Dem Durchlauchtigſten Prinzen und Herrn, HERRN Friedrich, Marggraven zu Baaden und Hachberg, Landgraven zu Sauſenberg, Graven zu Hanau, Sponheim und Eberſtein, Herrn zu Roeteln, Badenweiler, Lahr, Wahlberg und Kehl u. ſ. w. Ritter des weiſſen Adlers - und des Stanis - laus Ordens, wie auch des Ordens de la Fidelité gebohrnem Ritter, General-Majorn der vereinig - ten Niederlande und Obriſten des Schwaͤ - biſchen Kreiſes. Meinem Gnaͤdigſten Prinzen und Herrn.
Eure Hochfuͤrſtliche Durch - laucht haben meinen ſeeligen Sohn immer mit ſo huldreicher Herab - laſſung behandelt, und ihm ſo mannig -a 3faltigefaltige Gnade bewieſen, daß ſein Herz bis in die letzten Tage ſeines Lebens die lebhafteſte Dankbarkeit daruͤber em - pfand und oft durch fromme Wuͤnſche und andaͤchtige Fuͤrbitte ſo ſtark aͤuſſer - te, als nur ſeine Schwachheit geſtattete.
Nie werde ich vergeſſen, wie ſehr er Euer Hochfuͤrſtlichen Durch - laucht heiſſe Begierde, den groſſen Herrn aller Herren aus ſeinen vortref - lichen Werken der Allmacht, der Weis -heitheit und der Guͤte immer beſſer zu er - kennen — und Dero warme Anhaͤng - lichkeit an unſern allerheiligſten Glau - ben ruͤhmte — und wie ſehr viel aͤhn - liches wuͤrde ich noch anfuͤhren, wenn Euer Hochfuͤrſtliche Durch - laucht bey der gegebenen Gnaͤdigſten Erlaubniß, einen Theil ſeiner noch in Druck kommenden Aufſaͤtze, mit De - ro preißwuͤrdigen Namen, wie hiemit geſchieht, zu zieren, mir nicht beſtimmt befohlen haͤtten, alles, was den Scheina 4einereiner Lobrede haben koͤnnte, wegzulaſ - ſen, und wenn nicht auch in dieſem Fall Gehorſam allen noch ſo ſchuldigem und noch ſo reinem Opfer vorgehen muͤßte.
Dringendere Wuͤnſche, Durch - lauchtigſter Prinz, fuͤr Dero Wohlfarth und Zufriedenheit, als mei - ne ganze Seele thut, ſind kaum moͤg - lich, und der Fall iſt gewislich ſelten, da man in ſolcher Zuverſicht, als die meinige, Gott Lob! iſt, mit bibliſchenWortenWorten ſprechen darf: Der Herr ge - be dir, was dein Herz, dein Gotter - gebnes Herz begehrt! Und ſo geht es recht nach dem Wunſch der Groſſen — der wahrhaftig Groſſen in der Welt.
Meine ehrerbietigſte zu Gnaden - Empfehlung laͤßt ſich uͤbrigens in Ab - ſicht der Sehnſucht und Staͤrke mit Nichts als mit der vollkommenſten, und, welches mit Gnaͤdigſter Erlaub - niß geſchrieben ſeyn ſoll, mit der zaͤrt -a 5lichſtenlichſten Ehrfurcht vergleichen, in wel - cher ich bis an das Ziel meines dem En - de ſich ſehr merklich nahenden Lebens beharre
Euer Hochfuͤrſtlichen Durchlaucht Koendringen, den 22. September 1783. unterthaͤnigſt gehorſamſter Nicol. Chriſtian Sander.
Durch die hier ans Licht tretende vollſtaͤn - dige, — und einzige aͤchte, — Ausga - be aller Reiſen des ſeel. Prof. Sander’s wird nun das ſchon bei deſſen Leben von den Freunden ſeiner Schriften, — und wie viele ſind deren nicht? — oft und laut geaͤußerte Verlangen nach der Bekantmachung derſelben, geſtillt.
In der That konnte auch nicht leicht ein Wunſch gerechter ſeyn, da man wohl ſchwerlich,we -Vorberichtwenigſtens in Deutſchland, eine Reiſebeſchrei - bung wird aufweiſen koͤnnen, in der das Lehr - reiche und Nuͤtzliche mit dem Unterhaltenden und Mannichfaltigen auf eine angenehmere Art ab - wechſelte. Sander’s weitumfaſſender Be - obachtungsgeiſt blieb nicht blos bei Einem Ge - genſtande ſtehen. Daher wird auch beinahe jede Gattung von Leſern bei dieſem Buche ihre Rechnung finden. Den Menſchenforſcher wer - den haͤufige, — oft mit eben ſo vieler Wahr - heitsliebe, als Freimuͤthigkeit — entworfene Schilderungen der Karaktere ganzer Nationen ſowohl, als einzeler Perſonen, und Bemerkun - gen uͤber ihre Vorzuͤge und Gebrechen, uͤber ih - re gute und boͤſe Seite, intereſſiren. Der Na - turkuͤndiger wird neue Beobachtungen uͤber die Naturgeſchichte der vom Wohlſeel. bereiſten Laͤn - der mit umſtaͤndlichen Nachrichten von den von ihm beſehenen Naturalienkabinettern antreffen; eine Eigenſchaft, welche dieſes Buch dem in glei - cher Abſicht reiſenden Naturforſcher zum beinahe unentbehrlichen Handbuche macht. Eben ſo wenig wird es der Litterator, der Kunſtfreund,derdes Herausgebers. der Kameraliſt ꝛc. unbefriedigt aus der Hand legen. Aber auch der Leſer, dem’s bei ſeiner Lektuͤre blos um vernuͤnftige Unterhaltung zu thun iſt, und dem der Himmel ein fuͤhlbares Herz verlieh, wird durch gewiſſe allgemeine Be - trachtungen, in die ſich des guten Sander’s menſchenfreundliches und wohlwollendes Herz nicht ſelten ergießt, aufs angenehmſte uͤberraſcht und zum Mitgefuͤhl erwaͤrmt werden. — Doch genug vom Lobe eines Buchs, das durch ſeinen innern Werth alle Empfehlung des Herausge - bers uͤberfluͤſſig macht. Alſo nur noch ein Paar Worte von des Letztern Bemuͤhungen bei der Bekanntmachung dieſes Werks. — Die vom ſeel. Verfaſſer durchgaͤngig mit eigner Hand geſchrie - bene Handſchrift, war, wie ſie die Hrrn. Verle - ger aus ſeinem Nachlaſſe von ſeinem Hrn. Vater erhielten, ſchon ſo vollkommen ausgearbeitet und zum Drucke zubereitet, wie er ſie bei laͤngerm Le - ben bald ſelbſt*)Dies beſagt einer ſeiner Briefe an die Herren Ver - leger vom 8. Febr. 1782. worin er ihnen die Heraus - gabe ſeiner Reiſen, — zu denen ihn das Publikum ſo ſehr auffordere, — anzeigt. wuͤrde herausgegeben haben. AlſoVorbericht des Herausgebers. Alſo einige wenige unbedeutende Schreibfehler aus ſichern Quellen zu berichtigen und dann fuͤr korrekten Druk Sorge zu tragen, war alles, was ihm dabei noch zu thun uͤbrig blieb. Ob er ſich einige hier und da beigefuͤgte Anmerkun - gen haͤtte erſparen koͤnnen, uͤberlaͤßt er einſichts - vollen Leſern zu entſcheiden. Die vom ſeel. Ver - faſſer an ſeinen Hrn. Vater gerichtete Zueignung dieſer Reiſebeſchreibung, welche ſich vor der Handſchrift befand, hat man hier ebenfalls mit abdrucken laſſen, weil ſie einen Beweis ſeines tugendhaften Wandels und ſeiner zaͤrtlichen Kin - desliebe abgibt, ſeine Freunde ſie alſo gewis mit Zufriedenheit leſen werden. Um auch derſelben haͤufiges Verlangen nach ſeiner Lebensbeſchrei - bung zu erfuͤllen, ſoll dem zweiten Theile, der in laͤngſtens vier Wochen von jetzt an, die Preſſe gewis verlaſſen wird, eine kurzgefaßte vorgeſetzt werden. Geſchrieben am 20. Okt. 1783.
Leſen Sie hier, beſter, zaͤrtlicher Vater, das Tagebuch meiner Wanderungen. Ihnen bin ich dieſe Nachrichten ſchuldig, und ich ha - be jeden Tag ſo gelebt, als wenn ich alle Aben - de zuruͤck kommen, und Ihnen Rechenſchaft geben muͤſte. Wenn Sie’s dann leſen, und mir wieder geben, und etwan einem Ihrer Freunde ſagen: Es reut mich nicht, daß ich ihm das Geld gab — — ach das iſt Luſt fuͤr mein Herz und ſuͤſſe Belohnung fuͤr jedeUnruheUnruhe und Muͤhe. Glauben Sie das Ih - rem juͤngſten Sohne, beſter, zaͤrtlicher Vater, und leben Sie noch lange von Gott fuͤr jede Liebe gegen Ihre Kinder belohnt und geſeg - net.
Heinrich Sander.
Die Heide*)So wird die Ebene um Raſtadt herum genannt. Herausgeber. wird immer mehr angebaut. Die neue Straſſe daruͤber iſt zu beiden Seiten mit Kirſch - und andern Baͤumen beſezt. Die Doͤrfer ſehen meiſtens traurig aus, und ſind katholiſch. Vor Stol - hofen hat man auf der rechten Seite gegen den Rhein zu, ein ſehr ſchoͤnes ebenes Fruchtfeld; die Fahrenden machen aber neben der hinlaͤnglich breiten Landſtraſſe noch eine andre ſchaͤdliche, ziemlich breite, wodurch den Aeckern das Land entzogen wird; zur linken ſtoͤßt das Feld gleich an einen lichten Wald. Die Berge, welche man in der Ferne ſieht, waren noch ziemlich mit Schnee bedeckt. Stollhofen ſelber laͤßt der Reiſende links liegen; es ſoll artige Haͤuſer haben. Ein Dorf, Ulm genannt, iſt nur durch etwa 100. Schritt Mattfeld von einem nicht ganz unanſehnlichen Staͤdtchen Lichtenau unterſchieden. Ulm iſt Baadiſch, Lichtenau aber Hanauiſch. VonA 2da4da aus werden die ſonſt ſchoͤnen Chauſſeen durch die ſchweren Guͤterwagen, die nach Strasburg gehen, beſtaͤndig verdorben, und nicht wieder reparirt. Je - mehr man ſich Kehl naͤhert, deſtomehr ſieht man an - ſehnliche groſſe Bauerhoͤfe, doch ſind die Haͤuſer meiſt ganz von Holz, und beſtehen aus Riegelwaͤnden mit Thon ausgefuͤllt. Kehl iſt ein betraͤchtliches, langaus - gedehntes Dorf, wo viele Krambuden und Handwerker ſind. Es hat ſeinen eignen Amtmann, und Pfarrer. Die Feſtung Kehl iſt halb zerſtoͤrt, und hat jezt auch ihren eigenen lutheriſchen und katholiſchen Pfarrer. Von da iſts fuͤr den Fußgaͤnger noch eine Stunde bis zur Stadt. Man paſſirt die Rheinbruͤcke, und zahlt ein hohes Bruͤckengeld. Sie iſt nicht ſo breit und nicht ſo ſchoͤn als die Baſeler, man findet auch keine Boutiquen dar - auf; ſie iſt ganz von Holz, und hat in der Mitte eine, aber unbetraͤchtliche, Erweiterung. Bald darauf folgt eine andre, aber viel kleinere. Sie fuͤhrt nur uͤber einen Arm des Rheins. Kehl iſt der Sammelplatz aller Betruͤger, und Bankerutirer, die ſich jenſeits der Bruͤcke nicht mehr ſehen laſſen duͤrfen, und ſich ſchnell von Strasburg retiriren muͤſſen. Die Franzoſen ſind des - wegen dem Orte gar nicht gut. Und eben wegen dieſer Colluvies hominum laſſen ſich auch wenig gute Ord - nungen in Kehl einfuͤhren. Die Feſtung Kehl hat der Marggraf von Baaden zu einer Stadt erhoben, und den erſten lutheriſchen Prediger da beſtellt. Im Dorfe Kehl iſt ein Condominat von ſieben Herren, Baaden, Naſſau, dem Stifte Frauenhaus in Strasburg ꝛc.
Ich beſah zuvoͤrderſt, Herrn Herrmanns, Prof. der Naturgeſchichte auf hieſiger Univerſitaͤt, vortreffli - ches Naturalienkabinet. Es zeichnet ſich theils durch die ſchon anſehnliche Menge, theils durch Ordnung und Nettigkeit vorzuͤglich aus. Man findet bei ihm ſehr viele Inſekten, beſonders kleine, die zum Theil noch auf Tafeln mit einem weiſſen Grunde unter Glas haͤngen, theils aber in Schubladen mit abgetheilten Faͤchern, ebenfalls auf einem weiſſen Grunde, unter genau aufge - paßten Glastafeln, und ſehr richtig beigeſchriebenen Na - men, auf bewahrt werden. Ich fand ſehr viele Am - phib. reptil. Linn. auch Rana Pipa; ein junges Kro - kodil in einem Glaſe; viele Schildkroͤtſchaalen; auch Teſtud. imbricat. ſehr viele Amphib. Nantes, als Chaetodon, Diodon, Cyclopt. etc. welche Fiſche nicht ausgeſtopft ſind, ſondern blos in der hohlen aber natuͤrlich geſtalteten Epidermis, und nur von einer Seite, jeder auf einem ſchwarzen gedrehten Fuß von Holz, verwahret werden; ſehr viele ausgeſtopfte Saͤug - thiere, als Dachs, Murmelthier, Genetkatze, Wieſel, Ratten ꝛc; groſſe Haarkugeln, ſo voͤllig abgerundet und ſo niedlich, als wenn ſie mit Fleis und Kunſt abgedreht waͤren, gar viele; und ſo wie alle, in Glasſchraͤnken. Dies alles nimt ein eignes mehr lang, als breites Zim - mer ein. Ferner, ſehr wohlerhaltene Voͤgel von allen Ordnungen und Geſchlechtern, wovon jeder wieder auf einem eignen Stativ ſitzt. Unter andern ſah’ ich da den Kardinal (den blutrothen Vogel, den man aus Oſtin - dien kommen laͤßt), auch noch etliche andre ſehr ſchoͤneA 3Voͤgel6Voͤgel vom Miſſiſſippi, den Kolibri, der voͤllig den langen ſpitzigen Schnabel hat, den ihm die Maler geben, uͤbrigens aber keine beſondre Schoͤnheit, auch keinen Gold - glanz am Halſe hatte; ſo wie denn auch Phal. Atlas, die ich da ſah, zwar die Spiegelflecken hatte, aber nicht die hohen hellen Farben, womit ſie Cramer vorgeſtellt hat. Von Schlangen ſah ich hier groſſe und kleine (zum Theil noch ſpezifiſch unbeſtimmte Arten), in Wein - geiſt; ſchoͤn und uͤberaus fein war das Cranium vom Kopf des Coluber Berus, wo man die zwei Giftzaͤhne von den uͤbrigen deutlich unterſcheiden konnte. Viele monſtroͤſe Eier; die pergamentartigen aber doch kalkhal - tigen Eier der Schildkroͤte; etliche Vogel - und Inſekten - Neſter; beſonders aber viele koralliſche Gewaͤchſe, Ma - drepor. Mill por. Sertular. Alcyon. Gorgon. ; Viele groſſe und kleine Spongiae, Gordius Medin. Taema Solium, und andre Arten vom Bandwurm; Aphrodit eine unzaͤhlbare Menge von Muſcheln, die in Schubladen auf einem weiſſen Grunde nach den ſyſte - matiſchen Geſchlechtern lagen; ein vortreflich wohlausge - dehntes, unter einer eignen Glastafel haͤngendes Medu - ſenhaupt (Aſter. Caput. Med. L), und viele andre groſſe und kleine, gedoͤrrte, in Schubladen liegende Meer - ſterne; eine eigne Lage von Fluß - oder Suͤßwaſſerconchy - lien, worunter ſich eine aus Aſien abſtammende Land - ſchnecke durch die bisher nicht bekannte Beſonderheit, daß ſie nemlich gegen den ſonſt gewoͤhnlichen Gang der Natur bei den Schnecken, die Spitze ihrer Windungen, und das Maul an einer und derſelben Seite gleich neben einander hat, auszeichnete. Unter den thieriſchen Petri - ſicaten waren Spongiae, Corn. Amm. zum Theil von ungeheurer Groͤſſe, viele mit einem metalliſchenGlanz,7Glanz, insbeſondre aber war ein groſſes 6 — 8. Pfund, meiner Schaͤtzung nach, wiegendes Stuͤck von einer Madrepora aus Champagne merkwuͤrdig, die ver - ſteinert, und zwar Terra ſilicina war, ſo gewis, daß ich durch den Stahl an allen Orten eine Menge Feuerfun - ken herausſpruͤhen ſah; der vielen Arten aus dem Krebs - geſchlecht, die uͤberall herum lagen, der Embryonen und monſtroͤſen Naturprodukte nicht zu vergeſſen.
Vom Pflanzenreich ward mir nichts gezeigt, als ein Verſuch, alle Fruͤchte mit Wachs auszufuͤllen, und ſie ſo zu erhalten, den aber der Beſitzer bald wieder vergaß.
In der Mineralogie fand ich nichts von Erden; etliche Salzproben, kein Sal Gemmae, keine Schwe - fel, als gediegenen vom Veſuv ꝛc. ; von Steinen nur Edelſteine, ein Diamant, der 3000. Livres gekoſtet ha - ben ſoll, und den Pierre de Straas darneben verdun - kelte; alle andre Edelſteine, auch ein Oculus Cati; ein Onyx; von jedem Metall viele Stufen, auch das Nagyager Golderz, auch Platina del Pinto in ziemli - cher Menge (wovon die Unze im Ankauf 100. Liver, bald hernach aber 300. koſtete); viele Haͤmatit., viele Queckſilberſtufen ꝛc. Hierauf beſuchte ich den hieſigen
Botaniſchen Garten. Man nennt ihn hier den Doktorgarten. Er liegt am Ende der Stadt, aber doch in derſelben. Er iſt mehr breit als lang. Es koͤnnen etwa 1500. Gewaͤchſe darin ſtehen. Er iſt in 4. Quar - tiere abgetheilt. Man kauft noch immer mehr dazu, das Bosket bedeutet noch nicht viel. Die Gewaͤchs - haͤuſer ſind lang, aber breit. Man findet nichts beſon - ders darin. Yuccae ſind einige da, aber keine Pal - mae, keine Muſa, etliche Citri, ꝛc. die Aufſicht hatA 4Hr.8Hr. Prof. Spielmann. Er ward damahls erſt wie - der beſaͤet und eingerichtet. Eine kleine Apotheke iſt auch dabei. Die Genera ſind nach Ludwig und Linné. Der Lehrer lieſt zwar Botanik alle Sommer oͤffentlich, laͤßt aber alles weg, was in die Materia me - dica gehoͤrt, ſchimpft nicht ſelten ſehr heftig auf Linné, weil er nach Tournefort gelernt hat, und jezt uͤber Linné leſen muß.
Die Univerſitaͤt in Strasburg iſt ein groſſer Koͤrper, der in allen ſeinen Gliedern lahm iſt. Es fehlt ein Haupt, das in alle einzelne Theile Leben und Thaͤ - tigkeit verbreitete. Die theologiſche und juriſtiſche Facultaͤten bedeuten faſt gar nichts, die mediciniſche hat gegenwaͤrtig noch zwei groſſe Maͤnner, Lobſtein und Spielmann, aber die jungen Zoͤglinge verſprechen nicht viel. Ein Kanzler oder Curator, iſt nicht da, der Praͤ - tor, und die Ammeiſter, die aber Bankiers, und keine Gelehrte ſind, dirigiren die Sachen. Sehr vieles wird nicht geleſen, z. B. Diaͤtetik, Clinik ꝛc. Im Sommer iſt fuͤr die Mediciner, auſſer der Botanik und Phyſiologie, nichts zu thun. Im Winter iſt die Anatomie vortref - lich, aber mit ſchweren Nebenkoſten verknuͤpft. Vieles wird ſehr langſam geleſen. Die Lehrer fangen in der Mitte des Sommers an und hoͤren auch in der Mitte des Halbjahrs auf. Die aͤlteſten Profeſſoren heiſ - ſen Canonici, haben eigue Haͤuſer, fette Beſoldungen, werden traͤge, ſind zum Theil Bonvivants, und haben keinen Ernſt im Dociren. Sie leſen in der Theologie und in andern Wiſſenſchaften, mehr uͤber ihre eignen Aufſaͤtze, die ſie den Studenten zum Abſchreiben geben, als uͤber Compendien. Viele ſind pedantiſch fuͤr das, was man ehemahls Philologie nannte, eingenommen. Viele9Viele ſind oft zu predigen genoͤthigt, und leſen dann Freitags und Sonnabends nicht. Die meiſten Vorle - ſungen werden lateiniſch gehalten, ſelbſt die Phyſik, und Moral. Leztre wird in lauter Definitionen von den Tu - genden vorgetragen, und dieſe lernen die Zuhoͤrer aus - wendig. Man bemerkt an den jungen Kandidaten eine groſſe Unbekanntſchaft mit der Bibel, die Quellen wer - den faſt gar nicht ſtudirt. Die Prediger ſind ſehr mit - telmaͤſſig. Schwulſt und Gallimathias heiſt hier Be - redſamkeit. Im Iure wird uͤber den Heineccius gele - ſen, und die Abweichungen des franzoͤſiſchen Rechts wer - den dazu diktirt. Die Profeſſoren am Gymnaſium bleiben oft lange an der Kette der niedern Schulen liegen, weil bei Beſetzungen der Stellen auf der Univerſitaͤt, Fa - milienverbindungen gemeiniglich den Ausſchlag geben. Auslaͤnder koͤnnen hier nie Profeſſoren werden. Die Studenten ſtudiren ſehr bequem, hoͤren 1. bis 2. Kolle - gia des Tags und geben etliche Stunden Information (vulgo ſchanzen), wofuͤr ſie Geld oder den herrlichſten Tiſch haben koͤnnen, und die Leute glaubens nicht, daß durch die elenden gedungenen Informatores, die Jugend nothwendig von einem Menſchenalter zum andern, immer mehr verdorben wird. Von Licentiaten, die ſich von Repetenten zu einer juriſtiſchen Diſputation haben praͤpa - riren laſſen, wimmelt die Stadt. Beſonders ſollen die Lothringer ſehr unwiſſende Leute ſeyn. Vom Geſchmack in der Theologie koͤnnen einige Diſſertationen zeugen, difficile eſt, Satyram non ſcribere. — Sehr viele junge Leute wollen mit etwas Belliteratur und franzoͤſi - ſcher Geſchwaͤtzigkeit, und Façon Profeſſores werden. Viele Profeſſores ſetzen in den Lektionskatalog, daß ſie dieſes Halbjahr nicht leſen werden.
A 5Die10Die Bibliothek, welche ich ebenfals beſuchte, be - komt wenig Zuwachs in den neuern Zeiten. Im theo - logiſchen Fach ſind einige alte Bibeln da, aber keine Hauptwerke. Mediciniſche, phyſiſche und naturhiſtori - ſche Buͤcher ſtehn noch beiſammen, und haben auch wohl Platz. Von neuern Schriften iſt gar nichts da, nicht ein - mahl Hallers groſſe Phyſiologie, nicht einmahl Reau - mur Hiſtoire des Inſectes etc. Ariſtoteles mit allen ſeinen Kommentatoren, Theophraſtus, Hippocra - tes, Galenus, Avicenna etc. ſind da, aber keine neue Schriften. Aus Engelland iſt faſt gar nichts vorhanden, Parſon of Hermaphrodites fand ich indes doch hier.
D. Corvinus Kabinet vergaß ich auch nicht zu beſehen. In der Mineralogie iſts am ſtaͤrkſten. Man findet da viele Queckſilberſtufen aus Spanien, Oeſter - reich, auch eine ſehr ſchoͤne aus Indien. Ferner Sil - ber - Blei-Erzſtufen aus dem Wuͤrtembergiſchen von Alpisſpach her, huͤbſche Stuͤcke von gewachſenem Silber aus dem Wuͤrtembergiſchen und Fuͤrſtenbergiſchen, Kupfer, viele Terrae ſigillatae, mit den Praͤparaten davon, die in die materia medica einſchlagen. Mooſe ſezt der Beſitzer nur ſo, wie ſie ſind, nach Wegnehmung aller erdichten Theile, in eine Schublade, ſie werden hart und konſerviren ſich gut. Alles iſt in Schubladen, die in Faͤcher abgetheilt ſind. Viel groſſe Stuͤcke Quarz, ſonderlich amethyſtfaͤrbige von der Moſel; Blutſteine die ungemein glatt ſind, wie polirter Stahl; ſchoͤne ame - thyſtfaͤrbige Quarzdruſen; wenig beſondre Muſcheln; eine Spina dorſi und Haͤute vom Crotalus horridus, aber noch ſehr jung und klein; Incruſtata; viel ſogenanntes verſteinertes Holz; Zaͤhne und Kieferſtuͤcke aus d[e]m Rhein ꝛc. Ein Stuͤck Bernſtein, worin eine MuſcaLinn. 11Linn. iſt; zu den Terr. ſigill. rechnet D. Corvinus nur die Terram albam und rubram, die ich auch habe, die Terra Lemnia iſt bei ihm eine ſchluͤpfrige ſeifenartige graulichte Erde, die jetzt nicht mehr, wie vormahls, von den alten Griechen in kleine Kuͤchelchen geformt und geſiegelt wurde. Darneben beſitzt er die ſo - genannte Pilgererde, die Erde, die das Baadener Bad (bei Raſtadt) und die, ſo das Baadener Bad in der Schweitz abſetzt; die letzte iſt ſalzichter als die erſte, und wird in der Schweitz wider die Kraͤtze auf die Haͤn - de gerieben und wirkt recht gut als ein austrocknendes Mittel. Die Erde vom Baadener Bad hat den Ge - ſchmack, wie Glauberſalz. Alaunſteine hat er aus dem Saarbruͤckiſchen, aus denen ſie dort ſehr ſchoͤne Alaun - cryſtalle machen, die aber die Luftfeuchtigkeit an ſich zie - hen und verwittern. Erden vom Aachener und Wiß - badener Bad in kleinen Schachteln. Salzcryſtalle von Bruchſal. Einige orientaliſche Marmor, die eine viel feinere Textur haben, als die occidentaliſchen, und viel glaͤtter und ſanfter anzufuͤhlen ſind. Eiſenminern, be - ſonders die minera ferri globoſa von Herrn v. Die - terichs Bergwerk. Steine, in denen ein Gemiſch von Quarz, Blei, Silber ꝛc. iſt, aus der Gegend bei Frei - burg im Breisgau. Sonderlich aber verdienen die Koboldminern Aufmerkſamkeit, die er 6 Stunden von Offenburg hinter Gengenbach im Gebuͤrge geſammelt hat. Dort iſt im ſogenannten Nordracher Thal ein groſſes Werk vor 10. Jahren von einem ehemahligen Praͤlaten in Gengenbach angelegt worden, an dem jetztgedachtes Kloſter und Offenburg Theil haben. Sie laſſen durch eigne Fuhren Koboldminern theils aus Boͤhmen, theils aus dem Walliſerland, theils ausdem12dem Naſſauiſchen, kommen, in dieſen iſt Arſenik und Kobold; dieſe werden erſt geroͤſtet, ſo daß ſich der Arſe - nik in einer langen Roͤhre, und in einer Stube aufſubli - mirt. Dieſe Stube wird alle halbe Jahr ausgeſchla - gen. Dann haben ſie dort eine eigne Art Kieſel, die in den Bergen bricht: mit dieſer calciniren ſie nun die Kobolderze, und wenn ſie im Fluß ſind, ſo laſſen ſie ſie in ein Waſſer fallen, da bekommen ſie alsdann ein wah - res ſchoͤn blaugefaͤrbtes Glas. Nachdem dieſes Glas vorher lange klein gepocht worden, reiben es hernach 2. uͤber einander laufende groſſe Muͤhlſteine, zwiſchen wel - che beſtaͤndig Waſſer geleiſtet wird, klein; da ſich dann unten der wahre Kobold praͤzipitirt. Dieſer beſteht in einem Pulver, davon ſie dreierlei Arten haben, und zu - letzt bleiben die kleinen blauen Glastheilchen, als ein Sand zuruͤck, der zur Schmalte gebraucht wird. Dieſen Ko - bold verkaufen ſie theuer an die Hollaͤnder, und dieſe verfuͤhren ihn nach Oſtindien und China. Und unge - achtet alle Minern durch eigne Fuhrleute zu Pferde und auf der Achſe dahingebracht werden; ſo ſollen ſie doch 8. bis 10. pro C. gewinnen; denn das Holz haben ſie im Ueberfluß. Dies iſt alles, was mir der Beſitzer dieſer Sammlung von einer ſo unbekannten und doch ſo ſehens - wuͤrdigen Anſtalt ſagen konte. Es ſind viele Gebaͤude da, man muͤßte ſich acht Tage dort aufhalten, um ins Detail zu ſehen, und muͤßte es ſich doch nicht merken laſſen, denn man thut etwas geheim damit.
Eine ſchmerzhafte Krankheit, von der ich in Strasburg befallen ward, unterbrach fuͤr diesmahl die Fortſetzung meiner vorgehabten Reiſe. Ich blieb dort viele Wochen unter den Haͤnden der Aerzte und reißte endlich im Julius wieder nach Carlsruhe zuruͤck. Im April 1777 abertrat13trat ich dieſe Reiſe von neuem an, ging nach Stras - burg, und nahm nun in Augenſchein, was mir von Merkwuͤrdigkeiten zu beſehen, das Erſtemahl zuruͤckge - blieben war. Dahin rechne ich;
Das Monument des Grafen und Marſchals von Sachſen in der Thomaskirche. Im Chor dieſer an ſich ſchon wegen ihrer groſſen Weite ſehr ſehenswuͤrdigen Kirche ſteht ſeit einem Jahr dies Werk, das der Nation, der Stadt, dem Erfinder und noch mehr dem Verfertiger, Hrn. Pigalle Ehre macht*)Er hat ſich damit den Michaelsorden erworben, der in Frankreich fuͤr Kuͤnſtler geſtiftet iſt.. Ein Werk, das mit dem Transport 300000. Liver gekoſtet hat, und das aus ungeheuren Steinmaſſen, wiewohl man’s ihm nicht anſieht, zuſammengeſetzt iſt. Es iſt breit, hoch, und macht gleich beim erſten Anblick ei - nen tiefen Eindruck. Der Kenner bewundert’s, und der Laie verweilt gern dabei, und wird durch den Anblick der vielen affektvollen Vorſtellungen warm. Es iſt aus ſchwarzem und weiſſem Marmor zuſammengeſetzt. In den Kupferſtichen die man davon hat, iſt der Marſchal zu klein vorgeſtellt; von weitem iſt ers auch. Alle andre Figuren ſind koloſſaliſch, er aber iſt in nur Lebens - groͤſſe. Er ſteht oben, ernſthaft, lieblich, und ſteigt auf einer Stufe herab. Die Bildſaͤulen ſind alle weis, der Sarg, der Deckel, und die obre und untre Wand aber alle ſchwarz. Der Held will in den Sarg ſteigen, der Tod ſteht zur Linken, gros, in ein Gewand gehuͤllt, die Knochen in ſeinem Geſicht ſind vortreflich ausgedruͤckt, er hat eine Sanduhr in der Hand, und hebt mit der ei -nen14nen Hand den Sargdeckel auf. Der Marſchal haͤlt in der Rechten den Marſchalsſtab hinter ſich, die andre ſtreckt er aus. Der Kuͤnſtler hat ſogar die Wellen, die das Cordon bleu wirft, ausgedruckt. Indem der Held mit heitrer Miene in den Sarg treten will, liegt Frankreich als eine Goͤttin vorgeſtellt, zu ſeinen Fuͤſſen, faßt ihn bei der Hand und haͤlt ihn mit flehendem Blick zuruͤck. Zu ihrer Linken ſteht der Genius Frankreichs, der zu wei - nen ſcheint, und des Todes Fackel umkehrt. Aber der hat ein Kasket auf dem Kopf! Auf eben dieſer Seite liegen zerriſſene Fahnen, Standarten, und uͤber ihnen ſtehen Frankreichs Fahnen mit den Lilien. Auf der linken Seite des Marſchals ſinkt der Reichsadler zu Bo - den, auch Leoparden und Loͤwen, — Sinnbilder Engel - lands und Hollands, — liegen wie niedergeworfen da. Dies hat der Stolz der Nation angebracht, die Kunſt aber hat dabei das Ihrige gethan. Das falticht und wellenwerfend uͤber den Sarg herabhaͤngende Tuch iſt die groͤßte Nachahmung der Natur. Aber das Meiſterſtuͤck iſt Herkules, der dem Tod gegenuͤber ſteht, mit dem rechten Arme in die linke Hand geſtuͤtzt, die linke auf der Keule ruhen laͤßt, die rechte bedeckt halb die Stirne. Alles was ſtillen Schmerz, was bittern Gram uͤber die Sterblichkeit des Helden ausdrucken kan, das alles hat Pi - galle’s herrlicher Meiſſel da angebracht. Falſch iſts, daß er weinerlich, heulend vorgeſtellt ſei, wie Schloſſer ſagt. Auch iſt der Tadel an der Lage des Sargdeckels, meines Erachtens, uͤberfluͤſſig. An der Seite des Monuments geht man durch eine krumme ſteinerne Treppe in ein klei - nes praͤchtiges Gewoͤlbe hinab, das die ganze Laſt traͤgt. In der Mitte ſteht ein ſteinerner Sarg aus Einem Stuͤck, in welchen die Aſche des Mannes gebracht werden ſoll,die15die jetzt noch in der Neuenkirche iſt. Oben iſt eine Oef - nung fuͤrs Herz, unten eine fuͤr die Eingeweide des Grafen.
Hinten in der Kirche ſoll Schoͤpflin’s Bild an ei - ner Urne mit einer Inſchrift hinkommen. Seine Schwe - ſter und Erbin, die von der Stadt wegen der Bibliotheck eine Penſion hat, laͤßt es ihm ſetzen.
Das Aeuſſerliche der Stadt wird durch beſtaͤndi - ges Bauen ſehr verſchoͤnert.
Aber alle reiche Leute halten ſich immer in Pa - ris auf.
Der Ton der Stadt iſt ein widriges Gemiſch von alten Reichsſtaͤdtiſchen, Teutſchen, und Franzoͤſiſchen Moden. Es gibt Stadtweiber hier, wie man ſie viel - leicht ſelten findet.
In den Haͤuſern trift man viele Marmorplatten auf Tiſchen an, die kommen von Schirmeck, 9 — 10. Stunden von Strasburg. Dort ſoll eine herrliche Marmorſchleife ſeyn.
In der Stadt ſelber ſind viele Kuhmelkereien und doch wird eine Menge Milch und Butter vom Lande von beiden Seiten hereingebracht.
Die Soldaten ſtricken auf der Wachſtube Filet; das Paar Mannsmanſchetten verkaufen ſie oft fuͤr 3. Liver.
In Bar nicht weit von Strasburg iſt eine groſſe lutheriſche Gemeinde, aber auch viele Katholiken. Esgab16gab immer Streit wegen der Zeit bei den lutheriſchen Kommunionen. Es ward daher befohlen, daß allemahl 3. Kommunikanten das Brod auf einmahl nehmen, und man die Worte der Einſetzung fuͤr alle 3. nur einmahl, und beim Kelch fuͤr 2. nur einmahl ſprechen ſoll; nun ſind die Streitigkeiten beigelegt.
Man trinkt hier in ſehr vielen Haͤuſern Thee von Schluͤſſelbluͤmchen; er ſchmeckt recht gut.
Unter den Sallat thun die Franzoſen viel Apium Petroſelinum.
Es gehoͤrt zum Karakter der Nation, daß ſie be - ſtaͤndig ſingt. Selten geht einer die Treppe hinauf, oder hinab, ohne zu trillern; die Koͤchin in der Kuͤche, der Soldat auf dem Poſten, die Kinderwaͤrterin, der Beckerjunge, der Ladendiener, kurz alles ſingt.
Drei Stunden von Strasburg hat der vortrefliche Staͤttmeiſter und Lieutenant, Hr. General von Hohen - hayn ein Landgut, das ein Meiſterſtuͤck der Oekonomie ſeyn ſoll, ſelbſt angelegt. Unter andern ſind ſeine Wein - berge als ein Amphitheater angelegt; an den Seiten ſte - hen Pfoſten, an dieſen ſind eiſerne Drathe durch den ganzen Weinberg gezogen, und an dieſen, nicht an Pfaͤh - len, ſind alle Rebſtoͤcke befeſtigt.
Die Abgaben an den Koͤnig ſind ſehr gros. Die Leute ſind auch meiſt ſehr arm, und wiſſen nie was ſie geben muͤſſen; es gibt beſtaͤndig Veraͤnderungen. Ein Becker, der nichts hat, als ein halbes Haus zu ſeinem Handwerk, gibt der Stadt, und dem Koͤnige alle Jahr 80. Gulden.
Im17Im franzoͤſiſchen Hoſpital hat man ganz neuerlich ein wohlfeiles Mittel entdeckt, Plumaçons und Charpie zu bekommen. Man laͤßt von den Stuͤhlen, auf denen man leinene Baͤnder macht, die Flocken und Abfaͤlle, die an den Seiten des Stuhls haͤngen, ſammeln, und legt dieſe in die Wunde. Es ſieht aus, wie die fein - ſte Baumwolle, und ſaugt die Feuchtigkeiten der Wunde viel beſſer ein, als die ſonſt gezupften Plumaçons. Die Engellaͤnder zupfen auch die Leinwand nicht, ſondern ſcha - ben mit dem Meſſer die kleinen Faͤschen ab und bekom - men ſie auf dieſe Art ungemein fein. Im vorigen Jahre ſollen die Chirurg[j]ens-Majors ganze Kaſten und Kiſten voll ſchon gemachter Plumaçons bei ſich gehabt haben.
Unter dem Buͤrgerſtande iſt das Kaffeetrinken noch nicht ſo allgemein. Man macht ſich Viſiten des Nach - mittags, ohne daß Kaffee vorgeſetzt wird.
Die Feuerarbeiter in der Stadt brauchen Stein - kohlen. Man graͤbt ſie bei Lach, nicht weit von Wei - ler, einem Staͤdtchen im obern Elſaß, 4. Stunden von Strasburg. Die Steinkohlengruben liegen auf einem graͤflichen Gebiet. Kaufleute aus der Stadt neh - men ſie in Beſtand; man bringt die Kohlen zu Waſſer. Sie laſſen nach dem Verbrennen mehr Schlacken zuruͤck, als Aſche, und ſind auch ſehr reichhaltig zum Theil an Bleierz, zum Theil an Kupfer.
Beim Bad Niederbrunn, 9. Stunden von Strasburg, gibts rothe Sandſteine mit dendriti - ſchen Zeichnungen, die ſehr ſchoͤn ſind. Sie ſind dort ſo haͤufig, daß man damit mauert. Man ver -Bſicherte18ſicherte mich, daß die Zeichnungen durch den gan - zen Stein durchgehen. Es koͤnnen alſo keine bloſſe Ein - druͤcke und am wenigſten aus einander geſpruͤtztes flui - dum ſeyn. Das Bad ſelber hat Glauberſalz, Eiſen - ſafran und Asphalt. Den Brunnen hat ſchon Julian der Abtruͤnnige graben laſſen. Fuͤr Gliederſchmerzen ſoll er ſehr gut ſeyn, und wird auch ſtark genutzt; ſ. D. Leyſſering in Carlsruhe Diſſert. de Aquis Nie - derbrunnenſibus.
Zwei Stunden von Strasburg ſind Asphaltgru - ben, aus denen jaͤhrlich viele 100. Centner Wagen - ſchmier gemacht werden. Die Bauern ſchoͤpfen das Waſſer und laſſen’s abdampfen, bis das Steinoͤl zuruͤck bleibt. Aus dieſen Gruben kommt etwas Steinoͤl in jenes Bad.
Im ſogenannten Steinthal, einer gebuͤrgigen rau - hen Gegend bei Bar, findet man Stalactiten, viele Eiſenminern, Quarze, Schwefelkieſe, Blutſteine, auch Marmor, und Marienglas, nebſt Spat ꝛc.
Junge Huͤner und Gaͤnſe macht man hier auf folgende Art fett: Man nimmt 2. Theile Gerſtenmehl, und 1. Theil Welſchkorngruͤtze, thut ein wenig Salz dazu, machts im Sommer mit bloſſem Waſſer an, im Winter aber kocht man es ein wenig mit Waſſer und Milch. We - gen der Zaͤhigkeit thut man ein wenig Sand darunter, ſonſt bleibts ihnen im Kropf haͤngen. Dies ſtopft man ihnen des Tags 2mahl ein. Auch alte Gaͤnſe haben von Welſchkorn in 8. Wochen 10. Pfund Fett, und eine herrliche Leber bekommen.
Kraͤf -19Kraͤftige Suppen macht man ſo: Man nimt Brod von ⅔ Weitzen - und ⅓ Roggenmehl, ſchneidet ſehr duͤnne Scheiben daraus, laͤßt ſie auf dem Ofen gelinde roͤſten, und kocht dann etliche davon mit der Bruͤhe auf.
In Frankreich darf kein Guͤterwagen uͤber 600. Centner laden und nicht uͤber 6. Pferde haben. Jeder Huiſſier darf, wenn der Fuhrmann mehr Pferde hat, ſie ihm abſpannen. Dadurch werden Bruͤcken und Wege geſchont.
Strasburg iſt der einzige Ort, wo die Komoͤ - dianten zur Beichte gehen. Ils font les Pacques, ſagt man. An andern Orten laͤrmt die Geiſtlichkeit uͤber ſie. Im Leben betet man ſie an, und nach dem Tode will man ſie nicht begraben. In Holland ſind ſie Handwerker, arbeiten am Tag, und ſpielen des Abends.
Der Luxus der Reichen bei Gaſtereien geht hier erſtaunlich weit. Zum Deſſert werden Beſtecke von Vermeille ſervirt. Am Meſſer iſt auch die Klinge von Silber, und damit ſie vom Obſtſchneiden nicht an - laͤuft, vergoldet. Jedem Chapeau wird eine eigne Bouteille fremder Wein in einem ſilbernen Gefaͤs hinge - ſtellt, mit einem Korb voll Kelchglaͤßchen. Der ſtarke Kaffee der Franzoſen koͤmt dann noch hintennach, und iſt wahres Gift.
Dieſe machte ich in der Diligence Royale. So heißt man’s, obgleich der Koͤnig nicht Entrepreneur iſt, ſondern eine Privatge - ſellſchaft in Paris. Nur allein der Wagen nach Strasburg koſtet ihr jaͤhrlich 72000. Liver. Der Weg geht durch Elſaß, Lothringen, Barrois, Champagne und Isle de France. Man rechnet 57. Poſten zu 2. Stunden, manche machen anderthalb Poſten. Die Namen ſtehen in jedem Almanac de Strasbourg, de Nancy ꝛc. Die Stationen ſind zum Theil elende Doͤr - fer, oft bloſſe Haͤuſer am Wege. Die Kutſche haͤngt in Riemen, iſt ziemlich bequem, darf aber nicht ſo bepackt wer - den, wie die teutſchen Poſtwagen. Die Thuͤren ſind hoch, man ſteigt durch eine eigne Leiter hinauf, die hernach zu - ſammengelegt und hineingenommen wird. Der Kom - mis hat vorn abgeſondert von den Paſſagiers, ein eignes, ſehr bequemes Kabriolet, und vor ſich einen Korb fuͤr die Porte-manteaux und Sacs de nuit. Mehr als 10. Pfund hat kein Reiſender frei. Fuͤr die Koffer hat man eigne Meſſageries Royales, wo das Pfund die Stunde 5. Sous, auf der Diligence aber 6. Sous koſtet. In der Kutſche iſt oben ein grobes Filet, fuͤr die kleinen Pa - ckete, an Naͤgeln befeſtigt, das ſich ganz und zum Theil abnehmen laͤßt, und vieles faſſen kan. Sie bleibt Nachts etliche Stunden liegen, und langt in fuͤnfthalb Tagen von Strasburg in Paris an. Die wichtigſten Orte durch die ich auf dieſer Route kam, ſind
Zabern, franzoͤſ. Saverne, wo der Kardinal-Bi - ſchof von Strasburg einen ſchoͤnen Garten und ein groſ -ſes21ſes Baſſin hat. Der Ort iſt bergicht. Von da geht die herrliche Straſſe nach
Pfalzburg. Sie iſt in ihrer ganzen Laͤnge zu beiden Seiten mit Steinen an den Reinen untermauert, und zieht ſich rings am Berg hinauf. Die Stadt Za - bern muß ſie durch eigne Leute unterhalten, hat aber da - fuͤr von allen Laſtwagen eine gewiſſe Abgabe, wovon aber Karoſſen frei ſind. Je hoͤher man hinauf koͤmmt, deſto - mehr ergoͤtzt ſich das Auge an der herrlicheu Ausſicht ins praͤchtige Elſas, das ſich immer mehr aufhellt, und in ſeinen majeſtaͤtiſch ſich kruͤmmenden, koſtbaren, Triften ganz darbietet. Pfalzburg ſelber hat ſchoͤne Haͤuſer, einen angenehmen Markt - und Paradeplatz, und ſcheidet Elſas und Lothringen.
Saarburg, ein kleines Staͤdtchen, hat auf der einen Seite einen waldichten Berg, aber auf der andern herrliche Gegenden. Zu meiner Verwunderung hoͤrte ich da gemeine Leute ſchlecht franzoͤſiſch, aber ausnehmend gut deutſch ſprechen. Die Bergart zwiſchen Zabern und Pfalzburg iſt ein rother, feiner, ſtark eiſenhaltiger Thon. Auf der Steig hoͤrte ich (den 13ten Mai) uͤberall Ku - kuke rufen.
Einige ſtolze Abteien praͤſentiren ſich auf den Sei - ten. Aber ohne Unwillen kan man’s nicht anſehen, wie in dem vortreflichen reichen Lande Armuth, Unwiſſenheit, Blindheit, Sittenloſigkeit und Elend unter dem gemei - nen Volk ſo gros ſind. Kaum haͤlt ein Reiſender an, ſo ſind Kinder, Maͤnner, und Weiber um ihn herum und betteln. Halbe Doͤrfer kommen ihm entgegen und bet - teln. In den Ohren thuts dem Menſchenfreunde weh, wenn Gottes Geſchoͤpfe im Paradies der Erden mit la - teiniſchen Gebetsformeln, die ſie nicht ausſprechen, nichtB 3nach -22nachlallen koͤnnen, weils der dickgemaͤſtete Pfaffe ſelber nicht kan, geſchweige verſtehen, um einen Liard eine Vier - telſtunde nachlaufen und winſeln. Die geiſtlichen Blut - igel haben alles, und die groͤßte Klaſſe der Einwohner ſchmachtet mitten im fruchtbarſten Lande vergeblich nach Bildung, Unterricht, oft um Ernaͤhrung. Und iſt auch irgendwo fuͤr viele Doͤrfer ein Pfaff von einem Klo - ſter angeſtellt, ſo bin ich verſichert worden, daß er ſelber fuͤr ſeine Perſon nichts Ueberfluͤſſiges habe. — So un - begreiflich ſchlecht ſind die Anſtalten, wo ſie am beſten ſeyn koͤnten!
Die Chauſſeen ſind, wie uͤberall im Koͤnigreiche, praͤchtig, breit, mit Baͤumen zu beiden Seiten beſetzt, und uͤberall beſtaͤndig in gutem Stande.
Luneville, eine der anmuthigſten Staͤdte, von einer ſehr betraͤchtlichen Groͤſſe; die Buͤrger ſollen auch aufgeweckte Leute ſeyn. Lauter langgeſtreckte, grade, ſich ſchoͤn durchkreutzende, Straſſen, hohe ſteinerne Haͤu - ſer, ein vortreflicher Platz, ein ſehenswuͤrdiges Schloß, das inwendig viele Koſtbarkeiten enthalten ſoll, mit artigen Spatziergaͤngen findet man da.
Nancy, der Weg von Luneville nach Nancy iſt ſchoͤn, geht durch die ſchoͤnſten Felder, und hat herrliche Alleen. Die Vorſtaͤdte ſind ſchlecht, und verſprechen gar nichts. Deſtomehr wird man aber durch die Neu - ſtadt in Erſtaunen geſetzt. Sie iſt mit dem richtigſten Geſchmack angelegt, und wird immer ſchoͤner. Be - ſonders iſt la Place Royale ſehenswuͤrdig, wo Lud - wig’s des 15ten Bildſaͤule aufgerichtet iſt. Auch la Caliere, ein andrer Platz, iſt artig. Eben ſo la Place d’Alliance, und die Pepiniere. Aber das ſchoͤnſteiſt23iſt la Chapelle, wo die Herzoge von Lothringen bei - geſetzt ſind. Kaiſer Joſeph II. hoͤrte hier, uͤber der Aſche ſeiner Voreltern im April 1777. bei der Durch - reiſe nach Frankreich eine Meſſe.
Zwiſchen Nancy und Vilaine, der naͤchſten Sta - tion, zeigt man den Reiſenden zwei Plaͤtze, wo Koͤnig Stanislaus im Walde durch Ausfuͤllung ungeheurer Tiefen zwei Berge vereinigen wollte. Die Straſſe geht wirklich druͤberweg.
Toul hat nichts beſonders, der biſchoͤfliche Pallaſt auch nicht. La Dauphine heißt der Platz, der vier - eckicht, gros, und mit Baͤumen und ſteinernen Baͤnken eingefaßt iſt.
Bar le Duc. Iſt der letzte Ort in Lothringen. Es ſind groſſe und gute Aubergen da, weil verſchiedene Diligencen darin zuſammen kommen.
Saint Dizier. Der erſte betraͤchtliche Ort im eigentlichen Frankreich, in der Provinz Champagne. Auſſen vor dem Staͤdtchen iſt die Douane, wo unter einem Schuppen mit allem groſſen und kleinen Gepaͤcke der Reiſenden die genaueſte Viſitirung vorgenommen wird; ſogar die Nachtſaͤcke muͤſſen aufgemacht werden. Kar - ten, Toback und alles Neue iſt Kontrebande. Nur die Taſchen der Reiſenden werden nicht viſitirt. Wer ſei - nen Koffer, ohne daß er dabei iſt, auf eine Meſſagerie gibt, muß auf dem Bureau in Strasburg die Schluͤſ - ſel dazu laſſen, die daran gebunden werden, ſonſt wird er aufgeſchlagen. Nach Buͤchern fragt man nicht. Verſiegelte Briefe duͤrfen der Poſt nicht entzogen werden. Und gleichwohl wird in Paris beim Bureau, wo manB 4ab -24abſteigt, noch einmahl viſitirt. Im Staͤdtchen ſelber ſah ich die Truͤmmern von einer Menge Haͤuſer, die 1776. durch einen Brand verzehrt worden. Man baute ſie wieder auf, mit einer Art von weichen Steinen, die, wie Holz, mit Saͤgen von den Maͤurern ohne Muͤhe zerſchnitten wurden. So weit geht das Lothrin - giſche Salz: denn durch ganz Frankreich bedient man ſich des groben Meerſalzes, das nicht genug gerei - nigt iſt, und ſo ſchmutzig ausſieht, wie Pfeffer. Man nennt es Sel gris.
Champagne iſt ein herrliches Land. Man ſieht uͤberall die groͤßten Ebenen, wo die beſte Frucht, der herrliche Wein, Bohnen, Haber und auch viel Faͤrber - roͤthe (Garance) gebaut wird. Man ſieht den Geiſt der Nation, der auf Gaͤrten, Baumſchulen, lange Pro - menaden ꝛc. faͤllt. Oben iſt alles gruͤn, und unter der Dammerde iſt alles weißgrau: das iſt die Terre mar - neuſe. Marne heißt der Franzos, was wir Gyps nennen. Eine wahre Kreide iſts nicht (ſ. Sage in ſei - ner Mineralog. Docimaſtique). Regnet es darauf, ſo wird der Weg aͤuſſerſt ſchluͤpfrig. Die Reben werden neben der Straſſe zwiſchen den Fruchtfeldern und Wieſen ganz ſimpel gebaut. Die Kunſt, den guten Champa - gnerwein zu machen, beſteht in einer unterdruͤckten Gaͤh - rung. Der gewoͤhnliche champagner Trinkwein iſt roth, wie der meiſte franzoͤſiſche Wein, aber nicht ſonderlich ſtark. Der franzoͤſiſche rothe Wein trocknet auch nicht ſo aus, wie der deutſche. Der lothringer und champa - gner iſt auch nicht ſo dick und mampficht, wie der Vin d’Orleans und Vin de Bordeaux, den man in Pa - ris hat, und ohne Waſſer kaum trinken kan. Der Eſ -ſig25ſig von dieſem rothen Wein hat keine Kraft. Aus der weiſſen Erde baut man auch alle Mauren und Haͤuſer, und brennt Backſteine daraus, ſo daß alle Doͤrfer und Staͤdte weißgrau ausſehen. Der Fluß, die Marne, iſt in Chalons am betraͤchtlichſten; ſie hat ein ſchmutziges Waſſer, man muß oft uͤber ſie fahren, ſie theilt ſich in etliche Arme, und ergießt ſich bei Paris in die Seine.
In den Wirthshaͤuſern wird meiſtens auf lauter Porzellaͤn geſpeißt, das an vielen Orten in Frankreich und zum Theil recht ſchoͤn gemacht wird. Das meiſte aber iſt doch plump und hat keine ſchoͤne Weiſſe. Den Wirth ſieht man ſelten. Die Wirthin beſorgt alles, und die Filles warten auf. Ueberall iſt das Akkordiren nicht uͤblich. Zu Nachts muß man, ehe man zu Bett geht, bezahlen. Man hat meiſt Zimmer mit 4. bis 5. Betten. Die Decken ſind leicht, und duͤnn. Die Wuͤlſte ſtatt des Kopfkuͤſſens, fallen dem Deutſchen im Anfang ſehr beſchwerlich. Alle Waͤnde ſind tapezirt, oder nach Ta - petenart beſchmiert. Die Franzoſen feuern noch im Mai in ihren Kaminen, ſitzen davor, machen eine wich - tige Sache daraus, das Feuer recht zu ſchuͤren, ſonder - lich iſt das die Sache des Chapeau, wenn Damen da - bei ſind. Sie halten den Fuß mit Schuh und Struͤm - pfen in die Flamme. Ueberall findet man gute Lichter, aber ſelten gutes Waſſer. Das Eſſen wird faſt alles auf einmahl aufgeſetzt, und wird faſt allemahl kalt. Die Poſtillions haben keine eigne Kleidung und tragen auch kein Poſthorn. Sie gehen aber unbarmherzig mit den Pferden um. Trinkgeld iſt man ihnen auf der Sta - tion nicht ſchuldig, man zahlt es ſchon mit dem Poſtgelde, es wird ihnen von Zeit zu Zeit ausbezahlt, aber freilich vom Bureau ſehr ſpaͤt, daher betteln ſie doch.
B 5Cha -26Chalons. Der Marktplatz hier wird ſchoͤn, wenn das neue Hôtel de Vi le fertig iſt. Im Wirthshaus heiſſen die Zimmer wie die groſſen Staͤdte Europens, Petersburg, London, Frankfurt ꝛc. Vor der Stadt ſind ſchoͤne Promenaden mit Orangerie. Weit vor der Stadt liegen die Maiſons de Campagne des Biſchofs. Die Bauart iſt alt, eng, hoch hinauf gebaut, von Holz, alles haͤngt an einander ꝛc. Die Muſik, die wir zu hoͤren bekamen, war herzlich ſchlecht. Auch lau - fen ſehr viele wuͤſte, ungeſtaltete, Leute in dieſer Stadt herum. Die Grenze dieſer Provinz iſt ein artiges Staͤdtchen, Chateau Thierry.
Isle de France iſt nicht ſo ſchoͤn wie Champa - gne. Sie iſt ganz bergicht und ſteinicht, bis man uͤber Meaux hinaus iſt. In den Bergen brechen herr - liche Achate. Hier geht die Chauſſeé du Roi an. Das mittelſte Stuͤck der ſehr breiten Straſſe iſt, àfin - qu’elle ne ſoit pas mangée par l’eau, mit Felsſteinen gepflaſtert. Das gibt freilich immer guten Weg; es iſt aber ein beſtaͤndiges Raſſeln und Laͤrmen, daß einem der Kopf betaͤubt wird. Wein waͤchſt hier herum nicht viel. Lichte und ausgehauene Waͤlder ſieht man uͤberall. Die Doͤrfer ſind ſchlecht, Koſt und Lager ebenfalls. Eper - nay und Meaux ſind ganz artig, und alsdann werden die Gegenden wieder angenehmer, aber die Straſſen, je naͤher man der Hauptſtadt koͤmt, wegen der unaufhoͤr - lichen Karoſſen, Diligencen, Voituren und Chariots aller Art, immer ſchlechter.
Man braucht die Eſel ſehr ſtark zum Tragen und zum Reiten, ſonderlich bedienen ſich ihrer die Weibsper - ſonen. Sie ſind klein, und doch muntrer als bei uns, ſpitzen die Ohren wie die Pferde, haben aber nicht alle cruceatra27atra dorſum notatum, die Farbe iſt oft etwas Fuchs - roth. Man ſpannt auch ein Pferd und einen Eſel zu - ſammen. Bald hatten wir ſehr groſſe, bald ſehr kleine elende Pferde, die aber alle gut laufen. Ihre Kummete haben groſſe Hoͤlzer, an denen der Franzos die groͤbſten Malereien anbringt.
Man wird durch die groſſen Straſſen, das be - ſtaͤndige Fahren, Reiten und Laufen, und durch einen ganz eignen haͤßlichen Geruch ſchon von weitem auf dieſe, in aller Abſicht, unbeſchreibliche Stadt aufmerkſam gemacht. Es ſoll in Frankreich Leute geben, die mit verbundenen Augen herum gefuͤhrt, Strasburg, Bor - deaux, Paris ꝛc. blos durch den Geruch unterſcheiden koͤnnen. Die Einfahrt iſt geringſcheinend, die Bar - riere im Fauxbourg auch, aber kaum iſt man durch ein dickes, altvaͤtriſches Thor hereingekommen; ſo iſt man ſchon mitten im Gewuͤhl und Gelaͤrme, das weiter hinein immer ſtaͤrker wird. Man hoͤrt ein unaufhoͤrli - ches, von allen Gegenden herſchallendes Getoͤſe der Ka - roſſen, Fiaker, Verkaͤufer ꝛc. die ihre Sachen ausrufen, als Waſſer, Dinte, Obſt, Blumen ꝛc. der ſchwoͤrenden Fuhrleute, der Schilowachen, der Glocken ꝛc. Oft ent - ſteht vom Fahren ein ſolcher Laͤrm, daß die Erde zu zit - tern ſcheint. An Komoͤdien - und Operntagen, oder bei andern Feſtivitaͤten, kommen ganze Reihen von Karoſſen, an denen die Pracht des Laks, Silbers, Goldes, der Teppiche, Pferde ꝛc. aufs hoͤchſte ſteigt, oft hinter ein - ander, oft in einer Straſſe zuſammen. Buͤrger undEin -28Einwohner ſind unter der Menge der Bedienten, der Fremden, der Geiſtlichen, der Muͤſſiggaͤnger ꝛc. un - kenntlich. Aus allen Provinzen des Koͤnigreichs, ſo wie aus allen Gegenden Europens ſind beſtaͤndig Leute da, die entweder ihr Geld, um ſich zu amuſiren, lieber da verzehren, als in andern kleinen Staͤdten; oder die um der Wiſſenſchaften und ſchoͤnen Kuͤnſte willen, oder wegen des Handels und der Geſchaͤfte bei Hof und in der Regierung, oder blos um die Welt, — die groſſe glaͤn - zende Welt, — zu ſehen, oder um ein zuͤgelloſes Leben zu fuͤhren, und aufs Abwechſeln im Laſter zu ſtudiren ꝛc. da zuſammen kommen.
Das Erſte, was ein Fremder braucht, iſt ein Fia - ker oder Miethkutſche. Man rechnet uͤber 1500. in Pa - ris. Sie ſtehen auf allen Straſſen, haben 2. Pferde, die Kutſchen ſind zum Theil ſchlecht, eng, niedrig, ſtoſ - ſen gewaltig, ſind oft unſauber. Man bezahlt ſie Stundenweis zu 24. Sous. Sie fahren, wohin man’s verlangt, ſind gegen die Fremden oft grob, wenn man ihnen nicht gleich mit den Kommiſſaren droht, die uͤber ſie geſetzt ſind, und ihren Muthwillen mit dem Kerker beſtrafen.
In dieſen Miethkutſchen ſucht man mit ſeiner Equi - page ein Hôtel. So heiſſen hier, nicht blos Aubergen oder Wirthshaͤuſer, ſondern faſt alle Buͤrgerhaͤuſer, wo chambres garnies fuͤr Fremde offen ſtehen. Jedes Haus hat ſeinen angeſchriebenen Namen, z. B. Hôtel de Nevers, de Dauemarc, d’Eſpagne, d’Angle - terre, de l’Empire ꝛc. Man kan Zimmer haben, à plein pied, ſo nennt der Franzoſe die erſte Flur, die bei uns der erſte Stock heißt. Im dritten ſind die Zim -mer29mer kleiner und wohlfeiler, als im zweiten oder im erſten. Der Preis richtet ſich nach dem Quartier und der Straſſe. Man kan Zimmer haben zu 44. 36. 24. 18. 16. Liver des Monats. Man kan ausziehen, ſo oft und wenn man will, packt den Koffer und alle Hardes in einen Fiaker, und faͤhrt anders wohin. Die Stuben ſind ſelten mit hoͤlzernen Fußboͤden verſehen. Sie haben eine Art von Pflaſter, das aus lauter rothen ſechseckicht ge - ſchnittenen Plaͤttchen zuſammen geſetzt iſt, eine Kom - mode, ein Bett mit Vorhaͤngen, Schrank, Tiſch, Spie - gel und Stuͤhle. Der Pfoͤrtner richtet den Fremden wenig Kommiſſionen aus. Man hat einen eignen Jun - gen dazu, den man monatlich bezahlt. Man haͤlt ſich einen Savoyarden, oder Decroteur, der alle Morgen koͤmmt, und Schuh und Stiefel putzt.
