WAs von dem II. theil in der vorrede gemeldet / daß damal alles noch in denſel - bigen zu bringen und das werck zu ſchlieſſen gedacht / aber zu einem III. theil mich entſchlieſſen muͤſſen / habe dißmahl auch zuwie - derholen / daß nemlich die hoffnung wiederum ge - habt / mit bevorſtehender jetziger meß den reſt des wercks in den 2. uͤbrigen capiteln herauß zubringen: und zwahr habe ich / als viel die amts-geſchaͤfften und zuſtand meines alters zugegeben / nicht unterlaſſen / die arbeit zubefordern; es haben ſich aber ſo wol immer der papier mehrere gefunden / und die reviſion mehr zeit erfordert / daß in dem Julio und Auguſto erſt das meiſte nach Halle ſenden koͤnnen; da nicht wol muͤglich war / auffa 2diedie meß mit dem druck fertig zu werden. Daher mir den vor -[ſchlag] nicht mißlieben laſſen / lieber aus den beiden noch reſti - renden capiteln zwey theil zu machen / als die meß zuverſaͤu - men.
Daher in GOTTES nahmen dieſesmal den III. theil außgeben allein aus c. VI. beſtehende. Es faſſet aber daſſel - bige in ſich / nicht allein was meine eigne ſachen / beruffungen / collegium, pia deſideria und dergleichen angehet / ſondern auch unterſchiedliche nachrichten von vielen dingen / welche in - ner 30. jahren in unſerer kirchen vorgegangen / worinnen entweder ſelbs etlichermaſſen mit eingeflochten worden / oder ſie / theils mit freuden / theils betruͤbnuͤß / angeſehen habe. Jch habe aber das capitel abgetheilet in 3. articulos nach den dreyen orten / an denen GOTT in offentlichem amt gedienet / Franckfurt am Mayn / Dreßden und alhier: Dann was den erſten ort anlangt / Straßburg / da auch vierdthalb jahr im predigtamt geſtanden / habe ſo wol wenig wichtige brieffe damal annoch geſchrieben / als auch wo dergleichen geſchehen / keinecopien darvon behalten: welches auch die urſache zimlicher maſſen iſt / warum von den erſten jahren des Franckfurti - ſchen dienſtes wenige erſcheinen. Articulus I. die Franckfur - tiſche zeit angehende wird in 4. diſtinctiones getheilet / nach der folge der jahre. I. von 1666. biß 1676. II. 1677. 8. 9. III. 1680. 1681. IV. 1682. biß 1685. Die ander beyde articuli, mein ver - bleiben in Dreßden und alhier in ſich faſſende / haben keine an - dre diſtiuctiones, als jeder ſeine ſectiones. Es ſind aber alle ant - worten nach der zeit und datis geſetzt / ſo in den andern capi - teln anders gehalten worden / in dieſem aber ſich nicht fuͤg - lich anders ſchicken wollen. Es iſt aber daher geſchehen / daß da einige copien das jahr oder auch tag nicht angezeichnet ge - habt / ich allein nach vermuthung gehen muͤſſen: ſo dann wird faſt einerley in mehrern brieffen / zu weilen wiederholet / welches einigen leſern verdruß erwecken mag / die ich aber um gedult bitte / dabey doch hoffende / daß ſich einige nicht eben daruͤber beſchwehren werden.
JmJm uͤbrigen verſehe mich / was meine dinge betrifft / werde der geneigte leſer leicht finden. 1. Daß ich mich an allen 3. orten (wie zwar auch an den erſten zu Straßburg) eines unzweiffenlich goͤttlichen beruffs habe getroͤſten / da - her worzu mich GOTT in denſelben gelegenheit des guten gezeiget / in demſelben vertrauen getroſt alles angreiffen / und mich dabey des ſegens und ſchutzes von oben unzweif - fenlich verſichern koͤnnen: welches ich nicht vermocht / wo mir nur ein einiger ſcrupul bey einigem beruff uͤbrig geblie - ben / und ich active darinnen concurriret haͤtte.
2. Daß mir vor allen angelegen geweſen / nechſt dem grund der rechtfertigung den fleiß der heiligung / und alſo den lebendigen thaͤtigen glauben (der allein ſolches nahmens wuͤrdig iſt) zu treiben: ſonderlich hats durch GOTTES gnade die erſte ſtarcke bewegung gegeben anno 1669. auff den 6. Sonntag nach Trinit. als ich die falſche und ungnug - ſame gerechtigkeit der Phariſeer beſtraffte / und wie ſich der - gleichen noch viele bey uns befinde darſtellete. Von ſolcher predigt / die auch darnach gedruckt worden / mag ich des HERREN krafft ruͤhmen / die ſich darbey erzeiget / daß ſie insgemein faſt allen durchs hertz gegangen / ob wol mit doppelten und widrigen außgang (wie Apoſt. Geſch. 2 / 37. und 7 / 54.) in dem einige ſolcher anklopffenden wahrheit ſich alſo widerſetzten / daß ſie ſich nimmer in meine predigten (weil ſie nemlich in ihrer ſicherheit ſich ſehr geſtoͤhrt fuͤhleten) zu kommen / verlauten lieſſen; andre hingegen in einen hei - ligen ſchrecken geſetzt und ihres unerkanten heuchelwe - ſens uͤberzeugt zu ernſtlicher buß auffgewecket wurden / auch darauff nach dem rechtſchtſchaffenen weſen in Chriſto JEſu zu trachten ſich befliſſen.
3. Von ſolcher zeit fuhr immer fort / neben der reinen lehr von der gnaͤdigen rechtfertigung / wie ſie ohne alle ab - ſicht auff einige werck allein aus den glauben geſchehe / vor - nehmlich das falſche vertrauen auff einen todten und mund -a 3glaͤu -glauben (dardurch ſo viele tauſend verlohren gehen) am kraͤfftigſten anzugreiffen / und die ſo nothwendig-als muͤg - lichkeit des thaͤtigen Chriſtenthums (unter welchem titul auch 1677. einen ſonderbaren jahrgang gehalten) folglich die ernſtliche innere heiligung und gottſeligkeit zu treiben.
4. Hiezu kam / daß 1670. dem verlangen einiger Chriſt - licher freunde ein gnuͤge zuthun / meine gewiſſe hauß-uͤbung oder ſo genantes collegium pietatis anſtellete / von deſſen ab - ſicht und art in meinem ſchreiben an einen außlandiſchen Theologum ausfuͤhrlich gehandelt / und in dieſen brieffen mehrere nachricht darvon zu finden / daher etwas ferner darvon hier zu melden nicht noͤthig iſt.
5. Da nun die krafft goͤttlichen worts in den predigten / darinnen auch meine treue Collegæ ihres orts meine gute ab - ſicht ſecundirten / auch catechetiſchen examinibus, in vielen hertzen viel gewuͤrcket / auch die gelegenheit des collegii zu einiger begieſſung des gepflantzten / ſonderlich aber zu ſtiff - tung genauerer freundſchafft unter ihre erbauung ſuchen - den ſeelen / gedienet / wuchs das werck des HERREN in Franckfurt durch deſſen ſegen erfreulich / und zeigte ſich eine zimliche zahl von leuten beiderley geſchlechts / die ſich ihr Chri - ſtenthum ernſtlicher als ſonſten lieſſen angelegen ſeyen / die welt und ſich ſelbs zu verleugnen mit vielem eyffer trachte - ten / und andern mit dem exempel vorleuchteten.
6. Da konte es nicht anders geſchehen / als daß der Teuͤf - fel / der ſeines reiches abbruch und ſchaden ſahe / aber noch mehrern forchte / alle ſeine krafft anwendete / den guten an - fang zu ſtoͤhren / daher er ſeine gewoͤhnliche kuͤnſte brauchte mit luͤgen und laͤſterung; dann da wurden wahre und von der gantzen Evangeliſchen kirchen erkante lehren verdrehet und mit verdacht beleget / falſche dinge / daran auch nicht ein ſchein des wahren geweſen / von unſchuldigen leuten ausge - ſprengt / andere dinge die geſchehen und nicht unrecht waren / ſchendlich verkehret / einiger guter aber unverſtaͤndiger leu - te fehler auff das aͤuſſerſte auffgemutzt / und alles dahin ge -rich -richtet / daß ja der gute anfang in Franckfurt jederman ver - daͤchtig und verhaſt gemacht werden moͤchte.
Als 7. ich 1675. meine vorrede uͤber Arndii Poſtill erſt - lich vor dem Buch ſtehend / nachmal allein unter dem nah - men piorum deſideriorum, heraus gegeben / entſtunde eine faſt groſſe bewegung. Sehr viele vornehme ſo Theologi als Politici, denen ich das wercklein geſchickt / bezeugten ihre bey - pflichtung / offt mit ſolchem lob / deſſen mich noch nicht anneh - men kan / zum theil trugen auch das ihrige bey / oder verſuch - ten / was ſich ihres orts practiciren lieſſe / und wieſe ſich faſt insgemein bey allen / die es mit dem werck GOttes treulich meinten / eine ungemeine auffweckung. Hingegen lieſſe ſich bey andern / die etwa zum theil meinten / die gefuͤhrte kla - gen traͤffen ſie mit / oder beſchaͤmten ſie / unwillen ſpuͤhren / und ob wol keiner das hertz nahm / offentlich etwas dagegen zu thun / ſo murreten ſie doch daruͤber / und weil ſie ſorgten / was in Franckfurt angefangen / werde ſich auch anderwerts / das ihnen nicht lieb waͤre / ausbreiten / trachteten ſie unter der hand ſich nach muͤglichkeit zuwiderſetzen. Jndeſſen je mehr die gemuͤther in dem eyffer des guten / andere in deſſen haß / zunahmen / und was vorhin inner den mauren zu Fꝛanckfurt odeꝛ doch nachbarſchafft geblieben / ſich weiteꝛ aus - breitete / ſo viel mehrten ſich auch die vorige laͤſterungen / und breiteten ſich ebenfals immer weiter aus / daß 1677. in meinem ſendſchreiben an einem auswertigen Theologum ſolche abzulehnen veranlaſſet wurde: welches ſchreiben ſo - wol als die pia deſideria nicht ohne ſegen geblieben ſind.
8. Als aber der S. Herr Cammer-Rath Kriegsmañ ſeine Symphoneſin Chriſtianam 1678. edirt, erweckte ſo bald nicht allein ein benachtbarter Theologus daſigen hoff dage - gen / und veranlaſte vieles das gute zu hindern / ſondern es fing nun an von der materie der eintzeln zuſammen kuͤnfften der Chriſten in offentlichen mehr diſputiret zu werden: da vorhin mein gehaltenes collegium zwar immer ſcheel von manchen angeſehen wurde / aber ſich keiner unterſtanden / das ſelbige offentlich anzugreiffen.
9. Der9. Der erſte / der an mir mit offentlicher ſchrifft zum Ritter zu werden getrachtet / war Georg Conrad Dilfeld Diac. zu Nordhauſen / der ſeine Theoſophiam Horbio Spe - nerianam zu ende 1679. heraus lieſſe / ich aber gleich die nech - ſte meß mit meiner allgemeinen GOttes gelehrtheit alſo ant - wortete / daß der gute mann / ob er wol etwas ſich weiter un - terſtehen wollen / doch nicht auffzukommen vermocht.
10. Damit fingen die laͤſterungen zimlich an ſich zu legen / weil was nur ein wenig unpartheyiſche leute waꝛen / je mehr und mehr den ungrund der beſchuldigung oder ver - dachts falſcher lehr erkanten / auch andere ausgeſprengte un - wahrheiten ſich algemach ſelbs widerlegten: indeſſen geſcha - he / daß aus GOttes verhaͤngnuͤß eine andere gefahrlichere hindernuͤß ſich hervor that / wann einige der beſten ſeelen / die andern bißdahin nicht wenig fuͤrgeleuchtet / ſich den eyffer uͤber das gemeine verderben / das vor augen lige / ſo weit ein - nehmen lieſſen / daß ſie mit der offentlichen gemeinde / weil ſo viele / die ſie vor gewiß unwuͤrdig glaͤubten / zu communi - ciren, auß forcht / dadurch in ihre gemeinſchafft zu kommen / ſich ein gewiſſen machten / daher dem gebrauch des heiligen abendmals / ja auch zum theil zimlicher maſſen der offentli - chen verſamlungen ſich entzogen: woraus noch mehrere un - oꝛdnungen entſtanden. Dieſes ungluͤck / dem mich zwaꝛ mit of - fentlichen ſchrifften und predigten / auch beſondern hertzlichen zuſpruͤchen / nach vermoͤgẽ widerſetzt habe / war das jenige / das den ſchoͤnen wachsthum des guten in Franckfurt / den der Sa - tan durch offenbahre feinde / laͤſterung und allerhand zuge - fuͤgtes leiden nicht hintertreiben hatte koͤnnen / gleichſam auff einmal alſo niderſchlug / daß die gantze zeit meines noch daſeyens es wieder in vorigen geſegneten zuſtand zu bringen nicht vermocht habe. Dieſes iſt der kurtzeſte begriff deſſen / was in Franckfurt mich angehend vorgangen / daß theils ein liecht vielen ſchreiben / die art. 1. vorkommen / geben / theils daraus empfangen wird: Darauß ich hoffe / jedem Chriſt - lichen und der wahrheit begierigen leſer werde offenbahrwer -werden: daß 1. ich niemal in einem puͤnctlein von unſrer kir - chen glaubens-lehr / wedeꝛ in oͤffentlichen ſchrifften noch brief - fen abgewichen. 2. Daß auff die nach der rechtfertigung gewiß folgende heiligung / und wie kein anderer als der le - bendige thaͤtige der wahre glaube ſeye / das meiſte getrieben habe / und auch von andern offentlichen und abſonderlich kaum etwas mehr gehandelt worden: daher aller lermen uͤber dieſe unzweifflich goͤttliche wahrheit entſtanden iſt. Darzu 3. gekommen / die nicht weniger goͤttliche wahrheit / daß wie zu dem Studio Theologico und demnach einem rechtſchaffenen Theologo, alſo auch einem wahren Chriſten / und der ſeligmachenden erkaͤntnuͤß / nicht gnug ſeye ein buchſtaͤbliches wiſſen / ſondern die erleuchtung des heiligen Geiſtes nothwendig erfordert werde. 4. Daß ich mich auch den entſtandenen unordnungen nach vermoͤgen / und wie ich fand thunlich zu ſeyen (weil ſie ſonſten durch gewalt und hefftigkeit vielmehr vermehret als abgethan werden) widerſetzt / alſo nicht theil daran genommen. 5. Daß zwar von vielen / die unſre kirche ſelbs hefftiger angreiffen wol - ten / und auch an dero lehr ſich machten / ſolicitiret worden / meinen eyffer auch dahin zuwenden / nur alles nieder zu - reiſſen / aber ihnen nie gewichen ſeye / ſondern muͤndlich und ſchꝛifftlich widerſtanden / daher auch bey ſolchem theil / weil die mittelſtraße beliebte / keinen danck verdienet. Wei - len aber 6. nach allen dieſem / damein nahme bereits in gantz Teutſchland durch boͤſe geruͤchte und gute geruͤchte bekant war worden / das Hochpreißliche Ober Conſiſtori - um in Dreßden mich S. Churf. Durchl. zu Sachſen zu dero wichtigen Ober-Hoffprediger ſtelle angelegenlich vor - geſchlagen / und da deſſen gemuͤth ohne das nicht von mir entfremdet geweſen / die erfolgte vocation veranlaſſet / ſo folget / daß daſſelbe alles vor paſſirte gnugſam unterſucht / und meine unſchuld in lehr / conſiliis und leben erkant / auchbdiedie uͤbrige Churfuͤrſtliche Theologi, die nichts gegen mich eingewandt / ſondern mit bezeugung der freude und gratula - tion mich auffgenommen / mich vor richtig befunden haben muͤſten. Welches mir noch vor jetzige zeit ein kraͤfftiges zeugnuͤß geben kan / da meine lehr / conſilia und leben ſich nicht geaͤndert / ſondern noch finden wie ſie in Franckfurt ge - weſen und doch die probe unter ſo vielen widerſpruͤchen aus - gehalten haben. Daruͤber ich des HERREN guͤte prei - ſe.
Von Artic. II. und III. finde nicht noͤthig etwas hiezu erinnern / als insgemein / daß daraus erhellen werde / wie immerfort den zuſtand unſerer zeiten insgemein / und wo ab - ſonderliche ſtuͤcke vorgekommen / angeſehen / beſeuffzet / und meine gedancken vorgeſtellet habe; ſonderlich weil ſo viel aus den jenigen / was 1689. zu Leipzig angefangen / entſtanden iſt / daraus die feinde der gottſeligkeit eine ſonderbare ſecte des Pietismi gemacht / und damit unwiederbringlichere aͤrger - nuͤß geſtifftet haben / koͤnnen vor allen andern art. II. ſect. 31. 32. die beyde auff gnaͤdigſten befehl aus den geſamten actis unterthaͤnigſt abgefaſte relationen und gutachten darzu die - nen / um zu ſehen / wie ſo gantz ungegruͤndet die erſte beſchul - digungen geweſen / und daraus zuſchlieſſen / was auch von andern vorgeben zu glauben; insgeſamt iſts eine anzei - gung einer guten ſache / und die von GOTT herkomme / wann ſich der Satan dagegen hefftig ſetzet / dieſer aber ver - raͤth ſich an ſeinen wercken und eigenen waffen (dero ſich der heilige Geiſt nimmer brauchet) nemlich neid / hadder / laͤ - ſterung / boͤſer argwohn / ſchulgezaͤnck. 1. Tim. 6 / 4. 5. Wo ſich alſo dieſe hervorthun / ſchlieſſet man leicht / wer da - hinter ſtecken muͤſſe / und hat mans bißdaher gnug erfah - ren. Es ſeye aber darmit gnug.
Nun habe noch einiges zu bemercken / daß viele darvor -vorhalten werden / ein guter theil der bedencken / weil ſie von gewiſſen materien / die in den vorigen capiteln vorgekom - men handeln / haͤtten mit mehrerem recht in dieſelbe mit ge - bracht / oder in die paralipomena c. VII. rerſpahret / hier a - ber nur gleichſam / was zur hiſtorie gehoͤret / geleſen wer - den ſollen. Jch will auch von vielen nicht in abrede ſeyen / daß ſie ſich an andern ſtellen nicht uͤbel geſchickt: es ſind mir aber viele erſt in die haͤnde gefallen / da jene bereits verfertigt geweſen / ſo habe in dieſen antworten / die ohne das nicht an einander haͤngen / an einer genauen ordnung vieles gelegen zu ſeyen / eben nicht davoꝛ gehalten / ſonderlich weil an dero ſtelle ein regiſter / ſo angehenget werden ſolle / dem beſſer zu ſtatten kommen und jenen mangel erſetzen kan: ſo ſchicken ſich auch viele materien / ob ſie wol auch anderswo ihre beſon - dere ſtellen haben koͤnten / in dieſes capitel in die ordnung der zeit / zu ſehen / was jedesmal vorgegangen.
Es ſolle ſich auch keiner daran ſtoſſen / wie ich in dieſem von dem in den uͤbrigen capiteln behaltenen vorſatz / die nah - men der freunde / an die ſie geſchrieben / außzulaſſen / abge - wichen bin / und etliche mal dieſelbige außgedruckt habe: in dem ſolches nie anders geſchehen / als wo ſolche aus druckung noͤthig gehalten / und zwar insgemein allein bey bereits verſtorbenen / denen dahero kein verdruß oder nachtheil ent - ſtehen kan / da ſonſt die liebe verletzet wuͤrde.
Hiemit hat alſo der Chriſtliche leſer / was etwa noch zum vorbericht dienlich geglaubet / das letzte capitel oder IV. theil aber in kurtzen ſamt dem regiſter zu erwar - ten.
Der himmliſche Vater laſſe auch dieſe arbeit nicht ver - gebens ſeyen / und da ſie meiſtens betruͤbte materien begreifft / und einen elenden zuſtand unſrer kirchen vorſtellet / ruͤhre er dadurch die hertzen zu inniglichen erbarmen uͤber dieſelbe / und zum verlangen nach ihrer beſſerung / auch daran / auffswe -wenigſte mit unablaͤßigem gebet / zu arbeiten / ſonderlich aber die etwa an andern gezeigte ſteine des anſtoſſes Chriſt-kluͤg - lich zu vermeiden: Er trete aber ſelbs bald in das mittel / und was menſchen zurecht zu bringen nicht vermoͤgen / ja offt wann ſie es beſſern wollen / nur mehr verderben / richte Er aus / und wehre nach ſeiner krafft und weißheit dem auffs hoͤchſte geſtiegenen verderben durch endliche erfuͤllung ſeiner ſo herrlichen verheiſſungen um ſeines liebſten Sohnes un - ſers Heylands JEſu willen Amen. Berlin den 19. Sept. 1701.
Antwort-ſchreiben an Herr Philipp Schultzen ICTUM der 10. Elſaͤßiſchen Vereinſtaͤtte Rath und abge - ſannte nach Regenſpurg [nachmal Keyſ. Reichs-Hoff - rath] als er mir wegen der ſttat Franckfurt das Seniorat des miniſterii auffgetragen.
WAs aus Franckfurt de dato 13. hujus demſelben beliebet an mich ab - zugeben / habe ich zurecht erhalten / und den innhalt ableſend zur gnuͤge veꝛ - ſtanden. Jch geſtehe gern / daß ſol - cher vortrag / ſo vielmehr derſelbe ohne meine vermuthung kom̃en / ſo vielmehꝛ mich afficiret / und nicht wenig die ru - he des gemuͤths / mit welcher ſonſt / [dem Allerhoͤchſten ſey danck vor ſolche gabe!] ich nach einigem hohen nicht trachtende / dem meinigen nach ver - moͤgen abzuwarten bißhero gepfleget / turbiret / daß ich das werck angeſehen / als welches nicht alſobalden a primo limine zu hintertreiben / ſondern vielmehr / ob vor eine goͤttliche verſuchung / wie ich einiges uͤber mein vermoͤgen gehendes be - gierig annehmen / oder meiner wenigkeit mich gebuͤhrlich errinnern wuͤrde / es zu - halten / oder eine vorbereitung zu von ſeiner goͤttlichen providenz deſtinirender vocation daraus abzunehmen / ich ſchuldig ſeye / billich in reiffe betrachtung zuzie - hen; Darzu aber andaͤchtigen gebets / damit GOtt die hertzen alleine zu ſeinen eh - ren zu cooperiren lencken / und guten ausſchlag in zweiffelhafftiger ſache geben wolle / benebens gottsfuͤrchtiger wolmeinender leute raths vonnoͤthen haben werde. Einigen voͤlligen entſchluß anitzo zugeben / hoffe ich nicht / das auch nur mir faſt koͤnne angeſonnen werden / in einer ſo hochwichtigen und das gewiſſen ſo vielfaͤltig betreffenden ſache. Damit aber gleichwol auf gethanes großguͤnſtiges begeh - ren / allein ich[ſ]o viel eroͤffnung als in dieſen der gedancke erſten conflictu geſchehen mag / thue / habe an meinem großguͤnſt. hochgeehrten Herrn allein antwortlichvor5ARTIC. I. DISTINC. I. SECTIO I. vor dißmahl dieſe zeilen abgeben wollen. Wie ich nun zu erſt gegen demſelben / wegen der nicht nur nomine publico uͤbernommener muͤhewaltung / ſondern ohne zweiffel / durch welche dieſe gute gedancken von mir bey den jenigen / denen ich unbekant / moͤgen erreget ſeyn worden / darzu gethane recommendation auffs hoͤchſte zu bedancken / und dergleichen wie ſchon in mehreren auch deſſen ge - gen mich erfahrne gewogenheit zuerkennen; nicht weniger dannenhero nach moͤg - ligkeit mit reſpect und ander ſchuldigkeit zu demeriren / ich mich befleiſſen wer - de. Alſo habe ich zuvorderſt ſolche hochloͤblicher ſtatt Franckfurt [deren Proce - ribus ich gleichwol durch einige merita anders nicht als vieleicht gute freunde und goͤnner von mir faſſende miltere judicia bekant worden ſeyn kan] auff mich werffende inclination, mit ſchuldiger demuth / obſervanz und zu dem allgnaͤ - digen GOtt vor dero wolfarth und ſegnung derer zu gemeinen geiſt - und weltli - chem beſten richtender conſiliorum, thuenden gebet zu veneriren. Was nun dero propoſitum an ſich betrifft / einen fremden Doctorem Theologiæ ſelb - ſten zuberuffen / iſt wiederum dieſes nicht / daß ich mir darinnen / ob ſolches rath - ſam und thulich / die erkaͤntnuͤß nehme. Vielmehr bleibet ſolches derſelben ohne zweiffel reiffer gethaner deliberation heimgewieſen / die in was rechten dieſelbe ſtehen / und wie dero kirchen beſtes am bequemſten zubefoͤrdern / am ſatſamſten verſtehen / und ſichs angelegen ſeyn laſſen. Daß aber meine wenige perſon da - bey in conſideration gekommen / und dannenhero bey mir / was vor erklaͤrung von mir zuerwarten zu forſchen begehret worden / iſts das einige dem ich piè und circumſpectè nachzudencken habe. Gegen meinen großg. hochg. Herrn nehme ich mir / aus dem zu ihm habenden vertrauen / eine mehrere freyheit / aperter heraus zugehen / weil ich mich verſehe / ſolches mir nicht verarget werde werden. So finde ich auch / daß meinen ſcrupulis derſelbige aus ſo wol meines zuſtandes als dieſer ſtelle requiſitorum habender wiſſenſchafft ſtattlich wird begegnen und zu einigen entſchluß gelegenheit geben koͤnnen. Demnach bin ich nicht in ab - rede / daß ich die gantze intention hochloͤblicher ſtatt nicht allerdings noch alſo faſſe / oder der ſtand der kirchen mir alſo bekant / wie es ſcheinet vonnoͤthen zuſeyn. Jch rede hier nicht von beſoldung oder zeitlichen emolumentis, derer anſehen ich gerne auffs letzte verſpahre / und nicht damit zu marchandiren mir jemahl vor - genommen: Auch endlich auf das hoͤchſte uͤber die beziehung eines fremden mir noch unbekanten orts / nicht ſonderlich ſcrupul machte. Sondern wo nach mich zu wiſſen verlangt / waͤre / in was verrichtungen eigentlich dieſes amt beſtuͤnde? Was nicht alleine die arbeit der predigten an ſich ſelbſt [da ich mich auch ſchweh - rer arbeit nicht leicht entziehe / ſo lange GOtt die gaben und kraͤffte dazu geben mag] ſondern auch ob einige particular cura animarum dabey / auch wieweit dieſelbe ſich erſtrecke / ſo wol wegen der gemeinden als auch in was weiſe man mit ſeinen Herren collegis ſtehen moͤge? und was dergleichen zu derA 3ſache6Das ſechſte Capitel. ſache ſelbſten / die ich mir billich ſchwehr einbilde / gehoͤren mag. Von meinen weſen iſt meinen großguͤnſtigen hochgeehrten Herrn am beſten be - kant / in me quid ſolidum crepet, aut mendoſo tinniat ære. Kan alſo ſolcher aus betrachtung des majoris / welcher die erwegung des dienſtes geben mag / und aus eigener wiſſenſchafft machenden minori leicht vorſehen / was vor concluſion ſich vermuthen laſſen. Meine ſtudia ſind bißhero allein auff die theorie gegan - gen / ja numehro faſt eine zeithero / aus erforderung der collegien auff die hiſtorie und politiſche materien. So hat auch das officium eines frey-predigers / wel - ches ich ſo hoch liebe / wegen der dabey von GOTT goͤnnenden tranquillitaͤt / keine abſonderliche ſeelſorge anhaͤngend. Stehet alſo zu erwegen / ob hochloͤbliche ſtatt bey betrachtung ſolcher umſtaͤnde dergleichen wichtige ſtelle einer perſon / die ſich in dieſen ſtuͤcken / da proben erfordert werden / keiner erfahrung austhun kan / und ſich dannenhero uͤber die deswegen auff adende verantwortung nicht wenig entſetzet / auffzutragen gedencken / damit nicht etwa in faſſender hoffnung man ſich endlich betrogen faͤnde. Jſt derjenige punct / uͤber welchen ich meines großguͤnſtigen hoch geehrten Herrn eigene meinung zu wiſſen wuͤnſchete / als welcher davon treff - lich zu judiciren vermag. Solte nun etwa zwiſchen uns das werck der unmuͤg - lichkeit halber / daran das meiſte liget / beygeleget werden koͤnnen / [ſo lange ich denn auch allerdings hievon hieſigen orts nichts melde / auch verſicherung hiemit thue / daß ohne Herrn Stollium / an den ich ſelbs gewieſen bin / und alſo davon et - was part geben ſolle / ich nicht mehr als mit einem einigen vornehmen mann / deſſen gutachten ich hieruͤber vertraulich vernehmen wollen / hieraus geredet / oder vor em - pfange der antwort reden werde] ſo waͤre alsdann zeit / allererſt zu der handlung ſelbs naͤher zu gehen. Wiewohl ich nachmaln / als der ich in officio publico ſtehe / und von hieſiger hochloͤblichen republic ordentliche vocation habe / demnach hin - derrucks derſelben und ohne gepflogene communication in verbuͤndliche tracta - ten / gewiſſens halber / und daß ich von ſelbſten vielmahl keine andere dienſte zu ſu - chen mich erklaͤret / mich nicht voͤllig einlaſſen / vielweniger endliche reſolution ge - ben duͤrffte / dieſelbe von ſolchen meinen gnaͤdigen Herrn und Oberen alsdann zu ſu - chen waͤre. Auch moͤchte die dimiſſion ſo viel leichter erfolgen / weil meine weni - ge ſtelle als die fꝛey-prædicatur zu eꝛſetzen an ſubjectis ſondeꝛlich kein mangel etwa nicht erſcheinen wird. Gleichwohl iſt von allem dem nicht zu reden / ſo lange nicht das erſte vorhin expediret und von meinem großguͤnſtigen hochgeehrten Herrn in ſolchem mir das werck mit deſſen vernuͤnfftigem judicio / bericht und rath etwas erlaͤutert und erleichtert wird / alsdann in Gottes nahmen ſolchen nach zugedencken. Er der grund guͤtige Gott regiere alle conſilia dahin daß menſchliche abſichten bey - ſeit geſetzet / zu ſeiner ehre alles ausſchlage. Jn deſſen getreuen und maͤchtigen gnaden-ſchutz dieſelbe eyffrigſt empfehlende / und mich nechſt antwort / deren ich /aus7ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO II. aus dem ſtatu ambiguo zu kom̃en begierig bin / beharrlicher dero gunſten zuver - ſichtlich getroͤſtende ich allezeit ſeyn werde etc. 19. Febr. 1666.
Die antwort an eben denſelbigen.
MEins großg. hochg. Herrn abermahl beliebiges zur antwort auff mein vo - riges habe ich voꝛ 8. tagen von der poſt zuꝛecht empfangen. Wiewohl weil in ſolcher ſtunde gleich dieſelbe wieder abgehet / nicht alſobald antworten koͤnnen / ſondern es biß auff jetzo verſchieben muͤſſen. Bedancke mich zu foͤrdriſt / gegen meinen großguͤnſtigen hochgeehrten Herrn / daß ſolcher mit ſo vielem auff mein begehren die beſchaffenheit der condition mir zu erlaͤutern / und damit die in - tention hochloͤblicher ſtatt recht zu verſtehen zugeben großguͤnſtig beliebet. Und bleibe denſelben / wie der getreue GOTT es auch noch ferner fuͤgen wird / allzeit deßwegen zu gefliſſener danckbahrkeit hoͤchſtens verbunden. Das werck ſelbſten belangend / ſo finde ich unterſchiedliches bey beſchreibenden amt / welches ich mir bey ſolchen faſt nicht vermuthet / und dannenhero der empfangene bericht mir ſo viel noͤ - tiger geweſen / indeme daß alle partes der abſonderlichen ſellenſorge beyſammen ſte - hen / und noch der direction der geiſtlichen zuſammenkuͤnfften / welcherley bey ſol - cher ſtatt gebraͤuchlich zu ſeyn / ich gar nicht wuſte / dazu geſetzet wird. So ma - chet dieſes das werck / ſo in anſehung der verrichtungen ſelbs / als daß nechſt er - wehnter maſſen ich in gegenwaͤrdiger ſtelle auſſer der predigten zu keinen weitern kirchengeſchaͤfften gehalten / oder deſſen bißher gewohnt geweſen / ſo viel ſchwehrer / als die wichtigkeit des dienſtes groͤſſer: daß dannenher nechſt angezogene urſachen / wo ich mich mit mir ſelbs berathen wolte / alle in ſo viel mehrerer krafft ſtehen blei - ben / und mir einen entſchluß zufaſſen / ſo lange ich auff mich ſelbs ſehe / faſt ſchwehr zulaſſen. Wann aber ich mich auch wohl beſinne / wie daß eines theils zwar das urtheil uͤber ſich nicht bloſſer dings einem jeglichen ſelbſten / da aus bald dieſem bald jenem affect es ſich verſtoſſen mag / ohne anderer beyziehung zu uͤberlaſſen / andern theils aber / wie mein großguͤnſtiger hochgeehrter Herr gleicher maſſen in den ſei - nigen erinnert / der ſchickende mit noͤthigen gaben auch geſchickt zu machen ſo kraͤff - tig vermag / als ohn zweiffenlich verſpreche; Habe endlichen ich bey mir ſelbs in den nahmen des Hoͤchſten / mit deme und in dem gebet zu ihm ich gantzes dieſes werck faſt bißher noch alleine zu belegen gehabt / dieſen ſchluß gefaſſet / einen er - kaͤntlich-goͤttlichen beruff / wie ohne das dieſes die gewiſſens pflicht mit ſich bringet / nicht aus handen zu gehen / ſondern auch ohn angeſehen alles anderen der ſtimme deſſen zu folgen / der wie er mich anfangs hier auff die cantzel durch ordentl. beruff geſetzet / alſo ſeine ungebundene hand uͤber ſeinen knecht ſich vorbehalten / auch an - ders wohin nach ſeinem willen ihn zuſchicken. Auff das aber ob gegenwaͤrtiges an -brin -8Das ſechſte Capitel. bringen / davon bißher die gedancken und zwiſchen uns communication gepflo - gen worden / aus ſolchem des allguͤtigen GOttes gnaͤdigen rath / der meine wenige dienſte einer andern als hieſiger kirchen mir bißher unbekant nach ſeiner freyheit be - ſtimmet / herflieſſen / und ich ſolchen characterem daran zu veneriren von mir ge - wiß erkannt moͤge werden / ja aber ich in ſolchem mich nicht vergreiffe / habe ich mich in allem paſſive zuhalten / und ſeiner nicht weniger maͤchtigen als weiſen pro - videnz / und beyderſeyts hoher intereſſirter Obrigkeit ohnbedingt und ohn vorgrif - fen die ſache heimzu weiſen. So dann hiemit von mir beſchihet / und mich dahin er - klaͤhre / daß weiln ich nicht mein eigen / ſondern aus goͤttlichen beruff hieſiger auch hochloͤblicher ſtatt mit pflichten verwandt [ſo nechſt angeregter maſſen mir nicht zulaͤſſt / ohne communication mit ſolchen meinen Obern einige verbuͤndliche deter - minirte reſolution zu geben] ich uͤber mich diſponiren laſſen / und was hochloͤb - liche ſtatt Franckfurt / da dieſelbe in gefaſſter meinung beharret / mit meinen gnaͤdi - gen Herrn allhier / nach ohne das zwiſchen denſelben unterhaltenden freundlichen vertrauen / wegen meiner zu tractiren belieben wird / und etwa alsdenn hochernenn - ten ſolchen meinen gnaͤdigẽ Obern nach befindung ihres orts / als denẽ ich auch nicht maß zuſetzen / mir ihren Obrigkeitl. willen andeuten werden / allerdings genehm hal - ten / und nichts an allem hindern wolle. Jch hoffe an meinem ort / daß uͤber dieſe re - ſolution nicht mehr von mir erfordert werden / oder ich mit gutem gewiſſen weiter heraus zugehen vermoͤge / als auff dieſe weiſe das werck ſchlechter dings aus han - den zu geben. Der allguͤtige GOTT und HERR ſeiner kirchen / regiere aller - ſeits alle hertzen / rathſchlaͤge und handlungen nach ſeinem weiſen rath / wie er uns wiſſend oder unwiſſend / ſolches zu ſeinen ehren und ſeiner gemeinde beſten noͤthig und dienlich zu ſeyn erkennet. Jn deſſen maͤchtigen ſchutz ich meinen großguͤnſti - gen hochgeehrten Herrn nechſt freundlicher bitte / auff ſelbs beſtermaſſen wiſſende weiſe gegenwaͤrtige reſolution gehoͤriger orten zu hinderbringen / mit bißheriger groſſer affection gegen mich zu continuiren / und wo ichs zu muthen darff / ohn - beſchw ehrt etwa mit einigen zeilen fernerer gedancken eroͤffnung zu thun / mit eiff - rigen wunſch und gebet ſchlieſſlichen empfehle etc. 19. Mart. 1666.
An den Magiſtrat zu Straßburg / als von der Statt Franckfurt meinetwegen an ſolchen geſchrieben / und darauff von mir mei - ne erklaͤhrung verlanget wor - den.
DAß Eure Gnaden das an dieſelbe von der hochloͤblichen ſtatt Franckfurt mei - ner perſon wegen abgegangenes ſchreiben mir zuſtellen / und was in ſolchen werck meine wenige gedancken waͤren / oder wie ich ſolches ſelbs anſehe zu be - fragen gnaͤdig geruhet / ſolches habe ich an meinen ort vor eine hohe gnade zuhalten / und mich dero wie anderer biß daher empfangener gnaden unterthaͤnig zubedan - cken; Wo aberzu Ew. Gnaden gnaͤdigen begehrens gehorſamer erfuͤllung / ich wie vorhin ſeiter dem [gleichwohl aller dings unverfaͤnglich] præliminariter durch eine andere mittel perſon / wegen anmuhtender vocation mit mir gehandelt wor - den / alſo auff geſchehen dieſe communication in der furcht GOttes / ich dem gantzen wercke / ſo viel ich davon faſſen und verſtehen moͤgen / nachgedacht / finde ich auff beyde ſeiten / ſo viel wichtige urſachen / deren einige zu dergleichen aͤnderung / auff vorgehenden Ew. Gnaden conſens / kraͤfftiglich anzutreiben ſcheinen / andere hingegen mit nicht wenigern nachtruck davon abhalten wollen; daß alſo ich ſchwer bey mir ſelbſt urtheilen kan / ob aus allen umſtaͤnden ich dieſe anmuthung anzuſehen als eine aus goͤttlichen weiſen rath flieſſende ernſtliche vocation / deren ohne ver - letzung des gewiſſens / ich mich nicht zu entziehen haͤtte / oder etwa vor einen goͤttli - chen verſuch / der durch menſchliche Conſilia / wie ich mich ſelbs pruͤffen / oder aus zeitlichen abſichten etwa bewegen laſſen wuͤrde mich auff die probe ſetze / und ich dem - nach ſolches vielmehr abzuſchlagen haben wuͤrde. Jch geſtehe gerne / daß ſolche anmuhtung als eine goͤttliche ſchickung anzuſehen nicht weniges angezogen werden mag. Wenn ich betrachte / daß ohne die wenigſte vermuhtung / will nicht ſagen geſuch oder gebung einiger gelegenheit / [maſſen ich des orts ſelbs allerdings keine kundſchafft habe /] dergleichen auffgetragen / und gegen eine perſon / von deren ſie einige proben der tuͤchtigkeit zu vorſchlagenden amte / auch nur anderwertlich her nicht gehoͤret haben koͤnnen / weniger geſehen haͤtten / eine ſonderbahre zuneigung der hohen obrigkeit / und neben derſelben in dero raht repræſentirenden gemeinde be - zeiget / gleichfalls eines venerandi Miniſterii daſelbſt angenehmer conſens mit bedeutet worden. Welche ohne unſer zuthun conſpirirende vota einem hoͤhern antrieb faſt nothwendig beygeleget werden muͤſſen. So iſt auch dieſelbe an ſich ſelbs [nicht zuſagen von zeitlichen genuß und reichlichen auskommen /] alſo bewant / daß bey einer ſo vornehmen gemeinde / die der geſamten Evangeliſchen kirchen ein vornehmes glied iſt / durch eine perſon / die mit darzugehoͤrigen gaben gnugſam aus - geruͤſtet / und in dem werck des HERRN an ihren eyffer und fleiß nichts erman - geln laſſen will / herrlicher nutze durch GOttes ſeegen geſchaffet werden koͤnte: hingegen zu der dabey aufflegenden arbeit bey ordentlichen beruff man auch die bey ſich noch nicht befindliche kraͤffte in glaubigen vertrauen zu erwarten; kaͤme auch noch darzu / daß irgend an meinem ort ich noch von dem alter / gleichfalls die haus - haltung noch in ſolcher enge / daß eine mutation zu dieſer zeit weniger als etwa bey andern beſchwehrde ſchaffen wuͤrde. So denn endlich die anſehung jetziges zu -Bſtandes /10Das ſechſte Capitel. ſtandes / die alſo bewandt / daß wie Ew. Gnaden deren gnade [indem alles bey mei - ner perſon ich als auſſer ordentliche gaben von denſelben bißher anzuſehen gehabt] an mir ſonſt gerne mit unterthaͤnigen danck erkenne / ſelbſten wohl ermeſſen / in der - gleichen und auff dieſe weiſe einige zeit laͤnger zu verharren / wie gerne ich auch wol - te / mir faſt unmuͤglich fallen wuͤrde / oder ich auff eine oder andre ſeite den ruin der haushaltung / mich in ſchulden zuſtecken / oder wo mit ſolcher ſtrengen anhal - tung / wie bißher geſchehen muͤſſen / durch die Collegia die ſuſtentation mei - ſtens zu ſuchen / der geſundheit vor augen ſehen / und alſo / womit ich etwa nach GOttes willen laͤnger arbeiten ſollen in weniger friſt die kraͤffte conſumiren muͤ - ſte. Welche ſaͤmtliche momenta von der wichtigkeit ſind / daß vielleicht einige ohn angeſehen der gegengewichte / wol alſo bald ſie ſich auff ſolche ſeite lencken laſ - ſen ſolten. Jch habe aber dabey billig auch auff der andern ſeiten nicht nur zu er - kennen / die groſſe ſchwehre dieſes dienſtes / in welchem wie groſſer nutzen zuſchaffen / alſo durch eine darzu nehmende nicht allerdings tuͤchtige perſon / eben ſo viel ſchaden auch gethan werden koͤnte / da ich hingegen auff meiner ſeiten / wo ich mit mir ſelbs zu rathe gehe / und nicht alleine nach vorhin ausgemachter frage / ob GOttes be - fehl mich jetzo dahin ſchicke / von ſeiner gnade die gaben / die ich noch nicht finde / ob - gedachter maſſen erwarten will / freylich dieſe tuͤchtigkeit nicht ſelbs an mir erken - ne; indem nicht allein die leibes kraͤfften nicht am ſtaͤrckſten / ſondern ich bißher al - lein in theoria Theologica und eine zeither aus erforderung der in dieſem ſtand ietzo noͤthiger collegien / hiſtoriſch und politiſchen ſtudiis / mich auffgehalten / ja aber ohn die predigten / die noch nicht das werck allerdings ausmachen / zu andern pfarr-verrichtungen und abſonderlichen ſeelen ſorge nicht gebraucht worden oder dero gewohnt geweſen; ſondern ich bedencke auch billig / wie ich ſo wohl vor 3. jahren / als Eure Gnaden nach des allguͤtigen weiſen GOttes willen mich zu jetzo tragender frey prædicatur gnaͤdig beruffen / mit freudigem gemuͤth denſelben be - ruff angenommen / und dem hoͤchſten GOTT gedancket / der nicht nur mich bey ſolcher hochloͤblichen ſtart / da bey meine beyderſeits Voreltern verbuͤrgert und theils in wuͤrden und dienſten geweſen / darzu auch zu dergleichen dienſt / bey dem ohne die arbeit ſelbs keine ſorgen nicht waͤren / und alſo die von mir ſo hochliebende tranquillitaͤt ich erhalten moͤchte / nach ſeinen rath befordern wollen; alſo auch bißher die feſte reſolution gefaſſet gehabt / auch dero mich unterſchiedlich verlau - ten laſſen mein leben in ſolchen amt und hieſigen orts [wo ich ſo von andern als nem - lich gnaͤdigen Obrigkeit und dero perſonen ſamt und ſonders mich dero gnade und vieler gutthaten bißher ruͤhmen auch ins kuͤnfftige verſichern koͤnte] nach des hoͤch - ſten willen zu zubringen und zu ſchlieſſen. Welche gegen-momenta denn wiede - rum nicht gering zu ſchaͤtzen / ſondern endlich mich dahin bewegen / daß in ſolchen werck ich vor mich keinen ſchluß ſelbs zu finden vermag. Jſt alſo allein das uͤbrig /nach11ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO IV. nach dem Ew. Gnaden als meine ordentliche Obrigkeit / von mir / meinem vermoͤ - gen / und ob bey derſelben kirchen und nach dero willen kuͤnfftig etwa univerſitaͤt dieſelbe meine dienſte ferner nuͤtzlicher zugebrauchen wuͤſten / oder aber bey auch hochloͤblicher ſtatt Franckfurt / da ſie dieſelbe darzu tuͤchtig erachteten / lieber angewendet ſehen / zu judiciren vermoͤgen / daß ich eure gnaden den entſcheid / weil ohne das vocations-wercke / die das gewiſſen ſo vielfaͤltig beruͤhren / verſicherter durch andere als die vocandos ſelbſten / die ſich pasſivè zuhalten / ausgeꝛichtet wer - den / in unterthaͤniger gelaſſenheit uͤbergebe / und meinen willen in den goͤttlichen / [deſſen entſcheid ich aus derſelbe nun erwarte] reſignire; dabey das ſchuldige unter - thaͤnige vertrauen habe / wie dieſelbe ohne das auff diejenige zwecke / ſo hieher gehoͤ - ren / und die in ein und anderem ſtuͤck beobachtende muͤglichkeit / nach dero hohen verſtand und prudenz / auch bißher gegen mir bezeugte Obrigkeitlichen gnade / gnugſam ſehen / und auch ſolchen dero gnaͤdigen entſchluß mir wieder andeuten werden. Jch ruffe den getreuen GOTT und HERRN ſeiner kirchen inbruͤn - ſtig an / daß derſelbe wie er aus pruͤffung des hertzens und anſehung kuͤnfftiger be - gebenheit allein wohl verſtehet / wen er zu jeglichen geſchickt gemacht / das werck al - ſo in regierung der hertzen / entweder hindern oder fordern wolle / wie ſeine ehre da - durch befordert / und ſein wille mir dadurch eroͤffnet mag werden. Deſſen allge - waltige u. allguͤtige rechte halte Eure Gnaden zu ſamt gantzer hieſiger hochloͤbl. ſtatt und kirchen noch ferner u. allezeit in guten ſchutz / frieden / wohlſtand / ſegen und ver - gnuͤglichkeit / nechſt welchen wunſch und unterthaͤniger zuverſicht daß Eure Gnaden dieſe erklaͤhrung in gnaden auffnehmen werden verbleibe ‒ ‒ ‒ Apr. 1666.
An die Herren Scholarchen in Franckfurt am Mayn wegen annehmung der vocation.
JCh zweiffle nicht / daß uͤber ſo langen verzug und auffſchub der endlichen antwort Ew. Geſtrengen und herrlichkeiten ſich nicht wenig befremdet haben werden / kan auch nicht in abrede ſeyn / daß jeglicher / weme nicht bekant / wie gewoͤhnlich alle geſchaͤffte hieſigen orts / die von einiger importanz zu ſeyn ſcheinen / etwas langſam expediret werden / daruͤber andere gedancken zu faſſen / moͤchten wohl urſach finden. Jedoch zweiffle ich hinwieder nicht / daß ſo wohl meine O - bern allhier ihres ſolchen verzugs / [weil nach hieſiger manier dergleichen geſchaͤffte bey unterſchiedlichen collegiis nacheinander vorgetragen und in bedacht gezogen werden muͤſſen / ehe ein endlicher entſcheid erfolge] gegen hochloͤbliche ſtatt Franck - furt die urſach darthun / als auch auffs wenigſte mir an meinem orte einige ſchuld deſſen nicht beygemeſſen werde werden. Das geſchaͤffte ſelbs betreffend / habe ich dieſe zeit uͤber in GOttes nahmen erwartet / was deſſen gnaͤdigſter wille ſeye / undB 2ſich12Das ſechſte Capitel. ſich declariren werde / gleichwohl einige mahl gehoͤriger orten um beſchleunigung angehalten. Auff welches dann / nachdem meine erklaͤhrung begehret / und dahin von mir eingerichtet worden / daß ich mich pasſivè haltende die momenta des wercks zu betrachten / und von meiner perſon zu judiciren / meinen gnaͤdigen O - bern uͤberlieſſe / von loͤblichem hieſigen Magiſtrat [vor der auch die Herren Theo - logen dabey erſuchet / und demnach nichts ſo zu verſicherung der gewiſſen gehoͤret unterlaſſen] der entſchluß vorgeſtern dahin gemachet worden / daß mir hiermit er - forderter conſens die anmuthende vocation in dem nahmen GOttes anzuneh - men / ertheilet wuͤrde. Jch habe ſolches nicht nur als ein Obrigkeitlich erlaubnuͤß mit gehoͤrigem reſpect / ſondern als ein wort des HERRN / ſo durch meine vor - geſetzte vom himmel herab mir zugeruffen waͤre / mit tieffſter demuth angenommen / ſeinem uͤber mich zu dieſem wercke nunmehr diſponirenden willen zu gehorſamen. Wie nun hoͤchſtgedachte hochloͤbliche ſtatt an ihrem ort ſolche dero antwort ſelb - ſten an auch hochloͤbliche ſtatt Franckfurt ohne zweiffel heut ſchrifftlich dieſes in - hal[t]s ergehen laſſen wird / alſo habe es hier mit auch meines orts ich Eurer Geſtreng. und herrlichkeit mit ſchuldiger obſervantz zu berichten noͤhtig befunden / als der auff erhaltenen meiner Obern willen / hiermit mich hochloͤblicher ſtatt Franckfurt be - liebenden vertroͤſteter vocation mit allem gehorſam bequemen u. deꝛo befehls folg - lich erwarten werde. Wann aber ich der verrichtungen / ſo mir zuſtehen ſollen / noch nicht ſo voͤllig wiſſenſchafft habe / als dem der zuſtand der kirchen nicht gnug - ſam bekant / ſtuͤnde auch an Eure Geſtrengen / und herrligk. mein gehorſames bitten / ſolche geruhten nebens folgender vocation großguͤnſtigen mir um etwas mehrers derſelben erlaͤuterung zu thun. Was diejenige von Herrn Philipp Schultzen JCto mir in eigenem brieff und communicirten extract benennete verrichtungen anlanget / verſtehe ich mich zu ſolchen / dieſelbe vermittelſt goͤttlicher gnade zu uͤber - nehmen. Solten aber uͤber dieſelbigen ferner in particulari cura animarum einige andere ſeyn / bitte ich nochmahln obſervanter ſie zu communiciren / um in der furcht GOttes bey mir zuerwegen / was ich in kraͤfften finden ſolte / des zuver - ſichtlichen vertrauens / da in einigen aber ſonderlichen neben umſtaͤnden ſich ein weniges bedencken faͤnde / eine hochloͤbliche ſtatt / die ihre gnade bereit ſo weit gegen einen unbekanten herrlich bezeuget / ſelbs auch in dergleichẽ ſtuͤck guͤtig geruhen wer - de / dasjenige ſo zu facilitirung der hauptverrichtung dienen moͤchte / da gleichwohl nichts wider geziemende ordnung geſuchet wird / gern zu bewilligen. Alles ſolches aber beyſeits geſetzet / bleibet das principal werck auff meiner ſeiten in ſeiner rich - tigkeit / da hochloͤbliche ſtatt noch ihre vorige guͤtige gedancken auff mich behaͤlt. Jch ruffe wiederum den getreuen und allguͤtigen GOTT von grund der ſeelen an / daß ſeine weiſe regierung / ſo bißher wider in dieſer ſtatt vieler menſchen gedancken das werck kraͤfftig gefuͤhret / es alſo hinaus fuͤhre / wie dero ehren beforderung es erfordert. Solcher groſſe GOtt ſegne alle hochloͤbliche ſtatt und in derſelben auchzu13ARTIC. I. DISTINCT. I. SECTIO V. zu dero beſten E. Geſtr. und Herligkeit handlungen und ratſchlaͤge mit ſtatlichem fortgang und gluͤcklicher erfuͤllung. Welches wie es mein taͤgliches gebeth nun ſeyn ſoll / alſo auch vor dißmahl von mir abgeleget wird / der ich ſchließlich ꝛc. 14. Maj. 1666.
Antwort an die ſtatt Franckfurt am Mayn auff dero vocation.
WAs Ew. Wohl Edl. Geſtreng und Herrligkeit in dem bißher durch vor - nemlich die aus dero mittel verordnete hochanſehnliche Herren Scholar - chen vocations geſchaͤfft præliminariter mit meiner wenigkeit zu com - municiren / meine dimiſſion von gegenwertig meiner gnaͤdigen Obrigkeit zu - begehren / ſo dann itzo nach erfolgeter ſelbiger durch eignes geneigtes ſchreiben alles obige zu confirmiren / und mir das hochwichtige bey dero Evangeliſchen gemein - de durch den todt des nu von unterſchiedlichen monaten her in GOtt ruhenden / vorhin aber geweßnen treufleißigen Pfarherrn und Senioris des Ehrw. und hochgel. Herrn Chriſtiani Gerlachii vacirendes pfarr-amt und Seniorat auff - zutragen und anzubefehlen beliebet: Habe ich billich gantze ſolche zeit uͤber in den nahmen des Hoͤchſten und ſeiner furcht bey mir zuerwegen und auff ſeine leitung achtung zu geben gehabt / auch darinnen augenſcheinlich warnehmen muͤſſen / wie der allweiſe regierer ſolches alles jemehr und mehr zu erwuͤnſchenden zweck gefuͤh - ret / und nun in ſolchem werck / darinn ich um verſicherung des gewiſſens willen mich allerdings paſſive gehalten / und hoͤher direction uͤbergelaſſen / ſeinen goͤtt - lichen willen und befehl dadurch offenbahren / biß endlich deſſen gewißheit mir nun - mehro durch beyderſeits hohe obrigkeitliche ſo dimiſſion - als vocations - werck gleichſam aus ſeinem munde angefuͤget und damit aller ſcrupel benommen worden. Wie ich nun goͤttlicher providenz / weiſe und unerforſchliche regierung in de - muͤthigen gehorſam zu veneriren / und deroſelben mit tieffſter demuth danckzuſa - gen / die da ihren knecht / welcher bißher vor der gleichen vornehmen dienſten aus anſehung ſeiner ſchwachheit ſich mehr entſetzet / als dieſelbe wuͤnſchen moͤgen / gleich - wol durch ihre gnade zu einen ſolchen in geſamter Evangeliſchen kirchen vorneh - men gemeinde gnaͤdigſt beruffen wollen / auch mit glaͤubigen vertrauen mich zuver - ſichern / daß der maͤchtigſte geber und fuͤger alles guten auch durch ſchwache werck - zeuge ſein werck und ehre zu befordern / weißlich verſtehe und kraͤfftig vermoͤge; als habe ich nechſt ſolchen Ew. Wohl Edl. Geſtr. und Herrligk. guͤtige auff mich unbekandten geworffne affection, die da vor allen etwa tuͤchtigern perſonen / die zu dergleichen importirender ſtelle anderweitlich her leicht zu holen / haͤtten moͤgen ſeyn / meine wenigkeit erwehlet / gleichfals gehorſamen danck zu ſagen / vornemlichB 3aber14Das ſechſte Capitel. aber in dem nahmen des Hoͤchſten vor deroſelben mich hiermit zuerklaͤhren daß ich das aufftragendes pfarr-amt und ſeniorat mit allen gehorſam auffnehme / auch mich kraͤfftig dahin obligire, nach allem dem vermoͤgen / ſo der grundguͤtige GOtt / den ich darum taͤglich anzuflehen habe / verleihen wird / zu forderſt mich allen o - brigkeitlichem befehl in ſchuldigen reſpect zu unterwerffen / hiernechſt anbefohlen - dem amt und deſſen anhaͤngenden verrichtungen getreulichſt abzuwarten / goͤttliches wort in reiner lehr und nach der form / der darinnen klahrſt gegruͤndeter Augſp. Confeſſion und uͤbriger Symboliſchen buͤcher mit fleiß und eyffer zuverkuͤndigen / die heiligen Sacramenten nach des HErren einſetzung behutſam zu adminiſtri - ren / und die anvertrauende gemeinde an meinem ort zuerbauen; wie ich nicht allein vor denſelben denen die oberhut krafft obrigkeitlichen amts rechtmaͤßig gebuͤhret / deßwegen in verantwortung ſtehe / ſondern vor meinen Erloͤſer dermaleinſt rechen - ſchafft zugeben bedencken muß. Er der groſſe GOtt / von deſſen ſegen gleich - wol alles alleine zuerwarten / wolle ſolches heilige werck ſelbſten foͤrdern / und wie es nicht menſchen ſondern ſeine ehre vornehmlich betrifft / geiſt / muth / verſtand und eyffer nach ſeiner reichlichen gnade verleihen / daß ſeines knechts lehr und leben von ihm kraͤfftig regieret / bey ſeiner lieben kirchen den nutzen / der gehoffet wird / ſchaffe / ja aber durch ſeine ſchwachheit und fehler / dero auffhelffen und er ſie verhuͤten und vergeben wolle / nichts verabſaͤumet noch gefaßte hoffnung fruſtriret werde. Sei - ne unendliche guͤte walte auch in uͤbrigen allen uͤber Ew. Wohl Edle Geſtr. und Herrligkeit / und geſamte loͤbliche ſtatt / regiere dieſelbe mit ſeinem Geiſt und wei - ſen rath / beſchuͤtze ſie unter den fluͤgeln ſeiner macht / und erfuͤlle ſie mit frieden / ſe - gen und aller hohen vergnuͤglichen wolfarth.
Antwort-ſchreiben des Miniſterii zu Franckfurt am Mayn an den Rath zu Erffurt wegen Johann Melchior Stengers ſchriff - ten.
WJe wir nicht zweiflen wollen / daß unſer neuliches von dem 6. hujus werde zu rechter zeit wohl uͤberkommen / und die entſchuldigung des laͤn - gern verzugs / von Ew. Wohl Edel. Geſtr. auch E. E. F. und Weißh. ſo wohl erkant / als Großg. aufgenommen worden ſeyn / als haben wir endlich un - ſer von uns erfordertes neulich vertroͤſtetes / und nunmehr durch goͤttlichen bey - ſtand verfertigtes / Theologiſches bedencken und judicium uͤber derſelben kir - chen Diaconi Herr Johann Melchior Stengers zwey communicirte ſchrifften / wie fern wir die darinnen befindliche lehren und redensarten goͤttlichem wort /un -15ARTIC. I. DISTINCT. I. SECT. VI. VII. unſern Symboliſchen buͤchern / und ausgehendigten reverſalen gemaͤß oder un - gemaͤß achten zu ſeyn / denenſelben hiemit zufertigen ſollen: Der troͤſtlichen hoff - nung gelebende / daß Ew. Wohl Edel. Geſtr. und E. E. F. und Weißh. wie ins - geſamt / auch ſonſten derer kirchen anliegen ihnen eyfrig in obacht zunehmen ange - legen ſeyn laſſen / alſo abſonderlich dieſer unſerer arbeit dazu bedienen werden / daß Herr Johann Melchior Stenger zum foͤrderſten durch ſolche und etwa / wo andersher dergleichen eingelauffen / ferner bruͤderliche erinnerungen / die wir ihme communiciret zuwerden hoffen und bitten / gewonnen / und entweder durch theils erlaͤuterung der zweifelhafften reden / theils der uͤbrigen verbeſſerung / oder auff andere weiſe / wie dero kirchen es am vortraͤglichſten ſeyn mag / alle gelegenheit wei - teren aͤrgernuͤſſes aus dem weg geraͤumet / hingegen zu ungehinderter aufferbau - ung ſo viel kraͤfftiger alles in guten ſtand geſetzet werde. Zu allem ſolchen und alſo auch darinnen befoͤrderung ſeiner ehre / wolle der dreyeinige GOTT / deſſen ſach es iſt / dieſelbe mit ſeinem Geiſt der weißheit / verſtandes / raths / ſtaͤrcke / er - kaͤntnuͤß und furcht des HErrn ausruͤſten / die beſte mittel zu erwehlen / und nach - mals ſolche ſegnen / zu ſeiner kirchen auffnehmen. Jn deſſen gnade wir ſchließ - lich auch insgeſamt zu gluͤcklicher und geſegneter regierung und allem wohlſtand eyfrigſt empfehlen. Franckfurt am Mayn / den 20. Jul. 1670.
Ew. Wohl-Edel. Geſtr. auch E. E. F. und G. Zu gebeth und dienſten bereitwilligſte Senior und geſamte Prediger det Evangeliſchen gemeinde in Franckfurth am Mayn.
Des gedachten Miniſterii cenſur, uͤber gedachte 2. Stengeriſchen ſchrifften. IN NOMINE JESU.
ES iſt nicht das geringſte / welches wir aus goͤttlichem befehl unſerm nech - ſten ſchuldig ſind / daß wir nicht nur in andern ſtuͤcken allezeit deſſelben ehre und unſchuld zu retten ſuchen / ſondern auch wie eyfferig uns dieſelbe ange - legen ſey / damit zu verſtehen geben / daß wir / wo wir etwas von demſelben hoͤren / und ſehen / allezeit ſo lange ſolches noch zum beſten gedeutet werden mag / es lieber dahin annehmen und anſehen / als einen uͤblern verſtand / der etwa darunter ge - ſucht werden moͤchte / ohne gnugſame urſach vermuthen. Wie nun ſolches ins -ge -16Das ſechſte Capitel. geſamt in dem gemeinen leben geſchehen ſoll / alſo auch wo man von eines lehrers und ſcribenten lehr und ſchrifften zu urtheilen hat / ſolle billich dieſe regel allemal zu foͤrderſt vor augen ſtehen / daß gleich wie auff einer ſeiten nicht wieder die chriſt - liche warheit / alſo anderſeits nicht wider die chriſtliche liebe geſuͤndiget werde. Ja es iſt unmuͤglich daß nicht auch wider die warheit gefehlet werde / wo nicht die chriſtliche liebe der jenigen gemuͤther regieret welche urtheilen ſollen / und wegen mangel derſelben / aus ungnugſamen urſachen undvermuthungen einen uͤblern ver - ſtand in eines mannes worten wuͤrden vermeinen gefunden zuhaben; Aber eben damit des wahren und von ihme intendirten verſtandes verfehleten.
Wann denn uns uͤber Herr Johann Melchior Stengern Diaconi zu Erf - furt zwey ſcripta, nemlich das buch der Bußpredigten / und Einſchaͤrffung zweyer puncten, unſere meynung zugeben von den jenigen ſo ſolches zu begehren fug ha - ben / zugemuthet worden / wir auch aus allgemeiner pflicht der kirchen beſtes aller orten nach vermoͤgen zubefoͤrdern / ſothanen chriſtlichen begehren ſtatt zu geben uns verbunden achten / ſo ſetzen wir uns billig in wahrer furcht GOttes zum aller forderſten die angedeutete regul vor augen / auff daß wir (wie es ſich ſonſt ohne das in allem / ohne menſchliche und privat affecten / in dergleichen heiligen und der kir - chen ruh mercklich betreffenden werck zuverfahren geziemet) ſo wohl insgeſamt ge - wiſſenhafft und bedaͤchtlich / als die dem jenigen / deſſen ſache es ſelbs und er der hertzenskuͤndiger iſt / deßwegen rechenſchafft geben muͤſſen / das vorgelegte erwegen / und dannenher ſonderlich niemanden / wider chriſtliche liebe eini - ges auffbuͤrden moͤgten / ſo deſſelben meinung nicht waͤre / und wir nach reiffer erwegung / aus gnugſamen umſtaͤnden / daß ein beſſerer verſtand in einigen worten zu ſuchen ſey / uns uͤberzeugt befinden: Hingegen auch ohngeſcheut was wir irrig erkennen andeuten / und gegen der regul der geſunden glaubens lehre halten. Dazu wir uns bey chriſtlichem dieſem vorſatz / des goͤttlichen beyſtandes / den wir demuͤthig darum erſucht / mit glaubigen vertrauen gewiß verſehen / und nochmals erſuchen.
Wir finden aber zum allerfoͤrderſten / ehe noch zur ſache ſelbſt geſchritten werde / dieſe obſervation, und anmerckung hoͤchſtnothwendig: Daß gemeinig - lich die betrachtung des jenigen der eine ſache redet oder ſchreibet / zu dem ver - ſtand deſſelben viel thue / und dahero ein groſſer unterſcheid ſey / nachdem jemand etwas geredet oder geſchrieben.
Nicht ob koͤnten ſonſten rechtglaͤubige nicht zuweilen ſich auch mit irrthum verſtoſſen / und hingegen / welche ſich zu falſcher religion bekennen / zuweilen etwas wahres lehren und ſchreiben; Oder aber muͤſten als dann allezeit jene irrthume des wegen gebilliget / und aus anſehen der perſon vor warheiten angenommen; Dieſer zu weilen nicht falſche ſaͤtze aber um ihrent willen verworffen werden. Sondern dar - zu dienet ſolche anmerckung / daß wo etwa die worte und redensarten eines lehrersetwas17ARTIC. I. DIST. I. SECT. VII. etwas zweiffelhafftig ſind / und man dieſelbe in beſſerem oder auch boͤſerm verſtand annehmen koͤnte / die betrachtung des jenigen / welcher ſolche gefuͤhret / beygeſetzt / daß ohne das angeregter maſſen die chriſtliche liebe allezeit auff das gelimpflichſte ſich neiget / ſo bald das gewicht auff die ſeite giebt / daß der beſte verſtand auch vor den wahreſten gehalten werde. Jn dem die gegenhaltung der glaubens bekaͤnt - nuͤß zu welcher die perſon ſich ſonſt gehalten / und weil daß ſie in andern ſtuͤcken der - ſelben wird haben widerſprechen wollen / ohne wichtige urſach oder den klaren au - genſchein / nicht anders als unbillich vermuthet wuͤrde / bereits ein liecht giebt / aus dem die dunckelere reden muͤſſen erhellet werden. Alſo wenn unſer theure mann GOttes Lutherus in dem buch de ſervo arbitrio, oder daß der freye wille nichts ſey / unterſchiedliche worte und arthen zureden gebraucht / welche ſonſten bey uns nicht / hingegen von Calvino und den ſeinigen gefuͤhret werden / geſtehen wir drum dieſen nicht / das ſie mit recht des beyfals ſolches unſern werthen Vaters ſich zu ruͤhmen haben. Sondern haben bißher chriſtliche und gelehrte Theologi viel - mehr ſich bemuͤhet zu zeigen / daß aus ſo wol betrachtung der gantzen ſchrifft / des zwecks derſelben und des unterſchiedlich mahl vorkommenden gebrauchs der ar - ten zu reden / die zweiffelhafft ſcheinen / als auch erwegung ſolches ſeligen mannes von den ſtreitigen puncten gefuͤhrter und anders her bekanter eigener lehre gnug - ſam erhelle / daß ein groſſer unterſcheid ſey / wo der ſeiner lehre halben uns billich gantz unverdaͤchtige Lutherus, und hingegen ein anderer ſeiner falſchen meinung nach aus der oͤffentlichen bekaͤntnuͤß ſeiner kirchen bekanter irrglaͤubiger einerley worte fuͤhren.
Nicht ob wuͤrde das einmahl falſch geweſene wort in des andern mund erſt zur warheit / ſondern weil es nicht mehr ein wort iſt / deſſen anderer verſtand aus des jenigen bekaͤntnuͤß erlernet wird / der es gefuͤhret. Alſo wenn der wohlver - diente und geiſtreiche Arndt / und irrgeiſt Weigel einerley worte zufuͤhren ſchei - nen: Jſts abermal eigentlich nicht einerley / ſondern iſt daſſelbe aus jenes munde gantz anders / nemlich aus jenes / des lehrers oͤffenlicher bekaͤntnuͤß / und erleute - rung ſeine geſamten buͤcher / bey dieſem aber aus der gantzen analogi ſeiner ir - rigen lehre anzunehmen und zuverſtehen. Wie es gleichermaſſen taͤglich ge - ſchicht / daß wir die von unterſchiedlichen widerſachern zu weilen anfuͤhrende ſtel - len der alten kirchen-vaͤter / welche etwa ſcheinen dieſen irrigen meinungen ge - gen uns beyfall zugeben / nicht nur durch genaue unterſuchung der worte ſelbſt / und alſo fleißige auslegung derſelben / ſondern auch auff dieſe weiſe zu retten pfle - gen / daß wir derſelben eigentliche meinung von den etwa ſtreitigen articuln aus anderen der ſtellen oder wol dero allgemeinen bekaͤntnuͤß der kirchen ſolcher zeit / wie dieſelbe aus andern ſchrifften erweißlich / erweiſen / und alsdann ſolche zur richt - ſchnur / wie die dunckel und zweiffelhafft ſcheinende worte zu erklaͤren ſeyen / ſetzen: Vorausgeſetzt dieſes / haben wir in gegenwaͤrtiger hypotheſi an Herr Joh Mel -Cchior18Das ſechſte Capitel. chior Stengern / als Autore der ſchrifften / daruͤber Wir befraget werden / ei - nen ſolchen mann / auff den wir anders her einiger falſchen religion argwohn mit recht nicht werffen koͤnnen / als der von ſeinen auſſer allen zweiffel allezeit vor or - thodox erkandten / und um die kirche wohlverdienten Herrn vater / ſo dann al - ler orthen / ſo viel uns wiſſend / von lauter reinen lehrern und Præceptoribus in der Theologi unterrichtet worden / ausdruͤcklich [als Einſchaͤrf. p. 44. 46. und an - derswo] ſich auff von uns vor rechtglaͤubig erkandte Academien berufft / und oͤffentlich zu unſern Symboliſchen buͤchern ſich bekennet: Hingegen ſelbſt in dieſen ſchrifften mit nahmentlicher verwerffung der irrglaͤuben der Calviniſten oder Reformirten [p. 78. 106. 107. Einſchaͤrff p. 32.] Papiſten. [p. 349. Einſchaͤrff. p. 16.] Photinianer [p. 233.] und Wiedertaͤuffer [p. 349.] ſich von deroſelben ge - meinden und lehrern abſondert; Da wir gantz ohnlaͤugbare argumenta haben muͤſſen; wo wir wider ſeine bekaͤntnuͤß eine gemeinſchafft mit jener lehr bey ihm vermuthen ſolten: Ja es richtet dieſe bemerckung ſo viel aus / daß auch diejenigen irrthum wo er ſich verſtoſſen und von der richtigen glaubens - und redens regel / ab - gewichen zuſeyn befunden werden mag / nicht vor boßhafftige irrthum / damit er ſich ſolcher falſchglaͤubigen kirchen theilhafftig gemacht / hingegen von uns abgetreten were; ſondern vor menſchliche fehler / da er aus uͤberſehen und uͤbereilung unwiſ - ſend in ſeiner kirchen lehr angeſtoſſen habe / zu achten ſind. Nach dem haben wir auch aus ableſung der ſchrifft insgeſamt nicht anders ſpuͤhren und abnehmen koͤn - nen / als einen hertzlichen eyfer vor GOttes ehre und der gemeinde erbauung. Es iſt ja freylich leider dahin kommen / da der teuffel geſehen / daß er mit einfuͤhrung falſcher lehr / an vielen orthen nicht durchdringen kan / ſondern die wahrheit der lehr bißher zur gnuͤge uñ alſo behauptet iſt worden / daß ſie gegen ihre feinde ſiegreich tri - umphiret / und wir nicht ſorgen doͤrffen / daß jemand wer nur will das geſchriebe - ne leſen / aus mangel unterrichts / und wegen noch einiger nicht gnugſam beantwor - teter zweiffel zu falſcher religion abzutreten werde urſache finden: Hat ers auff an - dere weiſe anzugreiffen / nach ſeiner liſt nothwendig erachtet / wie nemlich er den je - nigen / die eigenlich keinen glaubens irrthum nicht haben / ſondern bey der kirchen leben und derſelben beypflichten / deren lehre gegen alle anderwertige gnugſam be - ſtetiget iſt; (ob wol deren viel von ſolcher ihrer kirchen lehr leider ſehr wenig wiſ - ſen) ein ſolches Chriſtenthum wider ihre eigene bekaͤntnuͤß beybraͤchte / welches nur in ruhm des wort glaubens euſſerlichen heuleriſchen GOttesdienſt und etlicher maſſen erbahren leben beſtehe: Da gleichwol in Chriſto JEſu / ein rechtſchaffenes weſen ſeyn ſolle. Eph. 4. und ſolche leute weder von glauben noch deſſen wahren fruͤchten mehr / als den nahmen und eitelen ruhm haben. Denn da weiß der tau - ſendkuͤnſtler / daß er wo er ſolches erhaͤlt / eben ſo viel als er durch falſche lehr zur ver - damnuͤß bringen moͤge. Es iſt auch nicht zu laͤugnen / daß der arge feind nicht we - nig damit zur hellen geriſſen: Hingegen aber viel eiferige und GOttes gelehrtemaͤnner19ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. maͤnner ſolchen greuel der verwuͤſtung / ſich durch goͤttliche gnade ernſtlich wider - ſetzet / und dem uͤbel geſteuret haben. Wie nun derſelben arbeit in dem HErrn nicht vergebens geweſen iſt / als haben noch jetzo alle treue lehrer und prediger / wol - len ſie den nahmen der treue behalten / und der kirchen noth ihnen laſſen zu hertzen gehen / in deroſelben fußſtapffen zu treten / und mit eyfer ſich dem von jenem ſeligen Theologo Paulo Tarnovio alſo genanten und beklagten neuen Evangelio, bey einem lauten in der that aber allein heuchel-maul - und wahn-Chriſtenthum ſelig zu werden / zu widerſetzen. Dieſe Intention erkennen wir auch bey Herrn Stengern zu ſeyn / und haben alſo ſeine / ſo predigten als ſchrifften / als auff dieſen zweck zielend / und demnach aus begierde ſeinen GOTT nach ſeinem vermoͤgen zu dienen herkommend / an zuſehen. Wie ferne aber die ſache ſelbſt ſolches ſeiner in - tention correſpondire oder nicht / wird in den folgenden zuſehen ſeyn. Es iſt a - ber auch darbey in acht zunehmen / daß dieſes vorhaben / den teuffel an dieſen orth / da ihm am weheſten thut / anzugreiffen / alſo bewandt ſey / daß kein vernuͤnfftiger / wo ers gleich am gottſeligſten und vorſichtigſten thut / ihm darbey menſchen tage ſuchen oder verſprechen / und alſo durch abſicht auff zeitliche gunſt / ehre / reichthum und anderes dergleichen / wodurch zu weilen die menſchen ſich von der rechten bahn abfuͤhren laſſen / darzu bewogen werden koͤnne. Daraus wiederum abzunehmen / daß es bloß ein an ſich loͤblicher (wolte GOTT / auch vorſichtiger!) eyfer gewe - ſen / dadurch der mann zu dieſen ſchrifften getrieben iſt worden. Welches aber - mahl eine gute præſumption vor ihn giebt / theils ſeine reden in beſſern verſtand anzunehmen / theils ſeine fehler nicht mit hoͤchſter ſchaͤrffe zubeurtheilen. Daher wir auch das jenige wo er von ſich ſelbſt redet / und ſich zum exempel anzeucht / lie - ber aus guten gemuͤth als ruhmſucht geſchehen zuſeyn / nach chriſtlicher liebe regul urtheilen wollen. Dem allen auch noch ſchließlichen beyzufuͤgen iſt / daß er ſelbſt (in Præfat. p. 27.) bittet / wo etwan / nach jemands beduncken noch moͤgte ein feh - ler vorgegangen ſeyn / deſſen privatim erinnert zu werden / um dadurch daß er ſeine erklaͤrung thun koͤnte / gelegenheit zu haben: Welches auch wiederum uns ſo viel beſſere gedancken von ihm zuſchoͤpffen anlaß giebt. Wann wir aber nun - mehr / vorausgeſetzt der dinge / die bereits erinnert / daß ſie bey des Autoris per - ſon in acht zunehmen / zur ſache ſelbſt zu ſchreiten / und alſo unſer Theologiſch ur - thel geben ſollen / uͤber die in beyden buͤchern enthaltene lehren / in deme keine gewiſ - ſe allein benambſet / und wir deßwegen alle die jenige / welche einigen zweiffel erre - gen moͤgten (ohne allein was die anfuͤhrende exempel aus der ſchrifft anlangt / von welchen wir aus guten urſachen unſer urtel zugeben dißmahl in bedencken ziehen) anzufuͤhren eine nothwendigkeit erachten: So koͤnnen wir die puncten / ſo wir anzufuͤhren geſonnen ſind / am fuͤglichſten abtheilen in zweyerley: 1. daß wir beſehen / unterſchiedliche lehren und redens-arten / welche einen ſchein haben moͤgten / daß ſie unrecht weren / von der allgemeinen bekaͤntnuͤß abtreten / und irri -C 2gen20Das ſechſte Capitel. gen lehrern gemein ſeyen: Da gleichwol nach reifflicher erwegung bey theils der - ſelben / ſo wohl die arten zu reden / als lehren ſelbſt richtig und gut ſich befinden. Jn theils aber die meynung ſelbſt des Autoris und ſeine lehre / wo ſie unter beſſern Terminis gegeben wuͤrde / nicht zutadeln iſt / aber die redens-arten billich zu corrigiren ſind. 2. Sollen einige lehren angezeiget werden / wo wir we - der mit der meynung noch redens-Formuln zu frieden ſeyn koͤnnen.
