Roͤmiſch-Catholiſche Fuͤrſten aufgehetzt, daß ſie ihnen ſolche verweigern ſollen. Es hat aber der Koͤnigliche Preußiſche Geheimbde Rath Herr von Ludwig in ſeinem Paͤbſtlichen Unfuge wider die Cron Preuſſen gar wohl ausgefuͤhrt, daß die Paͤbſte allezeit viel verlohren, ſo offt ſich ſelbi - ge in die Titulatur und Wuͤrdigkeit ſouverainer Haͤupter gemengt, und daß kein ſouveraines Haupt verbunden den Koͤniglichen Nahmen und Wuͤrde von den Roͤmiſchen Stuhl zu ſuchen, dem Pabſt auch dergleichen auszutheilen gar nicht zu - komme. Es haben auch allbereits einige geſcheuͤte Maͤnner mitten im Pabſtthum dieſes erkandt, undD d 2einen420II. Theil. IV. Capitul. einen Unterſchied gemacht unter den weltlichen und geiſtlichen Wuͤrden.

§. 8. Die Paͤbſte haben ſo genug mit ihrer Ti - tul-ſuͤchtigen ihnen unterworffenen Cleriſey zu thun, wie ſie derſelben Titul vermehren. Als die Zahl und Hochmuth der Geiſtlichen ſehr anwuchs, und ein ieder gern ein Biſchoff heiſſen, mithin von der Jurisdiction der weltlichen Obrigkeit entlediget ſeyn wolte, die Zahl der Bißthuͤmer aber nicht mehr zulangten, ſo kam die ſchoͤne Mode auf, daß die Paͤbſte nur Titulatur-Biſchoͤffe creirten, dem ſie in den Laͤndern in welchen zwar vor dieſen Biß - thuͤmer geweſen, die aber ietzund in den Haͤnden der Unglaͤubigen ſich befinden, oder in partibus in - fidelium eine Kirche aſſignirten, z. E. zu Antiochia, Tripoli, Epheſus. Sie werden nicht allein Epi - ſcopi Titulares, und in partibus infidelium, ſon - dern auch wohl Spott-weyſe Epiſcopi nullate - nus genennt. Dieſes ſind heut zu Tage die ſo genandten Weyh-Biſchoͤffe oder Paͤbſtlichen Nuntii, und dieſes zu dem Ende, damit ſie die Bi - ſchoͤflichen Functionen an den Orten vo ſie ſich aufhalten, verrichten koͤnnen.

§. 9. Bißweilen finden ſich auch einige unter der Roͤmiſchen Geiſtlichkeit, die mit ihren bißherigen Dignitæten zu frieden ſind, und keine hoͤhere ver - langen, auch wohl die ihnen angetragen, ausſchla - gen, wiewohl dergleichen Exempel ſehr rar ſind. Alſo wolte Pabſt Clemens XI. anno 1706 den Filepucci einen Roͤmer zum Cardinalmachen, ererklaͤhr -421Von Titulaturen. erklaͤhrte ſich aber nach verlauffner ihm gegebenen Bedenck-Zeit, er faͤnde ſich darzu nicht geſchickt, baͤte alſo ihn damit zu verſchonen, und ließ ſich auf keinen andern Sinn bringen, ob ihm gleich der Pabſt ſelbſt nebſt verſchiedenen Cardinælen ziem - liche Summen anboth, um ſich Standes-maͤßig aufzufuͤhren. Er retirirte ſich ſo gar in ein Klo - ſter damit er Friede haͤtte. Der Pabſt ließ ihn auf ſeine Unkoſten anſehnlich begraben, und durch einen beruͤhmten Jeſuiten eine Leich-Predigt halten, dazu er ihm den Text aufgab: magnus quia meruit, maximus quia renuit. S. Theatr. Europ. des XVII. Jahres p. 249.

§. 10. Gleichwie der ietzige Pabſt in allen Stuͤ - cken die Pracht, die Galanterie und das Ceremo - niel-Weſen nicht groß achtet, alſo ſcheinet er auch kein groſſer Liebhaber des Titular-Weſens zu ſeyn. An. 1724 ließ er einen Befehl an alle ſeine Hof - Bedienten ergehen, den Titul Excellentiſſimi, in den Paͤbſtlichen Pallaſt nicht mehr anzunehmen. S. das XXIX Stuͤck der Einleitung zur neueſten Hiſtorie. p. 264.

§. 11. Es bezeugt ſich bey den Titulaturen wohl niemand beſonderer, als einige auſſerhalb Europa herrſchende Regenten. Alſo ſoll ſich der der Kay - ſer von Æthiopien auf folgende Weyſe ſchreiben: Durch die Gnade unſers HErrn JEſu CHriſti Kayſer in Æthiopien, Nubien, Saba und allen Grentzen von Arabia, aus einen Durchlauchtigen Stamm abſproſſend von der Koͤnigin von Saba,D d 3Demuͤ -422II. Theil. IV. Capitul. Demuͤthiger ſeiner Feinde, Beſchuͤtzer derjenigen die ihre Zuflucht bey ihm ſuchen, Erhalter des Glaubens JEſu Chriſti, Koͤnig der Soldaten und ungezwungenen Arméen, Patron in Macht und Worten, mit einer unausſprechlichen Maͤßigkeit, Vollmond ſeines Reiches ohne Finſterniß. u. ſ. w.

§. 12. Es iſt wohl von vielen Seculis her, bey al - len Regenten in Europa, und bey ſehr vielen auſſer Europa eingefuͤhret, daß ſie ihren Tituln das Wir von GOttes Gnaden præmittiren. Es ſoll dieſes bey Fuͤrſten und Herren eine ſonderbahre gute Er - innerung abgeben, daß ſie alle ihre Gewalt, Macht und Ehre, GOTT als dem Koͤnig aller Koͤnige und HErrn aller Herren zuſchreiben, und damit zu verſtehen geben, daß ſie ihren hohen Stand aus Goͤttlicher Gnaden-Hand empfangen, und ihn in deſſen Nahmen auf Erden fuͤhren. S. Spath. Se - cretariat-Kunſt Vol. I. Part. II. Cap. 22. p. 465. So ſolte es wohl ſeyn; allein die allerwenigſten dencken daran, und gebrauchen ſich dieſer Formul als eines bloſſen Ceremoniels.

§. 13. Man findet dieſe Formul bey den Hiſto - ricis auf unterſchiedene Art exprimiret, als: Ex gratia Dei, Divinâ gratiâ, Divinâ diſponente gratiâ, Divinâ ordinante gratiâ, Divinâ propi - tiante gratiâ; Jngleichen auf folgende Weiſe: Ex diſpoſitione Dei, Deo favente, Divinâ indul - gentiâ, miſeratione Dei, Dei nomine, nutu Dei, Divinâ permiſſione, piâ Dei ordinatione u. ſ. w. S. D. 423Von Titulaturen. S. D. Geißlers Diſſ. de Titulo Nos Dei gratiâ, Wir von GOttes Gnaden.

§. 14. Heutiges Tages darf ſich kein Land - Stand unterſtehen, ob gleich ſolches vor Alters nicht ungewoͤhnlich geweſen, und mehr zum Zeichen der Demuth als Hoheit gereichet, den Titul von GOttes Gnaden bey ſeinen Nahmen zu ſetzen, wenn er ſchon Graͤflichen Standes ſeyn ſolte. So kommt es ihm auch nicht zu, daß er das Woͤrtgen, Wir, fuͤhren darff, wie der Landes-Fuͤrſt von ſich zu ſchreiben pflegt, und damit ſeinen hoͤchſten nach GOttes Willen habenden Regiments-Stand und Vorzug vor ſeinen Unterthanen, uͤblichen Ge - brauch nach, anzeiget.

§. 15. Die groſſen Herren gebrauchen das Woͤrtgen Wir nur pro autoritate, nemlich in of - fenen Befehlen und Cantzley-Brieffen; wenn ſie aber aus guter Vertraulichkeit und in Hand-Brief - fen an einander ſchreiben, ſo reden ſie mit dem Woͤrtgen, Jch, von ſich.

§. 16. Nachdem die Reichs-Fuͤrſten bey Er - haltung ihres Fuͤrſtlichen Standes, Ehre, Macht und Hoheit ſchuldig, zufoͤrderſt den Reſpect, die Ehre und Hoheit des Teutſchen Reichs und der Kayſerlichen Majeſtaͤt vor Augen zu haben, ſo pfle - gen ſie, wenn ſie an des Roͤmiſchen Kayſers Maje - ſtaͤt ſchreiben, den Titul, Wir von GOttes Gna - den, auszulaſſen. S. Seckendorfs Fuͤrſten-Staat II. Theil Cap. II. n. 2. p. 61. Sie ſtehen in einer Verbindung mit dem Kayſer und dem Reich, undD d 4in424II. Theil. IV. Capitul. in Anſehung gegen dem Kayſer kan man ſie nicht vollkommen vor ſouverain achten; und einige wol - len doch die Titulatur, Wir von GOttes Gnaden, alſo auslegen, als ob hiedurch angedeutet wuͤrde, daß ſie keinen Menſchen hier auf Erden unterworf - fen, und bloß von GOtt geſetzt waͤren, als wie die Engliſchen Juriſten von ihren Koͤnig reden: Omnes ſub illo, ille ſub nullo, niſi tantum Deo, à quo ſecundum ſine quo, primus ante omnes & ſu - per omnes in ſuis ditionibus. S. Becmans No - tit. Dignitat. Illuſtr. p. 63.

§. 17. Bey den Titulaturen groſſer Herren, die ſie an andere hoͤhere oder geringere Standes - Perſonen zu ertheilen pflegen, wenn ſie Schreiben an dieſelbigen abfaſſen, hat man auf folgende Stuͤcke zu ſehen, (1) auf den Eingang z. E. Un - ſere willige Dienſte zuvor, und was Wir mehr Liebes und Gutes ꝛc. Durchlauchtigſter Fuͤrſt ꝛc. (2) auf den Context, Ewe. Gnaden, Liebden, u. ſ. w. (3) auf die Unterſchrifft, in wie weit ſie ſich bey derſelben ihnen entweder parificiren, oder ſich gegen ſie erniedrigen, und (4) auf die Aufſchrifft des Schreibens, das iſt auf dem auswerdigen Titul.

§. 18. Einige Regenten binden ſich nicht eben ſo gar genau in Beehrung ihrer Mit-Regenen an dasjenige was etwan biß anhero bey den Titulatu - ren unter ihnen gebraͤuchlich geweſen, ſondern er - weiſen ſich bey manchen Zeiten, wenn es ihre Staats-Raiſons erfordern wollen, damit gantzfreyge -425Von Titulaturen. freygebig, iedoch richten ſie es auch dabey ſo ein, daß ſie ſich nicht allzuviel dadurch vergeben, dem Tertio oder ihren Succeſſoribus dadurch præju - diciren, oder auch diejenigen denen mit dergleichen nichts gedient iſt, mit ungewoͤhnlichen und uͤber - fluͤßigen Titulaturen nicht incommodiren.

§. 19. Andere aber ſind ſehr difficil, ſie wieder - ſetzen ſich den neuen Titulaturen, ſo die andern prætendiren, auf alle Weyſe, biß ſich endlich an - dere ins Mittel ſchlagen, beſondere Vergleiche hieruͤber aufgerichtet, oder eigene Temperamente ausfuͤndig gemacht werden. Das Exempel des erſten Kaͤyſers von Rußland Petri I. da er von den andern Puiſſancen die Titulatur der Kayſerlichen Majeſtaͤt verlangte, kan hierinnen zum Beweiß die - ſes Lehr-Satzes dienen.

§. 20. Bey den Friedens-Congreſſen und an - deren oͤffentlichen Berathſchlagungen erregen die Titulaturen der Puiſſancen und der Abgeſandten ein Hauffen Diſputen, und dem Haupt-Werck der Handlungen trefliche Hinderniſſe. Hierbey wird bißweilen zum Temperament vorgeſchlagen, daß man in tertia perſona mit einander redet, und das Ehren-Wort, Alteſſe, Excellenz u. ſ. w. weglaͤſt.

§. 21. An. 1717 ſetzte es in Regenſpurg, als der Cardinal von Sachſen-Zeitz Principal-Commis - ſarius worden, Zwiſtigkeiten wegen des Curialis, Heilig, in Anſehung der Roͤmiſchen Kirche und des Stuhls zu Rom, ſo Evangelici ſich zu geben wei - gerten. Man proponirte zum Temperament,D d 5Evan -426II. Theil. IV. Capitul. Evangelici koͤnnten das Woͤrtlein Heilig, ſemol pro ſemper in ſenſu politico verſtehen, wie man ſolches auch in Meynung des Heiligen Roͤmiſchen Reichs verſtuͤnde, keines weges aber in Anſehung der Roͤmiſchen Kirche, ingleichen koͤnte man ſich in ſolchen Fall des Styli in folgender Figur bedienen:

    • der Heil. Roͤm. Kirche
    • der Roͤmiſchen Kirche
    des Heil. Roͤm. Stuhls des Roͤmiſchen Stuhls

u. ſ. w. wovon in den X. Tomo der Electorum Juris Publici p. 939 mit mehrern kan nachgeleſen werden.

§. 22. Wird eine gebuͤhrende Titulatur nicht gegeben, ſo pflegt entweder der Cantzeley-Zeddul mit beygeſchloſſen, oder gar die Schreiben welche dergleichen Titul fuͤhren, zuruͤck gegeben zu wer - den, wiewohl zu den letztern modo nicht leichtlich zu ſchreiten, indem ſelbiger vermoͤgend iſt den Brief - Wechſel gantz und gar aufzuheben. An. 1716. ließ der Brandenburg-Onoltzbachiſche Geſandte den gehoͤrigen Titul dieſes Hochfuͤrſtlichen Hauſes, mit der Beyfuge, daß ſolcher ſeinen Principal biß - anhero variabel gegeben worden, unter ſaͤmmtli - chen Geſandſchafften austheilen. S. Elect. Jur. Publ. X. Tom. p. 495.

§. 23. Andere Fuͤrſten beſchweren ſich vorher im Schreiben, wenn ihnen aus einer Cantzley oder von den Bedienten einer gewiſſen Puiſſance unge - woͤhnliche Titul gegeben werden; Sie melden dem Regenten, ſie verhofften ſie wuͤrden es ſo wenig gut heiſſen, als ſie dergleichen Schreiben von ihnen an -zureh -427Von Titulaturen. zunehmen, oder dergleichen ungeziemende Vermeſ - ſenheit noch einmahl zu gedulten gemeynet waͤren, ſie truͤgen zu ihrer Liebden das freundliche Ver - trauen, ſie wuͤrden es gegen die ihrigen gebuͤhrend ahnden, und ſie dahin anweiſen, damit ihnen hin - fuͤhro mit gebuͤhrenden Reſpect und gehoͤriger Ti - tulatur begegnet werde.

§. 24. Wenn andere Regenten die neue Digni - tæt eines groſſen Herrn noch nicht gehoͤrig agno - ſcirt, oder derſelbe noch nicht darinnen beſtaͤtiget iſt, ſo ſetzet es Kunſt, wie ein groſſer Herr bey dieſer Un - gewißheit zu tituliren. Alſo wurde der ietzige Koͤ - nig in Spanien und damahlige Philippus von Anjou anno 1702 in einem Paͤbſtlichen Breve, ſo ihm der Cardinal Barberini uͤberbracht, folgender geſtalt titulirt: Dilecto Filio noſtro Duci Ande - ganenſi Regi Hiſpaniarum proclamato & in Re - gno noſtro Neapolitano commoranti. S. den VI. Theil der Europaͤiſchen Fama. p. 513.

§. 25. Bey feindſeeligen Zeiten werden entwe - der in den Kriegs-Manifeſten, oder doch in den Schrifften ſo denſelben aͤhnlich ſcheinen, die Titu - laturen gar ſchlecht in Obacht genommen. Alſo war in einem Decret welches einer Kriegs-De - claration ziemlich gleichte, ſo Philippus V. publici - ren ließ, als der Koͤnig in Portugall ſich bey der groſſen Allianz wider Spanien feindlich erklaͤret hatte, folgendes enthalten: Je ſuis perſuadè que le Courage d’un chacun s’enflamera a la veu d’une reſolution ſi inopineè, que le Portugais apris,428II. Theil. IV. Capitul. pris, lequel devroit ſe contentes &c. es war ſchimpflich genug, daß der Koͤnig von Spanien den Koͤnig in Portugall nur ſchlecht weg den Por - tugieſen nennte. S. Memoires de Lampertus Tom. II. p. 520.

§. 26. Groſſe Herren pflegen gemeiniglich die Laͤnder auf welche ſie eine Prætenſion formiren, in ihre Titul mit einzurucken, ſie ſehen hierbey nicht allein auf diejenigen Prætenſionen, die als gegen - waͤrtig zu achten, ſondern auch auf die, die nur in einem eventual Anwerbungs-Recht beruhen. So lange dem Recht eines Tertii hierbey nichts præ - judicirt wird, iſt das wohl unter die res meræ fa - cultatis mit zu rechnen.

§. 27. Sie nehmen offters bey Gelegenheit ei - ner geſchloſſenen Heyrath, da ſie ein neu Recht auf ein Land bekommen einen neuen Titul und Wapen an, und erſuchen dabey andere Fuͤrſten die Vorſe - hung zu thun, daß von Dero Fuͤrſtlichen Cantz - leyen ihnen ſolcher auch gegeben werden moͤge. Sie notificiren auch wohl den Fuͤrſten denen ſie einmahl in den kuͤnfftigen Zeiten zu ſuccediren ge - dencken, daß ſie zu mehrer Manifeſtation ihres eventualen Succeſſions-Rechts, an den andern Landen den Titul und Wapen angenommen ver - langen aus deren Cantzleyen dieſen Titul, und er - ſuchen ſie zugleich ſich deswegen keine widrige Im - preſſion zu machen, ſondern vielmehr verſichert zu ſeyn, daß ſie eine gewiſſe Linie auf den Fal des Abgangs der andern Linie, an ihren Succeſion -Recht429Von Titulaturen. Recht nicht hindern, ſondern dabey nachdruͤcklich mainteniren wollen.

§. 28. Bißweilen geſchichts, daß ſich ein Fuͤrſt wegen der Eventual-Succeſſion und Fuͤhrung des Titulls und Wapens ohne Conſens und Zuziehung der andern, dem ein naͤher Recht daran zuſteht, mit einer gewiſſen Fuͤrſtlichen Linie vergleicht, die an - dere aber der hierbey præjudicirt wird, wendet bey den Reichs-Comitiis dieſerwegen eine Pro - teſtation ein / reſerviret ſich wider dieſe Eingriffe in ihre gerechtſame quævis competentia, und bit - tet dieſe Proteſtation wider die Annehmung des Tituls und Wapens ad Acta imperii zu nehmen, und ſolche publice dictiren zu laſſen.

§. 29. Gehen bey den Titulaturen Veraͤnderun - gen vor, ſo pflegen die Geſandten der Puiſſancen ſolches nicht nur den Exteris anzuzeigen, damit die Titul bey den auswaͤrtigen Printzen bekandt und von ihnen erkandt werden, ſondern es pflegen auch groſſe Herren ihren Collegiis vorzuſchrei - ben, auf was vor Art ſie in Zukunfft die Titul einrichten ſollen. Alſo ſchriebe der Churfuͤrſt Chriſtian II. zu Sachſen an Dero Collegia, nach - dem ſie von den Roͤmiſchen Kayſer mit den Fuͤr - ſtenthuͤmern, Juͤlich, Cleve und Berg beliehen worden:

Wuͤrdige ꝛc. ꝛc.

Da die Roͤmiſche Kaͤyſerliche Majeſtaͤt Unſer Allergnaͤdigſter Herr, Uns und Unſer Hauß Sach - ſen mit den Juͤlich, Cleviſchen und Bergiſchen Fuͤr -ſtenthuͤ -430II. Theil. IV. Capitul. ſtenthuͤmern auch derſelben Tituln und Wapen beliehen, Uns auch Allergnaͤdigſt permittirt und zugelaſſen, daß Wir und Unſer Hauß Ums deſſen gebrauchen moͤchten, und Wir bedacht denſelben hinfuͤhro auf die maaße wie innliegende Forme be - ſagt, zu fuͤhren; Als begehren Wir hiermit gnaͤ - digſt, ihr wollet hinfuͤhro, Unſerm Titul ietzt ge - dachter Forme gemaͤß, in allen Briefen gebrau - chen, davon geſchicht Unſere Meynung, und Wir ſind Euch mit Gnaden gewogen. Dreßden den 2. Auguſt. 1710.

§. 30. Bißweilen ſind einerley Benennungen, nach dem Unterſchiede der Lande in Anſehung ihres Adels, ihrer Macht, Rechte und Privilegien gar ſehr von einander unterſchieden; Alſo iſt ein groſ - ſer Unterſchied, unter einen Teutſchen Marggrafen, und einen Jtaliaͤniſchen Marquiſen.

§. 31. Gleichwie bey dem Titul-Weſen uͤber - haupt ſehr vieles auf die Einbildung ankommt, al - ſo ziehen einige gewiſſe Titul den andern Dignitæ - ten die mit groͤßrer Macht und Anſehen verge - ſellſchafftet, weit vor. Die Polniſchen Senatores ſchaͤtzen ihre Wuͤrde ſo hoch, daß ſie alle andere Ehren-Titul dagegen vor geringe achten. Als einſtens Koͤnig Sigismundus nach Wien reiſete, und der Kayſer unterſchiedene mitgekommene Se - natores mit dem Titul eines Reichs-Fuͤrſtens be - ehren wolte, ſo ſchlugen ſie es ſchlechterdings aus, vorgebende, ſie waͤren gebohrne Polniſche von Adel, und haͤtten folglich das Recht Friedens -und431Von Titulaturen. und Krieges-Sachen mit ihren Koͤnig zu tracti - ren. Dannenhero kaͤme es ihnen faſt ſchimpff - lich vor, daß man davor hielte, als ob die Wuͤrde eines Reichs-Fuͤrſtens der ihrigen vorzuziehen waͤre. S. Connors Beſchreibung des Koͤnigreichs Pohlen. p. 445.

§. 32. Wenn der Roͤmiſche Kayſer einen Reichs - Stand aus beſondern Meriten die ſich derſelbe zu wege gebracht, oder aus hoher gegen ihm tragen - den Zuneigung, ein groſſes Prædicat, beſondern Titul oder auch nur Ehren-Wort beygelegt, ſo werden Diplomata daruͤber ausgefertiget, und er - gehen eigene Intimationes an das Reich, oder wo dieſes nicht geſchehen, ſo intercedirt der Kayſer bey den Staͤnden, daß ſie dieſem Stand das Ehren - Wort, welches er ihm ſelbſt beygelegt, ebenfalls mittheilen. Auſſerdem aber kan ſich kein Stand des Reichs unterſtehen, ſich einer neuen Titulatur anzumaſſen, und pflegen die Roͤmiſchen Kayſer an die Churfuͤrſten und andere Staͤnde des Reichs bißweilen zu ſchreiben, daß ſie in Dero Landen inquiriren / ob iemand vorhanden, ſo ſich eigen - maͤchtig einige neuen Titul, Prædicate und Wa - pen angemaßt, damit wo einige vorhanden, ſelbige Dero Reichs-Hofraths Fiſcali ſpecificirt werden koͤnnten.

§. 33. Die hoͤhern Titul ſtehen mehrentheils voran, und die geringern folgen hernach; iedoch geſchicht es auch bißweilen, wenn die geringern et - wan zu den hoͤhern Gelegenheit gegeben, als beydem432II. Theil. IV. Capitul. dem Titul der Churfuͤrſten von Sachſen und Bayern, daß der Hertzogliche Titul eher kommt, und der Churfuͤrſtliche zuletzt, weil der Hertzogliche Titul zu dem Churfuͤrſtlichen Gelegenheit ge - geben.

§. 34. Die groſſen Herren richten ſich mit ih - ren Tituln gar offt nach dem Genie der Voͤlcker und Zeiten. Als Julius Cæſar wuſte, daß der Titul des Koͤnigs dem Volck nicht gar angenehm war, ſo antwortete er dem Volcke da ſie ihm ei - nen Koͤnig nannten: ſe Cæſarem, non Regem eſſe. Cronwell in Engelland hielt in Anſehung der da - mahligen Conjuncturen nicht vor rathſam ſich einen Koͤnig zu nennen, ſondern war damit zu frie - den daß er Protector von Engelland hieß. So beobachten auch einige Regenten darinnen die Regeln der Klugheit, daß ſie den Titulaturen der hoͤhern Puiſſancen, denen ſie an Macht und Anſe - hen nicht gleich kommen, im geringſten nicht aſpi - riren, und die ihnen angebothenen auch wohl noch dazu ausſchlagen.

§. 35. Es iſt mehr als zu gewiß, daß mit den Titulaturen manches eitele falſche und irrige We - ſen vermenget ſey. Der Roͤmiſche Pabſt nennet ſich nach einem bloſſen Ceremoniel, einen Servum Servorum Dei; Pabſt Gregorius I. ſoll ſich die - ſes Tituls aus beſonderer Demuth zu erſt ange - maßt haben, und in den folgenden Zeiten machte man eine Parade damit. Die Paͤbſte koͤnnen die - ſen Titul auf keinerley Weyſe behaupten, denn ſieſind433Von Titulaturen. ſind keine Knechte der Menſchen, weil ſie den Koͤ - nigen und Kayſern befehlen, und von ihnen die groͤ - ſte Ehrerbietung und Devotion erlangen, und GOttes Knechte auch nicht, weil ſie ſich faſt GOtt gleich achten, und Statthalter Chriſti ſeyn wollen. S. D. Johann Friedrich Mayer Diſſert. de Titu - lo Pontificis Romani Servus Servorum Dei.

§. 36. Es waͤre zu wuͤndſchen daß die Roͤmiſchen Paͤbſte bey dieſem Titul ſo gute Gedancken haben moͤchten, wie der junge Printz Friedrich Moritz Deſſauiſcher Linie, der anno 1620 verſtorben; Als derſelbe in dem zehenden Jahre ſeines Alters, in den letzten Capitul des Buch Hiob wahrgenom - men, daß GOtt der HErr den heiligen Hiob vier - mahl ſeinen Knecht nennet, konte dieſer junge Herr ſolches Tituls nicht vergeſſen, ſondern nennte ſich offt, mit aufgehabenen Augen und Haͤnden gen Himmel, GOttes Knecht. S. Beckmanns An - haͤltiſcher Geſchichte V. Theil p. 226.

§. 37. Einige von den groͤſten Puiſſancen blei - ben bey ihren hohen Tituln dennoch in der De - muth. Als einſtens ein Tuͤrckiſcher Bothſchaffter Kayſer Leopoldum einen Herrn aller Herren nannte, gab er ihm zur Antwort, es iſt kein Herr auſſer allein GOTT, woruͤber ſich der Tuͤrcke gar ſehr verwunderte. Wenn er zu Oettingen, Paſſau und Zelle ſeine Andacht vor den Altaͤren verrichtete, ließ er zum oͤfftern dieſe Worte von ſich hoͤren, ich groͤſter aller Suͤnder, ich geringſte Crea - tur, ich unwuͤrdigſte Creatur Leopold. Auf ſeinerE eWall -434II. Theil. IV. Capitul. Wallfarth nach der Heiligen Maria von Zelle un - terſchrieb er ſich, der Heiligen Jungfrau Maria ge - ringſter und unwuͤrdigſter Knecht Leopold. S. Leben des Kayſers Leopoldi. p. 71.

§. 38. Die Quacker in Engeland ſind abgeſag - te Feinde aller Titulaturen. Sie pflegen in ihren Anreden, Vortraͤgen und Memorialien ihre Re - genten mit dem Bruͤderſchafftlichen Nahmen Du anzufallen. Doch dieſes iſt billig vor eine phan - taſtiſche Singularitæt zu achten, indem die Chriſt - liche Religion keines weges verbeuth den Regenten ſolche Titul aus Reſpect und Ehrerbietung beyzu - legen, welche ihnen zu derſelben Zeit, darinnen man lebet, ertheilt werden, zumahl ſie die Heilige Schrifft auch ſelbſt Goͤtter nennet. S. Europ. Fama II. Theil p. 190.

§. 39. Die Koͤnige beehren heutiges Tages ein - ander durchgehends mit dem Curiali Majeſtaͤt. Wenn der Kayſer an die Koͤnige von Franckreich und Spanien ſchreibt, ſo wird ein Unterſchied ge - macht unter den ſcriptis publicis, ſo er als Impera - tor Romanus und aus der Reichs-Cantzley, oder von den Reichs-Convent abgehen laͤſt, und unter den Hand-Briefgen die er ihnen zuſchickt. Bey jenen giebt er ihnen nach der alten Manier und Ob - ſervanz nichts mehr als Serenitas Veſtra, bey dieſen aber wenn er ihnen Gratulation - und Conddenz - Schreiben uͤberreicht, Vôtre Majeſtè, oder Vieſtra Maeſtà, und dieſes alles mehr aus Hoͤflichker oder Bluts-Verwandtſchafft, als aus Schuldigket, undohn435Von Titulaturen. ohn allen Præjudiz der Kayſerlichen Prærogativen. S. Wicqueforts Ambaſſadeur, lib. I. p. 734.

§. 40. Die Churfuͤrſten haben erſt in dem XVII. Seculo angefangen den Koͤnigen das Præ - dicat Majeſtaͤt zu geben, und zwar zu erſt dem Koͤ - nig in Franckreich, der es nach vielen bey den Weſt - phaͤliſchen Friedens-Tractaten gehabten Debatten bey ihnen dahin gebracht, daß ſie ihm die Majeſtaͤt gegen das Prædicat Durchlauchtigſt, und das Wort Bruder gegeben. Vorher hieß es entwe - der Ewe. Koͤnigliche Wuͤrde, oder Ewe. Koͤnigliche Wuͤrde und Majeſtaͤt, und im XVI. Seculo gar nur Ewe. Koͤnigliche Durchlauchtigkeit oder zum hoͤch - ſten Ewe. Koͤnigliche Wuͤrde. Das Wort Durchlauchtig iſt erſt von den Kayſern auf die Koͤnige, ſodann aber von dieſen, auf die Chur - und endlich auf die Fuͤrſten gekommen. Wie aber dieſes auch ein Prædicat geweſen, womit man zu - gleich die Koͤniglichen Printzen beehrt, ſo hat es die - ſen, da ſie einigen Vorzug vor den Fuͤrſten zu ha - ben vermeynet, nicht laͤnger anſtehen wollen, ſon - dern man hat ein neues Ehren-Wort, und zwar die Koͤnigliche Hoheit hervorgeſucht.

§. 41. Das Wort Majeſtaͤt wird bey allen Voͤlckern auch bey den Slavoniſchen, welches bey ihnen Weliczeſtwo genennt wird, vor die allerhoͤch - ſte Ehre gebraucht, und niemanden als den ſouve - rainen Obrigkeiten zugeſtanden. Es bedeutet nicht allein ihre hohe Wuͤrde, als die naͤchſte nach GOtt, ſo in dieſer Welt gefunden wird, ſondernE e 2auch436II. Theil. IV. Capitul. auch die wuͤrckliche Gewalt Geſetze zu geben, Ur - theile ohne Apellation zu ſprechen, unwiederſprech - liche Befehle zu ertheilen, und ſelbſt keinen Geſetzen unterworffen zu ſeyn. S. das Recht der Monar - chen in willkuͤhrlicher Beſtellung der Reichsfollge. pag. 24.

§. 42. Es iſt etwas beſonders, daß der Titul des Koͤnigs von Engelland bey ſeiner Croͤnung, in der Lateiniſchen, Frantzoͤſiſchen und Engliſchen Spra - che dreymahl ausgeruffen wird. Erſt kommt der Oberſte Wapen-Koͤnig vom Hoſenband, und rufft dreymahl aus Largeß, das iſt Mildigkeit, und nach - dem er von Sr. Majeſtaͤt Mildigkeit, Erlaubniß zu reden erhalten, proclamirt er des Koͤnigs Titul fol - gender geſtallt in Latein: Sereniſſimi, Potentiſſi - mi & Excellentiſſimi Monarchæ Georgii Setun - di, oder wie er ſonſt heiſt, Dei Gratiæ Magnæ Britanniæ & Hyberniæ Regis, Fidei Defenſo - ris &c.

Wenn ſich nun die Wapen-Officiers wiederum geneigt, proclamirt der andere Wapen-Koͤnig vom Hoſenband Jhrer Majeſtaͤt Titul zum an - dern mahl in Frantzoͤſiſcher Sprache: Du trés haut, trés puiſſant & tres Excellent Monarque Georg II. par la grace de Dieu Roy de la Gran - de Bretagne, France & Irlande, Defenſeur de la foy.

Jndem ſich die Wapen-Officiers auf das neue tief buͤcken, proclamirt der Wapen-Koͤnig desKoͤnigs437Von Belehnungen. Koͤnigs Titul zum drittenmahl, auch in Engliſcher Sprache alſo:

Of the moſt high, moſt meighty and moſt Excellent Monarch George II. by the grace of God King of Greal Britain, France and Ireland, Defender of the faith. S. Beſchreibung der Engliſchen Croͤnungs-Solennitaͤten des ietzigen Koͤnigs. pag. 79.

Das V. Capitul. Von Belehnungen.

§. 1.

Die Belehnungen ſind in Anſehung der So - lennitæten und Ceremonien gar ſehr von einander unterſchieden, immaſſen ei - nige mit mehrern, andere aber mit weni - gern vergeſellſchafftet ſind. Man beobachtet hier - bey mehrentheils dasjenige, was ſonſt bey derglei - chen Gelegenheiten gebraͤuchlich geweſen, wo aber entweder auf Seiten des Lehn-Herrn oder des Vaſallen eine Veraͤnderung vorgegangen, ſo wer - den auch die Ceremonien einigermaßen veraͤn - dert, es werden alsdenn, damit dem Haupt-Werck kein Auffenthalt geſchehe, alle Kleinigkeiten wegen des Einfahrens in das Schloß, wegen der Au - dienz, und faſt wegen aller Tritte und Schritte vorher ausgemacht.

E e 3§. 2.438II. Theil. V. Capitul.

§. 2. Werden die Vaſallen in einen und dem an - dern maͤchtiger als ihre Vorfahren geweſen, oder bekommen neue Dignitæten, ſo ſetzt es allerhand Diſputen, ſie prætendiren mehr Ehren-Bezeugun - gen, und wollen doch weniger ertheilen, bißweilen bemuͤhen ſie ſich gantz und gar der Lehns-Pflicht zu entziehen, daß alſo die Lehns-Herren bey dieſen Faͤllen Urſach haben, auf ihrer Hut zu ſeyn, damit die bißherigen Obſervanzen und Pacta genau bey - behalten und erfuͤllet werden. Gelangen die Lehns-Herren zu neuen Titulaturen, und zu groͤſſe - rer Macht und Anſehen, ſo ſchreiben ſie ihren Vaſal - len bißweilen unangenehme Ceremonielle vor, zumahl wenn ſie ihnen ſonſt nicht gewogen, oder ſie vorher von ihnen einiger maſſen beleidiget worden, oder wenn ſie wiſſen, daß ſie ſehr ohnmaͤchtig, und ſich keiner frembden Aſſiſtenz zu getroͤſten haben.

§. 3. Bevor um eine neue Lehns-Empfaͤngniß angeſucht wird, ſo muß allezeit der Todt oder die Veraͤnderung des vorigen Vaſallen bey der Lehns - Cantzley angezeigt werden. Alſo iſt in der Reichs - Hofraths-Ordnung Kayſers Ferdinandi III. ent - halten: Es ſollen auch die Agnaten und Procura - tores, ſo offt ſie die Reichs-Lehn zu empfargen anſuchen, genugſame Beweiſe thun, wenn einen / etzliche, oder alle, deren Nahmen in vorigen Leins - Briefen einverleibt, Todes verſchieden, und gau - bige Atteſtationes beylegen, in welchem Jahre Monathe und an welchem Tage ſich iedweder To - desfall zugetragen, ingleichen wie nahe die anſu -cherden439Von Belehnungen. chenden Lehns-Folger den vorigen verwandt, auch die nothwendige Gewalt zu Leiſtung des Lehn - Eydes, zu gleicher Zeit und alle auf einmahl pro - duciren.

§. 4. Bißweilen finden ſich zur Lehns-Empfaͤng - niß gar viel Prætendenten ein, die dieſerhalben mit einander ſtreitig ſind; Bey dieſem Fall erlangt zwar derjenige die Belehnung, dem das naͤchſte und ſtaͤrckſte Recht davon zuſtehet, iedoch ſalvo petitorio & cujuscunque juribus; der ſich in pos - ſeſſorio befindet, erzehlet aus der alten Hiſtorie in ei - ner beſondern Deduction ſeine an dieſem Lande ihm zuſtehenden Rechte, die er durch dieſe oder jene ge - troffene und von dem Lehns-Herrn ratificirte Con - vention erlangt, und wer ſich in Poſſeſſion dieſer halben befinde, und bittet alſo um die Belehnung dieſes oder jenen Landes, und derſelben ankleben - den Hoheiten und Gerechtſame. Die andern wi - derſprechen ihnen auf alle Weiſe, laſſen beſondere Gegen-Deductiones drucken, und allenthalben be - kandt machen, darinnen ſie ſich die ihnen zuſtehen - den Rechte vorbehalten, und proteſtiren wider die Lehns-Empfaͤngniſſe, und alle dieſen anhaͤngige und damit verwandte Handlungen. Bey dieſem Falle wird die Belehnung nicht ſelten gar lange aufgeſchoben, obſchon die Lehns-Briefe lange vor - her ausgefertiget geweſen.

§. 5. Wenn denen Lehns-Receſſen gemaͤß ein Termin zu Empfahung der Lehn anſetzt wird, die Vaſallen aber dieſelbe beſtimmte Zeit, nebſt unter -E e 4ſchie -440II. Theil. V. Capitul. ſchiedenen andern nachher indulgirten Friſten wor - bey ſtreichen laſſen, ſo wird nicht ſelten eine Com - miſſion niedergeſetzt, ſo die Lehns-Stuͤcke immit - telſt ſequeſtriren muß. Vorher ſetzen ſie auch wohl nochmahls zum Uberfluß einen Termin von 6 Wochen an, zu wuͤrcklicher Empfahung der Lehn, damit alle Welt ſehen ſoll, daß ſie allen moͤglichen Glimpff hierinnen beybehalten, mit fernerer Ver - warnung, daß auf den Fall dieſelben wieder alles beſſer Verhoffen, eben ſo wenig als die vorherge - henden reſpectiret werden ſollten, ſie als denn nicht umhin koͤnnten, ad ipſam privationem feudi zu ſchreiten und dasjenige vor die Hand zu nehmen, was die Lehns-Rechte in ſolchen Faͤllen mit ſich braͤchten. Die andern entſchuldigen ſich hierauf auf das allerbeſte, fuͤhren ihre Momenta an, bitten die unfoͤrmliche Sequeſtration unverzuͤglich aufzu - heben, und ihnen nicht allein das Exercitium aller ihrer Jurium und Regalium ungekraͤnckt zu laſſen, ſondern auch nechſtenshin ihnen die Lehns-Em - pfaͤngniß zu goͤnnen.

§. 6. Sucht ein geiſtlicher oder weltlicher Chur - und Reichs-Fuͤrſt uͤber ſeine Fuͤrſtenthuͤmer nicht innerhalb der deſtinirten Lehn-Zeit, i. e. innerhalb Jahr und Tag die Lehns-Empfaͤngniß, ſo haͤlt er bey dem Kayſer um Lehns-Indult an, dafuͤr er auf ieden Monate 15 Guͤlden bezahlt. Ein Reichs - Graf aber erlegt in den Reichs-Taxt-Amt wegen ſeiner Reichs-Lehn-Grafſchafft, ſo ihm vor und bey dem Reichs-Hofraths-Collegio zum Reichs -Lehn441Von Belehnungen. Lehn verliehen wird, nur zehn Guͤlden monathlich pro Indultu.

§. 7. Groſſe Herren begnadigen zuweilen bey einem Lehn, ſo in kurtzen apert werden moͤchte, an - dere Vaſallen wegen der Verdienſte ſo ſie ſelbſt und ihre Vorfahren ihrem Hauſe geleiſtet, mit der Anwartſchafft gewiſſer Lehne, damit nun die meiſten wegen der allodial und feudal Stuͤcken ſo untereinander vermiſcht, keine Unordnung entſte - hen moͤge, ſo befehlen ſie ihren Vaſallen, um allen Diſputen ſo ſich nach ihrem Tode ereignen koͤnten, vorzukommen, durch ein Reſcript an, daß ſie inner - halb einer gewiſſen Zeit einige Raͤthe zu einer Commiſſion die ſie deßhalb niederſetzen wolten abſchicken, auch alle diejenigen Lehn-Briefe, und andere zu dem Lehn gehoͤrigen Documenta nichts davon abgeſondert oder ausgenommen, bey den Pflichten mit welchen ſie ihnen verwandt, entwe - der in Originali oder wenigſtens durch vidimirte Abſchrifften, mitgeben, coram Commiſſione pro - duciren, und des Lehns-Herrn gute Intention hier - durch erfuͤllen ſolten.

§. 8. Befindet ſich einer von den Vaſallen der die Lehn nebſt den andern mit empfangen ſolte, zu dieſer Zeit in feindlichen Krieges-Dienſten, ſo darf gemeiniglich in der Anſuchung um die Belehnung ſeiner nicht erwehnt werden, iedoch bekoͤmmt er oͤff - ters die Vertroͤſtung, wenn er ſich von ſothanen Krieges-Dienſten abziehen und gehorſamſt mel - den wuͤrde, daß er ſo dann abſonderlich belehnetE e 5werden442II. Theil. V. Capitul. werden ſolte. Es bekommen auch wohl die Ge - bruͤder oder andere, die mit dem ausgeſchloſſenem in gleichem Grad, von dem Lehns-Herrn unter ſeiner Hand und Siegel ein Verſicherungs-Schreiben, daß ob wohl der eine bey dieſer Belehnung aus ge - wiſſen hochbewegenden Urſachen ausgeſchloſſen bliebe, ſolches dennoch den andern, in Anſehung der geſammten Hand, zu einigen Præjudiz nicht ge - reichen ſolte.

§. 9. Bißweilen geſchiehet eine Belehnung und Ausfertigung eines Lehn-Briefes mit einer gewiſ - ſen Bedingung die zuvor adimplirt werden muß. Zuweilen gratificirt auch ein Lehns-Herr in Anſe - hung gewiſſer Umſtaͤnde, bey einem gewiſſen Caſu, iedoch daß es zu keiner Conſequenz gezogen werde, daß ein, dem Stande nach, geringer Lehn-Traͤger, als etwan ſonſt gewoͤhnlich geſtellt werde, da denn der Vaſalle oder ſein Gevollmaͤchtigter vor dieſe Diſpenſation im actu petitionis Danck abſtattet.

§. 10. Den minderjaͤrigen Vaſallen, damit die - ſelben nicht etwan einiger maſſen periclitiren, wird auf alle Weyſe proſpicirt. Jn der Kaͤyſerlichen Wahl-Capitulation iſt in Anſehung der minder - jaͤhrigen Reichs-Staͤnde Artic. XI. folgendes di - ſponirt. Wenn ein Churfuͤrſt, Fuͤrſt oder ſonſt unmittelbahrer Stand und Lehnmann des Reichs, mit Tod abgehet, und minderjaͤhrige Lehns-Erben ſ. puberes ſ. impuberes hinter ſich verlaͤſt, ſo ſollen der Vormuͤnder oder die Vormuͤndere nach ange - tretener wuͤrcklicher Adminiſtration der Tutel oderCuratel,443Von Belehnungen. Curatel, ihre der minderjaͤhrigen von dem Reiche habenden Regalien und Lehne innerhalb Jahr und Tag wuͤrcklich ſuchen, und mit der darauf folgen - den Belehnung das gewoͤhnliche juramentum fi - delitatis ablegen, und die Gebuͤhr entrichten, an welche der Vormuͤnder Empfahung und eydliche Verſprechung die minderjaͤhrigen ſelbſt nach er - langter pubertæt u. reſpective majorennitæt der - geſtalt gebunden ſeyn ſollen, als wenn die minder - jaͤhrigen beruͤhrte Regalien und Lehne nach uͤber - nommener Regierung ſelbſt empfangen, und den Lehns-Eyd erſtattet haͤtten, dagegen wollen und ſollen wir, ſie minderjaͤhrigen nach erlangter Pu - bertæt und Majorennitæt zu anderweitiger Em - pfaͤngniß ſolcher Lehne und Regalien, wie auch Lehns-Eyd nicht, vielweniger zu einer doppelten oder weitern Entrichtung des Lehn-Taxes anhal - ten, ſondern ſie bey obgedachter erſtern, den Vor - muͤndern ertheilten Belehnungen, allerdings laſ - ſen.

§. 11. Manchmahl wird die Lehns-Pflicht in ei - ne Erb-Huldigungs-Pflicht verwandelt, theils durch guͤtliche Perſuaſiones, theils durch harte Drohungen. Damit nun dieſes in den kuͤnfftigen Zeiten vermieden werde, ſo pflegen die ſchwaͤchern bey Zeiten auf ihrer Hut zu ſeyn, und ſich zu pro - ſpiciren, daß ſie nicht ſolche verba honoris & ci - vilitatis gebrauchen, daraus die Lehns-Herren nachgehends einen Huldigungs - und Unterthanen - Eyd wuͤrden erzwingen wollen.

§. 12.444II. Theil. V. Capitul.

§. 12. Einige Vaſallen erhalten zum Faveur, daß die kuͤnfftigen zu ertheilenden Lehns-Recognitionen nicht nur an Seiten des Kayſers, ſondern auch der Vaſallen den wuͤrcklichen Belehnungen an Kraͤff - ten gleich, und als wenn die Lehns-Pflicht wuͤrck - lich abgelegt waͤre worden, geachtet werden ſolten. Nicht weniger iſt in Teutſchland ein beſonder Pri - vilegium und Kayſerliche Begnadigung, daß, ſo lange einer von denen ietzo in der geſammten In - veſtitur begriffenen Hertzogen eines gewiſſen Hau - ſes, und deſſen beſondern Fuͤrſtlichen Linie am Le - ben, die Lehn auſſer wenn ſich mit der Kayſerlichen Regierung eine Aenderung zutruͤge, und alſo bey Thron-Faͤllen von denen uͤberbliebenen Herren nicht, ſondern erſt ſo dann wann der letztlebende auch Todes verfahren, geſucht, und die vorigen Todes-Faͤlle iedesmahl an dem Kayſerlichen Ho - fe kund gemacht werden ſolten.

§. 13. Zuweilen iſt der Vaſalle weit maͤchtiger und der Dignitæt nach anſehnlicher als ſein Lehn - Herr, muß aber doch den alten Herkommen gemaͤß ein gewiß Stuͤck von ihm zur Lehn nehmen, als Chur-Sachſen von dem Biſchoff von Bamberg wegen des Ober-Marſchall-Amts, und der Koͤnig in Daͤnnemarck von dem Hertzog zu Wolffenbuͤt - tel wegen des Budjadinger-Landes. Bey dieſem Fall werden von den Vaſallen Abgeſandte mit ge - wiſſer Inſtruction, Vollmacht und Creditiv ab - geſchickt. Bey ihrer Ankunfft laſſen ſie ſich bey dem Ober-Marſchall, bey dem Cantzler oder woes445Von Belehnungen. es ſonſt gebraͤuchlich iſt / melden, und vernehmen welchen Tag die Belehnung vor ſich gehen ſoll. Die Abgeſandten werden von dem Lehns-Herrn auf das hoͤflichſte empfangen, die Wachen und Garden muͤſſen das Gewehr vor ſie præſentiren, ſie werden auf das Fuͤrſtliche Schloß ein logirt, und allenthalben wohl tractirt. Sie erwarten der Belehnung, und nach der Belehnung verſpre - chen ſie und zwar mehrentheils vermittelſt eines Handſchlags, an den Lehn-Herrn und in tragen - der Vollmacht, daß ihre Principalen und Dero - ſelben Mitbelehnte dem Lehns-Herrn wegen dieſes Lehn-Stuͤcks vermoͤge der Lehn-Rechte und die - ſerhalben errichteten Vertraͤge, treu und hold ſeyn, Dero Beſtes befoͤrdern und Arges abwenden helf - fen, und allen demjenigen, was den Vergleichen gemaͤß, nachkommen ſollen und wollen. Hierauf erlangen ſie wegen dieſer Belehnung eine Recogni - tion; Die Geſandten bezahlen was bey dieſen Faͤllen gebraͤuchlich iſt, und reiſen hierauf wieder ihre Straſſen nach Hauſe.

§. 14. Die Vaſallen werden mehrentheils durch Gevollmaͤchtigte zur Lehns-Empfaͤngniß admit - tirt; es waͤre denn, daß ſie ſelbſt ſich in der Naͤhe befaͤnden, da ſie denn in Perſon erſcheinen muͤſſen, es geſchicht auch wohl, daß bey andern Faͤllen eine perſoͤnliche Erſcheinung prætendirt wird, und ſind bereits von einigen Jahrhunderten her, an eini - gen Hoͤfen dieſerwegen Diſputen geweſen.

§. 15. Zur Abſchickung der Lehns-Empfaͤngnißwerden446II. Theil. V. Capitul. werden geſchickte Miniſtri ausgeſucht, die in dem - jenigen was bey den Lehns-Actibus zu bemercken noͤthig, wohl informirt. Es gilt gleich ob ſie ho - hen Standes, adelicher oder buͤrgerlicher Abkunfft ſeyn, maſſen von vielen Jahrhunderten her, hierbey kein Unterſchied beobachtet worden, dafern es nur nicht allzugeringe und in unanſehnlichen Ehren - Aemtern ſtehende Officianten ſind. Denn ſonſt ſind die Lehns-Herren nicht damit zufrieden, ſie thun dieſerwegen Erinnerung, und admittiren ſie bißweilen wohl gar nicht.

§. 16. Wenn es die Obſervanz mit ſich bringt, daß eine gewiſſe hohe Standes-Perſon zur Lehns - Empfaͤngniß abgeordnet werden muß, bey man - chen Umſtaͤnden aber eine andere abgeſchickt wird, ſo muß der Vaſall verſichern, daß dieſer Fall zu kei - ner Conſequenz angezogen werden ſoll. Alſo er - theilte anno 1603 den 5 Febr. Kayſer Rudolph II. dem Churfuͤrſten zu Sachſen zwar auf dero alleini - ge Perſon, dahin ein Decret, daß die Vogtlaͤndi - ſchen Lehne uͤber die Aemter Plauen, Vogtsberg, Schoͤneck und Pauſe, welche ſonſt durch eine Fuͤrſtliche Perſon, ſo von Gebluͤth des Haußes Sachſen hat muͤſſen empfangen werden, durch eine graͤfliche Perſon, iedoch gegen einen Revers empfangen werden moͤge. S. Muͤllers Annal. Saxon. p. 232.

§. 17. Bißweilen wird es uͤbel genommen / wenn ein Geſandter wieder die bißherige Obſervatz, in ſeiner Rede an den Lehns-Herrn zu entſchuldigenvergiſt,447Von Belehnungen. vergiſt, daß ſein Principal wegen unausſetzlicher Verrichtungen nicht ſelbſt zugegen ſeyn kan, da ſich doch die Herren Gevollmaͤchtigten bey dergleichen Lehns-Ertheilungen, allemahl dergleichen Forma - lien ſonſt bedienet.

§. 18. Vor Zeiten muſte vor die zur Lehns-Em - pfaͤngniß abgeſchickte Perſonen, wegen der damah - ligen Befehdungs-Zeiten, ein ſicher Geleite erthei - let werden. So findet man auch, daß in dem XV. Seculo, bey manchen Faͤllen, ein Kayſerl. Herold mit einem Kayſerlichen Abgeſandten abgeſchickt worden, um dem Vaſallen zu belehnen. Alſo mel - det der Herr Brenneyſen in ſeiner Oſt-Frießlaͤndi - ſchen Hiſtorie, daß anno 1464 der Regent zu Oſt - Frießland Arnoldus Louis auf dieſe Art belehnet worden. Es laſe einer des Geſchlechts von Kirche, dem zu dieſem Ende verſammleten Volck den Kay - ſerlichen Lehn-Brief vor, und befahl im Nahmen des Kayſers, den Herrn N. N. ins kuͤnfftige als ihren Regenten, Grafen und Fuͤrſten zu ehren, und daß allen, die in dem Lehn-Briefe enthalten, ihren Gehorſam erweiſen ſolten.

§. 19. Jn den alten Zeiten ſind die Belehnun - gen ohne beſondere Weitlaͤufftigkeiten und Pflicht - leiſtung, mit einem bloſſen Handſchlag pro pigno - re fidei ertheilet und empfangen worden. Doch heutiges Tages geſchehen ſie mehrentheils durch Ablegung des Lehn-Eydes. Die Art der Leiſtung des Juraments iſt bey den Lehns-Handlungen un - terſchieden. Bißweilen legen ſie zwey Finger aufdas448II. Theil. V. Capitul. das Evangelien-Buch, und zwar auf das Ewan - gelium Johannis, bißweilen aber auch beyde Haͤn - de Creutz-weiß. Werden unterſchiedene zu glei - cher Zeit mit etwas belehnet, ſo leget ein ieder von ihnen die Finger in das Evangelien-Buch. Manch - mahl wird der Lehns-Eyd gar nicht abgelegt, ſon - dern nur vorgeleſen, und der andere Fuͤrſt als Va - ſall ſpricht: Ja, ich wills thun.

§. 20. Werden unterſchiedene zugleich belehnet, ſo ſchwehret die Worte und Titulaturen, ſo dem Geſandten des einen Principals inſonderheit ange - hen, dieſer alleine, die andern auch das was ihren Herrn Principal eigentlich betrifft, ins beſondere, die Generalia aber ſprechen ſie allerſeits insge - ſammt nach, welche der Cantzler denſelben vorlie - ſet. Der Principal-Geſandte des vornehmſten Hauſes thut die Anrede, und zugleich das Danck - ſagungs-Compliment, im Nahmen der andern Haͤuſer die mit dieſem verknuͤpfft ſind.

§. 21. Jn dem XV. Seculo haben die Vaſallen ihre Haͤnde bey der Belehnung bißweilen zuſam - men geſchloſſen, und ſolche an des Koͤniges oder Kayſers Bruſt gehalten, als wie ſolches von Her - tzog Johanne zu Sachſen, vor dem Koͤnig Ladislao zu Boͤhmen anno 1488. den 26 Dec. geſchehen. S. Muͤllers Annal. p. 53.

§. 22. Etwas beſonders iſts, daß ein Curlaͤndi - ſcher Ablegatus, wenn er im Nahmen des Her - tzogs die Lehn von dem Koͤnig in Pohlen empfaͤngt, poſt præſtitum juramentum ſich ein wenig beydem449Von Belehnungen. dem Koͤnig in Pohlen niederſetzt, auch ſein Haupt bedeckt, um die Poſſeſſion dieſer ſeinen Principalen zukommenden Seſſion hiedurch zu mainteniren, weil dem Hertzog von Churland, wenn er bey dem Koͤnig in Pohlen anweſend, der naͤchſte Locus bey dem Koͤnig zu ſitzen gehoͤrt. S. Chwalkowsky Jur. Publ. Polon. p. 527. 584.

§. 23. Erſcheinen einige maͤchtige Vaſallen in Perſon, ſo muͤſſen ſie zwar dasjenige thun, was der Actus der Belehnung mit ſich bringt, ſie muͤſſen der Obſervanz nach, dem Lehn-Herrn um die Beleh - nung bitten, und bißweilen auf den Knien; Es werden aber doch bey den Principalen ſelbſt die Ce - remonien anders temperirt, als bey den Gevoll - maͤchtigten, und ihnen in einem und dem andern Douceurs erwieſen; Es werden ihnen Sammet - Kuͤſſen vorgelegt, ſie werden auf das propreſte tra - ctirt, es wird ihnen mit allen Solennitæten begeg - net. Der Lehns-Herr ſelbſt oder deſſen Cantzler fuͤhren an, daß es ihnen zu ſonderbahren Wohlge - fallen gereiche, daß der Vaſall um ſeine Devotion oder Ergebenheit zu bezeugen, ſich in eigner Perſon um die Lehn zu empfangen habe einſtellen wollen.

§. 24. Zuweilen ereignen ſich unter den Linien eines Hauſes wegen des Vorganges gewiſſe Strei - tigkeiten, oder da eine vor den andern in den Lehn - Briefen zu erſt genennt ſeyn will, ſie werden aber mehrentheils entweder durch eine unverfaͤngliche Interims-Alternation, oder durch ein ander Tem - perament beygelegt.

F f§. 25.450II. Theil V. Capitul.

§. 25. Ehedem geſchahen die Kayſerlichen Be - lehnungen der Churfuͤrſten unter freyen Himmel, mit beſondern Ceremonien. Die Churfuͤrſten lieſſen ſich gewiſſe Lehns-Fahnen vortragen, die Kayſer nahmen ſie in ipſo actu inveſtituræ nach - einander in die Hand, und die Churfuͤrſten liefer - ten ſolche den Herolden, dieſe aber wurffen ſie der Gewohnheit nach von deren Geruͤſte unter das Volck. An. 1566 den 23 April begab ſichs bey einer vom Kayſer Maximiliano II. auf dem Reichs - Tage zu Augſpurg geſchehenen Belehnung, daß alle Chur-Saͤchſiſche Fahnen von dem Poͤbel in dem groſſen Gedraͤnge gewoͤhnlich zuriſſen worden, auſſer des Hertzogthums Sachſen Fahne in dem Rauten-Crantz, und den 5 ſchwartzen Balcken, welche unerachtet des groſſen Volcks, ſo ſich dar - um geriſſen und geſchmiſſen, gantz blieben, geſtalt ſolche ein Reuter erwiſcht, und dem Churfuͤrſten unverletzt uͤberantwortet, wovor er ein gutes Trinck - Geld bekommen, und iſt ſolches vor eine gute An - zeige gehalten worden. S. Muͤllers Annal. Saxon. pag. 139.

§. 26. Wenn in den heutigen Zeiten ein Chur - Fuͤrſt oder Fuͤrſt des Heiligen Roͤmiſchen Reichs, durch ſeine Gevollmaͤchtigten, es waͤren derſelben einer, zwey oder drey, vom Roͤmiſchen Kayſer und Koͤnig ſeine Reichs-Lehn empfaͤngt, ſo fertiget er ſolche mit behoͤriger Lehns-Vollmacht und ſchrifft - lichen Pouvoir an den Kayſerlichen Hof ab, nebſt gewiſſen Credentialen an den Kayſer. So balddie -451Von Belehnungen. dieſelben dort ankommen, uͤbergeben ſie ſolche Cre - dentialen an den Kayſerlichen Ober-Caͤmmerer in Copie, und begehren zur Kayſerlichen Audienz admittirt zu ſeyn.

§. 27. Bey erfolgter Audienz uͤbergeben ſie an den Kayſer das Original ihrer Credentialen, und legitimiren ſich als abgefertigte Lehn-Traͤger zu Empfahung der Reichs-Lehne, ſie uͤbergeben in dem Reichs-Hofraths-Collegio ihre Lehns-Voll - machten, nebſt einen oder mehr an dem Kayſer ge - richteten Memorialien, darinnen ſie die Lehn bitten, fuͤgen auch an die vidimirten und collationirten Copien der vorigen Lehn-Briefe und Documen - ten, ingleichen das documentum mortis, daß nem - lich der vorige Lehn-Mann und Chur-Fuͤrſt ge - ſtorben, und alſo das Lehn auf einen andern Suc - ceſſoren verſtammt. Es kan auch der Lehn-Traͤ - ger in ſolchem Lehns-Memoriali anfuͤhren, wann und wie bey dieſer neuen Inveſtitur ſein Principal bey ſeinen Lehn und Regalien etwas veraͤndert, angefuͤgt, oder verneuert haben will.

§. 28. Sind dieſe Memoriale nebſt Beylagen in dem Reichs-Hofraths-Collegio als dem Kay - ſerlichen Reichs-Lehn-Hofe referirt, und man hat des Lehn-Traͤgers Petita vor billich befunden, und vom Kayſer bewilliget, auch das Concept des neuen Lehn-Brieffes adjuſtirt, ſo erhaͤlt der Lehn - Traͤger ein Decretum admiſſionis ad inveſtitu - ram aus der Reichs-Hofraths-Stube. Dann laͤſt ihnen der Kayſerliche Oberſte Hofmeiſter einF f 2Dire -452II. Theil. V. Capitul. Directorium Ceremonialium zu ſolcher Benen - nung communiciren.

§. 29. Kommt es nun zum termino des actus inveſtituræ, ſo muß der Lehn-Traͤger die Hof - Aemter-Taxam, und die Reichs-Cantzley-Jura in das Reichs-Hof-Cantzley-Amt bezahlen. Sind die Grafen des Reichs als Graf Pappenheim, von Limburg u. ſ. w. bey dem Kayſerlichen Hofe ſelbſt gegenwaͤrtig, und aſſiſtiren bey der Belehnung per - ſoͤnlich, ſo empfangen ſie auch obige Lehn-Taxe. Sind ſie oder deren etzliche abweſend, ſo vertreten ſolche Stelle die vornehmen Kayſerlichen Bedien - ten, als an ſtatt des Reichs-Erb-Marſchalls der Kayſerliche Ober-Hof-Marſchall, an ſtatt des Reichs-Erb-Caͤmmerers der Kayſerliche Ober - Caͤmmerer u. ſ. w. welche auch ſolche Taxe ziehen. Hat der Lehns-Traͤger aber mehr als einen Lehns - Actum abzuwarten, ſo muß er dieſes Simplum auch ſo vielmahls als er belehnet wird, reiterato zahlen.

§. 30. Kommt es zur wuͤrcklichen Inveſtitur, und die uͤbrigen Requiſiten ſind von einem Chur - Fuͤrſtlichen oder Fuͤrſtlichen Lehn-Traͤger erfuͤllt, und Kayſerliche Majeſtaͤt haben Zeit und Stunde zum Inveſtitur-Actu benennt, ſo wird den Lehn - Traͤgern und deſſen zugeordneten Gewalthabern zur Lehn, durch den vom Kayſerlichem Ober-Hof - meiſter und Premier-Miniſtre abgeſchickten Kay - ſerlichen Hof-Fourier, die Zeit und Stunde zur Inveſtitur angeſagt.

§. 31.453Von Belehnungen.

§. 31. Die Lehn-Traͤger erſcheinen in gewoͤhn - lichen Hof-Habit und Mantel-Kleidern, wie man es zu Wien zu nennen pflegt. Sind es Chur - fuͤrſtliche Miniſtri, wann ſie auch nicht einmahl uͤber ein Churfuͤrſtenthum, ſondern nur ein Her - tzogthum und Fuͤrſtenthum die Lehn empfiengen, ſo fahren ſie mit einer Caroſſe von 6 Pferden in den Kayſerlichen Hof - und Burg-Platz. Sind es Fuͤrſtliche Lehn-Traͤger, weſſen Characters, Wuͤrde und Tituls ihre Principalen auch waͤren, ſo muͤſſen ſie ſich in dieſem Fall bey dem Ausfahren ſchon etwas geringer bezeugen. Die Fuͤrſtlichen Geſammt-Haͤuſer, ſo wegen anderer Fuͤrſten die geſammte Lehns-Hand nehmen, fahren in ihren eigenen Wagen mit 2 Pferden beſpannt hinter dem Lehn-Traͤger, und ſteigen die Geſammt-Haͤnder in dem foͤrdern Burg-Platz ſchon aus, und gehen vollends zu Fuß in die Kayſerliche Burg.

§. 32. Sind ſie in der Kayſerlichen Burg ange - langt, ſo treten bey ſolennen Belehnungen an dem Kayſerlichen Hofe, vor die Churfuͤrſtlichen Gevoll - maͤchtigten die Haupt-Wache und Schweitzer - Garde unten am Thor ins Gewehr, und oben in der Trabanten-Stube die Kayſerlichen Hat - ſchierer auf der einen, und die Trabanten auf der andern Seite ins Gewehr.

§. 33. Vor der Ritter-Stube ſtehen Traban - ten und Hatſchierer in ihrem Gemach nach der Ordnung, und zwey vor der Thuͤre der Ritter - Stube, vor der Anti-Camera an der Thuͤre auchF f 3zwey,454II. Theil. V. Capitul. zwey, welche alle Cavaliers einlaßen. Andere Leu - te werden in die Ritter-Stube nicht gelaſſen, biß der Actus angehet, alsdenn laſſen ſie maͤnniglich ein.

§. 34. Kommen nun die Lehntraͤger und Ge - ſammthaͤnder in die Kayſerliche Anti-Chambre, ſo warten ſie dort. Jnzwiſchen ſetzt ſich der Kay - ſer, von ſeinen Hof - und Reichs Erb-Aemtern be - gleitet, auf ſeinen erhabenen, mehrentheils mit Bro - cat und Tapeten bekleideten, und auf einer Eſtrade ſtehenden Thron oder Stuhl unter einem Balda - chin. Das Zimmer iſt mit vielen Cavalieren, ſrembden Miniſtren und Zuſchauern angefuͤllet. Hierauf gehet der Erb-Caͤmmerer, oder ipſo ab - ſente der Kayſerliche Ober-Caͤmmerer hin, eroͤff - net die Thuͤre des Zimmers, und laͤſt den Lehrtraͤ - ger hinein. Sind es zwey Lehntraͤger oder mehr, ſo treten ſie pari gradu & linea hinein, die Ge - ſammthaͤnder folgen nach, und faſſen an der Lehn - traͤger Maͤntel an.

§. 35. Die Hof - und Erb-Aemter treten nachſt dem Reichs-Vice-Cantzler, oder in deſſen Abweſen - heit dem Reichs-Hof-Raths-Præſidenten, dem Kayſer zur Lincken, der Erb-Marſchall oder der Kayſerliche Ober-Marſchall tritt dem Kayſer zur Rechten mit dem bloſſen Schwerdt. Bey dem Eintreten machen die Lehntraͤger und Geſanmt - haͤnder ieder einen dreyfachen Reverence mit Knie - beugen, fallen auch drey mahl auf die Knie, ab im Eintritt einmahl, in der Mitte des Gemachs ein -mahl,455Von Belehnungen. mahl, dann nahe vor dem Kayſerlichen Thron vor der Eſtrade auf den gelegten Tapeten einmahl. Bey dem andern Kniefall nimmt der Kayſer ſei - nen Hut ab, ſetzt ihn wieder auf.

§. 36. Hierauf ſuchen die Lehntraͤger kniend um die Lehns-Empfaͤngniß an, ſie entſchuldigen vorerſt die Abweſenheit ihrer Herren Principalen, und er - ſuchen Kayſerliche Majeſtaͤt, ihnen die Inveſtitur und Belehnung uͤber das Chur-Fuͤrſtenthum, Her - tzogthum, ſammt allen darzu gehoͤrigen und recht - maͤßig gebrauchten Regalien, hochherrlichen Ge - rechtigkeiten und loͤblichen Gewohnheiten, als ge - nugſam dazu Gevollmaͤchtigten, Allergnaͤdigſt zu verleihen, immaſſen ſolche Lehnſtuͤcke, Begnadi - gungen und Mitbelehnſchafften in denen von ihnen uͤbergebenen Memorialien mit mehrern begriffen; Dagegen waͤren ſie erboͤthig, auf habenden Befehl die gewoͤhnliche Pflicht in ihrer Durchlauchtigſten Principalen Seelen zu ſchweren; ſie verſichern an - bey, ſie wuͤrden ſich iederzeit wegen dero tragenden Lehen gegen Jhro Kayſerliche Majeſtaͤt und das heilige Roͤmiſche Reich, wie ſolches getreuen und gehorſamen Chur - und Fuͤrſten gebuͤhrete, verhal - ten, und daſſelbe um Jhro Kayſerlichen Majeſtaͤt, beſten und hoͤchſten Bermoͤgen nach, obligirter Schuldigkeit nach, unterthaͤnigſt verdienen.

§. 37. Hierauf kniet der Reichs-Vice-Cantzler nieder. Der Kayſer befiehlet ihm, auf die Lehns - Anſuchung zu antworten, ſelbiger ertheilet kniend dem Lehntraͤger die Kayſerliche Reſolution in ei -F f 4ner456II. Theil. V. Capitul. ner kurtzen Rede: Der Kayſer ließe ſich dieſes An - ſuchen nicht zuwider ſeyn, naͤhmen auch die Ent - ſchuldigung, daß ihre Durchlauchtigſte Principalen nicht erſcheinen koͤnten, vor dießmahl gnaͤdigſt an, weswegen ſich die Herren Gevollmaͤchtigten zu dem Thron Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt naͤhern, und den Lehns-Eyd in die Seelen ihrer Principalen abſchweren koͤnten.

§. 38. Jnzwiſchen kommt der Kayſerliche aͤlteſte Cammer-Diener, giebt dem Erb - oder Ober-Caͤm - merer das Evangelien-Buch, derſelbe ſchlaͤgt auf das Evangelium Sanct Johannis, in principio erat verbum, und leget es dem Kayſer in Schooß; der Kayſer, ſo bißher bedeckt geweſen, entdeckt ſich, und giebt den Hut und die Handſchuh ſeinem aͤlte - ſten Cammer-Herrn zu halten. So wohl der O - ber-Hofmeiſter als der Ober-Caͤmmerer knien nie - der, jener zur Rechten, und dieſer zur Lincken, und halten das Evangelium. Der Lehntraͤger tritt hinzu, kniet unten auf der Eſtrade des Throns, und dem Kayſer zu Fuͤſſen nieder / leget die zwey vor - derſten rechten Finger auf das Evangelien-Buch, und ſchweret den Lehns-Eyd in die Seele ſeines Principals.

§. 39. Wenn das Jurament abgelegt wird, ſo reicht der Obriſte Hof-Marſchall dem Kayſer das Schwerdt in die rechte Hand, welches derſelbe alle - zeit dem knienden, und die Lehns-Pflicht abſchwe - renden Geſandten vorhaͤlt, um den Knopff davon zu kuͤſſen. Sind unterſchiedene Geſandte als Mit -belehn -457Von Belehnungen. belehnte vorhanden, ſo kuͤſſen die voran knienden den Knopff davon zuerſt, die hinten nach knienden aber zuletzt, und greiffen bey iedweden Actu inveſtitu - , gleichwie ehemahls bey den Petitionen ratio - ne der geſammten Hand - und Mitbelehnſchafften wiederum einander an die Maͤntel. Wenn diß ge - ſchehen, ſo ſtattet der Lehntraͤger bey dem Kayſer eine ſolenne Danckſagungs-Rede ab.

§. 40. Durch dieſe Solenniraͤten werden die Va - ſallen des Roͤmiſchen Reichs in die Poſſeß ihres verliehenen Lehns geſetzt; Jedoch ſind dieſelben nicht univerſal, ſondern leiden, nach Bewandtniß gewiſſer Perſonen, oder durch perſoͤnliche Lehns - Empfaͤngniß der Reichs-Chur - und Fuͤrſten, eine Aenderung.

§. 41. Kayſerliche Majeſtaͤten verleihen die Lehen nicht allein in ihrem eigenen Nahmen, ſondern auch im Nahmen des heiligen Roͤmiſchen Reichs, wel - ches aus der Juraments-Formul erhellet, da ſie verſprechen, Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt und dem heiligen Roͤmiſchen Reich getreu, hold und gewaͤr - tig zu ſeyn. Wenn ſolche Lehen offen werden, fal - len ſie nicht allein dem Kayſer, ſondern auch dem Reich anheim; S. Itter, de feudis Imperii Cap. VI. p. 159. und haben ſie ſolches, wie folget, in ihren Capitulationen von Zeiten des Kayſers Ca - roli V. biß auf die ietzigen verſprochen; Wenn auch Lehen dem Reich bey Zeiten unſerer Regie - rung durch Todes-Faͤlle oder Verwuͤrckung eroͤff - net und lediglich heimfallen werden, ſo etwas wuͤrck -F f 5liches458II. Theil. V. Capitul. liches ertragen, als Fuͤrſtenthuͤmer, Grafſchafften, Staͤdte und dergleichen, die ſollen und wollen wir, ohne Vorwiſſen der Chur-Fuͤrſten, ferner niemand leihen, auch niemand einige Expetanz oder An - wartſchafft darauf geben, ſondern zu Unterhaltung des Reichs, unſer und unſerer nachkommender Koͤ - nige und Kayſer behalten, einziehen und incorpo - riren.

§. 42. Die Belehnungs-Formul wird mei - ſtentheils auf folgende Weiſe ausgedruckt: Sie werden belehnet mit dem Hertzogthum, Landgraf - ſchafft, Marggraſſchafft, item Pfaltzgrafſchafft und andern Fuͤrſtenthuͤmern, Landen, Leuten und Lehnſchafften, Aemtern, Staͤdten, Stuͤcken, Guͤ - tern, Zoͤllen, Geleiten, Schulden, Renten, Zinſen, Nutzungen, Gerichten, Oberſt und Niederſt, Geiſt - und Weltlichen, Bergwercken, Saltzwercken, Wildbahnen ſamt allen andern dergleichen Lan - des-Fuͤrſtlichen Hoheiten, Regalien, Herrlichkei - ten und Gerechtigkeiten, Obrigkeiten, Ehren, Wuͤr - den und Freyheiten, Gewohnheiten und Eingchoͤ - rungen, Benannt und Unbenannt ꝛc. ꝛc.

§. 43. Die Grafen, Freyherrn, und alle deje - nigen ſo Reichs-Lehen haben, empfangen dieſel - ben vor dem Reichs-Hof-Rathe, und zwar ein Teutſcher ſtehend, die Jtaliaͤner aber kniend. Die Fuͤrſtlichen Lehen muͤſſen unmittelbahr von dem Roͤmiſchen Kayſer empfangen werden.

§. 44. Vor die Ausfertigung der Reichs-Lelen - Briefe werden an die Reichs-Lehen-Expeditionendie459Von Belehnungen. die gewoͤhnlichen Honoraria entrichtet, nach dem Unterſchied der ſilbernen oder guͤldenen, oder an - dern Capſulen, oder nachdem ſolche in Sammet eingebunden.

§. 45. Die Chur-Fuͤrſten ſind per A. B. von der Lehns-Taxe befreyet, iedoch pflegen ſie den un - tern Hof-Bedienten, als den Schweitzern, den Thuͤrhuͤtern in der Ritter-Stube, den Hatſchie - rern, den Trabanten, den Hof-Fourierern, den Tapezierern, Cammer-Heitzern, Cammer-Tra - banten, Thuͤrhuͤtern, aͤlteſten Cammer-Dienern ſo das Evangelium halten / Laqueyen, Trompe - petern und Pauckern, Hof-Fourierern, Herolden, Reichs-Hof-Raths-Thuͤrhuͤtern, und Geheimen Raths-Thuͤrhuͤtern Diſcretionen zu entrichten. Die Reichs-Fuͤrſten duͤrffen ebenfalls nichts von der Taxe bezahlen; hingegen muͤſſen ſie neben dem ietzt ſpecificirten vor die Hof-Bedienten kommen - den Verehrungen, auch die Erb - und Hof-Aemter bezahlen, davon die Herren Chur-Fuͤrſten frey ſind. S. Uffenbach de judic. aul.

§. 46. Der Herr von Seckendorf ſagt in den Zuſaͤtzen vom Fuͤrſten-Staat p. 78. Man ſolte Exempel finden, daß Landes-Herren im Reich waͤ - ren, ſonderlich im Grafen-Stande, die gar keine Lehn-Brieffe haͤtten. So koͤnnte auch das Her - tzogthum Holſtein ſelbſt, ob es gleich von Zeiten Kayſers Friedrichs I. ein Reichs-Lehen geweſen, dennoch keine aͤltern Lehn-Brieffe als etwan nurvon460II. Theil. VI. Capitul. von Kayſer Carl V. vorzeigen. S. Itter de feud. Imper. p. 596.

Das VI. Capitul. Von Buͤndniſſen.

§. 1.

Der Tractaten, welche groſſe Herren mit ein - ander ſchlieſſen, giebt es viel und man - cherley Arten. Einige betreffen den Frie - den, den Stillſtand der Waffen, die Auswechslung, Abtretung oder Wiedererſtattung der ſtreitigen oder eroberten Plaͤtze und Laͤnder, die Gewaͤhrſchafften, Heyrathen, Commercien und dergleichen. Andere ſchlieſſen Off - und Defenſiv - Allianzen, Vergleiche wegen der Grentzen und Zu - behoͤrungen. Uber dieſes giebt es geheime Tracta - ten, deren Vollziehung und Eroͤffnung eine Zeit - lang verſchoben wird, auch findet man oͤffentliche, denen gewiſſe geheime Articul mit angehangen werden. Eventulle Tractaten nennet man, de - ren Vollziehung von gewiſſen Begebenheiten de - pendiret, von welchen man muthmaſſet daß ſie ſich ereignen ſollen, und ohne welche dieſe Tracta - ten nichts wuͤrcken.

§. 2. Jn den vorigen Seculis wurden in Teutſch - land theils unter Churfuͤrſtlichen und Fuͤrſtlichen Haͤuſern, theils auch unter Graſen mancherleyErb -461Von Buͤndniſſen. Erb-Verbruͤderungen getroffen. Der Endzweck war der allgemeine Nutzen und die Ruhe, denn dieſe Vertraͤge gereichten zum Splendeur der Familien, zur Befeſtigung und zum Aufnehmen der Freundſchafften, und Nutzen der Unterthanen, daß ſie nemlich in bluͤhenden Stande ſolten erhal - ten werden, und nicht an einem frembden und auswaͤrtigen Herrn gelangen, daher findet man auch in den Erb-Verbruͤderungen folgende For - mul: daß ſolche Zuſammenſetzung gemeynet zu beſſerer Erhaltung gemeinen friedlichen Weſens im Heiligen Roͤmiſchen Reiche zu mehrer Zuſam - menziehung der Gemuͤther, der Herrſchafften und Unterthanen, und Zuvorkommung allerhand Weit - laͤufftigkeiten, ſo kuͤnfftig aus ungewoͤhnlichen Ver - aͤnderungen der Herrſchafften erfolgen koͤnten.

§. 3. Es war nicht ungewoͤhnlich, das Koͤnige, Churfuͤrſten, Fuͤrſten und Grafen in dergleichen Verbindungs-Pacta mit eintraten. Alſo wurde anno 1538. den 9. April zwiſchen Koͤnig Chriſtian in Dennemarck, Churfuͤrſt Johann Friedrich zu Sachſen, Hertzog Ernſten u. Frantzen Gebruͤdern Hertzogen zu Braunſchweig, Landgraf Philippen zu Heſſen, und Gebhard und Albrechten Grafen zu Manßfeld ein Verſtaͤndniß und Buͤndniß aufge - richtet. S. Muͤllers Annal. Saxon. p. 92.

§. 4. Sie verbanden ſich durch folgende For - mul: Wir verbinden / vereinen, und thun uns zu - ſammen gegenwaͤrtiglich, in und mit Krafft dieſes, in der allerbeſten und beſtaͤndigſten Forme, Wei -ſe462II. Theil. VI. Capitul. ſe und Maaße, als ſolches jure publico, militari, und ſonſt zurecht geſchehen kan und mag. Ein je - der von den Erb-Verbruͤderten muſte den andern auf dem Fall der Noth beyſtehen, und findet man dieſes folgender geſtalt ausgedruckt: Als nun un - ſere iegliche Parthey der andern Churfuͤrſtenthum, Fuͤrſtenthum, Herrſchafften, Land und Leute laut unſerer Bruͤderſchafften rechter Erbe iſt, ſo ſollen wir und unſer ieglicher dem andern getreulich mit Land und Leuten verholffen ſeyn, unſer ieglicher auch des andern Land und Leute, Mann und Die - ner ihre Guͤter und Habe helffen wehren, ſchuͤtzen, ſchirmen und vertheidigen wider maͤnniglich, wann und wie dick das immer Noth geſchicht, ohne Ge - fehrde.

§. 5. Bey den Geſchicht-Schreibern des Teut - ſchen Reichs findet man ſehr viel Exempel von der - gleichen Erb-Verbruͤderungen. Es ſind derglei - chen zwiſchen Heſſen und Sachſen; zwiſchen Bran - denburg und Pommern; zwiſchen den Schwartz - burgiſchen, Stollbergiſchen und Hohenſteiniſchen Grafen, ingleichen im dreyzehenden Seculo unter den Boͤhmiſchen Koͤnigen und Oeſterreichiſchen Hertzogen geſchloſſen worden.

§. 6. Ein Exempel eines ſolennen pacti Succes - ſorii, iſt auch das Pactum Succeſſorium zwiſchen den Hertzogen von Sachſen und den Grafen von Henneberg, ſo anno 1554 im Monath September zwiſchen Johann Friedrich II. Johann Wilhelmen und Johann Friedrich III. Hertzoge zu Sachſen mitWil -463Von Buͤndniſſen. Wilheimen, George Ernſten und Poppone den Fuͤrſten der Grafſchafft Henneberg, wegen kuͤnffti - ger Landes - und Erb-Folge aufgerichtet worden. S. Spangenbergs Hennebergiſche Chronica L. 5. C. 53. p. 272, und Hoͤhns Coburgiſche Chronica l. 2. p. 181. Zu dieſem Pacto gab die Angrentzung Gelegenheit, weil beyderſeits Hochfuͤrſtlichen Her - ren Contrahenten Oerter, Laͤndereyen und Herr - ſchafften zu Francken, mehr als an einem Orte zu - ſammen ſtieſſen, wie ſie denn auch vor ein paar hundert Jahren beyſammen geweſen.

§. 7. Dieſe Erb-Verbruͤderungen wurden von den ſaͤmmtlichen Fuͤrſtlichen Contrahenten be - ſchwohren, und pflegten auch wohl die Chur - und Fuͤrſtlichen Perſonen ſelbſt den Eyd der Treue ein - ander vorzuhalten, welchen ſie nachgehends mit aufgereckten Fingern leiſteten. Die Formul des Geluͤbdes war folgende: Was wir der Vereini - gung halber, wie ſie ietzt allhier auf dieſen Tag unter uns allen beſchloſſen, verbriefet und verſiegelt iſt, unter einander abgeredet und gelobet haben, das wollen wir ſtets ſeſt und unverbruͤchlich auch ge - treulich halten; So wahr uns GOTT helffe durch JEſum CHriſtum unſern HErrn.

§. 8. Dieſe Erb-Vereinigungen wurden von Zeit zu Zeit verneuert, und perſoͤnliche Zuſammen - kuͤnffte dieſerhalben benennt, und ausgeſchrieben. Jn den Bey-Abſchieden eroͤrteꝛte man auch folgende Puncte: (1) Wie es mit den Ausſchreiben zur Re - novation der Erb-Vereinigungen und Erb-Ver -bruͤde -464II. Theil. VI. Capitul. bruͤderungen zu halten, (2) wie die Seſſiones und Subſcriptiones des regierenden und nicht regieren - den Fuͤrſten genommen, und verrichtet werden ſol - ten, (3) wie die Geluͤbden zu verleſen, und die Eyde von einander zu nehmen, (4) wer vor einen regie - renden Herrn zu achten, (5) wenn die Renovation auszuſchreiben, und wer in Perſon zu erſcheinen ſchuldig, oder Gevollmaͤchtigte abzuſchicken befugt, und wer dieſe zu ſetzen habe, (6) wie und auf was Weiſe einem nicht erſcheinenden die Geluͤbden vorzuleſen, und von demſelben der Eyd zu neh - men.

§. 9. Bey der Errichtung oder Verneuerung die - ſer Buͤndniſſe wurden Predigten gehalten, gewiſſe Texte erwehlt, die ſich dazu ſchickten, und beſondere darauf eingerichtete Gebether abgeleſen. Hatte man vorher gewiſſe Receſſe nur Puncts-weiſe aufgeſetzt, ſo wurden ſie nachgehens in einem foͤrm - lichen Vortrag gebracht, jene aufgehoben und hingegen dieſe zur Krafft und Guͤltigkeit ge - bracht.

§. 10. Ehedem pflegten nicht allein die Erb - Vereinigungen beſchwohren zu werden, ſondern auch andere Buͤndniſſe. Doch dieſes iſt hentiges Tages nicht gewoͤhnlich, auſſer bey einigen Faͤllen. Alſo wurde anno 1706 das Buͤndniß zwiſchen der Republick Venedig und den beyden Cantons Zuͤrch und Bern beſchwohren, ingleichen das zwi - ſchen Franckreich und den VII. Cathoiſchen Schweitzer-Cantons, zu Solothurn. an. 1715.

§. 11.465Von Buͤndniſſen.

§. 11. Jn Anſehung des Unterſiegelns und der Unterſchrifft wurde bißweilen dieſer Unterſchied ge - troffen. Die regierende Chur - und Fuͤrſten unter - ſchrieben die Erb-Verbruͤderungen, und lieſſen auch ihre Jnſiegel dran haͤngen. Die nicht regie - renden aber unterſchrieben ſie nur und beſiegelten ſie nicht. Einige anſehnliche Chur - und Fuͤrſten des Reichs lieſſen unter das Siegel die Worte ſe - tzen: Gegeben mit Unſrer Koͤniglichen Majeſtaͤt Jnſiegel. S. Gribners Diſſertat. de Sigillo Ma - jeſtatis Saxonico.

§. 12. Wenn heutiges Tages die groſſen Her - ren Allianzen mit einander ſchluͤſſen, ſo concerti - ren ſie dieſelben entweder ſelbſt, wenn ſie perſoͤn - lich einander ſprechen, oder laſſen ſolche durch ihre Geſandten zu Stande bringen. Sollen ſie durch die Gevollmaͤchtigten regulirt werden, ſo geben ſie den Miniſtris ihre beſondern Inſtructiones, wie weit ſie gehen und wie weit ſie ſich herauslaſſen ſol - len. Die Geſandten legen einander im Nahmen ihrer Principalen ihre Vollmachten vor, wechſeln ſie auf gewoͤhnliche Weiſe aus, und alsdenn ver - gleichen ſie ſich unter denen zwiſchen ihnen abge - redeten Puncten und Bedingungen uͤber die Al - lianz.

§. 13. Bißweilen werden den Allianzen beſon - dere Articul mit beygefuͤgt, und alsdenn ausge - druckt, daß ſie eben die Krafft haben ſollen, als wenn ſie von Wort zu Wort in den Tractat mit eingeruͤckt waͤren, und daß ſie mit dem TractatG gratifi -466II. Theil. VI. Capitul. ratificirt und zugleich mit demſelben ausgewech - ſelt werden ſollen.

§. 14. Dafern ſchwaͤchere mit maͤchtigern ſich in Buͤndniſſe einlaſſen, oder gewiſſe Vergleiche ſtifften, ſo werden maͤchtige Puiſſancen zur Guaran - tie mit gezogen, um vorzubauen, daß die kuͤnfftigen Vergleiche nicht wieder uͤber den Hauffen geſchmiſ - ſen werden.

§. 15. Wenn die Miniſtri zweyer Herrſchafften, die einander gleich ſind, einen Tractat unterzeich - nen, ſo laſſen ſie davon zwey Abſchrifften verſerti - gen, die man ein doppelt Inſtrument nennt; ein iedweder von ihnen nennt ſeinen Fuͤrſten zu erſt in demjenigen, ſo er behaͤlt, und unterſchreibt ſich an der vornehmſten Stelle, um ihrer Anforderungen wegen der Præcedenz im Range keinen Eintrag zu thun, falls ſie ſolche einander diſputiren. S. Calliéres Abgeſandter. p. 226.

§. 15. Obſchon die Miniſtri der Fuͤrſten und freyen Staaten krafft ihrer Vollmacht tractiren, ſo ſchluͤſſen und unterſchreiben ſie doch keinen Tra - ctat anders, als mit der Clauſul der Ratification ihrer Herren. Es beſteht aber die Ratification oder Genehmhaltung in einer Schrifft ſo von ih - nen eigenhaͤndig unterſchrieben, und mit ihren Jn - ſiegeln bedruckt wird, dadurch ſie den Jnhalt des - jenigen Tractats, welchen ihre Miniſtri in ihren Nahmen geſchloſſen, bewilligen und bekraͤfftigen, und ſolcher Tractat wird darinnen vor der Raifica - tions-Handlung von Wort zu Wort wiederhohlt,ver -467Von Buͤndniſſen. vermoͤge deren ſie verſprechen, ſelbigen treulich zu vollziehen, und die Miniſter der verſchiedenen Par - theyen wechſeln ſolche darauf in der von ihnen be - ſtimmten Zeit gegen einander aus, ſind aber Mit - tels-Leute dabey, ſo geſchicht die Auswechſelung gemeiniglich durch ihre Haͤnde. S. Calliéres Ab - geſandter. p. 229.

§. 17. Die Tractaten werden nicht eher als biß nach erfolgter Auswechſelung der Ratificationen publicirt, wuͤrcken auch eher nichts als von dem Tage ihrer Publication an, falls man nicht durch einen abſonderlichen Vergleich eine andere Ver - ordnung deswegen macht.

§. 18. Die Ratifications-Formul iſt mehren - theils folgende: Nos fœdus iſtud per omnia & ſingula approbamus, confirmamus & ratum habemus vigore harum literarum, & pollicemus nos omnia & ſingula in præticto fœdere con - tenta firmiter & conſtanter obſervaturos, im - pleturos, obſervari & impleri curaturos, neque quantum in nobis erit, paſſuros, ut a quoquam ſub quocunque demum prætextu directe vel in directe violentur & infringentur. Die Rati - ficationes werden entweder innerhalb vier Wo - chen oder ſo bald es ſeyn kan, von dem Tage der Unterzeichnung anzurechnen, ausgewechſelt.

§. 19. Bißweilen geſchichts, daß man einen Tra - ctat im die Zeit zu gewinnen, in einer andern Sprache abfaſt, als die bißherige Gewohnheit mit ſich gebracht. Damit nun ſolches ins kuͤnfftigeG g 2zu468II. Theil. VI. Capitul. zu keiner Nachfolge ſey, noch angezogen, ſondern dem zwiſchen den Puiſſancen ſonſt uͤblichen Stylo nachgelebt werde, ſo wird declarirt, daß dasjenige was anietzo geſchehen, dem alten Gebrauch nicht derogiren, noch ein neues Recht dem zuwider ab - geben ſoll; dieſe Declaration wird von den Gevoll - maͤchtigten unterzeichnet und beſiegelt.

§. 20. Bey den Allianzen und Vertraͤgen wer - den ſichere und deutliche Redens-Arten ausge - ſucht, die nicht zweyerley ſind, und keine Gelegen - zu einigen Mißverſtand geben. Dafern aber ei - nige Redens-Arten mit eingefloſſen, die etwas un - deutlich ſind, oder nach Verflieſſung einiger Zeit ſich Faͤlle ereignen, die man nicht vorher ſehen koͤnnen, ſo werden nachgehends beſondere Diluci - dations - und Erleuterungs-Receſſe aufgerichtet.

§. 21. Entſtehen neue Zwiſtigkeiten wegen ge - wiſſer Puncte die in den vorhergehenden Tractaten nicht beſtimmt ſind, ſo werden dißfalls beſondere Conferenzien veranlaßt, und eigene Neben-Receſ - ſe in welchen den Differentien abhelfliche Maaße gegeben wird, aufgerichtet.

§. 22. Es ſind nicht allein in den vorigen Zeiten auf die geſchloſſenen Erb-Vereinigungs-Buͤnd - niſſe Medaillen geſchlagen worden, ſondern es werden auch noch heutiges zur Ehre und zum An - dencken der Allianzen dergleichen gepraͤget. Alſo wird auf die Quadruple-Allianzen Muͤntze geſchla - gen, da Europa auf einem Stier-Ochſen gantz ruhig ſaß, und ſich auf einem Schild ſtuͤtzte, aufwelchen469Von Buͤndniſſen. welchen 4 in einander geſchloſſene Arme und Haͤn - de zu ſehen waren, um die 4 confœderirten anzu - deuten, mit der Inſcription pro publica quietè, und unten fœdus quadruplex. S. Heræi Inſcri - ptiones. pag. 63.

§. 23. Jn einigen Fundamental-Geſetzen, des Reichs - und Wahl-Capitulationen wird ausge - druckt, auf was Art und Weiſe und mit wem die Allianzen ſollen geſchloſſen werden, und muͤſſen bey wichtigen Buͤndniſſen die Reichs-Staͤnde eben - falls dabey mit gehoͤret werden. Jn Teutſchland iſt den Chur-Fuͤrſten und Reichs-Fuͤrſten vergoͤnnt Allianzen zu ſchlieſſen, nicht nur unter ſich, ſondern auch zur Erhaltung der Ruhe und Sicherheit mit den Auswaͤrtigen, daſern nur nicht des Roͤmiſchen Kayſers Majeſtaͤt oder die Wohlfarth des Teut - ſchen Reichs dadurch verletzet und beeintraͤchtiget werde, noch dieſelben dem weltlichen, Religions - Weſtphaͤliſchen oder andern vorher getroffenen Friedens-Conventionen zuwider lauffen, oder der Eydes-Pflicht womit ſie dem Kayſer und dem Roͤmiſchen Reich verwandt ſind. Dieſe Requi - ſita ſind nicht nur in dem VIII. Articul des Weſt - phaͤliſchen Friedens-Schluſſes, §. gaudeant, ſon - dern auch in der Capitulatione Joſephina §. 10. und in der Capitulatione Kayſers Carl VI. be - ſtimmet.

§. 24. Wenn der Roͤmiſche Kayſer oder das Reich wegen einiger Allianzen, ſo manche Staͤnde mit den auswaͤrtigen getroffen, Ombrage ſchoͤpffenG g 3koͤn -470II. Theil. VI. Capitul. koͤnten / ſo geben ſie ihnen vorhero Ouverture da - von, und zeigen die Urſachen an, die ſie bewogen, mit dieſen oder jenen ſich in ein Buͤndniß einzulaſſen. Es geſchicht auch wohl, daß der Kayſer wenn er Nachricht bekommt, daß einige Staͤnde damit um - gehen, wie ſie mit auswaͤrtigen ſich in eine Allianz einlaſſen wollen, und darzu invitiret werden, an ſie ſchreibet: Sie lieſſen zwar dahin geſtellt ſeyn, daß dieſe Allianz an Seiten des Chur - und Fuͤrſten da - hin angeſehen, als wenn hiedurch das Reich bey ſei - nem erlangten Ruheſtand, Præeminenz und Frey - heit um ſo vielmehr geſichert ſeyn wuͤrde; ſie fuͤh - ren aber an, daß ſolche den Reichs-Conſtitutionen zuwider, erzehlen die Beſchwehrungen die daraus erwachſen koͤnten erſuchen und ermahnen ſie alſo, da ſie zu Mitbeliebung dieſer Allianz invitiret wor - den, ſich damit nicht zu vertieffen, ſondern ihr Abſe - hen in dergleichen ihnen vorgebildeten Beſorgung auf die heylſamen Reichs-Satzungen, Executions - und Creyß-Ordnungen, das Inſtrumentum Pacis, und endlich auf ſie, als das Oberhaupt im Reich / ihre Reflexiones zu machen. S. CCXXXIV. Brief im I. Theil von Luͤnigs Teutſchen Reichs - Cantzley.

§. 25. Jn Teutſchland haben ſich einige Land - Staͤnde mit ihren Durchlauchtigſten Landes-Fuͤr - ſten, vermittelſt eines immerwaͤhrenden Pacti, ſo auch von Kayſerlicher Majeſtaͤt confirmirt iſt da - hin verglichen, und in beſondern Reverſalien aus - gemacht, daß, wenn Sereniſſimi aus erheb - und be -wegli471Von Buͤndniſſen. weglichen Urſachen, zu Nutz und Frommen ihrer Fuͤrſt enthuͤmer und Lande, ſich mit iemand in Con - fœderation und Buͤndniß einlaſſen wuͤrden, darzu der Landſchafft Contribution vonnoͤthen, ſie die Land-Raͤthe alsdenn mit darzu ziehen, und ihres Raths gebrauchen wolten.

§. 26. Es ſind wohl zu keiner Zeit in Teutſchland unter den Staͤnden ſo viel Buͤndniſſe geſchloſſen worden, als in dem XIV und XV den Seculo, da die Chur-Fuͤrſten, Fuͤrſten, Grafen und Biſchoͤffe we - gen der damahligen Befehdungen, mancherley Vereinigungen mit einander aufrichteten; bald, wie ſie einander beyſtehen, und beduͤrffenden Falls ſo und ſo viel Mann zu Roß und Fuß auf des Theils, ſo die Huͤlffe begehrt, Unkoſten einander zuſchicken; bald, wie ſie die Straſſen rein und ſau - ber halten; bald, wie ſie die Nachfolge wieder die Fehder zuſammen anſtellen, oder auch ſich einer ge - wiſſen Forme des Austrages zur Beylegung aller kuͤnfftigen Jrrungen und Gebrechen vergleichen wolten.

§. 27. Heutiges Tages pflegen die Off - und Defenſiv-Allianzen auf mancherley Weiſe ge - ſchloſſen zu werden. Die Bundes-Genoſſen muntern einander gegen den allgemeinen Feind auf alle Weiſe auf, um dem Ubel zu begnen, wel - ches ſie von dem Feinde beſorgen muͤſſen, und dem - ſelben durch Anwendung aller moͤglichen Mittel vorzukommen, anbey auch die allgemeine Sache mit allen Kraͤfften und geſammter Hand zu befoͤr -G g 4dern;472II. Theil. VI. Capitul. dern; ſie verſichern daß ſie das Buͤndniß treulich halten wollen, und fuͤgen hefftige Proteſtationen mit an, daß ſie ſich nicht, als biß nach hergebrachten ſichern und renomirlichen Frieden, von einander trennen wolten.

§. 28. Wenn einige Puiſſancen zu Kriegs-Zei - ten bemuͤhet ſind, andere in ein Buͤndniß zu ziehen, ſo wenden hingegen andere wieder alle nur erſinn - liche Kraͤffte an, ſie von dem Eintritt in die Allianz abzumahnen, ſie recommendiren ihnen die Neu - tralitaͤt, und zeigen ihnen mit den ſchoͤnſten Wor - ten und vortrefflich colorirten Gruͤnden die beſon - dern Vortheile, ſo ſie ſich in dieſe Alliance nicht einlieſſen.

§. 29 Einige Puiſſancen achten bey ihren Buͤnd - niſſen vor eine beſondere Staats-Maxime, daß in ihrer Nachbarſchafft viel Souverainen erhalten werden, und ſo viel als moͤglich, nicht zugelaſſen werde, daß ein eintziger auf allen Seiten ſeine Macht ausbreite. Sie ſchlieſſen nicht leichtlich ei - ne Allianz, da ſie ſich nicht vorbehalten, ihren be - nachbarten Laͤndern, im Fall ſie von einem[m]aͤch - tigern angegriffen werden ſolten, beyzuſtehen, ohne daß dieſes den anderwaͤrtigen Tractaten einen Ab - bruch thue.

§. 30. Weil es bißweilen zu geſchehen pflegt, daß einige Allirten vor dem Buͤndniß abſpringen, und mit dem Feinde einen Particulier-Frieden ſchlieſſen, ſo præcaviren ſich andere bey Schlieſ - ſung der Off - und Defenſiv-Allianzen auf a[l]le we -ge,473Von Buͤndniſſen. ge, daß dergleichen nicht geſchehen moͤchte. Wird ein falſch Spargiment ausgebracht, daß ein Alliir - ter ſich in einen beſondern Frieden einlaſſen wolte, ſo laͤſt derjenige Theil, von welchem dieſes faͤlſchlich ausgebracht worden, bey ſeinen Bunds-Genoſſen durch Schreiben und ſeine Geſandten, allenthal - ben das Gegentheil verſichern.

§. 31. Zu Kriegs-Zeiten erkundiget ſich ein Al - liirter bey dem andern, in was vor einem Zuſtande ſich anietzo die Trouppen befinden, und ob ihre Re - cruten guten Fortgang gehabt, wie viel ſie Mann - ſchafft zu Pferd und Fuß wuͤrcklich ins Feld ſtellen, wenn dieſe Trouppen bereit zum marchiren, wie - viel Munition und Artillerie mit ihnen gehen, in was vor einem Zuſtande ſich die Veſtungen be - finden, wie die Magazine vor Menſchen und Pfer - de angelegt, wie die Munition und Artillerie be - ſchaffen u. ſ. w.

§. 32. Wo ſie ſpuͤhren, daß der eine Alliirte zu nachlaͤßig, auf ſeiner Seite zu wenig thut, und hin - gegen von dem andern zu viel Aſſiſtenz begehret, ſo ſchreiben ſie ihnen bißweilen ziemlich Teutſch, daß es ein ſeltzames Zumuthen ſey, von ihnen ſo viel zu begehren, da ſie doch das ihrige redlich beygetra - gen, ſie beduͤrfften ſelbſt zu ihrer Armatur unauf - bringliche Geld-Summen, und reprochiren dem andern ihre Fehler gar nachdruͤcklich.

§. 33. Haben ſich einige wider den allgemeinen Feind mit einander in ein Defenſions-Buͤndniß eingelaſſen, und ſie ſehen, daß ſie nicht ſtarck ge -G g 5nug474II. Theil. VI. Capitul. nug ſeyn, demſelben Widerſtand zu leiſten, ſo ſchrei - ben ſie an andere Puiſſancen, und melden ihnen, wie ſie ſich mit dieſem oder jenem Feind in beliebige Tractaten eingelaſſen, und wuͤrde ihnen ebenfalls lieb ſeyn, nunmehro mit Jhrer Liebden in ein glei - ches reciprocirliches und vertrauliches Freund - ſchaffts-Buͤndniß einzutreten, und wolten ſie diß - falls des Ortes und modi tractandi halber Dero Vorſchlages weiter gewaͤrtig ſeyn.

§. 34. Die Alliirten geben bey Defenfions-Al - lianzen einander in Schreiben die Determination eines gewiſſen Quanti zum Beytrag anheim, und melden, ſie lebten dabey der ungezweiffelten Zuver - ſicht, ſie wuͤrden ſich mit gewieriger Erklaͤhrung nicht ſaͤumen, damit der in oberwehntem Defen - fions-Buͤndniß angezielte Zweck conſervationis pacis, um ſo viel beſſer erreicht werde, und ſie ſo wohl als die uͤbrigen Alliirten gedeylichen Genuß und Effect davon haben moͤchten.

§. 35. Ereignen ſich bey allerhand Buͤndniſſen und Vertraͤgen kleine Demeleen, ſo ſchreiben ſie einander, wie ſie bißanhero ſtets intentionirt ge - weſen, ein nachbarliches gutes Vertrauen, wie auch vertrauliche Correſpondence und gut Verſtaͤnd - niß, nach Laut und Jnnhalt der Pacten zu halten, und erſuchen, daß dasjenige was mit den Pacten nicht uͤberein kommt, und bißher in uͤblen Gebrauch geweſen, oder ſonſt einige Novitaͤt ſchiene mit ſich zu fuͤhren, auf das foͤrderſamſte abgeſtellet werden moͤchte.

Das475Vom Kriege.

Das VII. Capitul. Vom Kriege.

§. 1.

Gleichwie man iederzeit dasjenige Land und die Republick vor gluͤckſelig geprieſen, die zu Friedens-Zeiten an den Krieg ge - denckt; Alſo pflegen weiſe Regenten bey dem ruhigſten und friedlichſten Zuſtande, darinnen ſie ſich mit ihren Unterthanen befinden, ſolche An - ſtalten zu machen, daß ſie iederzeit im Stande ſind, ſich ſelbſt, nebſt ihren Freunden und Bunds-Ge - noſſen, wieder die ihnen angedrohete Gewalt der Feinde zu beſchuͤtzen, und die von GOtt und der Billichkeit ihnen zukommenden Rechte zu behau - pten.

§. 2. Es werden ſo viel Soldaten angeworben, als die Unterthanen ſie zu tragen und zu unterhal - ten vermoͤgen, und dieſelben in beſtaͤndigen Exer - citiis der Waffen unterhalten, damit man ſich ihrer, bey einem ploͤtzlichen Vorfall wider die einheimi - ſchen oder auswaͤrtigen Feinde bedienen koͤnne. Es werden gewiſſe Edicta publicirt, wie es mit derſel - ben Anwerbung zu halten, damit alle Gewaltthaͤ - tigkeiten und Exceſſe, ſo viel als moͤglich, dabey ver - mieden werden. Um die Soldaten zu den Kriegs - Dienſten deſto eher aufzumuntern, werden ihnenvorher476II. Theil. VII. Capitul. vorher mancherley Privilegia zuerkandt, z. E. daß ſie ſelbſt, wenn ſie einſtens der Kriegs-Dienſte er - laſſen, und ihre Weiber und Wittwen mit man - cherley handeln und wandeln und buͤrgerliche Nah - rung treiben duͤrffen, auch von Schutz - und Dienſt - Gelde frey ſeyn ſollen u. ſ. w.

§. 3. Um das Deſertiren zu verhuͤten, ergehen mancherley Befehle in das Land und unter die Mi - lice, wie die ausgetretenen Soldaten bey ihrem Auſſenbleiben, entweder auf das muͤhſamſte aufzu - ſuchen, und wenn ſie ertappet werden an Ehre Leib und Leben auf das ſchaͤrffſte zu beſtraffen, oder bey ihrer Wiederkunfft zu pardonniren; wie ihnen nir - gends kein Auffenthalt zu verſtatten; wie die er - langten Deſerteurs zu examiniren; wie es wegen ihrer Fortſchaffung zu halten, u. ſ. w. So wer - den auch, in Anſehung ihrer Aufſuchung, Anhal - tung und Auswechſelung, mit denen benachbarten Puiſſancen dieſerwegen beſondere Conventionen errichtet.

§. 4. Es werden entweder beſondere Invaliden - Caſſen angelegt, oder eigene Invaliden-Haͤuſer er - bauet, darinnen die Soldaten, die entweder durch das Alter, oder durch ihre verlohrnen und verſtaͤm - melten Gliedmaſſen, zu weitern Kriegs-Dienſten untuͤchtig geworden, biß an ihr Ende ernehrt und mit aller Nothdurfft verſorget werden.

