DEr Welt-berůhmte Mahler Fi - vizanus hat mit ſeinem ſchier wun - derthaͤtigen Pinſel ſolche Stuck den menſchlichen Augen hinterlaſſen / daß jemand moͤcht ſagen / dieſelbe Kunſt-Ge - maͤhl wollen der Natur ſelbſt einen Trutz bie - ten. Es ſetzet ſich dieſer allkuͤndige Mann einsmals nieder / ſtellet die Zeichnung / ziehet die Linien / miſchet die Farben / fuͤhret den Pinſel / in Willens den Todt mit moͤglichſten Fleiß zu entwerffen; er mahlet demnach den duͤrꝛn / den beinigen / den ungeſtalten / den ſtuͤr - miſchen / den ohnmilden / den unerſaͤttlichen /den[3]DEDICATIO. den Menſchen-Moͤrder den Todt ſo natuͤr - lich / daß der Kunſtreicheſte Mahler Fivizan ſelbſt alſo daran erſchrocken / daß ihme der Pinſel entfallen und er uhrploͤtzlich dahin ge - ſtorben: Weſſenthalben der Poet bey ſeiner Leich-Begaͤngnus neben andern Sinn-Ge - maͤhl / auch obberuͤhrtes Todten-Bild ange - zogen / mit beygefuͤgten Vers:
Dieſem Mahler kan ich es in der Kunſt nicht nachthun / habe mich aber gleichwol un - terfangen / den Wienneriſchen Todt nach meiner Geringfuͤgkeit zu entwerffen / dann es duncket mich / als tauge gar wol das Elend zu beſchreiben ein elender Scribent / muß aber beynebenſt nicht verſchweigen die gu - te Meinung / ſo mich hierzu veranlaſſet hat; Es iſt zuweilen der Menſch in einer Sach den langſamen Schnecken nicht un - gleich / dieſer abgeſchmacke Maurkriecher laͤſt nicht ein einiges mal ein Stimm hoͤ - ren / ſondern bleibt allzeit ein ſchmutziger Stumm / und ſtumme Schmutzer / ſo man ihn aber auf ein Glut leget / fanget er an zu kirren und zu pfeiffen / Urget ſilentia mæror: Wir arme elende Adams-Kinder ſeynd offtA 2alſo[4]DEDICATIO. alſo in das Jrꝛdiſche verſenckt / daß wir ſchier deß Himmels vergeſſen / und die wenigſte Stimm nicht zu GOTT erheben / ſo bald uns aber der Gerechteſte GOTT auf die Glut leget / ſo bald Er uns einige Trangſal und Elend zuſchicket / da fangen wir an nach dem Himmel / nach GOTT / und nach dem Goͤttlichen zu ſchreyen / mit dem gekroͤnten Harpffeniſten: At Dominum cum tribularer, clamavi: Das hat man genugſam abgenom - men allhie zu Wienn / allwo bey der betrang - ten Peſt-Zeit maͤnniglich zu GOtt geruffen / und hat wol mancher vielleicht in drey Jah - ren / ja in dreiſſig Jahren nicht ſo viel gebett / als damal in drey Monat; Urget ſilentia mæ - ror: Wann aber das Ubel und haͤuffige Elend vorbey / ſodann pflegen gemeiniglich die gute Gedancken und heilige Werck verſchwinden / und wann die Truͤbſal in ein Vergeſſenheit kommet / ſo zerſchmeltzet auch folgſam die Gottſeeligkeit und Forcht GOttes. Damit derohalben die Wiennſtadt ins kuͤnfftig im - mer der jenigen Ruthen / mit dero ſie Anno 1679. getroffen worden / moͤge gedencken / und ſo wol ſie / wie nicht weniger andere Staͤdt und Laͤnder die Forcht GOttes nicht vergeſſen / welche Goͤttliche Forcht ein ſtar - cker Zaum iſt / der die ſchwache Menſchen von Suͤnd und Laſter abhaͤlt; der Urſach halber / hab ich die Wienneriſche Sterbens-Noth auf das Papier getragen / mit moͤglichen Um - ſtaͤnden / deren ich theils den Augenſchein ſelb - ſten eingenommen / theils durch wahrhaffteLeut[5]DEDICATIO. Leut benachrichtiget worden / damit alſo dieſes gedruckte Mercks Wienn der Gedaͤcht - nus das ausgeſtandene Elend wider vorlege / und in manchen einigen gottſeeligen Gedan - cken wieder erwecke.
Daß ich aber Euer Excellentz / Hochwuͤr - den und Gnaden dieſes wintzige Werkel de - muͤtigſt zuſchreibe / hab ich eine ſehr fuͤgliche Urſach / weil ich nemlich dieſes kleine Tra - ctaͤtl habe zuſammen getragen in der ſtattli - chen Behauſung Jhro Hoch-Graͤflichen Ex - cellentz / Herꝛn von Hojos / der Zeit werthi - ſten Landmarſchall und geheimen deputirten Rath / allwo ich fuͤnff gantzer Monat bey die - ſer betrangten Peſt-Zeit gewuͤrdiget worden / die Cappellan-Stell zu vertretten / und bin ich von erſtgedachten Hochgraͤflichen Haus mit ſo groſſen Gnaden uͤberhaͤuffet worden / daß ſelbige abzudienen ich mir auch in Mathuſa - lems Jahren nicht getraue / ſondern laſſe es dem Allerhoͤchſten uͤber / der es mit der Schos Abrahaͤ erſetzen wird; Habe derowegen fuͤr gut angeſehen / das jenige den loͤblichen Land - Staͤnden zu uͤberreichen / welches in dem Landmarſchalliſchen Haus von meiner gerin - gen Feder zuſammen geſchrieben worden: Bin alſo der unverruckten Hoffnung / Euer Excel - lentz Hochwuͤrden und Gnaden / werden dieſe meine wenige Gab nicht verſchmaͤhen / zumal mir aus heiliger Schrifft bekant iſt / daß auch GOTT die geringe Gaiß-Haar von ſeinem Opffer nicht ausgeſchloſſen / Exod. 35, 25.
A 3Offe -[6]DEDICATIO.Offerire dahero Euer Excellentz / Hochwuͤr - den und Gnaden / dieſen meinen aufgeputzten Todt / und wuͤnſche beynebenſt ein langwuͤri - ges geſundes Leben / wie auch allen erſaͤtt - lichen Wolſtand und reich-flieſſenden Seegen von dem Allerhoͤchſten.
Euer Excell. Hochwuͤrden und Gnaden demuͤtigſter Diener Fr. Abraham.
EGo Infraſcriptus FFr. Erem. Dis - calceatorum S. Auguſtini Pro - vincialis per Germaniam ac Bo - hemiam Patri noſtro Abrahamo facultatem lubens impertior, ut opuſcu - lum, cujus titulus Mercks Wienn / præ - lo ſubjicere valeat, ſervatis tamen ſer - vandis, prout Sacrarum Noſtrarum Con - ſtitutionum tenor, & Cenſorum judi - cium exigit; in hujus vigorem, propriam Manum & conſvetum officii Sigillum ap - ponere volui. Datum Græcii in Conventu S. Matris Annæ, Die 15. Jan. A. 1680.
P. Fr. Elias à S. Januario, Provinc. ut ſupra.
Imprimatur. Rudolphus Carolus Cazius, Excelſ. Reg. Conſiliarius & p. t. Rector. Magn.
Laurentius Grüner, S S. Theol. Doct. Canon. Viennenſ. & p. t. Inclytæ Facult. Theolog. Decan.
dir iſt ungezweiffelt ſatt - ſam bewuſt / was geſtalten die Kinder / bevor ſie anfangen zu leſen / erſtlich zu dem gewoͤhnlichen A. B. C. gewieſen werden / weilen ich dann dich deines unſtraͤfflichen Wandels halber vor ein Kind GOttes halt / ſo wirſt du mir es ja nicht in uͤbel aufnehmen / noch weniger die Naſen daruͤber ruͤmpf - fen / wann ich dir vor weiterem Leſen das A. B. C. vorlege / wie folgt.
E. Jſt ein ſchwaͤrer Buchſtab / den Koͤnig David unbe - richt / mit ſeiner Eh-Frauen Michol.
G. Jſt ein verwunderlicher Buchſtab / den Propheten Baalam unbericht / deme es ja ſeltzam vorkommen.
G. Wie ein Eßlin Hebreiſch geredt.
O. Jſt ein ſtarker Buchſtab / die Fuhrleut unbericht / als die darmit Roß und Wagen / und ſolt es auch der Wagen ſeyn / auf den die Archen deß Bunds geladen / koͤnnen arreſtiren und aufhalten.
S. Jſt ein ſchlemmender Buchſtab / den reichen Praſſer unbericht / welcher ſo etwan unbekandt waͤre / was er fuͤr ein Landsmann? billich vor ein Frißlaͤnder zu halten / epula - batur quotidie ſplendide: und iſt ſein gantzes Leben mit dem einigen Buchſtaben / S. zu beſchreiben: Dannenhero weil ers allzeit wolte kiechelt haben in der Welt / laͤſt ihn GOtt ewig bratten in der Hoͤll.
Z. Jſt ein ſchleideriſcher Buchſtab / den verlohrnen Sohn unbericht / der / weil er darvor gehalten / das Eſſen und Trincken und anders gut Leben / habe ihm ſein Vatter zum Heyrath-Gut geben; mehr auf Becher als Buͤcher / mehr auf das Wirts-Haus als GOttes-Haus gehalten / dahero ſolcher geſtalten ſein Geld Z. ſeine Mittel Z. ſein Ehr Z. daß er endlich bey den Saͤuen muſte in die Koſt gehen.
X. Jſt ein heiliger Buchſtab / weilen er die Form eines Creutz bat / den Tcuffel unbericht / deme gar wol bewuſt / daß deß Adams S. im Paradeis mit dem X. deß Goͤttlichen Sohns iſt bezahlt worden.
W. Jſt9Mercks Wienn.W. Jſt endlich der allerſchwaͤreſte Buchſtab; nichts als W. W. wiederholte jener armer Tropff der etlich dreiſſig Jahr als ein verlaſſener Krippel bey dem Schwemm-Taich zu Jeruſalem lage: nichts als W. W. ſagte jener unverſchamte Gaſt und garſtige Boͤswicht Malchus / als ihme der behertz - haffte Petrus ein Ohr abgehauen / vermeinend / der ohne Ehr iſt / ſoll auch ohne Ohr ſeyn: nichts als W. W. ſagte jener ſtarker Samſon / da ihme die Philiſter aus Anlaitung der liebkoſenden Dalilæ die Augen ausgeſtochen / und als er nun ſtockblind war / hat er erſt geſehen / daß einem liederlichen Weib nicht zu trauen: W. W. ſagte jener huͤpſche Printz Abſolon / da er mit ſeinen Haaren am Aichbaum hangen geblie - ben: fuͤrwar hat nicht bald ein Baum ſchlimmere Frucht tragen / als dieſer: mit einem Wort W. W. iſt ein ſchmertzli - cher Buchſtab / ein lamentirlicher Buchſtab / und aus allen der jenige / ſo der Menſchen Gmuͤther hefftig entruͤſtet / und ſelbige Troſtlos machet.
Liebſter Leſer / ſolchen widerwaͤrtigen und trangſeeligen Buchſtaben wirſt du folgſam antreffen / nicht ohne Verwun - derung.
Die Kaͤiſerliche Reſidentz-Stadt in Oeſterrich / dieſes verfeſtigte Granitz-Haus / dieſe Ehr-reiche / Lehr-reiche und Gewehr-reiche Stadt hat von uhralten Zeiten her / den Nah - men WJENN / deſſen erſter Buchſtab ein W. Nun muß ich es mit naſſen Augen anzeigen / und nicht mit geringen Hertzens - Seufftzer erinnern / daß wer anjetzo will Wienn ſchreiben / muß es ſchreiben mit einem groſſen W. allermaſſen ein groſſes und aber groſſes W. und Wehklagen in Wienn / an Wienn und um Wienn.
Starck hat ſich gewendt und geendt das Gluͤck deß Koͤ - nigs Nabuchodonoſer, in dem derſelbe von der Koͤniglichen Hochheit verſtoſſen / und in ein wildes Thier vermumt wor - den / daß er alſo muſte Gras eſſen wie ein Ochs / iſt ihme aber nicht unrecht geſchehen / dann er war ein lauters Unkraut. Starck iſt gefallen in allen das Gluͤck deß vornehmen und ange - nehmen Hof-Miniſters Amman, welcher den Koͤnig allzeit in Haͤnden gehabt / und doch zuletzt das Spiel verlohren / auch den Raben zu theil worden / der die Rabiner wolte vertilgen. Starck hat ſich gewendt das Gluͤck der gekroͤnten Koͤnigin Va - ſthi / die durch Einrathung etlicher Hofſchmeichler und Ohren -A 5Tittler /10Mercks Wienn.Tittler / von welchen Unziffer faſt kein Haupt ſicher; aller ihrer Ehren entſetzt worden / und alſo von der Hofſtatt auf die Brandtſtatt kommen.
Noch viel ſtaͤrcker / wer ſoll ſich nicht darob verwundern! iſt gfallen das Gluͤck und Wohlſtand der beruͤhmten Haupt - Stadt Wienn in Oeſterreich.
Die H. Schrifft ſchreibt viel von dem Aufputz der wolge - ſtalten Jndith / von der Zier der holdſeeligen Eſther / von dem Gſchmuck der freundlichen Rebbecca / und von der Schoͤnheit der jungen Rachel; ich laſſe die Goͤttliche Schrifft in ihrem Gwicht / und verehr ſie / zweiffle aber / ob nicht mehr zu ſchreiben von der anſehnlichen Wien-Stadt.
Anno 1679. noch in dem anbrechenden Monat Julii / ſtunde obberuͤhrte Stadt in hoͤchſter Glori / die ſchoͤne Reſidentz und Burg ware wuͤrcklich von dem Roͤmiſchen Kaͤiſer / und deſſen volckreicher Hofſtatt bewohnt / der Adel faſt in einer un - zahlbaren Menge nicht ohne koſtbaren Pracht / frequentirte gantz dienſthafft den Hof / von allen Orten und hohen Hoͤfen thaͤten ab - und zulauffen die eilfertige Currier / abſonderlich dazumahlen ware mit hoͤchſter Verwunderung zu ſehen / der praͤchtige Einzug der groſſen Moſcowittiſchen Geſandtſchafft / die in etlich hundert Perſonen beſtunde / ſo dann auch der an - ſehnliche / und den alten Roͤmern zu Trutz angeſtellte Einritt deß Polniſchen Ambaſſedors, allwo auch ein hundertangiger Argus haͤtte gnug zu gaffen gehabt / worbey das verſamlete Volck in den Gaſſen beederſeits wie ein lebendige Ring-Mau - ren geſtanden / und ſich uͤber ſolchen irꝛdiſchen Pompp vercreu - tziget: alles war in der Stadt in hoͤchſtem Wohlſtand / nichts mangelte / was zu Luſt und Gunſt der Welt kunte traumen / auf allen Gaſſen und Straſſen / deren uͤber hundert / war kein Ki - ſelſtein / ſo nicht von dem Volck und haͤuffigen foraſtier wurde betretten / die klingende Trompeten und allerſeits erſchallende Muſic aus den Adelichen Pallaſt und Hoͤfen / machten immerzu ein ſolches annemliches Getoͤs / daß man davor gehalten / der Himmel muͤß haben ein Loch bekommen / wordurch die Freuden Metzenweis in die Wien-Stadt gefallen.
Aber O wanckelhafftes Gluͤck! gleich wie bald verwelcket die Kuͤrbes-Blaͤtter Jonaͤ / gleich wie unverhofft zu Boden ge - fallen / die kuͤnſtliche und koͤſtliche Bildnus deß Koͤnigs Nabn - chodonoſor / gleich wie bald wurmſtichig worden das ſuͤſſeManna;11Mercks Wienn.Manna; alſo vergehet ebener maſſen das oͤde und ſchnoͤde Gluͤck der Welt; welches dann uhrploͤtzlich ſich geſtalter maſ - ſen geendt hat in der Wien-Stadt / dann mitten in gedachten Monat Julii riſſe ein die laidige Sucht / welche ſchon lang her unter dem Titul hitziger Kranckheit von Gewiſſens-loſen Leuten verhuͤlt / endlich in ein allgemeine gifftige Contagion ausgebrochen / daß man mit maͤnniglicher Beſtuͤrtzung gleich hin und her auf freyer Gaſſen todte Coͤrper gefunden / und alſo die traurige Tragœdi offentlich kundbar worden: wie man nun Augenſcheinlich wahr genommen / daß ſolches un - verhofftes Ubel von Tag zu Tag in merckliches Aufnehmen kom - men / alſo iſt es nach reiffer Erwegung Jhro Majeſtaͤt / von Dero hocherfahrnen Leib-Medicis unterthaͤnigſt eingerahten worden / Selbige wollen Jhnen gnaͤdigſt belieben laſſen / auf das ſchleunigſte als es ſeyn kan / ſich ander werts hin zu ſal - viren / und einen guͤnſtigern Lufft zu ſuchen / welches dann mit allerſeits geſchaͤfftiger Zubereitung in kurtzen Tagen voll - zogen / und haben Jhro Majeſtaͤt den geraden Weg genom - men nach Maria Zell in Steyermarck / allwo Sie die ſchon laͤngſt vorgehabte Andacht / bey dem wunderthaͤtigen Gnaden - Bild / mit groſſer Aufferbanlichkeit eyffrigſt abgelegt / und mit Hinterlaſſung koſtbarer Præſenten / die Ruckreis ferners ange - ſtellt / nach der Koͤniglichen Reſidentz-Stadt Praag in Boͤhmen.
Allhier iſt mit keiner Feder zu beſchreiben / das vielfaͤl - tige Fliehen der Menſchen / und hat es den Augenſchein ge - habt / als ſeye ein neuer Moyſes aufgeſtanden / welcher die Leut aus Egypten in das gelobte Land zu locken vorhabe: Man hat Tag und Nacht faſt nichts zu hoͤren gehabt / al[s]das klaͤgliche behuͤt dich GOTT. Und welches die Men - ſchen noch mehrer anſporte zu der eilfertigen Flucht / ware das traurige Spectacul der hin und her liengenden Todten - Coͤrper auf der Gaſſen / dahero in kurtzen Tagen die Wien - Stadt alſo Volcklos worden / daß ſie der hunderte fuͤr ein zerſtoͤrtes Troja haͤtte zu abcopiren gedacht / deßwegen dann der Poet durch die drey vornehmſte Gaſſen obbenennter Stadt melancholiſch getretten / und da ihme nichts als die traurige Schwindſucht aller Freuden vor Augen kommen / hat er ſtillſchweigend bey ihme ſelbſt folgender Geſtalt ge - ſeuffzet:
Was12Mercks Wienn.NJcht umſonſt liſt man das Wort Leben / zuruck Nebel / kaum daß ein Nebel dieſer trampiſche Sohn der moraſtigen Erden geboren wird / ſo trohen ihme ſchon die Sonnen-Strahlen den Gar - aus: Alſo hat es ein gantz aͤhnliche Beſchaffenheit mit unſeren Leben / vix orimur morimur. Unſer erſter Lebens-Athem iſt ſchon ein Seuffzer zum Todt / und der erſte Augenblick deß menſchlichen Lebens fallt ſchon unter die Bottmaͤſſigkeit deß Knochenreichen Senſentragers / auch den erſten Trunck an der Saͤugammel bringt das unmuͤndige Kind ſchon zu ſolchem duͤrren Weltſtuͤrmer / die hin und her wanckende Wie - gen / zeigt allbereit die Unbeſtaͤndigkeit deß Lebens.
Die Natur-Erfahrne ſchreiben / daß ein Kind noch in Mutterleib eingeſchranckter / nicht anderſt lige / und das Maul hencke / als wie ein melancholiſcher; zeigt demnach dieſer wintzige Lebens-Scolar ſchon an / daß er deſſenthal - ben in dieſem neun monatlichen Arreſt pfnotte / um weilen ſein erſterworbenes Leben ſchon worden ein Vigil deß Todts.
Wann ein Weib von ihrer Leibs-Buͤrde los / mit zluͤcklicher Geneſung Kindes-Mutter wird / und das Haus mit einem neugebornen Soͤhnl erfreuet / ſo frolocket nicht allein die ſolches Laſts entbuͤrdet worden / ſondern pflegt auch andere zu dieſem Freuden-Feſt / welches ins gemein das Kindel-Mahl genennt wird / hoͤfllich einladen / bey dem dann die Frau Ober-Gefatterin / die Frau Unter-Gefatte - rin / die Frau Neben-Gefatterin / die Frau Geſpielin / die Frau Geſpanin / die Frau Maimb / die Frau Schwiegerin / die Frau Nachbarin mit gewoͤhnlichem Geſchmuck und Apri - liſchen Aufzug gantz Freuden-voll erſcheinen / und ihrer an - gebornen Wolredenheit die hierzu gehoͤrige Gluͤckwuͤnſchung dem Gebrauch nach ablegen: Wann nun die ſuͤſſe Spei - ſen / die verzuckerte Trachten / die Chriſtallene Sultzen /die15Mercks Wienn.die ſchleckerige Poſſen und Biſſen den voͤlligen Sturm leyden / und die vergulte Kandeln ſamt den Zehmentfaͤhigen Wein - Datzen den voͤlligen Kallop herum tantzen / ſo fangen an die Zungen etwas beredters zu werden / und ohne allen Zweif - fel gantz Liebvolle Discurs von den neugebornen Engerl ein - zumengen. Die erſte ſagt / vielleicht wird aus dieſem Kind ein vornehmer Doctor werden / und vermittels ſeiner Wiſ - ſenſchafft zu hohen Ehren ſteigen / dann ein halb Pfund Kunſt ſoll mehr gelten / als ein Centner Gunſt / und gleich wie Sa - lomon zu ſeinem Weltkuͤndigen Tempel-Gebaͤu lauter abge - richte / und pollirte Stein hat genommen / alſo ſollen zu vor - nehmen Aemtern fein lauter abgerichte / und polite Leut be - foͤrdert werden. Die andere ſagt / vielleicht wird aus dieſem Kind ein Geiſtlicher / und mittler Zeit ein vornehmer Præ - lat / wegen ſeines vollkommnen Wandels / und ruͤhmlicher Erfahrnus / ſo meiſtens darzu erfordert wird. Die dritte ſagt / vielleicht wird aus dieſem Kind ein tapferer und kuͤhner Soldat werden / der folgſam wegen brafer Curagi, und nicht wegen pravirender Lagi / zu einer Hauptmann-Stell wird ge - langen / dann in ſolchen Triumph-Spiel ſoll Spadi in hoͤherem Preis ſeyn / als Denari, wordurch mancher zu einem Haupt wird / der ein ſchlechten Kopff hat. Die vierdte ſagt / vielleicht wird aus dieſem Kind ein vornehmer Handelsmann werden / der die Waar / und die Warheit mit gleicher Elen wird aus - meſſen / bey welchem auch nicht wie zu weilen pflegt geſchehen / Taffet in dem Gewoͤlb / und Suͤndes Baͤnder in Gewiſſen anzu - treffen. Die andere reden anderſt / und beginnt ein jede in dem Fall ein halb gewachſene Sybilla zu ſcheinen / doch geſellen ſie gantz vernuͤnfftig allezeit hinzu das Woͤrtlein vielleicht / ſin - temalen alles der Menſchen Abſehen / mit dieſem Ring verſiegelt wird / ausgenommen das Sterben / und dafern ſich eine ſolte Vernunfft-los hoͤren laſſen / ſprechend / vielleicht wird dieſes Kind ſterben / ſolcher ſchrieb ich unverzuͤglich mit groſſer Fractur-Feder den Titul einer Lappin.
O Menſch laß dirs geſagt ſeyn / laß dirs klagt ſeyn / ſchrey es aus / und ſchreib es aus / allen / alles / allenthal - ben / es muß geſtorben ſeyn / nicht vielleicht / ſonder gewiß. Wann ſterben / iſt nit gewiß; wie ſterben / iſt nit gewiß; wo ſterben / iſt nit gewiß; aber ſterben iſt gewiß.
BAuf16Mercks Wienn.Auf den Fruͤhling folgt der Sommer / auf den Freytag folgt der Samſtag / auf das Dreye folgt das Viere / auf die Bluͤhe folgt die Frucht / auf den Faſching folgt die Faſten / iſt gewiß / auf das Leben folgt der Todt / Sterben iſt gewiß.
Das Leben iſt allein beſtaͤndig in der Unbeſtaͤndigkeit / und wie ein Blat auf dem Baum / auf dem Waſſer ein Faum / ein Schatten an der Wand / ein Gebaͤu auf dem Sand / ſich kan ruͤhmen geringfuͤgiger Beſtaͤndigkeit / noch minder darff ihm zu - meſſen das Menſchliche Leben.
Klopf mir bey Leib nicht / wann ich dir werde folgende Wort vor der Thuͤr ſingen: Heut roth / morgen todt / heut Jhr Gnaden / morgen gnad dir GOtt / heut Jhr Durchleucht / morgen ein todte Leich / heut allen ein Troſt / morgen troͤſt ihn GOtt / heut koſtbar / morgen ein Todtenbahr / heut huy / mor - gen pfny.
Jn dem Hohenlied Salomonis muß die Braut gar einen manierlichen Verweis / oder ſoll ich ſagen / eine Unterweiſung anhoͤren / in dem ſie folgſam angeſpracht wird: Si ignoras ô pulcherrima inter mulieres, abi poſt veſtigia gregum: Cantic. 1. 7. Kenſt dich ſelbſten nicht du Schoͤnſte unter den Weibern / ſo tritt herfuͤr / und gehe nach den Fußſtapffen der Vieh-Heerd: wie iſt es muͤglich / daß jemand ein Copey ſeiner Nichtigkeit koͤnne entworffner abſehen / als in den Fußpfaden der ſtrauchlenden Vieh-Heerden? gar wol iſt es muͤglich / gehe zur heiſſen Sommers-Zeit / da die Landſtraſſen aller Safftlos mit Staub gantz verhuͤlt / und folge einer Heerd Ochſen nach / die man etwan in der Menge aus Ungarn treibt / wie dann beobacht worden / daß in einem Jahr von dannen auf die achtzigtauſend in Teutſchland abgefuͤhrt worden / ſo wirſt du hinter ihnen den aufgewuͤhlten Staub / wie ein truckne Wolcken ſehen empor ſteigen: Si ignoras te, abi poſt veſtigia gregum, wann dem - nach dich nicht recht kenneſt / ſo gehe hinter ſolcher Heerd / als - dann wirſt du / ſo die Augen mit lauter Staub angeſteckt ſeynd / erſt wol ſehen / wer du ſeyeſt / Pulvis es, & in pulverem re - verteris, du biſt halt Staub und Aſchen / und wirſt zu Staubund17Mercks Wienn.und Aſchen werden; deßwegen ſoll dir billich alles unzie - mendes Feuer erloͤſchen / wann du an ſolchen Aſchen ge - denckeſt.
Lieber gehe mit mir / ich will dich nach deinem Wunſch in ferne Laͤnder begleiten / es kuͤtzelt dich doch / glaub ich / auch der unruhige Vorwitz / etwas Nenes zu ſehen / nimm aber mit dir einen Stecken / dann es vonnoͤthen wird ſeyn / uͤber manchen Graben zu ſpringen / oder ſoll ich ſagen uͤber manches Grab: Erſtlich verfuͤgen wir uns nacher Rom / welche Stadt ein Geſtatt alles Vorwitz dich geduncken wird / abſonderlich kan ſie ſich ruͤhmen / daß ſie die vornehmſte Fi - ſcher-Herberg der gantzen Welt ſeye: allda ſeynd nicht al - lein die Schluͤſſel zur Himmels-Pforten anzutreffen / ſon - dern es ſtehet auch die Thuͤr offen zu allen Raritaͤten; un - ter anderen laß dir zeigen / den groſſen Kaͤiſer Trajanum / ſo allda begraben: alsdann ſo mach dich hurtig wieder auf den Weg / und reiſe nach der beruͤhmten Stadt Mayland / allwo von rechtswegen lauter hochwitzige Leut ſolten wach - ſen / weilen vor dieſem an ſelben Ort Kaͤiſer Friderich Saltz geſaͤet; dort melde dich an gehoͤrigen Ort an / ſo werden ſie dir unbeſchwert weiſen / wo Kaͤiſer Valentinianus begra - ben: von dannen nimm deine Ruckreis wieder auf den Teutſchen Boden / dafern dir etwan die Waͤlſche Meneſterl den Magen ſchimpfften / und gehe nach der Stadt Muͤnſter in Weſtphalen / frag daſelbſt / wo begraben der Kaͤiſer Carolus Crasſus, nachmals wend dich etwas herauf und mach dich unverhinderlich nach der vornehmen Stadt Speyer / laß dir alldort eroͤffnen das Grab / in welchem ruhet Kaͤiſer Conradus Secundus, von dar iſt der Weg nicht gar ungele - gen nach der Reichs-Stadt Regenſpurg / welche Stadt nach der Aſtrologorum Ausſag unter dem Fiſch ligt / und gibt dannoch allda bey etlichen nicht viel Faſt-Taͤg; hier wirſt du ohne weitlaͤuffigs Nachfragen antreffen / das Grab deß Kaͤi - ſers Ludovici Tertii.
Von dieſer Stadt iſt ohne das die gemeine Landſtraſſen nacher Praag / ſihe daß du behutſam den groſſen Wald durch - geheſt / damit dir nicht die Schwindſucht in den Rantzen gera - the / alsdann wirſt ohne fernere Ungelegenheit / die Koͤnig - liche Haupt-Stadt in Boͤhmen erreichen / alldort frag / wo? und wie das Grab deß Kaͤiſers Rudolph deß Andern? B 2Uber18Mercks Wienn.Uber dieß ſo verweile dich nicht / ſondern nimm deine Ruck - kehr in Ober-Oeſterreich nacher Lintz / da wird man unge - zweiffelt dieſe wenige Muͤhe auf ſich nehmen / und dir zeigen / wo Kaͤiſer Maximilianus der Andere begraben: Nachdem allen gibt ſich ohne das der gelegneſte Weg nach Unter - Oeſterreich / da in dem anſehnlich-erbauten Carthaͤuſer - Kloſter Maurbach / ob man allda im Reden zwar geſpar - ſam iſt / ſo zeigt man ſich doch aller freygebig in aller Hoͤf - lichkeit / und alſo ohne widrigen Abſchlag wird dir gezeiget werden / das Grab deß Kaͤiſers Friderici Pulchri: Von dannen erheb dich nach der Wieneriſchen Neuſtadt / dort wirſt du ſehen das Grab deß Kaͤiſers Maximiliani deß Er - ſten: Endlich komm wieder nach Wienn / und ende deinen Vorwitz in Beſchauung der Krufften bey den P. Capucinern auf den neuen Marckt / allda neben andern Kaͤiſer Matthias liegt; wann du dann in allen deine Augen mit erfreulichem Contento aufs vollkommeneſt ergetzet haſt / ſo ſag mir / was haſt du geſehen.
Omnes morimur, ich hab geſehen / daß es muß ge - ſtorben ſeyn / ich hab geſehen / daß der Todt ein Fiſcher / der nicht allein kleine Schneider-Fiſchel ziehet / ſondern auch groſſe Wallfiſch; ich habe geſehen / daß der Todt ein Ma - der / der mit ſeiner Senſen nicht allein abſchneidet die niedri - ge Klee / ſondern auch das hochwachſende Gras / ich hab geſehen / daß der Todt ein Gaͤrtner / der nicht allein / die auf der Erd kriehende Veigeln abbrocket / ſondern auch die hinauf-ſteigende Ritterſporen; ich hab geſehen / daß der Todt ein Spieler / und zwar ein Ohnartiger / indem er ke - gelt / und nicht aufſetzet / und nit allein ſticht nach dem Bau - ren / ſondern auch nach dem Koͤnig; ich hab geſehen daß der Todt ein Donner-Keil / der nicht allein trifft die durchſich - tige Strohhuͤtten / ſondern auch die Durchleuchtigſte Haͤuſer der Monarchen; ich hab geſehen / daß ein guldene Cron und ein Schmeer-Kappen / ein Scepter und ein Holtzhacken / ein Pur - pur und ein Joppen / bey dem Todt eines Gewichts / und eines Geſichts ſeyn; Jch habe geſehen die Leiber / nit die Leiber / ich will ſagen die Coͤrper / nicht die Coͤrper / ich will ſagen die Bei - ner / nit die Beiner / ich will ſagen den Staub / nit den Staub / ich will ſagen das Nichts der gekroͤnten Kaͤiſer und Monar - chen: Jch hab geſehen / daß wann ich die duͤrre Beiner der ho - hen Kaͤiſer wolte in einen Moͤrſer zerſtoſſen / und mit Miſchungweniges19Mercks Wienn.weniges Waſſers ein Maſſa daraus dalcken / kaum koͤnte dar - mit verſtopffen das aufgeſperꝛte Maul der hoͤniſchen Michol dazumal / als ſie ihren Herꝛn den David ausgelacht: Jch hab endlich geſehen / daß es muß geſtorben ſeyn / und unſer Alles nichts ſeye.
Joſue der ſtreitbare Held / bevor er die Stadt Jericho eroberte / hat ein ernſthafftes Verbott von GOTT erhal - ten / daß keiner aus ſeinen Kriegs-Knechten ſich freventlich ſolte unterfangen das geringſte zu rauben. Lieber GOTT / die Soldaten laſſen es hart / und ob ſie ſchon wenig durch die Schulen geruſt / ſo wiſſen ſie doch meiſterlich / daß in Ermang - lung deß Dativi der Ablativus zu gruͤſſen ſeye: Dahero ohn - geacht deß ſcharffen Verbotts ein Soldat Nahmens Achan / krumpe Finger gemacht / und nach dem Streit geſucht die Beut / als er nun durch Verhaͤngnus GOttes / nach vielen Nachforſchen ertapt worden / und von obberuͤhrtem Feldherꝛn Joſue in die ſtrenge Frag gezogen / wohin er das geraubte Gut habe gelegt? hat er geſtalter maſſen geantwortet: Ab - ſtuli, abſcondi in terra, & fosſam humo operui: Joſue 7. 21. Jch nahm es hinweg / ſagte er / und verbarg es in die Erd / und habe die Gruben mit Erd bedeckt.
Eben ein gleichfoͤrmige Antwort erhalt ich von dem Todt / der ohne Zahl und Ziel fein ſauber alles raubt und klaubt; ſag her Todt / wo iſt hinkommen ein Kaͤiſer Mat - thias / ein Prophet Matthias? Wo iſt hinkommen ein Elea - zer / ein Eliezer? Wo iſt hinkommen ein Leo / ein Leontius? Wo iſt hinkommen ein Maximus, Maximinus? abſtuli & ab - ſcondi in terra, ſagt der Todt / ich nahm ſie hinweg / und ver - bargs in die Erd / und hab die Gruben mit Erd bedeckt: Nun ſiehe ichs wol / und hoͤre es wol / und greiff es wol / und ſchme - cke es wol / daß nicht anderſt kan ſeyn / es muß geſtorben ſeyn; Und iſt das Leben allezeit zinßbar dem Todt: Ein Papſt Cor - nelius nach dem er nicht gar zwey Jahr regieret / iſt geſtorben; Ein Papſt Sixtus Secundus, nachdem er nicht gar ein Jahr regieret / iſt geſtorben: Ein Papſt Severinus, nach dem er nicht gar ein halbes Jahr regieret / iſt geſtorben: Ein Papſt Valentinus / nach dem er nicht gar ein viertel Jahr regieret / iſt geſtorben; Ein Papſt Damaſus Secundus, nach dem er nicht gar ein Monat regieret / iſt geſtorben / Papſt Urbanus Septimus, nach dem er nicht gar vierzehen Tag regieret / iſt ge -B 3ſtorben:20Mercks Wienn.ſtorben: Ein Papſt Stephanus Secundus, nach dem er nicht gar ein Wochen regieret / iſt geſtorben / geſtorben / geſtorben. Omnes morimur. Es muß geſtorben ſeyn; Wer es nicht glauben will / frag Wienn in Oeſterreich darum.
EHe und bevor der gantze Verlauff der leidigen Sucht weitlaͤuffiger vor Augen geſtellt wird / ſcheint noth - wendig zu wiſſen / ob nicht gewoͤhnliche Zeichen ſeyn vorbey gangen / aus dem man ein Peſt zu Wienn ver - muthen hat koͤnnen. Solche Zeichen werden gemeiniglich in viererley ausgetheilt / benanntlich in lufftige / waͤßrige / irdiſche und himmliſche / den himmliſchen werden zugeeignet die un - gluͤckhaffte Aſpecten und ſchaͤdliche Zuſammengeſellungen der Geſtirn / wie auch die traurige Cometen / welche ſonſt gewoͤhni - glich warhaffte Vorbotten der Peſt abgeben / wie dann Anno 1618. ein Comet erſchienen / worauf unterſchiedliche Peſtilentz erfolgt ſeyn. Anno 1006. hat ſich ein Comet gezeigt / nach wel - chem ein allgemeine Peſt / die gantze Welt durchſtrichen. Anno 1582. fuͤhrte der Comet mit ſich im Majo / zu Praag / in Thuͤrin - gen / Niederland / und andern Orten ein ſo reiſſende Peſtilentz / daß ſelbige in Thuͤringen allein 37000. in Niederland aber 46415. aufgerieben: Daß ein Comet allhier um dieſe Zeit ſeye erſchienen / wird es niemand mit Warheit koͤnnen behaupten: Daß aber eine ſchaͤdliche Conjunction der Geſtirn von oben herab diß Jahr ſeye geweſt / hat es ohnlaͤngſt ein beruͤhmter Medicus in einem Tractatl ſattſam erwieſen. Was die Lufft - Zeichen anbelanget / ſeynd dieſe die unbeſtaͤndige Gewitterung der Zeiten / Sudwindige Conſtitution / uͤberhaͤuffige Regen / an deme allen diß Jahr kein Abgang geweſt / ſo werden auch die ſtin - ckende Nebel beſchuldiget / als ob ſie die Peſt verkuͤnden / deren zwar etliche verwichenen Herbſt ſeynd vermerckt worden. Mei - nem Sinn nach wird die Peſt verurſachet nicht allein durch die Nebel / ſondern auch durch gottloſe Nebulones.
Waͤßrige21Mercks Wienn.Waͤßrige Zeichen ſeynd gemeiniglich die gaͤhliche Uber - ſchwaͤmmung der Fluͤß / Jtem die Bronnen / wann ſie in laimichte und truͤbe Schleiff-Waſſer ſich verkehren / nach - mals ſeynd gewiſſe Vorbotten die Fiſch und Krebs / wann ſie ihre Waſſer und Loͤcher verlaſſen / und ſich auf die Gſtaͤt - ten retiriren / auch ſo man in groſſer Menge die Froͤſch und Kroten ſiehet. So iſt aber auch gewiß / wann man bey den Tribunal mit faulen Fiſchen umgehet / wann die allgemeine Tugenden den Krebsgang nehmen / wann man in allen fin - ſtern Winckeln und Wirtshaͤuſern leichtfertige und unverſchaͤm - te Krotten antrifft / daß GOtt gemeiniglich hierauf ein Peſt ſchicket.
Jrdiſche Zeichen ſeynd die ungewoͤhnliche Unfruchtbarkei - ten der Erden / und Mißwachs der Baͤum / Saat und Wein - ſtock / Jtem die Erdbeben / mehr / wann die Fruͤhlings-Blumen und Kraͤutl im Herbſt wieder bluͤhen und gruͤnen / wann die groſſe Zahl der Heuſchrecken / Keffer / Weinfalter und Maͤus die Erden-Gewaͤchs allenthalben abaͤtzen. Man kan es nicht laugnen / daß nicht dieſes Jahr ein ziemliches Mißgewaͤchs um Wienn ſeye geweſt / abſonderlich deß lieben Getrayts / ſo hat man auch unzahlbar mehr Schwammen / Maurachen / und dergleichen Stieff-Gewaͤchs der Erden geſunden / als andere Jahr. Es iſt aber zu wiſſen / daß nicht allein viel Maͤus ſon - dern auch viel laſterhaffte Maͤuskoͤpff ein Peſt vorkuͤnden / Jtem wann die Kraͤuter Bocksbarth / Saublumen / Mertzen - Becher / Frauenmuͤntz / Penglkraut / in der Menge wachſen / man verſteht es ſchon / was dardurch verſtanden wird / alle dieſe ſeynd gar offt Vorzeiger der Peſt.
Uber das gibts andere Zeichen / die gemeiniglich einen Sterben und Peſtilentz vortretten / als da ſeynd die viel - faͤltige Chasmata oder Stern-Geſchoß. Alſo hat man An - no 1538. in Schwaben / Schweitzerland und Bayern mit Zufaͤll einer unerhoͤrten Colica ein ſtrenge Peſt ausgeſtan - den / und ſoll dieſe von dergleichen Stern-Geſchoß ſeyn vorbedeut worden. Anno 1536. hat man in Ungarn derglei - chen Stern-Geſchoß wahr genommen / welche in Form ei - ner Zungen mit ſchwartzen Tipfflein gezeichnet waren. Um Wienn herum haben die gemeinen Leut abſonderlich die Huͤter in den Weingaͤrten Eydlich betheuret / wie daß ſie um dieſe Zeit vielfaͤltige dergleichen Chasmata haben wahr genommen. B 4Daher22Mercks Wienn.Daher gehoͤret auch diß / ſo man bey naͤchtlicher Weil ein Wei - nen und Wehklagen hoͤret / welches an vielen Orten der glaubi - ge Poͤbel die Klag / in dem Saltzburgerland aber die gemeine Leut den Todt und die Toͤdtin nennen / die Erfahrnus gibts / daß dergleichen Ding / es ſey was es wolle / einen Sterben an - ſagen / wie Andreas Gallus tract. de peſt. faſc. 3. Meldung thut. Deßgleichen hat man auch beobacht / wann die kleine ſpielende Kinder auf der Gaſſen neben ihren Stecken-reiten / und Haͤuſel-bauen / zuweilen Leich-Begaͤngnus und Leich-Pro - ceſſion fuͤhren / daß ſolche Kinderſpiel gemeiniglich ein Trauer - ſpiel vorgebildet / dem man kein gewiſſe Urſach / ſondern nur die Erfahrnus beymeſſet; Von dergleichen weiß man allhier nichts zu ſchreiben noch ſchreyen / auch hat ſich kein Prophet angemeldt / der dieſes ankommende Ubel haͤtte verrathen / ob zwar das be - nachbarte Koͤnigreich Ungarn / ſo ſtarck mit dieſer wuͤrckli - chen Seuch angeſteckt war / die Stell einer Sybilla vertret - ten / ſo hat aber der Allwiſſende GOtt durch ſeine unergruͤnd - liche Urthel ſolche Prophezeyung bey uns veraͤchtlich gelaſſen / zweiffelsohne / damit deſto mehr ſeine genaue Gerechtigkeit ih - ren Lauff gewinne. Wunderſeltſam iſt doch / was etliche Glaub - wuͤrdige haben ausgeſagt / aus denen einer in ſeinem Sterb - ſtuͤndlein / durch ernſtliches Befragen deß Beichtvatters / hoch betheuret / und auf ſolche Zeugnus auch zu ſterben begehret / wie daß er neben einen andern / gewiſſen Geſchaͤfften halber ſeye geweſt / in dem nechſt an Wienn entlegenen Flecken Herꝛnals / und ſich allda wider ſeinen Willen etwas verweilet / daß er al - ſo von der Nacht uͤberfallen / den Ruͤckweg muſte in der Finſtern nehmen / gleichwol aber der bleiche Monſchein / ſo dazumal in vollem Liecht ware / verwandelte die Nacht in einen hellen Tag / und konnte er alles ſo augenſcheinlich abnehmen / daß er ihme auch einen Brieff zu leſen getraute; da habe er gehoͤrt / ſeye auch deßhalben lang ſtill geſtanden / an einen wolbekanten Feld-Platz eine klaͤgliche Muſic / alſo / daß vielerley traurige Stimmen untereinander gantz klaͤglich intonirten und wiederholten fol - gende Wort: Placebo Domino in Regione Vivorum: Wel - che Wort ſonſt die Catholiſche Kirch in den Leichbegaͤngnuſſen zu ſingen pfleget; und ſieh! nicht lang hernach hat die Peſt eingeriſſen / und hat man unbewuſt alles deſſen / an demſelbi - gen Ort / wo ſolche Klag-Muſic gehoͤrt worden / eine Gru -ben23Mercks Wienn.ben gemacht / worinnen etlich tauſend begraben liegen / die - ſes iſt von etlichen mehr wahrgenommen worden / denen aber die Lateiniſche Sprach unbekannt / und alſo ſolchen Verſ. nicht verſtunden; Jch ſetze an ſolcher Geſchicht kein einigen Zweiffel / und glaube gaͤntzlich / daß noch andere mehr Zeichen ſeyn vor - bey gangen / deren der Poͤbel viel beybringet / ſolche aber all - hier nicht habe ſetzen wollen / aus Urſachen / weilen gar offt in dergleichen Begebenheiten einige Unwarheiten einſchleichen: Wahr iſt es / daß der guͤtigſte GOTT gar offt durch ge - wiſſe Vorbotten die groſſe Ubel pflegt anzukuͤnden: Gleich - wol nicht ein geringer Troſt ſoll es allen ſeyn / weil obbe - ruͤhrter Verſicul, Placebo Domino, von einer unſichtbaren Todten-Muſic iſt wargenommen / als habe der barmhertzig - ſte GOTT den mehriſten Theil Menſchen geſeeligt / und die Abkuͤrtzung der zeitlichen Taͤg mit ewigen Leben erſetzt / wie dann offenbart worden / daß als Anno 1489. zu Bruͤſſel drey und dreiſſig tauſend Menſchen an der Peſt geſtorben / alle ſeyn ſeelig worden / ausgenommen zwey / deren einer an der grund - loſen Barmhertzigkeit verzweiffelt / der ander die nothwendige Beicht und Sacrament der Buß freywillig vernachlaͤſſiget. Pedag. Chriſ. tom. 2. p. 1. c. 14. n. 6.
ERſtlich hat der Todt ſeinen Anfang genommen in der Leopoldſtadt / ſo vor etlichen Jahren wegen der ſchlimmen Jnnwohner die Judenſtadt genannt wa - re / und alldort eine lange Zeit hero / jedoch auf eine geſparſame Manier die Menſchen verzehret / nachge - hends iſt ſolche Seuch uͤber die Donau oder vielmehr uͤber den Arm der Donau / in die andere Vorſtaͤdt geſchlichen / und iſt anfaͤnglich das Anſehen geweſt / als traue ſich der Todt nicht in die Reſidentz-Stadt / ſondern wolle ſich mit den Vor-Staͤdten befriedigen / wie er dann dieſelbe um und umB 5ziemlich24Mercks Wienn.ziemlich verwuͤſt / jedoch ſolcher Geſtalten / daß mehriſten Theil die unſaubere Winckel von dieſem Ubel angegriffen / und nun der gemeine Poͤbel / wie auch das ſchlimme Lotter-Geſindel / von welchem keine Stadt befreyt / dem Todt unter die Sen - ſen gerathen / daß alſo nicht ohne Frevel die Red gangen / der Todt nehme nur die Spreyer hinweg / durchſuche die Bett - ler-Saͤck / und wolle ſeinen Hunger mit gemeinen Geſindl - Brod in den Vor-Staͤdten ſtillen / alſo gar vermuhtlich vor ſeiner Senſen die Herꝛn-Haͤuſer und reicher Leut Bewohnun - gen die Salva quardi erhalten / Holla! ſagt der Todt / damit ihr gleichwol ſolt wiſſen / daß mir keine Veſtung zu ſtarck / und ſollen ſie auch verſehen ſeyn mit Paſteyen / die ſo hoch / wie der Dietzberg in Karnten / der Schoͤckl in Steyermarck / der Cha - ſteiner in Saltzburg / der Caravancas in Bayern / der Leberberg in Schweitzerland / der Fichtelberg in Boͤhmen / der Kallenberg in Oeſterreich / ꝛc. und ſoll ſie auch umgeben ſeyn mit einem Graben / der dem groſſen Oceano koͤnte Waſſer leihen / ſo will ich ohngeacht alles diß die Stadt erobern; welches dann leyder geſchehen iſt im Julio / und hat ſolcher faſt mitten im Auguſt / das offentliche Pluͤndern / und grauſame Rauben vor - genommen.
Zu Zeiten Cæſaris Dictatoris, hat in Rom ein Ochs ge - redt / Ful. 9. lib. Zu Zeiten deß Propheten Balaam hat eine Eſelin geredt / Num. 22. Zu Zeiten Kaͤiſers Mauritii hat ein Metallines Bild geredt / P. Dic. lib. 17. Zu Zeiten Tarquinii Superbi hat ein Hund geredt. Ful. lib. 1. Zu Zeiten Bedæ ha - ben die Stein geredt Cæſar. lib. 1. Bey der Zeit zu Wienn aber / weil bald an dieſem Eck ein Krancker leinte / auf der andern Seiten ein Sterbender ſeuffzete / uͤber etliche Schritt ein Todter lage / und die Coͤrper auf offentlichen Waͤgen auch den Fuhrleu - ten den Paß verſtelleten / auf ſolche Weis zu Wienn haben die Gaſſen geredt / und maͤnniglich gleichſam zur Buß und Poͤni - tentz ermahnt: Auf auf ihr ſuͤndige Menſchen! Die Axt iſt ſchon an dem Baum geſetzt / der Zorn GOttes iſt vor der Thuͤr / die Stimm deß Allerhoͤchſten wird euch beruffen zur Ewigkeit / der Heilige Ertz-Engel Michael halt ſchon die Waag / eure Werck hierdurch beurthelen / auf / auf! und thut die wenige Tag und Stund euch noch uͤbrig / der Buß ſchencken / dann dieſe iſt allein noch der Schwammen / der eure Suͤnd kan abwaſchen / dieſe iſt allein das Feuer / welches euren Schuld -Brieff25Mercks Wienn.Brieff kan verbrennen / dieſe iſt allein der Naſt / an dem ihr euch noch vor dem Fall der ewigen Verdamnus koͤnnt erhal - ten: Bußzaͤher / glaubet / daß ſie ſeyn das Scheidwaſſer / welches noch die Ketten kan zertrennen / mit dero ihr an die Dienſtbarkeit deß boͤſen Feinds ſeyd angefeſſelt; die reuende Hertz-Klopffer / haltet fuͤr gewiß / koͤnnen noch die euch ver - ſperꝛte Himmels-Thuͤr einſchlagen: die innbruͤnſtige Seuff - zer / trauet wol / ſeynd noch die Muſic / ſo GOttes Zorn koͤn - nen lindern; auf! auf! bereitet euch zu der Reis in die Ewig - keit / damit wenigſt / wo ihr das zeitliche Leben muͤſſet dran wagen / nicht zugleich auch das Ewige verſchertzet / auf! auf! beynebens auch ihr unſchuldige Menſchen / es iſt alſo in dem geheimen Rath deß Allerhoͤchſten beſchloſſen / daß / ob ihr zwar durch einen Chriſtlichen Wandl den Zorn GOttes nicht auf - gehetzet / gleichwol viel aus euch muͤſſen den Schuldigen das Glait geben in die Ewigkeit / reiniget euch demnach auch von den kleinen Mackln / ohne welche wir elende Adams-Kinder kaum leben koͤnnen / damit ihr der zeitlichen Straff entgehen moͤget; auf ſolche Weis redeten einem jeden zu alle Gaſſen / und Straſſen / und das Pflaſter / ſo man mit Fuͤſſen tratte / erinnerte alle / daß ſie ein Pflaſter uͤber ihre Gewiſſens-Wun - den unverweilig ſuchen ſollen / wie dann mit Verwunderung zu ſehen war / daß die Leut haͤuffig den Gottes-Haͤuſern zu - geeilt / und mit naſſen Augen den Beicht-Vaͤttern zu Fuͤſ - ſen gefallen / ſich alſo zu dem Todt gericht; wie dann deren viel hundert kaum den Altar und Kirchen verlaſſen / in der Ruckkehr nach Haus von der Hand GOttes beruͤhrt wor - den / die Beul und Tipel an dem Leib aufgefahren / ja viel bereits vor den Beichtſtuͤhlen uhrplaͤtzlich nieder gefallen / daß mans halb todt zur Thuͤr hinaus ſchleiffte / etliche bey denen noch ein Fuͤnckl von einer Curagi ſich blicken lieſſe / tratten auf offentlicher Gaſſen zuſammen / jedoch mit ver - ſtopfften Naßloͤchern / und geraͤucherten Schnuptuͤchern / ziech - ten aber nicht mehr an nach alten Brauch / was etwan der Currier aus dem Reich / noch was die Zeitung von Madritt mitfuͤhre / ſondern es ware das traurige Reden von dem ge - genwaͤrtigen Elend / und wann ſie nach abgekuͤrtzten Discurs einander beurlaubten / ſeynd ihnen die Augen uͤbergangen / als prophezeyeten ſie ihnen ſelber / daß ſie den dritten Tag einander nicht mehr ſehen wuͤrden. Die Wirths-Haͤuſerſeynd26Mercks Wienn.ſeynd ſonſten Einkehr der Freuden auch zu weilen der Frey - heiten / dann es iſt nicht ohne Geheimnus / daß / wie die ſeeligſte Jungfrau mit Joſeph nacher Bethlehem kommen / ſie in einem uͤbel bedeckten Stall die Herberg nehmen muͤſſen / non enim erat eis locus in diverſorio, Luc. 7. dann es ware kein Platz mehr fuͤr ſie in dem Wirthshaus / und iſt wol wahr / daß der guͤ - tigſte GOtt keinen Raum findet in ſolchen Haͤuſern zu Zeiten / weil allda alles Ubel einlogiret: daß von einem Lamml ein Schwein / von einem Adler ein Rab / von einem Roß ein Bock komme / iſt ſo gar kein groſſes Meer-Wunder / dann die oͤff - tere Erfahrnus macht uns dergleichen Begebenheiten nicht ſeltſam / wer weiß nicht? daß zu weilen ſich nit einer beym weiſ - ſen Lamml Sauvoll trinckt / beym gulden Adler ein Galgen - vogel / beym rothen Roͤßlein ein gailer Bock wird / wundere dich deſſen nit / dann wann Bacchus einhaitzt / ſo ſetzt ſich die Ve - nus hinter den Offen. Dardurch ſeynd nicht alle offentliche Wirthshaͤuſer verſtanden / ſondern nur die jenige / in denen die Zech / ſo wol die Weiber als Weinbeer antrifft: Wirths-Haͤu - ſer mit einem Wort ſeynd Freuden-Haͤuſer / und wird dem Pfeiffer ſein aufblaſſene Arbeit an keinem Ort mehr bezahlt als in dieſem / auch alle Spiellent und Poſſen-Kramer thun hierinnen ihre Waar verſilberen / aber der Zeit in dem Volck - reichen Wienn / hat man das klaͤgliche Widerſpiel erfahren / und iſt mancher Kellner mehr beſchaͤfftiget geweſt in Aufzeichnung nicht der Zech / ſondern der Zecher die er Morgens fruͤhe hinter oder vor der Thuͤr todter gefunden / ja man ſchlepte gar offt den Gaſt und den Gaſtgeb heraus auf den Todten-Wagen: der Boden / ſo vorhero wegen ſtaͤtes Tantzen muſt mit Waſſer beſprengt werden / wurde nachmals mit Zaͤher benetzet / ſo hat - ten auch die Wirth unnoͤthig die Glaͤſer auszuſchwaͤncken / ſon - dern es thaͤte mehr das wie Glas zerbrechliche Menſchen-Leben ihre Gedancken abmatten / an ſtatt deß vielfaͤltigen Juitzgen / ſchoͤpffte man tieffe Seuffzer / und ware mehr / O Veraͤnderung! mehr vom Weinen als vom Wein zu ſehen.
