DAß ich mich unterſtehe / E. Exc. werthen nahmen dieſem herausgehenden werck vor - zuſetzen / habe ich wichtige urſachen; nicht al - lein weil es von ſolchen materien handelt / die in das gantze leben und deßen pflichten / um goͤttlichen willen zuerkennen / einlauffen / und alſo von welchen Dieſelbe / nach von dem Allerhoͤchſten verliehener gabe und langwie - riger ſtattlicher erfahrung vor andern zu - urtheilen vermag / ſondern weil ich ohne das von guter zeit gelegen - heit / meine ehrerbietung / die ich E. Exc. nach dero verdienſten an der gemeinen wolfahrt / zutragen habe / und meine verbindung gegen Dieſelbe / zu gehorſamem danck offentlich zubezeugen / geſucht habe. Da ich denn nicht anders als mit hertzlichem vergnuͤgen mich erinnere / wie / als es dem Allerhoͤchſten gefallen / mich 1686 von Franckfurt am Mayn nach Dreßden zufuͤhren / E. Exc. unter denjenigen Chur-Fuͤrſtl. miniſtris und raͤthen / bey welchen ich eine auffrichtige liebe zu Gott / ſeinem wort / und was dazu fuͤhret / mit freuden erkant / unter den erſten geweſen ſeyn: daher um Deroſel - ben naͤhere kundſchafft und umgang mich billig beworben / und guͤ - tig darzu auffgenommen worden bin / mich aber allezeit / wenn an Dieſelbe und ihres gantzen werthen hauſes Chriſtliche einrichtung gedacht / daruͤber hertzlich erfreuet / und Sie als ein werckzeug an - geſehen / welches der Himmliſche Vater noch zu mehr wichtigerem be - ſtimmet haben werde; deswegen aber auch deſto angelegenlicher vor dem thron deßelben Jhrer allezeit gedacht habe / daß ſeine guͤte nicht al - lein auch die viele wolthaten / wormit Sie gegen mich und die meini - ge Dero gantzen haͤuſes gewogenheit vielfaͤltig biß zu meinem ab - zug bezeuget / mit reichen wolthaten gnaͤdigſt vergelten / ſondern auch insgeſamt dero heiligen rath zu beforderung vieles guten in ſeiner kirchen durch dero treuen dienſt kraͤfftig ausfuͤhren wolte. Wennſichzuſchrifft. ſich denn nun nach der zeit zwahr bald eine herrliche gelegenheit darzu durch deßen fuͤgung ergeben / aber ſolche (weil die zeiten jetziger ge - richte etwas vollkom̃enes noch nicht zugeben) eben da eine reiche frucht erfolgen ſolte / wieder unterbrochen worden iſt / ſehe ichs gleichwol als ein nochmaliges zeugnuͤs meiner nicht vergebenen hoffnung uͤber Derſelben an / wenn der liebhaber ſeiner kirchen nach ſeiner Goͤttli - chen treu S. Koͤn. Majeſt. und Chur-Fuͤrſtl. Durchl. hertz da - hin geruͤhret / vor etlichen jahren E. Exc. zu dem haupt und Præ - ſidenten des ſo wichtigſten collegii des Ober-conſiſtorii wieder zuver - ordnen. Jch mag es mit recht ſo fern das wichtigſte collegium nen - nen / indem von deßelben direction nicht allein der wolſtand der Chur - Saͤchſiſchen kirchen / und alſo ſo vieler ſeelen heil / in gewißer maß de - pendiret / ſondern auch deswegen andere in mehrerm anſehen ſtehende collegia von deßen guten verwaltung ein großes ſtuͤck / des ihnen noͤ - thigen goͤttlichen ſeegens zuerwarten haben. Dabey iſt mir aber auch nicht verborgen / wie ein großes und freylich mehr als menſchli - ches dazu gehoͤre / das verlangte und erforderte in ſolcher ſtelle auszu - richten. Es iſt mir der geſamte zuſtand der Chur-Saͤchſiſchen kirchen aus fuͤnffjaͤhriger erfahrung alſo bekant worden / daß ich wol ehe da - ruͤber ſeuffzen / als mich deßen zufreuen urſach geſunden / indem alles / was wir billich auch bey andern theilen unſerer armen Evangeliſchen kirchen beklagen / in wenigen ſtuͤcken weniger als bey andern / in man - chen aber noch betruͤbter / ſich darinnen antreffen laͤßet. Daher ſolchen kranckheiten zuſteuren nechſt goͤttlicher krafft / kluge uñ von dieſer dar - zugnug ausgeruͤſtete aͤrtzte noͤthig ſind. Sondeꝛlich aber ſtecket die mei - ſte urſach / ſo das verderben veranlaßet oder erhaͤlt / in dem ſtand de - rer / welche demſelben zuwehren hauptſaͤchlich von Gott eingeſetzet und verordnet ſind: da hingegen ſo viele / bey denen niemal eine leben - dige erkaͤntnuͤs Gottes in ihre ſeele gekom̃en / und ſie von ihrem na - tuͤrlichen ſtand geaͤndert hat / ſich bey kirchen und ſchulen finden / von denen die kirche nicht anders als mehr ſchaden denn nutzen erwarten kan. Dann wie ſie fleiſchlich geſinnet / dem geitz / ehrgeitz und wolluſt dieſer welt weder abgeſtorben ſind / noch derſelben abzuſterben begeh - ren / folglich die wahrheit der rechtfertigung und heiligung aus man - gel der erfahrung nicht gruͤndlich verſtehen / und (wie unſer theure Lutherus / als er in der erſten kirchen-viſitation in dem Churfuͤrſten -) (2thumzuſchrifft. thum 1538. die fehler der gemeinden erkant / daß aus unrechtem ver - ſtand des glaubens / den ſich die leute dichten / eine fleiſchliche ſicherheit entſtehe / die aͤrger ſeye / als alle irrthum voriger zeit geweſen / daruͤber klagt T. I Alt. f. 11. a. und die prediger davor / bey vermeidung Goͤttli - chen urtheils warnet) ſo wol ſelbs einen unrechten begriff von dem le - bendigen glauben haben / als auch deswegen andern davon nicht helf - fen koͤnnen / alſo bleibet alle ihre abſicht eigentlich allein dieſe / die reine lehr nach dem buchſtaben zuerhalten / die leut zu dem eußerlichen Got - tesdienſt anzutreiben / und wo es weit kom̃t / ein ehrbares leben einzu - fuͤhren. Hierzu bedarffs bey ihnen ſelbs keine aͤnderung / daher ver - ſtehen ſie ſich darzu gern. Hoͤren ſie aber / daß andere damit nicht zu frieden ſeyen / und daß das rechtſchaffene weſen / oder wie es im grund-text lautet / die wahrheit in Chriſto Jeſu / Eph. 4 / 21. uͤber die reinigkeit der lehr / die freylich bleiben ſolle / noch gar viel ein anders von ihnen und denen zuhoͤrern erfordere / ſo iſts ihnen vor ſich / daß der - gleichen auffkom̃e / nicht gelegen; indem ſie vorſehen / wo ſie gantz von in - nen zu andern menſchen werden muͤßten / ſo wuͤrde durch anderer / die der wahrheit nunmehr bey ſich platz geben / beßeres exempel ihr gegen - waͤrtiger zuſtand beſchaͤmet werden / und algemach ihr gantzes anſehen zu boden fallen. Daher fordert ihr fleiſchliches intereſſe, dem werck bey zeiten zu widerſtehen: Nun kan aber der krafft der wahrheit nicht an - ders widerſtauden werden / als ſie aus dem munde derjenigen / welche kraͤfftig darauff treiben / andern verdaͤchtig zu machen / und demnach je - ne bald dieſer bald jener falſcher lehr zubeſchuldigen / oder auch die ge - meinden zuuͤberreden / es ſtecke ein heimliches gifft bey den leuten / das man ihnen eben ſo nicht zeigen koͤnte / ſondern nur darvor warnen wol - le. Dieſes iſt der wahre grund des ketzermacher-geiſts / der eine gute zeit bey vielen unſers ordens regieret / und manch gutes niedergeſchla - gen hat / ja noch herrſchet; auch deſtomehr platz findet / weil allen leichter wird / ihren eiffer vor die reinigkeit des buchſtabens allein anzuwenden / und ſich darvon der ſeeligkeit zuverſehen / als zu wahrer gruͤndlicher bekehrung zukommen / und darinnen einher zugehen. Es iſt auch ge - wiß dieſes die urſach derjenigen ſtreitigkeiten / die erſt in Sachſen uͤber den ſo genanten Pietiſmum (wolte Gott / es waͤre niemal ein dergleichen nahme gedacht worden!) entſtanden / und von daran alle orte unſerer kirchen ausgebreitet worden: und bin ich verſichert / daß E. Exc. ſol -cheszuſchrifft. ches betruͤbte uͤbel tieffer und gruͤndlicher / als nicht leicht ein ander / biß - her ſelbs eingeſehen haben und bejammern; dabey aber hoffe noch / daß die goͤttliche weißheit Dieſelbe eben der urſach wegen an ſo wichtige ſtel - le verordnet haben werde / daß Sie / wie ich Dero redlicher abſicht verſichert bin / durch ſeine gnade auch alle ihre Herren Collegas zu glei - chem ſinne endlich gewinnen / und alsdenn was in ermanglung deßen bißher nach wunſch nicht geſchehen moͤgen / ein ſeliges und erfreuliches ende aller ſtreitigkeit in denen Dero auffſicht anbefohlnen kirchen und ſchulen machen / davon auch die uͤbrige Evangeliſche kirchen freude ſchoͤpffen und exempel nehmen moͤchte. Wie wuͤnſchte ich jetzt abſonder - lich / daß derjenige ſegen / den der große Gott nach ſeiner ewigen barm - hertzigkeit zu unſers gnaͤdigſten Chur-Fuͤrſten zu Brandenburg Durchl. vaͤterlicher vorſorge in beylegung durch eine anſehnliche commisſion der auch eine zeitlang in dero ſtatt und univerſitaͤt zu HALLE nicht ohne gefahr geſchwebten ſtreitigkeiten und mißverſtan - de / ertheilet hat / wie anderswo ſo wol als bey uns nutzen ſchaffen / al - ſo auch ihres orts dermaßen einleuchten moͤchte / daß alle die darzu zure - den und zurathen haben / alle gedancken auffs neue darauff ſchluͤgen / gleicher ſeligkeit das wertheſte Sachſen wieder theilhafftig zumachen / daß wahrheit und dero uͤbung in der gottſeeligkeit ungetrennt aller orten bey ihnen befeſtiget wuͤrde. Welches vor eine herrliche cron hielte / damit der Hoͤchſte ihre bißherige treue und arbeit bekroͤhnete. Wann aber unſere ſuͤnden noch ſo groß vor goͤttlichem gericht ſeyn / daß dieſes gluͤck uns noch nicht zu theil / ſondern alles heilſame von widrig geſin - neten zu fortſetzung der aͤrgernuͤßen mit erfuͤllung unſers ſuͤnden - maßes / mit allerley hindernuͤßen zuruͤck getrieben werden ſolte / (ſo ich leider zu geſchehen ſorge. ) ſo bin ich doch verſichert / daß der HERR HERR / E. Exc. redliche abſicht vor das beſte der kirchen nicht an - ders / als waͤre der zweck erreichet worden / in gnaden anſehen wolle. Mir iſts vor dieſesmal gnug / bey gegenwaͤrtiger gelegenheit wiederum mein hertz vor dem angeſicht der kirchen ausgeſchuͤttet und meine hoff - nung von E. Exc. offentlich in gebuͤhrender obſervantz bezeuget zu - haben. Und weil weder zu erreichung jenes zwecks noch wuͤrcklicher danckbarkeit vor von Deroſelben an mir und den meinigen / auch noch biß daher / erwieſene wolthaten etwas anders in gegenwaͤrtigem zuſtand von mir zu verſprechẽ vermag / als weꝛde ſo lang ich lebe / ſo viel ernſtliche,taͤg -zuſchrifft. taͤglich in meinem gebet fortfahren / daß die hohe goͤttliche Majeſtaͤt / gleichwie insgeſamt uͤber deroſelben hohes hauß / geliebteſte Fr. ehege - mahlin / wuͤrdigſte und bereits um das publicum ſich wohl ver - dienende Herren ſoͤhne / allen ſeinen erwuͤnſchlichen ſegen in allen ſtuͤ - cken leiblich und geiſtlichen wohlweſens aufs reichlichſte ausgieſſen / und beſon - ders dero zunehmende jahre mit taͤglich neuen kraͤfften zu langwierigem ge - brauch ſtaͤrcken / alſo abſonderlich zu ihrem ſo hoͤchſt importirenden amt ſtets das liecht ſeines geiſtes zu erkaͤntnuͤs deſſen / was jedesmal vor der kirchen wol - fahrt das beſte ſeye; kindliches vertrauen auff ſeinen beyſtand und daher freu - digen muth in beforderung ſeiner ehre durch allerley hindernuͤſſen durch zu trin - gen; krafft das vorgenommene gluͤcklich auszurichten ihro ſelbs verleyhen / der Herrn Collegen hertzen mit gleichem ſinn zu erfuͤllen und zu treuer zuſammen - ſetzung lencken / die jenige / die heilſamen rathſchlaͤgen maͤchtigern nachdruck zu geben haben / gleichfals vereinigen / denen die in kirchen und ſchulen arbeiten / die vor ſie tragende Chriſtliche ſorgfalt recht zu erkennen geben / und in ihnen ge - horſam / auch liebe zum frieden und fleißiger arbeit / wircken / denen aber die unter ihnen ſich nicht lencken laſſen wollen / mit ſeiner macht die haͤnde binden / zu allen ledigen ſtellen allezeit tuͤchtige perſonen beſchehren / auch das liebe land / in dem die kirche wohnet / und deſſen guten und boͤſen mit ihm genieſſet / in euſ - ſerlichem friede / ruhe und guter ordnung erhalten / ſo dann alle insgeſamt mit ſtetem gluͤcklichen wohlſtand und flor beyder Koͤniglicher Majeſtaͤ - ten / Koͤniglicher Frau Mutter Hoheit / und Koͤniglichen Chur-Printzen nach unſer aller unterthl. wunſch und gebet erfreuen wolle. Mit welchem wunſch zu allem zeitlich / geiſtlich und ewigem heil der himmliſchen obhut inniglich erlaſſende / und mich und die meinige ferner deroſelben gewogen - heit und guͤte empfehlende verbleibe.
