WAs den erſten vorſatz / al - le meine bedencken in zwey theil zu faſſen / gehindert / und verurſachet habe / daß daraus nun viere worden ſind / iſt in den vorigen vor - reden angezeiget worden / auch verhoffentlich mit ſol - cher aͤnderung niemand ſchaden geſchehen. Dieſes - mal aber ſchlieſſet ſich durch die gnade GOttes / dero vor die zu der verfertigung ertheilte zeit / kraͤften und beyſtand demuͤ - thigſten danck abſtatte / das gantze dieſesmal heraus zu geben): (2vor -vorgenommene werck: und ſtellet das VII. Capitel vor die Para - lipomena, oder diejenige bedencken und antworten / die ihre ſtel - len zwar in den vorigen capitulu auch haben ſollen / aber mir noch nicht bey jener anordnung in die haͤnde gefallen waren / ſondern ich ſie erſt nach der zeit gefunden habe / oder die ſonſten an ihren platz zu bringen uͤberſehen worden ſind. Endlich wird auch ein general Regiſter uͤber alle vier theil angehaͤnget / welches bey dieſem werck als bey andern ſo viel noͤthiger / weil in demſelben ſelbs eine ſolche ordnung weder gehalten worden iſt / noch gehal - ten hat werden koͤnnen / daß auch ein verſtaͤndiger, wo er von einer materie gern leſen wolte / die ſtellen / die darvon handeln / ohne eines regiſters anweiſung leicht finden koͤnte. Sonderlich da manchmal in einem ſchreiben der materien mehrere vorkom - men / daß der urſachen wegen der innhalt in mehrere capitul zu vertheilen geweſt waͤre / und dahero die meiſte contenta eines briefs an ſolchen orten ſtehen / wo ſie keiner ſuchen wuͤrde; Wel - chem mangel aber nicht anders als durch ein regiſter abgeholffen werden koͤnnen. Ob ich nun wol von dem regiſter / als ich dieſes ſchreibe / noch nichts geſehen / will ich doch der dexteritaͤt und fleiß derjenigen / die muͤhe dran gewandt / dieſes zutrauen / daß es den leſer in ſeinem verlangen vergnuͤgen werde.
Bey dieſer gelegenheit / da ſich vermuthlich einige ver - wundern / daß dieſe arbeit der edition ſo lange / bis in das zwey - te jahr / gewaͤhret habe / und gedencken moͤgen / daß ich / nach - dem ich hand angeleget / weil doch nichts neues ausgearbeitet werden duͤrffte / ſondern allein noͤthig war / die befindliche co - pien deſſen / was vorlaͤngſt gemacht geweſen / zu durchgehen und zurecht zu ſetzen / welches eine geringe arbeit zu erfordern ſcheinet / in weniger friſt des leſers verlangen erfuͤllen haͤtte koͤnnen und ſollen / habe ich nicht allein zur abſonderlichen entſchuldigung an - zufuͤhren (davon bereits bey P. 1. meldung geſchehen iſt) daß die reviſion der zum theil ſo uͤbel und vitioſe geſchriebenen copien / (da es mir ſelbs zuweilen ſchwer worden / und nachſinnen erfor - dert / wie es heiſſen ſolte) mehr zeit erfordert habe / als ich mirimim anfang eingebildet / (ſo gar daß ich dergleichen vorſehende zu der herausgebung ſchwer wuͤrde gekommen ſeyn) ſondern auch insgeſamt von meinem ietzigen zuſtand nachricht zu geben.
So iſt es nun an dem / daß ich zwar goͤttliche guͤte / wie vor alles uͤbrige mir erzeigte gute / alſo auch vor dieſe gnade nicht gnugſam zu preiſen vermag / die mich uͤber mein und ander menſchen vermuthen dermaſſen bishero geſtaͤrcket / daß in gegen - waͤrtigem 68. jaͤhrigen alter nicht allein ſolche kraͤffte / vor ſo vie - len andern / die etwa noch nicht ſo viele jahre zaͤhlen / an gemuͤth und leib behalten / aus denen noch ziemlicher maſſen fortkom - men / meine amts-verrichtungen und predigten unverhindert ſelbs ablegen / und den gantzen tag in meiner arbeit ausharren kan / (welches eine ungemeine und tieffſten dancks wuͤrdige himmli - ſche wohlthat an mir unwuͤrdigen und ſchwachen erzeiget iſt) ie - doch bereits die abnehmung der kraͤfften / in gegenhaltung der vorigen jahre / in unterſchiedlichem (dardurch mich der himmli - ſche Vater nach ſeiner barmhertzigkeit meines bevorſtehenden en - des heilſamlich erinnert) vornemlich aber darinne / ſpuͤre / daß die hand zu ſchreiben bey einigen jahren ſo langſam wird / daß nun mehr als zwey ſtunden an etwas zu ſchreiben noͤthig habe / worzu ich vor dieſem keine gantze ſtunde bedorfft haͤtte. Da laſſe ich nun einen Chriſtlichen menſchen urtheilen / nachdem ich woͤ - chentlich amtswegen zweymal zu predigen habe / mich auch nach vermoͤgen es ſelbs zu verrichten verbunden achte / daher ſelten et - was beſtelle / hingegen gewohnet bin ordentlich alle meine pre - digten voͤllig zu concipiren / ob mir bey meiner jetzigen langſa - men hand / wann die zeit zu den beyden concepten / ſodann an - dern amts-geſchaͤfften / zuſpruch und dergleichen anzuwenden / abgerechnet wird / faſt noch einige zeit zu verfertigung anderer arbeiten und briefe uͤbrig bleibe; wie in der that manche woche verſtreich et / in dero kaum zu einigen zeilen ein viertelſtuͤndlein eruͤbrigen kan.
Jch fuͤhre dieſe bewandnuͤß bey gegenwaͤrtiger gelegenheit gerne an / nicht damit mich uͤber den liebſten Vater zu beſchwe -): (3ren /ren / der auch deſſen heilige urſachen hat / und ich ſeine hand / ob ſie mir auch meine arbeit und laſt ſchwerer machen will / dennoch mit demuͤthigem kuß kindlich zu verehren habe / ſondern mich we - gen der langſamkeit ſowol dieſes Wercks / als bisher anderer vor - haben / oͤffentlich zu entſchuldigen / darmit niemand wider die liebe mehr von mir fordere / als in meinen kraͤfften iſt / noch an - dern urſachen beymeſſe / was aus jetzigem unvermoͤgen kom - met.
Sonderlich erinnere ich dieſes wegen vieler lieber freunde und goͤnner / auch in anſehnlichem ſtand begriffener perſonen / deren briefe in mehrer hundert zahl unbeantwortet mir vor augen ligen / die ich nicht ohne wehemuth anſehe / und von ihrer vielen ſorgen muß / daß ſie / meines zuſtandes unkundig / mein ſtill - ſchweigen gantz andern urſachen / als die die wahre ſind / bey - meſſen moͤchten. Da ich hiemit oͤffentlich bezeuge / daß ich / ſo viel an mir iſt / willig waͤre / jederman / auch dem geringſten (da mich der HERR davor bewahre / jemand zu verachten) und zwar foͤrderlichſt / zu antworten / wo nur ſolches in meinen kraͤfften ſtuͤnde. Wie denn gar wenige briefe ſind / die ich mit fleiß nicht beantworten wollen / und ſie deswegen beyſeite geleget / weil ich zu antworten mir und denen / welchen haͤtte antworten ſollen / nicht dienlich erachtet habe / an der uͤbrigen aller beant - wortung aber hat mich die zeit abgehalten / auch bey ſo vielen / da ich mirs zu antworten oft ernſtlich vorgenommen / auch ver - troͤſtet hatte / aber da ich meiner ſtunden nicht Herr bin / ſondern wie mich die geſchaͤfften herumreiſſen / mich ziehen laſſen muß / meinen vorſatz nicht zu bewerckſtelligen vermocht habe. Daher alle / welchen bisdaher die antworten ſchuldig geblieben bin / um Chriſtlicher liebe willen bitte / aus dem ſtillſchweigen keine un - gleiche gedancken / ob verſagte ich ihnen die Chriſtliche liebe / zu ſchoͤpffen / ſondern mit der ſchwachheit deſſen / den die menge der ſich zu mir wendenden von mehrern jahren drucket / die je - tzige jahre aber / was auch noch etlicher maſſen in den vorigen geſchehen koͤnnen / ie laͤnger ie unmuͤglicher machen / gedult zutra -tragen: wiewol mich nicht ausſage / daß nicht noch eine und andere aͤltere ſchreiben / die mir oft wieder in die haͤnde kommen / bey jeder gelegenheit einer muͤßigen viertelſtunde (wo dergleichen nur zu hoffen) beantworten moͤgte. Vor allem aber bitte GOTT hertzlich / daß er alle diejenige / die aus vertrauen zu mir ſich um rath gewendet haben / und aus gedachter hindernuͤß keine antwort bekommen haͤtten / in gnaden regieret haben und ferner regieren / daß ihnen daraus kein nachtheil entſtehe / mir aber / was darinnen in der pflicht der liebe verſaͤumet haͤtte / nach ſeiner barmhertzigkeit nicht zurechnen wolle / da er auch erken - net / daß jene eben nicht gerne oder mit willen unterlaſſe.
Aus vorſtellung ſolcher meiner jetzigen bewandnuͤß / die eben deswegen auch oͤffentlich zu thun dienlich erachtet / hoffe ich / daß Chriſtliche freunde zwar alles ſchreiben an mich / oder dienli - che nachrichten dann und wann zu ertheilen / deswegen nicht gar unterlaſſen / aber auch / wo mir nicht / oder doch nicht zu rechter zeit / zu antworten muͤglich fiele / mit meinem alter und zuſtand gedult tragen werden / ſich deſſen bey dem ſchreiben an mich alle - zeit verſicherende / daß entweder / wo mir GOTT darzu zeit und kraͤffte giebet / ſchrifftlich / oder je nachdem das begehren ge - weſen / mit der that und deſſen leiſtung / antworten / oder aufs wenigſte / wo jenes nicht thun kan / dero perſonen und anliegen dem Allerhoͤchſten deſto hertzlicher vortragen / und alſo kein ſchrei - ben an mich gantz umſonſten bleiben laſſen wolle. Daneben ich hoffe / nicht unbillig zu ſeyn / wann von allen hinwieder ver - lange / die eine liebe zu mir tragen / daß ſie auch ihrer ſeit mir von dem liebſten Vater die gnade erbitten helffen / in dero ich den et - wa wenigen reſt des lebens alſo zubringe / nichts der uͤbrigen zeit zu verſaͤumen / ſondern alle ſtunden zu dem / was in allen ſtuͤcken das noͤthigſte vor ihm iſt / anzuwenden / damit aber auch zu meinem abſchied mich deſto beſſer bereite. Schließlichen ruffe nochmal den geber alles guten hiemit demuͤthigſt an / daß er die - ſe in ſeiner furcht nach und nach verfertigte / und nun in vertrauen auf ihn heraus gegebene / arbeit / bey allen / die ſie nach ſeiner ſchi -ckungckung gebrauchen werden / in gnaden ſegnen wolle / in allerley an - liegen ſeinen willen aus hie gethaner anweiſung / oder / da ich deſ - ſen aus menſchlicher ſchwachheit hie und da verfehlt haͤtte / auf an - der ihm bekante und gefuͤgte art zu erkennen / und in deſſen voll - bringung ihre hertzliche ruhe zu ſuchen. Nun er ſchaffe ſelbs ſei - nen willen in / an / uͤber und durch uns in zeit und ewigkeit zu ſeinem preiß und unſerer ſeligkeit um JEſu CHriſti willen. Amen.
Philipp Jacob Spener D.
DJe kindſchafft GOttes kommet aus dem glauben, und wird verſiegelt von dem heiligen Geiſt aus dem kindlichen Geiſt, was alſo zeugnuͤſſe und kennzei - chen des glaubens und inwohnenden heiligen Gei - ſtes ſeind, das ſind auch zeichen ſolcher kindſchafft. Dahin gehoͤren
ES wird vielleicht nicht wohl eingenommen ſeyn, daß jemand aus - truͤcklich ſollte behauptet haben, daß es niemand dahin bringen koͤn - ne, nicht weiter mehr mit vorſetzlichen ſuͤnden ſein gewiſſen zu verle - tzen, dann ſolches widerſpraͤche austruͤcklich goͤttlichem wort, nach welchem es zwar heiſſet, daß wir alleſamt mannichfaͤltig fehlen, die vergebung taͤglich bitten muͤſſen, und wo wir ſagen, wir haben keine ſuͤnde, uns damit verfuͤh - ren, aber auch zugleich widerum heiſſet es, daß die glaͤubige GOttes gebot halten, daß ſie nicht ſuͤnde thun, daß ſie ihr fleiſch ſamt den luͤſten und begier - den creutzigen und toͤdten daß ſie nicht nach dem fleiſch ſondern nach dem geiſt wandlen, welches ſo wohl als das erſte wahr ſeyn muß, und aber zeiget, daß es alſo leute gebe, die nicht mehr in vorſetzlichen ſuͤnden wandeln. Der HErr lehre uns ſolche wahrheit, wie er ſie in ſeinem wort uns vorſtellet, immer mehr und mehr aus eigener und vieler glaͤubiger mit-bruͤder erfahrung und exem - pel erkennen.
JCh præſupponire; es werde hier geredet von dem mittel von unſerer ſeiten, denn wo von Gottes ſeiten gefraget wuͤrde, ſo gehoͤrt dahin Gottes gnad, Chriſti verdienſt, des heiligen Geiſtes wirckung, das Evangelium und ſo ferner. Wo aber die meinung der frage iſt, was von uns erfordert werde, darinn wir Chriſten werden, ſo ſage / ich allein der glaube, aber der wahre lebendige glaube. Und alſo ein ſolcher glaube, deſ - ſen erkaͤntniß nicht aus menſchlichem verſtand, ſondern erleuchtung des heiligen Geiſtes, deſſen beyfall nicht aus menſchlicher perſuaſion, ſondern abermal des heiligen Geiſtes verſieglung, deſſen zuverſicht nicht aus fleiſch - licher ſicherheit entſtehet, ſondern der gnaͤdigen wirckung wiederum des heiligen Geiſtes: Welcher ſtuͤcke aber niemand faͤhig iſt, als welcher ſich in goͤttliche ordnung gibt. Mit wenigen worten ein ſolcher glaube, wie ihn Lutherus beſchreibet in der vorrede uͤber die Epiſtel an die Roͤmer, welcher ein goͤttlich werck in uns iſt, das uns wandelt und neugebieh〈…〉〈…〉 et aus Gott, und toͤdtet den alten Adam, machet uns gantz andere men - ſchen, von hertzen, muth, ſinn und allen kraͤfften und bringet den hei - ligen Geiſt mit ſich, u. ſ. w. Welcher glaube nicht dieſer art iſt, der machet keine Chriſten. Und daher, welche menſchen noch allein alte menſchen ſind, toͤdten die ſuͤnde nicht in ſich, ſondern leben noch der ſuͤnde, hingegen leben noch nicht von gantzem hertzen der gerechtigkeit, nicht ſich ſelbs, wie Paulus ſaget 2. Cor. 5, 15. ſondern demjenigen, der fuͤr ſie geſtorben und aufgeſtan - den iſt, und alſo der allermeiſte hauff der jenigen, welche vor Chriſten gehal - ten werden, auch ſich ſelbs davor halten, ſind vor GOtt keine Chriſten nicht, noch haben ſich in ſolchem ſtande der den Chriſten verſprochenen guͤter zu troͤ - ſten. Ein Chriſt iſt mit Chriſto vereiniget und ſeines leibes glied, eine neue creatur, hat nun nicht mehr ſeinen wandel auf erden, ſondern in dem him - mel, alſo welcher mit der boͤſen welt noch vereiniget iſt, dienet dem ſatan und ſeinem fleiſch in einigen fleiſchlichen luͤſten, die er nicht ſucht zu daͤmpffen, blei - bet in der alten geburt ligen, und ſetzt ſein datum noch auf das irdiſche, ſeine ehre, nutzen, luſt zu ſuchen, der iſt nach GOttes wort nicht eigenlich und in der that ein Chriſt.
SO weit, daß ob er wohl noch ſuͤnde an ſich hat. 1. Joh. 1, 8. muß noch in dem fleiſch ſeyn Rom. 8, 1. und fuͤhlet dergleichen geſchaͤff - te, die er zu toͤdten hat. Rom. 8, 13. er gleichwol nicht mehr nach dem fleiſchelebe ſondern nach dem geiſt. Rom. 8, 1. keine ſuͤnde mehr thue, daß iſt mit willen deroſelben nicht mehr diene 1. Joh. 3, 9. wandele wie Chriſtus gewandelt hat 1. Joh. 2, 6. ſeye der welt und die welt ihm gecreutziget. Gal 6, 14. Und ſuche immer mehr warhafftig und mit ernſt nichts weltliches, irdiſches, fleiſchliches, ſeine eigene ehre, nutzen, luſt und der - gleichen, ſondern allein ſeinen GOtt, richte nur ſein gantzes leben dahin, daß er GOTT diene, und ſolches nicht nur in den wercken der erſten taffel, ſondern daß er warhafftig ſein gantzes leben und wandel, ſo er als ein menſch insge - mein und nach dem abſonderlichen beruff, darinnen er iſt, und ſtehet, fuͤhret, fuͤhre immer mit der abſicht ſeinem GOtt darinnen zu dienen, und ihm ſolch ſein gantzes leben alſo zu opffern. Daher ihm alle andere dinge πάρεργα ſind, ſein Chriſtenthum aber allein ſeyn ἔργον, daher ſich daſſelbe nicht nach ihnen reguliret, ſondern nach dieſem jene alle muͤſſen reguliret werden: Und alſo daß er ſeye vor den leuten unſtraͤfflich, und ohne tadel, in ſich ſelbs habend ein gutes gewiſſen, vor GOTT aufrichtig und ihm gantz uͤberlaſſen. So weit kans ein Chriſt aus goͤttlicher gnade bringen, und muͤſſen wirs alle dahin zu bringen uns eyffrigſt angelegen ſeyn laſſen, oder unſer Chriſten - thum iſt uns kein ernſt. Und iſt gewiß, wer hand anlegen, und immer ſeinem GOTT getreu werden will, in der gnade, die ihm das mal gegeben worden, der wird ſo weit wachſen und dahin kommen, als er vorhin nimmermehr ge - glaͤubet haͤtte muͤglich zu ſeyn, oder einiger ſolches glauben koͤnte, der es nicht erfahren. Es iſt ein groſſes, wo Paulus ſagen darff: Jch lebe, doch nun nicht ich, ſondern CHriſtus lebet in mir. Jch vermag alles in dem, der mich maͤchtig machet CHriſtus, und muͤſſen wir ihm lernen nachſprechen.
HJevon habe mich in der Cathechiſm frage 338. u. f. ſo dann dem neuli - chen ſend ſchreiben deutlich erklaͤhret. Jch faſſe es wiederum kurtz, daß die ſchrifft die art zu reden brauche, daß die Chriſten Gottes oderChriſti16Das ſiebende Capitel. Chriſti gebot halten, iſt vor augen, alſo kan dieſelbe nicht bloß verworffen werden. Nimmt mans aber alſo, daß wir aus eigenen kraͤften ſie zu halten vermoͤgen, ſo iſts eine gottloſe lehre. Nimmt mans alſo, daß der menſch es aus der gnade GOttes ſo weit bringe, als er noch in dieſem fleiſch wohnet, daß er in ſolchem fleiſch keine ſuͤnde mehr an ſich habe, dieſelbe nicht mehr in ihm wohne, und das fleiſch nicht mehr wider den Geiſt ſtreite, ſo iſt ſolches a - bermal der ſchrifft entgegen, als welche die auch warhafftige glaͤubige noch ſtaͤtig zu ablegung des alten menſchen, und toͤdtung deſſen glieder er - mahnet, daher dieſelben auch in den wiedergebohrnen erkennet: Und alſo iſts unmuͤglich, das Geſetz zu halten in ſolcher vollkommenheit, wie wir es er - klaͤhren, daß es eine vollkommene und ſolche reinigkeit, wie wir vor dem fall waren, erfordert, welche in dieſer verderbnuͤß noch nicht moͤglich, bis wir die aufliegende laſt allerdings ablegen. Nimmet mans aber alſo, daß wir aus Chriſti krafft ſeine gebot halten, wie er mit unſerer ſchwachheit, wo wir des gegebenen maſſes der gnaden uͤber uns treulich und ernſtlich gebrauchen, ob wirs wohl noch nicht auf das hoͤchſte gebracht haben, aber immer fort zu fah - ren befliſſen ſind, gedult haben und an ſtatt des jenigen, was wir ſolten, nem - lich gantz ohne ſuͤndliche neigung ſeyn, dasjenige, was wir aus ſeiner krafft vermoͤgen, nemlich derſelben ſuͤndlichen neigung in nichtes mehr folgen, an - nehmen will, ſo iſts eine heilige, noͤthige lehr, die offt zu treiben iſt.
AUf die weiſe, wie die lehrer des Neuen Teſtaments, als Johannes der taͤuffer Mat. 3, 2. Chriſtus Marc. 1, 15. Die Apoſtel Luc. 24, 47. Act. 2, 38. 17, 30. 31. 26, 18. uns vorgegangen ſind. Es muß nemlich, wo der menſch vorhin deſſen verſichert iſt, daß er eine ſeele, ſeligkeit, verdamnuͤß glaubet, oder doch nur ein gefuͤhl eines gewiſſens hat, demſelben gezeigt werden, wie er mit ſuͤnden GOtt beleidiget, wie deſſen ſtraff und gericht einmal zu warten ſeye / und wie er mit ſeinem fleiſchlichen leben, wie die men - ſchen von natur fuͤhren, einmal in dieſes fallen, ja ſo lang er auch hie in der welt lebet, niemal zu einer wahren ruhe ſeiner ſeelen und vergnuͤ - gung kommen koͤnne, ſondern in der dienſtbarkeit ſeiner fleiſchlichen luͤſten hie und dort ewig unſelig ſeye. Wie jeglicher, wo er nur will in ſich ſelbs ge - hen, und der ſache recht nachdencken, unſchwer in ſich gewahr werden wird, weſſen auch die Heyden ſelbs vieles davon erkant haben. Gott habe aber ſich uͤber uns menſchen erbarmet, ſeinen Sohn in die welt geſandt, denſelben fuͤr uns leyden laſſen, daher uns die vergebung der ſuͤnden verdienen laſſen,die17ARTIC. I. SECTIO III. die er uns auch aus gnaden geben wolle, er habe auch durch ſeinen Sohn, ſei - ne lehr und exempel den weg zeigen laſſen, auf welchem wir zu der wahren ſeligkeit und genuß ſeiner verdienten gnade durch den glauben kommen koͤn - ten. Da ſeye alſo das erſte, daß wir muͤſſen unſern ſuͤnden abſterben, und darzu den tod Chriſti, durch ſeine krafft und exempel in uns kraͤfftig ſeyn laſſen, auf daß wo wir nunmehr die ſuͤnde bey uns angefangen zu toͤdten, und ihr die herrſchafft genommen haben, auch die krafft ſeiner auferſtehung in uns kraͤfftig werde, zu einem neuen geiſtlichen leben, in mehrer erleuch - tung unſers verſtands, und alſo ſo ſtaͤrckung als vermehrung unſers glau - bens, der anfangs gantz gering iſt, auch nicht wachſen kan, als lang der menſch noch die ſuͤnde nicht abgeleget hat, aber auch daſſelbe durch die offen - bahrung Chriſti Joh. 14, 21. waͤchſet, und zu einem hellern liecht wird, als jemand verſtehet, welcher denſelben noch nicht in der maß hat; ferner in mehrerer gleichfoͤrmigkeit unſers willens mit dem goͤttlichen, innerlichen trieb zu dem guten und freude an demſelben / und was dergleichen guͤter und wirckungen des heiligen Geiſtes in der ſeelen ſind, darinnen das geiſt - liche leben beſtehet. Daher ob wohl einige erkaͤntnuͤß GOttes, um wel - ches willen wir der ſuͤnde abſterben muͤſſen, vorher erfordert, und zum grund geleget wird, ſo iſt nechſt demſelben, das erſte nicht ſo wol die voͤllige er - kaͤntnuͤß aller glaubens lehren, als welche in dem geiſt muͤſſen erkant werden, noch weltliche und fleiſchliche hertzen aber des Geiſtes nicht faͤhig ſind / als vielmehr das abſterben der ſuͤnden, die reue und haß der ſuͤnden. Wie auch Hebr. 6, 1. zum erſten der grund unter den Chriſtlichen lehren gelegt wird, unter dem namen der buß von den todten wercken. Wird die - ſe erſtlich zu wege gebracht, und ſtirbt alſo der menſch ſeinen ſuͤnden in der krafft des todes Chriſti: So offenbahret ſich folgends auch deſſen leben an den bußfertigen, und wird er tuͤchtig in den uͤbrigen ſtuͤcken der erkaͤntnuͤß und heiligung zuzunehmen, zu welchen er allerdings ſo lange untuͤchtig iſt, als er noch der ſuͤnden lebete. Dann wie will der GOtt erkennen, und da - von erleuchtet werden, welcher noch die wercke der finſternuͤß liebet und thut? Ap. Geſch 26, 18. Alſo wird der glaube zwar alles thun, im anfang, mit - tel und ende, aber er weiſet uns auf die ordnung, die unſer treuer lehrer und ſeligmacher, den uns GOtt zum einigen meiſter und mittler vorſtel - let, vorgeſchrieben hat, in welcher die buß vor der vergebung der ſuͤnden hergehet. Wo wir alſo glauben, unſer Heyland habe uns den rechten weg gezeiget, ſo will eben der glaube haben, daß wir denn nach ſeiner verordnung erſtlich der ſuͤnden abſterben, und ſie haſſen muͤſſen.
AUf dieſe weiſe, wie die regul der heiligen ſchrifft ſelbs, und auch unſe - re glaubens bekaͤntnuͤß, mit ſich bringet. Nun bekennen wir, und iſt dieſes ein haupt punct, welchen wir gegen die Papiſten vertheidigen, daß die heilige ſchrifft gantz allein, ausgeſchloſſen aller menſchlichen ſchriff - ten, die regul unſers glaubens ſeye. Daher gleichwie wir keinem einigen Prediger anders und weiter glauben doͤrffen, als er uns GOttes wort vor - traͤgt, alſo daß er zeigen koͤnne, daß was er ſagt, allerdings in der ſchrifft ge - gruͤndet ſeye, und man ihme ſolches nicht glauben ſolle, weil er es ſagt, ſon - dern weil ers zur gnuͤge aus der ſchrifft erweiſe, daß unſer gewiſſen darauf beruhen kan. Maſſen ich ſelbs nicht verlange, daß mir einiger zuhoͤrer ein wort von glaubens ſachen glaube, als ſo viel ich ihme aus goͤttlicher ſchrifft darthue: Alſo haben wir auch kein einig menſchlich buch, es habe namen wie es wolle, und ſeye von dem beruͤhmteſten mann gemacht worden, alſo an - zuſehen, daß was wir darinnen leſen, wir demſelben ohnunterſucht glau - ben wolten zuſtellen. Dann waͤre ich einigen menſchlichen ſchrifften ſolche ehrerbietung und gehorſam ſchuldig, ſo waͤre ich es zum foͤrderſten den Pa - tribus, conciliis und dergleichen ſchuldig, ſo wir gegen die Papiſten gleich - wol verneinen und am hefftigſten beſtreiten. Sondern alles leſen anderer buͤ - cher muß alſo geſchehen, daß wir, was wir in denſelben finden, halten wollen gegen den klaren buchſtaben der heiligen ſchrift, und alſo gegen derſelben pruͤf - fen. Finden wir in unſerm gewiſſen, daß ſolches geleſene mit dem deutlichen worte Gottes in der ſchrifft uͤbereinkommet, oder daß es alſo daraus erwieſen iſt, daß wir ſelbs erkennen koͤnnen, es folge daraus, ſo haben wir alsdann dem - ſelben beyfall zu geben, nicht weil dieſer mann ſolches ſchreibet, ſondern weil es in der heiligen ſchrifft gegruͤndet iſt. Jch bin aber ſolchem buch ſo fern ver - bunden um es deswegen zu lieben, auch GOtt dafuͤr danck zu ſagen, daß mir vermittels ſolches buchs eine handleitung geſchehen ſeyn mag, das jenige in der ſchrifft wahrzunehmen, was ſolcher lehrer daſelbs wahrgenommen, und in ſeinem buch mir an die hand gegeben hat, ſo ich vielleicht ohne ſeine anleitung in der ſchrifft nicht alſo gefunden haͤtte. Finden wir aber etwas in dergleichen buͤchern, ſo wir nicht erkennen koͤnnen, wie es mit der ſchrifft uͤbereinkomme und darinnen gegruͤndet ſeye, als die wir nicht ſehen, daß die angezogene ſpruͤche ein ſolches klar in ſich faſſen: Hingegen aber finden auch nicht, daß es eben wider die ſchrifft ſeye, ſo laſſen wir es als gedanckenei -19ARTIC. I. SECTIO III. eines ſonſt etwa guten lehrers auf ihrem werth oder unwerth beruhen: ge - ben ihnen ſo viel beyfall, als uns deucht, daß wir gewißheit darinnen fin - den, aber gruͤnden unſern glauben nicht darauf, widerſprechen aber es auch nicht ſchlechterdings, als die wir noch aus der ſchrifft nichts dagegen ha - ben, ſondern laſſen es zu des Autoris verantwortung: Treffen wir aber etwas an, das deutlich wider die ſchrifft ſtreitet, und wir ſolches erkennen koͤnnen, ſo haben wir es nicht nur nicht anzunehmen, und uns darauf zu ver - laſſen, ſondern wir muͤſſen es verwerffen, als welches der warheit entgegen iſt; Solte es auch der ſonſt beſte und liebſte mann ſeyn, welcher daſſelbe ge - ſchrieben. Dann alle menſchen ihnen ſelbs gelaſſen, bleiben luͤgner, und ſind nicht werth, daß ihnen um ihr ſelbs willen geglaubet werde, allein GOtt, und die durch den heiligen Geiſt getriebene maͤnner, von welchen wir die heilige ſchrifft haben, ſind dieſes glaubens wuͤrdig. Will mir alſo ein lehrer muͤndlich oder ſchrifftlich etwas aufbuͤrden zu glauben oder zu thun das er mir nicht zeigen kan, daß es GOTT und CHRJSTUS von mir erfordere, ſo laſſe ichs fahren; es ſey dann ſache, daß ichs als einen guten menſchlichen rath annehme, deme ich zu folgen nuͤtzlich achte, aber in der freyheit des gewiſſens. Will mir aber einiger lehrer etwas freyheit geben, wo Chriſtus mein gewiſſen bereits gebunden, und mir klar ſeinen willen gezeiget hat, ſo traue ich ſolcher lehr nicht, ſondern ſehe ihn darinnen an als einen, welcher mich ſicher machen wolle: Jn dem vor Chriſti richterſtul, wo mich das wort Chriſti verdammen wuͤrde, des lehrers wort, der mir mit ſeiner meynung freyheit hat machen wollen, nicht zu ſtatten kommen wird. Jnsgeſamt aber iſt zu mercken, daß die ſchrifft ſelbs, ſonderlich das neue Te - ſtament fleißiger und angelegenlicher zu leſen iſt, als einiges menſchen buch, und iſt eine nicht geringe verderbnuͤß, daß wir uns faſt von jugend auf mehr an menſchen-arbeit haͤngen. Jch erkenne es auch vor einen fehler an mir, und ein anzeigen, daß miꝛs noch ziemlich mangle, weil nicht nur allein vor noch nicht vielen jahren, lieber in andern gottſeligen buͤchern, als in der ſchrifft geleſen habe, und gemeinet, durch dieſe als jene beſſer erbauet zu werden, (ſo ja aber ein irrthum ſeyn muß, wir wolten dann ſagen, daß menſchen die erbauung beſſer verſtuͤnden, als der heilige Geiſt) ſondern noch off - ters mich duͤncket, mehr bewogen zu werden durch die ſpruͤche der ſchrifft, wie ſie in andern ſchrifften angefuͤhret werden, als wie ich ſie in des textes ord - nung leſe. Jch erkenne aber, wie gedacht, ſolches vor einen fehler, ſchrei - be es der gewohnheit zu, daß wir von jugend auf faſt zu einer andern und unſerer meinung nach, mehr methodiſchen art zu lehren gewehnet worden, da wir aber die art des heiligen Geiſtes anders finden (wie ein verderbter geſchmack, das jenige, deſſen er gewohnet, vor anmuthiger haͤlt, als wasc 2an20Das ſiebende Capitel. an ſich ſelbs das ſchmackhafftigſte iſt) und dancke meinem GOtt / daß er mich allgemach mehr u. mehr die reinigkeit und vortreffligkeit der ſchrifft erkennen laͤſſet. Wie mirs nun gehet / halte ich gehe es etwa auch manchen andern guten menſchen / daß es beſſer waͤre / wir wuͤrden von jugend auf zu der ſchrifft fleißiger gewehnet / ehe ſo zu reden / unſer geſchmack mehr an die menſchliche ſchrifften gewehnet oder verwehnet wird. Nicht will ich al - lerdings verboten und mißrathen haben / einige theologiſche buͤcher zu le - ſen / als welches alles ſeinen guten nutzen haben kan. Aber es muß weder der vornehmſte fleiß daruͤber zugebracht werden / daß die ſchrifft dahinden bleibe / noch dem leſen derſelben mehr zugeſchrieben werden als ſichs zie - met / und der unterſcheid derſelben gegen die Goͤttlichen ſchrifften zugibt. Hingegen will ich auch die jenige nicht ſtraffen / welche einig und allein bey dem wort GOttes bleiben / und ſich damit vergnuͤgen / ſonderlich nachdem ſie den unterſcheid beyderley aus der erfahrung erkant / und erlernet ha - ben / die qvelle allen auch noch reinen fluͤſſen vor zuziehen.
BLeich wie alles urtheilen / ſo aus haß gegen den nechſten / aus eige - nem willen oder aus hochmuth / ſich demſelben vorzuziehen / geſchi - het / und alſo die ſchrifft ſo bedencklich uns mehrmal das richten und urtheilen eines fremden knechtes verbeut / alſo kan das urtheilen nie - malen recht ſeyn / als wo es geſchiht aus eyffer vor goͤttliche ehre und liebe gegen den nechſten: Nicht anders als uns Chriſten aller zorn verboten iſt / ohne wo wir in Gottes namen und aus ſeinem befehl zoͤrnen / oder der zorn aus liebe des nechſten beſtes ſuchet / und daruͤber eyfert. Alſo ſuͤn - diget derjenige nicht / welcher wo er ſeinem nechſten / es ſeye nun in lehr oder in leben ſiehet von goͤttlicher regul abgehen / und ſich in gefahr ſtuͤr - tzen / aus eyffer vor goͤttliche warheit und zu liebe zu des nechſten heil / wel - ches jener ſelbs ſo gering achtet / denſelben ſtraffet / ihm ſeine fehler gruͤnd - lich und beweglich vorhaͤlt / auch die gefahr in welcher er ſtehe / anzeiget / und ihm alſo wehe thut / daß er ihn helffe retten. Sonderlich gehoͤret ſolches urtheil zu den lehrern und predigern / welche von GOtt darzu ge - ordnet ſind / auch die kirche ſie darzu haͤlt / daß ſie den irrenden zurecht fuͤh - ren / und die gottloſen und hartnaͤckige ſtraffen / welches nicht anders ge - ſchehen kan / als daß ſie ſie vor ſolche erkennen und urtheilen muͤſſen / und wo ſie ſolches nach der ihnen vorgeſchriebenen regul thun / ſo verrichten ſie ein heiliges ſtuͤck ihres amts. Weil aber die ſorge fuͤr des neben-menſchen ſeele nicht ſo gar an die prediger verbunden iſt / daß nicht die liebe GOttesund21ARTIC. I. SECTIO III. und des nechſten auch andern Chriſten vieles in ſolcher pflicht ſo aufleget als vergoͤnnet / ſo ſuͤndigen ſie auch nicht / wo ſie ihren nechſten zu ſeinem beſten urtheilen / ja weil auch die zuhoͤrer ſich vor den falſchen propheten huͤten ſollen / und ſich von bruͤdern / die unordentlich wandeln / abthun / ſo muͤſſen ſie wer ſolche ſeyn / urtheilen doͤrffen / und koͤnnen. Nur iſt wol in acht zu nehmen / daß das urtheil / gleich wie es aus rechten bewegenden ur - ſachen der liebe geſchehen muß / in der art gleichfals nach der liebe u. war - heit regul geſchehe. So iſt uns nun verboten von dem nechſten zu urthei - len / was das kuͤnfftige anlanget / und haben wir nicht macht den allergott - loſeſten menſchen vor gewiß verdammt zu achten (es waͤre dann ſach / daß wir jemand der ſuͤnde in den heiligen Geiſt ohnzweiffentlich beſchuldigen koͤnten / welches wie es zu geſchehen vermoͤge / etwa eine ſchwerere ſache iſt / und ich davon mein urtheil nicht geben koͤnte) indem es moͤglich iſt / daß die gnade GOttes ein zeugnuͤß ihrer gedult / langmuth und mitleydens an demſelben erzeigen wolte / und ihn auf eine art / die ich und du nicht vorſe - hen koͤnnen / zu der erkaͤntnuͤß und buß bringen wuͤrde / daß wir aus dem anſehen des gegenwaͤrtigen vermeſſentlich / und mit einem eingriff in die goͤttliche regierung / dero das kuͤnfftige bloß allein unterworffen / vor verdamt verurtheilt haͤtten: Sondern alles urtheil muß gehen auf das vergangene und gegenwaͤrtige / auf das kuͤnfftige aber nicht anders als conditionate, wo er in ſolchem leben fortfahren wuͤrde / oder mit bedro - hung / daß goͤttliche gnadenzeit nicht allezeit bis auf den tod des menſchen ſich erſtrecke / ſondern offt diejenige ſuͤnder / ſo goͤttlicher guͤtigkeit eine zeitlang geſpottet / in das gericht der verſtockung gegeben werden / vor welchem ſolche leute treulich zu warnen / und ihnen die gefahr ſolches ſtandes und goͤttlicher gerechtigkeit ſtrenge vor augen zu ſtellen iſt / ja ich wolte auch den eyffer des jenigen nicht unbilligen / welcher wo er einen ſolchen menſchen vor ſich hat / der freventlich GOTTES geſpottet / und auf andere warnungen nichts gegeben / dabey ſich noch gantz ſicher auf goͤttliche gnade beruffet / da er denſelben erinnerte / daß er ſorgte / er ſey im nechſten grad und bey ſolchem Goͤttlichen gericht / und nehme bereits einige vorboten deſſelben bey ihm wahr / daher es hohe zeit waͤre / ehe das urtheil voͤllig uͤber ihn ausbreche / die noch beſorglich das letzte mal anbietende gnade anzunehmen. Hiernechſt hat man ſich zu huͤten / daß man anders urtheile von dem menſchen / als aus der regul die CHRJ - STUS ſelbſt gegeben / an der frucht den baum zu erkennen / an der lie - be ſeine juͤnger / und an ſeinem gehorſam ſeine ſchaafe zu pruͤffen: A - ber auch in applicirung ſolcher regul beſcheiden / liebreich und vorſichtig zu verfahren / ſo dann von einem menſchen nicht ſo wol aus einer oder an - dern action als dem gantzen tenore dieſes lebens zu urtheilen / zum exem -c 3pel22Das ſiebende Capitel. pel: Jch ſehe einen menſchen, deſſen gantzes leben, wo es genau betrachtet wird, zeiget, daß es ihm wahrhafftig um ſeinen GOTT allein zu thun ſeye, und daß er nicht ſeine eigene ehr, nutzen, luſt und anderes dergleichen ſuche: Jch habe deſſen ſo allgemeine proben, als auch eine und andere ſonderbare exempel, wo ich ihn dergleichen zu ſeyn gefunden habe. Wo ich dann etwa einmal von ihm etwas ſehe, ſo ich finde, mit ſolcher regul nicht uͤberein zu kommen, ſondern gerad darwider zu ſtreiten, ſo wuͤrde ich vermeßlich thun, wo ich gleich aus dieſer handlung ihn vielmehr als aus ſeinem uͤbrigen leben urtheilen wolte. Und ob ich dann ſchon ſolche action nicht zu rechtfertigen weiß, ſo habe ich lieber zu glauben, daß es aus einiger uͤbereilung und heff - tigkeit der verſuchung hergekommen, welche ihn uͤberworffen, als aus der - ſelben ſeine gantze froͤmmigkeit in zweiffel zu ziehen: Es waͤre dann ſache, daß ich ihn nachmal dergleichen wiederholen ſaͤhe, und daraus ſagen muͤſte, er waͤre nunmehr allerdings von ſeinem loͤblichen wege abgetreten. Hinge - gen wuͤrde die liebe auch allzuweit ausgedoͤhnet ſeyn, wo ich bey einem men - ſchen, deſſen gantzes leben irdiſch iſt, und zeigt, er ſuche ſich ordinarie in al - lem, und ſtehe alſo auſſer der ſelbs, verleugnung, ſo ich in mehrern exempeln an ihm wahrgenommen, ſo vielmehr, wo er etwa noch daruͤber erinnert, gleichwol alſo fortgefahren iſt, daß alſo die fruͤchte einen faulen baum, das le - ben einen fleiſchlichen ſinn andeuten, und ich wolte, wo ich ihn einmal etwas gutes thun ſehe, daraus ſchluͤſſen, er waͤre ein guter und GOtt wohlgefaͤlli - ger Chriſt, da ich doch aufs hoͤchſte nicht mehr daraus ſchlieſſen kan, als es moͤchte dieſes ein anfang ſeyn eines kuͤnfftigen anderen und neuen lebens, von deſſen beſtaͤndigkeit und wie ernſt es ihm geweſen, oder wie gegruͤndet meine hoffnung ſeye, der kuͤnfftige erfolg erſt lehren muß. Wie ich alſo recht thue, wo ich einen vor einen wahren Chriſten und ſchaaff Chriſti halte, bey dem ich die liebe und gehorſam gegen die ſtimme Chriſti als das belobte kennzeichen ſehe, alſo ſuͤndige ich nicht, daß ich denjenigen vor einen bock und unchriſten halte, den ich erkenne, um ſich zu ſtoſſen, zu treten, und alle ei - genſchafften eines bocks an ſich ſehen, hoͤren und riechen zu laſſen. Hie darff die liebe nicht wider die warheit thun: ob ſie wol in dem zweiffelhaftigen allezeit lieber das beſte hoffet und glaͤubet. Auſſer dem aber und den kaͤnt - lichen zeichen des lebens, achte ich alles andere muthmaßliche richten vor un - recht, ſonderlich wo man leute die ein untadliches leben fuͤhren, und man an ihrer aͤuſſerlichen Converſation nichts ſtraffbares noch den regeln Chriſti zuwiderſtreitendes antrifft, der heucheley beſchuldiget, und damit GOtt in ſein gericht greiffet, welcher allein das verborgene der hertzen zu urtheilen ſich vorbehalten, uns aber die probe des euſſerlichen lebens dazu gegeben hat, daß wir lernen erkennen, wie wir mit dem nechſten umzugehen, und uns gegenihn23ARTIC. I. SECT. IV. ihn zu verhalten haben, Wie nun das ſtraffen ſolle aus liebe und nach derſel - ben geſchehen, ſo iſt noch letzlich zu bemercken, daß es auch ſolle geſchehen, mit liebe und ſanfftmuth ohne uͤbereilung fleiſchlicher Affecten, und vermiſchung fremdes feuers mit dem heiligen; wiewol wo es aus liebreichem hertzen und abſicht geſchihet, etwa dieſe erinnerung ſo noͤthig nicht ſeyn, ſondern was uns zu dem richten gebracht, auch in demſelben maaß zu halten lehren wird. Der HERR gebe uns allen die gnade, daß wir uns jeglicher ſelbs auf das genau - eſte und ohne ſchmeicheley, ſo dann uns untereinander aus, in und nach der liebe allein zu ſeiner ehre und unſerer beſſerung richten moͤgen, auf daß wir nicht von ihm doͤrffen gerichtet werden. Amen. 167.
DAß einige uͤber die dem ſeligen Herrn Schaden gehaltene leich-pre - digt gelaͤſtert, und ſolche dinge mir daraus beygemeſſen, deren gegen - theil austruͤcklich darinnen ſtehet, wundere mich ſo viel weniger, als ich bishero feindſeliger leute art erfahren habe, die offte von ihrer gall einge - nommen, faſt nicht vor derſelben erkennen koͤnnen, was vor augen iſt. Wann dann derſelbe ſelbs eine offenbahre laͤſterung widerleget hat, dafuͤr auch dancke, iſt nicht noͤthig, ein wort weiter darvon hinzu zuthun. Was aber etlicher Chriſtlicher leute noch uͤbriges dubium uͤber p. 11. der leichpre - digt anlangt, da dieſe conſequenz daraus gemachet werden wolle: koͤnnte man im neuen Teſtament an der offenbahrung des geheimnuͤſſes der drey perſonen nicht zweiffeln E. ſo haͤtte man im alten Teſtament daran zweiffeln koͤnnen, da doch bey dem ſeligmachenden glauben kein zweiffel waͤre &c. und einigen meine wort dunckel ſcheinen wollen, habe dienlich erachtet, deren rich - tigen verſtand zu zeigen, ob ich wohl gehofft, daß ein auf die Conſtructiones achtgebender leſer denſelben ſehen koͤnnen. So lauten meine wort alſo: Welches geheimnuͤß der drey perſonen in dem alten Teſtament ob wol nicht mit gleichem licht als in dem neuen (da ſich nunmehro die eine perſon, der ſohn, auf ſonderbahre art, und alſo, daß nie - mand zweifeln koͤnnte, daß er von dem vater eins unterſchiedene perſon waͤre, geoffenbahret hat, ſo in dem alten Teſtament noch nicht geſchehen war) gleichwohl ſo viel, daß glaͤubige Jſraeliten ihn alſo erkennen konnten, geoffenbahret worden war. Hier lehre ich folgendes, 1. Es iſt das geheimnuͤß der drey perſonen in beyden Teſta -men -24Das ſiebende Capitel. menten geoffenbahret, und von den glaͤubigen geglaubet worden: welches ſo bald mit in ſich ſchleuſt, als zu der natur des glaubens gehoͤrig, daß keine glaͤubige daran gezweiffelt haben, wo wir nemlich von dem herrſchenden zweiffel reden, dann auch offt noch jetzo wahren glaͤubigen mancherley zweif - fel einkommen, die ſie aber uͤberwinden, und dahero ſolche ihren glauben nicht umſtoſſen muͤſſen. 2. Dieſe offenbahrung und erkaͤntnuͤß iſt gleich - wol in dem neuen heller als in dem alten geweſen, und zwar ſolches nicht al - lein (davon als einem geſtandenen nicht noͤthig war hier erwehnung zu thun) aus der allgemeinen urſach, da das maaß des liechtes und goͤttlicher offen - bahrung insgemein in dem neuen Teſtament reichlicher als in dem alten mitgetheilet worden: ſondern 3. dieſen articul beſonders betreffende, hat das neue Teſtament dieſen vorzug, daß in demſelben ſo offenbar geweſen, daß der HErr JEſus von dem Vater eine unterſchiedene perſon waͤre, daß auch unglaͤubige ſolches ſahen und erkannten, ja nicht nur die glaͤubige aus dem liecht des heiligen Geiſtes, ſondern natuͤrliche menſchen aus ihrer ver - nunfft, nicht daran zweiffeln konten: Daher ſo bald aus der lehr und wun - dern, auferſtehung und eingang in die herrlichkeit des HErrn JEſu erkant worden, daß dieſe perſon wahrer GOTT ſey, ſo war erwieſen, daß mehr als eine perſon der einige GOTT ſeyn muͤſten: alſo konte niemand in dem neuen Teſtament an dem unterſcheid dieſer beyden perſonen zweifflen. 4. Hingegen in dem alten Teſtament war ſolcher unterſcheid nicht ſo offenbar, und konte von keinem ohne offenbahrung des heiligen Geiſtes erkant werden: zum exempel da der ſohn GOTTes in der wolcken-ſeule die kinder Jſrael aus Egypten fuͤhrete, da war die goͤttliche gewalt desjenigen, der ſolches werck that, ſo offenbahr, daß es auch ohne die innerliche offenbahrung jeden in die augen leuchtete, daß aber ſolcher eine von dem vater unterſchie - dene perſon waͤre, zu erkennen, gehoͤrete die offenbahrung des heiligen Gei - ſtes dazu, und zweiffeln nicht allein die heutige Juden mit ſo viel andern dar - an, ſondern widerſprechen daſſelbige. 5. Wann dann in dem neuen Teſta - ment ein wichtiges ſtuͤck zu dem geheimnuͤß der drey perſonen gehoͤrig, nem - lich der unterſcheid des JESU) der auch ſeine goͤttliche krafft vor den augen aller welt gezeiget) von GOTT dem Vater, alſo jedem in die augen leuch - tet, daß niemand daran zweiffeln kan: Da hingegen in dem alten Teſta - ment alles auf die bloſſe offenbahrung ankommt; ſo iſt dieſer articul auch ſo fern ietzo heller als in dem alten dargethan. Dieſes iſt der voͤllige verſtand meiner wort der nicht erſt darein gebracht wird, ſondern ſelbſt darin ſte - cket. Daher nicht zweiffele, derſelbe werde ihn leicht begreiffen, wie er ohne das in dem letzten ſchreiben bereits darauf deutet: Bitte aber auch den guten freunden, die anſtoß daran gehabt haben, theil darvon zu geben. Hier -25ARTIC. I. SECT. V. Hierbey bin fuͤr die anzeige und gegebene gelegenheit der erklaͤrung verbun - den, wie mir denn allemal ein gefallen durch dergleichen geſchihet. Der HErr aber leite und erhalte uns allezeit in aller wahrheit.
JCh habe das von Herrn NN. mir communicirte tractaͤtlein des Herrn Paſtoris in ihrer nach barſchafft geleſen, und in ſolchem nichts gefunden, das mir anſtoß gegeben: Jndem ich ſelbs darvor halte, daß ſolches buch der offenbarung, ſo wol als andere der ſchrifft, uns zur unterricht und erbauung gegeben, und deßwegen die verachtung deſſelben unbillig, und vielen nutzen der kirchen hindern koͤnne; Sonderlich aber die erkaͤntnuͤß des Roͤmiſchen Pabſtums bedarf fleißiges leſen und betrachten ſolches buchs. Daß daher der Roͤmiſche Pabſt ein groſſes zum vortheil bekommen wuͤrde, wo wir daſſelbe aus den haͤnden legeten: Da wir doch daraus die herrlich - ſte waffen wider ihn hernehmen moͤgen. Wenn aber der Autor, meines behaltens, irgends wo auch ſaget, daß das buch zu leſen und zu verſtehen gantz leicht ſeye / wuͤrde ich etwas bedenckens haben, dergleichen zu ſagen: Jn dem ich in der that befunden habe, und befinde, ob ich wol, aus gewiſſer urſach, eine groſſe zahl der commentatorum daruͤber geleſen, (maſſen der - ſelben leicht auf die 50 ſeyn) daß gleichwol ſolches buch ziemlich ſchwer zu verſtehen iſt, in gegenhaltung gegen andere buͤcher, indem nicht ſo wol die eigenliche glaubens-articul darinnen gelehret oder ausgefuͤhret werden, als vielmehr die zukuͤnfftige fata der kirchen, welche nach art der prophezey - ung vor der erfuͤllung ſehr dunckel ſind, aber auch nach art der erfuͤllung ihre difficultæten bey ſich haben. Weswegen dann, gleich wie ich mit dem autore der meinung zugleich bin, daß es ein buch der gantzen kirchen hoch noͤthig, und denen jenigen, welche ſonſten das nothwendigere ihres Chriſten - thums bereits gefaſt haben, ſo dann mit einigen mehrern gaben begabet ſind, zu leſen hoͤchſtens zu rathen ſeye, alſo wuͤrde ich doch davor halten, daß alle die ſinguli, auch einfaͤltigeren, welche bloß etwa die fundamenta ſalu - tis zu faſſen tuͤchtig ſind, uͤber ſolches buch ſich bemuͤhen, und daſſelbige mit gleichem fleiß, als etwa andere ex proſeſſ[o]von glaubens-articuln hand - lende heilige ſchrifften, ihnen ſtetig im gebrauch ſeyn laſſen muͤſten. WasIV. Theil. daber26Das ſiebende Capitel. aber die in E. Wohl-Ehrw. ſchreiben mir angedeutete hypotheſes ſolches autoris belanget, ſo habe denſelben in freundlichem vertrauen, als von dero darum befragt, nicht zu bergen: daß ich mit demſelben nicht gantz einig ſeyn koͤnte (1.) daß ſenſus literalis in allem vortringen ſolle, deucht mich nicht wol in allem behauptet werden zu koͤnnen, in dem nicht allein der locorum ſo vie - le ſind, die ich zweiffle, daß der autor ſelbs ſolche ad literam werde verſtehen wollen, daß aus denſelben ein groſſes ſtuͤck des buchs beſtehet, ſondern auch die art der prophezeyungen, welche in bildern beſtehen, mit ſich bringet, daß die bilder allezeit etwas anders bedeuten muͤſſen. Daher die exempel in dem alten teſtament ſich gantz haͤuffig finden werden, aus denen wir gleichwol mit ziemlichem recht eine regel der prophetiſchen auslegungen machen moͤgen. (2.) Daß die jenige, welche die zeit rechnungen nach der hiſtorie der alten zeit gefuͤhret, alle geirret haben, wird ſchwer zu behaupten werden, vielmehr a - ber ein fleißiger unterſucher dieſer weiſſagung dieſes finden, daß der heilige Geiſt die gantze hiſtorie des neuen teſtaments zuſammen faſſe, und zwar von den letzten zeiten viel offenbahrung thue, der erſten zeiten aber nicht weniger meldung thue, daß alſo alles aneinander haͤnge. Dahin zielen die wort c. 1. v. 3. Die zeit iſt nahe. (3.) Was des autoris meinung ſeye wegen 1000. jahre des reichs CHriſti, weiß ich nicht. Wo er allein dieſes davor haͤlt, daß noch ein herrlicherer zuſtand der Chriſtlichen kirchen als bis - her geweſen, zu erwarten ſeye vor dem juͤngſten tag, ehe Gogs und Magogs letzter grimm vor dieſem vorgehen werde; ſo moͤchte er vielleicht ſo viel wi - derſpruch nicht finden, bey allen denjenigen, welche aus Rom 11. die noch kuͤnfftige bekehrung der Juͤden erwarten. (4.) Daß gar nichts von dem juͤngſten tag und dem ewigen leben in dieſem buch enthalten, waͤre mir ein ſchweres paradoxum, und ſo viel ich faſſe, des heiligen Geiſtes intention nicht gemaͤß, ob zwar nicht in abrede bin, daß nicht alle loca, ſo insgemein von dem juͤngſten tag oder gericht pflegen verſtanden zu werden, davon han - deln. Dahero E. Wohl-Ehrw. ſehen, daß in hypotheſibus generalibus wir nicht accordiren, was aber die explication c. 17. antrifft, laß ich mir die allgemeine application, wie ſie mir beſchrieben, nicht mißfallen. Aber die ſpecial application kommt mir nicht nur nicht glaubwuͤrdig vor, ſondern zweiffle nicht, daß ſie den verſtand des heiligen Geiſtes nicht erreiche. Als wann die 7. haͤupter vor 7. Churfuͤrſten ausgegeben werden: Deren 5. gefallen. Da gleichwol mit keinem grund geſagt werden kan, von den 5. daß ſie gefallen ſeyen. Maͤyntz iſt in dieſem ſeculo ſo maͤchtig geweſen, als es jemal war, ſo moͤgen wir auch von Coͤlln ſagen. Trier hat auch kei - nen notablen abgang erlitten. Von den andern jetzo nicht zu gedencken. Brandenburg iſt zwar vor andern heut zu tage maͤchtig, wegen andererPro -27ARTIC. I. SECT. V. Provintzien die variis juribus dem Churfuͤrſten zugefallen; Wo wir aber reden von der zeit, da der ſiebende Bavarus die Electoralem dignitatem be - kommen, ſo fieng ſolches erſt an maͤchtig zu werden, als das ſeine meiſte ac - ceſſiones erſt vor wenig jahren vorher bekommen, etliche auch noch in ſchwe - rer controvers ſtuͤnden. Und iſt auch damal Sachſen, nicht ſchwaͤcher geweſen als vorher. Daß Palatinus ſolte der achte ſeyn, iſt wiederum nicht nur vermuthlich, in dem in den vorigen, ſo viel ich faſſe, nicht perſonæ ſingu - læ, ſondern ſtatus Electoralis verſtanden werden ſolle, Wie dann ſonſten nicht geſagt werden moͤchte, daß Bavarus nur eine kurtze zeit bleiben werde, indem bereits die andere perſon verhanden iſt, und ſchon nach dem erſten eine ziemliche zahl der jahre regiert. Daß in apocalypſi irgend die vierdtehalb jahre ad literam zu verſtehen ſeyen, halte ich gantz unerfindlich, und wird ſol - che zahl ſo offt wiederholet in dem buch, und dergleichen ſachen darinnen zu geſchehen angezeiget, daß nicht muͤglich bey dem buchſtaben zu bleiben, und von einer ſo kurtzen zeit es verſtehen, aber es laͤſſet ſich von allem ſolchen nicht eigentlich urtheilen, man ſehe dann des lieben mannes gantzes werck. Wie ohne das in materia apocalyptica faſt niemal aus einem theil deſſen erklaͤ - rung ſicher geurtheilet werden mag, ſondern allemal die gantze cohærenz ei - ner explication durch das gantze buch angeſehen werden muß. Daher ich auch nicht gewiß bin, ob ich aus E. Wohl-Ehrwuͤrden ſchreiben des autoris meinung uͤber ſolches ſtuͤck alſo genug gefaſſet habe, daß meine animadver - ſiones auf die ſelbe ſich ſchicken. Doch habe nicht unterlaſſen moͤgen E. Wohl-Ehrwuͤrden hiermit zu bezeugen, daß deroſelben begehren nach ver - moͤgen gerne an hand gienge, und alſo in vertrauen dieſes wenige hiemit von meinen unvorgreifflichen gedancken daruͤber entdecken wollen. 168.