Es gangen die Leut auf der Gaſſen / ſo wol als Hertzlos als Redlos daher / und ihre entferbte Angeſichter waren gar ſcheinbare Zeiger / wie das innwendige Uhrwerck beſchaffen ſeye: bisweilen auf der Gaſſen / ware die Anſprach / willkomm Bruder lebeſt du auch noch? deme ſolcher mit ja geantwortet / und beynebens mit halb gebrochnen Woͤrtern folgends hinzugeſetzt /27Mercks Wienn.geſetzt / ja ich lebe noch / aber mein Vatter / und mein Mutter / mein Schweſter ſeynd mir geſtorben / woruͤber das Valete die Stimm verſchlagen / und die naſſe Augen allein Urlaub ge - nommen haben.
Jm groſſen Elend ware Anno 1578. die Stadt Lißbona / in dero auf die ſiebenzigtauſend Menſchen geſtorben. Sehr betrangt ware / Anno 1542. die Stadt Preßlan in Schleſien / allwo in zwey und zwantzig Wochen / fuͤnff tauſend neunhun - dert Perſonen darauf gangen. Ein trauriges Spectacel war dazumal in Rom / allwo zu weilen in einem Tag zehen - tauſend Menſchen geſtorben / Plutarch. in Vir. Camill. ein unbeſchreibliche Truͤbſal ware Anno 1381. zu Prag / daß ein - mal auf einen Tag tauſend einhundert und ſechzehen Menſchen begraben worden / wie Hedius bezeuget. Ein groſſe Ster - bens-Noth litte Anno 1466. die Stadt Paris / in dero in we - niger Zeit in die viertzigtauſend Burger unter die Erd geſcharꝛt worden / Riccius Neap. Ein abſonderliches Elend / ſtunde aus Anno 1576. die Stadt Venedig / allda innerhalb 9. Mo - nat auf die ſechzigtauſend Menſchen der Todt hinweg ge - zuckt / Petrus Forſt. lib. 6. obſer. Jſt demnach zu erkennen / daß alle dieſe Staͤdt mit groſſem Elend ſeyn uͤberfallen wor - den; wer aber Anno 1679. in der Wien-Stadt in dem Monat September hat gelebt / der muß es hoch betheuren / daß ſolches Elend allen Mahlern zu entwerffen unmoͤglich ſcheinet / dann der Todt ſolcher geſtalten gewuͤtet / daß vielen vorkommen / es ſeye der allgemeine Epilogus und Welt-Schluß vorhanden / es findet ſich nicht ein einige Gaſſen noch Gaſſel / deren doch ſo viel in dieſer Volckreichen Reſidentz-Stadt / welche deß Todts Grimmen nicht haͤtte ausgeſtanden. Jn der Herren-Gaſſen hat der Todt geherꝛſchet. Jn der Kluger-Straſſen iſt der Todt nicht klug geweſt / ſondern verſchwenderiſch. Jn der Bogner-Gaſſen / hat der Todt ziemlich abgeſchoſſen; Jn der Singer-Straſſen / hat der Todt vielen das Requiem geſun - gen. Jn der Schuler-Straſſen / hat der Todt kein Vacanz geſetzt. Jn der Riemer-Straſſen hat der Todt aus fremden Haͤuten Riemen geſchnitten. Jn St. Dorothea-Gaſſen / hat der Todt keinen Feyertag gehalten. Jn der Becker-Straſſen / Waller-Straſſen / Breiner-Straſſen / Kaͤrner-Straſſen / Don - falter-Straſſen / Wiplinger-Straſſen / hat der Todt einen Straſſenrauber abgeben; Jn der Nagler-Gaſſen / hat derTodt28Mercks Wienn.Todt ſeine Pfeil geſpitzt; Jn der Himmelport-Gaſſen hat man - chen der Todt geſchickt im Himmel oder darneben. Jn der Jo - hannes-Gaß / iſt der Todt Joannes in eodem geweſt. Auf dem hohen Marckt / hat der Todt viel erniedriget. Auf dem Fiſch - marckt hat der Todt keinen Faſt-Tag gehabt. Auf dem Neuen - marckt / hat der Todt keinen nichts Neues gemacht.
Auf dem Kohlenmarckt / hat der Todt nichts als kohl - ſchwartze Trauer-Kleider verurſachet. Auf dem Kienmarckt / hat der Todt auch angezuͤndet. Auf dem Bauermarckt / hat der Todt viel Burger angetroffen. Auf dem alten Fleiſch - marckt / hat der Todt auch ſeine Fleiſchbanck gehabt. Auf dem Saumarckt nunmehr Schaumarckt genennt / hat der Todt manches Spectackel erwieſen. Auf dem Graben / hat der Todt nichts als eingraben. Auf der Freyung / waren wenig befreyt vor dem Todt. Auf dem Heydenſchuß / hat der Todt nach Chri - ſten geſchoſſen. Auf dem Judenplatz hat der Todt ziemlich ge - ſchachert. Auf der Sailerſtatt hat der Todt vielen die Fallſtrick gelegt. Auf der Brandſtatt / hat der Todt viel abgebrandt / daß ſie ſeynd zu Staub und Aſchen worden. Auf dem Saltzgrieß hats der Todt manchen verſaltzen. Auf dem Katzenſteig / hat der Todt viel gemauſet. Den Sauwinckel hat der Todt ziemlich geſaͤubert. Bey den zwoͤlff Apoſteln / hat der Todt einen Jſcha - rioth abgeben. Auf dem Grůnanger / hat der Todt gemacht / daß viel wie ein Gras verdorret / Omnis caro fœnum. Den Pe - ters Freythof / hat der Todt bey ſeinem Nahmen gelaſſen. Auf der hohen Brucken / hat der Todt manchen geſtuͤrtzt. Jm Ofen - loch / iſt manchen der kalte Todtſchweiß uͤber das Angeſicht ge - ronnen. Jn dem Schloſſergaſſel / hat der Todt vielen die Thuͤr aufgeſperꝛt in die Ewigkeit. Jn dem Jungfraugaſſel / hat der Todt galaniſiret. Jn dem Hutergaſſel / hat der Todt nicht un - ter dem Huͤtel geſpielet / ſondern offentlich gewuͤtet. Das Raht - gaſſel / iſt vor dem Todt kein Roͤttgaſſel geweſt. Jn dem Roſen - gaſſel / hat der Todt ziemlich abgebrockt. Jn dem Judengaßl / hat der Todt keinen Sabbath gehalten. Jn dem Blutgaſſel / iſt auch der Todt nicht ſchamroth worden. Jn dem Renngaſſel / ſeynd dem Todt wenig entloffen. Jn dem Strogaſſel / hat er manchen auf dem Stroſack erwuͤrgt. Jn dem Ferberſtraſſel / hat der Todt zum mehriſten die bleiche Todten-Farb angeſtri - chen. Jn beeden Schencker-Straſſen / hat der Todt nicht vie - len das Leben geſchenckt. Jn der Lands-Cron hat der Todtden29Mercks Wienn.den Scepter gefuͤhret. Auf der Fiſcherſtiegen ſeynd dem Todt viel ins Netz gerahten. Jn der Weidenburg / hat der Todt ei - nen Burggrafen vertretten. Jm Stock im Eiſen / hat der Todt ſich hart genug erzeigt:
Summa es iſt keine Gaſſen noch Straſſen / ob auch ihre Nahmen nicht alle hier beygefuͤgt / ſowol in Wienn als in dero groſſen weiten Vor-Staͤdten / welche der raſende Todt nicht haͤt - te durchſtrichen; Man ſahe das gantze Monat um Wienn / und in Wienn nichts als Todte tragen / Todte fuͤhren / Todte ſchleif - fen / Todte begraben / ja ſo weit wuchſe das Elend / daß weil der Bedienten hierzu eine groſſe Anzahl erfordert wurde / dieſe be - trangte Stadt genoͤhtiget worden / mit offentlichen Trommel - ſchlag durch etliche Wochen Todtengraͤber und Todtentraͤger zu werben / und hat ſolche Trommel einen ſo traurigen Hall von ſich geben / daß hierdurch maͤnniglich beſtuͤrtzt / dahero aus tau - ſend gemeinen Leuten kaum einer ſich eingefunden / zu ſolcher Dienſtverrichtung / den man dannoch mit uͤber haͤuffigen Geld beſolden muſte / deßhalben auch alle Keichen / Thuͤrn / Stock haͤu - ſer und Amthaͤuſer / in denen nicht wenig verhafft lagen / ſeynd emſigſt durchſucht worden / und die / ſo ohne das durch gericht - liches Urthel ihrer Unthat halber das Leben verwirckt haͤtten / zu ſolchen Dienſten angeſtrengt / deren zwar die mehriſte Theil / aus den eiſenen Banden deß Huetſtocks gerathen / unter die Senſen deß Todts.
KOmmt ihr Silber-weiſſe Schwanen / die ihr mit eueren Fluͤgeln dem Schnee zu Trutz auf dem Waſſer herum rudert / und mich der wahre Glaub nicht anderſt lehrete / ſagte ich ohne Scheu / daß zwar alle Voͤgel von dem Allmaͤchtigen aus dem Waſſer er - ſchaffen / wie Geneſ. 1. verzeichnet / ihr aber aus der Milch kommt / und leihet mir etliche Federn / damit ich recht / ob ſchon kurtz / moͤge beſchreiben / die Wůrdigkeit deß Geiſtlichen Ordens; dieſer iſt der Acker / den GOTT hat geſegnet / Deut. 28. dieſer iſt die Stadt der Zuflucht / Deut. 29. dieſer iſt der ſchoͤne Garten Aßveri Eſther 7. Dieſer iſt der gebe - nedeyte Berg Sion / Pſal. 2. Dieſer iſt das Paradeis deß Wolluſts / Gen. 2. Dieſer iſt der heilſame Schwemm-Teich zu Jeruſalem / Joan. 5. Dieſer iſt der veſte Thurn David / Cant. 4. Dieſer iſt der hohe Berg Libani / auf welchem ſo ſchoͤne Ceder-Baͤum / das iſt ſo anſehnliche Maͤnner hervor ſtammen. Dieſer / dieſer iſt ein Arſenal und Ruͤſt-Kammer / aus welcher die Catholiſche Kirch die beſte Waffen und Schild wider die Ketzer nimmt.
Zu Cana Galilæa nach dem ihm gar ein hoͤfliches Lad - Schreiben zu Hand kommen / hat ſich unſer HERR und Heyland bey dem Hochzeitlichen Gaſt-Mahl eingefunden / und mit dem Braut-Volck / ſamt allen Anverwandten / gar ſittſam zur Tafel geſeſſen / nun iſt aber bald geſchehen / daß der Wein / als die beſte Erquickung der Gaͤſt / manglete / es iſt glaubig / daß es geſchehen ſey durch abſonderliche Schickung GOttes; dieſen verdrießlichen Mangel hat der gebenedeyte HERR auf Anflehen ſeiner werthiſten Mutter wunder - barlich erſetzt / indem Er etliche groſſe Kruͤg befohlen hat anzufuͤllen mit Waſſer / welches Er nachgehends in den ed - leſten Wein verwandlet / und hat dieſer Geſeng GOtt erſt zum beſten geſchmeckt / da man gewuſt hat / daß er kurtz vorhero ein Waſſerburger geweſt iſt. Aus Wein Waſſer machen iſt leicht / und geraͤth diß einem jeden Lumpelſůchtigen / aber aus Waſſer Wein machen / iſt viel / und ein abſonderlichesCgroſſes32Mercks Wienn.groſſes Wunderwerck; Jch ſage aber auch aus ſchlimmen Gute machen / Unglaubige in Glaubige / und Heyden zu Chriſten machen / iſt auch viel / und wer hat diß gethan / als eben die ſtattliche Ordens-Maͤnner / Dominicus in Spanien / Bernardus in Burgund / Xaverius in Jndien / Franciſcus Paulanus in Franckreich / Severinus in Oeſterreich / Berch - toldus in Bayern / Wolfgangus in Schwaben / ꝛc. Aus einen harten Stein Waſſer locken / iſt viel / das hat gethan Moyſes dem Volck Jſrael; aber aus hartnaͤckigen Gemuͤtern Buß Zaͤher erwecken iſt auch viel / das haben gethan die Hei - ligen Ordens-Maͤnner; alle Fluͤß und Waͤſſer durch Egypten in Blut verkehren iſt viel / das hat gethan Aaron; aber die verbeinte Ketzer ſchamroth machen iſt auch viel / das haben gethan die Heiligen Ordens-Maͤnner; mit dem Schatten Wunderwerck wuͤrcken / iſt viel / das hat gethan Petrus; aber mit der ſchwartzen Dinten die Leut weiß machen / iſt auch viel / das haben gethan / die Heiligen Ordens-Maͤnner durch ihre Schrifften; daß alſo rechtmaͤſſig ſolche Heil. Orden koͤnnen genennet werden / ein Schutz / ein Schatz / ein Schantz / ein Freud / ein Fried / ein Freund / der Catholiſchen Kirchen.
Was iſt wuͤrdiger als die Societaͤt Jesu? welche wie ein ſtrahlende Sonn in der Catholiſchen Kirchen glaͤntzet / dahero kein Wunder / daß neidige Nacht-Eulen / und Ketze - riſche Federmaͤns oder Fledermaͤus ihre Mißgoͤnner ſeyn / dann ja ſolchem Gefluͤgelwerck das Liecht ein Marter iſt; Paulus der wunderthaͤtige Apoſtel / dieſe Welt-Poſaunen / dieſer Seelen-Fiſcher / dieſer Schuͤtzer der Glaubigen / und Stuͤrtzer der Unglaubigen / dieſe Saͤulen der Kirchen / hat ſich einmal ſchon im dritten Himmel befunden / hat ſchon geſehen / hat ſchon gehoͤrt / hat ſchon genoſſen / was ein menſchlicher Witz nicht faſſen kan / O was Glory! Phan - taſeyen / Schnellfingerl / Dockenwerck / Kinderrollen / Gril - len und Pfrillen ſeynd alle Luſt und Guſt der Welt / gegen dem was Paulus ſchon gekoſt / und dannoch iſt dieſer wieder in die Welt zuruck kehrt; Sagt mancher / es ſollt mich kein Teuffel mehr herunter bringen / wann ich einmal ſo weit droben waͤre / Paulus iſt dannoch wieder herunter / dann als er zuruck dachte / daß noch viel ſeiner Apoſtoliſchen Lehr von noͤthen hatten / und durch ihn koͤnten bekehrt werden / alſo hat er Himmel laſſen Himmel ſeyn / und wieder aufdie33Mercks Wienn.die Erd geſtiegen / Seelen zu fangen / Seelen zu bekehren / laß einer das ein Eyffer ſeyn! Dieſe Apoſtoliſche Jnn - brunſt / ſpuͤrt man nicht wenig in der Societaͤt Jesu, in dero viel unzaͤhlbare Maͤnner gezehlt werden / welche Vat - ter und Vatterland verlaſſen / ja alles was angenehm / be - urlauben / ſich in weit entfernte Laͤnder begeben / Seelen zu gewinnen / wo auch die Welt ein End ſetzt / dort hat ihr Eyffer kein End; Was thun die Jeſuiter zu Peru? Pe - gu? zu Malaca? Malucco? zu Magor / Palipor? zu Pa - quin / Nanquim? zu Scay / Jſafay? zu Callecuth? an ſol - chen Orten / wo Menſchen ſchier nicht Menſchen ſeynd? Eben das was Paulus gethan / ſie gewinnen Seelen / bekehren See - len / nicht nur hundert tauſend / nicht nur hundertmal hun - dert tauſend / nicht nur tauſendmal tauſend tauſend / ſon - dern noch mehr / ja ſo viel / daß auch einem Aritmethico zu zehlen ſchwer faͤllt / deßwegen wuͤrdig alle Ehr von der Welt zu empfangen / deßwegen Paulus der Dritte / Pius der Vierdte / Pius der Fuͤnffte / Gregorius der Dreyze - hende / Gregorius der Vierzehende Roͤmiſche Papſt mit ſtattlichen Lob / und auserleßniſchen Preis-Nahmen die So - cietaͤt begnadet.
Was iſt wuͤrdiger als der Orden deß Heiligen Bene - dicti? Jn dem Evangelio Matth. 13. geſchicht ausfuͤhrliche Meldung von einem Saamen / den ein Ackersmann ausge - worffen / ein Theil dieſes Saamens iſt gefallen auf den Weeg / den haben die Voͤgel deß Luffts verzehrt / diß iſt ein Lehr allen Jungfrauen / die da wollen Ehrſam und Tu - gendſam verbleiben / daß ſie die Weg und Gaſſen nicht viel betretten / ſonſt thun ihnen die Voͤgel / verſtehe Ertz - Voͤgel / Spay-Voͤgel / Spott-Voͤgel / Schaden zufuͤgen; ein ander Theil dieſes Saamens iſt gefallen auf die Stein / der zwar bald aufgangen / aber wegen deß ſeichten Grundes von der Sonnen-Hitz bald wieder verwelckt: Diß kan ein Lehr ſeyn / allen denen / die nicht wol in der Vollkom - menheit gegruͤndt / daß ſie ſich nicht leicht der Gefahr ſollen vertranen / wann ſie dem Stolpern und Fallen wollen ent - weichen: Ein ander Theil dieſes Saamens iſt gefallen un - ter die Doͤrner / welcher darvon / wie leicht glaublich / erſti - cket. Jch aber zeige einen Saamen / der mitten unter denen Doͤrnern aufgangen / und tauſendfaͤltige Frucht tragen;C 2Dieſer34Mercks Wienn.Dieſer Saamen iſt Benedictus der Heilige Patriarch / ſo die Schneeweiſe Roſen ſeiner Unſchuld zu erhalten / ſich bloſſer in den Doͤrnern herum geweltzet / dieſer gebenedeyte Saa - men iſt dergeſtalten aufgeſproſſen / daß die Zahl ſeiner Frucht faſt die Stern uͤbertrifft / welche dem Abraham ſeynd von GOTT gezeigt worden: Ein und dreyſſig Roͤmiſche Paͤpſt ſeynd aus dem Orden deß Heiligen Benedicti erkieſet wor - den / iſt das nicht aufgangen? Hundert und achtzig mit Purpur gezierte Vaͤtter und Cardinaͤl aus dieſem Orden / drey tauſend fuͤnffhundert und eilff Biſchoͤff / fuͤnffzehentauſend und mehr Abten / ſo wegen Doctrin und Wiſſenſchafft beruͤhmt / iſt dann der Saamen nicht aufgangen? Vier und viertzig tauſend und etlich und zwantzig Canoniſierte Heiligen aus dem Orden deß Heiligen Benedicti zeigen die Schrifften / iſt der Saamen unter den Doͤrnern nicht aufgangen? Zachæus damal noch zach zun geben / und hurtig zu nehmen / mit einem Wort / noch damal ein Partiteſchmiedt / ſtiege aus guten Gedancken Chriſtum zu ſehen / auf einen Baum / ich aber weiſe mehr aus dem Orden deß Heil. Benedicti / welche vom Baum herunter geſtiegen / Chriſtum beſſer in der Niedere zu ſehen / will ſagen / daß viel und aber viel ihren hohen Stammen-Baum verlaſſen und in dieſem vollkommenen Orden GOtt gedient / zwoͤlff Orientaliſche Kaͤiſer / ſo den Purpur mit der Muͤnchs-Cappen vertauſcht / vierzehen Ori - entaliſche Kaͤiſerin / ſo die guͤldene Cron mit dem niedertraͤch - tigen Kloſter-Weyhl verwechslet / ohnzahlbar viel Koͤnigliche und Gefuͤrſtete Perſonen / ſo alle dieſen Heiligen Orden einge - tretten / und darinn einen vollkommnen Wandel gefuͤhrt / da - hero nicht leicht zu beſchreiben / wie Lobwuͤrdig / wie Lieb - wuͤrdig / wie Seegenreich / wie Siegreich / wie Gottſeelig / wie gluͤckſeelig dieſer wol recht gebenedeyte Orden Bene - dicti.
Was iſt wuͤrdiger als der Orden deß Heil. Dominici: Exod. 28. Hat GOTT der Allmaͤchtige dem Hohenprieſter Aaron anbefohlen / auf was Weis ſeine Kleidung ſollen ge - formt ſeyn / erſtlich ſolle er einen Rock antragen von Himmel - blauer Seiden / und an ſtatt deß Brams ſollen von gedachter Farb ſeidene Knoͤpff auf Granat-Aepffel-Manier angehefftet werden / zwiſchen denen jedesmals ein guldene Schellen han - ge / aufdaß der Prieſter / ſo er in den Tempel eintritt / ei -nen35Mercks Wienn.nen Klang von ſich gebe: Muß bekennen / daß der uͤbermuͤh - tigen Welt der Zeit ihre Kleidung in tauſenderley laͤcherliche Modi ſich vermaskern / und traͤgt man faſt ein gantzes Jahr hindurch die Faßnacht auf dem Rucken / aber ſolcher von GOtt angegebene Prieſterliche Ornat iſt gleichwol ein we - nig wunderlich und ſeltzam; Quanta Profunditas myſterio - rum! nunquid de veſtibus cura eſt Deo? Spricht der hei - lige Thomas Villanovanus, O was ſeynd das fuͤr groſſe Ge - heimnuſſen? GOtt wolte durch ſolchen Prieſterlichen Aufzug andeuten / und durch ſolches guldenes Geleut an dem Prieſter / daß dieſer in dem Tempel fein einen guldenen Schall ſolle von ſich geben / merckts wol / ein Prieſter ſoll ein guldenen Hall und Schall von ſich hoͤren laſſen: Dieſer Hohe-Prieſter Aaron iſt ein eigentliche Figur geweſt deß H. Dominici / dann wer hat in der Catholiſchen Kirchen ein ſolchen guldenen Haͤll und Schall hoͤren laſſen / als eben Dominicus durch ſeinen heiligen Orden / welcher auch derentwegen den Nahmen fuͤhrt der Prediger Orden / dann ihr Apoſtoliſche Stimm alle truͤbe Wetter / ſo uͤber die Catholiſche Kirchen kommen / vertrieben / dann ihr eyf - riger Predigſchall / alle Woͤlff / ſo in den Schaafſtall GOtt es be - ginnten einzureiſſen / verjagt / dann ihr erklingende Lehr wie ein ſtarcker Schild / alle Ketzeriſche Pfeil / ſo auf das Schiffel Pe - tri zugeflogen / anfgehalten.
Petrus iſt ein Apoſtel geweſt / Petrus de Tarenteſia aus dem Orden deß Heil. Dominici auch ein Apoſtoliſcher Mann. Joannes iſt ein Apoſtel geweſt / Joannes Taulerus aus dem Orden deß Heiligen Dominici auch ein Apoſtoliſcher Mann. Matthaͤus iſt ein Apoſtel geweſt; Matthæus Urſenus aus dem Orden deß Heiligen Dominici auch ein Apoſtoliſcher Mann: Thomas iſt ein Apoſtel geweſt / Thomas Aquinas aus dem Orden deß Heiligen Dominici, auch ein Apoſtoliſcher Mann. Philippus iſt ein Apoſtel geweſt / Philippus Gezza aus dem Orden deß Heil. Dominici auch ein Apoſtoliſcher Mann; Bartholomaͤus iſt ein Apoſtel geweſt / Bartholomæus de Ledesma aus dem Orden deß Heiligen Dominici auch ein Apoſtoliſcher Mann / ꝛc. Und wann ſchon Aaron eine Schlan - gen in ein Ruthen verkehrt / ſo haben auch dieſe viel gifftige Suͤnder in Bußfertige verwandlet; Und wann ſchon Joſue die Stadtmauren zu Jericho mit dem Poſaunen-Schall um - geworffen / ſo haben auch dieſe mit ihrem Predig-SchallC 3manche36Mercks Wienn.manche Steinharte Gemuͤter erobert; und wann ſchon Eli - ſaͤus ſauers Waſſer in ſuͤſſes verkehrt / ſo haben auch dieſe mit ihrer Lehr aus Gottloſen / Gottſeelige gemacht; ja ich will nicht mehr loben dieſen lobwuͤrdigſten Orden / weil ihn an ſtatt meiner loben Bonifacius der Neundte / Clemens der Sechſte / Alexander der Vierdte / Jnnocentins der Vierdte / Gregorius der Neundte / Honorius der Andere / ꝛc.
Was iſt wuͤrdiger als der Seraphiſche Orden deß Hei - ligen Franciſci? Jener Blinde / welchem der Heyland mit ſo wunderlicher Manier das Geſicht erſtattet / indem Er ih - me eine durch Speichel befeuchtigte Erden an die Augen ge - rieben / welches ſich dem menſchlichen Urthel nach wenig reimte / als ein Fauſt auf ein Aug / als er von Chriſto gefragt worden / was er ſehe / gab er ein artliche Antwort: Video ho - mines velut arbores, &c. Jch ſehe die Leut wie die Baͤumer daher gehen / dieſer Blinde hat nicht uͤbel von der Farb geredt / dann in aller Wahrheit ſeynd wir Menſchen den Baͤumern aͤhnlich und dem Holtz / deſſen Natur iſt / daß es allzeit oben ſchwimmt im Waſſer / alſo ſeynd wir Menſchen geſitt und ge - ſinnt / daß wir nur nach Hoͤhe trachten / dahero der Welt ihr Prædicata ſich mehriſten Theil auf die Berg retiriren / und will niemand anderſt als Back von Backsberg / Boͤcker von Boͤckersberg / Buck von Bucksberg heiſſen / und ſingt die Welt weit lieber den Alt als den Baß;
Von dem Heiligen Marco Evangeliſten ſchreibet Hugo Cardinalis daß er ihme freywillig den Daumen habe abge - biſſen / damit er nicht moͤchte Biſchoff werden / bey der Zeit ſchneidt ihm keiner mehr die Finger ab / ſondern man ſchleckt wol die Finger nach Hochheiten / und will ein je - der lieber das Gloria in Excelſis als das De Profundis intoniren.
O Miracl / O Wunder uͤber Wunder! Franciſcus / und Franciſci Orden / und dieſes Ordens Regel / und die - ſer Regel zugethane Geiſtliche zeigen der Welt das Wider - ſpiel / indeme ſie mit dem keinen andern Nahmen prangen / als Fratres Minores, die mindere Bruͤder / aber in War - heit nicht minder der Catholiſchen Kirchen nutzen ſie als an - dere Orden / dahero deſſen Lob dieſes wintzige Blatel nicht faͤhig zu faſſen / ſondern vonnoͤhten gantze Buͤcher hierzu.
Was37Mercks Wienn.Was ſagſt du zu dem / wann du hoͤreſt / daß durch dieſe Ordens-Leut in der Jnſul Canari allein zehenmahlhundert tauſend Menſchen ſeynd getaufft worden / hat doch Moyſes kaum ſo viel durch das Waſſer gefuͤhrt;
Dieſer Seraphiſche Orden hat durch abſonderliche Huͤlff deß Allerhoͤchſten der Geſtalten ſich vermehrt / daß wann ich nicht wuͤſte die unermeßliche Weite deß Himmels / mich ſchier ein Forcht auſtoſſte / ich koͤnte kein Ort mehr antreffen / vor Menge mindern Bruͤder allda;
Dieſer Seraphiſche Orden zeigt forderiſt ſeine Streng - heit in den Capucinern / dero Armut und Demut der Welt ſattſam bekannt; mir kommen ſie vor / wie jener Fiſch / wel - chen Petrus aus dem Meer gezogen / in deſſen Maul ein paares Geld gefunden / und alſo dieſer Fiſch mit dem Maul bezahlt; gleicher Geſtalten tragen gedachte ſtrenge Ordens - Maͤnner ihre Muͤntz auf der Zungen / welche nichts anders iſt als Deo gratias. Wormit auch der ſeelige Capueiner Fe - lix groſſe Wunder gewuͤrckt; Mit einem Wort / wie vor - nehm / wie angenehm / wie ſinnreich / ſittenreich / wie heilſam dieſer Seraphiſche Orden / kan allein eine Seraphiſche Zung ſuͤglich vorſtellen.
Was iſt wuͤrdiger / als der Orden der Carmeliter? Die - ſer anſehliche Orden / ruͤhmet ſich / als ſeye er der alleraͤlti - ſte / wie kan das ſeyn? Lebt doch ihr erſter Ordens-Stiffter noch auf der Welt / auch noch nicht geſtorben / iſt wahr / die - ſer iſt Elias der Prophet / welcher auf dem Berg Carmelo das erſte Novitiat den Carmelitern aufgericht / der wunder - eiffrige Prophet lebt annoch in dem irꝛdiſchen Paradeis / wo - hin er durch einen feurigen Wagen iſt uͤberbracht worden / wird aber zur Ankunfft deß Antichriſti zweiffels ohne mit Beyſtand ſeiner Carmeliter ſtreiten und kaͤmpffen / das Lob dieſes Heil. Orden / ſoll nicht mit Dinten / ſondern Gold ge - ſchrieben werden.
Was iſt wuͤrdiger als der Orden deß Heiligen Franciſci von Paula? Dieſer Heil. Ordens-Stiffter hat wol gewuſt / daß auf die Vigill und Faſt-Taͤge ohnfehlbar das Feſt folge / dahero er den Seinigen ein immerwaͤhrende Faſten auferlegt / damits deſto ſicher das ewige Feſt zu gewarten haͤtten; ſo gar hat er in ſeiner Regel Schmaltz und Butter verbotten / da - mit ſie etwan in Widerkaͤmpffung der feindlichen AnſtoͤßC 4nicht38Mercks Wienn.nicht wie der Butter an der Sonn moͤchten beſtehen / auch kan wol ſeyn / daß deßhalben der Heil. Fundator die Sei - nige mit ſtrenger Faſten alſo ausgemergelt / damit ſie nicht feiſt wurden / um willen die Porten deß Himmels gar eng / anguſta Porta, und feiſte Schmeer-Baͤuch kuͤmmerlich hinein koͤnnen; Durch ſolche ſtrengſte Maͤſſigkeit iſt gleichſam ohn - maͤſſig worden dieſer Heil. Orden / daß alſo derſelbe von viel Roͤmiſchen Paͤpſten und gekroͤnten Kaͤiſer und Koͤnigen in groͤ - ſten Ehren gehalten worden.
Was iſt wuͤrdiger als der Orden der Serviten? Die Welt har zwar keinen Abgang an Serviten / und ſo ich hundert auf der Gaſſen ſolle mit einem Gruß empfangen / ſo wird in der Gegen-Antwort entweder Servus oder Servitor, oder Diener zu vernehmen ſeyn / bey denen aber die Dienſtbarkeit ſo wol - feil / wie bey den Schwanen die ſchwartze Federn / und trifft offt zu mit jenem Spruch aus dem Heiligen Evangelio: Serve nequam: Weit andere Servos und Diener zehlet dieſer Hei - lige Orden / in welchem da lauter Diener der ſeeligſten Mutter GOttes anzutreffen / die in der ſchwartzen Trauer-Libere zur Gedaͤchtnus der beſchmertzten Mutter / in dem Leyden ihres Sohns / zur groͤſſern Vollkommenheit ſteigen; Und hat ſchon dazumal ein ſichere Peophezeyhung geſchienen / weil dieſer Heilige Orden von ſieben Florentinern herſtammet / daß er auch abſonderlich in der Catholiſchen Kirchen floriren werde.
Was iſt wuͤrdiger als der Orden der Barnabiten ge - nannt? von deme mit wenig Worten viel kan geſchrieben werden / daß er ſeye ein Schul deß Wiſſens und Gewiſſens / wor - inn die Heiligkeit mit der Doctrin nicht ohne groſſen Nutzen der Chriſtlichen Kirchen vermaͤhlet iſt.
Was iſt wuͤrdiger als der Orden der Barmhertzigen Bruͤder? So ich nicht wuſte / daß die von dem ſeeligen und wunderthaͤtigen Joanne Dei herkommeten / glaub ich / es waͤre ihr Ordens-Stiffter geweſt / jener Samaritan im Ev - angelio / welcher dem armen halb-todten Menſchen Wein und Oel in die Wunden goſſen / und ſelbſten barmhertzig verbunden. Dieſer Orden bleibet geſund / wie lang er den Krancken dienet / und werden ihme alle Wunden der Krancken fuͤr Wunderwerck ausgerechnet.
Was39Mercks Wienn.Was iſt endlich wuͤrdiger als der Orden deß Heiligen Vatters AUGUSTINI? mit deſſen Lob gantze Buͤcher ange - fuͤllt; gewiß iſt es / daß AUGUSTINUS, und folgſam AU - GUSTINI Orden / ein Aug der Braut Chriſti / verſtehe der Catholiſchen Kirchen / kan genennt werden / wie hoch und theuer aber diß Aug zu halten / laß ich es andern uͤber / weil ich weiß / daß eigenes Lob nach Knobloch riechet / ſonſt wolte ich den Schein dieſes herꝛlichen Ordens nach Muͤglichkeit entwerffen / muß demnach der Feder den Arreſt anerbieten / und ferneres Lob mit der Verſchwiegenheit einſchrancken.
Was iſt endlich wuͤrdiger als alle Heilige Orden und Ordens-Maͤnner / welche der oͤden und ſchnoͤden Welt den Rucken gewendt / wol wiſſend / das Woͤrtl Welt von dem Woͤrtl Wild einen geringfuͤgigen Unterſcheid in dem Nahmen / gar keinen aber in der That erweiſe / dann was iſt die Welt an - derſt als ein Garten voller Brenneſſel / ein verzuckertes Gifft / ein verguldeter Miſthauffen / ein zerloͤcherter Sack / ein aus - ſpolirte Keichen / ein angenehme Kopffreis / ein ſilberner An - gel mit Grillen uͤberkoͤdert / ein Handels-Gewoͤlb voller Nar - ren-Kappen / ein Apothecken voller Tillitalli-Latwergen / ein verbluͤmte Schelmerey / verguldte Pfui-Pillulen / ꝛc. Da - hero viel tauſend und unzahlbar haben ein Eckel und Grauſen gefaſſt ob der nunmehr ſchepernden Welt / vermerckt / daß ſel - be ſo wol Frucht-los / als Zucht-los / derentwegen freymuͤ - tig ſich den ſtrengen Regln und Satzungen unterworffen in die Fußſtapffen der Apoſtel getretten / mit friſcher Erinnerung / daß der Heyland JESUS das Reich GOttes verglichen habe einem reiffen Senffkoͤrnl / und nicht einem Zuckercandl / daß ſolches Reich GOttes gleich ſeye einem Sauerteig / und nicht einem ſuͤſſen. Der Urſach halber ſie gar wol und recht den engen und ſtrengen Weg angetretten / ſolcher Geſtalten die Vollkommenheit erreicht / daß dero hoͤchſt-geprieſene Tugen - den wehrt und wůrdig ſeyn / von maͤnniglich verehrt zu wer - den / wie dann ihnen der eigenthumliche Titul Euer Ehrwuͤr - den gebuͤhret.
Als Petrus / damal noch ein treuer Diener / wahrgenom - men / daß ſein liebſter HERR von den Scherganten und Hebraͤiſchen Lothers-Knechten / wie ein Lamml von den Woͤlf - fen / feindlich angegriffen worden / und dieſe allen Muhtwil - len an ihme veruͤbten / gedachte er an ſeine gegebene Parola,C 5faſſet40Mercks Wienn.faſſet ein ſtattliche Curachi, zieht von Leder / und hauet einem meiſterloſen Spitzbuben Nahmens Malch ein Ohr ab / woruͤber Petrus nicht allein kein Lob / ſo er ihme unausbleiblich einge - bildet / ſondern neben einem ſcharffen Verweiß / noch darzu ein - zuſtecken befelcht worden / und der gebenedeyte Heyland alſo - bald ohne Pfiaſter und Wund-Salben dem Boͤswicht das Ohr angeheilet: Ach HERR ſoll jemand ſagen / laß geſche - hen / daß Petrus auch das andere Ohr / auch die Naſen / auch gar den Kopff abſaͤbele / dann ja ein ſolcher nicht werth iſt / daß er einen Kopff trage / der ein Mauskopff iſt: Viel Scribenten wollen / es ſeye dieſer Urſachen halber geſchehen / daß der Hoyland einen ſolchen Wund-Artzten abgeben / weil Malchus ein Laquey war / und ein Diener eines Hohenprie - ſters / deßwegen wolte nit der HERR / daß dieſer ſollte ent - ohnehrt werden / wann er waͤre ein Nachtretter / oder Vor - tretter / oder ein ander Diener einer Dama oder eines Herꝛn geweſt / haͤtte etwan der HERR nachgeſehen / ſo ihme auch der Kopff waͤre geſpalten worden / aber eines Hohenprieſters Bedienter hat muͤſſen reſpectiret werden. Aus dem kan ein jeder / auch der mindeſte in einem Dorff / Sonnenklar ab - nehmen / weil GOTT die Dienſtbotten ſo gar der Geiſtlich - keit will verehrt haben / wie viel mehr Ehr ſoll dem Geiſtlichen Stand ſelbſt ertheilt werden.
Bekannt iſt / daß einmal der boͤſe Feind vor der Klo - ſter-Porten aufgepaſt / und einen Bauren / ſo mit ſchmutzi - gem Maul heraus getretten / wie ein grimmiger Loͤw ange - fallen / mit dem Verlaut / wann er nicht haͤtte in dem Kloſter geſchmarotzt / und annoch ein Kloſter-Brod tragte / ſo wollte er ihn zu tauſend Stuͤckl zerreiſſen. Chron. Casſi lib. 3. c. 39.
Diß und alle andere beſtaͤttigen gnugſam / wie Ehr - wuͤrdig der Geiſtliche Stand / deßwegen keines Wegs in Zweiffel zu ſetzen / daß nicht auch der Todt / obſchon aller - ſelts unhoͤflich / doch ſich gegen dieſem Stand werde manir - lich verhalten; Jch antwort / der Todt / weiß um kein eini - ge Hoͤflichkeit: Als mir anfaͤnglich auferlegt worden / ich ſolle die Geiſtlichen Euer Ehrwuͤrden tituliren / ſo hab ich / oh - ne das halb Gehoͤrloß / Euer Erdwuͤrden verſtanden / dahe - ro von ſelber Zeit ſie ſamt andern in die Erd einſcharre / und laß mich von ſolcher meiner Art nicht abſchrecken / wannſchon41Mercks Wienn.ſchon jenem die ſchwere Buͤrd der Exeommunication und Geiſtlichen Banns auf dem Rucken gebunden wird / welcher gewaltthaͤtige Hand an ſolchen Stands-Perſonen anleget / ſo entſchuͤtt ich mich doch aller ſolcher Straff / ja bin doch dar - uͤber ſo keck / daß ich daruͤber die geweichte Platten gar in das Grab wirff / der an dem zweiffelt / dem kan die Wien - ſtadt aus dem Traum helffen.
Weilen die ſchoͤne Reſidentz-Stadt Wienn Volck halber mehr einem Land gleichet / dahero findt man neben einer ziem - lichen Anzahl Wirthshaͤuſer / auch viel herꝛliche Gottshaͤuſer / deren an der Zahl ſamt denen offentlichen Capellen in und vor der Stadt fuͤnff und funfftzig gezehlt werden / in denen die eyfferige Prieſterſchafft dem Allerhoͤchſten GOtt das heilige Altar-Opffer mit auferbaulicher Andacht taͤglich ableget / ge - he nun der Klang der ungezaͤhmten Maͤuler von der Wienn - ſtadt / wie er will / gnackſen doch auch die gruͤnhoſende Froͤſch mit aufgeſpannter Pfundgoſchen den Himmel an / ſo ſie nur ein truͤbes Woͤlckel daran ergaffen: Was iſt Wunder / daß etliche mißgoͤnnende Schlangen-Zungen gedachte Hauptſtadt gar zu hefftig verſchwaͤrtzen / als ſeye zu Wienn faſt ein jeder Pflaſterſtein ein Laſterſtein / ich kans zwar nicht gaͤntzlich ver - neinen / daß nicht ſolches Ort deß Patriarchen Jacobs Laͤmml aͤhnlich ſeye / die da nicht gantz weiß waren / ſondern mit ſchwartzen Flecken unterſprengt; Wo iſt dann ein Baum auf dem nicht auch wurmſtichendes Obſt waͤchſt? wo iſt ein Summa Geld / wo man nicht auch bleyene Fuͤnffzehner an - trifft? warum ſoll dann Wienn allein einen Schein tragen? Seynd doch wol andere Staͤdt auch nicht canonifirt; und zu dem kan mans nicht laugnen / daß der Saamen deß Un - krauts / ſo zu Wienn etwan aufſprieſſet / mehriſten Theil an - derſt woher kommet / und alſo fremde Laͤnder der Wiennſtadt die Laſter leihen; Viel Ubelthaten / ja / groſſe Unthaten / ja / viel Schandthaten / ja / findt man / hoͤrt man / ſieht man zu Wienn / ſo muß man auch das Gute mit neidiger Verſchwie - genheit nicht verhuͤllen / ſondern zu wiſſen iſt / daß nicht bald ein Stadt in Teutſchland zu finden / allwo ſo groſſe Andachten und andaͤchtige Solennitaͤten in den Tempel und Gottshaͤuſern ge - halten werden / als wie in Wienn.
Es ſeynd in erſtgedachter Hauptſtadt neben ſieben GOtt ge - widmetẽ Jungfrau-Kloͤſtern / neben hohen Stifftern / Pfarreyen /und42Mercks Wienn.und vornehmer Praͤlaten-Hoͤf / in denen mehriſten Theil auch Geiſtliche Jugend den Studiis obliegen / neunzehen ſchoͤne und wolerbaute Kloͤſter / in welchen die andaͤchtigen Ordens-Maͤn - ner mit auferbaulichem Wandel GOTT und dem Naͤchſten dienen / alſo zwar daß die Anzahl der Geiſtlichen / ſo wol in - ner als auſſer der Kloͤſter / ſich in die dritthalb tauſend erſtre - cket / welche nichts anders verrichten / als daß ſie mit dem guten Hirten das verlohrne Lamml ſuchen / mit dem Joanne die Buß predigen / mit Petro die Krancken troͤſten / mit Paulo die Laſter ſtraffen / und mit dem David GOTT un - ansſetzlich loben / auch Tag und Nacht mit heiligem Lob - Geſang GOTT innbruͤnſtig preiſen. Allhier ſtehen mir die Augen voller Waſſer / wann ich zu Gemuͤt fuͤhre den tuͤrmi - ſchen Todt / wie er ſeine Senſen ſo ſcharff gewetzet hat wider die Geiſtlichkeit zu Wienn / und / welches noch mehr zu betau - ren / daß die Prieſterſchafft mehriſten Theil den Todt geerbet hat / an demſelben Ort / allwo ſie pflegt den Todten Seelen das Leben zu ertheilen / verſtehe in der Kirchen / in dem Beichtſtuhl / bey dem Altar.
Anno 1606. zu Franckenſtein in Schleſien / haben etliche Todtengraͤber unerhoͤrte Ubelthaten begangen / und bevor ſie durch gluͤende Zangen und verdiente Straff ſeynd hingerich - tet worden / haben ſie bekennt / wie daß ſie die todten Men - ſchen / welche ſchon zwey oder drey Jahr unter der Erden gelegen / wiederum ausgegraben / Pulver daraus gemacht / ſolches hin und wieder ausgeſtreuet / zuvor an Schaafen / Vieh und ihren eignen Kindern / ſolches Gifft-Pulver probirt / vie - len / unter dem Schein eines abſonderlichen Præſervativ und Artzney-Mittls / in warmen Bier einzunehmen gerathen / das halb-gefaulte Fleiſch der ausgegrabenen Todten wie ein Papp zuſammen geſtoſſen / und damit alle Stuͤhl in der Kirchen an - geſchmieret / worvon geſchehen iſt / daß die Leut in die Kirchen friſch und geſund ſeynd gangen / daraus aber mit Verluſt der Geſundheit und Peſtilentziſchen Leib kommen; von dergleichen unmenſchlicher Bosheit weiß man nichts zu Wienn / wol aber daß der Todt die Stuͤhl in der Kirchen / und forderſt die Beichtſtuͤhl zu ſeinem Vortheil hatte / und iſt ſchier die Pe - ſtilentziſche Seuch auf kein andere Weis in die Kloͤſter gerathen / als durch das Beichthoͤren / auch der Todt ſelten durch die Klo - ſter-Porten / ſondern oͤffter durch die Sacriſtey-Thuͤr einge -ſchlichen /43Mercks Wienn.ſchlichen / dahero ein Religios nach dem andern erkrancket / und welche andere frey und loß geſprochen von den Suͤnden / ſeynd ſelbſt vor dem Todt nicht befreyt geweſen / diß iſt die Urſach / warum nicht nur hundert / nicht nur zweyhundert / nicht nur dreyhundert / ſondern mehr Prieſter und Geiſtliche dem Todt zu Theil worden / welche aber alle gluͤckſeelig geſtor - ben / zumahlen ihnen der Todt nur ein Thuͤr ware / durch welche ſie in die Himmliſche Freuden eingangen.
Ein Unkeuſcher ſtirbt nicht wol / ein ſolcher war Helio - gabalus der Kaͤiſer / welcher in den Wolluͤſten alſo Viehiſch verſencket ware / daß er mit Gewalt die Medicos und Aertzte wollte zwingen / die ſollen ihn vermittelſt ihrer bewaͤhrtiſter Wiſſenſchafft und Artzney-Mittl in ein Weib verkehren / Cæl. l. 4. O Heliogabl vielmehr ein Hoͤllgabel! ein ſolcher ſtirbt nicht wol / aber ein Geiſtlicher ſtirbt wol / welcher ob dem verzuckerten Venus-Confect einen Grauſen geſchoͤpfft / ſich mit einem Geluͤbd ewiger Keuſchheit verbunden / fein die lieb - liche Sinnlichkeiten dem Verſtand als einem Ober-Pfleger unterworffen / welcher einem gleich zeiget / daß kein Ort in einer Stadt aͤrger muſſe / als der Fleiſchmarckt / oder die Fleiſch-Baͤnck / und daß der Himmel nur dieſelbige Soldaten beſolde / welche zu Reinfelden und nit welche zu Magdeburg aus der Quarniſon ſeyn.
Ein Geitziger ſtirbt uͤbel; ein ſolcher iſt geweſt jener reiche Handelsmann / von deme Menoch. p. 2. H. 3. ſchreibt / als der - ſelbe bereits in die Zuͤgen gegriffen / und die halb-verglaͤſerte Augen den nahenden Todt angekuͤndet / hat er dannoch ſeines Geld-Schatzes nicht koͤnnen vergeſſen / dann als ihme der Prie - ſter nach Chriſtlichem Brauch die letzte Oelung ertheilte / dar - mit auch die Haͤnde deß Kranken zu ſalben / ſihe da hat er aus der rechten Hand keines wegs den Schlůſſel zum Geld laſſen wollen / welches dem Prieſter eine ſattſame Urſach gegeben / daß er ihme endlich die heilige Oelung geweigert; Aber ein Geiſt - licher ſtirbt wol / welcher ſein Leben in freywilliger Armut zu - gebracht / allem Weltkraffel den Rucken gezeigt / wol wiſſend / daß ſein JESUS nicht geſtorben / unter einem mit ſeide - nen Franſen umhaͤngten Himmel-Bett / ſondern arm und bloß am Creutz.
Ein Gottslaͤſterer ſtirbt uͤbel / ein ſolcher iſt jener fuͤnff - jaͤhriger Knab geweſt / von deme der Heil. Gregorius Dial. 4. ſchrei -44Mercks Wienn.ſchreibet / daß dieſer von den Eltern ſolches Laſter erlernet / dann wann ein groſſer Stein von dem Berg herunter faͤllet / ſo folgen ihme auch kleine nach / wie kan es ſeyn / daß die alte Froͤſch ihr abgeſchmaches Qua Qua ſchreyen / und die junge Froſchmaͤuler ſollen wie Canari ſingen? Obberuͤhrter Knab aus unartiger Gewonheit Gottslaͤſterte dergeſtalten / daß der hoͤchſte GOTT ihn ſchon zeitig fuͤr die Hoͤll erſe - hen / deßwegen geſtattet / daß er von dem boͤſen Feind aus deß Vatters Armen iſt hinweg gefuͤhrt worden; Ein ſolcher ſtirbt nit wol / aber ein Geiſtlicher ſtirbt wol / der nicht allein ſeine Zung von dergleichen Frevels-Reden und ſchaͤd - lichem Fluchen in Zaum gehalten / ſondern noch Tag und Nacht durch ſteten Chor GOTT gelobt / auch der Harpf - fen David zugeſellt ſeine andaͤchtige Pſalmen / worinn er gar offt ſchon einen Vorgeſchmack der ewigen Freuden ver - koſtet.
Ein Hoffaͤrtiger ſtirbt nicht wol / wie ein ſolcher ge - weſt der Printz Abſalon und ſeines gleichen Galienus, der allemahl ſeine Haar und Bart mit guldener Streu einge - pulvert / dardurch ſich halb zu vergoͤttern phantiſieret. Ein ſolche iſt geweſt die ſtoltze Jezabell / welche ihr verbuhltes Angeſicht mit hunderterley Anſtrich verglaͤtt hat / ein ſolche iſt geweſt Poppea deß Neronis Gemahlin / die allzeit / ſo offt ſie reiſte / ein gantze Heerd Eſelin mit ſich fuͤhrte / zu keinem andern Ziel / als daß ſie ſich mit dero Milch koͤnte abwa - ſchen: es gibt annoch ſolche feine Welt-Muſter / welche ihr madiges Larven-Geſicht ſorgfaͤltig zu verbeſſern / allerley Farben miſchen / ja alle Tag andere Kleider anziehen / und koͤnnen die Wuͤrm ihre Miſtbutten zu decken nicht gnug Sei - den ſpinnen / da unterdeſſen GOTT / weſſen Abbildung der Arme / halb nackender auf der Gaſſen ſenffzet / ſolche ſterben nicht wol / aber ein Geiſtlicher ſtirbt wol / der in ſei - nem niedertraͤchtigen Habit allen Welt-Pomp verlachet / den Leib mit etlichen Elen Tuch verhuͤllt / damit dieſes Unthier nicht gar zu zartlich gezieglet werde / dann je mehr man es liebkoſet / je mehr heiſt es: Man kutert und hoͤnet jetzt einen Geiſtlichen aus mit ſeiner geſpitzten Kappen / mit ſeiner run - den Kappen / mit ſeiner breiten Kappen / mit ſeiner ſchmalen Kappen / ꝛc. aber wann es zum Abtrucken kommet / und das eytle Welt-Weſen abflieget / wie die Mucken aus einer kal -ten45Mercks Wienn.ten Kuchl / ſo dann wuͤntſcht ihm mancher / ſein Kopff waͤ - re in einer Muͤnch-Kappen geſteckt / wuͤrde alſo leichter ſterben.