E. Exc. Berlin den 23. Sept. 1700. zu gebet und gehorſam verbundener Philipp Jacob Spener / D.
WAs jetzt im nahmen Gottes demſelben vor augen gelegt wird / iſt bereits vor vielen jah - ren heraus zugeben von vielen guten freunden verlanget worden; da ich aber unter - ſchiedliches bedencken dagegen gehabt / theils weil es mir an der zeit ziemlich manglet / et - was vorzunehmen / worzu mehrere arbeit gehoͤret / der - gleichen auffs wenigſte die re - viſion der alten copien erforderte: theils weil vorſehen konte / nach dem es unmuͤglich iſt / daß in allen abſonderlichen mate -) (2rienVorrederien alle andre mit mir einſtimmen werden / daß nicht die jenige / die ihr werck darvon machen etwas aus meinen ſchrifften zu er - ſchnappen / daruͤber ſie mir ſtreit erregen koͤnten / leicht aus ſo vie - lerley antworten und bedencken auffs neue etwas zu zancken er - greiffen moͤchten; anderer ſorgen dabey nicht zu gedencken: daher eine gute zeit lang des ſinnes geweſen / die publication deßen / was unter den copien meiner brieffe dem publico nicht undienlich ſcheinen moͤchte / nach meinem abſchied andern zu uͤberlaßen / die darvor ſorge tragen moͤchten. Es hat aber ſo wohl dieſe be - trachtung / weil die ſpecies facti bey den meiſten manglen / und ich nur mich ſelbs noch manches dahin gehoͤrigen erinnern muß / daß einer der nach meinem tod die bloße antworten finden / bey vielen kaum wißen wuͤrde / was er daraus machen ſolte / da ich entweder etwas darvon / was aus dem facto zuwißen noͤthig / beyfuͤgen / oder doch auffs wenigſte eine rubric drauff ſetzen / und zu weilen mit ein paar worten einiges zum verſtand noͤthige darzwiſchen ſetzen koͤnte / das keinem andern nach mir muͤglich waͤre; als auch das offtere anhalten lieber und gut-meinender goͤnner uͤberwogen / daß in der forcht des HErrn mich ent - ſchloßen / einen theil meiner bedencken und briefflicher antwor - ten an das liecht heraus zugeben und zwahr von den teutſchen dieſesmal den anfang zumachen.
Jch habe aber hiebey unterſchiedliches zu erinnern / das zur nachricht dem leſer dienen mag. 1. Es ſtehet insgemein kein nahme bey den bedencken und antworten / weder der perſonen an die die antworten geſtellet / noch deren von welchen ſie han - deln / (ausgenommen ſehr weniger / die bereits in dem HErrn entſchlaffen und alſo wegen derer man keine ſorge haben kan) ſondern es werden die materien entweder nur insgemein / gleich als ſtuͤnde man nur in erwegung der theſeos, gehandelt / oder wo man ad hypotheſin gehen muͤßen / ſowol gemeine nahmen als Cajus, Titius, Sempronius und dergleichen / gebraucht / als auch die ort mit N. N. oder fremden nahmen bezeichnet. Die urſach iſt / nicht allein weil unterſchiedlich bedencken uͤber caſus gegeben habe / da mir weder damal noch darnach die perſonenkundan den leſer. kund worden / ſo dann ich ſtets unterſchiedlicher nahmen vergeſ - ſen / daß bey der jetzigen reviſion mich deren / die es angienge / nicht erinnern koͤnnen; ſondern auch insgemein / weil es zuwei - len ſachen ſind / da die jenige / welche gefragt haben / es nicht gern von ſich werden kund wißen wollen / auch die welche die ſachen angehen / ihrer anligen offenbahrung ſich nachtheilig ach - ten moͤchten. Daher ich aller gern zu ſchohnen gehabt / ja auch zuweilen / wo einige umſtaͤnde die perſon gar zu kaͤntlich gemacht haͤtten / ſolche mit fleiß ausgeſtrichen habe. Jſt alſo weder mei - ne abſicht / jemand mit dieſer publication zuſchaden / oder das vertrauen der freundſchafft gefaͤhrlich zuverletzen / noch kan der - gleichen aus dieſem trieb zugeſchehen geſorget werden: es waͤre dann ſache / daß einige an die und von denen geſchrieben worden / ſelbs nicht ſchweigen koͤnten / und es offenbahr machten / da ſie es alsdann ihnen ſelbs / was ihnen mißliebiges daraus folgte / zuzuſchreiben haͤtten / mir aber die ſchuld nicht beyzumeßen ver - moͤchten. Jch bitte aber auch / und ſpreche die jenige gute freunde auff ihr gewißen an / die einige nahmen / und wen dieſes oder je - nes angehe / vermuthen oder errathen moͤchten / oder anders woher davon nachricht bekommen haͤtten / daß ſie ſolches auch bey ſich behalten / und weder mir / der ich in dem heraus geben nichts / als durch unterricht einigen zu dienen / ſuche / noch de - nen / die es betrifft / wider die liebe unluſt zuerwecken trachten. Maßen es allerdings wider die liebe ſtreitet / etwas das der nechſte aus guten urſachen geheim zuhalten verlangt / und deſ - ſen entdeckung von der gemeinen wohlfahrt nicht erfordert wird / wider ſeinen willen zuoffenbahren: welches ein ſolcher gegen ſich zugeſchehen nicht gut nehmen wuͤrde.
2. Aus eben ſolchen urſachen ſind weder die brieffe der gu - ten freunde / denen hierinn geantwortet wird / ob wol ihre bey - fuͤgung der antwort ein liecht geben moͤchte / darzugethan / noch auch die ſpecies facti voͤllig und mit allen umſtaͤnden geſetzt / ja meiſtens gar ausgelaßen / und nur die ſumma in die fragen ein - gebracht: weil gedachter maßen keinen freunden ungelegenheit zuziehen / noch ihre brieffe ohne ihr erlaubnuͤs gemein machen) (2wollen /Vorredewollen / ſo dann des leſers fuͤrwitz / wo er uͤber die facta zu ſitzen / und dieſelbe zu forſchen geneigt / vielmehr hemmen / und die gele - genheit nehmen / als dieſe geben / und ihn ſelbs dazu reitzen wol - len. Zu dem / wie bereits erinnert / von unterſchiedlichen kein ſpe - ciem facti mehr habe / ſondern was mir zugeſchickt / zuſamt mei - nem reſponſo wieder fort geſandt habe. Jſts nun / wie ich nicht leugne / daß einige antworten eben aus mangel der umſtaͤnde in einigen ſtuͤcken dunckel werden / ſo laße ſich der leſer damit ver - gnuͤgen / da er aus dem / was er verſtehen kan / und zu der theſi ſelbs gehoͤret / einiges faßet / ob er wohl durch voͤllige nach - richt der hypotheſeos mehr faßen haͤtte koͤnnen / die aber aus obigen urſachen hinterhalten werden muͤßen.
3. Was nicht voͤllige reſponſa oder austruͤcklich gefaßte be - dencken ſind / ſondern brieffe / darinnen gewiße / eine oder meh - rere / materien gehandelt / ſind alſo gelaßen / wie ſie erſtlich auff - geſetzt / da gern geſtehe / daß zuweilen ein und andre ſtuͤcken haͤt - ten ausgelaßen und abgekuͤrtzet werden koͤnnen: es haͤtte aber ſolches zuthun / weil darnach auch noch mehrers geaͤndert wer - den muͤßen / alzuviele zeit erfordert.
4. Die ordnung anlangend / habe ich nicht noͤthig gehal - ten / in derſelben alzu ſcrupulös zu ſeyn / ſondern ich habe zwahr das werck in unterſchiedliche capitel (dero jetzo nur zwey heraus kommen) abgetheilet / mag aber wohl leiden / wann ein ander darvor halten wird / daß die ordnung beßer eingerichtet werden koͤnnen / nachdem dieſes ein ſolches werck / da nicht eine materie durch zu tractiren den vorſatz geweſen / in welchem fall die na - tuͤrliche ordnung zufinden und zuhalten billich / ja zu erkaͤntnuͤs der ſache vieles dran gelegen waͤre / ſondern jedes bedencken oder antwort iſt vor ſich / und haͤngt nicht an dem andern / daher gnug iſt / daß nur etlichermaßen eine ordnung geſuchet worden / wie eine auff die andre folgten / und wo man ungefehr zuſuchen haͤtte / wenn man etwas verlangte. Es iſt aber auch deswe - gen unmuͤglich geweſen / eine genaue ordnung zuhalten / weil mehrmal in einem brieff 2. 3. 4. oder mehr materien vorkommen / die kaum etwas unter ſich gemein haben / deren die eine da / dieandrean den leſer. andre dorthin / und alſo in unterſchiedliche capitel / gehoͤrte: ich bin auch nicht allemal bey der erſten geblieben / auff dieſelbe in der ordnung zuſehen / ſondern je nachdem mich gedeucht / welche die vornehmſte ſeye / nach ſolcher mich gerichtet: Es wird aber vielleicht zu ende des wercks mit einem regiſter zu helffen ſeyn / daß wo eine materie auch außer der ſtelle / die ihr ſonſt zukaͤme / wegen einer andren / ſo in einem brieff mit derſelben enthalten iſt / ſich nun befindet / angedeutet werde / wo ſie ſonſten auch ihren platz haben ſollen oder koͤnnen.