WAs dann die redens-arthen und lehren anlanget / welche etwa uͤbeln verſtand bey einigen haben / deßwegen als irrig und unſerer Evangeliſchen warheit nachtheilig moͤgen angeſehen werden / in der that aber und in ih - rem rechten verſtand nicht zuverwerffen ſind / oder doch die meynung derſelben nicht boͤſe iſt. So hetten wir insgemein wuͤnſchen moͤgen / daß Herr Stenger zu weilen lieber mit der kirchen als mit einigen formulen und arthen / zu reden ſich befliſſen haͤtte: Er nimt zwar zur entſchuldigung Einſchaͤrff. p. 50. daß man nicht mordicus muͤſte allerdings an den alten formuln halten: und præfat. p. 16. ſu - chet er auff gethanen vorwurff der novitaͤt ſeiner redens-arten zu antworten. Nun mag alles / was daſelbſt geſagt wird / in ſeiner maſſe wol ſtehen / daß nem - lich wir in der erkaͤntnuͤß wachſen / keiner ſein pfund vergraben und mit der ſchrifft und dero worten zu reden auch mehrere aufferbauung zu ſuchen jeglichen erlaubet ſeyn ſolle. Es erſcheinet aber die krafft des vorwurffs / ſo ihm mag geſchehen ſeyn / noch nicht mit den angefuͤhrten entſchuldigungen / genug widerleget: Denn zum gebrauch einer vorhin gantz ungewohnten / und zu ungleichem verſtand anlaß ge - bender formul, iſt noch nicht gnug / ob ſchon ſolche nicht in den Symboliſchen buͤ - chern deutlich verworffen / ſie auch etwa mit einigen ſpruch der ſchrifft / die zuwei - len etwas dunckler und von unterſchiedlichen auff unterſchiedliche weiſe pflegen verſtanden zu werden / uͤbereinkommen ſcheinen / auch mehrer nutzen dadurch ge - ſuchet wird / in dem / daß etwa im gegentheil entſtehende aͤrgernuͤß der ſchwachen und andere abſicht / auff die ruhe der kirchen / welche damit turbiret werden mag / billich den jenigen / dem das heyl derſelben angelegen iſt / anweiſen ſoll / da er einerley lehre mit ſeinen vorfahren fuͤhret / auch einerley formulen zu behalten / und mit denſelben das jenige eben ſo nachdrucklich und ernſtlich zu treiben / was man mit neuen formulen thun moͤgte / deren neuligkeit / der lehr vielmehr einigen nachtheil zuzeucht / als mehrern nachdruck giebt. Wie wir denn nicht ſehen / daß einiges von ihm Herr Stengern / getrieben worden / das nicht eben ſo kraͤfftig mit den gewoͤhnlichen redens-arten haͤtte geſchehen koͤnnen. Daß daher die abſicht auff mehrern nutzen der kirchen / welcher nicht erſcheinet / die ſache nicht bloß aus - gemacht; Alſo ſeind wir zwar darinnen wol mit ihm einer meinung / daß mannicht21ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. nicht mordicus muͤſſe allerdings an den alten formulen halten / wie ja jetzo auch einige formulen alt ſind / welche eine zeit neue / und doch deßwegen nicht verwerf - lich geweſen; Aber das gehoͤrt darzu / daß gleichwol ſo lange bey den alten for - mulen zu bleiben iſt / als uns nicht die noth davon / und zu einfuͤhrung neuer for - mulen treibet / wo nemlich mit den alten nicht mehr eben das jenige kan ausge - richtet werden / was mit dieſen geſuchet wird. Und dieſes halten wir die meynung dieſes vorwurffs zu ſeyn / welcher zimlich wichtig / und Herr Stenger billig zu - weilen haͤtte etwas inne halten ſollen. Vorausgeſetzet dieſes / kommen uns nach - folgende formulen vor. (1) Finden ſich unterſchiedliche orthe / welche bey ei - nigen vielleicht einen argwohn eines Weigelianiſchen oder Quackeriſchen ſchwarms machen moͤgten. Als wenn p. 17. Von den glaͤubigen geſagt wird; Sie hoͤren am ſabbath dem heiligen Geiſte / dem innerlichen lehrer zu / der in ihrer ſeele wohnet. p. 312. Solches innerliche einſprechen des heili - gen Geiſtes iſt ein ſehr herrlich uͤber natuͤrlich zengnuͤß / daß der fromme hat / uͤber ſeiner kindſchafft bey GOTT. p. 315. GOTTES vaͤterliche liebes-zeichen habe ich bißher gnug geſpuͤret / auch in meiner ſeelen taͤglich mit GOTT geredet / und da ſeine troͤſtliche antwort gehoͤret in ſeinem hei - ligthum. p. 381. Der innwendige lehrer der heilige Geiſt / der in ihnen woh - net. p. 382. Es muß endlich ein jeder Chriſt fuͤr ſich in ſeinem hertzen und gewiſſen durch einſpruch deß inwohnenden heiligen Geiſtes verſichert wer - den der kindſchafft GOTTES. Einſchaͤrf. p. 20. daß der inwendige himmliſche lehrer der heilige Geiſt ihre hertzen bereite und zurichte / und p. 55. Wo der wahre glaube / der heilige Geiſt / die liebe Chriſti in eines menſchen hertz iſt / die wird ihm ſchon Chriſti willen und befehl anzeigen. Wer dieſe worte anſihet moͤgte leicht auff den argwohn kommen / ob halte es der Autor mit den Quackern und andern dergleichen Enthuſiaſten / welche ſolcher redens-arthen ſich auch gebrauchen. Zum exempel: Das Hamburgiſche Mi - niſterium citirt aus den Qvackern folgende reden: Jhr habt keine lehre noͤ - thig / wofern ihr die gnade annehmet / wann ihr darinnen wartet / ſo wird es euch zu GOTT fuͤhren / allda iſt euer lehrer. So werden ſich auch bey Schwenck - felden und Weigeln / ſo denn derſelben nachfolgern / ein und andere dergleichen reden finden. Ob nun ſchon es ſolte ſcheinen / einerley reden zuſeyn / die Herr Stenger fuͤhret mit ſolchen von uns billig verworffenen / ſind es doch in der that nicht einerley reden: indem Herr Stenger von den unmittelbar / und nicht durch das wort / deſſelben anhoͤrung und betrachtung / ſo denn die heilige Sacramenten / geſchehenden offenbahrungen und wuͤrckungen durchaus nicht redet; ſondern von den wuͤrckungen / welche GOTT durch die mittel bey den menſchen wuͤrcket: Weil ja freylich die aͤuſſerliche mittel nicht aͤuſſerlich bleiben / ſondern in das hertz[d]ringen / und in demſelben durch ſie der heilige Geiſt kraͤfftig ſeyn ſolle (wie obenC 3an -22Das ſechſte Capitel. angezogenes Rever. Miniſter. Hamb. in Quacker greuel C. 4. pag. 146. auch nicht alle innerliche wuͤrckungen des heiligen geiſtes in den hertzen der menſchen auffge - hoben haben will) Daher pag. 312. gleich nach angezogenen worten erklaͤhrungs weiſe folget: Wenn denn nun der heilige Geiſt bey der predigt des Evange - lii einen Chriſten iu ſeinem hertzen ſo lieblich troͤſtet; Alſo wann er ſaget pag. 197. Was ein erwachſener menſch iſt / der muß das Evangelium von JE - ſu CHriſto gehoͤret haben / es muß ihm ſeyn geſagt / geprediget / bekant ge - macht worden. p. 207. GOTT hat ſich einmahl mit ſeiner krafft verbunden an das wort / daß nimmermehr ein wort GOttes zu uns geredt wird / das unkraͤfftig were. Welche materie er p. 226. mit mehrern ausfuͤhret / und ſich darmit gnugſam von den irrgeiſtern / welche bey ihren vorgebenden unmittelbahren offenbahrungen und einſprechungen dergleichen nichts ſagen koͤnnen / ſondern die krafft des gepredigten goͤttlichen worts ſo viel an ihnen iſt vernichten / abſondert; Weßwegen / wo wir die ſache recht betrachten / ſagt Herr Stenger nicht mehr als der heilige geiſt durch ſeine heilige maͤnner vorgeſprochen hat Rom. 8 / 14. und folgenden: Welche der Geiſt GOttes treibet / die ſind GOttes kinder. Denn ihr habet nicht einen knechtiſchen geiſt empfangen / daß ihr euch a - bermahl fuͤrchten muͤſſet; ſondern ihr habet einen kindlichen geiſt empfan - gen / durch welchen wir ruffen Abba / lieber vater; derſtlbe geiſt giebt zeug - nuͤß unſerm geiſt / daß wir GOttes kinder ſind. 1. Joh. 2. 27. Die ſalbung / die ihr von ihm empfangen habet / bleibet bey euch / und doͤrffet nicht / daß euch jemaud lehre / ſondern wie euch die ſalbung allerhand lehret / ſo iſts wahr / und iſt keine luͤgen / und wie ſie euch gelehret hat / ſo bleibet bey dem - ſelbigen (daruͤber man des theuren Herrn Lutheri wort ſehen mag Tom. II. Eis - leb. pag. 373. Daß mirs der heilige Geiſt eben ſo im hertzenſagt / wie ichs mit den ohren hier im glauben hoͤre; Und wiederum: Wie der heilige Geiſt ihm in ſeinem hertzen predigt / und auch deß alten Auguſtini wort denckwuͤrdig ſind: Sonus Verborum noſtrorum aures percutit, Magiſter intus eſt. Ma - giſteria forinſecus adjutoria quædam ſunt & admonitiones: Cathedram in Cœlo habet qui corda docet) und 5. 6. der geiſt iſts / der da zeuget / daß geiſt warheit iſt. Anderer mehr orthe der Schrifft jetzo zu geſchweigen. (2. Mag auch einigen es als eine harte rede vorkommen / wann pag. 127. geſagt wird: GOTT erbarmet ſich nicht aller menſchen / ſondern nur etlicher / die ſich auch recht in ſeine vorgeſchriebene ordnung ſchicken. Und pag. 154. Er will nicht allen und jeden ſuͤndern gnaͤdig ſeyn. Es ſolte das anſehen haben daß dieſe worte mit Bezæ und der uͤbrigen Calviniſten lehr uͤberein kommen / wann jene ſich deutlich herausgelaſſen / daß keine zeit geweſen ſey / noch kommen werde / da GOTT ſich aller und jeder zu erbarmen gewolt habe / wolle / oder noch wollen werde. Reſp. ad act. Coll. Montiſp. p. 2. p. 194. Es mag aber auch ſolcherarg -23ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. argwohn Herrn Stengern mit recht nicht graviren; Als welcher ſich gantz hell und deutlich der grauſamen Calviniſchen lehr von dem bloſſen rathſchluß / darzu ſolcher ſatz gehoͤret / entgegen geſetzt. Nicht nur da er p. 319. austruͤcklich ſetzt / daß wenig Chriſten ſelig werden / koͤmt nicht daher / als ob ſie GOTT nicht alle wolle ſeelig haben: ſondern auch da er pag. 314. die jenige verkehrte lehrer ſchilt / die da wehnen / GOttes wort ſey nur bey etlichen / und nur zu weilen kraͤfftig. Welches er pag. 206. 207. mit ernſt treibet / und ſolchen einwurff / da man zu erhaltung des glaubens ohne die predigt des Evangelii meine / daß es liege an einer ſonderbahren heimlichen gnade GOttes / eine gottloſe rede und meinung nennet. Daraus gnugſam erhellet / daß er nicht rede von dem vorge - henden willen GOttes / mit welchem freylich er aller menſchen heil will / ſondern von dem nachfolgenden / nach welchem er aus gerechtem gericht allein ſich der jeni - gen erbarmet / und zur ſeeligkeit wuͤrcklich bringet / welche ſolche ſeine barmhertzig - keit nicht von ſich ſtoſſen / oder ſich derſelben unfaͤhig machen. Daher auch an beyden orthen der mittel oder ordnung gedacht wird / nach welcher ſolche erbar - mung ſich richte.
3. Solte es gleichfalls eine harte und irrige lehre ſcheinen / wann pag. 107. geſagt wird: Kein menſch werde verdamt um der ſunde willen. Jn dem ja GOttes zorn wider die ſuͤnde entbrennet / und wir allezeit geſtehen muͤſſen / daß wir mit der ſuͤnde zeitliche und ewige ſtraffe wohl verſchulden. Pſa. 90 / 8. 9. Das macht dein zorn / daß wir ſo vergehen / und dein grimm / daß wir ſo ploͤtz - lich dahin muͤſſen. Denn unſere miſſethat ſtelleſtu fuͤr dich: Unſere uner - kante ſuͤnde ins liecht vor deinem angeſicht. So iſt der todt (und alſo alles / was die Schrift unter dem namen des todes zu verſtehen pflegt / darunter der andere oder verdamnuͤß tod freylich auch begriffen / ja wegen des gegenſatzes des ewigen lebens vornemlich hie mit zu faſſen iſt) der ſuͤnden ſold. Rom. 6 / 23. Wo aber die ſache und auch art zureden recht angeſehen wird / werden wir finden / daß dieſelbe nicht wider die Schrifft / oder unſere uͤbrige rechtglaubige lehre ſtreiten. Marc. 16. wird nicht geſagt; Wer da einige andere ſuͤnde / ſo groß ſie ſey und wolle / gethan hat / ſondern wer nicht glaubet / der wird verdamt. Joh. 16 / 8. 9. Wird deßwe - gen von Chriſto allein der unglaube / daß die welt nicht an ihn glaube / die ſuͤnde ge - nennet. Sonderlich ſchoͤn aber wirds gezeuget Johan. 3 / 36. Wer dem Sohn nicht glaͤubet / der wird das leben nicht ſehen / ſondern der zorn GOttes bleibet uͤber ihm. Hie wird geredet von dem zorn GOttes / wel[ch]er alle zeitliche und ewige ſtraffe nach ſich zeucht / und von allen ſuͤnden verdienet wird / ja deßwe - gen uͤber allen menſchen iſt / aber er bleibet nicht uͤber allen / und bringet alſo nicht wuͤrcklich das gericht uͤber alle / ſondern er bleibet alleine uͤber denen die nicht glau - ben: Denn von den jenigen / welche glauben / weichet er um ihres glaubens wil - len: Alſo daß die jenige urſache / warum der zorn GOttes endlich den menſchenwuͤrck -24Das ſechſte Capitel. wuͤrcklich mit verdamnuͤß beſtraffe / nicht ſo wohl in der ſuͤnde ſelbs / dardurch er erreget worden / ſondern in dem unglauben zu ſuchen iſt / welcher das mittel / wor - durch jenes haͤtte abgelehnet werden koͤnnen / wegſtoſſet. Daher wir auff ſolche ſchrifftmaͤßige weiſe finden werden / daß auch andere Chriſtliche lehrer auff gleichen ſchlag gelehret / daß der einige unglaube verdamme / die uͤbrige ſuͤnden aber ver - dammen zwar nach dero verdienſt / ſie ſind der verdamnuͤß wohl wuͤrdig / nicht aber thaͤtlich oder wuͤrcklich / es kaͤme denn der unglaube darzu. Apiſtia ſola damnat actu propriè & immediatè, alias omne peccatum demeritorie damnat. D. Dannhauer Hodoſoph. Phæn. 11. pag. 1412. und Catechiſm. Milch p. 6. Pred. 56. p. 684. Gleich wie allein der biß ans ende beharrliche glaube ſeelig ma - chet: Alſo im gegentheil verdammet der allein biß ans ende beharrliche unglaube. Und ſolches iſt eben Herr Stengers meinung pag. 243. Es moͤgen auch deine ſuͤnde noch ſo groß ſeyn / ſo wiſſen wir wohl / daß Gott nicht verdamt um der ſuͤnde willen / ſondern um der unbußfertigkeit willen / und ſo ein menſch ge - fallen traͤgt an der ſuͤnde. Sihe auch pag. 108. deutlicher aber pag. 157. Es iſt nicht mehr als ein zwiefacher weg zum verdamnuͤß / der eine heiſt der mangel der wahren reue / der ander heiſt der mangel des Evangelii. Die - ſes ſind ſo zu reden 2. wege / die anfangs etwas unterſchieden ſind / endlich a - ber lauffen ſie beyde in einander / und wird daraus der einige weg des un - glaubens. Wie die ſache daſelbſt noch weiter erklaͤhret wird / daß man daran keinen tadel haben mag. Er giebt aber ſeine meinung auch noch mehr zu verſtehen Einſchaͤrff. p. 10. wo er gar ſaget: Daß auch die menſchen nicht um des bloſſen unglaubens willen verdamt werden (weil wir alle von natur unglauben an uns haben) ſondern der muthwillige unglaube ſey es / der die verdamnuͤß bringet. Daher was hier Herr Stenger lehret / hat gleichfalls der theure Lutherus gelehret / Tom. 2. Jen. p. 144. Wie der glaube allein alle gerechtigkeit iſt und thut / alſo iſt und thut allein der unglaube alle ſuͤnde. Daher zeucht Chriſtus keine ſuͤnde an Joh. 16. denn den unglauben: Da er ſpricht das iſt die ſuͤnde / daß ſie nicht glauben an mich. Und eben uͤber ſolche wort 7. Jen. p. 185. Der unglaube wider CHriſtum / der wird die ſuͤnde gar mit einander / ſo den menſchen ins verdamnuͤß fuͤhret / daß ihm nicht zuhelffen iſt. Und bald. Allhier wird nicht allein der unglau - be / ſo von Adam in die menſchliche natur gepflantzet iſt / angezogen (iſt Herr Stengers diſtinction zwiſchen dem bloſſen unglauben und muthwilligen unglauben) ſondern deutlich ſolcher unglaube / daß man nicht glaubet an Chriſtum / nehmlich ſo das Evangelium von Chriſto geprediget wird / daß wir unſere ſuͤnde erkennen / und durch CHriſtum gnadſuchen25ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECT. VII. ſuchen / underlangen ſollen. Denn nach dem Chriſtus kommen iſt / hat er die ſuͤnde Adams und des gantzen menſchlichen geſchlechts (nehmlich den vorigen unglauben und ungehorſam) fuͤr GOTT auffgehaben durch ſein leiden und ſterben / und einen himmel gebauet der gnaden und vergebung. Daß ſolche von Adam uns angebohr - ne ſuͤnde hin fort nicht ſoll unter GOttes zorn und verdamnuͤß behal - ten / ſo wir an dieſen Heyland glauben. Und ſoll hinfort heiſſen / wer da verdamt wird / der darff uͤber Adam und ſeine angebohrne ſuͤnde nicht klagen / ſondern muß uͤber ſeinen eigenen halß ſchreyen / daß er dieſen Chriſtum den Teuffels-Kopff-tretter und ſuͤnden-wuͤr - ger nicht hat angenommen / noch an ihn geglaͤubet.
4. Wie es nun das anſehen haͤtte haben moͤgen / daß durch vorigen puncten das geſetz unkraͤfftig gemacht wuͤrde / weilen wegen deſſelben uͤbertretung niemand verdamt werde (da wir bereits geſehen / daß ſolcher verdacht vergebens) als ſolte auch noch dieſes eine vermuhtung machen / ob favoriſirte der Autor den Anti - nomis und geſetzſtuͤrmern / welche in den vergangenen Seculo ſchon zu den zeiten des Herrn Lutheri ſeel. der wider ſolche geſchrieben Tom. VII. Jen. die kirche ver - unruhiget / und hingegen von den wahren lehrern beſtaͤndig verworffen ſind wor - den. Denen moͤgte das wort geredet ſcheinen. p. 3. Was gehet mich Moſes an? was breitet er ſich mit ſeinen geſetz taffeln? Einſchaͤrff p. 9. Man pre - diget itzt nicht das geſetz Moſis ſondern Chriſti geſetz. Nun wird ſich zwar drunten mit mehrem finden / daß dieſe machende diſtinction zwiſchen CHriſti und Moſis geſetze / und ſolche arten zu reden / die davon kommen / billich geaͤndert wer - den ſollen. Aber gleichwohl hat der argwohn Antinomiæ keinen platz: Und wo die formul: Moſis geſetz und Chriſti geſetz nicht an ſich incommoda waͤre / moͤchte man wohl ſagen / man predige nicht jenes ſondern dieſes / das iſt / ob man wohl je - nes prediget / werde doch durch die lehre von der gnade GOttes / wie dieſelbe den kindern GOttes / um des glaubens willen auch ihre ſchwachheit fehler zu gut halte / und nicht zurechne / die ſtrenge etwas gemildert. Die erſte angezogene formul / wird austruͤcklich einem wahren und in goͤttlicher gnade ſtehenden Chriſten zuge - ſchrieben / wie er ſich gegen das trohen des geſetzes verwahre / und ſeine gerechtig - keit nicht darinnen ſuche / hingegen wegen derſelben ſich auch von dem geſetz nicht ſchrecken laſſe. Da iſt nun nicht ungleich geredet / und werden ſich dergleichen formuln ſelbs in den Schrifften des ſeeligen Herrn Lutheri finden laſſen. Was aber Herr Stengers meinung von der ſache ſelbs anlanget / geſtehet er ſo wohl den uſum Didacticum als Pædagogicum des geſetzes / Einſchaͤrff. p. 9. Er erkennet / daß ſelbs der fromme und gerechte / wo er mercke / daß ſich der alte Adam wolle wider den geiſt gewaltig aufflehnen / ihn mit dem Moſaiſchen geſetze und deſſen tro -Dhungen26Das ſechſte Capitel. hungen zuͤchtige und zaͤhme. Einſchaͤrff. p. 13. So geſtehet er auch in angezoge - nem orth / pag. 2. v. 3. Daß auch bey frommen Chriſten / der alte Adam / der euſſerliche menſch billig mit dem geſetz gezuͤchtiget / und geſchrecket wer - de. Alſo daß man wohl mit ihm zufrieden ſeyn kan.
5. Wie hoch uns an dem Articul der rechtfertigung aus der gnade GOttes und deme dieſelbe ergreiffenden einigen glauben gelegen ſeye / iſt bekand. Es hat aber wiederum das anſehen / ob gienge auch in denſelben Herr Stenger wieder un - ſere lehre. Wenn er pag. 402. die rede / nichts deſto weniger (nehmlich ob wir ſchon nicht recht Chriſtlich leben) werden wir ſeelig durch den glauben an Chri - ſtum / nennet das rechte teuffels netze / da er mit heut zu tage die meiſte Chri - ſten fahet und beſtricket. Damit uͤberein kommet Einſchaͤrff. p. 21. daß er die rede verwirfft: Ob einer gleich an ſeinem ende kein ander zeugnuͤß hab / als daß er haͤtte gelebet wie ein teuffels kind / wo er doch aber glaubt / ſo wird er ſeelig / und præf. p. 8. dieſe einbildung: der glaube mache ſo alleine ſeelig / daß nun nichts dran lige / ob man Chriſti gebot hal - te oder nicht. Dahin gehoͤret p. 258. Lebſt du fromm / ſo wirſtu ſeelig / lebſtu nicht fromm / ſo wirſtu verdammt / da wird nichts anders aus. So p. 275. wiederholet wird. p. 274. Chriſtus will keinen ſeelig machen / er fuͤhre denn auch in dieſer welt einen wandel / der ihm dem HERRN CHRJSTO wohlgefaͤllt. Alſo p. 325. erfordert er zwey ſtuͤck / wo wir wollen der verdamnuͤß e[nt]gehen. 1. Glaube beſtaͤndig an JEſum Chri - ſtum. 2. Halte auch deines HERRN und Meiſters CHriſti gebot. Und pag. 395. Chriſtus habe bezeuget / daß die nicht in guten wercken ſich geuͤbet / in dieſer welt / deren keiner werde das reich GOttes er - erben. Aber wie wir ſeine lehre von der rechtfertigung gantz rein und ohne ma - ckel leſen. p. 165. von der verwechſelung der perſonen vor GOttes gericht: Und auch 237. da er ſaget / daß dieſes gehoͤre zu der rechten glaubens kunſt / daß ein Chriſt muß koͤnnen ſich aller ſeiner eigen heiligkeit und verdienſts er - wegen / und bloß ledig allein hangen an der gnade CHRJSTJ: Wo vor und nachgehends gleichfalls ſeine Orthodoxiam in dieſem Articul gnug - ſam bezeuget. Alſo bringen auch die angezogene worte nichts anders oder wiedri - ges mit ſich. Dann es iſt der vorwand des glaubens (denn daß er nicht von dem wahren glauben rede / zeigt dieſes / weil es ein ſolcher glaube iſt / dabey man nicht recht Chriſtlich / ſondern als ein teuffels kind lebet) freylich ſolches gefaͤhrliche teu - fels netze: So werden auch von dem / der der verdamnuͤß entgehen ſolle / billig beyde ſtuͤcke erfordert / der glaube und die haltung der gebot / das iſt Chriſtlicher wandel / aber auff unterſchiedliche weiſe / davon er ſich anderwaͤrtlich erklaͤhret / je -ner27ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. ner als die einige Inſtrumental-urſach / dieſe als theils das zeugnuͤß / theils die ohn - außbleibliche frucht der einigen angezogenen urſach (man ſehe hievon p. 32.) werden alſo zwar beyde von den menſchen erfordert / aber nicht beyde als zur ſeeligkeit / ſon - dern als demzenigen / der ſeelig werden will / nothwendig. Womit auch die letz - te art zu reden gleichfals erklaͤhret iſt / daß verſtand und wort ſchrifftmaͤßig ſeyn / und damit der ehre des allein ſeeligmachenden / und alſo ohne die werck ſeligmachenden / aber nicht ohne die werck befindlichen / glaubens nicht geſchmaͤhlert werde.
Auch erklaͤhret ſich der Autor p. 258. daß er dem allein ſeeligmachenden glau - ben nichts benimmt: Der glaube macht allein ſeelig: die guten wercke verdienen den himmel nicht. Ja freylich: Aber Chriſti ſpruch bleibt auch wahr: Keiner wird in himmel kommen; der ſich nicht auch hat fleißig geuͤbt in guten wercken. Denn wo kein heiliges le - ben iſt / keine wahre froͤmmigkeit / da iſt auch der rechte glaube nicht. Da wir ſehen daß er die wercke erfordere / nicht als ein nebens mittel der rechtferti - gung / ſondern als eine frucht und zeugnuͤß des rechtfertigenden glaubens / und als eine eigenſchafft / die ſich bey dem gerechtfertigten finden muͤſſe / nicht aber als eine bedingung der rechtfertigung / viel weniger als eine urſache der ſeligkeit.
6. Eben ſo wenig ſtoſſen die wahre lehre um folgende redens-arthen. Der keiner wird erhalten werden / der in dieſem leben beharrlich nur eine eintzige muthwillige ſuͤnde getrieben. p. 89. Jch muß aller muth - willigen ſuͤnde entſagen. p. 132. Wer da nur eine einige muthwilli - ge ſuͤnde forttreibet / und ſie nicht ernſtlich und ewig verſchweret / der darff ſich keine hoffnung machen zu dieſem erbe. p. 103. Wer nicht fuͤhret einen recht gottſeligen wandel / ohne alle muthwillige ſuͤnden / der wird nicht ſelig. p. 171 Wer nur noch einmahl muthwillig zu ſuͤndigen gedencket / der wird nicht ſelig. p. 381. Es weiß ein Chriſt in ſeinem hertzen wohl / daß er nicht lebet in muthwilligen ſuͤnden. p. 381. Keinen muthwilligen ſuͤnder macht das Evangelium ſelig. Gedenckeſtu nun noch auch nur eine eintzige muthwillige ſuͤnde dein lebenlang zu begehen / ſo haſtu dich des Evangelii nicht zugetroͤſten / p. 403. Wenns gleich nur eine einige ſuͤnde waͤre / die du muthwillig wolteſt begehen ſo biſtu um der willen verdamt / darwider wird we - der glaube noch Evangelium helffen. p. 129. Wer in einer eintzigen muthwilligen ſuͤnde lebet / der hat kein theil am reich CHriſti / er gehoͤret nicht zu ſeinem ſchaffſtall / er iſt kein Evangeliſcher Luthe - riſcher Chriſt. p. 62. Einſchaͤrff. p. 7. Die muthwilligen ſuͤnder / die nicht nur ſuͤnde haben / ſondern ſie auch thun / deren erbarmet ſichD 2GOtt28Das ſechſte Capitel. GOTT nicht. p. 12. Wer nicht rein wird von muthwilligen ſuͤn - den / alsdenn auch der boͤſe vorſatz ſelbſt auff gewiſſe maſſe eine muth - willige ſuͤnde heiſſet / wer nun den boͤſen vorſatz behaͤlt ſein lebenlang / ein ſolcher verdirbt auch gar in ſeiner gottloſigkeit. Und wiederum: das kan nicht beyſammen ſtehen: Ein wahrer Chriſt ſeyn / und in muthwilligen ſuͤnden leben. Man ſehe auch in dem buch p. 148. 247. 364. 377 wo gleich lautendes angetroffen wird werden. Dahin gehoͤren auch die wort pag. 320. Gott hatt nur die beſten Chꝛiſten außeꝛwehlt / die will er ſe - lig machen. Alle ſolche arten zureden und propoſitiones moͤgten nun leicht in ſolchen verſtand gefaſſet werden / welcher gantz falſch und ketzeriſch waͤre / nehm - lich ob waͤre GOTT keinen gnaͤdig / der einmahl eine todſuͤnde begangen / oder eine zeitlang darinnen beharret haͤtte / wie wir ſehen / daß einige ſich bey gehaltenen pre - digten ſolches eingebildet. Aber p. 384. und Einſchaͤrff. p. 10. begegnet er denſel - ben alſo gnugſam / und zeiget in dem gantzen buch / daß ſeine meynung nicht ſeye / den jenigen / welche muthwillig geſuͤndiget / die buß und goͤttliche gnade abzuſprechen / ſondern / allein zuzeigen / daß vor ablegung ſolcher muthwilligen ſuͤnde kei - ner zu gnaden kommen / oder vor einen bußfertigen erkandt werden koͤnne. Da - her / wo man die worte nicht obenhin / ſondern genau betrachtet / iſt ſo wohl an den - ſelben / als an der ſache ſelbſt kein fehler. Aber das muß dabey gemercket werden daß ſolche Propoſitiones zuverſtehen ſeyen in ſenſu compoſito / wie man in ſchu - len redet. Wer in einer eintzigen muthwilligen ſuͤnden lebt / (nehmlich ſo fern und ſo lang er darinnen lebt) hat keinen theil am reich Chriſti u. ſ. f. Daher in etli - chen gar wohl darzu geſetzt wird / beharrlich / item forttreibet. Daß alſo von denen geredet werde / welche in ſolcher ihrer boßheit verharren / und darinnen hin - ſterben. Gleichwohl gehets andere auch an / als lang und viel ſie muthwillig in ſolcher boßheit verharren / ob wohl dieſen noch die gnadenthuͤr offenſtehet / aber wo ſie ihre boßheit verlaſſen: So lang ſie aber in ſolcher verbleiben / ſo gilt es ih - nen gleichfalls (wie alſo auch allein in ſolchem ſenſu compoſito zunehmen ſind / die wort Præf. p. 4. Gleich als ob ein ſolcher / der ſo gelebet / gleichwohl ordent - licher weiſe ſeligkeit hoffenkoͤnte. Und / als ob ſolche koͤnten auch hoffnung haben zur ſeligkeit / die die ſ[uͤ]nde immer wieder in ſich herrſchen laſſen. Jn dem buch pag. 9. Welcher menſch nicht ſo viel als er kan in dieſer ſchwachheit ſich befleißiget in geiſtlichem erkaͤntnuͤß zu wachſen / der darff keine ſeligkeit hoffen. Und welche wort weiterer erlaͤuterung bedoͤrffen. Præf. p. 26. 27. Wer nicht auch in dieſem leben gelangt zu der ihm gleichwohl geziemenden Chriſtlichen vollkommenheit / auch in erkaͤntnuͤß / der wird auch die himm - liſche vollkommenheit gar nicht erlangen) Dieſe lehre ins geſamt / daß bey ei - ner herrſchenden und muthwilligen ſuͤnde keine ſeeligkeit zuhoffen ſeye / iſt unter an -dern29ARTIC. I. DISTINCT. I. SECT. VII. dern von unſern geſamten kirchen oͤffentlich bekant in den ſo genanten Schmal - kaldiſchen articuln in dem 3. theil art. 3. der heilige Geiſt laͤſt die ſuͤnde nicht wal - ten und uͤberhand gewinnen / daß ſie vollnbracht werde / ſondern ſteuret und weh - ret / daß ſie nicht muß thun / was ſie will. Thut ſie aber was ſie will / ſo iſt der hei - lige Geiſt und glaube nicht darbey (ohne dieſe aber iſt kein augenblick die ſeligkeit) dann es heiſt / wie S. Johannes ſagt / I. 3. 9. Wer aus GOt gebohren iſt / der ſuͤndiget nicht / und kan nicht ſuͤndigen. So ſagt der chriſtliche Theologus D. Ægidius Hunnius ad 1. Johannis 3. 6. Renaſcentiam & peccandi pro - poſitum ſic eſſe oppoſita, ut ſe mutuo ex neceſſitate tollant, ac conſiſtere in eodem homine ſimul eodemque tempore minime queant. Jtem noch neuli - cher Herr D. Huͤllſemann / in Calixtiniſchen gewiſſens W. C. 4. pag. 380. Weil der ſeeligmachende glaub / und alſo auch die gnade GOttes / durch welche er ſuͤnde vergibt / nicht kommet in ein hertz mit boͤſem vorſatz beladen / oder in eine boß - hafftige ſeele / die nach boßheit ſtrebet und trachtet: Weißh. 1 / 4. So muß der wuͤrckliche boͤſe vorſatz in der ordnung zuvor im hertzen des ſuͤnders nachlaſſen und pauſiren / ehe der glaube hinein kommet. Die letzte Formul / von nur den beſten Chriſten die ſelig werden / hat zwar auch an angezognen ort ihre gnugſame erlaͤu - terung / daß bey ſolcher erklaͤrung nichts mehr dran zuſtraffen. Aber ſolchen ver - ſtand wird nicht einer bald vor ſich ſelbſt aus den worten faſſen / ſondern vielmehr darvor halten / es ſeyen dieſes allein die beſte Chriſten / welche es in ihrem Chri - ſtenthum am weiteſten bringen / und niemahl von GOTT abgewichen waͤren / al - ſo / daß der einmahl von GOtt abgetreten / gantz ausgeſchloſſen waͤre. Wie nun in ſolchem verſtand / die propoſition gantz falſch waͤre / und wider goͤttliche barm - hertzigkeit ſtreitete / alſo iſt ſie wegen ſolches leicht daraus faſſenden unrechten ver - ſtandes gefaͤhrlich und nicht wohl zugebrauchen. Wie auch die Schrifft alſo nicht zureden pfleget. Hieher gehoͤret auch der orth Einſchaͤrff. p. 7. da dem an - ſehen nach es ſcheinen ſolte / ob wuͤrde dem jenigen / welcher mit auffgereckter hand GOtt beleidiget / allerdings alle gnade abgeſprochen / weil ſolche ſeele ſchlecht aus - gerottet werden ſolle; Aber er erlaͤutert ſich gleich ſelbſt / daß er rede von der zeitli - chen ſtraff / hingegen ſolte ein ſolcher freveler ſuͤnder deß ewigen todes nicht ſter - ben / wenn er hertzliche buſſe thaͤt. Daher wenn bald wiederum darauff folget: Wo eine ſeele aus frevel ſuͤndiget / die muthwillige ſuͤnde kan Gott nicht leiden / verſtehe mit der angezeigten condition / wo keine buſſe folgen wuͤrde.
7. Hierauff ſolgen billich die jenige / welche ſcheinen mit ſich zu bringen / gleich ob koͤnte ein menſch hier in dieſer welt bereits zu der vollkommenheit und erfuͤllung goͤttlichen geſetzes gelangen. Einſchaͤrff. p. 14. Rechtſchaffene Chriſten und kinder GOttes fuͤhren ihren wandel ſo in dieſer welt / daß ſieD 3Chri -30Das ſechſte Capitel. Chriſti geboth halten / und das koͤnnen ſie von ſich bekennen. Und diß iſt der ordentliche lauff der außerwehlten / daß ſie bey ihren leb - zeiten wandeln in gehorſam der gebot Chriſti / und an ihrem lebens ende koͤnnen ſie mit wahrheit von ſich ſagen / daß ſie haben gewan - delt in der liebe Chriſti / und in gehorſam ſeiner gebot p. 296. Wañ ich von jemand werde gefragt / ob ich die gebote meines Heylandes halte / und ich bejahe es denn / und ſage freylich ja / wehe mir / ſo ich nicht meines HErrn Chriſti gebothe halte. Einſchaͤrff. p. 13. Wo ein Chriſt ſich nur zur rechten buſſe kehrt / wird rechtglaͤu - big und wiedergebohren / darnach fleuſt aus der wiedergeburt und aus dem glauben ſchon heraus ein williger freudiger gehorſam / daß man dem allen nachkoͤmt / was Chriſtus in ſeinen geboten erfor - dert / und thut ſolches ohn knechtiſche forcht / mit lauter hertzens luſt. Dergleichen orth finden ſich noch mehr / und werden auch exempel angefuͤhrt / der - jenigen / die im Alten und Neuen Teſtament die gebot Chriſti gehalten haben. Solte aber dieſes nicht / zu geſchweigen der alten Pelagianer auff Paͤpſtiſch und Photinianiſch gelehret ſeyn? Denn alſo heiſſets bey den Tridentiſchen Patribus Sesſ. 5. de Juſtific. c. 11. GOtt befiehlet nichts unmuͤgliches / ſondern mit den be - fehlen erinnert er / man ſolle thun was man koͤnne / und fordern was man nicht koͤn - ne / und hilfft / daß mans koͤnne. Seine gebote ſind nicht ſchwer. Sein Joch iſt ſanfft / und ſeine laſt iſt leicht. Denn welche GOttes kinder ſind / die lieben Chriſtum / welche ihn aber lieben / wie er ſelbſt zeuget / halten ſeine wort / welches ſie freylich mit goͤttlicher huͤlffe leiſten koͤnnen.
Daher die rede verflucht wird. Can. 18. DEI præcepta homini juſtifi - cato ad obſervandum impoſſibilia, goͤttliche gebote ſeyen einem gerechtfertig - ten zuhalten unmuͤglich. So behaupten auch die Socinianer die muͤglichkeit der haltung des goͤttlichen geſetzes. Auch wird in der Form. Concord. c. 12. dieſer Schwenckfeldiſche irrthum verworffen: Daß ein Chriſt / der warhaff - tig wiedergebohren / das geſetz GOttes in dieſem leben vollkommen erfuͤllen koͤn - ne. Nun iſt an deme / daß hie wiederum die unbequeme rede von den geſetz Chriſti / welches von dem geſetz Moſis unterſchieden iſt; davon nachmahln wird zuhandeln ſeyn / vorkompt. Auſſer demſelben aber iſt die meynung des Auto - ris nicht unrecht. Wie er dieſelbe ausdruckt Einſchaͤrff. pag. 16. Was anlan - get die gaͤntzliche vermeydung muthwilliger ſ[uͤ]nden / da muͤſſen auch wir bey unſern lebzeiten gewiß ſeyn / daß wir koͤnnen ſagen: Wir lieben Chri - ſtum / und halten ſeine gebot. Verſtehet alſo Herr Stenger durch die hal - tung des gebots Chriſti nichts anders als die vermeydung muthwilliger ſuͤnden /wel -31ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. welche frommen Chriſten durch goͤttliche gnade muͤglich iſt. Daher p. 297. macht er gar deutlich den unterſcheid / unter der erbſuͤnde / menſchlichen fehlern und muthwilligen ſuͤnden / da er alleine in anſehung dieſer letzten ſaget / daß die beſ - ſerung gantz vollkommen ſey ſchon in dieſem leben pag. 297. Aber wie ſich die beſſerung wegen der andern zwey arthen der ſuͤnden halte / erklaͤret er ſich da - ſelbſt gnug. Daher treibt er auch auff die taͤgliche buſſe / und dero nothwendigkeit p. 307. Da heiſts: Ach wie ferne bin ich noch dem exempel meines HErrn JEſu Chriſti? Wiederum: Der gute Geiſt der in mir wohnet / wuͤrcket in mir eine ſtetige rene / uͤber die erbſuͤnde und menſchlichen fehler und ge - brechen. Wiederum redet er von dem exempel Chriſti und der heiligen alſo / p. 363. JEſum laſt uns anſehen / wenn wir wollen einen rechten tugend-ſpie - gel haben. Die andern menſchen ſind doch allzumahl gar kuͤmmerliche elende / mangelhaffte heiligen; Welches deutlich uns zuverſtehen gibt / daß er den glaͤubigen hier in dieſem leben noch nicht die vollkommenheit / wohl aber das ernſtliche ſtreben nach derſelben zuſchreibet: wie auch der Roſtockiſche Theolo - gus D. Eilh. Lubinus vor dem / uͤber 1, Johann. 5. 3. commentiret hat: Man - data Dei ſervare dicuntur, non qui illa perfecte ſervant, quod ſolus Chri - ſtus potuit, ſed qui ſerio ſtudio illa obſervare ſatagunt. Daher in der ſa - chen ſelbſt des Autoris meynung juſt iſt: So iſt ſie auch gnugſam unterſchieden von der Papiſten und Socinianer Jrrthum. Jn dem jener meynung iſt / daß eini - ge ſuͤnden / ſo ſie die laͤßige / venialia, nennen / an ſich ſelbſt ſo gering ſeyen / daß deßwegen um derſelben willen / ein menſch nicht auffhoͤre gerecht zu ſeyn / und al - ſo ohn angeſehen derſelben / das geſetz zu erfuͤllen. Weilen zwar alle ſuͤnde wi - der das geſetz / aber nicht alle wider den zweck deſſelben / das iſt / die liebe / ſtreiten. Wie des Jeſuiten Becani in Manuali lib. 1. c. 14. p. 256. vergebliche außflucht iſt. Solches aber iſt Herrn Stengers meynung nicht / als der erkent / daß frey - lich nach dem geſetz auch die menſchlichen fehler des todes wuͤrdig ſind / daß ſie aber gleichwol den wiedergebohrnen nicht aus goͤttlicher gnade ſetzen / ſchreibt er goͤttlicher gnade und dem glauben zu / um deß willen ſie uns nicht zugerechnet wer - den. Wie Becanus an angezogenem orth auch unſere Lutheriſche meynung an - zeucht / aber zuwiderlegen vermeynet. Damit iſt er von den Paͤpſtiſchen unter - ſchieden; So vielmehr aber von den Socinianern / welche nicht nur die von uns lehrende zurechnung der gerechtigkeit Chriſti (davon auch Schwenckfeld wenig wiſſen will) ſondern alle deſſen verdienſtliche gnugthuunge leugnen. Was aber endlich die art zu reden ſelbſt anlanget / GOTTES geſetz halten / oder daß die glaͤubige ſolche gebot halten / halten wir ſie vor eine ſolche rede / wel - che / weil ſie leicht wegen der jenigen / die in dem articul von der Erfuͤllung des geſetzes / unrecht lehren / uͤbel verſtanden werden mag / nicht anders als mit guter behutſamkeit zubrauchen / an ſich ſelbſt aber recht und warhafftig ſeye; Sie iſt ge -gruͤn -32Das ſechſte Capitel. gruͤndet in den worten Johannis 1. 5. 2. 3. Daran erkennen wir / daß wir GOttes kinder lieben / wenn wir GOtt lieben und ſeine gebot halten / dann das iſt die liebe zu GOtt / daß wir ſeine gebot halten; und ſeine Gebot ſind nicht ſchwer. Ja in den worten Chriſti ſelbſt Joh. 14. 21. Wer meine gebot hat / und haͤlt ſie / der iſts der mich liebet. Welchen wir in dem verſtand wie ſie geredet / wol nachſprechen moͤgen. Aus jenen worten Joh. 1. 5. 3. ſchlieſſet der ſel. Ægid. Hunn. alſo Iis qui Deum diligunt & communionem cum eo geſtiunt, neceſſariam eſſe obſervationem præceptorum illius.
Es finden ſich auch etliche harte formuln, betreffende die ſpate reue. Ein - ſchaͤrff. pag. 52. GOTT wolle zwar allen bußfertigen die ſuͤnde ver - geben / aber denen die ſo offt abfallen / des lieben GOTTes ſo offt verſpotten / denen werde es darnach ſo gut nicht / daß ſie kamen zur erkaͤntnuͤs. P. 12. daß er erſt in der ſtunde des todes ſolte zur buſ - ſe gelangen / das verbleibet darnach wohl / und in dem buch p. 279. Woher ſoll ihm aber der glaube als denn erſt kommen? Gewiß iſt / daß unter ſolchen heuchlern und boͤſen Chriſten kaum einer unter 100000. zuletzt glaͤubig werde. Chriſti worte vermoͤgens faſt / daß nicht einer von ſolchen / die ihr tag kein gutes gethan / erſt am ende rechte buſſe thue. p. 401. Man ſaget von den ſpat reuenden / daß ſie auch noch zu gnaden kommen / aber das iſt ein auſſer ordentli - ches / in die gemeine regul nicht zuziehen; und nach deme die heu - tige welt beſchaffen / wolt ich ſagen / unter hundert tauſenden ſpat reuenden kaum einer recht buſſe wuͤrcket. Wir geſtehen daß die re - den hart ſind; aber gleichwohl (ohne das die angezogene worte aus pag. 279. daß faſt nicht einer gar zu weit gehen / aber auch mit den uͤbrigen nicht uͤbereinkommen / und alſo billich aus dieſen zu verbeſſern ſind / ſo dann daß die beſtimmung der einigen zahl / unter ſo viel tauſenden nicht ſicher iſt / ſondern man lieber goͤttlicher barmhertzigkeit uͤberlaͤſſet / wie vielen oder wenigen ſie dieſe ſonderbahre gnade thun wolle) bleibt die lehre an ſich ſelbſt von ſolchen muthwilligen ſpoͤttern goͤttlicher gnade / die dieſelbe offt von ſich geſtoſſen haben / allerdingswar: Sie iſt gegruͤndet Proverb. 1. 24. v. f. u. an andern orten der Schrifft: daß GOtt endlichen den menſchen in das gericht der verſtockung fallen laſſe / von welchem gericht der Autor nichtuͤbel pag. 222. redet. Nicht aber er allein ſondern der gemeine / und durch gemeinen gebrauch gebil - ligte / kirchen-geſang mit den worten: Jch foͤrchte fuͤhrwar die goͤttliche gnad / die er allezeit verſpottet hat / wird ſchwerlich auff ihm ſchwe -ben33ARTIC. I. DISTINC. 1. SECTIO VII. ben. weiſet auch / was bey andern unſern lehrern allemahl geglaubet worden. Herr D. Dannhauer S. G. ſchreibet in Catechismus Milch. p. 6. p. 293. aus 2. theurer Theologorum mund: Gedencke an die worte Lutheri ad Gen. 50. Quanquam Deus promiſit veniam, tamen non promiſit, quod cer - to ſis rediturus. Saul & Judas non redierunt: Phariſæus non debet ſal - vus fieri præſumendo, nec latro perire deſperando. Ob zwar GOTT vergebung der ſuͤnden verſprochen hat / ſo hat er dir nicht ohnfehlbahr zugeſagt / daß du wirſt wieder kommen mit wahrer buſſe. Saul und Judas ſind nicht wiederkommen / der werckheilige Phariſeer ſoll nicht ſelig werden / durch ſelbſt ertichte einbildung / und der Schaͤcher auch nicht verderben durch verzweiffelung. Und wie D. Gerhardus (Medit. ) ſaget: Promiſit Deus veniam pœnitenti, ſed voluntatem pœnitendi non promiſit delinquenti. GOtt hat zwar er - laſſung verheiſſen / den bußfertigen ſuͤndern / aber die buſſe nicht einen jeglichen verheiſſen / ſo offt er ſuͤndiget / daher eben jetzt angezogener ſel. Herr Gerh. Harm. Evang. cap. 201. pag. 1999. Das exempel des Schaͤchers nennet Singulare exem - plum divinæ benignitatis ac miſericordiæ: Ein ſonderlich (und alſo nicht al - len gemeines) exempel goͤttlicher guͤtigkeit und barmhertzigkeit. Vergleicht auch nachmahl die ſuͤnde / ſo das leben durch begangen wird / mit einer vergifften ſpeiſe davon 1000. geſtorben weren / und etwan einer wunderthaͤtiger weiſe (miraculo - ſe) erhalten worden; Am allernachtruͤcklichſten aber / redet hievon der gelehrte und accurate Theologus D. Huͤllſemann: brev. Theol. extenſ. cap. 14. num. 7. & 8. (mit dem Herrn D. Dannhauer Hodoſ. Ph. 9. pag. 640. einſtimmet und dieſe worte zum theil wiederholet) cauſa decreti de Electis ad tempus ab unione cum Deo & influxu ejus gratioſo prolapſis infallibiliter redu - cendis non tam nititur præviſa non rejectione gratiæ divinæ ad reſipi - ſcentiam eos revocantis, quam propoſito Dei ſeu voluntate reducendi hunc non illum. Quod in Apoſtatis valet: non æque in nondum illu - minatis. Omnibus enim nondum illuminatis promiſit Deus oblatio - nem luminis; Non omnibus autem apoſtatis promiſit reiterationem luminis petulanter extincti (aus den ſpruͤchen Rom. 11. 18. 23. Hebr. 3. 7. 4. 1. 3 / 6 / 6 / 4 / 5 / 10 / 26. Joh. 12 / 35 / Matth. 25 / 9. 10. Jerem. 3 / 1. 2. Petr. 2 / 20 /) un - de conſequitur: non eſſe eundem reſpectum Dei ad hominem, quo con - tinuatur gratioſus influxus, & repudiatus redintegratur, quia eſt diverſi - tas in ſubjectis. Daraus erhellet / daß ein ſolcher freveler veraͤchter goͤttlicher gnade / der auf vermeinte buß des letzten ſtuͤndleins ſicher dahin ſuͤndiget / ihm ſolche nicht ohnfehlbar verſprechen koͤnne. Alſo koͤnnen wir keinen darauf vor - her vertroͤſten / daß es ihm auch inskuͤnfftige ſo gut werde werden / ob wohl da es bey ſeinem letzten gleichwohl geſchicht / wir vor ſolche gnade mit ihm der unergruͤnd - lichen barmhertzigkeit Gottes zu dancken haben. Und das iſt / was Hr. Stenger ſagt. Ep. 14. 34Das ſechſte Capitel. P. 14. So gut wird nicht eben einem jeden / und muß man da GOttes weißheit und unerforſchliche gerechtigkeit walten laſſen. p. 396. Ob darnach unter etlich tauſenden moͤchten ein paar gefun - den werden / die GOtt aus geheimen unbegreifflichen rath noch erſt am ende mit rechter buſſe und glauben beſchenckte / daß benimt drum der ordentlichen allgemeinen regul gantz nichts. Man kan auch die leuthe nicht darauf weiſen / und ſie ſolcher gnade GOTTes ver - ſichern. Und Einſchaͤrff. p. 28. je laͤnger man GOTT verachtet / deſto mehr vortheil waͤchſet dem Satan zu / aus deſſen Stricken hernach zuentkommen / bedarff einer ſonderbahren gnade GOttes / uͤber die allgemeine / da nun aber nicht verheiſung vorhanden. Welches alles zwar nicht dahin zuverſtehen iſt / ob waͤre es eine andere gnade an ſich ſelbs / durch welche ſolche leuthe ſelig wuͤrden gegen andern. Denn es iſt eine gnade / dadurch alle ſelig werden muͤſſen / welche ſich gruͤndet auff die allge - meine barmhertzigkeit des Vaters / Chriſti allgemein verdienſt / des heiligen Geiſtes allgemeine beruffung / und der goͤttlichen mittel krafft. Aber die wiederholung o - der offtere anerbietung der vorhin verſtoſſenen gnade iſt etwas ſonderliches / in dem es nicht allen wieder faͤhret; Deßwegen kan ich einen boßhafftigen ſuͤnder aus anſehung der allgemeinen verheiſſungen deſſen nicht verſichern / daß er am letzten ende werde buſſe thun. Da hab ich keine verheiſſung / welche ich ihm zeigen kan. Aber da er am letzten ende goͤttlicher gnade begierig iſt / darff ich ihn auf keine ſon - derbahre und ungewiſſe gnade / ſondern die allgemeine verheiſſungen / darunter er auch begriffen iſt / weiſen: Aber eben ſolche begierde / und daß er noch nicht verſto - cket / keine gnade nicht ſucht / das iſt bereits eine ſonderbahre gnade / weil ſie nicht allen / ja vielmehr wenigen / wiederfaͤhret. Zu dieſer materie aber gehoͤret auch die jenige formul, præf. p. 8. welche wir / wie ſie vor augen ligt / zu hart und ei - ner aͤnderung noͤthig zu haben achten: Wo es ſolte zuverſtehen ſeyn von dem ungehorſam gegen die gebot Chriſti / da kan ſich der ſterbende ordentlicher weiſe nicht ſo beruffen auf Chriſti verdienſt. Denn obs wol nicht ordentli - cher weiſe und gewoͤhnlich geſchicht / daß ſolche leute zur buſſe erleuchtet werden (daher er ordentlicher weiſe bey verharrenden ſeinen ſuͤnden / daß er gleichwol der - maleins werde des verdienſts Chriſti theilhafftig werdẽ / ihm nicht verſprechen kan) So kan doch der jenige / der nunmehr um ſolche zeit ſich auff Chriſti verdienſt be - ruffet / ordentlicher weiſe ſich deſſen getroͤſten / daß es an ihm ſo wol als eini - gen andern kraͤfftig ſeyn werde / vorausgeſetzt / daß ſein hertz / wie bey allen / die da glaͤuben ſollen / erfordert wird / in wahrer buſſe ſtehe. So bedoͤrffen auch die folgende wort: Dann Chriſtus hat uns zwar mit ſeinem verdienſt erloͤſetvon35ARTIC. I. DISTINCT. I. SECTIO VII. von dem unertraͤglichen joche Moſis / aber nicht von dem ſanfften joche ſeiner geboten / einer guten erklaͤrung / daß ſie nicht auff unrechten verſtand gezo - gen werden. 9. Eine genaue gemeinſchafft mit dem jetzt angefuͤhrten hat auch dieſe art zu reden / wo Herr Stenger unterſchiedlichmal pfleget zu ſagen / dieſer wird ordentlicher; jener auſſer ordentlicher weiſe ſelig. Als p. 239. Ordent - licher weiſe wird keiner ſelig / er habe denn auch from gelebet / aber mit froͤmmigkeit wird drumb das ewige heyl nicht verdienet. Diß folget wohl daraus / daß die ſpath-reuende / nicht auff ordentliche art und weiſe ſelig werden. Denn ſonſt iſt das die gewoͤhnliche / ordentliche arth und weiſe die ſich findet bey rechtſchaffenen Chri - ſten / daß ſie nemlich fein bey zeiten abſtehen vom boͤſen. Bald dar - auff. Wenn denn ein und der andere aller erſt am letzten ende von GOTT bekehrt wird / ſo heiſſe ich das ein auſſerordentlich ungewoͤhnliches exempel. p. 395. Solches iſt ein auſſerordentliches / es iſt ein ungewoͤhnlicher caſus. Jtem / es iſt gantz nicht gew oͤhn - lich noch gebraͤuchlich. Jtem / ſo iſts fuͤr ein ungewoͤhnlichen auſ - ſerordentlichen wunder caſum zuhalten. Alſo auch p. 401. und an - derswo. Alſo klaget er præf. p. 5. daß von etlichen der auſſerordentliche ſpa - te buß weg zum ordentlichen lebensweg gemacht werde. Hier - aus moͤchte vielleicht jemand in die gedancken kommen / ob waͤre Herr Stenger der meinung / es wuͤrden die ſpath-reuende auff andere weiſe / durch andere mit - tel von GOttes und ihrer eigenen ſeiten ſelig / als andere / da doch einerley gnade / Chriſti verdienſt / Wort / Geſetz / Evangelium / Sacramenten / und alſo alle mit - tel ſind / daraus alle menſchen insgeſamt zur buſſe und ſolcher guͤter genuß muͤſ - ſen gebraucht werden: Wie hingegen auch von ihrer ſeiten bey allen der einige glaube iſt / der ſolche annimt. Jn ſolchem verſtand iſts eine ordnung vor alle / und wird keiner auſſer ordenlicher weiſe ſelig: Wir moͤgen denn ſolches ſagen von den kindern / welche vor der Tauff ſterben / da die ordentliche mittel des worts und Sacraments der Tauff nicht platz haben / ob wohl es auch eine gnade / gerech - tigkeit Chriſti und glaube iſt / wie bey andern / krafft deren ſie ſelig werden. Es iſt aber ſolches durchaus Herr Stengers meinung nicht / wie ſolches die vierze - hende predigt zur gnuͤge ausweiſet; Sondern er erklaͤret ſich ſelbſt / wie er dieſe worte verſtehe / Einſchaͤrff. p. 22. daß er ordentlich nennet / ſolenne, conſvetum & ordinarium, was ordentlicher weiſe und gemeiniglich geſchicht / das andere nennet er auſſerordentlich / extraordinarium.
Was dann die ſache ſelbſt anlanget / ſo iſts aus vorigen bekant / daß in ſol - chem verſtand freylich die ſpath-reuende nicht ordentlich / ſondern auſſer ordentlichE 2ſelig36Das ſechſt Capitel. ſelig werden / es iſt nichts gemeines / gewoͤhnliches / ſondern ungemeines. Was aber das wort ſelbs / ob dergleichen ſolle ordentlich und auſſerordentlich genennet werden / anlangt / bezeugt Herr Stenger ſelbs / daß er nicht ſo ſehr auff das wort ſelbs dringen / ſondern es nicht wehren wolle / wo es einer mit einem beſſern termi - no geben koͤnne. Jn deſſen bezeucht er ſich auff der kirchen-lehrer art zureden. Nun iſts an dem / daß was die arth und weiſe anlangt / wie die mittel des heyls dieſem und jenem zukommen / daß nicht ungewoͤhnlich / daß der Terminus auſ - ſerordentlich gebraucht werde. Herr D. Dannhauer Hodoſ. p. 614. ſagt: ali - às extra ordinem quis neget, Paulum, Zachæum, Latronem valentiori gra - tia ad reſipiſcentiam fuiſſe excitatos, quam plerosque alios. So ſagt er von Pauli bekehrung Hodom. Calvin. Phant. φαντασμ. p. 470. De qui - busdam enim extra ordinem hoc fieri, ex. gr. Paulo irreſiſtibili quadam ratione pervicto in via Damaſcena, nolumus negare. Und p. 429. Dum con - trà ordinariè fidei χάρισμα non detur contumaciter repugnanti. Werden ſich auch hin u. wieder mehr dergleichen orth finden. So iſt auch der Terminus an ſich ſo bewand / daß ob ſchon die derivation deſſelben ſcheinet mehrdarauff zugehẽ / daß auff die oꝛdnung der mittel zu ſehen waͤre / welcher veꝛſtand aber der hieꝛgemein - te nicht iſt / gleichwol der gemeine gebrauch in dem gemeinen leben dieſer iſt / daß man / wie Herr Stenger thut / ordentlich das jenige nennet / was gemeiniglich ge - ſchicht / auſſerordentlich was ungewoͤhnlich. Hat aber jemand bedencken / oder ſolte von mehrern der Terminus, der gar in der Schrifft nicht befindlich / in unglei - chen verſtand gefaſt werden / ſo moͤchte wohl um ſolches mißbrauchs willen / ſolches wort / ſo an ſich nicht verwerflich / außgelaſſen / und etwa das wort / Sonderbahr / ſingularis, oder was man vor ein bequemes finden koͤnte gebraucht werden.
10. Haben wir auch wahr genommen als einen ſolchen ſatz / der vielleicht auch einigen zweifel machen koͤnte / wenn geleſen wird præf. p. 11. Wenn GOTT einer vorkomt zurichten / ſo iſt die frage: Wie dieſer menſch allen boͤſen vorſatz abgeleget / und darneben ein verlangen getragen nach der gnade JEſu Chriſti? Wo dieſes bey einem menſchen richtig / ſo ſpricht ihn GOtt auch gerecht / und macht ihn ſelig / es moͤge ſich gleich der menſch in ſeinen eigenen concepten noch ſo gewiß vor ver - dammt gehalten haben. Jn dem Buch p. 212. Wo GOTT einen menſchen ſihet / in deſſen hertz kein boͤſer vorſatz / und auch ein ver - langen zur gnade JEſu Chriſti / den ſpricht GOTT gerecht / und verdammt ihn nicht / ob gleich der einfaͤltige menſch ſich ſelbſt will vor verdammt halten. p. 229. Alſo mag ſich einer lang verdammthal -37ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. halten / ſo thut doch GOtt was er wil / er verdammt keinen men - ſchen / es mangele ihm dann an der reue oder am Evangelio. Alles ſolches ſolte das anſehen gewinnen / ob wuͤrde gelehrt / daß der menſch moͤchte ſelig werden / der doch mit verzweiffelung / und ohne in dem hertzen gehabten troſt der ſeligkeit / geſtorben ſeye. Welches der lehr von dem allein ſeligmachenden glauben ſtracks zu wider ſeyn wuͤrde. Wir koͤnnen auch nicht in abred ſeyn / daß wir dieſe arthen zu reden wuͤnſchen geaͤndert zu haben / damit ſie nicht in einen un - rechten verſtand / ſo zwar des Autoris ſelbs nicht ſeyn wird / gezogen werden moͤch - ten. Gleichwol wo die meynung des Autoris genauer angeſehen wird / laͤſſet ſich dieſe entſchuldigung ſehen / daß er rede von dem ſtand der in der hoͤchſten geiſt - lichen anfechtung liegenden Chriſten / welche den bey ihnen wohnenden glauben nicht fuͤhlen / ſondern zwar mit der verzweiflung ringen / aber ſich nicht uͤberwin - den laſſen: ob dann ſchon ein ſolcher menſch eine zeitlang des zeugnuͤß des heiligen Geiſtes und ſeines glaubens in der ſeelen nicht fuͤhlet / und hingegen die ſo gifftige als feurige pfeile des Satans / der ihn wegen mangel fuͤhlenden glaubens zur ver - zweiffelung treibet / in ſeiner ſeelen leiden muß / daß er meinet / er ſey ſchon gleich - ſam mitten in der hoͤlle / ſo iſt alsdann der glaube ihm gantz ohnbekaͤntlich in deſſen hertzens-grund verborgen / und wird auff unausſprechliche weiſe durch den hei - ligen Geiſt erhalten / ob wohl der arme menſch ſelbs und andere neben ihm ſolches glaubens kein ander zeugnuͤß haben / als ſein noch habendes ſehnliches verlangen nach der gnade: Deßwegen wie der in ohnmacht ligende menſch / kein leben fuͤh - let / daß er doch hat / ſo hat auch der angefochtene menſch das geiſtliche leben des glaubens / daß er nicht ſpuͤret: Stehet alſo vor GOtt in ſeligem ſtande / da er ſich ſelbſt verdammt. Und auf ſolche weiſe ſind Herr Stengers wort gantz recht / und geſchicht ſolches bey angefochtenen perſonen gantz offt. Ob aber / wie der er - ſte angezogene ort auf ſolchen fall gehet / es geſchehen ſolte / oder je geſchehen ſey / daß GOtt der gleichen menſchen in waͤhrender ſolcher anfechtung / ohne zu letzt noch wiederkommenden troſt / des empfindlichen glaubens von der welt weg neh - me oder weggenommen haͤtte / zweifeln wir faſt / haltens viel lieber mit unſerm ſeligen Herrn Luthero 8. Wittenb. pag. 58. da er ſagt: Daß GOTT keine anfechtung ewig waͤhren laͤſt / ſondern eben wie ſich das wetter ver - aͤndert / daß allwege nach einem truͤben ein heller tag kommet / und nach der arbeit eine erquickung: Alſo erfahren wir auch / daß un - ſere hertzen wiederum durch einen geiſtlichen troſt auffgerichtet wer - den / ob ſie gleich eine zeitlang mit gedancken der verzweiffelung des unglaubens und ungedult fuͤr GOTT und der welt / einen / zween / drey tage oder laͤnger ſind geplagt worden. Wie auch ſo viel exempel der angefochtenen bekant ſind / in denen ſich ſolche goͤttliche guͤte / dieE 3ſie38Das ſechſte Capitel. ſie noch vorhin / ehe ſie abgeſchieden / mit troſt erquicket / gezeiget hat. Damit wir gleichwohl goͤttlicher wunderbahren und ihre heilige wunderlich fuͤhrende weißheit keine maß vorſchreiben wollen. Jn deſſen haben wir gern geleſen / was er p. 384. ſetzet / und damit verhuͤtet / daß ausdergleichen manglendem fuͤhlen des glaubens nicht uͤbel geurtheilet werde: Wann GOTT einen menſchen in der todes ſtunde wolte laſſen in anfechtung veꝛderben / ſo muͤſte er kein getreuer GOTT ſeyn. Aber er iſt treu und fromm / und will das angefangene gute werck vollfuͤhren. Daß wenn nun ein Chriſte le - bet gottſelig / ſo darff er ihm nicht laſſen leid ſeyn fuͤr den letzten kampff. Dann da will GOTT ſelbs mit dabey ſeyn / und um ſolche ſeele / die ihm in dieſer welt treulich angehangen / eyfferen / ſie durchaus nicht laſſen in des Satans klauen gerahten.
11. Jſt noch uͤbrig die art zu reden / da er p. 200. zu dem glauben 5. ſtuͤck erfordert. 1. Daß erkaͤntnuͤß / 2. den beyfall / 3. diezuverſicht / 4. daß verlan - gen. 5. die ruhe der ſeelen / welches nichts anders ſeye / als eine getroſte freu - dige zuverſicht der ſeelen. Nun pflegen wir ins gemein nicht mehr als 3. ſtuͤck zu dem glauben zuerfordern / welcke hie die 3. erſte ſind. Wann wir aber gleich - wohl die ſache an ſich ſelbſt betrachten / wird hier nichts anders / ſondern das jenige / was ſonſt auch gelehrt wird / etwas unterſchiedener vorgelegt; Jn dem was wir ſonſt zuverſicht nennen / die drey letzte zumahl in ſich ſchleuſt. So geſtehet Herr Stenger an angezogenem ort ſelbſt / daß unter den jenigen / die er zehlet / das dritte und fuͤnffte / beydes actus ſeyen von der zuverſicht / jener noch auff die begehrende dieſer in der bereits empfangenen gnade: oder wie ers austruckt / daß in dem dritten puncten er verſtehe / die zuverſicht / ſo vor der rechtfertigung hergehe / in dem fuͤnfften die zuverſicht nach erlangter vergebung der ſ[uͤ]nden. (Da - rin aber ſoll auch mit verſtanden werden / in der erlangunge ſolcher vergebung / welche wir davor halten / von dem Autore mit der andern eingeſchloſſen zu wer - den) Nun pflegen wir insgemein beyde ſolche actus / ob zwar auff unterſchiedliche weiſe / unter der zuverſicht zuverſtehen. Was das verlangen betrifft / ſo Herr Stenger beyfuͤget / iſt er nicht der erſte ſondern der theure und hochverdiente Chem - nitius exam. concil. Trid. p. 1. de fide juſtific. p. 163. machet auch hieraus den dritten grad des glaubens / welcher vor der zuverſicht hergehe: Tertio ex illa notitia & aſſenſione cor ſeu voluntas per operationem Sp. S. concipit deſi - derium, ut quia ſeriò ſentit, ſe oneratum peccatis & ira Dei, expetat, velit, quærat, petat ſibi donari & communicari beneficium juſtificationis, quod in promiſſione Evangelii proponitur, & illud fide apprehendit, u[t]ad ſe reci - piat. Wie wir nun aber nicht vonnoͤhten achten / daß ſolches verlangen austruͤcklich gemeldet werde / ſondern mag unter dem vertrauen mit verſtanden werden; daherwir39ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. wir bey der ſonſt gewoͤhnlichen abtheilung in die drey ſtuͤck gerne bleiben; Alſo finden wir doch nicht gnugſam urſach in angezogenem verſtande / wo einer das eine ſtuͤck noch weiter abtheilen will / ſolche theilung zuverwerffen; Aber dieſes moͤchten wir wuͤnſchen / daß der Autor / wo er die zwey zur ſeligkeit noͤthige ſtuͤcke / wie p. 56. 288. und offter ers geſchicht / anzeiget / und zuerſt die reue damit austruckt / allen vorſatz muthwilliger ſ[uͤ]nde abgeleget zu haben / das andere aber den glauben alſo beſchrei - bet / ein ſehnlich verlangen nach der gnade JESU CHRJSTJ haben / daß er an ſtatt dieſes verlangens vielmehr der zuverſicht oder vertrauens ge - dacht haͤtte. Dann ob zwar es um der urſach willen wird geſchehen ſeyn / denjenigen damit den troſt zulaſſen / welche in anfechtung und bey ihren ſchwachen glauben denſelben nicht bey ſich fuͤhlen / und nur alleine an dem verlangen gleichſam hangen muͤſſen bleiben / daß er nur des verlangens gedencket. So waͤre gleichwohl erſtlich um derſelben / und zwar nur einiger zeit willen / da ſie in ihrer ſchwachheit ihren glauben nicht recht ſpuͤhren / weil ſolches das ungewohnlichere / der glaube davon nicht zu benennen geweſen / ſondern von ſeinem edelſten actu dem vertrauen. Son - derlich weil auchzum andern ſelbſt bey dergleichen ſchwachglaͤubigen und angefoch - tenen eben ſo wohl das vertrauen auff nicht nur hoffende ſondern annehmende gna - de ſich befindet / ob ſie ſchon daſſelbe nicht fuͤhlen oder gewahr werden. Weil ja das fuͤhlen auch den uͤbrigen ſtuͤcken des glaubens nicht ſchlechter dinge zum glauben nothwendig iſt; Wie wir an dem exempel junger kinder und auch anderer glau - bigen / da ſie zum exempel in dem ſchlaff nichts actu reflexo gedencken / und gleich - wohl auch zu ſolcher zeit den glauben thaͤtlich haben / erkennen moͤgen. Auch kans nicht anders ſeyn; dann das verlangen ſelbſt erlangt goͤttliche gnade nicht / als welches durch eine ergreiffung und zueignung geſchehen muß: Darzu gehoͤrt das vertrauen / welches ſich deswegen von dem glauben nicht ſcheiden; hingegen auch mit dem fuͤhlen deſſelben / und der empfindlichen ruhe der ſeelen / die darauff folget / nicht confundiren laͤſſet. Welche ſtuͤcke dann von dem Autore an gedachtem orth / ob er wohl exprofeſſo davon handelt / doch nicht deutlich gnug erklaͤhret ſind; daß aber zuweilen wir den angefochtenen alleine auff ſein verlangen weiſen / geſchiehet nicht darum / gleich ob waͤre ſolches ſchon gnug zum glauben / ſondern dieweil bey ermanglender fuͤhlung der uͤbrigen dieſes ſo ſie fuͤhlen gleichwohl ein zeugnuͤß der goͤttlichen wuͤrckung bey ihnen iſt / welche auch das vertrauen in ihren hertzen gewuͤrcket hat / ob ſie ſchon ſolches nicht ſpuͤren.