Ein Schlemmer ſtirbt nicht wol; Ein ſolcher iſt ge - weſt der reiche Praſſer / der nur darum gelebt / damit er eſſen koͤnt / und nicht darum geſſen / damit er leben moͤcht / dem das Maul ſtets feucht ware wie ein Badſchwam / der einen Magen gehabt / wie dieſelbe Thier / welche den Lamml ihre Peltz zertrennen / der aus dem Tag ein Nacht gemacht / verſtehe Faßnacht / der aus der Nacht ein Tag gemacht / ver - ſtehe Kirchtag: Ein ſolcher iſt auch geweſt Clodius Albinus, von deme Sabellicus l. 20. notiret / daß er Keller und Kuchl fuͤr ſeinen Himmel gehalten / den Schmeerbauch aber fuͤr ſeinen Abgott / welchem er nur gar zu haͤuffig geopffert / abſonderlich dazumal / als er in einer Mahlzeit neben andern Speiſen fuͤnffhundert Auſtern / und zehen Capauner geſchlickt; Ein ſolcher ſtirbt nicht wol / aber ein Geiſtlicher ſtirbt wol / der allzeit ſeiner Seelen ein Vatter / dem Leib aber ein Stieffvatter abgeben / der faſt alle Tag zu Freytag gemacht / damit er deſto gewiſſer einen ewigen Sabbath oder Ruhe zu hoffen haͤtt / der ſich der Nuͤchterkeit beflieſſen / wol wiſ - ſend / wann ein Schiffl uͤberladen / daß ſelbiges nechſt bey dem Untergang ſeye; Es iſt demnach wol hoͤchſt zu betauren / daß ſo viel Geiſtliche und GOtt gewidmete Prieſterſchafft dem ohnmilden Tod in die Haͤnd gerathen / abſonderlich weil dieſelbige der Stadt und ihren Heiligen Orden zu fer - nerem Nutzen waͤren wol angeſtanden: weilen ſie aber wol geſtorben / und das zeitliche Leben mit dem Ewigen ver - tauſcht / iſt mehr Urſach zu frolocken als trauren; O wie mancher frommer Religios ſeuffzte auf ſeinem Todtbettl fol - gender Geſtalt:
O GOtt! ich verlaſſe gern das jenige / auf das ſich niemand verlaſſen kan: Jſt doch die Welt nichts als ein Eiſen / ſo allbe - reits gar zu roſtig / iſt ſie doch nichts als ein Eyß / auf deme man - cher ſo unbehutſam geſchlipffert / iſt doch die Welt nichts / als ein Stadt / dero Ringmauer Elend und Jammer / iſt doch die Welt nichts als ein Geſtad / ſo gantz untergraben und gefaͤhrlich / iſt doch die Welt nichts als ein Schlingen / vor deſſen Gefahren ſich ſchier niemand rettẽ kan / iſt doch die Welt nichts als ein Schlan - gen / die da voller Gifft / A dio wie gern dann reiſe ich in dieEwig -46Mercks Wienn.Ewigkeit; O ſuͤſſeſter JESU / du ſtraͤckeſt darum deine Arm am Creutz aus / damit du meine arme Seel umfangeſt / O guͤ - tigſter Heyland / es ſeynd deine fuͤnff purpurfarbe Heil. Wun - d[e] n / fuͤnff ſchoͤne rothe Petſchier / welche fuͤr mich bey dem Himmliſchen Vatter gnugſame Buͤrgſchafft leiſten; O guͤtiger GOtt! der Baum an dem du hangeſt / wird hoffentlich nur ein Steg und ein Weg ſeyn / in die Glory: Fahre demnach aus / O allerliebſte Seel / und beſchleunige mit Freuden deinen Aus - gang / aus dem Leib / der nichts anders iſt / als ein Gefaͤngnus / und verdrießliche Arreſt-Stuben / zertrenne gern dieſe Geſpan - ſchafft mit dem Leib / in Erwegung / daß dieſer Spieß-Ge - ſell am Juͤngſten Tag mit unausſprechlicher Glory dir wird wieder vereiniget werden: Adio! behuͤt euch GOTT meine liebe Patres und Ordens-Mit-Bruͤder / iſt mir leyd / daß / ich euch wegen meiner abſchenlichen Kranckheit nicht kan um das Bettl ſehen / nimm demnach Urlaub von euch / vergebet mir um GOttes Willen von Hertzen / ſo ich euch etwan im Kloſter / in dem Chor / in dem Refectorio, oder in der Zel - len haͤtte beleydiget / O wie hart dunckt es mich / daß ich nicht kan mit meinen liebſten Ordens-Genoſſen ruhen und faulen in unſer Grufften / ſondern an ſtatt dero unter einer verdorꝛten Hollerſtauden mein Grab etwann erwartet / aber friſch auf meine Seel / bekuͤmmere dich deſſen nicht ſo ſehr / die jenige ſo du anjetzo verlaͤſſeſt / werden in der Glory unter einem Fahnen deß glorwuͤrdigſten Ordens-Stiffter mit dir GOtt loben und benedeyen / Adio! ſo ſeys dann O JEſu! dir leb ich / O JEſu! dir ſtirb ich.
Auf gleiche Weis ſeuffzte mancher geiſtreicher Religios und Prieſter / und ware ſeine einige Hertzſtaͤrck der ſuͤſſeſte Nahmen JEſus und Maria.
Man hat ſonſten in der Apothecken gewiſſe Zeltel / die da Manus Chriſti, das iſt / Haͤnd Chriſti genennet werden / wer ihnen den Nahmen hat geben / muß ein Naſenwitziger Tropff und Gewiſſenloſer Geſell geweſen ſeyn / ſeytemalen ſie nur von Zucker und Roſenwaſſer gemeiniglich zugericht werden / ſol - che Manus Chriſti haͤtten fuͤrwahr manchem Geiſtlichen eine geringe Labnus geben / wofern ſie nicht anderſt geſtaͤrckt haͤt - ten die wahre Haͤnd GOttes / in die ſie ſich ſamt Leib und Seel befohlen / welcher alle in iſt der jenige / der alle Be - truͤbte kan troͤſten.
Da47Mercks Wienn.Da muß ich hierzu ſetzen / was man mich fuͤr ein Wahr - heit aus dem Lazareth bericht hat / und es die Siehknecht fuͤr ein Gewißheit bekennt / als ſie im Anfang deß Septembrs die - ſes Jahrs / unterſchiedliche Todten auf den Gaſſen und Straſ - ſen haben angetroffen / ſeye unter andern ein Prieſter kein Or - dens-Mann / todter gefunden worden / bey der Blancken deß Spaniſchen Kloſters in der Vorſtadt / welcher den halben Theil knyete / mit der rechten Hand die Blancken haltend / und in der andern Hand ein kleines Buͤchel / welches insgemein das Diurnum genennt wird / die Siehknecht aber / als welche ohne das auf allen Raub begierig / wolten ihme ſolches Buͤchl aus der Hand reiben / konten aber mit allem moͤglichen Gewalt ſol - ches nicht zu wegen bringen / ſondern waren gezwungen / ihn ſamt dem Buͤchl zu begraben: Wer ſolches nicht vor ein gutes Zeichen achtet / muß wenig Glauben geben / ich bin der unver - ruckten Meinung / als ſeye dieſer / ſamt andern Geiſtlichen / deren etlich hundert dieſes Jahr zu Wienn unter die Erden gerathen / Freuden-volle Kinder der Seeligkeit.
ES wiſſens die Weibs-Bilder gar wol / daß deß Adams Stammen-Haus die Laimbgruben und die Werckſtatt / in dero deß Manns Leib zuſammen pabt worden / der Damaſceniſcher Acker / und folgſam der erſte Mann vom Gey herein / ſie aber mit mehrerem Favor im Paradeis aus feinerer Materie erſchaffen / dahero ihnen von ſelber Zeit die Leibs-Schoͤnheit annoch erblich zu - falle: Der Wahrheit zu Steur / muß ich bekennen / daß ein abdruckter Pfeil nicht alſo nach dem Zweck / daß ein frey geweltz - ter Stein nicht alſo nach dem Centrum, daß ein durſtiger Hirſch nicht alſo nach dem Brunnquell trachte / wie ein Weib nach der Schoͤnheit.
Die Heilige Schrifft thut dißfalls meine ob zwar etlichen mißhellige Meinung beſtaͤttigen: Ein arme Frau / dero Mann kurtz vorher den gebuͤhrenden Lebens-Zinß abgelegt / und in GOtt entſchlaffen / wurde von ihren Schuldnern immer heff - tig zur Bezahlung angeſtrengt / ſo gar daß ihre zwey Soͤhn den Abgang deß Gelds mit harter Dienſtbarkeit erſetzen ſollten: Jn der Wahrheit ein Wittib und ein Bart haben ein Art / Barba cum Barbara, So lang der Barth an dem Mann haff - tet / ſo lang wird ihm alle Hoͤflichkeit erwieſen / geſchichts / daß der Barbier ſolchen mit dem Meſſer abſchneid / alsdann wirfft man ihn auf die Erd / und wird wit Fuͤſſen getretten: Wie lang ein Frau ihren lieben Mann hat / ſo lang gnieſt ſie allerſeits Gunſt und guͤnſtige Augen / ſo bald der Todt aber ſolchen mit ſeiner Senſen hinweggezuckt / alsdann tritt man die arme Wittib mit Fuͤſſen / und wer weiß; ob nicht auch die jetzige Ruthen zu Wienn hab GOtt eingewaicht / in den Thraͤnen der Wittib und Waiſen? Als nun gedachte Matron ihren Kum - mers kein Ausgang erſinnen kunte / fallt ihr endlich ein die guthertzige Bekanntſchafft deß Propheten Eliſaͤi / dem ſie dann ihr Elend gantz umſtaͤndig bericht / mit naſſen Augen / Eliſaͤus laͤſt ſich bald erweichen von ſolchen Wittib-Thraͤnen / fragt / was ſie dann im Hauſe habe: Gedencke jemand um GOttes willen! Sie antwort / nihil niſi parum olei, quo ungar, ich hab nichts im Haus als ein wenig Oel / darmit ich mich ſalbe / ey ſo ſalb! Gedenckt Wunder / in der aͤuſſerſten Armut hat ſieD 2ſich50Mercks Wienn.ſich noch befliſſen / daß ob ſie ſchon war ein arme Haut / noch moͤcht ſeyn ein ſchoͤne Haut! Die Schoͤnheit mit einem Wort / iſt das einige Begnuͤgen deß Weiblichen Geſchlechts.
Was lange Hoͤltzer / was kurtze Hoͤltzer / was groſſe Hoͤltzer / was kleine Hoͤltzer / was dicke Hoͤltzer / was ſchma - le Hoͤltzer / was runde Hoͤltzer / was eckete Hoͤltzer / was ge - rade Hoͤltzer / was krumpe Hoͤltzer hat man nicht braucht zu bauen den Thurn Babel? Wie viel groſſe Stein / wie viel klei - ne Stein / wie viel runde Stein / wie viel gevierte Stein / wie viel rauche Stein / wie viel glatte Stein / wie viel weiſſe Stein / wie viel rothe Stein / wie viel gemeine Stein / wie viel Marmelſtein / waren nicht vonnoͤthen zu dem Bau und Zier deß Thurn Babel? faſt gleiche Beſchaffenheit ereignet ſich mit der Baberl / wie mit dem Babel / was taffeten Zeug / was ſameten Zeug / was glatten Zeug / was gebluͤmbten Zeug / was friſchen Zeug / was ſchmalen Zeug / was breiten Zeug / braucht dieſe nicht? welcher Zeug einen warhafften Zeugen ab - gibt / was nicht koſt ein Baberl? und gereicht alles dieſes zu keinem andern Ziel / als ſchoͤn ſeyn / ſchoͤn geheiſſen ſeyn / ſchoͤn genennt ſeyn: Da faͤllt mir ein was Wunderlichs / ſo ſich mit etlichen jungen Toͤchtern zutragen / dieſe waſcheten auf ein Zeit bey einem klar rauſchenden Bach / mit einem gar unmanirlichen Aufputz / wie bey gleicher Begebenheit pflegt zu geſchehen / ihre Arm waren bis uͤber die Elenbogen entbloͤſt / um den Hals huͤpſch ſchlenderiſch wie ein Tantler-Butten / die Kittel ſo hoch aufgeſchuͤrtzt / daß einem haͤtte moͤgen einfal - len / ſie wolten durch den Fluß Jordan waden / mit einem Wort / ſie waren in allem mit drey F. deren geſamten Waͤ - ſcherin Gebrauch nach gezeichnet / nemlich frech / friſch / frey. Nun hat es ſich begeben / daß ohngefehr allda ſeinen Weg vorbey genommen / der von groſſer Heiligkeit beruͤhmte Mann Jacobus Niſibitanus, den da frembder Bekleidung und demuͤtigen Aufzugs halber dieſe Naßkittel maulaffend angeſchaut / und nicht allein / wie es die liebe Erbarkeit er - heiſchte / ihre Roͤck nicht hinunter gelaſſen / ſondern noch dar - uͤber den heiligen Mann ausgelacht / und wer weiß / was un - gewaſchene Maͤuler dieſe Waͤſcherin angehaͤngt / der heilige Mann ſolche Frechheit zu rechnen / erhaͤlt vom Himmel ge - ſchwind dieſe Gnad / daß der flieſſende Bach urploͤtzlich aus - getrucknet / und damit auch dero uͤbermuͤhtiges Verhalten /nicht51Mercks Wienn.nicht Zoll-frey ablauffe / iſt durch ſein Gebet geſchehen / daß gedachte junge Toͤchter wider alles Vermuhten augenblicklich eyß-grau worden auf den Koͤpffen / es ſchaut eine die ande - re an / erſtummten insgeſamt uͤber ſolchen unverhofften Schimmel und Schimpel / lauffen ſchnur-gerad dem Haus zu / und erzehlen gantz zitterend wie ein Laub von der Eſpen / was ihnen begegnet; was in dem Fall meiſtens zu verwun - dern / iſt dieſes / daß obbenennte junge Alt-Muͤtterl nimmer - mehr wolten offentlich erſcheinen / wegen Verluſt ihrer ver - ſchwundenen Schoͤnheit / woraus erhellet / daß ſchoͤn ſeyn / ſchoͤn heiſſen / und ſchoͤn bleiben / den Weibern alſo angele - gen / wie den Pfauen das Prangen / den Raben das Fangen / den Schaben das Hangen / auch im Fall ihnen die Natur in einem oder dem andern mißgoͤnnet / oder von dem lauffenden Alter das glatte Fell in ein rauches Hackbrettl verwendt wird / ſo muͤſſen kurtzum anderwerts entlehnte Farben das geraſpelte Geſicht vergletten / wie auch die theur-erkauffte Anſtrich / und Falten-Popolitaniſcher Firneiß Luckenbuͤſſer abgeben / welche die alte Jahr Mirackel-weis / oder beſſer geredt Mackel-weis / wie die Sonnen-Uhr deß Achab zuruck ziehen ſollen / dafern aber dieſes Schmieren und Zieren / nicht viel wircket / ſo muß der arme Spiegel dieſer glaͤſerne Richter fuͤr ein Lugner gehalten werden / und wird er Spiegel in ei - nem Anagrammatismo oder Buchſtaben-Wechſel fuͤr ein Giſpel geſpoͤttelt. Zu was aber ihr uͤppige Welt-Docken / dient ſolcher euer unmaͤſſiger Aufputz und angemaſſte Schoͤn - heit? Jſt nicht wahr? damit man euch nur ſolle loben / lie - ben / und mit Centner-ſchweren Reſpecten laben / dann euch gar wol bewuſt iſt / daß die Schoͤnheit ein Angel / ein Engel / ein Agſtein / ein Eckſtein / ein Brunn / ein Brunſt / ein Wieſen / ein Waaſen / ein Bach / ein Pech / ein Tafel / ein Teufel: Ein Teufel / von dem ſich ein jeder gern laͤſt ho - len / ein Tafel / bey der ein jeder gern thut ſchmarotzen / ein Pech / an dem ein jeder will kleben / ein Bach in dem ſich ein jeder will baden / ein Waaſen / auf dem ein jeder will graſen / ein Wieſen die ein jeder will maͤhen / ein Brunſt / bey der ſich ein jeder will waͤrmen / ein Brunn / aus dem ein jeder will trin - cken / ein Engel / von dem ſich ein jeder gern laͤſt laiten / ein An - gel / von dem ſich ein jeder gern laͤſt fangen.
D 3Samſon52Mercks Wienn.Samſon derſelbe ſtarke Held / der mit Verwunderung gantze ſchwere Stadt-Pforten getragen / iſt endlich von einer ſtattlichen ſcilicet Pfortnerin uͤberwunden worden / derſelbe ſo mit dem Eſelskinbacken zu Boden geſchlagen etlich gewaffnete Compagnien / iſt von einer ſchlimmen Compagnin uͤberwunden worden / derſelbe / ſo die fruchtbare Philiſteiſche Traid-Fel - der mit brennenden Fuchsſchwaiffen in Aſchen gelegt / iſt von einem loſen Schlepſack entzuͤndt worden / derſelbe / ſo mit ſei - ner allbekanten Staͤrcke Loͤwen und wilde Thier zerriſſen / iſt von einer wilden Diern uͤberwunden worden / derſelbe / der von GOtt eine ungewoͤhnliche Staͤrcke in den Haaren erhalten / hat durch Anleitung ſeiner Liebſten nicht ein Haar um ſein Ge - wiſſen gefragt / wer iſt dann Urſach alles dieſes? Frag nicht lang / die vorgebildete Schoͤnheit der Delile.
David ein Mann nach allem Wunſch / welcher ob ſchon klein von Leibs-Statur / hatte doch eine abſonderliche Groß - muͤthigkeit in dem Hertzen / und wie es von Rechtswegen ſich geziemet / daß wie das Haupt der Bildnus Nabuchodonoſor von puren Gold / als ein jedes Oberhaupt guldene Sitten an ſich zeigen ſolle / welche man ſattſam kunte abnehmen in dem Wandel deß Davids; Zu dem ſo hat die guͤnſtige Natur kein Frucht mit der Cron begnadet / als den Granat-Apffel / welcher innwendig nichts als rothe Hertzel in der Schoos traget / als ſolle es ein Lehr ſeyn demjenigen / ſo gekroͤnt / nichts als hertzig und hertzhafft ſich erzeigen / welches alles in dieſem Jſraeliti - ſchen Fuͤrſten anſehelich erhellete; und wann auch darum von den Baͤumen in Goͤttlicher Schrifft die Dorn-Stauden zur Cron erkieſen worden / um willen ſelbe in den geſchaͤrpfften Doͤrnern die ernſthaffte Juſtitz vorgebildet / ſo findt man eben - maͤſſiges Lob bey dem Koͤnig David / als welch[er]Degen und Seegen im gleichen Gewicht unter ſeinen Untergebenen ſpuͤren lieſſe; gewiß iſt es / daß dieſer einen ſolchen unverſehrten Tu - gend-Spiegel abgeben / worein allen gekroͤnten Monarchen zu ſchauen / keiner mißrathen wird / und dannoch iſt dieſer Ce - der-Baum wurmſtichig worden / und dannoch iſt dieſe groſ - ſe Welt-Saͤulen gefallen / einen Ehebruch mit dem Todſchlag verdoppelt. Wer iſt Urſach alles dieſes geweſt? frag nicht lang / die Schoͤnheit der Bathſebee: Von wem ware Holo - fernes verblendt? Von wem ware Ammon verwehnt? Vonwem53Mercks Wienn.wem ware Abimelech gebrennt? Der erſte von der Schoͤnheit der zuͤchtigen Judith / der ander von der Schoͤnheit der un - zuͤchtigen Thamar / der dritte von der Schoͤnheit der keuſchen Sara. Daß Jacob vierzehen Sommer groſſe Hitz gelitten / vierzehen Winter ſtarcke Kaͤlten empfunden um der Rahel Schoͤnheit willen / veranlaſſet mich zu einer Verwunderung / daß aber Anno 1567. Ericus Koͤnig in Schweden ſich mit eines Gemeinen Tochter vermaͤhlet / ihrer Schoͤnheit halber / und alſo ſein Stamm-Haus dem Armen-Haus einverleibt / das bringt mich gar zum Lachen. O was Reſpect hat nicht aller - ſeits die Schoͤnheit! ſo wird dann ohne Zweiffel auch der Todt deß Reſpects nicht vergeſſen.
Es ſagt der unhoͤfliche Todt / ich hab den Reſpect nicht gelernt / ich hab ihn nicht geuͤbt / ich hab ihn nicht gewohnt: wer Demut ſucht bey dem Pfauen / wer Aufrichtigkeit ſucht bey dem Fuchs / wer Faſt-Tag ſucht bey dem Wolff / der ſucht auch bey mir Reſpect / nicht ein Pfund / nicht ein halb Pfund / nicht ein Vierting / nicht ein Loth / nicht ein Quintl Reſpect iſt unter meiner Waar anzutreffen / ich mach es wie die un - gebertige Lottersbuben bey naͤchtlicher Weil / die nicht allein die grobe und gemeine Fenſterſcheiben einwerffen / ſondern auch die durchſichtige; alſo raube ich / hoͤflicher geredt / raume ich aus dem Weg nicht allein die moſtige / roſtige / toſtige Kuchel-Diern / ſondern auch die glatte Polſter-Katzen / und iſt mir ein Putzte / wie ein Geſchmutzte / acht auch den Un - terſcheid nicht deß Saalbiſems oder Stallbiſems. Mir iſt gleich ein Sabina oder Chriſtina / mir gilt gleich ein Monica oder Veronica / mir gilt gleich ein Anna oder Suſanna / mir gilt gleich ein Brigitta oder Margaritha / mir gilt gleich ein Lampel oder Trampel / ohne Reſpect / wer es nicht glauben will / verfuͤg ſich nacher Wienn / und nehme allda ausfuͤhrlichen Bericht ein.
Nicht allein ungeformte Geſichter / Eſopiſche Larven / ſchroffige Mißgeburten der Natur / ſeynd zu Wienn in die Gruben und Graͤber geworffen worden / ſondern auch ſchoͤne Geſtalten / wegen deren mancher Ohnbehutſamer zu einen Goͤtzen-Diener worden; als man in allen Gaſſen die Tod - ten-Waͤgen hat angetroffen / iſt gar offt zu ſehen geweſen / wie die Taffete Roͤck herab floderten / wie die ſeidene SchlayrlD 4hinaus54Mercks Wienn.hinaus hangten / wie die verblandirte Haar-Zirathen gezeit wurden / und weil die Todten-Coͤrper durch beſondere Leut / welche man die Siehknecht nennte / muſten aus den Kam - mern gezogen werden / alſo hat gar offt ſolches gewiſſenloſe Lu - der-Geſind alle gegenwaͤrtige koſtbare Kleidungen entzuckt / und iſt die Seiden ſchon ſo gemein worden / daß mancher ſol - cher Troßbub die Chatarriſche Naſen an den Taffet gewiſcht. Es iſt zwar nicht zu laugnen / daß nicht ſolche toͤdtliche Seuch ohne allen Unterſcheid habe graſſirt / ſo hat doch aber meh - riſten Theil dieſes Ubel das Weibliche Geſchlecht verfolgt / aus Urſachen / weil ſelbiges der Forcht und uͤbermaͤſſigen Ein - bildungen mehr unterworffen / dann ja keinem verborgen iſt / was Wunderſachen die groſſe Einbildungen ausbruͤten. Der Heil. Damaſeenus bezeuget / daß zu ſeiner Zeit eine Frau ſeye gluͤcklich geneſen und Kindes-Mutter worden / das Kind aber ware am gantzen Leib gantz haaricht und zottet / als ha - be ihm der Eſau ſein rauche Haut geliehen / iſt aber ſolches von nichts anders herkommen / als daß die Mutter die Bild - nus deß Heil. Joannis mit einer Cameelhaut bekleidter in der Schlaff-Kammer gehabt / deſſen oͤffteres Anſchauen ihr ſolche Einbildung verurſachet.
Sebaſt. Münſterus lib. 3. ſuæ Coſinogr. ſchreibt / als unweit von der Churfuͤrſtlichen Stadt Maintz einsmals zwey Weiber auf der Gaſſen miteinander redeten / und weiß nicht was fuͤr Kuchl-Discurs und Pfannen-Rathſchlaͤg fuͤhreten / ein andere Muthwillige unvermerckt hinzu geſchlichen / und deren beede Koͤpff zuſammen geſtoſſen / weil nun eine aus dieſen groß Leibs ware / und nicht lang hernach niederkom - men / hat ſie zwey Maͤgdlein geboren / deren beede Koͤpffe bis auf die Naſen aneinander gewachſen / und haben ſolche in das zehende Jahr gelebt / was nicht der Schroͤcken thut! Cornel. Gemma. lib. 1. Coſmog. betheuret / wie daß in Niederland ſich habe ein Frau bey einer Geſellſchafft eingefun - den / und als die Red gangen von ihren groß-ſchwangern Leib / habe ſie gemeldt / wie daß ihre Rechnung aus ſeye auf das Feſt der Heiligen drey Koͤnig / welches alle bewegt / daß ſie uͤberlaut gewuntſchen / ſie moͤchte mit drey Koͤnig erfreuet werden / darauf ſie mit lachendem Mund wider - ſetzt: Ey GOTT gebs! und weil ihr nachgehends dieſe Wort ziemlich in der Gedaͤchtnus haffteten / und ſie zu be -nannter55Mercks Wienn.nannter Zeit niederkommen / hat ſie drey Knaben auf die Welt bracht / deren einer ein gantz kohlfaͤrbiges Angeſicht / dem Mohren gleich / hatte / was die Einbildung nicht wuͤr - cket! Vor etlichen Jahren / als in einer Reichs-Stadt ſpa - tzierte eines vornehmen Burgers ſeine Frau uͤber den Marckt / die groß ſchwanger ware / thaͤt ein Kaͤiſerlicher Soldat hin - ter ihr einen Schuß aus einer Muſqueten / deſſen die gute Frau ſehr erſchrocken / und anderſt nicht meinte / dann er habe ſie mit der Kugl in die Lenden getroffen / als ſie nun in gar weniger Zeit durch GOttes Huͤlff ihrer Weiblichen Buͤrde entlediget wird / befindt ſich in den Lenden deß Kinds ein Loch / anders nicht formiret / als obs wahrhafftig mit einer Muſqueten-Kugel geſchoſſen worden waͤre / Ludovi - cus Hœrnik Quæſt. 56. was der Schroͤcken und die allzu - groſſe Einbildung nicht kan bey den Weibern! Wegen ſol - cher haben viel tauſend junge Weibsbilder allhie zu Wienn das Valete von der Welt genommen: zuweilen geſchahe es / daß eine in ihrem Kleider-Kaſten die Favor-Baͤnder zu - ſammen raumte / welche ſie etwann von dieſem oder jenem vergafften Geſellen umſonſt erworben / als ſie aber das Klapffern und Schottlen eines Wagens vernommen / und ſie der unartige Vorwitz zum Fenſter gezogen / da iſt ſie deß traurigen Todten-Wagens anſichtig worden / und daruͤber alſo erbleicht / daß den Augenblick die Peſt an Leib aufge - fahren / woruͤber ſie die necker-farbe Bandlerey und Tand - lerey beyſeits gelegt / ſchwartze Maſchen um die Haͤnd ge - bunden / und den Weg zum Lazareth / nachgehends zur Ewigkeit genommen: O wie manche Eltern thaͤten offt ih - re Gedanken abmatten / und verkuͤrtzten ihren Schlaff / in Berahtſchlagung / wie ſie etwan moͤchten ihre gewachſens Toͤchter nach Wunſch verſorgen / indem ſie vielleicht ſchon an ihnen erblickt haben / daß ſie beſondere Maſchen am Ro - ſenkrantz tragen / bey denen offt mehrer Verdacht als Andacht / und iſt gar nichts Neues / daß offt Elen-lange Baͤndl zehen Klaffter lange Liebe nach ſich ziehen: O liebe Eltern / ein gu - te Nacht / ſchlafft fein wol / macht euch nicht uͤbermaͤſſi - ge Phantaſeyen von Heyrath-Stifftung euerer Toͤchter / es wird ſich bald ein prafer Geſell einfinden / der ſie freyen wird / dieſer iſt der Todt / welcher dann in der Wahr -D 5heit56Mercks Wienn.heit nicht nur hundert / nicht nur tauſend / ſondern viel tau - ſend junge Maͤgdlein in die Gruben geworffen.
Muß bekennen / daß bald kein kleiners Gaſſel allhier zu Wienn / als das Jungfrau-Gaſſel / aus dem aber folgt nicht / daß ſolche Lilien-Zahl ſoll gering ſeyn / ſondern glaub - lich / daß wir auch mit der Heil. Urſula ſamt ihrer weiſſen Armee koͤnten zaͤhlen / und findt man annoch viel adeliche und unadeliche Toͤchter / bey denen Zucht und Erbarkeit das beſte Kleinod / und die ſilber-weiſſe Ehr der groͤſſte Schatz / nit weniger viel Erbare Matronen / die auch Tugend halber der Roͤmiſchen Lucretia nicht viel nachgeben / weil aber noch wenig Gaͤrten ſeynd gefunden worden / in denen nicht auch un - nuͤtze Brenneſſel ſeynd aufgewachſen / und haͤlt auch das beſte Wein-Faß truͤbes Boden-Gleger / ſo kan mans auch dem Himmel vorrupffen / daß nicht lauter gute Engel darinn ge - weſen ſeyn / was iſt dann Wunder / daß nicht manche Haupt - Stadt frey iſt / von gar zu freyen Leuten; und kan nicht ge - laugnet werden / daß nicht zuchtloſe Schleppſaͤck und einige verfuͤhrende Hoͤll-Zeiſel in Wienn anzutreffen geweſt / die aber der emſige Todt meiſterlich auf die Seiten geraumt / und iſt nur diß zu thauren / daß in einer Gruben manche Tugend - volle Jungfrau muß auf der Seiten eines ſolchen geilen Miſt - hammels verfaulen.
Moyſes nach dem er von dem Berg Sinai herab geſtie - gen / fande nicht ohne abſonderliche Gemuͤts-Beſtuͤrtzung / daß ſeinem Volck der Wuͤrbel in den Kopff gerathen / in dem dieſe Mammelucken ein guldes Kalb fůr einen GOtt angebet - ten / O Ochſen-Koͤpff! wie kans euch doch einfallen / daß ein Kalb euer GOtt ſoll ſeyn / dahero der Eyfer-volle Mann GOttes alsbald die ſteinerne Tafel zertruͤmmert / und auf ſolche Weis der erſte geweſt / der die Zehen Gebot gebrochen / nachgehends das guldene Kalb gantz zu Aſchen verbrennt; Wann ich waͤre gegenwaͤrtig geweſt / ſo haͤtte ich dem heiligen Mann gantz glimpflich eingerathen / er wolle diß guldene Kalb nicht zwar dem Fleiſchhacker / wol aber dem Muͤntzmeiſter einhaͤndigen / damit er bahres Geld daraus brackte / worvon den armen Leuten koͤnte Behylff geleiſt werden / es iſt ja immer Schad / daß ſolches koſtbares Metall in unnutzbaren Aſchen ſolle gelegt werden: Moyſes aber hatte hierinn ein weit an - ders Ausſehen / und verbrannte darum dieſes guldene Kalbzu57Mercks Wienn.zu Aſchen / damit die unbeſonnene Tilltappen ſehen ſollen / was ſie bethoͤret haben angebett.
Kommt her ihr Welt-Affen / ihr Geſichter-Narren / ihr Venus-Genoſſen / geht mit mir an unterſchiedliche Ort zu Wienn / allwo groſſe Gruben mit vielen tauſend Todten-Coͤr - per angefuͤllt / ſchaut ein wenig das jenige was ihr habt ange - bett / vor dem vielfaͤltige Ceremoni geſchnitten / dem ihr habt mehr geſchmeichelt / als die Egyptiſche Katzen im Brauch ha - ben / mit dem ihr in die Luſt-Gaͤrten gefahren / und allda in der kuͤhlen Grotta bey dem klaren Waſſer truͤbes Gewiſſen / darvon tragen / die ihr offt mit rothen Roͤcken und Kleider verſehen / und darfuͤr das Weiſſe ausgezogen / ſchaut die jenige / die euch um Schaaf und Schlaff / um Kuhe und Ruhe / um Wiſſen / und Gewiſſen gebracht / geht her / ſchaut recht in die Gruben / darinn viel tauſend ligen / dort ligt dieſelbe / die dich mit ih - ren gekrauſten Haarlocken gleichſam verzaubert / jetzt ſeynd die - ſelbe Laußſtauden nicht mehr von der Bieſemſchachtel eingepul - vert / ſondern vor Rotz und Eyter bicken ſie zuſammen wie die erharte Fuͤrneis-Pinſel / ſihe! dort die jenige / die mit ihren Magnetiſchen Augen dein Hertz gezogen / dero Klarheit du uͤber Diamant erhoben / nunmehr ſtecken ſelbe in dem Kopff ver - tieffet / und ſeynd nichts als ausgehoͤlte Wurm-Neſter / ſihe / weg mit dem Schnuptuͤchl von der Naſen / damit du beſſer koͤnneſt ſehen die jenige / dero Roſen in den Wangen dich offt zu einem Goldkaͤffer hatten; gehet weiter mit mir / da iſt eine andere Gruben / darinnen viel tauſend Menſchen nicht anderſt liegen / als wie das eingeſchlagene Wildprett in dem Faß / mit dem Unterſcheid: daß an ſtatt Saltz der ungeleſchte Kalck / ſihe dort ligt dieſelbe / dero rothe Leffzen dir uͤber Zuckercandel ge - weſt / nunmehr hat der ungeloͤſchte Kalck dieſelbe Lecker-Bisl verzehrt / daß anjetzo die Zaͤhn hervor blecken / wie einem mur - renden Hund an der Ketten; Kommt herzu / ſchaut das jenige / was euch angereitzt / was euch bezaubert / was euch bethoͤrt / was euch verzuckt / was euch ergetzt / was euch erfreut / jetzt iſt alles ein ſtinckende Allabatritta, ein Hauffen Wuſt / ein Verſamlung Koths / ein Keder der Wůrmen / ein graußliches Eyterweſen / ein Zuſammenrottung deß Unflats / nehmt ein einiges Tuͤchl voll dieſes Geſtancks / tragts mit euch nach Haus / und betracht / was das iſt um ein ſolches Pfui / ewig leyden /ewig /58Mercks Wienn.ewig / O ewig! gedencke wie es manchem ſolchen Gruͤndſchuͤp - pel um das Hertz iſt / der in deinen Armen gelegen und nunmeh - ro leidet in dem hoͤlliſchen Pechſtrudel. O was wuͤrde fuͤr Buß ergreiffen ein ſolch elende Troͤpffin / ſo ihr noch wuͤrde ein Aus - gang geſtattet werden / iſt aber umſonſt / ewig / ewig / ewig / O ewig! ewig immer / ewig nimmer / nimmer heraus auf ewig! immer darinn auf ewig!
Jch kan auch nicht umgehen / ſondern gleichmaͤſſig beken - nen / wie daß der Todt auch den Eisgrauen Haaren nicht ver - ſchonet habe / und ebenfalls nach der Fechhauben griffen / als nach dem Jungfrau-Boͤrtel / und alſo zwiſchen den glatten Geſichtern und gruntzelten Stirnen geringen Unterſcheid ſpuͤ - ren laſſen / ja ſo gar auch ſiebentzig / achtzig / und wol hundert - jaͤhrige Muͤtterl mit ſolchem vergifften Pfeil getroffen worden / ſo iſt auch beynebenſt unlauglich / daß nicht weit mehrer junge Toͤchter haben muͤſſen den Todten-Tantz hupffen.
Es hat Peſtilentzen geben / wie Fabi Paul de Præele lib. 2. verzeichnet / darinn allein die Maͤnner und keine Wei - ber geblieben. Jtem ſo ſeynd eine geweſt / wormit allein ge - wiſſe Nationen ſeynd angeſteckt worden / wie dann zu Baſel ein Peſtilentz regierte / dardurch allein die Schweitzer ſeynd um - kommen / nicht aber die Hiſpanier / Frantzoſen und Jtalianer / ſo eben in ſelbiger Stadt ſich befanden / Philip. Mac. Probl. de Peſt. Jn den Occidentaliſchen Judien iſt ein Geſchlecht der Peſt / welche allein die Jndianer aus dem Weg raumet / und al - len andern Voͤlckern verſchonet / Alex. Trajan. d. mor. gal. Jn der Belaͤgerung Breda Anno 1627. als auch die Peſt allda grasſirte / ſeynd allein die Calviniſten von derſelben angefochten worden / der anderen faſt wenig.
Aber die Peſt allhie / ſo uns dieſes Jahr bedrangt / hat zwar ihre Zaͤhn an alle gerieben / doch mehriſten Theil die Weibsbilder und ledige Menſcher verfolgt / alſo daß ſiebentau - ſend ledige Menſcher allein gezehlet worden / die alle vom Todt nicht ledig waren / die Urſach wird von denen Medicis der groſ - ſen Forcht zugemeſſen / wordurch in dergleichen Leuten die Peſt leichtlich gezieglet wird / weil nemlich das von Forcht und Schroͤcken ermuͤdte und ausgematte Hertz nicht gnugſame Kraͤfften hat dem Gifft zu widerſtehen / wie auch durch die groſſe Forcht und Schroͤcken wird die natuͤrliche Waͤrme ſehrgeſchwaͤcht /59Mercks Wienn.geſchwaͤcht / und dahero die lebhaffte Geiſter haͤuffig daſſelbe zu erhalten eylen / und ſo etwan dieſelbige das geringſte von dem Gifft-Lufft gefaugen / thun ſie alsbald ſolche boͤſe Qualitaͤ - ten dem Hertzen mittheilen / und verurſachen alſo die Peſt; O wie viel arme Troͤpfinnen aus Befehl ihrer Herꝛſchafft / gute Biſſen einzukramen / ſeynd auf den Marckt gangen / und von dem nechſten kranken und bleichen Schweffel-Geſicht alſo er - ſchrocken / daß ſie nachmals die Victualien in dem Korb / die Peſt aber an dem Leib nach Haus getragen.
Wolte wuͤntſchen / ihr junge Toͤchter / ihr haͤttet ein ſolche Forcht und Schrecken gefaſt an der Suͤnd / wie euch die Peſt eine eingejagt / ſo wuͤrd ihr weit beſſer bey dem gerechtiſten Richter beſtanden ſeyn / hoffe aber den guͤtigſten GOtt / deſſen Milde keine Maß / kein Ziel / kein Zahl / kein End haltet / werde eure Schwachheit und ſchluͤpfferiger Willen bewegt haben / zu einem Ablas und Verzeihung / deren du auch / liebſter Leſer / mit einem Troͤſt ſie GOtt und Requieſcant in Pace wolleſt gedencken.
JSt es dem Samſon nicht fuͤr ungut aufgenommen worden / daß er zu mehrer luſtiger Gemuͤts-Er wegung ſeinen Gaͤſten ein Sinnreiches Raͤtzel vor - getragen / ſo wird man meines ohngezweiffelt auch nicht uͤbel ausdeuten / wann ich folgends fragen werd / was iſt das? Es hat keine Fůß / und dannoch gehts durch die gantze Welt / es hat keine Haͤnd / und dannoch ſchlaͤgts gan - tze Kriegs-Heer / es hat keine Zung und dannoch redts beſſer / als Bartolus oder Baldus, es hat keinen Verſtand / und dan - noch gilts mehr als alle Weiſen / es iſt ein Ding / welches GOtt in dem Nahmen Lateiniſchen und Teutſchen ſchier gantz aͤhnlich iſt? Sag her was iſt das? Beiß mir die Nuß auf / dieſe Geheimnus / GELD du wirſt es errahten? GELD es fallt dir ein? nichts anders iſt es als GELD. Dann wann man von dem Woͤrtel Gold nur das L hinweg ruckt / ſo heiſt es God / und im Latein heiſt Numen ein Gott und Nummus Geld / welche beyde denn Nahmens halber eine rechte Verwandt - ſchafft tragen / dahero dieſer gelbſuͤchtige Erdſtrollen / dieſer bleiche Dalcken ſo weit in ſeiner Macht geſtiegen / daß die ge - wiſſensloſe Welt ſo wol O allmaͤchtiges Gold / als O allmaͤch - tiger GOtt zu ſeuffzen pfleget. Waſſer her wanns brinnt! Zu Zeiten Noæ ware die gantze Welt von dem ſtinckenden Ve - nus-Feuer angezuͤndt / dahero vonnoͤthen geweſt / daß der gerechte GOtt mit dem Waſſer deß Suͤndfluß die in Unge - buͤhr eingeflammte Welt muſte loͤſchen / als nun durch Goͤttli - chen Befelch die waſſerſuͤchtigen Wolcken mit langwuͤrigem Regen den gantzen Erdboden in ein See verkehret und alles Lebendiges auſſer der Archen muſte dieſes ſtrenge Bad austrin - cken / ſchickt nach geraumer Zeit der Altvater Noe als Oberherꝛ dieſes ſchwimmenden Haus einen Raben / mit dem Befelch die - ſer kohlfaͤrbige Currier ſolle ſeinen Fluch beſchleunigen / und nach eingenommenen Augenſchein den gewiſſen Bericht erſtat - ten / ob der Suͤndfluß noch die Waſſerſucht habe / oder die Schwindſucht / der Rab fliegt aus / und weil er unter Wegs einAas /62Mercks Wienn.Aas / ſo empor ſchwimmete / thaͤt antreffen / hat er mit demſel - bigen ſeinen ſchwartzen Rantzen alſo uͤberhaͤuffig angeſchoppt / daß er untuͤchtig zum fliegen / auch folgſam muſte erſauffen: gar recht / auf einen ſo verbottenen Biſſen / gehoͤrt ein ſolcher Trunck / alſo ſchickt Noe einen andern / und zwar einen unſchul - digern Boten aus / nehmlich eine Tauben / welche dienſtfertiger als oben gedachtes Raben-Vieh / den Nachricht wolle bringen / dieſer fromme und einfåltige Vogel nach kurtzer Verweilung kehrt wieder nach Haus / und ſetzt ſich auf die Archen / nach kurtzer Zeit ſchickt er wiederum aus / welche dann damals un - verzuͤglich zuruͤck kommen / mit einem Oelzweigel in dem Schna - bel / und hier meldt die H. Schrifft nichts / daß ſie Roe auch dißmal habe ergriffen / und in die Archen genommen / iſt alſo glaublich / daß die Tauben das andere mal freywillig in die Archen geflogen; Worinnen dann nicht eine geringe Verſtaͤnd - nus verborgen ligt; Das erſte mal muſte Noe mit Gewalt das Taͤublein in die Archen nehmen / das ander mal fliegt es frey muͤhtig ſelbſt hinein: es iſt dieſe Urſach / das Taͤubel hatte das erſte mal nichts / das Taͤubel war ein armer Teufel / dahero traut es ſich nicht in die Archen. Si nihil attuleris, ibis Ho - mere foras: das ander mal hatte es ein Oelzweigl / Schmiera - lien / deßwegen es freymuͤtig hinein geflogen / wol wiſſend / daß demſelben Thuͤr und Thor offen ſteh / ſo etwas bringt: Lieber Leſer / bemuͤhe dich ein wenig / und verwechſele die Buchſtaben in dem Woͤrtl Taͤubel / alsdann wirſt du eigentlich heraus bringen das Wort Beutel: Kommt anjetzo ein loͤchrer / ein ſchwindſuͤch - tiger / ein armer Beutel / wie das arme Taͤubel fuͤr ein Haus / um willens ein Gnad zu fiſchen / um ein Amt zu buhlen / den doch die Talenta und natuͤrliche Gaben wuͤrdig zeigen / den doch Treu und Redlichkeit ruͤhmen / O lieber GOtt! er traut ſich nicht hinein / es geht ihm ſchon vor den Augen um / das Matthaͤi am letzten / es kuglet ihm der Korb ſchon entgegen / und iſt der Stuhl / auf dem er ſitzen ſoll / noch bey dem Tiſchler: iſt aber der Beutel nicht eytel / ſondern voll / wol gefuͤllt / ſo heiſt es auch wol gefallt / dann ihme ſteht aller Paß offen / ihm fliegen Klaffter-lange Willkomm entgegen / und ſteht das Fiat ſchon unter der Thuͤr / da kaum das Petitum angeklopfft. O du allmaͤchtiges Gold! du kanſt alles / du vermagſt alles / du heiſt alles / du halſt alles / du gewinnſt alles / du uͤberwindeſt alles / du ziereſt alles / du ver - deckſt alles / du uͤberwegeſt alles / alles / alles.
So63Mercks Wienn.So ich fragen ſollt / welches die angenehmſte Farb waͤre / wurde mir vielleicht die Antwort begegnen / die gruͤ - ne Farb? wormit prangte der ungluͤckſeelige Feigenbaum / deme verdienter maſſen Chriſtus der HERR die Jaͤger - Liberey wider alles Vermuhten ausgezogen; etwan die weiſ - ſe Farb? mit dero ſchimmerte die glorreiche Bekleidung Chriſti auf dem Berg Thabor / allwo Petrus ſamt ſeinen Cammerathen ein kleinen Biſſen der Himmliſchen Ergoͤtz - lichkeit gekoſt hat; etwan die rothe Farb? mit welcher gantz gaͤhling uͤberzogen worden / das keuſche Angeſicht Suſannæ / als ſie die zwey alte / aber nicht kalte Boͤswicht in dem Garten freventlich angetaſt; etwan die ſchwartze Farb? ſo ſichtbar war in jenem Raben / welcher dem Propheten Eliæ ein Proviant-Meiſter wider Willen abgeben: Nein / nein du haſt es nicht errahten / Gold-Farb iſt die ſchoͤnſte / wer mit ſolcher angeſtrichen iſt / der gefaͤllt jedermaͤnniglich / und ſchieſt keine weniger ab als dieſe / Gold-Farb hat bey der bethoͤrten Welt den Vorzug vor der weiſſen / und moͤcht je - mand noch ſo ſchwartz ſeyn / ſo macht ihn die Gold-Farb weiß / verſtehe unſchuldig.
Wann ich fragen ſollt / welches das beſte Kraut auf Erden / ſo wuͤrde ich vielleicht dieſe Antwort erhalten / das Kraut ſo da genennt wird Manns-Treu / das Kraut ſo da heiſt Fuͤnfffinger-Kraut. Nein / nein / du haſt es mehrmal nicht getroffen: Tauſendguͤlden-Kraut iſt das beſte / dieſes heilet alle Schaͤden / dieſes hat mehr Safft und Krafft / als aller Apothecker verſchammerirte Buͤchſen / aus denen offt ei - nige auswendig mit groſſer Cantzley-Schrifft pochen / und ſeynd innwendig mit halb-geſchimleter Holderſalſen anklend; Tauſendguͤlden-Kraut / mit einem Wort iſt ſo heilſam / daß es auch denſelben in groſſen Ruhm ſtellet / der ſonſt ein lau - teres Unkraut.
Wann ich fragen ſollt / welcher der angenehmſte und vornehmſte Vogel? ſo wuͤrde mir vielleicht mit ſolcher Ant - wort begegnet werden / etwan der Adler / als welcher ein Koͤ - nig und Oberhaupt deß gantzen gefiederten und gefluͤgelten Geſchlechts / der auch mit unverwendeten Augen das ſtrah - lend Sonnen-Liecht immerzu anblickt / und in Anſchauung dieſer Himmels-Fackel ſein einige Ergoͤtzlichkeit fuͤhlet; alsEſeyn64Mercks Wienn.ſeyn jene gar ſchlecht adelich / dero Sinn und Gewinn wenig nach dem Himmel zielet? etwan der Vogel Phoͤnix / welcher mit verwunderlicher Curachi ſich freymuͤtig auf den klein bren - nenden Scheiterhauffen ſetzet / jedoch mit mercklichem Vor - theil / weil aus deſſen Aſchen ein neuer Phoͤnix hervor ſtammet / dieſer Vogel kan fuͤglich alle Chriſten behertzter machen / daß ſie ob dem Todt wañ ſie ſchon erbleichen / wenigiſt nicht ſollen er - ſchroͤcken / zumal der entzogne Leib am juͤngſten Tag in allge - meiner Aufferſtehung wieder erſtattet wird. Etwan die Tau - ben iſt der angenehmſte Vogel? weilen dieſer vor allen andern mit dem Titul der Unſchuld pranget / und ſo er an der Sonnen ſteht / wird man an dem Hals gleichſam ein Copey von einem vielfaͤrbigen Regenbogen abnehmen / der eine Deutung gibt / daß freylich nichts ſchoͤners ſeye / als wann jemand in den Strahlen der Goͤttlichen Sonnen / will ſagen in den Gnaden GOttes ſtehet: du haſt es dannoch nicht errathen / weder die Tauben / weder der Phoͤnix / weder der Adler iſt der ſchoͤnſte und angenehmſte Vogel / ſondern der Habich; Habich ſinget bey der Zeit am lieblichſten / der Habich ſchwinget ſich der Zeit uͤber alle Verdienſte / Habich Geld ſo Habich alles in der Welt / der Habich macht auch ein Galgen-Vogel zu einer Tauben / werden Habich hat / der hat was er haben will / und will was er haben / wuͤnſcht / und will. O Geld! du macheſt offt ein leeren Topff zu einem gelehrten Kopff / O Geld! du verſcha - cherſt offt einen Dunſt fuͤr ein Kunſt.
Die Phariſaͤer / meldet der Evangeliſt / haben einsmals ein freches Weibsbild in dem Tempel / allwo Chriſtus der HERR ſich aufhielte / mit ſich gefuͤhrt / und ſelbige eheli - cher Untreu halber erſtlich angeklagt / mit Vermeldung / daß ſie ſolche in wuͤrcklicher Schand-That ertapt haͤtten / weilen das Moſaiſche Geſetz dieſe zu verſteinigen ihnen ſtarck aufbin - de / alſo wolten ſie ſeine Meinung und bedachtſames Urthel dißfalls auch vernehmen / was er darzu ſag? Der gebenedey - te HERR auf ſolche eingebrachte Klag / neiget ſich unter ſich / und ſchreibt mit dem Finger auf die Erd; Nun forſchet ein andaͤchtiger Vorwitz / was doch der eigentliche Jnnhalt dieſer Schrifft ſeye geweſen / allda / antwortet der Seraphiſche Bonaventura / weil Chriſtus der HERR zweymal auf die Erd geſchrieben / als habe er das erſte mal dieſe Wort ver - faſt / qui ſine peccato eſt, &c. der ohne Sůnd iſt / derhebe65Mercks Wienn.hebe zu allererſt die Stein auf / und werffe auf ſie; welches dann die tumpere Geſellen nicht verſtunden / oder nicht verſte - ben wolten / deßwegen der HERR zum andertenmal auf die Erd geſchrieben / und ſolche wunderliche Charactern und Schrifft aufgeſetzt / aus dero ein jeder alle ſein lebenlang be - gangene Suͤnde und ſaubere Stuͤckel als aus einem lebendigen Beichtſpiegel koͤnte erſehen / welches ihnen alſo in die Naſen gerochen / und ſolchen Purpur in den Wangen gewuͤrckt / daß ei - ner nach dem andern Schamrot / ohne weitere Verweilung / zum Tempel hinaus geſchlichen.