Zum Fruͤhſtuͤck kan man haben, was man will, kan’s aufs Zimmer bringen laſſen, oder im Kaffeehaus nehmen. Eine Portion Caffée au Lait, die ei - nem mit Zucker und petit pain in einem Koͤrbchen aufs Zimmer gebracht wird, koſtet 5. Sous; Chokolade 10. Sous. Mittagseſſen bekoͤmt man wo und wie man will. Fuͤr 24. Sous hat man Suppe, Rindfleiſch, Ge - muͤs, oder Ragout, oder Braten, eine halbe Bouteille Wein, Brod, und ein Biſcuit. Das pariſer Rind - fleiſch und Brod ſind ſehr koͤſtlich. Abendeſſen kan man ſich ebenfalls vom Rotiſſeur, oder Cabaretier, wenn man Tiſchzeug hat, auf die Stube hohlen laſſen. In den groſſen Hotels kan man fuͤr 40. Sous an der Table d’Hôte treflich ſpeiſen. Beim Marchand de Vin muß man wegen des Weins akkordiren. Fuͤr Geld kan man in Paris haben, was und wie mans will. To -bak -30bakrauchen iſt nicht ſehr uͤblich, der ſchlechte Tobak iſt theuer, lange Pfeifen hat man nicht leicht, es gibt Bier - haͤuſer oder ſogenannte Tabagies, wo man raucht, aber auf den wenigſten iſts erlaubt. Das Tobakſchnupfen iſt allgemein, viele riechen nur in den Tobak; ſie wun - dern ſich, wenn ein Fremder nicht ſchnupft.
Ich fing nun an, die Merkwuͤrdigkeiten der Stadt nach und nach zu beſehen*)Ueber alles, womit der wohlſelige Verfaſſer waͤhrend ſeines Aufenthalts in Paris taͤglich ſeine Wißbegierde zu ſtillen ſuchte, theilt er in dieſem Tagebuche unter je - dem Tage ſeine Gedanken und Bemerkungen mit. Herausgeber. , ging daher heute zu - erſt auf
Pont Royal. Die Seine laͤuft faſt mitten durch die Stadt, bildet an der einen Seite eine kleine Inſel zwiſchen 2. Armen, und dies war das alte eigentliche Paris. Was jetzt auf beiden Seiten angebaut iſt, iſt lauter Fauxbourg; im eigentlichen Verſtand aber iſt das jetzt Paris. Ueber dieſen Fluß ſind nun etliche Bruͤcken gebaut, von Steinen gros, breit und maſſiv. In der Mitte iſt ein breiter Platz zum Fahren, und zu bei - den Seiten ſind Erhoͤhungen von etlichen Schuhen fuͤr die Fußgaͤnger. Man hat auf dieſen Bruͤcken eine herr - liche Ausſicht auf die Seine, auf das Quay zu beiden Seiten, auf das Louvre und Palais Royal nach dem Thuilleries, und tout le monde ſe promene ici. Die Bruͤcken ſelber ſind mit Decroteurs und andern dienſtbaren Leuten, die Fiakers, Regenſchirme, oderWaa -31Waaren anbieten, beſetzt. Unter den Bruͤcken ſieht man Holz, kleine Schiffe zum Ueberſetzen, Schiffe mit kleinen Bedeckungen zum Baden ꝛc.
Pont Neuf. Dieſe liegt weiter unten. Sie iſt viel ſchoͤner, merkwuͤrdiger und breiter, hat zu beiden Seiten Buden mit allen moͤglichen Waaren, die alle praͤchtige Namen und Auſſchriften fuͤhren. Es ſind eigne Boutiquen da, mit engliſchen Waaren, ſpaniſchen Roͤhren ꝛc. Ueberall ſind Wachen geſtellt, und doch wird im Gedraͤnge oft genug geſtohlen, zuweilen werden auch Nachts ganze Boutiquen ausgeraͤumt.
La Statue de Henri IV. iſt eine der groͤßten Zierden dieſer Bruͤcke. Sie iſt koloſſaliſch, hat ein an - derthalb Mann hohes Fußgeſtelle mit Inſchriften und kleinen Statuen, worauf oben der Koͤnig zu Pferde ſitzt, in alter Kriegstracht mit einem ſchrecklichen Degen, und einer kriegriſchen Mine. Das Pferd iſt im Fortſchrei - ten begriffen, und ſo wie das Ganze, majeſtaͤtiſchpraͤch - tig. Alles iſt mit einem eiſernen Gitter eingefaßt. Die unterſten Stuͤcke aber bewachſen mit Moos, weil ſie nicht oft genug geputzt werden. Erſt ermordet man in Paris die Koͤnige auf den Straſſen, und dann ſetzt man ſie auf die Bruͤcken en ſtatue. —
Le Palais du Luxembourg. Man unterſcheidet das groſſe und kleine Gebaͤude dieſes Namens. Hinter demſelben ſind die angenehmſten Promenaden, wo jeder - mann hinein gehen darf. Es ſind groſſe, freie, runde Plaͤtze, die nach allen Seiten die ſchoͤnſten und breiteſten perſpektiviſch gehauenen Alleen von Maroniers und Chataigners darbieten. Man iſt da, wie aufm Lande,ziem -32ziemlich ſtill, und entfernt vom Gelaͤrm der Stadt, da - her alles, was leſen oder ſtudiren will, beſonders des Morgens, hineingeht. Sie werden aber nicht eher als um 7. Uhr geoͤfnet. Man findet uͤberall eine Menge Stuͤhle uͤber einander gelehnt, die man fuͤr eine Kleinig - keit haben kan, denn ſie ſind an gewiſſe Leute verpachtet.
L’Egliſe de St. Sulpice. Iſt eine von den groſſen und praͤchtigen Kirchen. Der Thurm bekoͤmt, — denn man baut noch wirklich daran, — eine ſehr betraͤchtliche Hoͤhe. Beim Eingang iſt eine Menge Saͤulen von un - geheurer Dicke.
L’Egliſe du Couvent des Moines de la Ab - baye St. Germain. Iſt klein, war aber heute, als am Pfingſtfeſt, ſtark beſetzt, weil der Organiſt, Herr Miroir ſpielte, der wirklich der beſte Organiſt in der Stadt ſeyn ſoll. Ich habe ihm mit unendlichen Vergnuͤ - gen zugehoͤrt. Er ſpielte nur in kurzen Abſaͤtzen, weil der Pfaff die Veſperpſalmen gleich wieder zu brummen anfing, aber allemahl hoͤrte man den Meiſter im Spie - len auf eine andere Art. Die Orgel hat ein vortrefli - ches Pedal und einen gewaltigen Trompetenbaß. Die Kirche ſelber iſt, wie alle in Paris, mit Verzierungen uͤberladen. Das Auge ſieht ſich muͤde an den Gemaͤl - den, hohen Altaͤren, Kreutzen mit groſſen koſtbaren Steinen, Vergoldungen, Einfaſſungen, Heiligenbil - dern, Platfonds ꝛc. Die Meßkleider ſind koſt - bar. Um den Altar allein ſtanden 20. Wachskerzen, die alle wie groſſe Nuß - oder Hopfenſtangen waren, auch mit ſo einer angezuͤndet wurden. Ueberhaupt ſoll der Aufwand der Wachslichter in Paris ungeheuer ſeyn. Man brennt in allen Kirchen, Schauſpielen, Opern,groſſen33groſſen Hotels, reichen Partikuliershaͤuſern, Leichenſaͤlen ꝛc. Wachslichter. In allen Kirchen iſt eigentlich nur der mittlere Theil mit Stuͤhlen beſetzt. Zu beiden Seiten ſind breite Gaͤnge mit kleinen Altaͤren, Beichtſtuͤhlen, und Bildern hinter eignen Gittern. Auch ſind an bei - den Enden groſſe Veſtibules. Es ſtehen keine Baͤnke darin, ſondern lauter Strohſeſſel, ſo wie in Hamburg ꝛc. die man mit 2. Sous, oft noch hoͤher, bezahlen muß. Auch das iſt eine Ferme, die jaͤhrlich, auch nur in ſolchen Kloſterkirchen, ſehr viel betraͤgt, und fuͤr das Kloſter, und noch mehr fuͤr die Kirchſpiele eine betraͤchtliche Revenue iſt.
L’Abbaye St. Germain, Fauxbourg St. Ger - main. Da iſt in der Faſten der Markt, wo alles moͤgliche Schoͤne, Neue, und Angenehme zuſammenkoͤmt. So elend die Haͤuschen in dieſer Gegend ſind, — niedre Stuͤbchen, enge, finſtre, gefaͤhrliche Treppen, oft ſchmu - tzige Loͤcher ſtatt der Abtritte, gar keine Kuͤchen, ſo daß man im franzoͤſiſchen Kamine kocht*)Und ſo iſts in den vornehmſten Straſſen; bei den beſten Leuten findet man die Wohnſtube in den Man - ſarden. In vielen Stuben kan man kaum aufrecht ſtehen, die Treppen ſind alle finſtre enge Winkel. Bei der Hitze, bei Donnerwettern, in Krankheiten, muß es eine erſchreckliche Plage ſeyn, in ſolchen Schlupf - winkeln zu wohnen. Und ſo ſind, — die groſſen Ho - tels ausgenommen, — die allermeiſten Haͤuſer in Paris. ; — ſo ſind doch auch die kleinſten Winkel und jedes Fenſterchen oben im Dach, das ſo klein iſt, daß mans kaum fuͤr ein Tagloch halten wuͤrde, mit Menſchen beſetzt. Beſonders woh - nen da viele Uhrmacher, und andre Arbeiter, die nichtſelbſtC34ſelbſt Meiſter ſind, aber fuͤr die Leute in der Stadt ar - beiten. Denn in der Abbaye St. Germain iſt eine Maitriſe franche. Wer auch das Geld, das jetzt noch zur Maitriſe noͤthig iſt, nicht hat, kan doch, wenn er hier wohnt, und gute Bekanntſchaften mit an - dern Meiſtern hat, die bei ihm Waaren beſtellen, fuͤr ſich arbeiten. Es wohnen hier in jedem kleinen Raum ſo mancherlei und ſo viel ſchlechte Leute, daß keiner, wenn er auch in der Stube ſitzt, ſeinen Schluͤſſel in der Thuͤre ſtecken laͤßt, aus Furcht, er moͤchte ihm abgezogen wer - den. Wer ſich uͤberzeugen will, daß Carlsruhe und manche andre kleine Stadt, — die freilich dem Freund der Vergnuͤgungen nicht ſo viel anzubieten hat, wie das koͤ - nigliche Paris, — doch fuͤr Leben, Geſundheit, Bequem - lichkeit, Ruhe und frohe Sicherheit, tauſendmahl vorzuͤg - licher iſt, der ſehe ſich nur in dieſen und andern aͤhnlichen Gegenden der Franzoſenſtadt um.
Die Kopfzeuge der Dames und Filles de Pa - ris ſind wirklich nicht gar gros. Als der Kaiſer hier war, misbilligte er etlichemahl dieſe Thorheiten. So viel Ach - tung hatte die ſonſt ſo ſtolze Nation doch fuͤr den Ge - ſchmack des Monarchen, daß die Flor - und Spitzenge - baͤude, wenigſtens ſo lang Er hier war, herabſanken.
Das Trinkwaſſer in der Stadt iſt alles aus der Seine, aller dahinein flieſſenden Unreinigkeiten unge - achtet. Man traͤgt es in der Stadt herum und verkauft es. Doch muß nicht jedes Glas Waſſer im Hotel be - zahlt werden. Den meiſten Fremden macht es entwe - der im Anfang eine Kolik oder einen Durchlauf. Manhat35hat Machines ſabuleuſes dazu, um es zu filtriren. Ganz hell wird es niemals, mir hats bisher nichts ge - than. Fontainen ſind aber keine in der Stadt.
Die petite Poſte iſt eine groſſe Bequemlichkeit fuͤr ſo eine groſſe Stadt. Man kan mit Huͤlfe derſelben ſei - nen Bekannten in den entfernteſten Gegenden der Stadt Brieſe zu ſchicken. Sie gehen zweimahl am Tage, Morgens und Abends. Und durch dieſelbe kan man auch Briefe auſſerhalb der Stadt auf die groſſe Poſt bringen. Nach Strasburg kan man alle Tage ſchrei - ben, nur am Mittwoch nicht.
Zur groſſen Bequemlichkeit iſt Paris ſeit etlichen Jahren mit Laternen in allen Straſſen verſehen. Sie haͤngen ſehr hoch, doch in groſſen Diſtanzen von einander; es ſind Reverberierlaternen von gutpolirtem Eiſenblech, und werden alle Nacht, auſſer im Vollmond, angezuͤndet.
Auch patroulliren beſtaͤndig und uͤberall Stadttrup - pen der Sicherheit wegen, in der Stadt herum.
Glockenlaͤuten hoͤrt man alle Sekunden bei Tag und bei Nacht. Es gibt ſehr viele ſchoͤne Gelaͤute in der Stadt. Nur am Charfreitag, — dem einzigen Tag im Jahre, — wird nicht ein einziges gezogen. Da ſagt man zu den Kindern in Paris: On les envoye à Rome ſur la riviere.
La Morne beſuchte ich heute zuerſt. So heißt ein mit einem groſſen Thor verſehener und mit Schild - wachten beſetzter Hof, wohinten eine Art von Stall, unten mit Stroh belegt, und vorn ein eiſernes GitterC 2daran36daran iſt. In dieſen Stall legt man die Leichen, die man des Nachts und des Morgens in den Straſſen lie - gen findet. Man zieht ſie nackend aus, damit man ihre Wunden ſieht. Die Kleider, an denen ſie ihren Be - kannten kenntbar werden koͤnnen, haͤngt man dazu, und ſo laͤßt man ſie etliche Tage da liegen. Jedermann kan hinein gehen, und ſie beſehen. Werden ſie reklamirt, ſo liefert man ſie aus, wo nicht, ſo verſcharrt man ſie end - lich an einem eignen Ort. Oft findet man Leute da lie - gen, denen mit einem Saͤbel die ganze Bruſt aufgehauen iſt. Oft andre, denen der Hals recht kuͤnſtlich mit dem Federmeſſer aufgeſchnitten iſt. Es vergeht faſt keine Nacht, wo nicht 5. bis 6. Perſonen gefunden werden. Zwar lagen heute nur Kleider, keine Leichen da.
La Greve. Ein Platz, zu Hinrichtungen be - ſtimmt, der aber nicht gar gros iſt, und keine regelmaͤſ - ſige Figur hat. Galgen und Rad ſind nicht beſtaͤndig da aufgerichtet; man nimt die Gehenkten in Frankreich gleich wieder ab, und bricht den Galgen ſelber auch ab. An der einen Seite iſt das Rathhaus, ein altes grau - weiſſes Gebaͤude, wie die meiſten in Paris, an der andern verkauft man Holz, Steine, und ſonderlich wird das Getreide dort in Saͤcken hingebracht.
L’Arſenal et le Jardin d’Arſenal. Ein ſchoͤ - nes Gebaͤude, mit vortreflichen langen Gaͤngen an den Seiten, die hohl hinab toͤnen, wenn man daruͤber weg - laͤuft, weil unten alles gewoͤlbt, und mit Munition an - gefuͤllt iſt. Das Innre kan der Fremde nicht leicht zu ſehen kriegen. Die Kanonen, die da liegen, ſind nicht ſo ſchoͤn, als die in Strasburg. Der Garten dabei hat ſchoͤne, breite Spaziergaͤnge, die jedem offen ſtehen,und37und ſchoͤne Ausſichten auf die Seine, und die eine Haͤlfte der Stadt darbieten. Der Pallaſt des Kriegsminiſters ſteht nicht weit davon, hat aber nichts beſonders.
La Baſtille. Dieſes ſchreckliche Staatsgefaͤngnis macht gleich beim erſten Anblick einen gewaltigen Ein - druck. Vier hohe runde Thuͤrme, oben mit platten Daͤchern und durch Zwiſchengebaͤude verbunden, und was das traurigſte iſt, nur mit ſchmalen Spalten und Ritzen, ſtatt der Fenſter verſehen, wovon eine in 2. bis 3. von den Kerkern, etwas Licht geben ſoll. Darin ſchmachten oft lebenslaͤnglich alle, die etwas wider den Koͤnig, oder die hoͤchſte Regierung und Verfaſſung des Hofs geſagt haben. Spionen gibts uͤberall eine Menge. Man nimmt oft Leute 14. Tage ꝛc. nachher erſt weg, wo man ſie bekommen kan, man ſagt ihnen nicht, warum. Waſſer und Brod iſt ihre Nahrung, viele verfaulen bei lebendigen Leibe darin. Man darf nicht nahe hinzu gehen. Die Schildwachen leiden nicht, daß die Fremden oder Vorbeigehenden mit einander ſtehen bleiben oder ſprechen, weiſen ꝛc. Allez vôtre chemin, — rief mir einsmahls eine zu.
La Place Royale, ou la Place de Louis XIII. Der Platz iſt ſchoͤn, viereckigt, hat eine Einfaſſung von groſſen vornehmen Haͤuſern, die unten Hallen haben, worunter man bedeckt gehen und allerlei Waaren ſehn kan. Der Platz ſelber iſt in 4. Viertel mit einem Raſenplatze abgetheilt. Da, wo dieſe zuſammen ſtoſſen, iſt ein breites Stuͤck gepflaſtert, und auf dieſem ſteht das Fuß - geſtelle, das 4. Seiten, und an denſelben franzoͤſiſche, und lateiniſche, proſaiſche und poetiſche, Inſchriſten hat, die voll praleriſchen Lobs ſind von Frankreich,C 3Lud -38Ludwig dem XIII. und dem Kardinal Richelien. Auf dem Geſtelle ſteht die Statue Ludwigs des XIII. zu Pferde, von Bronze. Die Arbeit hat das noch etwas rauhe Gepraͤge des damaligen Geſchmacks. Sie iſt nach meinem Geſchmack die ſchlechteſte unter allen Sta - tuͤen in Paris. Das Pferd hebt den linken Vorderfuß zu hoch auf, und hinten ſteht ſeine Schwanzruthe etwas zu lang und zu ſteif hinauf. Eben ſo ſind die Finger an der ausgeſtreckten Hand des Koͤnigs ſteif, und wider - lich. Hier hat der Koͤnig einen Helm mit einem Feder - buſch auf. Henri IV. hat gar nichts auf dem Kopf.
Le Boulevard. So heißt ein Spaziergang, der einem Wall gleich ſieht, faſt um die ganze Stadt geht, alle Gaſſen durchſchneidet, aber doch nicht der aͤuſſerſte Zirkel iſt, den man um die Stadt beſchreiben koͤnnte; denn es ſtehen noch viele Haͤuſer auſſerhalb demſelben. Er iſt breit, in der Mitte fuͤr die Karoſſen und zu bei - den Seiten fuͤr die Fußgaͤnger eingerichtet. Man findet eine Menge Caffées (der Franzoſe ſagt nicht, Kaffehaͤu - ſer), Bierhaͤuſer, kleine Gartenhaͤuſer, Joueurs de Farce, welche die groͤbſten Poſſen mit unendlichem Ge - ſchrei ſpielen, Marionetten, Marktſchreier, Filoux, Laternes magiques, allerhand Spiele, Savoyards, Gemaͤlde, Kupfer ꝛc. Ueberall findet man den taͤndeln - den, ſpielenden, Geiſt der Nation. Ueberall ſchmutzige, wolluͤſtige Gemaͤlde, Leichtſinnigkeiten ohne Ende, freche Darſtellungen der entſetzlichſten Laſter, mit allen Reizen der Malerei und der Zeichnung, Saulieder, Sammlun - gen von Zoten, kleine niedliche Schriften mit den ver - fuͤhreriſchſten Vignetten und Kupferſtichen ꝛc. Bildniſſe hoher Reiſenden; neuerlich Hingerichteter, der amerika -niſchen39niſchen Generals ꝛc. Es war einer da, der Struen - ſee’s und Brand’s trauriges Ende dem Poͤbel zum Ge - laͤchter vorſtellte; Charten von Paris, Almanache, Chanſons, Operetten, Komoͤdienzettel ꝛc. ça ne finit pas, wo man hinſieht. Wieder andre Dinge, eine un - erſchoͤpfliche Mannichfaltigkeit von Geckereien ꝛc. Alle moͤgliche Editionen von Menſchen, Kleidern, Karoſſen, Putzarten, Kinder, wie junge Narren angezogen, Uni - formen, Livereien, Schweitzer, Huren ꝛc.
La Place Vendome. Wiederum ein ſchoͤner, groſſer, runder, mit guten Haͤuſern umſchloſſener Platz. In der Mitte eine praͤchtige Statuͤe von Louis XIV. zu Pferde. Sie iſt ſchoͤner, als jene von Louis XIII., auch ſchoͤner, als die von Henri IV. Der Koͤnig hat auch nichts auf dem Kopf, und weiſt mit der rechten Hand auf das gegenuͤberſtehende Haus des Kanzlers. Er hat nicht einmahl etwas um den Hals, auch der Arm iſt unbekleidet. Der Kopf, die Ohren, die Bruſt, und die Hinterfuͤſſe des Pferds ſind Meiſterſtuͤcke. Die In - ſchriften am Fußgeſtelle ſind im Geiſt des Volks, ſie ſtrotzen von Viro immortali, Aeternitati etc. Victorioſo etc. der Platz um die Statuͤe iſt mit ſchwarzen und weiſſen Steinen belegt, und mit einem eiſernen Gitter umgeben.
Le Palais Royal und Jardin du Palais Royal. Dieſes lange und praͤchtige Gebaͤude ſteht in der Rue St. Honoré, hat eine Menge Saͤulen, groſſe Hofplaͤtze, und einen herrlichen Garten, voll der ſchoͤnſten, breite - ſten Alleen, der Laͤnge nach, und wo man durchſieht, wieder in die Breite. In der Mitte iſt ein mittelmaͤſ -C 4ſiges40ſiges Baſſin, darin rothe Fiſche ſchwammen. Am Eingang ſind Boutiquen von Galanteriewaaren. Um 1. 2. 3. Uhr wimmelt hier alles von Pariſern.
La Place Victoire. Der Platz iſt klein, aber die Bildſaͤule von Louis XIV. zu Fuß gibt ihm ein praͤchtiges Anſehen. Sie iſt auf einem hohen Fußge - ſtelle errichtet. An dieſem ſtehen an den 4. Ecken 4. Nationen, theils als weibliche, theils als maͤnnliche Fi - guren vorgeſtellt, zum Zeichen der uͤberwundenen Natio - nen oder Erdtheile. Dieſe Figuren tragen Ketten, ha - ben die Haͤnde auf den Ruͤcken gebunden, und machen grimmig ſchnaubende Geſichter. Oben ſteht der Koͤnig, koloſſaliſch, hinter ihm die Siegesgoͤttin, welche ihm ei - nen ſchoͤnen Lorbeerkranz uͤber den Kopf haͤlt.
Heute ſah’ ich den Kaiſer Joſeph II. In der Rue Tournon, einer von den wenigen Straſſen in Paris, die breit, hell, lichtvoll und geſund ſind, ſteht le grand Hôtel de Treville. Da pflegte der Kai - ſer, ſo oft er in Paris war, zu ſpeiſen. Heute Nach - mittag verſammelten ſich vor der Thuͤre von 1. Uhr an bis 3. Uhr mehr als tauſend Menſchen, und drangen zu - letzt, wie der Regen kam, ins Haus. Thuͤre, Eingang, Treppen, Platz, Hof, alle Zimmer, alle Fenſter waren beſetzt. Er ſollte zum Diner zuruͤckkommen. Wirklich machte er in einer vierſpaͤnnigen Karoſſe Viſiten bei den Ambaſſadeurs, dann nahm er einen groſſen Umweg nach St. Moulins und kam erſt um 4. Uhr in einer zwei - ſpaͤnnigen Karoſſe ganz allein zuruͤck. Man machte das groſſe Thor auf, die Karoſſe fuhr langſam unter dieMenge41Menge und hielt. Der Monarch ſtieg aus, gruͤßte alles freundlich. Ein allgemeines freudiges Klatſchen empfing ihn. Er ſtrich durch die Menge ins Zimmer, und ward von jedem geliebt und geſegnet. Ganz das Widerſpiel der franzoͤſiſchen Putzſucht trug er ein Kleid ohne Gold und Steine, von Couleur de Puce, kein Band und keinen Stern, weiße ſeidne Struͤmpfe und einen ſilbernen Degen ꝛc.
Pont St. Michel geht weit unter dem Pontneuf uͤber die Seine, iſt wegen des Kommerzes lebhaft ꝛc.
Les Bateaux ſur la Riviere. Hat man ſich ermuͤdet mit Laufen nach den Bruͤcken, um in die andre Stadt zu kommen; ſo hat man die Bequemlichkeit, daß man ſich in Schiffen fuͤr 2. Liard uͤberſetzen laſſen kan. Man geht auf verſchiedenen Treppen hinunter, kan ſich uͤberall embarquiren, aber zum Anlanden iſt nur ein Ort, faſt in der Mitte, zwiſchen dem alten und neuen Louvre. Oft iſts zum Ausruhen gut. Auf den Schiffen trocknen die Waͤſcher oft die Waͤſche.
Place Maubert liegt mehr gegen das Ende der Stadt. Der Platz iſt dem Fiſchmarkte gewidmet, und die Fiſchweiber da, ſind wegen einer beſondern Bered - ſamkeit im Schimpfen beruͤhmt. Man kan ihnen 2. Sous geben, ſo ſchimpfen ſie einen aus. Jeder bleibt ſtehen und bezahlt ſie, damit ſie nur recht ſchreien und ſchimpfen ſollen.
Die meiſten Vornehmen in Paris leben in einer groſſen Unordnung. Man ißt Mittags um 2, 2½, 3, auch 3½, und Abends um 11. Uhr, legt ſich um 2, 3 Uhr erſt zu Bett, ſteht um 9, 10, erſt auf, und fruͤh - ſtuͤckt alsdann.
Der Franzos iſt hitzig, aber auch geduldig. Wer ſich daruͤber moquiren wollte, wenn er geſtoſſen, beſpruͤtzt, getreten wird, der wuͤrde ecraſirt werden: man traͤte ihn mit Fuͤſſen auf den Bauch. Keiner aber ſagt was daruͤber, ſondern ſchweigt, und geht ſeinen Gang fort.
Eine Menge ſchlechte Leute findet man hier. Sie fangen ſehr hoͤflich an, wollen Bekanntſchaft machen, oder einem andre empfehlen. Oft ſprechen ſie einem viel von groſſen reichen Herren vor, die einen ſolchen Mann, der ſo franzoͤſiſch oder deutſch ſpricht, oder das und das verſteht, engagiren wuͤrden, man ſolle nur da und da hinkommen ꝛc. Wer unvorſichtig genug iſt, kan Ehre, Freiheit, Geſundheit, Geld und Leben dabei verlieren.
Man findet wenig geſundausſehende Geſichter. Alles ſchminkt ſich, auch viele Mannsperſonen thun’s oft, wenigſtens des Abends. Dann ſieht die Haut wuͤſt, gelb aus, und die Schweisloͤcher werden verſtopft. Schon das enge Wohnen, die ſchmutzigen Straſſen, der graͤsliche mannichfaltige Dampf und Geſtank ſchadet der Geſundheit. Leute aus den Provinzen, aus andern klei - nen Staͤdten, oder Laͤndern zeichnen ſich ſchon durch die Geſichtsfarbe aus.
Die43Die meiſten Haͤuſer ſind alt, 5. 6. Stock hoch, beſtehen aus ſchmalen an einander geklebten Riemen, mit laͤcherlich hohen Kaminen. Faſt alles iſt Thuͤr oder Fenſter, oder Boutique. Man wundert ſich, wie ſo ein vielloͤcherichtes Ding nur noch ſtehen kan. Auch die neuen Haͤuſer werden ſchnell ſo aufgebaut. Man findet hier und da groſſe Aubergen, nach ihrem neuſten Gout, der ſich aber freilich alle Tage veraͤndert, und mir wenig - ſtens, wegen des Mangels der Simplicitaͤt, nicht ge - fallen hat.
Das Laſter der Beſtialitaͤt und der Sodomiterei herrſcht gewaltig in Paris. Mannsperſonen die ein - ander fuͤhren, werden als Sodomiten von den Schild - wachen augehalten und arretirt, weil man erfahren hat, daß ſich jene Abmenſchen Abends ſo zuſammen zu finden pflegen.
Es fahren beſtaͤndig in der Stadt Karren herum mit erſtaunlich ſtarken Pferden, die in ſchwerem Schritt la boue de Paris zuſammen fuͤhren.
Man begegnet oͤfters den Prozeſſionen, ſchlaͤgt ſich aber alsdann in eine Nebengaſſe, oder geht mit dem Hut in der Hand vorbei.
Selbſt Peruͤckenmacher und Puderhaͤndler leſen Romane, verliebte Briefe von Ladies an einander, wo kein Gran Verſtand darin iſt. Viele Kutſcher zie - hen gleich, wenn ſie vor einem Hauſe warten muͤſſen, ei - nen Roman heraus und leſen.
Ueberall ſtehen Weiber, Kinder, Maͤnner ꝛc. auf den Straſſen, und ſchlagen den Federball. Auch ſindgroſſe44groſſe Billardplaͤtze, die ſogar vom Comte d’Artois beſucht werden, in der Stadt, und die Paſſage iſt dar - neben.
La Fontaine dans la Rue Grenelle beſah ich heute. Die Straſſe iſt eine von den aͤuſſerſten auf der Seite von der Fauxb. St. Germain. Louis XV. hat da einen vielfachen Brunnen bauen laſſen, mit Sta - tuͤen von Waſſergoͤttern aus weiſſem Marmor, ſo viel ich ſehen konnte. Das Waſſer dazu wird weit hergeleitet. Sonſt hat die Straſſe auch wegen ihrer Breite und Hel - ligkeit Vorzuͤge. Ich beſuchte hierauf
L’Aumonier & Secret. d’Amb. de Suede M. le Prof. de Baer. Er wohnt in dieſer Straſſe im Hôtel de Suede, aber eben nicht gar bequem, oder praͤchtig. Im Viſitenzimmer, hing ein Gemaͤlde vom Koͤnig Guſtav III. in Schweden, mit dem weiſ - ſen Schnupftuche um den linken Arm, das, ſeitdem der Koͤnig bei der letzten Revolution das zum Zeichen mach - te, eine Art von Orden geworden iſt. Herr von Baͤr arbeitet an einem neuen Geſangbuch fuͤr ſeine Gemeinde, das in Strasburg gedruckt wird, und mit Zuziehung der Neuern, auch des Baadenſchen, verfertigt iſt. Die Lieder von Paul Gerhard gefallen ihm beſonders wohl, daher iſt das: „ Wie ſoll ich dich empfangen ꝛc. “von ihm mit allen ſeinen Fehlern beibehalten worden. Ein in der Sammlung befindliches Lied: von der Freund - ſchaft der Chriſten, iſt von ihm ſelber, und hat ſchoͤne Stellen. In ſeiner Bibliothek fand ich auſſer den Schwediſchen akademiſchen Abhandlungen kein ſehr wich -tiges45tiges Buch. Kaͤſtners deutſche Ueberſetzung verachtete er gar ſehr. Von Michaelis geſtand er, daß er viel gelernt haͤtte. Fuͤr die deutſchen evangeliſchen Hand - werksburſche hat er eine Krankenſtube angefangen, jeder muß monatlich nur 12. Sous geben, und wird dann, im Fall er krank wird, ganz frei beſorgt. Die Addreſſen, die er mir an die hieſigen Gelehrten gab, wenn bloſſe Namen der Gelehrten mit: de la part de Baer, ohne ſonſt etwas hinzu zu ſetzen.
Man hat hier Portechaiſen, die auf 2. Raͤdern ſtehen, und eine Gabel haben. Der Kerl ſpannt ſich ein, und zieht den andern in der Portechaiſe fort.
Auch findet man hier ganze Magazine von Para - pluyes; nicht nur unies, ſondern auch geſtreifte, bunte ꝛc. traͤgt man.
La Charte, ou le Plan Routier de Paris, iſt eine Sache, die jedem Fremden unentbehrlich iſt, aber auch groſſe Dienſte leiſtet. Paris und Rheims haben in Frankreich allein die Bequemlichkeit, daß an allen Ecken der Straſſen in maͤſſiger Hoͤhe die Na - men der Straſſen eingegraben und angeſchrieben ſind. Und ſo hat man von der ganzen Stadt einen Plan, der alle Jahre neu herauskoͤmt. Man kan ihn ſchwarz, il - luminirt, en feuille, auf roth Tuch geleimt und zu - ſammen gelegt, haben, am Pontneuf, am Quay ꝛc. zu 4. 6. Liver. Man hat ſie auch von allen Envi -[r]ons de Paris zu 9. Liver.
Faſt46Faſt immer gehen die vornehmen Frauenzimmer hier mit einem duͤnnen Stock in der Hand, der ſchlank, und lang ſeyn muß. Sie tragen ihn auch, wenn ſie ein Chapeau am andern Arme fuͤhrt. Sie haben ihn in der Chaiſe neben ſich ſtehen.
Eine unzaͤhlbare Menge Hunde gibts auch hier, von allen Farben, Geſtalten und Figuren. Es iſt un - glaublich, wie die Leute hier ſich von Jugend auf an dieſe Thiere gewoͤhnen. Jeder junge Menſch muß einen haben, der liegt des Nachts bei ihm im Bett, und am Tage auf dem Bett oder auf den Stuͤhlen ꝛc. Die Franzoſen koͤnnen ſich ganze Stunden lang mit ihren Hunden unterhalten. Manche dieſer Geſchoͤpfe bekom - men des Morgens Chokolade. Ich ſah einen, der ſei - nem Hunde Wein in Hals ſchuͤttete, und ſagte: es waͤre ſein Geld, er koͤnne damit thun, was er wolle. Nach einer gemachten Ueberzaͤhlung gibts uͤber 8000. Hunde in Paris Ach, und wie viele Menſchen in Ludwig’s Koͤnigreiche haben das taͤgliche Brod nicht, das Gott doch nicht fuͤr Hunde und Pferde wachſen laͤßt! Doch ſah ich in Verſailles hier und da, Koͤnigl. Befehle gegen das uͤberfluͤſſige Hundehalten angeſchlagen, aber man achtet nicht drauf. Die Franzoſen lachen uͤber laut, wenn man ſagt, „ ſehen Sie da des Koͤnigs Verbot “und auch bei andern Gelegenheiten zeigen ſie wenig Achtung fuͤr die Geſetze. Sie prahlen mit dem Koͤnigl. Staat ge - gen die Fremden, und erheben ihren Monarchen aufs hoͤchſte, aber der Gehorſam fehlt. Eben ſo arg ſind die Frauenzimmer auf die Hunde verpicht. Selten haͤlt eine Damenkaroſſe, wo der Kutſcher nicht den Hund erſt herausheben muß. Es ſind kleine grimmige Geſchoͤpfe,die47die ein graͤsliches Geheul anfangen, wenn ſie einmahl anders, als ſo naͤrriſchzaͤrtlich behandelt werden. Man beſchuldigt die Frauenzimmer, daß die groſſe Achtung, die ſie fuͤr die kleinen Hunde hegen, ihren Grund in dem garſtigen Gebrauch habe, den ſie von ihnen machen. Mopſus fricator*)Deswegen ſie auch der Gazetier cuiraſſé, eine bittere Satyre auf franzoͤſiſche, und beſonders pariſer, Thorheiten, die vor einigen Jahren herauskam, Lexicons, nannte. Herausgeber. .
Es iſt hier auch eine deutſche Apotheke, nicht weit von la Place St. Victor.
Ziegenleder (Peau de Chevre), davon iſt hier ein erſtaunlicher Aufwand. Die gemeinſten Leute laſſen ſich Schuhe daraus machen. Der Schuhmacher fragt: Souliers, ou Eſcarpins? en Veau? ou en Peau de Chevre?
In den Strumpfladen hat man die Gewohnheit, um zu wiſſen, ob der Vorderfuß dem Kaͤufer nicht zu kurz iſt, man laͤßt ihn eine geballte Fauſt machen, kan man mit dem Vorderfuß die Fauſt umwickeln, ſo iſt er nicht zu klein.
Le Jardin du Roi ward heute von mir beſucht. Er liegt faſt an der einen Ecke der Stadt, und die Straſſe dahin fuͤhrt eben dieſen Namen. Er iſt gros, auf der einen Seite eben, auf der andern aber hat er Erhoͤhungen zu den Baͤumen. In der Mitte geht einbreiter48breiter Gang durch, der ihn in 2. Haupttheile abtheilt, und auch ein Quergang. Jedes Quartier iſt in kleine Beete, manche aber durch Diagonalen getheilt. Die Rabatten ſind mannichfaltig. Alles iſt mit einer Mauer umgeben. An der einen Seite iſt der Laͤnge hin alles mit Treib - und Gewaͤchshaͤuſern beſetzt. Es gibt Ober - und Untergaͤrtner. Beim Eingange iſt das Kabinet der Naturgeſchichte, die Wohnungen des Hrn. Daubenton, und der Gaͤrtner. Der Garten iſt alle Tage offen, das Kabinet aber nur Dienſtags und Donnerſtags von 4 — 5. Uhr Nachmittags. Heute lernte ich
Mr. D’Anſe de Villoiſon, de l’Ac. R. des Inſcr. kennen. Ein lebhafter und galanter Mann, der die alte Litteratur liebt, auch etwas Kenntnis der neuern deutſchen hat, und die deutſche Nation mehr, als alle andre pariſer Gelehrte ſchaͤtzt, der ſchnell franzoͤſiſch, aber uͤbel lateiniſch ſpricht, ſchazet fuͤr jacet, poteritis, als wenns ein franzoͤſiſches Wort waͤre. Er behauptete aber, die Pronunciation der Franzoſen im Lateiniſchen kaͤme dem alten aͤchten naͤher, als der Deutſchen und En - gellaͤnder ihre, wiewohl er mir zugab, daß ſich das nicht ausmachen laſſe.
Pont Rouge und Pont Tournelle. Wieder 2. Bruͤcken uͤber die Seine. Jene iſt ſo benennt, weil ſie ſo angeſtrichen iſt, dieſe hat mehr Schoͤnes im Anblick.
L’Hôtel de Chirurgie, in der Rue des Cor - deliers. Ich beſah nur das Aeuſſere*)Den 26. Junii bekam ich auch das Innre zu ſehen. Louis XV. fing’s an zu bauen. Es ſtand vorher ein altes konigliches Gebaͤude da. Louis XVI. ließ esvol -, das aber ſchoͤniſt.49iſt. Vor dem Hotel liegt ein breiter Platz mit Saͤulen umgeben. Ueber dem Portal ſtehen einige vortreflich gearbeitete Buͤſten alter Gelehrten ꝛc. Das Ganze ſieht recht aus, wie eine Stoa oder Porticus der Alten. Es wird Chirurgie darin gelehrt.
Le Louvre. Eins der praͤchtigſten Gebaͤude Eu - ropens. Es nimmt uͤber die Haͤlfte des Platzes zwiſchen dem Pont neuf und Palais Royal ein. Man kan ſich darin verirren, man findet groſſe weite Plaͤtze darin, man faͤhrt, man geht durch, es laͤuſt Waſſer durch, man findet beſtaͤndig eine Menge Leute daſelbſt, es ſind koſt - bare Stuͤcke darin, und auch ſehr alte, ſchlechte, beſtaͤubte und wurmſtichige. Beſonders haben Bildhauer ihre Werkſtaͤdte daſelbſt. Man ſieht da praͤchtige Gemaͤlde, Kupferſtiche, Zeichnungen, Waaren. Ich ſah einen herrlichen Kupferſtich. Es war The Parting of Ro - meo and Juliet, dedicated to the unhappy Lo - vers. By Scorodoomov. Julie legt ihren rechten Arm auf Romeo’s linke Schulter, ihren linken ſtreckt ſie gegen ſeine Bruſt, und ſinkt mit dem muͤden Haupte unter ſein Geſicht hin. Die Traurigkeit ſelbſt, zaͤrtlicher Schmerz, ſtille Wehmuth, geſchloſſene Augen, am Hals alle Muſkeln, halb ſchlapp, halb angeſpannt. — Gluͤck zu dem jungen Kuͤnſtler! Und wem haͤtte ſo ein herrli -ches*)vollenden. Inwendig iſt ein groſſes herrliches Am - phitheater, wo geleſen wird um 11 Uhr, und eine Menge junger Leute da iſt. Auch Accouchement wird in einem kleinern Saal den Hebammen gelehrt. Vorne ſtehen Inſchriften. Es iſt eine der neueſten Merkwuͤr - digkeiten. Mit Stock oder Degen darf man nicht hinein gehen.D50ches Stuͤck beſſer geweiht werden koͤnnen, als der ungluͤck - lichen Liebe? Man ſieht, man fuͤhlt, man wuͤnſcht mehr, wenn man nur das Bild ſieht, als wenn man den gan - zen Siegwart lieſt. — Iſt etwas, das in groſſen Staͤdten der Erziehung vortheilhaft iſt, ſo iſt’s gewis der Anblick ſo vieler und mannichfaltiger Werke der Kunſt, die den Geſchmack beſſer ſchaͤrfen als Regeln; ſo ge - faͤhrlich freilich auch auf der andern Seite dieſe Plaͤtze jungen, unverſchloſſenen, Seelen werden koͤnnen. Denn neben einer Kreuzigung haͤngt eine nackte Danae, oder eine badende Suſanne, oder eine Venus, unter den Haͤnden der Grazien, wo die Nachahmung der Natur, der Reitz, die Feinheit, und die Verſchoͤnerung der Phan - taſie, kurz alles zuſammen fließt, das Laſter angenehm zu machen.
Le Cabinet de l’Hiſtoire Naturelle du Roi, beſuchte ich heute zum erſtenmahl. So ſteht mit goldnen Buchſtaben uͤber der einen Thuͤre. Das, was man den Fremden zeigt, iſt in 4 groſſen hohen Zimmern an den Waͤnden uͤberall herum, und zum Theil auch oben an der Decke angebracht. Alles iſt in wohlverſchloſſenen Schraͤnken mit vielen Schubladen und Faͤchern, Glas - thuͤren, und franzoͤſiſchen Zetteln. Viel Ordnung iſt nicht in der Anordnung, es ſcheint, es fehlt am Platz, oder man hat’s noch nicht weiter aus einander bringen wollen. Vieles ſteht im Schatten, vieles zu niedrig, vieles viel zu hoch. Man kans mit der Lorgnette in der Hand nicht ſehen. Wenns aufgemacht wird, welches alle Woche zweimahl geſchieht, ſo faͤhrt und geht immer eine Menge Menſchen von allen Geſchlechtern, Stand und Alter hinein. Es iſt ein Getuͤmmel, wie aufmMarkt.51Markt. Ich traf einmahl zwei Ober-Lothringiſche Bau - ern darin an, die beim Strauß, Krokodil und bei den Muſcheln ihre Verwunderung nicht laͤnger zuruͤckhalten konnten und durch ihr Deutſch viel Aufmerkſamkeit auf ſich zogen. Man kan ſich die tauſenderlei Anmerkungen und Fragen und Erklaͤrungen der Pariſer Schoͤnen, jun - gen Herren und Halbkenner mit der wichtigſten Mine ꝛc. leicht denken. Am Eingang und in der Mitte ſtehen Schildwachen, und ſonſt geht Hrn. D’Aubenton’s Be - dienter noch uͤberall herum. Es iſt auch nicht moͤglich, einen Schrank zu erbrechen, weil unten noch eiſerne Ha - ken und Ringe vor der Thuͤre ſind. Sauber abgeputzt und reinlich iſt alles, auch wohl verwahrt; aber wie ge - ſagt, zu ſehr gedraͤngt und enge geſtellt. Im Ganzen zu urtheilen, iſt das Mineralreich, wie gewoͤhnlich, das ſtaͤrkſte; wiewohl es auch Luͤcken hat, die ich nicht ver - muthet haͤtte. Hernach koͤmt das Thierreich, wo die Voͤgel und Inſekten am ſchoͤnſten und haͤufigſten ſind. Vom Pflanzenreich iſt am wenigſten da, doch Hoͤlzer, Saa - men, auch Bluͤten, und die Herbaria von Vaillant und Tournefort ꝛc. Petrificationen ſind nicht mehr da, als ſich gehoͤrt. Mehr kan man nicht ſagen, wenn man nur mit dem groſſen Haufen darin geweſen iſt. Die Geſchichte des Kabinets iſt mir verſchieden erzaͤhlt wor - den. Buffon ſoll es erſt angefangen, ſoll alles geſam - melt, und Reaumur ſoll nichts gethan haben! Es iſt unglaublich, wie des Letztern Verdienſte geſchaͤndet wer - den! Und doch ſchmeichelt ſich Buffon mit der Unſterb - lichkeit unter ſeiner Nation! — Ich lernte hierbei
Mr. D’Aubenton, Garde du Cab. de l’Hiſt. Nat. et Membre de l’Ac. R. des Sc. kennen. EinD 2liebens -52liebenswuͤrdiger Mann, der unter allen Franzoſen, mir bisher noch am meiſten gefallen hat. Solid, ge - ſetzt, gelehrt, gefaͤllig, hoͤflich, fuͤr ſeine Thieranatomie aͤuſſerſt geſchaͤftig, ohne Flittergold im Putz, — ging er da, an den Anblick gewoͤhnt, ruhig auf und ab, und un - terhielt ſich aufs gefaͤlligſte mit mir. Er beklagte ſich, daß deutſche Schriften z. B. Juſti’s, bei ihm ſo ſchwer zu bekommen waͤren. Er lobte die Durchl. Fr. Marg - graͤfin von Baaden, und erinnerte ſich an Profeſſor Murray in Goͤttingen, der bei ihm geweſen war. Mit - ten in den angenehmſten Unterredungen kam ein faſelnder Franzos und noͤthigte den denkenden, ernſthaften Mann, einen Faͤcher eines Frauenzimmers zu betrachten, der aus chineſiſchen Papier, mit chineſiſchen Voͤgelmalereien und vergoldeten Staͤben zuſammengeſetzt war, und 5 Louisd’or gekoſtet hatte. Der Faquin nannte das auch ein Na - turalienkabinet, als wenn ſo eine armſelige Kleinigkeit fuͤr einen Mann wichtig waͤre. Reſtez ici, ſagte er zu mir, nous cauſeront encore un moment en - ſemble. Und nachher beſtellte er mich auf den Sonn - abend um 11. Uhr wieder allein zu ſich hieher.
Paris hat ein gutes Pflaſter, das beſtaͤndig un - terhalten wird. Die Steine an ſich thun nicht weh, ſie ſind gar nicht ſpitzig, ſondern ſehr breit; aber der Koth wird durch das unaufhoͤrliche Laufen und Fahren ſo herumge - ſchmiert, daß man alle Augenblicke glitſcht. Die Abſaͤtze an den Schuhen gehen gleich wieder ab, und die Schuhe faſeln aus in wenig Tagen.
Es53Es iſt hier alles viel theurer, als z. B. in Stras - burg. In letztrer Stadt koſtet eine Taſſe Kaffee 2 Sous; hier 4; dort eine Taſſe Chocolade 8 Sous; hier 10. und dann iſt in verſchiedenen Kaffeehaͤuſern manches viel ſchlechter, als dort.
Zur Bequemlichkeit mit der petite poſte, laufen in allen Straſſen Maͤnner herum, die eine lederne Briefta - ſche anhaͤngen haben, und durch eine eiſerne Klapper oder dergleichen ſich ankuͤndigen.
Man findet hier uͤberall Troͤdler; einige handeln blos mit Manns-andre mit Frauen-andre mit Kinder - und mit Bedienten-andre mit bordirten Kleidern ꝛc.
Auch gibts eine Menge Mohren hier, und Nege - rinnen, die Kaufleute, Bediente, Unterhaͤndler ꝛc. ſind.
Man verkauft hier beſtaͤndig rothe Eier, wie bei uns ſonſt nur an Oſtern. Ich ſah uͤberall ganze Koͤrbe voll, und wuſte lange nicht, was es war. Sie werden hart gekocht, gefaͤrbt, und ſo zum Sallat in den Haͤu - ſern verkauft. Ueberhaupt pflegt man hier viele Eier zu eſſen. Man bringt ſie oft nach der Suppe auf den Tiſch. Manche koͤnnen 2-3. hintereinander zu ſich nehmen.
La Bibliotheque de l’Abbaye St. Germain, ou de la Congreg. de St. Maur. beſah ich heute. Das Kloſter ſelbſt iſt ein altes, aber weites, und groſſes, Ge - baͤude. In dem oberſten Stock koͤmmt man an eine eiſer - ne Grille, dieſe oͤfnet den langen Bibliothek-Saal. Am Ende deſſelben, der zu beiden Seiten Buͤcher -D 3ſchraͤnke54ſchraͤnke hat, geht man dann auf etlichen Stuffen in ei - nen andern, eben ſo langen und noch breitern, der auf der einen Seite die Theologie, auf der andern die Geſchichte, Antiquitaͤten, und die Katalogs enthaͤlt. Alle Buͤcher - ſchraͤnke ſind mit geflochtenen und verſchloſſenen Dratgit - tern vermacht, durch die man aber bequem die Titel der Buͤcher leſen kan. Verlangt man eins, ſo ſchlieſt der Bediente auf; man ſetzt ſich damit an Tiſch, und kan excerpiren, was man will. Fuͤr die Hiſt. Dogmat. Hiſt. eccl. Antiq. Chriſt. Hiſt. patrum, auch fuͤr die Exegetik und Kritik iſt dieſe Samlung ſehr betraͤcht - lich. Man findet alle Schriften der Patrum, Catenas und Biblioth. patrum, alle Miſſalia, alle Concilia, Decretalia und Epiſt. Pontific. hier. Doch ſind in der Exegetik mehr die Alten, als die Neuern, mehr katho - liſche, als andere Schriftſteller vorhanden. Crit. Angl. Poli Synopſ. Hammondi, Eraſm. Schmid. Schriften ꝛc. ſind da. Eine Menge ſtehen ſo hoch, daß ich nichts von ihnen ſagen kan. Die meiſten ſind alt, in ſchwar - zes oder braunes Leder gebunden. Viele Bibeln, Ori - geni Hexapla; Daniel ſecundum LXX. Trom - mii Concord. etc. — Die Specialgeſchichte von Frankreich’s einzelnen Provinzen, die Antiquitaͤten von Paris, die Geſchichte der Orden und ſonderlich die Acta Benedictin. e Congreg. St. Mauri etc. alles iſt da. Man nennt ſie la Bibliotheque de l’Abbaye St. Germain de Prèz, das fand ich in einem Buch de Pratis uͤberſetzt. Der Pater Don Pater war jetzt Garde de la Bibl. ein ſehr hoͤflicher Mann, der ſeine Wohnung gleich vorn beim Eintritt in die Bibliothek hatte. In der Naturgeſchichte entſchuldigte er ſich, daß ſie nicht viel haͤtten, weil ihnen die Buͤcher wegen der Kupfer -ſtiche55ſtiche zu theuer waͤren. Ich ging heute Sibbaldi Pro - drom. Hiſt. nat. oder Scotia illuſtrata durch. Ver - gebens fragte ich hier nach ſeiner Balaenologia. Es ſtand nicht im Katalog, und am erſtern Buch war’s nicht angebunden.
Madem. Baſſeporte lernte ich auch heute kennen. Sie iſt eine Jungfer von 80. Jahren, mit der mich M. de Villoiſon bekannt machte. Sie wohnt im botani - ſchen Garten, hat Reiſen gethan, und ſich ſchon uͤber 46. Jahre im Zeichnen und Mahlen der Pflanzen und Thiere geuͤbt. Zum Erſtaunen iſt’s, wie ſie die Natur nachgeahmt hat. Alles iſt ausgedruckt, alles lebt, al - les, bis zum Entzuͤcken, mit einer Delikateſſe, die ihres gleichen nicht hat. Die genauſte Richtigkeit und die groͤßte Feinheit herrſcht in jedem Stuͤck. Sie wieß uns Ket - mia, Martinia, Helleborus, Convolvulus, Ama - ranthus etc. jedes war auf einem halben Bogen von feinem duͤnnen Pergament. Man konnte nicht reden, man mußte nur ſehen. In keinem Hortus, in keiner Flora iſt die Natur ſo erreicht worden. Sie wieß uns auch einige Phalaͤnen, z. B. die Portemiroirs, ſie waren auch praͤchtig, die kleinen Haare am Bauch, die Bordirungen, alles war dargeſtellt, doch haben Cra - mer, Drury, Clerck, auch Roͤſel ꝛc. dieſe eben ſo ſchoͤn abgebildet. Aber zwei Schlangen zeigte ſie uns, die das Auge nicht ſchoͤner ſehen konnte. Alle Flecken, alle Schuppen, ſelbſt die ſcharfen Kanten, das Schielende in den Farben, der Kopf, die doppelte Zunge, das Beiſ - ſige im Blick, die unmerklich kleinen Schuppen am Schwanz, alles hatte ſie bewundernswuͤrdig nachgeahmt. Sie hat natuͤrlich an den Augen ſchon ſtark gelitten, undD 4klagte56klagte gegen uns uͤber Mangel an Unterſtuͤtzung. Sie hat eine Penſion von nur 400. Livres, war uͤbel ge - kleidet, und ſchien mit dem hohen Alter kleinmuͤthig ge - worden zu ſeyn. Was ſie ſprach, war wohl uͤberdacht und gut ausgedruckt, aber es ſchien immer, als wenn ſie auf ihre ſchoͤne Arbeit weinen wollte. Thut’s nicht dem Freund der Menſchheit in der Seele weh, wenn der Tau - genichts in der weichen Karoſſe liegt, und auf wolluͤſtige Eroberungen ſinnt, die ſein Geld moͤglich machen ſoll, indes die Kunſt, das Verdienſt, der Fleis, die ſchoͤnſte Beſchaͤftigung, unter dem Druck der Duͤrftigkeit ſchmachtet, und ſeine Seufzer nicht laut genug auslaſ - ſen kan? Zum Ungluͤck fuͤr die vortrefliche Kuͤnſtlerin war unſer Kaiſer, als er Kabinet und Garten beſah, durch die Gobelinsmanufakturen ſo ermuͤdet, daß er ſich da nur ſehr kurz aufhielt, und Juſſieu, der ihm den Garten wies, unmoͤglich ihn auf dieſes Frauenzimmer aufmerkſam machen konnte. Wir trafen in dieſer Geſellſchaft noch die Demoiſelle Biheron*)Von dieſer Kuͤnſtlerin weiter unten weitlaͤuftiger. an. Auch lernte ich
Mad. de Bure kennen. Sie iſt die Frau eines Buchhaͤndlers, und beſitzt ſehr viel Beleſenheit und ge - ſunde Beurtheilungskraft. In ihrem Hauſe kommen oft viele Pariſer und fremde Gelehrte zuſammen. Sie ſpricht nicht gar viel, und das Franzoͤſiſche hab’ ich ſchon von andern beſſer ſprechen gehoͤrt. Sie iſt gros, hat ein blaſſes Geſicht, und eine etwas harte Stimme; ihr Putz war maͤſſig, ihre zwei Toͤchter waren ſehr an ſie attachirt. Die ganze Stube war mit Buͤchern garnirt. Der Mann ſtand ziemlich im Schatten, ſchwieg ſtill undputzte57putzte das Licht. Sie erkundigte ſich bey mir nach Mesd. Karſchin, Reiske ꝛc. von der ſie ein Portrait hatte, und empfahl mir ſehr das Koliſe’e zu ſehen, weil es faſt ein Paradis terreſtre waͤre. Um halb 10. Uhr Nachts fuhren wir fort.
Bisher war in Paris beſtaͤndig Regenwetter. Kein Tag verging, an dems nicht etlichemahl anfing, und uͤberall war ein heßlicher Koth. Noch ſpuͤrte man gar nichts von der Sommerhitze. Man ſieht auch ſel - ten die Sonne. Zwiſchen den hohen Haͤuſern erblickt man immer nur einen kleinen Streifen vom Himmel. Es gibt viele Leute hier, die gar nicht wiſſen was Wind iſt; denn den phyſiſchen Wind ſpuͤrt man in der Stadt gar nicht. Fuͤr viele Deutſche iſt das ſehr unangenehm, ſie koͤnnens nicht gewohnen und werden krank.
Beſuche kan man hier keinem vor 11. Uhr Vormit - tags, und 4. Uhr Nachmittags machen. Auch geht keine Bibliothek vor 9. Uhr auf, die meiſten erſt um 10. Viele Viſiten macht man erſt Abends um 6. 7. Uhr. Morgens kan man vor halb 7. Uhr keinen Bedienten, keine Taſſe Kaffee ꝛc. bekommen.
Jetzt war’s Mode, mit groſſen ſchwarzblauen Stecknadeln zu friſiren. Tuppe’e und Locken wurden damit geſteckt, und jeder lachte uͤber die doppelten Haar - nadeln der Deutſchen.
In den Straſſen laufen beſtaͤndig Bierfiedler, Muſikanten, Saͤnger ꝛc. herum, wahre Muͤſſiggaͤnger und Bettler.
D 5Es58Es gibt hier viele Boutiquen, wo Naturalien, Gemaͤlde, Meublen, Glas, Vergoldungen, Sekretaire, Orgeln, Kutſchen, Girandolen, alte Bronzen, Statuͤen, ausgeſtopfte Loͤwen, Voͤgel, Hunde ꝛc. alle moͤgliche Sa - chen unter einander zu verkaufen ſind. Ueber dem Laden haben ſie 2. 3. ꝛc. Magazine, wo das Auge ermuͤdet zu ſehen. Ich fand bei einem ſolchen Naturalienhaͤndler ei - nen hohen Glaskaſten, wo alle Arten von franzoͤſiſchen Voͤgeln ausgeſtopft, auf einem Baume ſaſſen. Man konnte ihn auf dem vergoldeten Geſtelle herum drehen. Ich kaufte ihm eine Seepflanze auf einem Daumen von einem Meer - oder Seethiere, angewachſen; ein herrlich Stuͤck Marienglas aus Rußland; eine Kon - chylie mit angewachſenen Corallen, und eine Tubula - ria etc. um geringe Preiſe ab. Man findet hier und da ſchoͤne Stuͤcke, aber Schade, daß man ſie nicht ſorgfaͤltig genug aufbewahrt. —
Man ſpeißt hier Linſen, die noch einmahl ſo gros ſind, als unſre in Deutſchland. Sie werden ſauer gekocht, und ſchmeckten mir wenigſtens treflich. Viel - leicht deſto beſſer, weil ein Teller voll Gemuͤs hier, ſo eine groſſe Seltenheit, ſo ein beſchwerlicher Mangel fuͤr den Deutſchen iſt.
Der Sand, den man hier zum Theil hat, iſt eine graue feine Stauberde, und kein eigentlicher Sand.
Le Cabinet de l’Hiſt. Nat. de Roi. beſah ich heute wieder. Herr D’Aubenton lies es fuͤr mich oͤfnen,und59und gab mir Erlaubnis, alles im Detail anzuſehen. Ich fing alſo an beim Erſten Zimmer, und fand im*)Ich fuͤhre die natuͤrlichen Koͤrper hier und im Folgen - den ſo an, wie ich ſie im Sommer 1777. in jedem Zimmer, in jeden Schranke, Fache ꝛc. fand, und ſo wie ſie neben und bei einander lagen; um dadurch ei - ne Probe von der Ordnung, oder vielmehr franzoͤſi - ſchen Unordnung, die in dieſem Kabinette herrſcht, zu geben.
Von hier ging ich und beſah
L’Egliſe de St. Euſtache. Am Aeuſſern und Innern dieſer Kirche iſt unbeſchreiblich viel Arbeit. Die Menge Saͤulen mit praͤchtigen Verzierungen, die Kapi - taͤle, die Geſimſe, die Decken ꝛc. ſind alle mit dem herr - lichſten Schnitzwerk geziert. In der Kirche ſieht man oben linker Hand ein Mauſoleum von ſchwarzen Mar -mor,64mor, der die tieffte Schwaͤrze hat. Die Kanzel iſt von Holz, geſchnitzt, ſteht aber fuͤr ſo eine groſſe weite Kirche zu niedrig. Die Orgel iſt klein.
L’Egliſe de St Roch in der Rue St. Honoré, gehoͤrt zu den ſchoͤnſten. Am hohen Altar iſt eine praͤch - tige Grille von vergoldetem Eiſen. Alle Saͤulen ſind hier in Mannshoͤhe mit roth - und weißgefleckten Mar - mor belegt. In andern Kirchen iſt dies mit alten Ta - peten geſchehen. An den Seiten ſind ſehenswuͤrdige Ge - maͤlde. Nur an einem, das: „ Laſſet die Kindlein zu „ mir kommen, “vorſtellt, hat der Maler einen Fehler gemacht: Ein Engel koͤmt und haͤlt Chriſto einen Lorbeer - kranz uͤber das Haupt. An den Fenſtern iſt allerwegen eine Einfaſſung rings herum von gemahltem Glas, wo ein praͤchtiges Blau uͤberall ſchimmert. Man findet aber auch viele Stoͤcke pour la Decoration de l’Egliſe. An einem ſteht: Donnez ici, vous rachéterez vos pechés. Doch das praͤchtigſte Stuͤck iſt im Chor. Hinter dem Hochaltar iſt der Chor ganz abgeſondert, und perſpektiviſch gebaut. Das Vorderſte iſt theils Bildhauerarbeit, theils Malerei, oben an der Decke, und ſtellt die Geſetzgebung Exodi XX. vor. Die Wolken, das Wetter, der Blitz, alles iſt da. Der Blitz iſt durch ſtark vergoldete, nach allen Seiten ſtehende, Bleche vorge - ſtellt, die durch die ganze Kirche ſchimmern. Darzwi - ſchen iſt das dicke Gewoͤlk vom Gewitter, und kleine En - gelkoͤpfe, — freilich mit Bausbacken und Fluͤgelein! — Hinter dieſem Stuͤck, hinter der Figur Moſis iſt die Bundeslade mit den Cherubinenfluͤgeln bedeckt. Von der Lade ſelber ſieht man faſt nichts. Ganz im tiefen ent - fernten Hintergrunde haͤngt unſer Erloͤſer am Kreuz. —Warlich65Warlich eine vortrefliche Erfindung, und herrlich aus - gefuͤhrt. Ich beſuchte von da
Mr. Morand, Doct. en Med. & de l’Ac. R. des Sc. Schon ein etwas alter Mann, aber lebhaft und affabel, hat ein kleines, hagres, blaſſes Geſicht, prakti - cirt wenig oder gar nicht, und bearbeitet beſonders die Ge - ſchichte der Steinkohlen. Er erkundigte ſich gleich ſehr umſtaͤndlich, ob ich auch eine graduirte Perſon waͤre, und ſprach hernach von nichts, als von ſeinem Werk ſur l’Exploitation des charbons de terre. Er hohlte die beiden Folianten her, und zeigte mir alle Kupferplat - ten. Er hat ſelber eine ſtarke Steinkohlenſammlung, wuſte aber doch nicht, daß es auch in unſerm Lande welche gaͤ - be. Er verſprach mir, mich in die Koͤnigl. Akad. einzu - fuͤhren.