12. Jſt dieſes eine arth zu reden / welche wir vor andern bedencklich achten zuſeyn / daß ſo offt in dieſen ſchrifften Moſis und Chriſti geſetz / einander entgegen geſetzt / und von einander unterſchieden werden. Wir wiſſen und findens wohl / daß Herrn Stengers meinung nichtboͤſe / ſondern allein dieſe ſey / daß das geſetz / welches er Moſis geſetz nennet / einen vollkommenen gehorſam von uns erfordere / und ſich mit demjenigen / was wir hie in der ſchwachheit zu thun vermoͤgen / nichtabſpei -40Das ſechſte Capitel. abſpeiſen laſſe; Hingegen ſeyen wir durch die gnade Chriſti / da wir derſelben durch den glauben theilhafftig werden / von dem joch des geſetzes befreyet / uns ſey die gerechtigkeit Chriſti / und alſo in derſelben die erfuͤllung des geſetzes geſchencket: Welche machen / daß nach dem wir numehr bey GOTT in gnaden ſtehen / derſel - be den gehorſam / welchen wir in unſerer ſchwachheit leiſten / ob er wohl unvollkom - men iſt / ihme gefallen laͤſſet / hingegen alle uͤbrige erb - und ſchwachheit-ſuͤnde nicht zurechnen will / daß daher alleine die ſchwehre boßhafftige / und muthwillige boß - heit-ſuͤnden die jenigen ſeind / welche kinder GOttes aus ſolcher ihrer kindſchafft und goͤttlicher gnaden genuͤß herauswerffen koͤnten. Daher eines ſolchen Chri - ſten zuſtand freylich unvergleichlich ſeelig iſt: Dann ob er wohl eben das geſetz Moſis auch vor ſich ligen hat / und darzu verbunden iſt / als auch der unwiederge - bohrne / ſo wird doch er nicht geſtrafft / und komt nicht um ſeine kindſchafft wegen der menſchlichen fehler / aber dieſer ladet ihm mit allen auch den geringſt-ſcheinen - den ſuͤnden goͤttlichen fluch und zorn auff ſich. Daß iſt ja freylich ein groſſer vor - zug vor andern. Wie nun dieſes alles wahr iſt / und mit mehrern erwieſen wer - den koͤnte / wo es die noth erforderte / alſo iſt auch daſſelbe eben des Herrn Sten - gers meinung / ſo viel wir aus allem andern ſchlieſſen koͤnnen; aber er gibts mit andern woͤrtern / daß er ſaget / wir ſeyen nicht mehr unter Moſis geſetz / ſondern unter Chriſti geſetz: Als Einſchaͤrff. p. 9. Man predigt itzt nicht das ge - ſetz Moſis ſondern CHRJSTJ geſetz: daß heiſt / ſuͤndige nicht muthwillig / die muthwillige ſuͤnde wird verbothen / p. 18. Man kan einen frommen menſchen an ſeinem ende auff zweyerley weiſe be - trachten. Erſtlich in anſehung der gelinden gebot Chriſti / und in gegenhaltung gegen die loſen heuchler / gegen die ſchnoͤde gottloſe welt; Zum andern in anſehung des ſcharffen / geſtrengen gerichts GOttes / nehmlich nach dem ſcharffen geſetz Moſis / und p. 55. Jns gemein iſt die ſumma und der inhalt der gebote Chriſti in Moſis geſetz mit ent - halten / und ſind ſo ferne Chriſti und Moſis gebot nicht allerdings unterſchieden. Aber doch findet ſich auch ein unterſcheid / und zwar ein dreyfacher / dann 1. Moſes verbeut im geſetz alle ſuͤnden / auch die erbſuͤnden / und menſchliche fehler. Chriſtus in ſeinem geſetz verbeut nur die muthwillige ſuͤnden. 2. Moſis geſetz gehet an die unwiederge - bohrnen. Chriſti geſetz aber an die wiedergebohrnen. 3. Wer Moſis geſetz uͤbertritt / wird darum nicht eben verdammt. Sintemahl wo iſt ein menſch / der nicht Moſis geſetz uͤbertrette. Aber wer Chriſti ge - ſetz nicht haͤlt / der wird verdammt. Alſo ſind ja unterſchieden Chriſti und Moſis gebote / Moſis gebot iſt ein unertraͤglich Joch / Act. 15. Chri -41ARTIC. I. DISTINCT. I. SECTIO VII. Chriſti geſetz aber iſt ein ſanfftes Joch / eine leichte laſt. Seine gebo - te ſind nicht ſchwehr; Gelehrte wiſſen / daß im zehenden gebot deß Decalogi wird verbothen die angebohrne ſich noch nicht regende erb - luſt. Da moͤchte man wohl ſagen / daß das zehende gebot nicht mit zu Ch riſti gebot gehoͤret. Denn den wie der gebohrnen iſt nicht geſagt / ſie ſolten gar ohne erbſuͤnde ſeyn / ſondeꝛn nur ſie nicht laſſen heꝛꝛſchen. Nun iſts an deme / daß andere widrige religions-verwandten pflegen dieſe arthen zu reden zugebrauchen: Bey den Papiſten heiſts in Concilio Trident. Seſſ. 6. Can. 21. Si quis dixerit, Chriſtum Ieſum à Deo hominibus datum fuiſſe, ut redemtorem cui fidant, non etiam ut legislatorem, cui obediant: ana - thema ſit. Solches fuͤhret mit mehrern aus der Ieſuit Becanus Tom. 3. de le - gib. c. 5. g. 1. Chriſtus inſtituit novam legem ad Chriſtianos pertinentem, ac proinde non tantum redemtor, ſed etiam legislator dicendus eſt (dazu zeucht er die ſpruͤche Eſa. 33. Ioh. 14. und 15. Matth. 28, 1. Cor. 7. und 9. Hebr. 2. ubi confert inter ſe Chriſtum & Moyſen tanquam duos legislatores, alte - rum V. alterum N. Teſtamenti. Wiederum: Lex Moyſis, quia tantum præcipiebat & non juvabat, retinuit nomen legis, lex vero Chriſti, quia pauca præcipit & plurimum gratiæ confert, obtinet nomen gratiæ ab effe - ctu magis principali. Daher nennet er auch das Caput de lege nova, ſeu Ev - angelica. Bey den Photinianern oder Socinianern / iſt auch dieſes einer ihrer irrthume. Oſterrod. Unterricht von den fuͤrnehmſten Hauptſt. c. 22. Gleichwie uns GOTT durch JEſum CHriſtum die wahrhaffte und vollkommene ſeligkeit verheiſſen: Alſo hat er uns auch durch denſelben ſolche gebot geben / welche alle da - hin gerichtet / daß ſie eine wahrhaffte und vollkommene gerechtigkeit / in uns wuͤr - cken und zu wege bringen ſollen. Wiederum / es ſind die præcepta moralia (das ſind die gebot von der froͤmmigkeit und gerechtigkeit) durch Chriſtum viel vollkom - mener gemacht / darum auch der HERR ſelbs geſagt / Matth. 5 / 17. daß er nicht kommen das geſetz oder die propheten auffzuloͤſen / ſondern zuerfuͤllen / welches er - fuͤllen dann anders nichts iſt / dann vollkommen machen / oder hinzu thun / was da mangelt. Abermahl / das Chriſtus die gebot des geſetzes Moſis ſollt vollkommen gemacht haben / concediret zwar der groſſe hauffe der vermeinten Chriſten nicht; Sondern haͤlt es gaͤntzlich dafuͤr / daß uns Chriſtus / was die ſitten betrifft / nichts neues gebothen habe: Welche meynung ſo irrig iſt / daß ſich einer hoͤchlich verwun - dern muß / wie verſtaͤndige leute derſelben koͤnnen beyfall geben. Mit dieſem hal - tens / wie in vielen andern ſtuͤcken / auch die Arminianer Apolog. p. 143. Quid eſt, quod clarius diſſertiusque in Evangelio traditur, quam Chriſtum le - gislatorem noſtrum eſſe? An non ipſe paſſim dicit, hoc eſt mandatum meum, & c. Solte man aber deswegen ſagen / daß Herr Stenger hierinnenFPaͤp -42Das ſechſte Capitel. Paͤpſtiſch / Socinianiſch oder Arminianiſch lehre? Das koͤnnen wir nicht ſagen. Dann ob ſchon dieſe irrig lehren / daß Chriſti geſetz und Moſis geſetz unterſchieden / und alſo von jenem auch ein geſetz gegeben ſey / und Herr Stenger eben dergleichen lehret / iſts doch im verſtand nicht einerley. Jener meynung iſt / es ſey das alte ge - ſetz Moſis nicht vollkommen genug geweſen / alſo habe Chriſtus ſolches muͤſſen voll - kommener machen / und einen genauern gehorſam von uns fordern / als Moſes ge - fordert. Aber nach Herrn Stengers meynung iſt vielmehr die ſtrenge des geſe - tzes Moſis durch CHriſtum gemildert worden. Welches ſo groſſen unterſcheidt zwiſchen beyderley meynung machet / daß ſie einander vielmehr grade entgegen ſte - hen: So gar kommen ſie nicht uͤberein. Daß wir deswegen den Autorem eini - ges Conſenſus nicht verdaͤchtig halten. Wofern aber von der arth zureden ſelbs gefragt wird / ob man nehmlich die gnade des Evangelii / nach welcher GOTT der HErr um CHriſti willen unſern unvollkommenen gehorſam will in gnaden an - nehmen und damit zufrieden ſeyn / das geſetz Chriſti nennen ſolle / halten wir ſolches nicht ſchrifftmaͤßig zu ſeyn. Wir geſtehen gern / daß Chriſtus freylich ein geſetz ge - ber ſeye / in deme der GOTT / welcher das geſetz gegeben / iſt der Dreyeinige Gott: Aber ſein geſetz iſt eben das geſetz ſeines dieners Moſis; Hingegen / daß der Herr in den tagen ſeines fleiſches / und bey angetretenem ſeinem Mitler-Amt einiges ge - ſetz / es ſeye nun ſolches ſtrenger oder gelinder als das Moſaiſche geweſen / gegeben habe / finden wir nirgend. Dann wo der HERR ſeiner gebote meldung thut / ſinds lauter gebote / die eben ſeine gebote durch Moſen gegeben ſind / von Chriſto a - ber der nicht nur das Evangelium / ſondern auch vieles / das des geſetzes war / pre - digen muſte / wiederholet und erklaͤhret worden. Alſo daß wir nirgend etwas leſen / da im vorgebenden verſtand CHriſti und Moſis geſetz einander entgegen geſetzet wuͤrden. Wann alſo Herr Stenger ſagt: Daß CHriſtus die muthwillige ſuͤn - den nur verbothen habe / ſo fraget ſichs / ob er ſolches gethan habe / durch ein neu ge - ſetz oder durch das Evangelium? Durch dieſes kans nicht geſchehen ſeyn / denn daſſelbe iſt keine lehre von geboten oder wercken / ſondern von dem glauben und gnadenreicher vergebung der ſuͤnden / wie in unſern Symboliſchen buͤchern gnug ausgefuͤhret iſt: Durch ein neu geſetz kans wiederum nicht geſchehen ſeyn / dann weil das geſetz der unwandelbahre wille GOttes iſt / aͤndert ſich ſolcher nicht / und kan nicht recht oder gut werden / was einmahl in goͤttlichem geſetz unrecht und ſuͤnde geweſen. Daher waͤre dieſe excluſiva nur die muthmillige ſuͤnde alſo zuver - ſtehen / entweder / daß Chriſti geſetz die menſchliche fehler erlaube / oder / daß es ſie nicht erlaube / oder mit andern worten zugeben / daß Chriſti geſetz das Moſaiſche geſetz in abſicht des verbots ſolcher menſchlichen fehler anffhebe oder kraͤfftig laſſe bleiben. Wird dieſes letzte ergriffen / ſo iſt die krafft der excluſivæ geſchwaͤcht: Jn dem alſo die ſchwacheit ſuͤnden gleich ſo wohl als die muthwillige verboten blei - ben. Wehlet man aber das erſte / ſtreitets gedachter maſſen wider goͤttliche ge -rech43ARTIC. I. DIST. I. SECT. VII. rechtigkeit / welche dasjenige jetzo nach dem geſetz Chriſti erlaubte / das doch an ſich ſelbs und aus dem ewigen unwandelbahren geſetz GOttes ſuͤnde iſt. Da wuͤrden dann damit ſolche menſchliche fehler und ſchwachheit ſuͤnden nicht nur nicht mehr verdamlich nach Pauli ausſag Rom. 8 / 1. ſondern auch nichtmehr ſuͤnde ſeyn. Was doͤrffte es dann der ſehnlichen und beweglichen klage Pauli / die er um ſolcher ſeiner menſchlichen ſchwach heit willen fuͤhret: Rom. 7. Ach ich elender menſch / wer erloͤſt mich von dem leibe dieſes todes? Ja / auff dieſe weiſe / haͤtten die wahre kinder GOttes gar keine ſuͤnde an ſich; Dann muthwillige begehen ſie nicht: Die ſchwachheit fehler waͤren keine ſuͤnde mehr: dann ſie waͤren den kindern GOttes nicht mehr verboten: Nicht durch das geſetz Moſis / welches ſie nicht mehr an - gienge / noch ihnen geprediget wuͤrde; nicht durch das geſetz Chriſti / nach gegebe - ner hypotheſi: Was haͤtten ſie dann vor ſuͤnde an ſich? Woraus erhellet / wie mißlich es ſeye / wo man die gnade Chriſti / welche in dem Evangelio die glaͤubige verſichert / daß ihnen keine ſuͤnde / ſo lang ſie glaͤubig bleiben / ſollen zugerechnet wer - den / in ein geſetz verwandlet / in welchen Chriſtus nur die muthwillige ſuͤnden ver - boten habe. Wie den unterſchiedliche folgereyen daraus gemacht werden koͤnten / welche ein und andern glaubens articul kraͤncken moͤgten: So wir aber Herr Stengern nicht zumeſſen wollen. So viel weniger / weil er gleichwohl ein und andere um unſere kirch wohl verdiente und unverdaͤchtige Theologos vor ſich hat / die gleicher redens arth / weil davon zu andern mahlen nicht diſputirt worden / da man allezeit weniger bedencken bey einer ſolchen formul hat / ſich gebraucht haben. Herr D. Ægidii Hunnii worte hat Herr Stenger Einſchaͤrff. pag. 59. angefuͤh - ret: Der auch der gleichen anderwertlich uͤber den ſpruch Gal. 5 / 14. ſchreibet. Dahin auch moͤgten zuziehen ſeyn / die wort. D. Henr. Eckardi Diſp. in Ep. Jo - hann. 11. p. 31. p. 264. Facilia ſunt præcepta legis non in ſeſe, & ut ſunt mandata Moſis, qui obedientiam omnibus numeris atque modis conſum - matam requirit, & in omnes, quorum obedientia imperfectione aliqua la - borat, fulmen maledictionis torquet: ſed in Chriſto, qui eſt perfectio legis omnibus credentibus; Et ut ſunt mandata Chriſti, qui non exigit à fidelibus ſuis Charitatem in ſummo illo perfectionis gradu quo Moſes, ſed inchoatam etiam obedientiam clementer acceptat, & quod ſordium atque imperfectionum illi adhæret, ſua perfectione tegit. So ſcheinen D. Gerhardi Harm. Evang. c. 174. p. 1197. Wort faſt auch dahin zugehen: Mo - ſes & Chriſtus idem dilectionis mandatum proponunt, ſed non eodem modo. Moſes rigidiſſime perfectam & om nibus numeris abſolutam cha - ritatem requirit, quæ exactisſime cum norma legis divinæ congruat, per - inde etiam accuſat & damnat omnes, quotquot non præſtant perfectiſſi - mam illam obedientiam. Chriſtus verò per ἐπιεικίαν Evangelicam rigo - rem illum mitigat, incoatam & imperfectam credentium charitatem, mo -F 2do44Das ſechſte Capitel. do ſit ſeria & ἀνυπόκριτος, paternè acceptat, adhærentem imperfectionem & immunditiem merito ſuo tegit. Welche worte Gerhardi bey weitem ſo hart nicht lauten / als wo man deutlich ſaget / wie Herr Stenger thut / und ſelbs daraus folgert. pag. 104. Es wird nicht gefordert / daß ihr ſollet gar keine ſunde begehen. pag. 298. Chriſtus hats nicht geboten / daß alle menſchliche fehler und ſchwachheiten ſollen gantz von uns weg ſeyn. pag. 299. mir henget doch viel boͤſes in meinem leben an / welches zwar Chriſtus nicht eben will abgethan wiſſen. Welche wort nicht nur in ſich faſſen / daß GOTT wolle ge - dult mit unſer ſchwachheit tragen / ſondern auch daß wir zum gegentheil nicht ſchul - dig ſeyen. Dann iſts nicht geboten / wirds nicht gefordert / ſo ſind wirs ja nicht ſchuldig? Da wir doch wohl wiſſen / daß wir GOTT viel ſchuldig bleiben / was uns zu leiſten unmuͤglich iſt. Weßwegen wir von dieſer arth zu reden achten / daß ſie billig unterlaſſen / und auff andere weiſe / wie man wohl kan / die ſache / mit ei - genlichen und nicht dergleichen incommoda conſequentìa nach ſich ziehenden Phraſibus ausgedruckt werden ſolle.
Dieſes ſind die vornemſte redens arthen / welche wir angetroffen haben / darinn man einigen anſtoß finden moͤgte / die wir aber zum theil gantz gut und recht gebraucht achten / theils aber unterlaſſen worden zu ſeyn / oder kuͤnfftig unterlaſſen zu werden wuͤnſchen. Denen moͤgten vielleicht einige beygefuͤgt werden / die auch (ob ſchon kein zweiffel daß in gutem verſtand ſie gebraucht werden) etwas frembd und faſt widerſinniſch / auffs wenigſt paradox lauten: Als wo er Einſchaͤrff. p. 14. unter frommen ſuͤndern und gottloſen ſuͤndern diſtinguiret / da vielleicht beſ - ſer vor ſrom̃e das wort bußfertige ſuͤnder gebraucht wuͤrde. Jn dem buch p. 357. u. f. es unter die arten der trunckenheit zehlet / wo man zur froͤligkeit etwas mehr trincket uͤber das ordentliche maaß / gleichwohl nicht uͤber das ziel der maͤſ - ſigkeit. Davon es heiſt p. 356. Daß GOTT es wohl erlaubet / und ſichts nicht ungern / daß ein Chriſt ſich zuweilen truncken trincket. Da man ja lie - ber ſolchem trunck den nahmen der trunckenheit / welcher primo conceptu in un - ſerer ſprach pflegt von dem laſter verſtanden zu werden / nicht geben / ſondern ein ander wort brauchen ſolte: Auffs wenigſt gibts ſpoͤttern anlaß zuſpotten. Alſo auch bedarff die propoſition vieler erklaͤhrung pag. 249. Von manchem men - ſchen mag wohlgeſagt werden / wo er nicht ein und andere faſten anſtellet / kan er nicht in das reich GOttes kommen; Einſchaͤrff. pag. 7. Jſts verſetzt mala facere & male, die weil fromme boͤſes begehen nominaliter nicht adverbi - aliter. Alſo auch daß zu weilen einige ort faſt ſcheinen einander zu widerſprechen. Als da Einſchaͤrff. p. 6. ſtehet Es weiß doch ein jeder fuͤr ſich gar wohl / oder kans doch wiſſen / ob ſeine ſ[uͤ]nden aus muthwill oder aus ſchwachheit ge - ſchehen. Und buch pag. 17. Es kan ja ein menſch noch wohl wiſſen / ob er ſuͤndiget aus ſchwachheit oder aus boßheit. pag. 52. aber von den ungeuͤbten /daß45ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. daß du nicht ſo klar weiſſeſt / ob du begeheſt muthwillige ſuͤnden oder menſchliche fehler. Sodann nebens dem / da er von der ſuͤnde in den heili - gen Geiſt. p. 15. zu dunckel und ungnugſam redet / daß er ſich nicht allezeit gnugſam erklaͤhret / was er fuͤr muthwillige ſuͤnder und ſuͤnden halte: Muthwil - lige ſuͤnden nimmt er hin und wieder p. 26. promiſcue vor todt-ſuͤnden. Gleich - wohl p. 14. heiſſets / aus einer muthwilligen ſuͤnde / wo ſie nicht bald abge - than / wird eine todt-ſuͤnde. Da aber Einſchaͤrff. p. 3. die jenige ſunde / die ſo bald bereuet und abgethan wird / nicht unter die muthwillige ſuͤnden / ſondern menſchliche fehler geſetzt wird. So iſt auch eigentlich muthwillige und todtſun - de nicht eines. Aller unwiedergebohrnen ſuͤnde ſind lauter todt-ſuͤnde: Unter - deſſen koͤnnen wir / wie p. 1. geſchiehet / nicht wohl ſagen / daß ſie alle muthwillig / proæretica ſind / welches wort in ſich dieſes faßt / daß ſie mit bedachtem rath und willen geſchehen muͤſten / welches aber nicht iſt. P. 16. beſchreibet er einen muthwil - ligen ſuͤnder / ein recht ſicheres weltkind / ein verſtockten loſen ſpoͤtter; da gleich - wohl auch muthwillige ſuͤnder ſind nach ſeinen eigenen hypotheſibus, von denen er in dem buch offt redet / welchen ſolche harte Prædicata nicht zukommen. Ja es wuͤrde vielen mit angeholffen / und ſie mit ſeiner lehr wohl zu frieden ſeyn / wo er unter dem nahmen der muthwilligen ſuͤnder keine andere / als ſolche verruchte welt - kinder und ſpoͤtter verſtuͤnde. So aber ſeine eigene meynung nicht ſeyn wird. Alſo hingegen wirds ſchwerlich mit ſeinen eigenen hypotheſibus beſtehen / daß ſo einer iſt gewarnet und von ſo groben ſuͤnden (welche alle die jenigen ſeyn ſol - len / deren er ſiehet ſich andere wenig außerwehlte Chriſten zuenthalten) abge - mahnet worden / und er ſie hernach wieder treibet / daß ſolches (ohne weiter betrachtung der umbſtaͤnde) lauter trotzige frevelthaten ſeyn ſolten. Wir halten uns aber bey ſolchen nicht laͤnger auf / ſondern gehen zu der andern claſſe.
HJe haben wir nach zu ſehen / ob aber in der ſache ſelbſt ſich einige LEHREN finden / welche irrig und mit goͤttlicher warheit nicht uͤber einkommen. Nun moͤchten wir wuͤnſchen / daß dergleichen ſich in dieſen ſchrifften nicht finden moͤchten. Aber wir koͤnnen nicht in abrede ſeyn / daß ſolche ſaͤtze da ſtehen / welche wir es werde dann von Herrn Stengern oder andern darinnen uns gar ein ander verſtand und meynung gezeigt / als wir dar - aus abnehmen moͤgen / ſo wenig was die worte als die ſache anlangt / billigen koͤñen. Da ſtehet billig voran die zweyte Theſis: Einſchaͤrff. p. 1. Die groſſe buſſe wird von wahren kindern GOttes ſo offt nicht wiederhohlet / als manche ſich einbilden; ſondern entweder bedoͤrffen die wahrenF 3zum46Das ſechſte Capitel. zum ewigen leben verordneten kinder GOttes derſelben groſſen buſſe nie / oder doch ja nicht zum andernmahl / geſchweige zum dritten / oder zum zehenden / hunderten mahl. Alſo auch p. 33. p. 11. Daß die nicht in dieſeꝛ welt auch ein heilig und von muthwil - ligen ſuͤnden beſtandig reines leben fuͤhren / daß ſolche nicht gehoͤ - ren unter die außerwehlten ſchafe Chriſti / ſo ſage ich denn / der zum drittenmahl in muthwillige ſuͤnden ruͤckfallige menſch wird wol zur rechten buſſe nicht erneuert werden. Geſchehe es ja / und man merckte es klaͤrlich an dem gantz anderen neuen heiligen wan - del / der nunmehr an dem bußfertigen herfuͤrleuchtet / ſo muſte das ein gar minus conſvetum, was auſſerordentliches heiſſen. Sonſten aber iſt viel vermuthlicher / daß eines ſo offt unſerm an - ſehen nach ruͤckfaͤlligen menſchen vorige buſſe nicht recht eingerich - tet geweſen. p. 43. der zum andernmahl von GOtt auffgerichtete menſch faͤllet hernach nicht wieder von GOtt abe. Und der zum drittenmal ruͤckfaͤllige menſch wird nicht wieder zur buſſe erneu - ert und auffgerichtet / von dem was gewoͤhnlich iſt zu reden. Jn dem Buch p. 400. Wenn man die wahren kinder GOTTes ins - mein beſchreiben wil / ſo bringen ſie ihr leben gemeiniglich zu ohne alle todt - und aus goͤttlicher gnade ausſetzende ſuͤnde. Die ſache nun gruͤndlich in der furcht GOttes zubetrachten. Jſt 1. die frage nicht: Ob die kinder GOttes ſolches thun ſollen? Denn das iſt ausgemacht / daß ſie GOtt den zugeſagten gehorſam leiſten ſollen. Und ſo fern iſts der ordentliche gewoͤhn - liche weg der außerwehlten kinder GOttes / daß ſie nicht wieder muthwillig ſuͤn - digen. Dieſes erkennen alle. 2. Jſt auch die frage nicht: Ob kinder GOttes gar nicht mehr abfallen koͤnten / nach dem ſie einmahl zu ſolcher wuͤrde durch die wiedergeburt gelanget ſind? Welchem irrthum der Reformirten Herr Sten - ger nahmentlich widerſpricht p. 32. Daher die rede p. 137. & 138. Wer den boͤſen vorſatz hat abgelegt / der weiß dann / daß er nicht nur bey ſei - ner buſſe GOttes gnade erlanget / daß ſie fuͤr dißmal und in dieſer ſtunde uͤber ihn walte / ſondern er iſt auch gewiß / daß er in ſolcher gnade werde beſtehen ewiglich / und die gnade GOttes werde be - halten biß an ſein ende. Einſchaͤrff. p. 15. Jn welchen kindern GOttes iſt das reich GOttes / das laſſe die fremmen nicht fallen in muthwillige ſuͤnden / ſondern ſie uͤberwinden. Ob ſie ſchon bloß dahin die abſolutam impoſſibilitatem deficiendi mit ſich bringen ſcheinen ſol -ten47ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. ten / ſind aus ſeiner eigenen meynung zu expliciren / in ſenſu compoſito, vel de certitudine conditionata. 3. Jſt auch nicht die frage: Ob ein unterſcheid zwiſchen der groſſen und kleinen buß lapſorum vel ſtantium, ſeye? welches freylich gewiß / und nicht zuloben iſt / daß offt ſolcher nicht mit gnugſamen fleiß vor - getragen wird. 4. Jſt auch die frage nicht: Ob dieſe groſſe buſſe ſo offt wiederholet werde / als manche ſich einbilden: Daß man ſo zureden taͤglich und woͤchentlich wie - derum muthwillig ſuͤndigen und immer wiederum die groſſe buſſe thun moͤchte? Denn da gelten die worte p. 20. ſonſt immer muthwillig fort ſuͤndigen / es mit unter bereuen / und doch nie nicht muthwilliger ſuͤnden gar muͤßig gehen / da wirds endlich die ewige hoͤlliſche reue. Und p. 33. Manche laſſen ſich beduͤncken / daß ein Chriſt immer moͤge wohl 100. ja 1000. mal die groſſe buſſe wuͤrcken. Und p. 43. daß die ge - woͤhnliche art des rechten Chriſtenthums ſey / daß die wiederge - bohrnen wohl 100. oder 1000. mal abwechslung weiſe fallen und aufſtehen von todt-ſuͤnden / das iſt eine gotteslaͤſterliche und der gantzen Harmoni des wahren Chriſtenthums zuwider lauf - fende meynung. 5. Die frage iſt auch nicht: Ob nach einmahl oder auch etlichmahl wiederholter buße / wo gleichwol der ruͤckfaͤllige wiederum buſſe thete / ſolcher auch wiederum von GOtt angenommen werde? Denn dieſes geſtehet Herr Stenger auch / ſondern ſo viel wir aus obigen orthen ſchlieſſen / iſt dieſes die frage: Ob das Chriſtenthum hier in dem reich der gnaden zu ſolcher vollkom̃enheit gebracht werde / dz die allermeiſte / nach dẽ ſie einmahl wiederbekehret worden nicht mehr abfallẽ / ſondernihr lebe tage be - ſtaͤndig an GOTT bleiben / wo ſie aber abfallen / ſelten einiger von denſelben wiederum zur wahren buſſe gelange / und alſo die goͤtt - liche barmhertzigkeit in anſehung der ſuͤnder ordentlicher weiſe ſich nicht uͤber 2. mahl erſtrecke / oder obs nicht vielmehr geſchehe / daß die kinder GOttes etlichemahl durch die groſſe buſſe wieder von GOTT zu gnaden angenommen werden? Damit dieſe zwo fragen auch einflieſſen. 1. Ob gnugſam urſach zuzweiffeln ſeye / daß die vorige buſſe ſey heucheley geweſen / nach welcher / nach dem er eine weile gottſelig gelebet / endlich der menſch wieder gefallen? oder ob nicht die buſſe des jenigen / der nachmahl goͤtt - liche gnade wiederum verſchertzet / eben ſo wol eine wahre buſſe ſey geweſen / als deſſen der immer beſtaͤndig bleibt? Und 2. Ob man nicht billich den jenigen vor - ſatz vor keinen gnugſam ernſtlichen vorſatz zu halten habe / wider welchen nach eini - ger zeit der menſch wiederum thut? Oder: Ob er moͤge vor ernſtlich erkant wer - den / obſchon die beſtaͤndigkeit nicht erfolgt. Jn dieſen fragen finden wir / ſo vielwir48Das ſechſte Capitel. wir Herr Stengern faſſen koͤnnen / daß er allemahl den erſten theil der disjun - ctivæ erwehlet / den andern aber verneinet. Mit ſolcher meynung aber koͤnnen wir durchaus nicht zu frieden ſeyn. Als welche ſtreitet 1. mit der in der Schrifft ſo deutlich beſchriebener verderbnuͤß der menſchlichen natur / uͤber welche Paulus klaget Rom. 7. daß nicht nur nichts gutes in ihme wohne / ſondern auch daß er gar ein ander geſetz in ſeinen gliedern ſehe / das da widerſtrebe dem geſetz in ſeinem ge - muͤthe / und nehme ihn gefangen in der ſuͤnden geſetz / welches da ſey in ſeinen glie - dern. Von welchem ſtreit und geluͤſte des fleiſches wider den geiſt / er auch Gal. 5. handelt. So heiſſets / daß wir alle mannichfaltig fehlen. Jac. 3 / 2. und daß kein menſch ſey / der nicht ſuͤndige 1. Reg. 8 / 46. Dann ob zwar ſcheinen ſolte / daß die an - gezogene ort redeten von den menſchlichen fehlern / ſo iſt doch bekant / daß die krafft derſelben ſo weit gehe / daß dann die renovation und erneuerung dieſes lebens niemal vollkommen ſey / und deßwegen daß bey uns noch wohnende uͤbel nicht nur in uns bleibe / ſondern ſich immer alſo rege / daß es die herrſchafft affectire / und dar - nach ſtrebe. Daher iſts ja leicht / daß der menſch in ſchwachheit ſuͤnden falle / aus denſelben aber endlich boßhafftige ſuͤnden werden. Wie dann die allermeiſte boßheit oder muthwillige ſuͤnden von ſch wachheit ſuͤnden angefangen haben (nemo repente fit peſſimus) als David in ſeinen ſchweren fall gerathen / iſt kein zwei - fel / daß zu erſt die unzuͤchtige begierden / die auffgeſtiegen / vielmehr aus ſchwach - heit als boßheit hergekommen / als er aber ſolchem boͤſen / welches bey ihm erſt die herrſchafft ſuchte / nicht mit gehoͤrigem ernſt ſich widerſetzte / da erſtarckte ſolches je mehr und mehr / biß es zu dergleichem grad einer ausgemachten boßheit gelanget iſt / den wir an ſolchem vorhin heiligen mann finden. Was nun bey David ſich zeiget / und wie leicht es geweſen / daß ſolcher hocherleuchteter mann aus ſchwach - heit endlich in bosheit gerathen koͤnte / eben ſolches findet ſich bey andern wiederge - bohrnen auch. Die natur iſt bey keinem beſſer / die wieder geburth bey keinem an ſich ſelbſt ſtaͤrcker: So haben wir keinen grund der Schrifft bey andern einer mehrern gnade uns zu vermuthen / die ſie ohneracht ihrer ſchwachheit von allem fall und deſſen muͤgligkeit ohnfehlbahrlich erhalte. Daher dieſe in der Schrifft zu mehren mahlen beſchreibende verderbnuͤß dieſer aſſertion ſchnurſtracks entgegen ſtehet / gleich ob waͤre es ein ſelten geſchehendes / daß ein glaͤubig kind GOttes abfiele. Sonderlich aber / wo wir dieſes in acht nehmen / daß Herr Stenger gern geſtehet / daß der jenigen / welche in der Tauffe einmal wiederge - bohren worden / ſehr viele / wenn ſie erwachſen / wiederum abfallen: Da er dem - nach erkennet / daß die ihnen angebohrne verderbnuͤß ſo groß ſeye / daß es nicht nur muͤglich ſey / daß ſie abfallen koͤnten / ſondern auch daß deßwegen es offt thaͤtlich ge - ſchehe / daß ihrer viel abfallen. Wir halten auch nicht darvor / daß Herr Sten - ger ſagen wird / daß dieſes die ordentliche weiſe der Chriſten ſey / daß ſolches nach ihrer wiedergeburt in der kindheit / nicht abfallen / das gegentheil aber vor außeror -dent -49ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECT. VII. dentlich zuachten waͤre. Nun iſt denn die verderbnuͤß der menſchlichen natur noch ſo groß / nachdem ſie gleichwol ſchon in der wiedergeburth in der kindheit geſchwaͤcht worden / ſo haben wir keine urſach / zuvermuthen / daß ſie geringer worden ſey / nach dem der menſch das zweyte mahl wiedergebohren worden: Es waͤre denn ſach / daß wir die erſte wiedergeburth nicht kraͤfftig gnug achten wolten / welches wider die gantze analogi des glaubens ſtreitet / und nicht zuachten iſt / daß das reich GOt - tes / welches der heilige Geiſt in dem hertzen eines zarten kindes / welches ihm durch - aus in ſeiner handlung nicht widerſtrebet / ſondern ohne einige renitentz gantz pas - ſivè ſich haͤlt / nicht ſolte eben ſo ſtarck und kraͤfftig gegruͤndet ſeyn worden / als bey einem erwachſenen geſchiehet / wo es ohne widerſetzung nicht leicht jemahl ab - gehet. Weiln denn die erſte wiedergeburth eben ſo kraͤfftig / welche in der kind - heit wiederfaͤhret / als die nachfolgende / ſo ſtehet denn der menſch nach dieſer an - dern in keinem vollkommenern ſtande / als nach der erſten / und hat die verderbnuͤß vorhin viele zum abfall gebracht / ſo iſt von der folgenden zeit nichts anders zuver - muthen. Weiln ja keine urſach iſt / warum es dorten wol / hier aber gar nicht geſchehen koͤnte / da beyderſeits einerley urſache / die es ſo wol hindern oder foͤr - dern moͤchten / ſich finden. Auffs wenigſte zeiget uns die gantze Schrifft die - ſen unterſcheid nirgend / ſondern wenn ſie von der unvollkommenheit dieſes lebens redet / bleibet es allezeit in den general Terminis, daß ſie von allem alter / und der menſch ſey bereits ein oder mehrmahl bekehret worden / auff einerley weiſe redet. Es ſuchet zwar Herr Stenger Einſchaͤrff. p. 36. v. f. ſpruͤche anzuziehen / ſeine mey - nung zubehaupten / die aber nicht das jenige ſchlieſſen was er zu erweiſen hat. (1) wird angezogen aus deß heiligen Johannis erſter Epiſtel 5. 4. Was von GOtt gebohren wird / uͤber windet die welt: welches freylich wahr iſt / und alſo / ſo lange die wiedergeburt waͤret / wird der wiedergebohrne die welt und alles was derſelben anhaͤngig iſt / uͤberwinden. Aber daß ſtehet nicht da / daß der wiederge - bohrne ſeine wiedergeburth nicht verlieren koͤnne / ſo iſt ja auch der getauffte in der kindheit aus GOtt gebohren / daß aber derſelben viel abfallen / und alſo die welt nicht mehr uͤberwinden / iſt Herr Stenger nicht in abrede: Wie nun derſelbe / wo ihm ſolcher ſpruch ſolte gegen die wiedergeburt der kinder-tauffe vorgeworffen werden / antworten wuͤrde / daß ſie ſolche wiedergeburth verlieren / da ſie nunmehr ſich von der welt uͤberwinden laſſen: So ſchlieſſet ja der ſpruch nicht mehr vor die das zweytemahl wiedergeborne. Alſo auch 3. 9. Wer aus GOTT gebohren iſt / der thut nicht ſuͤnde. Jſt auch ein ſpruch / der alle aus GOTT gebohrne angehet / ſie ſeyen das erſte oder auch das andermahl wieder geboren worden. Nun iſt wiederum die bekaͤntnuͤß von der erſten / daß ſehr viel noch wiederum ſunde thun / aber eben die wiedergeburth darmit verſchertzen: Alſo haͤlt ſichs denn auch mit der zweyten: und ſonderlich iſt zumercken / wie dabey ſtehet / dann ſein ſaame blei - bet bey ihm / und kan nicht ſuͤndigen / denn er iſt von GOtt gebohren. Hier muͤſ -Gſen50Das ſechſte Capitel. ſen wir entweder den Calviniſten geſtehen / daß die einmahl wiedergeborne bloß dahin aus ihrem gnaden ſtand nicht wieder fallen koͤnnen / welches Herr Stenger ihnen nicht einraͤumen wird / oder wir muͤſſen erkennen / es werde in ſenſu com - poſito geredet / die aus GOtt gebohren ſind / ſo fern ſie aus ihm gebohren / und ſo fern und ſo lang ſein ſame bey ihnen bleibet / thun nicht ſuͤnde: welches D. Ægid. Hunnius bey ſolchem ſpruch gar fein erklaͤhret / wenn er die meynung des heiligen Apoſtels alſo faſſet: Qui eſt manetque in Chriſto, tanquam Pal - mes in Vite, is certe non producit tribulos & ſpinas peccatorum regnan - tium, neque regnare ſinit peccatum in mortali ſuo corpore, quam diu ni - mirum eſt & manet in Chriſto: und: Proinde qui ex Deo natus eſt, quatenus is eſt renatus, & quamdiu renatus permanet, peccatum certè non commit - tit: Peccatum ſc. contra conſcientiam & ex deliberato animi propoſito conſilioque profectum. Imo non poteſt peccare modo jam explicato, ut ſc. ſimul peccet ac nihil ominus renatus maneat. Quin potius quã primum ex propoſito ſciens volensque peccat, confeſtim renatus eſſe deſinit. Hieraus folget aber gar nicht / daß deswegen der das zweytemal wiedergebohren (weil der heilige Geiſt kein unterſcheid machet) niemal wieder in tod-ſuͤnde fallen ſolte koͤnnen. Damit auch zugleich beantwortet iſt der ſpruch 1. Joh. 5 / 18. Wir wiſſen / daß wer von GOtt gebohren iſt / der ſ[uͤ]ndiget nicht / ſon - dern wer von GOtt gebohren iſt / der bewahret ſich / und der arge wird ihn nicht antaſten. Und was der Apoſtel 1. 5. 2. 3. ſagt: Daran erkennen wir / daß wir GOttes kinder lieben / wenn wir GOtt lieben und ſeine ge - both halten. Denn das iſt die liebe zu GOTT / daß wir ſeine gebot halten. Es wird da beſchrieben / was der frommen kinder GOTTES nicht nur ſchuldigkeit ſey / ſondern / weſſen ſie ſich auch befleiſſen / nemlich / goͤttli - ches wort zu halten / damit bringen ſie ihr leben zu / als lang ſie GOttes kinder ſeynd. Aber das ſtehet nicht darbey / daß es ſo ſelten geſchehe / daß eines von den - ſelben von ſolchem weg der geboten GOttes ſich abfuͤhren laſſe. 2. Was den ſpruch anlanget Spruͤchw. 4 / 18. Der gerechten pfad glaͤntzet wie ein liecht / das da fortgehet / und leuchtet biß auffden vollen tag. So iſts freylich wahr daß der gerechte immer waͤchſet in der tugend / und ſuchet voͤlliger zu werden / ſo lang er auff ſeinem pfad gehet / aber daß er niemahl von ſeinem pfad abtrette / daß ſtehet nichtda. Der eigentlichſte verſtand iſt der / welchen der wohlverdiente Chur Saͤchſ. Theologus D. Geyer p. 201. heraus zeucht: Piis[ſ]emper Lux ſuppetit, ad ſcandala ruinasque devitandas; ubi contra im - pii non poſſunt non in tenebris impingere, æternumque interire.
Wie nun aber nicht folget / daß deßwegen die gottloſen nicht koͤnnen auf den liechten weg der gerechten kommen? Alſo iſts nichts frembdes / daß der gerechte von ſeinem liechten weg / ſich auff die finſtern und krummen wege der gottlo - ſen verfuͤhren laſſe. (3.) Beruffet er ſich / daß die exempel in der Schrifft nichtbefind -51ARTIC. I. DISTINCT. I. SECT. VII. befindlich ſeyn / von ſolchen die zum andern und dritten mahl abgefallen ſeyn; Es hat aber Herr Stenger wohl in acht zunehmen / daß in der Schrifft der perſo - nen nicht ſo viel befindlich ſind / deren gantzes leben darinn ſtunde; und folget al - ſo nicht: von dieſer perſon leſen wir nicht / daß ſie jemahl / oder von einer andern allein einmahl / daß ſie von GOtt abgewichen ſeyn / deßwegen iſts auch ſonſt nie geſchehen: (Weswegen es gar gefaͤhrlich iſt / mit ihm zu ſagen von gewiſſen per - ſonen / von denen in der Schrifft keine ſchwere ſuͤnde auffgezeichnet ſeind / daß ſol - che niemahl keine begangen) Solche autoritas negata machet die ſache nicht aus. Und wenn denn auch keine exempel gezeiget werden moͤgten / iſt damit zum gegentheil noch nichts gewonnen. So ſind die jenige / deren leben außfuhrlicher in der Schrifft beſchrieben wird / gemeiniglich exempel ſonderbahrer hocherleuch - ter leute / da es wohl ſeyn mag / daß ein - und andere derſelben etwa nicht mehr als einmahl von ihrem GOtt abgetreten. Aber darauß folget nicht / daß derwegen der jenigen mehr ſeyen / von denen ſolches auch moͤgte geſagt werden: Wo es a - ber anders geſchehe / ſey es ein gantz auſſerodentliches. Geſetzt alſo: (weil wir in ſolcher frage / unſer urthel vor dißmahl nicht interponiren wollen) David ſeye nicht mehr / als in dem handel Uriæ von GOtt abgefallen / folget noch nicht / daß dieſes das gemeine aller kinder GOttes ſeye. Wir wollen aber Herr Stengern vor dißmahl alleine vorhalten das exempel der Galater; Die waren von Paulo durch das Evangelium aus dem Heidenthum (ſeynd einige unter denſelben auch Juͤden geweſen / wie faſt erſcheinet / und ſolche nachmahl ſich wiederum der in der beſchneidung beſchehenen wiedergeburt verluſtig gemacht / wie Nicodemus Joh. 3. daß dahero die bekehrung Pauli die zweyte wiedergeburt geweſen / ſo gehet von ſeiten derſelben das exempel / ſo viel ſtaͤrcker gegen Herr Stengers meynung) bekehret worden / und ſolches alſo / daß Paulus vieles von ihnen ruͤhmet / daß ſie den heiligen Geiſt empfangen 3 / 3. vieles ſchon deßwegen gelitten. verſ. 4. GOtt habe ihnen den Geiſt gereicht / und unter ihnen thaten gethan / v. 5. Sie ſeyn da - mahls ſeelig geweſen. 4. 15. Jſt alſo nicht zuzweifelen / daß damahls die rechte erleuchtete buſſe in ihrer bekehrung geſchehen ſeye: Gleichwol war nicht nur einer oder ander von ihnen / ſondern die meiſten wo nicht alle / wiederum von der war - heit abgetreten / und hatten ſich verfuͤhren laſſen: Daß Paulus ſagen darff; Sie ſeyen bezaubert (Chriſtus ſeye unter ihnen gecreutziget / ſie haben Chriſtum ver - laſſen / ſie ſeyen von der gnade abgefallen. Sind lauter anzeigungen / daß nun - mehr ſie im verdamlichen ſtand geſtanden / und alſo todtſuͤnden begangen. Gleich - wohl gebiehret ſie Paulus wiederum mit ſchme[r]tzen. c. 4. v. 19. und glaubt / daß Chriſtus wiederum eine geſtalt in ihnen gewinnen werde: und ſolches haͤlt er vor nichts auſſerordentliches / weil ers an der gantzen oder vielmehr vielen gemeinen verſucht / und darzu hoffnung hat. Aber es bedarff nicht / daß wir in den exem - peln uns lange auffhalten. 4. Wird angezogen der ſpruch / Hiob. 33. 29. Siehe dasG 2alles52Das ſechſte Capitel. alles thut GOTT / zwey oder dreymal mit einem jeglichen. Hierbey zie - het Herr Stenger / Dr. Dannhaueri Regulam an: Gratia revocans offertur nonnullis hominibus ſemel atque iterum, aliquando ſemel tantum. Das iſt / die wiederruffende und von ſchweren todt-ſuͤnden auffrichtende gnade / wie - derfaͤhret manchen menſchen zwey dreymal / etlichen aber nur einmahl. Wir mer - cken hier 1. Daß die teutſche Dolmetſchung nicht uͤbereinkomme / dann ſemel at - que iterum iſt zweymal / nicht dreymal. 2. Wo er geſtehet / daß die von ſchweren todt-ſuͤnden auffrichtende gnade GOttes manchen wiederfahre zwey drey - mal / ſo ſ[t]oͤſſet er hiermit ſeine Theſin ſelbſt uͤm / nach welcher es zu der groſſen buſſe (das iſt die jenige / dadurch der menſch von ſchweren ſuͤnden auffgerichtet wird) zum andernmahl nicht koͤmmt / geſchweige zum dritten: Hie geſtehet er zwey / dreymal: Und zwar kan er ſolches nicht vor ein auſſerordentliches halten / dann es wiederfaͤhret manchem / iſt alſo nichts ſeltſames. Vielmehr ſind in dem gegen - ſatz deren wenig / denen es nur einmahl geſchiehet, 3. Woher Herr Stenger die regul Dannhaueri genommen / wiſſen wir nicht. Solte es aus der Hodoſo - phia ſeyn / da p. 640. der ſelige mann bey citirung dieſes ſpruchs ſagt: Deo lex non eſt poſita, gratiam aliquando offert bis, terve, hoc eſt, pluries, aliquando ſemel tantum. So wuͤnſchen wir / daß die worte ungeaͤndert waͤren geſetzt worden. Wollen gleichwol ihn hieraus keines falſi allegati beſchuldigen / weil vielleicht an andern ſtellen / Dr. Dannhauer auch die formul, die an ſich nichts uͤbels in ſich hat / moͤgte anders gefuͤhret haben. Weil wir ſehen / daß er auch in ſeiner Catechiſmus Milch P. 6. p. 293. aus dieſem ſpruch Jobi alſo redet: zwey oder dreymal ſihet GOtt etwa zu / daß er eine ſeele herum hohle aus dem verderben. 4. Was Herr Dr. Dannhauers meynung geweſen ſeye / gibt er klar zuverſtehen / daß er bis tervè erklaͤret / mit pluries oͤffter. Wie auch des ſel. Lutheri Rand-Gloͤßlein lauten / zwey oder dreymal / das iſt offtmahls / hat alſo Herr Dr. Dannhauer nicht ſo præciſe die zahl determiniret. Den ſpruch ſelbſt be - treffend / iſt gleichwol nicht erwieſen / daß Elihu meynung ſeye / in demſelben zu zei - gen / wie offt GOtt einem boͤſen menſchen zur buſſe kommen laſſe; Sondern wie der wohlverdiente Straßburgiſche Theologus, D. Sebaſtian Schmidt noch neu - lichſt in ſeinem Commentario gezeiget / iſt die meynung allein / daß ſich GOtt des creutzes / welches auch eine art iſt / damit GOtt zur beſſerung berufft / offt bey einer perſon zu unterſchiedlichen mahlen gebraucht / ſo wohl boͤſe leute zur buſſe zuziehen / als auch gottſelige von ſuͤnden abzuhalten. Er erklaͤret aber auch das〈…〉〈…〉〈…〉〈…〉 duabus vel tribus vicibus, daß es ſey numerus certus & finitus pro incerto & infinito, vor aliquoties, ſæpius. 6. Aus allen erhellet / daß gantz nichts aus dieſem ſpruch zu behauptung der Theſeos mag gezogen werden: Ja wo er auch in Herr Stengers verſtand angenommen wuͤrde / daß nemlich da ſte -he /53ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. he / wie offt GOtt den gefallenen ſuͤnder zur buſſe annehme / ſtieſſe er ſie vielmehr uͤm: Denn da wuͤrde die andere und dritte groſſe buſſe bekraͤfftiget. 5. Wird angezogen aus der epiſtel Judaͤ v. 5. Zum andernmahl brachte er um / die da nicht glaͤubten. Wie aus dieſen worten mit einigem ſchein / eine folge koͤn - ne gezogen werden / ſehen wir nicht. Der zweck des heiligen Apoſtels iſt / wie D. Lubinus gar wohl bemercket: Quo quis Deum magis cognovit & majora a Deo beneficia accepit, hoc horribilius punietur, cum Deum rurſus abnegat, & DEO ejusque verbo relicto latiſſimam mundi viam cum filiis hujus ſeculi graſſatur. Neque vero ſatis eſt, quenquam ſemel veritatem Dei agnoviſſe à peccatis liberatum, & in libertatem Chriſti ad - miſſum eſſe, ſi in illa non perpetuo perſeveret, & vitam Chriſtiani verbis pariter & factis exprimat. Mehr wird ſich aus dieſem orth nicht ſchlieſſen laſſen. Es ſtehet hier nicht daß allen / denen er einmal die ſuͤnde vergeben gehabt / das zwey - temal keine gnade mehr erwieſen worden; weil er in den erſten worten keiner geiſt - lichen / ſondern der leiblichen gutthat der ausfuͤhrung aus Egypten gedacht. So zeiget ja die hiſtori der Schrifft klar / daß GOTT dem volck nicht nur einmal / ſon - dern offt ihre grobe ſuͤnde / ſo ſie mit murren und ungehorſam wider ihn begangen / verziehen habe / ehe er ſie nach einander ſterben lieſſe. Denckwuͤrdig iſt wie GOTT 4. Moſ. 14 / 22. das urtheil faͤllet: Alle maͤnner die meine herrlig - keit / und meine zeichen geſehen haben / die ich gethan habe in Egypten und in der Wuͤſten / und mich zehenmal verſucht / und meiner ſtimme nicht ge - horchet haben / der ſoll keiner das land ſehen / der mich verlaͤſtert hat. Hier ſinds einerley maͤnner / welche dem HERRN ſo offt / zehenmal / ver - ſucht hatten: meiſtens mit gantz boßhafftigen verſuchungen / daß ſie wider GOtt gemurret / ſeine wunder in den wind geſchlagen / und ſeinem befehl ungehorſam wa - ren worden / welches auffs wenigſte bey dem groͤſten theil derſelben ſchwere todt - ſuͤnde geweſen. Nun wird hingegen auch hin und wieder meldung gethan / wie ſich das volck bekehret / und bußfertig mit GOTT verſoͤhnet habe / wo wir ja nicht zweiffeln wollen / daß auffs wenigſte jedesmahl bey einer ziemlichen anzahl derſelben ſolche buſſe werde ernſtlich geweſen ſeyn. 2. Moſis 19. v. 20. iſt ja nicht glaublich / als GOTT durch Moſen dem volck von der promulgation des geſe - tzes anſagen / und die vorbereitung anbefehlen ließ / ſo denn mit ſolcher majeſtaͤt / donner und blitzen die Gebot gab / daß nicht ſolten viele von grund der ſeelen zur buſſe bewegt / und denſelben die worte von hertzen gangen ſeyn: Daß ſie gerne gehorchen wolten / wo GOTT durch Moſen ihnen wuͤrde etwas befehlen laſſen. Es waͤhrete aber nicht lange / ſo fielen ſie durch abgoͤtterey mit dem guͤldenen kal - be von GOTT boshafftig ab / daß GOTT das gantze volck vertilgen wolte. A - ber c. 33. 4. (conf. Pſ. 106. 23. und vorhin v. 12.) laſſen ſie ihnen ſolches leid ſeyn. Wo wir je nicht von allen vermuthen doͤrfften / daß es eine nur euſſerliche AchabsG 3buſſe54Das ſechſte Capitel. buſſe ſolte geweſen ſeyn. Nach dieſem 4. Moſ. 11. verſuͤndiget ſich das volck wie - derum etlichmahl boßhafftig / und zog ſchwere ſtraffe auff ſich / daß viel daruͤber umkommen ſind. Solten aber auch nicht aus anſehung der ſtraffen immer un - terſchiedliche ſich haben thaͤtlich bekehret? Aſaph ſaget Pſalm. 78 / 36. 37. Wenn er ſie erwuͤrget / ſuchten ſie ihn / und bekehrten ſich fruͤhe zu GOTT / und ge - dachten / daß GOTT ihr Hort iſt / und GOTT der hoͤchſte ihr Erloͤſer iſt. Es folget zwar darauff: Und heuchleten ihm mit ihrem munde / und logen ihm mit ihren zungen / aber ihr hertz war nicht feſt an ihm / und hielten nicht treulich an ſeinem bunde. Wir haben aber ſolche worte (wie von dem wohlver - dienten Theologo D. Hoͤpfnern mit mehreren gezeiget worden) vielmehr anzuſe - hen / daß damit angedeutet werde / wie ihre buſſe nicht ſey beſtaͤndig geweſen / als daß ſie gar vor keine wahre buſſe erkant wuͤrde / und ob waͤre es ihnen nicht ernſt ge - weſen / da gleichwohl es eine ſolche buſſe geweſen / darauff folgen koͤnte: Er aber war barmhertzig / und vergab die miſſethat. Welches ja einer heuchel buſſe nicht mag zugeſchrieben werden: Jn deſſen heiſſet es doch / daß ſie mit dem mun - de geheuchelt / und mit der zungen gelogen haben / alldieweil ſie ihren verſpruch / ob wohl ſolcher erſtlich von hertzen gegangen / nachmahl beſtaͤndig ins werck zuſe - tzen ihnen nicht haben laſſen angelegen ſeyn / u. alſo ihr heꝛtz nicht feſt an Gott geblie - ben iſt. Daraus wir ſehen / daß GOTT die kinder Jfrael nicht gleich das an - dere mahl / als ſie ihn boßhafftig erzuͤrnet / zur ſtraffe hingeriſſen / ſondern zum oͤff - tern mahl ihnen vergebung habe wiederfahren laſſen. Ja wir moͤgen eben hierinnen wiederum exempel ſehen ſolcheꝛ leute / die nichtnur einmahl die groſſe buſſe wiedeꝛho - let haben / heiſt daher τὸ δέμτερον bey dem Apoſtel Juda / nicht eigentlich zum andern - mahl / in dem gegenſatz / daß das erſte mahl der HERR ſeinem volck verziehen / das anderemahl aber ſeinen zorn gehen laſſen / ſondern wie die Phiologi bemercken / iſt ſo viel als deinde, rurſus, wie auch die lateiniſche dolmetſchung Eraſmi, Bezæ, Ca - ſtalionis hierbey bleiben abermahl oder nach mahl. Daß alſo die meynung dieſe ſey: Der HERR habe die kinder Jſrael aus Egypten gefuͤhret / und in ſol - chem ausgang viel ſo leiblich als geiſtliche wohlthaten ihnen erwieſen / (unter wel - che billich zu zehlen die oͤfftere vergebung ihrer ſuͤnden) aber darnach / wie nehmlich ſie ſo offt ſeine guͤte misbrauchet / brachte er um die nicht glaubten. Wir gehen a - ber weiter. 6. Werden angezogen die worte Chriſti Luc. 11. Wenn der vom boͤ - ſen geiſt erloͤſete menſch denſelben wieder einlaſſe / ſo werde es da wohl ſieben mahl aͤrger denn zuvor. Aber wir ſehen nicht / wie nur mit einem ſchein ſich etwas ſchlieſſen laſſe / was Herr Stenger will: Daß es immer gefaͤhrlicher mit einem men - ſchen werde / je mehrmahl er von ſeinen Gott ab getretten / und ſeine guͤtigkeit ver - achtet hat / folget wohl daraus / aber davon iſt die frage nicht: Hingegen ſehen wir hie / daß es nicht ſo unmuͤglich ſey / daß der teuffel / wo er ſchon einmahl gewal - tig ausgetrieben / wiederum einniſten koͤnne. Chriſtus ſaget nicht darbey / daß esgar55ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. gar ein auſſer ordentlich und ſeltener fall ſey / ſondern redet vielmehr davon / als einer ſache / die nicht ſeltſam ſey. So ſagt er auch nicht darbey / daß ein ſolcher mit 7. aͤrgeren begleiteter teuffel nicht wiederum ausgetrieben werde / ſondern nur allein / daß es mit den menſchen aͤrger ſey / als zu erſt / welches aber den ſtatum controverſiæ nicht beruͤhret. 7. Werden auch angezogen die ſpruͤche / darinnen die glaubigen vermahnet werden / beſtaͤndig zubleiben / zu wachſen / und immer voͤl - liger zu werden / und daß die glaubigen ſolchem befehl nachkommen. Welches wir gerne geſtehen / was derſelben conatum und fleiß anlanget / ſie bemuͤhen ſich beſtaͤndig zu bleiben und zuwachſen. Wie ſie aber noch das fleiſch an ſich haben / das ſtets allerhand menſchliche fehler verurſachet / alſo iſt auch muͤglich / daß aus menſchlichen fehlern endlich boßhaffte ſuͤnden werden / wie droben gezeiget. Wann dann ſolches geſchiehet / ſo hoͤren ſie auff um ſolche zeit glaubig zu ſeyn / und haben die wieder geburt verlohren. Wie Herr Stenger ſelbſten geſtehet / ob er ſchon meint daß ſolches gar ſelten und außerordentlich geſchehe. Welches aber die krafft der ſpruͤche / ſo allein die ſchuldigkeit und fleiß der glaͤubigen / ſo lange ſie ſolche ſind vor - ſtellen / nicht mit ſich bringet. Die vergleichung zwiſchen Chriſto und den glau - bigen Rom. 6. geben wir gerne zu / daß wir ſollen in einem neuen leben wandeln / wie CHRJSTUS auch nach ſeiner aufferſtehung ein neues und ewiges leben angetreten: Alſo wie CHRJSTUS nicht wiederum geſtorben / erfordert / daß auch wir nichtwiederum in ſuͤnden ſterben ſollen: Alſo welche wiederum in ſuͤnden geſtorben / haben darwider gethan / worzu ſie verbun - den geweſen / das iſt unlaugbar. Unterdeſſen kans doch geſchehen / wel - ches auch Herr Stenger nicht leugnen darff: und wie es geſchehen kan / ſo geſchie - het es leider nur gar zu offt: deſſen gegentheil aus Paulo hie nicht erweißlich. Daß Luc. 15. der verlohrne ſohn nicht wiederum von dem vater gelauffen / erwei - ſet nichts / in dem der zweck der parabel allein iſt zu zeigen / daß doch GOTT die buſſe annehme / wie ſchwer das verbrechen ſey: auſſer dieſem und was dahin ab - zwecket / laͤſt ſich nichts erweiſen. Daß der HERR zu dem geſund gewordenen Joh. 5. ſaget: Siehe zu / ſuͤndige fort nicht mehr / auff daß dir nicht et - was aͤrgers widerfahre. Zeiget abermahl mehr nicht / als daß freylich der Re - cidivat allezeit ſchwehrer ſey / in dem er den menſchen mit mehrern ſuͤnden beladet / und die undanckbarkeit allezeit ſo viel groͤſſer / dahero auch goͤttlicher zorn gemeh - ret worden. Damit iſt aber die ſache an ſich nicht erwieſen / daß ſolches nicht offt geſchehe. Gleiche bewandnuͤß hat es auch mit dem ſpruch Hohenlied 5 / 3. und der angezogenen gleichnuͤß / der zu der andern erbauung des tempels mehr erforderten zeit / als zu der erſten. Wir gehen aber nicht jegliches abſonderlich durch / wie wir auch nicht noth achten / auff die von der oͤffentlichen kirchenbuſſe handlen - de orte der vaͤter zu antworten. Einige gruͤnde ſtehen noch folgendes pag. 40. die einen ſchein haben / und alſo noch zu examiniren ſind. Wo wir zum foͤrderſtennoch -56Das ſechſte Capitel. nochmals wiederholen / daß wir freylich dergleichen Chriſtenthum nicht vor juſt hal - ten / wie oben bereits erinnert / wo ſo offt nach einander wiederholende faͤlle und im - mer folgende buß alterniren. Denn da iſt unmuͤglich / daß es dem kan ernſt mit der buſſe geweſen ſeyn / der kaum von derſelben komt / und alſo balden wieder muth - willig ſuͤndiget / gleich wieder buß zu thun ſich ſtellet / und ſolches immerfort conti - nuiret: Die betrachtung der hertzlichen reu und deß inbruͤnſtigen vorſatzes / ſo bey wahren buͤſſenden ſich findet / laͤſſet nicht zu dergleichen zugedencken: Aber da - mit iſt Herr Stengers meinung noch nicht gebilliget: Es wiederholet ſich die groſ - ſe buſſe nicht ſo offt und gleichſam woͤchentlich. E. nur einmahl. Dahero was itzo die Argumenta ſelbſt anlanget / ſo folget es nicht: Die Chriſten koͤnten ſonſt nicht ſagen mit David: Jch wehre meinem fuſſe alle boͤſe wege / daß ich dein wort halte. Jch will dein geſetz halten alle wege / immer und ewiglich Pſalm. 119. Dann wir fragen: Ob David ſolches habe ſagen koͤnnen / oder nicht? Dieſes letztere wird Herr Stenger nicht erwehlen; Weil ja ſolches die ge - meine arth aller wahren kinder GOttes iſt und ſeyn muß / daß ſie ſolchen eyfrigen vorſatz haben / und demſelben nachſetzen. Hat ers aber ſagen koͤnnen / ſo ſiehet man ja / daß dann die jenige auch nachſprechen moͤgen / welche ſich vor allem muth - willigen fall zuhuͤten eyfrig entſchloſſen / ob es ſchon geſchehen mag / daß ſie wiederum von dem teuffel verfuͤhret werden / wie es David ergangen. Da aber der ſchluß gemacht wird (So doͤrfften auch die bußfertigen bey ihrer buſſe nicht angelo - ben / daß ſie wolten CHRJSTJ gebot hinfuͤro beſtaͤndig halten / und nie - mals muthwillig ſuͤndigen. Dann ſo doch die Chriſten hernach ſolch ihr geluͤbde niemals redlich bezahlen / ſo moͤgten ſie lieber des angelobens ſich gar enthalten.) Jſt wiederum keine guͤltige folge. Herr Stenger geſtehet / daß eben ſolches geluͤbde in der tauffe auch geſchiehet / ob ſchon durch den mund der tauff - pathen / aber gleichwohl von dem kinde / und der heilige Geiſt / der den wahren glau - ben bey ſolchem kinde in der tauffe wuͤrcket / wuͤrcket auch ſolchen vorſatz / und alſo geluͤbde bey derſelben. Er geſtehet weiter / daß ſolcher getaufften ſehr viele wieder abtreten / und auffs neue muͤſſen bekehret werden: So ſiehet er ja ſelbſten / daß aus dem geluͤbde bey der buſſe ſich das jenige eben ſo wohl nicht ſchließen laſſe. 3. Nicht beſſer ſchlieſſet das jenige argument / daß er haben will: daß mit der gegenlehr auffgehaben werde die gewißheit eines wiedergebohrnen / und die gewiſſe hoffnung der beſtaͤndigkeit / ja die hoffnung des ewigen lebens. Jſt das argument / deſſen ſich auch die Reformirte gegen uns bedienen / um die bloſſe unmuͤgligkeit des abfalls der rechtglaͤubigen zu erweiſen / darinnen Herr Stenger ihme ſelbſt widerſpricht. Auch wuͤrde es der Reformirten als Herrn Stengers meinung mehr bekraͤfftigen / wo es buͤndig waͤre. Dann macht die muͤglichkeit des wiederabfalls die gewißheit der ſeligkeit zu nicht / wie dieſes argument wil / ſo muß eins unter beyden ſeyn: Entweder wir muͤſſen der gewißheit unſerer ſeligkeit uns gar nicht ruͤhmen koͤnnen /und57ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. und darinnen den Papiſten gewonnen geben / oder es muß blos unmuͤglich ſeyn / daß warhafftig glaubige abfallen / damit die Reformirte gewonnen haben. Da wird Herr Stenger mit ſeinem tertio nichts ausrichten / daß es zwar nicht gantz unmuͤg - lich ſey / aber doch gewoͤhnlich nicht geſchehe: dann damit faͤllt doch die gewißheit hin / welche ſein ſchluß urgiret. Wir aber koͤnnen den Reformirten gruͤndlich ant - worten / daß wir unſerer ſeligkeit gewiß ſeyn / nicht certitudine abſoluta, mit ei - ner unbedingten gewißheit / wie der Reformirten irrthum iſt / ſondern condi - tionata mit einer bedingten / und in eine gewiſſe ordnung eingeſchloſſenen gewiß - heit / nach der recht glaͤubigen lehrer einmuͤthigen ſatz. Wir muͤſſen freylich un - ſerer ends beharrligkeit gewiß ſeyn / aber doch darbey mit furcht und zittern ſchaf - fen / daß wir ſelig werden. Phil. 2. Ja daß kein andere / als ſolche conditionata certitudo ſey / gibt uns Herr Stenger ſelbſt zu / pag. 306. GOtt wende ſeine gnade nicht ehe von einem wiedergebohrnen / er laſſe dann fahren ſeinen gu - ten vorſatz / und faſſe einen boͤſen vorſatz. Wie nun dieſer dritte ſchluß itzt be - ſchehener maſſen / unbuͤndig: alſo 4. iſts eben ſo uͤbel gefolgert / daß ſo fern boͤſe und fromme Chriſten ſo gut waͤren / einer als der andere. Es bleibet noch groſſer unterſcheid. Was boͤſe Chriſten thun / die nicht in GOttes gnade ſtehen / ſind lauter tod-ſuͤnden / wie Herr Stenger ſelbſt geſtehet. Jſt dann nicht groſſer un - terſcheid zwiſchen dem / der augenblicklich nichts anders als lauter tod-ſuͤnden thut / und dem jenigen / der etwa noch einige mahl von dem teuffel verleitet wird? Ob ſchon er eben damit auch ſeinen gnadenſtand verleuret / und in ſolchem ſtand / ehe er zur buſſe komt / kein frommer Chriſt mehr iſt. Alles bisher angefuͤhrte zeiget / daß demnach die vollkommenheit / welche Herr Stenger den wahren Chriſten zuſchrei - bet / daß nicht leicht einer von GOTT abweichen koͤnne / aus der Schrifft nicht er - weißlich ſeye; vielmehr aber ſtreite mit der in der Schrifft nachdruͤcklich beſchriebe - nen unvollkommenheit und verderbnuͤß der menſchlichen natur / auch noch bey wie - dergebohrnen Chriſten uͤbrigen fleiſches. 2. Streitet auch ſolche meynung wider die in der Schrifft billich aller orten hochgeprieſene unendliche barmhertzigkeit Got - tes. Wo es heiſſet / der zum drittenmahl in muthwillige ſuͤnden ruͤckfaͤllige menſch wird wohl zur rechten buſſe nicht erneuert werden / geſchehe es ja / ſo muͤſte es was auſſer ordentliches heiſſen. Und / der zum drittemnahl ruͤck - faͤllige menſch wird gewoͤhnlich nicht wieder zur buſſe erneuret und auffge - richtet. Wir ſagen hier nicht / daß man einen ſo vielmahl ruͤckfaͤlligen menſchen / da er in ſolcher ſeiner boßheit ſtehet / verſichern koͤnne / daß er auch wieder werde zur buſſe bekehret werden. Dann vielleicht kan ihn in ſolchem augenblick GOtt weg - reiſſen / und alſo in ſeinen ſuͤnden ſterben laſſen / oder aber das gericht der verſto - ckung uͤber ihn verhaͤngen. Vielweniger moͤgen wir einen darauff weiſen / er ſolte nur immerhin frevel ſuͤndigen / GOTT muͤſte ihn doch wohl wiederum bekehren. ſolcher troſt wuͤrde allzu vermeſſen ſeyn; Aber hingegen iſt eben ſo vermeſſen / goͤtt -Hlicher58Das ſechſte Capitel. licher barmhertzigkeit ziel und maß zu ſetzen / wie offt ſie ordentlicher weiſe einen muthwilligen ſ[uͤ]nder annehme / nemlich nur einmahl / uͤber ſolches ſeye es ein auſſer - ordentliches und alſo ſelten geſchehendes. Ja ſpricht einer / es werde hiemit goͤtt - liche barmhertzigkeit nicht eingeſpannet / denn mann geſtehe gerne / daß ſo offt der ſuͤnder buſſe thue / GOTT ſolches ſ[uͤ]nders ſich erbarme; Aber es koͤnne ein ſolcher ſuͤnder nicht buſſe thun. Antwort. Das iſts eben / was wir ſagen / das goͤttliche barmhertzigkeit eingeſpannet werde. Dann goͤttliche barmhertzigkeit gehoͤret zu / nicht nur unſere buſſe anzunehmen; ſondern weil wirs nicht koͤnnen / dieſelbe bey uns zuwuͤrcken. Daher wann ein ſolcher das drittemahl ruͤckfaͤllige menſch nicht mehr zur buſſe erfordert wird / waͤre die urſach nicht bloß ſeine ſuͤnde ſelbs / dann da geſtehet Herr Stenger / daß keine ſuͤnde ſeye / welche goͤttliche barmhertzig - keit nicht vergeben koͤnne / und wolte / wann ſolches auffs erſtemahl geſchie - het / es iſt auch nicht / weil GOTT ihn nicht wieder bekehren koͤnte / auch nicht daß er vor ſich zur buſſe gantz untuͤchtig worden (dann daß es auſſerordentlich geſchehen koͤnte / wird bekant) ſondern muͤſte dieſe urſach ſeyn: Daß GOTT beſchloſſen habe / ordentlich allein einmahl ſich des ruͤckfaͤlligen zu erbarmen / und alſo eine barmhertzigkeit auff einmahl einzuſpannen: Daher ſie einen ſolchen menſchen die mittel der buſſe nicht mehr wiederfahren laſſe / oder doch darinnen nicht kraͤfftig zu ſeyn begehre. Nun dieſe einſpannung goͤttlicher barmhertzigkeit iſt goͤttlicher Schrifft gantz unbekant. Es heiſſet ins gemein / daß GOtt nicht wolle den todt des ſuͤnders Ezech. 18 / 23. daß er wolle / daß niemand verlohren werde; ſondern ſich jedermann zur buſſe bekehre. 2. Petr. 3. welches auch gehet / ſo gar auff die jenige / von welchen er cap. 2. geſagt / daß nach dem ſie wiederum in die ſuͤnde ein - gepflochten / das letzte mit ihnen aͤrger worden ſeye / dann das erſte. GOtt ruffet der verſtockten Juda wieder / ob ſie wohl mit vielen buhlern gehuret / und ſich von ihm geſchieden hatte. Jerem. 3 / 1. ohne außnahm / wie offt ſie es ſchon mißbraucht haben moͤgte. Und von ſolchem ſpruch geſtehet Herr Stenger pag. 164. Daß er rede von den ſuͤndern / die ſchon einmahl wieder zu gnadeu angenommen / a - ber es hernach wieder verderbet / abermahls den HErrn verlaſſen / und wi - der ihn geſ[uͤ]ndiget. Wiederum: die abtruͤnnige ſeele / die GOTT ſo viel - mahl verlaſſen / ſoll doch wieder erlaubnuͤß haben wieder zukommen.
Welches aber ſeine eigene Theſin umſtoͤſſet. Dann es iſt ein exempel zweymahl ruͤckfaͤlliger / wird auch nicht von einer perſon / ſondern dem gantzen Juda und alſo vielen gebraucht / und kan derowegen vor nichts auſſerordentliches geach - tet werden. Luc. 6 / 36. 37. befiehlet Chriſtus: Wir ſollen barmhertzig ſeyn / wie un - ſer Vater barmhertzig iſt / und ſolches auch in dem vergeben. Nun ſind wir ſchul - dig / dem nechſten zu vergeben / ſo offt er uns beleidiget. Matth. 18 / 22. So iſts GOTT zwar nicht ſchuldig / aber doch dieſes die art ſeiner barmhertzigkeit / daß erſich59ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. ſich erbarmet mit vergebung der ſuͤneen / auch der jenigen / die ſich ſeiner guͤte ſchon offt mißbraucht.
Dieſes iſt das ordentliche: daß aber zuweilen er dergleichen boßhafftige ver - aͤchter in das gericht der verſtockung fallen laͤſſet / daß ſie nicht mehr buſſe thun / und alſo gnade erlangen / iſt die exceptio und das auſſerordentliche. Da haben wir dann von dieſem nicht zu urtheilen / ſondern GOttes rath zu uͤberlaſſen / nicht wie offt er allen / dann wir haben kein fundament / das vor alle eine gewiſſe zahl beſtim̃t ſeye; ſondern wie offt er jeglichen / dieſem oder jenem / die gnade der buß / wann ſie vorhin veꝛſchlagen woꝛden / wiedeꝛ gebẽ wolle: Wohin wiꝛ in gutem veꝛſtand es neh - men. wollen. p. 240. Die gnade GOttes / da er den ſuͤndern noch raum / zeit und mittel zur buſſe giebet / iſt uns nirgend verheiſſen / daß ſie eben ſolte ewig uͤ - ber uns ſchweben / wann wir immer mit ſuͤnden anhalten: und p. 322. Gott will ſeyn ſehr gnaͤdig / barmhertzig / will alles vergeben / es ſeye die ſuͤnde auch noch ſo groß; doch nicht daß dem menſchen frey ſtehe / dieſe gnade zuſu - chen / wann er wolte. Hingegen bleiben wir billig bey der regel / daß GOTT jeglichem ſ[uͤ]nder ſeine gnade anbiete (u. das ſagt Herr Stenger ſonſt auch p. 242. So lange es noch heute heiſſet / ſtehet die gnaden-thuͤr offen / es heiſt abe: noch immer heute / als lange noch ein lebendiger athem in uns iſt) beſtimme ich aber eine gewiſſe zahl / die mir gleichwohl von Gott nicht geoffenbahret / ſo kans nicht anders als eine vermeſſenheit geachtet werden. 3. Steckt auch dieſer irrthum darinnen / daß der jenige vorſatz / nicht muͤſſe der rechte wahre vorſatz / oder die jenige buſſe die wahre buſſe geweſen ſeyn / da wider jenen wiederum geſuͤndiget / und dieſer fruͤchte nicht ſtetig gewuͤrcket werden. Zwar wo es nur ſo fern will / das man aus nicht erfolgter erfuͤllung oder dero beſtaͤndigkeit zu nachdencken urſach bekommt: Ob nicht vielleicht der vorſatz und vorige buſſe moͤgten allein heuchleriſch geweſen ſeyn / und der menſch andere und ſich damit betrogen haben / iſts nicht unrecht; weil freylich vielfaͤltig geſchiehet / daß der menſch ſich nicht rechtſchaffen pruͤffet / jegliche fliegende andacht gleich vor rechten bußfertigen vorſatz achtet / und damit ihm ſelbs thoͤrlich einen blauen dunſt vor die augen macht. Daß deßwegen ſo wohl jeder / welcher findet / wie die fruͤchte ſeiner buß nicht nach gebuͤhr folgen / urſach hat in ſich zugehen / und nach zudencken / mit was ernſt er ſeine buſſe angeſtellt. So haben auch prediger und andere / die auff ihres neben menſchen Chriſtenthum acht zu ge - ben haben / aus eben ſolcher urſach der nicht thaͤtlich folgender beſſerung ſolche leute zur probe ihres gewiſſens zuweiſen. Und auff die weiſe / iſt die ſache nicht unrecht; Es kan aber Herr Stenger ſelbs ſich daruͤber erklaͤhren / ob ſolches allein ſeine mey - nung ſeye. Solte es aber dahin gemeint ſeyn / wie ſchier die uͤbrige hypotheſes mit ſich zu bringen ſcheinen / daß keine andere wahre buſſe ſeye / als von welcher kein abfall mehr folget / auch kein anderer vorſatz rechtſchaffen und hertzlich / es folge denn auch die that beſtaͤndig: So waͤre es irrig / und wuͤrde billig mit den gruͤndenH 2wider -60Das ſechſte Capitel. widerleget / welcher wir uns gebrauchen gegen die Reformirten / welche denjenigen glauben nicht wollen vor den wahren glauben gehalten haben / welcher wieder ver - lohren worden. Wie dann dieſe meynung mit ſolchem irrthum (der auch in den Schmalkaldiſchen Articuln pag. 3. art. 3. verworffen wird:) gar nahe uͤber ein kaͤme. Alle die buß aber iſt wahrhafftig / in welcher der menſch ſeine ſuͤnde mit hertzlicher goͤttlicher reue erkennt / und mit wahren lebendigem glauben ſeines Er - loͤſers verdienſt ergreiffet. Bey ſolchem iſt zwar freylich allezeit hertzlicher vorſatz und trieb / ſolchen vorſatz auch ins werck zuſetzen / der den menſchen nicht muͤßig ſeyn laͤſſt. Weil aber gleichwohl es muͤglich iſt / daß nachmahls der menſch wieder ab - faͤllt; ſo iſt die beharrlichkeit ein ſolches conſequens, welches da von ſeparirt blei - ben / und alſo auch ohne dieſe dennoch die buß warhafftig geweſen ſeyn kan. 4. Er - hellet auch aus dieſer materi / daß Herr Stenger (auffs wenigſte / wie an vielen orten aus ſeinen worten / nicht anders geſchloſſen werden mag) nicht gebuͤhrlich unterſcheide / die ſtaͤrcke und ſchwachheit des glaubens; Daher er aller orten von den fruͤchten des glaubens redet / wie dieſelbe ſich bey dem glauben in ſeiner ſtaͤrcke befinden / da es zu weilen gar ein andere bewandnuͤß mit hat / wo der glaube ſchwach und alſo auch der trieb deſſelben nicht ſo ſtarck iſt. Nun wie wir den ſchwachen glauben vor einen wahren glauben achten und GOTT ihn auch davor erkennet / alſo ſind auch deſſelben fruͤchte / ob wohl freylich viel mangels ſich daran befindet / gleich wohl wahre fruͤchte / weil und wann ſie auffrichtig ſind. Dieſes iſt alſo das jenige / ſo wir in durchleſung der vor die hand gegebenen zwey ſchrifften Herrn Stengers obſerviret / und zu obſerviren noͤthig erachtet haben; Daraus dann leichtlich unſere endliche meynung erhellet / daß nehmlich wir zwar viele der redens-arten / an welchen vielleicht einige / die ſolche gehoͤret oder geleſen / moͤgen an - geſtoſſen haben / aus betrachtung ſo wohl der ſache als anderer umſtaͤnde / ſonderlich ſeines eiffers / vor gut und unſtraͤfflich achten; hingegen in unterſchiedlichen / ob wohl ſeine meynung recht / deſideriren / daß er mit der kirche haͤtte reden ſollen / und mit unbequemen / zweiffelhafftigen und dunckeln reden / welche der gemeine zu - hoͤrer nicht leicht faſſet / nicht einen verdacht auff ſich ziehen. So dann das die letzte benamſte lehr / ſo wiederum in etliche puncten ſich theilet / wofern er ſie / wie wir ſie aus ſeinen worten gefaſt / vor die ſeinige erkent / und nicht beſſer declariret / von uns nicht anders als irrig angeſehen werden koͤnne. Es ſind einige ort der Schrifft bereits angezogen worden mit welchem ſolche meynung ſtreitet; So ſeind auch die wort unſerer Augſpurgiſchen Confeſſion art. 12. da es heiſt: Daß die jenige ſo nach der tauff geſuͤndiget haben / zu allerzeit / ſo ſie bekehret wer - den / vergebung der ſuͤnden erlangen moͤgen: Sonderlich aber wie ſie wieder - hohlet werden in der Apologi: Zu was zeit und wie offt ſie ſich bekehren / alſo bewand / daß ſie nicht mit Herr Stengers meynung beſtehen. Dann ob er wohl ſagen moͤgte: er glaube mit der Augſpurgiſchen Confeſſion ſchlecht dahin / daßdie61ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VII. die jenigen die nach der Tauff ſuͤndigen / vergebung der ſuͤnden er langen moͤgen / zu allerzeit / ſo ſie bekehret werden; Es ſeye aber ſolches nicht ausgedruckt wie offt ſol - che bekehrung geſchehe. So mag ſolches noch nicht gnug ſeyn; Jn dem in der A - pologi deutlich das quotiescunque in ſich faſſt / daß ſolches offters geſchehen moͤge / und zugeſchehen pflege / nicht aber nur ein oder auffs hoͤchſte zweymal. So ſind auch ſolche unſere Symboliſche buͤcher / wie in andern allen / alſo auch in die - ſem ſtuͤck / zufaſſen in dem verſtand unſerer kirchen / wie derſelbe bey unſern uͤbrigen lehrern ſich auch befindet: Da wir aber einigen bißher nicht befinden werden / wel - cher nicht davor gehalten / daß ſolche buß / deren daſelbs vergebung verſprochen wird / mehr als einmahl wiederholet werden moͤge. Ob dann nun ſchon wir ihn des irr - thums Novatianorum, ſo in ſolchem articul namentlich verworffen werden / nicht beſchuldigen wollen / gehet gleichwohl ſein ſatz / wie wir ihn aus ſeinen ſchrifften zu - faſſen vermoͤgen / dem ſatz der bekaͤntnuͤß auf andere weiß entgegen. Mit den No - vatianern koͤnnen wir ſeine meynung nicht confundiren / als deren ketzerey von unſern confeſſoribus alſo gegeben wird / welche die abſolution denen / ſo nach der Tauff geſuͤndiget hatten / wegerten / oder wo wirs außfuͤhrlich haben wollen / mit den worten der erſt vor 2. jahren gehaltenen Inaugural. Diſputation Herrn Dr. Jo. Ulrich Meyern / de Novatianismo: Lapſi, in primis Apoſtatæ, etiam verè pœnitentes, amplius veniam delictorum mortalium impetrare non poſſunt, non quidem à Deo immediatè ſed ab Eccleſia mediatè, quæ illos in gratiam & communionem non amplius ſuſcipere deberet: Von wel - chem irrthum Herr Stenger frey iſt / welcher ſreylich nach der Tauff den gefalle - nen aber buͤſſenden / ſo wohl von GOtt / als der kirchen / vergebung verſpricht / ja wo ſie warhafftig buſſe thun / wanns auch ſchon mehrmahl geſchehe / an der ver - gebung nicht zweiflen laͤſt Einſchaͤrff. p. 35. Unterdeſſen gehet doch ſeine lehr auf angezeigte weiſe ſolchem unſern glaubens-bekaͤntnuͤß entgegen.