5. Jn dieſem theil findet der leſer in c. 1. die jenige antwor - ten / darinnen entweder einige ſtellen der ſchrifft oder glaubens - puncten, controverſen und dergleichen materien / tractirt wer - den. Jn c. 2. wird das jenige vorgeſtellet / was zu dem predig - amt gehoͤret / und zwahr 1. von den academiſchen ſtudiis. 2. von dem beruff / deßen aͤnderung und ablegung. 3. von des predig - amts art und pflichten insgemein. 4. von den abſonderlichen verrichtungen im predigen / catechiſiren, andern geiſtlichen uͤbungen / haußbeſuchungen u. ſ. f. 5. von verwaltung der Sa - cramenten. 6. von der beicht / zulaßung zum H. abendmahl / kirchen-zucht / und was dem anhaͤngig. Was den andern theil anlangt / ſollen in demſelben vermittels goͤttlicher gnade die jenige folgen / da die pflichten der Chriſten nach der erſten und andern taffel vorgeſtellet werden / alſo auch die caſus matrimoniales, vermahnung - und troſt-ſchreiben / ferner was zu der betrachtung unſrer kirch und zeiten gehoͤret / ſo denn die hiſtorie der dinge die von etwa 30. jahr vorgegangen / da ich ſelbs mit zu thun ge - habt oder eingeflochten worden. Ein abſonderlich capitel aber ſolle das werck ſchließen / darinn die jenige vorkommen / die keinen) (3beque -Vorredebequemen platz in vorigen capiteln angetroffen / oder die nach verfertigung des capitels unter den papiren ſpaͤter gefunden worden.
6. Der methodus iſt nicht einerley / indem einige form - liche und voͤllig ausgearbeitete reſponſa ſind / andere ſtuͤck aber ſind bloße brieffe / da die materien nicht mit gleichem fleiß gehan - delt: weil gleichwol gute freunde darvor geachtet / es waͤren eben auch dieſelbe nicht bloß zuruͤck zuhalten / weil man auch mit wenigem ſeine meinung austrucken / oder einem andern zu fernerem nachſinnen ſolche gelegenheit geben koͤnne / die ihm nicht unangenehm ſeye.
7. Von einer materie ſind zuweilen unterſchiedliche ant - worten / zu unterſchiedlichen zeiten gegeben worden / ſo hier ein - geruͤcket ſind. Wo ich nicht in abrede bin / daß zu mehrerer bequemlichkeit des wercks dienlicher geweſen / jedesmal aus allen eines zumachen / da einerley nicht in unterſchiedlichen im leſen wiederholt werden doͤrffte: aber meine enge zeit haͤtte mir die darzu gehoͤrige arbeit nicht vergoͤnnet / da ſo gar zu der revi - dirung kaum gnug gewinnen koͤnnen: Sodann wars auch der erſten abſicht / da man verlangt meine arbeit / wie ſie zu jeder zeit gefallen / zuſehen / nicht anders gemaͤß: ſo iſt auch in De - dekenno und andern nichts ungewoͤhnliches / daß uͤber einen caſum unterſchiedliche / auch wohl gleichlautende / reſponſa fol - gen. Vielleicht mags auch einigen nicht unangenehm ſeyn / die unterſchiedene art zu handlen / in einer ſache mit einander zuvergleichen.
8. Die jahr ſind meiſtens beygefuͤgt / in denen ich jedes ge - ſchrieben; es konte aber nicht bey allen geſchehen / weilen ſie zu -weilenan den leſer. weilen in den copien gemanglet / ſonderlich in den aͤltern / da - her unterſchiedlichmal 167 ‒ ‒ ſtehet / wo ich wohl weiß / daß ſie zwiſchen 1670. und 1680. gegeben / des jahrs aber nicht verſichert bin.
9. Wie ich nie keinen derjenigen / an welche ich dieſe ant - worten gethan / darmit zur folge obligiret / ſondern offters aus - getruckt / allezeit aber es alſo gemeinet habe / daß Chriſtliche freunde meine meinung und ausſpruch mit dero gruͤnden in der forcht des HErrn und mit ſeiner anruffung uͤberlegen / und demjenigen allein / weßen ſie ihr gewißen aus einleuchtung des goͤttlichen woꝛts und aus demſelben gezogenen gruͤnden uͤberzeu - gen wird / platz geben wolten (daher es immer zuverſtehen / mit der gemeinen clauſul, ſalvo meliori) alſo muthe ich vielweniger mit dieſer heraußgebung jemand zu / etwas weiter anzunehmen / als nochmal bey jedem die gottſelige erwegung meiner jedesmal angefuͤhrten gruͤnde wircken wird. Meinet jemand / in dem gegentheil beßer gegruͤndet zu ſeyn / bitte ich nur dieſes / daß er mir meine freyheit / ſo wohl als ich ihm die ſeinige / in dingen / die den grund des glaubens und lebens nicht verletzen / laßen wolle: wie wohl mich auch niemalen weigere / von andern zu lernen / die mir beſcheidenlich in einem und anderem etwas beßers zeigen wolten.
10. Weil einige mal verlanget worden / uͤber etzliche din - ge / daruͤber unruhe und irrungen an einigen orten in der kir - chen neulicher zeit entſtanden / auch trennungen angetrohet wor - den / mich zu erklaͤhren / kan ich mich nicht allein auff meine vo - rige ſchrifften beziehen / ſondern es findet auch der leſer unter - ſchiedliches dahin gehoͤriges in dieſem werck / als unter andernc. 1.Vorrede an den leſer. c. 1. ſect. 14. 19. 72. 73. und ſonderlich in dem anhang des capi - tels / daß unſre kirche nicht zu Babel gehoͤre: ſo dann c. 2. art. 3. ſ. 1. art. 5. ſ. 1. art. 6. ſ. 24. (ander mehr zugeſchweigen) darinn ich mein hertzliches mißfallen und betruͤbnuͤs uͤber alle derglei - chen unordnungen / die dem guten den gefaͤhrlichſten ſtoß thun / daher nicht gnug beſeuffzet werden koͤnnen / bezeuget habe: und GOtt ſtets inniglich anruffe / ja nicht zuzugeben / daß auch ſeine heiligen (nach der redens-art pſ. 85 / 9.) auff eine thorheit gerathen / ſondern in allen die liebe zur Evangeliſchen wahr - heit zubekraͤfftigen / die luͤſtrigkeit nach neuen meinungen weg - zunehmen / und die kranckheit unſrer kirchen mit wehemuͤtiger gedult (die fern iſt von allem haß und eckel) tragen zu lehren / dadurch aber alle beſorgliche gefahr abzuwenden. Dieſes ha - be bey dieſer herausgebung voran zu erinnern dienlich erach - tet / das uͤbrige dem leſer ſelbs und ſeinem guͤtigen urtheil uͤber - laßende; ſo vielmehr / weil nachdem vor dieſes mal allein der erſte theil heraus kommt / dafern etwas / das noch zubemercken dienlich geweſen / jetzo vergeßen worden waͤre / bey dem andern theil annoch erinnert zu werden gelegenheit vorkommen wird. Der große GOtt / zu deßen ehr / und einiger ſeelen erbauung / auch dieſe arbeit gemeinet und abgeſehen iſt / laße auch ſolchen zweck durch ſeinen ſegen gluͤcklich erreichet werden: Ja er gebe uns allen / ſeinen willen aus ſeinem wort mit gewißheit zu er - kennen / allen von jemand gebenden rath aus demſelben kluͤg - lich zu pruͤffen / und mit verſicherung zuthun / was ihm wol - gefaͤllig iſt um Jeſu Chriſti willen.
Berlin den 16. Sept. 1700. Philipp Jacob Spener / D.
ES ſolte zur beantwortung dieſer frage ſcheinen / es werde der wahre glaube nicht zur ſe - ligkeit erfordert / ſondern Gott habe gefallen an jedem menſchen / welches volcks und religion er ſeye / wo er nur eine furcht Gottes und aus der - ſelben einen fleiß gutes zuthun habe / wie ja Cor - nelius aus ſolcher urſach Gott bereits angenehm geweſen / ehe er von Petro zu dem glauben an Chriſtum bekehret worden.
Gruͤndlich zu antworten mache ich etliche ſaͤtze. 1. Niemand kan ſelig werden ohne den glauben an GOtt / Hebr. 11 / 6. und zwar an einen ſolchen GOtt / der ein vergelter ſeyn werde / und zu dem wir uns nahen / und ihn ſu - chen muͤſſen. Weil aber unſer gewiſſen uns unſere ſuͤnde / und hingegen goͤtt - liche gerechtigkeit vorhaͤlt / aus dero wir keine andere als ſtraff gerechtigkeit zuerwarten haben / ſo kan zu dem glauben nicht gnug ſeyn / nur an GOtt zu glauben / wie er bloß dahin aus ſeiner natur und weſen iſt / ſondern wie er uns durch ſeinen ſohn verſoͤhnet worden / und alſo muß nothwendig in dem ſelig - machenden glauben auch der glaube an den verſoͤhner / in dem ſich der va - ter mit der welt verſoͤhnet hat / 2. Cor. 5 / 18. nemlich Chriſtum / mit ſtecken; ja auſſer dieſem koͤnnen wir unmuͤglich an den vater glaͤuben / das iſt / ein ver - trauen der ſeligkeit auff ihn ſetzen / da uns ſonſten die betrachtung ſeiner ge - rechtigkeit vielmehr von ſolchem glauben oder vertrauen zuruͤckſtoͤſſe. Da - her GOtt gleich nach dem fall die verheiſſung von des weibes ſaamen / der der ſchlangen den kopff zertreten / das iſt / dem teufel / die gewalt / die er uͤ - ber das menſchliche geſchlecht durch die ſuͤnde erlanget / nehmen ſolte / den er -A 3ſten6Das erſte Capitel. ſten eltern gegeben / die ſie auch auff ihre nachkoͤmmlinge treulich fortgepflan - tzet haben werden. Dahin hatten die abſicht die opfer / die wir nicht nur in der kirchen der glaubigen zu allen zeiten finden / ſondern ſie auch unter die Heiden gekommen ſind / und weil keine vernunfft dieſes lehret / daß GOtt durch den todt eines viehes verſoͤhnet werden koͤnte / die Heiden aber den opfern gleichwol ſolche krafft zuſchrieben / ihrer Goͤtter gnade dadurch zu we - ge zu bringen / iſt ſolches ein zeugnuͤß / daß ſie es von den vaͤtern / und nach der ſuͤndfluth am weitſten von Noah / hergehabt haben muͤſſen: Ob ſie dann wol das erkaͤntnuͤß / wie dieſe opfer ein vorbild des kuͤnfftigen Meßiaͤ ſeyen / welches geheimnuͤß in der kirchen allein geblieben / verlohren haben / ſo bliebe doch in der fuß-ſpuhr der ſache ſelbs der goͤttliche rath / aus dem erſt die opfer eingefuͤhret worden / und auſſer dem dieſelbe etwas gantz ungereimtes ange - ſehen werden wuͤrden. Bey den Juden aber iſt kein zweifel / daß auch neben der ſchrifft durch die tradition ſolche bedeutung der opfer / die Paulus in der epiſt. an die Hebr. erklaͤret / erhalten worden ſeye / und werden die prieſter diejenige / ſo ſie brachten / davon unterrichtet haben. Ob wol nicht zu leugnen ſtehet / daß zu der zeit Chriſti / wie die Juͤdiſche Kirche insgemein in groſſe verderbnuͤß gerathen / auch dieſer verſtand der opfer ſehr unbekañt mag wor - den ſeyn. Doch bliebe bey allen glaubigen der glaube des verſoͤhnten Gottes und des verſoͤhners / ob wol derſelbe nach ſolcher zeit art etwas dunckel ge - weſen / das mittel der ſeeligkeit.