Heute hoͤrte ich den
Diſcours de Mr. Baer, dans l’Egliſe de l’Ambaſſad. de Suede an. Die Kapelle iſt eigentlich nur ein langes ſchmales Zimmer, hinten im Garten, der am Hotel liegt, und ſieht recht laͤndlich aus. An dem einen Ende ſteht die Kanzel, am andern eine kleine Or - gel, in der Mitte ein Tiſch mit vergoldeten Fuͤſſen und ſilbernen Leuchtern darauf, ſtatt des Altars, und uͤberall Stuͤhle, die von allen ohne Unterſchied beſetzt werden. Allemahl am letzten Sonntag im Monat wird franzoͤſiſch gepredigt, und ſo wars heute, ſonſt aber deutſch. Der Gottesdienſt ward in folgender Ordnung gehalten. Man kam um 11. Uhr zuſammen. Baer ſprach zuerſt einEfranzoͤ -66franzoͤſiſches Gebet, und — denn das hat man hier auch eingefuͤhrt, — die Abſolution; dann ward ein ſchoͤner franzoͤſiſcher Geſang uͤber den 19. Pſalm, und auch recht ſchoͤn, geſungen. Weil es die Melodie war: „ Solt ich meinen Gett nicht lieben? “ſo ſangen ihn die Deutſchen, die kein Franzoͤſiſch verſtanden, auch mit, und Baer, der den franzoͤſiſchen Geſang allemahl an - kuͤndigte, ſagte auch den Deutſchen jenes Lied. Man theilte auch beide Geſangbuͤcher aus. Das bisheruͤbli - che deutſche iſt das Darmſtaͤdtiſche fuͤr die Grafſchaft Hanau-Lichtenberg. Nach den 4. erſten Verſen ward das franzoͤſiſche Evangelium von der Kanzel verle - ſen, denn nach der Abſolution ſetzte ſich Baer gleich auf die Kanzel, wie in Strasburg, und hatte eine Bibel in gros Folio bei ſich. Nach dem Verleſen ſang man wieder 4. Verſe aus dem vorigen Liede, dann las er die Epiſtel Roͤm XI. 30. ꝛc. und fing die Predigt mit dem lauten Notre père etc. an, wobei alles aufſtand. Im Eingang gab er folgenden Zuſammenhang an: — „ die „ Juden waͤren von Gott blos deswegen unterſchieden ge - „ weſen, damit die Genealogie des Meſſias ſolte erhalten „ werden; “— und dann kam er uͤberhaupt auf die Dun - kelheiten bei den Wegen der Vorſehung, und auf die da - her entſtandenen Irrthuͤmer. Er predigte von der Vorſe - hung; I) daß eine ſei; II) unſre Pflichten dabei. Den erſten Theil nahm er aus den Worten: De lui, par lui, et pour lui ſont toutes les choſes etc. Er rech - nete zur Vorſehung, a) Schoͤpfung, dazu mußte ſich das Wort de lui brauchen laſſen, da wurde der Jude Spinoza herbeigeholt und abgefertigt. Er ſagte auch, daß man ja die moſaiſche Schoͤpfungsgeſchichte nicht von der ganzen Welt verſtehen ſollte. b) Erhaltung, daslag67lag ganz deutlich in dem Woͤrtchen par lui. — Da traf ſeine polemiſche Geiſſel die, welche die Welt mit einer Uhr vergleichen, aber nicht ſtark genug; er ſagte kurz weg, daß Gleichnis paſſe nicht, die Welt ſei keine Uhr, und damit Gott befohlen; — ſodann widerlegte er die, welche glauben, Gott bekuͤmmre ſich ums Ganze, aber nicht ums Einzelne; er waͤre nicht wie Menſchen, die ihre Groͤſſe im Verachten andrer ſuchten ꝛc. Und hier brach - te er die Beweiſe aus der Bibel herbei. (In Paris moͤgen ſolche polemiſche Predigten nicht uͤberfluͤßig ſeyn, wenn die Beantwortungen der Zweifel und Einwendun - gen nur allemahl gruͤndlich und uͤberzeugend waͤren. ) c) Regierung, nach Anleitung des Ausdrucks pour lui. — Es ſei nicht Ehrgeiz, ſondern Leitung zum Zweck. — Gott wache uͤber das Schickſal eines jeden Menſchen. Im andern Theil leitete er daraus die Verpflichtung zum Ge - horſam her, auch beim Leiden, aber ſehr kurz. Die Pre - digt dauerte ¾ Stunden. Beim zweiten Theile ruhte er eine Zeitlang aus, ut lateribus conſuleret wie Pli - nius ſagt. Der Accent war gut, die Sprache lang - ſam, oft zu ſtark gedehnt, die Geſtus ſehr mittelmaͤſſig, oft widrig, das Schnupftuch lag auf der Bibel an der Seite, und ward oft gebraucht: in meinen Augen ein wahrer Uebelſtand an einem oͤffentlichen Redner. Muß doch in jeder geſitteten Geſellſchaft jeder ſein Schnupftuch in der Taſche haben, und darfs dem andern nicht vors Geſicht legen. Zum Gebet ſtand alles auf, man betete erſt fuͤr den Schwediſchen, dann fuͤr den Franzoͤſiſchen Koͤnig, und beide Koͤnigl. Haͤuſer, und Beider Koͤnigl. Bedienten. Aber da fehlte die edle Simplicitaͤt, die wahre Schoͤnheit, zuviel Titel, zuviel Worte. Sodann noch fuͤr den Schwediſchen Geſandten, und zulezt mit ei -E 2nem68nem herrlichen Schluß fuͤr alle Menſchen. Drauf ging der Kuͤſter mit einem Teller herum, das Allmoſen zu ſam - meln. Dann ſang man den 23. Pſalm wieder franzoͤ - ſiſch, nun noch ein Dankſagungsgebet, und dann folgte der Segen. In der Kirche hingen veraltete Gemaͤl - de, und ein Kruzifix. Der Geſandte war heute nicht da; ſonſt aber wohl eine Verſamlung von 200 — 250. Men - ſchen. Ich ging hierauf und beſah
L’Egliſe de Ste. Genevieve. Sie gehoͤrt wenig - ſtens zu den aͤlteſten, wenn gleich nicht zu den ſchoͤnſten Kir - chen hier. *)In Bruͤſſel wird à la place Royale eine Kirche im kleinen gebaut, wie dieſe hier.Die Jungfrau Genofeva iſt die Schutzheilige von Paris. Die ihr gewidmeten Gebaͤude ſtehen beiſammen auf einem Berge, La Montagne de Ste. Genevieve genannt. Man baut darneben ſchon viele Jahre an ei - nem neuen Gebaͤude, das praͤchtig laſſen wird. **)Man hat von der neuen Kirche ein Modell in Paris, Bruͤſſel ꝛc. lange herumgeſchleppt, das von Holz war, die Form eines griechiſchen Kreuzes, und 7. Toiſen, oder 42. Schuh in der Cirkumferenz hatte. Granet hat den Bau dirigirt. Man konte das Modell in al - len ſeinen Theilen mit Lichtern illuminiren.Ein Bild von Ludwig XV. unter dem der Bau entſtand, fand ich darinn. Ich hoͤrte hier einen Geiſtlichen katechiſi - ren; das ſollt’ es wenigſtens ſeyn, er ſaß ganz ungenirt auf einem Stuhle, das Kind ſtand vor ihm, er dekla - mirte, fragte, und redete zuviel und myſtiſch, von der Vereinigung, die das Kind mit dem heil. Geiſt in der Konfirmation gemacht haͤtte. ꝛc. Das Maͤdchen mußt’ auch nicht das geringſte zu antworten.
L’Egliſe69L’Egliſe des Mathurins; iſt klein, hat aber ei - nige ſchoͤne Gemaͤlde, und empfiehlt ſich durch eine in den Pariſer Kirchen ſonſt ungewoͤhnliche Helligkeit. Die Kanzel ſteht niedrig, wie uͤberall.
L’Egliſe de Sorbonne, iſt ſonſt nicht immer offen, heut am Sonntag aber konnte man hinein gehen, und ſie verdient es. Ein ganzes Quarré von alten hohen Gebaͤu - den, mit einem ſchoͤnen Hof heiſt die Sorbonne. Da wohnen die D. Theolog. und Sorbonn. die Saͤulen der franzoͤſiſchen Orthodoxie. Die Kirche ſieht von auſ - ſen gros aus, und inwendig ſcheint ſie nur eine Kapelle zu ſeyn. Aber unbeſchreiblich ſchoͤn iſt ſie. — Der Kardinal Richelieu liegt vor dem Hochaltar begraben, und hat ein Mauſoleum von weiſſem Marmor. Der Sarg, die Stangen und Draperie, und ein paar Genii ſind herrlich daran. Es iſt nicht gar hoch, aber mit ei - nem eiſernen vergoldeten Gitter eingefaßt. Der ganze Fußboden der Kirche iſt mit Quadrattafeln aus ſchwar - zen und weiſſen Marmor belegt. Am Altar ſtehen 6. praͤchtige korinthiſche Saͤulen, von braun und weis ge - flecktem Marmor mit vergoldeten Kapitaͤlen. Die Geiſtlichen, die da ohne andre Zuhoͤrer, Gottesdienſt hiel - ten, hatten die allerpraͤchtigſten Meßgewande an. Zwi - ſchen den Saͤulen war am Altar ein goldenes Kruzifix mit der lateiniſchen Umſchrift: „ Alſo muſte Chriſtus lei - den ꝛc. “ In der Kirche ſind gar keine Stuͤhle.
La Cathedrale, ou l’Egliſe de Nôtre Dame, auch von auſſen betrachtet, eine Antike von Paris. Was inwendig fuͤr Gemaͤlde an jeder Saͤule, was fuͤr Verzierungen am Gitter, am Altar, an den Fenſtern, und ſonderlich oben am Gewoͤlbe des Chors, an allenE 3Flaͤchen,70Flaͤchen, an allen Seiten angebracht ſind, das laͤßt ſich nicht ſagen, man muß es ſehen. Das Auge ermuͤdet endlich und das Fernglas thut den Augen weh. Vor dem Eintritt ins Chor iſt an einer Saͤule ein Gemaͤlde von Philipp dem Schoͤnen, der eine Schlacht ad Montem gegen die Flandros gewonnen, und, ſo wie er aus dem Kriege kam, in dieſe Kirche ging, ſeinen Sieg der Mutter Gottes zuſchrieb, und zum oͤffentlichen Be - kentnis dieſer ſeiner Demuth, ſich in dem Kleide, und auf dem Pferde, das er in der Schlacht geritten hatte, da abmalen lies. Das Kleid iſt ſteif, ſchwerfaͤllig, blau mit goldgeſtickten Lilien. Und auch das Pferd, iſt in ſo eine Decke ganz eingewickelt. Unter der Tafel iſt die Inſchrift mit der Jahrzahl 1304. Neben der Kirche liegt der biſchoͤfliche Pallaſt mit einem artigen Garten. Der Thurm an dieſer Kirche iſt ſehr hoch. Man kan von demſelben faſt ganz Paris uͤberſehen; ich ſtieg aber diesmahl nicht hinauf, weil truͤbes Regenwetter war, ſon - dern eilte in die
Opera. Dieſe iſt eins der praͤchtigſten Schauſpiele, die man in Paris haben kan. Ueberall ſieht man an den Mauern der Kirchen, an den Ecken der Straſſen, im Louvre, im Palais, an den Bureaux ꝛc. die gedruck - ten Komoͤdien - und Opernzettel beſtaͤndig angeklebt. Die Oper wird ſo angekuͤndigt. L’Acad. R. de Muſique donneras — — — Das Opernhaus iſt ein Theil vom Palais Royal in der Rue St. Honoré.*)Nun nicht mehr, nachdem’s im Jahr 1780. abbrann - te. Das neuerbaute liegt près la Porte St. Martin. Herausgeber. DasBureau,71Bureau, wo man die Billets dazu nach 3. Uhr ausgibt, hat eine Wache. Der Opernſaal ſelber iſt nicht gar gros. Der Schauplatz iſt praͤchtig, das Parterre iſt im Strasburger Komoͤdienhauſe dreimal groͤſſer. In der Mitte ſind 5. Gallerien uͤber einander, an den Seiten nur 4. Au premier zahlt man 12. Livr., au ſecond 6. au troiſieme und quatrieme 3. Livres; und im Parterre 40. Sous. Auch aufm Parterre koͤnnen an den Seiten herum viele ſitzen. Am Sonntag muß man das Billet wenigſtens ſchon um 4. Uhr holen laſſen, und um 5. Uhr hineingehen. Sie faͤngt ¾ auf 6. Uhr an, und dauert 2. Stunden. An allen Ecken ſind Soldaten geſtellt mit Feuerſpruͤtzen, wenn etwan ein Ungluͤck entſtehen ſollte. Das Stuͤck, welches heute aufgefuͤhrt ward, war ein he - roiſches Ballet, Cephale et Procris. Es iſt unbe - ſchreiblich, wie Auge und Ohr beluſtigt werden: — durch die Muſik, da das ganze Orcheſter auf einen Coup d’archet losgeht, da bald die groͤßte franzoͤſiſche Deli - kateſſe, bald die heftigſte Gewalt der Muſik die Seele durchſchuͤttert; — durch die Dekorationen, da bald Wolken mit Goͤttinnen darauf, von oben langſam herab - ſinken, bald von unten herauf Siegeswagen ſteigen und wieder verſinken, bald alles in den lieblichſten Wald, bald alles in einen koͤniglichen Saal verwandelt wird; — durch die Akteurs und Aktricen, die den herrlichſten Ge - ſang, die hoͤchſte Stimme des Affekts, die paſſionirteſte Mine, die einnehmendſte, ruͤhrendſte, beweglichſte Stel - lung, den bebenden Gang, die herrlichſte Wendung, die affektvollſte Pauſe, die unnachahmlichſte Erhebung des Tons, alles was einen in Glut ſetzen, und ſchmelzen kan, in ihrer Gewalt haben. (Es war ein Akteur da, M. Gros, man konnte ihn nicht genug ſehen und hoͤren); —E 4durch72durch die kuͤhnſten niedlichſten Taͤnze, durch die harmo - niſchſten Konfuſionen, wenn 60 — 70. Taͤnzer auf dem Schauplatz erſcheinen, bald alle, bald einer, bald zwei tanzen, und ſich jeder verſteht, keiner den andern ver - wirrt, alles nach dem abgemeſſenſten Takt geht, wenn oft eine Taͤnzerin mit ſpeiendem Feuer unter ihnen herum - ſchwaͤrmt, und kein fliegendes, kein ſchleppendes Kleid, kein Stuͤck der Dekoration verſehrt wird. — Man ſollte es kaum glauben, daß das alles, was man da ſieht, Men - ſchen moͤglich ſei. Der Schauplatz ſoll unten in eine un - geheure Tiefe mit unendlichen Koſten ausgegraben wor - den ſeyn, um die Balanciers, die Maſchinen und das Raͤderwerk, wodurch alle Dekorationen veraͤndert werden, anzubringen. Im Augenblick iſt alles weg, nach den Seiten, nach oben, oder nach unten, und doch ſtetig, langſam, feierlich, majeſtaͤtiſch; — — freilich der Qualm der Lichter, die Ausduͤnſtungen ſo vieler zuſam - mengedraͤngter Menſchen, der Staub, der von den Taͤnzern ꝛc. aufſteigt, das unaufhoͤrliche Klatſchen vom ganzen Auditorium, und die Muſik, — dritte - halbe Stunden lang, — nehmen den Kopf zuletzt doch ein. Luſtig iſt’s auch zu hoͤren, wie alle Augen - blicke das, Très joliment fait; Ah, par Dieu, ſacre Dieu, quelle danſe! ah, charmant, il faut encourager! — Ha, il revient; Elle danſe comme un ange! von allen Seiten her toͤnt. — Man kann dies Schauſpiel alle Sonntag, Dienſtag, und Freitag, in Paris haben.
Wenn man aus Komoͤdien oder Opern geht, und es bereits Nacht iſt, ſo kan man die Ehre haben, von Frauenzimmern mit nach Haus zu gehen gebeten zu werden. Solcher Accrocheuſes gibt es beſonders in der Rue St. Honoré gar viele.
Die Frauenzimmer haben hier auch ihre eignen Schuhmacher, ſo wie die Mannsperſonen die ihrigen.
Schon im Mai geht alles, was Landhaͤuſer hat, aus der Stadt aufs Land. In der Stadt ſelber weiß man nichts von Jahrszeiten, Feldgeſchaͤften, friſcher Luft, Erndte, Heumachen ꝛc. Eine Menge Menſchen leben hier, ohne daß ſie wiſſen, wie Brod und Obſt wachſen. In der Stadt iſt ein ewiges Rennen und Fahren nach Schauſpielen und Vergnuͤgungen der herrſchende Ton. Es gibt viele Leute, die um 4. Uhr vom Tiſch aufſtehen, und dann eben alle Tage in die Spektakel fahren, und den andern Tag vor 10, 11. Uhr weiter nichts anfangen.
La Bibliotheque du Roi ward heute von mir be - ſucht. Dieſer wirklich koͤnigliche Buͤcherſchatz ſteht in der Rue Richelieu, hinter der Rue St. Honoré in ei - nem alten, unſcheinbaren, aber groſſen und weitlaͤuftigen Gebaͤude. Man geht auf breiten Treppen, zwiſchen de - nen allerlei Buͤſten, Urnen, Monumente ꝛc. ſtehen, hin - auf. Sie empfiehlt ſich gleich ſehr durch das Aeuſſre. Die Buͤcher ſind alle in braunes oder rothes Leder gebun - den, mit Gold. Faſt die meiſten haben Titel. Sie ſtehen in langen Zimmern neben einander, und hinterei -E 5nander,74nander, aber ſo hoch, daß keine Leitern zu brauchen ſind, ſondern in der Hoͤhe des letzten Buͤcherſchafts iſt wieder ein Gang mit einer Bruſtlehne durch alle Zimmer durch. Da laufen die Aufſeher und Bedienten herum, ſchlupfen auf dem Gang durch kleine Thuͤren aus einem Zimmer ins andre, hohlen die Buͤcher, und ſteigen durch kleine in jeder Ecke angebrachte Treppen wieder herab. Die Frem - den duͤrfen aber da nicht hinaufſteigen. Alle Schraͤnke ſind mit geflochtenen Gittern von Meſſingdrat vermacht. Im zweiten Zimmer ſas der Garde de la Bibl. Mr. l’Abbé Deſaunays, ein Mann von mittlern Jahren, hoͤflich, doch nicht ſo, wie der Bibliothekar der Abtei St. Germain. — Er ſtand[v]or ganzen Geſellſchaften von Fremden mit Damen nicht einmal auf, ſchnupfte alle Augenblicke, und lies ſie allein herumgehen. Im Lateiniſchen merkte ich eine haͤßliche Pronunciation an ihm; er ſagte immer de cochlẽis, Obſervationes Redi de Vipẽris. — Weder auf dieſer, noch auf einer andern Bibliothek fand ich nur Ein deutſches Buch, oder nur Eine deutſche gelehrte Zeitung, ein Journal, eine Bi - bliothek ꝛc. Die Bibliothekare wiſſen auch nicht das Geringſte von der deutſchen Litteratur. Engliſche Buͤ - cher findet man auch ſehr wenige, deſto mehr franzoͤſiſche und italiaͤniſche. Ihre Dictionaires encyclop. und portatifs, ihre Memoires, Contes, Tableaux, Recueils, Hiſtoires abregées etc. findet man da - gegen in Menge. Er gab mir den Katalog der Buͤcher in der Naturgeſchichte, es war der IX. T. des Cata - logi*)Man kennt den gedruckten Katalog dieſer Bibliothek. Welch eine erſchreckliche Menge von Dingen, die desNennens, den er in einem Kaſten neben ſich liegen hatte. Der75Der Band hatte 2. Buchſtaben, unter T. ſtand die Phi - loſophie, unterm S. die Naturgeſchichte. Dieſe Num - mer hatte folgende Abtheilungen: Naturgeſchichte uͤber - haupt, Thiergeſchichte, Pflanzengeſchichte, Gaͤrtnerei und Oekonomie, Warme Waſſer und Baͤder, Minera - lien und Salze, und Succina, Miſcellan-Naturge - ſchichte. Zur Thiergeſchichte war auch die Vieharznei - kunſt, die Jaͤgerei, Falknerei, Reitkunſt, Seidenzucht ꝛc. gerechnet. Alle dieſe Buͤcher waren wieder nach ih - rem Format aufgeſchrieben, und hatten Zahlen und Num - mern. Dabei hatten ſie einen angefangenen Supple - mentband nach eben dieſer Ordnung, wiewohl im Kata - log ſelber, nur die eine Haͤlfte des Blatts vollgeſchrieben war. Der Katalog war beſſer in Ordnung als der Sup - plementband. Es waren alle alte Autores und die mei - ſten in vielerlei Ausgaben, mit ihren Kommentarien da. Im Supplementband kamen Linne’’s Schriften, aber bei weitem nicht alle, und ſehr zerſtreut vor. Von Daͤni - ſchen, Ruſſiſchen, Schwediſchen, Engliſchen Natur - forſchern war nicht ein Blatt da. Scopoli’s Sachen, Becmanni Hiſt. Nat. Veter. waren da, aber von Pallas, Muͤller, Martini ꝛc. nichts. Roeſel’s Hiſt. ran. noſt. und einiges von Haller war auch da. Aber vergebens fragte ich auch hier nach Sibbaldi Ba - laenologia. Der Abt Desaunays ſah, wie ich glau - be, nicht gern, daß ich ein ſeltnes altes Buch verlangte, das er nicht hatte. Ich lies mir heute Redi Experim. natural. *)Nennens nicht werth ſind! Man ſollte ſie wenigſtens nicht unter die guten ſtellen! — Welch eine Menge Editionen! Daher die groſſe Anzahl. z. B. von Au - guſtin. ſind im Katalog 100 Nummern aufgefuͤhrt.76natural. geben, und las darin, bis man um 12. Uhr aufbrach. Ich lernte auch heute
Mr. Hisgerto kennen. Er iſt zweiter Garde des K. Span. Kabinets der Naturgeſchichte, von Ge - burt ein Spanier, ein groſſer, wohlgewachſener Mann, von ſtarken Gliedmaſſen. Er thut eine Reiſe durch Frankreich, Engelland, Schottland, Deutſchland ꝛc. Ich machte ſeine Bekantſchaft im Hauſe der Md. de Bure, wohin ihn Villoiſon beſtellt hatte. Er ſprach das Lateiniſche beſſer als die Franzoſen, das Franzoͤſiſche aber etwas hart aus. Er kannte die vornehmſten Schriftſteller in der Naturgeſchichte, dachte von Buf - fon und D’Aubenton wie ich; doch muſt’ ich ihm eine kurze Widerlegung der Buͤffonſchen Hypotheſe von der Zeugung aus Hallers Phyſiologie ſagen, er konnte aber weder deutſch leſen, noch reden. Er will mich nach einem Jahr in Carlsruhe beſuchen.
M. de Villoiſon machte mir heut ein Geſchenk mit ſeinem Epithalamium auf den Herzog von Weimar, wieß mir auch 2. Briefe von ihm, und eine goldne Ta - batiere, wo oben aufm Deckel des Herzogs Kopf, wie ein Roͤmiſcher Kaiſer, befindlich war.
Das Geſchlecht der hieſigen Abbe’es iſt bekannt. Variat, colore, vita, lingua, veſtitu, foecun - diſſimum, aliis ſaepe moleſtum. Ihre gewoͤhnli - che Kleidung iſt ſchwarz, mit einem ſeidenen Mantel bis auf die Knie, einem ſchwarzen Kaͤppchen aufm Hinter - kopf, und einer runden Friſur, die aber bis uͤber die Schultern herabfaͤllt.
Die77Die Pariſer Studenten machen eine traurige Figur.
Auf der Koͤnigl. Bibliothek hat man um das Din - tenfaß herum einen Schwamm, der das ganze Geſchirr ausfuͤllt, und beim Ausſpruͤtzen alle Tropfen auffaͤngt. Man muß da das Buch vom Bibliothekar fordern, der ſagts dem Bedienten, dieſer holts dann, gibt’s erſt dem Garde, der ſiehts an, und gibt’s endlich dem Frem - den. Will man das nehmliche Buch den andern Tag wieder haben; ſo muß mans vom Tiſch wegnehmen, und irgendwo hin ſtecken, wo man’s wieder findet. — Es ſind nach Maasgabe der Fremden, die beſtaͤndig hier ar - beiten, zu wenig Aufwaͤrter da.
Zum Erſtaunen iſts, wie die Franzoſen die deut - ſchen Namen verderben. Nicht ein einziger ſpricht ſie recht aus. Kein einziger verſteht deutſch, ſie ſagen, die Sprache ſei zu ſchwer, und habe gar grobe Woͤrter.
Die Miethkutſcher, Decroteurs, Holztraͤger ꝛc. ſchlafen am Tage mitten auf den Straſſen, auf harten Holz, auf ihrem Bock, auf den Steinen. — Mitten im Laͤrmen, im Getuͤmmel um ſie herum, beſucht ſie der ſuͤſſe Schlaf. Ein Gluͤck, das manchem in der praͤchti - gen Kutſche, und im ſeidenem Bett in Paris fehlt. —
Le Cabinet de l’Hiſt. Nat. du Roi. Dieſe herr - liche Sammlung, ging ich heute weiter durch, und zwar im zweiten Zimmer, und fand beim Eingang linker Hand gegen den Jardin du Roi zu, im
I) Erſten78Bei einem Kaufmann fand ich heute den Daſypus novemcinctus, und beſchrieb dieſes Thier noch denſelben Abend, fuͤr den Walchiſchen Naturforſcher. —
Indes ich bei dem Kaufmann war, entſtand auf der Straſſe ein Laͤrm, deſſen Gelegenheit ſelbſt dem Na - turkundigen nicht gleichguͤltig war. Ein Junge, der nicht aͤlter ſeyn konnte, als 10 bis 12. Jahr, trug eine Leiter von 15. Sproſſen, zwiſchen den Zaͤhnen ſchnur - grade in die Hoͤhe geſtellt, eine Zeitlang herum, und ba - lancirte ſie. Er nahm auch einen Stuhl, faßte ihn un - ten mit den Zaͤhnen, ſetzte oben einen andern Jungen dar - auf, und trug ihn. Er nahm ein groſſes Wagenrad, das an der Mauer ſtand, und ſo ſchwer war, daß ers kaum mit beiden Haͤnden in die Hoͤhe heben konnte, und ſtellte es etliche Minuten zwiſchen die Zaͤhne. Wie er - ſtaunend, dacht’ ich, iſt die Kraft der Muſkeln, und der Nerven in unſerm Koͤrper? Welche Berge wuͤrden wir nicht, wie Bleikugeln wegſchleudern koͤnnen, wenn wir uns von Jugend auf nur in koͤrperlichen Kuͤnſten uͤben wolten? Aber wie viel edlere, ſanftere Freuden, die aus der Kultur des Geiſtes flieſſen, wuͤrden wir dann entbeh - ren muͤſſen.
Noch immer ſpuͤrte man in Paris keinen Fruͤhling, keinen Sommer, keine Waͤrme. Und wenn auch ein halber Tag ſchoͤn war, ſo kam der Regen gleich wieder.
Schon zwei Tage litt ich nun auch die Krankheit aller Fremden, ich hatte den Durchfall, den man dem Waſſer der Seine zuſchreibt.
Der87Der Tabak, den man in Frankreich zu rauchen bekomt, iſt ſchlecht und grob; die Unze koſtet 5. Sous.
La Biblioth. de l’Abbaye St. Victor. Das Gebaͤude iſt geraͤumig, alt, hat groſſe, lange Gaͤnge, huͤbſche Saͤle, große und kleine Gaͤrten, einen ſchoͤnen Hof, und man baut wirklich noch einen Fluͤgel daran, um der Bibliothek, die wirklich in vielen Zimmern, an 3. 4. Ecken oben und unten zerſtreut iſt, ein eignes Ge - baͤude zu verſchaffen. Herr Muͤller, der Bibliothekar, hatte die groͤßte Guͤtigkeit fuͤr mich. Er iſt ein gelehrter und gefaͤlliger Mann. Durch Herrn de Villoiſon’s Empfehlung erhielt ich koſtbare Buͤcher aus dem ihm an - vertrauten Schatze auf mein Zimmer, und konnte ſie be - halten, ſo lang’ ich wollte. Er zeigte mir erſt in der Bi - bliothek, die auſſer den Bildniſſen ihrer Stifter im Aeuſ - ſerlichen nichts merkwuͤrdiges hat, eine ſchoͤne Ausgabe vom Hieronymus, eine Biblia Polyglotta, Walto - nii Polyglotta, dann den Katalog der Naturgeſchich - te, und der Medicin, wo zwar die Alten, aber auſſer den Franzoſen, nichts Neues war. Sibbaldi Balaenolo - gia war auch hier nicht. Dann fuͤhrte er mich in das Manuſkripten-Zimmer, wo er eben an einem Verzeich - niſſe derſelben arbeitete. Es iſt ein vortreflicher Vorrath da, und die meiſten noch ungedrukten ſollen gedrukt werden. Mir waren darunter merkwuͤrdig: 1) ev - clidis Elementa, griechiſch vom Angelus Bergi - cius, Cretenſis, der ſie, nach der hinten ſtehenden Nachricht 1537. zur Zeit des Pabſts Paul III. im Hau - ſe des Geſandten des Koͤnigs Franz I. von FrankreichF 4von88von einem Exemplar in Rom abgeſchrieben hat. Sei - ne Tochter hatte mit der groͤſten Feinheit die Figuren dazu an den Rand gezeichnet. 2) Decretum Gratiani, cum Gloſſa Barthelemi, — das ſehr ſchoͤn, reich an Gold, und vortreflich ſchwarz auf Pergament iſt. Bei jedem Abſatz ſind Malereien und Goldbleche. 3) Livius, aus dem 13. Jahrh. auf Pergament; leſerlich geſchrieben mit herrlichen Rubris. Beim Anfang des 2ten Buchs iſt eine koſtbare Zeichnung von Carthago victa. Alles, Zelter, Pferde, Menſchen, Kleidung iſt aͤuſſerſt feine Mi - niaturmalerei, Scipio auf der einen, und Hannibal, je - der mit ſeiner Generalitaͤt, auf der andern Seite. Dar - nach iſt Graevii Edit. verfertigt. 4) Viele Tuͤrkiſche, Perſiſche, Arabiſche, Chineſiſche Handſchriften auf Per - gament oder Seidenpapier. 5) Ein Buch auf hoͤlzer - nen, ſchwarzen Tafeln, geſchrieben, noch ziemlich le - ſerlich. Es iſt ein Koſtenverzeichnis von einer Reiſe, die Koͤnig Philipp der ſchoͤne von Frankreich durch die vornemſten Provinzen ſeines Reichs, 1301. vom En - de des Okt. an, bis Ende Maͤrz vom nemlichen Jahre that; denn damals zaͤhlte man noch den Anfang des Jahrs von Oſtern an. Der Koͤnig reißte, um das Volk, we - gen der Unruhen, die man damals vom Pabſt befuͤrchte - te, in Liebe und Reſpekt zu erhalten. Die Koͤnigin war an den meiſten Orten dabei. Man hat es kopirt, die Koſten ſind Tag fuͤr Tag aufgeſchrieben. Ein Himmel - weiter Unterſchied gegen jetzt! Man kan die Namen man - cher Offiziers und Miniſters daraus noch lernen. 6) Ein kuͤrkiſcher Koran, ſo ſchoͤn, daß der lezte tuͤrkiſche Am - baſſadeur der hier war, die groͤßten Lobſpruͤche hinten drein, aber arabiſch geſchrieben hat. Er ſagte, der Grosherr habe keinen ſchoͤnern. 7) Geographia Blaviana, et -liche89liche 20. Folianten, Lateiniſch, auch Franzoͤſiſch, mit herrlichen Charten. Es iſt auch viel Aſtronomie und Naturgeſchichte des Meers darin. Ueberhaupt hat man in der Geographie hier einen herrlichen Vorrath. 8) Kupferſtiche nach Rubens ꝛc.
Ich bat mir D’Argenville’s Conchyliologiſche Schrif - ten, und Remmelini*)Ein Doctor in Ulm, der den Wundaͤrzten gern die Anatomie recht wohlfeil in die Haͤnde geben wollte. Er ließ daher das noͤthigſte in Kupfer ſtechen, ſo daß die einzelnen klein ausgeſchnittenen Blattſtuͤcke uͤber einander lagen, wie die Theile im Leibe einander de - cken. Theatr. Microcoſm. von Herr Muͤller aus, und er hatte ſogleich die Gefaͤlligkeit, ſie mir in mein Hotel nachtragen zu laſſen.
Le Cabinet d’Anatomie artificielle beſah ich hierauf. Hier mus man anbeten. Es liegt Rue d’E - ſtrapade, près la Ste. Genevieve. Madem. Bi - heron, ein Frauenzimmer, die ihres gleichen ſucht, hat es angefangen. Sie hatte von Jugend auf einen unuͤber - windlichen Hang zur Anatomie des Menſchen, fand aber, als die Tochter eines gemeinen Buͤrgers in Paris, dazu keine Gelegenheit. Aber ſie las, ſie ſah, was ſie bekom - men konnte, und fing, ohne Kollegia und Unterricht, ſelber an zu anatomiren. Ihre Eltern und Freunde wider - ſetzten ſich, — wie Dummheit immer dem Guten; — ſie lies Kadaver durch Soldaten ſtehlen, wo ſie ſie be - kommen konnte, verſteckte ſie, — wo unſre modiſchen Schoͤ - nen den Crebillon, die Pucelle ꝛc. — unters Bett, wenn ſie gleich ſchon halb faul waren, und ſtudierte daran Zer -F 5gliede -90gliederungskunſt. Endlich, wie ſie alles geleſen und ge - ſehen hatte, ſing ſie an, den Koͤrper mit Wachsboßiren nachzumachen. Sie geſteht, daß ſie nicht die erſte ge - weſen, aber die Dauer, die Vollſtaͤndigkeit, die Genauig - keit, und die Soliditaͤt an ihren Werken ſind ihr Ver - dienſt und ihre unſtreitig groſſe Ehre. Sie war gluͤck - lich, erfand ſich ſelber Mittel und Kuͤnſte, die ſie nieman - den ſagt, arbeitete 47. Jahr in dieſen Sachen, ging nicht aus, als in die Kirche und zur Madem. Baßeporte, ſaß immer allein, und ſtudirte und arbeitete. Alle Me - dici und Chirurgi und ihre ganze Verwandſchaft wider - ſetzten ſich, und der Neid dieſer nichtswuͤrdigen Leute hat auch gemacht, daß ſie keine Eleven annehmen konnte. Man hat’s ihr auf alle moͤgliche Art ſchwer gemacht, aber ſie uͤberwand alles. Sie arbeitete ſo viel, daß ihre Ge - ſundheit daruͤber gelitten hat. Jetzt iſt ſie etliche 60. Jahr alt. Um ſich von vielen Arbeiten zu erhohlen, und ihre Sachen bekannt zu machen, war ſie zweimahl in Lon - don, wo ſie unter andern auch mit Hunter und Hew - ſon wohl bekannt ward. Jetzt lebt ſie in der Stille, hat ihre Sachen auf Veranſtaltung des Ambaſſadeurs nach Rußland ſchicken muͤſſen, arbeitet noch immer, beſon - ders, wenn was bei ihr beſtellt wird, hat den Mittwoch von 103. Uhr an dazu ausgeſetzt, ihre Sachen jedermann zu zeigen. Wer einmahl 3 Liver zahlt, kan hernach kommen, ſo oft er will. Sie beklagt ſich, daß noch kein Fuͤrſt ihre Sache unterſtuͤtzt hat, da’s doch gewis fuͤr Prinzen, Prinzeſſinnen, vornehme Kinder, fuͤr Studi - rende, im Sommer, wo man auf der Anatomie nichts machen kan, im Feld, fuͤr Frauenzimmer, fuͤr die Ge - burtshuͤlfe bei gemeinen Weibsperſonen ꝛc. gewis nuͤtz - lich waͤre; ſo wie’s uͤberhaupt in der Geſchichte der menſch -lichen91lichen Kunſt eine vorzuͤgliche Stelle verdient. Weder der vorige noch der jetzige Koͤnig hat es geſehen. — Bis itzt war der Kaiſer auch nicht bei ihr geweſen. Der Marggraf von Baden, und der Herzog von Weimar aber habens geſehen. Sie hat wenig Vermoͤgen, ihre Kleidung und ihr Zimmer zeigens; ſie hat eine Magd, und wenige Bekanntſchaft. Jußieu und Villoiſon ſchaͤtzen ſie, die andern Aerzte aber unterſtuͤtzen ſie nicht. — Man ſicht zuerſt im Zimmer auf einem groſſen Schemel, der ſich drehen laͤßt, einen hoͤlzernen Kaſten, der auſſen mit Papier uͤberzogen und inwendig mit blauem Taffet aus - geſchlagen iſt, wie ein Bett, mit Kuͤſſen und Decken. Darin liegt ein ordentlicher Menſch von Wachs, ein weib - licher Koͤrper von mittler Groͤſſe. Wenn die blauen Kleider zuruͤck geſchlagen, und die Schnuͤre in der Mitte aufgemacht ſind, ſo ſieht man den Kopf, die Bruſt, den Bauch; Arme und Fuͤſſe fehlen. Sie hats ſo eingerich - tet, daß ſie die innern Theile alle nach den 3. groſſen Hoͤ - lungen zeigen kan. Der Kopf hat hinten eine Kappe, und vorne iſt das Geſicht ſo natuͤrlich, wie an einer Maſ - ke. Wenn ſie das Innere des Kopfs zeigen will, ſtellt ſie den Wachsmenſchen auf den Boden und bindet die Kap - pe ab, ſo ſieht man ein ordentliches Cranium mit ſei - nen Naͤthen. Sie nimmt das weg, ſo kommen die Me - nynges zum Vorſchein. In der dura hat ſie eine Stel - le gelaſſen, wo man die Arachnoidea ſehen kan. Die Sinus hat ſie auch nicht vergeſſen, die pia, die Sub - ſtantia corticalis, medullaris, die zwei Haemiſphe - ria, der proceſſus falciformis, die glandula pinea - lis, das corpus calloſum, die cryſta galli, das ce - rebellum, die ventriculi, die Inſinuationes cor - ticis, die origines nervorum et medullae ob -long.,92long, die orificia arter. carotid. ꝛc. Alles iſt hoͤchſt natuͤrlich nachgemacht. Jedes von dieſen Stuͤcken iſt einzeln, kan herausgenommen werden, paßt aufs genau - ſte hinein, und iſt durch Nadeln, oder ſeidene Schnuͤre be - feſtigt, ſo daß das Ganze herrlich iſt. Die Arterien ſind blau, die Venen roth, die Nerven weis, die Subſt. cortic und medull. der pars oſſea und cutac. alles iſt unterſchieden. Wer auch vorher nicht au fait iſt, kan ſich da ſchnell eine Idee machen. Die Theilung zwiſchen der Bruſt und dem Bauch durch das Zwerg - fell hat ſie wohl nachgeahmt, und am Zwergfell den pars tendinoſa und muſculoſa unterſchieden. Alles was zur Bruſt gehoͤrt, konnte ſie heraus nehmen. Man ſah das Mediaſtinum, die beiden Lungen, die Bron - chi oben, ſie konnte ſie aufblaſen durch die arter. aſpe - ra, der Oeſophagus unterſchied ſich ſchon durch ſeine Farbe von der arter. aſp. Von der linken Lunge konte man ein Stuͤck abnehmen, ſo ſah man das Herz mit der lebhafteſten Farbe, mit den arter. und ven. coron. recht in ſeiner natuͤrlichen Lage. Die Rippen, die wah - ren und die falſchen, hatte ſie ſichtbar unterſchieden. Man ſah das Sternum, die Claviculas, Muſculos intercoſt., in der Pleura die Nerven. Das Cavum war gar ſchoͤn, wenn man es leerte, und dann hinein ſah. In dem Bauch machten wiederum alle dazu gehoͤrige Theile einen Klumpen aus. Sie hob das Diaphragma und Epiploon auf, ſo konnte man die Maſſe heraus nehmen, und um uns von der Feſtigkeit ihrer Arbeit zu uͤberzeugen, warf ſie den Magen und den ganzen Tra - ctum inteſtinorum auf den ſteinern Stubenboden, und es wurde nichts verſehrt. Auch am Magen ſah man die ernaͤhrenden Gefaͤſſe, die Cardia, den Pylorus,und93und durch die Cardia blies ſie den Magen auf. Die dicken und duͤnnen Gedaͤrme lagen in ihren Windungen neben einander, die Namen hatte ſie drauf geſchrieben. An der Leber war voͤllig die Farbe der Natur. Das Ligam. ſuſpenſor. die Gallenblaſe, der ductus cho - ledochus, das Pancreas, die Milz, die beiden Nie - ren, die Aorta, gar herrlich, die Urinblaſe, wie ſie beim weiblichen Geſchlecht iſt, die Gebaͤhrmutter, die Eierſtoͤ - cke, die Fallopiſchen Roͤhren, wo ſie am Ende ſogar die Lacinias, die ſich im Beiſchlaf aufrichten, nicht vergeſ - ſen hatte, und die vagina uteri, alles war hoͤchſt natuͤr - lich da. Die vagina unterſchied ſich durch ihre weiſſe Farbe, als ein pars cutanea von der roͤthern Gebaͤr - mutter, die ein pars muſculoſa iſt. An den Seiten waren die Bauchmuſkeln, und oben war die weiſſe Linie deutlich zu ſehen.
Darneben hatte dieſes wuͤrdige Frauenzimmer in zwei Glasſchraͤnken alle dieſe und noch mehrere Theile ein - zeln nachgemacht. Sie hatte ſie, wie man die Voͤgel aufſtellt, jedes auf einem eignen Fuß ſtehen. Sie zer - legte noch einmahl einen Kopf, wo alle obengenannte Thei - le noch herrlicher waren. Sie zeigte uns ein Herz mit ſeinen Auriculis und Ventriculis. An jeder Hoͤlung war eine kleine Thuͤre, ſie zog die Nadel heraus, ſo fiel die Thuͤre herab, und man konte innwendig die Kommu - nikation dieſer Hoͤlungen ſehen. Und, was noch merk - wuͤrdiger war, die Valvulas mitrales, ſemilunares, tricuſpidatas hatte ſie aͤuſſerſt fein nachgeahmt. Sie zerlegte das Herz in der Mitte, und lies uns das Septum transverſale ſehen. Sie zeigte uns den Lauf der Fi - bern im Herzen, ſie hatte die Gefaͤſſe des Herzens in ih -ren94ren natuͤrlichen Kruͤmmungen angebracht, hatte ſogar dem linken Herzen eine roͤthere Farbe gegeben, als dem rech - ten, um nur nichts zu vergeſſen. Sie zeigte uns einen langen Darmkanal, den ſie am Meſenterio, grade, wie die Natur es macht, angebracht hatte, eine Leber, die in zwei Haͤlften zerſchnitten war, wo man den wunderba - ren Lauf der Pfortader in dieſem Laboratorium ſehen konte. Eben ſo hatte ſie die Nieren in der Mitte zerſchnitten, um uns die arter. ſecern., die papillul., die infundib. das pelvis ren., die ureter. zu zeigen, und man kon - te nichts ſchoͤners ſehen. Sie zeigte uns den ductum Pequet. und ſeine Inſertion mit 2. orific. in die venam ſubclav. ſiniſtr. der war ganz weis und unvergleichlich. Sie hatte einen Uterus, der recht ſanguine turgidus war, darin ſas ein Kind in 7 — 8ten Monat, daran Kopf und Lage ein wahres Meiſterſtuͤck waren; Nabelſchnur und Mutterkuchen waren aufs ſchoͤn - ſte nachgeahmt. Davon hatte ſie 2. Exemplare, ein groͤſſeres und ein kleineres. Sie hatte einen Mutterku - chen, den ſie in der Mitte durchſchneiden konte, um das Verſchlingen der Gefaͤſſe zu zeigen, ſie hatte ihn nach ei - nem nachgemacht, der ihr in der Stunde, wo er geboh - ren wurde, gebracht ward. Sie beſaß kleine Foetus von den erſten Tagen nach der Schwaͤngerung an, die an Stecknadeln in Glaͤſern haͤngen. Sie hatte Kinnladen mit Zaͤhnen von allen 3 Gattungen, nahm ſie heraus, und zeigte die Verſchiedenheit in den Wurzeln daran. Den nemlichen Kinnbacken hatte ſie in der Mitte geſpal - ten, und wie er in 2. Haͤlften zerfiel, ſah man mit Er - ſtaunen die feinſten Arterien, Venen und Nerven unter - einander laufen. Sie hatte das Auge mit ſeinen Haͤuten, die Cryſtalllinſe war von Glas, die glaͤſerneFeuch -95Feuchtigkeit auch von Glas darin angebracht. Man konnte ſich daran vom Staarſtechen einen ſchnellen Begrif machen. Die Corona ciliaris hatte ſie auch nachge - ahmt, doch war das freilich weit unter der Feinheit, wo - mit die Natur arbeitet. Aber das Ohr mit allen ſeinen innern und aͤuſſern Theilen, die vier kleinen Gehoͤrkno - chen, den Labyrinth, die Pauke, die Fenſter ꝛc. das alles war nicht genug zu bewundern. Sie zeigte uns Fuͤſſe, an denen alle Muſkeln mit ihren Flechſen ausge - druͤckt waren. Sie hatte das Nervenſyſtem in Haͤnden und Fuͤſſen in aͤuſſerſt ſeinen Wachsfaͤden, doch ohne plexus und involucra nervorum, in einem Glaskaͤſt - chen auf einem ſchwarzen Grunde mit ſubtilen Steckna - deln befeſtigt. Sie hatte alle Theile der Muſkeln ein - zeln. Sie hatte Monſtra nachgemacht, beſonders eins, das in der Rue St. Honoré von einer gemeinen Frau gebohren war, nur ein Auge, wie der Cyclop des Homer, in der Mitte der Stirn hatte, und erzaͤhlte dabei die inn - re Abweichungen im Gehirn. Sie zeigte uns endlich in einem Glasſchranke, ein herrliches Bruſtbild von Hen - ry IV. das ſie nach einem Bilde, das der Prinz von Conde’ in Chantilly hat, nachgeahmt hatte. Der Koͤnig ward abgemahlt, wie er ausſah, als er an den, in der Rue La Ferroniere, von Ravaillac empfangenen Wunden ſtarb. Der Koͤnig hat die ſchoͤnſten Augen, ein liebliches Geſicht, und einen ehrwuͤrdigen Bart. Er wird auch noch immer von der Nation geliebt und be - dauert.
Fuͤr mich hatte das Frauenzimmer noch die Gefaͤllig - keit, daß ſie mir eine Addreſſe an Jußieu gab, die von ihrer eignen Hand recht ſauber geſchrieben war. Konteman96man auch in zwei Stunden mehr Schoͤnes und Wichti - ges in Paris ſehen. Welch eine liebliche Ausſicht fuͤr das Wachsthum der angenehmſten und der gemeinnuͤtzig - ſten Wiſſenſchaften! Dank ſei’s der Vorſehung, die un - ſer Jahrhundert ſegnet, und mitten in einer wolluͤſtigen Stadt verachtete Werkzeuge aufſtellt, welche die Maje - ſtaͤt Gottes jedem Menſchen fuͤhlbar machen! Ich ging von da in die
Acad. R. des Sc. Sie verſammelt ſich alle Mitt - woch und Sonnabend Nachmittag um 3. Uhr, linker Hand im Vieux Louvre, oben in einem groſſen Saal, der mit Koͤnig Ludwigs 14. Bildnis, mit den Buͤſten ei - niger Gelehrten, als Caſſini’s ꝛc. mit etlichen Landkar - ten, einer praͤchtigen Wanduhr, und mit ſchwarzen Ta - feln, die an Schnuͤren hoch und niedrig gehaͤngt werden koͤnnen, geziert iſt. Man kan hinein kommen, wenn ein Mitglied der Akademie den Direktor um Erlaubnis fragt, und dann den Fremden einfuͤhrt. In der Stube ſtehen rings herum ſchmale Tiſche, gruͤn uͤberzogen, an denen ſitzen die Mitglieder. In der Mitte ſteht ein Tiſch fuͤr die vorzuzeigenden Sachen. Die unſterblichen Verdienſte dieſer Akad. ſind bekant, ich will indeſſen hier beſchreiben, was ich geſehen und gehoͤrt habe. Es iſt ein Getuͤmmel darin, wie in einer Judenſchule. Die Mitglieder plaudern, lachen, laufen herum, hinaus, der Direkteur hat eine Glocke bei ſich, die er braucht, wenn was vorge - leſen werden ſoll, aber es herrſcht doch keine Stille. Ich ſaß bei Buffon und D’Aubenton und konte doch nicht alles hoͤren. Alle Augenblicke ruft er: Meſſieurs, ecoutés donc; on n’entend point; Meſſieurs, voulez vous bien ecouter; o Meſſieurs, ecoutezdonc;97donc; Apparemment nous perdrons le tems; Eh bien, Meſſieurs, ecoutez à preſent; Meſ - ſieurs, on demande votre attention &c. Beim Votiren iſt auch wenig Ordnung. Die Wenigſten voti - ren. Wenn der Sekretaͤr lieſt, wird geplaudert, wer will, faͤllt ihm in die Rede, zwanzig mahl faͤngt er wie - der an; es war einer da, der lief beſtaͤndig herum, ſas wenigſtens an ſechs Plaͤtzen; oft iſt ein Geſchnatter, das man eben nicht von Gelehrten erwarten ſollte; viele ſind hitzig, ſchwoͤren eins daher, daß man anderswo zu ſeyn glaubt, viele ſchreien. Portal war nicht da, Morand ſchrieb was anders fuͤr ſich. — D’Aubenton, plein de merites & plein de modeſtie, ſprach in der ganzen Sitzung zu Allem, was vorkam, nicht ein Wort. — Erſt wurden Briefe vorgeleſen, vom Abbe’ Rochon und Abt Boscowich, von der Anwendung der Felscryſtallen zu Priſmen, ſtatt des bisher gewoͤhnlichen gemeinen Gla - ſes. Die beiden Abbe’s ſaſſen dabei. Und nun ward von 3. bis nach 5. Uhr uͤber die Ehre dieſer Erfindung ge - ſtritten. Eine Menge Certifikate, Briefe ꝛc. wurden vorgeleſen. Jeder von den Abbe’s hatte einige Mitglie - der auf ſeiner Seite, es ſetzte heſtige Debatten, der Se - krekaͤr ſetzte endlich ein Certifikat auf, nach welchem die Akad. dem Abbe’ Rochon dieſe Ehre zuerkannte, ſobald ers aber verlas, ward von einigen heftig widerſprochen, lange ward auch vom Abt Fontana geredet, endlich that der Direkteur, nachdem er ſeine Schelle faſt zerſprengt hatte, der Akad. den Vorſchlag, zur Entſcheidung dieſer Sache Kommiſſarien zu ernennen. Auch das fand Wi - derſpruch. Dem Abbe’ Rochon lief endlich die Galle uͤber, er fing ſelber an, erſt mit vieler Ehrerbietung, und dann ward er hitzig, der Direkteur aber drang durch, undGlies98lies wegen der Kommiſſarien votiren, und es wurden Caſſi - ni, der Sohn, und noch einer, ernannt. — Nachdem dann dieſe ſo wichtige Sache endlich mit vieler Muͤhe und nach langem Geſchrei auf die Seite geſchaft war; ſo las noch einer einen kurzen Aufſatz vor, von einer neuen Art, Sei - de weis zu bleichen, auf dem Tiſch lagen Proben davon, — aber, wiewohl er die Wichtigkeit dieſer Sache fuͤr Europa, und beſonders fuͤr Frankreich vorſtellen woll - te; ſo ſtand man doch auf, plauderte, und alles lief aus einander. Ich ſah die Seide, ſie war ziemlich weis, aber hart und rauh. Fuͤr die Fremden iſt hinter dem Tiſch der Ak. ein Kanape’ geſetzt. Heut ſah ich hier auch den alten Bernard de Juſſieu, der ſonſt nicht mehr aus - ging und auch bald nachher in die Ewigkeit gegangen iſt. Ehrwuͤrdig, mild, und ruhig ſah ſein noch rothes, aber faltenvolles Geſicht aus. Man fuͤhrte ihn die Treppe herab, und hob ihn in ſeine Chaiſe. So dacht’ ich, wuͤrd’ auch ſein alter Freund Linne’, ausſehen. Es war ein ſuͤßer, aber auch ein wehmuͤthiger Gedanke fuͤr mich, dieſe beiden Maͤnner, die mit einander im Gar - ten der Natur grau geworden und der Welt ſoviel Nutzen geſchaft haben, beiſammen am Rande der Ewigkeit zu denken. — Lange ſah ich der Chaiſe nach, worinn der liebenswuͤrdige Greis hinfuhr und freute mich, auch die - ſen Mann geſprochen zu haben, weil’s mir doch ſo gut nicht worden iſt, Linne’ zu ſprechen und ihm fuͤr ſeine lehrreichen Schriften zu danken. Von hier ging ich zu
Mr. de Portal. Er wohnte Rue Cimetiere. Ein etwas alter, duͤrrer, hagrer, langer, Mann. Sein Geſicht hat die blaſſe Farbe des Gelehrten. Im Win - ter haͤlt er oͤffentliche Vorleſungen uͤber die Anatomie undbeſucht99beſucht zugleich Kranke in der Stadt. Er hat eine Ge - ſchichte der Anatomie geſchrieben. Jetzt arbeitet er an einer neuen Ausgabe der Hiſt. anatom. & pratiq. de M. Lieutaud mit ſtarken Anmerk. T. I. II. ſind ſchon heraus. Die Membrane im ſtapede auris, die ich bei der Mdlle. Biheron ſah, (deren Freund er nicht iſt) hat er nie geſehen; Haller ſieht ſie fuͤr ein Perioſt. an, wir ſchlugen die Stelle im Lieutaud auf. Sib - baldi Balaenol. kannt’ er auch nicht. Das Graduiren der Aerzte ſah er fuͤr das an, was es iſt. Von den De - batten in der Akad. ſagte er: C’eſt une choſe terri - ble dans les Societés.
Frohnleichnamstag (la Fête Dieu) war heute und auch einmahl ein ſchoͤner Tag, doch Abends ſchwaͤrz - te ſich der Himmel ſchon wieder. Man hoͤrte den gan - zen Vormittag nichts als Laͤuten, Trommeln, Schellen, Singen, Beten. Alle Straſſen wurden mit Tapeten behangen, die bald recht ſchoͤn, bald recht ſchlecht waren; aus allen Kirchen gingen Prozeſſionen, man ſah praͤchti - ge Meßkleider, Blumen, Lichter, Rauchwerk, Mon - ſtranzen, — die zum Theil uͤber 1000. Louisd’or koſten. Bei jeder Prozeſſion waren Wachen. — Es war nicht rathſam viel auszugehen, man wird zum Knien, wenn die Hoſtie vorbeigetragen wird, gezwungen, und alle Bi - bliotheken und Kabinette ſind ohnehin geſchloſſen. In - des der Aberglaube ſein praͤchtiges Spiel trieb, ſtudirte ich in D’Argenville’s Conchyliologie die Wunder der Natur im Meer an den veraͤchtlichen Thieren, und ſah Nachmittags
G 2Le100La Cabinet de Phyſique de Mr. Delor. Es war in der Rue de Seine, weil da die Vorleſungen gehal - ten werden. Mr. Delor wohnte in der Rue St. Jac - ques beim Cure’ St. Benoit. Ein alter, zitternder Mann, der bei der Mechanik und Phyſik grau geworden iſt, von Jugend auf einen groſſen Hang zur Mechanik hatte, und ſich ſeine Maſchinen faſt alle ſelber gemacht, oder durch Kuͤnſtler unter ſeinen Augen machen laſſen, zum Theil auch Noller’s Maſchinen verbeſſert hat. Al - le Mittwoch und Freitag Nachmittags lieſt er franzoͤſiſch ſeine Phyſik, weil jederman hinein kommen kan. Das Zimmer iſt klein, an der Wand ſtehen Schraͤnke mit Faͤ - chern zu den Glaͤſern, Flaſchen, Magneten, Buſſolen, in den Ecken eine Luftpumpe und elektriſche Maſchinen. *)Nollet hat dieſes Kabinet ſchon vor 12. Jahren auf 12000. Livres werth geſchaͤtzt. 1776. wolte es die Univerſitaͤt in Freiburg kaufen, aber der Kaiſer gab ſeine Einwilligung nicht dazu, ſondern will ihr die feh - lenden Sachen in Wien machen laſſen. Im Jul. 1777. hat Herr Delor es an das College de la Fle - che, das unter der Aufſicht der Peres de la doct. chret. ſteht, fuͤr 10000. Livres verkauft.Ich war begierig, den Electrophore perpetuel des Herrn Alexander Volta zu ſehen, (ſ. Journal des Savans a Amſterd. n. XIII. T. VII.) Die Ma - ſchine iſt klein. Auf einem hoͤlzernen Fuß wird eine duͤn - ne Platte von Sturzblech geſetzt, dieſe war nur einen franzoͤſiſchen Schuh im Durchmeſſer, und duͤnn. Sie wird mit einer Lage vom feinſten ſpaniſchen Wachs oder rothen Siegellack uͤbergoſſen. Auf dieſe ſetzt man eine andre eben ſo groſſe Platte von Sturzblech, die einen indie101die Hoͤhe gehenden Rand, und in der Mitte einen Zapfen zum Anfaſſen hat, der aber groͤßtentheils ein eigner elektri - ſcher Koͤrper, Glas ꝛc. ſeyn muß. Alſo ſind die ſeidne Schnuͤre zum Aufhaͤngen der obern Platte, wie das Jour - nal ſagt, nicht noͤthig, auch braucht die Maſchine nicht 2. Schuh breit zu ſeyn. Das Laden geſchieht blos durchs Reiben, auf der Lage von Siegellack. Mr. Delor rieb oft nur mit ſeiner Hand, weil man nur die elektriſchen Theile losmachen will; das wolt’ aber doch heut nicht viel helfen, weil’s immer noch feuchtes Wetter war. Man kan auch mit Leder reiben. Wir rieben mit einem Bal - len von Katzenfell. Wilder Katzenbalg iſt am beſten. Iſt eine Zeitlang ſtark gerieben worden, ſo ſetzt man die obre Platte darauf, druckt ſie feſt an, laͤßt ſie einige Mi - nuten darauf ſtehen, ſo kan man alsdann auch aus der obern Platte Funken heraus ziehen. Die elektriſche Ma - terie theilt ſich der obern mit. Auch aus beiden, zu - gleich beruͤhrt, oder wenigſtens ſchnell hintereinander, ge - hen Funken heraus. Stellte man die untere iſolirt auf einen Glaskoͤrper, ſo konnte man aus ihr allein Funken herauslocken. Iſt ſie recht geladen, ſo kan man das 24. Stunden lang fortſetzen, ohne von neuem zu laden. — Im gedachten Journal ſteht, man locke Blitze heraus, auch bei Regen und Nebel, da zweifle ich aber ſehr dran. Der ganze Apparat koſtet etwa einen Louisd’or, man kan ihn auch uͤberall machen. An Delor’s elektriſcher Ma - ſchine hing eine meſſingne Kette, dadurch theilte ſich die Materie auch dem in Tiſch eingelegten Kupfer mit, und gab ohnverſehens, einen ziemlichen Schlag. Er zeigte mir noch eine Vorrichtung an ſeiner Luftpumpe, ſeine Ge - raͤthſchaften, kuͤnſtliche Magnete zu machen, und erbot ſich, mich kuͤnftigen Sonntag zu Mr. Rozier zu fuͤhren. G 3Von102Von da ging ich in die oͤffentlichen ſchoͤnen Spazier - gaͤnge
Les Thuilleries. — Gleich an der Seite vom Pont Royal und dem Louvre geht dieſe in der That angenehme Parthie von Paris an. Man findet breite Gaͤnge, kleine eingefaßte Gaͤrtchen, groſſe ſchoͤne Alleen, eine Menge herrlicher Statuen, aus den Antiquit. und der Mythologie; ſie ſind aus weiſſem Marmor, die Fuß - geſtelle aber aus graulichten Alabaſter; etliche Baſſins ꝛc. immer eine Menge Leute aller Art, in allen moͤglichen Kleidungen, in Karoſſen, in Pracht, wolluͤſtigem Anzuge, Kinder in franzoͤſiſche Moden gekleidet. Am Ende der eigentlichen Alleen liegt ein groſſes Baſſ in mit Saͤulen eingefaßt, und dann
La Place de Louis XV. — In Paris hab ich nichts ſchoͤners geſehen als dies. Ein groſſes hohes Fuß - geſtelle, oben Louis XV. zu Pferd, in Kriegs-Klei - dung; Pferd und Mann, alles iſt praͤchtig. Sie ſteht ſeit 1763. freilich mit prahleriſchen Inſchriften. Vier Nebenſtatuͤen, tragen ſie. Alles iſt mit einem eiſer - nen Gitter eingefaßt. Vor dem Koͤnig zur linken Hand iſt Merkur auch auf einem hohen Pferde, und gegen ihm uͤber Fama, ebenfalls zu Pferde, La Renommée, ſagt man hier, mit der Poſaune gegen die Stadt gekehrt. Linker Hand liegen die praͤchtigen Gardes des Meubles du Roi. Dies ſind lange Haͤuſer von weiſen Quadern, an denen alles mit korinthiſchen Saͤulen, Bildhauerar - beit, Vaſen, Laubwerk, Bildern, Schnitzwerk unbe - ſchreiblich, unendlich uͤberladen iſt. Rechter Hand oben weiter hinaus, das praͤchtige Hotel de Bourbon, und darzwiſchen die niedlichen Gaͤrten. Dieſer Platz iſt be -feſtigt,103feſtigt, hat Mauern, Wall, Graben, und in dieſen ſind kleine Blumenbeete angelegt. Hinter dem Platz auf der Seite liegt das Schlos und der Garten der Mad. de Pompadour, und dann
Les Champs-Eliſeés; — groſſe, lange, brei - te, mit Baumgaͤngen nach allen Richtungen durchſchnit - tene Spatziergaͤnge, die mit Kaffee - und andern Haͤu - ſern, mit Jeux des Pommes, mit Chevaux de bois à piquer à un anneau etc. und mit einer unzaͤhlbaren Menge Menſchen an allen Sonn - und Feiertaͤgen, mit Reihen von Karoſſen und Pferden beſetzt ſind. Den rei - zenden Namen verdient uͤbrigens dieſe Gegend noch lange nicht. Wieviele eliſaͤiſche Felder haͤtten wir in Deutſchland, wenn wir unſre Sachen auch ſo ſehr aus - ſchreien wollten, wie die prahlenden Franzoſen! — Zuletzt noch das Coliſée, und das Dorf Chaillot, denn bis dahin reichen die ſchoͤnſten Straſſen und Spatzier - gaͤnge.