Vielen thut es nicht unfuͤglich frembd geduncken / war - um CHRJSTUS der HERR allhier nicht genaue Juſtitz wegen deß veruͤbten Ehebruchs in Obacht genommen / und ſolche wol-doctrirte Leut zu Vollziehung der gebuͤhren - den Straff ermahnt / auch etwan ſie wegen eyffriger Od - ſicht ihrer Satzung gelobt? hat ſich wol loben! Ertz - Schalck / Ertz-Boͤswicht / Ertz-ꝛc. ſeynd ſie geweſt / indem ſie ein Weib vorgeſtellet / welche ſie im Ehebruch ertapt / wie es dann der Wahrheit gemeß iſt / wo haben ſie dann den Ehebrecher gelaſſen / wo? wann ſie ertapt worden / folgt nothwendiger Weis / daß er auch muß ſeyn in die Haͤnd gerathen / wann deme alſo / wie geſchicht / daß nur das Weib zum Gericht zogen worden / und er nicht? Hoͤre die rechtmaͤſſige Urſach / das Weib ware ein arme Haut / ein duͤrfftige Lappin / hatte nichts zu ſpendiren / er aber ware ein reicher Vogel / hat ſich wiſſen mit guldener Erkantnus ein - zuſtellen / dahero ſolcher Geſtalten ſich aller fernerer Un - gelegenheit ausgeſchrauſſt mit dem verruchten Mammon oder Geld: Alſo vermag das Geld alles / das Geld macht aus den Richtern richtige Geſellen / das Geld macht aus Treu / treuloſe Leut / das Geld macht aus Feinden Freund / aus Freunden Feind / das Geld kan alles / wer guldene Fluͤgel hat / der fliegt zum hoͤchſten / wer einen guldenen Schluͤſſel hat / ſperret alles auf / auch die Hertzen der Menſchen / wer mit guldenen Kugeln ſchieſt / erobert auch die ſtaͤrckeſte Veſtung / wer mit guldenen Angel fiſcht / der faͤngt alles was er will / wer ein guldenen Præceptor hat / der wird der Gelehrteſte / Pecuniæ obediunt omnia, O allmaͤchtiges Gold / dir geſchicht die groͤſte Ehr.
E 2Jenem66Mercks Wienn.Jenem Silber-Geld / ſo vor Zeiten in der Stadt Ham - burg iſt gebrackt worden / ins gemein ein Reichsthaler ge - nannt / wird abſonderliche Ehr erwieſen in dem Collegio der Societaͤt JESU zu Vilnæ, iſt aber deſſen ein erhebliche Urſach / dann dieſes Geld fuͤhret auf einer Seiten folgende Beyſchrifft: Moneta Nova Civitatis Hamburgenſis: Neue Muͤntz der Stadt Hamburg: Auf der andern Seiten zeigt ſich das Bildnus der ſeeligſten Mutter GOttes / mit beygefuͤgten Worten: Fiat mihi ſecundum Verbum tuum: Mir geſche - he nach deinem Wort: Einsmal begab es ſich in Geſellſchafft prafer Leut / welche ſich mehr auf Sabel als Sabindl verſtun - den / daß einer ſich ruͤhmte / er koͤnne mit ſeinem Sabel ei - nen Reichsthaler auf dem Tiſch mitten entzweyen; Worauf die Prob zu ſehen / der nechſte Mitgeſpan einen Thaler auf den Tiſch gelegt / ohnwiſſend daß dieſe eine alte Hamburgi - ſche Muͤntz waͤre / mit obengedachter Maria-Bildnus; An - dreas Kaliszewſchy / alſo war ſein Nahm / zieht von Leder / und fuͤhrt ein Streich mit ungewoͤhnlicher Staͤrck / von dem aber ſolches Geld nicht allein unverwundt blieben / ſondern noch Trutz-weis in die Hoͤhe gehupfft / und was ſolches Wunder vergroͤſſert / haueten noch andere mit gleichen Kraͤff - ten zum oͤfftern mal / in benennte Muͤntz / ſo gar daß ei - nem der Saͤbel zu Truͤmmern gangen; unnatuͤrlich dunckte alle dieſe Geſchicht / deßwegen ſolches halsſtarriges Geld / wie ſie es nennten / gantz genau beſichtiget / und nicht ohne maͤnniglicher Beſtuͤrtzung gefunden / daß ſolches Wunder gewuͤrcket habe die ſilberne Bildnus der guldenen Mutter Maria / derentwegen dann geſchehen / daß ſolcher Reichs - thaler wegen ſeines wunderthaͤtigen Gnaden-Bilds noch of - fentlich heutigs Tags nicht ohne haͤuffiger Gnaden-Spend verehret wird.
Nicht allein genießt dieſes Geld ſo groſſe Ehr / welche dann gar loͤblich und von keiner Ketzeriſchen Schnader-Zungen zu ſchimpffen / ſondern alles Geld wird verehret in der Welt / das Geld gilt / es gilt das Geld alles in der Welt; O du maͤchtiges Geld! iſt dann ein Staͤrcke die du nicht ſchwaͤchen / iſt dann ein Schwachheit die du nicht ſtaͤrcken kanſt? Es iſt keine / es iſt keine; iſt dann ein Unſchuld / die du nicht ſchul - dig / iſt dann ein Schuld die du nicht unſchuldig machen kanſt? Es iſt keine / es iſt keine; iſt dann eine Schand die du nichtbeſchoͤ -67Mercks Wienn.beſchoͤnen: iſt dann ein Schoͤnheit / die du nicht ſchaͤnden kanſt? Es iſt keine / es iſt keine; Es iſt kein Stand / wo du nicht Be - ſtand haſt / es iſt kein Port / wo du nicht Ort haſt / es iſt kein Wandel / wo du nicht Hand und Handl haſt? Auro & Argen - to appetitur Veritas, expugnatur integritas, Juſtitia vin - citur, Innocentia proditur, fidesq́; violatur. Euſeb. hom. 4. in Epiph. O was Reſpect halt nicht das Geld und die Reiche? Ohne allen Zweiffel wird auch ſelcher nicht manglen bey dem Todt.
Jch / antwort der Todt / dieſer beinige wol recht verbeinte Geſell / ich weiß um keinen Reſpect, ich ruͤhre kein Geld an / Arm und Reich / gilt mir gleich / auch iſt bey mir Holdſeelig und Goldſeelig nicht ein Ding / es mag das gelbe Metall gelten viel uͤberall / ſo gilt es doch bey mir nichts / ein Hanus und Joannes / ein Fritz und ein Fridericus / ein Balthaſar und ein Hauſel / ein Matthias und ein Hieſel iſt mir eins / ich nimme alle zuſammen / ſchlags nieder in GOttes Nahmen und mache eine Allabatrit - ta draus / das iſt mein Schmaus / wer deme nicht will Glauben geben / der frag die Wienner drum.
Man weiß / daß die Peſtilentziſche Seuch auch vor Zeiten den Reichen nicht verſchont hat / wie dann Kaͤiſer Claudius ſonſt in allem ein ſieghaffter Monarch / nach zweyjaͤhriger Re - gierung an der Peſt geſtorben. Cuſpin.
Deßgleichen auch Kaͤiſer Conſtantinus ſonſten Mono - machus genannt / ſamt ſeiner Frau Gemahlin Zoe / iſt durch die Peſt aufgerieben worden. Volater. lib. 23.
Jtem Kaͤiſer Lotharius iſt bey Trident in einer niedern Bauern-Huͤtten Anno 1138. muͤheſeelig an der Peſt geſtorben / Oth. Friſin. l. 7.
Fridericus Herzog in Schwaben / iſt mit der mehriſten Mannſchafft deß Teutſchen Kriegs-Heer durch die Peſt hinge - richt worden. Sidon. l. 15.
Barbara / deß Kaͤiſers Sigmund hinterlaſſene Wittib / ein ſauberer Hoͤll-Brocken / iſt an der Peſt geſtorben / und von den Huſſitiſchen Prieſtern zu Praag unverdienter Maſſen praͤchtig zur Erden beſtatt worden. Cranz. lib. 12. Van.
Joannes Ziſca ein Tyrann in Boͤhmen / und Ertz-Feind der Geiſtlichen / der auch ſein eigne Haut nach dem Todt zu ei - ner Trummel verordnet / iſt an der Peſt erſtickt / Æn. Syl. c. 46. Hiſt. Boh.
E 3Ladis -68Mercks Wienn.Ladislaus Koͤnig in Boͤhmen und Ungarn / iſt als ein Braͤutigam zu Praag in anderthalb Tagen an der Peſt geſtor - ben / Ib. c. 71.
Alphonſus der Eilffte Koͤnig in Spanien / iſt am Heil. Char-Freytag an der Peſt verſchieden. Ritius neap. l. 3.
Hippolytus Medices Cardinal / iſt auch an dieſer Seuch geſtorben. Jovian. lib. 34. Weilen dergleichen vor - nehme und hohe Stands-Perſonen in Wienn nicht verblie - ben / ſondern durch heilſamen Rath ſich anderswohin begeben / alſo folgſam ſolche der Gefahr und dieſer gifftigen Seuch ent - gangen / etliche wenige Cavallier ſeynd allhier / der Stadt und dem Land zu Nutz und Schutz verblieben / jedoch aber mit aͤuſſerſter Gefahr / indeme deroſelben Bediente auch ihnen von der Seiten durch die Peſt ſeynd hingeriſſen worden / und ſo fern der allerhoͤchſte GOtt nicht haͤtte abſonderliche Schutz - haltung geleiſt / um weil die Stadt ſonſt gar Troſtloß in Beſtuͤrtzung berathen waͤre / haͤtte ohne Zweiffel auch der Todt ſolche hohe Stammen-Baͤumer geſchuͤttelt; Jm uͤbrigen hat ſolche grasſirende Peſt den Sammet ſo wenig reſpectirt / als den groben Zwilch / und iſt der Todt ſo wol dem Reichen nach - geſchlichen als dem Armen / und weilen allenthalben mehriſten aber vor der Stadt viel tauſend Bettgewandter und Klei - der ꝛc. gelegen / welche zwar neben uͤberhaͤuffigen Geſchaͤfften von der emſigen Obrigkeit bald ſeynd verbrennt worden / alſo hat es das Anſehen gehabt / als wann ein Raub-Vogel eine unſchuldige Tauben ropffet / darvon die zerſtreute Federn hin und her auf der Straſſen liegen / man ſahe bald da eine Rock / bald da einen Hut / bald anderwerts zerſtreute Leinwat / worunter nicht nur lauter gemeine Kotzen / zottete Tagwercker Decken / ſchmutzige Schloſſer-Schuͤrtz anzutreffen / ſondern auch ſchoͤne mit koſtbaren Spitzen gebraͤmte Bettgewandter / taffete Polſter / und edler Hausrath / auch hat man auf dem Weg nach dem Lazareth / zum oͤfftern verwuͤhlte Paroquen gefun - den / woraus wol abzunehmen war / daß der Todt nicht ein Haar frage nach dem Reichen.
Ein mancher armer Tropff / der von ſolchem Ubel an - geſteckt worden / weilen ihme deß Galeni Wiſſenſchafft nicht bekannt / curirte ſich zu weilen mit ſo geringen Medicamenten / die ihme umſonſt zu handen kommen / da unterdeſſen den Rei - chen der diſtilirte Bezovvar nicht konte vom Todt erretten /und69Mercks Wienn.und wann ſchon mit deß Paracelſi Hausrath / Tiſch und Tafel bedeckt ware / ſo muſte dannoch mancher Reiche wegen gar zu ſtarcken Gifft die Haut laſſen. Das heicklich ſeyn iſt ſonſt dem Reichen ziemlich angewachſen / und iſt der geringſte uͤble Ge - ruch ihrer zarten Naſen ein Marter / auch muß an Biſam und Balſam nie kein Abgang ſeyn / damit nur der ſafftige Schmecker nit beleidiget werde / aber bey dieſer Peſt-Zeit ware auch dem Reichen der uͤble Geruch nicht zu wider / ſondern in Mey - nung / daß deß Bocks Geruch ein bequemes Mittel wider das Peſtilentziſche Gifft ſey / ware in manchem reichem Haus dem Bock alle Zimmer auszugehen erlaubt / und doͤrffte ſolcher garſtige Gaſt zu manchem Tiſchtuch ſchnubzen / deme ſonſt zu einer andern Zeit ein truckner Willkomm die Thuͤr gezeigt haͤtt / aber was thut man nit / um Erhaltung deß Lebens? Jn der un - tern Schulen / ſo ein Knab unbehutſam wider die Regul der Grammatic ſchreibet / pflegt man dieſen Fehler einen Bock zu nennen / und iſt ſolcher Bock dem armen Schuler zu keinem Vorthl / ſondern wird offt deßhalben beſtrafft; Ob nun der Bocks-Geruch zur Peſt-Zeit heilſam ſeye / iſt meines Amts nit zu entoͤrtern / und glauben wol etliche aus Averroe, als ſeye dieſer bartige Stincker zu ſolcher Zeit nicht gar uͤbel / wann dem ſchon alſo / ſo iſt doch manchem Reichen der Bock zum ge - ringſten Vortheil gereicht / wie den armen Schuler / noch hier - durch beym Leben erhalten worden; und wolte wuͤntſchen O lieber GOtt! daß ein ſolcher von dem Vockſtall waͤre zu dem ewigen Schaafſtall gelanget. Allhier iſt vielen Reichen begeg - net / was ſich mit dem Abſolon zutragen / dieſer Koͤnigliche Printz hatte wol ein ſchoͤnes Haupt / aber keine Haupt-Tugenden an ihme / es waren ſeine ſchoͤne Haarlocken den geflochtenen Gold - faden nit ungleich / wol recht nennt man ſie Haarlocken / weil ſie gar offt unbehutſame Augen pflegen zu locken / der ſchoͤne Abſo - lon truge wol Roſen auf den Wangen / aber Doͤrner in dem Gewiſſen / der wolgeſtalte Printz fuͤhrte wol Schnee auf der Stirn / aber Kohlen in dem Hertzen / und gleichte er dißfalls den Pillulen in der Apothecken / welche zwar auswendig ver - golt / innwendig aber pfui wie bitter!
Unter andern Untugenden ware mehriſten Theil der aufgeblaſene Ehr-Geitz / von dem er alſo angeſport wor - den / daß er auch ſuchte Cron und Scepter ſeinem gnaͤ - digſten Herꝛn Vatter dem David hinterliſtig zu rauben;E 4es phan -70Mercks Wienn.es phantaſirte der uͤbermuͤhtige Printz / daß die guldene Cron moͤcht weit ſchoͤner ſtehen / auf ſeinen goldfarben Haaren / als auf dem nunmehr kahlen Kopff ſeines Vatters: Aber Kinder Untreu gegen den Eltern / hat noch nie nichts als eignes Un - heil geſpunnen; es kommt die Sach zum Degen / Abſolon lieffert ein Schlacht / es ware ihme aber das ſonſten wan - ckelmuͤhtige Kriegs-Gluͤck nicht willfaͤhrig / alſo / daß der junge Herꝛ aus zwingender Noth muſte ſich in die Flucht be - geben / in dero er ungefaͤhr unter einem Eichbaum durch - ſprengt / und weiß nicht / iſt dieſer zu nieder geweſt / oder er der Abſolon zu hoch / ich glaube das andere; wenigſt war er hochmuͤhtig / iſt geſchehen / daß er mit den Haarlocken an dem Baum hangen geblieben / und das Maulthier unter ihm durchgangen / welches etwann ein paar Feldwegs geloffen / und von einem Bauren erſehen worden / der dann die gute Gelegenheit nicht wolte mißbrauchen / ſondern mit einem Buͤſchel Hen dieſes ſtoltz-gezierte Maulthier zu ſich gelockt / ihme den guldenen Zaum ausgezogen / den mit Gold und Sil - ber geſtickten Sattel abgenommen / die mit Rubin verſetzte Stegreiff ausgeloͤſt / die ſilberne Fußſohlen abgezwickt / daß der arme Lang-Ohr nunmehr muſte barfuß gehen. Es hat ihm dieſer Bauer die Haut voll eingelacht / daß er alſo unverhoffter Weis / zu einer ſolchen Erbſchafft gelanget / und iſt ja wunder - lich / daß der Schatz deß Abſolons in die Haͤnd eines ſolchen Feld-Limmel gerathen iſt.
Solche Begebenheiten hat man auch allhie zu dieſer Peſt-Zeit wargenommen / dann ein mancher hatte entweder durch vaͤtterliche Verlaſſenſchafft / oder durch ſilberne Hey - rath / oder durch wol eintragendes Amt / oder durch eigene Emſigkeit / oder wol auch durch Partitiſche Vortheil groſſe Reichthum zuſammen geſamlet / der aber ohngefaͤhr bey dieſer elenden Zeit dem Todt in die Schlingen gangen / auch ihme ſeine Kinder an der Seiten hinweg geſtorben / weil nun die rechte Verwandten wegen obſtehender Gefahr nicht beyhanden / iſt geſchehen / daß ſein Geld und Schatz in die Haͤnd eines ſchlech - ten Menſchen kommen / deme ſein Lebtag nicht getraumet hat von einem ſolchen Vogel-Neſt / ja was das ſaubere Geſind zu weilen geuͤbriget / haben die Todtentrager und Todtenfuͤhrer ohne Scruyel eingeſacket / und ſeynd ſie zu weilen zu ſolchenGeld -71Mercks Wienn.Geld-Mittel gelanget / daß ſie auf offentlicher Gaſſen halbe Haͤnd voll Muͤntz den Armen dargereicht / daher gar offt ein ſol - cher berauſchter Baur dem Bettler lieber war / als ein nuͤchte - rer Edelmann.
Hier kan ich es nicht laſſen / daß ich nicht ein wenig den Geitzigen anſchnarche; Lieber Leſer / ich glaube wol von dir / du ſeyeſt auch auſſer deß Zaun deines Vatters Garten ge - weſt / und nicht wenig die Laͤnder und Provintzen durchſtri - chen / ſag mir aber / ob du einmal einen lebendigen Geld - Beutel habeſt geſehen / ſolche Raritaͤt wird dir hart ſeyn un - ter die Haͤnd gerathen / ſihe aber Matth. 17. v. 23. da wird geſchrieben / als der gebenedeyte HERR zu Capernaum an - gelangt ſamt ſeinem lieben Apoſtel Petro / haben ſich gleich die Herꝛn Einnehmer angemeldt um den gewoͤhnlichen Zinß - groſchen / und weilen der Seligmacher kein Geld / und Pe - trus kein Muͤntz hatte / alſo gab der HERR dem Apoſtel dieſen Befehl / er ſolle unverzuͤglich den Angel in das Meer werffen / dem nechſten Fiſch ſo er fange / in das Maul greif - fen / da werde er Geld finden / wie es dann alles nicht an - derſt erfolgt / und ware alſo das Maul deß Fiſch ein lebendi - ger Geld-Beutel: dieſem Fiſch ſeynd nicht ungleich alle Geitzige / dann was haben dieſe anderſt im Maul als nur das Geld / ſie ſchnappen nach Geld / ſie reden allzeit von Geld / ſie zancken wegen deß Gelds / ſie ſingen vom Geld / ſie loben das Geld / ſie trachten nach Geld / ſie ſeuffzen ums Geld / ſie vergeſ - ſen das Geld gar in Todt-Bett nicht / wie dann jener verruchte Menſch / von dem Jacobus Vitria ſchreibt / als ihm in ſeinem Todt-Bett der Prieſter das hoͤchſte Altar Geheimnus nach Chriſtlichem Brauch in das Haus brachte / ſagte mit frevent - licher Zungen / Herꝛ Pfarrer / was in dem Kelch iſt / verlang ich nicht / dafern ihr aber begehrt / daß ich ſoll auf dero gulden Kelch Geld leihen / habt ihr mich urbietig / uͤber wel - che Wort er gleich ſeinen verdammten Geiſt aufgeben. Aus dem ſieht man / daß Geld / Geld / Geld / deß Geitzigen ſein einiger Wunſch in der Welt: O ihr elende Simpl! ihr thut ſchaben und graben / ihr thut ſchnauffen und lauffen / ihr thut treiben und reiben / ihr thut ſpringen und ringen / ihr thut thraͤnen und ren - nen / nur ums Geld / nur wegen deß Gelds / ihr trinckt nicht gnug / ihr eſſet nicht gnug / ihr ſchlafft nicht gnug wegen deßE 5Gelds /72Mercks Wienn.Gelds / dahero ſtecken euch die Augen im Kopff wie zwey hole Nußſchalen / die Wangen ſeynd erbleicht / wie ein alter Per - gamenter Lehr-Brieff / die Haar ſeynd euch zerſtreut / wie ein abgeſtochenes Schwalben-Neſt / eure Bein ſeynd nur mit der Haut uͤberzogen / wie ein alte Guarniſon-Trummel / O elen - de Narren / dieſen Fractur-Titul gibt euch der Heyland ſelb - ſten: Stulte hac Nocte repetent Animam tuam. Wann ihr nur halben Theil thaͤt ſo viel leyden / wegen GOTT / was ihr ausſtehet wegen deß ſchand-vollen und ſchad-vollen Mammon / ſo wurdet ihr in der Glori etwan gleich ſitzen einem Bachomio oder Paphnutio / aber ihr elende Geld-Scha - ben / Geld-Raben / muͤſt ſamt aller euer Muͤhe und Arbeit noch darzu ewig brathen / und da andere Welt-Buͤrſtel gleich - wol nach verkoſten Luſt und Guſt zur Hoͤllen ſchlipffern / muͤſt ihr aller Hitz und Schwitz uͤbertragen / und noch in jener Welt das unendliche Wehe ausſtehen; Jhr vernunfftloſe Gold - Kaͤffer / wem ſamlet ihr? wem ſparet ihr? ſehet daſſelbige / mit dem ihr ſo leicht haͤttet koͤnnen den Himmel einkramen / mit dem ihr haͤttet koͤnnen deß Armen Schoß zu einer Schatz - Kammer machen / mit dem ihr haͤttet koͤnnen eure Suͤnd / wie mit einem Schwammen ausloͤſchen / ſchaut noch zum letzten mal an / mit halb verglaͤſerten Augen daſſelbe Geld / weßhalben ihr die Gebot GOttes / die Gebot der Kirchen / die Gebot der Natur habt uͤberſchritten / blintzlet noch daſſel - be Gold an / weßwegen ihr den Hoͤchſten und Nechſten habt beleydiget / ſehet / daſſelbe kommt jetzt in die Haͤnd eines la - chenden Erben / eines unverwandten Dienſtbotten / eines wein - ſuͤchtigen Siehknecht / und euer Seel ſteigt hinunter in das ewige Feuer. O Ewigkeit!
Ein mancher Reicher hatte ſchon laͤngſt bey reiffen Ver - ſtand und vollkommner Vernunfft ſein Teſtament und letzten Willen gar ausfuͤhrlich und umſtaͤndig verfaſt / unter andern auch darein vermengt / wie daß ſein Leib ſolle mit gebuͤhrendem Pracht / mit Begleitung unterſchiedlicher Ordens-Maͤnner / mit brennenden Kertzen und Fackeln / ſamt andern gewoͤhnli - chen Traur-Pomp zum Grab getragen werden / weilen aber wol oͤffter unſere Vorhaben den Krebsgang nehmen / und deß Menſchen Will und Ziel nit ſelten im Ausgang ſtolpern / alſo hat auch die uͤble Zeit manchem Reichen einen Riegl geſchoſſen /daß73Mercks Wienn.daß er dißfalls zu ſeinem gewuͤntſchten Zweck nicht gelangt / ſon - dern an ſtatt ſeiner Leich-Begaͤngnus iſt er von vier berauſchten Taback-Bruͤdern / aus dem Zimmer geſchleifft worden / und etwann hinter einem Zaun / oder unter einer uͤbel-bedeckten Wagen-Schupffen / oder in einem engen Garten-Winckel / wo Schwammen und Schnecken-Gemuͤß das beſte Gewaͤchs / eingeſcharꝛt / und eingraben worden: laß aber geſchehen / ver - faule der Leib auch in einem Garten-Winckel / wann nur die Seel im Paradeis / zergehe der Madenſack auch unter einem Felber-Baum / wann nur die Seel lebt bey JEſu / der da ein Baum iſt deß Lebens / laß zu den Wuͤrmen / daß ſie auch die - ſen Eiter-Rantzen verzehren unter einem Miſthauſſen / wann nur die Seel mit dem Heil. Job GOtt anſchauet.
ALlbekannt iſt es / daß deß Loths ſein Frau durch Goͤttliche Verhaͤngnus in ein Saltz - Seul verkehrt / um weil ſie wider die Goͤtt - liche Vermahnung zuruck geſchaut / deßwegen kein Wunder / daß auch gleichmaͤſſig ihr Gluͤck zuruck gangen; daß ſie aber gleich in ein Saltz-Seulen / und nicht in ein Dorn-Hecken / ſo auch zimlich ſpitzfindig / oder in etwas anders verwandlet worden / iſt die Ur - ſach / weil kurtz vorher ſie die Englen / welche in Frembdlings-Geſtalt ankommen / aus Anſchaffung ihres Herꝛn gaſtirte / ihnen aber / damits ſolcher Gaͤſt oͤffterer befreyt waͤre / weder in noch auſſer der Speiſen das Saltz aufgeſetzt / ohne welches dann alle Richten abgeſchmackt zu genieſſen ſeyn.
Das Saltz iſt noch allzeit fuͤr ein Sinnbild der Weisheit und Wiſſenſchafft gehalten worden / wie dann nicht allein die erſte Sillaben in dem Nahmen deß Koͤnig Salomon ſolches weiſet / ſondern der ge - benedeyte Heyland ſelbſten wolte ſeinen Apoſteln den gebuͤhrenden Titul zueignen / ſprechend: Vos eſtis Sal terræ: Jhr ſeyd ein Saltz der Erden / als rede er / ihr ſeyd gelaͤhrte und wolverſtaͤndige Leut / durch die ich die irrige Menſchen auf die rechte Bahn zu bringen geſinnt bin; gleich wie nun ohne Saltz ein Speiß / alſo ohne Wiſſenſchafft der Menſch abge - ſchmack iſt / welches Liedl gleichfoͤrmig ſingt der Poet.
Lehr und Wiſſenſchafft ſeynd in dem Menſchen wie in der Erden das Gold / in dem gulden Ring der Edlgſtein / in dem Edlgſtein der Glantz.
Jch habe mit abſonderlichem Fleiß die H. Bibl durchblaͤttert / und in derſelben gefunden das Woͤrtl Ackersmann 36. mal / das Woͤrtl Acker 314. mal / das Woͤrtl Saͤen 20. mal / das Woͤrtl Wachſen 500. mal / das Woͤrtl Korn 57. mal / das Woͤrtl Einſchneiden 52. mal / das Woͤrtl Scheuer 21. mal / das Woͤrtl Treſchen 15. mal / das Woͤrtl Heu 48. mal / aber das Woͤrtl Stroh nur ein einiges mal / und zwar nicht mit abſonderlichem Lob / weil die Rachel darauf geſeſſen / als ſie die guldene Goͤ - tzen-Bilder ihrem Vatter Laban verborgen; weil dann kaum einmal das Woͤrtl Stroh in Goͤttlicher Schrifft anzutreffen / darff ich ſchier muthmaſſen / daß ſelbiges ſehr fuͤr veraͤchtlich gehalten ſeye.
So geringfuͤgig nun ein Stroh / alſo ſoll auch ein plumper und tumper Strohkopff geſchaͤtzt werden / indeme derſelbe nur Seel halber das Contrafee eines Menſchen fuͤhret / im uͤbrigen den Vernunfftloſen Thieren nicht ungleich ſcheinet. Daher gar wol der weiſe Socrates geredt hat / als er einen reichen aber ungelehrten Monſieur mit Goldgeſtickten Kleidern ſahe daher prangen / hicEquus77Mercks Wienn.Equus eſt pulchrè ornatus: Eraſm. lit. 8. apoph. Dieſes Pferd iſt wol aufgezaumt / vermeinte daß ohne Wiſſenſchafft ein Paul und ein Gaul nicht gar ungleich einander / ausgenommen / daß einer Haber iſſet / der ander ein Haber-Narꝛ iſt.
Der Herꝛn Medicorum heilſame Ausſag / muh - tet dem Obſt nicht gar viel guts zu / ſprechend / daß ſolche Baum-Fruͤcht der menſchlichen Geſundheit hoͤchſt-ſchaͤdlich ſeye / und wegen der Baͤum man - ches junges Zweigl / will ſagen junge Leut / ob ſol - chem unverdaͤulichen Confect zu Grund gehen / ge - ſetzt aber / es iſt jemand / der aus unmaͤſſigen Appetit Aepffel iſſet / damit ein mercklicher Schad vermei - det werde / iſt rathſam / daß man bald darauf Nuß eſſe / damit alſo der Aepffel ihr Cruditaͤt gezuͤch - tiget werde! abzukuͤrtzen / auf die Aepffel gehoͤren die Nuͤß / weil dann dem Goͤttlichen Gebot zu Schimpff Adam der erſte Vatter / wol recht unſer Stieff-Vatter / verbottnes Obſt geſſen / und hier - durch der geſamten Menſchheit eine gefaͤhrliche und jedem bekannte Krankheit angehaͤngt / auf daß aber ſolcher Apffel nicht gar den ewigen Todt zufuͤge / hat es der Himmel fuͤr gut angeſehen / daß GOttes Sohn ſollte hierauf die Nuß eſſen / nemlich Kum - mer-Nuß / Verfolg-Nuß / Betruͤb-Nuß / Gefaͤng - Nuß / und dergleichen / welche er dann die erſte Nacht / da Er von Maria der reineſten Jungfrauen geboren / ſchon muſt koſten / dann ja der guldene JEſulus wegen aͤuſſerſter Armut zu Bethlehem wie ein Bettel-Kind im Stall muſte logiren / deſſen ſonſt eigenthuͤmliches Quartier der ſchoͤne Himmel / dann ja dieſem liebſten Hertzel wegen Froſt und Kaͤlte das zartiſte Leiberl zitterte / und es allein die gegen uns entflam̃te Lieb in etwas erwaͤr -met /78Mercks Wienn.met / dann ja dieſes Goͤttliche Schatzerl mit keinen andern Aufwarten verſehen / als mit einem Ochs und Eſel / deme doch alle Engliſche Schaaren zu die - nen willkuͤhrig ſtehen: Damit ich aber mein Vor - haben nicht gar zu weit ſuche / iſt zu wiſſen / daß bey dieſer heiligſten Kindelbett abſonderliche hohe Ge - heimnuſſen ſich ereignen / unter andern vermerckt der Heil. Vincentius Ferrerius / daß der Ochs ſeye ge - ſtanden bey dem Haupt deß neugebornen Chriſt - kind / der Eſel aber bey den Fuͤſſen / durch welches der Goͤttliche Sohn ſchon wolte zeigen / daß die Eſel / und wie die gemeine ohn-Manier pflegt zu reden / die Eſelkoͤpff und ungelehrte Tiltappen keines Wegs ſollen uͤberſich erhebt werden / ſondern allzeit beyn Fuͤſſen bleiben / und allein die jenige hoch ſteigen / denen die Doctrin und erſchoͤpffte Wiſſenſchafft die Laiter haltet;
Der Zeit zwar ſpuͤret man zum oͤfftern das Wi - derſpiel / und zieht mancher das Laͤngere / der in der Wiſſenſchafft zu kurtz kommen / ſitzt mancher beym Bret / welcher in den Schulen die Eſelbanck in Be - ſtand gehabt / es geht mehrmalen her mit dem Do - ctor wie mit dem Dotter / ſo man zwey Eyer / deren eins voll / das ander leer / in ein Geſchirꝛ voll Waſſer wirfft / ſo fallt das volle hinab zum Boden / das lee - re / in welchem kein Dotter / ſchwimmt oben; Nicht ungleiche Begebenheiten zeigen gar offt / daß der - ſelbe / welcher gantz leer im Hirn / und weder Do - ctor noch Dotter hat / oben ſchwimmt / der aber / ſo viel Ermel in Schulen zerriſſen / muß in ſolcher Met - ten wider ſeinen Willen den Baß ſingen / deßwe - gen kein Wunder / daß in manchem Land oder Re - public das Gluͤck den Krebsgang nimmt / wo der Gelehrte und Erfahrne weder Vorgang nochFort -79Mercks Wienn.Fortgang gewinnt / und iſt es ein Elend / hoͤchſt zu be - tauren / daß zuweilen bey der Welt geſchicht / was mancher Bauer in ſeinem Ruben-Ackeꝛ veꝛwundert / daß bey den Ruben das beſt unter ſich waͤchſet / das ſchlechte uͤber ſich / alſo geſchicht gar offt / daß gute und witzige Leut unterdruckt werden / und manches Unkraut in die Hoͤhe ſteiget / und gilt auf ſolche Weis mehr ein Barrabas / als ein Chriſtus / O Elend! nichts dergleichen find man bey GOtt / der ihme un - terſchiedliche Thier in dem alten Teſtament zu opf - fern anbefohlen / aber nur kein Eſel / primogenitum aſini mutabis ove, Exod. 13. Warum? ſeynd doch die Eſel ſo gar unbeſchaffen nicht? der Eſel / ſchreibt Jonſtonus, iſt ein Arcadiſcher Aſtrologus, der mit Wendung ſeiner Ohren kuͤnfftiges Ungewitter weiß zu propheceyen / nur kein Eſel / warum? Jſt doch aus allen Thieren dieſer das Sanftmuͤtigſte / und nimt keines mit ſo geringer Koſt veꝛlieb / als dieſes? Nur kein Eſel / ſondern an Statt deſſen ein Lampel verlangt GOtt zu ſeinem Opffer / daß alſo ſolchem Verlaut nach alles was eſeliſch iſt / bey GOtt nicht viel gilt / folgſam auch die Ungelehrte bey ihme in ge - ringen Anſehen / dann er die Doctorirte allezeit vorgezogen / und billig / dann nichts ſchoͤners als das Studium und die Wiſſenſchafft.
Wir wiſſen aus H. Schrift / daß Judith ein ſtar - kes Weib / Eſther ein ſchoͤnes Weib / Mihol ein boͤs Weib / Dalila ein argliſtiges Weib / Lia ein ſchaͤndli - ches Weib / Raab ein leichtfertigs Weib / Abigail ein beſcheits Weib / Ruth ein haͤußlichs Weib / Thamar ein buhleriſch Weib / Suſanna ein keuſches Weib / Sara ein frommes Weib / Thematitis ein barm - herziges Weib / die Koͤnigin Saba ſonſt Candaces genannt / ein vorwitziges Weib / dann nachdem ihrFviel80Mercks Wienn.viel Ruhm und Ruff von der Weisheit deß Koͤnigs Salomon zu Ohren komen / konte ſie ſich aus Zwang deß gierigen Vorwitz nicht enthalten / ſondern be - giebt ſich ſamt einer volkreichen Hofſtatt auf die wei - te Reis / und wie Cornelius à Lap. ſamt vielen will / gar aus Mohrenland / mit groſſen Gefahren / groſſen Unkoſten / und groſſen Ungelegenheiten / bis ſie end - lich zu Jeruſalem ankommen / und als ſie dort die Weisheit deß Salomons mit hoͤchſter Verwunde - rung ſelbſten angehoͤrt / hat es ſie nicht allein ihrer groſſen angewendten Unkoſten nicht gereuet / ſondern noch dem Salomon hundert und zwanzig Centner pures Gold verehret / ſo hoch und aber hoch ſchaͤtzte ſie die Weisheit und Wiſſenſchafft.
Was iſt ſchoͤners als ein Philoſophiſche Wiſſen - ſchafft / wo mancher zu weilen hundert Griff verſu - chet / ein verwirrte Frag recht zu entoͤrtern / und gleichwol letzlich mit dem Verſtand ſcheittert / all - dort ohne Muͤhe beſſer als ein Macedoniſcher Ale - xander / loͤſt ſolchen Knopff auf der Philoſophus.
Warum ein Menſch der ſich uͤberſatt hat angeſ - ſen / und ihme der Leib wie einem reiſenden Hand - werks-Buͤrſel der Ranzen ſtarzet / doch viel leichter und geringer im Gewicht iſt / als da er nuͤchter war? Die Urſach weiß der Piloſophus.
Warum einen Menſchen / der wuͤrklich geſtorben / dannoch Haar und Bart wachſt / da doch kein Seel mehr im Leib? Die Urſach weiß der Philoſophus.
Warum ein Holz / ſo geſchlacht im Vollmond / dem Wurmſtich unterworffen / und ſelbes / ſo ge - worffen im Neumond / dieſes nagenden Gaſts be - freyt? Die Urſach weiß der Philoſophus.
Warum ein Pfann mit Waſſer ob dem Feuer unter ſich am Boden ganz erkuͤhlet / da doch ſelbesdas81Mercks Wienn.das nechſte beym Feuer / entgegen das obere Theil / der doch weiter von Flammen? Die Urſach weiß der Philoſophus.
Warum ein Brunn in der groͤſten Sommers - Zeit und ſchwoͤl-hitzigen Hundstagen kaͤlter iſt / als mitten im Winter / da der rauhe December allen Baͤumen die Haar einpulvert? Die Urſach weiß der Philoſophus.
Warum derſelbe ſo ſich unmaͤſſig uͤberweinet / gern fuͤr ſich / entgegen der vom Bier vollgetrunken / gemeiniglich hinter ſich faͤllt? Die Urſach weiß der Philoſophus.
Warum ein purpurfarbe Roſen ihren Geruch vergroͤſſert / wann ſie bey einem uͤbelſchmeckenden Knoblauch waͤchſet? Die Urſach weiß der Phi - loſophus.
Tauſend dergleichen Wunder-Ding veranlaſſen manchen Ungelehrten zu viel unruhigem Nachſin - nen / da unterdeſſen ein Philoſophus den ſtillen Fuß-Pfaden der Natur nachſchleichet / und dero heimliche Wirkungen erhaſchet. Der Urſachen hal - ber ſolche Weiſe jederzeit zu groſſen Ehren gelangt / und von den Verſtaͤndigen allen gebuͤhrenden Re - ſpect und verdiente Glori einzogen.
Was iſt ſchoͤners als ein Theologiſche Wiſ - ſenſchafft? Wie der ſuͤſſeſte JEſus das zwoͤlffte Jahr erreicht / iſt Er ſamt ſeiner liebſten Mutter Maria und Nehr-Vatter Joſeph / zu Erfuͤllung deß allgemeinen Gebots / nacher Jeruſalem gangen / und allda in dem Tempel dem Gottesdienſt beyge - wohnt / nach Vollendung deſſen / beede wertheſte Eltern wieder nach Haus geeilet / und weilen da - zumal das Ehrbare Frauen Volck von den Maͤn - nern abgeſondert gangen / alſo war die zarteſte Mutter der Meinung / ihr Goͤttlicher Knab ſeyF 2bey82Merks Wienn.bey der Gemeinſchaft der Maͤnner / entgegen ware Joſeph der Troͤſtung / ſein JEſus ſeye ein Reis - Gſpan der Mutter / durch welche irrige Meinung der gebenedeyte Knab alſo verlohren / und erſt nach drey Tagen in dem Tempel zu Jeruſalem mit unermeßli - chem Frolocken mitten unter den Doctores und Leh - rern gefundẽ worden; Nun entſtehet ein ſo wol wich - tige als witzige Frag / wo doch unter ſolcher Zeit der ſuͤſſeſte Knab ſeine Lebens-Nahrung genommen? Etwan iſt er dieſer Zeit als ein lieber Gaſt bey ſeinen Freunden verharret? Nichts wenigers / dann die Freund einem ſchmaͤlere Gutthaten erweiſen als Fremde; etwan hat er ſich dieſe drey Tag im Wirths - haus aufgehalten? Das gar nicht / und da es haͤtte geſchehen ſollen / ſo waͤre er beym weiſſen Creutz zu erfragen geweſt; vieler Lehrer wolgegruͤndte Mei - nung will es behaupten / daß die Herren Doctores zu Jeruſalem / ſich dergeſtalten haben verliebt in die Lehr dieſes guldenen Knaben / daß einer nach dem andern ihn zur Taffel gar hoͤflich eingeladen / und wo er zu Mittag ſpeiſte / da muſte er ſchon verſpre - chen / das Nachtmahl bey einem andern einzuneh - men / ſie konten nicht gnug ſatt werden an dem Theo - logiſchen Diſcurs / den er fuͤhrte / dahero ſie ihme mit allen erdenklichen Ehr-Beweiſungen willfahrten; Dieſe Rabiner achteten nichts hoͤhers / wie dann gar billig / als eine Wiſſenſchafft von Goͤttlichen Dingen. Wie ſchoͤn iſt es / wann einer weiß / wie GOtt Vatter von Ewigkeit hero von ſich ſelbſt / GOttes Sohn von dem Vatter / GOtt H. Geiſt von beeden / wie der Vatter den Sohn gebohren / und doch nicht aͤlters als der Sohn / und dieſer nicht juͤnger als der Vatter / wie der H. Geiſt von beeden nicht gebohren / ſondern ſpirirt worden / doch nichtjuͤnger83Merks Wienn.juͤnger als die zwey / wie die zwey eins / und eins in den zweyen; wie ſchoͤn iſt es / wann einer weiß / in wem die Glori der Seligen / die Zuͤchtigung der Verdam - ten / die Wuͤrkung der Sacramenten / die Warheit deß Glaubens / die Unfehlbarkeit der Kirchen / die Gutthat der Prædeſtination, die Urſach der Re - probation, die Staͤrke der Gnad / die Freyheit deß Willens beſtehet / alles dieſes weiß der Theologus / deßwegen ſolche Lehr ein Jſraelitiſches Manna / ein Leyter Jacob / ein Ciſtern zu Bethlehem / ein Schlingen Davids / ſamt ohnzahlbahren andern Preis-Titul benamſet wird.
Was iſt ſchoͤners als ein Rechts-Gelehrter zu ſeyn / und ein Advocaten abgeben / ob ſchon manche biſſige Wort brauchen / und ſich in die Schneider - Zunfft eintringen / verſtehe Ehr-Abſchneider / welche den Advocaten mit ſo wol haßlichem als haſſendem Schimpff dieſen warloſen Nachklang aufbringen / daß ſie nemlich ihre Satzungen und Leges koͤnnen ziehen / wie die Schuſter das Leder / und verhalten ſich zwey Advocaten / wie die Waͤſcher-Dirn mit der naſſen Leinwad / eine reibt hin / die ander her / bis kein Tropffen mehr drinn bleibt / alſo jene mit ih - ren widrigen Argumenten und Documenten man - chen dergeſtalten ausreiben / daß ihm der Seckel ſtaubt / ich widerſprich es nicht / daß nicht auch Ge - wiſſens-loſe Advocaten zu finden ſeyn / welche aus Mißbrauch der Wiſſenſchafft / mit ihrer verſchmitz - ten Lehr / aus einem Floͤh-Huſter fein meiſterlich ei - nen Rechts-Handel ſchmieden / in welchen durch et - liche Schalk-Jahr kein Trum zu finden / damit ſie nur einem guldenen Amerling die Federn mit Ge - nuͤgen koͤnnen rupffen / wie dann jenem der gottſee - lige General der Capuciner / Namens P. Mat -F iijthaͤus84Mercks Wienn.thaͤus wol gezeigt / als er aus dem Tiſchtuch deß Ad - vocatens / das helle Blut heraus getruckt / in ſolcher Menge / daß ein ganzes Beck darmit angefuͤllt. Zu warhaffter Zeugnus / daß all ſein erworbenes Geld und Gut mit ungerechtem Juriſten-Liſt / ein Blut der Armen ſeye / und ſolgſam uͤber ihn Rach ſchreye: Zu wiſſen iſt aber / daß eines oder deß andern Privat - Bosheit und geuͤbter Mutwill der wertheſten Juri - ſten-Zahl nichts beymeſſe / ſo hab ich auch noch ſelten ein Haus ohne Winkel / ein Roſen ohne Doͤrner / ein Wein ohne Gleger / ein Garten ohne Unkraut / alſo ein Stand ohne boͤſe Wahr gefunden / hat ſich doch unter den 12. Apoſteln ein Partitenmacher finden laſſen / ſeynd doch unter den Engeln im Himmel Mammelucken gezaͤhlt worden / und in der Archen Noe nur acht Perſonen geweſt / darunter gleichwol ein ſchlimmer Vocativus, der in dem Nominativo Cham heiſſet / wie ſollen dann gleich alle Juriſten zu canoniciren ſeyn? Jſt ſchon genug / daß dero Lehr dem gemeinen Wandel hoͤchſt noͤthig iſt.
Der Prophet Eliſaͤus hat allezeit viel groſſe Wunderwerk gewuͤrkt / unter andern iſt dieſes nicht das Geringſte / als auf eine Zeit die Kinder der Propheten / zu Erhebung ihrer Huͤtten / das noth - wendige Bau-Holz bey dem Fluß Jordan faͤllten / und einem ungefehr die Hacken von dem Stiel in in das Waſſer gefallen / ſo hat der wunderthaͤtige Vatter der Hacken geſchwind einen Stiel gefunden / und durch ein Wunderwerk gemacht / daß ſelbiges Eiſen wie ein Bimſen auf dem Waſſer geſchwom - men: Wann man ſchon einem Advocaten den Na - men eines Propheten nicht vergoͤnnet / ſo muß man gleichwol bekennen / daß er ebenfalls weiß ſchwehre Sachen gering zu machen / und wo vieler Hirn undStirn85Mercks Wienn.Stirn nicht weiß zu helffen / da kan er der Hacken ein Stiel finden.
Jener Daniel / der die Loͤwengruben zu einer Le - bensgruben hatte / gabe ein Advocaten ab / dazumal / als zwey alte Kautzen und Boͤswicht heimlich ein - ſchlichen in den Garten / allwo die keuſche Suſanna bey dem kuͤhlenden Abend-Luft / zur heiſſen Somers - zeit ſich zu baden begunte / in ein wie Chriſtall ſtrudle - ten Baͤchel / und als ihr boͤſes Vorhaben Faßnacht ſuchte / nichts aber als Quatember antroffen / haben ſie zu Vermaͤntlung ihrer Freyheit / die unſchuldigſte Matron angeben / als ſeye ſie ſola cum ſolo mit ei - nem unverſchaͤmten Buhler in der Gruͤne ertapt / und beede Kammer-Maͤgd / ihrer Unthat zu Huͤlff / anderwerts hingeſchickt: O Klaffter-lange Luͤgen! es iſt alſobald dem Goͤttlichen Gebot gemaͤs das Ur - theil ergangen / Suſanna ſolle verſteiniget werden: Wer hat dieſer Hacken einen Stiel gefunden? Wer hat dieſen Knopff aufgeloͤſt / wer? Wer hat der Ver - laſſenen und Beklagten Unſchuld die Hand gereicht / wer? ein Advocat / und zwar ein Heiliger / Namens Daniel / welcher mit ſeiner Wolredenheit / mit ge - wichtigen Argumenten die verfolgte Ehr der Suſañaͤ ans Tageliecht gebracht / und alles Recht behauptet.
Jm Alten Teſtament hatten die Weiber einen wunderlichen Trunk / und ob ſchon manche keinen Durſt klagte / muſte ſie dannoch uͤber Willen be - ſcheid thun; Wann ein Mann wegen deß unru - higen Eiffer-Geiſts einen Argwohn hatte / als ob ihme ſeine Frau Treu-los worden / muſte er aus Befehl GOttes ſolche zu dem Prieſter vor dem Al - tar fuͤhren / welcher dann ein gewiſſes und mit tau - ſend Fluͤch gemiſchtes Waſſer ihr darreichte zu trinken / ſo ſie nun unſchuldig bezuͤchtigt / fuͤgte ihr dieſer Trunk den wenigſten Schaden nicht zu /F 4dafern86Merks Wienn.dafern ſie aber in deꝛ Warheit auf dem Loͤffel-Markt geweſt / und ihren Ehegenoſſen mit Erkennung eines andern veruntreuet / iſt durch ſtetes Wunderwerk geſchehen / daß ſie von ſolchem Waſſer alſobald auf - geblaͤhet / und einem Boͤhmiſchen Hopffenſack gleich aufgeſchwollen / auch nach und nach elendiglich ver - fault und geſtorben. Alſo hat man dazumal fein koͤn - nen auf die Spur kommen / wer ſchuldig oder un - ſchuldig ſeye. Mein! ſagt mancher? Warum daß dieſes nicht mehr geſchicht? Wir haͤtten es jetziger Zeit ſowol vonnoͤthen als damalen / und da auch ſol - ches Waſſer auf viel Geld ſolte ſteigen / wuͤrde man es doch reiſſend kauffen; Antworte / ſolches Mira - ckel ſeye nunmehr unnoͤthig / weil es die Advocaten und Juriſten mit ihrer Lehr erſetzen / als welche mit ihren Citationibus, Notationibus, Appellationi - bus, Replicationibus, Conteſtationibus, Proteſta - tionibus, Acceptilationibus, Certiorationibus, Confirmationibus, Connotationibus, &c. Son - nen-klar aus einander bringen und dringen / wer ſchuldig odeꝛ unſchuldig iſt: In Pandectis ſeynd 9198. Leges und Satzungen in Codice 4554. in Novellis 198. alle dieſe ſuchen ſie und verſuchen ſie / wie ſie doch moͤgen die Warheit erleutern / die Strittigkeit bey - ſeits legen / die Unſchuld betheuren / und den Rech - ten ſeinen Lauff laſſen. Und zwar iſt dergleichen wuͤr - digſten Maͤnner ein groſſe Anzahl: Jvo ein Heil. Juriſt / Godegrandus ein Heil. Juriſt / Theophi - lus ein Heil. Juriſt / Joſias ein Heil. Juriſt / Sal - vius ein Heil. Juriſt / Gordianus ein Heil. Ju - riſt / Arnulphus ein Heil. Juriſt / Raymundus ein Heil. Juriſt / ꝛc. Dergleichen iſt ein abſonderli - che groſſe Letaney / ſo Kuͤrze halber allhier nicht zu ſetzen.
Was87Merks Wienn.Was iſt ſchoͤners als die Medicin? Die Bruͤder deß Egyptiſchen Joſeph prangten nicht ein wenig mit ihren Saͤcken / weiln ſelbe voller Trayd / wir ent - gegen haben nicht Urſach zu pralen mit unſern Saͤ - cken / die da voller Leid / will ſagen / unſere Leiber / was ſeynd ſie anderſt / als wuͤſte Madenſaͤck / in denen alle Muͤheſeligkeiten logiren / ja ſolche Saͤck / an welchen immer zu flicken / die Noth erfordert; der menſchliche Leib beſtehet in zwey hundert und vier und zwanzig Beiner / etlichen Pfund Fleiſch / und wenig Maß Blut / und iſt doch tauſend Seuch und Unbaͤßlichkei - ten unterworffen; Deß Menſchen Gedaͤrm und Jn - geweid / ſo gemeiniglich vierzehen Ellen lang / iſt alſo uͤbel beſchaffen / daß dero Futtertuch nicht allein den Augen / ſondern forderſt der Naſen mißfallet / und alſo der Leib ein ledernes Geſchirꝛ / worinn nichts als Noth und Koth verborgen / auch ſeynd die vier Ele - menten / aus denen der menſchliche Leib zuſammen gewalkt / in einem ſteten Hader und Strittigkeit / worvon der arme Tropff der Menſch nichts als Auweh und Schmerzen erbet / und die Choleriſche / Sanguiniſche / Phlegmatiſche / und Melancholifche Qualitaͤten und Artungen der Natur hunderterley Krantheiten einem vor die Thuͤr legen / in ſolcher Noth wohin? wo aus? als eben zum Medicum und Arzten / der durch ſeine anſehliche Wiſſenſchafft vermittelſt der vorgeſchꝛiebenen Medicin die Krank - heiten abwendet / und gluͤcklich die Geſundheit er - ſtattet / welche ohngezweiffelt das koͤſtlichſte in der Welt: dahero die Frau / von dero das Evangelium regiſtriret / all ihr Haab und Gut / Haus und Hof zu Geld gemacht / und darmit die Herren Doctores ſo anſehelich beſoldet / daß ſie letzlich gar nicht ge - uͤbriget / alles und alles wegen der Geſundheit / wel -F vche ob88Mercks Wienn.che ob ſchon nicht allzeit / doch zum oͤfterſten durch ſolche hocherfahrne Medicos erworben wird / deßwe - gen billig ihr Lob allenthalben weltkuͤndig erſchallet / und ein Lucas unter die Heilige / ein Galenus unter die Herꝛliche / ein Pantaleon unter die Seelige / ein Hippocrates unter die Gluͤckſelige / ein Eſculapius unter die Lehrreiche / ein Coſmas unter die Glorreiche gezehlt wird / auch wann ſchon jetziger Zeit nicht mehr verhanden ſeynd ein Praxagoras / ein Machaon / ein Podalirius / ein Caſſius / Calpitanus / Aruncius / Al - butius / Rubrius / durch welche die alte Welt gleich - ſam mit dem Tod trutzte / ſo finden ſich annoch viel / dero Lob in Cederholz einzuhauen wuͤrdig. Gleichwie nun ein ſchlechter Dampff der ſumffigen Erden / wel - cher durch die Sonnenſtrahlen in die Hoͤhe zogen wird / gar oft in einen hellen und ſchnellen Donner - Keil wird verwandlet / alſo begibt es ſich ofteꝛmalen / daß auch gemeine und von Strohhuͤtten und Stꝛoh - huͤtern hergeloffene Leut / wegen gefaſter Wiſſen - ſchafft und Lehr / zu hohen Ehren ſteigen; Annaxago - ras ein Petſchierſtechers Sohn / iſt wegen der Do - etrin zu Welt-kuͤndigen Ehren kommen; Demoſthe - nes eines Meſſerſchmieds Sohn / iſt Wiſſenſchafft und Lehr halber faſt von der Welt angebetten wor - den; Bion eines Fleckſieders Sohn / iſt wegen ſeiner anſehelichen Scienz von gekroͤnten Haͤuptern be - ſucht worden. Socrates einer Hebammen Sohn / iſt wegen ſeiner halb Goͤttlichen Wiſſenſchafft / vor ein Oracul und Mirackel gehalten worden; ſolchen Reſpect haben noch jederzeit genoſſen alle Gelehrte / wird alſo ohne Zweiffel auch der Tod / wann er ſchon alle Winkel durchnaſcht / den hohen Schulen ver - ſchonen / und ſeine Sichel in der Gelehrten Erndte nicht einſetzen.