VOr den hauptſchluͤſſel apocalypſeos, ſo mit geſendet, ſage ich dienſt - lichen danck, und wuͤnſche gelegenheit zur erwiederung. Es iſt auch insgeſamt die materia apocalyptica eine der jenigen, die ich heut zu tage der kirchen ſehr noͤthig achte; Wolte GOTT ſie waͤre auch ſo leicht, und ſolches goͤttliche buch eigenlicher und klaͤrer einzuſehen. Des Sel. Herrn Hoffmanns, deme E. Hoch-Wohl Ehrwuͤrden folgt, Chronotaxin habe etwa vor 10. jahren geleſen; Leugne aber nicht, daß ich nicht eben ver - gnuͤgung darinnen gefunden. Jch habe ſonſten vor dem uͤber apocalypſind 2leicht28Das ſiebende Capitel. leicht uͤber 60. autores geleſen, da einem dieſes, dem andern jenes, man - gelt, wo ich aber urtheilen ſolte, wuͤſte ich nicht, ob nicht viel von den an - dern dieſem Hoffmanno vorzuziehen ſeyn ſolten: Ob ich zwar auch beken - ne, daß mir keiner dermaſſen gefallen, daß ich nicht ziemliche difficultaͤten darinnen gefunden. Das hauptwerck in dem Hoffmanno iſt wohl die hy - potheſis von den 24. ſeculis, ſo unter den 24. aͤlteſten ſollen verſtanden werden: Wuͤrde dieſe gruͤndlich, oder doch ſo, daß ein gewiſſen darauf ac - quieſciren koͤnte, demonſtriret, ſo wolte nachmal das uͤbrige gerne zuge - ben, und alle andere explicationes fahren laſſen, wie ſie zwar auch ſtante Hoffmanno von ſelbſten fallen muͤſten: Aber mir wollen alle vor ſolche hy - potheſm vorbringende argumenta noch kein genuͤgen thun, oder einen aſ - ſenſum zu wegen bringen, ob ſchon ſehr begierig waͤre, dermaleins etwas recht gewiſſes in der materie zu haben; Daß dahero auch die faſt gemeinſte expoſitiones, ob ſie wohl ihre difficultaͤten auch haben, mir noch glaͤubli - cher vorkommen. Jndeſſen bin doch nicht in abrede, daß ſolche erklaͤrung auch nicht bloß dahin zu verwerffen getraue, ſondern deswegen bis daher mehrmal zu GOtt gebeten, dafern mein werther bruder in ſo wichtiger ſache durch ſeine gnade und liecht die wahrheit erkant, und uns gewieſen haͤtte, daß er uns ſolche gleichermaſſen zu unſerer und auch der kirchen wohlfart ein - zu ſehen die augen oͤffne, aber auch, da derſelbe an Hoffmanno einen unrichtigen handleiter ergriffen, ihn ſelbs wieder auf den weg zu bringen, ingeſamt aber was ſeinen glaͤubigen von den zeichen unſerer zeit zu wiſſen noͤthig iſt, je laͤnger je offenbarer werden laſſen wolle. Mein einiges, was in ſolchem buch zu verſtehen getraue, iſt das jenige, was von dem Roͤmiſchen Ba - bel, deſſen fall wir erwarten, beſchrieben wird, ſo dann achte, daß an den 1260 tagen das meiſte gelegen, aber glaube daß ſolche nahe zu ende gehen. Jch wuͤnſchte aber ſonderlich, daß mein hochgeehrter Herr uͤber die gantze mate - riam apocalypticam mit Herr Caſpar Hermann Sandhagen, Superin - tendens zu Luͤneburg (dem ich eine gute zeit hero geglaubet, unter allen un - ſern Theologis, welche ich kenne, die meiſte erkaͤntnuͤß der Propheten und apocalypſeos gegeben zu ſeyn) freundlich communiciren moͤchte, ob durch dero conferentz etwas der kirchen erſprießliches entſtehen ſolte, wel - ches freylich geſchaͤhe, da durch dieſelbe dieſes ſo wichtige buch in einem hel - leren liecht uns dargeſtellet wuͤrde. Der HERR befoͤrdere auch darinnen ſeiner gemeinde beſtes, und verwahre uns ſonderlich auf die bevorſtehende verſuchung, da nu beſorglich Babel bald den hoͤchſten gipffel ſeiner macht b. ſteigen duͤrffte, daß wir in den proben unſerer gedult und glaubens beſte - hen, und jenes darnach ihm vorſtehende gericht getroſt erwarten.
DEſſelben Chriſtliche gedancken uͤber den zuſtand unſerer zeit habe wol verſtanden, und beantworte itzo in der furcht des HERREN ſo viel als itzo von mir geſchehen kan. 1. Was die zeit ſelbs anlangt, meine ich, es werden mit uns die meiſte, ſo etwas tieffer unſer weſen einſehen, einig ſeyn, daß nemlich das gericht, ſo von dem hauſe des HErrn anfahen, und zuruͤck auf Babel zu ſeinem endlichen untergang fallen ſolle, vorhanden und uns nechſt ſeye. So moͤchte auch der beruͤhrte groſſe Koͤnig ein ziemlich inſtrument ſolcher gerichte ſeyn. Aber 2. was die pflicht anlangt der juͤnger des HErrn zu ſolcher zeit, ſehe ich die ſache nicht auf einerley weiſe an. Jch laſſe gelten, der Engel Offenb. 14, 9. hat ſeine ſtimme hoͤren laſſen oder wird ſich bald hoͤren laſſen: Es folget aber nicht E. muͤſſen alle, die engel ſind, dieſe ſtimme auf gleiche weiſe fuͤhren. Sondern es moͤgen wol jegliche Engel, mit den poſaunen und ſchalen, ſingula individua der lehrer bedeuten, wo nemlich damit etwas menſchliches angedeutet werden ſolle: oder ob et - wa, wie die Apocalypſis ein drama iſt, die Engel ſo aufgefuͤhret werden, nur mit ihren verrichtungen und ſtimmen andeuten, was als denn geſchehen wer - de, ſo den nachkommenden, und denen welche als dann leben werden, zum be - richt dienen kan. Den erſten Engel halten die unſrige insgemein vor Luthe - rum, und alſo eine einzele perſon, ſo ich zwar dahin geſtellet ſeyn laſſe, und zu bedencken waͤre, ob er nicht der andere Engel vielmehr waͤre. Dem ſeye aber wie ihm wolle, ſehe ich nicht mehr aus ſolches dritten Engels predigt, als daß es eine gefaͤhrliche zeit ſeyn werde, wegen der macht und grimm des thiers, ſo die menſchen zu ſeiner anbetung und verehrung noͤthigen will, damit laͤſſt GOTT durch einen Engel ſolche leute dieſer zeit warnen, daß ſie nicht ge - horſamen ſondern die ſchreckliche ſtraffen des ſonſten folgenden zorns anſe - hen ſollen. Mehr folget nicht daraus. Dann wir prediger nicht eben al - le derſelbe dritte Engel ſeynd, ſondern vielmehr mit unter der zahl der jenigen denen GOTT durch ihn zuruffen laͤſſet / daß wir alſo uns ſelbs huͤten und die gemeinde verwahren und wehren helffen ſollen. Auf was weiſe aber ſolches geſchehen ſolle. ſtehet hie nicht, ſondern iſt eines jeglichen chriſtlichend 3erwe -30Das ſiebende Capitel. erwegung uͤberlaſſen, da wir allezeit den heiligen Geiſt zu bitten haben, der uns geiſt und weißheit gebe, den zuſtand unſerer zeit und gemeinden, und was dieſen nothwendig ſeye, recht einzuſehen und zu erkennen. Jndeſſen iſts ja nicht noth, das thier mit fleiß zu irritiren, ob wol auch ihm nicht zu ſchmeichelen, ſondern in allem zu thun, was goͤttliche ehre und der ſeelen heil erfodert. Es iſt ja nicht um uns und unſere perſon allein zu thun, ſon - dern um ſo viel tauſend der anvertrauten ſchaafe, welche wir nach muͤglich - keit verwahren, aber nicht mit unnoͤthigem vorſchnellenden eiffer die gefahr vermeſſentlich vor der zeit uͤber den hals ziehen doͤrffen, da ſonſten der ihnen daher auch ſo gar, welche nicht beſtehen ſondern fallen wuͤrden, zuwachſende ſchade, nur auf unſre verantwortung kommen, und ein ſchwer gewiſſen ma - chen wuͤrde. 3. Deucht mich daher am aller rathſamſten zu ſeyn, wo wir die ſache auf dieſe weiſe angreiffen. 1. Daß durch einige wohl gegruͤndete, deutliche und kurtze ſcripta des Pabſtums ungrund und greuel vorgeſtellet, und ſolche mehr als vorhin unter die leute gebracht werden. Hiezu ſehe ich ſehr rathſam, ſo auch deßwegen noch vor der meß ſolle wieder aufgelegt werden, Criſt. Alethophili antwort auf Chriſtiani Conſcientioſi ſendſchreiben, welches nicht nur von mir, ſondern vielen verſtaͤndigen ſo politicis als predi - gern vor das ſolideſte gehalten wird, unter allen denen welche von langer zeit ausgegangen. Es iſt geꝛichtet gegen die allgemeinſte angꝛiffe deꝛ Papiſten von deꝛ kiꝛche und unſeꝛem pꝛedigamt, und wiꝛd denen welche ſtudirt haben, ein voͤl - lig vergnuͤgen geben und ſie verwahren gegen die verfuͤhrung. Hingegen achte nicht, daß ſich jemal einer der papiſten unternehmen wird, ſolches zu refu - tiren, oder da es einer verſuchen wolte, bin ich verſichert, es wird elend ab - gehen. Was die einfaͤltigere anlangt, denen muß auf andere art mit einer deutlichen erzehlung der geſamten irrthume und kurtzer widerlegung geholf - fen werden, wozu noch die anſtalt gemacht wird. So finde auch noch ſehr nuͤtz - lich, was derſelbe vorſchlaͤgt, daß eine paræneſis aus Apoc. 14. gemacht wer - de, dazu ich noch jemand ſuche, und als dann vor den truck ſorgen will. Die - ſes wird vor die unſrige, was ſchrifften anlangt, genug ſeyn. Dann was die Papiſten ſelbs betrifft, ſo iſt alles vergebens, als die keine unſerer ſchriff - ten, ob dero hundert herausgegeben wuͤrden, leſen oder leſen doͤrffen. Da ſind wir alſo nicht ſchuldig daran, daß ſie in ihrer finſternuͤß bleiben, nach dem ſie den zeugen der wahrheit allen weg zu ſich verſperren. 2. Gleichwol iſts mit ſchrifften nicht bloß ausgemacht. Sondern wir haben nechſt dem auch bey den unſrigen gemeinden das unſere zu thun, welches ich darinnen zu be - ſtehen meine, daß wir unſern leuten die theſin am fleißigſten einſchaͤrffen, und publice und privatim, in predigten, kinderlehren und zuſpruͤchen, unſe - ren glaubens grund dermaſſen deutlich ihnen vorlegen, daß ihnen die wahr -heit31ARTIC. I. SECTIO VII. heit recht in das hertz einleuchte, und ſie zu einer verſicherung derſelben kom - men moͤgen, dann wo dieſes iſt, ſo iſt am kraͤfftigſten der verfuͤhrung vorge - bogen, und da iſts ihnen alsdann, ob haͤtten ſie die ſachen ſelbs geſehen, da ſich einer alsdann ſchwerlich mehr eines anderen uͤberreden laͤſſet. Auf ſolches iſt noͤthig, ſonderlich die vornehmſte irrthume der Papiſten ihnen auch vorzulegen, und zwar ſolche, welche nicht in ſtreit gezogen werden, ſondern ſie alle die ſache ſelbs bekennen. Da man ihnen aber die falſchheit derſelben vorgeben alſo zu weiſen, daß man ihnen auch dabey zeige, was vor eine gefahr in der fache ſtecke und wie dieſelbe irrthuͤme der gewißheit des glaubens und ſeligkeit oder der heiligkeit des lebens entgegen ſeyen. Solches kan und ſoll geſchehen in predigten, wo es der text bringt, und in den examinibus. Nechſt dem iſt auch oͤffters der vorzug unſer kirchen wegen ſolcher offentlicher bekaͤntnuͤß der wahrheit und die gnade, welche uns wiederfahren, zu ruͤhmen gegen denjenigen, die in der Roͤmiſchen kirchen zwar endlich von GOTT erhalten werden, aber in einer euſſerſten gefahr, und da es eine ſonderbare barmhertzigkeit GOttes iſt, wo er ſolche irrthum, die ſie ſonſten verdammen wuͤrden, zuruͤck haͤlt, daß ſie ihren ſeligmachenden glauben nicht umſtoſſen muͤſſen, dahingegen wir die wahrheit ſo deutlich vor augen haben. Es iſt ferner ernſtlich zu treiben, daß ein groſſer unterſcheid ſeye, unter denen, welche in dem Pabſtum gebohren und erzogen, und welche erſt von uns zu ihnen abgefallen, da jene in groſſer gefahr zwar leben, jedoch ihrer unwiſſenheit wegen noch viele einige entſchuldigung finden moͤgen, die - ſe aber nichts dergleichen vor ſich und alſo kaum einige hoffnung uͤbrig ha - ben. Dieſes iſt deswegen nothwendig, weil ſich viel darauf ſteiffen, weil man ja nicht ſagen koͤnte, daß alle Papiſten verdamt waͤren, ſo koͤnten ſie auch dahin gehen, und doch die ſeligkeit hoffen. Das allermeiſte aber beſtehet darinnen, die leute zu dem rechten wahren hertzens glauben zu bringen und bey ihnen durch denſelben die liebe dieſer welt aus zu tilgen. Dann ohne dieſen mag alles nichts helffen. Fides dogmatica ſeye gegruͤndet wie ſie will, iſt jene wirckung des heiligen Geiſtes nicht da, ſo mag eine ſophiſtic und ſubtilitaͤt einem erudito ſolche ſcrupel erregen, daß ihm ſeine aus der ver - nunfft gefaſſte gewißheit anfaͤngt zu wancken, und endlich hinfaͤlt, oder mag die ehre, reichthum und andere auctoramenta dieſer welt ihn uͤberwin - den, daß er anfaͤngt zu glauben, was ſeinem Intereſſe das bequemſte iſt. wie ich dann nicht zweiffele, die allermeiſte ſo abfallen, fallen ab, nicht aus auch nur vermeinter conviction ihres gewiſſens, ſondern aus zeitlichen urſa - chen, wie ſichs auch an den meiſten weiſet, und haben gemeiniglich keine an - dere ſcrupel, als die ſie ſich ſelbs mit fleiß gemacht, um bey anderen den na - men der leichtfertigkeit nicht zu tragen, oder ihr gewiſſen einigerley maſſenzu ge -32Das ſiebende Capitel. zu geſchweigen, ob waͤre es aus ſolcher conviction hergekommen, daß ſie die Religion geaͤndert. Sie haben aber entweder ſchon vorhin bey ſich die reſolution gefaſſt, und nachmal ein ſolches pflaſter nur geſucht, die wunde des gewiſſens zu heilen, oder da ſie wahrhafftig einigen ſcrupel gefaſt, ha - ben ſie ſolchen mit freuden angenommen, als ein mittel, nun mehr mit fug zu der jenigen Religion gehen zu koͤnnen, wo ſie ihre rechnung in dem zeitlichen finden. Sehr wenig ſind, die recht eigenlich verfuͤhrt werden, und war - hafftig meinen zu der warheit zu kommen, und ſolchen hats dann vorhin a[n]der erkaͤntnuͤß der warheit gemangelt. 3. Wo wir nun nach unſerem vermoͤ - gen dieſes in unſerem amt treiben, ob wir wol nicht alle alſo befeſtigen moͤgen daß ſie nachmal beſtaͤndig bleiben, ſondern erfahren ſolten, daß ihrer viele in der verſuchung abfallen, zweifele ich nicht, wir haben unſere ſeelen geret - tet. Gleichwie da wir mit aller treu und fleiß die wahrheit GOttes privatin〈…〉〈…〉 und publice vortragen, ſo dann die leute vermahnen und warnen, unſere ſeele damit gerettet wird, ob wol einige ſo ſich nach vermoͤgen und mit fleiß dem unterricht entziehen, oder in ihren ſuͤnden gleichwol fortfahren. Dann bey uns ſtehet nicht mehr als das liecht vorzutragen, welches die anderen erleuchten ſolle, ſchlieſſen ſie die augen zu, ſo iſts ihre eigene ſchuld, dann ſie haben das liecht haben koͤnnen. 4. Aus dieſem erhellet aber, daß freylich noͤthig ſeye, den elenchum doctrinalem nicht aus zulaſſen, ſondern ſo viel und als lang nicht durch die euſſerſte gewalt ſolche freyheit benommen wird, thaͤten wir unrecht denſelben fahren zu laſſen, und uns eines nuͤtzlichen in - ſtrumenti zu befeſtigung der unſern zu begeben. Jedoch rathe ich nimmer, daß er das einige und vornehmſte ſeye, noch fort und fort getrieben werde, ſondern daß wir hierinnen dem heiligen Geiſt, wie er uns in den texten die anlaß zeigt, oder ſonſten zu weilen einige nothwendigkeit weiſen moͤchte, folgen. Wo wir ihn aber fuͤhren, iſt noͤthig daß er ohne acerbitaͤt, mit be - zeugung erbarmender liebe, damit der eiffer vermiſcht werden ſolle, ſo dann mit einer ſolchen deutlichkeit gefuͤhret werde, daß auch die einfaͤltige, welche achtung geben wollen, die ſache faſſen moͤgen. Kaͤme es aber auch kuͤnfftig dahin, daß man der widerſacher namen nicht mehr auf der cantzel nennen doͤrffte, ſo laͤſt ſich doch mit Chriſtlicher klugheit die ſache nachmal alſo fuͤhren, daß nicht weniger der zweck der verwahrung der unſrigen erhalten werde. Wie mein ſel. ſchwager, da er in meinem vaterland, wo die kirche ſehr getruckt iſt, lange zeit die Papiſten auf der cantzel nicht nennen doͤrffte, dan - noch durch GOttes gnade die ſeinige ſo erhalten, daß nicht mehr als auf die letzte einer (um erlangung eines frantzoͤſiſchen dienſts) apoſtaſiret hat: Ja auch noch nach ſeinem tod wenig exempel (und zwar da die urſach allemahl leicht abzuſehen) der abfaͤlligen geſehen worden. Hingegen hat er viele Pa -piſten33ARTIC. I. SECTIO VIII. piſten zu uns gebracht, und zwar muſte ſolches ſo gar ſtille geſchehen, daß er ſie an andere evangeliſche ort in geheim recommendiren mußte, ſolten ſie anders ſicher ſeyn. Jm uͤbrigen iſt freylich noͤthig, daß wir den HERRN hertzlich anruffen um ſeine gnade, geiſt und in jetziger zeit der gefahr ſo viel nothwendigere weißheit, die er uns aber auch gewißlich verleyhen wird.
ZUweilen mit mir in brieffen von einigen puncten, dazu die ſchrifft an - Laß gibt, durch brieffe zu communiciren, iſt mir nicht entgegen, als der ich mich verſichre, daß der Herr den etwa begebenden verzug der antwort, nicht werde laſſen verdrieſſen, ſondern in liebe deuten. Welches alſobald bey dieſem erſten, da die antwort eben ſo wohl etwas laͤnger aus ge - blieben, zu bitten habe. Was dann nun anlangt die zum erſten brief be - liebte materie, von der abſonderlichen und eine lange zeit vor der allgemei - nen hergehenden auferſtehung, welche ſo wohl in der alten kirchen einige beyſtimmige gehabt, als auch noch zu unſern zeiten bey etlichen beyfall findet: So werde am fuͤglichſten auf zweyerley art davon zu handlen haben (1.) aus der ſchrifft zu zeigen, daß eine einige allgemeine auferſtehung der todten ſeye. (2.) Die das gegentheil dem anſehen nach in ſich faſſende ort etwas zu erklaͤren. Wie ich allezeit dieſes vor eine nothdurfft achte, in einer jeglichen materie die theſin aus offenbahren deutlichen orten der ſchrifft alſo zu gruͤnden, daß unſer glaube einen grund habe, welcher nicht wancket, nach ſolchen aber auch geſehen werde, wie ſich die jenige ort vereinbahren laſſen, welche derſelben wahrheit ſcheinen entgegen zu ſte - hen. Was alſo das erſte anlanget, ſo achte ich den ort Joh. 5, 28. 29. vor den rechten haupt ort; Dann ob wol unſer liebe Heyland ſelbſten in ſolcher rede von zweyerley auferſtehung redet, ſo weiſet er gleichwol v. 25. deutlich, daß er daſelbs rede von einer geiſtlichen auferſtehung von ſuͤnden, darinnen der menſch in das ewige leben tringet aus dem tode, darin - nen er von der verderbten natur her geſteckt iſt. (Siehe v. 24. mit vergli - chen 1. Joh. 3, 14. Eph. 2, 5. 6. Col. 2, 13. 3, 1.) dann es iſt ſolches eine auferſtehung, dero ſtunde damal ſchon war. Nach deroſelben weiſt un - ſer Heyland allein von einer einigen auferſtehung, die er von der vorigenIV. Theil. eunter -34Das ſiebende Capitel. unterſcheidet. (1.) Nach der zeit, dann dorten iſt ſchon die ſtunde da, hie ſolle ſie erſt kuͤnfftig ſeyn. (2.) Jn der erſten hleſſen es insgemein todten, damit man aber an der zweyten nicht zweiflen moͤge, was vor eine art der todten gemeinet werde, ſo heiſſets, die in den graͤbern ſind, alſo die leiblicher weiſe todt ſind. (3.) Jn der erſten werden alle lebendig, in der an - dern gehen ſie alle zwar hervor, und alſo werden ſie lebendig in dem ver - ſtand, wie wir pflegen insgemein das leben zu nehmen, wo leib und ſeel ver - einiget ſind; in der zweyten auferſtehung aber ſtehen nur etliche auf zur auferſtehung des lebens, die uͤbrige zur auferſtehung des gerichts. Nun dieſe auferſtehung welche zu dem ewigen leben geſchihet, und die allein von den jenigen geſagt wird, welche in den graͤbern, das iſt durch den leibli - chen tod aus dieſem leben hingeriſſen geweſen ſind, iſt eine einige auferſte - hung, und iſt doch in einem doppelten unterſcheid; Jndem einige von ſolchen auferſtandenen zum leben, andere zum gericht gehen: Es geſchihet aber beyder auferſtehung in einer einigen ſtunde, das iſt, zu einer zeit. Wie eben dergleichen Dan 12, 2. war geweiſſaget worden. Hingegen ſolten die gerechten, und welche gutes gethan haben, lange vorher auferſtehen, ſo koͤnte der HERR nicht von einer ſtunde ſagen. Zu deſſen weiterern er - klaͤrung auch dienet, daß unſer liebſter Erloͤſer von dem einigen juͤngſten tag ſaget, daß er an demſelbigen dieſelbe erwecken wolle, die an ihn glaͤuben, die ihm der Vater gegeben hat, die ſein fleiſch und blut gegeſſen und getrun - cken haben. Joh. 6, 39. 40. 54. Nun erwarteten die Juͤden die allgemeine auferſtehung am juͤngſten tag, den ſie eben mit einem ſolchen namen nenne - ten, Joh. 11, 24. Wie wir alſo dieſe warheit an dieſem ort gegruͤndet ſe - hen, ſo wird auch Matth. 25, 31. allein von einer zeit geredet, da ſchaa - fe und boͤcke, und die geſegnete des Vaters und die verfluchten, vor den thron CHRJSTJ gebracht werden, jene in das ewige leben, dieſe in die ewige pein einzugehen. Wo wir vergleichen 1. Theſſ. 4, 16. ſo werden wir ſehen, es geſchehe ſolches verſamlen alſo, daß die todten in CHRJSTO zu erſt auferſtehen und alsdann mit ihnen die uͤberbleibende auch ihm entgegen gezuckt werden, und ſolches nicht etwa allein zu einem ſolchen reich, da ſie nur auf eine zeitlang bey dem HERRN ſollen ſeyn, ſondern da ſie bey ihm wer - den bleiben allezeit: So die beſchreibung des ewigen lebens iſt. Alſo der liebe Apoſtel Paulus, der da wuſte, daß er ſolte vor den HERRN hinge - richtet und geſchlachtet werden, daher des HERRN warheit mit ſeinem blut verſiegeln, erwartet gleichwol der krohn nicht eher, als an dem jeni - gen tag, da der gerechte richter erſcheinen wird, und die krohne insge - ſamt denen die ſeine erſcheinung lieb haben, geben wird: 2. Tim. 4, 8. Welches35ARTIC. I. SECTIO VIII. welches zu einer zeit geſchehen ſoll, wann auch GOtt ſeine rache an den gottloſen uͤben wird. 2. Theſſ. 1, 6. 7. 8. 9. Welche ort alle meines erach - tens ſo klar find, daß ein einfaͤltiger und der warheit begieriger in denſelben deutlich findet, womit er zufrieden ſeyn, und ſeinen glauben gruͤnden kan. Was nun anlangt diejenige ort, welche dieſer lehr ſolten ſcheinen entgegen zu ſtehen, hoffe ich, wo ſie in der furcht des HERREN und mit gegenhal - tung der jetzt angezogenen deutlichen ſtellen erwogen werden, werde ſichs gnugſam zeigen, daß auch dieſelbige damit uͤberein kommen. 1. Was be - trifft den ort 1. Cor. 15, 23. 24. So bemercke ich (1.) billich dieſes. daß der liebe Apoſtel eigenlich in dem gantzen capitul handele nicht von der auferſtehung insgemein, ſondern von der auferſtehung zu dem ewigen le - ben, von dero es heiſſen mag ζωοποιηϑήσονται. wie auch die Hebraͤer eini - gen unterſcheid machen unter תקומה, die auferſtehung, welche allen menſchen gemein iſt, und darinnen beſtehet, daß ſeel und leib wieder mit ein - ander vereiniget werden, und תחייה die lebendigmachung, welche allein den frommen zukommet, die eine auferſtehung des lebens geheiſſen hat. Joh. 5, 29. Die erſte iſt nicht eigentlich eine frucht des verdienſtes CHri - ſti, dann ſie wuͤrde ein werck goͤttlicher gerechtigkeit geweſen ſeyn, ob ſchon Chriſtus nicht gekommen waͤre; Dieſe aber iſt eine wirckung der auferſtehung Chriſti, und gehet alſo allein die glaͤubigen an, und machet, daß die auferſtehung ihnen ſelig und erfreulich ſeye. Nun redet Paulus von der auferſtehung, die wir in Chriſto dem neuen ſtamm-vater, wie er dem erſten Adam entgegen ſtehet, haben. v. 21. 22. (wo ſich einer an dem wort alle ſtoſſen wolte, ſo halte man dagegen Rom. 5, 18.) daher auch in den folgenden worten v. 41. 42. u. f. ſiehet man, er rede von einer ſolchen aufer - ſtehung, dabey lauter verklaͤrte leiber ſeyen. Daß alſo gantz hell vor au - gen ſtehet, es ſeye die meinung in dem gantzen capitel zu handlen von der auferſtehung der frommen, die denſelben zum troſt dienen koͤnte. (2.) begeh - re ich nichts zu aͤndern in der ordnung des Apoſtels, ſondern es bleibet da - bey (1.) iſt der erſtling Chriſtus. (2.) darnach die Chriſtum angehoͤren, ob ſchon nicht in einer von den gottloſen der zeit nach abgeſonderten auferſte - hung (welches Paulus nicht ſaget, und andern orten entgegen waͤre) je - doch in ſolcher allgemeinen auferſtehung, in dero jetzo ihrer allein meldung geſchihet nach der intention die Paulus gehabt hat. Dann Paulus ma - chet einen gegenſatz in der ordnung, nicht zwiſchen denen die CHRJSTO und die ihm nicht angehoͤren, als davon er nicht reden wolte, ſondern zwiſchen Chriſto und denen die ihm angehoͤren: Da folgt freylich dieſer, der Chri - ſten und der glieder, auferſtehung nach jener. (3.) Folgt das ende, da ere 2das36Das ſiebende Capiteldas reich GOtt und dem Vater uͤberantworten wird. Welches auf die auferſtehung freylich folget, nicht aber nothwendig ein langes interſtitium dazwiſchen ſeyn muß, wie zwiſchen den vorigen beyden geweſen iſt; Dann ſolches ſaget der Apoſtel nicht, ſondern allein, daß das ende darnach folge, ob wol die folge ſtracks darauf geſchehen, und gleichſam an jene vorgehenden anhaͤngen kan, wie da die worte ἔιτα und ἔπειτα von ſolchen actibus hand - len, die continui auf einander auch ohne langes interſtitium gefolgt ſind, wie zu ſehen Marc. 8, 25. Luc. 8, 12. 16, 7. Joh. 13, 9. 19, 28. 20, 27. Daß alſo ſolches wort keine nothwendigkeit bringet, daß eine lange friſt zwiſchen ſolchen zweyen actibus ſeyn muͤßte: Was nun hier τέλος genen - net wird, iſt nichts anders als eben die συντέλεια του῀ ἀιῶνος Matth. 13, 39. So ſchicket ſich auch alſo die angezogene gleichnuͤß der erſtling und erndte gar wohl, dann auf die erſtlings-garbe, welche Chriſtum vorbildete, folgete nicht zweyerley erndte, erſtlich des weitzens, und nach langem verzug des unkrauts, ſondern es war eine einige erndte zu erwarten. Wie auch in dem angezogenen ort Matthaͤi CHRJSTUS nur eine einige anzeigt, welche den weitzen in die ſcheuer, die ſpreue aber in das feuer bringet. Welches alles erwogen zeigen wird, daß aus ſolchen worten Pauli kein ſol - cher punct erwieſen werden moͤge, welcher der uͤbrigen ſchrifft ſo gar fremd ja entgegen waͤre. Nicht mehr richtet auch 2. der andere ort aus Luc. 14, 14. wo der auferſtehung der gerechten meldung geſchicht, aber deswegen noch nicht draus folget, daß ſolche der zeit nach von der auferſtehung der gott - loſen werde unterſchieden ſeyn; Wol aber was den zuſtand anlangt: Dann die auferſtehung der gerechten iſt froͤlich, ſelig und eine herrliche ver - geltung alles guten, die auferſtehung der gottloſen aber iſt betruͤbt / un - ſelig und eine ſchreckliche beſtraffung vor alles boͤſe was die boͤſen gethan haben. Wie Joh. 5, 29. Chriſtus ſelbs in einer ſtunde eine auferſte - hung des lebens und des gerichts machet. 3. Der ort Offenb. Joh. 20. iſt wol der ſchwerſte und leugne ich nicht, daß er mir unter andern dunckel bleibet, aber (1.) das gantze buch iſt ænigmatiſch, und das meiſte bekantlich in lauter bildern vorgeſtellet; Wie von capitul zu capitul zu ſehen iſt, daß dahero die ſonſten allgemeine regel bey dem buchſtaben zu bleiben, in einer ſolchen materie und buch nicht alſo ſtreng mag urgiret werden. (2.) Wo wir auch ſelbs auf den buchſtaben ſehen, ſo ſtehet von einer auferſtehung nicht der leiber, ſondern der ſeelen: Solche werden hie vorgeſtellt als le - bend und regierende mit Chriſto. Da auch was das leben anlanget, ich nicht eben widerſprechen will, wo man ſagt, es muͤßte gleichwol eine ſon - derbare art des lebens ſeyn, indem ja die ſeelen nie geſtorben ſind, dann es mag ſeyn, daß der heilige Geiſt mit wenigen worten hie eine ſonderba -re37ARTIC. I. SECTIO VIII. re herrlichkeit und ſeligkeit ſolchen ſeelen verſpricht, da ſie gleichſam wuͤr - den wieder lebendig ſeyn, nachdem ſie gleichſam als todt eine zeitlang ge - weſen waͤren: Ob ich nun wol nicht eben ſagen kan, was ſolches le - ben und regieren auf ſich habe, wie es damit werde bewandt ſeyn, und was andere umſtaͤnde ſeynd, ſo iſt ſolches auch auszutrucken nicht noͤthig, wie dann insgemein die prophezeyungen vor der erfuͤllung raͤtzel ſind; Gnug iſts, daß nicht eben nothwendig eine auferſtehung der leiber, davon die frag eigenlich iſt, ſeyn muß, und bleib ich gern dabey, daß ich in ſolchen dunckeln orten lieber meine unwiſſenheit bekenne, als etwas determinire: Jn deſ - ſen aus denſelben mir nichts zweiffelhaftig machen laſſe, was ich ſonſten in der ſchrifft deutlich gegruͤndet finde. 3. Erinnere ich mich, daß ein guter freund und ſehr gelehrter mann, der ſonſten, was das tauſend-jaͤhrige reich Chriſti auf erden aus ſolchem ort anlangt, auf ſelbiger hypotheſi feſt ſte - het, und einiges daruͤber gelitten haben mag, gleichwol im geſpraͤch mit mir, dieſe aus ſolchem ort prætendierende auferſtehung der glaͤubigen und maͤrtyrer ſelbs verneinet, auch verſprochen hat, er wolte mir aus ſolchem text Johannis ſelbs zeigen, daß dieſelbe von dem Apoſtel gar nicht gemei - net, noch in ſolchem ort gegruͤndet ſeye. Ob wol er ſolches nachmal nicht gethan, ſondern vermuthlich mir zu ſchicken vergeſſen haben mag. Jch ſe - tze zuletzt noch ein argument, ſo mir nicht unkraͤfftig zu ſeyn vorkomt: Wo wir ſagen wollen, daß eine auferſtehung der gerechten von der allgemeinen auferſtehung unterſchieden ſtatuirt wird, ſo gehet dieſelbe entweder alle glaͤubige oder nur etliche an. Wehlet man das erſte, ſo werden keine from - men mehr uͤbrig bleiben, die ihre belohnung in der letzten auferſtehung zu gewarten haͤtten: Wider die klare ort. Joh. 5, 29. Dan. 12, 2. Matth. 25, 31. u. f. ja wider Offenb. 20, 12. 15. Wo noch nach den 1000. jahren in der letzten auferſtehung einige ſind, die in dem buch des lebens ſte - hen, andere die nicht darinnen ſtehen: es ſoll alsdann nach den wercken ge - richtet werden, und ſolches nicht nur nach den boͤſen, ſondern auch guten wer - cken. Mau ſehe hievon 1. Cor. 4, 5. 2. Cor. 5, 10. Rom. 14, 11. 12. Wolte man aber das letzte wehlen, daß es nemlich eine particular auf - erſtehung waͤre: ſo koͤmts wiederum nicht mit der ſchrifft uͤberein, dann es ſolle ſeyn eine auferſtehung der gerechten Luc. 14. Gerechte aber heiſ - ſen alle die jenige, welche durch den glauben gerecht worden, und wird daſelbs von der gutthaͤtigkeit gegen die arme geredet, die an dem allgemeinen ge - richt ſollen vorgeſtellet werden Matth. 25. Es ſollen ſeyn die jenige, die Chriſtum angehoͤren. 1. Cor 15. Dieſe ſind abermal alle glaͤubige. Offenb. 20. heiſſets wiederum, nicht nur die maͤrtyrer, ſondern alle diee 3das38Das ſiebende Capitel. das thier nicht angebetet, noch ſein bild und mahlzeichen nicht an - genommen haben, und alſo alle ſo in den betruͤbten zeiten der kirchen feſt an GOtt geſtanden ſind. Alſo wohin man ſich wendet, ſo will ſichs nicht ſchicken. Dieſe ſind meine einfaͤltige gedancken, in denen ich hoffe, daß ich bey der ſchrifft bleibe. Sind einige ſcrupeln dabey noch uͤbrig, ſo bin auch willig nach dem maaß meines pfuͤndleins, ſo ſie mir vorgelegt werden, zu antworten. Der HERR heilige uns in ſeiner wahrheit, ſein wort iſt die wahrheit.
DEſſelben beyde ziemliche weitlaͤufftige ſchreiben, habe ich in vergan - gener meß inner etlichen ſtunden nach einander empfangen, aber ſo bald zu beantworten nicht vermocht, wie dann faſt alle brieffe bey mir alt werden. Aber dießmal zu antworten, weilen in beyden ſchreiben nichts anders als lauter wiederholungen der in den vorigen meinen ſchreiben ſattſam beantworteter dinge, und perpetuæ petitiones principii ſtehen, ſo bekenne, daß wo mein hochgeehrter Herr Schwager dabey nicht acquie - ſciren und ich hingegen keine andere fundamenta oder aber ſolidiores ſo - lutiones kriegen wuͤrde, ich nicht geſonnen ſeye, weiter in ſolcher materie fort zu fahren, noch ſtaͤtig einerley mit verluſt der zeit zu wiederholen. Jch will auch meine antwort in lauter ſaͤtze abfaſſen, damit mein hochgeehrter Herr Schwager ſo viel klaͤrer ſehe, wie ihm geantwortet werde, und ob und was er ferner zu beantworten habe.
§ 1.
OB man wol in gewiſſem verſtand Chriſtlicher prediger und anderer frommen Chriſten wort, da ſie goͤttliche wahrheiten, entweder ge -f 2rad44Das ſiebende Capitel. rad mit den woͤrtern, die in der ſchrifft ſtehen, oder mit andern gleich guͤltigen außtruckungen, vortragen, moͤchte goͤttliches wort nennen, ja die faſt ge - meine redens-art iſt, wo man zur predigt gehet, oder aus der kirchen koͤm - met, man wolle GOttes wort hoͤren, oder habe es gehoͤret: Damit man a - ber nichts anders verſtehet, als daß der inhalt der predigt, das wort GOt - tes ſeye, nicht ſo fern es von dieſem oder jenem prediger geſprochen worden, ſondern ſo fern es GOtt durch ſeine Propheten und Apoſtel geredet und ge - offenbaret; Daher iſt das geredete GOttes, der vortrag aber ein menſch - liches werck: Und heiſt nicht daher GOttes wort, weil es der heilige Geiſt in und durch den prediger geſprochen, ſondern weil er das iſt, das der - ſelbe vor dieſem durch ſeine unmittelbare werckzeuge geredet: So gar daß ich, wo auch ein boͤſer menſch goͤttliche wahrheiten aus der ſchrifft ungeaͤn - dert vortruͤge, ſo fern in eben dem verſtand, daſſelbige, was er alſo vorgetra - gen, vor GOttes wort erkennen wuͤrde, als aus dem munde eines gottſeli - gen, indem das geredete einerley, ob wohl das reden der beyden allzuweit von einander unterſchieden iſt: So will ſichs doch nicht ziehmen, daß wir das jenige, was ob wol in eine[r]mitwirckung des heiligen Geiſtes bloſſe menſchen reden, GOttes wort nennen.
§. 2. Die haupt-urſach iſt dieſe, weil wir uns an die redens-art des heiligen Geiſtes zu binden haben, der wol zuweilen den Propheten und Apo - ſteln die ehre thut, daß er ſein wort auch ihr wort (weiler ſie zu werckzeugen deſſen gebraucht,) nennet, als Jerem. 26, 5. Daß ihr hoͤret die worte meiner knechte der Propheten. Ezech. 33, 31. 32. Sie werden dei - ne worte hoͤren. Joh. 17, 20. ſo durch ihr (der Apoſtel) wort an mich glauben werden: nirgend aber laͤſſet er den titul ſeines worts den reden bloſſer menſchen zulegen. Wie es auch allzugefaͤhrlich waͤre, nach dem GOttes wort ſo hoch in der ſchrifft uns angeprieſen wird, als dasjenige, das der grund und regel unſers glaubens ſeye, dem man um ſein ſelbs willen zu glauben habe, daß man ſolchen namen einer rede gebe, die nicht unmittelbar von GOTT kommet, ſondern aus menſchlichem willen 2. Petr. 1, 21. hervorgebracht iſt, in dem ſonſt derſelben alsdann auch diejeni - ge wuͤrde beygeleget werden muͤßte, die dem eigenlichen wort GOttes zu - kommt.
§. 3. Die ſache zu faſſen, iſt der groſſe unterſcheid wohl in acht zu neh - men, der ſich findet zwiſchen dem wort nicht nur das von GOTT unmittel - bar, ſondern auch durch ſeine Propheten und Apoſtel, geredet iſt, und un - ter andren reden der glaͤubigen und heiligen: So verhaͤlt ſichs mit dem goͤtt - lichen wort alſo, 1, GOtt iſt allein deſſen haupt-urſach, und reget in unddurch45ARTIC. I. SECT. X. durch die unmittelbar erleuchtete alſo, daß ihr verſtand und natuͤrliche kraͤff - ten in dem ſchreiben oder ausſprechen ſich nicht ſo wohl wircklich, active, als leidentlich, oder paſſive, verhalten und ſie deßwegen bloß werckzeuge des durch ſie redenden GOttes ſind: Daher es billich im ſchaͤrfſten verſtand genommen wird, wenn es heiſt Luc. 1, 70. GOtt habe geredet durch den mund ſeiner heiligen Propheten: Dieſe haben ihm ſo zu reden nur ihren mund darzu dargeliehen. Wie ſich auch Johannes, Joh. 1, 23. allein die ſtimme eines ruffenden nennet, deſſen ſtimme der heilige Geiſt in dem predigen nur brauche. Alſo auch 2. Sam. 13, 2. ſpricht David: Der Geiſt des HErrn hat durch mich geredet, und ſeine rede iſt durch meine zunge geſchehen. Wobey D. Schmidt bemercket: ho - mines non niſi inſtrumentum ſunt, ſicut os & lingua hominis loquen - tis. Und bald: Spiritus Jehovæ in ipſo locutus eſt, ſicut anima homi - nis in homine loquitur. So heißt es ausdruͤcklich, die Apoſtel, wo ſie ſich des Evangelii wegen zu verantworten haben wuͤrden, ſolten nicht ſorgen, wie oder was ſie reden ſolten: Denn es ſolte ihnen zu der ſtunde gegeben werden, was ſie reden ſolten. Denn ſie ſeyen es nicht die da reden, ſon - dern ihres Vaters Geiſt ſeye es, der durch ſie rede. Matth. 10, 19. 20. Aus welchem allen erhellet, was es vor eine bewandtnuͤß mit der θ〈…〉〈…〉 οτονώσει und goͤttlichen unmittelbaren eingebung habe. Wo aber glaͤubige oder auch Chriſtliche prediger reden, ob wol freylich auch goͤttliche mitwirckung nicht ausgeſchloſſen wird, ſo iſt doch ihre ſeele durch ihren verſtand und willen die nechſte warhafftige wirckliche urſach, und findet ſich dabey des menſchen nach finnen, uͤberlegung, faſſung und ordnung der gedancken, auch einrich - tung der wort, wie der menſch dieſelbe der ſache, und umſtaͤnden am gemaͤſ - ſeſten erkennet: das heiſſet aus menſchlichem willen hervorgebracht, welches von den heiligen maͤnnern GOttes geleugnet, und ihre redart viel hoͤher geſetzet wird,
§. 4. Hiezu kommt der 2. unterſchied. Das eigenliche wort GOttes, weil es die offenbarung des willens Gottes an die menſchen iſt, hat auch eine goͤtt - liche autoritaͤt, u. muß man ihm um ſein ſelbs willen und um des boten wil - len, durch den der HErr es ſendet, und deſſen beruff kund machet, gehorſam lei - ſten, ja man kan es ohne ſchwere ſuͤnde nicht uͤbertreten, ſo gar daß dorten 1. Koͤn. 20, 35. 36. (welches exempel mich offt erſchrecket, daß mich nicht wohl darein finden kan. ) als ein mann unter den kindern der Propheten in dem na - men des HErren und alſo als ein wort GOttes dem andern etwas befahl, daß man haͤtte gedencken moͤgen, es waͤre vielmehr goͤttlichem willen entgegen und dieſer ſich ſolches zu thun weigerte, er ſolches ungehorſams wegen vonf 3einem46Das ſiebende Capitel. einem loͤwen geſchlagen wurde. Hingegen auch die beſte reden der prediger und anderer haben keine ſolche goͤttliche autoritaͤt noch verbinden zum ge - horſam um ihr ſelbs und derer willen, die ſie ſprechen: Dann was die goͤtt - liche wahrheiten von den dingen, die zur lehr und zum leben gehoͤren, an - langt, welche auch in ſolchen reden vorkommen, verbinden ſie zwar auch, aber nicht anders, als ſo fern die zuhoͤrer uͤberzeuget werden, daß es nicht ihre ſondern von GOtt durch die Propheten und Apoſtel geredete, wor - tſe ſeyen, welche dieſe allein widerholen, aber ſie nicht fuͤr die ihrige angeſe - hen werden.
§. 5. Daraus folgt der 3. unterſcheid, daß das wort der Apoſtel und Propheten der grund unſers glaubens iſt. (Wie wir gehoͤret haben aus Joh. 17, 20. daß alle durch der Apoſtel wort muͤſſen glaͤubig werden.) Daher iſt die kirche erbauet auf den grund der Apoſtel und Prophe - ten, da JEſus Chriſtus der Eckſtein iſt Eph. 2, 20. Wo die Apo - ſtel nicht nach ihren perſonen, ſondern wort, zu verſtehen ſind. Hingegen iſt keines andern Chriſten oder predigers wort der grund des glaubens. Dann ob es wol das mittel iſt, dadurch der glaube gewircket iſt, glaubet gleichwol kein glaͤubiger um des willen, von dem er das wort hoͤret, ſondern nechſt GOtt um des willen / durch den GOtt, ſolche ſeine wahrheit offenba - ren und aufzeichnen laſſen.
§. 6. Jch ſetze darzu den 4. unterſcheid, daß in den reden der maͤnner Got - tes aus dem geiſt alles goͤttlich war, alſo daß ſie in ſolchem trieb ſtehende nicht allein nicht irren konten, ſondern daß neben der ſachen ſelbs alle wort, aus - truckungen und geringſte umſtaͤnde, von dem heiligen Geiſt herkommen, da - her ſie nicht verbeſſert werden konten, und wir daher mit gutem fug auf al - le die geringſte woͤrtlein und connexionen uns alſo beruffen doͤrffen, daß ſich aus denſelben feſte ſchluͤſſe machen laſſen. Wann aber andere predi - ger oder glaͤubige gutes reden, koͤnnen ſie doch nicht allein, wo ſie nicht ge - naue acht geben, fehlen, ſondern wann auch ſchon die ſachen, die ſie reden, an ſich goͤttliche wahrheiten aus der ſchrifft ſind, ſind wir doch nicht allein nicht gewiß, daß ſie es in allen austruckungen, da ſie nicht ſchlechter dings die worte des heiligen Geiſtes recitiren, alſo treffen, daß man ſich drauf verlaſſen koͤnte, ja es wird ſich meiſtentheils wahrhafftig etwas menſchli - ches mit einmiſchen, ob zwar nicht von dingen, die falſch ſind, aufs we - nigſte die beſſer und fuͤglicher nach goͤttlicher weißheit eingerichtet werden koͤnnen und ſollen. Damit das goͤttliche vor allem menſchlichen wort ſei - nen offenbaren vorzug behalte.
§. 7. Bey allem ſolchem unterſcheid gebe doch gerne zu, daß was chriſt - liche prediger und andere glaͤubige reden und ſchreiben, freylich auch nichtvon47ARTIC. I. SECTIO X. von ihnen allein, ſondern aus der wirckung GOttes herkomme, und zwar nicht allein aus der allgemeinen wirckung nach dem erſten articul, da, wie es heißt. Ap. Geſch. 17, 28. daß wir in GOTT leben, weben und ſind, keine creatur ohne goͤttliche mitwirckung das geringſte zu thun vermag, ſon - dern dieſe allezeit in jener werck umlaufft. Daß auch Theologi ſagen, crea - turæ & Dei operantis unam numero eſſe actionem: neque enim creator virtutes tantum agendi indidit cauſis ſecundis ſed & per has coinfluit actione una eademque indiviſa. Danh. Hodoſ. ph. 3. p. 310. ſondern auch aus der abſonderlichen mitwirckung des heiligen Geiſtes nach dem drit - ten articul: Und zwar kans nicht anders ſeyn, dann nach dem wir vor uns ſelbs zu allem guten ungeſchickt und todt ſind, ſo kan kein einiger ein gutes werck verrichten aus eigener krafft, ſondern es wird goͤttliche und des heiligen Geiſtes kraft nothwendig darzu erfordert, nicht allein daß derſelbe uns kraͤf - te verleihe, ſondern in denſelben ſelbs bey uns wircke; ſo iſt es GOTT ſelbs der in den Philippern wircket, beyde das wollen und das vollbringen nach ſeinem wohlgefallen. Phil. 2, 13. Alſo gedencket auch Paulus Eph. 3, 20. der krafft, die da in uns wircket: und 1. Theſſ. 2, 13. GOttes, der da wircke in denen die da glauben. Sonderlich heiſſet es von den gaben. 1. Cor. 12, 9. Es iſt ein GOtt, der da wircket alles in allen: und v. 11. Dis aber alles wircket derſelbige einige Geiſt. Sind denn nun alle wercke eines glaͤubigen wahrhafftige wercke GOttes und ſei - nes geiſtes in ihm, ſo koͤnnen wir auch das edle werck, da er von goͤttlichem wort handlet, nicht darvon ausſchlieſſen, ſondern erkennen es auch, daß es in mitwirckung des heiligen Geiſtes geſchehe, und alſo, ſo viel deſſen als des menſchen ſeye.
§. 8. Hingegen moͤchte eingewendet werden, daß damit aller unter - ſcheid wieder aufgehaben wuͤrde, in dem ja GOttes wort in den Propheten und Apoſteln alſo heiſſet, weil es nicht ihr, ſondern ſein werck ſeye, ſo muͤßten wir gleiche wuͤrde auch der glaͤubigen wort laſſen: Weil es eben wol GOt - tes werck in ihnen ſeye. Aber es iſt ſolcher einwurf nicht gnug, obigen unter - ſcheid aufzuheben, in dem etwas in unterſchiedlichem verſtand und ordnung GOttes werck ſeyn kan. Und laͤſſet ſich die ſache deutlich machen durch die vergleichung der wercke, die nach der ordnung der natur und die durch wun - derwerck geſchehen. Es machet ein Apoſtel oder ander wunderthaͤter ei - nen krancken geſund: Ein Medicus macht einen andern durch artzeney ge - ſund. Daß jenes ein werck GOttes ſeye, leuchtet einem jeden in die augen; Dieſes aber iſts nicht weniger. Aber beyde ſtehen nicht in einer ordnung, und findet ſich viel unterſchied. 1. Bey dem wunderwerck iſts-pur alleinGOt -48Das ſiebende Capitel. GOTTes krafft, und hat der wunderthaͤter in eigner krafft nichts gethan. Dann ob er wort geſprochen, die hand aufgelegt oder etwas dergleichen dar - bey gethan haͤtte, darff ſolchem allem das werck ja nicht zugeſchrieben wer - den. Bey der andern cur hat zwar GOTTes ſegen das meiſte thun muͤſ - ſen, aber des medici kunſt, klugheit, fleiß, treue und geſamtes thun dabey iſt doch nicht aus zu ſchlieſſen, wie auch nicht die natuͤrliche krafft der artzney - en. 2. Bey dem wunderwerck kans deßwegen nie fehlen. Aber manche cur des medici richtet nichts aus, noch kan die kranckheit uͤberwinden. 3. Bey dem wunder gehet es leicht her, und kan die kranckheit nicht widerſtehen, da - her der effect auch unzweiffenlich und gemeiniglich gleich auf einmal folget. Bey des medici cur gehets ſchwer her, das uͤbel das man heben will, wi - derſtehet gleichſam der artzney. Daher brauchts zeit, und folget die geſund - heit nur allgemach, oder gar nicht vollkommen. Bey mehrerm nachſinnen achte ich, ſolle man auch mehrern unterſcheid finden; es iſt aber gnug, daß man dieſe erwege; und als dann auch den unterſchied zwiſchen dem eigenli - chen wort GOttes und dem wort eines glaͤubigen dargegen halte: Da ſich jenes mit dem wunderwerck, dieſes mit den jenigen wercken, die in goͤttlicher ordnung durch natuͤrliche mittel geſchehen, vergleichen laͤſſet.
§. 9. Auf dieſe weiſe bleibet dem eigenlichen worte GOttes ſein vor - zug und wuͤrde, hingegen wird der wirckung Gottes in ſeinen kindern auch nichts entzogen, noch GOTT von dem, was durch menſchen geſchihet, aus - geſchloſſen, und ſtehet man in der mittelbahn.
§. 10. Die ſpruͤche die angefuͤhret werden bringen auch ein mehres nicht mit ſich. Dann weil Chriſtus in den hertzen ſeiner glaͤubigen wohnet. Eph. 3, 17. iſt er freylich nicht muͤßig, ſondern wircket in ihnen: alſo auch der heilige Geiſt, der ſie regieret. Gal. 5, 18 und treibet. Roͤm. 8, 14. Es iſt aber ſolche wirckung gern geſtanden, auch erklaͤrt worden. §. 7. 8. Der ort Johan 16, 13. von dem leiten in alle warheit, iſt ſo bewandt, daß wir andere glaͤubige nicht gantz davon ausſchlieſſen koͤnnen, indeſſen gehet er hauptſaͤchlich und unmittelbar auf die Apoſtel, daher was geſagt und ver - ſprochen wird, zwar beyden, aber nicht in einem grad oder maaß, zukom - met: Das wir auch von Matth. 10, 20. zu ſagen haben. Wann aber 1. Petr. 4, 11. geſagt wird von den lehrern, ſo jemand redet, daß ers rede als GOttes wort, machet ſolches die rede des predigers noch nicht zu Got - tes wort, ſondern will allein, daß er nichts anders rede als GOttes wort, wel - ches nemlich GOTT bereits durch andere offenbaret, und ers von dem - ſelben empfangen vortraͤgt: ſodann, daß ers alſo vortrage, mit der ſorg - falt, ehrerbietung und treue, als die wuͤrde des goͤttlichen worts mit ſichbrin -49ARTIC. I. SECTIO XI. bringet. Alſo meine, daß auch Lutheri allegirte wort (der in ſolchem ort ins - geſamt ſehr paradox redet, wie auch daſelbs die wort ſtehen, daruͤber ich ſo offt angegriffen werde, ich bin CHriſtus, ſolcherley redens-arten aber nie - mal nach der ſchàrffe des buchſtabens genommen werden muͤſſen) nicht wei - ter zu ziehen oder zu verſtehen ſeyen als dahin, §. 7. zugegeben worden. Der HERR laſſe die krafft ſeines worts in unſre hertzen lebendig eintringen, daß auch aus unſerm munde worte gehen die ſein Geiſt in uns wircket, ob nicht jenen an unfehlbarkeit und anſehen gleich, doch in der warheit und kraft aͤhn - lich, zu ſeinem preiß, unſerer verſicherung und des nechſten erbauung um CHriſti willen. Amen.
JCh bin bereits etliche monat auf zwey fragen antwort ſchuldig, daher meine langſamkeit freundlich zu gut gehalten zu werden bitte. Die erſte war davon: Ob der glaube in dem ewigen leben noch blei - ben werde? in dieſer frage ligt die gantze krafft daran, was wir eigenlich den glauben nennen: denn nennen wir den glauben, wie er iſt, ἐλπι - ζομένων ὑπόστασις, πραγμάτων ἔλεγχος ου᾽ βλεπομένων. Hebr. 11,〈…〉〈…〉. Wie ſeine erkaͤntnuͤß itzo gehet als durch einen ſpiegel in einem dunckelen wort, 1 Cor. 13, 12. und alſo wo wir den glauben betrachten, wie er iſt eine annehmung einer warheit, die man ſonſten nicht klar ſihet, um der autoritaͤt willen goͤttlichen worts und offenbarung (ſiehe auch Rom. 4, 18.) ſo dann wie er iſt eine zuverſichtliche ergreiffung des verdienſtes JESU CHriſti zu unſerer ſuͤnden vergebung und gerechtigkeit vor GOttes gericht; ſo lehret die ſache ſelbs, daß ſolcher glaube alsdann aufhoͤret, und mit dem ſchauen 2. Cor. 5, 7. verwechſelt wird. Dann in dem wir GOtt anſchauen von angeſicht zu angeſicht, ſo bedarffs keines glaubens an ſeine ſonderbare offenbarung durch ſein wort, in welchem dannoch alhier der glaube, als an ſeinem correlato hanget. Alſo auch da wir durch die krafft des verdienſtes Chriſti von allen ſuͤnden gereiniget, und vor GOttes gericht allerdings loß - geſprochen ſind, ſo bleibet zwar die krafft ſolches verdienſtes und die durch den glauben ergriffene gerechtigkeit ewiglich, wie der HErr JEſus eine e - wige erloͤſung erfunden hat Hebr, 9, 12. Aber der glaube ſelbs hoͤ -IV. Theil. gret50Das ſiebende Capitel. ret als dann auf, wie eine bewegung, dadurch man zu der ruhe ſich beſtrebet, da dieſe erhalten iſt, aufhoͤret. Dieſer verſtand des worts glaubens ſchei - net wohl der vornehmſte in der ſchrifft zu ſeyn: und da wird 2. Cor. 5, 7. die - ſer gegenſatz des gegenwaͤrtigen und kuͤnfftigen lebens gemacht, daß wir hie im glauben, dorten aber im ſchauen, und alſo nicht im glauben wand - len. Wo wir aber den glauben nehmen fuͤr die erkaͤntnuͤß und beyfall des jenigen, was wir von GOTT erkennen ins gemein, und alſo auch der dinge, die wir ſelbs ſehen, ſo dann fuͤr das vertrauen auf die goͤttliche gnade in CHriſto, wie dieſelbe ewig unausgeſetzt uͤber uns walten werde, ſo bleibet freylich der glaube in ſolchem verſtand auch noch in jenem leben, und ſind alle ſolche ſtuͤcke in groͤſſerer vollkommenheit als in dem itzigen leben da - ſelbs anzutreffen. Jndeſſen wird doch der erſte verſtand der art zu reden der ſchrifft gemaͤſſer ſeyn. Die andere frage war: ob man ſalva conſcien - tia toler[ir]en koͤnns, daß Reformirte herrſchafften in den Lutheri - ſchen ſchulen ihre namen-buͤcher, welche zwat unſerm glauben nicht zuwider zu ſeyn ſcheinen, doch nicht gaͤntzlich, was die zehen gebot und das vater unſer betrifft, mit unſern namen-buͤchern concordi - ren, introducirten: Antwort. Jch verſtehe durch die namen-buͤcher die jenigen, aus denen die kleinſte jugend allein buchſtabiren und leſen lernet, nicht aber welche als ein Catechiſmus eingefuͤhret, und der jugend zum aus - wendig lernen aufgegeben werden. Voraus geſetzt deſſen, ſo hielte dafuͤr, daß der herrſchafft gleichwol mit demuͤthiger beſcheidenheit vorgetragen wuͤrde, daß durch dergleichen neuerung unnoͤthige irrung (davon weder ſie ihres noch wir unſers orts einigen vortheil nicht haben) bey der kleinen ju - gend gemacht wuͤrde / da ſie ein anders erſtmal geleſen, ein anderes aus dem nachmal vorgelegten Catechiſmo hoͤrten, ob man damit die ſache abwenden moͤchte. 2. Beharret die Obrigkeit darauf, ſo ſehe ich nicht, wie man ſich hefftig dagegen ſetzen koͤnte: in dem 1. ſolche namen-buͤcher nicht gleicher maſſen als die Catechiſmi als ein eigenlich ſtuͤck unſerer bekaͤntnuͤß anzuſe - hen, und an ſich ſelbs wenig daran gelegen iſt, aus was vor einem buͤchlein buchſtabiren und leſen gelernet wird. 2. So iſt auch der unterſcheid der zehen gebot, wie ſie bey den Reformirten und uns gebraͤuchlich, nicht ſo bewandt, daß wir jene formul bloſſer dings verwerffen koͤnten, als die den worten nach in der ſchrifft ſtehet, auch iſt in der Straßburgiſchen kirchen von alters her bereits ſolche abtheilung und voͤllige behaltung aller wort hergebracht, auch noch deßwegen in gebrauch, welche kirche wir nichts deſto weniger vor rein glaͤubig, und mit uns in einigkeit des glaubens ſte - hende erkennen. 3. So iſts auch mit dem vater unſer, da wir in unſereneigenen51ARTIC. I. SECT. XII. eigenen bibeln das unſer vater aus Lutheri feder leſen. Daher 4. wo man ſich ſo hart opiniaſtriren wolte, ſolches ein anſehen gewinnen wuͤrde, daß die Lutheraner allzu eigenſinnig waͤren und in dergleichen dingen, die das ge - ringſte in dem glauben nicht aͤndern, ja den ſylben nach aus ihrer eigenen bi - bel gezogen waͤren, auch bey unterſchiedlichen ihrer kirchen in vollem ſchwang, dannoch ihrer Obrigkeit nichts zu willen zu ſeyn wuͤßten: welches nicht aus trieb des gewiſſens, dem damit kein ſtrick angelegt wuͤrde, ſondern aus unzei - tiger halßſtarrigkeit herkommen muͤßte, welchen verdacht ich doch nicht gern auf uns hafften laſſen wolte. Ein andere ſache aber waͤre es, wo man wei - ter gehen ſolte, und einige dinge uns zumuthen wolte, welche einigerley maſſen in den glauben und GOttes dienſt ſelbs einlauffen ſolten. Dieſes waͤren meine unvorgreiffliche gedancken uͤber beyde fragen. Der HERR gebe allemal und zu allen dingen ſeine weißheit, vorab zu erkaͤntnuͤß ſeines willens.