§. 5. Jn denen Verpflegungs-Ordonancen und Einquartierungs-Reglemens wird determiniret, was und wie viel die Ober - und Unter-Officiers, in -geichen477Vom Kriege. gleichen die gemeinen Soldaten an Quartier, an Rationen und Portionen, an Etappen-maͤßiger Verpflegung u. ſ. w. bekommen ſollen; wie ſie ſich gen ihre Wirthe, bey denen ſie in Quartieren liegen, zu verhalten haben; wie die einquartirten Troup - pen zu viſitiren; wie es bey ihrem Aufbruch wegen des Vorſpannens, wegen des Transports, der Ar - tillerie, Munition oder des Proviants zu halten, u. ſ. w.

§. 6. Man publicirt March Reglemens, und ordnet darinnen, was die Commandeurs der Re - gimenter und Corps, ſo bald ſie zum March und Aufbruch beordert werden, in Obacht zu nehmen haben, wie die Liquidationes und Abrechnungen allemahl bey den commandirenden Stabs-Offi - ciers geſchehen muͤſſen, wie die March-Ruthen einzurichten, wie weit die Stationen zu extradiren, was vor Menſchen und Pferde an den Oertern die der March trifft, abzutragen, was die March - Commiſſarii beobachten ſollen. So werden auch zwiſchen den benachbarten und einigen andern Puiſlancen gewiſſe Conventionen getroffen, wie es bey Durch-Marchen beyderſeits Trouppen durch des einen oder andern Land zu halten.

§. 7. Jn den Muſter-Ordnungen wird vorge - ſchrieben, wie accurate Muſter-Liſten zu verferti - gen, wie die Muſterungs-Commiſſarii Mann vor Mann examiniren ſollen, ob ſie alle ſo angewor - ben, we des der Verordnung gemaͤß, wie ſie einen ieden zu vernehmen haben, ob und wie weit ſie be -zahlt,478II. Theil. VII. Capitul. zahlt, ob ſie etwas zu klagen und anzubringen ha - ben, wie die Officierer bey den Muſterungen bey Seite treten ſollen, wie die Muſterungs-Commis - ſarii alles und iedes mit gehoͤrigen Umſtaͤnden in das Muſter-Protocoll eintragen ſollen, wenn ein Officier zum Exempel von einem andern, Leute auf eine Zeitlang entlehnet und gedungen, oder auch mit Erhandlung der Pferde, Gewehr und Waf - fen einigen Unterſchleiff und Betrug vorgenom - men.

§. 8. Nachdem man auch im Kriege nach Er - barkeit Zucht und Gerichte zu fragen pflegt, wenn von Chriſtlichen und civiliſirten Voͤlckern die Rede iſt, ſo werden bey den Armeen gewiſſe Krie - ges-Articul und Diſciplins-Puncta publicirt, wie ſie ſich gegen GOtt, gegen ihren Landes-Herren, gegen hohe Officiers, gegen ſich ſelbſt, und gegen ihre Cameraden verhalten ſollen. Es werden ei - gene Verordnungen abgefaſt vor die Guarniſons in Staͤdten, vor die Infanterie im Felde, vor die Artillerie-Perſonen, vor die Leib-Guarde, Tra - banten u. ſ. w.

§. 9. Die gantze Soldateſque, die ein Regent unter ſich hat, wird in unterſchiedene Corps und Diviſionen eingetheilt, die nach deren Unterſchied der Laͤnder, und den Sentimens der groſſen Herren auf mancherley Weiſe von einander unterſchie - den. Alſo beſtehet die Polniſche Armee (1) aus der Poſpolite, (2) aus den geworbenen Soldaten, (3) aus den Auxiliar-Trouppen, (4) aus denQuar -479Vom Kriege. Quartianern, (5) aus den Freywilligen oder Vo - lantairs. Ferner kan man ſie eintheilen in Reuter und Fuß-Gaͤnger, und dieſe ſind wiederum einhei - miſche oder frembde. Die einheimiſchen dienen mehrentheils zu Pferde, und haben entweder ſchwehre oder leichte Ruͤſtung. Zu der erſten Gattung gehoͤren (1) die Huſſaren, welche ſo wohl als ihre Pferde gepantzert ſind / und (2) die To - warzyß, welche nur einen Helm, einen Bruſt - Harniſch und Harniſch-Kragen tragen. Die Huſſaren ſind mit kurtzen langen Sebeln und Pi - ſtohlen gewaffnet, die Towarzyß aber mit Cara - binern, Bogen und Pfeilen. S. Connors Be - ſchreibung des Koͤnigreichs Pohlen. pag. 693.

§. 10. Je naͤher ein Koͤnig bevorſtehend iſt, ie mehr werden die Anſtalten verdoppelt, und alle Mittel vorgekohrt zu einem ſichern und renommir - lichen Frieden zu gelangen. Es werden Avocato - ria publicirt, daß die Landes-Kinder ſo ſich in den Krieges-Dienſten des Friedes befinden, dieſelben ohne einigen Anſtand verlaſſen, und ſich bey un - nachlaͤßlicher Straffe Leibes und Lebens, auch bey Verbindung aller und ieder habender Privilegien, Ehren. Wuͤrden, Aemter, Freyheiten, Gnaden und Gerechtigkeiten, nicht weniger Confiſcation aller Haab und Guͤter, Lehn und Eigenthuͤmer zu Hau - ſe wieder einfinden ſollen.

§. 11. Wider die ausgeuͤbten frembden Wer - bungen ergehen ſcharffe Mandata; es wird befoh - len, daß alle diejenigen ſo ſich unterſtehen unter ei -nigerley480II. Theil. VII. Capitul. nigerley Vorwand Menſchen mit Gewalt oder Liſt und Perſuaſion aus dem Lande wegzufuͤhren, zur Hafft gebracht, als Straſſen - und Menſchen - Raͤuber, Stoͤhrer der allgemeinen Ruhe und des Land-Friedens, auch Verletzer der Hoheit ang eſe - hen und tractirt, und ſo fort ohne alles Anſehen der Perſonen, wenn ſie ſchuldig befunden werden, mit dem Strange am Leben geſtrafft, nicht weniger auch die zu ſolcher Werbung, Weglockung und Ausfuͤhrung der Leute Rath und Huͤlffe oder ſonſt vorſetzliche Befoͤrderung thun, auf gleiche Weiſe vom Leben zum Tode gebracht werden ſollen.

§. 12. Zu Vermeydung Verdachts und man - cherley Diſcordien, geſchehen zu Krieges-Zeiten ſcharffe Verbothe, daß auswaͤrtiger Potenzen Trouppen nicht eintzeln noch Hauffen-weiſe ſich durch das Land practiciren, ſondern benoͤthigten Falls einen Paß oder Conceſſion wegen des Durch-Marches erlangen ſollen. Es darff ſich niemand unterſtehen dem Feinde, Pferde Muni - tion oder andere contrabante und verbothene Waaren zuzufuͤhren. Die frembden und aus - waͤrtigen die ſich zu der Zeit im Lande aufhalten, werden auf das ſchaͤrffſte examinirt, damit die Spione, die mit dem Feinde ein heimlich Ver - ſtaͤndniß unterhalten, und ihm von allen was im Lande vorgehet / Nachricht ertheilen, entdeckt werden.

§. 13. Es werden Feld-Conſiſtoria etablirt, beſondere Krieges-Gerichts-Ordnungen abgefaſt,und481Vom Kriege. und nicht allein vor die Auditeurs, ſondern auch vor mancherley Krieges-Officianten Inſtructio - nes aufgeſetzt. Es wird der Rang der Officirer bey der Infanterie, Cavallerie, Artillerie, bey den Dragonnern u. ſ. w. ingleichen der Rang der Re - gimenter, entweder nach ihren Alter, oder nach dem Alter der Oberſten determiniret. Die Generals von der Artillerie, Cavallerie und Infanterie muͤſ - ſen bißweilen nach ihrem Range mit einander rou - liren, als wie Jhro Koͤnigliche Majeſtaͤt in Pohlen und Chur-Fuͤrſtliche Durchlauchtigkeit zu Sach - ſen, Friedrich Auguſt, ſolches anno 1707 verord - neten.

§. 14. Bey den Avancemens werden bißweilen die Meriten oder Ancienneté der Dienſte, bißwei - len aber auch nur der Stand, das Geld und Anſe - hen in Betrachtung gezogen, eben ſo wohl als bey den Civil-Chargen. Die Kriegs-Chargen wer - den, nach ihren beſondern vielen Unterſchieden, ent - weder von dem Landes-Herrn und Regenten ſelbſt, oder von der geheimen Kriegs-Cantzley, oder von dem General-Capitain, oder von den andern Ge - neralen, Obriſten und Capitains vergeben und aus - getheilet. Mancher groſſer General, der ſich wohl ſignaliſirt, bekommt die Freyheit, alle ledige Kriegs - Chargen, biß auf die Obriſt-Wachtmeiſter-Stel - le, mit tuͤchtigen Leuten zu beſetzen. Bey den Roͤ - miſch-Catholiſchen hat man wohl eher geſehen, daß die Beicht-Vaͤter, zumahl wenn es Jeſuiten ſind, ſich die Freyheit heraus genommen, Officiers zuH hdeno -482II. Theil. VII. Capitul. denominiren, und koͤnte man aus alten und neuen Geſchichten gar viel Exempel davon vorſtellig ma - chen.

§. 15. Bey einem nahe bevorſtehenden Kriege muͤſſen ſich die Geſandten des Regenten, der ent - weder den Krieg declariret, oder dem die Kriegs - Declaration geſchehen, ſo geſchwind als moͤglich, reteriren; es wird ihnen angedeutet, daß, wofern ſich dieſelben, nach gemeſſenen Befehl nicht inner - halb drey Tagen aus der Stadt, und ſo und ſo viel Tagen aus dem Reich weg begeben, ſie ſammt den ihrigen mit aller Gewalt hinaus gefuͤhret werden ſollen.

§. 16. Es geſchehen Ausſchreiben, ſo wohl an die Staͤnde des Landes, als auch an die Alliirten, daß ein iedweder an ſeinem Orte alles Fleiſſes vigilire, keinem verdaͤchtigen Menſchen, wer der auch ſey, ohne glaubwuͤrdige Atteſtata paſſiren zu laſſen, ſon - dern iedweden umſtaͤndlich examiniren, auch nach befundenen Sachen anhalten, ſich um deſſen Brief - ſchafften fleißig zu erkundigen, und ſolche an die Civil - oder Militair-Obrigkeiten, wenn ſie verdaͤch - tig befunden werden / zu liefern.

§. 17. Jn unterſchiedenen Fundamental-Geſe - tzen der Reiche und dißfalls errichteten Wahl-Ca - pitulationen iſt ausgemacht, daß die Reichs - Staͤnde allezeit zu dem Kriege, den man andern Puiſſancen declariren will, ihre Einwilligung mit geben ſollen. Alſo haben ſich in der Koͤniglich - Schwediſchen Elections-Acta, ſo bey dem Antrittder483Vom Kriege. der Regierung beyder ietzt regierenden Koͤniglichen Majeſtaͤten errichtet worden, dieſelben vor ſich und vor ihre Succeſſores muͤſſen anheiſchig machen, daß ſie, ohne dem Gutbefinden des Reichs-Raths und der ſaͤmtlichen Staͤnde Einwilligung, keinen Krieg anfangen wollen.

§. 18. Die Souverains laſſen mehrentheils in be - ſondern Manifeſten, die ſie nicht allein vorhero den unterſchiedenen Geſandten austheilen, ſondern auch allenthalben an den Grentzen und in dem Lande, welches ſie feindſelig anfallen wollen, ausſtreuen laſſen, den Krieg declariren. Sie wollen in den Manifeſten ihr Befugniß und Gerechtigkeit zum Kriege erweißlich machen und allegiren darinnen ſo viel Raiſons als ſie nur koͤnnen, um ſich bey der gantzen Welt wegen ihres Vorhabens zu rechtfer - tigen. Es werden aber auch dieſe Manifeſte durch Gegen-Manifeſte, und bißweilen durch ziemlich nachdruͤckliche und ſpoͤttiſche Antworten, wieder - leget.

§. 19. Am Ende dieſer Kriegs-Declarationen erſuchen ſie alle Koͤnige, Fuͤrſten, Republicken und Staaten, die ihre eigene Erhaltung und Freyheit, nebſt der von Europa, lieb haben, dieſe Erklaͤhrung und Declaration anzunehmen, als worzu ſie ent - weder zu Beſchuͤtz - und Beſchirmung ihrer Unter - thanen, oder ihrer Rechte und der Ruhe von gantz Europa, gezwungen worden; Sie befehlen allen ihren Unterthanen und Einwohnern, Befehlsha - bern und Soldaten, N. N. vor Feind zu erkennen,H h 2deſſen484II. Theil. VII. Capitul. deſſen Laͤnder, Leute, Einwohner und Unterthanen zu Waſſer und Land feindlich zu verfolgen und an - zugreiffen, alle derſelben Gewalt abzukehren, und alles zu thun, was zur Beſchuͤtzung des Vaterlan - des und zum Abbruch der Feinde gehoͤret.

§. 20. Die Kriegs-Erklaͤhrungen geſchehen bey den Armeen gemeiniglich unter Trompeten - und Paucken-Schall, und in Engelland durch Herolde, welche die Kriegs-Declaration an unterſchiedenen oͤffentlichen Oertern der Reſidentz ausruffen. Biß - weilen geſchiehet die Erklaͤhrung des Krieges ipſo facto, da eine Puiſſance die andere unvermuthet uͤberfaͤllt, da ſie ſich deſſen am wenigſten verſiehet, auch wohl zu der Zeit, da lauter Freundſch affts - Verſicherungen vorhergangen. Doch dieſer Mo - dus wird meiſtentheils verabſcheuet; man findet auch aus der Erfahrung, daß es gemeiniglich bey ſolchen Kriegen auf Seiten der Beleidiger einen uͤbeln Ausgang gewinnet.

§. 21. Wiewohl es finden ſich auch Leute, die in den Gedancken ſtehen, die Kriegs-Manifeſte und Declarationen waͤren nichts als uͤberfluͤßige und weitlaͤufftige Complimens und Declarationes, die man billich muͤßigen Leuten uͤberlaſſen muͤſte, die nichts anders zu thun haͤtten, als die Zeit mit frucht - loſen Worten und eiteln Ceremonien zuzubringen. Der Autor des II. St. der Europaͤiſ. Famæ ſagt p. 362. Worzu nuͤtzet es, viel Urſachen des Krie - ges in weitlaͤufftigen Manifeſten anzufuͤhren; es iſt einerley, ob dieſes iederman weiß oder nicht. Ge -nug,485Vom Kriege. nug, wenn man im Gewiſſen der Rechtmaͤßigkeit ſeiner Sache verſichert iſt.

§. 22. Heutiges Tages werden die Kriege unter den Chriſtlichen und moraliſirten Nationen nicht mehr mit ſolcher Grauſamkeit gefuͤhret, als wie etwan vor dieſen geſchehen. Viel Feinde, wenn ſie in ein Land einfallen, thun in den Maniſten kund, daß ſie nicht gekommen, um einige Feindſeligkeiten auszuuͤben, ſondern im Gegentheil alle und iede zu beſchuͤtzen, welche ſich ergeben wuͤrden, die ſich aber widerſetzten, die ſolten alle Schaͤrffe und Drangſa - len des Krieges erfahren, ſie ſelbſt ſolten gehencket und durch das Schwerdt getoͤdtet, ihre Haͤuſer und Guͤter verwuͤſtet, und Staͤdte und Doͤrffer in Feuer und Brand geſetzet werden.

§. 23. Bißweilen werden nicht allein vor gewiſ - ſe Diſtricte und Oerter Schutz-Briefe ertheilt, Krafft deren ſie von aller Krieges-Beſchwehrung befreyt ſeyn ſollen, ſondern auch vor beſondere Haͤuſ - ſer und Plaͤtze Salve-Garden geſetzt, und Sicherun - gen angeſchlagen, die allerdings reſpectirt werden muͤſſen, es wird den Soldaten bey Leib - und Le - bens-Straffe verbothen, in denſelben nichts zu be - ſchaͤdigen, oder daraus zu pluͤndern, und mit ſich zu nehmen.

§. 24. Anno 1678 ſchrieb das damahls zu Speyer verſammlete Kayſerliche und des Heiligen Roͤmiſchen Reichs Cammer-Gerichte an den Kayſer Leopoldum, es bey den kuͤnfftigen Frie - dens-Tractaten mit der Cron Franckreich und denH h 3ſaͤmmt -486II. Theil. VII. Capitul. ſaͤmmtlichen Paciſcenten dahin vermitteln zu helf - fen, daß in vim pacti Publici, dieſen Ort, der mit den Krieges-Geſchaͤfften im geringſten nicht impli - cirt waͤre, ſondern die Juſtiz und deren Admini - ſtration abzuwarten haͤtte, und in welchen ein hoch - ſchaͤtzbahres Reichs-Archiv verwahrlich beybe - halten wuͤrde, ſammt allen deſſen Jnwohnern die Neutralitæt bey Krieges-Laͤufften vergoͤnnet wer - den moͤchte. S. den CCXXXIX Brief des III. Theils von des Herrn Luͤnigs Staats-Cantzley. pag. 752.

§. 25. Jn den meiſten Krieges Ordnungen der Chriſtlichen Potentaten wird den Soldaten bey Leib - und Lebens-Straffe verbothen, daß ſie keine Muͤhlen, Backoͤfen, Berg-Saltz - und Waſſer - Wercke, Brunnen, Schmieden, Bruͤcken u. ſ. w. verderben oder ruiniren, noch Wein, Bier, Korn, Mehl Brodt und dergleichen Proviant zernichten oder auslauffen laſſen, es waͤre denn aus erheblichen Urſachen von der Generalitæt anbefohlen. So duͤrffen ſie ſich auch nicht an Kirchen, Kloͤſtern und andern dergleichen geiſtlichen Stifftungen, oder an Rathhaͤuſern und andern oͤffentlichen Gebaͤuden und gemein nuͤtzlichen Sachen ohne Ordre ver - greiffen, auch kein Feuer darinnen anlegen, und wenn ſie muthwillig Feuer-Schaden verurſacht, ſo muͤſſen ſie denſelben erſetzen.

§. 26. Gleichwie nun nichts natuͤrlicher iſt, als Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, alſo werden voneinem487Vom Kriege. einem Regenten des Landes alle Mittel vorgekehrt, um dem Feinde tapffern Wiederſtand zu leiſten. Die Unterthanen werden mit Gewehr verſehen, es wird den Predigern anbefohlen, einem ieden ſeine Pflicht zu erinnern, und ihn zur Defenſion und zum Schutz des Landes auf das kraͤfftigſte zu ver - mahnen. Die Roͤmiſch-Catholiſchen Puiſſancen ſind in dieſem Stuͤck vor andern ſehr ſinnreich, wenn die Ketzer in ihre Lande einfallen, ſie als die abſcheulichſten und grauſamſten Leute abzumah - len, ſie befehlen ihrer Cleriſey an, dem Volck vor - zuſtellen, daß die Religion in hoͤchſter Gefahr waͤre, ſintemahl dieſelbe der Deckmantel, deſſen ſich hohe und niedrige bißweilen zu Vertheidigung ihres Eigennutzes ſchaͤndlich mißbrauchen.

§. 27. An einigen bergichten, waldichten und ſumpfigten Gegenden haben bißweilen die Bauern zu Krieges-Zeiten mehr Abbruch gethan dem Fein - de, als die regulierte Milice. Wie tapffer ſich die Tyroler anno 1703 wider die eingefallenen Frantzoſen und Bayern gehalten, iſt allen denje - nigen bekandt, welche die Geſchichte derſelben Zeit geleſen. Es hat ein Frantzoſe daher Gelegenheit genommen, die aufrichtige Meynung ſeines Her - tzens in folgenden Reimen an Tag zu legen:

Was mack mir in Tyrol, Schelm Bauer Kop
reiß ab,
Und arm Franzoßlig todt da, wie Hund nit be -
grab,
H h 4Weib,488II. Theil. VII. Capitul.
Weib, Frau, Mann, Kind, groß Kerl, hau, ſtech,
werf, ſchmeiß wie Narr,
O lauff mir, eh Hals breck, zum Mareſchall
Villars.

S. XV. Theil der Fama. p. 340. Man hat da - her auch ihnen zu Ehren, da ſie ſich wider die Bayern ſo tapfer gewehret, eine Gedaͤchtniß - Seule aufgerichtet, in welcher die tapfern Thaten der treuen Tyroliſchen Bauern eingegraben und der Nachwelt zum Andencken und zur Nachfolge vorgeſtellt worden. S. Theatr. Furop. XVII. Theil p. 69. des 1705ten Jahrs.

§. 28. Die ſaͤmmtlichen Trouppen werden vor - her richtig bezahlt, ehe ſie vor den Feind gefuͤhret werden / damit ſie ſich deſto weniger ſchwuͤrig be - zeugen, und ein iedweder ſeine Schuldigkeit deſto beſſer in Obacht nehmen moͤge. Es wird von allen Unterthanen der zehnde bißweilen auch wohl gar der fuͤnffte Mann aufgebothen. Hat man ſich zu der Land-Milice nicht gar viel Gutes zu verſehen, es ſey nun, daß es ihnen an der Treue oder an der Tapferkeit mangele, ſo werden ſie un - ter die andern Trouppen mit geſteckt. Die beſten Trouppen auf welche man ſich am meiſten ver - laſſen kan, werden biß zuletzt aufgehoben, und da - hin geſendet, wo man ihrer am meiſten noͤthig hat. Alſo iſt in Franckreich das ſo genandte Koͤn. Fran - tzoͤſiſche Haus der Kern aller Frantzoͤſiſchen Troup - pen, die faſt mit den Triariis bey den alten Roͤmern in Vergleichung kommen. Der Koͤnig ſerdet ſienirgends489Vom Kriege. nirgends hin als wo er die aͤuſſerſte Force der Fein - de vermuthet. Sie halten gemeiniglich das erſte Feuer aus, und werffen hernachmahls mit dem Degen in der Fauſt faſt in einem Rennen ihren Contrapart uͤber den Hauffen; es ſind alle zu - ſammen wohl gewachſene und ſchoͤn montirte Kerle, groͤſten Theils von adelicher Geburth, oder doch von ſolcher Diſtinction, daß ſie ſchon mehr Feld-Zuͤgen beygewohnt.

§. 29. Die civiliſirten Voͤlcker vergleichen ſich unter einander, daß ſie den Krieg auf vernuͤnfftige und zulaͤßige Weiſe fortſetzen, und ſich alles deſſen was in den Voͤlcker-Rechten disapprobirt wird, enthalten wollen. Alſo lautet der LII. Articul des anno 1702 mit den Kayſerlichen und Frantzoſen errichteten Cartels: Es ſoll beyderſeits bey Leib - und Lebens-Straffe ſcharff verbothen ſeyn, ſich keiner Kugeln von Zinn oder andern Metall als Bley, ingleichen keiner vergiffteten oder Drath oder anders figurirten Kugeln, weniger einiger un - ter den Chriſten verbothener und unzulaͤßiger Sa - chen gegen das Leben der Menſchen oder des Viehes zu gebrauchen.

§. 30. Die See-Puiſſancen verſprechen groſſe Belohnungen, wenn ihre Kriegs-Schiffe oder an - dern Armateurs ſich zu Kriegs-Zeiten vieler feind - lichen Schiffe bemaͤchtigen koͤnnen; Jnzwiſchen wird auch von den Admiralitaͤts-Collegiis den Schiffs-Capitains ſcharff verbothen, daß ſie die Schiffe der neutralen Puiſſancen und Staaten,H h 5nicht490II. Theil. VII. Capitul. nicht beunruhigen, und ſich nur bloß der Effecten, die den Frieden drauf zugehoͤren, bemaͤchtigen ſollen.

§. 31. Nach geſchehener Kriegs-Declaration wird nicht allein aller Brief-Wechſel verbothen, ſondern es werden auch die andern Alliirten er - ſucht, daß ſie doch dergleichen thun, und alle Cor - reſpondence mit den Feinden aufheben und ver - biethen. Bey den Puiſſancen die mit den Com - merciis viel zu thun haben, ſetzt es wegen der Wechſel-Briefe bißweilen einige Hinderniß und Verzoͤgerung, ehe ſie ſich dazu entſchluͤſſen wollen. Als der Hertzog von Marlborough anno 1702 im Nahmen des Koͤnigs von England bey den Gene - ral-Staaten in Holland dieſerwegen ein Memorial uͤbergab, ſo ſatzte es unter den Hollaͤndiſchen Pro - vintzen einen und andern Debat. S. Memoires de Lamberty Tom. II. p. 141. Bißweilen ſind die kriegende Theile ſo erhitzt gegen einander, daß ſie auch denjenigen, ſo von den Souverains mit denen ſie in Streit liegen, bloſſe Hand-Schreiben uͤber - bracht, keine Antwort zuruͤck ertheilt, als dieſe, ſie haͤtten ietzunder kein ander Commerce mit einan - der, als bloß durch Waffen.

§. 32. Bey den Roͤmiſch Catholiſchen werden die neuen Fahnen mit beſondern Ceremonien in den Kirchen eingeweyhet, es wird die Meſſe dabey gehalten, ſolenne Reden abgeleget, das Te Deum laudamus geſungen, Salve gegeben, u. ſ. w.

§. 33. Es pflegen groſſe Herren gar offters ih -ren491Vom Kriege. ren Generalen bevor ſie ſich in Campagne begeben, entweder ihren eigenen Degen von der Seite weg - zuſchencken, oder doch ſonſten einen koſtbaren De - gen zu verehren, um ſie dadurch ſo offt ſie dieſen Degen fuͤhren oder denſelben anſichtig werden, zur Tapferkeit, zur Treue gegen ihren Herrn, und zur Beſchuͤtzung des Vaterlandes aufzumuntern. Es hatte der vorige Churfuͤrſt in Bayern Maximi - lian Emanuel von dem Kayſer Leopoldo einen Degen verehret bekommen, und als der Kayſer anno 1683 die zum Entſatz der Kayſerlichen Reſi - dentz-Stadt Wien gekommene Armee beſehen wolte / ſo machte der Churfuͤrſt mit Entbloͤßung ihres mit Diamanten koͤſtlich beſetzten Degens vor ſeinen Trouppen in dem voruͤber Reiten vor dem Kayſer eine tieffe Reverence, und ſagte: Allergnaͤdigſter Kayſer und Herr, es ſind etwan 3. Jahr, daß Jhro Kayſerliche Majeſtaͤt zu Alt-Oet - tingen mir dieſen Degen verehret haben; Was ich nun damahls Jhrer Majeſtaͤt verheiſſen, das hab ich hiemit gehalten, und dieſen Degen zu Ewr. Kayſerlichen Majeſtaͤt Dienſten ausgezogen, und will denſelben noch ferner wider alle Dero und des Heiligen Roͤmiſchen Reichs Feinde gebrauchen. S. curieus Buͤcher-Cabinet VI Eingang. p. 351.

§. 34. So offt eine wichtige Entrepriſe, eine Belagerung, eine Schlacht oder dergleichen un - ternommen werden ſoll, ſo wird allezeit von den vornehmſten Generalen vor dem Angriff ein Kriegs-Rath gehalten, und duͤrffen ſich auch dieGene -492II. Theil VII. Capitul. General-Capitains ohne ausdruͤckliche Ordre nicht leichtlich zu einer Haupt-Action entſchluͤſſen, wol - len ſie ſich nicht dieſerhalben groſſe Verantwor - tung uͤber den Halß ziehen, bißweilen bekommen die Generals en Chef von ihren Souverains Er - laubniß, daß ſie ſich mit dem Feind in eine Bataille einlaſſen ſollen, wenn ſie ihren Vortheil erſehn, ohne bey Hofe vorher weitere Anfrage deswegen zu thun, bißweilen aber auch nicht. Als der heldenmuͤthige Printz Eugenius die groſſe Victorie bey Zenta be - fochten hatte, gab der General Caprara dem Kay - ſer den Rath, ihm deswegen vor Kriegs-Recht zu ſtellen, weil er dieſes Unternehmen wider gegebene Ordre vollbracht, und ſolches, wo es uͤbel ausge - ſchlagen waͤre, dem gantzen Hauſe Oeſterreich haͤtte koͤnnen fatal werden. Allein der fromme Kayſer antwortete: Dafuͤr behuͤte mich GOTT, daß ich dasjenige Werckzeug, durch welches er mir eine ſo unverdiente Gnade erwieſen, noch vor Ge - richt fordern ſolte. S. das Leben Kayſers Leo - poldi. p. 236.

§. 35. Es hat ein General mehr plein pouvoir zu agiren, als der andere, nachdem er ſich bey ſeinen Souverain durch ſeine Meriten und Erfahrungein groͤſſer Vertrauen gegen ſich erweckt oder nicht. Manchmahl wird ihnen eine geheime und verſchloſ - ſene Ordre zugeſchickt, die ſie nicht eher erbrechen duͤrffen, biß ſie an dieſen oder jenen Ort angelangt, und daraus ſie von den Willen ihres Souverins benachrichtiget werden.

§. 36.493Vom Kriege.

§. 36. Ob es rathſam ſey, daß ſich die Regenten ſelbſt vor die Spitze ihrer Armee ſtellen, iſt eine Frage, die von den Politicis unterſuchet und entſchie - den wird. Ohne die groͤſte Noth ſolten die groſ - ſen Regenten ihre geheiligten Perſonen der Gefahr nicht exponiren. So ſehr als der Muth und die Tapfferkeit bey der gantzen Armee zunimmt, wenn ſie ſehen, daß ihr Fuͤrſt oder Koͤnig zugleich mit ih - nen und vor ihnen wider den Feind ſtreitet, ſo ſehr faͤllt auch hinwiederum der Muth, wenn ſie ihr Haupt ſincken und fallen ſehen.

§. 37. Finden groſſe Herren vor rathſam ihre Reſidentzen zu verlaſſen, und ſich vor ihre Armeen zu ſtellen, ſo treffen ſie Verfuͤgungen, wie es in - zwiſchen mit der Regierung des Landes gehalten werden ſoll, und tragen ſolche entweder ihren Ge - mahlinnen, einen von ihren hohen Anverwandten, oder ihren hohen Collegiis mit auf, ſie beurlauben ſich von allen den ihrigen, und halten einen praͤchti - gen Auszug aus der Reſidentz.

§. 38. Die Feld-Poſtmeiſter und viele Poſti - lions, die Trompeter und Paucker, die vielen Hand - Pferde, die mit den koſtbareſten Schabracken ge - ziert, die Trage-Pferde mit den Gezelten, die Maul-Thiere mit den Servieſen, ein Theil der Hofſtatt ſo mitgehet, die Kuͤchen-Keller-Silber - Pack-Cammer - und Bagage-Waͤgen, die Regi - ments-Waͤgen, die Feld-Jagtmeiſter, die Ar - tilleriſten, die unterſchiedenen Kriegs-Handwer - cke, die Zimmerleute, Sattler, Schmiede u. ſ. w. wech -494II. Theil. VII. Capitul. wechſeln in einer guten Ordnung entweder nach den Regeln der Einzuͤge, oder nach dem Gefallen des Herrn.

§. 39. Vor ihrer Abreiſe und bey der Durch - paßirung der Oerter ihres Landes bekommen ſie allenthalben freudige und gluͤckwuͤnſchende Zuruffe wegen Ruhmes und Sieges von ihren Untertha - nen. Kommen ſie bey ihrer Armee an, ſo werden ſie nach Soldaten-Manier ſalutiret, und mit den groͤſten Freuden - und allen nur erſinnlichen Ehren - Bezeigungen und Frohlocken empfangen.

§. 40. Es giebt einen gewaltigen Eindruck, wenn die groſſen Herren ſelbſt ihre Soldaten entweder vor der Schlacht zur Tapfferkeit, oder doch ſonſt zu allerhand Tugenden anmahnen, und findet man in der alten und neuen Hiſtorie hiervon unterſchie - dene Exempel. Koͤnig Guſtavus Adolphus in Schweden vermahnete ſeine Officirer den 29 Junii 1632, daß ſie beſſere Diſciplin halten ſolten. Der groſſe Chur-Fuͤrſt zu Brandenburg Friedrich Wil - helm, vermahnete die nach Ungarn marchirenden Auxiliar-Trouppen zur Einigkeit und Tapfferkeit. Es war auch etwas ſonderliches, daß der junge Koͤ - nig in Schweden Carl XII, bevor er Narva wider die Moſcowiter entſatzte, anno 1700, nach dem er durch die Regiments-Prieſter das oͤffentliche Ge - beth angeſtellet, und ſolches auch ſelbſt mit der groͤ - ſten Devotion vollbrachte, nachgehends bey der gantzen Armee ausruffen ließ, ſo iemand unter ſei - ner Armee verzagten oder betruͤbten Hertzens waͤre,dem495Vom Kriege. dem ſolte freyſtehen, ohne einige Ungnade dißfalls zu befuͤrchten, umzukehren und zuruͤck zu bleiben. Sie rieffen aber alle mit einem Mund mit groſſer Hertzhafftigkeit und Bewegniß aus: Sie wolten ſich alle wehren biß auf den letzten Blutstropffen. S. T. E. p. 794. des 1700 Jahres, XV. Tom.

§. 41. Es iſt ſehr loͤblich, wenn groſſe Herren bey ihren Soldaten nicht allein die Tapfferkeit und an - dere Tugenden, die den Kriegs-Leuten noͤthig ſind, ſondern auch die Gottſeligkeit, die zu allen Dingen und allen Menſchen nuͤtze iſt, zu befoͤrdern ſuchen. Anno 1705 lieſſen Jhro Majeſtaͤt der Koͤnig in Preuſſen unter ihre Soldaten fuͤnfftauſend Exem - plaria eines gewiſſen Tractaͤtgens, welches der Ba - ron von Hale aus dem Engliſchen uͤberſetzt, und den Titul fuͤhret: Treuhertziger Unterricht vor Chriſt - liche Kriegs-Leute, wie ſie ſich der wahren Gottſe - ligkeit und rechtſchaffenen Tapfferkeit gemaͤß ver - halten ſollen, austheilen.

§. 42. Es iſt gewoͤhnlich, daß unter den Armeen gewiſſe Cartelle aufgerichtet, und darinnen Soldat gegen Soldat, Reuter gegen Reuter, Dragoner gegen Dragoner, dieſer Officirer von dieſem Ran - ge gegen einem andern von dergleichen Range aus - gewechſelt werden, iedoch ſind die Medici, Balbie - rer, Feld-Prediger, die Weiber, Domeſtiquen, Trompeter, Tambours, Pfeiffer und dergleichen, wie auch Kinder unter 12 Jahren hiervon ausge - nommen; denn dieſe werden einander ſo wiederge - geben, ohne daß man Rechnung hieruͤber zu halten pflegt.

§. 43.496II. Theil. VII. Capitul.

§. 43. Bißweilen pflegen auch die Feinde ſelbſt die Tapfferkeit zu loben und zu belohnen. Der Koͤnig in Schweden, Carl der XII, ſahe in der Schlacht bey Clißow anno 1702 einen Saͤchſi - ſchen Officier auf dem Champ de bataille, den er bey der Action mit Courage ſtreiten geſehen, gantz entkleidet, er gab ihm ſeinen eigenen Rock und De - gen, und ließ ſich einen andern bringen. Dieſer Officier verſprach zur Erkenntlichkeit freywillig, daß er Zeit ſeines Lebens nicht mehr die Waffen wider Jhro Koͤnigliche Majeſtaͤt fuͤhren wolte. Der Koͤnig in Schweden ſchickte ihn nach Sach - ſen wieder zuruͤck, und befahl ihn, ſich dieſer Wor - te ſtets zu erinnern. Jhro Majeſtaͤt der Koͤnig in Pohlen fanden dieſe Action ſo vortrefflich, daß ſie den Degen des Koͤnigs in Schweden von die - ſen Officirer verlangten, und lieſſen ihm in Jhro Kunſt-Cammer verwahrlich bringen, um ſolchen den Fremden zu zeigen. S. Memoires de Lam - berty Tom. II. p. 172.

§. 44. Hat ſich ein Commendant in einer Ve - ſtung tapffer gehalten, ſo wird er bey der Uberga - be von dem Feinde ſelbſt auf das hoͤchſte geruͤhmet, zur Tafel gezogen, und auf das beſte tractiret. Es hoͤren auch im Kriege nicht alle Actionen der Hoͤf - lichkeit auf. Die groͤſten Printzen und Generals, ob ſie gleich feindſelig auf einander ſind, laſſen doch einander bißweilen durch Trompeter, als privile - girte Perſonen, beſuchen und Complimens gegen einander machen. Manchmahl laſſen ſie einandercondo -497Vom Kriege. condoliren wegen der Bleſſuren oder anderer Fata - litaͤten, bald offeriren ſie ſich, daß ſie zur Retirade des Frauenzimmers, oder derjenigen, die ihnen ſonſt werth und angenehm ſind, Paͤſſe ertheilen wollen; Bald erkundigen ſie ſich nach der Gegend, wo ſie ihr Haupt-Gezelt aufgeſchlagen, mit dem Verſi - chern, daß ſie anbefehlen wolten, daß man vor die - ſelbe Gegend bey dem Canoniren und Bombardi - ren Reſpect haben ſolte. Doch ſie bekommen bey dieſem letztern Compliment bißweilen zur Nachricht: Jhr Gezelt waͤre in ihrem gantzen La - ger, und alſo ſolten ſie nur hinſchieſſen, wo ſie hin wolten.

§. 45. Die tapffern Officiers, wenn ſie zu Pri - ſoniers gemacht worden, werden auch alsdenn von manchen groſſen Herren beſonders diſtinguiret. Der Koͤnig in Franckreich Ludwig der XIV. redete anno 1707 den Oberſten Guethon, der die Kuͤhn - heit gehabt, den Koͤniglichen Ober-Stallmeiſter Marquis von Beringen gefaͤnglich einzubringen, aber daruͤber ſelbſt gefangen worden, auf das hoͤf - lichſte an, und verſicherte ihn, daß er ihn mit einem guten Quartier wolte verſorgen laſſen. S. Europ. Famæ 64. Theil. p. 297.

§. 46. Wird nun die Tugend von den Feinden erkannt, ſo kan man auch glauben, daß die Treue und Tapfferkeit noch viel mehr von den Freunden werdegeruͤhmet und belohnet werden. Es laſſen die Souverains an die Generals, die ſich bey gewiſſen Actionen beſonders fignaliſirt, obligeante Schrei -J iben498II. Theil. VII. Capitul. ben abgehen, und verſichern ſie, ſie wuͤrden bey Zeit und Gelegenheit nicht ermangeln, nicht allein gegen ſie in ſpecie ein Merckmahl ihrer Erkenntlichkeit, ſondern auch gegen die uͤbrigen Generals, Ober - und Unter-Officiers ihre Huld und Gnade zur Ver - geltung ihrer erwieſenen groſſen Tapfferkeit ſpuͤhren zu laſſen. Sie geſinnen anbey gnaͤdigſt, es ſaͤm̃t - lichen Generals, auch hohen Ober - und Unter-Of - ficiers zu Pferd und Fuß dieſes kund zu thun, und ihnen ihre beſondere Vergnuͤgung ihres erworbe - nen Lobes wiſſen zu laſſen, damit ſie dadurch zu weiterer bravour en couragirt, und ihren ferner Anlaß gegeben werden moͤchte, es in Gnaden zu erkennen.

§. 47. Die Generals, Officiers und Gemeine werden nicht allein von dem Herrn ſelbſt in deſſen Sold und Dienſten ſie ſtehen, ſondern auch von den Alliirten und Bundes-Genoſſen, geruͤhmt und beſchenckt. Die Puiſſancen ruͤhmen die beſonde - re Conduite eines groſſen Generals oder Admirals mit den aller favorableſten Expreſſionen bey einen andern Souverain, erſuchen ihn deſſen vortrefliche Dienſte / ſo er vor das allgemeine beſte geleiſtet, in Betrachtung zu ziehen, und ihm bey vorfallender Gelegenheit eine mehrere und groͤſſere Avantage zu conferiren.

§. 48. Die Generals en Chef bekommen biß - weilen gantze Grafſchafften und Fuͤrſtenthuͤmer geſchenckt, bißweilen werden ihnen auch zu Chren beſondere Statuen und Monumenta aufgerichtet,als499Vom Kriege. als wie dergleichen Ehre dem Venetianiſchen Ge - neral-Feld-Marſchall von Schulenburg auf der Jnſul Corfu, da er dieſelbe wider die Tuͤrcken ſo tapffer defendirt hatte, von der Republick Vene - dig erzeiget worden.

§. 49. Die commandirenden Generale uͤber - ſchicken nach geendigter Schlacht ihren Principalen nicht allein eine accurate Deſignation von allen denen, die bey einem ieden Regiment geblieben oder bleſſirt worden, ſondern auch eine Relation, welche ſich vor andern von Officirern und Gemeinen wohl gehalten, haben einige von den Auxiliar - Trouppen ihr Devoir wohl in Acht genommen, ſo ruͤhmen ſie es in den Berichten bey ihren Souve - rains, und bey den Herrn der Voͤlcker, die unter ihnen geſtanden.

§. 50. Dafern aber einige Generals oder ande - re commandirende Officiers bey einer Belage - rung oder Schlacht ihre Schuldigkeit ſehr ſchlecht beobachtet, ſo werden ſie deshalber zur ſchweren Verantwortung gezogen, und nachdem das Kriegs - Recht uͤber ſie gehalten worden, auf mancherley Weiſe deshonorirt nach dem Unterſchied ihrer Verbrechen, ſie werden vor infam declarirt, es werden ihnen von den Henckern die Degen zubro - chen ſie werden einige Jahre in Feſtungen gefan - gen geſetzt, ihrer Chargen entſetzt, ſie verlieren ihre Orden und bißweilen wohl gar die Koͤpffe, wie aus einigen alten und neuen Hiſtorien bekandt iſt. Auf was vor Art der Kayſerliche General -J i 2Feld -500II. Theil. VII. Capitul. Feld-Marſchall-Lieutenant Georg Eberhard von Heydersdorf, welcher die ihm anvertraute Stadt Heidelberg an die Frantzoſen uͤbergebem, ſo wohl des Teutſchen Ordens beraubet, als inffam gemacht worden, kan in dem II. Theil des Herrn Luͤnigs Europaͤiſchen Staats-Ceremoniel p. 11270 nachgeleſen werden. Gedencken ſie ihre Condluite zu juſtificiren, ſo laſſen ſie deßhalb beſondere De - fenſions-Schrifften in Druck ausgehen, und ma - chen dieſelben allenthalben bekandt. Die falſſchen Spargemens, ſo ſich dißfalls ausgebreitet, wider - legen ſie ſo gut ſie wiſſen und koͤnnen. Als anno 1703 der Baron von Opdan bey Eckern von ſeinen Leuten auf eine ungluͤckliche Weiſe durch die Fein - de coupirt worden, und ſich darauf in Holland ein Geruͤchte ausgebreitet, als ob die Generale nicht mehr unter ihm dienen wolten, ſo unterſchrieben ſich alle Hollaͤndiſche Generale, daß ſie nach wie vor mit Plaiſir die Ordre von ihm erwarten wol - ten.

§. 51. Jſt eine Victorie befochten worden, ſo melden es die General-Capitains alſobald ihren Puiſſancen, und diejenigen Officiers, ſo die erſte Nachricht davon uͤberbringen, erhalten vor dieſe angenehme Zeitung mehrentheils einen ſtattlichen Recompens, oder auch eine hoͤhere Charge. So bald die Victorie kund worden, bekommen die Souverains allenthalben Felicitationes von Puiſ - ſancen mit denen ſie in guten Vernehmen ſtehen, von frembden Miniſtres, hoͤchſten Staats-Be -dienten,501Vom Kriege. dienten, gantzen Provincien und Particulier Staͤd - ten ihrer eigenen Lande.

§. 52. Jſt ein Sieg befochten worden, und ein oder der andere Theil der Alliirten ſpuͤhret, daß die andern allzuſaumfertig ſind die Siege zu pro - ſequiren, und ſich des erlangten Vorthels recht zu Nutz zu machen, ſo ermahnen ſie die andern Allir - ten, die bißherigen Siege recht zu gebrauchen, und zu Verfolgung und Daͤmpffung des Feindes beſſe - re Anſtalten zu machen, damit ſie nicht der herrli - chen Vortheile, ſo GOtt durch ſeine Guͤte den Waffen der Alliirten bißher verliehen, wieder ver - luſtig werden moͤgen.

§. 53. Jſt eine gluͤckliche Niederlage eines ſol - chen Feindes erfolget, der der gantzen Chriſtenheit Gefahr angedrohet, ſo notificiren die Puiſſancen die ſich zu der Roͤmiſch-Catholiſchen Kirche beken - nen, ſolche Victorien alſobald dem Roͤmiſchen Pabſt, und uͤberſchicken ihm auch wohl einige den Feinden abgenommene Fahnen und Roß - Schweiffe; Der Pabſt unterlaͤſt ſo dann nicht in einem geheimen gehaltenen Conſiſtorio den Car - dinælen dieſe gute Zeitung zu eroͤffnen, ſtellt ein Danck-Feſt dieſerwegen an, und regaliret gar offters den commandirenden General, der den Sieg erfochten mit einem geweyheten Hut und Schwerdt. Die von den Tuͤrcken eroberten Fahnen und Roß-Schweiffe werden mit beſon - dern Ceremonien und einem groſſen Einzuge in die Hof-Capelle getragen. Voraus marchirenJ i 3Trompe -502II. Theil. VII. Capitul. Trompeter Paucker und Hautboiſten zu Fuß bey der Ankunfft in die Kirche werden einige Canonen abgefeuert, es wird dabey das hohe Amt unter Trompeten - und Paucken-Schall gehalten, eine ſich darauf ſchickende Predigt abgelegt, das Te Deum laudamus angeſtimmt, und alsdenn wer - den die Fahnen aufgehangen. Es geſchicht auch wohl, daß ein Cardinal mit einer beſondern Rede die den Tuͤrcken abgenommene Fahnen dem Pabſt uͤberreicht, und dieſer legt hierauf eine Ge - gen-Rede ab.

§. 54. Wenn ſo wohl die Roͤmiſch-Catholiſchen als Proteſtirenden an einer Victorie, die ſie wider einen gemeinſchafftlichen Feind erhalten, Antheil nehmen, und ſolche naͤchſt goͤttlichen Beyſtand durch beyder Religions-Verwandten Coopera - tion erfolget und von den Roͤmiſch-Catholiſchen dieſerhalben Friedens-Feſtivitæten angeſtellt wer - den, ſo wird nicht ſelten um gegen die Proteſtien - den keine Verbitterung zu erwecken, den Roͤmſch - Catholiſchen Pfaffen verbothen, in ihren Danck - Predigten, oder auch ſonſt keine ſolche Redins - Arten zu gebrauchen, die den Proteſtirenden em - pfindlich fallen koͤnten. Als anno 1706 Baicel - lona und Turin durch Aſſiſtenz der Englaͤnder und anderer Proteſtirenden entſetzt wurde und nan deshalber in Wien ein Freuden-Feſt anſtellt, ſo wurde den Geiſtlichen hart eingebunden wider die Proteſtirenden nichts mit einflieſſen zu laſſen, vel - ches denn der Kayſerliche Beicht-Vater und JeſuitP. Buße503Vom Kriege. P. Buße ſo wohl in Acht genommen, daß er in ſei - ner Freuden-Predigt uͤber den Text aus dem I. Cap. des II. Buchs der Koͤnige und deſſen 14 vers frey bekamte, es haͤtte der guͤtige Himmel das Hauß Oeſterreich ietzo ſo lieb, daß er auch zu deſſen Erhal - tung das Gebeth der Uncatholiſchen erhoͤrte, und muͤſte man die bißherigen Siege matri Angelo - rum & matri Anglorum zuſchreiben. S. Theatr. Europ. T. XVII. 1706. p. 92.

§. 55. Zuweilen legen ſich beyde Theile den Sieg bey, und laſſen deswegen das Te Deum lau - damus anſtimmen, wenn nemlich jene auf den rech - ten Fluͤgel, dieſe aber auf den lincken Fluͤgel Platz behalten.

§. 56. Manchmahl wird von einem groſſen Herrn, und von dem Regenten, der ſich ſelbſt an der Spitze ſeiner Armee geſtellet, und eine glorieu - ſe und ſiegreiche Campagne gehalten, wenn er wie - der in ſeine Reſidentz zuruͤck kommt, ein praͤchtiger Einzug gehalten. Sie bringen alle die erbeuteten Fahnen, Standarten, Canonen u. ſ. w. in der ſchoͤnſten Ordnung, nach den allgemeinen Regeln der Einzuͤge, mit ſich; Sie werden allenthalben von ihren Unterthanen, von den Landes Staͤnden, von allen Collegiis, Magiſtrats-Perſonen und der geſam̃ten Buͤrgerſchafft frohlockend bewil kommet und beehret; An den Ecken der Straſſen werden ihnen Ehren-Colonnen aufgerichtet, und Pyrami - den, die mit Armaturen und den vortrefflichſten undJ i 4ſinn -504II. Theil. VII. Capitul. ſinnreichſten Inſcriptionen ausgezieret; Auf den Gaſſen, durch welche ſie durch paſſiren, werden ih - nen Ehren-Pforten erbauet; Bey ihrem Einzuge werden die Stuͤcke geloͤſet, alle Glocken gelaͤutet, des Abends Illuminationen angezuͤndet, und Feu - erwercke angebrandt. Die eroberten Fahnen, Ca - nonen und andere Sieges-Zeichen werden auf eine ſolenne Weiſe, unter Trompeten - und Paucken - Schall und klingenden Spiele, in die Arſenale oder andere Oerter gebracht, wo ſie verwahrlich aufbe - halten werden ſollen, und viel Tage nacheinander mit lauter Freudens-Feſtivitaͤten zugebracht.

§. 57. Jſt ein Land erobert, und der Feindziehet mit ſeinen Trouppen aus demſelben, ſo werden von den commandirenden Haͤuptern, Krafft der Voll - machten, ſo ſie von ihren Herren empfangen, beſon - dere Evacuations-Tractate geſchloſſen, und von beyden Theilen, biß zu deren Vollziehung, Gaſſeln, an Generalen, Oberſten und andern Officiers, zu - ruͤck gelaſſen.

§. 58. Jſt nun ein Feind groſſentheils gelemuͤ - thiget, ſo haͤlt er um einen Stillſtand der Waffen an; Je mehr er nun um Verlaͤngerung der Ter - mine, die anfangs concertirt geweſen, anſucht, und ie moderater ſich eine Nation, zumahl wenn ſie ſonſt einiger maßen barbariſch iſt / dabey aufuͤhret, deſto groͤſſer iſt die Hoffnung, daß der Stilſtand in einen Frieden werde verwandelt werden.

Das505Von den Friedens-Schluͤſſen.

Das VIII. Capitul. Von den Friedens-Schluͤſ - ſen.

§. 1.

Ob zwar, aller redlichen Patrioten Meynung nach, die ruhigen Friedens-Zeiten den ge - faͤhrlichen Krieges-Laͤufften vorzuziehen, ſo finden ſich dennoch einige falſche Poli - tici, die in den Gedancken ſtehen, es waͤre vor Her - ren und Unterthanen nicht rathſam, wenn ein Land allzu lange den Frieden genoͤſſe, und die Soldaten ihre Degen nur pro forma an der Seite, wie die Nonnen ihre Lateiniſchen Buͤcher in der Hand truͤ - gen. Die groſſen Herren waͤren hierbey mancher Gefahr unterworffen, die Soldaten und Untertha - nen wuͤrden bey der groſſen Ruhe faul und wolluͤ - ſtig, und vergaͤſſen ihre militariſchen Exorcitia. Jch halte aber davor, daß dieſer Kummer unnoͤthig ſey, immaſſen groſſe Herren ſchon Mittel finden koͤnnen, ihren Soldaten und Unterthanen auch zu Friedens - Zeiten Arbeit zu verſchaffen, und ſie in ſtetswaͤhren - der Ubung zu erhalten.

§. 2. Einige wollen die mit Krieg und Unru - he vermiſchten Zeiten denjenigen vorziehen, in welchen ein beſtaͤndiger und lange anhaltenderJ i 5Frie -506II. Theil. VIII. Capitul. Frieden floriret, und andere wollen es vor moͤglich achten / daß unter allen Europaͤiſchen Puiſſancen ein perpetuirlicher Frieden herrſche, wie der Autor eines vor einigen Jahren von dieſer Materie in Frantzoͤſiſcher Sprache edirten Tractaͤtgens dar - thun wollen. Doch dieſes iſt wohl zu wuͤnſchen, aber nach der ietzigen Beſchaffenheit der Menſchen, wie ſie ſich von ihren Neigungen groͤſtentheils be - herrſchen laſſen, nicht zu hoffen. Die Puiſſancen moͤgen in ihren Tractaten die Grentzen noch ſo deut - lich bemercken, die allerbuͤndigſte und ſicherſte Gua - rantie vor die allgemeine Ruhe ſtifften, und allen Gelegenheiten zum Kriege noch ſo weißlich zuvor - kommen, ſo wird dennoch die Klugheit und Tugend der Menſchen, die etwas in dem gegenwaͤrtigen Lauff der Zeiten beſchleuſt, nicht alle Faͤlle der kuͤnff - tigen Zeiten vorher ſehen, noch alle Boßheit der kuͤnfftigen Menſchen verhindern koͤnnen.

§. 3. Bißweilen werden Stillſtande der Waf - fen getroffen, die von einer laͤngern Dauer ſeyn als manche Friedens-Schluͤſſe, und hingegen einige Friedens-Schluͤſſe, ob ſie ſchon ewig genernet werden, verwandeln ſich in einer ſehr kurtzen Zeit in einen blutigen Krieg. Einige Puiſſancen thun Friedens-Vorſchlaͤge nicht aus Ernſt und aus ei - nem friedfertigen, ſondern vielmehr feindſeligen Ge - muͤthe damit ſie ſich unter der Hand ruͤſten und in beſſern Stand ſetzen, ihren Feinden deſto kraͤfftiger zu widerſtehen; ſie wollen die andern Puiſſanten, mit denen ſie bißanhero in Krieg verwickelt gewe -ſen,507Von den Friedens-Schluͤſſen. ſen, einſchlaͤffern, daß ſie uͤber den Friedens Propo - ſitionen die Kriegs-Præparatorien unterlaſſen, und ſie deſto eher ſicher machen.

§. 4. Manchmahl will ein Theil von den Alliir - ten, dem von dem Feinde ſehr avantageuſe Vor - ſchlaͤge gethan werden, von dem andern abgehen / und ſucht durch muͤndliche und generale Hand - lungen die Sache ſo lange aufzuhalten, biß endlich ein beſonderer Waffen-Stillſtand, und die Furcht eines Particulier-Friedens mit der einen Puiſſance die andern Alliirten noͤthiget, alles einzugehen, was der Feind berlangt. Wenn aber die andern Al - liirten dieſes mercken, ſo ſuchen ſie der gantzen Ne - gotiation ein baldig Ende zu machen, oder dieſel - ben gar zu rumpiren, in der Hoffnung, daß bey Fortſetzung des Krieges der Feind wuͤrde genoͤthi - get werden, ſich naͤher zum Zweck zu legen.

§. 5. Da aber die Alliirten, wie es allezeit ſeyn ſoll, redlich zuſammen halten ſo communiciren die - jenigen Theile, denen zuerſt die Friedens-Vor - ſchlaͤge gethan worden, alles mit denen uͤbrigen, ſie melden ihnen in Schreiben ihre Gedancken, in wie weit ihnen die Propoſitionen plauſible ſcheinen oder nicht, und vernehmen nachgehends aus der Antwort, die ſie darauf thun, ob es rathſam ſey, ſich mit dem Feind in Tractaten einzulaſſen, oder nicht.

§. 6. Einige neutrale Puiſſancen, die bey den ſtreitenden in guten Anſehen ſtehen, und die zur Befoͤrderung der gemeinſchafftlichen WohlfarthEuropaͤ508II. Theil. VIII. Capitul. Europaͤ den Frieden verlangen, pflegen die ſtreiten - den Theile ſchrifftlich zu erſuchen, ſo bald als moͤg - lich einen Friedens-Congreß durch genugſam be - vollmaͤchtigte Miniſtros zu beſchicken, und ihres Orts an dieſen heylſamen Werck die Haͤnde anzu - legen; Sie verſichern anbey, daß ſie nicht unter - laſſen wolten, alles moͤgliche anzuwenden, was ſo wohl zur Herſtellung des Ruheſtandes, als zu Er - langung des Friedens und Verhuͤtung fernerer Vergieſſung des Chriſten-Blutes gereichen moͤch - te. Jnſonderheit wendet der Roͤmiſche Pabſt al - le nur erſinnliche Officia an, wenn er ſiehet, daß entweder die Roͤmiſch-Catholiſchen einander in Haaren liegen, oder doch daß das Intereſſe der Pa - piſtiſchen Religion bey dem laͤnger anhaltenden Kriege periclitiren moͤchte. Er thut alſo alles, was in ſeinen Kraͤfften ſtehet, um den Frieden wie - der herzuſtellen, er vermahnet, er bittet, er ſchlaͤgt ſeine Mediation vor, er laͤſt auf viel Tage Cere - moniel-Faſten und Gebether ausſchreiber; es laſſen ſich aber doch nicht allezeit die harten Her - tzen durch alle ſeine Bemuͤhung erweichen. Eini - ge Roͤmiſch-Catholiſche Potentzen kommen ſelbſt bey ihm ein, erklaͤhren ihre Diſpoſitionen zum Frie - den, und erſuchen ihm, die andern mit dazu liſpo - niren zu helffen, wie der vorige Koͤnig in Fanck - reich Ludwig XIV. zu unterſchiedenen mahen in dem letztern Spaniſchen Succeſſions-Kriege ge - than. Sie thun es gar offters aus Poliique, damit ſie ſich bey Sr. Paͤbſtlichen Heligkeitwegen509Von den Friedens-Schluͤſſen. wegen ihres friedfertigen Gemuͤths rechtferti - gen.

§. 7. Einige Souverains werden von ihren Al - liirten groͤſten Theils verlaſſen, wenn ſie nehmlich ſaͤumig ſind, ihnen die verſprochenen und accordir - ten Subſidia zu entrichten, oder ſchicken ihnen die Auxiliar-Trouppen nicht zu rechter Zeit zu, ſo daß ihnen die gantze Krieges-Laſt weit empfindlicher uͤber den Halß faͤllt als den andern, dieſe koͤnnen ſich denn bey ſo geſtallten Sachen nicht beſſer helf - fen, als daß ſie den andern drohen, ſie wuͤrden ge - noͤthiget werden mit dem Feinde einen Particulier - Frieden zu ſchluͤſſen, dafern ſie ihnen nicht die ver - ſprochene Aſſiſtenz goͤnnen wollten.

§. 8. Die Friedens-Propoſitionen geſchehen bißweilen einigen Leuten auf eine geheime Weiſe, mehrentheils aber auf eine oͤffentliche und ouverte Art; jener Modus wird gar oͤffters und zwar mit Grund vor verdaͤchtig angeſehen. Jn den Spa - niſchen Succeſſions-Kriege anno 1706 ſchrieb der Churfuͤrſt zu Bayern Maximilian Emanuel an den Hertzog von Marlborough und die Herren General-Staaten / daß der Koͤnig in Franckreich biß anhero intentionirt geweſen, den Frieden zu erlangen, und ihn durch gewiſſe Leute, die er aus beſondern Raiſons dazu autoriſirt auf geheime Wege haͤtte wollen zu Wercke richten. Da aber die Feinde dieſes anders auslegen wollten, und vor ſolche Demarchen anſehen, die nur Unei - nigket unter ihnen erregen ſollten, ſo waͤre er nun -mehr510II. Theil. VIII. Capitul. mehr entſchloſſen, ihnen oͤffentlich die Friedens - Conferenzen zu proponiren. S. Actes & me - moires touchant la paix d’Utrecht p. 17. & 19.

§. 9. Jſt ein Regent mit ſeinen Unterthanen durch den Krieg ſehr mitgenommen worden, ſo fle - hen die Reichs und Land-Staͤnde ihren Landes - Herren an, er moͤchte ſich doch gefallen laſſen, zu Verhuͤtung ihres aͤuſerſten Ruins den Frieden mit den Feinden zu ſchluͤſſen, ſo gut als er ihn erlangen koͤnte, und die Regenten ſchreiben auch an andere Puiſſancen, ihre guten Officia bey dem Feind an - zuwenden, damit doch der Friede erfolgen moͤchte. Sind aber den Puiſſancen Friedens-Vorſchlaͤge gethan worden, und die Fundamental-Geſetze des Reichs bringen es mit ſich, daß ſie die Reichs - Staͤnde mit dabey hoͤren muͤſſen, ſo recommandi - ren ſie ihren Reichs-Collegiis wie ſie nach dem Unterſchied der Laͤnder und Reiche mit unterſchie - denen Nahmen benennet werden koͤnnen, das vor - ſeyende Friedens-Negotium auf das allerbeſte, eroͤffnen ihnen die Conditiones des bevorſtehen - den Friedens, und machen ihnen alles davon be - kandt, was ihnen hierbey zu wiſſen noͤthig.

§. 10. Einige neutrale Puiſſancen, deren Intereſſe erfordert, daß ihre benachbarten Staaten bilan - cirt werden, ſchlagen ſich entweder aus freywilli - gen Triebe, oder auf Anſuchen der anderen und zwar ſchwaͤchern Theile ins Mutel, damit unter den kriegenden Theilen ein raiſonabler Frieden erfolgen moͤge. Die Mediateurs muͤſſen mitMacht511Von den Friedens-Schluͤſſen. Macht und Autoritæt verſehen ſeyn, damit theils ihre Worte, theils ihre Regimenter ſtarcke Argu - menta moventia abgeben, denjenigen Theil der ſich allzu hartnaͤckig erzeiget, und die Sayten gar zu hoch ſpannen will, zum Frieden zu diſponi - ren.

§. 11. Die ſtreitenden Theile ziehen bey den Mediateurs, wenn ſie ihnen trauen, oder ihren Vorſtellungen Gehoͤr geben ſollen, vorher unter - ſchiedenes in Betrachtung, als ihre Religion, ihre Staͤrcke, ihre Schwaͤche, Entlegenheit, Intereſſe bey dem Kriege oder Frieden, die nahe Freund - ſchafft oder geheime Alliance mit dieſem oder je - nem Krieg-fuͤhrenden Theile, die zu alten Zeiten bezeugte Jalouſie uͤber das Aufnehmen des einen Theiles, der ietzund in Krieg verwickelt, u. ſ. w. Ob man ſchon vor einem ſchwachen und ohnmaͤch - tigen Mediateur ſchlechten Egard hat, ſo trauet man doch auch nicht allezeit einen ſehr maͤchtigen und zu gleicher Zeit einiger maßen mit drohenden Friedens-Mediateur. Jhro Czaariſche Majeſtaͤt Petrus I. ſollen ſich einſtens gegen einen auslaͤndi - ſchen Miniſtre haben verlauten laſſen, wie ſie nicht gewohnt waͤren, iemand zu einem Mediateur an - anzunehmen, der ihr mit der lincken Hand einen Oehlzweig, mit der rechten aber ein Schwerdt wie - ſe. S. Elect. Jur. Publ. Tom. XX. p. 339.

§. 12. Die Friedens-Schluͤſſe werden, wie an - dere dergleichen oͤffentliche Tractaten und Negotia, durch gewiſſe hierzu bevollmaͤchtigte Miniſtres con -certirt512II. Theil. VIII. Capitul. certirt und zu Stande gebracht, immaßen etwas gantz beſonders war, daß der Caͤmmerichſche Frie - de zwiſchen der Ludovica, der Mutter des Koͤni - ges in Franckreich Franciſci I., und der Margare - tha, Kayſers Caroli V. Muhme groͤſtentheils regu - liret wurde, welcher daher von den Hiſtoricis mei - ſtentheils nur der Weiber-Friede genennet wird. S. Brautlach in Hiſtor. Pacificat. Guicciardin. in Hiſt. ſui temp. Lib. V. p. 713. Man traͤgt der - gleichen Tractaten einigen zugleich auf, damit, wenn der eine etwan abweſend iſt, oder durch Unpaͤßlich - keit verhindert wird, die andern mit gleichen Pou - voir die Friedens-Tractaten fortſetzen koͤnnen. Bißweilen werden die Friedens-Negotia durch ein paar groſſe Generale oder Miniſtres tractiret, de - nen ein paar Legations-Secretarii zugegeben wer - den. Alſo wurde der Raſtadter Friede durch den Printz Eugenium und den Marechal de Villars geſchloſſen. Es iſt gantz etwas neues, daß Printz Eugenius bey dem Frieden zu Raſtadt, ohne vor - hergehenden Reichs-Schluß, bloß von dem Kay - ſer, iedoch nach vorheriger Communication mit Chur-Mayntz bevollmaͤchtiget ward, ſich mit dem Villars in Friedens-Tractaten einzulaſſen; es ge - ſchahe ſolches zu dem Ende, damit man Weitlaͤuff - tigkeiten und Auffenthalt vermeiden wolte, welche die vorhergehenden Reichs Deliberationen verur - ſachen koͤnten. Sonſt wird man in der Teutſchen Hiſtorie nicht gar viel dergleichen Exempel haben. Bey den Weſtphaͤliſchen Friedens-Tractaten wol -ten513Von den Friedens-Schluͤſſen. ten ſich die Frantzoſen durch aus nicht eher einlaſſen, biß man erſtlich der Reichs-Staͤnde Geſandten ad - mittirte. Die Nimwegiſchen Friedens-Tracta - ten wurden zwar auch bloſſer dings durch Kayſerli - che und Frantzoͤſiſche Geſandten gepflogen, es war aber der Kayſerlichen Geſandtſchafft die Beobach - tung des Reichs Intereſſe zuerſt aufgetragen wor - den. So wurde auch anno 1684 den 15 Auguſti der zwantzig-jaͤhrige Stillſtand zu Regenſpurg bloß durch den Kayſerlichen Principal-Commiſſarium Biſchoff Marquarden zu Aichſtedt, mit dem Fran - tzoͤſiſchen Geſandten Ludwig Verjus Grafen zu Crecy geſchloſſen, es geſchah aber auch mit des Reichs Genehmhaltung.

§. 13. Vor den Friedens-Congreſſen verglei - chet man ſich gewiſſer Præliminarien, darinnen man folgende Puncte ausmacht, auf was vor ein Fundament der Friede geſetzt werden ſoll, an wel - chen Ort die Conferentien ſollen gehalten werden, welche Puiſſancen hierbey mit zu admittiren, oder davon auszuſchlieſſen, wem man die Ehre der Me - diation anvertrauen, auch die daraus flieſſende Guarantie uͤberlaſſen, auf was vor Art man die Paſports und Geleits-Briefe abfaſſen will, wie weit ſich das neutrale Territorium um den Frie - dens-Conferenz-Ort erſtrecken ſoll, was man de - nen zun Congreſſen abzuſchickenden Gevollmaͤch - tigten vor Characteres ertheilen, und uͤberhaupt, wie man eine und die andern Ceremonien und Um - ſtaͤnde, ſo das kuͤnfftige Friedens-Negotium ange -K khen,514II. Theil. VIII. Capitul. hen, reguliren will. Bißweilen geſchicht es auch, daß die kriegenden Theile von den Præliminarien gar nichts hoͤren, ſondern dieſelben zugleich mit dem Frieden in denen hieruͤber anzuſtellenden Comfe - rentien einrichten wollen.

§. 14. Damit dem Haupt-Werck kein Aufhalt zugezogen werde, ſo vermeidet man alle Rang - Diſputen, und retrenchiret alle uͤberfluͤßige Cere - monien ſo viel als nur moͤglich. Die accredirten Miniſtri nehmen gar oͤffters anfaͤnglich gar kennen Character an, oder nennen ſich nur bloß Commis - ſarios gewiſſer Puiſſancen, biß ſie ſich wegen einiger ſtreitigen Puncte mit einander verglichen. Manch - mahl wird ausgemacht, daß die gevollmaͤchtigten Miniſtri den Character der Abgeſandten nicht eher declariren ſollen, biß an den Tag, da die Friedens - Tractaten unterzeichnet werden ſollen.

§. 15. Die Præliminar-Tractaten werden von allen Plenipotentiariis unterſchrieben. Es geſchicht auch wohl, daß uͤber die zugeſchickten Prælimina - rien, von einem Staats-Miniſter oder Secretair politiſche Reflexions gemacht werden, in wie weit dieſen Puncten zu trauen und Glauben beyzumeſſen oder nicht, und in wie weit ſie vortheilhafft, oder dem Intereſſe der andern Partheyen nachtheilig, und alſo nicht acceptabel.

§. 16. Der Ort, wo die Friedens-Tractaten reguliret werden ſollen, muß den meiſten oder doch den vornehmſten Puiſſancen, und ſonderlich derje - nigen, die ſich zum Mediateur angiebt, bequem,die515Von den Friedens-Schluͤſſen. die Poſten deſſelben Ortes muͤſſen nach den Rei - chen und Laͤndern, nach welchen die Gevollmaͤch - tigten zu correſpondiren haben, wohl eingerichtet ſeyn; man muß daſelbſt noͤthige Lebens-Mittel, und zwar um einen billigen Preiß bekommen koͤnnen; es muͤſſen raͤumliche Quartiere vor die Geſandt - ſchafften und ihre Domeſtiquen anzutreffen ſeyn; er muß zur Ausuͤbung des freyen Religions Exer - citii bequem, und wider die feindlichen Anfaͤlle ge - ſichert ſeyn. So lange die Tractaten waͤhren, wird der Ort vor neutral gehalten / der keinen unterworf - fen; es werden, ſo weit das Territorium herum gehet, gewiſſe Grentz-Seulen aufgerichtet, und mit dem Wort, Neutralitaͤt, bezeichnet. Bißweilen wird wegen des Ortes in Vorſchlag gebracht, daß dieſer Theil drey Oerter vorſchlagen, und jener ei - nen daraus erwehlen ſoll.

§. 17. Manchmahl werden die Tractaten im freyen Felde in einem Conferenz-Hauſe ſo auf der ſaͤmtlichen paciſcirenden Theile Unkoſten erbauet wird, unternommen, als wie es bey dem Carlowi - tziſchen Frieden geſchahe, oder in beſondern Confe - renz-Gezelten, als wie bey dem Paſſarowitziſchen Frieden, der zwiſchen dem Tuͤrckiſchen und Roͤmi - ſchen Kayſer geſchloſſen ward, in welche ſich die Ge - ſandten iederzeit bey einem praͤchtigen Aufzuge un - ter Trompeten - und Paucken-Schall begaben Bey den Gezelten werden viel Verdrußlichkeiten und Diſputen vermieden, die ſich ſonſt bey dem Bau der Conferenz-Haͤuſer zu ereigenen pflegen.

K k 2§. 18.516II. Theil. VIII. Capitul.

§. 18. Jſt der Ort, in welchen die Friedens - Conferenzen gehalten werden ſollen, in dem feind - lichen Territorio gelegen, ſo werden vorher vor die Gevollmaͤchtigten, die dahin abgeſchickt werden ſollen, Paßporte und Geleits-Briefe ausgewuͤrckt, darinnen allen Commendanten und Officirern zu Waſſer und Lande anbefohlen wird, daß ſie die gevollmaͤchtigten Miniſtres, ſo wohl vor ihre Be - dienten, als auch vor ihre Equipage, Pferde, und alle uͤbrige Meublen ſollen ſicher paß - und repaſſi - ren laſſen, ihnen allenthalben behuͤlfflich ſeyn, und im geringſten keinen Verdruß erzeigen. Bißwei - wird noch uͤber die Paßporte eine genugſame Gar - de und Bedeckung von Soldaten erfordert.

§. 19. Uber dieſe Paßports ereignen ſich man - cherley Diſputen, und ſetzen manche unterſchiedenes daran aus, ſie waͤren nur auf Papier, und nicht auf Pergamen geſchrieben, auch nur mit einfachen ſchwartzen Faden gehefftet, die Siegel waͤren ſo aufgedruckt, daß man ſie nicht recht erkennen koͤn - te, ſie fuͤhrten gantz ungewoͤhnliche Siegel, die Ti - tul der Gevollmaͤchtigten waͤren nicht recht ausge - druckt, auch die Data der Tage und Monathe aus - gelaſſen. Sie werden oͤffters zwey biß dreymahl wieder zuruͤck gegeben. Manchmahl laͤſt ein Theil mit Fleiß allerhand Fehler in die Paßports mit ein - ſchleichen, damit das Friedens-Werck, wenn ihm an deſſen Befoͤrderung nicht gar viel gelegen, deſto mehr trainirt werde.

§. 20. Bevor die Geſandten an dem Ort an -langen,517Von den Friedens-Schluͤſſen. langen, wo die Friedens-Tractaten ſollen gepflo - gen werden, ſo werden alle Anſtalten gemacht, die zur Bequemlichkeit und Sicherheit ihrer Perſonen und ihrer Domeſtiquen noͤthig ſind; es werden neue Haͤuſer erbauet, oder doch erweitert und ver - groͤſſert; es wird von der Obrigkeit des Ortes al - len Haͤuſern, Zimmern und Staͤllen, wie auch den Victualien eine gewiſſe billige Taxe geſetzt; es wird den Land-Leuten anbefohlen, daß ſie allerhand Le - bens-Mittel, ſo lange ſich die Geſandten da aufhal - ten, einfuͤhren und eintragen ſollen. Die Straſſen werden gebeſſert; es wird auf das ſchaͤrffſte verbo - then, daß durchaus keine Brieffe auf den Poſten erbrochen, und keine Schrifften, Bilder oder anders dergleichen, dadurch die Gemuͤther gegen einander erbittert werden koͤnten, ausgetheilet, gedruckt noch verkaufft werden ſollen; ingleichen, daß niemand von allen denen, die zu den Ambaſſaden gehoͤren, auf keinerley Art und Weiſe inſultiret, beſchimpffet oder beunruhiget werden ſoll.

§. 21. Die Geſandten erhalten von ihren Hoͤfen ihre Inſtructionen, nicht allein was ſie in Anſehung des Hauptwercks, ſondern auch wegen der Cere - monien beobachten ſollen, was ſie andern bey den Viſiten, Titulaturen, Complimens, Præcedenzen u. ſ. w. geben, und was ſie hinwiederum von an - dern vor Ehr-Bezeugungen erwarten ſollen, damit der Ehre ihrer Principalen nichts vergeben werde. Man vergleicht ſich zwar mehrentheils bey ſtreiti - gen Puncten durch gewiſſe Temperamente, eini -K k 3ge518II. Theil. VIII. Capitul. ge ſind aber doch ſo hitzig, daß ſie durchaus von keinen Temperamenten nichts hoͤren wollen, ſon - dern ſie beruffen ſich auf ihre Decrete, Inſtructio - nen und Poſſeß, und wenn es nicht nach ihrem Sinn gehet, ſo drohen ſie gleich den Conferenz - Ort zu verlaſſen. Jſt aber alles nach ihrem Sinn eingerichtet, ſo ſind ſie zu frieden, ſie bedancken ſich deshalber und verſichern das freundliche Bezeu - gen, ihren Principalen unterthaͤnigſt anzuruͤhmen / und es bey allerhand Vorfallenheiten zu erwie - dern.

§. 22. Die Einzuͤge der Geſandten an dem Con - ferenz-Orte geſchehen mehrentheils in der Stille und ohne Gepraͤnge, damit mancherley Ceremo - niel-Streitigkeiten, ſo ſich ſonſt bey dieſen Gelegen - heiten gar leichtlich entſpinnen koͤnten, vermieden werden. Die Geſandten werden nicht oͤffentlich eingehohlet, auſſer daß einige von ihren Collegen empfangen werden. So feuert man auch keine Canonen ab, weil einige prætendiren, daß ihnen zur Ehre ihrer Principalen mehr Canonen ſollen geloͤſet werden, als den andern. Jm uͤbrigen pflegt man bey dieſen und andern Occaſionen vor die Mediations-Miniſtres beſondere Conſidera - tion zu haben, und ihnen allenthalben alle nur er - ſinnliche Ehre zu erzeigen.

§. 23. Die Gevollmaͤchtigten laſſen ihre An - kunfft dem Magiſtrat des Ortes, an welchem die Conferentien gehalten werden ſollen, zu wiſſen thun, und derſelbe laͤſt ihnen nachgehends Bewill -kom -519Von den Friedens-Schluͤſſen. kommungs-Complimens ablegen, und ſie zugleich erſuchen, mit ihrer Beyhuͤlffe alles dasjenige was zur Conſervation der Policey und guter Ordnung von noͤthen unter ihren Domeſtiquen, und auch ſonſt allenthalben mit zu reguliren. Es werden nicht allein die Duelle, ſondern auch das tragen der Stoͤcke und Degen den Laqueyen auf das ſchaͤrffſte verbothen, es wird ordonnirt, wie es mit dem Ausweichen der Kutſcher gehalten ſoll werden, es darff ſich niemand unterſtehen, weder bey Tage noch weniger des Nachts in ungewoͤhnlicher ma - ſquirten Kleidung ſehen zu laſſen, die Herrſchaff - ten machen ſich anheiſchig, daß ſie auf alle Wege bey ihren Domeſtiquen gute Diſciplin erhalten wollen. Bißweilen vergleichen ſie ſich, damit die Conferentien deſto beſſer avanciren, daß ein Abge - ſandter nicht mehr als 2 Cavaliere, 2 Pagen und eine gewiſſe kleine Anzahl anderer Domeſtiquen bey ſich haben ſoll, und beſtimmen, mit wie viel Pferden ſie in das Conferenz-Hauß fahren wol - len.

§. 24. Dafern aber ein Gevollmaͤchtigter den andern oder ſeine Leute wider das Voͤlcker-Recht inſultirt, ſo machen alle die uͤbrigen ein gemein - ſchafftlich Negotium draus, die Puiſſancen dro - hen, daß ſie ihre Miniſtres wuͤrden nach Hauſe be - ruffen wann ihnen nicht Satisfaction geſchaͤhe, oder dieſer unruhige Miniſter wieder nach Hauſe ge - ſchickt und ein anderer an deſſen Stelle abgeſendet wuͤrde.

K k 4§. 25.520II. Theil. VIII. Capitul.

§. 25. Die Viſiten und Gegen-Viſiten der Abge - ſandten werden nach denen unter ihnen vergliche - nen Ceremoniel abgelegt. Sind 2. 3. 4 und mehr Geſandten, ſo ſetzt es bißweilen Diſputen, ob ſolche in corpore oder nach den Perſonen ein - gerichtet ſollen werden.

§. 26. Vor den wuͤrcklichen Anfang der Con - ferentien werden von den ſaͤmmtlichen Gevoll - maͤchtigten die Haͤuſer oder Gezelte, in welchen die Tractaten gepflogen werden ſollen, beſehen, und ein ieder ordonirt dasjenige oder erinnert es zum wenigſten, was der Reſpect oder das Intereſſe ſei - nes Principalen hierbey erfordern moͤchte. Die Conferenz-Gemaͤcher werden mit den Thuͤren, Fenſtern und Meublen ſo angelegt und aptirt, daß bey denen im Range ſtreitigen Puiſſancen ſo viel als moͤglich eine Gleichheit erhalten, und allen Diſputen vorgekommen werde. Ein ieder kommt durch beſondere Thuͤren, und nach gleichen abge - meſſenen Schritten in das Conferenz-Zimmer. Die Herren Mediateurs haben ihren eignen Ein - gang, und die bißher im Kriege begriffen geweſene auch ihren. Ein jeder Theil ſetzt ſich mit dem Ruͤ - cken gegen ſeine Thuͤre.

§. 27. Bißweilen ſind die Geſandten der ſtrei - tenden Theile in beſondern Zimmern, und die Me - diateurs auch, die denn von einem zum andern ge - hen, und allenthalben proponiren, was zur Be - ſchleunigung und Erhaltung des Friedens von noͤ - then. Die Zuſammenkuͤnffte geſchehen in un -terſchie -521Von den Friedens-Schluͤſſen. terſchiedenen Gemaͤchern, wie ſelbige von einer ie - glichen Parthey durch das Looß zugefallen.

§. 28. Gleichwie die Mediations-Miniſtri in - ſtruirt ſind, allen Zwiſtigkeiten, ſo dem Friedens - Conferentien einen Aufhalt geben koͤnten, und al - len Argwohn einiger Preference zuvor zu kommen, alſo geben ſie ſich viel Muͤhe bey den Conferenz - Gemaͤchern alles ſo mit ajouſtiren zu helffen, daß es allen Recht ſeyn moͤchte. Es werden bißwei - len viel Riſſe und Modelle wegen der Conferenz - Gebaͤude verfertiget, bevor ſie eine voͤllige Appro - bation finden. Man declarirt auch wohl gegen einander, daß kein Ort vor den erſten, andern oder dritten ſolte gehalten werden, und daß keiner von den Gevollmaͤchtigten den Vorſatz habe ſich durch dieſen oder jenen Platz, einige Prærogativ oder Vor - zug, und hingegentheils den andern einige Nach - theile zuwege zu bringen.

§. 29. Wegen der Sprache entſtehen auch biß - weilen Diſpuͤten, wenn entweder die Mediations - Miniſtri ihre Articul in eine ſolche Sprache ab - faſſen, die den andern nicht anſtaͤndig, oder andere Gevollmaͤchtigte bey den Conferenzen ſich einer Sprache bedienen wollen, die bißher nicht ge - woͤhnlich geweſen.

§. 30. Nachdem die mancherley und ſtreitigen Titulaturen der Puiſſancen keine geringe Jrrun - gen und den Friedens-Conferentien Verzoͤgerun - gen zu wege bringen koͤnnen, ſo iſt ein ſehr gutes Mittel um dieſen vorzukommen, wenn die Media -K k 5teurs522II. Theil. VIII. Capitul. teurs mit Einwilligung aller bey dieſen Friediens - Tractaten intereſſirten Geſandten und Gewoll - maͤchtigten ein Inſtrument aufrichten, und ſich untereinander erklaͤhren, daß die Zuſaͤtze oder das Auslaſſen derjenigen Titul, welche ſich in die Schrifften, ſo dieſen Friedens-Tractat betroffen, mit einſchleichen moͤchten, dem Theil, ſo ſich der - gleichen ſtreitige Titul zugeeignet, kein Recht zu - wege bringen, und dem andern, der ſich beklaget, daß man ihm ſolche verweigert, an ſeiner Præten - ſion nichts entziehen ſollen. Es wird declariret, durch gemeinſchafftliche Einwilligung, daß die Ge - rechtſamen der Potentaten des Zuſatzes oder der Auslaſſung dieſer Titul unbeſchadet, aufrecht und unverletzt verbleiben ſollen.

§. 31. Einige Puiſſancen wollen ſich nicht eher in Friedens-Tractaten einlaſſen, ob ſchon ein Still - ſtand der Waffen publicirt worden, biß ihnen zur Sicherheit entweder einige vornehme Geiſſeln, oder einige Staͤdte und Veſtungen abgetreten worden, zumahl wo ſie mercken, daß es dem Feinde kein rechter Ernſt iſt, und ſie durch vorige Erfahrungen allbereits gewitziget worden.

§. 32. Das Fundament der reciproquen Frie - dens-Handlungen beſtehet in den Vollmachten der Miniſtres, die den Frieden concertiren ſollen. Jn der erſten Conferenz werden die Vollmachten ge - gen einander ausgewechſelt, und verabredet, wie vielmahl ſie die Woche zuſammen kommen wollen; ſie berathſchlagen, wie alle weitlaͤufftige Unterſu -chun -523Von den Friedens-Schluͤſſen. chungen zu vermeiden, und alles auf das kuͤrtzeſte auszumachen, damit man deſto eher zum Schluß gelangen moͤge. Es wird von dem vornehmſten Gevollmaͤchtigten vorher eine kleine Rede gehal - ten, und von Gegentheilen beantwortet. Ein ieder meldet, wie er von ſeinem Principal inſtruiret ſey, das Friedens-Werck zu einem erwuͤnſchten und baldigen Ausgang zu bringen, und hoffet, Gegen - theil werde auch ſo intentionirt ſeyn. Bißwei - len wird auch nur von allen und ieden ein kurtzer Wunſch gethan, daß der groſſe GOtt dieſes Frie - dens-Negotium zu einem gluͤcklichen Schluß brin - gen wolle.

§. 33. Die Tafeln, an denen die Conferentien gehalten werden, ſind entweder viereckigt, und wer - den nach der Beſchaffenheit der Conferenz-Zim - mer auf die Weiſe placirt, daß nirgends einige Un - ter - oder Ober-Stelle daran zu ſpuͤhren, wie ich in dem vorhergehenden angezeigt, oder rund, und da wird denn ebenfalls ausgemacht, daß alle Stellen einander gleich ſeyn ſollen, und daß ſich ein ieder hin ſetze wo er hin will; Man nimmt auch wohl die Spiegel weg, und verdeckt die Camine, damit es keinen Schein gebe, als ob diejenigen, welche bey - den am naͤchſten ſitzen, einen Vorzug vor den an - dern haben.

§. 34. Bißweilen wird auf beyden Seiten lan - ge geſtritten, wer die erſte Propoſition thun ſoll, biß endlich der eine Theil nachgiebt. Gemeiniglich thut derjenige, der den Frieden zuerſt ſucht, die Pro -poſition,524II. Theil. VIII. Capitul. poſition, und zeiget an, warum er den Congreß verlanget. Hierauf erfolgen die Gegen-Propoſi - tionen, und die beſondern Petitionen, Poſtulata und ſpecifique Antworten der Gevollmaͤchtigten.

§. 36. Wegen Fuͤhrung des Protocolls ſetzt es auch bißweilen kleine Streitigkeiten. Manchmahl fuͤhren es die Mediateurs, doch excipiren nicht ſel - ten die andern Geſandten darwieder. Ein ieder Theil pflegt gemeiniglich ſein eigen Protocoll zu halten, weil manche glauben, derjenige Theil, ſo ſich dieſes anmaſſen wolte, ſuchte hierunter eine ge - wiſſe Prioritaͤt.

§. 36. Die Geſandten controvertiren bey den Friedens-Conferenzen, ob ſie ſchrifftlich oder muͤndlich mit einander tractiren wollen. Viel - mahls wollen ſie nicht an die ſchrifftlichen Tracta - ten, ſie meynen, die Negotiationen wuͤrden dadurch aufgehalten, ſie dencken, es ſchickte ſich nicht, daß alles den andern Tag gleich gedruckt wuͤrde. An - dere hingegen meynen, wenn man die Anforderun - gen vor billich hielte, ſo ſolte man es gerne ſehen, daß ſie gedruckt wuͤrden, damit die Voͤlcker, welche da - von Nachricht uͤberkaͤmen, die erſten waͤren zu bit - ten, daß man ſelbige annehmen moͤchte; da es hin - gegentheil auch, wenn ſie nicht acceptabel, natuͤr - lich waͤre, daß die Alliirten dem Publico die Urſa - chen ſehen lieſſen, warum man ſie nicht annehmen koͤnte. So offt als bey dieſer oder einer andern Materie zweiffelhaffte Caſus vorfallen, ſo offt ſchi - cken die Gevollmaͤchtigten Staffetten an ihre Prin -cipa -525Von den Friedens-Schluͤſſen. cipalen, geben ihnen davon Nachricht, und verlan - gen von ihnen naͤhere Inſtructionen und Befehle, wie ſie ſich hierbey verhalten ſollen.

§. 37. So lange die Conferentien dauren, wird niemand erlaubet dabey zuzuhoͤren, auſſer wenn ſie zu Stande gebracht, und zur Unterzeichnung kom - men. So werden auch dabey Chocolade, Con - fitures und bey den Tuͤrcken Coffé, Sorbet und wohlriechende Sachen aufgetragen, die ſie einan - der præſentiren.

§. 38. Bey den Friedens-Conferentien kom - men auch die Gevollmaͤchtigten derjenigen Prin - tzen und Republicken mit ein, die eben nicht zu den Haupt-Partheyen der Allirten, oder derer die biß - her wider einander geſtritten, gehoͤren, die aber doch einigermaſſen ein Intereſſe mit dabey haben, oder doch zu haben vermeynen, ſie thun ihre Re - præſentationen, formiren Prætenſionen, und uͤber - geben Memoriale nebſt den noͤthigen Beylagen. Jnſonderheit concurriren hierbey diejenigen, ſo bey dem Kriege auf dieſe oder jene Weiſe etwas mit erlidten, ſie erſuchen die Alliirten, daß ſie ihnen entweder erlauben moͤchten auf den Friedens-Con - greß ihr Intereſſe durch ihre Gevollmaͤchtigten auszufuͤhren, oder daß ſie doch ihr Intereſſe zugleich mit zu beſorgen belieben wolten. Alſo haben un - terſchiedene anſehnliche Staͤnde des Reiches die in den Kriegen mit Franckreich ein hartes erfahren, bey den Friedens-Schluͤſſen mit Franckreich die Kayſerlichen und Reichs-Geſandſchafften erſucht,ihren526II. Theil. VIII. Capitul. ihren hohen Herrn Principalen und Committenten ihre Angelegenheiten beliebig vorzuſtellten, damit in den Reichs-Deputations-Inſtructiomen bey den kuͤnfftigen Friedens-Tractaten gleichffalls vor ſie ein deutlicher Articul einverleibet, und ſie als ſo lan - ge bedraͤngte Mitglieder des Heiligen Roͤmiſchen Reichs endlich conſolirt wuͤrden.

§. 39. Nicht weniger kommen die Miniſtri der neutralen Puiſſancen mit dabey ein, und uͤberg eben ihre Memoriale. Bißweilen folliciitiren wohl gar eintzele Staͤdte, Land-Staͤnde, Gemeinden und Privat-Perſonen, entweder der Religion oder andern Prætenſionen wegen, und ſuchen an um Erſetzung des Schadens, Reſtitution ihrer Rech - te u. ſ. w. Vielmahls werden ſie abgewieſen, bißweilen geſchicht es aber doch wohl außerordent - licher Weiſe auf Interceſſion einer Puiſſance, an die ſie ſich gewandt, daß ihre Jura und Befugniſſe mit in Betrachtung gezogen, und ſie in den Frieden mit eingeſchloſſen werden.

§. 40. Jnſonderheit menget ſich der Pabſt zu Rom uͤberall mit ein, wenn er ſiehet, daß bey dem kuͤnfftigen Friedens-Schluß entweder etwas der Roͤmiſch-Catholiſchen Religion zum Beſten be - ſchloſſen, oder derſelben nachtheiliges abgewendet werden koͤnte. Alſo hat er bey dem Utrechtiſchen Frieden ſtarcke Inſtanrien gethan, daß der IV. Ar - ticul des Ryßwickiſchen Friedens-Schluſſes in Salvo verbleiben moͤchte. S. Tome II. Actes & memoires touchant la Paix d’Utrecht p. 63.

§. 41.527Von den Friedens-Schluͤſſen.

§. 41. Uberhaupt kommen alle diejenigen, die durch den Friedens-Schluß vermeynen lædirt zu werden, mit Proteſtationen und Contradictionen dagegen ein. Doch ſie werden meiſtentheils gar ſchlecht attendirt. Es wird auch zu weilen in den kuͤnfftigen Friedens-Schluͤſſen und andern pra - gmatiſchen Sanctionen mit eingeruͤckt, daß in Zu - kunfft alle wider den Friedens-Schluß einge - wandte Proteſtationes und Contradictiones, ſie haben Nahmen wie ſie wollen, und ruͤhren her woher ſie wollen, verworffen und vernichtet ſeyn ſollen.

§. 42. Die neuen Friedens-Schluͤſſe beziehen ſich faſt allezeit auf die vorigen, ſo unter eben die - ſen Puiſſancen getroffen worden, von denen ſie ge - wiſſe Articul beſtaͤtigen, andere aber aufheben. Bißweilen gruͤndet ſich ein Friedens-Schluß auf den vorigen, und ſind doch in dem letztern Articul enthalten, die dem erſtern ſchnurſtracks zuwider ſind. Alſo wird der Weſtphaͤliſche Friede in dem Ryßwickiſchen zum Grunde geſetzt, und gleichwohl hat die Clauſul des IV. Articuls des Ryßwickiſchen Friedens, daß nehmlich die Roͤmiſch-Catholiſche Religion in denen alſo reſtituirten Oertern in den Stande verbleiben ſoll, darinnen ſie ſich anietzo befindet, bey den Proteſtirenden Staͤnden groſſe Klagen verurſacht, und verurſacht ſie noch.

§. 43. Es geſchicht wohl, daß ein Friedens - Schluß noch einige Erleuterung benoͤthiget, da - mit nun allen Streitigkeiten vorgebeugt werde, ſowird528II. Theil. VIII. Capitul. wird durch Vermittelung und angewandte Muͤhe des Mediations-Miniſtri noch eine Erleuterungs - Acte uͤber den geſchloßenen Frieden getroffen, und vergleichen ſich die Miniſtri uͤber gewiſſe Erklaͤh - rungen und Anmerckungen, die hernach ebenfalls ratificirt und ausgewechſelt werden. Jnſonder - heit thun, die durch einige dunckele Stellen beein - traͤchtiget werden, ſtarcke Inſtantien um deſſen Erleuterung. Alſo erſuchten der Churfuͤrſtlichen Fuͤrſtlichen und anderer Reichs-Staͤnde Gevoll - maͤchtigte, Raͤthe, Bothſchafften und Geſandten in einem allerunterthaͤnigſten Schreiben Jhro Roͤ - miſche Kayſerliche Majeſtaͤt, daß der III. Articul der zu Raſtadt geſchloßenen Præliminarien in den Friedens-Tractaten zu Baden erleuͤtert wuͤrde, damit derſelbe mit der Verordnung des Weſtphaͤ - liſchen Friedens beſtehen koͤnte, und die Beſchwer - de, welche die Evangeliſchen durch die Religions - Clauſul im IV. Articul des Ryßwickiſchen Frie - dens aufgebuͤrdet werden wolte, ceſſiren moͤchte, ſie lebten der allerunterthaͤnigſten Hoffnung Jhro Kayſerliche Majeſtaͤt wuͤrden damit Allergnaͤ - digſt einſtimmig ſeyn, und dasjenige was ſolchen entgegen, dem Frieden einverleibet werden moͤchte, nimmermehr agnoſciren.

§. 44. Wird in einem Friedens-Schluß ein Land an eine Puiſſance abgetreten, ſo pflegen gar offters die Unterthanen, Eingeſeſſene und Argehoͤ - rige, der Staͤdte, Doͤrffer u. ſ. w. durch cewiſſe Ceſſionen und Renunciationen alle der Pflichtenund529Von den Friedens-Schluͤſſen. und Entbindungen, womit ſie ihrem ehmahligen Landes-Herrn verpflichtet geweſen, vollkommen entbunden, und ſie an die andern Puiſſancen als ihren nunmehrigen Landes - und Ober-Herrn ver - wieſen zu werden. Es werden alſo die Evacua - tions-Conventionen, Barriere-Tractaten, und an - dere dergleichen ſolenne errichtete Contracte den Friedens-Schluͤſſen mit einverleibet.

§. 45. Bey der Unterſchrifft der Friedens-In - ſtrumente ereignen ſich auch noch bißweilen Di - ſputen, theils wegen des Special-Ortes, da ſie eini - ge an dieſen, andre aber an einen andern unter - zeichnen wollen, theils wegen des Vorzuges, in - dem diejenigen, die den Frieden zuerſt zu Stande gebracht, ſie auch zu erſt unterſchreiben wollen; zu - weilen ſtreiten ſie auch wegen Rangirung der Nah - men, ingleichen wegen der Prædicate, Plenipoten - tiarien, Legati Extraordinarii u. ſ. w. Bey die - ſen Faͤllen geſchehen gar oͤffters Proteſtationes, ſie bleiben aber groͤſtentheils ohne Effect, wenn es ein - mahl ſo weit gekommen. Um manche Ceremo - niel-Differentien, die bey der Subſcription vor - kommen koͤnten, zu vermeiden, ſchiebet man nicht ſelten die Unterſchrifft auf biß zur Auswechſelung der Ratificationen. Die Puiſſancen, die an Di - gnitaͤt einander voͤllig gleich, unterzeichnen die Frie - dens-Schluͤſſe zu gleicher Zeit. So bald der eine Bothſchaffter die Feder ergreifft, den Frieden zu unterſchreiben, thut es der andere auch zu gleicher Zeit, und ſodann der zweyte Bothſchaffter ebenfalls in einen Moment.

L l§. 46.530II. Theil. VIII. Capitul.

§. 46. Bey dem endlichen Schluß collationi - ren die Gevollmaͤchtigten das verglichene gamtze Inſtrumentum Pacis, leſen es von Articul zu Arti - cul klar und deutlich ab, damit ſie vernehmen, ob nicht etwan eines oder das andere mit dabey zu er - innern ſeyn moͤchte. Nach vollbrachter Ableſſung des Friedens-Inſtruments vergleichen ſie ſich we - gen gewiſſer Formulen in Anſehung der kuͤnfftigen Ratification, und unterreden ſich dieſerhalben bey den letztern Conferentien; wenn ſie gerne alles zur Richtigkeit bringen wollen, bleiben ſie bißweilen biß in die ſinckende Nacht beyſammen. Es war merck - wuͤrdig, daß der Nimwegiſche Friede erſtlich des Nachts um 1. Uhr zur Richtigkeit kam; eine gewiſ - ſe Perſon ſahe dieſes als ein Omen an, als ob er kaum ein Jahr dauern wuͤrde:

Formatâ cur pace ſonum campana dat unum?
Unus qui pacem terminat, annus erit.

Bißweilen werden die Friedens-Conferentien an einem andern Orte angefangen, und der Frie - de kommt an einem andern Orte zum voͤlligen Schluß.

§. 47. Die Tractaten werden mehrentheils in der Lateiniſchen Sprache abgefaſt. Jn dem Ra - ſtadter Friedens-Schluß wurde in einem beſon - dern Articul ausgemacht, daß, weil dieſe Friedens - Tractaten wider die ordentliche bißherige Obſer - vanz, ſo zwiſchen Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt, dem Reich, und Jhrer allerchriſtlichſten Majeſtaͤt beob - achtet worden, in Frantzoͤſiſcher Sprache nieder -geſchrie -531Von den Friedens-Schluͤſſen. geſchrieben waͤren, ſo ſolte dieſe Aenderung zu keinen Exempel noch zur Folge angefuͤhret, noch auch ie - mand auf keinerley Art und Weiſe, wie die auch ſeyn moͤchte, einige Præjudiz hiedurch zugezogen werden. Man wuͤrde ſich kuͤnfftighin bey dem ſolennen General-Frieden zwiſchen der Kayſerli - chen Majeſtaͤt, dem Reiche und Sr. allerchriſtlich - ſten Majeſtaͤt, ſo wohl was die Lateiniſche Spra - che als andere Formalitaͤten anbetraͤffe, nach der bißher bey dergleichen Gelegenheiten eingefuͤhrten Obſervanz zu richten wiſſen, iedoch ſolte dieſer Tra - ctat eben die Krafft und Wuͤrckung haben, als wenn alle dieſe Formalitaͤten dabey in acht genom - men, und als ob er in der Lateiniſchen Sprache ab - gefaſſet worden.

§. 48. Die Ratificationen werden zuweilen auch noch differirt, wenn man anfuͤhrt, daß ſie nicht in gehoͤriger Forme gefertiget waͤren, und daß noch eines und das andere vorhero erfuͤllet werden muͤ - ſte. Jſt aber alles zu Stande, ſo werden ſie von den Secretarien mit uͤblichen Ceremonien gegen einander ausgewechſelt, und wird ein Certificat hieruͤber ausgeſtellt. Wenn nun die auf eine feyerliche Weiſe unterſchriebene Friedens-Inſtru - menta an allerſeits hohe Herrn Principalen uͤber - ſchickt worden, ſo wird bißweilen biß zu deren Wiedererlangung die ſolenne Publication des Friedens aus geheimen Urſachen ausgeſetzt, iedoch zum voraus auf den Frontiéren ein Stillſtand der Waffen und Ceſſation von allen Feindſeligkeiten publicirt.

L l 2§. 49.532II. Theil. VIII. Capitul.

§. 49. Die Formulen der Guarantien bey den Friedens-Schluͤſſen werden auf das buͤndigſte abgefaſt. Die Guaranteurs verſprechen bißwei - len ſub hypotheca bonorum, daß allen und ie - den was verſprochen worden, auf das getreulichſte nachgelebet werden ſoll, es geſchicht wohl gar, daß die Roͤmiſch-Catholiſchen, ſich auf den Fall, wenn ſie den Frieden violiren, dem Kirchen-Bann un - terwerffen. Jn dem Oßnabruͤckiſchen Friedens - Schluß iſt folgende Formul Articul XVII. §. 2. der Guarantie æquiparirt: Sit perpetua lex & pragmatica imperii ſanctio in poſterum æque ac aliæ leges & Conſtitutiones fundamentales Imperii, nominatim Receſſus Imperii, ipſæque Capitulationes Cæſareæ.

§. 50. Die Guarantie wird nicht allezeit bloß durch das Verſprechen beſtaͤtiget, ſondern es kommt auch bißweilen der Eyd dazu; Alſo wurde in dem zwiſchen den Frantzoſen und Spaniern in der Stadt Acken getroffenen Frieden anno 1668 in dem Final-Articul folgendes ausgemacht: En outre ont promis & promettent, les dits Pleni - potentiaires, que le dit Seigneur Roy tres chre - tien, le plutôt, qu’il ſe peut, & en préſence de telle perſonne, ou perſonnes, qu’il plaira au dit Seigneur Roy Catholique deputér, jurera ſolen - nellement, ſur la Croix, l’Evangéle, Canon de la meſſe, & ſur ſon honneur, d’obſerver & ac - complir pleinement, reellement & de bonne foy tout le contenu aux articles du preſentTraité. 533Von den Friedens-Schluͤſſen. Traité. Eine gleiche Juraments-Formul findet man in dem Madritiſchen Frieden §. 49. von anno 1526, und in dem Caͤmmerichiſchen artic. 46. von anno 1529.

§. 51. Jſt nun alles bey dem Frieden zur voͤlli - gen Conſiſtenz gekommen, ſo werden die Thuͤren des Conferenz-Hauſes eroͤffnet, und den anweſen - den Cavalieren und andern Perſonen wird Erlaub - niß gegeben, ſo weit der Raum verſtatten will, hin - ein zu treten. Die Gevollmaͤchtigten umarmen einander, ertheilen den gewoͤhnlichen Friedens - Kuß, und congratuliren einander auf allen Seiten, ſie ſchicken ſofort Staffetten an die Hoͤfe, und geben einander und auch dem Volck auf unterſchiedene Weiſe ihre allgemeine Freude wegen des wiederhergeſtellten Friedens kund.

§. 52. Bißweilen ſchicken die Puiſſancen ein - ander nach geſchloßnen Frieden ſolenne Ambas - ſaden mit Geſchencken zu, und werden hierbey nicht allein die Regenten ſelbſt, ſondern auch ihre groͤſten Miniſtri regalirt. Alſo ſind dergleichen Ambaſſaden inſonderheit zwiſchen den Roͤmiſchen und Tuͤrckiſchen Kayſern gebraͤuchlich, die an einen gewiſſen Orte iederzeit ausgewechſelt werden. S. die Ceremonielle der Geſandſchafften, nach dem zu Paſſarowiz geſchloſſenen Frieden, da von des Roͤmi - ſchen Kayſers Majeſtaͤt der Herr Graf v. Virmond, und von dem Tuͤrckiſchen Kayſer der Seraskier -L l 3Vezier534II. Theil. VIII. Capitul. Vezier Ibrahim abgeſondert worden, in dem XV. Tomo der Electorum juris Publici p. 405.

§. 53. Die Publication der Friedens-Schluͤſſe pflegt auf unterſchiedene Weiſe zu geſchehen. Jn Franckreich wird der geſchloſſene Friede durch den Lieutenant-General de Police in Pariß auf den dazu verordneten Gaſſen publicirt. Es iſt aber zu mercken, daß ſolche Publication niemahls auf den Fauxbourgs, ſondern nur bloß in dem Bezirck der Stadt geſchicht. Daher dann die Frembden, welche auf den Fauxbourgs logiren, ſich nach der Stadt begeben muͤſſen, wenn ſie ſolche Solennitaͤt mit anſehen wollen. S. Nemeitz Sejour de Paris p. 193. An andern Orten werden ſie von den Herolden ausgeruffen, und mit Trompeten und Pauckenſchall kund gemacht, bey den Armeen wird Salve geſchoffen.

§. 54. Die Luſtbarkeiten, die uͤber den geſchloſ - ſenen Frieden angeſtellt werden, ſind ebenfalls un - terſchiedlich. Hat ein Theil durch den Frieden keinen gar zu groſſen Vortheil erhalten, ſo werden die Freuden-Ceremonien gar ſehr gemaͤßiget; Bey dem andern hingegen der bey dem Frieden ſo gluͤcklich geworden, als er im Kriege geweſt, wer - den die Solennitaͤten deſto mehr gehaͤufft, und deſto geſchwinder unternommen, und wiſſen ſich einige wie aus alten und neuen Exempeln bekandt, mehr als zu hochmuͤthig und zu trotzig dabey aufzufuͤh - ren.

§. 55.535Von den Friedens-Schluͤſſen.

§. 55. Bey den Friedens-Feſtivitaͤten werden alle Glocken gelautet, die Canonen abgefeuert, Freuden-Feuer mit den ſinnreichſten Erfindungen, und ſehr kuͤnſtliche Illuminationen des Abends an - gezuͤndet. Den Poͤbel wird viele Tage nach ein - ander mancherley Luſt gemacht. Man laͤſt ih - nen gantze Ochſen braten, die unter ſie umſonſt ausgetheilt werden, man laͤſt Fontainen mit rothen und weiſſen Wein ſpringen, man vergoͤnnet ihnen allerhand Schau-Spiele, Commœdien und mu - ſicaliſche Concerte. Es werden praͤchtige Ban - queter ausgerichtet, und werden ſo wohl die In - ventions-Tafeln als die Speiſen und die Confi - turen dabey mit ſolchen Sinn-Bildern embelli - ret, die ſich dazu mit ſchicken. Auf den Univerſi - taͤten und Schulen werden dem Frieden zu Ehren mancherley oratoriſche Actus gehalten, u. ſ. w.