Eine Probe vom pariſer Luxus; denn heute Nach - mittag glaͤnzte alles. Mein Hauswirth, ein Sudelkoch, der die ganze Woche im grauen Wams hinter dem Heer - de ſteht, aufm Heerd mit ſeinen Leuten ißt ꝛc., zog heute Nachmittag ein rothes Kleid von feinem Tuch, mit gold - geſtickten Knoͤpfen an, trug weisſeidene Struͤmpfe und ein ſpaniſch Rohr mit einem vergoldeten Knopf ꝛc. Uhr - macher ſah ich in ganz ſeidnen Kleidern ꝛc.
Eine Probe vom exorbitanten Preis aller Sachen. Aux Champs Eliſeés koſtet ein kleines Trinkglas Li -G 4monade104monade 5. Sous, ein wenig Salat 3. Sous, und als wir weggingen, ſtand der Aufwaͤrter noch an der Thuͤr und ſagte: Pour le garçon, Meſſieurs, à boire. Und die Frau vom Haus ſas in einem Kaſten darneben, und theilte Echaudes aus, kleine leere luftige Kuͤchel - chen zu ½ Sous.
Doch aber auch eine Probe, daß etwas wohlfeil iſt. Man verkauft uͤberall Hippelchen, die nennt man Plaiſirs, man macht ſie wie groſſe Trichter oder Spruͤtz - becher, 3. mahl ſo gros als unſre, und recht gut, da ko - ſtet eins nur 2. Liards.
M. A. de Juſſieu, Profeſſ. en Bot. Doct. en Med. beſuchte ich heute. Er iſt ein langer, junger Mann, ein Neſſe von Bernhard de Juſſieu, den man Morgens fruͤh beſuchen muß. Er haͤlt vom Junius an oͤffentli - che Vorleſungen uͤber die Botanik, und muß die Frem - den, die den Koͤnigl. Garten ſehen wollen, empfangen. Er iſt ein groſſer Verehrer von Linne’, der Garten hat auch lauter Linne’iſche Namen, aber er iſt nicht nach Linne’’s Ordnung eingerichtet. Er hatte die Hoͤflichkeit fuͤr mich, mir den Garten alle Tage zu oͤfnen, und mir eine ſauber geſchriebene Addreſſe und Empfehlungen an Mr. Vicq. d’ Azyr mit zu geben.
La Biblioth. du Roi. Da ging ich hierauf wieder hin, las Redi Experim. nat. gar aus, und lies mir Ioa. Aemyliani, Ferrarienſis, de Ruminantibus Hiſt. 4to Venet. 1584. geben. Es war neu in ro - then Saffian gebunden, und mit den 3. goldnen franzoͤſi -ſchen105ſchen Lilien, wie die meiſten Buͤcher hier, beſtempelt. Man ſieht an dieſem Buche ſo recht den Geſchmack der vorigen Zeiten, und beſonders der Italiaͤner. Eine Menge Stellen aus den Alten, Griechen und Lateinern und ihre Scholialiſten dazu. Zwiſchen phyſiſchen Sa - chen alle Augenblicke eine Digreſſion, um ihre Kollekta - nen anzubringen. Man muß das, was zum Zweck ge - hoͤrt, erſtaunlich zuſammen klauben. Es iſt ganz uner - traͤglich geſchrieben, obs gleich noch manch Gutes ent - haͤlt. Phyſik, Hieroglyphen, Mythologie, philoſophi - ſche Streitfragen von Definitionen ꝛc. philologiſche und etymologiſche Unterſuchungen, Fabeln, Poeſien, Epigrammen, Stellen aus den Kirchenvaͤtern, vom Geier und den Egyptern angefangen, und nach zwei Quartblaͤttern endlich zur Sache; und alles verbraͤmt mit Antiquitaͤten, ſo daß das Brauchbare davon auf 2. Bogen ging. Zum Erſtaunen iſts, wie Anguſtinus bei allen ſeinen ſuperficiellen Kenntniſſen, und bei ſeiner ſchwachen Beurtheilungskraft, doch ſo ein groſſes Anſehen erhalten konte. Ihm ſagt Aemilian S. 1. nach; Pferde und Geier wuͤrden vom Winde ſchwanger, bald von die - ſem, bald von jenem, je nachdem ſie ſich dreheten. Da - her waͤren die Geier alle Weibchen, und niſteten deswe - gen ſo hoch, damit ſie der Wind recht treffen koͤnnte!! — — Wenn ein Prediger in unſern Zeiten ſolch abge - ſchmaktes Zeug vorbringen wollte, wieviel wuͤrde er lei - den muͤſſen. Noch ein Proͤbchen vom damahligen Ge - ſchmack in der Naturkunde. Das Buch iſt dem Kard. Buoncompagni zugeeignet; — Weil das oͤftere Nach - denken in der h. Schrift Wiederkaͤuen genannt werde, und da die wiederkaͤuenden Thiere den Huf ſpalten; — ſo bedeute dies das lautere Verſtaͤndnis der Bibel ꝛc. —G 5Zum106Zum Gluͤck iſt am Rande alle Fingers lang der Inhalt angegeben. Das Buch iſt alt, und unbekannt. Hier - auf machte ich einen Beſuch bei
Mr. Felix Vicq. d’Azyr, Doct. Reg. de la Fac. de Med. etc. O! ein allerliebſter Mann, voll Freundſchaft und Gefaͤlligkeit fuͤr mich. In ſeinem Zimmer war eine kleine Bibliothek, mit einigen Kupfer - ſtichen, und die jetzt ſehr gewoͤhnlichen Schraͤnke von Ro - ſenholz, darneben ein Saal, wo ſich die mediciniſche Fa - cultaͤt Dienſtags und Freitags Nachmittags verſammelt. Wir ſprachen uͤber Buffon, D’Aubenton und Reau - mur, deſſen Mem. des Inſectes, wie er meint, zu weitlaͤuftig ſind, und in 2. Baͤnde zuſammengedraͤngt werden ſollten; uͤber ſeine Feuille pour ſervir à l’hiſt. anatom. et natur. des corps vivants, die er zu ſei - nen Vorleſungen im Winter beſtimmt hat, uͤber D’Au - benton’s Verdienſte ums Cab. du Roi, das vor 25. Jahren eine kleine unbetraͤchtliche Sammlung von Hoͤl - zern, Madreporen und Verſteinerungen war, und jetzt ſo wichtig iſt. Nach Reaumur’s Tode, ſagte er mir, haͤtte man das Unnuͤtze oder Ueberfluͤſſige aus ſeiner Sammlung verkauft, und das Meiſte davon ins koͤnigliche Kabinet geſteckt, das uͤbrige ſtuͤnde noch in eignen Zim - mern ungeordnet darneben. Er ſprach von der letzten Sitzung der Akademie, und ſagte mir, der Abbe’ Ro - chon haͤtte Verdienſte um die Marine, haͤtte Reiſen mit einem Schifskapitain nach Amerika gethan, haͤtte aller - dings die Ehre der Erfindung, haͤtte es dem Miniſter uͤbergeben, und ſein Etabliſſement, ſein Gehalt hinge da - von ab; Boscowich waͤre ein Italiaͤner, ein Exprofeſ - for von den Exjeſuiten, haͤtte nur eine Verbeſſerung darangemacht,107gemacht, und wolte ſich nun eindraͤngen ꝛc. Er nahm meine Addreſſe, und verſprach mir eine Addreſſe an D. Mauduit zu ſchicken, der eine herrliche Sammlung in der Ornithologie haͤtte. Von da ging ich, um
Le Cab. de l’Hiſt. Nat. de Mad. la Preſid. de Bandenville, zu beſehen. Die Herren Hay und Eſchenauer hatten mich an die Bankiers, die Herren Tourton und Bauer empfohlen, und Herr Tourton ſchrieb mir à la petite Poſte, daß ich Erlaubnis haͤt - te, dieſes herrliche Kabinet zu ſehen. Der Abbe’ Gruel war Aufſeher daruͤber; ein alter Mann, der ſchon die Bril - le brauchte, wenig ſolide Kenntnis darin hatte, einen Gys - ſpat aus Norwegen fuͤr Zeolith ausgab, die Voͤgel gar nicht leiden konnte, ſchon lange an einem Katalog arbeitete, und mich mit vieler Hoͤflichkeit ins Kabinet fuͤhrte. Na - turalien, Buͤcher, Kunſtſachen, Bildſaͤulen, Gemaͤlde ꝛc. ſtanden unter einander. Verſteinerungen machten den Anfang. Korallen, verſteinerte, und aufm Bruch noch roth. Agatiſirte Cornua amm. viele Belemniten, Pektiniten, Chamiten, Echiniten, aber keins mit Sta - cheln; groſſe Gloſſopetern, verſteinerte Fungiten, verſtei - nertes Holz ꝛc. Viele ſchoͤne Voͤgel, Colibris aller Art, eine noch unbekannte Art von Grus aus Martinik, der Kardinalsvogel, einige Waſſervoͤgel, von einigen auch die Eier, ein wilder Schwan, viele Pelikane. Affen, Fiſchottern, Feldmaͤuſe, drr Zahn vom Monodon, afri - kaniſche, amerikaniſche, franzoͤſiſche Schlangen, Klap - pern vom Crot. horr. Wenige Fiſche. Skorpionen, Krebſe, Skolopendern. Schoͤne Inſektenſammlungen, praͤchtige Wanzen aus Amerika, Bupreſtes, herrliche Cikaden, Schroͤter, Schmetterlinge, aber ſchlecht konſer -virt,108virt, vielen fehlte ein, vielen beide Fuͤhlhoͤrner, in kleinen Glasſchraͤnken alle unter einem Glaskaſten, und ſchlecht rangirt. Marmor, nachgemachte, natuͤrliche. Acha - te, Jaspiſſe, auch orientaliſche, Alabaſter. Ein eig - nes Zimmer zu den Seekoͤrpern, ein groſſes Stuͤck Tu - bularia, groſſe Madreporen, ein Admiral, Arche Noe, groſſe Davidsharfen, kleine Nautili, uͤberhaupt hier we - nig Conchylien. Die Beſitzerin hat aber noch eine praͤch - tige, groſſe Sammlung in ihren Zimmern. Seepflan - zen auf einer weiſſen Tafel unter Glas an der Wand. Wenige Stuffen, ein rother Jaſpis aus Norwegen, der auf der einen Seite rayons divergens hatte. Achat mammelloné, grauweis, hell, ein herrliches Stuͤck aus Norwegen, das D’Aubenton nicht hat. Groſ - ſe Quarzdruſen, vielfaͤrbige, alles huͤbſch konſervirt, in niedlichen Zimmern ꝛc. Dieſe Dame hat ſchon 25. Jahr geſammelt und ganze Kabinette gekauft.
Le Cab. de l’Hiſt. nat. du Roi ward abermals von mir heute beſucht. Ich konnte in dem zweiten Zim - mer, im zweiten Schranke in der Mineralogie heute nicht fortfahren, weil D’Aubenton ſelbſt da zu arbeiten hat - te, nahm alſo im dritten Zimmer das Thierreich vor.
Drittes Zimmer, da fand ich
Im Eckſchranke lagen Peignes, Cames, Hui - tres, Buccins etc. mit den Thieren in Weingeiſt, meiſt aus dem mittellaͤndiſchen Meer, aber meiſt geſchloſ - ſen. Sie ſtanden im Dunkeln; die Schalen ſah man, das Thier war verſchrumpft, aus D’Argenvilles Zeich - nung lernt man mehr. Schade, daß dieſer Artikel ſo mager, ſo ſchlecht war. Schalen, Gchaͤuſe ſieht man uͤberall genug, aber die Thiere zu konſerviren, das waͤre fuͤrs Koͤnigl. Kabinet.
Und auch unter den Gehaͤuſen waren keine ſeltene, keine koſtbare Arten. Von der blauen Farbe war keine einzige da. Alle waren ohne ſpecifiſche Namen, und ohne Ortsangabe, nur ſo nach der Symmetrie hingelegt.
Dieſen Morgen brachte Herr D’Aubenton ein neues wichtiges Stuͤck mit mir herunter ins Kabinet. Es war Soufre natif en Cailloux. Man hatte ihm aus der Franche Comte’, einen groſſen Silex geſchickt, der die ganze Hand fuͤllte, und wie man ihn zerſchlug, war inwendig wahrer natuͤrlicher Schwefel, und ein Theil der materia ſilicea umgab ihn. Vom Zerſchlagen fiel ein Theil, wie ein Puderſtaub, herab. Von hier ging ich und beſah
Les Manuſcrits de la Biblioth. de l’Abbaye St. Germain. Dieſe machen eine eigne Bibliothek aus, ſtehen einen Stock tiefer unten, als die Buͤcher; ſind alle gebunden, und belaufen ſich ungefaͤhr auf 20000. Stuͤck. Es ſind Lateiniſche, Griechiſche, Ebraͤiſche, Coptiſche, Arabiſche, Franzoͤſiſche darunter. Man gab folgende fuͤr die ſeltenſten und koſtbarſten aus: 1) Ein Pſautier, auf violettem Pergament den Moͤnchen be - ſonders wichtig, weil St. Germanus, der Stifter dieſes Kloſters, dies Exemplar als ſein Handbuch ſelber brauch - te. 2) Ein griechiſcher Codex von den LX. auf Pergament, caractere unciali et quadro ſcriptus, aus dem 7ten Jahrh. Accente und Spiritus kommen zu - weilen vor, zuweilen ſind ſie ausgelaſſen. 3) Frag - mente vom Evangelio Mathaͤ[i]und Marci auch ausH 3dem118dem 7ten Jahrh. Lateiniſch auf violettem Pergament, mit lauter goldnen Buchſtaben geſchrieben, von vorne bis hinten. 4) Ein Martyrologium Coptorum, Coptiſch geſchrieben, — aber es zu leſen, langte meine Sprach - kenntnis nicht zu. 5) Ein praͤchtiger Koran auf Sei - den-Papier. 6) Auguſtini Briefe, alſo lateiniſch, aus dem 7ten Jahrh. auf Baumrindenpapier! recht leſer - lich. Das hat man in ganz Frankreich nicht als hier. Dieſes Papier iſt nicht weis, und auch nicht braun, eher blaßbraun roͤthlich, und nicht grob anzufuͤhlen. An ei - nigen haͤngen am Rand die Fibern herab. 7) Tuͤrki - ſche Geſchichte, arabiſch. 8) Perſiſche Geſchichte in un - endlicher Menge. 9) Ein ebraͤiſcher Codex aus dem 14ten Jahrh. Beim Pentateuchus iſt das Chaldaͤi - ſche Targum. Kennicott hat ihn verglichen. Nicht ſo ſchoͤn als der Carlsruher. 10) Eine franzoͤſiſche Bibel, denn franzoͤſche Manuſkripte hatte ich noch keine geſehen. Zwei Foliob. Text und Gloſſe. Viel Verzie - rungen, auf Pergament, aus dem 13ten Jahrh. War ſchwerer zu leſen, als die Ebraͤiſchen, Griechiſchen und Lateiniſchen, doch kont’ ichs an einigen Orten, es war auch ſchlecht franzoͤſiſch.
Dann ging ich wieder in die Bibliothek, und lies mir Rondelet de piſcibus geben, wo ich heute noch manche ſchoͤne Anmerkung fand, und bis Seite 57. kam. Ich hatte Artedi Ichtyologia gefordert, weil das aber ein Oktavband iſt; ſo durfte mirs der Garçon de Bi - blioth. nicht geben. Das iſt hier auf allen Bibliothe - ken ſo, Oktav - oder noch kleinere Baͤnde geben ſie einem ſelten, aus Furcht, man moͤcht’ es einſtecken, und damit davon gehen. Dergleichen Buͤcher muß man vom Bi -bliothek -119bliothek-Aufſeher ſelber fordern, und oft macht auch der Schwierigkeit. Auf der Koͤniglichen gab man mir Re - di Exper. nat. und es war doch Duodezband. Jetzt hatte der Aufſeher hier ſchon wieder andre Fremde herum zu fuͤhren. Geplagt ſind dieſe Leute allerdings, und man darf nicht empfindlich ſeyn, wenn ſie auch einmahl muͤde werden, wiewohl die franzoͤſiſche Politeſſe es immer zu mildern weis.
Geſtern Abend noch zeigte mir Mad. de Bure alle Gold - und Silbermuͤnzen vom jetzigen Koͤnige, die gewis herrlich ſind.
Die Franzoſen ſind unendlich hart gegen das Vieh. Heute ſah ich einen Kutſcher, der, um einen Umweg zu vermeiden, in einer engen Straſſe, wo er nicht umkehren konte, lieber die ganze Gaſſe mit entſetzlichem Zerren, Fluchen und Peitſchen hinter ſich fuhr, bis er wieder in die Straſſe kam. Beſtaͤndig rief er Gare derriere! Es war erſchrecklich, wie die Pferde auf die Bruſt geſchla - gen wurden, und wie viel Ungluͤck hinten, wo jedermann ging und fuhr, haͤtte entſtehen koͤnnen!
Mr. L’Abbé Rozier. Mr. Delor hatte die Guͤ - tigkeit, mich heute mit ihm bekannt zu machen. Er iſt ein ſtarker, langer Mann in mittlern Jahren. Er wies mir gleich ein Stuͤck Schoͤrl, das er aus Corſika erhalten hatte und abzeichnen ließ. Die Franzoſen liefern ſo viele unnuͤtze Zeichnungen von Mineralien. Ferner einen aus -H 4geſtopften120geſtopften kleinen Hund, der keine Vorderfuͤſſe gehabt hatte, immer auf dem Sternum gegangen und fortge - hutſcht, ganze Treppen hinauf gekommen war, und doch 7. Jahr ſo gelebt hatte. Wir ſprachen uͤber Bertho - lon’s elektriſche Illuminationen. Er zeigte mir den Auszug davon in ſeinen Obſerv. ſur la Phyſique, T. VII. 1776. Mr Delor hatte ſchon vor vielen Jahren, als er vor Louis XV. elektriſche Verſuche machen muſte, gleich das erſtemal das Koͤnigl. Wappen malen laſſen, und es durch kleine metallne Staͤbe ganz im Feuer dar - geſtellt. Hierauf hoͤrte ich die
Teutſche Predigt in der Schwediſchen Kapel - le. Alles war eben ſo, wie vor 8. Tagen, nur alles deutſch. Herr Baͤr hatte die franzoͤſiſche Predigt gele - ſen, die deutſche ward meiſt aus dem Gedaͤchtnis herge - ſagt. Die deutſchen Lieder waren ſchlecht, und wurden noch dazu matt und langſam geſungen. Das Evange - lium ward verleſen, aber doch wieder uͤber die Epiſtel ge - predigt, wiewohl des Textes mit keinem Wort erwaͤhnt ward. Die Predigt handelte von der Liebe zu Gott: I) Sie hebt allen irdiſchen Kummer und Verdrus. Von dem Kummer gab er 3. Quellen an, a) unſre Suͤnden mit ihren natuͤrlichen Folgen. Die Liebe zu Gott hebt die Folgen, indem ſie die Urſachen hebt. b) Die uͤber - triebene Sinnlichkeit; die Liebe zu Gott daͤmpft das. c) Die Verhaͤngniſſe Gottes auch uͤber die Chriſten; die Lie - be zu Gott unterwirft ſich ihnen. II) Sie fuͤhrt uns zur Quelle der wahren Gluͤckſeligkeit, indem ſie uns den Ge - horſam gegen Gott lehrt, und ohne den gibts keinen recht - ſchafnen Monarchen. Hier ward ſichtbar auf den K. v. Pr. geſtichelt, und der Schwed. Koͤnig Guſtav genanntund121und erhoben: keinen rechtſchafnen Lehrer, hier ward ge - klagt, daß oft Schaafe aus dieſer Kirche die beſten Er - mahnungen mit Gelaͤchter belohnten: keinen rechtſchaf - nen Unterthan, ſonſt ſchuͤttle man bei Gelegenheit das Joch des Zwangs ab: keinen ruhigen Tod, aber Furcht, ſagte er da, iſt nicht in der Liebe ꝛc. Der Text ward mit keinem Worte erklaͤrt, im Eingang wurden aus der Kir - chengeſchichte Anekdoten vom Johannes erzaͤhlt. Das Deutſche war herzlich ſchlechtes katholiſches, der Ton uͤber - haupt ſtrasburgiſch, die Geſtus fehlerhaft, z. B. es ward mit der Hand lange gezittert, lange damit bald auf die rechte, bald auf die linke Bruſt getaͤtſchelt, beide Haͤnde zu hoch in die Hoͤhe geſtreckt, oben auf der Peruͤke zuſam - men gelegt, an die Seiten der Kanzel gelegt, mit dem Schnupftuch ſich viel zu thun gemacht ꝛc. Der Kirchen - rock iſt eigentlich nur ein halber, vorne auf der Bruſt iſt nichts, er haͤngt nur auf den Achſeln. Es wurden ein Paar neue Eheleute aufgebothen, und die Beichte zur Kommu - nion uͤber 8. Tage, eine Stunde vor der Kirche verkuͤn - digt. Nachher ging ich nach
St. Clou, einem Koͤnigl. Luſtſchloſſe bei einem Dor - fe 2. Stunden von Paris. Wohnt’ich in Paris, ſo ging’ ich gewiß oft aus der ungeſunden, dumpfigen, laͤr - menden Stadt dahin. Man geht dahin durch die Thuil - leries, durch das angenehme Waͤldchen von Boulogne, wo uͤberall luſtige Geſellſchaften im Graſe ſaſſen, durch das ſchoͤne Voulogne ſelber uͤber einen Platz, wo lau - ter Stecken zum Troknen der Waͤſche ſtecken, als wenns Reblaͤnder waͤren, und uͤber eine groſſe Bruͤcke uͤber die Sei - ne, die hier ſehr breit iſt. An dieſer Bruͤcke hat man viel groſſe und breite Netze angebracht, die man an Ha -H 5ſpeln122peln hinablaͤßt, um Menſchen und Sachen, die in Pa - ris in den Strom fallen, damit aufzufangen. Man muſte heut nach St. Clou gehen, weil allemahl in den 6. Sommermonathen am erſten Sonntag im Monat die Waſſerkuͤnſte ſpringen, und das iſt eine fuͤr jeden Frem - den wichtige Sache. Zum Gluͤck war auch heut einmahl ein warmer ſchoͤner Tag. Beim Eingang in den Schlos - garten ſieht man Boutiquen und einzelne Fontainen, die aber nicht viel bedeuten. Weiter hinunter kommen ſchon hoͤhere, zu beiden Seiten ſind welche im Grasboden, wo ringsum die hohe Fontaine kleine paraboliſch werfende Jets d’eau angebracht ſind. Waſſer belebt immer die Natur und gibt den Landſchaften ein heiteres Anſehen. Weiter hinab ſieht man auf einmahl eine groſſe Kaſkade, die oben auf dem Schlosberge anfaͤngt, in 3. Abſaͤtzen der Breite und der Laͤnge nach, vertheilt, und mit einer Menge groſſer und kleiner Statuͤen geziert iſt. Unten an dieſen Abſaͤtzen iſt ein rundes Baſſin, das eine lange gradefortlaufende Fortſetzung bis hinunter hat, wo’s wie - der rund, weit, und breiter wird. Oben an den Abſaͤ - tzen ſind uͤberall kleine Springbrunnen angebracht. Auf allen Flaͤchen, auf allen Seiten, ſtehen Menſchenkoͤpfe, liegen Fiſche, Crocodile, Wallſiſche aus Steinen, die Waſſer ſpeien. Erſt war alles ruhig, 5¾. Uhr aber wur - den die Maſchinen angelaſſen, da ſtuͤrzte ploͤtzlich das Waſſer uͤber alle dieſe Abſaͤtze herab. Alle Springbrun - nen gingen. Auch in dem langen Baſſin ſind zu beiden Seiten auf den Kanaͤlen kleine Springbrunnen vorhan - den. Nun ſtelle man ſich das herrliche Schauſpiel an ei - nem ſchoͤnen Sommerabende, und den praͤchtigen Contour von Menſchen in den ſchoͤnſten Kleidern rings herum vor! Geht man auf der linken Seite hin, ſo findet man nocheine123eine Fontaine, die das Waſſer 130. Schuh hoch treibt. Ehemals warf ſie’s noch hoͤher, ſie zerſchmetterte aber die Maſchinen, da ward ſie auf 130. Schuh eingerichtet. Da bekam ich auch Mde. la Duch. de Chartres mit ihren Kindern in der Karoſſe zu ſehen. Steigt man noch hoͤ - her zum Schlos hinauf, ſo findet man da Fontainen, die das Waſſer ſchief gegeneinander werfen, und den ange - nehmſten Staubregen machen. Im Schlos ſelber konn - te man die Apartements ſehen, beſonders eins, wo die Gemaͤlde vom Koͤnigl. Haus, auch von der Duch. d’Or - leans aus dem Hauſe Baaden haͤngen. Dies Werk iſt grade im Kleinen das, was der Winterkaſten bei Caſ - ſel im Groſſen iſt.
Chateau la Muette. Ein kleines Schlos am Wege, auf der Seite im Walde. Das eigentliche Schlos hat nur 2 Stockwerke, es ſind viele Nebengebaͤu - de da. Der Garten dabei iſt gros, aber altmodiſch. Hierhin geht die Kgl. Familie, wenn eine Trauer ein - faͤllt. Wie gluͤcklich bin ich, daß ich das alles nicht brau - che! Auf meiner Stube bin ich immer bei mir ſelbſt. Da bin ich oft freudig, oft traurig, da mach’ ich Plane und vernichte ſie wieder. Da erinnere ich mich an den eitlen Prunk der Welt und ſamle mir beſſere Weisheit. Wozu die vielen Schloͤſſer und Pallaͤſte? Die ſchoͤne Na - tur iſt mein Tempel und der Geiſt der edelſten, beſten Menſchen beſucht mich in meinem Muſeum, wenn ich ihm rufe. Der Menſch braucht wenig, wenn er ſich ſel - ber leben, ſich genieſſen will. Der Menſch braucht viel, wenn er eine falſche Groͤſſe annehmen will oder muß.
L’Ecole Royale Milit. beſuchte ich ebenfalls heute. Sie liegt an der Seite von Paris. Es iſt ein herrlichesGebaͤude,124Gebaͤude, mit einer groſſen praͤchtigen Reitbahn. Louis XV. hat ſie angefangen, Louis XVI. aber hat ſie ein - gehen laſſen, und es ſoll alles verkauft werden. Es ſind weder Lehrer, noch Maitres mehr da. Im Hof hinter dem Gebaͤude ſteht eine ſchoͤne Statue von Louis XV. aus weiſſem Marmor auf Alabaſter, zu Fuß, in Lebens - groͤſſe; das Geſicht iſt nach der Stadt gekehrt, hinter ihm ſind Fahnen und Kriegsgeraͤthe. Die ſchoͤnen Gril - les de fer haben uͤberall Trophaͤen, Statuͤen der Bel - lona, der Pallas ꝛc. und der ganze Hof iſt mit einer Ko - lonnade eingefaßt.
La Biblioth. du Roi. Da ging ich heut wieder hin, und ſah den Aemylianus, Schoͤnewalde, Doct. Hamburg. von den Fiſchen, und Wurfbainii Sala - mandrologia durch, und von da beſucht’ ich
Le Cab. de l’Hiſt. Nat. au St. Sulpice. Hier iſt die Pflanzſchule fuͤr die geſamte franzoͤſiſche Geiſtlichkeit. Die jungen Leute tragen ſich eben ſo, wie die Stipendiaten in Tuͤbingen. Das Gebaͤude hat einen groſſen Umfang mit vielen Gaͤngen, Trep - pen, Zimmern ꝛc. Die Bibliothek bedeutet nicht viel, und iſt blos theologiſch. Das Naturalienkabinet hat ſchon mehr zu ſagen, wenns gleich klein iſt. Es ſe - hens die wenigſten Reiſenden, weil man’s nicht kennt, aber wahrlich, es verdient geſehen zu werden. Mr. De - lor hatte die Guͤtigkeit, mich zu ſeinem Freunde, dem Bibliothekar, dem Abbe’ Moriou zu fuͤhren. Es war ein alter, aber noch muntrer Mann, der auch gute Kennt - niſſe in der Naturgeſchichte hatte. Die Beſonderheitfand125fand ich an ihm, er trug ein blaßblaues Ueberſchlaͤgelchen und einen Hut ohne Krempe, den er auch im Zimmer auf - ſetzte. Ich ſah hier folgende Merkwuͤrdigkeiten:
Im Naturalienkabinet, das in einigen kleinen Zimmern, in Glasſchraͤnken wohl konſervirt ſtand: 1) Ei - dechſen mit 5. Zaͤhen vorne und hinten; eine mit gezaͤh - neltem Schwanz zu beiden Seiten, auch Lezards ecail - lés. 2) Pennatula. Zum erſtenmahl in meinem Leben nahm ich mit innerm Gefuͤhl der Allmacht Gottes dieſen koſtbaren Naturkoͤrper in die Hand. Es waren 2. Exem - plare da, eins groͤſſer und roͤthlich, eins kleiner und weis. Der Stiel war vertrocknet, das uͤbrige ſah voͤllig dem Vexillo pennae gleich. 3) Den Admiral, Vice - admiral, Orangeadmiral. Die wahre (ſehr klein) und die falſche Wendeltreppe. Eine Madrepore auf einer Arche Noaͤ. Die Ebraͤiſche Muſchel, es waren ſchwarze krumme Striche, etwa wie ſchnell geſchriebene Reſch ausſehen wuͤrden, viele Reihen uͤbereinander. Bonnet de Dragon (ſ. D’Argenville) die ſehr ſelten ſind. 4) Macon, ein ſo ſchwache Coquille, daß ſie kleine Steine, Cailloux, ꝛc. an ſich anklebt, um ſich zu befeſtigen; eine andre Art, wo kleine Conchyl. andrer Art angeklebt waren. 5) Merkwuͤrdige Verſteinerungen von Muſcheln, bivalves, die auf einander paßten, wenn man die obere Haͤlfte wegnahm. Und auf der obern ſaß wieder eine andre von eben der Art, aber kleiner, da man auch die obere Haͤlfte abheben, und in alle Zaͤhne wieder einſetzen konte. 6) Viele ſonderbare Schwaͤmme, groſ - ſe Stuͤcke von Madrep. Millep. 7) Einige violette, blaue Muſcheln, auch violette Stuͤcke von Seekoͤrpern an andern. 8) Tubularia, les Orgues, gar grosund126und roth. 9) Caput Meduſae, ſo gros, ſo in einan - der geſchlungen, daß es ausgebreitet von einer Ecke des Schranks zur andern reichte. 10) Aſteriae, einen von 10. Strahlen, Mr. Delor ſagte mir dabei, daß er ſie in Nantes bei der Ebbe habe auf ihren Strahlen wie Raͤder und ſehr ſchnell und beſtaͤndig laufen ſehen, auf - gerichtet ſich drehend ꝛc. 11) Corallia, auſſer den gewoͤhnlichen rothen, auch Cinnoberrothe; noch a) Ge - niculatum. 3. Stuͤcke, die Koralle war weis, die Ge - nicula ſchwarz. An einem war noch das Encrou - tement, der Drap marin zum Theil. b) Articu - latum, weiß, aber auch 2. herrliche gelbe Stuͤcke mit den feinſten rothen Punkten. Man konnte es nicht ſehen ohne Entzuͤcken! Biegſam, platt, aber gar fein, und die Farben, o! Alle ſtanden auf ſchwarzen hoͤlzernen Fuͤſ - ſen. 12) Hoͤrner vom Condoma einer wilden Ziege, wie der Abbe’ Moriou ſagte, ich ſah ſie aber fuͤr Cornua Ibicis an. So gedreht ſie waren, ſo konnte man doch den Kern ganz heraus nehmen, und dann ſah man eine duͤnne hornene durchſichtige Schale.
In der Bibliothek. Zwei groſſe Globi; a) Terreſtr. Der Italiaͤner Coronelli hat ſie 1693. in Paris gemacht. Unſer Land war gar nicht darauf, Lothringen, und Freiburg, und Baſel ꝛc. Er hat - te einen herrlichen Meridian. b) Coeleſtis, war gar ſchoͤn, die Geſichter der Menſchen unter den Sternbildern, ſind von damahligen Herrn am Hofe genommen. Die verſchiedene Groͤſſe der Sterne war ſehr gut ausgedruckt.
In der Kupferſtich-Sammlung. Man hatte da in 3. Folianten das ganze Werk des beruͤhmten Cal - lot’s. Dieſer Kuͤnſtler beſaß die allerausſchweifendſteEin -127Einbildungskraft. Ohne zu ſehen, kan man ſich die ſingu - laͤren Ideen dieſes Mannes nicht vorſtellen. z. B. auf der Verſuchung des H. Antonius ſind alle moͤgliche Bil - der und Figuren vom Teufel, die man nur in der Fieber - hitze und Geſpenſterfurcht und in einem Ganshirn zuſam - menſetzen kan, mit Schwaͤnzen, Hoͤrnern, Fuͤſſen, Dra - chenfluͤgeln; man weis ihnen oft keinen Namen zu geben; einmal ſchießt er mit Kanonen aus ſeinem Maul ꝛc. Die Thorheit, alles zu haben, was dieſer Kuͤnſtler verfertigte, geht, weil ſo viele ſammeln, ſo weit, daß der geringſte Unterſchied am nemlichen Blatte und waͤrs nur eine Bor - dure, oder in den Wappen eine Lilie mehr ꝛc. einen Un - terſchied von 10. Louisd’or im Preiſe machen kan. Ich glaube, der Mann haͤtte Milton’s verlornes Paradies mit Kupfern und Vignetten heraus geben koͤnnen.
Les Illuminations electriques. Mr. Delor und ich, machten Bertholon’s Verſuche, wenigſtens im Weſentlichen, nach. Auf einer langen und ſchmahlen Glastafel wurden kleine Lozanges von Blech an den Ecken nebeneinander im Zickzag gekuͤttet, das Glas war oben und unten auch ſo eingefaßt, uͤber der[elektriſchen] Maſchine war ein Leiter, der durch eine Kette mit der Maſchine kommunicirte. Delor drehte, ich hielt das Glas an den Leiter, das Feuer lief von einem Lozange zum andern. Es war feuchtes Wetter, da kont’ es nicht bis herabkommen. Unten faßt man an, um es aufzu - halten. So kan man nun Blumen, Geſichter, Thiere, Karaktere ꝛc. vorſtellen. Kein Blaͤttchen darf fehlen, ſonſt iſts Luͤcke im Lauf der Funken. Will man es von einer Seite auf die andre leiten, ſo muß am Rand eine Kommunikation ſeyn. S. Obſerv. de Phyſ. p. Ro - zier.
In allen Kngl. Gaͤrten hab’ ich noch keine Erfin - dung geſehen, die wir in Carlsruhe nicht auch haͤtten, auſſer daß in einer Gegend der Thuilleries unterirdi - ſche Alleen ſind, oben bedeckt mit Gitter und Laubwerk, mit kleinen Treppen an den Enden. Kuͤhl mag es un - ten ſeyn, und ſehr angenehm in der Hitze.
Eins der unangenehmſten Dinge hier iſt wohl der beſtaͤndige Geſtank von verbrannten Hufen. Denn, weil ſo eine unendliche Menge Pferde hier ſind, und ſie alle Tage unaufhoͤrlich gebraucht werden; ſo ſind auch Schmiede in allen Straſſen, und beſonders ſteigt des Morgens der haͤßliche Horngeſtank uͤberall auf. Man darf da kein Fenſter aufmachen, um friſche Luft zu be - kommen. So unangenehm iſt’s, in groſſen Staͤdten zu wohnen. Die natuͤrlichſten Gluͤckſeligkeiten muß man entbehren. Wo man geht, iſt man mit Pferden und Hunden geplagt. Man ſtriegelt die Pferde alle des Mor - gens auf der Straſſe.
Le Cab. de la Biblioth. de l’Abb. St. Ger - main. Ich war hier heute der Erſte nach dem Biblio - thekar, weil ich heute von dieſer herrlichen Sammlung Abſchied nehmen wolte. Nachdem ich den Rondelet vollends durchgegangen war, lies ich mir das Kabinet oͤfnen. Es war eine kleine ſchmale Stube oben an der Seite der Bibliothek, wo in etlichen Glasſchraͤnken Natu - ralien, Antiken, Gemmen, Statuͤen von Bronze, Kunſt - ſachen von Elfenbein ꝛc. ſtanden, alles untereinander. Fuͤrmich129mich war merkwuͤrdig: a) von Conchylien: Hammer; Orangeadmiral. b) Eine ſchoͤne Sammlung von Be - zoars, die meiſten weisgrau, einige ſchwarzbraun. Einige waren mammellonés, wie Traubenbeeren. Einige hatten einen Metall-Glanz. Einer war ſehr gros, wie ein Strauſſenei, und es lag ein Certificat da - bei, daß er in einem Pferde gefunden worden. Einige waren angebrochen, ſo daß man die verſchiedenen Cou - ches, die ſucceſſive Bildung ſehen konnte. Zum Un - terſchied lagen auch kuͤnſtliche aus Portugall darneben. c) Sehr groſſe Stuͤcke von Aſtroiten. d) Solenes, violet und geſtreift. e) Zwei groſſe Seegewaͤchſe von einer ganz beſondern Art, aber hinter andern Sachen verſteckt. f) Alle drei Arten vom Nautilus, auch der gefleckte braune. ſ. d’Argenville. g) Zwei Zaͤh - ne vom Monodon. Einer war anderthalb mahl ſo lang als ich. h) Ein Tiſch aus lauter Quarrés von Mar - morſorten zuſammengeſetzt, ein guter Einfall fuͤr das Arrangement, ſchwarze, gruͤne, blaue. i) Ein Our - ſin (Echinus) mit vielen Stacheln, noch ein koſt - bares Stuͤck. Zu meiner groſſen Freude traf ichs an, wo ichs nicht ſuchte. Ein Beweis, daß die kleinſte Sammlung geſehen zu werden verdient. Das Thier war nur halb, war klein, hatte die blaßbraune Farbe. Die Stacheln ſtanden nach allen Richtungen, hatten eine ſchwarzgraue Farbe oben mit hellen Umriſſen, und be - deckten faſt die ganze Haͤlfte des Thiers. Ich war allein im Kabinet und konnte mich nicht erkundigen, wo das Stuͤck her waͤre. k) Dendriten. Florentiniſche Stei - ne, wo Zeichnungen von ganzen Staͤdten vorkamen. Man muß geſtehen, die Aehnlichkeit iſt gros, man meint, man ſehe Thuͤrme, hohe Schorſteine, Daͤcher,JFeſtungen,130Feſtungen, Mauern, Kirchen ꝛc. l) Einige ſchoͤne Moſaiken. Die Mineralien bedeuteten hier gar nichts, Achate waren einige da; auch Inſekten, Papilionen ꝛc. ꝛc. und Verſteinerungen*)Perrault redet in ſeiner Hiſt. Nat. des Anim. III. p. 87. von der Depouille d’un Lezard ecaillé, die hier waͤre. Entweder war ſie eingeſchloſſen oder weg - gekommen? In dem kleinen Kabinette haͤtt’ ich ſie ſchwerlich uͤberſehen koͤnnen.. Ich beſuchte heute ferner
La Biblioth. de l’Abb. Ste. Genevieve. — Auf einem Berge gleiches Namens ſteht nebſt vielen an - dern Gebaͤuden, auch ein weites geraͤumiges, wo Or - densmaͤnner wohnen, die ein weisgraues Kleid und ein weisleinenes Chorhemd daruͤber, nebſt einer ſchwarzen Muͤtze tragen. Jetzt war Don Pingre’ Bibliothekar: ein alter Mann mit ſchneeweiſſem Haupte, der ſich aber 3 Stunden mit mir abgab, und mich gleich in ſeine Bi - bliothek fuͤhrte. Der Saal hat die Form eines Kreu - zes, auf allen Schraͤnken ſtehen Buͤſten alter Schriftſtel - ler, Kaiſer, und Helden, auch die vom Kardinal Tel - lier, der uͤber 16000. Baͤnde in dieſe Bibliothek ſchenkte. In den meiſten Buͤchern ſteht vorne der gedruckte Zettel von ihm. In der Mitte des Kreuzes iſt der Platfond hoch ausgeſchnitten, und oben eine herrliche Malerei an - gebracht. Alle Schraͤnke ſind auch hier mit Dratgit - tern vermacht. Sie ſteht Montags, Mittwochs und Freitags von 2. bis 5. Uhr offen. Ich ſah
In der Bibliothek, aus allen Faͤchern etwas; (Manuſ kripte, ſagt’ er zu mir, bedeuten bei uns nicht viel;) 1) Die erſte Bibel in Maynz gedruckt, 2. Fo -lianten131lianten auf Pergament, Lateiniſch, vom Jahre 1462. 2 ) Eine Spaniſche Bibel von Duarte Penil, vom Jahre 1553. Ferrara. Man hat nur 2. Ausgaben; eine fuͤr die Juden; eine fuͤr die Chriſten. Beide ſind von Einem Jahre. Der Unterſchied liegt blos in der Zueignung. Das Papier iſt ſehr grob. Die Inquiſition gab doch die Er - laubnis dazu. Es iſt gar nicht ſchwer zu verſtehen. 3) Ei - ne neuere Spaniſche Bibel, vom Jahre 1596. 4to von Caſſiodoro Reyna. Ich ſchlug die Stelle 1. Cor. XV. 29. auf: „ Warum laſſen ſie ſich taufen uͤber den Todten? “es war aber grade ſo woͤrtlich, wie Luther es hat. Drauf ſchlug ich auf Roͤm. IX. 3. „ ich habe gewuͤnſcht verban - „ net zu ſeyn von Chriſto. “ Der Spanier ſagt: „ Ser „ a partado del Chriſto por mes Hermannos. “ Hermannos iſt voͤllig das lateiniſche Germanus, apar - tado das ſeparatus ꝛc. 4) Eine Coͤllniſche deutſche Bibel, von Ulenberger, vom Jahre 1630. Herr Pingre’ zeigte mir hier, daß er auch deutſch leſen, und es uͤberſetzen konnte. Mit Huͤlfe eines Diktionaͤrs leſe er alles, das war was ſeltnes bei einem Franzoſen. Die Bibel war klein Folio. 5) Eine Moſcowitiſche Bi - bel. Die Karaktere kommen ſehr den Griechiſchen bei. Da konnte aber weder er noch ich, leſen. 6) Eine Ita - liaͤniſche Bibel, vom Jahre 1461. aber ohne Ortsan - gabe, die findet man ſehr oft an den aͤlteſten Ausgaben nicht. Das Papier war ſehr grob. 7) Ein Pſalte - rium Davidis Latino-Saxonicum vetus, 1640. Londini 4. a Ioanno Spelmanno. Zwiſchen dem lateiniſchen Texte war eine Verſio interlinearis in der alten Saͤchſiſchen Sprache: es iſt aber eine ganz eigne Sprache. Wir konten nichts dechiſriren, es iſt weder Lateiniſch noch Teutſch, auch die Karaktere ſind beſonders. J 2Bei132Bei jedem Pſalm iſt ein Gebet. 8) Ein Novum Teſta - mentum graecum. Lutet 1550. klein Folio, un - gemein nett; man konts wegleſen, wie ein ABC. die Ad - jurat. hinten, war ohne Abſatz in einem weggedruckt. 9) Wedloc’s arabiſch und lateiniſches Neues Teſtament mit kleinen Noten, London. 1650. 10 ) Kennicott. Den wollte man mir uͤberall als eine wichtige Neuigkeit zeigen, aber ich ſchlug ihnen immer vorn die Subſkription unſers Durchl. Marggrafen auf. Als ich dem Don Pingre’ wegen des Gebrauchs, Michaelis Urtheil in der Orientaliſchen Bibel ſagte, war er voͤllig einſtimmig. 11) Edward’s Werke. Aublet’s praͤchtiges Werk, Plants of Guyana, ſah ich da zum erſtenmahl. Es ſind 4. Quartanten, zwei enthalten die Erklaͤrung und zwei die Kupfertafeln, und zwar ausgemahlte. — Fors - kaͤhl’s, Schaͤfer’s Schriften, alle deutſche und Ruſ - ſiſche Akademiſche Schriften. 12) Vincent de Beau - vais Hiſtoria rerum omnium, etliche Folianten Argentor. Der Mann hatte den ungeheuren Einfall, alle Buͤcher excerpiren zu wollen, ſammelte alſo Phyſik, Moral, Hiſtorie ꝛc. Quoniam tempus breve, me - moria labilis, librorum multitudo etc. ſo faͤngt er an. 13) Ovidii Metamorphoſes, 1477. Seite 174. ſteht der Ort Mayland. Recht ſchoͤn. Mattaire kennt dieſe Ausgabe nicht. 14) Ein Cicero vom Jahre 1477. Ein Virgil mit hoͤlzernen Typen, aber doch leſer - lich, ein andrer 1486, Venet. ſehr ſchoͤn. 15) Catho - licon Latinitatis, ein Diktionarium. Maynz, 1460. 16 ) Hevelii Machina coeleſtis, Gedani 1679. Fol. voll aſtronomiſcher Obſervationen, praͤchtig, mit Figu - ren, die er ſelbſt zeichnete. Das Buch iſt ſehr ſelten, er hatte nur ſeinen Freunden einige Exemplare geſchenkt,und133und nachher verzehrte das Feuer auf ſeiner Sternwarte den uͤbrigen Vorrath. Darneben ſtanden die neueſten aſtronomiſchen Sachen von Maſkelyne. 17) D. Weinmanni Phytanthoza iconographica etc. Re - genſp. 1737. und noch ein langer deutſcher Titel. Das Buch iſt auch deutſch, aber ich muſte geſtehen, ich kannt’ es nicht. Es ſind 6. Folianten, 2. Text, 4. mit illum. Kupfern, die alphabetiſirt ſind. 18) The Natural Hi - ſtory of Barbadoes by Hughes. London, 1750. gros 4. mit Kupfern. 19) Les Oeuvres de Fonte - nelle, eine herrliche Ausgabe à la Haye 1757. klein Folio, mit den niedlichſten Kupfern, ſonderlich bei la Pluralité des Mondes etc. 20) Oſteologie de M. Monro, herrliche Kupfer, allemahl auf 2. Seiten je - des Stuͤck; der Contour und das Ganze. Eine fran - zoͤſiſche Ueberſetzung aus den Engliſchen, Paris 1769. Fol. 21) Plinii Hiſt. Nat. Venet. 1472. ſehr ſchoͤ - ner Druck, 4to. 22) Katalog der arabiſchen Ma - nuſkripte aus der Bibliothek des Eskurials, vom je - tzigen Koͤnig in Spanien befohlen, Fol. I. Theil, Ma - drit, 1760. praͤchtig. 23) Katalog der Manu - ſkripte im Vatikan in Rom ꝛc. 24) Auguſtin. de Civit. Dei. Romae, ſchon 1468. (muſte das ſchon ſo fruͤh gedruckt werden?) 4. huͤbſch. 25) Luther’s Schriften waren auch da, etliche Editionen, 2. von Wit - tenberg 1545, und 1582, auch eine von Jena; Huſ - ſens Geſchichte, Wicleff’s-Schriften, Mosheims Kir - chengeſchichte, Calvin’s, Veza Schriften ꝛc. 26) Bar - toli Recueil des Peintures antiques. Paris 1757. Fol. Davon ſind nicht viel uͤber 30. Exemplare gemacht worden. Zum Entzuͤcken ſchoͤn! Wir gingens ganz durch. Der liebe Alte ruhte aus, indes ich mich auchJ 3erquickte.134erquickte. Herrliche Vorſtellungen von den rebus ſe - pulcralibus der Alten, von ihren Gladiatoren, Trium - phen und tauſend andern Dingen. Zuletzt war hinten noch ein praͤchtiges Stuͤck, das beide Folio-Seiten ein - nahm, La Moſaique de Paleſtrine etc. 27) The Ruins of Balbec and Palmyra. 28) Die Herkula - niſchen Alterthuͤmer ꝛc. 29) Zwei groſſe Globi von Coronelli, noch ſchoͤner, als die in der Abtei St. Germain. Der gute Pingre’ verlangte, ich ſollte ihm auf der Erd - kugel mein Vaterland zeigen, aber es war gar nicht an - gegeben. Zwiſchen Lothringen, Freyburg, Baſel, Strasburg, konnt’ ichs ihm begreiflich machen.
Im Naturalienkabinet. Ach da waren die Sa - chen mit Staub bedeckt, und in Winkeln verſteckt. Der ehrliche Alte verſtehts nicht, iſt wohl ein ſehr guter Aſtro - nom, und muß Niemanden haben, ders beſſer rangirte. Aus dem Thierreich war einiges Merkwuͤrdiges da; als arabiſcheund braſilianiſche Eidechſen; ein klein Chamaͤleon; etliche Daſypus; etliche Crocodille, groſſe und kleine; Fi - ſche; Scelete; Geſchlechtstheile; ꝛc. aber das alles hing beſtaͤubt und unkenntlich hoch oben an der Decke und an den Waͤnden umher; das Glas erreichts kaum. Zettel waren daran, es muß es einmahl ein Kenner unter ſeiner Aufſicht gehabt haben. Die Minern lagen in Schraͤn - ken mit Faͤchern; artige Conchyl. ; verſteinerte Solenes; groſſe Seekoͤrper; aber in der Seele thuts einem weh, wie der gute Pingre’ die Sachen verderben laͤßt.
Im Antikenkabinet, einem groſſen Saal, voll merkwuͤrdiger Sachen, ſah ich a) Dypticha Graeco - rum, Gothorum, zum erſtenmahl in meinem Leben. b) Vas135b) Vas olei pro infirmis, aus der aͤlteſten Kirche, Marci K. 6, v. 13. Jacobi K. 5, v. 14. c) Hetru - riſche Gefaͤſſe. Einen Herkules. Einen Kanopus, ein huͤbſcher rother Thon. Freilich konnt’ ich ſie nicht mit Heyne’s Augen betrachten. Die Malerei ſchien etwas mit dem Chineſiſchen Geſchmack gemein zu haben. d) Egyptiſche Alterthuͤmer. Iſis, Oſiris. Apis, ſchien kein rechter Ochs zu ſeyn, war hinten mehr Loͤwen - maͤſſig, klein, mit einem ehrwuͤrdigen Schimmel uͤberzo - gen. Ibis, man konnte nicht dechifriren, was es etwa fuͤr ein Vogel waͤre. Die Egyptiſchen Figuren ſind alle ſteif, geſchmacklos, haben nicht einen Zug von der Grie - chiſchen Feinheit, und Nachahmung der Natur. Gan - ze Mumien, hart, wie Felsſteine, wie Kloͤtze. Ein merkwuͤrdiger Fuß von einer Mumie, der im erſten Theil der Ac. des Inſcript. beſchrieben iſt. e) Grie - chiſche Gottheiten, ein Kupido, der mir eben nicht ſo gefaͤhrlich vorkam, nichts zaͤrtliches, ſchalkhaftes ꝛc. in der Mine hatte. f) Lateiniſche Gottheiten. Da war ein Opferprieſter, auf einer kleinen Tafel, en Mo - ſaique, ein koſtbares Stuͤck. Deus vagitans, eine Buͤſte von einem Gott aus weiſſem Alabaſter, der das Maul aufſperrt und verzerrt, wie ein weinendes Kind. Viel Natur und Kunſt iſt daran, aber ein abſcheulicher Auswuchs des Menſchenverſtandes; Gott zur Tiefe der ſchwaͤchſten Menſchheit herabzuſetzen! Etliche Ampho - rae, etliche geraͤumige Stuͤcke, ſo wie ſie Vater Horaz gern hatte mit Wein von Chios. In der Mitte ein Tiſch, eine Nachahmung der alten Moſaik, eine Kom - poſition von einem Benediktiner, der ihn der Duch. d’Orleans ſchenkte, von der er wieder hieher kam. DerJ 4Name136Name des Kuͤnſtlers und das Wappen der Ducheſſe iſt auch darin. *)Einige nennen das Kabinet, le Cabinet du Duc d’Orleans. Eigentlich hat er Kameen geſammelt, die gar ſchoͤn ſind.
Les Porcherons. Wenn man in Paris alles, was erhaben, was gros, was lobenswuͤrdig iſt, ſieht; ſo muß man auch die Gegenden beſuchen, wo der groͤßte Verfall, die abſcheulichſte Sittenloſigkeit und die ſchaͤnd - lichſten Denkmale vom ſittlichen Elend der Nation ſicht - bar werden. Und eine ſolche Gegend der Stadt heiſt in Fauxbourg Montmartre, Rue de Porcherons. In dieſer Straſſe wohnt faſt niemand, als Cabaretiers, Rotiſſeurs, und Huren. Zu beiden Seiten ſind Wirthshaͤuſer an Wirthshaͤuſer, und, weil ich’s nun einmahl ſehen wolte, ſo ging ich auch in alle auf der ei - nen Seite, und durch alle auf der andern Seite wieder zuruͤck. Kuͤche, Wirthsſtube, Tanzboden, Hof, Gar - ten, das iſt unten alles en plein pied, ein einziges Ganzes. Man muß gegen die Nacht kommen, wenn man ſehen will, wie’s da zugeht, und beſonders an Feſt - und Sonntagen, wo auch oben alle Stuben angefuͤllt ſind. Kurz, es iſt die aͤrgſte Sauerei, die man ſich nur denken kan. Spielleute ſind beſtaͤndig da, und in jedem Hauſe eine Menge Huren, die zum Theil noch gut genug ausſehen, und ſich putzen, daß man ſie fuͤr die Vor - nehmſten anſehen ſollte, aber alle Schamhaftigkeit, alle Reſte der weiblichen Sittſamkeit ausgezogen haben. Man kan leicht denken, daß ſich alle Abend Soldaten, Bedien - te, Handwerksburſche, Reiſende, Fremde, andre ſchlech -te,137te, muͤſſige, auch vornehme Leute, mit den Fuhrleuten, Wagenknechten, Schuhputzern und Peruckenmachern, da ſammeln, eſſen, tanzen, und huren. Das Eſſen ſieht appetitlich aus, der Wein iſt nicht ſo lieblich, wie man ihn in der Stadt bekoͤmmt, aber er iſt natuͤrlicher und wohl - feiler, die Bouteille zu 8. Sous. Hof und Gartenplatz ſind mit lauter Stuͤhlen und kleinen Tiſchchen beſetzt. Ue - berall herrſcht die groͤſte Wildheit, und alle nur erdenkli - che Ausgelaſſenheit. Ein Fremder, ein Deutſcher er - ſtaunt uͤber die Schamloſigkeit der Franzoͤſinnen. Zur Ehre der deutſchen Nation iſts doch bei uns*)Eine der groͤſten Staͤdte Deutſchlands vielleicht aus - genommen. Herausgeber. ſo weit noch nicht gekommen. Die Dirnen reiſſen ſelber die Fremden zum Tanz auf, embraſſiren jeden, der herein - kommt, ſetzen ſich zu jedem, der Eſſen oder Trinken fo - dert, und laſſen etwas bringen, wenn man auch nichts verlangt, machen ſich gleich aufs genauſte bekannt, erzaͤh - len ihre Geſchichte, ihre Kindbetten, ihre Siege von heu - te, von geſtern, bieten Blumen an, und machen allerlei haͤsliche Geberden mit den Stielen, trinken Wein wie Waſſer ohne Brot, legen ſich auf die Bank lang aus - geſtreckt hin, nehmen die Bouteille, biegen ſich bis auf den andern Tiſch zuruͤck, trinken ſie aus, und ſchwoͤren ein Sacre Dieu, wenn nichts mehr darin iſt, ſingen gar - ſtige Zoten, ziehen ſich an und aus, heben den Fuß auf den Tiſch und ſagen: Voilà ma jambe, qui eſt bien faite, mais la cuiſſe etc. laſſen die Leute nicht fort, ſtellen ſich unter die Thuͤre, nennen einen: O mon bon Enfant, ah! tu cher, ſagen, ſie haͤtten einen ſchonJ 5hundert -138hundertmahl geſehen, ſetzen ſich ſo hart ſo eng auf einen hinauf, daß man der Einladungen endlich uͤberdruͤſſig wird. Sie kuͤſſen nach dem Tanz den Mannsperſonen die Hand, klopfen einen ſanft auf den Backen ꝛc. J’ai faim des garçons, ſagte unter andern eine, und viele andre garſtige Ausbruͤche der Frechheit und der groͤbſten Sauerei mehr. Man muß gar kein Gefuͤhl und keinen Funken von Menſchenfreundſchaft haben, wenn man hier ſelber leichtſinnig werden will. Ich wuſte nicht, was ich denken, was ich ſagen ſollte. — Es war ein junges Weibsbild da, das ſchon 2. Kinder gehabt hatte, wie ſie ſelber ſagte, und durch den fruͤhen Mißbrauch an Ver - ſtand und Sinnen, fuͤr mich zur niederſchlagenden Be - ſtaͤtigung der Tiſſotſchen Wahrnehmungen, geſchwaͤcht war. Sie ſah an Haͤnden und im Geſicht ſo mager, ſo abgezehrt, und bleich aus, daß man ſie fuͤr 60jaͤhrig haͤtte halten ſollen. In ihren Augen, womit ſie noch ſpielen wolte, war ein mattes, verloſchenes Feuer, — ganz das klaͤgliche Bild von den Strafen, womit die Natur zuͤchtigt, — und doch noch immer ein Herz voll unerſaͤttlicher Luͤſternheit, vielleicht ohne die geringſte Anlage zur mora - liſchen Beſſerung. Man durfte ſie nur anſehen, wenn man ernſthaft bleiben wolte. Aber ſo gros, ſo zuͤgellos iſt die Wildheit hier, daß ich wenigſtens ſechs kleine jun - ge Maͤdchen von 11. — 12. Jahren bemerken konnte, die ſchon jetzt zu eben dieſen traurigen Beſtimmungen ge - bildet wurden. So vielen laſtbaren Thieren, die den ganzen Tag in der Stadt unter Hunger und Durſt be - ſtaͤndig den Willen andrer Menſchen thun, und die ſchlechteſten Dienſte, ſo lang ſie leben, verrichten muͤſſen, moͤchte man wohl Tanz und Freiheit goͤnnen; aber ſollte nicht die Polizei Aufſicht auf dieſe Plaͤtze der Beluſtigungtragen,139tragen, damit nicht Menſchen in ihrer Jugend aufge - opfert, die Ausgelaſſenheit gepflanzt, und das Menſchen - geſchlecht endlich verſchlimmert werde? Es iſt unter die - ſen Haͤuſern ein eignes, das den Deutſchen gewidmet iſt; da koͤnnten unſre Patrioten ſehen, ob’s rathſam ſei, jeden Handwerksburſchen wandern zu laſſen? — Die Huren vertheilen ſich und laufen aus einem Hauſe ins andre. ꝛc.
Jetzt kam die Hitze, und gleich ſo ſtark, daß ſelbſt die gemeinſten Verkaͤufer und Decroteurs aufm Pont - neuf Paraſols uͤber ſich hielten. Alle Frauensperſonen gehn mit weiſſem oder ſchwarzen Flor vorm Geſicht, und ſelbſt die Mannsperſonen nehmen Paraſols zum Herum - laufen mit.
Die Geiſtlichen ſtehen zum Theil hier in groſſem An - ſehen. — Denn ſonſt ſind ſie ſehr verachtet. Jeder - mann haͤlt ſich uͤber ſie auf. Nur in der Kirche ſind ſie reſpektirt. Auf die Bibliothek kam heute Vormittag ein Prior, oder Vorſteher eines Kloſters ꝛc. der hatte ſeinen Kirchenrock an, und brachte einen jungen Menſchen mit, der ihm die Schleppe trug, und beſtaͤndig heben muſte, bis er wieder ſo mit ihm fortging.
Wenn die Franzoſen nach langer Trennung wieder zuſammen kommen, ſprechen ſie wenig, drucken nur die beiden Backen aneinander, ohne einander recht herzlich zu kuͤſſen, und ſo auch beim Abſchiednehmen.
Der Staub war gleich ſo erſtaunend groß, beſonders in lebhaften Straſſen, daß jeder ſeine Taſchenbuͤrſte beiſich140ſich trug. Die Kirchen, wodurch man immer geht, ſind am kuͤhlſten.
Mr. le Comte de Buffon, lernt’ ich heute kennen. Mr. D’Aubenton hatte die Guͤtigkeit, mich ihm vorzu - ſtellen. Ein anſehnlicher Mann, ſechshalb Schuh gros, ſoll aber dicker geweſen ſeyn, als er jetzt iſt. Er mag uͤber 70. Jahr alt ſeyn, hat viel freundliches, fuͤr mich aber nicht das Einnehmende D’Aubenton’s. Er er - kundigte ſich nach dem Zuſtande der Naturgeſchichte, und beſonders der Anatomia comparata in Teutſchland, nach meinem Studiren, nach Goͤttingen, nach unſerm Fuͤrſten ꝛc. machte mir einige Komplimente, und fragte beſonders, ob wir auch die Alten ſtudirten. Er war im Begrif, fuͤr dieſen ganzen Monat zu verreiſen, und lobte meinen Plan im Arbeiten, und im Reiſen ꝛc. Der Theil der Nation, der nur lieſt, um unterhalten zu wer - den, betet ihn faſt an, die wahren Gelehrten aber wiſſen den Werth ſeiner Schriften richtiger zu beſtimmen. Nachmittag iſt er beſtaͤndig von einer Menge Leute um - ringt. Man ſiehts ihm an, daß er ein lebhafter, groſ - ſer Kopf iſt.
Le Cab. de l’Hiſt. Nat. du Roi. Ich ging von Buffon weg, um meine Arbeit im Kabinet fortzuſetzen, und war beim
Man brennt hier den Kaffee auf den Straſſen, das Kaſſerole wird uͤber einem Kohlenbecken herumgedreht.
Man findet Leute, die allerlei Sachen, alles fuͤr 4. Sous verkaufen, und das ſchreien ſie beſtaͤndig aus.
Geht man Nachts uͤber den Pontneuf, ſo machen die vielen Lichter zu beiden Seiten am Waſſer hinunter einen herrlichen Anblick. Bis 10. Uhr bleiben auch alle Boutiquen offen und haͤngen voll Lichter.