Mit89Mercks Wienn.Mit was feltſamer Sprach taſten mich die Latei - ner an / ſo war ich leb / ſchwoͤrt der Tod / verſtehe ich nicht Lateiniſch / und weiß dahero nicht / was Reſpect fuͤr ein Thier iſt / Reſpect und Deſpect ligen bey mir in einem Schubladel / und ſieht eins dem andern ganz gleich; Mein Vatter der Teuffel / gar ein ehr - licher Kerl / ſcilicet, und mein Mutter die Suͤnd gar eine feine Frau / ſcilicet, haben mich zu Erſpa - rung der Unkoſten nichts lernen laſſen / von dannen komts / daß ich ſo gar mit denen Lateinern nicht weiß umzuſpringen / es hat mich zwar der Allerhoͤchſte GOtt ſelbſt unterricht / ſo find ich aber / daß meine Studien weit eine andere Art in ſich haben / dann in meiner Grammatic iſt Mors Generis Communis, in meinem Syntax hat das Verbum Vivo, auf der Welt kein Infinitivum, in meiner Dialectica macht man allein den Syllogismum uͤber Barbara, in mei - ner Theologia iſt das Stehlen erlaubt / in meiner Jurisprud, iſt der Todſchlag allezeit recht und guͤltig / in meineꝛ Medicin iſt das heilſamſte Recipe / daß man dem Patienten das Maul mit Erd zuſchoppe / ich / der ich dann alles anderſt geſtudirt / ſo hab ich mit den Gelehrten dieſer Welt kein Reſpect / und mach ihnen folgſam kein beſonders / ſondern nimm Cato - nes, Marones, Platones, Solones, Stolones, Biones, Spiones, Zenones, untereinander / uͤber - einander / durcheinander / wer es nicht glauben will / der laß ſich beſſer von den Wiennern berichten.
Es pranget mit der hohen Schul die Stadt Bononien in Welſchland / die Stadt Salman - tica in Spanien / die Stadt Lugdon in Frank - reich / die Stadt Prag in Boͤhmen / die Stadt Jngolſtatt in Bayrn / die Stadt Salzburg in ſelbem Land / viel andere mehr auf dem Teutſchen Boden / aber ſonderlich uͤberſchaͤtzt ſich Glor -reich90Merks Wienn.reich die Haubtſtatt Wienn in Oeſterreich / welche be - reits in die dreyhundert und neunzehen Jahr ein ſol - che beruͤhmte Schul zieret / aus welcher bishero ſo viel anſeheliche Maͤnner hervor gangen / dann weilen der Adler ſeine Reſidenz allhier erkieſen / wolte nicht weniger auch da die Welt-nutzbare Wiſſenſchafft ihren Sitz nehmen. Die Tuͤrken als unſere ſchlimme Nachbaren trachten nicht viel nach groſſer Wiſſen - ſchafft / ſondern ſeynd zu frieden / wann ihre Schulen ſo in ihrer Sprach Ochummachierlei / den Lehrer aber Hogſialar nennen / einen Muder / einen Mine - ſtum / einen Traursmann hervor geben / welche wei - ter nichts anders lernen / als etliche Ceremoni ſchnei - den / und die Blaͤtter zehlen in dem Alcoran: Wir aber / die wir glauben an Chriſtum / der mit zwoͤlff Jahren mitten unter den Doctores und Lehrer geſeſ - ſen im Tempel zu Jeruſalem / die wir verehren die 12. Apoſtel / die vier Kirchenlehrer / ꝛc. ſtꝛeben weit eiffri - ger nach der Lehr / in Erwegung / daß dieſelbe ein heil - ſameꝛ Arzt ſeye / deꝛ vielen das Fell von den Augen zie - het / und manchem fuͤr ein Fackel der Finſternus die - net / forderiſt zeigt ſich ein groſſer Eyffer zur Wiſſen - ſchaft allhie zu Wienn / alwo abſondeꝛlich die Gelehr - te in hohen Ehren ſeyn / wie dann die Grammatica das Muſa auch vor dem Dominus ſetzet.
Aber der unhoͤfliche Tod hat nicht einen geringen Schnitt gefuͤhret in unſere Gelehrte / und iſt wol traurig zu ſehen geweſt / wie die Toden-Wagen auch bey deß Doctors Haus ſtill geſtanden / und hat man alſo manchen Gelehrten zu einem Stallknecht aufgeladen / wer haͤtt ihm einmal ſolche Geſellſchafft eingebildet? Julius Cæſar, Antonius Pius, Hadria - nus, Carolus Magnus, Albertus Auſtriacus, und an - dere hohe Monarchen haben die gelehrte Leut mit ab -ſonder -91Mercks Wienn.ſonderlichen Privilegien und Freyheiten begnadet / es hat aber ihnen niemand die Freyheit vor dem Tod ertheilt / das haben wir abſonderlich da hier zu Wien erfahren / indeme wir nicht ohne Mitleiden wahrge - nommen / daß ein Gelehrter ſo wol als ein anderer in die Gruben geworffen worden / und die Schrifft - gelehrte ſamt dem Schrifftgelehrten unter einer Decken muͤſſen verfaulen / ja es iſt nicht ein Tag vor - bey gangen / an deme nicht ein Student in der To - den-Zahl iſt gefunden worden / und hat dißfalls der Tod gar einen unmilden Pedellen abgeben.
Ein mancher zaͤhlte mehrer Freund als die Stadt Conſtantinopel geſpitzte Thuͤrn / und hat wol kein Tag geſchienen / an dem er nicht von ſolchen Gaͤſten beſucht wurde / im Winter hatte dieſer nicht vonnoͤ - then den Schnee vor der Thuͤr hinweg zu ſchaufflen / ein Bahn zu machen / dann die oͤftere Fußpfaden ſei - ner Cammeraden / laſſen den Weg wol nicht ver - ſchneyen / aber leider! traͤgt mancher ſolcher nur den aͤuſſerlichen Titul eines Freunds / und iſt nicht un - gleich dem gefaulten Eichen-Holz / welches naͤchtli - cher Weil in einem Winckel wie ein Feuer ſchim - mert / und iſt doch kein Feuer / es giebt viel / die ſich gute Freund tauffen / und ſeynd gleich den Gockel - hanen / auf denen Thuͤrnen / welche ſich nach dem Wind kehren / ſeynd aber meiſtentheils nur Tiſch - Freund und Fiſch-Freund.
Es iſt ein Trinck-Geſchirr in Oeſterreich / dieſes traͤgt den Namen Angſter / alſo Angſter-Freund gibts viel / aber Aengſten-Freund gar wenig / ſon - dern die Welt-Freundſchafft gleichet den Schwal - ben / welche die ganze Sommers-Zeit in unſern Haͤuſern ihre Loſamenter nehmen / auch fruͤhe und ſpat ihr Geſang / ſo vielmehr ein Schwatzerey iſt /vor92Mercks Wienn.vor unſern Fenſtern hoͤren laſſen / ſobald aber der October anklopffet / und allgemach die Kuͤhle herbey nahet / da fliegen ſie unbegruͤſter deß Hauswirths hinweg in andere Laͤnder / und laſſen nichts als ein kothiges Neſt nach ihnen. Nicht anderſt ſeynd die Welt-Freund / welche dich unaufhoͤrlich lieben und loben / ja ſo lang tauſenderley lachende Geſichter / winkende Augen / freundliche Ja / urbietige Dienſt / Complement-volle Haͤnd zeigen / wie lang bey dir ein guter Wind / wie lang deine Kiſten und Kaſten voll ſeynd / und dich das guͤnſtige Gluͤck anlachet / ſo bald es aber anfaͤngt kuͤhl herzugehen / und die Noth bey der Tafel ſitzt / die Armut das Wammes flicket / die Truͤbſal beym Fenſter ausſchaut / und deß Thor - wartels-Amt vertritt / ſo fliehen dieſe Freund wie die Schwalben hinweg / und zergehen wie das Salz im Waſſer / und verſchwinden wie der Schatten an der Sonnen-Uhr / wanns Abend iſt.
O wie mancher allhie zu Wienn / der gar oft mit einer ganzen Guarniſon Freund umgeben war / als ihn das peſtilenziſche Gifft angegriffen / und dort auf ſeinem Bettel die Auwe widerholet / konnte nicht den Troſt haben / daß ihn ein einiger voriger Freund beſuchte / ſondern maͤnniglich truge an ihm ein Ab - ſcheuen / mit harter Muͤhe / daß etwan ein alte Stu - ben-Reiberin oder Bettel-Weib / die man um das Geld geworben / ihn bedienen thaͤte; Da hatte man - cher alſo Verlaſſner / die Gelegenheit mit ſich ſelbſt alſo zu reden: O ich elender Tropff / mir zeigt nun jedermaͤnniglich den Rucken / und iſt aus ſo vielen Freund und Cammeraden / nicht ein einiger / der mir die geringſte Erquickung oder Beyhuͤlff leiſtete / O haͤtt ich fein / an Statt daß ich euch ſo oft mit Unko - ſten die Maͤuler ausgewaſchen / mir die arme Bett -ler93Mercks Wienn.ler auf der Gaſſen / mit Darreichung eines Allmoſen zu Freund gemacht? Dieſelbe troͤſteten anjetzo mein betrangtes Herz / O haͤtt ich ſein / an ſtatt daß ich mit euch die Karten gemiſcht / unterdeſſen in einem andaͤchtigen Buͤchel gebett / es waͤre anjetzo mir eine Erquickung. O haͤtt ich / an ſtatt daß ich mit euch die guldene Zeit verſchwend / etwan ein Stund meinem GOtt gewidmet / ſo empfaͤnde ich jetzt deßhalben ei - nen Troſt; O haͤtt ich an ſtatt daß ich mit euch dem langrockenden Willbrett nachgehetzt / mich unter - deſſen in einen Winkel unſer lieben Frauen Loreto Capell begeben / und allda einen H. Roſenkranz ab - gelegt / ſo waͤre es mir anjetzo viel ringer um das Herz: O haͤtt ich an ſtatt / daß ich ohne Noth mit euch in warme Baͤder gereiſt / und nur ſchwaͤrzer an der Seel worden / darfuͤr ein General-Beicht verricht / und meine Seel geſaͤubert / waͤre es mir der Zeit viel leichter um das Gewiſſen.
Jch bild mir wol ein / dergleichen Noth-Seufzer haben manche Stuben und Kammer eingefuͤllt / dann gemeiniglich wo viel W W ſeynd / dort finden ſich viel O O / aber leider gar oft zu ſpat; Doch aber hat ſich hierinn der Gelehrte beſſer troͤſten koͤnnen / und ſich mit dem allgewaltigen Willen GOttes gaͤnzlich vereiniget / ſolche zeitliche Straff zur Ab - buͤſung ſeiner Suͤnden / der Goͤttlichen Barmherzig - keit mit geneigtem Herzen aufgeopffert / wie ich dann ſelbſten einen gekennt / der bey dieſer elenden Zeit mit gebognen Knyen vor dem Altaͤrel ſeiner Schlaff - Kammer geſtorben / auch nicht anderſt wolte / ob ſchon mit Unwillen der Kranken-Warterin / ſeinen Geiſt aufgeben / dahero trifft gar ſelten zu deß ge - meinen Poͤvels mißgoͤnnendes Sprichwort: Je ge - lehr ter / je verkehrter.
Gar94Mercks Wien.Gar oft ein Gelehrter diſputirte ganz Sinnreich / von wem doch ſolche Peſt herruͤhre / zumalen bekannt iſt / daß dergleichen Peſtilenziſche Seuch / durch die boͤſen Feind / durch die Juden / durch die Todengra - ber / auch durch die Hexen verurſacht worden / weilen Paracelſ. Tract. de Peſti 4. c. 2. alſo ſchreibt: Die Hexen nehmen einen Spiegel ſo in Holz eingefaſt iſt / legen ſolchen auf das Waſſer eines groſſen Gieß - beck / dergeſtalten / daß der Spiegel mit dem glaͤn - tzenden Theil gegen dem Himmel uͤber ſich gekehrt ligt / und auf ſolchen Spiegel legen ſie einen Kranz von ſine cruſimontes gemacht / daß der Kranz den Spiegel umgreiffet / und weil ſie wiſſen / daß der Mond und der Menſch nicht ein wenige Verwand - ſchaft / ſondern in vielen Regungen der Leib mit dem Mond zu ſchaffen hat / alſo vergifften ſie durch ſol - chen Zauber-Kranz den Mond / und dieſer entgegen wirfft wiederum das Gifft in den Spiegel / nachdem nehmen dieſe Gabel-Reuterin ein waͤxernes Bildel / laſſen den Glanz deß veꝛgiften Spiegel auf daſſelbige gehen / wordurch alſobald der Menſch / in deſſen Na - men gedachtes Wax formirt worden / an ſeinen Leib die Peſt bekommt / welche aber vielmehr ein particular-Peſt / als ein Jnfection zu nennen iſt.
Ein anderer Gelehrter ſinnte nach / wie doch ſo wunderbarlich dieſes Gift der Menſch zu erben pfle - ge / welches mehriſten Theil durch die Kleidung geſchicht. Anno 1448. zu Florenz muß ein wun - derliches Gift geweſen ſeyn / dann allda hat man wahrgenommen / daß eines armen Jnficirten Lumpen ſeynd auf die Gaſſen geworffen worden / daruͤber zwey Schwein kommen / welche nach ih - rer Art dieſe Fetzen mit ihren Schnautzen oder Ruͤſſeln durchwuͤhlet / und gleich darauf imKreis95Mercks Wienn.Kreis herum geloffen / und todter nieder gefallen. Deßgleichen Anno 1511. wie Verona in Welſch - land belaͤgert worden / und die Peſt in das teutſche Lager gerathen / wordurch bey zehen tauſend geſtor - ben ſeyn / hat man beobacht / daß fuͤnf und zwanzig Teutſche geſtorben in einem Pelz / dann wann einer geſtorben iſt / ſo hat alſobald ein anderer den Pelz angezogen / ſobald man aber ſolchen verbrennt / hat gleich die Peſt merklich abgenommen / Ludovic. Hernik. Quæſt. 151. viel hundert dergleichen Bege - benheiten hat man auch allhier beobacht / und hat es gar oft geheiſſen Kleider / leider / ich kan nicht umge - hen / was ſich da hie zu Wienn ereignet / ein gar wa - ckerer und gelehrter Mann iſt allhier bey dieſer Zeit um die Stadt ſpatzieren gangen / und als ihme von fern ein armeꝛ Bettler um ein Allmoſen ganz flehent - lich erſuchte / griff er alſobald in den Sack um ein Geld / dann die gute Werk waren bey dieſer Peſt - Zeit ſehr haͤuffig / deßwegen nicht uͤbel der Poet ſagt:
Weil demnach ein ſo groſſe Noth die Wiennſtatt uͤberfallen / alſo iſt man in der Andacht / und guten Werken viel eiffriger geweſt; Dahero obgedach - ter Herꝛ deſto hurtiger in Darreichung deß Allmo - ſens ſich gezeigt / indem er aber das Geld aus dem Sack gezogen / iſt ihm unvermerkt zugleich ein Brieff entfallen / den da der arme Menſch aufge - hoben / und auf vieles Nachſchreyen den Herꝛn wiederum eingehaͤndiget / O GOtt! wer hat ihme eingebildet / daß dieſer Brieff deß Uriaͤ gleich den Tod ſolte zubringen / weilen aber der Bettler mit der PeſtGſchon96Mercks Wienn.ſchon wuͤrklich inficirt ware / alſo hat er auch den Brieff unbehutſam mit dem vergifften Athem zu ei - nem Ladſchreiben deß Tods gemacht / dann kaum daß der ungluͤckſelige Herꝛ den Brieff empfangen / hat ihn gleich ein Entſchuͤttung deß Leibs und veraͤn - derliche Hitz angegriffen / und wie er nach Haus kommen / die ſchon wuͤrkliche Peſtilenz-Zeichen an dem Leib befunden.
Ein mancher Gelehrter brache ihm ſchier den Kopff uͤber dergleichen Begebenheiten / und ſiehe / als er zum beſten die Urſach dieſes ſubtilen Giffts nachforſchte / und von der Peſt geredt / von der Peſt geleſen / von der Peſt geſchrieben / da iſt ihm dieſe uͤber den Leib kommen / und ſolches groſſe Ubel deſſen Urſach er muͤglichſt nachgegruͤndet / ihn auch unverhoffter angetaſt. Seynd alſo der Gelehrten nicht wenig unter die Erden kommen / und abſon - derlich der ſtudirenden Jugend ein ziemliche Anzahl von dieſem Ubel aufgeraumt worden / und ob ſich die Herren Studenten ſonſt in allweg kuͤhn und tapffer erzeigen / und ſowol mit der Klingen als der Feder koͤnnen umſpringen / wie ſie dann anſehelich und rit - terlich / Anno 1545. zu Paris in Frankreich ſich ver - halten / indem ſie von gedachter Haupt-Stadt den Feind abgetrieben / dero damalen Haſen-muͤthige Buͤrger zu dem wehre dich / aufgemuntert / und alſo den Sieg erhalten; aber dieſes Jahr ſeynd ſie der Senſen deß Tods unterlegen / und leider viel die Schul mit der Erd vertauſchet.
Jch kans nicht laſſen / daß ich den Gelehrten nicht auch einen kleinen Zuſatz beyfuͤge / zumalen mich dar - zu veranlaſſet das gemeine Sprichwort / den Ge - lehrten iſt gut predigen / ſagt her ihr Schrifftgeleh - te Maͤnner / die ihr bereits ſeyd in der Ewigkeit /als97Mercks Wienn.als ihr verwichenen Semptember / October / und November / ſeyd vor GOttes Richterſtul erſchie - nen / was Nutzen hat euch gebracht euer Wiſſen - ſchafft?
Es hat mich GOtt nicht gefragt / ſagt der Theolo - gus / ob ich alle Artickel deß engliſchen Lehrers Tho - maͤ auswendig habe gelernt / ſondern ob ich nach den Artickel deß wahren Catholiſchen Glaubens habe mein Leben angeſtellt; Es hat mich GOtt nicht ge - fragt / ſagt der Philoſophus / ob ich wiſſe die Wir - kungen und Stellungen der zwoͤlff Himmels-Zeichẽ / ſondern ob ich der Lehr der zwoͤlff Apoſtel nachkom - men; Es hat mich GOtt nicht gefragt / ſagt der Ju - riſt / ob ich dem Bartolo / ſondern ob ich dem H. Bar - tholomaͤo habe nachgefolgt / ob ich deß Baldi / oder ob ich deß H. Sebaldi Diſcipel ſeye geweſt! Es hat mich GOtt nicht gefragt / ſagt der Medicus ob ich viel Patienten habe curirt / ſondern ob ich pa - tiens ſeye geweſt / und auch etwas ſeinetwegen gelit - ten; Es hat mich GOtt nicht gefragt / ſagt der Re - thor / ob ich habe zierlich lernen reden / ſondern ob ich habe recht geredt von einem jeden / und keinen ſeine Ehr geſchmaͤlert; Es hat mich GOtt nicht gefragt / ſagt der Poet / ob ich hab ſchoͤne Reim und Vers gemacht / ſondern ob ich habe nicht ungereimt gelebt; Alſo hat GOtt nicht geurtheilt uͤber unſer Wiſſen / ſondern uͤber unſer Gewiſſen / und iſt uns bey GOtt dienlicher geweſt / ein Hand voll gute Werk / als ein ganze Truhen voll Wiſſenſchaft; deßwegen Oihꝛ eitle Weltmenſchen / thut euch wegen eurer Wiſſenſchafft nicht aufblaͤhen / ſondern gedenket / daß derſelbe der Gelehrteſte iſt / welcher in der Tugend-Schul geſtu - dirt hat; ſchutzbar / ſchatzbar / und nutzbar iſt wol ein Wiſſenſchafft / aber nur dieſelbe / welche mit der Tu -G 2gend98Mercks Wienn.gend vermaͤhlet iſt / ſonſt iſt die Sciens ohne Con - ſcienz / wie ein Pferd ohne Zaum / ein Spiegel ohne Rahm / ein Kleid ohne Bram / und ein Markt oh - ne Kram; Jſidorus in Spanien iſt ein Bauer ge - weſt / und ſitzt anjetzo glorreich unter den Auser - waͤhlten im Himmel / Plato und Cato ſeynd Docto - res geweſt / und brennen annoch in der Hoͤll / jetzt laß ich es deiner Betrachtung uͤber / wie? was?
WAnn man einen Raben zu der Tauben ſtellt / wann man ein Lia zu der Rahel ſetzt / wann man einen Bauren dem Edelmann zugeſellt / wann man Zuckercandel mit dem Aloe koſtet / ſo ent - decket ſich dero Eigenſchafft weit beſſer / contraria enim juxta ſe poſita, magis eluceſcunt, dann zwey Widrige nebeneinander geben ſich eigentlicher zu erkennen: Alſo auch aus Vorſtellung eines ungluͤck - ſeligen und unfriedlichen Eheſtands / wird deſto mehr eine gute und ruheſelige Ehe erwogen.
Wie unſer guͤtigſter GOtt die Herꝛlichkeit mit der Beſchwerlichkeit / den Himmel mit dem Getuͤm - mel / den Saal mit dem Stall vertauſcht / und zu Bethlehem geboren / da ſeynd auch neben andern / drey gekroͤnte Koͤnig aus Orient mit groſſer An - dacht / mit andaͤchtigem Pracht / mit praͤchtigem Aufzug / durch Beyhuͤlff eines Sterns / ſo die Fu - rier-Stell vertretten / anſehelich ankommen / und bey dem neugebornen Meſſia und Goͤttlichein Kind mit Hindanſetzung aller Koͤniglichen Hochheit / auf die Erde nieder gefallen / nach eiffrigſten Anbeten / ihme ſehr ſtattliche Schankungen allerunterthaͤ - nigſt uͤberreicht / und beſtunden obberuͤhrte Praͤſen - ten in Gold / Weyrauch und Myrrhen; Der groſſe Lehrer Hieronymus deutet dieſe drey Gaben auf die drey Staͤnd der Catholiſchen Kirchen / und koͤnne durch das ſchimmernde Gold der Jung - frau-Stand / durch den wolriechenden Weyrauch der Wittib-Stand / durch die heilſame Myrrhen der Eheſtand abgebildet ſeyn; wann dem alſo / ſo rathe ich einem / deme etwan der Myrrhen Ei - genſchafft unbekannt / er wolle ein Stuͤckel derſel - ben einer Nußgroß / mit den Zaͤhnen wol zermah - len / nachmals mir treuherzig nicht verhelen / wie ſieihme101Mercks Wienn.ihme ſchmecke / pfui Teuffel wie bitter! ſagt er mir / ſo bitter / daß wann ich mit dem Samſon einen gan - zen Tag aus deß Loͤwens Rachen das Hoͤnig ſolte ſchlecken / mir doch kuͤmmerlich dieſes Gall-Futter vergehen wuͤrde: Die bittere Myrrhen iſt ein Sinn - bild’ und Vorbild deß Eheſtands / forderſt deß jeni - gen / welcher da unfriedlich / und folgſam nichts als bitter bitter iſt.
Wann das Weib einen Mann bekommt / welcher ſo hoͤflich / wie daſſelbige Jnſtrument / mit deme der Cain den Bruder Abel ermord / iſt ein Kolben geweſt.
Wann der Mann ein Weib bekommt / welche ſo ſuͤß ausſiehet / wie jener Kraut-Topff der Prophe - ten-Kinder Mors in olla, iſt nichts darinnen geweſt als Gall-bitters Colloquinten-Kraut.
Wann das Weib einen Mann bekommt / wel - cher ſo fein iſt / wie jene Klingen / mit dero Samſon tauſend Philiſter erlegt / iſt ein Trum von einem Eſelkopff geweſt.
Wann der Mann ein Weib bekommt / welche ſo ſtillſchweigend / wie jene Thierl / ſo Aaron durch die Ruthen von denen Egyptiſchen Waͤffern ge - lockt / ſeynd quackzende Froͤſch geweſt.
Wann das Weib einen Mann bekommt / welcher ſo manierlich iſt / wie jenes Jnſtrument / mit deme der Booz das Trayd ausgetroſchen / iſt ein Fleg: geweſt.
Wann der Mann ein Weib bekommt / welche ſo freundlich / wie jene Thier / ſo die hoͤniſche Aus - lacher deß Eliſaͤi gezuͤchtiget / ſeynd brum-brum - brummende Baͤren geweſt; O was iſt alles diß nicht fuͤr ein Bitterkeit!
Der Prophet Ezechiel hat einen Wagen geſehẽ / an dem ein Ochs und ein Loͤw neben einander geſpannt;G 4Unglei -102Mercks Wienn.Ungleiche Thier ſeynd dieſe geweſt / die Eheleut werden auch an ein Joch geſpannt / dahero die Conjuges benamſet worden / aber gar oft auch un - gleich / deßwegen manches mal dieſe elende Mutte - ten in lauter la-mi-fa-re, gehoͤrt wird / nemlich:
Jſt dann ein ſolcher Eheſtand nicht ein bittere Myrrhen? Wo die zwey zuſammen ſagen / wie ein Speck und Juden-Magen / wo ſie ſich zuſammen ſchicken / wie ein Sichel und Meſſer-Scheid / wo ihr Willen weiter voneinander / als Preßburg und Straßburg / wo die Lieb ſo inbruͤnſtig iſt / daß mans ſicher koͤnnt in einen Schaab Stroh einſperren; O Bitterkeit! Der Prophet Jonas / nachdem er die eiffrige Predig in der Stadt Ni - nive vollzogen / hat ſich unweit darvon auf einen inetwas103Mercks Wienn.etwas erhobenen Buͤhl begeben / ſeines Sinns nach den unfehlbaren Untergang und Verheerung deſ - ſelben Orts zu erwarten / wie er ſich nun daſelbſt nieder geſetzt / und aber von der Sonnen / gar zu ſtark angeſtralet wurde / hat ihm GOtt augenblick - lich einen großblaͤttrigen Kuͤrbs-Stock laſſen auf - wachſen / unter deſſen Schatten er als in einem an - genehmen gruͤnen Luſt-Haͤuſel wegen abgematten Leibs-Kraͤfften ſanft eingeſchlaffen; Uber diß hat ein Wurm aus Befehl deß Allerhoͤchſten / den Kuͤr - bes abgebiſſen / wordurch er alſobald verwelket / und da die aufgehende Sonn mit ſo groſſem Ernſt dem Jonas auf das Geſicht ſpielte / iſt er daruͤber erwacht / den haͤuffigen Schweiß von der Stirn abgeſtrichen / und als er wahrgenommen / daß ihm ein Wurm ſolches gethan / hat er ſich hoͤchſter maſ - ſen gegen GOtt beklagt / auch unwillig worden uͤber ſolchen Wurm / daß der Prophet ihme ſelbſt den Tod gewuͤnſchet. Jona 4. c. 5. 6. Holla! Die Ungedult iſt ſchier zu groß uͤber einen Wurm; Ein manche arme Troͤpffin haͤtte wol ſuͤglicher Urſach / die Gedult zu verlieren uͤber ihren Mann / der ein lauterer Wurm / ein biſſiger Wurm / ein ſtuͤrmi - ſcher Wurm / ein unruhiger Wurm / ein giffti - ger Wurm / in deſſen Garten nichts als ſaure Holz-Oepffel wachſen / in deſſen Calender faſt al - leweil Finſternus / in deſſen Himmel ſchier allezeit Wetter und Doner / deſſen Wald nichts als Pruͤ - gel traͤgt / deſſen Zinn-Geſchirr in nichts als in Flaſchen beſteht / deſſen ſtete Arbeit den Organiſten gleichet / ein ſolcher unmenſchlicher Wurm phan - taſiret / als ſeye das Weib deßhalben von der Sei - ten erſchaffen / daß ſie immerzu ſich ſoll auf die Seiten keyen / und ſeinem Thums-Hirn freyen PaßG 5geſtat -104Mercks Wienn.geſtatten / O bittere Myrrhen iſt wol ein ſolcher Ehe - ſtand! die arme Haut gleichet faſt in allem dem Strauß-Vogel / weil ſie ſo wol muß manchen Strauß ausſtehen / als viel harte Brocken verdaͤu - en / wann ſchon nicht von Eiſen.
Es iſt ein Kraut welches die Lateiner Eringion, die Teutſchen aber Manns-Treu nennen / Lieber rathe ein wenig / was Kraut dieſes ſey? und wie es aufwachſe? etwann bluͤhet es wie die purpurfarbe Roſen? Etwan riechet es wie der zarte Jeſumin? etwan gruͤnet es wie das angenehme Biſem-Kraut? Nichts weniger als diß / ſolches Kraut mit Namen Eringion oder Manns-Treu iſt ein Diſtel / ein Brach-Diſtel / voller Stachel / als waͤre er dem Jgel befreundt / uͤber und uͤber mit feindlichen Spitzen ge - waffnet / als wolle gleichſam die Natur an Tag ge - ben / daß in dem Eheſtand bey der Manns-Treu gar oft nichts als Weh und Ach / brich und krach / Zorn und Rach zu finden ſeye / O Bitterkeit!
Es ereignet ſich aber auch gar oft das Wider - ſpiel / und bekommt mancher ein ſo liebe Ehegenoſ - ſin / daß er ihm getraute ehender aus der Donau ei - nen truckenen Kieſelſtein zu heben / als aus ihr ein gutes Wort / und ob ſie ſchon der Aſtrologiæ nicht viel erfahren / weiß ſie doch anſehelich ihme die Pla - neten zu leſen / daß ihme zum oͤftern die Augen / wann auch die Kuchel nicht rauchet / voller Waſſer ſtehen.
Der anſeheliche Scribent Stengelius regiſtriret von zweyen Cheleuten / welche in dem Regieren und Herꝛſchen ordentlich umwechsleten / und ſo der Mañ vierzehen Tag die Oberhand fuͤhrte / muſte er auf die geſetzte Bedingnus auch ſo lang das Regiment der Frauen uͤberlaſſen / die mehreſte Zeit aber / in dero das Weib zu gebieten hatte / befande ſich dergute105Mercks Wienn.gute Mann auſſer deß Haus / und wolt ſich mit tru - ckenem Brod lieber befriedigen anderswo / als zu Haus das geſtoͤſſene verkoſten / auch ſo es geſchehen / daß er mit muͤglichſten Fleiß die ſtille Muſic zu Haus gehalten / hat er dannoch den ungeſtuͤmmen Tackt deß Weibs nicht moͤgen entgehen. Laß mir das ein Hoͤll-Riegel ſeyn! bey dem auch einem Socrates moͤcht die Gedult erwelken / dann ja wahr iſt das Sprichwort / ein Rauch / ein boͤs Weib / und ein Regen / ſeynd einem Haus uͤberlegen; Wie abge - ſchmack laut nun ein Lauten / wann die Seiden nicht zuſammen ſtimmen / alſo abgeſchmack laut es bey den Eheleuten / wann die Sitten nicht zuſammen ſtim - men / ein ſolcher Eheſtand was iſt er anderſt als ein Weheſtand / ein Fechtplatz / ein Creutz-Schul / ein Beſenmarkt / ein Riebeiſen / ein Hader-Suppen / ein Jgel-Balg / ein Pein-Folter / ein Diſtelkraut / ein Schlag-Uhr / ein Gemuͤts-Hechel / ein Pfeffer - muͤhl / ein Copey von allem Elend? Was iſt ent - gegen angenehmers in der Welt / als ein freundli - cher Eheſtand.
Die Catholiſche Kirch ſtaͤrkt ſich mit den Heil. Sacramenten / ſetzt aber in dero ordentlicher Zahl den Heiligen Eheſtand ganz zu letzt / und wiſſen die ſieben-jaͤhrige Knaben in der Kinder-Lehr / auf die Frag / wie viel ſeynd Sacramenta? ſchon zu antworten / ſieben / das ſechſte die Prieſterweih / das ſiebende die Ehe; nicht ohne erheblichen Urſa - chen wird ſolches an das ſiebende Ort geſetzt / dann je und allemal / man durchblaͤttere die ganze Heil. Bibel / die ſiebende Zahl ein Ruhe und Ruheſtand angedeut / ſo gar daß auch GOtt den ſiebenden Tag ruhen und raſten wolte / dardurch zu zeigen / daß auch das ſiebende Sacrament / die Ehe / nichts andersſeye /106Mercks Wienn.ſeye / als ein Ruhe zweyer Gemuͤter / und ein Ruhe - Stand zweyer Herzen.
Von dem praͤchtigen Tempel Salomonis iſt es weltkuͤndig / wie anſehelich derſelbe ſeye gebauet worden / erſtlich befanden ſich bey ſolchem Gebaͤu ſiebenzig tauſend Tagwerker / was die Maurer und Steinmetzen belanget / waren ſelbe an der Zahl achtzig tauſend / auch muſten dreytauſend Amtleut / neben dreyhundert Anſchaffer bey dieſem nie erhoͤr - ten Gebaͤu ſich einfinden / die Unkoſten dieſer anſe - helichen Structur erſtreckete ſich in etliche tauſend Centner Golds und Silbers / es ware ein ſolches Werk / daran man viel Jahr gearbeit / daß auch ei - nem kuͤnſtlichen Appellesſolches mit dem Pinſel zu entwerffen ſchwer fallte / die Laͤnge / die Breite / die Hoͤhe / die Tieffe / das Auswendige / das Jnwen - dige / das Obere / das Untere / das Holzwerk / das Steinwerk / ware alſo kuͤnſtlich und koͤſtlich inein - ander / aufeinander / uͤbereinander / daß es mancher wol auch fuͤr ein Meiſterſtuck der engliſchen Wiſſen - ſchafft moͤchte ausruffen; das allerwunderbarlichſte aber in ſolchem Gebau ware diß / daß man in waͤh - rendem Gebaͤu nicht einẽ einigen Streich oder Ham - mer oder Eiſen hoͤrete / nec ſerrum audiebatur, Reg. 3. das iſt ja ein Wunderwerk. Etliche Lehrer ſeynd der Meinung / als ſeye durch Goͤttliche Bey - huͤlff / und folgſam durch ein Wunderwerk geſche - hen / daß ſich die Stein und alles aufeinander ſo wol geſchickt / andere muthmaſſen / der allerweiſſeſte Salomon habe von einem gewiſſen Thier ein Blut beygeſchafft / durch welches die haͤrteſte Stein zer - ſpalten wurden / und alſo Hammer und Eiſen nicht vonnoͤthen: Seye deme wie ihm woͤll / wunderlich iſt gleichwol / daß bey einem ſolchen weltkuͤndigenGebaͤu /107Mercks Wienn.Gebaͤu / nicht ein Hammer / nicht ein Eiſen ge - hoͤrt worden.
Dieſem anſehelichen Haus GOttes gleichet ganz natuͤrlich das Haus zweyer lieben Eheleuten / ubi nec ferrum auditur, allwo man um einen Streich in viel Jahren nicht weiß / wo man nie kein Eiſen hoͤrt / nie kein Zank-Eiſen / ſondern ſchickt ſich alles auf das allerbeſte zuſammen / ihre zwey Herz ſeynd gleichſam in einen Model gegoſſen / ihre zwey Ge - muͤter uͤber ein Laiſt geſchlagen / ihre zwey Willen nach einer Regel gemeſſen / hab mich geirrt / in ihn iſt nichts zerzweyt / ſondern alles eins / dahero Tag und Nacht / fruͤhe und ſpat nichts Widerwaͤrtigs zu hoͤ - ren / und iſt ein ſolcher Eheſtand ein Uhr / die alle - zeit auf Eins ſtehet / und iſt ein ſolcher Eheſtand ein Garten / in deme nichts als Liebſtoͤckel wachſen / und iſt ein ſolcher Eheſtand ein Grammatic, in dero man nichts als Amo conjungirt, und Rixa declinirt, und iſt ein ſolcher Eheſtand ein guldener Ring / deſ - ſen edleſtes Edelgeſtein Unio die Einigkeit / und iſt ein ſolcher Ehſtand ein Calender / in deme die groͤſte Heiligen S. Pacificus, und S. Concordia.
Jn einem ſolchen Eheſtand iſt ja nichts als Sieg und Segen anzutreffen / und weil der Himmel-Thau nur pflegt zu fallen / wann es windſtill iſt / alſo ver - muthlich faͤllt uͤber ſolche zwey liebe Eheleut der haͤuffige Himmels-Segen / weil nichts als Ruhe und Stille darinnen.
Die H. Ehefrau Franciſca Romana ſchaͤtzte ſol - che Einigkeit uͤber alles / dahero / als ſie einſt ihren andaͤchtigen Gebrauch nach das officium oder Tagzeiten unſer lieben Frauen aus dem Buͤchel eiff - rigſt abgeleſen / und von ihrem Mann zu einer an - dern Hand-Arbeit beruffen worden / hat ſie denVerſi -108Mercks Wienn.Verſicul halb unterlaſſen / und deß Manns Befehl hurtigſt nachkommen / damit nur die geringſte Ur - ſach zur Uneinigkeit vermeidet werde; Als ſie nun nach vollbrachter Arbeit zu dem Gebett kehret / fan - de ſie / daß der aus Gehorſam unterlaſſene Verſi - cul mit guldenen Buchſtaben von ihren Schutz-En - gel ausgeſchrieben worden / wie ihr nachmals der H. Paulus offenbaret / Sales de amo lib. 12. Dieſe H. Franciſca hielte alſo die Regel deß H. Eheſtands / daß GOtt ein abſonderliches Wolgefallen daran ſchoͤpffte / und zum oͤftern es mit Wunderwerk be - gnadet; zwiſchen dem Booz und der Ruth / zwiſchen dem Asvero und der Eſther / zwiſchen dem Abraham und der Sara / zwiſchen dem Jſaac und der Rebec - ca / zwiſchen dem Jacob und der Rahel / zwiſchen dem Mauſolo und der Arthemiſia / zwiſchen dem Koͤnig Clodovaͤo und Clothildis / zwiſchen dem Sulpitio und Lentula / zwiſchen dem Moyſes und der Sepho - ra / zwiſchen tauſend andern mehr iſt ein ſolche Ei - nigkeit gefunden worden / daß dero Eheſtand ein Ehrenſtand haͤtte ſollen genennt werden.
Es iſt denkwuͤrdig / ja wol in das Protocol aller rechter Eheleut forderſt mit Gold aufzuzeichnen / was Fulgoſus lib. 4. bemerket. Jn dem Koͤnigreich Neapel ware ein ehrlicher Mann / der hatte ſeine Be - hauſung nahe bey dem Ufer deß Meers / als ſolcher auf ein Zeit gewiſſer Geſchaͤfften halber unweit von dannen ſich begeben / ſeynd unterdeſſen die hin und her ſtreiffende Corſaren an ſelben Ort angelend / und ihme ſeine allerliebſte Ehfrau ſamt andern in Eil zu - ſammen pauſchten Haabſchafften mit ſich genom - men / da nun gedachter Mann eilfertig nach Haus kehrte / und wehemuͤthig vernommen / daß ſein Liebſte von denen Meer-Raubern ſeye gewaltthaͤtigentfuͤh -109Mercks Wienn.entfuͤhret worden / auch ſeye das Raub-Schiff / in - dem ſie unlaͤngſt abgefahren / noch im Meer zu ſehen / hat er ſich alſobald ganz beherzt in das tieffe Meer geſtuͤrzt / moͤglichſter Maſſen nach dem Schiff ge - ſchwummen / immerzu ſchreyend: Voi conducete „ mia moglie, menate ancora me di gratia Inſieme „ con lei: Jhr entfuͤhrt mir mein allerliebſtes Weib / „ ſeyd mir doch ſamt euerer Tyranney ſo gnaͤdig / „ und nehmt mich auch mit ihr: uͤber welches ſie ſich hoͤchlich verwundert / auch ihn nach Begehren neben ſein Weib angebunden / nachmals den ganzen Ver - lauff dem Koͤnig zu Tunis eroͤfnet / welcher dann ſolche ehliche Treu nicht allein hoͤchſt geprieſen / ſon - dern neben ertheilter Freyheit / und anſehelicher Be - ſchenkung / ein ewige Unterhaltung angeſchafft.
Jetziger Zeit / muß bekennen / ſchwimt ſich nichts mehr dergleichen / und wann man auch das Waſſer mit dem H. Petro koͤnnte tretten / thaͤt man ſich im Nachlauffen nicht uͤbereilen / aber / daß nicht unzahl - bar viel vereinigte Eheleut gezehlt werden / iſt in kei - nen Zweiffel zu ſetzen / und finden ſich annoch viel tauſend / bey denen Herz-Treu die beſte Karten / dann ja der Handel verſpielt / wo ſolche nicht iſt.
Ein ſolcher lieber vereinigter Eheſtand / iſt mit keiner Feder ſattſam zu loben / und ſo man ihn ſchon preiſet / daß er ſey ein bluͤender May / ein Abriß vom Paradeis / ein Bolſter deß Friedens / ein Schul der Tugenden / ein Speis-Kammer der Lieb / ein Regiſter der Einigkeit / ein Contrafe deß Himmels / ſo iſt zwar alles diß gut geſagt; Wird alſo Zweiffels ohne der Tod dißfalls alles Frevels vergeſſen / und ſolchem Stand die gebuͤhrende Ehrerweiſung zu lei - ſten / allerſeits ſich befleiſſen?
O was grundloſe Gedanken / und Nebel-dickeFau -110Mercks Wienn.Fauſen nehret ihr meine Leut in eueren Herzen ſagt der Tod / ich fuͤhre / wie maͤnniglich bewuſt / ein wol - gewetzte Senſen / wormit ich alles Gras und alle Blumen abſchneide / folgends auch die Ringel-Blu - men / es mag euch der Prieſter zuſammen binden wie ſtark er will / ſo loͤſe ich doch ſolchen Knopff auf mit meiner Sichel / und weiß der verſchlayerte Cu - pido und uͤbermuͤthige Bub aus zwey eins machen / ſo weiß ich auch demſelben zu Trutz / das Eins in Zwey zertruͤmmern / und wo Mann und Weib gleichſam Sonn und Mond vorſtellen / wie es Jo - ſeph der Egyptiſche im Traum geſehen / ſo kan ich unverhofft ein Finſternus darein machen / daß man weder Placebo Domino noch Placebo Dominæ le - ſen kan / obſchon die Lieb dem Feuer gleichet / ſo kan man doch auch das Feuer mit Erd daͤmpffen / und nimm fein ſauber Lieb / Leib und Leben / als wie die zeitige Reben / und legs unter mein Todten-Preß / wer an dem einen Zweiffel hat / der kan Wienn in Oeſterreich darum befragen.
Der elende Zuſtand dieſer Zeit unter denen Ehe - leuten zu Wienn / ſoll mehr mit Thraͤnen beſchrie - ben werden / als mit Dinten / und iſt nicht muͤglich daß ihme es die menſchliche Vernunſt koͤnne vorbil - den / was Trangſalen / Kummer und Noth die Ver - heyrathe getroffen: Ein Felſen mitten im Meer / welchen unaufhoͤrlich die aufbamte Wellen mit grimmen Anſtoſſen / ein Weinbeer unter der Preß / welche allerſeits die Thraͤnen vergieſſen thut / ein Eiſen auf dem Ambos / ſo von den ſchweren Ham - merſtreichen immerzu geſchmiedt wird / kan nicht feyn ein ſattſames Sinnbild der Verheyrathen bey dieſer Zeit.
O wol blutige Zaͤher waren vonnoͤthen / manchebetruͤb -111Mercks Wienn.betruͤbte Begebenheit zu beweinen; Es iſt geſchehen / daß der todte Mann zum Haus hinaus iſt geſchleifft worden / das Weib auch bereits den letzten Athem ſchoͤpffte / und die verlaſſene Kinder um ein Brod geſchryen / denen aber nicht lang hernach der Tod - ten-Graber an Statt deß Beckens aus der Noth geholffen.
Es iſt geſchehen / daß man das kleine Kind hat an - getroffen an den Bruͤſten der todten Mutter han - gen / allwo das unſchuldige Engerl nicht gewuſt / daß es auf ſolche Weis durch ſolchen Trunk / dem Tod eins Beſcheid thue.
Es iſt geſchehen / wann man die todte Mutter auf den Wagen gelegt / daß das kleine Toͤchterl mit Ge - walt ſie wolte begleiten / deßhalben mit ungeloͤſter Zungen unaufhoͤrlich Mami / Mami geſchrien / wordurch auch den hartherzigen Siechknechten das Waſſer aus den Augen getrieben worden.
Es iſt geſchehen / daß auf der Straſſen naher dem Kaͤiſerl. Markt Himberg / daß man bey einer Geis hat angetroffen / ein verlaſſenes kleines Knaͤbl / wel - ches mit kindlichen Geberden gleichſam dieſe zottete Ammel um einen Trunk erſucht / auf ſolche Weis / wie Romulus und Remus in ihrer Kindheit bey ei - ner Woͤlffin in die Koſt gangen.
Es ſeynd die verlaſſene Waͤiſel in ſolcher Men - ge geweſt / daß mans Wagen-Weis zuſammen fuͤhrte / und in der Spitlaw gleichſam ein kleine Kinder-Armee aufrichtete / die aber meiſtens den Freydhof belaͤgert / und denſelben ohne vielen Streit erobert / ſeynd alſo ſolche / die unlaͤngſt von der Mutter kommen / bald wieder in die Schoß der allgemeinen Mutter der Erd gerathen.
HZu112Mercks Wienn.Zuweilen hat ein Mutter / die von dieſer Peſti - lenziſchen Seuch angegriffen worden / in ihrem Todt - bett unaufhoͤrlich geſeufzet / wann ſie bereits ihre erwachſne Kinder hat angeſchaut / die da theils ihre Naſen zuſtopffeten / theils von weiten ſtunden / und gedichte Thraͤnen vergoſſen; ich moͤcht aber wol die Urſach errathen / warum ſo haͤuffige Seuffzer aus dem muͤtterlichen Herzen aufgeſtoſſen? ich glaube wol / es ſeye die Reue / daß ſie ihre Kinder nicht beſſer gezogen / dann ihr liebe Eltern / ihr ſolt wiſſen / und muͤſſet wiſſen / daß ihr genaue Rechenſchafft dem Al - lerhoͤchſten ablegen muͤſt / wegen euerer Kinder / dann der Kinder Miſſethaten werden in das Proto - col der Eltern verzeichnet.
Wiſt ihr dann nicht / wie der Allmaͤchtige GOtt die vier Theil der Welt mit den vier Buchſtaben deß Woͤrtels Fiat erſchaffen / und in der Welt allerley Thier / unter andern hat er die Voͤgel aus dem Waſ - ſer erſchaffen / dann alſo redet die Goͤttliche Schrifft: producant aquæ reptile animæ viventis, & vola - tile ſuper terram ſub Firmamento Cœli. GOTT „ ſprach: Die Waſſer bringen kriechende Thier her - „ fuͤr / die ein lebendige Seel haben / und die Voͤgel „ auf Erden unter dem Firmament deß Himmels: Jſt alſo das Waſſer die erſte Mutter geweſt / von dero die Voͤgel ſeynd kommen; Auf den heutigen Tag wundere dich nicht / kommen die Voͤgel von dem Waſſer her / dann warum mancher Sohn ganz tu - gendlos und mit einem Wort ein lauterer Vogel und Galgen-Vogel wird? Jſt die Urſach / weil ſein Mutter ein Waſſer iſt geweſt / verſtehe / gar zu weich - herzig / und ihn nie recht geſtrafft; Die Brillenma - cher haben Urſach ſich zu beklagen / daß ſie ihre Wahr ſo gar nicht mehr koͤnnen verſilbern / und anwehren /weilen113Mercks Wienn.weilen die Obrigkeiten / abſonderlich die Eltern / gar offt durch die Finger ſchauen: Solang Aaron der Hohe-Prieſter bey dem Koͤnig Pharao die Ruthen in den Haͤnden gehalten / ſo iſt ſie ein Ruthen verblie - ben / ſobald er ſie aber auf die Erd geworffen / als - dann iſt ſie in ein Schlang verwandlet worden. Verſa eſt in Colubrum, Exod. 4. Hoͤrt ihrs meine Eltern; Wie lang ihr die Ruthen in den Haͤnden haltet / und genaue Obſicht uͤber die ſtraffmaͤſſige Kinder traget / ſo lang iſt es alles gut / ſobald ihr aber ſolche Ruthen hinweg werfft / und den Kindern alles uͤberſiehet / alsdann wird eine gifftige Schlang aus dieſer Ruthen / und kan kein ſchaͤdlichers Gifft ſeyn den Kindern / als das groſſe Uberſehen und Nachſehen der Eltern.
Liebe Eltern / es ſeynd euch nicht unbekant die H. Ceremonien / deren ſich die Catholiſche Kirch in der H. Charwochen gebrauchet / unter andern iſt auch die H. Metten / welche da wegen groſſen Getuͤmmel insgemein die Pumper-Metten genennt wird; ſagt mir aber / wann pflegt man in derſelben zu ſchlagen? Jhr antwort: damalen wann die Liechter ausge - loͤſcht ſeyn / dort geht das Schlagen an: Laſt euch diß ein Lehr ſeyn / wann die Tugenden in euren Kin - dern ausloͤſchen / und nicht mehr wollen in guten Sitten leuchten / da ſchlagt darein / und ſpart die Ruthen nicht / dann auf ſolche Weis rettet ihr dero Seelen von der Hoͤll / wie der weiſe Salomon bezeu - get / und ringert dardurch euer eigenes Gewiſſen / ſonſt wird GOtt den Verluſt der theuren Seel von euch erfordern.
Jene Mutter / von welcher der Evangeliſt Matth. 15. ſchreibet / iſt unſerm gebenedeyten HErꝛn ſtark nachgeloffen / und mit oft widerholter Stim̃ ganz fle - hentlich zugeſchrien / Miſerere mei Domine FiliH 2David,114Mercks Wienn.„ David, Filia mea malè à Dæmonio vexatur. O „ HErꝛ! ſagte ſie / du Sohn David erbarme dich „ meiner / dann meine Tochter wird uͤbel von dem „ boͤſen Geiſt geplagt; Es moͤcht jemand wol in den Sinn kommen / daß er dieſes Cananeiſche Weib fuͤr unbedachtſam halte / in Erwegung / daß ſie ſo ſtark Chriſtum erſucht um Barmherzigkeit / indeme doch nicht ſie / ſondern vielmehr ihre Tochter dieſelbe von - noͤthen? Ein ſolcher muß aber wiſſen / daß dieſe Mut - ter recht und wol zu JEſu um Barmherzigkeit ge - ruffen / dann ſie gedachte wol / daß der Tochter Suͤnd auf den Achſeln der Mutter ligen; Warhaf - tig die Suͤnden der Kinder werden in kein andere Schreib-Tafel aufgezeichnet / als in das Gewiſſen der Eltern / die Bosheit der Kinder ſtecken in dem Buſen der Eltern / die Suͤnden der Kinder kommen in die Rechnung der Eltern.
Daß manche Tochter Cecilia mehr nach dem Or - ganiſten trachtet / als nach der Orgel / wer iſt dar - an ſchuldig? Daß mancher Sohn Erneſt zu einem Schandneſt wird / wer iſt dran ſchuldig? Daß man - cher Sohn Damian zu einem Damiſchen wird / wer iſt dran ſchuldig / als die Eltern? Dahero gebt Re - chenſchafft / omnia quæ deliquerunt Filii, à Paren - tibus requiruntur: Vatter / Mutter / wird GOtt ſagen / gebt mir Rechenſchafft / ich habe euch ein Toch - ter Roſina geben / ihr durch eure Nachlaͤſſigkeit habt derſelben die Doͤrner der Suͤnden laſſen anwachſen; Jch habe euch eine unſchuldige Tochter Clara geben / die habt ihꝛ duꝛch eueꝛ uͤbels Nachſehen ſelbſt auf den Weg der Finſternus gebracht; ich hab euch einen un - ſchuldigen Sohn Peter geben / den habt ihr abeꝛ nicht wie der Gockelhan ermahnt / wie er geſuͤndiget; Jch hab euch einen Sohn Chriſtoph geben / dieſer iſt aberdurch115Mercks Wienn.durch euer boͤſe Weichherzigkeit in den Tugenden gar klein gewachſen; gebt Rechenſchafft: daß mir dieſes Edelgeſtein in den Koth gefallen / daß mir die - ſes Laͤmmel unter die Woͤlff gerathen / daß mir dieſe Frucht wurmſtichig worden / daß mir dieſe Tauben entflogen / daß mir dieſes Kind / dieſe Seel / die ich ſo theuer mit meinem Tod erkaufft / iſt entgangen / biſt du Vatter / du Mutter daran ſchuldig / gebt Re - chenſchafft.