2. Nachdem der HErr JEſus in ſeine herrlichkeit eingegangen / auch nicht allein durch die ausgieſſung des Heil. Geiſtes dem gantzen hauß Jſrael kund gemacht / daß ihn Gott zu einem Herrn und Chriſt gemacht Ap. Geſch. 2 / 36. ſondern auch ſolches Evangelium in der gantzen welt verkuͤndiget wor - den iſt / hat angefangen / nicht mehr wie biß dahin gnug ſeyn / an Chriſtum zu glauben / ſondern wurde auch noͤtig / an JEſum / daß er der Chriſt in dem fleiſch zu unſrer erloͤſung gekommen ſeye / zu glauben. Wie dann dieſes das Evangelium iſt / aus deſſen glauben alle ſeelig werden ſolten / deſſen unglau - be aber andere verdammen wuͤrde. Marc. 16 / 15. 16. daher iſt kein anderer na - me nunmehr zur ſeligkeit gegeben Ap. Geſ. 4 / 12. die ihn alſo annehmen / werden allein Gottes kinder Joh. 1 / 12. Und daran kennet man den geiſt aus GOtt / der alſo lehret 1. Joh. 4 / 2. 3.
3. Niemand kan GOtt recht fuͤrchten (nemlich daß die furcht der er - forderten liebe nicht entgegen ſtehe) noch recht thun oder die gerechtigkeit wircken (darzu nicht allein das aͤußerliche werck / ſondern daß es auch von her - tzen gehe / und dieſes anders geſinnet ſeye / erfordert wird) er glaube denn an denverſoͤhner / und alſo nunmehr an JEſum. Dann wer an ihn nicht glau - bet / erkennet entweder Gottes gerechtigkeit nicht / wo er ſeiner ſuͤnden wegenſicher7SECTIOſicher bleibet / oder da er ſeine ſuͤnde und die ſchuld erkennet / daher ſeine ver - damniß vor augen ſiehet / kan er Gott nicht anders als mit einem haß fuͤrch - ten / welche furcht an ſich ſuͤndlich iſt. Wiederum durch den glauben allein werden wir des H. Geiſtes und der wiedergebuhrt theilhafftig / und vermoͤ - gen alsdenn gutes zuthun / wo aber die wiedergebuhrt / geiſt und glaube nicht ſind / bringet aller fleiß aus eigenen kraͤfften nichts weiter zu wegen / als er - zwungenes werck und heucheley: welcherley der geiſt Gottes nicht wuͤrdi - gen wird des nahmens der gerechtigkeit.
4. Alſo wenn der Apoſtel ſpricht: in allem volck / wer ihn fuͤrchtet und recht thut / der iſt ihm angenehm / ſo wird nicht mehr geſagt / als daß der in dem A. T. geweſte unterſcheid zwiſchen Juden und Heiden aufgeho - ben ſeye / und alſo wie ſich GOtt von einem juden gefallen laſſe ſeine furcht und wirckung der gerechtigkeit / welche ohne buß und glauben nicht ſeyn koͤn - nen / alſo laße er ſich eben dieſelbige auch gefallen von einem Heiden / derglei - chen Cornelius war: Nicht aber wird damit angedeutet / ob waͤre Gott mit jemanden zufrieden / der doch nicht aus ſeinem natuͤrlichen ſtand durch den glauben bekehret worden waͤre.
5. Wann nun dieſem wolte entgegen geſetzet werden / daß Cornelius ein Heid noch nicht koͤnne bekehret geweſen ſeyn / weil ihm erſt Petrus den glau - ben an den Herꝛn Jeſumhabe pꝛedigen und ihn zur bekehrung bringen muͤßen / daher was v. 2. von der gerechtigkeit und gottſeeligkeit deßelben geruͤhmt wird / keine andere ſeyn koͤnte / als die aus dem liecht uñ kraͤfften der natur her - kommen waͤre; wie ſich denn die Pelagianer auff dieſes exempel beruffen ha - ben / daß einer auch ohne die gnade aus der natur kraͤfften koͤnne fromm und gottſeelig ſeyn (ſihe Cent. Magd. V. f. 580. 595.) So antworteten 1. die vaͤter den Pelagianern alſo: Prosper in Epiſt. ad Ruffin. neque intelligunt o - mnem illam præparationem Cornelii per Dei gratiam fuiſſe collatam dahin er ziehet / daß GOtt ſelbs v. 15. bezeuge / daß er ihn bereits gereiniget habe) alſo auch Auguſtin. l. de Bono perſev. c. 7. quic quid igitur, & antequam in Chriſtum crederet, & cum crederet, & cum credidiſſet, bene operatus eſt Cornelius to - tum Deo dandum eſt, ne forte quis extollatur. 2. Es war bereits Cornelius Gott angenehm in dem vorigen / welches ohne bekehrung nicht haͤtte geſche - hen / noch ſeine wercke / da er noch nicht in gnaden geſtanden / Gott angenehm ſeyn koͤnnen / 3. Muß alſo bey ihmbereits der glauben an den Gott Jſraͤelis / und alſo auch an den kuͤnfftigen Meßiam / ſich gefunden haben. Welches ſo viel leichter war / weil er unter den juden wohnete / und gutes geruͤchts unter dem gantzen volck der juͤden war / daher ſichs nicht fehlet / daß er als ſeines heils begierig bey den Juden ihrer religion ſich erkundiget / und die noͤthige wahrheiten von der erkaͤntnuͤß Gottes wird angenommen haben / als bey demwir8Das erſte Capitel. wir ein gemuͤth antreffen / das folgſam geweſen / und der wahrheit nicht wird widerſtrebet haben. Alſo ſtund er / ob er wol kein jud / noch beſchnit - ten worden / gleichwol in ſolchem ſtand / daß wo er darinnen waͤre hinweg ge - nommen / auch ſeelig worden ſeyn wuͤrde: wie auch andere〈…〉〈…〉 oder der - gleichen fremdlinge / die ſich zwar zu dem judenthum nicht verfuͤgten / aber die abgoͤtterey meideten / hingegen den Gott Jſraelis ehreten / nicht von der ſee - ligkeit wegen mangel der beſchneidung ausgeſchloſſen werden koͤnnen. 4. da er aber Gott treu worden war / nach damahligem maaß der gnade / that GOtt noch ein mehrers hinzu / daß er von JEſu / wie dieſer der wahre Meßias waͤ - re / durch Petrum voͤlligen bericht / und bey williger anhoͤrung ſolches Evange - lii ein herrliches maaß des H. Geiſtes erlangte. 5. Alſo hat ſein glaube ge - wachſen (aus glauben in glauben Rom. 1 / 17.) aus dem noch dunckleren glau - ben an den noch erwarteten Meßiam / in den vollkommeneren und helleren glauben an den HErrn JEſum / als den nunmehr in die welt geſandten / ja in die herrlichkeit bereits auffgenommenen Meßiam und Heyland.
Wo die ſache auff dieſe weiſe gefaſſet wird / iſt alles der allgemeinen glaubens-lehr gantz aͤhnlich und gemaͤß.
ES kom̃t alle ſchwehrigkeit daher / weil Moſes / da er davon redet / wie die zehen gebote auff die andere taffeln / welche er nach den erſten ge - brochenen wiederum auff goͤttlichen befehl gemacht / geſchrieben wor - den ſeyen / einiger orte dieſelbe ſcheinet GOtt unmittelbar / anderswo ſich ſelbſt zuzuſchreiben. Jenes 2. Moſ. 34 / 1. und 5. Moſ. 10 / 2. 4. dieſes 2. Moſ. 34 / 27. 28. Daher keine andere conciliation ſtatt hat / als wo man Gottes un - mittelbahrem werck ſolches ſchreiben wiederum zumeßen will / daß man den ort c. 34 / 28. alſo erklaͤhre / und er ſchrieb / daß ſolches nicht von Moſe / deſ - ſen gerad vorher meldung geſchehen / genommen werde / ſondern des HErrn nahme aus den vorigen verſen zu widerholen ſeye. Da muͤßte alsdenn v. 27. der befehl des ſchreibens nicht von dem ſchreiben der zehen gebot / ſon - dern der andern daſelbs unmittelbar enthaltener gebot / verſtanden werden. Dieſer meinung bin ich nicht in abrede / daß neben dem R. Abeneſra die meiſte Chriſtliche Lehrer auch beypflichten. Hingegen ſind auch derjenigen nicht wenige / ſo den Moſen darunter verſtehen / der die zweyte ſchrifft verrichtet habe. Daher ſie die ſtellen / da das ſchreiben GOtt zugeleget wird / alſo er - klaͤhrẽ / daß ers durch Moſen / als welchem ers befohlen / verrichtet habe. Die -ſe9SECTIO II. ſe meinung findet ſich unter den alten bey Auguſtino und Cypriano, unter den mittel-alten bey dem autore Hiſtor. ſcholaſticæ, Hugone, Rickelio, ſo dann auch einigen andern neueren. Dieſer habe ich auch lieber beypflichten wollen / weil 2. Moſ. 34 / 28. es allzu hart lautet / den Text alſo zu zerreiſſen / daß man den worten / er ſchrieb / ſo mit einem und an die vorige gehenget werden / ein ander ſubjectum, deſſen directe vorher nicht meldung geſchehen / und ohne deſſen anzeige in dem text / weiter herholen wolte; ſo iſts auch hart den v. 27. und 28. von zweyerley worten zu verſtehen / da doch wie v. 28. 〈…〉〈…〉die wort des bundes / ſo geſchrieben ſolten werden / austruͤcklich die zehen wort genennet werden / alſo v. 27. die wort die Moſes ſchreiben ſolte / auch die jenige heiſſen / auff welche der bund gegruͤndet werden ſollen. Da hingegen die erklaͤhrung / ſo man den ſtellen / die vor die gegenmeinung ge - fuͤhrt werden / appliciren kan / weniger zwang hat / und in der ſchrifft nichts ungemeines iſt / daß einem zugeſchrieben wird / was er durch einen andern thut. Jedoch dringe auch ſolche meinung niemand auff / und thut weder die - ſes noch jenes dem glauben an ſich ſelbs eintrag: daher es nicht noͤthig iſt / wann etliche es alſo conciliiren wollen / Moſes habe aus GOttes befehl die hand zu ſchreiben / oder einzugraben / angelegt / aber da ſeyen alſobald durch ein wunderwerck die buchſtaben alle formiret worden / daß alſo GOtt und er gleichſam miteinander geſchrieben haͤtten.
Der HErr ſchreibe ſelbs mit ſeinem finger und lebendigen buchſtaben ſein geſetz in unſre hertzenstaffeln / ſo ſolle uns genuͤgen!