Les Tapiſſeries des Gobelins, beſah ich heute. Faſt am aͤuſſerſten Ende der Stadt ſtehen etliche Koͤnigl. alte Gebaͤude, die ſo heiſſen, und der bekannten praͤchti - gen Tapetenmanufaktur gewidmet ſind. Heut war La petite Fete Dieu, und die ganze Stadt wieder mit Tapeten behangen, aus jeder Kirche zogen Prozeſſionen aus, beſonders war die aus St. Sulpice ſehr praͤchtig, und im Hof des Gobelins war in der Kapelle auch ein praͤchtiger Altar errichtet. Die Proceſſion ging etliche - mahl dadurch, und da hingen dann vorne, im Eingang und inwendig, an allen Waͤnden der beiden Hoͤfe die koͤniglichen Tapeten aus. Man hatte eine kurze Anzeige davon gedruckt, verkaufte dieſe am Thor, und lies jeder - man hinein. Was ich da geſehen habe, iſt unbeſchreib - lich. Alle meine Freunde, und jeden, der fuͤrs Schoͤne empfindſam iſt, haͤtt’ ich gern dahin gewuͤnſcht. Groſſe Tapeten, breit, hoch, alle voll Figuren, Thiere, Blu - men, Geraͤthe, mit den ſchoͤnſten Einfaſſungen, in den hoͤchſten Farben, mit den feinſten Zuͤgen; alles wunder -bar149bar in einander gewirkt. Man ſieht Stuͤcke, die ſo voll ſind, wie das feinſte Gemaͤlde. Einige glaͤnzen mit Gold und Silber, daß das Auge geblendet wird. Auf allen ſind oben oder unten die Koͤnigl. Lilien in einem herrlichen blauen Felde. Die meiſten Vorſtellungen ſte - hen unten in eingenaͤhten Buchſtaben. Sie ſind entwe - der aus der Mythologie, oder vom Theater, oder aus der bibliſchen, oder aus der franzoͤſiſchen Geſchichte, oder aus der Natur genommen. In Geſichtern iſt man nicht gar gluͤcklich, wenigſtens unter den weiblichen Figuren, iſt es ſelten vorzuͤglich; maͤnnliche ſind viele herrlich. Aber was die andern Gliedmaßen, beſonders Schenkel, Fuͤſſe, was Stellungen, was Kinder, Blumen, Laub - werk ꝛc. betrift, und antike Trachten, das iſt alles unbe - ſchreiblich ſchoͤn. Pferde, groſſe Thiere, Voͤgel ſind herrlich, Schlangen und kleinere Thiere aber mittelmaͤſ - ſig: uͤber die Nachahmung des Laubwerks der Blu - men, der Fruͤchte hingegen, geht nichts. Faſt alle Stuͤ - cke ſind mit ſolchen Kraͤnzen, an denen ich mich nicht ſatt ſehen konnte, eingefaßt. Unter den Stuͤcken, die ich ſah, gefielen mir folgende am beſten: Die Jahrszei - ten; und Jaſon und Medea; man ſieht ihr die auf - wallende Liebe, das ſchuͤchterne Mistrauen, und die Zwei - fel an ſeiner Treue an, und er liegt ſo vor ihr, als wenn er ſchon Willens waͤre, untreu zu werden; Medea er - mordet ihre Kinder; die beiden Schlachtopfer liegen ganz vortreflich da, und die erhitzte Furie ſtuͤtzt ſich trotzig auf ihren blutigen Dolch. Ewig Schade, daß das Ge - ſicht nicht noch mehr ausgedruͤckt! Die kriegeriſchen Auf - tritte von Ludwig XIV. wie er 1660 — 1672. bei der Armee in Flandern und Lothringen war, kommen ei - nem laͤcherlich vor; er reitet auf Schimmeln, in ſo ſon -K 3derbarer150derbarer Kleidung, in ſeidnen Schuhen mit groſſen ro - then Bandſchleifen, in ſolcher weibiſcher geputzter Tracht, daß man eher an jemand anders, als an einen Helden denken moͤchte. Die Leibgarde neben ihm, und die Pferde, ſind aber allemahl, was man ſchoͤn ſagen kan. Die Belagerung von Douay 1667. wo ein Ka - nonenſchuß hart hinterm Koͤnig einen Garde du Corps toͤdtet. Das Pferd mit dem Blut, das aus der groſſen Wunde am Hinterbacken praͤchtig roth auf dem weiſſen Grund herausquillt, im Niederſtuͤrzen, und der Garde du Corps todt hingeſchmettert, darneben, ſeine Muͤtze auf der Erde, der Koͤnig herumgekehrt, voll Schrecken und Erſtaunen, der vordre Garde du Corps ſchon herab von ſeinem Pferde, und hinten das ganze Gefolge voll Beſtuͤrzung; das iſt ein Anblick, den man keinem beſchreiben kan. Le Sacre de Louis XIV. auch ein koſtbares Stuͤck. Er kniet in einem blauſammtnen Mantel mit einem goldnen und purpurnen Kragen, auf einem ebenfalls blauſammtnen Teppich vor dem Erzbiſchof von Rheims. Mantel, Teppich, Kuͤſſen, — alles iſt mit goldnen Lilien beſaͤet. Der Erzbiſchof faßt die Kro - ne an beiden Seiten an, 2. andre Biſchoͤffe darneben he - ben noch an den Seiten, der Koͤnig kniet, hinter ihm ſteht ein Tiſch auch mit einem blauen und goldenen Tep - pich, die ganze Kirche iſt voll von dem praͤchtigen Koͤnigl. Hofſtaat. Von der Flaſche mit dem heiligen Oele ſieht man nichts. Tempelreinigung. O lang hab’s ichs angeſehen, und indem ichs ſchreibe, moͤcht’ ichs noch ein - mahl ſehen! Chriſtus im Mannseifer ſtreckt beide Arme in die Hoͤhe, in der einen einen Strick haltend, das Auge ſagt viel, das Geſicht gluͤht ihm, die Schafe draͤn - gen ſich; dort hat einer einen Ochſen am Strick, undzerrt151zerrt und zerrt, will fort mit ihm, ſo ſchnell er kan; da kommt eine Frau, im Zorn ſchluͤpft ihr die linke Bruſt aus der Kleidung heraus; ſie ſchießt auf Chriſtum los, und raft mit der andern Hand Geld vom Boden zuſam - men ꝛc. Chriſtus war herrlich, weil er hier orientaliſch, vorgeſtellt iſt, wenn er nur keinen Heiligenſchein um den Kopf haͤtte! — Krankenheilung, Lazari Auferwe - ckung, unglaublich iſts, wie viel auf ſo einer Tapete iſt. Man muß die Lorgnette nehmen, wenn man alles ſehen will. Chriſti Nachteſſen beim Phariſaͤer, Luc. VII. O, die Suͤnderin liegt da, ein herrlicher Anblick, und der Phariſaͤer faͤhrt zuruͤck, daß er ja nicht angeſteckt werde. — Chriſti Fußwaſchen, er kniet vorm Pe - trus, das Becken ſteht neben ihm, unten ſteht aus der Vulgata: Exemplum dedi vobis, — es macht, beides ſchnell geſehen, einen maͤchtigen Eindruck. Ei - ne Akademie zu Athen, nach einem Gemaͤlde von Raphael ausm Vatikan; alle Wiſſenſchaften, jede durch einen Philoſophen vorgeſtellt, in einer andern Stel - lung, einer ſchreibt, ein andrer mißt mit dem Zirkel, ei - ner meditirt, obſervirt ꝛc. Conſta[ntin]’s Geſicht, man glaubts nichts, wie viel Kunſt, Pracht, Verwicklung ohne Verwirrung auf ſo einem Teppich iſt, bis man’s ſieht. Jakob, Laban, und Rahel und Lea — Ach, unbeſchreiblich ſchoͤn! Die Scene iſt natuͤrlich, ganz laͤndlich, Baͤume, Gras, Blumen, Schafe, Men - ſchen nur halb gekleidet; Lea in der Ecke, mit rothem Haar, und Pockennarben bis auf die Bruſt herab; aber Rahel unterm Baum, ganz herrlich blicktſie auf den ſchoͤ - nen Juͤngling ſo halb hin, Jakob ſpricht mit dem Geiz - hals, der immer nach den Heerden ſchielt. Noch viel vortreflicher iſt Joſephs Unterredung mit ſeinenK 4Bruͤdern,152Bruͤdern, Benjamin ruht lieblich auf ſeiner linken Schulter, die andern ſind alle ebenfalls in den affektvollſten Stellungen, einer kuͤßt ihm die rechte Hand, einer druͤckt ihm die linke, einer liegt unten zu Fuͤßen, einer faßt auf dem Boden ſein Kleid, einer ſchlaͤgt die Haͤnde uͤberm Kopf zuſammen, einer ſtuͤrzt mit beiden Armen auf ei - nen Stuhl ꝛc. Stundenlang haͤtt’ ichs anſehen koͤnnen. — Salomo’s Richterſpruch, und ſein tiefer Blick ins warme Gefuͤhl des Mutterherzens. Wenn er nur keine Krone aufm Kopf haͤtte! Die Moͤrderin, frech, ſchamlos, zeichnet ſich gleich aus, die rechte Mutter hat das Kind noch halb aufm Arm, halb reißt es ihr ſchon ein Trabant aus der Hand, und der andre ſtreckt ſchon das Schwert dazu her; recht orientaliſch, wo der Trabant des Koͤnigs auch zugleich Scharfrichter war. Auf eben der Seite Joas Kroͤnung. Hoch oben ſitzt der jun - ge Prinz, furchtſam, und ſucht in der laͤrmenden Menge ſeinen Hohenprieſter, der auch immer mit dem einen Auge nach ihm ſieht, und auf der andern Seite die raſende Athalia zuruͤckhaͤlt. Zwei ſtammhafte Maͤnner fallen ihr in die Arme, faſſen ſie um die Weichen, und ſchuͤtteln das Weib ꝛc. Laͤcherlich kam mir vor, Engel zu ſehen, klein, mit groſſen Fluͤgeln oben an der Schulter, und gewaltig groſſen Zeugungsgliedern, die ſie nie haben ſoll - ten, und mit ihrem Koͤrper in gar keinem Verhaͤltnis ſtan - den. Oft ſtanden auch an ſo einem herrlichen Stuͤck ein Paar Worte aus der Vulgata ohne Zuſammenhang und Verſtand. Recht moͤnchiſch und luſtig wars, die vie - lerlei Pronunziationen der Franzoſen an der Seite mit anzuhoͤren. In der Kapelle hatten der Aberglaube und die Ceremonienreligion ihre Spielſachen fuͤr kleine und groſſe Kinder ausgekramt.
Aber153Aber noch viel ſchoͤner, als dies alles, ſind die Ta - piſſeries à ſoie, die man Nachmittags in einem groſſen Saal zu ſehen bekam. Da hoͤrt alle Sprache, alle Be - ſchreibung auf, man wird entzuͤckt, wenn man’s ſieht, weis nicht, wo man anfangen, wo man aufhoͤren ſoll. Schwerlich kan man die Nachahmung der Natur hoͤher treiben, und man geraͤth wirklich zuweilen in Verſuchung, mit dem Franzoſen zu ſagen: die Natur kans nicht ſchoͤ - ner machen. Die groͤſte Feinheit, die hoͤchſte Schoͤnheit im Kolorit, die moͤglichſte Delikateſſe in jedem Zug, die beſte Symmetrie; kurz, alles was praͤchtig, majeſtaͤtiſch, eingreifend iſt, iſt da vereinigt. Die Tapeten ſind uͤber 12. Schuh hoch, und einige 6. Schuh, andre 3. Schuh breit. Ganze Buͤſchel von Roſen, Ranunkeln, Ane - monen, und kleine Fruͤchte, Affen und Papageien und bunte ſchimmernde Voͤgel darzwiſchen, — Scenen aus dem Don Quichotte, ganze Gruppen von Genien, Goͤt - tinnen, Koͤniginnen, Kriegshelden, Baurenſcenen, Opfer - prieſter, Thiere, Ausdruͤcke von Leidenſchaften, Trennun - gen, voll Ruͤhrung und Wehmuth, ſchoͤne Stellungen, nackte Menſchenfiguren im voͤlligen goͤttlichen Ebenmaas, Koͤniginnen im Prachtkleide, und im Neglige’e, Goͤttin - nen ſchlafend, und alles in lauter paradieſiſchen Gegen - den. Die brennenden Farben, das Einnehmende in den Geſichtern, ſonderlich in den Augen, die feinen Pin - ſelſtriche, die Wellen, der Wurf, die Falten in den Klei - dungen, die Abwechslung, die Zuſammenſtellung, die Anordnung des Ganzen, die Sorgfalt, die auf jedes Theilchen gewendet iſt, der Ausdruck der Seelenbewegun - gen, das uͤberall leuchtende Zeugnis von der Kunſt, Na - turſcenen bis auf die groͤßten Kleinigkeiten zu beobachten und ſie auf Seide und Leinwand zu ſchaffen, wo ſie vor -K 5her154her nicht waren; — das alles und noch viel mehr, was ich, nicht eingeweiht in Kunſtſachen, nicht entdecken, nicht ſagen kan, iſt da zu ſehen, und ein Narr iſt der, ders ſehen kan, und nicht ſehen mag. Es ſtehen die Namen Audran und Cozette und die Jahrzahlen 1740. 1760. 1771. daran, und ich denke, die groſſen Maͤnner werden des Andenkens eben ſo werth ſeyn, als Praxiteles und Apelles. Wer ein junges Genie weis, das Anlage zur Malerei und Stickerei hat, und er ſchickt es nicht hier her, daß ers einſaugt, wie der Saͤugling Milch, und nachahmt, ſo iſts wahrlich Diebſtahl am Menſchenge - ſchlecht. Faͤngt er da nicht Feuer, ſo hat ihn Mutter Natur nicht zum Maler beſtimmt. Alle Woche ein - mahl moͤcht’ ich dahin ſitzen, und vor jedem Stuͤck Stun - denlang weilen, und ſo fort ruͤcken, und immer wieder neue, erſt uͤberſehene Schoͤnheiten entdecken. Schwatz mir einer lang in der Aeſthetik vom Empfinden des Schoͤ - nen vor. Sehen, ſehen muß ers, Regeln brauchen wir nicht viel. Es iſt eine Tapete da, wo Angelica und Medor ſich mit einander verſprechen. Ha, ſo ſchoͤn koͤmts gewis in der Natur nicht oft vor. Medor liegt im Kuͤraß als Soldat vor ihr, Liebe thront im Auge, und ſie, — o wie herrlich iſt alles, — der Arm ſo zier - lich aufgehoben, ihr Aug, Mund, Stirn, nein, nein, es iſt unique, keine Sprache druckts aus. Was ſoll man von dem denken, der in die Gobelins geht, und das alles ſuͤndliche, eitle Pracht nennt, oder mit der ſtum - pfeſten Seele von der Welt ſein Sapientis eſt nil mirari daher gaͤhnt? Hierauf machte ich einen Be - ſuch bei
Madame Chenier. Wiederum eine merkwuͤrdige Erſcheinung. Eine Griechin mitten in Paris, vonKonſtan -155Konſtantinopel gebuͤrtig, die griechiſch ſpricht, griechi - ſche alte Dichter lieſt, ſchoͤn, obwohl langſam franzoͤſiſch ſpricht, auch etwas Engliſch verſteht, Deutſch lernt, und uͤberhaupt ein Frauenzimmer von vielem Verſtande iſt. Ihr Mann, Mr. Chenier, iſt wirklicher Koͤnigl. franz. Konſul in Tunis. Wir ſahen ihn nur im Portrait. Sie hat eine, meiſt erwachſene Tochter, die aber weder an Koͤrper, noch Seele, der Mutter gleich werden wird. Ihre Kleidung iſt noch ganz griechiſch, recht natuͤrlich, voͤllig ſo, wie ſich die Veſtalinnen der Roͤmer trugen. Ein weiſſes Unter - und Ober-Kleid, mit einem blauen Band in der Mitte des Leibes gebunden. Auf der Bruſt Spitzen, auf den Achſeln ſilberne Schnuͤre, an der lin - ken Bruſt eine goldene Kette, unter dem Band auf eben der Seite, ſilberne Troddeln, die an ſilbernen und ſchwar - zen Schnuͤren hinabhaͤngen, und womit das blaue Band geknuͤpft wird, und womit ſie jetzt ſpielte. Die Haare trug ſie faſt wie in Strasburg, mit einem grau und weiſſem Bande umſchlungen, das hinten weit hinabfiel, oben drauf ſteckten Zitternadeln, und eine kleine Strauſ - ſenfeder. An den Seiten hingen einige geflochtene Zoͤpfe, einige Locken fielen herab, und uͤber und unterm Ohr trug ſie groſſe Ohrengehaͤnge. Grade ſo war auch die Toch - ter gekleidet. Auch dies gehoͤrt mit in die Beſchreibung einer naturhiſtoriſchen Reiſe. Daher gab ich auf alles Acht, und koͤnnte wohl noch mehr von ihrer Toilette ſa - gen. — Zu meinem großen Vergnuͤgen ließ ſie ſich bere - den, daß ſie Herrn Villoiſon und mir ganz im griechi - ſchen Ton mit ihrer Tochter eine Ode aus dem Anakreon vorſang, und hernach noch eine allein. Es klang ungemein harmoniſch, und unbeſchreiblich ſuͤß. Sie las das Grie - chiſche, wie ich, — denn ſie wollte mich leſen hoͤren, —und156und wir machten, theils im Leſen, theils im Ueberſetzen die Probe, nur ακαρβη ſprach ſie Acarvi aus, ſonſt aber las ſie, wie ich. Sie zeigte mir Huber’s franz. Ueberſetzung von Gesner’s Idyllen, bat mich, ihr zu ſagen, ob die Ueberſetzung treu und gut waͤre. Ich las das Gemaͤlde aus der Suͤndfluth durch, und fand ſie meiſt treu, flieſſend, gut, nur war oft eine Paraphraſe, wo der Teutſche ein einziges Wort hat. Sie war mit mir einig, daß es eins der ſchoͤnſten Stuͤcke waͤre. Bei Abels Tod, ſagte ſie, haͤtte ſie oft geweint, ſie wuͤnſchte ſehr, daß ſie das Teutſche vollkommen verſtuͤnde, und ſie wuͤrde mich ohne Zweifel zu ihren Sprachmeiſter ange - nommen haben, haͤtte mich nicht, — ich weiß nicht — ein boͤſer oder guter Genius von Paris weggefuͤhrt. Sie ſagte, in Corfu, in Cephal. in allen venetianiſchen In - ſeln ſpraͤche man ſehr gut Griechiſch. Sie wies mir alle Trachten der Griechen von den verſchiedenen Inſeln, auf Gemaͤlden; Gemaͤlde vom Grosherrn zu Pferde, in der Audienz, den Anzug der Sultaninnen zum Kaffee bei ihm; Audienz des Kaiſers von Marocco, im Felde alle - zeit zu Pferde unterm Regenſchirm, und der Dolmetſcher erſt in der Proſternation, ehe er ſprechen darf; ihre Fa - milie, von ihrer eignen Hand; eine Hochzeit in Tunis, der Braͤutigam verhuͤllt zu Pferde, und ſeine Freunde mit Flinten bei ihm ꝛc. Sie tanzte auch aus Gefaͤllig - keit fuͤr mich mit ihrer Tochter einen griechiſchen Tanz, der ſehr ſchoͤn, aber ermuͤdend war, in der langen, na - tuͤrlichhaͤngenden Kleidung aber gar wohl ausſah. Sie hatte auch Buͤſten der alten und neuern Gelehrten ꝛc. Heute Abend ging ich auch ins
Vauxhall. Ein groſſes Haus auf dem Boule - vard, das nur Donnerſtag Abends von 8. — 10. Uhrbeſucht157beſucht wird. Man muß 30. Sous Entre’e bezahlen. Leute von Stande verſammeln ſich da. Es iſt ein groſſer Saal, wo man plaudert, und hinten ein Hof, der oben Gallerien hat. Im Hofe ſind kuͤnſtliche Feuerwerke zu ſehen, Tempel der Venus, des Mars, Apollo, gewoͤlbte Haͤuſer, Boͤgen, Inſchriften, alles meiſt mit gefaͤrbtem Feuer illuminirt. Das Ganze iſt eine Nachahmung der Engellaͤnder, und eine von den vielen Erfindungen, um den Muͤſſiggaͤngern die Zeit zu vertreiben. Wenigſtens eine Viertelſtunde weit ſtanden hauſſen Chaiſen an Chai - ſen. Fuͤr die gemeinen Leute ſind um eben die Zeit alle Koffeehaͤuſer illuminirt, und mit Muſik und Saͤngerin - nen beſetzt. Auch ſpielen die Joueurs de farces bis in die ſpaͤte Nacht ihre Poſſen, klopfen ſich oben auf ih - ren Geruͤſten weidlich herum, und machen abſcheuliche Grimaſſen ꝛc. Man kan ſich das Getuͤmmel, das Ge - wuͤhl, das Laufen unter einander nicht vorſtellen.
In den Kaffeehaͤuſern hat man auch Ponche au lait. Man nimmt den Punſch, ſchuͤttet warme Milch dar - an, und tunkt Biſcuit hinein; es ſchmeckt herrlich. Ei - ne Portion fuͤr 2. Perſonen koſtet 15. Sous. Auch ein Paar Worte uͤber
Les Accrocheuſes. Was ich oft hoͤrte und nie glaubte, hab’ ich geſehen. Schon um halb 10, und noch mehr nach 10. gegen 11. Uhr ſtehen faſt in allen Straſſen les filles de Paris, und warten auf die jun - gen Leute. Sie laufen einem nach, zupfen, reiſſen, pfeifen, ziſcheln, Ah, mon cher, veux-tu mon - ter avec moi? Ah, il fait beau chez moi. Ve -nez158nez donc, tu t’amuſeras &c. In der Rue mau - vais Garçons, Rue Macon, Rue Galande, Rue St. Honoré ſonderlich, da ſtehen ſie Dutzendweis ge - putzt unter den Thuͤren, ſitzen auf den Steinen, ſehen in die Scheidewege hinein, ohne Scham und Zuruͤckhal - tung. Demain, ſagte ich einsmahls, im Augenblick war die Antwort: A quelle heure? après midi? Sagt man: Oui, où eſt-ce que vous demeurez, ſo kehren ſie gleich um, il n’y a que deux pas. Ici, mon ami &c. Trauriges Zeugnis vom ſittlichen Zuſtande der Nation! und welch eine gefaͤhrliche Lock - ſpeiſe fuͤr den, der ſonſt Gelegenheiten von der Art macht, weil er ſie nicht ſo leicht findet! Aber wahr iſts, Paris und unſer Jahrhundert hat das nicht aufgebracht, es iſt kein Beweis vom ſteigenden Verfall. — In Jeruſa - lem zu Salomo’s Zeiten wars eben ſo, es paßt nichts genauer, als ſeine Beſchreibungen in der Miſchle, von den oͤffentlichen Weibsperſonen. Wer ſie nur einmahl geleſen hat und ſieht das, der muß ſich daran erinnern. Semper eadem fabula luditur.
Le Cabinet d’Eſtampes du Roi. In eben dem Hauſe, wo die Koͤnigl. Bibliothek ſteht, iſt unten, aber auf der Seite, auch dieſe herrliche Sammlung. Die Kupferſtiche ſind alle auf Folioblaͤtter aufgeklebt, oder liegen doch in Cartons in Folio zwiſchen weiſſem Papier. Man ſieht alſo wiederum eine kleine Bibliothek, alles iſt in rothen Saffian mit goldenen Lilien eingebunden. Mr. Joly, der Garde du Cab. d’Eſtampes du Roi, iſt ein hoͤflicher, liebenswuͤrdiger Mann. Das Zimmer iſt beſtaͤndig, noch vielmehr als die Koͤnigl. Bibliothek, mitFremden,159Fremden, ſonderlich mit Damen, angefuͤllt. Man darf ſich nur hinter eine Portefeuille ſetzen, ſo hat man gleich eine Menge Leute, die keine Addreſſen haben, und doch ſehen wollen, um ſich. Ich ſah einige von den vornehm - ſten Werken durch, und zwar: Von den Franzoſen, L’Oeuvre de Boucher und de Hyac. Rigaud. Von den Italiaͤnern, Blaͤtter von L. da Vinci; Baccio Bandinelli; Andr. del Sarto; Dan. di Volterra; Fr. Salviati; M. Angelo. Von den Hol - laͤndern, das Werk des Lucas v. Leyden in 2. Folio - baͤnden. Ich betrachtete ferner
Ein Recueil des Plantes en Migniature. Das ſind keine Kupferſtiche, ſondern 60. Baͤnde von gemahl - ten Pflanzen, die im Kngl. Garten geweſen ſind, und noch ſind. Mat hat ſchon zu Louis XIII. und Duc Gaſton d’Orleans Zeiten dieſe Sammlung angefangen. Sie iſt von etlichen Artiſten, die auf einander gefolgt ſind. Man findet die Namen Aubriet, N. Rob. &c. auch ſind von der Madem. Baſſeporte Stuͤcke darin. Freilich nicht in natuͤrlicher Groͤſſe, aber doch alle in Kleinfolio, auf Pergament mit vergoldeten Einfaſſungen. Jedes Blatt iſt einzeln, und liegt zwiſchen weiſſem Pa - pier, auf dem eine kurze botaniſche Nachricht geſchrieben iſt. Die Benennungen der Pflanzen ſind aus Caſpar Bauhin, Lobelius, Tournefort, Rai, Cluſius ꝛc. Bei den Meiſten iſt die Wurzel und die Bluͤthe noch be - ſonders. Ich ſah die Geſchlechter Convolvulus, Gentiana, Malva, Tythimalus, Ketmia, Alcaea, Goſſypium &c. durch, und alles war unvergleichlich ſchoͤn. Die ſchoͤnſten blauen, rothen, und gruͤnen Far - ben, folia tomentoſa, das verdaͤchtige Gruͤne am So -lanum,160lanum, das Braune der Wurzeln ꝛc. war gar wohl ausgedruckt. Ich wuͤrde dieſe 60. Baͤnde da nicht ge - ſucht haben, wenn mich nicht Mr. de Juſſieu darauf aufmerkſam gemacht haͤtte. Heute ſah man auch
Les Affiches du Cours de Botanique, im Kngl. Garten an den Waͤnden angeklebt. Die Gelehr - ten drucken immer den ganzen Titel mit allen Societaͤten ꝛc. und ſobald ſie einen andern nennen, auch wieder deſ - ſen Titel alle zu dem Namen. Die Botanik war doch noch hinausgeſetzt auf den 10ten Jun. Nachmittags um 4, und dann die Demonſtrationen der Pflanzen auf Morgens fruͤh um 7. Uhr. Die Studenten, wies ſcheint, haben hier gute Tage, der Franzos ſtudirt nicht ſo ernſt - lich und in der Ordnung, wie der Teutſche. Unten an den Affiches ſtand: Defenſe d’entrer à l’Amphi - theatre avec canne, ni epée. Man muͤſſe, ſagte man mir, 2 Sous zahlen, wenn man einem mitbringen wolle ꝛc.
Ich ging von da auf die Bibliothek der Abtei Ste. Genevieve, und ſah
Les Planches de Mr. Fuſée Aublet, eine herr - liche Sammlung zur Botanik, durch. Schade, daß das Papier nicht weiſſer iſt, zum Text T. I. II. iſts weis genug. Aber ſo ſehr man ſich an dieſem Anblick labt, ſo unwillig wird man, wenn man im Vorbericht, welcher die Lebensbeſchreibung des Verfaſſers von ihm ſelber, mit Briefen und Certificaten belegt, enthaͤlt, die vielen Laͤſterungen, Verleumdungen, und Widerſtrebun - gen lieſt, die ein ſo fleiſſiger und rechtſchaffner Mann noch neben den, von ſeinen Beſchaͤftigungen unzertrennli -chen161chen Laſten zu uͤberwinden hatte. Welch ein abſcheuli - ches Ungeheuer iſt der Neid! Ihn ergriff er in Amerika, und in Frankreich fand er ihn wieder.
L’Hotel des Invalides. Faſt außen vor der Stadt ſteht ein groſſes Gebaͤude, das Mauer und Gra - ben, Thore und eine Art von Befeſtigung hat. In - wendig iſt ein groſſer Platz, auf dem liegen Kanonen, die, wenn der Koͤnig oder die Koͤnigin vorbeifaͤhrt, ge - loͤſt werden. Ueberall ſtehen Schildwachen. Ueber dem Hauptthor ſteht Ludwig XIV. zu Pferde mit einer klei - nen Inſchrift. Das Haus ſelber hat noch eine Menge kleiner Bildſaͤulen oben auf dem Dache, iſt aber, wie ganz Paris, aus dem weisgrauen weichen Steine ge - baut, der, wenn er eine Zeitlang der Luft ausgeſetzt iſt, haͤslich ſchmutzig wird. Der Hof iſt inwendig viereckigt, und das Haus hat ringsum bedeckte Gaͤnge mit Schwib - bogen. Ueberall begegnen einem die ausgedorrten Men - ſchen an einer, an zwei Kruͤcken, mit hoͤlzernen Fuͤſſen, mit Rockermeln ohne Arm darin, mit zerfetzten Geſich - tern ꝛc. Alle tragen eine blaue Kleidung und gehen am Stock. Im langen Eßſaal ſtehen marmorne Tiſche an den Seiten, und die Teller und Kannen ſind alle von Zinn. Sie kamen grade vom Abendeſſen und hatten Eier und Fiſche gehabt. In der Kuͤche findet man lau - ter kupferne, aber inwendig verzinnte Gefaͤſſe, Gardes à manger, ungeheure Keſſel, und eine praͤchtige Bra - tenwendermaſchine, die von einem der beſten Uhrmacher in der Stadt gemacht iſt. Das Brod, das ſie bekom - men, iſt weis und gut ausgebacken. Ihre Zimmer ſind ſimpel, und die Betten auf franzoͤſiſche Art. Hinten liegt ein huͤbſcher Garten zum Spazierengehen, worinLſich162ſich auch einige der Invaliden mit der Gaͤrtnerei amuͤſi - ren. Der Brunnen, der die Kuͤche und alle Zimmer mit Waſſer verſieht, iſt ein Meiſterſtuͤck und ſteht in ei - nem eignen Hauſe. Alles Waſſer komt von Arcueil, 2½ Stunden weit her, in hoͤlzernen Roͤhren, und iſt geſun - des reines Quellwaſſer. Der Brunnen iſt 100. Schuh tief, und 16 Schuh breit. Das Waſſer ſteigt durch groſſe Kanaͤle herauf und faͤllt wieder hinab. Dieſe Ma - ſch[i]ne wird beſtaͤndig von 4. in die Runde gehenden Pfer - den getrieben. In jeder Stunde ſteigen 124. Muits*)Ein Muit iſt 2. Tonneau; ein Tonneau iſt 122. Maas. Waſſer herauf. Dieſes Waſſer vertheilt ſich im Hotel in 248. Roͤhren, und fuͤllt noch 2 groſſe Baſſins, eins im Hotelgarten und eins im Garten des Gouverneurs. Ne - ben dem Brunnenhaus iſt der Stall fuͤr dieſe 4. Pferde. Oben im Hotel iſt die Chambre de Conſeil. Un - ten haben die Invaliden eine eigne Kirche, aber ſo ſim - pel dieſe iſt, ſo koͤniglich, ſo weit uͤber alles, was ſich ſa - gen und vorſtellen laͤßt, iſt die Kuppel der Kirche des Invalides. Hinter dem hohen Altar iſt noch ein ge - raͤumiger Platz, in Geſtalt eines Kreuzes, in der Mitte ein groſſer Kreis und neben dem 4. kleine, zu denen man auf 6. marmornen weiſſen Stuffen hinauf ſteigt. Der Fußboden dieſes Gewoͤlbes iſt mit weiſſem, rothem und ſchwarzem Achat gepflaſtert, — ſo nennt mans, — es iſt aber mehr Jaſpis. Die Zeichnung dieſes Pflaſters iſt unbeſchreiblich mannichfaltig. Sterne, Zirkel, Rin - ge, Blumen, verzogene L. G. (Louis le Grand), — und das alles mit der Farbenabwechslung der verſchiede - nen Steinarten. Beſonders iſt aufm Fußboden desmittelſten163mittelſten Gewoͤlbes ein unendlichpraͤchtiger, ſehr vielecke - ter, ſchwarz und rother Stern mit einer weiſſen Einfaſ - ſung. Auf den darf niemand gehen, nur der Koͤnig koͤmmt des Jahrs einmahl, ſteigt bei der Thuͤre, dieſem Stern gegen uͤber, aus der Karoſſe; in den Stern wird dann ein ſammtner Stuhl geſetzt, auf den ſetzt er ſich, mit dem Geſicht gegen die Kirche gekehrt, und da wird Meſſe geleſen. Aber das iſt nur der Fußboden. In den 4. Seitennavaten ſtehen rings herum Statuͤen aus Gyps, Apoſtel, Kirchenvaͤter, Heilige, da traf ich bei Moni - ca, Marcelline &c. auch eine Ste. Satyre an, die ich ſonſt nicht die Ehre hatte zu kennen. Unter dieſen Statuen zeichnet ſich Paulus durch ſein groſſes, edles, aber unter den Schmerzen verfallenes Geſicht, ſo wie Auguſtinus durch ſeine groſſe Biſchofsmuͤtze, aus. Ue - ber den Niſchen, in denen dieſe Statuen aufgeſtellt ſind, geht eine andre Parthie des Gewoͤlbes an. Dieſe iſt mit einer unbeſchreiblichen Menge Verzierungen geſchmuͤckt. Alles iſt Stukkaturarbeit, ſo fein, ſo praͤchtig, ſo delikat, daß man’s auf Leitern Stuͤck vor Stuͤck betrachten ſollte. Dieſe Verzierungen gehen ſo fort, bis oben, wo die Seg - mente, die bis ins Gewoͤlbe hinauf laufen, anfangen. Denn jedes von dieſen Gewoͤlbern iſt in 6. Abtheilungen getheilt; in jedem ſind 6. Gemaͤlde, und zwiſchen den Gemaͤlden iſt alles mit vergoldeten Zierathen ausgefuͤllt. Die Gemaͤlde erheben ſich auf dem praͤchtigen Grunde in der Hoͤhe vortreflich; ſie ſind alle von dem beruͤhmten Le Brun*)Der Kaiſer war uͤber ſie ganz entzuͤckt, und ſprach mit dem Koͤnige davon, der hatte ſie aber noch nicht ge - ſehen. — So erzaͤhlte mir Mr. Delor. gemalt und ſtellen geiſtliche Sujets vor. L 2In164In jedem von dieſen 4. Seitennavaten, die mit einander communiciren, findet man neue Koͤnigl. Pracht, neue Meiſterſtuͤcke der Kunſt. Gold, Farben, Arbeit, De - likateſſe, alles iſt hier recht verſchwendet. In der Mitte uͤber dem oben genannten praͤchtigen Stern iſt wiederum ſo ein koſtbares Deckenſtuͤck, das faſt den ganzen mittlern Kreis einnimmt. Ringsherum ſtehen Buͤſten von Koͤ - nigen und Kriegshelden. Am hohen Altar ſind gedrehte Saͤulen und alles iſt mit Gold uͤberzogen. Zuletzt kan man den Kopf nicht mehr in die Hoͤhe ſtrecken, das Auge leidet von dem Glaſe, und dem uͤberall entgegen ſchim - mernden Golde und Gluͤhen der Farben. Und ſo - bald man das Auge von dieſen Koſtbarkeiten wegwen - det; ſo erblickt man vorne in der Kirche Bilder des menſchlichen Elends; — alte abgelebte Krieger, — zitternde Greiſe, — wandelnde Gerippe, — Denkmaͤ - ler des verwuͤſtenden Krieges, — Menſchen, die mit geheimer Freude an vormahlige Feldzuͤge zuruͤckdenken, ihre verſtuͤmmelten Glieder, ihre Kruͤcken, alle Tage herumſchleppen, in frommer Einfalt, auch aus Langer - weile, den Roſenkranz beten, ihren Kameraden erzaͤhlen, was ſie ihnen ſchon tauſendmahl erzaͤhlt haben, ſich an ihre umgekommene Freunde erinnern, zuweilen gegen Fremde mit Thraͤnen im Auge die Gnade ihres Koͤnigs und die ihnen verſchafte Ruhe im Vergleich der ausge - ſtandenen Gefahren ruͤhmen, groͤſtentheils der Welt ſchon abgeſtorben ſind, und nun unter ihren Bruͤdern den Tod erwarten, der ſie im Gewuͤhl der Schlacht nicht fand. Ein alter, ehrwuͤrdiger Greis, dem meine Jugendfarbe gefiel, wie mir ſein unterm Kriegshute graugewordenes Haar, fragte mich, was ich zu dieſer Anſtalt ſagte, und gab mir dabei mit einem Tone, der mehr die Spracheeines165eines Vaters, als eines Hofmeiſters war, die Erinne - rung, daß man erſt arbeiten, leiden, viel ausſtehen muͤſſe, eh man ruhig leben und verpflegt werden wolle. — Und in meinem ganzen Leben hab’ ich keine Lehre ſo wil - lig angenommen als dieſe hier, die mir ſo recht ſuo lo - co, ſuo tempore, obgleich von einem Fremden, ge - geben ward.
Le Cab. de l’Hiſt. Nat. du Roi. Ich fuhr heu - te im Beſehen dieſes Kabinets fort, und fand noch im dritten Zimmer
Und nun ging ich wieder ins zweite Zimmer zuruͤck, wo ich den 27. Mai (ſ. S. 77.) angefangen hatte, und fuhr fort in des
L’Obſervatoire Royal, beſuchte ich heute auch noch. Ein praͤchtiges ganz von Steinen aufgefuͤhrtes Gebaͤude. An der Wendeltreppe, die von unten bis oben hinauf geht, und Stuffen von einem weiſſen Mar - mor hat, iſt kein Eiſen, keine Klammer, als eine praͤch - tige Grille de fer, worin die Franzoſen Meiſter ſind. Alles iſt aus den groͤſten, genau auf einander paſſenden, Stuͤcken zuſammengeſetzt. Man ſieht gleich unten eine Oefnung, die aus dem ſehr tiefen Keller herauskoͤmt, und durch alle Stockwerke durch bis zum oberſten Platz hinauf fortlaͤuft, und zum Beobachten der Sterne im Zenith, und zu Verſuchen uͤber die Naturgeſetze des Falls ver - ſchiedener Koͤrper, beſtimmt iſt. Auf dem erſten Stock findet man hinten die vortreflichgebaute Ellipſe, oder den ovalen Platz, wo man wegen der Reflexion der Schall - ſtrahlen an der gegenuͤberſtehenden Seite hoͤren kan, was der andre dort noch ſo leiſe an der Wand hinauſ ſagt. Der gute alte Delor und ich, riefen einander das:Si171Si vales, bene eſt etc. zu. Mr. Jeaurat, der Aſtro - nom, wohnte da, und hatte unſtreitig eine der geſuͤndeſten und angenehmſten Wohnungen in Paris. In ſeinem Zimmer waren unter vielen andern ſchoͤnen Sachen ein herrlicher Quadrant mit einem Mikrometer, und eine ſim - ple, aber ſchoͤne Vorrichtung, die Menge des jaͤhrlich ge - fallenen Regenwaſſers zu meſſen. Es ſteht naͤmlich oben auf dem Platz ein Gefaͤs von 2. Schuh im Durchmeſſer, aus dieſem ſammelt ſich das Waſſer durch eine blecherne Roͤhre, die bis in einen Wandkaſten in Jeaurat’s Zim - mer fortlaͤuft, in eine Art von Gieskanne, die einen Hahn hat. Dreht man den auf, ſo laͤuft es in ein Gefaͤs, das innen ſeine Grade, ſeine Maaſſe hat, und ſo kan man ohne Muͤhe, und doch genau beſtimmen, wie viel herab - faͤllt. Steigt man hoͤher, ſo findet man auf einem groſ - ſen Platz eine Schuhbreite Linie von weiſſen Marmor durchs ganze Haus laufen; zwiſchen dieſen Platten recht genau in der Mitte ſteckt eine duͤnne Lage von Kupfer. Dieſe kupferne Platte iſt der ſchoͤne Meridian, der durchs ganze Koͤnigreich von Coullour an den Pyrenaͤen an bis nach Duͤnkirchen geht. In den Marmorplatten, die den kupfernen Meridian einſchließen, ſind die Grade und Zeichen des Thierkreiſes alle angegeben. Hoch oben am Fenſter iſt eine kleine Oefnung, wodurch die Sonnen - ſtrahlen einfallen und einen Gnomon machen. Der ober - ſte breite Platz iſt mit Quadraten von ſchwarzen Kieſeln gepflaſtert, aber in dem Kuͤtt darzwiſchen ſickert das Waſ - ſer hinunter und verderbt das Gebaͤlke; es war auch wirk - lich alles unterſtuͤtzt, wir muſten unten durchkriechen. Da erblickt man wieder die Oefnung aus dem Keller, den Thurm nach Oſten und nach Weſten zum Obſerviren; ein Zeichen, die Richtung des Windes zu erfahren. SechsStunden172Stunden von dieſer Sternwarte auf der einen Seite hin - aus und zu Montmartre auf der andern, hat man Thuͤrme, worauf die Akademiſten mit Kanonen und Pen - duluhren Verſuche uͤber die Geſchwindigkeit des Schalls gemacht haben. Man kan zugleich hier ganz Paris uͤberſehen, wiewohl auch bei ſchoͤnem Wetter beſtaͤndig ein Theil der Stadt im Nebel, Rauch, Wolken und Duͤn - ſten eingehuͤllt iſt. Dieſer Ort iſt viel beſſer dazu; und viel hoͤher, als der Thurm an der Kirche des Erzbiſchofs. Denn von hier aus geht man beſtaͤndig hinunterwaͤrts bis an jene Kirche. Maſchinen ſind nicht viele da, die Aſtronomen obſerviren meiſt in ihren Haͤuſern. An der einen Seite ſieht man den Garten, den Caſſini aus ei - ner ſonſt ſchlechten Gegend gemacht hat, eben der groſſe Mann, der auch den herrlichen Meridian hier und in Carlsruhe gezogen hat.
L’Antiquité Romaine de Paris. Hierum darf man ſich kuͤnftig nicht mehr bemuͤhen. Es iſt nichts mehr zu ſehen, als der Platz. Noch vor 30. Jahren ſtand in der Rue de la Harpe ein roͤmiſches Badhaus, damals ſah man noch die Gewoͤlber ꝛc. aber es iſt theils von ſich ſelbſt eingeſtuͤrzt, theils hat man es nachher ein - geriſſen. Jetzt iſt es ein Privathaus. Wems kein al - ter Pariſer ſagt, der ſiehts fuͤr nichts weiter, als ein ge - woͤhnliches Haus an. Weil ich darnach fragte, ſo zeigte es mir Mr. Delor. Ich wohnte heute auch noch den
Experiences phyſiques et chymiques ſur l’air fixe des differentes ſubſtances bei Mr. Broignard bei. Der Mann iſt ein Apotheker, der ſich gerne Praxis verſchaffen moͤchte, gibt daher zuweilen Gelegenheit, zu ihm zu kommen, und die Nachahmungen der Engliſchen undandern173andern Verſuche zu ſehen. Es war eine ſtarke Gefell - ſchaft von Pariſer Herren da, in einer kleinen Stube. Er hatte einen ſchoͤnen Vorrath von glaͤſernen Roͤhren, Fla - cons, Recipienten, Vorlagen ꝛc. Mr. Hisgerto, Mr. Delor und ich, gingen mit einander hin. Es wurden Verſuche gemacht mit dem Gas ſpathique, das ſehr cauſtiſch iſt, mit dem Acide nitreux, mit andern Luft - gattungen, Vermiſchungen mit dem Queckſilber ꝛc. ſ. Prieſtley on different Kinds of air.
Heute beſah ich
Le Mauſolée de Mr. Molinaeus. Der Mann war Lieutenant du Baillage du Palais Royal. Es iſt klein, wenig bekannt, ſteht in der Kirche la Croix (wo ich mich nicht irre,) iſt aber wohl ausgedacht. An der Wand iſt eine ſchwarze Tafel mit ſeinem Namen und Inſchriften. An dieſe Tafel lehnt ſich ein Frauenzim - mer, bedeckt das Geſicht mit der Hand und weint. An der Seite ihres Arms iſt ein Todtenkopf, der herrlich ge - arbeitet iſt. Unten ſitzen zwei Genien, gar niedlich. — Oben ſteht eine Urne, und A. und Ω. darne - ben. Aber noch viel praͤchtiger iſt
Le Mauſolée de Mr. le Brun. Es ſteht in der Kirche St. Nicolas de Chardonnet, Rue St. Victor, rechter Hand des hohen Altars. Man ſieht einen ſchwarz marmornen Sarg, an dem der Deckel eben ſo wie an des Marſchalls von Sachſen in Strasburg, hinten hinab - faͤllt. An der vordern Seite des Sargs haͤngt die Dra - perie herab, nicht ſo gros, aber die Falten ſind ſchoͤn, wie -wohl174wohl eine Inſchrift aus dem 16ten Pſalm Saturabor etc. nach der Vulgata daran iſt. Ueber dieſen Sarg ſenkt ſich ein Engel vom Himmel herab mit einer Poſaune am Muͤnde, die gegen den Sarg gerichtet iſt. Aus dem Sarge erhebt ſich halb die Mutter des Kuͤnſtlers, eine alte Frau, aber ein Meiſterſtuͤck des Meiſſels; ſie ſieht nach ihrem Sohn, faltet die Haͤnde, und hat den Mund halb offen, und ein redendes Geſicht. An der Seite ſteht an einer Pyramide das Portrait von Le Brun mit einer Inſchrift. Unten an der Pyramide liegen weibliche Fi - guren aus weiſſem Marmor, der durch die Zeit gelb ge - worden iſt, vermuthlich Sinnbilder von den bildenden Kuͤnſten, die ſich freuen, die Buͤſte des groſſen Mannes uͤber das Grab zu erheben. Hat nicht die Idee: daß bei des Kuͤnſtlers Tode ein Engel die Mutter aus dem Gra - be ruft, um ihren groſſen Sohn zu ſehen, etwas erhabe - nes, etwas feierliches? Die Kirche hat auſſer dieſem Mauſoleum noch fuͤr ſich ſelber viel Schoͤnes. — Le Brun aber verdient alle dankbare Hochachtung. Man darf von ſeiner Aſche nicht gar weit gehen, ſo ſieht man ein koſtbares Stuͤck von ihm*)Seine busfertige Magdalene, deren unterm 11ten Jun. Erwaͤhnung geſchieht. Herausgeber. . Nicht weit davon iſt auch
Val de Grace; eine Art von Kapelle, ohne Kir - chenſtuͤhle, blos mit einem Hochaltar und Prie-Dieu verſehen, die aber geſehen zu werden verdient. An den Saͤulen und Geſimſe iſt viele Stukkaturarbeit. Der Altar hat gedrehte, ſtark vergoldete Saͤulen. Der Bo -den175den in der ganzen Kirche hat Wuͤrfel, Steine, Rhom - boidal. Figuren vom ſchwarzen Marmor und roͤthlichem Jaſpis. Um den Altar herum ſteht hoch oben der Na - me der Erbauerin, Anna Auſtriaca, D. G. Regina Francorum et Navarrae 1650. Auch ſieht man uͤberall an den Fenſtern in der Mitte ihren Namen ge - mahlt. Es ſcheint ein Geluͤbde von der Koͤnigin gewe - ſen zu ſein.
L’Egliſe des Benedictins Anglois. Eine ſchlechte Kirche, aber gleich dem Eingange gegen uͤber ſteht der bleierne und hoͤlzerne Sarg des Engliſchen Koͤ - nigs Jakobs des 2ten, nebſt dem Sarg ſeiner Prinzeſ - ſin, Louiſa. Die beiden Saͤrge ſind mit Tuͤchern be - deckt, auf dem Sarg des Koͤnigs ſteht oben eine nach - gemachte Krone, ganz im Modell der Krone von Gros - brittanien, und an der Seite herab haͤngt das Koͤnigl. Wappen. Darneben hat man in einem Kaͤſtchen eine Buͤſte vom Koͤnige aus Wachs, die unter einem Glas - deckel den Fremden gezeigt wird. Sie iſt anderthalb Viertelſtunden nach ſeinem Tode verfertigt worden. Das Geſicht hat die tiefen eingegrabenen Zuͤge des Grams und der Ernſthaftigkeit, hat aber gewis viel Groſſes, und doch Liebliches. In dieſer Kirche verſammeln ſich die katholiſchen Engellaͤnder, und die Vornehmen werden auch da begraben.
Le Jardinier galant, und Les Près de St. Ger - vais. So heiſt ein Theil von den Environs de Pa - ris, wenn man rechter Hand am Ende der Rue St. Martin hinabgeht. Dieſe Gegend iſt ſchoͤner, als die zunaͤchſt um die Stadt gegen Boulogne zu. Man findet ganze Felder mit Bohnen, Erbſen, ganze Feldermit176mit Erdbeeren, mit Nelken, Ranunkeln, Roſen, Apri - coſen ꝛc. wegen der erſtaunlichen Conſumtion in der Stadt, und es ſoll, wenn z. B. die Nelken bluͤhen, ein herrli - cher Anblick ſeyn. Le Jardinier galant, heiſt ein oͤf - fentliches Haus und Garten mit einer Menge kleiner Huͤt - ten und Laubhaͤuschen, wo man Eſſen, Trinken, Muſik und Tanz haben kan. In der Stube haͤngt ein wolluͤ - ſtiges Gemaͤlde, im Geiſt der Nation. Im Garten ſteht ein Gaͤrtner aus gefaͤrbten Thon mit dem Grab - ſcheid, vermuthlich hat’s daher den Namen, denn er iſt ſehr galant und ſtutzermaͤſſig angezogen. Von da ſteigt man einen kleinen Berg hinan, geht durch angenehme Felder nach dem Dorf St. Gervais, und kan von oben Paris faſt ganz uͤberſehen, auch St. Denys ꝛc. Auch hier iſt das Waſſer das man bekommt, ſo wie uͤberall, nie recht kalt und erfriſchend, ſogar unterm Wein machts ihn gleich laulich. Es iſt Seinewaſſer, wird auch in groſſen Gefaͤſſen daher geſchleppt. In der ganzen Ge - gend ſah ich nur ein einzigs Quellchen, und das war truͤ - be. Man hoͤrt uͤberall das Klappern der Windmuͤhlen, die der Reihe nach oben auf dem Berg ſtehen.
Le Coliſée. Auch eine der ſchoͤnſten Ergoͤtzun - gen, die man in Paris haben kan. Am Ende von la Place de Louis XV. zwiſchen den Champs Eliſeés ſteht ein groſſes Gebaͤude, hoch, leer, zirkelrund ange - legt, mit Nebenzirkeln und Nebengebaͤuden, meiſt mit einem gruͤnangeſtrichenen hoͤlzernen Gitterwerk eingeſchloſ - ſen, oben durchbrochen, und auch mit koſtbarem Gitter - werk verſehen, an den Seiten oben breite Plaͤtze zum Spaziergehen und Ueberſehen der Gegend. Auf der ei - nen Seite ſind Spaziergaͤnge und ein ſimpler Garten,auf177auf der andern vor dem Haus ein See mit einer Mauer eingefaßt, und Einrichtungen zum Feuerwerk. Dieſes niedliche, wohlangelegte Gebaͤude heiſt das Coliſe[’]e. In - wendig trift man erſt groſſe Gaͤnge an, da ſtehen Bouti - quen, die alle Galanteriewaaren auskramen. Dann ſind an den Seiten die Treppen nach oben zu. In der Mitte iſt ein groſſer Zirkel, in dem ſtehen die praͤchtigſten Saͤulen, die groͤſten ſilbernen Leuchter haͤngen uͤberall herab; am Platfond ſieht man koſtbare Gemaͤlde, im Ton, den die Nation liebt; man geht durch kleine Stufen hinab, da ſitzen Muſikanten, Saͤngerinnen; die Leute verſammeln ſich da, man tanzt, plaudert ꝛc. an den Waͤnden umher ſtehen Stuͤhle, Canape’s. Oben ſind 2. Gallerien uͤbereinander, mit rothem Pluͤſch ausge - ſchlagen, und mit rothen Stuͤhlen, von da ſieht man herab auf das Gewuͤhl unten. Alles, was beau mon - de in Paris iſt, verſammelt ſich Mittwochs und Sonn - tags Abend um halb 8. — 10. — 11. Uhr hier. Gan - ze Reihen von Karoſſen, Chaiſen, Kabriolets, Portechai - ſen ꝛc. ſtehen in der Ferne hinter einander. Heute waren etliche tauſend Menſchen da. Man bezahlt 30. Sous Entre’e, bekomt ein Billet, und paſſirt durch Wachen. Erſt ſieht man im Garten einen Drachen, an einer ho - hen Stange, mit Pulver gefuͤllt, nach dem ſchieſt man oft 6. — 8. Wochen mit Raketen, bis ihn einer endlich anzuͤndet, und den Preis davon traͤgt. Man lief herum, beſah die Waaren, hoͤrte Muſik, plauderte, um halb 9. Uhr ſetzte ſich alles vor den See, und erwartete das Feuer - werk. Um 9. Uhr gings an, etliche ſchwache Schuͤſſe hinter der Mauer verkuͤndigten es uns. Es dauerte faſt eine halbe Stunde, war meiſt ſchoͤn, einige Stuͤcke reuſ - ſirten nicht wegen des Winds. Weil alles im WaſſerMwar,178war, wars doppelt ſchoͤn. Ein brennender, beſtaͤndig knallender, Tempel beſchlos. Drauf ſetzte man ſich, lief herum, unten und oben, ſah in der Mitte kleine Kinder recht niedlich tanzen. Alles war um eine ſchoͤne Engel - laͤnderin herum. Dann ging eine Geſellſchaft nach der andern nach Haus, an der Thuͤre entſtand von den vie - len Bedienten und Karoſſen ein wildes, betaͤubendes Ge - ſchrei, hier und da accordirten die Chapeaux mit den pa - riſer Schoͤnen, die ſich zum Theil oben halbnackend, feil boten, und in den praͤchtigſten Kleidern erſchienen, wenn man gleich die Einfalt, die Gansdummheit auf ihren Geſichtern laß, und die groſſe Leere im Gehirn bei jedem Worte hoͤrte. Auf dem Wege war ein Geklingel, und eine beſtaͤndige Gefahr, von den Karoſſen uͤberfahren zu werden; das Gedraͤnge, der Staub, die Ausduͤnſtun - gen von Menſchen und Lichtern, und die vermiſchten Ge - ruͤche von Vapeurs, Eaux und Flacons machten mir Kopfweh. In der Rue St. Honoré und uͤberall lauer - ten noch die Accrocheuſes auf die Meſſieurs. Voi - là le Coliſée.
Auch in Paris ſollen die Rotiſſeurs, Cabare - tiers, Marchands de Vin etc. am Sonntag un - term Gottesdienſt nichts weggeben, keine Leute einnehmen, wenigſtens ſie nicht lange behalten; die Leute thuns auch nicht, ſie fuͤrchten ſich vor den Kommiſſairs, die uͤberall ihre Spionen haben, und gleich da ſind. Oder, ſie nehmen die Leute an, und machen, ſo viel als moͤglich, alles zu.
Mit179Mit den Aubergen iſts eine aͤrgerliche Einrichtung. So viel ihrer auch ſind, ſo muß man doch oft halbe Stunden lange Wege machen, bis man nur was zum Fruͤhſtuͤck, oder zum Abendeſſen bekommt, wenn man nicht in ein Kaffeehaus geht. Denn der eine verkauft blos Wein, der andre blos Butter, der dritte blos Brod, der vierte blos Kaͤſe, der andre hat nichts als Braten, oft nicht einmahl eine Stube, einen Platz, einen Tiſch, einen Teller, wo man’s eſſen koͤnte. Sie holen’s einem aus 5. — 6. Haͤuſern zuſammen, rechnens aber mit ein im Conto, oder ſie ſchickens einem aufs Zimmer, geben’s einem mit, und laſſen ihn zuſehen, wo ers eſſen kan. Bei der groſſen Ausdehnung der Stadt, bei der weiten Ent - fernung, in der man oft von ſeinem Logis iſt, iſt das keine geringe Unbequemlichkeit, die man in kleinen Staͤdten nicht hat.
Noch immer vergroͤſſert ſich die Stadt, und die Wenigſten glauben, daß das ſchaͤdlich iſt. Man baut immer mehr, und ſorgt nicht fuͤr die Zukunft. Louis XV. befahl, in jeder Communauté ein Magazin anzulegen, es geſchah hie und da; man lies aber die Frucht verderben, der Befehl ward vergeſſen, niemand denkt dran, wie gros das Elend ſeyn muͤſte, wenn in Bour - gogne, Provence ꝛc. woher man die Sachen ſchleppt, Theurung, oder Miswachs entſtehen ſolte. Jezt, ſagte mir Mr. Delor, ſei ganz gewis nicht ein einziges Ma - gazin da, man faͤngt viel an, und ſetzt nichts durch.
Um den Staub zu daͤmpfen, fahren auf dem Boulevard immer Karren mit Faͤſſern voll Waſſer, das unten durch viele Spritzen herabfaͤllt, auf und nie - der.
M 2Die180Die Feuerarbeiter brauchen hier viel Steinkohlen, das gibt einen haͤslichen Geſtank fuͤr einen Fremden.
Auf der Koͤnigl. Bibliothek erfuhr ich heute was mir Villoiſon geſagt hatte. Ich konte mit aller Hoͤf - lichkeit kein Buch bekommen. Ich forderte Sachſii Monocerologia. Vielleicht iſt nichts daran, aber ich fands im Katalog, ſelten iſt’s, zur Litteraturgeſchichte der Naturgeſchichte gehoͤrts; vielleicht, dacht’ ich, ſind da alle falſche und wahre Geſchichten geſammelt, aber vergebens. Der Abbe’ Deſaunays, der ſich auf ſei - nen Stuhl erſtaunend viel einbildet, legte das Billet mit dem Titel erſt lange hin, ich erinnerte ihn, bat ihn mit aller moͤglichen Hoͤflichkeit, erbot mich ſelber die Num - mer im Katalog unter S. aufzuſuchen, aber vergebens. Er ſchickte Buͤcher weg, lies hohlen, ich wartete uͤber ¾. Stunden, und bekam nichts. Wie ich ihn noch ein - mahl bat, ſo that er, als wenn ers dem Bedienten geſagt haͤtte, und die Schuld an dieſem laͤge. Ich fragte den Bedienten, der war, wie ſein Herr, grob, unhoͤflich, da nahm ich Stock und Hut und ging fort, weil mir die Zeit zu lieb war, ſie bei dieſen hoͤflichen Franzoſen zu ver - lieren. Viele Leute waren nicht da, kaum uͤber 7. ſaſſen und excerpirten. Der Abbe’ Deſaunays iſt ſchon bekannt, daß er den Fremden das zweite und drittemahl ſo begegnet. Hr. Hisgerto, und andern von meinem Fach wars nicht beſſer ergangen. Das Maͤnnchen hat einen Egoiſmus groͤſſer als es ſelber iſt, und die Bedien - ten wiſſen entweder ſeine Maximen ſchon, oder er kan ſie ſelber nicht in der Subordination erhalten. Manſieht181ſieht daraus, daß nicht alles uͤberall wahr iſt, was man von der Lebensart der Franzoſen erzaͤhlt. Es gibt, — und nicht nur unterm menu peuple, — ſo viele Grobe unter ihnen, als in Teutſchland. Ueberhaupt iſt erſtaunlich viel Schimmer, Windbeutelei und Prale - rei in allen Dingen der Franzoſen. Bei jedem Schritt findet man an allen Bretern angeſchmiert; De par le Roi, Magaſin des Souliers, des Bourſes, des Chevaux etc. Das Wort Bureau brauchen ſie be - ſtaͤndig, da heiſts: Bureau de l’encre, Bureau, òu on ecrit, — und das iſt ein hoͤlzerner Kaſten auf der Straſſe, worin oft eine Frau, wenns hoch koͤmmt, ein ſteifgewordener Tanzmeiſter, ein alter Schneider, ein halbblinder Peruckenmacher ſizt, der ſelber nicht ſchrei - ben kan. Weil man mir hier ſo uͤbel begegnet hatte; ſo ging ich von dort weg und beſah
Le Cabinet des Manuſcrits du Roi. Der Garde dieſer Samlung, Mr. Bejot, ein ſchon bejahrter, wuͤrdiger Mann, war in ſeinem Zimmer, und wurde im - mer hoͤflicher, je laͤnger ich mit ihm ſprach. Er ging zwar heute nicht hin, hies mich aber, als ich ihm die immer viel geltende Empfehlung von Herrn D’Auben - ton uͤberreichte, nur ſeinen Namen nennen, und fordern, was ich wollte. Ich fand dieſe erſtaunend zahlreiche Sammlung, deren Wichtigkeit Europa laͤngſt kennt, uͤber dem Kupferſtichkabinet in etlichen langen Saͤlen, und traf einen jungen Mann an, der auſſerordentlich gefaͤllig war, mich uͤberall herumfuͤhrte, und mir zuletzt den ge - druckten Katalog vorlegte. Es ſind 4. ſtarke Folianten, der 1te enthaͤlt die Orientaliſchen, der 2te und 3te die La - teiniſchen, und der 4te die Griechiſchen Handſchriften. M 3Man182Man muͤſte ganze Jahre haben, wenn man alles durchſe - hen wollte. Ich lies mir aus allen Faͤchern welche zei - gen, und zwar: I) Aus den Griechiſchen, N. 2712. Codex Membranaceus, nondum collatus, ausm 13. Jahrh. wo Ariſtoph. Eurip. und Sophoc. enthal - ten waren. Das Pergament iſt dick, aber nicht ſchoͤn. Deſto beſſer iſt die Schwaͤrze, deren Dauerhaftigkeit man bewundern muß. Zwiſchen dem Texte und am Rande waren Noten mit einer rothen Dinte. Es war meiſt leicht zu leſen, doch kamen viele Abbreviaturen vor. II) N. XVII. Codex membran. vom Alt. Teſt. Montfaucon in ſ. Palaeogr Libr. III. p. 186. ſagt von ihm; er ſei der aͤlteſte, den wir haben. Er iſt ganz caractere quadrato geſchrieben. Ich konnte auch uͤberall darin leſen. Es war eine Verſion von den LXX. Ich ſah auch noch einen wuͤrklich hebraͤiſchen Codex in kl. Fol. Vermuthlich iſt er am Ende des 10ten oder am Anfang des 11ten Jahrh. geſchrieben. So was herrliches gibts wohl in Sachen von der Art nicht viel mehr in der Welt. Er iſt auf Pergament, und ſo ſchoͤn geſchrieben, daß man glauben ſollte, er ſei gedruckt, die Karaktere ſind gar ſchoͤn, und in einer vortreflichen Proportion. Man vermuthet mit Recht, daß er fuͤr rei - che Juden, fuͤr einen Mann vom erſten Range geſchrie - ben worden, vermuthlich fuͤr den Rabbi Samuel Levi, der damahls das Haupt der Nation und geheimer (nach einer beiliegenden Nachricht) Staatsſekretaͤr beim Koͤnige von Granada war. Die Genauigkeit des Kopiſten ging ſo weit, daß die kleinen Punkte und Accente mit einer viel ſchwaͤrzern Dinte geſchrieben ſind, als die an - dern Karaktere, damit man ſich im Leſen mit dem Text nicht confundire. Scheint es nicht, daß ſich der richtigeGedanke,183Gedanke, daß die Punkte und Vocalen nicht zur Spra - che gehoͤren, laͤnger ſelbſt unter den Juden erhalten habe, als ein großer Theil unſrer Orientaliſten gemeiniglich glaubt? Die kleine Maſora iſt blos an den Rand, aber ſchoͤn geſchrieben, die groſſe ſteht oben und unten auf jedem Blatte. Vorne ſind koſtbare Malereien; wo ein ander Buch anfaͤngt, da iſt ein bloſſer Abſatz ohne Aufſchrift. Doch bemerkte ich, daß nicht bei allen Buͤchern der Na - me oben geſchrieben iſt, und im Buch der Richter fand ich einige Blaͤtter, wo Jehoſhua, andre wo Scho - phetim, andre wo wieder kein Name ſtand, da hat al - ſo die Genauigkeit des Abſchreibers ein wenig nachgelaſ - ſen. Ich moͤchte wohl wiſſen, wie viel Jahre man da - mahls brauchte, um ſo was Schoͤnes zu ſchreiben? III) Aus den Lateiniſchen. 1) Plinii Hiſt. Nat. aus dem 15. Jahrh. gar ſchoͤn auf Pergament. Der In - halt des Kapitels iſt allemahl mit rother Dinte beige - ſchrieben, und die Anfangsbuchſtaben ſtehen uͤber die Li - nie herausgeruͤckt mit Gold oder andern Farben am Ran - de. Der erſte Buchſtabe von jedem Buche iſt gemahlt. Eine Menge Abbreviaturen ſind darin, man verſteht ſie aber gleich; die großen S. am Ende der Woͤrter ſehen wie die Zahl 5. aus, das verſtellt manches Wort. Vor - ne ſind die beiden Briefe des juͤngern Plinius an den Marcus und Tacitus, und das Leben des Naturfor - ſchers ex Tranquilli (Suetonii ſteht nicht dabei) ca - talogo virorum illuſtrium. Dieſe iſt kurz, enthaͤlt aber die Nachricht, der groſſe Mann habe im Dampf (deficiente aeſtu) ſeinen Sklaven gebeten, nach dem Geruͤcht das damals ging (ut necem ſibi maturaret. ) — 2) Plin. Hiſt. Nat. aus dem 9ten Jahrh. da war ich ſehr begierig. Allein dieſer Codex war gradeM 4ausge -184ausgeliehen, wie man ſagte; man gab mir aber den, der gleich im Katalog darauf folgt, und nicht viel juͤnger iſt, nehmlich aus dem 11ten Jahrh. Es iſt aber nur ein Stuͤck vom L. 14. L. 24. auch auf Pergament, ſehr leſerlich, aber oft enger, oft weiter geſchrieben. In eini - gen Blaͤttern ſind ſchadhafte Stellen, runde Loͤcher. Man muß uͤber die Schwaͤrze, die das Buch jetzt noch hat, billig erſtaunen. IV) Malabariſche und viele arabiſche Handſchriften in blauen Papp-Kaſten auf Baumblaͤttern und Rinden. Von dieſen viele ſchoͤne Korane, Cod. bombycini zum Theil ꝛc.