Wie aber in jeglichem irrthum wohl acht zugeben iſt / ob der menſch aus uͤ - bereilen und unwiſſend oder hartnaͤckig und wiſſendlich wider ein glaubens - bekaͤntnuͤß irre / ſo halten wir Herr Stengers fehler der erſten art ſeyn / daß er nemlich nicht gefunden / daß ſolche ſeine bißher gefuͤhrte lehre in angezogenen pun - cten ſolte wider die lehr und bekaͤntnuͤß unſerer kirchen / zu dero er ſich beſtaͤndig er - kennt / ſtreiten. Daher wir auch der guten zuverſicht geleben / daß er auf dieſe unſere / und wofern anderwertlich her mehr dergleichen Sententiæ Collegiorum Theologicorum ſolten eingehohlet werden / Chriſtliche und bruͤderliche Remon - ſtration, die wir ihme communicirt zuwerden hoffen / ſich erinnern laſſen / und ſeinen fehler inskuͤnfftige verbeſſern werde. Woraus auch erhellet / daß ſo ferne einige ſolche puncten / ſo der Schrifft und unſern Symboliſchen buͤchern entgegen ſind / behauptet / und denn weil er gleichwol ſolche curioſe, unnoͤthige und unfrucht - bahre fragen / wie offt etwa ein wiedergeborner von GOTT abfallen moͤ -H 3ge62Das ſechſte Capitel. ge / und wie offt er noch wieder zu gnaden kommen koͤnne / welche mit meh - rer erbauung haͤtten unterlaſſen / und mit gleichem eyffer / aber weniger hinderung / daher beſſerm ſucceß, das jenige hauptwerck / um welches es ihme zu thun iſt / nem - lich die auffrichtung eines wahren thaͤtigen - und ſo entdeckung als verwerffung des falſchen heuchel-Chriſtenthums / getrieben werden koͤnnen und ſollen / auf die cantzel gebracht / nicht geleugnet werden mag / daß er hierinnen der zuſage ſeiner Reverſalien nicht eine gnuͤge gethan: Daß wir aber ſo viel wir finden moͤgen / und von der ſache wiſſen / gleich wie das vorige nicht ſo wohl vor eine vorſetzliche als un - wiſſende ubertretung ſolches verſpruchs halten / und alſo auch hierinnen hoffen / es werden bruͤderliche erinnerungen ſo viel fruchten / daß er kuͤnfftig ſolchen verſpruch ſo viel vorſichtiger und bedachtſamer nachkommen moͤge.
Wie wir nun in dieſem allen unſere chriſtliche Theologiſche meynung mit anruffung goͤttlichen beyſtandes ohne paſſion und entweder liebe oder haß der per - ſon / ſondern wie wir ſolches in unſern gewiſſen befinden / und der ruhe der kirchen vortraͤglich zuſeyn achten / auff begehren E. E. E. und Hochw. Raths zu Erffurth entdecket haben / und entdecken wollen / alſo ruffen wir ſchließlichen den himmli - ſchen Vater und ſeinen ſohn JEſum Chriſtum / unſern einigen HErrn / demuͤthig an / er wolle auch dieſe unſere in ſeiner furcht gethane arbeit nicht laſſen vergebens ſeyn / ſondern ſegen darzu geben / damit einige gute frucht zum beſten der kirchen daraus erfolgen moͤge. Er wolle durch ſeinen heiligen Geiſt in aller der jenigen / ſo hierbey zuthun haben / hertzen kraͤfftig ſeyn / das jenige zu erkennen / ſo zu ſeines geiſtlichen leibes beſten nuͤtzlich ſeyn mag / alle gemuͤther mit liecht / warheit / lie - be und ſanfftmuth erfuͤllen / die etwa entſtandene aͤrgernuͤſſe daͤmpffen / hingegen alle weitere verhuͤten / und endlich verleyhen / daß ſo wohl anderswo / als auch in dieſer Evangeliſchen Erffurthiſchen kirchen / noch fuͤhrohin von allen lehrern die wahrheit des glaubens / ohnvermiſcht einigen irrthums rein gelehret / und die fruͤch - te deſſelben mit eyffer getrieben / ſo denn von der gantzen gemeinde jene feſt ge - halten / dieſe reichlich gebracht werden zum preiß ſeines heiligen nahmens / A - men. ꝛc.
Franckfurt am Mayn / 10. Julii Anno 1670. Saͤmtliche Prediger der Evangeliſchen Kirchen allhier Quorum nomine ſubſcr. (L. S.) Philipp Jacob Spaͤner / Dr. Prediger / und Miniſt. Senior. mppria.
Von einem vorſchlag einer heiligen liebes - geſellſchafft.
WJe mich billich nichts mehr erfreuet / als wo ich ein und andere perſo - nen antreffe / oder von denſelbigen hoͤre / welche goͤttliche gnade bey ſich haben kraͤfftig ſeyn laſſen / und alſo an denſelben ſolcher himmliſchen wuͤrckung zeugnuͤſſen ſich in ein und anderen hervor thun / alſo iſt mir auch meines hochgeehrten Herrn freundlich an mich gethanes abzuleſen ſo viel angenehmer ge - weſen / weil derſelbe darinnen die ihme wieder fahrne gnade unſers allerliebſten GOTT es danckbahrlich preiſet / und ich ihm des wegen nicht anders als vor einen ſolchen / obſchon ſonſten deſſen kundſchafft anderwertlich her nicht gehabt / zuhalten und zuerkennen / mich ſchuldig erachte. Jch wuͤrde auch ſo bald geziemlich zuant - worten nicht ermanglet haben / wo nicht die erſte woche zwar noͤthige ampts-ge - ſchaͤfften / die verſchiene aber einige getragene leibs beſchwerde / mich davon abge - halten / und die antwort zu verſchieben genoͤtiget haͤtten. Wann nun aber meins hochgeehrten Herrn ſchreiben ſchließlichen dahin gehet / damit in die gemeinſchafft meiner liebe und freundſchafft einzutreten / ſo iſt dieſes dasjenige / darinnen derſel - be ſo viel gewiſſer ſeinen zweck erlangt zu haben ſich verſichern kan / weil auch ohne dergleichen freundliches anſuchen / welches mich doch ſo vielmehr verbindet / von ſelbſten ſelches aus treuen hertzen wuͤrde anerboten haben. Wir Chriſten / die dem exempel unſers himmliſchen Vaters nach zufolgen ſchuldig ſind / ſollen freylich / weil unſer GOtt die liebe ſelbs iſt / unſer leben nichts anders ſeyn laſſen / als eine im - merwaͤhrende uͤbung der liebe zum vordriſten zwar gegen GOTT / folglich aber auch allem dem / was von GOTT herkomt / und in demſelben / nach dem der HErr alle ſeine wercke liebet / die fuß-ſpur der goͤttlichen liebe ſich antreffen laͤſſet: Deß - wegen auch mit ſolchem unterſcheid / daß wir an allem nichts anders / als was Gott ſelbſten liebet / zu lieben ſuchen / auch des wegen die maß der liebe darnach richten / nach dem wir mehr deſſelben in jeglichem geſchoͤpffe antreffen. Wann dann der liebreiche menſchen-freund vor allen andern ereaturen uns arme menſchen dazu er - wehlet / daß er die groͤſſe ſeiner liebe am allerſcheinbarſten und nachtruͤcklichſten an unſerm geſchlecht erwieſſe / alſo gehet freylich das meiſte unſerer liebe billich gegen die jenige / die nicht nur der natur nach unſere bruͤder / ſondern das jenige ziel ſind / auff welches wir die vornemſte ſtrahlen der goͤttlichen liebe ſchieſſen ſehen. Wann aber unter denen menſchen zwar nicht einer iſt / welchem nicht ſo wohl als anderen aller genuß der goͤttlichen liebe von ſeinem ſchoͤpffer beſtimmt waͤre / auch zum an - fang gleich viele fruchten derſelben bereits anvertrauet und geſchencket ſind [wes - wegen wir ohn außgeſchloſſen eines einigen alle zu lieben uns verbunden erkennen] aber64Das ſechſte Capitel. aber gleichwol ihrer viele ſich befinden / welche / in dem ſie die ihnen auch beſtimm - te liebes-thaten des andern und dritten articuls nicht angenommen haben / ſondern dero genuß mit boßheit von ſich ſtoſſen / und deswegen von goͤttlichen guͤtern keine andere / als die des erſten articuls ſind / wircklich beſitzen / andere hingegen ihres Vaters guͤte bey ſich haben laſſen kraͤfftig ſeyn / und alſo immer mehrere liebes-tha - ten von ihm empfangen / ſonderlich aber in dem werck der Heiligung nicht nur zu der wahren erkaͤntnuͤß der unendlichen liebe (ſo viel dieſelbe noch hier erkant wer - den mag) gebracht / ſondern zugleich zu gemeinſchafft aller der himmliſchen liebes - ſchaͤtze / die der liebreiche Vater allein ſeinen vertrauten / welche die erſte gnade ſei - ner liebe nicht von ſich geſtoſſen haben / zu beſitzen und zu ſchmecken giebet / wirck - lich gelanget / und daher recht voller GOttes ſind; ſo entſtehet aus ſolchem unter - ſcheid auch ein nicht geringer unterſcheid der liebe ſelbs. Jn dem ob zwar dieſelbe insgemein angeregter maſſen gegen alle menſchen gehet / deroſelben gnade gleichwol ſo viel hoͤher ſind / als mehr ſie ihres / allein um ſein ſelbs willen geliebten / GOttes bey jeden antrifft / dann denſelben liebet ſie vielmehr in allem / als das jenige ſelbs / worauff ſie erſtlich gehet / aber darauff nicht beruhet. Dahin freylich jemehr goͤttli - ches / jemehr himmliſchen liechtes / gnade / und uͤbriger guͤter / u. alſo jemehr aͤhnlichkeit mit dem urmuſter aller liebe / GOtt ſelbſten / ſich bey einem menſchen findet / ſo viel - mehrer liebe iſt er werth / und ſo viel inbruͤnſtiger wird auch / eine mit gleicher art liebe entzuͤndete / und mit gleicher art guͤter beſeligte / ſeele denſelbigen umfaſſen: Ja es iſt unmuͤglich / daß eine ſolche ſich gegen das jenige / darinnen ſie ſo viel obje - cta ihrer liebe antrifft / der hertzlichſten liebe enthalten ſolte koͤnnen / ſo bald ſie dieſe erkennet und antrifft. Daher kommt / daß die eines glaubens (ich verſtehe aber hiemit nicht bloß die erkaͤntnuͤß / und alſo gemeinſchafft einer euſſerlichen gemeinde / ſondern das himmliſche gut / ſo uns unſers Heylandes gerechtigkeit und die ſeligkeit giebet / und ſo bald die hertzen mit liebe erfuͤllet) ſind / und alſo an einander ſo vieles / welches / ſie in ihrem GOtt mit einander gemein haben / erkennen / ohne vieles ge - ſuch und noͤtigung / auffs inbruͤnſtigſte und auff viel hoͤhere weiſe als andere / ſich un - ter einander lieben. Wann dann nun mein hochgeehrter Herr mich aus den we - nigen predigten / ſo ich in den druck gegeben / ſolcher goͤttlichen gnade und liebe (da - vor ich unwuͤrdigſter dem liebreichſten Vater und ſeiner grundloſen barmhertzig - keit / dero allein ich alles auch heimzuſchreiben / demuͤtigen danck in einfalt meines hertzens taͤglich zuſagen habe) theilhafftig zu ſeyn erkennet / und ich hingegen aus ſeiner bekaͤntnuͤß mich von ihme gleichermaſſen deſſen verſichert halten ſolle / als hin - dert freylich nichts / daß ich denſelben nicht nur auff allgemeine art liebe / ſondern ſo viel hertzlicher gegen ihn geſinnet ſeye / als mehr ich deſſen an ihm warnehme / und ferner warnehmen werde / was von ſelbſten ſolche zuneigung ſo bald wircket. Wann aber ſolche hertzliche freundſchafft jetzo mit keinen andern thaͤtlichen fruͤchten erwei - ſen kan / ſolle es doch durch hertzliches gebet / welches ich auch gegen mir von al -len65ARTIC. I. DISTINCT. I. SECTIO VIII. len chriſtlichen freunden vor die vornehmſte liebesthat achte / geſchehen / wie ich dann dem allergnaͤdigſten GOtt und treuen unſern Vater inbruͤnſtig anruffe / und ferner anruffen werde / daß derſelbe bey ihm / wie auch allen andern ſeinen kindern / die an - gefangene gnade ſtets zunehmen / das entzuͤndete liecht immer weiter entbren - nen / den geſchmack der himmliſchen ſuͤßigkeit vergnuͤglicher werden / die fruͤchten ſolcher guͤter jemehr und mehr hervor wachſen laſſen / in ſumma ihn noch ferner vollbereiten / ſtaͤrcken / kraͤfftigen / gruͤnden / und das gute ſo weit bereits gebrachte werck vollfuͤhren wolle / auff den tag JEſu Chriſti. Nebens ſolchem hertzlichem wunſch-gebete ſehe ich zwar noch wenig gelegenheit / worinnen ich hoffen koͤnte / mei - ne willige liebe meinen hochgeehrten Herrn thaͤtlich bezeugen zu koͤnnnen / ver - ſichere aber denſelbigen gleichwohl dieſes / daß ich auch in allem andern / wo mit rath / hilff und auff einige thaͤtliche weiſe an die hand zu gehen vermag / mich nicht entziehen oder ſaͤumig erzeigen / ſondern nach vermoͤgen daſſelbige / wovor mit dem mund mich außgebe / zu erweiſen trachten wolle. Wuͤnſchete zwar / daß wir eine weil eines orts / und alſo meines hochgeehrten Herrn ſeiner gelegenheit nach hier ſich auffhalten koͤnte / in deme vieles in dergleichen ſachen iſt / welches faſt noth - wendig die gegenwart erfordert / und zu weilen mit kurtzem geſpraͤch beſſer außge - macht werden kan / als nicht mit vielem und weitlaͤufftigem zu ſchreiben geſchehen wuͤrde. Wie auch meine amts beſchaffenheit zu weitlaͤufftigen brieffen nicht al - lemahl die zeit laͤſſet. Jn dem uͤbrigen / weil mein hochgeehrter Herr gefallen hat / den wolmeinenden auffſatz vorſchlagender heiliger liebes-geſellſchafft mir zu leſen mit zutheilen / und alſo daruͤber meine einfaͤltige gedancken zuvernehmen / ſo ſende zum fordriſten denſelben / mit freundlichen danck ſolcher vertraulicher communication, wiederum zuruͤck / und bezeuge / ſolchen mit guten vergnuͤgen geleſen zu haben; Dann daß ein und andere formuln darinnen ſich befinden / die bequemere auslegung bedoͤrffen / zweiffle ich nicht / daß mein hochgeehrter Herr ſolche alle in geſundem verſtand ſelbs werde gemeint haben / deß wegen ſolche auch nicht auffgezeichnet. Was aber die hauptabſicht ſelber anlanget / einer ſonder - bahren geſellſchafft der liebenden / ſehe ich gern meines hochgeehr[ten]Herrn wolmei - nende intention alſo an / daß an dero ich nichts ſtraffe / ſondern daß der jenige zweck / welchen derſelbe vor ſich hat / auff einigerley Chriſtliche art und weiſe moͤchte er - langet werden / von grund der ſeelen wuͤnſchete. Weil aber / dem gegen mich bezeugenden freundlichen vertrauen gemaͤß / ich hin wieder von meiner ſeiten ſchul - dig bin / offenhertzig und freymuͤthig meine gedancken zu entdecken / ſo kan ich nicht bergen / daß ich dergleichen unter beſonderem nahmen anſtellende liebes-geſell - ſchafft nicht vor ein bequemes mittel achte / damit dem Chriſtlichen weſen geholffen werden moͤchte. Wir ſind bereits alle in dieſer heiligen liebes-geſellſchafft / ſo viel unſer in den bund der tauff getreten ſind / und uns alſo in derſelben der liebreiche GOtt durch ſeinen Geiſt der liebe mit liebreichem glauben begabet hat. Nun iſtsJzwar66Das ſechſte Capitel. zwar freylich wahr / daß leider die allermeiſte von denſelbigen / ſo gar nicht nach ſol - chem bund einher gehen / daß ſie vielmehr nicht nur wiſſen / oder wiſſen wollen / was ihr verſpruch und geluͤbde mit ſich bringet / darhero billig darauff zugedencken / wie ihnen theils zwar ſolche ihre ſchuldigkeit kantlich vor augen geſtellt / theils ſie dazu angefriſchet / vornemlich aber denen / welche einmahl den entſchluß gefaſſet / ihrem GOtt in liebe eyffrig zu dienen / mehr mittel und gelegenheiten an die hand gegeben wuͤrden / einander zu erbauen / und in dieſer uͤbung an einander zuzunehmen. A - ber wie ſolches auff andere wege kraͤfftig erhalten werden kan / alſo muß ich billig ſorgen / daß das vorſchlagende mittel leichter moͤchte hindernuͤß als forderung der ſache geben. Dann ob wol die meinung er nicht iſt / eine trennung in der kirche da - mit zumachen / ſo gibet doch einer beſondern geſellſchafft nahmen / nicht nur allein de - nen jenigen / welche mit fleiß allem guten ſich zuwiderſetzen / den verdacht einer ſu - chenden ſpaltung / und damit gelegenheit zu gefaͤhrlichen laͤſterung / ſondern man - che mit ernſt gottliebende hertzen werden uͤber eine ſolche geſellſchafft / die die allge - meine pflicht und nahmen ihro allein zu zueignen das anſehen gewinnen moͤchte / vie - les bedencken haben / und davon mehrern anſtoß leiden als erbauung finden. Es wuͤrde an ſolchen verfolgungen / die ohne noth ſind / und da unterſchiedliche gute gemuͤther (welchen ſolche neuigkeit / und allerhand daraus ſchoͤpfender verdacht / das werck anders / als die intention iſt / vorſtellent / und ſie alſo dagegen einnehmen moͤchte / mit dareingeflochten werden / und ſich alſo den vorhaben widerſetzen doͤrf - ten / nicht ermanglen / die das jenige / was zu einem band mehrer liebe und einigkeit gemeinet geweſen / zu einem ſtein des anſtoſſens / und gelegenheit mehrers haſſes und uneinigkeit machen wuͤrde. An deſſen ſtatt aber waͤre mein einfaͤltiger rath / dadurch ich eben den vorgeſetzten zweck zuerreichen auch vermeine / aber weniger widerſpruch davon beſorge / daß nemlich jeglichen orts ohne einige beſondere geſell - ſchafft noch nahmen (welcher einiger trennung anſehen machte) die jenige / welche ihnen ihr Chriſtenthum laſſen angelegen ſeyn / ſich ſo viel fleißiger und mehr zuſam - men halten / und mit einander umgehen / um ſtetig ſo wol ſelbs unter ſich ſich zuer - bauen / als auch in der liebe zu uͤben / ſonderlich aber immer darauff bedacht zu ſeyn / wie ſie ſtaͤtig noch mehrere zugleichen uͤbungen bewegen moͤgen / dazu dann die freundliche correſpondentz unter ihnen ſtaͤtig gelegenheit geben wird / daß / was etwa nicht durch einen / doch durch den andern / ausgerichtet / und erbauet wuͤrde. Wo man an orten iſt / da prediger ſelbs einen hertzlichen eyffer haben zu befoͤrderung alles deſſen / worinnen das Chriſtenthum ihrer zuhoͤrer mag auffer - bauet werden / ſo iſts ſo viel leichter / das mit ihnen und unter ſich ſelbs fromme her - tzen zu liebreichen uͤbungen eine heilige freundſchafft pflegen. Trifft man aber ſolche prediger an / deren leider auch nur allzuviele ſind / welche die rechte art des Chriſtenthums nicht verſtehen / vielweniger zu befoͤrderung deſſelbigen hertzlichebe -67ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO VIII. begierde tragen / ſo wirds zwar frommen ſeelen ſo viel ſchwehrer / unter ſich ſolche liebes freundſchafft zu unterhalten / in derſelben immerdar anderer erbauung mit zu ſuchen / und alſo ihres geiſtlichen prieſterthums in allen ſtuͤcken ſich zugebrauchen / aber doch iſts auch alsdañ durch goͤttliche gnade muͤglich / wo mann in wahrer ſurcht GOttes das werck angreifft / und mag doch / wie es auch ſoll ſeyn / ohn eintzigen dem ordentlichen predigamt thuenden eingriff / zuwerck gerichtet werden. Das gleich - wie nun jedes orts fromme ſeelen unter ſich / ohne daß ſie jemand daraus nur mit einem ſchein einer trennung oder abſonderung von der uͤbrigen gemeinde beſchul - digen koͤnten / dergleichen freundſchafft unterhalten moͤgen / alſo moͤgen ſie auch ohn jemands hindernuͤß auff ziemliche art und weiſe mit anderen / die anderwertlich le - ben / und ihnen bekant worden / eben gleiche freundſchafft / welche zu beforderung des gemein habenden zwecks der liebe angeſehen iſt / pflegen und uͤben. Zu welchem allen kein ſonderbahrer und ſo bald allerhand uͤble vermuthungen nach ſich ziehen - der nahme einiger geſellſchafft vonnoͤthen / ſondern der hertzliche vorſatz die regeln der allgemeinen von GOtt eingeſetzter geſellſchafft ernſtlicher / als leider von dem groſſen hauffen geſchiehet / zur uͤbung zubringen / allerdings gnug iſt. Sind mei - ne einfaͤltige gedancken / ſo ich zu meines hochgeehrten Herrn belieben ſetze / ob der - ſelbe dabey auch beruhen / oder das vorige vor rathſamer achten / und deswegen weiter daraus mit mir die ſach uͤber legen wolte. Sehe hie nebens in dem guten vertrauen / derſelbe werde ſich meine offenhertzige freyheit nicht uͤbelgefallen laſſen / und auch daraus ſchlieſſen / daß ich gern auffrichtig handele. Jn dem uͤbrigen er - kenne ich mit meinen hochgeehrten Herrn wol / daß der perſonen / welche mit dem wahren glauben / und alſo auch deſſen frucht der wahren liebe / begabet / daher zu dergleichen liebes-geſellſchafft oder in den uͤbungen der wahren Chriſtlichen freund - ſchafft tuͤchtig ſind / weniger als gut iſt / angetroffen werden; gleichwol hat GOTT noch aller orten / wo ſonderlich ſein wort noch lauter und rein gepredigt wird / un - ter dem vielen nicht nur unkraut ſondern auch tauben und untuͤchtigem korn / das iſt / unter den offentlichen weltkindern und auch den ſchein-Chriſten / ſeinen guten wei - tzen und wahre kinder / die zuweilen etwa ſo verborgen ſind / daß ſie ein Elias kaum erkennet / wo nicht GOtt ſelbs nahmhafft machte: Wo aber einige fromme her - tzen anfangen unter einander heilige liebe zupflegen / und dero exempel anfanget nur etwas vor zuleuchten / ſo thun ſich immer noch weiter ein und andere hervor / von de - nen mans nicht vermuthet haͤtte: daß man alſo die gnaden-gaben / mit ſo viel hertz - licher vergnuͤgung bey mehreren anfangt zuerkennen / als man / wo man den groſſen hauffen und deſſen in die augenfallende gottloſigkeit angeſehen / ihm eingebildet o - der gehoffet hatte. 1672.
Einige ſchreiben an eine adeliche jungfrau. 1.) Uber verlangen nach Chriſtlichen freunden in dero ab - weſenheit. Woran es nirgend mangle. Wunſch und gebeth vor einander.
SO vergnuͤglich mir geweſen iſt die wenige mahl als ich mit derſelben unter - redung zu pflegen die gelegenheit gehabt / an deroſelben die ihro von dem ge - treuen Vater in dem himmel mildigſt ertheilte geiſtliche gaben zuerkennen / alſo hertzlich hat michs auch erfreuet / daß ich aus denen / ſo hier hinterlaſſenen / als jetzt nachgeſchickten ſchreiben verſtanden habe / die Chriſtliche wolgewogenheit / ſo dieſelbe gegen meiner wenigen perſon annoch bezeuget. Jch finde zwar an mir alles das jenige nicht / ſo dieſelbe von mir mit geneigteſten urtheil ruͤhmet / wie ich a - ber / wo der getreue GOtt jemahlen einiges ihm gefaͤlliges und fruchtbahrliches durch mich / als ein von ſelbſten untuͤchtiges werckzeug / und das mir befohlene amt / außrichtet / ihm davor demuͤthigſten danck zu ſagen / und ihm alle ehre deswe - gen hinzuweiſen / jedoch die mir nach dem ihm beliebigen maß ertheilte goͤttliche gnade um ſeinet willen / in dem ſie ſeine gabe iſt / nicht zuverleugnen habe / alſo be - finde je mehr und mehr / daß alle ſeelen / welche aus rechtem grunde ihrem GOTT glaͤubig zu lieben und ihm zu dienen durch ſeine gnade ihnen vorgeſetzet haben / wo ſie andere faſt nur erblicken / in welchen ihr GOtt dergleichen ſeligen vorfatz auch gewircket / ſo bald mit geiſtlicher zuneigung gegen einander erfuͤllet werden / und nicht anders koͤnnen / als diejenige hochhalten / in denen ſie ihres allerliebſten GOt - tes gnade / in welcher maß dieſelbige auch ſein moͤgte / erfreulich antreffen / und ſich mit ſolchem bande der ihnen gemeinen himmliſchen guͤter einander naͤher verbunden erkennen / als einige weltliche freundſchafft andere mit einander verbindet. Da - hin ziehe ich auch derſelben gegen mich ſonſt unverdiente hertzliche tragende zunei - gung. Ob es nun zwar ſolchen chriſtlichen gemuͤthern erfreulich und vergnuͤglich iſt beyſammen zu leben / oder oͤffters zuſammen zukommen / umb einander zuerbau - en / ſo erſetzet doch auch die gedaͤchtnuͤß vieles des jenigen / ſo man ſonſten von taͤgli - cher converſation wuͤnſchen moͤgte.
Alſo hat dieſelbe meine abweſenheit ſo viel weniger zu betrauren / in dem dieſelbe an allem dem / was ſie bey mir ſuchen moͤgte / nirgend mangel hat / ſonderlich ſol - ches daſelbs wo ſie jetzt leben / zur gnuͤge antreffen wird. GOtt hat ſie an einen ſol - chen orth gefuͤhret / wo ich nicht zweiffele / daß auch darinnen ſein goͤttlich wort reichlich wohne / daß es lauter und rein gelehret werde / und ſie alſo auch auß dem gehoͤr deſſelben in der erkaͤntnuͤß und liebe GOttes zu zunehmen gelegenheit hat. So69ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO IX. So hat ſie viele liebe und gottſelige buͤcher / zuforderſt aber die heilige Schrifft ſelb - ſten / welche ſie ihr ruͤhmlich bekant gemacht hat / und aber noch immer in ſolcher un - erſchoͤpff[li]chen fund-grube / alles ſo zu ihrer erbauung noͤtig iſt / zum reichlichſten an - trifft: Jch will auch hoffen / ſie werde unterſchiedlich fromme ſeelen (ob ſchon die - ſelbe nirgend in gar groſſer anzahl ſind) um ſich haben / mit denen ſie zu gleich GOttes guͤte und wolthaten erfreulich unter ſich zubetrachten / zuruͤhmen und da - von gottſelige geſpreche zu halten / unterweilen die gelegenheit findet. So hat ſie den vornehmſten freund ihrer ſeelen immer um ſich und in dem hertzen durch den glauben wohnend / welcher mit ſeinem Geiſt ſie aus ſeinem wort / in deſſen gebrauch und betrachtung / auffs kraͤfftigſte lehret / erleuchtet / troͤſtet / und auff unendlich beſſere weiſe das jenige erſetzet / was ſie von menſchlichen freunden / mit wem ſie umgehen moͤgte / ihr ſelbes wuͤnſchen wolte / und weil ſie aber nicht alle dieſelbe um ſich hat / einigen abgang daher ihr einbildet. Solte es zwar mir noch zur freude geſchehẽ / einmahl dieſelbe naͤher um uns zu haben und mehrmal mit derſelben um - zugehen / wuͤrde auch dieſes etwas zu meiner vergnuͤgung thun. Jn entſtehung a - ber deſſen / ſo verſichere dieſelbe / daß ich aus treuem und chriſtlichen hertzen / gleich wie die in ihr von GOTT gewirckte gnaden-gaben hochſchaͤtze / alſo den unend - lich guten GOtt / ſtets inbruͤnſtig anruffe / wie allezeit jede ſeine wolthat den glaͤu - bigen als ein neues pfand noch mehrere erfolgender angeſehen werden ſolle / daß er dieſelbe noch ferner in ihr immer fort wolle wachſen und zunehmen laſſen / daß ſich das liecht in ihrer ſeelen immer verklaͤhre von einer klarheit zu der andern / daß die liebe zu der hoͤchſten einigen liebe von dero eigenem feuer immer mehr und mehr in ihr entbrenne / daß ſie in ihrem hertzen oͤffters ſchmecke und ſehe die uns menſchen von uns ſelbs unbeg[re]ifflich ſuͤß - und freundlichkeit des HErren / daß ſolches gute ih - rer ſeelen ſich reichlich in ihr gantzes leben ergieſſe / und in tauſend edlen fruͤchten er - kennen laſſe / daß ſie als eine geiſtliche prieſterin ſo wol taͤglichen ihrem GOTT heilige opffer bringe / als andere neben ſich liebreich erbaue / und in ſolchem heiligen ſchmuck ihrem GOtt und andern glaͤubigen (was gehen uns andere an) gefalle / daß ſie von der welt und dero anſteckender eitelkeit durch die maͤchtige hand GOt - tes verwahret / in der welt ihren theuren empfangenẽ ſchatz erhalte / daß endlich nach allem ſiegreichen kampff die erwartende krone dorten ihr haupt beziere / und alſo al - le ihre und anderer vor ſie thuende wuͤnſche voͤlligſt ewig erfuͤllet werden. Dieſes iſt mein einfaͤltiges gebeth / mit welchem allein in entſtehung anderer gelegenheit gegen dieſelbe und andere ihres gleichen fromme ſeelen in abweſenheit meine hertzli - che gegen-liebe bezeugen kan. Doch weiß ich daß auch ſolche ſchwache ſeuffzer dem guͤtigen Vater in gnaden angenehm / und auch von chriſtlichen hertzen nicht verachtet werden: Hingegen das vor mich auch thuende andaͤchtige gebeth / deſ - ſen ſie mich ihrer ſeits verſichert / vor die groͤſſeſte gutthat achte / die mir in meinen ſchweren amt und der vielen gefahr / welcher ſolches allezeit unterworffen iſt / vonJ 3je -70Das ſechſte Capitel. jemand wiederfahren kan. Nun GOTT wird das jenige erfuͤllen was wir aller - ſeits in kindlichem vertrauen wuͤnſchen / in dem wir nichts anders / als was ſelbſten ſeines willens iſt / damit bitten und wuͤnſchen / ſo ihm nicht mißfaͤllig ſeyn mag. 1672.
(2. Schweſter nahme. Neujahrs wunſch. Man - gel nicht an der lehr ſondern leben. Vortheil wo man noch die wahre lehr uͤbrig hat. Was zu thun / wo man meiſtens boͤſe exempel um ſich hat. Ob Ap. Geſch. 19 / 5. eine wiedertauff gelehret werde.
DJeſen nahmen hoffe ich werde dieſelbe ins kuͤnfftige von mir anzunehmen / ihr nicht mißfallen laſſen / weil den nahmen der tochter zu geben mir nicht gezie - men will / der ich in CHRJSTO ſie nicht gezeuget / oder einige vaͤterliche wohlthat ihr zuerweiſen je vermocht habe: Sondern allein an ihr erkenne / die auch ihr von meinen himmliſchen Vater mit andern unſern mit-bruͤdern und ſchwe - ſtern / erwieſene gnade und gemeinſchafft an unſerm ſo bereits beſitzenden als zum theil noch erwartenden erbe. Ob dann ſchon / dafern dieſelbe nicht mich von ſelbs unwuͤrdigen / ſondern mein von GOTT tragendes amt / mit vaters nahmen kuͤnff - tig zu ehren gedencket / ich mich nicht zuwiederſetzen habe / ſo weiß ich doch meiner ſeits keinen andern nahmen zu gebrauchen / als weil je deroſelben gefaͤllig iſt bey ſeit geſetzt der bloßweltlich unter uns befindlicher reſpecten der nahmen uns zuge - brauchen / die uns unſer Chriſtenthum ſelbs an hand giebet / den jenigen welchen be - reits vorangeſchrieben: Und denen die betrachtung des einigen in den himmel ha - benden vaters / ſo dann erſtgebohrnen gemeinen bruders JESU / erfordert. Da - bey ich die verſicherung thue / daß gleich wie aus ſolchem bruͤderlichen gemuͤth taͤglich zu meinen GOTT auch vor ſie zuſeufftzen habe / alſo auch ſonſten worinnen ſolche ſchuldige liebe zu befoͤrderung ihres innern menſchen / darnach wir bꝛuͤder und ſchweſtern ſind / erweiſen kan / ich es an mir nicht ermanglen laſſen werde. Vor den mir in den zweyten ſchreiben zugeſchriebenen hertzlichen neujahr wunſch / bedancke mich geziemlich: Es wolle der guͤtige Vater in dem himmel / deſſen jah - re nicht hinflieſſen / wie die unſrige / ſondern die bleibende ewigkeit ſind / das ange - wuͤnſchte / nicht allein an mir und den lieben meinigen in den ſtuͤcken die er zu ſeinen ehren und unſerm heil uns noͤthig befindet / erfuͤllen / ſondern zum aller forderſtenauch71ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO X. auch uͤber ſie / vielgeliebte ſchweſter / dasjenige zu dieſem und allen folgenden jahren mildigſt ausgieſſen was wir deroſelben aus einfaͤltigen hertzen anwuͤnſchen / zum al - lerforderſten / daß die liebe GOttes / gleich wie ſie in erneurung zeitlicher dinge ſich hervor thut / alſo auch mit taͤglicher erneurung des goͤttlichen ebenbildes in ihrer und unſer aller ſeelen / als ein liechtlein der ewigkeit gewiedmet / je laͤnger je kraͤffti - ger ſich erzeigen / und uns tuͤchtig machen wolle / daß wir an dem groſſen tag der all - gemeinen erneurung gleichfalls zu der neuen welt und ſtatt unſeres GOttes / zu der ſeligen ewigkeit / moͤgen erneuret werden. Amen. Die fuͤhrende klage / wie es an dem leben mehr als an lehrern bey unſere kirchen mangle / und viele nicht verſtehen / daß das reich GOttes nicht in worten ſondern der krafft beſtehe / iſt billig / wichtig und eben diejenige / welche alle fuͤhren / denen das heuchel weſen jetziger zeit und die in demſelben ſteckende entheiligung goͤttlichen nahmens ſchmertzlich zu hertzen gehet: Alſo daß auch unſer / der prediger / meiſte ſorge anjetzo billig dieſe ſeyn muß / unſern zuhoͤrern recht wohl einzubilden / daß ſie verſtehen / was die krafft des ſeligmachen - den glaubens ſeye / und wie derſelbe nicht in einem menſchlichen gedancken / den wir aus unſerer vernunfft faſſen koͤnten / ſondern in goͤttlicher erleuchtung beſtehe / wel - che wie den verſtand mit lebendiger erkaͤntnuͤß erfuͤllet / alſo den willen und gantzen menſchen zu einem andern machet: Daß dannenhero alle die jenige mitten in der den rechten glauben bekennenden kirchen befindliche und den aͤuſſerlichen gottes - dienſt mit verrichtende menſchen / welche aber nicht durch ſolchen wahren und uͤber aller menſchen vermoͤgen gehenden glauben wahrhafftig wiedergebohren ſind / und in ſolcher neuen geburth einher gehen / in der that unglaͤubig ſeynd / und vor GOtt in viel ſchwehrer verdamnuͤß ligen als die jenige / die auch dem buchſtaben des glau - bens nie erkant haben; damit doch den leuten der ſo tieff ſteckende wahn / als ob die aͤuſſerliche bekantnuͤß des glaubens / und ſo aͤuſſerlicher gebrauch der goͤttlichen gnaden-mittel (ob man ſchon deroſelben krafft widerſtrebet) als weltlich erbarer wandel dem Chriſtenthum gnugthaͤten / und uns ſelig macheten / benommen / und der ſchlaff der ſicherheit aus den augen gewiſchet wuͤrde. Wovon ich einmahl in 2. predigten gehandelt / und da ich wiſſen ſolte / daß dieſelbe ſolche wenige blaͤtlein / die folgends getruckt worden / zu leſen beliebten / zu dieſen zweck communici ren wuͤrde / zuzeigen / wie ich hierinnen mit deroſelben aus goͤttlichem worte einerley gedancken fuͤhre. Jn deſſen aber mag anderer ſchein-Chriſtenthum / die die krafft der wahren goͤttſeligkeit leugnen / anderer hertzliche begierde ihrem GOTT recht zugefallen und ohne falſch ihm zu dienen / nicht hindern / ſondern mitten unter an - dern unſchlachtigen und verkehrten geſchlecht erhaͤlt ſie ihr vater als ſeine kinder un - ſtraͤff ich / und laͤſſt ſie als ein liecht vor andern leuchten / daß durch ſie andere auch zum erkaͤntnuͤß gebracht / oder ja durch dero exempel unentſchuldbar gemacht wer - den. So haben auch die ort / wo goͤttliches wort gleichwohl lauter und rein ge - predigt ob ſchon deſſen erbauung durch boͤſes exempel vieler zuhoͤrer / auch etwan derpredi -72Das ſechſte Capitel. prediger ſelbs geſchlagen wird / dieſen vortheil / fromme hertzen das jenige ſtets anhoͤ - ren / daraus ſie in ihren GOTT ſich erbauen koͤnnen / als die auff ſolches ihres Va - ters wort / nicht aber anderer boͤß exempel ſehen. Dieſe ſind auch befreyt der hin - derung / welche an denen orten / wo das wort mit irrthum vermenget wird / gegeben wird / in dem die beymiſchende falſche lehren auch bey denen / die allein ihren GOtt ſuchen / ob ſchon ihr heil nicht allerdings umſtoſſen moͤgen (denn der hoͤchſte lehrer in ihren hertzen bewahret ſie vor dem / was ihres glaubens grund umreiſſen koͤnte) gleichwohl die erbauung maͤchtig hindeꝛn / und ſchwaͤchen; Ja wo wir auch an ſolchen orten leben muͤſten / wo man prediger haͤtte / die allerdings nicht aus GOTT ge - lehret waͤren / ſondern ſich bey ihnen allein eine fleiſchliche wiſſenſchafft des buchſta - bens befindet / ſo iſts zwar wiederum eine betruͤbte ſache ihr aͤrgernuͤß vor ſich zu ha - ben / gleichwohl wo ſie noch das wort GOttes / deſſen buchſtaben ſie gefaſſt / vor - tragen / ſo verſtehet aus ihren predigten eine fromme ſeele das jenige / was derſelbe ſelbs / der die worte fuͤhret / in ſeinen reden nicht verſtehet / und weil ſie durch die krafft des heiligen Geiſtes / die bey dem worte ſelbs iſt / ob ſie wohl der prediger in ſich nicht zuforderſt wuͤrcken laͤſſet / heilſamlich geruͤhret / und was vor ſegen in ſol - chem fall der prediger ſelbs zu ſeinem amt nicht erbittet / noch erbitten kan / als der ſelbs ohne geiſt und zu dem gebet untuͤchtig iſt / das erbitten die glaubige hertzen / die zu anhoͤrung des goͤttlichen wortszuſammen kommen ſind / und ohne eigene ſchuld ihres predigers je nicht entgelten ſollen. Unterdeſſen ſo treibts gottſeligen hertzen manchen ſeufftzer aus / die ſolches und andere aͤrgernuͤſſen vor augen ſehen / und wie gern ſie wolten / doch nicht zuhelffen vermoͤgen / troͤſten ſich aber dabey / GOTT kenne nicht nur (welches das ſiegel GOttes iſt) die ſeinige / (und ſolte ein einiges unter dem hauffen etlicher tauſend heuchel-Chriſten / als ein Loth in Sodoma / ſein leben zubringen muͤſſen) ſondern er ſtehe ihnen auch ſo viel kraͤfftiger bey / als gefaͤhr - lichere aͤrgernuͤſſen / ſie um ſich haben und leiden muͤſſen. Und da iſts dann das ſchwerſte / wo man der jenigen wenig um ſich hat / an deren exempel man ſich ſpie - geln und erbauen kan / man ſehe ſo viel fleißiger in den ſpiegel goͤttlichen worts / und der darinnen uns unterrichtender herrlichen exempel / und troͤſte ſich / man lebe gleichwohl in der gemeinſchafft eben ſolcher ob ſchon bereits in jener welt verſetz - ter und des wegen ihrer perſon nach mehr uns vor augenſchwebender heiligen: als die mit uns unter einem haupte JESU eines einigen geiſtlichen leibes glieder ſind / und deren jetzige herrlichkeit uns ein pfand iſt / daß wir auch zu ſeiner zeit zu ih - nen kommen / und auff einem weg zu gleichen ziele von GOTT gefuͤhret werden ſollen. Jn deſſen ſtehen uns nechſt dem hoͤchſten und ſeligſten muſter JESU un - ſers Heylandes / nach welchem ſie ſich in ihrem leben gerichtet / auch ihre tugendli - che exempel des glaubens und heiligen wandels vor augen / uns ſtets anzutreiben / daß wir in die fußſtapffen derer jenigen tretten / deren bruͤder und ſchweſtern zu ſeyn wir uns ruͤhmen / und mit welchen wir / ob ſchon etwan in ungleicher m[a]aß einen geiſt empfangen haben.
P. S. 73ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECT XI.P. S.
Von NN. vernehme / daß dieſelbe einigen ſerupel finde / in der A p. Geſch. 19 / 5. wegen vermuthlicher wiedertauffe derjenigen welche von Johanne getaufft waͤ - ren worden. Jch laſſe uͤber ſolchen ſpruch einem jeglichen die jenige gedancken / die er uͤbrigem goͤttlichen wort am gemaͤſſeſten erkennet zu ſeyn: die einfaͤltigſte erklaͤh - rung ſcheinet mir dieſe zu ſeyn: Daß die worte des 5. verſes worte ſeyn nicht des Evangeliſten / welcher erzehle / was dieſe leute gethan / ſondern Pauli; Jn die - ſem verſtand: Paulus aber ſprach / Johannes hat getaufft mit der tauffe der buſſe und ſaget dem volck / daß ſie ſolten glauben an den / der nach ihm kommen ſolte / daß iſt an JESUM / daß er der Chriſt ſey. Da ſie das hoͤreten (daß iſt / wann die je - nige welche er Johannes zu dem glauben JESU in der predigt unterrichtet hatte / nunmehr aus ſeiner predigt glaubten) lieſſen ſie ſich von ihm Johanne tauffen auff den nahmen JESU: daß alſo Paulus ſagen wolte / es ſeye die tauffe Johannis e - ben die tauffe JESU und alſo billigte hiemit Paulus ſolche tauffe / die von Johan - ne geſchehen waͤre / deßwegen weil ſie von Johanne nicht auff ſeinen ſondern den nahmen JESU waͤren getauffet worden. Zu bekraͤfftigung aber legte er ihnen folgends die hand auff / die auſſer ordentliche gabe des heiligen Geiſtes ihnen mit - zutheilen. Alſo daß nicht von einer neuen tauffe hie geredet; ſondern wie es mit der tauff Johannis bewandt geweſen / erzehlet werde. Welche außlegung in dem Griechiſchen text ſo vielklaͤhrer erhellet. 1673.
(3. Vater - und ſchweſter-nahmen. Titul. Worin - nen gemeinem gebrauch zu weichen. Gemeines verderben. Falſche regeln der welt. Streit uͤber Sonntags - feyer. Wann brod und wein im heiligen abendmahl der leib und blut CHriſti ſeyen. Auffmunterung einer Prin - zeßin. Abſterben eines toͤchter - leins.
Den Vaters-nahmen werde von ihr hertzlich geliebte ſchweſter / anzunehmen mich nicht wegern / weil ſie in meinem amt das jenige ehret / durch welches ſie auch wiedergebohren iſt / ob wohl dem himmliſchen Vater / zu ſolchen an ihr nicht meine perſon hat gebrauchen wollen / ob er ſich wohl bey andern meines ar - men dienſtes / und freylich von ſelbſten untuͤchtigſten perſon / aus gnaden kraͤfftig gebrauchet / und wo es ſein heiliger wille iſt / mich laͤnger alſo zu laſſen / gebrauchenKwolte.74Das ſechſte Capitel. wolte. Jndeſſen wuͤrde ich mich ſchaͤmen / als offt ich ſie tochter nennen wuͤrde / weil ich deroſelben vaters treue zu erweiſen nicht vermoͤge noch je vermocht habe (worin ich mich beruffe auff Pauli wort 1. Cor. 4 / 15.) ſondern wird ſie den auch liebreichen ſchweſter-nahmen / als den jenigen / welcher der eigentlichſte iſt / der ihr von mir gebuͤhret / ihr wohlgefallen laſſen. Jch ſetze auch nichts bey von andern noch etwa weltlichen titeln / die ich zwar nicht bloß dahin verwerffe / aber eine ſolche vertraulichkeit unter uns Chriſten wuͤnſchete / daß wir von jenen nicht groſſen ſtat machten / ſondern auch damit bezeugten / daß wir das geiſtliche vor das hoͤchſte gut / und dieſelbe ehr vor die hoͤchſte ehre / halten / wo wir uns uͤber die jenige nahmen vor - nehmlich freuten / und dero gern gebrauchten / die aus ſolchen geiſtlichen reſpe - cten unter uns entſtehen / und von aller weltlichen eitelkeit entfernet ſind. Jch muß zwar auch ins gemein andere titul annehmen und geben / daß beydes offt nicht ohne betruͤbnuͤß geſchiehet / weil die jenige betruͤbte zeit es nicht anders mit ſich bringet / und eine ſonderlichkeit wider den allgemeinen gebrauch darinnen zu weiſen / andern ungleichen verdacht leider bey vielen auch eben nicht boͤſen gemuͤthern na[c]h ſich ziehen / und beſorglich nur mehr uͤbels verurſachen wuͤrde. Daher wir ob zwar ſonſten in ſachen / die allerdings goͤttlichem gebot entgegen ſind / der welt uns nicht gleichfoͤrmig ſtellen / dennoch in etlichen euſſerlichen / und an ſich ſelbs nicht ſuͤndlichen dingen dem gemeinen gebrauch weichen duͤrffen und muͤſſen / und alſo nicht allezeit thun / was an ſich ſelbs ohne betrachtung der zeiten das beſte waͤre / ſon - dern was gegenwaͤrtige zeit ertragen mag. Aber ach wie erfreulich ſolte mirs ſeyn / wo wir auch hierinnen weniger gebunden waͤren. Auffs wenigſte iſt mir dieſes vergnuͤglich / gegen die jenige / welche dergleichen von mir willig annehmen / in der freyheit einherzugehen / wie ich bey allen zu ſeyn wuͤnſchete. Jhre fuͤhrende kla - ge uͤber das jenige / was ſie taͤglich vor augen ſehen muß / iſt auch meiner und ande - rer guter gemuͤther taͤgliche betruͤbnuͤß: Wo wir gedencken / wie es ſo gar ſchwehr werde unter ſo groſſem hauffen deren / die ſich alle von CHriſio ruͤhmen / etwa ein und andern anzutreffen / der auch darinnen ſich einen Chriſten zu ſeyn thaͤtlich bezeigte / daß er ſein einiges anligen ſeyn lieſſe / allein nach den willen und exempel ſeines Hei - landes zu leben: ja daß dieſe noch leicht in andern boͤſen verdacht eben daruͤber kommen / weil ſie nicht in den gemeinen hauffen der heuchler mit hinlauffen. Daß um der aͤlteſten auffſetze willen GOttes gebot auffgehoben werde / iſt ſo gar nichts neues / daß wenig ſtuͤcke ſind in der uͤbung unſers Chriſtenthums / darinnen ſolches nicht gefunden wird / ja wie offt werden auch in glaubens-ſachen menſchen-mei - nungen und au sle gungen goͤttlichem wort vorgezogen / und wird dieſes kaum an - ders als ſo fern es mit jenen uͤbereinkom̃t angenommen. Am betruͤbtſten iſts / daß ich der ſache in sgemein keine huͤlffe nicht ſehe / ſondern der gebrauch das jenige / was die regel ſeyn ſolte erſt nach andern zu reguliren / ſo eingeriſſen iſt / daß wo nicht Gott ſolche mittelze iget / die jetzo noch nicht vorgeſehen werden koͤnnen / der ſchade der kir -chen75ARTIC. I. DISTINCT. I. SECT XI. chen faſt unheilſam ſcheinet. Jſts nicht ſo / daß alte gewohnheit / das exempel der vorigen / die gemeine maximen der welt / die authoritaͤt der jenigen ſo etwas be - haupten oder widerſprechen / bey unſern leuten die vornehmſte reglen ſind / nach denen alles gerichtet wird. Widerſpricht die Schrifft / ſo muß ihr ja durch ſo viel herum ziehens endlich nein werden / ehe unſere reglen verlaſſen werden ſolten. Aber ach vielgeliebte ſchweſter / wo wir die welt nicht aͤndern koͤnnen / ſo laſſet doch uns ſelbs von dero befleckung rein behalten / um ſolches GOTT taͤglich anruffen / und wo einigen noch gutes beygebracht werden kan / ſolches nach vermoͤgen thun. Tie Sontags feyer belangend / ſorge ich ſehr von ſolcher heiligen und unſerer er - bauung ſo noͤthigen materi, es duͤrffte daruͤber bald ein ſchwehrer ſtreit in unſerer kirchen oͤffentlich ausbrechen / der die ſchwache nicht wenig aͤrgern / und fleiſchlich ge - ſinneten ſich einiger ſreyheit zu mißbrauchen anlaß geben wird. Gott wolle ſolches in gnaden verhuͤten / wo es ſein heiliger wille iſt / oder doch geben / daß endlich dar - aus gutes kommen muͤſſe. Was die vorgelegte frage anlanget / davon ſie meine wenige gedancken zu wiſſen verlanget / ſind dieſe eben die jenige / welche ſie / vielgelieb - te ſchweſter / auch dabey gehabt hat / nehmlich daß uns nicht gezieme / von der ge - genwart CHriſti fuͤrwitzig zu urtheilen / oder uͤber das geoffenbahrte zu gruͤbeln. Daß iſt gewiß / daß auſſer dem gantzen gebrauch des heiligen abendmahls brod und wein kein Sacrament nicht ſind / ſondern daß alle Sacramenten in handlungen be - ſtehen. Deßwegen denn von brod und wein / ehe ſie zu dieſer heiligen handlung ge - bracht werden / und ehe dieſelbe anfaͤngt / ſo dann was von ſolchen elementen nach dem gebrauch noch uͤbrig iſt / nicht anders gehalten werden mag / als daß ſie ge - mein brod und wein ſind / hingegen iſt anderer ſeits aus CHriſti worten gewiß / daß ſein leib und blut / krafft ſeiner wort und einſetzung mit ſolchen irdiſchen elemen - ten in dem gebrauch vereiniget ſind / zu gleich mit gegeben und mit genoſſen werden. Die zeit und das moment aber / in welchen der leib und blut des HERREN an - fange mit brod und wein vereinigt zu werden / und wenn ſolche vereinigung auff - hoͤre (in dem endlich brod und wein das jenige in dem leib begegnet / was anderer na - tuͤrlicher ſpeiß und tranck zu begegnen pfleget / da ja Cbriſti leib und blut nicht mehr mit vereinigt ſeyn kan / ob wohl den augenblick wenn ſolches geſchehe nicht determi - niret wird) zu forſchen / wuͤrde ein unziemlicher fuͤrwiß und der Chriſtl. einfalt nicht gemaͤß ſeyn. Jſt eben das urtheil was mein ſeliger præceptor Herr D. Dann - hauer und vor ihm der beruͤhmte Herr D. Gerhard auch gegeben: Wie denn jener hieher zu ziehen pflegte / daß es auch hie heiſſen moͤgte: Es zieme ſich uns nicht zuwiſſen zeit und augenblick / welche der Vater ſeiner macht vorbehal - ten habe. Dieſe Chriſtliche beſcheidenheit / wo ſie in allen denen fragen / welche in GOttes wort nicht klahr ausgemachet ſind / beobachtet wuͤrde / waͤre das mittel damit ſehr viele unnuͤtze und aͤrgerlicher ſtreite unterblieben. Wo es gelegenheit giebt / bitte ich meine geliebte ſchweſter wolle die Fuͤrſtliche Prinzeßin / meines un -K 2terthaͤ -76Das ſechſte Capitel. terthaͤnigen gehorſams und hertzlichen gebets verſichern. Der grundguͤtige Gott bewahre ihr hertz und ſinne in CHriſto JEſu / der wende ihre augen ab / daß ſie nicht ſehen nach der welt eitelkeit / ſondern ſtaͤrcke ſie vielmehr / daß ſie / da ſie in der welt leben muß / ſich derſelben doch nicht gleich ſtelie / ſondern in allen pruͤffe / was da ſey der gute / der wohlgefaͤllige und vollkommene GOttes wille / daß ſie ja nicht ge - dencke / ſie muͤſſe um des in der welt hohen ſtandes und deſſelben reſpects willen etwas thun / was ihrem noch hoͤhern ja hoͤheſten Chriſtenſtand unanſtaͤndig waͤre und womit ſie die in dieſem habende ehre ſchmaͤhlern oder gar verliehren moͤgte. Es fordert GOTT jetzo ſo vielmehr von ihr / als mehr er ihr gegeben / und ſie aus ſei - nen heiligen Geiſtes gnade tieffer / als ſonſten viele ihres gleichen in die goͤttlichen gnaden guͤter u. hinwieder ihrer pflicht hat einſehen laſſen: Nun er laſſe auch durch ſeine kraͤfftige wuͤrckung ſolche fruͤchte an ihr ſelbs / ſo dann auch ihr gut exempel an andern noch etwa weltgeſinnten ſo viel reicher folgen und dero wachsthum von der welt nicht unterbrochen werden. Hiebey wuͤrde ich ſchlieſſen / wo nicht / weil mei - ne geliebte ſchweſter auch die liebe meinige mit ihren hertzlichen gruß gewuͤrdiget / ich hinwieder auch von meiner lieben haußfrau ihren treumeinenden wunſch hie mit beyzuſetzen / ſo dann dabey zu berichten haͤtte / daß der getreue himmliſche Vater un - ſer zweytes toͤchterlein / ſo faſt wenig geſunde zeit die 5. jahr und 10. monat die es er - reichet erlebet / an einer lang auszehrende ſchwachheit / daran es bereits zum oͤfftern gelegen / zu ſich erfordert. Wir haben ihn ſolches auch als demjenigen / der der einige eigenthums HERR uͤber uns und die unſrige iſt / willig zu uͤberlaſſen gehabt / und den natuͤrlichen ſchmertz / welcher bey ſolcher begebnuͤß in Vater - und Muͤtterlichen hertzen auch wieder willen gefuͤhlet wird / durch ſeine gnade uͤberwunden / daß wir ihn je mehr und mehr lernen dancken / und ihn loben / er gebe oder nehme. Jndem er allezeit der lobwuͤrdige GOTT iſt und bleibet. 1673.
4.) Einer Vrinceßin beſtaͤndigkeit im guten. Meine arbeit in genealogiſchen ſtudiis. Verlangen und nutzen der einſamkeit. Anfechtung eigner ehr; ſol - che ſuͤnde ſtirbt zuletzt.
GLeich wie ich nicht zweiffele / daß mittlerfriſt mein neuliches von dem 15. Maj. werde wol uͤberkommen ſeyn / alſo berichte hingegen / daß auch dero beyde nacheinander ſamt in dem erſten des einſchluſſes von der Princeßin mir erfreulich zuhanden gelieffert worden. Wie nun die ſorge / welche meine vielgeliebte ſchweſter vor die Princeßin / daß ſie nicht etwa von der welt aͤrgernuͤß moͤgte anſtoß gelitten haben / in vorigen brieffe bezeugte / mich auch mit gleicherſorg -77ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XII. ſorgfalt erfuͤllet / weil ich vermuthete / daß ſie vielleicht gar einige anzeigung ſolches beſorgenden bereits gehabt haben moͤchte / alſo hat mich das folgende wiederum ſo viel inniglicher erfreuet / da ſie wiederum wiſſend macht / wie ſie vielmehr das gu - te in ihr vermehret als vermindert befunden; Dem grundguͤtigen GOtt ſey ewig danck geſaget / welcher ſie alſo beſeſtiget / daß das aͤrgernuͤß der welt nichts an ihr vermocht / noch dadurch ſeine gnaden-wirckung in ihr gehindert worden. Der - ſelbe ſetze ferner ſeine gnade in ihr und uns allen kraͤfftig fort / biß wir ihm allerdings gefaͤllig werden / und ewig bleiben moͤgen: Jm uͤbrigen habe ich vieles von vielen jahren mit der materie der Fuͤrſtlichen und Graͤfflichen geſchlecht-regiſter um zu - gehen gehabt / auch manche zeit / die ich wuͤnſchte auff mir noͤtigers angewendet ſeyn worden / dahin verwenden muͤſſen. Doch habe allemahl einige anzeigung dabey gehabt / daß es GOttes leitung nicht entgegen ſey / mit ſolchen dingen umzu - gehen / darzu mir derſelbe nicht nur ſelbs gelegenheit geſchickt / ſondern ſolche offt alſo geſchickt / daß ich mich ihr nicht wol entbrechen konte / und da ich ein und andere ſtudirende in den hiſtoriſchen ſtudien den menſchlichen leben noͤthig (dazu auch ſol - che geſchlecht-regiſter gehoͤren) unterrichten muſte / zwar nicht wider willen / doch auch nicht bloß aus eigener wahl und willen darein gefuͤhret wurde. Schiene auch eine zeitlang ob waͤre GOttes rath uͤber mich gar / daß ich bey ſolchen ſtudiis und anderer anweiſung zu denſelben mein leben zu bringen ſolte / welches andere ne - ben mir und ich ſelbs eine weil geglaubt. Nach dem aber goͤttliche ſchickung es anders gefuͤget / und mir gewieſen / daß er mich zu anderer arbeit in ſeiner kirchen be - ſtimmet / ſo ſuche ich die vorige / ſo viel muͤglich iſt / aus den haͤnden zu legen / und dieſen zu meinen eigentlichen beruff ſo viel freyer zu machen. Jch kan aber ſie noch nicht alſo ablegen / daß nicht nach einiger guter freunde verlangen / damit das von einigen jahren geſamlete nicht bey mir allein verlige / ſondern andern deroſel - ben liebhabern dienlich werden moͤchte / mir immer einige muͤhe noch gemacht wird / das etwa angefangene vollends in ordnung und zu ende zu bringen / und damit ſol - chen vorhin (daß ich die wahrheit bekenne) alzuviel geliebten ſtudiis zuletzt gute nacht gebe. Zu ſolchem ende habe ich noch bißher offt mit wapen-ſachen und ge - ſchlecht regiſter zuthun gehabt / moͤchte auch noch etwas zeit darauff gehen / biß ich zu dem ende deſſen / was darinnen noch vor mich zuthun uͤbrig iſt / kommen moͤge. Und alsdenn mit andern geſchlecht-regiſtern nichts mehr zu thun habe / als dem jenigen worinnen wir ohne eitelkeit / die ſonſt von jenen ſich nicht wol trennen laͤſſet / unſere geiſtliche ankunfft auff unſern himmliſchen ſtamm Vater JEſum Chriſtum / den andern Adam / in den wir aus dem des erſten Adams unartigen ſtamm-baum / durch goͤttliche gnade verſetzet ſind worden / ziehen und erweiſen koͤnnen / und dar - innen vor unſere ahnen die viele alte Vaͤter und uͤbrige unſerer vorgaͤnger in dem glauben anrechnen und vorzeigen: Dero wir uns alsdenn zuruͤhmen haben / wo ſieK 3ſich78Das ſechſte Capitel. ſich unſer nicht mehr ſchaͤmen doͤrffen / ſondern uns der Geiſt Chriſti allgemach den - ſelben aͤhnlicher gemacht. Was die einſamkeit anlanget / in welcher ſie / vielge - liebte ſchweſter / einige zeit zubringen zu koͤnnen ſich freuet / iſts freylich alſo / daß weil ja die geſellſchafften der ihren GOtt recht gruͤndlich meinenden ſo gar ſeltſam iſt / und alſo in dieſem leben die meiſte converſation, wo nicht mit offenbahrlichen gottloſen / doch ſolchen leuten / bey denen man wenig antrifft / woraus man ſie etwa noch gar ſchwache mit-bruͤder und ſchweſtern erkennen kan / gepflogen werden muß / eine fromme ſeele / wo es in ihrer freyen wahl ſtuͤnde / meiſtens wuͤnſchen wuͤrde / ihr leben eher gantz einſam zuzubringen / als viel unter leuten zu leben. Wenn man betrachtet / daß man von den meiſten noch geaͤrgert zu werden ſorgen muß / ſelten aber von einigen dieſelben beſſern zu koͤnnen hoffen mag. Ach wie wuͤnſche ich ſo offt / wo es meines liebſten GOttes wille waͤre / auffs wenigſte nur zuweilen einige zeit zu haben / das ich etliche wochen mich von anderer geſellſchafft abſondern und dem allein abwarten koͤnte / was nicht wol anders oder ja nicht ſo bequem als in einſamkeit ſich ausrichten laͤſſet. Aber mein GOtt hat bißher mir anders zu leben aufferlegt: So ich zwar / weils ihm gefaͤllig / gern tragen / und mein be - lieben ſeinem rath mit demuth unterwerffen will. Vielleicht moͤchte es einmahl ſein wille ſeyn / daß ich / wo er nach ſeinen wolgefallen mir ſolte leibes ſchwach heit und ſchmertzen zuſchicken / eine weil der einſamkeit in dem bett genieſſen ſolte / wel - ch[e]ich auſſer denen faͤllen faſt nicht muͤglich ſehe. Jndeſſen bin ich verſichert / mei - ne liebſte ſchweſter / daß ſie niemahl weniger allein als in ihrer einſamkeit ſeye: Da ſie in ihrem leſen der Schrifften und betrachtungen neben ihrem geliebten Heyland ſeine treue diener und GOttes-maͤnner bey ſich hat / und jene mit ihr / ſie mit ihnen / das vergnuͤglichſte geſpraͤch halten kan. Jm uͤbrigen wo ſie daruͤber erſchricket / daß ſie in ihrer fleißigen pruͤffung das geſuch eigener ehre ſo offt noch an - trifft / thut ſie recht / und wuͤrcket ſolches in ihr der Geiſt / der uns alleine von eigner ehre abzuziehen und uns dero unbilligkeit zu zeigen vermag. Sie gedencke aber nicht / daß ſie allein ſolche ſchwachheit an ſich finde / ſondern glaube gewiß / daß al - le andere / die ihnen nicht ſelbs ſchmeicheln / ſolchen mangel auch an ſich beklagen und dawieder am allereiffrigſten ſtreiten muͤſſen / ja eben darinnen die vornehmſte ur - ſach und antrieb zu der demuth finden / weil ſie mit ſolchen heimlicheſten und von kei - nen andern / als die GOtt ziemlich erleuchtet / erkaͤntlichen gifft ihr meiſtes gutes beflecket ſehen / und auch daher ſich alles guten auff daſſelbe vor GOTT ſich nicht zuverlaſſen / verzeihen muͤſſen. Gleich wie die eigene ehre das erſte geweſen / ſo uns von GOtt abgeriſſen / alſo iſt ſie wol auch das letzte / ſo in unſerer natur abſtir - bet / daher mit demſelben als dem / ſo zu reden / geiſtlichſten laſter die jenige die an - dern luͤſten ziemlicher maſſen abgeſtorben ſind / noch meiſtens zukaͤmpffen haben. Der uns aber hilfft andere feinde uͤberwinden / wird auch nicht weniger krafft zu -uͤber -79ARTIC. I. DISTINC. I. SECTIO XIII. uͤberwindung ſolches in gewiſſer maaß letzten feindes geben / wo wir uns ihm uͤber - laſſen / und auch dieſes mit gedult tragen / daß er uns von demſelben und ſeinen an - griffen nicht eher / wie wir etwa ſehnlich verlangten / befreyet. Nun ſeine gnade beharre ſeſt in ihr / hertzliebe ſchweſter / kraͤfftig zu ſeyn / und laſſe uns immer einen feind nach dem andern uͤberwinden / biß wir zu ſeinen ehren die krohnen der ehren alle empfangen / und ſolche einer auff des andern haupt zu ſehen in volkommſter liebe erfreuen werden. Das ſeye ihr gebet vor mich und die meinige / wie es auch unſer gebet vor ſie iſt und bleiben ſolle. 1673.
5.) Von nieſſung der unwuͤrdigen im heiligen abendmahl. Einer Princeßin beſtaͤndigkeit. Troſt uͤber den todt eines toͤchterleins. Geburth eines ſoͤhnleins. Gefahr unſerer zeiten. Gehaltene bußtage. Sorge der heuchelbuß.
JN der frage von nieſſung der unwuͤrdigen / iſts recht angefuͤhret / daß / weil dieſelbe ihnen ſelbs das gerichte eſſen und trincken / etwas mehrers von ih - nen empfangen muͤſte werden / als brodt und wein / ſo dann daß die wort der einſetzung / ſo unſerem glauben maaß geben / Judaͤ und ſeines gleichen nichts anders / was das weſen des Sacraments anlangt / als andern verſprechen. Wer alſo in dem Sacrament iſſet und trincket / der iſſet und trincket / was von dem Sa - crament dieſe wort bezeugen. Wollen wir aber ſagen / daß ſolches Chriſto zu un - chren gereiche / ſo haͤtte ichs zwar zu erſt auff Chriſtum ſelbs zuweiſen / daß es ihme alſo beliebet / und wir ja was ſeiner ehre gemaͤß ſey oder nicht / durchaus nicht aus unſern einbildungen ſondern ſeinen willen und wort zuſchlieſſen haben. Aber fer - ner iſt wol erinnert / daß auch goͤttliche gegenwart / die bey den gottloſen und bey den verdammten iſt / goͤttliche ehre darum nicht ſchmaͤhlere. Welches ſo viel beſ - ſer zu faſſen und kraͤfftiger zutreiben / wir dabey ſetzen moͤchten / daß ja auch das[w]ort GOttes den gottloſeſten gepredigt werde / und zwar ſo gepredigt / daß der hei - lige Geiſt auffs wenigſte anfaͤngt in ihren hertzen zuwircken (ſiehe Ap. Geſch. 24. 21. ) ſo wird er dennoch den gottloſen auff ſolche weiſe mit den wort gegeben / in dem der heilige Geiſt ſich von ſeinen wirckungen nicht trennen laͤſſet. Jſts dann des heiligen Geiſtes ehre nicht entgegen / denen gottloſen taͤglich alſo in dem wort gege - ben zuwerden / d[a]ß er ſeine gegenwart / durch die wuͤrckung kund thut: Warum ſolt es denn der ehre Chriſti entgegen ſeyn / den leib ſo er vor alle / auch gottloſe / ge - geben / auch wiederum denjenigen / die unwuͤrdig zu ſeinen heiligen mahl gehen /auffs80Das ſechſte Capitel. auffs neue ſacramentlich zugeben / ob ſchon zu ſchwerem gericht. Was aber fer - ner anlangt die kurtze fragſtuͤcke / ſo habe ich in dem durchleſen etliches bemercket / ſo nach unſerer kirchen aus goͤttlichem wort gefloſſener bekaͤntnuͤß einiger aͤnderung und erleuterung bedarff / welches ich auff einen beſonderen bogen hiemit ſchicke: mit der verſicherung / daß ſie meine vielgeliebte ſchweſter ſolches freundlich und gern an - nehmen werde / wie ſie von ſelbſten ſolches geſuchet. Der HErr erfuͤlle uns alle - zeit mehr und mehr mit ſeiner gnade / auch in ſeiner erkaͤntnuͤß zuzunehmen. Jn dem uͤbrigen daß meine einfaͤltige uͤber ſchickte predigten deroſelben und einigen an - dern guten ſeelen gefallen haben / und verhoffentlich nicht ohne erbauung bleiben moͤgten / freuet mich hertzlich / daß der HErr ſein werck / wovor ichs allein erken - ne / und mir nichts deſſen zuzumeſſen habe / als etwa was noch an der art des vor - trags mangelhafft iſt / und verbeſſert werden ſolte / ſegne und kraͤfftig ſeyn laſſe / da - zu / wozu ers gegeben. Jhme allein ſeye und bleibe ewiger danck vor ſeine uns al - len und durch uns erweiſende gnade. Der bericht von der Princeßin / wie ſolche bereits ſo vieles zugenommen habe / daß ſie auch gegen die anſtoͤſſe durch goͤttliche gnade mehr und mehr befeſtigt worden / und eine verachtung um ihres GOTT es und deſſen dienſts willen uͤber ſich ergehen zulaſſen gelernet / hat mich inniglich er - goͤtzet. GOtt moͤchte ſie zwar beſorglich noch in viele verſuchung fuͤhren / aber ihr kraͤfftig bey ſtehen / daß ſie uͤberwinde: nur daß ſie taͤglich nicht ablaſſe / mit erneu - erung hertzlichen vorſatzes und glaͤubigen gebet ſich gegen alle fernere anſtoͤſſe zu - waffnen: Darzu wir auch alle unſer andaͤchtiges gebet / und ſeufftzen mit bey zuſe - tzen / und ſie mit uns vor einander zukaͤmpffen haben. Er aber der HERR wird ſein werck vollfuͤhren / und herrlich kroͤhnen zu ſeinen heiligen ehren. Vor den troſt und zuſpruch uͤber unſer ſeliges kind / ſage ich und meine hauß-frau ſchuldigen danck. Der grundguͤtige GOTT lehre uns / daß was er von uns fordert wir ſolches ihm allezeit mit willigem gehorſam uͤberlaſſen / und als ein ſchuldiges opffer darbringen: Denn ja freylich ihm kein opffer gefallen mag / das ihm nicht mit froͤlichen und wil - ligen geiſt dargebracht wird. Wir haben ihn vor ſeine gnade demuͤthigſt zudan - cken / die er ſo wol unſerm kind in verſetzung in die ſichere huͤtten / wo es unſer er - wartet / als auch uns in kraͤfftigem beyſtand ſeines heiligen Geiſtes bey ſolchem fall erwieſen hat. Gleich wie ich aber neulich berichtet ſolchen abſchied eines meines toͤchterleins / alſo habe hingegen wiederum mit freuden und hertzlichem danck gegen dem HErrn uͤber todt und leben hiemit zuberichten / daß deſſen Vaͤterliche gnade ſolche ſtelle uns wiederum mit einen lieben ſoͤhnlein erſetzet / und meine liebe hauß - frau / ihrer getragenen beſchwerlicher buͤrde gluͤcklich entbunden habe. Er wolle in gnaden ferner uͤber ſolches walten / und allein geben / daß es moͤge hier ein tuͤchti - ger werckzeug und gefaͤß ſeiner gnaden / dorten aber ſeiner ewigen guͤter gewiſſer er - be ſeyn und bleiben. Jn dem uͤbrigen wie er der allweiſe und guͤtige GOTT es mit ihm in dem leiblichen machen / und wie viel von jahren / und was ſonſten in derwelt -81ARTIC. I. DIST. I. SECT. XIII. welt von zeitlichen gewuͤnſchet wird / ihm zu theilen wolle / bleibe es allerdings ſeinen heiligſten wohlgefallen heimgeſtellet. Sehe man auff die gegenwaͤrtige betruͤbte und gefaͤhrliche zeiten / ſo ſolten faſt eltern uͤber den ſchenckenden ſegen mehr erſchre - cken als ſich freuen. Aber wir haben vielmehr zu ſehen auff den / in welches hand ſolche zeiten ſtehen / und deſſen gnade nicht weniger uͤber uns in den ſelben als in beſ - ſern zeiten waltet / und die ſeinige / ſie ſeyen jung oder alt / die eltern leben oder wer - den von ihnen abgefordert / zuerhalten vermag. Jn welcher zuverſicht wir ihm alsdenn vor den ſchenckenden ſegen billich hertzlich dancken / und deſſen weitere ver - ſorgung ihm glaͤubig heimgeſtellet verbleiben laſſen. Jedoch ſoll uns auch billich die vor augen ſchwebende allgemeine noth ſo viel mehr zu hertzen gehen / weil wir ſehen / daß es die kirche ſelbs und die darinnen bißher von GOTT beſcherete theu - re guͤter ſeines worts betreffen will / und wo menſchliche anſchlaͤge von ſtatten gehen ſolten / man vieler orten derſelben verluſt leiden moͤgte. Weil kein zweiffel iſt / daß jeder denen obzwar aus andern urſachen und weltlichen abſichten von hohen po - tentaten fuͤhrenden kriegen der Roͤmiſche Antichriſt ſein weſen zugleich mit ſuchet zu befordern und das haͤufflein CHriſti zuverringern. Es ſoll aber ſolche betrach - tung uns nicht ſo wol darzu bringen / daß wir ſorgen wolten / die feinde wuͤrden ent - lich den HErrn zu maͤchtig werden / und ſeine kirche gantz außrotten / welches ſie wol bleiben muͤſſen laſſen / ſondern daß wir theils uns ſo viel beſſer auff alle faͤlle ruͤ - ſten und gefaßt machen / wie wir / was GOTT belieben moͤchte uͤber uns zuverhaͤn - gen / uns in ſeinen willen geben wollen / andern theils ihm bußfertig begegnen / ſo wol jeglicher ſeines orts ſich in den ſtand zu ſetzen / darinnen er ſeines GOttes gna - de ſich ſo viel verſicherter getroͤſten moͤge / als auch mit andern mit buß andacht und gebet vor den riß zu treten / und zuverſuchen / ob goͤttliches gericht noch abgewendet / und auch den uͤbrigen laͤngere friſt zur buſſe erlanget werden moͤgte. Zu ſolchem ende haben wir neulich bey hieſiger kirche den 11. Jul. 8. und 29. Aug. drey oͤffent - liche buß-faſt - und bettage gehalten: Moͤgen vielleicht derſelben noch mehr folgen. Die erklaͤrte text auff jeglichen drey / ſind geweſen Offenbahr. 3 / 14. 15. 16. 17. 18. Jerem. 18 / 11. 12. 13. 14. 15. Eph. 5 / 3. 4. 5. 6. 2. Cor. 7 / 9. 10. 11. Jerem. 5 / 1. 2, 3. Pſ. 55 / 6. 7. Amos. 7 / 4. 5. 6. Oſe. 11 / 8. 9. Luc. 3 / 7. 8. 9. Aus denen leicht abzuſe - hen / was vor materien etwa oͤffentlich tractiret worden. Wolte GOTT es waͤren bey unſern aͤuſſerlichen uͤbungen auch lauter rechtſchaffene bußfertige her - tzen geweſen / ohne welche jene GOtt nicht gefallen koͤnnen / ſondern zum greuel werden. Aber ob wir wol uns verſichern / daß auch einige fromme ſeelen zu ihrer andacht uͤbung ſo viel ihre beforderung bey ſolcher gelegenheit gefunden / deren opf - fer GOtt nicht verſchmaͤhen wird / ſo muͤſſen wir doch hingegen leider auch beken - nen / daß wir auch hier dieſes orts bey dem groſſen hauffen ſo gar die wahre fruͤchten der buſſe nicht ſehen / daß wir etwas deroſelben in ſolchen hertzen geweſen zu ſeyn / in groſſem zweiffel ſtehen / und wir alſo uͤber unſere beyſo vielen nur heuchleriſche buß /Lerſt82Das ſechſte Capitel. erſt wieder buße zu thun haben. Der HErr rechne ſolches nicht allen zu / ſondern wie er an ſeinem ſiegel die ſeinige erkennet / alſo ſchone er entweder um ihrentwil - len auch der uͤbrigen mit laͤngeren auff ſchub der verdienten ſtraffe / oder laſſe doch dieſe nach ſeiner verheiſſung ihre ſeelen zur außbeute davon bringen. Jerem. 45. um ſeines nahmens ehre willen / amen. Nun meine vielgeliebte ſchweſter ſie ſe - tze auch ihr hertzliches gebet mit hinzu vor die allgemeine noth. Er aber der HErr mache uns mehr und mehr tuͤchtig / daß unſere opffer ihn auch gefallen koͤnnen. 1673.