§. 56. So iſt es auch gar gewoͤhnlich, daß un - terſchiedene goldene und ſilberne Medaillen auf den neu hergeſtellten Frieden gepraͤget werden. Alſo ſahe man unter andern Gedaͤchtniß-Muͤntzen, die auf den Frieden zu Raſtadt gemacht worden, eine, welche die zwey Haupt-Tugenden Sr. Kayſerli - chen und Catholiſchen Majeſtaͤt Caroli VI als die Tapfferkeit und Beſtaͤndigkeit vorſtellte. Sie waren beyde in der auf den Roͤmiſchen Schau - Muͤntzen gewoͤhnlichen Stellung, und die erſte uͤberreichte der andern den Janus oder Friedens - Schluͤſſel, anzudeuten, daß, da der Friede nun -L l 4mehro536II. Th. VIII. Cap. von Friedens-Schluͤſſen. mehro durch die Tapfferkeit hergeſtellt, die guͤld - nen und bluͤhenden gluͤckſeligen Zeiten auch nun - mehro beſtaͤndigſt auf die Nachkommen wuͤrden gebracht werden. S. Guſtavi Heræi Inſcri - ptiones p. 33.

§. 57. Unter allen Freudens-Bezeugungen, die den neuen Frieden zu Ehren angeſtellt werden, iſt die gottgefaͤlligſte, wenn nicht allein die Regenten par Ceremonie ihren Unterthanen ſolenne Danck - und Lob-Feſte vorſchreiben, ſondern wenn ein ieder Unterthan zu Hauſe und in der Kirche den HErrn aller Herren und den Koͤnig aller Koͤnige vor die große Wohlthat des edlen geſchenckten Friedens aus dem innerſten der Seele danck abſtattet.

Der537

Der dritte Theil. Von dem Ceremoniel der großen Herren in An - ſehung ihrer Untertha - nen.

Das I. Capitul. Von den Fuͤrſtlichen Vor - mundſchafften und Majorenni - tæts-Erklaͤrungen.

§. 1.

Bey den Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Vor - mundſchafften wird bißweilen, iedoch nicht allezeit, ein Unterſcheid gemacht, un - ter denen die den Staaten, Reichen und Landſchafften vorſtehen, und unter denen, die uͤber die Perſon des minderjaͤhrigen Regenten geſetzt, und ſeine Auferziehung zu beſorgen haben. Die Grentzen dieſer verſchiedenen Vormuͤnder werden entweder in den Teſtamenten oder auf andre Wei - ſe nachgehends beſtimmt.

L l 5§. 2.538III. Theil. I. Capitul.

§. 2. Die Politici und Publiciſten ſtreiten, was den Tutoribus der ſouverainen Reiche vor eine Gewalt zuſtehe, ob ſie eine Majeſtatem tempora - riam haben oder nicht. Meines Erachtens braucht es keines groſſen Diſputs, ſondern es iſt am be - ſten, wenn man ſagt, es kaͤme ihnen ſo viel Po - teſtæt zu, als ihnen andre Puiſſancen, das Mini - ſterium und das Volck goͤnnen und uͤberlaſſen wollen. Bißweilen ſind ſie von den wuͤrcklich re - gierenden Herrn wenig oder gar nicht unterſchie - den, bißweilen aber auch vor nichts anders als vor bloſſe groſſe Staats-Miniſtri anzuſehen.

§. 3. Die Vormundſchafftlichen Regierungen ſind nicht allezeit die beſten, und erhellet ſonderlich aus unterſchiedenen Exempeln der Fuͤrſtlichen Haͤu - ſer in Teutſchland, daß ie mehr ſie dergleichen Re - gierungen unterworffen geweſen, ie ungluͤcklicher ſie geworden. Daher iſt es auch kommen, daß man in einigen alten Schrifften, an ſtatt Vor - mundſchafftliche Adminiſtration, das Wort Ger - habſchafftlich findet; es iſt dieſes ein alt Oeſterrei - chiſch Wort, und ſoll ſo viel bedeuten, als Vor - mundſchafftlich; wie denn bekandt, daß Kayſer Maximilianus i. die ungetreuen Vormuͤnder Ger - haber, das iſt, Gernhaber, die das Land lieber ſelbſt gerne haͤtten, genennet. S. Tom. IX. Elect. Jur. Publ. p. 460.

§. 4. Die Beſtellung der Vormundſchafften wird in den Fundamental-Geſetzen des Reiches, und in den beſondern Vergleichen, ſo die Regentendieſer -539Von den Fuͤrſtl. Vormundſchafften ꝛc. dieſerwegen mit ihren Reichs - oder Land-Staͤnden errichten, determiniret. Vielmahls wird den Lan - des-Herren die Macht uͤberlaſſen, ſo wohl dem Rei - che als auch dem Succeſſori wegen der Vormund - ſchafft in Teſtamente zu proſpiciren. Als anno 1660 die ſaͤmtliche Daͤniſche Nation ihrem Koͤnig die Regierung auftrug, ſo uͤberließ es ihm auch voͤl - lig ſeiner Diſpoſition, was er vor eine Art der Re - gierung beobachtet wiſſen wolte, wenn der naͤchſte Erbe des Koͤnigreichs minorenn ſeyn wuͤrde; ſie verpflichteten ſich eydlich, daß ſie vor ſich und vor ihre Erben ſich dieſer Koͤniglichen Sanction als ei - nem Fundamental-Geſetz verbindlich unterwerffen wolten. S. Thuanus Lib. 120. Hiſtor. ad ann. 1598.

§. 5. Die teſtamentirlichen Vormundſchafften haben keine weitere Krafft, als es den Land-Staͤn - den, oder den andern, denen das naͤchſte Recht zur Vormundſchafft und Succeſſion zuſtehet, anſtaͤn - dig, oder andern Puiſſancen, die daruͤber zu Gua - ranteurs geſetzt, gefaͤllig iſt. Jm Roͤmiſchen Reich gruͤnden ſich die Vormundſchafften auf die Teſta - menta und Compactata der Vorfahren, auf die Kayſerlichen Decreta, Reichs - und andere Beleh - nungen und die darauf eingerichtete Landes-Hul - digung.

§. 6. Es laſſen groſſe Herren bißweilen bey ihren Lebzeiten eine Verordnung und Diſpoſition, wie es im Fall dero Abſterbens mit der Vormundſchafft und Adminiſtration dero Lande gehalten werdenſoll,540III. Theil. I. Capitul. ſoll in oͤffentlichen Druck ausgehen. Sie erklaͤh - ren ſich, daß ſie dieſen, dem ſie entweder dazu er - wehlt, oder der von den Geſetzen dazu beſtimmt, die Adminiſtration gerne goͤnnen, und darwider we - der durch Teſtamenta noch in andere Wege nichts aͤndern, oder dagegen etwas thun und vornehmen, noch andern ſolches zu thun geſtatten; begehren zu - gleich von dero Landſchafft, dieſelben wollen auf obgedachten Fall ſich an niemand anders, als an dieſen halten, denſelben vor den Vormund und Ad - miniſtrator der geſammten Lande erkennen, ehren und reſpectiren.

§. 7. Es iſt wohlgethan, wenn die Vormund - ſchaffts-Faͤlle entweder in den Fundamental-Ge - ſetzen des Reichs, oder in Teſtamenten, oder in den beſondern Vergleichen mit den Agnaten, und auf andere Wege bey Zeiten ausgemacht und in Ord - nung gebracht werden, denn ſonſt ſetzt es unter den unterſchiedenen Agnaten offtermahls groſſe Strei - tigkeiten, daruͤber das Land und die Unterthanen nachgehends am meiſten leiden muͤſſen. Jn Teutſchland iſt die Vormundſchafft der Chur - Fuͤrſten in der guͤldenen Bulle ausgemacht, und dieſelbige kan durch teſtamentirliche Diſpoſition nicht ſo gar leicht geaͤndert werden, wie hievon in der Teutſchen Hiſtorie hin und wieder unterſchie - dene Exempel anzutreffen; inzwiſchen iſt doch auch hierbey die Interpretation nicht ſo gar ſehr wider die Billigkeit einzuſchraͤncken. Deswegen ſchrieb der Chur-Fuͤrſt zu Sachſen Auguſtus anno 1584an541Von den Fuͤrſtl. Vormundſchafften ꝛc. an den Chur-Fuͤrſten zur Pfaltz Ludwig VI. daß es ein ſchwer Thun ſeyn wuͤrde, wann die guͤldene Bulle, indem ſie dem naͤchſten Agnaten die Vor - mundſchafft auftraͤgt, die Meynung haben ſolten, daß dadurch in den Chur-Fuͤrſtlichen Haͤuſern den Eltern dermaſſen die Haͤnde geſchloſſen waͤren, daß dieſelben ſo gar auch andere Perſonen und Freunde mehr, zu denen ſie ein beſonder Vertrauen haͤtten, im Teſtament oder letzten Willen zu verordnen nicht Macht haben ſollten.

§. 8. Die groſſen Herren pflegen nicht ſelten ihren Gemahlinnen die Adminiſtration der Vor - mundſchafft und die Auferziehung ihrer jungen Printzen zu uͤberlaſſen, und ſetzen ihnen einige ge - ſchickte Staats-Miniſtres, zu welchen ſie vor an - dern ein beſonder Vertrauen haben, an die Seite. Als der Koͤnig in Schweden Carl Guſtav ſterben wolte, trug er in ſeinem Teſtamente nebſt dem Conſilio Senatus die Vorſorge vor das Reich und vor ſeinen Printzen der Koͤnigin Hedwig Eleono - ren und den 5 groͤſten Miniſtris auf, ſo lange ſie unvermaͤhlt bleiben wuͤrde. Sie war allzeit in dem Staats-Conſeil mit gegenwaͤrtig, und hat - te 2 Suffragia.

§. 9. Es kommen mancherley Urſachen zuſam - men, warum die Fuͤrſtlichen Muͤtter gar leicht zu den Vormundſchafften gelangen koͤnnen; theils haben ſie eine gute Vermuthung der Pietaͤt vor ſich / daß ſie vor die Wohlfarth ihres Kindes ſehr beſorgt ſeyn wuͤrden, um derentwillen ihnen auch in denPrivat -542III. Theil. I. Capitul. Privat-Rechten die Vormundſchafft aufgetragen wird, theils ſind ihnen einige groſſe Staats-Mini - ſtri auf alle Wege dazu behuͤlflich, denn ſie profi - tiren dabey, weil manche von ihnen mehr regieren, als die Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Muͤtter. Biß - weilen werden ſie durch einen ſpecialen Conſens des Volcks dieſer Vormundſchafften faͤhig, da ſie ſich durch ihre groſſe Meriten und Tugenden den Weg dazu bahnen. Es geſchicht auch wohl, daß ſie durch Liſt das Reich nach und nach an ſich ziehen, und die Miniſtres und Staͤnde gewinnen.

§. 10. Nach der Teutſchen Verfaſſung ſind die Vormundſchafften der Fuͤrſtlichen Muͤtter eben - falls gegruͤndet. Bißweilen traͤgt des Roͤmiſchen Kayſers Majeſtaͤt die Vormundſchafft des Pu - pillen ihnen ſelbſt auf, die Adminiſtration des Fuͤrſtenthums aber einen von den Hochfuͤrſtlichen Agnaten, wie es der Kayſer anno 1678 bey dem Hertzogthum Wuͤrtenberg thate. Offters werden ſie auch in den Fuͤrſtlichen Teſtamenten die der Kayſer nachgehends zu confirmiren pflegt, dazu ernennet, und einige geheimbde Raͤthe ihnen an die Seite geſetzt.

§. 11. Wird ihnen die Vormundſchafft und Adminiſtration des Fuͤrſtenthums ſelbſt aufgetra - gen, ſo laſſen ſie in Beyſeyn des Erb-Printzens die Fuͤrſtlichen Raͤthe in das Gemach kommen, und tragen ihnen mit nachdruͤcklichen und wehmuͤthigen Worten vor, wie Dero Hochſeeliger Gemahl ihnen bey der Minderjaͤhrigkeit ihres Herrn Sohnsdie543Von den Fuͤrſtl. Vormundſchafften ꝛc. die Vormundſchafft und Landes-Regierung com - mittirt, ſie wolten gnaͤdigſt hoffen, ſie die Raͤthe wuͤrden in ihren bißherigen Bedienungen ihnen ge - treulich an die Hand gehen, und dasjenige ferner beobachten, wozu ſie von ihren Hochſeeligen Ge - mahl befehliget worden, und durch eine unterthaͤ - nigſte Angeloͤbniß den Handſchlag von ihnen er - warten.

§. 12. Wann ſie nun ihre Bedienten durch den Handſchlag in neue Pflicht genom̃en, ſo weiſen ſie dieſelben mehrentheils gleich wieder in ihre Aemter, um darinnen zu continuiren, immaſſen ſie nicht leicht unter der Hofſtatt zumahl unter den Herren Raͤthen eine Veraͤnderung vornehmen. Sie ver - mahnen hierauf alle und iede inſonderheit, ſich in ihren Aemtern ſo aufzufuͤhren, wie ſie es gegen den groſſen GOtt, gegen die liebe Gerechtigkeit, gegen ihre Herrſchafft, und ſonderlich dermahleinſtens gegen des Erb Printzens als kuͤnfftigen Regentens Hochfuͤrſtliche Durchlauchtigkeit zu verantworten getrauten.

§. 13. Bevor ſich dieſe Handlung endiget, leget einer von den Hoch-Fuͤrſtlichen Herren Raͤthen in Nahmen der ſaͤmtlichen Hofſtatt eine ſolenne Gegen-Rede ab, dancket Jhrer Durchlauchtig - keit vor den gnaͤdigſten Vortrag, gratuliret Jh - nen zur angetretnen Vormundſchafftlichen Ad - miniſtration des Landes, und verſichert im Nah - men aller daß ſie nicht unterlaſſen wuͤrden, Jhrer Hoch-Fuͤrſtlichen Durchlauchtigkeit ſchwererVor -544III. Theil. I. Capitul. Vormundſchaffts-Laſt, ſo viel als in ihren Kraͤff - ten ſtuͤnde, mit erleichtern zu helffen, und ihnen mit allen moͤglichen Fleiß und Treue zu aſſiſtiren.

§. 14. So bald ſie die Vormundſchaffts-Re - gierung angetreten, notificiren ſie dieſes in Schriff - ten den andern Reichs-Fuͤrſten, dieſe unterlaſſen ſo dann nicht ſo fort hierauf zu antworten, Jhnen zur angetretenen Fuͤrſtlichen Vormundſchafft und Landes-Regierung zu gratuliren, und wuͤnſchen daß die Erziehung Dero hochgeliebten Erb-Prin - tzens und der uͤbrigen Printzen und Princeßinnen Jhnen ſo gluͤcklich ſeyn moͤchte, daß Jhre Hoch - Fuͤrſtliche Durchlauchtigkeit viel Fuͤrſtliche Freude und vollkommenes Vergnuͤgen gegen dieſe erlit - tene ſchwere Betruͤbniß empfinden moͤchten.

§. 15. Offters wird nach dem Teſtament, oder durch Kayſerliche Verordnung ein maͤchtiger Fuͤrſt zum Ober-Vormund zugleich mit beſtimmt, der der Fuͤrſtlichen Frau Wittwe zugleich aſſiſtiren muß. Bey manchen Fuͤrſtlichen Haͤuſern in Teutſchland ſind die Kayſerlichen Confirmationen der Vor - mundſchafften gebraͤuchlich, bey andern aber nicht. Wo ſie nun eingefuͤhrt, da muͤſſen ſie geſucht wer - den, wo ſie aber nicht des Herkommens, bleiben ſie unterwegens. Dafern ſich bey Conferirung ei - ner Vormundſchafft etwas veraͤnderliches ereig - net, ſo wird die Einwilligung der Land-Staͤnde mit darzu erfordert.

§. 16. Jn Teutſchland iſt nichts ungewoͤhn - liches, daß auch Perſonen geringern Standes ei -nes545Von den Fuͤrſtl. Vormundſchafften ꝛc. nes hoͤhern Unmuͤndigen Vormuͤnder ſeyn, ſinte - mahl man hierbey auf die Verordnungen des Te - ſtatoris ſeine vornehmſte Betrachtung richtet. Die Vormundſchafft und eine Raths-Beſtallung ſind einander in geringſten nicht zuwider. Es gedenckt nicht allein Mylenus in ſeinem Tractat de Princip. & Statib. Imperii Part. I. Cap. 29. §. 13. eines Exempels von einem Marggrafen von Baaden, dem nach vaͤterlicher Diſpoſition der Cantzler zum Vormund gegeben worden, ſondern man hat bey einigen andern Haͤuſern auch noch mehr derglei - chen Exempel, daß Geheimbde Raͤthe zu Vor - muͤndern der jungen Printzen conſtituirt wor - den.

§. 17. Jnzwiſchen gehoͤren doch dieſe Caſus unter die ſeltenen; gewoͤhnlicher iſts, daß die naͤch - ſten Hoch-Fuͤrſtlichen Agnaten, dafern nicht die Mutter ein naͤher Recht erlangt, entweder durch Teſtamentliche Verordnung, oder nach Jnhalt der Fuͤrſtlichen Vertrage und Compactaten, oder der Landes - und Reichs-Geſetze der Fuͤrſtlichen Vor - mundſchafft theilhafftig werden. Bißweilen wer - den in den Teſtamenten nebſt den Fuͤrſtlichen Ober-Vormuͤndern, als Vettern von Hauſe auch noch zugleich 4 oder 5 Raͤthe als Unter-Vormuͤn - der zugleich mit beſtellt. Es geſchicht wohl gar, daß der aͤlteſte von den Herrn Soͤhnen den andern Herrn Bruͤdern zum Vormund conſtituirt wird, und zugleich andre zu Mit-Vormuͤndern erklaͤrt werden.

M m§. 18.546III. Theil. I. Capitul.

§. 18. Wenn die Hoch-Fuͤrſtlichen Muͤtter ihre Vormundſchafft antreten wollen, ſo entſtehen gar oͤffters zwiſchen den Agnaten dieſerhalben har - te Contradictionen; Die Hoch-Fuͤrſtlichen Her - ren Vettern wollen ſich ihres vermeintlichen ge - buͤhrenden Vormundſchaffts-Rechts mit aller Ge - walt gebrauchen, ſie wenden wider eine andre Adminiſtration die ſolenneſten Proteſtationes ein, ſie laſſen in beſondern Deductionen allenthal - ben bekandt machen, wie ihnen vor andern das Vormundſchaffts-Recht zuſtehe, und wie die an - dre Tutel, der ſich die Fuͤrſtliche Wittwe ange - maſt, dem alten Herkommen, den Fuͤrſtlichen Ver - traͤgen und ausgeſtellten Reverſalien zuwider ſey. Sie maßen ſich oͤffters der Adminiſtration des Landes und der Erziehung der Printzen de facto an, ſie deuten der Hoch-Fuͤrſtlichen Frau Wittwe an, daß ſie ſich auf ihren Wittwen-Sitz begeben ſoll, ſie wollen den Printzen wegfuͤhren, die Be - dienten in Pflicht nehmen, und die Landſchafft zur Huldigung zwingen.

§. 19. Dieſen Bezeugen widerſetzen ſich nun die Hoch-Fuͤrſtlichen Wittwen ſo viel als moͤglich, ſie beziehen ſich auf die vielen Exempel die bey dieſen Hoch-Fuͤrſtlichen Hauſe und bey andern Hoch-Fuͤrſtlichen Haͤuſern anzutreffen, daß die Muͤtter bey der Tutel den Agnaten vorgezogen worden; ſie allegiren zu ihrer Faveur die Erb - Vertraͤge und Landes-Reverſalien, auch Ehe - Pacten, ſo die Agnaten mit unterſchrieben, ſie ſteif -fen547Von den Fuͤrſtl. Vormundſchafften ꝛc. fen ſich auf das Teſtament ihres Hochſeligen Ge - mahls, und zeigen wie es in materia und forma richtig, und zu Recht beſtaͤndig waͤre, und ſuchen ſich bey ihrer Vormundſchafft zu erhalten. Koͤn - nen nun die ſtreitigen Theile bey dieſen Faͤllen we - der vor ſich, noch durch Interpoſition andrer Fuͤr - ſten in Guͤte aus einander kommen, ſo entſtehen offenbahre Feindſeligkeiten. Jn Teutſchland aber pflegt des Roͤmiſchen Kayſers Majeſtaͤt als der allerhoͤchſte Ober-Richter, entweder durch beſon - dre Commiſſarien ſie aus einander zu ſetzen, oder den Streit durch den Ausſpruch des Reichs-Hoſ - Raths oder Kayſerlichen Cammer-Gerichts zu de - cidiren.

§. 20. Wie ſich nun die Agnaten gar offters zu den Vormundſchafften reiſſen, alſo geſchicht es doch auch bißweilen, daß ſie ſich nicht gerne dazu verſtehen wollen, wenn ſie etwan viel Schwuͤrig - keiten und bedenckliche Suiten vor ſich ſehen, oder mit den Unmuͤndigen, theils etwan wegen einer un - ter Haͤnden gehabten Theilung, oder ſonſt in eini - gen Jrrungen und Diſputen ſtehen. Bey dieſen Umſtaͤnden bemuͤhen ſie ſich nun, entweder der Vor - mundſchafft gantz und gar zu entbrechen, oder ſich doch zu Vermeydung Verdachts und einer beſon - dern Verantwortung derſelben nicht eher zu un - terziehen, biß ein andrer zugleich zum Contutore mit beſtimmt.

§. 21. Die Fuͤrſtlichen Vormuͤnder pflegen mehrentheils nach angetretener VormundſchafftM m 2Paten -548III. Theil. I. Capitul. Patente in das Land auszuſchreiben, darinnen ſie den Land-Staͤnden, Beamten, und ſaͤmmtlichen Unterthanen anbefehlen, ſich mit ihren Pflichten und Schuldigkeit getreulich zu halten, und niemand anders, wer der auch ſey, und unter was vor Vor - wand dergleichen an ſie begehrt worden, oder noch begehret werden moͤchte, mit Handſchlag oder Pflichten verwandt zu machen.

§. 22. Die Tutores der hohen Standes-Per - ſonen ſind ſo wohl als die Vormuͤnder der Privat - Leute verbunden, in waͤhrender Vormundſchafft der Unmuͤndigen Nutzen und Frommen beſten Ver - moͤgens zu befoͤrdern, dagegen Schaden und Nach - theil abzuwenden, auch von derſelben Haabe und Guͤtern Inventaria machen zu laſſen. Nach geen - digter Vormundſchafft muͤſſen ſie alles getreulich wieder ausliefern, und der Adminiſtration halber Rechenſchafft und Antwort geben. Die beſon - dern Umſtaͤnde was ſie zu beſorgen und wie ſie ſich zu verantworten haben, ſind nach dem Unterſchied ihres Standes unterſchieden; Je ohnmaͤchtiger ſie ſind, deſto mehr wird von ihnen gefordert. Die - ſe muͤſſen nicht allein die Rechnungen und Geld - Sachen, ſondern auch alles, was zur Vormund - ſchafft gehoͤrig, in der groͤſten accurateſſe halten, damit ſie geſchickt ſeyn nach geendigter Tutel alles treulich wieder zu uͤberliefern, und alle ihre Hand - lungen, die ſie im Nahmen des Pupillen und in Abſicht auf ſeine Wohlfarth vorgenommen, zu juſtificiren.

§. 23.549Von den Fuͤrſtl. Vormundſchafften ꝛc.

§. 23. Was den Vormundſchaffts-Eyd be - trifft, daß die Tutel wohl gefuͤhrt werden ſoll, ſo iſt zu wiſſen, daß die Hoͤhern denſelben gar ſelten in eigner Perſon ſchwehren, ſondern mehrentheils durch ihre zu ſolcher Handlung Gevollmaͤchtigte. Jm Kayſerlichen Cammer-Gericht iſt folgende Formul eingefuͤhrt: Jch N. gelobe und ſchwere in Krafft der ſchrifftlichen Gewalt, ſo von Herr N. Hertzogen zu N. zu dem Kayſerlichen Reichs-Hof - Rath uͤbergeben, und in die Seele deſſelben, daß er als Vormund weyland Herr N. Hertzogs zu N. nachgelaßner minderjaͤhriger Kinder, Soͤhne und Toͤchter in beſten Befehl haben, ſie zu Fuͤrſtlichen Ehren und Tugenden anweiſen, alles und iedes, ſo denſelben nuͤtzlich und gut iſt, thun und handeln, was unnuͤtz u. ſchaͤdlich, vermeyden und unterlaſſen, und verhindern, derſelben Guͤter und Perſonen zu ihrem Nutzen, in gutem Glauben und Treue vertre - ten, und im beſten verſehen, Inventarien von ih - ren Haab und Guͤtern machen, ſeiner Handlung und Adminiſtration zu gebuͤhrlicher Zeit Rech - nung thun, mit vollkommener Uberlieferung alles deſſen, ſo der Vormundſchafft halber zu ſeinen Haͤnden kommen, und den hinterlaſſenen Unmuͤn - digen zuſtehet, oder er ihnen ſchuldig bleibt, und ſonſt alles das thun will, was einem getreuen Vor - mund zugehoͤrt; alles bey Verpfaͤndung ſeiner Haab und Guͤter ohn Gefehrde und Argliſt, als wahr ihn GOTT helffe, und das Heilige Evan - gelium.

M m 3§. 24.550III. Theil. I. Capitul.

§. 24. Ob ein groſſer Herr, wenn er durch ſei - nen Tutorem lædirt worden ex capite minorenni - tatis wie Privat-Perſonen wider ſeinen Vormund eine Klage anſtellen koͤnne, iſt unter den Staats - Rechts-Lehrern ſtreitig. Es wird ſich dieſer Caſus unter den ſouverainen Haͤuptern nicht leichtlich zu - tragen. Carl II. Koͤnig in Spanien muſte in ſei - nem 7. Jahre dem Koͤnigreich Portugall renun - ciren, und in vier Jahren drauf verlohr er die Franche Comté, die er an Franckreich uͤberlaſſen muſte. Der Koͤnig in England Henrich VI. buͤßte zur Zeit der Minorennitaͤt ſehr viel an Franckreich ein, man lieſet aber doch nirgends, daß ſie dieſer - wegen ex capite Minorennitatis eine Reſtitution geſucht haͤtten. Jnzwiſchen glaub ich doch, daß die - ſes bey manchen Fuͤrſten in Teutſchland in An - ſehung ihrer Vormuͤnder poſſible ſey. S. D. Fleiſchers Diſſert. an Princeps ex factis ſui tuto - ris poſſit obligari.

§. 25. Die Vormundſchafft endiget ſich, wenn der bißher minderjaͤhrige Printz ſeine Majorenni - taͤts-Jahre erreicht, und ſich entweder ſelbſt vor faͤhig erklaͤhrt, die Regierung anzutreten, oder durch andere dazu erklaͤhrt wird. Der terminus ma - jorennitatis iſt nach dem Unterſchied der Laͤnder und Reiche unterſchieden. Bey einigen Reichen iſt er in den Fundamental-Geſetzen determinirt, bey andern aber wo die Regenten voͤllig ſouverain ſind, koͤnnen ſie ſich vor majorenn achten, wenn ſie wollen. Jn der neuen Regierungs-Forme, ſoan. 551Von den Fuͤrſtl. Vormundſchafften ꝛc. an. 1719. den 21. Februarii zu Stockholm publi - cirt worden, iſt ausgemacht worden, daß kein Koͤ - nig den Thron betreten ſoll, bevor er ſein 21. Jahr voͤllig zuruͤck gelegt. Bey den Teutſchen Fuͤrſtli - chen Haͤuſern, iſt der Terminus majorennitatis ebenfalls unterſchieden, und zuweilen auch gar nach den unterſchiedenen Linien eines Hochfuͤrſtli - chen Hauſes veraͤndert. Alſo gedencket der wey - land hoch-meritirte Staats-Miniſter und Ruhm - wuͤrdige Autor des Europaͤiſchen Herolds p. 242, daß ein Land-Graf zu Heſſen-Caſſel allererſt in ſei - nem 25. Jahr zu ſeiner Muͤndigkeit gelange, geſtalt - ſam Jhro ietzo regierende Durchlauchtigkeit eher nicht als an. 1677. aus Dero Frau Mutter und Vormuͤndern Haͤnden, die Fuͤrſtliche Landes-Re - gierung, welche dieſe in die 14. Jahr ruͤhmlichſt ver - waltet, und nun ſolenniter in Gegenwart der Præ - laten, Ritter und Landſchafft auch ſaͤmmtlichen hohen Bedienten reſignirt, empfangen, und nach Anleitung des hergebrachten juris primogenituræ angetreten haͤtten. Heſſen-Darmſtadt hingegen, ſo bey der Augſpurgiſchen Confeſſion unveraͤndert geblieben, gewoͤnne vermoͤge des vom Kayſer Fer - dinand II. Land-Graf Ludwigen und deſſen Fuͤrſt - lichen Erben und Nachkommen ertheilten Privile - gii de dato den 15. Nov. 1625. nach dem abge - legten 18. Jahre die Volljaͤhrigkeit, und wuͤrde zur Regierung faͤhig erkandt. Mehrentheils er - reichen ſie ihre Majorennitaͤt nach dem ſie das 21. Jahr zuruͤck gelegt. Der Terminus majorenni -M m 4tatis552III. Theil. I. Capitul. tatis kan durch gewiſſe Pacta und Vergleiche, durch ſpeciale Conceſſiones und Kayſerliche Privilegia und andere dergleichen Modos allezeit wieder ge - aͤndert werden.

§. 26. Die Roͤmiſchen Kayſer pflegen nicht ſel - ten denen Printzen in Teutſchland, wegen ihrer be - ſondern Qualitaͤten und Tugenden, vor dem ge - woͤhnlichen Termin der Majorennitaͤt veniam æta - tis zu ertheilen, und ihnen zu erlauben, daß ſie die Regierung ſelbſt antreten moͤgen. Alſo ward der Koͤnig in Ungarn und Boͤhmen Ludovicus im XIII Jahre vor Regierungs-faͤhig erkannt; S. Gol - daſtus de Regno Bohemiæ Lib. IV. Cap. I. n. 6. und Philippus, Landgraf zu Heſſen im XIVten. Kayſer Leopoldus declarirte anno 1693. Printz Eberhard Ludwig von Wuͤrtenberg im XVIIten Jahr ſeines Alters vor majorenn, iedoch mit der Condition, daß er nichts ohne ſeine Mutter die Hertzogin und zweyer Raͤthe unternehmen ſolte. S. das Leben des Kayſers Leopoldi p. 668.

§. 27. Bißweilen ſtehet es auch in den Maͤchten des Fuͤrſtlichen Vormunds, daß er ſeinen minder - jaͤhrigen Printzen der Curatel erlaſſen, und ihm die Regierung ſeiner Lande uͤbergeben kan. Er noti - ficirt ihm ſodann ſolchen Entſchluß in einem obli - geanten Schreiben: Ob wohl die Jahre der Mi - norennitaͤt noch nicht voͤllig verfloſſen waͤren, nach - dem aber gegen den Ober-Vormund er, der Fuͤrſt, ſich dieſe Zeit uͤber alſo betragen, daß ſein geneigtes und geſliſſenes Gemuͤth darob zu verſpuͤhren, ſowolte553Von den Fuͤrſtl. Vormundſchafften ꝛc. wolte er zum Zeichen ſeiner gegen demſelben haben - den Affection ihm dieſes dagegen erweiſen, und ihm dero uͤber ſich gehabte Curatel frey geben und ent - laſſen, mit der nunmehrigen Erlaubniß die Admi - niſtration und Regierung der Lande alſo zu fuͤhren, gleich als ob er majorenn waͤre. Alſo lieſſen Jhro Koͤnigliche Majeſtaͤt in Pohlen und Chur-Fuͤrſtli - che Durchlauchtigkeit zu Sachſen Herr Friedrich Auguſt, durch Dero Obriſten Cantzler Hertzog Chriſtian Auguſten, Biſchoffen zu Raab, Dero noch nicht volljaͤhrigen und bißhero unter der Chur Curatel geſtandenen Vetter Hertzog Johann Ge - orgen zu Weiſſenfelß, nach ertheilter Venia ætatis, vor muͤndig und Regierungs-faͤhig ſolenniter er - klaͤhren, dergleichen Actus in dem Chur-Fuͤrſten - thum Sachſen ſind noch nie geſchehen. S. Muͤl - lers Annales Saxoniæ p. 609.

§. 28. Wo ſouveraine Herren ſind, als wie in Franckreich, ſo erklaͤhren ſie ſich ſelbſt vor majo - renn wenn es ihnen gefaͤllig, und ſie nicht durch ihre bißherigen Vormuͤnder, oder Koͤnigliche An - verwandten, oder einige groſſe Staats-Miniſtres, mit denen ein und anderer auswaͤrtiger Printz un - ter einer Decke liegt, daran verhindert werden. Sie beruffen alsdenn die gantze Koͤnigliche Fami - lie, ihre naͤchſten Anverwandten und die vornehm - ſten Staͤnde des Reichs zuſammen, und notifici - ren ihnen, daß ſie nun das Alter ihrer Majorenni - taͤt erreichet; ſie verſichern eine gute Regierung, und verlangen von allen und ieden Devotion undM m 5Gehor -554III. Theil. I. Capitul. Gehorſam, laſſen auch durch ein Edict ihren Ent - ſchluß, und die mit ihnen vorgegangene Veraͤnde - rung allen ihren Unterthanen, notificiren.

§. 29. Hierauf haͤlt einer von den vornehmſten Staͤnden oder Staats-Miniſtris, im Nahmen des gantzen Reichs eine ſolenne Rede, gratulirt Jhrer Majeſtaͤt zum Antritt der Regierung, apprecirt Jh - nen alles Koͤnigliche Heyl, und verſichert eines ie - den vollkommene Devotion. Es geſchicht auch wohl, daß der bißherige Vormund, es mag nun ſolches ein Koͤniglicher Agnate oder die Koͤnigliche Frau Mutter ſeyn, in einer Rede dem jungen Koͤnig vor der gantzen Familie und Hofſtatt und Deputir - ten des Reichs die Regierung uͤbergibt. Alſo hielt die Koͤnigin in Franckreich Anna Maria an ihren Sohn Koͤnig Ludwig XIV in Franckreich eine Rede, als er nach erhaltener Majorennitaͤt das Regiment uͤber - nehmen wolte a. 1652. Der junge Regent danckt ſeinem bißherigen Vormund in einer Gegen-Rede vor deſſen Bemuͤhung und Sorgfalt, bittet ihm mit einem guten Rath und Unterricht zu aſſiſtiren, und verſichert ihm aller Liebe und Propenſion.

§. 30. Bißweilen ſchicken die vornehmſten Staͤnde, wenn ſie ſehen, daß ein groſſer Herr die Jahre der Kindheit zuruͤck gelegt, und viel Ver - ſtand von ſich blicken laͤſt, auch Liebe bey dem Volck erlangt, nach geſchehener Berathſchlagung eine ſolenne Deputation von denen Reichs-Offi - ciis an den Koͤnig, und erſuchen ihn die Regierung des Koͤnigreichs anzutreten. Der junge Koͤnigdan -555Von den Fuͤrſtl. Vormundſchafften ꝛc. dancken den Staͤnden und dem Volck vor ihre Lie - be und das in Sie geſetzte gute Vertrauen, fuͤhren an, ſie waͤren zwar noch jung von Jahren, ein ſo ſchwer Regiment zu fuͤhren, verhofften aber gleich - wohl, es wuͤrde GOtt durch ſeinen Geiſt und Bey - ſtand ſie deſto mehr unterſtuͤtzen.

§. 31. Wenn ein Printz in Teutſchland die Jah - re ſeiner Majorennitaͤt erreicht, ſo kommt bißwei - len der Fuͤrſtliche, von dem Kayſer ihm geſetzte Vor - mund ein, fuͤhret in einem allerunterthaͤnigſten Schreiben bey Roͤmiſcher Kayſerlicher Majeſtaͤt an, daß ſein Pflegbefohlener das 21. Jahr ſeines Alters zuruͤck gelegt, und dadurch ſein vogtbahres Alter nach den Geſetzen daſigen Landes erreicht, und mithin, vermoͤge der bey dem Fuͤrſtlichen Hau - ſe alten hergebrachten Obſervanz, die Regierung des Fuͤrſtlichen Antheils anzutreten haͤtte, mit Bit - te, ihm von ſothaner Tutel per Decretum Abſo - lutionis allergnaͤdigſt loßzuſprechen. Jſt nun die allegirte Obſervanz wegen der erlangenden Vogt - barkeit in dem XXI. Jahr glaubwuͤrdig beſcheini - get, ſo erfolget ein Kayſerlicher Beſcheid.

§. 32. An andern Hoͤfen erfolget eine ſolenne Reſignation der Vormundſchafft, und der Antritt der Regierung, wenn der Printz zu den Jahren ſei - ner Majorennitaͤt gekommen, ohne vorhergegange - ne Kayſerliche Reſolution. Bißweilen iſt der biß - herige Vormund ſelbſt gegenwaͤrtig, und legt in Beyſeyn des gantzen Hofes und der vorneh mſten Land-Staͤnde die Vormundſchafft nieder in einerolen -556III. Theil. I. Capitul. ſolennen Rede, die denn von dem Printzen, der nunmehr die Regierung ſeiner Lande uͤbernommen, durch eine Gegen-Rede beantwortet wird. Oeff - ters geſchicht auch dieſe Handlung in ſeiner Abwe - ſenheit durch ſeine Geſandten und Gevollmaͤch - tigten.

§. 33. Die Fuͤrſtlichen Vormuͤnder pflegen hier - bey alles zu uͤberliefern, was ihnen der Vormund - ſchafft halber zu dero Haͤnden kommen, und dem volljaͤhrigen Fuͤrſten zuſteht, an Landen, Herr - ſchafften, Wuͤrdigkeit, Ehren und andern Rechten, Nutzungen und Zugehoͤrungen, dergeſtalt, daß der - ſelbe als ein rechter natuͤrlicher Erb und Landes - Fuͤrſt zu ſeiner Landes-Huldigung nach Bequem - lichkeit ſchreiten kan, ſie uͤberantworten ihnen auch die gebrauchten Secreta und Jnſiegel, nebſt den Cantzeley-Cammer - und Rentherey-Schluͤſſeln.

§. 34. Nach der Reſignation der Vormund - ſchafften werden den Fuͤrſtlichen Vormuͤndern Qvittungen ausgeſtellt, worinnen die neuen Lan - des-Fuͤrſten ihre bißherigen Vormuͤnder und alle dero Erben und Nachkommen wegen ſolcher Vor - mundſchafft, und was dem mehr anhaͤngig, auch des Inventarii halber, Landſchafft-Rentherey - Amts - und andrer Rechnung, oder was nur erſinn - licher maßen von dieſer Vormundſchafft depen - dirt, oder in oder auſſer Recht vorgegangen und verhandelt, und einige Verantwortung, wie die Nahmen haben moͤchten, auf ſich haͤtte, in beſter Forme und Geſtalt, wie ſolches in Rechten undGe -557Von den Fuͤrſtl. Vormundſchafften ꝛc. Gewohnheiten am kraͤfftigſten und beſtaͤndigſten immer geſchehen ſoll, kan und mag, ietzt wie als - dann, und dann als ietzo, gaͤntzlich und allerdings ohn einigen Auszug oder Vorbehalt, quitt, ledig und loßgezehlet werden bey Fuͤrſtlichen Ehren, Treuen, Worten und Glauben.

§. 35. Hat nun alles ſeine Richtigkeit, ſo fuͤh - ret die Hoch-Fuͤrſtliche Frau Wittwe oder der Hoch-Fuͤrſtliche Agnate in einem oͤffentlichen Aus - ſchreiben an, daß Sie Jnhaltes der teſtamentli - chen oder einer andern Diſpoſition die Vormund - ſchafft biß auf ꝛc. nach vorhergegangener Aller - gnaͤdigſten Confirmation gefuͤhrt, an ſelbigen Ta - ge aber Jhres freundlich geliebten Herrn Sohns oder Vetters Liebden, dero Majorennitæt nach dem Herkommen des Fuͤrſtlichen Hauſes erreicht, mithin die auf Sie verfaͤlte Landes-Regierung ſelbſt angetreten, auch nach deroſelben eignen Wil - len die Erb - und Landes-Huldigung einzunehmen haͤtten; Als wolten Sie, nachdem Sie von Hoch - gedachten Sr. Liebden Sie uͤber die bißherige Adminiſtration vergnuͤglich quittiret, Krafft die - ſes alle Raͤthe und Beamten, ingleichen die Frey - herrn und Ritterſchafft, Ritterſaſſen und Land - ſchafft, Buͤrgermeiſter in Staͤdten, Buͤrger und Einwohner in Staͤdten und Doͤrffern, welche ihnen bißhero als Fuͤrſtlichen Vormuͤndern und Regenten, theils mit wuͤrcklicher Pflicht, theils mit Gehorſam verwandt geweſen, derſelben erlaſſen, und Sie an Hochgedachte Se. Liebden als ihrenange -558III. Theil. I. Capitul. angebohrnen und Jnhaltes Fuͤrſt-vaͤterlichen Te - ſtamente einig regierenden Landes-Fuͤrſten ver - wieſen haben.

§. 36. Nach dem Antritt der Regierung, erfolgt die Huldigung. Die von der Koͤniglichen Familie und von den vornehmſten Staͤnden des Koͤnig - reichs, machen damit den Anfang, und die andern folgen nach, und bezeugen ihre Submiſſion, wie es die Obſervanz eines ieden Hofes des Reiches und Landes mit ſich bringt. Hierauf publiciren ſie neue Landes-Geſetze, ertheilen neue Chargen, und unterziehen ſich in allen Stuͤcken der Koͤnigli - chen Regierung.

Das II. Capitul. Von dem Fuͤrſtlichen Succes - ſions-Weſen.

§. 1.

Die Reichs-Cron-Folge-Geſetze ſind von keiner ewigen Dauer und Waͤhring, wie einige Lehrer des Staats-Richts vorgeben wollen, ſondern werden nach Beſchaffenheit der Conjuncturen, theils von den Koͤnigen, theils von den Staͤnden und Unterha - nen geaͤndert. Alſo hat in den alten Zeitenbey dieſen und jenen das Wahl-Recht vorgew〈…〉〈…〉 ltet, iedoch iſt es alſo gemaͤßiget worden, daß nohl - verdienter Koͤnige Kinder dabey gar ſelten uͤberan -gen559Von dem Fuͤrſtl. Succeſſions-Weſen. gen worden; Mit der Zeit wurde das Recht des Gebluͤthes zwar ſtaͤrcker, und faſt als ein Vorrecht eines gewiſſen Stammes angeſehen, doch gleich - wohl noch unter dem Schein einiger freyen Wahl, welches endlich nun gantz und gar dahinaus gedie - hen, daß zwar ein Gebluͤths-Erbe noch hat moͤgen uͤbergangen werden, aber anders nicht, als wenn an demſelben ein Mangel erfunden worden, ſo dem Reich, nach Gebuͤhr und Nothwendigkeit der Zei - ten vorzuſtehen, hinderlich geweſen. Solch Wahl - Recht iſt ſuffragium negativum genennet worden, da nehmlich das Volck von dem Cron-Folger ur - theilen koͤnnen, ob er der Reichs-Buͤrde faͤhig, und auf das Gegentheil ihm die Cron-Folge zu verſa - gen. Es ſind auch Zeiten geweſen, da bey den al - ten Voͤlckern nach der Zahl Koͤniglicher maͤnnlicher Kinder das Reich in eben ſo viel Stuͤcke und Koͤ - nigreiche zutheilet, bißweilen auch die Baſtarte da - von nicht ausgeſchloſſen worden. Manche wol - ten beſondere Arten der Cron-Folgen einfuͤhren, daß nemlich die juͤngern Soͤhne zwar mit gewiſſen Theilen des Reichs unter Koͤniglichen Nahmen und gewiſſen Bedingungen verſehen werden, der aͤlteſte aber das beſte behalten, und auf gewiſſe Maße der andern Ober-Herr ſeyn ſolte.

§. 2. Die Succeſſions-Ordnungen werden nach den Fundamental-Geſetzen des Reiches und Lan - des entſchieden. Gleichwie an Feſtſtellung einer unveraͤnderten Erbfolge gar viel gelegen, alſo iſt hoͤchſt noͤthig, daß, um allen Mißverſtand und in -nerliche560III. Theil. II. Capitul. nerliche Unruhe, auch andere daraus zu beſorgiende Ungelegenheiten gaͤntzlich zu verhuͤten, folglich alle liſtige und gefaͤhrliche Intriguen, ſo an den Hoͤfen im Schwange zu gehen pflegen, aus dem Wege zu raͤumen, in dergleichen Legibus pragmaticis, ſo viel als moͤglich, mancherley kuͤnfftige Faͤlle determini - ret werden.

§. 3. Wo unterſchiedene gar nahe Anverwand - ten, ſo entſtehen bißweilen der Succeſſion wegen gar wichtige Staats-Fragen; ſie werden aber am leichteſten decidirt, wenn der eine die Liebe des Lan - des und der Staͤnde, und ſonderlich der Armee zu gewinnen ſucht. Da bey dem Tode des Koͤnigs in Schweden Carl des XII nicht allein die Schwe - ſter Ulrica Eleonora, ſondern auch der von der aͤl - teſten Schweſter hinterlaſſene Sohn, Printz Carl Friedrich zu Holſtein vorhanden war, ſo drang die Schweſter am eheſten durch, als ſie die genereuſe Reſolution ergriff, alles, was man Souverainitaͤt nennet, gaͤntzlich abzuſchaffen, und die Regierung des Reichs auf den alten Fuß zu ſetzen. Von der Succeſſions-Folge in dem Koͤnigreich Schweden ſiehe den Eylfertigen Entwurff aus den Schwedi - ſchen Reichs-Grund-Geſetzen und dem Muͤn - ſteriſchen Friedens-Schluß uͤber die Succes - ſions-Folge bey dem Abſterben Sr. Koͤniglichen Majeſtaͤt in Schweden Caroli XII, und die andern Unvorgreifflichen Gedancken uͤber den Eylfertigen Entwurff ꝛc. in einen Schreiben an einen vorneh - men Herrn abgeſaßt.

§. 4.561Von dem Fuͤrſtl. Succeſſions-Weſen.

§. 4. Daß in den Erb-Koͤnigreichen nach Ab - gang der maͤnnlichen Linie die Koͤniglichen Prin - ceßinnen, und welche von dieſen herſtammen, der Succeſſions-Folge faͤhig ſeyn, iſt nicht allein bey dem Koͤnigreich Schweden bekandt, ſondern es ſind auch in Spanien und Engelland genug Exem - pel davon vorhanden. Bißweilen bringen es die Geſetze des Wohlſtandes und der Billichkeit auch die Liebe mit ſich, daß die letzte Princeßin eines Hauſes zumahl wenn ſie ſich um ihr Vaterland wohl verdient gemacht, allen andern vorgezogen wird, ob ſchon die Weibes-Perſonen durch die Fundamental-Geſetze deſſelben Staats zur Suc - ceſſion nicht beruffen wuͤrden, und ſie dieſer Raiſon halber vermoͤge eines ihnen zuſtaͤndigen Rechts, und ohne vorhergehende beſondere Wahl nicht ſuccediren koͤnten.

§. 5. Wenn ein Hauß auf den Fall ſtehet, und groſſe Regenten ſehen, daß ſie ohne maͤnnliche Er - ben abgehen wuͤrden, und nach ihrem Abſterben der Succeſſion wegen nicht allein viel und man - cherley Streitigkeiten, ſondern auch wohl gar blu - tige Kriege entſtehen moͤchten, ſo recommandiren ſie ihren Reichs-Staͤnden die Succeſſion auf das beſte, und erſuchen ſie eine Succeſſions-Acta bey Zeiten zu etabliren, damit aller Unordnung und al - len Unheil moͤchte vorgebeuget werden. Alſo hielt der Koͤnig in England Wilhelm III. als ihm der Hertzog von Gloceſter geſtorben war anno 1701. den 22. Februarii eine eigene Rede an das Parla -N nment,562III. Theil. II. Capitul. ment, und ſtellte darinnen gar nachdruͤcklich vor, wie die Nothwendigkeit allerdings erfordere, daß man nunmehro genauere Vorſehung thaͤt wegen der Succeſſion zur Crone. Jn einigen Reichen und Laͤndern als wie in England wird ein frembder aus einem andern Lande und frembden Gebluͤthe durch eiue Naturaliſations-Acta der Succeſſion faͤhig erklaͤhrt.

§. 6. Jn den Teſtamenten und andern Grund - Geſetzen ſo die Erb-Folge reguliren, wird auch die Religion gemeiniglich mit verſichert und ausge - druͤckt, ſo daß diejenigen ſo der Erb-Folge genuͤſſen, ſich auch zugleich zu dieſer oder jener Religion mit bekennen ſollen. Die Clauſul wegen der Religion, zu der ſich ein Succeſſor zu verpflichten hat, wird in einem Succeſſions-Geſetze immer ſchaͤrffer und buͤndiger ausgedruckt, als in dem andern. Jn ei - nigen werden diejenigen, ſo einer andern Religion zugethan, auf ewig vor untuͤchtig erkandt die Cron und Regierung dieſes Koͤnigreichs und der dazu ge - hoͤrigen Laͤnder zu ererben, zu beſitzen und zu genuͤſ - ſen, noch einige Koͤnigliche Gewalt, Anſehen oder Jurisdiction in denſelben zu haben, zu gebrauchen und zu exerciren, und daß bey allen dergleichen Faͤllen das Volck in dieſem Koͤnigreich von dieſer Treue und Gehorſam ſolte loßgeſprochen ſeyr. Es werden nicht ſelten die pragmatiſchen Sanctonen und Geſetze, welche alle Printzen einer frenbden Religion von der Succeſſion ausſchlieſſen, in dem Gedaͤchtniß der Unterthanen nicht allein verneuertund563Von dem Fuͤrſtl. Succeſſions-Weſen. und wiederhohlt, ſondern auch alle Anſtalten vor - gekehrt, damit nicht das geringſte en faveur einer frembden Religion eingefuͤhrt werden koͤnne.

§. 7. Wie durch das Recht der Erſtgeburth dem Wohl der Fuͤrſtenthuͤmer proſpicirt, und manch erley Unheyl, ſo ſonſt daraus entſtehen koͤnte, vorgebeugt werde, findet man in den Special-Ver - ordnungen der Primogenitur ausgedruͤckt. Jn der Diſpoſition ſo Johannes Fuͤrſt zu Anhalt - Zerbſt anno 1649. den 29. Octobr. dieſerhalben aufgeſetzt, lieſet man folgendes: Als auch bey der Hochfuͤrſtlichen Anhalt-Zerbſter Linie in Erwe - gung kommen, daß bey kuͤnfftiger Vermehrung der Hochfuͤrſtlichen Nachkommen eine Vermin - derung des Fuͤrſtlichen Splendeurs entſtehen wuͤr - de, wenn ein ieder abſonderlich die Regierung fuͤh - ren wolte, man ſich auch erinnert, wie ſich andere Durchlauchtige Haͤuſer durch das Primogenitur - Recht guten theils in beharrlichem Flohr erhalten, und zu noch groͤſſerer Aufnahme gedeyen. S. Beckmanns Hiſtorie des Fuͤrſtenthums Anhalt IV. Theil Cap. I. n. 4. p. 506. Der Hertzog Chri - ſtian der aͤltere zu Sachſen-Merſeburg erklaͤhret ſich in ſeinem letzten Willen dieſer wegen folgender geſtalt: Geſtalt es denn klar und am Tage iſt, welcher maßen unſere Laͤnder dergeſtalt nicht zu - reichen, daß ein iedweder unſerer freundlich gelieb - ten vier Soͤhne eine eigene Regierung, oder nur einen Fuͤrſtlichen Staat an Dienern, Beamten und anderer Nothwendigkeit fuͤhren, weniger un -N n 2ſers564III. Theil. II. Capitul. ſers Fuͤrſtlichen Hauſes Dignitaͤt, Reſpect, Hoheit und Splendeur, zumahl da hinkuͤnfftig, wie zu ver - muthen, allerſeits mehr Fuͤrſtliche Erben erzeiget wuͤrden, in ihrem Weſen und Integritaͤt verbleiben, oder es mit demſelben bey ſolchen vielfaͤltigen Zerreiß - und Zergliederungen unſerer Lande und Vielheit der in Land und Leute ſuccedirenden Herrn, als wodurch, gleich eine Ableitung groſſer Schiff-reicher Fluͤſſe in kleine veraͤchtliche Baͤche nicht allein vornehme alte Haͤuſer an ihren Nah - men, Reputation und Kraͤfften augenſcheinlich ge - ſchwaͤcht und herunter kommen, ſondern auch Land und Leute ſo wohl zu ſolcher Fuͤrſtlichen Haͤuſer ſelbſt als auch des allgemeinen Weſens, Schaden und Nachtheil, zerruͤttet und getrennet, durch die die verderbliche Aſſortirung Fuͤrſtlichen Anſehens gaͤntzlich erſchoͤpfft, und ins Verderben geſtuͤrtzet werden, in die Laͤnge unmoͤglich wuͤrde Beſtand ha - ben koͤnnen. ꝛc.

§. 8. Die Rechts-Lehrer erfordern zu Einfuͤh - rung dieſes Rechts, (I) daß dieſe Pacta durch eine ſolenne Einwilligung der Land-Staͤnde beſtaͤrckt werden, wie ſolches der Hertzog zu Braunſchweig - Luͤneburg Erneſtus Auguſtus in Obacht genom - men, bevor er zur Churfuͤrſtlichen Wuͤrde gelangt. S. den Europaͤiſchen Herold I. Theil p. 323. (II) daß ſie durch ein Jurament derer die nachgehends wuͤr - den gebohren werden, confirmirt ſeyn, (III) daß den Secundogenitis wegen der Apanage und den Prin - ceßinnen Toͤchtern wegen ihrer Ausſtattung pro -ſpicirt565Von dem Fuͤrſtl. Succeſſions-Weſen. ſpicirt werde, (IV) daß die Autoritaͤt des Kayſers dazu komme, damit es nicht ſcheine in der freyen Macht und Gewalt der Vaſallen zu beruhen, die Lehns-Pacta zu veraͤndern, (V) daß ſie durch die Einwilligung der andern Reichs-Staͤnde Krafft und Staͤrcke erlangen: Ob es wohl nicht unrecht waͤre, wenn zu Vermeydung der mancherley kuͤnff - tigen Diſputen alles dieſes in Obacht genommen wuͤrde, ſo ſind doch Exempel und Gruͤnde vorhan - den, daß dergleichen Pacta mit Recht etablirt wor - den, ob man ſchon eines und das andere von dieſen angefuͤhrten Stuͤcken dabey nicht mit in Betrach - tung gezogen. S. des Herrn von Saltzburg Diſſertation de Emolumentis territorii Germani - ci ex jure Primogenituræ deſcendentibus.

§. 9. Auſſerhalb Teutſchland, wo die Regenten voͤllig ſouverain ſind, nehmen ſie ſich die Freyheit von dem Recht der Erſtgeburth abzugehen, und biß - weilen en faveur der Nachgebohrnen etwas an - ders zu verordnen. Alſo declarirten der Rußiſche Kayſer Petrus I. anno 1722. daß es in Zukunfft iederzeit in der Willkuͤhr des regierenden Landes - Herrn ſtehen ſolte, nicht allein die Succeſſion zu - zuwenden, wem er will, ſondern auch den bereits deſignirten Succeſſorem, wenn er einige Untaug - lichkeit an ihm bemerckt, wieder zu veraͤndern, damit die Kinder und Nachkommen dadurch in Zaum ge - halten und abgeſchreckt werden, in dergleichen Gottloſigkeit zu verfallen. Sie ſtatuirten hierin - nen ſelbſt ein Exempel, da ſie ihren Sohn AlexiumN n 3ver -566III. Theil. II. Capitul. verſtieſſen, wie ſolches aus dem dißfalls publicirten Manifeſt zu erſehen. Dieſe den 11. Februarii pu - blicirte Haupt-Verordnung haben alle Staͤnde der gantzen Nation angehoͤret, freundlich aufge - nommen, danckbarlich geprieſen, und daß ſie ge - recht ſey, durch ihren Eyd bezeugt. Es ward auch bey dieſer Gelegenheit eine eigene Schrifft in der Rußiſchen Sprache gedruckt, und aus derſelben in die Teutſche uͤberſetzt, ſo den Titul fuͤhret: Das Recht der Monarchen in willkuͤhriger Beſtallung der Reichs-Folge, darinnen dieſe Materie nach den goͤttlichen und natuͤrlichen Geſetzen, und den Re - geln der Klugheit unterſucht wird.

§. 10. Wenn die Fuͤrſtlichen Haͤuſer oder Li - nien wegen der Primogenitur oder andern derglei - chen Rechte unter einander ſtreitig ſind, und ſich zu guͤtlichen Vergleichen nicht accommodiren wollen, ſo werden denn bey ſolchen Faͤllen gewiſſe Austraͤ - ge vorgeſchlagen, ſo die ſtreitigen Erbſchaffts-Pun - cte entſcheiden muͤſſen. So lange die Præten - denten mit einander diſputiren, bleibt inzwiſchen das Votum der Stimme und Seſſion auf den Reichs - und Creyß-Taͤgen ſuſpendirt, und deſſen Stelle vacant.

§. 11. Zuweilen reſcribirt der Kayſer in derglei - chen ſtreitigen Faͤllen an den gemeinſchafftlichen Cantzler und Raͤthe foͤrderlichſt ihr pflichtmeßiges Gutachten, wie ſie es vor GOtt und deroſellen zu verantworten gedaͤchten, verſchloſſen, und uner ih - rer aller Hand, Unterſchrifft und Siegel einzuſchi -cken,567Von dem Fuͤrſtl. Succeſſions-Weſen. cken, wie ſie vermeynen, daß denen noch uͤbrigen Differentien und Puncten der noch nicht vergliche - nen Portionen an dem Fuͤrſtenthum ſalvo & inte - gro remanente curſu juſtitiæ, den Receſſen und Herkommen des Hauſes gemaͤß, voͤllig abgeholf - fen, und die ſtreitenden Fuͤrſtlichen Herren Gebruͤ - der und Vettern endlich entſchieden und von einan - der geſetzt werden koͤnnen, und darauf fernere Kay - ſerliche Verordnung gewaͤrtig ſeyn.

§. 12. Die Abtretung eines Landes, es mag nun ſolche in einem Friedens-Schluß oder auf andere Art geſchehen, pflegt mit beſondern Solennitaͤten verrichtet zu werden. Alſo ward anno 1636 den 14 April das Marggrafthum Ober-Lauſitz durch einen ſolennen Actum, vermoͤge der zu Prag ge - troffenen Friedens-Tractaten, uͤbergeben: Erſt - lich holeten einige Abgeordnete von der Landſchafft die Kayſerlichen Commiſſarien aus ihren Logis auf das Rathhauß. Da ſie nun auf das Rath - hauß kamen, perorirte einer von den Kayſerlichen Geſandten gegen die Landſchafft, und zehlete ſie Kayſerlicher Majeſtaͤt wegen muͤndlich und ſchrifft - lich ihrer Pflichten loß. Es ward die Kayſerliche Vollmacht ſamt der ſchrifftlichen Eydes-Erlaſſung und dem Pragiſchen Receß abgeleſen, und die Tradition geſchahe ſchrifftlich. Von Chur-Saͤch - ſiſcher Seite erfolgte gegen die Kayſerlichen Com - miſſarien eine wohlgeſetzte Danckſagungs-Rede. Die Landſchafft proponirte darauf gegen die Chur-Saͤchſiſchen Geſandten, was ſie vor noͤthigN n 4befan -568III. Theil. III. Capitul. befanden, ſtatteten ihren unterthaͤnigſten Gluͤck - wunſch ab, und verrichteten ihre Huldigung. Als ſolches geſchehen, giengen ſie ab, und die Chur - Saͤchſiſchen Geſandten hielten mit den Kayſerli - chen Commiſſarien und den vornehmſten Land - Staͤnden ein koſtbar Banquet. S. Kevenhuͤllers Annal. Ferdinand. XII. Tomum p. 1667.

Das III. Capitul. Von Interregnis und den Wahlen.

§. 1.

Die Interregna entſtehen in einem Reiche auf dreyerley Weiſe, zum erſten, wenn ein Thron durch den Todes-Fall des Regenten erlediget wird, zum andern, wenn ein Monarch ſeine Regierung von freyen Stuͤcken nieder legt, und zum dritten, wenn ein Koͤnig von einem freyen Volck wegen ſeiner ty - ranniſchen und hoͤchſt unvernuͤnfftigen Regierung gantz und gar vom Thron verſtoſſen wird. Der erſte Fall iſt der gewoͤhnlichſte, der andre traͤgt ſich ſeltner zu, der dritte aber gehoͤrt unter die Caſus rariſſimos, und iſt auch noch bey denſelben den Staats-Rechten nach zu unterſuchen, ob er vor zulaͤßig zu achten.

§. 2.569Von Interregnis und den Wahlen.

§. 2. Bey einem Interregno werden gewiſſe Circular-Schreiben abgefaſt, und in denſelben die geſchehene Erledigung des Thrones und die Publication des Interregni kund gethan. Es wird den ſaͤmtlichen Staͤnden, welche nach dem Unterſcheid der Staͤnde bey der neuen Wahl con - curriren muͤſſen, angedeutet, daß ſie ſich inner - halb einer gewiſſen Zeit an dieſen oder jenen Ort verſammlen muͤſſen.

§. 3. Es wird vor die Sicherheit der Straſſen und des Landes in allen Stuͤcken geſorgt, niemand verdaͤchtiges ins Land gelaſſen, auf alles genau Acht gegeben, was an benachbarten Oertern vor - gehet, es wird alles verwehrt, was zu oͤffentlichen verdaͤchtigen Zuſammenkuͤnfften koͤnte Gelegenheit geben, die verdaͤchtigen Briefe werden aufgebro - chen, und die Grentz-Plaͤtze wider einen beſorg - lichen Einfall der Feinde mit ſtarcken Guarniſonen verſehen.

§. 4. Es bekommen alsdenn diejenigen Reichs - Officianten, die in den Fundamental-Geſetzen des Reichs dazu denominiret ſind, die hoͤchſte Gewalt und Interims-Adminiſtration des Koͤnigreichs. Jn Pohlen ſtehet zur Zeit des Interregni dem Ertz - Biſchoff als oberſten Senatori des Koͤnigreichs diejenige Autoritæt zu, die der Koͤnig ſonſt ge - habt.

§. 5. Gleichwie die Reichs-Staͤnde von auswaͤrtigen Potentaten Ambaſſaden annehmen, und die Schreiben ihrer Hohen Herren Princi -N n 5palen570III. Theil. III. Capitul. palen oͤffentlich ableſen laſſen und beantworten, alſo pflegen ſie gleichfalls an alle benachbarte Staaten gewiſſe Perſonen abzufertigen, welche um die Fortſetzung ihrer Freundſchafft anhalten muͤſſen. Jn Pohlen muͤſſen alle Ambaſſadeurs oder Envoyés, welche vor des letzten Koͤnigs toͤdt - lichen Hintritt ihre Abſchieds-Audienz gehabt, innerhalb acht Tagen abreiſen. S. Connors Be - ſchreibung des Koͤnigreichs Pohlen p. 558.

§. 6. Ob die Wahl-Reiche den Erb-Koͤnigrei - chen vorzuziehen, iſt unter den Politicis noch nicht ausgemacht. Vor die Wahl-Reiche bringen ei - nige folgende Argumenta vor: Jn den Wahl - Reichen wuͤrden die Adelichen Kinder mehr en - couragirt, ſich in allerhand Wiſſenſchafften zu uͤben, und bemuͤhten ſich einer den andern zu uͤber - treffen, damit ſie einſtens durch die Wahl des von ihren Tugenden charmirten Volcks des Thrones gewuͤrdiget werden moͤchten. Jn dem Erb-Rei - che hingegen wuͤrde des Monarchen Sohn, als welcher den Scepter ſuchte, und ohne Sorge er - wartete, ſich ſo viel Muͤhe nicht geben, die zur Regierung noͤthigen Wiſſenſchafften zu erlernen, 2) haͤtte ein erwehlter Monarch dem Volck ſeine Erhebung zu dancken, und pflegte deswegen nicht ſo hart, ſondern mit Gelindigkeit zu regieren, 3) wuͤrde in einem Wahl-Reiche nach des Koͤnigs Tode der Beſte, den man finden koͤnte, auf den Thron geſetzt, in einem Erbreiche aber gienge ſol - ches nicht an, ſondern man muͤſte des Landes -Herrn571Von Interregnis und den Wahlen. Herrn Sohn annehmen, ohne darauf zu ſehen, ob er gut oder boͤſe, weiſe oder thoͤricht waͤre.

§. 7. Doch dieſe und noch mehrere Argumen - ta, die einige vor die Wahl-Reiche anzufuͤhren pflegen, laſſen ſich gar leicht beantworten, es be - ſitzen gewißlich nicht alle die bey der Wahl durch Macht oder liſtige Intriguen, die ſtaͤrckſte Par - they, und durch dieſelbe die Koͤnigliche Dignitæt uͤberkommen, die Vollkommenheit der Tugenden, die einem Regenten noͤthig iſt. So viel iſt ge - wiß, daß die Wahl-Koͤnigreiche natuͤrlicher, und der Zuneigung des Volcks und der Staͤnde weit gemaͤßer als die Erb-Reiche, daher bemuͤhen ſich auch die Staͤnde, ſo viel als moͤglich, wo die Suc - ceſſion eines Koͤniglichen Hauſes gantz und gar ausgangen, daß ſie die bißherige Verfaſſung der Erb-Folge veraͤndern, und das Koͤnigreich in ein Wahl-Reich wieder verwandeln, wie aus dem neueſten Exempel des Koͤnigreichs Schweden be - kandt. So haben auch dem Alter nach die Wahl - Koͤnigreiche vor den Erb-Reichen einen Vorzug.

§. 8. Ob bey Lebzeiten des Koͤniges der kuͤnff - tige Succeſſor zu denominiren, oder ob die Sache erſtlich zum Interregno gelangen ſoll, iſt unter den Publiciſten ebenfalls ſtreitig. Einige halten vor ſicherer, zur Erhaltung der Rechte der freyen Wahl die Beſchwerlichkeiten des Interregni zu vertra - gen, als bey Lebzeiten des Koͤniges vor einen Suc - ceſſorem zu ſorgen; andere aber meynen, daß man - chen innerlichen Kriegen und mancher Unruhe vor -gebeu -572III. Theil. III. Capitul. gebeuget werden kan, wenn man dieſen Caſum bey Zeiten ausmacht.

§. 9. Die Wahl der Staͤnde iſt entweder gantz uneingeſchraͤnckt, oder durch vorhergehende Pacta an eine gewiſſe Familie reſtringirt, iedoch ſo, daß den wehlenden, in Anſehung aller Glieder, die zu derſelben Familie gehoͤren, ingleichen unter den Kindern des verſtorbenen Regenten die Freyheit gelaſſen wird, den geſchickteſten und vollkommen - ſten daraus zu erwehlen. Ferner iſt die Wahl ent - weder gantz frey, oder einiger maßen gezwungen, wenn z. E. einige groſſe Armeen im Lande oder doch in der Naͤhe ſtehen, und das Land und die vornehm - ſten Staͤnde mit einer harten Heimſuchung bedro - hen, dafern ſie nicht denjenigen, dem ſie favoriſi - ren, zum Koͤnig erwehlen wuͤrden.

§. 10. Von den Wahlen der Koͤnige ſind die - jenigen gantz unterſchieden, wenn in einigen Re - publiecken des aͤuſſerlichen Splendeurs, oder um beſ - ſerer Ordnung willen, einige zu den vornehmſten, das iſt, zu Hertzogen, Dogen, oder wie ſie etwan ſonſt genennet werden koͤnnen, erwehlet werden. Das Volck in den Republicken verwahret ſich auf das beſte, damit ihren Haͤuptern alle Hoffnung benommen werde, ſich das Volck unterwuͤrffig zu machen; Sie duͤrffen ſich nicht der Republick nach ihren Gefallen bedienen, ſie haben nur eine Magnificenze, die in die Augen faͤllt, ſind aber in der That nichts anders als Bedienten der Re - publick.

§. 11.573Von Interregnis und den Wahlen.

§. 11. Wie die Wahl in allen Stuͤcken zu beſor - gen, und was vor, in, und nach derſelben in Obacht zu nehmen, wird in den Reichs-Fundamental-Ge - ſetzen und den elections-Actis determiniret. Die vornehmſte Sorge der Reichs-Staͤnde gehet als - denn dahin, wie ſie in allen Stuͤcken ihre Rechte und Freyheiten nicht nur erhalten, ſondern auch durch mancherley neue Verfaſſungen ihre Præro - gativen und Privilegia verbeſſern und vermehren. Bey den neuen Conſtitutionibus ſchraͤncken ſie bißweilen die Koͤnigliche Gewalt in etwas mehr ein, als ſonſt, wenn etwan die Vorfahren zu weit gegangen, oder ſich in manchen Stuͤcken ihrer Koͤ - niglichen Autoritaͤt gemißbraucht.

§. 12. Vor der Wahl werden die ſaͤmmtlichen Intereſſenten zuſammen beruffen, und geſchiehet die Convocation entweder von dem Anteceſſore, oder von gewiſſen Reichs-Officianten, wie es nach dem Unterſchied der Reiche und Laͤnder Herkommens. Die erwehlenden Perſonen ſind entweder das gan - tze Volck, oder die Miliz, wenn das meiſte auf die Armee ankommt, oder die vornehmſten Staͤnde und diejenigen, denen das Volck ſolches aufgetra - gen, oder die es ſich ſelbſt angemaßt.

§. 13. Die Wahl wird entweder gleich nach dem toͤdtlichen Abgang des Anteceſſoris vorge - nommen, oder ſo bald ſie ſich ſonſt unter einander ſelbſt und mit den frembden Puiſſancen dieſerwe - gen vereinigen, und dazu gelangen koͤnnen. Jn den Fundamental-Geſetzen wird mehrentheils dieZeit574III. Theil. III. Capitul. Zeit exprimirt, von welcher anzurechnen man zu der Wahl ſchreiten ſoll. Alſo machten die Koͤnig - lich-Schwediſchen Staͤnde in der Elections-Acte an. 1719. aus, daß wenn Jhro Majeſtaͤt ohne maͤnnliche Leibes-Erben abgehen ſolte, und die Koͤnigliche Wuͤrde in ſolchem Caſu wiederum zu der freyen Wahl des Reichs-Raths und der ſaͤmmtlichen Reichs-Staͤnde verfallen waͤre, ohne daß iemand durch Erb - oder andere unterſchiedene Urſachen zur Schwediſchen Reichs-Crone und Recht etwas prætendiren koͤnte, ſo ſolten die ſaͤmmtlichen Reichs-Staͤnde ſchuldig ſeyn, ohne einige Zuſammenberuffung ſich ſelbſt willig in Stockholm auf den 30. Tag nach des Koͤnigs Tode zur Wahl-Verrichtung einzufinden. Sol - te nun iemand ſo unbedachtſam ſeyn, und ſeine Pflicht vergeſſen, daß er innerhalb der Staͤnde all - gemeinen Zuſammenkunfft durch einſeitige Ver - pflichtung, oder heimliche Zuſammenſtifftung, et - was wuͤrckete, ausbruͤtete oder vornaͤhme, die Koͤnigliche Wahl an ſich zu bringen, den ſolten die Staͤnde als einem Stoͤhrer der Ruhe und der allgemeinen Wohlfarth anſehen.

§. 14. Damit bey der Wahl nicht allzuviel Zeit verſtreiche, ſo wird bißweilen in den Reichs-Grund - Geſetzen die Zeit mit ausgedruͤckt, dinnen welcher ſie mit der Wahl ſollen zu Ende kommen. Jn Pohlen muͤſſen ſie innerhalb 6 Wochen das Wahl-Negocium endigen. Jedoch gehet dieſes nicht allenthalben an.

§. 15.575Von Interregnis und den Wahlen.

§. 15. Der Ort, wo die Wahl vorgenommen werden ſoll, iſt ebenfalls determinirt, iedoch ver - anlaſſen einige Umſtaͤnde die Veraͤnderung deſſel - ben. Jn Pohlen ward der Wahl-Tag in vori - gen Zeiten in Petrikow gehalten. Seit dem aber das Groß-Hertzogthum Litthauen mit Pohlen ver - einiget worden, hat man allezeit eine halbe Meile von Warſchau nicht weit von dem Dorffe Wola in freyen Felde die Wahl pflegen anzuſtellen. S. Connors Beſchreibung des Koͤnigreichs Pohlen. pag. 557.

§. 16. Es liegt einigen Reichs-Staͤnden oder Reichs-Officianten inſonderheit ob, daß ſie die zur Wahl noͤthigen Anſtalten beſorgen muͤſſen. Alſo muß allezeit der Churfuͤrſt von Sachſen als Vica - rius des Heiligen Roͤmiſchen Reichs nach dem Ab - gang des Roͤmiſchen Kayſers an den Reichs-Erb - Marſchall den Graf von Pappenheim ſchreiben, daß er die bey den Wahl-Taͤgen vormahls gehal - tenen Acta ungeſaͤumt aufſuchen, einen Reichs - Quartier-Meiſter annehmen, denſelben nach Franckfurth am Mayn abfertigen, ingleichen an den Magiſtrat zu Franckfurth am Mayn ſchreiben ſoll bey der bevorſtehenden Wahl die Nothdurfft wegen der Victualien, der Fuͤtterungen und Logi - menter zu verſchaffen, auch den Reichs-Quartier - Meiſter moͤgliche Befoͤrderung zu thun.

§. 17. Die auswaͤrtigen Puiſſancen inſonder - heit aber die benachbarten unterlaſſen nicht ihre Geſandten zu den Reichs-Staͤnden abzuſchicken,damit576III. Theil. III. Capitul. damit ſie den bevorſtehenden Wahl-Negotio bey - wohnen moͤgen, und ihr Intereſſe auf das beſt - moͤglichſte wahrnehmen. Die Abgeſandtem laſ - ſen ihre Ankunfft alſofort den Principalen, dem Koͤniglichen Senat, den vornehmſten Reichs - Staͤnden, Reichs-Officianten und wie ſie etwan weiter heiſſen moͤchten, zu wiſſen thun, und werden nachgehends nach dem, an einen ieden Orte einge - fuͤhrten Ceremoniel, introducirt und tractirt.

§. 18. Je mehr das Intereſſe eines Potentaten mit dem Lande welchen ein Regente vorgeſetzt werdẽ ſoll, verknuͤpfft iſt, iemehr erfordert die Vorſichtigkeit / daß er bey dem Wahl-Negotio vor das Heyl ſei - nes Landes durch ſeinen Geſandten vigiliren laſſe. Gleichwie der Roͤmiſche Pabſt bey allen Negotiis vor das Wachsthum ſeiner Kirche und die Aus - breitung ſeiner Religion beſorgt iſt, alſo muͤſſen ſei - ne Nuntii bey allen Wahlen der Roͤmiſch-Catho - liſchen Haͤupter mit concurriren.

§. 19. Die zu den Wahl-Handlungen abge - ſchickte Geſandten muͤſſen eine kluge Conduite be - obachten, damit ſie alle Staͤnde careſſiren, und keinen eintzigen vor den Kopff ſtoßen, denn wo die - ſes nicht geſchicht, werden ſie ihr Vornehmen nimmermehr zum gewuͤndſchten Ende bringen. Sie muͤſſen unter der Hand ihr Deſſeins formi - ren, ſich aber niemahls auf eine oͤffentliche und odieuſe Weiſe in die Regierungs-Sachen und Reichs-Geſchaͤffte miſchen.

§. 20.577Von Interregnis und den Wahlen.

§. 20. Bey den Polniſchen Wahl-Taͤgen iſt ei - ne hoͤchſtnoͤthige Eigenſchafft vor alle auslaͤndiſche Miniſter, welche auf einige Weiſe das Intereſſe ihrer hohen Herren Principalen mit dabey zu beſor - gen haben, daß ſie nicht allein beredt, fondern auch freygebig und großmuͤthig ſeyn, damit ſie durch al - lerhand complaiſance, ſtattliche Banquete, inſon - derheit aber durch ihr Geld die Stimmen ſo wohl der Senatoren als des Adels gewinnen moͤgen. Ja es wird von den Abgeſandten als ein unentbehrlich Stuͤck erfordert eine große Figur zu machen, offene Tafel zu halten, viel Geld aufzuwenden, und an - ſehnliche Geſchencke auszutheilen, weil ſonſt die auf den Wahl-Tag verſammleten Staͤnde, wenn ſie nur den gerinſten Argwohn einiger Spahrſamkeit oder Kargheit bekommen, alſobald den Schluß daraus machen, daß der Principal ei - nes ſolchen Ambaſſadeurs ein armer und unvermoͤ - gender Herr ſeyn muͤſte, daher ſie ſich auch nach - gehends gar ſchwerlich entſchluͤſſen, denſelben oder denjenigen den er vorgeſchlagen, auf den Thron zu erheben. Gleichergeſtalt haben ſie Urſache, mit allen erſinnlichen Fleiß ſich zu bemuͤhen, daß ſie die Cleriſey auf die Seite bekommen.

§. 21. Jn den Reichs-Satzungen und Grund - Geſetzen werden auch gewiſſe Requiſita von dem - jenigen, der zu dem kuͤnfftigen Regenten erwehlet werden ſoll, erfordert, inſonderheit aber die Reli - gion, zu welcher er ſich bekennen ſoll exprimirt. Alſo ſoll ein Roͤmiſcher Kayſer der Geburth nachO oein578III. Theil. III. Capitul. ein Teutſcher ſeyn, ſeiner Ankunfft nach von Durchlauchtigen Herkommen, in Anſehung ſeiner Guͤter reich und maͤchtig, der Religion nach kein Unglaͤubiger noch ein Ketzer. Der Schwaben - Spiegel ſagt bey dem Goldaſto in dem I. Theile der Teutſchen Reichs-Satzungen, L. I. C. 21. §. 3. einen lahmen, meuchelſichtigen Mann, und der in dem Bann oder in der Acht iſt, oder ein Ketzer, den ſollen die Fuͤrſten nicht zum Koͤnig kieſen. Kieſen ſie aber dieſen, ſo verwerffen ihn wohl die andern Fuͤrſten mit Recht.

§. 22. Da ſich bißweilen bey der Erledigung ei - nes Thrones viel Europaͤiſche Printzen auf eine Cron Rechnung machen, ſo ſind ſie einer fruͤhzeiti - gen Wahl eines Nachfolgers entgegen, ſo viel ſie koͤnnen, damit ſie durch das trainiren, Hoffnung behalten, auch hierbey zu reuſſiren.

§. 23. Jſt einer oder andere dem etwan einver - meyntliches Recht an der Crone zuſtehet, oder der ſich einbildet, daß er nothwendig dabey mit concur - riren muͤſte, davon ausgeſchloſſen worden, ſo ſchickt derſelbe ſolenne Proteſtationes wieder die Wahl ein, und will die geſchehene Wahl hierdurch un - kraͤfftig machen, und vor null und richtig erlaͤh - ren.

§. 24. Jſt von einer ſtarcken Faction des Reichs wider die Verfaſſung der Grund-Geſetze ein un - rechtmaͤßige Wahl getroffen, ſo proteſtiren die andern Staͤnde wider die Election, ſo die uͤbelge - ſinnten zum Nachtheil der Geſetze und der Conſti -tutonen579Von Interregnis und den Wahlen. tutionen unternommen, ſie halten das gegenſeitige Verfahren vor Attentata, und verhoffen daß alle Koͤnige, Fuͤrſten und andere Chriſtliche Staaten es mit Befrembden anſehen, und denjenigen Prin - tzen, der durch die freyen Stimmen ihrer Nation auf den Thron erhoben worden, vor ihren recht - maͤßigen Souverain erkennen werden; ſie publi - ciren offters Manifeſte, und erklaͤhren ſich darin - nen, daß ſie bereit waͤren, den von ihnen erwehl - ten Fuͤrſten biß auf den letzten Bluts-Tropffen zu vertheidigen, den andern aber wuͤrden ſie nim - mermehr vor ihren Herrn erkennen, ſondern alle diejenigen, die bey der gegenſeitigen Wahl gegen - waͤrtig geweſen, und derſelben in einiger Weiſe Aſſiſtenz geleiſtet, vor Feinde des Vaterlandes achten.

§. 25. Von Rechts wegen ſollen die Suffragia frey ſeyn, ſie werden aber bey vielen ja ich moͤchte wohl ſagen, bey den meiſten durch Geld, oder durch Affecten gelenckt, daß ſie bey ihrer Wahl nicht auf die Wohlfarth des Reichs ſehen, wie es wohl ſeyn ſolte, ſondern vielmehr auf ihre eigene intereſſirte Abſichten. Obſchon zuweilen von den Eligenten ein Jurament erfordert wird, daß ſie nach ihren beſten Wiſſen und Gewiſſen einen Regenten erwehlen wollen, und wenn auch gleich die collectio Votorum in den Grund-Geſetzen ausgemacht und vorgeſchrieben wird, ſo wird doch offters die Unordnung nicht dabey vermieden, das tumultuariſche Weſen und die Affecten behal -O o 2ten580III. Theil. III. Capitul. ten dabey die Oberhand, und es wird nicht ſelten derjenige erwehlt, der es am wenigſten vermuthend geweſen, und es auch vielleicht am wenigſten wuͤr - dig iſt.

§. 26. Bey einigen Wahl-Reichen haben die Vaͤter ihre Printzen vorgeſchlagen, ihre Tugenden geruͤhmet, und ſie dem Volcke auf das beſte ange - prieſen, ſie haben aber bey dieſem Fall durch andere Puiſſancen groſſe Hinderniſſe angetroffen, indem ſie durch ihre Geſandten der Nation vorſtellen laſ - ſen wie eine ſolche Wahl auf alle Weiſe zu disſua - diren, und wie man hierdurch nichts anders abzie - lete, als ein Wahl-Koͤnigreich in ein Erb-Koͤnig - reich zu verwandeln; iedoch haben ſich auch die Eligenten nicht allezeit an die gegenſeitigen Remon - ſtrationen gekehret, ſondern bißweilen den Vaͤtern, die ſich bey dem Volck Liebe erworben, hierinnen favoriſirt, und ihre Erben, wenn ſie Succeſſores der vaͤterlichen Tugenden geweſen, des Wahl - Rechts unbeſchadet, zu den kuͤnfftigen Cron-Fol - gern des Koͤnigreichs beſtimmt. Bißweilen hat es auch wohl gar einigen gegluͤckt, daß ſie ſich ſelbſt erwehlen koͤnnen; ſie haben geſagt, ſie kaͤnten ſich ſelbſt beſſer als einen andern, auf ſich votirt, und nachgehends bey andern Beyfall erhalten.

§. 27. So bald ein Regent erwehlet worden, legen ſie ihm eine Capitulation oder gewiſſe Articul vor, die er nothwendig eingehen muß, bevor die Proclamation ihren Fortgang haben kan. Es ſind dieſelben vor nichts anders anzuſehen, als voreinen581Von Interregnis und den Wahlen. einen Contract oder Vergleich, der zwiſchen dem kuͤnfftigen Koͤnig und dem Volck aufgerichtet wor - den. Dieſe Pacta, Conventa, oder wie ſie ſonſt weiterhin koͤnnen und moͤgen genennet werden, muͤſ - ſen die Regenten gemeiniglich eydlich beſtaͤrcken, und die Nation hiedurch in Sicherheit ſetzen, daß ſie denſelben in allen und ieden Puncten und Clau - ſulen nachleben wollen. Der Haupt-Punct kommt in dieſen Capitulationen darauf an, daß ſich die Koͤnige keiner Succeſſion oder Erbſchafft uͤber das Koͤnigreich anmaſſen, oder darnach trachten wollen, die Crone auf ihre Erben oder Nachkommen, oder iemand anders, ohne Einwilligung des Volcks, zu transferiren.

§. 28. Uber dieſen Haupt-Punct dingen ſich die Eligenten unterſchiedenes ſonſt noch aus, ſo zu ih - rem Intereſſe oder Honeur gereicht, und reguli - ren zugleich einige Puncte in dem Ceremoniel - Weſen. Alſo haben die Chur-Fuͤrſten in denen, mit den Roͤmiſchen Kayſern errichteten Wahl-Ca - pitulationen paciſciret, daß ihre Gefandten an den Kayſer - und Koͤniglichen Hoͤfen und in den Capel - len, den Bothſchafftern der auswaͤrtigen Republi - cken, und auch den Fuͤrſten in Perſon ohne Unter - ſchied vorgehen ſollen.

§. 29. Vor der Wahl wird gemeiniglich ein Gottesdienſt in der Kirche gehalten, und dabey viel Lateiniſche Hymni abgeſungen, daß der Heilige Geiſt ihnen die zu dieſer Wahl noͤthige ErleuchtungO o 3ver -582III. Theil. III. Capitul. verleihen wolle; es geſchicht aber dieſes Abſingen mehrentheils nur pro forma.

§. 30. Die geſchehene Wahl wird dem Volck entweder durch Herolde oder auf andere Weiſe, durch Trompeten - und Paucken-Schall, und wie es an einem ieden Orte hergebracht, bekandt ge - macht, und nachgehends eine ſolche Abkuͤndigung der geſchehenen Wahl durch ein vielfaches Vivat ſolenniſiret und begleitet. Jſt ein neuer Pabſt erwehlet, ſo zeiget ſich der Ceremonien-Meiſter auf dem Altar der St. Peters-Kirche dem Volck, und thut ihm die geſchehene Erwehlung mit lauter Stimme kund, hierauf laͤſt ſich ein allgemeines Freuden-Geſchrey hoͤren, es werden alle Glocken gelaͤutet, es erſchallen Trompeten und Paucken, und das grobe und kleine Geſchuͤtz wird abge - feuert.

§. 31. Dem erwehlten Printzen wird die be - ſchehene Wahl durch eine ſolenne Ambaſſade no - tificiret. Alſo wurde anno 1697. dem Durch - lauchtigſten Chur-Fuͤrſten zu Sachſen Herrn Frie - drich Auguſto durch eine groſſe Geſandtſchafft, ſo die Republick Pohlen nach Tarnowitz zu ihm ab - ſchickte, die ihm getroffene Wahl zu wiſſen gethan, und der Groß-Feld-Herr Jablonowsky legte eine wohlgeſetzte Rede dabey ab. Dergleichen geſcha - he auch im Nahmen des Groß-Hertzogthums Lit - thauen, und im Nahmen des geſammten Pohlni - ſchen Adels dem Koͤnig Johann Sobiesky.

§. 32. Jſt nun dem deſignirten Succeſſori dieWahl583Von Interregnis und den Wahlen. Wahl entweder durch Geſandten oder durch Brie - fe intimirt worden, ſo findet er ſich gar bald zur Croͤnung ein, ſintemahl es heutiges Tages gar ein rarer Caſus waͤre, wenn ein groſſer Herr eine Cro - ne refuſiren ſolte, wiewohl man in den abgewiche - nen Zeiten einige dergleichen Exempel in den Ge - ſchichten antrifft. Dem Chur-Fuͤrſten zu Sach - ſen, Friedrich dem Weiſen, wurde, nach Abgang des Kayſers Maximiliani I., das Kayſerthum offe - riret, er ſchlug es aber großmuͤthig aus. S. Fabri - cii Rer. Miſnicar. L. I. f. 23.

§. 33. Auf die gluͤcklich vollzogene Wahlen wer - den mancherley Medaillen und Schauſtuͤcke gezei - get. Alſo ſahe man bey der allerhoͤchſten Kayſer - lichen Wahl des ietzigen Roͤmiſchen Kayſers Ca - roli VI. und deſſen Wiederkunfft in Teutſchland folgende Schau-Muͤntze: Der Kayſer ſtund in der alten Tracht eines Sieg-prangenden Uberwin - ders, als gleichſam mit einem Fuß ausſteigend aus der Spitze eines Roͤmiſchen Schiffes, wie ſolches auf den alten Muͤntzen die gluͤckſeligen Zuͤge und Thaten zu Waſſer vorſtellet, mit der einen Hand hielten ſie das guͤldene Vließ, welches ſie als das Ehren-Zeichen der Spaniſchen Crone, wie ein an - derer Jaſon, zu Waſſer und Land durch ſo viel heroi - ſche Thaten erobert, und zugleich eine Erd-Kugel mit dem Phœnix, als das Bild der wiederherge - brachten gluͤckſeligen Zeiten, mit der andern Hand empfangen Sie bey ſiegreicher Wiederkunfft die durch allgemeine Wahl aufgetragene Sieges-Cro -O o 4ne584III. Theil. IV. Capitul. ne von dem zuruͤckkommenden Gluͤck. Die Uber - ſchrifft: Luſtratis terrâ marique finibus, zeigt an, daß dieſes geſchehen, da ſie, nach alten Gebrauch vieler Voͤlcker, vor Antritt der Regierung die Gren - tzen zu Land und Waſſer beſichtiget, und zwar mit Sieg und hoͤchſter Ehre; Unten in dem Abſchnitt laſe man die Worte: Fortuna redux M. D. CCXI. S. Guſtavi Heræi Gedichte und Latein. Schriff - ten p. 48.

Das IV. Capitul. Von der Croͤnung.

§. 1.

Den natuͤrlichen Rechten nach pflegt zwar die Croͤnung der Koͤniglichen Wuͤrde nichts zu geben noch zuzueignen, ſondern ſie wird in den Wahl-Reichen erlangt durch die Wahl, und in den Erb-Koͤnigreichen durch die Succeſſion, inzwiſchen iſt ſie doch vor eine Declaration der Koͤniglichen Dignitaͤt anzu - ſehen; ſie giebt den Unterthanen Gelegenheit, daß ſie vor ihre Ober-Herren groͤſſere Veneration und Ehrerbietung haben, und die Mit-Regenten deſto eher Anlaß finden, ihnen zu gratuliren, und mancherley Freundſchaffts-Bezeugungen ihnen zu leiſten. Einige Unterthanen haben wie wohl faͤlſch - lich, geglaubt, die Croͤnung waͤre ſo noͤthig, daß ſieauch585Von der Croͤnung. auch ihren Ober-Herren, bevor dieſelbe geſchehen, keinen Gehorſam leiſten wollen. S. den Europaͤi - ſchen Herold II. Theil, f. 403.

§. 2. Die Croͤnungs-Feſte werden vorhero an oͤffentlichen Oertern der Reſidentz oder des Ortes, wo die Croͤnung vorgenommen werden ſoll, durch Herolde oder durch Trompeten - und Paucken - ſchall einen ieden kund gethan, damit ſich iederman darnach zu richten weiß. Es werden an die Staͤn - de des Reichs beſondere Einladungs-Schreiben abgefaßt, daß ſie ſich bey der Croͤnung einfinden; oͤffters wird die gantze Ritterſchafft, oder doch de - ren ein groſſer Theil verſchrieben, daß ſie die Pro - ceſſion nach der Kirche mit auszieren helffen. Es wird der Milice, der ſaͤmtlichen Hofſtatt, der Geiſt - lichkeit, und den Buͤrger-Compagnien angemeldet, wo und auf was Art ſie ſich einfinden ſollen. Es werden Reglemens publicirt, wie die gantze Pro - ceſſion dirigirt werden ſoll. Es werden Herolde und Marſchaͤlle geſetzt, die in der Kirche alle Plaͤtze vor diejenigen, die der Croͤnung mit beywohnen, und vor die vornehmen fremden Zuſchauer in Ord - nung bringen muͤſſen.

§. 3. Einige Staͤdte pflegen von vielen Seculis her das Privilegium zu haben, daß die Koͤnige da - ſelbſt muͤſſen gecroͤnet werden. Man gehet ſelten davon ab, iedoch bringen es die Umſtaͤnde bißweilen ſo mit ſich, daß eine Veraͤnderung des Ortes hier - innen vorgenommen wird. Nachdem der Land - graf zu Heſſen-Caſſel, Friedrich, zum Koͤnig inO o 5Schwe -586III. Theil. IV. Capitul. Schweden anno 1720. erwehlet worden, ſo ſchick - ten die Staͤnde eine Deputation an den Koͤnig, Jhro Majeſtaͤt unterthaͤnigſt zu erſuchen, es moͤch - ten Dieſelben geruhen, Dero Croͤnung nicht, wie gewoͤhnlich, zu Upſal, ſondern in Stockholm ver - richten zu laſſen, weil der Bauersmann, wegen ſei - nes benoͤthigten Vorſpannens, an dem Ackerbau, die Soldaten, welche bald ins Feld ruͤcken ſolten, durch das hin - und hermarſchiren an der Defenſion des Landes, und ſie, die Reichs-Staͤnde, an ihren gegenwaͤrtigen Deliberationen allzu ſehr gehin dert werden moͤchten, im Fall die Croͤnung zu Upſal ge - ſchehen ſolte. Der Koͤnig uͤberließ den Ausſpruch in dieſer Sache Dero Gemahlin Majeſtaͤt; Die - ſe wuͤnſchten zwar hertzlich, daß die Croͤnung am gehoͤrigen Orte geſchehen moͤchte, lieſſen aber end - lich, nach reiffer Uberlegung, die von den Staͤnden angefuͤhrten Motiven gelten, und entſchloſſen alſo, daß dieſelbe zu Stockholm geſchehen ſolte.

§. 4. Die Crone und andere Reichs-Inſignien werden nach den Grund-Geſetzen des Reichs an gewiſſen Orten aufbehalten, und mit beſondern Ce - remonien allezeit nach dem Ort der Croͤnung ab - gehohlt. Bißweilen ſind einige an dieſen Ort, und die andern werden an einen andern Ort aufbehalten, iſt Gefahr wegen des Feindes obhanden, ſo trans - portirt man ſie anders wohin, da ſie ſicherer ſeyn.

§. 5. Die Forme der Cronen iſt unterſchiedlich. Die Cronen, die die Koͤnige an den Croͤnungs -Feſten587Von der Croͤnung. Feſten fuͤhren, ſind von denen, welche ſie ſonſt bey groſſen Solennitaͤten auf ihren Haͤuptern zum Staat zu tragen pflegen, in etwas different. So wird auch an den Cronen der Koͤniginnen ei - niger Unterſchied geſpuͤhrt. Uber die ordinairen Cronen mit welchen die Koͤnige an ihren Croͤnungs - Taͤgen paradiren, ſind in einigen Reichen auch noch beſondere Cronen ihrer Vorfahren vorhan - den, deren ſich die Koͤnige bey der einen und andern Handlung auch noch zu bedienen pflegen.

§. 6. Sie brilliren insgeſammt mit den koſt - barſten Edelſteinen die nur zu finden ſeyn. Die Crone ſo der Kayſer in Rußland Petrus I. ſeiner Gemahlin zur Croͤnung deſtinirt, iſt ſo koſtbar ge - weſen, daß dergleichen in Europa niemahls geſe - hen worden. Es ſoll ſie ein Frantzoſe gemacht haben, und zehn biß zwoͤlff Pfund ſchwehr gewe - ſen ſeyn; Sie wurde von einigen biß auf 4. Mil - lionen Rubeln an Werthe angegeben. Es ſollen inſonderheit an ſelbiger 2. Diamanten zu ſehen geweſt ſeyn, die ein Perſianiſcher Kauffmann an den Czaar verhandelt, und auf zwey hundert tau - ſend Rubeln geſchaͤtzt worden.

§. 7. Als der ietzige Koͤnig in Portugall Anſtal - ten machte, ſich mit eben den Formalitaͤten und Ceremonien, wie auswaͤrtige Koͤnige zu thun pfle - gen, croͤnen zu laſſen, brachte man die koſtbarſten Edelſteine und Diamanten, die in Europa zu fin - den, zuſammen, deren principalſten auf 400 tau - ſend Cruſado geſchaͤtzt worden. Ein Cruſadomacht588III. Theil. IV. Capitul. macht nach unſerer Muͤntze einen Thaler vier Gro - ſchen. An. 1717. erhandelte der Hertzog von Orleans als Regent in Franckreich von Monſieur Pitt einen Englaͤnder, der von den Gouverneur des Fort Saint George in Oſt-Jndien geweſen, und von da als er an. 1710. nach England retourniret, dieſen Stein mitgebracht, einen Diamant vor zwey Millionen Livres, um ſolchen der Koͤniglichen Crone einzuverleiben. Er hatte dieſen Stein, der ein vortreflicher Brillante war, und an Groͤſſe einen kleinen Ey gleich, in dem Lande des groſſen Moguls mit Liſt erhaſcht, ſolchen hierauf brillandiren zu laſſen. Vor welchem zu ſchneiden ſollen dem Kuͤnſtler allein 1000000. Guͤlden gegeben, und aus den Fragmentis mehr als 150000. Guͤlden ge - loͤſet worden ſeyn, und ſoll allein 2. Jahr hieruͤber zugebracht haben. Eine mehrere Nachricht hie - von ſiehe in dem I. Verſuch der Schleſiſchen Na - tur - und Kunſt-Geſchichte. Artic. V. p. 75.

§. 8. Der Autor des XLVI. Stuͤcks der Euro - paͤiſchen Famæ moraliſirt uͤber die Koſtbarkeit der Koͤniglichen Cronen folgender geſtalt: Die Circul der Cronen faſſen in ihren Umkreyß eine unaus - ſprechliche Menge wideriger Zufaͤlle, und die bli - tzenden Steine, welche die Kuͤnſtler daran gefuͤgt, ſind ein bloßes Zeugniß, daß die Steinbuͤrden viel ſchwehrer weder gemeine Gemuͤther ſich einbilden, oder daß mancher Souverain mehr Steine in den Hertzen als gluͤckſeelige Momens ſeiner Regierung zu zehlen weiß.

§. 9.589Von der Croͤnung.

§. 9. Je weiter der Ort der Croͤnung von der Koͤniglichen Reſidentz abgelegen, und ie mehr aus - waͤrtige von Biſchoͤffen, Ertz-Biſchoͤffen oder Reichs-Officianten u. ſ. w. dabey zu verrichten ha - ben, deſto eher muß ihnen die bevorſtehende Croͤ - nung notificirt werden, damit ſie rechte Zeit haben, ſo wohl zur Reiſe als auch zu den andern Ceremo - nien das noͤthige zu veranſtalten. So bald ein Koͤnig in Franckreich den Entſchluß gefaſt, ſich croͤnen zu laſſen, und zu ſalben, ſo wird daſſelbe nicht allein bey Hofe publicirt, ſondern es wird auch dem Ertz-Biſchoff zu Rheims, und dem Rath daſelbſt angedeutet, die gehoͤrigen Anſtalten zu dieſer Solennitaͤt vorzukehren. Es werden ih - nen Koͤnigliche Ceremonien-Meiſter zugegeben, welche das Ceremonien-Weſen denen ihnen er - theilten Inſtructionen zu Folge nach den Umſtaͤn - den der Zeit einrichten muͤſſen, dem Gouverneur von Champagne wird die Sorge vor die Milice aufgetragen, ſo anmarſchirt iſt um den Koͤniglichen Hof unter waͤhrender Salbung und Croͤnung zu bedecken. Der Abt von Saint Renci muß das Flaͤſchgen mit dem Heiligen Salb-Oel und der Abt zu Saint Denys den in ſeiner Abtey verwahr - ten Koͤniglichen Ornat zur Croͤnung in Bereitſchafft halten. Die zu dieſer Solennitaͤt verſchriebenen geiſtlichen und weltlichen Pairs laſſen es ſo dann an koſtbaren Anſtalten auch nicht fehlen, weil im - mer einer den andern an Pracht und Magnifi - cence zu uͤbertreffen bemuͤhet iſt.

§. 10590III. Theil. IV. Capitul.

§. 10. Jn Pohlen iſt es etwas beſonders, daß allezeit des letzt verſtorbenen Koͤnigs Leich - Begaͤngniß vor den Croͤnungs-Tage gehalten, und deſſen verblichener Coͤrper nach der Kir - che des Heiligen Stanislai insgemein Schal - cka genandt, gebracht wird. Bey dem Gra - be zubrechen die Marſchaͤlle ihre Staͤbe, und alle die uͤbrigen hohe Bedienten geben durch an - dere Zeichen zu erkennen, daß ſie ihre Aemter nie - dergelegt. Hierauf wird der Koͤnigliche Leich - nam in der Cathedral-Kirche eingeſenckt, und zu den uͤbrigen Koͤnigen geſetzt, als welche faſt ins - geſammt daſelbſt begraben liegen. S. Connors Beſchreibung des Koͤnigreichs Pohlen. p. 586.

§. 11. Wenn die Koͤnige in den Staͤdten anlan - gen, wo ſie ſollen gecroͤnet werden, ſo werden ſie theils von der Geiſtlichkeit, theils von den Magi - ſtrats-Perſonen, und allen Einwohnern mit dem groͤſten Frohlocken und der aller erſinnlichſten De - votion bewillkommt und angenommen.

§. 12. Wollen ſie ſich in die Kirchen begeben zur Croͤnung und Salbung, ſo wird ein praͤchtiger Aufzug aus dem Reſidentz-Hauſe in die Kirche ge - halten; Sie paſſiren durch mancherley Ehren - Pforten, die nach den Regeln der Architectur und Bildhauer-Kunſt mit mancherley Statuen, Deviſen und andern ſinnreichen Erfindungen ausgezieret ſind. Es wird etwan durch eine auf dem Schloß - Thurm ausgeſteckte Fahne, oder durch ein ander Signal ein Zeichen zum Gelaͤute gegeben, und dar -auf591Von der Croͤnung. auf werden alle Glocken gelaͤutet, und die Proces - ſion gehet an, die Straſſen werden mit einem bre - ternen Fußboden belegt, und mit Tuch bedeckt, wel - ches hernach dem Volcke preiß gegeben wird. Bey der Croͤnung des ietzigen Koͤnigs von Engelland iſt es etwas beſonders geweſen, daß der gantze Weg der Proceſſion, biß nach dem Weſt-Muͤnſter zu, mit zwey Blaͤttern breiten blauen Tuch, ſo ſich in allen auf 1200 Ellen belauffen, bedeckt, und nach - gehends ſolch Tuch mit 9 Koͤrben voll wohlriechen - der Kraͤuter und Blumen, von Jhrer Majeſtaͤt or - dentlichen Blumen-Streuerin, in Begleitung noch 6 andern Frauenzimmers, uͤber und uͤber beſtreuet worden. S. die Beſchreibung der Croͤnungs-So - lennitaͤten p. 33.

§. 13. Die Ordnungen des ſolennen Einzuges in die Kirche pflegen nach dem Unterſchied der Eu - ropaͤiſchen Provintzien, auch wohl der Zeiten und der Croͤnungen in etwas von einander unterſchie - den zu ſeyn. Die vornehmſten Reichs-Offician - ten, die Cavaliere von der Hofſtatt des Koͤnigs, die Regimenter Milice, die Nobleſſe, die Geiſtlichkeit, die praͤchtigen Caroſſen, die koſtbar ausgeputzten Parade-Pferde, die Raths-Collegia, die Deputir - ten der Staͤdte, die Choͤre der Trompeter und Paucker, und alles uͤbrige, was zur Vergroͤſſerung des Staats und zum Embelliſſement in die Au - gen fallen kan, pfleget auf verſchiedene Weiſe, nach dem Unterſchied der Obſervanzen, mit einander verwechſelt zu werden. Die Straſſen werdenauf592III. Theil. IV. Capitul. auf beyden Seiten, um alle Unordnung und Unfug des Poͤbels zu verhuͤten, entweder von Soldaten - oder von Buͤrger-Compagnien geſchloſſen.

§. 14. Die Koͤnige kleiden ſich an ihren Croͤ - nungs-Taͤgen entweder in gantz beſondere Habite, die von langen Zeiten her bey dieſen ſolennen Handlungen eingefuͤhret, oder in ihre ordinaire Frantzoͤſiſche Kleidung, iedoch ſo propre und ma - gnifique, als nur kan erdacht werden. Bißwei - len legen ſie auch einen praͤchtigen ſilbernen und guͤldenen Harniſch und Pantzer an, und ſuchen ſich auch hierbey nach der Gewohnheit des Landes und dem Genie des Volcks zu richten. Als Jhro Roͤ - miſch-Kayſerliche Majeſtaͤt zum Koͤnig in Ungarn geeroͤnet wurden, fuͤhrten ſie bey waͤhrendem Auf - zuge eine Ungariſche Kleidung, mit einen Ungari - ſchen Mantel und Muͤtze, darauf ein mit koſtbah - ren Steinen beſetzter Reiger-Buſch zu ſehen, und an der Seite einen mit vielen Diamanter und an - dern Jubelen gezierten Saͤbel.

§. 15. Um ſich bey dem neuen Volck deſto mehr beliebt zu machen, pflegen ſie nicht ſelten bey dem Aufzuge die vornehmſten von den Officirern der Buͤrgerſchafft gantz gnaͤdig zu gruͤſſen, und auch wohl den Hut vor ſie zu ruͤcken.

§. 16. Die Koͤniginnen pflegen gemeniglich zu Fuß in die Kirche zu gehen, die Koͤnige aber reiten auf einem koſtbar ausgezierten Pferde. Beyde haben einen praͤchtigen von Gold und Silber ge - ſtickten oder mit dergleichen Frantzen geſomuͤcktenBalda -593Von der Croͤnung. Baldachin uͤber ſich, der von 8, 10 oder 12 Koͤnig - lichen General-Lieutenants oder den vornehmſten Reichs-Raͤthen getragen wird.