L’Ouvrage des Tapiſſeries aux Gobelins. Um dieſe ſo vortrefliche Arbeit machen zu ſehen, ging ich heute dahinaus, und ſah in langen Stuben erſt
a) Haute-lice machen. Es ſind Maͤnner und Weiber, welche arbeiten. Die ganze Sache hat viel Aehnliches mit dem Weberſtuhl, und mit dem Kloͤppel - kuͤſſen der Frauenzimmer bei uns. Das Deſſein wird ihnen nur auf Wachstuch gemahlt hingegeben, der Kerl ſitzt zwiſchen 2. Maſchinen; von deren vordern Balken gehen eine Menge wollne Faͤden herab, die ſind ſtraff an - geſpannt; und unten, ſo wie ein Stuͤck gewuͤrkt iſt, rollt man’s auf eine Welle auf. Dieſe Faͤden ſind gleichſam der Zeddel auf der aͤuſſern Seite, nicht da, wo der Arbei - ter ſitzt, iſt das Bild blos mit einer Kohle ſchlecht vorge - riſſen. Nun ſitzt er hinten und hat eine Menge hoͤlzer - ner Spulen, auf denen Wolle oder Faden von Seide von allen moͤglichen Farben aufgewickelt ſind, neben ſich, knuͤpft von denen an, welche und ſo viel, als er braucht, und wirft ſie nun eben ſo untereinander, wie das Kloͤppel - maͤdchen ihre kleine Kloͤppel am Kloͤppelkuͤſſen. Er ziehtden185den Faden, bald den, bald jenen, zwiſchen den herabge - henden Faͤden, bald da bald dort durch; das iſt gleich - ſam der Eintrag, oder ſo entſtehen Maſchen, die er alle nach den durchſcheinenden ſchwarzen Strichen macht, und ordnet. Auf das hinter ihm haͤngende Bild ſieht er nur, wenn er die rechte Nuͤance der Farbe waͤhlen will. Die Maſchen druͤckt er mit dem vorne zugeſpitzten Ende des Kloͤppels feſt aneinander. Einige haben auch dop - pelte Kaͤmme von Bein ꝛc. Ich ſah an einem Pfauen - ſchweif arbeiten, an einem Kopf, an Blumen ꝛc. es geht geſchwind, bis aber ein kenntbares Ganzes herauskomt, waͤhrts doch lange. Damit ſich das Stuͤck unter der Ar - beit nicht beſchmutze, oder ſchwaͤrze; ſo wird gleich uͤber ein Geſicht ꝛc. ein Lappen Zeug angeheftet, der herabfaͤllt, und es bedeckt, wenn weiter hinauf die Hand des Arbei - ters beſtaͤndig darauf herumfaͤhrt. Ich hatte Stuͤcke von Goldfaͤden geſehen, und fragte auch darnach, wie ich die halbſeidne Arbeit ſah: On ne fait pas encore cela, ſagte man, ça coute trop, et ſe noircit. Die Farben mit der Seide ſind eben ſo ſchoͤn. Ich fragte nach dem Preis, man ſagte: die Quadratelle von Wolle und Seidentapeten koſte 500. Livres. Der Koͤnig macht Geſchenke damit. Die Koͤnigin hat dem Kaiſer alle Stuͤcke geſchenkt ꝛc.
b) Baſſe-Lice. Ich ſah das noch fuͤr weit kuͤnſt - licher an, wenn ich gleich wenig davon ſagen kan. Da iſt gar keine Maſchine, kein Stuhl, ſondern nur aufge - ſpannte Rahmen in gewoͤhnlichen Tiſchen, daran die Faͤ - den feſt ſind. Das Gemaͤlde liegt unter dem werdenden Stuͤcke. Der Kerl legt ſich uͤber den Tiſch hin; es ſcheint ihm durch. Alle Kloͤppel hat er vor ſich, wirftM 5ſie186ſie untereinander, ſchaft dadurch das Stuͤck, wiewohl das, was man ſieht, was er unter den Haͤnden hat, die untre falſche Seite iſt, wo eine Menge Reſte von Faͤden anhaͤngen. Man wundert ſich, wie ſo ſchoͤne Stuͤcke ſo ſimpel entſtehen koͤnnen. Von da beſucht’ ich
Le Chateau Royal de Bicêtre. Es liegt eine kleine halbe Stunde vor der Stadt uͤber den kleinen Bou - levard, — einem ſchoͤnen Spaziergange, wo nicht immer ein Denken - und Fuͤhlen-verſcheuchendes Getoͤſe, wie auf den groſſen iſt. — Durch ſchoͤne Fruchtfelder und bei einer Menge Windmuͤhlen vorbei, koͤmmt man an dieſes Gebaͤude, das Narren-Zucht - und Arbeits - haus zugleich iſt. Es iſt helle, geraͤumig, und hat ſchoͤne breite Gaͤnge, einen gepflaſterten mit Hallen einge - faßten Hof, eine eigne groſſe Kirche, eine Kapelle, ein unterirdiſches Gefaͤngnis ꝛc. Beim Eingang iſt erſt kuͤrzlich ein eignes Gebaͤude erbauet worden, fuͤr die von der geilen Seuche angeſteckte Weibsperſonen, und es iſt beſtaͤndig mit Perſonen von dieſem Schrot und Korn an - gefuͤllt. Auf der einen Seite findet man Penſionaͤrs, ein ganzes Haus durch alle Stockwerke voll; dies ſind mauvais ſujets, oft aus den vornehmſten Familien, die zur Strafe hierher gethan werden. Die ſittenloſen Kerle ſchreien und raſen den ganzen Tag, ſonderlich ſo - bald ſie Fremde ſehen: ſie wetten mit einander, wie viel es ſeyn, ob einer werde da bleiben muͤſſen, rufen einander uͤber die Daͤcher zu, haben Spiegel, und blenden einan - der; es iſt ein Geſchrei, daß man ſich unten ſelbſt nicht mehr verſteht. Sie ſingen und pfeiffen ihre Lieblingslie - der, und die Aufſeher erlauben ihnen das alles, weil ſie ſonſt keinen Troſt, keine Zerſtreuung haben, und die Zucht -meiſter187meiſter ſonſt beſtaͤndig pruͤgeln muͤſten. Da ſieht man recht, daß Strafen die Unmenſchen nicht beſſer machen! Aber es waͤre auch eine Aufgabe fuͤr unſre Staatskluͤgler, Mittel auszudenken, wodurch man ſolche verderbte Juͤng - linge auf eine nuͤtzliche Art beſchaͤftigen koͤnnte. Denn ſo wie der Muͤßiggang der erſte Anfang ihrer Thorheiten war, ſo werden ſie hier durch eine ewige Unthaͤtigkeit vol - lends verdorben. Die Leidenſchaften ſchweigen nicht, die boͤſen Fertigkeiten bekommen keine andre Richtung, und die rege, und durch den Mangel noch mehr erhitzte, Phanta - ſie zeigt ihnen beſtaͤndig in ihrem Zauberſpiegel die taͤu - ſchenden Freuden, die ſie gemißbraucht haben. Man findet auch viele Kruͤppel, Lahme, Arme ꝛc. viele Ver - brecher, welche die Polizei hierher geſchickt hat. In der andern Haͤlfte des Hofs ſieht man hinter etlichen Thuͤren eine Menge Narren und Verruͤckte, die ſo klaͤglich unter einander laufen, ſchreien, lachen, ſich beſchmutzen ꝛc. daß mans ohne Mitleiden nicht anſehen kan! Gott im Him - mel! von wie vielen Scenen des menſchlichen Elends am Leib und an der Seele war ich in dieſem einzigen Gebaͤude Zeuge! So lange ein Paris in der Welt iſt, muß es freilich auch ein Bicetre geben: das iſt ein nothwendi - ges Uebel, welches an dieſer Stadt haͤngt. Aber das gefiel mir nicht, daß ſo viele Narren beiſammen in Ei - nem Gemache ſind, und einander noch verwirrter ma - chen. Moͤchte doch einmahl ein Reicher ein anſehnliches Kapital zur Unterhaltung gewiſſer Maͤnner — es muͤſten ja eben nicht Candidati Theologiae ſeyn — ausſetzen, die Pſychologie, Diaͤtetik, Weltkenntniß, Moral und Menſchenliebe ſtudieren, und ſich ſodann dem ſchweren, aber gewiß Verdienſtvollen Geſchaͤft widmen wollten, an Verruͤkten einen Verſuch zu machen, ob ſie nicht durcheinen188einen beſtaͤndigen Umgang mit dieſen Ungluͤcklichen, durch geduldiges und ernſthaftes Anhoͤren und Beantwor - ten ihrer Zweifel, Grillen, Fragen, durch vaͤterliche Ruͤckſicht auf alle ihre Beduͤrfniſſe und Aengſtlichkeiten, zuweilen auch durch ſorgfaͤltige Vermeidung der Einſam - keit hier und da einen Halbvernuͤnftigen wieder zum nuͤtz - lichen Gliede der menſchlichen Geſellſchaft umſchaffen koͤnn - ten. Herkuliſche Arbeit waͤrs freilich, mit ſolchen Leuten umzugehen, aber, nach einigen Erfahrungen zu urtheilen, duͤrfte mein Vorſchlag nicht ohne fruchtbaren Erfolg ſeyn. Kan mans ohne Jammer anſehen, wie einige, wie Ty - ger, in die Kette beiſſen, die ſie druͤckt, wie andre ſtill ſi - tzen, in ſich ſelbſt zuruͤckgezogen und jammern, im Kum - mer verſinken wollen ꝛc. Freilich iſts nur eine ein - gebildete Laſt, die ſie druͤckt, aber doch muß ſie den Elenden unſaͤglich ſchwer auf dem Herzen liegen. Zum Theil lernen die Zuͤchtlinge feine Stroharbeiten ma - chen, die ſie den Fremden am Fenſter verkaufen, Buͤch - ſen, Flacons, Doſen mit Silber und Gold, Arbeiten, die 30. 40. Sous werth ſind, und in der Stadt theurer verkauft werden. Man wies mir in der Kapelle ein Ge - maͤlde, das einer von den Gefangnen gemacht hat. Der vorige Dauphin liegt krank im Bett, die Biſchoͤffe ſtehen ſchon mit den Kerzen vor ſeinen Lager, und ſich mahlte der arme Kerl ſelber zu den Fuͤſſen des Dauphins hin auf den Knien um Gnade flehend, die Feſſeln haͤngen ihm am Fuſſe. Es iſt recht artig gemacht, der Burſche ſtarb aber 6. Wochen, nachdem es fertig war. Jetzt waren 4500. Menſchen hier. Ihre Uniform iſt ein ſchmutzig - graues Kleid. Es liegen alte Soldaten zur Wache da - rin. Eine der groͤſten Merkwuͤrdigkeiten iſt der Brun - nen. Es iſt Quellwaſſer, und hat eine erſchreckliche Tie -fe,189fe, uͤber 100. T[o]iſen. Hineingeſchuͤttetes Waſſer fiel erſt nach einer halben Minute hinab; 4. Pferde darneben trei - ben Tag und Nacht die Maſchine; ſie iſt ſo eingerichtet, daß, indem an den Ketten ein Eimer heraufkoͤmmt, ſich der andre unten anfuͤllt. Die Eimer ſind gros, und ha - ben im Boden 3. ausgeſchnittene Kegel, wie an den Pum - pen, das Waſſer ſtoͤßt dieſe auf, dringt hinein und ſtoͤßt ſie ſelber zu. Koͤmmt der Eimer zum Behaͤltnis herauf, ſo faßt ihn ein groſſer eiſerner Haken, hebt ihn ganz in die Hoͤhe, daß alles bis auf den letzten Tropfen heraus - faͤllt. Das iſt eine herrliche Einrichtung. Das Be - haͤltnis iſt ein wahrer See, in einem praͤchtigen wieder - hallenden Gewoͤlbe, worin aber das Waſſer ganz gruͤn ausſieht. Aus dieſem flieſt es unten durch eine Roͤhre ins Haus, und vertheilt ſich nach allen Gegenden des Schloſ - ſes, ſo daß es nirgends darf hingetragen werden. Die - ſe Einrichtung gefiel mir ungemein, auch wegen der vie - len Boͤſewichter und Narren ꝛc. Tiefe, Maas, und alle Zahlen von dem Brunnen ſind auf einem gedruck - ten Zettel, den ich aber von dem Kerl zu fordern unter dem wilden Geſchrei der Koſtgaͤnger vergas.
Le Cabinet des Medailles du Roi. In eben dem Gebaͤude, wo Buͤcher, Handſchriften und Kupfer - ſtiche ſind, ſteht auch in einem groſſen Saal dieſe koſtba - re Sammlung. Der jetzige Garde, der Abbe’ Barthe - lemy, iſt ein ſehr belebter, hoͤflicher Mann, der mich auf meines lieben D’Aubenton’s vielgeltende Empfeh - lung allein zu ſeinen Muͤnzen fuͤhrte. Sie ſtanden in 5. 6. gelb angeſtrichnen Kaͤſten, die auf Tiſchen ſtehen,die190die inwendig eine Menge Faͤcher und Bretchen hatten. In dieſen waren runde Loͤcher, darin lag der Zettel, und auf jedem die Muͤnze. Weil ich ſchon roͤmiſche Silber - muͤnzen genug geſehen hatte, ſo gingen wir daran faſt ganz vorbei. Das Wichtigſte von dem, was ich geſehen, war I) Goldne Muͤnzen; ganze Suiten von Kaiſern, vom Jul. Caͤſar an bis ins 4te Jahrh. Man ſieht ſehr deutlich an den Stempeln, wie die Kunſt bald ge - ſtiegen, bald geſunken iſt. Auch vom Lepidus, Pom - pejus, Brutus, ſind welche da. Auf der rechten Sei - te ſind meiſt Koͤpfe, auf der Kehrſeite Tempel, Goͤttin - nen, Opferthiere, Kronen ꝛc. Ich fand a) vom Au - guſt eine Muͤnze auf die Erobrung von Egypten. Die - ſes Land iſt durch ein Crocodil vorgeſtellt. b) Von eben demſelben eine andre, worauf ein Krebs einen Schmet - terling mit den Scheeren faßt, daß er nicht mehr fort - fliegen kan, weil der Wahlſpruch des Kaiſers war: Fe - ſtina lente. c) vom Nero, eine mit geſchloſſenem Janustempel. d) Von der Domitilla, Veſpa - ſian’s Gemahlin. e) Veſpaſian und Domitilla, nebeneinander. *)Wo 2. Koͤpfe ſind, da ſind ſie entweder gegen einan - der gekehrt, oder ſie ſehen hinter und nebeneinander vor.f) Von der Julia, des Titus Tochter. g) Von der Domitia, Domitian’s Ge - mahlin, und auf dem Revers ein kleines Kind zwiſchen Sternen, das fruͤh ſtarb. h) Adrian mit den Um - ſchriften von den Provinzen, wo er oft war, Aſien, Afri - ka. i) Vom Trajan und ſeiner Gemahlin Plotina. k) Mark. Aurel. Anton. ein ſchoͤnes Geſicht, das Geſicht eines großen Mannes, dem ich von Herzen gutbin.191bin. Es iſt eine Muͤnze von ihm da, nach ſeinem Tode, worauf Div. Marc. Aur. Ant. ſteht; auf der andern Seite iſt der Rogus, wo ſeine depouille mortelle verbrannt wurde. Auguſtin, der Vater des ſchreckli - chen Satzes, ſplendida peccata, haͤtt’ ihm wohl dieſe Muͤnze nicht ſchlagen laſſen. — Dieſe Muͤnzen ſind alle nicht voͤllig ſo gros, wie unſre Dukaten; etwa ſo wie ein Goldgulden, aber viel dicker und ſchwerer. Es ſind aber auch gar viele kleine halbe da, die nannte Barthe - lemy Guine’en und dieſe waren gar niedlich. II) Von Griechiſchen Kaiſern aus Konſtantinopel. Zwar auch goldne Muͤnzen, aber viel ſchlechter; mit grober Zeichnung, ſelbſt vom Michael, von den Leonen ꝛc. III) Medaillen von Roͤmiſchen Kaiſern, die ſie zum Austheilen ſchlagen lieſſen, gros und herrlich; man wuͤrde viele von den unſrigen kaum unterſcheiden koͤnnen. Viele ſind mit der Goͤttin der Freiheit geziert. Vom Juſtinian iſt eine da, die eine kleine Platte vorſtellt, gar ſchwer. IV) Griechiſche Muͤnzen, von Silber, aber ſchlecht gearbeitet, und dick, plump; a) die von Athen haben die Minerva oder Pallas auf der einen, und eine Eule, — Noctuam Athenas — auf der andern Seite. b) Die vom Philipp ſind um vieles ſchlechter, als die von Alexander dem Gr. V) Juͤ - diſche Muͤnzen, von Jonathan, vom loͤblichen Fuͤrſt Simeon, von den Heroden ꝛc. VI) Eine egypti - ſche Muͤnze, die man unter der Zunge einer Mumie ge - funden hat. Sie iſt von Gold, hat eine elliptiſche Ge - ſtalt, mit Seitenſtrichen, ohne alle Karaktere, ſtellt ein Goldblech vor, iſt aus den aͤlteſten Zeiten der Gelderfin - dung; die Zeichnung ſieht aus, wie die Saamenreihen auf dem Filix polypod. mas L. Sie iſt etwa ſo dickwie192wie duͤnn geſchlagenes Blech, laͤßt ſich aber doch nicht ſonderlich biegen. Wenn Charon lauter ſolche Obo - los bekam; ſo haͤtt’ er ſich ſchon lange einen neuen Rock und ein neues Schifchen anſchaffen koͤnnen. So ganz Unrecht haben alſo die Tuͤrken doch nicht, daß ſie keine Mumien mehr noch Europa laſſen wollen, weil dieſe oft Geld bei ſich haben ſollen. VII) Goldne Franzoͤſi - ſche Medaillen. Von Henri IV. mit ſeiner Ge - mahlin von Medicis; damals trugen noch alle Manns - leute ihren Bart. Vom Kardinal Richelien, deſſen Kopfputz etwa ſo ausſieht, wie jetzt ein ſtark abgeſchabter Bauerhut. Von Ludwig dem 1[4]ten hat man 318. Muͤnzen, viele von Gold und erſtaunlich gros, aber die groͤſte iſt hohl; ſeine Vermaͤhlung mit der Anne d’ Au - triche; ſeine Einnahme von Duͤnkirchen; der Ein - zug der Koͤnigin in Paris, wo ein Genius Kutſcher iſt, und ſie mit dem Scepter da ſitzt; die Geburt des Dau - phins, wo alle Zeichen des Thierkreiſes ausgedrukt ſind; eine goldne Muͤnze daruͤber, wie Louis XIV. einmahl in Verſailles ſeine Musquetiers kommandirte. Man denke nur, wie unerhoͤrt, wie hoͤchſt wichtig dieſe an ſich unbedeutende Sache fuͤr die Franzmaͤnner war! — Gleich muſte eine Muͤnze drauf geſchlagen werden, da - mit ja die Welt nicht um das Andenken der unſterblichen That kaͤme! Als ich dieſe und andre Vergoͤtterungen die - ſes Koͤnigs ſah, deſſen ſchreckliche Heere die Pfalz und mein Vaterland ſo jaͤmmerlich verheerten, — da er - wachte allemahl deutſcher Sinn, deutſches Gefuͤhl in mir. — Ueberall und auch uͤber dieſem Schranke haͤngt ſein Bildnis. Eine Muͤnze ſah ich noch von der Anne d’ Autriche, wo Val de Grace darauf ſteht ꝛc. VIII) Eine falſche Muͤnze, aus den Zeiten der Roͤmer, diedamals193damals ſchon gemacht ward. Ein Beweis, daß die Welt nicht alle Tage ſchlimmer wird. Es iſt vergoldete Bronze, an einer Seite angebrochen ꝛc. Als wir eben die paͤbſtlichen Muͤnzen, nach denen ich gefragt hatte, nachſehen wolten, ward mein gefaͤlliger Abbe’ abgerufen. Er muſte fortgehen, und ſo verlor ich dieſe Gelegenheit. Ich ging hierauf zum
Cabinet d’Eſtampes du Roi zuruͤck, und fuhr da fort, (S. d. 6. Jun.) die vornehmſten Werke jeder Nation durchzuſehen; forderte alſo IV) von den Teut - ſchen, Albert Duͤrers und Rubens Werke. Des lez - tern Kupferſtiche nach ſeinen Malereien fuͤllen 5. groſſe Folianten. Ich bewunderte eine Menge herrlicher Blaͤt - ter, doch hat er ſehr viel katholiſche Sujets behandelt. V) Von den Engellaͤndern wolt’ ich L’Oeuvre de Hogarth ſehen, aber Mr. Joly geſtand, daß ers ſelber noch nicht habe. VI) Les Animaux en Migniatu - re, illuminirt, auf halben Bogen von Pergament. Die meiſten ſind von Aubriet und von der Dem. Baſſepor - te, die Kunſt iſt herrlich, die Natur iſt aber nicht uͤber - all treu nachgeahmt; es ſind vierfuͤſſige Thiere, Voͤgel, Eidechſen, Schlangen, Inſekten und Conchylien vorge - ſtellt. Man ergoͤtzt das Auge, man lockt alle Leute mit dieſen Folianten zu ſich, aber man lernt nichts. Die Namen ſind entſetzlich verdorben und aͤuſſerſt falſch ge - waͤhlt, ſonderlich die lateiniſchen. Von der Dem. Baſ - ſeporte war ein groſſer Bezoar gemahlt, alle Nuͤancen ſind darin ausgedruͤckt. Er ſieht wie eine Erdkugel, wie eine Landcharte von weitem aus. Ich beſah hier - auf
Le Mauſolée de Guill. Franç. Joly de Fleu - ry. Das iſt, was mir unter allen Grabmaͤhlern undNverbli -194verblichenen Gemaͤlden in der Kirche St. André des Arts am beſten gefallen hat. Eine Inſchrift auf einem weiſſen, ſchwarz bandirten Marmor, in welcher unter andern die ſchoͤnen Worte vorkommen: Avitae tenui - tatis aemulator ſeverus, — laborem aſſiduum prece interpungebat. Oben liegt eine weibliche Fi - gur mit geſchloſſenen Augen und mit dem Kopfe unter der linken Hand, in Traurigkeit verſunken. Seine Frau und Kinder habens ihm ſetzen laſſen. Mein letztes Ge - ſchaͤft von heute war, daß ich noch
Le Diſcours botanique de Mr. Juſſieu abwar - tete. Dieſe erſte Sommer-Vorleſung geſchah im Am - phitheater. Dies iſt ein elendes Auditorium, ein Platz, wo viele chymiſche Gefaͤſſe ſtanden, weil Macquer ſeine Chymie auch darin lieſt. Der Lehrer hatte ein ſchlechtes hoͤlzernes Tiſchchen und ſo einen elenden Stuhl, wie kaum bei uns in einer Dorfſchule der Schulmeiſter hat. In halben Zirkeln um ihn herum war Platz genug fuͤr die Zu - hoͤrer, aber enge, gefaͤhrliche Treppen, 6 kleine Fenſter, kleine Pulte, uͤberhaupt alles ſehr eng ꝛc. Um 4. Uhr ſollte die Vorleſung angehen und um 5. Uhr auf hoͤren, aber Juſſieu kam erſt um halb 5. und las dann fort bis 6. Uhr. So iſt alles in Paris, nichts geſchieht zu rechter Zeit und in der Ordnung. Darunter leidet der Fremde, dem die Zeit koſtbar iſt, gewaltig. Die Thuͤ - re ward erſt um 4. geoͤfnet, und dann wurden innen und auſſen Wachen geſtellt. Man empfing die Frauenzim - mer, die auch herein kamen, mit einem hoͤhniſchen Ge - klatſche. Das haͤtt’ ich in Paris nicht erwartet! — Einige verdroß es, andre aber klatſchten mit. Es ka - men Leute aller Art, eine Menge Abbe’s, Chymiſten,Wund -195Wundaͤrzte, Mediciner ꝛc. aber von Stande ſah ich kei - nen. Die Wache ging vor dem Profeſſor her, wie er kam, und das Auditorium empfing ihn, — wie den Akteur in der Komoͤdie, — mit Haͤndeklatſchen, man klaſchte auch, wie er aufhoͤrte zu ſprechen. Juſſieu hatte einen Kirchenrock an, mit einem Handbreiten Kra - gen, und trug auf der linken Schulter einen langen Strei - fen rothgeſticktes Tuch mit weiſſen Spitzen und Quaſten am Ende. — Vermuthlich eine alte Univerſitaͤtstracht, welche die ſonſt ſo modiſche Nation beibehalten hat. Er las uͤber die Phyſiologie der Pflanzen, und uͤber das Sy - ſtem in der Botanik. Schoͤnes, flieſſendes, uͤberall verſtaͤndliches, leichtes Franzoͤſiſch ſprach er, ſaß aber hinter ſeinem mit Blumen bedeckten Tiſch ohne Bewe - gung, als zuweilen mit dem Kopfe, hatte ſeinen auch alt - modiſchen Fakultaͤtshut in der Hand, las viel aus dem Hefte, und wenn er auch eine Pflanze in die Haͤnde nahm, ſo ſahen wir in den vorderſten Reihen ſie wohl, aber die hintern nicht. Die Demonſtratores ſaſſen ne - ben ihm. Erſt behauptete er: zur Botanik gehoͤre auch die Kenntnis der Kraͤfte der Pflanzen, man muͤſſe dies nicht trennen, und zur Medicin rechnen. Dann kam er auf die Begriffe von Mineral — Vegetal — Animal. — Die Mineralien koͤnnten, ſagte er, nur zeugen, wenn man ſie ganz zerlegte. Pflanzen und Thiere hingegen blieben ganz, und gaͤben bei der Fort - pflanzung nur einen kleinen Theil von ſich. Hier lief auch eine kleine Unrichtigkeit mit ein. Weil den Mi - neralien, meinte er, gewiſſe Organen, naͤmlich die Ner - ven fehlten, ſo haͤtten ſie weder Reizbarkeit, (Irrita - bilité,) noch Empfindlichkeit (Senſibilité). Als wenn Haller nicht bewieſen haͤtte, daß der Sitz der Reiz -N 2barkeit196barkeit nicht in den Nerven, ſondern daß ſeine Irritabi - litaͤt eine Eigenſchaft der Faſer iſt und daß ein Theil reiz - bar und doch nicht empfindlich, und ein andrer empfind - lich und doch nicht reizbar ſeyn kan! — Bei den Thei - len der Pflanze unterſchied er nur das Mark, das Holz und die Rinde, den Splint (aubier) vergas er. Bei der Rinde machte er die Anmerkung, dies waͤre der einzi - ge Theil an der Pflanze, der auf der einen Seite immer trocken ſei, weil er beſtaͤndig der Luft ausgeſetzt ſei. — Das war das einzige Neue, was ich gehoͤrt habe; und doch ſcheints mir nicht allgemein wahr zu ſeyn. Die Pflanzen, die viel Druͤſen und Haͤrchen haben, ſind auch oft auſſen feucht. Wo der Blumenkelch fehle, ſei al - lemahl etwas anders da, z. B. Gluma, Spatha, oder ſonſt ſo was: — aber bei der Tuipe und dem Maibluͤm - chen erinnere ich mich wenigſtens nicht, je was anders geſehen zu haben. Bei den Blaͤttern erzaͤhlte er Bon - net’s Verſuche von den pores abſorbans à ſurface inferieure und pores exhalans à ſurface ſupe - rieure. Er nahm eine Art von Kreislauf bei den Pflan - zen an, aber ob’s eben derſelbige Saft, qui monte et qui deſcend, und ob’s in denſelben, oder in verſchiede - nen Gefaͤſſen geſchehe, das habe noch nicht ausgemacht werden koͤnnen. Von den vielen deutſchen und engliſchen Verſuchen, die das Gegentheil auſſer allen Zweifel ſetzen, wuſte er alſo nichts. Er ſprach auch uͤber die Geſchwin - digkeit, womit der Saft ſteigt,*)In dem Garten an meinem Hauſe iſt im Sommer 1779. eine Sonnenblume in 4. Tagen eine Spanne lang gewachſen. entſchied aber nicht, ob’s durch innere Attraktion oder Cohaͤſion, oder durchaͤuſſern197aͤuſſern Druck geſchehe. Dann ſprach er von der Ver - ſchiedenheit aller dieſer Theile, wobei er aber die lateini - ſchen Woͤrter aus der Philoſ. botan. L. zum Lachen elend ausſprach. Dann kam er auf das Syſtem, und gab Buffon die Ehre, daß er zuerſt den Begrif, daß eine Species eine fortdauernde Reihe von Etres, qui ſe produiſent, ſei, erfunden haͤtte: wieder ein Beweis von der Franzoſen Unbekanntſchaft mit der Litteratur der Auslaͤnder. Von da, — denn viele Ordnung hatte er nicht, — ſprang er wieder zuruͤck auf die Verrichtungen der Pflanzen, verglich die Entſtehungsart der Saamen - kerne und der Keime mit dem Ei und ſeinen Beſtandthei - len, und bemerkte uͤberhaupt, daß die Abnahme aller or - ganiſirten und lebendigen Weſen vom Uebergewicht der feſten Theile entſtehe. In der Geſchichte der Entdeckung des doppelten Geſchlechts im Pflanzenreich nannte er mit Recht Camerarius, Vaillant, Linne’. Von Tour - nefort geſtand er aufrichtig, daß er die Etamines nur fuͤr tuyaux excretoires de l’humeur abundante gehalten habe, und aller Theile der Bluͤte wahren Nu - tzen nicht gekannt habe. Er erzaͤhlte weitlaͤuftig alle Klaſſen und Abſchnitte in Tournefort’s Syſtem, — und nachher eben ſo alle Klaſſen im Linne’iſchen. Den Vortheil, den ich bei meinem Unterricht wichtig und un - ſchaͤtzbar finde und vom großen Puͤtter in Goͤttingen ſo oft empfohlen gehoͤrt und genutzt geſehen habe, den Vortheil, den die Zuhoͤrer davon haben, wenn Einthei - lungen, die bei einer ganzen und beſonders bei einer weit - laͤuftigen Wiſſenſchaft zum Grunde liegen, in eine Ta - belle gebracht und ſo dem Auge zur ſchnellen und deutli - chen Ueberſicht des Ganzen dargeboten werden; — die - ſen Vortheil kennen die franzoͤſiſchen Lehrer nicht. DraufN 3verglich198verglich er beide Syſteme, tadelte die Unbeſtaͤndigkeit an Tournefort, daß er ſelbſt von ſeinem aufgeſtellten Prin - zipium abgewichen ſei, lobte aber, daß er nicht ſo viel wie Linne’ die Namen der Alten verlaſſen haͤtte. Am Linne’ lobte er die Praͤciſion, die ſich gleichbleibende Be - ſtimmtheit, die Feſtſtellung der Trivialnamen, die er auch gegen Haller in Schutz nahm, tadelte aber, daß er ſich zu ſehr vom Ordre naturel entſernt und ſo un - gleiche Pflanzen, nur um ſein Syſtem zu errichten, zu - ſammengeordnet haͤtte, es ſei deswegen inferieur du Syſteme de M. Tournefort &c. Ein Tadel, der ſchon ſo oft beantwortet iſt, und den ich von Juſſieu wahrhaftig nicht erwartet haͤtte. Er nannte z. B. die Pentandria, wo Solanum mit vielen andern ganz ent - fernten Pflanzen in einer Klaſſe ſtuͤnde. Das glaub’ ich, kan man ſagen: Tournefort’s Klaſſe fleurs à fleu - rons, fleurs à demifleurons, und fleurs radiés iſt natuͤrlicher und leichter, als Linne’s Syngeneſie.
Le Tableau de la Madelcine par le Brun, in der vierten Kapelle der Kirche des Carmel. Rue St. Jacq. Fauxbourg St. Jacques. Ein vortrefliches Stuͤck. Sie ſteht nur im Hauskleide da, das rothe Oberkleid haͤngt auf der linken Schulter herrlich gemacht herab, im blauen Unterkleid iſt ſie oben nachlaͤſſig zuge - ſchnuͤrt, die Haare haͤngen vom Kopf herab, und das iſt eben nebſt dem Geſicht das Meiſterſtuͤck davon. Sie ſcheint zu beten, iſt voll Andacht. Das Evangelienbuch vor dem ſie halb kniet, liegt zu ihren Fuͤſſen aufgeſchla - gen, darneben ſind etliche Schaafe, Spindel und Rocken,und199und Hausſchluͤſſel darneben, aber die feinſte Zeichnung, und das waͤrmſte Kolorit.
La Statue du Card. Beroulle ſieht man auch in dieſer Kirche. Sie iſt von weiſſem Alabaſter, kniend mit dem Kardinalshute in der Hand. Falten, Stickereien unten am Gewande, die Kleidung am Hals, die Mine der Andacht, die geſchloſſenen Augen, die Runzeln des Alters im Geſicht; alles iſt herrlich ausgefuͤhrt. Die Figur iſt gegen ein Gemaͤlde von der Mutter Gottes ge - wendet, das auch alle nur moͤgliche Schoͤnheiten enthaͤlt. Nur unten zu ihren Fuͤſſen liegt ein offen Juwelenkaͤſt - chen, mit vielen Kleinodien — das hatte ſie nun wohl nicht. — In einer Kapelle weiter oben in der nehmli - chen Kirche haͤngt auch ein koſtbares Gemaͤlde von Phil. de Champagne. Es ſtellt vor, wie der Engel dem Joſeph im Traume erſcheint.
Le Monument de M. de la Peyronnie. Er war Leibchirurgus des Koͤnigs, und ſtarb 1747. Es be - findet ſich in der Kirche St. Come, Rue des Corde - liers. Im Vorbeigehen kan mans mitnehmen. Sein Kopf ſieht ehrwuͤrdig aus. Die Inſchrift iſt auch nicht zu ſehr panegyriſch. Ich ging drauf wieder ins
Cabinet de l’Hiſt. Nat. du Roi wo ich das Vier - te Zimmer durchzuſehen hatte. Ich beſah daſelbſt
Von hier ging ich und beſah
La Galerie des Tableaux au Palais du Lu - xemburg. Eine unſchaͤtzbare Sammlung von Ge - maͤlden, die alle Mittwoch und Sonnabend von 4. Uhr an, jedem offen ſteht. Man ſieht erſt im Corps de Logis in etlichen Zimmern Gemaͤlde von den groͤſten Meiſtern in Frankreich, die faſt alle ein dunkles Kolorit haben, und daher nicht jedem gefallen. Die Sujets ſind aus der Bibel, aus dem menſchlichen Leben, aus Ludwig des 14. Feldzuͤgen ꝛc. genommen. Alle herrlich, aber nichts reicht an die praͤchtigen 24. Stuͤcke, in denen Ru - bens die Geſchichte der Maria von Medicis, der Ge - malin Heinrich des 4. hinterlaſſen hat. Sie haͤngen im Pavillon rechter Hand, oben in einem langen Saal. Die Sujets dieſer Gemaͤlde ſind in jedem Almanac de Paris angegeben. Mir thaten von vielen Anſchauen end - lich die Augen weh; ich wolt’ immer fort und konnte nicht, kam wieder, fing noch einmahl an, und bewunderte im - mer den groſſen Pinſel des Malers.
Le Jardin Royal. Da meine Arbeit auf dem Koͤnigl. Kabinet der Naturgeſchichte zu Ende ging, und jetzt das Wetter auch etwas beſtaͤndiger, und fuͤr die Bo - tanik guͤnſtiger wurde; ſo fing ich eine andre Beſchaͤfti - gung mit den Pflanzen an. Aber es iſt aͤuſſerſt abmat - tend, 3. — 4. Stunden nach einander mit dem Buche in der Hand in den Sonnenſtralen gebuͤckt ſtehen, und ſehen und vergleichen. Doch die Natur belohnt die, wel - che ſie lieben, und fern vom laͤrmenden Geraͤuſch der Stadt, war’s mir zugleich eine angenehme Erinnerung andie208die ſchoͤnen Tage, die mir ehmals in Goͤttingen in eben ſo bluͤhenden angenehmen Feldern verfloſſen. Die linke Seite des Gartens iſt den eigentlichen Herbis gewidmet, Frutices, Suffrutices, Arbores, ſtehen dort auf der andern Seite, vermuthlich iſt dies noch die Einrichtung von Tournefort oder noch aͤltern Botanikern. Die linke Seite hat 2. Quartiere, die durch breite Wege und Huͤgel abgeſchnitten werden. An der einen Seite ſtehen lauter Wohnhaͤuſer der Gaͤrtner, der Madem. Baſſepor - te u. ſ. w. Es war ein Obergaͤrtner da, Namens Thouain, und viele andre. Das unterſte Quartier gehoͤrt der Cryptogamie, und ſo ſehr ich auf dieſe begierig war, ſo muſt’ ich doch wegen des ſchoͤnen Wetters bei den bluͤhenden anfangen; alſo
Drauf ging ich weiter und beſah
L’Egliſe de grands Auguſtins. Da ſind 4. Gemaͤlde von der Ceremonie, womit die Ritter vom heil. Geiſtorden aufgenommen werden, unter Henr. III. IV. Louis XIII. und XIV. Man ſieht darin den ver - ſchiedenen Geſchmack der Nation in Kleidern. Aber zwei andre Stuͤcke ſind mir noch ſchoͤner vorgekommen, das iſt: 1) Petrus heilet die Kranken, mit der Unter - ſchrift: Umbra ſua ſanans infirmos, von Jouve - net, und 2) Thomas Maͤrtyrertod, das untenOin210in der Kirche neben der Kanzel haͤngt. *)Den Maler hat der Verfaſſer nicht angezeigt. Herausgeber. Wenn ich nur unter ſo vielen Gemaͤlden in Paris auch eins von der Bluthochzeit, von Coligny’s Tode ꝛc. zu ſehen be - kommen koͤnnte! Aber die Nation leidet nicht, daß ein Fremder darnach fragt. Sie decken die Schande zu, ſo viel ſie koͤnnen, und kein Menſch redet davon.
Le Cenotaphe du Comte de Caylus, der 1747. ſtarb. Man findet es in der Kirche St. Germain de l’Auxerrois in der Rue de l’Arbre ſec. In einer Seitenkapelle dieſer Kirche ſteht dies ſehenswuͤrdige Mo - nument. Der verdiente Mann hat es zum Theil ſelber vor ſeinem Tode angegeben. Man ſieht ſeinen Medail - lon in Bronze, wie’s ſcheint, alt, mit Runzeln, aber ehrwuͤrdig. Ueber dem Medaillon haͤngt zu beiden Sei - ten ein Laubzweig herab. Unter dieſem ſteht ein Sarco - phag von altem rothen Porphyr, der praͤchtig und fein, und vortreflich polirt iſt. Unter dieſem iſt ein Unterſatz von ſchwarzem Marmor. Die Inſchrift iſt kurz. Der Graf war Mitglied verſchiedener hieſiger Akademien.
Ein Gemaͤlde auf ſchwarzem Marmor, von le Bruͤn, in eben dieſer Kirche, haͤngt nur einen Schritt davon an einer Saͤule. Ein beſondres Stuͤck, oval. Es ſtellt den Kopf einer ſterbenden Frau, deren Name unten ſteht, vor, iſt vortreflich gemacht und hat eine weiſ - ſe Einfaſſung, die es ungemein hebt. Es ſieht nicht anders aus, als wie die zaͤrteſte ſubtilſte Tuſchirung. Das Auge bricht ſchon, die Muſkeln erſchlappen, alles iſt matt ꝛc.
Le211Le Tombeau de Mr. Pierre Mignard, eines beruͤhmten franzoͤſiſchen Malers. Es ſteht an einer Saͤule, recht im Licht, — nicht, wie die meiſten in Paris in kleinen Kapellen, — mitten im Gange der Kirche du Couvent des Jacobins, Rue St. Hono - ré. An der Wand erhebt ſich eine Pyramide von weis und ſchwarzem Marmor, um die ein Gewand geſchlagen iſt. Mignard’s Bruſtbild aus weiſſem Marmor ſteht in der Mitte. Locken und Lineamenten ſind ſehr gut aus - gedruͤckt. Neben ihm liegt eine weibliche Figur, ver - muthlich eine allegoriſche. Sie ſchlaͤgt die Haͤnde zu - ſammen, hat ein Tuch dazwiſchen, und ſieht mit truͤben Blick gen Himmel. Neben ihr ſitzt ein Genius, der ſich die Augen reibt, und weint. Unten ſpielt noch ein an - drer mit einem Schwan, der den Hals zwiſchen des Wei - nenden Fuͤſſen heraufſtreckt, und den einen Fluͤgel uͤber den Schenkel des Genius ſchlaͤgt; ſehr natuͤrlich. Es iſt von J. B. le Moine verfertigt.
Ich war Abends nach 8. Uhr aufm Boulevard in einem Kaffeehauſe, wo inner - und auſſerhalb eine Men - ge Menſchen beiſammen war. Man plauderte, die Muſik ging eben an, und die Saͤngerinnen lieſſen ſich hoͤren; ſo ſchrien die drauſſen mit einmahl: Silence, Silence! Jeder erſchrak. — Le bon Dieu, le bon Dieu! und alles ſollte knien. Das Hochwuͤrdige ward vorbei getragen. Die Leute thaten alle als knieten ſie, die Muſik ſchwieg 3. Minuten, man lachte, ſchrie und fing wieder an. — Was iſt die Ceremonienreligion nicht fuͤr ein kindiſches Spiel!
O 2Juden212Juden gibts hier auch viele, ſie gehoͤren aber zum allerniedrigſten Stande, wiewohl es welche unter ihnen gibt, die Millionen beſitzen ſollen. Ihre Beſchaͤftigung iſt auch hier Laufen und Schachern. Einige tragen ih - ren Bart, aber nicht alle. Man ſieht ſie ſelten, im Palais Royal zuweilen.
Le Jardin Royal ward heute abermahls von mir beſucht. Es kamen in der Ordnung viele Geſchlechter vor,
Aber ſchon um 10. Uhr kam die Wache, hies uns fortgehen, und die Grille ward verſchloſſen. Juͤſſieu war da, und demonſtrirte im Garten, wie ich kam. Es ward mir mein Stock gleich genommen, und ich muſte ihn um 10. Uhr mit 2. Sous loͤſen. Er ſtand aber in einer groſ - ſen Geſellſchaft. Wie die Demonſtration aus war, ward wieder geklatſcht, wie wenn ein Baͤr getanzt haͤtte.
La Bibliotheque de l’Abbaye St. Victor. Hr. Muͤller hatte mir Malpighi Exercit. anatom. de viſc. ſtruct geliehen, und heute hatte er die Hoͤflich - keit fuͤr mich, mir wieder die 3. aͤlteſten Baͤnde der Mem. de l’Acad R. des Sc zu leihen, ſonderlich wegen den 3. Theilen des Vol. III. wo Perraull’s Unterſuchungen der thieriſchen Anatomie bekannt gemacht wurden; D’Au - benton hatte mir wegen dieſem Buch die Addreſſe an ihn gegeben, und ich bekam alle 5. Baͤnde mit mir nach Hauſe.
Le Monument de Mr. Colbert. Steht in der Kirche St. Euſtache, vielleicht waͤrs einer Erneuerung wuͤrdig. Le Bruͤn hat es angegeben. Auf einem Fußgeſtelle von ſchwarzem Marmor kniet Colbert mitO 3gefal -214gefaltenen Haͤnden. Geſicht, Peruͤcke, Haͤnde, und das wellenwerfende Kleid ſind vortreflich. Vor ihm ſteht ein Engel, und haͤlt ihm das aufgeſchlagene Evangelium - buch vor. Unten liegen 2. weibliche Figuren, die Reli - gion mit einem Schluͤſſel und der Ueberfluß mit Fruͤchten, Trauben ꝛc. im Schoos. An der Seite ſteht in einem vergoldeten Schilde: Acceptus eſt Regi Miniſter intelligens Prov. XII. und gegenuͤber: Culpa et ſuſpicio non eſt inventa in eo. So ſchoͤn jene Inſchrift gewaͤhlt iſt, ſo unſchicklich und uͤbertrieben iſt dieſe. Oben uͤber dieſen Auffchriften iſt auch in vergolde - tem Bronze: Joſeph, der Getreide in Egypten austheilt, vorgeſtellt, zu beiden Seiten, und dieſe kleinen Stuͤcke ſind wieder von Le Bruͤn ſelbſt.
An einem Medaillon von Koͤnigl. Leibarzt de la Chambre, dem Monument des Miniſters gegen uͤber, ſteht die Inſchrift: Spes illorum immortalitate ple - na eſt.
Le Tombeau de Mr. Languet. Ein Prediger, voll Geſchicklichkeit und Rechtſchaffenheit, der die praͤch - tige Sulpiciuskirche anfing zu bauen, und dafuͤr auch inwendig ein Denkmahl bekommen hat, das unter die ſchoͤnſten in Paris gehoͤrt. Es ſteht an der Seite, rech - ter Hand vom groſſen Portal. Die hintre Pyramide an der Wand iſt rother, die vordern Sachen ſind theils gruͤner, theils weiſſer Marmor. Alle Figuren ſind vor - treflich, und der Gedanke gros. Der juͤngere Slodtz hat es ausgefuͤhrt. Der Tod will den Languet umwer - fen und bedecken. Die Unſterblichkeit, eine groſſe herr - liche weibliche Figur mit einem Griffel in der Hand, koͤmt ploͤtzlich vom Himmel herab, wirft Deckel undSargſtuͤcke215Sargſtuͤcke weg, ſtoͤßt mit der rechten Hand den Tod zu Boden, dort liegt er, ſtreckt ſeine ſkeletirte Finger von ſich, die Senſe faͤllt neben ihm, und Languet bleibt ſichtbar. Unter dem linken Arm der Gottheit liegt eine Karte, worauf der Plan dieſer Kirche auf Bronze ge - zeichnet iſt. Vor ihr kniet Languet in ſeiner natuͤrli - chen Groͤſſe im Predigerkleide, hebt beide Haͤnde in die Hoͤhe, und iſt voll Andacht. Unten ſind 2. niedliche Genien angebracht, die Religion und die Menſchenliebe vorſtellend, und unter ihnen iſt auf einer weiſſen Platte eine groſſe Inſchrift eingegraben. Viele haben ihn noch gekannt. Er iſt in den 60ger Jahren geſtorben. Den koſtbaren Bau dieſer Kirche, der noch immer fortgeht, nennen viele eine Thorheit, aber Languet ſelber iſt uͤber - all beliebt. Der hohe Altar dieſer Kirche iſt, wie die Bundeslade der Juden, nur ſind oben Engel daran, und keine egyptiſche Sphinxe. Ein herrlicher, runder, ſtark vergoldeter Deckel haͤngt oben druͤber. Im Chor ſte - hen Statuͤen von Chriſto, Maria und den Apoſteln. Auf den Abend ſah ich
L’Alceſte, donnée à l’Opera, par l’Ac. R. de Muſique. C’eſt un morceau ſuperbe, — ſag - te jeder, wie das Stuͤck aus war. Mr. Milon hat auch in Frankreich dies Sujet bearbeitet, vielleicht auch unſern Wieland benutzt, ihn aber weit uͤbertroffen. Das Stuͤck hat 3. Akte, iſt vom Anfang an bis zuletzt voll Affekt, der frappanteſten Abwechslungen, und der ruͤhrendſten Scenen. Von der Muſik darf man weiter nichts ſagen, als: der Ritter Gluͤck hat ſie geſetzt. Die ſtroͤmte dann wieder mit allen ihren maͤchtigen und ſanf - ten, einnehmenden, ſchmelzenden Schoͤnheiten in meineO 4Seele.216Seele. Das Stuͤck hat ſchon im vorigen Jahre hier viel Aufſehen gemacht, und noch vor kurzem ward es auf Befehl, vermuthlich der Koͤnigin, vor dem Kaiſer aufge - fuͤhrt. Auch heute waren der Comte d’Artois, und der Duc de Chartres wieder darin. Die Illuſion, die Zartheit der Stimme, der Ausdruck der Leidenſchaften, die Schoͤnheit der Muſik, das genaue Halten des Takts, die Pracht der Kleider und der Dekorationen — alles ſteigt darin aufs hoͤchſte. Madem. Veſteis hies die Aktrice, welche die Alceſte, und Gros der Akteur, ſo den Admet machte; Beide ſpielten herrlich. Die Bild - ſaͤule des Apolls war an ſich nichts beſonders, aber an dem Raͤuchern, Anbeten, Feuer auffliegen laſſen, am heiligen Tanz, an Prieſtern, und Oberprieſtern konnte man ſo recht das Pfaffenſpiel der alten Welt, und ihre tauſendfaͤltige Gaukelſpiele und Mummereien kennen ler - nen. — Der Kampf der Liebe, der Natur, und der Pflicht im Admet, und in Alceſten, — man kann’s nicht ſagen, wie’s die Leute vorſtellen. Sie fallen vor, fahren zuruͤck, zittern in allen Muſkeln, ahmen die Ohn - machten ſo natuͤrlich nach, werden heftig gegeneinander, kehren ſich mit einmahl um, und ſchreiten majeſtaͤtiſch, gedankenvoll, uͤbern Schauplatz hin, ſpannen die Stim - me aufs hoͤchſte ꝛc. Es kamen 2. kleine Kinder, von denen Alceſte Abſchied nimmt, die dem Herkules alle moͤgliche Schmeicheleien machen, die ihm hernach die Hand kuͤſſen. Herkules, mit ſeinem entſcheidenden Ton war gar vortreflich. Der Eingang der Hoͤlle war eine Wildnis, verfallne Baͤume, Felſen, Loͤcher, Ritzen ꝛc. wenig Licht dabei. Da ſchweifte Alceſte herum, ganze Schaaren von hoͤlliſchen Gottheiten waren hinten, beſtaͤndig flammte an allen Gegenden Feuer auf — Admetkoͤmmt217koͤmmt auch hinab, ſie bittet ihn, zuruͤck zu gehen, end - lich ruft ſie Charon, und ehe man’s ſich verſieht, fuͤhrt ſie Herkules unten zwiſchen lauter Feuer und Felſen herauf ꝛc. Ich bin muͤde, aber Rouſſeau’s Stelle faͤllt mir noch ein: Les paſſions violentes ont tou - jours dans leurs excès quelque choſe de puerile, qui nous amuſe, ſeduit, et nous fait aimer ce qui ſeroit à craindre. Voilà pourquoi nous aimons tous le theatre, et pluſieurs entre nous les romans.
Mr. Delor und ich wolten heute Mr. de Bomare beſuchen, um ſein Kabinet, Rue Ferrerie zu ſehen; er war aber fuͤr den ganzen Sommer in Chantilly beim Prinz von Conde’. Es iſt unglaublich, was das fuͤr eine Laſt iſt, in Paris des Morgens Stundenlang her - um zu laufen und doch ſeinen Zweck nicht zu erreichen. Alles laͤuft auf und vom Markt, beſtaͤndig glitſcht man aufm Pflaſter, ganze Straſſen lang muß man oft hinter den Laſtwagen herkriechen, die mit Steinen, Ziegel, Holz ꝛc. ſo beſchwert ſind, daß ſie alle Augenblicke bre - chen und 50. Menſchen die Fuͤſſe entzwei ſchlagen koͤnnen. Man bekoͤmmt Kopfweh nur von dem ewigen Schlagen, und Trampeln der Pferde, und dem Schreien und Fluchen der Leute. Wer ſtrepitum tumultumque urbis nicht kennt, kan’s hier erfahren. Sieht man’s nicht an den Einwohnern von Paris ſelber, daß ihnen das be - ſtaͤndige Getuͤmmel zur Laſt iſt, da ſie aufs Land gehen, ſobald die Natur wieder ſchoͤn wird? Wie arbeiten oft Menſchen, um die beſten natuͤrlichen Vergnuͤgungen zuO 5verjagen!218verjagen! Da baut man noch immer an einer Stadt, die das Grab der Bevoͤlkerung, die Klippe ſo vieler Juͤng - linge, der Abgrund fuͤr die allermeiſten Frauenzimmer, der offne Schlund fuͤr Rechtſchaffenheit, ſtille Arbeitſam - keit und Tugend, die Pflanzſchule der Frivolitaͤt, der Spielſucht, des Muͤſſiggangs, der Kleiderpracht, der Unzucht, der Irreligion, und zugleich, — denn in jeder Stunde ſieht man dieſe Schande der Menſchheit und muß ſtille dazu ſeyn, — der Marterplatz fuͤr viele Tauſend der laſttragenden Geſchoͤpfe Gottes iſt.
Le Cab. de l’Hiſt. Nat. du Roi. Noch ein - mahl hatte ich da zu arbeiten und fand heute (S. d. u. Jun.)
Und nun beſchloß ich dieſe Arbeit, ging zu meinem vortreflichen D’Aubenton, — dem Gott fuͤr alle Freundſchaft gegen mich, Jahre an Leben und Kraft in der Arbeit geben wolle! — und ſprach mit ihm von verſchiedenen Dingen, bis er mich auf den Mittwoch um 10. Uhr wieder kommen hies, um noch mehr Schoͤnes zu ſehen.
Man hat hier Erdbeeren wie Nuͤſſe gros und zu - ckerſuͤß. Aber Ribes groſſularia, traͤgt kleine ſchlech - te gruͤnbleibende Fruͤchte.
Heute beſah ich
Le Mauſolée du Card. Fleury. Unter allen Monumenten, die ich hier geſehen, iſt dieſes das ſchoͤnſte und das ruͤhrendſte. In der kleinen Kirche St. Louis, Rue St. Thomas gleich beim Eingang linker Hand praͤ - ſentirt es ſich herrlich. Alle Statuͤen ſind aus weiſſem Marmor, die Pyramide, die hinten in der Niſche auf - ſteigt, iſt rothbraun, und die Zeichen der geiſtlichen Wuͤr - den ſind auch ſo. Le Moine heiſt der vortrefliche Bild - hauer, der ſo herrlich den Meiſſel fuͤhren konnte. Der Kardinal liegt da ſchon mit halb gebrochenen geſunkenen Augen, ſterbend, mit gefalteten Haͤnden; die Religion, eine etwas aͤltliche ernſthafte weibliche Figur, ſteht hinter ihm, haͤlt ihn in den Armen, wie er ſterben will, undſtellt222ſtellt ein Kreuz neben ſeine linke Hand. Zu ſeinen Fuͤſ - ſen ſteht Frankreich, als ein Frauenzimmer mit dem Schild an ſich gelehnt, deckt mit der rechten Hand die Haͤlfte des Geſichts zu, und ſieht beſtuͤrzt aus. Hinter ihm ſteht die Pyramide. Vor einer Urne ſteht ein An - ker, neben dem ſitzt die Hofnung, auch als eine weibliche Figur, ſtreckt die eine Hand gegen den Sterbenden aus, ſieht auf ihn hinab und troͤſtet ihn. Unten liegt der Kar - dinalshut, ein Cordon mit vielen Quaſten, der Biſchofs - ſtab ꝛc. Alles iſt gar ruͤhrend, einnehmend, hat etwas Sanftes, Bezauberndes ꝛc.
Le Tombeau de Mad. Girardon. — In der alten Cité de Paris in einem vieleckichten Winkel in der kleinen finſtern Kirche St. Landry, wo niemand, dem mans nicht ſagt, etwas Sehenswuͤrdiges ſucht, ſteht dies herrliche Stuͤck. Girardon ein beruͤhmter Bild - hauer und zaͤrtlicher Ehegatte hat es fuͤr ſeine Frau ent - worfen, und zwei ſeiner Schuͤler habens ausgefuͤhrt. Un - ſer Erloͤſer liegt todt zu den Fuͤſſen ſeiner Mutter. Der ſtille, finſtre, muͤtterliche Schmerz iſt unvergleichlich in ihrem Geſicht ausgedruͤckt: Gegen uͤber ſtehen drei En - gel, die auch durch die ſchoͤnſten Stellungen ihren Kum - mer ausdruͤcken. Oben ſteht noch das Kreuz mit einem Tuch umwunden.
La Galerie des Tableaux du Palais Royal. Dieſes praͤchtige Gebaͤude hat die ſchoͤnſten Façaden, toſ - caniſche Saͤulen, breite Treppen, hohe praͤchtig meublir - te Apartements, Spiegel 9. Spannenbreit, Bronzen in Menge, und ſonderlich ſo groſſe hohe Zimmer hinter - einander, die alle voll Malereien ſind, von den beiden Coypels und andern groſſen franzoͤſiſchen Malern. Ichwuͤrde223wuͤrde nicht fertig werden, wann ich alles beſchreiben woll - te. Man ſieht in einer Stunde zu viel, man kans nicht alles ſagen. Man findet auch koſtbare Buͤſten von Louis XIII. XIV. XV. und eine vom Herzog-Re - genten, der ein herrliches Geſicht gehabt haben muß. Von Titian, Raphael, Annib. Carracci ꝛc. ſind ſehr koſtbare Stuͤcke da. Die Tiſche ſind alle vom ſchoͤn - ſten Marmor, mit Vaſen aus Felscryſtall, Achat, Por - zellan ꝛc. geziert. Unter den Gemaͤlden gefielen mir be - ſonders: 1) Ein Stuͤck, wo Leoparden, Tyger und Menſchen liegen — die ſchreckliche Majeſtaͤt dieſer Thiere im Blick, die herrliche Zeichnung der fleckichten Haut, die groſſe Lage des Schwanzes, der Tatzen ꝛc. 2) Der Bethlehemitiſche Knabenmord von Le Bruͤn. Ich kan den Eindruck, den dieſes Gemaͤlde auf mich machte, nicht beſchreiben. Ich glaube, haͤtte Herodes dieſes Gemaͤlde ſehen koͤnnen; er haͤtte den Blutbefehl zuruͤckgenommen. 3) Alexanders Tod. *)Von No. 1. und 3. hat der Verfaſſer die Maler nicht angegeben. Herausgeber. 4) Ein runder Saal nicht gar gros, aber voll Vergol - dungen und Gemaͤlde. Oben iſt eine Gallerie, auf der man im Zimmer herumgehen, und in die Stadt, und in den Garten ſehen kan. Darneben iſt 5) La Ga - lerie d’Enée. — Hier hoͤrt alle Sprache, alle Be - ſchreibung auf. Ein langer Saal von 12. Kreutzſtoͤcken, darin 14. groſſe Gemaͤlde von Anton Coypel, die gan - ze Geſchichte des Aeneas vorſtellend, haͤngen. Das Anlanden des Helden in Afrika, die Verliebtheit der Dido ꝛc. und oben im Deckenſtuͤck, ſo lang es iſt, allesmit224mit der feinſten Arbeit uͤberladen. Ich glaube, man ſieht hier die ganze Mythologie.