(6. Gegenwaͤrtiger zeiten jammer. Franckfur - tiſcher bußtag. Zuſtand einer Princeßin. Abſchied ei - ner ſchwehr angefochtenen. Neujahrs - wunſch.
JHre gedancken von den urſachen gegenwaͤrtiger jammer zeit / und wie man ſich darein zuſchicken habe / ſind gantz recht und goͤttlichem wort gemaͤß. Der HErr lehre uns alle / jenen ſo viel deutlicher erkennen / und in dieſem unſe - rer pflicht war nehmen / daß ſo wol ſelbs jeglicher ſeine ſeele rette / als auch andern neben ſich zu hilff komme / um ſammtlich vor den riß zutreten. Allhier iſt decre - tirt worden / auff unſere bitte / zu allen vierthel jahren abermahl einen ſolennen buß-faſt - und bettag zuhalten. Davon der erſte neulich gehalten worden 28. Nov. mit zu den predigten erwehlten texten Jerem. 28 / 4. 5. 6. 7. Mich. 7 / 9. Rom. 2 / 4. 5. Welche zu guten betrachtungen herrliche gelegenheit gegeben. Der Hoͤchſte wolle nach ſeinem verſpruch ſein außſtreuendes wort nicht laſſen ver - gebens ſeyn / ſondern die erwuͤnſchte und zu ſeinen ehren / auch vieler heyl erſprieß - liche frucht tragen. Und ob wir wol etwan ſo gluͤcklich nicht ſeyn ſollen dieſelbe bald vor augen mit freuden zuſehen / daß wir doch hoffen duͤrffen / es ſeye gleichwol auffgegangen / was eben ſich noch nicht mit vollen aͤhren weiſet. Sonderlich a - ber daß wir / denen GOtt bereits die gnade gethan / daß wir zimlich wiſſen was ſein will an uns ſeye / ihm zu erſt danckbar und ihm je laͤnger je gefaͤlliger werden zu ſei - nem preiß und anderer erbauung. Der wertheſten Princeßin wegen freuet mich hertzlich dero beſtaͤndigkeit im guten vorſatz / und ob zwar von dero ſchwachheit ge - meldet wird / ſo muß ſo viel ernſtlicher mit gebet angehalten werden um den bey - ſtand deſſen / der in der ſchwachheit maͤchtig zu ſeyn zugeſaget. Nur daß man nicht gar ſtill ſtehe oder zuruͤck gehe in den wegen des HErren. Derſelbe wird nach ſeiner guͤte nach dem maaß der ſchweren verſuchungen wo dieſelbe folgen werden / auch ſeine gnade richten. Mit welcher verſicherung ſie / wo ſie ſich ihrer ſchwach - heit bewuſt / den muth etwas ſincken wolte laſſen / auffzurichten ſeyn wuͤrde. DerGOtt83ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XIV. GOTT aller gnaden bekraͤfftige ſie / und bewahre ſie in Chriſto Jeſu vor allem argen zu ſamt ihrer geliebten jungfer / deren ich gleiches aus treuen hertzen anwuͤn - ſche. Jhr frau baaß die gute frau NN. iſt / wie ſie ſchon vorhin wiſſen werden / neulich von GOTT eher aus dieſer zeitlichkeit abgefordert worden / als ſie nach ihrem ſo ſehnlichen wunſche auch eine froͤliche kinds-mutter worden ware. Je - tzo wird ſie der HErr mit voͤlligen ſtroͤmen des troſts uͤberſchuͤtten / nach deſſen troͤpf - lein und vorgeſchmack ſie hier ſo ſchmertzlich verlanget / und getrauret hat / dasjeni - ge bey ſich nicht zu fuͤhlen / was ſie zuweilen von andern frommen ſeelen aus derer erfahrung ruͤhmen. Es hatte ihr ehemann eben vor einigen monaten noch an mich geſchrieben / und berichtet / wie ſie noch manche ſtunde in ſolcher ihrer betruͤb - nuͤß und anfechtung kuͤmmerlich zu bringen muͤßen. Nun der HERR der end - lich ihre traurigkeit auff ſelige weiſe geendet / helffe uns auch allen hindurch zur zeit wanns ihn beliebig.
Franckfurth den 20ten Dec. 1673. Auff deſſen ſchluß ich ein ſolches neuesjahr aus goͤttlicher gnade wuͤnſche in dem dieſelbe taͤglich uͤber uns neu auffgehe / daß wir in Chriſto JEſu (in dem nichts als eine neue creatur gilt / und ich davon durch Got - tes gnade vor meiner gemeinde die erſte predigt zu thun geſonnen bin) immer feſt erneuret werden / nach dem bilde deſſen / darzu wir geſchaffen ſind / und der ſein bild in der tauff bey uns wieder angefangen / auch zu fortſetzung ſeines wercks den lieben JEſum uns zur nachfolge vorſtellet: Daß das alte weſen mehr und mehr bey uns abgeſchaffet und wir mit neuer himmliſcher krafft ausgeruͤſtet werden / biß endlich alles auff einmahl neu und wir dahin verſetzet werden / wo nichts altes mehr iſt / noch veraltet. Solches mit freuden und aller andern wolfarth wuͤnſche ich ihr / in dem HErrn hertzgeliebte ſchweſter / und allen unſern ſchweſtern und bruͤ - dern / ſo dann die noch in der zahl derſelben kommen ſollen / von dem GOtt nicht nur der zeit ſondern der unveraͤnderlichen ewigkeit.
(7. Bußpredigten. Viele heuchel bußtage. Un - erkaͤntnuͤß unſerer gefahr. Ob faſten Papiſtiſch. Noͤthi - ge gedult mit der bruͤder ſchwachheit. Gelaſſenheit laͤn - ger zu leben oder zu ſterben. Der Princeßin beſtaͤndig - keit. Ob beſſer in oder auſſer gefahr zu leben.
UNſerer gehaltenen bußpredigten iſt keine gedruckt worden / noch derglei - chen inskuͤnfftige in dem vorſchlag. Nicht nur weil wir in ſolcher materieL 2nicht84Das ſechſte Capitel. nicht wohl mehr viel andern unterricht beduͤrffen / in der menge der lieben gottſe - ligen hievon handlenden buͤcher / alſo daß nur vonnoͤthen iſt / daß wir wolten mit mehr eyffer und ernſt / was wir wiſſen / GOTTES willen an uns zu ſeyn / zu werck zurichten / und uns untereinander daruͤber zu ermahnen / als vieles hievon zu ſchreiben. Sondern auch weil was zum exempel meine predigten anlanget / dieſelbe nicht gantz an einander hangen / ſondern in gewiſſer maaß mit meiner Herren Collegarum predigten verknuͤpffet ſind / auch die texte alſo dazu erwehlet worden / daß die materien der folgenden und nachmittags-predigten an den erſten und fruͤh-predigten hangen. Es war ſeiter neulich den 6ten Martii wiederum ein bußtag gehalten / worinnen die texte geweſen 1. Petr. 4 / 1. 2. 3. Luc. 1 / 71. 72. 73. 74. 75. Rom. 6 / 6. Weil es zugleich die vorbereitung zu der paſſion gabe; Der nechſte moͤchte wol auff den freytag vor Pfingſten fallen. Wolte GOTT aber es ginge nicht auch bey uns alſo her / wie meine liebwehrte ſchweſter klaget / bey ih - nen gemerckt zu haben / daß bey mehrern es vielmehr heuchel-als bußtage ſeyn. So wir aus den aus bleibenden fruͤchten leider mehr als zu beſorglich abnehmen koͤn - nen. Und haben allein den troſt / daß gleichwol etliche wenige hertzen ſeyn / an de - nen die arbeit nicht gantz verlohren / in anſehung welcher der heilige und wahrhafftige GOTT unſere ob wol von meiſten haͤnden unrein auffſchickende opffer nicht allerdings verſchmaͤhen wird. Es nimmet zwar auch deroſelben haͤuff - lein ab / wie ſeiter 4. wochen der Allerhoͤchſte unterſchiedliche rechtſchaffene Chri - ſten von hier aus unſerm mittel weggenommen hat: Dero abſchied mich hertzlich betruͤbet / und mir billich ſorge macht / GOTT werde allgemach ſchwehre gerich - te ausbrechen laſſen uͤber unſern unbußfertigen hauffen / und raͤume alſo einige der ſeinigen vorhin weg / deren er damit ſchohnen will. Nun er iſt der HErr / er mache es wie es ihm wohlgefaͤllt / er wird doch auch ſeiner guͤte und heiligen nahmens nicht vergeſſen. Daß einige die jetzige leibliche und weltliche gefahr nicht vor au - gen ſehen / wundere mich ſehr / ohne daß ſie eben nicht allen noch gleich nahe iſt. Man bedencke aber / was es iñer 2. jahren vor aͤnderungen gegeben / ſo wird niemand ſagen moͤgen / daß es nicht ein gantz leichtes ſeye / daß ein noch weit ſcheinendes feuer geſchwind uͤm ſich freſſe. Und ſcheinet noch etwas verborgen zuligen / welches gar we - nig hervor blickt / und auchbey nach GOttes willen gedaͤmpffter fremder gewalt in dem reich ſelbſten betruͤblichen jammer erregen mag. Geſetzt aber / wir haͤtten von leiblicher gefahr nichts zu ſorgen / ſondern lauter gute friedliche zeiten zu er - warten / ſo haben wir ja urſach gnug leid und bußtage zuhalten uͤber den elenden zuſtand unſerer kirchen in dem geiſtlichen / welche ohne die beſorgliche verſolgung auch ſonſten alſo betruͤbt iſt / daß wir uns wenig anders als der reinen lehr zu ruͤh - men haben. Sonſten ſtehet es erbaͤrmlich gnug. Nun der HERR wird ſeine ehre zu erhalten wiſſen. Daß das faſten von einigen der unſrigen vor Paͤpſtiſch gehalten wird / zeiget / daß ſolche leute in die Schrifft niemahl hinein geſehen habenmuͤſ -85ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XV. muͤſſen. Ach wolte GOTT das faſten und einige dergleichen loͤbliche uͤbungen wuͤrden fleißiger practiciret / ſo wuͤrden wir offt zu den innerlichen uͤbungen tuͤchti - ge[r]werden. So verſtehen die jenige nicht / was wir an dem Paͤpſtiſchen ſtraffen / welche meinen daß es um das faſten ſelbs zu thun ſeye / da wir doch allein das ein - bildende verdienſt deſſelben / ſo dann den unterſcheid der ſpeiſen beſtreiten / als welchen wir vor kein faſten erkennen koͤnnen. Was meine liebſte ſchweſter ge - dencket wegen der gedult / ſo mit denen noch ſchwachen zutragen / iſt ein gantz noͤthi - ger punct unſers Chriſtenthums / der deßhalben von Paulo ſo offt getrieben wird. Es iſt ſolches die frucht des glaubens / der erkennt / mit was gedult der barmhertzige Vater in dem himmel ſeine ſchwachheit trage / und ein zeugnuͤß der demuth und liebe / ohne welche kein glaube ſeyn kan. Denn wer ſeinen bruder oder ſchweſter / welche ſchwach ſind / daruͤber urtheilet oder verachtet / der muß nicht erkennen daß er auch dergleichen von andern beduͤrffe / ſondern in hochmuth ſich ſelbs vor vollkom - men achten / und alſo gefallen an ihm ſelbs tragen / ja das jenige das an ihm iſt / nicht als ein pur lauter gnaden geſchenck / ſondern eigen werck achten / welches dem glauben ſchnur ſtracks entgegegen iſt. So lehret uns die liebe / mit denjenigen / welche an dem leib ſchwaͤchlich ſind / mitleiden haben / und uns vielmehr ihrer an zu - nehmen / ihnen zu rathen und zu helffen als ſie zuverſpotten oder eckel an ihnen zu ha - ben. Wie viel mehr erfordert dann die liebe eben dergleichen gegen die jenige / die an der ſeele ſchwach ſind? Daß man nehmlich nicht nur vor ſie inbruͤnſtig bete / ſondern auch am freundlichſten mit ihnen umgehe / ihrer ſchohne / ſie zu beſſern ſuche / und ſolches mit der behutſamkeit und ſanfftmuth / daß man ſie nicht mit erſtmahli - ger vorſtellung alles deſſen / ſo man von ihnen erfordert / in dem anfang erſchrecke / oder ihnen ihre noch habende fehler ſcharff vorhalte / ſondern ſie allgemach weiter fuͤhre / und in vielen ſtuͤcken ſie mehr dazu leite / worinnen ſie ihre eigene unvoll - kommenheit an ſich erkennen moͤchten / als daß es ſchiene / wir haͤtten ihnen ſolches gezeiget. Solches iſt die rechte art der liebe / die wir ihnen um des HErrn willen ſchuldig ſind / ja auch um des nutzens willen / den wir ſelbs an ihrer ſchwachheit ha - ben / daran die unſrige in ſolchem ſpiegel ſo viel beſſer erkennen koͤnnen. Daß mei - ne liebe ſchweſter ſich erklaͤhret / zwar ein hertzliches verlangen nach der endlichen verſetzung in die vollkommene freyheit der kinder GOttes zu haben / aber doch mit williger gelaſſenheit ſich auch ein laͤnger es verbleiben in den beſchwehrlichen huͤtten Kedar nicht laͤſſt zu wieder ſeyn / vielmehr um des lieben creutzes willen in dem fleiſch laͤnger zu leben beliebet / hat mich und einige fromme ſeelen / deren ich ſolches ver - langen vorgezeiget / hertzlich erfreuet / und erkenne ich daran das jenige / darnach wir uns alle zubeſtreben haben / aber ſchwaͤchlich oder gar ſpat darzu kommen. Und gehoͤret zu einer ſolchen reſolution / daß man in dem ſie uͤber das fleiſch weit ge - kommen ſeye / wo wir nunmehr die vortrefflichkeit und den adel des lieben creutzes alſo in das hertz getruckt / daß wir es gar nicht mehr nach dem urtheil der vernunfftL 3(nach86Das ſechſte Capitel. (nach welchem es allezeit noch heiſſet nach Hebr. 12 / 11. Die zuͤchtigung / wenn ſie da iſt / duͤncket ſie uns nicht freude ſeyn / ſondern traurigkeit) anſehen / viel - mehr bloß dahin mit den augen des glaubens / dahero uns ſeiner nicht nur nicht be - ſchwehren / ſondern GOTT anfangen davor zu dancken / und ſeine wohlthat dar - in erkennen. GOTT erhalte ſie allezeit in ſolcher freudigkeit / und laſſe uns alle auff ſolchen wege unſern alten vorgaͤngern nachfolgen / die in groſſer krafft des gei - ſtes / ſonderlich in den verfolgungen / uns ein exempel gelaſſen haben. Daß ihr Durchl. die Pꝛinceßin ſich nicht wieder nach bewuſten hoff wende / iſt mir zu verneh - men recht lieb. Nicht daß ich davor hielte daß ſie goͤttliche guͤte nicht ſolte auch ſol - ches orts kraͤfftig in ihren guten ſtand erhalten / und mitten unter der welt eitelkeit ihre augen abwenden / daß ſie nicht darnach ſehen / und ſie ſich darein verliebe. Wie wir zu weilen ſehen werden / daß man in den groͤſſeſten gefahren / nicht nur weil man ſeiner ſo viel ſorgfaͤltiger wahrnimmet / ſondern auch weil die krafft GOttes nach dem maaß als wir derſelben beduͤrffen ſich als dann ſo viel ſtaͤrcker erreget / ſo viel kraͤfftiger ſich findet / als auſſer denſelben / zum preiß goͤttlicher darinnen herr - lich vorleuchtender macht. Sondern daß ich mich freue / daß GOTT ihrer ſchoh - ne / wie denn das leben unter taͤglichen aͤrgernuͤſſen nicht ohne taͤgliche betruͤbnuͤß ei - ner gottſeligen ſeele gefuͤhret werden kan / und wie es zwar eine ſtaͤrckung iſt an dem inwendigen menſchen durch die ſtaͤttige uͤbung der gedult / daher auch welche GOTT dazu beruffen ſich nicht daruͤber zu beſchwehren / ſondern goͤttliche guͤte zu erkennen haben / alſo unterbrichts nicht wenig die vergnuͤgliche gemuͤths ruhe / ſon - derlich wo man ſiehet / daß man mit ſeinem exempel nicht ſo wohl etwas andere zu gewinnen außrichten kan / als in ſorgen ſtehet / von ihnen einiges boͤſe unver - merckt ſich an zu gewehnen. Daher wie dorten Paulus ſeinen Corinthern rathet wegen gegenwaͤrtiger noth / wer die gabe dazu habe unverheurathet zu bleiben / da doch beyder ehe nach ſeiner bekantnuͤß ſo vielmehr truͤbſal und alſo uͤbung der gedult ſeye / und die urſach bey ſetzet / daß er nehmlich ihrer gern verſchohnen wolte. Alſo halte ich es auch vor ein guͤtiges verſchohnen / wo uns GOTT mehr auſſer dem kampff mit ſtaͤttig voꝛ augen ſchwebenden aͤrgeꝛnuͤſſen in ruhe eꝛhaͤlt / alſo wo er uns in jenen fuͤhret / ob wol mit ſeiner krafft zu ſtaͤrcken. Jedoch weiß unſer allweiſer Vater am beſten / wen und wann er jeglichen zu dieſer oder jener lebens art beruf - fen ſoll / und haben wir billich die jenige art / es ſeye jetzo in der ſtille GOtt zu dienen / oder aber in ſolchem welt-geraͤuſch / vor die ihm von uns angenehmſte zu achten / dazu er jedesmahl uns ſelbs beruffen hat. Wem GOtt jene goͤnnet / der dancke ihm davor / daß er ſeiner ſchohne / weil er vermuthlich ihn etwa zu ſchwach erkannt: Wen er denn in dieſes fuͤhret / dancke ihm wieder vor ſolche gelegenheit ſeine ge - dult zu uͤben / und von ihm ſeinen kraͤfftigen beyſtand zu erwarten. 1674.
(8. Als dieſelbige einen prediger heurathen ſolte. Uberlegung des gantzen geſchaͤffts. Ob der ehe - oder ledige ſtand vorzuziehen? Ubergebung der zweiffelhafften ſachen in freunde ausſchlag. Mein verfahren in der vocation von Straßburg nach Franck - furth.
MO ich das werck ins geſamt anſehende und in der furcht des HERRN er - wegende / aus hertzen grund meiner vielgeliebten ſchweſter / mit der freyheit wie es ſeyn ſolle / zu entdecken habe / weiß ich faſt nicht / was ich zuſagen ha - be. Kan auch noch weder das / noch anders gewiß ſchlieſſen / ob ichs einen goͤttli - chen beruff oder verſuchung zu zuſchreiben habe: Sondern halte davor / daß ich noch etwas weiteres / darinn ſich goͤttlicher finger deutlicher zeige / abwarten muͤſſe. Auff meiner ſeiten halte ich Herrn NN. intention gantz rein und Chriſtlich / und ſe - he keine einige fleiſchliche abſicht bey ihm / vielmehr die hertzliche begierde / eine per - ſon von dem lieben GOTT zur gehuͤlffin zu haben / neben der er ſeinem GOTT ſo viel hertzlicher dienen / und von ihr weiter erbauet werden moͤchte. Wie nun ſolches ſein vorwand iſt / alſo habe ich nicht nur aus gemeiner Chriſtlicher liebe kei - ne falſchheit darinnen bey ihm zu vermuthen / ſondern auch ſolche urſachen / die mich ſeiner auffrichtigkeit in der ſache gantz auſſer zweiffel ſetzen. Jch ſehe ferner / daß er nachdem er eine dergleichen perſon zu ſuchen ſich entſchloſſen / in der wahl nicht gefehlet / ſondern wo ihm der getreue Vater im himmel / ſie meine liebe ſchweſter ihm beſcheret / daß er ſeinen zweck erhalten. Welches ob ſie vielleicht aus demuth an ſich nicht zu finden vermeint / ſie mir doch nicht wehren kan / daß ichs davor erken - ne / aber bey ihr jetzo davon nicht viel worte machen will. Dieſe ſeine gute inten - tion und wohl bedachte wahl giebet bereits ein ſtarckes fundament / darauff zu bauen / daß das werck gantz aus GOTT ſeyn moͤchte. Doch lehret mich das ex - empel Davids 1. Chron. 18 / 1. 2 / 3. 4. Daß ſolches fundament gleichwohl nicht gantz unbeweglich ſeye: in dem da ſelbſt eine gantz wohlgemeinte und an ihr ſelbſt GOTT gefaͤllige intention ihren effect nach GOttes willen nicht haben ſolte / und alſo nicht der wille Davids / ſondern gleichwohl die erfuͤllung deſſelben / GOttes rath / zu wider war. Jch ſehe ferner / daß NN. ein ſehnliches verlangen traͤget / daß ſeine intention moͤchte erreichet werden / und bin verſichert / daß / wo der allguͤ - tige GOT die ſache zum fortgang bringet / ihm ſein amt wird mercklich erleichtet / zu mehr erbauung ſeiner gemeinde gelegenheit gegeben / auch an ihm weitere ſrucht durch goͤttlichen ſegen werde geſchaffet werden. Wie ich denn von denen / ſo ihngenauer88Das ſechſte Capitel. genauer kennen / vernehme daß die Gottſeligkeit ſeiner vorigen numehr ſeligen lieb - ſten / ihm nicht wenig bereits genutzet habe / daher kein zweiffel / daß eine Chriſtli - che perſon / ſo ein weiters pfund empfangen / ſolches auch da nicht ohne weiteren nu - tzen anwenden werde. Wie ich nun ihn bruͤderlich liebe / alſo wuͤnſche von grund des hertzens / daß wo goͤttlicher rath nicht dawider iſt / er ſo gluͤckſelig werden moͤ - ge. Denn von ſeiner ſeiten halte ich ihn auff ſolche weiſe / in dem fall es fortgehen ſolte / ſo wohl verſorgt / als er verſorgt werden moͤchte. Und waͤre mir ſo klar / daß auff meiner vielgeliebteſten ſchweſter ſeiten / ſie gleichfalls eben ſo wohl verſorgt waͤ - re / ſo wuͤrde der entſchluß etwa bald zu faſſen ſeyn; Aber da iſt die ſache noch ſo aus - gemacht nicht. Zwar wo die reſolution erſtlich genommen / einige dergleichen heurath zu belieben / ſo finde ich an Herrn N. N. perſon allerdings nicht mangel; es bedarff aber auch ſolches bey derſelben nicht erinnert zu werden / als die ihn / und was GOTT in ihm geleget / noch tieffer kennen hat lernen / als ich ſolches vermocht. Jch ſehe ihn aber ſelber an / als einen mann / von dem dieſelbe in ihrer Gottſeligen uͤbung nicht wuͤrde hindernuͤß / ſondern beyhuͤlffe und foͤrdernuͤß empfangen; daß je eines von dem anderen nicht nur leibliche huͤlffe ſondern auch geiſtliche erbauung haben und genieſſen wuͤrde. Zu dem daß ſie gelegenheit erlangte / nachdem er in dem kir - chendienſt ſtehet / mit ſo viel beſſerem nachdruck / ſo viel ſie zu ihres neben-menſchen beſſerung vermag / an ſolchen ort anzubringen / und auch auff ſolche art dem Herrn den wucher der empfangenen gaben reichlicher zu bringen. Die groͤſſeſte ſchwie - rigkeit aber ſtehet vielmehr ſelbſten in der reſolution / den ledigen und bißher hertz - lich geliebten ſtand zu aͤndern. Wo ich deroſelben nicht bergen kan; daß auch bey denjenigen eheleuten / die nicht eben einander fleiſchlicher weiſe zu gefallen / groſſe ſorge tragen / gleichwohl die haußhaltungen / ſonderlich wenn GOTT etwa die - ſelbe mit lieben kindern zuverſtaͤrcken anfangt / dieſelbe ruhe nicht laſſen / ſeinen Gott - ſeligen uͤbungen ohnverhindert abzuwarten / wie der ledige ſtand noch dieſelbe ver - goͤnnet. Wie ich nun ihre ſeele inniglich liebe / ſo iſt mir ſolches das einige / das mir ſchwehr wird / von einiger hindernuͤß zu wiſſen / dadurch ſie von ihren ſo vergnuͤgli - chen betrachtungen und uͤbungen / folglich der daraus ſpuͤrenden lieblichkeit abgezo - gen wuͤrde. So ſtehet mir allezeit das wort Pauli 1. Cor. 7 / 38. vor augen / der nicht heurathe / der thue beſſer. Welchem ſpruch ich bloß dahin nicht wider - ſprechen mag. So kommt auch nicht weniger bey mir in bedacht / daß bißher die - ſelbe zu heurathen keine anmuth gehabt / und etwa deſſen noch ferner mir unbewuß - te urſachen haben moͤchte. Jndeſſen aber halte ich auch wiederum dieſes angezo - gene noch nicht ſo gnugſam / daß daraus gewiß zu ſchlieſſen haͤtte / daß deswegen das heurathen derſelben bloß zu mißrathen waͤre. Und ſetze zum foͤrderſten dieſes als eine gewiſſe ſache aus / daß auch derjenige / ſo die gabe jungfraͤulicher keuſchheit em - pfangen / macht habe ſich derſelben zugebrauchen oder nicht zugebrauchen / je nach - dem er findet / daß der gebrauch oder unterlaſſung zu mehrern ehren GOttes undbeſſerer89ARTIC. I. DISTINCT. I. SECTIO XVI. beſſerer verrichtung des jenigen / worzu er ſonſt von GOTT beruffen / dienlich ſeye. Wie aus dem gantzen 7. cap. der 1. an Corinth. erhellet: Daß Paulus kei - nem einen ſtrick des gewiſſens anwerffen wolle. Nechſt dem gleich wie ins gemein wahr bleibet / was daſelbſt v. 32. ſeq. geſagt wird / daß in dem ehelichen man nicht ſo unverhindert bleibe als in dem ledigen ſtande: So iſts doch auch wahr / daß zu weilen der eheliche ſtand manche gelegenheit gebe zu anderen uͤbungen der Gottſe - ligkeit / zu erkaͤntnuͤß goͤttlicher guͤte und dero betrachtung / ſo bey den ledigen ſich nicht ſo findet: Und daß der dienſt GOttes nicht allemahl daraus zu ſchlieſſen / daß er GOTT am angenehmſten ſeye / daß man eben mehr zeit dazu und wenigere ab - haltungen davon hat / und das gemuͤth auch natuͤrlicher weiſe eine mehrere ruhe habe: Sondern unter der laſt vieler ſorgen / die da Chriſtlich ſind / und der beruffs geſchaͤſſten laͤſſet ſich etwa in einem vierthelſtuͤndlein ſo man darzu frey machen kan ſo viel vergnuͤgung finden / als in mehrer freyheit bey laͤnger zeit; da indeſſen auch unter denen geſchaͤfften / wenn das gemuͤth an ſeinen GOtt haͤnget / und was es thut aus gehorſam zu ſeinen beruff verrichtet. Anders muͤſſten wir ſagen / daß alle die predigt - oder regierungs-ſtaͤnde ſtehen / bey denen die amts-geſchaͤfften mehr ſind / als ſonſten insgemein bey den eheſtand / koͤnten wegen ſolcher ſtaͤten anlaͤuffe Gott niemahl nicht ruhig dienen: Nun iſts zwar an dem / daß ſolchen leuten frey - lich manchmahl betruͤblich iſt / ſo ſelig nicht zu ſeyn als andere ſind / daß ſie / ſo viel ſie verlangten / zu eigener ſeelen erbauung und vergnuͤgung anzuwenden vermoͤchten: Aber es erſetzet theils ſolchen ihꝛen darinn habenden nachſtand der nutzen ſo der nech - ſte davon hat / theils ſegnet Gott etwa die wenige vierthel-ſtuͤndlein / die ſie vor ſich gewinnen / ſo viel kraͤfftiger. Und bin ich alſo verſichert / daß ein David und Pau - lus / die mit ſorgen vor ihre unterthanen und viele gemeinden alſo beladen / daß man wundern ſolte / ob ihnen auch ein augenblick vor ſich ſelbs anzuwenden bliebe / nicht zuklagen haben / daß ſie ihres GOttes guͤte nicht anderen gleich / ſondern in viel hoͤ - hern maaß / geſchencket haͤtten. Sonſten wuͤrde man auch noch vielmehr ſolche ſtaͤn - de zu fliehen haben. So verhaͤlt ſichs dann auch mit dem eheſtand. Sonderlich bey denen jenigen / die bereits in der uͤbung des Chriſtenthums wohl geuͤbet ſind / da - her ſo viel eher ihre ſeelen in denen gewoͤhnlichen uͤbungen zu Gott erſchwingen moͤ - gen: Hingegen von denen zuſtoſſenden hinderungen nicht ſo bald abgewendet wer - den; Wie die jenige / die noch erſt in dem anfang ſtehen / und deswegen mehrerer und freyer ruhe / ja zu weilen auch gar eine abſonderung von anderen beduͤrffen. Jch weiß aber / daß meine vielgeliebte ſchweſter unter nicht dieſer ſondern jener zahl ſte - het. Alſo finde ich auch unter denen urſachen / die Paulus fuͤhret / daß er gern ſei - ner Corinther ſchohnen wolte / dieſe / weil bey dem ehelichen ſtande mehr truͤbſal ſeye / vornehmlich wie die damahlige zeiten waren v. 28. Daraus ich wiederum ſchlieſ - ſe / daß des heiligen Pauli rath und ausſpruch vornehmlich ſehe auff die noch ſchwaͤ - chere / welche er vor anderen zuſchohnen urſach hatte / und von dero ſchwachheit zuMſorgen90Das ſechſte Capitel. ſorgen waͤre / daß ſie die truͤbſalen ſchwehrlich ohne anſtoß auszuſtehen wuͤrden ver - moͤgen / deßwegen er ſie lieber auſſer der gefahr zu ſeyn verlangte. Wo denn ei - ne Chriſtliche perſon iſt / welche GOttes krafft ſo weit gebracht / daß ſie die truͤbſal nicht mehr fuͤrchtet / ſondern ſich derſelben ruͤhmet / und ſo vielmehr freuen will / ſo viel mehr GOTT ihren glauben auffdieſe art zu uͤben belieben wuͤrde; derſelben wuͤrde auch Paulus das jenige nicht mehr alſo mißrathen: ſondern gern zu geben wo eine ſolche perſon aus anderen anzeigungen den finger GOttes zum eheſtand ſe - he / ſolchen zu folgen; nicht zwar eben mit fleiß ſich denen truͤbſalen darzu ſtellen / ſo einige vermeſſenheit in ſich haͤtte / ſondern aus anſehung deroſelben ſich im wenig - ſten nicht abhalten zu laſſen. Daß iſt gewiß / daß in dem eheſtand eine mehrere ſchule der gedult iſt / als jemand auſſer derſelben vermuthen moͤchte. Alle dieſe be - trachtungen / deren theils das werck zurathen theils zu mißrathen ſcheinen / machen mich auch ſo zweiffelhafft / daß ich faſt nicht weiß / auff eine oder andere ſeite mich zu lencken: Wenn ich nun nicht unwiſſend bin / in was aͤngſten ein menſch ſtehet / welcher bereit iſt GOttes willen zu folgen / aber in einer ſo wichtigen und den zuſtand des gantzen lebens betreffenden fache denſelben nicht gantz gewiß ſiehet / oder unter - ſcheiden kan / und nichts mehr wuͤnſchet / als denſelben zu erkennen: So zweif - fele ich nicht / meine vielgeliebte ſchweſter werde auch nicht wenig kampff in ihrer ſe - len daruͤber empfinden. Und erinnere mich dabey des zuſtandes meines hertzens / wie der himmliſche guͤtige Vater mich auch eine weile dergleichen ſorge und angſt habe fuͤhlen laſſen / als ich vor 8. jahren hieher ziehen ſolte: Und bey mir keinen rath nicht fand / ob ich das werck vor eine goͤttliche verſuchung anſehen muͤſſte: Jndem mich des beruffs verſichern wolte / weil ich die ſache niemahl geſucht / oder nur davon mir traͤumen koͤnnen / ſo dann andere ziemlich ſcheinbahre anzeigungen goͤttlicher re - gierung zu bemercken vermeinte; Hingegen aber wieder die ſorge truge / es moͤch - te allein eine goͤttliche verſuchung ſeyn / in dem ich meine untuͤchtigkeit zu ſo ſchweh - ren amt / die furcht meines hertzens vor der verantwortung vor anderer ſeelen / ſo dann meinen damahliger in Straßburg bey der frey-prædicatur geruhigeren und vergnuͤglicheren wohlſtande / in dem ich ohne ſorgen-laſt arbeiten moͤchte / be - trachtete / und kaum begreiffen konte / daß mich mein GOTT zu einem ſolchen ge - ſchaͤffte / daran ich ohne zittern nicht gedencken durffte / beſtimmet haben; ſondern vielmehr hoffte / er wuͤrde meine ſchwachheit ſchohnen. So viel ich nun hievon ſelbs gefuͤhlet / kan ich auch gedencken / wie es ihr zu muthen ſeye / daß ſie ja goͤttlichen rath uͤber ſich erkennen moͤchte. Bin aber deſſen in gewiſſer zuverſicht / daß der grund guͤtige Vater ſie nicht in ſolchem zweiffel ſtecken / weniger gar fehlen laſſen / ſondern gantz gewiß alſo mit ſeinen geiſt erleuchten werde / das zu treffen / was er zu ſegnen beſchloſſen habe. Rath zugeben finde ich in meiner moͤgligkeit nicht weiter / als demjenigen die ſache in gebet und gelaſſenheit zu empfehlen / der allein in das kuͤnfftige ſiehet / u. alſo wo von uns wohl oder uͤbel ſeyn koͤnte / ohne ſehler (denen wir menſchẽ ausman -91ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECT. XVI. mangel derſelben vorſehung auch anderer unſerer ſchwachheit / unterworffen ſind) erkennt / auch es gewiß wohl machet mit denen / die ihm ihre wege befehlen und auff ihn hoffen. Hat er ihr ſeinen willen noch nicht gezeiget / ſo halte ſie ferner an / wie ich auch meines orts will mit meinen ſeufftzen mit helffen / nach ſchuldiger bruͤderli - cher pflicht. Jedoch iſt noch ein vorſchlag / den ich hiebey zu thun habe / und mit N. N. davon geredet / welchen ich ſo viel freyer thue / weil er derjenige iſt / dem ich ſelbs in obiger gelegenheit nachgegangen. Denn weil in ſolchem zweiffel / ich mei - nem urtheil nicht trauete / maſſen ich in eigenen ſachen mir niemahlen trauen mag / guter freunde rath aber der fleiſchlichen abſichten / aus ſo vieler erfahrung / verdaͤch - tig hielte / (daher auch denen jenigen / die mir ſonſt an eltern ſtatt geweſen / von der ſache eroͤffnung zu thun bedenckens hatte.) So ſahe ich endlich kein ander mittel zu meines gewiſſens beruhigung / als die ſache aus haͤnden zugeben / und weil die O - brigkeit zu Straßburg mir vorgeſetzet war / es darauff zuſetzen / was mir GOTT durch ihren mund wuͤrde anzeigen laſſen / um ſolches als ſeinen ohnzweifflichen wil - len zuerkennen und anzunehmen: Daher es auch darauff ankommen zulaſſen / was die beyden ſtaͤdte Straßburg und Franckfurt meinetwegen ausmachen wuͤr - den / daß wolte ich genehm halten / und weder auff eine noch andere ſeite etwas helf - fen oder hindern. Darauff endlich mein GOTT durch den entſchluß deren von Straßburg / daß ſie goͤttlichem finger ſich nicht zuwiederſetzen wuͤſten / ſeinen willen geoffenbahret / und mir damit / ſo mich ſelbs zu reſolviren unmuͤglich gedaucht / das angetragene anzunehmen leichter gemacht. Dem auch noch allezeit vor ſolche ſei - ne weiſe leitung und daher noch oͤffters habenden troſt / demuͤthig danck geſagt ſeye. Solte ſie nun geliebte ſchweſter auff dergleichen gedancken auch kommen / ſo waͤre die ſache auff ihren Herrn Vater zu weiſen: Und alſo von dem jenigen / der allein ihr von GOTT vor itzo in dieſen dingen vorgeſetzet / goͤttlicher wille zuerwarten. Solte er auff den ihn davon thuenden vortrag / und die nicht von ihr ſelbs (in dem ſie ſich bloß in ſein belieben ſtellet) ſondern anderen guten freunden zeigende motiven / was von beyden ſeiten zu betrachten waͤre / ſeinen willen gegen dieſes werck bezeu - gen: ſo iſt ohne das nach allen goͤttlichen rechten eine fromme tochter ſchuldig / den vaͤterlichen willen zu reſpectiren: und ob wohl auch mittel da ſind / da ein Vater genoͤthiget werden moͤchte / ſeines abſchlages guͤltige urſachen zu geben / ſo ſind nicht nur dieſelbe ſehr weitlaͤufftig und mißlich / ſondern ſorgte ich nachmahl gar ſehr daß wir goͤttlichen rath nicht gefolget haͤtten: und wuͤrde deswegen nimmermehr dazu rathen / ſehe auch nicht / wie es ohne ſchwehres aͤrgernuͤß / und alſo verletzung des gewiſſens / hergienge. Wuͤrde aber ſein wort auffs ja hinausfallen / ſo erken - te ich ſolches vor die goͤttliche deciſion und andeutung ſeines heiligen willens / der ſein hertz darzu regieret: Und wuͤrde als denn kein bedencken tragen / mit freuden das joch auffzunehmen / welches ich alſo ſehe von GOTT mir gezeiget zu werden / ohne fernere berathſchlagung wie ſchwehr michs duͤncken moͤchte. Jch verſichereM 2mich92Das ſechſte Capitel. mich auch / daß das gewiſſen allezeit ruhe in erinnerung deſſen finden wuͤrde. Die - ſes ſind meine einfaͤltige gedancken von dieſem werck. Sie meine vielgeliebte ſchweſter / wird ohnzweiffel alles dieſes ſchon vorher bedacht haben / aber ihr es nicht zu wider ſeyn laſſen / dergleichen auch von mir zuvernehmen. Jſt ſie darin - nen eines ſinnes / ſo dienets zur bekraͤfftigung: Hat ihr aber GOtt andere wege ge - zeiget / ſeinen willen zu lernen / ſo weiche ich willig / und will auch GOTT dar - innen preiſen. Er wolle nach ſeiner weißheit ſie in allem und auch in dieſem regie - ren / wie er weiß / daß ſeine ehre an ihr und NN. ſo ich beyde bruͤderlich liebe / am beſten geprieſen werden moͤge. 1674.
9.) Als der vorgeweßte heurath zuruͤck gienge. GOTTes wunderbahre fuͤhrung der ſeinigen ihren glau - ben und gedult zu uͤben. Das exempel an mir in dem beruff nach und von Straß - burg.
NAch empfang derſelben beyder geliebten ſchreiben habe ich. zu antworten mit fleiß verſchieben wollen / biß der allweiſe GOTT in vorgeweißten ge - ſchaͤffte wuͤrde endlich zeigen / wo ſein wille hingehe. Denn aus ſolchen ſchreiben hatte ich zur genuͤge erſehen / wie ihr hertz in ſolcher ſache alſo ſtehe und mit der jenigen gelaſſenheit die offenbahrung goͤttlichen willens erwartte / daß ich mich hertzlich daruͤber vergnuͤget / und nichts ſahe / was ich zu ferner deroſelben be - ruhigung thun konte / und alſo mir ſo bald vorgenommen / allein in meinen gebeth mit deroſelben in dieſem geſchaͤfft anzuhalten / in dem uͤbrigen aber achtzugeben wo - hin goͤttliche leitung endlich ausſchlagen werde / als gantz verſichert / nach dem das werck mit GOTT und in ſeiner furcht gefuͤhret / daß der ausgang / wie er auch ſeyn werde / nicht anders als von demſelben zukommen erkant werden moͤge. Nach dem nun vor einigen wochen durch Herrn N. verſtaͤndiget worden / wie daß der - ſelben geliebter Vater endlich ſeine reſolution mit einen runden nein / deſſen man bereits eine weile ziemliche vermuthungen hatte / ausgetruckt / ſo habe nun mehr nicht weiter ſtillſchweigen ſollen / ſondern was auch hierinnen meine einfaͤltige ge - dancken waͤren / mit meiner vielgeliebteſten ſchweſter getreulich communiciren wollen. So erachte nun zum allerfoͤrderſten / das geſchaͤfft gantz geendiget / denn ob wol vernommen / daß von NN. ſolches in zweiffel gezogen werden wolte / weil demſelben / die macht des conſenſus uͤbertragen worden / er zudenſelben inclini - ret / deßwegen ſolche einmahl gegebene gewalt nicht zuruͤck gezogen werden moͤchte: ſo bekenne doch gern / daß ich ſolches nicht vor genugſam achte / in dem nicht nurallein93ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XVII. allein das vaͤterliche ſchreiben an NN. ſo ich zwar nicht geſehen / mit einigen con - ditionen ſolle clauſulirt geweſen ſeyn / ſondern ich in den antwort-ſchreiben ſelbſt erkennet / daß darinnen der conſenſus nicht ſchlechter dings ausgetrucket / ſondern gleichſam dem vater wiederum heimgegeben worden / wo es austruͤcklich heiſſet / wo des vaters und der tochter wille hierinnen wuͤrde conform ſeyn: Daher ich ge - ſtehe / daß ich nicht finde / wie einige verbuͤndligkeit damit gemachet / ſondern daß meine vielgeliebte ſchweſter frey geblieben / wie auch ihrem geliebten vater / die ge - walt bey behalten geblieben ſeye / ſelbs darinnen zu disponiren. Gleich wie nun Herr N. viel vergnuͤgter und ruhiger auff ſolche antwort ſich gewieſen / als wie vorhin gedencken moͤgen: Alſo bin auch verſichert / das GOTT mit ſeiner kraͤff - tigen hand deroſelben gemuͤther mehr beruhigen werde / als es etwa noch bißher in erwartung des ausganges geweſen. Daß einige bedencklichſte in der ſache / ob der endliche erfolg wahrhafftig vor GOTTes willen zuerkennen / moͤchte wol die - ſes ſeyn / weil die urſachen der vaͤterlichen abſchlagung wol nicht ſo bewandt / daß ſie allein vor ſich angeſehen das gewiſſen befridigten / als darin nicht auff das jenige ge - ſehen wird / worauff wir billich ſehen ſolten / denen goͤttliche ehr / des nechſten wol - fahrt und eigenen heyls beobachtung die einige zwecke aller unſer rathſchlaͤge ſeyn ſolten / ſondern auff bloß fleiſchliche gruͤnde / eine eingebildete beſchimpffung des ge - ſchlechts und der gleichen. Aber ohneracht deſſen / ſo ſehe ich gleichwol die vaͤterli - che reſolution vor die erklaͤrung des goͤttlichen willens an. Wie GOTT zum oͤfftern ſeinen willen uns anzeiget / durch ſolche / welche in dem ſtuͤck auff ihrer ſeiten ſich verſuͤndigen / und nicht thun / was ſie thun ſolten. Goͤttlicher wille war / das Jerobeam das koͤnigreich haben ſolte: ob wol welche ihn darzu auffgeworffen / und er ſelbſt / ſich darinnen verſuͤndigeten. Goͤttlicher wille war Joſephs hinabſen - dung in Egypten / die ſeine neidiſche bruͤder mit ſuͤnden befoͤrderten. Und alſo in vielen anderen exempeln. Daher ſo ſehe ich in vaͤterlicher antwort (es waͤre denn ſache / das ſolche mich zu etwas verbinden wolte / ſo wieder den Vater in dem him - mel ſtreitet) nicht ſo wol an / wie wol oder uͤbel ſie gegruͤndet / worauff ich bey an - derer guten freund rath zu ſehen / ſondern wie ſolche perſon mir an GOttes ſtelle vorſtehe / und GOtt in ihm wolle geehret ſeyn. Jſt in jenem von ihm gefehlet / ſo ſteht die verantwortung bey ihm / wie bedaͤchtlich er ſich ſeiner gewalt gebraucht / nicht bey den jenigen / welche ihr ſchon dieſes zum gehorſam genug ſeyn laſſen / daß es des Vaters wille ſeye / Ja ich halte davor / daß eben darinnen die goͤttliche weißheit ſo viel herrlicher ſich hervor thue / daß ſie ihren heiligſten willen durch fleiſchliche anderer menſchen abſichten zuweilen ſehen laͤſſet / wo alle dieſe nicht hin - dern muͤſſen / daß nicht jene durch dringe / und endlich allein ſtehen bleibe. Wel - ches wie es in regierung der gantzen kirchen oͤffters ſo viel ſcheinbahrer erhellet / alſo auch von gottſeligen ſeelen in dem gemeinen leben eben ſo wol erkant und beobach - tet wird. Daher weil ich vernehme / daß NN. nicht wol zu frieden ſeye / verhof -M 3fe94Das ſechſte Capitel. fe und wuͤnſche / daß durch meiner vielgeliebtſten ſchweſter vernuͤnfftige und liebrei - che interceſſion dieſelbe beguͤtiget / und die ungnade von dem geliebteſten vater hierinnen abgewendet werde / welches wol am fuͤglichſten geſchehen mag / wo je - ner der formalien ſeiner antwort erinnert / und alſo wie darinnen ihm noch frey ſey gegeben worden / erwieſen wuͤrde. Jn dem uͤbrigen ſehe ich dieſes gantze biß - her gefuͤhrte werck als eine ſonderbahre probe an / damit die vaͤterliche guͤte GOt - tes die gelaſſenheit erkaͤntlich pruͤffen / ihre gedult auch andern vor augen ſtellen / und ſie alſo in der ſchulen / worinnen ſie ſchon ſo offt mit mehrern geuͤbet worden / fer - ner uͤben wollen. Daß es der guͤtige GOtt ihr erſtlich ſo ſchwehr werden laſſen / von dem gefaßten vorſatz des ledigen ſtandes nur etlicher maſſen abzuweichen / und ihr alſo darinnen die ehre zu geben / ſie verſtehe nicht ſo wol / was zu ihrem beſten al - lezeit gehoͤre / daß ſie nicht zu ehren goͤttlicher weißheit / wo dieſelbe ſie anders wo - hin weiſe / bereit ſeye / auch alle gedancken fahren zu laſſen / da[r]innen ſie ſich ſonſten am gegruͤndetſten geachtet. Nach dem dieſer kampff uͤberwunden / ſo lehret ſie GOtt den jenigen lieben / von deſſen liebe und geſellſchafft ſie in der welt mehr ver - druß und beſchwehrde als zeitliche anmuth erwarten koͤnte / allein um deßwillen weil ſie es davor achtete / daß ihres Gottes willen an ſie waͤre / und dieſen ihr dazu beſtim - met zuſeyn / ſeine gehuͤlffin zu werden. GOTT hat ſie wiederum auch in der liebe des creutzes geuͤbet / daß ſie um deſſelben willen den ehelichen ſtand nicht nur nicht fliehen wollen / ſondern es eine von den bewegenden urſachen ſeyn laſſen / ſich deſſen zu freuen / worinnen ſie mehrere gelegenheit zu uͤbung der gedult finden wuͤr - de. Nachdem dieſes alles uͤberſtanden / und Abraham bereit iſt ſeinen ſohn Jſaac dem HErrn zu opffern / das iſt / da ſie nun ihre ſonſten ſo angenehme freyheit des ledi - gen ſtandes und deſſen viele ſußigkeit dem HErren zu gehorſamen willig hingeben will / ſo kehrets GOtt uͤm / und laͤſt wiederum ihr zu ruffen / er ſey mit ſolchen wil - len vergnuͤgt / und nehme ſolches opffer als empfangen an. Sie moͤge aber noch ſo lang des hertzlich und bedaͤchtlichen geliebten gutes genieſſen / biß er auff andere - mahl ſeinen willen wiederum anders zeigen wolle. Sihet ſie alſo / meine hertzlich geliebte ſchweſter / wie ihr liebſter himmliſcher Vater ſo freundlich mit ihr ſpielet / und ſie ſo viel offter auff unterſchiedliche weiſe uͤbet / gegen andere unerfahrnere / ſo vielmehr gnade und gaben er ihr verliehen hat. Jetzo fodert er von ihr / daß ſie mit gleicher gelaſſenheit / dazu ſie ſich in ihren ſchreiben ſelbſt frey reſolviret / dieſe ſeine letztere erklaͤrung ſeines willens mit gleichen gehor ſam umbarme / und auch den je - nigen kleinen ſchimpff / den man wegen bey ihnen ausgebrochener ſache daher ſor - get / mit kindlicher demuth annehme. Wiewol es bey verſtaͤndigen nicht ſchimpff ſondern ehre iſt / zeigen / daß man alle ſtunde und augenblick bereit ſeye / nichts an - ders zuwollen / als was der HERR dißmahl von uns erfordert. Jch erinnere mich dabey meiner begenheit / da GOtt mich vor 12. jahren in anderen dingen aufffaſt95ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XVII. faſt gleiche art hat uͤben wollen. Als ich eine groſſe furcht hatte vor der ſeelen ſor - ge / und mein hertzliches verlangen war / daß GOTT meiner damit ſchohnen und mir eine ſolche art in geiſtlichem ſtande zu leben zeigen moͤchte / worinnen ich zwar arbeit / aber dergleichen ſorge und verantwortung nicht / haͤtte; So begab ſichs / daß aus Straßburg durch einige gute goͤnner mir / der damal zu Tuͤbingen war / zu geſchrieben und eine vocation zu einer gewiſſen ſtelle in der Statt angetragen wurde / wo ſolche ſeelen-ſorge nicht nur mit anhinge ſondern auch derſelben beſchwer - den vor anderen groß waren. Da gab es einen harten kampff. Auff einer ſei - te ſtunde die liebe der freyheit und furcht vor ſolcher verbindung. Auff der ande - ren ſeiten / weil alles ohn mein geſuch geſchehen / auch andere urſachen / wolten mich glauben machen / das werck ſey von dem HErrn / und je groͤſſeren widerſtand ich in dem gemuͤth dagegen empfand / ſo viel mehr fuͤrchtete ich / fleiſch und blut wol - le GOtt ungehorſam ſeyn / in dem es ſie ſauer ankaͤme. Jch ſandte endlich einen expreſſen boten an jemand der meinigen / deſſen urtheil und rath ich vor andern trauete / und ſuchte mir aus der angſt zuhelffen. Dieſes gutachten / fiel auch da - hinaus / GOttes finger habe ſich gezeiget / ich ſolte dem nicht entweichen. GOtt gab gnade / daß ich die natur uͤberwand / und zu folgen mich reſolvirte: auch wuͤrck - lich nach Straßburg mich begab. Als ich da war / ſo funden ſich einige conditi - ones bey angetragene ſtelle / welche meiner leibes conſtitution halben mir un - muglich zu ſeyn / ſo wol der præſes des kirchen convents erkante / als auch folg - lich die jenige ſelbſt / ſo das werck vorhin getrieben / auff dieſelbe remonſtration ſich zu ruhe begaben. Daß alſo die ſache zuruͤcke ging: Und zwar da auch ſchon et - was unter die leute gekommen war / ſo wol bey meinem abſchied aus Tuͤbingen / als in der ſtatt / deswegen auch einiger ſchimpff zu ſorgen war. Jch habe es aber als eine verſuchung angeſehen / da mein GOtt mich uͤben wollen / ob mir ſein wille ſo lieb ſeyn wuͤrde / um deſſelben willen meinen ſinn zu aͤndern: nachmahlen aber mich wiederum frey zu laſſen. Er hat zwar dennoch ferner mit mir geſpielet / daß er mich erſtlich zu einen ſolchen dienſt / wie ich haͤtte wuͤnſchen moͤgen nemlich der frey prædicatur beruffen laſſen / und mich / der ich mich in deſſen ſuͤſſe ruhe / weil kei - ne beſondere ſelen-ſorge dabey war / verliebet / nichts deſto weniger mich nach mahlen gegenwaͤrtige ſorgen-volle ſtelle geſetzt. Seiner heiligſten u. allweiſeſten guͤte ſey vor alle ſolche dero fuͤhrung demuͤthigſt danck geſagt / nicht nur die an mir erwieſene / ſondern die ich in dieſem werck an meiner vielgeliebteſten ſchweſter auch erwieſen zu ſeyn erkenne. Laßet uns untereinander ihn allezeit ehren / der uns fuͤhret wie die jugend. Er fuͤhre ſie ferner wunderlich / aber ſeliglich. 1674.
(10. Gelaſſenheit in goͤttlichen willen. Buͤch - lein D. Kortholts von den verfolgten Chriſten der erſten kirchen. Goͤttliche krafft zu ſolcher zeit. Gefahr der un - ſern. Roͤmiſches und ſtaͤtes Evangeliſches jubeljahr. Neujahrs wunſch. Kuͤnfftige hoffnung nahen fruͤhlings. Maria Juliana Baurin von Eiſe - neck.
JCh habe zum foͤrderſten zu bezeugen / mit was inniglicher vergnuͤgung gele - ſen / wie gelaſſen dieſelbe ſich in die regierung ihres GOttes gegeben / und nichts anders ihren zweck oder richt-ſchnur ſeyn laſſen / als dem gebenedey - teſten willen des himmliſchen Vaters ſich ohne außnahm auffzuopffern / und deß - wegen willig auch ihre eigene bereits gefaßte gedancken wiederum fahren zu laſ - ſen / ja auch anderer nach-reden nicht zu achten. Alſo hat unſer grundguͤtige GOTT auch vor dißmahl in ihr ſeinen zweck erreichet / durch die gnade / die er in ihr gewuͤrcket: So wird ſie zweiffels frey ſich in ihrem inwendigen herrlich ge - ſtaͤrcket finden / aus jetziger probe auch auff das kuͤnfftige in allen kampff geruͤſte - ter zugehen. Es wird auch der jenige maͤchtige GOtt / ſo bereits die neue beſorg - te ungelegenheit / wegen fuͤrchtender ungnade der herrſchafft gegen ihren geliebten Herren vater / kraͤfftig in anderwertiger leitung der gemuͤther abgewendet hat / mittel und wege wiſſen / woferne ſonſten noch in dem aͤuſſerlichen etwas daraus zu ſorgen waͤre / daſſelbige abzuwenden / oder auch zu ihrem nutzen außſchlagen zulaſ - ſen. Wie denn der welt hertzen ungleiche urtheil nicht nur mit freudigen gewiſſen verachtet werden moͤgen / ſondern auch ſchickets GOtt alſo / daß der von dieſen ent - ſtehenden ſchimpff ſeinen kindern eine rechte ehren-krohn vor ihn / ja auch vor ande - ren frommen hertzen werden muß. So geſchiehet durch ſeine weiſe regierung oͤf - ters / daß jene ſelbſt endlich ihre unbilligkeit erkennen / und ſich deren ſchaͤmen muͤſ - ſen. Jhm aber / der ſie bißher ſo kraͤfftig geſtaͤrcket hat / und deme einig und allein preiß gebuͤhret / ſey vor ſolche ihro auch dißmahl erwieſene himmliſche gnade und goͤttliche krafft inniglich danck und lob geſaget in zeit und ewigkeit. Der ſtaͤrcke uns noch alle ferner / und laſſe uns in ſeiner gnade wachſen zur maß des vollkomme - nen alters Chriſti / biß wir uns allerdings in uns ſelbſt verliehren / und nur in ihme noch finden.
Hierbey ſende nebſt 2. leich-predigten das laͤngſt verſprochene Tractætlein von den lieben verfolgten Chriſten der erſten kirchen / ſo vor weniger zeit fertig geworden: verſichert / es moͤge derſelben nicht unangenehm ſeyn / ein und ander -mahl97ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XVIII. mahl darinnen anzuſehen das bild unſerer lieben vorgaͤnger und der theuren ſtrei - ter und ſtreiterinnen unſeres obriſten der heiligen Heerſcharen / welche er zu noch ſchwereren kampff als er uns insgemein beruffet / gefuͤhret / aber ihnen alfo kraͤfftig bey geſtanden hat / daß ſie die ſiegs palmen und krohnen davon getragen / auch wol mitten in der marter den GOtt ihrer ſtaͤrcke / gegen die die feinde nichts vermoch - ten / geprieſen haben. Nun der Geiſt der in demſelben ſolches gewircket / iſt eben der jenige / ſo auch uns von dem Vater geſchencket iſt. Und wo wir das vertrau - en auff uns ſelbſt und die liebe der welt gaͤntzlich ablegen / ſo moͤgen wir gewiß ſeyn / er werde auch nicht mangelen / mit ſeiner krafft dermaſſen uns aus zuruͤſten / daß uns nichts zu ſchwer werden ſolle / ſondern / daß wir in allen / es ſeye verfolgung / angſt / truͤbſal / hunger / faͤhrligkeit / bloͤſſe / ſchwerdt / endlich weit uͤberwinden um - deßwillen / der uns geliebet hat. Hierzu laſſet uns unſere ſeele ſchicken: Vielleicht moͤchte es ſeyn / daß GOtt uns zu ſchwehreren proben fuͤhrete / als wir jetzo vorſehen; wie denn gegenwaͤrtige zeit wenig leibliche ruhe oder wohlſtand verſpricht; Son - dern das anſehen iſt / goͤttliche gerichte wollen aller orten einbrechen / zur ſtraff der ungehorſamen welt / und auch die ſeinen mit gewalt aus der gemeinſchafft der allge - meinen aͤrgernuͤß zu ziehen / wo es zu weilen nicht mit leiſen griffen hergehet / den Loth aus Sodom zu bringen. Der hoͤchſt verlangende friede ſtehet in ſehr weitem feld: Und ſolte er auch[erfolgen] / ſo wiſſen wir nicht / ob GOtt ſich nicht eben ſolches mittles zu ſchwehrer u. auff andere weiſe gefaͤhrlicher heimſuchung ſich gebrauchen moͤchte. Nun er iſt der HERR! Er mache es wie es ihm gefaͤllt: So iſt er auch Vater / und wirds alſo wol machen: Er gebe nur / daß wir allzeit ſeinen willen er - kennen. Zu Rom iſts nun andem / daß ſie ihr ſo genantes jubel-jahr anfangen / als ein gnaͤdiges und erlaß jahr. Wir wollen menſchen ihre menſchen-fuͤnde laſ - ſen / und nichts anders davon verſichern / als vielleicht neue raͤncke und anſchlaͤge ge - gen die bekenner der wahrheit. Dem Hoͤchſten aber ſeye danck geſaget / der uns hat erkennen laſſen / daß ſo wirs nur annehmen wollen / wir anitzo in dem Neuen Teſtament in einem ſtaͤten jubel - und erlaß-jahr leben / darinnen unſer wehrte - ſter Heyland uns taͤglich predigen laͤſſet / den gefangenen eine erledigung / den gebundenen eine oͤffnung / und die zubrochenen hertzen zu verbinden. Jeſa. 61 / 1. u. f. Er laſſe uns auch dieſes vorſtehende jahr ein ſolches zu ſeyn ſpuͤhren. Wie ich denn hiemit meiner allerliebſten ſchweſter / und allen denen / die ſamt ihr den HErrn lieben und fuͤrchten / nichts beſſeres zur neu-jahrs gabe von dem Vater alleꝛ guten und vollkommenen gaben zu wuͤnſchen weiß / hiemit aber imbruͤnſtig anwuͤn - ſche / alß das auch inſtehendes jahr deroſelben ſeye ein gnaͤdiges jahr des HERRN / in empfindung der reichen gnade unſers Heylandes JESU / in verbindung aller wunden des hertzens / durch den ſuͤſſeſten heiligſten troſt des heiligen Geiſtes / in taͤglichem zunehmen der freyheit / darinnen uns unſer liebſter bruder gefuͤhrt und geſetzt / durch ſtets wachſende erkaͤntnuͤß ſeiner theuren guͤter / und maͤchtiger zer -Nreiſ -98Das ſechſte Capitel. reiſſung aller noch uͤbriger ſo ſuͤnden-als welt-bande / die an uns noch hier den voll - kommenen genuß jener freyheit hindern / in ſteter freude uͤber die herrliche gnaden - zeit und inniglichen jubel-geſang zur danckbahrkeit vor die uͤberſchwengliche guͤte / die uns uͤberſchuͤttet: So denn endlich in beſitzung des jenigen / was von leiblichen ſegen der GOtt / ſo der ſeelen und des leibes GOtt zugleich iſt / noͤtig erachtet: ja daß dieſes gnaͤdige jahr ſich nicht in der enge einiger 12. monat einſchlieſſe / ſon - der waͤhre unauffhoͤrlich / biß der ausgang der zeit den eingang der ewigkeit zum unendlichen jubiliren oͤffenen. Er halten wir dieſes von GOtt / wie er der glaͤubigen gebet die gewiſſe erhoͤrung zugeſaget / ſo werden wir taͤglich danck zuſagen urſachen genug finden: Und moͤgen dem Papſt ſein guͤldenes jahr und von armer leute thor - heit ſamlende ſchaͤtze / ſo denn ſolchen ihre freude der vermeintlich empfangenden ablaß / gegen unſeren guͤtern nicht mißgoͤnnen: ſondern vielmehr ſehen wir dieſes mit betruͤbnuͤß und hertzlichem mitleiden / auch gebet / daß GOTT der blinden au - gen oͤffnen wolle / alſo an / daß wir unſerer wahren guͤter uns ſo viel hoͤher freuen. Solte aber GOtt der geſamten kirche eine ſonderbahre freude geben wollen / haͤt - ten wir nichts beſſers zuwuͤnſchen / als ob ſeine weißheit allgemach die zeit kommen wolte laſſen der erfuͤllung der jenigen dinge / die er noch zu troſt ſeiner glaͤubigen hat verheiſſen und auffzeichnen laſſen. Ach ſolte dieſes das jahr ſeyn / da GOtt wolte laſſen anfangen die jenigen fruͤhlings tage anbrechen / welche wir noch vor den letzten truͤbſalen und darauff folgenden neuen ſommer warten! Wir ſehen gleich wol ſo zu reden die baͤume / boͤſe und gute / auch wieder ausſchlagen: daß etwa die hoffnung nicht vergebens iſt / es ſeye ſolche liebe zeit nicht mehr ſo weit. Aber HERR dein wille geſchehe auch hierinnen zu der zeit und ſtunde / nicht wenn es uns ſondern dir gefaͤllt!
P. S.
Jhr Hochfuͤrſtl. Durchl. und gantz Hochfuͤrſtlichem hauß ſage ich unterthaͤnigſt danck des gnaͤdigſten andenckens: Der groſſe GOTT erfuͤlle auch dieſelbige mit nicht nur weltlichen hohen wohlergehen / ſondern vornehmlich ſeiner himmli - ſchen gnaden erfreulichſten genuß; in dem allein auch ewig hoch und groß werden / die da ſie auff der welt von GOtt uͤber andern erhaben ſind / deñoch in jenen guͤtern aller erſt die beſtaͤndigſte hoheit finden und genieſſen. Wo die Hochfuͤrſtliche Princeßin ſeye / entſinne mich nicht mehr recht. GOtt ſey allezeit und aller orten wo ſie iſt / umb ſie / uͤber ihr / und mit ſeiner gnaden wohnung in ihr.
2. P. S.
Als ich im ſchreiben deſſen war / ſo kam zu mir frau Maria Juliana Bau - rin von Eiſeneck / eine gottſelige witbe / wegen einiger chriſtlichen angelegenheit mit mir zu reden / alſo fuͤgte ſich / daß zu ſo vielmehr befriedigung ihrer ſeelen einigesaus99ARTIC. I. DISTINCT. I. SECT. XIX. aus meiner vielgeliebteſten ſchweſter ſchreiben fuͤr laß / ſo ſie hertzlich vergnuͤget / und verlanget / mit gleicher gelaſſenheit ſich ihrem GOtt auff zuopffern: Jch rich - tete alſo auch bey ihr den allgemeinen gruß aus / damit ſie etliche mahl alle die den HERRN JESUM hertzlich liebten / zu gruͤſſen auffgetragen. Ob ſie nun wol aus demuth meinte / allein unter der zahl der jenigen zu ſeyn / die erſt in ſolcher ihren mangel zuerkennen anfangen / als ſolche liebe in erforderten grad haͤtten / ſo begehrte ſie daß hinwiederum ihren hertzlichen wunſch und gebet bezeugen ſolte. Jch wuͤnſchte ihr meiner allerliebſten ſchweſter naͤhere kundſchafft / ſo ihr zu groſ - ſen troſt gereichte. Wie ich ihr gemuͤth zu ſeyn befinde / habe in einer dedication an ſie / ſo vor denen predigten von den verſuchungen ſtehet / oͤffentlich bezeuget: GOTT gebe ihr einen freudigen Geiſt / die ihr erwieſene himmliſche gnade ver - gnuͤglich zuerkennen / und wie ſie mit furcht und zittern in vielen kampff ihm dienet / auch mehrmahlen ſeine ſuͤſſe zu empfinden. Amen. M. Dec. 1674.
Die goͤttliche gerichte der kriege.
WJe es mir und andern guten hertzen / nach dem man ſich gern befleiſſen wolte / das jenige wuͤrcklich zuthun / was wir lehren / und gelehret werden / wird bey gelegte epiſtel zeugen. Jch erwarte des allgemach ſich ſamlen - den und dermaleins ausbrechenden wetters in chriſtlicher gelaſſenheit. Der HERR gebe gnade ſeinen willen allezeit zuerkennen / und folglich ihn mit thun und leyden hertzlich zupreiſen. Ach wie ſelig / dem HERRN in deſſen todt wir in der tauff eingepflantzet worden / in ſeinem ſterben aͤhnlich zu werden / daß wir auch moͤgen theil haben an ſeiner aufferſtehung und leben / ja an ſeiner herrligkeit / zu dero gemeinſchafft er uns beruffen / aber dieſelbe uns nicht anders / als wie er auch darein eingegangen / beſchieden hat. Das elend des kriegs / uͤber welches Ewre Wol Ehrwuͤrde klagt / dz es auch ihre liebe gegend ſo hart trucket / iſt nicht nur gantz Teutſchland allgemein / ſondern ſcheinet anderer orten / wo man endlich noch ſeine huͤttlein behaͤlt / ertraͤglich zu ſeyn gegen dem jammer deren dem Rhein benachbar - tem lande / wo uͤber andere verhoͤrung auch die flammen alles verzehren / nicht an - derſt / ob wolte GOtt die einwohner allerdings mit ſtumpff und ſtiel außrotten: und mit ſolchem feuer uns gleichſam ein vorſpiel weiſen / der ſchrecklichen letzten feuer-gerichten. Nun er iſt der HERR / er thue / was ihm wolgefaͤllt: Wir haben mehr als dieſes verdienet / er laſſe uns aber auch alles aus ſeiner hand mit de - muth und gehorſam annehmen / und zu ſolchem ende ſeinen guͤtigen heiligen rath in allem dem / was ſo erſchrecklich ſcheinet / erkennen / und uns demſelben unter - werffen: So werden wir gewiß finden / was auch in dem ſtuͤck dem aͤuſſerlichenN 2men -100Das ſechſte Capitel. menſchen abgehe / werde an dem wachsthum des innerlichen von tag zu tag erſetzet werden. O wie vielen nimmt GOtt den allzugroſſen laſt und buͤndel / mit wel - chem ſie ſich durch die enge pforte nicht durch dringen koͤnten / ab / und macht ſie da - mit fertiger daſelbſten einzugehen / wo ſie mehr finden / als thnen feuer und ſchwerd allhier haͤtte nehmen koͤnnen; Jſt alſo gewiß dieſes ihrer vielen / ja allen / welche ſolchen rath GOttes bey ſich kraͤfftig ſeyn laſſen / eine groſſe gutthat / woruͤber doch fleiſch und blut ſo ſehr ſich entſetzet: Er aber auch als ein weiſer GOtt und guͤtiger Vater unſere ſchwachheit anſehen / die verſuchung nicht zuſchwehr werden laſſen / ſondern ſo wol mit ſeiner gnade uns deſto mehr ſtaͤrcken / als ſie auch dermaſſen mil - dern und lindern wird / daß wir unter und zwiſchen dem zorn wolcken ſeine gnaden - blicke erkennen / ja er wolle nach ſeinem heiligen willen entweder uns bald wieder - um mit dem verlangten frieden erfreuen / und geben / daß wir ihn wieder mit froͤ - lichem hertzen und ruhigem gemuͤth dancken moͤgen / oder wo dieſes ſolten die anfan - gende wehe der letzten angedroheten gerichte ſeyn / ſo gebe er allen die ihn lieben / die darzu noͤthige krafft / und fuͤhre den Loth in ſein Zoar / ſeine liebe freunde in ihr Pellam; Jn ſumma er ſchaffe ſeinen willen / welcher niemalen anderſt als gut / hei - lig und nutzlich iſt. Und o wie wol / wo wir uns reſolviren / denſelben in allen din - gen zu lieben und zu loben!
A. Crameri ehrenſtand der kinder BOTTes. Vorzug des Evangelii / auch deſſen mißbrauch. Franck - furtiſche zuſtand. Mein hauß-collegium. Kinder - lehr und catechiſmus examina.