§. 17. Die vornehmſten von den Reichs-Staͤn - den oder Reichs-Bedienten, tragen die Reichs - Inſignien in die Kirche, und uͤbergeben ſolche den Ertz-Biſchoͤffen und Biſchoͤffen. Es beſtehen ſolche nicht allein in der Koͤniglichen Crone, in Scepter, Reichs-Apffel und Schwerdt, ſondern auch in einigen andern Stuͤcken, und bißweilen in gewiſſen raren Antiquitæten, die von den Vor - fahren noch hergekommen ſeyn. Sie werden ge - meiniglich einige Tage vor und nach der Croͤnung oͤffentlich zum Beſchauen ausgeſtellt, und zur Pa - rade viel tauſend Menſchen gezeigt.

§. 18. Es ſind ſo wohl die Kleinodien ſelbſt nach dem Unterſchied der Reiche unterſchieden, als auch ihrer Ordnung, nach welcher ſie getragen und uͤbergeben werden. Wenn etwas dabey verun - gluͤckt, wie es manchmahl zu geſchehen pflegt, ſo wird ſolches vor ein boͤſes Omen gehalten. Dem Koͤnig in Schweden Carl den XII. fiel ein groſſer Diamant aus der Crone, da er dieſelbe auf dem Haupt tragend zu Pferde ſteigen wolte, und ſein Pferd, nachdem er den einen Fuß in den langen Mantel verwickelt, ein wenig ſcheu worden, und eine ſtarcke Bewegung machte, ob ſolches von ohngefehr geſchehen, oder ob ſein fataler Todt bey Friedrichs-Hall dadurch angedeutet worden, will ich nicht beurtheilen.

P p§. 19.594III. Theil. IV. Capitul.

§. 19. Einige Politici haben allerhand gute Ge - dancken vorgetragen, was die Kleinodien des Reichs bedeuten, und wie ſich groſſe Herren hier - bey einer und der andern Pflicht ihrer Regierung erinnern ſollen und koͤnnen. Der Reichs-Apffel ſoll entweder die groſſe und mit viel Beſchwerlich - keiten vereinigte Laſt der Regierung, oder das ver - aͤnderliche, wandelbahre und ſich wunderlich dre - hende Gluͤck vorſtellen. Bey dem Creutz auf dem Reichs-Apffel ſollen ſie gedencken daß ſie Chriſten ſeyn, oder daß ſie das Chriſtenthum beſchuͤtzen ſol - len, oder daß ſie das Reich durch die Wohlthat des Gecreutzigten erlangt. Der Scepter ſoll ih - nen zum Merckmahl ihrer Gnade gereichen, das Schwerdt ihre Macht gegen die Widerſpenſtigen andeuten, der Ring die Verbindung des Koͤniges mit dem Volck, mit dem es gleichſam verlobet. S. Cap. IV. Diſſ. IV. von Beckmanns Syntagm. Notit. Dignit. Illuſtr. Jch glaube daß die wenig - ſten groſſen Herrn an ihren Croͤnungs-Taͤgen ſich bey dieſen moraliſchen Reflexions lange aufhalten, und daß die meiſten ſie vielmehr den Schulfichſe - reyen beyzehlen werden.

§. 20. Die Kirchen in welchen die Croͤnung vor - genommen werden ſoll, werden vorher auf das koſtbarſte ausgeſchmuͤckt, und die Ceremonien - Meiſter, die Herolde und Marſchalle bekommen Ordre, an welchen Ort ſie einen jeden, der u der Proceſſion gehoͤrt, bey dem Eingang in die Kirche placiren ſollen. Der Koͤnigliche Thron wird inder595Von der Croͤnung. der Kirche aufgerichtet. Auf dem Kirchhoff, und um die Kirche herum werden bewaffnete Soldaten geſtellt, um aller Unordnung vorzubeugen.

§. 21. So bald ſie in die Kirche kommen, werden ſie von der Geiſtlichkeit empfangen, und gemeinig - lich mit den Worten: Geſeegnet ſey der da kommt im Nahmen des HErrn, angeredet, und bey den Roͤmiſch-Catholiſchen mit Weyh-Waſſer be - ſprengt. Hierauf laſſen ſich die Paucken und Trompeten hoͤren, und der ſolenne Gottesdienſt faͤngt ſich an mit Anſtimmungen der Lob-Geſaͤnge. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen werden meiſten - theils lateiniſche Pſalmen muſicirt, bey den Evan - geliſch-Lutheriſchen aber das Lied, Komm Heilger Geiſt HErre GOtt, abgeſungen, oder auch andere Lieder von dem Amt des Heiligen Geiſtes, als, Komm GOtt Schoͤpffer Heilger Geiſt, ingleichen das Lied: Es woll uns GOtt g’naͤdig ſeyn.

§. 22. Die Ceremonien-Meiſter und Mar - ſchaͤlle fuͤhren die Koͤniglichen Perſonen auf den Thron und wieder zuruͤck. Der Thron der Koͤ - nigin iſt meiſtentheils um eine Stuffe niedriger als der Thron des Koͤniges, in dem uͤbrigen ſind ſie einander gleich. Nachdem die in der Kirchen er - bauten Throne nach der Croͤnung wieder zunom - men werden, ſo waͤre diejenige Invention eines Thrones, ſo von dem weyland beruͤhmten Koͤnig - lich Pohlniſchen und Churfuͤrſtlich Saͤchſiſchen Modellmeiſter Herrn Andreas Gaͤrtnern angege - ben worden, hierbey wohl anzubringen. Er ſtellteP p 2in596III. Theil. IV. Capitul. in einem Modell einen Thron von 8. Stuffen mit ſeinen gehoͤrigen Baldachin, kuͤnſtlichen Saͤulen - Wercken und Poſtementen vor, bey der Audienz ſtund er in vollen Splendeur, nach geendigter Au - dienz aber ſenckte ſich deſſen Architectur, ſo daß ſich die koſtbahren Saͤulen-Wercke in einander verlohren, und die Staffeln in einander verſtackten. S. das 62. Couvert der Saͤchſiſchen Brieffe. pag. 565.

§. 23. Die Herolde und Marſchaͤlle geben der Geiſtlichkeit, den Reichs-Officianten, und allen Perſonen, die bey der Croͤnungs-Solennitaͤt etwas zu verrichten haben, gewiſſe Zeichen, wenn ſie zu dieſer oder jener neuen Handlung ſchreiten ſollen, ſie ſorgen, daß die vornehmſten von der Proceſſion auf ihren, vor ſie erbauten Geſtuͤhlen nach ihrem Range placirt werden, und auch die frembden Zuſchauer auf denen in forme eines Amphitheatri vor ſie errichteten Stellagen bequeme Plaͤtze fin - den moͤgen.

§. 24. Mit den Koͤniglichen Inſignibus werden mancherley Ceremonien vorgenommen. Die Ertz-Biſchoͤffe und einige von den vornehmſten Reichs-Officianten hohlen den Koͤniglichen mit Gold Silber und Edelſteinen beſetzten Mantel, den Reichs-Apffel, das Reichs-Schwerdt, den Reichs-Schluͤſſel und das uͤbrige, und legen ſie dem Koͤnig an, oder geben ihm dieſelben in die Haͤnde; Sie recitiren faſt bey einem jedweden eine gewiſſe Gebeths-Formul, und fuͤgen einereſpe -597Von der Croͤnung. reſpective Erklaͤrung, Vermahnung und An - wuͤndſchung mit an.

§. 25. Alle dieſe Infignia ſind ſo wohl als die Crone bey einer Croͤnung koſtbahrer, als bey der andern. Der Koͤnigliche mit Hermelin gefuͤtter - te und mit Perlen und Diamanten beſetzte Mantel, ſo in Paris vor den Koͤnig in Portugall verfertiget wurde, ward auf 200 tauſend Cruſados geſchaͤtzt. S. den II. Th. der Einleitung zur neueſten Hiſtorie der Welt p. 5.

§. 26. Die vornehmſten Ertz-Biſchoͤffe und Biſchoͤffe des Koͤnigreichs verrichten allezeit die In - auguration. Jn Spanien der zu Toledo, in Franckreich der zu Rheims, in Britannien der zu Canterbury, in Pohlen der zu Gneſen, in Boͤhmen der zu Prag, u. ſ. w.

§. 27. Die Eyde werden zu dem Ende abgelegt, damit die Unterthanen hierdurch einiger maſſen ge - ſichert werden, daß die kuͤnfftigen Regenten ihrer Macht nicht mißbrauchen, und die Grund-Geſetze und Privilegia des Koͤnigreichs nicht durchloͤchern. Sie ſind an einem Ort ſchaͤrffer abgefaßt, als an dem andern, und beſtehen in der Verſicherung, daß ſie ſich wollen angelegen ſeyn laſſen, alles dasjeni - ge zu erfuͤllen, was von der guten Regierung eines Koͤniges kan gefordert werden.

§. 28. Die Ablegung des Eydes geſchiehet im knien, ſie legen zwey Finger beſtaͤndig auf die Bi - bel, und ſagen dem Cantzler oder dem andern, der ihnen den Eyd vorhaͤlt, denſelben mit deutlichenP p 3Wor -598III. Theil. IV. Capitul. Worten nach. Es geſchicht dieſer Actus vor dem hohen Altar, und werden ſie zu demſelben entwe - der von der Geiſtlichkeit oder von einigen Reichs - Staͤnden gefuͤhret. Jn dem Koͤnigreich Pohllen tragen der Ertz-Biſchoff von Gneſen und der Land - Bothen-Marſchall die Pacta und Conventa, auf welche ſich der Eyd gruͤndet, vor dem Koͤnig her / und fuͤhren ihn an den Platz, wo er den Eyd able - gen ſoll.

§. 29. Vor der Croͤnung bedienen ſich die Koͤ - nige und Koͤniginnen gemeiniglich der heil. Com - munion. damit ſie hiedurch ihren Glauben vor dem gantzen Volck, welches ſie beherrſchen wollen, oͤf - fentlich bekennen, und ſich auch hiedurch anheiſchig machen, den Glauben und die Religion zu beſchuͤ - tzen. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen werden auch wohl noch uͤber dieſes, entweder vor oder nach der Croͤnung, unterſchiedene Wallfarthen zu dieſem oder jenem Heiligen angeſtellet, der bey ihnen am meiſten beliebt, und in dieſer oder jener Kirche be - ruͤhmt worden.

§. 30. Die Salbung geſchicht durchgehends bey allen Europaͤiſchen Puiſſancen, welche gecroͤnet ſol - len werden, von dem vornehmſten Ertz-Biſchoff des Landes, welchem gemeiniglich ein paar andere Biſchoͤffe mit zu aſſiſtiren pflegen. Sie iſt ein ſehr alter Gebrauch, der ſich noch aus dem alten Teſta - ment her ſchreibet. S. II. Buch Moſis am XXIX Cap. 7. 8. III. Buch Moſis am XXI Cap. 10. 11. und geſchicht zu dem Ende, daß ſie ſey ein Zeichender599Von der Croͤnung. der Gnade GOttes, mit deſſen Gaben alle diejeni - gen, die entweder der Kirche oder dem gemeinen Weſen vorſtehen wollen, ausgeruͤſtet ſollen werden. Bey den Roͤmiſch-Eatholiſchen wird nicht erlaubt, daß ſie vor der Salbung einige Speiſe und Tranck zu ſich nehmen, es muͤſte denn von dem Pabſt bey einigen Faͤllen diſpenſirt werden.

§. 31. Es pflegt gar oͤffters einer von den Reichs - Staͤnden oder den vornehmſten Officianten dem Herrn Conſecratori das Gefaͤß mit dem Salb - Oehl zu reichen. Die Koͤniglichen Perſonen knien darauf auf die Sammet-Kuͤſſen nieder, legen die Cronen und Scepter neben ſich hin, und erwarten der Salbung. Die Herren Conſecratores neh - men etwas von dem Salb-Oehl auf die zwey foͤr - derſten Finger der rechten Hand, und ſalben die Koͤniglichen Perſonen auf die Stirne, und auf die Puls-Adern der beyden Haͤnde. Zuweilen ge - ſchicht die Salbung auch bey den Koͤnigen auf der Bruſt, und auf den entbloͤßten rechten Arm, unter den Schultern, an dem rechten Daumen, und dann an der flachen Hand, wie ſie nach der Obſervanz eines ieden Koͤnigreichs hergebracht. Es werden gewiſſe Gebethe bey der Koͤniglichen Salbung her - gebethet. Die Biſchoͤffe trocknen nachgehends das heilige Oehl wieder ab, und fuͤhren ſie wieder auf den Koͤniglichen Thron.

§. 32. Bißweilen werden ihnen vor der Sal - bung, bißweilen auch nach derſelben gewiſſe Habite oder beſondere Stuͤcke, die zu der Kleidung gehoͤ -P p 4ren,600III. Theil. IV. Capitul. ren, angelegt. Die Koͤnigin in Dennemarck Louy - ſe, die Gemahlin Koͤnig Friedrichs IV. ward anno 1700 nur auf dem Kopffe und der Bruſt geſalbet, ihr auch die Crone nicht abgenommen. Der Koͤ - nig von Sicilien ward am rechten Arm und zwi - ſchen den Achſeln geſalbet; und wo es anders wahr iſt was Thuanus ſchreibet, ſo iſt der Koͤnig in En - gelland Jacobus der I. auch an den Fuͤſſen geſalbet worden: Poſt feſtas acclamationes in capite, fronte, pectore, intra humeros, in brachiis, ma - nibus & pedibus coram Walliæ Principe filio & Eliſabetha ſilia unctus fuit. Thuan. L. CXXIX. ad ann. M. D. CIII.

§. 33. Nach der Salbung wird den Koͤnigen die Koͤnigliche Crone wieder aufgeſetzt, und der Scepter und andere Reichs-Kleinodien in die Haͤnde gegeben. Der erſte Koͤnig in Preuſſen Fridericus I. nahm vor der Salbung die Crone ſelbſt vom Haupt, und ſatzte ſie auch nach der Sal - bung wieder auf, zum Zeichen, daß er ſouverain, und ein Koͤnig von unumſchraͤnckter Macht waͤre, und ſeine Crone nicht durch frembden Vorſchub erhalten.

§. 34. Die Koͤniginnen empfangen die Cronen entweder zugleich mit ihren Gemahlen, oder ohne dieſelben. Mit ihren Gemahlen, wenn ſie entwe - der vor deren Croͤnung, oder um eben dieſelbe Zeit mit ihnen vermaͤhlet worden. Ohne dieſelben aber, wenn ſie erſt hernach mit Einwilligung der Staͤnde das Koͤnigliche Ehe-Bette beſtiegen. Wird inPohlen601Von der Croͤnung. Pohlen eine Koͤnigin allein und abſonderlich gecroͤ - net, ſo muß es geſchehen mit Einwilligung des Koͤ - niges, und auf deſſen vorhergegangenes Anſuchen bey der Republick. Er ſelbſt muß die Koͤnigin in die Kirche fuͤhren, und ſie dem Ertz-Biſchoff, oder einem andern deſſen Stelle vertretenden Biſchoff præſentiren, welcher ihr die Crone aufſetzt, ſie mit dem heiligen Oehl ſalbet, und ihr den Scepter in die rechte, den Reichs-Apffel aber in die lincke Hand giebt. Hierauf fuͤhret auch der Koͤnig die Koͤnigin nach dem Rath-Hauſe, doch wird ihr da - ſelbſt keine Huldigung geleiſtet.

§. 35. Jn den Koͤniglich Boͤhmiſchen Funda - mental-Geſetzen iſt verordnet, daß die Koͤnigin nach ihres Ehe-Herren Tode nicht eher des Koͤ - niglichen Leibgedings faͤhig werden kan, als biß ſie gecroͤnet. Durch die Croͤnung wird die weibliche Eventual-Succeſſion mehr befeſtiget; Es ſoll auch eine alte Propheceyung der Koͤnigin in Boͤhmen nicht eher maͤnnliche Erben verſprechen, als biß ſie ſich ſalben und croͤnen laſſen. Bey dieſen Croͤ - nungen iſt etwas beſonders, daß nach einem alten Gebrauch die Ehe-Weiber der Ober-Land-Offi - ciers, des Ober-Burggrafens, des Ober-Land - Hofmeiſters, Ober-Land-Caͤmmerers, Ober - Land-Richters, Ober-Cantzlers und andrer hohen Land-Bedienten ihre beſondern Tafeln haben.

§. 36. Bey der Koͤniglichen Ungariſchen Croͤ - nung des itzt regierenden glorwuͤrdigſten Roͤmi - ſchen Kayſers haben der Kayſer Dero Crone aufP p 5dem602III. Theil. IV. Capitul. dem Haupte und den Scepter in der Hand ha - bend, vor dem hohen Altar daſigen Gebrauch nach, um die Croͤnung der Kayſerin von Jhro Durch - lauchtigſten Eminenz mit den gewoͤhnlichen Wor - ten Reverendiſſime Pater poſtulamus &c. ange - ſucht.

§. 37. Anno 1723 im Monath November no - tificirten Jhro Rußiſche Majeſtaͤt Petrus I. in einem oͤffentlichen Manifeſte allen dero Untertha - nen, wie ſie intentionirt waͤren, nach dem Exem - pel aller Chriſtlichen Koͤnige, und inſonderheit wie - ler Griechiſchen Kayſer, Dero Gemahlin zur Ruſ - ſiſchen Kayſerin croͤnen zu laſſen; Unter andern Urſachen und Bewegungs-Gruͤnden fuͤhrten Sie mit an, Dero groſſe und ausnehmende Liebe und Treue, inſonderheit wie Dero Gemahlin Anno 1711. an dem Pruth ihm und ſeiner gantzen Ar - mee treflichen Beyſtand geleiſtet. Sie haͤtten alſo nach der ihnen von GOtt gegebenen Souveraini - tæt beſchloſſen, Dero Gemahlin vor ſothane Be - muͤhung mit Aufſetzung der Kayſerlichen Crone zu betreten. S. den II. Theil der Einleitung zur neueſten Hiſtorie der Welt p. 586. Nach voll - brachter Croͤnung der Koͤniginnen und Kayſerin - nen pflegen gemeiniglich die Dames von Graͤfli - chen und andern hohen Stande ſich die Gnade auszubitten, Jhnen allerunterthaͤnigſt den Rock zu kuͤſſen.

§. 38. Der Gottesdienſt in der Kirche wird nach vollbrachten Croͤnungs-Solennitæten mitAn -603Von der Croͤnung. Anſtimmung des Te Deum laudamus unter Trom - peten - und Paucken-Schall und Abfeurung der Canonen und der Mousqueterie geendiget; als - denn wird den Herolden ein Zeichen gegeben den Koͤnig auszuruffen, und ſind die Formulen hievon nicht allenthalben einerley. Bey den ietzigen Koͤ - nig in Schweden Friedrich den I. hoͤrte man fol - gende Formul. Nun iſt Friedrich der I. gecroͤ - net uͤber der Schweden - und Gothen-Land, auch darunter liegenden Provintzien, er und kein an - drer.

§. 39. Dieſes Ausruffen wird mit einem viel - fachen Vivat Rex begleitet. Bißweilen wird das gewoͤhnliche Vivat noch mit andern Wuͤnſchen vermehret, als: GOtt ſegne den Koͤnig, GOtt er - halte ihn. Je groͤſſer die Liebe iſt, je mehr erſchal - let das Ausruffen. S. Beckmanns Laudes Re - gales ad illuſtrandam acclamandi formulam Vi - vat. Jn Engelland iſt mehrentheils das Formul - gen, GOTT bewahre den Koͤnig, eingefuͤhrt. Der Ertz-Biſchoff von Lamberg begieng bey dem Ausruff des Vivat, ſo er dem Grafen Stanislao Leszynski zu Ehren wolte erſchallen laſſen, als er von einer Faction zum Koͤnig in Pohlen ausgeruf - fen ward, einen treflichen Fehler, indem er den Stanislaum keinen Koͤnig nennte, ſondern nur die Worte ausrieff: Vivat Stanislaus & Catharina Regina. Es war auch dieſes hierbey gar merck - wuͤrdig, daß die Croͤnung eben an dem Sonntage geſchah, da bey uns in Sachſen in dem Evangeliodie604III. Theil. IV. Capitul. die Worte: Wer ſich ſelbſt erhoͤhet, der ſoll er - niedriget werden, und wer ſich ſelbſt ermiedriget, der ſoll erhoͤhet werden, erklaͤhrt worden. S. den XL. Theil der Europaͤiſchen Famæ p. 247. Das Ausruffen des Vivat geſchicht bißweilen ohne Trompeten - und Paucken-Schall, bißweilen wird es aber auch damit vergeſellſchafftet.

§. 40. Die Proceſſion gehet auf eben die Weiſe wieder aus der Kirche, wie ſie hinein gangen waren, und ruͤcken die Paucker u. Trompeter vor der Kirch - thuͤre in den Marſch ein. Es werden auch gemei - niglich die Canonen dabey geloͤſet, und eine unaus - ſprechliche Menge der Zuſchauer erfuͤllt die Luͤffte mit Jauchzen und unaufhoͤrlichen Freuden-Getuͤm - mel eines erthoͤnenden Vivat Rex & Regina, wenn die Croͤnung nach dem Wundſch und Ver - langen des Volcks eingerichtet.

§. 41. Nach der Croͤnung werden unter das Volck guͤldene und ſilberne Muͤntzen ausgeworf - fen welches ebenfalls auf unterſchiedene Weiſe zu geſchehen pflegt. Bißweilen reutet ein Koͤnigli - cher Rentmeiſter mit 6 Reutern auf allen Straſ - ſen herum, und werffen das Geld in groſſer Men - ge aus, um das Volck in Freude zu ſetzen, und zur Liebe gegen ihren neuen Landes-Herrn anzurei - tzen, auch zu erweiſen, daß der Regent gutthaͤtig und milde ſey. An einigen Hoͤfen und zu man - chen Zeiten gehet es gar ſpahrſam damit zu, es werden entweder die Gedaͤchtniß-Muͤnten bloß an die Vornehmſten ausgetheilt, oder doch mit einerziemli -605Von der Croͤnung. ziemlichen Sparſamkeit ausgeworffen. Jn En -[g]eland pflegt der Schatzmeiſter des Koͤniglichen Haußes in Begleitung des oberſten Herolds waͤh -[d]nder Huldigungs-Solennitaͤt ſilberne und guͤl -[d]ene mit Fleiß hierzu verfertigte Medaillen, als Zeichen von Sr. Majeſt. Mildigkeit unter das um -[g]ehende Volck zu werffen, welches zu thun er ſo[l]ange fortfaͤhrt, biß die Koͤnigin auch gecroͤnet[i]ſt.

§. 42. Wenn ſie ſich an die Tafeln begeben,[ſo]pflegen ſie an dieſen ſolennen Croͤnungs-Taͤ -〈…〉〈…〉 en mit ihrem Koͤniglichen Hauſe meiſtentheils[a]llein zu ſpeiſen. Zuweilen ſpeiſen ſie in ihrem Koͤniglichen Staat mit der Crone auf dem Haup -[t]e, und mit dem umhangenen Koͤniglichen Man -[t]el, zuweilen legen ſie aber auch den Koͤniglichen Habit ab, und ziehen eine andere koſtbare Klei -[d]ung an, und ſetzen ſich mit bedecktem Haupt und[a]ufhabenden Hut mit Federn zur Tafel. Die Tafeln werden wie man leicht gedencken kan, an[d]ieſen ſolennen Feſtins auf das koſtbarſte und herrlichſte angerichtet, wie in dem erſten Theile[v]on Beſtellung der Koͤniglichen und Fuͤrſtlichen Tafeln nachgeleſen werden kan. Die Reichs - Officianten haben allerhand gewoͤhnliche Fun - ctionen dabey zu verrichten, und wenn einer oder der andere von den Hoͤhern oder Niedern wegen Kranckheit oder andern Zufaͤlle nicht zugegen ſeyn[k]an, ſo vertritt der naͤchſte im Range ſeine Stelle.

§. 43.606III. Theil. IV. Capitul.

§. 43. An der Tafel des Koͤnigs in Emgelland iſt eine beſondere Ceremonie, ſo ſich an ſeinem Croͤnungs-Tage begiebt. Es kommt ein Cham - pion, das iſt, ein Verfechter oder Kaͤmpffer des Koͤnigs auf einem weiſen Pferde mit einem Pan - tzer und eiſernen Handſchuhen angethan, und mit einigen Leuten umgeben, in das Gemach geritten, alsdenn rufft der Herold mit heller Stimme aus: Dafern iemand, er ſey wes Standes er wolle, vorhanden waͤre, der da leugnen oder auch nur in Zweifel ziehen wolte, daß der Koͤnig kein rechtmaͤßi - ger Erbe der Crone dieſes Koͤnigreichs Groß-Bri - tannien waͤre, oder ſolches nicht in ſeinem Beſitz haben ſolte, ſo zeigte ſich allhier deſſen Verfechter, welcher einen ſolchen, Luͤgen ſtraffen und oͤffentlich darthun wolte, daß er ein ſchaͤndlicher Verraͤther waͤre; alsdenn wirfft er zum Zeichen der Ausfor - derung ſeinen Pantzer und Handſchuh zur Erde, welchen, wenn er eine weile gelegen, der Herold wieder aufhebt, und dem Helden uͤberreicht. Jſt nun dieſes zu unterſchiedenen mahlen geſchehen, ſo kommt der Mundſchencke, præſentirt dem Koͤnig einen guͤldenen Becher voll Wein, mit einem De - ckel, welchen Jhro Majeſtaͤt dem Helden zutrinckt, und durch den Mundſchencken zuſtellen laͤſt. Der Champion nimmt ſelbigen ehrerbiethigſt an, zieht ſich ein wenig zuruͤck, trinckt daraus, und neiget ſich auf das demuͤthigſte gegen Sr. Majeſtaͤt dem Koͤ - nig. Hierauf behaͤlt er den Becher mit ſammt dem Deckel zu ſeiner Verehrung.

§. 44.607Von der Croͤnung.

§. 44. Es iſt faſt bey allen Croͤnungen der Eu - ropaͤiſchen Puiſſancen gewoͤhnlich, daß ein gantzer Ochſe gebraten, und dem Volck preiß gegeben wird. So pflegt auch ein Stuͤck davon an dem Croͤnungs-Feſt auf die Koͤnigliche Tafel gebracht zu werden. Jn einigen Koͤniglichen Reſidentien pflegt dieſer Ochſe einige Tage vorher durch die Fleiſcher-Knechte in der Stadt herum gefuͤhrt zu werden, nach dem ihm die Hoͤrner verguldet, und er mit bunten Baͤndern ausgeziert. Einige leiten den Gebrauch dieſer gebratenen Ochſen, ſo hernach dem Volck ausgetheilet werden, von den Trium - phen der Roͤmer her, die einen ſolchen Ochſen den Goͤttern geopffert, und ein herrlich Feſtin dabey angeſtellt. S. Hopiny de jur. inſign. C. II. §. VII. f. 249. Limn. not. in A. B. C. XXVII. §. VII. Obſ. 7.

§. 45. Uber dieſes findet man bey den unterſchie - denen Koͤniglichen Croͤnungen auch hin und wieder unterſchiedene Special-Gebraͤuche, z. E. das aus - werffen der Nuͤſſe bey den Boͤhmiſchen Croͤnungen, das anruͤhren der Kroͤpffigten bey den Koͤniglich - Frantzoͤſiſchen Croͤnungen u. ſ. w. Die gecroͤn - ten Haͤupter empfangen bißweilen vor, bißweilen auch nach der Croͤnung von den Staͤnden ſehr koſt - bare Geſchencke. Alſo haben die Koͤniglich-Boͤh - miſchen Staͤnde Jhrer Roͤmiſch-Kayſerlichen Ma - jeſtaͤt Carl dem VI und Deſſen Allerdurchlauch - tigſten Gemahlin bey der Croͤnung in einer ge - habten Audienz dem Kayſer zehntauſend, derKayſe -608III. Theil. IV. Capitul. Kayſerin aber fuͤnfftauſend Species Ducaten ver - chret.

§. 46. Bey der Croͤnung des ietzigen Koͤ[n]igs in Franckreich Ludwigs des XV. iſt als etwas beſon - ders angemerckt worden, daß die Vogelfaͤnger zu der Zeit, da das Volck unter einem mit Trompeten - und Paucken-Schall begleiteten Zuruff: Vivat Rex, ausgeruffen, eine groſſe Menge in Kefichte verſchloſſen geweſener Voͤgel in ihre Freyheit flie - gen laſſen.

§. 47. Die Croͤnungs-Taͤge werden allenthal - ben mit den groͤſten Solennitaͤten gefeye[r]t. Die Werck-Staͤtte und Kram-Laͤden werden nicht al - lein in der Koͤniglichen Reſidentz, ſondern auch biß - weilen in dem gantzen Koͤnigreich zugeſchoſſen ge - halten, es werden ſolenne Croͤnungs-Predigten abgelegt, die vortrefflichſte Muſic dabey gehoͤret. Man ſiehet und hoͤret allenthalben auf eine vielfa - che Weiſe Freudens-Feſtivitaͤlen, an Illum inatio - nen, Feuerwercken, Comœdien, Opern, Baͤllen; man laͤſt unter das Volck rothen und weiſſen Wein ſpringen, und ein iedweder iſt bemuͤhet, a[l]le nur er - ſinnliche Kennzeichen einer allgemeinen Feude und vollkommenen Zufriedenheit dabey an Tag zu le - gen. Auf eben dieſe Weiſe werden auch die jaͤhr - lichen Gedaͤchtniß-Feſte wegen der veneuerten Croͤnungs-Solennitaͤt celebriret. Es wird nicht ſelten ein General-Pardon vor die Gefan[g]enen da - bey publiciret, und gegen das Armuth[eine]gantz beſondere Koͤnigliche Munificenz erwieſ[e]n. Alſolieſſen609Von der Croͤnung. lieſſen Jhro Koͤnigliche Majeſtaͤt in Preuſſen Frie - drich der I. ruhmwuͤrdiger Gedaͤchtniß, anno 1704 den 18 Januarii an dem Gedaͤchtniß-Tag Jhrer Croͤnung in dem groſſen Friedrichs-Hoſpital alle Armen auf Koͤnigliche Unkoſten mit guten Spei - ſen und Getraͤncke an Bier und Wein tractiren.

§. 48. Die beſchehenen Croͤnungen werden al - ſofort an fremden Hoͤfen notificiret, und die gecroͤn - ten Haͤupter empfangen wegen derſelben gluͤckli - chen Vollziehung die Gratulations-Complimens, ſo wohl von auslaͤndiſchen Miniſtres als auch ein - heimiſchen Cavaliers und Dames, und andern Per - ſonen von Diſtinction.

§. 49. Die erſten Handlungen der Regierung nach vollbrachter Croͤnung beſtehen entweder in Creirung gewiſſer Ritter, oder in einnehmen der Huldigung, oder in andern Unternehmungen. Nach der Croͤnung des Roͤmiſchen Kayſers iſt der erſte Actus gemeiniglich die Einnahme der Huldi - gung bey der Croͤnungs-Stadt, und nach Gelegen - heit der andern Reichs-Staͤdte, welche auf der Ruͤckreiſe nach dem Kayſerlichen Hof-Lager be - troffen werden.

Das V. Capitul. Von Einzuͤgen.

§. 1.

Die Straſſen und Gaſſen der Reſidentz, wel - che bey den praͤchtigen Einzuͤgen paſſiret werden, ſind auf ausdruͤckliche Ordre und Befehl auf das beſte auszuzieren. Biß -Q qweilen610III. Theil V. Capitul. weilen werden ſie mit koſtbaren Tapeten behan - gen, bißweilen aber auch zu beyden Seiten mit ei - ner anmuthigen und continuirlich gruͤnenden Allee von Tannen-Baͤumen, die mit allerhand Sorten, theils natuͤrlichen, theils gekuͤnſtelten Obſtes behan - gen, ausgeſchmuͤcket. Manchmahl ſiehet man lauter gruͤnende Schwibboͤgen, Pyramiden und andere kuͤnſtlich eingeflochtene Arbeit und Schrifft, nebſt viel raren Abbildungen. Es wird auf das ſchaͤrffſte verbothen, daß ſich niemand in zerriſſenen oder ſonſt alten und lappichten Kleidern auf der Straſſe duͤrffe ſehen laſſen.

§. 2. Jn den vorigen Seculis war es denen Lan - des-Fuͤrſten eine angenehme Parade, wenn ihnen eine groſſe Menge allerhand Volcks entgegen kam, die vor Freuden jauchzeten und in die Haͤnde ſchlu - gen, oder wenn die Gaſſen mit kleinen Knaben und Maͤdgen beſetzt waren, die in weiſſen Hembden, ſo mit mancherley bunt-farbigen Bande ausgezieret, gruͤne Craͤntze auf den Haͤuptern fuͤhrten, und die Durchlauchtigſten Herrſchafften mit einer Choral - Muſic, die ihren Kraͤfften und Vermoͤgen propor - tionirt war, beehreten; wie denn nebſt viel andern der theure Chur-Fuͤrſt zu Sachſen Johann Frie - drich, als er aus ſeinem Gefaͤngniß wieder zuruͤck kehrete, in Jena Weimar, Coburg und andern Or - ten auf dieſe Weiſe beneventirt worden. Heu - tiges Tages wuͤrde dieſe Ceremonie manchen gar ſpoͤttiſch vorkommen; iedoch lieſet man auch in der neueſten Hiſtorie, daß anno 1696. bey der ſolennenEin -611Von Einzuͤgen. Einholung und Empfangung der Princeßin von Savoyen, als Braut des Hertzogs von Burgund, die Gaſſen auf beyden Seiten mit lauter jungen und praͤchtig gekleideten jungen Leuten von einerley Taille beſetzt geweſen. Auſſer dem aber werden die Gaſſen entweder von der Buͤrgerſchafft oder der Miliz geſchloſſen, damit aller Unordnung verwehrt werde, und pflegen dieſelben entweder in neuer Mon - tirung oder doch ſonſt in ſauberer Kleidung zu er - ſcheinen. Jſt der Einzug bey Nacht, ſo ſind die Fen - ſter der Haͤuſer gemeiniglich mit weiſſen Wachs - Fackeln und auf andere Weiſe herrlich erleuch - tet.

§. 3. Es werden hin und wieder auf den Straſ - ſen praͤchtige Ehren-Pforten erbauet, die mit treff - licher Architectur an Seulenwerck, Gemaͤhlden, Statuen und Sinn-Bildern ausgezieret, und aus Holtz, oder Alabaſter, Porphyr, Gold und Silber zubereitet, wie ſie ſich zu einer ieden Handlung am beſten ſchicken. Bey den Ehren-Pforten, die vor die Printzen, ſo victoriſirend aus der Campagne wieder zuruͤck kommen, erbauet, ſiehet man ſolche Statuen und Deviſen, ſo die Kriegs-Tugenden und das Guͤck im Kriege vorſtellen. Bey den Ehren - Pforten, ſo der Ankunfft der Hoch-Fuͤrſtlichen neu Vermaͤhlten beſtimmt, ſind die Erfindungen von der Liche hergeholet.

§. 4. Wo man willens iſt, auf die Erbauung der Ehren-Pforten viel Unkoſten zu wenden, und eine groſſe Pracht dabey ſehen zu laſſen, ſo werdenQ q 2ihrer612III. Theil. V. Capitul. ihrer viel in einer geraden Linie hinter eimander an - gelegt, daß man auf perſpectiviſche Weiſe durch - ſehen kan, und ſie den Durchpaßirenden nicht an - ders, als die in einer Reihe liegende Gemaͤcher in den groſſen Pallaͤſten, deren immer eines ſchoͤner als das andere, anſcheinen. Bey manchen Eh - ren-Pforten iſt ein artiger Kunſt-Garten angerich - tet, in welchem viel Springbrunnen, Grottenwer - cke, Waſſerfaͤlle, und weiſſe Marmor-Bilder zu ſehen. Bey einer Ehren-Pforte, welche anno 1680 der Gemahlin des Koͤnigs in Spanien Ca - roli II. zu Ehren in Madrit angeleget war, obſer - virte man viel guͤldene Schilder, und auf dieſen des Koͤnigs und der Koͤnigin Wapen, welche von Per - len, Diamanten, Rubinen, Schmaragden, und andern Edelſteinen formirt waren, und dermaßen koſtbar, daß man verſichert, dieſe Ehren-Pforte waͤre 12 Millionen werth geweſen.

§. 5. Bey einigen Ehren-Pforten ſind Adler, Statuen, als der Mercurius und andere heydniſche Goͤtzen angebracht, die ſich bewegen, und den Koͤ - niglichen oder Fuͤrſtlichen Herrſchafften entweder Carmina uͤbergeben, oder Blumen und Fruͤchte ausſchuͤtten. Vor dieſen ſind auch einige ſchoͤne Jungfrauen als Nymphen gekleidet vorher gegan - gen, welche die gantze Straſſe mit Blumen be - ſtreuet. Es pflegen die Deputirten der Collegio - rum oder Communen, ſo die Ehren-Pforten er - bauen laſſen, die Durchlauchtigſten Herrſchafften mit einer ſolennen Rede zu bewillkommen, die dennent -613Von Einzuͤgen. entweder von den Herrſchafften ſelbſt, oder von Dero Cavalieren beantwortet werden. Bißwei - len uͤberreichen ſie ihnen bloß ein Carmen, oder be - zeugen ihre Devotion, um ſie nicht aufzuhalten, durch tieffe Neigungen. So werden ſie auch wohl an den Ehren-Pforten, entweder von Manns-Per - ſonen, oder von Frauenzimmer, die in Roͤmiſchen oder andern artigen Habit eingekleidet, mit einer lieblichen Muſic beehret.

§. 6. Unter waͤhrendem Einzuge laͤſt man biß - weilen die Roͤhren mit Weine vor den Poͤbel ſpringen, ingleichen werden Gedaͤchtniß-Muͤntzen unter das Volck ausgeworffen, und einige von der Soldateſque darzu geſtellet, um alles beſorgliche Un - heil zu verwehren. Die Glocken werden gelaͤutet, die Stuͤcken geloͤſet, die Choͤre der Trompeter und Paucker nebſt anderer Muſic wird allenthalben ge - hoͤret. Auf den Thuͤrnen zeigen ſich mancherley Seil-Taͤntzer und Lufft-Springer, die auf deren oberſten Knopff-Spitze allerhand Gauckel-Poſſen vornehmen, und entweder ein Piſtohl loßſchieſſen, oder ein Glaß Wein austrincken, und ſolches nach - gehends herunter werffen, wie man denn auf der Kunſt-Cammer zu Berlin noch ein Glaß zeiget, wel - ches bey dem Koͤniglichen Einzuge von des Thur - mes Spitze herunter geworffen worden, und den - noch biß auf ein klein Stuͤckchen, ſo am Fuſſe ab - geſprungen, gantz geblieben.

§. 7. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen ſiehet man gar offters bey ihren Einzuͤgen, und bey ihren Pro -Q q 3ceſſio -614III. Theil. V. Capitul. ceſſionen, die Geiſtlichkeit mit dem Creutz, ſo pfle - gen auch wohl die groſſen Herren bey ihnen wenn entweder die Ertz-Biſchoͤffe das Creutz præſænti - ren, oder wenn ſie ſonſt etwas von Heiligthuͤmern gewahr werden, vom Pferd abzuſteigen, auch wohl gar niederzufallen, und das Creutz kniend zu kuͤiſſen. Der Autor des VII. Theiles der Europaͤiſchen Fa - gedenckt hierbey p. 609, ein anders waͤre es das Creutz nach Gewohnheit zu kuͤſſen, ein anders aber daſſelbe dem Chriſtenthum zu Folge willig zu tragen.

§. 8. Geſchehen Einzuͤge auf dem Waſſer, ſo werden propre Schiffe ausgeruͤſtet, mit ſchoͤner Bildhauer-Arbeit, die in unterſchiedene Zimmer abgetheilt, mit Atlas, Sammt oder Brocate aus - geſchlagen, mit Venetianiſchen Glaß-Fenſtern, Flaggen und Fahnen ausgezieret, inwendig und auswendig verguͤldet und gemahlet ſind. Die Schiffe ſind entweder in Taffet oder ander Zeug auf Hollaͤndiſche oder andere Weiſe eingekleidet. Jſt es auf dem Abend, ſo werden die beyden Sei - ten des Ufers erleuchtet.

§. 9. Die Magiſtrats-Perſonen pflegen gar off - ters ihren Landes-Herrn bey ſeinem ſolennen Einzuge die Schluͤſſel der Stadt entweder auf ei - nem Sammet-Kuͤſſen und Polſter, oder in einer ſilbernen oder guͤldenen Schuͤſſel zu uͤberreichen, der ſie ihnen denn auf eine gar gnaͤdige Weiſe wie - der zuruͤck giebt.

§. 10. Der Anfang der Einzuͤge geſchicht nichtauf615Von Einzugen. auf einerley Weiſe. Am Kayſerlichen Hofe macht der Kayſerliche Hof-Quartiermeſter ger - ne den Einzug zum marchiren. Bey manchen Einzuͤgen kommt erſtlich ein Troup Dragoner oder Reuter die Gaſſen frey zu halten, nachgehends folget ein doppelt Chor von zwey paar Heerpau - ckern und 24 Trompetern, die ſich in waͤhrenden Marſch immer hoͤren laſſen, als denn kommen die Herolde und Fouriere. Bey andern wird der Einzug eroͤffnet durch eine Compagnie oder Eſqua - dron wohl-montirter Curaſſiers oder Carabi - niers. Gemeiniglich aber pflegen bey den ſolen - neſten Einzuͤgen, alle zum Poſt-Weſen gehoͤrige Officianten von den hoͤchſten biß auf den niedrig - ſten Rang vorweg zu reiten, als die Poſt-Com - miſſarii, die General-Ober-Poſtmeiſter mit ih - ren Bedienten, die Cammer-Couriere und die Poſtmeiſter des Landes, welchen ſo dann die Po - ſtilions folgen. Sie reiten ie 2 und 2 in einem Gliede. Die General-Ober-Poſtmeiſter fuͤhren propre verchamerirte Kleider, mit Sammet auf - geſchlagen, die mit der gewoͤhnlichen Farbe der Poſtilions-Kleidungen accordirt, ihre Capute iſt auch von ſolchen Sammt, das Poſt-Horn von Silber mit Diamanten beſetzt, und ihre um ſich tragende Scherpe von puren Silber. Die Poſt - meiſter haben ebenfalls neue und wohl-aſſorrirte Kleider, und ſilberne Poſt-Hoͤrner. Jhre Pferde die ſie reuten ſind alle von einerley Farbe, und das Pferde-Zeug von einerley Façon. Die Poſti -Q q 4lions616III. Theil. V. Capitul. lions erſcheinen in ihrer gewoͤhnlichen Kleidung, die aber nebſt dem Felleiſen, ſo ſie hinten mit auf - gepackt, und alle dem, was zu ihrer gantzen Equipage gehoͤrt, ebenfalls neu verfertiget iſt. Die Poſtilions haben wieder andere Pferde und ander Pferde-Zeug als die Poſtmeiſter. Alle die - ſe Poſt-Bedienten muͤſſen mit dem Blaſen ihrer Poſt-Hoͤrner die Ankunfft des Einzuges eclat machen.

§. 11. Die Fuͤrſtlichen Perſonen reiten entwe - der in den groͤſten Staat auf koſtbahren Pferden, oder ſitzen in praͤchtigen Caroſſen. Bey den Koͤ - nigen in Spanien iſt dieſes etwas beſonders, daß ſie reiten muͤſſen, wenn ſie ihren Einzug in Madrit halten. S. Luͤnigs Thetr. Ceremon. T. I. p. 143. Wenn ſie fahren, ſo haben ſie die Fenſter an den Waͤgen gemeiniglich offen, daß ſie ſich iedermann zeigen. Vor den Leib-Caroſſen in welchen die Fuͤrſtlichen Herrſchafften ſitzen, gehen entweder ein 12 oder 24 Mohren, mit den ſchoͤnſten Schar - lachnen Talaren, guͤldenen Halsbaͤndern und Tuͤr - ckiſchen Buͤnden, oder ein 12 Lauffer in ſeidenen und mit guͤldenen und ſilbernen Treſſen bordirten Waͤmſterchen, und dergleichen Schuͤrtzen, auch ſo viel Heyducken, 6 und 6 in einem Gliede in ihren Habitern. Vor oder hinter den Waͤgen folgen ein 24 Laqueyen und Pagen 2 und 2, oder 6 und 6 in einem Gliede. Neben der Caroſſe gehen ein 24 Hellepartirer, oder Schweitzer-Trabanten, auf ieder Seite 12 in ihrer gewoͤhnlichen Kleidung. An617Von Einzuͤgen. An ſtatt dieſer ſiehet man bißweilen um die Caroſſe viel Unter-Officirer, welche commandirt ſind, das haͤuffig andringende Volck abzuhalten. Uber dieſe gehen neben der Kutſche bißweilen zwey Wa - genhaͤlter, ſo reiten auch wohl einige Cavaliers ne - ben her. Als anno 1698 der damahlige Koͤniglich - Daͤniſche Cron-Printz Friedrich der IV. mit der Princeßin von Mecklenburg Louyſen Beylager hielt, giengen neben der Caroſſe uͤber die gewoͤhn - lichen Trabanten auch 12 Nordiſche und nach der Landes-Art gekleidete Bauern mit ihren Streit - Aexten.

§. 12. Die Fuͤrſtlichen Dames ſitzen in einer Ca - roſſe, und die Fuͤrſtlichen Manns-Perſonen auch in einer beſondern, welche von einem Zuge von 8 Pferden gefuͤhret werden. Zu den Caroſſen der Cleriſey in Spanien und Jtalien werden mehren - theils Maul-Eſel genommen.

§. 13. Die Leib - und Parade-Caroſſen ſind ent - weder inwendig und auswendig mit Sammt aus - geſchlagen, und mit Gold und Silber ausgeſtickt, oder von der koſtbarſten Mahlerey und Schnitz - werck, deren Deſſeins von den beruͤhmteſten Mei - ſtern verſertiget, und vortreflich mit einander har - moniren. Was man ſonſt an andern von Holtz ſiehet, iſt hier bey vielen von Silber und Gold. Die Geſchirre ſind von Sammet, die Schnallen und Boucklen daran von pur maſſiven Silber und Gold. Die Pferde-Decken von Sammet, mit Gold und Silber, Perlen und Edelſteinen aus -Q q 5ge -618III. Theil. V. Capitul. geſchmuͤckt. Die Zuͤgel bey den Pferden und Maulthieren von Gold, Silber oder Seiden, die Koͤpffe, Maͤhnen und Schweiff mit Feder-Buͤ - ſchen geziert, und mit den ſchoͤnſten Baͤndern ein - gebunden.

§. 14. Die Herrſchafftlichen Caroſſen werden auch von den uͤbrigen Caroſſen der ſaͤmmtlichen Cavaliers und Dames begleitet. Bey ſehr ma - gnifiquen Einzuͤgen wird Ordre geſtellt, daß keine Kutſchen unter 6 Pferden zuzulaſſen. Bey allen aber laͤſt ſich dieſes nicht practiciren, und es helf - fen ſo wohl die ſechsſpaͤnnigen als die vier und zweyſpaͤnnigen den Einzug mit vermehren. Eini - ge ſind mit Cavaliers und Dames beſetzt, die an - dern aber leer. Die Laquais, Lauffer und Pagen gehen vor einer ieden Caroſſe her, und ſind alle in neuer Liberey eingekleidet. Die Caroſſen der Ca - valiere von geringern Range und die mit wenigern Pferden beſpannet, fahren voran, und die uͤbrigen folgen hernach.

15. Uber die ordinairen Caroſſen ſiehet man bey den Einzuͤgen bißweilen mancherley kuͤnſtliche und von Bildhauer-Arbeit verfertigte Triumph - Waͤgen, unter den Vorſtellungen allerhand heydniſcher Goͤtter, die ſich zu einer ieden Feſtivi - taͤt ſchicken, als bey den Vermaͤhlungen die Ein - tracht, die Liebe, den Frieden u. ſ. w.

§. 16. Die Hof-Cavaliers, die zu der ſaͤmtli - chen Hoſſtatt gehoͤren, gehen entweder bey groſſen Feſtivitaͤten mit bloſſen Haͤuptern, oder reiten paarund619Von Einzuͤgen. und paar in der koſtarſten Kleidung, und ihre Pfer - de ſind mit den ſchoͤnſten Saͤtteln und Zeugen ge - zieret, die Cammer-Juncker kommen zuerſt, her - nach folgen die hoͤhern, als Cammer-Herren, die geheimbden Raͤthe u. ſ. w. biß endlich die oͤberſten Staats-Miniſtri der Durchlauchtigſten Herr - ſchafft am naͤchſten ſeyn, und ſo wird es ebenfalls gehalten wenn ſie in Caroſſen fahren.

§. 17. Die Pagen ſind gar offters bey ſolennen Einzuͤgen in propren Spaniſchen Habit einge - kleidet. Sie reiten entweder 2 und 2 oder 4 und vier in einem Gliede, und werden von ihrem Hof - meiſter gefuͤhrt. Bißweilen reitet auch vor ihnen einer in einem reichen mit Gold geſtickten Kleide, mit einer Javeline, auf einem ſtattlichen Tummel - Pferde in einem gantz verguldeten Curaß, mit ei - nem hohen Federbuſch auf dem Haupt. Manch - mahl reiten ein paar Zwerge in beſondern Habit entweder vor oder nach.

§. 18. Die Jaͤgerey wird von den Jagt-Fou - riers aufgefuͤhrt. Die Falckenirer kommen mit ihren Falcken auf den Haͤnden voran, und die Hand-Pferde der hoͤhern Officianten hinter drein. Bißweilen werden ſie in ein Corpo ein - getheilt, bißweilen in unterſchiedene, ſie fuͤhren eine gruͤne mit Gold geſtickte Fahne bey ſich, und ihre beſondere Jagt-Muſic. Ein paar Ober-Forſt - meiſter pflegen bißweilen die Jagt-Esquadronen zu ſchluͤſſen.

§. 19.620III. Theil. V. Capitul.

§. 19. Die Ritterſchafft aus dem Lande wird mit dazu verſchrieben, ſie wird nach den unterſchie - denen Creyßen in beſondere Diviſionen eingetheilt, die von den vornehmſten Haͤuſern und Geſchlech - tern des Landes gefuͤhrt wird. Sie reiten 2 und 2 oder vier und vier in einem Glied, haben alle ei - nerley egale und ihnen vorgeſchriebene Kleidung, ihre beſondere Fahne, und reiten auf wohlausge - ſuchten Pferden, die mit herrlichen Chabraquen und koſtbaren Zeuge belegt ſind.

§. 20. Die Fuͤrſtlichen Stallmeiſter und Be - reuters helffen nebſt der ihnen zubehoͤrigen Equi - page den Einzug ſehr mit embelliren. Die Hand-Pferde, die in einer ſehr langen Suite auf ein - ander folgen, werden von den Reit-Knechten ge - fuͤhrt. Sie ſind mit den koſtbarſten Chabraquen belegt, und Sattel, Zeuge und Decken nach beſon - dern wohlausgeſuchten Deſſeins mit Gold und Silber auch wohl mit Perlen und Edelſteinen ge - ſtickt. Offters ſind ſie auch mit Feder-Buͤſchen ausgeputzt. Auf den Chabraquen ſiehet man entweder den verzogenen Nahmen der Durch - lauchtigſten Herrſchafft, oder das Wepen ſo mit Gold, Silber und bundfarbigter Silde ausge - ſchmuͤckt, ingleichen auf den Decken geſtickte Adler, Cronen und ander ſolchen Zierrath. Vor dieſen wurden auf die Decken allerhand Sinn - Bilder, Cornucopiæ und dergleichen geſtickt, doch dieſes iſt heutiges Tages abkommen.

§. 21. Die praͤchtigen Einzuͤge der hohenHaͤupter621Von Einzuͤgen. Haͤupter, denen das jus belli & pacis zuſtehet, ſind mit mancherley Corps der Milice untermengt. Bald kommen ein Esquadron Curaſſirer, in gel - ben ledernen Colletten und halben Cuͤraſſen, die auf den Koͤpffen Casquette mit rothen Federn, und in den Haͤnden bloſſe Degen fuͤhren. Bald wieder die Grenadiers a Cheval, hernach Dra - goner, Carabiniers u. ſ. w. in ihrer ordinairen Mondur, die Oberſten, die General-Majors, Ge - neral-Lieutenants, und uͤbrigen Ober - und Unter - Officiers wechſeln dabey auf unterſchiedene Weiſe.

§. 22. An den Teutſchen Hoͤfen ſiehet man bißweilen bey dergleichen Einzuͤgen ein Corpo, die auf Alt-Fraͤnckiſche Manier gekleidet, wie die alten Teutſchen ſonſt einher gezogen, mit weiten Pluder-Hoſen, Roſen auf den Huͤten, Knien und Schuhen, ſpitzigen Huͤten, mit Camiſoͤlern, mit weiten aufgeſchnittenen Ermeln u. ſ. w. Uber die - ſes werden auch noch Trabanten zu Pferde mit dazu gezogen, die in unterſchiedene Compagnien eingetheilt werden, davon die eine lauter weiſe, die andere aber ſchwartzbraune Pferde reitet. Auf ihren Kleidern obſervirt man offters das Fuͤrſtli - che Wapen, oder den verzogenen Nahmen von Gold und Silber bordiret. So ſind auch die Schabracken nebſt Piſtohl-Halfftern mit eben dergleichen Wapen geziert.

§. 23. Die Buͤrger der Hoch-Fuͤrſtlichen Re - ſidentz bekommen nicht ſelten vom Hofe Befehl, zuBezeu -622III. Theil. V. Capitul. Bezeugung ihrer unterthaͤnigſten Devotion, der Herrſchafft mit entgegen zu ziehen, und den ſolen - nen Einzug vermehren zu helffen. Sie theilen ſich alsdenn in beſondere Compagnien mit unterſchie - denen Fahnen, die von den Rathsheren oder an - dern Haͤuptern aufgefuͤhret werden. Sie putzen ſich und ihre Pferde aus, ſo gut als ihnen moͤglich, und fuͤhren ebenfalls bißweilen ihre Trompeter und Heer-Paucker mit ſich.

§. 24. Vor der ſaͤmmtlichen Equipage reitet gar oͤffters ein Herold zu Pferde in einen Sammeten Herolds-Kleide, auf deſſen Kleide ein reich geſtick - tes Koͤnigliches oder Fuͤrſtliches Wapen zu ſehen, er fuͤhret einen pur maſſiven ſilbernen Herolds - Stab in der Hand, und ſein Pferd iſt mit Feder - Buͤſchen allenthalben ausgezieret.

§. 25. Die Provintz-Pferde werden von den Reit-Knechten gefuͤhret, ſie marchiren eins hinter dem andern, ſind allenthalben ausgeputzt, und mit Sammet-Decken belegt, auf welchen die Wapen der Provintzien eingeſtickt.

§. 26. Den Schluß des Einzuges machen ent - weder die Bagage-Waͤgen, oder ein Compagnie, Eſquadron, oder Regiment zu Fuß oder zu Pferde. Jn den ehemahligen Zeiten wurden bey den Ein - zuͤgen der Teutſchen Fuͤrſten nicht ſo viel Ceremo - nien gemacht, ſondern es wurde ſchon vortrefflich ſolenn gehalten, wenn ein Heer mit 100 Mann von der Miliz einzog. Die Geſchichtſchreiber erwehnen als etwas merckwuͤrdiges, daß die Meck -lenbur -623Von Einzuͤgen. lenburgiſchen Herren Gebruͤdere, Hertzog Henrich und Albrecht, als ſie bey dem, von Chur-Fuͤrſt Joa - chim I. zu Brandenburg zu Neu-Rupin angeſtell - ten Tournier eingezogen, ſie eine Eſcorte von 120 Reutern mit ſich gebracht, und bey der Ankunfft mit Trompeten und Paucken waͤren angenommen worden, ingleichen damit den zwey Gevettern Jo - hanne und Henrico Hertzogen zu Sachſen, eine Garde von 150 grau montirten Bogen-Schuͤtzen zu Pferde eingezogen.

§. 27. Wo man auf gute Ordnung bedacht, ſo werden auf beyden Seiten der Straſſen vor die Zuſchauer Geruͤſte aufgerichtet, und vorhero, zu Verhuͤtung alles Schadens, durch gewiſſe Per - ſonen beſichtiget, ob ſie auch ſtarck genug ſeyn, die Perſonen zu ertragen.

§. 28. Wenn alle zum Einzug gehoͤrige Perſo - nen auf dem Schloße und dem Reſidentz-Hauſe der Durchlauchtigſten Herrſchafft anlangen, ſo werden an verſchiedenen Orten der Thore und der Schloß-Plaͤtze unterſchiedene Wachen placiret, mit einem Capitain, einem Lieutenant, und einem Faͤhndrich mit einer ſtarcken Mannſchafft und Fah - ne, welche die Durchlauchtigſte Herrſchafft ſaluti - ren, und dabey das Spiel ruͤhren muͤſſen. So pflegen auch die gantze Treppe hinauf Trabanten zu ſtehen biß an die Zimmer. Die Nobleſſe, die Generalitaͤt und die Hof-Leute ſteigen auf dem Schloß-Hofe von ihren Pferden ab, und erwar - ten daſelbſt die Herrſchafft.

§. 29.624III. Theil. V. Capitul.

§. 29. Es pflegt oͤffters die ſaͤmmtliche Milice, die in der Ordnung mit marchiret, nach geendig - ten Einzuge auf dem Schloß-Platz Salve zu geben, und wendet ſich ſodann wieder nach ihren Quarti - ren. Nach dieſen ziehet die Buͤrgerſchafft auf, und giebt ebenfalls ihre Salven.

§. 30. Es geſchicht auch wohl, daß die Fuͤrſtli - che Herrſchafft mit ihrer ſaͤmtlichen Hoſſtatt ei - ner frembden Herrſchafft entgegen faͤhrt, und ihre Trouppen mit ihrer bey ſich habenden Artillerie an denjenigen Ort zur Parade fuͤhret, wo ſie die frembde Herrſchafft mit ihrer Entgegenkunfft be - ehren wollen. So bald ſie nun der frembden Fuͤrſtlichen Kutſche von ferne anſichtig werden, muß die Cavallerie und Infanterie vom lincken Fluͤgel das erſte Feuer geben. Nach geſchehener Conjunction beyder Herrſchafften wird bey dem einſitzen und abfahren das andere Feuer auf dem rechten Fluͤgel gegeben, welchem ſogleich das drit - te Feuer auf beyden Fluͤgeln nachfolgt. Alsdenn ruͤcken die frembden Herrſchafften in die Ordnung des Einzuges mit ein.

§. 31. Die Ordnungen der unterſchiedenen Di - viſionen oder Corps, wie ſie auf einander folgen, beruhen auf keinen gewiſſen und beſtaͤndigen Re - geln, ſondern dependiren von dem Belieben derer, die ſie anſtellen und dirigiren. Sie ſind nach dem Unterſchied der Hoͤſe gantz von einander unterſchie - den. Die mancherley abwechſelnden Corps wer - den entweder von Cammer - und Reiſe-Fouriers,oder625Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. oder von Herolden und Marſchaͤllen, oder von an - dern Haͤuptern aufgefuͤhret, und pflegen auch ent - weder Trompeter und Heer-Paucker, oder andere muſic aliſche Choͤre vorher zu marchiren.

Das VI. Capitul. Von Antritt und Riederle - gung der Regierung.

§. 1.

Wenn einem auswaͤrtigen Printzen, entwe - der durch Teſtamente oder durch Suc - ceſſions-Recht, ſo auf die Fundamen - tal-Geſetze des Landes gegruͤndet, ein Koͤnigreich oder ander Land zu Theil worden, ſo fehlet es denn nicht an mißguͤnſtigen und boßhaff - ten Gemuͤthern, welche dem Volck einen Haß ge - gen ihren kuͤnfftigen Regenten beybringen wollen, und alles unvollkommene von ſeiner Perſon und von ſeiner Gemuͤths-Beſchaffenheit ausſprengen; bißweilen geben ſie wohl gar vor, er waͤre lahm, ein - aͤugicht, krumm und ungeſtallt, ſo daß ſie bey dieſer Laͤſterung oͤffters genoͤthiget werden, ihre Portraite in Lebens-Groͤſſe allenthalben auszutheilen und her - um zu ſchicken, um die Wohlgeſinneten damit zu beſchencken, und die Laͤſterungen dadurch einiger maſſen zu widerlegen.

R r§. 2.626III. Theil. VI. Capitul.

§. 2. Bey turbulenten Zeiten, wo die Gemuͤ - ther in allerhand Factionen zertheilet, laſſen die vor den rechtmaͤßigen Erben oder Cronfolger treu ge - ſinnte, ein Manifeſt publiciren, und es in allen Laͤndereyen und Diſtricten des Koͤnigreichs austhei - len, darinnen ſie mit den allergroͤſten Eyd-Schwuͤ - ren, und mit den allerbuͤndigſten Betheuerungen verſichern, daß ſie vor ihren rechtmaͤßigen Souve - rain Gut und Blut aufſetzen wollen; ſie declariren vor der gantzen Welt, und bey allen Puiſſancen, daß ſie an der Ungerechtigkeit der andern kein Antheil nehmen, und proteſtiren auf das ſolenneſte wider alles gegenſeitige Unternehmen.

§. 3. Wird ein Printz durch ein Teſtament oder auf andere Weiſe zu einen Regenten eines aus waͤr - tigen Reichs beſtimmt ſo berufft deſſen Koͤniglicher oder Fuͤrſtlicher Herr Vater ſo wohl die Herren Bruͤder des Printzens, dafern einige vorhanden, als auch die ſaͤmmtlichen Printzen vom Gebluͤthe, die vornehmſten Miniſtres des Reichs und Hofes, und die fremden Geſandten zuſammen, eroͤffnet ih - nen, auf was Art goͤttliche Providenz ſeinen Sohn dieſe neue Dignitaͤt deſtinirt, ſtellt ihnen allen als einen Koͤnig und Regenten des Landes vor, welches er in kurtzen beherrſchen ſoll und laͤſt ihme von der - ſelben Zeit an, ſo wohl bey der Tafel als auch ſonſt, nach dem gewoͤhnlichen Ceremoniel, als Koͤnig tractiren. Er theilet ihm auch wohl bey ſolchem Fall die Regeln und Vermahnungen mit, die er vor dienlich erachtet, und die ſaͤmmtlichen Printzenvom627Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. vom Gebluͤth, Geſandten und Miniſtri muͤſſen ihm die Felicitations-Complimens abſtatten, und die Homneur erzeigen, die ſeiner neuen Dignitaͤt eigen - thuͤmlich iſt. Zuweilen geſchiehet die Declaration nur wor einigen hohen Miniſtres. Alſo hielten der Roͤmiſche Kayſer Leopoldus I. eine Anrede an Dero Geheimbde Conferenz-Raͤthe, als Sie Jhren andern Durchlauchtigſten Herrn Sohn, Ertz-Hertzog Carln, zum Koͤnig in Spanien de - clarirten.

§. 4. Vor dem Antritt der Regierung machen ſich die groſſen Herren anheiſchig, daß ſie ohne der Reichs - und Land-Staͤnde Einwilligung die Fun - damental-Geſetze nicht aͤndern, vielweniger neue Ordnungen, ſo dem Lande præjudicirlich ſeyn koͤn - ten, einfuͤhren, noch die Interpretation der Reichs - Satzungen und Friedens-Schluͤſſe vornehmen, ſondern mit geſammter Staͤnde Rath und Verglei - chung auf Reichs - und Land-Taͤgen damit verfah - ren, zuvor aber nichts darinnen verfuͤgen noch er - gehen laſſen. Sie verſichern in den allerbuͤndig - ſten Expreſſionen, ihre Unterthanen bey ihrer Re - ligion, bey ihren Freyheiten und hergebrachten Ge - rechtiokeiten zu erhalten, ſie wohl zu beherrſchen und ihr Heyl zu beſorgen.

§. 5. Die ſaͤmmtlichen Reichs-Staͤnde werden vor dem Antritt der Regierung convocirt; ſie ge - hen erſtlich alle zuſammen in einer ſolennen Pro - ceſſion in die Kirche, um den daſelbſt angeſtellten Gottesdienſt abzuwarten; nachgehends erſcheinenR r 2ſie628III. Theil. VI. Capitul. ſie auf dem Koͤniglichen Propoſitions-Saal, auf welchen der Koͤnigliche Thron aufgerichtet. Wenn ſich nun der Koͤnig auf ſeinen Thron verfuͤget, ſo traͤgt ihm der Reichs-Cantzler, nach dem Schluß der Reichs-Staͤnde, die Koͤnigliche Regierung auf in einer langen und zierlichen Oration, welche denn der Koͤnig in einer kurtzen Gegen-Rede wieder be - antwortet, darinnen er ſich vor den Auftrag der Regierung bedancket, und ſie alles Guten verſi - chert; auch hierauf die Felicitations-Compli - mens von Einheimiſchen und Auswaͤrtigen er - wartet.

§. 6. Sind dieſe Ceremonien vollbracht, ſo wird Salve gegeben, es werden die Canonen abgefeuert, praͤchtige Tafeln und Banqueter angeſtellet, Illu - minationen und Feuerwercke angezuͤndet, und eini - ge Taͤge und Naͤchte nichts als lauter Freudens - Feſtivitaͤten wahrgenommen.

§. 7. Gehet mit den Regenten eine Veraͤnde - rung vor, ſo bemuͤhen ſich gemeiniglich die Reichs - Staͤnde, die durch die Souverainité ihrer vorigen Beherrſcher um ihre Freyheiten und Rechte zemli - cher maßen gekommen, ſo viel als moͤglich, zu ihren ehemahligen Rechten und Anſehen wieder zu ge - langen, inſonderheit arbeiten einige Reichs-Colle - gia, welche aus anſehnlichen Mitgliedert und Reichs-Staͤnden beſtehen, an Vermehrung und Vergroͤſſerung ihrer Rechte. Nach dem To - de des Koͤnigs in Franckreich Ludwigs des XVten bemuͤhete ſich das Frantzoͤſiſche Parlamen mitaller629Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. aller Gewalt, wieder auf den alten Gipffel zu ſtei - gen; es wurde aber gar bald in ziemliche enge Schrancken wieder getrieben, und den 26 Auguſti 1719 ein folenner Gerichts-Tag dieſerhalb an - geſetzt.

§. 8. Sie ſind nicht alle ſo gluͤcklich, wie das Koͤnigreich Schweden, welches das Joch der Sou - verainité vor ein zehn Jahren vom Halſe geſchuͤt - telt. Die Liebe der Unterthanen iſt wohl die beſte Souverainité der Regenten. Jch kan nicht um - hin folgende merckwuͤrdige Stelle aus dem I. Thei - le der Europaͤiſchen Famæ p. 82. hiermit anzufuͤ - gen: Heiſt dieſes ſouverain ſeyn, wenn man zwar der Unterthanen Leiber und Guͤter, aber nicht ihre Hertzen beherrſchet. Erkennt ein ſolcher Koͤnig, welcher Tag und Nacht von Furcht und Argwohn gequaͤhlet wird, keinen Obern in der Welt, und le - bet derjenige ohne Geſetze, an welchen der Dolch ſeiner mißvergnuͤgten Unterthanen, alle Augenbli - cke, und wenn er ſichs am wenigſten verſieht, noch ehe ſein beſtimmtes Lebens-Ziel verfloſſen, das all - gemeine Geſetz der Sterblichkeit vollſtrecken kan? O wie elend iſt ein Monarch in ſolchem Zuſtande bey aller ſeiner eingebildeten Souverainité. Da - gegen halt ich einen Regenten, welcher ſeiner Unter - thanen Hertzen und Gemuͤther beherrſcht, vor weit ſouverainer und maͤchtiger, ob auch ſchon ſeine Gewalt mit viel Fundamental-Geſetzen, und mit den ſtaͤrckſten Capitulationen umſchraͤnckt waͤre. Worinnen koͤnnen ihm diejenigen ungehorſamR r 3oder630III. Theil. VI. Capitul. oder widerſpenſtig ſeyn, welche nichts wollen, als was er verlangt, und welchen nichts mißfaͤllt, als was ihm zuwider iſt.

§. 9. Bevor die groſſen Herren ihre Regierun - gen antreten, ſo notificiren ſie den andern Puiſſan - cen mit denen ſie ein Commerce haben, inſonder - heit mit denen ſie einander verwandt oder benach - bart ſind, den Todes-Fall ihres Herrn Vater oder Herrn Vettern, und den auf ſie gekommenen Anfall der Lande, entweder durch Schreiben oder abgeſchickte Miniſtres, offeriren ihnen alle Freund - ſchafft, und bitten ſich davor wieder die ihrige aus. Hierauf erhalten ſie wieder von ihren Mit-Regen - ten entweder durch Geſandte oder durch ſchrifftli - che Antworten reſpective Condolencen und Gra - tulationen wegen des Abſterbens Dero Herrn Vaͤter oder Gevettern, und wegen des Antrits zur Regierung, nebſt Danckſagungen vor die beſchehe - ne Notiſication. Stehen ſie mit einen oder dem andern der Succeſſion wegen oder eines andern Puncts in einigen Nexu oder in einer kleiner Jr - rung, ſo errichten ſie vorher gewiſſe Compactata, Vergleiche und Receſſe, darinnen ſie alles regu - liren.

§. 10. Bey den Succeſſions-Geſetzen wird off - ters ein Fluch angehaͤngt auf diejenigen, welche ſich unterſtehen wollen, dieſes oder jenes bey dem Koͤniglichen Hauſe lange eingefuͤhrte oder von neuen hergebrachte Geſetz in Verwirrung und Zweiffel zuziehen. Jn Engelland iſt es die Straf -fe631Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. fe des Hochverraths, ſo diejenigen zu erwarten ha - ben, die bey dergleichen Reglemens etwas aͤndern der ſie nicht erkennen wollen. Werden neue For - mulen eingefuͤhrt, ſo muͤſſen die Unterthanen ſelbige beſchwehren. Alſo muſten anno 1724 die Staͤnde in Boͤhmen, ſo bald ſie die Majorennitaͤt erlangt, die in Faveur der von Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt ſtabilirten Succeſſion eingefuͤhrte Formul be - ſchwehren. S. Einleitung zur Hiſtorie XXXVI. Stuͤck. p. 710.

§. 11. Wenn die Reichs - oder Land-Staͤnde auf den Fall, daß ihr ietziger Regente mit Tod abgehen ſolte, einen auswaͤrtigen Succeſſorem in ihrer Succeſſions-Ordnung denominiren, ſo pfle - gen ſie auch gemeiniglich mit auszudruͤcken, auf was vor Art das Miniſterium ſoll beſetzt ſeyn, und von wem die Regierung des Koͤnigreichs ſoll ge - fuͤhrt werden, biß der frembde Cron-Folger in dem Reich angelangt. Da anno 1705 den 28 Novembr. die Engliſche Succeſſions-Sache in Beyſeyn der Koͤnigin, die ſich incognito dabey aufhielt, in dem Parlament zu Londen vorgenom - men, und der proteſtirende Succeſſor, auf den Fall des erledigten Throns, auf Ordre des Ge - heimbden Raths-Collegii in Engelland und Jrr - land, fuͤr Koͤnig ausgeruffen ward, ſo wurde auch zugleich mit declarirt, daß das Regiment biß zu ſeiner Ankunfft ins Reich, durch den Ertz-Biſchoff von Cantelberg, den Cantzler, Schatzmeiſter, den Geheimbden Raths-Præſidenten, den Groß-Ad -R r 4miral,632III. Theil. VI. Capitul. miral, Geheimbden Siegel-Verwahrer u. ſ. w. verſehen werden ſolte.

§. 12. Jſt nun die Succeſſions-Acta etalblirt, ſo wird eine anſehnliche Legation abgeſchickt, ih - nen eine anſehnliche Suite und koſtbahre Equi - page mit gegeben, welche den declarirten Nach - folger den abgefaſten Schluß der Reichs-Staͤnde hinterbringen muß. Dieſe Geſandſchafft wird her - nach von dem kuͤnfftigen Succeſſore auf das herr - lichſte empfangen, auf das koſtbahrſte bewirthet, und offters auch auf das reichſte beſchenckt.

§. 13. Wird ein Nachfolger in dem Teſtament deſignirt, ſo wird es eben ſo gehalten. Die Executores teſtamenti oder die Reichs-Regie - rungs-Raͤthe, denen dieſes aufgetragen, notifici - ren ihm oder ſeinen Vater ſchrifftlich den Todes - Fall, und beruffen ihn ins Reich. Dieſer ſchickt eine obligeante Antwort wieder zuruͤck, acceptirt die Notification des Teſtaments, und verſichert die baldige Ankunfft ins Reich. Die Reichs - Regierung dancket wieder wegen verſicherte Ac - ceptation des Teſtaments und ſollicitirt um bal - dige Ankunfft.

§. 14. Bißweilen iſt es noͤthig, daß der kuͤnffti - ge Succeſſor noch bey Lebezeiten des andern ins Reich beruffen werde, damit das Volck das Unter - pfand der allgemeinen Sicherheit gleich vor Augen haben, und ſie bey einem jaͤhlingen Vorfall ihre Zuflucht zu ihnen nehmen koͤnnen.

§. 15. Bey dem actu declarationis muß ſichder633Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. der Regente gemeiniglich eydlich verbindlich ma - chen, die Staͤnde und das Volck nach dem Jnhalt der Fundamental-Geſetze bey ihrer Religion, bey ihren Rechten, Freyheiten und Privilegiis allenthal - ben zu erhalten.

§. 16. Damit die Succeſſion eines Hauſes de - ſtomehr befeſtiget werde, ſo wird dieſelbe gar off - ters in den Friedens-Schluͤſſen von andern Puiſ - ſancen in verbindlichen Terminis mit aſſecurirt und guarentirt. Spuͤhren die Reichs - und Land - Staͤnde, daß eine ungerechte Domination und Ge - waltthaͤtigkeit wider die Fundamental-Geſetze des Reichs und die Freyheit der Staͤnde einbrechen will, ſo kommen nicht ſelten die Staͤnde zuſammen an Nobleſſe, Buͤrgerſchafft und andern getreuen Gemeinden des Landes und Koͤnigreichs, verſpre - chen einander in geheim und gegen einander, daß ſie ſich derſelben ſo viel als in ihren Kraͤfften ſteht, widerſetzen wollen, und laſſen auch wohl zu dem Ende durch die Hand eines Notarii Publici eine von ihnen allerſeits unterſchriebene ſolenne Pro - teſtation regiſtriren.

§. 17. Wo andere Europaͤiſche Puiſſancen ſe - hen, daß einige maͤchtige Koͤnigreiche und Laͤnder durch die Succeſſion moͤchten zuſammen kommen, und alſo nachgehends das Æquilibrium aufgeho - ben und einer allein gar zu maͤchtig werden, ſo wird der eine durch die andern nicht ſelten obligirt, daß er auf das ſolenneſte auf ein Koͤnigreich renunci - ren, und die Renunciations-Acta beſchwehren muß.

R r 5§. 18.634III. Theil. VI. Capitul.

§. 18. Wenn auswaͤrtige entweder wegem ei - nes pacti ſucceſſorii oder auch ſonſt vermeynen, in ihrer Anforderung zur Succeſſion fundirt zu ſeyn, ſo laſſen ſie nichts ermangeln, was ſo wohl in jure als facto zu Ausfuͤhrung ihrer gerechten Be - fugniß und billichmaͤßigen Zwecks Erreichung ge - hoͤrt, zu bewerckſtelligen. Sie laſſen in beſon - dern Schrifften ihr unwiderſprechlich Recht zur Folge im Reich oder in Landen ausfuͤhren. Sie ſchicken Geſandte an auswaͤrtige Hoͤfe und Puiſ - ſancen, und ſuchen Aſſiſtanz, ſie bemuͤhen ſich, die Staͤnde auf alle Weiſe zu gewinnen. Sie beruf - fen ſich auf die, mit dem letztern Fuͤrſten errichteten Eventual-Vergleiche, oder erweiſen auch juſtitiam cauſæ auf andere Art.

§. 19. Sie proteſtiren wider die jura und facta des Gegners auf das ſeyerlichſte, ſie widerſprechen ihnen in der beſtaͤndigſten Forme der Rechte, und wollen gegenwaͤrtigen Beſitzern oder Præten den - ten nichts einraͤumen, ſondern ihnen vielmehr alle Competentia und Compelituren vorbehalten ha - ben, des zuverſichtlichen Vertrauens lebende, es wuͤrde ein iedweder ihr Sonnen-klares Recht an dieſem Lande dermahleinſt erkennen, ſie zu deſſen geruhiger Poſſeſſion wieder verhelffen, und dabey maͤchtig ſchuͤtzen. Vermeynen ſie, daß ihnen et - wan durch ein Teſtament zu wehe geſchehen, ſo uͤbergeben ſie ſchrifftliche Proteſtationes in Anſe - hung der Nullitaͤt und Unguͤltigkeit der Stellen, ſo in dieſen Teſtament enthalten, auch wider allesdasje -635Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. dasjenige, ſo aus Krafft ſolcher Paſſagen zum Nachtheil ihrer ungezweiffelten Rechte gereichen moͤchte.

§. 20. Es geſchicht bißweilen, daß ſich zwey ho - he Comtrovertenten der Poſſeſſion des, Landes zugleich anmaßen, und actus poſſeſſorios vorneh - men / der eine laͤſt z. E. in der Reſidentz die Wa - pen anſchlagen, der andere hingegen einen Land - Tag in ſeinem Nahmen halten und ſchluͤſſen, nimmt die Siegel der Collegiorum in Verwahr - ſam, und ſchickt Miliz ins Land u. ſ. w. Wenn ſich nun in Teutſchland dergleichen zutraͤgt, ſo mahnen Kayſerliche Majeſtaͤt beyde Theile an, ih - re actus poſſeſſorios zu verlaſſen, die Wapen ab - zuthun, die Milice aus dem Lande zu fuͤhren, und ihre Jura rechtlich auszufuͤhren, ſie erklaͤhren ſich, daß ihnen die Begebung ſolcher Actuum kuͤnfftig - hin nicht præjudiciren ſoll, und laſſen bey derglei - chen Faͤllen das Land mehrentheils ſequeſtriren.

§. 21. Bißweilen ergriffen einige zugleich die Compoſſeß eines gewiſſen Landes oder Reſidentz - Schloſſes; alsdenn laſſen ſie einen Notarium und Zeugen dazu requiriren, der ein Inſtrument hieruͤ - ber ausfertigen muß, ſie hauen zuſammen ein Stuͤck Holtz aus der Schloß-Kirche ab, und be - ruͤhren die Rincken im Thore, ingleichen ein Holtz von der Schloß-Pforte, ſie loͤſchen das Feuer in der Kuͤche aus, und befehlen im Nahmen der neuen Beſitzer wieder neues anzumachen, ſie hauen auch einige Stuͤck Holtz ab von den Thuͤren der unter -ſchie -636III. Theil. VI. Capitul. ſchiedenen Collegiorum, und ſetzen hin und wieder Wachen vor die Thuͤren.

§. 22. Zu Entſcheidung der Differentien die ſich in Teutſchland unter den Staͤnden des Heil. Roͤmiſchen Reichs bey den mancherley Succes - ſions-Faͤllen zu entſpinnen pflegen, wird des Roͤ - miſchen Kayſers Majeſtaͤt implorirt, dieſelben nach den Reichs-Fundamental Geſetzen zu ent - ſcheiden; er ſetzt ſodann gar offters eine Kayſerli - che Commiſſion zum guͤtlichen Vergleich nieder, und reſcribirt an die ſaͤmtlichen uneinigen Fuͤr - ſten: Damit die Succeſſions-Jrrungen zu ſaͤmt - licher Theile Befriedigung aus dem Grunde geho - ben, und voͤllig abgethan werden moͤgen, ſo geſin - nen ſie an, daß ſie ſich foͤrderſamſt dazu anſchicken, damit ſie innerhalb einer gewiſſen Zeit alles das - jenige was zur Information der Commiſſarien, und zur Vertheidigung ihrer Gerechtſamen gerei - chen moͤchte, einſchicken, und den Vergleich zu Stande bringen, oder in Entſtehung eines andern Falles eine anderweitige Verordnung erwarten moͤgen.

§. 23. Wenn in Teutſchland ein Hauß auf den Fall ſtehet, und ein Reichs-Stand, zumahl wenn er maͤchtig iſt, keine maͤnnliche Leibes-Erben hin - ter ſich laͤſt, ſo muͤſſen gar offters die ſaͤmmtlichen Agnaten und Mitbelehnten noch bey des andern Leb-Zeiten alle die Urkunden, woraus ſie ihre jura dereinſten in caſu aperturæ erweißlich ma - chen wollen, an den Kayſerlichen Hof einſchicken,damit637Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. damit Jhro Kayſerliche Majeſtaͤt bey Zeiten er - kennen, wie weit ein iedweder von allen denen die einſten Prætenſion darauf formiren wuͤrden, in ſeinen Rechten gegruͤndet ſey, und alſo bey Zeiten deſto ſicherere Anſtalten vorkehren, daß in denen kuͤnfftigen allen beſorglichen Unheil vorgekehret werde.

§. 24. Es werden bey unterſchiedenen Faͤllen gewiſſe Feſte und verclauſulirte Succeſſions-Pacta errichtet, und Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt als Ober-Lehns-Herrn unterthaͤnigſt vorgezeigt, und Kayſerliche Confirmation daruͤber ausgebethen. Kayſerliche Majeſtaͤt nehmen denn ſolche Pacta allergnaͤdigſt an, laſſen ſolche beylegen, und ver - ſprechen, daß auf erfolgenden Fall dieſen Pactis nachgelebet werden ſoll.

§. 25. Alſo ſchlieſſen einige Reichs-Grafen und andere zu Conſervation des gantzen Geſchlechts ein gewiß Pactum und Vereinigung, ſie unter - ſchreiben es alle, beſiegeln und beſchweren es. Sind die uͤbrigen, die zu dieſen Geſchlecht gehoͤren, noch minderjaͤhrig, ſo muͤſſen ſie nach erlangter Majorennitæt bey der Reception zu den Ge - ſchlechts-Conventen und Seſſionen nicht allein mit Hand und Siegel, ſondern auch bey dem Wort der ewigen Wahrheit angeloben, der Geſchlechts - Vereinigung und allen Pactis Familiæ in allen Stuͤcken nachzuleben, und in keinerley Weiſe da - wider zu handeln.

§. 26. Es werden zuweilen andere Haͤuſer er -ſucht,638III. Theil. VI. Capitul. ſucht, die Guarantie eines gewiſſen Vergleichs und Succeſſion-Tractats uͤber ſich zu nehmen.

§. 27. Jn den Erbtheilungs-Receſſen wird oͤff - ters mit verabredet, daß ohne Conſens aller Fuͤrſt - lichen Intereſſenten von Land und Leuten nichts veralienirt noch verpfaͤndet, auch bey den kuͤnfftigen Anfaͤllen an Land und Leuten, oder deren Revenuen ein gleichmaͤßiges, als jetzo beſorget worden, beob - achtet werden ſoll.

§. 28. Bißweilen muͤſſen die Kinder die Fuͤrſt - lichen Teſtamenta nicht allein unterſchreiben, ſon - dern auch ſo gar eydlich verſprechen / daß ſie der vaͤ - terlichen Diſpoſition Folge leiſten wollen; doch man hat genug Exempel, daß wenn gleich beydes geſchehen, es doch nachgehends von den Erben nicht gehalten worden.

§. 29. Die Theilung geſchiehet entweder auf eine ungleiche oder gleiche Art. Der erſte Caſus traͤgt ſich zu, wenn der Vater im Teſtament das Reich oder Land unter ſeine Kinder theilet, und ge - het dieſe Theilung bißweilen nach Affection, ſo daß die Gleichheit nicht allezeit darinnen beobachtet wird, und der eine viel mehr bekommt, als der an - dere.

§. 30. Bißweilen wird auch die Theilung dem Looße uͤberlaſſen. Jn Teutſchland iſt bey Privat - und hohen Standes-Perſonen die Regel im Ge - brauch, daß der aͤlteſte theilet, der juͤnſte aber weh - let. S. Springsfeld de apanag. C. 13. n. 6.

§. 31. Die gleiche Theilung verhaͤlt ſich nichtauf639Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. auf einerley Weiſe, denn es kommt hierbey entwe - der das gantze Land, und alles, was darzu gehoͤrig, in Theilung, oder es werden nur gewiſſe Laͤnde - reyen und Rechte getheilet, da die andern unge - theilet bleiben, welche entweder gemeinſchafftlich beherrſchet werden, oder nur bloß vom Seniore de - pendiren.

§. 32. Ob die Reichs-Vota nach Theilung der Laͤndereyen deswegen vor getheilt zu achten, iſt un - ter den Rechts-Lehrern noch ſehr ſtreitig; die mei - ſten behaupten es bey dieſem Fall, wenn der Kay - ſerliche Conſens zu der Theilung gekommen, und ein ieder Fuͤrſt uͤber ſein Territorium beſonders in - veſtirt iſt.

§. 33. Nach der Theilung wird ein ieder Fuͤrſt in ſeinem getheilten Stuͤck Landes ein regierender Landes-Fuͤrſt, er geneuſt die Wuͤrden, Vorzuͤge, Rechte und Privilegien ſeiner Anteceſſorum, und behaͤlt auch wegen der Hoffnung der kuͤnfftigen Succeſſion den voͤlligen Titul. Die Mit-Erben oder die Fuͤrſtlichen Herren Bruͤder ſind alleſammt einander gleich, und kan ſich keiner uͤber den andern etwas zum voraus zueignen, wenn es ihm nicht von dem andern ausdruͤcklich verguͤnſtiget, iedoch pflegen die juͤngern dem aͤltern die Præcedenz nicht leichtlich ſtreitig zu machen. Es werden daher auch bey den Votis, bey den Unterſchrifften und bey den andern Rechten die Senioren meiſtentheils den juͤn - gern vorgezogen.

§. 34.640III. Theil. VI. Capitul.

§. 34. Bißweilen pflegen die Fuͤrſtlichen Her - ren Gebruͤdere in einem beſondern Fuͤrſt-Bruͤder - lichen Vergleich die hohen Jura dem aͤlteſten Herrn Bruder und deſſen Nachfolgern am Regiment gleichſam vigore Commiſſionis perpetuæ unwie - derrufflich zu uͤbergeben, und aufzutragen. Sie uͤberlaſſen ihm alle Reichs - und Creyß-Sachen mit allen dahin gehoͤrigen Expeditionen, Beſchi - ckung der Land-Taͤge, Ertheilung der Vollmach - ten, Inſtructionen und Verordnungen, Fuͤhrung der Votorum, die Cammer-Gerichts-Viſitationen, Verwilligung aller Reichs-Anlagen an Gelde und Volck, Suchung der Reichs-Lehen, alle Land - ſchaffts-Sachen, die Land-Tags-Propoſitionen und Abſchiede, die Ausſchreiben und das Eintrei - ben der Steuern und Anlagen, die Direction des gantzen Steuer-Weſens, die Verpflichtung der Bedienten, Einfuͤhrung aller gemeinen, Kirchen - Policey - und Landes-Ordnungen, Extraordinaire Collecten, das Jus Belli & Pacis und was hierzu gehoͤrig, die Aufforderung des Ausſchuſſes und der Ritter-Pferde, die Abordnung der Geſandtſchaff - ten, und was ad ſtatum publicum mag gehoͤrig ſeyn, u. ſ. w.

§. 35. Dieſe Prærogativ wird das Directo - rium genennet, und pflegt denen aͤlteſten vor dieſe Function etwas zum voraus, entweder aus der vaͤterlichen Diſpoſition, oder aus den Pactis der Familie aſſignirt zu werden. So wird auch die Clauſul bißweilen mit eingeruͤckt, daß der aͤlteſteBruder641Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. Bruder das Directorium mit gebuͤhrenden Rath fuͤhren ſoll, und ſich aller Einfuͤhrung eines fremden dem Fuͤrſten-Band und Einigkeit ebenbuͤrtiger Ge - bruͤder oder Vettern hoͤchſt ſchaͤdlichen, unbilligen und ungebuͤhrlichen Dominats enthalten.

§. 36. Es geſchicht bey unterſchiedenen Fuͤrſtli - chen Haͤuſern, wenn ein von den Eltern hinterlaſſe - nes Stuͤck Landes zu einer Landes-Fuͤrſtlichen oder Fuͤrſt-maͤßigen Portion nicht genug zu ſeyn ſchei - net, und die Landes-Fuͤrſtliche Hoheit allen ge - meinſchafftlich verbleiben ſoll, daß nur eine Thei - lung der Einkuͤnffte vorgenommen wird, biß ſie durch neue Acceſſionen des Landes zu einer erb - lichen und austraͤglichen Landes-Theilung koͤnnen foͤrtſchreiten.

§. 37. Einige Fuͤrſtliche Herren Gebruͤdere er - richten auf folgende Weiſe einen Proviſional-Re - ceß. Sie vereinigen und vergleichen ſich zu Er - haltung ihrer ſelbſt und ihrer Poſteritaͤt freund - bruͤderlich mit einander, daß ſie nichts von einan - der trennen, keiner von ihnen den boͤſen Maͤulern, wie ſich in dergleichen Faͤllen gemeiniglich zuzutra - gen pflegt, Glauben zuſtellen, ſondern einer dem an - dern getreulich davon informiren und part geben, auch den Perſonen ſelbſt, um zu ſehen, ob es auch aus einiger Paſſion geſchehen ſeyn moͤchte, zu wiſ - ſen machen ſoll; ſie verſprechen auch heiliglich und vor dem Angeſicht GOttes, daß keiner von ihnen ohne des andern Vorwiſſen einige Poſſeſſion ap - prehendiren, keiner ein mehrers Recht vor demS sandern642III. Theil. VI. Capitul. andern prætendiren, ſondern alles in ſtatu quo laſſen, nichts veraͤndern noch vornehmen, vielmehr eine geſammte Cantzeley anſtellen, und ſo lange auf gemeine Unkoſten durch getreue Leute unterhalten, biß ſie ſich, wegen der ihnen angefallenen Land und Leute ſammt denen Pertinentien freund-bruͤderlich verglichen, und aus einander geſetzt haben wuͤr - den.

§. 38. Sind Pacta vorhanden, daß ein Land oder Fuͤrſtenthum nicht weiter getheilet werden ſoll, und der eine oder andere von den Fuͤrſtlichen Her - ren Bruͤdern oder Bettern dringet doch auf die Theilung, ſo kommt der Primogenitus ein bey an - dern Fuͤrſten, und bittet, um Vorſchrifften bey Kay - ſerlicher Majeſtaͤt zu intercediren und zu effectui - ren, daß Sie allergnaͤdigſt geruhen moͤchten, die Geſchlechts-Pacta de non amplius dividendo zu confirmiren, und denſelben gemaͤß, ihn als Primo - genitum unter ſeinen Bruͤdern bey der alleinigen Beſitzung und Regierung des Landes zu laſſen und zu ſchuͤtzen, und Gegentheil mit dem Geſuch der dem introducirten Juri Primogenituræ und Con - ſervation des Stammes, auch dem Intereſſe pu - blico zuwiderlauffenden Theilung mit ſeinen un - muͤndigen Bruͤdern abzuweiſen.

§. 39. Das Recht der Erſtgeburth iſt bey den meiſten Haͤuſern in Europa und in Teutſchland eingefuͤhrt. Zu den Zeiten der alten Teutſchen wuſte man von den Rechten der Primogenitur nichts, weder bey der Succeſſion der Koͤnige, nochin643Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. in den Reichs-Lehen. Die Succeſſion der Koͤ - nige geſchahe nach der Wahl, auch zur Zeit der Francken. S. Ludolph. de Jur. Primogenit. Aphoriſm. X. Nachgehends aber iſt das Recht der Erſtgeburth durch gewiſſe Fundamental-Ge - ſetze der Reiche und Lande, durch Gewohnheit oder eine Verjaͤhrung von gantz undencklichen Zeiten her, durch Teſtamenta und durch beſondere Pacta und Statuta Familiæ eingefuͤhret worden.

§. 40. Bey den Chur-Fuͤrſten iſt es in der guͤl - denen Bulle gegruͤndet, und wird es iederzeit in den Kayſerlichen Capitulationen beſtaͤtiget: Wir wollen allewege die weltlichen Chur-Haͤuſer bey ihrem Primogenitur-Recht, und ohne daſſelbe wi - der die Gebuͤhr reſtringiren zu laſſen, nach Jnnhalt der guͤldenen Bulle verbleiben laſſen.

§. 41. Jn vielen Teſtamenten wird es angeord - net, man findet aber auch bißweilen Exempel, daß die Primogenitur darinnen ausdruͤcklich verbothen, hingegen die Æqualitas Succeſſionis mit folgenden Worten beſtaͤtiget wird: Das leidige Primoge - nitur-Weſen wollen wir bey unſerer Poſteritaͤt, um allerhand daraus flieſſenden ſchaͤdlichen Con - ſequentien willen, bey Vermeidung zeitlichen und ewigen Seegens, abgeſtellet wiſſen.

§. 42. Wird das Recht der Erſtgeburth im Te - ſtament eingefuͤhret, ſo erklaͤhren ſie den aͤlteſten Printzen zu einen voͤlligen Succeſſorem der Land und Leute, auch aller ihm zuſtehenden Hoheiten, Ju - rium und Regalium, dergeſtalt, daß derſelbe kuͤnff -S s 2tighin644III. Theil. VI. Capitul. tighin der regierende Landes-Fuͤrſt alles deſſen, ſo ſie an Land und Leuten beſeſſen, und ihnen annoch bey ihrem Leben, oder nach ihrem ſeeligen Abſter - ben heimfallen moͤchte, verbleiben ſoll; ſie haben das Vertrauen zu dero uͤbrigen Printzen, daß ſie ſich dieſer zu ihres Hauſes Conſervation und Auf - nahme zielenden vaͤterlichen Verordnung gehor - ſamſt ſubmittiren werden, wobey ſie ſich denn des goͤttlichen Seegens koͤnnen verſichert halten. Es geſchicht auch wohl, daß ſie eine maͤchtige Puiſſance in dem Teſtament erſuchen, dieſe Verordnung mit zu guarentiren, und daruͤber halten zu helffen.

§. 43. Bißweilen haben die Durchlauchtigſten Herren Paciſcenten und Gebruͤdere bey Fuͤrſtli - chen Ehren, Treu und Glauben, an wuͤrcklich ge - ſchwohrner Eydesſtatt ſich verglichen, daß ſie ſich der vaͤterlichen Diſpoſition unterwerffen wollen. Man findet auch wohl in der Teutſchen Hiſtorie Exempel der Fuͤrſten, die das unter ſich aufgerich - tete Primogenitur-Recht durch ein Jurament be - ſtaͤrcket, und von einem Notario ein Inſtrument dar - uͤber verfertigen laſſen.

§. 44. Mehrentheils erſuchen die Fuͤrſten des heiligen Roͤmiſchen Reichs die Roͤmiſch-Kayſerli - che Majeſtaͤt, es wollen dieſelben zu moͤglichſter Vorkommung und Abwendung aller etwan beſor - genden Jrrungen, welche ſich nach ihren Ableben ereignen koͤnten, als regierender Roͤmiſcher Kayſer und oberſter Lehns-Herr, ihr Fuͤrſtenthum, zur Er - haltung und Fortfuͤhrung ihrer Fuͤrſtlichen Poſteri -taͤt,645Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. taͤt, auch ihrem Land und Leuten, und zufoͤrderſt dem Heil. Roͤmiſchen Reich zu mehrern Beſten aller - gnaͤdigſt geruhen, das in ihrem Fuͤrſtenthum einge - fuͤhrte Primogenitur-Recht aus Kayſerl. Macht und Vollkommenheit mit verbindlichen Clauſuln, und wie daſſelbe am beſtaͤndigſten und kraͤfftigſten geſchehen koͤnte oder moͤchte, durch dero Kayſerliche Confirmation zu befoͤrdern und zu befeſtigen.

§. 45. Wenn ſie nun durch ein allerunterthaͤ - nigſtes Memorial bey Roͤmiſch-Kayſerlicher Ma - jeſtaͤt um Confirmation angeſucht, ſo muͤſſen ſie hierauf beybringen, wie alt die Herren Soͤhne ſeyn, ingleichen bey ihrem Fuͤrſtlichen Nahmen / Worten, Treue und Glauben, Berichte und Atte - ſtata einſchicken, daß durch die Diſpoſition der Primogenitur, und die darinnen verordneten Apa - nagia und Deputata, den jungen Printzen und den folgenden, da deren GOtt mehr beſchehrte, nicht zu kurtz geſchaͤhe, ſondern ihnen vielmehr ein er - kleckliches zu geordnet und zugedacht ſey, als ein ieder nach Proportion der Lande und der Gefaͤlle, worauf bey Erb-Vertheilungen in dem Fuͤrſtli - chen Hauſe reflectirt zu werden pflegt, nach Abzug der obliegenden Onerum zur Legitima zu gewar - ten habe.

§. 46. Die Confirmations-Formul pflegt auf folgende Weiſe eingerichtet zu ſeyn: So confir - miren wir aus wohlbedachten Muth, guten Rath und rechten Wiſſen, als ietzt regierender Roͤmi - ſcher Kayſer nicht allein dieſe Primogenitur-Di -S s 3ſpoſi -646III. Theil. VI. Capitul. ſpoſition in allen deren Jnhalt, ſondern bewilligen und verordnen auch Krafft dieſes gnaͤdiglich, daß zu iederzeit nur ein eintziger regierender Landes - Fuͤrſt aus des aͤlteſten Geburths-Linie Poſteritaͤt in den Fuͤrſtlichen Landen ſeyn, und nach dem Recht der Erſt-Geburth admittirt werden ſoll. Thun das, confirmiren und bekraͤfftigen vorge - ſchriebene Diſpoſition, bewilligen und verordnen auch ſothanes Recht der Erſtgeburth, fuͤr uns, un - ſere Nachkommen am Reich, Roͤmiſche Kayſer und Koͤnige, hiermit und Krafft dieſes Kayſerlichen Briefes von Roͤmiſcher Kayſerlicher Macht, Voll - kommenheit, Hoheit, Wuͤrde und Guͤltigkeit, als ſolches am beſtaͤndigſten geſchehen ſoll, kan und mag.

§. 47. Jn den Fuͤrſtlichen Vergleichen wird ebenfalls ausgemacht, auf was vor Art dieſes Recht der Primogenitur bey einigen Faͤllen zu rechnen ſey. Alſo iſt in dem anno 1672 errichte - ten Altenburgiſchen Haupt-Vertrage unter an - dern folgendes diſponirt: Gleichwie nun dieſer gantze und wichtige Vergleich nicht anders als auf beſtaͤndige Stifftung unaufhoͤrlicher Freund - ſchafft und vertraulicher Zuſammenſetzung angeſe - hen und erbauet; Alſo vereinbahren und erklaͤh - ren wir uns auch bey dem Haupt-Stuͤck und Fundament dieſes Vergleichs allerſeits dahin, da - mit unſere beyderſeits Fuͤrſtlichen Haͤuſer ins kuͤnff - tige um ſo viel deſto mehr in beſtaͤndiger Eintraͤch - tigkeit erhalten, und alles Mißvernehmen abge -wendet647Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. wendet werde, des Jnhalts, daß die bey dieſen Fuͤrſtlichen Sammthauſe aufgerichtete Vertraͤ - ge, und ausgelaſſenen kundbahren Schrifften, auch judicial und extrajudicial Einwendungen die Primogenitur allewege nach dem wuͤrcklichen Al - ter, ſo in natuͤrlichen Lauff der Jahre, Monathe und Tage beſtehet, nicht aber nach den Linien noch Repræſentation, noch Fiction juris gerech - net und geachtet werden ſoll.

§. 48. Die Teutſchen Fuͤrſten machen die An - tretung ihrer Landes-Regierung der ſaͤmmtlichen Reichs-Verſammlung bekandt, und verſichern, daß ſie nach dem ruͤhmlichen Vorbilde ihrer Vor - fahren, zu allen was des heiligen Roͤmiſchen Reichs Wohlfarth befoͤrdern koͤnte, mit behuͤlflich ſeyn wuͤrden, dagegen vermuthende, daß man ihnen hinwiederum alle ihre Prærogativen wuͤrde genuͤſ - ſen laſſen.

§. 49. Bißweilen wird unterſchiedenen zugleich entweder durch die geſammte Hand und Mit - belehnſchafft, oder durch ein Teſtament, oder durch Tractaten und Compactaten die Regierung eines Landes aufgetragen. Bey dieſem Caſu pfleget denn der aͤlteſte und erſtgebohrne im Nahmen der uͤbrigen Herren Bruͤder die Mandata und Reſcri - pta zu reſolviren, und die andern zur Regierung gehoͤrige Handlungen zu expediren, und iſt die Formul hierbey ſolgende: Fuͤr uns, und die Durchlauchtigen Fuͤrſten unſere freundlich gelieb - ten Herren Bruͤder Herzog Albrechten und Mo -S s 4ritzen648III. Theil. VI. Capitul. ritzen ꝛc. fuͤgen hiermit oͤffentlich zu wiſſen. S. Fromman. de condom. territ. c. 9. §. 9. Sie conſtituiren auch wohl einen gemeinſchaftlichen Procuratorem durch ein Procuratorium, daß der Gevollmaͤchtigte dasjenige verrichten ſoll was die Principalen von ſelbſt zur Stelle verrichten koͤnten, ſolten und wolten. Bißweilen wechſeln ſie die Regierung einige Monathe oder einige Jahre nach einander um, ſo daß ſie dieſe Zeit uͤber bey dieſen und eine andere bey jenen iſt, welches die Mutſchie - rung genennt wird. Bey andern wird die Jurisdi - ction auf gewiſſe Diſtricte und Quartiere einge - richtet, in die ſie ſich theilen. Stehet es denen, die eine gemeinſchafftliche Regierung bißher gehabt, nicht laͤnger an, in Communione zu bleiben, ſo koͤnnen ſie allezeit auf die Theilung provoci - ren.

§. 50. Es iſt faſt in allen Provincen Teutſch - landes keine gleiche und in allen Stuͤcken uͤberein - kommende Landes-Regierung, ſondern es ſind faſt ſo viel unterſchiedene Arten der Regierungen als Provincien anzutreffen. S. Lynclers Diſſert. de Superioritate territoriali, & Herti de ſpecia - libus Roman. German. Imperii rebis publicis earumque variis nominibus & figuris.

§. 51. Die neuen Regierungen zehen groſſe Veraͤnderungen nach ſich, ſo wohl bey ien Staats - Geſchaͤfften als inſonderheit unter der Bedienten. Viel Officianten, die ſich bey dem Suceſſor nicht in beſondere Gnade geſetzt, werden abgedanckt. Sind649Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. Sind etwan Schulden vorhanden, die abgetragen muͤſſen werden, ſo wird die Hofſtatt auf das enge - ſte und genaueſte eingezogen. Mancher Miniſter muß Rechnung ſeines vorigen Haußhaltens able - gen, ein anderer wird wohl gar in ein Staats-Ge - faͤngniß gelegt, oder in das Exilium verwieſen, viele die ſonſten in ſchlechten Anſehen ſtunden, und gar nichts galten, kommen hoch ans Bret.

§. 52. Vielmahls bemuͤhen ſich die jungen Regenten durch eine beſondere Gnade merckwuͤr - dig zu machen, weil die Unterthanen aus den er - ſten Linien einen Schluß von dem kuͤnfftigen Er - folg des gantzen Lebens machen.

§. 53. Es werden ebenfalls nicht ſelten gantz neue Collegia und Judicia etabliret, bey welchen folgen - de Ceremonien merckwuͤrdig ſind. Es wird vor - heꝛo nach der Verfaſſung des Landes mit den Staͤn - den Communication gepflogen, inſonderheit aber mit denjenigen Collegiis, die einiger maßen mit dem neuen Collegio concurriren, damit man ihr Gut - achten hierbey vernehme. Jn den beſondern Ord - nungen und Statutis werden die Pflichten, Ver - richtungen und Eydes-Notulen aller und ieder Be - dienten von oberſten Præſidenten biß auf den unter - ſten Aufwaͤrter exprimirt, und die Grentzen ihrer Jurisdiction beniemet. Es geſchehen Notifica - tiones an alle Collegia des Landes wegen der Ti - tulaturen und Expeditionen, ſo dieſes Collegium zu beſorgen hat, damit dieſes alles zu der Untertha - nen Notiz gelange. Vielmahls wird auch dieS s 5gantze650III. Theil. VI. Capitul. gantze Verfaſſung gedruckt, damit ſich ein ieder deſto beſſer darnach richten koͤnne.

§. 54. Es wird eine ſolenne Proceſſion ange - ſtellt von den Membris des neuen Collegii, der ſaͤmmtlichen Hofſtatt und den Deputirten der Staͤnde, aus demjenigen Orte wo ſich das neue Collegium verſammlet, in die Kirche, wenn nun daſelbſt die ſich zu dieſer Handlung ſchickende Pre - digt abgelegt, und der Gottesdienſt geendiget, ſo gehen ſie ſaͤmmtlich in ihrer Ordnung wieder zuruͤck.

§. 55. Hierauf wird im Nahmen des Regenten die Propoſition gethan, die Statuta und Ordnun - gen des neuen Collegii werden oͤffentlich abgele - ſen, und die Inſtallation und Verpflichtung der neuen Membrorum wird nach abgelegten ſolennen Reden und Antworten vorgenommen. Nach En - digung dieſer Handlung werden entweder unter den Trompetenblaſen und Pauckenſchlagen die Stuͤcken abgefeuert, oder doch von der, unten vor dem Hauſe des neuen Collegii ſtehenden Soldate - ſque ein paar mahl Salven aus Monſqueten ge - geben.