ALs ich das buͤchlein geleſen, hat mich vornehmlich erfreuet E. Hochf. Durchl liebe gegen dieſes ſtuͤck goͤttlichen worts, welches unter allen buͤchern des alten Teſtaments in gewiſſen abſichten wol das vor - nehmſte mag geachtet werden, und der aus ſolcher liebe daran gewandte ruͤhmliche fleiß. So halte ich es vor eine richtige folge, wo ein regent ſich das wort des HERRR mit fleiß laͤſſet angelegen ſeyn, damit ſtaͤts umzuge - hen, ſonderlich aber auch in dem gebet den HERRR hertzlich zu ſuchen, daß derſelbe nicht anders als wohl regieren koͤnne, ja von der weißheit GOt - tes, ſo ſich gern gibet in die ſeelen, die ſie ſuchen, regieret werden muͤſſe; Und wird alſo derjenige mehr und mehr mit David des vortrefflichen und geſegneten koͤnigs geiſt und weißheit erfuͤllet werden, deme das jenige ſtaͤts vor augen und in dem hertzen iſt, was ſolcher geiſt durch jenen ſeinen werckzeug ausgeſprochen, und uns hinterlaſſen hat. So iſt auch ferner die abſicht loͤblich, die jenige wort, welche abermal der heilige Geiſt durch Da - vid geredet und geheiliget hat, dahin trachten anzuwenden, wie ſie uns in un - ſerm gebrauch moͤgen dienlich ſeyn, daß alſo was der theure Koͤnig und Pro - phet in gewiſſen und particular angelegenheiten geredet, auch mit weniger aͤnderung von uns in dem gemeinen und taͤglichen anligen nachgeſprochen werden moͤge. Maſſen wo niemand anders, als welcher mit dem lieben David in gleichen aͤuſſerlichen truͤbſalen und verfolgungen (die demſelbeng 2zum52Das ſiebende Capitel. zum exempel / von ſeinem ſohn Abſolon / von Simei / von Ahitophel / und vorhin dem koͤnig Saul wiederfahren ſind) ſteckte / die pſalmen zum ge - bet gebrauchen koͤnte / ſolches die wenigſte / auch etwa die wenigſte zeit ihꝛes lebens / zu thun vermoͤgen werden / und alſo dieſer eine nutze des pſalters (ohne welchen zwar mehrere und wichtigere ſich annoch finden) der darin - nen beſtehet ein formular unſer gebete zu ſeyn / ſehr enge zuſammen gehen m[uͤ]ßte. Wo wir aber in dem jenigen / was David von ſeinen leiblichen feinden begegnet / auch unſern taͤglichen zuſtand / da wir von unſern geiſt - lichen feinden leiden und uns ihrer wehren muͤſſen / erkennen (wie denn Chriſtliche lehrer in leſung ſonderlich des alten Teſtaments / wo ſie mit rechtem nutzen angeſtellet werden ſolle / dergleichen und alſo in allen ſtuͤ - cken eine erbauung in einer application auf uns ſelbs zu ſuchen / anwei - ſen / ſonderlich aber der theure Theologus Arndius in dem wahren Chri - ſtenthum I. 1. c. 6. und anderswo dieſes fein zeiget. ) haben wir gelegen - heit uns dann eben ſo wol der Davidiſchen wort in ſo viel veraͤndertem verſtand / als die art unſers leidens von jenem unterſchieden iſt / zu gebrau - chen / wohin ich ſehe / daß E. Hochfuͤrſtl. Durchl. abſehen und arbeit ge - richtet iſt: Und alſo ob wol ſonſten noch viel anderes vortreffliches in dem lieben pſalterbuch befindlich / ſonderlich die theure verheiſſungen und pro - pheceyungen von unſerm Heyland JEſu Chriſto (den wir recht als das hertz und die ſonne aller goͤttlichen buͤcher und ſchrifften achten ſollen / und was wir von ihm jedes orts finden / das allervornehmſte und edelſte zu ſeyn glauben) findet ſich gleichwol in derſelben das jenige fleißig ausgezo - gen was der extract und kern der gebete ſelbs iſt / und kan denjenigen / die mit worten des pſalters gern ihre andacht uͤben wolten / nicht anders als nuͤtzlich und erbaulich ſeyn: Welchen ſegen ich auch ſolcher Chriſt-Fuͤrſt - lichen arbeit an ihrer vielen erfuͤllet zu werden von hertzen wuͤnſche: Da - bey auch den himmliſchen Vater / den Vater des liechts, von dem alle gu - te und alle vollkommene gaben herkommen / demuͤthig anruffe / daß er in dero lieben hertzen nicht nur allein die liebe ſeines worts unter allen wich - tigen euſſerlichen geſchaͤfften und diſtractionen erhalten / ſondern ſie mehr und mehr mit dem heiligſten und himmliſchen liecht / aus welchem urſpruͤnglich die pſalmen hergefloſſen / auf das reichlichſte und kraͤfftigſte erfuͤllen und beſeligen wolle / zu erkaͤntnuͤß ſeines willens in allen ſo regie - rungs-geſchaͤften als angelegenheiten des Chriſtlichen lebens / um als - dann denſelben ſo viel getreulicher nachzukommen. Er verleihe auch den Geiſt der gnaden und gebets / daß welche andern in ſolchen formuln treulich vorgearbeitet / aus deſſen trieb ſtaͤts vor dem gnadenthron alſo er - ſcheinen moͤgen / damit ſie die verlangte erhoͤrung aller bitten erlangen / u. an ſolchem kindlichen geiſt ſamt deſſen ſeufzern ein unaufhoͤrlichers zeug -nuͤß53ARTIC. I. SECTIO XII. nuͤß der von unſerm Heyland JEſu empfangenen ſeligkeit haben / deſto großmuͤthiger alle luͤſten der welt und was dieſelbe vor gluͤckſeligkeit ſchaͤ - tzet / zu verachten und zu verleugnen / hingegen in heiliger danckbarkeit / das gantze leben zum preiß GOttes anzuwenden / und der kuͤnfftigen offenba - rung in gedult und getroſter freudigkeit zu erwarten / bis ſie auch in ewig - keit mit David ſelbs / und allen die ihm vor und nach geſungen / nicht mehr angſt-buß - und bet-ſondern lauter lob - und danck-pſalmen anſtimmen und abſingen moͤgen.
WAs den ſcrupel Patroni anlangt / ſo will verſuchen ob durch goͤtt - liche gnade / die ich dazu hertzlich anruffe / einig vergnuͤgen geben koͤnne: ich muß aber die ſache in gewiſſe ſaͤtze abfaſſen. 1. Wo jemand bloß dahin ſagen ſolte / niemand koͤnne ſelig werden / oder nicht lutheriſch ſeyn / das iſt / der ſich nicht zu der lutheriſchen kirchen gemein - ſchafft haͤlt (ein anders iſt / daß man als ein paradoxon zu weilen ge - braucht / niemand koͤnne anders als Lutheriſch / ſelig ſterben / das iſt / daß alle / welche ſelig werden / muͤſſen aus dem jenigen glauben ſelig werdẽ / wel - cher ſich allein an die gnade GOttes in Chriſto JEſu haͤlt / welches der lu - theriſche glaube iſt: Jn welchem verſtand die propoſition nicht falſch / a - ber weil ſie leicht unrecht gefaſt werden moͤchte / allemal deutlich zu erklaͤ - ren iſt) ſo waͤre ſolche rede gantz unbeſonnen / falſch / und unſern eigenen ſymboliſchen buͤchern entgegen. Wir ſagen billig dem groſſen GOtt de - muͤthigen danck fuͤr die gnade / welche er unſerer Evangeliſchen kirchen er - zeiget / und derſelben ſein wort alſo anvertrauet hat / daß ſie ſolches rein be - wahrt / und bis daher dabey erhalten worden iſt: Daher ſie einen groſſen vorzug vor allen ſecten und falſchen religionen hat / und wir ſie mit gutem fug allein vor die wahre ſichtbare kirche Chriſti erkennen koͤnnen: Auch nicht unrecht thun / zu ſagen / daß die jenige / welchen GOTT die irr - thum ihrer kirchen / und unſerer lehre warheit zu erkennen gegeben hat / ſchuldig ſeyen / ſich auch zu ſolchem hauffen der jenigen / die dieſe war - heit bekennen / zu verfuͤgen / und wo ſie ihrem gewiſſen gewalt thun / undg 3wider54Das ſiebende Capitel. wider daſſelbe bey ihren falſchglaͤubigen gemeinden bleiben, ſo ziehen ſie da - mit die gefahr der verdamniß auf ſich. Jndeſſen erkennen wir alle gern, und hoffe ich nicht, daß ein verſtaͤndiger Theologus anders ſagen werde, daß nemlich nicht nur in der Lutheriſchen kirchen, ſondern auch in andern Chriſt - lichen ob wol verdorbenen und in vielen ſtuͤcken irrenden gemeinden GOtt gleichwol annoch ſeinen heiligen ſaamen erhalten habe, daß in derſelben nicht nur die kleinen kinder (denen mans auch nicht mit einem ſchein abſpre - chen koͤnte) ſondern auch einige alte die der HErr alſo durch ſeines heiligen Geiſtes krafft verwahret, daß ſie entweder gar in die gemeinſchafft der irr - thum nicht kommen, ſondern davon unverunreiniget bleiben, oder der wah - re ſeligmachende glaube alſo in ihren hertzen bewahret wird, daß ihn die irr - thuͤme nicht umſtoſſen moͤgen (wie ich davon in ein und andern orten werde gehandelt haben) warhafftig ſelig werden. Daher unſere gemeinden alle - zeit ſolenniter proteſtiren / daß ſie keine gantze gemeinde verdammen: Wie deutlich in der vorrede der Formulæ Concordiæ ſtehet: Sic ut neuti - quam conſilium & inſtitutum noſtrum ſit, eos homines qui ex animi quada[m]ſimplicitate errant, nec tamen blasphemi in veritatem doctri - næ cœleſtis ſunt, multo vero minustotas Eccleſias, quæ vel ſub Rom. Im - perio nationis Germanicæ vel alibi ſunt, damnare. 2. Der gemeine ſpruch, daß auſſer der kirchen kein heil ſeye, handlet unzweiffenlich von der unſichtbaꝛen kiꝛchen, und deꝛ geiſtlichen gemeinſchaft, welche die wahꝛe glaͤu - bige mit ihrem haupt JEſu Chriſto, und unter ſich als glieder, haben. So gar daß auch die Papiſten ſelbs, ob ſie wol ſonſten von der unſichtbaren kir - chen und ſolchem wort nichts hoͤren wollen, dennoch nicht in abrede ſeyn koͤn - nen, daß einige ſelig werden, welche in der euſſerlichen gemeinſchafft ih - rer ſichtbaren Roͤmiſchen kirchen, um dero willen ſie doch faſt vornehmlich mit ſolchem ſpruch pralen, nicht begriffen ſind: Aufs wenigſte moͤgen ſie den getaufften kindern in den gemeinden, die gleichwol zu ihnen nicht ge - hoͤren, die ſeligkeit nicht abſprechen, wie auch die verſtaͤndigere unter ihnen von anderer unter uns einfaͤltiger heil noch ziemlich gut reden. 3. Die an - dere regel, daß ohne den wahren und lebendigen glauben niemand ſelig wer - de, iſt gewiſſer und allgemeiner. Dann es bleibet der glaube das einige mittel unſers heils, ſo uns mit GOtt vereiniget. Wir muͤſſen aber hier - bey wohl mercken, daß auch in ſolcher rede nicht gemeint werde der glaube, den man glaͤubet, das iſt, die articul des glaubens, ſondern das jenige goͤtt - liche liecht, ſo der heilige Geiſt in den hertzen der menſchen aus dem goͤttlichen wort und ſacrament enttzuͤndet, aus und in dem derſelbe ſich an die gnade des himmliſchen Vaters in Chriſti verdienſt haͤlt, und dadurch derſelben theil - hafftig wird. Dieſer glaube muß neben dem vertrauen zum grund eine er -kaͤnt -55ARTIC. I. SECTIO XIII. kaͤntnuͤß der goͤttlichen wahrheit haben (dann wie ſoll man glauben, davon man nichts weiß?) ſo ſolle auch der regel nach der glaube, den man glaͤubet, rein und ohne irrthum dabey ſeyn, und der glaube, der da glaubet, oder ſolches liecht und erkaͤntnuͤß, denſelben alſo ergreiffen, es kan auch leicht geſchehen, daß ein irrthum ſolches glaubens, den man glaubet, oder der lehr, an die man ſich haͤlt, wahrhafftig den glauben umſtoſſet, ſolches liecht ausloͤſchet, und die krafft des vertrauens ſchlaͤget. Jn deſſen kan doch wahrhafftig jenes goͤttliche ſeligmachende liecht, ſo der glaube heiſſet, in den hertzen der jeni - gen ſeyn, nicht nur welche keiner reflexion faͤhig ſind, noch begreiffen, daß und was ſie glauben, wie bey den kindern, denen doch die ſchrifft den glau - ben beyleget, geſchihet, ſondern auch derer erkaͤntnuͤß ſehr wenige haupt - puncte betrifft, die ihnen aber zu ihrer ſeligkeit moͤgen genug ſeyn, da ſie nur das fundament, nemlich CHriſtum und ſeine gnade erkennen. Ja es kan geſchehen, daß in ſehr wichtigen articulen bey einigen ſeelen ein irr - thum ſeye, der capabel waͤre, die wahrheit des glaubens umzuſtoſſen, auch bey den allermeiſten wircklich umſtoſſet, und daß dennoch Gott in ſolchen ſee - len das kleine liechtlein in der noch uͤbrigen grund-wahrheit alſo erhalte, daß ſie daraus ſelig werden, aber mit hoͤchſter gefahr, als man einen brand aus dem feuer heraus reiſſen moͤchte. Jch habe aber hievon ziemlich ausfuͤhr - lich gehandelt in meiner poſtill P. I. p. 559. 560. und P. II. p. 544. u. f. daher ichs hie nicht wiederhohle. Bleibet alſo dabey, ohne wahren und lebendi - gen glauben wird niemand ſelig, aber wir koͤnnen nicht ſagen, daß nicht auch bey manchen, die nicht eben Lutheriſch ſind, oder unſere wahrheit voll - kommen erkennen, ſolte ein wahrer lebendiger glaube ſeyn: vielmehr wo der HERR einen guten ſamen erhalten hat, da muß derſelbe ſich finden. 4. Was aber die jenige anlangt, welche nichts von der gnade GOttes in Chri - ſto JEſu wiſſen, ſo hats eine andere bewandnuͤß. Dableibt der ſatz, den die ſchrifft unbedingt ſetzet, wer nicht glaubet der iſt verdamt Marc〈…〉〈…〉 6, 16. wer nicht glaubet, der iſt ſchon gerichtet Joh. 〈…〉〈…〉, 8. und zwar: wer dem ſohn GOttes nicht glaͤubet, der wird das leben nicht ſehen, ſon - dern der zorn GOttes (indem er ein kind des zorns der ſuͤnde wegen iſt,) bleibet uͤber ihm v. 36. in dem kein mittel iſt, dadurch ſolcher zorn von ihm genommen wuͤrde. Es iſt kein anderer name (alſo keine andere erkaͤntnuͤß, gnade / mittel) den menſchen gegeben, darinnen wir ſollen ſelig werden, nemlich als der name des HERRN JESU Apoſt. Geſch. 4, 12. So ſollen auch allein, die an dieſen glauben, durch ſeinen namen vergebung der ſuͤnden empfangen Apoſt. Geſch. 10, 43. anderer ort zu geſchweigen. Hie haben wir das klare wort des warhaffti -gen56Das ſiebende Capitel. gen GOttes, des richters uͤber alle, welcher richten wird nach ſeinem wort Joh. 12, 48. Rom. 2, 16. Welcher auch am allerbeſten verſtehet, was ſeiner gerechtigkeit gemaͤß ſeye, und wider dieſelbe nichts thut oder thun kan, in maſſen ſeine gerechtigkeit und gnade er ſelbſten iſt. Wo wir nun alſo das goͤttliche wort klar vor augen haben, ſo laͤſſet ſichs nicht thun, daß un - ſere vernunft demſelben widerſprechen wolte, ſondern iſt wol dagegen ge - antwortet worden, daß wir in ſolchen ſtuͤcken, wo die goͤttliche warheit klar vor augen liget, dieſelbe gefangen muͤſſen nehmen unter den gehor - ſam des glaubens. Wir erfahren ja unſerer vernunfft ſchwachheit in allen dingen, und ſolte, je fleißiger wir auf dieſelbe acht geben, ſo vielmehr dero - ſelben credit bey uns abnehmen. Es dencke nur jeglicher an ſeine eigene ſeele, was dieſelbe thut, und wie es mit vielen ihren wirckungen (zum exem - pel in den tr[aͤ]umen) bewandt ſeye, wird er nicht finden, daß er wenig verſte - he, was er ſelbs ſeye und thue, ſondern daß das liecht mehr eine noch dun - ckle daͤmmerung bey ihm ſeye als ein tag? Erkennet die ſeele aber mit aller ihrer vernunfft nicht das jenige, was ſie ſelbs thut, und in ihr geſchihet, wie viel ſoll ich ihr zutrauen in den dingen, welche auſſer ihr ſind? Und was die goͤttliche regierung angehet, wie viel caſus kommen uns ſtaͤtig vor in dem euſſerlichen leben, da unſerer vernunfft ſchwer oder unmuͤglich wird, zu be - greiffen, wie es mit goͤttlicher gerechtigkeit uͤbereinkomme: Es hat ſchon bey jenem Poeten geheiſſen.
Jch weiß, daß man in allen ſolchen begebenheiten einige auch vernuͤnfftige urſachen anzeigen kan, welche die goͤttliche gerechtigkeit retten und dem mur - ren der vernunfft ein genuͤge leiſten ſollen, aber ſie wird doch allezeit dagegen zu widerſprechen finden, wo ſie ſich nicht reſolviren kan, etwas ſich herab zu - laſſen, und zu glauben, die goͤttliche gerechtigkeit ſtehe in einem hoͤhern liecht, als ſie zu begreiffen vermoͤge, und alſo daß ſie aufs wenigſte ſich etlicher maſſen dem glauben unterwerffe. Wer aber ſo feſt auf dem urtheil der ver - nunfft beharret, daß die ſich nie beugen ſolle, den wolte ich gern dahin wei - ſen, daß er erwege, ob nicht offt einem einfaͤltigen das jenige gantz unge - recht vorkomme, was die Obrigkeit und zwar nach den reglen der gerech - tigkeit urtheilet, weil ers nicht verſtehet, ja ob nicht geſchehen koͤnne, daß auch verſtaͤndige leute offtmals in hoher Obrigkeiten gewiſſen ausſpruͤ - chen nicht erkennen koͤnnen, daß ſie gerecht ſeyen, da ſie es doch ſind, ſonder - lich wo einige urſachen und umſtaͤnde dabey vorgelauffen, auf die ſonderlich geſehen wird, und aus ſichern ſtaats, rationen dieſelbe nicht offentlich ge -macht57ARTIC. I. SECTIO XIII. macht werden doͤrffen. Wie nun jeglicher dieſes leicht findet, daß ſichs alſo verhalte, und nicht davor haͤlt, daß das jenige gleich ungerecht ſeye, deſſen gerechtigkeit dieſes oder jenes menſchen vernunfft nicht begreifft, ſon - dern glaubet, es mangle daran, weil ers nicht faſſe; So wird damit of - fenbar, daß dann auch nicht folge, die vernunfft aller menſchen begreift die gerechtigkeit der goͤttlichen gerichte nicht, ſo muͤſſen ſie dann auch nicht gerecht ſeyn: Jn dem die goͤttliche gerechtigkeit und dero tieffe urſachen unſere vernunfft unvergleichlich hoͤher uͤbertreffen, als die proportion eines menſchlichen verſtandes gegen den andern ſeyn mag. So iſt zwar freylich die vernunfft uns mit zu einem mittel der goͤttlichen erkaͤntnuͤß ge - geben: Wir muͤſſen aber dabey wiſſen, daß ſie in allem dem, was GOtt an - gehet, nach dem fall ſchrecklich verfinſtert, und alſo auch an dieſem ſtuͤck kein wunder iſt, daß ſie ſich nicht in die ſache finden kan, und muß alſo, was ih - rem liecht mangelt, aus dem liecht des worts erſetzet, ſie aber nimmermehr dieſem entgegen geſetzt werden. Jndeſſen wird ſich in gottſeliger nachſin - nung unterſchiedliches finden, daß wir auch einigerley maſſen etwas von ſol - cher gerechtigkeit faſſen und dieſelbe erkennen moͤgen. 1. Was anlangt die junge kinder der auch unglaͤubigen voͤlcker, leugne ich zwar nicht, daß auch die meiſte Theologi vor dieſelbe keine hoffnung haben: Mich aber hat allezeit meines ſeligen Præceptoris D. Dannhaueri meinung hertzlich vergnuͤget, welcher von denſelben die ſeligkeit gehofft Hodoſoph. Phœn. X. p. 1001. Er will zwar den worten nach nichts austruͤcklich definiren, ſondern laͤſſets bey einer bloſſen hoffnung bleiben, ich erinnere mich aber nicht nur, wenn er davon gehandelt, daß er die ſache gewiß geglaubet, ſondern achte auch die an - gefuͤhrte argumenta mehr als nur probabel, ſonderlich das erſte unter den - ſelben ex analogia fidei: Wo er ſagt: ex qua conſtat, neminem abſolu - te reprobari, ſolam reſiſtentiam actualem mediis fidei adverſam da - mnare, ejusmodi contumacia in illis infantibus non eſt. Und bekenne ich gern, daß ich auch nach der ſchrifft, in abſicht des verdienſtes JEſu Chri - ſti nicht anders davor halten kan, als daß kein einiger menſch, fuͤr den Chriſtus geſtorben [er iſt aber fuͤr alle menſchen ohn unterſchied geſtorben] verdammt werden koͤnne, als wegen der eigenen verſtoſſung des glaubens, welche bey kei - nen platz haben kan, die nicht entweder remotius oder proxime die mittel des glaubens gehabt, und ſolche verſaͤumet oder verſtoſſen haben; Der - gleichen wir von den kindern gar nicht gedencken koͤnnen: Und daher viel - mehr zu glauben haben, wie wir nicht zweiffeln, daß in denen ungetaufften der Chriſten kindern GOTT auf eine uns unbegreifliche art den glauben durch den heiligen Geiſt wircke, in dem ſie ſelig werden ohne euſſerliches mittel, daß der Vater der barmhertzigkeit ſolchen armen kindern, ſo auch auſ -IV. Theil. hſer58Das ſiebende Capitel. ſer dem ſchoß der kirchen gebohren, ſolche gnade des glaubens wiederfah - ren laſſe. 2. Was aber betrifft die erwachſene, habe ich von denſelben gantz anders zu reden, und ſehe nichts anders vor mir als ihr gericht, aber nicht ohne eigene verſchuldung. Man moͤchte zwar gleich einwenden, es koͤnne keine ſchuld bey ihnen ſeyn, indem ſo viel 1000. dererſelben nichts von CHriſto und dem Evangelio der gnaden jemal gehoͤret haben, ſo muͤßten ſie alſo entweder nicht aus eigener ſchuld ſondern ohn dieſelbe verdammt wer - den, oder wir muͤſſen ihnen die ſeligkeit zuſprechen. Aber ich will hie nicht eben ſtarck urgiren, die ſchuld ihrer eltern und groß-eltern, welche die A - poſtoliſche predigt von ſich geſtoſſen, oder das liecht wieder ausgeleſcht haben: Sondern halte mich verſichert, daß kein einiger Heyd ſeye, der nicht gnugſame mittel ſeines heils ſolte haben, ob wol einige remotius, andere propinquius. Der obgedachte D. Dannhauer handelt hiervon Hodoſ. ph. IX. p. 865. u. f. ſehr nachtruͤcklich und nennets eine præambulam voca - tionis vocationem univerſalem diſpenſatam intra hominem per ſemi - na notitiæ innatæ Rom. 1, 19. 20. und extra hominem per veſtigia natu - ræ. Wo er, wie auch andere vor und nach ihm, ſchoͤn zeiget, wie weit ein menſch, der ſolchen fußſtapffen GOttes nachgehet, und auf das natuͤrliche liecht in ſich ſelbs acht gibet, kommen koͤnne, wie er endlich finden werde, daß nicht nur ein GOtt, und derſelbe des menſchen hoͤchſtes gut, ſondern auch nothwendig ſeye, daß er ſich irgend den menſchen muͤſſe geoffenbahret, und wie er von ihnen geehret ſeyn wolte, gezeiget haben, daher der menſch ſchuldig ſeye, ſolche offen bahrung zu ſuchen. Wo der ſelige mann pflegte zu ſagen, wo ein Heyd ſo weit ſolte gekommen ſeyn, daß er nun aus ſolchen dingen, die ihn die natur ſelbs gelehret, eine begierde gefaßt, dieſes hoͤchſte gut mehr erken - nen zu lernen und zu ſuchen, wo ſich daſſelbe geoffenbaret haͤtte, ſo wuͤrde GOTT eine ſolche ſeele nimmermehr gelaſſen, ſondern ihr, auf ihm bekante art, mittel und wege verſchafft haben, zu ſeinem wort und dem waren glau - ben zu kommen, ſolte er ihm auch, wie dorten von Habacuc geſagt wird, daß ihn der Engel bey dem ſchopff gefaßt, und zu Daniel gebracht habe, auf eine wunderthaͤtige art haben einen Propheten ſenden ſollen. Es bedarf aber nicht zu determiniren, was GOTT vor wege haͤtte brauchen muͤſſen: Je - doch iſt gewiß, daß er ſich einer ſolchen ſeelen gnaͤdig angenommen haͤtte. Daß alſo ſo viel millionen verdammt werden, bleibet ihre ſchuld, und wird keiner unter ihnen gezeigt werden koͤnnen, der nicht ſchon (wie Paulus die Heyden anklagt) mit mißbrauch oder verſaͤumnuͤß des natuͤrlichen liechts ſich verſchuldet und ſeine verdammnuͤß auf ſich gezogen hat: Ja der mangel, daß er nicht das wort des Evangelii gehoͤret, iſt ſelbs ein ſtuͤck ſeiner ſchuld, in dem ihm dieſe gnade auch wiederfahren waͤre, wo er jener vocationipræ -59ARTIC. I. SECTIO XIII. præambulæ und vorberuff wuͤrde treulich nachgekommen ſeyn. Und gilt auch hie etlicher maſſen die regel, wer dahat, dem wird gegeben; Wer nemlich was er hat nach ſeinem maaß treulich anwendet, wird immer von GOtt mit einer neuen gnade gewuͤrdiget. Zwar erkenne ich gern, daß ein groffer vortheil iſt, daß wir Chriſten und andere, welche das goͤttliche wort / und alſo die wahre mittel der ſeligkeit, gantz nahe haben, vor jenen armen Heyden genieſſen, die ſolche mittel des heyls, das Evangelium, nicht anders als von ferne, und alſo gehabt haben, daß ſie haͤtten von GOtt dazu gefuͤh - ret werden koͤnnen, wo ſie ſich des erſten liechtleins gebraucht haͤtten: Und moͤchte ein ſolcher unterſcheid ſeyn, als da ihrer zwey durch einen wald ge - hen muͤßten, der eine bey hellem tag oder doch groſſer fackel, der andere bey einem ſtuͤcklein faulen holtzes da er kuͤmmerlich ſeiner tritte wahrnehmen mag, bis er zu einem hellern liecht komme. Jndeſſen haͤtte doch dieſer auch ſo viel liechts, als ihm zu dem anfang ſeiner reiſe bloſſerdings nothwendig ge - weſen. Und da geben ſich nun die meiſte caſus, in welchen wir unſers vernunfft geſchweigen muͤſſen, wie GOTT von dem anſehen der perſon zu befreyen ſeye. Jndeſſen ſo bleibet noch das obige, daß keiner verlohren ge - he, aus bloſſer ungluͤckſeligkeit, daß er das wort und deſſen predigt nicht gehabt habe, ſondern es findet ſich bey allen eine verachtung und verſaͤu - mung der empfangenen gnade, wie ein geringer anfang derſelbe auch gewe - ſen ſeyn mag, und muͤſſen immer erſtlich einige anklopffungen des heiligen Geiſtes verachtet worden ſeyn, daß ihnen die weitere nicht mehr gegeben worden. 3. Neben dieſem halte ich, daß wol zu erwegen ſeye, daß GOTT von ewigkeit her alles vorgeſehen habe, nicht nur was wircklich geſchehen werde, ſondern was auch bey dieſer und jener condition geſchehen wuͤrde, und bin offters in die gedancken kommen, weiß auch faſt in keinem beſſer zu beruhen, als daß GOTT werde bey allen ſolchen leuten, denen er ſein wort nicht laͤſſet vortragen, nach ſolcher ſeiner allwiſſenheit vorgeſehen haben, daß ſie, ob er wol ihnen daſſelbige reichlich lieſſe verkuͤndigen, dennoch es nicht annehmen, ſondern verwerffen wuͤrden. Wir ſehen ja taͤglich, wie viel wol der jenigen, welche das wort des Evangelii reichlich haben, dennoch dabey ohne glauben bleiben, und nur deſto ſchwerer verdammt werden. Was ſolte dann im weg ſtehen, daß wir nicht von den jenigen, welchen GOTT ſolches mittel nicht alſo gibet, vermuthen koͤnten, daß GOTT eben dergleichen hartnaͤckigkeit, und widerſetzlichkeit bey ihnen vorſehe. Vor - ausgeſetzet nun deſſen, ſo iſt es ſo gar der goͤttlichen barmhertzigkeit nicht zu wider, daß er ſolchen armen leuten die naͤhere mittel ihres heyls nicht er - theilet, daß es vielmehr ein ſtuͤck derſelben iſt, weil er ſolches vorſihet, daß eine ihnen in mehrerem maaß ertheilende gnade nicht wuͤrde nuͤtzlich, ſon -h 2dern60Das ſiebende Capitel. dern nur durch deroſelben verſtoſſung einer ſchwerern verdamnuͤß veranlaſ - ſung ſeyn, daß er ſie ihnen nicht dermaſſen anbietet, ſondern ſie in dem ſtan - de laͤſſet, wo ſie zwar mit verſaͤumung der ſchon in der natur geſchehenen vorberuffung, da ſie die goͤttliche warheit in ungerechtigkeit aufhalten, in ihr verdamnuͤß lauffen, aber ein viel leidenlicheres gericht zu erwarten haben, als ſie jenes falles wuͤrde betroffen haben. Ob ich nun wol keine ſolche unfehl - bare verſicherung habe, oder die ſchrifft ſolches deutlich zeiget, daß dermaſſen alſo ſolche in der finſternuͤß gelaſſene arme leut ſich nicht bekehrt haben wuͤr - den, ſo iſts doch nicht nur allein muͤglich, ſondern kommt mit goͤttlicher gerech - tigkeit und guͤtigkeit am allerbeſten uͤberein, und befreyet dieſe von vielen ein - wuͤrffen unſerer fuͤrwitzigen vernunfft, zu geſchweigen, daß wie bey allen es eine ausgemachte ſache iſt, daß in der verdamnuͤß gewiſſe gradus ſeyen, dieſe vielleicht in mehrerm unterſcheid ſeyn moͤchten, als wir ſie wol jetzo begreif - fen: Hingegen da wir den unterſcheid recht verſtuͤnden, abermal einige einwuͤrffe ſich deſto leichter ergeben wuͤrden. Dieſes ſind meine einfaͤltige gedancken in dieſer ſache, welche wo ſie den bewußten Herrn auch moͤchten vergnuͤgen und ſeine ſcrupel benehmen, ſo haͤtte fuͤr goͤttliche gnade zu dan - cken, und mich zu freuen. Jmmerdar aber muß uns vor augen ſtehen, goͤtt - liche gerechtigkeit ſeye hoͤher, und unſer ſchwache verſtand geringer, als daß jene von dieſem begriffen werden moͤge, noch beurtheilet werden ſolle; Sondern uns gebuͤhret nach allem endlichen auf unſer angeſicht zu fallen, uñ zu ſagen: HErr du biſt gerecht, und deine gerichte ſind auch recht: Und wiederum; du biſt gerecht in deinem wort und uͤberwindeſt, wañ du gerichtet wirſt. Der HErr gebe uns ſelbs ſeinen heiligen willen zu erkennen, und die gnade, daß wir in ſeiner krafft unſere vernunfft wiſſen zu zaͤhmen, und dem gehorſam des glaubens zu unterwerffen. Was die uͤ - brigen fragen anlangt, ſind ſie ſo bewandt, daß ſie nicht wenige wort, und ſo viel in einem brieff, ſonderlich in ſolcher enge der zeit, die mich ſtaͤts trucket, geſchehen mag, ſondern gantze tractat erfordern, daher bitte mir zu gut zu halten, daß ich nicht voͤllig antworten kan. Jedoch will einige wenige allgemeine regeln hieher ſetzen. 1. Sind wir prediger ſchuldig darnach zu trachten, zu ruffen und zu erinnern, daß man in der kirchen diejenige ordnung einfuͤhre, welche billig ſeyn ſolte, damit ſo wohl dem unweſen ſelbs als auch der Prediger gewiſſen gerathen wuͤrde. Es beſtehet aber ſolche ordnung darinnen, daß die kirche entweder ſelbs und in der verſamlung, ſo zwar nun ſchwerer zu introduciren waͤre, als daß etwas zu hoffen, oder aber durch ein von ihr abgeordnetes gericht uͤber jede urtheilete, ob ſie der Communion wuͤrdig oder nicht. Dann ein ſolches urtheil iſt noͤthig, ſollen nicht immer promiſcue alle wider GOttes ehr und ihr eigen heil zugelaſſen werden; es iſt aber ſolches urtheil durch ausden61ARTIC. I. SECTIO XIII. den Predigern nicht allein zu geſtatten, daß ſie nach ihrem befinden richten ſolten: Dann ſie ſind menſchen, und allerley menſchlichen affecten unter - worffen, und alſo ligt ihnen ſelbs und der gantzen kirchen daran, daß ihnen nicht bloſſer dings das jenige uͤberlaſſen werde, was die gantze kirche ange - het. Wie ich weder ſehe, daß Chriſtus ihnen ſolche gewalt ſchlecht dahin gegeben, noch irgend wo eine kirche ſolches gethan und ſich ihres rechts ſo be - geben, daß ſie es dem miniſterio allein uͤbergelaſſen, wie ſolches auch nicht weißlich hat geſchehen koͤnnen. Solten alſo aller orten rechte Conſiſtoria ſeyn aus Predigern, obrigkeitlichen perſonen und andern der gemeinde da - zu erwehlten gliedern, die daruͤber zu cognoſciren, und nach befinden in den wichtigſten ſtuͤcken wieder in die gemeinde zu referiren haͤtten, wer ferner ein glied der gemeinde und deroſelben gnadenguͤter theilhafftig ſeyn ſol - le. Wo dergleichen angeſtellet wird, ſo iſt aller gewiſſen gerathen, und ein neuer grund einer beſſer angeordneten kirchen geleget. Kan mans dahin nicht bringen, ſo ſollen die jetzo gebraͤuchlichen Conſiſtoria, ſo aus den bey - den oberſtaͤnden beſtehen, dahin erinnert werden, daß ſie ſich ſolcher ſache, welche an ſie gehoͤret, fleißig annehmen, und der unordnung huͤlffen: Wie ſich auch ein und andere kirchen ordnungen in ſolcher materie deutlich her - aus laſſen, und heilſame ordnung vorſchreiben, nach welcher wo gegangen wuͤrde, abermal der ſtein ziemlich gehoben waͤre. 2. Wo wir aber in ſol - chem ſtande ſtehen, wie wir an vielen orten ſind, daß weder der alten art rech - te conſiſtoria, ſo die kirche repræſentiren, noch andere itzt gebraͤuchliche conſiſtoria, ſich finden, oder dieſe ſich dieſer haupt-ſache nicht annehmen, daß ſich alſo das predigamt, von der huͤlffe, die es haben ſolte, verlaſſen und entbloͤſſet ſiehet, ſo muß es ſich des wercks, ſo iederman ligen laͤſſet, annehmen, aber doch nicht weiter als ſich ſeine macht erſtrecket, ſich etwas arrogiren: wie wol, wo eines orts die prediger einmuͤthig ſind, und es mit der ſache GOttes treulich meinende unter einander deſſen ſich vereinigen, wie den gewiſſen der beicht-kinder gerathen werden moͤge, ſo koͤnnen ſie ſchon weiter gehen, als ein eintzeler nicht gehen kan, und faͤllet ein ziemliches des rechten, das ſonſt niemand in der kirchen uͤbet oder uͤben will, auf ſie zuruͤck. 3. Es ſtehet aber ſolche gewalt der prediger nicht in einer jurisdiction und ei - genen gericht uͤber die beicht-kinder, ſondern in der predigt Geſetzes und Ev - angelii, daß ſie die gewiſſen informiren, was zu der tuͤchtigkeit zu der heiligen Communion erfordert werde, und wie ſie ſolches an ihnen finden oder nicht, daher ſie die concluſion mehr logice als judicialiter auf ſie machen, ob ſie, ſo viel es der Prediger erkennen kan, ſolche tuͤchtigkeit haben oder nicht, finden ſie dieſelbe an ihnen, ſo hats keine difficultaͤt, finden ſie ſie aber nicht, ſondern das gegentheil, ſo iſt ihr amt, daß ſie dem beicht - kind ſolches ſelbs beweglich vorſtellen, es warnen und bitten, daß es ſichh 3ſelbs62Das ſiebende Capitel. ſelbs an ſeiner ſeele nicht gefaͤhrlich ſchaden thun moͤge, wie ſie nicht anders ſehen koͤnten, als daß ſolches geſchehen wuͤrde, wo es zu der communion kommen wolte. Folget das beicht-kind dem rath, und bleibet zuruͤcke, ſo iſt die ſache wiederum leicht ausgemacht: will es aber durch aus das jenige haben, was es vor ein allgemein recht der gantzen gemeinde, die es noch vor ihr glied erkennet, achtet, ſo ſehe ich nicht, wie der prediger es eigenmaͤch - tig von der communion ausſchlieſſen koͤnne, ſondern er muß das urtheil der kirchen oder dem conſiſtorio uͤberlaſſen: Es waͤre dann ſach, daß das beicht-kind auch in den externis ſich nicht accommodiren, und die buß vor - geben wolte, als, daß es nicht begehrte zu verſprechen von bekantlichen ſuͤnden, die in GOttes wort klar ausgetrucket ſind, abzuſtehen, ſondern darauf trotzte, daß es darinnen beharren wolte: Wo es ſo offenbar iſt, daß eine ſolche perſon unbußfertig ſeye, daß es keines urtheilens von noͤthen iſt. Nun bedarf es nicht eigenlich des urtheilens daruͤber, ob ein unbuß - fertiger ein wuͤrdiger gaſt ſeye, dann daß ſolches nicht ſeye, iſt von dem Herrn ſelbs durch den Apoſtel ausgeſprochen, und bedarff keines neuen aus - ſpruchs, ſondern das urtheil muß allemal eigenlich daruͤber geſchehen, ob dieſer oder jener unbußfertig ſeye. Jſt dieſes dann ſo offenbar, daß er ſich ſelbs nicht vor bußfertig ohne ſcheu ausgeben darff, noch alſo ſtellen will, ſo wird ihm von jedem billich das jenige verſagt, was ihm niemand, der nur et - was von chriſtlicher lehre weiß, zuſprechen kan. Gar ein anders aber iſts, wo ſich der confitent als bußfertig anſtellet, ob es wol heucheley und betrug ſeyn kan, da mag der prediger nicht allein richter ſeyn, noch den ſentenz, daß er unbußfertig, ausſprechen, zur guͤltigen eigenthaͤtigen excluſion, ſondern muß es an die jenige bringen, die zu ſprechen haben, und muß ihm wiederfahren laſſen, was ihm dieſe nicht abſprechen. Es geſchihet aber ſol - ches in unterſchiedlichen caſibus. Wo es ſolche ſuͤnden betrifft, die offen - barlich ſuͤnde und in GOttes wort verboten ſind, alſo daß der confitent ſelbs ſie vor ſuͤnde erkennet, aber leugnet, derſelben ſchuldig zu ſeyn, und beharret auf ſeiner unſchuld. Da ſtehet das urtheil nicht bey dem pre - diger, ob er wol ſich der ſache gantz verſichert haͤlt, daß der andere ſchuldig ſeye, ſo er ihm aber nicht zur genuͤge uͤberweiſen kan. 2. Wiederum wo es ſuͤn - den ſind, die das beicht-kind nicht leugnet, aber bezeugt ſie ſeyen ihm leid und es wolle ſie laſſen. Hat aber ſolches offt verſprochen ohne beſtaͤndiges er - folgtes halten, daß daher der beicht〈…〉〈…〉 vater gantz vermuthlich ſorgen muß, es ſeye auch dißmal der verſpruch nicht beſſer gegruͤndet. Hie bedarfs ernſtli - chen zuſpruch, rath eine zeitlang eine probe von ſich zu zeigen, und vorſtellung der ſorgenden gefahr und aͤrgernuͤſſes: aber er der prediger iſt nicht ein genug - ſamer richter, einen ſolchen wider ſeine proteſtation, daß es ihm ein ernſt ſeye, vor unbußfertig zu declariren, ſondern ſolches gehoͤret andern zu be -urtheilen63ARTIC. I. SECTIO XIII. urtheilen. 3. Wo es ſuͤnden ſind, die der prediger in ſeinem gewiſſen vor ſuͤnde haͤlt, aber die ſache nicht aus GOttes wort alſo demonſtriren kan, daß das gewiſſen des andern uͤberzeuget, oder ihm alle entſchuldigung be - nommen werden mag: wie zum exempel ob dieſe oder jene kleider-art, tracht und ſ. f. vor einen unchriſtlichen pracht oder aͤrgerliche leichtfertigkeit zu hal - ten ſeye, ob dieſe oder jene ergoͤtzlichkeit an einem chriſten paſſiret werden koͤn - ne und dergleichen, wohin die jenige ſuͤnden insgeſamt gehoͤren, wo die fra - ge iſt von ſachen, die an ſich ſelbs mittel dinge ſind, aber zu anderer aͤrger - nuͤß gebraucht moͤgen werden, und aber es alsdann zum diſputat kommet, ob es wahrhafftig ein aͤrgernuͤß ſeye oder nicht: da achte ich, muͤſſe man mit groſſer behutſamkeit gehen, daß man der ſache weder zu viel noch zu wenig thue. Nach meiner meynung mag und ſoll der beicht-vater der perſon das jenige vor augen ſtellen, was er an derſelben ſuͤndlich haͤlt, und ſeine urſa - chen anfuͤhren, ob dieſelbe in ihrem gewiſſen der ſuͤnden auch uͤberzeuget und zur erkaͤntnuͤß gebracht werden moͤchte. Findet ſie ſich in dem geruͤhret, und erkennets vor eine ſuͤnde, ſo iſts eine ſache, wie mit andern auch, da die ſuͤnde bekantlich ſind. Findet ſie ſich aber nicht uͤberzeugt, ſondern haͤlt es nicht vor unrecht, vor einen ſuͤndlichen pracht, aͤrgernuͤß und dergleichen, mit bezeu - gung, daß ſie ſich in ihrem gewiſſen deßwegen ſicher wiſſe, und zum exem - pel die ſache nicht aus ſolchem hertzen thue, wie ſie beſchuldigt wird, ſo ſol - te es zwar billich ſeyn, daß eine ſolche perſon eben um ihres predigers wil - len, der ſich daran ſtoſſet, das jenige unterlaſſen und ablegen ſolte, was ſie ſonſten nicht vor unrecht achtete, aber darinnen ihre liebe und ehrerbie - tung billich erweiſe; Wie man auch darauf endlich tringen mag: Aber man darff nicht auf gleiche art gegen dieſelbe gehen, gleichwie gegen die jenige, wo man die ſuͤnden klar in der ſchrifft ausgetruckt zeigen kan, da ſie nichts ſcheinbares dagegen einzuwenden habe. Sondern da achtete ich genug, der beicht-vater bezeugte ſein leydweſen uͤber dieſes, daß ſie es nicht begreiffen koͤnne, maſſe ſich aber keine bloſſe herrſchafft uͤber das gewiſſen an, und nach genugſamer erinnerung ihres gewiſſens, und warnung uͤber die gefahr, da ihr hertz ſo bewandt waͤre, wie ers aus dem aͤuſſerlichen abnehmen muͤßte, ſie aber anders von ſich zeiget, laſſe er ſie zu dem genuß der guͤter, die er keinem verſagen kan, deſſen ſuͤnde nicht zur uͤberzeugung des gewiſſens aus GOt - tes wort hat koͤnnen erwieſen werden. Man hat aber alsdann an ſolchen ſeelen ſonſten deſto mehr zu arbeiten, wie der grund derſelben recht von der liebe der welt und hochmuth gereiniget werden moͤge, daß alsdann das an - dere von ſelbſten falle, und nachmal die ſuͤndlichkeit desjenigen ihnen ein - leuchte, was ſie vormals nicht begreiffen haben koͤnnen, und haben wir pꝛedigeꝛ ja ſorgfaͤltig acht zu geben, daß es nicht einen ziemlichen ſchein gewin -ne,64Das ſiebende Capitel. ne, ob maßten wir uns einige herrſchafft uͤber die gewiſſen an, machten zur ſuͤnde was GOTTES wort nicht davor verdammet, und wol - ten andere allein nach unſerem eigenen ſinn kurtz um eingerichtet haben. Welches nachmal ſonſten auch ein groſſes an dem vertrauen gegen uns und an der ſonſten muͤglichen erbauung ſchlaͤget. Dahingegen langmuth ge - gen die jenige, ſo auch ſuͤndigen, und in dergleichen faͤllen ſolche erinnerungen, die mehr die art eines raths, bitte, obteſtation, als bloſſen befehls haben / trefflich viel in den gemuͤthern wircken. Sonderlich weil auch wahrhafftig muͤglich iſt, daß prediger in dem urtheil von dergleichen ſuͤnden fehlen koͤn - nen, ja etwa ſich exempel von ſolchen finden, die zur ſuͤnde gemacht, was dergleichen nicht geweſen: ja dieſelbe wohl ſchrecklich exaggerirt, da doch andere in ihrem gewiſſen ſich uͤberzeugt gewußt, daß die dinge von GOTT nicht verboten, und ſich daruͤber viel mehr geaͤrgert haben. Alſo iſt es der ruhe der kirchen und guter ordnung viel gemaͤſſer, daß hierinnen das mittel getroffen werde, daß alſo der prediger den ſcrupel ſeines gewiſſens dem an - dern beweglich vorſtelle und ſeine meinung ſage, indeſſen ob er auch dafuͤr haͤlt, daß er den geiſt GOttes habe, keinen ſtrick den andern anwerffe: und daß endlich ſolches dem urtheil der kirchen uͤberlaſſen werde. Aus dieſen regeln, achte ich, koͤnne man einigerley maſſen erſehen, was meine gedancken ſeyen uͤber die frage, wie ſich ein prediger wegen der heiligen communion zu verhalten habe. Ach daß der HERR dermaleins die hertzen der geſam - ten kirchen oder derer, welche das meiſte dabey zu ſagen haben, kraͤfftig ruͤh - rete, die ſache reifflich zu uͤberlegen, und die uͤbrige anordnungen zu erneuern, wodurch allerſeits gewiſſen noch beſſer moͤchten beruhiget und viele ſuͤnde vermieden werden. Es ſolte dieſes einen herrlichen ſegen uͤber unſere kirche ziehen, und das ſonſten beſorgliche gericht abwenden. Was die zweite frage anlangt, ſo bemercke ich nur allein dieſes dabey, daß wie GOTT dem obrigkeitlichen ſtand ſeine ehr (Rom. 13, 7.) gegeben hat, ſolche zwar am wenigſten in dem euſſerlichen beſtehet, ſondern darinnen, daß das goͤttliche bild und gewalt in ihnen von den unterthanen hoch gehalten und veneriret werde. Wie wir aber ſehen, daß ſonderlich bey dem gemeinen mann der euſ - ſerliche und in die augen fallende ſplendor ein groſſes zu der ehrerbietung und hochhaltung thut, ſo gehoͤret die mehrere deroſelben euſſerliche herr - lichkeit auch unter die dinge, welche GOtt von denſelben wohl leiden mag, wo ſie in rechter abſicht gebraucht wird. Wie auch unſer Heyland nicht eben uͤbel von der herrlichkeit Solomonis Matth 6, 29. urtheilet. Zu eben ſolchem ſplendor, der den hoͤhern perſonen zu goͤnnen iſt, gehoͤret auch, daß die jenige die um ſie ſind, mit davon participiren. Womit ich zwar nicht den uͤbermaͤßigen pracht der hohen in der welt, noch viel weniger dero - ſelben hertzens hochmuth dabey, entſchuldige, oder von ſuͤnden frey ſpre -che:65ARTIC. I. SECTIO XIII. che: Sondern nur allein zeige, wie in den euſſerlichen dingen an ihnen, je nach dem das hertz iſt, unterſchiedliches nicht eben vor unrecht geachtet werden mag was ſonſten an andern nicht anders koͤnte, als eine frucht des innern hochmuths ſeyn, da ſie keine rechtſchaffene urſach deſſen haben. Bey jenen groſſen aber wird erfordert bey allem ihrem euſſerlichen ſplendor das hertz der Eſther, wie ſolches Stuͤck in Eſth. 2, 16. beſchrieben wird, bey andern aber deroſelben bedienten, daß es aus gehorſam geſchehe, was ſie darinnen thun und tragen: Das dritte betreffend, làßt ſich auch nicht wol ein gewiſſes maaß der erkaͤntnuͤß insgemein vorſchreiben vor einfaͤltige bauers-leute. Mit wenigem faſſe ich meine gedancken alſo zuſammen. Vieles auswendig zu lernen, iſt ſchlechter dings nicht noͤthig: Ja ich wolte auch bey denen die faͤhiger ſind, nicht fordern / daß ſie mehr auswendig lerne - ten, als den gemeinen Cathechiſmum Lutheri, und wo ſie etwas weiters haben wolten, mehrere ſpruͤche aus der bibel; Die dahin nicht kommen koͤnten, wuͤr - de ich abermal mit einem geringern zu frieden ſeyn. Was aber den ver - ſtand ſelbs anlangt, ſo wird von allen insgeſamt erfodert der glaube an Chriſtum, und alſo die erkaͤntnuͤß CHriſti, und zwar wie er unſer Erloͤ - ſer ſeye, und uns die gnade ſeines Vaters erlangt hat, ſo dann, daß wir aus deroſelben allein ſelig werden, durch den glauben ohne einiges verdienſt: Wie uns auch ſolche gnade in der tauff warhafftig geſchenckt ſeye, und in dem heiligen abendmahl verſiglet werde. Da ſehen wir aber, daß in ſol - chen materien alle die articul faſt einflieſſen von GOtt, den 3. perſonen, von der ſchoͤpffung und bilde GOttes, von der ſuͤnde, und menſchlichem un - vermoͤgen, von Chriſti verdienſt, von der buß, von der rechtfertigung, vom glauben, von der tauff und abendmahl: Nicht, ob muͤſſen einfaͤltige von al - lem ſolchen ausfuͤhrlichen bericht haben, dann derſelbe iſt uͤber ihre faͤhig - keit, ſondern daß ſie die ſummen derſelben, welche auch ein kind von 7. jahren begreiffen kan, wahrhafftig faſſen. Da gehoͤret auch dazu, daß die pre - diger ſolche materien, was GOTT mit uns menſchen je und zu allen zeiten vorgehabt habe, in den predigten, nachdem es die einfaͤltige faſſen moͤgen, vortragen, und durch fleißige kinder-lehr nicht ſo wol in die gedaͤchtnuͤß, als in die hertzen der zuhoͤrer bringen. Damit iſts, was die erkaͤntnuͤß an - langt, gnug, ob wol die guten leute ſolche auch nicht eben mit worten wiſſen auszutrucken, und ſich ſelbs zu erklaͤren: Man kan aber wol bey ihnen ſehen, ob ſie es verſtehen: Und hat ein Chriſtlicher prediger wol acht bey jeglichem zu geben, wie viel ſein maaß der gaben und gnaden mit ſich bringe. Jhr liebes land halte ich gluͤckſelig, daß die gottſeligkeit aufs we - nigſte daſelbs in werth gehalten wird, GOTT ſegne ſolchen ſtattlichen an - fang ferner vortrefflich, und laſſe ſolches land ein liecht werden, das ande -IV. Theil. ire66Das ſiebende Capitel. re auch erleuchte. Von des Hertzogs gegenwaͤrtigem zuſtand und ſonderlich den Chriſtlichen Princeßinnen habe ſo viel gutes gehoͤret, daß GOTT dafuͤr dancke, und deſſen ferneres liecht und krafft anwuͤnſche. So hoffe, daß auch der lieben NN. gute intention und verliehenes maaß vieles fruchten ſolle. Wegen Herrn NN. freuet michs ſonderlich, was er von ſeiner ungefaͤrbten gottſeligkeit, und wie er ſchon daruͤber gelaͤſtert werde, ruͤhmet, der HERR laſſe ihn ferner in der zahl der jenigen ſeyn, die mir heiligem exempel, und auf alle andere denen die nicht eben in dem ordentlichen lehr-amt ſtehen, muͤgli - che weiſe viele zur gerechtigkeit weiſen, dermaleins als ein ſtern zu leuchten. Herrn NN. eyffer iſt mir nicht weniger von langem bekant, wie auch daß Herr NN. bey dem Fuͤrſten ein groſſes thue. Der HERR ſeye ferner ih - re krafft, ihr liecht und groſſer lohn. Von den Herrn Hoffpredigern hoͤre ich gleichfalls gern den ruhm, den er ihnen gibet, daß ſie ſo herrlich und kraͤfftig auf den innern menſchen treiben. GOTT ſtaͤrcke ſie, ſegne ſie, und erfreue ſie mit vieler frucht ihrer arbeit zu noch viel anderer annoch nachlaͤßiger kraͤff - tiger aufmunterung. Sonderlich hat mich recht afficiret das angeruͤhmte exempel der prediger zu NN. die ihre zuhoͤrer hertzlich zu pruͤffen ſich gelegen - heit gemacht: und kan ich ihren eyffer durchaus nicht ſchelten, da ſie ohne imperioſitaͤt und allzu hefftige widerſetzung der geſamten gemeinde es dahin gebracht, daß ſich alle confitenten bey ihnen zu hauſe vor anmelden muͤſſen: weil ich davor achte, 1. daß ſie in dem beichtſtul die gelegenheit nicht haben. 2. Der groͤſſeſte oder beſte theil der kirchen ſolches ihnen gefallen laͤßt, und ſich gern derſelben beqvemet. 3. Die obrigkeit nicht entgegen iſt. 4. Daß ſie mit der excluſion mit Chriſtlicher beſcheidenheit und vorſichtigkeit verfah - ren haben, daß man geſehen, ſie uͤben nicht ihre affecten aus, ſondern ſuchen wahrhafftig allein das heyl der ſeelen. Ach daß wir nur etwas dergleichen hier bey uns haͤtten, wie ſolte mir meine amts-laſt ſo viel leichter vorkommen! Aber wie er ſelbs weiß, haben wir alles leider alhier in groͤſſeſter confu - ſion, und haben keine gewalt etwas beſſeres einzufuͤhren, wie es ohne das an groͤſſern orten ſchwerer damit hergehet. Wir haben zwar mit einem flehendlichen memorial von unſern Herren die remedirung und einige Chriſtliche anſtalten gebeten, muͤſſen aber noch warten, was GOTT vor ſegen geben, und wie er die hertzen der Oberen lencken wer - de; Jndeſſen mit ſeufftzen thun, was GOTT noch zu thun die gelegen - heit gibet. Mich freuet nur, wo ich von andern orten dergleichen gutes hoͤre, daß GOTT mehr ſegen zu deroſelben arbeit gebe als wir unſers orts annoch befinden: Dann uns muß freuen, wo nur der name GOTTes geheiliget wird / es ſeye bey uns, oder bey andern, an dieſen oder jenen or - ten, und GOTT brauche uns oder andere zu deſſen werckzeugen: Wiewoluns67ARTIC. I. SECT. XIV. uns auch anderer exempel, die treu erfunden werden, und dero arbeit der HERR ſegnet, dazu aufmuntern muß, dergleichen auch zu thun, und nach ſolchem ſegen zu trachten.