JCh kan nicht gnug mit wenig worten austrucken die hertzliche vergnuͤgung lehrbahr ich aus Ew. Wol Ehrw. freundlich an mich gethanen geſchoͤpffet habe. Wie ich denn billich den liebreichſten Vater alles guten demuͤtig danck ſage / daß er ſeines treuen dieners (Andreæ Crameri) den er laͤngſt zu ſeiner freu - de eingefuͤhret / vor der welt augen ſo ringfuͤgig ſcheinende arbeit auch dieſes mal wiederum kraͤfftigſt geſegnet / auch mir die freude wiederfahren hat laſſen / zu ſehen daß die wenige ſorge / ſo zu der wieder aufflage allhier vor etlichen jahren angewen - det / nicht vergebens geweſen ſeye. Und zwar hat mich ſolches ſo viel hertzlicher vergnuͤget / weil von ſolcher zeit an / des hieſigen trucks / ohne daß in Wirtenberg ſich einige from̃e gute hertzen gefunden / ſo ein belieben daran zu haben bezeuget / ſonſten faſt wenig gehoͤret / das ander orten viele ſolcher heiligen einfalt den rechten ge - ſchmack abgewonnen; Daß ich mich offts mahls wunderte / wie es komme / dasdie101ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XX. die rechte krafft des Evangelii nicht in der wuͤrde bey uns Evangeliſchen gehalten werde / wie es billich waͤre. Jedoch moͤgen auch andere gute gemuͤther / denen Crameri werther nahme eben unbekant / aus der Schrifft ſelbſten / und darinnen vornehmlich den theuren Paulo und Johanne / ſo dañ unſern vortreffuchen Luthe - ro und Arndio, oder auch dem lieben Statio, welcher aus Steph. Prætorio mit mit gutem bedacht das beſte / abgeſondert einiger in jenes ſchrifften be - findlichen ſchlacken / zu ſammen geſammlet / eben das jenige gefaßt / und ins hertz ge - trucket haben / was dieſer treuer lehrer ſo eyffrig und auff eine ſolche deutliche art / uns vorlegt / es bleibet freylich an dem; Das Evangelium muß es ſeyn / wel - ches Chriſto kinder zeuget: Dieſes wort der gnaden iſt die ſelige morgenroͤthe / ſchwanger von vortrefflichen thau. Und mag dem geſetz ſolche krafft nicht zuge - ſchrieben werden / als welches nicht lebendig machet Gal. 3. ſondern toͤdtet: Da - her Ew. Wol Ehrw. Chriſtlich und wol thun / daß ſie nach dem methodo ſolcher goͤttlichen und Evangeliſchen lehr ihr amt und predigten einrichten / wo zu GOtt auch von oben herab ſein kraͤfftiges gedeyen zu vieler frucht geben / ihr aber die freu - de goͤnnen wolle / ſolche anzuſehen / uñ ihme darvor hertzlich zu dancken. Er laſſe auch mehrere an allen orten erkennen des HERRN klarheit mit auffgedecktem angeſicht / um verklaͤhret zu werden in daſſelbe bilde von einer klarheit zu der andern / als von dem Geiſt des HErrn 2. Cor. 3. Damit alle welt ſei - ner himmliſchen erkaͤntnuͤß voll werde. Jch zweiffele auch nicht / Ew. Wol Ehr. werden ſelbs ihres orts nach der empfangenen gnade GOttes in ihrem amt dahin getrachtet haben / daß gleich wie den leuten die unaußſprechliche himmliſche ſchaͤ - tze des Evangelii und der geſchenckten ſeligkeit gewieſen / und vorgelegt / alſo nach - mal auch die wahre art des lebendigen glaubens / der ſie allein faſſen kan / der heili - gen Schrifft gemaͤß / nachtruͤcklich vor augen geſtellet werde / damit nicht die an ſich ſelos ſo edle und theure lehr von ſolcher ſeligkeit von verkehrten gemuͤthern zur ſicherheit ſchaͤndlich mißbraucht / oder dero boßheit kraͤfftig zu begegnen unter laſſen werde. Wie wir ſehen / wie fleißig der hocherleuchtete Apoſtel Paulus ſich be - muͤhet / ſich zuverwahren / das ſeine heylſame lehre von der gnade von ſichern her - tzen nicht auff muthwillen gezogen werde. Als ſonderlich Rom. 6. zuſehen iſt: und werde ich dieſer beyden fehler hin und wieder gewahr; auff der einen ſeite / daß die groſſ[e]vortrefflichkeit der gnaden ſchaͤtze von CHRJSTO erworben und in wo[r]t und Sacramenten angetragen / bereits auch wircklich in dem Sacrament der heiligen tauff geſchencket / von ſo wenigen erkant / auch wo wirs recht bekennen ſollen / nicht aller orten gnugſam den leuten erklaͤhret werden; auff der andern ſei - ten / daß wo nicht ihren falſchen einbildungen behutſam begegnet wird / ſolche theure gnaden lehr von ſichern gemuͤthen dahin gezogen wird / daß ſie meinen / ihre einbil - dung / die doch nichts von dem wahren glauben hat / bringe ihnen ſolche theure guͤ - ter / und mache ſie ihnen zu eigen. Aus dem erſten mangel entſtehet / daß die leuteN 3kei -102Das ſechſte Capitel. keinen rechtſchaffenen antrieb haben zu ihrem Chriſtenthum / deſſen guͤter ſie nie wahrhafftig eingeſehen / weswegen ſie auch dardurch nicht bewogen / noch die her - tzen von der liebe der welt abgezogen werden. Jndem unmuͤglich iſt / daß das hertz eines menſchen moͤge alſo ſtehen / daß es nicht auff etwas beruhete: wird ihm alſo nichts vortrefflichers oder wuͤrdigers gezeiget / ſo ruhet es auff den irdiſchen guͤtern / oder ſuchet vielmehr in denſelben ſeine ruhe / ob wohl veꝛgebens und mit ſtaͤter unꝛu - he. Wo ihm aber die rechte wahre guͤter / die keine andere ſind als jene ewige und himmliſche gnaden-ſchaͤtze / alſo recht vor augen gelegt werden / daß es die vortreff - lichkeit deroſelben recht verſtehen lernet: So laͤſſt ſichs nachmahl mit leichter muͤhe auff deroſelben beliebung und hingegen verlaſſung der andern / welche gegen die - ſes nichts zu ſeyn erhellen / leiten: Sonderlich wo ihm dabey ſein ungluͤckſeliger ſtand / in welchen es leer ſolcher guͤter iſt / nachtruͤcklich gewieſen wird. Aus dem andern fehler / wo wir nicht trachten / mit groſſer ſorgfalt den leuten zu zeigen / woran ſie ih - ren glauben kennen moͤgen / und denſelben von der ſo vielen ſicherheit recht unter - ſcheiden / ſo faͤllet der groſſe hauff dahin / wie Lutherus redet in der vorrede uͤber die epiſtel an die Roͤmer / wenn ſie das Evangelium hoͤren / machen ihnen aus eigen kraͤfften ein gedancken im hertzen / der ſpricht ich glaube / das halten ſie denn fuͤr einen rechten glauben. Aber wie es ein menſchlich gedicht und gedancken iſt / den des hertzengrund nimmer erfaͤhret / alſo thuo er auch nichts und folget keine beſſerung hernach. Man wird dergleichen offt mit betruͤbnuͤß in der erfahrung ſehen / wie ich ſelbs offt wahrgenommen habe / wie ſolche ſpinnen aus den alleredleſten blumen das ſchaͤdlichſte gifft ſaugen. Daher ich mir ernſtlich laſſe angelegen ſeyn / vermittels goͤttlicher gnade nebens den herrli - chen gnaden ſchaͤtzen des Evangelii / und was wir in Chriſto haben / (welche ſeligkeit den zuhoͤrern des mißbrauchs wegen nicht verborgen werden muß) auch ſo bald da - bey anzuzeigen / wie ſolche allein mit der glaubens hand moͤgen gefaſſet werden / und wie ohne dieſe nicht muͤglich ſeye / zu jenern wuͤrcklichen genuß zugelangen; ſo dann wie ſolcher glaube das hertz einnehme / erneure und aͤndere / damit ein gantz anders leben daraus entſtehe: Wie nicht muͤglich ſeye / daß in einem ſolchen hertzen der glaube wohnen koͤnte / welches ſich in die luͤſte dieſer welt und dero guͤter alſo verlie - be / daß es um derſelben willen ſeines Heylandes reglen zu wider lebte: Wie nicht muͤglich ſeye / daß der jenige das unſchuldige leben und leiden ſeines JEſu mit wah - rem glauben gefaſſet habe / der nicht auch auff dem wege / den er ihm vorgegangen / ihm nach zu folgen trachte: Wie nicht muͤglich ſeye / daß derjenige von grund der ſeelen glaube / daß er von den ſuͤnden und der welt dienſt erloͤſet ſeye / welcher denſel - ben ſo angelegenlich annoch dienet: und alſo insgeſamt / wie in CHriſto JEſu ein neue creatur und ein rechtſchaffen weſen ſeye. Daher treibe ich gern den hertz - lichen eiffer der wahren Gottſeligkeit / nicht eigenlich mit den bloſſen geboten oder trohen / ſondern erweißthum / wie ſolche aus dem ſeligmachenden glauben flieſſenmuͤſſe.103ARTIC. I. DIST. I. SECT. XX. muͤſſe. Hingegen eiffere ich gegen das gottloſe leben vornehmlich aus dem grunde / weil ſolches klahr zu erkennen gebe / daß kein glaube bey ſolchen leuten ſeye / und alſo die liebe ſchaͤtze des Evangelii wiederum von ihn entfernet ſeyen; auch ſie ſich / wo ſie in ſolchem unglauben bleiben / ihrer nicht zu getroͤſten / ſondern wegen deroſelben vor - trefflichkeit nur ein ſo viel ſchrecklichers gericht zu erwarten haben. Alſo zeige ich gern den zuhoͤrern / den ſchoͤnen garten GOttes / und die treffliche fruͤchten dariñen / zeige aber daß nur eine thuͤr in denſelbigen ſeye / und verzaͤune auff der andern ſeiten denſelben / daß nicht die ſchweine ungehindert hinnein lauffen / und denſelben um - wuͤhlen moͤgen. Und ſo mag alsdann ſolche lehr des Evangelii recht ihren nutzen haben / dazu ſie geordnet iſt / und hoͤren die veraͤchter goͤttlicher gnade allemahl / daß ſie dieſelbe nicht eher angehe / biß ſie mit wahrem glauben zu dem beſitz und genuͤß ihrer guͤter wiederum gelangen: damit ſie nach ſolchem auch eiffrig trachten moͤch - ten. Dieſes iſt durch GOttes gnade die jenige lehr art / dero ich mich befleiſſe / und von oben herab / was vor frucht darauff folgen moͤge / zu erwarten habe. Dann was Euer Wohl-Ehrw. klaget / mag ich auch wohl klagen / daß der frucht ſo viel noch nicht finde / als ich wuͤnſchen moͤchte. Doch iſt das werck des HErrn auch nicht gantz vergebens. Es ſcheinet aber / Eure Wohl-Ehrw. moͤgen einen beſſern concept von dem wuͤrcklichen zuſtand unſerer Franckfurtiſchen kirchen gefaſſet ha - ben / als er ſich in der that befindet. Jndem ob wohl durch den kraͤfftigen ſegen des Allerhoͤchſten ein guter anfang gemacht iſt / doch die ſaat allererſt in einiger bluͤt ſte - het / zur hoffnung einer ernde / die noch etwas ferner ſcheinet. Was die beſondere verſamlung allhier anlangt / hat es dieſe bewandnuͤß / daß zweymahl in der wochen / in meinem hauß einige deren zuhoͤrer / die ſich mehr und mehr zu erbauen beflieſſen ſind / zuſammen kommen; da wir nebens wiederhohlung meiner Sontags pre - digt / in der ordnung des neuen Teſtaments nacheinander fortleſen / bey jedem ver - ſicul / wo etwas zur erbauung dienliches / dergleichen bemercken; wie denn jeden zu - hoͤrer erlaubt iſt / was ſeine gedancken davon ſeyn moͤchten / vorzutragen / bericht zu begehren / oder wie er es zur erbauung nuͤtzlich achtete / einfaͤltig zu erinnern. Von hohen ſachen wird nichts tractiret / ſondern wir bleiben bey der einfalt / weil auch die zuhoͤrer ſelbs der ſubtilitaͤten nicht faͤhig geſchweige daß ich immer ſorge / das creutz Chriſti werde zu nicht / und unſer glaube beſtehe auff menſchen weißheit / und nicht auff GOttes krafft / wo wir uns der vernuͤnfftigen reden menſchlicher weißheit befleiſſen. Der profectus in ſolcher uͤbung mag etwa ſo groß noch nicht ſeyn / je - doch lebe der guten zuverſicht / GOtt werde es nicht gar ungeſegnet laſſen; weil wir in allen ſolchen ihn allein ſuchen / und trachten / daß ſein wort moͤge reichlich un - ter uns wohnen in aller (nicht menſchlicher / ſondern goͤttlicher) weißheit. Jch trachte auch mehr u. mehr / das wir nun die heilige Bibel mehr unter die leute brin - gen moͤgen / welche allen menſchlichen buͤchern ſo weit vorgehet als der himmel uͤber der erde iſt. Wir haben vor einiger zeit einen anfang gemacht / die etwas erwach -ſende104Das ſechſte Capitel. ſende jugend in der kinderlehr dahin zugewehnen / daß ſie ihre Bibeln mit ſich brin - gen / um was ſie aus dem Catechiſmo gelernet / in der goͤttlichen Schrifft gegruͤn - det zu ſehen / und damit zu ſo viel fleißiger nachleſung ihnen den weg zu bahnen. Jch habe auch mit dem angegangenen kirchenjahr angehoben / meine Bibel vor mich auff der cantzel zulegen / und je zu weilen einen denckwuͤrdigen ort / den ich anziehe / vor der gemeinde daraus zuleſen / (ſo zwar etwa wider die regulas oratorias / und zierlichkeit / ich hoffe aber nicht wieder die erbauung / iſt) ob ich moͤchte den zuhoͤrern eine anmuth machen / daß ſie auch in die predigt ihre Bibeln mit braͤchten (wie in Engelland uͤblich geweſt) und zu ſo viel mehrer auffmerckſamkeit darinnen nachſe - hen / auch das gezeigte zu hauß wieder vornehmen. Dabey bleibets / werden wir das pur lauter wort GOttes den leuten bekanter machen / ſo iſt der vortrefflichſte grund geleget. Jn uͤbrigen dergleichen uͤbungen der leſung der Schrifft und ver - ſam̃lung Gottſeliger gemuͤther und der direction eines predigers zu Gottſeliger unterredung / iſt nicht nur hie / ſondern bereits in einigen andern ſtaͤdten nicht ohne nutzen angefangen / und mag von jeglichem treuen hirten ſeines orts etwa mit we - niger ſchwehrigkeit angefangen werden / als ſich vor dem verſuchen anſehen lieſſe; Wo nehmlich ein prediger unter ſeiner gemeinde die jenige / welche er ohne das ſie - het / bereits mit mehrer begierde ihrem GOTT zu dienen / und weiterer erbauung begehrig zu ſeyn / ihme bekanter gemacht / offters als mit andern mit ihnen umge - het / und endlich ſich dazu bewegen laſſet / eine ſolche uͤbung mit ihnen und unter ſei - ner direction an zugehen. Ob auch anfangs die zahl gantz klein iſt / ſo iſts ſo viel beſſer / iſt aber kein zweiffel / daß ſolche wenige in nicht gar langer zeit durch goͤttli - chen ſegen alſo zunehmen werden / daß ſie in ihrem Chriſtenthum ſo viel erbauet werden / damit ſie folglich andern vorleuchten / und ſie zur nachfolge reitzen / daher die verſammlung allgemach ſtaͤrcker werden werden. Jn dem uͤbrigen gleich wie Eure Wohl-Ehrw. vor den hertzlichen mir und meinen amt gethanen wunſch ge - flieſſeſten danck ſage / und ihn vor eine theure wohlthat achte / alſo bitte bruͤderlich noch ferner mit ſolcher vorbitte fortzufahren / und verſpreche von meiner ſeiten glei - ches / auff daß wir alſo / die wir alle das werck des HErrn zu treiben geſetzet ſind / einander helffen kaͤmpffen / mit bitten und flehen in dem geiſt / und wachen mit allem anhalten und flehen / vor uns untereinander / und fuͤr alle heilige / auff daß uns die - nern gegeben werde das wort mit freudigen auffthun unſeres munds / daß wir moͤ - gen kund machen das geheimnuͤß des Evangelii / auff daß wir dariñen freudig han - deln moͤgen und reden wie ſichs gebuͤhret. Es iſt je dieſes der vornehmſte dienſt den wir uns untereinander leiſten / und damit die liebe untereinander / ſo denn weil alles ſolches zu der ehre GOttes und der kirchen auffnahm gemeinet iſt / ſelbs gegen Gott und die geſamte kirche uͤben moͤgen. Jm uͤbrigen ſchaͤtze mich gluͤcklich / bey ſolcher gelegenheit auch in Eure Wohl-Ehrw. einen treuen freund erlangt zuhaben / der mit mir einerley geſinnet ſeye / und mit dem etwa zu weilen einige angelegenheitauch105ARTIC. I. DISTINCT. I. SECTIO XXI. auch bruͤderlich zu uͤberlegen / das vertrauen nehmen darff: wie ich hingegen erbie - te in allem deme auch zu thun / wo zu Euer Wohl-Ehrw. mich zu ihrem verlangen tuͤchtig befinden wird. Unſere catechiſmus examina belangend / ſo haben wir zwar einige fragen / die vor etwa 8. jahren getruckt worden / wie ſie aber mich nicht contentiren / ſo halte vielweniger darvor / daß Euer Wohl-Ehrw. einige vergnuͤ - gung daran wird ſchoͤpffen koͤnnen. Vielleicht giebt GOTT gnade / daß in nicht langer zeit einige beſſere moͤgen an hand gebracht werden. Jndeſſen ſo halten wir die examina auff dieſe weiſe / daß ohne den eigen cathechiſmum Lutheri die ju - gend das wenigſte nicht auswenig zulernen angewieſen werde / ſondern die etwas erwachſene allen die fragen (auch wohl anderer catechiſmus erklaͤhrungen) zu hau - ſe leſen / und als denn werden ſie allein von dem verſtand der ſachen / ſo gehandelt werden / examiniret / daß ſie gemeiniglich mehr mit eignen worten ihre meynung er - klaͤhren / als concepta formalia her recitiren; indem uns um den verſtand / nicht die worte / zu thun iſt; Daher die fragen pro re nata geaͤndert / und bald ſo bald ſo eingerichtet werden / damit aber jene ſchon vorher moͤgen wiſſen / was etwa in der kinderlehr vorkommen ſolle / ſo pflege ich von unterſchiedlich jahren her / alle Sontag das exordium meiner predigt davon zunehmen / was nachmittag in dem examine vorkommen ſoll / und tractire es alſo / wie es nachmahl ſoll examiniret werden: finde auch das es durch GOttes gnade nicht ohne nutzen abgehet. Je - doch wuͤnſchete ich in vielen freyere haͤnde / nachdem es zur erbauung dienlich er - achtete / alles anzuordnen / daran aber vieles noch manglet / und GOTT befohlen werden muß / ob er zu einem und anderen / ſo jetzo noch nicht zu erlangen / kuͤnfftig hin beſſer gelegenheit zeigen wolte. Welches er auch aller orten gnaͤdiglichſt thue / und ſeinen nahmen immer weiter verherrlichet werden laſſe.
Von den beſondern verſammlungen.
JCh bedancke mich zum allerfoͤrderſten dienſtlich / wegen der genommenen muͤ - he und bruͤderlichen vertrauens / aus deme nach meiner bitte dieſelbe ihr wohl meinendes bedencken mir haben communiciren wollen. Jch habe nun - mehr etlich und 20 Chriſtlicher und der kirche nuͤtzlich dienender maͤnner bruͤderli - che und treue bedencken uͤber meine præfation empfangen: unter welchen mich auch das von Eure Wohl-Ehrw. hertzlich erfreuet / und bekraͤfftiget. Wolte GOtt / wir ſehen auch dieſe freude / daß was von vielen Chriſtlichen hertzen gebillichet / und nuͤtzlich erkant wird / auch an ein und ander orten in das werck gerichtet / und alſo ei - niger nutz geſchaffet wuͤrde / in deme ſonſten alle anſtellende conſultationes verge - bens ſind. Was Euer Wohl-Ehrw. bedencklich achten / wegen der verſamlun - gen / da die zuhoͤrer ihre dubia proponiren moͤchten / bin nicht in abrede / daß auchOnoch106Das ſechſte Capitel. noch zwey Theologi / deren der eine Profeſſor in einer benachbarten Univerſitaͤt denſelben vorſchlag / in bedacht gezogen / und geſorget haben / es moͤchte der kir - che einige unordnung daraus entſtehen / gleichwohl ſetzte der eine dabey / daß wo dergleichen eingefuͤhret waͤre / und von einem guten mann in ſeinen gewiſſen ſchraͤncken dirigirt wuͤrde / wolte ers ſo gar nicht unbillichen / daß ers auch lobete / a - ber je[g]lichen orts finde er nicht / daß es an zuſtellen waͤre. So bringen auch die von Euer Wohl-Ehrw. angefuͤhrte urſachen ſo viel zu wegen / daß freylich mit ſol - cher ſache behutſam und bedaͤchtlich zu verfahren / wo man den verlangten nutzen dardurch erhalten ſoll. Jedoch halte ich davor / daß alle dergleichen ſorgende un - ordnungen oder beſchimpffung der predigern wohl verhuͤtet werden koͤnne / wo die ſache alſo angeſtellet wuͤrde: daß wer dergleichen in gedancken hat / nicht ſo bald mit vielen die ſache anfange / ſondern wo er erſtlich eine zeitlang etliche gute gemuͤ - ther / die ſich das wort Gottes vor andern laſſen angelegen ſeyn / kennen lernen / und ſie zu fleißiger leſung der Schrifft angefriſchet / ſie aber wie gewiß geſchehen wird / finden werden / daß ſie nicht aller orten fortkommen koͤnnen / mag ſich alsdann dazu anerbieten / daß er ihnen hierinnen willig an hand gehen wolte / und ſie deswegen zu gewiſſen zeiten zu ſich kommen laſſen / un dergleichen uͤbung unter gantz wenigen gu - ten gemuͤthern anfangen. Wo gleich unter ihnen dieſes ausgemacht werden muͤ - ſte / daß ſie gantz nichts hohes / ſubtiles / fuͤrwuͤtziges ſuchen wolten / ſondern bloſſer ding bey der einfalt / und denen dingen / die ſie in nothwendiger ſtaͤrckung des glau - bens bekraͤfftigen und zur uͤbung der wahren Gottſeligkeit antreiben moͤchten / blei - ben. Was wegen dann alle fragen / die nicht dazu nuͤtzlich waͤren / ſo bald abge - ſchnitten werden ſolten. Wann ſolches einmahl lex congreſſuum iſt / ſo berufft man ſich darauff nachmahl allezeit. Jſt auch von den erſten / welche von guter Chriſtlicher intention zu ſeyn præſupponiret werden / dergleichen nicht zuvermu - then / daß ſie nicht entweder ſich dergleichen unnuͤtzlicher frag von ſelbs enthalten / oder ſo bald mit geſchehener abweiſung ſolten zu frieden ſeyn. Jch wolte auch die - ſes rathen; Wo zu erſt eine ſolche frag von jemand kaͤme / da man erkennete / daß es aus guter meinung geſchehe / entweder ſolche auch abzuleinen / und ſo bald zu weiſen / wie uns nichts zu erbauung aus deroſelben beantwortung zuhoffen / oder das erſte - mahl drauff zu antworten / mit dem vorbehalt / kuͤnfftig dergleichen nicht weiter zu - thun: Saͤhe man aber / daß es von einem ſuͤrwitzigen ingenio kaͤme / gar zur antwort ſich nicht zuverſtehen / ſondern wie unnuͤtz es waͤre / ſo bald zu weiſen. Auff keine dieſer weiſen / wann mit freundlichkeit den leuten begegnet wird / iſt einige ver - achtung zubeſorgen; ſonderlich weil die andere / ſo dabey ſind / wann je ein fuͤrwi - tziger etwas dergleichen moviret haͤtte / und nicht abgewieſen zu werden gemeinet / leicht auff die vorſtellung beyfall geben / und zufrieden ſeyn werden. Wann alſo erſtlich der grund unter etlichen beſten gemuͤther aus einer gemeinde geleget / und die ſache in ordnung gebracht / ſo moͤchten allgemach mehr und mehr andere / ſo auchver -107ARTIC. I. DISTINCT. I. SECTIO XXII. verlangen darnach haͤtten mit zu gezogen werden / die aber gleich ſich nach den erſten zurichten verbunden waͤren. Jedoch hat jeder ſeines orts zu ſehen / was nach denen jeder orten variiꝛenden umſtaͤnden bey ihm das vortraͤglichſte und erbaulichſte ſeyn mag. Der vorſchlag / die Bibel in die jugend in den ſchulen zu bringen / iſt auch vortrefflich / und billich von jeglichen ſo etwas darzu zu thun vermoͤgen / zu practi - ciren: Dann dabey bleibts / je reichlicher das wort GOttes / je mehrere und ge - wiſſere fruͤchten deſſelben ſind zu hoffen. 1675.
Wegen der in Schweinfurth angefangenen Chriſtlichen uͤbung und zuſammenkunfft. Auch von art des Franckfurtiſchen Collegii.
EUer Wohl-Ehrw. angenehmes ſchreiben iſt mir zu einer ſolchen bequemen zeit eingehaͤndiget worden / daß gleich wie es mich an und vor ſich ſelbs zu aller zeit wuͤrde erfreuet haben / es aus ſonderlicher ſchickung GOttes die ſtunde angetroffen / daß der grundguͤtige GOTT mich durch deſſelben einhaͤndigung in meiner damahligen ſorge und bekuͤmmernuͤß hat auffrichten und troͤſten wollen / welches auch dardurch nicht wenig geſchehen / da ich ſeiner goͤttlichen guͤte davor demuͤtigſten danck ſage / auch Euer Wohl-Ehrw. durch die ſolches geſchehn gleich - falls zu fleißigem danck / mich verbunden erkenne. Jch habe aber die allweiſe guͤ - te unſers getreuen GOttes in tieffſter demuth mit imbruͤnſtigen danck zu preiſen / daß ſolche unſere allhier von einigen jahren aus antrieb Gottſeliger gemuͤther / (wie ich dann vor mich ſelbs ſolches nicht / ſondern auff erſuchung angefangen) gepfloge - ne uͤbung in Goͤttlicher erkaͤntnuͤß und dero fruͤchten auch auſſer den gewoͤhn - lichen ordenlichen kirchen verſammlungen mit privat und bruͤderlicher unterre - dung ſich zu bekraͤfftigen dermaſſen gnaͤdigſt geſegnet / daß neben dem / wie ich hoffe / es aus ſeiner gnade auch hie bey denjenigen / die zuſammen kommen / nicht gantz oh - ne frucht wird abgegangen ſeyn / auch ſolches exempel in deroſelben Chriſtlichen ge - meinde einige GOttſelige hertzen zur nachfolge gereitzet / daß durch Eure Wohl - Ehrw. treuen dienſt denſelben zu einer gleichen erbaulichen uͤbung bißher gelegen - heit gemachet / auch dieſelbe bereits in das dritte jahr fruchtbahrlich fortgeſetzet iſt worden. So hertzlich wir uns / ja uͤber nichts hoͤher / zuerfreuen haben / wo wir ſehen / daß der eiffer zu goͤttlichen wort und deſſen betrachtung waͤchſet / weil ſolcher niemahlen ungeſegnet bleibet / ſondern allezeit reiche fruͤchten zu heiligung goͤttlichen nahmens / ſeines reichs befoͤrderung / und vollbringung ſeines heiligen willens ohn - fehlbarlich nach ſich ziehet / ſo hertzlich hat ſo wohl mich als andere den wachsthum des reichs Chriſti liebende freunde dieſe angenehme poſt erfreuet / daß da wir bißherO 2von108Das ſechſte Capitel. von niemand anderwertlich gewuſt / der dergleichen privat-uͤbung ins werck geſe - tzet / wir nunmehr vernehtuen / daß ſchon vor geraumer zeit in deſſelben geliebten ſtatt eine ſolche vor die hand genommen / und bißher nicht ohne verſpuͤrte frucht ſortgeſetzet worden: mit der Chriſtlichen hoffnung und bitte zu dem Allerhoͤchſten / daß er ihr heiliges vorhaben ferner gnaͤdiglich befoͤrdern und ſegnen / auch reichere fruͤchte daraus entſpringen laſſen wolle / als wir noch hie erlangt zu haben bey uns finden / ob wohl wir taͤglich nach ferneren in goͤttlicher furcht uns zubeſtreben / nicht nachlaſſen werden. Daß aber deroſelben Gottſeliges vorhaben und uͤbung biß - her nicht ohne laͤſterung und ungleiche urtheil geblieben / haben ſie ſich je nicht zu verwundern / ſondern / wuͤrde eher zu verwundern / ja daraus ob waͤre die fache nicht hertzlich zu GOttes ehre gemeint / zu ſorgen geweſen ſeyn / wo ſie unterblieben waͤ - ren. Chriſtus muſte / da er in dem fleiſch herum gieng / ſich ſelbs / ſein amt und ver - richtung / auffs gifftigſte laͤſtern laſſen / warum ſolte es dañ ſeinen gliedeꝛn und geiſt - lichen leib in den jenigen ſtuͤcken / wo ſie mit hertzlichem eiffer allein ſeine ehre zu ſu - chen zeigen / anders gehen / oder von ihnen anders erwartet werden? Wir wiſſen wie liſtig der teuffel / dabey aber allem wordurch GOttes ehre befoͤrdert wird / ſpinnen feind iſt / daher gleich wie er bey jeglichem werck gar leicht erkeñet / ob ſein reich dar - durch einigen abbruch leiden moͤchte / alſo widerſetzt er ſich ſo bald allem demjenigen vorhaben / welches er zu deme ihm ſo widrigen zweck angeſehen und erſprießlich zu ſeyn nach ſeiner ſcharffſinnigkeit erkennet. Und iſt ſonderlich zu bejammern daß er alsdann eine ſolche ſache verdaͤchtig und verhaſſt zu machen / ſich nicht nur ſeiner gewoͤhnlichen werckzeuge / Gottloſer und bekantlich nach der weltgeſinter leute ge - gebraucht / ſondern auch ſolchen leuten / die ſonſten guter intention ſind / ihrem GOtt zu dienen / nachſtellet / und ihnen eine ungleiche meinung davon bey zubrin - gen trachtet. Damit alſo wo jene / die ſich gantz von ihme regieren laſſen / offen - bahrlich das gute laͤſtern / und boͤſes davon reden / dieſe entweder aus leichtglau - bigkeit / von jener boͤſen urtheil ſich zu viel einnehmen laſſen / oder aus andern fleiſchlichen conſiderationen, ungnugſamen verdachte / eingebil - deter neuerung / forcht anderer gefaͤhrlichen conſequenzen / und was dergleichen paſſionen mehr ſeyn moͤgen / von guten dingen / die ſie niemahl recht gruͤndlich unterſucht und erkant / uͤbel urtheilen / und offters weil ſie ſonſten in guter exiſtima - tion ſind / mit ſolchem ungleichen judiciren, mehrſchaden thun / als jene gottloſe / dero urtheil bey niemanden / ſo nun etwas ſeinen GOTT liebet / viel geachtet wird. Und iſt kein zweiffel / daß der teuffel ſonderliche freude daran hat / wo alſo er auch zu ſeiner abſicht etwas gutes in verdacht zu bringen / die jenige ihnen un - wiſſend bewogen / welche ſonſten mit willen von ihme ſich nicht wuͤrden gern wollen mißbrauchen laſſen. Jn deſſen wo wir in einer ſache verſichert ſind / daß ſie an ſich ſelbſt chriſtlich und loͤblich / ſo dann die abſicht auch lauterlich zu GOttes ehren ge - richtet / muß uns nachmal kein ſolch widriges urtheil ſchrecken / vielmehr den eyfferzu109ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XXII. zu dem guten ſtaͤrcken / weil uns dieſes eine ehre iſt / um das gute verlaͤſtert zu werden / und darinnen ein ſtuͤck der ſchmach Chriſti zu tragen. Dabey wir vor die jenige hertz - lich beten wollen / die / es ſeye nun aus boßheit oder unwiſſenheit / uns zuwider ſeind / das ihnen GOTT die ſuͤnde vergeben / des wegen zu der erkaͤntnuͤß zum forder - ſten bringen wolte: So dann ſo viel vorſichtiger daß werck fuͤhren / daß der teuffel in an ſich guter ſache nichts finde / ſo er mit einigen fug oder ziemlichen ſchein ferner ſchelten / und laͤſtern koͤnte. Wohin auch goͤttlicher rath / daß er dem teuffel und der welt dergleichen zu laͤſſet / ohn zweiffentlich gehet / nemlich der ſeinigen hertzen mit ſo vielmehr eyffer anzuflammen / und zu verhindern / daß ſie nicht / wo ſie ohne allen widerſpruch waͤren / ſicher wuͤrden / und leicht in unvorſichtigkeit ob wol in gutem vorhaben fehlen wuͤrden. Hie hat es auch an dergleichen ungleichen urtheilen nicht ermanglet / ja auff die ſtunde ſind ſie nicht geſtillet / und haben noch vor wenig wochen einige ihr verlangen und hoffnung bezeuget / daß mir ſolche uͤbung moͤchte inhibiret werden. Jch habe mich aber / weil ich ſie auch leicht vorgeſehen / und al - ſo die reſolution in anteceſſum faſſen muͤſſen / wenig dran gekehret / aber die - ſen nutzen davon gehabt / daß ich mit andern meinen GOTT ſo viel hertzlicher an - ruffe / und auff mich acht gebe. Was meine Herrn Collegas anlangt / ſo ſind zu anfang ſelbs etliche zuweilen mit dazu gekommen / und damit ihren conſenſum gezeiget / ſo zwar bißher / wegen ſo viel habender laborum, von ziemlicher zeit faſt unter blieben / ohne daß zu zeiten einer ſich annoch einfindet. Es hat aber mit ge - nehmhaltung meiner præfation (davon nachmahls) das gantze Collegium ſich zu billichung eines ſolchen inſtituti verſtanden. Von den perſonen des hochloͤb - lichen Magiſtratus, weiß ich / das unterſchiedliche gantz ehrlich darvon halten / auch den ihrigen geſtatten / ſich dabey einzufinden. Es war auch ein gottſeliges mit - glied derſelben / ſo aber nun mehr ſelig verſtorben / der ſelbs zu mehrmahlen dieſelbe congreſſus beſuchet: Doch leugne nicht / daß auch unter denen / welche ad cla - vum reipublicæ ſitzen / etliche ſind / welche der ſache nicht guͤnſtig / und wo es bey ihnen ſtuͤnde / ſie gern hinderten. Was die Ew. Wol Ehrw. und dero privat-ver - ſammlung vorgeruͤckte beſchuldigungen anlangt / ſind ſolche ſo gar unerheblich / daß ſie auch bey den jenigen / welche etwas von GOttes furcht haben / nicht nur einigen ſchein finden werden. Dann was die aufflage der winckel-predigten betrifft / ſo wuͤrde ſolche beſchuldigung Chriſtum auch betroffen haben / welcher nicht nur in dem tempel und den ſchulen / ſondern in haͤuſſern / und wo es die gelegenheit gegeben hat / zum oͤfftern geprediget / und iſt ja GOttes wort nicht an zeit oder ſtaͤt - te gebunden / ſondern wo es reichlich unter uns wohnen ſoll / ſo muͤſſen damit nicht nur die kirchen / ſondern auch unſere privat-haͤuſer davon erfuͤllet werden. Ja wie moͤgen wir der pflicht unſers allgemeinen prieſterthums / krafft deſſen wir alle verkuͤndigen ſollen / die tugend des der uns beruffen hat von der finſter -O 3nuͤß110Das ſechſte Capitel. nuͤß zu ſeinem wunderbahren liecht 1. Petr. 2 / 9. gnug thun / wann alle hand - lung goͤttlichen worts auff das jenige allein gezogen werden ſoll / was der Pfarr - herr auff oͤffentlicher cantzel vortraͤget? Ach wie viel anders hat hievon die erſte kirche gehalten / und wo Chriſten zuſammen gekommen / zeiget / daß das einig - nothwendige auch ihre einige ſtaͤte ſorge / freude und vergnuͤgen ſeye. Was die verwerffende Juͤdiſche Sabbaterey anlanget / hat auch ſolche nicht nur einen ſchein / dann wo dieſes keine Juͤdiſche Sabbatherey iſt / wo ein frommer Chriſt auſſer dem offentlichen GOttes-dienſt / die uͤbrigen ſtunden ſeines lieben Sonntags zu gottſeligen betrachtung / leſung / gebet / geſang / anwendet / ſondern auch die jenige / welche die ernſtliche feyer des Sabbaths nicht eben vor geboten achten / auffs wenigſte dergleichen allen rathen / wie ſolle denn dieſes etwas Judiſches an ſich ha - ben / wo es in einer verſamlung von mehrern frommen Chriſten geſchiehet? Es bedarff aber nicht viel antwort weil die vorwuͤrffe von keiner wichtigkeit. Jn dem uͤbrigen die ſache ſelbs betreffend / daß dergleichen chriſtliche zuſammen kuͤnfften moͤchten angeſtellet werden / in denen auch andere gottſelige hertzen bey tractirung goͤttlichen worts moͤchten ihre gedancken und d ubia proponiren, ſo in den pre - digten nicht geſchehen mag / habe ich neulich in einer præfation oͤffentlich vorge - ſchlagen / und der der kirchen beſtens verſtaͤndigen Theologis zuweiterem nach - dencken vorgelegt. Davon bereits auch unterſchiedliche ihre bey pflichtung mich erfreulich haben wiſſen laſſen. Jch habe auch ſolche præfation, bevor ſie gedruckt worden / meine in gantzem collegio paſtorali vorgelegt / welche ſie gantz in unſeren wochentlichen conventu verleſen gehoͤret. Und ihren bruͤderlichen conſenſum bezeuget. Von ſolcher præfation ſende ich mit erſter gelegenheit / weil es durch die poſt nicht geſchehen kan / ein exemplar, und werde auch Ew. Wol Ehrw uͤber allerhand darinnen wichtige doch einfaͤltige vorſchlaͤge bruͤderliche und wolmei - nende gedancken und erinnerungen / darum ich freundlich bitte / erwarten. Wei - len auch E. Wohl Ehrw. uͤber die art / wie dieſelbe bißher ihr exercitium ange - ſtellet / meine wenige gedancken verlangen / ſo habe auch in dieſem ſchuldiger maſ - ſen folge leiſten ſollen / nicht der meinung / deroſelben oder ihren geliebten freunden in dem jenigen / was ſie bißher nutzlich befunden / etwas vor zu ſchreiben / ſondern meine einfaͤltig gutachten auß auffrichtigen hertzen zu communiciren, und mit der jenigen freyheit / als ſie ſelbs finden werden / das jenige draus zu belieben / ſo ſie nuͤtzlich erachten moͤchten / hingegen in andern dingen ſich nach dem jenigen zu rich - ten / wie ſie etwa ſelbs bißher die ſache anders ihnen dienlicher und nutzlicher befun - den haben; zu forderſt habe ich gern verſtanden / daß ſie die heilige Schrifft ſelbs als den brunnen / aus welchem / was gutes in andern buͤchern iſt / hat herflieſſen muͤſ - ſen / vor die hand genommen haben. Jch habe mich laͤnger auffgehalten in an - dern buͤchern / die ob wol erbaulich / dennoch der heiligen Schrifft nicht gleich zu achten ſeind. Daher es noch kein jahr / das wir angefangen / die Bibel mit ein -an -111ARTIC. I. DISTINCT. I. SECTIO XXII. ander zu leſen. Wuͤnſchte aber ſo bald anfangs ſolches gethan zu haben. Hin - gegen bin ich nicht in abrede / daß ich vor rathſam geachtet haͤtte / daß nicht das Alte Teſtament zuerſt wuͤrde tractiret / ſondern weil das Neue das jenige liecht iſt / aus welchem die dunckelheit des Alten erleuchtet werden muß / auch unſere Chri - ſten pflicht unvergleich heller u. nachtruͤcklicher in dem Neuen als Alten uns vor au - gen geleget wird / ſo achte vor rathſam / daß die lection des Neuen Teſtaments vorginge / nach dero folgendes das Alte ſo viel nutzlicher vor die hand wird genom - men werden koͤnnen welches ich nicht verachte / aber dem Neuen ſolchem weit nachſetze. So ſtuͤnde auch dahin / ob faſt nicht rathſammer waͤre / wo das Neue Teſtament beliebig ſeyn ſolte daß es bloß / ohne beygeſetzte erklaͤrung geleſen wuͤrde / Wir pflegen es ietzt alſo zu halten: Nach dem ich erſtlich eine gantze pe - ricopen eines capitels geleſen / um insgemein den verſtand und cohærenz einer hiſtorie / oder ſonſten eines gantzen paſſes / zu haben / ſo leſe ich wiederum den er - ſten verſicul, und ſage entweder alſobalden meine einfaͤltige gedancken daruͤber / ſo viel zu dem buchſtaͤblichen verſtand gehoͤret / oder frage ob jemand etwas bey dem - ſelben zuerinnern. Da dann die geuͤbtere unter den gegenwaͤrtigen ihre meinung / wo ihnen etwas beyfaͤlt / vorbringen / was ſie von dem verſtand ſolches verſes deuchte oder wozu ſie ſolchen zur lehre oder erbauung des lebens nutzlich erachte - ten / alles in groͤſſeſter einfalt. Wie dann ſo bald jemand curioſe und ſubtile, zu erbauung undienliche fragen vorbringen wolte / ſo werden ſolche ſo bald gleich abgeſchnitten / und gezeigt / wie wir davon nichts gebeſſert waͤren / von ſolcher ma - teri zureden. Wo nun andere ihre erinnerung gethan / oder ſo auch niemand nichts vorgebracht / ſo ſetze entweder ſelbs etwas von dem gebrauch des verſes dazu / oder bekraͤfftige das jenige / was vorgebracht worden. Alles ohne weiter geſuch und wie ſichs ſelbs giebet. Es geſchehen etwa auch einige paræneſes dazwiſchen / wo die pflichten unſers Chriſtenthums gehandelt werden / nach zu ſehen / wie weit wir noch davon ſeyen / oder ob wir an ſolcher uͤbung den anfang gemachthaͤtten: Wie hoch uns hieran gelegen: Wie wenig etwa dran gedacht werde. Sorgfaͤltig aber wird verhuͤtet / das man in unſerm congreſſu niemand anders urtheile / und etwa was in der ſtatt von andern geſchiehet / unter die cenſur nehme / welches das gefaͤhrlichſte ſeyn wuͤrde / ſo das gantze gute vorhaben verſtoͤrete: ſondern / wir ha - bens in ſolcher uͤbung allein mit uns ſelbs zuthun / ohne das insgemein gezeigt wird / wie jeglicher ſeine Chriſtliche liebe in ſanfftmuͤtiger zurechtbringung ſeines irrge - henden bruders moͤchte und muͤſte erweiſen. Damit auch getrachtet wird / ſon - derlich unter den jenigen / welche gewoͤhnlich zuſammen kommen / eine ſo viel genau - ere chriſtliche freundſchafft zu ſtifften / daß je einer aus hertzlicher liebe auch auff ſei - nen mit-bruder acht gebe / und wo er ihn in gefahr oder irrweg ſiehet / ihn freund - lich erinneren / und der andere ſolches aus liebreichen vertrauen herkommende auch bruͤderlich auffnehmen ſolle Welches auch in Ew. Wol Ehrw. exercitiozu -112Das ſechſte Capitel. zugeſchehen und getrieben zu werden nicht zweiffle / ſondern die meldende chriſtli - che unterredungen dahin gemeinet zu ſeyn erachte. Wie es denn freylich an de - ne / das alles unſer ſuchen und forſchen in der Schrifft nichts ſeyn wuͤrde / wo wir nur wolten das jenige ſuchen / daß wir die wahrheit wuͤſten / ohne begierde auch in derſelben zu wandeln / und alſo unſer gantzes leben nach dem exempel deſſen / der der weg / die wahrheit / und das leben ſelbſt iſt / anzuſtellen. Haben wir aber ſol - ches hertzliche vornehmen / und pflantzen in betrachtung und handlung der wahren lehre / ſo hievon in dem Neuen Teſtament enthalten iſt / dieſen guten ſamen in un - ſer und anderer hertzen / ſo ſind alsdañ die bruͤderliche erinnerungen / da jeglicher aus liebe neben ſich auch auff den andern acht gibt / und ihn zugleich zubeſſeren ſucht das nutzlichſte begieſſen. Auff welches auch der ſegen von oben herab nicht wird auſſen bleiben. Jch bin aber der gaͤntzlichen zuverſicht / daß alles dieſes ohne mich bereits gnug von E. Wol Ehrw. und dero freunden getrieben werde / und auff ſolchen zweck ihre gantze uͤbung gerichtet ſeye; Doch habe nicht unterlaſſen wol - len / auff freundliches anſinnen ſolche meine wenige gedancken mit zu uͤberſenden / und auffs wenigſte zuzeigen / das auff gleiches abſehen auch zwecke / ob ſie auch dar - durch ſo vielmehr geſtaͤrcket werden koͤnten. Wie ich von mir bekenne / daß ich al - lezeit auffs neue mich bekraͤfftigter fuͤhle / ſo offt von andern chriſtlichen bruͤdern de - roſelben conſenſum vernehme / in dingen worinnen ich einige erbauung geſuchet moͤchte haben. Wo mit dann ſchlieſſe und nochmahln den Vater alles guten von hertzen und inbruͤnſtig anruffe / daß er aller orten / und ſonderlich auch bey ihnen / in ihrer gottſeligen uͤbung ſeinen nahmen ferner geheiliget / ſein reich erweitert und feſter gegruͤndet / und ſeinen wuͤrdigſten willen kraͤfftig vollbracht wolle laſſen werden. Er gebe euch (Eph. 3.) krafft nach dem reichthum ſeiner herrligkeit / ſtarck zu werden durch ſeinen Geiſt an dem inwendigen menſchen / und Chriſtum zu wohnen durch den glauben in euren hertzen / und durch die liebe eingewurtzelt und gegruͤndet wer - den / auff daß ihr begreiffen moͤget mit allen heiligen / welches da ſeye die breite / und die laͤnge / und die tieffe / und die hoͤhe / auch erkennen / daß Chriſtum liebhaben viel beſſer iſt als alles wiſſen / auff daß ihr erfuͤllet werdet mit allerley GOttes fuͤlle. Dem aber / der uͤber ſchwenglich thun kan uͤber alles / das wir bitten oder verſtehen / nach der krafft / die da in uns wircket / dem ſeye ehr in der gemei - ne / die in Chriſto Jeſu iſt / zu aller zeit / von ewigkeit zu ewigkeit. A - men. 10. Aug. 1675.
Von praxi der piorum deſideriorum. Nicht erſt auff allgemeine anſtalten zu warten / ſondern in jegli - chen gemeinden anzuheben. Was von einem ge - neral-ſynodo aller Religionen zu - halten.
DAß Ew. Wohl Ehrenv. meine einfaͤltige / aber treu gemeinte / gedancken in der gemachten vorrede ihro belieben laſſen / erfreuet und bekraͤfftiget mich ſo vielmehr. Es wird ietzo dieſe vorrede beſonders in kleinem format getruckt / zuſamt eines chriſtlichen Theologi ſehr ſtattlich gemachten additio - nen und animadverſionen. Soll geliebtes GOtt in die meſſe heraus kom - men. GOTT laſſe nur auch einige frucht zur verlangter erbauung und beſſe - rung folgen. Dann wo nichts werckſtellig gemachet wird / ſo ſind alle conſul - tationes endlichen vergebens. Jedoch hoffe / es werden einige gottſelige Theo - logi ſeyn / die ihres orts nicht ermangeln werden / etwas davon in uͤbung zubrin - gen. Wie dann es auch lauter ſolche vorſchlaͤge ſind / die faſt von jeden The - ologo und prediger / auffs wenigſte gantzem miniſterio, ſeines orts etlicher maſſen werckſtellig gemacht werden moͤgen / und nicht noͤthig haben / daß erſt an - derwertliche hilffe dazu erwartet werde. Jn dem ich ſehe / daß wo man auff ſol - che warten will / ſo verſaͤumet man endlich alles / weil das jenige / worauff man wartet / doch nicht geſchicht. Daher fuͤr dißmahl faſt nichts mit unter miſchet ha - be / worinnen man des weltlichen und obrigkeitlichen ſtands und ſeines arms ſon - derlich benoͤtiget waͤre: ſondern lauter ſolche dinge / da es allein bedarff / daß ein treuer diener GOttes ſein amt fleißig thue / und anfangs etliche / allgemach aber andere mehrere / in ſeiner gemeinde gewinne. Und komme ich mehr und mehr auff die gedancken: Nach dem wir insgemein die Conſilia von dem mitteln / die zwar die kraͤfftigſte waͤren / daß nemlich alle drey ordines, ſonderlich aber die zwey obere / mit geſamter hand zuſammen ſetzten / und dem werck auß dem grund zu helf - fen ſuchten / auch die widerſetzliche damit in etwas zu zaͤhmen vermoͤchten / gantz fruchtloß abgehen ſehen / weil ſolche zuſammen ſetzung weder bißher erhalten wor - den / noch jetzo mehrere apparenz iſt / daß ſie zu nechſt folgen werde: Daß dann faſt am dienlichſten ſeyn wolle / wir unterlaſſen zwar auch jene conſilia nicht / ſon - dern treiben nach vermoͤgen / ob eine allgemeine oder doch eine merckliche zuſam - menſetzung der ordinum erhalten werden koͤnte / aber ſetzen gleichwol nicht alles biß dahinauß / ſondern / greiffen jeglicher ſeines orts die ſach auff die art an / wie wir bereits jetzt vermoͤgen. Das geſchiehet dann / wo jeglicher prediger bey ſeinerPge -114Das ſechſte Capitel. gemeine ſich das werck des HErren mit ernſt laͤſſet angelegen ſeyn: und zwar alſo / (als wo hin alle meine vorſchlaͤge mit abzwecken) daß er die allermeiſte muͤhe nehme an denen jenigen gliedern ſeiner gemeinde zu arbeiten / die er erkennet / daß ſie ohne das ſchon von GOtt den meiſten trieb und gute intention haben / ihrem Chriſtenthum / als dem einignothwendigen vor allem abzu warten / die vor an - dern / die ἔυϑετοι ſind zu dem reich GOttes Luc. 9 / 62. Mit denen gehe denn der prediger viel und offters um / ſuche ſie zu der Schrifft / und in derſelben immer tieffer hinein zu tringen / ſo wol in fleißigem privat-leſen / als wo ſichs thun laͤßt / derglei - chen conferenzen, davon ein vorſchlag gethan; er gebe ſo fleißig acht auff ſie / gleich ob waͤren ſie ihm allein anbefohlen / bemercke ob und wie ſie zu nehmen / ſon - derlich ob und wie ihr leben die f[r]uͤchten der erkaͤntnuͤß weiſe oder nicht: Er ſtiffte unter ſolchen leuten ſelbs eine heilige und vor andern genauere freundſchafft / daß ſie acht ieglicher auff ſich ſelbs und ſeine bruͤder haben / und unter ſich ihr prieſter - liches amt eyffrig zutreiben / eine weil ſich gewoͤhnen / da bin ich verſichert / daß durch GOttes ſegen / es nicht ſo lange anſtehen ſolle / daß nicht in einer gemeinde ein geſegnete außwahl bald ſich zeigen ſolte / von ſolchen / die rechte kern-Chriſten ſey - en / und mit welcher hilff nachmal der prediger vieles / ſo ſonſten ihm allein nicht muͤglich waͤre / außrichten moͤge. Jhr gut exempel / die unter ſich uͤbende bruͤder - liche liebe / und bezeugungen aller chriſtlichen pflichten gegen jederman / wird bald andere bewegen / ſich auch dazu zuſchicken / und hingegen die gantze ruchloſe / wo nicht beſſern / doch gantz ſchamroth machen. Und zu ſolchen allen beduͤrffen wir weder zwang noch viele weitlaͤufftige anſtalten / ſondern kan mit anruffung GOttes der - gleichen von jeglichen predigern geſchehen; Dabey aber die gewiſſe hoffnung ge - macht werden; Wo in unterſchiedlichen gemeinden dergleichen anzahl von wah - ren Chriſten werden geſamlet werden / ſo moͤge ſolches ein anfang ſeyn zu viel kraͤff - tiger reformation, dazu man jetzo noch nicht kommen kan. Jetzo manglets ge - meiniglich daran / daß weil der jenigen / die einem prediger anvertrauet ſind / alzu - viel ſind / mans bey dem allgemeinen bleiben laͤſſet. Da haben alsdenn die gute ge - muͤther keine gelegenheit zu zunehmen / ihr eyffer wird nicht excitirt, oder denſel - ben mit zulaͤnglichem beyſtand geholffen / daher er auch erkaltet / und gehet damit jeder wiederum den gewohnlichen weg / und gedencket nicht taͤglich zu zunehmen; es kennen chriſtliche gemuͤther ſich nicht ſelbs untereinander / und weißt alſo nie - mand faſt / von wem er erbauet werden / oder wo er erbauen koͤnte. Damit blei - bet alles ſtecken / und haben die auch ruchloſe keine rechtſchaffene exempel vor ſich / die ihnen in die augen leuchteten. Deme allem ziemlich gerathen waͤre / wo ſich ein prediger auff dieſe weiſe zu der ſach anſchickte / nachmal erwartende anderer kraͤff - tiger mittel / damit folgens weiter durch getrungen / und die in dem weg gelegene hindernuͤſſen der widerſetzlichen uͤberwunden werden moͤgten. Woran es GOtt /[wo]wir jetzo bereits ſeiner gnade uns ſo gebrauchen als uns gegeben iſt / nicht wirder -115ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECT. XXIII. ermanglen laſſen. So ſollen wir dennoch mit hertzlichem anruffen GOttes einen muth faſſen / und dem fuͤrſten dieſer welt mit einem ſtrategemate eines abgewin - nen / daß da er meinet / ſein reich ſicher gnug zu behalten / in dem er an hohen orten durch ſeine hoff - und regiments teuffel die allgemeine verſaſſungen und conſilia hindert / und ſich vor dem uͤbrigen wenig befahrt / er endlich ſehe / daß man auff an - dere weiſe ihm nachtruͤcklich eingebrochen / und ein loch in ſeine ſeſtung gemacht. E. Wol Chrnv. hertzlichen eyffer lobe und liebe ich hertzlich: wuͤnſche auch von dem aller Hoͤchſten nachtruͤcklichen ſucceß. Kan auch nicht unbillichen / wo E. Wol - Chrnv. auff den Creiß - oder Reichs-tag deswegen etwas anſuchung thun wolte. Jch bekenne aber dabey offenhertzig / daß ich noch wenig hoffnung ſehe einer guten folgenden frucht: Auch mich entſinne / daß groſſen theils / wo GOtt ſeiner kirchen hat helffen laſſen / ſolches nicht geſchehen ſeye durch vor der welt anſehnliche mittel / und mit-wuͤrckung der groſſen in der welt: Sondern gemeiniglich geſchahe es durch geringe anfaͤnge / da man dergleichen viele gute fruͤchte nicht hoffen koͤnte / biß endlich GOtt die hand derer mit dazu kommen hat laſſen / die er zu ſeines reichs amtleuten gemacht. Jedoch ſind die wege des HErrn wunderbahr / und uns un - erforſchlich / und jetzt braucht er dieſe / ein andermahl ein ander art. Daher man allerley verſuchungen / und endlich dem HErren die ſache befehlen mag / welchen weg er zu ſeinen ehren ſegnen wolle. Was einen General-ſynodum von allen 3. Religionen anlangt / ſorge ich / daß bey dem werck unuͤberwindliche difficulteten ſeyen. Dann 1. von Paͤpſtiſcher ſeite nimmermehr darin mag gehellet werden / weil ohne des Papſts conſens etwas dergleichen nur in die gedancken zufaſſen / bey ihnen das groͤſte crimen læſæ majeſtatis pontificiæ waͤre. Von dem Papſt aber iſt eine ſolche permiſſion nicht nur zu hoffen / man gebe ihm dann / daß er das præſidium und directorium ea autoritate fuͤhre / welches er in allen nur etlicher maſſen auff das geiſtliche reflectirenden ſachen prætendiret. 2. So iſt ein groſſes ſtuͤck der vor augen ſchwebenden greuel eine ſache / ſo noch zu dem fermento pontificio gehoͤret / und haben die meiſte mißbraͤuche aus dem Papſtum den urſprung genommen: Daß viele darunter ſeind / ſo ein Papiſt be - haupten / uns zu trutz verfechten / oder doch entſchuldigen wird. 3. So gibt es auch die ratio ſtatus Pontificii nicht zu / daß ſie helffe die aͤrgernuͤß unter den Ke - tzern abzuſchaffen / und nur das wenigſte darzu zu helffen: Dann je uͤbler es in unſern kirchen hergehe / ſo viel mehreren vorwurff haben ſie wider uns / und wol - len alſo nicht gern / daß ihnen etwas ihres obwol eitlen und falſch angemaßten ruhms / daß ſie allein ſeyen / bey denen die gottſeligkeit gefoͤrdert / und auff die heilig - keit getrieben werde / entgehe. Ziemlicher aber waͤre es mit einen ſynodo or - thodoxorum, dadurch vielleicht viel gutes moͤchte geſtifftet werden. Utinam vel hanc ſperare his temporibus liceret! Nun GOTT wird helffen auffP 2art116Das ſechſte Capitel. art und weiſe / wie ers zu ſeinen ehren dienlich befindet. Deſſen heiliger hut und ſegen reicher gnade empfehlende verbleibe u. ſ.w. 1675.
Von unterſchiedlichen materien: Von Catechiſ - mo. Ob Chriſtus eine fehl-bitte gethan. Klagen uͤber unere zeiten. Academiſche ſtudia machen nicht alles aus. Arnd.
GLeich wie aus dem erſten deſſen ſchreiben mit ſonderlicher hertzens vergnuͤ - gung die gnade GOttes in Ew. Wol Ehrw. geleget und die frucht derſel - ben / einen hertzlichen eyffer zu dero genuß und erkaͤntnuͤß auch alle andere zu bringen / erkant habe / und mich eines ſolchen neuen freundes erfreuet: alſo bin viel - mehr aus dieſem jetzigen in voriger freud geſtaͤrcket worden / und habe ferner er - kant / wie E. Wohl Ehrw. mit gottſeligem fleiß ihro laſſe angelegen ſeyn / die gruͤn - de unſers catechiſmi tieffer als insgemein von vielen geſchiehet zu unterſuchen / wie auch aus deroſelben bruͤderlichen vorſchlagen unterſchiedliche anweiſung gefaſſet; dero mich nuͤtzlich gebrauchen werde. Meine wenige arbeit uͤber den catechi - ſmum belangende / habe vor deme niemahlen daran gedacht dergleichen zu publici - ren / ob wol bereits von unterſchiedlichen jahren alle ſontags loco exordii das jeni - ge aus dem catechiſmo tractire / was nachmittag in der kinder-lehr vorkom - men ſolle: Es haben aber andere gute freunde bißher getrieben / daß ich mit Gott den entſchluß gefaſſet / deroſelben gut achten platz zu geben. Verhoffe auch / wo GOtt leben und geſundheit giebet / auff kuͤnfftige herbſt-meß ſolches in dem truck fertig zu haben. Von der liebe unſer ſelbs / habe bißher allezeit in meinen catechismus-exordiis nach meinem vermoͤgen zu handlen gepfleget / ſo wol von der unordentlichen ſelbs-liebe / bey dem erſten gebot / (als das ich ſolche vor die vor - nemſte abgoͤtterey und der meiſten ſuͤnden hauptquelle achte / dero die verleugnung ſein ſelbs entgegen ſtehet / und den menſchen zur uͤbung des erſten gebotes wiederum tuͤchtig machet) als von der rechten ordentlichen und GOtt gefaͤlligen ſelbs-liebe / auff welche alle verheiſſungen und troͤſtungen ihre reflexion haben / bey der all - gemeinen tractirung der zweyten taffel des geſetzes / nicht weniger bey dem 5ten ge - bot / aus gelegenheit des ſelbs-mords. Daher auch an ſolchen ſtellen in dieſen fragen die materi vorkommen ſolle / und durch GOttes gnade trachten werde / daß die ſache nachtruͤcklich und einfaͤltig vorgetragen werde. Alſo was die er - innerung wegen der glaubens-articul / daß in denſelben allezeit das fundament des troſtes und nutzens aus jedem ſtuͤck / ſo dann die daraus folgende glaubens -frucht117ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XXIV. frucht erwehnet werde / iſt ſolche ſehr wohl gethan / wird auch von mir mit verlei - hung goͤttlicher gnade beobachtet werden / wie zwar bißher ſchon gepfleget / bey handlung der articul in den exordiis dergleichen meinen zuhoͤrern vorzulegen. Was aber die zehen gebot anlanget / und die benennung in jeglichen geboten der goͤttlichen eigenſchafften / aus denen dieſelbe flieſſen / bekenne ich gern / das damit nichti getraue zu recht zukommen. Jn dem erſten gebot liget die ſache vor au - gen / und weil wir es darinnen unmittelbar mit GOTT zuthun haben / ſo ſind freylich ſolche goͤttliche eigenſchafften das fundament unſerer ſeligkeit. Jn den uͤbrigen geboten / halte ich es mit unſrem S. Luthero / der allen folgenden geboten ins gemein ein einiges fundament giebt / die furcht und liebe GOTTes / und alſo durch dieſelbe die geſamte goͤttliche eigenſchafften auff welche alle die furcht und lie - be GOTTes ſiehet. Alſo daß die bewegende urſachen des gehorſams in allen geboten ſeye / weil ich den heiligſten / hoͤchſten / allmaͤchtigſten / gerechten / allwiſ - ſenden / allgegenwaͤrtigen GOTT und HERREN fuͤrehte / und ihn auch als das beſte / liebreichſte / gnaͤdigſte / und wuͤrdigſte gut liebe / dahero mich verbunden erkenne / auch gantz willich bin / ſeinen weiſeſten und heiligſten willen / in allem dem / worinnen er gehorſam von mir erfordert / gantz und gar nach zugeleben / und alſo bereits um ſeines willens wegen vor das beſte zuhalten / was er mir vorgeſchrieben. Nechſt dieſem allgemeinen fundament, ſo in allen geboten gleich iſt / ſo ſiehe zwar / das einige gebote etwas mehrere reflexion auff gewiſſe eigenſchafften haben / ich kan aber ſolches nicht von allen ſagen / und deuchtet mich faſt / daß die weißheit / ge - rechtigkeit und guͤtigkeit GOTTes der ſonderbare grund ſind / auff deme alle ge - bot der zweyten taffel beruhen; alle drey / ſo fern insgemein denſelben das jenige / was in ſolchen geboten befohlen wird / gemaͤß iſt / die zwey letzten aber auch / abſon - derlich ſo fern wir in jeglichem ſolchen gebot der gerechtigkeit und guͤtigkeit aͤhnlich werden muͤſſen / in gerechtigkeit und guͤtigkeit gegen den menſchen. Weiter ver - mag ich in ſolcher ſache nicht zu kommen / ob wol einer beſſeren und tieffer fuͤhren - den anleitung meiner ſeits gern folgen / und ſolche annehmen wolte. So iſt mir auch allerdings nichts von Schrifften bekant / wo ich entweder ſolche antreffen oder guten freunden deswegen eroͤffnung thun koͤnte. Was die vorgelegte frag an - langet / ob Chriſtus eine fehlbitto gethan: bin ich gantz Ewer Wohl Ehrw. meinung / hoffe auch was die ſache betrifft / daß nach fleißiger erwegung die jenige lehrer / ſo das gegentheil zu behaupten ſcheinen / mit uns gern eines ſinnes ſeyn wer - den / wie ich aber anderer leuthe rede ſo lang es muͤglich iſt / gern auff das beſte aus - lege / alſo / meinte ich / lieſſen ſich ſolcher Chriſtlichen lehrer worte / Chriſtus habe eine fehlbitte gethan / auff dieſe gute art erklaͤren und verſtehen / wie in der Schrifft offt einige dinge ausgeſprochen werden / nach dem es bey den leuthen ein anſehen und ſchein hat / und von dieſem davor gehalten werden moͤchte. Wie hin und wie - der von Philologis bemercket wird / als Glaſſ. Phil. ſacr. 3. 3. can. 18. AlſoP 3moͤch -118Das ſechſte Capitel. moͤchte es heiſſen / Chriſtus habe eine fehlbitte gethan / das iſt es ſeye ihm von GOtt ſeinen himmliſchen Vater alſo begegnet worden / daß es nicht anders das anſehen gehabt / als waͤre es eine fehlbitte geweſen. Wie wir auch etwa ſagen / wo jemand in goͤttlicher ordnung / und alſo mit ausnahm goͤttlichen willens / in zeitlichen etwas gebeten / ſolches aber weil es GOTT ihm nicht nuͤtzlich zu ſeyn erkant haͤtte / nicht erfolget iſt / er habe eine fehlbitte gethan / weil es vor andern augen das anſehen einer fehlbitte hat / ob es wohl an und vor ſich ſelbs keine eigentliche fehlbitt iſt / als welcher die ſach nicht anders als ſo und wie fern es goͤttlichem willen gemaͤß waͤre / verlan - get hat / und deswegen / da dieſe bedingung weggehet / ſelbs nicht weiter mehr auff ſeiner bitte wuͤrde beharret haben. Auff dieſe art und mit ſol - cher erklaͤhrung mag die gebrauchte rede wohl verſtanden werden; Da - her auch ſolchen verſtand bey angezogenen Theologis geweſen zu ſeyn das ver - trauen habe. Jedoch wolte der formul ohne gnugſamen erklaͤhrung / da - mit ſich andere nicht daran ſtieſſen / nicht gern gebrauchen. Wie ich aber alle - zeit der meinung bin / wo ſich bruͤder an eine art zu reden ſtoſſen / und gleichwohl ſolches auff andere art ohne anſtoß ausgeſprochen werden kan / daß man ſich / wo nicht eine andere wichtige urſach im weg ſtehet / derſelben ſo bald lieber enthalten und andere gleich nachtruͤckliche und unanſtoͤßige gebrauchen ſolle. Jn dem uͤbri - gen die meiſten klagen / welche Euer Wohl-Ehrw. fuͤhren / moͤgen dieſelbe verſichert ſeyn / daß ſieauch allen uͤbrigen treuen dienern GOttes gemein ſind. Die Cæſa - ropapia trucket uns aller orten gewaltig / und wie wir zwar GOttes heiligen rath hierinnen auch ehren / daß er bey gegenwaͤrtigen bewandnuͤß unſeres geiſtlichen ſtandes mit (da wir meiſtens der kirchen gewalt vielmehr zu unſerem eignen gefal - len / u. nach unſeren affecten / und dahero miß-als zu Gottes ehren und recht gebrau - chen moͤchten) ſolche gewalt uns nicht frey gelaſſen / die ſonſten zu dem amt gehoͤren ſolte; ſo fuͤhlen doch treue diener des Herren von ſolchem mangel viel ſchwehre hindernuͤß / und muͤſſen in vielen zuruͤck ſtehen / wo ſie durch zutringen wuͤnſchten. Dahero nicht leugne / daß ich an meiſten orten den zuſtand der kirchen / wo dieſelbe unter anderer religion Obrigkeit / dieſe aber nicht gar tyranniſch iſt / vor gluͤcklicher achte / als der jenigen / die ihres glaubens Obrigkeit haben / ſo aber der gemeinen art nach mit dem abuſu Juris Epiſcopalis mehr ihre hoheit befeſtiget / als der kir - chen beſtens befoͤrdert. Woher es kommt / daß ich davor achte / unſere meiſte arbeit in der kiꝛchen beſtehe jetzt faſt allein in deme / wie wir mit den willigen umzugehen / und denen die ſich gern wollen erbauen laſſen / gelegenheit dazu zugeben haben: bey den halßſtarrigen aber / wo eine gewalt und nachtruck erfordert wird / vermoͤgen wir wenig auszurichten: ſo ſind auch die geheimere verfolgungen / daß wir auch von denen / die doch unſere ſchafe zu ſeyn den nahmen und anſehen haben wollen / muͤſ - ſen verachtung heimlich oder offentlichen haß / laͤſterung und dergleichen ausſtehen /aller119ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XXIV. aller orten ſo gemein / daß ich es vor eine boͤſe zeitung halte / wo ſich einer davon frey zu ſeyn ruͤhmen wolte: indem ich ſorgen muͤſſte / die welt muͤſſte an ihme das ihrige zimlich erkennen / weil ſie ihn liebte. Alſo iſt auch nicht Eure Wohl-Ehrw. allein / welche uͤber den mangel guter und in dem zweck des HErrn vertrauter freun - de klagen. Hat der grundguͤtige GOTT etwa einigem ein oder anderen treuen bruder naͤher zugefuͤget / ſo iſt es eine ſeltenere gluͤckſeligkeit und ſonderbahre gna - de. Auch halte davor / daß einer der noͤthigſte ſtuͤcke ſeye / wohin in meinen piis deſi - deriis auch N. N. in ſeinen bedencken ziehlet / daß wir uns erſtlich erkundigen wo hier und dar andere gute und in dem HERREN gleich geſinnete gemuͤther ſeyen / uns untereinander kennen zu lernen / um ſo viel genauer und bruͤderlichere freund - ſchafft unter uns zu ſtifften / u. wie mit gebet alſo mit rath und that einer dem andern behuͤlfflich zu ſeyn / und kaͤmpffen zu helffen. Wie mich denn von grund meiner ſee - len freuet / wo ich hin und wieder bald dieſes bald jenes treuen dieners CHriſti kundſchafft erlange / und allemahl dem groſſen GOTT vor ſeine gnade danckſage: allen ſolchen aber mich ſonderbarſt verbunden zu ſeyn erachte. Dieſes einige bit - te / daß Euer Wohl-Ehrw. nicht unter die jenige dinge ſetzen wolle / ſo ſie zu beklagen haͤtten daß dieſelbe vermeinen / in ihren beſten jahren verſaͤumet worden zu ſeyn / o - der die bey hoff in information-dienſten ſo lange zu bringen muͤſſen / und alſo den academicis ſtudiis nicht ſo lange abzuwarten vermocht. Jn dem ich darvor hal - te / wo dieſelbe auch ſolche leitung ihres Gottes gnauer unterſuchen werden / ſie an - treffen moͤge / daß eine heilige weißheit und liebe ſolches himmliſchen Vaters dar - innen geſtecket. Wir bedoͤrffen der Academien, und haben GOTT hertzlich zu dancken / daß er dieſelbe uns zu erhaltung dir orthodoxiæ, und daß allezeit leute / die kriege des HErren wider die euſſerlichen feinde zufuͤhren in denſelben erzogen und ausgeruͤſtet werden / ſchuͤtzen / und nicht zufallen laſſen wolle. Bekenne auch gern / was in unterſchiedlichen ſtuͤcken in den 12. jahren und druͤber / ſo ich in Acade - mien zubracht / durch GOttes gnade erlernet. Aber weiß auch dieſes wohl / daß in Academien auffs wenigſte was darinnen aus information der præ - ceptorum (dann was die privat-meditationes anlanget / haben dieſelbe eben ſo wohl platz auſſer den Academien) erlernet wird / nicht alles ſeye / noch allezeit das nothwendigſte / was wir bedoͤrffen. Und daß hingegen offt viele zeit verbracht werde in dergleichẽ dingen / welche uns zu dem hauptzweck nicht ſo wohl geſchickt als wegen anhaͤngenden mißbraͤuchen nur ungeſchickter machen / daß ein mit dergleichen con - ceptibus, die der ſimplicitati piſcatoriæ der GOttes maͤnner nicht gemaͤß ſind / angefuͤllter verſtand / ſich nachmahl in jene einfalt nicht ſo wohl finden kan. Unſer ſelige Arnd iſt ſo gar lange zeit nicht auff univerſitaͤten geweſen / (ſo ihm zwar auch von einigen uͤbel genommen / und als eine urſach ſeiner irrthuͤme angezogen worden) ich halte ihn aber nichts deſto weniger vor einen der theurſten lehrer / und meine / er habe mehr gutes gethan als der andern eine ziemliche zahl zuſammen. GOttfuͤhret120Das ſechſte Capitel. fuͤhret alle die ſeinige wunderlich und weißlich / das wolle Euer Wohl-Ehrw. er - kennen / in allem auch an ſich geſchehen zu ſeyn / und GOttes heiligſte leitung allezeit danckbarlich preiſen. 5. Maj. 1676.
Als ein guter freund in Franckfurth etwas aus - geben wolte / das verdacht irriger lehre erwecken koͤnte. Von der dolmetſchung Lutheri. Verhe iſſungen der alten im Alten Teſtament. Rechtfertigung. Treue warnung / nicht durch falſche lehre oder dero ſchein dem werck des HErren anſtoß zu ſetzen. Der daraus entſtehende ſchade.