§. 56. Finden ſich groſſe Herren genoͤthiget ih - rer Angelegenheiten wegen entweder auf eine kur - tzere oder laͤngere Zeit ihr Land zu verlaſſen, ſo tra - gen ſie inzwiſchen die Regierung entweder ihren Raͤthen und Miniſtris, oder ihren aͤlteſten Prin - tzen, oder auch ihren Gemahlinnen auf. Alſo con - ſtituirte der Chur-Fuͤrſt zu Baͤyern MaximilianEma -651Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. Emanuel anno 1704, da er ſich nach der ungluͤckli - chen Schlacht bey Hoͤchſtedt retiriren muſte, ſeine Gemahlin in einem Decret zur Regentin des Lan - des, legte ihr die ablolute Gewalt und Autoritaͤt bey, um bey ſeiner Entfernung von dem Lande die durchgehende Regierung ſo wohl in publicis als militaribus zu fuͤhren, und alles dasjenige zu beob - achten, zu handeln, und zu beſchluͤſſen / was ſie ihm und dem Lande am beſten zu ſeyn erachten wuͤrde. Dieſer Schluß wird allen ihren Collegiis und den ſaͤmmtlichen Land-Staͤnden notificirt, damit ſich das gantze Land darnach zu richten wiſſe.

§. 57. Nachdem die Koͤnige nicht allenthalben zumahl in entfernten Laͤndern in Perſon gegenwaͤr - tig ſeyn koͤnnen, ſo erfordert es die Nothwendig - keit, daß ſie an ſtatt ihrer, gewiſſe Vice-Roys oder Koͤnigliche Statthalter verordnen. Sie ſchreiben ihnen vorhero gewiſſe Reglemens und Inſtructio - nes vor, wie weit ſich die Grentzen ihrer Gewalt und Jurisdiction erſtrecken ſollen. Sie erwehlen mehrentheils ſolche, deren Treue ſie durch vielfaͤl - tige Proben vorhero gewiß verſichert, die ſich bey ihnen auf vielfache Weiſe allbereit meritirt ge - macht, die der Gebraͤuche des Landes, in welches ſie geſchickt werden, kundig, und bey daſigem Volck, dem ſie vorſtehen ſollen, lieb und in Ehren gehalten werden moͤchten.

§. 58. Bißweilen wird auch die Statthalter - ſchafft oder das Gouvernement einigen von den Hochfuͤrſtlichen Hauſe ſelbſt aufgetragen, wenn ſiedie652III. Theil. VI. Capitul. die Capacitaͤt und Erfahrung beſitzen, die zu Vice - Regierung eines Landes noͤthig iſt, und die Regen - ten die ihnen die Adminiſtration des Landes uͤber - geben, auf keine Seite etwas præjudicirliches in Anſehung ihrer zu beſorgen haben. Alſo verden auch wohl Hochfuͤrſtliche Weibes-Perſonen zu Gouvernantinnen eines Landes erklaͤhrt, nie wir denn die neueſten Exempel ſelbſt haben an den Kay - ſerlichen und Ertz-Hertzoglichen Oeſterreichiſchen Hauſe, da ein paar Kayſerliche Ertz-Hertzoginnen ſo wohl in den ehmahls Spaniſchen Niederlanden, als in der Grafſchafft Tyrol das Gouverno erhal - ten.

§. 59. Die Statthalter und Gouvernintinnen ſo von den Hochfuͤrſtlichen Anverwandten dazu er - wehlet werden, haben ein mehrers Pouvoir als die andern, es geſchicht aber auch nicht ſo gar leichtlich und nicht ſo gar offters, daß ihnen das Gouverno aufgetragen wird; es ſteckt gemeiniglich ene kleine Jalouſie und Furcht dahinter, als ob ihner die Un - terthanen allzuſehr anhangen wuͤrden, zumahl wo ſie mehr Hoffnung zur Succeſſion haͤtten, oder ſie die Grentzen ihrer Adminiſtration weiter erſtrecken moͤchten, als der Intention der Landes-Regenten gemaͤß waͤre.

§. 60. Die die Ober-Aufſicht uͤber ein kleines Fuͤrſtenthum, uͤber eine Grafſchafft, oder enen an - dern Diſtrict Landes in Teutſchland erhalten, wer - den nicht ſo wohl Statthalter als vielmehr Ober - Land-Troſt, Ober-Lands-Hauptleute Ober -Aufſe -653Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. Aufſeh er u. ſ. w. genennt, und wird ein ſolch Gou - verno mehrentheils alten und meritirten Miniſtres zu Theil, die ſonſt treue und erſprießliche Dienſte geleiſtet.

§. 61. Wenn ein neuer Regente eine andere Puiſſance nicht dazu bewegen kan, daß ſie ihn da - vor erkennt, ſo pflegt er alles Commerce mit der - ſelben voͤllig abzubrechen, er rufft ſeine Miniſtres, Secretaires, Reſidenten und Agenten von ihr wie - der zu ſich, er entziehet den gegenſeitigen Untertha - nen alle Privilegia und Freyheit, die ihnen vorhe - ro zugeſtanden, er laͤſt nichts von ihren Schiffen, Waaren und Effecten in ſeine Haͤfen und in ſein Land, und dieſes ſo lange, biß die andere Puiſſance ihn vor dem rechtmaͤßigen Regenten dieſes oder jenen Landes erkennt, oder durch Interpoſition der andern ein Temperament dieſerwegen gefunden worden. Zuweilen entſtehet wohl gar hieruͤber ei - ne ſolche oͤffentliche Feindſeeligkeit, die in einen blutigen Krieg ausbricht.

§. 62. Ein freywilliges niederlegen der Crone iſt zwar eine Sache, die ſich gar ſelten zutraͤgt, indem es den meiſten Menſchen natuͤrlicher iſt, den Sce - pter freywillig zu ergreiffen, als ihn von ſich zu ge - ben; inzwiſchen ſind dennoch einige wenige Exem - pel aus der Hiſtorie, von Kayſer Carl dem Vten, von der Koͤnigin in Schweden Chriſtina, von dem Koͤnig in Pohlen Johann Caſimir, und von dem ietzigen Koͤnig in Spanien Philippo V. da er eine Zeitlang abdanckte, auch hiervon bekandt gewor - den.

§. 63.654III. Theil. VI. Capitul.

§. 63. Bey dieſem Fall geſchehen bißweilen ei - ne lange Zeit vorher gleichſam gewiſſe Præludia, die den Weg darzu baͤhnen. Die Regenten con - certiren ihr Deſſein entweder mit einigen groſſen Staats-Miniſtres, oder mit ihren kuͤnfftigen Suc - ceſſoribus, die ihnen denn hierbey kein Hinderniß in Weg legen, ſondern ſich ihren Entſchluß gar wohl gefallen laſſen. Bringen ſie aber dieſe Re - ſolution an die Staͤnde, ſo erſuchen ſie dieſelben in einer ſolennen Deputation auf das allerflehent - lichſte, ſie nicht zu verlaſſen, und ihren Schluß hier - innen zu veraͤndern; nicht weniger pflegen andere Puiſſancen, wenn ſie etwas davon erfahren, ihr Vorhaben auf alle Weiſe ihnen zu widerrathen.

§. 64. Beharren ſie aber beſtaͤndig auf ihren Entſchluß, ſo laſſen ſie ein Abdanckungs-Diploma abfaſſen, und exprimiren darinnen die Urſachen / die ſie hierzu bewogen, welche mehrentheils folgen - de ſind, als die Schwachheit des Leibes, das hohe Alter, und das Verlangen nach der Ruhe, oder der Eckel zum Jrrdiſchen, und die Liebe des Himmli - ſchen. Nicht weniger fuͤhren ſie in dem Abdan - ckungs-Inſtrument an, daß ſie das Regiment frey - willig, und ohne iemands Anſtifften von ſich ableg - ten, auch allen Prætenſionen auf das Reich vor ietzt und kuͤnfftig renuncirten, welche ſie zu keiner Zeit, weder durch ſich, noch durch andere hervor - ſuchen wolten.

§. 65. Die ſaͤmmtlichen Staͤnde werden durch Deputirte zuſammen beruffen, das Abdanckungs -Diplo -655Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. Diploma wird abgeleſen, und zugleich das Aſſecu - rations-Diploma wegen der jaͤhrlich zu empfangen - den Summe Geldes, ſo ſie von den Staͤnden biß an ihr Lebens-Ende verlangen. Sie ſteigen auf den Thron in Koͤniglicher Pracht, halten in Ge - genwart des Succeſſoris eine bewegliche Abdan - ckungs - und Valet-Rede an die Staͤnde, empfehlen dem Succeſſori die Wohlfarth des Koͤnigreichs, ertheilen ihm manche heilſame Erinnerungen, und gratuliren ihm zur Crone. Hierauf haͤlt einer von den Reichs-Staͤnden im Nahmen des Koͤnigreichs eine Gegen-Rede, er beklaget den Verluſt, den ſie hierdurch erlitten, erſucht ihn, die angebohrne Liebe gegen das Vaterland unverruͤckt zu behalten, und verſichert ihm des ſteten Andenckens. Wenn dieſes geſchehen / legen ſie ihren Koͤniglichen Staat ab, wollen von den Staͤnden und Bedienten nicht mehr die vorigen Ehr-Bezeugungen annehmen, die ihnen ſonſt als Koͤnigen zugekommen, ſondern ge - ben ſich nunmehr als Privat-Perſonen aus.

§. 6. Bey dieſen Saͤtzen wird das Exempel der Koͤnigin Chriſtinæ in Schweden die beſte Erlaͤu - terung abgeben. Als ſie im Begriff war die Cro - ne niederzulegen, und alle ihre Bedienten und Un - terthanen von ihren Pflichten und Gehorſam loß - zuzehlen, wurde ſie auf das praͤchtigſte von den vor - nehmſten Officialen des Reichs angekleidet, ſie ſatz - ten ihr die Koͤnigliche Crone auf das Haupt, gaben ihr in die rechte Hand das Scepter, und in die lin - cke den guͤldenen Reichs-Apffel. Zwey Senato -res656III. Theil. VI. Capitul. res trugen ihr das Schwerdt und den gildenen Schluͤſſel vor. Sie ſatzte ſich auf den Thron, und ihr Nachfolger Printz Carl Guſtav nicht weit von ihr.

§. 67. Nachdem nun das Abdanckungs-Inſtru - ment abgeleſen, ließ ſie ſich ihres Koͤniglichen Or - nats nach und nach entkleiden, der Reichs-Cantzler nahm ihr den Reichs-Apffel, der Reichs-Admiral den Scepter, und der Reichs-Troſt die Crone, die drey Aufwaͤrter zogen ihr den Rock aus, welchen die Hof-Leute in tauſend Stuͤcken zuriſſen, weil ein iedweder etwas davon haben wolte. Wie ſie gantz entkleidet, ſtund ſie in bloſſen Haaren, in weiſſen ſilbernen Tobin, hielt eine bewegliche Rede an die Staͤnde, zehlte ſie von ihren Gehorſam loß, und verwieß ſie an den Printzen. Der Schluß ihrer Valet-Rede war folgender: Jhr wiſſet dieſes wohl, und ohne Zweiffel werdet ihrs glauben, es beſtehe die allergroͤſte Bezeugung und Beſtaͤtigung meines Willens darinnen, wenn ich ſage, daß ich zu allen Zeiten eine Chriſtina ſeyn und bleiben werde.

§. 68. Hierauf hielt wieder einer von den Reichs-Staͤnden eine ſehr bewegliche Gegen - Rede, beklagte die vor ſie betruͤbte Entſchlieſſung der Koͤnigin, danckte vor ihre Regierung, und vor die neu-getroffene gute Wahl. Sie ſtieg vom Thron herunter, ließ die vornehmſten von den vier Staͤnden zum Valet, zum Hand-Kuß, redete den Printzen mit einer wohlgeſetzten Rede an, gra - tulirte ihm zur Crone, und empfohl ihm das Wohlder657Von Antrit u. Niederleg. der Regierung. der Unterthanen. Der Printz wandte ſich hierauf mit ſeiner Rede zu den Reichs-Staͤnden, welche dem Koͤnig antworteten, und ihm ihrer Treue ver - ſicherten; die vornehmſten von den Staͤnden wur - den zum Hand-Kuß gelaſſen; der Printz fuͤhrte die Koͤnigin in ihr Gemach; des Nachmittags em - pfieng er mit gehoͤrigen Solennitaͤten die Crone, und ward durch einen Herold zum Koͤnig der Schwe - den, Gothen und Wenden ausgeruffen.

Das VII. Capitul. Von der Huldigung.

§. 1.

Die Huldigung iſt eine eydliche Verſiche - rung von der Unterthaͤnigkeit und Treue, welche ein Unterthan ſeinem Landes - Herrn leiſtet, und ſind hierzu alle Unter - thanen, Landſaßen und Einwohner, von was fuͤr Condition ſie auch ſeyn moͤgen, ſo offt verbunden, als ſich eine Veraͤnderung mit der Perſon des Lan - des-Herrn begiebt. Die Erb - und Landes-Huldi - gung, welche von den Unterthanen geleiſtet wird, iſt von der Lehns-Pflicht, welche die Vaſallen in Anſehung des Lehns verſprechen, in manchen Stuͤ - cken unterſchieden. Bey den Lehns-Eyden wird die Formul gebraucht, wie einem getreuen Lehn - Mann eignet und gebuͤhret, und hingegen bey Ho -T tmagial -658III. Theil. VII. Capitul. magial-Eyden, wie getreuen Unterthanen zuſte - het.

§. 2. Die meiſten Ceremonien bey den Huldi - gungen werden durch die Obſervanz determiniret; Je groͤſſer die Liebe und Zuneigung der Untertha - nen gegen ihren Landes-Herrn, ie mehr Solennia werden von ihnen freywillig dabey vorgenommen: Die Anzahl der Staͤnde iſt ſtaͤrcker, die Prælente anſehnlicher, das Vivat frolockender, ihr Bezeugen devoter, und ihre gantze Handlung ſolenner.

§. 3. Ob es rathſam ſey, daß ein Landes-Herr der Huldigung in eigner hoher Perſon beywohne, oder ſolche durch ſeine Gevollmaͤchtigten einneh - men laſſe, ſchreiben bey beſondern Faͤllen die Re - geln der Staats-Klugheit vor. Das iſt gewiß, daß die Liebe und Freude der Unterthanen mehren - theils groͤſſer, wenn ein Fuͤrſt ſelbſt perſoͤnlich da - bey zugegen iſt; es koͤnnen auch oͤffters durch ſein freundliches und gnaͤdiges Bezeugen, diejenigen, ſo ſonſt vor die neue Regierung eben nicht die beſten Sentimens gehabt, auf andere Gedancken gebracht werden.

§. 4. Bißweilen ſuchen die Staͤnde in einer ſo - lennen Rede an. Hoch-Fuͤrſtliche Durchlauchtig - keit moͤchten gnaͤdigſt geruhen, in Hoch-Fuͤrſtlichen hohen Gnaden zu reſolviren, die unterthaͤnigſte Erb - und Lehns-Pflicht von ihnen in eigener Per - ſon gnaͤdigſt an - und aufzunehmen, ſie verhofften dabey, Sereniſſimi wuͤrden vor - und bey bevorſte - hender unterthaͤnigſter Landes-Huldigung dasjeni -ge659Von der Huldigung. ge geſchehen laſſen, was in vorigen Zeiten bey der - gleichen ſolennen Actibus des Herkommens gewe - ſen, uͤberreichen auch wohl dieſerhalben eine unter - thaͤnigſte Deduction.

§. 5. Wo die Landes-Herrſchafften bey den Huldigungen ſelbſt zugegen ſind, da wird ein - und der andere Punct bey den Ceremonien ein wenig anders regulirt, als ſonſt, und nach dem Genie des Sereniſſimi eingerichtet. Manchen groſſen Herrn geſchiehet kein ſonderlicher Gefallen, wenn er viele und weitlaͤufftige Orationen anhoͤren ſoll, ſondern er ſiehet es am liebſten, wenn die Worte ſo kurtz ge - faſt werden, als nur immer moͤglich; Ein anderer iſt gar wohl zufrieden, wenn ſeine Unterthanen die Unkoſten bey den Feuerwercken und Illuminatio - nen erſpahren, dafern ſie ihm nur bey der Huldi - gung ein anſehnliches Præſent von neu-gepraͤgten Ducaten offeriren, u. ſ. w.

§. 6. Vor der Huldigung werden Patente ins Land ausgeſchrieben, damit die Solennien reguli - ret werden koͤnnen, und ſich ein ieder darnach zu richten wiſſe. Bißweilen ertheilen die Landes - Herrſchafften eine Vorſchrifft wegen Einrichtung der Solennitaͤten, manchmahl aber uͤberlaſſen ſie ſolche der eigenen Willkuͤhr des Magiſtrats, der Buͤrgerſchafft, oder der uͤbrigen Staͤnde; dieſe pflegen denn gemeiniglich mit dem Hof-Marſchall - Amt oder ſonſt vorher zu concertiren, was Sere - niſſimo bey dieſem oder jenem Fall am gefaͤlligſten ſeyn moͤchte.

T t 2§. 7.660III. Theil. VII. Capitul.

§. 7. Von der Landſchafft muͤſſen vorhero ge - wiſſe richtige Conſignationes eingeſchickt werden, damit man bey dem abzulegenden Homagio nicht in Unrichtigkeit ſey, und wiſſe was vor Staͤnde vor - handen, und ſich keine zu eximiren habe. So werden auch vorher einige Præjudicial-Fragen ent - ſchieden, z. E. ob die von Adel, ſo ſich zwar in dem Lande aufhalten, aber nicht mit Lehn-Guͤtern an - geſeſſen, zu dem Homagio zu admittiren, ingleichen ob die, ſo zwar Lehn-Guͤter beſitzen, aber nicht von rechten adelichen Gebluͤthe herſtammen, unter der allgemeinen Ritterſchafft zu Ablegung des unter - thaͤnigſten Homagii zu laſſen u. ſ. w. Manchmahl werden auch nach der Erbhuldigung von Hofe aus gewiſſe Specificationes verlangt, wer von den Her - ren Landſtaͤnden bey der abgelegten Erbhuldigung zugegen geweſen, und wer hingegen nicht dabey er - ſchienen.

§. 8. Wenn der Huldigungs-Actus von Hofe aus, den Hoͤhern als denen von der Ritterſchafft oder den Stadt-Magiſtraten intimirt worden, ſo intimiren ſie hinwiederum ſolchen denen, die ihnen ſubordinirt ſeyn, damit ſich ein ieder parat halte, und dasjenige beobachte, was entweder Sereniſſi - mus von ihm verlangt, oder ſonſt der Obſervanz und dem Huldigungs-Actui gemaͤß iſt.

§. 9. Zuweilen geſchehen der Obſervanz nach unterſchiedene Intimationes in den beſondern Aus - ſchreiben und Hof-Decreten. Jn der letztern wird der eigentliche zur Vollziehung der Huldigunggeſetzte661Von der Huldigung. geſetzte Tag determinirt, und auf das ernſtlichſte angekuͤndigt, nach dem Unterſchied der Staͤnde und Umſtaͤnde der Fuͤrſten und Staͤdte, Prælaten, Her - ren und Ritterſchafften entweder perſoͤnlich oder durch Abgeordnete zu erſcheinen.

§. 10. Jn einigen Laͤndern als wie in Norwegen werden die Erb-Huldigungen durch ein paar Herolde und Trompeter ausgeruffen.

§. 11. Die Gaſſen in Staͤdten werden vor der Huldigung auf das zierlichſte ausgeſchmuͤckt. Auf den Haupt-Plaͤtzen und Straſſen richtet man praͤchtige Triumph-Boͤgen und Ehren-Pforten auf, die Haͤuſer und Ercker werden mit Schilde - reyen und Tapezereyen behangen, die Gaſſen mit gruͤnen Tannen-Baͤumen, mit Orengerien, mit Blumen, perſpectiviſchen Gemaͤhlden, und auf andere Weiſe ausgeziert. Die Buͤrgerſchafft und Zuͤnffte erſcheinen in ſauberer Kleidung mit ihren Fahnen und mit guten Ober - und Unter-Gewehr verſehen.

§. 12. Die Staͤnde verſammlen ſich nach dem Unterſchied der unter ihnen anzutreffen, an unter - ſchiedenen Oertern, als die von der Ritterſchafft entweder auf dem Schloß, auf dem Ritter-Saale, oder in dem Landſchafft-Hauſe, die Geiſtlichkeit in der Kirchen, die Buͤrgerſchafft auf dem Rath - hauſe, die Bauern auf dem Marckte. Die von der Ritterſchafft anſehnliche Characters fuͤhren / werden wiederum von den andern diſtinguirt, undT t 3beſon -662III. Theil. VII. Capitul. beſondere Gemaͤcher ihnen eingeraͤumet. Die Be - ſitzer der Ritter-Guͤter, ſo nicht Adeliche, werden et - was anders tractirt, und gemeiniglich von den an - dern abgeſondert.

§. 13. Die Fuͤrſten oder deren Gevollmaͤchtigte werden auf das praͤchtigſte zur Huldigung einge - hohlet, der Magiſtrat und die Buͤrgerſchafft ziehen ihnen aus den Staͤdten mit Trompeten und Pau - cken, Fahnen, Pferden und Caroſſen, entweder in bundfarbichter Kleidung oder in Trauer-Habit entgegen, wenn dergleichen von der Landes-Herr - ſchafft vorgeſchrieben worden, und die Erb-Hul - digung bald nach dem Abſterben des Landes-Fuͤr - ſten vorgenommen wird. Die Stadt-Obrigkei - ten bringen ihnen in einer zierlich verſilberten und verguͤldeten Taſſe, oder auf einen Sammet-Kuͤſſen die Schluͤſſel der Stadt entgegen getragen, und empfangen ſie im Nahmen der Stadt durch ein Gluͤckwuͤnſchungs-Compliment, welches deren Sereniſſimi oder deren Geſandten in einer kurtzen Gegen-Rede wieder beantworten, der Stadt alle Gnade verſichern, und die Schluͤſſel der Stadt auf eine obligeante Weiſe wieder zuruͤcke geben. An einigen Orten ſind uͤber dieſes noch andere Ce - remonien. Alſo uͤberreichte der Marquis von Caſtiglione anno 1707 den 16 April bey der zu Meyland vollzogenen Huldigung dem Printzen Eugenio die Schluͤſſel der Stadt, der Koͤnigliche Lieutenant aber zwey Gefaͤße voll Waſſer und Erde, welche Se. Durchlauchtigkeit ausſchuͤtteten,damit663Von der Huldigung. damit anzudeuten, daß ſie die Stadt und das Her - tzogthum Meyland im Nahmen Koͤnigs Carl des III. in Beſitz naͤhmen. S. den 66 Theil der Euro - paͤiſchen Famæ. p. 413.

§. 14. An den Stadt-Thoren pfleget auch ge - meiniglich die zum Diſtrict der Stadt gehoͤrige Bauerſchafft auf beyden Seiten zu ſtehen und die Herrſchafften oder die Miniſtres zu bewillkommen. Es wird den Fuͤrſtlichen Gevollmaͤchtigten eben die Honeur angethan, als der Herrſchafft ſelbſt, ſie werden nebſt allen ihren Bedienten und Subalter - nen, ſo lange ſie in der Stadt ſind, auf das beſte tractirt, und allenthalben frey gehalten. Bißwei - len wird auch ſo lange der Actus homagialis waͤh - ret / bey der Guarniſon von dem, der die Huldigung einnimmt, die Parole ausgetheilt, und von ihm an den erſt regierenden Buͤrgermeiſter gegeben.

§. 15. Die Rath-Haͤuſer oder andere oͤffentli - che Gebaͤude, in denen die Huldigung vorgenom - men werden ſoll, werden von oben biß unten aus, mit den ſchoͤnſten Illuminationen, mit Wapen, Sinn-Bildern, Inſcriptionibus, Chronodiſtichis und andern Erfindungen die ſich zu dieſer Hand - lung ſchicken, ausgeziert. Auf den Huldigungs - Saal wird ein praͤchtiger Thron aufgerichtet, wenn der Landes-Herr ſie ſelbſt in eigener hohen Perſon einnehmen will, ſonſt aber nur an dem Orte, wo der vornehmſte Gevollmaͤchtigte hin pla - cirt, wird des Sereniſſimi Portrait in Lebens - Groͤße geſtellt.

T t 4§. 16.664III. Theil. VII. Capitul.

§. 16. Die offtmahls ziemlich rauhen und un - geſtimmten Floͤthen der Dichter ſtellen ſich bey dergleichen Solennitaͤten vor andern mit ein, und uͤbergeben ihre Gedichte ſo gut oder uͤbel ſie gera - then wollen. Ein gewiſſer Autor ereifert ſich uͤber die maſſen uͤber den Autorem eines Gedichts, wel - ches von einem elenden Stuͤmper im Nahmen ei - ner vornehmen Reichs-Stadt, auf die von dem Glorwuͤrdigſten Roͤmiſchen Kayſer Joſepho dem I. daſelbſt eingenommene Huldigung verfertiget wor - den: Er ſagt, der Antritt der Regierung eines Chriſtlichen Kayſers iſt die allerbeſte Gelegenheit, die man immermehr wuͤndſchen und verlangen kan, demſelben ſeine allerunterthaͤnigſte Devotion zu er - weiſen, und ſolte daher von den alleredelſten Federn durch die auserleſenſten Gedichte beſungen werden. Da koͤmmt ſo ein armer Suͤnder aufgetreten, den die Meiſterſaͤnger zu Nuͤrnberg nicht gerne vor ih - ren Lehrmeiſter erkennen wuͤrden, und will mit ſei - ner ausgetrockneten Vena im Nahmen einer gan - tzen vornehmen Reichs-Stadt ein ſolch Gaͤnſe - Geſchnatter unter den Schwaͤhnen unſerer Zeit anſtimmen, daß der gantze Muſen-Berg eine Reſo - nanz davon geben ſoll. Wenn ich an das Bey - ſpiel des groſſen Alexanders gedencke, welcher dem in ſeinen Landen befindlichen Poeten Chœrilo vor ieglichen ſchlimmen Vers eine Maulſchelle zur Be - lohnung gegeben, ſo moͤchte ich das Recompens mit unſerm Dichter nicht theilen, dafern derſelbige unter gleichmaͤßigen ſcharffen Cenſoribus ſeinen Preiß erlangen ſoll.

§. 17.665Von der Huldigung.

§. 17. Vor der Erb-Huldigung laſſen ſich biß - weilen einige Deputati entweder von den geſamm - ten Staͤnden, oder von dem Ausſchuß, bey Sere - niſſimo melden, und bitten um Audienz, ſie tra - gen dabey vor, was maßen die treu-gehorſamſten Staͤnde ſowohl deren bereits ſchon vorher gepfloge - nen Tractaten, als auch deren an ſie abgegangenen Erforderungs-Schreiben nach ſich verſam̃let, und ſolchemnach von Hertzen begierig waͤren, die Erb - Huldigung zu thun, allermaßen ſie derentwegen zu Sr. Durchlauchtigkeit abgefertiget waͤren, und ſelbige unterthaͤnigſt baͤthen, ſie moͤchten geruhen, den veranlaßten Schluß nach, von denen treu ge - horſamſten Staͤnden, die Huldigung aufzunehmen, und ihnen ihre Privilegia, Freyheiten, Rechte und gute Gewohnheiten zu confirmiren, ſie auch in Dero Landes-vaͤterlichen Schutz zu erhalten, da - gegen ſie erboͤthig waͤren, Sereniſſimo alles dasje - nige zu leiſten, ſo getreuen aufrichtigen Untertha - nen gebuͤhrt.

§. 18. Vorhero reichen ſie auch wohl eine und die andern unterthaͤnigſten Erinnerungen ein, wel - che ſowohl geſammte Staͤnde von Land und Staͤd - ten conjunctim, als auch die Land-Staͤnde vor ſich anzubringen haben, und bitten, Sereniſſimus wolle, die zu des armen Landes Conſervation Be - ſten angeſehene, und conſequenter das hohe Lan - des-Fuͤrſtliche Intereſſe mit concernirende Puncte und die unterthaͤnigſt vorgetragene Landes-Noth - durfft in gnaͤdigſte Conſideration nehmen, undT t 5hierauf666III. Theil. VII. Capitul. hierauf die getreueſten Staͤnde mit gnaͤdigſt-er - wuͤnſchter Reſolution erfreuen, alle die von den Durchlauchtigſten Vorfahren ihnen ertheilte Ge - neral - und Special-Conceſſionen, und was in Ec - cleſiaſticis und Politicis davon dependiren mag, aus Landes-vaͤterlicher Macht und Hoheit gnaͤdigſt confirmiren, und ſie nicht weniger mit den Landes - Fuͤrſtlichen gnaͤdigſten Reverſalien in Hoch-Fuͤrſt - lichen Gnaden verſorgen. Jnſonderheit ſind ſie auf alle Weiſe bedacht, wenn etwan mit dem Suc - ceſſore der Lande eine Veraͤnderung der Religion vorgegangen, daß der Status Religionis in allen und ieden Stuͤcken dißfalls unveraͤndert moͤchte beybehalten, und ihrer kuͤnfftigen Sicherheit in die - ſem Stuͤck proſpicirt werden.

§. 19. Jſt nun alles gehoͤrige veranſtaltet, ſo wird eine ſolenne Proceſſion in die Kirche vorgenom - men, um der Huldigungs-Predigt und des daſelbſt angeſtellten Gottesdienſtes abzuwarten. Bey ſo - lennen Huldigungen muͤſſen gewiſſe hierzu deno - minirte Ceremonien-Meiſter und Marſchaͤlle al - les vorher reguliren. Es pflegen auch hierbey die vornehmſten Reichs-Officianten die Reichs-Infi - gnia, als die Crone oder den Chur-Huth, den Sce - pter, das Schwerdt, den Marſchalls-Stab u. ſ. w. vorzutragen.

§. 20. Bey dieſer Proceſſion begeben ſich alle Anweſende, ſo wohl die Durchlauchtigſten Herr - ſchafften, oder dero Gevollmaͤchtigte mit dero bey ſich habenden Suite, als auch die uͤbrigen Miniſtri,Raͤthe667Von der Huldigung. Raͤthe und Cavaliere, die ſaͤmtliche Ritterſchafft, die Deputirte von den Staͤdten und von den uͤbri - gen Staͤnden in die Kirche. Zur Predigt wird ein zu dieſer Handlung ſich ſchickender Text erweh - let, die Collecten, die Gebether und die Muſic dar - nach eingerichtet. Bey den Roͤmiſch-Catholi - ſchen pflegt die Geiſtlichkeit bißweilen aus ihren Kir - chen und Cloͤſtern der Huldigungs-Proceſſion eini - ge koſtbahre Reliquien entgegen zu tragen, um ſol - che den vornehmſten zum kuͤſſen hinzureichen; Es wird auch wohl an dieſen ſolennen Taͤgen der Leib eines gewiſſen Heiligen mit beſondern Ceremonien vor den Altar geſetzt oder geleget.

§. 21. Jſt der Gottesdienſt in der Kirche geen - diget, ſo gehet der Zug auf eben die Weiſe wieder heraus, als er hinein gangen, und man ſchicket ſich nachgehends zur Huldigung an. Jn der Graf - ſchafft Valengin muͤſſen ſo wohl Sereniſſimi als ih - re hierzu Gevollmaͤchtigte vorher einen Eyd able - gen, die Unterthanen bey allen ihren ehemahligen Rechten und Gerechtigkeiten zu ſchuͤtzen. So iſt auch vor dieſen in Arragonien ein beſonder Huldi - gungs-Ceremoniel in acht genommen worden: der neue Koͤnig von Arragonien muſte ſchweren, daß er alle ihre Rechte und Privilegia, wie ſie zu Sa - ragoſſa gedruckt ſind, halten wolte; hierauf hul - digten ſie ihn mit folgender vortrefflichen Formul: Wir Arragonier, die ſo gut ſeyn als ihr / und ihr ſo gut als wir, machen euch zu unſern Koͤnig und Herrn, mit dem Beſcheid, daß ihr ſollet unſereRechte668III. Theil. VII. Capitul. Rechte und Freyheiten erhalten, und ſo ihr das nicht thut, ſo iſt auch unſer Eyd nichts, und wir ſind euch zu nichts verbunden. Jn dem Koͤnig - reich Portugall muß der Koͤnig auf dem Thron auf folgende Weiſe einen foͤrmlichen Eyd leiſten: Jch ſchwehre und gelobe, durch Gottes Gnade recht und wohl zu regieren, und Recht und Gerechtig - keit einem ieden wiederfahren zu laſſen, ſo viel mir menſchlich und moͤglich ſeyn wird, auch eure guten Gebraͤuche, Privilegia, Gnaden und Freyheiten, welche die Koͤnige meine Vorfahren euch gegeben, beſtaͤtiget und bekraͤfftiget haben, zu erhalten.

§. 22. Haben ſich nun die ſaͤmmtlichen Staͤnde auf dem Propoſitions-Saale eingeſtellet, ſo thut entweder Sereniſſimus ſelbſt, oder der Hof-Cantz - ler, oder einer von den Gevollmaͤchtigten Miniſtres einen Vortrag: Sereniſſimus vermerckten der treu - gehorſamſten Staͤnde willfaͤhrige Erſcheinung zu gnaͤdigſtem Gefallen, und nachdem nunmehro nach goͤttlicher Providence, auf Abgang des Durch - lauchtigſten N. N. die Regierung des Landes ihnen zugefallen, daher ſie bey gegenwaͤrtigen Conjun - cturen nichts noͤthigers befaͤnden, als dieſe Erb - Huldigung vorzunehmen, und ihr von den treu - gehorſamſten Staͤnden die Huldigung leiſten zu laſſen; dagegen waͤren ſie aber erboͤthig, das Land bey ſeinen Rechten und Gerechtigkeiten zu ſchuͤtzen, ihnen ihre Privilegia und Freyheiten zu confirmi - ren, und ſich ſonſt in allen als ihr Erb-Landes-Fuͤrſt zu erzeigen.

§. 23.669Von der Huldigung.

§. 23. Der Land-Marſchall, oder wie er etwan ſonſt nach dem Unterſchied der Laͤnder genennt wer - den kan, erbeuth ſich gehorſamſt im Nahmen der Staͤnde zu Leiſtung der Erb-Huldigung, und bittet unterthaͤnigſt, Sereniſſimus moͤchte des gnaͤdig - ſten Erbiethens ſeyn, und dem verlaßten Schluß gemaͤß ſich muͤndlich gegen die Staͤnde vernehmen zu laſſen, daß ſie ihnen ihre und des Landes Privi - legien, gute Gewohnheiten, Rechte, Gerechtigkei - ten und Freyheiten zu confirmiren und beſtaͤtigen belieben wolten. Nachdem nun Sereniſſimus ſich muͤndlich gegen ſie vernehmen laſſen, daß ſie deroſelben gehorſamſte Erſcheinung und Willfaͤh - rigkeit zur Erb-Huldigung ſich gnaͤdigſt gefallen lieſſen, ſolche auch allezeit in Landes-Fuͤrſtlichen Gnaden erkennen wolten, und ſie ſich erbothen, die Staͤnde bey ihren Rechten und Gerechtigkeiten verbleiben zu laſſen, ihnen auch ihre Privilegia und Freyheiten, altes loͤbliches Herkommen, und gute Gewohnheiten zu confirmiren, ſo erfolgen denn die uͤbrigen Handlungen der Huldigung.

§. 24. Bey den Huldigungen in Staͤdten braucht es nicht ſo groſſer Weitlaͤufftigkeit: es wird an den Rath und die Buͤrgerſchafft eine kleine Rede von dem gevollmaͤchtigten Miniſtre abgelegt, und ſolche gemeiniglich von dem Syndico der Stadt in einer Gegen-Rede wieder beantwortet.

§. 25. Bißweilen wird der Adel in einem Zim - mer a part vernommen, ob ſie bey der Eydes-For - mul und andern Solennitaͤten etwas zu deſiderirenhaben,670III. Theil. VII. Capitul. haben, und wenn ſich nichts findet, das nicht alſo - bald durch eine prompte Erklaͤrung gehoben wer - den moͤchte, ſo werden ſie nach einander aufgeruf - fen, wer zugegen, und warum einer oder der andere nicht erſcheinen koͤnnen, vernommen.

§. 26. Bey den Huldigungs-Eyden wird auch auf die Succeſſions-Faͤlle mit geſehen, und dieſel - bige auf alle die Haͤuſer mit erſtreckt, denen durch Erbſchafft-Recht, oder durch Pacta und Erb - Verbruͤderungen, nach Ausgang dieſer oder jener Linie die naͤchſte Anwartſchafft zur Succeſſion zuſtehet. Zuweilen ſtellen ſich die Geſandten der Puiſſancen die eventualiter ſuccediren ſollen, wenn es der Obſervanz gemaͤß bey den Erb-Huldigun - gen mit ein, um bey der Huldigung dasjenige zu beobachten, was ihr kuͤnfftig Intereſſe und der Eventual-Succeſſions-Eyd erfordert. Alſo pflegt das Koͤnigreich Pohlen den Compactatis gemaͤß, um der Eventual-Succeſſion willen zu der Huldi - gung des Koͤnigreichs Preußen gewiſſe Geſandten abzuſchicken. Sie wuͤndſchen in ihren Reden, die ſie deßfalls bey den anſehnlichen Staͤnden des Koͤnigreichs Preußen, an dem Huldigungs-Tage ablegen, daß ſie bey ihrer Freyheit und Gerechtig - keit wachſen, und ſich in ſteten Wohl befinden moͤchten, hiernaͤchſt aber erwarteten ſie von ihnen dasjenige bey dieſer Gelegenheit, wozu ſie die zwi - ſchen dem Koͤnigreich Pohlen und dem Chur - Hauſe Brandenburg abgeredeten Pacta anwieſen. Die Staͤnde antworten in einer Rede, daß ſiezwar671Von der Huldigung. zwar dieſen Tag der Devolution nicht wuͤndſchten, ſolte er aber erſcheinen, ſo wuͤrden ſie ſich nicht wei - gern dasjenige zu leiſten, was ihrer Pflicht gemaͤß waͤre.

§. 27. Die Confirmation der Privilegien ge - ſchicht bißweilen vor der Huldigung, bißweilen nach derſelben. Als Hertzog Johann Caſimir zu Sach - ſen anno 1597 am 25 May die Huldigung auf dem Rathhauß empfieng, die gewoͤhnliche Conſirma - tion der Privilegien, Statuten, Gewohnheiten und Herkommen allererſt den 26 Auguſti anno 1600 ertheilete, ſo ruͤckte er die Bedingung mit ein, ſo viel deren chriſtlich, das iſt, wie es im folgenden gleich - ſam erklaͤhret wird, die dem goͤttlichen Geſetz und Worte nicht entgegen ſind, rechtmaͤßig, erbarlich und aufrichtig, ihnen ſelbſt und gemeiner Stadt dienſtlich, fuͤrtraͤglich und nuͤtzlich ſind. S. Rudol - phi Gotha Diplomat. I. Th. p. 55.

§. 28. Bevor die Staͤnde und Unterthanen den Huldigungs-Eyd leiſten, ſo muß an einigen Orten bey den Roͤmiſch-Catholiſchen nach geendigter Meſſe der von Sereniſſimo abgeordnete Gevoll - maͤchtigte die Haͤnde auf das Meß-Buch legen, welches ihm zu dem Ende præſentirt wird, und in die Haͤnde des Ertz-Biſchoffs den gewoͤhnlichen Eyd, zu Obſervirung der Rechte und Freyheiten der Kirchen zu N. N. ablegen. Worauf dann der Dechant der Kirchen in Begleitung der Canonico - rum dem Gevollmaͤchtigten wegen der Rechte und Privilegien der Kirchen in N. N. einen beſondern Eyd vorlieſet.

§. 29.672III. Theil. VII. Capitul.

§. 29. Bißweilen geſchehen bey der Huldigung, wenn es die Umſtaͤnde mit ſich bringen, in der An - rede gar ſtarcke und nachdruͤckliche Vermahnun - gen, zu Beobachtung ihrer Pflichten, und auch zu - gleich auf das Jurament, das ſie ablegen und ſchwehren ſollen, und welches ihnen von Wort zu Wort vorgeleſen ſoll werden, fleißig und genau Acht zu haben.

§. 30. Die Eydes-Formulen ſind hier und da unterſchieden. Bey einigen heiſt es: So wahr mir GOTT helffe durch JEſum Chriſtum ſei - nen Sohn unſern HErrn, bey andern hingegen: So wahr mir GOTT helffe um CHriſti willen. An einigen Oertern iſt auch wohl die Formul be - kandt: Jhr ſchwehret zu GOTT eurem Schoͤpf - fer, und bey dem Antheil, welchen ihr an dem Pa - radieße haben wolt, daß ihr ꝛc. So iſt auch wohl eine andere Formula juramenti homagialis vor den Magiſtrat, und eine andere vor die Buͤrger - ſchafft. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen iſt die Formul bekandt: So wahr mir GOTT helffe, die heilige Jungfrau Maria und alle Heiligen.

§. 31. Bißweilen wird die Treue und Unter - thaͤnigkeit eydlich angelobet und verſprochen, die ſie ſchon viel und lange Jahre wuͤrcklich geleiſtet. An einigen Orten iſt es dem Herkommen gemaͤß, daß an ſtatt des eydlichen Geloͤbniſſes ein bloſſer Handſchlag jedoch zugleich an Eydes-Statt ge - geben wird. Manchmahl weigern ſich die Staͤn - de das Wort gehorſam abzuſchwehren, und wollennur673Von der Huldigung. nur bloß treu und huld ſchwehren, wenn ſie etwan vermeynen in alter Obſervanz und Poſſeß zu ſtehen, ſie ſuchen auch wohl die perſoͤnliche muͤnd - liche Huldigung zu decliniren, und wollen davor eine ſchrifftliche General-Huldigung abſtatten. Zu manchen Zeiten wird ſie in Anſehung beſonderer Umſtaͤnde vor dieſesmahl iedoch ohne Conſequenz und Præjudiz angenommen, wie dergleichen anno 1708 in Oſt-Frießlang geſchahe. S. D. Brenn - eyſens Oſt-Frießlaͤndiſche Hiſtorie und Landes - Verfaſſung. II. Tomum pag. 1089. Der Geiſt - lichkeit wird die Eydes-Leiſtung bißweilen erlaſ - ſen, und dafuͤr der Handſchlag allein angenom - men.

§. 32. Durch den Eyd der Treue, den die Unter - thanen ablegen, verbindet man ſie zur Unterthaͤnig - keit. Weil man nemlich durch den Eyd GOTT zum Zeugen anrufft, daß man diejenige Perſon, welche die Regierung antritt, oder von der man in Dienſte genommen wird, fuͤr ſeine rechtmaͤßige Obrigkeit erkennen, und ihr treu verbleiben, ihrer Macht und Gewalt ſich ſolcher geſtalt unterwerf - fen, auch nichts wider dieſelbe vornehmen will, und verlangt, daß er uns ſtraffen ſoll, dafern wir nicht halten, was wir verſprochen haben, ſo wird auch einer, der da glaͤubt, daß ein GOTT ſey, der al - les wiſſe und ſehe, auch ihm beſtraffen werde, wenn er entweder nicht den Sinn hat, zu halten, was er verſpricht, oder doch ins kuͤnfftige mit Wiſſen und Willen ſeinen Verſprechen zuwiderU uhandelt674III. Theil. VII. Capitul. handelt, ſich dergleichen zu thun den Eyd abhalten laſſen. Und alſo iſt er ein Mittel, die Unterthanen zu verbinden, daß ſie die Majeſtaͤt nicht beleidigen. Solten auch einige gefunden werden, die auf die - ſen Eyd nicht ſaͤhen, ſo behaͤlt er doch noch dieſen Nutzen, daß ſie weniger Entſchuldigung finden, wenn ſie wegen beleidigter Majeſtaͤt ſollen zur Straffe gezogen werden, damit ſie aber des Eydes ſich deſto leichter erinnern, ſo muß ihnen die Ma - jeſtaͤt der hohen Obrigkeit ſtets vor Augen ſchwe - ben. S. des Herrn Hofrath Wolffs Gedancken von Geſellſchafftlichen Leben der Menſchen. S. pag. 499.

§. 33. An einigen Oertern heiſt der Homagial - Eyd: Jch will Sereniſſimo von Unterthaͤnigkeit we - gen getreu, gewaͤrtig und gehorſam ſeyn, Jhrer Fuͤrſtlichen Durchlauchtigkeit Frommen und Be - ſtes zu foͤrdern, Nachtheil und Schaden zu wen - den, und alles das zu thun, was des Herkommens, und getreue Unterthanen ihren Erb-Herrn und Landes-Fuͤrſten zu thun ſchuldig und pflichtig ſind, alles getreulich und ohngefaͤhrlich. Bey an - dern heiſt es: Jch will Sereniſſimo getreu, hold gewaͤrtig und gehorſam ſeyn, auch nicht in dem Rath vielweniger bey der That ſeyn, da wider Se - reniſſimum gehandelt und gerathſchlagt wuͤrde, auch deroſelben Ehre, Frommen und Nutzen befoͤr - dern, Schaden hingegen warnen und wenden, nach dem beſten Vermoͤgen. Jn noch andern iſt mit angefuͤhrt: Jnſonderheit, da ihr erfuͤhret, daßichtwas675Von der Huldigung. ichtwas wider Sereniſſimum an Leib, Ehre, Wuͤr - de und Stande zu Gegen - und Nachtheil, oder Dero Chur - und Fuͤrſtenthuͤmern, Herrſchafften, Land und Leuten zu Abbruch von iemand ſolte vor - genommen werden, ſolches Sereniſſimo offenbah - ren, und das durch euch oder die eurigen treulich verrichten.

§. 34. An den meiſten Oertern werden die drey Finger bey den Huldigungs-Eyden aufge - hoben, an andern hingegen bringt es die bißherige Gewohnheit und Obſervanz mit ſich, daß ſie auch ohne Aufhebung der drey Finger den Eyd von Wort zu Wort nachſprechen.

§. 35. Nach abgelegten Huldigungs-Eyde er - ſchallet allenthalben das Vivat, und dieſes wird um deſto ſtaͤrcker, williger und oͤffterer ausgeruffen, ie mehr natuͤrliche Zuneigung die Unterthanen in ih - ren Hertzen, gegen ihre hohe Landes-Obrigkeit tra - gen. Bißweilen wird auch der Vermahnung zum Eyde mit angehangen, daß ſie das gewoͤhnliche Frolockende Vivat dreymahl auf iedes gegebenes Zeichen mit freudiger heller Stimme aus den in - nerſten Kraͤfften eines wahren teutſchen Hertzens ausruffen ſollen.

§. 36. Groſſe Herren laſſen ſich bißweilen ge - fallen das Hand-Geloͤbniß in eigner hoher Perſon in den Staͤdten von der Buͤrgerſchafft, von Reichen und Armen ohne Unterſchied anzunehmen. Bey dem Handſchlage gehen zuweilen die vornehm - ſten nach ihrem Range vorher, nachgehends aberU u 2wird676III. Theil. VII. Capitul. wird keine ſonderliche Ordnung mehr obſervirt, ſondern es gehen die zu der Ritterſchafft oder zu dem Ausſchuß oder andern Corporibus und Com - munen gehoͤrige Perſonen wie ſie zukommen. Bey den Roͤmiſch-Catholiſchen gehen erſtlich die Biſchoͤffe, folgends die Prælaten, nachgehends kommt der Herren-Stand, worunter auch ohne Præcedenz die Fuͤrſten begriffen, alsdenn die Rit - terſchafft, und letzlich der Staͤdte und Maͤrckte Ab - geordnete.

§. 37. Manchmahl ſtehen in den Staͤdten die Honoratiores abgeſondert, als die Doctores und Licentiati, die Geiſtlichkeit und die Kauffmann - ſchafft, hernach folgen die andern Buͤrger péle méle. So werden auch wohl den einen Tag der Rath, das Miniſterium, und andere von hoͤherer Condition in Pflicht genommen, den andern Tag aber die andern.

§. 38. Die von der Ritterſchafft werden gar off - ters, wenn die Durchlauchtigſte Herrſchafft bey der Huldigung zugegen, zum Handkuß gelaſſen, die Buͤrgerlichen aber begeben ſich nur biß an Trohn, machen ihre Reverence, und reteriren ſich ſo dann wieder nach Hauſe. Unter waͤhrenden Hand - Kuß und Angeloͤbniß wird an verſchiedenen Oer - tern mit Mouſqueten Salve gegeben, und darauf alles Geſchuͤtz um die Stadt geloͤſet, auch alle Glocken gelaͤutet.

§. 39. Bey den Huldigungen werden ſolenne Feſtins ausgerichtet, die ſaͤmmtlichen Staͤnde wer -den677Von der Huldigung. den herrlich tractirt, und bey den Geſundheit-Trin - cken die Stuͤcken geloͤſet Trompeten geblaſen und Paucken dazu geſchlagen. Werden die Huldi - gungen in Staͤdten eingenommen, ſo laſſen die Stadt-Magiſtrate der Durchlauchtigſten Lan - des-Herrſchafft oder deren Gevollmaͤchtigten, ſo zu dieſer Handlung abgeſchickt ſind, eine koſtbare Mahlzeit zurichten.

§. 40. Die Fuͤrſten ziehen an dieſen Taͤgen einige von den vornehmſten Staͤnden an ihre Ta - feln mit, und laſſen davor einige von ihren eigenen Cavalieren zuruͤck. Ereignen ſich bey den Tafeln der Staͤnde einige Streitigkeiten unter ihnen, der Præcedenz halber, ſo befehlen ſie an, daß vor die - ſes mahl zu Verhuͤtung der Weitlaͤufftigkeiten kei - ne Ordnung unter den Tafeln gehalten werden, ſondern ſie unter einander vermiſcht geſetzt werden ſollen. An den Huldigungen muͤſſen die Erb - Aemter ihre Functionen verrichten, der Erb - Truchſeß muß nebſt den Cavalieren und Cammer - Herren die Speiſen auftragen, der Obriſte Land - Fuͤrſchneider das Fuͤrſchneiden verrichten, der Erb - Silber-Caͤmmerer muß ebenfalls ſeiner Function vorſtehen.

§. 41. So wird auch dem gemeinen Poͤbel bey dergleichen Solennitaͤten mit Eſſen und Trincken manche Luſt gemacht. Man laͤſt ihnen in Quan - titaͤt Fleiſch, Bier und Brod austheilen; ſo laͤſt man ihnen auch wohl einen oder ein paar Tage Fontainen mit Wein ſpringen, oder ihnen GeldU u 3aus -678III. Theil. VII. Capitul. auswerffen, zumahl wenn die Regenten der Zunei - gung des Volcks nicht recht verſichert, und ſolche gleichſam hierdurch erkauffen muͤſſen. Jn den Cle - viſchen iſt etwas beſonders, daß ein Chur-Fuͤrſt - licher Miniſter bey den Huldigungen durch die Stadt reitet, und ein langes ſo genandtes Gnaden - Seil nach ſich ziehet, welches vier Miſſethaͤter, ſo den Tod verſchuldet, ergreiffen, und Pardon be - kommen. S. den II. Theil von Luͤnigs Europaͤiſch. Theatr. Ceremon. p. 852.

§. 42. Die Magiſtrats-Perſonen in Staͤdten und die uͤbrigen von den Staͤnden pflegen nicht ſel - ten die Durchlauchtigſte Landes-Herrſchafft, wenn ſie die Gnade haben ſie bey ſich zu ſehen, und einige von dero vornehmſten Miniſtres, die ſie bey ſich ha - ben, oder doch die von ihnen zu Einnehmung der Huldigung abgeordnete Gevollmaͤchtigten zu be - ſchencken. Es beſtehen aber die Præſente entwe - der in Beuteln mit Gelde, oder in ſchoͤnen Pferden, oder pretieuſen Silber-Geſchirren. Zuweilen regaliren auch die Landes-Herrſchafften dir vor - nehmſten von den Staͤnden mit ihren, mit Dia - manten beſetzten Portraiten. Bey einigen Huldi - gungen werden ſilberne Schaalen voll ſhoͤner neuer ſilberner und guͤldener Muͤntze, mit des Lan - des-Fuͤrſtens Symbolo und ſeinem Bildnß, die auf den Huldigungs-Actum gepraͤget worden, auf - geſetzt, und unter die Staͤnde ausgetheilet. Alſo wurde a. 1712 auf die Oeſterreichiſche Hulligung eine Muͤntze geſchlagen, da der Hercules der Oe -ſtereichi -679Von der Huldigung. ſterreichiſchen Landen, ſo unter der Geſtalt einer Weibes-Perſon vorgeſtellet worden, das Symbo - lum der Gluͤckſeligkeit, nemlich ein Cornu copiæ uͤberreichte, mit der Uberſchrifft: Tanto Duce. Die Unterſchrifft: Auſtria felix ſacramento fide - litatis obligata. VIII. Nov. M. D. CC. XII. S. Guſtav. Heræi Gedichte p. 29.

§. 43. Es wird ſo wohl in Teutſchland als auſ - ſer Teutſchland unter einigen hoͤhern und niedern, maͤchtigern und ohnmaͤchtigern Regenten ſcharff controvertiret, ob diejenigen, die mit dem andern wegen gewiſſer Compactaten in einigem Nexu ſte - hen, oder in gewiſſen Stuͤcken von ihm dependi - ren, als Unterthanen und Vaſallen des andern an - zuſehen, oder als ſolche, denen die Landesherrliche Hoheit frey zuſtehet. Einige ſind in der That vor freye Landes-Regenten zu erkennen, und beſitzen alle hohe Jura und Regalien, ob ſie ſchon durch ge - wiſſe, Compactaten einige Jura, die in Anſehung ih - rer Umſtaͤnde ihnen nicht noͤthig ſind, oder darzu ſie in vorigen Zeiten aus Noth veranlaßt worden, auf die hoͤhern transferirt. Doch die hoͤhern wollen dieſes zu weit extendiren, alle ihre Jura uͤber den Hauffen werffen, voͤllige Unterthanen aus ihnen machen, und ihnen nichts als ein bloſſes Schatten - werck der Freyheit uͤbrig laſſen. Jnzwiſchen iſt auch nicht zu laͤugnen, daß ſich manche mit Unrecht einige hoͤhere Jura angemaßt, ihren Oberherren zu der Zeit, da ſie von andern verfolget worden,U u 4man -680III. Theil. VII. Capitu. manches abgezwackt, und alſo in Truͤben ge - fiſcht.

§. 44. Wenn ſich nun〈…〉〈…〉 ſerhallen oͤffentliche Feindſeligkeiten erheben, ſo ruͤſten ſch die ſchwaͤ - chern dargegen aus, ſo gut ſie wiſſen und koͤnnen, zumahl wo ihnen das Jus belli & pacis zuſtehet, ſie verbinden ſich mit den Benachbarten, die ſonſt et - wan auch die Reyhe treffen koͤnte, ſie fuͤhren in Ge - gen-Manifeſten, die ſie drucken laſſen, ihre Befug - niſſe aus, ſie imploriren die Huͤlffe der maͤchtigern Puiſſancen, ſuchen die Jalouſie bey ihnen zu erre - gen, und bitten, daß ihre Jura bey den kuͤnfftigen Friedens-Schluͤſſen beſorget werden moͤchten.

§. 45. Andere, die ohnmaͤchtiger ſind, und den Degen nicht ausziehen duͤrffen, nehmen ihre Zu - flucht zu der Feder. Sie laſſen Deductiones drucken, ſtellen ihre Jura darinnen auf das nach - druͤcklichſte vor, und widerſetzen ſich des andern Prætenſionen, ſie bitten um Interceſſionalien bey maͤchtigern Regenten, ſie veranlaſſen Conferen - zen, damit die Zwiſtigkeiten durch guͤtliche und friedliche Wege gehoben werden, ſie adreſſiren ſich an die Hoch-Fuͤrſtlichen Anverwandten, an die Mignons und Favoriten, und an die groͤſten Staats-Miniſtres der Puiſſancen, von denen ſie gedruͤckt werden, und offeriren denſelben anſehn - liche Præſente. Manche bezahlen pro redimen - da vexa eine Summa Geldes, und erkauffen hier - durch aufs neue ein ihnen zukommendes Recht, welches ihnen der andere ſtreitig machen will; an -dere681Von der Huldigung. dere erheben eine Klage dieſerwegen in dem Kay - ſerlichen Reichs-Hof-Rath oder in dem Cammer - Gericht und inzwiſchen verwahren ſie ihre Jura mit den allerbuͤnoigſten Proteſtationen, ſie vertheidi - gen dieſelben mit den allerſtaͤrckſten Argumentis, und richten dabey alle die Formalien bittweiſe ein, und temporiſiren, biß ſie etwan bey einem veraͤn - derten Succeſſore oder Miniſterio einige Verbeſ - ſerung finden moͤgen.

Das VIII. Capitul. Von den Reichs - und Land - Taͤgen.

§. 1.

Die Reichs-Taͤge werden in den Koͤnigrei - chen ausgeſchrieben, ſo offt als es entwe - der die Wohlfarth des Koͤnigreichs erfor - dern will, oder dem Willen des Koͤniges oder der Staͤnde gemaͤß iſt. Jn Pohlen werden die Comitia eingetheilet in Togata & Sagata; To - gata, wo man nichts als Friede und Ruhe abzielet, Sagata, wo die Ritterſchafft in offenen Felde er - ſcheitet. Daſelbſt hat der Koͤnig allein Macht den Reichs-Tag auszuſchreiben, und ſo wohl die Zeit als den Ort ſolcher Zuſammenkunfft zu beſtim - men. Nach den Reichs-Geſetzen iſt er verbun - den, alle drey Jahr einen Reichs-Tag zu halten,U u 5und682III. Theil VIII. Capitul. und zwar zweymahl nach einander in Pohlen, das dritte mahl aber in Litthauen. S. Connors Be - ſchreibung des Koͤnigreichs Pohlen p. 499. So iſt auch ein Vorreichs-Tag noͤthig, damit man un - geſtoͤhrt zum Werck ſchreiten koͤnne. Jn der neu - en Wahl-Capitulation, ſo die Schwediſchen Staͤnde anno 1720 mit dem neuen Koͤnig errich - teten, ward im VIII. Articul ausgemacht, daß den Reichs-Staͤnden frey ſtehen ſolte, um die Anord - nung eines Reichs-Tags anzuhalten, und ſodann ſolte der Koͤnig verbunden ſeyn, ſolchen auszuſchrei - ben; die Wahl des Reichs-Tags-Marſch alls ſolte auch bey den Staͤnden verbleiben, und der Koͤnig die Protocolle von den Deputationen der Staͤnde nicht zu ſehen verlangen, ſondern ſie am gewoͤhnlichen Ort ruhen laſſen.

§. 2. Ob die Koͤnige verbunden ſind, in eigener hoͤchſten Perſon den Reichs-Taͤgen mit beyzuwoh - nen, wird in den Fundamental-Geſetzen des Reichs ausgedruckt. Zum wenigſten ſehen es die Reichs - Staͤnde allezeit lieber, wenn die gecroͤnten Haͤu - pter mit dabey erſcheinen, halten auch oͤffters um ihre Gegenwart an. Alſo muſte Kayſer Leopol - dus anno 1704 den Ungariſchen Malcontenten verſprechen, daß Kayſerliche und Koͤnigliche Ma - jeſtaͤt geſonnen, ſich ſelbſt in Perſon bey dem Un - gariſchen Reichs-Tag einzufinden, und daſelbſt mit den geſammten Reichs-Staͤnden auszuma - chen, was nach geſtalten Sachen in Cammer - und Kriegs-Sachen feſtzuſtellen, zu aͤndern, und zu ver -neuern683Von den Reichs - und Land-Taͤgen. neuern ſeyn moͤchte. So haben auch die Ungari - ſchen Staͤnde zu unterſchiedenen mahlen angehal - ten, daß der ausgeſchriebene Reichs-Tag in Aller - hoͤchſter Gegenwart Jhrer ietzt-regierenden Kay - ſerlichen Majeſtaͤt moͤchte vorgenommen werden, nebſt der unterthaͤnigſten Verſicherung, daß die meiſten und wohlmeinenden Staͤnde dieſes Reichs, ungeachtet aller Bemuͤhung der Widriggeſinneten, in groſſer Anzahl dabey erſcheinen wuͤrden.

§. 3. Da nunmehro bey vorfallenden wichtigen Reichs-Geſchaͤfften ein Reichs-Tag auszuſchrei - ben, ſo pflegen die Koͤnige ihren Reichs-Staͤnden in Schrifften dieſerwegen Notification zu thun, und ſich mit ihnen der Zeit und andern Umſtaͤnde ſolcher Zuſammenkunfft zu vergleichen, und ſie zu vermahnen, in Perſon ſelbſt, oder nach Gelegen - heit der Sachen, und bey ihren Verhinderungen durch Gevollmaͤchtigte zu erſcheinen. Jn den aus - zufertigenden Ausſchreiben werden die Urſachen, die Puncte, wovon gehandelt werden ſoll, und auch die Zeit ausgedruckt. Jn Pohlen laͤſt der Koͤnig ſechs Wochen vorher an alle Woywoden Circu - lar-Schreiben abſenden, und thut denſelben dar - innen ſein Vorhaben, nebſt der darzu beſtimmten Zeit zu wiſſen, uͤberſchickt ihnen auch zugleich ein Verzeichniß von allen den Puncten, die auf dem Reichs-Tage abgehandelt werden ſollen. Hier - auf laͤſt ein iedweder Woywode, oder deſſen Abge - ordneter, ohne Verzug allen, in ſeinen Woywod - ſchafften ſich befindenden Caſtellanen, Staroſtenund684III. Theil. VIII. Capitul. und andern Edelleuten ſolches berichten, und darne - ben eine gewiſſe Zeit ſetzen, da ſie alle zuſammen kommen ſollen, ſo wohl uͤber den Koͤniglichen Vor - trag, und andere Sachen, die auf dem Reichs-Tag vorgebracht werden ſollen, zu berathſchlagen, als auch einen Land-Bothen oder Deputirten zu er - wehlen, der ihre Meynung und gefaſten Schluß in ihrer aller Nahmen vortrage.

§. 4. Die Sachen, ſo auf einen Reichs-Tage abgehandelt werden, betreffen die auswaͤrtigen und einheimiſchen Angelegenheiten des Koͤnigreichs, als die Wahl eines neuen Koͤnigs oder deſſen Ver - maͤhlung, die Einrichtung der kuͤnfftigen Succes - ſion, die Abfertigung gewiſſer Abgeſandten an aus - waͤrtige Puiſſancen, das Religions-Weſen, den Schluß neuer Buͤndniſſe, oder allgemeine Anlagen zu Fortſetzung des Krieges u. ſ. w. Die Depu - tirten der Provintzen bringen bißweilen allerhand Propoſitiones auf das Tapet, welche denn nach Anzahl der meiſten Stimmen entweder angenom - men oder verworffen werden. So wollen auch mancherley mit dabey vorkommende Privat - und Neben-Sachen viel Zeit wegnehmen, wo es aber recht ernſtlich zugehen ſoll, werden ſie bey Seite geſchafft, und in keine Betrachtung gezogen, da - mit ſie dem Haupt-Werck kein Hinderniß zu we - ge bringen. Jn der Koͤniglich-Schwediſchen neuen Regiments-Forma von 1719. §. 36. ward ausgemacht, daß allezeit bey einem neuen Reichs - Tage den Staͤnden vorgeleget werden muͤſte, wasnach685Von den Reichs - und Land-Taͤgen. nach dem letzten Reichs-Tage vorgefallen, und wie des Vaterlandes Zuſtand beſchaffen ſeyn moͤchte. So haͤtten auch die Staͤnde nachzufra - gen, wie die Reichs-Raͤthe ihre Rathſchlaͤge ge - faſt, zu Jhro Majeſtaͤt guten Vergnuͤgung, des Reichs Wohlſeyn, der Verbeſſerung ihrer ſelbſt, und zu ihrer wahren Ehre und beſtaͤndigen Ruhm.

§. 5. Die convocirten Reichs-Staͤnde pfle - gen denn den Tag und die Zeit, wenn ihnen ſolch Ausſchreiben zukommt, accurat aufzuzeichnen, und dann nach Gelegenheit ſelbſt in Perſon oder durch einen Gevollmaͤchtigten zu erſcheinen. Werden ſie durch etwas verhindert ſo fuͤhren ſie die Urſa - chen an, die ſie von der perſoͤnlichen Erſcheinung zuruͤck halten. Jn Pohlen ſtellen ſich die meiſten von Adel, welche Mittel haben, ſich praͤchtig aufzu - fuͤhren, mit Weib und Kindern ein, zu keinem an - dern Ende, als daß ſie andere wollen ſehen, und ſich auch ſelbſt ſehen laſſen. Hauteville macht in ſei - ner Beſchreibung des Koͤnigreichs Pohlen eine ar - tige Anmerckung uͤber die Pohlniſchen Reichs - Taͤge, er ſagt: Die Pohlen wendeten mehr Zeit auf ſchmauſen und banquetiren, als auf die Ange - legenheit des Staats, ſie daͤchten niemahls eher an die Urſachen, um welcher willen ſie zuſammen gekommen, als biß ſie kein Geld mehr haͤtten, da - vor ſie hungariſchen Wein kauffen koͤnten. Doch dieſes hat nicht allein in Pohlen ſtatt, ſondern auch an andern Orten, es koͤnte hier und da bey derglei -chen686III. Theil. VIII. Capitul. chen Taͤgen mehr verrichtet werden, wenn nicht viele von den Staͤnden die Gaſt-Gebothe ſofleißig abwarteten.

§. 6. Die auswaͤrtigen Puiſſancen pflegen ihre Miniſtres und Geſandten auf die Reichs-Taͤge mit abzuſchicken, um ihrer Principalen Inrereſſe da - ſelbſt zu beſorgen, ſie werden nicht leichtlich zu den geheimen Conferenzen gezogen, bey oͤffentlichen Handlungen und Proceſſionen aber werden ihnen ſonderbahre Stellen, iedoch den Staͤnden ohne Præjudiz gelaſſen.

§. 7. Die Reichs-Staͤnde werden nach dem Unterſchied der Reiche in beſondere und unterſchie - dene Claſſen eingetheilt, und bey den Seſſionen un - ter den hohen Reichs-Beamten, unter den Geiſt - lichen und weltlichen Staͤnden eine gewiſſe Ord - nung in Acht genommen. Es ereignen ſich nicht ſelten unter ihnen wegen des Ranges, Vorſitzens, Præeminenz u. ſ. w. mancherley Ceremoniel - Diſputen, damit aber ſolche dem Werck keine Hin - derniß verurſachen, ſo werden ſie entweder ſo gleich von dem Koͤnig decidirt, oder Temperamenta aus - gefunden, und Erklaͤhrungen vorgeſchlagen, daß dieſes oder jenes einen ieden an ſeinem Rechte in geringſten nicht præjudicirlich ſeyn ſoll.

§. 8. Einigen Reichs-Officianten ſtehet vor an - dern an den Reichs-Taͤgen eine beſondere Præ - rogativ und Macht zu. Alſo hat der Landboryen - Marſchall in dem Koͤnigreich-Pohlen eine ſehr groſſe Ehre, er gebeuth den Land-Bothen ſtillzu687Von den Reichs - und Land-Taͤgen. zu ſchweigen, alles was von ihm geſchloſſen wird, traͤgt er dem Koͤnig und dem Senat vor, es iſt ihm auch vergoͤnnt, den Koͤnig ſelbſt, ſo offt es ſcheint noͤthig zu ſeyn, des bey ſeiner Croͤnung ge - leiſteten Eydes zu erinnern.

§. 9. Die Solennitaͤten mit denen ſich die Reichs-Taͤge eroͤffnen, ſind nach dem Unterſchied der Reiche unterſchieden, in dem Koͤnigreich Ungarn iſt es nach dem alten Gebrauch des Herkommens, daß die Seſſionen des Abends vorhero durch Trom - peten - und Paucken-Schall von den Thuͤrmen unter Loͤſung der Canonen intimirt werden. Der Anfang des Reichs-Tages geſchiehet allenthal - ben, wie es auch recht und billich iſt, mit dem Got - tesdienſt. Die Koͤnige gehen in Begleitung der Reichs-Senatoren, Staats-Miniſtres, Officiern von der Crone, ihrer ſaͤmmtlichen Hofſtatt und Garden in die Kirche, hoͤren daſelbſt die Predigt an, warten alle Arten des Gottesdienſtes mit ab, wie ſie nach dem Unterſchied der drey Chriſtlichen Religionen eingefuͤhrt; wenn nun der Gottesdienſt geendiget, ſo begeben ſie ſich auf eben die Weiſe, wie ſie in die Kirche gegangen, wieder heraus, und auf den Platz da die Propoſition des Reichs-Ta - ges ſoll gethan werden.

§. 10. Der Koͤnig begiebt ſich in Begleitung der ſaͤmmtlichen Reichs-Senatoren und uͤbrigen Reichs-Staͤnde auf den, vor ihm zugerichteten Koͤniglichen Thron, und der Reichs-Tag wird durch eine ſolenne Rede, die er entweder ſelbſt oderder688III. Theil. VIII. Capitul. der Cron-Cantzler ablegt, eroͤffnet, und die Be - antwortung dieſer Rede erfolgt ſo dann von des Reichs-Tages Marſchall. Der Koͤnig in Poh - len, Johannes III. hielt auf dem Reichs-Tage zu Grodno eine Rede an die Staͤnde, worinnen er verſprach, in keinen Stuͤck wider die Pacta conven - ta zu handeln. Hierauf werden die Acta propo - nirt, die Senatores und Reichs-Staͤnde ſchreiten zu ihren Deliberationibus, communiciten ihre Schluͤſſe untereinander ſelbſt und auch mit dem Koͤnig, conferiren die gewoͤhnlichen neuen Digni - taͤten, faſſen Ordnungen und Geſetze ab, biß ſie endlich zu gewiſſen und voͤlligen Reichs-Tags Schluͤſſen gelangen, die denn in pleno abgeie - ſen, in Ordnung gebracht, und meiſtentheils ge - druckt werden.

§. 11. Die Zeit des Reichs-Tages, wie lange er waͤhren ſoll, iſt in einigen Fundamental-Geſe - tzen des Reichs beſtimmt, in andern hingegen nicht. Jn Pohlen ſoll ein Reichs-Tag nicht laͤnger als 6 Wochen dauren, und die Edelleute pflegen die - ſen Termin ſo genau in Acht zu nehmen, daß ſie nach Verlauff der geſetzten Zeit ohne Verzug ih - ren Marſchall an den Koͤnig abſenden, der in ihren Nahmen Abſchied nehmen, und zugleich bey Jhrer Majeſtaͤt um die gewoͤhnliche Verſtattung des Hand-Kuſſes anhalten muß.

§. 12. Daß in Pohlen die Reichs-Tage leicht - lich zuriſſen werden, und die Reichs-Staͤnde off - ters unverrichteter Sachen auseinander gehen, iſtkein689Von den Reichs - und Land-Taͤgen. kein Wunder, indem ein eintziger Landbothe, der widriger Meynung, den Schluß der ſaͤmmtlichen Staͤnde umſtoſſen, und alſo den Riß des Reichs - Tages verurſachen kan.

§. 13. Koͤnnen die Reichs-Staͤnde die Reichs - Taͤge wegen der vorſeyenden Krieges-Operatio - nen oder anderer Hinderniſſe in geſchwinder Zeit nicht gaͤntzlich zum Schluß bringen, ſo werden die - ſelben mit einhelliger Bewilligung aller Staͤnde verſchoben, biß endlich alle Vorfallenheiten, Deſi - deria und Receſſe der vorigen Reichs-Taͤge bey der Reaſſumtion wieder vorgenommen werden.

§. 14. Was in den Koͤnigreichen die Reichs - Taͤge, das ſind in Teuſchland die Land-Taͤge, ſo die Landes-Herren bey vorfallenden Angele - genheiten des Landes auszuſchreiben pflegen, wenn es entweder der ſtatus religionis erfordert, oder die Etablirung neuer und nuͤtzlicher Landes-Geſetze und Ordnungen, oder die Vermehrung der Troup - pen, die Aufrichtung oͤffentlicher und dem gantzen Lande heylſamen Gebaͤude, meiſtentheils aber, wenn die Landes-Verwilligungen zu Ende gehen, und die Staͤnde wieder neue Summen Geldes dem Landes-Herren verwilligen ſollen. Biß - weilen iſt es zu weitlaͤufftig zu koſtbar und zu muͤh - ſam, allgemeine Land-Taͤge auszuſchreiben, da alle Staͤnde zuſammen beruffen werden, und als - denn pflegt man nur einen Convent, der aus den vornehmſten Staͤnden des Landes beſteht, zu ver - anlaſſen, der denn ein Ausſchuß - oder Landes -X xDeputa -690III. Theil. VIII. Capitul. Deputations-Tag genennt wird. Bey den Ausſchuß-Taͤgen getrauen ſich die Staͤnde off - ters nicht in wichtigen Sachen etwas zu reſolvi - ren, ſie ſchuͤtzen vor, es wuͤrde ihnen bey ihren Mitſtaͤnden Verantwortung zu wege bringen, ſie haͤtten ehedem Verdruß gehabt, daß ſie ſich in ei - nem und dem andern ſo weit herausgelaſſen, und bitten alſo, dieſen oder jenen wichtigen Punct biß zur Convocation der ſaͤmmtlichen Staͤnde zu ver - ſchieben. Jn einigen Provintzen iſt den Land - Taͤgen eine gewiſſe Zeit vorgeſchrieben, wenn ſie gehalten werden ſollen, als in Sachſen alle 6. Jahre, die Ausſchuß-Taͤge aber werden ausge - ſchrieben, ſo offt es dem Landes-Herrn gefaͤllt, und die Wohlfarth des Landes mit ſich bringt.

§ 15. Die beſondern Receſſe und Vortraͤge mit den Land-Staͤnden, ingleichen wenn es zur Con - tradiction gekommen, die dißfalls publicirten Kayſerlichen Decreta und Executions-Receſſe, de - terminiren uͤber was vor Sachen Land-Taͤge aus - zuſchreiben, wie es auf denſelben mit den Propoſitio - nen, Unterſuchung der Vollmachten, Deliberatio - nen der Land-Staͤnde, Eroͤffnung ihrer Mey - nung an den Landes-Herrn, Abfaſſung der Land - Tages Abſchiede, und Schluß des Land-Tages gehalten werden ſoll.

§. 16. Die Staͤnde und Staͤdte werden in ver - ſchiedene Claſſen eingetheilt, und nach deren Un - terſchied entweder dem weitern oder engern Aus - ſchuß beygezehlt. Die Art und Weiſe aber wieder691Von den Reichs - und Land-Taͤgen. der engere Ausſchuß von dem weitern erwehlt werde, iſt nach dem Unterſchied der Provintzen different, und kan in keine allgemeine Regein recht gebracht werden. Sie beſtehen faſt allenthalben in Prælaten, Grafen, Herren, Ritterſchafft und Staͤdten. An einigen Orten als wie in dem Ertz - Hertzogthum Oeſterreich und in dem Hertzogthum Juͤlich wird der Herren-Stand, der Grafen - und Baronen-Stand von der Claſſe der andern Edel - leute unterſchieden. Den Prælaten werden die Dom-Capitul, die Aebte, die Cloͤſter, und die Uni - verſitaͤten mit beygezehlt.

§. 17. Die Land-Staͤnde haben ihren Syndi - cum, und ihr eigen Archiv, darinnen die befindli - chen Original-Land-Tags-Acta, und alle dazu gehoͤrige briefliche Urkunden wohl verwahrt und beſchloſſen werden, und daruͤber ein ſonderlich In - ventarium aufgerichtet wird, ingleichen haben die von der Ritterſchafft in engern und weitern Aus - ſchuſſe ihre ſonderliche Conſulenten. Mit den Stiffts-Staͤnden hat es eine gleiche Bewand - niß, wie auch mit den Stiffts-Taͤgen, welche die Biſchoͤffe nebſt ihren Dom-Capituln, ſo offt als das Intereſſe des Stifftes eine gemeinſchafftliche Berathſchlagung erfordern will, auszuſchreiben pflegen.

§. 18. Der Landes-Herr entſchluͤßt ſich eines gewiſſen Tages und Ortes, wenn und wo er den Land-Tag halten will. Jn den beſondern Aus - ſchreiben werden die Land-Staͤnde von Prælaten,X x 2Grafen,692III. Theil. VIII. Capitul. Grafen, Herren, Ritterſchafft und Staͤdten con - vocirt mit genugſamer Vollmacht und Inſtruction zu erſcheinen; in dem Ausſchreiben wird angefuͤhrt, Sereniſſimus truͤge zu Dero gehorſamſten Land - Staͤnden das gnaͤdigſte zuverlaͤßige Vertrauen, daß dieſelben ſich uͤber die Proponenda nach ge - ſchehener Viſitation und Fxamination der Voll - machten in Unterthaͤnigkeit nach Land-Tags Recht zuſammen thun, die proponirten Puncta der hohen Wichtig - und Billichkeit nach zu Jhrer Hoch-Fuͤrſtlichen Durchlauchtigkeit und des ge - liebten Vaterlandes Beſten foͤrderſamſt und wohl - bedaͤchtig uͤberlegen, und derſelben deswegen mit einer unterthaͤnigſten Land-Tags-Reſolution ge - treulich an die Hand gehen, auch darauf die Er - oͤffnung und Publication des Obrigkeitlichen Land - Tages Abſchiedes gehorſamſt abwarten werden. Dieſe Ausſchreiben werden entweder durch Bo - then aus einem ieden erforderten Stand abge - ſchickt, um ſolche zu inſinuiren, und Recognition daruͤber zu fordern, damit ſich ein ieder darnach zu richten habe, oder auch nur durch Mandata, um die Ausloͤſungs-Koſten zu erſpahren.

§. 19. Es werden auch wohl gewiſſe Fuͤrſtliche Perſonen zu den Land-Tags-Verſammlungen mit beruffen, und ihnen dieſerhalben Notification er - theilt, wenn es der Landes-Verfaſſung gemaͤß, damit ſie mit den ihrigen zugleich mit conſultiren und ſchluͤſſen helffen. Alſo muß der Hoch-Fuͤrſt - liche Herr Senior mit den Hoch-Fuͤrſtlichen Her -ren693Von den Reichs - und Land-Taͤgen. ren Gewettern oder Gebruͤdern den Land-Tag in - timiren, und alles mit ihnen zugleich in Uberle - gung ziehen. Die Land-Tags-Propoſition geſchie het entweder in des aͤlteſten regierenden, oder in der ſaͤmmtlichen mitregierenden Herren Vet - tern oder Gebruͤder Nahmen, die Landſchafft-Me - moriale werden auch ſo eingerichtet, und die Land - Tages-Schluͤſſe auf gleiche Weiſe abgefaſt, wie es der bißherigen Obſervanz gemaͤß. Spuͤhren nun die Herren Vettern, daß man bey der Haupt - Linie hierinnen etwas ſaumſeelig, ſo erſuchen ſie dieſelbe die Anſtalten zu verfuͤgen, daß vermittelſt zeitlicher abſonderlicher ſchrifftlicher Notification an ſie, dasjenige Herkommen, ſo etwan bißher ei - nigen Anſtoß gelidten, wieder auf den alten Fuß geſetzt, und in den vorigen Gang ſtabilirt werden moͤchte, ſie wuͤrden nicht unterlaſſen die ihrigen mit behoͤriger noͤthiger Inſtruction dahin zu ſchi - cken.

§. 20. Es erſuchen auch wohl die uͤbrigen Land - Staͤnde, wo ſie ſehen, daß der Landes-Herr wider die bißherige Verfaſſung etwas wichtiges ohne der Staͤnde Einwilligung vornehmen und beſchlieſſen will, Sereniſſimum auf das beweglichſte, dieſes, was die Wohlfarth des Landes concernirt, mit ihnen zu communiciren, dero unterthaͤnigſtes Be - dencken daruͤber gnaͤdigſt zu hoͤren, und die Staͤnde dieſerwegen zu convociren.

§. 21. Die Staͤnde, ſo zu den Land-Taͤgen ver - ſchrieben werden, muͤſſen majorenn ſeyn, und ge -X x 3wiſſe694III. Theil. VIII. Capitul. wiſſe Jahre zuruͤck gelegt haben, denn die nicht faͤ - hig ſind, ihren eigenen Sachen ihrer Jugend wegen wohl vorzuſtehen, duͤrffen auch an Beſorgung des Heyls des gemeinen Weſens keinen Antheil haben. Die Land-Staͤnde ſtellen ſich perſoͤnlich ein, und die Grafen oder andere, ſo auf eine erhebliche Wei - ſe, hohen Alters oder der Unpaͤßlichkeit wegen, ver - hindert werden ſelbſt zu kommen, ſchicken ihre Ge - ſandten, ſo wohl auch die Staͤdte, aus ieder Stadt ungefehr zwey, drey biß vier Perſonen, nach der Gelegenheit eines ieden Groͤſſe, und inſtruiren ſie mit gehoͤrigen Vollmachten.

§. 22. Ob es ſchon in Engelland eben nicht ge - braͤuchlich iſt, daß man denen zum Parlament er - wehlten Deputirten dergleichen Inſtructionen mit - theilet, ſo pflegen es doch einige Communen bey wichtigen Angelegenheiten zu thun, damit ſothane Deputirte allen demjenigen gemaͤß nachkommen, was ihnen bey einem wichtigen Parlament mit groſſen Eyfer aufgetragen wird. Sie bedienen ſich hierbey lauter ſolcher Redens-Arten, dadurch ſie ihren groſſen Eyfer anzeigen, als: Wir erſu - chen euch ihr Herren, wir beſchwehren euch ihr Herren, dieſen oder jenen Punct euch auf das al - lerangelegentlichſte empfohlen ſeyn zu laſſen.

§. 23. Bey der Ritterſchafft ſetzt es ein haiffen Diſputen, ob dieſer oder jener dem Land-Tagmit beywohnen ſoll. An viel Orten muß ſich ein neuer Beſitzer eines Adelichen Guthes, bevor er auf dem Land-Tag erſcheinen darff, bey dem Landes-Herrnperſoͤn -695Von den Reichs - und Land-Taͤgen. perſoͤnlich oder ſchrifftlich melden, und durch Pro - ducirung noͤthiger Documenten legitimiren, daß er ein rechtmaͤßiger Beſitzer des Guthes ſey. Jn einigen Laͤndern admittirt man nur diejenigen von Adel, die auf vaͤlterlicher und muͤtterlicher Seite von einem unbeſcholtenen Adel, in andern hinge - gen wird es ſo genau nicht genommen. Wenn ei - nige alte Geſchlechter den neuern bey dieſen Gele - genheiten allzu ſehr præjudiciren wollen, ſo erthei - let der Landes-Herr ein Deciſum, und giebet den neuern die Freyheit, daß ſie eben ſo wohl als jene vor faͤhig geachtet werden, dem Land-Tag mit beyzuwohnen.

§. 24. Die Land-Staͤnde ſehen es gerne, daß bey ihren Zuſammenkuͤnfften ſo wohl der generale als ſpeciale Ort beybehalten werde, wo vor dem dergleichen angeſtellet worden, ſonſt erfolgen Pro - teſtationes hieruͤber, ja ſie wollen auch wohl gar nicht erſcheinen, es waͤre denn, daß zu manchen Zei - ten, z. E. bey Contagions-Laͤufften, wenn es ſich nicht anders thun lieſſe, der Ort mit der Staͤnde Genehmhaltung geaͤndert wuͤrde. Nachdem die Gewalt der Landes-Fuͤrſten durch ihre Staͤnde mehr oder weniger eingeſchraͤncket iſt, nachdem muͤſſen ſie ſich auch bey ihren Land-Taͤgen an ei - nerley Ort binden, oder nachdem nehmen ſie ſich die Freyheit von dem Ort abzugehen, und einen andern hierinnen zu erwehlen.

§. 25. Zeilerus meldet in ſeiner Topographia illuſtri Ducatuum etwas beſonders von dem Her -X x 4tzog -696III. Theil. VIII. Capitul. tzogthum Braunſchweig-Luͤneburg, daß daſelbſt die Land-Taͤge, wenn es die Nothdurfft erforder - te, alten Herkommen gemaͤß, unter dem freyen Himmel in einem Gehoͤltz, der Schott bey Haſſe - ring genannt, in dem Amte Bodentrich, 4 Meilen von Zelle gehalten wuͤrden. Ob dieſes noch heutiges Tages gebraͤuchlich, iſt mir unbekandt. Sonſt pflegen die Land-Taͤge mehrentheils in den Fuͤrſt - lichen Reſidentien gehalten zu werden.

§. 26. Anno 1724 beſchwerten ſich die Oeſter - reichiſchen Land-Staͤnde am Kayſerlichen Hofe, daß die gewoͤhnlichen Land-Tags-Propoſitiones dieſes Jahr nicht bey Hofe geſchehen, da ſie doch in dem Receß, durch welchen ſie ſich verbindlich gemacht, Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt zu Frie - dens-Zeiten jaͤhrlich eben ſo viel als zu Krieges-Zei - ten von 1723 biß 1740 pro ordinario 600 tau - ſend Guͤlden, und pro extraordinario 200 tauſend Guͤlden nebſt einem Steuer-Drittel abzutragen, anheiſchig gemacht, dabey aber ausdruͤcklich vor - behalten, daß, obgleich die Poſtulata beſagter maſ - ſen ihre Richtigkeit haͤtten, die Propoſitiones den - noch dem alten Herkommen gemaͤß bey Hofe ge - ſchehen ſolten. Darauf denn Jhro Kayſerliche Majeſtaͤt beſagten Staͤnden in einer Audienz ver - ſprochen, daß es in Zukunfft auch alſo gehalten wer - den ſolte. S. Einleit. zur neueſten Hiſt. XXXVI. Stuͤck p. 719.

§. 27. Es werden auch zuweilen in gewiſſe Di - ſtricte und Gegenden einige Fuͤrſtliche Commiſſa -rii697Von den Reichs - und Land-Taͤgen. rii geſchickt, die um der Beyhuͤlffe, befehliget ſind eine Propoſition zu thun. Sie legitimiren ſich durch ihre ihnen mitgegebene Inſtruction, entbie - then denen von der Ritterſchafft und Staͤdten den gnaͤdigſten Gruß von Sereniſſimo, verſichern, daß Sereniſſimus deroſelben, vermoͤge des Ausſchrei - bens, geſchehene gehorſame und volckreiche Ver - ſammlung zu gegenwaͤrtigen willkuͤhrlichen Land - Tage nicht anders als angenehm ſey, und ſie ſolche als ein Zeichen ihrer treuen und unterthaͤnigſten Devotion conſiderirten, und tragen nachgehends dasjenige vor, worzu ſie vom Landes-Herrn beor - dert.

§. 28. Haben ſich nun die Staͤnde hierauf eines gewiſſen Schluſſes verglichen, ſo nehmen die Fuͤrſt - lichen Commiſſarii zwar den Land-Tags-Schluß und der Staͤnde Verwilligung in einer Rede an, bedingen aber doch dabey, daß, wenn er etwan der - geſtalt nicht eingerichtet ſeyn ſolte, daß Sereniſſimus dabey acquieſciren koͤnten und wolten, ſondern da - gegen etwas weiter zu urgiren der Nothdurfft befin - den wuͤrden, dieſe Annehmung auf ſolchen unver - hofften Fall zu keinem Præjudiz gereichen oder an - gefuͤhret werden moͤchte.

§. 29. Es ſtehet den Landes-Herren in einem Lande immer mehr Freyheit und Macht zu, als in dem andern. Chriſtliche und weiſe Regenten zie - hen der Land-Staͤnde Meynung und Gutachten, wenn ſie auch ſchon der Landes-Verfaſſung nach nicht ſchlechterdings daran gebunden waͤren, den -X x 5noch698III. Theil. VIII. Capitul. noch in billige Betrachtung, und bemuͤhen ſich, ihre Land-Tags-Abſchiede ſo einzurichten, wie ſie es gegen GOtt, gegen Roͤmiſche Kayſerliche Maje - ſtaͤt, und gegen ihr geſammtes Land und Untertha - nen verantworten koͤnnen, kommen auch alle dem - jenigẽn, was ſie ehedem ihren Staͤnden verſpro - chen, getreulich nach. Jn dem Maͤrckiſch-Bran - denburgiſchen Land-Tags-Abſchied de anno 1653 § 14 iſt enthalten: Wir wollen in wichtigen Sa - chen, daran des Landes Gedeyen oder Verderben gelegen, ohne unſerer getreuen Landes-Staͤnde Vorwiſſen und Rath nichts ſchlieſſen und vorneh - men, und auch zu keiner Verbuͤndniß, dazu unſere Unterthanen und Landſaßen ſolten und muͤſten ge - braucht werden, ohne Rath und Bewilligung ge - meiner Land-Staͤnde uns einlaſſen.

§. 30. Jn den Mecklenburgiſchen Landen gieng es anno 1718 auf einem Land-Tage ſehr tumultua - riſch zu: Es wurden den Land-Staͤnden neuerli - che Contributiones unertraͤglicher Portionen an - geſonnen, die alten rechtmaͤßigen Land-Raͤthe ab - geſetzt, und hingegen neuere beſtellt, ein neues Land - Siegel obtrudirt, und das alte verbothen, um da - durch die Ritterſchafft aus dem Poſſeſs aller ihrer Rechte zu ſetzen; daher ſie auch genoͤthiget worden, an dem Reichs-Hof-Rath dieſerwegen zu appel - liren.

§. 31. Wenn ein Landes-Herr, der die Landes - Verfaſſung gantz uͤber den Hauffen werffen, und eine Trennung unter den Land-Staͤnden vorneh -men699Von den Reichs - und Land-Taͤgen. men will / einen Land-Tag von denen vor ihm ge - ſinneten Staͤnden ausgeſchrieben, ſo kommen denn die andern von der Ritterſchafft und von ihren Mit - Staͤnden ein, und erinnern ſie, daß ſie bey ihrer Verſammlung die Behutſamkeit gebrauchen ſol - len, damit von ihnen nichts verbuͤndliches geſchloſ - ſen werden moͤchte, weder die ſo theuer erworbene / von dem Landes-Herrn iederzeit beſtaͤtigte Landes - Privilegia und Jura gekraͤnckt, noch die alten loͤbli - chen Gebraͤuche und Gewohnheiten des Landes, die von Kayſerlicher Majeſtaͤt ihnen confirmirte Reverſalia, Pacta und ſaͤmmtliche Landes-Conſti - tutionen violiret wuͤrden. Widrigenfalls, und da auſſer Verhoffen dem entgegen etwas geſchloſſen oder verabredet werden ſolte, ſo proteſtiren ſie dar - wider auf das feyerlichſte, erklaͤhren daſſelbe als et - was unverbindliches vor null und nichtig, und re - ſerviren ſich ihre Jura auf das kuͤnfftige, ſo gut ſie koͤnnen.

§. 32. Die Staͤnde muͤſſen meiſtentheils auf eigene Unkoſten reiſen, iedoch bekommen ſie nach - gehends die Ausloͤſung. Einige Politici haben in Vorſchlag gebracht, daß die Deliberationes weit mehr beſchleuniget werden wuͤrden, wenn die Staͤnde gar keine Ausloͤſungs-Gelder bekaͤmen, und vor ihr eigen Geld zehren muͤſten. Doch die - ſes iſt eine Sache, welche die Staͤnde an den Or - ten, wo ſie eingefuͤhret, ſchwerlich werden laſſen ab - kommen.

§. 33. Sind die Staͤnde in der Fuͤrſtlichen Re -ſidentz700III. Theil. VIII. Capitul. ſidentz angekommen, ſo laſſen ſie ihre Ankunfft ent - weder dem Hof-Marſchall-Amt, oder ihrem Dire - ctori, oder demjenigen Miniſtre, bey dem es ſonſt eingefuͤhrt, zu wiſſen thun, und erwarten ſodann ihre Bewillkommung und das Gegen-Compli - ment.

§. 34. Es haben auch die Land-Staͤnde ihren gewiſſen Marſchall, welche Charge in dem Chur - Fuͤrſtenthum Sachſen der Adelichen Loͤſeriſchen Familie erblich und eigenthuͤmlich iſt, iſt aber kei - ner von dieſem Geſchlecht faͤhig zu einer gewiſſen Zeit dieſer Charge vorzuſtehen, ſo wird ein anderer geſchickter und patriotiſch-geſinnter Cavalier zum Verweſer des Erb-Marſchall-Ambtes erklaͤhret. Nicht minder ſtehen den beſondern Creyßen ihre ei - gene Directores vor.

§. 35. Bevor nun der Land-Tag ſeinen An - fang nimmt, werden vorher gewiſſe Reglemens und Verordnungen an denjenigen Hoͤfen, wo man in dem Ceremoniel-Weſen accurat iſt, publiciret, wie es mit der Proceſſion der Staͤnde zu halten, wenn ſie in die Kirche gehen, wo ſie ſich auf dem Propoſitions-Saal hin placiren ſollen, und was die Cammer-Fouriers dabey zu beobachten haben. Den Abend vorher wird aus dem Hof-Marſchall - Amte durch die Hof - und Cammer-Fouriers den Staͤnden angeſagt, wo ſie ſich einfinden ſollen.

§. 36. Den andern Tag verfuͤgen ſie ſich alle zuſammen auf den koſtbar ausgeputzten Propoſi - tions-Saal, allwo die Schweitzer - oder andereGarden701Von den Reichs - und Land-Taͤgen. Garden paradiren, und begeben ſich in guter Ord - nung in die Kirche, um die Land-Tags-Predigt anzuhoͤren, und die uͤbrigen Handlungen des Got - tesdienſtes abzuwarten. Jſt der Gottesdienſt ge - endiget, ſo erſcheinen ſie alle wieder auf dem Saal, und placiren ſich an die ihnen angewieſene Stellen. Die Grafen haben ihre gewiſſe Ordnung unter ein - ander, die Praͤlaten aber, als Decani der Stiffter, gehen uͤber die Grafen; ſo findet man auch biß - weilen eine Diſtinction unter den Stuͤhlen, vor die vornehmen werden Sammetene, vor die andern aber nur tuchene Stuͤhle geſetzt.

§. 37. Wenn ſich die Staͤnde an ihre gehoͤri - gen Plaͤtze poſtirt, und der Landes-Herr mit ſeiner gantzen Hofſtatt, an Miniſtres, Generalen, Hof - Cavalieren auf dem Propoſitions-Saal einge - funden, und auf den vor ihm zugerichteten koſtba - ren Thron oder Fuͤrſten-Stuhl geſetzt, ſo geſchicht die Eroͤffnung der Propoſition. Es beſtehet die - ſelbe in drey Stuͤcken: (1) in einer Anzeige, daß dem Landes-Herrn zu gnaͤdigſtem Gefallen gerei - che, daß die Land-Staͤnde gehorſamſt erſchienen; (2) in Vorſtellung der Puncte, daruͤber zu delibe - riren, und (3) in einem Begehren an die Land - Staͤnde, daß ſie ſich uͤber ſolche Puncte zuſammen thun, und mit ihrem unterthaͤnigſten Gutachten dem Landes-Herrn ihre Meynung daruͤber eroͤff - nen. Die Anrede bey der Propoſition geſchiehet entweder von dem Cantzler oder geheimden Rath, oder auch von dem Landes-Herrn ſelbſt, welchedarin -702III. Theil. VIII. Capitul. darinnen vorſtellen, daß die unvermeidliche Noth - wendigkeit, und der Nutzen, der dem gantzen Lande daruͤber zuwachſen wuͤrde, gegenwaͤrtige Anlagen erforderte, ſie haͤtten das Vertrauen, die treu-ge - horſamſten Staͤnde wuͤrden ſich nicht entbrechen, alles beyzutragen, damit der ſo heilſam abgezielte Zweck moͤchte erreicht werden.

§. 38. Wenn ſich die Landes-Herren gefallen laſſen in eigner hoͤchſten Perſon den Vortrag an die Staͤnde zu thun, ſo befoͤrdern ſie hierdurch gar ſehr die Liebe und Devotion ihrer Unterthanen ge - gen ſich. Alſo ruͤhmen die Geſchicht-Schreiber die groſſe Huld und das annehmliche Bezeugen in Tractirung der Land-Staͤnde Chur-Fuͤrſtens Johann Friedrichs zu Sachſen, da er vor ſich, und in Vormundſchafft ſeines juͤngern Bruders Her - tzog Johann Ernſtens einen Land-Tag nach Jena verſchrieben, bey dem er ſelbſt perſoͤnlich den Vor - trag gethan. Nachdem nun den lieben Chur - Fuͤrſten die große Schulden-Laſt, mit welchen oh - ne ſein Verſchulden ſein Cammer-Weſen ſich uͤberhaͤufft gefunden, ſehr gedruͤckt. Alſo haͤtten ſich darauf die getreuen Land-Staͤnde in ſolcher nnterthaͤnigſten Bezeugung herausgelaſſen, daß der Chur-Fuͤrſt ein gnaͤdigſtes Gefallen daran gehabt, deswegen er auch bey Endigung des Land - Tages wiederum ſelbſt eine bewegliche Rede ge - halten. S. Rudolphi Gotha Diplomat. I. Tom. p. 100. und 101.

§. 39. Nach Ausſtellung der Land-Tags-Pro -poſi -703Von den Reichs - und Land-Taͤgen. poſition haͤlt wiederum einer von den vornehmſten Staͤnden in Nahmen der ſaͤmmtlichen Staͤnde ei - ne ſolenne Gegen-Rede. Sie dancken, daß Sereniſſimus ſich gefallen laſſen, in eigener hoͤch - ſten Perſon dem Land-Tag beyzuwohnen, und die Staͤnde dero fuͤrwaͤhrenden Erb-Landes-Fuͤrſtli - chen Hulde und Gnade zu verſichern, ſie wuͤrden ſich mit euſerſter Application demjenigen, was ihre Obliegenheit erfordert, unterziehen, und nach Verſtattung gewoͤhnlicher Deliberationen, darum ſie gehorſamſt baͤthen, dasjenige was ihnen gnaͤ - digſt ausgeſtellt worden, nach allen Umſtaͤnden reiflich uͤberlegen, und ſich darauf geziemend ver - nehmen zu laſſen, nicht anſtehen. Solte aber et - wan wegen wahrhaffter Erſprießlichkeit Sereniſſi - mi ingleichen des Wohl und Wehe des Landes, ei - nige Erinnerungen in gehorſamſte und zugelaſſene Modeſtie beyzufuͤgen, der Unumgaͤnglichkeit ſeyn, oder der entkraͤfftete Zuſtand der Contribuenten die voͤllige Erreichung der fuͤhrenden Intention hindern, ſo ſind ſie verſichert, daß Sereniſſimus ſolches auch als einen Effect der unterthaͤnigſten Gegen-Verbindung annehmen wuͤrden.

§. 40. Die Propoſitionen werden oͤffentlich ab - geleſen, und den unterſchiedenen Collegiis der Staͤnde, unterſchiedene Exemplaria davon zuge - ſtellt, auch einige Beyfugen, als z. E. die Berech - nungen der Gelder, die auf den vorigen Land-Taͤ - gen verwilliget worden, u. ſ. w. zugleich mit uͤber - geben. Nach der Propoſition werden von denStaͤn -704III. Theil. VIII. Capitul. Staͤnden mancherley Gravamina in Religions - Juſtiz-Policey - und andern Sachen zur gnaͤdigſten Deciſion uͤberreicht, mit unterthaͤnigſter Bitte, denſelben wo moͤglich noch bey waͤrenden Land - Tag abzuhelffen, worauf ſich denn die Landes - Fuͤrſten ſchrifftlich erklaͤren, auf was maaße ſol - chen abgeholffen werden ſoll.

§. 41. Die Staͤnde richten bißweilen ſelbſt un - tereinander zur Verwahrung ihrer Jurium, ſon - derlich in Religions-Sachen beſondere Conven - tiones auf, und verbinden ſich zur Eintracht ſo viel als nur moͤglich ſeyn will. Jn den Schrifften, ſo ſie Sereniſſimo uͤbergeben, fuͤhren ſie ihren Sty - lum ſo gelinde als ſie nur immer koͤnnen, und adou - ciren alle Expreſſionen, damit ſie auf keinerley Weiſe, zumahl bey unangenehmen Materien, und den Puncten die ſie zu depreciren ſuchen, der De - votion, die ſie dem Landes-Fuͤrſten ſchuldig ſind, zu nahe treten.

§. 42. Nach der Propoſition ſchreitet man zum Examine, ob diejenigen Perſonen / die gegenwaͤr - tig als Land-Tags-Comparenten ſich einfinden, ſattſam dazu qualificirt ſeyn, es iſt billich, daß da ein Landes-Herr mit ſeinen Unterthanen von wich - tigen Sachen handelt, erwieſen werde, daß die - jenigen, mit welchen er handelt, dazu qualificirt ſeyn.

§. 43. Hierauf wenden ſich die Land-Staͤnde zu ihren Deliberationen, und erſtatten uͤber die Landes-Fuͤrſtlichen Anſinnen theils ihre unmaß -gebli -705Von den Reichs - und Land-Taͤgen. geblichen Gutachten, theils ihre treu meynenden Conſilia, theils ihre allerunterthaͤnigſten Bewilli - gungen, und unvorgreiflichen Vorſchlaͤge. Sie faſſen mancherley Schrifften ab, als Præliminar - Schrifften, die erſten Bewilligungs-Schrifften u. ſ. w. und laſſen ſolche durch ihre Deputirten in - ſinuiren. Jn den Præliminar-Schrifften dancken die Staͤnde vor das Ausſchreiben des Land-Ta - ges, und das Sereniſſimus ſolchen zu eroͤffnen, gnaͤ - digſt geruhen wollen, und fuͤgen denſelben nach Gelegenheit und Beſchaffenheit der Umſtaͤnde mancherley Gratulationen oder Condolenzen bey.

§. 44. Die unterſchiedenen Staͤnde halten ih - re Conſultationes, und communiciren mit einan - der an ihren unterſchiedenen Orten, da ſie ſich aufhalten. Wenn nun auf allen Seiten alles wohl mit einander conferirt worden, ſo entſchluͤſ - ſen ſie ſich nach genugſamer Uberlegung, einer ge - wiſſen Meynung, wo bey der Sachen Nothdurfft nach zu beruhen, ingleichen was auf die eingerich - teten Propoſitionen zu antworten ſeyn moͤchte. Haben ſie ſich nun vereiniget, ſo wird dasjenige Bedencken, ſo ſie ſich unter einander ſchrifftlich eroͤffnet, und was ſie ſich Raths und That hal - ber erklaͤhret und erbothen, zu Papier gebracht, rein umgeſchrieben, und dem Landes-Fuͤrſten vorgetragen.

§. 45. Der Landes-Fuͤrſt nimmt in Beyſeyn ſeiner Raͤthe die Schrifft von denY yDepu -706III. Theil. VIII. Capitul. Deputirten an, er laͤſt ſie von ſich, und begehrt, daß ſie, biß Reſolution erfolgen moͤchte, eine Zeitlang in Gedult ſtehen, examinirt deren Jnhalt, und ſtellt denn in fernere Berathſchlagung, ob man mit ihren Erbiethen koͤnne zu frieden ſeyn, und da befunden wird, daß ſolche zu geringe, und das geſetzte Ziel dadurch nicht erreichet werde, ſo thut er eine hoͤhere Anforderung.

§. 46. Die Abgefertigten werden wieder vor - gefordert, es wird ihnen die foͤrmlich abgefaßte Ant - wort zugeſtellt, auch die Urſachen angefuͤhrt, war - um Sereniſſimus mit ihren Erbiethen nicht zu frie - den ſeyn koͤnte, erinnert ſie mit ihrer Verwilligung nicht zu ſaͤumen, keine unnoͤthige Weitlaͤufftigkei - ten zu verurſachen, und die Berathſchlagungen zu beſchleunigen.

§. 47. Bey einigen Schrifften, ſo die Land - Staͤnde uͤbergeben, wird bißweilen unter den Staͤnden und Landes-Herrn geſtritten, wie ſol - che Reſolution und Meynung der Land-Staͤnde anzuſehen, ob ſie nemlich bloß als ein Rath, Gut - achten oder Bedencken, oder aber als eine, den Landes-Herrn ſchlechterdings verbindende Deci - ſion oder Geſetze, und kurtz, ob es als ein Votum Deliberativum oder Deciſivum zu achten. Die Leges Fundamentales und die Verfaſſung eines ieden Landes giebt hierbey die beſte Ausle - gung.

§. 48. Haben nun der Landes-Herr und die Staͤnde genug Schrifften und Gegen-Schrifftengegen707Von den Reichs - und Land-Taͤgen. gegen einander ausgewechſelt, ſo erfolget endlich der voͤllige Land-Tags-Schluß. Sereniſſimus laſſen den gewoͤhnlichen Land-Tags-Abſchied abfaſſen, und ſolchen den Herkommen gemaͤß in einer ſolennen Rede nebſt Aushaͤndigung der ge - woͤhnlichen Reverſalien publiciren, nach deſſen Erfolg ſie die getreue Landſchafft in Gnaden di - mittiren, ſie ihrer fernern Gnade und Hulde ver - ſichern, auch alles Gute anwuͤndſchen. Die Land-Staͤnde halten wieder eine ſolenne Gegen - Rede, dancken vor die gnaͤdigſte Dimiſſion, und empfehlen ſich der beharrlichen Hochfuͤrſtlichen Gnade und Propenſion.

§. 49. So iſt es auch gewoͤhnlich, daß die Di - rectores der Landſchaffts-Collegiorum nach ge - endigten Land-Tage, von der Ritterſchafft in ei - ner Rede Abſchied nehmen, ſie ruͤhmen ihre Sorgfalt und Muͤhe, daß ſie iedesmahl ihre ver - nuͤnfftigen Gedancken mit ſeinen wenigen Directo - rio geneigt und willig beytragen wollen, ſie bitten, ihre Fehler beſtens zu entſchuldigen, und ſolche mehr ihrer Unerfahrenheit und der vorgelauffe - nen Sachen Wichtigkeit als einigen Vorſatz bey - meſſen wollen, und verſichern ſie ihrer beſtaͤn - digen Freundſchafft und Ergebenheit. Dieſes Compliment wird hinwiederum aus einen von ihren Mittel auf das obligeanteſte beant - wortet.

Y y 2Das708III. Theil. IX. Capitul.