DAß das tractaͤtlein von natur und gnade meiner geliebten Jung - frauen wohlgefallen / iſt mir angenehm. Jch habe bereits dergleichen zeugniß von einigen andern guten ſeelen bekommen / die davon gehal - ten / daß ſie dadurch erbauet worden waͤren. Dem Herrn Herrn ſeye danck / der ſeines ſchwachen dieners arbeit nicht ungeſegnet gelaßen / ſondern krafft in einige ſeelen durch zutringen gegeben hat: Derſelbige wolle ferner von o - ben herab zu allem pflantzen und begieſſen dasjenige gedeyen geben / damit ſein wort zu wirckung des glaubens und aller ſeiner fruͤchte bey allen fruchtbar werden moͤge: ſonderlich wircke er durch ſeine gnade al - ſo in uns / daß wir mehr und mehr in eigner erfahrung / was natur und gna - de / erde und himmel ſeye / zu unterſcheiden lernen. Es iſt mir auch lieb / daßBM. Bo -10Das erſte Capitel. M. Borels ſchrifften bey deroſelben nicht unangenehm geweſen. Er war der Reformirten gemeinde zugethan / und ein advocat zu Grenoble, bekam aber als er der ſeinigen irrthum erkannte / eine begierde / ſich zu uns zu verfuͤgen / da nicht nachmal andere hindernuͤſſen ſolche intention unterbrochen haͤtten / vorher aber hatte er dieſe ſchrifft herausgegeben. Jn dero viel gutes iſt / oh - ne allein / daß er / ſo viel mich entſinne / den menſchlichen natuͤrlichen kraͤfften noch etwas zuviel zugeben wird. Da wir vielmehr mit den Reformirten darinnen gern eins ſeyn und bleiben / daß der gefallene menſch in dem gantzen werck der ſeligkeit / ſonderlich ſeiner bekehrung nichts gutes zuthun vermoͤge / ſondern daß die goͤttliche gnade einig und allein alles in ihm anfangen und wircken muͤſſe. Da vielleicht hie einige mahl den natuͤrlichen kraͤfften etwas mehrers moͤchte zugeleget werden / ſo zwahr das hauptwerck in dem gantzen abſehen / das der mann gehabt / nicht umſtoͤſſet. Daß alſo geliebte Jungfrau ſo wol bereits vorhin vielmehr die lehr von der allgemeinen und auff alle menſchen ſich hertzlich erſtreckender gnade beliebet / hingegen das ſonſten den meiſten Reformirten lehrern gemeine abſolute decret oder bloſſen rathſchluß fahren laſſen / welchen ſonſten ich vor den gefaͤhrlichſten irrthum der Refor - mirten halte / und GOtt dancke / ſo viel mehrere er von demſelben abzeucht / und uns einander naͤher (ach wolte ſeine guͤte zu voͤlliger vereinigung!) ma - chet: alſo auch in ſolcher wahrheit durch leſung ſolches buchs bekraͤfftiget worden iſt / freuet mich von hertzen. Nicht weniger iſt mir lieb / daß dieſelbe ihren noch aus der Apoſt. Geſch. 13 / 48. gefaſten ſcrupel mir vorſtellende ge - legenheit giebet / auch denſelbigen durch GOttes gnade zubenehmen. Jch bekenne zwahr / daß ſolcher Ort einen ziemlichen ſchein hat / und wer vorhin die meinung von der bloſſen gnaden-wahl eingeſogen / wird bey ſolchem eingenommenen gemuͤth maͤchtig dadurch geſtaͤrcket / ob wol der gantze ſpruch gar nicht von der goͤttlichen ewigen gnaden-wahl (welche wir ſonſten ſo wol als die reformirte glauben / nur aber dieſelbe von dem ſchrecklichen bloſſen rathſchluß befreyen / und nach GOttes wort davon lehren) handelt. Die meiſte ſchuld liget an dem / daß ein wort des grund-texts nicht ſo eigentlich / wie geſchehen ſolte / gegeben wird: Jn ihrer Frantzoͤſiſchen Bibel brauchen ſie das wort: qui eſtoient ordonnés à la vie eternelle. Unſre Teutſche / ſo nicht leugnen kan / wiewol die wort lieber vorſichtiger geſetzt zu ſeyn wuͤnſchte / lautet auch ſo: wie viel ihrer zum ewigen leben verordnet waren; da man nicht wol anders gedencken kan / als es werde von der verord - nung GOttes uͤber die menſchen / die von ewigkeit her geſchehen iſt / gere - det. Wo nun ſolcher verſtand des worts behalten wird / gehet es etwas ſchwehr her / die widrige gedancken / ſo darauß gefaſſet werden koͤnnen / abzu - lehnen / wiewol es doch auch in ſolchem fall an gruͤndlicher antwort nichtman -11SECTIO III. mangeln ſolte. Wo wir aber das wort des grund-texts (τεταγμένοι) anſe - hen / und deſſen krafft recht erwegen / ſo faͤllet die ſchwehrigkeit mehr und mehr dahin. 1. Jſt zu mercken / daß das wort ſo Rom. 8 / 29. 30. in unſerm teutſchen auch heiſſet verordnen / wie auch an mehrern ſtellen des Neuen Teſtaments / in dem grund-text nicht ſtehet / noch hingegen das hie befindliche an einigem ort von der ewigen gnaden-wahl gebraucht wird / ſondern immer gantz andere meinung hat / welche mit dem gegenwaͤrtigen keine gemeinſchafft haben. 2. Das wort / welches hie ſtehet / heiſſet nichts anders / als etwas das in einer gewiſſen ordnung ſtehet: dann das ſtamm-wort bedeutet eigent - lich ordnen / in eine ordnung bringen / und ferner in paſſivo in eine ordnung gebracht werden / oder in einer ordnung ſeyn. Alſo / wenn 1. Cor. 15 / 23. ſtehet / ein ieglicher in ſeiner ordnung / und 1. Cor. 4 / 40. laſſets al - les ehrlich und ordentlich (eigentlich nach der ordnung) zugehen: ſo ſinds die wort / welche auch von dem ſtamm-wort das hie ſtehet herkommen. Hin - wiederum diejenige / die nicht in rechter ordnung ſind oder ſich dazu ſchicken / haben ebenfalls einen nahmen / der auch von dieſer wurtzel herkommt. Al - ſo heiſſet es 1. Theſſ. 5 / 14. vermahnet die ungezogenen: eigentlich die unordentlichen / welche ſich nicht in ordnung ſchicken / in dem Frantzoͤſiſchen les dereglez: Alſo auch 2. Theſſal. 3 / 6. heißt es / die unordig wandeln / (nicht nach der ordnung) in dem Frantzoͤſiſchen deſordonnement: alſo auch da - ſelbs v. 7. wir ſind nicht unordig unter euch geweſen. Nous ne ſommes point portez deſordonnement entre vous. 3. Wo es ſonderlich von menſchen gebraucht wird / heißt es eigentlich / da man einem eine gewiſſe verordnung vorſchreibet / darnach er ſich richten muß. Alſo Ap. Geſch. 15 / 2. ordneten die bruͤder / daß Paulus und Barnabas gen Jeruſalem zoͤgen / il fut ordonné. Luc. 7 / 8. heißt es von dem hauptmann / er ſeye der Obrigkeit unterthan / eigentlich von wort zu wort / unter eine macht geordnet / conſtitué ſous la puiſſance. Apoſt. Geſch. 28 / 23. heißt es / da ſie ihm einen tag beſtimmeten / eigentlich / ordneten: aſſigné un jour. So heißt es ſonderlich 1. Cor. 16 / 15. von denen vom hauſe Stephana / daß ſie ſich ſelbſt verordnet zum dienſt der heiligen / wo eben das wort da ſtehet / aber in dem Franzoͤſiſchen adon - néz. 4. Wo wir das wort anſehen / wie es von GOtt in dem Neuen Teſta - ment gebꝛaucht wiꝛd / heißt es abeꝛmal nie eine verordnung oder beſtimmung / die GOtt von ewigkeit uͤber die ſeligkeit dieſes oder jenes menſchen gemacht haͤtte / ſondern allezeit eine ordnung / da er etwas gewiſſes eingeſetzt und be - fohlen / was geſchehen ſolle. So heißt es Matth. 28 / 16. daß JEſus ſeine Juͤnger auff einen berg beſcheiden habe / eigentlich geordnet / ou JeſusB 2leur12Das erſte Capitel. leur avoit ordonné. Rom. 13 / 1. die Obrigkeit iſt von Gott verordnet / ſont ordonnées de dieu, GOtt hat ſie eingeſetzt / ihnen den gebrauch der ge - walt und den unterthanen den gehorſam gegen ſie befohlen / damit alles in rechter ordnung bliebe. Apoſt. Geſch. 22 / 10. heiſſets / das dir zu thun verordnet iſt: qui t’ eſt ordonné de faire. 5. Wie nun aus allen ſolchen orten / wo das wort in dem Neuen Teſtament vorkommet / zuſehen iſt / daß es nie von dem ewigen rathſchluß / der nur in GOttes beſtimmung beſtuͤnde / und dabey der menſch nichts zuthun haͤtte / ſondern nur mit ſich thun laſſen muͤßte / ge - braucht werde / und daher auch an dieſem ort keinen neuen und ſonderbahren verſtand gewinnen koͤnne / ſo iſt ferner zuſuchen / welches dann der rechte verſtand an dieſer ſtelle ſeye / nemlich / welcher zu der ſache ſelbs / und der glaubens-regel ſich am gemaͤßeſten ſchicket. 6. Hiebey iſt nun in acht zunehmen / daß GOtt den menſchen gern bekehren und zum glauben bringen wolle / aber nicht anders / als in der von ihm ſelbſt gemachten ord - nung. Dieſe ordnung bringet nun unterſchiedliches mit ſich: Von Gottes ſeiten erfordert ſie / daß er ſein wort predigen laͤßet / und den Heil. Geiſt dazu gibet / welcher daßelbe in die hertzen der menſchen eintrucken den glauben dadurch zuwircken. An dieſem ſtuͤck der ordnung und alſo von Gottes ſei - ten / mangelts nun niemahl. Es wird aber hingegen auch von der menſchen ſeiten etwas erfordert / nicht zwahr / daß ſie den glauben in ſich wircketen / ſo nur Gottes werck iſt / oder aus eigener krafft etwas gutes thaͤten / welches ih - nen unmoͤglich bleibet / ſondern allein / daß der menſch / der zwahr aus eige - nen kraͤfften widerſtreben. Luc. 7 / 30. Apoſt. Geſch. 7 / 57. aber von ſelbs ſich nicht bekehren kan / der wirckenden gnade Gottes bey ſich platz gebe / und ſie mit ſich machen laße / dabey in dem euſerlichen den gehorſam erwei - ſe / daß er das wort hoͤre / und auff daßelbe acht gebe. Dieſes iſt die goͤttliche ordnung / in dero der menſch glaͤubig werden muß / da hingegen / wo der menſch / was dieſe ordnung von ihm erfordert / nicht thut / ſondern ſich boß - hafftig widerſetzt ſeine bekehrung von ihm ſelbſt gehindert wird. 7. Wann dann einer ſich der goͤttl. ordnung nicht beqvemet / ſondern deroſelben ſich widerſetzet / der iſt nicht wohl geordnet zum ewigen leben / nicht / daß die ſchuld daran waͤre / weil ihn Gott nicht dazu verordnen habe wollen / ſon - dern weil er aus der ordnung ſchreitet / il ſe porte deſordonnement. Welche hingegen ſich ſolcher ordnung beqvemen / hoͤren euſerlich mit andacht zu / und widerſtreben innerlich dem geiſte Gottes nicht / von denen mag ich ſagen / ſie ſind geordnet / das iſt / ſie ſeynd in der rechten ordnung / und haben ſich von GOtt in die rechte ordnung bringen laſſen zum ewigen leben / abermal nicht aus der krafft einer ſonderbahren verordnung / die ſie allein dazu beſtimm -te /13SECTIO III. te / ſondern in dem gehorſam unter die goͤttliche ordnung. Daher vielleicht es in dem Frantzoͤſiſchen fuͤglicher gegeben werden koͤnte / qui eſtoient diſpo - ſés à la vie eternelle. Auß dieſem allen angefuͤhrten hoffe ich / daß meine wer - the Jungfrau ſich in den ſpruch kuͤnfftig leicht ſchicken / und keinen weitern an - ſtoß haben werde. Der HErr aber laſſe mehr und mehr das liecht ſeiner wahrheit in ihr auffgehen von einer klahrheit zu der andern / und auch vielen thaͤtigen deroſelbigen fruͤchten. Was ſie zuletzt anhaͤnget / daß ſie GOTT als ſie hier war / mehrmal in meinen pꝛedigten geruͤhret habe / iſt eine ſache / die mich billich antreibet / ſeiner himmliſchen guͤte danck zuſagen / welche mich je - zuweilen auffrichtet / damit ich erkennende / wie ſie ihres armen knechts arbeit nicht allemal oder bey allen vergebens ſeyn / ſondern zuweilen durchtringen laſſe / deſto getroſter das werck des HErrn treiben moͤge: Es dienet mir auch zu einem zeugnuͤß / daß die krafft des worts nicht an einer menſchlichen wol - redenheit oder einmiſchung vieler gelehrtheit: (davon ich nicht leugne / daß ich mich mehr huͤte / als deſſen befleiſſe) lige / ſondern / daß auch bey gruͤnd - licher einfalt / wo man bloß bey dem wort Gottes bleibet / die meiſte hertzens - bewegende krafft ſich finde. Der HErr / deſſen wercke wir zu treiben geſetzt ſind / gebe uns Predigern allen ſeinen Geiſt in gnugſamer maaß / und lege zum foͤrderſten ſein wort alſo in unſre hertzen / daß es auch durch unſern mund ausgeſprochen / in ſeinem ſegen in die hertzen tringe / daſelbſt ſeine krafft und ſchein zu vollbringen: Er bewahre uns gnaͤdiglich / daß wir weder mit falſcher lehr die goͤttliche wahrheit verkehren / noch mit allzuvieler untermiſchung menſchlicher weißheit und kunſt der klugen worte die predigt des Creutzes Chriſti 1. Cor. 1 / 17. wo nicht gar zunicht machen / auffs wenigſte / (wie es dem wein ergehet / wenn des waſſers zu viel untergegoſſen wird / daß er das meiſte ſeiner ſtaͤrcke verliehret) deſſen durchdringende krafft ſehr ſchwaͤchen / zu unſrer ſchwehren verantwortung und ſchmaͤlerung der von uns erwarten - der ſchuldigen erbauung. Wie ich nun dieſes mir und allen meinen amts - bruͤdeꝛn aller orten hertzlich wuͤnſche / alſo ſollen auch alle / die es mit dem Reich GOttes treulich meinen / gleichfals ihre gebete mit hinzuſetzen und uns die noͤthige und ihnen ſelbs nuͤtzliche gabe erbeten helffen. 1688.