Dergleichen Gedanken beſchweren manches Mutter-Herz / daß es auch in dem Tod-Bettel wuͤn - ſchet / es haͤtte nie geboren / zumalen der Mutter - Titel ihr Elend nur veꝛgroͤſſert / bild mir alſo wol ein / daß in dieſer Peſt gleichfoͤrmige Trangſal manche Eltern auch in dem Tod habe gequaͤlt; O was Elend muß dann diß ſeyn! allwo nicht allein der arme Leib durch die brennende Gifft-Geſchwer geplagt wird / ſondern auch manches Gemuͤt und verletztes Gewiſ - ſen ſein Marter ausſtehet / darum liebſte Eltern zie - het euere von GOtt ertheilte Kinder recht / damit ſie auch zu euerem Troſt Kinder der Seeligkeit werden.
Vor dem Ubel fliehen / iſt nicht uͤbel / zumalen be - kant iſt / daß der Patriarch Abraham ſein Ungluͤck zu vermeiden in das Land gegen Mittag gezogen / Gen. 2. Jacob / weil ſein Bruder Eſau / der ſaubere Geſell / den Tod geſchworen / iſt auch geflohen zu ſei - nem Anverwandten dem Laban / Gen. 27. Deßglei - chen David / als ihm der undankbare Saul nach dem Leben getracht / hat ſich mit der Flucht ſalvirt: Nicht weniger hat die Flucht genommen der Eiffer - volle Prophet Elias / wie er benachrichtiget worden / daß ihme die Koͤnigin Jezabel den Tod antrohe: So iſt auch nicht unbekannt / wie der Tarſenſiſche Prediger Paulus naͤchtlicher Weil in einem KorbH 3durch116Mercks Wienn.durch ein Fenſter ſich hat hinunter gelaſſen / und alſo die Zuflucht zu der Flucht genommen; auch von Chriſto dem Heyland ſelbſten regiſtriren die Evan - geliſten / daß er / der Hebreer feindliches Nachſtellen zu meiden / ſich etlich mal habe in die Flucht bege - ben; Jſt demnach keines Wegs zu widerſprechen / daß nicht heilſam ſeye in der Peſt-Zeit zu fliehen / ja abſonderlich fuͤr rathſam von den bewehrteſten Me - dicis gehalten wird / dieſem Rath iſt man zu Wienn emſig nachkommen / und iſt der Zeit nichts anders zu ſehen geweſt / als daß viel tauſend dieſer Reſidenz - Stadt den Rucken gewieſen / ja wol etliche ſeynd alſo forchtſam anzutreffen geweſt / daß ſie ſich in der Flucht viel maͤſiger gehalten / als deß Loths ſein Weib / wie ſie die Stadt Sodoma verlaſſen / und vermeinten viel / daß auch das Zuruckſchauen nacher Wienn nicht Gifft-frey werde ablauffen.
O Wienn! du biſt kurz vorhero ein ſchoͤne Rahel geweſt / ſiehe / wie dich GOtt kan ſo geſchwind in ein ſchaͤndliche Lia verungeſtalten / du biſt ſeithero im - merzu gleichſam ein gelobtes Land geweſt / ſiehe / wie dich der Allerhoͤchſte ſo bald kan in ein beſtuͤrztes Egypten verwandlen / du biſt ſchon ſo lange Zeit he - ro ein Brunn alles Troſts und Freuden geweſt / ſiehe / wie ſo unverhofft dich der Allmaͤchtige hat in ein ausgetruckne Ciſtern verkehrt / hab mich geirꝛt / Waſſer gnug / aber lauter trangſelige Thraͤnen; Doch aber ſeye getroͤſt / der jenige / der verwundet hat / kan dich heilen auch / laß es allein dir ein Warnung ſeyn / daß nicht ein Quintel Beſtaͤn - digkeit auch in einem Centner ſchwehren Wolſtand ſeye.
Damit ich aber meine obberuͤhrte Erzaͤhlung zu End bringe / iſt zu wiſſen / daß viel und aber viel ſichvon117Mercks Wienn.von der Wiennſtatt haben abgeſondert / und neben denen / welche auſſer der Stadt auf freyen Feldern von Holz zuſammen geſchlagene Huͤtten bewohnten / deren ſo viel waren / daß der hunderte fuͤr ein feind - liches Lager thaͤte anſehen / neben dieſen ſeynd viel geweſt / die ſich in wilde und finſtere Waͤlder bege - ben / und haͤtten ihnen wol nie eingebildet / daß ſie einmal ſolten das Eremitten-Leben koſten.
Andere retirirten ſich in weit entlegene baufaͤllige Geſchloͤſſer / allwo ſonſten die Nacht-Eulen und wil - de Raub-Voͤgel ihre gewoͤhnliche Loſamenter hat - ten; Viel ſuchten zu Waſſer ein anders Land! aber leider! brachten ſie den Tod mit ihnen / oder fanden denſelben ſchon allda; Hat alſo mancher ſein Grab gefunden hinder dem Zaun eines Ruben-Ackers / ei - nem manchen iſt noch die Gnad begegnet / daß er bey einer einſchichtigen Marter-Saͤulen iſt eingeſcharrt worden / znweilen fande einer ſeine Krufften in ei - nem Holweg / daß alſo viel und aber viel die Wienn - ſtatt verlaſſen / und von derſelben verlaſſen worden / weil ihnen das Gifft / die Peſt / oder ſoll ich ſagen / die Straff / die Hand GOttes eilfertig iſt nach - gefolget.
Jn dem Fall aber ſeynd mehreſten Theil allhier verharrt die Eheleut / welche die treue Lieb und liebe Treu alſo gebunden / daß eins das ander keines Wegs wolte verlaſſen / beforderiſt / weiln die Dienſt - botten anfaͤnglich mehreſten Theil von dem Tod ſeynd hingeriſſen worden / dahero waͤre mancher Mann ganz Huͤlfflos verſchmacht / ſo ihme nicht ſeine getreue Gemahlin waͤre beygeſtanden; Und iſt nicht nur einmal geſchen / daß das kranke Weib auf allen Vieren hinzu gekrochen / und etwan ihrem Mann in hoͤchſtem Durſt ein WaſſerH 4darge -118Merks Wienn.dargereicht; Bilde dir ein / was Elend es ſeyn muß wann der Mann im Bett ſchon todter liget / in dem andern ein Kind todt / in dem dritten die kranke Mutter / unterdeſſen aber iſt kein Dienſtbott bey - handen / ſondern derſelbe hat kurz vorher die Kaſten geraumt / und in die Flucht gangen.
Gedenke was Truͤbſal dieſes ſeyn muß / wann das Weib ſchon in dem Lazareth die waͤhrende Cur aus - ſtehet / und als ſie um Nachricht ihres Manns fra - get / fuͤhrte man gleich denſelben todter auf dem Wa - gen daher; Erwege was Noth es ſeyn muß / wann der Vatter mit Tod abgehet / und zu deſſen Begraͤb - nuß nicht ein einiger Menſch ſich will auch um das Geld gebrauchen laſſen / daß alſo die einige Tochter ſelbſt / muß das Grab machen / und den Vatter ein - ſcharren / welches zweyen / wie bekannt / auf der Reis begegnet / als ſie von dannen die Flucht ge - nommen.
Franciſcus Lucas ſchreibet / wie der gebenedeyte HErꝛ und Heyland triumphirend nacher Jeruſa - lem eingeritten / und ihn das Hebreiſche Volk mit muͤglichem Pomp eingeholt / haben ſich vor den Haͤu - ſern die ſteinerne Bilder der heidniſchen Kaͤiſer ge - neigt / mit hoͤchſter Verwunderung: die Goͤttliche Schrifft bezeuget / was Geſtalten der Felſen / auf den die Ruthen Moyſes getroffen / habe Waſſer von ſich geben: Jch muß bekennen / dazumalen ſtunde allhie zu Wienn maͤnniglich ein ſo groſſes Elend vor Augen / daß ſich auch ein Stein und ein Felſen haͤtte moͤgen erweichen / und erbarmen / und hat man au - genſcheinlich wahrgenommen / daß der Himmel ſelbſt ein lange Zeit getrauret / und mit vielfaͤltigen kleinen melancholiſchen Woͤlkel das Sonnen-Liecht ver - huͤllt. Jn den Haͤuſern hat man nichts andersgehoͤrt /119Mercks Wienn.gehoͤrt / als Weinen und Beten / abſonderlich die liebe Eltern haben ihre Kinder in einen Heil. Krais zuſammen geſtellt / welche ſammentlich mit aufge - hebten Haͤnden GOtt um Huͤlff und Barmherzig - keit anrufften / es hat aber das unerforſchliche Ur - theil GOttes gleichwol zum oͤftern geſchehen laſſen / daß dieſe auch von dem gifftigen Peſt-Pfeil ge - troffen worden / und alſo zu ihren Leibs Heil das innbruͤnſtige Gebet nichts ge - wuͤrket
DEr gnaͤdigſte GOtt / vermoͤg ſeiner Allmacht / hat mit dem kleinen Werkzeug Fiat, die groſſe Welt erſchaffen / und in der Welt un - terſchiedliche Geſchoͤpff / und unter den Geſchoͤpffen unterſchiedliche Thier / und unter den Thieren un - terſchiedliche Naturen; Ein andere Natur und Ei - genſchaft hat der Luchs / als der Fuchs / ein anders Thier iſt der Pfab / als der Rab / ein anders Ge - ſchoͤpff iſt der Schwan / als der Hahn; kein anſehe - lichers Thier aber iſt / als der Loͤw / dahero das Woͤrtel Leo, anderthalb hundert mal in der Heil. Schrift zu leſen / deß Haſen aber nur zweymal Mel - dung geſchicht / und wird ſo gar dieſer unter die un - reine Partheyen gezaͤhlt; Ein Has auf ſolche Weiß iſt wol in geringen Anſehen; Das Laͤmmel hat den Namen eines Einfalts / der Eſel hat den Namen eines Faullenzers / der Wolff hat den Namen eines Schlemmers / der Fuchs hat den Namen eines Arg - liſtigen / der Beer hat den Namen eines Murrers / der Rab hat den Namen eines Diebs / der Pfau hat den Namen eines Furchtſamen / der Loͤw hat den Namen eines Herzhafften und Starken / von welchem Plinius ſchreibet / daß er ſeine mehriſte Kraͤfften in dem Herzen habe / vis ſumma in pe - ctore l. 8. c. 16. Weil nun ſo vielfaͤltige Erinnerung deß Loͤwens die H. Bibel beyfuͤget / wenig und ſchier gar nichts deß Haſens gedenket / iſt merklich zu ſchlieſſen / daß die tapffere beherzhaffte / ſtreitbareund122Mercks Wienn.und kuͤhne Soldaten / denen der Loͤw ihr eigenthum - liches Sinnbild / forderiſt groſſen Ruhm und Glori verdienen.
Zu erinnern ſeynd aber alle rechtſchaffene Kriegs - Maͤnner / daß ſie ihnen den Namen Soldat wol vor Augen ſtellen / und denſelben nicht fuͤr ſich / ſondern zu ruck leſen / woraus ihr ganze Regel mit einem Wort geſchrieben abzunehmen iſt; Dann das Wort Sol - dat heiſt zuruck Tadlos: als ein ſteiffer und tapfferer Soldat ohne Tadel und Mangel leben / eigenthum - lich aber wird zu einem lobwuͤrdigen Kriegsmann erfordert / daß er drey Stuck an ſich habe / etwas von dem Garten / etwas von der Karten / etwas von der Schwarten; von der Schwarten diß / daß er bey einfallender Noth koͤnne Hunger ausſtehen / daß ihm die Schwarten krachen; von der Karten muß er haben Herzbue / von dem Garten muß er haben das Bluͤmel Ritterſporen / wo dieſe drey Ding ſeynd beyſammen / verdient man erſt eines Soldaten Namen.
Nachdeme Joannes der Taͤuffer ſieben Jahr alt in die Wuͤſten getretten / und allda viel Jahr in der Wuͤſten ſauber gelebt an der Seel / in der Wildnus zahm gelebt an den Sitten / in der Einoͤde nicht oͤd gelebt an den Tugenden / hat er durch Goͤttlichen Beruff in der Gegend deß Fluß Jordans mit groſ - ſem Eiffer anfangen zu predigen von der Buß / und bußfertigem Wandel / parate Viam Domini, und hat dieſes alſobald ſolche Wuͤrkung gethan / daß al - lerſeits haͤuffig die Leut aus ganz Juden-Land zu dieſem neuen Propheten in die Wuͤſten geeilt / und ihn um ergeblichen und heilſamen Rath erſucht / was ihnen doch obliege / damit ſie das ewige Lebenmoͤch -123Mercks Wienn.moͤchten erwerben / quid faciemus? Und zwar erſt - lich ſeynd die Mautner und Zoͤllner kommen / mit unterthaͤnigſter Bitt / er wolle ihnen doch ein Regel vorſchreiben / nach der ſie ihren Wandel moͤchten richten und ſchlichten / gar gern ſagt der H. Mann / und wuſt ſchon was fuͤr ein Pflaſter auf ihre Wun - den taugte: Nehmt nicht mehr als daß euch verord - net iſt: Welche kurze Predig in acht Woͤrtel und ein und dreiſſig Buchſtaben nur beſteht / aber gleichwol ſolchen guten Leuten ein lange Lehr war: nachdem ſo haben ſich auch die Soldaten eingefunden / und bitt - lich einkommen bey dem H. Mann / wie daß ſie eine ganze Zeit muͤſten auf der Schildwacht ſtehen / und von einer Paſtey zu der andern wandern / ein ganzes Jahr oͤfter im Zeughaus als im Gotteshaus / und wiſſen ſie um kein Capitel aus der Bibel / wol aber um Capitel / die ſie taͤglich von ihren Officiren ein - nehmen / bitten derohalben / er wolle ihnen die Weis an die Hand geben / wie ſie auch moͤchten den Him - mel erwerben / ihnen antwort der Heilige Joannes: thut niemand Uberlaſt an / noch Gewalt / und ſeyd fein mit eurer Sold zu frieden: Mit dem ware die ganze Predig beſchloſſen; Da haͤtt ich mir ohnfehl - bar eingebild / der erieuchte Mann GOttes haͤtte ih - nen mit groſſem Eiffer vortragen / wie daß ſie den Soldaten-Stand ſollen beyſeits legen / den Har - niſch hurtig ausziehen / und darfuͤr in einen rauhen Eremiten Rock ſchlieffen / die Lenden mit harten Ci - licien umguͤrten / und alſo die uͤbrige Zeit ihres Le - bens der Buß abwarten / dann ein Krieg auf La - teiniſch heiſſet Bellum, und meinen viel / es ruͤhre her von dem Wort Bellua, ſo auf Teutſch ein wil - des Thier heiſt / als ſeyen die Kriegsleut ihres ſtraͤff -lichen124Mercks Wienn.lichen und Gewiſſen-loſen Wandels halber den Thieren nicht ungleich.
Nichts dergleichen hoͤꝛte man aus dem Mund deß Heil. Joannis / ſondern mit ganzer Hoͤfligkeit lieſſe er ſie abweichen / als thaͤt er gleichſam ſagen / meine wackere Soldaten / thut niemand keinen Gewalt an / und ſeyd mit euerem Sold befriediget / im uͤbrigen bleibts Soldaten / dann Soldaten haben auch ei - nen Platz im Himmel / und auf dieſer ſtrittigen Welt ſeynd die Soldaten notwendig / der Solda - ten kaͤhne Thaten / und heroiſche Tapfferkeit iſt dem Himmel nicht zuwider / ſondern ihr ſtarke Fauſt un - uͤberwindliche Curachi mus auch die ſichtbare Kir - chen Chriſti auf Erden von den Feinden ſchuͤtzen / Soldaten ſeynd wackere Leut.
Ein anſehelicher Soldat ware Judas Macha - baͤus bey den Hebreern / ein tapfferer Soldat ware Pauſanias bey den Lacedemoniern / ein unuͤberwind - licheꝛ Soldat ware Cyrus bey den Peꝛſiern / ein ſtꝛeit - barer Soldat ware Hannibal bey den Cartagine - ſern / ein kuͤhner Soldat ware Cornelius Scipio bey den Roͤmern / ein heroiſcher Soldat ware Se - baſtianus Zianus bey den Venetianern / ein Mar - tialiſcher Soldat ware Fridericus Aenobarbus bey den Schwaben / ein Lob-wuͤrdigſter Soldat ware Franciſcus Sforzia bey den Jtaliaͤnern / ein treff - licher Soldat ware Rolandus bey den Franzoſen / ein beherzhaffteſter Soldat ware Antonius Leva bey den Spaniern / ein beruͤhmteſter Soldat ware Jo - annes Giſera bey den Boͤhmen / ein trefflichſter Soldat ware Jratho bey den Daͤnnemarkern / ein bekanteſter Soldat ware Guſtavus bey den Schwe - den / ein unerſchrockner Soldat ware Joannes Hun - niades bey den Ungern / ein ſiegreicher Soldat wareAmura -125Mercks Wienn.Amurathes bey den Tuͤrken: was iſt Caroͤlus Quin - tus geweſt? ein ſolcher Soldat / deſſen unſterblicher Nam in Gold und Ceder einzuhauen wuͤrdig.
Man kan es zwar nicht laugnen / daß bey den Soldaten die Heiligkeit ziemlich ſchitter wachſe / und finde man mehrer Federbuͤſch als Schein auf den Chaßkett und Peckelhauben: die groſſe Kriegsſtuck pflegt man der Zeit insgemein die Canonen zu nen - nen / dahero ein Spitzfindiger die Gelegenheit ge - nommen zu ſagen / deꝛ Soldaten ihr Geiſtliches Recht oder Jus Canonicum ſeyen die Canonen oder Kriegsſtuck! nun waͤr es wol zu leiden / wann nur metallene Stuck unter den Soldaten qnzutreffen waͤren / man find aber auch zuweilen andere Stuck / Schel-Stuck / Die-Stuck / ꝛc. Dann alſo ſingt der Poet / nulla Fides pietasq́ue viris, qui Caſtra ſequuntur, das iſt auf Teutſch / die Pickenierer ſeynd Panketierer / die Musquetirer ſeynd Leut - Verfuͤhrer / die Reiter ſeynd Ausbeuter / die Trago - ner ſeynd Tragdonner / ꝛc. Die Soldaten ſeynd Leut voller Unthaten; Den Poeten aber muß ich entſchul - digen / daß er dieſen Spruch nicht allen Soldaten und tapffern Kriegs-Leuten zum Schimpff geſetzt / ſondern nur auf etliche gezielet / dann ja nicht in Ab - red zu ſtellen / daß nicht auch fromme / redliche / treue und Gottſelige Leut in dieſem Stand anzu - treffen ſeyn.
Jn Beſchreibung deß oberen Glor-reichen Jeru - ſalem regiſtriret der Apocalyptiſche Engel Joannes / was Geſtalten er in ſeiner Verzuckung habe wahr - genommen / daß obberuͤhrte Reſidenz-Stadt Got - tes vierecket gebaut ſeye / und ein jede Seitẽ mit drey Porten verſehen / drey von Aufgang / drey von Unter -gang /126Mercks Wienn.gang / drey von Mittag / drey von Mitternacht? welches dem H. Dionyſio fuͤglichen Anlaß gegeben hat zu ſchreiben / daß deßwegen diß himmliſche Je - ruſalem durch drey Porten allerſeits offen ſtehe / da - mit man ſicher koͤnne abnehmen / daß von allen Sei - ten und Theil der Welt einige in den Himmel kom - men und ſelig werden.
Demnach ſpricht der H. Johannes / hab ich viel tauſend und tauſend Auserwaͤhlte GOttes in dem Himmel geſehen aus dem Jſraelitiſchen Volk; Uber das / Poſt hæc vidi turbam magnam, quam dinu - „ merare nemo poterat, ex omnibus Gentibus & „ tribubus & populis: So hab ich auch ein ſolche „ Schaar Volk in der Glori wahrgenommen / daß „ ſelbige keinem muͤglich zu zaͤhlen / aus allen Ge - „ ſchlechtern / Voͤlkern / Zunfften und allerley „ Staͤnden: ohne allen Zweiffel hat dieſer himmli - ſche Chroniſt auch geſehen / in der Glori viel Solda - ten / und nicht allein lauter ſolche / die von der Car - tauſen / ſondern auch viel / die von der Carthaunen kommen / nicht lauter ſolche in den Zellen / ſondern auch viel / die unter den Zelten gewohnt / nicht al - lein lauter ſolche / die ſich auf den Chorall / ſondern auch viel / die ſich auf das Arſenal verſtanden.
Der Heil. Athanaſius beobachtet gar weislich von dem Jſraelitiſchen Volk / wann ſelbes ein Feld - Zug gethan / und mit voͤlligem Marſch wohin ge - ruckt / ſo muſte allezeit die Archen deß Bunds / in dero die Tafeln Moyſis mit den zehen Geboten la - gen / zu forderſt an dem Spitz deß ganzẽ Kriegsheers getragen werden / damit ſie moͤchten der Goͤttlichen Gebot ingedenk ſeyn / und dieſelbe jederzeit vor Au - gen haben; Atha: de Interpr. Pſ. Hoͤrt ihrs edle Chriſtliche Soldaten / die zehen Gebot muſten vor Zeiten den Jſraelitiſchen Kriegs-Knechten /die127Mercks Wienn.die Avanquarde ſeyn / daß GOtt erbarm! bey euch muͤſſen ſie gar oft die Retroquard. halten; Nichts deſtoweniger ſeynd gleichwol noch fromme und viel gewiſſenhaffte Soldaten zu finden / welche ſich nicht allein auf den Schuß / ſondern auch auf die Schuß - Gebettl befleiſſen / es ſeynd dergleichen noch wol an - zutreffen / die nicht allein an das gewoͤhnliche Pro - viant-Brod gedenken / ſondern auch den jenigen / unter der Geſtalt deß Brods verhielten GOtt eiff - rigſt anbetten und verehren / es ſeynd noch viel / die nicht allein auf die Kriegs-Parola emſig acht ha - ben / ſondern auch das Wort GOttes muͤglichſt an - hoͤren / auch ſeynd nicht wenig / die in Anhoͤrung der Trummel / ihnen auch wol die letzte Poſaunen vor - bilden / welche anmuthige Gedanken manchem das Herz alſo ſaͤubern / daß er unter dem eiſernen Har - niſch ein guldenes Gewiſſen traͤgt; Dergleichen tapf - fere Soldaten / ſeynd bey maͤnniglich ewigen Lobes werth / und werden dieſe ſo gluͤcklich Himmels-Burg erobern / als ſie Philippsburg eingenommen / auch gebuͤhret ſolchen aller muͤglichſter Reſpect auf die - ſer Welt.
Uber das hat man zu allen Zeiten der Soldaten ihre kuͤhne Thaten wol in Obacht zogen / und ſolche fein auf alle Weis mit ſchuldigſter Dankbarkeit ver - golten / dann die Vergeltung und verpflichte Er - kantnus iſt der beſte Trompeten-Schall / welcher dem Kriegsmann die Curachi vermehrt / und zu dem tapffern Wehr dich anfriſchet.
Es iſt ein gewiſſes Spiel / insgemein genannt das Schack-Spiel / allwo mit Luſt zu ſehen iſt / wie ein Stein dem andern ſo ernſtlich nachſetzet / und weil ſie mit gewiſſen Namen und Titel gezeichnet ſeyn / dar - unter der Koͤnig und die Koͤnigin die Vornehmſte /Jalſo128Mercks Wienn.alſo iſt mit Verwunderung zu ſehen / wie der Lauffer den Springer aus dem Sattel hebt / wie der Sprin - ger den Bauren zwiefflet / wie ſich der Springer an der Paſtey verſteiget / wie dem Bauren der Lauffer ſeinen Reſt gibt / vor allem aber iſt in beſagtem Spiel diß zu lachen / daß manches mal ein Bauer / der ſich wol haltet / und tapffer um ſich ſchlaget / kan zu Koͤniglicher Hochzeit gelangen / iſt ja viel; Seye diß ein Spiel / und bleibs ein Spiel / ſo iſt doch wahr bey - nebenſt / daß die Soldaten ihnen wuͤnſchten / es moͤgte jetzige Welt aus dieſem Spiel ein Spiegel machen / und ſich darinn fein wol erſehen / wie man der Soldaten nicht ihr nidertraͤchtiges Herkommen / und mit Stroh bedecktes Stammen-Haus ſolle anſchauen / ſondern vielmehr dero Martialiſche Thaten und ritterliche Fauſt hoch achten / dann es iſt gar nichts neues / daß aus Ackerleut wackere Leut worden.
Iphicrates Athenienſis, deſſen Vatter die Schuh geflicket / Plut. Tullius Hoſtilius, deſſen Vatter die Schaaf gehuͤtet / Liv. lib. 1. Servius Tullius, deſſen Mutter ein Dienſt-Magd / Tarquinius Priſcus, deſſen Vatter ein Kauffmann; Æmilianus Scau - rus, deſſen Vatter ein Kohlbrenner / Opimius Ma - crinus, deſſen Vatter ein Hausknecht; Maxim. Pupienus, deſſen Vatter ein Schmied / Diocletia - nus, deſſen Vatter ein Schreiner / Valerius Maxi - mianus, deſſen Vatter ein Bauer / Juſtinus Thrax, deſſen Vatter ein Bettler / alle dieſe und noch viel andere mehr / ſeynd allein wegen ihrer heroiſchen Tapfferkeit und beherzhafteſten Gemuͤt zu hohen Ehren geſtiegen / ja ſo gar zu Scepter und Cron ge - langet / und alſo bey der Welt und vor der Welt ſattſam gezeugt / wie ſehr man die wackere Solda - ten ſoll reſpectiren.
Wer129Mercks Wienn.Wer da? Nicht guter Freund / wer iſt nicht guter Freund? ich / ſagt der Tod / allo! Purſch ins Gewehr / meine liebe Soldaten / antwort der Tod / ich lache mir die Haut nicht voll an / dann ich hab keine / aber das Schmutzen kan ich gleichwol nicht laſſen / daß ihr vermeint / meine Senſen ſoll ſich vor euren Piquen und Hellebarten entſetzen / das gereichet mir zu einem ewigen Spott / wie vielen Hebreern allein hab ich ge - waltig das Leben genommen!
Exod. c. 32. Drey tauſend. Numer. 14. Sechs - mal hundert: drey tauſend / fuͤnff hundert und fuͤnf - zig. Jbi. Zwey und zwanzig tauſend / drey hundert / Num. 16. Zwey hundert und funfzig. Num. 14. Vier tauſend ſieben hundert. Num. 25. Vier und zwanzig tauſend. Num. 7. Sechs und dreiſſig. Jud. 9. Sibenzig. Jud. 12. Zwey und vierzig tauſend. Jud. 20. Fuͤnf und zwanzig tauſend. Jud. 20. Vier - zig tauſend und dreiſſig. Jud. 9. Ein tauſend. 1. Reg. 3. Vier und dreiſſig tauſend. 1. Reg. 4. Funfzig tauſend und ſibenzig. 1. Reg. 22. Fuͤnf und achtzig. 2. Reg. 2. Drey hundert und achtzig. 1. Reg. 19. Zwan - zig tauſend. 2. Reg. 23. Drey tauſend. 2. Reg. 24. Sibenzig tauſend. 3. Reg. 18. Vier hundert und funfzig. 3. Reg. 18. Vier hundert. 4. Reg. 1. Ein hundert und zwey. 4. Reg. 10. Sibenzig. 2. Reg. 23. Acht hundert. 2. Par. 25. Drey tauſend. 2. Par. 13. Fuͤnf hundert tauſend. 2. Par. 28. Ein hundert und zwanzig tauſend. Joſeph. in antiq. Zehen tauſend acht hundert und zwey und dreiſſig. 1. Mach. 2. Ein tauſend. 1. Mach. 5. Zwey tauſend. 1. Mach. 14. Ein tauſend. 2. Mach. 5. Achtzig tauſend. Jbid. Vierzig tauſend. Naucl. in gener. 60. Ze - hen tauſend. 2. Mach. 12. Zwey hundert. Naucl. in gener. 61. Dreiſſig tauſend. In gener. 68. J 2Sechs130Mercks Wienn.Sechs tauſend. Jbid. Fuͤnfzig tauſend. Jbid. Acht hundert. In generat. 62. Vierzehen tauſend. Hiſt. Eccleſ. Ann. 3. Drey tauſend. Jbid. Drey tauſend. Ann. Chr. 64. Funfzig tauſend. An. Chr. 46. Hiſt. Dreiſſig tauſend. Jbid. Ein hundert und zwanzig tauſend. Jbid. Zwey tauſend. Jbid. Funfzig tau - ſend. 16. Hiſt. Eccl. Acht tauſend vier hundert. Hiſt. An. Chr. 67. Zwanzig tauſend. Jbid. Zehen tauſend. Jbid. Zehen tauſend. Jbid. Acht tauſend. Jbid. Zwoͤlff tauſend. Jbid. Drey tauſend. Jbid. Eilff tauſend ſechs hundert. Jbid. Vierzig tauſend. Sub Veſp. Neun tauſend. Jtem Zwey tauſend. Jtem Zwoͤlff tauſend. Jtem Dreyzehen tauſend. Jtem Ze - hen tauſend. Sub Tit. Veſp. Eilff hundert tauſend. Jtem Drey tauſend. Jtem Drey tauſend. Sub Julio Sever. An. Chriſt. 134. Vier tauſend mal tauſend. Sub Mart. Turbo. Zwoͤlff hundert tauſend. Summa aller deren Juden / denen ich gewaltthaͤtig habe das Leben genommen / ſagt der Tod / und ſie ritterlich ob - geſieget / ſteigt nach klarer Zeugnus der Goͤttlichen Schrifft auf die achtmal hundert vier und fuͤnfzig tauſendmal tauſend / zwey tauſend / ſieben und ſech - zig. Und ich ſoll euch Soldaten foͤrchten? Nein / nein / nein / nein / das Gwehr ab! ob zwar euer Kriegs - Haupt Mars / und ich Mors Namens halber etwas verwandt / ſo mag ich doch dißfalls die Neutralitaͤt nicht laſſen einſchleichen / ſondern erklaͤr mich euch zu einem ewigen Feind / und iſt keiner befreyt von meiner Bottmaͤſſigkeit / wer daran einen Zweiffel faſſet / der frag zu Wienn die erſte Schildwacht.
Weilen Wienn ein Vormaur deß Loͤblichen Teutſchlands fuͤr den Ottomanniſchen Erbfeind / deßwegen iſt ſolche Stadt auf das anſehnlichſt beve - ſtiget / und mit ſtarken Paſteyen und Schanzenwider131Mercks Wienn.wider allen feindlichen Gewalt auf das ſicherſt um - geben / da nun die obere Stadt Jeruſalem von dem Apocalyptiſchen Chroniſten beſchrieben wird / als habe ſie zwoͤlff ſtarke Thor / Apocal. 21. Und die Wiennſtadt aber ſechs Thor / als konnt mans fuͤr ein halbes Himmelreich benamſen / wann man doch will dieſen Namen auf Erden misbrauchen; vernuͤnfftig aber iſt es / daß ein Veſtung nicht allein beſtehet in hocherbauten Ringmauren / und ſtarken Paſteyen / ſondern auch / ja forderſt in gewehrhaffter Mann - ſchafft / dahero iſt auch die Wiennſtadt jederzeit auf das vorſichtigſt mit einer auserleſenen Guarniſon verſehen geweſt / welche aber auch Anno 1679. der allgemeine Tod ziemlich gemuſtert / und hat zwar von uhralten Zeiten hero die Wienneriſche Solda - teſca ihr groſſe Wacht gehabt mitten in der Stadt / und iſt Schildwacht geſtanden auf dem Ort Peters - Freythof genannt / heuer hat der Tod die Ordnung umgekehrt / auch wider den Willen der hohen Offi - cieren / und haben der mehriſte Theil muͤſſen Schild - wacht liegen auf dem Freythof / wie dann anfaͤnglich dieſer graſſirenden Peſt der Tod zum allererſten in die Wachtſtuben geſchlichen / auf den Paſteyen / all - wo der Soldaten ihre bequemliche Wohnungen ſeyn / unaufhoͤrlich Rund gegangen / und auf ein unbeſchreibliche Weis unter ihnen gewuͤtet.
Man wird es mir dißfalls nicht fuͤr ungut aus - meſſen / wann ich etwas von Taback / als der Sol - daten gewoͤhnliches Confect beyfuͤge; Dieſes Kraut wird von Joanne Nicotio Franciſci II. Koͤnigs in Frankreich Rath und Legaten in Portugall Nico - tiana, von den Jnwohnern der Jnſul Virginæ, Uppotvvoc, von dem groß Prior in Frankreich / der ſolches Kraut von Nicolio zu Lyſabona in Por -J 3tugall132Mercks Wienn.tugall empfangen; Herba magni Prioris, von den Jnwohnern Hiſpaniolæ Cozobla, von andern Planta Indica, Piperina, Bugloſſum antarcticum &c genannt / ja hunderterley dergleichen Namen ge - winnt dieſes Kraut / mich wundert nur / daß es keiner Herba militatis, oder Soldaten-Kraut nennet / zu malen es bey niemand ſo gewoͤhnlich als bey dieſen / ſo viel man aber von Erfahrnus bishero wahrge - nommen / hat dieſes Kraut ein ſehr heilſame Wuͤr - kung auch wider die Peſt / wie dann Naucl. l. c. ver - merket / daß Weinrauthen und Toback in Wein ein Stund geweicht / und mit Citroni-Safft den Peſt - ſuͤchtigen ſeye gegeben worden / nicht ohne Nutzen: Abſonderlich ſeye dienlich bey dieſer Zeit der Toback - Rauch / wider den vergifften Lufft / dieſen haben die gute Soldaten allhier mehr als ſonſt nach Gewohn - heit gebraucht / und er muthmaßlich vielen ein be - wehrtes Mittel geweſt / viel aber ſeynd gleichwol von dem tobenden Tod hingeriſſen worden / als zeuge er / daß er keinen Stand unangefochten laſſen wolle; Der Tod thaͤt uͤberſteigen / durchſuchen / auskund - ſchafften alle Paſteyen und Veſtung-Werk dieſer Stadt / wo er etwan moͤchte einen Soldaten erha - ſchen; dieſeꝛ Zaun-duͤrre Gefreitteꝛ mit keinem andeꝛn Gewehr / als mit ſeiner Todten-Senſen gange Rund durch alle Schildwachten / machte den Anfang auf der Kaͤrner Paſtey / von dannen auf die Auguſtiner Cordina / von dannen auf die Burk-Paſtey / von dannen auf die Burck Cordina / von dannen auf die Lewel-Paſtey / von dannen auf die Lewel Cordina / von dannen auf die Melker-Paſtey / von dannen auf die Schotten Cordina / von dannen auf die Arſenal Cordina / von dannen auf die Neu Paſtey / von dannen auf die Muͤnch Cordina / von dannen aufdas133Mercks Wienn.das Neue Werk / von dannen auf die Piber Cordi - na / von dannen auf die Dominicaner Paſtey / von dannen auf die Stuben-Thor Cordina / von dan - nen auf die Praun Paſtey / von dannen auf die Praun Cordina / von dannen auf die Waſſerkunſt Paſtey / von dannen auf die Kaͤrner Cordina; und wolt faſt der Tod aus einer jeden Paſtey einen Gra - ben machen / abſonderlich aber iſt zwiſchen deꝛ Schot - ten Cordina / und Arſenal Cordina / ein Paſtey mit Namen Elend-Paſtey / welcher Namen von uhral - ten herruͤhret / auf dieſer hat der unerſaͤttliche Tod zum mehreſten ſeinen Grimmen ſpuͤren laſſen; dann allerliebſte Soldaten / ihr koͤnnt mirs nicht abſpre - chen / daß in und an der Peſt ſterben / nicht ſeye wahr - haftig ein Elend zu ſterben.
Der ſtreitbare Koͤnig Aſa / weil er ſich forderiſt auf GOtt verlaſſen / deßhalben iſt er auch nicht ver - laſſen worden / hat eineſt wider die Mohren Krieg gefuͤhret / aus denen in einer Schlacht zehen mal hundert tauſend geblieben / Paral. c. 14. Auf ſolche Weis ſterben / iſt bey den Soldaten kein Elend.
Gedeon der kuͤhne und tapffere Kriegs-Held / deme gleichmaͤſſig der Schutz deß Allerhoͤchſten der beſte Kriegs-Schild ware / hat ein blutige Schlacht wider vier Koͤnig gefuͤhrt / in dero hundert und zwan - zig tauſend Mann in das Gras gebiſſen; Joſeph. lib. 5. Auf ſolche Weis ſterben / iſt bey den Solda - ten kein Elend.
Als Boleslaus / der fuͤnffte Koͤnig in Pohlen / wi - der die Tartarn eine groſſe Mannſchafft in das Feld ſtellte / iſt ihme das Gluͤck dergeſtalt misgoͤnnet ge - weſen / daß er gar auf das Haupt geſchlagen wor - den / und damit die Tartarn die Anzahl der TodenJ 4moͤch -134Mercks Wienn.moͤchten wiſſen / haben ſie einem jeden auf der Wahl - ſtatt das rechte Ohr abgeſchnitten / und geſtalter Maſſen neun groſſe Saͤck angefuͤllt. Crome. lib. 8. Auf ſolche Weis ſterben iſt bey den Soldaten kein Elend; Dann es pflegte der Welt-beruͤhmte Soldat Epaminondas zu ſagen / Pulcherrimum eſſe Ge - nus Mortis, in bello mori, es ſeye kein ſchoͤnerer Tod als im Krieg. Plutar. in apoph. Aber im Quar - tier ſterben / auf dem Strohſack ſterben / ohne ſicht - baren Feind ſterben / ohne Sieg und Victori ſter - ben / ohne Degen ſterben / im Lazareth ſterben / an der Peſt ſterben / das dunkte manchem tapffern Sol - daten ein Elend ſeyn zu ſterben / und ſeyn ſolcher Ge - ſtalten aus der Wienneriſchen Guarniſon nicht nur hundert / nicht nur zwey hundert / nicht nur drey / vier / fuͤnff und ſechshundert / ſondern mehr von der leidigen Sucht hingeriſſen worden / alſo zwar / daß man genoͤthiget worden / die beruͤhmteſte Veſtung mit neuer und tauglicher Mannſchafft zu verſehen; ein Elend iſt es allen Augen vorkommen / wann ſie faſt taͤglich ſahen / abſonderlich in dem Monat Se - ptember und October / wie die Schildwachten auf den Paſteyen ganz erbleichter geſtanden / und man - ches mal waͤre vonnoͤthen geweſen / die Musqueten haͤtte den Soldaten getragen / und nicht der Soldat die Musqueten; iſt aber deſſen kein Wunder / dann er ſahe den ganzen Tag / die ganze Nacht nichts als Todten-Waͤgen / Todten-Truhen / Todten-Trag / Toden-Seſſel. : O wie mancher / als man neben ſei - ner einen Wagen um den andern mit Todten ange - ladener zu dem Thor hinaus gefuͤhrt / dachte bey ihm ſelbſten / vielleicht morgen / vielleicht uͤbermorgen wird dieſer mein matter Leib auch dieſe Straſſen wandern / und dieſes elenden Tods ſterben; das heiſt Schildwacht abgeloͤſt auf der Elend-Paſtey.
Liebe135Mercks Wienn.Liebe Soldaten / was die Paſtey dieſes Namens in Wienn anlanget / kan ich nicht wieder leinen / aber ihr bekleidet mir ins gemein den Tod mit lauter Elend-Leder / ihr muͤſt aber wiſſen / daß nicht ein jeder Tod ſolchen Titel verdienet; wann ich ſchon ſtirbe in einer ſtinkenden Senkgruben / wie die Roͤmiſche Jungfrau Felicula Mart. Rom. So iſt diß doch kein elender Tod / wann ich nur mit guten Gewiſſen ſtirb / und keinen Geſtank der Tod-Suͤnd an mir habe.
Wann ich ſchon ſtirb in einem tieffen Brunnen / wie der Burgundiſche Koͤnig Sigismund, Æmil. lib. 1. So iſt dannoch diß kein elender Tod / dafern mir nur die Gnade GOttes nicht in Brunnen gefal - len; Wann ich ſchon ſtirb durch Einfallung eines Haus / wie der ſtarke Held Samſon / Jud. 14. ſo iſt gleichwol diß kein elender Tod / wann nur mein Ge - wiſſen ganz verbleibet.
Wann ich ſchon vor Hunger ſtirb wie der Engel - laͤndiſche Koͤnig Richardus II. Polydor. lib. 2. da iſt auch diß kein elender Tod / ſo nur die Seel mit der Gnad GOttes erſaͤttiget iſt. Wann ich ſchon ſtirb in einem kothigen Moraſt / wie der Ungariſche Koͤnig Ludwig. Jovi. ſo iſt gleichwol diß kein elender Tod / wann nur das Gewiſſen nicht bemailiget iſt. Wann ich ſchon ſtirb in einer Schlacht / wie Alaricus Koͤnig in Spanien. Ritius. nichts deſtoweniger iſt auch diß kein elender Tod / wofern nur die Seel kein toͤdtliche Wunden hat. Wann ich ſchon ſtirb in einer Jagt / wie Kaͤiſer Ludovicus Bau. Hedio. ſo iſt diß keines Wegs ein elender Tod / dafern nur die Seel nicht in die Garn deß boͤſen Feinds geraͤth. Wann ich ſchon ſtirb an einer Mucken in einem Trunk wie Adrianus der Vierdte / Naucl. ſo iſt diß auch kein elender Tod / wann nur nicht ſuͤndige Grillen in dem Gewiſſen eingeniſtet haben.
J 5Alſo136Mercks Wienn.Alſo wannn ich ſchon ſtirb an der Peſt / ſo iſt diß kein elender Tod / dafern nur die Gnad GOttes in mir lebet / iſt doch der Heil. Ladovicus Koͤnig in Frankreich an dieſer laidigen Sucht geſtorben; Æmil. Dahero laß ſterben den Leib im Feuer / oder im Lufft / oder im Waſſer / oder auf Erden / was ligt daran? Laß ſterben dieſen Madenſack / dieſen Miſt-Finken / dieſes Wurm-Neſt / dieſes Leim - Haus / dieſen Knollfinken / dieſe Kothbutten / dieſes Eyler-Geſchirr / dieſen Erdſtrollen; Laß ſterben / ein maͤchtigs Weſen! Dieſes garſtige Rathhaus / dieſen lebendigen Wueſt / dieſen Leim-Luͤmmel / dieſen Wilt - fang / dieſen Sauwinkel / dieſe Geſtank-Buͤchſen / dieſen zierlichen Unflat / diß lebendige Aas / dieſen Aprillanten / dieſe verhuͤllte Senkgruben / dieſen Ge - ſchwehrſuͤchtigen Dalken / dieſen Kretzen-Markt / dieſes ſechs Schuh lange Nichts / laß ſterben / laß verderben / er iſt nicht zu betauren / muͤſt nur ſeyn / daß man etwan einer Miſtbutten einen ſchwarzen Flor ſolt anhaͤngen / damits fuͤr ihn die Klag trage / Si conſideras, quid per os, quid per nares, quid per aures ceterosque corporis meatus exit, vilius ſterquilinium non vidiſti. Spricht gar ſchoͤn von dem ſchaͤndlichen Leib der klare Vollenſiſche Abt „ Bernhardus. Mein Menſch / wann du erwegeſt / „ was du durch das Maul / durch die Naſen / durch „ die Ohren / und durch die uͤbrige Leibs-Porten fuͤr „ ein Unflat ausfuͤhreſt / kanſt doch kein garſtigern „ Miſthauffen nicht antreffen / als dich.
Laß demnach ſterben den Leib / dieſes Kranken - Spital / dieſes Spott-Muſter / dieſe kleine Por - tion der Erden; Laß ſterben / laß verderben wie / wo / wann / wordurch er ſtirbt / ligt nichts daran / aber das bitt ich dich um das Blut JEſu Chriſti / dasbitt137Mercks Wienn.ditt ich dich um deiner Seelen Seligkeit willen / mit aufgehebten Haͤnden ſchreye ich vor dir / ja in beede Ohren / du wolleſt die Seel nicht ſterben laſſen / die Seel / dieſes kuͤnſtliche und koͤſtliche Ebenbild GOttes / die Seel / dieſes ſchoͤne und ſcheinende Contrafee der Allerheiligſten Dreyfal - tigkeit / die Seel / dieſes koſtbare und ſchatzbare Kleinod GOttes / die Seel / dieſe friedliche und freundliche Schweſter der Engeln / dieſe / O Menſch! laß nicht ſterben / welches da geſchicht durch ein freywillige Tod-Suͤnd / dieſer Tod allein iſt ein Elend.
WAs die Peſt ſeye / thun es mit reiffem Urtheil die wolerfahrne Medici gnug - ſam entoͤrtern / ſprechend / die Peſt ſeye ein gifftige / anſteckende / toͤdtli - che Krankheit / von einer ſolchen giffti - gen Materi herruͤhrend / welche dem Herzen durch aus und forderſt zuwider / alle deſſen Lebens-Geiſter und Kraͤfften unverſehens abzehret / wie nicht weniger auch viel ſchaͤnd - liche Zufaͤll und Nebens-Schwachheiten mit ſich fuͤhret.
Worvon die Peſt verurſacht werde / be - antworten es mehrmal die Arzney-Erfahr - ne / und fuͤgen es zweyerley Urſachen bey / tad - len entweder die Geſtirn / daß dieſelbe mit ih - ren Influenzen uns mißgoͤnnig / oder ropffen es den irrdiſchen Elementen vor / daß ſie mit ihren gifftigen Daͤmpffen und verfaulten Qua - litaͤten uns ſolche Ubel ſchmieden; Jch lobe ſo weit der Medicorum Auſſag / und wolt der Zeit ihnen nicht gern einë Stein in den Garten werffen / allein ihr Waar taugt mir auf mei - nen Markt nicht / und ob ich ſchon mit dem Heil. Paulo nicht bin verzuckt worden in drit - ten Himmel / auch nicht in das Protocoll der goͤttlichen Geheimnus eingeſchaut / ſo weiß ichdoch140Mercks Wienn.doch / daß dieſer gifftige Pfeil mehriſten Theil von der Hand GOttes abgetruckt wird / wie deſſen vielfaͤltige Zeugnus die goͤttliche Schꝛift beylegt: Exod. 5. 9. Jerem. 14. 21. 24. 27. 29. 32. 34. 38. 42. 44. Ezech. 5. 6. 7. 33. 38. Levit. 26. Nu. 41. Deut. 28. 2. Reg. 24. &c. 1. Paral. 21. &c. Jer. 21. 29. 37. Ezech. 5. 7. 2. 14. 28. &c. Aus welchem au - genſcheinlich kundbar und offenbar / daß die Peſtilentz ein Ruthen ſeye / ſo die obere Hand GOttes flechtet; Allbekant iſt / was dem Da - vid dieſem Jſraelitiſchen Monaꝛchẽ begegnet / um weilen ſelber wider den Willen GOttes das Volck gezehlt / und dadurch etwan einen eitelen Ehren-Kuͤtzel empfunden / daß ihn deß - halben GOtt gezuͤchtiget mit der Peſtilentzi - ſchen Seuch / wordurch in drey Tagen von Dan bis gen Berſaba / in die ſiebenzig tauſend Maͤnner verzehrt worden.
Meine Menſchen / ihr gebt mir dißfals eine fuͤgliche Anleitung / weitlaͤuffiger von der ſchweren Hand GOttes zu ſchreiben / und ob ich zwar mit meiner geringen Lehr keine Baͤu - me werde ausreiſſen / ſo traue ich doch wenigſt den Baum zu zeigen / worvon GOtt die Ru - then flechtet. Diſer Baum iſt die Suͤnd.
Mich dunckt / ich ſehe vor Augen einen Pa - chomium in der Wuͤſten / welcher allda zwi - ſchen den holen Stein-Kluͤfften ſeine Woh - nung aufgeſchlagen / ſo mehriſt in vieꝛ krum̃en Stuͤtzen / ſamt einem von zeꝛruͤtteten Geſtraͤuß durch ſichtigen Tachwerck / beſtehet / er aber nach vollzogenem eiffrigen Gebett / und lang -wierigen141Mercks Wienn.wierigen Pſalliren eine kleine Handarbeit vor ihme / und damit ihn die alte Schlang nicht feyrend ertappe / etliche rauche Decken von Bimbſen flechtend / ſitze bey einem Felſen / aus dem die ſilberne Waſſer-Adern heraus ſtrud - len / welche durch ihren Cꝛiſtallinen Fall ein an - nehmliches Getoͤß verurſachen / nebenſt dar - bey auf den gruͤnen Aeſtlein die liebe Wald - Voͤgerl / welche gar offt pleno Choro mit ihren natuͤrlichen Trilleꝛn und klaꝛſchallenden Hals - Floͤtel den Wald zu einer Singſtuben ver - wandlen / auch die lauffende Hirſch / die ſprin - gende Dendl / die bockende Haſen / die ſchlei - chende Beern / die kriechẽde Taxen / die kirrende Schwein / fuͤr ſtete Spießgeſellen ohne Spieß / will ſagen ohne Schaden / bey ſich und um ſich ſiehet / welches alles ihme zu einer Ergetz - lichkeit dienet / abſondeꝛlich abeꝛ duncket mich / als ſpiele der gottſeelige Waldbruder gar offt mit dem Echo oder Wiederhall / welcher ihme die klare Seuffzer gantz artlich wiederholet / Exempel-weiß / der Heil. Exemit erhebt dieſe Stimm: O barmhertziger JEſus! ſo wird al - ſobald der Echo und Widerhall / dieſer leibloſe Stimmfanger / dieſer unſichtbahre Redneꝛ / die Antwort gleichlautend wider entgegen kehrẽ / O barmhertziger JEſus! iſt es Sach aber / daß etwan der from̃e Einſidler von der argliſtigen Hoͤll-Schlangen gar zu hefftig angefochten wird / und ſchier aus H. Ungedult ausſchreyt / O du verruchter Teuffel! So glaube / daß der Echo ſeine vorige H. Sprach beyſeits lege / uñ unver -zuͤglich142Mercks Wienn.zuͤglich auch wieder entgegen ruffe dieſe Wort O du verruchter Teuffel! der Echo iſt ein ſolcher angenehmer Leut-Spoͤttler / daß er jederzeit einem dankt / wie man ihn empfangt / wer ihn ſchimpffet / Du biſt ein Dieb / der iſt ohn - fehlbar dieſes Gegen-Tituls gewaͤrtig! wer thme ſchmeichlet / Du biſt mir lieb / dem wird er Silben-Weis dieſe Zucker-Wort zuruck werffen: Mit einem Wort / wie man ſich gegen dieſem Echo haltet / ſo haltet er ſich wieder.
Der ewige GOtt iſt einem ſolchen Echo oder Wald-Stimm ganz aͤhnlich und gleich / dann es iſt die ungefaͤlſchte Warheit / wie wir uns gegen GOtt zeigen / daß ſich GOtt alſo gegen uns zeige / Qualis appares Deo, talis oportet ut appareat tibi Deus, ſagt mein Heil. Erz-Vat - ter Augusti nus; verehreſt du deinen GOtt / ſo verehrt dich GOtt hinwieder / und ſegnet dich ſamt den deinigen; denkeſt du ſelten an GOtt / und niſten dir die Welt-Schnacken im mer in deinem Herzen / ſo denkt auch GOTT wenig an dich / und muß folgſam dein Gluͤck verroſten; kehreſt du GOtt durch die Miſ - ſethat den Rucken / ſo wendet auch der Hoͤchſte ſeine Augen von dir / und geſtalter - maſſen muß all dein Heil verſchimplen; Halt das Maul / du Stadt / du Land / du Koͤnig - reich / es iſt ein Frevel / wann du vorgie - beſt / es habe dich GOTT ohne Schuld verlaſſen / wiſſe / weil du ganz Gewiſſen-los durch ſo viel Unthaten GOTT forderiſt ver - laſſen / daß er dich mit gleicher Muͤnz auszahlegedenke137[143]Mercks Wienn.gedencke / daß der gerechteſte GOtt dißfalls gleiche einem Spiegel / ſo man dieſem glaͤſer - nen Richter ein ſauers Geſicht zeiget / ſo wird er dich wol auch nicht freundlich anblicken; und wie? Sollen wir GOTT beleidigen / und GOtt ſoll uns belohnen? Verblendter Menſch! probier es / und giebe acht auf den Wald Echo, ob derſelbe auf die Stimm belei - digen / hinwieder ſetz die Stimm belohnen? das wol nicht?