WAs das erſte anlangt, worinnen vornemlich von der gemeinſchafft mit den irrigen religions-verwandten gehandelt wurde, ſo will nur mit wenigem als es moͤglich iſt, nochmal mich expectoriren. Jch achte freylich keinen irrthum geringe, ſondern hingegen preiſe die gnade GOTTes, welche er unſerer kirchen in der erkaͤntnuͤß der lautern war - heit gegeben hat. Jch erkenne auch die angefuͤhrte mehrere diſtinctio - nes gern, und weiß, daß nach dero unterſchied unterſchiedlicherley muß geurtheilet werden. Ad hypotheſin aber zu gehen: So erkenne auch, daß durch das vertrauen auf einige wercke, als etwas dadurch unſere ſee - ligkeit erhalten wuͤrde, ſchlechterdings der glaube, und zwar fides quæ credit, aufgehaben werde, daher mit demſelben dieſer nicht ſtehen koͤnne. Jch weiß aber, daß mitten in der Paͤbſtiſchen kirchen, ja ſelbſt in cloͤſtern eini - ge ſolche leute ſind, welche von einigem vertrauen auf ihr oder anders men - ſchen werck nicht wiſſen wollen; Sondern im tod und leben allein auf der bloſſen gnade GOTTes und dem verdienſt JESU CHriſti ſtehen blei - ben, obs wol ihrer kirchen principiis ſchnur ſtracks entgegen iſt: Sie blei - ben aber bey ihrem alten Taulero und andern von uns ſelbſt erkennenden, von ihrer kirchen aber nicht verdammten, teſtibus veritatis, und ſind denen nicht ungleich, die vor Luthero gelebt. Die Reformirte betreffend leug - ne ich nicht, daß ich einen horrorem vor der lehr des abſoluti decreti ha - be, und deſſen greuel nicht genug zu deteſtiren weiß. Jch dancke aber GOTT, deſſen heilige guͤte und weißheit in der Reformirten kirchen den groͤſſeſten theil der zuhoͤrer vor ſolchen irrthum verwahret, welche ſo gar gut Lutheriſch in dieſem articul ſind, daß ſie es vor eine grauſame auflage hal - ten, wo man ihren lehrern dergleichen aufbuͤrdet, als die ihr lebtag offt von der cantzel nicht ein wort davon gehoͤrt. Jch erinnere mich dabey eines vor - nehmen Edel - und Staatsmanns, den ich, da er Reformirt geweſen, und zu uns trat, informiren mußte, bey dem ich muͤhe hatte, und es ihm in ihren eigenen ſchrifften zeigen mußte, daß er ſehe, was die ſeinige von ſol - chem glaͤubten. Noch juͤngſthin redete mit einem, ſo ſonſten in glaubens -i 2ſachen68Das ſiebende Capitelſachen nicht ungeuͤbt, dem die lehr der ſeinigen, die er von mir hoͤrte, der - maſſen ſchrecklich vorkam, daß er ſie wuͤrdig achtete, mit ſolchen gemeinden, wo dieſe lehr getrieben wuͤrde, nicht zu communiciren. So wird nicht leicht iemal geſchehen, wo der articul von einigen unvorſichtigen nur in et - was auf der cantzel deutlicher beruͤhret wird, daß nicht ſo bald bey den gemeinden unter den leuten murren entſtehet, daß ſie wieder genug an ih - nen zu tuͤſchen haben. Wie mir die exempla bekant ſind. Daher auch die verſtaͤndigſte unter ihren lehrern die materie gantz von der cantzel laſſen, wo - rinnen aber eine ſonderbare weiſe direction goͤttlicher providentz erken - ne, daß die warheit in ſolchem articul in den meiſten hertzen der Refor - mirten ungekraͤnckt bleibet. Nechſt dem ſo erkenne ich ſolchen irrthum frey - lich alſo, daß er das fundament des glaubens betreffe, jedoch nicht alſo, daß keiner neben ſolchem irrthum den glauben behalten koͤnte, ſondern daß es ſchwer hergehe, ja die euſſerſte gefahr dabey ſeye, und wo es zu der anfech - tung kommt, ich keine huͤlff der rettung ſehe. Jndeſſen iſt das ipſiſſimum fundamentum fidei quæ credit gratia Dei in Chriſto Jeſu, und alſo deſ - ſen verdienſt, nicht præciſe, wie ſie univerſalis iſt, ſondern wie ſie mich an - gehet, und von mir ergriffen iſt, dann dieſes kommt unmittelbar in den glau - ben, und kan keiner ſelig werden, er glaube dann die ihm erzeigte goͤttliche gnade in Chriſto JEſu, auf derſelben im leben und ſterben zu ruhen. Was a - ber die univerſalitatem anlangt, ſo iſt dieſelbe das mittel, wodurch wir ver - ſichert werden muͤſſen, daß die goͤttliche gnade auch uns angehe, und ich ſie alſo ergreiffen koͤnne. Daher geſtehe ich gern, wo ein Reformirter ſich ge - nau unterſuchet, woher er verſichert ſeye, daß er unter denjenigen ſeye, die durch Chriſtum erloͤſet worden, (worauf er gleichwol ſeinen glauben gruͤn - den muß,) ſo gibts argumenta ex majori particulari, die alſo nicht be - ſtehen, wo ſie examinirt und angefochten werden. Sie beruffen ſich auf den ſenſum fidei, darauf wir uns zwar auch beruffen muͤſſen, wo es zu der application kommt (jedoch mit groſſem unterſchied, das ich durch GOt - tes gnade wol verſtehe) aber nechſt dem, daß viel betrug dabey vorgehen kan, ſo faͤlt derſelbe in tentatione offt hin, und damit iſts um den glauben ge - than. Daß ich offters den troſt der Reformirten particulariſten in hoc paſſu vergleiche mit einem elenden ſchifflein, welches ſo endlich, wo es kei - ne ſturm und ungewitter gebe, einigerley maſſen uͤberkommen koͤnte, aber in dem ſturm umſchlagen muͤßte: Dem ſich je kein vernuͤnfftiger vertrau - en wird. Jndeſſen beſtehet die krafft des glaubens ſelbs in ipſa conclu - ſione oder theſi, v. g. Jch bin von Chriſto erloͤſet, und ſeiner gnade theil - hafftig, nicht in dem medio illam probandi. Wie wir zum exempel eines einfaͤltigen glauben nicht in zweiffel ziehen werden, ob wol derſelbeſeine69ARTIC. I. SECTIO XIV. ſeine theſin, die er feſt ergreifft, und darauf lebt und ſtirbt, nicht eben wie es ſeyn ſolte, mit gnugſamen gruͤnden erweiſen kan. Wie einer gewiß weiß, daß er ein menſch ſeye, ob wol ein einfaͤltiger es zu demonſtriren nicht vermoͤchte, und da ers erweiſen wolte, etwa ſolche argumenta fuͤhren doͤrffte, welche die gelehrtere vor gantz untuͤchtig erkennen wuͤrden. Je - doch iſt er ſeiner ſache gewiß. So mags wol ſeyn, und weiß ich bey eini - gen Reformirten, bey denen dieſer irrthum aus ſchuld der auferziehung ſo tieff eingeſeſſen, daß ſie davor (wie dann der gefaßten meinungen krafft ſtaͤrcker iſt, als man gedencken moͤchte) unſere warheit nicht erkennen moͤ - gen, daß ſie gleichwol in einem ſolchen hertzlichen vertrauen auf des HERRN verdienſt ſtehen, daß ſie darauf leben und ſterben, und ihr blut mit freuden uͤber ſolche gnade zu vergieſſen bereit waͤren. Da ſie goͤttliche gnaden verheiſſungen im evangelio leſen und hoͤren, applici - ren ſie ſich die ſelbe mit einem ſolchen troſt und gewißheit, daß ihnen nicht ei - niger zweiffel das hertz verunruhiget. Sie wiſſen nicht von einigen andern gnaden mittelen ihrer ſeligkeit als dem verdienſt JEſu Chriſti, und iſt bey ihnen eine kraͤfftige freude zu ſpuͤren, ſo offt ſie an ſolche gnade gedencken. Es wircket auch ſolches vertrauen in dem leben eine ſtaͤte verleugnung der welt und bruͤnſtigen eyffer allein GOttes willen zu thun, und ihm ſich auf zu - opffern. Daß alſo an ihrem glauben die ſonſten bey anderm rechtſchaffenen glauben befindliche kennzeichen des glaubens warhafftig verhanden ſeynd, und ich alſo, ſo viel unter menſchen geſchehen kan, mich ihres beywohnenden glaubens verſichert halten kan. Wobey ich ferner die guͤte des groſſen GOTTES erkenne, welcher ſolchen ihren glauben verwahret, daß er von dem ſonſten habenden irrthum, ſo an ſich capabel waͤre, den glauben umzu - ſtoſſen, nicht mag umgeſtoſſen werden, ſondern feſt bleibet, verwahret ihn auch vor den anfechtungen, die derſelbe auszuſtehen nicht vermoͤchte. Dar - aus meine, genugſam zu erhellen, daß obs wol eine aͤußerſte gefaͤhrliche ſa - che mit dem[a]bſo[l]uto decreto iſt, dennoch durch goͤttliche gnade moͤglich ſeye, daß neben demſelbigen bey einigen, ſo deſſen greuel nicht erkant haben, ſondern daſſelbige als eine noͤthige folge goͤttlicher gerechtigkeit und heilig - keit, ſo dann menſchlicher euſſerſter verderbnuͤß, halten, daher in demſel - ben ein groſſes ſtuͤck der goͤttlichen ehre, die ſie nicht verlaſſen, oder etwas deroſelben begeben doͤrfften, zu erkennen meinen (in welchem allen ſie zwar freylich ſchwer irren) hingegen unſere warheit von ſolchem articul nicht alſo faſſen koͤnnen, daß ſie nicht davor halten, daß den menſchlichen kraͤfften etwas zugelegt, und goͤttlicher ehr abgezogen werde, gleichwol ein wah - rer lebendiger glaube, und ein bruͤnſtiges vertrauen auf Chriſti verdienſt, welches den menſchen gerecht und ſelig macht, von GOTT erhalten werde. i 3Wo70Das ſiebende Capitel. Wobey ich immer fleißig erinnere, an den zuſtand der lieben juͤnger Chriſti in den tagen ſeines fleiſches zu gedencken, mit was ſchweren irrthumen die liebe leute behafftet, und dennoch dabey ihr glaube an GOtt nach Chriſti ei - genem zeugnuͤß rechtſchaffen geweſen. Voraus geſetzt nun deſſen, ſo iſts freylich wahr, wo kein glaube iſt, da iſt aller uͤbriger ſchein nichts anders als heucheley: aber von dem glauben duͤrffen wir nicht alle ausſchlieſ - ſen welche in den glaubens-articuln irrthume haben. Was nachmal an - langt das urtheil von denjenigen, welche in irrthumen und anderer religio - nen gemeinden ſtehen, ſ / erkenne ich freylich, daß darinnen allezeit behutſam zu verfahren ſeye, aber daß doch mit weniger gefahr geurtheilet werde, wo wir nach dem urtheil der liebe und derſelben hoffnung, als wider ſie, urthei - len. Was zwar uns prediger anlangt, die wir eine mehrere erkaͤntnuͤß der wichtigkeit jeder articul und der entgegen ſtehenden irrthume haben ſol - len, ſo haben wir freylich mit mehrerm bedacht hierinnen zu gehen, als die ein mehrers als andere wiſſen muͤſſen, und denen das urtheil in d r lehr amts halben anvertrauet iſt. Daher vermoͤgen wir weniger uns in die gemein - ſchafft mit ſolchen leuten einzulaſſen. Was aber andere anlangt, welche allein zu ihrer eigenen ſeelen verwahrung die warheit und irrthum verſtehen doͤrffen, und denen das urtheil nicht gleicher maſſen anbefohlen iſt, moͤgen deßwegen immer eher aus dem urtheil der liebe mit denjenigen umge - hen, an welchen ſie gutes, und ſo viel ſie erkennen moͤgen, zeugnuͤſſen des wahren glaubens in dero leben warnehmen. Wo ich aber von dem guten, ſo man an ſolchen leuten anſehen ſoll, rede, ſo habe ich meine abſicht gar nicht auf die bloſſe moral-tugenden, einer gerechtigkeit, n[uͤ]chterkeit und derglei - chen, ſondern rede von denjenigen, da man ſiehet, daß es weiter gehet, als aus menſchlichen kraͤfften geſchehen koͤnte, ſonderlich aber wo man das fundament aller ſolcher tugenden ſelbs wahrnimmet. So iſt alſo dieſes die meinung, wo ein Chriſt einen menſchen ſiehet, und aus mehrerem um - gang mit ihm erkennet, daß nicht nur allein der haupt-zweck und regel ſeines gantzen lebens ſey, daß er ſeinem GOtt dienen wolle, ſondern hat auch ſei - ne erklaͤrung, daß er auf nichts in der gantzen welt, weder auf ſich noch ei - nigen menſchen, ſondern bloß allein ſeines himmliſchen Vaters gnade in CHriſto JEſu, ſein vertrauen ſetze, und daraus ſelig zu werden glaube: Achtet dieſe gnade, die ihm durch das verdienſt ſeines einigen heylandes Chri - ſti JEſu erworben worden, in der gantzen welt fuͤr ſeinen einigen ſchatz und troſt, trachtet allein denſelben zu erhalten, ruffet allein den wahren dreyeini - gen GOTT an, bittet um den heiligen Geiſt und deſſen erleuchtung und regierung, enthaͤlt ſich nicht nur der euſſerlichen, auch in der welt ſtraffba - ren, laſter, ſondern beſtrebet ſich ſtets von allem boͤſen mehr und mehrzu71ARTIC. I. SECTIO XIV. zu reinigen, lebet in einer wahrhafftigen verleugnung ſeiner ſelbs und wei - ſet in ſeinem gantzen wandel, daß man in der that ſehe, es ſeye ihm ſein ei - gener nutzen, ehre, luſt und willen nicht angelegen, ſondern allein dieſes, wie er GOTT gehorſam werden und dem nechſten ſich zum opffer dargeben moͤge. Wo, ſage ich, ein recht glaubiger Chriſt einen ſolchen menſchen er - kennet, ob er wol ſihet, daß er in einer andern irrglaubigen gemeinde ſte - het, ja auch einigen irrthumen beypflichtet, aber dabey gewar wird, daß keine boßheit da ſeye, ſondern er ſich ſeiner meinung nach verſichert halte, er glaube goͤttlicher warheit, und daher bereit waͤre, wo er finden koͤnte, daß er irrte, und wir hingegen recht haͤtten, der warheit auch zu weichen, ſo mag er wol nach dem urtheil der liebe denſelben fuͤr ein kind ſeines himm - liſchen vaters achten, zwar fuͤr ſeine mehrere erleuchtung beten, dieſelbe verlangen und wo er etwas dazu zu thun vermoͤchte, ſolche liebe ihm auch dar - innen erweiſen, aber ohne erachtet deſſen, ſo ſehe ich nicht, wie er nicht mit ihm auch in ſolchem ſtande in einer chriſtlichen gemeinſchafft leben koͤnte. Jch rede widerum nicht von der kirchlichen gemeinſchafft, mit ihm ſeinem re - ligions exercitio abzuwarten, viel weniger ihm etwas ſeines irrthums bey - bringen zu laſſen, dann ſolche ſeine fehler hat er mit erbarmender liebe anzu - ſehen, und durchaus ſie nicht zu billichen, ſondern von anderer gemein - ſchafft, daß er gutes von ihm halte, ſolches an ihm lobe, demſelben exem - pel nachfolge, und alſo, ohne was die communionem Eccleſiaſticam an - langt, mit ihm umgehe, wie mit andern frommen chriſten. Solche ge - meinſchafft mag ihm nicht verdacht werden, und ſoll das urtheil der liebe auf ſo viele zeugnuͤſſen des glaubens gegruͤndet, ihn vor ein kind GOttes zu erkennen mehr, als die anſehung ſeines irrthums allen ſeinen glauben und deſſen fruͤchten vor heucheley zu verdammen, ihn bewegen. Dann obs wol wahr iſt, daß er nicht unfehlbar gewiß iſt, noch auch ſo eigenlich in das hertz ſehen kan, wie ſchwer bey ſolchem ſubjecto der irrthum, vincibilis oder invicibilis, ſeye, ſo wird doch ſolches zu einem urtheil der liebe auch nicht erfordert; Und ſollen wir ja dieglieder unſerer gemeinde und glaubens-ge - noſſen fuͤr bruͤder und kinder unſers himmliſchen vaters aus der bloſſen præ - ſumtion halten, weil ſie der wahren lehr beypflichten, wo wir nicht eben deroſelben offenbare boßheit und laſter ſehen; da doch dieſe præſumtion ohne weitere unterſuchung dero glaubens beſchaffenheit und fruͤchten, nicht nur allein eben ſo wenig unbetruͤglich, ſondern viel ſchwaͤcher iſt, als die er - kaͤntnuͤß ſo vieles guten bey jenen. Und wie ich dann nicht ſuͤndige, da ich ein glied unſer evangeliſchen kirchen, von dem mir nichts widriges bewußt noch ſein zuſtand weiter bekant iſt, vor einen wahren chriſten und kind GOt - tes achte (obs wol ſeyn kan, daß er ein ſolcher nicht iſt) wol aber ſuͤndigenwuͤrde,72Das ſiebende Capitel. wuͤrde, da ich widrig von ihm ohne gnugſame urſach urtheilte; alſo ſuͤn - dige ich nicht, da ich einen ſolchen, obwol irrenden, an dem aber ſeines wahren glaubens und fruͤchte deſſelben ziemliche zeugnuͤſſe habe und ſehe, vor einen glaͤubigen ſchaͤtze, und in ſolcher abſicht, obwol mit der behut - ſamkeit von ſeinen irrthumen keinen ſchaden zu nehmen, mit ihm umgehe, (obwol mein urtheil fehlen kan) aber leichter wuͤrde ich ſuͤndigen, da ich alles das gute, was ich an ihm warnehme, ohne die kraͤfftigſte erweißthume vor lauter heucheley und ſcheinwerck daher fuͤr teufels werck achten und ver - dammen wolte. Jn jenem iſt via tutior, in dieſem aber die gefahr einer er - ſchrecklichen ſuͤnde, wie dorten deꝛ alte S. D. Hanneckenius in eineꝛ pꝛedigt, als er beſchuldigt worden, daß er die Reformirten verdammte, erſtlich vor der gemeinde proteſtiret, es ſeye nicht wahr, daß wir einen einigen men - ſchen, der von hertzen an JEſum Chriſtum glaubet, und in deſſelben theuren verdienſt allein ſeine ſeligkeit ſuchet, und den namen des wa - ren Gottes inbꝛuͤnſtig und in kindlichem veꝛtꝛauen anꝛuffet, veꝛdam - men, und als einen durchteufelten menſchen ausruffen. Nachmal dazu fetzet: Behuͤte uns der allmaͤchtige ewige GOTT durch ſeinen ſohn JEſum Chriſtum fuͤr einer ſolchen ſuͤnde, die warlich mehr als teufliſch iſt, dann der teufel ſelbs darff ſich deſſen nicht unterſtehen. Daher ich vor nichts ſo ſehr mich huͤte, als etwas gutes in jemanden zu verwerffen, damit ich nicht GOTTES wirckung dem ſatan zuſchreibe. Und wo wir alſo das gute auch an denjenigen, an denen wir anderes mit gedult noch tragen muͤſſen, loben und zur nachfolge vorſtellen, ſo iſt nichts boͤſes zu ſorgen. 1. Es werden die andern in ihren irrthumen nicht ge - ſtaͤrckt, in dem man immer das mißfallen an denſelben bezeuget. Hin - gegen will ich meinen geliebten bruder verſichern, daß fromme hertzen un - ter den irrglaubigen auf das euſſerſte geaͤrgert werden, wo man allen ihren glauben, und da ſie ihnen viel ein anders bewußt ſind, alles ihr thun, vor heucheley und ſcheinwerck ausruffet: Dann weil ſie ſolches gar anders bey ſich wiſſen, und wie keine liebe bey uns ſeye, klaͤrlich daraus abnehmen, ſo meinen ſie, ſo vielmehr urſach zu haben, alle unſere religion in billichen ver - dacht zu ziehen, und halten ſich gewiß, wie wir in verdamnuͤß des guten an ihnen groͤblich fehlen, ſo ſeye auch unſer urtheil, in dem wir ihre irrthum ſtraf - fen, nicht beſſer gegruͤndet. Welches ihnen eine vielmehrere ſtaͤrckung in ih - rem irrthum iſt, als wir gedencken moͤchten. 2. Werden die unſrige dadurch weder kalt noch lau, ſondern durch der anderen eifer in dem guten vielmehꝛ an - gefeuret, daß ſie bey ihrer reinen lehr nicht ſchlaͤffriger odeꝛ ſaͤumigeꝛ moͤgen eꝛ - funden werden, als jene ſind bey ihren noch anklebenden irrigen meinungen. Ja73ARTIC. I. SECTIO XIV. Ja ſie muͤſſen ſich ſchaͤmen, wo ihr reinerer glaube nicht ſo viel mehrere fruͤch - ten bringen wuͤrde. Welches alles die leute nicht lau oder kalt machet. Die - ſes aber geſtehe ich gern, daß der blinde und ſchaͤdliche eiffer damit temperi - ret und aufgehoben wird werden, damit man etwa ſich eine einbildung mag gemacht haben; Fides quæ creditur, wo nur dieſelbe ohne irrthum ſeye, moͤchte uns ſelig machen, es habe mit der fide quæ credit, eine bewandnuͤß, wie es wolle: So dann wird der jenige eiffer aufgehoben, welchen man nicht gegen die irrthume, ſondern gegen die irrende, offt traͤgt, aber welcher mehr ein werck des fleiſches als frucht des geiſtes iſt, und mehr ſchaden als nutzen bringt. Viel weniger mag einiger atheiſmus ſubtilis daraus fol - gen, in dem alles vielmehr dahin gehet, GOTT nicht nur in einer muͤßi - gen ſpeculation zu erkennen, ſondern in einem ſolchen ſtande zu ſtehen, da ſein geiſt in uns wircken moͤge. Welche lebendige erkaͤntnuͤß aus der krafft des geiſtes allein dem Atheiſmo wehren kan. Dieſes ſind meine noch - malige gedancken von der gemeinſchafft mit den irrglaubigen, worinnen ich hoffe, daß weder der wahrheit einiges begeben, als der ich in einigem articul den geringſten punct nicht zuruͤck laſſen wolte, noch der liebe zu wider gehand - let oder der nutzen, den wir auch von dem guten, ſo GOtt in andere die auſſer unſerer kirchlichen gemeinſchafft ſtehen, geleget hat, billich ſchoͤpffen ſollen, hinterhalten werden. Jm uͤbrigen bleibts freylich eine ausgemachte ſa - che, daß kein heterodoxus qua talis ſelig werden koͤnne. Jch laſſe aber wohl gelten, wo man mit leuten, die Theologiam nicht ſtudiret haben, redet, werden ſie ſolche phraſin nicht verſtehen, daher kein wunder, da ſie daruͤber etwa ungleich antworten. Moͤchte auch wol ſelbs die art zu reden nicht ſo eigenlich ſeyn, in dem ich auch nicht wohl ſagen kan, Lutheranus qua Lu - theranus ſalvatur, ſonſten muͤßten alle lutheriſche ſelig werden, ſondern wer ſelig werden ſolle (er waͤre nun dieſer oder jener gemeinde geweſen) muß ſelig werden, qua fidelis, nemlich fide ſalvifica. Jm uͤbrigen was perſonalia anlangt, was ein und andere perſon redet und thut, geredt oder gethan haben moͤchte, ſtehet nicht zu meiner verantwortung, ſo viel weniger, da ich alle minutias der umſtaͤnde nicht weiß, ſo doch in dergleichen ſachen bloſſer dings zu rechtem urtheil noͤthig iſt. Und weil ich weder eine ſe - ctam mache, noch intendire, und alſo keine beſondere ſchuͤler habe, ſo ließe ich mir ſo wenig einiges meiner zuhoͤrer ungleiche meinungen, wo einige derglei - chen haben, aufbuͤrden, als wenig andere prediger fuͤr daſſelbige bey ihren zu - hoͤrern rechenſchafft zu geben haben, wo ſie vor ſich ſelbs auf beſondere gedancken geriethen, ſondern allein was ſie von ihnen gelernet, und dieſe gelehret haben. Alſo liegt meine lehr offenbar an dem tag in ſchriff - ten und meinen oͤffentlichen predigten: welche ja gegen alle widrige ſuſpicio -IV. Theil. knes74Das ſiebende Capitel. nes billich prævaliren ſollen. Jm uͤbrigen bedancke mich gegen meinen werth - geachteten bruder der freundlichen communication der von einigen orten her gemachten ſcrupeln, ſo mir eine ſonderbare freundſchafft iſt, mich hinwie - der zu aller bruͤderlichen treu verbindende.
WAnn E. Wohl-Ehrw. wegen einiger hin und wieder ſich begebenden wunderzeichen erinnerung thut, ſo weiß ich wol, daß ſehr viele in den gedancken ſtehen, daß dergleichen an den himmels-liechtern, o - der vielmehr in der lufft, oder ſonſten erſcheinende phænomena und andere dergleichen davor haltende prodigia ihre ſonderbare bedeutung haben, und als warnungen GOttes anzuſehen ſeyen. So laſſe ich auch ieglichem Chriſtlichen lehrer in dieſer ſache ſeine muthmaſſungen frey. Jedoch beken - ne ich gern von mir, daß ich noch niemal aus der ſchrifft habe ſehen koͤnnen, daß uns GOtt dahin weiſe, auf dergleichen prodigia zu ſehen, oder ſolche fuͤr andeutungen ſeines willens oder gerichts anzuſehen. Dann was von den letzten zeichen vor dem juͤngſten tage unmittelbar vorgehend geſagt wird, werden dergleichen ſeyn, die uͤber alle natur ſind, und ſich mit der - gleichen geringen nicht vergleichen laſſen. So habe ich auch in der that er - fahren, wie Athei, wo ſie hoͤren, daß wir prediger von ein und andern der - gleichen zeichen, darvon ſie die natuͤrliche urſach verſtehen, viel ſagens ma - chen, und ſolche vor goͤttliche wunder ausgeben, ſonderlich wo die ausle - gungen ſo gar ad ſpecialia gehen, ohne rechten grund, werden bewogen, weil ſie verſichert ſind, daß wir hierinnen fehlen, daß ſie nachmal auch alles uͤ - brige unſer vorgeben aus goͤttlichem wort vor gleiche ungegruͤndete vermu - thungen halten, und den namen des HErrn zu laͤſtern gereitzet werden. Ja manche Chriſtliche hertzen, welche in natuͤrlichen dingen ſo viel verſtands haben, daß ſie die andern nicht bekante natuͤrliche urſachen dergleichen ins - gemein vor unnatuͤrliche gehaltene dinge erkennen, werden ſo ſehr dardurch geaͤrgert, als bey den gemeinen leuten, die aus der opinion ſolche dinge vor wunderzeichen halten, mit vorſtellung derſelben gutes moͤchte gewircket werden. Daher ich nicht nur ſelbs nimmermehr die leute auf dergleichen zu achten weiſe, ſondern auch wuͤnſchte, daß aufs wenigſte nicht anders als mit groͤſter behutſamkeit von andern von dieſer materie gehandlet wuͤr - de. Daß zu 1. keines angezogen wuͤrde, das nicht von vielen glaubwuͤrdi - gen zeugen geſehen worden, und zwar ſolchen zeugen, die guten verſtand der natuͤrlichen dinge haben, und alſo wiſſen, was die natuͤrliche phænomena ſeyn koͤnnen, oder was uͤber die natur iſt. 2. Daß auch alle die jenige aus - geſchloſſen werden, wo man einigerley maſſen die natuͤrliche urſachen fin - det, nam miracula non fingenda ſunt citra neceſſitatem. Uterdeſſenl[2]wird84Das ſiebende Capitel. wird es uns nicht mangeln an gnugſamen und kraͤfftigen antreibungen zu der buß / ob wir wol dergleichen zweiffelhaffte und mißliche zeichen nicht dazu brauchen. Daß ſchweres goͤttliches gericht zu beſorgen und obhan - den ſeye / ſehen wir nicht nur aus denen uͤberhand genommenen ſuͤnden / die nicht anders als dergleichen nach ſich ziehen koͤnnen / ſondern aus der feinde vor augen ligenden und je laͤnger je mehr ausbrechenden anſchlaͤ - gen: Und insgeſamt / wo wir nur den in allen ordinibus ſo elend beſchaf - fenen ſtatum unſerer kirchen anſehen: So habe ich anleitung genug zu der buß / und bedarf nicht von cometen / feuer-zeichen und anderen der - gleichen / etwa gantz natuͤrlichen dingen / dergleichen argumenta herzuzie - hen / die endlich, wo ſie ſcharf examiniret werden / den ſtich nicht halten; Wir auch in der ſchrifft nicht darauf gewieſen werden. Welches in freundli - chem vertrauen bey dieſer gelegenheit zu gedencken / nicht umgang neh - men wollen.
WAs die hauptſache des ſchreibens anlangt / ſo den neulichen co - meten betrifft / muß ich offenhertzig bekennen / daß ich ſelbs der jenigen meinung bin / daß cometen ſolche ſterne ſeynd / die ſo wol als die uͤbrigen bey erſchaffung der welt erſchaffen / ihren gewiſſen / aber von uns bisher noch nicht zur gnuͤge ausgerechneten lauff haben / nach welchem ſie zu gewiſſen zeiten tieffer herab und uns zu geſichte kommen / und wieder in die hoͤhe aus unſerem geſichte entweichen / daher an ſich ſelbs keine ſonderbare ſchreckzeichen ſeyen. Dieſe meinung habe zu erſt in meiner jugend von einem ſo ſehr gelehrten als eifrig gottſeligen Theologo gefaſ - ſet / ſie auch alſo befunden / daß bis daher niemal nichts wichtiges / ſo dage - gen aufgebracht werden moͤchte / jemal zu geſicht bekommen. Hingegen bin durch das jenige / was die Frantzoſen bey gelegenheit des cometen an - no 1664. bemercket / nochmehr bekraͤfftiget worden. Wo wir ſie aber als ſonderbare zeichen / die etwas gewiſſes in GOttes namen uns anzei - gen ſolten / vornemlich aber aus ſich ſelbs ſeine ſtraff verkuͤndigten / achten wolten / ſo faſt die gemeine meinung iſt / leuge ich nicht / daß ich ſolche weder in der ſchrifft / noch in der natur / noch in der erfahrung gegruͤndet finde; Wie ich mich entſinne / vor dem einmal von einem ad ſuperſtitio - nem usque der Aſtrologiæ judiciariæ addicto, betreffend die deroſelben regeln / insgemein der gleichen gehoͤret zu haben / ob er ſich wohl nachmal darauf beruffte / er achtete / es habe GOtt ſolche dinge den Patriarchen un - mittelbar geoffenbaret / von denen es die Chaldaͤer / folgends Araber /Grie -85ARTIC. I. SECT. XVII. Griechen und Lateiner per traditionem bekommen haͤtten: Welches fundament ich von andern verſtaͤndigen leicht ergriffen zu werden / nicht hoffe. Die ſchrifft ſagt mir von keiner bedeutung der gewoͤhnlichen odeꝛ ungewoͤhnlichen ſterne / ohne was die unterſcheidung der zeit / und natuͤr - liche wirckungen anlangt / ſodann dero verfinſterung vor der letzten zu - kunfft des HErrn. Nun achte ich nicht / daß uns GOtt auf andere wei - ſe ſeinen willen offenbare / als worauf er uns insgemein oder abſonderlich in der ſchrifft gewieſen hat. Die natur zeigt bekantlich nichts derglei - chen von den cometen. Die erfahrung richtet nichts mehrers aus / und ſtehet auf den ungewiſſeſten muthmaſſungen / dieſe oder jene erfolge ei - nem gewiſſen cometen / als bedeutungen zu zuſchreiben: Wider welche mancherley zu ſagen waͤre. Jndeſſen achte ich ſie nicht vergebens an dem himmel zu ſtehen: Sondern wie die himmel allezeit erzehlen die ehre GOttes, und die feſte ſeiner haͤnde werck, Pſ. 19. ſo thuts auch ein dergleichen uns ungewoͤhnlicher ſtern ſo viel nachtruͤcklicher. Ja es mag goͤttliche weißheit es eben damit alſo geordnet haben / daß ſie uns nicht e - ben taͤglich allen ihren ſchatz vor die augen ſtelle / ſondern etzliche geſchoͤpf - fe ſo geſetzet / daß wir ſie nur ſelten ſehen / daraus aber nicht nur den reich - thum des HErrn / ſondern auch dieſes erkennen / daß er / weil die taͤglich vor uns ſchwebende aus der gewohnheit wenig mehr geachtet werden / un - ſere unachtſamkeit damit beſtraffe / und uns alſo zu weilen einige neue zu geſicht kom̃en laſſe / daß wir an denſelben aufs wenigſte nunmehr lernen / wozu uns billig alle tag die gewoͤhnliche himmliſche coͤrper dienen ſolten / die aber aus gewohnheit wenig beobachtet werden. Alſo habe ich frey - lich auch den cometen alſo angeſehen / als ein zeugnuͤß goͤttlicher allmacht / weißheit und herrlichkeit / und kam mir ſein majeſtaͤtiſch anſehen gantz ve - nerabel vor / zum zeugnuͤß der majeſtaͤt ſeines groſſen ſchoͤpffers / dieſe mit tieffſteꝛ demuth zu verehren. So will ich auch nechſt deme die leute nicht ſi - cheꝛ machen / wie ich dann meinen zuhoͤrern wenig anders vorſagen kan / als von den ſchrecklichſten gerichten Gottes / die auf allerley art uns uͤber den haͤupten ſchweben und wol ehe wirs uns verſehen / uͤberfallen moͤgen. Mag alſo niemand etwas ſchreckliches als eine deutung dieſes cometen ſich vor - ſtellen / daß ich nicht aus anſehung goͤttliches worts und weiſſagungen / aus erwegung der uͤbermachten ſuͤnden / aus betrachtung der hin u. wie - der obſchwebenden conſiliorum, und andern dergleichen unzweiffelhaf - tigen gruͤnden / eben dergleichen und etwa noch wohl ſchwerere zeiten, ſorge / und denſelben zu begegnen / die leute zu einer unheuchleriſchen buß vermahne. Jndeſſen ſchlieſſe ich den cometen nicht gantz aus / ſondern wie ich glaube / daß ſolche art ſternen ſo wol in natuͤrlichen dingen ihre wirckungen haben / als etwa die uͤbrigen ſternen / ja noch ſo viel kraͤffti -l 3ger /86Das ſiebende Capitel. ger, weil ſie ungewoͤhnlicher ſind, wolte ich nicht widerſprechen, wo man ſorgte, daß ſolche wirckungen uns ſchaͤdlich und ſo bald ein ſtuͤcke der goͤttli - chen ſtraffe waͤren. Alſo wo nach GOttes verhaͤngnuͤß auf dieſe groſſe kaͤl - te, ein hitziger und duͤrrer ſommer, und allerhand kranckheiten folgten, und jemand ſie als einen ſo effect als folglich auch deutung des cometen anzoͤge, wuͤrde ich nicht bedenckens haben mit zu zuſtimmen. Ferner weil ich finde, daß alle dinge, die ſonderlich goͤttliche majeſtaͤt und herrlichkeit anzeigen, al - lemal die menſchen erſchrecket haben, wie wir an den troſtreichen goͤttlichen engliſchen erſcheinungen, die in der ſchrifft gemeldet werden, ſehen, ſo achte ich ſelbs, daß GOTT mit dergleichen allemal unſere gewiſſen ruͤhre, wann er ſich uns gleichſam darſtellet, gleich zu gedencken wie wir mit ihm ſtehen: Ja daß er uns allemal in ſolcher von ſelbſten folgender pruͤffung unſerer ſuͤn - den dermaſſen uͤberfuͤhre, daß wir nicht anders als uͤber dieſe erſchrecken, und von GOTT uns deſſen verſehen koͤnnen, was unſere ſuͤnden verſchuldet ha - ben. Alſo mag auch der comet durch ſolche vorſtellung des groſſen majeſtaͤ - tiſchen GOTT es die gewiſſen ruͤhren, und da ſich bald die grauſamſte greu - el zeigen werden, den zorn deſſelben uns vorſtellen: Nicht als ein eigenliches zeichen, ſondern auf die jetzt angedeutete art. Dieſes iſt meine meinung von der ſach, die ich hoffe von aller gottloſigkeit und atheiſmo frey zu ſeyn, und die ſicherheit nicht zu haͤgen: Hingegen habe ſolches erfahren, wie ſehr die athei dardurch geſtaͤrckt werden, und daher gelegenheit nehmen, ſchwachen gemuͤthern auch andere dinge verdaͤchtig zu machen, wo ſie ſelbs den ungrund der gemeinen, von ſo vielen Theologis angenommenen mey - nung, von der cometen bedeutung erkennen, daß ſie ſo wol ſelbs davor halten, als andere deſſen bereden wollen, wie dieſe ſchrecken ohne wahren grund ſeyn, ſo ſeye es mit andern dingen nicht anders bewandt. Jch re - de hierinn aus erfahrung, und weiß wie es uns gehet, wo wirs mit ſolchen leuten zu thun haben, die keinem nichts zu gefallen glauben wollen: Daher ich mich allezeit ſo viel fleißiger vor denjenigen meinungen huͤte, dero ſchwach - heit ich erkenne, um der wahrheit nicht durch ſchwache argumenta verdacht zu zuziehen. Wie alſo dieſes meine meinung iſt, ſo buͤrde ich ſie gleich - wol niemanden auf, ja waͤre willig / wo mir jemand mit ſolchen gruͤnden, die entweder aus GOTTES wort das gewiſſen, welches eine uͤberzeu - gung haben will, oder aus der natur mit buͤndigen ſchluͤſſen, den verſtand uͤberzeugten, die cometen auch davor zu erkennen, wo fuͤr ſie ſo lange von ihren vielen (welches aber ſonſten zu der ſach nichts thut,) gehalten worden ſind. Welches ich aber, bevor jenes geſchehe, zu thun nicht vermag. Jn - deſſen und eben um ſolcher urſach willen haͤtte ich kein bedencken, dergleichen ſcripta, ſo auch meinen gedancken nicht einſtimmig, zur publication zu be -foͤr -87ARTIC. I. SECTIO XVII. foͤrdern, ob ihrer mehrere moͤchten zu der ſachen gruͤndlicher unterſuchung angefriſcht, und die warheit ſo viel offenbarer endlich gefunden werden. Dero ich wo ich ſie antreffe, ohne bedencken gern alſobald beypflichte. Je - dennoch leugne ich nicht, daß ich meines großguͤnſtigen hochgeehrten Herrn mit geſandtes MSct. zwar durchleſen, aber nichts dadurch zu einer andern meinung bewogen worden, welches ich faſt auch von andern, die den nach - truck und krafft der argumentorum mit bedacht erwegen, zu geſchehen ſorge ja daß vielleicht die die andere ſentenz gefaſſt, in deroſelben ſo vielmehr moͤch - ten bekraͤfftiget werden, da ſie der gegenſtehenden ſchwachheit, wo eine ſa - che ex profeſſo zu behaupten uͤbernommen wird, erkant, und daraus ſchlieſſen, es muͤßten keine andere und beſſere zu finden ſeyn, die ſonſten nicht uͤbergangen worden waͤren. Daher ſtelle es in meines großguͤnſtigen hoch - geehrten Herrn vernuͤnfftiges ermeſſen, ob derſelbe etwa einige kraͤfftigere gruͤnde ſeine theſin zu erweiſen (als woran alles ligt und ohne dieſes die antworten auf die machende einwuͤrffe vergebens ſind) mit einrucken, oder es darbey bleiben laſſen, und alſo getruckt haben wolle. Es geſchehe nun welches wolle, da noch die publication begehret wird, hoffe ich einen verle - ger zu finden, den ich aber bevor uͤber jenes antwort erlange, noch nicht ha - be ſuchen wollen: Da wuͤrde ſich alsdenn auch bald geben, ob das andere ſtuͤck von der peſt mit dazu zu trucken waͤre oder nicht. Daher ich bitte, nach belieben etwa bald die fernere meinung, was zu thun habe, mir großguͤnſtig zu berichten, wo alsdann dem verlangen ein genuͤgen zu thun nicht ſaͤumig ſeyn werde.
AUf die vorgelegte frage, ob in uͤberſandter leich-predigt etwas der wahꝛen orthodoxiæ und unſeꝛ analogiæ fidei widriges ſich befinde, haͤtte ich bedencken tragen koͤnnen zu antworten, weil mir durchausn 2nicht100Das ſiebende Capitel. nicht zukommt / uͤber einen vornehmen und wohlverdienten Theologum mich des gerichts anzumaſſen / ſo dann weil er ſelbs lebende ſeine wort am beſten zu declariren und denen etwa daruͤber gefaßten ſuſpicionen zu begegnen vermag / und alſo keines andern vorſpruchs benoͤthiget iſt. Weil aber ſolche anmuthung an mich allein geſchiehet mein bedencken uͤ - ber ſolche predigt in privato zu vernehmen (da mir ohne das am wenig - ſten geziehmen wolte / ohne des autoris eigene erlaubnuͤß mit dergleichen publice aus zu brechen / und mich in einigen ſtreit ſo unter andern ent - ſtanden ſeyn moͤchte ohne beruff einzumiſchen) ſo habe ferner nicht wollen difficultaͤt machen / einem guten freund im vertrauen meine gedancken uͤ - ber dieſe materie und die bemeldte ſtellen / welche ich mit anruffung und in der furcht des HErrn erwogen / zu ertheilen.
Ob in dieſer predigt gelehret werde / daß die werck gerecht machen: Solches moͤchte das anſehen gewinnen aus den angedeuteten worten p. 12. da es alſo lautet: Ja ſo theur und werth iſt die treue vor GOTT, daß in dero anſehen ein menſch, der ſonſt von haupt zu fuß voll ſuͤndlicher gebrechen ſtecket, dennoch ein heiliger, ohne wandel, un - tadelich, unſtraͤfflich heiſſen mag. Ferner: Schaue wie die treue alles bedecket! So theur und werth iſt die treue vor GOtt, daß ſie allenandern ſtuͤcken unſers Chriſtenthums die fuͤlle, das maaß, das gewicht gibet. Glaube ich gleich ſchwaͤchlich, und glaube nur treu - lich, ſo ſolle der ſchwache glaube auch nur in der treue ſtarck genug ſeyn. Liebe und lebe ich gleich ſehr gebrechlich, und liebe oder le - be nur treulich, ſo ſoll doch der gebrechlichen liebe und dem gebrech - lichen leben auch nur um der einigen treue willen nichts mangeln. Gebe ich gleich wenig, und gebe nur treulich, ſo ſoll doch die weni - ge gabe auch nur in der treue groß genug ſeyn. Suche ich meinen GOtt gleich traͤge und bloͤdiglich, und ſuche ihn nur treulich, ſo ſoll doch traͤg und bloͤd geſucht auch nur um des treuen hertzens willen hertzlich und vollkommen geſucht heiſſen. Aus keiner andern meinung iſts geredt, was David geredet im 119. Pſalm: Jch ſuche dich HERR von gantzen hertzen. Alſo decket die treue nicht allein zu, ſondern erſetzet, fuͤllet, ergaͤntzet auch. So theur und werth iſt endlich die treue vor GOTT, daß da ſich ſonſt kein werck oder dienſt vor ihm ruͤhmen darff, er dennoch dem treuen hertzen, diefrey -101ARTIC. I. SECT. XIX. freyheit, freudigkeit und den unverſtopfften mund gelaſſen, daß ſie noch wol ein wort in ſeinem angeſicht zu reden macht habe. Aus der freyheit ſprach Hiskia ſo getroſt auf ſeinem angſtbette: Geden - cke doch HErr, wie ich vor dir gewandelt habe in der warheit mit vollkommenem hertzen. Aus der freyheit darſſ Paulus auftreten und ruͤhmen, er habe gewandelt vor menſchen auch vor GOTT in einf[aͤ]ltigkeit goͤttlicher lauterkeit. Summa ein treuer mann, ein vollkommener mann: ein treues, ein gantzes hertz. Aus dieſen wor - ten / ſage ich / ſolte es das anſehen gewinnen der autor behaupte damit den irrthum der Papiſten / daß die werck auch ein theil mit an der rechtferti - gung haben. Weil der treue / ſo gleichwol eine tugend und werck des ge - ſetzes iſt / ſo groſſe dinge / wie ſie auch vor GOttes gericht angeſehen wer - de / beygeleget werden. Wo aber die ſache genauer angeſehen / und ſo wort als abſicht erwogen werden / hoffe ich / werde ſich ergeben / daß dieſe auflage keinen gnugſamen grund habe. Dieſes zu erkennen / haben wir auf das ſubjectum und die prædicata zu ſehen. Das ſubjectum iſt die treue wie er redet. Nun iſt zwar an dem / daß die treue auch heiſſet eine ſolche tugend / da wir dem nechſten mit liebe zugethan / es gut mit ihm mei - nen / und ſolches in den wercken erzeigen / wie wir zu pflegen ſagen / einem lieb und treu erzeigen: Alſo auch gegen GOtt heiſſet derjenige treu / wel - cher mit fleiß und ſorgfalt ohne verſaͤumnuͤß dasjenige thut / was goͤttlicheꝛ dienſt von ihm fordert. Wo wir aber dieſen gantzen context anſehen / iſt dieſes nicht der eigenliche verſtand des worts / wie es hie der Autor brau - chet / ſondern vielmehr verſtehet er dardurch nicht ſowol eine abſonderliche tugend / als eine eigenſchafft / ſo ſich bey allen tugenden und bey dem glau - ben ſelbs finden und darin ſtecken muß. Jſt alſo dieſe treu nichts anders als die lauterkeit und aufrichtigkeit in allem demjenigen guten / was an dem menſchen iſt oder ſeyn ſolle / ſonderlich worinnen ers mit GOTT zu thun hat / daß es nichts erdichtetes / falſches / heuchleriſches / ſondern redlich und hertzlich ſeye. Dahero ſehen wir / wie er deutlich bey dem glauben ſo - wol als bey der liebe dieſe treu fordert / und alſo haben will / unſer glaub / dasjenige vertrauen / ſo wir auf GOttes gnad in Chriſto haben / ſolle treu - lich ſeyn / das iſt hertzlich und ohne heucheley. Alſo auch das gantze werck / worinn wir es mit GOtt zu thun haben / daß wir ihn ſuchen / muß gleich - falls in treue / das iſt in aufrichtigkeit und redlichkeit geſchehen. Was die prædicata anlangt / iſt zu mercken / daß er nicht eigenlich præciſe von der rechtfertigung rede / ſondern von allem dem / was GOtt gefaͤllet und ange - nehm iſt / u. worinn wir Gott gefallen koͤnnen. Dahero iſt endlich alles wasn 3hie102Das ſiebende Capitel. hie geſagt wird, nichts anders, als GOTT gefalle die aufrichtigkeit in al - lem, da wirs mit ihm und ers mit uns zu thun hat. Dieſes aber beſtehet in zwey ſtuͤcken, da er uns zu gnaden annimmet, und die gerechtigkeit Chri - ſti ſchencket, und da er nachmaln auch unſern wandel, gehorſam und wer - cke in gnaden annimmet und denſelben ihren gnadenlohn gibet. Jn bey - den iſts wahr, daß GOTT auf die treue, das iſt aufrichtigkeit, ſehe. Sol - le der menſch gerechtfertiget werden, ſo geſchihets durch den glauben, damit der menſch ſolche gnade annimmet: Erkennet aber GOTT ſolchen glauben als einen falſchen und erdichteten, gefaͤrbten (1. Tim 1, 5) glauben, ſo ſchencket er demſelben dieſe gabe nicht, oder er iſt ſolches annehmens nicht faͤ - hig. Es iſt aber alsdenn dieſe treue keine ſache oder tugend, welche dem glauben in dem werck der rechtfertigung beygeſetzet wuͤrde, als welches ihme zukommet im gegenſatz gegen alle wercke, ſondern es iſt die eigene art des glaubens ſelbs, weil der nicht ungefaͤrbte glaube kein wahrer glaube iſt, und alſo nicht rechtfertigen kan. Was nachmal dasjenige anlangt, daß Gott ein wohlgefallen hat an der glaubigen leben, und ſolches annimmet, daß er ſie darinnen vor unſtraͤflich, untadelich, heilig und vollkommen achtet, komt freylich auch aus der treue oder aufrichtigkeit, weil nemlich ſolche tugen - den, darinnen ihr leben beſtehet und gefuͤhret wird, warhafftig und ohne heucheley ſind, folglich ihm, weil die anklebende ſchwachheiten um Chriſti willen vergeben ſind, wohlgefallen: Da hingegen auch die gnade nicht ma - chen kan, daß die falſchheit und heucheley, ſo an ſich ein greuel ſind, GOtt gefielen. Alſo iſt auch wiederum hie die treue nicht ſo wol eine ſonderba - re tugend als die jenige eigenſchafft, welche in allen tugenden ſtecket, und ſtecken muß, ohne welche ſie im geringſten nicht ſind, was ſie ſind oder ſeyn ſollen. Alſo ſchreibet der autor der treue ein groſſes zu, nemlich alles das jenige, was auf unterſchiedliche art dem glauben und der liebe zugehoͤrig iſt. Wir werden aber nicht hoͤren, daß er dieſe unter ſich confundire, noch etwas der rechtfertigung der liebe und wercken zuſchreibe. Worzu auch ſon - derlich kommet, daß er in dem folgenden austruͤcklich einen unterſcheid ma - chet unter GOttes ſcharffem richter-aug und ſeinem freundlichem uͤberſehen, dem vater-auge: Und alles, was die treue darzu thut, daß wir nach un - ſerm leben GOTT gefallen, dieſem letzteren zuſchreibet, dabey erkennet, daß bey ſolchen kindern GOttes viele gebrechen und tadelhafftes ſeye, aber von GOTT in gedult überſehen werde. Welches von den Papiſtiſchen principiis weit entfernet iſt, als nach denen die gerechtigkeit in inhafftenden tugenden beſtehen muß, dabey der menſch nicht dermaſſen voller maͤngel und gebrechen ſeyn kan, wie zu geſchehen hie gleichwol gelehret wird.
Dieſer beſtehet darinnen, ob der autor lehre, daß die heiligung in dieſem leben bereits gantz vollkommen ſeye? Jch achte aber, wer nur das beſagte mit unpartheyiſchem hertzen erweget, werde erkennen, daß wo man dieſes dem autori beymeſſen wolte, ihm damit zu viel geſchehen wuͤrde. Wir haben gehoͤret, er bekenne, es ſtecke der menſch vom haupt zu fuß voll ſuͤndlicher gebrechen, GOTT finde tadel an dem menſchen, und ſeye allein ſeine vaͤterliche gedult, daß er mit ſeiner glaubigen treuen hertzen und wandel zu frieden ſeyn, und nach ſeinem gedultigen wohlgefallen das treugemeinte vor fein und rein ſchaͤtzen, alſo den menſchen nicht tadeln wolle; Welches alles der meinung einer vollkommenen hie geſchehenden heiligung und erneu - rung entgegen ſtehet: Jn dem wer in ſolcher heiligkeit ſtuͤnde, nunmehr das examen rigoroſum nach dem geſetz ausſtehen koͤnte, welches er ausſchlieſſet. Weiln aber einige ſtellen, welche dieſes mit ſich zu bringen ſcheinen, in der predigt vorkommen, ſo laſſet uns dieſelbe beſehen. Die erſte ſtehet p. 15. lautet alſo: Bin ich nun fromm von hertzen, ſchlecht und recht von geberden, rein und ohne wandel vom leben, ſo bin ich vollkommen, wie mein GOTT im himmel Vater, Sohn und heiliger Geiſt voll - kommen iſt. Meineſtu, ich ſpanne hie den bogen zu hoch, und wol - te aus ſuͤndlichen menſchen gar heilige Engel haben; So hoͤre CHriſti eigenes wort Matth. 5, 48. Darum ſolt ihr vollkommen ſeyn gleich wie euer Vater im himmel vollkommen iſt. Gehe nun hin und ſchuͤtze noch viel deinen ſchwachen menſchen fuͤr. Wiederum p. 20. lautets alſo: Siheſtu das bleiben im guten wird mich abermal dahin bringen, daß ich kan vollkommen ſeyn, wie mein vater im himmel vollkommen iſt. Und daß ich werde koͤnnen geſinnet ſeyn, wie mein HERR JESUS geſinnet iſt. Letzlich p. 42. Von den glaͤubigen heiſſet es nicht weniger, daß ſie JEſum mit ſeiner gerech - tigkeit anziehen, ja ſo nahe, dicht und genau anziehen, daß ſie darin - nen als eitel vergoͤtterte menſchen und neue CHriſti vor GOTT einher wandeln. Wo nun dieſe ſtellen wol eingeſehen werden, wird ſich gleichwol nichts darinnen finden, das einen grund ſolcher beſchuldigung legte. 1. Das vornehmſte moͤchte ſeyn, daß der autor ſagt, wir koͤnten voll - kommen ſeyn, wie GOTT unſer himmliſcher vater vollkommen iſt. Aber es ſind ſolche wort unſers Heylands ſelbs an dem angefuͤhrten ort. Dann obwol die wort daſelbs lauten von dem ſollen ſeyn (Daher unſerer Theo - logen einige, wo dieſelbe uns von den Papiſten zum erweiß der vollkommen -heit104Das ſiebende Capitel. heit der heiligung vorgeworffen werden, ſolches damit ablehnen, daß nicht geſagt werde, was wir ſeyn koͤnten, ſondern was wir ſeyn ſolten) ſo iſt voch am einfaͤltigſten, daß wir ſie alſo nehmen, daß der HERR darinnen zeigen wolle, was wir ſeyn ſollen, und in goͤttlicher gnade zu ſeyn vermoͤgen, wie auch die vorige pflichten von liebe der feinde und dergleichen muͤglich ſind, an denen dieſe haͤnget. 2. Liget es eigenlich daran, was vor eine vollkom - menheit verſtanden werde, da kan nun ohne allen zweiffel nicht diejenige vollkommenheit in GOTT verſtanden werden, wie wir insgemein das wort vollkommenheit verſtehen, daß damit bedeutet wuͤrde alle die heilig - keit und gerechtigkeit, welche in GOTT im hoͤchſten grad iſt. Dann die - ſe kommet keinem Engel und uns auch in der ſeligen ewigkeit nicht zu, in dem immerdar unter der unendlichen guͤte GOTT es und der endlichen guͤte einer creatur, und alſo unter eines und der andern vollkommenheit, ein unend - licher unterſchied warhafftig bleibet. Ja wir moͤgen ſagen, ſolche voll - kommenheit koͤnne von keiner creatur erfodert werden, indem es der hoͤchſten Majeſtaͤt GOTTes zu nabe geredt waͤre, daß ihr eine creatur gleich ſeyn ſolte oder koͤnte. Alſo muß hie das wort vollkommen gar etwas anders nemlich eine gewiſſe eigenſchafft bedeuten. Unſer judiciöſe lehrer Chem - nitius in der harmonie erklaͤrets nach der art des Hebraͤiſchen worts תם vollkommen, das nicht geſtuͤmmelt ſondern gantz iſt, in dem ver - ſtand, wir ſolten wie unſer himmliſcher vater gute und boͤſe, gerechte und un - gerechte, lieben und allen guts thun, auch alſo vollkommen in der liebe ſeyn, daß wir nicht nur liebreich, und guͤtig gegen einige leute geſinnet waͤren, an - dere aber von der liebe ausſchloͤſſen, ſondern daß eine voͤllige, uͤber alle menſchen gehende, liebe da ſeyn muͤßte. Welche erklaͤrung von unſerm Lu - thero entlehnet ſehr fein iſt, und damit uͤberein kommt, wann hingegen beym Luca ſtehet: Seyd barmhertzig, wie euer vater im himmel barm - hertzig iſt. Unſer autor ſihet auf die unterſchiedliche uͤberſetzungen des woͤrtleins תם bey unſerm Luthero, der es bald fromm bald ſchlecht, bald ohne wandel gibet: Alſo erfodert er von chriſten dieſe drey ſtuͤck, froͤmmigkeit des hertzens, ſchlechtigkeit und demuth in geberden, und ohne wandel zu ſeyn in dem leben: welche ſtuͤck niemand leugnen wird, daß ſie bey einem chriſten ſeyn ſollen und koͤnnen. Da ſagt er endlich, wer dieſe an ſich habe, der ſeye vollkommen, weil eben ein wort die vollkommenheit und ſolche drey abſonderliche tugenden bedeutet. Er gedencket aber abſonder - lich, daß wir alsdann vollkommen ſeyn wie GOTT in dem himmel, Vater, Sohn und heiliger Geiſt, weil von GOTT dem vater die froͤmmigkeit ſon - derlich geruͤhmet wird, an Chriſto in ſeiner angenommenen menſchheit die de -muth105ARTIC. I. SECTIO XIX. muth vortreflich hervorgeleuchtet hat, und des heiligen Geiſtes reinigkeit und reinigende krafft bekant iſt. Wer alſo nach ſeinem menſchlichen maaß in froͤmmigkeit, demuth und reinigkeit dieſem hoͤchſten modell nachahmet, der iſt vollkommen wie GOTT, nemlich auf eine ſolche art, wie ein ſchwa - cher menſch mit GOtt verglichen werden kan. Wie dann die vergleichung nicht eben eine æqualitatem ſondern ſimilitudinem mit ſich bringet. Es iſt ein כ veritatis, nicht æqualitatis oder ſimilitudinis plenariæ. Wir moͤ - gen warhafftig oder falſch vollkommen ſeyn, das iſt, die dinge an uns haben, welche unter dem namen der vollkommenheit verſtanden werden, ob ſie wol unendlich geringer an uns als in GOTT ſind. 3. Wie alſo aus dieſen wor - ten durchaus nicht folget, daß den ſchwachen menſchen eine allzugroſſe voll - kommenheit zugeſchrieben werde, ſo erklaͤret der autor ſeine meinung gantz deutlich, da er ja aus ſuͤndigen menſchen nicht will gar heilige Engel haben, vielweniger leute, die GOtt vollkommen gleich ſeyn wolten. Es gehet aber ſeine rede gegen die jenige, die ſich der menſchlichen ſchwachheiten zur entſchuldigung ihrer traͤgheit mißbrauchen, und alſo von ſolcher froͤmmig - keit, demuth und reinigkeit, daß ſie den chriſten muͤglich, nichts wiſſen wollen: die weiſet er dann darauf, daß eine ſolche vollkommenheit (nemlich in erklaͤr - tem verſtand) von Chriſto als etwas muͤgliches von uns erfordert werde. Jn deſſen heiſſet es doch auch in dem folgenden, wo ein vollkommenes hertz vor GOtt ſeyn ſolle, muͤſſe es das wahrhafftige Urim und Thummim in ſich faſſen, nemlich glauben und gut gewiſſen, geſetz und evangelium. Wo a - ber eine vollkommene heiligkeit bey uns ſelbs ſich finden koͤnte, haͤtte der glau - be und evangelium wenig platz mehr, oder bedoͤrfften wir derſelben zur ſelig - keit nicht, als die das geſetz vollkommen hielten. 2. Was den zweiten ort be - trifft, hat uns abermal nicht zu irren, daß der autor eine vollkommenheit von uns fordert, da er ſelbs dieſelbe erklaͤret, daß er ſie ſolches orts nicht anders anſehe, als wie ſie eine unveraͤnderliche beſtaͤndigkeit in dem guten ſagen wol - te. Wo zwar wiederum ein unendlicher unterſchied zwiſchen GOTT und uns bleibet, da es bey GOtt bloß unmoͤglich iſt anders zu werden, in dem ſeine ewige natur bloß dahin keiner aͤnderung unterworffen iſt, bey uns aber iſts eine beſtaͤndigkeit, ſo bey unſerer unheſtaͤndigen natur aus gnaden gewircket werden muß, und wir nichts anders dabey haben, als daß wir uns derſelben nicht entziehen. Alsdenn ſind wir gleichwol ſo warhafftig, aber in einem gar viel niederen grad, beſtaͤndig, als ſolches von GOTT geſagt wird. Daß ferner ein chriſt geſinnet ſolle und koͤnne ſeyn, wie Chri - ſtus geweſen iſt, und noch iſt, hoffe ich, daß niemand der ſchrifft kuͤndigen ſolches leugnen werde: Ob wol abermal unter den ſchritten, damit er uns als ein Rieſe vorgehet, und wir auf ſolchem pfad als kleine kinder ihmIV. Theil. onach -106Das ſiebende Capitel. nachſchreiten, der unterſchied groß gnug iſt. Was endlich 3. die dritte ſtell anlangt, thut dieſelbe abermal zu ſtaͤrckung eines verdachts allerdings nichts, weil darinn gar nicht von der heiligung ſondern rechtfertigung und anziehung der gerechtigkeit CHriſti geredet wird. Nach derſelben wandeln wir vor GOTT als vergoͤtterte menſchen und neue CHriſti, das iſt, ſolche leu - te, an denen GOTT die goͤttliche gerechtigkeit ſeines ſohnes anſihet, wel - che ihnen ſo eigen worden, ob waͤren ſie CHriſtus ſelbs, nicht in ihrer perſon ſondern in GOTTes gnaͤdiger anſehung vor ſeinem gericht. Das wort vergoͤtterte menſchen hoffe gleichfals werde in geſundem verſtand gern an - genommen werden, wann ſo gar von der heiligung, da man faſt mehr beden - ckens haben ſolte, 2. Petr. 1, 4 der goͤttlichen natur meldung geſchiehet, dero die glaubigen theilhafftig werden, und Nazianzenus von der tauff al - ſo redet: ἐμὲ Θεοῖ διὰ του῀ βαπτίσματος. er macht mich zum GOTT durch die tauff; welche rede wir gern der glaubens regel gemaͤß verſtehen und um dero gebrauch mit dieſem kirchen-vater nicht zancken. Aus welchem allem erhellet, daß in den angezogenen ſtellen der angegebene irrthum aller - dings nicht ſtecke.