MJe hertzlich ich diejenige von dem geber alles guten in denſelben gelegte theure gaben / erkantnuͤß und eiffer æſtimire und liebe / auch nichts mehr verlangen trage / als daß dieſelbe reichen nutzen zu GOttes preiß und vieler menſchen aufferbauung bringen moͤgen / hoffe ich / werde es nicht vieles bezeugens bedoͤrffen / noch noth ſeyn / hier gegen denſelben ſelbs viele wort darvon zu machen. So vielmehr aber liget mir ob / gleich wie / wo ich gelegenheit zu fruchtbarer anwen - dung ſolcheꝛ goͤttlichen gaben zu finden ſehe / dieſelbe willig zu befoͤrdeꝛn / alſo hingegẽ / wo beſorgen muß / daß etwas an kraͤfftiger fruchtbringung derſelben ſchaͤdlich oder hinderlich ſeyn moͤchte / davor mit helffen ſorge zu tragen / und deßwegen aus ſchul - diger liebe freundliche erinnerung zu thun. Hiezu giebet mir gelegenheit / die auff meine bitte neulich gethane freundliche communication zweyer capitel des lieben von der aus der Schrifft gezogenen ſchuldigkeit des Chriſten lebens. Jn wel - chem mit hertzlichen vergnuͤgen vieles geleſen / ſo mich nicht wenig vergnuͤget und erfreut / aber auch etliches angetroffen habe / von deme ſorgen muß / daß deſſen pu - blication an ſtatt verhofften nutzens vielleicht ohne ſchaden und hinderung der / ſelbs zum zweck ſich vorgeſetzten / erbauung des Chriſtenthums nach ſich ziehen moͤchte; welchem denn ſo wohl ſelbs dieſe zeit uͤber in der furcht des Herren und mit deſſen an - ruffung nachgedacht habe / als bitte gleichfalsferner ſolcher ſache reifflich nachzu ſin - nen. Jch finde zum aller foͤrderſten ein und andere expreſſiones in der uͤberſe - tzung etlicher ſpruͤche aus dem grund text / wo von Lutheri gewoͤhnlicher dolmet - ſchung etwa auch ohne noth oder nutzen abgewichen worden. Da iſts zwar an dem / daß ich weder mich ſelbs / noch andere an Lutheri uͤberſetzung / ob ſie wohl vor eine herrliche gabe GOttes erkenne / dermaſſen knechtiſch binde / daß nicht von der - ſelben ſo bald als etwas nachtruͤcklichers aus dem grundtext gewieſen werden kan /abzu -121ARTIC. I. DIST. I. SECT. XXV. abzuweichen / und das jenige zu ergreiffen waͤre / woraus des heiligen Geiſtes ſinn und meinung deutlicher und verſtaͤndlicher gefaſſet werden moͤchte: maſſen ich mir ja ſelbs ſolche freyheit in meinen oͤffentlichen predigten nehme / und niemand eine ſol - che frey heit verwehren wollte. Wo aber ſeine dolmetſchung nichts ungeſchicktes in ſich hat / auch eine andere dolmetſchung nicht eben ſonderbahren nachtruck / o - der weiters liecht dem text giebet als jene gewoͤhnliche / hoffe ich / ſollen die meiſte / ſo der ſache vernuͤnfftig nachdencken / mir beyfall geben / daß in ſolchem fall viel rahtſa - mer ſeye / bey der bekanten dolmetſchung zu verbleiben / die gleich wie ſie bey uns / und den Reformirten communi conſenſu angenommen / alſo auch den Papiſten in den meiſten ſtellen nicht ſo gar zu wider iſt / daß ſie nicht in ihren eigenen editio - nen / wo ſie auch ſolcher ehre Luthero nicht geſtaͤndig ſeyn wollen / ſich doch mei - ſtens nach derſelben gerichtet haben. Jn dem gleichwie der autoritaͤt ſolcher dolmet - ſchung / der mehrere nachtruck und deutlichere verſtand des texts / wo derſelbe ge - funden werden kan / billich vorgezogen wird / alſo wird hingegen die gewohnheit / da die worte dieſer verſion den leuthen in der gedaͤchtnuͤß hafften / um ſie nicht in al - lem irre zu machen / wohl ſo viel wehrt ſeyn / daß um derſelben willen bey jener verſi - on geblieben werde / wo man nicht ſonderbahren nutzen oder nothwen - digkeitzu dem abweichen findet / und alſo dazu getrieben wird. Wie nun dieſes einiges bedencken machen kan / alſo ſind gleichwohl noch zwey andere wichtige puncten / die mir mehr angelegen ſind. 1. Daß nicht ausgetrucket / ob deñ die lieben Vaͤter des A. T. keine verheiſſungen einiger geiſtl. und ewiger guͤter gehabt / oder ob ihnen dergleichen auch gegeben: ſondern aus aller ſolcher tractation ſolten die meiſte ſchlieſſen / es werde die negativa ſolcher frage behauptet. 2. Daß die dolmetſchung des wortes δικαιοσύνη, δίκαιος, δικαιου῀ν, die durch rechtſchaf - fenheit / rechtſchaffen / rechtſchaffen machen gegeben werden / ein groſſes in re - ceſſu, und viele gefahr nach ſich habe / als welches das anſehen gewinnet / ob wolte dadurch der haupt articul von der rechtfertigung aus der gerechtigkeit CHriſti / der in alle wege als das hertz des Chriſtenthums unverletzt bleiben ſolle / allgemach in zweiffel gezogen werden. Gleich wie ich nun in beyden ſtuͤcken das jenige was ſol - che meinungen in ſich haͤtte / der heiligen Schrifft durchaus nicht gemaͤß erkenne / alſo wuͤßte ich nicht / was gefaͤhrlicher in oͤffentlichen truck auff die bahn gebracht werden moͤchte. Es iſt an deme / daß zwar freylich die guͤter und verheiſſungen / welche wir in dem Neuen Teſtament von CHRJSTD haben / unvergleichlich groͤſſer ſind / als die jenige / welcher die liebe alte genoſſen haben / alſo daß in ver - gleichung derer es wohl heiſſen mag / daß wir die guͤter ſelbs / ſie aber nur den ſchat - ten / wir das liecht und tag / ſie gegen uns lauter finſternuͤß / gehabt haben. Jndeſ - ſen / ſo ſinds einmahl keine bloſſe leibliche oder zeitliche verheiſſungen geweſſt / und hat GOTT auch ſeinen lieben außerwehlten ſolcher zeit nicht / gleich den weltkin - dern / nur den bauch mit ſeinem leiblichen ſchatz gefuͤllet / ſondern ihnen um des wil -Qlen /122Das ſechſte Capitel. len / auff den ſie in den opfern gewieſen wurden / auch nach der maaß / als es der œco - nomiæ ſolcher zeit gemaͤß war / geiſtliche und ewige guͤter ſo geſchenckt als zugeſagt / daß auch aus anſehung der kuͤnfftigen aufferſtehung ſich ſo viele um des Juͤdiſchen glaubens willen / wie in der Maccabeer buͤchern zu ſehen / willig laſſen hinrichten / und nach dieſem leben ein anders / und ſeligers erwartet. Alſo daß auch unſer lie - be Heyland die Sadduceer nicht nur einer unwiſſenheit der krafft GOttes / ſondern auch der Schrifft / beſchuldiget / daß ſie aus der benennung / daß er ſeye der GOtt Abrahams / Jſaacs und Jacobs / die aufferſtehung nicht erkanten / ſondern alle goͤtt - liche verheiſſungen allein auff die gluͤckſeligkeit deſſen gegenwaͤrtigen lebens zogen. Wie nun die Sadduceer einmuͤthig von den Juden ihꝛer zeit verworffen wurden de - ren meinung gleichwohl recht geweſen waͤre / wo die alte allein leibliche verheiſſung gehabt haͤtten; alſo haben wir ja heut zu tag nach ſo viel hellerem liecht viel andere gedancken von der guͤtigen liebe GOttes gegen ſeine außerwehlte kinder des Alten Teſtaments zu faſſen: Wohin uns ſonderlich Paulus Hebr. 11 / 9. 10. 13. 14. 15. 16. weiſet / und gleichſam den ſchluͤſſel gibet / wie wir den bund / den GOTT mit den alten gemacht / anzuſehen haben. Was das andere anlanget / gleich wie ich den daraus flieſſenden irrthum meinen Hochgeehrten Herrn nicht zu meſſen will / ſo ſcheinet gleichwohl ſolche dolmetſchung allgemach unwiſſend zu demſelben den weg zu bahnen: So bald aber dieſes mit ſich zu bringen / daß die rechtfertigung beſtehe / nicht in der gnaͤdigen vergebung der ſuͤnden / und alſo loßzehlung vor goͤttlichem ge - richt / wo einige ſignificatio q. forenſis platz hat / ſondern in einer gleichſam phyſica infuſione habitualis juſtitiæ: welche habitual-gerechtigkeit freylich als eine folge der gnaͤdigen vergebung der ſuͤnden ihres orts bleiben / und ernſtlich ge - trieben werden muß; aber hingegen ſo ſoll auch billig der unterſcheid unter der ju - ſtification und renovation, den die Schrifft ſelbs andeutet / bleiben. So wird meines ermeſſens / es moͤchte denn der einige ort ſeyn. Apoc. XXII, 11. (wo zwar nicht nur uͤber denſelbigen ſich noch vieles ſagen laͤſſet / ſondern gar andreexemplaria ha - ben δικαιοσύνην ποιησάτω) nicht eine einige ſtelle in der gantzen Schrifft ſich finden / wo bekantlich das wort δικαιου῀ν heiſſen ſolte / einen rechtſchaffen machen / habituali aliqua inhærente juſtitia, ſondern allezeit iſts von einer ſolchen rechtfertigung ge - braucht / daß der menſch von dem richter oder andern leuten gerecht gefprochen / loß - gezehlet oder davor geprieſen wird. Daher auch Jeremias Felbinger in ſeiner uͤberſetzung ſolches wort / wanns von GOTT gegen den ſuͤnder gebraucht / nicht anders als wir auch daſſelbige verteutſchet / rechtfertigen / der doch / daß er ſeine hypotheſes behauptete / wo es muͤglich geweſen / gerne wuͤrde eine andere uͤberſe - tzung beliebet haben. Daher ich nicht ſehe / wie ſolche dolmetſchung wider die gantze φράσιν der Schrifft ſtehen koͤnne; zu geſchweigen daß das wort rechtſchaf - fen / oder rechtſchaffenheit eben ſo wenig verſtaͤndlich iſt / und ſoll es anders recht nach der wahren meinung gefaſſet werden / ſo viel erklaͤhrung bedarff / als das wortgerecht123ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XXV. gerecht oder rechtfertigen. Daher ich ſo viel an mir iſt / angelegenlichſt zu bit - ten habe / auff ſolche art dieſen auffſatz weder allhier / noch mit beygeſetztem nahmen / oder doch daß jemand wiſſend werden moͤchte / daß ſolches von meinem Hochgeehr - ten Herrn herkaͤme / trucken zu laſſen: angeſehen auch noch ſo vieler urſachen / de - ren wichtigkeit ich nicht zweifle / mein Hochgeehrter Herr aus GOttsfuͤrch - tiger fernere uͤberlegung der ſachen finden werde. Es ſiehet derſelbige ſelbs / daß nicht nur hier durch GOttes gnade einige gute gemuͤther ſich finden / welche GOtt hertzlich ſuchen / auch andere mehrere allgemach einen trieb dazu anfangen zu be - kommen / ſondern daß auch GOTT anderwertlich unterſchiedliche fromme hertzen erwecket / die den ſchaden Joſephs ſo wohl bedauren / alſo auch was an ihnen iſt / an - gefangen drauff zu gedencken / wie welche beſſerung in dem leben zu erlangen waͤre; wo ich nicht zweiffle / daß GOTT auch ſeine hand dabey habe / und ſeyn werck nicht ungeſegnet ſeyn laſſe. So wuͤßte ich aber nichts allem ſolchen guten vorhaben ge - faͤhrlichers / und welches / nicht anders als eine pfanne mit kaltem waſſer in einen zu ſieden anfangenden keſſel geſchuͤttet / den gantzen ſud ploͤtzlich zu nichte machet / al - ſo in dieſer ſache allen guten anfang und vorhaben auff einmahl verderben wuͤrde / als eben die publication dergleichen dinge / welche entweder wuͤrcklich etwas in der lehre angreiffen / oder nur deſſen ſcheinbare vermuthung geben wuͤrden. Es kan meinen Hochg. Herrn nicht unwiſſend ſeyn / wie nun mehr vieler dem gantzen werck der beſſerung widrig geſinnter augen ſehr ſcharff auff uns allhier in Franckfurth / und vielleicht ſchaͤrffer als auff einigen andern ort / gerichtet ſeyen / da nichts von je - mand unter uns heraus kommen wird / ſo nicht in reiffe deliberation von den jeni - gen / welche uns ohne dem ſchon in unverſchuldeten argwohn haben / gezogen ſolte werden. Wie nun um der urſach willen das werck des HERRN / in dem was noͤthig iſt nicht unterlaſſen werden muß / alſo will gleichwohl erfordert werden / daß wir nicht muthwillig / oder doch wiſſentlich ohne noth / das ſchwerd den feinden wi - der uns in die hand geben. Nun iſt kein zweiffel / ſo bald ſolches nicht nur hier / ſon - dern auch anderwertlich / aber daß man auff das natale ſolum der Schrifft kom - men wuͤrde / getruckt wird / ſo werden wir offentliche antagoniſtas bekommen. Und damit 1. wird den jenigen freude gemacht werden / welche bis daher in hieſiger ſtatt und anderwertlich / was gutes moͤchte geſchehen oder introduciret worden ſeyn / mit ſcheelen augen angeſehen / und eine ſcheinbahre urſach zu laͤſtern noch nicht haben finden koͤnnen. Wo aber es nunmehr dahin komt / daß man vermeint ver - daͤchtiger lehr uns zu uͤberfuͤhren / da wuͤrden alle loßbrechen: Das ſeyen die fruͤch - te des Collegii pietatis, der abſonderlichen zuſammenkuͤnfften / der kinder lehren / der ihnen ungewohnt vorgekommenen predigten / von denen man ſich lang beſorgt / es werde einmahl das verborgene loßbrechen / man habe es aber ihnen nicht glauben wollen / itzo komme der glaube allen in die haͤnde / was mit allem dieſem ausgebruͤtet worden. Denn 2. werden wir / wie entfernt wir auch davon ſind / Sociniſmi oͤf -Q 2fentlich124Das ſechſte Capitel. fentlich beſchuldigt / und ſolcher nachmahl auch in anderen articuln, deren etwa nicht gedacht / gleichſam ob muͤßten alle an einander hangen / der maſſen beſchrieben werden / daß auch diejenige / welche nicht boͤſes gemuͤths und noch zugewinnen ſind / damit eingenommen werden werden. 3. Was mich anlanget / weden der mit mei - nen Hochgeehrten Herrn habender Chriſtlicher freundſchafft / ob wohl ſolcher mei - nung gantz entgegen bin / und das gegentheil offentlich lehre / wird doch daraus ge - ſchehen / daß ich deſſen verdachts mich nicht gnug entſchuͤtten / und weder bey mei - ner gemeinde mehr etwas fruchten koͤnnen / vielweniger anderwertlich das gering - ſte zu einigem guten cooperiren duͤrffen werde: ja damit faͤllet nicht nur allein auff mich / welches wenig achte / alle boͤſe nachrede / daß dergleichen wiſſend oder unwiſ - ſend verurſachet haͤtte / ſondern ich werde damit gantz untuͤchtig bey allen gemacht werden / etwas ferner zu der ehre GOttes zu thun. Wie nun ſolches endlich mir etwa ein in der welt ruhigersleben / gegen dem als ſonſten zu erwarten / machen / und mich von unterſchiedlichen befereyet maͤchte / ſo mich jetzo trucket / ſo waͤre der ſchaden an meiner perſon etwa noch geringer / aber der jenige viel groͤſſer / daß 4. da mit auch anderswo rechtſchaffene Gottſelige gemuͤther / die in dem nahmen des HERRN ſich vor genommen haben / nach dem vermoͤgen / das GOT darreichen werde / ſeine ehre zu befoͤrdern / und ihres orts gutes zuſtlfften / ſich in ſolchem ihrem vorhaben werdenmercklich gehindert ſehen / theils zwar weil ſie ſich auch mit gleichẽ verdacht deſſen / was hier ausgebrochen ſeye / beladen zu ſeyn / erkennen werden / theils weil ihnen damit der muth benommen wiꝛd werden / daß ſie ſich nichts faſt ungewoͤhnliches mehr werden zu unternehmen das hertz faſſen 5. Hier werden viel fromme hertzen dadurch betruͤbt werden / und die einfaͤltige / bey denen gleichwohl etwa guter trieb geweſen / nicht geringes aͤrgernuͤß faſſen / wo ſie hoͤren ſolten / daß einige von denjenigen / von denen ſie gute unterweiſung zur Gottſeligkeit gehoffet / in verdacht irriger u. anderer lehr / (daß man ſich auch deſſen nicht wohlentbrechẽ koͤn - te / ſie aber davon zuurtheilen nicht vermoͤchten /) gezogen wuͤrden. Solche gute leute wuͤrdenfolgends faſt nicht mehr wiſſen / was ſie glauben / thun oder laſſen ſollten. Auf welcherley aͤrgeꝛnuͤß manchmal ſehr boͤſe conſequentien gefolget / u. ſolche ſonſt gu - te leute endlich faſt in einen voͤlligen Atheismum gerathen / welcher auch nicht ohne urſach dieſes orts zu beſorgen / damit aber viel guter ſame / ſo mit der zeit ei - nige erndte bringen moͤchte / in der erde oder graß erſtuͤcket wuͤrde. So viel - mehr weil ſolches aͤrgernuͤß (das bey den einfaͤltigen / durch die jenige / ſo ohne das auch das gute an ihnen ungern befordert geſehen / kraͤfftig wuͤrde exaggeriret werden) nicht hie in der ſtatt bleiben / ſondern auch noch an - derswo viel frommen ſeelen ſchwere und gefaͤhrliche gedancken machen wuͤrde: Auch ſo offt kuͤnfftig ſolte von jemand mit ernſt die uͤbung der wahren GOtt - ſeligkeit getrieben / und dazu das wenigſte ſonſten nicht gewoͤhnliche vor die handge - nommen werden / wuͤrde alles ſolches durch das præjudiz, wohin endlich derglei -chen125ARTIC. I. DISTINCT. I. SECT. XXV. chen hier ausgelauffen ſeye / gravirt, den widrig geſinnten ſich zu widerſetzen ſtattlich anlaß gegeben / andre ſchwache aber von der folge wegen ſolcher gefahr / ſie moͤchten auch endlich in falſche lehr unwiſſend eingefuͤhret werden / ab - geſchrecket / und damit ein ſtarcker rigel aller beſſerung vorgeſchoben werden. 6. Das fleißige leſen und forſchen in der Bibel / abſonderliche zuſammen kunfften / und uͤbungen / und erforderung eines rechtſchaffenen Chriſtenthums / werden eine lange zeit mit ſolchem verdacht beleget werden / daß niemand wird das hertz nehmen / dergleichen mehr anzuſtellen: Sondern werden alle mit ſeuffzen uͤ - ber uns klagen / die wir uͤber ſolche an ſich gute dinge unvorſichtig der gleichen ver - dacht gezogen / und damit auch anderen die ſache verderbet haͤtten. Jetzo 7. nicht zugedencken / was gefahr gleichwol auch in dem weltlichen Regiment zu beſorgen / dafern mit zimlichem ſchein gezeigt werden koͤnte / daß einige von uns dergleichen meinungen behaupteten / denen keine der jenigen religionen beypflichtete / welche lege publica und in dem religions - und Oßnabruͤggiſchen frieden zu gelaſſen ſind. Was ſtattliche gelegenheit waͤre ſolches den nach gelegenheit ſich offt ſehnenden Pa - piſten / entweder ſolches der gantzen religion bey zumeſſen / oder ſonſten ſpaltun - gen unter uns / und damit eine verfolgung / zu veranlaſſen? Jch uͤberlaſſe aber meinen hochgeehrten Herrn ſelbs ein mehrers in der furcht GOTTes nach zu ſin - nen / und die gefaͤhrliche ſequelas zuerkennen / welche folgen wuͤrden / wofern durch denſelbigen wir allhier mit einem ſolchen verdacht falſcher lehre graviret, und der - gleichen bey andern religions-verwandten kund werden ſolte. Welches durch edi - rung dergleichen ſchrifften / ſo viel menſchen vorſehen koͤnnen / unvermeidlich folgen wuͤrde. So verſichere ich mich aber zu ſeinem liebreichen gemuͤth vieleinanders / als daß durch behauptung eigner meinung derſelbe zu hindernuͤß ſo vieles guten / und hingegen gefahr / anlaß mit willen wuͤrde geben / und damit die liebe und heilſame milch / ſo von demſelben offt durch GOttes gnade gefloſſen / unbrauchbar zu ma - chen / umſtoſſen wollen. Mir ſtehet immer vor augen / des ſehr begabten D. Ca - lixti exempel / der ein groſſes der erbauung / ſo von ihm herkommen moͤgen / nicht nur auf dergleichen weiſe / durch particular opinionen, gehindert / ſondern noch viel aͤrgernuͤß veranlaſſet / nachmahl aber die ſache zu aͤndern nicht mehr vermocht hat. So wird auch dieſes mit meines hochgeehrten Herrn eigenen principiis uͤber - einkommen / daß / wo auch ſchon einige warheit in ſachen / die noch ohne verluſt der ſeligkeit moͤgen nicht gewußt werden / ſolte zu erweiſen ſeyn / dennoch davon nicht der anfang gemacht / ſondern die leute zur ernſtlichen GOttes-furcht und nach - folge Chriſti eyfrig angewieſen / und damit geſchickt gemacht werden ſolten / daß ſie auch goͤttliche dinge recht verſtehen moͤchten / ſo bey fleiſchlichem ſinn und leben nicht geſchehen koͤnte: Wo ſie aber zu jenen recht geleitet worden waͤren / wuͤrde GOtt ihren gottſeligen fleiß alſo ſegnen / daß ſie in fleißiger forſchung der Schrifft die warheit mehr und mehr aus goͤttlicher erleuchtung erkennen lerneten. DemeQ 3wuͤr -126Das ſechſte Capitel. wuͤrde aber nicht gemaͤß ſeyn / wo wir die jenige ſchwehre / und unter den gelehrten ſo hart diſputirte puncten wolten auf die bahn bringen / damit gefaͤhrliche di - ſputationen und andere oberzehlte conſequentias verurſachen / und was in pflantzung eines gottſeligen lebens ſonſten geſchehen moͤchte und ſolte / damit nicht nur nicht befoͤrdern / ſondern vielmehr hindern und umſtoſſen. Dahero dann ſo wol fraterne und wolmeined bitte / als der zuverſichtlichen hoffnung gelebe / mein hoch - geehrter Herr werde aus Chriſtlicher behertzigung des angefuͤhrten / entweder ſolche materien außlaſſen / oder aber welches mit gantz geringer aͤnderung geſche - hen zu koͤnnen zeigen moͤchte / alſo aͤndern und einrichten / daß ſie ohne ſchein einer neurung in der religion ſelbſten von allen geleſen werden moͤchten: Jndeſſen aber ſich durch nichts abhalten laſſen / die uͤbrige materien, ſo eigentlich zur erbauung dienlich / auff das ſoͤrderlichſte auszuarbeiten / und alhier trucken zulaſſen / als die der andern nicht entgelten / oder deßwegen unterbleiben / oder uns nachmal hier nicht ſo gemein zu werden / anderswo zum truck gegeben werden ſolten: So ge - buͤhret billich dem ort die ehre / wo die arbeit außgefuͤhret / auch ſolche ans liecht zu bringen. Jch ruffe nochmahl dabey den grundguͤtigen GOtt / deſſen ehre wiꝛ allein vor augen haben ſollen / demuͤtig an / er erleuchte unſer aller augen dahin zu - ſehen was zu ſolchem heiligen zweck dienlich iſt / und mit ſo eyffer als vorſichtigkeit ſolches zu treiben / und durch ſeinen ſegen endlich die arbeit nicht vergebens gewe - ſen zu ſeyn / erfreulich zu ſehen. Derſelbe wolle auch abſonderlich meinen hochge - ehrten Herrn mit ſeines geiſtes liecht und gnade ferner erfuͤllen / noch reicher zu werden in allerley erkaͤntnuͤß und erfahrung / zu pruͤfen / was das beſte ſey / zu ſeyn lauter und unanſtoͤßig auf den tag JEſu Chriſti / erfuͤllet mit fruͤchten der gerech - tigkeit / die durch JEſum CHriſtum geſchehen in ihm zur ehre und lobe GOttes. 1676.
P. S.
Wie GOTT der ſeinigen mund und feder re - giere. Von meinem zuſtand in Franckfurt am Mayn. Ob Chriſtus eine fehlbitte gethan? Sonn - taͤgliche Evangelia.
ES hat mich hertzlich erfreuet aus deſſelben neulichem verſtaͤndigt zu wer - den / wie daß mein letztes zu bequemer und ſolcher zeit uͤberlieffert worden / da es zu einiger ſtaͤrckung und auffrichtung in damaliger wi -der -127ARTIC. I. DISTINCT. I. SECTIO XXVI. derwertigkeit gedienet / und dancke auch davor hertzlich / das der GOtt alles tro - ſtes meine feder auch damahl alſo regieren / und mir unwiſſend dahin richten wol - len / wie es Ew. Wohl Ehr. zu einigen troſt gereichet. Es iſt mir mit einigen gu - ten freunden zu unterſchiedlichen mahlen dergleichen begegnet / daß mich dero brieffe in ſolchem zuſtand angetroffen / da ſie mir wol zuſtatten kommen / und mich dieſes erfreuet hat / daß der Vater im himmel chriſtlicher mit-bruͤder worte (ob ihnen wol offtmals auch unwiſſend in was zuſtand ich auch damahl waͤre) dazu gebrau - chen und ſegnen wollen. Wir erkennen billich allemahl aus ſolchen exempeln GOttes heilige und wunderbare regierung / und daß ſein Geiſt in uns zu unſerm und anderer beſten mehr wuͤrcke / als wir offt wiſſen und verſtehen / und dahero das werck allein ſein zu ſeyn erkant werden muß. Jch habe dergleichen bey mir und andern beobachtet / daß zu weilen in predigten einige dinge aus gelegenheit des texts geandet und alſo davon geredet worden / gleich ob haͤtte man ausfuͤhrlichen bericht von gewiſſen particularien, die vor gegangen waren / gehabt / alſo daß auch den leuten die gewiſſen recht geruͤhret worden / ob wol ich und ſolche prediger damahl von der gleichen dingen nicht gewuſt / ſondern in unſrer einfalt insgemein von einer ſach zu reden gedacht. Jm uͤbrigen ſo bleibts einmal dabey / wir predi - ger ſind noch vor allen andern Chriſten / dem faſt insgemein auch ſolche fata pro - pheceyet ſind / dazu beruffen / daß wir ein ſtein des anſtoſſens / und ein zeichen / dem widerſprochen wird / nach dem exempel unſers Heylandes werden muͤ - ſten: wir muͤſſen ſeyn ein ſpot der leute / verachtung des volcks / und ein rech - tes fegopffer. Solle mein armes exempel Ewr. Wol Ehrw. zu troſt dienen / ſo moͤgen ſie wiſſen / daß mein GOtt mich von widerwertigkeiten auch nicht ein we - niges hat bißher erfahren laſſen. Es iſt nicht zu erzehlen / was vor calumni - en / verlaͤſterungen uͤber mich hier in der ſtatt von meinen eignen leuten ausgegoſ - ſen werden. Jch weiß / daß ich bey malzeiten / und zwar dabey nicht geringe leu - te waren / auch wol einige ſtunden lang das ſpott-liedlein geweſen. Mein privat exercitium, wodurch / dem Hoͤchſten ſeye danck / unterſchiedlichen guten gemuͤthern zu ihrer erbauung vieles geholffen worden / iſt in den augen ihrer vielen der groͤſ - ſte anſtoß: Alſo daß nicht nur ich ſelber / ſondern auch viele der jenigen / die es auch beſuchen / daruͤber leiden muͤſſen: Und bald da bald dorten trohe-wort gehoͤret werden / man muͤſte mir die ſache niederlegen; ob wol nichts darinne zugeſchehen gezeigt werden kan / wozu nicht Chriſten allezeit verbunden waͤren. Es werden dergleichen dinge von mir in der ſtatt ſpargiret, daß ich mich wundere / wie der luͤgen-geiſt ſo unverſchaͤmet ſeye / daß er ſolche ſachen vorgiebet / dazu auch nicht der geringſte ſchein gegeben wird / und wer nur etwas ſich erkundigen will / ſo bald die ungegruͤndete falſchheit erkennen kan: daß mich nicht verwundern darff / daß wo ſolche calumnien an andere fernere ort ausgebreitet werden / ich bald vor einen Socinianer, bald vor einen Weigelianer, bald vor einen Labadiſten ausgeſchri -en128Das ſechſte Capitel. en / und mit allerhand unerfindlichen argwohn beladen werde. Welches mir ſo offt zu ohren kommt / daß ich faſt daruͤber hart werde / und ohne das mir leid iſt / wo andere ſich an mir verſundigen / faſt wenig mehr darnach frage. Jedoch ſehe ich daß ſolches wol ein anfang einer weiteren verfolgung werden kan / zu dero mich ge - faſt zu machen habe / und GOtt demuͤtig bitte / er wolle mich alſo regieren / daß ich in allen ſtuͤcken mich alſo verhalten / daß ſein nahme von mir armen in thun und ley - den moͤge verherrlichet werden / bitte auch dergleichen mir mit bruͤderlicher vorbitte von dem Vater der barmhertzigkeit zu erlangen. Wie auch ich vor dieſelbige zu thun / nicht unterlaſſen werde / damit wir uns vor eine gutthat achten / wann uns gegeben iſt / um Chriſti willen zu thun / daß wir nicht allein an ihn glauben / ſondern auch um ſeinet willen leyden / nur daß des HErrn will geſchehe in allem. Wegen der frage uͤber die vermeinte fehl-bitte Chriſti wuͤſte nicht / wo ich et - was anleitung geben koͤnte / da von anderen ſolche materie gruͤndlich ausgefuͤh - ret waͤre: acht auch nicht rathſam daß deswegen in einigen ſtreit ſich einzulaſſen ſeye. Sonderlich weil zwar die ſache nicht bloß in wort-ſtreit beſtehet / doch nach - dem vielleicht der gegentheil ſich expliciret, nachmahl wol auff einen wortſtreit hinnaus lauffen wird: Welcherley diſputat ich ſonderlich zu meiden pflege. We - gen des vorhabens einer erklaͤrung uͤber die Evangelia oder einer Poſtill / ſo ge - het auffs wenigſte noch ein jahr darauff / ehe ich nur ein hand anlegen kan: doch werde mit Gott das werck alsdenn angreiffen / er gebe gnad und Geiſt daß es nicht vergebens ſeye. Wie hertzlich wuͤnſchete ich aber / dz wir in unſren kirchen niemahlen den gebrauch der pericoparum Evangelicarum angenom̃en haͤtten / ſondern ent - weder eine freye wahl gelaſſen / oder aber die epiſtolas vor die Evangelien zu den haupt texten genommen haͤtten. Jn dem einmahl nicht zu leugnen ſtehet / wo man die haupt ſachen / ſo wir in den Chriſtenthum zu treiben haben / vortragen will / ſo geben uns die Evangeliſche text ſehr wenig anlaß / ſondern muß faſt alles nur bey gele - genheit eingeſchoben / ja offt mit dem haaren bey gezogen werden / welches bey den e - piſtolen nicht alſo waͤre. Weil es aber alſo eingefuͤhret / ſo muͤſſen wir thun nicht wie wir wolten / ſondern wie wir koͤnnen / und fuchen die hindernuͤßen abzuwenden / oder mit andern zuerſetzen / wie es ſich thun laͤſſet. 23. Sept. 1676.
Pia deſideria und dero praxis. Betkii Schrifften.
DAß denſelben meine einfaͤltige Pia deſideria gefalle / iſt mir ein zeugnuͤß / dz deꝛ - ſelbe die bewandnuͤß des jetzigẽ uͤblen zuſtandes der kirchen auch tieffer einſehe / als etwa insgemein von den allermeiſten zu geſchehen pfleget / welche darvorhal -129ARTIC. I. DISTINCT. I. SECTIO XXVIII. halten / die ſachen ſtehen alle gantz wol / wo man nur in der aͤuſſerlichen bekaͤntnuͤß die warheit von anderer ſecten irrthumen unverfaͤlſchet behalte. Da doch zwar ſolches billig mit fleiß geſuchet / aber dabey nicht ſtill geſtanden werden ſolle; als da wir ſchuldig ſind / dem HERRN auch die fruͤchten der warheit zu bringen / ſoll uns anders deroſelben bekaͤntnuͤß nicht ſo viel ſchwehrere verantwortung auff den hals laden. Ja es iſt alsdenn auch nicht mehr die wahre erkaͤntnuͤß / als welche allein von dem heiligen Geiſt durch das wort in den hertzen der jenigen gewuͤrcket wird / die da den willen des himmliſchen Vaters welchen ſie hoͤren / auch in ſeiner krafft zu vollbringen gewillet ſind Joh. 7 / 17. Es haben uͤber ſolche pia deſi - deria viele vornehme Theologen und das reich GOttes ſuchende politici glei - cher maſſen ihren conſenſum mir bezeuget / und mich damit ſo viel mehr bekraͤf - tiget. Wolte GOTT / es faͤnden ſich auch viel der jenigen / welche mit fleiß an das werck haͤnde anzulegen / und ein und ander gutes wuͤrcklich einzufuͤhren / ſich befleiſſen wolten. Jndem ohne ſolche bewerckſtelligung alle berathſchlagung ver - gebens iſt / und nur zum zeugnuͤß uͤber uns dienet. Von Herr Betkii Scri - ptis habe ich unterſchiedliche / und wie ich vermuthe alleſamt / ohne den Chriſtia - niſmum ethnicum / da ich einmahl darnach gefragt zuhaben mich entſinne / und verlangen darnach gehat / weil in andern des lieben mannes ſcriptis unter - ſchiedlich viel gutes geleſen / ob wol nicht berge / daß auch zu weilen ein und an - deres darinnen anders zu ſeyn gewuͤnſchet haͤtte. Jedoch meine ich / ſeyen wir Chriſten allezeit die jenige liebe denen / die etwas ſchreiben / ſchuldig / daß wir das gute in dero Schrifften mit danck annehmen / und in ſeinem billigen werth halten / ob wir wol anders auch darinnen finden / damit wir uns nicht eben conformiren koͤnnen. 1676. 25. Sept.
Wegen der piorum deſideriorum, und was vor ſucceß zu hoffen.
WAs meine und anderer gottſeliger Theologorum pia deſideria betrifft / habe auch ſeiter nichts ſonderliches dagegen gehoͤret / ohne das man hin und wieder da gegen mehr in den finſtern murret / als oͤffentlich wider - ſpricht. Was aber die ſchwehrigkeit oder unmuͤglichkeit / die meiſtens vorgeſchuͤ - tzet / und der wichtigſte vorwurff geachtet wird / anlanget / ſo bekenne ich gern / das was durch publicam autoritatem mit zuſammenſetzender huͤlffe der Obrigkeit und gantzer Miniſteriorum, geſchehen ſolle / von mir nicht gehoffet werde / aber deßwegen auch auff dergleichen nicht zu warten iſt: oder wir werden uns zu todt druͤber warten. Dann der jenigen / die des HErrn werck mit treuen meinen / undRauch130Das ſechſte Capitel. auch was darzu gehoͤret / verſtehen / ſind annoch zu wenig / und erhalten noch der - gleichen dinge nicht / welche die Obrigkeiten zu nachtruͤcklicher befoͤrderung beweg - ten / vielmehr ſcheinen die obſtacula dermaſſen groß / daß ſie ſie vor unuͤberwind - lich achten / und daher um nicht ſelbs in ſchimpff zu gerathen / wo das werck ſtecken bleibet / die ſache nicht mit gnugſamen eyffer angreiffen werden. GOtt will auch vielleicht nicht haben / das iemand von menſchen ſolches lob habe: ſondern doͤrff - te wol das werck ſo unvermerckt fuͤhren / daß man niemand die ehre beymeſſen moͤ - ge / ſondern wo man endlich erkennet / was aus geringen und verachteten principiis hergekommen / und doch allgemach gewachſen iſt / daß es GOttes werck allein ge - weßt / ihm dann auch die ehr allein zu geſchrieben werde; Daher ich auff menſch - lichen arm wenig hoffe / ſondern mein vertrauen drauff ſetze / daß hin und wieder gottſelige prediger und politici, dahin ſich bearbeiten werden / das jeder ſeines orths allgemach eine Eccleſiolam in Eccleſia / jedoch ohne einige trennung / ſam - le / und dieſelbe in den ſtand bringe / daß man rechte kern Chriſten an ihnen habe: da nicht fehlen wird / daß nicht ſolche nachmahl mit ihrem exempel ein treffliches fermentum ſeyn werden / den uͤbrigen teig auch in einen jaſt zubringen. Fallor, aut hæc ſola ratio eſt, qua eccleſiæ conſuletur. Laſſet uns alſo alle das unſe - rige thun / indeſſen eyffrigſt beten / daß GOtt ſein werck kraͤfftig und endlich herr - lich hinaus fuͤhren wolle / Amen.
Von piis deſideriis und vielem beyfall. Kleine Antichriſten ohne dem Papſt. Chriſti gab und exempel nicht zu trennen. Offentliche reformation itzt nicht zu hoffen. Eccleſiolas in Eccleſiis zu pflantzen / der beſte modus und anfang zu mehrerem.
ES hat mich deſſen liebe brief in ableſung und unterſchiedlicher wiederhoh - lung hertzlich erfreuet / und mir / deſſen mich ohne das verſichert gehalten ha - be / neues zeugnuͤß gegeben / daß wir in einem Geiſt den gegenwaͤrtigen zu - ſtand anſehen / und unſer amt zu fuͤhren trachten. Wie ich auch ſeiter deme von mehren chriſtlichen confratribus und Theologis, auch verſchieden. GOtt lie - benden politicis, welche auff meine præfation ihr chriſtlich bedencken mir zuge - ſchicket / bekraͤfftiget worden bin / daß meine klagen nicht vergebens ſeyen / auch die einfaͤltige gethane vorſchlaͤge der gemeinde GOttes nicht ſchaͤdlich ſeyn wuͤrden. So mir nicht nur zum ſonderbahren troſt dienet / in ſolchem ſcripto, worinn eini - ge mich einer vermeſſenheit beſchuldigen moͤchten / das mich dergleichen heraus zu geben nicht entbloͤdet haͤtte / mich nicht an unſerer kirchen oder dero beſten vergriffenzu131ARTIC. I. DISTINCT. I. SECTIO XXIX. zu haben / ſondern auch ferner auffmuntert / ſo wol ſelbs meines orts zu verſuchen / was zu der ehre GOttes dienlich / als auch andere der Herren fratrum, bey denen ich einen eyffer zu goͤttlicher ehre zu ſeyn weiß / mit mir zu animiren, welcher auch jeder ſeines orts all ſein vermoͤgen daran zu ſtrecken ſich entſchlieſſen moͤchten / wie auch durch goͤttlichen ſegen unterſchiedlicher orten etwas ein anfang gemacht zu ſeyn / mit freuden von zeit zu zeit verſichert werde. Es iſt freylich an deme wie E. Wol Ehrw. recht bemercken / daß auch bey den jenigen / ſo Evangeliſch ſeyn wol - len / zimlichen theils nicht ein Chriſt-ſondern Anti-Chriſtenthum iſt. Und doͤrffen wir / nach dem wir den Paͤpſtlichen ſtuhl zu Rom des groſſen Antichriſts ſitz zu ſeyn durch GOttes gnade erkant / nicht ſicher zu hauſe ſeyn / und meinen / wir haͤtten nichts von keinen kleinen Antichriſten unter und um uns: die leider mehr als zu viel ſchaden thun. Und ſehe ich wie niemand deſſen in abrede ſeyn moͤge / er wol - le denn Chriſtum / wie er uns nicht nur zur gabe ſondern auch zum exempel gegeben iſt / und ſeine lehr von glauben und leben / gefaͤhrlicher weiſe von einander trennen: welches je nicht Chriſten ſondern wider-Chriſten zu kommt. Jn dem jenen alles an ihrem Heyland lieb und angenehm iſt / dieſe verlangen nichts von ihm als was ihrem fleiſch noch anmuthig ſcheint / und erlangen damit auch das jenige nicht / was ſie hoffen / in dem ſich Chriſti wohlthaten nicht trennen laſſen / und wer ihn nicht ſo wohl in der erneuerung haben will / der ſoll auch ſeiner zugerechneten gerechtigkeit nicht theilhafftig werden. Wie die Schrifft aller orten treibet / und aus deroſel - ben der theure reformator unſer kirchen Lutherus (ſo in wol angezogen ort / als faſt unzehlich viel andern ſtellen) dermaſſen hertzlich ausgefuͤhret / daß die jenige ſo wenig ſich Lutheriſch als Chriſtlich zu ſeyn ruͤhmen moͤgen / welche entweder ſothaner lehr gram ſind / und ſie vor eine wiedererweckung des Papſtums ausſchreyen wol - len / oder nachdero ſelben ihr leben anzurichten ſich nicht angelegen ſeyn laſſen. Was aber die mittel anlanget / wie dann dem verderbeten weſen zu ſteuren ſeye / ſo habe gern vernommen / das E. Wol Ehrw. die einfaͤltig von mir vorgeſchlagene ih - ro nicht mißfallen laſſen / und was zu der ſelbigen werckſtelligung vonjeglichem ſtan - de erfordert werde / ſo wol vernuͤnfftig außfuͤhren / als goͤttlichen ſegen / ohn welchen der pflantzende und begieſſende nichts auszurichten vermag / anwuͤnſchen. Jndeſ - ſen zweiffle / daß zu jetziger zeit annoch zuerwarten ſeye / daß publica autoritate das werck kraͤfftig gefuͤhret / oder eine reformation auff dergleichen art nuͤtzlich angeſtellet we[r]de werden / ſondern GOtt hat gemeiniglich durch verachteten an - fang und unſcheinbare mittel ſein werck gethan. Jch werde mich aber erfreuen / und eines mehrern ſucceſſes hoffnung ſchoͤpffen / wo wir / die wir mit ernſt es mit der kirchen beſten meinen / nur erſtlich unter einander uns recht bruͤderlich ermun - tern / und jeglicher ſich dieſes allein vornehmen / an ſeinem ort nach vermoͤgen zu - thun / ſo denn wo er vermag / auch andere freunde / neben ſich eine luſt und eyffer dazu zu machen. Auch in unſerm eigenen amt kom̃e ich mehr und mehr auff die ge -R 2dan -132Das ſechſte Capitel. dancken / daß das meiſte erſtlich von uns gethan muͤſſe werden / an den jenigen / bey denen wir bereits einen guten antrieb / ihre eigene erbauung ihnen angelegen zu ſeyn laſſen / antreffen: Was die uͤbrige anlangt / muͤſſen wir noch mit ſeufftzen fort - fahren insgemein ſie in den predigten von goͤttlichen willen zu unterrichten / ihre un - gehorſam zu ſtraffen / und ſo viel wir moͤgen privatim ſie erinnern / aber ob wir auch an ihnen nichts auszurichten ſehen / doch nicht muͤde werden / oder die ſache verloh - ren geben. Was aber die jenige / ſo ohne das dociles und die zum reich GOttes geſchickt ſind / betrifft / da wird ſich etwa ein mehrers thun laſſen / daß ein prediger ihm ſo bald dieſelbe unter ſeiner gemeinde auswehle / oͤffters und familiarer mit ih - nen umzugehen / ihn anleitungẽ zu leſung der Schrifft und anderer Gottſeliger buͤcheꝛ zu geben / mit ihnen wie er es dienlich ſeyn findet / einige uͤbungen und chriſtliche er - bauliche converſation anzuſtellen / und ſich dermaſſen / als viel ihm die zeit ge - goͤnnet wird / gegen ſie zu verhalten / ob waͤren ſie ihm allein aus ſeiner gemeinde anbefohlen. Geſchiehet ſolches eine zeitlang / und ſamlet er alſo ohne einige ge - faͤhrliche trennung gleichſam eine Eccleſiolam in Eccleſia oder dero ungeordne - ten hauffen / und offtmahls aus ſo vielen boͤſen zugleich beſtehenden aͤuſſerlichen kir - chen / ſo wird er finden / wie nicht nur ſolche perſonen bald werden zu rechten wah - ren kern-Chriſten werden / die folgendes als ein ſauerteig ſind / ſo mit Gottſeli - gen leben / exempel und nach gelegenheit bruͤderlichen vermahnungen andere moͤ - gen neben ſich erbauen / und dermaſſen dem prediger ſelbs ohn eingriff in ſein amt / ſein werck leichter machen. Es werden allgemach andere immer dardurch ange - reitzet werden / welche nicht von euſſerlicher boßheit ſind / daß ſie anfangen eine lie - be zur wahren GOttſeligkeit gewinnen / dero liecht ſie erkennen / an andern ſo ruͤhm - lich leuchten: ſonderlich wo ſolche / bey den ein guter anfang iſt / unter ſich liebrei - che freundſchafft halten / das man ſie recht in einem Geiſt untereinander verbunden zu ſeyn erkennet / und daher folglich ihr exempel ſo viel kraͤfftiger durch dringet. Ge - wißlich iſt etwas / das ſehr die reſolution bey vielen ſchlaͤget / anders als insgemein der groſſe hauff pfleget zu leben / ſo iſts / daß es an exempeln mangelt / darnach ſich andere etwas regulirter oder dardurch gereitzet wuͤrden / auffs wenigſt ſinds et - wa nur exempel an bloß einzeln perſonen / die wo nicht etliche ſind / ſo da ſich mit ein - ander erbauen / bey weitem ſo viel nicht ausrichten moͤgen. Daher ſtehe in dem hertzlichen vertrauen zu dem lieben GOtt / wo wir anfangen werden / jeglicher ſei - nes orts auff dieſes mittel bedacht ſeyn / daß wir in unſerer kirchen etwas von beſſe - rung zuwegen bringen / und vermittels goͤttlichen ſegens einen geringen anfang bald wachſen ſehen werden. Wo nun auch dergleichen particular-beſſerung hin und wieder entſtanden / ſo iſt ſolches die rechte vorbereitung / daß uns GOTT nachmahl mehrere gnade und voͤllige verbeſſerungen der geſamten kirchen erfolgen laſſen wird / die wir jetzo noch nicht hoffen doͤrfften. Laſſet uns nun nicht die haͤndenie -133ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XXX. niederſincken laſſen / ſo wird der Herr mit dem guten ſeyn; laſſet uns aber auch zuvorderſten mit unauffhoͤrlichem gebet und ſeufftzen GOTT ſeine eigene ſache / nahmens heiligung / reichs erweiterung u. willens vollbringung demuͤthig empfeh - len: So wird er zeigen / er werde ſeine ehre nicht allerdings ſtecken laſſen. 1676.
Von der lehre des Evangelii. Von der bereits geſchenckten ſeligkeit. Wie neben der lehre von dem gerecht - machenden glauben auff deſſen fruͤchten und kennzeichen zu treiben. Ob die wieder gebohrne taͤglich todt ſuͤnden be - gehen. Von frucht der piorum deſi - deriorum.
JCh habe das an mich gethane angenehme ſamt beygeſchloſſenen tractaͤtlein zurecht und wohl erhalten: Wie ich aber meiner zeit nicht maͤchtig bin / noch daruͤber nach belieben diſponiren kan / als habe die antwort einige tage auff - ſchieben muͤſſen. Das buͤchlein habe vorhin niemahl geſehen / wohl aber das erſte / aus welchen dieſes / ſo viel mich erinnere / als eine repetition iſt mit einiger aͤnde - rung. Daß nun meine wenige gedancken in bruͤderlichen vertrauen / wie ſolches von mir begehret worden / frey und offenhertzig entdecke / beſtehen dieſelbe in folgen - den ſtuͤcken. Erſtlich des Autoris intention halte vor gantz gut und loͤblich; wie dann jeglicher / was er zur erbauung des neben menſchen zu contribuiren vermag / nicht nur macht hat vorzutragen / ſondern in gewiſſer maß darzu verbunden iſt. So kenne auch den Autorem alſo / daß ich mich verſichert halte eines ſolchen ge - muͤths / welcher ſo wohl ſeinem GOTT ſelbs hertzlich begehrt zu dienen / als der - gleichen bey andern zu befoͤrdern. Daher auch in ſolchem freundlichen vertrauen / etwa noch ſelbs die gelegenheit ſuchen werde / mit ihme aus dieſer materie etwas zu conferiren. So halte ich auch in ſpecie die intention, die krafft des Evangelii zu inculciren / und zu zeigen / wie aus denſelben / und nicht primario aus dem ge - ſetz alle beſſerung des lebens folgen muͤſſe / eben ſo wohl loͤblich und nuͤtzlich / wie ich gleiches in der vorrede des hie mitgehenden tractaͤtleins (Andreæ Crameri eh - renſtand der kinder GOttes) gelehret / und alſo ausgefuͤhret zu haben hoffe / daß ein frommer Chriſt / ſo mit erleuchteten augen die ſache anſihet / mir etwa leicht beyſall geben wird. Jch erkenne ferner / daß eben dieſe hypotheſes, welche in dieſem tractatu getrieben werden / hin und wieder in unſrem theuꝛen man - ne GOttes Luthero zu ſehen / aus welchem ſie mit ſonderbahren fleiß ein Gottſe - liger lehrer Stephanus Prætorius vor etwa 80. jahren zuſammen geſucht / und in vielen tractaͤtlein / die folgendes mit des ſeligen Arndii commendation heraus gegangen / inculciret / wie wohl der liebe mann aus mangel gnugſamer erkaͤnt -R 3nuͤß134Das ſechſte Capitel. nuͤß in ein und andern ſtuͤcken faſt angeſtoſſen / alſo daß er hin und wieder von eini - gen leyden muͤſſen. Es hat aber folgends ein anderer frommer prediger Mart. Statius aus ſolchen ſcriptis Prætorianis dieſe materien ſehr fein unter dem nah - men geiſtliche ſchatzkam̃er der glaͤubigen extrahiret / u. in einen annehmlichen erbaulichen methodum gebracht / auch mit ziemlicher ſorgfalt die vornehmſte loca worinnen der gute Prætorius etwa zu weit gegangen / ausgelaſſen / und alſo eine vor fromme ſeelen erbauliche troͤſtliche arbeit verrichtet; Daher ich auch ſothanes opuſculũ Statii den jenigen welche ich darzu tuͤchtig finde / zu ihrer erbauung off - ters recommendire / und ziemlichen nutzen daraus zu haben nicht in abrede bin. Auß ſolchem wercklein Statii ſcheinet faſt dieſes gantze opuſculum extrahiret ſeyn. So handlet auch der fromme Cramerus in dieſen ſcriptis eben dieſelbe materien / aber mit nochmehr behutſamkeit als Prætorius oder Statius. Aus welcher ur - ſach ich auch ſelbige arbeit habe durch wieder aufflag / guten leuten wollen mehr be - kant machen. Daß alſo aus dieſem erhellet / daß ich auch in dieſer abſonderlichen abſicht daß den leuten vornehmlich nicht durch das geſetz ſondern das Evangelium geholffen werden muͤſſe / mit ihme einſtimme. Alſo was die abſonderliche grund - lehren anlanget / ſo darinnen getrieben werden / pflichte ich ſolche allen von hertzen bey. Als 1. daß uns die ſeligkeit hier bereits in dem reich der gnaden thaͤtlich ge - ſchencket werde / und wir alſo hier in dieſem leben ſelig ſeyn koͤnnen und ſollen / ehe noch in jenen leben die ſeligkeit geoffenbahret werde in der herrlichkeit. 2. Daß wir unſere ſeligk. einig u. allein aus dem glauben haben / ſo wohl was das erſte em - pfangen deroſelbẽ anlangt / als das behalten. 3. Daß hingegen die wercke als fruͤch - ten des glaubens allerdings nicht mit dem glauben zuvermiſchen ſeyen / noch denſel - ben einigerley maſſen etwas unſerer ſeligkeit zu geſchrieben werden moͤge. 4. Daß wir ſolche ſeligkeit empfangen in unſerer tauff / wie Pauli wort uns ſo deutlich davon Tit. 3. berichten. 5. Daß die tauffe nicht allein ſehe auff die vorige und vergange - ne ſondern auch kuͤnfftige ſuͤnden / und alſo auff das gantze leben: alſo daß die ſuͤnde / ſo ich heut begangen / bereits in der tauff ver geben / das iſt / der grund gelegt worden / auff welche ſolche vergebung beruhet. 6. Daß auch die buſſe nichts anders ſeye / als eine wiederkehr zu der erſten tauff gnade / das jenige wiederum in glauben an - zunehmen / was uns ſo bald erſtlich in der tauff war geſchencket und uͤberreichet / von uns aber etwa durch unglauben und boßheit wiederum verlohren worden. 7. Daß der unglaube das haupt - und einige laſter ſey / aus welchem alle andere laſter ent - ſtehen. Wie unſer ſelige Lutherus ſo offt gezeiget / daß eigentlich von dem letz - ten zu reden / der unglaube allein wuͤrcklich verdamme / in deme alle andere laſter nicht wuͤrden verdammen / wo der menſch davon durch glauben ſich bekehret haͤtte. 8. Daß die reue der ſuͤnden dasjenige nicht ſeye / ſo uns die vergebung der ſuͤnden zu wege bringe / ſondern daß ſolche ehre allein dem glauben gebuͤhre / ſo viel mehr / daß aus der groͤſſe der reue unſre ſeligkeit allerdings nicht komme. Wiewohl ſiedas135ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECT. XXX. das hertz wohl vorbereitet / zu dem glauben tuͤchtig zu ſeyn / und nachmahl die wah - re fruͤchte zubringen. 9. Daß das Gottſelige leben die fruͤchte allein des glaubens / und vielmehr ein ſtuͤck der durch den glauben erlangten ſeligkeit als deroſelben ur - ſach ſeyen / und was etwa vor weitere grundlehren in dieſem tractatu ſind / welche ich alle als wahrhafftig und Evangeliſch erkenne / und keine einige ausgenom - men / zum oͤfftern in den predigten bißher werde getrieben haben und noch treibe. Hiebey neben aber kan gleich wohl nicht bergen / daß neben ein und andern unbeque - men worten / ſo aber doch guten verſtand leiden / und deswegen nicht bemercke / et - liches obſerviret / ſo ich anders gewuͤnſchet / oder doch wuͤnſche / daß diejenige / ſo ſolches buͤchlein leſen / zu ihrer mehrern aufferbauung ſolches beobachten moͤgen. 1. Nimmt der Autor die wort / ſelig und gerecht werden / als gantz einerley an. Nun bekenne gern / daß ſie von niemand unzertrennlich ſind / und welcher gerecht auch ſelig / wer aber ſelig auch gerecht iſt. Jn deſſen bemercke gleichwohl einen zimlichen unterſcheid unter beyden. Jndem gerechtigkeit allein ein gut der ſelig - keit iſt / welche alle guͤter der gnaden und herrlichkeit zugleich zuſammen faſſet. 2. Vornehmlich iſt mein allermeiſtes bedencken / daß ich wuͤnſchte / daß der glaube und ſeine eigenſchafften deutlicher und kantlicher vorgeſtellet waͤren. Es ſtehet zwar pag. 83. einiges ſehr denckwuͤrdiges / ſo gnugſam zeiget daß der Autor eine rechte meinung hat: aber an andern orten iſt zu weilen ſo davon geredet / daß ſichere her - tzen in den gedancken ſtehen bleiben moͤgen / als waͤre der glaube nichts anders als eine bloſſe einbildung und perſuaſion von der gerechtigkeit. Und alſo wo der menſch buß thun ſolle / beſtehe es in nichts anders / als allein in den wiederum ge - faſſten gedancken / daß er wiederum in Chriſto ſelig ſeye. Jch ſage gar nicht / daß dieſes die meinung des Autoris ſeye. Jch ſtehe aber in billiger ſorge / daß ſichere gemuͤther es nicht allein ſo auffnehmen und zu ihrem verderben verdraͤhen koͤnnen / ſondern wo ſie ſolches gemuͤths ſind / davor halten werden / ſie haben gnugſam urſach es alſo zu verſtehen. Jch bekenne gern / daß in dem glauben freylich die zueignung und applicirung der goͤttlichen gnade das hauptwerck und recht die ſeele des glau - bens / daher wahrhafftig das einige ſeye / worinnen der glaube / uns ſelig machet. Weil aber alle beede / eines theils ein ſicherer menſch / deren ich exempel gnug weiß / bey allen ſeinen fortſetzenden boßhafftigen und verdamlichen ſuͤnden / die er nicht zu laſſen begehret / ſo dann andern theils ein wahrer glaubiger / ſich die gnade und die gerechtigkeit appliciret; dieſer wahrhafftig und mit grund / jener mit unrecht / und als eine ſach / die ihm gleichwohl in der that nicht gebuͤhret / dieſer aus der erleuch - tung und verſiglung des heiligen Geiſtes in ſeine hertzen / jener aus einer fleiſchli - chen ſicherheit; dieſer gemaͤß dem goͤttlichen willen / jener aber ſchnur ſtracks dem - ſelben etgegen / als welcher ja nicht will daß ſtinckende boͤcke ſich einbilden ſollen / ſie ſeyen wahre ſchafe. Weil ſage ich dergleichen gedancken beyderley ihnen machen koͤnnen / und in der that ihnen machen / ſo achte ich hochnoͤtig ſeyn / daß wir / ſo offtwir136Das ſechſte Capitel. wir von dem glauben und deſſen ſeligmachender krafft reden / alſo balden darzu ſe - tzen / dergleichen dinge / welche ihn alſo von der fleiſchlichen ſicherheit abſondern / daß kein muthwilliger boßhafftiger menſch ſich von ſeiner ſichern einbildung moͤge die gedancken machen koͤnnen / gleich ob waͤre ſolche der wahre ſeligmachende glaube / ſondern klahr ſehen muͤſſe / es ſeye nichts weniger / als der glaube: Wo wir aber ſol - chen unterſcheid den leuten nicht wollen vor augen ſtellen / ſo doͤrffen wir nicht bloß bey dem vertrauen und ſpecial application ſtehen bleiben: Wir koͤnnen auch à priori die kennzeichen nicht geben: dann ob wohl der rechtglaͤubige / auſſer des ſtandes der anfechtung / ſelbs aus derinnern verſiglung des heiligen geiſtes die un - fehlbahre verſicherung ſeines glaubens hat / daß er an deſſen wahrheit nicht zweiff - len mag / ſo wenig als der jenige / welcher mit offne augen die ſonne ſiehet / zweiffelt / ob es ein rechtes ſehen oder nur traumen ſeye / ſo iſt doch nicht nur allein ſolches fuͤhlen nicht allezeit bey dem wahren glauben / vielmehr komt es offters auch bey den recht - glaͤubigen in dem ſtande der anfechtung dahin / daß dieſes liecht ſcheint eine eclipſin zu leiden / u. wo der menſch auff das fuͤhlen gehen wolte / er ſich vielmehr vor unglaͤu - big als glaͤubig achten muͤſſte / ſondern wir werden nicht gnugſam wehren koͤnnen / daß nicht ſichere leute ihnen von ihren einbildungen eben ſolche conceptus machen / und der fuͤrſt des unglaubens ihnen ein falſch geſpenſt vorſtelle / daß ſie ſich uͤberre - den / ihr vertrauen ſeye das rechte wahre von dem heiligen Geiſt gewuͤrckte ver - trauen / welches ſie bey ſich fuͤhlen / und damit des ſtandes ihrer ſeligkeit vergewiſ - ſert waͤren. Daher muͤſſen wir nothwendig auch auff die fruͤchte ſehen / und alſo die notas à poſteriori nehmen / ob nehmlich das hertz von ſuͤnden gereiniget werde / anfange GOTT imbruͤnſtig und uͤber alles zu lieben / ſeinen willen nun und nim - mermehr mit vorſatz entgegen zu handlen / den oͤffentlichen vorſatz habe / und die welt uͤberwinde. Damit alſo der menſch / wo er ſich in goͤttlicher gnade zuſtehen veꝛſichern will / zuvor wohl acht bey ſich gebe / ob auch das machende vertrauen ein goͤttlicher glaube oder ein betrug des teuffels ſeye. Daher vermahnet Paulus ſo fleißig 2. Cor. 13. Verſuchet euch ſelbs / ob ihr in dem glauben ſeyd / pruͤffet euch ſelbs. Und iſt ja in dem ſo wichtigſten u. auff ſich habenden werck wohl werth / nicht ohne pruͤf - fung blind hinein glauben / ſondern ſich wohl vorſehen wie und auff was grund ich glaube. Alſo wo der menſch nach der tauff in ſchwehre ſuͤnde gefallen iſt / und damit ſeiner ſeits die tauff-gnade verlohren hat / ſo bleibet zwar freylich dieſes gewiß / und muß ers ohne zweiffel glauben / daß von GOttes ſeiten der bund feſt ſtehe / dann da iſt nichts / das ihn hindere. Wo aber die frage iſt / ob er auch von ſeiner ſeite wie - derum in den bund getreten und ſtehe / und alſo ſothaner gnade wuͤrcklich theilhaff - tig ſeye / wolte ich ihn nimmermehr blos dahin weiſen / er ſolte nur glauben / daß ihm alle ſeine ſuͤnden in der tauff vergeben und krafft derſelben auch jetzt vergeben wor - den ſeyen / ohne fernere unterſuchung ſeines hertzens / als der ich weiß / wie ſich die leute ſo gefaͤhrlich deſſen mißbrauchẽ / und wo unſer Heyland hat befohlen zu predi -ge -137ARTIC. I. DISTINCTIO I. SECTIO XXX. gen buß und vergebung der ſunden Luc. 24 / 47. daß alſo die buſſe ſich von der vergebung nicht trennen laͤſſt / noch ſich dieſer getroͤſten kan / welcher jene nicht geliebet. Es iſt aber die buß eine μετάνοια, und gantze aͤnderung des ſinnes / daß dannenhero die ſunden muͤſſen wahrhafftig gehaſſet und mit ernſten vorſatz abge - leget werden / ſollen wir anders den menſchen der vergebung verſichern koͤnnen. Und gleichwohl wird hiemit dem glauben nichts entzogen / oder das wenigſte ſolcher erneurung zugeſchrieben / daß ſie dasjenige waͤre / welches uns goͤttliche gna - de braͤchte / ſondern es bleibts der glaube allein; der glaube aber / ſoll er wahrhafftig ſeyn / muß ſich auff goͤttliches wort gruͤnden / und alſo ihm nichts zueignen auſſer der goͤtlichen ordnung / wie es ihm verſprochen iſt. Daher welcher ihm die gedancken macht / er ſeye krafft ſeiner tauffe heilig / gerecht und ſelig / in dem ſtande / da er noch wohlgefallen an ſeinen ſuͤnden hat / od’ denenſelben nichtalleꝛdings und eiffrig abſteꝛ - ben will / ſondern begehret in ſunden fort zufahren / ſolcher miſſet ihm das jenige zu / was GOTT ihm nicht verſprochen hat / und alſo was ihm nicht gehoͤret / alſo iſts je kein glaube von dem heiligen Geiſt gewuͤrcket / als welcher die wahrheit zum grunde hat / ſondern ein gefaͤhrlicher betrug des teuffels. So nothwendig nun dieſe ma - terie an ſich ſelbs / der betrug aber des ſichern fleiſches dabey ſo groß und gefaͤhrlich iſt / ſo nothwendig iſts dann auch / ſo offt von dem glauben ex profeſſo gehandelt wird / dieſes nicht zu vergeſſen / ſondern ſo ausfuͤhrlich bey zu ſetzen / damit ja kein unglaͤubiger ohne widerfpruch ſeines eignen gewiſſens ſich die einbildung vom glau - ben mache. Daher gleich wie ernſtlich getrieben werden muß / wie der glaube das einige / (unicè ſolum) inſtrument iſt der ſeligkeit / ſo muß nicht geringerer ernſt ge - braucht werden / zu zeigen / in was ordnung GOtt ſeine guͤter zugeſagt habe / u. wie ſie von dem glauben angenom̃en werden ſollen / damit der glaube ſich auff den rech - ten grund goͤttlichen wortes und verheiſſung gruͤnde. Daher bin ich nicht in abrede / daß ich den Evangeliſchen troſt offtmahls ſehr reſtringire / und nicht unbilliche / wo es andere thun: nicht etwas dem troſt ſelbs zunehmen / welchen ich hoffe / der maſ - ſen vorzutragen / wie das heilige wort GOttes mir darinnen vorgehet / ſondern die ordnung zuzeigen / in welcher allein man deſſelbigen habſchafft werden moͤge. Wo - mit denn einem wahren glaubigen nichtes abgehet / ſondern er ſolchen troſt in ſeiner voͤlligen krafft genieſſet / aber den andern / die ſich in Chriſti ordnung nicht ſchicken / die gnade auff muthwillen ziehen / und ſich ſelbs mit ihrem eingebildeten glauben be - triegen wollen / wird damit der weg verlegt / daß ſie nicht aus unſrer ſchuld ihnen ſelbs ſchmeicheln und vergebliche gedancken machen moͤgen. Eben alſo treibe ich auch bey der pruͤffung zu dem heiligen abendmahl / zwar freylich auch auff den glauben als das hauptſtuͤck / aber alſo / daß ſehr nachtruͤcklich gezeigt werde / woran man die auffrichtigkeit ſolches glaubens erkennen moͤge / wie nehmlich der menſch ſich genau zu pruͤffen verbunden ſeye / ob er nunmehr gewillet GOTT dem HErrn von gantzen hertzen allein zu dienen / und aller muthwilligen ſuͤnden muͤßig zugehen /Soder138Das ſechſte Capitel. oder nicht: iſt jenes / ſo gehe er in GOttes nahmen getroſt hinzu / und verſichere ſich / daß ſein vertrauen / der rechte wahre goͤttliche glaube und wuͤrckung des heiligen Geiſtes ſeye; iſt das andere ſo ermahne ich ihn / lieber von dem heiligen abendmahl zu bleiben / ob er auch noch ſo ſehr bezeugre / daß er gewißlich die vergebung der ſuͤn - den und gerechtigkeit in dem heiligen abendmahl zufinden glaubte: aber er iſt bey aller ſolcher meinung unglaubig / wie gewiß er zuglauben gedencket / und daher iſt er zu dem heiligen abendmahl unwuͤrdig / eben aus mangel des glaubens. Wann ich nun alſo auff die kennzeichen des wahren glaubens treibe / und immer wo des ver - trauens und zueignung meldung thue / auch dabey gedencke / worinnen man die goͤtt - liche wuͤrckung von der fleiſchlichen ſicherheit unterſcheiden ſolle / ſo folge ich darin - nen dem exempel unſers ſeligen Lutheri / welcher auch nicht nur die rechtfertigung aus dem glauben emſig getrieben / ſondern dabenebenſt mit ſehr nachtruͤcklichen worten gezeiget / wie der glaube durchaus nicht etwa ein menſchlicher wahn und traum ſeye / den etliche vor den glauben hielten / ſondern wie es ein ſolch goͤttliches werck ſeye / welches den gantzen menſchen aͤndere und neugebaͤre / wie in der offt belobten vorrede uͤber die epiſtel an die Roͤmer / als auch kirchen-poſt. Som - mer-feſt f. 65. a. und an unzaͤhlichen andern orten zu ſehen: daß alſo gewiß folget / wo der glaube nicht ſolche eigenſchafften in redlicher auffrichtigkeit bey ſich hat / daß er der wahre glaube nicht ſeye / und der menſch treulich vor gefahr zu warnen ſtehe: Auch haben wir zu unſrer zeit ſo vielmehr auff dieſe materie zutꝛeiben / ſo viel groͤſſer die ſicherheit der menſchen iſt / und der jenigen unvergleichlich mehrere ſind / welche verlohren gehen aus derjenigen art des unglaubens / das iſt falſchen glaubens / daß ſie bey aller fortſetzender boßheit doch ſelig ſeyen / und bleiben / als aus derjenigen art / daß es ihnen an zueignung der gnade / in dem ſtande / woriñen ſie derſelben faͤhig geweſen waͤren / manglete. Hat man nun ſo gar in der vortragung der lehr dar - auff zuſehen / was zu jeder zeit mag das erbaulichſte ſeyn / und den damahligen irr - thumen entgegen ſtehen / daß auch da Paulus die rechtfertigung aus dem glauben allein zu derzeit / da die ſalſche apoſtel das vertrauen der wercke ſtarck trieben / mit ſolchen eiffer gelehret / folglich Jacobus / weil zu ſeiner zeit andere der lehr der gnaden ſich mißbrauchten / ſich nicht entbloͤdet / zu ſagen (ob wohl in andern verſtand und alſo ohn widerſpruch gegen Paulo) der menſch werde nicht gerecht durch den glauben allein: wie viel mehr iſt dann darauff zu ſehen / weil wirs mit einer ſichern welt zu thun haben / daß wir die heilſame gnaden - und glaubens-lehre alſo vortra - gen / daß zwar dero krafft das wenigſte nicht entzogen / aber auch den wilden ſchwei - nen / den garten des HErrn zuverwuͤhlen / und die guͤter ſo nicht ihr ſind / zu genieſſen nicht zulaſſen / ſondern ſie gleichſam mit einen zaun davon abhalten wuͤrden. Nechſt deme finden ſich einige ort / welche der krafft des glaubens / vielleicht nicht ſo wohl aus meinung des Autoris / als wie die wort lauten / ſcheinen ziemlich zu nahe zu ge - hen. Als wenn ſtehet pag. 43. daß die feindſelige anſchlaͤge / uns auff un -glauben -139ARTIC. I. DISTINCT. I. SECT. XXX. glauben und gottloſigkeit zu fuͤhren / den feinden gar offt und faſt ſtuͤndlich gelingen. pag. 44. durch ſolchen unglauben und gottloſen wandel wird die hohegnade und ſeligkeit Gottes von uns allen wieder gar offt veracht und verworffen. Wir ſpringen aus dem gnaden ſchiff der heiligen tauff / fallen in mancherley ſchwehre fehler / auch offt - mahls in grobe todt ſuͤnden / verliehren dadurch den heiligen Geiſt / laſſen uns den leidigen teuffel regieren / treten den ſeligen tauffbund mit fuͤſſen. &c. p. 96. Erwegt darneben wie undanckbahr er immer - fort ſeye / und wie unwuͤrdiglich und dem Evangelio und creutz Chri - ſti wandle / beyde durch unglauben und boͤſe wercke. Welchen worten ich faſt nicht weiß / wie ich helffen ſolle / daß ſie mit der in der ſchrifft geoffenbahrten lehr der Gottſeligkeit uͤbereinkommen? Es iſt zwar freylich alſo / daß der menſch in dem gnadenſtand wiederum aus demſelben fallen / und durch todtſuͤnden der gnade verluſtiget werden koͤnne. Es werden ſich der exempel gnug finden / bey welchen ſolches wuͤrcklich geſchehen / deren theils in ſolchen ihren ſuͤnden verlohren gegangen / andere aber durch die wieder zuruͤckruffende gnade aus dem verderben auffs neue errettet worden ſind. 2. So bekenne ich auch / das in dem der menſch in dem gnaden - ſtand ſtehet / er noch ſeine ſuͤnde an ſich habe / und mit ſchwachheit fehlern uͤbereilet werde / ſo wir gnugſam in uns fuͤhlen / aber dabey verſichert ſind / daß ſolche bey be - haltenden glauben und heiligen Geiſt uns nicht verdamlich ſeyen. 3. Jch will auch nicht leugnen / daß welcher zu mehrmahlen aus goͤttlicher gnade wiederum zuruͤck - gefallen / wiederum zu derſelben ſolle angenommen werden koͤnnen / wo er nicht in goͤttlichem geꝛicht hingeriſſen / ſondern ihm friſt und gnade zur buß mitgetheilet wiꝛd. Aber dieſes wird zuviel geredet ſeyn / daß alle fromme Chriſten offters die gnade (nicht nur nicht hoch gnug preiſen ſondern gar) verachten und verwerffen / aus dem gnaden ſchiff ſpringen / in allerhand ſchwehre fehler / auch offtmahls in grobe todtſuͤnden fallen / und ſich von dem teuffel regie - ren laſſen / immerfort undanckbahr ſeyn / und unwuͤrdiglich dem Ev - angelio wandlen. Dann ſolches der krafft des glaubens viel zu nahe gehen wuͤrde. Der glaube laͤſſet ſich nicht ſo leicht uͤberwuͤnden / ſondern er iſt der ſieg der die welt uͤberwindet 1. Joh. 5 / 4. So beſchreibet S. Paulus ſeine Chri - ſten nicht nur / wie ſie ſeyn ſollen / ſondern wie ſie auch in der that ſeyen / ſie ſeyen knecht der ſuͤnden geweſen / aber nun gehorſam worden von heꝛtzen dẽ fuͤrbilde der lehre / welcher ſie ergeben ſind / ſie ſeyen frey worden von der ſuͤnde / u. knechte worden der gerechtigkeit Rom. 6 / 17. 18. ja gar wo ſie fleiſchlich ſeyen / moͤgen ſie GOtt nicht gefallen. Sie ſeye nicht fleiſchlich / ſondern geiſtlich / ſo anders Gottes Geiſt in ihnen wohne: Wer aberS 2Chriſti140Das ſechſte Capitel. Chriſti geiſt nicht habe / der ſeye nicht ſein / Rom. 8 / 8. 9. Ja der liebe Johannis ſaget deutlich in Joh. 3 / 6. 9. Wer in ihm bleibet / der ſuͤndi - get nicht. Wer da ſuͤndiget / der hat ihn nicht geſehen noch erkant. Wer aus GOTT gebohren iſt / der thut nicht ſuͤnde / denn ſein ſame bleibet bey ihm / und kan nicht ſuͤndigen / denn er iſt von GOTT ge - bohren. Daran wirds offenbahr / welche die kinder GOttes / und die kinder des teuffels ſind. Daß wir alſo nach der Schrifft niemahl nicht ſagen koͤnnen / daß die wahre Chriſten immerfort der ſuͤnden dienen / und taͤglich mit muthwilligen ſuͤnden ſich beflecken; ſondern ſie creutzigen ihr fleiſch ſamt den luͤſten und begierden Gal. 5 / 24. ſie haben wohl fleiſch / aber ſie wandlen nicht nach dem fleiſch / ſondern nach dem Geiſt / Rom. 8 / 1. 4. ſie wandlen wuͤrdiglich dem Evangelio CHRJSTJ / und dem be - ruff / dazu ſie beruffen ſind. Alles nicht aus eigner krafft / ſondern aus der gnade GOttes des heiligen Geiſtes / welche ihnen geſchencket iſt / und in krafft deſſen / welcher ſie unanſtoͤßig behalt / erfuͤllet mit fruͤchten der gerechtigkeit: So gar / daß wer nicht ein ſolcher iſt / und ſeines Heilandes gebot zu halten ſich befleiſſet / in ſolchem ſtande kein kind GOttes nicht iſt. Nun iſts zwar wahr / daß der jenige / welcher ein kind GOttes hat auffhoͤren zu ſeyn / ein ſolcher wiederum werden kan / in dem die wiedergeburt wiederhohlet wird: aber wer da erweget / was das vor eine aͤnderung ſeye / aus einem kinde des ſatans ein kind GOttes zu werden / und wie ſolche geburt mit nicht geringen geburts ſchmertzen abgehe; Wiederum wie kraͤff - tig der ſaame GOttes ſeye / aus dem wir wiedergebohren werden / der kan nim - mermehr gedencken / daß ſolche abwechſelung offtmahls geſchehe / und einer in ei - nem tage oder etliche tage / als ein kind GOttes / bald wiederum ein kind des teuf - fels / da abermahl GOttes / und nachmahl wieder des teuffels ſeye und werde: wel - ches bey taͤglichen und offtmahls begehenden todtſuͤnden gleichwohl alſo ſeyn muͤßte; aber einmahl der krafft des glaubens und wiedergeburth zu nahe gehet. Alſo daß ich glaube / wer von hertzen von begangenen fall ſich bekehret / und die gnade der wie - dergeburt wiederum erlanget hat / der hat ſich ſo viel ernſtlicher gegen die ſuͤnde / von welcher vorhin ſich uͤberwinden laſſen / und dero ſchwehre / auch gefahr er er - kant / gewapnet / daß er vielweniger in dieſelbe wiederum auffs neue willige wird / als vorhin ehe er ſich mit deroſelben einmahl beſlecket / und gehet deswegen nicht ſo leicht wiederum auff die vorige irrwege / ſonderlich wo er etwa ſchon etliche mahl bey ſich die gefahr erkant / wie leicht er ruͤckfaͤllig werde. Wer aber immer wieder auffs neue / wo er ſo zu reden einmahl aus der ſchwemme herausgekommen / ſich ſtracks in den vorigen koth leget / bey deme habe ich ſehr ſorge / daß es ihm mit ſeiner reinigung gar nicht ein ernſt geweſen. Geſchichts aber mit ſolchen relapſibus zu offt / ſo traue ich gantz gewiß / es ſeye nur heucheley und keine wahre bekehrung geweſſt. Jſteine141ARTIC. I. DISTINCT. I. SECTIO XXX. eine materie / welche ſo viel fleißiger zu treiben iſt / weil eines von den vornembſten polſterkuͤſſen / darauff ſichere leute ruhen / und ihr heyl verſchlaffen / dieſes genen - net werden mag / daß ſie / was von unvermoͤgligkeit menſchlicher kraͤfften gelehret wird / und gelehret werden ſolle / auch auf die wiedergebohrne ziehen / und die krafft der wiedergeburt zu nicht geringer verkleine - rung goͤttlicher ehren vernichten. Dann iſts ſo / daß auch noch die wie - dergebohrne klagen muͤſſen / daß ſie die gnade GOTTES verachten und verwerffen / offtmals in todt-ſuͤnden fallen / und nicht anders thun koͤnnen: ſo moͤgen wir ihre boßheit nicht beſchuldigen / ſondern bleibet eine allen menſchen ge - meine ſchwachheit / ob ſie dann ſchon immer in ſolcher ihrer boßheit / die nunmehr ſolchen nahmen verleuret / fortfahren / moͤgen wir ihnen die ſeligkeit nicht abſpre - chen: ſie aber werden ſelbs auch nicht nur einverlangen tragen / anders zu leben / als welches unmuͤglich ſeye / und von GOtt bey verluſt der ſeligkeit nicht erfordert werde; Da uns doch GOtt die art der jenigen / die aus GOtt gebohren und in dem ſtande der ſeligkeit ſind / gar viel anders vorſchreibet uñ vormahlen laͤſſet / auch wie er die krafft des Geiſtes gegeben hat / nicht zwar ein von allen / aber gleichwol von allen herrſchenden / ſuͤnden befreytes leben zu fuͤhren / nothwendig erfordert / ſich ſol - cher gnade zu bedienen: alſo daß keiner in wahren glauben ſtehet / welcher nicht anfangt / dem Evangelio wuͤrdiglich zu wandeln / Phil. 1. 27. und mit eyffri - gem vorſatz nunmehr davon abzutreten / ſolchen wandel angegangen hat. Wel - ches alles nicht geſchiehet / den menſchlichen kraͤfften / die nichts ſind / etwas bey zu - meſſen / weniger einigen geiſtlichen hochmuth bey den leuthen zuerwecken / dann die krafft bleibet allein GOttes / und haben wir ihm mehr danck zu ſagen / daß er uns wuͤrdiget / gutes durch uns zu wuͤrcken / als er uns ſchuldig waͤre / daß wir ihn ha - ben in uns wuͤrcken laſſen / ſondern die krafft goͤttlicher gnade zu preiſen / und der ſi - cherheit / auch traͤgheit der menſchen zu ſteuren. Letzlich habe auch wahr genom - men das p. 100. ſeq. gehandelt wird von verleugnung ſein ſelbs; Nun iſt alles was daſelbs ſtehet war; aber ich achte / es gehoͤrte noch ein mehrere ausfuͤhrung dazu / und iſts eine ſolche materie die die erſte iſt unter allen lebens-regeln des Chriſtenthums / und alſo wol werth / daß ſie fleißig und ausfuͤhrlich vor augenge - legt / und gezeugt werde / daß wir nicht nur alles / das unſrige hinden anſetzen muͤſ - ſen / wo es offenbarlich dem goͤttlichen entgegen ſtehet / ſondern wie wir ſchuldig ſey - en / uns und das unſrige / unſern nutz / ehre / luſt / willen / in nichts auff andere wei - ſe zu ſuchen / als daß wir es auch auff den weitern zweck GOtt darinnen zu ſuchen / richten. Dieſes ſind nun meine wenige / einfaͤltige und mit anruffung GOTTes abgefaßte gedancken uͤber dieſes tractaͤtlein / ſo verlangter maſſen in vertrauen ha - be bruͤderlich communiciren wollen. Haͤtte gewuͤnſchet / das von dem autore etwa beym truck ſolches buͤchleins dergleichen waͤre beobachtet / und die leſung deſſel - ben ſo viel fruchtbarer gemacht werden. Wann aber ſolches nicht geſchehen iſt /S 3ſo142Das ſechſte Capitel. ſo achte darum nicht / daß deswegen ſolches ſcriptum aus guter leute haͤnden ge - riſſen / oder gantz ſupprimiret werden / mußte / als der ich ſelbs verlange / das ſolche gute arbeit moͤge einigen nutzen ſchaffen. Es mag aber der ſache alſo geholffen werden / wo entweder das leſen deſſelben denen jenigen allein recommendiret wuͤrde / ſo in der lehr der gottſeligkeit und wie nothwendig dieſelbe ſeye / wol unterrichtet und gegruͤndet ſind / auch in ſolchen leben ſtehen / daraus man abnehmen kan / daß ſie die lehr der gnaden nicht auff muthwillen / wieder die intention ziehen werden: Wie ich dann Statii ſchatz-kammer allezeit allein den jenigen recommendiret, welche einen hertzlichen eyffer hatten / GOtt ernſtlich zu dienen / und ſich vor allen ſuͤnden zu huͤten / aber aus anſehung derſelben um ihrer unvollkommenheit angſthafft waren / und alſo dieſes troſtes be - dorfften: Wie denn kein zweiffel iſt / daß in dem geiſtlichen nicht weniger als in dem leiblichen genau zu unterſcheiden ſeye / welcherley artzeney einem jeden erſprießlich ſeye: Oder aber wo ins gemein einigẽ ſolches tractaͤtlein gegeben wuͤrde / moͤchte es etwa mit der vorerinnerung geſchehen / wo ſie ſich vorzuſehen / und nicht wider des Autoris meinung die ſache weiter aus zudeuten / oder ſich derſelben zu mißbrau - chen haͤtte. Damit ſie alſo von dem leſen nutzen haben / und doch auch der ſchade verhuͤtet werden moͤge. Wie ich aber gebetener maßen dieſes in bruͤderlichen ver - trauen communicire, alſo geſchiehet es auch mit der condition und in dem ver - trauen / es vor ſich zu behalten / und nicht weiter zu communiciren, es ſeye mir dann vorher ſolches wiſſend gemacht: Wo alsdenn etwa zu ſehen habe / wie auch mit dem Autore ſelbs davon handlete. Jm uͤbrigen was meine einfaͤltige pia deſideria anlangt / ſo iſts freylich ſo / neben dem daß einige in dem finſtern da ge - gen murren / [dann keiner hat ſich noch oͤffentlich dagegen außgelaſſen] ſo bleibets bey den meiſten / die noch gut ſeyn wollen / bey dem approbiren: aber an dem hand anlegen mangelts faſt aller orten. Doch hat der HErr auch hin und wider die ſeinigen / die nicht gar die haͤnde in den ſchooß legen / ſondern trachten / auch in eini - gen dingen / wie ſie moͤgen / hand anzulegen. Daher die hoffnung zu goͤttlicher guͤ - te habe / es werde das werck nicht gantz ſtecken bleiben. Nur das wir mit gedult harren / und wo noch das graß herfuͤrbricht / die ſtengel / aͤhren und volle frucht in denſelben zu ſeiner zeit erwarten: Marc. 4 / 28. Jndeß fortfahren zu arbeiten und zu beten. Sonderlich meine ich / wir leben zu einer ſolchen zeit / da unſer amt faſt allerdings allein darinnen beſtehet; wie wir umbzugehen haben mit den jenigen / die ſich noch gern erbauen laſſen wollen / oder doch nicht halßſtarrig widerſetzen. Dann was boͤſe bleiben will / mit denſelben moͤgen wir leider nichts außrichten / als - denen es auch an den hilffs mitteln mangelt / dero wir / dieſelbe mit gewalt aus dem verderben zureiſſen / bedoͤrfften. Wie wir dann leider an allen orten alſo ſtehen / daß ich offt nicht ſehe / wie wir unſer gewiſſen retten koͤnnen / und lieber das amt / ſo ich nicht nach der vorſchrifft GOttes fuͤhren darff / quittiven wolte / als darinnen dieangſt143ARTIC. I. DIST. I. SECT. XXXI. angſt haben / ſo wir leiden / wo ich nicht ſaͤhe / daß damit der kirchen nicht geholffen / ſondern neben denen in das verderben lauffenden boͤſen auch die frommen vollends verlaſſen / und in gefahr geſetzt werden wuͤrden. Von demſelben ſehe / das mein vielgeliebter bruder eben dieſe principia fuͤhren muß / da er ſchreibet / daß er ſo wol mit erwachſenen knaben einige privata exercitia tractiret / als vornehmlichen noch eine auswahl unter alten und jungen zumachen geſonnen / iſt der jenige / bey de - nen mehr auszurichten. Hierauff muͤſſen wir gewißlich alle gedancken zu erſt ſchlagen / daß wir bey jeder gemeinde anfangs die jenige / bey welchen ſich bereits goͤttlichen fingers krafft kaͤntlicher zeigt / in dem ſtand durch die himmliſche gna - de bringen / da ſie als wahre Chriſten andern zum vorbilde leuchten / und ein heil - ſamer ſaurteig werden moͤgen / neben dem wort und amt des predigers / die uͤbrige mit zu erbauen: vel hoc modo vel nullo eccleſiæ conſuletur. Der HERR regiere uns alle / und ſonderlich meinen vielgeliebten bruder / mit ſeinem heiligen Geiſt / daß wir weißlich verſtehen / was zu ſeinen ehren und aufferbauung der ge - meinde dienlich / ſolches eyffrig in das werck ſetzen / und gluͤcklich zu ende bringen moͤgen. 15. Decemb. 1676.