Zu Santaremo in Portugall waͤhret auf den heutigen Tag nachfolgendes Wunder - werck; an demſelben Ort wird mit abſonder - licher Andacht verehret die Bildnus unſers Heylands / mit ſchoͤnen koſtbahren Chriſtall bedeckt / worbey dieſes ewige Miracul zu fin - den / daß gedachtes Bildnus in unteꝛſchiedliche Geſtalten ſich verwandlet / und ſchauet es ein unſchuldiger und Jungfraͤulicher Juͤngling an / ſo dunckt ihn / dieſes Bild ſeye ein Contrafet Chriſti / als er zwoͤlff Jahr alt ware; Jſt daß ein vollkommner und im Chriſtlichen Wandel gerechtfertigter Mann ſelbes anſiehet / ſo ſcheinet es ihm nicht anderſt / als ſehe er JE - ſum im dreiſſigſten Jahr / da Er angefangen zu lehren; Unterſtehet ſich aber jemand mit einer Todſuͤnd behafft dieſe H. Bildnus zu ſchauen / ſo wird er hoch betheuren / es komme ihme Je - ſus vor in der Geſtalt / wie Er an dem Creutz gehangen / oder wie Er kommen wird zu rich - ten die Lebendigen und die Todten. Aſſiduo mi - raculo in pellucida Chriſtallo viſitur Chriſtus, pro cujusq; devotione, nunc puer tenellus, nunc duo -Kdecim138[144]Mercks Wienn.decim annorum, nunc triginta, nunc crucifixus, nunc Judex rigidus. Cornel. à Lap. in Ex. c. 28. Es zeiget ſich nicht allein an dieſem Ort / durch ein ſtetes Wunderwerck GOTT alſo / wie man ſich gegen ihm zeigt / ſondern in der gantzen weiten breiten Welt laͤſſet der Him - mel kein andere Manier ſpuͤhren; Und er - fahren es ſo wol Ungerechte als Gerechte / die genaue Urthel GOttes / wiewol dieſelbe nach der Ellen unſerer Werck gemeſſen ſeyn.
Einmal zur rauhen Winters-Zeit / da der Erdboden mit weiſſer Decken uͤberhuͤllt / die Baͤume / wie die ſiebenzigjaͤhrige alte Tatteln mit weiſſen Haaren uͤberwachſen / die Haus - Daͤcher unterſich mit langen Spitzen ver - braͤmet / das iſt / mit durchſichtigen Eis - zapffen / die klare Baͤchl durch die uͤbermaͤſſi - ge Kaͤlte wie ein Chriſtall erhartet / die Wa - ſel und Graſel mit gleicher Liberey bekleidet / die Fußſtapffen ſo wol deß Wolffs als deß Wolffs Gang verrathen / da die Stauden mit Schneeflocken bedecket / als wolten ſie die Mayen-Bluͤh halber trutzen. Zu einer ſolchen Zeit / da man die Buſen ſteckt / wol - te die Edlſchoͤne Princeſſin deß Koͤnigs Hero - dis ſich mit einer Jagt erluſtigen / und in ſol - cher Weidmanniſcher Unruhe ihre Freud ſu - chen / zu ſolchem End fahrt ſie aus mit ei - ner ordentlicher Begleitſchafft / und weilman139[145]Mercks Wienn.man den Wege muſte uͤber einen zugefror - nen Fluß nehmen / alſo iſt ihr in Unter - thaͤnigkeit eingerathen worden / daß ſie ſolchen kurtzen Wege moͤchte zu Fuß ver - richten / es geſchicht alſo / dieſe ſteigt ab / ſie geht / ſie ſchleifft / ſie ſchlipffert / ſie fallt / wordurch das Eis / iſt kein Wun - der / ob ſolcher ſchweren Suͤnderin / ein - gebrochen / daß ſie alſo mit dem bloſſen Kopff heraus geſchaut / und weilen ſie mit den Fuͤſſen in Willens ihr zu helffen / hin und her zappelte / hat ihr das ſcharpffe Eis den Kopff morſch abgeſchnitten / und alſo die unvermuthete Henckers-Stell ver - tretten; O was Ungluͤck! da zu Hof alsbald dieſe traurige Zeitung ankommen / erhebte ſich ein ungewoͤhnliches Geſchꝛey und lamenti - ren / unter andern ſchlugen die Cammer - Jungfrauen ihre Haͤnd ober dem Kopff zu - ſammen / mit dieſer ſo wol klaͤglicher als klagender Stimm / wann es doch haͤt - te ſollen geſchehen / daß dieſe wunderſchoͤ - ne Princeſſin in den bluͤhenden Jahren haͤtte ſollen verwelken / wann es gleichwol auf ſolche Weis der Tod nicht haͤtte angetaſt! O ihr lappiſche Kammer-Brut! ziehet ein wenig euere gekrauſte Haarlocken auf die Seiten / damit ihr koͤnnet recht in die Hoͤhe ſchauen / und die gebillichte Urtheil GOttes anſehen / daß nemlich GOTT mit gleicher Muͤnz bezahle / Judicium Dei noſtris actionibusK 2aſſimi -140[146]Mercks Wienn.aſſimilatur; Dieſe Princeſſin hat durch Hupf - fen und Tantzen dem Heil. Johanni das Haupt abgeſprungen / alſo hat ihr rechtmaͤſſig durch Hupffen und Gumpen das Eis den Kopff abgeſchnitten / gleiche Muͤntz.
Wie du dich gegen GOtt verhalteſt / ſo verhaͤlt ſich GOtt gegen dir / biſt du anjetzo ſo vermeſſen / daß du dem Nechſten ſeine Ehr abſtimmelſt ohne einige Urſache / und ihme den guten Nahmen / als das edleſte Kleinod / entfremdeſt / nach zehen Jahren / wann du oder deine Kinder unverhoffter Weis den Leuten in die Maͤuleꝛ geratheſt / und allerſeits von ſol - chen giftigẽ Zungen Wieſel angeblaſen wirſt / verwundere dich nicht / ſondern dencke zuruck / ſo wirſt du gar ſchoͤn regiſtrirter finden / daß dich GOtt mit gleicher Muͤntz bezahle.
Jch habe ſelbſt einen gekennt / welcher ſich oͤfftern gantz uͤbermuͤthig vernehmen ließ / als ſehe er lieber einen dickkraͤſenden Juden / als ei - nen Geiſtlichen / nach viel Jahren hat es ſich begeben / daß ſolcher mit einer toͤdtlichen Krankheit gaͤhling uͤberfallen / deßwegen der Diener gantz eilfertig nach einem gewiſſen Kloſter muſte lauffen um einen Beichtvatter / deme dann die geſchwinde Antwort kommen / daß der Pater ſchleunig werde nach folgen / der Pater ſamt ſeinem Geſpan gehen hurtig aus / und iſt ihnen die Wohnung obgedachten Her - rens ſo bekannt geweſt / wie die Stephans Thumkirchen allhier / nichts deſtoweniger / durch abſonderliche Schickung Gottes ſeyndſie141[147]Mercks Wienn.ſie zwey gantzer Stund in der Stadt durch alle Gaſſen herum geirret / und als ſie endlich das bekantiſte Haus erreicht / iſt ihnen der Diener mit der traurigen Zeitung entgegen gangen / daß ſein Herꝛ gleich jetzt ſeye verſchieden: O gleiche Muͤntz!
Ein manche Stadt oder Land wird von dem gerechtiſten GOtt mit einer gifftigen Pe - ſtilentz heimgeſucht / wordurch die Menſchli - che Leiber durch abſcheuliche Druͤſen / durch vergiffte Beulen / und Tuͤpeln / durch graußli - che Geſchwer elendiglich vergehen / O guͤtig - ſter GOtt! ſeufftzet mancher / warum zuͤchti - geſt du alſo? ein Erdbidmen iſt auch ein Straf / ein Waſſergieß iſt auch ein Straff / ein allge - meine Feuers-Brunſt / iſt auch ein Straff / Kriegs-Lauff iſt auch ein Straff / Unfrucht - barkeit der Erden iſt auch ein Straff / wie daß nicht eine aus dieſen Ruthen dir iſt in die Haͤnd kommen? Ey du unbeſonnener Menſch / es ſcheint / du habeſt eine ſo lange Gedaͤchtnus / daß ſie ein halbjaͤhriges Kind moͤchte uͤber - ſpannen / wie offt hat man dir ſchon vorgeſun - gen / daß GOtt mit gleicher Muͤntz bezahle; darum wird manche Stadt / ich rede endlich nicht von Wienn / ob zwar dieſes Ort gar kein Roſen ohne Doͤrner / iſt mit Peſtilentzi - ſchen Leibs-Geſchweren / und giftigen Beulen gezuͤchtiget / weil auch GOtt mit geilem Leib / mit Viehiſchen Leibs-Geluͤſten iſt beleidiget worden. Daß Anno 1127. ein ſo groſſe Peſt durch gantz Europa graſſiret / dar von ſchier derK 3dritte142[148]Mercks Wienn.dritte Theil Menſchen unter die Erd kom - men / ſagt man / ſeye ſchuldig geweſt die damalige Zuſammenkunfft ♄ und ♃ in ♍ daß Anno 1346. ein ſolche Peſt erfolget / die ſchier alle Laͤnder ausgekehrt / hat man die Schuld zugemeſſen gedachter zweyen Pla - neten Conjunction in ♒. Zu Zeiten Marci Antonii hat die Peſt Griechenland / Babylo - nien / und Jtalien jaͤmmerlich durchſtri - chen / und ſoll diß Ubel von der Zuſammen - kunfft ♂ und ♄ kommen ſeyn. Anno 1574. iſt ein groſſe Peſt entſtanden / und haben muͤſ - ſen das Bad austrinken ♄ und ♃ / weil ſie ſich mit ☿ und ♂ nicht recht koͤnnen ver - gleichen: Muß alſo gar oft die Conjunction eines langſamen Saturni, eines tuͤrmiſchen Martis, eines hochmuͤtigen Jovis, oder eines anderen Planeten die Schuld tragen / es ſeye durch ſie diß oder jenes Ort angeſteckt wor - den / da unterdeſſen der Planet Venus die Kuh geſtohlen. Und wann endlich die Pla - neten und Elementen nicht unſchuldig / ſon - dern in der Warheit ihre boͤſe Wuͤrkungen / ſolches Ubel ſchmiden / ſo ſeye du dannoch ver - gewiſt / daß alles dieſes uhrheblich der Suͤnd zuzueignen / welche auch die Vernunft-loſe Gſtirn in Harniſch bringet.
Wie Chriſtus der HERR das Goͤtt - liche Lamm auf das Creutz genaglet wor - den / damalen haben die Hebreer wol unſerGluͤck143[149]Mercks Wienn.Gluͤck an Nagel gehenkt? Wie dieſer Ge - ber und Uhrheber deß Lebens / Todts ver - blichen am Creutz / und alſo durch den alten Schuld-Brieff deß Adams ein Creutz ge - macht / alsbald hat ſich die liebe Sonne ver - finſtert / und iſt uͤber den ganzen Erdboden ein allgemeine Finſternus worden; etwann der Urſach halber / weil nach loͤblicher Ge - wohnheit wegen Abſterben eines Verwand - ten an ſich mit ſchwarzen Klag-Kleid anziehet / und weilen CHRJSTUS ein Sonn der Goͤttlichen Gerechtigkeit ware / alſo hat ſolches Himmels-Geſtirn ebenmaͤſ - ſig ſich mit einem Trauer-Mantel wollen uͤberhuͤllen.
Ein anderer frommer Contemplant ver - meinet / es ſeye die ſchoͤne Sonn alſo ob dem ſchmerzlichen Tod JESU erſchrocken / und ſolches Leid daruͤber gefaſt / daß ſie ganz erbleichet / und faſt keiner Sonnen mehr gleich / ja gar etlich Stund gleichſam in Ohnmacht gelegen: Jch ſtimme dißfals dem gelehrten Toſtato bey / und halte gaͤnzlich dar - vor / daß wie das ſtrahlende Sonnenliecht hat geſehen / die unmenſchliche That der He - breer / indem ſie den wahren Erſchaffer gecreutziget / ſeye ſie alſo daruͤber ergrim - met / daß ſie ihr glanzendes Angeſicht abgewendt / als ſpreche ſie / ihr gottloſe Menſchen / ihr ſeyd nicht werth / daßK 4ich144[150]Mercks Wienn.ich euch guͤnſtig anſcheine / und anſchaue / weil ihr Gottes Sohn getoͤdtet.
So man die jaͤhrliche Calender durchblaͤt - tert / ſo wiꝛd neben andern zu leſen ſeyn / wie daß die Planeten uns ſo mißgoͤnſtig / bald drohet der Mercurius, bald ſiehet ſaur aus der Mars, bald zuͤrnet die Soñ / bald pfnottet der Mond / und zeigen ſich alle Planeten gegen uns feind - lich / als wolten ſie ſagen / ihr ſuͤndige Men - ſchen wundert euch deßhalben nicht / daß wir euch ſo ungnaͤdig / ihr ſeyd nicht werth / daß wir euch mit guͤnſtigen Influentzen begegnen / indem ihr taͤglich unſern Schoͤpffer an das Creutz naglet / und toͤdtet / welches Quoad cau - ſam, wie Auguſt. und Thomas Ang. lehren / jeder - zeit geſchicht duꝛch eine freywillige Todſuͤnde: Dahero wird auch am Juͤngſten Tag der Monſchein / in der allgemeinen Auferſtehung / glaͤntzen wie die Sonn / die Sonn aber wird noch ſiebenmal groͤſſere Strahlen von ſich werffen / als anjetzo / alle Planeten werden mit weit praͤchtigerem Schein aufziehen / als ſie der Zeit pflegen / aus Urſach / weil zur ſelbigen Zeit die Suͤnden der Menſchen ſich werden en - den / ſpricht der Engliſche Lehrer mit Vatablo N. q. 91. a. 3. welches auch vermuthlich dazu - malen geweſt iſt / als die Suͤnde noch nicht ausgebruͤt; daß abeꝛ der Zeit alle Himmels-Ge - ſtirn uns ſo ſchel anblicken / und immerzu fin - ſtere Geſichter weiſen / ſeynd die Urſach unſe - re Suͤnd / weßhalben ſie uns alſo anfeinden: Omnia propter Hominem facta ſunt ejus lapſu pe -jorata,145[151]Mercks Wienn.jorata, & Sol & Luna in ſuo lumine minorata. Daß auch die Elementen von Tag zu Tag in ihrem Spendiren gegen uns geſpaꝛſamer ſeyn / ja faſt allezeit einen verdrießlichen und ſchaͤdlichen Streit gegen uns fuͤhren / iſt auch kein andere Urſach / als die Suͤnd.
Cain der erſte Bauer / Cain autem erat A - gricola, worvon villeicht herruͤhret / daß alle Bauren Cain heiſſen / wenigſt iſt ihr allgemei - ne Klag / daß mans ziemlich keyen pflegt; Die - ſer gottloſe Menſch / gantz eingenommen von dem Neid gegen ſeinem Bruder Abel / be - ſchlieſt bey ihme / demſelben den Kehraus zu machen / und wie uͤber alle Boßheiten die Poli - tica ein Futeral muß abgeben / alſo hat auch er / unter dem Schein einer Freundlichkeit / dẽ Abel gar bruͤderlich angeredt / Egrediamur in agrum, ob es ihme nicht beliebe / ein wenig auf das Feld zu ſpatziren; der fromme unſchuldige Bru - der muthmaſſet nichts Ubels / bildet ihm gar nicht ein / daß ſein Bruder ſoll mit Bernheuter - zeug gefuͤttert ſeyn / gehet derohalben mitihm hinaus / alldort / wie der Boͤswicht ſeinen Voꝛ - thel erſehen / ſchlaͤgt er hinterwerts mit einem dicken Ohr-Loͤffel den unſchuldigen Abel zu todt / woruͤber alſobald das unſchuldige Blut Rach geſchriẽ / und was noch mehr iſt / ſchreibt der Heilige Ambroſius, daß an demſelben Ort / wo dieſer blutige Bruder-Mord vorbey gan - gen / habe ſich deꝛ fruchtbare Ackeꝛ augenblick - lich in oͤdes Feld verwandelet / und nichts als Diſtel und Unkraut getragen / gab alſo dieſesK 5nide -146[152]Mercks Wienn.nidere und in allweg ſonſt gedultige Ele - ment zu verſtehen / daß es wegen der Suͤnd dem Menſchen nicht mehr moͤge nutzen. Propter ſcelus igitur hominum & ipſa Elementa damnantur. Amb. in lib. de Cain.
Wann man anheut einen alten und Eyß - grauen Bauren / der ſchon an Satt deß Pflugs mit der Krucken unterſtuͤtzet / ſolle befragen / was vor dieſem fuͤr Zeiten ſeynd geweſt / ſo wird er ſein Zahn-oͤdes Maul in alle Weit auf - reiſſen / und ein O dem Senff-Faſſel-Raiff nicht ungleich machen / O lieber Herꝛ! Es ſeynd keine ſolche Jahr mehr wie vor dieſem / ich denk noch wol / daß mein Acker in der Steinrey / hat mir zwey Muth Korn getra - gen / jetzt fexe ich kuͤmmerlich ſechs Me - tzen / vor dieſem hab ich ein Scheuer ange - fuͤllt / daß jetzt unſer Edelmann mit po - chen wuͤrde / nun iſt alles nicht mehr wie vor Zeiten.
So man einen alten Hauer / der Jahr und Haar halber den Kopff zur Erden ſenkt / als ſuche er ihm ſchon ein Grab aus / ſolte in die Frag ſtellen / was er der Zeit von dem Wein - garten halte / ſo wird er noch wol mit ſeiner rothen Naſen naſenwitzig genug antworten / daß keine Jahr mehr ſeyen / wie geweſen; vor Zeiten habe ihme ein Weingarten funfzig Em - mer getragen / indem anjetzo kaum ſo viel ge -fext147[153]Mercks Wienn.fext wird / daß zu einem Opffer-Wein fuͤr ein Dorff-Capellen klecket / es ſeynd nicht mehr die vorige Zeiten: Jſt wahr / wahr iſts / der Acker iſt nicht mehr ſo gut / auf dem Acker wachſet das Trayd nicht mehr ſo gut / der Wein-Garten iſt nicht mehr ſo gut / in dem Wein-Garten iſt der Weinſtock nicht mehr ſo gut / der Baum iſt nicht mehr ſo gut / auf dem Baum wachſt der Apffel nicht mehr ſo gut / alles und alles iſt nicht mehr ſo fruchtbar / ſo gut / wie vor Zeiten / iſt wahr / ſo wiſſe aber auch / daß die Leut nicht mehr ſo gut / die Sitten nicht mehr ſo gerecht wie vor dieſem / die Elementen rich - ten ſich nach dem Menſchlichen Wandel / iſt der ſchlimm / ſo tanzen ſie / wie wir pfeiffen / und ſeynd auch boͤs.
Schlag ein wenig die Buͤcher um / ſo wirſt du mit Verwunderung leſen / daß vor Zeiten man da hier zu Wienn einen Tagwer - ker deß Tags mit einem Pfennig beſoldet; Man lieſet in den alten Oeſterreichiſchen Ge - ſchichten / daß die von Wienn einen Herzog haben mit einem pꝛaͤchtigen Panquet empfan - gen / ſamt einem luſtigen Bad / wie es da - mal die Gewohnheit / und ſollen ſich die Unkoſten gar auf ſechs Gulden erſtreckt ha - ben / welches zur ſelben Zeit eine abſonderli - che Summa war: Jch habe ein uhraltes Buch aus der beruͤhmten Kaͤiſerl. Bibliothecdurch148[154]Mercks Wienn.durch abſonderliche Gnaden auf kurtze Zeit zu leſen erhaltẽ / worinnen die Beſchaffenheit un - ſers Kloſters von dreyhundert Jahren her gantz deutlich entworffen / unteꝛ andern iſt miꝛ denckwuͤrdig vorkommen / daß in unſer Kaͤy - ſerl. Hof-Kirchen vor dieſem ein Heil. Meß um drey Pfenning iſt geleſen worden / iſt aber dieſe Urſach / weil man dazumal um drey Pfennig konte ſo viel Lebens-Mittel ſchaffen / was an - jetzo ein halber Gulden kaum richtet / dann al - les war zur ſelben Zeit gantz wolfeil / und dar - um alles ſo wolfeil / weil alles wol gerathen / und nie oder ſelten ein Fehl-Jahr / darum alles ſo wol gerathen / weil die Himmels-Geſtirn mit ihren Influentzen die Erden alſo begnadet / die Erd hinwieder mit heuffiger Fruchtbarkeit geprangt / und alle Elementen mit abſonderli - cher Wohlgewogenheit auf deß Menſchen Seiten geweſt / warum aber? damit ich alles ausfiſche / waren dazumal alle Elementen ſo favorabel? darum / weil auch die Menſchen beſ - ſer waren.
Dazumal waren die Leute viel froͤmmer / die Gerichter viel gewiſſenhaffter / die groſſe Herren viel behutſamer / die Geiſtliche viel eifferiger / die Alte viel eingezogner / die Junge viel ſittſamer / die Maͤnner viel maͤſſiger / die Weiber tugendſamer / die Toͤchter viel ſcham - haffter / die Reiche viel freygebiger / die Arme viel gedultiger / der Edelmann viel demuͤti - ger / der Baur viel redlicher / der Burger viel Gottsfoͤrchtiger / der Handwercksmann vielemſi -149[155]Mercks Wienn.emſiger / der Dienſtbott viel treuer / die Leute viel Gottſeeliger / und deßwegen auch viel Gluͤck - ſeeliger: Daß aber bey der Zeit ein Elend dem andern die Schnallen in die Haͤnd reichet / ein Truͤbſal an der andern Ketten-weiß hanget / ein Ungluͤck das andere ausbruͤtet / ja ſchier al - les umgekehrt / und zuweilen der Winter dem Sommer in die Karten ſchaut / der Son - mer zu Zeiten dem Winter in das Handwerck greifft / der Fruͤhling mit dem Herbſt / der Herbſt mit dem Fruͤhling pochet; Kein Jahr iſt mehr in den Zeiten / wie es ſoll ſeyn / ſondern von oben / von unten / und auf der Seiten nichts / als lauter Truͤbſal; iſt aber Urſach / merckt mir diß wohl / Urſach alles diß Ubels / iſt das Ubel / verſtehe die Boßheit und Suͤnd jetziger verkehrter Welt: der du zu Wienn biſt / der du um Wienn biſt / der du hundert Meil von Wienn biſt / der du zu Calecut biſt / ſo offt dir etwas widriges begegnet / glaube es veſt / daß es wachſe von der Wurtzel / die da heiſt die Suͤnd / daß es gebohren werde von der Mut - ter / ſo da iſt die Suͤnd / daß es geſchnitzlet wer - de von dem Meiſter / welcher iſt die Suͤnd: wer gibt freyen Paß allen Truͤbſalen in die Welt? Du Suͤnd; Wer ſchmidet dem bluti - gen Marti ſeine Waffen? Du Suͤnd; Wer we - tzet den wilden Thieren gegen uns ihre Zaͤhne; Du Suͤnd? Wer veranlaſſet den Lufft / daß er uns Schaden zufuͤge? Du Suͤnd; Wer ri - glet die Erd / daß ſie erboͤmet? Du Suͤnd; Wer ſpohret das Feuer / daß es uns brenne? DuSuͤnd;150[156]Mercks Wienn.Suͤnd; Wer waltzet die Wellen / daß ſie uns traͤncken? Du Suͤnd? Wer ſpitzt dem Zaun - duͤrren Todt ſeine Pfeil? Du Suͤnd.
Rupertus OlKort ſchreibt was denckwuͤr - digs / das nemlich in einer gewiſſen Provintz in Engelland / ſich habe einmal gar ein frucht - bares Jahr angelaſſen / und als das liebe Traid ſchon gezeitiget / und gleichſam die unter ſich geneigte Korn-Aehren die Sichel ſtillſchweigend beruffen / ſie ſollen kommen und einſchneiden; ſiehe / da haben ſich un - verhofft eine unzahlbare Menge wilder Hen - ſchrecken eingefunden / welche dergeſtalten die fruchtbare Erden abgeaͤtzet / daß nicht ein Koͤrnl uͤbrig geblieben / dieſe rauberiſche Heu - ſchrecken thaͤten wol maͤnniglich erſchroͤ - cken / und als deren etliche gefangen / und gantz genau beſichtiget worden / hat man un - ter ihren Fluͤgeln wunderbarlicher Weiſe dieſe Wort geſchriebner geleſen / Ira DEI, Zorn GOttes.
Wir elende Adams-Kinder ſeynd gar offt wie die Wein-Trauben unter der Preß / wie ein Roſen unter den Doͤrnern / wie ein Uhr mit dem ſchwehren Gewicht / wie ein Bircken - baum mit lauter Ruthen beſteckt / wie ein Garten / in deme lauter Wermuth wachſet / wie ein Meer-Ufer / ſo von ſtaͤten Wellen an - geſtoſſen wird / und niſtet uns faſt allezeit dasUngluͤck151[157]Mercks Wienn.Ungluͤck in das Haus wie die Schwalben: In Africa gibts viel Loͤwen / in India gibts viel Elephanten / in Paleſtina gibts viel Fuͤchs / in Umbria gibts viel Woͤlff / in Pohlen gibts viel Beeren / und in Norwegen gibts viel Elend - Thier / ich zweiffele aber / ſo man es recht beym Liecht ſchaut / ob nicht bey uns Teutſchen mehrer Elend anzutreffen / und ſo man nur den Arm zum Fenſter hinaus ſtrecket / ſo laͤſt ſich ſchon ein Elend fangen / woher aber diß? Jſt deine oͤfftere vernunfftloſe Frag / ich antworte dir mehrmal / von der Suͤnd; nimm dir ſo viel Zeit / und beſichtige wohl ein jedes vorlauffendes Elend / ſo wirſt du gleich - maͤſſig auf deſſen Rucken dieſe Wort leſen / Ira DEI, Zorn Gottes.
Warum iſt Abimelech von der gifftigen Peſt uͤberfallen worden? Wegen der Suͤnd; Warum iſt Pharao mit ſo vielen Plagẽ gezuͤch - tiget worden? Wegen der Suͤnd; Warum ſeynd die Hebreer von feurigen Schlangen ge - peiniget worden; Wegen der Suͤnd; War - um iſt Datan und Abiron von dem aufge - ſperrten Erd-Schlund verſchluckt worden? Wegen der Suͤnd; Warum iſt Achan von dem geſamten Volck geſteiniget worden? Wegen der Suͤnd; Warum iſt O zias mit dem gaͤhlingen Todt uͤbereilt worden? We - gen der Suͤnd; Warum iſt Heliodorus von dem Engel ſo ſcharpff gehalten worden? Wegen der Suͤnd; Warum iſt Abſolon miteiner152[158]Mercks Wienn.einer dreyfachen Lantzen durchſtochen wor - den? Wegen der Suͤnd; Jenem muͤheſeeligen Tropffen / der ſo viel Jahr als ein verlaſſener Krippl bey dem Schwemm-Teich zu Jeruſa - lem kein anders Liedl ſtimmte / als das klaͤgli - che Awe / nach dem ihm der Goͤttliche Artzt die tauſendgewuͤnſchte Geſundheit erſtattet / muſt es ein heilſame Warnung ſeyn / Ecce ſanus fa - ctus es, jam noli peccare, ne deterius tibi aliquid „ contingat, ſiehe du biſt geſund worden / ſuͤndi - „ ge hinfuͤro nicht mehr / damit dir nicht et - „ was aͤrgers widerfahre: Aus welchem Son - nenklar erhellet / daß die Kranckheiten und ſchwerliche Leibs-Zuſtaͤnd urſpruͤnglich her - ſtammen von der Suͤnd; Anno 170. zur Regie - rung Kayſers Marci Aurelii und Lucii Veri, hat in dem Roͤmiſchen Reich ein unerhoͤrte Conta - gion graſſiret / diß haben verurſacht die Suͤn - den / ſchreibt Baron. 7. n. 2. in eo anno. Anno 225. unter Regierung Galli und Voluſiani, iſt ein ſo grauſame Peſt eingefallen / daß man die tod - ten Coͤrper nicht mehr koñte zur Erden beſtat - ten / dahero ein jeder ihme ſelbſt ein Gruben graben / und ſo er ſich uͤbel befunden / freywil - lig ſich in dieſelbe gelegt / ſich dergeſtaltẽ ſelbſt begraben / diß alles iſt herkommen von der Suͤnd / ſchreibt Paulus Oroſ. lib. 7. c. 21. An. 544. iſt eine ſo reiſſende Peſtilentz entſtanden / daß dieſelbe faſt den gantzẽ Erdboden durchſucht / und nicht ein Ort unberuͤhrter gelaſſen / dieſes allgemeinen Elends iſt keine andere Urſach er - funden worden / als die Suͤnd / ſchreibt Proco -pius153[159]Mercks Wienn.pius lib. 2. de bell. Perſ. Anno 1630. iſt Jtalien ſehr von der zehrenden Peſt betrangt worden / dieſe hat niemand anderſt angeſteckt / als die Suͤnd / ſchreibt Paziuke. lect. 10. ſup. Jon.
Anno 1679. hat die vornehme Stadt Wienn in Oeſterreich eine ſo ſtarke Peſt ausge - ſtanden / daß wann man einen jeden haͤtte ſol - len in ein beſonders Grab legen / und ſelbiges nach Chriſtlichem Brauch mit einem Creutz beſtecken / waͤre hierzu faſt ein halber Wald erfordert worden / wer weiß / ob dieſes Ubel nicht werde den ganzen Teutſchen Boden durchwandern / wie es ſich ſchier anlaͤſſet / und ſoll? und ſoll? und ſoll dieſe Ruthen nicht von der Suͤnd herruͤhren?
DAs Wienneriſche Lazareth / wie all - gewoͤhnlich / ligt auſſer der Stadt / gegen Nidergang der Sonnen / bey einem rinnenden Waſſer / mit Namen Al - ſterbach / und iſt alſo bequemlich gebaut / daß der Lufft / und durchſtreichende Wind ſelbiges aller Seiten reinigen kan / in Mit - ten deſſen ſtehet ein ſchoͤn-erbaute und groſ - ſe Capellen / allwo der Heilige Gottes-Dienſt nach Chriſtlichem Gebrauch taͤglich gehaltenLwird;154[160]Mercks Wienn.wird? Obgedachtes Gebaͤu iſt neben vielen bedienten Zimmern / abſonderlich mit groſſen Haupt-Stuben verſehen / benanntlich / S. Sal - vator-Stuben / S. Maria-Stuben / S. Rochi - Stuben / S. Sebaſtiani-Stuben / S. Joannis - Stuben / S. Roſalia-Stuben / S. Joſephi-Stu - ben / S. Anna-Stuben / S. Magdalena-Stuben / die Schutz-Engel-Stuben / S. Antonii-Stu - ben / S. Dominici-Stuben / S. Ignatii-Stu - ben / S. Xaverii-Stuben / S. Joannis Dei - Stuben; Weilen nun die leidige Seuche der - geſtaltẽ gewachſen und zugenommen / daß die - ſes allgemeine Lazareth fuͤr die Kranke viel zu eng und unfaͤhig erkennt worden; Alſo hat die wachtſame Obrigkeit das neue und groſſe Contumatz-Gebaͤu in ein neues Lazareth ver - kehrt / deßgleichen iſt auch in deꝛ Leopoldſtadt ein beſonders aufgericht wordẽ / wie nicht we - niger in anderen Vorſtaͤtten ſolche gehoͤrige Vorſichtigkeit geſchehen? Seynd demnach in den Lazarethen / in den Haͤuſern / in den Gaͤr - ten / auf den Gaſſen / in den Huͤtten / in der Wiennſtadt / in den Wieneriſchen Vorſtaͤtten dieſes Anno 1679. Jahrs / inneꝛhalb 6. Monat / durch die Peſtilenziſche Seuch faſt auf Sie - benzig Tauſend Menſchen dahin geriſſen wor - den / wie man von hoher Obrigkeit gewiſſen Bericht deſſen erhalten / und trifft dahero kei - nes Wegs mit der Warheit zu / die erdichte groſſe Summa / welche der gemeine grundloſe Ruff allenthalben ausgebreit: Es iſt leider ein groſſe Anzahl / ein merkliche Straff / einunbe -155[161]Mercks Wienn.unbeſchreibliche Tragoͤdi / ein unausloͤſchli - ches Angedenken / ein ewiges Merks-Wienn.
Vor einem halben Jahr / aus dieſen ſo viel tauſend Perſonen / iſt vielleicht nicht einige geweſt / die ihr haͤtte ein ſo geſchwinden Tod eingebildet; aber laſt es euch eine Witzigung ſeyn ihr Menſchen-Kinder und gedenket fein / daß der Tod gewiß / die Stund deß Tods un - gewiß.
Heut ſteheſt holdſelige Dame unter lauter Edlgeſtein / vielleicht morgen oder uͤbermorgẽ wiꝛſt du ſchon ligen unteꝛ dem Grabſtein; hoch und ſinnreicher Kopff / heut heiſt man dich einen Doctor, vielleicht morgen wirſt du heiſſen ein Todter? Reicher Kauff - und Handels - mann / heut ſteheſt du unter ganz Ballen deß koͤſtlichen Tuchs / vielleicht morgen ligſt du ſchon unter den Bar-Tuch; Baur und Ackers - mann / heut grabſt du auf dem Acker / vielleicht morgen graͤbt man dich in den Gotts-Acker / ihr Schlemmer und Demmer / heut heiſt es noch bey euch geſegn GOtt / morgen vielleicht troͤſt euch GOtt; auch ihr Geiſtliche ſeyd diß - fals nicht befreyt / heut ſeyd ihr Geiſtlich / mor - gen vielleicht ſchon ein Geiſt; Haͤtt euch bald vergeſſen ihr Hofleut / ihr prangt heut zu Hof / morgen vielleicht auf dem Freithof; Dero - halben dann ſeyd alle Augenblick bereit zu der ungewiſſen Tods-Stunds / und ſpart die Buß nicht auf die Letzt.
Belſazer der Koͤnig / nachdem er den Tempel GOttes beraubet / und ein koſtbaresL 2Pan -156[162]Mercks Wienn.Panquet angeſtellt / da nun die Glaͤſer leer / die Koͤpff voll / komt ein Geſandteꝛ von GOtt / und deutet dem Koͤnig den Tod an / wer hats vermeint? Amon der Koͤnigliche Prinz iſt bey der Mahlzeit nichts als froͤlich geweſen / wie dann der Wein ein Arreſt iſt der Melancholey / ſiehe / als er den Becher in den Haͤnden haltet / muſte ſein Leben herhalten / wer hats ver - meint? Æcolampadius ſtirbt uhrploͤtzlich im Bett / wer hats vermeint? Carolus, Koͤnig zu Navarra, verbrinnt im Feur / wer hats ver - meint? Zu Wienn ſeynd dieſes Jahr ſo viel tauſend geſtorben / wer haͤtts vermeint? Nie - mand; So iſt dann das Jahr / das Monat / der Tag / die Stund / der Augenblick ungewiß / deßwegen O Menſchen Kinder! haltet jeder - zeit den Tod vor Augen / und laſſet deſſen Ge - daͤchtnus nimmermehr in euch erloͤſchen / ſpart die Buß nicht bis in das Tod-Bettel.
Von der groſſen Buͤſſerin Magdalena ſchreibt der Evangeliſt / daß ſie die Allabaſter - Buͤchs / worinn die koͤſtliche Salben / habe mit Fleiß zerbrochen / Fracto allabaſtro: Alſo iſt auch mein herztreuiſter Rath ihr Menſchen / ſofern ihr etwann eine Sparbuͤchſen fuͤr die Buß habt / brecht dieſelbige / ſpart doch nicht ein Viertel Stund euer Buß auf / zumal nicht ein Augenblick von der kuͤnfftigen Zeit in eurer Macht ſtehet.
CHriſtus der HErꝛ iſt geſeſſen bey dem Brunnen / und mit der Samaritanin geredt / das Volk iſt geſeſſen auf dem Heu in der Wuͤ -ſten157[163]Mercks Wienn.ſten / Elias deꝛ Prophet / als er von dem ſchlim - men Weib Jezabel geflohen / iſt geſeſſen unter einer Cronabett / Salomon iſt geſeſſen auf ei - nem Koͤniglichen Thron / Mardocheus der from̃e Jud iſt geſeſſen vor dem Palaſt deß Koͤ - nigs Aſſveri / der gedultige Job iſt geſeſſen auf dem Miſthauffen / Matthaͤus damals noch ein Geld - und Gold-Egel und Jgel iſt geſeſſen auf der Zollbank / Petrus iſt geſeſſen in dem Vorhof deß Hohenprieſters / ehe ihn noch das Weibl Herzlos und Treulos gemacht / der Blind / welcher die Huͤlff JEſu von Nazareth deß Sohns David gebeten / iſt geſeſſen auf dem Weg / Magdalena iſt geſeſſen bey den Fuͤſ - ſen deß HErꝛn / und hat das Wort GOttes angehoͤrt / Joannes und Jacobus wolten ſi - tzen mit CHriſto in ſeinem Reich / ꝛc. Moͤcht einer fragen / wo ſitzt der boͤs Feind? antwort: Nicht auf einem Seſſel / nicht auf einem Stein nicht auf einem Stuhl / nicht auf einem Block / ſondern auf einer langen Bank / und allda ertapt er die meiſte ungluͤckſelige Seelen / dañ die jenige / ſo ihr Buß / und Pœnitenz auf die lange Bank ſchieben / gerathen gemeiniglich in die Haͤnd deß hoͤlliſchen Erbfeinds; weil den Sitz im Himmel GOtt dem Lucifer nicht vergunt / aus Urſachen / daß er ihn gar zu hoch geſtellt. Similis ero Altisſimo, alſo hat dem Him - mel zu Trutz / der Hoͤlliſche Neid-Vogel die lange Bank aufgebracht / auf welche die un - beſonnene Adams-Kinder ihre Buß ſchieben / und hierdurch der ungluͤckſeligen Menſchen ewiges Heyl verſcherzt wird.
L 3Mit158[164]Mercks Wienn.Mit Erlaubnus deß Allerhoͤchſten klopff ich an der Hoͤll an / und forſche aus einem oder dem andern die Urſach ſeiner Verdamnus / ſag her / der du dorten mitten unter den feurigen Schlangen und Ottern ſitzeſt / auch dieſer elen - diglichen Geſellſchafft auf Ewig nicht mehr entgehen kanſt / eroͤffne mir die Urſach deines Verderbens? ich / antwort er / bin den uͤppigen Wolluͤſten ergeben geweſt; und dem ſtinken - den Venus-Luder nachgeſetzt / hab mir aber vorgenommen / ich wolte ſchon einmal ſol - ches Hoͤllkoͤder verlaſſen / und die gebuͤhrende Buß ergreiffen / bin aber unverhofft ermordt worden / iſt demnach das Aufſchieben auf die lange Bank die Urſach meines ewigen Ver - derbens / O ewig!
Sag her / der du alldort in dem zerlaſſenen Metall / wie ein Aꝛbes in einem ſiedenten Hafen empor ſtrudleſt / was hat dieſe deine Verdam̃ - nus verurſacht? Ant. Jch hab eine lange Zeit / ein unausloͤſchlichen Haß getzagen gegen einẽ / jedoch mir vorgenommen / im Todbettl einmal denſelben ablegen / und mich mit GOtt und dem Nechſten verſoͤhnen / bin aber urploͤtzlich an einem Steck-Cathar geſtorben / und alſo Ewig verdorben / iſt deſſenwegen die Urſach meines Ewigen Unheils das Aufſchieben auf die lange Bank.
Sag her / der du mitten in den Flam - men wie ein Salamandra brenneſt / wer hat dich in dieſe unendliche Pein geſtuͤrzet? Ach ant - wort er / ich hab der verfuͤhrenden Welt-Reglnachge -159[165]Mercks Wienn.nachgelebt / und allen leiblichen Siñlich keiten den freyen Paß zu aller Frechheit erſtatt / ich hab aber diß kraͤfftige Vorhaben geſchoͤpfft / ſo ich werde alte Jahr und Haar erreichen / mich zu beſſern / und ſo dann gebuͤhrende Buß wuͤrken / bin aber unverhofft von der Peſt er - griffen worden / wordurch mir der Verſtand verruckt / und folgſam unbereitet geſtorben / dahero die Urſach meines ewigen Unheils / das Aufſchieben auf die lange Bank / dieſe Ant - wort geben mir viel hundert tauſend armſeli - ge verdammte Seelen. O wie wahr iſt es was der Poet ſagt:
Geſetzt aber / O bethoͤrte Gemuͤter / daß ihr von dem gaͤhen Tod nicht hingeriſſen werdet / ſondern in den Tod-Bettl noch ein Zeit gewin - net zur Buß / ſo muͤſſet ihr doch fuͤr ein unab - leinliche Warheit halten / daß derglechen auf - geſparte Reu gar ſelten vor dem Angeſicht GOttes guͤltig iſt / dann es ſpricht mein Heil. „ Erz-Vatter Auguſtinus, die Buß eines Kran - „ ken und Schwachen / foͤrcht ſie ſeye auch „ ſchwach / die Buß eines Sterbenden / foͤrcht ſie ſterbe gleichmaͤſſig! Pœnitentia, quæ ab Infirmo petitur, infirma eſt, quæ à morienta pe - titur, timeo ne & ipſa moriatur, Lib. 5. Hom. 14. Dann wann du damal erſt in dem Tod-Bettel wilſt Buß thun / da du nichtL 4mehr160[166]Mercks Wienn.mehr ſuͤndigen kanſt / ſo haben dich die Suͤnden verlaſſen / und du nicht die Suͤnden. GOtt hat in ſeinem Alten Teſtament allerley Thier fuͤr beliebige Opffer angenommen / allein die Fiſch hat eꝛ geweigert / aus Urſachen / weil man dieſelbe nicht lebendig koͤnne in den Tempel zu Jeruſalem bringen / todte aber und abgeſtan - dene Fiſch doͤrfften fuͤr ſeinen Augen nicht er - ſcheinen; alſo auch ſchwache / krafftloſe und gleichſam todte Pœnitenz und Buß im Todt - Bettel / iſt dem Goͤttlichen Angeſicht ein miß - faͤlliges Opffer: Deßgleichen hat auch der al - lerhoͤchſte GOtt von ſeinẽ Opffer den Schwa - nen außgeſchloſſen / ob ſchon der Schwan mit ſeiner weiſſen Farb als einer Engliſchen Libe - ree gar fuͤglich pranget / dannoch konte er un - ter die GOtt gewidmete Opffer nicht gezehlt werden / und weil dieſꝛ gefiedeꝛte Geſell ein Siñ - bild und Abriß iſt eines Suͤnders / der ſeine Bekehrung in das Todt-Bettel ſparet / dann der Schwan die gantze Lebens-Zeit ſtill - ſchweiget / und nur ſinget / wann er auff hoͤrt zu leben: Es iſt aber mein gaͤntzliche Auſſag nicht / daß eine jede in das Todt-Bettl geſparte Bekehrung unguͤltig ablauffe / zumalen gar zu wol bekant der jenige Diſmas, welcher zu der rechten Seiten CHꝛiſti gehenckt / und dannoch den rechten Weg zum Himmel antroffen / aber aus tauſend / aus zehen tauſend geraͤth es kei - nem alſo gluͤcklich wie dieſem / ſondern wie das Leben / iſt der Tod eben; Derohalben dann ſpart die Buß nicht in das Sterbſtaͤndl / inwelchem161[167]Mercks Wienn.welchem kaum deꝛ Gerechte wegen ungeſtuͤmeꝛ Nachſtellung deß boͤſen Feinds obſiget / dann unbeſchreiblich ſcheinet es / was ein Sterben - der / auch ein Gerechter und Gewiſſenhaffter fuͤr Trangſalen ausſtehet.
Wie die Eva ſo unbedachtſam ſich von der hoͤlliſchen Schlangen hat laſſen vergiften / hat GOtt in dero Gegenwart die groͤſte Bos - heit deß boͤſen Feinds entdeckt mit dieſen Wor - „ ten / Tu inſidiaberis calcaneo ejus, du Hoͤll - „ Schlangen wirſt der Eva / und was ins „ kuͤnfftig von ihr herſtammen wird / ihren „ Fuß-Ferſen nachſtellen; ein Wunder! und noch einmal ein Wunder! Viel ehender haͤtt ich vermeint / der leidige Satan wuͤrde nach - ſtellen deß Menſchen Augen / dann mit den Au - gen verſuͤndiget man ſich nicht wenig / Augen ſeynd ſie dann nicht glaͤſerne Liebsbotten? Au - gen ſeynd ſie dann nicht heiſſe Brenn-Glaͤſer? Augen ſeynd ſie dann nicht Criſtallene Kupler? Den David um Bericht; Dazumal / als er die Berſabea unziement angeblickt; Jch haͤt - te vermeint der Lucifer ſolte ehender den Oh - ren deß Menſchen nachſtellen / dann mit den Ohren verſuͤndiget man ſich nit wenig / wann man ungereimte Reim ſinget / wie gern hoͤrt mans? Wann man deß Nechſten Namen ſtemplet und ſtimlet / wie gern hoͤrt mans? Jch haͤtte vermeint / der boͤſe Feind wuͤrde ehender nachſtellen dem Mund deß Menſchen / als den Fuß-Ferſen? Dann mit dem Maul verſuͤn - diget man ſich zum mehriſten / das Maul iſtL 5Hafen /162[168]Mercks Wienn.Hafen / worinn alle Unwarheiten gekocht wer - den / das Maul iſt ein Gewoͤlb / wo die Fluch - Wort ohne Mas verkaufft werden; Oder ich haͤtte vermeint / als ſolte der boͤſe Feind den Haͤnden deß Menſchen mehriſten nachſtellen / dann mit wem duelliert man? Mit wem tra - puliert man? Mit wem ſpoliert man? als mit den Haͤnden? Oder ich haͤtte vermeint der boͤ - ſe Feind ſolte nachſtellen deß Menſchen ſeinem Herzen / dann die boͤſe Gedanken wachſen auf dem Acker deß Herzens / der Neid logiret in dem Quartier deß Herzens / die ſchnoͤde Lieb breñt ja auf dem Heerd deß Herzens / der Zorn wird abgeſchoſſen von dem Bogen deß Herzens. Tu inſidiaberis calcaneo ejus. Warum ſoll dann die hoͤlliſche Schlangen den Fuß-Ferſen deß Men - ſchen ſo ſtark nachſtellen? Verſuͤndiget ſich doch niemand weniger als mit den Ferſen? All - hie iſt zu merken / daß nicht alles dem Buch - ſtaben nach in Goͤttlicher Schrifft auszuleſen iſt / dañ ſonſten muͤſten faſt alle Menſchen auf Krucken hinken / weil die H. Bibel alſo lautet / wann dich dein Fuß aͤrgert ſo ſchneidt ihn ab? ſon - dern es hat zum oͤftern der H. Geiſt unter der Schalen ſolcher Wort / den Kern der groͤſten Geheimnus verborgen: Jndeme dann GOtt von der hoͤlliſchen Schlang redet / daß ſelbige deß Menſchen Fuß-Ferſen werde nachſtellen / ſo iſt hierdurch nicht der unterſte Theil der Fuͤß angedeut / ſonder wie es weislich ausleget Lorinus, durch die Ferſen / als der letzt Theil deß menſchlichen Leibs / wird verſtandendas163[169]Mercks Wienn.das letzte Sterbſtuͤndl deß Menſchen / und dieſem ſtellet der Satan am hefftigſten nach / und in ſolchem letzten Streit wendet er alle Kraͤfften an / den armen Sterbenden zu ſtuͤrzen.
O unbeſchreibliche Aengſten in dem Tod - Bettl! So bald deß Menſchen letztes Stuͤndl herbey nahet / ſo umgeben unverzuͤglich die hoͤlliſche Larven das Bettl / nicht anderſt / als wie die Geyer ein Tauben / nicht anderſt / als wie die Hund ein Hafen / nicht anderſt / als wie die Raben ein Toden-As / und da iſt kein Gewalt / den ſie nicht probieren / kein Liſt / den ſie nicht verſuchen / kein Weis / die ſie nicht an - nehmen / kein Schrecken den ſie nicht verurſa - chen / kein Abſcheulichkeit / die ſie nicht anziehẽ; da zeigen ſie den armen Sterbenden alle Tag / alle Stund / alle Augenblick / die er gelebt hat / zum Exempel / es iſt ein Sterbender / welcher gelebt hat dreiſſig Jahr / dem werden die boͤſe Feind zeigen / zehen tauſend / neun hundert und funfzig Tag; ſie werden ihm zeigen zwey - mal hundert tauſend / zwey und ſechzig tau - ſend / und acht hundert Stund; Sie wer - den ihm zeigen fuͤnfmal hundert tauſend / fuͤnf und zwanzig tauſend / ſechs hundert hal - be Stund; Sie werden ihm zeigen zehenmal hundert tauſend / ein und funfzig tauſend / zwey hundert Viertel Stund / ja ſo gar wer - den ſie dem Steꝛbenden vor Augen ſtellen fuͤnf - zehen tauſendmal tauſend / ſiebenmal hun - dert tauſend / und acht und neunzig tauſendAugen -164[170]Mercks Wienn.Augenblick oder Minuten; und ein jedem ganz genau vortragen / was er in demſelben Augen - blick gethan / und was er zu thun unterlaſſen; Die gute Werk / ſo er gewuͤrkt / die werden ſie vergroͤſſern / die Barmherzigkeit GOttes wer - den ſie vermindern / die Gerechtigkeit GOt - tes werden ſie vermehren / die Hoffnung wer - den ſie baufaͤllig / die Verzweiflung werden ſie gleichſam nothwendig machen / O ein er - ſchroͤcklicher Streit deß Sterbenden.
Der H. Graf Elzearius lebte mit einem Apoſtoliſchen Eiffer in immerwaͤhrender Un - ſchuld / faſt wie ein irdiſcher Engel / alſo daß er mit vielen Wunderwerken geleuchtet; dieſer / wie er ſich auf das vollkommneſte zu den Tod bereit / ſich auch gaͤnzlich in die heiligſte Wun - den JEſu / wie ein Tauben in die ofne Ritzen deß Felſes / verſchloſſen / hat gleichwol ein trauriges Ageſicht und ganz forchtſame Ge - berden in ſeinem Sterbſtuͤndl gezeigt / endlich in dieſe Wort ausgebrochen: O quam ego ma - gnam experior eſſe poteſtatem Dæmonum in mo - rituros: O! wie erfahre ich jetzunder / wie die boͤ - ſe Feind einẽ gꝛoſſen Gewalt haben in die Steꝛ - bende! Schweigt hieruͤber ein wenig ſtill / end - lich ſchreit er wieder auf folgendlichen Lauts Vici, Vici, ich hab uͤberwunden / uͤberwunden: ſeine allerletzte Wort ſeynd geweſt / wie folgt / me totum cenſuræ Divinæ ſubmitto, ich unter - wuͤrffe mich gaͤnzlich dem Goͤttlichen Urthl.