Dieſer betrifft die frage, ob autor nicht des Oſiandriſmi ſich verdaͤch - tig mache, und lehrte, daß wir nicht ſo wol durch die zugerechnete gerech - tigkeit des verdienſts CHriſti, als die weſentliche und perſoͤnliche gerechtig - keit deſſelben gerecht wuͤrden. Die wort, welche dieſe ſorge machen moͤchten, ſtehen ſo bald nach den vorigen angezogenen pag. 43. Viel iſts, ſprechen koͤnnen, der HERR kleidet mich, der HERR ſchmuͤcket mich, der HERR decket mich. Noch vielmehr iſts, ſprechen koͤnnen, der HERR wird durch ſolch kleiden ſelbs mein rock, und durch ſolch ſchmuͤcken ſelbs meiner ſeelen ſchmuck, und durch ſolch decken ſelbs meines hauptes decke. Dann wie mich Eſaias heiſſet froͤlich ſeyn, da - ruͤber daß mich der HErr angezogen mit kleidern des heyls, ſo heiſ - ſet mich Jeremias ruͤhmen davon, daß der HErr ſelbs meine gerech - tigkeit, mein ſchmuck und mein rock ſeye. Noch mehr iſts endlich und das allermeiſte, ſprechen koͤnnen, worzu der HERR ſich mir gegeben, das habe ich nicht allein in ihm, ſondern ich bins auch in ihm. Jch habe in CHriſto die gerechtigkeit, und bin auch in ihm die gerechtigkeit die vor GOTT gilt. Wo aus angezogener ſtelle der au - tor ſollte in des bedeuteten irrthums verdacht gezogen werden, daß er ſelbs un -ſe -107ARTIC. I. SECTIO XIX. ſere gerechtigkeit werde, und wir in ihm die gerechtigkeit werden. Weil aber ſolche arten zu reden ſelbs der ſchrifft ſind, ſo koͤnnen ſie ja keinem verwehret o - der verarget werden, er wolle dann dem heiligen Geiſt ſeine wort reformi - ren, in dem, ſo lang dieſelbe recht bleiben, man ſie ohne ſcheu nachſprechen darf. Ob nun wohl da ſchon der autor ſich nicht weiter und deutlicher erklaͤh - ret haͤtte, der gebrauch ſolcher der ſchrifft gewoͤhnlichen redens arten ihn nicht mit recht verdaͤchtig machen koͤnte, ſo wird ſeine unſchuld noch ſo viel offenba - rer, wo wir ſehen, wie er an dem vorigen blat ſich in ſolcher ſach ſo deutlich er - klaͤret, daß wo er auch einiger orten ſonſten haͤtte zweiffelhafftig geredet, nach leſung derſelben wort, niemand an ſeinem wahren ſinn zu zweiffeln hat. Es lauten aber ſeine wort pag. 42. alſo. Wie gehets nun zu mit dieſem tauſch und wechſel-recht? Alſo, was mein war, iſt CHriſti meines HERRN worden: und was ſein, nemlich CHriſti meines HErrn war, muß wiederum mein werden. Er ſprichr zum ſuͤnder, deine ſuͤnde meine ſuͤnde, dein fluch mein fluch, dein verdamnuͤß mein verdamnuͤß. Jch nehme es an, ich trage es, ich thue gnug dafuͤr. Der glaube hoͤret dis, und ſpricht wiederum, ja liebſter JESU: es ſeye ſo, meine ſuͤnde deine ſuͤnde, aber ſo ſey auch dein heil mein heil, dein friede mein friede, dein ſieg mein ſieg, dein leben mein leben, dein himmel mein himmel. Das iſt der allerſeligſte wechſel, davon man Paulum hoͤren muß: GOTT hat den, der von keiner ſuͤnde wußte, fuͤr uns zur ſuͤnde gemacht, auf daß wir in ihm wuͤrden die gerechtigkeit, die vor GOTT gilt. Wir ſehen hie 1. was es vor eine gerechtigkeit ſeye, die wir erlangen, nemlich diejenige, welche der HERR JESUS dadurch uns erlanget, weiln er ſich zum fluch fuͤr uns machen laſ - ſen, und fuͤr unſere ſuͤnde genug gethan hat: Dieſes iſt alſo nicht die weſentli - che ſondern in ſeinem gehorſam beſtehende gerechtigkeit. 2. Wir ſehen auch die art, wie ſie uns zukommt, nemlich nicht durch eine weſentliche einwoh - nung, ſondern eine zurechnung. Jn dem das angefuͤhrte wechſel-recht erfordert, daß uns auf gleiche weiſe die gerechtigkeit zukom̄en muß, als Chri - ſto unſere ſuͤnde zugekommen iſt, welches ja unverneinlich durch eine zurech - nung geſchehen iſt. 3. Stehet auch hie das mittel von unſerer ſeite, daß es ſeye der glaube, und zwar wie er ſich ſolcher wohlthat ſeines CHriſti annim - met, und ſich derſelben getroͤſtet: Welche ſtuͤcke gleichwol die geſamte ſtuͤcke ſind, auf welche die reinigkeit unſerer lehr in dieſem articul beruhet. Daraus folget, daß wir dieſe predigt nicht nur aus derjenigen chriſtlichen liebe von dieſem irrthum loßſprechen koͤnnen, wie dieſelbe allezeit das beſte hoffet undo 2glau -108Das ſiebende Capitel. glaubet, und deswegen auch zweifelhaftige reden lieber zum beſten ausleget, wo das gegentheil nicht ziemlich hell hervor leuchtet, ſondern daß ſie in ſich die jenige gruͤnde faſſet, daraus unwiderſprechlich die reinigkeit der lehr in dieſem articul erkant werden kan und muß. Der HERR erhalte ſolche reinigkeit allezeit in allen ſtuͤcken unter uns, und laſſe auch deroſelben fruͤchten reichlich gebracht werden zu ſeinem preiß.
ES betraf die anfrage ſonderlich Stephani Prætorii ſchrifften, weil ich nun den mann ziemlich fleißig geleſen, ſo ſetze hierbey meine ge - dancken von ihm offenhertzig. 1. Halte ich ihn vor einen ſeligen und gottſeligen mann, welcher ein hertzliches erkaͤntnuͤß unſers heils in CHriſto JESU, und daſſelbige aus der heiligen ſchrifft und Luthero vortreflich ge - faſſet hatte. Wie er denn ſeiner zeit viel gutes ausgerichtet, und viele ſeelen zu der glaubigen erkaͤntnuͤß GOTTes gebracht haben ſolle, daß man auch noch vor nicht langer zeit zu Saltzwedel, da er gelehret, an der gemeinde und dero vor vielen anderen beſſerer bewandnuͤß, ein zeugnuͤß des goͤttlichen zu ſei - nem amt gegebenen ſegens gehabt haben ſolle. 2. Wird er von unterſchied - lichen Theologis etzlicher lehren beſchuldiget, dero er wahrhaftig unſchul - dig iſt, und ſolche gute leute ihn nicht mit fleiß geleſen, ſondern etwa einige ſtellen, wo er ſich nicht zur gnuͤge und voͤllig erklaͤret, eingeſehen, ſolche aber in ungleichem verſtand muͤſſen angenommen haben, da er ſich ſonſten anderwertlich orthodoxe erklaͤret. Wie ich dann ſelbs dergleichen exem - pel wahr genommen habe, wo ihn ein vornehmer Theologus in einem oͤffentlichen ſcripto einiger lehr beſchuldiget, die gewißlich nicht ſein, a - ber die ſeinige ſo bewandt iſt, daß ich mich verſichere, wo der vornehme mann dieſelbe ſolte recht, wie ſie von ihm gemeint, erkannt haben, er wuͤrde ſelbs haben bekennen muͤſſen, es ſeye Pauli und Lutheri lehr, und werde von ihm ſelbs auch nicht geleugnet. 3. Jſts gleichwol nicht ohn, daß in ſeinen ſchrifften ſich unterſchiedliches findet, das nicht eben zu loben iſt, nicht nur allein in einer leichtglaͤubigkeit, als da er die Sibylliniſchen ſchrifften (worinnen zwar auch einige vaͤter ihm ziemlich vorgegangen) zu hoch erhebet, und meinet, daß Paulus einiges daraus genommen; Da er die epiſtel an die Laodiceer ſolchem apoſtel zuſchreibet, eines edelknabenge -109ARTIC. I. SECTIO XX. geſichte preiſet, in denen doch nichts iſt, das der goͤttlichen majeſtaͤt, welche ſonſten in dergleichen offenbarungen hervorleuchtet, gemaͤß waͤre, und was dergleichen dinge ſind, ſondern auch in ein und andern harten reden, die ſchwerlich oder wol gar nicht zu einem guten verſtand koͤnnen gebracht werden. Vornemlich aber habe dieſes an ihm gefunden, daß er, nicht zwar (deſſen er von einigen beſchuldiget wird) leugnet, daß das einmal gehabte heil wiederum verloren werden koͤnte, aber dannoch, daß er davor haͤlt, bey den auserwehlten ſeye der glaube der maſſen ein ewiger glaube, daß er nimmermehr vergehen, oder durch einige ſuͤnden verlohren werden koͤnte. Daher alle buß eines geweſten glaͤubigen bey ihm nicht eigentlich iſt eine wiederkehr zu dem glauben und der gnade GOTTES, ſondern nur eine erkaͤntnuͤß des jenigen, was man allezeit gehabt habe, und nur eine weile bey ſich nicht gewahr worden: Daß alſo nach ihm der glaube bey den gefallenen gleichſam ſchlaͤffet, nicht aber verlohren noch eines neu ge - ſchenckten glaubens noͤthig iſt. Dieſer irrthum ſtehet klar p. 147. 148. daß ich ſolchen ſeinen worten nicht zu helffen weiß. 4. Jch meſſe aber bil - lich die urſach deſſen deme zu, daß der liebe mann ſcheinet in ſtudiis weniger erfahren geweſen zu ſeyn, daß er alſo aus unwiſſenheit, nicht aber boßheit o - der eigenduͤnckel und hartnaͤckigkeit, in dieſe meinung mag gerathen ſeyn, vielleicht auch da er uͤber einige Reformirte buͤcher, in denen er ſonſten das uͤbrige evangelium von den guͤtern des heils gut angetroffen, gekom - men, und ſich deswegen darein verliebet, zugleich aber unvermercket die - ſes mit an ſich geſogen. So habe auch einmal in haͤnden gehabt, daß er auf verordnung ſeiner obern einen revers von ſich gegeben, da er 5. theſes darinnen er ſich vorher verſtoſſen, auf beſſern unterricht revociret hatte: Jch wuͤßte aber ſolche nicht mehr wol zu finden. 5. Deswegen ich darvor halte, daß man deswegen weder des lieben mannes gedaͤchtnuͤß beſchimpffen, noch ſeine arbeit insgeſamt verwerffen ſolle. Da vielmehr billich iſt, ihn derje - nigen liebe genieſſen zulaſſen, die wir den lieben alt-vaͤtern erzeigen, dero faſt keiner ſich finden wird, in deme wir nicht wol noch ſchwerere anſtoͤſſe antreffen moͤchten, ohnerachtet welcher wir gleichwol die gnade GOttes ih - nen erzeiget in billichem werth achten, und die anklebende fehler als zeug - nuͤſſen menſchlicher unvollkommenheit mit gedult an ihnen tragen, nicht aber ſie und ihre ſchrifften deßwegen gleichſam zu ewiger finſternuͤß ver, dammen. 6. Achte ich es vor eine ſonderliche guͤte GOTTes, welcher den gottſeligen Mart. Statium predigern zu Dantzig und einen treuen freund Lutheri (wie ſein Lutherus redivivus oder Chriſtenthum Lutheri zu er - kennen gibet) erwecket, daß dieſer aus Prætorii arbeit ſeine ſchatz-kammer der glaͤubigen angerichtet und alles das in jenes tractaͤtlein hin und wie -o 3der110Das ſiebende Capitel. der verſtreuete beſte in eine feine ordnung gebracht, daß es ſo viel verſtaͤnd - licher iſt und beſſer gefaßt werden kan. Da ich ſonderlich des lieben man - nes Chriſtliche vorſichtigkeit ruͤhme, aus dero er alles anſtoͤßige ausgelaſ - ſen, wie er dann obbedeuteten paß, wo der haͤrteſte knoten innen ſtecket, gantz uͤbergangen, ob er wol faſt alles vor und nachgehende, ſo in beque - men verſtand genommen werden kan, ſeinem wercklein einverleibet, daraus erhellet, daß er mit bedachtem rath jenes platt ausgemuſtert, deßwegen ich ſolche Statio prætorianiſche ſchatz kammer vor viel beſſer als Prætorii eige - ne ſchrifften achte, und mich nichts entſinne, welches wo es ein liebreicher leſer bekommet, nicht ſolte Chriſtlich und wol angenommen werden koͤnnen. Der haͤrteſte ort doͤrfte wol ſtehen p. 48. in der frage: Hie ſpricht nun eine arme verfuͤhrte ſeele und f. w. Wo man aber auch denſelben will benigne auslegen, wie er auch ohne anſtoß ſeyn koͤnnen: Wie auch was hin und wieder hart gegen das geſetz lautet. 7. Dahero recommendire ich lieber den gedachten extract des Statii als das erſte werck: Und wun - dere mich, daß nichts deſtoweniger auch dieſes in einigen provintzen zu leſen verboten ſeyn ſolle, und auch mein geweſter und neulich (der HErr gebe ſeliger, als die euſſerliche bezeugung vorher ſolte vermuthung gemacht haben) geſtorbener widerſacher, mit dem damaligen Rectore zu Nordhauſen M. Hildebranden daruͤber ſtreit angefangen, dieſen der urſach hart angefochten, und zu mutirung ſeiner ſtelle bewogen hat. Hingegen habe ich dem HEr - ren zu dancken, der ſolches buͤchlein bey mir geſegnet hat, und weiß daß vie - le ſeelen vor GOTTes thron deſſen gnade, ſo er dadurch in ihnen gewir - cket, bekennen und ruͤhmen werden, maſſen es hin und wieder in Chriſtli - cher leute haͤnden iſt und ich von dem ſeligen Herrn D. Brodtbecken in Tuͤ - bingen weiß, daß er kaum etwas nechſt der ſchrifft hoͤher gehalten hat. Jch habe auch ein ſchreiben des ſeligen Herrn D. Welleri gedruckt, darinnen er ſolche arbeit hertzlich ruͤhmet. Der HErr laſſe ſie auch noch ferner bey vielen, die ſich ihrer gebrauchen, furchtbar ſeyn, und kroͤne die autores dafuͤr in der herrlichkeit. Jch komme nun auf den hauptpunct des an - dern ſchreibens, wegen des angeſchienenen und wieder zuruͤckgegangenen N N. beruß-wercks. Da ich dann nach betrachtung der uͤberſchriebenen relation auf die vorgelegten fragen mich dahin erklaͤre. 1. Ob das obhan - den geweſene von GOTT geweſen? Dieſe frage iſt nicht gar klar. Es wird darinnen entweder gefragt insgemein / ob GOtt ſein werck darinnen gehabt, auch derſelbige erſtlich die gemuͤther auf meinen werthen bruder zu gedencken gelencket habe, oder aber abſonderlich, ob GOTT denſelben zu dieſer angemutheten ſtelle beſtimmet habe. Dieſes letztere halte ich nicht davor: denn was GOTTES wille warhafftig iſt uns zu geben, kan unskein111ARTIC. I. SECTIO XX. kein menſch nehmen, ſondern es muß uns ſolches unfehlbarlich werden (nach dem gemeinen griechiſchen vers, Θεου῀ διδόντος ου᾽δὲν ἰσχύει φϑόνος. ) es ſeye denn, daß wir ſelbs die ſache hindern; Wo auch in einer dergleichen wichtigen ſache nicht zu dencken iſt, daß GOtt ſeinen rath uͤber uns durch einige unſere unvorſichtigkeit, weil nicht alles zum genaueſten uͤberlegt, ſon - dern in einigen ſtuͤcken moͤchte gefehlt ſeyn worden, zu nicht wuͤrde werden laſſen, vielmehr wird ſolcher nicht anders als durch boßheit oder andere unor - dentliche GOtt erzuͤrnende affecten hintertrieben, und wir um das jenige, ſo uns ſonſten der HERR zugedacht hatte, gebracht werden koͤnnen: Jn ſolchem fall ſchlieſſe ich den willen GOttes ab eventu, ſo ſonſten nicht eben allezeit noch bloß dahin angienge. Was aber das erſte anlangt, leugne nicht, daß GOTT nicht nur freylich ſein werck in ſolchem geſchaͤffte ſo wol als in andern werde gehabt, ſondern es auch alſo gefuͤgt haben, daß deſſen in dieſer ſache meldung geſchehen, nicht ſo wol, daß er denſelben dahin be - ſtimmet, als eine gelegenheit geben wollen, zu einiger ſeiner pruͤfung, wie man ſich in allem in ſeinen willen bald ſo bald ſo ſchicken wolle, ohne was etwa GOtt auf der andern ſeiten hierinnen geſucht haben mag. Dieweil dieſe dinge und urſachen goͤttlichen raths verborgen ſind, ſo laͤſſet ſich nicht allemal finden, wohin deſſen abſicht gegangen: Das iſt aber gewiß, daß in jeglichem geſchaͤffte alle die jenige, ſo nach GOttes willen damit umzu - gehen haben, etwas antreffen, darinn ſie GOTT pruͤffet. Die andere fra - ge belangend: Wer ſolches gehindert habe? wird ſolche auf beantwortung der vorigen faſt ſelbs hinfallen: Als de〈…〉〈…〉 ich keine gewißheit einer goͤttli - chen vocation noch ſehe, ſondern allein eine ſolche fuͤgnuͤß, die zu einiger pruͤffung dienen moͤgen. Wo wir aber die frage etwa ſo formiren wolten, ob von jener ſeiten recht und gewiſſenhafft verfahren worden, ſo habe mei - ne meynung dahinaus zu erklaͤren, daß nicht eben kantliche fehler wahr - nehme. Daß ſeiner lieben perſon gleich zu erſt wohl gedacht, und die ab - ſicht auf ihn genommen worden, habe nicht anders zu gedencken, als daß es aus redlicher meinung der kirchen rath zu ſchaffen werde geſchehen ſeyn. So ſehe hingegen, daß nachmal andere gedancken gefaſſet worden, dahin an, daß es wahrhafftig werde geſchehen ſeyn, aus der meynung, wie geſchrie - ben worden, nemlich daß ſie davor gehalten, es werde derſelbe ſich etwa ſchwerlich dazu reſolviren, ſonderlich weil ich ſehe, daß derſelbe die ratio - nes in contrarium ziemlich ponderos wird gemacht, die andere aber viel - leicht mit wenigen beruͤhret haben: Nun wollen dergleichen herrſchafften nicht ohne ſonderlich wichtige urſachen in der gefahr eines repulſes ſtehen aus opinion eines ſchimpfs, ſonderlich von einem landes-kind, den ſie ſich etwa mehr verbunden achten: Daher ich auch das bedencken an jetzigegnaͤ -112Das ſiebende Capitel. gnaͤdige Herrſchafft um die dimiſſion zu ſchreiben nicht wol anderswohin zu referiren weiß, als ob vielleicht ſolches in caſu eines landes-kinds nicht ge - braͤuchlich ſeyn moͤchte. Jn ſolcher betrachtung mag wol ſeyn, daß ſie eines widrigen ausgangs ſich beſorget, und auch den aufſchub der beſtellung der kirchen nicht vortraͤglich achtende, da ſie jemand anders in vorſchlag gebracht (ob mir wol nicht wiſſend, wer derſelbige iſt) die ſache daſelbs richtig gemacht: Jn dem die vocation nur noch in fieri und nichts gewiſſes beſchloſſen war, ihr anſinnen aber durch die movirte difficultæten aufgehoben zu ſeyn geſchienen haͤtte. Jn ſolchem fall ſehe ich nicht eben, daß ſonderliche ſchuld auf die perſonen fiele, welche damit umzugehen gehabt; Es haͤtten ſich dann andere fleiſchliche abſichten mit eingemiſchet, davon ich nichts weiß und wider die liebe nicht argewohnen ſolle. Hingegen auf die 3 frage zu kommen, ſehe ich nicht, wie mein geliebter bruder an ſeiner ſeit gefehlet o - der etwas dabey begangen habe, weßwegen er ſich, das werck des HErrn gehindert zu haben, ein gewiſſen zu machen haͤtte. 1. Er hat billich die ſach von ſolcher wichtigkeit, und da gleichwol auch ſeine jetzige gemeinde ihr intereſſe dabey hat, nicht anders als mit groſſen bedacht behandlen ſol - len, da deßwegen nicht zu verargen, daß er nicht ſo ſtracks categorice ſich reſolviren koͤnnen. 2. Jſt auch redlich gethan, daß er ſeine motiven offenhertzig vorgeleget, daß auch die andere ihrer ſeits dieſelbige erwegen moͤchten. 3. Jſt die vocation nicht abgeſchlagen, ſondern allein die ſache ſu - ſpendiret worden. 4. Achte ich ohne das den modum, daß man beyderſeits Herrſchafften oder gemeinden uͤber ſich handeln und ſich mit einander veꝛglei - chen laſſe, vor den allerſicherſten in den jenigen faͤllen, wo wir anſtehen, und ſich der goͤttliche wille nicht allzuklar auf einer ſeite bereits hervor thut. Wie ich ſelbs denſelben gebraucht, und mich ſolches noch dieſe ſtunde nicht reuet, ſondern ich darinnen eine ſo viel mehrere beruhigung meines gewiſſens finde. 5. Jſt auch das petitum, daß die dimiſſion ſelbs von der herr - ſchafft jenerſeits geſuchet wuͤrde, ſonderlich weil es inter pares, Graff, gegen Graff, geſchehen ſollen (dann ich ſonſten weiß, daß bey notablem unter - ſcheid hoͤhere von ziemlich niederen, die dimiſſion eines vocandi zu ſuchen bedenckens getragen) weder ungewoͤhnlich noch unbillich: Und ob nach ob angedeutetem ein unterſchied wegen des lands-kindlichen reſpects moͤchte gemacht werden / achte doch die ſache nicht derjenigen wichtigkeit zu ſeyn, daß man ſich jener ſeits wegen der anmuthung zu beſchweren gehabt. 6. Nicht weniger die intention, anderer Chriſtlicher mitbruͤder gedancken uͤber die ſache einzuholen, ſehe ich ebener maſſen alſo an, daß ſie nicht uͤ - bel gedeutet werden koͤnne oder ſolle, ſondern ein gewiſſen anzeiget, wel - ches gern zu einer angelegenen ſache ſicher und unanſtoͤßig einheꝛgehen wolte. Aus113ARTIC. I. SECT. XXI. Aus allem erhellet alſo, daß ſein verhalten in der gantzen ſache, als viel ich be - greiffen kan, untadelich ſeye geweſen: Folglich, daß die ſache ſich, ohne daß ein oder anderer ſeiten ſtraͤfliche fehler vorgangen waͤren, von ſelbſten zerſchla - gen, und der HERR durch ſolche begebnuͤß erſt recht ſeinen willen gezeiget habe: Jſt alſo nicht noͤthig, weder ihm ſelbs ſcrupulos zu machen, noch die ſchuld bey andern zu ſuchen, ſondern GOttes rath mit gehorſam zu erkennen: Deſſen fuͤhrung und ſegen ſeine liebe perſon, gaben, amt und ſtelle, wo er ihm itzt und kuͤnfftig dienen ſolle, noch ferner hertzlich empfehle.
ZUr beantwortung ſelbs zu ſchreiten, kan wol bezeugen, daß in vielen ſtuͤcken deſſen werthes liebe ſchreiben ſo wol mich als etliche chriſtliche freunde hertzlich erfreuet habe. Daß ihrer ſo viel die ſache ſo gar ſchwer faſſen koͤnnen, daß wir hie in dieſer welt ſchon ſelig ſeyn ſollen, und alſo faſt alles wollen in die ewigkeit verſchoben haben, achte ich, ſey eine der haupt-urſachen, daß nicht eben von allen verſtanden wird, was ſeligkeit ſeye, als die ſie faſt allein ſuchen wollen in der empfindlichen freude und voͤlliger be - freyung von allem dem, worinnen dem menſchen wehe iſt, welches freylich in jene welt gehoͤret, gedencken aber nicht daran, wie die goͤttliche kindſchafft, die geſchenckte gerechtigkeit JEſu CHriſti, warhafftig eine ſeligkeit ſeye, ſo dann die daraus flieſſende gnade und liebe GOttes gegen uns, deſſen kraͤfftige ein - wohnung und vereinigung mit uns, der jeweilen empfindende ſuͤſſe troſt, und ſonderlich die erneuerung des goͤttlichen ebenbildes in uns, darinnen unſere groͤſte herrlichkeit beſtehet, und aber daſſelbe bereits hie anfaͤngt in den glaͤu - bigen zu leuchten, ob ſchon freylich die vollkommenheit deſſelben erſt dorten er - folgen ſolle. Jndeſſen achte ich, thun wir der goͤttlichen gnade groſſes unrecht, da wir ſolche vortreffliche guͤter, ſo je in dieſes leben gehoͤren, nicht wuͤrdig ach - ten wollen, eine ſeligkeit und zwar die wahre, obſchon noch nicht zu ihrer voll - kommenheit gekommene ſeligkeit zu erkennen. Und was das ewige leben an -IV. Theil. plangt,114Das ſiebende Capitel. langt, ſo iſts ja kein ander leben nach dieſer zeit, als eben das jenige, ſo in der wiedergeburt entzuͤndet und erwecket worden; und finde ich den unterſcheid nicht wol anders als wie zwiſchen einem noch in mutterleibe ligenden und nun an das liecht gebohrnen kinde, wo es ein leben, aber eine ziemliche unterſchie - dene krafft deſſelben iſt. Ob es eben der Theologus ſeye, welcher mit unſers lieben Lutheri antwort von der tauff nicht allerdings zu frieden ſeyn ſolte, weiß ich nicht, als der ich dieſen nicht kenne, derjenige aber davon ich rede, iſt ſonſten in ipſa cathedra Lutheri, und bezeiget eine groſſe æſtim von des theuren mannes ſchrifften, daraus er einen Commentarium uͤber die Bibel ausgehen laͤſſet. Von des M. Statii cynoſu〈…〉〈…〉 a habe noch ſeither nichts ferner erfahren, moͤchte etwa nicht ſo gar unvermuthlich ſeyn, daß das ſcriptum waͤre ſuppri - miret worden. Neodorpii privilegia der chriſten aber habe ſelbs annoch hie gefunden, und ein gutes theil darinnen bereits geleſen, nicht ohne hertzliches vergnuͤgen Was nach einigem der Reformirten irrthum darinnen ſchmecket, hindert mich nicht viel, dañ es leicht erkant wird, und wo ich den rechten grund des glaubens finde, bin ich gewohnt, andere ob wol auch ſchwerere irrthume und verſtoß mit gedult und erbarmen anzuſehen und zu vertragen. Bedancke mich indeſſen fuͤr die anzeige und uͤberſandte titul, ohne welches ich das buch wol ſchwerlich wuͤrde bekommen haben. Was den chriſtlichen buchbinder be - trifft, iſt mir u. andern guten hertzen, durch communication ſolches berichts, groſſe freude gemacht worden, dafuͤr wir uns bertzlich bedancken. Jch ſchaͤtze die goͤttliche gnade und liecht bey allen hoch, abeꝛ ſo vielmehr bey denen ſonſten einfaͤltigen, deren erkaͤntnuͤß weniger von menſchlicher wiſſenſchafft und kunſt hat, daher gewoͤhnlich reiner iſt. Werde jedesmal durch dergleichen exempel eines theils getroͤſtet und aufgerichtet, daß der HErr noch in ſeiner gnade ſich bey ſolchen lieben leuten kꝛaͤftig weiſet und den einfaͤltigen ſeines reichs geheim - nuͤſſen offenbaret, ob wol auch andern theils beſchaͤmet, daß bey allem meinen ſtudiren, noch ſo viel zuruͤck bleibe gegen dergleichen freunden. Wobey mich dennoch dieſes noch erfreuet, daß ich weiß, ein glied an dem leib zu ſeyn, daran jene auch glieder ſind, da die ehre und gnade einem glied eꝛzeiget, mich nicht we - niger erfreuen ſoll, und zuweiln erfreuet, als ob ich an eigner perſon ſolcher ge - noͤſſe. Crameri tractaͤtlein, die ich zuſammen trucken laſſen, ſchicke ich ſelbs; und iſt eben dasjenige / ſo ich bedaure, die vorige meß verſaͤumet zu haben. Hingegen verlangt mich wol recht nach Havemanni ſcripto, und uͤberſetz - ung: Die bey ſolcher gelegenheit aber bedeutete leibes beſchwerlichkeit hat mich wol von hertzen betruͤbet: Der HErr wolle nach ſeinem heiligen willen dieſelbe mildern und wegnehmen, oder wo es ja der in ſein fleiſch beſtimmte pfahl ſeyn ſoll, ihm in kindlicher gelaſſenheit tragen helffen, hingegen in ſeiner ſchwachheit ſich ſo viel ſtaͤrcker erweiſen, und alſo auch an ihm den zweck ſo -〈…〉〈…〉 haner heimſuchung kraͤfftig befoͤrdern. Das bedencken uͤber die Theopra -xian115ARTIC. I. SECTIO XXI. xian lege hiebey, bitte uͤber ſolches mit guter beqvemlichkeit ſeine gedancken zu entdecken. Das bedencken wegen der vergebung der ſuͤnden in der ab - ſolution, da gleichwol ſolche ſchon in der tauff geſchehen, kommt auch an - dern offters in den ſinn, ſo viel mehr wo ſie gedencken, daß in der abſolu - tion ſolche ertheilet, und dannoch gelehrt wird, daß die heilige communion ſelbs auch das mittel der vergebung ſeye. Aber der ſache iſt damit am beſten gerathen, daß wir die vergebung anſehen, nicht ſo wol als eine gantz neue und von der vorigen abgeſonderte vergebung, ſondern als eine neue be - kraͤfftigung deſſen, ſo ſchon geſchehen, und nun allein zu unſers glaubens verſicherung widerholet wird. Was anlangt die frage in Geſenii catechiſmo, bekenne ich, daß an der angedeuteten antwort denjenigen mangel nicht fin - de, welchen mein werther bruder anzutreffen und die guten werck mit dem glauben vermengt zu werden meinet, welches ich daraus zeige, weil die frage nicht lautet, wodurch man der erloͤſung und Chriſti gerechtigkeit froh werde, ſondern, wer ſolcher guͤter theilhaftig werde? oder wie es in mei - nem exemplar lautet: wer hat ſich dann ſolcher erloͤſung zu erfreuen? odeꝛ wer wird dann duꝛch Chꝛiſtum frey vom zorn Gottes und vom dienſte der ſuͤnden? Dann wo von dem mittel gefragt wird, wodurch es ge - ſchehe, ſo finde ich eine andere frage im Geſenio: woduꝛch wiꝛd deꝛ menſch vor Gott gerecht und ſelig? Was iſt das mittel an unſerer ſeiten, da - duꝛch deꝛ menſch die geꝛechtigkeit vor Gott und die ſeligkeit erlangt? Da dann die antwort lautet: Der menſch wird gerecht durch den glauben an Chriſtum JEſum. Er fraget weiter: Wird er nicht auch durch die werck vor GOTT gerecht und ſelig? aber antwortet abermal gantz richtig mit nein. Daher mich auch von dieſem chriſtlichen lehrer verſichert halte, daß er den Papiſten nichts eingeraͤumet, ſondern bey unſerer reinen wahrheit des evangelii ohne das geringſte abweichen geblieben. Wo aber die frage iſt, wer diejenige ſeyn, welche durch den einigen glauben ſelig werden / daß alſo das gantze ſubjectum beſchrieben wird, ſo iſts nicht unbil - lig, daß der buſſe und neuen gehorſams meldung geſchihet, nicht als der jenigen ſtuͤcke, welche mit in die rechtfertigung ſelbs einlauffen, ſondern welche bey dem glauben unzertrennlich ſeyn muͤſſen. Daher werden wir in der ſchrifft aus der feder des heiligen Geiſtes gar viele reden finden, die eben auf gleiche art verfaſſet ſind, und wol etwa haͤrter lauten moͤchten, und doch die evangeliſche wahrheit nicht verletzen, wie ihm ja der heilige Geiſt ſelbs nirgend widerſprechen kan. Ja wo wir ſolche propoſitiones verwerffen ſolten, moͤchte es nicht geringes aͤrgernuͤß geben, ob wolten wir dem heiligen Geiſt ſelbs ſeine ꝛeden reformiꝛen, welches feꝛne ſeye, So iſt zwiſchen uns undp 2den116Das ſiebende Capitel. den Papiſten, nicht ſo wol der ſtreit de ſubjecto juſtificationis, als de for - ma und medio. Was dieſe anlangt, ſo ſind wir himmel weit von einander, und bleiben wir bey der imputatione und bey dem alleinigen glauben, ſie aber ſetzen an die ſtelle die juſtitiam inhæſivam, und fuͤgen dem glauben die liebe bey: was aber das ſubjectum juſtificationis anlangt, ſo werden wir beyder - ſeits darinnen eins ſeyn, daß es ſeyn muͤſſe ein bußfertiger ſuͤnder: bey dem ſich nachmal ohne allen zweiffel auch der neue gehorſam finden wird: Daher wo die ſache recht eꝛwogen wiꝛd, ſo kommt Heꝛꝛ Geſenii meinung mit meines geliebten bruders antwort, die er ſubſtituiret, uͤberein / und moͤchten alſo die - ſe nicht ſo wol vor eine emendation als explication derſelben angeſehen werden. Was auch anlangt die wiedergeburt, wird derſelbe nicht uͤbel nehmen, daß nicht gleicher meinung bin. Jch erkenne gern, daß ein groſſer unterſchied ſeye unter der wiedergeburt, und erneurung, und daß freylich jene vor, dieſe nach gehe, jene und nicht dieſe vollkommen ſey: Alſo auch, daß nicht eben ſo gar deutlich von beyden in dem catechiſmo gehandelt werde, welches ich wuͤnſchte austruͤcklicher geſchehen zu ſeyn, ſonderlich koͤnte ich nicht wol zugeſtehen, daß der inwendige menſch ſeye nichts anders als un - ſere ſeele: Jndeſſen wo mein werther bruder, wie es ſcheinet, in der rege - neration gar keine veraͤnderung erkennen, und ſolche allein der renovation zuſchreiben will, wuͤſſte ich nicht beyzupflichten: Dann ich nicht zweiffele daß aller orten in der ſchrifft, die von der widergeburt handlen, betrachtung dieſes mitbringe, daß neben der adoption oder an kindes ſtatt anneh - mung, ſo faſt eigenlich dasjenige iſt, was ſeine beſchreibung vornemlich oder faſt allein meinet, auch in der wiedergeburt wircklich etwas gebohren o - der geſchaffen (die ſchrifft brauchet ohne unterſchied beyderley wort) werde, und daß alſo der menſch wahrhafftig nach demſelben etwas anders ſeye, o - der ſich in ihm etwas anders befinde, als er vorhin geweſen oder gehabt: nicht zwar eine neue ſubſtanz, dann wir wiſſen wol, daß es ein menſchli - ches weſen iſt, welches mit dem goͤttlichen ebenbild erſchaffen worden, nach - mal daſſelbe verlohren, und eine unartige larve des ſatans an ſich bekom - men hat, aber wiederum zu ſeiner vorigen herrlichkeit kommen ſolle, daß es alſo die ſeele und leib des menſchen ſelbſten iſt, welche wiedergebohren wer - den. Aber es wird in ihm gebohren eine neue art und natur, welche der neue menſch und innere menſch, die neue creatur, der geiſt heiſſet. Alſo heiſſets recht, was vom geiſt gebohren wird, das iſt geiſt: So wird dem nach warhafftig etwas in der wiedergeburt gewircket, das vorhin nicht da geweſen war, folglich importiret ſie mutationem in hominis natura non duntaxat in ſtatu. Wir wiſſen ja, daß wir in ſuͤnden todt gebohren, und alſo ohne geiſtliches leben, wiedergebohrne aber haben ein geiſtliches leben,welches117ARTIC. I. SECT. XXI. welches nicht nur bedeutet die gnaͤdige liebe des vaters gegen ſie, ſondern ein gut, ſo wircklich in ihnen iſt, aus dem ſie lebend heiſſen. Woher haben ſie aber ſolches als aus der neuen geburth, nach dem ſie es in und aus der alten nicht empfangen? Was aber die erneuerung anlangt, ſo iſt ſie von der wiedergeburt unterſchieden, wie ſo zu reden die erhaltung (ſamt allem dem, was man dazu rechnen mag) und die erſte ſchoͤpffung: oder in der natur, wie die erſte mittheilung des lebens in dem augenblick der empfaͤng - nuͤß und nachmal deſſen zunehmung, ausarbeitung und formirung des lei - bes, ſo dann ſtaͤter wachsthum in den lebens kraͤfften. Faſſe ich alſo die ſa - che auf dieſe weiſe: Jn der wiedergeburt und erſten anfang geſchihets gleich, daß der himmliſche vater, der einen menſchen zu einem kind annimmt, ſtracks ſolchen augenblick in ihm durch ſeinen heiligen Geiſt das geiſtliche leben wircket und entzuͤndet, welches ſo bald in einem liecht und krafft, ſo uͤ - ber die natur iſt, beſtehet, und eine gleiche art mit GOTT und ſeinem wort, daher den anfang des goͤttlichen ebenbildes, in ſich faſſet. Es iſt ſolches le - ben, ſo zu reden, ſolcher erſte funcken, ſo dannoch alles, was drauffolget, der krafft nach in ſich hat, ſehr ſchwach, wie das leben bey einer empfange - nen frucht, aber in der erneuerung nimmt es immer mehr zu, waͤchſet und thut ſich weiter heraus. Daher bleibts freylich dabey, die wiedergeburt ge - het vorher, und die erneurung folget: Jene iſt vollkommen, wie dann ein ſchwackes leben ſo wol vollkommen ein leben iſt, als ein ſtarckes, indem es, was eigenlich zu dem weſen des lebens gehoͤret, in ſich hat, die erneue - rung aber, weil ſie in einem wachsthum beſtehet, iſt nicht in dieſem leben vollkommen, dann es bleiben noch immer einige grade zuruͤck, die ſie noch erſt erlangen ſolle. Wo dieſe erklaͤrung wol erwogen wird, hoffe ich, ſie werde dem goͤttlichen wort allerdings gemaͤß befunden werden. Auch da mein werther bruder ſelbs bekennet, daß die wiedergeburt ſeye eine ver - ſetzung in den glaubens - und gnaden ſtand, da wir vergebung der ſuͤnden und den glauben uͤberkommen, ſo bringt dieſes ſchon mit ſich, daß eine wirckliche aͤnderung in dem menſchen geſchehen. Dann den glauben hat der menſch aus ſeiner alten geburt nicht, ſo muß er aus der neuen oder wiedergeburt herkom - men, derſelbe aber iſt eine ſo wichtige aͤnderung des menſchen als eine ſeyn mag, und gleichſam das innerſte in dem geiſtlichen leben, nemlich ein goͤttliches liecht und krafft, und die wurtzel, die virtute in ſich alle diejenigen tugenden faſſet, die nachmal in der renovation ſich hervor thun. Jch weiß nicht, ob ich mich deutlich genug explicire, wie ich bey mir die ſache faſſe, und will alſo erwarten, was mein geliebter bruder davon halten werde, und wo er an ſolchen meinem vortrag mangel zu finden meinet, daſſelbe gern verneh - men, und mich weiter erklaͤren, damit alſo auch unſere correſpondenz un -p 3ter118Das ſiebende Capitel. ter einander nicht allerdings ohne erbauung ſeye. Jn den puncten, daß des ſchlechten Chriſtenthums mit urſach ſeye, die ſo gar ſchwache und oben hin anſtellende vorſtellung des glaubens, bin ich gantz einſtimmig. Dann freylich iſt es ſo, wo der glaube vorhanden waͤre bey den meiſten, ſo wuͤr - den die fruͤchten des glaubens nicht auſſen bleiben, die davon unzertrenn - lich ſind. Es kan aber der glaube durch nichts anders als durch das wort von dem glauben, nemlich das heilige evangelium, zu wege gebracht, und gewircket werden, als welches der ſaame iſt, aus dem der glaube waͤchſet, und wir wiedergebohren werden. Daher iſts freylich nicht genug, oben hin etwas von dem glauben oder den wohlthaten GOttes zu gedencken, ſon - dern dieſelbe immerfort nachtruͤcklich und angelegenlich zu treiben, damit auch in das hertze komme, was in die ohren faͤllet. Weswegen ich mir ſon - derlich in dieſem jahr den methodum erwehlet habe, bey jeglichem evangelio einen ſchatz der ſeligkeit oder wohlthat des himmliſchen vaters, in Chriſto Je - ſu uns erzeiget, der gemeinde einfaͤltig vorzuhalten, ob der HErr ſolche arbeit dazu ſegnen wolle, daß der glaube in mehrern hertzen erwecket und geſtaͤrcket werde, daran ich auch nach goͤttlicher verheiſſung nicht zweiffeln will. Jndeſ - ſen hoffe ich, es werde mein geliebter bruder auch darinnen mit mir einig ſeyn, wie dieſes das haupt-werck unſers amts iſt, daß die andere officia nicht darneben zu unterlaſſen ſeyn, ja offt was die euſſerliche bemuͤhung anlangt, eine mehrere zeit und arbeit erfordern als jenes. Wie etwa das umackern eines feldes, eggen und dergleichen, mehr zeit und muͤhe haben will, als das ausſtreuen des ſaamens, ob wol dieſes das haupt - werck des ackermannes iſt, auf welches alle ſeine hoffnung ziehlet, und dazu die andere ſeine verrichtungen nur vorbereitungen oder beyhuͤlffen ſind. Alſo ſehen wir, wie unſer liebſte Heyland, als er ſeine juͤnger ausſandte, befahl ihnen zu predigen buß und vergebung der ſuͤnden, deren jene ziemli - chen theils aus dem geſetz, was nemlich den einen theil anlangt, dieſe aus dem Evan gelio kommt, ſo hat ers ſelbs auch gemacht, und den lieben Jo - hannem ſeinen vorlaͤuffer gleichen methodum brauchen laſſen. Jſt al - ſo bey der bekehrung noth, daß der menſch ſeiner ſuͤnden uͤberfuͤhret, und zu dero reue und haß gebracht werde, ſonſten moͤchte der ſaamen in einem un - umgebrochenen feld nichts tragen oder aufgehen koͤnnen. Wo wir aber den menſchen ihr elend und jammer zeigen, darinnen ſie durch die ſuͤnde ſte - cken, wie ihnen weder in der welt bey aller ihrer herrlichkeit und genuß je - mal wohl ſeye, noch ewig wohl ſeyn koͤnne, ſondern was vor ſtraffen und quaal ihrer warte, daß ſie alſo eine furcht und angſt, dabey aber eine be - gierde und verlangen nach einem wahren heyl, bekommen, ſo mag alsdann die predigt des heyls frucht ſchaffen, und einen beqvemen acker finden. Soiſt119ARTIC. I. SECTIO XXI. iſt der heilige Geiſt der jenige, aus deſſen wirckung der glaube koͤmmet, ſolcher aber mag von der welt nicht empfangen werden, noch wohnet in einer boßhafftigen ſeelen; Daher iſt allezeit ſeine erſte wirckung, daß er die welt ſtraffet, und ihr die nichtigkeit alles deſſen, wovon ſie troſt hoffet, vor au - gen ſtellet, auf daß ſie nachmal nach deſſen beſſern guͤtern anfange be - gierde zu bekommen, wo er folglich in ſolchen gemuͤthern anfangt von CHriſto zu zeugen. Weil wir dann nun wahrhafftig ſehen, daß ein groſſer theil unſerer zuhoͤrer in dem gegenwaͤrtigen ſtand wiederum gantz un - wiedergebohrne leute ſeyen (maſſen auch ſolche gnade, die einmal in der tauff empfangen worden, von unſerer ſeiten wieder verlohren werden kan) und faſt tieffer in der welt ſtecken, als viele Juden, Heyden und Tuͤrcken, ſo wirds je gantz noͤthig ſeyn, daß wir ſie mit dem geſetz der ſuͤnden krafft fuͤhlen machen, ſonderlich aber ſie aus ihrem leben ihres unglaubens uͤberzeu - gen, in dem bey aller ſolcher ihrer boßheit, ſo ein groſſes theil von ihnen aus dem opere operato des euſſerlichen Gottesdienſts, und falſcher ein - bildung eines wahren glaubens in einer ſolchen ſicherheit und verſtockung ſtecket, daß ihnen, wo ihnen ſolcher betrug nicht entdecket wird, nicht gera - then werden mag. Denn geſchihet ſolches nicht, ſo iſt dem wahren glauben der weg am allermeiſten durch ihre einbildung verlegt, und was ſie von dem glauben hoͤren, verſtehen ſie von nichts anders als von ihrem eigenen hirnge - ſpenſt: nicht allerdings ohne unſere ſchuld, wo wir ihnen nicht den betrug entdecken. Alſo auch halte davor daß wir wol in acht zu nehmen ha - ben, daß ſo bald das ringſte fuͤnckelein des glaubens in der ſeele des men - ſchen erwecket, derſelbe ſchuldig ſeye, ſtracks mit bringung der fruͤchten der - ſelben ſeinem GOTT danckbar zu werden, welches der weg iſt, auf dem der HERR auch ſolches liecht mehr wird bey ihme zunehmen laſſen. Wer da hat, dem wird gegeben, Matth. 25, 29. Daher auch der ſo bald nach einiger vorſtellung des glaubens (die wir in dem hertzen etwas nach ſich gelaſſen zu haben hoffen) beyſetzende vermahnungen zu einem heili - gen leben nicht allerdings werden vergebens ſeyn, ſondern wie die wercke des glaubens fruͤchte ſind, ſo ſind ſie auch wiederum diejenige danckbarkeit, aus dero der HERR ſelbs die wurtzel bey uns geſtaͤrcket werden laͤſſet. Jch leugne nicht, daß hiezu eine nicht menſchliche ſondern goͤttliche weiß - heit gehoͤret, darum wir unſern himmliſchen Vater ſo hertzlich als um einiges anderes in unſerm amt anzuruffen haben, als an dem das meiſte der frucht deſſelben gelegen iſt. Jch geſtehe auch gern, da was die theſin anlangt, wie der glaube aus dem evangelio allein komme, hingegen die ſeele unſers Chriſtenthums und alles guten lebens urſprung ſeye, davon in der vor - rede uͤber Cramerum ziemlich ausfuͤhrlich gehandelt habe, die ſache bey unsal -120Das ſiebende Capitel. allen richtig, daß ich darnach manchmal, wie in hypotheſi allemal das amt zu fuͤhren, und welches, geſetz oder evangelium, bey dieſem oder jenem zuſtand des auditorii das noͤthigſte ſeye, ſehr anſtehe, und mir kaum zu helffen weiß, als daß ich endlich es alſo angreiffe, den troſt des evangelii nachtruͤcklichen vorſtelle, und darnach zeige, wie ſich dieſe, die ihres unglaubens aus ſeinen fruͤchten bey ſich uͤberzeuget ſind, in ſolchem ihren ſtand deſſelben nicht anzu - nehmen haͤtten, ohn daß ſie die herrliche guͤter mit anſehen, ob dero vortreff - lichkeit ſie zu einer begierde bewegen moͤchte, denſelben nach zu trachten, die ſie nicht haben. Jch bin aber allezeit bereit von Chriſtlichen mitbruͤdern mir ſelbs weiter an hand geben zu laſſen, was ſie bey ihrem amt ſonderlich ge - ſegnet befunden haben. Ach der HERR gebe jemehr und mehr einen hellen ſchein in unſre hertzen, in der rechten innerlichen erkaͤntnuͤß der himmliſchen glaubens-guͤter, daß durch uns in chriſt kluger vortragung der goͤttlichen wahrheit des evangelii und rechter theilung des worts entſtehe in den hertzen der zuhoͤrer die erleuchtung von der erkaͤntnuͤß der klarheit und herrlichkeit GOTTes in dem angeſicht JESU CHriſti 2. Cor. 4, 6. Es ſtehet ja hierinnen ein groſſes ſtuͤck ſeiner ehre und herrlichkeit ſeines reichs: ſo kan er nicht verwerffen ſolche unſre bitte, dadurch wir zu jener tuͤchtiger gemacht zu werden / wuͤnſchen.
DEr HERR ſey gelobet der unſere ſeele, wo ſie etwa durch das anſe - hen der ſchrecklichen verderbnuͤß in allen ſtaͤnden, und alſo auch in dem unſerigen der untreuen arbeiter, und falſchen bruͤder, in tieffe traurigkeit niedergeſchlagen wird, wie offtmal durch andern troſt (daß wir wiſſen ob alle menſchen unſere hoffnung fehlſchlagen machten, ſo blei - be er uns doch noch ſelbs alles) aufrichtet, alſo auch manchmal dadurch aufs neue erqvicket, wo er uns zeiget, daß er noch rechtſchaffene arbeiter und aufrichtige bruͤder hin und wieder, ja faſt aller orten einige, erhal - ten habe, daß wir alſo ſehen, er habe ſeiner kirchen noch nicht vergeſſen, ſo dann von dero arbeit der kirchen viel ſegen, aber auch aus ihrer fuͤrbitte und rath fuͤr uns ſelbs deſto mehr huͤlffe und befoͤrderung, hoffen moͤgen. Wel -121ARTIC. I. SECTIO XXII. Welches gewißlich unter ſo vielen urſachen der betruͤbnuͤß einen nicht gerin - gen troſt und freude manchmal gibet. Laſſet uns dann nun dieſer goͤttlichen gnade uns treulich gebrauchen / und ſo viel unſer der HERR in ſonderbare kundſchafft bringt, das ſonſten zwar unter allen Chriſten allgemeine bruͤder - liche band unter uns deſto feſter verknuͤpffen, daß es nicht mehr aufgeloͤſet werden moͤge, aufs wenigſt alsdann deſto angelegenlicher fuͤr einander zu be - ten und zu dancken, je nachdem einer den andern in noth oder gefahr zu ſeyn, oder von der ihm erzeigten wohlthat wiſſen und hoͤren moͤchte. Wie dann gewiß ſolche vereinigung der hertzen und der gebete von mehrer krafft iſt, als wir gemeiniglich gedencken, und daher ſolches mittels zu ſo viel gutem uns faſt insgemein nachläßig gebrauchen. Jch erinnere mich gern hiebey des kraͤff - tigen zuruffs, welchen vor einigen jahren ein rechtſchaffener Theologus an mich that, und ich gern auch andern bruͤdern denſelben gemein mache: Hic - o boni, veſtram charitatem ſolicito: jungatis veſtras preces meis: βιάζωμεν τὴν βασιλείαν τῶν ου᾽ρανῶν, ἵνα βιασταὶ ἁρπάζωμεν ἀυτὴν Ha - bemus ingens promiſſum Matth. 18, 19. Ei innitentes fatigemus Deum noſtrum precibus unitis, ut ſurgat in ſalutem eccleſiæ ſuæ, confundat - que inimicos ſuos. Quod a vobis peto, idem vobis ſincere promitto, memor enim ſum veſtri in omnibus meis precibus, imo non raro ſin - gulares animi motus ſentio, ad cauſam veſtram Deo commendandam, faciuntque id una mecum amici pii & Deum amantes. Poſſum & hoc addere:〈…〉〈…〉 π〈…〉〈…〉 ιῶ τὴν δέησιν ἐκείνην μετὰ χαρᾶς, quod ſignum mihi eſt, non in ventum hæc vota abire ſed ſuum habere Deum: O ſi Chriſtiani frequentius robur noſtrum, quod in Chriſto UNITI habemus, penſi - taremus, eoque uteremur in fide, eſſemus ſane invicti. Novit hoc ſata - nas, hinc vel a precibus nos avertit, vel ſpiritus unionem variis ſugge - ſtionibus & ſuſpicionibus divellit, ut ſingulos & ſibi fidentes facilius e - vertat. Sapiamus itaque, & utamur mediis, quæ amicus noſter ex ſinu patris veniens, ceu arcana, nobis ſuggeſſit Luc. XI. & XIIX. utamur, inquam, iis in fide, eventum patienter expectemus, & omnia ſalva ſunt. IPSE profecto DEUS eſt. IPSE pro ſe contendet, συντρίψει τὸν σα - τανᾶν ὑπὸ του`ς πόδας ἐν τάχει. Es hat mich dieſe〈…〉〈…〉 προσφώνησις offtmal ſehr aufgemuntert, und zum bruͤderlichen gebet angefriſchet, daher derſelben auch meinen wehrten bruder theilhaftig machen wollen. Der HERR gebe ſegen zu unſerer freundſchafft, welche ich meinem werthen bruder eben ſo wol angenehm hoffe zu ſeyn, als ſie mir erfreu - lich iſt, daß wir uns derſelben zu ſeinen ehren u. unſerer beyderſeits aufmun - terung, auch der anvertrauten gemeinden erbauung fruchtbarlich gebrau - chen moͤgen. Erbiete mich auch, ſo zwar ohne das in dem namen der freund -IV. Theil. qſchafft122Das ſiebende Capitel. ſchaft ſtecket, wo etwa dieſes orts erſprießliche dinge zu leiſten gelegenheit fin - de, mir dieſelbe angenehm ſeyn zu laſſen. Jn dem uͤbrigen kan nicht ungeandet laſſen, daß mich unteꝛ andern ſonderlich zweyeꝛley in ſeinem lieben bꝛief erfreu - et, da denſelben mir gantz gleich geſinnet befinde: Eines theils da er erkennet, wie zwar die groſſe und volckreiche ſtaͤtte gemeiniglich eine colluvies von vielen boͤſen und gottloſen ſeynd, daß ſie doch gemeiniglich auch dieſen vor - theil haben, daß ſich unter denen ſo vielen boͤſen gleichwol auch manche rechtſchaffene fromme ſeelen finden, bey denen die allgemeine verderbnuͤß der jenigen, unter denen ſie leben, ihre hertzliche gottſeligkeit ſo gar nicht niederſchlaͤgt, daß es vielmehr dieſelbe, ſo vielmehr ſo zu reden, durch eine ant periſt ſin entzuͤndet, und ihnen die greuel, welche ſie anſehen muͤſſen und druͤber ſeufftzen, deſto mehr verleydet: Dahingegen manchmal an kleinern orten gleich wie nicht eben ſo boͤſe hingegen aber auch kaum einige rechtſchaffene fromme, anzutreffen ſind: Daher wir ſehen, daß der HErr ſeine apoſtel meiſtens ihr amt in groſſen und volckreichen ſtaͤtten verrichten laſſen, und dieſe nicht leicht auf dem land an geringen plaͤtzen ſich lang auf - gehalten, welches nicht kan geſchehen ſeyn, aus verachtung der geringen, und daß die liebe Apoſtel auf den weltlichen ſplendor und anſehen geſehen haͤtten, ſondern es findet ſich ſchwerlich eine andere urſach, als die an ſol - chen groſſen orten reicher hoffende erbauung; Welches uns, die der HErr an dergleichen groͤſſere ort nach ſeinem willen geſetzet hat, neben der vielen obligenden laſt und verantwortung uͤber die greuliche argernuͤſſen, die wir auch vor augen ſehen muͤſſen, und mit aller macht nicht genugſam ver - wehren koͤnnen, trefflich troͤſtet, ſo vielmehr weil wir auch wiſſen, daß der HErr, als deſſen, weſſen wir in ſolchem ſtand bedoͤrfftig wol wiſſend, uns auch ſo wol das noͤthige maaß der gnaden verleihen, als unter ſolcher cent - ner-laſt mit unſerer aufrichtigkeit gedult tragen werde. Andern theils ſehe ich auch mit freuden dieſe einſtimmung unter uns, daß mein werther bruder durch ein hertzliches vertrauen auf die huͤlffe des HErren und an - noch zu ſeiner zeit hoffende beſſerung bey den zuhoͤrern ſich aufmuntert. Und dieſes iſts auch, das mich durch GOTTes gnade meiſtens troͤſtet, und ohne welche hoffnung aller muth, daher auch aller rechtſchaffene fleiß, un - terſincken wuͤrde. Dann wo nichts mehr auszurichten hoffnung iſt, was wolten wir uns vergebens martern und plagen, und nicht lieber die haͤnde in den ſchooß legen, als arbeiten thun, die gewiß vergebens waͤren? Wo - bey aber das urtheil des ſchalcks-knechts, der auch keinen ſeinem pfund ge - maͤſſen und vor ſeinem Herrn angenehmen wucher hoffte, und daher alles vergrub, zu erwarten waͤre Matth. 25, 29. u. f. Wo aber noch ſtaͤts hoffnung iſt, da thut man nach vermoͤgen, zu was man gelegenheit findet,und123ARTIC. I. SECTIO XXII. und wartet den ſegen, ſo viel der HERR geben will. Wobey ich ſon - derlich mir dieſes immer vorſtelle, daß ob ich ſchon in dem gegenwaͤrtigen wenig oder faſt keine rechte frucht ſehe, dennoch die arbeit nicht verge - bens ſeyn werde. Es iſt vielleicht eine noch gruͤnende ſaat (Marc. 4, 28.) da man wegen noch manglender aͤhren in die gedancken kommet, es ſeye ein unfruchtbares graß-feld, und dennoch ſtecket bereits in ſolchem graß alle die krafft der frucht, die ſich nach einiger zeit hervorthun wird: Vielleicht verbirgt uns der HERR auch etwas von der frucht unſers fleiſſes, uns in der demuth zu erhalten, damit wir mit deſto mehr ſorgfalt, furcht und zittern das unſerige zu thun fortfahren: Vielleicht iſt bey einigen, da wir noch gar das geringſte nicht ſehen, daß nur etwas des worts gefaſſet haͤtte, daſſel - be ein ſolcher ſaamen, der gleichwol in die hertzen gefallen, aber daſelbs als in einem duͤrren ſtaub noch ohne ſafft liget, und daher todt ſcheinet, hingegen zu ſeiner zeit ein geſegneter regen, welchen der HERR annoch ſenden mag, ob wirs auch nicht erlebten, das koͤrnlein gleichſam lebendig machen wird, daß es keyme, und vielleicht alsdann ſo viel geſchwinder aufgehe, und zur zei - tigung eile: vielleicht ſind einige unter denen wenigen, die der HERR durch uns geruͤhret hat, die jenige, durch die er kuͤnfftig eine noch reichere frucht an andern ſchaffen will, welche nachmal auch auf unſere rechnung kommen ſolle. Alſo ſehe ich zwar offt mit betruͤbnuͤß die jetzige zeit an, als in dero unter andern goͤttlichen gerichten dieſes der ſchwerſten eines ſeye, daß man faſt nirgend durchtringen kan, ſondern ſcheinet, ob haͤtten die gnaden - mittel ihre meiſte krafft nunmehr verlohren, wie es wol ſeyn kan, daß das groͤſſeſte theil derer, die wir vor uns haben, in ihren ſuͤnden in das ver - derben gehen doͤrffte und ſich nicht von uns retten laſſen wird, weil ich aber auch weiß, daß der HERR nach ſeiner gnade und warheit wiederum der kirchen eine geſegnetere zeit folgen und nach Zach. 14. am abend liecht wer - den laſſen wird, ſo troͤſtet mich ſchon, daß wir aufs wenigſte an denen vor - bereitungen arbeiten, den acker gleichſam ruͤſten helffen, und in uns verlie - hener goͤttlicher krafft einige ſo weit bringen moͤgen, daß ſie bey anbrechen - der ſolcher zeit, ob wir auch nicht mehr da ſeyn werden, die geheiligte werck - zeuge ſeyn des groſſen wercks des HERRER, in denen alſo auch unſere ar - beit noch fortwaͤhren ſolle. Welche urſach iſt, warum ich auch die lehre, daß wir noch einen beſſern zuſtand der kirchen zu erwarten, von nicht gerin - gem nutzen, ſonderlich bey uns predigern, achte, weil dieſe hoffnung die laͤßige haͤnde trefflich ſtaͤrcket, wo ſie aber nicht iſt, dieſe deſperation eine traͤgheit verurſachet. Wie mir einmal ein vornehmer nun in GOtt ſelig ruhender Theologus bekante, daß er lang dadurch von eyfferiger treibung des guten abgehalten worden, es ſeye doch in den letzten zeiten nach der weiſſagungq 2nichts124Das ſiebende Capitelnichts auszurichten, oder eine ſonderliche frucht mehr zu erwarten, was man dann ſich viel plagen ſolte, da GOTT ſelbs widerſtehe daß man nichts ausrichte, als nur der leute gericht deſto ſchwerer mache: Hinge - gen waͤre er auch ziemlich ermuntert worden, da er in meinen piis deſideriis geſehen, daß ich noch herrliche hoffnung in der ſchrifft vor uns finde. Nun je mehr unſere verderbnuͤß zum mißtrauen und traͤgheit von ſich ſelbs incli - niret, ſo viel mehr laſſet uns die dinge offt vor augen ſtellen, die uns dermaſ - ſen aufzumuntern tuͤchtig find. Jch uͤberſchreite aber die maaß des briefs das erſte mal, jedoch ſiehet derſelbe, wie ſich mein hertz gegen ihn aufthue und wie frey mit demſelben handle.