Le Treſor de l’Abbaye St. Denys. Zwei Stunden hat man vom Mittelpunkte von Paris an ge - rechnet, zu gehen, bis man nach St. Denns koͤmmt. Man paſſirt am Ende der Rue St. Denys die Porte St. Denys, die maſſiv, hoch, mit Statuͤen von Louis XIV. mit Bildhauerarbeit aller Art innen und auſſen nach dem Fauxburg zu, zu beiden Seiten von oben bis unten herab, geziert iſt, und die Ueberſchrift hat: Lu - dovico ſacrum. Um der vielen Kunſt willen iſts Schade, daß auch dieſes Thor, ſo wie alles in Paris, aus dem gelblicht weiſſen Stein erbaut iſt, der Anfangs ſo ſchoͤn ausſieht, nnd nach einiger Zeit von der Luft, vom Staub, und den tauſenderlei aufſteigenden Daͤm - pfen ſo haͤslich geſchwaͤrzt wird. — Man geht, wenn man einmahl das Gedraͤnge los iſt, und das wehthuen - de Pflaſter uͤberſtanden hat, noch eine Stunde uͤber die ſchoͤnſten breiteſten Fruchtfelder, wo man, — ich we - nigſtens ſpuͤrte den Unterſchied gleich in der Lunge, — doch auch wieder friſchere und geſuͤndere Luft athmen kan, als in Paris. — St. Denys iſt ein Dorf, das auſ - ſer der Abtei dieſes Namens gar nichts merkwuͤrdiges hat. Dieſes Kloſter mit ſeiner Kirche zeichnet ſich gleich von weitem durch ſeine Hoͤhe und alte gothiſche Bauart aus, doch iſt an der Kirche auch ein zugeſpitzter Thurm, wie man in Paris ſelber nie einen zu ſehen bekommt. Die Moͤnche tragen ſich ganz ſchwarz mit langen Ueberklei - dern, an denen Kappen angeſchnitten ſind, die ſie uͤber - ſchlagen, wie die in der Congreg. de St. Maur. Die Kirche hat dicke Balken ſtatt der Thuͤren, die mit Meſ -ſing,225ſing, an dem eine Menge Schnitzwerk praͤchtig gegoſſen iſt, dick uͤberzogen ſind. Das Schiff der Kirche hat zu beiden Seiten Saͤulen, hinter denen Gaͤnge und Kapel - len ſind. Im Almanac wird ſie 90. Schuh hoch und 335. Schuh lang, angegeben. Die groſſe Orgel ſteht uͤber dem Portal auf einem herrl. hohen Gewoͤlbe. Die Fenſter zu beiden Seiten ſind nach der alten Kunſt gemahlt und zwar nicht blos auf einzelnen Scheiben, ſon - dern es ſind, wie mans nicht uͤberall findet, ganze Heili - genbilder in herrlichem Blau und Roth auf den Fenſtern. Um den hohen Altar herum, der nur von weiten ſeine Schaͤtze und Edelſteine zeigt, iſt eine hohe Grille de fer, die wieder ein Meiſterſtuͤck iſt. Die Pfaffen haben bei ihrem ausſchweifenden Stolz die Sachen da nur an - gebracht, um das Volk abzuhalten, daß ja keiner vom unterſten Stande an ſo einen heiligen Mann ſtreiffe, und ſeine Heiligkeit anlaufen mache, wie das Glas vom An - hauchen truͤbe wird. Jetzt haͤngen ſie noch das Gold daran, das ſie gar nicht haben ſollten; indeſſen hat dies Vorurtheil, der Kloſterſtolz, doch der Kunſt dieſer Na - tion beſonders einen Schwung gegeben. Ueberall, und ſonderlich auch in der Abtei St. Germain iſt eine koſtba - re Grille. Das im Feuer vergoldete Eiſen ſieht gar fei - erlich aus. An der Grille muſte eine Menge Leute war - ten, bis die etliche 30. Pfaffen ihre Vêpres gebrummt hatten. Das Brummen hat doch wenigſtens den Nu - tzen, daß es ihnen nach einer fetten ſtarken Mahlzeit den Wanſt erſchuͤttert und zu einem neuen Schmauſe Appe - tit macht. Dann draͤngte ſich alles an der Seite inner - halb der Grille durch einige Treppen in ein Zimmer, wo 5. mit einer Barrierre eingefaßte Schraͤnke von Holz, worin der Schatz iſt, ſtanden. Einer von den MoͤnchenPkam226kam und machte mit vieler Hoͤflichkeit den Demonſtrateur. Man ſah Buͤſten von den Koͤnigen. Die von Louis XV. war gar ſchoͤn; ferner ganze Suiten von Kronen, von Louis XIII. XIV. XV. XVI. Kronen von Koͤniginnen, Dauphins, Dauphinen; eine Krone im Ge - ſchmack der Krone von Karl dem Groſſen, die Louis XVI. oben wieder verſchoͤnern laſſen; alle Kroͤnungs - Kleider vom jetzigen Koͤnige, wozu auch ein paar geſtickte Stiefel gehoͤrten, Krone und Scepter von Karl dem Gr.*)Beim Sacre du Roi brauchen ſie die Krone, den De - gen, die Sporen, das Scepter und den Stab mit der Hand oben darauf, von Karl dem Gr. Zu Louis XVI. Kroͤnung hat man ein neues Gehenke an den Degen und eine mit Gold geſtickte Scheide gemacht. Staͤbe von Dagobert und andern alten Koͤni - gen, viele Reliquien von Ludwig dem Heiligen, oder ihm im Orient geſchenkte Sachen, ganze Suiten von den Muͤtzen, welche die Aebte in dem Kloſter getragen, wo die Zipfel und die Formen eben ſo abwechſelten, wie an unſern Huͤten, Vaſen aus Achat, Porphyr, goldene mit Edelgeſteinen beſetzte Kreuze, goldne Buͤſten vom Stifter, dem Heil. Dionyſius, ein Kreuz aus Fels - Cryſtall ꝛc. Die Krone von Louis XVI. war gar koſt - bar. C’eſt le dernier gout, ſchrie dabei freilich je - der, wiewohls im Grunde nur verſchoͤnerte Copie von Louis XV. ſeiner war ꝛc.
Die Mauſoleen unten, ſind aus den Zeiten Franz I. Louis XII. ꝛc. und bedeuten nicht viel. Was man von den Grabſtaͤten der aͤlteſten und neueſten Koͤni - ge ſehen kan, iſt wenig; man ſieht nur den Eingang in die Gruft, und es ſieht ſchauerhaft majeſtaͤtiſch aus. Weil227Weil heute zu viel Leute hier waren, ſo beſah ich dieſe den 6ten Jul. noch einmal. Davon alſo das Weitere unter dieſem Tage. Der Schweizer war ein grober Kerl.
Heute ging ich wieder bei La Morne vorbei, da lag ein Menſch! Ein gemeiner Mann, vermuthlich aus der Seine aufgefiſcht, denn er war ganz mit Koth bedeckt, und ſchon ſtark aufgetrieben. An den Haͤnden ſah ich Wunden, und Blut im Koth geronnen, die wichtigern kont’ ich nicht ſehen. — Gott im Himmel! welch ein ungluͤckliches Schickſal haben doch viele Menſchen auf deiner Erde! Menſchen opfern Menſchen auf, und das ſehen Tauſende, ſchwatzen davon, und der ganze tauſend - fache Troß der Stadt laͤuft nachher, wie zuvor, dem Ver - gnuͤgen und dem Laſter nach!
Ich beſah heute
Le Cabinet du Pere Nicolſon, au Couvent des Jacobins, Rue St. Honoré, proche de l’Egliſe St. Roch. Der erſte Vormittag, den ich hier zuge - bracht, ſoll mir noch lange koſtbar und werth ſeyn. Wie geſchwinde knuͤpfen die Wiſſenſchaften das Band der Freundſchaft zwiſchen ſonſt unbekannten Seelen! Und be - ſonders Maͤnner, welche die Natur lieben, wie leicht fin - den ſie ſich, ziehen ſich an, lieben ſich, theilen ſich mit, und vergeſſen des Flugs der Stunden in den angenehm - ſten Unterhaltungen! In dieſes Kloſter, — wohl eine Stunde von meinem Quartier entfernt, — ging ich oh -P 2ne228ne Addreſſe und Bekanntſchaft, blos weil ich im Al - manac de Paris geleſen hatte, daß da eine Bibliothek und Kabinet zu finden ſei, lies mich auf die Bibliothek fuͤhren, und fand da einen alten, ganz weis gekleideten Ordens-Mann, deſſen Namen ich nicht mehr weis. Er ſchien ſehr ernſtlich zu ſtudieren, wies mir aber doch mit der groͤſten Hoͤflichkeit die Bibliothek. Er hatte ſich uͤber den groſſen Katalog noch ein Repertorium nach dem Al - phabet der Autoren gemacht, die Zimmer haben Namen, die Schraͤnke Zahlen, und die Buͤcher Nummern; ſo konnten wir in einem Augenblick finden, was wir wolten. Und in jedem Buch ſelber ſteht allemahl wieder der Name oder der Buchſtabe des Zimmers, die groſſe Zahl des Schranks und die arabiſche Zahl des Buchs, ſo konnte man auch leicht eine groſſe Menge gebrauchte Buͤcher wieder an ihre gehoͤrige Stellen bringen. Von Theologi - ſchen, Hiſtoriſchen, Mediciniſchen, Philoſophiſchen, Na - turhiſtoriſchen fand ich einen groſſen Vorrath, ſonderlich in der Litteraturgeſchichte, vollſtaͤndige Suiten vom Jour - nal des Savans, Gazette de France &c. die ſonſt ſelten complet ſind, auch Luthers, Erasmus ꝛc. Wer - ke. Im Katalog uͤber die Naturgeſchichte fand ich zwar eine andere noch aͤltere Edition vom Sibbaldus, aber ſeine Balaenologia wieder nicht. Honoratus Fabri de generat. anim. et plant. wollt’ ich mir geben laſ - ſen, als mein gefaͤlliger Pater abgerufen ward, nnd mich noch einen Blick aufs Naturalienkabinet thun ließ. Da fand ich aber ſo viel Schoͤnes, daß ich ihn um Erlaub - nis bat, das alles durchzugehen, worauf er mich zum P. Nicolſon fuͤhrte, der von dem Augenblick an mein ge - liebter Freund ward. Ein Mann, mit einem ſilber - grauen Kopfe, von einem drittehalbjaͤhrigen Aufenthaltauf229auf Domingo zuruͤckgekommen, voll Eifer fuͤr die Na - turgeſchichte, und doch noch bei einer ſtarken Geſundheit, und einem dauerhaften Koͤrper. In Domingo war er einmahl ſehr krank, aber nachher nicht mehr. Sein Eſſay ſur l’hiſt. natur. de St. Domingue war eben unter Adanſon’s Cenſur gedruckt worden, und blos durch ein Verſehen iſt, wider ſeinen Willen, der Name des Verfaſſers auf dem Titelblatte weggeblieben. Was im Kloſterkabinet ſehenswuͤrdig iſt, hat er angeſchaft, oder mitgebracht. Da ſind auch die Urbilder zu den Platten, die er in Kupfer ſtechen laſſen. In der Thiergeſchichte iſt er nicht ſonderlich ſyſtematiſch feſt, wiewohl er auf je - de kleine Erlaͤuterung, die ich ihm geben konnte, begie - rig war. In der Kraͤuterkunde fand ich doch Linn. Spec. plant. bei ihm. Wir gingen ins Kabinet, und das Wichtigſte von dem, was ich geſehen habe, iſt fol - gendes: 1) Cryſtalliſirte Krei[d]e, eigentlich dreyecki - ge Pyramiden, an einander geklebt; aus De l’Isle de Rome’s Sammlung, aus la Carriere de Belle Croix bei Fontainebleau. Ich habe auch ein großes Stuͤck davon. 2) Violetholz aus Domingo, unvergleich - lich ſchoͤn zu Meublen: In meiner Holzſammlung ge - faͤllt es immer allen, die Geſchmack haben, am meiſten. 3) Krebſe, in einer halben Bivalve, die auf dem Ruͤ - cken eine harte Kruſte, am Bauch aber eine weiche Haut haben, alſo den Uebergang oder wenigſtens ein Ketten - glied zwiſchen den Molluſcis und Cruſtaceis machen. Das Thier bewohnt immer nur die eine Haͤlfte der Kon - chylie und traͤgt ſie uͤber ſich im Gehen, wie ein Dach. 4) Eierſchnuͤre von Molluſcis und Teſtaceis, wel - che die Natur ſelber enfilirt hat. ſ. die Kupfer zu ſeinem Werke. 5) Eine verſteinerte Auſter von St. Do -P 3mingo,230mingo, wovon man beide Haͤlften abnehmen kann. 6) Eine Suite von verſteinerten Muſcheln, groſſe und kleine, wie kleine Blaͤtchen. Man heiſt ſie in Bre - tagne Monnoye de Neptune. Ueberm Feuer oͤffnen ſie ſich, man ſieht aber kein Charnier, und kennt das Original nicht, wie Nicolſon ſagte. 7) Pinceau de mer, groſſe und kleine. Man denke ſich die Allmacht Gottes an dem ſonderbaren Thiere. 8) La Fripiere, die alle Muſcheln an ſich klebt. Dieſes Stuͤck war be - ſonders koſtbar, weil oben eine vollkommne Arche Noaͤ darauf ſaß. 9) Schnecken mit einem Bouche d’or, das Labium war goldgelb, wie im Feuer vergoldet. 10) Kleine Zebramuſcheln aus Domingo, die ſolche Zeich - nungen haben, wie dieſer afrikaniſche Eſel. 11) An vie - len Krebsfuͤſſen Klauen, hornartig, ſchwarz, einige noch mit Stacheln. 12) Natuͤrlich rothe Krebsſcha - len, mit herrlichen, weiſſen, gelben Flecken darauf. 13) Meerohren aus Domingo, in denen nicht ein ein - ziges Loch war. Ob nicht eins darin geweſen, oder ob das Thier ſie alle verſtopft hatte, konnt’ ich nicht entſcheiden. 14) Groſſe Eidechſen von da her, die ein recht gutes Eſſen ſind. 15) Bois dentellé, Bluͤte, Frucht und Rinde in Weingeiſt. Es iſt die mittelſte Rinde, La - jette nennt Sloane den Baum in Domingo. Man macht Manſchetten davon, die man in ein Glas mit Sei - fenwaſſer geſchuͤttelt waͤſcht. Vom Reiben wuͤrden ſie zerreiſſen. 16) Viele Conchylien mit ihren natuͤrli - chen Deckeln, welche die Fiſcher aus Unwiſſenheit weg - werfen. 17) Ein herrlicher Meerigel mit vielen Sta - cheln noch, den er auch beſchrieben hat. 18) Calebaſ - ſen, viele Wurzeln, Saͤmereien ꝛc.
Zu231Zu den Nachrichten, die er mir gab, gehoͤrt, daß er Delor’s Auſſage von der Bewegung der Seeſterne gra - de zu widerſprach. Er haͤtte ſie immer auf dem Ruͤcken ſchwimmen ſehen, und kleine Bewegungen machen, wie die Schnecken mit ihren Hoͤrnern, ſo dieſe mit ihren Ra - diis. Der Radius ſei breit, in der Mitte laufe ein Tentaculum durch, die vielen Zaͤhne dienten zur Be - ſchuͤtzung. Wenn er ſie umgekehrt habe, waͤren ſie gra - de liegen geblieben.
Zu den Geſchenken die er mir machte, gehoͤrten; Bois dentellé, Tuͤrkiſſe, Pinceau de mer, Mon - noye de Neptune, groſſe, mittlere, kleine, 2. ganz weiſſe Seeigel. Ein groſſes Oſcabiœrn, das an der Seite ein Haͤutchen mit vielen Koͤrnchen hat: Eine Ze - bramuſchel von Domingo; 3. Conchylien mit ihren na - tuͤrlichen Deckeln; ein kleines Oſcabiœrn, das innen nicht blau, und jene Haut, und die Koͤrner nicht hat; Ein Seeigel mit grauen und weiſſen Baͤndern; noch ein herrliches Schneckchen mit dem Deckel.
La Biblioth. du Coll. de Mazarin, ou de quatre Nations. Die letztere Benennung ruͤhrt daher, weil der Kardinal Mazarin eine Schule dabei geſtiftet hat fuͤr Kinder aus Teutſchland, (man nimmt ſie aber jetzt aus der Franche Comte’) aus Italien, Flan - dern und Holland. Sie fuͤllt nur 2. Zimmer, hat aber viel aͤuſſerliche Schoͤnheit. In allen Faͤchern iſt ein ſchoͤ - ner Vorrath da, aber keine Kupferſtiche, keine Hand - ſchriften, keine Muͤnzen, keine Naturalien. Der Unter - Bibliothekar, der Abbe’ Le Blond, an den ich von Vil - loiſon Addreſſe hatte, lies mir den Katalog vorlegen, ſei - ne Polyglotta und alte Bibeln von Maynz zeigen, dieP 4aber232aber defekt waren, und gab mir was ich verlangte. Ich ſah ferner noch 1) William’s Oxonia depicta, LXV. Tafeln in Folio. Es ſind nichts als Beſchreibungen und Abbildungen der Gebaͤude, die zur Univerſitaͤt in Ox - ford gehoͤren. Wie viel ſolte man ſich nicht von einer Univerſitaͤt verſprechen, die ſo viel Platz hat, ſich auszu - dehnen? wo jeder Profeſſor eine Stoa, einen Porticus haben koͤnnte? 2) Bonnani Recreationes mentis et oculorum in Conchyliis, in 4to. Die Kupfer ſind herrlich, aber der Text iſt weitſchweifig, gedehnt, ariſto - teliſch, alles koͤnnte man auf wenige Blaͤtter reduciren. Der Karakter des Verfaſſers muß gut geweſen ſeyn. 3) Latini Tancredi de Antiperiſtaſi omnigena, ſive de Naturae miraculis. Neapoli 1621. 4to. Der Titel lokte mich. Ich fand lauter Philoſophiſche, Me - diciniſche, Phyſiſche Diſſertationen. Was andre qua - litas occulta nennen, z. B. daß man im Winter beſſer verdaue, daß der Nil ſtatt des Regens Egypten uͤber - ſchwemme ꝛc. das nennt er Antiperiſtaſis, und ihm iſt alles qualitas occulta. Unglaublich iſts, wie weit ehe - mals die Vergoͤtterung des Ariſtoteles ging. Ueberall ward von ihm angefangen, er beſtaͤndig citirt, bis auf alle Woͤrter vertheidigt, und wenn er offenbar geſchlegelt hatte, ward eher der Text veraͤndert, und Muthmaßun - gen erdacht, eh Vater Ariſtoteles verlieren durfte. Welch eine Schande fuͤr den Menſchenverſtand, beſon - ders fuͤr die Naturforſcher! Auch kan man ſich des La - chens nicht enthalten, wenn man die traurige Geſtalt der vorigen Phyſik ſieht, und die kindiſchen Fragen, woruͤber man ſich die Koͤpfe zerbrach! daher betruͤgt man ſich oft ſo ſchrecklich, wenn man eine alte Naturkunde in die Haͤnde nimmt z. B. da ſind etliche Cap. darin, obdie233die Erde in ihrem Mittelpunkt wohl hart, ſolid, oder lockrer Staub ſei? Wie’s wohl mit der obern Region der Luft ausſehen moͤge ꝛc. Da ſtritt man uͤber die Eingewei - de und uͤber die oberſten Decken der Erde, und kannte die Erde unter den Fuͤſſen, ſich, und die bekannteſten Ge - ſchoͤpfe nicht. Trauriger Blick in die Geſchichte des Menſchenverſtandes! Erſt hundert Irrwege, bis endlich die gebahnte Straſſe zum Tempel der Wahrheit entdeckt wird!
Der Abbe’ le Blond ſchrieb mir noch, eh’ ich ihn verlies, einen Empfehlungs-Brief an De l’Isle Rome’, um deſſen Kabinet zu ſehen.
Heute hoͤrte ich
Le Diſcours exegetique de M. Aſſeline, Doct. de Sorbonne et Prof. en Langue hebraique mit an. Ich hatte dieſen Vormittag fuͤr die Sorbonne be - ſtimmt, ging alſo hin, praͤſentirte dieſem Manne meine Addreſſe von M. de Villoiſon, und ward mit der groͤ - ſten Hoͤflichkeit empfangen. Ein kleiner, blaſſer, ſchon alter Mann. Er erbot ſich, mir alles zu zeigen, was in der Sorbonne zu ſehen iſt. Wir ſprachen uͤber exe - getiſchkritiſche Sachen, und kamen auf die oͤffentlichen Vorleſungen, und weil er um 11. Uhr uͤber die Pſalmen las, und bei dem beſtaͤndigen Regenwetter im Koͤnigl. botaniſchen Garten nichts fuͤr mich zu thun war, ſo kam ich um 11. Uhr wieder, und ging in ſeine Vorleſungen. Ich ward in einen groſſen Saal gefuͤhrt, worin kein Kathe - der, ſondern eine wahre Kanzel ſtand, die ganz ſchwarz an -P 5geſtrichen234geſtrichen war. Alles ſah uͤberhaupt ſehr duͤſter und trau - rig aus. Die Studenten tragen ſich alle ganz ſchwarz, mit runden Haaren, und runden Huͤten, die ſie auch im Collegio auſſetzen. Dr. Aßeline trug ebenfalls eine groſ - ſe ſteife altmodiſche Kappe, die er nur beim Gebet ab - nahm. Viel Ordnung, Sittſamkeit und Beſcheidenheit fand ich nicht. Die Zuhoͤrer haͤtten alle ſitzen koͤnnen, aber ſie ſtanden zum Theil auf den Baͤnken, und ſchrieben am Fenſter. Unter der Kanzeltreppe ſaßen fuͤnfe und ſchaͤkerten. Man ging, man kam, wie man wollte, vor des Lehrers Augen las man Zeitungen, die wenigſten hat - ten Bibeln. Kurz, ich bemerkte keinen Eifer, keinen Ernſt. Mein buntes Kleid mochte hier eben keine ge - woͤhnliche Erſcheinung ſeyn, ich merkte, daß es nicht Mode war; doch wiederfuhr mir nichts unangenehmes. Man hielt mich oft fuͤr einem Engellaͤnder, aber ſobald ich dies merkte, bekannte ich frei mein teutſches Vater - land. Als der Profeſſor kam, ging ein Student mit ihm auf die Kanzel und las den 64ten Pſalm in der Grund - ſprache vor, ſodann eine lateiniſche Ueberſetzung, ging dann wieder herunter, und nun fing Aßelyne an. Die ebraͤiſche Pronunciation der Franzoſen iſt von der teut - ſchen wenig unterſchieden. Das Vau copulat. und converſ. ſprach er immer wie ein Schureck aus. Das Schewa quieſcens aber kan der Franzos herrlich ſchlei - fen, auch 3. 4. Worte, welche die Linea Makkeph ver - bindet, ſprach er ſehr gut mit einander aus. Dagegen aber war ſein Lateiniſch unertraͤglich, ſcribītur, Sche - hova (ſtatt Jehova), lonſche (ſtatt longe), fu - ſchient (ſtatt fugient), ſchaculati (ſtatt jaculati). Er ging jeden Vers durch, gab aber nur den Wortver - ſtand an, ohne ſich in die Grammatik, oder in die Mo -ral235ral, oder in die Entwickelung der poetiſchen Schoͤnheiten einzulaſſen. Lamnazeach las er gerade zu, und uͤber - ſetzte es Praecentori, doch gefiels ihm nachher, als ich ihm ſagte, daß ich Leminzach laͤſe. Beim 8ten und 9ten Vers verglich er die LXX. mit der Vulg. und ver - theidigte beſtaͤndig die letztere. Er bemerkte, daß die Griechen ידם von דרם von פית hergeleitet haͤt - ten. Beim 9ten Vers geſtand er, daß er gar nicht wiſ - ſe, wie ſie: Infirmatae ſunt lingue eorum haͤtten herausbringen koͤnnen. Der 65te Pſalm ward noch an - gefangen. Der Aufſchrift der LXX. daß ihn Jere - mias, oder Ezechiel gemacht, daß er auf die Gefangen - ſchaft der Juden eine Beziehung habe ꝛc. ſprach er alle Wahrſcheinlichkeit ab. Der Vortrag war ganz latei - niſch, monotoniſch, todt, unangenehm. Kaum ſchlug es 12. Uhr, ſo waren alle Zuhoͤrer ſchon zur Thuͤre hinaus, und er und ich waren die Letzten. Weil man mir Aße - line als den geſchickteſten Lehrer geruͤhmt hatte, hatt’ ich weiter keine Luſt, theologiſchen Vorleſungen in Paris bei - zuwohnen, und ſegnete Deutſchland und ſeine Michaeliſ - ſe, Semlere, Griesbache ꝛc. Hierauf beſuchte ich
La Manufacture des Glaces, in der ſchoͤnen An - tonius-Vorſtadt. Auch das Gebaͤude ſieht viel ſchoͤner und beſſer aus, als die Werkſtaͤtte der Gobelins. Man ſieht groſſe, aber niedere Saͤle, wo dreierlei Arbeiten vor - genommen werden. Die Arbeiter werden nicht Tagwei - ſe, ſondern Stuͤckweiſe bezahlt. Die Verqueckſilberer haben Appointements, und erhalten ſie auch, wenn ſie krank ſind, denn zum Theil iſt die Arbeit hart, zum Theil ungeſund. Man ſieht Weiber und Maͤnner arbeiten. Die Glasplatten werden aus der Pikardie hieher ge -bracht;236bracht; der Sand iſt in Menge vorhanden. Die Potté und das Queckſilber werden von den Materialiſten ange - ſchaft. Im Magazin der Glaͤſer ſieht man Tafeln al - ler Art; es ſind Stuͤcke von 100. auch 102. Zoll hoch. Je hoͤher die Tafeln ſind, deſto mehr ſteigt auch der Preis, nicht nur vom Ganzen, ſondern von jedem Zoll, ſo wie das ſechzehnte Theilchen eines Karats an einem groſſen Diamanten ſo viel werth wird, als das ganze Karat eines Diamanten von gewoͤhnlicher Groͤße. Die Glasplatte wird 1) geglaͤttet, doucir nennts der Fran - zoſe, um die groͤbſten Unreinigkeiten herab zu bringen. Die Tafeln ſind, wenn ſie ankommen, ſehr dick, rauh, uneben, werden daher faſt zur Haͤlfte auf beiden Seiten abgerieben. Sind Blaſen im Glas, ſo bleiben dieſe. Es iſt ein Fehler, der an der Materie, nicht an der Ma - nufaktur liegt. Man legt das Glas auf einen Tiſch, machts naß, hat dabei auf einem Brete einen gelblichten Sand neben ſich, der auch ſtark angefeuchtet iſt, ſtreut den uͤber die ganze Platte hin, und faͤhrt nun mit einem hoͤlzernen Bret, das faſt ſo iſt wie das Kaͤſtchen am Krauthobel, drauf herum, und ſchleift mit den ſpitzi - gen Ecken des Sandes die glaͤſernen Unebenheiten ab. Iſt die Platte breit und gros, ſo beſchweren die Arbeiter ſie mit mehrern ſolchen Druckmaſchinen, oder mit einer einzigen groſſen. Auf dieſe wird ein Rad gelegt, das nur aus Baͤndern, aus Rinden von Eſpen, Tannen ꝛc. gemacht wird, und an den Speichen dieſes Rades treiben ſie die Maſchine leicht von einer Seite zur andern, und ſchicken ſie einander zu. Jeder hat unten einen Kaſten zum Sand, und einen fuͤr das ablaufende Waſſer ꝛc. 2) Polirt, polir nennt mans hier auch, oder geſchlif - fen, daß es noch ebener, glatter, ſchlichter, ſchoͤner wird. Dieſe237Dieſe Arbeit geſchieht in andern Zimmern, weiter oben, und iſt ſchon wichtiger. Sie nehmen die geglaͤtteten Ta - feln, legen ſie wieder auf Tiſche vor ſich, und haben Pot - té — eine Art von Colcothar Vitrioli, oder ſo ein Reſiduum — neben ſich. Dies wird mit einer Buͤr - ſte in Waſſer getunkt, abgerieben und damit auf dem Glas hin - und hergefahren. Dieſe Buͤrſten ſind nichts als Buͤndel von den Liſieres, deutſch Tuchſchroten, an ſchlechten, dicken, wollenen Tuͤchern. Die ich ſah, waren alle von ſchwarzem Tuche, vielleicht iſt das aber nicht noͤthig. Sie nehmen breite, handbreite Stuͤcke da - zu, binden ſie 10, 11 mahl zuſammen, und parallel neben einander; das iſt die Buͤrſte. Sie wird an einen Spannbengel befeſtigt; dieſer iſt gebogen und hat oben einen Stift, den der Arbeiter oben in die Decke vom Zim - mer einſteckt, und bald da, bald dorthin ſteckt, wie ers braucht; daher iſt dies 2te Zimmer ſehr niedrig, dunſtig und heis. Der Qualm kam mir ſchon auf der Treppe entgegen. Von dieſer Arbeit wird nun das Glas auf beiden Seiten roth, und faſt undurchſichtig. Iſt’s ge - nug geglaͤttet und polirt, ſo wird es abgewaſchen, dazu legen ſie es auf einen alten Filz, oder grobes Tuch, und ſtellen es dann an die Luſt oder die Sonne, da’s denn viel duͤnner iſt, als im Magazin. — An einem groſſen Stuͤck, kan, ſagte man mir, einer 3. Wochen arbeiten, auch wohl laͤnger. 3) L’Etamage. — ſo nennen ſie die 3te Arbeit, wenn die Tafel wirklich Spiegel wird. In ei - ner andern Stube, wo ordentlich, bei nicht gar groſſen Tafeln, nur 2. Leute arbeiten, ſtehen Tiſche mit Tuch und am Rande mit Papier uͤberzogen, und mit Kanaͤlen ringsum eingeſchnitten. Auf dieſe legt der Arbeiter eine duͤnngeſchlagene Platte von Zinn. Ueber dieſe gießt erſein238ſein Queckſilber, das bringt man daher in ſo groſſer Menge, als wenns Waſſer waͤre. Doch wiegt die ge - woͤhnliche Schoͤpfſchuͤſſel 30. Pfund, und ſie iſt nicht viel groͤſſer als eine Suppenſchuͤſſel zu Einer Portion, aber von Holz. Das gießt er druͤber, dann nimmt er Kehr - beſen, Kehrwiſche, und wieder ſolche Buͤrſten von Tuch - ſchroten, und fegt das Queckſilber auseinander. Er verwiſchts ſo lange, bis es ziemlich gleich vertheilt iſt. Dann ſchuͤttet er noch etlichemahl daruͤber, mißt mit ei - nem glaͤſernen Winkelmaas das Feld des Spiegels, ſchuͤt - tet noch immer daruͤber, kein Korn laͤuft uͤber die Grenze des Zinns herab, wenn das Queckſilber gleich noch ſo dick aufgeſchuͤttet wird. In der Mitte bildet ſich ein Schaum. Um mich etwas Schoͤnes ſehen zu laſſen, nahm der Arbeiter ſeine Buͤrſte, und fuhr unten uͤber ei - nen Strich des Queckſilbers hin, er nahm dadurch den Schaum weg, und lies mich hineinſehen. O da war ſchon ein Spiegel! ohne Glas im bloſſen Queckſilber, und ein viel ſchoͤnrer und hellrer, als der neugemachte, der neben dem werdenden lag, den ich hatte entſtehen ſehen. Man durfte nur in beide ſehen, ſo ſah man den Unter - ſchied deutlich. Das Glas nimmt einen Theil der Hel - le, der Lebendigkeit im Darſtellen weg. Koͤnnte man das Geheimnis ausfuͤndig machen, das die Natur bisher noch nicht wolte ſehen laſſen, das Queckſilber, ohne ſo ei - ne Glas-Tafel darauf zu drucken, feſt ſtehend zu ma - chen; ſo haͤtte man ſo viel hellere Spiegel, aber ich griff nur hinein, weg war der Spiegel. — Um ihn nun aus - zumachen, ward der Tiſch unten an Schrauben herab - gelaſſen, damit man die Glas-Tafel deſto bequemer hin - auf bringen konnte. Und um die Tafel, ſobald ſie auf - gelegt waͤre, gleich an zu drucken, ſo daß ſie nicht wei -chen239chen koͤnnte, wurden vorher 5. 6. — 8. eiſerne Kugeln, in ſteinernen viereckigten Einfaſſungen herbeigeſchaft, da - mit man ſie nachher gleich darauf ſetzen konnte. Und nun wurde der untere Rand des Tiſches mit Papier uͤber - zogen, bis an die aufgethuͤrmte Platte von Queckſilber hin. Die Leute holten die Tafel, fanden aber, als man ſie uͤberſtoſſen wollte, daß ſie wirklich um der Fremden willen zu viel Queckſilber darauf geſchuͤttet hatte, das wurde alſo vermindert, dann die Tafel uͤbergeſchoben und gleich beſchwert. Was hervorſpritzte und lief, fingen die im Tiſch eingeſchnittenen Kanaͤle wieder auf. So bleibt die Tafel einige Zeit liegen, und wird dann eingemacht. Daß dieſe Arbeit ungeſund iſt, zeigt die elende Farbe die - ſer Leute, ihre keichende Sprache, ihre welke Haut ꝛc. Es ſind ihrer 10. ſie wechſeln alle Tage ab, jeder arbeitet nur 3. Wochen im Monat ꝛc. Ich wuͤrde von einer ſo praͤch - tigen Arbeit, um meinem Vergnuͤgen bei Manufakturen Genuͤge zu thun, noch mehr Erkundigungen eingezogen haben, haͤtte nicht das Weib, das mich herumfuͤhrte, ſo gar unverſtaͤndlich und ſchlecht geſprochen. Von da be - ſuchte ich
L’Hôtel des Enfans trouvez; nahe bei der Kir - che Notre Dame. Ein ſchoͤnes wohleingerichtetes Haus mit langen Saͤlen, breiten Treppen, der Erziehung der armen und unehlichen Kinder gewidmet. Unten iſt eine eigene Kirche, oben ein Bureau fuͤr dieſes wichtige und in Paris freilich unentbehrliche Inſtitut. Eine Menge Frauen verwenden da ihre Liebe und chriſtliche Sorgfalt an huͤlfloſe Kinder, die ſonſt fuͤr den Staat verloren gingen. In einem großen Saal ſtehen lange Reihen von Wiegen, an und neben einander; es ſind aber nurkleine240kleine und mit Recht unbewegliche Bettſtaͤtten. Zwi - ſchen 12. auf dieſer und 12. auf jener Seite iſt allemahl ein Durchgang. An den Waͤnden hinauf ſtehen ihrer ebenfalls; ſo daß ich 150. in dieſer Stube zaͤhlen konnte. Die Betten ſind alle recht gut, ſauber, weis, warm, nicht zu ſchwer, und haben alle einen Himmel von weiſ - ſen Tuch uͤber einem Bogen aufgeſpannt. An der Wand haͤngt ein Gemaͤlde, das die Menſchenliebe vorſtellt, mit der paſſenden Unterſchrift: „ Mein Vater, und meine „ Mutter verlaſſen mich, aber der Herr nimmt mich auf! “ In einem andern Saal ſah ich 6. 8. bis 10jaͤhrige Knaben zu Abend eſſen. An ſchmalen Tiſchen ſitzt Kind gegen Kind, alle eſſen auf zinnernen Tellern. Es wurden recht gute, kraͤftige Suppen und gebratene Huͤhner aufgetra - gen. Die Knaben tragen alle ſchwarze graue Fourreaux (Kinderkappen) mit Kappen, die unterm Kinn zugebun - den werden. Sie unterſcheiden ſich aber durch eine ſchwarze Maſche, die hinten an der Kappe angenaͤht iſt, von den eben ſo gekleideten Maͤdchen. Einer von den oberſten ſtand gleich auf, kam auf mich zu, machte mir im Namen ſeiner Bruͤder ein Kompliment, und bat mich, ihn anzuhoͤren, weil er mich haranguiren wollte. Ich thats, und er deklamirte allerliebſt ein auswendig gelern - tes Lied und Gebet, das ſich auf die Umſtaͤnde dieſer Kin - der bezog, her, und empfing das kleine Geſchenk mit der artigſten Verbeugung. Andre groͤſſere Knaben warteten den kleinern auf, und halfen ihnen an der Kleidung uͤberall. Ohne daß ein Aufſeher da war, herrſchte uͤberall die ſchoͤn - ſte Ordnung. Bei den Maͤdchen fand ichs eben ſo. Zuweilen ſagte ein kleiner Schalk: O! mon cher Pa - pa, mon cher Pere etc. aber ſonſt war kein Getoͤſe, kein Lermen. Man ſieht mit Ergoͤtzen hier alle moͤglichePhy -241Phyſiognomien; unter den kleinſten war eins ganz gelb, man findet auch Mohrenkinder, einige ſind ſehr klein, an - dre ſtarkgliedrig, die meiſten ſind lebhaft, ſehen hell aus; ſind jovialiſche Kinder. — Ich verlies nicht ohne freu - digen Dank gegen Gott und den Koͤnig, dieſen Zufluchts - ort und ſegnete im Weggehen die zaͤrtlichen Weiber, die das beſtaͤndige Wimmern fremder Unmuͤndigen nicht un - geduldig macht, nicht ermuͤdet. Wie viel ehrwuͤrdiger und Gott werther ſind dieſe theuern Helferinnen, als jene Schwaͤrme von Pfaffen und Moͤnchen, die ſich mit Mark und Wein maͤſten, den Gipfel menſchlicher Vollkommen - heit erreicht, die groͤſten Schwierigkeiten der Tugend uͤber - wunden zu haben glauben, und oft in ihrem Muͤßiggan - ge nicht eine einzige gute Handlung fuͤrs Menſchen - Geſchlecht verrichten. Ihr verborgenen Opfer, die ihr taͤglich im Stillen auf dem Altar der Religion dargebracht werdet! fuͤr euch, fuͤr euch, ſind die Belohnungen des Him - mels, weil euch die Welt nicht belohnen kan!
L’Hotel Dieu, nahe dabei, auch eine der vereh - rungswuͤrdigſten Anſtalten, die Paris aufweiſen kan. Man begreiſt leicht, daß ein Fremder das Ganze ohn - moͤglich uͤberſehen kan, und, wer dabei angeſtellt iſt, hat beſtaͤndig ſo viel mit den Kranken zu thun, daß es Suͤn - de waͤre, ihn mit neugierigen Fragen zu beunruhigen. Der Brand hat leider! im Jahre 1776. einen groſſen Theil dieſer Gebaͤude in die Aſche gelegt, und auch viele Kranke ſind dabei ein Opfer der Flammen geworden, aber doch ſtehen noch ganze Haͤuſer, die alle mit Kranken an - gefuͤllt ſind. Man geht durch lange an einander gebaute Saͤle, die alle voll Betten ſind. Die Betten ſind gut, haben alle rothe Vorhaͤnge und Himmel, ſind numme -Qrirt,242rirt, in einigen liegen 2, in den meiſten nur eine Perſon. Nachtſtuͤhle ſtehen im Wege. Prediger, Aerzte, Wund - aͤrzte, Wartfrauen, Aufwaͤrter, Apotheker, Jungen, Koͤche, Waͤſcher ꝛc. ſind uͤberall in Menge. Es iſt ein eigener Saal fuͤr Kindbetterinnen ꝛc. da, eine eigne Kir - che, eine eigne Apotheke ꝛc. Die Hoͤfe haͤngen immer voll gewaſchener Kleidungs - oder Bettſtuͤcke. Die Obrig - keit gibt Wachen dazu her. Man ſieht die Mannichfal - tigkeit des menſchlichen Elends, uͤberall hoͤrt man klagen, ſeufzen, ſpeien, ſchreien, troͤſten, jammern, ſich auslee - ren, roͤcheln, den Tod rufen ꝛc. Man bekoͤmmt alle moͤgliche Geruͤche, ſieht alle Situationen, Wunden, Krankheiten. Dort ißt einer Suppe und gebratene Huͤ - ner, darneben ſegnet der Geiſtliche einen Sterbenden ein. Fremde laufen beſtaͤndig darin herum; doch iſt das Ge - tuͤmmel bei der Menge der Leute noch maͤſſig. Gott ſei gelobt fuͤr dieſe Anſtalt! Wie groß wuͤrde ohne eine ſolche das Elend in Paris ſeyn!
Le Jardin du Roi beſuchte ich heute wieder. Wie - wohl das Wetter ſehr zweideutig ausſah, und auch ſtark abwechſelte, ſo eilt’ ich doch, im Garten fortzufahren, und ging heute (ſ. 13ten Jun.) die
Hierauf beſuchte ich
Le Cabinet des Squelettes des animaux. Hr. D’Aubenton lies mir jezt auch dieſes Kabinet aufma - chen. Wiederum eine herrliche Sammlung, die eine Treppe tiefer, als das Kabinet ſteht; nur ſchade, daß der Platz zu eng iſt, und alles ſo verſtellt und untereinan - der geſteckt werden muß. Es ſind faſt von allen vierfuͤſ - ſigen Thieren Skelette da; doch fehlen aus der Klaſſe der Ferarum und Brutorum die meiſten. Sie haͤngen an der Wand, ſtehen, liegen uͤberall herum, und haben Zettel und Nummern. In eignen Kaͤſten ſind noch die Knochen der Vierfuͤßigen, Calloſitaͤten, Monſtroſitaͤten ꝛc. Vom Menſchen ſind beide Geſchlechter, Kinder, Zwerge, Bucklichte und Rachitiſche da. Von den Voͤ - geln ſah ich den Straus, den Adler, den Schwan. Von Fiſchen waren einige unter einem Glaskaſten. Eine Men - ge Koͤpfe ſtanden noch auf den Schraͤnken. Die Enge, in die das alles geſtellt iſt, hindert, daß man nicht viele Beobachtungen daruͤber machen kan. Doch ſah ich fol -gendes:245gendes: 1) Eine Seeſchildkroͤte lag aufm Boden; ſie war ganz ſchwarz, ſo gros wie ein junges Kalb, das auf dem Boden liegt. D’Aubenton ſagte mir, ſie waͤre eine groſſe Seltenheit, weil ſie im Kanal gefangen wor - den waͤre. Sie war nicht ſtark verwahrt, man konte mit dem Finger den Ruͤckenſchild hinab biegen, es waren auch ſchon viele Spalten und Riſſe darin. Man ſieht dem Thier das dumme traͤge Weſen an, es iſt wie ein Klotz. Wie weit iſts von da bis zur kleinſten Buͤcher - laus, die in einer halben Minute mit dem kleinſten Koͤr - per uͤber einen ganzen Bogen Papier hinlaͤuſt. So man - nichfaltig iſt die Natur, ſo veraͤndert ſie ihre Werke, und uͤberall iſt doch Vollkommenheit; — alles iſt gut! 2) Ein Paar Huͤftbeine vom alten Elephanten; ich konnte keins aufheben, es war wie ein Stummel von ei - nem Baume, und ſo ſchwer wie ein Stein. 3) Ein Skelet von einem jungen Elephanten, der in der Menagerie von Verſailles war; den Ruͤſſel hat man von Leder daran gemacht, daß er kenntlich iſt, das Co - lon haͤngt noch nicht. 4) Ein Kopf von einem Hip - popotamus; der groͤſte Kuͤrbis bei uns iſt vielleicht ſo faſt das Maas davon. 5) Ein Tapir, wie ein groſſes Schwein; die Haut war noch daruͤber, mit wenigen Haa - ren darauf; es hat aber hoͤhere Fuͤſſe als unſre Schweine. 6) Ein Kopf vom Sus Babyruſſa. So viel ich ſehe, ſo viel Verſchiedenheit! An dieſem gingen nun die obern Zaͤhne wieder nicht ans Os frontis, ſie ſtanden uͤber einen Zoll davon ab. 7) Ein Maul vom Kachelot; nemlich die beiden Kinnladen, darin noch die meiſten Zaͤhne ſtanden. So lang wie ich, waren ſie gewis, wo nicht laͤnger. 8) Bois d’Elan, wie Schaufeln ſo platt, eine Menge andrer Hoͤrner ꝛc.
Q 3Hierauf246Hierauf ging ich
La Comedie françoiſe zu beſuchen. Denn was wuͤrden viele Leute ſagen, wenn ich in Paris gewe - ſen, und nicht einmahl in die Komoͤdie gegangen waͤre? Man gab heute Phedre, ein Trauerſpiel von Racine, ein Stuͤck, das fade, aber auch herrliche Stellen hat. Das Komoͤdienhaus iſt ein Theil der Koͤnigl. Gebaͤu - de,*)Jetzt ſvielt die Comed. franç. in dem neuen in der Fauxbourg St. Germain erbauten und am 9ten April 1782. eingeweihten Schauſpielhauſe. Herausgeber. die gleich unterm Pontneuf anfangen, und bis in die Thuilleries fortlaufen. Der Schauplatz und das Auditorium iſt bei weitem nicht ſo gros, wie in Strasburg, die Muſik iſt herzlich elend, etliche Akteurs und Aktricen, ſonderlich Vater und Sohn, machten die Scenen, wo ſie ſich mit einander ausſoͤhnen ſollen, vor - treflich. Es herrſcht bei weiten hier nicht die Stille und Ordnung, wie in der Oper. Wiewohl man alle Tage hinein gehen kan, ſo iſt doch immer ein gewaltiges Draͤn - gen und Druͤcken um den Platz. Den Akteurs ſieht mans zum Theil wohl an, daß ihnen das Deklamiren, das Weinen, das Lamentiren, das Exſpiriren zur Ge - wohnheit worden iſt. Die franzoͤſiſche Sprache ſchickt ſich dazu, man kan darin erſtaunlich ſchnell, und ſehr energiſch, pathetiſch reden. In dem ganzen Stuͤcke war die Dekoration ein ſimpler Saal, der nie veraͤndert wur - de. Es geht uͤbrigens dem Schauſpieler wie dem Pre - diger und dem Profeſſor, man ſchwazt, lacht, gaͤhnt, laͤrmt ꝛc. Das Parterre koſtet 20. die 3te Gallerie 40. Sous,247Sous, das Parterre iſt aber hier nicht ſo honett, wie in der Oper.
Heut muſt’ ich bei Mr. Lavabre, Rue Mail ſou - piren. Ich hatte auf der petite poſte ein gedrucktes Einladungs-Billet bekommen. Ich ging daher um halb 9. Uhr hin, die Geſellſchaft ſtieg bis auf 18. Perſonen: um halb 10. Uhr ſolte ſervirt werden, man plauderte aber vom Spektakel, Coliſee’, neuen engliſchen Gaͤrten, Chan - tilly, Moden, ꝛc. fing um halb 10. an zu ſpielen, und erſt um halb 11. Uhr ward ſervirt. Mad. Lavabre gehoͤrt zu den vernuͤnftigen Franzoͤſinnen. Sie nannte ſelber das allzuhohe Coeffiren der Pariſerinnen die groͤſte Thor - heit, und misbilligte den Luxus. Ich lernte da einen Italiaͤner aus Lucca kennen, einen ſchon geſetzten Mann, der auch nicht ſpielte, von hier nach Engelland und Hol - land reiſte ꝛc. Man as unten in einem Saal, und im Nebenzimmer hatten noch einige ihren Tiſch. Wir hat - ten ein kleines niedliches Souper. Alles ward auf ein - mahl aufgeſetzt. In der Mitten ſtanden Platmenagen mit Bouquets darneben, kalte und warme Speiſen; aber auch alle warme wurden kalt. Wir bekamen gebratene Huͤner, Spargel, Erdbeeren und ein kleines Backwerk. Das Trinken ward gar nicht auf den Tiſch geſetzt. Die Bedienten (und faſt hinter jedem Stuhle ſtand einer) ſchenkten rothen Wein mit Waſſer ein. Zuletzt ward Burgunder und herrlicher Mallaga praͤſentirt. Der Ita - liaͤner verſchwendete all ſein Franzoͤſiſches am Mallaga, ihm war aber vorher ſein rother Rock damit begoſſen wor - den. Von verſchiedener Kochart hab ich nichts bemerkt,Q 4auſſer,248auſſer, daß die Artiſchocken, die ich vorlegen muſte, und daher nicht verſuchte, ganz geroͤſtet und gebraten, faſt ſchwarz und ſehr hart waren, und ſo ohne Bruͤ - he begierig gegeſſen wurden. Um 12. Uhr ſtand man auf. Oben beſetzte gleich alles wieder die Spieltiſche. Die Karoſſen rangirten ſich vorm Hauſe, auf mich war - tete keine, ich ſuchte daher um 1. Uhr den Weg nach Hau - ſe. — — Paris iſt bei Nacht, wie am Tag; der Unterſchied im Getuͤmmel iſt wahrhaftig nicht gros. Das aber iſt eine haͤßliche Gewohnheit, daß des Nachts die Millionen Nachtgeſchirre alle oben herab ausgeleert werden. Was Wunder, daß Geſtank und Koth in Paris nie aufhoͤren?
Le Palais Marchand, ou on plaide. Da ging ich heute hin, um die Form der Gerichtsbarkeit in Frank - reich, und das Parlament ſitzen zu ſehen. Die Gerech - tigkeit wohnt eben nicht praͤchtig. Es iſt ein altes viel - winklichtes Gebaͤude aufm Platz Dauphine in der alten Stadt Paris, zwiſchen dem Waſſer, dem Pontneuf gegen uͤber. Die breiten Plaͤtze darin ſind mit Bouti - quen angefuͤllt, aber die Zugaͤnge zu den Chambres ſel - ber ſind eng, krumm, finſter, ſchmal. Ich ging ſon - derlich in die grande Chambre, wo das Parlament wuͤrklich verſammelt war. Der Platz zur Sitzung iſt mit Schranken eingefaßt, an denen auſſen die Fremden und Zuſchauer ſtehen. An den Waͤnden herum ſitzen die Par - lamentsherren in ſchwarzen Roͤcken wie unſre Kirchenroͤcke, mit langen Ueberſchlaͤgen, und rothſcharlachenen Ueberroͤ - cken, und ziemlichen Peruͤcken, ſo auch der Advocat general, der etwas niedriger ſitzt. Die Pulte ſind mitblauen,249blauen, mit goldenen Lilien geſtickten, Sammt beſchlagen. Dann ſitzt das Heer der Advokaten, ebenfalls ſchwarz ge - kleidet, mit langen herabhaͤngenden Haaren. Ich hoͤrte einen gewiſſen Toußaint ſehr flieſſend, ſehr heftig, aber oft ſehr ſchoͤne Stellen, deklamiren. Die Sache betraf eine Subſtitution fideicommiſſaire. Es war ein Sieur Thomas und eine Madem. Brunette in Streit wegen eines Teſtaments: die Sache muſte ſchon einmahl debattirt worden ſeyn; denn er berief ſich ſehr oft auf vo - rige Unterſuchungen. Zuweilen las er Geſetze vor, das Lateiniſche ſprach er, wie gewoͤhnlich, ſchlecht aus. Nur der, welcher wirklich ſpricht, ſteht und hat ſein ſchwarzes ſteifes Bonnet auf dem Kopf. Alle Augenblicke hoͤrt man: Meſſieurs, j’oſe vous dire — je ſoutiens, prouverai, — or Meſſieurs, ce que les autres — Mais Meſſ. vous avez vu — En ſecond lieu etc. Er ſprach eine kleine Stunde, dann fing der Avo - cat general an, die Sache dem Praͤſidenten zu concen - triren, und proponirte die Sentenz, deren Abfaſſung ich, weil mir an der Sache nichts gelegen war, nicht abwar - tete. Der Greffier rief ſehr oft: Silence, Silence, aber man handelt grade darneben, man plaudert, man ſpaziert, man baut im Hauſe, und es iſt bei allem Ange - nehmen, was das Plaidiren hat, doch ein erſtaunliches Ge - ſchwaͤtz fuͤr den Franzoſen, der ohnehin uͤber Alles viel Lee - res zu ſagen weis. Die liebe Gerechtigkeit ſoll auch hier ſehr theuer ſeyn. —
La Sorbonne. Ich unterlies nicht, mich bei Mr. Aſſelyne einzufinden, und er wies mir dann heute nach ſeinem Erbieten mit vieler Gefaͤlligkeit, — ſo weit es ſein trockner Karakter, in dem alle Folgen des Sprachſtudiums ſichtbar ſind, zulies, — Folgendes:
Q 51) Seine250La Comedie italienne. Auch das muß man in Paris ſehen, und ſie verdient’s mehr, als die franzoͤſi - ſche. Man nennt ſie ſo, weil dreimahl in der Woche italiaͤniſche Stuͤcke da aufgefuͤhrt werden, und ſonſt auch mehr geſungen wird. Die Muſik iſt nach der Oper hier am ſchoͤnſten. Das Theater und das Gebaͤude iſt viel groͤſſer. Die Komoͤdianten ſingen und ſpielen alle ſehr gut. Ich ſahe Lucile auffuͤhren. Es ſpielte einer eine Rolle im Schlafrocke, die er unvergleichlich natuͤrlichmachte.254machte. Man glaubt aber nicht wie dickroth ſich Manns - und Weibsperſonen anſtreichen.
Das haͤsliche Wetter verdarb mir wieder die botani - ſche Excurſion, im Jardin Royal. Es regnete heute wie ichs noch nie geſehen habe, und geſtern war die Hitze gegen Abend ganz erſchrecklich. Und kaum regnets eine Stunde, ſo iſt Paris der allerhaͤslichſte Ort in der Welt. Alle Goſſenwaſſer laufen uͤber, ſpuͤlen den Koth aus allen Loͤchern, ſchlemmen ihn von den Bergen, dergleichen vie - le in der Stadt ſind, aus den Staͤllen, aus den Schlacht - haͤuſern, aus den vielen Marktplaͤtzen ꝛc. zuſammen. Ei - ner beſpruͤtzt den andern, es ſtinkt uͤberall, als wenns ein einziges groſſes Kloak waͤre. Kommen dann noch die groſſen Laſtwagen darzu, die ſo ſchwer daher fallen und den Koth an den Haͤuſern hinaufſpruͤtzen, ſo iſts das al - lerunangenehmſte Schickſal, wenn man weit zu gehen hat. Ich war heute ſo ungluͤcklich, ich muſte auf
La Bibliotheq. de Couvent des Jacobins ge - hen, wenn ich ein ſeltenes Buch, den Honoratus Fa - bri, das ich noch nie durchgeſehen, kennen lernen wollte. Das Buch verraͤth einen Kopf, der in unſern Zeiten viel Wiſſenſchaften wuͤrde geſammelt haben. Nur die un - gluͤckliche Gewohnheit der vorigen Zeiten, die man vom Ariſtoteles gelernt hatte, und fuͤr Philoſophie hielt, die Erklaͤr - und Demonſtrirſucht aller Erſcheinungen der Na - tur verdarb ihm die Zeit, und hinderte ihn am Beobach - ten. Ich ging den erſten Theil von den Pflanzen durch, und fand darin ſchon manches, das ich nicht erwartet hatte.
Den255Den Reſt des verregneten Tages widmete ich theils dem 2ten Theil der Naturgeſchichte der Thiere von Per - rault, theils dem Brieſſchreiben, und Abends ging ich noch zu
Mr. Delisle Romé, à la Maiſon de M. d’En - nery, Rue neuve des bons Enfans, grade neben dem Hôtel de Varſovie. Ein Mann, der jedem Fremden hoͤflich und freundſchaftlich begegnet. Ich hat - te Addreſſe an ihn vom Abbe’ le Blond, und traf ihn uͤberm Schreiben an Hr. Prof. Herrmann in Stras - burg an, wegen eines Stuͤcks mit gruͤnen Bleikryſtallen, das ihm Letz[t]er geſchickt hatte. Er wies mir deſſen Brief. Hr. Prof. Herrmann erhielt von Girognany in Loth - ringen, einem Orte, wo man nie Blei entdeckt hatte, ein Stuͤck Quarz mit kleinen gruͤnen priſmatiſchen Kry - ſtallen, die gruͤnes Blei waren. Hr. Delisle hatte es zerſchlagen, und gefunden, daß es kein Stuͤck war, das man aus Schaͤchten herausgegraben, ſondern es hatte an der Luft gelegen, hatte Hoͤlungen unten, wo groſſe Wuͤr - fel von Blei darin geweſen waren, inwendig ſas auch wuͤrklich noch ein Stuͤck von der Bleiminer. Man ſah Humum, kleine Wuͤrzelchenfaſern ꝛc. noch darin haͤn - gen, alſo kam es wohl nicht aus dem Schachte, an dem Orte, wo’s gefunden worden war: denn vorher hatte man nie Blei an dem Orte entdeckt. Die Bleikryſtalle waren doch nicht ſo ſchoͤn als unſer gruͤnes Blei hinter Freiburg. Weil der Brief noch auf die Poſt ſollte, hielt ich mich jetzt nicht auf; wiewohl er mir gleich ſeine Kryſtallen-Sammlung zeigen wollte. — Wir verabre - deten die Durchſicht ſeines Kabinets auf Morgen Nach - mittag, und ich ging weg voll Freuden, wieder einenMann256Mann kennen gelernt zu haben, dem die Natur, indem ſie ihre Schaͤtze aufſchlieſt, und ihre Schoͤnheiten ſehen laͤſt, auch zugleich das Herz veredelt, und einen Karak - ter gibt, in dem die Menſchlichkeit, die Geſelligkeit und Guͤte die Hauptzuͤge ſind.
In der Rue St. Honoré ſah ich heute die Wache, welche beſtaͤndig patroullirt, einen Menſchen fort - ſchleppen, der vermuthlich irgendwo ſtehlen wollte, und erwiſcht wurde. Man ſahs ihm an, daß er ein Fremder und kein Franzos war. Der Kerl hatte ihn vorne an der Bruſt gefaßt, und fuͤhrte ihn ſo, umringt von den andern, ohne Hut im Regenwetter neben ſich her, und zog ihn ziemlich ernſtlich fort, uͤber alles was im Weg war. Der Gefangne ſah noch frech aus, und ſchnaubte gegen ſeinen Baͤndiger. Wie abſcheulich iſt das Laſter, wenns nicht einmahl Laſter ſeyn will!
Noch immer wird der ungluͤckliche Desroues in den elendeſten Kupferſtichen herum getragen, und haͤngt an allen Staͤnden, neben dem Koͤnig, der Koͤnigin und dem Kaiſer. So erhaͤlt der ſchlechtdenkende Theil der Deutſchen eben ſo lang das Andenken an Werther, der Verachtung und Vergeſſenheit verdient. —
Ich habe hier Leute kennen gelernt, die mich verſi - cherten, daß ſie oft in 5. 6. — 8. Wochen nicht aus ihrem Quartier kaͤmen, ſich alles was ſie brauchen, holen lieſſen, und von oben herab dem Pariſer Leben zu - ſaͤhen. — Was fuͤr ſonderbare Menſchen es doch in der Welt gibt! Einigen wird wehe, wenn ſie eine Stundeauf257auf der Stube ſind, andre gehen, wie die Schnecken, nie aus ihrem Gehaͤuſe. Einige gaͤben einen Finger von der Hand, wenn ſie alle Tage in Paris an den oͤffentlichen Plaͤtzen ſeyn koͤnnten; andre ſind in Paris, als ob ſie in einer Einſiedelei waͤren, und Jeder meint, er habe Recht!
Auch heute erlaubte mir das beſtaͤndige Regenwetter keine botaniſche Beſchaͤftigung. Ich war Vormittag auf der Bibliothek der Abtei St. Victor mit Per - rault’s Hiſt. nat. des anim. beſchaͤftigt, und Nach - mittags beſah ich
Le Cabinet de Mr. Delisle Romé. — In der Lehre von der Kryſtalliſation durch alle Faͤcher durch, (ausgenommen die Salze, von denen keine einzige Pro - be da war,) und von den Metallen kan man wohl nicht leicht eine vollſtaͤndigere, ausgeſuchtere und lehrreichere Sammlung ſehen, als dieſe. Er wies mir
Heute beſah ich einen Theil von den Environs de Paris, zwei Koͤnigl. Luſtſchloͤſſer oder Landhaͤuſer, nem - lich:
R 3I) Choiſy262Das Wichtigſte iſt das Koͤnigl. Schlos, das um die Herbſtzeit von der Koͤnigl. Familie beſucht wird, weil in der Gegend viel Weinberge ſind. Die Gebaͤude ſind Theils neu, Theils alt, aber alle nur ein Stock hoch mit Manſarden. Das Schlos iſt mit Gaͤrten umgeben, die groſſe breite Alleen haben, die nicht beſonders waͤren, wenn nicht auf der einen Seite die Seine floͤſſe, die frei - lich die angenehmſte Ausſicht darbietet. Am Ufer ſind groſſe mit koſtbaren Grillen eingefaßte Terraſſen. Auf der Waſſerſeite iſt das Schlos am ſchoͤnſten. Eine derartigſten263artigſten Parthien des Gartens iſt das groſſe Labyrinth, ein in viele in einander laufende Kreiſe eingetheilter Platz. Da bluͤhte jetzt Liguſtrum vulgare ſativum und ver - breitete ſeinen lieblichen Geruch uͤberall.
Man wies mir die Apartemens, in denen der Fus - boden — ausgenommen in den Schlafzimmern — ebenfalls ſteinern iſt, wie durchgaͤngig in Paris. Die groͤſten Spiegel, die koſtbarſten Vaſen von Porzellaͤn, die herrlichſten Tapeten, die niedlichſten Vorhaͤnge, Bet - ten, Stuͤhle ꝛc. fanden wir uͤberall. Der Schweizer war gar zu dienſtfertig, und wies mir ſogar mit vielem Gepraͤnge die Kommoditaͤt des Koͤnigs, grade neben dem Schlafzimmer. Unter den Gemaͤlden gefiel mir ein Portrait der Koͤnigin im Schlafzimmer des Koͤnigs vor - zuͤglich. Neben dem Schlafzimmer iſt die Kapelle fuͤr die Koͤnigl. Familie. Sie iſt klein. Es ſtand ein Bet - ſchemmel mit rothem Sammtbeſchlagen darin und an den groͤſten Fenſtern waren vergoldete Namen. Das De - ckenſtuͤck ſtellt der Mariaͤ Himmelfahrt vor, und iſt unge - mein ſchoͤn. Hierauf lies man mich.