Das IX. Capitul. Von den Ritter-Orden.

§. 1.

Die Endzwecke, warum die Ritter-Orden etablirt worden, und die Gelegenheiten, ſo dieſelben veranlaßt, ſind viel und man - cherley. Bißweilen iſt die Begierde, die Ehre GOttes hiedurch zu befoͤrdern, der wahre Be - wegungs-Grund geweſen; Bißweilen hat auch ein bloßer Aberglaube nicht wenig Antheil dran ge - nommen. Viele von den Roͤmiſch-Catholiſchen, die als Stiffter mancher Ritter-Orden anzuſehen, haben entweder ihre Liebe und Ehrerbietung ge - gen eine von den drey Perſonen der einigen GOtt - heit, oder gegen die Mutter GOttes, oder gegen einen beſondern Heiligen, den ſie ſich zum Schutz - Patron ausgeleſen, hiedurch an den Tag legen wollen. Wenn mancher an dem Tage eines ge - wiſſen Heiligen eine gluͤckliche Begebenheit oder faſt nur einen Traum von ihm gehabt, ſo hat er ſchon denſelben zu Ehren einen Orden aufgerich - tet. Zu Zeiten haben wohl gar laͤcherliche und wunder ſeltzame Hiſtorien manchen Ritter-Orden den Urſprung ertheilt. Meiſtentheils aber ſollen die Ritter, durch die Orden, mit welchen ſie große Herren begnadigen, zur Tapfferkeit und andernTugen -709Von den Ritter-Orden. Tugenden angereitzt, oder ihre Tugenden mit die - ſen Ordens-Zeichen belehnet werden.

§. 2. Die Statuta ſind bey den meiſten Orden uͤberaus loͤblich, es wird nichts als von lauter Tu - genden und Verdienſten darinnen geſchwatzt, die Praxis kommt aber nicht allezeit mit der Intention der Stiffter uͤberein. Wen groſſe Herren in Anſehung der Gnade und Zuneigung, die ſie gegen ihn tragen, vor wuͤrdig erklaͤhren, der bekoͤmmt den Ritter-Orden, ſeine Tugenden moͤgen auch be - ſtehen, worinnen ſie wollen. Der Autor des II. Theiles der Europaͤiſchen Famæ ſagt p. 137: Wir leben in einer ſolchen Zeit, da ſich alle hohe und niedere Staͤnde vermehren. Alſo darff man ſich nicht wundern, wenn ſich eben bergleichen Frucht - barkeit bey den Ritter-Orden ſpuͤhren laͤſt, es kan ein Fuͤrſt niemahls diejenigen, deren Verdienſte er belehnen will, mit geringern Unkoſten begnadi - gen, als wenn er ſie mit einem Ordens-Zeichen er - freut.

§. 3. Die Ritter-Orden ſind gar ſehr von ein - ander unterſchieden, einige Ritter genuͤſſen uͤber die Ehre und die Prærogativ, mit welcher ſie von andern diſtinguirt werden, auch noch ihre reichli - che und gute Unterhaltung, andere aber muͤſſen ſich mit der bloſſen Ehre abſpeiſen laſſen. Bey manchen iſt eine gewiſſe eingeſchraͤnckte Anzahl der Ritter, bey andern aber nicht. Bey vielen wird der Unterſcheid in Religionen in Betrachtung ge - zogen, bey andern aber werden alle Religions -Y y 3Ver -710III. Theil. IX. Capitul. Verwandten, die ſich zu einer von den drey Chriſt - lichen Religionen bekeñen, vor wuͤrdige Mitglieder dieſer Orden angeſehen. Viele ſind mit den - libat verbunden, und bey andern Orden hingegen koͤnnen ſich die Ritter in den Eheſtand begeben. Manche ſind vor Cavaliers, und andere vor Da - mes beſtimmt.

§. 4. Je aͤlter nun der Orden, ie groͤſſer der Herr, der ſolchen conferirt, deſto mehr Ehre iſt auch dabey. Einiger Orden ſchaͤmen ſich die groͤ - ſten Koͤnige nicht, und viele hohe Puiſſancen pfle - gen ihre neugebohrne Printzen in gewiſſe Orden einzukleiden, oder ihnen die beſondern Ordens - Zeichen umzuhaͤngen.

§. 5. Die Orden werden meiſtentheils denen conferirt, die von rechten alten adelichen Gebluͤthe, und mit ihren Ahnen vaͤterlicher und muͤtterlicher Seiten auf eine gewiſſe Anzahl, die im Statuten ausgedruckt wird, ſteigen koͤnnen. Als der Koͤnig in Franckreich Ludwig der XIV. alle Marſchaͤlle zu Rittern des Heiligen Geiſtes machen wolte, ſo be - danckte ſich der alte Catinat vor dieſe Gnade, und gab aufrichtig vor, daß er mit Beſtand der Wahr - heit den Adel ſeiner Vorfahren, den doch die Sta - tuta dieſes Ordens erforderten, nicht gehoͤrig bewei - ſen koͤnte, begehrte aber auch nicht mit falſchen An - ziehungen zu prahlen, und den Leuten einen blauen Dunſt vor die Augen zu machen. S. Theatr. Europ. T. XVII. des 1705 Jahres p. 258. Die - ſes war wohl ein rechter Trieb eines adelichen Ge - muͤthes.

§. 6.711Von den Ritter-Orden.

§. 6. Zu dem Orden des Saint Louis, welchen der Koͤnig in Franckreich Ludwig XIV. anno 1693 geſtifftet, zur Aufmunterung der Milice, hat auch einer, der kein Edelmann geweſen, gelangen koͤn - nen, dafern er nur dem Koͤnig zehen Jahr lang Krieges-Dienſte geleiſtet. Nachdem dieſer Or - den in Franckreich ſo gar gemein worden, und der Koͤnig in Franckreich anno 1700 auf einmahl 250 neue Ritter von dieſem Kriegs-Orden creirte, ſo konte bey dieſer groſſen Anzahl nicht vermieden wer - den, daß man nicht damahls haͤtte ſagen ſollen, was man vor dieſem von dem uͤberhaͤufften Orden Sanct Michael raiſoniret, daß nemlich das Ordens-Zei - chen ein Zeichen oder Halsband aller Thiere waͤ - re. S. Theatr. Europ. Tom. XV. des 1700 Jah - res p. 824.

§. 7. Unter andern Requiſitis ziehet man auch die eheliche Geburth derer, die man in den Orden aufnehmen will, in Conſideration, und wird nicht leichtlich einer angenommen, der von einer Maitreſſe gezeuget. Doch iſt dieſes nur von denen von Adel zu verſtehen; denn daß auch die natuͤrlichen Kin - der groſſer Herren in den Ritter-Orden aufgenom - men werden, iſt mehr als zu bekandt. Bißweilen wird doch auch wohl hierinnen, wie bey der An - zahl der Ahnen, diſpenſirt, und geſchehen in dieſem Stuͤck wie in andern Caſus pro amico.

§. 8. Wie alle Sachen der Veraͤnderung unter - worffen, ſo gehet es auch mit den Orden. Einige, die in vorigen Zeiten ſehr beruͤhmt geweſen, und inY y 4wel -712III. Theil. IX. Capitul. welchen viel Chur-Fuͤrſtliche, Fuͤrſtliche und Graͤf - liche Perſonen gepranget, ſind eingegangen, wie aus den Geſchichten der Orden zu erſehen; und hingegen andere, die lange Zeit in Verfall und in Vergeſſenheit gerathen, ſind in den neuern Zeiten wieder zum Anſehen gediehen, und mit neuen Iuſtre und Statutis vermehret worden, wie mit unterſchie - denen Exempeln koͤnte erweißlich gemacht werden. Alſo reſtaurirte der Konig in Denne marck Chri - ſtianus V. bey der Geburth ſeines Printzens Frie - drichs, den anno 1219 vom Koͤnig Woldemaro II. geſtiffteten Orden, der aber nachgehends gar ſehr ins Abnehmen gerathen war.

§. 9. Nicht weniger werden bey einigen Ritter - Orden einige neue Ceremonien regulirt, die vor dieſem nicht gebraͤuchlich geweſen. Als vor eini - gen Jahren der ietzige Koͤnig in Franckreich Ludwig der XV. verſchiedene Ritter des Heiligen Geiſtes am Pfingſt-Tage creirte, ſo kamen bey dieſer In - ſtallirung verſchiedene Dinge vor, davon man vor dieſem nichts gehoͤrt. Sonſt konte der Ceremo - nie beywohnen wer da wolte, dieſes mahl aber ward niemand admittirt, wer nicht ein Billet von dem Capitain der Garde dem Duc de Bethune hatte. Die fremden Ambaſſadeurs und Envoyés ſind gleichfalls nicht hiebey erſchienen, und zwar je - ne deswegen nicht, weil der Koͤnig ihnen zuvor an - deuten laſſen, daß er dieſelben nicht ſalutiren wuͤrde, dieſe aber, weil der Introducteur des Ambaſſa - deurs prætendirt gehabt, gleich nach den Ambas -ſadeurs,713Von den Ritter-Orden. ſadeurs, und mithin denen Envoyés vorzuſitzen. S. Einleitung zur neueſten Hiſtorie der Welt, II. Theil p. 145.

§. 10. Jede Orden ſind mit beſondern Statutis verſehen, die alles dererminiren, was zum Intereſſe und Aufnehmen des Ordens gereicht, wie es bey der Reception der Mitglieder zu halten, und inſon - derheit vorſchreiben, wie ſie ſich ſo wohl gegen ihr Oberhaupt, als auch gegen ſich ſelbſt unter einan - der der Liebe und Eintracht befleißigen ſollen. Sie haben ihre beſondern Ordens-Caſſen, daruͤber alle Jahre Rechnungen gehalten, und ſolche den Or - dens-Gliedern communiciret werden, ingleichen ihr eigen Archiv, ihren Syndicum, oder doch Or - dens-Secretarium, der alle zum Orden gehoͤrige Geſchlechts-Regiſter, Acta und briefliche Urkunden in Verwahrung behaͤlt.

§. 11. Die mancherley Ordens-Kleinodien ſind nicht allein, wie bekandt, gar ſehr von einander un - terſchieden, ſondern auch die Couleuren der Baͤnder, an denen ſie paradiren. Es muͤſſen dieſelben bey Solennitaͤten, an fremden Hoͤfen, bey Ambaſſaden, an Capituls-Taͤgen, und uͤberhaupt wo man in Galla erſcheinen ſoll, getragen werden. Bey eini - gen Orden, als wie bey dem Orden vom guͤldenen Vließ ſind gewiſſe Tage im Jahre ausgedruckt, da ſie das Ordens Kleinod nothwendig tragen muͤſſen. Wo das Gedaͤchtniß-Feſt eines Ordens begangen wird, muͤſſen ſich die ſaͤmmtlichen Ordens-Glieder in ihrem voͤlligen Ornat einfinden. Alſo ſpeiſenY y 5bey714III. Theil. IX. Capitul. bey Celebration des weiſſen Adler-Ordens-Feſtin die ſaͤmmtlichen Ritter, nach der gewoͤhnlichen Or - dens-Ceremonie, in egaler roth - mit Silber ge - ſtickten propren Kleidung zuſammen oͤffentlich, und nach aufgehobener Tafel wird das ſo gewoͤhnliche Ritterſchieſſen gehalten.

§. 12. So wird auch manch Ordens-Feſt, das etwan von einem gewiſſen Heiligen den Urſprung hat, wenn deſſen Tag einfaͤllt, mit noch andern So - lennitaͤten begangen. Die ſaͤmmtlichen Ritter ge - hen mit ihrem Oberhaupt in ihrer Ordens-Tracht und mit ihren Ordens-Inſignien in die Kirche, war - ten den ſolennen Gottesdienſt ab, hoͤren die beſon - ders darauf eingerichtete Predigt und Muſic mit an, und begeben ſich alsdenn aus der Kirche zur Tafel.

§. 13. Es iſt einem ieden groſſen Herrn, der mit Landesherrlicher Hoheit verſehen, erlaubet, Orden zu ſtifften, dafern ſie nur nicht aus Æmulation und zum Præjudiz der andern geſchehen, die bereits ſo - lenniſirt ſind. Die Roͤmiſch-Catholiſchen Fuͤr - ſten beduͤrffen zwar hierbey nicht die Einwilligung des Pabſtes, ſie glauben aber, daß ihnen und de - nen von ihnen etablirten Orden groͤſſere Ehre zu - waͤchſt, wenn ſie durch Paͤbſtliche Bullen confir - mirt werden. Die Teutſchen Fuͤrſten haben zwar bey Aufrichtung ihrer Ritter-Orden nicht eben noͤ - thig des Kayſers Conſens zu requiriren; iedoch waͤchſt manchen Orden mehr luſtre zu, wenn ſie von Roͤmiſch-Kayſerlicher Majeſtaͤt ſolennifirt undbeſtaͤ -715Von den Ritter-Orden. beſtaͤtiget werden. Anno 1702 ſtifftete der Ertz - Biſchoff zu Saltzburg mit allergnaͤdigſter Bewil - ligung Sr. Kayſerlichen Majeſtaͤt einen neuen Rit - ter-Orden, der den Nahmen Ruperti, als des er - ſten Biſchoffs der Stadt Saltzburg, fuͤhret.

§. 14. Nachdem es ſonſt nicht leichtlich zu ge - ſchehen pflegt, daß ein Frauenzimmer mit den Or - den, die vor Manns-Perſonen deſtiniret, beehret wird, ſo war es allerdings vor etwas beſonders an - zuſehen, daß anno 1723 am 22 April die Princeſ - ſin von Rocella zu Neapolis zum Ritter von Malta gemacht wurde. Der Commandeur Sabioſi uͤber - reichte derſelben die Bulle von ſeinem Ordens - Meiſter zur Freyheit, das Zeichen und den Habit dieſes Ordens tragen zu koͤnnen, und hefftete ihr das mit Diamanten reich beſetzte Creutz mit eige - ner Hand auf die Bruſt. S. das XXVII. Stuͤck der Einleit. zum neueſten Geſchichten der Welt.

§. 15. Bey einigen Orden braucht es keiner groſ - ſen Ceremonien, wenn die Ordens-Glieder damit beehret werden. Der Fuͤrſt oder Fuͤrſtin ſchicken demjenigen, den ſie damit begnadigen wollen, den Orden zu, oder haͤngen ihn wohl ſelbſt an, und die andern ſtatten hernach ihr unterthaͤnigſtes Danck - ſagungs-Compliment hievor ab. Bey andern aber gehen groſſe Weitlaͤufftigkeiten vor, und be - ſondere Solennien, bevor einer in den Orden reci - pirt wird. Es wird ein eigener Capituls-Tag die - ſerwegen ausgeſchrieben, bey dem das Oberhaupt des Ordens nebſt den ſaͤmmtlichen Mitgliedern ſichein -716III. Theil. IX. Capitul. einſtellen muͤſſen, ſie verfuͤgen ſich alle zuſammen in einer ordentlichen Proceſſion mit dem neuen Can - didaten in die Kirche, bey der gewiſſe Herolde oder Marſchaͤlle alles reguliren muͤſſen, es werden die Geſaͤnge, Komm Heiliger Geiſt HErre GOtt, und Nun bitten wir den Heiligen Geiſt, dabey ange - ſtimmt, und das Te Deum laudamus unter Trom - peten - und Paucken-Schall, auch wohl unter dem Abfeuern der Canonen abgefungen, eine Predigt gehalten, und gewiſſe Gebethe und Collecten, die auf dieſe Handlungen beſonders eingerichtet, da - bey abgeleſen. Nach geendigtem Gottesdienſt ge - het die Proceſſion wieder aus der Kirche, und die Inveſtitur des neuen Ritters wird den Obſervan - tzen gemaͤß vorgenommen.

§. 16. Die Anreden und Admonitionen, ſo von dem Oberhaupt des Ordens geſchehen, werden nach dem Unterſchied der Perſonen bißweilen ver - aͤndert; anders werden ſie eingerichtet bey einem anweſenden Fuͤrſten, anders vor einen Fuͤrſtlichen Geſandten, der ſolchen vor ſeinen Principal be - kommt, und wieder anders bey einem Grafen, Mi - niſter oder Cavalier, der vor ſeine eigene Perſon mit dem Orden honorirt wird.

§. 17. Die meiſten muͤſſen bey der Inveſtitur eydlich angeloben, daß ſie die Ehre und den Nutzen dieſes Ordens nach aller Moͤglichkeit befoͤrdern, den Schaden hingegen warnen und abwenden wollen, und inſonderheit allen demjenigen, was die Statuta dieſes Ordens mit ſich bringen, getreulich nach -kom -717Von den Ritter-Orden. kommen. Von dieſem Eyde / den die uͤbrigen alle abſchweren muͤſſen, ſind die Ritter des Ordens von Sanct Hubert frey, dieſe verſprechen und geloben nur an bey Fuͤrſtlicher Ehre, Treue und Parole, daß ſie die Statuta des Ordens beſtmoͤglichſt obſerviren wollen.

§. 18. Einige Ritter genuͤſſen an dem Tage ih - rer Inveſtitur vor andern beſondere Privilegien. Alſo haben die Ritter des Koͤniglich-Preußiſchen Adlers an dem Tage ihrer Inveſtitur die Honeur, daß die Garde das Gewehr vor ſie præſentirt, und das Spiel wuͤrcklich ruͤhrt. S. Beckmanns Anhaͤltiſcher Geſchichte V. Theil p. 295. Bey den Maltheſer-Rittern iſt es etwas beſonders, daß ſie an dem Tage, da ſie in den Orden aufgenom - men werden, eine Pœnitenz-Mahlzeit ſpeiſen muͤſ - ſen. Als der Ritter von Orleans, welcher anno 1719 den 21 September in den Maltheſer-Ritter - Orden eingekleidet worden, aus des Großmeiſters Palais weggieng, begab er ſich nach dem Hauſe, allwo die Frantzoͤſiſche Nation pflegt zuſammen zu kommen, und verrichtete dasjenige, ſo man den Gehorſam nennt, nemlich er Saltz und Brod, und tranck Waſſer, weil dieſer Orden demjenigen, ſo ſich darein begiebt, nichts mehr verſpricht, als dieſes. Dieſe maͤßige Mahlzeit wird ihm durch den Obriſten und von den vornehmſten Rittern, ſo ihm begleitet, vorgeſetzt, und nachgehends mit eben dem Gefolge in ſein Quartier begleitet. Das beſte aber war dieſes, daß er nachgehends vondem718III. Theil. IX. Capitul. dem Lieutenant, und von dem gantzen Orden auf das magnifiqueſte tractiret worden. Bey wel - cher Mahlzeit ſich die Canonen tapffer hoͤren lieſ - ſen. S. die Beſchreibung dieſer Ceremonien in dem XIIX. Tomo der Electorum Juris Publici. pag. 791.

§. 19. Wenn groſſe Herren die Ritter beſon - ders begnadigen wollen, ſo haͤngen ſie ihnen das Ordens-Zeichen ſelbſt um. Alſo legten Jhro Koͤnigliche Majeſtaͤt in Preußen anno 1703 den XVII. Januarii, Fuͤrſt Leopold, von Anhalt - Deſſau, in oͤffentlichen Ordens-Capitul das Or - dens-Band ſelbſt an. S. Buͤcher-Cabinets VI. Eingang p. 151. Ordentlicher weiſe ſtehet den Rittern nicht frey, daß ſie einen erwehlen koͤn - nen, von wem ſie das Ordens-Zeichen annehmen wollen, ſondern ſie muͤſſen ſichs gefallen laſſen, wie es die Obſervanz mit ſich bringt. Es war alſo etwas beſonders, daß ſich der Land-Graf in Thuͤ - ringen Friederich, der ſich anno 1338 in dem Feld - Zug wider den Koͤnig in Franckreich Philippum den Schoͤnen tapffer ſignaliſirte wider den Koͤnig in Engelland Eduardum, da er ihm des Engliſchen Ritter-Ordens wuͤrdigte, erklaͤhren durffte. Er wuͤrde dieſe Wuͤrde von keinem andern annehmen, als von einen, der nie vor ſeinem Feind gewichen waͤre. Da ihm nun der Koͤnig erlaubte, ſolchen zu benennen, ſo erwehlte er einen von Wangen - heim, welcher damahls Statthalter von Thuͤrin - gen genennt wurde, der ihn mit dem Schwerdtſchla -719Von den Ritter-Orden. ſchlagen, und ſo dann die Spohren anlegen muſte. S. Rudolph Goth. Diplomat. I. Theil. p. 32.

§. 20. Bey den Antritt der Regierungen pfle - gen groſſe Herren bißweilen neue Ritter-Orden zu ſtifften. Alſo fundirten Jhro Koͤnigliche Ma - jeſtaͤt in Preußen anno 1701 am Tage der Croͤ - nung den Orden des Koͤniglichen Preußiſchen Ad - lers, das Capitul aber und die Inveſtitur ward nicht eher als an. 1703 eingerichtet. S. Beck - manns Anhaltiſcher Geſchichte V. Theil p. 290.

§. 21. Auf die etablirten neuen Orden, oder auch auf die jaͤhrliche Celebration der bereits eta - blirten, werden beſondere Muͤntzen geſchlagen. Alſo wurde auf die ſacra anniverſaria equitum aurei velleris eine denckwuͤrdige Medaille gepraͤ - get, die man bey den Inſcriptionibus des Guſtavi Heræi p. 31. nachleſen kan.

§. 22. Wenn ein Koͤniglicher Abgeſandter einen Koͤnig oder andern groſſen Herrn, einen Orden uͤberbringt, ſo geſchicht ſolches mit gantz beſondern Solennitaͤten. Es werden auf dem Saale, auf welchen die Ordens-Ceremonien vorgenommen werden ſollen, zwey koſtbahre Throne aufgerich - tet, der gantze Hof muß in luſtre und Gala dabey erſcheinen. Die Abgeſandten, ſo den Orden uͤber - bringen, werden mit den groͤſten Ehren-Bezeu - gungen angenommen, ſie legen im Nahmen ihres Koͤnigs eine ſolenne Rede ab, worauf ein obli - geantes Danckſagungs-Compliment wieder er - folgt. Sie ſtellen den Fuͤrſten, dem ſie den Or -den720III. Theil. IX. Capitul. den uͤberbringen, das Ordens-Siegel und Statu - ten-Buch zu, kleiden ihn nebſt ihren bey ſich ha - benden Herolden in den Orden ein, und verbin - den ihn durch ſeine Unterſchrifft zu dem Eyde, um die Statuta dieſes Ordens zu obſerviren, diſpenſi - ren ihm aber auch zugleich von einigen Kleinig - keiten. Nach geſchehener Inveſtitur werden die Stuͤcken geloͤſet, und die Trompeten und Paucken erſchallen allenthalben. Es werden Gedaͤchtniß - Muͤntzen gepraͤget, des Abends Illuminationes und Freuden-Feuer angezuͤndet, auch die Geſandten mit den groͤſten Honeur tractirt. Bey ihrer Abreiſe erhalten ſie koſtbahre Geſchencke vor ſich, und vor ihre Principalen obligeante Danckſa - gungs-Schreiben, die ſie mit ſich zuruͤcke nehmen.

§. 23. Als Jhro Koͤnigliche Hoheit der Saͤchſi - ſche Chur-Printz vom Kayſerlichen Hofe mit dem Orden des guͤldenen Vließes beehret ward, ſo zo - gen die ſaͤmmtlichen Garden in ihren neuen propre - ſten Montur-Kleidern auf. Die hoͤchſten Hof - Civil - und Militair-Bedienten, desgleichen auch der in Dreßden verſammlete Land-Adel erſchiene in Gala-Kleidern auf dem Schloſſe. Es gieng ein ſolenner Zug aus dem Koͤniglichen Wochen-Zim - mer in das gewoͤhnliche Audienz-Gemach, allwo ſich des Koͤniglichen Printzens Hoheit nebſt Dero Suite vorher eingefunden. Der Kayſerliche Land - Marſchall nebſt dem Ordens-Cantzler trugen das ſehr pretieuſe Toirum oder Ordens-Zeichen mit der Ketten auf einem rothen mit Gold durchwuͤrck -ten721Von den Ritter-Orden. ten und mit dergleichen Frangen und Crepinen ge - zierten Polſter oͤffentlich. Sie legten nebſt Jhro Majeſtaͤt dem Koͤnig, dem Chur-Printzen die ge - woͤhnlichen roth ſammtenen mit Gold reich geſtick - ten praͤchtigen Ceremonien-Kleidern an, ſatzten ihm die dazu gehoͤrige Parade auf, und hiengen ihm das Ordens-Kleinod en Ceremonie um. Bey dieſen Actu lieſſen ſich unterſchiedene Choͤre von Trompeten und Paucken hoͤren, die Stuͤcken wur - den geloͤſet, und von Regimentern eine dreyfache Salve gegeben. Die abgeſchickten Kayſerlichen Miniſtri wurden auf das praͤchtigſte tractirt, und mit den herrlichſten Geſchencken regalirt.

§. 24. Der heilige Andreas iſt der Schutz - Patron dieſes Ordens, und wenn das Andreas - Feſt celebrirt wird am Kayſerlichen oder Spani - ſchen Hofe, ſo gehen die ſaͤmmtlichen Kayſerlichen oder Koͤniglichen Spaniſchen Cavaliers und Mi - niſtri, ſo dann die Ordens-Ritter in ihrer Ordens - Tracht und groſſen Ordens-Kette in einer ſolen - nen Proceſſion in die Kirche, auf dem Altar wird das Bild oder eine Reliquie von dieſem Heiligen gelegt, eine Predigt und ein ſolenner GOttes - dienſt unter Trompeten - und Paucken-Schall gehalten, und aus der Kirche begeben ſie ſich zum praͤchtig angeſtellten Feſtin.

§. 25. Bey dem Abſterben eines Ordens-Mei - ſters wird General-Capituls-Tag zur neuen Wahl veranlaßt, und die Herren Commendatores muͤſ - ſen darauf theils in Perſon, theils durch genugſamZ zGevoll -722III. Theil. IX. Capitul. Gevollmaͤchtigte erſcheinen, es werden von demje - nigen der berechtiget iſt, einen zum Heer-Meiſter zu præſentiren gewiſſe Gevollmaͤchtigte Commis - ſarien zu dieſen Capituls-Tag abgefertiget, um bey den bevorſtehenden actibus electionis & in - ſtallationis dasjenige zu verrichten und zu beob - achten, was die Statuta, Vertraͤge, und das alte Herkommen mit ſich bringen; es wird der gewoͤhn - liche Eyd zu der bevorſtehenden Wahl von den Herren Commendatoren ſo wohl vor ſich, als vor diejenigen, die nicht zur Stelle ſind abgenommen, wann dieſelben vorher die nach der gewoͤhnlichen Form abgefaſte Eydes-Notul abgeleſen.

§. 26. Wenn einer von den Ordens-Rittern mit Tode abgehet, ſo muͤſſen mehrentheils die Er - ben nach der Vorſchrifft unterſchiedener Ordens - Statuten das ertheilte Ritterliche Inſigne, oder Kleinod wiederum zu des Collatoris Haͤnden zu - ruͤck liefern, und werden ſolche bißweilen mit ſolen - nen Reden zuruͤck gegeben. Wird ein Miniſter eines Printzens deſſen Herr Vater mit dem Orden beehret worden, und der ebenmaͤßig von demſelben Hofe den Orden erhalten, abgeſchickt, das Ordens - Kleinod wieder zuruͤck zu bringen, ſo fuͤhrt er in ſei - ner Rede an, wie ihm Sereniſſimus committirt, das hohe Ritter-Ordens-Zeichen des Elephantens, mit welchen Dero ſeeliger Herr Vater von Ewr - Koͤniglichen Majeſtaͤt auch nunmehro Hochſeeli - gen Herrn Vater beehret worden, mit geziemen - den Reſpect zuruͤck zu bringen, und dabey zu er -weh -723Von den Ritter-Orden. wehnen, daß da ihm ſelbſt das Gluͤck gegoͤnnet, ſich mit eben dieſen Orden, welcher wegen ſeiner Conſideration, Luſtre und Præeminenz mit allen andern in Europa um den Vorzug ſtreitet, diſtin - guirt zu ſehen, auch dieſes eintzige capabel ſeyn koͤnte, ſie taͤglich Dero Schuldigkeit zu erinnern, und zu encouragiren, damit ſie ſich Ewr. Koͤnigli - chen Majeſtaͤt Freundſchafft und Wohlwollen ie mehr und mehr wuͤrdig machen moͤchten.

§. 27. Da ſich einer durch mancherley lachete und criminelles Bezeugen der Honeur dem Or - den weiterhin zu bekleiden, unwuͤrdig macht, ſo erfolgt eine oͤffentliche Degradation. Jn den neue - ſten Geſchichten haben wir hierinnen ein beſonder Exempel an den Kayſerlichen General-Feld-Mar - ſchall Lieutenant George Eberhard von Heyders - dorff, welcher die ihm anvertraute Stadt Hey - delberg auf eine ſchaͤndliche Weiſe an die Frantzo - ſen uͤbergab. Es ward ihm das Ordens-Zeichen und Creutze vom Halſe geſchmiſſen, und zweymahl in das Geſicht geſchlagen, und endlich von einen jungen Ritter des Teutſchen Ordens-Hauſes aus demſelben hinausgefuͤhrt, ihm auch zum Zeichen der voͤlligen Hinausſtoſſung im Heraus gehen ei - nen Fuß-Stoß in den Ruͤcken gegeben.

§. 28. Wird ein Ritter des blauen Hoſenban - des in Engelland der Ketzerey, des Hochverraths, der Zaghafftigkeit im Felde wider ſeinen Feind u. ſ. w. uͤberfuͤhrt, ſo wird er bey der naͤchſten Ver - ſammlung der Ritter ſolenniter degradirt. DieZ z 2Urſa -724III. Theil. IX. Capitul. Urſachen ſeiner Degradation werden ihm publicirt, und die oͤffentlichen Acta der Degradation abgele - ſen. Wenn man auf die Worte kommt, daß der gegegenwaͤrtige Ritter hinfuͤhro von dieſen Edlen Geſchlecht ausgeſchloſſen, und aller mit dieſen Or - den verknuͤpfften Ehre entbloͤſet ſeyn ſoll, ſo reiſſen die hierzu beorderte Herolden den Helm, ingleichen den Degen und die Fahne herunter, und werffen alles mit Gewalt zu Boden, hierauf treten die Wa - pen-Bedienten herzu, und ſtoſſen die herunter ge - riſſene Wapen anfaͤnglich vom Chore, nachge - hends aus der weſtlich liegenden Kirchthuͤre, nach der Bruͤcke, und von ſelbiger in den Graben mit Fuͤſſen fort. S. Guy Micéye im Staat von Groß Britannien und Jrrland. P. I. C. XV. p. 411. und 412. allwo zugleich zu befinden, wie der Hertzog von Buckingham, als er wider ſeinen geleiſteten Eyd, Pflicht und Treue den Koͤnig verraͤtheriſcher Weiſe aus dem Wege zu raͤumen entſchloſſen ge - weſen, aus der Geſellſchafft verſtoſſen worden.

Das X. Capitul. Von der Ehre und Devotion, ſo die Unterthanen gegen ihre Lan - des-Herrſchafft abſtatten.

§. 1.

Die Liebe und Devotion, ſo gehorſame und treugeſinnte Unterthanen ihren Landes - Fuͤrſten, der ſie mit Sanfftmuth und Weißheit beherrſcht, aus einem wahrenTriebe,725Von Ehre der Unterth. gegen ihre Herrſch. Triebe, der gegen ihm tragenden Hochachtung ab - ſtatten, iſt von einer blinden Liebe und unvernuͤnffti - gen Sclaverey, wie ſie etwan bey einigen Voͤl - ckern auſſerhalb Europa angetroffen wird, wohl zu unterſcheiden.

§ 2. Solche Unterthanen legen ihren Landes - Herrn alle nur erſinnliche Ehren-Benennungen und Titul bey, dadurch ſie ihn erheben und ihre Liebe ausdruͤcken wollen, und dieſes nicht aus einer eigennuͤtzigen Abſicht, wie einige ſchmeichleriſche Hof Leute und Schmarotzer zu thun pflegen, ſon - dern aus dem innerſten der Seelen freywillig und einmuͤthig. Sie nennen ihn den Vater des Va - terlandes, den Guͤtigen, den Frommen, u. ſ. w. und fagen dadurch alles was nur kan geſagt werden. Es iſt auch im der That eine weit ruͤhmlichere Titulatur vor groſſe Herren, wenn alle Unterthanen ihren Landes-Fuͤrſten nach der Wahrheit ihren lieben Landes Vater nennen, als wenn der Zwang, die Furcht, die Schmeicheley und der Eigennutz noch ſo praͤchtige Titul einfuͤhren. Die Benennungen, die ſich groſſe Herren durch ihre Verdienſte und durch ihre liebreiche Regierung zu wege gebracht, ſind von einem weit groͤſſern Umfang als die ſolen - nen Beynahmen, die aus dem Ceremoniel ihren Urſprung herleiten. Die auswaͤrtigen Unterthanen haben vor einen ſolchen Regenten ſo viel Liebe als die einheimiſchen, und die Nachkommen legen ihn eben ſo wohl dieſen Liebes-Titul bey, als die in der gegenwaͤrtigen Zeit leben, da hingegen viel Laͤnder,Z z 3man -726III. Theil. X. Capitul. manchen Regenten, dem ſeine ſchmeichleriſchen Un - terthanen den Nahmen des Großen beygelegt, vor nichts als vor einen groſſen Tyrannen und beruͤhm - ten Raͤuber anſehen.

§. 3. Wo die Liebe bey der Regierung der groſ - ſen Herren nicht das Steuer-Ruder fuͤhret, da kommen alle Handlungen der Unterthanen, die ſie bey gewiſſen oͤffentlichen Landes-Solennitaͤten par Ceremonie vornehmen, und dadurch ſie ihre De - votion erzeigen ſollen und wollen, ſehr gezwungen und kaltſinnig heraus. Hier muß alles anbefoh - len werden auf was vor Art ſie die Herrſchafft be - ehren und ihre Liebe an Tag legen ſollen, weil ſonſt vieles nachbleiben wuͤrde. Es geſchicht auch wohl, daß ſie auf die wiederhohlten Ordren und Befehle ihre Vorſtellungen thun, wie es unmoͤglich ſey, die - ſes oder jenes zu thun, und bitten, daß ſie mit die - ſem oder jenem Anſinnen moͤchten verſchonet wer - den. Es iſt laͤcherlich, wenn man in den Geſchich - ten bißweilen lieſet, daß den Unterthanen anbefoh - len worden, wie ſie bey dieſer oder jener Gelegen - heit das Vivat mit heller Stimme ausruffen, oder ein freywillig Præſent ihrer Herrſchafft uͤberbrin - gen ſollen, und ſie ſich doch noch wohl bey beyden Faͤllen ſchwuͤrig erzeiget.

§. 4. Devote Unterthanen thun aus einem eige - nen und freywilligen Triebe mehr, als von ihnen koͤnte gefordert werden. Kommen ihre Landes - Fuͤrſten in ihre Staͤdte, ſo uͤbergeben deren Ein - wohner nicht allein, dem Ceremoniel nach, dieSchluͤſſel727Von Ehre der Unterth. gegen ihre Herrſch. Schluͤſſel zu ihren Thoren, ſondern auch zugleich mit ihre Hertzen, und die Schluͤſſel zu allen ihren Schaͤtzen, wenn es ihre Herrſchafften verlangten. Die Staͤdte ſtreiten gleichſam um den Vorzug in dem Eifer und in der Begierde ihre Herrſchafft zu beehren. Jſt es etwan in den vorigen Zeiten ge - braͤuchlich geweſen, daß die Landes-Regenten ſich an dieſen oder jenem Ort bißweilen eine Zeitlang aufgehalten, ſo erſuchen dieſelben Staͤdte die Herr - ſchafften auf das flehentlichſte, daß ſie doch geru - hen moͤchten, ſie eine Zeitlang mit dero allerhoͤchſten Gegenwart zu erfreuen, und ihr Hof-Lager bey ih - nen aufzuſchlagen, ſie ſind willig und bereit, alle darzu erforderliche Unkoſten her zu geben, und ih - nen bequeme und zierliche Reſidentz-Haͤuſer zu er - bauen.

§. 5. Sie ergreiffen alle Gelegenheiten, bey de - nen ſie ihre Freuden-volle und devoteſte Ergeben - heit durch ihre unterthaͤnigſte Gluͤcks-Wuͤnſche ab - ſtatten koͤnnen. Es felicitiren hierbey nicht allein die hoͤchſten und vornehmſten unter den Staͤnden, oder etwan bloß die Hof-Leute, als welches ein Gewohnheits-Werck iſt, ſondern auch die gemein - ſten Buͤrger und Bauern. Es lauffen von allen Staͤdten und Flecken, ja ſo gar von allen Jnnun - gen und Communen ſo viel Gluͤck-wuͤndſchungs - Adreſſen ein, daß ihrer wegen der groſſen Menge faſt nicht mehr angenommen werden koͤnnen. Sie erfuͤllen bey denjenigen ſolennen Feſten, die zu ihrer Landes-Herrſchafften Ehre und Gluͤck gereichen,Z z 4alle728III. Theil. X. Capitul. alle nur erſinnliche Pflichten treu-geſinnter Unter - thanen. Sie laſſen guͤldene und ſilberne Schau - ſtuͤcken praͤgen, und uͤberbringen die anſehnlichſten Præſente, ſie erbauen koſtbahre Ehren-Pforten, zuͤnden Freuden-Feuer und Feuerwercke an, und alle Staͤnde laſſen durch ihre Deputirten ſolenne Reden bey ihren Herrſchafften ablegen. Die Uni - verſitaͤten ſtellen ſolenne Actus an, die Profeſſores und ſaͤmmtlichen Academie-Verwandten begeben ſich in die Academiſchen Kirchen, laſſen daſelbſt praͤchtige Schau-Buͤhnen aufrichten, und unter einer vortrefflichen Muſic ſolenne Teutſche oder Lateiniſche Orationen durch einen von ihren gelehr - ten Maͤnnern, oder durch einen jungen ſtudirenden von Adel recitiren.

§. 6. Es iſt auch eine gewiſſe Art einer Devotion der Unterthanen, daß die Univerſitaͤten ſich die Er - laubniß ausbitten, die jungen Printzen ihrer Lan - des-Herrſchafft, zumahl wenn ſie ſich zu eben der Religion bekennen, zu ihren Rectoribus Magnifi - centiſſimis zu erwehlen, und denſelben das Recto - rat aufzutragen. Nicht weniger ſuchen ſie bißwei - len in tieffſter Demuth an, daß eine oder die andere von den anſehnlichſten Land-Chargen einem Prin - tzen des Hoch-Fuͤrſtlichen Hauſes conferirt wer - den moͤchte. Alſo erſtatteten in den abgewichenen Jahren die loͤblichen Staͤnde des Marggrafthums Ober-Lauſitz, ſo wohl bey Jhrer Koͤniglichen Ma - jeſtaͤt und Chur-Fuͤrſtlichen Durchlauchtigkeit der Koͤnigin in Pohlen und Chur-Fuͤrſtin zu Sachſen,als729Von Ehre der Unterth. gegen ihre Herrſch. als auch bey Jhrer Hoheit der Koͤniglichen Frau Mutter, und des Chur-Printzens Durchlauchtig - keit ein allerunterthaͤnigſtes Danckſagungs-Com - pliment, daß ſie die allergnaͤdigſte Vorſorge vor ſie getragen, und durch dero hohe Koͤnigliche Inter - ceſſion ſelbſt allergnaͤdigſt veranlaßt, daß Jhro Koͤnigliche Majeſtaͤt, die bey dem Marggrafthum Lauſitz zeit-uͤber vacant geweſene Land-Vogthey durch dero eigenen und eintzigen Koͤniglichen Prin - tzens Hoheit, zu des gantzen Landes ungemeinen Freude und Conſolation, hinwiederum allergnaͤ - digſt zu redintegriren ſich in hohen Koͤniglichen Gnaden reſolviret.

§. 7. Wenn die Unterthanen erfahren, daß die Landes-Herrſchafften ſich allzu groſſer Gefahr ex - poniren, oder etwas feindſeliges und hinterliſtiges wider ſie machiniret wird, ſo warnen ſie dieſelben wo ſie wiſſen und koͤnnen, ſie erſuchen ſie durch ſchrifftliche unterthaͤnigſte Adreſſen und durch De - putirte, daß ſie doch ihre Wachen und Garden ver - doppeln, ſich an dieſen oder jenen Ort bey Tag oder bey Nacht nicht mehr alleine aufhalten, und alle Præcautiones gebrauchen ſollen, damit ihnen nicht etwan einiges Unheyl oder uͤbler Zufall wie - derfahren moͤchte.

§. 8. Sind die Landes-Regenten aus einer groſ - ſen Gefahr errettet worden, oder von einer gefaͤhrli - chen Kranckheit, an der ſie danieder gelegen, recon - valeſcirt, ſo veranlaſſen ſie ſo bey ihrer Landesherr - ſchafft aus eigner Bewegniß, daß dieſerwegen inZ z 5dem730III. Theil. X. Capitul. dem Lande ſolenne Lob - und Danck-Feſte ausge - ſchrieben, in allen Predigten GOtt oͤffentlich ge - dancket, und das Te Deum laudamus mit froh - lockenden Hertzen der Unterthanen unter Trom - peten - und Paucken-Schall abgeſungen werden moͤchte.

§. 9. Sie laſſen zu Ehren ihrer Herrſchafften koſtbahre Statuen aufrichten, dieſelben mit den ſinn - reichſten Inſcriptionen auszieren, und auf das ſo - lenneſte inauguriren. Bey der Inauguration werden ſolenne Reden abgeleget, es laſſen ſich Trompeten und Paucken oder andere muſicaliſche Inſtrumenten dabey hoͤren, es wird eine Salve aus Canonen und Mouſqueten dabey gegeben, es er - ſchallet ein in der gantzen Lufft erthoͤnendes und aus dem Hertzen ſteigendes Vivat Rex! des Nachts darauf werden Freuden-Feuer angezuͤndet, und Geld unter den Poͤbel ausgeworffen.

§. 10. Bey den Land-Tags-Verwilligungen erzeiget ſich ihre Liebe und Zuneigung gegen ihre Herrſchafft ſo deutlich, als bey einer andern Gele - genheit. Sie ſind willig und bereit, diejenigen Summen Geldes und Præſtationen, ſo die Lan - des-Herren ihnen abfordern, zu verſprechen und abzutragen, weil ſie ſattſam verſichert ſind, daß ſie zu nichts anders angewendet werden, als zu dem - jenigen, was das Heyl und die Wohlfarth des Landes und der Unterthanen unumgaͤnglich erfor - dern.

§. 11. Solten einige Fundamental-Geſetze desReichs,731Von Ehre der Unterth. gegen ihre Herrſch. Reichs, oder die Verfaſſung des Landes, das Pou - voir der Landes-Herren in einen und dem andern Stuͤck einſchraͤncken und ihnen die Haͤnde binden, ſo gehen ſie bißweilen von dieſen Grund-Geſetzen in etwas ab, aus beſondern Vertrauen zu deren liebreichen und weiſen Regierung, und ertheilen ihnen in manchen Puncten mehr Macht und Au - toritaͤt, als ihre Vorfahren gehabt. Wenn ſie ſpuͤhren, daß ſie ohne maͤnnliche Deſcendenten ab - gehen ſolten, ſo uͤberlaſſen ſie lediglich dero Gefallen die Regulirung des kuͤnfftigen Succeſſions-We - ſens, und ſubmittiren ſich in allen Stuͤcken dero te - ſtamentariſchen Verordnung, und ſolte auch, nach einem neuen und bey dieſen Hoch-Fuͤrſtlichen Hau - ſe noch nie erhoͤrten Caſu, die Succeſſion der Lande auf die Princeßinnen Toͤchter transferirt werden.

§. 12. Bey dem Abſterben ihrer Regenten ver - binden ſie die aͤuſſerlichen Trauer-Zeichen mit der innerlichen Trauer des Hertzens, und bauen ihnen von auſſen und in ihren Seelen Denck - und Ehren - Mahle auf. Ja man hat auch wohl eher gehoͤret, daß ſie nach ihrem Tode ihr Andencken gefeyert. Alſo lebte Fuͤrſtin Mechtildis zu Anhalt Henrici II. Aſcherslebiſcher Linie Gemahlin in ſolchen Ehren, daß man auch nach ihren Tode in dem Stifft Fooſe ihr Andencken jaͤhrlich begangen, beſage ei - ner gewiſſen Recognition des Capituls zu Fooſe von anno 1303. S. Becmanns Anhaͤltiſcher Ge - ſchichte V. Theil II. Buch p. 75.

Der732IV. Theil. I. Capitul.

Der vierdte Theil. Von denen Divertisſe - mens der groſſen Herren / ſo wohl uͤberhaupt / als derſelben mancherley Arten.

Das I. Capitul. Von den Hoch-Fuͤrſtlichen Divertiſſemens uͤber - haupt.

§. 1.

Je ſchwerer die Regiments-Laſt die groſſen Herren bey Beherrſchung ihrer Laͤnder auf dem Halſe lieget, ie mehr Erqvickung und Ergoͤtzlichkeit haben ſie auch vonnoͤ - then. Da auch alle Handlungen, der Regenten ſo wohl als der Privat-Perſonen, mit einander harmo - niren muͤſſen, ſo muͤſſen auch ihre Divertiſſemens Fuͤrſtlich ſeyn, und man kan nicht allezeit die mit ei - nigen Unkoſten vorgenommene Ergoͤtzlichkeiten, die man bey ihren Unterthanen mit allem Recht zu miß - billigen haͤtte, einem groſſen Herrn verdencken.

§. 2.733Von den Hochfuͤrſtl. Divertiſſemens uͤberh.

§. 2. Es iſt kein Zweifel, daß einige von den Di - vertiſſemens, die an den Europaͤiſchen Hoͤfen an - geſtellet werden, unſchuldiger, und den goͤttlichen und natuͤrlichen Rechten nach zulaͤßiger, als die an - dern. Chriſtliche und weiſe Regenten ſetzen auch bey ihren Ergoͤtzlichkeiten die Pflichten nicht aus den Augen die ſie gegen GOtt und gegen ihre Un - terthanen zu beobachten haben. Sie erwehlen ſol - che, mit denen Luſt und Nutzen zugleich vereiniget, dergleichen ſind mancherley Arten, der Luſt-Jag - ten, Fiſchereyen u. ſ. w. die ihnen und ihren Hof - Cavaliers zur Ergoͤtzung, und zugleich dem Lande zur Erleichterung und Beqvemlichkeit gereichen; ſie retrenchiren dabey alle unnoͤthige Unkoſten und uͤberfluͤßigen Aufwand ſo viel als moͤglich, ſie wid - men eine gewiſſe jaͤhrliche Summe darzu, die ih - ren Einkuͤnfften und Ausgaben proportionirt, da - mit nicht zu der Zeit, wenn der Hof nebſt einigen Unterthanen tantzt und ſpringt, der groͤſte Theil des Landes ſeuffzen und weinen moͤge, und laſſen alles ſo einrichten, daß alle ſuͤndliche und thoͤrichte Miß - braͤuche davon entfernet bleiben.

§. 3. Bißweilen ſind beſondere Umſtaͤnde vor - handen, da groſſe Herren mehr ihren Bedienten und Unterthanen zu Gefallen, als zu ihrem eigenen Plaiſir, Divertiſſemens anſtellen. Es ſtecken nicht ſelten mancherley politiſche Abſichten darhinter. Sie wollen die Liebe der Hoͤhern und des Poͤbels erlangen, weil die Gemuͤther der Menſchen bey der - gleichen Luſtbarkeiten, die den aͤuſſerlichen Sinnenſchmei -734IV. Theil. I. Capitul. ſchmeicheln, am eheſten gelencket werden koͤnnen, ſie ſuchen ſich etwan in der Gunſt des Landes bey einer neuen Regierung zu befeſtigen, ſie wollen die Unterthanen hiedurch zu neuen Anlagen, die ſie von ihnen verlangen, deſto eher diſponiren, auch wohl die calamitöſen Zeiten, die ein Land oder eine Re - ſidentz druͤcken, deſto eher verbergen.

§. 4. Demnach thun ſie alles, was zu dieſen Zei - ten dienlich. Sie ziehen die vornehmſten Reichs - und Land-Staͤnde zu allen Arten der Luſtbarkeiten; ie mehr einer von ihnen in Anſehen bey dem Lande ſtehet, ie groͤſſere Ehre und Vergnuͤgen wird einem ieden verſchafft; ſie invitiren ſie an die Fuͤrſtlichen Tafeln, und zu den verſchiedenen Divertiſſemens. Jſt aber einen oder dem andern lieber, einen Zu - ſchauer abzugeben, ſo verſchaffen ſie ihm in den Co - moͤdien und Opern eine bequeme Loge, und bey allen den andern Divertiſſemens einen guten Platz, von dem er alles mit Commodité in Augenſchein nehmen kan. Dem Poͤbel laſſen ſie auf oͤffentli - chen Plaͤtzen beſondere Luſtbarkeiten anſtellen, die ſich vor denſelben ſchicken; ſie erlauben ihm, daß ſie den Freuden-Spectaculn, die auf den Reſidentz - Schloͤſſern gehalten werden, iedoch mit Beobach - tung guter Ordnung, mit zuſchauen duͤrffen.

§. 5. Weil der groͤſte Theil des Poͤbels in Be - luſtigung des Geſchmacks, und in Freſſen und Sauf - fen ſein Vergnuͤgen findet, ſo geben die großen Herren ihn bißweilen ihre eigene Tafeln, die mit den groͤſten Delicateſſen beſetzt ſind, voͤllig Preiß, oderlaſſen735Von den Hochfuͤrſtl. Divertiſſemens uͤberh. laſſen ihnen beſondere Mahlzeiten zurichten, oder mancherley Victualien und Getraͤncke austheilen. Zu Neapolis hat man bey oͤffentlichen Freuden - Bezeugungen einige mit allerhand Lebens-Mitteln, als mit Fleiſch, Fiſchen, Brodt und andern derglei - chen Eß-Waaren angefuͤllte Karren. Sie ſind auf unterſchiedene Art ausgeputzt, mit treflichen Schnitzwerck verſehen, und ſtellen mancherley Fi - guren vor, als Meer-Goͤtter, Cornu copiæ u. ſ. w. ſie werden in Begleitung der Miliz durch die Straſ - ſen der Stadt gezogen, und endlich an einen gewiſſen Platz, und meiſtentheils an den Pallaſt des Herrn Vice-Ré, dem Volck preiß gegeben. S. Einleit. zur neueſten Hiſtorie XXVIII. Stuͤck p. 173. So laſ - ſen auch bißweilen hohe Miniſtri, wenn ſie ihrer Durchlauchtigſten Herrſchafft zu Ehren gewiſſe ſolenne Taͤge celebriren, Ochſen braten, die mit Huͤnern und Caphaͤhnen angefuͤllt, und theilen ſol - che nebſt Wein, Brodt und Fleiſch unter den Poͤ - bel aus.

§. 6. Weiſe Regenten verfuͤgen bey allen ihren Divertiſſemens ſo loͤbliche Anſtalten, daß alle Pre - caution und Behutſamkeit dabey angewendet, und aller beſorgliche Schaden und Ungluͤck abgewen - det werden moͤge. Sie laſſen hin und wieder auf den Straſſen ſcharffe Mandata anſchlagen, daß ſich niemand unterſtehen ſoll, des Nachts einigen Unfug oder Lermen zu erregen, ſondern ein ieder ruhig nach Hauſe begeben. Die Patroullen zu Pferde und Fuß, muͤſſen die Straſſen in Sicher -heit736IV. Theil. I. Capitul. heit erhalten, die Unruhigen an einen ruhigen Ort bringen, und die Jrrenden zu rechte weiſen. Sie ſorgen, daß niemand weder von denen die ſich mit Divertiren, noch von den Zuſchauern durch Gele - genheit der Divertiſſemens an ſeiner Geſundheit Schaden leyde. Wo gewiſſe Scheiben-Schieſſen oder andere Arten der Schieſſen gehalten werden, ſo laſſen ſie entweder durch gewiſſe Zeichen die vorbeygehenden warnen, daß ſie ſich dieſen oder je - nen Plaͤtzen nicht naͤhern ſollen, oder eigene Wa - chen und Poſten zu dieſem Ende ausſtellen, und be - ſorgen in dieſen und andern Stuͤcken mehr das Heyl ihrer Unterthanen ſo wohl bey den ſchertzhafften Handlungen, als bey den ernſthafften.

§. 7. Nicht weniger werden den Frembden bey den Divertiſſemens alle nur erſinnliche Arten der Hoͤfligkeit erzeigt; Die von beſondern Meriten und Stande werden an die Fuͤrſtlichen Tafeln, und zu den Luſtbarkeiten ſelbſt als Carouſellen, Ring - rennen, Schlittenfarthen, Balletten, Wirthſchaff - ten, u. ſ. w. mit gezogen, die andern aber doch bey den Zuſchauern wohl tractirt; Es werden ihnen nach eines ieden Rang und Condition entweder Billetten ausgetheilt, daß ſie die Commœdien und Opern, und andere dergleichen Luſt-Oerter ohne Geld mit beſuchen duͤrffen, oder ihnen ſonſt bey den Zuſchauern beqveme Plaͤtze angewieſen.

§. 8. Viele von den Divertiſſemens leiten ihren Urſprung von den heydniſchen Roͤmern und Grie - chen; Wenn man z. E. die an den EuropaͤiſchenHoͤfen737Von den Hochfuͤrſtl. Divertiſſemens uͤberh. Hoͤfen gebraͤuchliche Aufzuͤge etwas genauer be - trachtet, und ſolche mit den alten Roͤmiſchen in Vergleichung ſtellt, ſo wird man allenthalben eine groſſe Aehnlichkeit wahrnehmen. Ja das alte heydniſche und mythologiſche Weſen muß bey den meiſten Luſtbarkeiten die beſten Erfindungen abge - ben. Einige ſind unſern Teutſchen eigenthuͤhm - lich, als z. E. die Ritterſpiele, und Fuß-Turniers. Ob es zwar wohl erſcheinet, daß ſie aus Jtalien nach Teutſchland moͤchten gekommen ſeyn, ſo ſind ſie doch von den aͤlteſten Zeiten an, und uͤber tau - ſend Jahr an den Teutſchen Hoͤfen beſtaͤndig in Gebrauch geweſen. Man hat von derſelben Zeit an, an den meiſten Teutſchen Hoͤfen faſt bey allen Luſtbarkeiten dergleichen Ritterſpiele mit angeſtellt.

§. 4. Manche ſind zwar allgemein, die nicht al - lein in Teutſchland, ſondern auch in andern Euro - paͤiſchen Provintzen gebraͤuchlich, und ſo wohl bey Privat-Perſonen als unter groſſen Herren einge - fuͤhrt, als die Daͤntze, die Schlittenfahrten, die Comoͤdien, die Opern, die Feuerwercke, die Illu - minationen, die Wirthſchafften, die Bauer-Hoch - zeiten, u. ſ. w. ſie haben aber in einigen Laͤndern gantz neue Zuſaͤtze bekommen, und ſind daſelbſt erſt recht kunſtmaͤßig ausgearbeitet, in neue Ver - faſſung geſetzt, und in beſondere Regeln gebracht worden.

§. 10. Gewiſſe Luſtbarkeiten ſind unſern Vor - fahren groͤſtentheils unbekandt geweſen, und nur etwan von ein 50 Jahren her aus Jtalien undA a aFranck -738IV. Theil. I. Capitul. Franckreich an den Teutſchen Hoͤfen eingefuͤhrt worden, als z. E. die Divertiſſemens der Reduten und des Carnevals. Je mehr unſere Teutſchen Printzen angefangen auf ihren Reiſen Franckreich und Jtalien zu beſuchen, und die Frantzoſen und Jtaliaͤner hoch zu achten, ie mehr haben ſie ihnen nachgeahmt, und ſo wohl bey den Arten ſich zu divertiren, als bey den andern Gebraͤuchen ihnen abgelernt.

§. 11. An einigen Hoͤfen, wo man auf eine ſtetswaͤhrende Veraͤnderung der Luſtbarkeiten be - dacht iſt, unterhaͤlt man eigene Intendants des Plaiſirs, die vor die Einrichtung, Ordonirung und Abwechſelung der Divertiſſemens beſorgt ſeyn und mit Zuziehung des Hof-Marſchalls, auch man - cherley Kuͤnſtler und Virtuoſen unterſchiedene Luſt - Projecte, Sereniſſimo einreichen muͤſſen. Es ſind bißweilen vornehme Cavaliers, als Cammer - Herren, u. ſ. w. denen dieſe Function aufgetra - gen wird.

§. 12. Manchmahl haben dieſe Intendants des Plaiſirs die Aufſicht uͤber die Comoͤdianten, Operi - ſten, Capellmeiſter, Dantzmeiſter, Cammer - Muſicos, Taſchenſpieler, Hof-Mahler, Hof-Bau - meiſter, Hof-Laquirer, Maſquirungs-Schneider, Pritzſchmeiſter, und andere dergleichen Leute, ge - meiniglich aber gehoͤren ſie alle zuſammen unter das Hof-Marſchall-Amt. Dieſes pflegt auch Sorge zu tragen, daß die Luſtbarkeiten, daſelbſt mit allen ihren Umſtaͤnden auf das deutlichſte und ſpe -ciſiqueſte739Von den Hochfuͤrſtl. Divertiſſemens uͤberh. cifiqueſte beſchrieben, und mit denen dazu gehoͤri - gen Zeichnungen, zum Andencken der Vorfah - ren, und den Nachkommen zum Beſten verwahr - lich beygelegt werden.

§. 13. Sind die Luſtbarkeiten zu Ende ge - bracht, ſo pflegen diejenigen, die hieruͤber beſtellt, Anſtalten zu machen, daß die Schlitten, die Ma - chinen, die Masquirungs-Kleider, das Gewehr, und die andern Sachen, die man aus den Ruͤſt - Cammern zu dieſem Ende abgehohlt, wieder an Ort und Stelle gebracht werden, und dasjenige was verdorben oder verſchlimmert worden, wie - der reparirt und ergaͤntzet, oder ein anders an deſ - ſen Stelle geſchafft werden moͤge.

Das II. Capitul. Von Aufzuͤgen.

§. 1.

Ein Aufzug entſtehet, wenn alle diejenigen Perſonen, die einem ſolennen Divertiſſe - ment gewidmet ſind, in gewiſſer Ord - nung, nach den Regeln der Kunſt, nebſt denen dazu gehoͤrigen Caroſſen und Machinen, oder andern lebendigen oder lebloſen Dingen, um eine Parade zu machen, ſich an ei - nen gewiſſen Orthe verſammlen, und die vornehm - ſten Straſſen eines Orthes durchziehen. Sie ſchreiben ſich von den Zeiten der Roͤmer her, als welche, wenn ſie aus dem Kriege victorieus wiederA a a 2zuruͤck740IV. Theil. II. Capitul. zuruͤck kamen, mit mancherley Machinen und Sieges-Zeichen, und mit Begleitung der Uber - wundenen, die ſie als Gefangene bey ſich fuͤhrten, in die Stadt Rom einen praͤchtigen Einzug hielten.

§. 2. Das Hauptwerck bey den Aufzuͤgen kommt auf eine geſchickte Erfindung an, damit die gantze Hiſtorie mit allen ihren Abtheilungen und dazu gehoͤrigen Stuͤcken, accurat, den Geſchichten, der Wahrheit, und der Natur der Sachen nach, eben wie in einer Opera oder Comœdie vorſtelle.

§. 3. Einige Aufzuͤge ſind ſimple und einſach, und faſſen nichts weiter in ſich, als den Zug der Leute, die in gewiſſer zu ihrer Handlung ſich ſchi - ckender Kleidung aus den Verſammlungs-Ort durch die vornehmſten Gaſſen der Stadt ziehen, um ihre Luſtbarkeit an einen andern Ort vorzuneh - men, oder ſonſt dasjenige zu verrichten, um welches willen ſie ſich verſammlet gehabt, andere aber ſind von allegoriſcher und emblematiſcher Erfindung, die eine gantze Hiſtorie vorſtellen / und nach ihren beſondern Actibus abgetheilt, wie die Opern.

§. 4. Je ſinnreicher die Erfindung, ie haͤuffiger die darinnen vorkommenden Machinen, ie praͤch - tiger die Leute, Caroſſen und Pferde, ie natuͤrlicher die Repræſentationen, ie laͤnger der Zug, ie ab - wechſelnder die Corpos und Diviſionen, ie ordent - licher ein iedes Stuͤck des Aufzuges, ie vollkom - mener iſt auch nachgehends der Aufzug.

§. 5. Bey den Aufzuͤgen werden mancherley frembde ſtreitbahre Voͤlcker aus der alten undneuen741Von Aufzuͤgen. neuen Zeit, oder frembde Bauer-Habiter, inglei - chen Amazonen, Helden, Heydniſche Goͤtter und Goͤttinnen, Tugenden, Element-Nymphen, Amouretten, Meer-Wunder und andere der - gleichen aufgefuͤhrt. Die Straſſen werden gar offters, zumahl bey unſaubern Plaͤtzen und bey naſſer Witterung mit Bretern belegt, und auf beyden Seiten mit zuſammengeſchloßener Milice oder Buͤrgerſchafft beſetzt, damit die Ordnung von dem eindringenden Volcke auf keinerley Weiſe geſtoͤhret noch getrennet werden moͤge.

§. 6. Einige Aufzuͤge, die hiſtoriſch, inventieus und Opernhafftig eingerichtet, werden en Maſque gehalten; andere aber, die nur eine einfache Hand - lung vorſtellen, als eine Wirthſchafft, eine Bauer - Hochzeit u. ſ. w. ohne Maſque. Die Perſonen, aus denen der Aufzug beſtehen ſoll, muͤſſen ſich vor - hero an einem gewiſſen Ort verſammlen, und da - ſelbſt von den Maitres, ſo ſolche Aufzuͤge dirigiren, ihre Inſtructionen erhalten, wie ſie ſich bey ihrem marchiren verhalten, auch in was vor Ordnung ſie nach einander gehen ſollen.

§. 7. Die bey den Aufzuͤgen vorkommende Mu - ſic wird nach den Perſonen eingerichtet: Bey den Satyren hoͤret man Floͤten, bey den Hirten Schal - meyen, bey den Apollinen und Orpheus die Leyer, bey den Roͤmern Trompeten und Paucken, bey den Perſianern, Mohren, Tuͤrcken und Griechen Cym - beln / Paucken und Clarinen, bey den Feld-Goͤt - tern Bauer-Inſtrumenta, als Dudelſaͤcke, bey denA a a 3Tritons742IV. Theil. II. Capitul. Tritons und andern Meer-Goͤttern Trompeten - Marinen.

§. 8. Bißweilen geſchiehet der Aufzug aus einer Machine, aus einem Berge, oder aus einer Hoͤle oder andern dergleichen. Eine Art der heydni - ſchen Goͤtzen, als der Mercurius u. ſ. w. intimirt das Divertiſſement, oder eine andere heydniſche Goͤttin ſtimmt unter vortrefflicher Muſic eine Can - tata oder Arie an, und excitirt alle Perſonen, aus denen der Aufzug beſtehet zu derjenigen Solennitaͤt, die nach dem Willen des groſſen Herrn vorgenom - men werden ſoll.

§. 9. Der Ausmarſch des gantzen Zuges geſchie - het auch wohl unter dem Schall der Trompeten und Paucken, und ſie werden auch an dem Orte, wo ſie wieder einziehen, auf eine gleiche Weiſe em - pfangen.

§. 10. Den Anfang des Aufzuges macht entwe - der ein Herold oder ein Marſchall zu Pferde, die auf das propreſte nach der Geſchicht der Repræ - ſentation ausgekleidet, ſie reiten gemeiniglich einen Taͤntzer, mit dem ſie auf der Straſſe die beſte Pa - rade machen; alsdenn folgen die Trompeter und Paucker, und dann der uͤbrige Zug. Jſt der Auf - zug zu einem Tournier oder Carouſel auserſehen, ſo kommen die Stallmeiſter und die Bereuter mit fehr vielen, auf das koſtbarſte ausgezierten Hand - Pferden anmarchiret; ſoll er aber in etwas anders beſtehen, ſo folget ein anderer Train. Wo ſich Trompeten und Paucken zu einem Aufzug nichtſchicken,743Von Aufzuͤgen. ſchicken, ſo macht eine andere Bande Muſicanten, die mit der Vorſtellung harmonirt, entweder zu Wagen oder zu Fuß, den Anfang mit dem Marſch.

§. 11. Die Perſonen werden von beſondern Haͤuptern gefuͤhret, wie ſie zu einer ieden Abthei - lung gehoͤren, und haben gar oͤffters ihre eigene Fahnen. Sie tragen dasjenige in Haͤnden, was ſich vor einen ieden von ihnen ſchickt. Sind es Bergleute, ſo haben ſie z. E. Troͤge von allerhand Ertzen und Mineralien, beſondere Inſtrumenten, Probier-Oefen, Schmeltz-Tiegel und anders der - gleichen, und ſo verhaͤlt es ſich auch bey den uͤbrigen.

§. 12. Die Bedienten werden ſo ausgeſucht, und ſo gekleidet, wie ſie zu einer ieden Perſon und zu einer ieden Repræſentation gehoͤren. Um die Goͤttin Venus ſind kleine Amouretten, um die Pro - ſerpina Geiſter und Furien, um den Tuͤrckiſchen Kayſer Janitſcharen. Bey dem Damen-Rennen werden Lauffer erwehlt, weil die Abſicht im Ren - nen beſtehet.

§. 13. Die Waͤgen, die Pferde, die Geſchirre, die Kutſcher, die Laqueyen u. ſ. w. muͤſſen nicht al - lein mit der Hiſtorie accordiren, ſondern es muß auch ihre Kleidung, den Couleuren und andern Umſtaͤnden, mit der Kleidung der Cavaliers oder Dames harmoniren, die ſie zu begleiten haben.

§. 14. Gleichwie eine Egalité bey allen Stuͤ - cken, was zu einem ieden Corpo oder Diviſion ge - hoͤret, die Vollkommenheit und Schoͤnheit einesA a a 4Auf -744IV. Theil. II. Capitul. Aufzuges mit ausmachen hilfft, alſo iſt auch die Ab - wechſelung der unterſchiedenen Quadrellen oder Abtheilungen angenehm, und ein iedwedes Corpo der Leute, oder eine iede neue Abhandlung muß den Waͤgen, Machinen, Pferden, Perſonen, Bedien - ten und Muſicanten nach, von einander unterſchie - den ſeyn, und dieſe muͤſſen alle zuſammen bey ihren Kleidungen und den uͤbrigen Stuͤcken etwas an - ders vorſtellen, ſo man bey dem vorhergehenden Corpo nicht geſehen und nicht gehoͤrt.

§. 15. Wenn ſich ein neu Corpo oder eine neue Ordnung der Perſonen anfaͤngt, ſo pflegt gemeini - glich ein Cammer-Fourier mit Trompeten und Paucken, oder eine andere Bande Muſicanten vor - weg zu marchiren. Bißweilen werden auch wohl von einer Goͤttin auf ihrem Triumph-Wagen un - ter waͤhrendem Aufzug Cantaten oder Arien abge - ſungen. Doch pflegt dieſes gar ſelten zu geſchehen.

§. 16. Der Muſicanten Chor, ſo den Aufzug an - fangen oder beſchlieſſen, macht zuweilen ein eigen Corpo aus, immaſſen man bey einigen Koͤniglichen ſolennen Aufzuͤgen auf ein 24 zehlet, die mit ihren hellklingenden Trommeln, Pfeiffen, Paucken, und meßingenen Becken bey der Janitſcharen-Muſic, oder mit ihren andern Inſtrumenten ie 2 und 2 in einem Gliede marchiren.

§. 17. Die Erfindung der Waͤgen, auf denen die heydniſchen Gottheiten ſitzen, muß aus der Mytho - logie hergeh ohlet und auf das eigentlichſte dar - nach eingerichtet werden. Die Triumph-Waͤgenſind745Von Aufzuͤgen. ſind auf Romaniſche Art gemacht. Des Martis Wagen wird etwan auf folgende Weiſe vorgeſtel - let: Es iſt ein praͤchtiger Roͤmiſcher und mit man - cherley Gewehr, wie es damahls braͤuchlich gewe - ſen, ausgezierter und verguͤldter Wagen, auf wel - chen der groſſe Mars ſitzt, dem eine geharniſchte Per - ſon zu den Fuͤſſen liegt, die Pferde werden von ge - harniſchten Maͤnnern gefuͤhret. Vor ihm reiten zwey geharniſchte Maͤnner, deren Pferde nicht we - niger verpantzert, und dem Marti zur Seite gehen; neben her gehen vier groſſe Rieſen in rothen mit Gold durchmengten Kleidern, die mit groſſen Schildern verſehen, auf den Haͤuptern Cronen, und in Haͤnden groſſe Morgen-Sterne fuͤhren. Den Triumph-Wagen der Goͤttin Juno ziehen 2 groſſe Pfauen / dieweil ſonſt der Pfau von den Poeten der Vogel Junonis benennet wird. Der Neptunus faͤhret in einem die ungeſtuͤmen Mee - res-Wellen durchſchneidenden Schiff, und haͤlt ſei - nen gewoͤhnlichen dreyſpitzigen Scepter in der Hand. Die Goͤttin Pallas ſitzet auf ihren mit dem gefluͤgelten Pferd Pegaſo beſpanneten Wa - gen. Diana wird von 2 fluͤchtigen Hirſchen gezo - gen, und haͤlt Bogen und Pfeil in der Hand.

§. 18. Die Kleidung mancher Perſonen iſt bey den Aufzuͤgen leichter vorzuſtellen, als der andern. Alſo braucht es keiner groſſen Muͤhe, wenn ein Nationen-Aufzug ſoll gehalten werden, weil der Unterſchied in der Kleidung der fremden Voͤlcker bekandt, und leicht nachzuahmen iſt; Wenn aberA a a 5ande -746IV. Theil. II. Capitul. andere lebloſe Dinge, als wie die Elementa, Lufft / Erde, Feuer und Waſſer, oder Sonne, Mond und Sterne, oder Geiſter und dergleichen repræſentirt ſollen werden, braucht es ſchon ein groͤſſer Nach - ſinnen. Man imitiret hierbey die Natur ſo gut als man kan, nach ihren Farben, Geſtalten oder Wuͤrckungen.

§. 19. Die Mohren werden in ſchwartzen Sammet gekleidet, der ihnen gantz glatt auf dem Leibe anliegt, als ob ſie nackend waͤren, und ha - ben um die Guͤrtelſtaͤdte Schuͤrtzen um ſich von Zuͤndel oder Taffet, oder auch von rauchen Fellen, und tragen Javelins in Haͤnden. Der Fuͤhrer ihres Corpo hat etwan einig Geſchmeide um ſich herum, und eine Schuͤrtze von Brocat, oder die doch ſonſt mit Gold und Silber ausgeſtickt, und fuͤhret einen Regiments-Stab in Haͤnden. Die Mexi - caner ſind uͤber und uͤber mit bunten Federn be - hangen, und haben bunt-gemahlte Pfeile um ſich. Die wilden Maͤnner ſind mit rauchharigen Klei - dern gantz glatt auf dem Leibe angethan, auf den Kopff und um den Leib haben ſie gruͤne Craͤntze von Eichen - oder andern Baum-Laube. Die Pferde, ſo bey ihrem Corpo angetroffen werden, ſind auch mit rauchen Thier-Haͤuten bekleidet, und auf den Koͤpffen mit gruͤnen Buͤſchen gezieret. Jh - re Muſic beſtehet in einem groſſen Polniſchen Bock und einigen groſſen Schallmeyen, ſo allerhand Wald-Lieder anſtimmen.

§. 20. Bey dem Carouſel der vier Elementen /wel -747Von Aufzuͤgen. welches am 18 September a. 1719 in Dresden bey der Heimfuͤhrung der Koͤniglichen Chur-Princeſ - ſin in Sachſen gehalten ward, ſtellte man die Ele - menta ſehr ſinnreich vor, welches aus der eintzigen Beſchreibung des Feuers erhellen kan. Der Koͤ - nigliche Ober-Bereuter repræſentirte daſſelbige: Er war mit einem rothen ſeidenen Romaniſchen Habit bekleidet, darauf von goldenen Zuͤndel gleichſam brennende Flammen genaͤhet waren, auf dem Haupte fuͤhrte er von dergleichen Zeug eine viertheiligte hocherhabne Muͤtze mit einer groſ - ſen Flamme von Lahne, ſo wie eine Fackel brann - te, in der Hand trug er einen roth-gemahlten Fa - ckel-Leuchter, oben mit einer Flamme von gelben Lahne. Auf eine gleiche Weiſe waren die Mar - ſchaͤlle, die Trompeter, und alle die uͤbrigen, ſo auf Pferden ſaſſen und dabey her giengen, bekleidet. Die Hand-Pferde hatten Ponco-roth ſeidene und mit Feuerflammen, ſo von goldenen Zuͤndel ge - macht / ausgeſetzten Decken belegt, auf welchen beyden Seiten ſich eine brennende Sonne zeigte / auf dem Kopff ſo wohl als auf des Pferdes Creu - tze war eine groſſe von gelben Lahn gemachte Flam - me aufgeſetzt.

§. 22. Die Renner hatten eine koſtbahre Klei - dung von Ponce-rothen Atlaß, auf Art wie Feuer - flammen mit Golde ausgemachten Romaniſchen Habit, auf deren Schoͤßen von Gold ein Sala - mander eingeſtickt, zu ſehen. Das Zeug an Pferden war verſchlungen roth und Gold. Aufihren748IV. Theil. II. Capitul. ihren Haͤuptern trugen ſie hohe Roͤmiſche rothe mit Gold geflammte Hauben, und in Haͤnden gantz kleine vergoldete Spontons. Jhro Majeſtaͤt der Koͤnig in Pohlen, als Chef dieſer Bande, hatten ei - nen roth-Sammeten mit Gold geſtickten Roma - niſchen Habit, der mit Edelſteinen auf das aller - praͤchtigſte ausgezieret, und auf 2 Tonnen Goldes eſtimirt wurde. Auf dem Kopffe und hinten auf dem Creutz des Pferdes ſahe man eine von Dia - manten gleichſam brennende Sonne. Neben Jh - rer Majeſtaͤt giengen 4 Lauffer in Ponco-rothen Habit wie das Feuer gekleidet, alsdenn die Avan - turiers, deren Bediente, ihre Hand-Pferde u. ſ. w. in dergleichen Habit.

§. 23. Bißweilen werden auch nach der Inven - tion der Aufzuͤge gewiſſe Gebaͤude aufgerichtet, die mit ihnen accurat harmoniren, ſo wohl in An - ſehung der aͤuſſerlichen Architectur, Statuen und Zierrathen, als auch des innerlichen Ausputzes und der Meublirung. Wird etwan bey einer Jagt - Luſtbarkeit ein ſolenner Jaͤger-Einzug gehalten, ſo wird auch zu Zeiten der Dianæ zu Ehren ein be - ſonder Gebaͤude errichtet, und durch denſelben Aufzug eingeweyhet. Wenn in ſolchen Gebaͤuden Tafel gehalten wird, ſo pflegen nicht allein die Be - dienten, und Muſicanten, die bey der Tafel mit aufwarten, ſondern auch die Speiſen und Confi - turen, ſo auf die Tafeln geſetzt werden, die Gefaͤße und Trinck-Geſchirr auf den Tafeln, und ſo garauch749Von Aufzuͤgen. auch die Vaſen und andere Stuͤcken, mit denen die Buffets ausgeziert werden, zu harmoniren.

§. 24. Die in einen Aufzug vorkommende, und ſich unvermerckt bewegende Machinen helf - fen denſelben, wenn ſie kuͤnſtlich ausgearbeitet, und wohl angebracht, gar ſehr embelliren. Biß - weilen ſiehet man ein groſſes Schiff mit ſchoͤnen zierlichen Simſen, Leiſten, Schildern, Hoͤltzungen und andern Zierrathen, mit halb erhobner Arbeit, kuͤnſtlich ausgehauen, und auf das reichſte verguͤl - det, mit Maſt-Baum, Seegel-Stangen, Maſt - Koͤrben, Seegeln, Wimpeln, Flaggen und Faͤhn - lein, auf welchen zu beyden Seiten Tritons oder Meer-Goͤtter ſitzen, die in blau gekleidet, und mit Silber vermengten Schuppen uͤberzogen, die Haare ſind ihnen von Meerbinſen mit Corallen untermiſcht, in den Haͤnden fuͤhren ſie Muſcheln, und gewoͤhnliche Meer-Hoͤrner.

§. 25. Manchmahl obſerviret man einen ſehr anmuthigen und zierlichen Garten, der ſich allge - mach veraͤndert, und mit unvermerckter Bewe - gung fortruͤckt. Er iſt mit einer Galerie, auf wel - chen Statuen und Vaſen mit allerhand gruͤnenden und bluͤhenden Gewaͤchſen placiret, umgeben, und mit kuͤnſtlichen Fontainen geziert. Neben her ge - hen einige Satyri oder wilde Wald-Maͤnner mit Baͤumen in den Haͤnden.

§. 26. Bald folgt wiederum ein gleichſam von langwierigen Feuer-Duͤnſten ausgedorrter, und in einander gefallener Felſen-Berg, deſſen Hoͤh -len750IV. Theil. II. Capitul. len, und die darinnen raſenden Schmiede-Ge - ſellen erweiſen, daß dieſes die Werckſtadt des Vul - cani, als Gott des Feuers ſey, welcher auch zu oberſt drauf ſtehet mit ſeinem ſchwehren Schmie - de-Hammer uͤber der Achſel, mit einem Schurtz umgeben, und lauter brennende Fackeln und Feuer-Flammen um ſich hat. Neben her gehen die ihm zugehoͤrigen Aufwaͤrter, die als wilde Bergleute ausſehen und ihre Haͤmmer auf den Achſeln tragen.

§. 27. Der Schluß des Aufzuges geſchiehet entweder von den Bedienten oder Aufwaͤrtern. Die zu der letzten Diviſion oder Corpo gehoͤren, oder von gewiſſen Militair-Bedienten, von eini - gen Unter-Officierern und dazu gehoͤrigen Mann - ſchafft, die den tollen und neugierigen Poͤbel zuruͤck halten muͤſſen, oder auch wohl von gewiſſen Mu - ſicis. Jſt der Aufzug geendiget, ſo werden die Cavaliers und Dames, die bey den Aufzug gewe - ſen, von den Durchlauchtigſten Herrſchafften zur Tafel und zum Ball mitgezogen, die andern aber begeben ſich entweder wieder in ihre Wohnungen, oder werden auch zugleich an unterſchiedenen Ta - feln und Tiſchen nach dem Unterſchied ihres Stan - des u. Ranges wohl tractirt, und mit Speiſen und Getraͤncke verſorgt. Das beſondere Gebaͤude, das zu dem Ende aufgerichtet worden, wird auf den Abend inwendig und auswendig mit weiſen Wachs-Lichtern, Lampen und durch allerhand Inventionen bißweilen ſehr kuͤnſtlich illuminirt,man751Von Aufzuͤgen. man ſiehet zu Zeiten aus den Statuen, die um das Gebaͤude herum ſtehen, aus den Vaſen und Blu - men-Geſchirren, aus den Baͤumen, ja gar aus der Erde heraus artige Feuer-Flaͤmmgen fah - ren.

Das III. Capitul. Von den mancherley Turnie - ren und Ritter-Spielen.

§. 1.

Die Turniere und Ritter-Spiele, ſind eine ſolche Ubung, welche von den aͤlteſten Zeiten an biß auf die ietzigen von den hoͤchſten Standes-Perſonen angeordnet und dirigiret, und den Adelichen Geſchlechtern vor ſehr anſtaͤndig geachtet worden. Die meiſten Autores gedencken, daß der Kayſer Henricus der Vogelſteller, vor den Urheber dieſer Ritter-Spiele zu achten, andere hingegen melden, daß dergleichen ſchon vor ihm in Orient zu Conſtantinopel von dem Kayſer Michael angeſtellt worden, ingleichen daß ſie allbereits bey den Gothen, Longobarden und Francken gebraͤuchlich geweſen. S. das II. Cap. von Schubarti Tractat de ludis equeſtribus.

§. 2. Dem ſey wie ihm wolle, ſo iſt doch gewiß, daß der Kayſer Henrich, dieſe Ritter-Spiele, nach - dem er die Hunnen ausgerottet, und die Slaven und Sorberwenden ſich unterwuͤrffig gemacht, inbeſon -752IV. Theil. III. Capitul. beſondere Ordnungen geſetzt, und ſie mit mancher - ley vorher gantz unbekandt geweſenen Gebraͤuchen vermehrt. Sind in einer Sache Geſetze und Ordnungen noͤthig geweſen, ſo iſt es gewiß bey die - ſen ritterlichen Exercitiis, bey denen eine ungeheure Menge Leute zuſammen kommen, die theils durch das hitzige Getraͤncke, theils durch brennende Ehr - Begierde, oder vielmehr Ehr-Geitz und Hoch - muth, theils durch Rachgierde ihr Muͤthgen an ihren Gegnern zu kuͤhlen, ja ich moͤchte auch wohl ſagen, durch die Liebe vor das Frauenzimmer an - geflammt worden, und gar leicht zu einer Unord - nung haben gebracht werden koͤnnen.

§. 3. Der Ort, wo man vor Zeiten dergleichen Ritter-Spiele gehalten, muſte eine in dem Reich gelegene Stadt ſeyn, die zu dieſen Ubungen be - quem, wo Quatier in Menge zu erlangen, wo Lebens-Mittel wohl zu bekommen, und bey der die Hin - und Her-Reiſen mit Sicherheit anzuſtel - len waren. Vor andern Staͤdten in Teutſchland ſind wegen der Geſchichte der Ritter-Spiele, Merſeburg, Nuͤrnberg, Worms, Straßburg und Braunſchweig bekandt und beruͤhmt worden.

§. 4. Die Kayſer und Fuͤrſten in Teutſchland legten bey Anſtellung der Turniere mancherley Endzwecke zum Grund. Sie wolten hiedurch junge Cavaliers zu den Krieges Metier deſto ge - ſchickter machen, und in beſtaͤndigen Exercitio, auch zu Friedens-Zeiten erhalten, weil dieſes in den damahligen Zeiten die beſte Profeſſion war,ſie753Von mancherl. Turnieren u. Ritterſpielen. ſie wolten ihre Ritter bey der Luſt und den Diver - tiſſemens kennen lernen, ihre Tapfferkeit und Bra - vour erforſchen, damit ſie hernach wuſten, was ſie ſich in Ernſt zu ihnen zu verſehen haͤtten, ſie wollten nach den blutigen Kriegen ſo wohl einigen maͤchti - gen Staͤdten, an denen ihnen etwas gelegen war, als auch der Ritterſchafft eine Freude und Ver - gnuͤgen machen, daß ſie ihrer in den Treffen ge - bliebenen Anverwandten deſto eher vergeſſen moͤchten. Jch glaube auch, daß eine Haupt-Ab - ſicht unter andern mit geweſen, daß ſie bey der Gelegenheit, da der tapfferſte Adel beyſammen ge - weſen, mit den ſaͤmmtlichen Staͤnden zu dem Heyl des teutſchen Vaterlandes gemeinſchafftliche Be - rathſchlagungen pflegen wollen.

§. 5. Es hatten auch einige groſſe Herren ihre beſondere Abſichten, warum ſie zu dieſer oder jener Zeit, an dieſen oder jenen Ort die Turniere anſtel - ten, und den Adel deswegen zuſammen berieffen. Alſo meldet Ruͤxner in ſeinem Turnier-Buch fol. XCIV. Kayſer Henrich legte den Turnier um dreyer Urſachen willen gen Nuͤrnberg. Die erſte war, daß er bey ſeiner Abweſenheit in ſeinem Erb - Reich Sicilien die Fuͤrſten zu frieden ſtellte, und ein Regiment aufrichtete. Die andere war, etzli - che Fuͤrſten guͤtlich in des Reichs Gehorſam zu bringen, die ſeinem Vater Kayſer Friedrich zuwider geweſen. Die dritte war das Aufnehmen der Stadt, welche in den vorigen innerlichen Kriegen ziemlich herunter gekommen war, wieder herzuſtellen.

B b b§. 6.754IV. Theil. III. Capitul.

§. 6. Nachgehends wurden ſie der bloßen Diver - tiſſemens wegen angeordnet, und die Ritter durch folgendes alt Fraͤnckiſche Formular dazu eingela - den: Nachdem wir zu unſern Hochzeitlichen Eh - ren und Freuden, allerley Froͤhlichkeit, Ritterſpiel, und andere Kurtzweil zu halten und zu vollbringen entſchloſſen; Als haben wir Chur-Fuͤrſt N. von N. darneben die Durchlauchtige N. N. wie denn auch der Veſte, unſer Hof-Marſchall, Ober-Stallmei - ſter und lieber Getreuer N. N. bedacht, dem Koͤ - niglichen, Chur-Fuͤrſtlichen, Fuͤrſtlichen, Geiſtli - chen und andern Adelichen Frauenzimmer zu Eh - ren, Gefallen und Vermehrung ehrlicher Freude und Ergoͤtzlichkeit den Tag N. N. um 1. Uhr ein freyes ritterliches Rennen zu halten entſchloſſen, und dich N. N. nebſt andern Rittern dazu einzu - laden, befehlen dir alſo ꝛc.

§. 7. Bißweilen giengen greuliche Exceſſe da - bey vor, und hatte mancher im Sinn einen andern bey dieſer Gelegenheit eines zu verſetzen, daß er es entweder ſein Lebetage fuͤhlen oder gar des Aufſte - hens dabey vergeſſen ſolte. Der Herr von Zieg - ler erwehnet in ſeinem Hiſtoriſchen Schau-Platz p. 908. eine ſchaͤndliche Action, ſo bey einen Tur - niere paſſiret. Als der Koͤnig Dietrich unter dem Kayſer Juſtino zu Worms ein Turnieren im Roſen-Garten gehalten, worinnen der Moͤnch Ilſa - nes aus dem Cloſter Eiſenburg den Preiß davon getragen, immaßen er den ſtoltzen Ritter Stau - denfuß erlegt, auch noch mit 52 ſtarcken Maͤnnernge -755Von mancherl. Turnieren u. Ritterſpielen. gekaͤmpffet, deren er 12 todt in den Sand geworf - fen, die andern aber fluͤchtig gemacht, ſo haͤtte die junge Koͤnigin Creinhield als Stiffterin dieſes Blut-Bades 52 Roſen-Kraͤntze gewunden, und ſie dieſem Moͤnch als Sieges-Zeichen geſchenckt, worauf er ihr 52 Kuͤſſe gegeben, dabey aber ihre zarte Lippen mit ſeinem rauhen Bart dermaßen gerieben, daß das Blut herausgefloſſen, dabey er ſich denn dieſer Worte bedient:

Alſo ſoll man kuͤſſen die ungetreue Maid, Daß ſie auch ſoll wiſſen, was ſie geſtifft vor Laid.

§. 8. Bey andern gieng es zwar ſo arg nicht her, es wurden aber doch bißweilen manche Ritter von Ehrgeitz und Rachgierde ſo angeflammt, daß ſie einen andern ein treflich empfindlich Nota bene gaben. Als die Teutſchen Fuͤrſten anno 1521 bey waͤhrenden Reichs-Tage zu Augſpurg, dem neu ge - kroͤnten Kayſer zu Ehren unterſchiedene Ritter - Spiele hielten, und die dabey befindlichen Spanier und Jtaliaͤner dieſes ſcharffe Rennen nicht ſonder - lich achteten, mit Vorgeben, daß es zu einem Ernſt zu geringe, zu einem Schertz aber zu hart waͤre. So hat Fuͤrſt Wolffgang zu Anhalt bey einem ſcharffen Rennen dergeſtallt mit Hertzog Henrichen zu Braunſchweig getroffen, daß auf beyden Thei - len Mann und Pferde gelegen, und beyden Fuͤrſtli - chen Perſonen das Blut zum Ohren und Munde haͤufig hervorgedrungen, und gaben alſo zu veꝛſtehen daß ein ſolch ſcharff Rennen keine ſo gar leichte Sa -B b b 2che756IV. Theil. III. Capitul. che waͤre. S. Beckmanns Anhaͤltiſcher Geſchich - te, V. Theil. p. 141.

§. 9. Viel und mancherley Zwiſtigkeiten waren faſt den meiſten Turnier-Spielen eigenthuͤmlich, ſo daß bey der Beſchreibung des von Chur-Fuͤrſt Joachim I. zu Brandenburg gehaltenen Turniers pag. 44. als etwas ſonderbahres, ja gar als etwas wunderbahres und unerhoͤrtes angemercket wird, daß bey einem ſo groſſen Convent und Zuſammen - tretung ſo vieler Perſonen, welche von ſo verſchie - denen Nationen, und aus ſo mancherley Provin - tzien ſich dahin begeben, bey ſo vielen angeſtellten Luſtbarkeiten, Banqueten, Balletten, Luſt - und Ernſt-Spielen, ja bey ſo mancherley Schertz-Re - den und Diſcourſen unter den Turnierenden und Kaͤmpffern ſelbſt nicht der geringſte Unwillen, Streit, Mißverſtaͤndniß oder Eiferſucht ſich ent - ſponnen, ſondern ſich alles mit hoͤchſter Zufrieden - heit und Vergnuͤgen aller Anweſenden angefan - gen und geendiget.

§. 10. Nachdem nun mancherley Verdruß mit vielen Ritter-Spielen vergeſellſchafftet geweſen, ſo darff man ſich nicht wundern, wenn einige von den Teutſchen Fuͤrſten ſehr ſchlecht Plaiſir darbey ge - funden. Als Chur-Fuͤrſt Johannes zu Sachſen noch ein junger Herr geweſen, und zu Jnſpruck an dem Hofe Kayſers Maximiliani I. eine gute Zeit mit Rennen, Stechen, Turnieren, Tantzen und andern Ergoͤtzlichkeiten zugebracht, hat er ſich gar oͤffters nach der Zeit, wenn er daran gedacht, die Wortever -757Von mancherl. Turnieren u. Ritterſpielen. verlauten laſſen: Er wuͤſte mit Wahrheit zu ſagen, daß ihm auch derſelben Freuden-Tage kein eintzi - ger iemahls ohne mit ſonderbahrer Traurigkeit und Hertzeleid verfloſſen waͤre. S. Beckmans Anhaͤl - tiſcher Geſchichte V. Theil II. Buch XII. Capitel p. 141.

§. 11. Nachdem die Roͤmiſchen Paͤbſte auf die Turniere und Ritter-Spiele ſehr uͤbel zu ſprechen geweſen, und gar wohl erkandt, daß ſolche nicht al - lein dem Leibe, ſondern auch gar oͤffters der Seele mancherley Gefahr zuwege braͤchten, ſo haben ſie viel ſcharffe Verordnungen darwider publicirt, wie aus dem Jure Canonico zu erſehen, die aber bißweilen in gar ſchlechte Conſideration gezogen worden. S. Schubart de ludis Equeſtribus pag. 173.

§. 12. Einige Arten der Turniere ſind allegoriſch und hiſtoriſch eingerichtet, und es werden bey dem ſolennen Aufzuge auf die Weiſe, wie in dem vor - hergehenden Capitul abgehandelt, mancherley Triumph-Waͤgen, kuͤnſtliche Machinen und ande - re Inventiones dabey angebracht.

§. 13. Die zu den Ritter-Spielen ausgeſucht werden, muͤſſen meiſtentheils die Kleidung, die Waffen, die Muſic, und andere aͤuſſerliche Um - ſtaͤnde der tapffern und martialiſchen alten oder neuen Voͤlcker nachahmen, als der alten Teutſchen, der Roͤmer, der Griechen, der Schweitzer u. ſ. w. und wuͤrde es ſehr ſeltzam laſſen, wenn die Ritter in mancherley Bauer-Habit eingekleidet ſeyn ſol -B b b 3ten.758IV. Theil. III. Capitul. ten. So erwehlet man auch bißweilen die aͤuſſer - liche Figur der wilden und barbariſchen Voͤlcker, als der Tuͤrcken, Perſianer, Mohren, Americaner u. ſ. w.

§. 14. Die Turnierer werden in unterſchiedene Hauffen oder Eſquadrillen, wie ſie heutiges Tages genennet werden, eingetheilet. Das Jtaliaͤniſche Wort Squadriglia iſt ein Diminutivum von dem Worte Squadra, welches eine Compagnie in Ord - nung geſtellter Soldaten bedeutet. Eine iede Qua - drille iſt von der andern durch gewiſſe aͤuſſerliche Zeichen unterſchieden. Vor dieſen wurden die be - ſondern Corps nur dadurch von einander abgeſon - dert, daß einige ihre Helmſpitzen angehefftet hatten, die andern aber ſolche weggelaſſen; dieſe lieſſen das Zeichen eines Puͤffel-Kopffes, und jene eines Ad - lers u. ſ. w. auf ihre Pferde-Decken ſticken.

§. 15. Heutiges Tages differiren die Banden entweder den Harniſchen nach, einige fuͤhren gantz ſchwartze, die andern aber blancke, noch andere gantz verguͤldte oder blau angelauffene; manche ſind gantz geharniſcht, mit Bruſt-Ruͤcken - und Acm-Harniſchen, eiſernen Handſchuhen und gan - tzen Helmen mit Viſieren verſehen, andere aber nur halb geharniſcht. Sie diſtinguiren ſich auch wohl den Eſcarpen, die ſie um den Leib haben, den Feder - buͤſchen und andern Stuͤcken der Kleidung nach. Manche fuͤhren unter den Leibſtuͤcken bleumou - rantne von Atlaß mit ſilbernen Treſſen und Fran - gen bordirte Schuͤrtzen, auf den Helmen weiſſeFedern759Von mancherl. Turnieren u. Ritterſpielen. Federn und zuſammengebundene Feder-Buͤſche, andere aber wieder von einer andern Couleur. Eine iede Bande hat ihre verſchiedene Muſic, als Trompeten, Qverpfeiffer, Hautbois u. ſ. w.

§. 16. Die zu den Turnieren und Ritter-Spie - len gezogen werden, muͤſſen ſich vorhero in dem Hof-Marſchall-Amte wegen ihres alten und aͤch - ten Adels gebuͤhrend legitimiren, und durch ihre 32 Ahnen nebſt beygemahlten Geſchlechts-Wapen erweißlich machen, daß ſie nicht allein von ihren Vaͤtern, ſondern auch von den Muͤttern her, aus alten adelichen Gebluͤth urſpruͤnglich herkommen. Es ſind auch die Turnier-Geſchlechter von alten Zeiten her biß ietzund regiſtrirt und niedergeſchrie - ben, und zu den Acten in den Hof-Marſchall-Aem - tern beygelegt, und darzu bemerckt worden, wie ſie nacheinander turnieret, und auf was vor Art ſie ge - troffen.

§. 17. Einige von unſern Teutſchen von Adel wiſſen ſich viel damit, wenn ſie in des Rüxners oder andern Turnier-Buͤchern ihre Geſchlechter allbe - reits antreffen; es haben aber unterſchiedene Ge - lehrte gar gruͤndlich gezeiget, daß auf dergleichen gedruckte Turnier-Buͤcher nicht allezeit zu trauen, und in den folgenden Zeiten manch adelich Ge - ſchlecht in die Turnier-Buͤcher eingeſchaltet wor - den, welches doch bey den marquirten Turnieren ſein Lebtage nicht geweſen.

§. 18. Vor dieſen ſind die Schilder und Ge - ſchlechts-Wapen der Streitbahren Fuͤrſten undB b b 4Ade -760IV. Theil. III. Capitul. Adelichen Turnier-Geſellſchafften bey den Turnie - ren aufgehaͤnget worden, damit ſie einen ieden zum Antrieb der auszuuͤbenden Tapfferkeit dienen ſolten. Alſo meldet ein alter Saͤchſiſcher Hiſto - ricus, daß auf dem Beylager Hertzog Johanſens zu Sachſen mit Frauen Sophien gebohrnen von Mecklenburg, ſo man zu Torgau Anno 1560 ce - lebrirt, Jhre Churfuͤrſtliche Gnaden am Mittel der Reit-Bahn ein hohes weites Beſchau-Hauß drey Gaden hoch aus Bretern haͤtten laſſen aufſchlagen, damit man nach Niederlaͤndiſcher Gewohnheit die Schild und Wapen der Turnierer, daran haͤn - gen, und Spieſſe und Schwerdter darauf verwah - ren moͤchte. S. Struvens Hiſtoriſch-Politiſch Archiv III. Theil p. 51.

§. 19. Der Platz wo das Turnieren ſoll ge - halten werden, wird zuvor auf unterſchiedne Wei - ſe ausgeputzt / es wird auf Art der Orengerien mit Gelendern eingefaſt, mit Tannen beſetzt, ſo wer - den auch artige Logen, in Geſtalt gruͤner Luſt - Haͤuſer, dabey erbauet, mit Reißig uͤberkleidet, mit Statuen, Spiegeln und allerhand artiger Mah - lerey ausgeziert.

§. 20. Bey den Turnieren, nachdem ſie zu Pferde oder zu Fuß gehalten werden, nimmt man unterſchiedne Exercitia vor, als mit der Lantzen, mit den Wurf-Pfeilen, mit den Piſtohlen, mit dem Degen u. ſ. w. Bißweilen chargiren ſie auch nach Roͤmiſcher Art mit den Schildern aufeinander.

§. 21. Bevor ſich das Turnier anfaͤngt, wirdent -761Von mancherl. Turnieren u. Ritterſpielen. entweder mit Schwenckung einer Fahne, oder mit Loͤſung der Stuͤcken ein Signal ertheilt, oder auch in die Trompete geſtoſſen, oder bey den Fuß-Tur - nieren mit einen Wirbel Appel gegeben, darauf die Avanturiers nach einander anmarchiren.

§. 22. Die Ordnung des Zuges iſt unterſchied - lich. Zuweilen kommt ein Hof-Fourier mit dem Wapen auf der Bruſt, und dem Marſchalls-Sta - be, der als ein Herold mit mancherley buntfar - bigten Baͤndern ausgeziert. Zuweilen kommen wohl zwoͤlff Trompeter und 2 Paucker voran, nebſt zwoͤlf Marſchaͤllen oder Judicirern mit bunt - farbigen Federn, und colorirten Feld-Zeichen. Es avanciren auch wohl vor den andern Train der Stallmeiſter nebſt den Bereutern und ſehr viel Hand-Pferden, die mit dem koſtbareſten Decken belegt ſind.

§. 23. Die Chefs der Banden oder Esquadril - len ſind entweder große Printzen und hohe Stan - des-Perſonen, oder vornehme Generale. Die Ritter oder Avanturiers folgen ihren Chefs, ent - weder zu 2, oder 4, oder 6. an der Anzahl, und nach dieſen kommen die Secundanten die bey den Avan - turiers mit ſind. Bey den Haͤuptern der Ban - den gehen Pagen und Laquais neben her, in pro - prer Kleidung, ſo ihnen das noͤthige Gewehr mit zutragen helffen.

§. 24. Bey den Turnier-Aufzuͤgen wechſeln auf verſchiedene Weiſe, nach dem Gefallen derer die ſie dirigiren, die Herolde, die Marſchaͤlle, dieB b b 5Offi -762IV. Theil. III. Capitul. Officiers, die Corpo der Ritter oder Avanturiers, die Milice u. ſ. w. bißweilen kommt ein Zug Pi - queniers, hernach 1. Zug Fuſiliers, 1. Capitain, 2 Waffentraͤger, 1. Faͤhndrich mit einer Fahne, 4 Hautboiſten, 2 Tambours, 1 Qverpfeiffer, eine Bande der Ritter, und hernach wieder ein Zug Pi - queniers und Fuſiliers. Die Trabanten, Pique - niers und Mouſquetaires werden bißweilen ſo wohl zur Parade als zur Bedeckung mitgegeben.

§. 25. Mit den Aufputz der Milice wird auf ver - ſchiedene Weiſe gewechſelt, einige haben Caſquetes auf den Koͤpffen, andere groſſe Schlacht-Schwerd - ter, noch andere kurtze Gewehr, an welchen groſſe Trollern haͤngen. Die Officierer fuͤhren nicht ſelten verſilberte Harniſche und verguͤldte Caſquete. Gemeiniglich ſiehet man auch Pritzſchmeiſter da - bey, welche wunderlich gekleidet, und Lantzen und Schwerdter zulangen.

§. 26. Vor den Turnieren werden gewiſſe Ar - ticul aufgeſetzt, und von der Herrſchafft ratihabirt und publicirt. Bey dem zu Neu-Rupin a. 1509 von Chur-Fuͤrſt Joachim I. zu Brandenburg an - geſtellten Turnier trat ein Chur-Fuͤrſtlicher Herold hervor, intimirte im Nahmen des Durchlauchtig - ſten Chur-Fuͤrſten, wie auch Hertzog Henrichs zu Mecklenburg, allen hohen Anweſenden das auf den folgenden Tag angeſtellte Turnier und Ritterſpiel mit erhabner Stimme, und publicirte die Leges, ſo dabey beobachtet werden ſolten. S. die Beſchr. davon p. 14.

§. 14.763Von mancherl. Turnieren u. Ritterſpielen.

§. 27. Dieſe Articul werden auf unterſchiede - ne Art abgefaſt; unter andern beobachtet man auch folgende: Es darff keiner ein ander Schwerdt oder einen andern Spieß gebrauchen, als der von den Herren Judicirern approbirt iſt. Es darff keiner mehr als dreymahl mit dem Spieß zuſam - men gehen, er werde gebrochen oder nicht, auch kei - ner mehr als 5 Streiche mit dem Schwerdt thun, wer hieruͤber ſchreitet, dem wird es nicht paſſiret. Wer ſeinen Spieß oder ſein Schwerdt fallen laͤſt / dem wird kein anders gereicht. Wer bloß ge - ſchlagen wird, wird nicht wieder zugelaſſen. Es muͤſſen alle Spieſſe am Kopffe getroffen werden, und nicht gelten, wenn einer ſeinen Spieß nicht frey fuͤhret, ſondern mit Zulauffen oder Stoſſen die Ar - me am Leibe behaͤlt, oder ſonſt nicht nach den Arti - culn ſtoͤſt. Wer zur Erde geſtoſſen oder geſchla - gen, ſoll nicht wieder zugelaſſen werden. Den Spieß-Danck erlangen die in den erſten 3 Stoͤſ - ſen die meiſten Spieſſe brechen, und den andern, die in den erſten 5 Streichen die meiſten Schwerdter zuſchlagen. Bey den Fuß-Turnieren muͤſſen die Turnierer auf gewoͤhnliche Fuß-Turnier-Art ge - ruͤſtet ſeyn, auch anders nicht als mit geſchloſſenen Helm, und ohne andern unzulaͤßigen Vortheil tour - niren.

§. 28. Bißweilen hat eine iede Esquadrille ihren Maitre de Coup mit einem zierlichen Maitre-Sta - be, es ſtehen auch Tambours auf den vier Ecken, und das Turnieren faͤngt ſich an von Capitain,Faͤhn -764IV. Theil. III. Capitul. Faͤhndrich, und continuirt durch alle Turnierer durch. Es gehet auch bey den Turnierenden der Maitre de Camp mit, der obſervirt, ob es Turnier - maͤßig, und wie es die Geſetze erfordern, zugehet. So bald ſie auf den Turnier-Platz kommen, macht ein ieder ſein Compliment und Salutation mit der langen Pique oder andern Gewehr gegen die Durchlauchtigſte Herrſchafft; Wenn ſolches ge - ſchehen, ruͤcken ſie an, ſetzen die Spieße ein, und ſtoſſen in Force auf einander. Wenn der Spieß zubricht, wird von einem Turnier-Knecht ein an - derer gereicht. Jſt diß geſchehen, ergreiffen ſie das an der Seite fuͤhrende Schwerd.

§. 29. Wenn die Avanturiers ihre Lectiones machen, wird das Spiel gemeiniglich geruͤhrt; Die Fuß-Turnieren werden gar offters mit etzli - chen 100 Mann gewaffneter Infanterie bedeckt. Bey der Folge, wenn die Turnierer in einer Linie ſtehen, wird Appel, March und Allarm geſchlagen, auch wenn ſich ſelbige anhebet, durch die Mousque - terie Glieder-weiſe gefeuert.

§. 30. Bey den Balgerennen werden ebenfalls vorher gewiſſe Articul aufgeſetzt. Bißweilen kommen vor dem Troup oder vor den Quadrillen der andern Ritter zwey auf einander loßgeritten, welche die Piſtohlen auf einander loͤſen, mit den Degen zuſammen fechten, und ein ſolch ſcharff Duell anfangen, als ob es Ernſt waͤre, und dadurch den Zuſchauern ein Luſt-bringendes Schrecken verurſachen. So werden auch wohl vorher Car -telle765Von mancherl. Turnieren u. Ritterſpielen. telle in teutſchen Knittel-Verſen publicirt, und in denſelben das Turnier angekuͤndiget. Die Waf - fen werden vorher examinirt, ob ſie auch alle gleich, in den Articuln wird ausgemacht, wie ſie die Tref - fen nach einander machen, ingleichen wohin ſie ſich, nachdem ſie den Cour geendiget, wieder wenden ſollen.

§. 31. Die Ritter muͤſſen auf den Platz, der ih - nen von den Chefs angewieſen wird, in ihrer Ord - nung halten bleiben, wie ſie aus dem Looſe kom - men, und ohne Vorbewuſt des Chefs nicht davon wegreiten, noch vom Pferde abſteigen. Wird Lermen geblaſen, ſo muͤſſen ſie zuſammen gleich auf dem rechten Fuß des Pferdes anſprengen, und ihre Carriere auch in Galop auf ſelbigen Fuß voll - fuͤhren. Sie muͤſſen die Lantzen mitten in der Carriere brechen. Wer vom Roß aus dem Sat - tel gerannt wird, muß zu Fuß nach Hauſe gehen, es waͤre denn, daß er pardonirt wuͤrde. So viel Esquadrillen, ſo viel Preiße werden aufgeſetzt.