WAs das geſang anlangt: O GOTT wir loben dich, iſt mir ſol - ches bis dahin gantz unbekant geweſen; Jch bin aber mit gelieb - tem bruder einer meinung 1. Daß daſſelbe noch vor Luthero oder in der erſten zeit ſeiner reformation von jemand gemachet worden, welches die art der teutſchen rede zeiget, ſo mit der jenigen reinigkeit, welche in den geiſtlichen ſchrifften ziemlicher maſſen von Luthero den anfang genommen, nicht uͤbereinkommet: Als wohin ſonderlich die formuln ehrwuͤrdiget, wir ermahnen dich, wir ſegnen dich, ꝛc. zu ziehen ſind, welche der red-art, die darnach aufgekommen, nicht gemaͤß ſcheinen. 2. Weil aber in der Boͤhmiſchen bruͤder Geſangbuch (der edition 1639. p. 412.) ein geſang ſtehet, ſo auch aus dem Te Deum laudamus von Valentin Schultzen einem Studioſo, der 1574. geſtorben, geſetzt worden, und alſo anfangt: O GOTT wir loben dich, bekennen dich, deſſen melodie auch ziemlich ſchwer iſt, ob ich wol nicht weiß, ob ſie mit der bey ihnen bekann - ten uͤbereinkomme, moͤchte eine vermuthung ſeyn, ob nicht auch dieſe verſion aus dem Boͤhmiſchen durch einen andern geſchehen, und aͤlter ſeyn moͤchte. 3. Die redens-art, wir ermahnen dich, gegen GOTT gebraucht, kom - met durch aus mit unſer teutſchen ſprach-art nicht uͤberein, und hat daſſel - be wort in dem gebrauch nie den jenigen verſtand, daß mans gegen GOTT anwenden koͤnte. So iſt auch das wort ſegnen nunmehr in einem ſolchen gebrauch, und zwar allein, uͤbrig geblieben, in dem wirs gegen GOtt nicht gebrauchen moͤgen: Ob wol dahin ſtuͤnde, ob ſolches nicht haͤtte koͤn -nen125ARTIC. I. SECTIO XXIII. nen auch ſo gebraucht werden, wie in dem hebreiſchen das wort ברך von GOTT und gegen GOTT gebraucht wird. Nachdem aber unſer Luthe - rus, wo das wort ברך gegen GOTT gebraucht wird, in dem teutſchen das wort loben an die ſtelle geſetzt hat, ſo nun allein im gebrauch geblieben, ſo lieſſe ſich jenes nicht wol einfuͤhren. 4. Das haͤrteſte iſt, wann es heiſ - ſet, Chriſtus habe das fleiſch angenommen zu erloͤſen alle auser - wehlte menſchen, da doch das lateiniſche ſolches nicht hat. Und weil in dem obgedachten boͤhmiſchen auch dieſes ſtehet: Daß du erloͤſeſt alle aus - erwehlten (in welchem auch darnach folget: Du wolleſt nun allen denen huͤlffe thun, die du mit deinem blut theuer erkaufft haſt: Da in dem latei - niſchen ſtehet, famulis tuis, dadurch die glaͤubige verſtanden werden, hinge - gen hie alle die, die erkaufft ſind, da dann ſcheinet, daß auch daſelbs die er - kauffung allein auf ſolche glaͤubige gezogen werde) ſo meine ich nicht ohne urſach dafuͤr zu halten: Daß erſtlich eine Boͤhmiſche verſion des Te De - um laudamus werde gemacht ſeyn worden unter den Hußiten, die ſich ziemlichen theils nachmal zu den Reformirten geſchlagen, und auch fruͤhe von ihnen einiges ſo mit dieſen uͤbereinkommet, geheget war worden: Aus dieſer mag nun ein aͤlterer die eine uͤberſetzung in ſchlechterem teutſchen ver - ſucht haben, die nachmal obgedachter Valentin Schultz in eine reinere ſprach gebracht, welche verſion folgends bey ihren kirchen ſcheint behalten worden zu ſeyn. So viel weniger iſt alſo zu zweifflen, daß wol unter ſolchen worten die meinung des abſolutismi ſtecken werde, und zwar ſelbs aus der abſicht der verfaſſer. Wie wir dann nicht eigentlich ſagen koͤnnen, daß unſer Heyland die auserwehlte zu erloͤſen gekommen ſeye, als welches weniger geſagt waͤre, als die wahrheit iſt, in dem der nechſte zweck der menſchwerdung Chriſti gehoͤret zu dem articul der erwerbung des heils, die allgemein iſt, und das heil erſt auf wenige reſtringiret wird, durch die verſtoſſung der gnade, welche von den mehrern geſchihet. Und ob man ausnehmen wolte, daß gleichwol nicht dabey ſtehe, allein die auserwehlte, ſodann daß die ſchrifft auch alſo rede, er wird ſein volck ſelig machen, er laͤßt ſein leben fuͤr die ſchaafe u. ſ. f. welche art wir ſelbs alſo erklaͤ - ren, daß wir nicht laſſen ein allein darzwiſchen ſetzen: So machet doch die - ſes lied und die ſtelle in demſelben verdaͤchtig, weil in dem lateiniſchen ho - minem ſtehet, ſo das gantze menſchliche geſchlecht bedeutet, da der uͤberſe - tzer die redens-art nicht vergebens alſo geaͤndert haben wird. 5. Was a - ber die folgende ſtelle anlangt, iſt allen auserwehlten geoͤffnet das reich der himmel, lieſſe ſich darmit entſchuldigen, weil in dem lateiniſchen auch ſtehet credentibus, und in Lutheri verſion allen Chriſten. 6. Aus allemq 3aber126Das ſiebende Capitel. aber folget, daß in einer Evangeliſchen kirchen wir lieber an ſtatt deſſen ge - ſangs, ſo aufs wenigſte nicht ohne verdacht eines irrthums, und in der ſprach unbequem iſt, die in der meiſten unſerer kirche uͤbliche reinere, und unverdaͤchtige uͤberſetzung unſres theuren Lutheri zu gebrauchen haben: Daher wohl gethan ſeyn wuͤrde, wo man ſolchen geſang, jedoch mit wenig - ſtem geraͤuſch oder viel weſens davon zu machen, daran die ſchwache ſich ſtoſſen moͤchten, allgemach abgehen laſſe, und ſich mit den andern begnuͤge. Der HERR aber gebe uns insgeſamt, wo wir ſeine lobgeſaͤnge ſingen wollen, ſolche hertzen, die erſt mit ſeinem lob erfuͤllet ſeyen, welches nach - mal durch den mund ausbrechen ſolle.
WAs der Herr klagt, wie alle die jenige, ſo das rechtſchaffene we - ſen in Chriſto JEſu entweder mit predigten und ſchrifften ſonder - lich treiben, oder in dem leben außtruͤcken / daruͤber verlaͤſtert und verketzert werden, iſt eine klage, die bereits zu unſerer vaͤter zeit gottſelige Theologi gefuͤhret haben; Jedoch mag die urſach zu klagen heut zu tage noch viel groͤſſer ſeyn, da der haß der wahren gottſeligkeit mehr zugenom - men hat, und ihrer viele dieſes faſt vor das gewiſſeſte zeugnuͤß der rechten lehr halten wollen, da man alles auf das euſſerliche ſetzte, und ja bey leibe des innerlichen (dann dieſes moͤchte nach ſchwermerey und Euthuſi - aſmo ſchmecken) nichts oder wenig gedaͤchte. Wir muͤſſen uns aber auch lernen darein ſchicken, und glauben, nach dem uns GOtt zu der zeit annoch mit ſchwerern proben der gedult und haͤrteren verſuchungen ſchonet, als dem vielleicht unſre ſchwachheit bekant iſt, daß wir dieſe gelindere proben, da es nur um eine wenige ſchmach und nach-rede der gottſeligkeit wegen zu thun iſt, deſto williger auf uns nehmen, und uns daruͤber nicht beſchwe - ren; Ja uns keine andere rechnung und daher bey zeiten darauf gefaßt machen, glaubende, es waͤre eben nicht die beſte anzeigung, wann wir ſo gar freye ausgiengen. Abſonderlich den frommen Joach. Betkium belangen - de, iſt mir ſein lebens-lauf nicht, ſondern allein einige ſchrifften bekant. Die erſte, ſo mir faſt auch beſtens gefallen, war ſeine menſio Chriſtianiſmi, in welchem buͤchlein gewiß viel goͤttliche wahrheiten ſind: darnach habe auch geleſen ſein Sacerdotium und ſeine leidens gemeinſchafft Chriſti, damich127ARTIC. I. SECTIO XXIV. mich auch entſinne, viel gutes darinnen gefunden zu haben: Aber mir leid iſt, daß ich um mein exemplar, ſo jemand gelehnt habe, gekommen, dabey ſon - ſten, was mir in demſelben ſonderlich gefallen, und woran ich etwa anſtoß gehabt, notirt hatte. Den Antichriſtianiſmum und excidium Germaniæ habe ich noch, aber mit fleiß oder gantz nicht durchleſen koͤnnen, weiß auch nicht, ob krauen darff, daß ſie gantz, wie ſie ſeine arbeit ſind, und ohne zu - ſatz, heraus gekommen, weil er ſie nicht ſelbs ſondern andere heraus gegeben haben werden. Wie ſein name in der Marck, als eines ſchwermers oder als eines treumeinenden dieners Chriſti angeſehen werde, weiß ich nicht. Jch rathe aber allezeit guten freunden in dergleichen ſache, daß ſie vorſichtig ge - hen, und alſo eines theils ſich das urtheil nicht nehmen uͤber ſolche leute, ſie zu verdammen, oder anderer urtheil ſich theilhaftig machen, wo ſie ſchwere ſchuld auf ſich laden koͤnten, andern theils aber, daß ſie ſich auch fremder haͤndel nicht annehmen, noch in unnoͤthige ſtreit und verdacht ſelbs ſtuͤrtzen. Gnug iſts daß ſie einen fremden knecht nicht richten, der ſeinem Herrn ſteht und faͤllt; Wo ſie etwas gutes in einem ſolchen beſchuldigten mann geleſen ha - ben, oder gewiß von ihm wiſſen, ſolches beſcheidentlich vertheidigen, und das offenbahrlich gute, als viel ſie koͤnnen nicht eben laͤſtern laſſen, oder dar - an gemeinſchafft haben, dahero zuweiln, nach dem dadurch etwas auszu - richten hoffnung iſt, welche einiges ſolches gute laͤſtern, mit freundlichkeit erinnern, der ſache weißlicher nach zudencken: nicht aber ſind ſie verbunden, voͤllig ſeine partey anzunehmen, und damit ohne jemands nutzen hingegen ihnen ſelbſten ſchaden zu thun. So vielmehr weil offtmals das gute bey ſolchen leuten auch mit einiger ſchwachheit, entweder daß ſich einige irr - thume auch einſchleichen, oder ſie ſich in dem eyffer uͤbernehmen, und nicht alle moderation zu gebrauchen gewußt haben (wie wir faſt dergleichen bey allen oder doch meiſten finden und darinnen ein ſonderliches goͤttliches ge - richt bemercken koͤnnen) vermiſchet iſt, welches zwar bey chriſtlichen her - tzen nicht zuwege bringt, ſolche leute gantz zu verdammen, oder auch ihr gutes (wie manchmal ſo viele unbeſonnene eyfferer thun) zugleich zu verwerf - fen, aber es bringet doch ſo viel billich zu wegen, daß ſie ſich nicht verbunden zu achten haben, jene und alles das ihre bloß dahin zu behaupten, und uͤber ſich zu nehmen, ſondern bleiben in ihrer freyheit, daß wie ſie keinen men - ſchen, und alſo auch ſolche angeſchuldigte, nicht vor unfehlbar halten, ſie ſich des rechts gebrauchen, in allem alles zu pruͤffen und das gut befundene zu behalten, das uͤbrige dem autori zu uͤberlaſſen, indeſſen zu glauben, es ſeye nicht genung, wenn auch in einem buch einige irrthume gewieſen wer - den koͤnten, daß man deswegen den gebrauch deſſelben gantz muͤſſe fahren laſſen, wann ſonſten auch gute dinge darinnen ſind. Dann wie wir auch dievaͤter128Das ſiebende Capitel. vaͤter und ihre ſchrifften ehren, auch zugeben, daß das gute in denſelben moͤge zu nuͤtzlicher frucht angewendet werden, obwol in allen ziemlich viele irrthuͤ - mer, die unſrer lehr entgegen ſtehen, ſich zugleich mit finden, ja auch in der bi - bel die apocryphiſche buͤcher zu ſtehen leiden, und ſo gar der gemeinde recom - mendiren, die doch auch nicht von allen irrungen frey ſind: ſo haben wir bil - lig gleiche liebe gegen die jenige zu erzeigen, wann gottſelige leute zu unſer oder unſer vaͤter zeiten in einem hertzlichen eifer vor GOtt ſchrifften herausgege - ben, worin nicht alles gold, ſilber oder edelgeſteine iſt, ſondern auch holtz, heu und ſtoppeln ſich untermiſchet hat, daß wir doch das gute in ihnen loben, mit dem uͤbrigen aber gedult tragen. Auf dieſe weiſe gehen wir am ſicherſten, und verwahren uns, daß wir uns, welches ſonſt leicht geſchehen kan, nicht an jemand verſuͤndigen. Jm uͤbrigen wann gelegenlich (denn allzu ſorgfaͤltig nachzuforſchen wuͤrde auch verdacht machen) etwas von der Hiſtoria des Betkii erfahren werden koͤnte, ſolte mir auch kuͤnfftig die communication angenehm ſeyn.
JN demſelben auserwehlte frau und vielgeliebte Schweſter! daß ich mich itzo mit auslaſſung der ſonſt nicht verwerflichen aber unter naͤ - her vereinigten ſeelen nicht noͤthiger titul, dieſes namens und an - ſpruchs gebrauche, wird mir dieſelbe nicht uͤbel deuten, als die dazu mich dardurch veranlaſſet, da ſie mir den liebreichen, obwol mir mit recht nicht zu - kommenden vaters-namen beyzulegen beliebet, dardurch aber mir macht ge - geben, mit deroſelben in keinem andern reſpect in unſerer brieflichen un - terredung zu handlen, als welchen die gemeinſchafft, die wir in unſerem allerliebſten JESU haben, uns gegen einander machet. Zwar finde ich, daß der mir anmuthende vaters-namen mir von ihrer werthen ſeele nicht zu - komme; Dann ich habe ſie nicht gezeuget durch das evangelium, und wo jemal etwas, ſo ich aber geſchehen zu ſeyn mich nicht verſichern kan, von mir zu dero geiſtlichen beſten geſchehen waͤre, wuͤrde es allein in eini - ger ſtaͤrckung und aufmunterung nicht aber in einigem ſolchen beſtan - den ſeyn, das einigerley maſſen den vaters-namen verdiente. Weil ich ſieaber129ARTIC. I. SECT. XXV. aber billich anſehe, als eine tochter meines himmliſchen vaters und miterbin gleicher erbſchafft, ſo bleibet kein anderer als der liebreiche ſchweſtername, weil uns ja GOTT ſamt allen uͤbrigen ſeinen kindern insgemein in eine gemeine bruͤder - und ſchweſterſchafft geſetzet hat, daß alſo in demſelben ſo name als that beyſammen iſt. Und wird alſo meine wertheſte ſchweſter von mir willig ſolchen namen an ſtatt des anerbotenen tochter-tituls annehmen, mich aber mit gleichem bruder-namen, es waͤre dann ſache, daß ſie viel mehr allein das amt anſehen, und um ſolches willen den der perſon nicht gehoͤrigen namen mir beylegen wolte, zu beehren belieben. Der HERR HERR, der uns zu einerley lebendiger hoffnung und unvergaͤnglichen erbe wiederge - bohren hat, laſſe das band der liebe und einigkeit des geiſtes, damit er alle ſei - ne kinder zu bruͤdern und ſchweſtern unter einander verbunden hat, nicht nur unzertrenlich allezeit bleiben, ſondern aus ſolcher gemeinſchafft und dero fleiſ - ſiger uͤbung ſo viel herrlichere fruͤchten zu aller untereinander erbauung er - wachſen, als etwa dergleichen mit vielem nachtheil der geſamten kirchen un - terblieben iſt, da an ſolche uͤbung wenig gedacht, und mit dem erſtlich unter allen chriſten gemeinen, nachmal aber in abgang gekommenen, bruder - und ſchweſter-namen faſt die ſache ſelbs oder doch die uͤbung der daran hafften - den pflichten in vergeß geſtellet worden. Wie ich offtmals mich faſt nicht genung habe verwundern koͤnnen, wie der auch nur buchſtaͤbliche verſtand der wort der gemeinſchafft der heiligen, die wir in dem dritten articul be - kennen, faſt den meiſten unbekant worden, ſo gar daß auch, was zuweilen Theologi bey ſolcher gelegenheit melden, die ſache nicht genugſam ausdru - cket: daraus leichtlich abzunehmen, wie dann die ſache ſelbs auch nicht ſo be - kant und im ſchwang ſeyn muß, als ſich geziehmete von einem ſo vornehmen ſtuͤck unſerer allgemeinen bekaͤntnuͤß. Wir wollen uns hingegen immer mehr gewehnen uns zu erfreuen uͤber die gemeinſchafft der geiſtlichen und ewigen guͤter, dazu uns der himmliſche vater in ein gemeines recht geſetzet, und die darauf gegruͤndete pflichten in heiliger liebe untereinander uͤben, durch gebet und danckſagung fuͤr einander, und daß wir jedes gutes und wideriges, ſo ei - nem widerfaͤhret, mit einerley freude und mitleyden aufnehmen. Ach daß ein ſolches ſich mehr und mehr unter viele ausbreiten moͤchte, ſo moͤchte auch dieſes ein mittel ſeyn zu verbeſſerung vieles dinges, deſſen mangel wir itzo be - klagen muͤſſen, und moͤchten alsdann die glieder eines leibes, feſter in einan - der gefuͤget, ſo viel ſtaͤrcker ſeyn gegen alle gewalt, die ſie angreifft, als auch beſſer mit und neben einander an ihrem hochgelobten haupt zu des gantzen leibes goͤttlicher groͤſſe wachſen.
VOr die freundliche zuneigung gegen mich und dero gethane bruͤderli - che bezeugung in dem neulichen ſchreiben bedancke mich hertzlich, und ſehe dieſes als eine ſonderbare goͤttliche wohlthat an, daß der HErr mich ſo offt von mehrern orten her vieler bruͤder freundſchafft verſichern laͤſ - ſet, meine ſchwachheit dadurch zu ſtaͤrcken, dero ich mir wol bewußt bin, und deswegen vor ſo vielen andern mehrere ſtaͤrckung, auch anderer fuͤrbitte, mich benoͤthiget erkenne. Seiner himmliſchen guͤte ſeye dafuͤr demuͤthiger danck, welche ſolche von mir unverdiente liebe in ſo vielen hertzen gegen mich pflan - tzet, und mich damit aufmunteret. Er laſſe aber die aus ſolcher liebe fuͤr mich zu ſeinem gnaden thron aufſteigende gebet ihm auch wohlgefallen, zu einer reichen gnaden-belohnung an ihnen ſelbſten, die in ſolcher fuͤrbitt ihren glau - ben und liebe uͤben, und bey mir, zu erlangung der mir noͤthigen gnaden-ga - ben: Ach daß ich auch mich der bereits geſchenckten gnaden-gaben und noch weiter erlangenden, allezeit alſo moͤge gebrauchen, daß ich treu erfunden werde, und ſolche freunde und bruͤder nicht urſach an mir finden, ſich uͤber mich zu betruͤben, ſondern ſich zu erfreuen und dem HErrn dafuͤr mit mir vielen danck wiederum zu bringen. Er gebe mir auch ſelbs den geiſt der gnaden und des gebets, daß ich auch fuͤr alle ſolche bruͤder mit allem anhalten und ſiehen wachen, und auch ihr anliegen mit ſolcher glaͤubigen und inbruͤnſtigen andacht vor ihn bringen moͤge / daß es ihm opffer ſeyn eines ſuͤſſen geruchs in krafft des opffers Jeſu Chriſti, und ihnen auch mehrere gnad von der vaͤterlichen barm - hertzigkeit unſers himmliſchen vaters zuwege bringen. Ja er vereinige alle, die ſeinen lieben Sohn unverruckt lieb haben (derer zahl er immer wolle wachſen und zunehmen laſſen) je laͤnger je mehr, daß ſie in einigkeit des geiſtes mit dem bande des friedens feſt verknuͤpffet ſo viel reichere fruͤchte bringen, da ſie alſo rechtſchaffen in der liebe wachſen in allen ſtuͤcken, an dem der das haupt iſt, CHriſto, wo alſo aus ihm der gantze leib ſo viel genauer zu - ſam̃en gefuͤget, u. ein glied an dem andern hanget durch alle gelencke, dardurch eines dem andern handreichung thut, nach dem werck ei - nes ieglichen gliedes in ſeiner maſſe, daß alſo der leib wachſe zu ſeinſelbs131ARTIC. I. SECTIO XXVI. ſelbs beſſerung, u. das alles in der liebe. Eph. 4. Er erhoͤre uns in ſolcher bitte gnaͤdiglich, wo ich weiß, daß wir nach ſeinem willen bitten! Was die in dem ſchꝛeiben anhangende frag anlangt, wegen einiger wort der bey der tauff ihres orts gebraͤuchlichen gebets-formul: ſo dancke ich GOTT, daß wir weder allhier noch bey der Straßburgiſchen kirchen, da ich vorhin geweſen, ſolche oder einige andere jemand anſtoͤßige wort oder ceremonien haben. Jch erklaͤre mich einfaͤltigſt dahin. 1. Jch erkenne, daß ſolche formul anfaͤng - lich hergenommen aus der tauff der erwachſenen, folgends aber zu der kin - der-tauff auch gebraucht worden ſeye; da aber gemeiniglich diejenigen for - muln, ſo nicht eigenlich erſtlich zu einer ſache aufgeſetzet worden, ihre incom - moda zu haben pflegen. 2. Moͤchte es wol fuͤglicher ſeyn, wo ſolche wort nicht waͤren, wie ſie dann ſamt dem exorcismo an vielen orten der evange - liſchen kirchen nicht gebraͤuchlich ſind. 3. Jedoch wo ſie uͤblich ſind, und die chriſtliche kirche wegen anſtoſſes der ſchwachen, oder aus andern urſachen, ſolche wort zu aͤndern nicht rathſam achtet, welches deroſelben chriſtlichen ermeſſen heimgegeben wird, ſtuͤnde es in keines predigers oder andern glie - des der gemeinde macht, dieſelbe zu aͤndern oder auszulaſſen. 4. Es iſt a - ber noͤthig, daß ein ſolcher gleichwol in ſeinem gewiſſen die verſicherung habe, daß ſolche wort nicht an ſich ſelbs unrecht, falſch oder goͤttlicher wahrheit entgegen ſeyen, ſondern einen verſtand in ſich faſſen, welcher wahrhafftig (obwol nicht eben prima fronte von jedem erkaͤntlich) iſt, und ſie alſo auch in ſolchem verſtand angenommen werden moͤgen und ſollen. So finde ich nun dieſen verſtand. 1. Daß bey den jungen kindern gleichwol auch, ob wol nicht ſolche wirckliche ſuͤnden ſich finden, wie bey alten angetroffen wer - den, und in ſuͤndlichen ausdruͤcklichen gedancken, worten und wercken be - ſtehen, dannoch auch einige befindlich ſind, die wircklich genant, und der erbſuͤnde entgegen geſetzet werden moͤgen. Aufs aller wenigſte ſind die peccata omiſſionis vorhanden. Es ſolle GOTT unſer vertrauen und zuverſicht ſeyn von mutterleibe an, und wie ſolches bey dem HERRN Meſſia geweſen Pſalm. 22, 10. 11. ſo ſolte es auch bey uns allen in dem ſtand der unſchuld geweſen ſeyn: Daß nemlich die ſeele, welche nicht mit zu - nehmenden alter erſt anfaͤngt vernuͤnfftig zu werden, ſondern die anerſchaf - fene krafft des verſtandes, ob er ſich wol noch nicht in allerley wirckungen, etwa wegen indiſpoſition ihrer wohnung heraus laſſen kan, bey ſich hat, alſo bald auch mit ſich die aus dem goͤttlichen ebenbild einerſchaffene erkaͤnt - nuͤß ihres ſchoͤpffers auf die welt braͤchte, die niemals ohne ſolchem ihrem zuſtand gemaͤſſe bewegungen des vertrauens und der liebe bleiben haͤtte koͤnnen, ſondern ſich dieſelbe allezeit dabey wuͤrden gefunden haben. Daßr 2alſo132Das ſiebende Capitel. alſo ſolches anerſchaffene licht der erkaͤntnuͤß nicht mehr vorhanden iſt, gehoͤ - ret zu der erbſuͤnde und natuͤrlichen verderbnuͤß, daß aber ſolche gute be - wegungen des hertzens zu GOTT bey kleinen kindern ſich nicht hervor thun, wie ſie auch nicht da ſeyn koͤnnen, ſind peccata omiſſionis vor GOTTES ſtrengem gericht. Weil aber an ſtatt ſolches liechts hingegen die finſter - nuͤß des verſtandes da iſt, und ein angebohrner haß gegen GOTT, ſo wolte ich zwar nichts verſichertes ſagen, aber auch nicht gerne leugnen, daß nicht einige boͤſe und ſuͤndliche, ob wol uns unkantliche, auch ohne reflexion, de - ro ſolches alter nicht faͤhig, bleibende bewegungen ſich bey kindern finden. Aufs wenigſte ſind jene peccata omiſſionis ſchon zur rettung der formul gnug, daß ſie ſchon einige ſuͤnden zu dem angebornen erbſchaden, als deſſel - ben fruͤchten, hinzugethan haben. 2. Moͤchte auch dabey erwogen werden, daß der bund, welcher in der tauff mit uns von GOtt gemacht wird, nicht nur allein auf die ſuͤnde der zeit gehe, da der menſch getaufft wird, ſondern auf ſein gantzes leben: alſo daß wir in geſundem verſtand wol ſagen moͤgen, daß dem getaufften die ſuͤnde ſeines gantzen lebens vergeben werden, weil darinnen der grund gelegt wird aller vergebung uͤber das gantze leben, der - maſſen und alſo, daß welche ſuͤnden mir in meiner buß vergeben werden, ſol - che vergebung aus der tauff herflieſſet. Vorausgeſetzt deſſen, ſtelle zu er - wegen, ob ſichs nicht ſagen lieſſe, daß wir in dieſem gebet den menſchen be - trachten in ſeinem gantzen leben, und von GOTT bitten, daß in ſolcher heilſamen ſuͤndfluth an ihm erſauffe und untergehe alles was ihm von Adam angebohren iſt, und er ſelbs dazu gethan hat, das iſt, daß dieſe heilige tauff allezeit das jenige mittel ſeye in ſeinem gantzen leben, dar - aus er die vergebung ſeiner erb - und wircklichen ſuͤnden her empfange, und auch taͤglich die krafft erlange, gegen dieſelbe zu ſtreiten, und alſo in wahrer reue und buß den alten Adam mit allen ſuͤnden und boͤſen luͤſten zu erſaͤuf - fen. Welches ich zu fernerem nachfinnen chriſtlicher hertzen geſtellet ſeyn laſ - ſe. Jndeſſen iſt ſchon das erſte genugſam dazu, daß die wort des gebets wahrhafftig ſeyn, und alſo wo ſie in dem gebrauch, moͤgen gebraucht werden. Von ſelbſten aber wuͤnſchete viel mehr, daß wir in unſerem Gottesdienſt nichts uͤberall dergleichen haͤtten, was eine ſo weitlaͤufftige erklaͤrung be - doͤrffte.
OB ich ſchon vormalen, wie ich nicht in abrede bin, von N N. etwas von deſſelben anligen und gewiſſens-aͤngſten verſtanden, ſo wußte doch damal nicht eigenlich und præciſe die fragen und ſcrupulos, welche am weheſten thaͤten, daher durch denſelben theils, daß ſonſten nicht zu antworten wuͤſte, mich entſchuldigen, theils anerbieten laſſen, wo mir deutlicher das anliegen entdeckt wuͤrde, ſo wolte nach dem wenigen vermoͤ - gen, ſo GOTT geben wuͤrde, willig und aus bruͤderlichem hertzen zur hand gehen. Seiter dem habe wenig mehr gehoͤret, und die hoffnung geſchoͤpf - fet, daß etwa durch GOTTes gnade das ungewitter vorbey ſeyn moͤchte, bis durch neuliches an mich abgelaſſenes und eingelegte fragen die ſach ge - nauer eingeſehen, und mir lieb geweſen, aufs wenigſte meine liebe mit die - ſem verſuch zu erzeigen, ob deſſen gemuͤth aus einiger einfaͤltiger beant - wortung der vorgelegten fragen etlicher maſſen zu einiger ruhe gebracht werden moͤchte. So waͤre deßwegen nicht noͤthig geweſen, meine ziem - lich viel geſchaͤffte, derer vielfaͤltigkeit ich eben nicht in abrede bin, ſich ſo lang von ſolcher communication abhalten zu laſſen, in dem das meiſte von meinen obligenheiten billich eines chriſtlichen mitbruders anligen weichen, und was demſelben ein genuͤge zu thun vor zeit anzuwenden anderen geſchaͤf - ten abgebrochen wird, nicht uͤbel angewendet zu ſeyn, erkannt werden ſolle; Daher ich in dieſem beyliegenden in der furcht des HErrn mich unterſtan - den, den zweifelen, als viel ich derſelben krafft, worinnen ſie eigenlich beſtuͤn - den, eingeſehen, nach moͤglichkeit abzuhelffen, und zu weiſen, wie es einem, der da verlangt mit einer gewißheit ſeines himmliſchen vaters willen zuthun, und der ſich auch denſelben in ſeiner ordnung erkennen zu lernen bemuͤhet, an mitteln nicht mangelen ſolle, aufs wenigſte zu einer ſolchen gewißheit zu kommen, die dem gewiſſen eine genuͤge thun moͤge, und da GOtt mit uns zu frieden ſeyn wolle. Wann nun dieſes muͤglich iſt, wie ich es zu ſeyn nicht zweiffele, ſo bleibet die moͤglichkeit des wahren Chriſtenthums annoch feſt ſtehen. Was aber die freudigkeit anlangt und andere empfindlichkeit des glaubens und etlicher deſſen fruͤchten, koͤnnen zwar wol unterſchiedliche mit - tel und vorſchlaͤge darzu in der furcht deß HErren an die hand gegeben wer - den: Aber wie ſolche eine freye und nicht bloß zur ſeligkeit noͤthige gabe GOt - tes ſind: daher auch deroſelben ſchenckung uns nicht ſchlechterdings von dem HErrn zugeſagt; vielmehr aber dieſelbe, wie anders mehrers dergleichen, nur mit bedingung goͤttl. wohlgefallens von dem himmliſchen Vater gebeten und die art der erhoͤrung ſeinem weiſen rath helmgeſtellt werden ſolle; ſo koͤnnen wir dennoch weder dieſelbe ſelbs uns gewiß zu erlangen verſichern, noch duͤꝛf - fen hingegen aus ihrer verſagung goͤttliche ungnade ſchlieſſen: So vielmehrr 3weil134Das ſiebende Capitel. weil in ſolcher ſache es auch nicht wenig an des menſchen temperament gele - gen iſt: Nicht zwar ob waͤre die glaubens freudigkeit der jenigen, welche GOtt damit begabet, bloß dahin eine wirckung einer ſanguiniſchen oder ſonſten froͤlichen conſtitution, da gleichwol viele dieſes temperaments ſich finden werden, die noch von jener nichts wiſſen, noch hingegen, ob waͤre es bloſſer dings ein effect einer melancholiſchen diſpoſition, wo es an ſol - cher empfindlichkeit mangelt, oder der menſch durch einige geiſtliche anfech - tungen von GOtt geuͤbet wird, da wir doch weder bey allen ſolches tem - peraments dieſe geiſtliche ſchwermuth empfinden werden, als die ſich bey manchen in gar anderen effectibus vielmehr hervorthut, noch iſts GOtt unmoͤglich, dergleichen leute in ſeinen probier-ofen ein zuſetzen, bey welchen die natur mehr zur freude geneiget iſt: Sondern dieſes iſt nur die meinung, daß GOTT ſo wol in ſolcher als anderer ſache ſich ſeines eigenen wercks (wie ja natur und temperament ſein geſchoͤpff iſt) ordentlich gebrauche, auch in ſeinen gnaden wirckungen bey ſeinen glaͤubigen: Wie wir ſo gar ſehen, daß auch der heilige Geiſt bey den Propheten und Apoſtelen ſich bey ſeinem eingeben und inſpiration deß in ſie natuͤrlich gelegten, als S〈…〉〈…〉 yli und dergleichen gebrauchet habe, daher wir wol ſagen koͤnnen, daß einige menſchen nach ihrem temperament dieſer und jener wirckungen und de - ro gefuͤhls nicht wol faͤhig ſind, GOTT wolte dann ſo zu reden einige wunder an ihnen thun. Wir ſchlieſſen aber billich, weil auch ſolche aus - theilung der unterſchiedenen temperamenten nicht von ungefehr, ſondern aus weiſem rath GOttes geſchehen, daß dann GOtt eben deßwegen dieſem und jenem ein ſolches gegeben habe, darinnen er nicht leicht oder je ſelten ſich zu einer freudigkeit erheben kan, ſondern meiſtens in ſchwermuth und ohne freudigkeit gantz niedergeſchlagen ſeinem GOtt dienen muß. Weil er ſeiner ſeelen die er als der ſchoͤpffer nach allen inclinationen und innerſten bewandnuͤß beſtesns allein kennet, ſolchen gleichſam kerker zu dem zweck, da - zu ſie geſetzet iſt, nuͤtzlich und noͤtig erkennet, daher ein ſolcher ſich deſto eher zu frieden geben kan, nicht nur weil wir ſonſten in natuͤrlichen ſachen dafuͤr halten, wie wir von GOTT erſchaffen ſind, daß wir damit billig uns vergnuͤgen, ſondern wie wir gewiß verſichert ſeyn koͤnnen, daß auch aller ſolcher unterſcheid nicht ungefehr herkomme, ſondern die weiſe guͤte des ſchoͤpffers zur urſachen habe. Weßwegen es ja billich iſt, nicht ſo wol goͤttliche gnade hieraus in zweiffel zu ziehen, als vielmehr dero weißheit mit demuth zu ehren, ja nicht ſo angelegenlich jene ob zwar ſo ſelige und an - nehmliche ſuͤßigkeit goͤttlichen geſchmacks, da ſie uns verſaget, zu ſuchen, als von dem HERRN die jenige gnade zu bitten haben, daß wir in einer voͤlligen gelaſſenheit ſeinem willen uns unterwerffen moͤgen, weil es ja ei -ne135ARTIC. I. SECT. XXIIX. ne groͤſſere tugend und preiß GOttes iſt, wo wir ohn ſolches gefuͤhl und viel - mehr bey ſtets einfallenden zweiffelen, dannoch uns bloſſer dinges ſeiner gna - de und dem wort ſeiner gnaden uͤberlaſſen, wozu ein ſehr ſtarcker kampff ge - hoͤret, und es ſich darzu zu reſolviren ſchwerer wird, als da wir die gnade ſo empfindlich haben, daß deꝛo fꝛeudigkeit uns alles leicht machet. Weßwegen ob wir wol in jenem ſtande unſer leben noch lange fuͤhren ſolten, es doch nicht recht waͤre, ſolcher urſachen willen deſſelben uͤberdruͤßig zu werden, ſondern damit zu frieden zu ſeyn, was vor ein maaß der gnaden uns der HERR be - ſtimmet haben moͤchte, der gewißen zuverſicht, daß wir GOtt in keinem ſtan - de beſſer gefallen, als worein er uns ſelbſten geſetzet hat, wie er auch nachmal mit unſerer ſchwachheit zufrieden ſeyn will, wo wir nach derſelben ihme die - nen. Er der treue vater erfuͤlle ihn mit rechtſchaffener erkaͤntnuͤß ſeines wil - lens, und gebe ihm auch der verlangten freudigkeit, empfindlicher verſiche - rung und troſtes ſo viel, als er erkennet zur befoͤrderung ſeiner ehre an ihm dienlich zu ſeyn: Alſo leite er ihn nach ſeinem rath, und nehm ihn endlich mit ehren an.
WEgen Herr S〈…〉〈…〉 mpronii aͤnderung wundere mich nicht wenig, und da er ſich ſolte nunmehr weniger gewiſſen machen, in der welt eitel - keit ſich mit einzumiſchen, als zum exempel in tantzen (welches ich einmal, wie es jetzt gebraͤuchlich, ein anders iſt bloß theorice von einer ſache zu reden, Chriſten unanſtaͤndig achte) und dergleichen, waͤre es mir leid, und wuͤrde den Boͤhmiſten ein neues argument geben, daß Boͤhme die leute mehr zur reinigung und heiligung leite, und von der welt befleckung abfuͤhr - te, die aber von ihm wichen, naͤhmen auch ab in voriger froͤmmigkeit. Mit welchem argument ich eben die ſache nicht ſo gern wolte beſtaͤrcket ſehen: maſſen nicht leugne, daß mich unterſchiedliche mal nicht wenig beweget, als geſehen und gehoͤret, daß leute ſo bald ſie uͤber den Autorem gekommen, in dem leben ſich mercklich geaͤndert. Der beyden Caji und Titii urtheil ſehe einander ſchnur ſtracks entgegen zu ſeyn, da der eine ſo viel eſtime von Boͤhmen macht, der andere aber denſelbigen verwirfft und einigen teufe - liſchen betrug in der ſache vermuthet. Ach daß ſich der HERR unſer er - barme, und wie ſo offt hertzlich bete, einige perſonen mit gnugſamen liecht ſeines heiligen Geiſtes ausruͤſtete, welche recht zeigen koͤnten, wasgoͤtt -136Das ſiebende Capitel. goͤttliches oder irriges in des mannes ſchrifften ſich finde. Jch leugne nicht, daß bey mir die furcht immer bleibe, ſolchem feuer nicht naͤher zu treten. Mir iſt nicht allein das exempel eines Superintendenten bekant, daß als er gegen Boͤhmen und Boͤhmiſten ſehr ſcharff detoniret, ſchon den abend den ſeinen ohne vorher habende aͤuſſerliche kranckheit angezeiget, daß er ſterben muͤßte, auch in die tieffſte ſchwermuth und unausſprechliche aͤngſten gefallen, darin - nen er nach 10. oder 12. tagen geſtorben: Sondern vor etlichen tagen habe noch ein anders aus eben ſolchem Fuͤrſtenthum gehoͤret, daß abermals ein Superintendens bey der præſentation eines jungen predigers von demſel - ben nicht nur den verſpruch ſich vor Boͤhmen und den neuen propheten zu huͤ - ten gefordert, ſondern in der predigt hefftig loßgezogen gegen denſelben: ſeye a - ber auch ſeine letzte predigt geweſen, da er nach wenigen tagen ſich gelegt, und den zweyten oder dritten tag des lagers geſtorben. Mir iſt alles ſolches noch nicht gnug, ihn pro autore divino zu halten. Aber es macht mich ſorgfaͤltig, nicht mich zu verbrennen an einem gefaͤhrlichen feuer. Bey Herr N. fuͤrchte ich, ſeye das veꝛmoͤgen nicht, deꝛ ſache abzuhelffen, wie dann das beꝛeits heꝛaus - gegebene viel zu ſchwach: Da er auch die wahrheit zweyer briefe von Herrn D. Calovio und Herrn D. Wellern in zweifel ziehet, die doch aus dem Con - ſiſtorio zu Dreßden kommen ſollen. Die art, wie bis daher Boͤhm ange - griffen worden, da und dort einige ungereimte und dem anſehen nach falſche ort anzufuͤhren, thut der ſache kein genuͤgen. Wie dann ein gottloſer menſch, der einem unglaubigen die ſchrifft verleiden und dero goͤttliche autoritaͤt um - ſtoſſen wolte, ohne groſſe ſchwerigkeit ſo viele ort aus der Bibel, und ſonderlich dero ſchwerern buͤchern, zuſammen colligiren koͤnte, welche wie ſie aus ihrem ſede herausgenommen und ohne die gantze connexion eines capitels oder auch abſicht eines gantzen buchs allein den worten und dero ſchall nach bloß angefuͤhret wuͤrden, gantz gottloß, atheiſtiſch und ungereimt ſcheinen wuͤrden: Da es doch, wo ſie in der gantzen harmonie derſchrifft erwogen werden, wie dieſelbe ſich ſelbs da und dort deutlich erklaͤret, nichts als lautere goͤttliche warheiten ſind. Daher man von der ſchrifft aus dem συνόλῳ, nicht aber dieſen und jenen heraus gezwackten orten, urtheilen muß, ſo wir von andern ſchrifften auch ſagen muͤſſen. Will alſo jemand Boͤhmen examiniren, ſo muß er ſeine gantze harmoniam und Syſtema Theologiæ erſtlich genau zuſammen bringen, daß er ſeine analogiam finde. die nachmal alles uͤbri - gen regel iſt: Alsdenn vermag man mit grund der wahrheit von ihm zu ur - theilen: Jenes aber hat noch niemand verſuchet: Und das iſt, warum ich wuͤnſchte, daß die Boͤhmiſten ſelbs ein ſolches ordentliches compendium herausgeben, ſo den unſrigen die arbeit ſo viel leichter machte, ſie habenaber137ARTIC. I. SECTIO XXIIX. aber noch nicht dran gewollt. Vor die communication des examinis uͤber mein bedencken ſage freundlichen danck, waͤre es noth, wuͤßte darauf zur gnuͤge zu antworten und zu zeigen, daß mein zuruͤckhalten nicht unbillig. Aber der gute mann haͤlt einige dinge vor ausgemacht, die es eben ſo noch nicht ſind. Aber gnug davon. Q. Kuhlmannum betreffend, habe bereits angezeiget, daß ſeinen neubegeiſterten Boͤhmen nie geleſen, verlange ihn auch nicht: Nur habe von ihm geſehen den quinarium, ſeinen ſchleu - derſtein, und ſeine epiſtolam Londinenſem gedruckt, worinnen ſeltſame din - ge ſind. Es hat geheiſſen, er habe ſeine ſachen retractiret, ſo aber nicht iſt, maſſen ich vor etlichen monaten einen brief in copia geſehen, ſo er nach Berlin vergangenes jahr geſchrieben; Aus demſelben erhellet, daß er noch bey ſeiner meinung und hoffnung bleibe, ohne daß er ohne zweiffel wegen Joh. Rothen ſeine gedancken wird haben fallen laſſen: Von welchem letzteren ich einen brieff vor etzlichen jahren geleſen, den er aus dem zuchthauß zu Am - ſterdam geſchrieben, und darinn erkant, wie er ſich ſelbs in ſeinen einbil - dungen verſtigen, daß er in ſolche irrthum verfallen, daher er auch andere warnet, und zu der einfalt vor GOTT vermahnet: Welcher brieff mich recht vergnuͤget hat. Was ſonſten Herr D. Calovius wegen des examinis J. Boͤhmen vor dem Conſiſtorio in zweiffel ziehet, hat der an ihn von Herrn D. Wellern geſchriebene brieff, klar in ſich: Was aber die urſach ſeyn muß, warum etwa die uͤbrige acta auf eine ſeite geſchafft worden, begreiffe und unterſuche ich nicht. Sonſten waͤre etwan nicht boͤſe geweſen, daß jemand der ſonderlich angegriffenen Theologen dem Kuhlmann, welcher ſie mit ſo groſſem trotz angegriffen, geantwortet haͤtte, wie man ja ſonſten ziemlich fertig zu antworten zu ſeyn pfleget. Was Prætorii und Statii ſchrifften an - langt, habe ſelbs einige mal gedacht, daß ſie zu vertheidigen, nemlich auf art und weiſe, wie es geſchehen kan (da bey Prætorio nicht geleugnet wer - den mag, daß der irrthum unverneinlich in ihm ſeye, daß die auserwehlte den glauben niemal verliren koͤnten, noch daß der einmal verlohrne glaube wie - der erlangt werden moͤchte) nicht moͤchte unnuͤtzlich ſeyn, doch hatte auch alle - mal wiederum einigen anſtand, obs nicht rathſamer, guter ſeelen erfahrung ſelbs die pruͤfung zu uͤberlaſſen. D. N. ſchrifft habe nie zu ſehen bekommen, iſt auch hie nicht zu haben, ſonſten je nach dem ſie waͤre, ſtuͤnde dahin, was ſich thun ließe. Der haͤrteſte knote iſt immer, daß ſo wol der gute Prætorius einmal einen revers, darinnen er einige dinge revocirt, von ſich gegeben haben ſolle, den ich auch gehabt, als daß auch von Statio dergleichen geſagt wird: Wo man ſonderlich ſich vorzuſehen, daß man fuͤr dieſelbige leut nichts anfuͤhrte zu ihrer unſchuld, was nachmal durch ihre wort und bekaͤntnuͤßIV. Theil. ſwi -138Das ſiebende Capitel. widerlegt werden koͤnte. Jch habe juͤngſt aus Dantzig brieffe gehabt, daß das Miniſterium daſelbs nie einigen deſſen revers extradiret habe. Ob nun ſolches ein anzeige, daß keiner vorhanden, oder daß er ea conditione ge - ſtellet, daß er nicht anders wohin ſolte communiciret werden, konte man mich nicht veꝛſichern. Gewiß ſeye es, obwol wegen Prætorii mit ihm gehandelt worden, ſo ſeye doch nichts davon auf cathedram Eccleſiaſticam kommen, weniger zu einem ſchiſmate ausgeſchlagen. Jndeſſen waͤre die hiſtorie der gantzen begebnuͤß ſehr nuͤtzlich, ja faſt noͤthig, wo man mit grund ſchreiben ſolte. Jch habe in beygehendem mit wenigem ihrer beyden meldung gethan, wie warheit und liebe erfordert. Die academiſche cenſuren betreffend, iſts freylich eine betruͤbte ſache, wie dieſelbe mißbrauchet werden. Es ſchme - cket gewiß nach einem pabſtthum, und waͤre endlich aͤrger mehrere als einen Pabſt zu haben. Meine klage habe ausgedruckt in dem neulichen tractat von dem gebrauch und mißbrauch der klagen 1. 2. §. 16. p. 87. GOtt erfuͤlle alle derer, welche er mit gaben erfuͤllet, und in anſehnliche ſtellen geſe - tzet, hertzen mit derjenigen demuth, daß niemand begehre Herr uͤber der an - dern gewiſſen zu werden.
MEine meinung von Ant. Bourignon iſt aus langer uͤberlegung al - les deſſen, was mir von ihr bekant worden, dieſe geweſt. 1. Daß ſie eine perſon geweſen, dero es von jugend auf ein redlicher ernſt vor GOTTES ehre, und ihm zu dienen geweſt, hingegen die einen eckel und widerwillen an der welt eitelkeit gehabt. 2. War ſie vor eine weibs - perſon von ziemlich ſcharffem judicio, deme ſie aus guter perſvaſion vor ſich deſto mehr indulgirte. 3. Wie ſie bey der Paͤbſtiſchen Religion geboren und erzogen, auch zu ſolcher ſich bis in den tod wird bekant haben, alſo hat ſie eben deswegen wenig unterricht von glaubens-ſachen bekommen; Wie ſie denn bey ſolcher kirche die weibs perſonen dahin nicht, ſondern mehr da - von abhalten. Hingegen 4. hat ſie aus denſelben principiis den pelagi - aniſmum de viribus lib. arb. ſodann die opinion der ſeligkeit aus den guten wercken und der heiligung geſogen, und behalten. 5. Das ver - dieuſt CHriſti hat ſie erkant, aber in articulo pe juſtificatione deſſen impu - tation nicht wollen unſere gerechtigkeit ſeyn laſſen, ſondern more ſuæ eccle - ſiæ davon ſtatuiret, welche auch das verdienſt CHriſti zum fundament leget, aber doch in der rechtfertigung dabey nicht allein bleibet. Von dem verdienſt CHriſti habe mit Herrn Poiret vor 7. oder 8. oder mehr jahren(denn139ARTIC. I. SECT. XXIX. (denn mich nicht ſo eigentlich entſinne) als er zu Franckfurt war, und zu ihr in Holland hin ginge, geredet, und da er gegen mich ihrer meldung that, die - ſes ſonderlich gegen ſie excipiret, daß ich ſorgte, ſie hierin den grund umriſ - ſe; Er aber, mit verſicherung alle ihre ſachen mit gnugſamen fleiß geleſen zu haben, bate mich, ihm alle die loca, welche mir in dieſer materie verdaͤchtig vorkaͤmen, zu zeigen; Wolte mir darauf aus ihr ſelbs die erklaͤrung zu voͤlli - gem vergnuͤgen weiſen: Jch mußte mich aber entſchuldigen, weil ich weder zeit noch das meiſte geleſen hatte. 6. Da ſie nun allein von den ihrigen auf die heiligkeit des lebens gewieſen wurde, ſo ſtund alle ihre bemuͤhung auf die - ſelbe bey ſich und bey andern gerichtet. Nachdem ſie denn mag uͤber den Lo - cum, Matth. 16, 24. gekommen ſeyn, nahm ſie ſolchen vor die einige regul ihres gantzen Chriſtenthums an. Und halte ich, wer die ſache fleißig un - terſuchen wird, werde finden, daß was ſie gutes hat, lauter gute ſchluͤſſe ſo zu reden aus dem einigen ſpruch, wo ſie aber in practicis fehlet, paralogismi aus demſelben ſind. 7. Wie ſie nun alles, was ſie daraus zu folgen meinte, den rechten willen GOttes zu ſeyn erachtete, und glaubte, daß ſie ſich dar - nach beſtrebte, hingegen niemand anders ſahe, welcher dergleichen auch thaͤ - te, fiel ſie in die perſuaſion, daß ſie allein eine Chriſtin, und ſonſt niemand mehr, in der welt uͤbrig waͤre. Daruͤber dienete alle das boͤſe leben, ſo ſie an andern ſahe, ſonderlich wo man ſich ihr noch ferner widerſetzte, ihr zu ver - mehrung ihrer einbildung, und mochte ſie glauben, daß ſie von GOtt zu et - was ſonderes geſetzt ſeye. Jn ſolcher perſuaſion fing ſie an zu glauben, was ſie thaͤte und gedaͤchte, waͤre GOttes eingeben; wie nichts leichter iſt, als wo man einmal angefangen von ſich hohe gedanckẽ zu ſchoͤpffen, daß man ſich je mehr und mehr darinnen gefalle, und keine maaß mehr zu halten wiſ - ſe: Sonderlich wenn andere dazu kommen, die dergleichen auch an uns zu erkennen ſagen, die koͤnnen einen ſonſt klugen, aber nun mehr einbildiſchen, menſchen faſt zum narren uͤber ſich ſelbs machen. 8. Da ſie nun aller orten von den geiſtlichen hart tractiret wurde, kam gegen dieſelbe ein unverſoͤhn - licher haß, daß ſie dieſelbe vor die vornehmſte werckzeuge des teufels ge - gen das gute achtete und ſchalt. 9. Weil ſie nun ſich vor unmittelbar von GOTT erleuchtet achtete und glaubte, war darnach leicht, daß ſie jeg - lichen ihren einfall, wo ſie von glaubens-ſachen reden wolte, dero gruͤndli - chen begriff ſie nicht hatte, ſondern allein ihren raiſonnements nachhinge, vor wahrheiten ausſchriebe, und behauptete. Dieſes iſt, wie ſie mir vor - komt, und koͤnte ich nicht anders in meinem gewiſſen von ihr halten, hoffte auch, wo ſie waͤre in unſeren gemeinden erzogen worden, und haͤtte unſere wahrheiten recht eingeſehen, ſo ſolte ſie nicht auf ſolche abſurda gekommen ſeyn. Habe alſo ein mitleiden mit ihr, als einer Papiſtin, die ſich darnachſ 2uͤber -140Das ſiebende Capitel. uͤberſtiegen; trauete aber nimmermehr / ihre ſachen einem commercio mit dem teufel odeꝛ deſſen eingeben zu zu ſchreiben / ſondern meine / daß ich genug zeigen kan / wie es habe koͤnnen von ihr ſelbs herkommen. Und haben ſonſt fromme vornehme leute (darunter E. Excell. einen vorneh - men und klugen ſtaatsmann kennen / ſo ſie eine zeitlang bey ſich gehabt) kein zeugnuͤs der boßheit gegeben / ob ſie wol zuletzt mit ihrer faſt untraͤg - lichen haͤrtigkeit nicht zu frieden ſeyn koͤnnen und wieder von ihr abgelaſ - ſen. Jhre ſcripta, hoͤre / fangen an viel in Jtalien zu kommen / und darin unter den Papiſten geleſen zu werden. Faſt gleiches / was oben gemel - det / habe auch vor einem halben jahre an einen Baron / ſo unſer confes - ſion zugethan / und in ſchreiben / wie viel erbauung er aus ihren ſchrifften haͤtte / ruͤhmete / dabey ein bedencken begehrende / geantwortet; was er repliciret / ſende hierbey / ſolches mit gelegenheit wieder erwartende. Jch habe ort und namen weggelaſſen / weil er ſich etwa daruͤber beſchweren moͤchte / daß ohne erlaubnuͤß ſeinen brief vorzeigete. Daraus iſt zu ſe - hen / was gegen mein ſentiment excipiret / habe ihm auch noch nicht ge - antwortet / weil gemeint nach ſeiner vertroͤſtung muͤndlich mit ihm zu ſprechen / und weiß dißmal nicht wo er iſt.
DJe geliebte hauß-frau ſtaͤrcke GOtt in der evangeliſchen erkanten warheit / und laſſe nicht zu / daß ſie einigerley weiſe davon abgewen - det werde / ſondern in ſolcher erkaͤntnuͤß mit einfaͤltigem hertzen und glaͤubigem gehorſam ihrem GOtt treulich diene. Es iſt die kirche freylich eine arca Noæ, auſſer der kein heil iſt / aber das iſt ein ſolcher ruhm / welcher der gantzen GOtt allein bekannten anzahl aller rechtglaͤu - bigen in der gantzen welt / in denen GOtt den wahren glauben und goͤtt - liches vertrauen auf das verdienſt Chriſti gewircket / allein zuſtehet / am allerwenigſten aber ſich derſelbigen wuͤrde die Roͤmiſche kirch / die noch wol unter allen particular kirchen (wie ich ſie nicht anders als eine par - ticularem erkennen kan. ) der corrupteſten eine iſt / anmaſſen kan. Ach wol dem / welcher anfaͤngt die kirche nicht mehr mit fleiſchlichen augen / oder vornemlich nach dem euſſerlichen anzuſchauen / ſondern in dem geiſt zu erkennen! wie wird der ſelbige ſeinem GOtt ſo hertzlich zu dancken ur - ſach / und eine ſolche zufriedenheit in ſeiner ſeele / unter dem uͤbrigem vie -lem141ARTIC. I. SECT. XXXI. lem ſtreit von der kirche / finden. Dem HErrn unſerm GOtt ſey ewi - ger danck / der mich ſolches durch ſeine gnade erkennen / und noch dazu in der evangeliſchen gemeinde gebohren und auferzogen hat werden laſſen / daß ich mit Timotheo von jugend auf die heilige ſchrifft vor mir gehabt / und ohne abſicht auf einiges menſchen autoritaͤt / allein deßwegen / weil ich GOttes wort vor mir hatte / um deſſelben willen zu glauben angewie - ſen worden bin. Wer alſo ſtehet / der ſtehet durch GOttes gnade feſt. Der HErr gebe ſolches allen menſchen / ſonderlich denjenigen / welche noch auf menſchen autoritaͤt ſehen / und alſo ihren glauben auf einen ſand bauen / kraͤftig zu erkennen / und laſſe ſein liecht aller orten und in allen hertzen heller aufgehen.