La Table mouvante, — eine der groͤſten me - chaniſchen Erfindungen, die vielleicht in der Welt iſt, ſo - hen. Ein Arzt, D. Girard, aus Languedoc, unter Louis XV. iſt der Urheber davon. Im Speiſeſaal ſteht ein runder, ſehr groſſer Tiſch, an dem wohl 12. Per - ſonen ſitzen koͤnnen. Dieſer Tiſch iſt etwa eine Hand breit, vom aͤuſſern Rande einwaͤrts gerechnet, ausgeſchnit - ten, und dies innre Stuͤck der Tafel laͤuft, wenn es ſtark, (weil die Tafel von Nußbaumholz, und ſehr dicht iſt) angetrieben wird, herum. Unten iſt ein Zirkel von Ei - ſen, der eine Vertiefung hat. In dieſer laufen die klei -R 4nen264nen Stollen der Tafel, wohl mit Oel eingeſchmiert, her - um. Doch das iſt das Wenigſte. Steigt man eine Treppe hinunter in einen Keller, wo viele Lichter angezuͤn - det werden muͤſſen, ſo ſieht man, daß der ganze Tiſch auf einem eiſernen Roſt ſteht, an dem die Stangen pa - rallel und ins Kreuz laufen. Und dieſe ganze Vorrich - tung kan durch Hebel und mechaniſche Werkzeuge ganz ſtaͤte herabgelaſſen werden, ſo daß er, wenn oben die Koͤ - nigl. Familie daran ſpeißt, mit allem Service, und mit allem, was darauf ſteht, vor ihren Fuͤſſen in die Tiefe hinabſinkt, und verſchwindet. Sieht man unten dem kommenden Tiſche zu, ſo entdeckt man, daß er mit ſeinem Roſt, mit allen ſeinen Stangen, in Einſchnitte im Bo - den, die voͤllig paſſend ſind, hinabſinkt, und einem an - dern Tiſche von der nemlichen Groͤſſe und Rundung, der an der Seite ſteht, und jetzt in die Mitte gezogen wird, Platz macht. Dieſer Tiſch iſt indeſſen, daß der Koͤnig mit ſeiner Geſellſchaft vom erſten Service ſpeiſt, mit dem andern bedeckt worden, und wird nun durch eben dieſe Kraͤfte, mit leichter Muͤhe, und in wenig Minuten, ins Zimmer hinauf vor die Fuͤſſe des Koͤnigs gewunden, ſo daß die ganze Geſellſchaft ſitzen bleibt, und keine Bedie - nung ſich ſehen laͤßt, und doch das ganze Eſſen und alles Geraͤthe veraͤndert wird. Ich ſtieg, weil ich hier unten die eigentlichen Triebwerke noch nicht ſehen konnte, noch eine Treppe tiefer in das Gewoͤlbe hinab, und fand an der Wand ein oder zwei Kurbeln, die ein Lakai treiben kan, wodurch das ganze herrliche Werk, das, ohne viel Platz einzunehmen, nur an den Waͤnden herum vertheilt, und doch ſo ſchoͤn eingerichtet iſt, daß eins immer ins an - dre greift, ohne Laͤrmen und Geraͤuſch zu machen, in Be - wegung geſetzt wird. Ueber dieſer Tafel ſind noch 4. Servi -265Serviteurs angebracht; dies ſind Aufſaͤtze von Holzrah - men oder Leiſten mit 4. 5. meſſ ingnen Platten, die man auf und niederſchrauben, und Wein, Brod ꝛc. darauf zu legen, brauchen kan. Sie koͤnnen ebenfalls mit geringer Muͤhe hinabgewunden, und wieder mit andern Sachen hinaufgeſchickt werden. Es iſt ſo eingerichtet, daß an der Tafel und an jedem von dieſen kleinen Tiſchen kleine verſteckte Dratzuͤge ſind, an denen unten eine Glocke haͤngt. Sobald man oben klingelt, wird der Serviteur abgehaſpelt, von neuen ſervirt, fehlt etwas, ſo liegt eine Karte darauf, und ſo wieder hinaufgewunden. Die groſſe Tafel ſah ich nicht ſteigen und ſinken, aber die klei - ne ſah ich, wie ich wollte, ſteigen und verſchwinden. Man hat auch erſt vor Kurzem bei der Gegenwart des Kaiſers Gebrauch von dieſer Einrichtung gemacht. *)Solche Tables mouvantes oder Konfidenztafeln mit den darzu gehoͤrigen Serviteurs oder Kammerdienern, wie der Verfaſſer hier beſchreibt, trift man auch auf den Schloͤſſern andrer groſſen Fuͤrſten in und auſſer Teutſchland an. Man nennt ſie auch Maſchinentafeln. Herausgeber.
Der Schweizer bei dieſem Schloſſe machte zugleich den Wirth. Ich muſte aber am hellen Tage thun, was ich noch nie des Nachts gethan habe, und zum Fen - ſter hineinſteigen, wenn ich was haben wollte. Bei al - ler ſorgfaͤltigen Nachſuchung war im ganzen Hauſe keine Thuͤre zu finden. An jedem Fenſter ſtand eine kleine Treppe, wie bei uns die Huͤnerſteigen, da muſten wirR 5hinauf -266hinaufklettern, und als wir hinauf waren, nahm jemand die Leiter weg. Ich weiß nicht, wars Armuth, oder Furcht vor Ueberfall, oder ein Mittel, die Gaͤſte zu be - halten, bis ſie bezahlt haben? Inwendig waren ſo ſchmale Stuͤhle, daß ich Muͤhe hatte, einen zu finden, auf dem ich ſitzen konnte.
Wiewohl er aber nur ein Schweizer, daß heiſt ein Bedienter war, ſo ſah man doch den Luxus der Fran - zoſen. Seine Zimmer waren alle tapeziert, und ſeine beiden Toͤchter, die aus der Meſſe kamen, gingen im bloſ - ſen Kopf mit Aufſaͤtzen in den Haaren, und in ſeidenen Kleidern. Sie waren kaum da, ſo fingen ſie an tuͤchtig zu fruͤhſtuͤcken, — es war um 10. Uhr, — bei einer ziemlichen Schuͤſſel voll Brei und einem guten Stuͤcke Brot.
Da ich heute auf dem Felde wieder reinere, freiere Luft geathmet hatte, als ich ſonſt in der Stadt bekomme, und daher mich auch gern zweimahl beregnen lies; ſo wars mir nachher deſto empfindlicher, als ich wieder in die Stadt kam. In der Stadt, — ſelbſt in der Rue St. Antoine, — kam mir gleich ſo ein haͤslichſtinken - der, ſaurer Geruch entgegen, daß ich mich ordentlich ent - ſchlieſſen muſte, meine Naſe wieder daran zu gewoͤhnen.
Ich ging in eben dieſer Straſſe an einem Hauſe vor - bei, wo mich die Aufſchrift: Hôtel de M. Turgot, aufmerkſam machte. Da, dacht ich, ruht der groſſe verkannte Mann, ſua virtute involutus!
Auch an dieſem Tage war ein beſtaͤndiges haͤßliches Regenwetter, ſo daß ich nun die Hofnung aufgab, jemals den Koͤniglichen Garten ganz durchgehen zu koͤnnen. In - deſſen lief ich mit krankem Magen und Kopf, ſchon um 7 Uhr, auf
La269La Bibliotheque du Couvent des Jacobins, um den Honoratus Fabri vollends durchzugehen und brach - te ihn auch wirklich zu Ende. Man ſieht es, wenn man oft dergleichen Buͤcher durchgeht, daß die Alten wahrhaf - tig ſchon auf dem Wege zu allen den Kenntniſſen waren, die wir jetzt erweitern und berichtigen. In der Lehre vom Kreislauf des Bluts merkt man’s ihm an, daß er die Ehre der Entdeckung mit dem Harvey theilen will. Er ſagt, er mache nicht viel Weſens mit ſeinen Sachen, indeſſen: licet liberi deformes fint, adhuc tamen parentibus placent. Drauf machte ich einen Beſuch bei
Mr. Sage im Jardin Royal. Er iſt Mitglied der Koͤnigl. Akad. d. W. ein groſſer Chymiker und Korre - ſpondent unſers Durchl. Marggrafen von Baden. Ich durfte auch nur dieſen hohen Namen nennen; ſo ward ich mit der groͤſten Gefaͤlligkeit empfangen. Wir ſprachen von Carlsruhe, von der Chymie, ꝛc. und er erbot ſich gleich, mir, wenn ich von Verſailles zuruͤckkaͤme, weil er und ich jetzt nicht Zeit haͤtten, ſein Kabinet zu zeigen. Beim Weggehen machte mir dieſer gefaͤllige Gelehrte ein Ge - ſchenk mit ſeiner Mineralogie docimaſtique, wovon der erſte Theil mit ſeinem Bildnis geziert iſt, und der an - dre eben in der Druckerei fertig worden war. Er hatte mich ſchon im Koͤnigl. Kabinet arbeiten geſehen, und mit D’Aubenton von mir geſprochen, mich aber, wie er ſag - te, in meiner Induſtrie mit der Leiter nicht ſtoͤren wollen, weil D’Aubenton ihm verſprochen, daß ich zu ihm kom - men wuͤrde. Er iſt ein Mann in mittlern Jahren, voll Fleis und Eifer in der Chymie, und voll Freundlichkeit gegen jeden Freund, und Liebhaber der Wiſſenſchaften. Ich erkundigte mich bei ihm, wo ich Platina del Pintehaben270haben koͤnnte, und erfuhr, daß der Apotheker Rouelle, der Chymie lieſt, vielleicht noch etwas zum Verkauf ha - ben wuͤrde. Von da lief ich fort ins
Hôtel de la Charité, Rue Tarane. Wieder eine von den koſtbaren Anſtalten zum Beſten der Armen, und der Kranken. Haller ſagt, man ſolt’ es eher Hô - tel de Cruauté heiſſen. Vielleicht war dieſes Urtheil damahls, wie er hier war, nicht ungegruͤndet, aber jetzt, duͤnkt mir, hieſſe das menſchenfeindlich urtheilen. Ich habe nichts geſehen, was nicht zweckmaͤſſig und gut war, wenn gleich bei einer Anſtalt, die wie dieſe, ins Groſ - ſe, ins Weitlaͤuftige geht, eine Menge Unvollkommenhei - ten nicht unterbleiben koͤnnen. Oben am Eingange in die Straſſe iſt eine groſſe Fontaͤne, die das Hotel ohne Zweifel mit Waſſer verſieht. Doch wird auch alles von da weggetragen. Der erſte Theil dieſes weitlaͤuftigen Ge - baͤudes iſt die Charite’ ſelbſt, mit der Inſchrift: Deus eſt Charitas. Dann koͤmmt man zum Spital ſelber. Der Hof iſt klein, aber mit Baͤumen beſetzt, unter denen die Geneſenden friſche Luſt ſchoͤpfen. An den Thuͤren, die wie an den Kirchen, damit kein Geraͤuſch entſteht, von Tuch mit Haaren, Wolle, Werg ꝛc. ausgeſtopft ſind, ſteht noch in und auswendig angeſchrieben; Fermez la porte doucement. Es iſt auch alles viel ſtiller hier, als im Hôtel-Dieu. Man hoͤrt nur das ſchwa - che Sprechen der Kranken, das leiſe Schleichen der Aerz - te und Bedienten, und zuweilen das aͤngſtliche Schreien derer, die bald hier bald dort in Nebenzimmern, unter den ſchmerzhaften Inſtrumenten der Wundaͤrzte leiden muͤſ - ſen. Ein Anblick, der mir Straßburg mit einmal wieder ganz ins Gedaͤchtniß brachte, und bald wehmuͤthi -ge,271ge, bald dankbare Empfindungen gegen Gott erweckte. Die Betten ſtehen hier weiter von einander, als im Ho - tel-Dieu, haben weiſſe Umhaͤnge mit Nummern und gruͤne Tuͤcher und Teppiche. Sie ſind alle nur einſchlaͤf - rig, die Gaͤnge ſind auch etwas breiter. Auch iſt das Zimmer ziemlich hoch, und die Fenſter werden rein ge - halten. Ventilators koͤnnen da ſeyn, ich habe ſie aber nicht bemerkt, und wieviel wuͤrden auch ſolche kleine Din - ger in ſo einem Saale ausrichten. Die Saͤle ſind ins Kreuz gebaut, dazwiſchen ſind kleine Nebenzimmer. Man ſieht hie und da groſſe mit Grillen eingefaßte Altaͤre in den Saͤlen, an denen Meſſe geleſen wird. Die Klei - dung der Kranken, die hier herumſchleichen, iſt durch - gaͤngig ein Matin von dickem gruͤnen Tuch. Darneben iſt eine wohl verſehene Apothecke. Die Wundaͤrzte ſind hier wie junge Moͤnche gekleidet, ganz ſchwarz. Sie laufen beſtaͤndig mit den Schreibtafeln von einem Bette zum andern, fragen, fuͤhlen den Puls, ſchreiben vor, troͤſten ꝛc. In ſolchen Spitaͤlern findet der Menſch, der Phi - loſoph, der Chriſt, ſo viel Gelegenheit zu den ſanfteſten und zu den ernſthafteſten Betrachtungen, daß ich mich recht wohl an ſo einem Ort befand, und vom Eckel ꝛc. nicht die geringſte Anwandlung hatte. Darauf beſah ich
L’Hôtel de Monnoie, au Quay des petits Auguſtins, zwiſchen dem Palais Royal und dem Pont Neuf. Ein groſſes, herrliches, neues Gebaͤu - de, das noch die gelbe Farbe des Pariſer Steins hat. Man praͤgt hier Geld, man hoͤrt auch faſt in allen Zim - mern Geld zaͤhlen, Silber waͤgen ꝛc. aber man bekommt nichts zu ſehen, faſt vor jeder Thuͤre iſt eine eiſerne Gril - le und allerwegen Schildwachen. Das Hotel iſt weit -laͤuftig,272laͤuftig, hat eine Menge toſkaniſcher kannelirter Saͤulen, uͤberall die ſchoͤnſten Verzierungen ꝛc. in dem Geſchmack, wie die Gardes des Meubles du Roi, aber, wie ge - ſagt, weiter bekoͤmmt man nichts zu ſehen. Ich haͤtte gar nicht dran gedacht, wenn mich nicht ein Fremder ſchon vor etlichen Tagen, weil er den Weg dahin nicht wuſte, darnach gefragt haͤtte.
Auch heute war, wie der Franzos ſagt, eine Tem - pete furieuſe. Von Morgens fruͤh an, war ein be - ſtaͤndig anhaltender Regen. So unluſtig wird Paris dadurch, daß man ſich lieber ins kleinſte Staͤdtchen, auf jeden Landſitz wuͤnſcht, als in dieſer Stadt zu bleiben. Man ſetzt Geſundheit und Kleider zu, wenn man in dem Kothe herumlaufen will. Es war La Fête de St. Jean, wo in Seaux die groſſen Jets d’eau ſpielen ſol - ten. Ich hatte geſtern mit Hr. Delor abgeredet, heute Vormittag das Kabinet des Dr. Mauduit zu ſehen, der die ſchoͤnſte Voͤgel-Sammlung in ganz Paris haben ſoll, und Nachmittags ſolt’ ich mit einer Geſellſchaft nach Seaux gehen, aber man muſte ſich gram ſeyn, wenn man in der Wohnung des Koths und der Unſauberkeit immer laufen wollte. Ich endigte den 3ten Theil der Hiſt. Nat. des Anim. de Mr. Perrault, und muſte ohnehin eine Diarrhoe abwarten, die ich ſeit Sonntags Abends wieder bekommen hatte Was Wunder, wenn man beſtaͤndig an Fuͤſſen und in allen Kleidern naß iſt, und das unſauberſte, truͤbſte Waſſer trinken muß? Ich will alſo an dieſem Tage wieder einige Bemerkungen ſammeln, die das Ganze der Stadt, ſo weit ichs kennen gelernt, betreffen.
Da die Stadt ſo ungeheuer gros iſt, und beſtaͤn - dig alle moͤgliche Scenen darbietet; ſo iſt jeder, der lang hier iſt, gegen alles, was ſonſt Schrecken, Mitleiden, Ernſthaftigkeit, oder nur Unruhe erweckt, ſo gleichguͤltig, daß ein Fremder alle Augenblicke unwillig wird, uͤber die Froſtigkeit der Nation, uͤber die Frivolitaͤt, und uͤber den unendlichen Leichtſinn, womit Alles von Allen beurtheilt wird. In der That, man ſollte zuweilen meinen, alles Menſchengefuͤhl ſei erſtorben. Dort haut ein Fuhrmann einem andern mit der Peitſche ins Geſicht; dort ſchmeißt ein Wagen um, und zerſchmettert dem einen das Bein, verderbt dem andern das Kleid, wirft dem dritten die Waaren in Koth. Was hoͤrt man? Fluchen — daß einem die Haare zu Berge ſtehen, Schwoͤren, daß einem in der Seele ſchauert, Lachen, recht hoͤhniſches, wie Teufel ſich freuen uͤbers Ungluͤck des andern, und die mit Kar - min uͤberſchmierte Dame ſitzt in ihrem Wagen, hat den Hund am Backen, den Stock, das Parapluye, das Riechflaͤſchchen in der Hand, und ſeufzt nach der Komoͤ - die, wo ſie ſchon hundertmahl geweſen iſt. Ein Pferd wird gepeitſcht, bis es den Berg hinauf keicht, Feuer - funken ſpruͤhen unter den Fuͤſſen herum, wie vom gluͤhen - den Eiſen unterm Hammer des Schmidts, jetzt ſtuͤrzts, die menſchliche Beſtie pruͤgelt es ſo lange unter den ab - ſcheulichſten Verwuͤnſchungen, bis es wieder aufſteht, und dem nachjagenden Wagen Platz macht. Man findet in der Straſſe einen Todten, à la Greve henkt man einen, Kinder werden getreten, uͤberrennt, man bringt einen Kranken auf der Tragbahre, da faͤhrt ein Leichenwagen hin, dort faͤllt einer, glitſcht aus, und die Pferde tram - peln ihn todt. — Das iſt alles einerlei, kein MenſchSbekuͤmmert274bekuͤmmert ſich darum. Sobald aber ein Baͤrenfuͤhrer mit dem tanzenden Affen kommt, eine Hure, wie eine Koͤ - nigin geputzt, mit herausſchluͤpfenden Bruͤſten, am hel - len Tage vom Fenſter jedem geputzten Narren zupfeiſt und laut hinausruft; wenn ein Farcenmacher, ein Gaul - ler kommt, der ſchreit und das duͤmmſte Zeug macht; da ſammelt ſich gleich alles, alles iſt Ohr, ſchließt einen Kreis, gaft die Hure oder die Meerkatze an, und in Ge - ſellſchaften ſpricht man einen ganzen Tag davon. Jeder laͤuft ſeinen Trab fort. Man thut gros, borgt beſetz - te Kleider, um ein - oder zweimahl im Spektakel zu glaͤnzen, man gibt ſich fuͤr adlich, fuͤr graͤflich aus, nimmt von allen Dingen das Maul recht voll, und urtheilt in Tag hinein ꝛc. Wers nicht ſieht, glaubts nicht. Es gibt Leute, die gleich die Unterredung von der Religion anfangen, uͤber alles lachen, ſagen, ſie waͤren in Engel - land geweſen, da predige man ſelber auf den Kanzeln, daß das alles nicht wahr ſei, bieten ſich an, einen mit Paris recht bekannt zu machen, man ſolle ſich an ſie hal - ten, mit ihnen gehen, ſie haͤtten groſſe Connoiſſancen ꝛc. Wie die juͤngſten Kinder ſchon ſo ſtolz, ſo verwahrloßt ſind, iſt unbeſchreiblich. Es gibt eine Menge Maͤnner, Erwachſene u. ſ. w. die nicht einen Buchſtaben leſen, oder ſchreiben koͤnnen. Man ſieht und hoͤrt nichts von Schul - anſtalten. Ich habe mich bei Gelehrten darnach erkun - digt, ſie wiſſen einem keine Nachricht zu geben. Vil - loiſon, der doch alles was Wiſſenſchaft und Litteratur in Paris heiſt, haben ſoll, konnte mir nicht ein Wort von den paͤdagogiſchen Anſtalten der Stadt ſagen, konnte mir kein Buch zeigen, das in Schulen eingefuͤhrt iſt, oder die Anfangsgruͤnde der Wiſſenſchaften, ſo wie ſie jungen Leuten beigebracht werden, enthielte. In ihren Buͤcher -ver -275verkaufungen ſieht man zwar immer: Geographie ſans maitre; Hiſtoire pour les jeunes gens; Hi - ſtoire de tout le Monde; Abregé etc. Wenn Jußieu Botanik im Garten ließt, uͤberſetzt er Linne’s ſpecifiſche Beſchreibung der Pflanzen ins Franzoͤſiſche. Das ſchreiben die Zuhoͤrer alle nach, und weiter ſagt er nichts dazu, kaum bei den Wichtigſten ihre Anwendung und Heilkraͤfte ꝛc.
Man kan ſich auch nicht vorſtellen, wie die Leute ſo verſchieden urtheilen, und gegen die Fremden geſchieht das alles im entſcheidenden Tone. Der eine ſagt: „ Gehen „ Sie ja bald nach Verſailles. “ „ Ach, “ſagt der an - dre, „ in 3. Stunden haben Sie alles geſehen. “ „ Nach „ St. Denys zu gehen, “ſagt einer, „ iſt der Muͤhe „ nicht werth. Haben Sie noch keine Steine geſehen, „ die glaͤnzen? “ Und der andre: „ Viele Fremde gehen „ weg von Paris, und ſehen unſre Koſtbarkeiten nicht. „ Mon Dieu, was iſt nicht in St. Denys, in Ver - „ ſailles, in Choiſy le Roi zu ſehen? und das Coliſe’e! „ In der Welt iſt nichts ſchoͤners, Hors de Paris point „ de ſalut “ꝛc. — Ich will die Namen der Perſonen weglaſſen, die ſo ſprachen; es waren Leute, die ich hier ſchon oft genennt habe, und denen ich ſonſt Dank ſchul - dig bin. Kurz, zwei, drei, vier Maͤnner abgerechnet, hab ich noch wenig ſolide, geſetzte, edeldenkende Franzo - ſen hier gefunden. Eine greuliche Unwiſſenheit in allen auslaͤndiſchen Sachen, eine unglaubliche Verachtung der Engellaͤnder, der Italiaͤner nnd auch der Teutſchen; ein beſtaͤndiges Rennen und Sinnen, wie man die Zeit toͤd - ten, Kleider ausſuchen, Zimmer aufputzen und ſich di - vertiren will: das ſind weſentliche Zuͤge im KarakterS 2des276des Franzoſen. Aber nun hoͤre man J. J. Rouſſeau in ſeinen Penſées, Amſterd. 1763. 8 v o. S. 188. art. Gout. „ Il paroit peu de livres eſtimés dans „ l’Europe, dont l’Auteur n’ait été ſe former à „ Paris. — Si vous avez une étincelle de génie, „ allez paſſer une année à Paris: bientôt vous „ ſerez tout ce que vous pouvez être, ou vous „ ne ſerez jamais rien. “ Iſt’s moͤglich, daß ein Mann, der ſonſt in vielen Sachen ſo ſcharf ſah, ſo was Dummes, Kindiſchſtolzes, ſo was Unſinniges, was das Gepraͤge der tiefen Unwiſſenheit, und des unbaͤndigſten Nationalſtolzes an der Stirne traͤgt, ſchreiben konnte? und das in eben dem Buche, wo er oft gegen Paris und London Invektiven ſchreibt?
Man ſagt den Franzoſen nach, daß ſie ſehr maͤſ - ſig im Eſſen und Trinken ſeyn. Und in der That ißt der Deutſche, der Engellaͤnder ꝛc. hier dreimahl mehr, als ſonſt, beſonders im Anfange. Indeſſen ſollte man ſagen, die Franzoſen koͤnnen nicht kochen wie die Deut - ſchen. Man gehe in Kaufmannshaͤuſer, in groſſe Ho - tels oder in kleine, ihr Bouilli, ihr gekochtes Rindfleiſch, das iſt ewig ihre Speiſe. Schon ihre Braten ſind ſchlecht, gemeiniglich noch etwas blutig, roth ꝛc. und das Gemuͤſe iſt auch bei weitem nicht, wie bei uns. Ihr Brot iſt auch nicht alles genug ausgebacken. Es iſt hier, wie in Sachſen. Man wendet alles an den Klei - derſtaat und Haͤuſerputz; zum Tiſch hat man nicht viel uͤbrig. Der Franzos ſetzt ſich geputzt, im praͤchtigſten Kleide, an den elendeſten Tiſch. Von einem Broͤt - chen und einem Stuͤcke Kaͤſe leben viele, die man auf der Gaſſe fuͤr die groͤſten Leute halten ſollte. Und ihre Maͤſ -ſigkeit277ſigkeit iſt von einer beſondern Art. Beſtaͤndig trinken ſie Liqueurs, Ratafia, Fleur d’Orange; zum Fruͤh - ſtuͤck eſſen ſie oft ſo viel, als bei uns mancher Mittags; da haben ſie denn hernach keinen groſſen Appetit. Die Bauern um die Stadt herum ſind wahrhaftig im Eſſen wie unſre. Und weiter hinein in die Provinzen haben die armen Leute nichts, muͤſſen wie das Vieh arbeiten, um die Abgaben aufzubringen, leben auch, wie das Vieh ꝛc. Weil der ganze Hang der Nation aufs Weiche, Wolluͤſtige geht: ſo ſaufen ſie freilich nicht ſo ſtark, wie in Deutſchland, doch ſind mir auch ſchon am hellen Ta - ge Beſoffene vorgekommen.
Schoͤne Menſchen muß man gar nicht in Paris ſuchen, unter keinem Stand oder Geſchlecht. Faſt alle Weibsperſonen ſind gefaͤrbt, und wenn ſie’s nicht ſind, ſo ſind ſie blaß, gelb, eingefallen, haben keine lebhafte Far - be. Es kan auch nicht anders ſeyn, ſie ſitzen beſtaͤndig lang bei Tiſche, dann in der Karoſſe, dann im Spekta - kel, dann am Spieltiſch, dann in den Thuilleries, dann beim Soupe’, und wieder am Spieltiſche, — beſtaͤndig in der dicken, ungeſunden Stadtluft, ‒ ‒ kommen nie ins freie Feld, werden von Jugend auf gemisbraucht, verzaͤrtelt, verwoͤhnt, bewegen ſich wenig, zu Fuß faſt nie, arbeiten nicht ernſtlich, ſtecken in engen Zimmern ꝛc. Kinder haben noch eine leichte fliegende Kleidung, aber ohne Mitleiden kan man ſie nicht anſehen. Wie der Baum iſt, ſo iſt die Frucht! Ungluͤckliche Geſchoͤpfe, die ihre Lebensſaͤfte verdorbenen unreinen Quellen zu danken haben!
Dieſer Tag war nicht viel beſſer als der vorige. Re - genwetter und Sonnenblicke wechſelten beſtaͤndig ab. Die Leute, die ich beſuchen wollte, traf ich meiſtens nicht an. Weil ich bald nach Verſailles reiſen wollte, ſo brachte ich meine Sachen in Ordnung, war bei dem Kaufmanne, an den ich angewieſen war, trieb meine Waͤſche ein, be - ſtellte Briefe nach Holland, gab die Buͤcher, die ich noch hatte, auf die Abtei St. Victor zuruͤck, erkundigte mich wegen der Poſten nach Verſailles, nach Chan - tilly, und nach Bruͤſſel, und arbeitete uͤbrigens auf meinem Zimmer, unter beſtaͤndiger Plage von der un - gluͤcklichen Pariſer Diarrhoe. Ich habe bereits viele Dinge beſchrieben, ich muß fortfahren, die Menſchen zu ſchildern.
Die Moden, die beſtaͤndig hier in Ebbe und Flut ſind, ſind die Erfindungen der Kuͤnſtler, und werden durch die Leute, die beſtaͤndig was Neues haben wollen, und eine Menge Geld an Putz und Staat wenden koͤn - nen, in Gang gebracht. Bei einem Juwelier Koenig et Comp. Rue St. Honoré, Hôtel d’Aligre, proche la Rue de l’Arbre ſec ſah ich heute, eine neue Mode von Coeurs und Bracelets, die eine Phantaſie von ihm iſt. Das Herzchen wird aus 2. Haͤlften von Glas zu - ſammengeſetzt. Die Einfaſſung iſt von Gold. Zwi - ſchen den Glashaͤlften macht er einen Buͤſchel feiner Frau - enzimmer - oder Kinderhaare in Form einer Fruchtgarbe. Dieſe Haare ſind durch eine Schleife von Gold, die mit Edelſteinen beſetzt iſt, zuſammengebunden. Er hatCailloux279Cailloux de Cayenne, die er ſchleifen laͤſt, und die in einer ſchoͤnen Einfaſſung herrlich ausſehen. Es iſt leicht zu denken, daß der Erſte, der ſo was macht, es ſei auch ſo gering, als es wolle, den Preis beſtimmen kann, wie er will. So ein Herzchen koſtete einen Louisd’or. Kaum waren welche verkauft, ſo kam einer, und wollte die Garbe groͤſſer haben, und in einem Bracelet, auch das machte er. Dann kam ein andrer und wolte noch eine Deviſe um die Garbe haben, auch aus Haaren ge - flochten, die Erfindung der Deviſe uͤberlies er dem Ju - welier; Ce champ eſt bien fourni, — hies eine, weil das kleine Feld ganz voll war*)Unter dieſer Deviſe lag vermuthlich eine kleine Poliſ - ſonnerie verborgen. — Herausgeber. . — Dieſer Mann hat beſtaͤndig ein Kaͤſtchen voll Ringe, Bracelets, Herzchen, Nadeln, Aigretten ꝛc. bei ſich, und veraͤndert die Zuſammenſetzung alle Tage. Wer koͤmmt, Arbeit be - ſtellt, oder etwas ausbeſſern laͤßt, ſieht die Sachen an, bekoͤmmt Luſt zu kaufen, waͤhlt aus den verſchiedenen Sorten wieder ein neues Deſſein; der Kuͤnſtler machts, bringt ſeine Phantaſie, ſeine Verzierungen wieder dabei an. — Solcher Leute hat Paris eine unendliche Men - ge, einer ſieht in den Boutiquen des andern Waaren, die Fremden bringen die Erfindungen auswaͤrtiger Natio - nen mit ſich hieher, ſo wird es begreiflich, wie in Zeit von 8. — 14. Tagen beſtaͤndig andre Sachen Mode werden koͤnnen. Alles iſt ſo gearbeitet, daß es ins Auge faͤllt. Die Politur, das Drehen, das Schleiffen, das Putzen, das Feilen, das Bohren ꝛc. wird aufs aͤuſſerſte getrieben. Die meiſten Arbeiter von der Art haben 2. 3. MicroſcopeS 4neben280neben ſich liegen, und beſehen die Arbeit beſtaͤndig damit. Sie haben immer Migniatur - und Paſtellmaler an der Hand, die ihnen die Gemaͤlde an die Uhren, auf die To - baksdoſen, auf die Armbaͤnder machen muͤſſen. Auch dieſe arbeiten mit dem Vergroͤſſerungsglaſe, malen auf Elfen - und anderes Bein fuͤr 3. 4. Louisd’or die niedlich - ſten Gemaͤlde. Viele junge Leute, die Kopf und Ge - ſchick zur Malerei haben, ſtehen bei ſo einem feinen Galanteriearbeiter gleichſam in Dienſten, ziehen gleich, wenn ſie ſeine Bekanntſchaft haben, in ſeine Nachbar - ſchaft, erhalten von ihm Kundſchaft, — beſonders ſchickt er ihnen die Fremden zu, dafuͤr malen ſie ihn und ſeine Freunde faſt umſonſt ꝛc. Lumpen ſind die meiſten Ma - ler auch hier, wie uͤberall. Der Juwelier, dem die ge - ringſte Arbeit ausſchweifend bezahlt wird, ſchießt zuwei - len vor, dadurch hat er die Leute im Zwange ꝛc. In den elendeſten Stuben, im 4ten Stock, in den Neben-Gaſ - ſen, hintenhinaus in Winkeln, die nur ein Fenſter haben, entſtehen die Modeſachen. Millionen koͤnnten die Kuͤnſt - ler verdienen, wenn ſie ſparen wollten.
Mit den Malereien geht der Luxus auch ſehr weit. Faſt alles in Paris laͤßt ſich malen. Auf den Straſſen bieten ſich oft Maler an. Mit den Uhren iſts eben ſo. Viele tragen gar zwei Uhren, auf jeder Seite eine. Re - petir-Uhren fuͤr 30. 40. Louisd’or macht man hier; oft koſtet das bloße Gehaͤuſe 4. Louisd’or. Fuͤr die geringſte Emaille, ſo wie fuͤr alle Arbeiten, die durchs Feuer ge - hen, weil ſie gar leicht verungluͤcken, muß man 3. 4. Louisd’or bezahlen. Sieht man aber die innern Theile einer zerlegten Repetir-Uhr, beſonders die vom Schlag - werk, ſo muß man uͤber die Feinheit, uͤber die Verviel -faͤl -281faͤltigung des Mechanismus erſtaunen. Eine kleine Kin - derkaroſſe ſah ich heute, die doch ſo gemacht war, daß ſie von einem kleinen Pferde gezogen werden muſte. In allen Straſſen, wo ſie der Verfertiger durchfuͤhrte, entſtand ein Auf lauf; das Volk blieb zu beiden Seiten wie Mauern ſtehen, und applaudirte den Kuͤnſtler. Man ſieht ganze Hoͤfe voll Buͤſten, Statuͤen von Gypsar - beit, wo die Erde auf hundertfache Art gefaͤrbt iſt, wo Koͤnige, Thiere, Blumen, Philoſophen, Goͤtter, Fech - ter, Gladiatoren, Amors, Venuſſe ꝛc. in Menge ſtehen, Es gibt Leute, die Schraͤnke, Kaͤſtchen, Tiſche ꝛc. von allen Groͤſſen, alle Arten, aus allen moͤglichen Holzarten machen ꝛc. Jetzt brachte man die Blumen Wagen - voll herein ꝛc. Voͤgel in Kaͤfichen ſind beſtaͤndig feil ꝛc.
Buͤcher kan man an allen Ecken an allen Straſſen kaufen. Beſonders iſt das Quay des Auguſtins vom Pont Neuf bis zum Pont St. Michel ganz voll von Buchhaͤndlern. Die meiſten neuen Buͤcher kan man ſchon geheftet und gebunden haben, wie man will. Die Franzoſen binden recht gut, und mit vieler Pracht. Aber die Buchbinderſtuben ſind erbaͤrmliche Loͤcher aufm Bo - den.
Man hoͤrt alle moͤgliche Inſtrumente, uͤberall wird geſungen und gepfiffen. Das iſt der Geiſt der Nation, beſtaͤndig zu trillern und zu ſpielen. Es gibt Leute, die den ganzen Tag mit ihrem Inſtrument in der Hand, mit der Floͤte am Maul, am Fenſter ſtehen. Das waͤhrt bis in die ſinkende Nacht; morgens um 3. Uhr hab’ ich eins - mahls einen noch gehoͤrt. Die ſchlechteſten Fiedler liegen auf den Bruͤcken auf den Steinen, und haben die Geige unterm Kinn.
S 5Es282Es iſt nicht wahr, daß auch niedrige und gemeine Leute in Fraukreich eine Art von Politeſſe haben, wo - durch ſie den deutſchen Bedienten uͤbertreffen. Nicht ein - mahl ſo viel Erziehung haben ſie, als Ablaͤder bei uns, z. B. ſie kommen in die Stube mit dem Hut aufm Kopf, behalten ihn auch auf. Perukenmacher, Decroteurs, Schuhmacher, Waͤſcherinnen kommen herein, ohne je - mals Bon jour, bon ſoir etc. zu ſagen, oder die Thuͤre zuzumachen ꝛc. Das wird man doch in Weſt - phalen nicht finden. — Dies iſt nicht Mikrologie. Will man das Eigne der Nation beurtheilen, ſo muß man auf Kleinigkeiten gehen und auch gemeine Leute ta - xiren. Man ſage auch nicht, daß man in 6. Wochen das nicht ſehen kan. — Ein Fremder, der viel ſehen will, kommt in der ganzen Stadt herum, und hat oft in einem Tag mit zwanzigerlei Leuten zu thun. Ueberall muß man ſich durch einen Schwarm von Bedienten durchar - beiten, und ihre Poliſſonerien nicht achten, wenn man zu ſeinem Zweck kommen will. Und Rouſſeau ſelber ſagt: „ Wer zehn Franzoſen geſehen hat, hat ſie alle geſe - „ hen. “ Sie gleichen einander alle, die Dame traͤgt den Hund mit in die Kutſche, und wenn das Kuͤchenmaͤdchen auf der Straſſe laͤuft, um etwas zu holen, ſo bleibt ſie ſtehen, ruft und wartet, bis der theure Hund nachkoͤmmt.
Das Regenwetter hoͤrte doch ein wenig auf. Wenn gleich das Wetter weder lieblich noch ſchoͤn war; beſuchte ich doch heute
Mr. Aublet, einen der beſten franzoͤſiſchen Botani - ſten, der das Werk, von dem ich oben geredet, geſchrie -ben283ben hat. Ich ſah’ es auf der Bibliothek der Abtei Ste. Genevieve durch, und ruhte nachher nicht, bis ich den wuͤrdigen Mann ausgekundſchaftet hatte. Denn in ei - ner ſo groſſen und mit Menſchen angefuͤllten Stadt iſts nicht leicht, jemanden, zumal einen Gelehrten, der im - mer uͤber der Arbeit ſitzt, zu erfragen. Uneinigkeiten und Mishelligkeiten herrſchen unter den Gelehrten in Paris, ſo wie uͤberall. Einer will nichts vom andern wiſſen, oder er will doch nicht, daß Fremde den andern beſuchen ſollen ꝛc. Indeſſen fragte ich ſo oft und an ſo verſchiede - nen Orten nach ihm, bis ich endlich zum Zweck kam, und erſtaunte, daß Aublet, den ich in ganz Paris aufge - ſucht hatte, nur etliche Schritte von mir wohnte. Er iſt aus der Provence gebuͤrtig, iſt etliche 20. Jahr in Domingo, Cayenne und Guiana geweſen, hat jetzt geheurathet, und kam eben hierher, um ſeine Sachen von hier nach der Provence wegzubringen. Er wird noch mehr Zeichnungen und Beſchreibungen von Pflanzen liefern, ob er gleich ſchon eisgraue Haare, ein ſehr ge - ſchwaͤchtes Geſicht, verdorrte Haͤnde, und uͤberhaupt ei - nen kraftloſen Koͤrper hat, und doch erſt 57. Jahr alt iſt. Er hat einen Mohren zum Bedienten; iſt wie die Leute ſind, die viel und weit gereiſt ſind, faſt gegen alles gleich - guͤltig, beklagt ſich aber beſtaͤndig uͤber die vielen Dieb - ſtaͤhle, die ihm an ſeinen Sachen geſchehen ſind, bis er wieder aus Indien zuruͤckkam. Er zeigte mir
Die Geſchenke die er mir machte, waren La Veu - ve, Les fruits de palmier, Bombax, und etwa 2. Dutzend kleiner, recht ſchoͤner Muſcheln. Zuletzt gab er mir noch die Addreſſe an den Apothecker Mr. Rouelle, wo ich mich mit Platina del Pinto verſorgen koͤnnte, den ich aber nicht antraf. Aublet hatte keins, wie er mir ſagte. Da koſtete das halbe Loth 12. Livres. Von ihm ging ich und beſah noch
Le Cabinet de Mr. le Duc de Chaulnes. Es beſteht aus einer unendlichen Menge ſehenswuͤrdiger Sa - chen, die dieſer Herzog auf einem kleinen Landhauſe, das am neuen Boulevard ſteht, zuſammen gebracht hat. Er hat ſelbſt, wie man ſagt, gute Kenntniſſe, iſt in der Ju - gend von Delor unterrichtet worden, iſt einen Theil von Teutſchland, auch Engelland, Holland und Egy - pten durchreiſt, und hat ſonderlich aus Engelland die herrlichſten Sachen mitgebracht und kommen laſſen. De - lor holte fuͤr mich ein Billet vom Herzog an ſeinen Maitre d’Hotel, wodurch dieſer Befehl erhielt, uns alles zu zeigen. In 4. 5. Zimmern ſtanden eine Menge Sachen: wo man hinſah, waren alle Flaͤchen, alle Ecken ausgefuͤllt, was nur die Kunſt und Natur ſchoͤnes hat, war alles da. Naturalien, ſonderlich Konchylien, Meer - koͤrper, und Kryſtalliſationen, Gemaͤlde, Kupferſtiche, Tapeten, Umhaͤnge, Bodenarbeit, Decken, Tiſchlerar - beiten, Antiken, Vaſen, Porzellaͤn, Elfenbein, Gro - tesken, Chineſiſche Arbeiten, Bildhauereien, Stickereien, Maſchinen fuͤr alle Theile der Mathematik, Phyſik undAſtro -287Aſtronomie, Vergoldungen, Betten, Chymiſche Gefaͤſ - ſe ꝛc. kurz alles was ſchoͤn und geſchmackvoll ſeyn kan, war da beiſammen. Schade, daß kein groͤſſerer Platz da war, die Sachen beſſer auseinander zu ſtellen. Ich habe kein Wort geredet, nur geſehen, nur mich immer umgedreht, aber wenn ich wieder kam, ſah ich allemahl wieder was anders. Alles war praͤchtig aufgeſtellt, faſt alles hatte ſein Glaskaͤſtchen, ſein Geſtelle ꝛc. Man mußte Degen und Stock zuruͤcklaſſen, wenn man keinen Schaden anrichten wollte. Was mir am merkwuͤrdig - ſten war, — aber unter der Menge hab’ ich gewis vie - les uͤberſehen — war: 1) Eine der groͤſten Elektriſir - Maſchinen, die in Europa iſt. Die Glasſcheibe dar - an hatte 5. Schuh im Durchmeſſer. 2) Das Cuffi - ſche Microſcop aus London. Es hatte 10. Louisd’or gekoſtet. Das Auge ward von der Politur, auch im Glas - kaͤſtchen geblendet. Das Herz wurde mir ſchwer, wie ich ſo was herrliches fuͤr einen Naturforſcher ſah. Bei dem einzigen Stuͤck dacht’ ich: ach wenn du das haͤtteſt! Wie vergnuͤgt koͤnnten dich 10. Louisd’or machen? wolteſt ſie gleich nach London ſchicken. 3) Glasplatten mit den Rauten zu allerlei elektriſchen Illuminationen. Man konnte ſehr leicht die Deſſeins auf hunderterlei Art veraͤndern. 4) Ein Seeigel mit ſeinen Stacheln. Einige waren Fingerslang und Fingersdick. Ob nicht welche, wenn ſie abfallen angeklebt worden waren, konn - te man nicht ſehen. Doch das waͤre auch keine Verfaͤl - ſchung der Natur. 5) Eine Kugel aus Elfenbein, mit unzaͤhlbar vielen andern Sachen inwendig, aufs fein - ſte gearbeitet. 6) Eine chymiſche Werkſtaͤtte, der Studirſtube und dem Bibliothekzimmer gerade gegen uͤber; hell, gros, mit allem moͤglichen verſehen, vieleOefen,288Oefen, Alembics, ein ganzer Apparat zur fixen Luft; ei - ne Menge Liqueurs, Acides, Terres, Sels, Hui - les etc. in Glaͤſern. Am Kamin ſtanden alle chymi - ſche Zeichen angeſchrieben ꝛc. 7) Die ſchoͤnſten Lampen von blauem Glaſe hingen uͤberall im Hauſe, und ſahen gar gut aus. 8) Viele koſtbare Gemaͤlde, Statuͤen ꝛc. Und mit dieſer herrlichen Sammlung beſchlos ich eins - weilen meine Geſchaͤfte in Paris, und ging nach Hauſe, um mich zur morgenden
vorzubereiten. Der Mantelſack ward einer Voiture mit - gegeben. Hr. Hizig und ich, entſchloſſen uns, um die Merkwuͤrdigkeiten von Marly unterwegs mit zu nehmen, zu Fuſſe zu gehen, da ich Hofnung hatte, daß die, mich ſo ſehr ſchwaͤchende Diarrhoe, die ich nun ſchon zum drit - tenmahl hatte, endlich aufhoͤren wuͤrde. Die Franzoſen ſchreiben die Addreſſe eines Mantelſacks auf ein Karten - blatt, und naͤhen es auf den einen Riemen vorn an, wo - mit es zugeſchnallt wird.
Auch heute fruͤh war wieder haͤßliches Regenwetter. Wir muſten unſern Plan fahren laſſen, aufs Bureau beim Pont Royal gehen, und eine Chaiſe nehmen. Man kan zu allen Stunden des Tags fortfahren. Ge - meiniglich wartet man, bis 3. oder 4. zuſammen kommen, und eine Voiture mit einander nehmen. Wir trafen 2. Fremde an, die ſchon in einer Chaiſe ſaſſen, und ſich ſehr uͤber unſre Ankunft freuten. Der eine davon war ein Franzos, Mr. Barthelemon, der in London Directeurvon289von Vauxhall, und Maitre de la Chapelle de Mu - ſique iſt. Er kam von einer muſikaliſchen Reiſe nach Manheim, Stuttgard, Muͤnchen und Italien hierher, hatte einen Brief von der Koͤnigin von Nea - pel, vor der er ſich hoͤren laſſen, an ihre Schweſter, die Koͤnigin von Frankreich, und reißte nach Verſailles, um ihr ihn zu uͤberreichen, und von dieſer Empfehlung Gebrauch zu machen. Beim Geſpraͤch uͤber die franzoͤ - ſiſche Muſik urtheilte er ſehr gruͤndlich, daß das Singen der Franzoſen immer den Fehler haͤtte, daß ſie keine No - te ſoutenirten, ſondern immer mit der Stimme zitterten: ein Fehler, den ich oft bemerkt hatte. Er meinte, daß dieſer Uebelſtand, den ein deutſches und ein engliſches Ohr gleich bemerkt, daher komme, weil man die Kinder ſingen lehre, ohne ein Klavier dabei zu gebrauchen, und darauf den Ton anzugeben, wobel ſie weder Melodie, noch Harmonie lernen koͤnnten. In dem in ſolchen gemiſchten Geſellſchaften ſo gewoͤhnlichen Discours uͤber die Vorzuͤge und wechſelſeitige Verhaͤltniſſe der verſchiede - nen Nationen gab er den Deutſchen groſſe Lobſpruͤche, wegen ihrer Solidite’ und Ehrlichkeit. Er erzaͤhlte eine Anekdote, die zu ſchoͤn iſt, daß ich ſie vergeſſen ſollte. In Bruchſal trank er 2. Taſſen Kaffee, ſeine Frau auch 2. ſein Kind 2. Taſſen Thee, und aß ein Butterbrod dazu; dafuͤr foderte der Poſthalter 4. Gulden: Barthelemon ward unwillig, gab ihm aber doch 2. Gulden, der Po - ſtillion hoͤrte das, kam herein, ſchlug mit ſeiner Peitſche auf den Tiſch, zankte mit ſeinem Herrn, und fluchte, daß er ſo einem oͤffentlichen Spitzbuben nicht mehr dienen wolte. Es ſaß ein Franzoſe neben uns, der noch nie von ſeinem Seinewaſſer weggekommen war, und bei die - ſer Gelegenheit manche bittre Wahrheit hoͤren muſte. TIn290In Frankreich und Engelland, am wenigſten in Ita - lien, geſtand Barthelemon, wuͤrde man ſo was nicht erleben, und ich verſicherte ihn, daß er in Paris und auch in kleinern franzoͤſiſchen Staͤdten ehrliche Leute, ehr - liche Dienſtboten, auch nicht ſuchen muͤſſe. —
Der Weg von Paris nach Verſailles iſt 4. Stun - den. Man faͤhrt an der Seite der Thuilleries hin, und hat bis an die Reſidenz eine ſchoͤne, breite, mit Baͤu - men beſetzte, in der Mitte gepflaſterte Allee, die durch ei - nige Doͤrfer, und durch Seve geht. Das Schoͤnſte iſt, daß auf dem ganzen Wege von Diſtanz zu Di - ſtanz gruͤn angeſtrichene Saͤulen ſtehen, von denen quer uͤber den Weg Schnuͤre gezogen ſind, an denen vortrefli - che Laternen haͤngen. Nachts iſt alſo der ganze Weg er - leuchtet, weil auch keine Stunde iſt, in der nicht Wagen und Karoſſen hin und herfahren. Oeſters kehrt die Koͤ - nigin, wenn ſie in Paris im Spektakel iſt, noch des Nachts nach Verſailles zuruͤck. Vor Verſailles wer - den die Straſſen ſehr breit, und ſind zu beiden Seiten mit Baͤumen beſetzt, ſowohl fuͤr die Spaziergehenden, als fuͤr die Karoſſen.
Verſailles ſelber hat wenig aͤuſſerliche Pracht. Die Anlage iſt ganz laͤndlich, hat viel aͤhnliches mit Carls - ruhe, und ſieht einem Dorfe aͤhnlicher als einer koͤnigl. Reſidenz. Die Straſſen ſind alle breit und man athmet eine viel beſſere Luft da, als in dem haͤßlichen Paris. Die Haͤuſer ſind alle niedrig, klein, wenigſtens von den alten haben die meiſten nur einen Stock, es gibt aber auch ſehr groſſe und ſchoͤne, und uͤberall wird gebaut. In Zeit von 15. — 20. Jahren wird Verſailles ein herrli - cher Ort ſeyn. Die Straſſen ſind alle gerade, durch -kreutzen291kreutzen einander, werden alle eben gemacht, und dazu ſind eigene Regimenter, z. B. das Corps de Pion - niers, errichtet, wovon jeder Kerl taͤglich 12. Sous und ſein Eſſen und Bette da, wo ſie arbeiten, in einer Art von Zelt bekoͤmmt. Die Stadt ſoll groͤſſer ſeyn, als Stras - burg, ich glaube nicht, daß ſie nur eben ſo gros iſt. Die meiſten Thore ſind bloſſe Barrieren, oder Grilles de fer. Man unterſcheidet das alte und das neue Ver - ſailles. Ueberall um die Stadt herum ſind die ange - nehmſten Ebenen, Fruchtfelder, Waͤlder, Berge — kurz, die Situationen und die Gegenden ſind vortreflich. Die Straſſen haben ihre Namen von den Avenuen, von Paris, von Trianon, von Marly, St. Cloud ꝛc. Hier hoͤrt was das wilde Geſchrei von Paris nicht. Man traͤgt das Waſſer auch in die Haͤuſer, aber man darfs hier ſo wenig, als andre Sachen ausſchreien. Da ruhen die Ohren, die in Paris Tag und Nacht gepei - nigt werden, wieder aus. Man meint, man ſei in ei - ner kleinen Stadt in Deutſchland, und iſt doch an der Seite des Koͤnigs von Frankreich. Das, was ich heute noch ſah, war:
Le Chateau Royal. — Man hat viele Almana - che, Kupfer und Beſchreibungen davon, ich ſage alſo nur, wie ichs angeſehen habe. So gros, ſo praͤchtig, ſo kuͤnſtlich, ſo reich es iſt, ſo macht’s doch auf die Fremden gar wenig Eindruck, wenn man’s von auſſen anſieht. Man ſieht nichts, als eine Aſſemblage von vielen ſchwar - zen, duͤſter ausſehenden Thuͤrmen, Saͤulen, Fenſtern und Statuͤen. Ewig Schade, daß dieſes Meiſterſtuͤck der Baukunſt und der Bildhauerei, aus den gelblichweiſ - ſen Steinen, wie Paris und Verſailles, gebaut iſt, dieT 2an292an der Luft nach einigen Jahren ſo haͤßlich ſchwarz wer - den. Man muß es ſehr in der Naͤhe betrachten, wenn man’s bewundern ſoll. Dann ſieht man aber an jedem Fenſtergeſimſe, ꝛc. Menſchenkoͤpfe, Blumen, Laubwerk, Saͤulen, und auf dem Dache uͤber jedem Fenſter eine Statuͤe. Praͤchtig, goͤttlich muͤſt’ es ausſehen, wenn das alles aus einem Steine gemacht waͤre, der eine dau - erhafte Farbe, die hell in’s Auge fiele, haͤtte, aber ſo iſt der groͤſte Theil dieſer kunſtvollen Sachen fuͤr die meiſten Augen verloren. Es hat einen ungeheuern Umfang, ſteht hoch, und geht weit herab in die Stadt, hat er - ſtaunlich breite Treppen, eine Menge Thore und Neben - thuͤren, und eine unzaͤhlbare Menge Fenſter. Das was man immer in der groͤſten Entfernung oben hervorſtechen ſieht, iſt die Kuppel der Kapelle, von der ich nachher ſprechen will. Ich beſah drauf
Les Appartements, ou les grands Apparte - mens. Geht man eine groſſe Treppe hinauf, ſo findet man zu beiden Seiten die praͤchtigſten Sachen ausgeſtellt. Man kan beſtaͤndig in eine Reihe von Zimmern hinein - gehen, wo man auf dem Boden, an den Waͤnden, an der Decke, an Spiegeln, Saͤulen, Girandolen, uͤberall Vergoldungen, und unbeſchreibliche Koͤnigl. Pracht fin - det. Es iſt unmoͤglich, alles zu beſchreiben, man ſieht ſo viel, es iſt alles ſo nett, ſo uͤberhaͤuft und beſtaͤndig mit ſo vielen Fremden umſtellt, daß man ſich Jahre dazu nehmen muͤſte, wenn man alles ſehen wollte. Auf die - ſer Seite war fuͤr mich merkwuͤrdig: 1) Das Ochſen - auge, ein groſſes Zimmer, welches nur ein Fenſter hat, das aber ein groſſes Oval iſt. 2) Die groſſe Gallerie 37. Toiſen lang, und 18. breit. Das Gewoͤlbe oben iſtvon293von le Brun gemahlt; es ſind die Kriege von Louîs XIV. Aber, beſchreib’s einer, wenn er kan! Sehen muß man’s, und dann ſteht man da, ſtaunt, und kann nimmer weg - kommen. Die im Palais Royal in Paris iſt ge - wis ſchoͤn, aber es iſt nichts gegen das! Unten ſtehen al - te Saͤulen aus weiſſem Marmor. Ueberall erblickt man Marmorſaͤulen, die ſo fein in ihrer erſtaunenden Hoͤhe zu - ſammengeſetzt ſind, daß man ſie leicht fuͤr Ein Stuͤck hal - ten koͤnnte. Wenn dieſe Gallerie bei den Hoffeſten illu - minirt wird, ſo ſoll die Pracht unbeſchreiblich ſeyn. 3) Ein Gemaͤlde von Vandyck, das Koͤnig Karl den 1ten aus Engelland vorſtellt. Man haͤlt es fuͤr das Mei - ſterſtuͤck dieſes Kuͤnſtlers, und ſchaͤtzt es 30000. kleine Tha - ler werth. Der Koͤnig ſteigt vom Pferde, ein Bauer haͤlt es. Er ſieht ehrlich gutdenkend aus, hat das Haar hinten hinabfliegend wie Bauern, einen runden Hut ohne Krempen, einen ſchlechten Rock, ein Waͤmschen ꝛc. aber alles iſt unbeſchreiblich ſchoͤn. 4) Eine Stockuhr, die ein Meiſterſtuͤck der Mechanik iſt. Man kan das Raͤ - derwerk auf beiden Seiten durchs Glas ſehen. Sie iſt von Morand gemacht. Die Stunden ſchlagen Maͤn - ner mit einem Stabe. Es iſt ein Glockenſpiel daran, und, wenn das geſpielt hat — ich hoͤrte es um 1. Uhr; — ſo ſpringen oben kleine Thuͤren auf, und man ſieht eine Statuͤe von Louis XIV. heraustreten, wie er à la Place Victoire iſt, und nachher geht die Statuͤe wieder zuruͤck, und die Thuͤrchen verſchlieſſen ſich wieder 5) Ein Portrait von Louis XV. von Rigaud. 6) Eins von ſeiner Gemalin, Stanislai Tochter von Vanloo. Es ſind 20000. Gemaͤlde hier. Man hat ſie in groſſen Saͤ - len hintereinander wie Buͤcher aufgeſtellt, weil man nicht Platz hat, ſie alle aufzuhaͤngen. Die in den Zim -T 3mern294mern werden faſt alle Jahre veraͤndert, und umgehaͤngt. Drauf beſah ich
La Menagerie. Sie liegt nicht weit von der Stadt in einem Hauſe, das vorn beim Eingang ſteht, und wenigſtens ſo meublirt iſt, daß die Koͤniglichen Herr - ſchaften zuweilen beim Spazierengehen hier abtreten koͤn - nen. Man ſieht eine Menge Spiegel, ſilbergeſtickte Stuͤhle, in einem Zimmer die Gemaͤhle von den hier vor - handenen Thieren, in einem andern die aus La Fon - taine’s Fabeln, in einem andern die alten Turniere und Ritterſpiele; und eine praͤchtige Wendeltreppe durchs gan - ze Haus. Der Aufſeher uͤber die Menagerie wohnt vortreflich in einem Luſtwaͤldchen, mit vielen kleinen Haͤus - chen hier und da beſetzt. Die Stille der Nacht wird durch das Bruͤllen der aſiatiſchen Thiere unterbrochen. Am Tage hat man an jedem Fenſter eine andre Ausſicht. Nachmittags ſind immer Fremde da. Der Anblick ſo vieler und verſchiedener Thiere bietet immer ein abwech - ſelndes Vergnuͤgen dar. Die Thiere ſelber ſind in Haͤus - chen in dem groſſen Platz vertheilt. Unter den Thieren waren mir folgende 4. merkwuͤrdig; die 3. letzten hatte ich noch nie geſehen.
Es war auch ein Baͤr da, der jetzt ganz ſchwarz - braun war, der aber vor 10. Jahren, wie er ankam, ganz weis geweſen ſeyn ſoll. Desgleichen ein Hirſch, dem das eine Horn auf, das andere abwaͤrts gebogen war. Man wies mir auch ein Thier, das vom Wolf und Hund erzeugt ſeyn ſoll. S. Buffon’s Nat. Geſch.
Heut Abend ſah ich auch noch im Vogelhauſe eines Privatmanns einen Kanarienvogel, der auf dem Ruͤ - cken braun war.
L’Orangerie. Sie iſt ſehr anſehnlich, zahlreich, und beſonders deswegen merkwuͤrdig, weil ſo viel al - te Baͤume darin vorhandeu ſind. Sie ſind zum Theil noch von Franz I. aus Italien gebracht worden. Einer iſt 362. Jahre alt, iſt noch vom Vater des groſſen Konnetable von Bourbon gekauft worden, und hat gra - de die Hoͤhe der Thuͤre, wo im Winter die Kaſten hinein kommen. Deswegen heißt er auch der Konnetable Bourbon und traͤgt noch. Seine Krone hat 18. Schuh297Schuh im Durchmeſſer, und 54 Schuh im Umkreis. *)S. das erſte Stuͤck des Groſſen und Schoͤnen in der Natur.Im Orangeriehauſe, das wegen ſeinen majeſtaͤtiſchen Gewoͤlben merkwuͤrdig iſt, ſteht eine Egyptiſche Goͤttin, die Turenne an Louis XIV. ſchickte, und die, wie man verſicherte, in der Donau ſoll gefunden worden ſeyn. Da wo die Gewoͤlber von beiden Fluͤgeln zuſammenſtoſ - ſen, laͤßt die Koͤnigin — denn es iſt gleich unter der Teraſſe vor dem Schloſſe, — zuweilen Koncert machen, und die Wirkung, die’s hier thut, ſoll ganz unvergleich - lich ſeyn. In der Mitte der einen Haͤlfte ſteht in einer Niſche eine Bildſaͤule von Louis XIV. von Dujardin. Die Unterſchrift: Pace beat totum belic qui ter - ruit orbem, iſt im Tone der Franzoſen, aber die Roͤ - miſche Kleidung, die er dem Koͤnig gegeben hat, iſt ein Meiſterſtuͤck.
Les Grands Eſcaliers. — Auf eben dieſer Sei - te ſind hinter dem Schloſſe, gegen den Park zu, unten an der Terraſſe 2. groſſe Treppen, die eben ſo praͤchtig, als wichtig ſind. Sie ſind auſſerordentlich breit. Je - de hat in 4. Abſaͤtzen 110. Stuffen. Unten ſind Gewoͤl - ber, und zwiſchen innen liegt die ganze Orangerie. Dieſe 2. groſſen Treppen ſtuͤtzen den ganzen Berg, auf dem das Schlos gebaut iſt. Sie ſind die Baſtionen, die Con - treforts von der ganzen ſchrecklichen Maſſe: denn der Berg, auf dem das alles, was Ludwig der 14. zu dem ſchon vorhandenen Schlos von Louis XIII. hinzubaute, aufgefuͤhrt iſt, iſt groͤſtentheils auch erſt durch Menſchen - haͤnde zuſammengefuͤhrt worden, und ſoll unten faſt ganzT 5hohl298hohl ſeyn. Alſo ruht die ganze Maſſe auf dieſen 2. groſ - ſen Treppen. Sie ſind aber auch ſo ſtark und ſchoͤn, als man ſie wuͤnſchen kan. Sie ſind aus einem weiſſen glatten Steine, den man weither aus Frankreich her - beigefuͤhrt hat, und haben auch noch ihre hellweiſſe Farbe.
Ueber der mittelſten Thuͤre des aͤlteſten Theils des Schloſſes ſteht eine Uhr, die ſtillſteht, ſo lang der Koͤ - nig lebt; ſobald er aber ſtirbt, laͤſſet man ſie laufen, rich - tet ſie aber auf die Stunde, wo der Koͤnig geſtorben iſt, und da muß ſie dann wieder ſo lang ſtehen, als der Koͤ - nig lebt, um den Koͤnig durch die Todesſtunde ſeines Vorgaͤngers beſtaͤndig an die Sterblichkeit zu erinnern. Jetzt ſteht ſie auf 3. Uhr, denn dies war die Stunde, in der Louis XV. ſtarb.
Man rechnet die Menge der Leute hier auf 80,000. Wenn der Koͤnig nach Compiegne geht, ſo gehen 18000, — und nach Fontainebleau 20000 Menſchen mit. — Der Weiſe, der Mittelsmann nimmt ſeinen Freund mit, und iſt gluͤcklicher als der Monarch, den das beſtaͤndige Gewuͤhl umgibt.
Man hat hier Parapluyes, an denen die Staͤbe von Stahl ſind, und in der Mitte die ſchnellſten und ſchoͤnſten Springfedern haben. Man kan daher den groͤſten Parapluye ſehr klein zuſammen legen. Sie ſprin - gen von ſich ſelber auseinander, brechen aber gar leicht. Das Stuͤck koſtet 37. Liver.
Les petites Ecuries du Roi. Ich ging ſehr fruͤh aus, um die herrlichen Gegenden von Verſailles recht zu beſehen, und die friſche Luft, die mir bisher ge - mangelt hatte, zu genieſſen. Da fuͤhrte der Weg bei den kleinen Koͤnigl. Marſtaͤllen vorbei; denn nicht weit von da ſind noch viel groͤſſere, und die Prinzen vom Gebluͤt haben wieder ihre eigenen. Der Koͤnig haͤlt 3000. Pferde die meiſten ſind Normannen und Engellaͤnder. Faſt al - len wird der Schwanz, und noch dazu ganz nahe am After abgeſtumpft. Sie ſagen, das mache die Pferde ſtark, daher thun ſie’s bei Jagdpferden, und bei allen, die nicht zur Parade beſtimmt ſind. Jedes Pferd hat uͤber ſei - nem Stande ein weiſſes Taͤfelchen mit ſeinem Namen, z. B. le Railleur. Der Stall iſt etwas niedrig und finſter. Er iſt in der Runde herumgebaut. Die Ker - le muſten ganze Kuppeln Pferde des Morgens ſpazieren reiten.
Les Statües du Parc. Park heiſt hier der Koͤ - nigl. Schlosgarten. Er liegt hinter dem Schlos, hat eine erſtaunliche Breite und eine unabſehbare Laͤnge. Das Mittelſtuͤck iſt faſt ganz den Baſſins gewidmet. Dieſe ſind bald gros, bald klein, haben auf ihren Einfaſ - ſungen die ſchoͤnſten Statuͤen von