Pia deſideria und dero praxis. Catechetiſche e - xamina gehen vor. Gothiſches exempel. Nach ſolchem nuͤtzlich anſtellende Chriſtliche ge - ſpraͤche.
DAs meine einfaͤltige pia deſideria an mehrern orten / als ich von der glei - chen geringfuͤgiger arbeit haͤtte vermuthen moͤgen / in conſiderarion gezo - gen werden / habe dem guͤtigſten geber alles guten / demuͤtigẽ danck zu ſagen. Sind damit die gemuͤther allein rege gemacht worden / ſo habe ſchon ein groſſes / und das meiſte deſſen erhalten / was ich habe prætendiren koͤnnen / dann ſo werden unter ſolchen die jenige / welche mit mehr licht und gaben / auch erfahrung von Gott begnadet / ſich angelegen ſeyn laſſen / die ſache ſo viel reifflicher zu uͤberlegen / und wo es an neuer arbeit mangelt / mit verſtaͤndigern rath und anſchlag der kirche zu helffen / ihnen / nach jedes zu dem gemeinen nutzen tragenden verbindlichkeit / an - gelegen ſeyn laſſen. Welches ich ſo hertzlich / als daß die jenige dinge / die in meinen deſideriis begriffen / und insgemein approbiret werden / auch werckſtellig ge - macht wuͤrden / verlanget habe / auch noch verlange; Wie dann alle conſulta - tiones vergebens / und nur zum zeugnuͤß uͤber uns dermaleins dienſam ſeyn wer - den / wo nicht auff die werckſtelligung ſo bald gedacht wird. Die in dem hochloͤblichen Gothiſchen Fuͤrſtenthum durch den unvergleichen eyffer des ſeligſt verſtorb enenHer -144Das ſechſte Capitel. Hertzog Ernſten wol eingefuͤhrte und treibende Catechiſmus-uͤbung iſt aller or - ten beruͤhmet / und freylich von unvergleichlichen nutzẽ / daß deswegen / wo etwas der - gleichen iſt / billich mit ernſt fortgeſetzet / und wo es noch mangelt / die einfuͤhrung verſucht werden ſolle. Daher auch hier / ehe zu einigen privat-conferentzen geſchritten / ſolche catechetica examina vorhin / ſo viel in dergleichen ſtatt ſich an - noch hat wollen thun laſſen / gleichſam zum grunde geleget worden / und ſie auch als viel GOtt gnade dazu verleyhet / mit fleiß continuiret werden. Nechſt de - nen aber ſo mag nachmahls ſicher mitden jenigen / welche ſich weiter zuerbauen be - gierde tragen / fortgefahren / und einiges buch des Neuen Teſtaments vorgenom - men werden / ſo auch bey den einfaͤltigen nicht ohne nutzen abgehen wird / wo man in ſolchem leſen und abhandlen zu erſt auff gar nichts anders / als die einfaͤltige uͤ - bung des glaubens in den articulen / die deutlich und gleichſam mit ſo viel worten in der Schrifft gezeigt werden koͤnnen / ſonderlich aber die erbauung des lebens / intendiret, und dem auditoribus fleißigſt inculiret wird. Wie ich dann ach - te / wir haben ihnen allen ſo wol in den predigten als andern exercitiis allemahl treulich zuſagen / daß wir auch aus der Schrifft aus unſrem menſchlichen fleiß u. ei - genen vernunfft nicht vermoͤgen die goͤttliche warheit zuverſtehen / ſondern es ge - hoͤre eine erleuchtung des heiligen Geiſtesdazu / damit wir ſein wort moͤgen heil - ſamlich verſtehen. Soll aber der heilige Geiſt bey uns wircken / der gleichwol nicht in eine boßhafftige ſeele kommet / noch von der welt empfangen werden kan / ſo iſts noth / daß die jenige / die Chriſti lehr recht zu faſſen begehren / ſich gleich re - ſolviren, ihr leben nach ſeinen willen und regeln anzuſtellen / und daſſelbe auch ſo bald antreten. Jn ſolchem ſtande ſind ſie faͤhig / weiter und weiter auch in der er - kaͤntnuͤß der goͤttlichen geheimnuͤſſen zu zunehmen. Daher zu erſt / nechſt den all - gemeineſten glaubens lehren / welche nicht in groſſer zahl ſind / faſt allein auff die lebens regeln zu reflectiren waͤre. Und wo dann in den piis exercitiis aus den vorhabenden texten davon conferiret wird / ſo moͤgen ſo wol die colloquentes als auditores / ob ſie wol einfaͤltig aber GOTT von hertzen gelaſſen ſind / nicht geringen nutzen ſchoͤpffen / vornemlich wañ dardurch auch eine gottſelige bruͤderliche freundſchafft bey ſolcher gelegenheit geſtifftet wird / einander zu ermahnen / und wo noch fehler wargenommen werden / bruͤderlich zu erinnern. 15. Dec. 1676.
An einen Rectorem / der darnach ein vorneh - mer Theologus worden. Titul und brudernahme. Abſicht und frucht der piorum deſideriorum. Noͤthige beſſerung der ſchulen. Hoffnung des kuͤnffti - gen.
DAs ſonderbahre vertrauen / ſo gegen deſſelben werthe perſon / aus dem ſo liebreichen an mich gethanen ſchreiben gefaſſet / will mir faſt nicht zu laſſen / auf ſonſt in jetziger zeit gebraͤuchliche weiſe an denſelben zu ſchreiben / ſondern vielmehr die unſern erſten vorgaͤngern in den glauben gewoͤnliche und beliebte art zugebrauchen. Nicht ob hielte ich davor / daß die nunmehr durch die gewohnheit eingefuͤhrte und gewiſſen ſtaͤnden oder aͤmtern gewidmete titul an und vor ſich ſelbs unrecht waͤren / oder nicht gebrauchet werden moͤchten / als der ich kein bedencken habe / ſie zu geben / und an zunehmen / u. die ich laſſe ſeyn ein ſtuͤck der politiſchen ord - nung / welche unſer Evangelium nicht eben auffhebet / ſondern zu rechtem gebrauch ſo viel geſchehen kan / einſchrencket. Sondern dz unter den jenigen gemuͤthern / die was in jeglichen dingen warheit oder ſchein ſeye / gruͤndlicher eingeſehen / geziemlicher achte / zu der erſten und Apoſtoliſchen einfalt / ſo viel ohne anderer / die die ſache nicht faſſen / anſtoß geſchehen mag / auch in dieſem ſtuͤck wieder zuruͤck zukehren / und al - ſo auch was in ſolchen gebrauch ſich von eitelkeit mit angehaͤnget zu vermei - den. Hoffe demnach mein wertheſter bruder / ſo ſich ohne das erklaͤret in die zahl der bruͤder auffgenommen zu werden / werde ſich auch ſolchen anſpruch laſſen an - genehm ſeyn / und hindangeſetzet ebenfals anderer titul ſich gegen mir gleiches ge - brauchen. Jn dem uͤbrigen dancke ich meinen GOtt hertzlich / der mich an dem - ſelben wiederum eine ſeele finden laſſen / von dero erkenne / daß er ſie mit ſeinem licht herrlich erleuchtet und zuverſtehen gegeben / wo es mangle / und was das einige nothwendige ſeye. Welches wie es gleichwol bey ſo reicher erkaͤntnuͤß des buch - ſtabens des Evangelii gantz gemein ſeyn ſolte / dennoch leider auch unter denen die von goͤttlichen dingen profeſſion machen / ſo rar u. ſeltzam iſt / daß man ſich inniglich zuerfreuen / wo man ein und andere alſo geſinnete / und die rechte abſicht unſers Chriſtenthums erkennende gemuͤther antrifft. Jedoch hat GOTT hin und wieder (und wer weißt / wie viele) die ſeinige ve[r]borgen / welche mit ſeufftzen die vor augen ligende greuel beklagen / und nach beſſerung ſich ſehnen. Wie mich derſelbe auch inner faſt nunmehr von 2. jahren aus gelegenheit meiner piorum deſideriorum ein und andere hat kennen gelehret / von denen vorhin nicht gewuſt / auch immerT 3von150Das ſechſte Capitel. von mehrern kundſchafft zu erlangen / ſo verlange als zu ſeiner goͤttlichen guͤte hoffe. So waͤre vielleicht ein nicht geringes durch ſeine gnade erlangt / wo erſtlich ſolche / die mit ernſt das himmliſche allein zu ſuchen begierig ſind / einander bekanter und mit ſo viel engerem bande durch correſpondenz unter einander verknuͤpffet wuͤr - den / daß ſie mit gebeth / rath und huͤlffe einander ſo viel fleißiger bey ſtuͤnden / und das werck des HErrn trieben. Jch bekenne / daß dieſes nicht die geringſte urſach ſonderlich der beſondern edition der piorum deſideriorum bey mir geweſen / daß da ſolche materien, daran allen ſo hoch gelegen / ob wol nicht außgefuͤhret / gleich - wol / ſo zu reden / auf das teppich geleget wurden / daß theils andere erleuchtetere nach der von GOtt reichlicher empfangenen gnade zu der gemeinen wolfarth huͤlf - fen beyrathen / theils vieler hertzen gedancken / die dem heiligen vorhaben entgegen oder gewogen ſind / ferner geoffenbaret wuͤrden / daraus eine gelegenheit der naͤ - hern freundſchafft der jenigen gemacht wuͤrde / die den ſchaden Joſephs hertzlich zu gemuͤth zoͤgen. Auch hat Gott den ſegen / welchen ich in ſolcher maß von einen klei - nen und ohne apparat einiger erudition ausgefertigtem ſcripto nicht vorher hof - fen duͤrffen / dazu gegeben / das ſolche blaͤttlein weiter in Teutſchland / auch auſſer demſelben herum geflogen / und mir noch nechſtens ein Superintendens in Tuͤrin - gen geſchrieben / der meiſten Theologorum gemuͤther erweckt und rege gemacht: daß auffs wenigſte einige gedancken auff die ſache geſchlagen werden. Und habe ich aus denen in ſolcher zeit an mich angekom̃enen vielen ſchreiben wargenom̃en / daß auch einige ob wol wenigere / den hertzlichen entſchluß gefaßt nach vermoͤgen an dem guten wercke hand mit anzulegen / wo ſie etwas zu erbauen muͤglichkeit ſe - hen wuͤrden; andere billichen die ſachen / aber halten theils das meiſte vor un - muͤglich / theils wollen ſehen / wie es ablauffe / und ob andere es angreiffen / vieleicht ſich darnach zu richten; einige ſcheinen das werck mit ſchaͤlen augen an - zuſehen / und ob wol noch niemand ſich erkuͤhnet hat / offentlich ſich zu widerſetzen / hoͤret man doch das murren hin und wieder / und bedoͤrffte nur / daß einer ſich hervor thaͤte zu oͤffentlichen widerſpruch / ſo moͤchten wohl ſich viele mehrer hervor thun. Jch / wie ichs in einfalt meines hertzens und ohne einige ge - ſuch geſchrieben habe / bin ohne ſorge deswegen / und befehle die ſache dem / des ſie alleine iſt / als der ich weiß / daß ich nichts zuzwingen vermag / wie auch ſolches die art nicht iſt in dem reich CHRJSTJ / als worinnen alles allein mit willen geſche - hen muß. Kan ich ferner etwas gutes beytragẽ ſo wohl an der mir ſonderbahr mit an dern collegis anvertrautẽ kirchẽ in mehrer erbauung derſelben / als auch auff art u. weiſe / welche ſeine himmliſche weißheit mir zeigen moͤchte / bey andern und durch andere / ſo will mich auch nicht entziehen / noch arbeit oder verdruß ſcheuen / aber auch mich nirgend mit gewalt eintꝛingen / als meineꝛ ſchwachheit und deſſen wohl be - wuſt / daß ich derjenige nicht ſeye / durch welchen GOTT groſſes auszurichten be - ſchloſſen habe. Der enjenigen hoffnung ſorge ich vergebens zu ſeyn / die darauff war -ten151ARTIC. I. DISTINCTIO II. SECT. I. ten wollen / das groſſe Herren und Obrigkeiten communiautoritate ſich des we - ſens anneh men / und etwas gutes verordnen / und alſo mit weltlichem arm das werck des HErrn befoͤrdern wuͤrden; Jch finde auch wenig / daß dergleichen in dem reich Chriſti geſchehen ſeye. Worinnen vielmehr der HErr ſich gemeiniglich geringer u. unanſichtbarer mittel zugebrauchen pfleget. Wuͤrde alſo das warten auff dieſel - be vergebens ſeyn. Sondern ich achte / es habe ein jeglicher in ſeinem amt mit an - ruffung GOttes zuſehen / was er ſelbs auszurichten vermoͤge / und unter collegis auch andern guten freunden / allemahl die jenige ſo viel muͤglich / mit zugebrauchen / bey denen man findet / das GOTT auch ihre hertzen geruͤhret habe. So mag endlich durch goͤttlichen ſegen ein geringer anfang ſich viel weiter erſtꝛecken / als man anfangs haͤtte gedencken koͤnnen. Was die ſchulen betrifft / ſo iſts freylich an de - me / daß bey den ſchulen eines der aller vornehmſten huͤlffs mitteln zu ſuchen waͤre / und wuͤrden ſolche pflantz-gaͤrten der kirchen getreulicher angeordnet und gebauet / ſo wuͤrde es in allen ſtaͤnden beſſer ſtehen. Es gehoͤren aber leute dazu / welche GOTT auch mit den zu ſolchen werck gehoͤrigen gaben ausgeruͤſtet / ſonderlich zur erfahrung hat kommen laſſen. Jch bekenne meine ſchwachheit / daß ich davon wenig verſtehe / als der auß mangel der gelegenheit in meinen patria allein durch privat præceptores muͤſſen erzogen werden / und alſo in keine ſchul niemahl ge - kommen bin. Jch erfreu mich aber / und dancke GOTT ſo vielmehr / daß da ich noch mit keinem / welcher hiezu gaben und willen haͤtte / bißher bekant geweſen / ohne Herr N. N. mir nun GOTT an ihm / vielgeliebteſter bruder / einen treuen freund gewieſen / welcher die ſache verſtehet / und mit ſolchem guten eiffer zu dieſer wich - tigen ſache von GOTT ausgeruͤſtet iſt. Daher nicht zweiffle / er werde hiezu ſein von von dem Herrn habendes pfund anwenden / nicht nur allein in der abſonderli - chen anvertrauten loͤblichen ſchul / mehr und mehr gutes zuſchaffen / ſondern auch ſeine gute vorſchlaͤge / wie der ſache gantz zu rathen / auffzuſetzen. Jch werde hertz - lich darum dancken / da mir ſolche zu communiciren beliebig ſeyn wird / auch auff erlaubnuͤß mit andern der gemeinen erbauung begierigen gemuͤthern / ſo mir hin und wieder bekant ſind / dieſelbe gemein zumachen; ob auch derſelben jeder nach der gnade ſo er von GOTT empfangen / wolte mit beytragen / was zu ſolchen wichtigen ſachen dienlich ſeyn mag. Es iſt ja freylich ſo / wie derſelbe klaget / daß aus den meiſten ſchulen die jugend mehr heidniſches als Chriſtliches heraus bringet / und die ſorge des weitſehenden Eraſmi nur zuviel erfuͤllet worden / da derſelbe ir - gend bezeuget / daß ſeine freude uͤber die damahl ſich weiter hervorthuende ſtudia etwas verringert werde / weil er ſorge / das allgemach viel heidenthum mit in die ge - muͤhter einſchleichen moͤge. Wann ich an nichts gedencke als an unſre Ariſtote - liſche Ethic, ſo erſchrecke ich / und ſtehe in verwunderung / daß wir uns ſo lange mit denen einmahl nicht reinen pfuͤtzen vergnuͤget / da wir die lautere bruͤnnlein Jſraelis offen haben / und viel herrlicheres daraus lernen koͤnten / damit auch gleich die ju -gend152Das ſechſte Capitel. gend gewehnet wuͤrde aus der geſunden vernunfft zuerkennen / wie die ſeligkeit des menſchen in der veꝛeinigung mit dem hoͤchſten unerſchaffenen gut beſtehe / und zwar folglich die lehrſaͤtze ſind / ſo aus ſolchen geſetztem principio von ſelbſten folgen wuͤrden. Der HErr erwecke helden / die muth und krafft haben / auch in ſolchen din - gen durchzudringen. Wie ich zwar hoffe / daß wir etwas naͤher zu ſolcher zeit kom - men / wo die erde mit erkaͤntnuͤß des HErrn erfuͤllet werden ſolle / wie mit waſſer des meeres bedecket. Vielleicht mag einiges hierzu dienliches in den alten Juͤdiſchen ſchrifften gefunden werden / wo fleißige leute ſie anfangen emſiger zu unter ſuchen / ſo mich hertzlich erfreuet / daß ſo wohl hin und wieder anderwertlich als von ihm ſol - ches mit fleiß geſchiehet. Der HErr laſſe mehr und mehr ſeinen heiligen nahmen groß werden / und befoͤrdere was hierzu dienlich iſt. Wie dann gewiß iſt / daß er nach ſeiner treue / wo wir mit ernſt ſuchen werden / das einige nothwendige allein vorzuziehen / das werck nicht ſtecken laſſen wird. Laſſet uns nur einander helffen kaͤmpffen mit beten / und nicht muͤde werden / uͤber die a beit und verdrießlichkeit / welche dabey auszuſtehen iſt. Dann die ſache iſts wohl weh[r]t. Womit dißmahl be - ſchlieſſe / nur daß noch ſchließlichen bey dieſem jahꝛwechſel wuͤnſche / daß die liebe Got - tes / gleich wie ſie in erneuung zeitlicher dinge ſich heꝛvorthut / alſo auch mit taͤglicher erneurung des goͤttlichen ebenbildes in ſeiner und unſer aller ſeelen als einen liecht - lein der ewigkeit gewidmet / je laͤnger je kraͤfftiger ſich erzeigen / und uns tuͤch - tig machen wolle / daß wir an dem groſſen tag der allgemeinen erneurung gleich - falls zu der neuen welt und ſtatt unſers GOttes zu der ſeligen ewigkeit moͤgen er - neuret werden. Amen. 8. Jan. 1677.
Auffmunterung an eine Chriſtliche weibs per - ſon / dero ihr voriges in eitelkeit gefuͤhrtes leben ange - legen. Laͤſterung des guten in Franckfurt.
ES freut mich hertzlich / daß dieſelbe bezeuget / wie noch immer goͤttliches wort deroſelbigen einige freude ſeye. Der HERR erhalte ſie bey ſolchem eini - gen / und laſſe ſie mehr und mehr ſchmecken die ſußigkeit deſſelbigen / ſo dann die gewuͤnſchte fruͤchten / die es in den folgſamen ſeelen wuͤrcken will / bey deroſelben daraus erwachſen / zu ihres GOttes preiß / und eigener ſeelen beruhigung. Wir haben den guͤtigen Vater / welcher alles vorigen / auch in eitelkeit der welt zuge - brachten / lebens nicht gedencken will / wo wir in Chriſto JEſu durch den glauben ſind / und nunmehr von der welt gemeinſchafft abgeſondert / mit ernſt allein trach - ten unſerem heiligen Heyland nachzufolgen / und nach ſeinen lieben reguln das le - ben anzuſtellen. Auff welchem weg / da wir alſo trachten unſere erwehlung undbe -153ARTIC. I. DISTINCTIO II. SECTIO II. beruff veſt zumachen / wir die allerhertzlichſte vergnuͤgung finden / auch die mitwir - ckende gnade ſpuͤren / welche uns dasjenige muͤglich machet und verrichten hilfft / was wir vorhin / ſo lang wir allein auff uns ſelbs ſehen / und ehe wir das werck in ſolchen hertzlichen vertrauen eiffrig angreiffen / vor unmuͤglich gehalten haben. A - ber der iſt treu / der uns ruffet / der wils und wirds auch thun / wie er uns dann ſtaͤrcket und bewahret fuͤr dem argen / daß dieſer uns nicht uͤberwinde noch auffhalte in dem weg der Gottſeligkeit / den wir zu lauffen an - gehoben. Und da bedarffs nicht mehr die vorige ſuͤnden ſtets zu beklagen / als wel - che / weil wir gemeinſchafft mit GOTT haben / durch das blut JESU CHRJ - STJ getilget ſind / und vor goͤttlichen gericht uns nicht mehr ſollen zugerechnet werden; Sondern wir erinnern uns allein derſelben zum preiß unſers lieben Va - ters / der uns ſo groſſes erwiſen / und die ſuͤnde vergeben habe / zur erweckung einer ſo viel inbruͤnſtigern liebe / als mehr uns iſt erlaſſen worden / und zur vorſichtigkeit in das kuͤnfftige / daß wir aus dem vorigen lernende / worin die welt und der ſatan uns leicht angreiffen koͤnnen / auff ſolche feinde ſorgfaͤltig acht geben / und behutſamlich wandlen; Daraus entſtehet eine froͤliche ruhe der ſeelen / die nunmehr ihres vori - gen lebens / unter der erlangten vergebung der darin begangenen ſuͤnden / ohn zweif - fentlich verſichert / daruͤber allein ſorgfaͤltig iſt / wie ſie moͤge das gegenwaͤrtige und zuͤkuͤnfftige zu ihres GOttes preiß anwenden / und vorſichtiglich wandlen in dieſer gefaͤhrlichen zeit und welt. Wozu nachmahl anderer gottſeligen hertzen vielfaͤlti - ge converſation nicht weniges thun kan; die ſo wohl ſich in dem geiſt mit einan - der ermuntern / und alſo die freude des geiſtes erwecken / als auch mit treuem rath einer den andern an die hand gehen kan / wie er ſerner in der reinigung fortfahren / und immer mehr ſeinem GOTT gefaͤllig ſeyn moͤge. Ach waͤre dieſe liebe und ver - traulichkeit unter uns Chriſten ins geſamt / wie ſie bey unſern erſten vorgaͤngern ge - weſen / wie ſolte in kurtzen ſo reiche frucht davon entſtehen? Es wird aber alsdann der teuffel nicht feyꝛen / dergleichen gutes / welches er ihm ſo kꝛaͤfftig entgegen zu ſte - hen ſiehet / nach vermoͤgen zu hindern / und der welt haß zu erregen. Es erfahren ſolches allhie bey uns etliche Gottſellge gemuͤther / welche ſich eiffrig laſſen angele - gen ſeyn / ihren GOTT rechtſchaffen zudienen / und in dem guten zu wachſen / und deswegen / ſo offt einige einander beſuchen von ſolchen dingen die ihr wachsthum angehen / lieber ſprache / als mit unnuͤtzen geſpraͤchen die edle zeit verderben / auch je zu weilen ihr neues Teſtament auffſchlagen: Daß dannenhero von ihnen die ungereimteſten und luͤgenhafftigſte dinge ausgeſprenget werden / daß ich mich uͤber des teuffels boßheit und unverſchaͤmte luͤgen nicht gnugſam verwundern kan: Da wird vorgegeben / daß die weiber predigten / die maͤgde hielten unter ſich ihre predigten / es ſeyen neue quackereyen / und was des abſurden weſens mehr iſt. Und zwar ſind von ſolchen dingen nicht nur die ſtatt ſelbs / ſondern auch benachbar - te alſo eingenommen / daß die meiſten ſolches behaupten / auch wohl die vornehmſten darauff ſtehen / daß dergleichen dinge wahr ſeyen / wo ich doch verſichert bin / daßUdas154Das ſechſte Capitel. das gerichte falſch / u. ein heimlicher tuͤck des ſatans darunter verborgen iſt / welcher trachtet dem guten mit ausſprengung ſolcher falſchen dinge (die ich ſelbs / wo ſie alſo geſchehen / wie ausgegeben wird / nicht billigte) einen boͤſen nahmen und boͤſen ver - dacht zu machen. Wolte aber die obrigkeit / ſo wir auch darum erſuchet / und die zu inquiriren angefangen / als ſie aber bald anfangs nichts gruͤndliches finden kun - te / gleich wieder nachgelaſſen hat / die ſache fleißig unterſuchen / ſo wuͤrde allen gar bald gerathen ſeyn / und Gottſeliger leute unſchuld bald gerettet werden. Es will aber GOTT auch dero beſtaͤndigkeit pruͤffen / ob ſie ihm nehmlich in dem guten auch durch boͤſe und gute geruͤchte / gehorſam bleiben wollen. Ach wie weit ſind wir zu unſerer zeit verfallen / daß da die laſter ungeſcheut die nahmen der tugenden tragen / hingegen die wahre Gottſeligkeit unter den veꝛhaſſteſten nahmen muß duꝛch - gezogen oder wohl verfolget werden. Nun laſſet uns die ſache dem HErrn befehlen / deſſen ſie iſt / und nicht muͤde werden gutes zu thun / daß wir auch zu ſeiner zeit ernd - ten moͤgen ohn auffhoͤren. 8. Jan. 1677.
An einen vornehmen Theologum. Erklaͤh - rung uͤber einige beſchuldigungen wegen meiner lehr / col - legii und uͤbung des geiſtlichen prieſterthums / auch von ſolchem tractat.
WEil ich theils benachrichtiget worden / daß vieles ungleiches von meiner perſon und handlungen Euer Hochw. zu ohren gekommen / theils leicht ver - muthen mag / daß dergleichen noch mehr geſchehen moͤchte: Auff daß dann ſo wohl Eure Hochw. ſelbs einen gruͤndlichen bericht meiner intention haben / als auch mir die wohlthat thun moͤchte / wo derſelbe nach von GOTT empfangener gnade und mit vieler erfahrung bekraͤfftigſter prudenz mich in einigen dingen zu erinnern finden ſolte / dergleichen erinnerung und bey gefuͤgten Chriſtlichen raths mich zu wuͤrdigen / ſo habe mein hertz bey derſelben hierdurch ausſchuͤtten ſollen. Jch weiß ſehr wohl / und hoͤre es offt / daß ſo hier in dieſer ſtatt mancherley reden und urtheile gehen / als auch anderwertlich hin ausbrechen uͤber ein und andere dinge / welche entweder von mir in meinem amt geſchehen / oder theils daß ich ſolche fovirte / mir beygemeſſen wird. Es beſtehet aber vornehmlich ſolches in 3. ſtuͤcken. 1. Was meine lehr betrifft / daß in deroſelben ernſtlich auff die lebendige uͤbung des Chriſten - thums treibe / und weiſe / wie kein anderer glaube ein wahrer und ſeligmachender glaube ſey / als der nach Lutheri worten einen gantzen anderen menſchen machet / und das leben allerdings nach goͤttlichen willen zu fuͤhren antreibet. 2. Das an - dere gehet an diejenige habende hauß-uͤbung / oder ſo nennendes Collegium, wor -innen155ARTIC. I. DISTINCT. II. SECTIO III. innen von unterſchiedlichen jahren die ſchrifft leſe / einfaͤltig erklaͤhre u. andern ſrey laſſe / ihre einfaͤltige meinung / was etwa zu der erbauung dienlich / unter meiner obſicht / und wo es noth iſt verbeſſerung / mit bey zutragen. 3. Daß von einiger zeit her etliche gute gemuͤther / wo ſie zu weilen bey gelegenheit zuſammen gekom - men / ſich unter einander erinnert / die Schrifft mit einander geleſen / und ſich davon Chriſtlich unterredet / um alles auch in die praxin zu bringen / und es alſo nicht / wie ſonſten leider ſo offt geſchiehet / allein bey dem unfruchtbahren wiſſen bleiben zu laßen. Nun ſtehe ich in der guten zuverſicht / daß wo jemand die rechte beſchaffenheit nicht aus gemeinem gerichte / u. von feindſeligen gemuͤtheꝛn eꝛdichteten erzehlungẽ / ſondern wie ſich alles in der that verhalte / erfahren / ſo dann meinerintention gnug - ſam erkaͤntnuͤß haben / oder auch mein gemuͤth ſelbs tieffer einſehen wird / daß von allen ſolchen dingen viel einander urtheil fallen wird / als wie in ermangelung obiger conditionen, auch etwan von guten gemuͤthern / ſo nur etwas obenhin davon ge - hoͤret / vielleicht geſchoͤpffet werden moͤchte. Zum foͤrderſten bezeuge mit gutem gewiſſen / hoffe auch daß die jenige / ſo mit mir vertraulichen umgehen / und alſo in ſteter beobachtung den grund des hertzens tieffer zu forſchen vermoͤgen / mir deſſen zeugnuͤß unſchwehr geben werden koͤnnen / daß in alle dieſen dingen u. fuͤhrung mei - nes amts ich ja nichts von meiner eigenen ehre / reichthum / bequemlichkeit dieſes lebens oder dergleichen hauptſaͤchlich ſuche / oder darnach trachte: ja auch thoͤricht wuͤrde ſeyn / wo ich durch ſolche mittel / welche jenem zweck gantz entgegen ſtehen / dergleichen menſchliches ſuchen wolte. Es ſind in der gleichen dinge keine mittel / da - mit ehre zu erlangen / ſondern verachtung der welt / boͤſe urtheil von vielen leuten / und verleumdungen / ſind das gewiſſe / was derjenige vor ſich ſehen kan / welcher auff dergleichen wege tritt. Und ſuchte ich einige ehre in der welt / ſo wuͤrde es etwa auff andere wege geſchehen muͤſſen und koͤnnen: vor welchem geſuch aber mein Gott mich gnaͤdig behuͤten / und mir die gnade geben wolle / wo noch etwas von ge - ſuch eigener ehre bey mir ſich findet / auch ſolches thaͤtlich abzulegen. Eben ſo we - nig wuͤrden dieſes die mittel ſeyn / zu guͤtern in der welt zu gelangen / wo durch man ſich mehr haß als gunſt der menſchen zu wegen bringet. So gibets auch keine muͤßige tage oder bequemeres leben. Sondern meine einige abſicht iſt nechſt goͤtt - licher ehr / daß ich der mir anvertrauten / und meine arme ſeele rette. Jch fuͤhre mein amt mit furcht und zittern / und erſchrecke vor dem gericht / welches uns allen / die wir den ſeelen vorgeſetzt ſind / ſo viel ſchrecklicher bevorſtehet / als mehr uns an - vertrauet wird. Wo ich dann nun gedencke / daß ich nicht weiß / wie nahe ich ſol - chem gericht ſeye / und vielleicht naͤher als ich oder andere von mir gedencken moͤgen: ſo ſehe ich ja wohl / daß ich nicht urſach habe / ſicher zu ſeyn / ſondern von allen ſei - ten zu ſehen / ob ich nichts verſaͤume / was ich wiederum zuerſetzen vielleicht keine friſt mehr haben moͤchte. Jch leugne nicht / daß ich offt nicht weiß / mein gewiſſen zuſtille / ſonderlich wo ich etwa mir ſelbs nicht gnug rathen kan / und gleichwohl beyderſeitsU 2ſeelen156Das ſechſte Capitel. ſeelen-gefahr vor augen habe. Daher ich ſo offt die jenige gluͤcklich und ſelig prei - ſe / welche in faſt allen andern ſtaͤndten ihr heyl leichter wircken / und weniger ſee - len-angſt und gefahr auszuſtehen haben / und wo in unſerer freyen willkuͤhr ſtuͤn - de in oder auſſer amts zu leben / wuͤrde ſolche ſorge offters mich bewogen haben / lie - ber mit Jona auff das meer zufliehen / als dieſes gefaͤhrliche amt zutragen. Jſt demnach allein der goͤttliche beruff / und alſo gehorſam unter goͤttlichen willen / das jenige / welches mich haͤlt / und manchmahl auffrichtet. Jn deſſen ſolte in einigem von mir auch zu viel geſchehen / darinnnen gern von vaͤtern und bruͤdern dero gruͤndlichen unterricht und uͤberzeugung annehme / ſo iſts aus keiner andern abſicht / als das jenige zu thun / was nach der erkaͤntnuͤß ſo mir GOtt gegeben / noͤthig erkenne / meine ſeele zu retten. Was nun die 1. aufflage anlangt / wenn ich hie von vielen beſchuldiget werde / ich machte die ſache zu ſcharff / und erforderte zu viel bey dem Chriſtenthum. So bin ich deſſen in mei - ner ſeelen verſichert / daß einmahl die lehr / die ich in ſolchen und andern ſtuͤcken of - fentlich in meinem amt treibe / goͤttlichem wort und den Symboliſchen buͤchern / ohne einige außnahm / gantz gemaͤß. Jch ſchreibe dem allerheiligſten leben / welches ge - fuͤhret werden koͤnte / das aller geringſte verdienſt nicht zu: Jch erkenne unſer ei - gene unvermoͤglichkeit zu allem gute / welche hindert / dz wir nicht zu der wahren voll - kommenheit zugelangen vermoͤgen / daß wir allerdings ohne ſunde waͤren. Hin - gegen bekenne gern / das ich ernſtlich treibe / nicht nur auf die fruͤchte des glaubens ſelbſt / ſondern auch ſo fern ſie gantz noͤthign kennzeichen des glaubens ſeyen / ohne welche keiner wahrhafftig glaͤubig erkant werden moͤge. Jch ruͤhme danckbar - lich die theure krafft unſers liebſten Erloͤſers und ſeines verdienſts / aus dero wir nicht nur allein die vergebung der ſuͤnden und gerechtigkeit / ſondern auch die heili - gung und die kraͤfften haben / ein wahrhafftig Gott wohlgefaͤlliges / von herrſchenden ſuͤnden freyes / unſtraͤffliches / und ob wohl nicht von alleꝛ ſuͤndlichen befleckung annoch gantz reines / dannoch nach dem exempel unſers Heylandes in dem gantzen wandel thaͤtlich eingerichtetes / leben zufuͤhren: alſo gar / daß wer auch dieſe gnade ſeines Erloͤſers nicht will bey ſich kraͤfftig ſeyn laſſen / ein ſolcher auch in dem uͤbrigem ſich der gnade der rechtfertigung und ſeligkeit nicht getroͤſten moͤge. Jn dem der HErr ſeine beyde wohlthaten ſo genau an einander verknuͤpffet / daß wer die eine von ſich ſtoͤſſet / die andere auch nicht behalten mag. Solches alles zweiffele ich nicht / daß es eben die lehr ſeye / welche Ew. Hochw. nicht weniger in ihrem amt treiben wer - den; wie auch alle andere / ſo mit ernſt das werck des HErrn ihnen laſſen angele - gen ſeyn. Und gleichwohl wird es mit allhier von vielen ſo uͤbel auffgenom̃en / weil ich dieſelbe faſt immer fort repetire, als die ich vor das hauptwerck halte / wor - auff ich zu treiben habe / und den ſchlaffenden hund etwa durch ſo offt wiederholtes ruffen erwecke / weñ er durch ein und ander zuſchreyen noch nicht rege werden will. Es werden aber eben meine mit zugleich ſchickende Catechiſmus fragen auch hier -innen157ARTIC. I. DISTINCTIO II. SECTIO III. innen mir ein zeugnuͤß ſeyn / daß ich in treibung des lebendigen thaͤtlich en Chriſten - thums von der reinen wahrheit nicht abweiche. Was das andere nemlich meine zu hauß gewoͤhnlich anſtellende uͤbung anlangt / ſo iſt wiederum bey ſolcher arbeit / die mir doch des jahrs viele ſtunden / (worinne ſonſten etwas ſparſamer zu ſeyn pflege) wegnimmet / keine abſicht auff etwas meines eigenen ſondern lauter allein / weil als erſtlich von gottſeligen gemuͤthern darum angeſprochen werden / und deroſelben habenden zweck goͤttlicher ehre und ihrer erbauung erkant / ihnen mit gutem gewiſ - ſen aushanden gehen zukoͤñen nicht geſehen / nochſolche aber offters wahrgenom̃en / dz auch der zweck der geſuchten aufferbauung aus goͤttlicher gnade u. ſegen bey unter ſchiedlichen erfolget / hingegen nicht allerdings erhebliches dargegen biß dahero ge - bracht / ſondern auch von vortrefflichen Theologis entweder insgeſamt ſolche exercitia bekraͤfftiget / oder doch / welche nicht gern ſehen / daß es promiſcue von andern imitirt wuͤrde / das meinige gleichwol gebilliget / und ich zur continu - irung angefriſchet / von keinem aber / daß ſolches abzuſtellen haͤtte / erinnert wor - den / ſo ich mich gleichwol verſichere / in ſolchen fall wuͤrde geſchehen ſeyn / und haben geſchehen ſollen. So iſts auch erſtlich mit rath und gut befinden unterſchiedlicher unſers Collegii, welche auch als lange ihre geſchaͤffte ſolches ihnen vergoͤnnet / ſich mit dabey eingefunden / angefangen worden. Wie nicht weniger die damahlige Scholarchæ, als unſere vorgeſetzte in rebus eccleſiaſticis, ſolches gewußt / auch abſonderlich mit einigen davon damahl geredet / von ihnen gebillichet / und ſolches mit zulaſſung / daß die ihrige ſelbſt es beſuchten / bezeuget worden. Hingegen iſt nicht ein einigesmahl weder von geſamten Herrn / oder einem einigen gegen mich ſelbſt / einiges mißfallen conteſtiret oder angedeutet worden. So wird auch ſolches alſo angeſtellet / daß jeglichen erlaubt dazu zukommen / daß alſo da nichts heimliches tractiret, oder vorgenommen wird / da nicht ſo viele zeugen dabey waͤ - ren / welche was vorgegangen oder vorgehe wiſſen / und hoͤren wuͤrden: Die mir noch darzu meiſtens bekant ſind / wie wohl wo die erlaubnuͤß haͤtte / ich ſolches exerci - tium noch viel lieber ſelbſt in der kirche / da mehr bequemlichkeit waͤre / zuhalten verlangte.
Das 3. ſtuͤck betreffend / ſo bekenne gern / das etwa von 4. monaten / nachdem mit neu angefangenem methodo bey dem neuen kirchen-jahr / wo ich vorſchlag gethan zu leſung der Schrifft / die zu hoͤrer beſſer anzufriſchen und anzu - fuͤhren / ſolche treulich erinnert und vermahnet mit rechtſchaffenem ernſt ihnen ihr Chriſtenthum und das wachsthum deſſelben angelegen ſeyn zu laſſen / unterſchied - liche gute gemuͤther / ſo vielmehr eyffer gefaſſet / daß ſie theils jeglicher vor ſich ſelbſt das goͤttliche wort fleißiger unterſuchte / theils einige hauß-vaͤter und hauß-muͤttern mit den ihrigen ſolches zu thun / oder mit zuziehung eines erforderten Studioſi, thun zu laſſen / ſich reſolvireten, theils bey beſuchungen und der gleichen zuſam - men kuͤnfften / da ſie zu einem geſpraͤch eine gelegenheit haͤtten / ſich derſelbigen ge -U 3brauch -158Das ſechſte Capitel. brauchten / zu erbaulichen geſpraͤchen / wiederhohlung der in der predigt vorge - kommene texte oder anderer bibliſchen ſpruͤche / und aus ſolchen flieſſenden ver - mahnungen untereinander: ohne das jemahl geſucht worden / etwas hohes / und was uͤber den captum der einfaͤltigen waͤre / vorzunehmen / oder damit ſich auff - zuhalten. Es iſt aber bald ein ſolches / zweiffel frey anfangs von den jenigen / wel - che den guten entgegen ſind / auff das uͤbelſte auffgenommen / und ſo viel fabeln von weiber - und maͤgde-predigten / quackereyen und gantz albern dingen ausge - ſprengt worden / da wo ich oder einige andere / ſo den grund recht wiſſen wolten / mit fleiß erforſchung gethan / ſich endlich im̃er gefunden daß gar nichts daran / oder das beſt-gethane auffs allerſchaͤndlichſte mißdeutet worden. Es wurden aber ſolche falſche ſpargimenten mit ſolchem ſchein / auch mit ſolchem fleiß etlicher / die wohl gefallen daran hatten / ausgebreitet / daß auch wohl gute gemuͤther / welche der - gleichen ſo vieles hoͤreten / nicht wohl anderſt gedachten / als es koͤnte nicht anders ſeyn / als ſie hoͤreten / und wo es wahr waͤre / nicht anders als zu mißbillichen urſach haͤtten. Wir haben auch in unſern Collegio von der ſachen gehandelt / was da - von gehoͤret worden / und geſchloſſen / daß wir die bruͤderliche erbauung unterein - ander nicht verwerffen koͤnten / noch das gute zuhaͤm̃en urſach haͤtten / gleich wohl ſorgfaͤltig acht geben wuͤrden / wo jemand uͤber die ſchrancken ſchreiten wolte / deme dann in ſanfftmuth und liebe ſolches zu remonſtriren waͤre. Damit auch ſo wol ſolche gute gemuͤther wiſſen moͤchten / wie ſie ſich inner ihren ſchrancken zuhalten / als andere lernen ſolten / wie ſie dergleichen anzuſehen / ſo habe einige hierbey mit gehende fragen von dem geiſtlichen prieſterthum auffgeſetzt / collegialiter verleſen / und meiner Herrn collegarum cenſenſum daruͤber ſamptlich erhalten / auch darauff publiciret: Damit alſo jeglicher wuͤſte / wie weit er hierinnen zu - gehen / oder nicht zu gehen haͤtte. So viel wurde bey uns gethan / als nemlich wir zu thun vermochten / erwartende / ob unſere Herrn und Obern ihres orts etwas auch mit unſern Collegio aus derſache handlen / oder conferiren wolten / ſo zwar noch bißhero nicht geſchehen iſt. Weder ich noch meine geliebte mit-bruͤder verlangen gar nicht einige confuſion, und werden nicht zugeben / daß jemand unberuffenes unſere Cantzel / oder etwas des offentlichen predig-amts / einnehme / oder ſich deſſen anmaſſe. Dahero wo ſich der gleichen befinden ſolte / wir darinnen zu remedi - ren befliſſen ſeyn wuͤrden. Es hat ſich aber noch biß dahin in dem unterſuchen nichts ſo der andung werth geweſen / gefunden. Wie aber auch in das kuͤnfftige nichts an wachſamer ſorgfalt unterlaſſen werden ſolle. Wie ich hingegen hoffe / daß in - ner den ſchrancken / die alſo geſetzet ſind / chriſtliche Theologi der mutuæ ædifi - cationi ſich nicht widerſetzen / oder ſolche unbilligen werden. Wie dann ſonder - lich der guten zuverſicht gelebe / wofern E. Hochw. ſeiter andern und zwar den ins - gemein ausgeſprengten / auch vonſo vielen vornehmen allhier geglaubten / berichtein -159ARTIC. I. DISTINCT. II. SECT. IV. eingenommen / und wie es nicht anders muͤglich waͤre / daraus ungleiche gedancken gefaßt haben ſolte / daß hingegen dieſer in gruͤndlicher warheit gethane bericht / de - roſelbigen voͤllige ſatisfaction geben werde. Dahero auch meiner ſchuldigkeit er - achtet / ſolchen bey Ew. Hochw. als dem uns allhier nechſten vornehmen Theologo, deme daran gelegen / unſerer ſache gute und gruͤndliche kundſchafft zu haben / abzuſtatten / und dadurch gelegenheit zu geben / wo hievon geredet wuͤr - de / das jenige darzu zureden / was nachgefaſſter ſolcher ſache beſchaffenheit / die warheit und Chriſtliche liebe ſelbſt erfordern / als wozu ſie ohne das willig und ge - neigt ſeyn werden. Solten aber dieſelbige in dieſem oder vorigen ſtuͤcken / nach der von GOtt verliehenen gnade und erfahrung / anders zeigen koͤnnen / daß der ſuchende zweck der gottſeligen erbauuug auff andere weiſe nachtruͤcklicher erhal - ten / und zu wegen gebracht moͤchte werden / ſo quitire ich gern meine vorſchlaͤge / wo ſie mit andern beſſer und nuͤtzlicher koͤnnen erſetzt werden: als deme es ja nur nicht an mir ſelbs / ſondern wie das / was mein GOtt von mir erfordert / und der - mal eins dorten darvon rechenſchafft begehren wird / moͤge am kraͤfftigſten werck - ſtellig gemacht werden / gelegen iſt. Dieſes iſt das jenige / ſo ich in hertzlichen ver - trauen und gleichſam mein gantzes hertz / bey E. Hochw. habe ausſchuͤtten / und demnach mir ein ſolches muͤndlich zuthun / die gelegenheit nie fuͤgen wollen / ſchrift - lich es thun wollen. Der guten zuverſicht gelebende / daß Ew. Hochw. dieſe mei - ne offenhertzige communication freundl. auffnehmen / und wo dieſelben erken - nen / wie ich mein amt mit mehrer frucht zu der ehre unſers groſſen GOttes fuͤhren moͤge / als wo nach meine meiſte begierde ſtehet / mir ein ſolches aus vaͤter - und bruͤ - derlichen gemuͤthe mittheilen / und alſo an mir und meiner gemeinde ein gutes werck zuthun ſich nicht ſchwehr laſſen werde. Warum ich gehorſamlich bitte / und von den Geber alles guten / alles was zu menſchlichen / Chriſtlichen und Theologiſchen wohlweſen gehoͤret / eyfferig und mit einfaͤltigem hertzen anwuͤnſche. 7. April. 1677.
Von den piis deſideriis und deren praxi; wie ſie anzuſtellen / und was zu hoffen. Myſtici. Holland.
DAß demſelben meine pia deſideria gefallen / habe mich zu erfreuen / und GOtt davor hertzlich gedancket. Jch bin in meiner ſeelen verſichert / daß ichs hertzlich meine / und wie gern wolte ich / daß ſo viel zu effectuirung des wercks zuthun als vorſchlaͤge zu zeigen vermoͤchte. Da weiſen ſ[i]ch aber der difficulteten ſo viele / daß wo das werck nicht des HErrn waͤre / man billich allehoff -160Das ſechſte Capitel. hoffnung / ſtang und ſtab fallen laſſen ſolte. Aber weil es des groſſen GOttes ſache iſt / ſo bin verſichert / er werde endlich dieſelbe nicht ſtecken laſſen. Nur ha - ben wir ihn inbruͤnſtig anzuruffen / daß er uns mit ſeines heiligen Geiſtes gnade da - zu erleuchten wolle; daß wir in allem ſeinen heiligen willen rechtſchaffen erkennen / und nachmahl ihn getroſt auch werckſtellig machen koͤnnen: Wozu ſo wenig menſchliche weißheit als krafft genugſam iſt / ſondern beyde von oben her kommen muͤſſen. Jch habe durch meines GOttes gnade den vorſatz gefaßt / menſchen - gunſt vor mich nicht zu ſuchen / ob ich wol in vielen ſtuͤcken dieſelbe gar nicht mit fuͤſ - ſen trete / noch von mir ſtoſſe / wo ich deroſelben gebrauch zu dem werck des HEr - ren einigerley maſſen nuͤtzlich meine zuerkennen: als der ich mich nicht wenig fuͤrch - te / daß / in dem wir der kirchen helffen wollen / die mittel / ſo ſie nicht kluͤglich ange - wendet werden / gefaͤhrlicher als das uͤbel ſelbs ſeyn oder werden moͤchten: Dahe - ro in gegenwaͤrtiger zeit die regul guͤltig ſeyn laſſe Luc. 9 / 50. Wer nicht wi - der uns / der iſt fuͤr uns. Wes wegen noch nicht alle diener der kirchen oder gelehrte dahin noͤtige / daß ſie ſich wuͤrcklich heraus laſſen / oder einen theil des haſ - ſes und darauff folgender beſchwehrde ſo bald auff ſich laden ſolten / ſondern bin auch mit den jenigen wohl zu frieden / und ſuche dero freundſchafft auff alle er - laubte weiſe zu unterhalten / die ſich der befoͤrderung der gottſeligkeit nur nicht wi - der ſetzen: und achte deswegen / daß wir allein die jenige offenbahr anzugreiffen ha - ben / welche die ſo ſcheinbarlich vor augen leuchtende greuel und mißbraͤuche offen - bahr vertheidigen / billichen und verfechten: Wiewol auch gegen dieſelbe etwa nicht gern weiter gehe / als die nothwendigkeit erfordert. Und glaube / wir werden viel - leicht mehr auch bey denſelben ausrichten / wo wir in allen eyffer gegen dieſelbe / (welcher freylich gebraucht werden muß) auch ſo viel geſchehen kan / eine groſſe ſanfftmuth und gedult gegen die offenbahre feinde der gottſeligkeit uͤben. Wie wir ſehen / wie die erſte Chriſten gegen die Heyden zuthun pflegten. Ferner ſo habe offt bey mir ſelber erwogen / wie die ſache anzugreiffen / endlich aber bin auff die gedancken gefallen / in dieſem jetzigen ſo verderbten zuſtand der kirchen / wo wir kaum der ordnung nachzugehen vermoͤge / koͤnne von uns nicht ſo wol derſelben ge - rathen werden / in denen pflichten / welche wir gegen die boßhafftige verrichten / die - ſelbe zu bekehren / als vielmehr in den jenigen / mit welchen wir die guͤte bey denen ſo bereits aus GOttes gnade einen trieb dazu haben / nach allen vermoͤgen ſuchen zu befoͤrdern / und alſo nach dem wir das aͤuſſerliche ſo verderbte corpus nicht aͤn - dern koͤnnen / ſondern muͤſſen es laſſen und die ſache GOtt befehlen / in demſelben und aus demſelben allgemach einige gute ſeelen zu ſammlen / die zu einer Eccleſi - ola in Eccleſia perſonen geben moͤgen: Auff daß nachdem dieſelbe in den gu - ten beſteiffet / und weit gebracht / ihr exempel ſamt unſrer lehr zur beſſerung der an - dern / die ſich noch beſſern wollen laſſen / uns helffen moͤgen. Daher gehet mein und anderer einiger meiner treuen mit-arbeiter allhier / ſcopus vornehmlich da -hin /161ARTIC. I. DIST. II. SECT. IV. hin / das wir zwar nicht unterlaſſen / offentlich in den predigten / auch den boͤſen ernſtlich zuzuſprechen / und deroſelben vermeinte effugia, damit ſie ſich zu helffen meinen / nach muͤglichkeit zu benehmen / und ihnen nachtruͤcklich genug zu weiſen / daß ſie bey herrſchenden ſuͤnden keinen theil an Chriſto haben. Wir unterlaſſen auch nicht bey erheiſchender gelegenheit in particulari den jenigen / welche ſich nicht beſſern wollen / beweglich zu zuſprechen / und wie ihnen alle abſolution und communion, wo ſie uns dieſelbe abtringen oder abbetriegen / nichts nutzen ſon - dern mehr ſchaͤdlich ſeye / vor augen zu legen: Ob wir wol nachmahl die ſaͤue nicht gnug abhalten koͤnten / daß ſie nicht ihnen das jenige zu eignen / was ihnen nicht gebuͤhret. Aber ſolches halte ich das wenigſte in meinem amt / in dem ich leider nicht viel ſehe daß damit außrichte: das meiſte ſetze alſo darein / daß / nach dem GOttt unterſchiedliche gute ſeelen gezeigt / welche mit hertzlichem eyffer ihn zu die - nen trachten / ſolchen lieben leuthen alle gelegenheit und vorſchub gegeben werde / ſich immer mehr mit uns und unter ſich zu erbauen: Dabey wir auch durch GOt - tes gnade ſehen / daß es nicht ohne frucht abgehe / und ſo wohl ſie ſelber wachſen als immer andere mehrere durch ihr exempel ſich dazu gewoͤhnen: Dero zahl vermit - tels goͤttlichen ſegens immer vermehret zu werden hoffe. Damit nun ſolche liebe leute des dienſtes treuer ſeel-ſorger nicht moͤchten allzu fruͤhe beraubet / oder an - dern / die noch dazu moͤgen gewonnen werden / ſolche gelegenheit entzogen werden / ſo haben wir / was ſonſten unſer recht und macht gegen die halßſtarrige erfordert / nicht mit dem ernſt bißher fortgeſetzet / und drauff getrungen / als vielleicht viele von uns haͤtten verlangen moͤgen / worauff aber ohne zweiffel die remotion erfolget waͤre / oder erfolgte / die wir unſers ortes / und nach dem jenigen / was zu unſrer ei - genen beruhigung gehoͤrte / als eine wolthat anſehen wuͤrden / aber der kirchen und den jenigen ſeelen / die noch alſo erhalten werden koͤnnen / nicht nuͤtzlich finden / und deswegen / wo wirs endlich wagten / nach dem wir den ſchaden ſehen wuͤrden / ein ſchwehrer gewiſſen ſorgen muͤßten / alß uns jetzo offters gemacht wird / wo wir man - ches unterlaſſen muͤſſen / was in anderm ſtand der kirchen goͤttliche ordnung von uns erforderte. Der HErr regiere uns alle mit ſeinem Geiſt / und gebe uns zuerken - nen / was in jeglichem ſein wolgefaͤlliger wille ſeye. Was der Herr gedencket von den guten ſeelen / mit denen er umbgehe / und von GOTT in der wuͤſte mit vieler ſchwachheit und finſternuͤß gefuͤhret und geuͤbet werde / laſſe ich ſeines orts beruhen / und habe nicht vermeſſentlich zu urtheilen / was mir nicht zur gnuͤge bekant. So habe auch von den myſticis autoribus wenig geleſen; ohne den Taulerum, fer - ner Hugonem de Palma, ſo dann von denen etwas neuern / Matth. Weyer / (ſo fern derſelbe auch hieher zu ziehen) Joh. Evangeliſtam und Chr. Hobur - gen. Jn unterſchiedlichen habe viele vergnuͤgung gefunden / in andern ange - ſtanden. Das meiſte aber / ſo mich offt ſtutzen gemacht / auch noch jetzo irret / iſt dieſes / daß in der lieben Schrifft faſt wenig anleitung finde zu der art und methodo, ſo von denen ſelben ſonſt wolmeinenden leuthen in unterſchiedlichen ſtuͤcken / (dannXmit162Das ſechſte Capitel. mit den gemeinen hat es ſeine richtigkeit /) vorgeſchlagen wird. Und ſcheinet jene mit vielmehr einfalt den rechten weg uns zuzeigen / da hingegen in dergleichen me - thodis, wie einfaͤltig ſie das anſehen haben / etwa mehr kunſt und bemuͤhung des gemuͤthes iſt / als auff dem in der Schrifft deutlich gewieſenen weg des liebreichen glaubens und glaͤubiger liebe / ſo dañ nach derenſelben anſtellenden wircklichen nach - folge JEſu. Jedoch wie jeglichen der HErr ſeine gabe gegeben hat / dieſelbe wende er an / zu des gebers heiligen ehren und des neben-menſchen erbauung. Jm uͤbrigen ſehe ich taͤglich mit betruͤbten augen an / die hereinbrechende ſchroͤckliche ge - richte GOttes / dero anfang wir bereits fuͤhlen / und hingegen den außgang nicht uͤberſehen koͤnnen. Vor unſer Evangeliſche kirche kan ich wenig gutes hoffen / ſon - dern daß ſie ihrem GOtt eine ſchwehre heimſuchung ſchuldig ſeye / und wie ſie mit den ſuͤnden Babels viele gemeinſchafft gehabt / alſo auch deroſelben ſtraffe theil - hafftig werden ſolle / ja das gericht von dem hauſe des HErrn anfangen muͤße. A - ber ach daß es nur eine verfolgung um des HErrn und ſeines nahmens willen / nicht aber eine gerechte außgieſſung des zorns uͤber das greuel-weſen / waͤre. Von Holland habe bißher die hoffnung mehr als von einigen ort gehabt / daß der HErr daſelbs nicht nur viele guter ſeelen werde behalten / ſondern auch durch neuliche zuͤchtigung viel gutes bey vielen gewuͤrcket haben / ja daß es das ort moͤchte ſeyn / wo etwa GOtt vielen den ſeinigen / ſo anderwertlich weichen muͤßten / ihre herberge und zuflucht beſtim̃et haben moͤchte. Daher mich hertzlich betruͤbet und erſchrecket / was mein Herr davon ſchreibet und ſorget. Wie wuͤnſchte ich meines orts / daß un - ſre hieſige ſtatt oder gegend auch ein ſolcher platz ſeyn moͤchte / aber die unſere hieſi - ge beſchaffenheit wiſſen / werden demſelben mit mehrerem erzehlen koͤnnen / was vor wetter uͤber unſeren haupten ſchweben / ja faſt anfangen auszubrechen / daß die uͤbung der gottſeligkeit dermaſſen verhaſſet / daß der teuffel erſtlich mit ſeinen luͤ - gen und falſchheit durch die ſchaͤndlichſte calumnias und laͤſterungen / ſo weit und breit vor wahrheit erſchollen / ſie zu unterdrucken geſucht / auch ſo bald einige nicht boͤſe gemuͤther von fortſetzung eines guten anfangs abgeſchrecket / nach dem aber ſolches noch nicht gelungen / andere gewaltſame mittel vornehmen doͤrffte; daß wir vielmehr anderswo unſere zuflucht abſehen muͤſſen / als jemand bey uns die we - nigſte ſicherheit verſprechen moͤchten. Die boßheit iſt faſt aller orten auff das hoͤch - ſte geſtiegen / aber eben deßwegen muß es brechen. GOTT weiſet hingegen auch faſt aller orten eine vorhin ungewohnte und ungemeine bewegung in vielen gemuͤthern unter gelehrten und ungelehrten (doch dieſen faſt mehr) die ſchreckli - che verderbnuͤß alles euſſerlichen religion-weſens innerlich zuerkennen / und nach beſſerung zu ſeufftzen. Welcher kleine anfang nach GOttes willen bald zuneh - men mag / mir aber vorkommt / als die erſte augen der ausſchlagenden baͤume / daraus wir die naͤhe des vor dem ewigen ſommer vorgehenden lieben fruͤhlingsabneh -163ARTIC. I. DISTINCTIO II. SECTIO V. abnehmen ſollen. Nun der HErr thue / was ihm wolgefaͤllet / und erfuͤlle ſei - nen rath / uns aber gebe er / daß wir auch denſelben erkennen / und ihm gemaͤß uns anſchicken. 15. Maj. 1677.
Ableinung falſchen gerichts / ob haͤtte zu dem Papſtum eine zuneigung.
DAß ich mit gegenwertigen denſelben zu behelligen mich erkuͤhne / verurſacht mich / daß ich in erfahrung kommen / das mein hochgeehrter Herr Pfarr - her in Maͤyntz / auch nachmahl von andern unſerer religion zugethanen da - ſelbſt herkommenden / perſonen benachrichtiget worden / wie daß die Jeſuiten in ſolchen Maͤyntz ſonderlich zuneigung zu mir tragen / und offentlich ruͤhmen / daß ich / bald allerdings zu ihnen uͤbertreten wuͤrde. Wie ich nun allerhand laͤſterun - gen / die von mir hin und wieder ohnverſchuldet ausgeſprenget worden / laͤngſten gewohnt geweſen / und ſolches mir keine fremde ſache mehr iſt alſo iſt mir zwar lieb / daß dergleichen hoͤre / was ſolche leuthe / deren ich niemand kenne / wie ich dann keinen Jeſuiten daſelbſt mit namen / weniger weiter und abſonderlicher kenne / von mir außreden / mich darnach habende zu richten / alſo wuͤrde ich ſolches gerich - te / wie andere mehrere / die von mir außgehen / gantz verachtet / und ohnbeantwor - tet haben hingehen laſſen / als deſſen falſchheit und eitelkeit ſich doch endlich ſelbſt zeigen muß: Wo nicht dabey verſtanden haͤtte / daß einige gute gemuͤther von den unſrigen ſich daran geaͤrgert / und wo ich abfallen wuͤrde / zu gleichen gedancken ge - neigt ſeyn moͤchten. Weilen dann ſolchen guten leuthen etwa durch niemand an - ders ſo wol als E. Wohl-Ehrw. geholffen und ſolcher ſcrupel genommen werden kan / als habe die freyheit nehmen wollen / deroſelben dieſes wenige zuzuſchreiben und zu bitten / ſich deſſelben nach befinden an orten und bey perſonen / da ſolches noͤthig und zu abwendung aͤrgernuͤß dienlichen erachtet / ſich zugebrauchen. Jm uͤbrigen die ſache ſelbſt anlangende / kan ich nicht begreiffen / woher nur ſolche ver - muthung kommen muß. Jn dem ich nicht nur allein bey gelegenheit der materien die Roͤmiſch-Paͤpſtiſche offentlich in den predigten refutire / auch in meinen weni - gen Schrifften / die vor dem tage ligen / ihrer nicht ſchohne / ja außtruͤcklich be - zeuge / daß das Roͤmiſche Papſtum das jenige Babel ſeye / uͤber welches GOtt noch ſein ſchroͤckliches gericht außgieſſen werde / welches ja keine anzeigungen ſeind eines menſchen / der die geringſte inclination zu ihnen hat. So ſtehe ich auch in keiner nur indifferenten, geſchweige geiſtlichen briefflichen correſpondenz mit einigen Roͤmiſchen Paͤpſtlichen geiſtlichen / habe auch ſonſten keine kundſchafft mit einen einigen / weder zu Maͤyntz noch ſonſten / darauß jemand die geneigſte ſchein - bare vermuthung oder argwohn zu ſchoͤpffen anlaß haͤtte. Das iſt zwar war /X 2daß164Das ſechſte Capitel. daß ich erkenne / daß auch leider unſere Evangeliſche kirche / ob uns wol durch goͤttliche gnade die reine bekaͤntnuͤß der lehre uͤbrig geblieben / ſehr groſſe maͤngel und fehler in dero uͤbrigen verfaſſung habe / daß wir uns nicht groß ruͤhmen koͤn - nen einer reinen kirchen / ſondern einer ſtarcken reformation noͤthig haben. A - ber faſt alles / was bey uns ſtraͤfflich / ſeind lauter reliquiæ, die aus dem Papſtum herkommen / und gehet uns wie den Jſraeliten / die die in Babel angenommene ſitten zimlich lang / als ſie ſchon in das Juͤdiſche land wieder gekommen waren / nicht ablegen kunten. Dahero ich mehr verlange / daß wir noch von ſolchem ankle - benden Babeliſchen ſauerteig moͤchten vollends gereiniget werden / als daß ich ſol - cher unter allen / die den nahmen Chriſti tragen / allerverderbteſten kirchen naͤher zu treten verlangte: in dem das gantze Papſtum als Papſtum ſchon / wo es kei - ne andere irrthum haͤtte / darinnen am uͤbelſten vor anderen gemeinden beſchaffen iſt / daß es der kirchen autoritaͤt / und alſo menſchen anſehen / zum principio fidei machet / da noch alle andere auffs wenigſte der bekaͤntnuͤß nach / das einige GOttes wort / wie daſſelbe aus ihme ſelbſt durch des heiligen Geiſtes erleuchtung erkandt wird / zum grunde des glaubens legen. Weswegen wo man Paͤpſtiſcher ſeiten ſchon frey gebe / allen ihren irrthumen / von der anruffung der heiligen / fegfeuer / meß / und anderen / dergleichen / nicht bey zupflichten / ich vor allen ſolchen irrthu - men keinen ſolchen abſcheu habe und haͤtte / wie ſehr ſie mir auch ein greuel ſind / als vor den jenigen haupt-articul / in welchen ſie bey keinen menſchen diſpenſiren, nem - lich die Roͤmiſche kirche / dero autoritaͤt und gewalt in glaubens-ſachen / zu erken - nen; ſo mir der greuel aller greuel iſt / auff einigen menſchen oder menſchliche ver - ſamlung meinen glauben zu gruͤnden. Daher aus ſolchem / ob ich auch wol die anderen ſecten / welche auſſer unſerer Evangeliſchen kirchen ſtehen / auch nicht billi - ge / gleichwol am allerweiteſten in ſolchen puncten von der Roͤmiſchen kirchen abge - he. Sonſt bin ich auch nicht in abrede / daß ich in ſolcher kirchen ein und andere feine anſtalten lobe / und offt wuͤnſchete / dergleichen bey uns zu haben / ſind aber lauter ſolche ſachen / welche vor denen in dieſen ſtand gerathenen Papſtum auff - gekommen / und von der aͤltern kirchen her entſprungen ſeind / wozu die Roͤmiſche nichts anders gethan / als die erſtlich gute inſtituta verderbet. Daher bey der reformation unterſchiedliches gar abgeſchaffet worden / deſſen mißbrauch ſo groß geweſen / daß er kaum mehr von dem wahren gebrauch hat unterſchieden werden koͤnnen. Alß ob ich wol ein und anders in dem Papſtum an ſich ſelbſt vor gut und nutzlich achte / ſo verwerffe ichs gleichwol auff die art und weiſe / wie es in dem Pap - ſtum iſt / dermaſſen / daß ich lieber wuͤnſche / ſolche dinge in unſerer kirche nicht zu ha - ben / als auff dieſe art / wie ſie bey den Roͤmiſchen in dem ſchwange ſind. So ber - ge ich auch nicht / daß ich glaube / GOtt habe auf dieſe ſtunde in der aͤuſſerlichen ge - meinſchafft der Roͤmiſchen kirchen viel guten ſamen / und gleichſam knie / die ſich nicht gebeuget haben vor den Baal / die in ihrer einfalt des glaubens an Chriſtumund165ARTIC. I. DISTINCT. II. SECTIO V. und gottſeligem leben einhergehen / ſich der greuel ihrer kirchen nicht theilhafftig machen / und weil ſie keine beſſere kirche wiſſen oder verſtehen / mit ſeufftzen ihrem GOTT dienen / nicht anders als unſere liebe vorfahren in den zeiten vor dem ſe - ligen Luthero. Jch kan mich auch offters nicht genugſam verwundern uͤber die wunderbare regierung GOttes / welcher zu weilen ſelbſt einige unter den gelehrten Papiſten zu weiterer erkaͤntnuͤß der wahrheit in den jenigen articuln / worinnen ih - re kirche ſonſten von denſelben abgehet / gelangen / und anfangen ihrem GOTT in ihren hertzen gar anders zu dienen: Die aber von GOtt auf eine mi[r]unbegreif - liche art gehalten werden / daß ſie dannoch die wahrheit unſerer kirchen nicht erken - nen / noch abſehen koͤnnen / wie ſich dazu zu verfuͤgen vermoͤgten: Da ich ſelbſt nicht faſſen kan / wie ſie bey ſolcher erkaͤntnuͤß annoch in der gemeinſchafft ihrer kirchen bleiben koͤnnen / ohne / daß ich achte / daß ſie GOTT etwa durch enthaltung wei - teren liechts zuruͤck halte / damit annoch durch ſie ein und andere einfaͤltige ſeele in e - ben ſolcher ihrer kirchen erhalten werden / gleich als waͤren ſie einiges noch uͤbriges ſaltz / damit ſolches orts nicht alles in der faͤule verderbe. Ob ich alſo wol noch ei - nigen goͤttli[c]hen ſamen in dem Papſtum uͤbrig erkenne / ſo iſts doch fern / daß ich ei - nigerley maſſen das Papſtum billigte / daß ich noch vielmehr gute ſeelen bejamme - re / die noch in ſolcher finſternuͤß ſtecken / und ſich nicht davon loßzumachen vermoͤ - gen / auch vor ihre fernere erleuchtung GOTT inbruͤnſtig anflehe. Aus ſolchen ſiehet mein hochgeehrter Herr Pfarrer meine gedancken von dem Papſtum / und wie ſo weit / wo es ſcheinen moͤgte / daß ich etwas von dem Papſtum billigte / davon ſeye / daß ich das Papſtum ſelbſt einigerley maſſen gut heiſſen / noch jemand verſi - chern wolte / daß er ohne gewiſſe gefahr ſeiner ſeligkeit ſich zu demſelben verfuͤgen koͤnte / von dero billig alles / wem ſein heyl lieb iſt / außzugehen urſach hat. Da - her ich nochmahlen wiederhole / daß ich nicht ſehe / was nur einige gelegenheit zu ſol - chem ruff gegeben haben moͤgte. Es ſeye dann ſache / daß die unwiſſende leuthe / weil ich in meinen predigten und Schrifften ſtarck auff ein gottſeliges leben trei - be / und ſo offt bezeuge / daß ich keinen wahren glauben erkenne / der nicht in der lie - be thaͤtig iſt / und ſich mit eyferigſten gehorſam gegen GOTTES geboten / und alſo durch die wercke / hervor thue / darauß ſchlieſſen / ich lehrete auff gut Papi - ſtiſch / von den guten wercken. Da mich aber ſolcher leuthe unmiſſenheit billig dauret / als die nicht wiſſen / das unſere Evangeliſche religion viel eifriger auff die gute wercke / und zwar auff die rechte gute wercke und fleiß innerlicher hertzens heiligkeit treibe / wenn ſie uns zeigt / daß wir nicht ohne die heiligung GOtt ſehen koͤnnen / als nimmermehr das Papſtum mit ſeinen vermeinten dienſtlichen wercken zu thun ſich einbildet. Ja ich ſtehe veſt darauff / daß aus der abſicht ei - nes verdienſts / wie bey ihnen gemein / nicht ein einig warhafftig gutes werck geſche - hen kan / als welches nicht gut zu ſeyn oder genennet zu werden wuͤrdig iſt / es ge -X 3ſche -166Das ſechſte Capitel. ſchehe dann aus glauben und der erſten frucht deſſelben / einer freywilligen auffrich - tigen liebe / welche fern von allem geſuch des verdienſtes iſt. Jndeſſen weiche ich nicht einen finger breit von unſerer heiligen aus GOttes wort geſchoͤpfften leh - re / daß wir durch aus nicht durch einiges werck / wie es nahmen haben mag / ſondern allein durch den glauben ſelig werden. Welcher aber / wie er in goͤttlichem gericht ohne einiges zuthun der werck allein dasjenige iſt / ſo uns gerecht macht / oder die gerechtigkeit von GOTT empfangt / alſo iſt er nimmer - mehr der wahre lebendige glaube / wo er nicht voller guter wercke iſt. Wie der be - kante loc. Luth. in der vorrede uͤberdie Epiſtel an die Roͤmer davon handelt. Finden ſie alſo auch hierinnen in meiner lehr keinen gꝛund ihrer veꝛmuthung oder boͤßlichen ausſprengung; wol aber eine uͤberzeugung / dz uns faͤlſchlich võ ihnen auffgebuͤrdet / und damit unſere lehr den guten ſeelen unter ihnen verdaͤchtig gemacht werde / ob waͤre dieſelbe / den guten wercken gantz entgegen. Nach dem nun dieſes ſich der maſſen verhaͤlt / ſo ſtehet meine freundliche bitte an Eure Wohl-Ehrw. ſie geruhe - ten denjenigen frommen gemuͤthern unſerer religion ſo ſich daruͤber haben aͤrgeren wollen / mit vorweiſung dieſes denſcrupel zubenehmen / zugleich aber ſie zu erinnern daß ſie gleichwohl ihren glauben auff keines menſchen / weder mein oder einiges andern autoritaͤt oder beſtaͤndigkeit gruͤnden ſolten / ſondern ſich fer - ner erbauen auff ihren allerheiligſten glauben / dabey beſtaͤndig bleiben / und mit ihrem gantzen leben durch heiligen und wuͤrdigen wandel den Evangeliſchen beruff und ihrer religion zieren: als ohne welches ihnen ohne das die Evangeliſche bekantnuͤß ſchlechten nutzen / ſondern ſchwehrer ge - richt bringen wuͤrde. Wo auch dieſelbe anderwertlich ferner hoͤren ſolte / bitte ich gleichfalls der wahrheit zu ſteur und rettung meiner unſchuld die Chriſtliche liebe zu erweiſen: welches nicht um mein ſelbs willen / ſondern allein wegen abwendung des aͤrgernuͤſſes bitte / dabey GOTT hertzlich anruffe / welcher ſolchen leuten / die dieſe laͤſteruug anfangs erdacht / oder nachmahl mit willen ausgebreitet / ihr unrecht zu erkennen geben und folglich gnaͤdigſt verzeihen wolle.
Nutzen der brieffe. Auffmunterung. Zuſtand in Franckfurt.
SO angenehm mir deſſelben liebe gegenwart und damahl gepflogene Chriſtli - che converſation geweſen / ſo angenehm war mir auch ſein juͤngſthin zuge - kommenes geſegnetes ſchreiben; Und ob wohl eine in Gott gemachte freund - ſchafft nicht bedarff mit ceremonien und complement-brieffen unterhalten zu werden / als die in dem geiſt gegruͤndet iſt / ſo wird doch lieb ſeyn / mehrmahlen vondeſſel -167ARTIC. I. DISTINCTIO II. SECTIO VI. deſſelben wehrter hand dergleichen ſchreiben (ſo viel ohne deſſen ungelegenheit und verſaͤumung noͤthiger geſchaͤfften geſchehen mag) zu ſehen / und werde jedesmahl / ſo viel mir GOTT dazu weil goͤnnen wird / wiederum antworten / als verſichert / daß der meiſtens darzwiſchen kommende verzug (wie ich auch gleich die erſte ant - wort ſpaͤter als ſich geziemet einſende) von einen ſo liebreichen gemuͤth nicht uͤbel wird genommen werden; wie denn ſolches die condition bey allen denen iſt / mit denen ich correſpondire. Jch hoffe auch / daß dergleichen correſpondentzen nicht gar ohne nutzen ſeyn ſolle: als der ich bekenne / an mir zu empfinden / wie ich durch brieff derjenigen / die GOTT von grund der ſeelen zu dienen anfangen / und ein und anders ihres guten vorſatzes oder was GOTT durch ſie gethan / mich be - richten / ſo wohl goͤttlicher guͤte inbruͤnſtig danck zu ſagen / als in gleichen eyffer ih - nen zu folgen / kraͤfftig entzuͤndet werde / und deswegen ſolchen lieben leuten nicht wenig mich verbunden erkenne. Wir ſollen zwar ohne abſehen auff menſchen un - ſern GOTT in reiner liebe dienen / und willig ſeyn ſolches zu thun / ob wir auch in der welt alleine waͤren; Es iſt aber unſere ſchwachheit / welche mehrmahl von noͤ - then hat / durch andere exempel und die wercke der gnade GOttes an ihnen erwie - ſen / offters angefriſchet und ermuntert zu werden. Und wie dann ein Gottſeliges geſpraͤch offtmahl nicht ohne erbauung beyderſeits abgehet / ja gewoͤhnlich von Gott dazu geſegnet wird; alſo ſind auch die brieffe gleicher art nicht ohnfruchtbar. Wir wollen aber dieſes das geſetz (wo es mein Hochgeehrten Herrn / wie ich nicht zweiffle / alſo beliebet) ſeyn laſſen / daß unſere correſpondenz nichts in ſich faſſe / als uns un - tereinander zu dem werck des HErrn