DEr bekante Biſchoff von Thina, iſt / vor dem als E. Excell. brieff bekam / bereits bey mir geweſen. Jch kante ihn aber nicht ehe / als wir beyſammen ſaſſen / dann er ſich unter fremden namen anmel - den laſſen. Er war wol drey ſtunden bey mir / und erzehlte mir alle ſeine vorſchlaͤge / und begehrte meine meynung davon. Jch antwortete / als viel zeit und ſolcher ploͤtzlicher vortrag / deſſen mich nicht verſehen / zugegeben / und zeigte / wie ich nichts anders als lauter unthunliches und gefaͤhrli - ches in der gantzen ſache ſehe. Mußte ihm ein und anders in die hand geheim zu halten verſprechen. Fand aber nachmal alles ſolches ſchon in den geſchriebenen dingen / ſo mir Landgraff Ernſts Durchl. communi - cirte / da ſo wol der Hannoveriſchen Theologen bedencken war / als das andere Project (ſo ich faſt davor gehalten des Biſchoffs ſelbs zu ſeyn) daruͤber jene auch ein kuͤrtzer judicium beygefuͤget. Wie nun ſchon damal das werck hoͤchſt gefaͤhꝛlich geachtet / ſo komt mirs nun deſto mehr der maſ - ſen vor / nach dem der Biſchoff eine ſolche relation bey Keyſ. Majeſt. ab - gelegt / daß ſelbige ſolle bewogen worden ſeyn / dero namen dazu zu ſpen - diren / und ihn zu einiger negotiation auf gewiſſe weiſe zu autoriſiren. Verhuͤtet GOTT nicht gnaͤdiglich das von gegentheil geſuchte / ſo ſorge ſehr / man wird an ein und andern orten ſich præcipitiren / und ohn bedacht der groſſen conſequenz auf ſreundliches zureden dieſes dazu wol geſchickten mannes ſich etwa ſo weit engagiren / daß gemeiner ſache ein ſchaͤdliches præjudiz zugezogen werde / da man nach mal mit ehren nicht wol wieder zuruͤck kan / und es zu gefaͤhrlichen und mißlichen reſolutionen zu letzt ausſchlagen doͤrffte. So bekommenſ 3wir142Das ſiebende Capitel. wir leicht ein ſchiſma unter uns ſelbs, und erlangen jene aufs wenigſte den umtritt ein und anderer, den reſt nachmal ſo viel leichter zu unterdrucken, auch deſſen ſpecioſen titul zu haben, daß man zu keinen heilſamen und rai - ſonablen vorſchlaͤgen (wie dieſe und jene gethan) ſich verſtehen wolte, und al - ſo auf andere art nun tractirt werden muͤſſte. Meines wenigen ermeſſens iſt in aller ſolcher ſache unter beyden parteyen allzumercklicher unterſcheid, und koͤnnen in ſolchen tractaten ſich die Roͤmiſche nichts zu nachtheil præjudi - ciren, in dem alles zugegebene zu ſeiner zeit (ſolte es auch ſchon nicht von dem Papſt allein geſchehen, jedoch durch ein von ihm nach ſeinem willen for - mirtes concilium) retractirt werden kan, und in dem einigen punct der autoritaͤt der kirchen virtualiter mit begrieffen iſt, was ſie verlangen koͤnnen: Wir aber haben allzu groſſes præjudiz dabey, und laͤſſt ſich ohne ſchaden kein tritt mehr alsdann zuruͤck thun, den wir einmal gethan: ſo gar daß ich ſorge, auch nur einige einlaſſung in tractaten habe bereits etwas ſolcher natur. Eure Excellenz bemercken hochvernuͤnfftig, daß ſehr moͤge gezweif - felt werden, ob das jenige, was der Biſchoff gleichſam anpræſentirt von ſeinen eigenen nachmal werde angenommen und præſt[i]rt werden: welches auch alſo zu gedencken ſeine wichtige urſachen hat. Jch bekenne aber, daß in fernerem nachſinnen davor gehalten, wo ich die art der leute und des Roͤmiſchen ſtaats, auch einige derſelbigen nicht ſo gar heimlich haltende hypotheſes, erwege, es ſeye wol muͤglich, daß man zu Rom dasjenige / was der Biſchoff bey mir ſagte, auf gewiſſe weiſe accordiren doͤrffte. Jn dem zwar einige ſind, ſo ſcheinen wider dero uͤbrigen maximen und intereſſe zu ſeyn: es erſetzet ſich aber ſolcher ſcheinender verluſt reichlich wieder, wann ſo viele lande unter den gehorſam des Paͤbſtlichen ſtuls quo - cunque modo kommen, welcher ſeine mittel gnug hat, zu ſeiner zeit allge - mach alles zu redreſſiren, wie es ſein intereſſe erfordert, in welcher hoffnung ſie eine zeitlang temporiſiren koͤnnen: da darf man ſich nicht ſo leicht mehr foͤrchten vor einem neuen ausbrechenden ſchiſmate, ſondern weiß derſelben gefahr, nachdem man einmal kluͤger worden, leichter vorzubeugen, als den laͤngſt erlittenen verluſt auf immer zu verſchmertzen. Jch ſehe mich um wo ich will, ſo finde nichts, worauf nur einige hoffnung etwas guten gruͤnden koͤnte. Wir ſollen ſo zu reden zum voraus, auf einige declarationes gewiſſer articul (die doch meiſtens endlich dahinaus lauffen wuͤrden, daß wir bis daher mit ungleichen auflagen der catholiſchen kirchen unrecht gethan haͤt - ten, und alſo die ſchuld auf uns und unſern voreltern erſitzen blibe) ſo dann conceſſionem calicis, matrimonii clericorum und dergleichen catholiſch werden, das iſt uns unter den voͤlligen gehorſam der kirchen (da wir aber wol wiſſen, was ſolches wort heiſſe) begeben, und auf das nechſte conci -lium143ARTIC. I. SECTIO XXXI. lium compromittiren: und dieſes wird nachmal von allem endlich ſeine deciſion geben und gleichſam erſt ſprechen muͤſſen, ob uns im vorigen Tri - entiſchen recht oder unrecht geſchehen. Und was wollen wir thun, wo ſol - ches concilium alle vorige, ob wol noch ſo ſehr ciauſulirte, conceſſiones gar aufhuͤbe? Wir muͤſſen ja voraus ſeine infa libilitaͤt und irrefragabilem autoritatem erkennen, und uns demſelben ſchlechter dings unterwerffen, als dagegen wir keine, nemlich genugſam kraͤfftige, mittel uͤbrig behalten. Daher ich gehofft, daß ſie die evangeliſche vor vorſichtiger halten wuͤrden, als ſolche unbedachtſamkeit ihnen zu zu muthen. Wie viel aufrichtiger ſolte es lauten, wo ſo bald von einem concilio gehandlet, und ſolches auf eine art, als wir damit zu frieden ſeyn koͤnten, eingerichtet wuͤrde, auf deſſen erfolg die reunion vorgenommen werden moͤchte. Aber ich verſichere mich billich, ſie wiſſen wol, daß aus dem concilio ſchwerlich iemand erſt papiſtiſch wuͤr - de werden, alſo ſollen die leute vorhin durch gute hoffnung davon uͤberre - det und dahin gebracht werden, daß ſie nachmal, wie es auch mit dem concilio abgehe, nicht mehr zuruͤcke treten koͤnnen: Es wird uns zugemu - thet, wir ſollen ein ſo groſſes auf ein concilium ſetzen, und ihm alles gutes zutrauen, und doch ſoll ſolches alſo gehalten werden, daß niemand anders zu dem ſugragio gelaſſen werden kan, als der als ein Biſchoff dem Pabſt bereits unterworffen iſt, welcher auch die direction behaͤlt, und das haupt der kir - chen bleibt. Jn der erſten kirchen war es gar ein anders, da neben dem Roͤ - miſchen noch die 4. Orientaliſche Patriarchen pari poteſtate waren, und nicht alle Biſchoͤffe von Rom dependirten: auf welche weiſe, wo man ja die orientaliſche kirche vor abgeſondert haͤlt, und die abendlaͤndiſche allein die kirche ſeyn ſoll, ob wol ſolche vor dem in der weitern dero extenſion al - lein unter den Roͤmiſchen Biſchoff als ober-aufſeher gehoͤret hat, zu vermei - den die gefahr des monarchici regiminis (ſo in der kirchen unertraͤglich) und es hingegen auf die art eines ariſtocratici wieder zu bringen, zum wenigſten nothwendig waͤre, daß der Pabſt ſeinen occident mit einigen Patriarchen, ſo an ſtatt deꝛ andeꝛn alten mit ihm gleich, coordinati nicht ſubordinati waͤꝛen, theilen muͤßte, wie alſo ein Patriarcha Latinus, Teutonicus, Slavonicus &c. ſeyn koͤnte. Jch ſorge aber man wuͤꝛde zu Rom ehe alle itzige ſo genante ke - tzer bleiben laſſen, was ſie ſind, als ſothanes ſtuhls angemaſſte allgemei - ne gewalt im wenigſten zugeben zu ſchwaͤchen. Alſo daß in der that heraus kommen wird, man ſuche nicht, wie vorgegeben wird, die einigkeit der kir - chen ſelbs, welche unter mehrern Patriarchen ſtehen kan, ſondern die einig - keit des haupts, und alſo die ober-botmaͤßigkeit von Rom, welche ich nicht anders als das hertz des Antichriſtenthums achten kan. Daher ob in an - dern articulen faſt voͤllige ſatisfaction geſchehe, dieſes der haͤrteſte knotenbleiben144Das ſiebende Capitel. bleiben wuͤrde, quo ſalvo Romanis omnia ſalva, nobis intuta. Aber wo komme ich hin? Jedoch hoffe Eure Excellenz werden mir meine prolixi - taͤt großguͤnſtig zugut halten, da aus wehmuth meines hertzens ſchreibe, die mir das anſehen ſolcher unſerer gefahr eindruckt. Verſehe mich aber daß E. Excellenz mit erleuchtetem verſtand dieſes alles von ſelbſten viel eigenlicher einſehen, und auch ihres orts dahin nach dero vielem vermoͤgen cooperiren helffen werden, daß die liſtige widerſacher uns nicht eine breche machen, ehe wir nur des feindes gewahr werden. Der HErr aber ſey ſelbs der beſchirmer und retter ſeiner wahrheit: ſo es auch thun, und da die gerichte an ſeinem hauſe vollbracht, dieſelbe uͤber deſſen widerſacher fuͤhren wird.
DEſſelben von dem 23. Auguſti ſt. n. wiederum an mich freundlich ab - gelaſſenes hat mich hertzlich erfreuet, ſo wol durch bezeugung der ge - gen uns allhier fortwaͤhrenden chriſtlichen liebe, als mitgetheilten berichts wegen erfreulicher loßlaſſung deſſen geliebten Herrn bruders. Laſ - ſet uns dieſes ein zeugnuͤß ſeyn wie der HERR maͤchtig ſey, diejenige, welche nach dem maaß der beywohnenden gnaden ſeine ehre ſuchen zu befoͤr - deren, und um dergleichen dinge willen leyden muͤſſen, die bloß dahin die uͤ - bung der thaͤtlichen gottſeligkeit angehen, (wie ich verſtanden habe / daß das leyden deſſelben geehrten Herrn bruders darinnen beſtanden ſeye) zu rechter zeit zu erretten, nachdem ſie die erfoderte proben ihrer gedult durch ſeine gnade gegeben haben. Ach wie leicht iſts dem HErrn, nicht nur mit einem wunderwerck Petrum aus den banden heraus zu fuͤhren, ſondern auch derjenigen gemuͤther, welche mit unrecht einigen unſchuldigen in banden ge - legt, ſelbſt zu bewegen, daß ſie den ungrund ihrer beſchuld: gungen erkennen, und die loßlaſſen, welche ſie verhafftet gehalten. Jſts aber auch vonnoͤthen in den banden ſein leben zu laſſen, ſo iſt der ſieg ſo viel herrlicher, ſo viel das leyden in ſachen, welche GOTTes ehre betreffen, ſchwerer geweſen. Der HERR gebe uns allen verſtand, was ſein wille ſeye, in allem ohne fehl zu erkennen, und nachmal um demſelben hertzlich nach zu eyfferen, und ihmſo145ARTIC. I. SECT. XXXII. ſo viel mit gehorſam, als wo ers alſo erfordert mit leyden uͤber denſelben willig zu preiſen. Das verlangen meines hochgeehrten Herrn nach der einigkeit des glaubens iſt an ſich ſelbſten ſo gantz gut, daß deꝛjenige nicht wuͤrdig waͤꝛe ein chriſt zu heiſſen, welcher nicht von grund der ſeelen ſolches verlangete, und GOTT den allmaͤchtigen um ſolche gnade offters anflehete. Alldieweil al - le mißhelligkeit von irrthum kommet, die wahrheit aber eine iſt. Und das iſts freylich, was ich eben wuͤnſche und bete, daß der heiligſte wille unſers GOttes in und durch uns vollbracht wuͤrde, als welcher iſt uns zu heiligen in der war - heit, dann allein ſein wort iſt die warheit. Wie aber zu ſolcher verlangender einigkeit zu kommen ſeye, davon laſſe ich andere, von GOTT mehr begabte reden, dasjenige, was ſie nach ſolchem maaß der gnaden vor das nuͤtzlichſte er - kennen. Jch hoffe, nicht gefaͤhrlich zu irren, wo ich davor achte, auf die art ſeye zu recht zu kommen, wann man da die ſache beſſert, wo vorhin gefehlet worden. Wann dann nun zwar der teufel und deſſen inſtrumenta aller ketzereyen, trennung und irrthumen urſach ſind, aber doch gleichwol ohne des heiligſten GOttes gerechte zulaſſung etwas dergleichen einzufuͤhren nicht ver - moͤgten, was der warheit entgegen iſt, ſo haben wir zu ſehen, warum der ge - rechte GOtt zu ſolcher betruͤbten verhaͤngnuͤß in ſeinem gericht bewogen wor - den, daß er die arme kirche bey ſo vielen ſecten mit ſo vielen irrthumen erfuͤllet hat laſſen werden, damit die einfaͤltige warheit ſchrecklich verfinſtert, und ſie zu finden vielen gar ſchwer gemacht worden. Jch finde aber keine offenba - rere urſach, als welche Paulus anzeigt 2. Theſſ. 2. Dafuͤr, daß ſie die war - heit (die heiſſet aber nicht nur die der warheit gemaͤſſe lehr-puncten und pro - poſitiones, ſondern die rechte thaͤtliche warheit, oder wie es unſer Lutherus nachdruͤcklich gibt Epheſ. 4, 21. das rechtſchaffene weſen, das in CHri - ſto JEſu iſt) nicht haben angenommen (derſelben geglaubet, gefolget, gehorſamet, ſie in ihrem gantzen leben erwieſen) daß ſie ſelig wuͤrden / hat ihnen GOTT geſandt kraͤfftige irrthuͤme, daß ſie glauben der luͤ - gen, m. f. w. Wie ich nun nicht zweiffele, daß dieſes eine der haupt-ur - ſachen iſt / welche ich glaube, allen irrthumen anlaß, oder GOTT zu dero verhaͤngung urſach gegeben zu haben, alſo bleiben auch ſolche irrthum ſo lang, als man ſolches holtz und ſtroh, damit goͤttliches gericht angezuͤndet, ferner erhalten wird, nicht wegraͤumet. Solle aber der Sache geholffen werden, ſo wirds etwa nicht einfaͤltiger und gewiſſer geſchehen, (weil mit diſputatio - nen wenig bishero ausgerichtet worden, noch auch mit ſyllogiſmis der goͤtt - liche glaube in die ſeele gebracht werden kan, als der nicht eine wirckung der eines aus dem andern ſchlieſſenden vernunfft, ſondern goͤttliche krafft ſeynIV. Theil. tmuß146Das ſiebende Capitel. muß) als daß man allerſeits die ſache nicht anfange allein von debattirung der ſtreitigen lehrpuncten, ſondern ſetze zum fundament dasjenige, was auch wahrhafftig das einige fundament des glaubens iſt, nemlich JEſum Chriſtum den gecreutzigten und auferſtandenen, welcher uns alle durch ſein theuer verdienſt von ſuͤnde, tod und teufel erloͤſet, ſeinen himmliſchen va - ter uns verſoͤhnet, und uns damit ſo wol verbunden als auch darzu die gnade und heiligen Geiſt erlangt habe, daß wir ſeines todes und auferſte - hung theilhafftig, kraft jenes allen ſuͤnden ſuchen abzuſterben, und das fleiſch zu creutzigen; kraft dieſes mit ihm auferwecket ein heiliges und ge - rechtes leben fuͤhren. Damit ſtehet der glaube, als das einige mittel un - ſerer gerechtigkeit und ſeligkeit und die liebe, als deſſen erſte frucht auch fol - gends regiererin unſeres gantzen lebens. Wo wir dieſen grund rechtſchaf - fen geleget, ſo ſtehen wir auf dem wege der ſeligkeit, die uns nicht fehlen wird, da wir auf demſelben fort wandern in ſolchem glaubigen vertrauen, liebe und ſtaͤtigen verlangen in ſolchem guten zu zunehmen. Dahin dann gehoͤren wird der fleiß, ſtaͤtig ſich zu uͤben in dem wort unſers Heilandes, darinnen wir ſo wol die milch als ſtarcke ſpeiſe finden werden, durch die al - le, ſie ſeyn junge kinder oder erwachſene in Chriſto, jeder ſeine nothwendige nahrung zu ſeinem wachsthum finden wird. Wo wir nun in ſolchem wort unſers Heilandes, der ſchrifft, vornemlich im neuen teſtament uns fleißig uͤ - ben werden, aber in derjenigen ordnung, daß wir immerfort unſern himm - liſchen vater hertzlich um ſeine gnade anruffen, daß er unſere hertzen oͤffne, ſo dann auf die wort Chriſti und ſeiner Apoſteln gantz einfaͤltig acht geben, ohne abſicht auf einiges menſchen auslegung, wie vornehm oder groß der - ſelbe in der welt geachtet wird, folglich dieſe ordnung halten, daß wir erſtlich bey nichts uns aufhalten, als denjenigen dingen, welcher verſtand gantz deutlich, unſtreitbar und auch kindern vernehmlich iſt, aber ſo bald mit al - ler kraft, ſo uns GOTT gibet, uns dahin zu beſtreben ſuchen, daß wir ſolche dinge, ſo viel das jenige anlanget, was GOTT von uns erfordert, ſtracks in die uͤbung bringen, und unſer leben darnach richten: So iſts un - zweiflich wahr (nach der verheiſſung, daß wer da hat dem wird ge geben werden Matth. 25, 29. und daß GOTT den unmuͤndigen und einfaͤltigen ſich offenbaret Matth. 11, 25.) daß ein ſolcher menſch immer in der wahr - heit wachſe, und da er vorhin aus ſchuld ſeiner auferziehung, und der euſſer - lichen kirchen, bey dero er gelebet, irrthume gehabt, dieſelbe fahren laſ - ſen wird, als der von GOTT in ſeinem wort anders lernet, als er von an - dern war gelehret worden. Ach wuͤrde dieſer weg practiciret, wie in kur - tzem wuͤrde durch goͤttlichen ſegen ſich ein herrlicher effect erweiſen, und die laͤngſt verlohrne, und nur noch in denen GOTT recht ſuchenden ſeelen be -findli -147ARTIC. I. SECTIO XXXII. findliche einigkeit des glaubens auch wiederum euſſerlich und offentlich her - vor leuchten. Jndeſſen iſt nimmermehr meine meinung, daß es indifferent ſeye, bey einer Confeſſion zu ſeyn oder zu bleiben, wie jeglichem gefaͤllig, in dem nicht nur der jenige allein ſeinem GOtt ſchwere rechnung geben wird, welcher einer ſolchen zu gefallen wider ſein gewiſſen das jenige zu glauben uͤ - bernimmet, davon ihn ſein gewiſſen des gegentheils uͤberzeuget, ſondern auch einige ſecten alſo ſeyn koͤnnen, und ſind, daß etliche derſelben lehren dem oben geſetzten fundament bereits entgegen ſind, und alſo noch ſo viel ſchwe - rer wird, bey denſelben nur einen grund des glaubens zu legen. Hingegen halte ich auch nicht, daß zu ſolchem erſten grund, und eingang in den ſtand der ſeligkeit, in dem wir noch ferner fortwandern muͤſſen, noͤthig ſey die erkaͤnt - nuͤß und deciſion aller der religions-ſtreitigkeiten, ſo jetzo leider faſt bey allen ſeiten das meiſte ſind, womit man umgehet. Sondern es moͤge einer be - reits ein guter und glaͤubiger, daher feliger chriſt ſeyn, welcher ſeinen glau - ben auf das obige fundament geſetzet, und darauf ſeinem GOtt getreulich dienet, in ſtaͤtem fleiß mehrers wachsthum und willigkeit, alles das liecht, ſo ihm ſein vater in dem himmel ferner geben wuͤrde, mit demuth und danckbar - keit anzunehmen: Ob er wol wircklich nach demjenigen, wie er von men - ſchen unterrichtet worden, noch unterſchiedliche irrthume bey ſich hat, aber immer bereit iſt, ſeines GOttes ſtimme zu folgen: welche ihm dann auch ſol - che ſeine irrthum annoch zeigen oder aber an ſeinem heil ihm unſchaͤdlich ma - chen wird. Was das exempel Pauli, der an die Galater ſchreibet, daß ſie Chriſtum verlaſſen, anlanget, iſts freylich ſo, daß ſie Chriſti nicht theilhaff - tig werden konten bey dem irrthum, darzu ſie ſich von Chriſto durch die falſche Apoſtel abfuͤhren lieſſen, alldieweil ſolcher irrthum nicht nur die be - ſchneidung betraff, ſondern es ſelber um das fundament des heils zu thun ware, ob allein die gnade JEſu Chriſti, dero ſie durch den glauben theilhaff - tig wuͤrden, oder die wercke des geſetzes, ſie ſelig machen muͤſten, damit wur - de ein anderer grund geleget, als geleget werden ſolte. Und eben dieſes iſt auch die meinung unſers Herrn NN. wie er ſich gegen mich erklaͤret, und alſo von meinem hochgeehrten Herrn nicht voͤllig gefaſſet muß ſeyn worden. nemlich daß es leider bey der euſſerlichen chriſtlichen kirchen in ein ſolch ver - derben gefallen ſeye, daß wie dieſelbe ſich in ſo viel kirchen und ſecten ge - ſpalten, ſich keine der wahrheit alſo ruͤhmen koͤnne, daß alle, welche dero of - fentlichen lehrſaͤtzen beypflichteten, deswegen ſo bald ſelig, hingegen alle an - dere, die dieſelbe nicht anzunehmen vermoͤchten, von dem heil ausgeſchloſſen waͤren: wie gleichwol faſt jegliche ſolches von ſich ruͤhmen will: ſondern GOtt habe annoch durch ſeine unerforſchliche guͤtigkeit einigen guten ſamen erhal - ten in ihm bekanten und von ihm in ihrer einfalt ſich fuͤhren laſſenden ſeelen,t 2wel -148Das ſiebende Capitel. welche krafft derjenigen wahrheit, ſo viel von GOttes wahrheit bey jeglicher verſamlung annoch uͤbrig ſeyn mag, bey einer mehr, bey der andern weniger, das fundament ihres glaubens in Chriſto dem gecreutzigten und auferſtan - denen, aus dem ſie allein ihr heyl haben, geleget, ihrem GOTT in ihrer einfalt dieneten, ſich ſeiner leitung nicht widerſetzten, und alſo in dem wenigen oder mehrern pfund, ſo ſie empfangen, treu wuͤrden: Jndeſſen entweder von den uͤbrigen irrthumen ihrer kirche wenig wiſſen, noch ſich derſelben an - nehmen, oder wo ſie denſelben aus mangel beſſern unterrichts beypflichten, auch dero ihnen verborgener fehler, wie anderer ihnen unbekanter ſuͤnden, vergebung von dem liebreicheſten vater in dem himmel erlangen. Dahero wir die wahre allgemeine kirche, auſſer welcher freylich kein heil ſeyn kan, nicht allein in einem gewiſſen cœtu und euſſerlichen gefaßten corpore zu ſu - chen haben, als die da beſtehet in der anzahl derer, welche mit dem goͤttlichen liecht des wahren, einfaͤltigen, lebendigen, ob wol in dem maaß der erkaͤnt - nuͤß und deß liechts unterſchiedenen, glaubens begnadet, daher wahrhaffti - ge glieder des geiſtlichen leibes CHRJSTJ ſind. Und dermaſſen glau - be ich auch. Daher, ob ich wol meinem GOTT inniglich dancke, der mich in der euſſerlichen gemeinſchafft der evangeliſchen kirchen hat laſſen geboh - ren und erzogen werden, als von welcher ich in meiner ſeelen verſichert bin, daß deroſelben und alſo unſere lehr dem einfaͤltigen goͤttlichen wort gemaͤß, und nicht in einigem articul falſch ſeye, als der ich ſolche lehre nicht cœca o - bedientia von meinen præceptoribus gefaſſet, ſondern nach der gnade GOttes, die mir gegeben, aus der ſchrifft allezeit gepruͤfet habe und noch pruͤfe: Weswegen wo von einer heut zu tage ſichtbaren wahren kirche ge - fraget wird, ich keine andere, als die unſerige zu nennen vermag, als der ich die uͤbrige alle, nach dero lehre, aus meinem gewiſſen mit ſehr ſchwe - ren irrthumen beflecket zu ſeyn erkenne, und offentlich beſeufftze: So werde doch nimmermehr dahin kommen, daß ich ſagen wolte, unſere evangeliſche kirche ſeye alſo die wahre kirche, daß auſſer dero euſſerlichen gemeinſchafft o - der ohne punctliche billigung aller und jeder unſerer lehrſtuͤcke niemand ſelig werden koͤnte, als der ich freylich wol weiß, daß GOTT einige ſeiner kinder bey andern ſelbs in der lehre verderbten gemeinden uͤbrig habe, die gleich wie ſie mit uns in dem grund voͤllig uͤbereinkommen, alſo in einer gemein - ſchafft des geiſtes ſtehen, nur daß GOTT ſeine heilige und uns zu be - greiffen annoch allzu hohe urſachen hat, warum ers mit den kirchen noch in den ſeligen ſtand nicht kommen laͤſſet, daß ſolche innerliche ge - meinſchafft des geiſtes auch zu euſſerlicher vereinigung, zu aller ſo viel hertzlicher freude und erbauung, gelange. Worinnen gleichwol, wie in der geſamten regierung ſeiner kirchen, eine groſſe tieffe des reich -thums149ARTIC. I. SECTIO XXXII. thums beyde der weißheit und erkaͤntnuͤß verborgen ſteckt, bis ſichſolcher dermaleins uns voͤlliger offenbare, da wir etwa jetzo nur zu weilen einen kleinen blick hierinn zu thun gelaſſen werden. Weswegen ich andere Se - cten zwar hertzlich bejammere, und keinen tag vergehen laſſe, daß nicht zu ſamt den meinigen in unſerem gebet GOtt den himmliſchen vater um ſol - cher un-falſch - oder irr-glaͤubiger bekehrung anflehete, aber gegen dieſelbige weder einen haß der perſon trage, noch ſie alſo anſehe, als haͤtte GOTT nicht unter denſelbigen auch noch einen verborgenen guten ſaamen von lie - ben ſeelen, die wol GOTT ihrem vater angenehmer ſeyn koͤnnen in ihrem geringen liechtlein der wahrheit, davor und in dem ſie ihm treuer und danckbarer werden, als etwa wir, welche das liecht der wahrheit auch offent - lich ſcheinend haben, und alſo von rechtswegen mit noch mehrer danckbar - keit ihme begegnen ſolten. Daher, wo ich von je mand bey anderen, der lehre nach von uns unterſchiedenen gemeinden, hoͤre, daß er anfange ſei - nem GOtt mit ernſt zu dienen, freue ich mich hertzlich, aus ſolcher guten be - wegung hoffend, er ſeye entweder ſchon wircklich in dem ſtande, da ſein glaube auf dem wahren grund beruhe, auf dem ihn GOtt mehr befeſtigen und erleuchten werde, oder es ſeye doch an dem, daß ihn GOTT auch zu ſolcher gemeinſchafft bringen wolle. Jndeſſen leugne ich nicht, daß bey nahem unter allen ſecten ich ſchwerere verderbnuͤß nicht anzutreffen meine, als bey der Roͤmiſchen kirchen, daher auch ſorge, es gehe bey keiner ſchwerer her, ſolchen grund zu erhalten, als bey deroſelben. Daher mein hochge - ehrter Herr ſich verſicheren wolle, daß, ſo offt ich derſelben, oder einiger per - ſon in ihrer gemeinſchafft gedencke, das hertz mir uͤber dero gefaͤhrlichen ſtand mit erbarmender liebe uͤbergehe; Jn dem nicht nur allein dieſelbe vor allen andern mehr in ein gantz politiſches weſen und form einer reipublicæ nach der welt art, gar weit von der geiſtlichen art des himmelreichs Chriſti verfallen, ſondern mich betruͤbet meiſtens, weil nunmehr das principium in deroſelben ſo vieles von menſchlicher autoritaͤt in ſich hat, wann die auto - ritaͤt der kirchen, concilien, vaͤter und dergleichen, der autoritaͤt der heili - gen ſchrifft an die ſeiten geſetzt, ja dieſer anſehen und verſtand auf jene ge - gruͤndet wird. Wo ich gleichwol nichts anders erkennen kan, daß genug ſeye meinen glauben zu gruͤnden, als das zeugnuͤß des heiligen Geiſtes ſelbs, wie derſelbe in der ſchrifft redet, und durch die ſchrifft in dem hertzen der je - nigen, die ſie mit einfalt und gehorſam leſen, die warheit verſieglet: ohne einige reflexion auf einigen menſchen, von deme ich nichts anders, als ein zeugnuͤß der wahrheit, ſo ſich noch erſt aus der ſchrifft beurtheilen laſſen muß, annehmen darf. Jetzo nicht zu gedencken, wie auch ſonſten ſo viele lehren in dero kirchen, den menſchen von GOTT auf ſich und andere creatu -t 3ren150Das ſiebende Capitel. ren weiſen, daß ich nicht ohne innigliche betruͤbnuͤß an manche greuel, aber - glauben, abgoͤtterey gedencke, ſo in deroſelben kirchen in dem ſchwang gehen. Und iſt eben dieſes meine vornehmſte hoffnung, weil GOtt das gericht der verſtockung uͤber ſolche kirche deswegen verhaͤnget, weil ſie von ihme die lie - be zur wahrheit in hertzlichem gehorſam nicht haben angenommen, noch Gott davor danckbar geweſen, daß jetzt ſo viele darinne glauben den luͤgen: Daß hinwieder, wo die jenige, deren hertzen GOtt kraͤfftig darzu ruͤhret, erſtlich nur allein die euſſerliche abuſus, ſo dann das bekantlich weltlich - und fleiſchliche leben, ſo ſie nicht weniger unter ſich, als es bey anderen ſich findet, antreffen werden, erkennen, und zu beſtreiten anfangen, auch ſo viel ausrichten werden, daß mehr andere ſuchen, euſſerlich ihren einfaͤltigen glau - ben allein auf Chriſto zu gruͤnden, und in aͤnderung des lebens des HEr - ren tod und auferſtehung gleichfoͤrmig zu werden, der grundguͤtige GOtt ihnen in ſolcher ſeiner ordnung mit ihrem gehorſam immer weitere gnade werde wiederfahren laſſen, daß in andern dingen (wie ich neulich geſagt) daran man itzo noch nicht gedencket, auch mehr liechts und erkaͤntnuͤß fol - ge: das iſt, daß da ſolche liebe leute aus ſchuld ihrer præoccupation ih - rer kirchen lehre vor die eigentliche wahrheit halten, die ſie doch nicht iſt, und davor auch zu ſterben bereit waͤren, des heiligen Geiſtes bey ihnen wach - ſendes liecht ihnen anfange die augen dermaſſen zu oͤffnen, daß ſie finſter - nuͤß zu ſeyn erkennen werden, was vorhin den verderbten augen ein hel - les liecht geſchienen. Wo ſie dann, nachdem ſie GOtt in dem erſten ge - treu worden, auch nachmal ſolche folgende gnade verhoffentlich nicht ausſchlagen, ſondern danckbarlich annehmen, und den gehorſam GOttes aller weltlichen abſicht vorziehen werden. Welches ich, gleich wie meinem hochgeehrten Herrn, alſo allen denen, die in ſeiner kirche mit gutem gemuͤth GOTT zu dienen begabet ſind, von tieffſtem grund meiner ſeelen wuͤnſche, auch von dem ſo liebreichen himmliſchen vater, welches wege unerforſch - lich, aber alle voller weißheit, gerechtigkeit und barmhertzigkeit ſind, zuver - ſichtlich hoffe. Wie in dem uͤbrigem alſo mein hochgeehrter Herr leicht daraus ſehen wird, wie freylich bey dieſer hypotheſi gleichwol bleibet, daß ketzereyen ſeyn koͤnnen, theils in den jenigen ſtuͤcken, wo gar das funda - ment verletzet wird, ſo auf viele weiſe geſchehen kan, und geſchihet, theils, wo man auch in uͤbrigen lehrpuncten den andern als etwas zum glauben noͤ - thiges aufdringen will. Daß aber alles ketzereyen ſeyen, was man manch - mal vor alten, und zu unſern zeiten vor ketzereyen ausgegeben, bekenne ich, daß ich ſolches nie davor geachtet habe, ſondern mich dergleichen vermeſſenheit und von den menſchen anmaſſenden gewiſſens-herrſchafft, wann ſie ihre menſchliche vermuthungen andern zu glaubens-articuln aufdringen wol -len151ARTIC. I. SECTIO XXXII. len, offters geaͤrgert und betruͤbet hat. Alſo ſtehe ich in der guten zuverſicht, er werde nicht auf der gemeinen hypotheſi der unter denſelben haͤrteren leu - te beſtehen, daß zu der ſeligkeit die gemeinſchafft der Roͤmiſchen kirchen und billigung der von deroſelben ſetzenden articul noͤthig ſeye; zu dero ich, wer nicht von kindheit an dabey erzogen, eine GOTT rechtſchaffen ſuchende ſee - le, die ſeine wahrheit in der ſchrifft hat angefangen zu erkennen, zu bringen, ſo viel als unmuͤglich achte, er wolle dann wider ſein eigen gewiſſen thun, da - mit aber auch den namen verlieren eines rechtſchaffenen und von hertzen GOTT ſuchenden menſchen. Jch weiß auch, daß viel gute leute in ihrer Roͤmiſchen communion gar andere und der wahrheit gemaͤſſere gedancken haben, und zuweilen ohngeſcheuet ſich heraus laſſen. Wie mir Herr D. Li - lius, damaliger reißprediger Jhr. Hochfuͤrſtl. Durchl. des Marggraffen von Brandenburg Bayreut ſelbs erzehlet, als er mit ſolchem ſeinem Herrn in Rom geweſen, und mit einem vornehmen Patre Generali einer beruͤhm - ten ſocietet zu mehrmalen geredet und umgegangen, ſolcher ob er wol von ihm wußte, daß er wircklich Doctor und deſignatus Profeſ. Theologiæ evangelicæ waͤre, auch ſein bekaͤntnuͤß in dem freyen diſcurs mit mehrerem gehoͤret hatte, bey dem abſchied ihn embraſſiret und geſprochen, die hoff - nung zu haben, ihn dermaleins in jener ſeligkeit zu ſehen, als der von allen denen, welche von hertzen an CHriſtum glaubten und ihm dieneten, ſolche gute hoffnung habe, es waͤre dann ſache, daß GOTT jemand in ſeiner ſee - len der wahrheit der Roͤmiſchen kirchen uͤberzeugte, und der menſch alsdann ſolchem zug nicht folgen wolte; Daß er alſo auch unſere Doctores Theo - logos der ſeligkeit nicht verluſtigt achten wolte. Ach daß wir doch die kirche nirgends anders als in CHriſto, in deſſen glauben und gehorſam, nicht aber in euſſerlicher verfaſſung und weltlichem gepraͤng zu ſuchen lerneten, ſo wuͤr - de mehr glaube, mehr liebe ſeyn. Alles dieſes, wie es aus grund meines hertzens und inniglicher liebe geſchrieben, will ich hoffen, werde auch mit ſol - cher liebe aufgenommen werden. Jn deme in controverſien mich mit je - mand einzulaſſen gar nicht gedencke, noch ſolches meine bewandnuͤß und zu - ſtand zulaͤſſet, wol aber willig bin bey guten freunden, was in meiner ſeele iſt, wie ich es ohne das offentlich thue, heraus zu laſſen. Nach welchem ich die ſach GOTT befehle, wie weit er dadurch bey denſelben wircken, und in ihrem gewiſſen bezeugen wolle. Jn deſſen heilige hut und gnade empfehlen - de ſchlieſſe mit dem heiligſten gebet CHriſti ſelbſt: Heilige ſie (alle welche dein goͤttliches werck nicht an ſich verhindern) in deiner wahrheit: Dein wort iſt die wahrheit!
WAs das momentum controverſiæ zwiſchen uns und den Papi - ſten in dem articul der rechtfertigung anlangt, bekenne ich, daß ich ſolche ſtreitig keit eine der wichtigſten achte. Jch mache aber einen unterſcheid auf dieſe weiſe: Wir nehmen entweder der Papiſten lehr darinnen, wie ſie auf das mildeſte durch gelinde interpretationes moͤchte ge - deutet werden, und warhafftig in vieler guten leute hertzen bey ihnen iſt, als unter denen GOTT freylich auch noch einigen guten und heiligen ſaamen erhalten hat, oder aber wie ſie eigenlich nach ihrer kirchen, ſo ich aus dem nicht ſo wol groſſen hauffen der gemeinen leute, als ihrer cleriſey, Biſchoͤffen, Car - dinaͤl und Paͤbſte zu urtheilen habe, gelehret wird, und in der that nach ihrer kirchen principio jeglicher virtualiter dazu verbunden iſt. Was die erſte abſicht anlangt, ſo iſts wahr, daß man deroſelben redens-arten endlich auf einige weiſe emolliren und beſſer verſtehen koͤnte, als ſie hartlauten, da als - dann das meiſte von den controverſien in der that fallen wuͤrde: Und ſo zweifle ich nicht, was der HERR unter ihnen vor ihn redlich ſuchende ſeelen noch erhalten hat, die ſtehen in ſolcher einfalt, und ob ſie manche wort mit den ihrigen gleich gebrauchen, haben ſie doch einen andern verſtand in ihrem her - tzen, davor ſie jene wort nicht nach ihrem nachdruck verſtehen, oder haben ſelbs einen eckel daran, wiſſen ſich aber nicht zu helffen. Dieſe aber halte ich, ob wol in der paͤbſtiſchen gemeine, nicht vor warhafftig papiſtiſch. Wir ha - ben aber nach derſelben ſinn die lehr ihrer kirchen nicht zu judiciren: ſondern ich achte es gerecht und billich, daß wir ihre lehr hernehmen (wie bey uns auch geſchehen muß) aus ihren oͤffentlichen ſchrifften, vornemlich dem Concilio Tridentino und was dero auslegung anlangt, den ſcriptis der meiſten und beruͤhmteſten lehrer unter ihnen. Und ſolches ſo vielmehr, weil jeglicher, als lang er nur ein glied heiſſen ſoll ihrer kirchen, ausdruͤcklich dieſen articul be - kennen muß, daß die Roͤmiſche kirche nicht irr, und alles dasjenige wahr ſeye, was dieſelbe lehret: Uber dieſen articul wird nimmermehr einem einigen di - ſpenſation gegeben, ob man ſonſten mit ſich uͤber andere particular articul accordiren laſſet, die aber endlich alle wiederum in dieſem einigen virtute ſte - cken. Und iſt hierinnen die Roͤmiſche kirche ſo viel gefaͤhrlicher als alle andere ſecten, weilen in dieſen nicht eben jeglicher an alle derſelben irrthum gehalten iſt, ſondern ihn allein diejenige treffen, die er ſelbs wircklich hat / aber bey derRoͤ -153ARTIC. I. SECT. XXXIII. Roͤmiſchen iſt dieſes als die ſeele des glaubens, glauben was die kirche glau - bet. Daher in ſolcher groſſen gefahr der Roͤmiſchen verfuͤhrung haben wir ja genau auf die lehr derſelben zu ſehen, nicht wie man etzlicher maſſen einen andern verſtand in den worten finden koͤnte, ſondern wie der verſtand eigen - lich nach der kirchen meinung ſeyn ſolle. Wo wir nun auf dieſe art die lehr examiniren, welches gantz noͤthig iſt, ſo werden wir finden, daß einmal ein haupt-ſtreit in ſolchem articul ſeye, der ſich auch nachmal in alle uͤbrige arti - cul erbreitet; wie ich hoffe in meinem ſcripto gantz deutlich darzulegen: Daß kein einiger articul, der in die œconomiam ſalutis noſtræ einlauffet, uͤbrig bleibe, da nicht ihre gantze analogia fidei der unſrigen in den hauptſtuͤcken, und wo der knoten allemal hafftet, entgegen ſtuͤnde. Das bleibet wol unter beyderſeits wahr, das heyl komme von CHriſti verdienſt, aber ob die erlan - gung deſſen nur ein bloſſes gnaden-geſchenck ſeye, welches unſere behauptende imputatio in ſich faſſet, oder ob es muͤſſe erſt von uns mit unſern wercken ver - dienet, und nach dem jetzo die verdienſte gnugſam, oder nicht gnugſam, aus denſelben die gewißheit und ungewißheit des heils hergenommen werden, iſt ein ſolcher hauptſtreit, welcher durch alle articul durchlauffet, und uns Pau - lus ſonderlich zeiget, wie hoch in ſolchem momento, ob es bloſſe gnade oder etwas vermiſchtes, gelegen ſeye: Alſo daß er auch Chriſtum verloren zu ſeyn achtet, wo etwas mit eingemiſchet wird, was in der ordnung unſers heils dem glauben beygefuͤget wird. Daher ich zwar offt in den polemicis mit betruͤb - nuͤß anſehe, daß die ſache des HERRN freylich mehrmal mit fleiſchlichen affecten gefuͤhret, und damit mehr verdorben worden; Solches aber ſtehet nicht darinnen, daß der haupt-unterſcheid zu hoch exaggeriret worden, ſon - dern in andern ſtuͤcken, die mehr den modum tractandi betreffen. So iſt auch ſonderlich zu mercken, daß in dem Concilio Tridentino, welches den riß unheilbar gemachet, ausdruͤcklich unſere orthodoxe theſes de juſtifica - tione & tota œconomia ſalutis verdammet und anathematiſiret worden. Nun kan kein Papiſt von dem Concilio abweichen, oder auch daſſelbe nur ge - linder auslegen, ſondern er iſt darzu verbunden, oder hoͤret auf ein glied der Roͤmiſchen Catholiſchen kirchen zu ſeyn; ſo gehoͤret die auslegung abermal allein der kirchen ſelbs. Wir aber koͤnnen uns ſolche warheit nicht nehmen laſſen, noch duͤrffen ſuchen dasjenige anders zu mildern durch eine fuͤgliche er - klaͤrung, was uns ex ſenſu Romanæ Eccleſiæ entgegen geſetzet, und nicht nur unſere wort ſondern unſren ſinn ſelbs verwirfft. Wie alſo wegen desjenigen riſſes, der ſich nicht wider menſchlicher weiſe ergaͤntzen laͤſſet, weil wir princi - piis (da dorten der kirchen autoritaͤt, und zwar einer kirchen die uns ver - dammet hat, hie aber die ſchrifft in ihrem in ſich ſelbs habendem verſtandIV. Theil. uſtehet)154Das ſiebende Capitel. ſtehet) unterſchieden ſind, ſondern wo wir zu ihnen kommen ſolten, wir uns entweder ſchlechterdings unterwerffen und unſern glauben gantz fahren laſ - ſen, oder ſie ihr primum principium, daß die kirche in concilio œcumeni - co, nicht irren, und alſo keine lehr unrecht verdammen koͤnne, uͤber einen hauffen ſtoſſen muͤſten: So iſts auch nicht nur dem ſucces nach unmuͤglich, ſondeꝛn auch nuꝛ zu verſuchen gefaͤhrlich, das momentum controverſiarum in einigen hauptpuncten zu verringern, als mit dem wir niemal nichts ge - winnen, aber allezeit gegen ſie verliehren muͤſten. Denn wir koͤnnen ſie in nichts durch einige interpretation naͤher zu uns ziehen, als dero graͤntzen durch die autoritaͤt der kirchen feſt verwahret, aber wir begeben uns leicht aus unſerer feſtung und vortheil. Daher meine haupt-abſicht iſt, vermit - telſt goͤttlicher gnade. 1. Unſer ſeits zu zeigen, wie gefaͤhrlich der Papi - ſten lehr ſey, und wie wir GOTT ſo wol fuͤr die offenbahrung der wahr - heit zu dancken, als uns in derſelbigen erkaͤntnuͤß zu befeſtigen, und auf al - les bevorſtehendes zu verwahren haben: So dann wie von ſo vielen unſe - re eigene lehre insgemein nicht recht gefaſſet, vielmehr ſchaͤndlich mißdeu - tet, den feinden zu laͤſtern urſach gegeben, und die gnade GOttes, welche wir ruͤhmen, auf muthwillen gezogen: Hingegen, wo wir die lehr recht in ihrer vollſtaͤndigen harmonie anſehen und behalten, den widerſachern nichts eigeraͤumet, ſondern allein die materie dieſelbe zu ſchaͤnden entzo - gen werde. 2. Dem gegentheil aber ſelbs zu zeigen, wie weit ſie von der goͤttlichen wahrheit abgegangen, wie unbillig ſie unſere lehr (welche goͤtt - lichem wort, der goͤttlichen ehre, guͤtigkeit und gerechtigkeit, und der wah - ren verſicher〈…〉〈…〉 en art ſelig zu werden, vollkommen gemaͤß ſeye) verdammen, laͤſtern und verfolgen, aber damit ſie ſolches zum ſchein thun koͤnten, ſie ſich gantz anders verſtellen. Ob dadurch einigen hartnaͤckigen das hertz etwas geruͤhret, und vermittelſt goͤttlicher gnaden-kraft die augen geoͤffnet; ſonderlich aber den unter ihnen ſelbs guten gemuͤthern die gefahr ihrer lehre, die ſie ſonſten ſelbs nicht eben dermaſſen einſehen, nachtruͤcklich vorgeſtellet, und ſie entweder zu einer weitern gottſeligen reſolution dem HERRN die ehre zu geben bewogen, oder in dem guten, was ſie von der wahrheit gefaſ - ſet, geſtaͤrcket, und von aller befftigkeit gegen uns moͤchten abgezogen werden. Wiewol was insgeſamt anlangt die frucht, welche man bey dem gegentheil von dergleichen ſchrifften ſonſten hoffen koͤnte, dadurch meiſtens geſchlagen wird, daß die gute leute in einer ſolchen gefaͤngnuͤß ſind, daß ſie unſre buͤ - cher nicht ohne erlaubnuͤß leſen moͤgen: Damit alſo alle ritze verſtopffet blei - ben, dadurch einiger glaſt ihnen einleuchten moͤchte. Daher wir das unſrige zwar zu thun, aber bey auch weniger hoffnung dem HErrn ſeine ſache allein zu empfehlen haben. Den bitte ich auch in dieſer ſache um das liecht ſeinesgei -155ARTIC. I. SECTIO XXXIV. geiſtes von oben herab, daß ich wider die wahrheit und liebe nichts ſchreibe, ſondern allein was ihm gefaͤllig und zur auferbauung dienlich iſt. Es iſt ſeine ſache und ehre.
WAs GOtt vor gedancken auf ſeine fragen gegeben hat, uͤberſende ich allhier, und ruffe den HERRN an, daß er auch ſolche einfaͤlti - ge antwort zu einigem unterricht und aufmunterung dienlich wolle ſeyn laſſen: Ja daß er ſo wol die liebe kinder, an denen wegen dieſes unfals die liebe eltern nicht wenige betruͤbnuͤß gehabt, wiederum zu derſelben viel - faͤltiger freude machen, als ein exempel ſeiner guͤte und barmhertzigkeit der - maſſen an ihnen erweiſen wolle, daß ſie von des ſatans macht vollends erloͤ - ſet, ihm ihr gantzes lebenlang deſto ſorgfaͤltiger und ruhiger dienen, auch ſie vor der befleckung der welt bewahren, da ſie deroſelben fuͤrſtens tyranney an ſich gefuͤhlet haben. Ja er laſſe dieſe des boͤſen feindes durch ſolches un - gluͤck geoffenbarte macht und boßheit in ihrer gantzen ſtadt und nachbar - ſchafft, ſo weit daſſelbe erſchollen, einen ſchrecken allen rohen und unbußfer - tigen hertzen einjagen, zu gedencken, wo dieſes an dem gruͤnen holtz geſchehe, was an dem duͤrren werden wolle; Ja auch eine furcht allen insgeſamt, ſich ſo viel vorſichtiger zu huͤten, und uͤber ſich und die ſeinige gegen dieſen feind und ſeine liſt in der furcht des HErrn zu wachen. Auf daß alſo, da der ſa - tan es gedachte boͤſe zu machen, und viele ſeelen in ſeine klauen dadurch zu bringen, der HErr zeige, wie ers gut zu machen verſtehe und vermoͤge; Wo er nicht nur ſolche ſeelen ihme wieder entreiſſet, ſondern auch andere, die er laͤngſten zu eigen gehabt, von ihme aufs neue durch wahre buß, ſo durch die - ſe ſache veranlaſſet, befreyet: Auf daß die zeit komme, daß man ſeiner guͤte und weißheit vor dieſe verhaͤngnuͤß, die man nicht anders als mit entſetzen und grauſen anſiehet, demuͤthig dancke, wegen des guten, ſo er dadurch be - fordert. Er wolle ſonderlich meinen werthen Herrn, da derſelbe auch an den ſeinen betruͤbet worden, in allen ſtuͤcken, wieder erfreuen, und die krafft des guten heiligen Geiſtes bey der tochter ſo vielmehr zunehmen laſſen, als auch ſie von dem boͤſen geiſt das ihrige hat leiden muͤſſen:
ES iſt dieſe frage nicht gantz deutlich, ſondern hat unterſchiedlichen verſtand, welcher in der antwort nothwendig zu unterſcheiden iſt: Jndem entweder davon geredet wird, ob ſolches, was mit den ver - fuͤhrten kindern durch die hexen vorgegangen, an ſich ſelbs ſeelen-gefaͤhrlich ſeye, oder ob ſie noch, nachdem ſie durch GOttes gnade wieder auf beſſern weg gebracht, in einer ſchweren ſeelen-gefahr ſtuͤnden. Auf die frage in dem erſten verſtand weiß ich nicht anders zu ſagen, als daß freylich die groͤſſeſte ſeelen-gefahr uͤber den armen kindern geſchwebet. Denn 1. ob wol der teufel mit den kindern nicht unmittelbar ſondern durch das mittel ſeiner dienerinnen der hexen gehandlet, ſo war es doch um nichts anders zu thun, als daß dieſelbe ſie ihme zu ſeinem dienſt zufuͤhreten, welches auch, wo GOtt nicht aus groſſer gnade die ſache offenbar werden laſſen, immer noch weiter geſchehen, und ſie in dieſen jammer ſo tief wuͤrden geſtuͤrtzet worden ſeyn, daß ihnen folglich ſo viel weniger haͤtte moͤgen wieder ge - holffen werden. Nachdem aber die hexen eine ziemliche gewalt uͤber die kinder bekommen, ſie eingenommen, ſonderlich auch eine furcht gegen ſich gemacht hatten, iſt leicht zu erachten, wie ſie ſolcher gewalt uͤber ſie, ſich je laͤnger je mehr, ſonderlich je aͤlter die kinder und mehrer boßheit faͤhig wor - den waͤren, wuͤrden mißbrauchet, und ſie mit den ſtricken des ſatans en - ger beſtricket haben, welches ja ohnzweiffenlich die euſſerſte ſeelen-gefahr iſt. Dazu 2. kommt, daß die armen kinder in der phantaſie ſtarck turbirt, und verunruhiget worden, wie man ſelbs wahrgenommen, in welcher ver - wirrung der ſatan ſo vielmehr gelegenheit hat, ſich der menſchen zu mehrerm ſeinem muthwillen zu mißbrauchen. 3. Sind ſie ja wircklich dahin gerei - tzet und verleitet worden, daß ſie nicht beten noch den eltern gehorſam ſeyn ſolten, welches ſchon betruͤbte fruͤchten dieſer des boͤſen feindes gewalt uͤber ſie geweſen ſind, und ſie alſo ſolche ſuͤnden, wozu ohne das die kinderin157ARTIC. I. SECTIO XXXIV. in ihrer verderbnuͤß mehr geneigt ſind, ſich deſto mehr angewehnet haben 4. Jſt auch kein zweifel, wo der guͤtige himmliſche Vater nicht aus gnaden denſelben wieder haͤtte helffen laſſen, daß ſie, als die nicht ſelbs zuruͤck zu kehren gewußt, auf dieſem boͤſen weg immer wuͤrden fortgefahren, ja als in einen ohnergruͤndlichen ſchlam tieffer eingeſuncken ſeyn: Alſo daß ſie zu wircklichen zauberwercken und uͤbelthaten, davon ich noch nichts gehoͤret, gebracht, und alſo in den hoͤlliſchen ſtricken, welche nachmal ſo leicht nicht wieder ſich zerreiſſen laſſen, feſter verknuͤpffet worden waͤren. Welches al - les freylich die groͤſte ſeelen-gefahr der armen kinder anzeiget, darein ſie ge - fuͤhret worden, ob wol alles durch die zauberinnen, oder eben in denſelben von dem teufel, mit ihnen gehandlet worden.