ES laͤſſet ſich hiebey unterſchiedliches bedencken 1. daß dieſer feigenbaumB 3vol -14Das erſte Capitel. voller blaͤtter geweſen / da vielleicht die andre daherum keine blaͤtter noch nicht gehabt / indem es erſt zeit geweſen / daß ſie ausſchluͤgen. Daher etwas ſonderbahres davon zu hoffen geweſt. 2. Daß bey den Juden auch feigen - baͤume geweſen / dero feigen / ſo aber der beſten art geweſen / allererſt in dem dritten jahr / von einer andern erſt in zwey jahren reiff worden ſind / daher an denſelben ſtets blaͤtter und feigen ſich zugleich fanden / oder ſich finden kun - ten / wes wegen auch dieſer baum noch von dem vorigen jahr blaͤtter hatte. 3. Daß deßwegen / weil dieſer baum von dem vorigen jahr noch blaͤtter hatte / vernuͤnfftig vermuthet werden kunte / daß er noch von demſelben feigen ha - ben wuͤrde / ob wol an den gemeinen feigenbaͤumen der natur nach noch keine feigen von ſolchem jahr zuvermuthen waren. 4. Jndeſſen findet der HErr keine feigen daran / und iſt alſo vermuthlich der baum allzeit unfruchtbar ge - weſt / daher des fluchs wuͤrdig (ſihe Luc. 13 / 7. Hebr. 6 / 8.) wie ihn der HErr auch wuͤrcklich verflucht. 5. Jndeſſen zeigt Chriſtus auch dieſes ſtuͤck ſeiner erniedrigung an / daß nemlich / ob er wol der allwiſſende GOtt / und al - ſo auch ſeiner menſchheit die allwiſſenheit wahrhafftig mit getheilet geweſen war / er gleich wol um unſert willẽ / ſich wahrhafftig auch des ſtaͤten gebrauchs derſelben geaͤuſſert / nach Phil. 2 / 7. daß er dieſesmal nicht gewußt / daß dieſer feigenbaum keine feigen haͤtte / ſondern ſie an demſelben aus anſehung der blaͤtter vermuthet / wie er auch austruͤcklich von ſich ſagt / daß er auch den tag des gerichts Marc. 13 / v. 32. nicht wuͤßte / da er dennoch gedachter maſſen die allwiſſenheit empfangen hatte / aber ſich derſelbigen begeben / damit weil Adam und Eva nach goͤttlicher gleichheit / und alſo auch der allwiſſenheit / mit unrecht geſtanden / unſer buͤrge hingegen alſo davor buͤſſete / daß er den gebrauch ſolcher herrlichkeit auch eine weil ablegete / und ſeinen bruͤdern nicht weniger in dieſer ſchwachheit gleich wuͤrde. Hebr. 2 / 17. 18. 4 / 15. Daher auch ſolche vor uns angenommene unwiſſenheit / als ein ſtuͤck ſeiner erniedri - gung / mit zu dem vor uns bezahlten loͤſegeld und troſt gehoͤret / und von uns mit heiliger verwunderung und danck anzuſehen iſt. Neben dem allen ſtack gleichwol noch ein ſonderbahres geheimnuͤß darin̄en / daß der feigenbaum das bild waͤre der Juͤdiſchen Kirche / welche vor allen andern baͤumen ſchoͤne blaͤt - ter hatte / und billig fruͤchte an ſich haben ſollte: Da aber ſie keine reiffe fruͤch - te trug / und der HErr dieſelbe mehrmals vergebens an ihr geſucht hatte. Luc. 13 / 6. ſo kommts endlich auff den erſchrecklichen fluch uͤber ſie / der ſie noch heut zutage truͤcket / und wir uns ſo wohl nach Pauli erinnerung / Roͤm. 11 / 20. u. f. an ihrem gericht ſpiegeln / als beten ſollen / daß der HErr nach ſei - ner verheiſſung ſich ſeines volcks wieder annehmen / und den vorigen fluch / nachdem die zeit des gerichts aus ſeyn wird / in ſegen verwandeln wolle. A - men. 1688.
JCh komme auff die frage aus 1. Cor. 11 / 4. da mich aber deucht / es re - de in ſolchem gantzen ort der liebe Apoſtel (wie endlich v. 14. er ſich ſelbſt darauff beziehet) nicht ſo wol was eigentlich Gottes befehl an uns ſeye / als was aus der natuͤrlichen ehrbarkeit oder ehrerbietung herkomme. Daher wuͤßte ich nicht / ob wir ein mehrers aus ſolchen ſtellen zu ziehen / als dieſes / daß ſichs zieme / vor GOttes angeſicht in den geiſtlichen handlungen auff kei - ne andere art zu erſcheinen / als welche unſere ehrerbietung vor Gott / ſo dann wie er jegliches geſchlecht von einander unterſchieden hat / andeutet. Nach - dem aber in ſolchen dingen die gewohnheiten der voͤlcker unterſchieden / ja gar in einigen ſtuͤcken einander entgegen ſind / ſo muß aus demjenigen wie jegliche euſſerliche ceremonie jedes orts genommen wird / geurtheilet werden / was ſich in ſacris ſchicke oder nicht. Alſo was vor eine ehrerbietung nach jegliches landes ſitten auch gegen die groͤſſeſte gebrauchet wird / dero moͤ - gen wir uns wol vor GOtt auch gebrauchen. Sonderlich aber was bey manns-perſonen ein zeichen der gewalt und freyheit iſt / gegen das weibliche geſchlecht / kommt abermal denſelben aus des Apoſtels lehr zu / den weibern aber was der unterthaͤnigkeit kennzeichen iſt. Nun war es zu den zeiten Pau - li ein zeichen der freyheit und macht / mit unbedecktem haupt / auſſer dem wo die noth ein anderes erfoderte / zuſeyn / hingegen die vor andern erſchienen / welchen ſie unterthan waren / erſchienen mit bedecktem haupt / oder auch an - geſicht: Deßwegen wil Paulus / daß die maͤnner die authoritaͤt ihres ge - ſchlechts / und Chriſti in ſich / darinnen erhalten ſollen / daß ſie dieſem zu eh - ren ſich nicht in ſolcher wichtigen ſache bedecken / hingegen die weiber ſich deſ - ſen nicht anmaſſeten / was das anſehen haben wuͤrde / ob wolten ſie ſich ihrer unterthaͤnigkeit entſchuͤtten. Es iſt nach unſeren heutigem lands-ſitten et - licher maſſen geaͤndert / daß nemlich eine mehrere authoritaͤt geachtet wird mit bedecktem als entbloͤßtem haupt zu ſtehen. Daher weil hinwieder das entbloͤſſete haupt ein zeugnuͤß einer demuth vor einem groͤſſeren iſt / wolte ich keins unter beyden vor unrecht achten / wer mit entbloͤſſetem haupt predigte / aus der ehrerbietung / die er vor der gegenwart GOttes truͤge / wie ſich ſol - ches ſonderlich ſchicket im gebet / wo ich achte / daß die zeugnuͤſſen der demuth das vornehmſte ſind / hinwieder aber mit bedecktem haupt predigte zu ehren des HErren / in deſſen nahmen er zu der gemeinde redet / haͤtte ich auch nichts dagegen zu ſprechen. Hie zu lande wuͤßte ich nicht / ob es bey jemand unter uns gebraͤuchl. waͤꝛe / mit einem mit einem hut bedecktem haupt zupredigẽ / ſondernman16Das erſte Capitel. man hat insgemein nur die calotte auff / die nach unſern landes-ſitten nicht anders gehalten wird / als waͤre man bloſſes haupts / als welche von denen die ſie zu tragen pflegen / an hoͤfen auch vor den allerhoͤchſten nicht abgezo - gen zu werden pflegen / vor denen man ſonſten bloſſes haupts ſtehet. Jch be - kenne / es habe noch einige difficultaͤten in dem Pauliniſchen text / doch beru - higet mich das obige in meinem gewiſſen ſo viel mehr / weil ich mich verſi - chere / daß insgeſamt unſer Chriſtenthum eigentlich mit innerlichen dingen umgehet / und der wahre Gottesdienſt in dem geiſte geſchehe / daher aus der innerlichen bewandnuͤß der ſeelen das euſſerliche recht und unrecht wird. Der HErr gebe uns in allem ſeinen willen zu thun / und vollbringe ihn ſelbs in uns. 1685.
WAs den unterſcheid unter vaͤtern und zuchtmeiſtern 1. Cor. 4 / 15. anlangt / obwol die ſache ſelbſt leider allzuwahr iſt / daß nicht al - le / die den geiſtlichen vater-titul tragen / auch wie ſie ſolten vaͤter - lich geſinnet ſeyn / und bey vielen nichts als ein bloſſes buchſtaͤbliches wiſſen ohne leben und treue ſich findet / kan ich doch nicht davor halten / daß der liebe Apoſtel ſolches orts drauff ſehe / ſondern die einfaͤltigſte meinung achte ich dieſe zu ſeyn / daß vaͤter eigentlich heiſſen / diejenige durch dero dienſt eine gemeinde oder perſon zuerſt wahrhafftig bekehret oder wiedergebohren wor - den iſt / daher in ſolchem verſtand ein Chriſt eigentlich nicht viele vaͤter haben kan / es ſeye dann ſache / daß er etliche mal wiederum auffs neue wiedergeboh - ren oder bekehrt zu werden noͤthig gehabt hat. Zuchtmeiſter aber heiſſen diejenige / welche an den perſonen / ſo bereits wahrhafftig bekehret ſind / fer - ner arbeiten / das gute in denſelben zu ſtaͤrcken und zuerhalten / darinnen ſie auch ein vaͤterliches amt verrichten / (maſſen denn vaͤter nicht nur ihre kinder zeugen / ſondern ſie auch aufferziehen ſollen) und daher auch ein vaͤterlich hertz haben muͤſſen / ob ſie wol ſolche perſon nicht erſt gezeuget haben. Alſo hat ein Chriſt mehrere zuchtmeiſter / nemlich alle diejenige / welche an ſeinem mehrern geiſtlichen wachsthum ſtaͤtig arbeiten. Habe ſolches freundlich er - innern wollen. Was das in meinen ſchooß geſchuͤttete Chriſtliche anliegen / ſo zwahr wol allen Chriſten / die ſich ſelbs kennen / gemein ſeyn wird / anlanget / verſichre ich / daß ich vor GOtt auch deſſelben alſo gedencken werde / daß der HErr das in ihm angefangene gute werck ferner kraͤfftig fortſetze auff den tagJEſu17SECTIO VI. JEſu Chriſti / daß er ſeine ſchwachheit ſtaͤrcke / vorſichtigkeit und krafft gegen alle geiſtliche feinde verleihe / und in ermanglung der menſchlichen exempel (die leider aller orten allzu rar ſind / aber dadurch auch ſo viel gutes zuruͤcke bleibet) das exempel JEſu Chriſti und der in der ſchrifft vorgeſtellter ſeiner wahren Juͤnger ihm ohne unterlaß vor augen ſchweben laſſe. Dieſes ſolle die ſtaͤte meinung meines gebets ſeyn / ſo offt ich ſeinen nahmen vor das an - geſicht des HErrn bringe. Der HErr HErr gebe uns allezeit / ſo offt wir vor einander unſre haͤnde auffheben werden (wie ich mich denn deſſen verſehe / daß derſelbe ſeines orts auch meiner und meines amts nicht vergeſſen / ſon - dern mir dasjenige / was mir zu dem zweck / wozu ich verordnet / noͤthig iſt / treulich erbitten helffen werde) den dazu noͤthigen Geiſt der gnaden und des gebets / damit unſre opffer vor ihm tuͤgen / und um unſers Hohenprieſters JEſu Chriſti willen angenommen werden. Er laſſe uns auch unter ſo vielen falſchen oder auffs wenigſte zweiffelhafften oder auch fleiſchlichen lehrern / dem einigen wahren lehrer / ſeinem liebſten Sohn unſerm Heyland / und deſ - ſen wertheſten Geiſt / uns dermaſſen uͤbergeben / daß wir uns allein von ſol - chem lehren / leiten und fuͤhren laſſen. So wird uns wol ſeyn in zeit und e - wigkeit. Amen. 1689.