§. 32. Unter waͤhrenden Gefecht geben nicht ſel - ten die den Turnier-Platz umſchloſſen haltenden Grenadiers mit den paradirenden Mousquetairs Plutons-weiſe Salve, und die Piquenirer werffen continuirlich brennende Granaten gegen den Platz ſo lange das Gefecht dauret.

§. 33. Wer ſich nun bey den Turnieren vor an - dern am beſten ſignaliſirt, hat auch den beſten Ge - winn zu hoffen. Die Gewinſte, die heutiges Ta - ges an die Ritter ausgetheilt werden, beſtehen inSil -766IV. Theil. III. Capitul. Silberwerck, als in einem ſilbernen und vergoldte - ten Caffe-Chocolate - oder Thee-Service, oder Saladiers ſammt Leuchtern, in Credenz-Taſſen, in Roſſoli-Service, in Toiletten zierlich eingelegten Piſtohlen u. ſ. w.

§. 34. Wenn das Frauenzimmer vor dieſen den Uberwindern den Zier-Danck oder die Ge - winſte austheilte, ſo wurden von den Frauenzimmer gar offters weitlaͤufftige und ſolenne Reden gehal - ten, die mit treflichen Douceurs bißweilen ausge - ſchmuͤckt waren, und nach der damahligen Zeit vor ſehr zierlich geachtet wurden, wie man aus den al - ten Turnier-Geſchichten erſehen kan. Heutiges Tages wuͤrde dergleichen Oratorie manchen ziem - lich ſpoͤttiſch anſcheinen. Die Fuͤrſtlichen Ritter wurden auch aus den Hoch-Fuͤrſtlichen Haͤnden beſchenckt, die Adelichen hingegen von dem Ade - lichen Frauenzimmer honorirt. Es war dieſes ebenfalls den Turnier-Satzungen gemaͤß, die ſo accurat beobachtet werden muſten, daß diejenigen, ſo ſich unternehmen wolten, dawider zu handeln, nicht allein der darauf geſetzten Preyße verluſtig, ſondern auch zugleich aller Ritterlichen Ehren ent - ſetzt wurden.

§. 35. Wurde der Zier-Danck von einem Hoch - Fuͤrſtlichen Frauenzimmer einem jungen Printzen zuerkandt, ſo legte ein Cavalier im Nahmen des Printzen eine Danckſagungs-Rede ab; und fuͤhrte unter andern mit darinnen an, ob wohl Se. Hoch - Fuͤrſtliche Durchlauchtigkeit ſolchen erlangtenRuhm767Von mancherl. Turnieren u. Ritterſpielen. Ruhm vielmehr der großen Hoͤfligkeit des Fuͤrſtli - chen Frauenzimmers zuſchrieben, als daß ſie es ihrer eigenen Geſchicklichkeit beymaͤßen, ſo wolten doch Jhro Hochfuͤrſtliche Durchlauchtigkeit ſich ſolches dazu dienen laſſen, hinfuͤhro in dergleichen Ritter-Spielen ſich mehr zu uͤben, ſelbige an ihrem eigenen Hofe zu gebrauchen, auch bey andern in vollem Schwang bringen zu helffen, damit alſo der Jugend die volle Bahn zur Tugend geoͤffnet, und alle andere undienliche Ergoͤtzlichkeit auf den Chur - und Fuͤrſtlichen Zuſammenkuͤnfften verbannt werde.

§. 36. Jn den ietzigen Zeiten wird bey den Aus - theilen der Daͤncke nach vollbrachten Balge-Ren - nen und Fuß-Turnieren von einem Miniſtre an die verſammleten Ritter eine ſolenne Rede ge - halten, deren Formalien etwan in folgenden beſte - hen: Sereniſſimus erkennt in Gnaden, daß auf Dero Gnaͤdigſtes Anſinnen und Befehl eine ſo an - ſehnliche Anzahl entſproſſene Stifft - und Turnier - maͤßige Ritter ſich allhier einfinden, in den Waffen mit gleichmaͤßiger Tapfferkeit und Geſchicklichkeit uͤben, und dadurch die angeſtellten Luſtbarkeiten vermehren wollen, es ſolten die tapffern Ritter, die ihre Begierde in Jhrer Hoch-Fuͤrſtl. Durchlauch - tigkeit Dienſten in aller Treue zu leben und zu ſter - ben an oͤfftern an Tag gelegt, und gleich ietzo ihre Geſchicklichkeit in Ubung der Waffen erwieſen, aus den Haͤnden Jhrer Hoch-Fuͤrſtl. Hoch-Fuͤrſtl. Durchlauchtigkeit Durchlauchtigkeit der Fuͤrſtin und der Princeßin, das Andencken, welches ihnenSere -768IV. Theil. III. Capitul. Sereniſſimus aus beſondern Gnaden uͤberreichen laͤſt, empfangen, damit es ihnen, und ihren, aus Adelichen Gebluͤth entſpringenden Nachkommen eine gleichmaͤßige Aufmunterung zu allen ritter - maͤßigen Thaten und tugendhafften Auffuͤhrung ſeyn moͤchte.

§. 37. Jm Nahmen der Ritter wird wieder eine unterthaͤnigſte Danckſagungs - und Gegen-Rede gehalten, daß Jhro Hoch-Fuͤrſtliche Durchlauch - tigkeit ihren getreuen Adel zu Ehren und Gefallen ein beſonder Turnier und Ritter-Spiel an, und deſſen uhralte Ahnen vor aller Welt als gantz rein, untadelhafft und unverfaͤlſcht vorgeſtellt, und uͤber dieſes noch einige derſelben wegen ihres Wohlverhaltens mit beſondern Zier und Ehren - Daͤncken, und zwar durch hohe Durchlauchtigſte und theuerſte Haͤnde, beehren laſſen. S. Reden der vornehmſten Miniſtres CCI und CCII Rede im XII. Theile.

§. 38. Nach gehaltenen Turnieren wurden vor dieſen ſolenne Taͤntze angeſtellt, auch bey denſel - ben gewiſſe Ordnungen und Ceremonien in Ob - acht genommen, und die ſich bey den Ritterſpie - len am meiſten ſignaliſirt, hatten auch bey den Taͤntzen einen beſondern Vorzug; heutiges Ta - ges aber beobachtet man dieſes ſo gar accurat eben nicht.

Das769Von Carouſellen, Ring-Rennen und ꝛc.

Das IV. Capitul. Von Carouſellen / Ring - Rennen und Roß-Balletten.

§. 1.

Die Carouſels haben ihre Benennung von den Curribus ſolis, Carro del ſole, von den Sonnen-Waͤgen, die nebſt andern zierlichen Triumph-Waͤgen und Machi - nen mit einen vortrefflichen Ausputz bey den Schauſpielen der alten Roͤmer, und bey ihren triumphirenden Aufzuͤgen aufgefuͤhrt wurden.

§. 2. Die Verrichtungen der Renner bey den Carouſels beſtehen darinnen, daß ſie mit den Lan - tzen nach den Ringen, oder aufgeſetzten Koͤpffen rennen, mit den Javelins oder Wurff-Spieſſen darnach werffen, mit den Piſtohlen darnach ſchieſ - ſen, und mit dem Degen einen auf der Erde liegen - den Kopff aufheben. Die Carouſels und Tur - nier zielen dahin, daß die Ritter ihre Geſchicklich - keit und Erfahrenheit ſo wohl in Reiten und Wenden, als auch in Fechten, Werffen, Schieſ - ſen und andern Ubungen erweiſen.

§. 3. Bey den Koͤnigen in Spanien moͤgen ſie wohl nicht ſonderlich Mode ſeyn, ſintemahl die Geſchichte unſrer Zeiten melden, daß der Spani - ſche Abgeſandte, als er den ietzigen Koͤnig in Spa -C c cnien770IV. Theil. IV. Capitul. nien Philippum von Anjou vor ſeiner Abreiſe aus Franckreich auf der Reit-Bahne mit einen bloſſen Degen in der Hand gegen den aufgeſteckten Kopff rennen ſahe, geſagt, er glaubte dieſes ſey nach Ca - rolo V. der erſte Koͤnig in Spanien, den man mit einen bloſſen Degen bey dieſen Exercitio geſehen.

§. 4. Bey den Carouſellen zielet man gemei - niglich nach ausgeſtellten Tuͤrcken-Koͤpffen. Es ſoll dieſes einen gewiſſen Tuͤrckiſchen Geſandten, der dem An. 1662 zu Wien angeſtellten Kopff - Rennen zugeſehen, gar nicht gefallen haben, daß man ein ſolch Spiel auf Tuͤrcken-Koͤpffe uͤbte / geſtalt er ſich gegen einen zum Chriſtenthum be - kehrten Tuͤrcken, mit dem er reden koͤnnen, dieſer ausdruͤcklichen Worte ſoll haben vernehmen laſ - ſen: Sein großmaͤchtigſter Kayſer lieſſe in Sie - benbuͤrgen und auswerts lebende Chriſten-Koͤpffe in genugſamer groſſer Anzahl niederſaͤbeln, und hier triebe man mit erdichteten Tuͤrcken-Koͤpffen ſolche unnoͤthige Kurtzweil. S. Luͤnigs Theatr. Cerem. II. Theil p. 1171.

§. 5. Einige Carouſels geſchehen gantz ſimple - ment und ohne große Erfindung. Die Ritter und Cavaliers werden in nichts als in der Farbe der Kleidung von einander unterſchieden. Andere aber ſind inventieuſer und allegoriſcher eingerich - tet, als die National-Aufzuͤge, die Carouſels der vier Elemente u. ſ. w. Die beſondern Erfindun - gen, die unterſchiedenen mit dabey vorkommenden kuͤnſtlich ausgeſonnenen Machinen, die gute Rangi -rung,771Von Carouſellen, Ring-Rennen und ꝛc. rung, die Praͤchtigkeit der Kleider bey den Rennen, die nach ihren unterſchiedenen Esquadrillen ſich vor einander diſtinguiren, die ſchoͤnen ausgeputzten, ge - ſchickten und muthigen Pferde, die vortrefliche Mu - ſic, nebſt der großen Menge der Pagen und La - quais, ſo die Avanturiers begleiten, contribuiren ſehr viel zu Embellirung der Carouſelles.

§. 6. Bißweilen werden auch Carouſels-Comi - ques gehalten, welche ſich in Anſehung ihres Auf - zuges nach einer gewiſſen Comœdie reguliren. Dergleichen ſahe man zu Dreßden den 16. Februa - rii a. 1722. zum Beſchluß des Carnevals. Es beſtund in 8 Quadrillen, als in Scaramuzzi, Criſpi - ni, Harle quini, Pantaloni, Dottori, Brigelli, Po - licinelli und Capitani, die 9 Cavalieres und 9 Dames bey einer ieden ausmachten, incluſive des Chef, und der Cheſin. Die Avanturiers waren auf die Art gekleidet, wie es ihr Nahme und die ih - nen zugeſchriebenen Geſchichte oder Gedichte mit ſich brachten, und die Hand-Pferde, die man bey einer iedem Esquadrille mit beyfuͤhrte, waren nach einer gleichen Aehnlichkeit ajuſtirt. Die Hand - Pferde der Scaramuzzi fuͤhrten Decken von der - gleichen Couleur wie die Scaramuzzi, mit 5 Ma - ſquen, nemlich eine auf den Ruͤcken, und die uͤbri - gen vier auf den Ecken, ſie waren auch vor der Viſage mit einer rechten Menſchen-Maſque geziert. Die Hand-Pferde der Criſpini hatten jonquille Decken, auf welchen verſchiedene Figuren als ſpi - tzige ſchwartze Huͤte zu ſehen waren, und ebenmaͤßi -C c c 2ge772IV. Theil. IV. Capitul. ge Masquen forn am Kopffe, und Federbuͤſche oben auf den Koͤpffen.

§. 7. Die Haͤupter der Quadrillen ſind gemei - niglich Fuͤrſten oder die vornehmſten Officiers von Militair - oder Civil-Staat; Sie diſtinguiren ſich vor den uͤbrigen an den Parade-Lantzen, die ſie in Haͤnden fuͤhren, an den praͤchtigen Pferden die ſie reiten, an der koſtbahren Kleidung, und an der Menge der Pagen, Laquais und Laͤuffer, die ihnen mit Lantzen zur Seite gehen. Stellt ein großer Herr bey einem National-Aufzug zum Carouſel den Tuͤrckiſchen Sultan vor, ſo iſt er mit eben ſol - chen Habit angethan, als der Tuͤrckiſche Kayſer. Die Janitſcharen umgeben ihn mit ihren Befehls - habern, auch den Spahi zu Pferde mit ihren Lan - tzen, Fahnen und Roß-Schweiffen, wobey ſich die Tuͤrckiſche Muſic mit Trommeln / Pfeiffen, Geigen u. ſ. w. zugleich mit hoͤren laͤſt.

§. 8. Die Carouſels und Ring-Rennen werden auf den Reitbahnen meiſtentheils gehalten, und die - ſelben bey beſondern Solennitaͤten auf das beſte darzu ausgeſchmuͤckt. Die Barrieren werden mit gruͤnen Tannen-Reißig, die Bahnen mit zierlich gemahlten Pyramiden die oben mit verguͤldeten Knoͤpffen und den gewoͤhnlichen Quintanen verſe - hen ſind, ausgeputzt, bißweilen auch mit Poſtamen - ten, die mit Orange-Baͤumen beſetzt, mit Fontai - nen, Arcaden, Portalen, Colonnaden und derglei - chen.

§. 9.773Von Carouſellen, Ring-Rennen und ꝛc.

§. 9. Bißweilen werden die Carouſels durch ei - nen Herold mit 12 Trompetern und einem Paucker durch die Stadt notificirt. Zuweilen geſchicht auch die Intimation durch eine beſondere aus den Opern-Weſen entlehnte Invention. Es kommt etwan Mercurius, oder ein anderer von den heyd - niſchen Goͤttern und Goͤttinnen hervor getreten, re - det das Hoch-Fuͤrſtliche Frauenzimmer und die andern Anweſenden an, erzehlet die Urſachen des angeordneten Ring - und Kopff-Rennens, weiſet darauf die Articul zum Carouſel, und uͤberreicht den Richtern die Articul. Bey dem Carouſel der 4 Elemente, ſo a. 1719 in Dresden bey der Heim - fuͤhrung Jhrer Koͤniglichen Hoheit der Koͤniglichen Chur-Princeßin zu Sachſen gehalten wurde, ſtell - te man die vorſeyende Ergoͤtzlichkeit durch eine Ope - rette vor, die vorher abgeſungen ward. Man er - richtete eine Machine, ſo das Chaos genennet ward, und dieſe war auf ſo kuͤnſtliche Weiſe erbauet, daß faſt nicht das geringſte daran zu ſehen war, das ſich nicht auf eine wunderns-wuͤrdige Art bewegt haͤtte. Die vier Elemente, als Feuer, Erde, Waſſer und Lufft, giengen gantz verworren durcheinander, in dieſer Machine ſaß ein Koͤniglicher Caftrate, der den Goͤtzen Jupiter præſentirte, und dasjenige, was bey dem Carouſel-Aufzug vorgeſtellet werden ſolte, abſang. Nach geendigter Operette wur - de ſolch Chaos in geſchwinder Eyl zunommen und vom Platz abgeraͤumet.

§. 10. Vor denen Carouſellen werden gewiſſeC c c 3Articul774IV. Theil. IV. Capitul. Articul abgefaſt, wie es gehalten werden ſoll, wenn die Ritter auf die Bahne kommen, wenn Appel ge - blaſen wird, wenn Lermen geblaſen wird, wie ſie die Treffen machen ſollen, wie viel Rennen zu hal - ten, wie die Haupt-Gewinſte auszutheilen, nach den Ringen, die einer getroffen, nach den Javelins, die einer geworffen, und nach den Kugeln, damit einer durchbohret.

§. 11. Die Ordnung der Aufzuͤge bey den Ca - rouſels iſt unterſchiedlich, und kan nicht gar wohl in allgemeine Regeln und Claſſen gebracht werden. Bißweilen marchiren ein 50 Mann vorher von ei - ner Garde unter Anfuͤhrung eines Oberſten mit entbloͤßten Degen und Gewehr; ferner folgt ein Herold zu Pferde in einem buntſcheckigten Herolds - Habit und groſſen Feder-Buſch auf dem Haupt, hinter ſolchem folgen Trompeter, entweder in alt - teutſcher Kleidung, oder in ſolchen Habit, der mit dem uͤbrigen Aufzug harmonirt, auf dieſe ein Pau - cker und wieder einige Trompeter, nachgehends un - terſchiedene Marſchaͤlle, 2 und 2 in einem Gliede, ferner die Ritter mit ihren Chefs, und 24 Lantzen - traͤger zu Fuß à 3 und 3 mit Quintan-Lantzen; den Beſchluß machen wieder 50 Mann von einer Gar - de du Corps, oder reitenden Trabanten mit ihren Ober-Officiers.

§. 12. An andern Hoͤfen wird folgende Ord - nung beobachtet: Erſt kommt ein Unter-Bereuter zu Pferde, zum andern 8 Reit-Knechte, zum dritten ein doppelter Chor Trompeter, nebſt denen darzugehoͤ -775Von Carouſellen, Ring-Rennen und ꝛc. gehoͤrigen Pauckern, vierdtens 10 biß 12 Laͤuffer in einer Reyhe, fuͤnfftens 12 Koͤnigliche oder Fuͤrſtli - che Laquais, ſechſtens 8 Pagen, und ſiebendens das Haupt einer Eſquadrille nebſt den Rittern. Das Chef iſt wieder mit unterſchiedenen Officiers oder Cavaliers umgeben, und die Bedienten, die bey ihnen hergehen, fuͤhren verguͤldte Lantzen und Darden.

§. 13. Die Trompeter und Paucker, die Stall - meiſter und Bereuter, die Herolde und Marſchaͤlle, die Hand - und Parade-Pferde ſo von den Reit - Knechten gefuͤhret werden, und mit koſtbahren Schabracken, Saͤtteln und Zeugen gezieret ſind, die Pagen, Laquais und andern Bedienten, die Ca - rouſel-Ritter nach ihren unterſchiednen Esqua - drillen, nebſt ihren Secundanten und Patronen die dabey ſind, wechſeln auf unterſchiedne Weiſe. Wenn es ſehr ſolenn zugehen ſoll, ſo ſind vor ieder Bande ohne die ordinairen Chefs 4 General-Ma - jors, und 4 Obriſten als Maitres de Camp zu Pfer - de, mit ihren Marſchalls-Staͤben, nachgehends die Banden, und vor einer ieden Bande erſt wie - der ein Bereuter oder Piqueur. Ein General haͤlt etwan in der Mitten der Renn-Bahne, um die Trompeter, ſo Appel zum Rennen blaſen, zu com - mandiren, auf den Seiten paradiren die Mar - ſchaͤlle, die Trompeter und Paucker, die Bereuter, die Avanturiers, nebſt den Bedienten mit Lantzen, Javelins und andern Gewehre.

§. 14. Die zu dem Rennen deſtinirten Rit -C c c 4ter776IV. Theil. IV. Capitul. ter erſcheinen entweder in einem beſondern figuͤr - lichen und inventieuſen Habit, oder in ihren ei - genen mit Gold und Silber reich chamerirten Kleidern. Als Anno 1633 GOTT den Roͤmi - ſchen Kayſer Ferdinand II mit einem Erben ge - ſegnet hatte, ſo wurde ein Carouſel-Rennen an - geſtellt, bey dem 60 Perſonen an Fuͤrſten, Grafen und Herren als Ritter aufgewartet. Die Kleider der Cavaliers waren von Taffet, und alle mit Spiegeln behaͤngt. Der Laquais ihre von Lein - wand, ebenfalls mit Spiegeln behaͤngt ſo wohl als die Pferde-Decken. S. Kevenhuͤllers Annal. Ferdinand. XII Theil p. 498.

§. 15. Zuweilen pflegen an Hoͤfen bey keiner allzugroſſen Verſammlung bey Trompeten und Paucken-Schall nur maͤßige Gewinſt-Rennen ge - halten zu werden, die nicht ſo gar ſolenn ſind; die Ritter theilen ſich in ein paar Suiten, iede von ein 10 biß 12 Perſonen; in 2 Carrieren werden zwey Ringe zugleich aufgeſteckt, darnach ie 2, und 2 aus ieder Suite einer, wie ſolche durch ein paar Cammer-Fouriers aufgefordert, und von ihnen nach gegebenen Appel unterſchiedne Rennen ge - halten werden. Die Avanturiers rennen nach den aufgeſteckten groſſen und kleinen Ringen. Mit den Lantzen ſtechen ſie nach den Koͤpffen, und mit den Javelinen werffen ſie.

§. 16. Der Anfang des Carouſel - und Ring - Rennens geſchiehet wieder auf unterſchiedne Wei - ſe. Bißweilen gehet ein Stallmeiſter, der dasAmt777Von Carouſellen, Ring-Rennen und ꝛc. Amt eines Adjutanten verrichtet, zu den Kampf - Richtern, ſie zu fragen, ob es den Rittern erlaubt, ſich in die Renn-Bahne zu begeben, und den Zu - ſchauern zu zeigen. Wenn nun die Kampf-Rich - ter mit Approbation der Durchlauchtigſten Herr - ſchafft, ihme Erlaubniß gegeben, ſo gehet er wie - der zu den Rittern ihnen ſolche Ordre zu uͤber - bringen. So offt als ein neu Rennen gehalten werden ſoll, werden die Kampf-Richter befraget, an andern Orten aber wird dieſe Ceremonie nicht in Obacht genommen. Manchmahl geſchiehet der Eingang des Rennens mit der Fama. Es wird ein Trompeter in Geſtalt einer gefluͤgelten Weibes-Perſon in weiſſen Atlas mit Gold einge - kleidet, fuͤhrt in der Hand eine guͤldne Trompete / und invitirt die Ritter durch das Stoſſen in die Trompete zu dem Rennen.

§. 17. Sie abſolviren ihre Ritte, wie ſie nach geblaſenen Appel von den Fouriers aufgefordert werden. Wird Lermen geblaſen / muͤſſen die Renner zuſammen auf dem rechten Fuß des Pfer - des anſprengen, und ihre Carriers auch in Galop auf ſelbigen Fuß vollfuͤhren. Sie zielen in vollen Galoppiren mit den Lantzen, Javelins, Piſtohlen und Degen nach den Ringen, nach den Tuͤrcken - Koͤpffen, und nach den von Pappe gemachten und auf der Erde liegenden Kugeln und andern der - gleichen. So kommen zuweilen auch andre Ex - ercitia dabey vor. Die Chefs zeigen in Bege - gnen ihren Gegnern einen ieden ſein Schild, daraufC c c 5gewiſſe778IV. Theil. IV. Capitul. gewiſſe Deviſen zu ſehen, dann ergreifft der eine aus einem Beutel die von Thon a parte dazu ge - machte Kugel, und wirfft ſolche im Zuruͤckkehren dem andern, welcher ſein Schild auf die lincke Schulter geworffen, nach, und wendet ſich ge - ſchwinde um, hingegen der ſo geworffen worden, ergreifft dergleichen Kugel, und zubricht ſie auf vorige Weiſe bey ſeinen Gegner.

§. 18. Damit die Pracht mancher Carouſſelle deſto anſehnlicher erſcheine, ſo formiren die Ritter und Cavaliere mit ihren praͤchtigen Kleidern offters unterſchiedliche kuͤnſtliche Figuren, als erſtlich ein gedoppeltes Creutz, hernach wenn ſie ſich offtmahls untereinander gemiſcht und gewendet, einen Stern, der ſich in viel Strahlen zertheilt. Sind nun ſol - che Poſituren und Stellungen wiederum kuͤnſtlich zutrennt, und unterſchiedlich verwechſelt worden, ſo geben ſie zu allerhand Figuren Anlaß. Es fol - gen auch wohl hinter dem Rennen einige der tapf - ferſten Pferde und Lufft-Springer, die auf das praͤchtigſte geziert, welche mit ihren kuͤnſtlichen Springen ihre Freude gleichſam auch mit dabey zu verſtehen geben.

§. 19. Bißweilen ſind einige Roß-Balletter mit den Carouſellen und Ring-Rennen vereiniget; Doch ſcheinet es, daß dieſelben noch mehr in den vorigen Zeiten Mode geweſen, als in den ietzigen. Sie zeigen, wie weit ein Cavalier ein Pferd dreſſi - ren koͤnne, damit er Gelegenheit habe ſeine Ge - ſchicklichkeit zu erweiſen, und die Pferde in Menſurund779Von Carouſellen, Ring-Rennen und ꝛc. und Tempo methodice zu regieren, ſie haben ebenfalls ihre Regeln, iedoch muß man ſich haupt - ſaͤchlich bey dieſen Bewegungen nach den Vermoͤ - gen der Thiere richten. Johannes Mollerus mel - der in ſeinen Allegoriis Profano ſacris Cap. V. p. 124. §. 203. daß, als anno 1645 im Monath Octobris zu Koͤnigsberg ein Fuͤrſtliches Beylager zwiſchen dem Durchlauchtigſten Fuͤrſten und Herrn in Lief - und Churland Jacobo, und der Durchlauchtigſten Fuͤrſtin und Princeßin Louy - ſen Charlotten Marggraͤfin zu Brandenburg ge - halten worden, ſo haͤtte man unter andern ſchoͤnen Ritter-Spielen auch ſieben Tartariſche Pferde, ſo der Hoch-Fuͤrſtliche Herr Braͤutigam mit ſich ge - bracht, auf den Schloß-Platz gefuͤhrt, welche ſo kuͤnſtlich abgerichtet geweſen, daß ſie durch die Regierung derer, ſo darauf geſeſſen, nach der Muſic und Tact recht ordentlich und zierlich bald mit den Koͤpffen zuſammen, bald wieder von einander ſo kuͤnſtlich umher getantzt haͤtten, daß es niemand oh - ne beſondere Verwunderung anſchauen koͤnnen.

§. 20. Bey den Roß-Balletten werden nach den Schulen mit den Trompeten und Hautbois gewiſſe Arien geblaſen, als eine Arie a la Soldate, eine Arie zum Corweten, eine zu Paſſaden, eine zu Volten. Es werden nach dem Tact und der Ca - dance in der Muſic zierlich erhabne Corwetten ge - macht, und ſolche mit der Muſic einſtimmige in etzlichen geraden Fortſetzungen, Volten und Wen - dungen angebracht. Nach dieſen flechten ſich an -dere780IV. Theil. IV. Capitul. dere wiederum mit ſchwartzen Paſſaten hin und wieder, und ſchluͤſſen die uͤbrigen auf eine artige Art ein. Andere machen kuͤnſtliche Repellonen, und verwechſeln ſich ſaͤmmtlich nach allerhand un - ter ſich gemachten Wendungen.

§. 21. So machen auch einige redoppirende Pferde nach verſchiedenen Ein - und Abtheilungen des Creyßes beſondere Wendungen von einer Hand zur andern, und ſchlagen ſich zwiſchen den andern durch, biß ſie endlich nach den Tact und Maaß des Thones auf den vier Ecken der Creyße in gleicher Weite zu ſtehen kommen. Andere fol - gen in zierlichen Galopp mit verſchiedenen Hin - und Herwerffungen der Pferde, theils nach Krie - ges, theils nach Tantz Manier, ſie fahren mit ſo kuͤnſtlichen und leichten Spruͤngen in die Hoͤhe, nicht anders als wenn es fluͤchtige Hirſche waͤren.

§. 22. Dieſe corwetirenden, paſſirenden, re - doppirenden, galoppirenden und ſpringenden Pferde und Reuter werden nach ihren unterſchied - lichen Poſituren und Creyßen ſo in einander gefloch - ten und geſtellt, daß allenthalben etwas artiges und beſonders zu ſehen iſt. Bißweilen gehen die Pferde in einem ſachten und majeſtaͤtiſchen Schritt, nicht anders als ob ſie eine Currante tantzten, zu - weilen marchiren ſie fluͤchtiger. So bald als ei - ne neue Veraͤnderung zu ſehen oder zu ſpuͤhren, laſſen ſich die Trompeter und Paucker auf das neue hoͤren. Bey dem Abmarſch formiren die Ritter offters curieuſe Jrr-Marſche, entwederals781Von Carouſellen, Ring-Rennen und ꝛc. als eine Schnecke, oder nach einer andern Figur, und der Abzug geſchiehet auf ſolche Weiſe, wie der Eingang geſchehen.

§. 23. Nach geendigten Carouſell werden die Gewinſte ausgetheilet, die entweder in Jubelen oder in koſtbaren ſilbernen und guͤldenen, oder porcellainen Zeuge beſtehen, oder in Gewehren u. ſ. w. Die Herrn Judicirer, zu welchen die Hoch-Fuͤrſtlichen Raͤthe und Miniſtres erwehlt werden, beurtheilen nach den Articuln, und regi - ſtriren, wer das beſte gethan. Gewiſſe Marſchaͤl - le fuͤhren diejenigen ſo gewonnen, einen nach dem andern unter Trompeten - und Paucken-Schall ab zu den Judicirern, allwo ihnen die gewonnenen Preiße ertheilt, und ſie mit gehoͤrigen Ceremonien an ihren Ort wieder begleitet werden; An andern Orten eylen die Sieger bey Trompeten - und Paucken-Schall unter die Logen des vornehm - ſten Frauenzimmers, aus deren Haͤnden ſie die Præſente erhalten. Jn den vorigen Zeiten war es gebraͤuchlich / daß die Ritter und Uberwinder von einer Dame nicht allein mit einen andern Præ - ſent, ſondern auch zugleich mit einem Krantz regali - ret worden, worauf ſie denn in Beyſeyn der gan - tzen Verſammlung unter Trompeten - und Pau - cken-Schall einen teutſchen Tantz mit ihnen tha - ten, welchen die Kampff-Richter nachgehends auch nachfolgten.

§. 24. Zuweilen werden nach einer gantz be - ſondern Erfindung gewiſſe Damen-Rennen gehal -ten.782IV. Theil. IV. Capitul. ten. Die hiezu denominirten Dames und Cava - liers muͤſſen ſich zu geſetzter Zeit im Reith-Hauſe einfinden, und nach ihren aſſignirten Renn-Waͤ - gen begeben. Die Renn-Waͤgen ſind auf Art der Roͤmiſchen Triumph-Waͤgen gemacht in Geſtalt eines Thrones, zierlich gemahlt, verſilbert und verguͤldet, und mit Taffet oder Sammt aus - geſchlagen. Eine iede Dame wird von einen Ca - valier begleitet.

§. 25. Die Dames und Cavaliers ſind nebſt ih - ren Bedienten und Laͤuffern auf das artigſte ge - kleidet. Mit dieſen Couleuren muͤſſen nicht allein die Federn, Baͤnder, und andere Zeuge der Pfer - de, ſondern auch die Schuhe, Struͤmpffe und Muͤ - tzen der Laͤuffer accordiren.

§. 26. Der zum Rennen beſtimmte Platz beſte - het bißweilen in 12 beſondern Bahnen, in welchen allezeit zugleich 4 Damen auf ihren praͤchtigen Triumph-Waͤgen rennen, und eine iede hat zu ih - rer Rechten und Lincken einen Cavalier zu ihrer Begleitung, der zugleich mit rennet. Die Dame ſticht mit ihrer Lantze nach dem Ringe, und der Cavalier auch. Andertwerts ſtehen auf dem Renn-Platze viel Pyramiden mit guͤldenen Knoͤpf - fen, durch welche die Renn-Waͤgen fahren muͤſ - ſen, doch aber auf einmahl nur 1. Wagen.

§. 27. Der Renn-Platz iſt zuweilen in vier Ecken gar curieus gebauet, mit gruͤnen Reißig kuͤnſtlich beflochten; Es werden mitten auf den Gaͤngen und Logen erhabne Fenſter gemacht;welche783Von Carouſellen, Ring-Rennen und ꝛc. welche mit Pyramiden geziert, auf welchen die Fuͤrſtlichen Perſonen zu ſtehen pflegen. Bevor die Rennen angehen, pflegen der Hof-Marſchall und einige Herolde mit 12 Trompetern und ein paar Pauckern forn an zu reiten, und auf der Renn-Bahne mit dem Aufzuge eine Parade zu machen. Bey ieden Rennen laſſen ſich die Trom - peten und Paucken, wie gewoͤhnlich hoͤren.

§. 28. Zuweilen werden auch gewiſſe Nacht - Rennen gehalten. Hierbey werden die Saͤulen auf den Carrieren nebſt den Pyramiden mit viel 1000 Lampen auf eine wohl ausgeſonnene Weiſe erleuchtet, und uͤber dieſes mancherley Arten Leuch - ter mit Lampen an die Cordons gehenckt: Als bey der Anweſenheit Jhrer Koͤniglichen Majeſtaͤt in Preuſſen und Churfuͤrſtlichen Durchlauchtigkeit zu Brandenburg vor einigen Jahren in Dresden ein Nacht-Rennen gehalten wurde, ſo præſentir - te ſich in der Mitten der Reit-Bahne uͤber den 2 erhabnen meßingenen Pyramiden der Nahme des Koͤniges in Preuſſen auf einer verſilberten groſſen Tafel; oben daruͤber ſahe man viel Lam - pen von unterſchiedner Groͤſſe, in deren Grund bald roͤthliches bald gruͤnes Waſſer gegoſſen ward; dieſe Wechſelsweiſe geſatzten Lampen gaben nach ihrer vermiſchten Farbe einen ſolchen Glantz von ſich, nicht anders, als waͤren es gewiſſe Arten der Edelſteine, welche alle zuſammen die Forme einer Koͤniglichen Crone præſentirten.

§. 29. Es muͤſſen eine gewiſſe Anzahl Solda -ten,784IV. Theil. V. Capitul. ten, die in Roͤmiſche Feuer-Kleider eingekleidet, und in unterſchiedene Ordnungen vertheilet, die Fackeln herzu tragen; der Platz wodurch der Zug bey den Nacht-Carouſels paſſiren ſoll, wird ebenfalls auf das beſte illuminiret, und die Ein - gaͤnge werden Zeit waͤhrenden Rennen, wie bey allen dergleichen Luſtbarkeiten gebraͤuchlich iſt, mit doppelten Wachen beſetzt, um alle Desordres zu verhuͤten.

Das V. Capitul. Von den muſicaliſchen Con - certen / Tantzen / Baͤllen und Balletten.

§. 1.

Man findet an allen Hoͤfen, an denen man die Divertiſſemens und luſtigen Handlungen eben ſo Regul-maͤßig tractirt wiſſen will als die ernſthaff - ten und die Staats - und Regierungs-Geſchaͤffte, wohl beſtellte Capellen. Es beſtehen aber die - ſelben gemeiniglich aus Capell-Meiſtern, Vice - Capell-Meiſtern, Sopraniſten, Altiſten, Tenori - ſten, Baſſiſten, Componiſten, Tiorbiſten, Orga - niſten, Inſtrumentiſten, Gambiſten, Violoncel - liſten, Cornettiſten, Hautboiſten, Tromponiſten, muſicaliſchen Trompetern, Caſtraten, Cantatri - cen und andern dergleichen. Je mehr nun einRegent785Von muſicaliſchen Concerten, Tantzen / ꝛc. Regent die Muſic und die damit verbundenen Er - findungen liebt, ie mehr laͤſt er ſich angelegen ſeyn, geſchickte Muſicos in ſeine Capelle zu bekommen, und dieſelben mit Unkoſten darinnen zu erhalten, und iſt es nichts ungewoͤhnliches, daß einige Jta - liaͤniſche Saͤnger und Saͤngerinnen einige tauſend Thaler des Jahres uͤber zu ihrer Beſoldung oder Penſion bekommen.

§. 2. Die Componiſten pflegen auf mancher - ley verſchiedene Weiſe an Hoch-Fuͤrſtlichen Ge - burths-Taͤgen, Beylagern, Kindtauffen, Huldi - gungen, Croͤnungen und andern Feſtivitaͤten aller - hand Serenaden, muſicaliſche Paſtorellen und Sing-Ballette, durch Huͤlffe der Poeſie, Muſic und Mathematic zu erfinden. Die Serenaden ſind gewiſſe Abend-Muſicken, die bey Fackeln durch Menſchen-Stimmen und Inſtrumenta uͤberbracht und vorgeſtellet werden. Sie ſind entweder ſim - pler oder zuſammen geſetzt, hiſtoriſch und allego - riſch. Die ſimplen beſtehen in der bloſſen Muſic, die hiſtoriſchen aber ſtellen zugleich eine gantze Hi - ſtorie vor, die ſich zu einer ieden Solennitaͤt ſchickt. Die Perſonen ſind auf eine beſondere Weiſe ge - kleidet, es werden heydniſche Goͤtter und allerhand Machinen mit dabey aufgefuͤhrt. Die Saͤnger und Saͤngerinnen formiren bey viel tauſend Fa - ckeln beſondere Figuren, u. ſ. w.

§. 3. Die Paſtorellen ſind gewiſſe Schaͤfer - Gedichte, die etwan bey Hoch-Fuͤrſtlichen Beyla - gern inventirt werden, und dem neu verlobten Hoch -D d dFuͤrſt -786IV. Theil. V. Capitul. Fuͤꝛſtlichen Paar zur Ehre und zum Divertiſſement die Handlungen der Liebe auf eine angenehme mu - ſicaliſche Art vorſtellen, um ihnen durch die Perſo - nen, ſo dabey aufgefuͤhrt werden, zu ihrer Vermaͤh - lung zu gratuliren.

§. 4. Die Sing-Gedichte werden nach Art der kleinen Opern bißweilen eingerichtet, bißweilen aber auch ohne beſondere abwechſelnde Handlun - gen. Jn den Gedichten des beruͤhmten Guſtavi Heræi findet man p. 203 eine Beſchreibung eines beleuchteten Saals und Theatri zu einem Sing - Ballet, ſo anno 1703 bey der Geburths-Feyer des Durchlauchtigſten Fuͤrſten und Herrn, Herrn Chriſtian Wilhelms, Fuͤrſtens zu Schwartzburg - Sonoershauſen, ordonirt worden. Der Jnn - halt des Sing-Ballets war der Gluͤcks-Wunſch zu der Geburths-Feyer Sr. Hoch-Fuͤrſtl. Durch - lauchtigkeit. Die Muſic Frantzoͤſiſcher Compo - ſition, und muſten ſich die Verſe darnach richten. Die Schau-Buͤhne præſentirte einen mit durch - ſcheinender Erleuchtung illuminirten, bey Winters - Zeit gruͤnen Tannen-Wald, am Ende ſtund ein Spring-Brunnen, deſſen Fuß ein doppelter Adler war, der auch Waſſer ſpruͤtzte.

§. 5. Die Erfindung der Illumination hatte ihr Abſehen auf die von Jhro Hoch-Fuͤrſtl. Durch - lauchtigkeit gluͤcklich zu Ende gebrachten XI. Luſtra, wobey die in dem groſſen Saal eben gefundene XI. beqveme Stellen Anlaß gegeben. Rings um den Saal zwiſchen ieder Statue war ein Obeliſcus auf -gefuͤhrt,787Von muſicaliſchen Concerten, Tantzen, ꝛc. gefuͤhrt, und auf einer ieden von dieſen geſpitzten Saͤulen ein ander Roͤmiſches Votum Quinquen - nale, nebſt Hieroglyphiſcher und Emblematiſcher Vorſtellung der Geſchichte von einer ieden 5 jaͤhri - gen Zeit abgebildet. Man ſahe auch auf einem ieden Obeliſco die vornehmſten Thaten, Momen - ta und Meriten der Lebens-Schilder, Inſcriptiones, Gemaͤhlde und Emblemata.

§. 6. Der Bau des Theatri war eine illumi - nirte Saͤulen-Reyhe von Joniſcher Ordnung. Zwiſchen den beyden erſten Saͤulen hiengen drey Clypei votivi unter einander, in der Mitten war die Oeffnung der Buͤhne, woruͤber die Friſe leuch - tete, mit dem bey allen oͤffentlichen Schau-Spie - len gewoͤhnlichen Zuruff: De noſtris annis addat Tibi Maximus annos. Jn der Verdachung ſchie - ne Jhrer Hoch-Fuͤrſtl. Durchlaucht. verſchlunge - ner Nahme in einem Schilde, ſo mit dem Fuͤrſten - Huth und den Adler-Koͤpffen des Fuͤrſtlichen Wa - pens gezieret war, ſammt denen ſymboliſchen Ne - ben-Zierrathen einer gluͤcklichen Regierung. Jn der dritten Oeffnung war wieder eine Thuͤre, wie in der erſten, ſo daß dieſe beyden Oeffnungen an den Seiten der mittlern groͤſſern gleichſam die Hoſpi - talia der alten Roͤmiſchen Theatris vorſtellten, auf welchen hernach die Maſquen zur Wirthſchafft her - aus traten.

§. 7. Die Baͤlle ſind ein allgemeines Divertis - ſement, ſo gemeiniglich mit den uͤbrigen Solenni - taͤten oder Luſtbarkeiten vergeſellſchafftet iſt. WennD d d 2die788IV. Theil. V. Capitul. die Hoch-Fuͤrſtl. Perſonen nebſt den anweſenden fremden Herrſchafften, oder ihre eigene Hofſtatt an ſolennen Cour-Taͤgen, oder bey andern Feſtivit - ten von der Tafel aufgeſtanden, ſo wird hernach getantzt. Die Taͤntze ſind entweder einfache oder zuſammengeſetzte; Die einfachen ſind, wenn eine Manns-Perſon mit einem Frauenzimmer nach der - jenigen Weiſe, wie ſie entweder von der Natur oder von der Kunſt gelehret worden, und in einem ieden Lande gebraͤuchlich iſt, zu tantzen pflegt. Die zu - ſammengeſetzten aber oder die Ballette beſtehen aus ſehr viel Perſonen, die zuſammen tantzen, und nach gantz beſondern Regeln dirigirt werden.

§. 8. An den Teutſchen Hoͤfen ſind uͤber dieje - nigen, die unſerm Vaterland eigenthuͤmlich, mei - ſtentheils die Frantzoͤſiſchen und Engliſchen einge - fuͤhrt. Etwas beſonders war es, daß der Roͤmi - ſche Kayſer Leopoldus niemahls Frantzoͤſiſch tantz - te, ſondern vielmehr eine Art von einer Teutſchen Fuͤhrung beobachtete, welche der Gravitaͤt dieſes hoͤchſten Ober-Haupts gemaͤß war. Dieſes iſt nicht etwan bloß in ſeinen jungen Jahren geſchehen, ſondern wie ſich der Wieneriſche Hof nicht leicht - lich weder in Plaiſir noch andern Sachen zu veraͤn - dern pflegt, ſo hat er in ſeinem hohen Alter ſich nicht lange vor ſeinem Tode dieſer Vergnuͤgung theil - hafftig gemacht. S. Leben des Kayſers Leopoldi pag. 66.

§. 9. Bey den Hoch-Fuͤrſtlichen Beylagern iſt an den meiſten Hoͤfen der ſo genandte Fackel-Tantzgewoͤhn -789Von muſicaliſchen Concerten, Tantzen, ꝛc. gewoͤhnlich. Es iſt dieſes eine alte Ceremonie, die entweder die Roͤmer von denen viel aͤltern Teut - ſchen, oder die Teutſchen von den Roͤmern ange - nommen, als die ihre Hochzeitlichen Feſtivitaͤten unter andern auch von den Tædis oder Kuͤhn-Fa - ckeln, die ſie den Verlobten vortragen lieſſen, be - nennten. Wenn entweder die Hoch-Fuͤrſtliche Braut mit ihren Braͤutigam, oder eines von den vermaͤhlten Paar mit den naͤchſten Hoch-Fuͤrſtli - chen Anverwandten tantzet, ſo pflegt der Hof - Marſchall ſie mit dem Marſchall. Stabe zu dieſen Tantz aufzufuͤhren. Es geſchicht derſelbe unter Trompeten und Paucken-Schall; Bißweilen pfle - gen ein 12 Pagen mit brennenden weiſſen Wachs - Fackeln vorher zu marſchiren, bißweilen muͤſſen es auch wohl gar an Koͤniglichen und Chur-Fuͤrſtli - chen Hoͤfen, Cammer-Juncker, Cammer-Herrn oder Generals thun, und die Hof-Dames muͤſſen der Koͤniglichen oder Fuͤrſtlichen Braut die Schlep - pe nachtragen. An manchen Hoͤfen iſt gebraͤuch - lich, daß nebſt dem Hoch-Fuͤrſtlichen Paar ein 6 paar von den Hofleuten vor, und ein 6 paar nach, zugleich mit Tantzen, alle mit brennenden Fackeln.

§. 10. An vielen Teutſchen Fuͤrſtlichen Hoͤfen iſt noch die alte Ceremonie bey den Hochzeitlichen Feſtivitaͤten hergebracht, daß die Princeßin Braut mit verbundenen Augen drey Perſonen aus denen in dem Braut-Gemach um ſie herum tantzenden Reyhen ergreiffen, und ihnen die Crone zuſtellen muß, zu dieſen vermeynten unbetruͤglichen Merck -D d d 3mahl790IV. Theil. V. Capitul. mahl, daß eine iede von dieſen ergriffenen, wenn ſie noch ledigen Standes, in demſelben Jahr in der Verehligung nachfolgen werde.

§. 11. Bey den Tantzen pflegt man an Hoͤfen ebenfalls den Rang zu obſerviren, und darff ſich einer von den geringern nicht leichtlich unterſtehen, ein Frauenzimmer aufzuziehen, biß es die Hoch - Fuͤrſtliche Herrſchafften erlauben, oder biß ihn nach dem ihn zukommenden Rang die Reyhe trifft, es muͤſte denn en maſque getantzt, oder bey manchen Luſtbarkeiten erlaubet werden, daß alles unterein - ander tantzen duͤrffte. Jedoch ſind hierunter bloß die Cavaliers und Dames zu verſtehen, ſintemah - len ſich keiner von den andern, dafern er nicht eine Straffe will zu erwarten haben, unternehmen darff, auf den Tantz-Platz, der bloß den Hoch-Fuͤrſtli - chen Herrſchafften und ihrer Hofſtatt gewidmet iſt, zu erſcheinen. Es werden daher auch mei - ſtentheils gewiſſe Schrancken geſetzt, damit ſich niemand, der nicht dazu gehoͤrt, eindringen, und den vornehmen Taͤntzern beſchwehrlich ſeyn moͤge.

§. 12. Die Ballette kommen nicht allein bey den Commœdien, Tragœdien und Opern vor, ſon - dern auch bey andern Hof-Divertiſſemens, als bey Carouſſellen, bey Masqueraden, Redouten u. ſ. w. Sie werden eingetheilt in ſerieuſes oder in comiques und grotesques. Bey jenen werden die Qualitaͤten und Tugenden beruͤhmter Leute mit ernſthafften, ſeltſamen und temperirten Geberden andern zur Nachahmung vorgeſtellt. Bey dieſenaber791Von muſicaliſchen Concerten, Tantzen, ꝛc. aber die Laſter und Abſurditaͤten brutaler Men - ſchen durch die Satyre und das Gegentheil aller Regeln, ſo fuͤr ernſthaffte gehoͤren, corrigirt, damit andere fuͤr ſolchen naͤrriſchen Geſtibus einen Eckel und Abſcheu bekommen moͤgen. Uber die - ſes giebt es philoſophiſche, welche die Grund - Urſachen, die Wuͤrckungen und Eigenſchafften der Dinge in einem guten Verhaͤltniß vorſtellen, Ro - manesquen die ihren Urſprung aus den Romainen hohlen, wunderſeltzame Ausgaͤnge in ſich faſſen, und offt gar wenig Wahrſcheinlichkeit bey ſich fuͤhren; poetiſche und fabulöſe, deren Erfindung aus der Mythologie und heydniſchen Fabeln kommt; und hiſtoriſche, die aus den wahrhafften Geſchichten genommen. Jn Summa, was in der Welt, in der Natur, oder unter den Menſchen zu ge - ſchehen pflegt, wird in Balletten mit vorgeſtellt.

§. 13. Jn allen Balletten werden 3 Haupt - Ordonancen und Eintheilungen gemacht, nehm - lich 1) die Ouverture, welches die Erklaͤhrung des Sujets oder der Haupt-Abhandlung giebt, ſo man præſentiren will, und ſoll den Haupt-End - zweck von der gantzen Action vorſtellen. Die Actus handeln die gantze Geſchichte ab, und wer - den in ihre Entréen oder Scenen wieder abge - theilt, dieſes ſind die unterſchiednen Folgerungen, welche zeigen, wie dieſe Geſchichte von Stuͤck zu Stuͤck paſſirt ſey. Das Grand-Ballet oder der Schluß der gantzen Repræſentation geſchicht, wenn ſich die Taͤntzer alle verſammlen, und viel -D d d 4mehr792IV. Theil. V. Capitul. mehr Paſſagen und Figuren machen, als in den vo - rigen Entréen.

§. 14. Die Perſonen zum Balletten werden nach Beſchaffenheit der Materie, die man vor ſich hat, erwehlet. Bey Paſtorellen kommen Schaͤfer - Ballette vor, begreifft der Actus eine Feld - Schlacht, ſo wird eine Entree von Combattan - ten vorgeſtellt; Tractirt das Schauſpiel eine Jagt-Materie, ſo ſiehet man Jaͤger und Jaͤgerin - nen tantzen; Bey verliebten Avanturen kommen Amouretten vor. So præſentiren ſich auch biß - weilen auf den Schau-Platz in den Entreen al - lerhand ſrembde Nationen, ingleichen Geiſter, Furien, Nymphen, Satyren, Bergleute, Scara - muzzen, alte Troͤdel-Weiber u. ſ. w. Nicht weni - ger werden allerhand Affecten vorgeſtellt, durch traurige, zornige, raſende, verzweiflende, verliebte, und andere Taͤntzer. Man ſiehet auch wohl zu - weilen nach beſondern Erfindungen lebloſe Dinge in Entréen, als Jrrlichter, Winde, Sterne, Ele - mente / u. ſ. w. auffuͤhren.

§. 15. Bey den Balletten muͤſſen das Naturell, die Actionen und Paſſionen der Menſchen, auch die Eigenſchafften der unvernuͤnfftigen, lebloſen, be - weglichen und unbeweglichen Creaturen, durch harmoniſche Cadence und ſymmetriſch regulirte Bewegungen der Geberden, Affecten und Figu - ren wohl ausgedruͤckt werden. Die Vollkom - menheit der Ballettes beſtehet darinnen, daß man der Natur nachahme, ſo viel als nur moͤglich, kei -ne793Von muſicaliſchen Concerten, Tantzen, ꝛc. ne Geberden noch pofituren mache, die ſich nicht ſehr wohl auf die Sache ſchicken die man vorſtellt, und den Character der Perſonen, ſo viel als nur immer moͤglich, auf das deutlichſte præſentire.

§. 16. Man muß den Tantz-Platz wohl beur - theilen; nachdem er eine halbe oder gantze Per - ſpective vorſtellt, nachdem ſind auch die Veraͤn - derungen der Figuren zu ordoniren. Die beſten Taͤntzer ſind allemahl vor, und die ſchlimmſten hinter zu rangiren, bevoraus wenn ſie nach der Laͤnge ſtehen. So muͤſſen auch die Habites, die Masquen die zu den Sachen und Perſonen gehoͤ - rigen Werckzeuger, mit der gantzen Erfindung har - moniren.

§. 17. Bey der Compoſition hat man in Be - trachtung zu ziehen, daß die Schritte, Tritte, Mi - nen und Geberden, ſie moͤgen gleich mit dem Kopff, Munde, den Augen, Haͤnden, Fingern oder gantzen Leib geſchehen, accurat nach dem Tact und Proportion der Cadence, das iſt, nach der ordentlichen Folgung der Stimmen in der Melo - die, und in Maaß Tempo und Gewicht, Regel - recht eingerichtet werden. Die Zuſchauer muͤſ - ſen allbereits aus der Geſticulation erkennen, was dieſes oder jenes ins beſondere bedeuten ſoll, wenn auch ſchon die Decoration und Auskleidung des Schau-Platzes nicht dabey waͤre. Der Wohl - ſtand und die Lieblichkeit ſind mit gehoͤriger lieb - licher Saͤnffte, bey ernſthafften oder luſtigen lang -D d d 5ſamen794IV. Theil. V. Capitul. ſamen oder geſchwinden Mouvements, mit einan - der zu temperiren.

§. 18. Die Schritte und Geberden muͤſſen hauptſaͤchlich mit dem Character der Perſonen, den ſie ausdruͤcken, harmoniren. Bey den En - treen der Damen muß die Modeſtie allenthalben die Oberhand haben, die Capriolen ſind ihnen nicht anſtaͤndig, und ihre Spruͤnge muͤſſen nie - mahls uͤber das Contretemps ſchreiten. Sollen Cavaliers tantzen / ſo muͤſſen douçe und manier - liche, bey Bauern tumme und ungeſchickte, bey Klopf-Fechtern freche und freye, bey Soldaten heroiſche und kuͤhne Schritte, Minen und Geber - den, an Haͤnden, Fuͤſſen, Augen, Kopſ und gan - tzen Leib ausgeſonnen werden: Winde muͤſſen leicht, trunckene Menſchen taumelnd, zornige hitzig, luſtige froͤlich, furchtſame zweifelhafftig, und be - truͤbte traurig tantzen; ie natuͤrlicher die Motion und Geſticulation iſt, ie kuͤnſtlicher und ruͤhmli - cher wird auch das Ballet ſeyn.

§. 19. Eine wohl ausgeſuchte, und mit der Ma - terie accordirende Muſic, contribuiret ein vieles zur Schoͤnheit der Ballette. Sollen Nymphen oder verliebte Perſonen ballettiren, ſo wird eine douçe und anmuthige, bey melancholiſchen eine traurige und betruͤbte, bey deſperaten eine furieuſe und raſende, bey tapffern eine heroiſche, bey Scara - muzzen eine poßirliche, bey alten Weibern eine zerrige und dehnende Air und Melodie erfordert. Bey einer combattirenden Entree wuͤrden ſich ſowenig795Von muſicaliſchen Concerten, Tantzen, ꝛc. wenig die Fleutedoucen, Lauten, Viol di Gamba, Panduren, Clarinen: als bey Bauern und Schaͤ - fern, weil dieſe letztern, als ein luſtiges Voͤlcklein, gemeiniglich nach einer ſchnurrigen und friſchen Feld-Muſic, als Schallmeyen, Dudelſack und Leyer gantz muthig herum zu huͤpffen gewohnt ſind, und die erſtern, bey denen alles martialiſch zugehet, durch Trompeten, Paucken, Hautbois und Baſſo - nen zum Streit munter gemacht werden. Bey Cavaliers und Dames iſt douce Muſic zu gebrau - chen.

§. 20. Die Balletter ſind an den Europaͤiſchen Hoͤfen von einigen Seculis her bey Luſtbarkeiten und Schau-Spielen im Gebrauch geweſen. Jn Franckreich ſtellte man unter dem Koͤnig in Franck - reich Ludwig XIII. Balletter vor, von den Tugen - den, der Clemenz, Klugheit, Tapfferkeit / Maͤßig - keit u. ſ. w. ingleichen von Schaͤfern, ſo aus den beſten Taͤntzern beſtanden. Unter dem letzt ver - ſtorbenen Koͤnig Ludwig XIV. von den vier Jahres - Zeiten, von freyen Kuͤnſten u. ſ. w. Bey der Croͤ - nung des ietzigen Koͤnigs in Franckreich præſen - tirten die Commœdianten ein Ballet von 24 Stun - den, welches in vier Actus eingetheilt war, nemlich in die Mitternacht, in die Morgenroͤthe, in den Mittag und in den Abend. Es hatte dieſe Luſt - barkeit, vor welcher ein Prologus vorher gieng, ſehr viel kuͤnſtlich ausgeſonnene Abwechſelungen von Taͤntzen, Muſicken, Frantzoͤſiſchen und Jtaliaͤni - ſchen Comoͤdien. Jn Schweden ſahe man einBallet,796IV. Theil. VI. Capitul. Ballet, welches zu Zeiten Caroli Guſtavi gehalten ward, von Krieg, Friede, der Liebe und Gluͤckſelig - keit der Unterthanen, ſo von einigen Amazonen ge - tantzet wurde. Jn Spanien und Engelland hat man dergleichen unterſchiedene geſehen, bald von allerhand Tragœdien, bald von Affecten und mo - raliſchen Dingen. Gleichwie die Poeſie und die Muſic in Jtalien im groͤſten Flor ſtehet, alſo kan man auch glauben, daß die Ballette daſelbſt vor al - len andern Europaͤiſchen Laͤndern mode ſeyn, und ihren rechten Sitz daſelbſt aufgeſchlagen.

§. 21. Der Endzweck der Ballette ſoll dahin ge - richtet ſeyn, daß ſo wohl die Taͤntzer als Zuſchauer durch die beſondern Affecten, Bewegungen und Handlungen, durch manierliche und unanſtaͤndige Geberden zu den Tugenden angereitzet, und hinge - gen von mancherley laſterhafften Sitten und A - ctionen zuruͤck gezogen werden; ich glaube aber, daß die wenigſten Componiſten bey Compoſition der Ballette, und die wenigſten Taͤntzer und Zu - ſchauer hieran gedencken.

Das VI. Capitul. Von Opern und Comœdien.

§. 1.

Die Opera iſt gleichſam eine Aſſemblee, darinnen in einer gewiſſen Ordnung ein Concert gehalten, und dabey getantzet wird. Alle, die zu der Opera gehoͤren,repræ -797Von Opern und Comœdien. repræſentiren gleichſam eine kleine Republic, und machen bißweilen, als wie in Franckreich und Jta - lien, wohl ein paar hundert Perſonen aus, einige ſingen, andere tantzen, wiederum andere ſpielen auf verſchiednen Inſtrumenten, die ſchlechteſten unter ihnen ſind, welche bey den Logen die Billets ab - fordern, und die auf den Theatro bey den Machi - nen arbeiten. Wenn auf den Theatris bey Hofe entweder zur Sommers-Zeit, da der Zulauff nach den Spectaclen ſo gar groß nicht iſt, oder um an - derer Urſachen willen nur kleine Piécen vorgeſtellt werden, ſo nennet man dieſes Operetten.

§. 2. Man findet bißweilen, daß Durchlauch - tigſte hohe Haͤupter ſich gefallen laſſen einige Opern auszuarbeiten, wie denn unterſchiedene be - kannt ſind, die von dem Durchlauchtigſten Her - tzog zu Wolffenbuͤttel Anton Ulrichen componirt worden. Es ſoll auch ehedeſſen zu Zeiten Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt Leopoldi des Groſſen, in Wien niemahls eine Opera geſpielt worden ſeyn, worinnen er nicht ſelbſt eine und die andere Paſſage componiret. Er ſoll auch in der Opera eine ſol - che Aufmerckſamkeit bezeugt haben, als wenn er ſie zum erſtenmahl hoͤrte, und nicht leichtlich ein Auge von der in Haͤnden habenden Parthie weg - gewendet haben, ſo genau haͤtte er alle Noten ob - ſervirt. Hierinnen aber ſoll ihm, ſeine ihn ſonſt an Willen und Froͤmmigkeit gleiche Gemahlin die Kayſerin Maria Thereſia, gantz und gar nicht ein - ſtimmig geweſen ſeyn; maßen ſie ſich oͤffters in dieOpera798IV. Theil. VI. Capitul. Opera einen Naͤhe-Rahmen tragen laſſen, woran ſie bey waͤhrender Opera ſo fleißig gearbeitet / daß ſie nicht einmahl ein Auge auf das Theatrum ge - wendet, alſo daß man geſehen, wie ſie bloß dem Kayſer zu Gefallen, und ihn mit hinein zu beglei - ten, in die Opera gegangen. S. das Leben des Kayſers Leopoldi p. 59.

§. 3. Die Theatra muͤſſen geraͤumlich, und zu der Veraͤnderung der Scénen und Machinen recht bequem ſeyn. Je mehr die groſſen Herren ſelbſt Liebhaber der Opern und Comœdien, ie mehr Un - koſten wenden ſie an Erbauung und Ausputzen der Theatres. Des Roͤmiſchen Kayſers Joſephi Majeſtaͤt lieſſen zu Anfang ihrer Regierung ein ſo praͤchtiges Theatrum auffuͤhren, davon allein die Mahlereyen uͤber 50000. rthlr. gekoſtet. S. den VI. Eingang des curieuſen Buͤcher-Cabinets p. 878. Die Theatra ſind von den Amphithea - tris zu unterſcheiden. Die Amphitheatra ſind diejenigen Plaͤtze / wo die Zuſchauer ſitzen, davon die halbrunden beſſer als die langen Ovalen, und auf verſchiedene Weiſe gebauet ſind.

§. 4. Von Theatris hat man vielerley Sorten, als (1) Theatra-Fixa, welche ſonſt und beſtaͤndig an einem Orte ſtehen bleiben, und dieſes ſind die gewoͤhnlichſten, (2) portatilia, die aus unterſchie - denen Abſichten nach Gefallen von einen Ort zu dem andern koͤnnen getragen werden, (3) ſchwim - mende, die man bey mancher Gelegenheit auf dem Waſſer hinſchwimmen laͤſt, (4) Theatra al’im -799Von Opern und Comœdien. l’improva, die in groſſen Zimmern oder an andern Orten aus den Waͤnden von unten auf, oder von oben herunter ſich unverſehens hervor thun. Ei - nige werden in Gaͤrten unter freyen Himmel auf - gerichtet, mit gruͤnen Tannen bekleidet, mit Oren - gerien beſetzt, und mit Grotten ausgeziert, es wer - den auch wohl, damit die gantze Geſellſchafft vor dem Regen geſichert ſey, uͤber und uͤber Seegel - Tuͤcher ausgeſpannt. Bißweilen laſſen ſichs Fuͤrſtliche Perſonen gefallen, daß ſie unter waͤhren - der Opera auf dem Theatro ſpeiſen, oder doch auf dem Amphi-Theatro der Opera zuſehen, und nach geendigter Opera oder Comœdie die Acteurs auf das propreſte bewirthen und accommodiren.

§. 5. Bey den Opern und Comœdien erwe - cken die Schoͤnheiten und Decorationen des Thea - tri, die Annehmlichkeiten des Geſanges, die Sym - phonien und ihre Veraͤnderungen, die Geſchicklich - keit und Menge der Taͤntzer und Taͤntzerinnen, Ruhm und Approbation, inſonderheit wenn ſel - bige in den großen Balletten in ſehr großer Anzahl als zu 30. 40. u. ſ. w. auf einmahl auftreten, und in einer kuͤnſtlichen Verwirrung ſich zwar ſtets un - ter einander verflechten, aber doch allezeit nach dem Unterſchied ihrer Perſonen von einen ieden ins beſondere geſehen und unterſchieden werden koͤnnen.

§. 6. Die Decorationen des Theatri wecken den Geiſt der Zuſchauer auf, und bringen Mouvemens zu wege, die mit den Decorationen, und mit der vorgeſtellten Hiſtorie wohl uͤbereinſtimmen. Esbeſte -800IV. Theil. VI. Capitul. beſtehen aber dieſelben in den verſchiedenen Scénen und Machinen, die Scénen ſind alle die lebloſen Wercke der Kunſt, die ſich eine Zeitlang auf dem Theatro præſentiren, als Palatien, Waͤlder, Hoͤh - len, Staͤdte u. ſ. w. die Machinen aber, diejenigen Wercke, die ſich beſtaͤndig bewegen, als Wol - cken, Thiere, Schiffe, Triumph-Waͤgen u. ſ. w. Bißweilen ſiehet man folgende Machinen, und Statuen, als heydniſche Goͤtter u. ſ. w. die in der Lufft von dem Theatro geflogen kommen, und der Durchlauchtigſten Herrſchafft die Opera oder die - enige Piece, welche abgeſungen und præſentiret werden ſoll, uͤberbringen.

§. 7. Die Veraͤnderungen der Scénen des Thea - tri muͤſſen in guter Ordnung bey ſchoͤner Mahlerey, nach den Regeln der Bau-Kunſt und der Perſpe - ctive angebracht ſeyn. Es laͤſt wohl, wenn bey einer guten Abwechſelung und nach Beſchaffenheit der Materie auf dem Theatro, bald ein ſtuͤrmen - des Heer, bald eine belagerte Stadt, bald ein Koͤ - niglicher Pallaſt, bald ein weites Feld, und ein Fluß, woruͤber die Soldaten eine Bruͤcke ſchlagen, bald ein praͤchtig meublirtes Koͤnigliches Cabinet præſentirt werden.

§. 8. Bey den Auszierungen der Perſonen hat man inſonderheit auf die Kleidung zu ſehen. Es gilt nicht gleich, auf was vor Art die Acteurs oder Taͤntzer bekleidet ſeyn, ſondern ihr Habit muß ſich ſo wohl in Anſehung der Forme, als auch der Farbe und anderer Umſtaͤnde, nach der uͤbrigen Abhand -lung801Von Opern und Comœdien. lung der Materie reguliren. Werden hohe Per - ſonen angefuͤhrt, ſo muß auch der Pracht der Klei - der mit ihrer Hoheit correſpondiren. Die Zei - chen, ſo die Taͤntzer gewiſſer Actionen wegen, in Haͤnden fuͤhren, muͤſſen ſo ausgeſucht werden, wie ſie ſich vor einem ieden ſchicken.

§. 9. Die Compoſition muß mit der Direction der Muſic wohl accordiren, und ſind die Opern allezeit vortrefflicher, wenn entweder die Autores der Muſic zugleich kundig ſind, oder wenn ein ge - ſchickter Inſpecteur-General, der in der Muſic und Compoſition wohl erfahren, die Vocal - und In - ſtrumental-Muſique der Opera dirigiret, als wie in Franckreich gebraͤuchlich.

§. 10. Je mehr neu erfundene Entreen, Taͤntze und Ballette von Geiſtern, Schiff-Leuten, Berg - Leuten, fremden Nationen und dergleichen bey den unterſchiedenen Actibus, oder luſtige Zwiſchen - Spiele vorkommen, ie angenehmer laͤſt es. Manch - mahl werden auch Combats vorgeſtellet, welche von den Hof-Fechtmeiſtern dirigirt und dergeſtalt angeordnet werden, daß ſie nach einer gewiſſen Ca - dence, und einer gewiſſen Figur den Augen ange - nehm fallen. Die Ballette, ſie moͤgen nun gleich aus einem ſerieuſen oder kurtzweiligen Tantze be - ſtehen, von einer oder ſehr viel Perſonen getantzet werden, geſchehen in den Opern, Operetten, Pa - ſtorellen oder Comœdien entweder zum Beſchluß, oder bey den Umkleidungen, zwiſchen den Hand - lungen und Verwandlungen.

E e e§. 11.802IV. Theil. VI. Capitul.

§. 11. Die Thour der Muſic muͤſſen mit dem Character und den Paſſionen der Acteurs, die ſie vorſtellen, harmoniren, und auch bey den Zuhoͤ - rern beſondere Bewegungen excitiren. Es iſt ſchoͤn / wenn nach dem Zuſtand der Perſonen die etwan in Raſerey und Verzweiflung verfallen, die gantz verwirrten und ungewoͤhnlichen Thour, in lauter ſich beſtaͤndigſt einander reſolvirenden Dis - ſonantien beſtehen, und nach der Graͤßlichkeit oder auch der Wehmuth ihrer lugubren und klaͤglichen Verſtimmung, bey den Zuhoͤrern bald Schrecken, bald Mitleiden zu erwecken vermoͤgen.

§. 12. Die Schritte, die Geberden, die Bewe - gungen und alle Handlungen der Acteurs muͤſſen ihre reguliere Abmeſſungen haben, nach den Re - geln der Muſic eingerichtet ſeyn, und der Natur gantz accurat und eigentlich nachfolgen. Die Zu - ſchauer muͤſſen es denen Perſonen aus einigen we - nigen Schritten oder Geberden gleich anſehen koͤn - nen, ohne daß ſie ein Wort reden, was ſie vor eine Perſon vorſtellen, und welcher von ihnen die Pas - ſion eines Verliebten / eines Zornigen, eines Hoch - muͤthigen, eines Melancholiſchen u. ſ. w. præſen - tire.

§. 13. Der ſeelige Herr Paſch gedenckt in ſei - ner Anweiſung zur Tantz-Kunſt pag. 60, daß es nicht allein zur Decoration gehoͤrte, ſondern auch ſeinen guten Grund haͤtte, wenn man die Laſter in den Comœdien und Opern in beſondern Maſquen und Habiten vorſtellte. Es wuͤrde den Zuſchauernver -803Von Opern und Comœdien. verdrießlich fallen, eine ordentlich-gekleidete Perſon in ihrem laſterhafften Bezeugen zu ſehen, und ihr faſt nicht glaublich anſcheinen, daß ein ſerieuſer Menſch ſo exorbitant thun ſolte, ob es ſchon taͤglich geſchaͤhe, daß mancher, der ſich aber nicht ſelbſt kennet, viele von den ungereimten Minen an ſich haͤtte, welche man in einer zwey oder dreyſtuͤndigen Action einem ſolchen Acteur beylegte. Es koͤnte auch zufaͤlliger Weiſe geſchehen, daß eine ſolche un - maſquirte Perſon iemand am Hofe oder in der Stadt aͤhnlich ſaͤhe, welches ſodann vielen Schertz und daraus entſtehende Ungelegenheit verurſachen wuͤrde. Deswegen gaͤbe man ordentlich bey al - len Repræſentationen dergleichen Character den Dienern, oder ſonſt geringern Leuten, damit man die Zuſchauer deſto leichter corrigiren, und ihnen ſagen koͤnne, daß ſie ſich nicht alſo ſtellen ſolten, wie dergleichen unhoͤfliche Leute zu thun pflegen.

§. 14. Bißweilen wird den Operiſten unter dem Fuß gegeben, daß ſie einen und andern Fehler, den man bey Hof-Leuten gewahr wird, unvermerckter weiſe mit beruͤhren muͤſſen. Die andere Gemah - lin des Kayſers Leopoldi, Claudia Felicitas, be - diente ſich oͤffters der Gelegenheit, in der Opera ei - ne und die andere Erinnerung am Hofe zu thun; wie denn abſonderlich einer, ſo den Titul fuͤhrte: La Lanterna di Diogene, bekandt iſt, worinnen Diogenes dem gantzen Hof ſeine Fehler vorruͤckte, und dem Kayſer ſelbſt unter der Geſtalt des Ale - xandri M. ſagte, daß er aus allzu milder Gnade,E e e 2nicht804IV. Theil. VI. Capitul. nicht ohne groſſen Schaden des gemeinen Weſens, die Laſter nicht genug beſtraffte. So wurden auch vor einigen Jahren in einem luſtigen Schau-Spie - le, ſo der Dreßdniſche Schlendrian betitult wurde, die Laſter ſo in Dreßden unter Hoͤhern und Ge - ringern, unter den jungen Edelleuten, Officiers, buͤrgerlichen, Standes-Perſonen und andern im Schwange gehen, auf eine lebhaffte Art denen Zu - ſchauern und Zuhoͤrern ſehr artig vorgeſtellet.

§. 15. Auſſer dem aber, wo ſich die Operiſten oder Comœdianten nicht durch hoͤhern Befehl le - gitimiren koͤnnen, oder doch hierbey einer Appro - bation der hoͤchſten Standes-Perſonen verſichert halten, thun ſie nicht wohl, wenn ſie die Fehler des Hofes auf eine deutliche und merckliche Art vorſtel - len; ſie ziehen ſich ſonſt hiedurch manchen Ver - druß, und wenn ſie einige Hohe anpacken, eine ſehr empfindliche Ungnade uͤber den Hals. Madame de Noyer gedencket in ihren Lettres galantes, lettre 6. daß das Jtaliaͤniſche Theatrum zu Pariß uͤber die 20 Jahr verſchloſſen geweſen, weil die Acteurs zu Lebzeiten Koͤnigs Ludwigs des XIV. allzu groſſe Freyheit in ihren Stuͤcken gebraucht, und weder den Hof, noch andere vornehme Herren verſchonet. Unter andern ſagt ſie: Les Comediens Italiens ſo ſont reſſenti de la mauvaiſe humeur de Madame de Maintenon, on les a chaſſe pour avoir joue la fauſſe prude, dans la quelle on dit, que Ma - dame de Maintenon s’eſt reconnue, tout Paris regréte cete perte.

§. 16.805Von Opern und Comœdien.

§. 16. So wird auch den Operiſten und Comœ - dianten offters ernſtlich inhibirt, wenn ſie ſich un - terfangen, in ihren Schau-Spielen etwas mit vor - zubringen, welches andern groſſen Herrn, gecroͤn - ten Haͤuptern, oder doch ſonſt regierenden Fuͤrſten zur Deshonneur und Verachtung gereicht. Bey der Croͤnung des ietzo mit Gluͤck und Seegen re - gierenden Roͤmiſchen Kayſers zu Prage, wurde an - no 1723 durch eine Bande Teutſcher Comœdian - ten daſelbſt die Tragœdie des zu Stockholm ent - haupteten Baron Goͤrtzens / nebſt beyderſeits Koͤ - niglichen Majeſtaͤten von Schweden auf eine un - geziemende Weiſe vorgeſtellt. Nachdem aber der Schwediſche Reſident dieſe Begebenheit an ſeinen Hof berichtete, und man von Schweden aus die - ſerwegen Satisfaction verlangte, ſo ſind dieſe Co - mœdianten wuͤrcklich mit Arreſt belegt worden. S. Einleitung zur neueſten Hiſtorie der Welt. pag. 441.

§. 17. Man hat hin und wieder einige Exem - pel, daß Hoch-Fuͤrſtliche Perſonen ihren Purper nicht vor unanſtaͤndig geachtet, in den Opern und Comœdien, theils mit zu tantzen, theils auch als Acteurs ſich der zuſchauenden Verſammlung zu zeigen. Des Roͤmiſchen Koͤnigs Joſephi Maje - ſtaͤt excellirten ſo in dem Tantzen, daß ſie auch zum oͤfftern bey den Cammer-Feſten ſich vor dem Kay - ſer ihren Herrn Vater, und den Ertz-Hertzoginnen in den Opern ſehen lieſſen. Anno 1724 wurde an dem Tage, da die Roͤmiſche Kayſerin mit DeroE e e 3neu -806IV. Theil. VI. Capitul. neugebohrnen Ertz-Hertzogin einen Kirchgang hielt, zu Wien des Abends Jhro Majeſtaͤt zu Eh - ren eine Opera geſpielet, welche um ſo viel merck - wuͤrdiger war, als alle Acteurs und Muſicanten aus lauter Perſonen Fuͤrſtlichen und Graͤflichen Standes beſtanden. S. Einleitung zur neueſten Hiſtorie XXVI. Stuͤck. p. 704. Anno 1702 hat man in Franckreich an dem Hofe des Hertzogs von Burgund, eine Comœdie von einer gantz neuen Art eingefuͤhrt, indem nichts von der Liebe darin - nen gehandelt worden, und hat die Hertzogin von Burgund in dieſen beyden Schau-Spielen die vornehmſte Perſon agirt, die andern ſind aber durch die Herren und Damen des Hertzoglichen Hofes vorgeſtellt worden. Madame la Ducheſſe de Maine, ließ vor einigen Jahren auf ihrer Reſi - dence zu Meaux etzliche Meilen von Paris gelegen, durch einige von ihrer Hofſtatt, zu Zeiten Comœdien ſpielen, ſpielte auch wohl ſelbſt mit. S. Nemeitz Sejour de Paris p. 89. Ein gewiſſer Autor ſagt bey dieſer Gelegenheit: Niemand ſchickt ſich zu die - ſer Verrichtung beſſer als die Hof-Leute, weil ein Hof nichts anders zu nennen iſt, als ein ſtets waͤh - render Schau-Platz, auf welchen immer eine Co - mœdie nach der andern geſpielt wird, und allwo immer neue Perſonen auftreten, welche ihrer Vor - fahren Masquen angenommen. Jſt ein Schau - ſpiel geendiget, ſo werden ſchon neue Masquen, Scénen, Machinen, Decorationen / und andere zur Verſtellungs-Kunſt benoͤthigten Dinge ausgear -beitet,807Von Opern und Comœdien. beitet, um der Welt ein abermahliges Schau - Spiel vorzuſtellen.

§. 18. Die Opern und Comœdien werden nicht allein von denen ordentlichen hiezu beſtellten Banden der Operiſten und Comœdianten, welche insgemein in die Teutſchen, Frantzoͤſiſchen und Jtaliaͤniſchen eingetheilt werden, repræſentirt, oder von Hof-Leuten, wie ich ietzt angefuͤhrt, und welches gar ſeltzam zu geſchehen pflegt; ſondern auch von Studioſis auf Univerſitaͤten / von Schuͤ - lern und Gymnaſten, auf den Schulen / und wohl gar von Moͤnchen und Nonnen, in manchen Roͤ - miſch-Catholiſchen Kloͤſtern. Anno 1702 nach - dem die Engliſchen Waffen in Teutſchland wider die Frantzoſen ſo treflich victoriſirt hatten, wurde von der Univerſitaͤt Oxford am erſten Tage des Neuen Jahres, auf den oͤffentlichen Theatro, eine in den zierlichſten Oratoren und Gedichten beſte - hende, und von den allda ſtudirenden jungen Edel - leuten recitirte Gluͤckwunſchungs-Opera aufge - fuͤhrt. Man ſtellte darinnen vor: Strenam Oxo - nienſem, das Oxfurtiſche Neu-Jahr-Geſchencke, Carolum III. hoſpitem, Koͤnig Carl den III. als ei - nen Gaſt, Cladem Hochſtadienſem, die Hoͤch - ſtaͤdtiſche Niederlage, Bavarum profligatum, den fluͤchtigen Bayer-Fuͤrſten. S. XXXII. Theil der Europaͤiſchen Fama. p. 575. Vor einigen Jah - ren wurde in den oͤffentlichen Zeitungen aus Jta - lien geſchrieben, daß die Nonnen des Cloſters der heiligen Cœciliæ ſich auf eine Comœdie anſchick -E e e 4ten,808IV. Theil. VI. Capitul. ten, welche ſie zu Ehren der Gemahlin des Præten - denten, ſo ſich bey ihnen aufhielte, um ſie zu di - vertiren, ſpielen wolten. Es pflegt dieſes auch gar offters bey manchen Gelegenheiten in den Kloͤ - ſtern zu geſchehen.

§. 19. Die Banden der Operiſten und Comœ - dianten werden an manchen Hofe beſtaͤndig ſala - rirt, an andern Hoͤfen hingegen genuͤſſen ſie nur alle Jahre gewiſſe Præſente, zu der Zeit da ſie die - ſelben zu beſuchen, und ſich eine Zeitlang dran auf - zuhalten pflegen. Bißweilen wird nicht ein Pfen - nig aus der Landes-Fuͤrſtlichen Caſſe zu Unter - haltung der Opern und Comœdien genommen, ſondern die Capellmeiſter dirigiren ſie auf Gewinn und Verluſt. An etzlichen Hoͤfen aber werden wohl zu Tonnen Goldes durch die Opern und Comœdien des Jahrs conſumirt, zumahl wenn in manchen Opern praͤchtige Machinen und koſt - bare Kleidungen vorkommen. Bey der Vermaͤh - lung des Roͤmiſchen Kayſers Leopoldi, wurden die 3 beruͤhmten Opern Pomo d’oro, la Monarchia latina und Cybele mit ſolcher Pracht vorgeſtellt / daß man verſichere, es haͤtte allein Pomo d’oro uͤber hundert tauſend Thaler gekoſtet.

§. 20. Etwas beſonders war es, was Curioſus Alethophilus in ſeiner Hiſtoria moris Civilis ſ. aulici p. 43. anfuͤhrt: daß Koͤnig Ludwig XIV. in Franckreich zu ſeiner Zeit, Kinder von 5 biß 6 Jah - ren abrichten laſſen, die Comœdien und Opern haͤtten muͤſſen ſpielen / und dieſes haͤtten ſie mit ſol -cher809Von Opern und Comœdien. cher Geſchicklichkeit verrichtet, daß ſie manche von den aͤlteſten uͤbertroffen haͤtten.

§. 21. Ob zwar einige luſtige Intervalla eine Comœdie gar ſehr enbelliren, und es gar ange - nehm / wenn den Zuſchauern die ernſthafften Hand - lungen durch einige ſchertzhaffte Harlequins Strei - che adoucirt werden, ſo wird doch bey den Comœ - dien, die bey Hofe repræſentirt werden, nicht leicht - lich verſtattet, daß allzufreye oder unerbahre Reden oder Poſſen darinnen vorgebracht werden. Alſo wurde vor dem Jahre aus Paris in oͤffentlichen Zeitungen gemeldt, daß die ietzige Koͤnigin in Franckreich ihren Jtaliaͤniſchen Comœdianten an - befohlen, ſich auf dem Theatro aller unanſtaͤndi - gen Redens-Arten zu enthalten. Kayſer Ferdi - nand II. fand zwar an den Comœdien bißweilen ſeine Beluſtigung, inzwiſchen waren ihm doch alle diejenigen zuwider, die entweder gar zu laͤcherlich, oder zu poſſenhafft inventirt. Er ſahe es am lieb - ſten / wenn ihm eine Comœdie das Leben, und den Ritterlichen Kampff eines heiligen Maͤrtyrer, vor Augen ſtellte. Er befoͤrderte einige Studioſos zu anſehnlichen Dienſten, bloß um deswillen, weil er ſich erinnerte, daß ſie vor Zeiten die Perſon eines Heiligen in der Comœdie zierlich und wohl vertre - ten. S. Kevenhuͤllers Annal. Ferdinand. XII. Th. pag. 2434.

§. 22. Von den meiſten groſſen Hoͤfen hat man eigene erbaute Opern - und Comœdien-Haͤuſer, darinnen die oͤffentlichen Schau-Spiele vorge -E e e 5ſtellt810IV. Theil. VI. Capitul. ſtellt werden / an andern hingegen, werden nur zu der Zeit, da man Opern und Comœdien ſpielen will, gewiſſe Plaͤtze dazu zu recht gemacht, und Theatra erbaut, oder auch gewiſſe Saͤhle auf den Schloͤſſern dazu gewidmet. Daß die Opern - Haͤuſer hin und wieder in den Europaͤiſchen Laͤn - dern durch den Brand verungluͤckt, bezeugen ſehr viele Exempel. Ein gewiſſer Autor macht uͤber den Brand der Opern-Haͤuſer folgende Reflexion: Welcher verſtaͤndiger Menſch kan ſich wundern, daß die Opern-Haͤuſer ſo leicht entzuͤndet werden, weiß man denn nicht, daß in dieſen Venus-Tem - peln von eitel Liebes-Feuern geprediget wird, und daß die meiſten Zuhoͤrer ihre Sardanapaliſche An - dacht mit lichterlohe brennenden Hertzen darinnen verrichten. Solten denn alle dieſe gleichſam in ei - nen Mittel-Punct zuſammenſtoßenden Flammen, nicht endlich ein wuͤrckliches Feuer anzuͤnden.

§. 23. Damit nicht in den Comœdien und O - pern die bey Hofe geſpielt werden, durch die Zu - ſchauer eine und die andere widrige Unordnung entſtehen moͤge, ſo pflegen nicht allein die Eingaͤn - ge mit beſondern Trabanten oder andern Wachen beſtellt, ſondern auch bißweilen eigene Verord - nungen publicirt zu werden, auf was vor Art ſich ein ieder ſo wohl in Occupirung der Logen, als auch ſonſt hin und wieder bezeugen ſoll. An eini - gen Orten und zu manchen Zeiten wird niemand eingelaſſen, als wer ſich mit einen beſondern Billet, ſo er aus dem Hof-Marſchall-Amt bekommen,legiti -811Von Opern und Comœdien. legitimiren kan. Bißweilen wird anbefohlen, daß ein ieder en maſque erſcheinen ſoll, bißweilen aber wird den maſquirten Perſonen der Eingang ver - wehrt.

§. 24. Anno 1710 nahm der Marquis de Prié in dem Opern-Hauſe Capranica zu Rom, in der Carnevals-Zeit, ſo wohl die Kayſerliche als Spa - niſche Loge ein / unerachtet einige Frantzoͤſiſch-ge - ſinnte ſolches zu verhindern trachteten, alſo daß der Auditore Molines, welcher ſich ſonſt der Spani - ſchen Loge angemaßt, der ſtaͤrckſten Parthey zu welchen genoͤthiget ward. Hierauf ertheilten Se. Paͤbſtliche Heiligkeit Befehl, ermeldtes Opern - Hauß zu ſchlieſſen, aus Beyſorge, es moͤchte unter denen Bourboniſten und Anti-Bourboniſten eine ſolche Opera geſpielet werden, welche ſich mit einen Lami endigen, und aus Schertz Ernſt machen wuͤr - de. S. Europ. Famæ 97ten Theil p. 101. A. 1724. den 10 Febr. ließ der Graf von Wrangel, Gou - verneur zu Bruͤſſel, eine Verordnung abkuͤndigen / daß nemlich alle diejenigen, welche ſich kunfftig in dem Opern-Hauſe in den Raum / wo das Volck vor dem Theatro zu ſtehen pflegt, einfinden wolten, zu der Zeit wenn der Marquis de Prie und ſeine Gemahlin in ihre Loge gehen wuͤrden, ihre Huͤte abziehen, und ſo lange, biß Jhro Excellenz wie - der weggangen, vom Kopffe behalten ſolten; Da - mit ſich nun niemand mit der Unwiſſenheit entſchul - digen moͤchte, ſo iſt dieſe Verordnung an der Thuͤre des Opern-Hauſes angeſchlagen worden.

§. 25.812IV. Theil. VI. Capitul.

§. 25. Bey den erſten Chriſten waren die Co - mœdien und andere dergleichen oͤffentliche Schau - Spiele ſehr verhaßt, ſie hielten genaue Aufſicht daß ſie keine Comœdianten, Gauckler, Taſchen - Spieler, Seil-Taͤntzer und dergleichen Geſindel in ihre Gemeinſchafft aufnahmen. Denn ſie hielten es, wie Cyprianus von ihnen ſchreibt, weder der goͤttlichen Majeſtaͤt, noch der Evangeliſchen Zucht gemaͤß, daß die Schamhafftigkeit und Gravitaͤt der Gemeinde durch eine ſo ſchaͤndliche Contagion geſchwaͤchet wuͤrde. Es wurde auch ſolche Lebens - Art ſelbſt unter den Heyden vor infam und unehr - lich gehalten. S. Arnolds Leben der erſten Chri - ſten, IV. Buch, VII. Cap. p. 516.

§. 26. Clemens Alexandrinus macht Lib. III. Pædagog. C. II. eine heßliche Beſchreibung von den Schau-Spielen, wie ſie damahls unter den Hey - den gebraͤuchlich geweſen. Er ſagt: Die Zuſam - menkuͤnffte bey den Schau-Spielen ſind voller Boßheit und Schande. Die Gelegenheit derſel - ben iſt eine Urſache der Unzucht, da die Weiber und Maͤnner ohn Unterſchied zuſammen kommen, daß einer den andern anſehe, indem die Augen geil ſind, werden die Begierden erhitzt, und weil ſie Zeit und Weile haben, ſo wachſen ſie zuſehens. Darum ſoll man die Comœdien und Schau-Spiele ver - bieten, welche von Boßheit, ſchandbahren und ei - teln, vergeblichen Worten angefuͤllet; denn welche ſchaͤndliche That wird nicht auf den Schau-Buͤh - nen oͤffentlich gezeigt? welche unverſchaͤmte Wor -te813Von Opern und Comœdien. te ſtoſſen die Comœdianten und Stock-Narren nicht aus, wenn ſie ein Gelaͤchter machen. Die Schau-Spiele ſind ſehr maͤchtig die Hertzen zu verkehren, und deswegen muß ſie ein weiſer Menſch meyden, weil ſie nur erfunden worden ſind zu der Ehre der Heydniſchen Goͤtter. Auf den Theatris ſchwatzen ſie ja in Comœdien von Unzucht und ſchaͤndlicher Liebe, in den Tragœdien von der Blut - Schande und Mordthaten. Die jungen Leute, die in ihren ſchluͤpfrigen Alter ſolten gezaͤhmt und wohl regiert werden, ſehen dieſen Greueln allemahl zu, und werden durch ſolche Bilder zu allen Schan - den und Laſtern unterwieſen.

§. 27. So ſehr als nun dergleichen Schau-Spie - le von einigen alten und neuen Kirchen-Lehrern herunter gemacht werden, ſo finden ſich auch hin - gegen wieder ſehr viel Verfechter und Vertheidiger der Opern und Comœdien. Sie ſchreiben den groteſquen Actionen auf dem Theatro einen un - vergleichlichen Nutzen zu; Sie meynen, ihr Haupt - Endzweck beſtuͤnde keinesweges darinnen, daß man die Gemuͤther der Menſchen bey ihrer Ungezogen - heit divertiren wolte, gleichwie ſich etwan diejeni - gen, ſo keinen Verſtand von der Sache haͤtten / traͤumen lieſſen, ſondern ſie zielten vielmehr directe dahin, daß man die Laſter unartiger Leute vor Au - gen ſtellen, und ſie gleichſam mit ſolchen heßlichen Farben abmahlen wolte, daß ſich andere daran ſpiegeln, und vor dergleichen huͤten lernten. Man haͤtte aus der Erfahrung, daß eine ſo lebendige Vor -ſtel -814IV. Theil. VI. Capitul. ſtellung und in Schertz beſchehene Beſtraffung der Laſter, den Leuten offt weit mehr zu Hertzen gienge, als eine vorgeſchriebene Morale, oder der Uſus epa - northoticus in der Leipziger Prediger Kunſt. Die ſchertzhaffte Morale fruchtete oͤffters weit mehr, als die ernſthaffteſte, und bahnte zu dieſer nicht ſelten den Weg, daß ſie hernach beſſer eindringe, und auf - genommen wuͤrde.

§. 28. Man muß bey den Opern und Comœ - dien, wie bey allen uͤbrigen Sachen in der Welt, den Gebrauch von den Mißbrauch wohl abſondern. Gleichwie die Menſchen durch ſehr viel Schau - Spiele mehr verſchlimmert als gebeſſert werden, alſo kan man auch nicht alle ohne Unterſchied ver - werffen. Wenn ſie wohl ausgearbeitet, ſo kan man aus den Schau-Spielen auf eine geſchwin - dere Art, als ſonſt, erkennen lernen, wie es in dem menſchlichen Leben hergehe, und inſonderheit was vor Gluͤck oder Ungluͤck aus manchen Handlungen zu entſtehen pflege. Weil in dem Leben alles nach und nach geſchicht, auch oͤffters lange Zeit hingeht, ehe das Ungluͤck kommt, welches man ſich durch laſterhafftes Leben uͤber den Halß ziehet, oder man auch im Gegentheil das Gluͤck erwartet, damit die Tugend belohnet wird ſo erkennet man nicht, daß dieſer oder jener Zufall aus dieſen oder jenen Hand - lungen erfolget, oder auch aus unſerm Vergnuͤgen das gegenwaͤrtige Mißvergnuͤgen erwachſen ſey; hingegen in Comœdien folgt alles, was zuſammen gehoͤrt, in einer kurtzen Reyhe auf einander, und derErfolg815Von Opern und Comœdien. Erfolg der Handlungen, laͤſt ſich daraus viel leich - ter und beſſer begreiffen, als wenn man im menſch - lichen Leben darauf Acht hat.

§. 29. Soll aber dieſer Nutzen aus den Comœ - dien und Opern entſtehen, ſo muͤſſen die Erfinder in den Zufaͤllen des menſchlichen Lebens ſehr erfah - ren, und in der Sitten-Lehre und Staats-Kunſt wohl geuͤbt ſeyn, und die Spieler muͤſſen ihren Character ſehr wohl vorſtellen koͤnnen. Es muß den Acteurs alles natuͤrlich und ungezwungen laſ - ſen, wenn es einen Eindruck in die Gemuͤther ma - chen ſoll, widrigen falls ſiehet es der Wahrheit nicht aͤhnlich, und niemand kan dadurch uͤberredet werden, daß die Sachen ſo auseinander erfolget, wie man in der Comœdie oder Tragœdie ſiehet, und bey dieſen Fall ſind die Freuden - und Trauer - Spiele mehr hinderlich und ſchaͤdlich, als nuͤtzlich. S. des Herrn Hofrath Wolffens Gedancken von dem Geſellſchafftlichen Leben der Menſchen. p. 272.

Das VII. Capitul. Von dem Carneval und Masqueraden.

§. 1.

Die Masqueraden uͤberhaupt ſind zwar bey einigen Seculis her an den Teutſchen Hoͤfen im Gebrauch geweſen, ſintemahl in einigen alten Geſchichten der Hoch -Fuͤrſt -816IV. Theil. VII. Capitul. Fuͤrſtlichen Haͤuſer angefuͤhrt wird, daß die Hoch - Fuͤrſtlichen Perſonen bey ihren Luſtbarkeiten mit vermumten Geſichtern herum gegangen. Es iſt aber die Masquirung der damahligen Zeiten, ge - gen die ietzigen ein bloßes Kinderſpiel geweſen. Heutiges Tages aber ſind die Masqueraden, nach - dem die Frantzoſen und Jtaliaͤner ſo ſehr hierinnen, wie in andern Arten der Luſtbarkeiten raltinirt, und wir Teutſchen ihnen ihre Kunſt-Stuͤcke treflich abgelernt, recht in Formam artis gebracht wor - den.

§. 2. Es iſt mehr als zu bekandt, daß die Car - nevals ihren Urſprung aus dem wolluͤſtigen Jta - lien herleiten, ſintemahl ſich die Jtaliaͤner an dieſe Arten der Ergoͤtzlichkeiten ſo ſehr gewoͤhnet, als an ihre Ave Maria. Jn dem Kirchen-Staat und in Rom gehen ſie ſo ſehr in Schwange, als in an - dern Provintzen und Staͤdten Jtaliens, es muͤſte denn ſeyn, daß entweder eine feindliche Unruhe den Kirchen-Staat bedrohete, oder eine andere allge - meine Land-Plage bevorſtuͤnde, da werden ſie von Jhrer Paͤbſtlichen Heiligkeit auf eine Zeitlang pro forma verbothen. Der Autor der Europaͤi - ſchen Famæ macht uͤber ein vom Pabſt Clemente XII. bey dergleichen Umſtaͤnden geſchehenes Ver - both, folgende Gloſſe: Jch halte davor, es ſey nie - mahls ohne Gefahr der Seelen Carneval zu hal - ten, weil der Teufel iederzeit ſo wohl in der gantzen Welt als auch in Jtalien herum gehet, wie ein bruͤllender Loͤwe, und ſucht welchen er verſchlinge,wenn817Von dem Carneval und Maſqueraden. wenn man ſchon in den ſicherſten Frieden lebt, und auf viel Meilen kein Soldat weder zu ſehen noch zu hoͤren iſt. Ob aber die Jtaliaͤner leben koͤnnen, wenn ſie ſich ein gantz Jahr nicht maſquirt haͤtten, und ob ſie die Faſten-Zeit uͤber in den Paßions - Predigten mit rechter Andacht auf das Hertze klopf - fen koͤnnen, wenn ſie nicht zuvor etzliche Wochen tauſenderley Thorheiten begangen, will ich nicht entſcheiden. Wenn es auch gleich einigen Paͤb - ſten ein Ernſt waͤre, daß ſie dieſe und andere der - gleichen Luſtbarkeiten auf eine Zeitlang abgeſtellt wiſſen wollten, ſo finden ſich doch bißweilen eini - ge barmhertzige Cardinæle, die durch ihre kuͤnfftige Interceſſionalien, die ſie vor die Luſtbarkeiten des Carnevals einlegen, Se. Paͤbſtliche Heiligkeit nicht ſelten auf andere Gedancken bringen. Bißwei - len bekommen ſie aber auch eine abſchlaͤgige Ant - wort. An. 1708 verboth Pabſt Clemens XI. alle Luſtbarkeiten des Carnevals. Weil nun viel Kaufleute, Kuͤnſtler und Handwercks-Leute durch dieſes loͤbliche Verboth an ihrer Nahrung gekraͤn - cket wurden, ſo erwegte dieſes dem Cardinal Mare - ſcotti zu einem ſolchen Mitleyden, daß er den aller - heiligſten Vater zu uͤberreden ſuchte, nur einige die - ſer Luſtbarkeiten zum Troſt der Kuͤnſtler und Handwercks-Leute zu verſtatten, er muſte ſich aber mit einer abſchlaͤgigen Antwort ſeine uͤbel ge - gruͤndete Liebe des Naͤchſten vergehen laſſen. S. den 24. Theil der Europaͤiſchen Famæ - pag. 79.

F f f§. 3.818IV. Theil. VII. Capitul.

§. 3. Aus Jtalien und Franckreich ſind die Ma - ſqueraden in andere Europaͤiſche Provintzen ge - drungen, und werden daſelbſt ſo lange beliebet / als friedliche und ruhige Zeiten in den Laͤndern ſind, oder als keine ſonderlichen Exceſſe dabey vorge - hen, oder die Geiſtlichkeit, wenn ſie bey Hofe in be - ſondern Anſehen ſteht, und ihre Vorſtellungen Ingreß finden, nicht allzuſehr darwider eifert. Bey dieſen Faͤllen aber, und wenn ſich die Um - ſtaͤnde veraͤndern, werden ſie entweder verbothen, oder doch eingeſchraͤnckt. Als anno 1724 der Bi - ſchoff zu Londen mehr als einmahl mit groſſen Ei - fer wider die Maſqueraden predigte, ſo wuͤrckte die - ſes ſo viel, daß ſie die Faſten-Zeit uͤber verbothen wurden. Als man ſie aber nach Oſtern wieder erlaubte, ſo gab dieſes einen Boͤſewicht Gelegen - heit zu einer ſehr ſpoͤttiſchen Schrifft, die er den Biſchoff zu Londen in das Hauß ſchickte. S. Ein - leitung zur neueſten Hiſtorie der Welt. II. Theil. p. 224. Jn Coppenhagen ergieng ebenfalls ein ſcharff Koͤniglich Verboth wider die Maſqueraden / weil die Herren Geiſtlichen von den Cantzeln ſich ſehr hart dawider hatten hoͤren laſſen, es ſtand aber dabey, daß dieſes Verboth ſich im geringſten nicht auf die Koͤniglichen hohen Miniſtres oder andere Vornehmen extendiren ſolte.

§. 4. Die Carnevals und Redouten ſind an den Teutſchen Hoͤfen nicht zu einer gleichen Zeit einge - fuͤhrt worden. Sie ſind an einen Hofe laͤnger Mode geweſen, als an den andern, an manchen ſindſie819Von dem Carneval und Maſqueraden. ſie nur vor 20 oder 30 Jahren her bekandt gewor - den. Dieſe Arten der Luſtbarkeiten ſind gar ſehr von einander unterſchieden, ſo wohl in Anſehung der Zeit und ihrer Dauer, als auch in Anſehung der Divertiſſemens, die man dabey vornimmt. Bißweilen continuiren ſie nur eine Woche durch, manchmahl aber auch wohl ein paar Monathe nacheinander. An einigen Hoͤſen beſtehen ſie nur in Verkleidungen und in den gewoͤhnlichen Spielen und Tantzen, ſo damit vereiniget, an an - dern aber ſind ſie mit vielen koſtbaren und ſolennen Luſtbarkeiten, als Aufzugen, Fuß-Turnieren, Feuerwercken, Kampff-Jagten u. d. g. vergeſell - ſchafftet. An den Hoͤfen, bey denen die Luſtbar - keiten ſehr im Schwange gehen, bemuͤhet man ſich alle Jahre eine der Herrſchafft angenehme Ver - aͤnderung damit vorzunehmen.

§. 5. Bey den Maſqueraden wird entweder eine gewiſſe Invention durchgefuͤhret, darnach ſich ein iedweder bey ſeiner Verkleidung zu richten hat als wie bey einer Maſquerade der Nationen, oder bey einem Goͤtter-Aufzuge, oder es wird einen iedwe - den die Freyheit verſtattet, ſich nach eigenen Ge - fallen zu kleiden, wie es einer am beſten inventiren oder nach ſeinem Beutel ausfuͤhren kan, dafern er nur hiebey nicht etwan denen deßfalls publicirten Landes-herrlichen Verordnungen zuwider han - delt, oder wider die Regeln der Klugheit verſtoͤßt, die ein iedweder bey dergleichen Faͤllen in Obacht zu nehmen hat. Alſo iſt es nicht rathſam, wennF f f 2einer820IV. Theil. VII. Capitul. einer den andern Tag eben dergleichen Habit an - leget, als er den vorigen bey den Landes-Herrn oder ſonſt bey einer ſehr hohen Standes-Perſon obſervirt, oder in einer ſo monſtröſen Maſque er - ſcheinet, daß die Zuſchauer uͤber einen ſolchen An - blick mehr in Schrecken geſetzt als divertirt wer - den.

§. 6. Jn des beruͤhmten Guſtavi Heræi Ge - dichten findet man p. 227. eine kurtze poetiſche Be - ſchreibung der Maſqueraden.

Hier gilt kein Unterſcheid, wer erſt kommt, gehet
vor,
Beym Doctor geht ein Narr, beym Herrn ſitzt
ein Bauer,
Die Chriſtin fuͤhrt ein Tuͤrck, das ſchoͤnſte Bild
ein Mohr,
Es wird den Sclaven nichts, dem Bettler auch
nichts ſauer,
Offt ſpielt die Frau den Mann, offt wird der
Mann ein Weib,
Verwandlung geht im Schwang, als zu der
Tichter Zeiten,
Sie macht zur Fledermauß den allerzaͤrtſten
Leib.

§. 7. Die Maſquen verſammlen ſich auf den Redouten-Saͤlen gegen den Abend, und warten die Luſtbarkeiten auf mancherley Weiſe ab, biß nach Mitternacht. Die ſich vor den andern in Habiten recht diſtinguiren wollen, laſſen ihre Ma -ſquen821Von dem Carneval und Maſqueraden. ſquen aus Franckreich und Jtalien verſchreiben, die andern aber ſie in den Reſidentz-Staͤdten bey denjenigen Leuten, die ſich an ſolchen Oertern dar - auf legen, verfertigen. Bißweilen wird niemand von dem Poͤbel eingelaſſen, und die Wachen auf das ſchaͤrffſte beordert, keinen, als Standes-Per - ſonen nebſt Cavaliers und Dames den Eintritt zu verſtatten. Zu manchen Zeiten aber bekommt ein iedweder Erlaubniß, wenn er nur maſquirt iſt, einen Mitſpieler oder Zuſchauer dabey abzuge - ben.

§. 8. Bey der jaͤhrlichen neuen Einrichtung und der Veraͤnderung des Carnevals muͤſſen die Com - poniſten, Operiſten und andere von dieſer Gat - tung, nebſt den Tantzmeiſtern einen neuen Plan oder Projet verfertigen, und ſolches dem Intendant des Plaiſirs, oder demjenigen Miniſtre, der uͤber derglei - chen Sachen geſetzt, zur Unterſuchung uͤbergeben, damit ihm derſelbe der Durchlauchtigſten Herr - ſchafft zur Approbation zeigen koͤnne.

§. 9. Die Redouten-Saͤhle werden mit den ſchoͤnſten ſilbernen oder cryſtallenen Cronen-Leuch - tern und viel tauſend weiſſen Wachs-Fackeln ge - zieret, welche denn durch die um und um befindli - chen groſſen Spiegel, ſilbernen Tiſche und ander Silberwerck ihren Schein verdoppeln, und alles erleuchten. Jn den Neben-Zimmern findet man mancherley Arten des Zeitvertreibs, an Bretſpie - len, Schachſpielen, Biliard-Tafeln und andern Spielen.

F f f 3§. 10.822IV. Theil. VII. Capitul.

§. 10. Die Plaͤtze, wo ſich die hohe Landes - Herrſchafft nebſt der Nobleſſe befinden, werden durch gewiſſe Schrancken, entweder durch einige Erhoͤhung von etlichen Staffeln oder auf andere Art abgeſondert. Zu Ende der erhoͤheten Schran - cken ſtehen bißweilen unter einem propren Balda - chin einige Sammet-Stuͤhle vor die Durchlauch - tigſten Perſonen. Manchmahl iſt es einigen Fuͤrſt - lichen Perſonen nicht gefaͤllig in Maſque zu erſchei - nen, und belieben unmaſquirt hohe Zuſchauer da - bey abzugeben.

§. 11. Man hoͤret darbey zu Vergnuͤgung der Ohren mancherley Concerte von Violinen, Wald - hoͤrnern, Hautbois und andern Inſtrumenten, wel - che ſtets Menuets, Teutſche, Engliſche, auch wohl Polniſche und Ungariſche Taͤntze aufſtreichen. Bey den Kraͤmern, die man hin und wieder auf dem Saale und in den andern Behaͤltniſſen an - trifft, kan ein iedweder nach Gefallen Caffé, Thé, Chocolade, Limonade, Liqueurs, Roſolis, Con - fituren, Obſt, Paſteten, Biſcuite und dergleichen Genaͤſche bekommen. Uber dieſes ſtehen in den Neben-Zimmern mancherley Tafeln mit delicaten Speiſen beſetzt, von denen die Cavaliers und Da - mes nach Gefallen etwas nehmen und zulangen koͤnnen.