Wo aber, wie vermuthlich, der andere verſtand gemeinet iſt, ob ſie in gegenwaͤrtigem zuſtand, nachdem ſie der HErr zuruͤck fuͤhren laſſen, in eini - ger ſeelen-gefahr noch ſtehen: So mag gleichwol die frage auch alsdann noch auf zweyerley weiſe genommen werden: Entweder ob gar keine ge - fahr der ſeelen mehr bey ihnen ſeye, oder aber, ob es noch eine ſolche gefahr ſeye, daruͤber man an ihrem gnaden-ſtand zu zweiffeln haͤtte. Jn der erſten meinung kan ich nicht leugnen, daß nicht eben alle gefahr vor uͤber ſeye, oder man urſach habe, der kinder wegen allerdings auſſer ſorge zu ſeyn. Wir wiſſen nicht nur insgemein, daß der teufel umhergehet als ein bruͤl - lender loͤwe, und ſuchet, welchen er verſchlingen moͤge; 1. Petr. 5. 8. und daß wir deswegen ſtaͤts zu kaͤmpfen haben mit den boͤſen gei - ſtern unter dem himmel. Epheſ 6, 12. ſondern vornemlich, daß der - ſelbe geiſt am liebſten immer wiederum die herberge ſuchet, daraus er ausge - trieben iſt, dieſelbe mit ſieben aͤrgern geiſtern aufs neue (wann ihm der ein - gang nicht verwehret wird,) zu beſitzen, Luc. 11, 24. 26. und alſo auch laͤſ - ſet ſich aus demſelben ſolches ſchlieſſen, wo zwar keine leibliche beſitzung vor - gegangen, aber doch ſeine gewalt groͤſſer als insgemein uͤber einen men - ſchen iſt, daß er doch, wenn er einmal abgetrieben worden, immer wiederum ſuche, die ihm entgangen, in vorige ſtricke zu ziehen. Jſt alſo kein zweif - fel, der ſatan werde ihnen noch vor andern nachgehen, ob er einen raub an ih - nen (ſo aber GOTT in gnaden verhuͤten wolle) abjagen koͤnte. Son - derlich weil durch erinnerung des vorigen er ſo viel leichter einen weg an ſie finden kan, als etwa bey andern nicht ſo leicht hergienge, wo noch gar nichts dergleichen vorgangen waͤre. Er hat ſo vielmehr gelegenheit, ſonderlich als ein luͤgen-geiſt, ihnen die hoffnung der ſeligkeit zu benehmen, und ſie zur verzweiflung zu verleiten, mit vorwand, ob waͤre alles doch umſonſt und nachdem ſie einmal GOTT abgeſagt, ſeye damit die hoffnung der gnade gantz aus; Welches er mit groſſem ſchein zu thun vermag, ſonderlichu 3wo158Das ſiebende Capitel. wo einige (dafuͤr ſie aber GOTT ferner bewahre) ſich kuͤnfftig von ihm in einige andere ſuͤnden verfuͤhren lieſſen, da er ihnen vorhalten koͤnte, es waͤre alles ſolches die ſchuld, daß ſie von GOTT abgewichen, von dem ſie keine gnade zu dem guten erlangen wuͤrden, und ſelbs ſpuͤhreten, wie derſelbe ſie verlaſſen habe, daß ſie in ſolche ſuͤnden gefallen ſeyen, daher ſie alle ge - dancken des heils fahren laſſen, und ſich hingegen in dem armen leben, ſo lang ſie es noch haben koͤnten, ihrer luſt gebrauchen ſolten. Welches ohne das ſein hoͤlliſches eingeben bey vielen ſich zeigt, und leider nur allzu viel ausrichtet, daher nicht unbillich zu vermuthen, er werde auch ſo viel kraͤff - tiger dieſes bey ihnen, als offt er gelegenheit dazu findet, treiben. Jſt dem - nach die gefahr der lieben kinder noch vor andern ſchwer. Jndeſſen iſt ſolche gleichwol nicht anders, als daß ſie die kinder und andre, welche noch fuͤr ſie zu ſorgen haben, dazu verbindet, deſto fleißiger darauf acht zu ge - ben, und weil ſie die gefahr und den maͤchtigen feind wiſſen, ſo viel vorſich - tiger ſich gegen ihn zu wapnen; Da hingegen eben das jenige, was mit ihnen vorgegangen iſt, wie es dem teufel einigen weg und gelegenheit ſtets wieder oͤffnen mag, alſo eben ſo wol, wo ſie ſichs recht gebrauchen, dazu dienen kan, ſo viel weniger in ſicherheit zu verfallen, und ihres heyls wahr zu nehmen. Hingegen iſt die gefahr nicht dermaſſen, daß ſie nicht ihrer ſe - ligkeit verſichert ſeyn koͤnten, mit eben gleicher verſicherung als alle andere Chriſten. Wie ſie dann der liſt und gewalt ihres feindes, ſo ihnen nach - ſtellet, die weißheit, die guͤte, und allmacht ihres Heylands, welcher ſie mit ſeinem blut zu ſeinem eigenthum erkauffet hat, und alſo ſie zu erhalten nicht weniger bereit, als der teufel ſie um die ſeele zu bringen begierig iſt, entge - gen ſetzen koͤnnen, und auf ſolchen grund die verſicherung ihrer zuverſicht gruͤnden. Es gehet ſie mit gleichem recht ſo wol als andere an die erloͤſung ihres Heylandes, welcher dem ſatan alle macht ſo fern uͤber ſie entriſſen hat, daß dieſer ihnen nicht weiter ſchaden darff, als ſie aufs neue ihm mit willen oder verſaͤumung ſeiner gnade uͤber ſich macht geben wolten: Es gehet ſie an ihre heilige tauff, und der darinnen mit GOTT gemachte bund, welcher auf ſeiner ſeiten ein bund einer ewigen gnade iſt, und dem ſie nie - mal haben ſo abſagen koͤnnen, daß er auch von ſeiten des HERREN aufge - hoben, und ihnen damit alle ruͤckkehr dazu abgeſchnitten worden waͤre: Es gehet ſie noch an die kraft des goͤttlichen worts, in ihren ſeelen durch die wirckung des heiligen Geiſtes den glauben zu entzuͤnden und zu erhalten, in welchem ſie die welt mit ihrem fuͤrſten zu uͤberwinden vermoͤgen: Es gehet ſie noch an die kraft des heiligen abendmahls, daß ſie zu demſelbigen ge - hen, und durch empfangung des jenigen leibs und des jenigen blutes, ſo fuͤr alle ihre, und alſo auch in dieſer verfuͤhrung, begangene ſuͤnden, dahingege -159ARTIC. I. SECT. XXXIV. gegeben und vergoſſen worden, ſolcher vergebung, und daß ſie ihnen in e - wigkeit unſchaͤdlich ſeyn ſollen, verſichert werden. Es gehet ſie an, das recht des gebets, daß ſie in dem namen des HErrn JESU von dem himmliſchen Vater alles, was ſeine ehr an ihnen und ihr heil befoͤrdern kan, zu bitten macht, und zu erbitten die verheiſſung haben. Alſo ſtehet alles dasjenige, was uns unſerer ſeligkeit und der beſtaͤndigkeit verſichern kan, dieſen kindern offen, und manglet ihnen an keinem ſtuͤck. Dann was die geſchehene abſa - gung anlangt, ſoll bey q. ſ. nach nothdurfft gehandlet werden. So gehoͤren hieher die allgemeine, und alſo nirgend auf gewiſſe arten der ſuͤnden allein reſtringirte gnaden-verheiſſungen, welche allen denen geſchehen, die von ih - ren ſuͤnden ſich bekehren Ezech. 18, 21. 22. 2. Petr. 3, 9. und anderswo: Dadurch ſie auch verſichert werden, daß ſie durch die buß allerdings in das vorige recht und ſtand, darinn ſie vor GOTT geweſen, wieder voͤllig einge - ſetzet ſeyen. Gilt ihnen alſo eben das jenige, was der auch vorher nicht nur ſonſten ſo gottloſe ſondern eben ſo wol in zauberey verfallene, nunmehr aber wieder bußfertige, koͤnig Manaſſe von der gnade GOTTES ruͤhmet in ſeinem gebet verſ. 6. Die barmhertzigkeit ſo du verheiſſeſt, iſt unmaͤſ - ſig und unausforſchlich. Denn du biſt der HERR, der aller - hoͤchſte uͤber dem gantzen erdboden, von groſſer gedult und ſehr gnaͤdig, und ſtraffeſt die leute nicht gern, und haſt nach deiner guͤte verheiſſen, buſſe zur vergebung der ſuͤnden: Daß alſo auch bey ſolcher ſuͤnde der zauberey, ob der menſch gantz und tieff darein gefallen waͤ - re, nichts deſto weniger die buſſe, und durch dieſelbe die voͤllige wiederer - langung der goͤttlichen vorigen gnade, platz hat. Maſſen es auch jenen E - pheſiern, daß ſie nicht rechtſchaffen und alſo der ſeligkeit verſicherte Chri - ſten ſolten worden und geweſen ſeyn, nichts geſchadet hat, daß ſie vorher fuͤrwitzige kuͤnſte (ſo keine andere als zauberiſche und dieſelbe zu Epheſo ſehr gemein geweſen waren) getrieben haͤtten, ehe ſie Chriſten wurden, dar - auf ſie auch ihre buͤcher, ohneracht des groſſen werths, verbrant, und in keiner andern haͤnde zu fernerem mißbrauch gerathen laſſen wolten. Alſo ſehe ich mit keinem ſchein etwas, welches dieſen armen kindern / da ſie auf dem wege der buß bleiben, im geringſten ihre ſeligkeit in zweiffel ziehen koͤn - te. Vielmehr bezeuget die hertzliche reue uͤber das vergangne, der abſcheu vor dem teufel, und begierde mit gebet und geiſtlichen mitlen ſich deſſelben macht zu widerſetzen, auch der eiffer des gebets, ſo von einigen geruͤhmet wird, weil ſolches lauter gute wirckungen des heiligen Geiſtes ſind, daß ſie auch dieſen wiederum bey und in ſich haben: folglich daß ſie in dem ſtande der kinder GOTTES ſtehen, deſſen pfand und ſiegel ſolcher gute geiſt iſt. 2. Cor. 160Das ſiebende Capitel. 2. Cor. 1, 22. Epheſ. 1, 13. 14. 4, 30. Ja wie GOTT weiß alle des ſa - tans boßheit gegen uns dahin zu kehren, daß ſie denen muß zum beſten dienen, welche ſeiner guͤtigen regierung bey ſich platz geben, alſo mag das ungluͤck, in welches dieſe arme kinder gerathen, eine gelegenheit anderes guten bey ihnen ſeyn, daß nicht nur allein ſie jetzo deſto ſorgfaͤltiger zu der erkaͤntnuͤß und furcht des HERRN angefuͤhret und erzogen werden, welches etwa nicht bey allen auf gleiche weiſe ſonſten wuͤrde geſchehen ſeyn, ſondern daß ſie auch hierzu gereitzet, und als die die tyranney des teufels mit ſchmertzen etlicher maſſen er. fahren, ſich kuͤnfftig in ihrem gantzen leben ſo viel ſorgfaͤltiger vor demſelben huͤten, und in einer ſteten wachſamkeit gegen ihn verharren, ja auch ihr gantzes leben in einer ſo viel hertzlichern demuth, verleugnung der welt und inbruͤnſti - gem gebet hinkuͤnfftig zubringen. Da es alſo muͤglich iſt, daß es von einigen dermaleins heiſſen moͤchte, periiſſent niſi periiſſent: Welches ihnen hertz - lich anzuwuͤnſchen, und GOTT um ſolche gnade ihnen zu verleihen anzufle - hen, auch deſſen ewige guͤte, welche des feindes boͤß-gemeintes zum beſten end - lich richten kan, zu preiſen iſt.
AUf dieſe frage finde ich mich zu antworten nicht genugſam, ſondern wuͤrden davon wohlerfahrne Phyſici und Medici beſſer conſu - liret, welche davon urtheilen koͤnten, wie viel durch das blut ausge - richtet werden koͤnte. Wo ich aber je meine gedancken ſagen ſollte, ſo mach - te einen unterſcheid unter der verwirrung der phantaſie ſelbs, und unter de - nen abſonderlich vorkommenden bildern, die die kinder in ſolcher verwirrung ihnen vorſtellen, zu ſehen, und damit umzugehen meinen: Was das erſte anlangt, wo ich betrachte aus den experimentis des pulveris ſympathe - tici, wie durch das aus den wunden genommene blut und deſſen unterſchied - liche behandlung dem menſchen wohl und wehe in der wunde und gantzem leib gemacht werden kan, ſo will ich nicht zweifflen, daß auch eine erregung des gebluͤts, ſo eine verwirrung der phantaſie verurſachet (wie wir bey den hitzigen ſchwachheiten ſehen, da die hitz in dem gebluͤt ſtecket, was vor verwir - rung daher entſtehet) durch eine ſolche vermittelſt zauberiſcher mittel geſche - hende mißhandelung des bluts zu wegen gebracht werden, und ſolches wol gar natuͤrlich ſeyn koͤnne. Was das andere betrifft, daß die phantaſie gera - de ſolche dinge vorſtellet, daß die kinder meinen, bey einem tantz zu ſeyn, ge - wiſſe perſonen dabey zu ſehen, und zu kennen, ſehe ich nicht, wie es bloßdurch161ARTIC. I. SECTIO XXXIV. durch das genommene blut moͤchte ausgerichtet werden, ſondern dazu gehoͤ - ren weitere illuſiones des ſatans, und kan ich die ſache nicht wol anders be - greiffen, als nach dem durch ſolche zauberiſche verunruhigung des gebluͤts die phantaſie verwirret, und dem leidigen teufel damit ſein theatrum gleichſam zugeruͤſtet worden, daß derſelbe alsdann ſelbs ſolche repræſentationes ma - che, welche er will, und die er zu der verderbung oder beaͤngſtigung der kinder dienlich findet, die er aber ſo wol nicht thun koͤnte, wo nicht erſtlich in der phan - taſie etwas ſolches vorgangen waͤre, wie denn, daß der ſatan, wo er in dem menſchen ſein werck thut, auch dazu der natuͤrlichen diſpoſition des leibes ſich gebrauche, und dieſelbe in unordnung zu bringen pflege, auch aus dem ex - empel Sauls 1. Samuel. 16, 15. 16. zu ſehen iſt. Denn da ein ſolcher ge - ſucht wird, der vor dem koͤnig auf der harffen ſpielete, daß es beſſer mit ihm wuͤrde, wie auch ſolches durch David geſchehen iſt, haben wir nicht zu geden - cken, daß die muſic und harffenſpiel unmittelbar dem teufel wehren oder ihn hindern koͤnne, ſondern es konte ſolche nicht mehr als durch die lieblichkeit des ſchalls die affecten des Sauls und alſo deſſen gebluͤt etwas beſaͤnfftigen, wel - ches alſo der teufel muß verunruhiget haben / ſein werck in ihm zu treiben, da aber dieſes geſtoͤhret worden, wo durch ſolchen anmuthigen thon das gemuͤth ſich beſaͤnfftiget, und alſo das gebluͤt auch in eine ruhe gekommen. Wie dann alle affecten eine ſtarcke impreſſion in dem leib (alle aber dieſelbe durch das gebluͤt, als das ſubtilſte deſſelben und wiederum in dieſem das ſubtilſte, die Spiritus) haben und eintrucken.
ZU dieſer frag iſt theils das auf die vorig geantwortete zu wiederholen, theils ferner beyzuſetzen, daß ich nicht zweiffele, wo die hexen ſolches blut noch in ihrer gewalt haben, daß ſie etwa mehr nach ihrem belie - ben (ohne allein daß allezeit auch der goͤttlichen verhaͤngnuͤß dabey gedacht werden muß) die kinder verunruhigen koͤnnen; Wo ſie nemlich allemal et - was neues damit anfangen; wie wol man doch gedencken ſolte, daß ſo fern eine natuͤrliche wirckung (wie in dem pulvere ſympathetico) dabey ſeyn ſolte, dieſe endlich natuͤrlich abnehmen ja gar aufhoͤren muͤßte, daß das blut endlich alſo ſeine kraft verloͤhre, daß durch einige weitere[e]ffluviaIV. Theil. xes162Das ſiebende Capitel. es in den leib, daraus es genommen, nicht mehr wircken koͤnte. Wo ſie a - ber ſolches nicht in haͤnden haben, kan nicht glauben, daß ſie alsdann nach ihrem willen etwas in den leibern und gebluͤt der kinder wircken koͤnten, ſon - dern wuͤßte ſolches alsdenn nicht anders als dem teufel allein zuzuſchreiben.
ES gehoͤret auch dieſe frage mehr den phyſicis zu, und nachdem die - ſelbe nicht zugeben, daß die ſeele der menſchen ohne deſſen tod jemal auſſer dem leibe ſeyn koͤnne, ſo iſt unmoͤglich, weil præſupponiret wird, daß die hexen nach dem leib nicht gegenwaͤrtig ſeyn, daß ſie dann etwas ſelbs mit den abweſenden kindern handelten, indem die menſchliche handelun - gen die gegenwart erfordern; ſondern alles ſolches, was alsdann den kindern vorgeſtellet wird, kan ich nicht begreiffen anders zu geſchehen, als daß der teu - fel ſolches thue, welches dem tauſend-kuͤnſtler, der Matth. am 4. unſerm Heyland in einem augenblick alle reiche der welt mit ihrer herrlichkeit vorgeſtellet hat, ein nicht ſo ſchwere ſache ſeyn wird ſo wol den hexen vorzu - ſtellen, was er bey den kindern thut, daß ſie ſelbs meinen gegenwaͤrtig zu ſeyn, als auch den kindern dasjenige vorzubilden, was dieſe gern haͤtten.
ALles ſolches kan nicht wol anders geſchehen, als daß der teufel, nach dem die phantaſie entweder durch das mißhandelte blut von den he - xen, oder von ihme ſelbs verwirret worden, eine ſolche comœdie denſelben repræſentiret, wie ers obgedachter maſſen bey CHriſto ohne ver - wirrung deſſen phantaſie auſſer ihme gethan hat. Ob ich wol die art in der phantaſie ſolches zu thun nicht dermaſſen nach genuͤgen faſſe, aber etlicher maſſen daraus begreifflich achte, wie die ſeele in ihr ſelbs ſolche ſeltzame auf - zuͤge in dem traum ſich offters darſtellt, da man alles etwa ſo diſtincte bey ſich ſihet und gewahr zu werden meinet, als ob es wahrhafftig geſchehe. Jn -163ARTIC. I. SECT. XXXIV. Jndeſſen weil es ein ſpiel des luͤgen-geiſtes iſt, waͤr ſich nicht darauf zu gruͤnden, daß die jenige insgeſamt alſo beſchaffen und der zauberey mitge - noſſen ſeyn muͤßten, die die kinder alſo ſehen; ſondern er behaͤlt ſeine natur, wie in andern ſeinen wercken, alſo auch in dieſem, da es ohne das mit illuſio - nen hergehet.
JCh halte ſie vor ein abermaliges gauckelſpiel des leidigen teufels, weil alles das jenige, was er mit ihnen thut in dem ſchlaff, von ſeiner ſeit in in einer illuſion und vorſtellung ſeiner ſchatten-bilder beſtehet, daß alſo auch was ſie zu thun meinen, eben ſo wol nichts anders als eine einbil - dung und nichts wahrhafftiges ſeye: Wie es ja in ſolchem ihrem zuſtand geſchihet, wo die ſeele zu ſolchen vernuͤnfftigen verrichtungen untuͤchtig iſt, auch die zunge nicht gebraucht wird, noch einige rede einer ſolchen abſagung wird gehoͤret worden ſeyn: Wo aber dergleichen gehoͤret worden waͤre, ſich mit andern reden der ſchlaffenden vergleichen lieſſe, welches aus ermange -[l]ung des voͤlligen gebrauchs des verſtandes nicht vor ein wahres menſchli - ches reden geachtet werden kan.
Jndeſſen iſt es 2. doch eine gefaͤhrliche ſache, alldieweil es nicht nur den kindern in dem ſinne lieget, und ſie ſich damit martern, nicht anders als ob es wircklich geſchehen waͤre. Wie ich mich auch einer chriſtlichen, aber aus einem temperamento melancholico der ſchwermuth und anfechtung mehr unterworffenen, perſon erinnere, welche da ſie in einer kranckheit verir - ret ſich einbildete, ſie haͤtte mit austruͤcklichen worten ſich und ihre kinder dem teufel uͤbergeben, nicht davon gebracht werden kunte, ob wol damal, als ſie ſolches gethan zu haben ſich einbildete, leute vorhanden geweſen, die nichts dergleichen gehoͤret hatten, ſondern ſich mit dieſer ſchrecklichen ſorge ſtaͤts marterte, und offters mit der verzweifflung rang, daſelbſt ich mehr - mal mit ihr davon zu handlen hatte. Sondern auch, weil zu ſorgen, daß manche nachmal auch wachend der ſache nachdencken moͤgen, aus forcht oder ſonſten, weil ſie dafuͤr gehalten, es ſeye ja geſchehen, und ſie koͤnten nicht mehr zuruͤcke, darein moͤgen gewilliget haben: dadurch aus einer ein - gebildeten nachmal eine thaͤtige verleugnung moͤchte worden ſeyn: ſo viel mehr da ſie angefangen mit widrigkeit gegen die eltern, gegen das gebet und ſonſten in der that den dienſt dem teufel zu leiſten, u. alſo die ergebung an ihn damit zu bekraͤftigen. Aber 3. iſt es gleichwol eine ſolche abſagung, welche den kindern bey ihrer buß an ihrer ſeligkeit nicht hinderlich ſeyn kan; nicht nurx 2weil164Das ſiebende Capitel. weil anfangs kein eigenlicher conſenſus oder eigener wille darzu gekommen, oder wo wir dieſes aus fernerer relation hinzu ſetzen wollen, daß einige bey tag wahrhafftig mit ihrem blut ſich verſchreiben, auch dieſe verſchreibung mehr mit betrug von ihnen erpracticirt worden, als mit gutem bedacht ge - ſchehen iſt: Welcherley ſuͤnden aber, ob ſie wol an ſich ſelbs nicht aufhoͤ - ren ſuͤnde und goͤttlicher ungnade werth zu ſeyn, dennoch der himmliſche vater ſolchen miſerablen perſonen deſto leichter zu gut haͤlt, hingegen durch ſeine gnade ſie ſo viel williger wiederum daraus loß reiſſet: ſondern vornemlich, weil es eine abſagung iſt einer ſache, dero der menſch nicht abſagen kan; Dann daß wir GOTT vor unſern GOTT, Chriſtum vor unſern HErrn und Heyland halten oder nicht, ſtehet uns nicht frey, ſondern er bleibet unſer GOTT, und CHriſtus derjenige, zu dem er uns gemacht iſt, wir wollen ihn davor haben oder nicht. Wiewol wir in dieſem letzten fall alsdann den nutzen nicht davon haben: ſo wenig alſo bey einem unterthanen, der rebel - lirte und ſeinem koͤnig abſagte, ſolche abſagung guͤltig waͤre, oder er damit machen koͤnte, daß jener aufhoͤrte ſein Herr zu ſeyn: ſo wenig koͤnnen wir mit unſerm abſagen GOTT ſein recht benehmen, daß er nicht unſer GOtt und ſchoͤpffer ſeye, noch CHRJSTO, daß wir nicht unter die jenige gehoͤr - ten, welche er mit ſeinem blut erkaufft habe, ſondern ſo viel geſchiehet nur, weil wir an ſolchem nicht hangen, an ihn glauben oder ihm dienen wollen, daß wir den nutzen, welchen wir von ihm haben ſolten, und deſſen wir nicht anders als in ſeiner ordnung genieſſen koͤnten, damit verliehren; Jndeſſen weil GOTT ſein recht an uns nicht verlohren hat, und er aber die jenige, ſo ſich auch muthwillig geſchweige durch eine ſolche verfuͤhrung) von ihm abgeriſ - ſen haben, dannoch wieder zu ſich ruffet. Jerem. 3, 1. 12. ſo treten ſie, wo ſie auf ſolchen ruff bußfertig ſich wieder einſtellen, in den jenigen ſtand wie - derum ein, in dem ſie vorhin geſtanden, und alſo aufs neue wiederum der goͤttlichen gnade ſich getroͤſten doͤrffen, haben ſie ſich dem teufel ergeben, ſo iſt es ein contract, der nicht guͤltig iſt, dann ſie ſind nicht ihr ſelbs, und koͤnnen ſich alſo nicht hingeben, wem und wie ſie wollen. Wie es dann auch in der welt ausgemachten rechtens, wo einer dem andern etwas ver - ſchencken und verkauffen will, ſo nicht ſein iſt, daß ſolches nicht beſtehen koͤn - ne, ſondern iſt ſo viel als waͤre es nicht geſchehen. Da alſo ſolche kinder mit leib und ſeel wegen der ſchoͤpffung und tauffbundes ihres GOTTes ſind, ſo iſt alſo zumal nichtig, was ſie von ſich an den teufel uͤbergeben wolten: des - wegen es nicht mehr bedarf, als daß ſie des kaufs reuend werden, ſo iſt alles aufgehoben, und treten ſie im bußfertigen glauben wiederum in die ordnung und eigenthum GOTTES ein. Alſo wir ſehen an, wie ſie GOTT ab - oder dem ſatan zugeſagt haben, ſo gilt rechtswegen keines; es ſeye dannſache,165ARTIC. I. SECTIO XXXIV. ſache, daß ſie darbey beharren wolten, womit ſie das jenige, was ſie von dem eigenthum GOTTES vor vortheil und troſt haben koͤnten, verliehren, ob zwar GOTT doch auch alſo ſein recht an ſie nicht verliehret; Welches er aber nachmal mit gerechter ſtraffe an ihnen uͤbet. Aus dieſem aber er - hellet gnug, daß da ſie nur in die goͤttliche gnaden-ordnung ſich ſchicken wol - len, ſothane abſagung ihnen an der ſeligkeit nicht hinderlich ſeyn koͤnne: Und moͤchte hie zu wiederholen ſeyn, was oben bey der erſten frage gemeldet worden.
Endlich 4. hat man ſolche abſagung anzuſehen als eine ſolche, deren ſie ſich gleichwol die tag ihres lebens zu erinnern haben, daß 1. ſie ſich fort und fort deſto hertzlicher vor GOTT und menſchen demuͤthigen, und ſich aller gnaden wohlthaten GOTTes, die ihnen gleichwol aufs neue wiederfahren, unwuͤrdig achten, und willig andern, die GOTT nicht ſo ſchnur ſtracks den bund aufgekuͤndiget, ſich ſelbſten nachſetzen. 2. Daß ſie dieſe unausſprech - liche wohlthat, daß ſie GOTT wieder aus ſolchem jammer heraus geriſ - ſen, taͤglich vor GOTT bedencken, und ihm dafuͤr demuͤthigen danck ſa - gen, welcher ihnen ſolche barmhertzigkeit erzeiget habe. 3. Daß ſie ſich in ihrem gantzen leben deſto angelegenlicher befleißigen, in dem bund des HEr - ren, den ſie einmal uͤber ſich zu nicht gemachet hatten, die kuͤnftige zeit mit eyf - fer zu zubringen, und alſo den vorigen fehler in goͤttlicher kraft zu erſetzen. 4. Daß ſie ſich auch fuͤr dem ſatan deſto ſorgfaͤltiger huͤten, und glauben, nach - dem der ſatan einmal eine ſolche gewalt uͤber ſie gewonnen, ſo werde es ihm ſo viel leichter werden, ſie ein andermal wiederum zu faͤllen, da ſie ſich nicht ſorgfaͤltig fuͤrſehen und verwahren: Welcher zuſtand alsdann ſo viel ge - faͤhrlicher werden wuͤrde, der HErr ſie aber gnaͤdiglich durch ſeine kraft da - fuͤr behuͤten wolle.
ES iſt ſolcher ſuͤndlich, da er zu ſuͤndlichen dingen geſchiehet, ſo viel - mehr, da ſie wiſſen, daß ſolche hexen des teufels dienerinnen ſind, und man alſo hinwieder in denſelben dem ſatan ſelbs dienet: Gleich - wol wird die ſuͤnde durch dieſes etwas leichter, da ſie aus einer kindiſchen furcht wegen betrohung oder harten tractaments ſolchen gehorſam leiſten; wo ſie aber nach der goͤttlichen wieder erzeigten gnade aufs neue denſelben wieder erzeigen wolten, wuͤrden ſie eben damit ſolche wieder, ſo viel an ihnen iſt, von ſich ſtoſſen, und ihre ſache gefaͤhrlicher machen.
JCh wolte jenes niemanden rathen, ſondern hielte vielmehr dafuͤr, es waͤre dem ſatan zu viel gewichen, da wir aus furcht vor ſeinen anfech - tungen die goͤttliche ordnung, welche die nacht zur ruhe, den tag aber zur arbeit eingeſetzet hat, umkehren wolten: Da wir vielmehr im glauben widerſtehen, und uns ſeinet willen wie von anderm unſerm beruff, alſo auch uͤbrigen ordnung, die zu unſerer lebens nothdurfft gehoͤret, nicht abziehen laſſen doͤrffen. So ſind ſolche anfechtungen und phantaſien, die von dem teufel ihnen vorkommen, nicht an ſich ſelbs ſuͤnde, welche zu vermeiden, wir alle muͤgliche mittel und wege ergreiffen muͤſſen, ſondern ſie ſind ihnen ſelbs ein beſchwerliches leiden; Da ſie zwar zu GOTT dem HErren um die hinwegnehmung hertzlich zu bitten, auch alle ſonſten gegen des ſatans angriff geordnete mittel gebrauchen ſollen, nicht aber um der urſach willen die gantze art ihres lebens andern doͤrffen. So waͤre auch zu ſorgen, wo dergleichen in die laͤnge continuiret wuͤrde, ſonderlich da nachmal des nachts andere bey ihnen ſeyn muͤßten, daß ſolches unzeitige wachen allen ſchaͤdlich, ja an geſundheit und ihrem beruf hinderlich ſeyn, oder zu einer ſolchen gewohnheit werden moͤchte, welche ſie dermaleins in ihrem gan - tzen leben ſehr hinderte, ſo muͤßten ſie auch kuͤnfftig in gefahr ſtehen, wo ſie dermaleins ſolche gewohnheit wieder aͤndern wolten, daß das vorige uͤbel wieder kaͤme, ja ſo viel ſorglicher, als mehr ſie nun der nacht-ruhe entwoh - net waren. Welches alles dergleichen ungelegenheiten ſind, die man ſich ſelbs zu machen nicht noͤthig hat, noch aus furcht fuͤr dem ſatan dergleichen ſich zuziehen ſolle: Viel gemaͤſſer aber wird es goͤttlichem willen ſeyn, da die kinder durch GOttes gnade ziemlich wieder zu recht gebracht, daß zwar mit allen ſolchen mitteln ſie ferner fuͤr allem boͤſen zu verwahren fort gefah - ren werde, aber die eltern abends mit eigenem und derſelben gebet ihre kinder zur ruhe legen, und als dann geſchehen laſſen, ſo viel GOtt annoch zu fernerer pruͤffung ihrer gedult verhaͤngen will; Jedoch daß jemand nicht fern von den kindern ſeye, der bey allen faͤllen ihnen beyſpringen koͤnne: Wie ihnen dann auch zu ſolcher zeit die einſamkeit nicht nuͤtzlich ſeyn kan. So iſt auch hoffnung, daß GOtt, dem man mit glaͤubigem hertzen und mit ge - bet die gantze ſache empfiehlet, ſchon ſeine zeit beſtimmet haben wird, da dieſe anfechtung ein ende nehmen ſolle, dero mit gedult zu erwarten, und in der ordnung des HErren zu bleiben, das ſicherſte, nicht aber auf eine ſolche unordentliche weiſe die befreyung gleichſam erzwingen zu wollen, rath -ſam167ARTIC. I. SECTIO XXXV. ſam iſt. Jch hoffe auch nicht, daß jemand etwa ſolches nacht-wachen mit den worten des heil. Apoſtels Petri. 1. Petri. 5, 8. Seyd nuͤchtern und wachet, denn euer widerſacher der teufel gehet herum m. f. w. zu be - haupten gedencken werde, in dem je bekantlich, daß ſolches wachen nicht von einem enthalten des noͤthigen ſchlaffs und nacht-ruhe, dazu der HERR gleichwol die nacht verordnet, zu verſtehen iſt, ſondern ein geiſtliches wachen bedeutet, ſo in einer ſoͤrgfaͤltigen verwahrung ſein ſelbs, auch alles was um uns geſchihet, davon wir nutzen oder ſchaden haben koͤnten, bey allem dem - ſelben zu beobachten, was der wille des HErrn an uns ſeyn moͤchte, beſte - het, welches wachen neben der maͤßigen und zu erhaltung unſers lebens noͤ - thigen nacht ruhe wol ſtehet.
Der HERR erloͤſe uns von allem boͤſen, auch von dem, der der boͤſe auch ſelbs iſt, und mache uns ſeines ſieges theilhaftig in zeit und ewigkeit. A - men.
DAß deꝛ bisherige gefuͤhrte hexen-proceſſ bey E. Hochgrl. Gnaden und andern guten hertzen bisher dieſes gewircket, ſo viel eyffriger zu be - ten, und einen ſo viel groͤſſern abſcheu vor der ſuͤnden zu haben, wel - che leicht zu einer ſolchen ſchrecklichen tyranney dem ſatan bey den menſchen mehrere gelegenheit geben kan, iſt goͤttlicher abſicht gemaͤß, welcher durch alles und in allem das gute bey uns befoͤrdern will: Wir auch ſeinem heili - gen rath darinn bey uns billich platz geben und laſſen ſollen. Es muß ja freylich die verderbnuͤß des menſchlichen hertzens groß ſeyn, und ſolcher ſchwehre bey den zauberern erkant werden, daß dieſelbe einen menſchen ſo weit bringen kan, GOTT, an welchem ja nichts als lauter liebe iſt, und wir von demſelben ſo viel wohlthaten empfangen haben, zu verleugnen, und hingegen dem ſatan dem offenbaren feind des menſchlichen geſchlechtes, der den dienſt, ſo ihme geſchihet, nicht mit wahren, ſondern nur ſchein-guͤtern belohnet, hingegen ſeine ſclaven in das euſſerſte verderben ſtuͤrtzet, zu zu - ſchweren. Run ſolche boͤſe natur, welche ſolche armſelige leute zu dieſer abſcheuligen ſuͤnde gebracht, iſt in uns allen, und ob GOttes gnade uns davon zuruͤck gezogen, und dem teufel nicht zugelaſſen, zu ſolcher ſuͤnde uns zu verſuchen, weniger zu verfuͤhren, ſo muß uns doch deswegen ſolche unſere boͤſe natur allezeit verdaͤchtig ſeyn, daß ſie uns, ob nicht etwa es die - ſes, in gewiſſer maaß der noch etwas gutes an ſich habenden natur ſelbs zuwi -168Das ſiebende Capitel. wider gehendes laſter / auch nicht in andere aus eben gleicher verderbnuͤß herkommende ſuͤnden, unvermuthet fuͤhren moͤge. Vor dero wir uns eben ſo wol zu huͤten haben, als dero lohn endlich eben ſo wol die verdamnuͤß ja oft auch ein anfang zu ſolchem ſchrecklichen laſter iſt. Da wir alſo wiſſen, was fuͤr heimliches und boͤſes gifft wir in dem hertzen haben, ſoll es uns wol lernen vorſichtlich wandeln, nichtes, wo wir von GOttes wegen auch ei - nen finger breit abzuweichen verleitet werden, vor geringe achten, ins - geſamt aber mit furcht und zittern ſchaffen unſere ſeligkeit. Ja wie wir die leibliche beſitzung des teufels anſehen, als einen ſpiegel der grauſam - keit deſſelben, und wie eben ſo ſchrecklich, (ob es wol nicht dermaſſen in - die augen faͤllet) ſey die geiſtliche beſitzung bey den jenigen, welche er an ſeinen ſtricken fuͤhret, zu allerley boßheit, und ſie an ihren ſeelen viel erbaͤrmlicher machet, als jene leiblich beſeſſene an ihren gliedern zerzerret und geqvaͤlet werden, nur daß weil es geiſtlicher weiſe geſchicht, der arme menſch ſolches nicht meinet noch fuͤhlet, ſondern wol gar gedencket, als ob ihm gantz wohl waͤre, aber deſto gefaͤhrlicher iſt es. Alſo halte ich dafuͤr, daß wir bey dieſer groben euſſerlichen zauberey, deren traurige exempel etwa zu wei - len vor die augen kommen, und man ſo bald die abſcheuliche grauſamkeit deſſelben erkennen muß, billich allemal erwegen ſollen, wie hingegen auch erſchrecklich ſeye die geiſtliche zauberey 1. Sam. 15, 23. alles ungehor - ſams und boßhafftiger widerſtrebung gegen GOTT. Dann was etwa die grobe zauberer leiblicher weiſe thun, daß ſie auch muͤndlich GOtt ver - leugnen, und den teufel zu ihrem herren annehmen, denſelben ehren, ihm dienen und ſeines unzuͤchtigen willens pflegen: So geſchihet eben daſſelbe in gewiſſer maß auf geiſtliche art bey allen freveln ſuͤnden, ja bey allen, welche nicht begehren wuͤrdiglich zu wandeln dem evangelio und dem gnaden-bund, dazu ſie beruffen ſind. Dann ſolche, was ſie nicht mit wor - ten thun, thun ſie es mit der that und leben, daß ſie nemlich verleugnen den HErren, der ſie erkaufft hat, und ziehen auf ſich ein ſchnelles verderben. 2. Petr. 2, 1. Sie uͤben noch ſolche boßheit, daß ſie ſich noch dazu einbil - den, ſie ſeyen gleichwol noch GOttes diener, wollen nicht nur von men - ſchen dafuͤr angeſehen ſeyn, ſondern erfordern von GOtt, kraft des bun - des, welchen er mit ihnen gemacht hatte, annoch die ſeligkeit, gerade ob gienge er ſie noch an, in dem ſtande, da ſie ihn verleugnet haben. So ſind auch alle die vorſetzliche und wiſſentliche ſuͤnden derſelben, weil ſie damit weiſen, daß ſie GOtt den HErren dem ſatan nachſetzen, in der that rech - te dienſte, die ſie dem teufel leiſten, und ihn damit zu ihrem GOtt machen, ob wol nicht ſo ſcheinbar, wie bey jenen armſeligen geſchihet, dennoch nicht weniger gefaͤhrlich, weil es in dem geiſt geſchihet, und allezeit miteiner169ARTIC. I. SECTIO XXXV. einer ſolchen verblendung, daß ſie der ſatan in ſeinem dienſt haͤlt, da ſie ihn doch nicht kennen, noch ihme zu dienen meinen, daher weniger dafuͤr halten, daß ihren ſeelen gefahr deswegen vorſtehe. Wie alſo billich auf al -[l]e von GOtt geordnete weiſe jenem ſcheußlichen laſter der groben zauberey zu ſteuren iſt, ſo haben wir uns hingegen auch des andern geiſtlichen laſters dabey zu erinnern, und zu trachten, daß wir uns ſo wol fuͤr ſolchem mit gleichem fleiß huͤten, als bey andern / nach vermoͤgen ſteuren. Nun in allen ſtuͤcken und in ſeinem boͤſen wercke, trete den ſatan unter unſere fuͤſſe an al - len orten, der jenige, der der GOtt des friedens iſt, unſer Heyland JEſus Chriſtus, welcher ſolchen feind uͤberwunden, und uns ſolches ſeines ſegens theilhaftig gemacht hat. Derſelbe regire auch alle der jenigen, welche mit ſolcherley gefaͤhrlichen proceſſen uͤber eine offt dermaſſen verborgene ſache umgehen, hertzen und gemuͤther mit dem geiſt der weißheit und des verſtandes, des raths und der ſtaͤrcke, der erkaͤntnuͤß und furcht des HEr - ren, daß ſie alles reifflich unter ſich erwegen, die tieffe des ſatans recht er - kennen, und gleich wie gegen ohnzweiffenlich ſchuldige ihren eyffer ſehen laſſen, alſo ſich ſorgſamſt vorſehen moͤgen, daß niemand unſchuldiges be - ſchweret, und dem teufel auf andere weiſe mit unterdruͤckung der jenigen, denen er ſelbs feind waͤre, freude gemachet werde. Er zerſtoͤre auch insge - ſamt das gantze reich der boßheit, und laſſe die erde dermaleins voll wer - den ſeiner ehre.
HJerauf in der furcht des HERRN zu antworten, achte offenbar gnug zu ſeyn, daß kein geſpenſt ſondern allerdings lauter betrug ge - weſen ſeye. 1. Jſt zwar kein gnugſamer grund ſolches zu erweiſen, aber konte doch bald eine ſorge machen, und beſtaͤrckt die uͤbrige indicia ſo vielmehr, der leute kuͤmmerlicher zuſtand, uͤber den und daß ihnen die ver - ſprochene freyheit auf das hauß nicht gehalten wuͤrde, die eltern geklaget: Daher ſie vermuthlich dergleichen vor ein mittel moͤgen gehoffet haben, nicht nur almoſen zu bekommen, die ſie auch von der Fr. Graͤfin genommen, ſondern auch aus erbarmen ihres ungluͤcks die freyheit ihres hauſes zu er - langen. 2. Jſt nichts geſchehen, oder wird vorhin, ehe der betrug anfieng ſich zu euſſern, geſchehen zu ſeyn vorgegeben, das nothwendig ein geſpenſt erfordert haͤtte, in dem die leute nichts als uͤber das kratzen geklaget. 3. Hat das kratzen ſo bald jedesmal aufgehoͤret, als das maͤgdlein ſein la - ger aͤndern und die haͤnde frey zeigen muͤſſen. Auch 4. ihr kratzen dem vermein - ten kratzen des geſpenſtes gleich gelautet. 5. Sie ſelbs wie ſie es gemacht ge - wieſen. 6. Nicht nur ein ſondern mehrmal den betrug auch in gegenwart der eltern, ſo bald ſie durch die furcht der ſtraff nicht zuruͤck gehalten worden, geſtanden. 7. So dann die eltern, wo man mit ernſt an ſie geſetzt, und ſie keine ausflucht geſehen, gleichfals ſolches bekannt. Sonderlich 8. der va - ter die communion nach ſolcher bekaͤntnuͤs, zu dero er mit betrohung, wo er die warheit nicht ſagen wuͤrde, unwuͤrdiger nieſſung beweget worden, empfangen, und damit in gewiſſer maaß ſeine auſſage beſtaͤtiget. 9. Zu wel - chem allem die vielfaͤltigen variationen der leute unter ſich, und wiederum eines jeden ſelbs, wo ſeine unterſchiedliche depoſitiones gegen einander gehalten worden, kommen, und alſo das vorgeben des geſpenſtes (ſo ohne das albern genug lautet) nicht nur verdaͤchtig gemacht, ſondern deſſen falſch - heit dargeſtellet haben. So gar daß faſt zu zweiffeln ſeyn ſolte, ob ein ver - ſtaͤndiger mann, dem alle dieſe umſtaͤnde vorgeſtellet worden, den betrug in der ſache zu erkennen, anſtehen moͤge. Der punct des abendmahls muß zu der andern frage ausgeſetzet werden, und gruͤndet ſich auf derſelben be - antwortung.
DJeſes zu ſchlieſſen gibt nicht nur vermuthung des maͤgdgens gerin - ges alter von 9. jahren, ſondern feſten grund, weil ſein betrug ſo handgreifflich war, daß die eltern, wo ſie auch gantz dumm waͤren,den -171ARTIC. I. SECT. XXXVI. denſelben haͤtten mercken muͤſſen / wo ſie ihn nicht angegeben / oder aufs wenigſte geheget. Da hingegen die eltern die ſache immer behauptet / das maͤdgen ſo verſtaͤrcket als vertreten / und alsbald ſie geſehen / daß die ſache offenbahr werden wolte / ein ende daran gemacht / aber wiederum auf ei - ne faſt alberne weiſe. Jhrer mitwiſſenſchafft zeugnuͤß ſind auch ihre un - gleich lautende erzehlungen / dahingegen wo etwas wahrhafftig vorge - gangen / und ſie bey der wahrheit bleiben wollen / die auſſagen einſtimmig und beſtaͤndig geweſen ſeyn wuͤrden. Dieſe gruͤnde machen / nicht allein daß man der einmaligen ja wiederholten geſtaͤndnuͤß der eltern mehr glauben / als der nachgefolgten verneinung / beyzulegen hat / ſondern trei - ben wol mehr ſchuld auf ſie als ſie geſtanden: Dann worzu haͤtten ſie / wie es gelautet / nur etwas zuſammen zu flicken gehabt / den betrug des maͤd - gens / vor welches ſie doch keine andere / als eine ſeinem alter gemaͤße zuͤch - tigung / ſorgen duͤrffen / zu bedecken / wo die ſchuld nicht ſie mit betroffen haͤtte?
Hierauf folget nun auch die antwort auf das aus der vorigen fra - ge noch uͤbergebliebene / nemlich daß um wuͤrdiglich des heiligen abend - mahls ſich zu gebrauchen die eltern allerdings zur bekaͤntnuͤß und bereu - ung ihres unrechts anzuhalten ſeyen: Hingegen hat man die beharrende verleugnung vor ein ſtarckes zeichen ihrer unbußfertigkeit anzuſehen.
ES hat der leute voriges bezeugen / und unbeſtaͤndige auſſage / rechtswegen ihnen den credit alſo benommen / daß weil von dem vorigen / was ſie nemlich geredet und ſich ſo vielfaͤltig contradici - ret / zwey zeugen vorhanden ſind / auch ohne zweiffel / was auch aus ihrem munde auf geſchrieben worden / noch gezeiget werden kan / das jenige bey rechtſch affenen leuten nicht mehr glauben finden wird / was ſie nun unter ſich mit einander ſich beredet haben moͤchten / ſondern ihr vorige auſſag iſt zuſtarck befeſtiget als durch eine geaͤnderte auf gehoben zu werden: So vielmehr / da man ſihet / daß die erſte von der warheit und noth ausgedru - cket worden / hingegen der aͤnderung menſchliche urſach aus intereſſe, verſtaͤndigen unter augen leuchtet.
DJeſe frage hat zum theil ihre abhelfliche maaß aus der vorigen antwort: Daß nemlich allerdings in dem abfaſſenden urtheil mehr auf die erſte als letzte auſſage zu reflectiren ſeye / indem dieſe den ſtarcken und gegruͤndeten verdacht des die warheit hinterhaltenden intereſſe dermaſſen gegen ſich hat / daß wem es eigenlich um die warheit zu thun iſt / jene nothwendig vorziehen muß. Daher 2. ſihe ich auch nicht / daß ein richter / der ohne das zweiffels frey in Chriſtlicher klugheit unter - ſchiedliche wege wird ſinden koͤnnen / mit anwendung fleiſſes hinter die ei - genliche wahrheit zu kommen (darzu ihn auch ſein gewiſſen verbindet) bey ſolcher bewandnuͤß / der wider die leute ſtreitenden indiciorum und ſchwerer gefahr eines meineyds / ſie zu einem eyd zulaſſen koͤnte. Solte aber 3. ein richter / ob er ſie ſchon darzu nicht zulieſſe, gleichwol die ſache auch wider ſie noch nicht genug erwieſen achten / ſonderlich wann ſie ihre auſſage / oder ſo und ſo bey dem prediger quæſtionis, dem es auch an er - weiß manglete / geredet zu haben / ins verneinen zoͤgen / daher er in dem fall / der ihm noch zweifelhafftig waͤre / ſie weder zur bekaͤntnuͤß zu brin - gen wuͤßte / noch von dem heiligen abendmahl / in einem ihm noch ſo fern dubio caſu, ſie aus ſchlieſſen koͤnte / ſo wuͤrde doch dem jenigen prediger / der de certa conſcientia von ſich zeugete / die zulaſſung nicht aufgebuͤrdet werdẽ moͤgen / ſondern 4. wuͤrde den leuten aufs hoͤchſte zu verſtatten ſeyn, daß ſie ſich zu einem andern prediger wendeten / dem zwar auch was vor - gegangen zu communiciren / aber alsdann zu uͤberlaſſen waͤre / nachdem er der falſchheit des vorgebens nicht dermaſſen uͤberzeugt / daß er den leu - ten nochmal beweglich zuſpraͤche / ſie alsdenn ihrem gewiſſen uͤberlieſſe / und alſo auf ihr anhaltendes verlangen mit der communion ihnen will -fahr -173ARTIC. I. SECTIO XXXVI. fahrte. Wie wol zu hoffen iſt / wo von einem der wahren gewißheit be - gierigem richter das gantze werck mit genugſamen fleiß unterſuchet wuͤr - de / es ſolte die warheit deutlicher an den tag kommen / und eines zweiſſel - hafften mittels nicht mehr noͤthig ſeyn.
Der HERR / der weiſe und gerechte richter / regiere alle / die mit der ſache zu thun haben werden / dahin / daß ſie auf ihr gewiſſen jeder ſelbs ſe - he / und des andern ſchone / auch die auf irrwegen ſtehende zurecht weiſe / ja er ſteure allen aͤrgernuͤſſen / und laſſe warheit und recht in allem die obhand behalten um Chriſti willen
ES hat mich daher allezeit hertzlich erfreuet, was durch andere mir von E. Excellenz chriſtlicher intention und fleiß geruͤhmet worden, das rechtſchaffene weſen in Chriſto, wie es Paulus nennet Epheſ. 4, 21. ἀλήϑααν, bey jederman ſonderlich ihrer werthen univerſitaͤt nach vermoͤ - gen zu befoͤrdern: Davon aus ihrem lieben brief ein neues zeugnuͤß herneh - me. Jch habe auch ſo vielmehr urſach uͤber dergleichen mich zu erfreuen, in - dem eines theils leider die exempel derjenigen, die mit ernſt und gottſeligem eif - fer dieſes ihnen angelegen ſeyn laſſen, eben ſo gar viele nicht ſind, wie ich wol wuͤnſchete, andern theils erkenne, daß auf univerſitaͤten durch ihrer mehrer zuſammengeſetzten treuen fleiß ein ſehr groſſes zur auferbauung und gemeiner beſſerung geſchehen koͤnte, ja daß wo dieſes nicht geſchiehet, viele andere auch ſonſten beſte vorſchlaͤge fruchtloß muͤſſen abgehen. Daß E. Excellenz ein exercitium pietatis gehalten, freuet mich ſonderlich inniglich, und will hof - fen, daß der nutzen etwa groͤſſer ſeyn mag, als ſich noch offenbaret, hinge - gen was darnach eingeſtreuet worden, kan nimmermehr der wichtigkeit ſeyn, daß ſolche heilſame intention wieder unterbrochen wuͤrde: Wie dann deswegen das verlangen dergleichen ferner zu continuiren ſehr ruͤhmlich iſt, und nicht ohne ſegen bleiben wird. Daß aber E. Excellenz mein gutduͤncken auch uͤber den modum eines ſolchen exercitii begehren, iſt vielmehr ein zeugnuͤß deroſelben modeſtiæ, als daß man meiner vorſchlaͤge noͤthig haben ſolte. Gleichwol will ich zeigen, daß ich auch darinnen ge - horſam ſeyn wolle, was mir ſonſten nicht zuzukommen gern bekenne, und al - ſo meine unvorgreifliche gedancken zu uͤberſchreiben, und dero beurtheilung zu uͤberlaſſen mich erkuͤhne. So hielte nun ein ſolches exercitium ſehr erbaulich, da. ein chriſtlicher Profeſſor ein bibliſches buch, ſonderlich etwa eine epiſtel des neuen Teſtaments, vornehme, und nach demjenigen, was et - wa insgemein von dem allgemeinen ſcopo und diſpoſition, auch cohærenz der gantzen tractation, vorerſt zu bemercken und den auditoribus deutlich vorzuſtellen waͤre, folglich jeglichen verſicul nach dem andern vornehme und handelte: und zwar 2. alſo, daß er erſtlich jedesmal nach gewieſener conne - xion den einfaͤltigen buchſtaͤblichen verſtand aufs deutlichſte und kuͤrtzeſte erklaͤrte: darauf den auditoribus freyſtellete, etwas auch vorzubringen wer da wolte, oder in der ordnung umfrage hielte, was jeglicher vor lehren,IV. Theil. zes178Das ſiebende Capitel. es ſeyen nun theoreticæ oder practicæ, daraus zu ziehen vermeinte, odeꝛ auch was vor lebens reglen, vermahnungen, warnungen, troſt ſich darin gruͤn - den oder dahin ziehen lieſſen, auf daß er ſie alſo ſelbs darauf zu meditiren gewoͤhnete. Nachdem nun alſo jegliche, oder welche gewolt, ihre medita - mina vorgetragen, waͤre des Profeſſoris amt, ſelbs alle die lehren und πο - ρίσματα, welche eigentlich aus ſolchem verſicul flieſſen, nach einander vorzu - tragen, was von jenen recht bemercket worden, zu wiederholen, ferner zu be - ſtaͤtigen, und wie es folge, oder in dem text gegruͤndet ſeye, zu zeigen, was aber von ſolchem text fremd und nicht eigentlich dazu gehoͤrig, mit freundlich - keit abzuleinen, und doch in allen jener fleiß aufzumuntern. Wo dieſes geſchehen, moͤchte 3. nuͤtzlich ſeyn, allemal eine bewegliche paræneſin dazu zu thun, daß ſie ſo wohl GOTT um die verſiglung ſeiner wahrheit in ihren hertzen anruffen, als immer mehr darin befeſtigt zu werden trachten ſolten; ſonderlich bey den practicis ſie ſtaͤts zu erinnern, ob ſie dieſes und jenes auch bey ſich finden und fuͤhlen, ob ſie dieſe tugenden auch alſo in ſich haͤtten, und darnach lebten, und ingeſamt, wie ihr hertz gegen ſolche wahrheit ſtehe: mit vorhalten, daß alles wiſſen nichts nutze, das nicht lebendig in dem hertzen ſeye, und uns zu der liebe und dienſt GOttes deſto eifferiger und fleißiger mache: ja daß ſie auch ſchuldig ſeyn, wo ſie etwas erkennten, goͤttlichen willen zu ſeyn, alſobald daſſelbe in die praxin zu bringen, und daran ſo viel ernſt zu wenden, als an ihr uͤbriges ſtudieren an ſich ſelbs: weil der heilige Geiſt allein in den jenigen zur rechtſchaffenen und wahrhafftigen erkaͤntnuͤß wolle kraͤfftig ſeyn, und immermehr in ihnen wircken, welche auch ſeinen wirckungen, da er ſie aus dem wort ihrer ſchuldigkeit, der verleugnung ih - rer ſelbs, der gedultigen ertragung des creutzes, und verachtung, da ſie etwa von andern der gottſeligkeit wegen leyden muͤſſen, der fleißigen nachfolge ſei - nes exempels und dergleichen uͤberzeuget und erinnert platz geben und ſeinem trieb folgen; da hingegen der jenigen erudition von ihm nicht geheiliget, noch ſie ſeines liechts gewuͤꝛdiget weꝛden, welche nuꝛ allein an die profectus an dem verſtand gedencken, und nicht befliſſen ſind, ſo bald ſie an ſich einiges, ſo nach der verdorbenen und verkehrten welt ſchmecket, mercken, daſſelbe abzulegen, und ſich alſo von ſolchem geiſt der heiligung zu einer fernern tuͤchtigen werck - ſtatt ſeiner erleuchtung machen laſſen. Dieſe ſtaͤte erinnerungen koͤnnen ohne frucht nicht abgehen. Sonderlich wo 4. dazu gethan wird, daß man ſie erinnert, wie ſie alle ſuchten in der rechten wahren Theologia und erkaͤnt - nuͤß GOttes zuzunehmen, daß ſie ſich auch in einer ſolchen liebe gegen ein - ander verbinden, worinnen einer auf des andern leben in liebe acht geben, ſich freundlich untereinander erinnern, und alſo insgeſamt zu dem guten aufmuntern ſolten, oder da ſie es ja unter ſich, da mehrere ſind, nicht ge -traue -179ARTIC. II. SECTIO I. traueten zu thun, noch ſich zu einer ſolchen vertraulichkeit verſtehen koͤnten, (wie auch nicht ohne, ehe man ſich genauer untereinander kennet, daß es e - ben nicht allemal rathſam, daß ſich jeder gegen den andern gantz freymuͤ - thig heraus laſſe. ) daß aufs wenigſte ſich jeglicher einen oder zween erwehlte, mit denen er und ſie mit ihm in eine ſolche familiaritaͤt ſich einlieſſen, dasjeni - ge unter ſich zu thun, was im beſſern ſtand des Chriſtenthums alle unter ſich zu thun gepfleget, nemlich ſich bruͤderlich untereinander wahrzunehmen, und zur liebe und andern guten wercken ſich, ſonderlich nachdem je einer des an - dern hertzensgrund auch mehr erkennen gelernet, mit nachdruck zu reitzen. Welches gewißlich, wo es unter chriſtlichen auditoribus in den ſchwang ge - bracht wird, von unausſprechlichem nutzen iſt. Jch entſinne mich dabey, daß vor unterſchiedlichen jahren zwey chriſtliche und feine ſtudioſi allhier, deren einer an meinem tiſch und hauſe war, allein unter ſich ſelbs eine ſolche uͤbung hatten, daß ſie ohne andere meine manuduction, als daß den vor - ſchlag gethan hatte, die epiſteln Pauli in ihrer taͤglichen zuſammenkunfft vor ſich genommen, ohne einigen commentarium mit behuff allein der concor - dantiæ Schmidianæ wegẽ der griechiſchen parallel-ort, den text ponderirt, den verſtand unterſacht, und manchmal die porismata daraus gezogen, und ſich unter ſich, nachdem ihnen der text jedesmal anlaß gegeben, gepruͤffet und erinnert. Solches fanden ſie auch dergleichen nutzen ihnen zu bringen, daß mir der eine, ſo ein gelehrter Magiſter, der unterſchiedliche mal præſidi - ret hatte, bekennet, von keinem collegio auf einiger der univerſitaͤten, die er beſucht, ſo viel nutzen gehabt zu haben, als von ſolchem exercitio amico, darinnen ſie ſich beyde in ihrem Chriſtenthum erbauet, und zu dem werck des dienſts beqvem gemacht haben: Wie ſie denn beyde bis dahero mit vielem goͤttlichen ſegen ihren gemeinden vorgeſtanden ſind. Dieſes waͤre mein einfaͤltiger vorſchlag, dabey E. Excellenz nichts vorſchreibe, ſondern viel - mehr auf dero begehren Jhro meine einfalt zur beurtheilung uͤberlaſſe. Doch halte dieſes einige das gewiſſeſte, daß zum grund einer rechten erbauung nichts beſſer als die ſchrifft ſelbs geleget, und jene aus dieſer lieber als andern menſchlichen buͤchern, die ſonſten auch nicht verachte, aber jener nicht gleich halte, geſuchet werden ſolle. Greiffet man nachmal das werck in der forcht des HERRN und mit redlicher intention an, ſo gibt ſich in progreſſu vie - les von ſelbſten, wie es am beſten anzuſtellen, das man eben voran noch nicht ſo waruehmen oder vorſagen koͤnnen: auch wird gewißlich der HERR, deſſen ehre es betrifft, auf hertzliche anruffung es an ſeinem ſe - gen nicht ermangeln laſſen. Wie ich denn auch ſeine himmliſche guͤte de - muͤthigſt anruffe, die deroſelben gottſelige intention, die anvertraute ſtu - dir ende jugend zu einer heiligen erudition und gruͤndlicher Gottſeligkeitz 2anzu -180Das ſiebende Capitel. anzufuͤhren, kraͤftiglichſt ſegnen, die noͤthige weißheit von oben her dazu be - ſchehren, alle uͤbrige befoͤrderung ſelbs dazu anſchaffen, hingegen die hinder - nuͤſſen nachdruͤcklich aus dem wege raͤumen, von dem ſucceſſ aber ihres gottſeligen anfangs ein liecht zu anderer ruͤhmlicher nachfolge ausgehen laſ - ſen wolle. Wuͤrde hierinnen unſerer kirche geholffen, und kaͤmen in GOtt gelehrte leut in mehrer zahl aus den univerſitaͤten in ihre aͤmter, ſo wuͤrde nicht wenig dem allgemeinen verderben auch damit geſteuret, oder doch deſ - ſen ſtattlicher anfang gemacht werden. Ach daß der HErr HErr auch da - rinnen ſeine ehre trefflich fordere!
VOn dem angedeuteten neu-angeſtelten exercitio Biblico zu verneh - men hat eine neue freude mir gemachet. Wie denn je mehrere ſich auf ſolches ſtudium, welches billich allen uͤbrigen vorzuziehen iſt, legen, ſo viel mehrere hoffnung habe ich, daß es mit unſerer Theologia wiederum je laͤnger je beſſer werde werden, daher dergleichen zu vernehmen ein groſſes ſtuͤck meiner freude iſt, davor auch GOTT zu dancken urſach finde, und ſo viel an mir iſt, dahin gern trachten wolte, daß bey allen dienſt-promotio - nen die jenige, welche hierauf ihren ſonderbarſten fleiß gewandt, andern vor - gezogen werden moͤchten. Was aber die art anlanget, habe ich vergangen jahr Herrn M. Antoni auf ſein damaliges anſuchen meine gedancken we - gen des bekanten collegii mit wenigen uͤberſchrieben, welcher ohne zweif - fel, wo ſie verlangt werden ſolten, dieſelbe, ſi tanti videbuntur, nicht ungern communiciren wird, ſo duͤrfften auch des andern Collegii leges, wo ſie an - geſehen wuͤrden, einige anleitung geben, aufs wenigſte aus denſelben ſo viel anzunehmen, als ſie zu ihrem zweck dienlich erachten moͤchten. Jnsge - ſamt aber will von noͤthen ſeyn, daß unter beyden Collegiis, oder dafern de - roſelben noch weitere angefangen werden ſolten, unter allen denſelben, ein gutes chriſtliches vernehmen geſtifftet, hingegen alles was nur den wenig - ſten ſchein einer æmulation gewinnen moͤchte, ſorgfaͤltig verhuͤtet werde. Dann weil ſie die rechte kern-Theologiam aus der heiligen ſchrifft zu faſſen verlangen, von dero die praxis keines weges ſich trennen laͤſſet, ſo gebuͤhret denjenigen, welche hievon profeſſion machen wollen, vor allen andern, daß ſie ſich der welt und allen eignen affecten, dahin æmulation und eiffer auch gehoͤret, abgeſtorben, hingegen alſo geſinnet weiſen, daß ſie hertzliche freudedaruͤber181ARTIC. II. SECTIO II. daruͤber haben, wo aller orten und von jederman dieſes allerliebſte ſtudium am angelegenlichſten getrieben wird, auch das was von andern gutes ge - ſchiehet, jedem ſo etwa in einer andern verſamlung ſich befinde, nicht weni - ger angenehm ſeye, als wo es von ihm ſelbs oder eigenen commilitonibus geſchehen waͤre. Jch hoffe aber, daß ichs mit ſolchen gemuͤthern zu thun ha - ben werde, die dieſer ſache weitlaͤufftig erinnert zu werden nicht bedoͤrffen. Was das buch in der ſchrifft anlangt, wird zu deroſelben eigenen ermeſſen ſtehen, wozu ſie am meiſten luſt oder worinnen ſie die meiſte erbauung zu finden hoffnung haben. Nach meinem vorſchlag wuͤrden ſie am nuͤtzlichſten ein buch aus dem neuen Teſtament ſich wehlen, und zwar am beſten ein kurtzes, alldieweil mit demſelben anfangs am beſten zu recht zu kommen, da - her vielleicht eine der kuͤrtzern epiſteln am beqvemſten ſeyn moͤchte. Jn der tractation werden ſie auf die beyde ſtuͤcke ſonderlich ihre gedancken ſchlagen, einmal eine verſicherung des wahren verſtandes zu haben, dazu nun die media legitimæ interpretationis insgeſamt mit fleißiger ſorgfalt zu adhi - biren noͤthig, und ſo lang zu ſuchen iſt, daß der ſenſus als viel moͤglich ohne einigen fernern zweiffel gefunden werde: ſo dann wo der buchſtaͤbliche ver - ſtand richtig, daß dann gleichſam die qvelle recht geoͤffnet werde, damit ſo vieles von lehren und andern uſibus herausgezogen werde als moͤglich iſt. Solte dem gethanen vorſchlag nach zuweilen (dann vor ein ordinarium wuͤſte ichs nicht zu rathen) aus einem verſiculo, der expliciret worden, eine diſpoſition zu einer predigt gemachet werden, wolte ichs auch nicht ohne nutzen zu ſeyn achten, ſonderlich wo man ſich nicht ſo wol auf andere