JCh habe die zugeſtellte theſes und den Petriniſchen ort 1. Petr. 4 / 8. in der furcht des HErrn reiflich erwogen. So kan geliebter Bruder aus der liebe / wie denſelben liebe / ſich verſichert halten / daß mir eine mehrere freude ſeyn wuͤrde / wo ich mit demſelben auch in dieſer ſache einſtimmig ſeyn / und zum ſchutz gegen andere mit beytreten koͤnte. Nachdem ich aber auff - richtig wie ich dieſelbe finde bekennen ſolle / ſo kan nicht anders ſagen / als daß die vorgebrachte erklaͤhrung der Apoſtoliſchen wort deroſelben eigentliche abſicht nicht ſeye / und daher / wo ein harter widerſacher ſolte aufftreten / nicht behauptet werden koͤnte. Dann 1. redet Petrus offenbahrlich allein von der liebe des nechſten / vor allen dingen aber habt untereinander eine bruͤnſtige liebe / denn die liebe decket auch der ſuͤnden menge. Wo wir ſehen / es werde austruͤcklich geredet von der liebe / welche die bruͤder untereinander haben ſollen / und von eben derſelben liebe bezeuget / daß ſie der ſuͤnden menge decke. Da wir alſo dieſe liebe nicht urſach haben weiter auszudaͤhnen / als der verſtand derſelben in dem erſten ſtuͤck des verſes gelau -Ctet18Das erſte Capitel. tet hat. So vielmehr weil ohne wiederſpruch Spruͤchw. 10 / 12. von ſol - cher liebe allein geredet / und ſolches zur gnuͤge durch den gegenſatz bezeuget wird: Haß erreget hader / aber liebe decket zu alle uͤbertretung / daß man nemlich um derſelben willen mit dem nechſten nicht hadert oder zancket / ſondern ihm alles zuvergeben gantz willig iſt. Jn welcher abſicht man ſagen koͤnte / daß dieſe wort noch eine abſicht auch auff die erſte erinnerung des ver - ſes haben / wo es geheiſſen: ſo ſeyd nun maͤßig und nuͤchtern zum gebet. Weil denn dem gebet auch ſonderlich haß und zorn zuwider iſt / indem der A - poſtel 1. Tim. 2 / 8. befiehlet auffzuheben heilige haͤnde ohne zorn und zweifel / ſo fordert hingegen unſer Petrus / daß ſie / wie auch ſonſten aus ge - meiner ſchuldigkeit / alſo auch um des gebets willen (damit auch die wort 1. Petr. 3 / 7. zuvergleichen waͤren) ſolten bruͤnſtige liebe untereinander haben / denn ſolche liebe decket auch der ſuͤnden menge / und alſo reinige ſie das gemuͤth deſſen der beleidiget worden iſt / aber aus liebe dem bruder ver - geben hat / von der unruhe und zorn / welche ſonſten / wo die liebe nicht meiſter iſt / aus der beleidigung entſtehet / und den menſchen zum gebet untuͤchtig ma - chet. Dieſer ſatz / daß hier geredet werde von der liebe des nechſten / und daß das decken ſeye die vergebung der beleidigung und der ſuͤnden des nechſten / iſt ſo offenbahr / daß ob wol der andere verſtand / daß die liebe auch unſere ſuͤn - den vor GOtt decke / und alſo mit in die rechtfertigung einflieſſe / denen Pa - piſten zu ihrer hypotheſi treflich dienete / und daher auch ſolcher ſpruch von etlichen derſelben gegen uns gebraucht zu werden pfleget / dennoch faſt die ge - lahrteſte und redlichſte unter ihnen den andern verſtand behalten / daß die lie - be des nechſten gebrechen decke. Wobey in acht zunehmen iſt / auch von mir allezeit als eine haupt-regel angeſehen wird / daß zwahr eines jeden orts ver - ſtand ſo weit zu nehmen und auszudaͤhnen ſeye / als ſo wol die glaubens-re - gel oder analogie als auch der ort ſelbs zugiebet / aber dennoch daß ſich ſol - ches nicht ſo weit extendiren laſſe / wo die zuſammenfuͤgung eines texts und andere deſſen umſtaͤnde deſſen verſtand ſelbs einiger maſſen reſtringiren. 2. Bekenne ich / daß miꝛ auch die redens-art / daß die liebe vor Gott die ſuͤnde / ob zwahr durch die glaubens-hand / decke / oder dero vergebung erlange / ſehr hart vorkomme / und ich ſorge / daß ſie ſich gegen einen / ſo die wort nach ihrer ſchaͤrffe examiniren wolte / ſonderlich der gern gelegenheit an den andern ſuch - te / nicht gnung behaupten laſſe. Dann die ſchrifft ſagt wol / daß der glau - be durch die liebe thaͤtig ſeye / Gal. 5 / 6. nicht aber daß die liebe durch den glauben wircke. So iſt / wo wir die rechte ordnung der natur in der bekeh - rung anſehen / nicht die liebe ſondern der glaube das erſte / welches in demmen -19SECTIO VII. menſchen gewircket wird / und glaubet der menſch nicht ſo wol deswegen / weil er GOtt bereits liebet / ſondern daher faͤngt er an GOtt zu lieben / weiln er an ihn zu glauben und ein hertzliches vertrauen zu ihm zu faſſen angefangen hat. Dahingegen als lang der menſch ſeinen GOtt noch auſſer glauben an - ſihet / als einen ſtrengen und erzuͤrnten richter / er ihn nicht lieben kan / ſon - dern ſich bey ihm vielmehr ein haß gegen denſelben findet / den der glaube erſt wegnimmt. Daher moͤgen wir wol den glauben der liebe krafft / nicht a - ber die liebe des glaubens leben nennen / als welches er in ſich ſelbs bereits hat / weil er ſelbs eine kraͤfftige wirckung des lebendigen Geiſtes aus dem le - bendigen wort iſt / und alſo ſeine ihm eigne krafft / ſonderlich mit welcher er die gerechtigkeit JEſu Chriſti ergreifft / nicht aus der liebe ſondern aus ſich und der wirckung des Geiſtes hat. Daher nicht eigentlich / und wo die wor - te ſtricte und ſcharff genommen werden / der liebe beygeleget werden kan / daß ſie / ob wol durch die glaubens-hand / die ſuͤnde bedecke / indem ſolches werck in der ſchrifft von Paulo dem glauben in gegenſatz gegen alle wercke / dazu auch der glaubige in Chriſto JEſu geſchaffen iſt / und alſo auch gegen die liebe / zu - geeignet wird / daher er nicht als das werckzeug der liebe / durch welche dieſel - be uns rechtfertigte / (dann dieſes waͤre es gleichwol / wo ſie die ſuͤnde vor GOttes gericht deckete) angeſehen oder genennet werden darff. 3. Wo man aber den nahmen der liebe weiter ausdaͤhnen und alſo rechnen will / wie er insgeſamt / ſonderlich wo wir von der liebe gegen GOtt reden / alle pflichten gegen GOtt in ſich faſſet / als welche nach der ſumma in demjenigen begrief - fen werden / du ſolt GOtt deinen HErrn lieben von gantzem hertzen / von gantzer ſeelen und von allen kraͤfften / ſo iſt nicht ohn / daß alsdann der glaube / wie er eine tugend iſt / auch mit in der liebe allgemeinen concept ſtecket / wie auch deswegen unſer Lutherus / was unter ſolchem allgemeinen gebot der liebe befohlen wird / in der erklaͤhrung des erſten gebots erklaͤhret: Wir ſollen GOtt uͤber alle dinge fuͤrchten / lieben und vertrauen / zu welchem letztern ohne wiederſpruch der glaube gehoͤret / und ſo moͤchte man dann / wo die liebe die gantze wirckung des Heil. Geiſtes in der ſeele eines kin - des Gottes / wie dieſelbe ſich gegen Gott erſtrecket / bedeutet / einigerley maſ - ſen ſagen / daß dieſe liebe / nemlich nach dero abſonderlichen ſtuͤck / wie ſie viel - mehr von GOtt etwas annimmet / und alſo ſo fern ſich gegen ihn neiget / das iſt in dem glauben / alſo nachdem ſie eigentlich die liebe heiſſet / die ſuͤnde decke. Aber wir werden in der ſchrifft / wo ſie eigentlich in ſede propria von dieſer materie redet / ſolches wort in ſolchem allgemeinem verſtand nicht leicht fin - den / ſondern immer alſo / daß ſie vielmehr dem glauben entgegen geſetzt und contradiſtinguiret werde / als denſelben in ſich begreiffe. Auch iſt um dieſer urſache willen ſo viel weniger alſo zureden / daß die liebe durch die glaubens -C 2hand20Das erſte Capitel. hand die ſuͤnde decke / weil in dieſem werck und bedeckung der glaube noch da - zu nicht eigentlich als eine tugend ſondern allein als ein von GOtt geordne - tes mittel an zuſehen iſt / welches nichts thut / ſondern allein empfaͤngt: da - hingegen die liebe in ſolchem allgemeinen verſtand auff alle weiſe als eine tu - gend und etwas nicht ſowol empfangendes als wirckendes angeſehen werden muͤſte. 4. Daheꝛ wolte ich bitten / ſolche gebrauchte redens-art / wo ferneꝛ davon gehandelt werden ſolte / nicht ſo wol zu behaupten / als nur zu entſchuldigen / und allein zu zeigen / daß die meinung nichts irriges und wider unſre Evan - geliſche wahrheit ſtreitendes geweſen ſeye / da gleichwol geliebter bruder ſich gern ſolcher redens-art kuͤnfftig enthalten wolle / nachdem er ſie ſo vielen wichtigen bedencken unterworffen ſehe / und finde daß ſie auch von denen zu - hoͤrern leicht anders / als er ſie gemeinet / weil ohne weitlaͤufftige erklaͤhrung wol niemand auff ſolchen verſtand kommen wuͤrde / angenommen werden koͤnte. 5. Jndeſſen iſts gnung / daß doch die redens-art nicht in ſich ſelbs und in allem verſtand irrig ſeye / und mit einigen faſt gleichlautenden orten und redens-arten der ſchrifft ſich etwas vergleichen laſſe. Als wann 1. Joh. 4 / 17. 