§. 12. Zu den Carnevals-Zeiten ſiehet man auch gemeiniglich um den Redouten-Saal, oder an ei - nem beſondern Platz eine Mercerie vorgeſtellet. Der gantze Platz und die beſondern Boutiquen ſindzur823Von dem Carneval und Maſqueraden. zur Abends-Zeit mit vielen Lichtern erleuchtet, und zuweilen mit gruͤnen Tannen - oder Orange-Baͤu - men ausgeziert. Die Boutiquen ſind in einer gu - ten Symmetrie und nach ordentlichen Figuren ge - ſetzt, und faſſen allerhand artige Sachen und Ga - lanterien in ſich, die auf eine angenehme Art in die Augen fallen. Jn dieſer Boutique zeigen ſich al - lerhand Silber-Geſchirre und andere Jubelirer - Waaren, in der andern mancherley Chineſiſches, Japaniſches und Jndianiſches Porcelain, und noch in einer andern, Leute, die mit unterſchiedenen opti - ſchen Bildern handeln, die, wenn man ſie umkehrt, ſtets etwas neues vorſtellen. Der Nahme eines ieden Kauffmanns wird uͤber ſeiner Bude auf ei - nem papiernen Schilde aufgemacht, auf welchen man zugleich die Waaren mit vorſtellet, die in ieder Bude anzutreffen. Hier wird man Comœdian - ten, Marionetten-Spieler und Marcktſchreyer ge - wahr, und da haͤlt eine maſquirte Perſon in einer Bude eine Banco zu Pharao, und die Spieler ſind gleichfalls maſquirt. Ein ſolcher Marckt con - tinuirt offt das gantze Carneval hindurch, und wird keinen Abend vor Endigung der Redoute geſchloſ - ſen. Es wird beſondere Mannſchafft comman - dirt, die in Circo continuirlich patroulliren, und das an Boutiquen haͤuffig ſtehen bleibende, aber nichts kauffende Volck wegtreiben, und alſo einem ieden einen freyen Zutritt zu den Verkaͤuffern ver - ſchaffen muͤſſen, auch auf die mit untermengten Freykaͤuffer zugleich ein wachſames Auge zu haben.

F f f 4§. 13.824IV. Theil. VII. Capitul.

§. 13. Es wird gar oͤffters gegen die Nachtzeit nach geendigter Maſquerade auf eine ſehr magni - fique Art Tafel gehalten, und da fuͤhret denn ein ieder Cavalier ſeine Dame zur Tafel, ohngeachtet ſie nicht wiſſen / wer ſie ſind. Die Bedienten, ſo dabey mit aufwarten, ſind gemeiniglich in Hauß - knechts - oder andern Habit verſtellt.

§. 14. Zu Verhuͤtung alles Unheyls werden nicht nur auf dem Schloſſe und dem Redouten-Hauſe allenthalben gute Wachen ausgeſtellt, ſondern es muͤſſen auch die Soldaten und Buͤrgerſchafft die gantze Nacht patroulliren, damit kein Unfug vor - genommen, und die Muthwilligen beſtrafft werden. Sie muͤſſen die Leute vor Schaden warnen, und einen ieden vermahnen, ſich in der Stille nach ſei - nem Quartier zu begeben.

§. 15. Wenn die Carnevals zu Ende gehen, ſo werden ſie gemeiniglich mit einer Wirthſchafft oder Bauern-Hochzeit beſchloſſen.

Das VIII. Capitul. Von den Wirthſchafften und Bauer-Hochzeiten.

§. 1.

Die beſondern Arten der Verkleidungen, da ſich Fuͤrſtliche Perſonen gefallen laſſen nebſt ihrer Hofſtatt auf eine Zeitlang in den Habit der Bauern, oder auch anderergerin -825Von Wirthſch. u. Bauer-Hochzeiten. geringen Leute zu verſtecken, iſt von unterſchiedenen Seculis her nicht allein in Teutſchland, ſondern auch an allen Europaͤiſchen Hoͤfen eingefuͤhret. An manchen Oertern ſind gewiſſe Land-Haͤuſer zu dieſen Divertiſſemens gewidmet. Alſo ſchreibet Molesworth in ſeiner Nachricht von dem Koͤnig - reich Dennemarck p. 200. daß der Koͤniglich-Daͤ - niſche Hof ſich allezeit auf einem Dorff, Nahmens Amak, welches ein paar Meilen von Coppenhagen gelegen waͤre, als Nord-Hollaͤndiſche Bauern zu verkleiden pflegte. Die Majeſtaͤt wuͤrde daſelbſt auf die Seite geſtellt; die Koͤniglichen Herrſchaff - ten ſpeißten nebſt ihrer Hofſtatt auf hoͤltzernen und irrdenen Schuͤſſeln, und tantzten nach Bauern - Muſic.

§. 2. Dieſe Luſtbarkeiten werden mehrentheils Wirthſchafften genennet, und auf verſchiedene Weiſe angeſtellet. Bißweilen geſchehen ſie en Maſque, und bißweilen ohne Maſque. Einige be - ſtehen in mancherley nur erſinnlichen Handwer - ckern und ſind mit einer Mercerie oder einer Nach - ahmung eines ſolennen Jahrmarckts vereiniget. Die mancherley Boutiquen, die mit den koſtbar - ſten Galanterie-Waaren und artigſten Ulumina - tionen ausgeputzt, und nach beſondern Figuren gar ſinnreich ordonirt, formiren einen ſehr ſchoͤnen Proſpect. Der gantze Platz iſt mit Pyramiden, an denen viel hundert Lampen haͤngen, gezieret und erleuchtet. Die Kauffer und Verkauffer ſind ho - he Standes-Perſonen, und die darzu ausgeſuchtenF f f 5Spitz -826IV. Theil. VIII. Capitul. Spitzbuben ehrliche Leute. Die vornehmen Schee - renſchleiffer, die Raritaͤten-Kaſtentraͤger und die Charletans, die man hin und wieder antrifft, erwe - cken einen angenehmen Lermen, und locken viel Zu - ſchauer und Liebhaber an ſich.

§. 3. Andere Wirthſchafften beſtehen in eini - gen Banden gewiſſer Profeſſionen oder Handthie - rungen, die man darzu erwehlet. Alſo wurde vor einigen Jahren in Dresden eine wohl inventirte Wirthſchafft aus Wintzern, Schaͤfern, Muͤllern und Gaͤrtnern angeſtellt, welche die Zunfft der vier Haupt-Diebe betitult wuꝛde. Manche machen einen National-Aufzug aus, bey denen die meiſten Natio - nen, in ſo weit als ihre Art der Kleidungen bekandt worden, vorkommen. Andere ſind noch auf ande - re Art eingerichtet.

§. 4. Vielmahls werden ſolche Wirthſchafften bey Anweſenheit frembder Herrſchafften ihnen zu Ehren und zu Gefallen angeſtellet. Es kan auch bißweilen bey der Gelegenheit mancher Rang-Di - ſput vermieden werden. Als der letzt-verſtorbene Czaar zu Moſcau Petrus I. ſich anno 1698 inco - gnito zu Wien aufhielt, ſo ward ihm zur Luſt eine treffliche Wirthſchafft an dem Kayſerlichen Hofe angeordnet, wobey der Kayſer und die Kanſerin den Wirth und die Wirthin, der Roͤmiſche Koͤnig einen Perſianer, und der Czaar einen Frießlaͤndi - ſchen Bauer præſentirten. Bey dieſer Luſtbar - keit ſtanden der Kayſer Leopoldus von Tafel auf, traten mit einem koſtbahren cryſtallenen Glaſe vollWein827Von Wirthſch. u. Bauer-Hochzeiten. Wein zu dem Frießlaͤndiſchen Bauer, und ſagten zu ihm: Er wuͤſte wohl, daß er den Groß-Czaar von Moſcau wohl kennte, deſſen Geſundheit er ihm hiermit braͤchte. Worauf der verkleidete Frieß - laͤndiſche Bauer ſich auf das hoͤflichſte bedanckte, das Glaß nahm, und antwortete: Er muͤſte aller - dings geſtehen, daß er den Groß-Czaar in - und auswendig wohl kennte, er ſey ein Freund von Jh - rer Kayſerlichen Majeſtaͤt, und ein Feind ſeiner Feinde, ja ſo gar vor des Kayſers Intereſſe und Liebe portirt, daß er, wenn auch das Glaß voll Gifft waͤre, daſſelbe dennoch austrincken wolte. Als er nun das Glaß ausgetruncken, und es dem Kayſer leer wieder geben wolte, ſagte der Kayſer, weil er gar nichts in dem Glaſe gelaſſen, wolte er es ihm hiemit geſchenckt haben, welches er auch mit groſſen Vergnuͤgen annahm, und verſicherte, daß, weil er lebte, ſein Hertz bey Erinnerung dieſes Gla - ſes zu Jhrer Kayſerlichen Majeſtaͤt Dienſten ſtehen ſolte. Nach dieſen gieng er zu dem Roͤmiſchen Koͤ - nig, und ſagte: Ewre Majeſtaͤt ſind noch jung, und koͤnnen den Trunck beſſer vertragen als dero Herr Vater, noͤthigte ihn alſo, daß er ihm Geſundheits - Glaͤſer Beſcheid that, und dieſes Feſtin zu hoͤchſten Vergnuͤgen beſchloſſen ward.

§. 5. Auf dem Saale, oder in dem Hauſe, wo die Tafel dieſer Wirthſchaffts-Aſſemblee gehalten werden ſoll, wird gemeiniglich ein curieuſer und lu - ſtiger Schild angehefftet, mit einer inventieuſen und artigen Einfaſſung, und zu der Materie ſichwohl828IV. Theil. VIII. Capitul. wohl ſchickenden Verſen. Bey der vorhin an - geſuͤhrten Wirthſchaffts-Maſquerade, die a. 1725 in Dresden gehalten wurde, und aus den vier Ban - den, der Schaͤfer, Wintzer, Gaͤrtner und Muͤller beſtand, laſe man auf dem Wirthſchaffts-Schilde folgende Verſe:

Jhr Gaͤſte, kommt zum Trunck, kommt her zum
Tantz und Schmauß,
Jhr findet alles hier umſonſt in dieſen Hauß;
Spielt, eſſet, trincket, tantzt, und ſchertzet nach
Belieben.
Der Schild zeigt an, der Wirth mag wachſam
ſeyn,
Es zieht allhier in dieſer Herberg ein
Die Zunfft von den vier groͤſten Dieben.

§. 6. Bey dergleichen Wirthſchafften kommt es hauptſaͤchlich darauf mit an, daß man die Per - ſonen nach ihren Staturen, Sprache, Alter, natuͤr - lichen Geſchicklichkeit und anderen aͤußerlichen Um - ſtaͤnden wohl zu choiſiren wiſſe, und einem ieden denjenigen Character beylegen, wozu er ſich dem Anſehen nach am natuͤrlichſten ſchickt. So muß auch der Habit gantz accurat mit der Kleidung de - rer die man nachahmt, uͤbereinkommen. Gemei - niglich wird die aͤußerliche Façon der Kleidung nur beybehalten, der Zeug aber nach den hoͤhern Stand der Perſonen, die ſich dergleichen Habit gefallen laſſen mit etwas koſtbaren verwechſelt, iedoch ge - ſchicht es auch bißweilen, daß man um die Nach -ahmung829Von Wirthſch. u. Bauer-Hochzeiten. ahmung deſto vollkommener einzurichten, ſich auch nur gleichmaͤßige Materie zur Kleidung gefallen laͤſt.

§. 7. Die Wirthſchaffts-Aſſemblee ziehet biß - weilen in einem ordentlichen Aufzug durch die gan - tze Stadt / entweder zu Fuß oder zu Pferde, oder zu Wagen, bißweilen aber auch nur uͤber den Schleß - Platz aus einem Gemach in das andere. Beſte - het die Wirthſchafft in unterſchiedenen Banden, ſo hat eine iede ihren Chef und Cheſſin bey ſich, ſo die vornehmſten ſind, und ſich in proprer Kleidung vor den uͤbrigen diſtinguiren. Die Cavaliers verſammlen ſich bey ihren Chefs, die Dames aber bey ihren Cheffin.

§. 8. Die Muſic muß mit dem Character der Perſonen harmoniren, die bey dem Aufzug und bey einer ieden Bande præſentirt werden. Wird ein Aufzug von Bergleuten aufgefuͤhrt, ſo gehet eine Bergmaͤnniſche Muſic. Bey einer andern wirth - ſchafftlichen Proceſſion marchiret auch wohl eine Bande von der Hof-Capelle mit Inſtrumental - Muſic vorher, die bißweilen gantz propre gekleidet in gruͤn Taffet-Kleider mit Silber bordirt. Jſt es zu Abend, ſo macht auch wohl ein Nacht-Waͤch - ter der Anfang mit dem Aufzuge. Bey einem Bauem-Aufzuge hoͤrt man Spielleute mit Gei - gen, Schallmeyen, Dudelſaͤcke, welche allerhand Teutſche und Pohlniſche Taͤntze aufſpielen.

§. 9. Nach der Muſic kommen die andern Per - ſonen des Aufzuges, als bey einer ordinairenWirth -830IV. Theil. VIII. Capitul. Wirthſchafft ein 12 oder vier und zwantzig paar der Hauß-Knechte und Hauß-Maͤgde, die aus beyderley Geſchlechte von den juͤngſten, ſchoͤnſten und artigſten Leuten hiezu ausgeſucht worden - Nach dieſen der Wirth und die Wirthin, die unter - ſchiedene Koͤche und Koͤchinnen, nebſt andern Kuͤch - und Keller-Bedienten, deren er in ſeiner Wirth - ſchafft benoͤthiget, bey ſich fuͤhret. Bey einem ver - miſchten Wirthſchafft-Aufzuge folgen uͤber die an - dern Perſonen auch noch allerhand frembde Natio - nen als Chineſer, Americaner, Zigeuner u. ſ. w.

§. 10. Bey einer Bauer-Hochzeit iſt uͤber den Wirth und die Wirthin, den Braͤutigam und die Braut, auch noch des Braͤutigams Vater und Braͤutigams Mutter, Braut Vater und Braut Mutter, die Braut-Fuͤhrer und die Kraͤntzel-Jung - fern, oder nach der Saͤchſiſchen Mund-Art die Zuͤcht-Jungfern, der Braut Bruder und Schwe - ſter, allerhand frembde Bauer-Nationen, an Schwaͤbiſchen, Tyrolern, Schweitzeriſchen, Hol - laͤndiſchen, Schwediſchen, Spaniſchen und Nor - wegiſchen. Es wird auch gemeiniglich ein Dorff - Schultze nebſt einem Schulmeiſter mit dabey auf - gefuͤhrt.

§. 11. Es werden vorhero die Billetten gezogen, die eine ſolche Hochzeit vorſtellen ſollen. Die Hochzeit-Bitter laden nebſt den Braͤutigam die Fuͤrſtlichen Perſonen zur Hochzeit ein, und thun nach Baͤuriſcher Weiſe eine luſtige Anrede.

§. 12. Bey dem Aufzuge kommt vorher ein Wa -gen831Von Wirthſch. u. Bauer-Hochzeiten. gen mit Spielleuten, die ſich auf Schallmeyen oder andern Inſtrumenten hoͤren laſſen, wie ſie in einem ieden Lande gebraͤuchlich ſind. Die Waͤgen ſind zwar nach Baͤuriſcher Art verfertiget, iedoch ſchoͤn gruͤn oder roth angeſtrichen, auch wohl biß - weilen verguͤldet, und mit gruͤnen Reißig beſteckt, die Pferde mit guͤldenen Zuͤndel und bunten Baͤn - dern ausgeputzt.

§. 13. Die Braut ſitzt mit ihren Geſpielinnen auf einen Wagen, welchen die andern Gaͤſte nach - folgen, der Braͤutgam ſitzt zu Pferde, und ſchießt mit denen die ihm begleiten, bißweilen loß. Die andern, ſo Bauern bedeuten ſollen, reiten paar und paar, und werffen bißweilen Citronen, Pomeran - tzen und Pommes de Sine unter die Leute, auch wohl in die Fenſter.

§. 14. Wenn nun dieſer Wirthſchafftliche Auf - zug in ihrer Auberge angelangt, ſo werden ſie von den Wirthen und der Wirthin auf das freundlich - ſte angenommen, und zur Tafel gefuͤhrt. Bey dieſen Mahlzeiten wird das Baͤuriſche Weſen viel - mahls nachgeahmt. Die Speiſen ſind ſchlecht, und nach Art des Landmanns zugerichtet, die Schuͤſſeln von Thon, und die Teller von Holtz, man trinckt aus Bier-Glaͤſern und hoͤltzernen Schleiffkannen, und iſt allenthalben hierbey nichts von Pracht noch Verſchwendung zu ſpuͤhren. Doch dieſes iſt nicht allezeit. Offters ſind die Tafeln auf Fuͤrſtliche Weiſe beſtellt / obſchon derWirth832IV. Theil. VIII. Capitul. Wirth und die Gaͤſte auf einige Zeit den Perſonen niedrigen Standes aͤhnlich ſcheinen; iedoch muß auch bey der Tafel einige Harmonie ſeyn mit dem, ſo durch den Wirth und ſeine Gaͤſte vor dieſes mahl vorgeſtellt wird. Die Schuͤſſeln und Teller ſind gemeiniglich aus ſeinen Porcelain, die Aufſaͤtze der Speiſen muͤſſen einigermaßen mit der gemei - nen Façon uͤbereinkommen, und die Fuͤrſtliche Magnificence wird hier und da durch gemeine Manieren verſteckt. Bißweilen ſind einige Hof - Confituriers ſo kuͤnſtlich, daß ſie alle Banden des gantzen Aufzuges recht wohl proportionirt, mit gehoͤrigen Farben illuminiren, auf gewiſſe Poſte - menter ſtellen / und ſolche hernach unter den Con - ſituren mit anbringen.

§. 15. Bey dergleichen Wirthſchaffts-Mahl - zeiten geben ſich bißweilen die hoͤchſten Standes - Perſonen Muͤhe, und zugleich das Plaiſir den ma - ſquirten Gaͤſten bey der Tafel aufzuwarten, um nach einen und dem andern mit zum Rechten zu ſehen, und die Gaͤſte zugleich zur Froͤlichkeit auf - zumuntern. Sie diſtinguiren auch diejenigen, vor die ſie beſondere Gnade haben vor den andern, und bringen ihnen ein Glaß Wein zu mit einer obligeanten und gnaͤdigen Anrede. Als anno 1678 Fuͤrſt Johann George II. zu Anhalt-Deßau bey einer Bauer-Verkleidung am Kayſerlichen Hofe zu Wien als ein Hollaͤndiſcher Schiffer erſchienen, ſtanden Jhro Kayſerliche Majeſtaͤt Leopoldus von der Tafel auf, traten hinter demFuͤrſten833Von Wirthſch. u. Bauer-Hochzeiten. Fuͤrſten, und brachten ihm ein groß Glaß Wein zu mit dieſen Worten: Weil ich glaube, daß ſich kei - ner aus der gantzen Geſellſchafft beſſer auf den Wind verſteht, als der Hollaͤndiſche Schiffer, ſo trinck ich ihm dieſe Geſundheit zu mit Wundſch, daß derjenige Wind dem Roͤmiſchen Reich, mei - nem Ertz-Hertzoglichen Hauſe, und Jhnen auch ſelbſt iederzeit favorable ſeyn und anwehen moͤge, ſo wie Sie ihn verlangen, worauf Seine Durch - lauchtigkeit, ob es ſchon Tokayer geweſen, das Glaß auf einmahl ausgetruncken, und die Dames und Cavaliers haben alle mit den ſilbernen Meſſern auf die Teller geklopfft, und Vivat dazu geruffen. S. Beckmanns Anhaͤltiſcher Geſchichte V. Theil. pag. 256.

§. 16. Sind die hohen Gaͤſte von den Tafeln bey Bauer-Hochzeiten oder bey den Wirthſchaff - ten aufgeſtanden, ſo geſchicht es nicht ſelten, daß nachgehends die gantzen Tafeln, wie ſie mit Spei - ſen und Getraͤncke beſetzt ſind, denjenigen, die Er - laubniß bekommen Zuſchauer dabey abzugeben, Preiß gegeben werden. Nach der Tafel werden teutſche Taͤntze vorgenommen, und bey den Bauer-Hochzeiten den neuen Eheleuten die Hochzeit-Geſchencke / die in Kruͤgen, zinnernen Gefaͤßen und andern dergleichen Haußrath beſte - hen, Preiß gegeben.

G g gDas834IV. Theil IX. Capitul.

Das IX. Capitul. Von Schlittenfarthen.

§. 1.

Die Schlittenfarthen ſind ein ſolch Winter - Divertiſſement, ſo die Natur und die Nothwendigkeit erfunden und gelehrt, die Kunſt aber und die luͤſterne Eitelkeit der Menſchen ie mehr und mehr vergroͤſſert, erwei - tert und ausgeputzt. Molesworth meldet in ſei - nem Etat du Royaume de Danemarc. p. 113. daß in Dennemarck ſich niemand unterſtehen duͤrffte, auf dem Schlitten in der Stadt zur Luſt zu fahren, biß der Koͤnig und der Hof zu erſt an - gefangen. Zu Zeiten Koͤnigs Chriſtiani V. wurde dieſes ſo gehalten. Ob dieſes heutiges Tages noch gebraͤuchlich, laſſe dahin geſtellt ſeyn.

§. 2. An einigen Orten, wann die hohe Landes - Herrſchafft zur Winters Zeit ſolenne Schlitten - Farthen anſtellt, muß die Soldateſque auf den Marckt und andern freyen Plaͤtzen der Reſidenz Parade machen, und es werden auf ieder Ecken, ſo lange die Durchlauchtigſte Herrſchafft ſich in Cir - co befindet, unaufhoͤrlich Paucken und Trompeten gehoͤrt, welches den Zuſchauern eine nicht geringe Ergoͤtzung giebt. Sie geſchehen meiſtentheils des Abends bey Fackeln, und es wird nicht ſeltenanbe -835Von Schlittenfarthen. anbefohlen, daß die Einwohner ihre auf die Straſ - ſen zugehende Fenſter an Haͤuſern Piramyden - weiſe und ſonſt durch allerhand vorſtellende Fi - guren mit Lichtern und Fackeln illuminiren muͤſ - ſen.

§. 9. An dem Kayſerlichen Wieneriſchen Ho - ſe hat man iederzeit ſolenne und praͤchtige Schlit - tenfarthen geſehen. Der Roͤmiſche Kayſer Joſeph war ein ſehr großer Liebhaber derſelben, und zeigte bey allen Gelegenheiten dabey ſeine Pracht, die Schlitten waren bey ihm ſo koſtbar, daß einer bißweilen zu zwantzig biß dreyßig tauſend Thaler zu ſtehen kam. Es ward alsdenn auf ei - nen ieden Platz der Stadt ein Troup Reuter von der Leib-Guarde poſtirt, welche hernach denen ſo die Schlittenfahrt beſchloſſen, und dem Zug, in con - tinuirlichen Galop folgten.

§. 4. Der Anfang des Zuges der Schlitten - farthen geſchiehet auf unterſchiedene Weiſe. Mehrentheils pflegt ein Fuͤrſtlicher Ober-Stall - meiſter oder anderer Stallmeiſter mit einem leeren Schlitten vor allen den andern zu fahren, nach dieſen folgen die Fuͤrſtlichen Perſonen, und ſo dann die andern, wie ſie entweder dem Range oder Looße nach hintereinander gehoͤren.

§. 5. Der erſte Schlitten, in welchen der Stall - meiſter ſitzt, iſt ſehr praͤchtig, und wird mit ſehr viel Laquays und Laͤuffern begleitet. Es fahren auch wohl drey Schlitten mit den Fuͤrſtlichen Stallmei - ſtern vorher, als in den einen ſitzt der Ober-Stall -G g g 2meiſter,836IV. Theil. IX. Capitul. meiſter, und die andern beyden werden von zwey Unter-Stallmeiſtern regieret. Bißweilen reiten die ſaͤmmtlichen Reit-Knechte der Herrſchafft paar und paar voran. So fuͤhret auch wohl ein Offi - cier die Stangen-Knechte, und reiten derer 4 und 4 in einer Reyhe. Hernach dirigiren ein paar Officiers die Schlittenfahrt.

§. 6. Bey andern Schlittenfahrten reitet ein Reit-Knecht vorher, hernach kommt ein Wurſt - Schlitten mit 6 Pferden, auf dem 12 Trompeter und Paucker ſitzen, alsdenn ein 12 Reit-Knechte zu Pferde mit verguͤldten Schlitten-Stangen, nach dieſen einige Futter-Knechte, und auf dieſe wieder eine Reyhe Sattel-Knechte.

§. 7. Die Schlitten-Pferde werden auf das koſtbarſte mit ſilbernen Gelaͤute, mit Federbuͤſchen und Baͤndern, und andern Zierrathen ausgeputzt. Die Schlitten prangen mit Sammeten und an - dern Decken, die mit ſilbernen oder goldenen Fran - gen oder Treſſen beſetzt ſind. Man ſiehet die kuͤnſt - lichſte Mahlerey und Bildhauer-Arbeit daran. Sie præſentiren zuweilen artige Figuren, und ſie - het man gemeiniglich allerhand wilde Thiere auf denſelben zur Zierrath, als Baͤren, Tyger, Loͤwen, Hirſche, oder Voͤgel, als Reyher, Pelicane, Schwaͤhne, Adler, Strauße u. ſ. w. die entweder ausgeſtopfft, oder ausgeſchnitzt.

§. 8. Ein ieder Cavalier fuͤhrt ein Frauenzimmer neben ſich in Schlitten. Neben den Schlitten lauffen oder reiten eine gewiſſe Anzahl Pagen, La -quays837Von Schlittenfarthen. quays und Lauffer, die ebenfalls, in Anſehung der Habite, der Couleuren und anderer Umſtaͤnde, mit den Schlitten und unter ſich ſelbſt harmoniren muͤſſen. Vor ein paar Jahren wurden bey einer Schlittenfarth, ſo bey Hofe in Hannover gehalten wurde, die Schlitten von gewiſſen Reutern beglei - tet, die in der Geſtalt der alten Weiber maſquirt waren, und Tobacks-Pfeiffen im Munde fuͤhrten, welches curieus anzuſehen geweſen.

§. 9. Je praͤchtiger die Schlitten, ie groͤſſer der Aufzug, ie magnifiquer der Comitat, ie regulie - rer die gantze Ordnung der Schlitten, deſto an - ſehnlicher und ſolenner ſind die Schlittenfarthen. Den Schluß machen entweder ein Troup Reuter von der Milice, oder von den Fuͤrſtlichen Stangen - und Reit-Knechten, oder auch ein gantz leerer Schlitten, da das Pferd von ein paar Reit - Knechten gefuͤhret wird, oder ein Wurſt-Schlit - ten mit Trompetern und Pauckern, und andern Muſi cis.

§. 10. Zuweilen werden auch wohl gewiſſe hiſto - riſche und allegoriſche Schlittenfarthen gehalten, die einen Opernhafften Aufzug vorſtellen, inglei - chen gewiſſe Damen-Rennen auf Schlitten. An - no 1727 ſahe man zu Dreßden im Monath Ja - nuario bey hoͤchſter Anweſenheit Jhrer Majeſtaͤt des Koͤniges in Preuſſen ein ſolennes Damen - Rennen auf Schlitten. Die ſaͤmmtlichen Ren - ner wurden mit ihren Dames in 4 Banden einge - theilet, als blau, roth, gelb und gruͤn. Jede Ban -G g g 3de838IV. Theil. X. Capitul. de beſtund incluſive der Chefs aus 13 Schlitten, und es hatten ſo wohl die Pferde als Cavaliers und Dames groſſe Federbuͤſche von der Couleur ihrer Bande. Neben ieden Schlitten ſahe man 2 Be - diente, deren einer die Lantze, der andere aber das Javelin trug. Nach gegebenen Appell ward der Anfang von den 4 Chefs gemacht, ſo die Schlit - ten regierten. Die Damen rannten anfangs mit der Lantze nach dem Ringel, hernach wurffen ſie mit dem Javelin nach der Scheibe, dann ſpielten ſie mit Baͤllen nach niedrigern Scheiben, und end - lich ſpießten ſie mit bloſſen Degen einige auf der Er - den liegende Aepffel oder Citronen auf. Dieſen folgten wieder 4 von ieder Bande in ſolcher Ord - nung, biß ſie 12 Rennen vollbracht.

Das X. Capitul. Von Illuminationen.

§. 1.

Die Illuminationen ſind gewiſſe nach den Regeln der Bau-Kunſt und Perſpective ausgeſonnene Stellungen der Leuchter, Lampen und Fackeln / mit welchen nebſt der Mahlerey und andern darzu kommenden Aus - zierungen bey naͤchtlicher Weile gantze Gebaͤude, oder beſondere Stuͤcke der Gebaͤude, oder auch Plaͤtze, Gaͤrten u. ſ. w. erleuchtet werden. Sieſind839Von Illuminationen. ſind von ein paar hundert Jahren her bekandt ge - worden, iedoch an einem Hofe immer aͤlter als an dem andern. Bey der von Chur-Fuͤrſt Joachim I. zu Brandenburg anno 1509 in Neu-Rupin ange - ſtellten Luſtbarkeit des Turniers wird allbereits ei - ner Illumination Erwehnung gethan. S. die da - von herausgekommene Beſchreibung p. 14. Hin - gegen hat man an andern Hoͤfen in Teutſchland nur etwan vor 30 Jahren die erſte Illumination geſehen.

§. 2. Vor einigen Jahren hat man auch an dem Tuͤrckiſchen Hofe angefangen, ſie zu imitiren. Als a. 1724 wegen unterſchiedener Conqueten, ſo die Tuͤrcken in Perſien gemacht, erfreuliche Nachrich - ten einlieffen, ſo hatte der Groß-Sultan anbefehlen laſſen, alle Haͤuſer und Kram-Laͤden auszuzieren, und zu illuminiren. Man hatte auch ſo gar den frembden Geſandten zu verſtehen gegeben, wie ſie dem Groß-Sultan ein gar beſonder Plaiſir ma - chen wuͤrden, wenn ſie an dieſer Froͤhlichkeit Theil nehmen wolten, und ihre Pallaͤſte illuminiren lieſ - ſen. Man hatte auch auf platten Schiffen ver - ſchiedene Kunſt-Feuer wie Pyramiden und Schloͤſ - ſer formirt, præſentiret, welche die Nacht durch il - luminirt geweſen, und ſodann nach und nach ange - zuͤndet worden. S. Einleit. zur neueſten Geſchichte der Welt. XXVI. St. p. 134.

§. 3. Bey einigen Solennitaͤten dauren die Illu - minationen einige Tage nacheinander, und die Er - findungen werden ſtets veraͤndert: Den erſten TagG g g 4geſchie -840IV. Theil. X. Capitul. geſchiehet die Erleuchtung mit groſſen Fackeln, den andern Tag aber Pyramiden-weiſe mit lauter Lam - pen, oder auf andere Art. Alſo waͤhreten die naͤcht - lichen Erleuchtungen bey der Croͤnung des jungen Rußiſchen Monarchens Petri II. eine gantze Wo - che hinter einander. So werden auch wohl bey groſſen Feſtivitaͤten alle Glocken darzu gelaͤutet.

§. 4. Es laſſen nicht allein die gecroͤnten hohen Haͤupter und die Landes-Regenten an ihren ſolen - nen Freuden-Taͤgen, oder die Unterthanen, zur Be - zeugung ihrer Devotion und unterthaͤnigſten Freu - de, dergleichen Illuminationen anzuͤnden, ſondern auch die fremden Miniſtri und Abgeſandten, wenn eine ihnen hoͤchſt erfreuliche und ihren Souverains vortheilhafft - und ruͤhmliche Nachricht kund wird. Jm verwichenen Jahr ließ der Portugieſiſche Ab - geſandte den 31 April in Londen, wegen der doppel - ten Heyrath des Printzen von Braſilien mit der Spaniſchen Infantin, und des Printzens von Aſtu - rien mit der Portugieſiſchen Infantin, ſeinen Pal - laſt auf eine ſehr magnifique Weiſe mit vielen weiſſen Wachs-Fackeln illuminiren. Mitten auf dem Platz war eine ſehenswuͤrdige Machine in 3 eckigter Forme, und biß 30 Fuß hoch aufgerichtet, und mit Portraiten der Printzen und Princeßinnen, dem Portugieſiſchen Wapen / und vielen ſinnrei - chen Spruͤchen und Emblematibus ausgezieret. Dieſe Machine brannte 3 Abende nach einander mit 50 kleinen Laͤmpgen, in deren ieder 3 Dochte waren, auch ſetzte man 50 Lampen auf dem Platzherum,841Von Illuminationen. herum, allwo ein Brunnen war, woraus man dem Volck viel ſuͤſſen Wein ſpringen ließ.

§. 5. Die Illuminationen ſind theils einfach, theils ſehr kuͤnſtlich und zuſammen geſetzt. Manch - mahl werden nur inwendig in Haͤuſern und in den Hoͤfen die Lampen auf erhabenen Geſtellen Alleen - weiſe ordoniret, die Fenſter mit weiſſen brennen - den Wachs-Fackeln beſetzt, und die Zimmer zu - gleich zur Repercuſſion der Strahlen mit koſtbah - ren Spiegeln und Orengerien ausmeublirt. Biß - weilen ſind ſie mit kleinen Feuerwercken vermiſcht, und geben zu gleicher Zeit, theils ein Feuerwerck, theils eine Illumination ab.

§. 6. Es werden dem Feuer und den Flammen mancherley Figuren gegeben, nachdem ſichs die Kuͤnſtler auszuſinnen pflegen. Bald werden die Lichter, zumahl in der Hoͤhe ſo geſtellt, daß ſie von weiten nur wie die Sterne ſcheinen, und gewiſſe Nahmen vorſtellig machen, bald große Klumpen und Feuer-Ballen præſentirt, die einen weiten Glantz von ſich ſtreuen, bald die Feuer mit man - cherley bunten Farben colorirt, bald die Fackeln und Lampen mit einander vermiſcht, u. ſ. w. Je mehr diejenigen, die dergleichen Illuminationen einrichten in der Architectur, in der Optica, Cat - optrica und Dioptric erfahren, deſto geſchickter werden ſie auch ſeyn, dergleichen anzugeben.

§. 7. Man inventirt hierbey ſchoͤne Gemaͤhlder, Sinnbilder, Epigrammata, verzogene Nahmen, Wapen, Inſcriptiones, lateiniſche und teutſcheG g g 5Verſe,842IV. Theil. X. Capitul. Verſe, ſo die merckwuͤrdigſten Geſchichte des Le - bens, und die Thaten der großen Herren, dem zu Ehren ſie gebrannt werden, vorſtellen, und mit ge - genwaͤrtigen ſolennen Actu wohl harmoni - ren.

§. 8. Soll eine Illumination in einer gantzen Stadt geſchehen, ſo geben ſich die Hochfuͤrſtli - chen Herrſchafften das Vergnuͤgen, fahren in der gantzen Stadt mit ihrer Hof-Suite herum, und beſehen die Erfindungen. Wenn der Anfang da - mit geſchehen ſoll, wird entweder unter Trompeten und Paucken-Schall angekuͤndiget, oder aus den Thuͤrmen erſehen, mit denen das Anzuͤnden der Feuer-Lampen und Fackeln angehet. Es werden an denſelben nicht allein die Unter - und Ober - Gaͤnge an denen hierzu verfertigten Stellagen, ſon - dern auch alle Schall-Loͤcher biß unter den Knopff der Thuͤrme mit Lampen ausgeziert, welches die in der Naͤhe wohnenden Land-Leute mit Vergnuͤgen anſchauen koͤnnen.

§. 9. Es wird bey der Illumination hier und da der Durchlauchtigſten Herrſchafft zur Freude und zu Gefallen, entweder auf den Thuͤrmen oder an andern Plaͤtzen der Stadt ein angenehmes mu - ſicaliſch Concert gehoͤrt, ſo entweder in Trompeten und Paucken, oder in einer lieblichen Inſtrumen - tal - und Vocal-Muſic beſteht. Die Maͤrckte und großen Plaͤtze werden mit Pech-Tonnen und Holtz - Hauffen erleuchtet. Einige große Miniſtri oder wohlhabende Leute laſſen groſſe Rauch-Faͤſſerhaͤngen,843Von Illuminationen. haͤngen, und die Flammen viel Stunden lang mit gelben Ambra, Weyrauch und Maſtix un - terhalten, und parfumiren alſo die gantze Ge - gend.

§. 10. Bißweilen præſentiren unter waͤhren - der Illumination und unter dem Geloder vieler von Weyrauch und Bernſtein brennender Rauch - Faͤſſer, der Durchlauchtigſten Herrſchafft im Vor - beyfahren, einige verkleidete Perſonen, allerhand mit raren Fruͤchten und Confituren belegte ſilber - ne Credenz-Schaalen. Alſo vergnuͤgten bey der Koͤniglich Preußiſchen Croͤnungs-Illumination die Augen des Hoſes und aller Zuſchauer am meiſten die 4 Printzen und Princeßinnen des Hertzogs von Holſtein als Gouverneurs von Preuſſen, welche ſehr koſtbar gekleidet waren, und Jhrer Majeſtaͤt einige Schaalen voller Pomerantzen und Citronen mit folgenden allerdevoteſten Wundſch darreich - ten:

An ſtatt der Lampen-Glantz, der Fackeln und
der Kertzen,
Bringen wir willig hier in Demuth unſre
Hertzen,
Nimm ſelbe gnaͤdigſt an, GOtt goͤnne dir den
Tag,
Daß unſer Kindes-Kind dich gluͤcklich kennen
mag.
S. Thucelii Acta Public. T. I. p. 735.

§. 11. Nachdem die Bewohner der Haͤuſer dieandern844IV. Theil. X. Capitul. andern an Stand, Anſehen, Einkuͤnfften, oder De - votion gegen ihre Landes-Herrſchafften uͤbertrof - fen, nachdem thun ſie es den andern an ſinnreichen und koſtbahren Illuminationen zuvor. Einige illuminiren die gantzen Haͤuſer, ſie laſſen alle Zim - mer mit ſehr vielen Chriſtallinen Leuchtern, und al - les von der Hauß-Thuͤre an, biß unter das Dach in der ſchoͤnſten Ordnung mit großen und kleinen Lampen erleuchten, andere aber nur einige Stock - wercke, oder gar nur etzliche Fenſter.

§. 12. Zuweilen ſind die Haͤuſer mit gruͤnen Tannenreißig beſchlagen, an welchen die Lampen aufgehaͤngt, und vor den Thuͤren ſiehet man illu - minirte Poſtamenter, die entweder kuͤnſtliche Triumph-Boͤgen oder etwas anders vorſtellen, und an welchen mancherley Ordnungen und Zier - rathen der Bau-Kunſt angebracht. Sie ſind theils von Tannenreißig, theils von Mooß und Laubwerck verfertiget, und in den dazwiſchen lie - genden Feldern, die vornehmſten Umſtaͤnde und Begebenheiten die man vorſtellen will, angebracht. Sie werden nicht ſelten mit Orengen-Baͤumen und andern auslaͤndiſchen Gewaͤchſen decorirt, und um einige Stuffen vor den Hauß-Thuͤren-er - hoͤhet.

§. 13. Einige Illuminationen præſentiren auf eine recht kuͤnſtliche Weiſe bewegliche Machinen. Als Jhro Koͤnigliche Majeſtaͤt in Preuſſen im ver - wichenen 1727ten Jahre die Koͤnigliche Reſidenz Dreßden mit Dero hoͤchſten Ankunfft begluͤckten,und845Von Illuminationen. und Jhnen zu Ehren eine Illumination in der gan - tzen Stadt Allergnaͤdigſt anbefohlen worden, ſo obſervirte man hierbey an dem Rathhauſe zu Dreßden, eine Pyramide 3 Ellen hoch, auf dem Fuße derſelben waren See-Fiſche und Schiffe zu ſehen, in der Mitten ſahe man Menſchen, inglei - chen Wild in einem Walde herum wandern, uͤber dieſen brannten 4 Lampen, welches alles die in dem Fluß ſtehende Machine in eine ſolche Bewe - gung brachte, daß die Schiffe in dem Waſſer auslieffen, die Menſchen giengen, und die Lampen in dem Obertheil zugleich mit bewegt wurden. Zu beyden Seiten derſelben præſentirte ſich oben die Sonne, deren Strahlen alle Creaturen beſchienen. Dieſe Machine war ſo kuͤnſtlich, daß aus derſel - ben an den Orten der Pyramide zugleich Wein lieffe.

§. 14. Wenn man auf den Saͤhlen gewiſſe Ar - caden, Ehren-Tempel und dergleichen vorſtellen will, ſo pflegt man an ſtatt des mit Oel getraͤnck - ten Papiers, welches man ſonſt hierzu erwehlt, weiſſen Atlaß zu nehmen, und ſolchen mit Gemaͤhl - den auszuzieren, wenn die Illumination magni - fique ausſehen ſoll.

§. 15. Stehen gewiſſe illuminirte Poſtementer an ſolchen Oertern, da ſie nicht großen Schaden thun koͤnnen, als auf dem Waſſer u. ſ. w. ſo wer - den die darauf geſetzten Pyramiden mit Pech - Kraͤntzen und unterſchiedener brennender Materie angefuͤllten Thran-Tonnen, behaͤngt und belegt.

§. 16.846IV. Theil. XI. Capitul.

§. 16. Es pflegen auch bißweilen auf eine beſon - dere Weiſe bey naͤchtlicher Weile gantze Gaͤrten illuminirt zu werden. Eine dergleichen praͤchtige Garten-Illumination ſahe man zu Wien, als Jhro Koͤnigliche Hoheit der Chur-Printz zu Sachſen, ſo ſich damahls daſelbſt aufhielt, an dem Kayſer - lichen Geburths-Tage dergleichen anſtellen ließ. Es waren nicht allein alle Zierrathen des Garten - Gebaͤudes, die Sims-Wercke und Frontons biß an das Dach erleuchtet, ſondern man ſahe auch ſo gar die Terraſſen, die Blumenſtuͤcke die Vaſen und Orengerie-Baͤume mit Flaͤmmgen ausgezieret, da auch die Fontainen ſelbſt ein gelindes Feuer von ſich gaben, ſo wurde durch das Waſſer der Glantz der zuruͤck prallenden Strahlen noch mehr vermehret. Dieſe praͤchtige Garten-Illumination iſt in des Guſtavi Heræi Gedichten mit allen Inſcriptionen und Deviſen beſchrieben und in Kupffer geſtochen. S. p. 109. biß 123.

Das XI. Capitul. Von Feuerwercken.

§. 1.

Wenn ein Feuerwerck wohl ordonirt wer - den, und aus unterſchiedenen Handlun - gen beſtehen ſoll, ſo gehoͤrt eben eine ſo geſchickte Compoſition dazu, als zu ei -ner847Von Feuerwercken. ner Opera oder Comœdie, ſie muͤſſen auch eben ſo auf einander folgen, iedoch mit dieſen Unterſcheid, daß ſo wohl die Ausziehungen des Theatri, als auch die Handlungen nicht ſo weitlaͤufftig ſeyn duͤrffen, als in einer Opera.

§. 2. Bißweilen iſt ein Feuerwerck und eine Illu - mination miteinander vermiſcht. Man ſtellet z. E. einen praͤchtigen Tempel oder ander Gebaͤu - de vor, mit trefflichen Colonnaden, Pfeilern und Statuen, die bey der Nacht, durch die mit Papier umgebnen Lichter gantz erleuchtet ſind, dergeſtallt, daß man Hiſtoriſche Bilder und Schrifften, wel - che ſich in einem ſolchen Gebaͤude hin und wieder befinden, ſehr deutlich ſehen kan. Je groͤßer die Gemaͤhlde, ie deutlicher kan man ſie des Nachts bey der Erleuchtung obſerviren. Man baut auch wohl dergleichen Gebaͤude ins Waſſer. Auf die Pfaͤhle, die in dem Gebaͤude herum ſind, ſetzt man 2 Paluſſaden auſſerhalb, die mit Lichtern und Pa - pier erleuchtet, und andere innerhalb, welche aus Raqueten mit gemahlten und verguͤldeten Staͤben zuſammen geſetzt. Die Raqueten und Kunſt-Feuer ſind unter den praͤchtigen Gebaͤude verborgen, und gehen nachgehends insgeſammt unvermerckt loß.

§. 3. Man ſtellet in den Feuerwercken man - cherley vor, ſo ſich zu einer ieden Feſtivitaͤt und Erfindung ſchickt, als verzogene Nahmen, Wa - pen, Ehren-Pforten, Gebaͤude, Feſtungen, Portale, Statuen, Goͤtter, u. ſ. w. So ſieht man auchbiß -848IV. Theil. XI. Capitul. bißweilen auf dem Theatro einige in Feuer ver - kleidete Maͤnner, die ſich mit Feuer verſetzten Kol - ben tapffer herum ſchlagen / man præſentirt man - cherley lateiniſche und teutſche Inſcriptionen, die ſich alle gar deutlich leſen laſſen, und Fontainen, die unterſchiedliche melirte Feuer in die Hoͤhe ſpritzen. Es werden auch wohl gar kuͤnſtliche Portraite mit dabey angebracht, und alles uͤbrige, was durch die Mahlerey vorgeſtellet wird.

§. 4. Die beſondern Handlungen, aus welchen ein Feuerwerck zuſammen geſetzt, werden in beſon - dern Figuren von unterſchiedenen Couleuren vor - geſtellt / als, einige brennen in weiſſen Feuer, die an - dern in blauen Feuer, noch andere in rothen Feuer. Es machen auch die unterſchiedlichen colorirten Feuer, die zugleich brennen, ein gar gutes Anſe - hen.

§. 5. Zum Signal laͤſt man gemeiniglich einige Raqueten mit Schlaͤgen, und einige mit Schwaͤr - mern verſetzt ſteigen, auch wohl die Canonen ab - feuern, und Trompeten und Paucken erſchallen. Es laͤſt auch gar artig, wenn bey einigen praͤchti - gen Feuerwercken, die man mit Abfeuerung einiger halber oder gantzer Carthaunen eroͤffnet, Mercu - rius, oder ein Adler, oder ſonſt etwas anders geflo - gen kommt, und das Feuerwerck anzuͤudet.

§. 6. Bey einigen großen Wercken und weit - laͤufftigen Hiſtorien, die auf Art der Opern abge - faſt, werden bißweilen einige Actus zugleich præ - ſentirt, und wenn ein Actus beſchloſſen, mit Trom -peten849Von Feuerwercken. peten und Paucken ein Zeichen zur andern Hand - lung gegeben. Es ſtehen auch wohl hinter einer ieden Handlung Kaͤſten die mit einigen hundert oder tauſend Raqueten angefuͤllt, und bey Endi - gung eines ieden Actus angeſteckt und in die Lufft geſchickt werden. Man zuͤndet nicht eher ein neues Feuer an, als biß das eine mehrentheils aus - gebrandt, und dunckel zu werden anfaͤngt.

§. 7. Es werden zwar die Figuren mit allen Dependentien bey einer ieden Handlung auf ein - mahl angezuͤndet, wobey ſich auf ein 100 Stuͤcke hoͤren laſſen, es iſt aber doch auch dahin zu ſehen, daß ſie nicht alle zu jaͤhling wegbrennen. Es muß alles harmoniren, was zu einer ieden Art gehoͤrt. Bey den Waſſer-Feuern muͤſſen lauter ſolche Fi - guren zuſammen kommen / die ſich dahin ſchicken, als Neptunen, die Nymphen, Tritons, Delphinen, Meer-Pferde, Meer-Kaͤlber, und aus einem ieden Stuͤcke muß auch Feuer ſpritzen. Alſo ſiehet man feurige Stroͤhme aus den Muſcheln oder aus den Trompeten der Tritons, ingleichen Feuer - ſchlaͤge aus den Naſenloͤchern der Delphine, oder aus den Urnen der Fluͤſſe, welche ins Waſſer fah - ren, und daſelbſt verſchiedene Feuer præſentiren. Bey der großen Menge der Wercke und Figu - ren iſt alles ſo einzurichten, daß es die Augen faſſen koͤnnen, und bey der allzu groſſen Menge nicht in Unordnung geſetzt werden.

§. 8. Der Unterſchied der Donner - und Blitz - Feuer, der Luſt-Kugeln, der Freuden-Feuer, Thau -H h hund850IV. Theil. XI. Capitul. und Regen-Feuer, iſt wohl in Betrachtung zu zie - hen, und ſo wohl das Knallen und die Staͤrcke, als die Schwaͤche, das ſtille Weſen und die Lieblichkeit nach der Erfindung zu beurtheilen. So muͤſſen auch die Farben nicht allein einer ieden Sache na - tuͤrlich, ſondern auch deutlich und erkenntlich ſeyn. Es wuͤrde alſo wider die Regeln ſeyn, wenn man bey Vorſtellung einer Liebes-Handlung Donner - und Blitz-Feuer anbringen wolte, die mit vielen Knallen und Raſſeln vermiſcht waͤren, da hierbey vielmehr ſtille Waſſer-Feuer und Luſt-Kegel noͤ - thig ſind.

§. 9. Bey kriegeriſchen Handlungen ſchieſt man aus den Moͤrſern Pfauen-Schwaͤntze / Giradolen und Luſt-Kugeln, die mit Schwaͤrmern, Sternpu - tzen, Serpenteaux, Schmeltzwerck und groſſen Schlaͤgen verſetzt, und bey Vorſtellung einer Schlacht wird auch wol aus einigen 100 Mouſque - tons noch darzu gefeuert. Es ſteigen auch waͤhren - der Zeit, da das Feuerwerck brennet, einige tauſend Raqueten zu vielen Pfunden, welche theils in Ka - ſten verſetzt, theils an Creutzen haͤngen. Je mehr Pfund Pulver die Raqueten erhalten, deſto mehr bedecken ſie mit ihren auffahrenden Boͤgen und Strahlen den Horizont.

§. 10. Die Waſſerwercke, das iſt, die Machi - nen, die in dem Waſſer liegen, werden bißweilen alle auf einmahl zugleich angezuͤndet, in waͤhrender Zeit, daß dieſe brennen, werden viel hundert Waſ - ſer-Kugeln mit ein - und ausfahrenden Feuern, Bie -nen -851Von Feuerwercken. nen-Schwaͤrmen, umlauffenden Waſſer-Kugeln und Grund-Kugeln, unaufhoͤrlich ins Waſſer ge - worffen, ſo mit Waſſer - und Land-Schwaͤrmern verſetzt. Es laͤſt wohl, wenn allezeit ein Raum von ein 8, 10 oder 12 Schritt dazwiſchen iſt, bevor ein neuer Waſſer-Kegel oder Bienenſchwarm ange - zuͤndet wird. Manchmahl ſchwimmen einige bren - nende Buchſtaben im Waſſer herum, welche zu - ſammen einen gewiſſen Gluͤcks-Wunſch ausma - chen. Vor einigen Jahren hat man in Paris von dieſer Art der Feuerwercke etwas gantz neues und beſonders geſehen, da ein gewiſſer Kunſt-Feuer - wercker vor dem Koͤnig und dem gantzen Hofe eine noch nie geſehene und gehoͤrte Probe ablegte. Er warff aus einem Koͤcher etliche Raqueten 4 mahl hoͤher als ſonſt, welche die Worte: Vive le Roy, vorſtellten. Dieſe Buchſtaben blieben bey nahe eine Minute in der Lufft, endlich warffen ſie eine groſſe Menge Luſt-Kugeln, Schwaͤrmer und der - gleichen aus. S. den XXXIII. Verſuch der Schle - ſiſchen Natur - und Kunſt-Geſchichte / p. 242.

§. 11. Die Stuͤcke, ſo man bey den Feuerwer - cken loͤſet, werden fein langſam abgefeuert, wenn der Knall des letzten Stuͤcks hinweg iſt ſo werden die Creutze und Kaͤſten mit Raqueten behangen und verſetzt, und zugleich angezuͤndet.

§. 12. Die Muſic, ſo man bey den Feuerwer - cken, entweder nach Endigung einer ieden Hand - lung, oder auch unter dem Actu erſchallen laͤſt, muß mit dem Themate, ſo man repræſentirt, harmoni -H h h 2ren.852IV. Theil. XI. Capitul. ren. Bey einer martialiſchen Action, als bey einer Schlacht, Belagerung und Eroberung eines Ca - ſtels hoͤret man Trompeten und Paucken; hinge - gen bey Friedens-Inventionen, als bey Liebes - Buͤndniſſen u. ſ. w. Hautbois, Waldhoͤrner u. ſ. w.

§. 13. Die Erfindung des Feuerwercks muß ſinnreich ſeyn, und aus nichts gemeinen noch abge - ſchmackten beſtehen. Es iſt alſo diejenige Inven - tion nicht gar weit her, da bey einem Hoch-Fuͤrſtli - chen Vermaͤhlungs-Feſt ein paar ſich ſchnaͤbelnde Turtel-Taͤublein im Feuer præſentirt werden. Je mehr Embelliſſemens u. Veraͤnderungen von Feuer-Regen, glaͤntzenden Sternen, Feuer-Raͤ - dern, Schwaͤrmern und dergleichen geſehen wer - den, deſto praͤchtiger laͤſt es.

§. 14. Jn den heutigen Zeiten, da alle Kuͤnſte und Wiſſenſchafften auf einen ſehr hohen Gipffel geſtiegen, verlangen groſſe Herren mit Recht bey ihren Feuerwercken mehr Kunſt und Accurateſſe, da man hingegegen vor ein hundert Jahren und druͤber mit einer gar ſchlechten Invention vorlieb nahm. Den 12 Dec. a. 1585 wurde auf dem Beylager Chur-Fuͤrſtens Auguſti zu Sachſen, ſo er zu Deſſau mit Frau Agnes Hedwig zu Anhalt celebrirte, auf der Mulde ein Feuerwerck angezuͤn - det, ſo in der Geſtalt eines Crocodils angerichtet war, und mitten auf dem Fluß gebracht wurde; es gab etliche 100 Schuͤſſe von ſich, und ward da - mahls vor etwas vortreffliches gehalten. S. Beck - mans Anhaͤlt. Geſchichte V. Theil p. 204. Undbey853Von Feuerwercken. bey der Vermaͤhlung des Churfuͤrſten von Sach - ſen Princeßin Tochter, Magdalena Sybilla, mit dem Printzen Chriſtiano V. zu Dennemarck, ward a. 1634 ein Feuerwerck mit bloſſen Raqueten und andern Luſt-Schwaͤrmern angebrandt. S. Ke - venhuͤllers Annales XII. Theil p. 1516.

§. 15. Die Vorſichtigkeit iſt bey allen Feuer - wercken hoͤchſt noͤthig, damit nicht allein den nicht gar zu weit davon entfernten Gebaͤuden, ſondern auch durch Herunterfallung ſo vieler tauſend Ra - queten-Ruthen, und etzlicher 100 Luſt-Kugeln, den Menſchen oder Gebaͤuden kein Schaden zugefuͤgt werde.

Das XII. Capitul. Von unterſchiedenen Arten der Luſt-Schießen.

§. 1.

Die Scheiben-Schießen werden entweder auf einem Saale oder in den freyen auf einem Platze gehalten, werden ſie in freyen gehalten, ſo richtet man zum Auffenthalt der Herren Schuͤtzen, einige mit artigen Schilde - reyen, Spiegeln und Glaß-Fenſtern vermachte, und von auſſen mit gruͤnen Reißwerck umwundene Logen auf. Die Seiten-Waͤnde beſtehen aus gruͤnen Reißwerck, und ſind mancherley ſchoͤne Ar - chitecturen und Sculpturen dabey angebracht.

H h h 3§. 2.854IV. Theil. XII. Capitul.

§. 2. Die Schuͤtzen ſchießen nach der Ordnung wie ſie das Looß trifft, und gehen ihre Rennen durch. Die gantze Geſellſchafft wird vorher durch eine luſtige Anrede, die ein Pritzſchmeiſter zu halten pflegt, dazu invitirt. Es werden auch gewiſſe Ge - ſetze und Articul, wie es in einen und dem andern gehalten werden ſoll, vorher publicirt.

§. 3. Die Scheiben werden bißweilen mit artig inventirten Gemaͤhlden, und curieuſen Verſen ausgezieret. Es werden vor die Sieger beſondere Gewinſte aufgeſetzt, die in ſilbernen Geſchirren, koſtbahren Piſtohlen, ſchoͤnen Uhren, Tabatieren u. d. g. beſtehen. Die Pritzſchmeiſter pflegen ge - meiniglich ihnen ſolche zu uͤberreichen. Uber dieſes bekommen ſie eine ſilberne Schaale mit Marzipa - nen oder andern Confituren und ein zierlich ge - ſchnitten Chryſtallinen Glaß mit Wein, den an - dern aber, die Weit-Schuͤße thun, wird mehren - theils ein Teller mit Bratwurſt und Sauerkraut, oder Erbſen u. d. g. præſentirt, und ihre ſchlechten Verdienſte noch dazu in Knittel-Verſen beſun - gen.

§. 4. Zuweilen werden Nacht-Schieſſen gehal - ten, da denn die Logen, die Seiten-Waͤnde, und der gantze Platz, wo das Nacht-Schießen gehalten wird, mit Lampen illuminirt iſt. Die Scheiben werden auf ein paar hundert Schritte alſo formirt, daß iedesmahl, wenn der Zweck getroffen wird, ei - ne in der Lufft zuſpringende Raquete aufſteigt. Zu - weilen wird es durch eine noch kuͤnſtlichere Inven -tion855Von unterſch. Arten der Luſt-Schieſſen. tion angedeutet, es zuͤndet ſich zugleich eine hinter der Scheibe befindliche Granate, welche nach ei - nem großen Knall hoch in die Lufft ſteigt, und 12 biß 15 Raqueten heraus laͤſt, die wieder zuſprin - gen, und allerley hunte Stern-Feuer von ſich ge - ben. Das Signum, wenn die Scheibe wieder or - dinirt, und die Raquete von Artilleriſten ange - macht wird durch Trommelſchlag angedeutet, und darff keiner als biß ſolcher gehoͤrt worden, loß - feuern. Es werden zu Abwendung der Desordres aller Orten ſtarcke Poſten ausgeſetzt, und der gan - tze Platz mit grauen Jagt-Tuͤchern umzogen.

§. 5. Den mancherley Luſt-Schießen iſt auch das gewoͤhnliche Vogel-Schießen mit beyzuzehlen, da ein hoͤltzerner Vogel mit Kugel-Buͤchſen oder auf andere Art abgeſchoſſen wird. Vorhero wer - den unterſchiedene Geſetze und Articul abgefaßt, wie es bey Austheilung der Gewinſte oder auch ſonſt in einen und dem andern Stuͤcke gehalten werden ſoll. Es wird keinen von den Schuͤtzen erlaubt unter die Stange zu gehen, oder die herab - gefallene Spaͤhne zu hohlen, ſondern dem hierzu beſtellten Zieler lediglich uͤberlaſſen, die Spaͤhne oder abgeſchoßenen Stuͤcke in das Judicir-Hauß zu bringen, und den, ſo den Schuß gethan, treu - lich anzuzeigen, als woſelbſt alles abgeſchoſſene von den Herren Judicirern genau gewogen und regi - ſtrirt wird.

§. 6. Welchen Schuͤtzen dreymahl das Gewehr verſagt, ob gleich das Zuͤndkraut loßbrennt, die ſindH h h 4mei -856IV. Theil. XII. Capitul. meiſtentheils ihres Schuſſes verluſtig; es iſt ihnen auch nicht erlaubt, bey ſolchen Fall aus dem Stan - de zu gehen, es ereigneten ſich denn ſonderbahre Schaͤden am Gewehre, die darinnen nicht reparirt werden koͤnten. Es wird niemanden verſtattet, er gehoͤre mit zu der Schuͤtzen-Geſellſchafft oder nicht, daß er innerhalb der Schrancken noch we - niger vor den Schuͤtzen-Stand gehe, damit alles beſorgliche Ungluͤck und Unordnung verhuͤtet wer - de, und wird deshalber beſondere Vorſorge gehal - ten, es wird auch keinen Schuͤtzen erlaubt, anders - wo als im Stande die Buͤchſe zu ſpannen, und das Pulver auf die Pfanne zu ſchuͤtten, bey einer ge - wiſſen Straffe.

§. 7. Die iemand vor ſich ſchießen laſſen, duͤrffen ſolches keiner andern Perſon, als welche ſich eben - falls zum Schießen legitimirt, und vorher præ - ſtanda præſtirt, auftragen. Welcher Spahn ei - nen beſondern Neben-Gewinn traͤgt, wird zum Spahn-Gewinſt hernach nicht gerechnet, weil er durch das, auf die Neben-Gewinſte geſetzte Præ - mium Begnuͤgung erhaͤlt. Die Schuͤtzen erlan - gen durch einen Schuß nicht leichtlich mehr als ei - nen Gewinn, daher die mit herunter geſchoſſenen / zu einem andern Stuͤck des Vogels gehoͤrigen Spaͤhne, bey den Spaͤhn-Gewinſten uͤbergangen werden. Und da zwey Neben-Gewinſte durch ei - nen Schuß erhalten ſind, ſo wird nur einer ausge - theilt, und der uͤbrige der gantzen Geſellſchafft auf ein Scheibe-Schießen vorbehalten.

§. 8.857Von unterſch. Arten der Luſt-Schießen.

§. 8. Es wird mit dem Vogel-Schießen eini - ge Tage angehalten, biß der Vogel ab iſt, es muͤſte denn ſeyn, daß der Wind, wie es bißweilen zu ge - ſchehen pflegt, den letzten Spahn herunter ſchmiſſe. Der Haupt-Gewinn beſtehet in Raͤumung der Spille oder in Herunterſchießen des letzten Spah - nes. Die Neben-Gewinſte aber im Herunter - ſchießen des Kopffes, der Klauen, der Fluͤgel, der Schwaͤntze, der Crone, nach der Groͤße und Schwere der Stuͤcken, die von den Judicirern ge - wogen werden.

§. 9. Zu Judicirern werden ein oder ein paar Hochfuͤrſtliche Raͤthe erwehlet, nebſt dem Hof - Marſchalls-Secretario, die alles regiſtriren muͤſſen. Dergleichen Vogel-Schießen geſchehen bißweilen auf Landes-herrliche Unkoſten, bißweilen muͤſſen aber auch die Cavaliers bey Hofe eine gewiſſe Ein - lage thun, von welcher die Gewinſte angeſchafft werden.

§. 10. Jn einigen Fuͤrſtlichen teutſchen Reſidenz - Staͤdten iſt es von einigen Jahrhunderten ge - braͤuchlich geweſen, daß die Hochfuͤrſtlichen Lan - des-Herrſchafften zu dem Buͤrgerlichen Vogel - Schießen mit eingeladen werden. Sie erſchei - nen nachgehends entweder in hoͤchſter Perſon, oder per Deputatos, da ſie ihre Vices einigen hoch cha - racteriſirten Hof-Miniſtres auftragen.

§. 11. Wenn nun ein junger Printz das Gluͤck hat, die Spille zu raͤumen, und als ein Koͤnig des Vogel-Schießens aufgefuͤhrt zu werden, ſo pflegtH h h 5die858IV. Theil. XII. Capitul. die geſammte Schuͤtzen-Compagnie ihn mit be - ſondern Freuden-Bezeugungen aufzunehmen, und ihn alsdenn in ihre Liſte mit einzuzeichnen. Es wer - den bißweilen, um der Durchlauchtigſten Landes - Herrſchafft ein beſonder Plaiſir zu machen, von den Doͤrffern die luſtigſten Bauer-Knechte und Maͤg - de herein citirt, die allerhand Bauer-Luſtbarkeiten mit Ringel-Rennen, mit Klettern auf der Stange u. d. g. vornehmen muͤſſen.

§. 12. Es geſchicht manchmahl ein ſolenner Bauer-Aufzug vorher durch die Stadt. Erſtlich marchirt ein Pritzſchmeiſter in gelb - und ſchwartzen Harlequins-Habit zu Fuß, ferner folgen Bauer - Muſicanten mit Violinen, Schallmeyen, Hautbois und Baſſons. Darauf folgt ein Bauer-Commen - dant zu Pferde, der eine Reyhe Bauern anfuͤhrt, ſo mancherley Gewinſte, die unter ihnen ausgethei - let werden ſollen, in Haͤnden fuͤhren, und endlich folgen ein 24 Bauer-Knechte in paaren, ſo ihre Greten bey der Hand fuͤhren, die mit Craͤntzen auf den Koͤpffen / und mit Rechen in Haͤnden verſehen ſind.

§. 13. Sind die Vogel-Schießen geendiget, ſo werden ſie durch poetiſche Federn entweder in Knit - tel-Verſen oder in reiner Poeſie beſungen.

Das859Von mancherl. Jagt-Divertiſſemens.

Das XIII. Capitul. Von mancherley Arten der Luſt-Jagten und Jagt-Diver - tiſſemens.

§. 1.

Zur Sommers-Zeit pflegen ſich die groſſen Herren gemeiniglich auf ihre Luſt-Schloͤſ - ſer und Jagt-Haͤuſer zu begeben, und da - ſelbſt mit Jagten und allerhand Arten der Luſtbarkeiten zu divertiren. Es ſind hieſelbſt ge - meiniglich manche ſtrenge Ceremonien, die man in den Reſidentien bey Hofe verſpuͤhrt, verbannet, und man ſpuͤhrt allenthalben mehr Freyheit und ungezwungenes Weſen. S. Molesworth Mem. de la Cour de Danemarc. Die Frantzoſen nen - nen das Luſt-Schloß Fontainebleau, allwo der Koͤnig in den Monathen September und October ſeine Jagt-Ergoͤtzlichkeiten anſtellet, ein Pays de libertinage, und fremde Paſſagiers finden leichtlich Gelegenheit mit dem Koͤnig, den Printzen und Princeßinnen ſich auf die Jagt zu begeben, ohne daß es einem verdacht oder verwehret wuͤrde; die Princeßinnen ſind hier gemeiniglich in Amazonen - Habit eingekleidet. S. Nemeiz Sejour de Paris, pag. 189.

§. 2.860IV. Theil. XIII. Capitul.

§. 2. Kayſer Ferdinand II. liebte die Jagt und das Paiz-Weſen von ſeiner Jugend an, biß in ſein letztes hohes Alter. Er verſchaffte aber auch hier - bey ſich, ſeinen Bedienten und Unterthanen Nu - tzen. Er verhoͤrte in den Waͤldern die Bauern, nicht anders, als ob er zu Gericht ſaͤße, er vernahm ihre Beſchwerden, und troͤſtete ſie mit Worten und in der That. Er erkundigte ſich genau nach dem Schaden, den das Wildpret ſeinen Unterthanen zuwege braͤchte, er ließ einen ieden ſeinen Schaden taxiren, und bezahlte ihn offt hoͤher, als mancher denſelben ſelbſt geſchaͤtzt hatte. Von dem gefaͤllten Wildpret regalirte er nicht allein die Ordens-Leute, ſondern auch ſeine Hof-Bedienten, und viele von ſeinen Unterthanen. Er ſagte: Ein groſſer Herr muͤſte zu dem Ende bißweilen Jagten anſtellen, da - mit er ſo vielen Muͤßiggaͤngern, die ſich an den Kay - ſerlichen und Koͤniglichen Hoͤſen aufhielten, durch das Jagen etwas zu ſchaffen geben koͤnte, daß ſie nicht ſo naͤrriſch thaͤten. S. Graf Kevenhuͤllers Annales T. XII. p. 34. & 35.

§. 3. Bey den Jagten werden verſchiedene mit gruͤnen Reißwerck geflochtene und umwundene, auch mit guͤldenen Schildern und auf andere Art ausgezierte Logen vor das Hoch-Fuͤrſtliche, Graͤſ - liche und Adeliche Frauenzimmer aufgeſetzt, aus welchen ſie die Jagt-Luſt mit anſehen. Die gan - tze Hofſtatt von Cavalieren und Damen erſcheinen in der propreſten gruͤnen Kleidung, und bey denPar -861Von mancherl. Jagt-Divertiſſemens. par Force-Jagten in denjenigen Habiten, die den par Force-Jagten eigenthuͤmlich ſind.

§. 4. Um und um werden ſo wohl Tuͤcher als Jagt-Wagen gefuͤhret, auf denen die gemeinen Leute, dieſes Divertiſſement mit abzuwarten, ſich einſtellen. Es wird die Jagt von der geſamm - ten Jaͤgerey gewoͤhnlicher maßen in einem ſolen - nen Zug aufgeblaſen, wornach ſich die hohe Jagt - Compagnie zu Pferde rangirt, und die Jagt - Hunde werden beygefuͤhrt. Man hoͤret hierbey eine unaufhoͤrlich klingende Wald-Muſic. Die geſammte Zahl-Compagnie verfuͤgt ſich ſodann in die Forſt-Haͤuſer, ſehen die ſolennen Abblaſen der Jaͤgerey mit an, und ſpeiſen an verſchiedenen Tafeln.

§. 5. Dafern einer aus der Jagt-Geſellſchafft wieder die bey der Jaͤgerey eingefuͤhrte Kunſt - Woͤrter verſtoͤſt, ſo bekommt er das Weyde-Meſ - ſer. Er muß ſich auf den Hirſch legen, der zu die - ſem Ende von den Jaͤgern hingeſchlept worden, und die Pfunde erwarten. Es geſchiehet von den Jaͤgern eine ſolenne Anklage / daß er die Jagt-Ge - ſetze uͤbertreten. Es finden bißweilen Hoch-Fuͤrſt - liche Perſonen ſelbſt ein Vergnuͤgen, die Pfunde auszutheilen. S. Molesworth Etat du Royaume de Danemarc. p. 198. Sonſt aber pflegt der Hoch-Fuͤrſtliche Jaͤgermeiſter die Execution zu thun, und dem Verbrecher auf das Geſaͤß 3. Strei - che zu geben, da denn bey iedweden das Wald - Geſchrey erſchallt.

§. 6.862IV. Theil. XIII. Capitul.

§. 6. An den Huberts-Feſten wird ein ſolenner Jaͤger-Panquet angeſtellt. Bißweilen wird auf dem Jagt-Schloß Tafel gehalten, bißweilen aber auch nur an einen gruͤnen ſchattichten Ort unter gruͤnen Eichen. Man pflegt manchmahl der ho - hen Herrſchafft zu Ehren an ſolchen Oertern die Jahrzahl, Wapen und Nahmen nebſt andern Re - marquen an eine Buche zu zeichnen, und mit Far - ben zierlich anzuſtreichen, welches den Nachkom - men ein angenehmes Andencken verurſacht.

§. 7. Die Speiſen werden von der loͤblichen Jaͤgerey, als den Hof - und Beſuch-Jaͤgern in ih - rem Jagt-Gezeuge und aufhabenden Bruͤchen mit beſter Parade aufgetragen, und wird alles dabey von der Jaͤgerey bedient und aufgewartet. Die Hof-Jaͤgermeiſter, Land-Jaͤgermeiſter, Ober - Forſtmeiſter und Jagt-Junckern ſtehen hinter der Herrſchafft aufzuwarten. Die Jagt-Pagen tragen die Willkommen, uͤbergeben ſie dem Ober - Jaͤgermeiſter zum Credenzen, welcher ſolche der Herrſchafft mit groͤſter Submiſſion uͤberreichet. Will die hohe Herrſchafft Geſundheiten trincken, ſo wird allezeit dabey von der Jaͤgerey mit Fluͤgel - und Hifft-Hoͤrnern geblaſen, oder auch wohl ein Wald-Geſchrey gemacht.

§. 8. Wenn ein Hirſch-Jagen fertig, und die Herrſchafft allbereit auf dem Lauff, ſo verſammlen ſich die anweſenden Jaͤger. Der Ober-Jaͤger - meiſter gehet voran, die andern folgen in der Ord - nung nach dem Jagen zu. Bißweilen ſtellen ſichauch863Von mancherl. Jagt-Divertiſſemens. auch wohl 4 gegen einander rechter Hand naͤchſt dem Schirme

§. 9. Befiehlt der Herr, daß es angehen ſoll, ſo faͤngt der Ober-Jaͤgermeiſter nebſt den andern nach Jaͤger-Manier an zu ruffen, und das Ruffen continuirt ſo lange, biß die ſaͤmmtlichen Jaͤger oben in dem Jagen wieder ſeyn, da wird denn durch Bauern getrieben, und dabey auf Wald - Hoͤrnern geblaſen. Man continuirt mit dem Abblaſen des Jagens faſt biß gegen den Schirm, allwo ſie auf einmahl ſtehen bleiben, und es wird von allen Seiten mit Wald - und kleinen Hoͤr - nern ein guter Satz geblaſen. Jſt dieſes vorbey, ſo naͤhern ſie ſich der Herrſchafft, da denn der Ober-Jaͤgermeiſter dem Fuͤrſten und ſeiner Ge - mahlin, und was ſonſt von frembden Anweſenden vorhanden, ein Eichen-Buͤſchlein præſentirt, ſo man einen Bruch nennt, und auf dem Haupt ge - tragen wird, zur Bedeutung, daß der Hirſch todt ſey.

§. 10. Jſt die Herrſchafft mit ihrer Suite in den Schirm getreten, ſo wird das Quertuch von Jagen weggenommen, und die Hetz-Hunde werden ein - getheilt. Die Jaͤgerey verfuͤgt ſich dem Schirm gleich gegen uͤber auf den rechten Fluͤgel, gegen das Jagen zu, und zwar nach ihrer Ordnung, und er - warten von dem Oberhaupt der Jagt, durch eine Loſung die Ordre. Die Jaͤgerey hebt ihren uͤbli - chen Wald-Geſchrey an / und die Jagt-Hunde gehen Kuppel-weiſe, iede Kuppel von einem Bauergefuͤhrt,864IV. Theil. XIII. Capitul. gefuͤhrt, ſammt ihren Hundes-Jungen, welcher voran gehet, der Jaͤgerey nach hinauf zu Holtze, mit Continuirung ihres Jagt-Lautes biß hin die Querre vors Jagen. Darauf ſtoͤßt man in die Wald-Hoͤrner, und wird dasjenige, was man am erſten im Jagen antrifft, nach den eingefuͤhrten Jagt-Poſten angeblaſen, und angeſchrien. Der Hirſch, ſo bald er von der Jaͤgerey erblickt wird, bekommt ſeinen gehoͤrigen Juchſchrey, und wenn er jagtbar, hat er bey dem Verlauff das Anbla - ſen, und gleichſam die Anmeldung mit Paucken und Trompeten.

§. 11. Das erlegte Wild wird vor dem Schirm hingebracht, und auf die rechte Hand des Schir - mes gegen dem Jagen zu, alles ordentlich, und nach weydmaͤnniſchen Gebrauch, Staͤrcke der Ge - hoͤrne und Vielheit der Enden hingelegt. Jſt nun alles vorgejagt, und man ſpuͤhret nichts mehr in der Rundung, ſo verſammlet ſich die Jaͤgerey auf den andern Fluͤgel wieder in ihrer Ordnung, daß ſie auf die lincke Hand des Schirms zu ſtehen kommt.

§. 12. Bißweilen iſt bey einigen Jagten ein Rang-Streit zwiſchen den Ober-Jaͤgermeiſtern und Ober-Land-Jaͤgermeiſtern, wer dabey das Di - rectorium haben ſoll. Dergleichen erhob ſich an. 1723 in Prage, zwiſchen dem Kayſerlichen Obriſt - Jaͤgermeiſter Fuͤrſt Hartmann von Lichtenſtein, und den Boͤhmiſchen Obriſt-Jaͤgermeiſter Gra - fen von Clary, als Jhro ietzt regierende KayſerlicheMaje -865Von mancherl. Jagt-Divertiſſemens. Majeſtaͤt ſich daſelbſt aufhielten; Jhro Kayſerli - che Majeſtaͤt aber entſchieden ſelbigen in der Guͤte, durch einen Allergnaͤdigſten Ausſpruch, daß nem - lich der Fuͤrſt von Lichtenſtein iedesmahl den Rang behalten, und Macht haben ſolte den gewoͤhnli - chen erſten Stoß-Ruff zur Jagt zu geben. Das uͤbrige Commando aber bey der Jaͤgerey und den Jagten ſolte der Graf von Clary allein behalten. S. Einleitung zur neueſten Hiſtorie der Welt, VII. Stuͤck. p. 417.

§. 13. Bey den Beſtaͤtigungs-Jagten wird ei - nige Tage vorher mit den Leit-Hunden, der Ort wo Wildpret vermuthet wird, durchſpuͤhrt, und viſitirt / um die Hirſche zu verneuern, und friſch zu halten; alsdenn wird der Ort, ſonderlich wenn die Hirſche nicht auf einen Rudel beyſammen, mit den Zeugen, ſo etwan 6 biß 8 Fuder ausma - chen, umzogen. So bald der Tag anbricht, wird noch einmahl in aller Fruͤhe das Wildpret vor Holtz verneuert, ihn in den Holtz-Wegen vor - gegriffen, und endlich in der Stille, wo es moͤglich ſeyn kan, gegen den Wind das Zeug enger ge - ſtellt, und die Stell - und Jagt-Leute zu beyden Seiten rangirt.

§. 14. Das Jagen muß nicht ruͤckwarts, ſon - dern nach dem Lauff zu Berg ab, oder in einer gu - ten Ebene angeleget werden, und ſo es die Situation des Ortes leydet, buͤſch und deckigt ſeyn, damit das Wild aus ihrer Umſtelle und Runtung hinaus auf den Platz und Lauf ſehen koͤnne.

§. 15. Der Lauf muß dahin gerichtet ſeyn, woJ i idas866IV. Theil. XII. Capitul. das Wild ſeinen Wechſel und Ausgang zum Graͤß gehabt, weil es vor ſich und nach wenigen Trieb die - ſen Ort zulaͤufft, der ihm ohnedem bekandt. Der Lauf wird wieder gen Holtz gerichtet, wo es die Ge - legenheit des Ordes leydet, und unten mit einer Verblendung verſehen, denn das Wild laufft nicht eher, als wenn es wieder Gehoͤltze vor ſich ſieht.

§. 16. Man hat hierbey Acht, daß der Wind nicht von dem Lauf ins Jagen gehe, denn ſonſt iſt das Wild mit der groͤſten Force nicht dahin zu brin - gen, und es laͤſt ſich in der Rundung, und wo es um - ſtellt worden, eher zu Tode jagen, als daß es ſich auf den Lauf begeben ſollte. Die Laͤuffe werden fein bequem und raͤumlich eingerichtet, und ſo wohl auf ieden Fluͤgel als in der Querre mit noͤthigen Tuͤchern verſehen.

§. 17. Bißweilen werden wilde Thiere genoͤthi - get, der Luſt wegen, von hohen Steinfelßen herun - ter zu ſpringen, wodurch ſie zuſchmettert werden, oder ſich in den unten vorbey flieſſenden Fluß ſtuͤr - tzen muͤſſen.

§. 18. Die wilden Sauen werden, wenn ſie von der Eichel - und Buch-Maſt feiſt geworden, im Herbſt und Winter, wenn ſie herum wandern, am beſten geſpuͤhrt. Wenn nun die Jaͤgerey bey einer Schwein-Haͤtze ein Schwein gekreyßet, und ſelbi - ges in Bezirck haben, ſo ſehen ſie umher nach den beſten Lauf-Platz, und nehmen wahr, wo es mit dem Kopffe zu liege.

§. 19. Wo ein Bruch oder Moraſt nahe liegt, da kommen Tuͤcher-Lappen vor, wo es aber hin -lauffen867Von mancherl. Jagt-Divertiſſemens. lauffen moͤchte werden leichte Cours-Hunde, und andere beißige Sau-Ruͤdden auf die Hut geſtellt, damit wenn ſich die Schweine auf die Seite wen - den, und vorbey ſpringen wollen, ſie mit den Hunden gehetzet werden koͤnnen. Die ſchoͤnen Engliſchen Hunde, welche zum Theil mit Pantzern oder Jacken beſchirmt, werden von weiten geſtellt, es werden Sau-Ruͤdden angehetzt, und die Jaͤger geben ihnen hernach Faͤnge. Bey einigen Sau-Jagten hat man neu inventirte lange, aber forne ſehr ſcharffe Spieße die gleich hinter der Acie kleine bunte Faͤhn - lein haben, da denn curieus und luſtig anzuſehen, wie dieſes Wildpreth mit ſolchen Spieſſen, darin - nen die Faͤhngen ſtecken, gantz raſend fortlaͤufft.

§. 20. Vor einigen Jahren wurde ohnweit der Chur-Pfaͤltziſchen Reſidentz Manheim ein großes Schwein-Jagen gehalten, welches Luſt-Jagenum ſo viel angenehmer zu ſehen geweſen, weil ſelbiges dergeſtallt wohl eingerichtet worden, daß man der - gleichen noch niemahls geſehen, indem die wilden Schweine unter der Erde hervor gekommen, und unter den Schirm herauf, auf einen hohen, gleich einem ordentlichen Amphitheatro aufgerichtet ge - weſenen Berge, uͤber 240 Schuh hoch gemachten Treppen, auf die oberhalb verfertigte Galerie hin - auf lauffen muͤſſen, es ſollen uͤber 1000 Stuͤck von allerhand Gattungen geſchoſſen und gefangen, und ſolch Feſtin des Abends mit einen großen Tracta - ment und Ball beſchloſſen worden ſeyn.

§. 21. Die Waſſer-Jagten geſchehen mit trei - ben und abjagen, wie die Haupt-Jagten. Es wirdJ i i 2zu868IV. Theil. XIII. Capitul. zu Holtz geblaſen, die Jaͤgerey reitet nach dem Wal - de, und jaget die Hirſche, Kaͤlber, Rehe und Schmahlthiere aus ihren Cammern in das Waſ - ſer, ſelbige ſchwimmen den Strohm herunter.

§. 22. Der Lauf iſt entweder ein Waſſer-Teich / oder mittelmaͤßiger Strohm, wodurch das Wild - preth gejagt werden muß. Auf der Mitten wird auf Schiffen ein Schirm vor die Herrſchafft mit Straͤuchern geſetzt, und ins Waſſer geancket, die Tuͤcher aber durch Kaͤhne uͤber den Strohm ge - fahren, und auf große ſtarcke Stangen, worauf oben Hacken gemacht, dergeſtallt die Ober-Leine oben aufgehoben, daß das Tuch knapp uͤber dem Waſſer mit der Unter-Leine liege. Das Wied - lein wird auch an große Pfaͤhle, ſo ins Waſſer ge - ſchlagen, uͤber dem Waſſer inwendig, oder auswen - dig, wie gebraͤuchlich angebunden. Bringen nun die Hunde im Jagen das Wild heraus, ſo zwin - gen ſie es durch das Waſſer zu ſchwimmen. Wenn ſie nun nahe an die Fuͤrſtlichen Gezelte kommen, ſo werden ſie von den Herrſchafften mit Kugeln erlegt. Kommen einige an das Ufer, werden ſie von den Cavaliers mit ihren Lantzen und Javelins verfolgt. Es fahren auch wohl die Herrſchafften auf aparten Gondeln, und ſchießen daraus aus dem Waſſer das Wild todt. Das todte Wild wird in Kaͤh - nen gehohlt, und ans Land geſtreckt.

§. 23. Bißweilen wird das Wild ſortirt, und ei - nen Tag roth Wild, den andern aber ſchwartzes vorgejagt. Soll das Waſſer-Jagen auf einen großen Strohm geſchehen, ſo werden große Ge -wichter869Von mancherl. Jagt-Divertiſſemens. wichter an die Netze gemacht, die unterſincken, und die Netze anhalten, oben aber an Faͤhren angehefft, damit nichts von Wildpreth unten durchkommen moͤge.

§. 24. Manch Waſſer-Jagen iſt mit einer ge - wiſſen Invention vermiſcht, auf Art eines Aufzuges, und wird etwan ein Dianen-Feſt genennt. Anfangs komm ein Schiff, als der Dianæ Wagen auf dem Waſſer, welches uͤberguͤldet und verſilbert iſt, dar - innen ſitzt die Jagt-Goͤttin Diana, nebſt ihren 4. Nymphen, als Climene, Dafnis, Niſe und Alcip - pe, ſo ans Land ſteigen, und vor dem Herrſchafftli - chen Gezelte eine ſehr anmuthige Jtaliaͤniſche Arie abſingen.

§. 25. Bey der Croͤnung des Koͤnigs in Franck - reich wolten ſich Jhro Majeſtaͤt in dem Walde bey Chantilly mit der Jagt erluſtiren, und wie der Koͤ - nig daſelbſt anlangte, traff er die Dianam mit ihren Nymphen, in einer von Laubwerck gemachten Grot - te an, die Jhrer Majeſtaͤt biß an den Eingang der Grotte entgegen kam, und etwas abſungen, worin - nen ſie Jhrer Majeſtaͤt die Herrſchafft uͤber die Waͤlder abtraten, auch an ſtatt der Huldigung der - ſelben ihren Bogen und Koͤcher uͤberreichte, da mittlerweile die um ſie befindlichen Nymphen einen Tantz machten, und unter demſelben den Koͤnig alle zur Jagt gehoͤrigen Stuͤcke uͤberreichten. Das Frauenzimmer war alle in Jagt-Habit, und die Herren von Hof, ſo in Jagt-Habit, von der Jaͤge - rey des Hertzogs von Bourbon gekleidet waren, hat - ten ſich um die Dianam geſtellt. Deren GeſangJ i i 3wurde870IV. Theil. XIII. Capitul. wurde durch die in Buſchwerck verſteckte Vocal - und Inſtrumental-Muſic accompagnirt.

§. 26. Den Fuͤrſtlichen Luſtbarkeiten ſind auch die Kampff-Jagten mit beyzuzehlen, die auf dem Schloß-Platze, oder doch in einen mit Mauern verwahrten Hofe, gehalten werden. Bißweilen wird auswerts alles nach Felſen - und Waͤlder-Art mit Baͤumen nnd Geſtrippe ſchoͤn gemahlt, und der gantze Platz unten mit Sande beſtreut. Man bringt manchmahl die Faͤnge der Thiere alſo artig an, daß ungefehr 8 Ellen hoch einige 100 ja mehr als 1000 Perſonen, der Luſt, ohne Befuͤrchtung eines Un - gluͤcks mit anſchauen koͤnnen.

§. 27. An einigen Oertern ſind beſondere Hetz - Gaͤrten erbaut, und dergeſtallt angelegt, daß der Hof von beyden Seiten in bedeckten Gallerien, die andern aber in einem offenen Amphitheatro alles bequem ſehen koͤnnen.

§. 28. Die Thiere werden auf einmahl, und zu - gleich unter angenehme Thone von Jagt - und Wald-Hoͤrnern ausgelaſſen. Vorhero werden ſie auf allerhand Art hefftiger gemacht, man ſchlaͤgt ſie mit gluͤenden Eiſen, man zwickt ſie in die Ohren, man ſchießt ihnen kleine Pfeile, ſo vorn ſpitzig ſind und ſtecken bleiben, in die Ohren, man wirfft Schwaͤrmer unter ſie u. ſ. w. Wenn ſie noch wild, und nur neuerlich eingefangen, giebt es einen luſtigen Zeitvertreib. Mitten auf dem Kampff - Platz ſetzt man ein artig bekleidetes und von Haa - ren ausgeſtopfftes Maͤnnchen, ſo die wilden Thiere anfallen und zerzauſen.

§. 29.871Von mancherl. Jagt-Divertiſſemens.

§. 29. Man ſiehet bißweilen mit Verwunderung, wie ſonderlich die Auer-Ochſen, und die Baͤren die groͤſten Hunde in die Hoͤhe werffen, nicht anders als ob ſie mit dem Ballen ſpielten. So giebt es auch ein ſonderlich Vergnuͤgen, wenn die Baͤre von den kleinen Baͤr-Beiſſern hin und wieder ge - zwickt werden, ſo daß ſie ſich in ein Faß mit Waſſer reteriren muͤſſen, ſie ſetzen ſich darein, und theilen, mit vieler Luſt der Zuſchauer, den Hunden die ſie anfallen wollen, Ohrfeigen aus.

§. 30. Sind die Hunde von allerhand Schlaͤgen und Arbeit matt geworden, werden ſie aufgeruffen u. angefaſt, oder auch friſche dahin gelaſſen, und mit ſelbigen wird ſo lange gehetzt, biß es die Herrſchafft uͤberdruͤßig, und die Luſt ein Ende haben ſoll.

§. 31. Bey Endigung der Kampff-Jagten wer - den die Thiere entweder von der Herrſchafft durch ihre Cammer - und Leib-Hunde gehetzt / mit Fang - Eiſen oder Hirſchfaͤngern erleget oder geſchoſſen. Zu Ende ſolches Actus wird von der anweſenden Hof-Jaͤgerey mit Wald - und Hifft-Hoͤrnern ge - blaſen, und die wilden Thiere werden wiederum in ihre Behaͤltniſſe eingefangen.

§. 32. Die wilden Thiere kaͤmpffen ſonſt, wenn ſie ſich in ihrer Freyheit befinden, ſelten mit einander. An. 1706 truge ſich zu Londen eine ungewoͤhnliche Sache zu, indem die Damen-Hirſche an der Zahl 200, in dem Parc einen unvermutheten Krieg gegen einander anfiengen, und ſich dermaßen ſchlugen und biſſen, daß ſie faſt alleſam̃t todt auf dem Platze blie - ben. S. den LIX. Th. der Europ. Famæ. p. 894.

J i i 4§. 33.872IV. Theil. XIII. Capitul.

§. 33. Eine Eſpece eines Kampff-Jagens, giebt das in Portugall und Spanien gewoͤhnliche Thier - Gefecht ab, es iſt dieſe eine von den groͤſten aber auch gefaͤhrlichſten Luſtbarkeiten, ſo in Spanien und Portugall mit groͤſter Solennitaͤt gehalten werden; Erſtlich geſchiehet ein Aufzug von Trabanten, Ja - nitſcharen und allerhand Nationen, unter Beglei - tung der Muſicanten, nach dieſen geſchehen beſon - dere Taͤntze von Mohren, Zwergen, Syrenen und andern dergleichen, und endlich gehet das Gefecht an. Die Cavaliers muͤſſen in dem Geſicht etzlicher 1000 Perſonen, ſich mit den Stieren, zu Pferde oder Fuß / in ein Gefecht einlaſſen. Die mit den Stie - ren ſtreiten, duͤrffen ſie nicht mit der Lantze erlegen, ſondern offt zu einen Stier zehn biß 15 Lantzen, mehr und weniger brauchen. So offt jener die Lantze zwey Spannen lang in des Stiers Leib bringt, muß derſelbe die Lantze alſo brechen, daß dem Stier das Eiſen mit einen Stuͤck von Holtze im Leibe bleibt. Dieſe ſehr gefaͤhrliche Luſt wird ſo lange getrieben, biß die Beſtie erlegt.

§. 34. Mit den Kampf-Jagten ſind die Fuchß - Prellen auch gar offters vergeſellſchafftet. Die Plaͤtze auf denen die Fuͤchſe geprellet werden ſol - len, werden entweder mit zarten Sande, oder mit gruͤnen Raaſen bedeckt, und vor allen Dingen mit hohen Tuͤchern feſt umher, ſonderlich aber an der Erde dicht befeſtiget, damit die liſtigen Fuͤchſe nicht unten hindurch kommen, und alſo der Herrſchafft Verdruß erwecken.

§. 35. Bißweilen werden auch Haaſen undFriſch -873Von mancherl. Jagt-Divertiſſemens. Friſchlinge zugleich mit geprellt. Anno 1728 wur - de bey dem zum Divertiſſement Jhrer Koͤniglichen Majeſtaͤt in Preuſſen, in Dresden angeſtellten Fuchß-Prellen, ein wildes Schwein mit geprellet, ingleichen etzliche Perſonen zur Luſt, davon die eine in Springen ſo exercirt geweſen, daß ſie auch biß oben an die Fenſter, wo die beyden Koͤniglichen Majeſtaͤten ſaſſen, geflogen.

§. 36. Die Dames und Cavaliers werden alle - zeit in einer bunten Reyhe wechſelsweiſe geſtellet, und im Jagt-Habit eingekleidet, alſo daß eine iede Dame ihren Cavalier gegen uͤber hat, der den Fuchß mit ihr mit denen hiezu gehoͤrigen ſchmahlen Prell - Netzen aufziehet, und prellet. Haben ſich nun viel Cavaliers und Dames bey den Fuchß-Prellen eingefunden, ſo werden 3. biß 4, und mehr Reyhen formirt, und ſind alſo gleichſam 2. biß 3. Gaſſen zu ſehen.

§. 37. Auf Befehl der Hoch-Fuͤrſtlichen Herr - ſchafften werden die Kaͤſten der Fuͤchſe und Haa - ſen zuerſt geoͤffnet, daß alles durch einander die Gaſſen durchpaſſiret. Die Cavaliers und Dames ſchicken mit vielfaͤltigen Prellen, die Fuͤchſe und Haaſen nach mancherley wunderlichen Figuren in die Lufft, daß die Herrſchafft ſo wohl an den wun - derlichen Capriolen der Thiere, als an den Um - fallen und Stolpern der Cavaliers und Dames, zu - mahl wenn die in heimlichen Kaͤſten verborgene Sauen unter ſie gelaſſen werden, ihr beſonder Vergnuͤgen finden. Die geprellten Thiere wer - den alle Reyhen-weiſe neben einander gelegt, undJ i i 5es874IV. Theil. XIII. Capitul. es wird bey dieſer Luſt eine angenehme Jagt-Muſic gehoͤret. Wenn es bald zu Ende gehen ſoll, ſo werden einige Sauen noch dazu hinein gelaſſen, und die machen denn unter denen Dames einen ſeltzamen Rumor.

§. 38. Anno 1725. ward in dem Pilnitzer Schloß-Garten bey Dresden, eine Jagt von jun - gen Haaſen, Caninchen und andern jungen Wilde gehalten, dabey die kleinen Hof-Zwerge die Stel - len der Ober-Jaͤgermeiſter und Chefs præſentir - ten, die uͤbrigen Jaͤger-Stellen wurden von kleinen Knaben, die alle gruͤn gekleidet, vertreten, und die zu dieſer Jagt gebrauchten Hunde waren auch ſehr klein und luſtig, alſo daß ſo wohl Jaͤger als Hunde ein Gelaͤchter machten. Bey dem Ende ward dieſe geſammte nach dem verjuͤngten Maaß - Stabe eingerichtete Jaͤgerey an einer Tafel pro - per tractirt.

§. 39. Die Falcknerey und Reiger-Beitze iſt an den Hoͤfen da man gar viel drauf zu halten pflegt, in vier Claſſen eingetheilt, als in die Rey - ger-Parthey, in die Kraͤhen-Parthey, Millonen - Parthey und Rivier-Parthey. Mit dieſer Rey - her-Peitze giebt es eine beſondere Luſt. Wenn die Reyher uͤberhoͤhet, ſo fangen die Falcken von oben herab auf dem Reyher, mit ihren ſtarcken Waffen in unglaublicher Geſchwindigkeit einen Anfall zu thun, ſie geben ihm einen Griff und Fang, dann ſchwingen ſie ſich wieder ober und neben ihm herum, biß ſie ihren Vortheil erſehen, ihn gar anzupacken.

§. 40.875Von mancherl. Jagt-Divertiſſemens.

§. 40. Zuweilen wendet ſich der Reyher mit ſeinem gantzen Leibe, und ſchwebt oder wehet als mit einem Seegel mit ausgeſpannten Fluͤgeln in freyer Lufft, da gehet es denn an ein Kaͤmpffen und piquiren.

§. 41. Es iſt ein uhraltes Herkommen, daß ein Potentat dem lebendigen Reyher einen guͤldenen oder ſilbernen Ring mit deſſen Nahmen und Jahr - zahl anlegt, und wiederum frey fliegen laͤſt. Es meldet der Herr von Flemming in dem I. Theile ſeines vollkommnen Teutſchen Jaͤgers p. 325. daß ein Reyher auf der Beitze gefaͤllet worden / welcher am rechten Bein uͤber dem Knie einen goldenen Ring gehabt, deſſen Schrifft geweſen: Ludwig XIV. 1680.

§. 42. Zu Zeiten des Kayſers Leopoldi war eine Art von Jagten in Wien bekandt, welche Luſt ſonſt kein Printz von Europa genoſſen, nemlich die Leo - parden Jagt. Der Tuͤrckiſche Kayſer hatte in der letzten Geſandſchafft unter andern Præſenten zwey zum Jagen abgerichtete zahme Leoparden præſenti - ren laſſen, womit ſich der Kayſer zum hoͤchſten Ver - gnuͤgen oͤffters divertirte. Dieſe Thiere waren ſo zahm, als der allerangewoͤhnteſte Hund, ſaſſen ih - ren Waͤrtern allezeit zu Pferde hinten auf der Krup - pe, und ſahen ſich denn bey der Jagt weit um, ob ſie etwas gewahr wuͤrden. Erblickten ſie nun einen Haaſen, Reh und dergleichen Thier, ſo ſprungen ſie ab, und in einem Vogel-ſchnellen Schuß hatten ſie das Wild eingeholet, worauf ſie ſich wieder hinter ihren angewohnten Jaͤger auf das Pſerd ſatzten,und876IV. Theil. XIV. Capitul. und einen neuen Fang ablauſchten. Jhre Groͤſſe war als der allergroͤſte Wind-Hund, das Wachs - thum eine vollkommene Katze, lang von Ruͤcken - Bruſt und Creutze und ſchmahl. S. Leben des Kayſers Leopoldi, p. 68.

Das XIV. Capitul. Von unterſchiedenen andern Divertisſemens auf dem Lande.

§. 1.

Die Jagten haben zwar vor den Fiſchereyen einen Vorzug behalten, daß jene bey groſ - ſen Herren beliebter ſind als dieſe; inzwi - ſchen pflegt es doch bißweilen auch zu ge - ſchehen, daß die hoͤchſten Regenten an dieſer un - ſchuldigen Occupation ihr Vergnuͤgen finden. Bey der Croͤnung des ietzigen Koͤnigs in Franck - reich Ludwigs XV. ſahe man eine praͤchtige Fiſche - rey. Der Koͤnig thate eine Promenade in dem Thier-Garten der Sylvia, und Nachmittags fuͤhrte der Hertzog von Bourbon Jhre Majeſtaͤt an das Ufer des dem Schloß gegen uͤber liegenden Canals. So bald Jhro Majeſtaͤt hier anlangten, kam ein in Form einer See-Muſchel verfertigtes Schiff zum Vorſchein, auf welchen die Tritonen, die durch ein vornehm Opern-Frauenzimmer vorgeſtellte Goͤttin Thetis, vor Jhrer Majeſtaͤt Fuͤſſe brachten, welche deroſelben eine mit Perlen und Corallen gezierte An - gel-Schnure, auch Angeln und Koͤder in 2 von den rareſten Muſchel-Schaalen verfertigten Schach -teln877Von unterſch. Divertiſſ. auf dem Lande. teln uͤberreichte. Wie die Thetis ihren Antrag aus - geſonnen hatte, warff man die Netze aus, und fieng eine groſſe Menge Fiſche, und unter dieſen vornem - lich ſchoͤne Karpen von allerhand Farben.

§. 2. Manchmahl werden mit einer beſondern Parade luſtige Waſſerfarthen angeſtellet. Die Herrſchafften fahren in einem praͤchtigen Schiff, ſo den Venetianiſchen Bucentauro vorſtellet, es iſt mit der ſchoͤnſten Bildhauer-Arbeit verſehen, mit Sammet ausgeſchlagen, und mit cryſtallenen Glaß - Fenſtern geziert. Es iſt auch Kuͤche und Kellerey, nebſt ihren darzu gehoͤrigen Bedienten dabey ange - bracht, und alſo ſpeiſen ſie ſo wohl Mittags als A - bends zum oͤfftern auf einen ſolchen Schiffe, mit eben ſo groſſer Beqvemlichkeit, als zu Lande; bißweilen aber laͤnden ſie auch an, und ſpeiſen unter kuͤhlen und ſchattichten Baͤumen.

§. 3. Um das Herrſchafftliche Schiff fahren klei - ne propre Chalouppen und Brigantinen, die mit Canonen beſetzt. So ſiehet man auch dabey Schif - fe mit Muſic, mit Trompeten und Paucken. Die Schiffer ſind auf das propreſte in Taffet a la Hollandoiſe gekleidet, und die Schiffe fuͤhren aller - hand Flaggen von Taffet. Eine ſo praͤchtige Schif - farth geſchiehet bißweilen auf einen Strohme einer fremden Herrſchafft zu Ehren und zu Gefallen, der ſie auf dem Waſſer entgegen kommen, oder ſie be - gleiten wollen.

§. 4. Zu Zeiten divertiren ſich auch Hochfuͤrſt - liche Herrſchafften auf einigen groſſen Seen oder Teichen mit Enten-Schieſſen. Alſo verfuͤgten ſichJhro878IV. Theil. XIV. Capitul. Jhro Koͤnigl Majeſtaͤt in Pohlen und Churfuͤrſtl. Durchlauchtigkeit zu Sachſen, Herr Friedrich Au - guſt, unſer allergnaͤdigſter Herr vor einigen Jahren, nebſt dero bey ſich habenden Suite in 15 neu in - ventirten Chalouppen und leichten Piſons, welche Hollaͤndiſche Schiffer regierten, auf dem groſſen Moritzburgiſchen Teich, allwo etzliche hundert auf den Koͤpffen mit hohen Federbuͤſchen a part gezier - te Enten und Gaͤnſe zu finden, welche von dieſer hohen Geſellſchafft, nachdem ſie mit dieſen Cha - louppen den gantzen Teich in einer angenehmen Ordnung umfahren, durch Schieſſen erleget und getoͤdtet worden.

§. 5. Zur Nachtzeit werden nicht allein die Luſt - Gebuͤſche, ſondern auch die Teiche und Canaͤle, bey denen mancherley Luſtbarkeiten vorgenommen wer - den, auf unterſchiedene Weiſe mit Fackeln und Lam - pen illuminirt. Es werden auch allenthalben Zelte und Boutiquen aufgerichtet, darinnen die hohen Gaͤſte nebſt den Zuſchauern alles, was ſie nur von Speiſen, Getraͤncke, Liquers, Confituren gebran - ten Waſſern und dergleichen benoͤthiget ſind, be - kommen koͤnnen.

§. 6. Wenn ſich die Hoch-Fuͤrſtlichen Herr - ſchafften gefallen laſſen, den Weinleſen mit beyzu - wohnen, ſo iſt man auch bey demſelbigen auf eine be - ſondere Luſtbarkeit bedacht. Vielmahls gelchiehet um der Herrſchafft ein Vergnuͤgen zu machen, ein ſolenner Aufzug zur Weinleſe. Einige Muſican - ten mit Schallmeyen nnd Fagots gehen voran, die Berg-Voͤgte mit ihren Staͤben folgen drauf; nachdieſen879Von unterſch. Divertiſſ. auf dem Lande. dieſen kommen die Wintzer zu paaren und paaren, die nach dem Unterſchied ihrer paare, ihr beſonder Weinberg-Gezeug, als Weinhauen, Karſchen - Butten, Schippen, Schuffen, u. ſ. w. in Haͤnden fuͤhren. Einige von den Wintzern tragen auch etz - liche von vielen Trauben auf Reiffen gebundene, und zuſammen geſetzte große Weintrauben an Stangen. Nach den Wintzern kommen die Mu - ſicanten mit Geigen und Schallmeyen anmar - ſchirt, und darauf die Bauer-Purſche, welche ihre Greten an Haͤnden haben; Es tragen auch wohl bißweilen eine Reyhe Bauer-Maͤdgen zu paaren und paaren, Schuͤſſeln mit Weintrauben, Schuͤſ - ſeln mit Kuchen, Bouteillen mit Moſt, u. ſ. w.

§. 8. Es geſchicht auch wohl, daß die Bauer - Maͤdgen bey der Weinleſe, wie es an einigen Orten gewoͤhnlich iſt, ihren Durchlauchtigſten Landes - Vater mit einen von vielen Baͤndern treflich ausge - zierten Rosmarin-Stock regaliren, und ihn noch dazu mit einer treflich ausgeſonnenen Bauer-Poeſie ihren Gedancken nach beehren. Die Hoch-Fuͤrſt - lichen Herrſchafften machen ſich ein Plaiſir, das jun - ge Bauern-Volck mit Eſſen und Trincken auf das Beſte zu verſorgen, geben auch wohl gar, wenn ſie aufgeſtanden, ihre Fuͤrſtliche Tafel preiß, und ſe - ihren Tantzen zu.

§. 8. Es muͤſſen auch wohl bey dieſen und andern dergleichen Luſtbarkeiten die jungen ſtarcken Bauer-Knechte in Maſqueraden-Habit nach ei - nem Ring rennen, und wenn ſie ſolchen nicht tref - fen, werden ſie entweder von einer Figur ſo ſeinenDreſch -880IV. Th. XIV. Cap. von Divertiſſ. aufm Lande. Dreſchflegel in der Hand haͤlt, weidlich geklopffet, oder mit Waſſer ſo oben uͤber den Ringe in ei - nem Troge zu finden, ziemlich begoſſen. Andere muͤſſen auf ungeſattelten Pferden, nach einer ange - bundenen und am Halſe mit Baumoͤhl beſtrichenen Ganß rennen, um ſolcher den Halß abzureiſſen, da ſie denn weil die Pferde offt unter ihnen weglauf - fen, und die Haͤnde von Gaͤnſe-Halſe abgehen, tapffer zur Erde fallen; noch andere muͤſſen mit verbundenen Augen nach einem Hahn ſchlagen. Die Bauer-Maͤgde muͤſſen nach einer angezoge - nen Machine lauffen, um ſolcher den Crantz abzu - reiſſen, und wenn ſie denſelben nicht erhalten, wer - den ſie von der, aus der unter dieſer Machine ſte - henden, Fontaine, von unten herauf ſtarck beſpritzt. Es giebt auch eine feine Kurtzweile, wenn einige auf hohen abgeſchaͤlten und mit Baumoͤhl beſtri - chenen Tannen-Baͤumen klettern, um der Ge - winſte, mit welchen ſolche Baͤume von oben behangen ſind, theilhafftig zu werden.

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TextEinleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft der großen Herren
Author Julius Bernhard von Rohr
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Responsibility Alexander Geyken, ed.; Susanne Haaf, ed.; Bryan Jurish, ed.; Matthias Boenig, ed.; Christian Thomas, ed.; Frank Wiegand, ed.

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Bibliographic informationEinleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft der großen Herren Julius Bernhard von Rohr. . 880 S. RüdigerBerlin1729.

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LanguageGerman
ClassificationFachtext; Politik, Anstandsliteratur; Wissenschaft; Politik, Anstandsliteratur; core; ready; china

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