Wann dann ein ſolchen gefaͤhrlichen Stꝛeit und eꝛſchꝛoͤcklichen Kampff hat ausgeſtandenein165[171]Mercks Wienn.ein Heiliger / ein ſolcher / der nichts anders ge - than als Guts / ein ſolcher / der nur ſtets in den Armen deß gecreutzigten JEſu gehangen / ein ſolcher / deſſen Augen ſeynd geweſt ein Spiegel der Unſchuld / deſſen Mund iſt geweſt ein Chor deß Goͤttlichen Lobs / deſſen Ohren ſeynd ge - weſt Porten der Keuſchheit / deſſen Haͤnde ſeynd geweſt ein Speis-Gwoͤlb der Armen / ein ſolchen? Deſſen Fuͤß ſeynd geweſt Currier der Andacht / deſſen Herz iſt geweſt ein Thron und Sitz deß Heiligen Geiſts / hat ein ſolcher / der ganz Vollkommen und Heilig / einen ſo ſtꝛengen Streit muͤſſen ausſtehen in ſeinem Sterbſtuͤn - del mit dem boͤſen Feind? Wie wird es mir und dir ergehen? Wie dem jenigen / welcher ſein Bekehrung und Buß dahin Sorg-los aufge - ſpart? O erſchroͤcklich; die H. Gerdrudiß hat bekennt / ſie wolle lieber bis auf den Juͤngſten Tag mit bloſſen Fuͤſſen auf gluͤenden Koh - len gehen / als nur noch einmal wie ihrs CHriſtus gezeigt / auf ein Augenblick anſich - tig werden einer hoͤlliſchen Larven: Dionyſius Cartuſianus iſt in deꝛ gaͤnzlichen Auſſag / daß deꝛ hoͤlliſche Satan einem jeden Sterbenden er - ſcheine / die allerſeligſte Mutter GOttes al - leinig ausgenommen; Der Heilige Biſchoff Martinus hat in ſeinem Tod-Bett geſehen den boͤſen Feind in der Geſtalt einer grauſamen Beſtien / deſſenhalben er gantz beherzt / auf - geſchrien / quid aſtas cruenta beſtia! was ſteheſt du dar blutiges Thier! Jn Oeſterreich hat ein vornehmeꝛ vom Adel in ſeinem Seeꝛbſtuͤndlgeſe -166[172]Mercks Wienn.geſehen ganz feurige Waͤgen / und darauf ganz Kohl-ſchwarze Kutſcher; Scher. in Con. Dom. 1. quad. Anno 1557. ſeynd einem getauf - ten Juden in dem Tod-Bett viel hundert tau - ſend Geiſter erſchienen / in Geſtalt feuriger Schlangen / derẽ groͤſte ihn wie ein Wißbaum gedunkte / O erſchroͤcklich / Hioronymus Plati ſchꝛeibt von Hugone einem vornehmen Herꝛn / nachdem derſelbe viezig Jahr den oͤden und ſchnoͤden Welt-Wolluͤſten nachgeſetzt / iſt er endlich einen ſtꝛengen Orden eingetretten / daꝛ - inn wuͤrdige Buß gewuͤrket ganzer drey Jahr / nach welcher Zeit er in toͤdtliche Krank - heit gerathen / und endlich in ſein Steꝛbſtuͤndl / damals ſeynd ihm funfzehen tauſend boͤſe Feind erſchienen / ſo alle mit unbeſchreibli - chen Grimmen ihn zur Verdammnus reiſſen wolten / dafern es die geuͤbte Buß-Werk nicht verhindert haͤtten. Euſebius iſt geweſt ein Di - ſcipl deß H. Hieronymi, hat gleichmaͤſſig in deſ - ſen gottſelige Fußſtapffen getretten / fuͤhrete einen unſtraͤfflichen Wandel / ware bekannter dem Himmel / als der Erd; als dieſer einge - fleiſchte Engel in das Sterbſtuͤndl kommen / hat er dergeſtalten von den hoͤlliſchen Larven gelitten / daß er derentwegen ganz entſetzliche Geberden gezeigt / und als die herumſtehende Geiſtliche vor Schrecken zur Erd niederge - fallen / hat er mit heller Stimm aufgeſchrien: Nonne videtis Dæmonum acies, qui me de - „ bellare contendunt? Sehet ihr dann nichtganze167[173]Mercks Wienn.ganze Armeen der hoͤlliſchen Feind / die mich zu uͤberwinden begehren? O erſchroͤcklich.
Cæſareus ſchreibt / daß der Satan eineſt aus einer beſeſſenen Perſon habe bekennt / daß er bey dem Tod eineꝛ Benedictiner-Aebtiſſin ſeye geweſt / und haben ſeine Mitgeſpan in ſolcher Menge ſich allda befunden / daß der groͤſte Wald zu gruͤner Mayen-Zeit nicht ſo viel Blaͤtter zehlet; O erſchroͤcklich! Stehen ſolche Streit aus die jenige / welche doch ganz Ge - wiſſenhafft gewandlet / und ihre Lebens-Zeit in der Forcht GOttes moͤglichſt zugebracht / was Aengſten werden dann dieſelbige uͤber - haͤuffen? welche wie die blinde Maulwuͤrff ihren Luſt nur in die Erd und in das Jrꝛdi - ſche geſetzt? ſchier niemal das Ewige vor Au - gen geſtellt / ſondern die heilſame Bekehrung und Reu in das ungewiſſe Sterbſtuͤndl aufge - ſchoben / in welchem auch die Gerechtiſte in der Gefahr ſtehen.
Filii hominum usque quo gravi corde? O un - behutſame Menſchen-Kinder / laſſer dißfalls eure harte Gemuͤter erweichen / von der War - nung ſo euch der Heyl-liebende JEſus ſelbſten in die Ohren ſchreyt / Vigilate, wachet / dann ihr wiſſet nicht zu welcher Stund der HErꝛ kommen wird / Matth. 24. Jſt es / daß ihr aus menſchlicher Schwachheit ſeyd gefallen / ſo fallet wieder / aber zu den Fuͤſſen Chriſti mit Magdalena / und ſchiebet nit auf / die Reu-vol - le Bußzaͤhren in das Sterbſtuͤndl / zumal unbe - kant / wann der HErꝛ kommen wird / und euchfordern168[174]Mercks Wienn.fordern in die Ewigkeit; O wann es der Al - lerhoͤchſte geſtatten thaͤte / daß nur einer aus ſo viel tauſend Menſchen / welche von hier die - ſes Jahr in die Ewigkeit geſchieden / ſolte aus einer groſſen Gruben auferſtehen / und predi - gen / glaube wol / ſeine ganze Rede wuͤrde in folgenden Worten beſtehen / quærite Domi - num dum inveniri poteſt, Joan. 55.
ZU End deß Monats Novemb. erſt ver - wichenen Jahrs iſt von einem Evange - liſchen Paſtor in eineꝛ voꝛnehmen Reichs - ſtadt / dero Namẽ ich dißfalls verſchweige / of - fentlich gepꝛediget wordẽ / wie dz in der Stadt Wienn bey graſſierender Peſt die Leut ohne einigen Geiſtlichen Troſt ſeyen elend dahin ge - ſtorben / ja es ſeye die Wehemuͤtigkeit der be - trangten Leut vergroͤſſert worden nit ein we - nig / durch die ſorgloſe Obſicht der Geiſtlichen / ſondern ſo wol Muͤnch als Pfarherꝛn haben alle Seelſorg beyſeit gelegt / und ſich entweder zwiſchen vier Mauren in Sicherheit gehalten / oder aber fern von der Stadt die Flucht ge - nommen. Ob ich zwaꝛ von obberuͤꝛhtem Pfarꝛ - herꝛn in Glaubens-Articul entzweyet bin / ſo hat uns doch beede der Taufſtein anverwandt gemacht / dahero ich dißfalls nicht mit unge - ſchlachten Worten und knopertẽ Wider willen ihn anzuſchnarchen geſinnt bin / ſondeꝛn als ei - nen lieben Freund benachrichtige ich ihn / wie daß mir nit einfaͤllt / als habe er ſolche Zeitung mit einem poetiſchẽ Ham̃er geſchmidet / ſondeꝛn ich glaube / es habe ein mißgoͤnende Fedeꝛ ſolche Unwarheit und grundloſe Geſchicht uͤber - ſchrieben / ich nimm aber der Seits meine eigne Glaubens-Genoſſen nicht zu Zeugen / ſondern euch Evangeliſche ſelbſt / die ihr hin und her bey ſolcher trangſeligen Zeit in der Wiennſtadt habt gewohnet / bekennt mir / habt aber vorMAugen170[176]Mercks Wienn.Augen das jenige Ohr / ſo alles hoͤret / beken - net mir um die Wunden unſers allgemeinen Heylands / der da mich und euch richten wird / ſagt an / ob nicht allerſeits allein genugſame / ſondern wol uͤberfluͤſſige Obſorg wegen der Seelen geſchehen ſeye.
Und hat ſolche weiſeſte Anſtalt gemacht der Hochwuͤrdig und Hochgelehrte Hr. Joann Baptiſta Meyer / der Heiligen Schrifft Doctor, Jhro Kaͤiſerl. Majeſt. Rath / wie auch Jh - ro Fuͤrſtl. Gnaden und Biſchoff zu Wienn Vic. Gener. und Officialis, welcher die ganze Peſt-Zeit zu allgemeiner Seelſorg allhier ver - blieben / und iſt durch Goͤttliche Beyhuͤlff noch bey gewuͤnſchter Geſundheit.
Bekant iſt jene Parabl und Gleichnus / ſo aus dem ſuͤſſeſten Mund der vermenſchten Goͤttl. Weisheit gefloſſen / wie nemlich das Himmel - reich gleich ſeye einem Haus-Vatter / der an Morgen fruͤhe ausgieng Arbeiter zu dingen in ſein Weingarten / als er nun etliche zu unter - ſchiedlichen Zeiten angetroffen / hat er ſie in ſeinen Weingarten gewieſen um den billichen Lohn / da es nun bey Untergang der Sonnen zur Bezahlung kommen / und die jenige / ſo den ganzen Tag in Arbeit emſig waren / nicht hoͤher belohnt worden / als dieſelbige / welche nur den halben Tag geaꝛbeit hatten / al - ſo iſt es ihnen zu verſchmachen gefallen / und ſchier unbillig vorkommen / daß nemlich lan - ge Arbeiter / und langſame Arbeiter / ſollen mit gleichen Lohn beſoldet werden / deſſenwegen gegen den Haus-Vatter ſich murreriſch be - klagt / ſprechend: Qui portavimus pondus diei &æſtus,171[177]Mercks Wienn.æſtus, die wir deß Tags Laſt und Hitz getra - gen haben / ſollen nicht beſſer belohnt werden als die andere? Als woͤllen ſie ſagen / es ſeye kein redlichs Stuck / und koͤnne dißfalls der Haus-Vatter kein redlicher Mann verbleiben
Liebe Arbeiter euer murrige Zung kan ich dermalen nicht loben / aus Urſachen / weil euch der gedingte Lohn nicht iſt geweigert worden / doch aber verdienet / muß bekeñen / ge - buͤhrendes Lob euer arbeitſamer Eyffer / in dem Weingarten gearbeitet habt / laſſet aber euch nicht traumen / als ſeyd ihr die allerfleiſ - ſigſte / dann ich zeige euch weit lobwuͤrdigere / welche in dem Weingarten GOttes nicht nur deß Tages Laſt und Hitz getragen / ſondern auch ganze Naͤcht unablaͤßlich ihre Muͤhe und Arbeit nicht geſparet / dieſe ſeynd geweſt die Geiſtliche und GOtt-gewidmete Prieſter - ſchafft zu Wienn / bey ſolcher leidiger Zeit; dann als erſtgedachte Contagion unvermuthet uͤber Hand genommen / und von hoher Geiſtli - cher und weltlicher Obrigkeit aus vaͤtterli - cher Obſorg ſowol Decreta als auch freundli - che Erſuchungen an alle Geiſtliche abgeloffen / da iſt mit Verwunderung zu ſehen geweſt / mit was Eiffer ſich die Seelſorger anerbotten / ja in viel Kloͤſteꝛn ereignet ſich ein faſt loͤbliche Strittigkeit / indeme einer vor dem andern aus Apoſtoliſcher Jnbrunſt zu ſolchem See - len-Werk ſich wolte brauchen laſſen / dahero dieſe Geiſt-reiche Maͤnner Tag und Nacht / fruͤhe und ſpat die Kranke beſucht / die Kran - ke verſehen / dieſelbe getroͤſtet / geſtaͤrkt / ſich nicht geſchichen in ſolche Zim̃er einzutretten /M 2wo172[178]Mercks Wienn.wo zuweiln drey und vier Peſtierte gelegen / wo das Gifft wie ein blauer Dunſt die ganze Wohnung verfinſtert / wo man uͤber die Tod - ten-Coͤrper hat muͤſſen ſchreiten / wo allerſeits der traurige Tod vor Augen ſchwebte; alles dieſes uͤberhaͤuffte Elend thaͤte ſie nicht ab - ſchroͤcken von ihrem Seelen-Eiffer.
Ein witziger Poet hat auf ein Zeit einem ſolchem emſigen Seelſorger dieſes Sinnbild geſtellt / nemlich auf einem guldenen Leuchter eine ſchoͤne brennende Kerzen / ſo faſt ganz da - hin abgeronnen / mit beygefuͤgter Schrifft: Officio mihi officio, andern zu Ehren / thu ich mich vezehren: Solches kan in aller Warheit von den Wienneriſchen Geiſtlichen ausgeſpꝛo - chen werden / daß ſie nemlich wegen der Nech - ſten ihr eigne Leibs-Geſundheit / ja ſo gar das Leben in die Schantz geſchlagen / welches der Allerhoͤchſte ungezweifflet mit der ewigen Cron belohnet.
Jener Herodes / von deme der Eiffer-volle Prediger Joannes Baptiſta Warheit halber ent - haupt worden / hat ſeinem hupffenden Toͤch - terl um etliche uͤppige Spruͤng das halbe Koͤ - nigreich anerbotten; wird nicht leicht bekant ſeyn / daß einem die Fuͤß haͤtten ein ſo merklichs Intereſſe getragen; ſo ich aber die Augen gen Him̃el wende / faͤllt mir gleich ein troſtreichere Belohnung ein / und getraue ich miꝛ voꝛ gewiß auszuſagen / daß der allermildeſte GOtt um die vielfaͤltige Schritt und Tritt / um das bey Tag und Nacht unverdroßne Lauffen / den Geiſtlichen und Seelſorgern nicht ein halbesReich /173[179]Mercks Wienn.Reich / ſondern das allſaͤttliche Himmelreich und ewiges Heyl ertheile.
Dann hat der guͤtigſte GOtt verſprochen / auch einen kalten Trunk Waſſer nicht unbe - lohnt zu laſſen / den man ſeinet wegen den Ar - men reichet / wie wird Er dann erſt belohnen die jenige Geiſtliche / welche ihme ſo viel un - ſchaͤtzliche Seelen haben eingehaͤndiget? Hat das Waſſer in Erſchaffung deꝛ Welt dieſen ab - ſonderlichen Ruhm erhalten / daß es ein Thron deß Goͤttlichen Geiſts worden / dann anfaͤng - lich ſchwebte der Geiſt GOttes ob dem Waſ - ſer / und ſchreiben es etliche Heilige Lehrer dieſer Urſachen zu / weil damal GOtt hat vor - geſehen / daß kuͤnfftiger Zeit dieſes naſſe Ele - ment werde durch den Tauff die Erbſuͤnd ab - waſchen; was Thron / Cron und Lohn wird dann nicht verdient haben ein ſolcher Geiſtli - cher? der ſo manche Seel von den Suͤnden ge - waſchen / gereiniget / und zu einem Goͤttlichen Opffer gewidmet.
Damit aber maͤnniglich bekannt ſeye / mit was Eiffer von der Geiſtlichkeit den Kran - ken und Sterbenden ſey beygeſprungen wor - den / koͤnnte ich ein ziemliche Anzahl beyſetzen deren / ſo noch durch ſondere Goͤttliche Huͤlff bey Leben ſeyn / welche mit unſterblichem Ruhm ſolches Apoſtoliſche Amt haben voll - zogen / weil aber dero Lob-wuͤrdigſte De - mut alles Lob ſcheuet / hab ich vor gut ange - ſehen / nur die jenige allhier zu zeichnen / welche wegen deß Naͤchſten Seelen Heil / ihr Leben in dieſer Peſt willig verlohren.
R. D. Joannes Ignatius Arnezhoffer,
R. D. Georgius Schlegel,
R. D. Caſparus Matthoi,
R. D. Paulus Steffinger,
R. D. Joannes Adamus Schumacher,
R. D. Thomas Antonius Pruskauer,
R. D. Laurentius Ignatius Fugger.
R. P. Ægidius Prunnner,
R. P. Leopoldus Helmling.
R. P. Franciſcus Winſauer,
R. P. Valentinus Stærzer.
R. P. Gregorius.
R. P. Maurus Perneger,
Aus dieſem ſeynd zwar keine exponirt geweſen / wegen Abgang der Wohnung / doch ſeynd ſieben Patres geſtorben / ſo mehreſten Theil aus Beſuchung der Kranken inficirt worden.
R. P. Dominicus Schmuzer,
R. P. Dominicus Müller,
R. P. Hiacynthus Weigl,
R. P. Hiacynthus Tebetmann.
R. P. Honorius Schærff, ſo im Lazareth mit ſon - derm Eiffer gedienet. Jm uͤbrigen ſeynd viel aus dieſem Orden ausgeſetzte Seelſorger geweſt / ſo aber alle noch am Leben.
R. P. Theodoſius,
R. P. Antonius Maria,
R. P. Didimus.
R. P. Burchardus.
R. P. Conradus.
R. P. Anacletus.
R. P. Raymundus.
R. P. Chriſtianus Ponazko,
R. P. Sebaſtianus Kameringer.
R. P. Henricus à S. Anna,
R. P. Casſianus à S. Eliſæo,
R. P. Spiridion à Serapione,
R. P. Hieronymus Joſeph à S. Anna,
R. P. Alexander à S. Michaële,
R. P. Caſparus à S. Juſtino.
R. P. Maximinus à Simone Stock,
R. P. Anshelmus à S. Pelagia,
R. P. Caſparus à S. Angelo Cuſtode,
R. P. Raphaël à S. Matthæo,
R. P. Matthæus à S. Franciſco.
R. P. Don Paulus Colman,
R. P. Don Virgilius Pleiferer,
R. P. Don Maurus Haas,
R. P. Don Antonius Haſreitter,
R. P. Don Antonius Zani.
R. P. Hiacynthus Nuſſer,
R. P. Vitus Gruber.
R. P. Chryſogonus Maria Humel,
R. P. Bernardus Maria Blanchenſtainer,
R. P. Anſelmus Maria Kempter,
R. P. Petrus Maria Gatterer.
R. P. Conſtantinus Crane.
R. P. Gratianus à S. Maria,
De Fr. Antonius à S. Franciſco Laic.
R. P. Carolus ab Aſſumptione B. V.
Deren zwey erſte den 27. Auguſti in das Laza - reth gangen / allwo ſie mit unverdroſſener Muͤhe und Lieb den Kranken gedient / beede aber den ſie - benden Tag erkranket / und den achten in einer Stund ſeelig verſchieden.
Jch177[183]Mercks Wienn.Jch haͤtte wollen und ſollen ebenmaͤſſig aller Fratrum und Lay-Bruͤder der Religioſen gedencken / deren ſehr viel aus Lieb den Kranken gedienet / und nachmals auch alſo ihr Le - ben dargeſtreckt / es iſt aber mein Sinn allhier nur ſattſam dem ſchimpfflichen Nachreden zu zeigen / wie ſo gar nichts in der Seelſorg veraubſaumet worden. Haben derowegen alle obbenannte Prieſter ihr Leben aus purem Seelen-Eyffer nit allein in die Gefahr geſetzt / ſondern freymuͤhtig und gern daſ - ſelbe verlaſſen / welches ihnen ungezweiffelt der Allerhoͤchſte mit ewiger Belohnung wird vergolten haben; Ja wann man die Sachen eigentlich erweget / ſo findt ſich / daß nicht allein dieſe aus Lieb deß Nechſten geſtorben / ſondern insgeſamt alle Geiſtliche / deren in die vierdthalbhundert unter die Erd kom - men; dann dieſe nit anderſt als durch die Beichtſtuͤhl ſeynd an - geſteckt worden / werden demnach ſolche alle am Juͤngſten Tag abſonderlich prangen mit den jenigen Seelen / welche ſie bey dieſer Zeit GOTT haben gewonnen / kan ſich alſo niemand mit Fug beklagen / daß nit allweg der Geiſtlichkeit emſige Seelſorg ſey gemerckt worden. Zu wiſſen iſt aber / daß nicht allein der Eyſer deß Geiſtlichen Stands zu dieſer truͤbſeeligen Zeit ſich ſattſam gezeigt habe / ſondern es haben auch die Welt - lichen Oberen die emſigſte Obſicht und genauiſte Wachtſamkeit der Reſidentz-Stadt zu ſonderen Troſt ſpuͤren laſſen; und iſt fuͤrwar jener Kriegs-Officier tauſendfaches Lobs werth / in dem er ſo groſſe Sorg getragen uͤber den kranken Knecht zu Haus / daß er auch ſeinenthalben weder Schritt noch Tritt geſpahrt / ſondern zu dem heilmachenden JESUM geeilt / Jhme ein demuͤtigſte Supplication uͤberreicht / darinn gantz inſtaͤndig gebetten um die Geſundheit deß Knechts / und als ſich CHRJSTUS der HERR gantz willfaͤrtig anerbot - ten / den Krancken ſelbſt zu beſuchen / hat ſolches der redliche und aufrichtige Hauptmann aus Demut geweigert / ſpre - chend / HERR / ich bin nicht wuͤrdig / daß du eingeheſt unter mein Dach / ſondern ſprich nur ein Wort / ſo wird mein Knecht geſund: Ein anderer haͤtt es fuͤr die groͤſte Ehr und Glory aufgenommen / ſo der gebenedeyte Meſſias mit der hiligſten Gegenwart ſein Haus und Thuͤr-Schwellen haͤtte begnadet / aber der gute Hauptmann wolte es nicht zulaſſen / daß der HERR unter ſein Dach ſoll kommen: Jch bilde mir gaͤntzlich ein / der gute Officirer habe gedacht / in meinem Haus ſtehet alles unaufgeraumter / da ſonſten dieM 5Sol -178[184]Mercks Wienn.Soldaten zu weilen fleiſſig aufraumen / da hangt ein Sabl / dort ligt ein Spieß / da leint ein Spring-Stecken / dort ſtehet ein Picken / da ligen Wuͤrffel / dort ein Taback-Pfeiff / ꝛc. Schickt ſich alſo nicht / daß der gebenedeyte Meſſias ſoll in ein ſolches un - aufgeraumtes Quartier eintretten; Merck es wol / lauer Chriſt / daß du den ſuͤſſeſten GOtt unter der Geſtalt deß Brods nicht ſolleſt einlogiren in dein Hertz / es ſeye dann / ſelbiges werde vor - hero durch ein Reu-volle / rechte / und vollkommne Beicht wol ausgeraumt und geſaͤubert / welche Lehr dir dieſer Kriegs-Offi - cier gar gnugſam vor Augen ſtellet / und iſt der ſtattliche und fromme Hauptmann in allem und jedem Lobens werth / abſon - derlich aber ſein Sorg / Muͤhe / Fleiß / Obſicht und Wachtſam - keit / die er hatte wegen deß kranken Knecht.
Noch mehrer Lob haben verdienet alle die jenige Weltliche Vorſteher zu Wienn / die nicht allein Tag und Nacht eyffrigſt Sorg getragen uͤber die vielfaͤltige Krancke / deren zuweilen in die vier tauſend in dem groſſen Lazareth allein gezehlt worden / ſondern haben noch ihr eignes Leben der euſſerſten Gefahr / dem gemeinen Heyl zu Guten / unterworffen / ja etliche mit wuͤrck - lichen Verluſt deß Lebens gnugſam an Tag geben / wie emſig ſie ihnen das gemeine Weſen haben laſſen angelegen ſeyn / wie dann billig und fugſam alle dero Nahmen hierbey verzeichnet ſeyn.
Jhro Hochgraͤfliche Excell. der Hoch - und Wolgeborne Herꝛ Conrad Balthaſar / deß Heil. Roͤm. Reichs Graf und Herꝛ von Starenberg / Kaͤiſerl. Herꝛ Gubernator / deß hinterlaſſenen Ge - heim-und Deputirten Raths Director / und Stadt - halter der N. O. Regierung.
Jhro Hochgraͤfliche Excell. der Hoch-und Wol - geborne Herꝛ Hannß Balthaſar / Graf von Hoyos / der Roͤm. Kaͤiſerl. Maj. geheimer Deputirter Rath und Land-Marſchall in Oeſterreich unter der Ennß.
Jhro Hochgraͤfl. Gnaden der Hoch-und Wol - geborne Herꝛ Quintin / deß Heil. Roͤm. Reichs Graf Joͤrger / ꝛc. der Roͤm. Kaͤiſerl. Maj. geheimer Deputirter Rath / Hof-Cammer Vice-Praͤſident / und angeſetzter Hof-Marſchall.
Jhro Hochgraͤfl. Gnaden der Hoch-und Wol - geborne Herꝛ Carl Ludwig / deß Heil. Roͤm. Reichs Graf von Hofkirchen / der Roͤm. Kaͤiſerſ. Maj. ge - heimer Deputirter Rath / deß Kaͤiſerl. Kriegs - Rath Vice-Praͤſident.
Jhro Gn. Herꝛ Johann Oßwald Hartmann / der Roͤm. Kaͤiſ. Maj. geheimen Deputirten Raths / und N. O. Regiments Canzler.
Das180[186]Mercks Wienn.Das Collegium Sanitatis, ſo von der Hoch - loͤblichen N. O. Regierung darzu verordnet / haben verwaltet:
Der Wol-geborne Herꝛ Johann Jgnatius Spindler / Frey - und Edler Herꝛ zu Wildenſtein / Sanitatis Collegii Præſes, und N. O. Regiments - Rath.
Der Wol-Edelgeborne / Geſtreng / und Hoch - gelehrte Herꝛ Rudolph Carl Khazzius / beeder Rechten Doctor, und N. O. Regiments-Rath / wie auch / p. t. Univerſitatis Rector Magnificus.
Welchen zugegeben worden / von der Medi - ciniſchen Facultaͤt.
Der Wol-Edel / Geſtrenge und Hochgelehrte Herꝛ Paulus de Sorbait, Phil. & Medic. Doctor, Profeſſor Primarius, Jhro Majeſt. der verwittib - ten Kaͤiſerin Eleonoræ Leib-Medicus / wie auch Superintendent deß Lazareth / ꝛc.
Neben dem Inſpectore in Jnfections - Sachen.
Herꝛn Johann Andre von Liebenberg / damals Kaͤiſerl. Stadt-Richter / anjetzo aber der Stadt Wienn Burgermeiſter / mit Zuziehung deß Herꝛn Johann Schnitzenbaumb N. O. Regierungs-Se - cretari.
Jhro Hochgraͤflich Gnaden / der Hoch - und Wolgeborne Herꝛ Franz Maximilian / deß Heil. Roͤm. Reichs Graf von Mollart / der N. O. Re - gierung Vice-Stadthalter.
Herꝛ181[187]Mercks Wienn.Herꝛ Theobald Frank / beeder Rechten Doctor / und N. O. Regiments-Rath.
Herꝛ Johann Ferdinand Henthaller / beeder Rechten Doctor / und Nieder-Oeſterreichiſcher Re - giments Rath.
Herꝛ Johann Heinrich Reutter / deß gehei - men Deputirten Raths / und Regierungs Se - cretarius.
Herꝛ Johann Jacob Haͤckl / deß geheimen Deputirten Raths / und Regierungs-Secreta - rius.
Herꝛ Herman Noltaͤus / Regierungs-Se - cretarius.
Herꝛ Johann Georg Hoͤffenſtock / Regierungs - Secretarius.
Jhro Hochgraͤfliche Gnaden der Hoch - und Wolgeborne Herꝛ Wilhelm Johann Antonius / deß Heil. Roͤm. Reichs Graf von Dhaun / der Roͤm. Kaͤiſ. Majeſtaͤt Hof-Kriegs-Rath / und der Stadt Wienn Quardia Obriſt-Leutenant / damals angeſetzter Stadt-Obriſter.
Der Hoch - und Wolgeborne Herꝛ Marches Ferdinand de Obizi, &c. Stad-Quardia Obriſt Wachtmeiſter.
Der Wolgeborne Herꝛ Johann Bambey / Freyherꝛ von und zu Antrimont / der Roͤm. Kaͤiſerl. Majeſt. Hof-Kriegs-Rath / ꝛc. General-Wacht - meiſter / ꝛc.
Herꝛ182[188]Mercks Wienn.Herꝛ Hieronymus Bozo / der Roͤm. Kaͤiſerl. Majeſt. Kriegs-Rath Secretarius.
Herꝛ Peter Sebaſtian Fuͤgenſchue / J. U. D. und deß Stadts-Raths; geſtorben.
Herꝛ Johann Franz Pfeiffer von Schallam - heimb / deß Lazareths / und Burger-Spitals gewe - ſter Superintendent / geſtorben.
Herꝛ Johann Wich / geweſter Superinten - dens / deß Lazareths / und Burger-Spitals / ge - ſtorben.
Herꝛ Matthaͤus Schmiedt / der Stadt Wienn geweſter Jnfections Viertel-Commiſſarius / ge - ſtorben.
Herꝛ Georg Heyweck / der Stadt Wienn ge - weſter Jnfections Viertel-Commiſſarius / ge - ſtorben.
Herꝛ Simon Stephan Schuſter / Superin - tendent deß Lazareths und Burger-Spitals.
Herꝛ Johann Martin Drach / der Stadt Wienn Jnfections Viertel-Commiſſarius.
Herꝛ Magnus Schmutz / J. U. D. geſtorben.
Herꝛ Matthias Ferfilla / deß Kaͤiſerl. Stadt - Gerichts geweſter Beyſitzer / anjezo aber Kaͤiſerl. Stadt-Richter.
Herꝛ Johann Nicola Ruckenbaumb.
Herꝛ Martin Barnabe / geſtorben.
Etliche tauſend Menſchen ſeynd forderiſt durchGoͤtt -183[189]Mercks Wienn.Goͤttliche Beyhuͤlff von den Medicis curirt wor - den / bey vielen aber ſeynd die allerheilſamſte Medi - camenta ohne gewuͤnſchte Wuͤrkung abgelauffen / alſo / daß augenſcheinlich erhellte / wie GOtt wolte ſeinem gerechteſten Urthel den Lauff laſſen.
Hier folget die Anzahl derſelben Hochgelehrten Herꝛn Medicorum, ſo mit abſonderlicher Emſig - keit der betrangten Stadt ſeynd beygeſtanden.
Herꝛ Friederich Jllmer von Wartenberg / Profeſſor / wie auch der Mediciniſchen Facultaͤt Decanus.
Hr. Bernhard Sluͤtter /
Hr. Wolffgang Bloͤckner /
Hr. Franz Ganſer /
Hr. Peter Leonhard Moquentin /
Hr. Paul de Sorbait Profeſſor, &c.
Hr. Johann Schubert /
Hr. Johann Conrad Kremer / Prof.
Hr. Johann Jacob Stumpff.
Hr. Johann Adam Spenholz /
Hr. Johann Chriſtoph Reſch /
Hr. Zacharias Manigetta.
Hr. Jacob Heinrich Kielmann /
Hr. Auguſtin Franz Vogel /
Hr. Carl Feſta /
Hr. Adam Racher /
Hr. Ferdinand Friederich Pock /
Hr. Johann Sigmund Link /
Hr. Johann Wolffgang Roſtmann /
Hr. Johann Peter Bachmayr /
Hr. Johann Chriſtoph Jgnatius Kotius /
Hr. Johann Baptiſt Albruni.
Hr. Maximilian Ludwig Urſinus.
Hr. Paul Franz Stuſche /
Hr. Matthias Unger /
Hr. Martin Furlan /
Hr. Franz Bloͤhmer /
Hr. N. Stockdejus.
MEine Wienner / es ſeynd wenig unter euch anzutreffen / die etwan ſo einfaͤltig / daß ſie nicht koͤnnten drey zehlen / weil dann euch der Himmel mit ſo faͤhigen Witz iſt guͤnſtig ge - weſt / daß ihr mehrer koͤnnt als drey zehlen / ſo wuͤnſche ich doch gern / ihr moͤcht wenigſt nicht koͤn - nen dreymal dreymal zehlen / das iſt Neune / veꝛ - ſtehe aber jene auſſaͤtzige Maͤnner / ſo von der Heil-wuͤrkenden Hand CHriſti ihr gewuͤnſchte Ge - ſundheit erhalten / und nur einer von dieſen aus ver - pflichter Dankbarkeit das Deo gratias dem HErꝛn demuͤtigſt abgelegt / die uͤbrige Neun ſeynd wegen ihrer Undankbarkeit nicht ungleich geweſt den jeni -gen185[191]Mercks Wienn.gen Dingen / welche da die Bruͤder Joſeph uͤber ihre Trayd-Saͤck in Egypten gemacht / indeme ſie dieſel - be zuſammen gebunden (ſeynd Knoͤpff geweſt) da - hero nicht unbillig der Seeligmacher es genañt hat / novem ubi ſunt? Dieſe dreymal drey / dieſe undank - bare Zahl / glaub ich ja nicht / daß die Wiennſtadt werde zehlen / ſondern troͤſte mich / als werde ſie ewig dem mildſeligſten GOtt mit aufgehebten Haͤnden danken um die uͤbermaͤſſige Gnad / daß er ſie ſo bald von der verdienten Ruthen barmherzigſt erloͤſet hat.
Wol recht ſetzet der H. David in einem Pſalmen 27. mal die unendliche Goͤttliche Barmhertzigkeit / quoniam in æternum miſericordia ejus.
Warum Saltzburg dieſen Nahmen tragt / iſt Urſach der Heilige Rupertus / welcher allda wun - derthaͤtiger Weis das Saltz erfunden; Warum die Stadt Conſtantinopel dieſen Nahmen fuͤhret / iſt Urſach der Kaͤiſer Conſtantinus / der ſie alſo koſt - bar erbauet hat; warum Franckfurt mit dieſem Nahmen pranget / ſeynd Urſach die Francken / ſo all - dorten ihre gewoͤhnliche Furth und Durchzug hat - ten; Warum Bern in Schweitzerland alſo heiſſet / iſt dieſe Urſach: derſelbige Fuͤrſt / ſo ſie erbauet / be - fande ſich einmal auf einer Jagt / und tragte ſeinen Hof-Cavaliern vor / wie daß er geſinnet ſeye / an demſelbigen Ort eine Stadt zu erbauen / und ihr den Namen ſchoͤpffen von dem nechſten Wild / ſo ihm werde begegnen / und weil er zum erſten einen Bern angetroffen / alſo muſte die Stadt Bern heiſſen / da - hero die Bau-Leut und Bauers-Leut / wie ſie den Wald umgehauen / pflegten diß gemeine Liedl zu ſingen:
Jetzt laß ſehen / was dann der jenige vor einen Nahmen fuͤhrt / der uns erſchaffen und erloͤſt hat / unter dem alles / aus dem alles? Wir Teutſche nen - nen ihn GOtt / welches ſo viel als Gut / und pflegte man bey den alten Teutſchen an ſtatt gut GOtt zu ſagen / alſo / wann ſie wolten ſagen / die Sach iſt gut / redeten ſie / die Sach iſt GOtt / aus welchem allen Sonnenklar erhellet / daß die Teutſche ein ab - ſonderlichs Vertrauen auf GOtt ſetzen / und die Goͤttliche Guͤtigkeit / welche ſie dann zu allen Zeiten reichfluͤſſig erfahren haben / forderſt wir allhier zu Wienn / die wir zwar von dem gerechtiſten GOtt unſerer Suͤnden halber ſeynd gezuͤchtiget worden / ſo bald man aber ſammentlich an die Bruſt ge - klopfft / Stimm und Haͤnd gegen Himmel gehebt / hat uns der mildhertzigſte GOtt erhoͤret / und gnaͤ - digſt ſolche graſſirende Contagion gelindert / auch endlich gar abgewendt / abſonderlich / wie man mit offentlicher Andacht und hoͤchſt-auferbaulichem Ey - fer / zu Ehren der Allerheiligſten Dreyfaltigkeit / eine ſchoͤne Saͤulen aufgericht auf dem Graben / und haben damal die Wienner ſchier beſſer gethan / als Petrus auf dem Berg Tabor / allwo er drey Taber - nackel wolte aufrichten / die andaͤchtige Wienner aber bauten ein dreyecketen Tabernackel / verſtehe das dreyeckete Hertz / welches ein jeder der Allerhei - ligſten Dreyfaltigkeit damalen uhrbietigſt gewid - met hat.
Die Aſtrologi ſtellen allerley wunderſeltzame Fi - guren in Himmel / unter andern iſt eine gleich unter dem Fiſch und Widder / die hat ſehr viel Stern / de - ren aber drey ſeynd Sparſibiles / das iſt / an einem jeden Eck ein groſſer wolſcheinender Stern / dieſe Himmels-Figur tauffen ſie den Triangel / und bil -den187[193]Mercks Wienn.
den ihn ſolcher Geſtalt vor: Laſſen ſich ver - lauten / daß wer unter dem Triangel geboren wird / der verkehre ſich gar offt im Hoffen / leyde mehrmal ein unſeeliges Leben / ſey der Armut unterworffen / und gelange in die Bettler - Zech / auch ſo er ſchon zu hohen Ehren gereichet / ſo breche doch bald wieder die Banck mit ihm; derglei - chen Calender-Schimpff meſſen die Stern-Seher dem Triangel zu / und hat ſolcher gar ein geringes Lob bey den Aſtrologis; Seye dem wie es wolle / dieſes Orts begehr ich ſolches Geſtirn nicht zu ver - fechten; ich zeige aber einen ſchoͤnern / und unendlich guͤnſtigern Triangel in dem Himmel / dieſer iſt die Allerheiligſte Dreyfaltigkeit / in dieſem Goͤttlichen Triangel hat die Wienſtadt nichts als Stern ge - funden / verſtehe lauter Gluͤck und Stern / will ſa - gen / lauter Gnad und Huld hat erſtgedachte Haupt - ſtadt erworben / und foͤrchtet kuͤnfftiger Zeit von dem Himmel nimmermehr die ſcharffe Ruthen / ſondern hoffet allerſeits einen unverwendlichen Wolſtand und Segen / zu mehrem Troſt hat ſie angeruffen / und ruffet noch an allhieſige Reſidentz-Stadt die uͤbergebenedeyte Jungfrau und Koͤnigin deß Him - mels Mariam / damit durch dero vielwuͤrckende Vorbitt / GOTT Vatter / deſſen ſie ein Tochter / GOTT Sohn / deſſen ſie ein Mutter / GOTT Heiliger Geiſt / deſſen ſie ein Geſpons / die Allerhei - ligſte Dreyfaltigkeit / dero ſie ein gewidmeter Tem - pel / die guͤtigſte Augen und unerſchoͤpffliche Gnaden - ſchoß deſto willfaͤhriger gegen uns wende; bleibt alſo jene Feder ohne Grund / welche vor drey Monat zu Preßlau einen Bogen in Druck verfertiget / mit Vorgebung / daß die gemeine Leut zu Wienn aus - ſagen / wann ſie unſer Frau auf dem Hof haͤttenN 2ſeyn188[194]Mercks Wienn.ſeyn laſſen / und ehender zu der Allerheiligſten Dreyfaltigkeit geruffen / waͤren ſie ſchon laͤngſten der ſcharffen Ruthen befreyt worden; Jch wuͤnſch - te nur / ein ſolcher moͤchte auf einen halben Tag na - cher Wienn kommen / da wuͤrde er augenſcheinlich noch finden / die immer beſtaͤndige Andacht zu der Mutter GOttes / und zielet ſolcher Eyfer nur dahin / daß wir nur flehentlich erſuchen die Vorbitt dieſer maͤchtigſten Mutter bey GOtt / bey der Allerheilig - ſten Dreyfaltigkeit / auch gereichet dieſes im wenig - ſten nicht dem Allerhoͤchſten zu einer Unehr / ſonſt muͤſten auch die Gebett / ſo der Gegentheil zu dem Schutz-Engel hat / nit zulaͤſſig ſeyn / dann ſo man ei - nen Engel kan anruffen / warum nicht auch / ja for - derſt die Koͤnigin der Engel?
Jch weiß zwar wol / daß dieſes kleine Tractatl werde auch gerathen in die Haͤnd vieler / welche das Fegfeuer vor ein Affter-Wunder und Heiliges Ge - dicht halten / denen ich es vor dißmal mit haͤuffigen Argumenten nit geſinnt bin zu widerlegen / ſondern laſſe an ſtatt meiner reden folgende Zeugen und Zeugnuſſen: Tob. c. 4. 2. lib. Mach. c. 12. S. Paul. 1. Cor. c. 3. S. Auguſt. Epiſt. 118. S. Ambroſ. in Pſ. 65. 8. Chryſoſt. hom. 32. ſuper Matth. S. Ephrem. in ſuo Teſtament. S. Hieron. in Epiſt. 150. S. Gregor. lib. 4. Decalog. c. 39. S. Thomas Angel. 3. p. 986. art. 4. Wende mich dahero forderſt zu den Wiennern / und erinnere dieſelbe / daß ſie doch ihrer durch die Conta - gion verſtorbener Anverwandten nicht ſollen vergeſ - ſen / dann gar wol glaubig iſt es / daß viel und aber viel von der Goͤttlichen Juſtitz in die zeitliche Pein deß Fegfeuers ſeyen geworffen worden. Es iſt ein Blum mit Namen Sonnen-Wend / dieſe iſt alſo verliebt in das ſtrahlende Sonnen-Liecht / daß ſieaus189[195]Mercks Wienn.aus Zwang der uͤbermaͤſſigen Lieb ſelbiges unver - wendlich anblicket / und wie ſich dieſe Himmels - Fackel wendet / alſo wendet ſich gleichfoͤrmig dieſe Blum / ja wann ſolche an ſtatt der Blaͤtter Fluͤ - gel haͤtte / glaubte ich ungezweiffelt / daß ſie ſchnell eyfferig wurde hinauf fliegen zu dieſem gul - denen Schatz / wann nun die Sonn untergehet / und ihre ſchoͤnſte Strahlen unter die Erd fallen / ſo vermutheſt du etwan / als erloͤſche gleichmaͤſſig die Lieb dieſer Blumen? Nein / nein / ſondern nicht ohne Verwunderung iſt zu ſehen / wie die Blum vor lauter Traurigkeit die gelbe Blaͤtter zuſammen zie - het / das goldfarbe Angeſicht halben Theil ver - huͤllt / und mit geneigtem Haupt gegen der Erden ſchauet / wo das Liebſte verborgen.
Von dieſer Sonnen-Blum kanſt und ſolſt billig mein Wienner ein heilſame Lehr ſchoͤpffen; Gedencke / daß du dieſen und dieſe Verwandte ge - liebt haſt uͤber alles / gedenke / daß dero Geſell - ſchafft dir ein einige Erquickung geweſt iſt / ge - dencke / daß dero Gutthaten in Magnets-Kraͤff - ten dein Hertz gezogen / weil aber dieſe durch den wuͤtenden Todt ſeynd unter die Erd gerathen / alſo laſſe fein dein vorgehabte Lieb und Treu noch nicht erloͤſchen / ſondern wende mit der Sonnen - Wend dein Angeſicht zu der Erden / in dero / unter dero dein verſtorbener Vatter / Mutter / Schweſter und Anverwandte liegen / ſchencke und ſchicke ihnen ein heiliges Allmoſen / ein heilige Communion / ein heiligen Roſen-Krantz / forderſt ein heilige Meß / damit ſie die Krafft deren aus dem peinlichen Fegfeuer deſto ehender die Seelig - keit erreichen.
N 3Ob190[196]Mercks Wienn.Ob zwar der harte Koͤnig Pharao gegen ſeinen zwey Hofbe - dienten wegen geringſter Fehler / ja wegen eines geringen Haͤrl in dem Mund-Becher / mit Keichen und ſcharffer Gefaͤngnus verfahren / ſo iſt doch viel ſchaͤrffer die Goͤttliche Juſtitz / welche auch in jener Welt die wintzigſte Maͤngel / und laͤßliche Suͤn - den nicht ungeſtraffter laſſet / Zeugnus deſſen gibt jener Reli - gios, welcher unbeſchreibliche Pein und Tormenten in dem Fegfeur ausgeſtanden / um weil er zu Zeiten in dem Chor zu dem Vers Gloria Patri, &c. Das Haupt nicht geneigt hat. In vitis Viror. Ill. Ciſterc. Zeugnus deſſen gibt auch / die in Heiligkeit beruͤhmte Jungfrau Vitelinæ, welche dem Heiligen Biſchoff Martino nach ihrem Todt die unermaͤßliche Quaalen in dem Fegfeuer entdeckt / um keiner anderer Urſach halber / als daß ſie an dem heiligen Freytag unnoͤhtig das Haupt gewa - ſchen / an wolchem Tag ſie haͤtt ſollen das Leyden Chriſti betrach - ten; weilen dann GOtt in jener Welt die kleineſte Suͤnden in den Flammen und Feuer ſo ſtreng gezuͤchtiget / alſo erheben dei - ne verſtorbene Freund unaufhoͤrlich aus den flammenden Ofen ihre lamentirende Stimm / Miſeremini mei ſaltem vos amici mei, erbarmet euch meiner / wenigſt ihr meine Freund.
GOtt verſuchte vor dieſem alle Weis / wie Er doch moͤcht den hartnaͤckigen Koͤnig Pharao bekehren. Durch den Moyſes und Aaron verwandlete GOtt alle Waſſer durch Egypten in lau - ters Blut / damit hierdurch der Pharao auch ſoll Schamroth werden / wegen ſeiner Hartnaͤckigkeit / aber umſonſt: Durch den Moyſes und Aaron ſchicket GOtt in das gantze Koͤnigreich ein unzaͤhlbare Menge Froͤſch / damit der Koͤnig nicht ſoll wie ein ſtoltze und aufgeblaſſene Krott verharren / aber umſonſt: Durch den Moyſes und Aaron uͤberhaͤuffet GOtt das gantze Land mit Kaͤffer und ſchaͤdlichen Mucken / damit dem Pharao ſeine naͤr - riſche Grillen ſollen verwendet werden / aber umſonſt: Durch den Moyſes und Aaron ſuͤllt GOtt das gantze Egypten mit ei - ner ſolchen Finſternus an / daß niemand den andern kunte ſehen / damit durch ſolche Finſternus der Koͤnig moͤcht erleuchtet wer - den / aber umſonſt: dahero der Allerhoͤchſte uͤber dieſen hoch - muͤhtigen Monarchen noch mehr erzuͤrnet / auch endlich die groͤſte Straff an die Hand genommen / dem Moyſes und Aaron entdeckt / wie daß Er gaͤntzlich geſinnt ſeye alle Erſtgeborne durch gantz Egypten zu erwuͤrgen / damit aber dieſe Ruthen die un - ſchuldige Jſraeliter nicht beruͤhre / ſo ſollen ſie alle ihre Thuͤr - Schwellen mit Lambl-Blut beſprengen: Es iſt auch geſchehen;daß191[197]Mercks Wienn.daß bey Mitternacht die ſcharffe Hand GOttes alle Erſtge - borne in gantz Egypten ermordt / ſo gar deß Koͤnigs Printzen nicht verſchont / ja kein Haus war anzutreffen / in welchem nicht ein Todter lag / ausgenommen dieſelbe Haͤuſer / dero Thuͤr - Schwellen mit Laͤmbl-Blut beſprengt waren: Erit autem Sanguis in ſignum vobis.
Nun iſt niemand eines ſo geringfaͤrtigen Verſtands / der nit folgſam ſchlieſſen kan / wann das Blut deß Lamms in dem Alten Teſtament die zornige Hand GOttes abgewendt / da ſolches Laͤmml nur ein Schatten / ein Model / ein Zeiger / ein Bedeutung deß wahren Lamm GOttes geweſt / was wird dann erſt vor ein Wuͤrckung haben das wahre Lamm GOttes in dem allerhoͤch - ſten Opffer. Frag ich etwan ein arme Seel im Fegfeuer / wie es dann mit ihr beſchaffen / ſo antwort ſie mir. Manus Domini te - tigit me, die Hand GOttes hat mich getroffen / ich ſtehe / und lie - ge zugleich / ich ſtehe / zwar in der Gnade GOttes / ich aber liege allhier in der groͤſten Pein; Das Feuer / ſo in dem Babyloniſchen Ofen gebronnen / iſt ſchmertzlich geweſt; Das Feuer / ſo die Staͤdt Sodoma und Gomorra eingeaͤſchert / iſt peinlich geweſt; Das Feuer / ſo das guldene Kalb der Jſraeliter zerſchmeltzet hat / iſt heiß geweſt; aber das heiß ſeyn / das peinlich ſeyn / das ſchmertzlich ſeyn dieſes Feuers / iſt nichts gegen dem Feuer / ſo mich brennt / Manus Domini, die Hand GOttes hat mich hart getroffen / dahero bitt / und bitt ich euch hinterlaſſene Freund um ein einigen Bluts-Tropffen von dem Goͤttlichen Lamm in der Heil. Meß / wormit ich koͤnne die zornige Hand GOttes von mir abwenden; Dergleichen wehklagende Seuffzer und bewegliche Thraͤnen ſollen ſie dann nicht dich Menſch zu einer Erbarmnus erweichen / du forderſt O Kind! der du anjetzo Platz und Schatz deiner verſtorbenen Eltern in aller Ruhe und Wohlſtand be - ſitzeſt / kan es moͤglich ſeyn / daß du das bittere Bitten deiner El - tern nicht ſollſt erhoͤren? Haſt dann nie geleſen in dem Heil - Evangelio / Matth. 22. von einem Koͤnig / der ſeinem Sohn Hochzeit machte / und ſandte deßhalben ſeine Knechte aus / da - mit ſie die Gaͤſt zur Mahlzeit einladeten / als aber ſolche unhoͤfli - che Geſellen nicht wolten erſcheinen / wurde der Koͤnig erzuͤrnt / ſchaffet dahero ſeinen Diener / Ite ad exitus viarum, gehet hin auf die Landſtraſſen / da ſich die Weg ſcheiden / und ladet zum Hochzeit-Mahl / wen ihr findet.
Allerliebſte Wienner / ihr wiſſet gar wol / daß kein koſtbare Mahlzeit gefunden werde / als das heiligſte Meß-Opffer undGoͤtt -192[198]Mercks Wienn.Goͤttliche Abendmahl / gehet deßwegen hinaus vor die Stadt Wienn / auf die Straſſen und Weeg / wen ihr alldort findet / den ladet ein zu dieſem Goͤttlichen Panquet / ihr ſind aber drauſſen unter ſo viel tauſend / die allda in Gruben und Graͤbern / und beyn Creutzen begraben / auch euere liebſte Eltern / euere Freund / Schweſter / Bruͤder / ſamt andern Verwandten / die wegen der laidigen Sucht hinaus ſeynd geſchlept worden / dieſe / dieſe ladet hoͤflich ein / es erforderts alſo euer Kindliche Treu / es gebiets al - ſo die verpflichte Schuldigkeit / es thut euch zu ſolchem euer ſelbſt eigenes Gewiſſen anſporen / dieſe / dieſe ladet ein zu der Goͤttli - chen Mahlzeit / ſchenckt ihnen ein Meß-Opffer / ein inbruͤnſtige Communion / oder ein anders GOtt wolgefaͤlliges Werck / in dem ſie alſo unaufhoͤrlich zu euch ſchreyen und ſeuffzen; erinnert euch ihr Kinder / daß GOttes Sohn auf dem bitteren Creutz - Stammen / in Mitte deß unermeßlichen Leydens gleichwol ſei - ner gebenedeyten Mutter nicht vergeſſen / ſonder dieſelbige dem Heil. Joanni dieſem Jungfraͤulichen Juͤnger beſter Maſſen au - befohlen / damit er ſich ihrer annehme; Und du Kind! Und du ſolſt mitten in Gluͤckſtand anjetzo deiner verſtorbenen Mutter vergeſſen? deines liebſten Vatters vergeſſen? deiner treueſten Schweſter vergeſſen? vergeſſen? Das will ich gaͤntzlich nicht von dir vermuthen / es muͤſſte nur ſeyn / daß dein Hertz in jenen Stein verkehret waͤre / der dem Jacob ein Polſter abgeben / es muͤſte nur ſeyn / daß das Blut in deinen Adern muͤſte verwandelt ſeyn in jene Gall / mit dero dem Tobiæ die Augen beſtrichen worden. Derohalben dann O guͤtigſter und barmhertzigſter GOtt / / haſt du erhoͤrt Jonam im Wallfiſch / haſt du erhoͤrt den Job auf dem Miſthauffen / haſt du erhoͤrt die drey Knaben in dem Babyloniſchen Ofen / haſt du erhoͤrt die Agar in der Wuͤ - ſten / ſo erhoͤre auch mich armſeeligen Suͤnder / erhoͤre uns alle / die wir bey deinen allerheiligſten Fuͤſſen liegen / und bitten um Barmhertzigkeit / um fernern Wohlſtand der Wiennſtadt / um beſtaͤndigen geſunden Lufft / wie wir anjetzo genieſſen / erhoͤre uns alle / die wir zu dir und deiner grundloſen Guͤtigkeit auf - ſchreyen fuͤr unſere verſtorbene Feind und Anverwandten / ſchlieſſe auf O mildreichiſter GOtt deine Reichhabende Gnaden-Schoß / und giebe ihnen das ewige Leben / uns eben / Amen.
ENDE.
[199]R
D b 8761
[209]Mercks Wienn / Das iſt: Deß wuͤtenden Todts Ein umſtaͤndige Beſchreibung /
CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe
Fraktur
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