18. ſtehet / daß die liebe die furcht austreibe / und auch eine freudig - keit mache auff den tag des gerichts / welches dann durch den glauben ge - ſchehen muß / daß alſo dieſes ein exempel waͤre / wo in gewiſſer maaß der liebe zugeſchrieben wuͤrde / was doch dem glauben eigentlich zukommet. Zwahr iſt nicht ohne / daß unterſchiedliche der vornehmſten Theologen auch dieſes orts die liebe nicht verſtehen wollen von unſrer liebe / ſondern von der verſicherung der goͤttlichen liebe / oder wie dieſe von dem glauben angenommen wird; in - deſſen hat gleichwol unſer wolverdiente Theologus Ægid. Hunnius kein be - dencken / dieſe liebe von unſerer liebe und alſo den ſpruch auff ſolche meinung zuverſtehen. Alſo Dan. 4 / 24. lauten die worte Danielis auch hart / ma - che dich loß von deinen ſuͤnden durch gerechtigkeit / und ledig von dei - ner miſſethat durch wolthat an den armen / ſo wird er gedult haben mit deinen ſuͤnden / wo dann der gerechtigkeit und allmoſen / ſo zu der liebe gehoͤren / dasjenige zugeſchrieben wird / was der buſſe und dem glauben zu - koͤmmet. Noch haͤrter lautets Tob. 4 / 11. die allmoſen erloͤſen von al - len ſuͤnden / auch vom todt / und laſſen nicht in der noth. Ob wir nun wol das buͤchlein Tobiaͤ nicht unter die vollguͤltige buͤcher der ſchrifft ſetzen / ſo trachten gleichwol unſre Theologi auch dieſe wort in einen geſunden ver - ſtand zu ziehen: daher die Weinmariſche auslegung alſo lautet: diejenige welche aus wahrem glauben und gehorſam gegen GOTTes gebot gern allmoſen geben / werden hinwiederum vor ſuͤnden und einemboͤſen21SECTIO VII. boͤſen ende behuͤtet. daß alſo der ſpruch alſo angenommen wird / daß von der liebe geſagt werde / was nicht derſelben / ſondern aus anderer ſchrifft ſtel - len zeugnuͤß / deme mit derſelben vereinigten glauben eigentlich zukommet. Mit dieſen exempeln will nicht zweifeln / daß auffs wenigſte bey denenjeni - gen / welche Chriſtliche liebe bey ſich haben / ausgerichtet werde werden / daß ſie um ſolcher gebrauchten formul willen / ob ſie wol ihre ſchwehrigkeiten hat / geliebten Bruder falſcher lehre / nachdem er ſich erklaͤhret / nicht weiter beſchul - digen koͤnnen. Jedoch muͤſte ſie nicht weiter gebraucht / und vielmehr ent - ſchuldigt als ſchlechter dings vertheidiget werden / damit man allen moͤgli - chen anſtoß Chriſtlich und kluͤglich vermeide: um ſo vielmehr nachdem alles / was man mit dieſer erklaͤhrung des ſpruͤchleins Petri zum antrieb der heili - gung ſuchen moͤchte / durch andere unanſtoͤßige redens-arten zur gnuͤge mag ausgedruckt und vorgeſtellet werden. Daher 6. den ſpruch Luc. 7 / 47. ihr ſind viel ſuͤnde vergeben / denn ſie hat viel geliebet / nimmer mehr ra - then wolte / auff die vorgehabte weiſe zuerklaͤhren / daß der liebe die verge - bung der ſuͤnden zugeſchrieben wuͤrde / welches nicht allein obigen difficultä - ten unter worffen bliebe / ſondern der gantzen ordnung des textes und der rede Chriſti nicht gemaͤß iſt: Jn dem wo man die gantze rede anſiehet / erhellen wird / daß unſer Heyland dem Simoni zeigen will / daß er dieſe ſuͤnderin wol mit ſich umgehen laſſen doͤrffe / wie ſie gethan / jener aber es ihm uͤbel auffge - nommen hatte / weil ſie nun nicht mehr vor eine ſuͤnderin zu halten / ſondern alle ihre ſuͤnden bereits vergeben ſeyn / welches er dem Phariſeer aus der lie - be des weibes zur gnuͤge erweiſet / und alſo damit die liebe nicht zur urſach der vergebung der ſuͤnden / ſondern zu dero frucht und kennzeichen / machet. Wie dann dieſer verſtand / daß das ὅτι genommen werde nicht cauſaliter ſon - dern conſecutive, und daß unſer Heyland aus der liebe die ihr wiederfahren / vergebung der ſuͤnden folgere / ſo deutlich in dem text gegruͤndet iſt / daß wo auch nichts anders der andern erklaͤhrung in dem weg ſtuͤnde / dieſes ſie zu - verlaſſen bereits gnung waͤre / daß ſie mit der gantzen folge der rede Chriſti nicht ſo beqvem wie die vorige uͤbereinkommet. Daher auch ſelbs unter de - nen Papiſten die beruͤhmtere lehrer dieſelbe mit uns erkennen / wozu ſie die offenbahre krafft der wahrheit noͤthiget. Gerh. in Conf. Cathol. L. 2. P. 3. art. 16. c. 3. p. 32. u. f. fuͤhret zum exempel an nechſt Gregorio Magno dem Roͤmi - ſchen Biſchoff / Dionyſ. Carthuſiano und Lyrano unter denen letztern Melch. Canum, Did. Stellam, Alf. Salmeronem, Fr. Toletum, Tirinum: Wie auch ſo fern Barradium, daß derſelbe bekennet / dieſe erklaͤhrung ſeye dem context und zweck der gleichnuͤß am gemaͤßeſten. Dazu auch noch Corn. Janſenius zu ſetzen waͤre. Welcher urſache wegen es ſich nicht ſchicken wolte / dem ſpruch einen andern verſtand anzwingen wollen / der auffs wenigſte denen PapiſtenC 3eini -22Das erſte Capitel. einige mehrere gelegenheit wider uns geben moͤchte / da ſie guten theils ſelbs diejenige erklaͤhrung zugeben / die ihnen den geringſten vortheil nicht laͤſſet. 7. Was das factum Collegæ anlanget / ſo haͤtte billich / ehe die ſache vor die gemeinde gebracht worden / geliebter bruder druͤber beſprochen werden ſol - len / um die eigentliche meinung der gebrauchten worte zu hoͤren: Jndeme ih - me dannoch darnach freygeſtanden waͤre / nach angehoͤrter erklaͤhrung / wo er nichts deſtoweniger der gemeinde einen andern verſtand des ſpruchs einzunehmen noͤthig geachtet haͤtte / dieſe von dem wie ſie ihn verſtehen ſol - ten / zu unterrichten / und hingegen die andere erklaͤhrung / aber mit liebe und beſcheidenheit / abzuleinen. Jm uͤbrigen hoffe ich geliebter bruder werde auch aus dieſem exempel und eigener erfahrung erkennen / wie nothwendig ihm ſeye / auch in der erklaͤhrung der ſchrifft ſehr behutſam zugehen / um denen je - nigen / ſo ihm auff alle wort acht geben / und beſorglich wenig liebe gegen ihm haben moͤgen / nicht eine gelegenheit zu geben / daß ſie mit ziemlichem ſchein denſelben in verdacht irriger lehr ziehen / und damit die frucht ſeines dienſtes nur deſtomehr hindern oder verringern / wo nicht gar denſelben in mehrere gefahr bringen koͤnten. So vielmehr weil keine einige lehr ſo zu der heiligung / die wir treiben ſollen / erfordert wird / genennet werden kan / die wir nicht aus ſolchen ſpruͤchen erweiſen koͤnnen / die in eben gleichem verſtand auch von den lehrern unſrer Kirchen / auffs wenigſte allzeit etlichen aus derſelben zahl / ge - fuͤhret wuͤrden; dero einſtimmung man zwahr nicht bedarff zu der gruͤndung ſeines oder auch der zuhoͤrer glaubens / wol aber zu einem ſchild gegen die be - ſchuldigung auffſaͤtziger richter. Dann wie wir um dieſer willen oder ihnen zugefallen weder etwas falſches lehren noch nothwendige wahrheiten ver - ſchweigen doͤrffen / ſo haben wir uns doch zu huͤten / daß wir ihnen nicht ohne noth und unvorſichtig einiges ſchwerdt in die hand geben / ſo ſie nachmal ge - gen uns gebrauchen koͤnten. Jch weiß zwahr auch wol / daß mit aller ſolcher vorſichtigkeit nicht gnung verhuͤtet werden koͤnne / daß nicht gehaͤßige gemuͤ - ther auch das beſt ausgedruckte zuverdrehen vermoͤgen / und ſich deſſen un - terſtehen ſolten / aber auffs wenigſte moͤgen wir durch ſolche Chriſtliche vor - ſichtigkeit ihnen viele gelegenheit benehmen / und wo ſie dannoch uns nicht unangetaſtet laſſen / ihnen mit nachdruck antworten / ſo dann troͤſtet uns unſer gewiſſen alsdenn in ſolchem fall ſo vielmehr. Der HErr aber gebe uns ſelbs in ſolchem allem den Geiſt der weißheit und der klugheit / ſo wol in allen ſtuͤ - cken ſeine wahrheit zuerkennen / als auch dieſelbe alſo vorzutragen / daß de - nen die auff die gerechten lauren / die wenigſte anlaß uͤbrig bleibe: Er laſſe a - ber auch mehr und mehr die liebe in den hertzen tieff einwurtzeln / welche auch am beſten verhuͤten wird / daß auch aus unterſchiedlichen meinungen gleich - wol kein ſtreit zwiſchen bruͤdern oder unruhe in der Kirchen entſtehe: dasthue23SECTIO VIII. thue doch er / der der GOTT der liebe iſt / vermittels des Geiſts der liebe und der wahrheit / um unſers Koͤnigs der wahrheit JEſu Chriſti willen. A - men. 1691.
WAs mit N. N. ferner vorgegangen iſt mir hertzlich leid / wegen des bey der gemeinde leicht entſtehenden aͤrgernuͤſſes / und weil wir zu einer zeit leben / da der vorwand der lædirten orthodoxie (ob dieſes auch nimmermehr erwieſen wird) ſo bald lermen erreget / und denen welche ſich doch aus fleiſchlichen affecten und in ſolcher abſicht deſſen gebrauchen alſo - balden gehoͤr und gunſt bey denen bringt / die aus unverſtand eiffern / deren unter denjenigen / ſo auch ſonſten nicht boͤſe / ſich viele finden. Weil aber da - bey ſo bald gemeldet worden / daß N. N. auff die erklaͤhrung auch acquieſcirt / dancke ich GOtt / und wuͤnſche / daß dieſer ſturm der erſte und letzte ſeyn moͤ - ge / zweifle auch nicht geliebter bruder werde auch aus dieſer erfahrung ſo viel ſorgfaͤltiger alle wort die geredet werden / wahrnehmen und auff die wage le - gen / damit auch laurer nichts uͤbel auszulegen finden. Jm uͤbrigen habe deſ - ſen abermalige declaration ſo viel als mein zuſtand zugelaſſen erwogen / und finde die ſache alſo 1. Jn der declaration hat ſich derſelbe gnugſam gerettet / daß ſeinem ſinn keine heterodoxie kan beygemeſſen werden / ſondern bey ſei - ner gethanen bekaͤnntnuͤß bleibet der articul von der rechtfertigung aller - dings in ſeiner reinigkeit nach GOttes wort und unſern Symboliſchen buͤ - chern. 2. Jndeſſen bin nicht in abrede / daß gleichwol die bey dem ort 1. Pet. 4. angefuͤhrte erklaͤhrung dem text nicht gemaͤß oder von dem Heil. Geiſt ge - meinet zu ſeyn erkennen kan. Jndem nicht allein das erſte / nemlich die ver - mahnung des Apoſtels / nicht von aller / vielmehr allein der bruͤderlichen lie - be handelt / wie es an ſich klahr / ſondern auch die folgende wort koͤnnen die - ſes orts nicht als eine allgemeine theſis von aller liebe genommen werden. Dann ob ich wol bekenne / daß zuweilen etwas ſpeciales zuerweiſen auch eine allgemeine propoſition kan angewendet werden / ſo ſehe doch weder die noth - wendigkeit dieſes orts / noch daß ſichs ſchicken wolle. Dann weil der Apo - ſtel zur bruder-liebe vermahnet / ſo war ihm ſolcher vermahnung ein gewicht zu geben allgnung / daß der erweiß von etwas hergenommen ſeye / ſo der bru - der-liebe allein zukommet; hingegen iſt allerdings keine anzeige da / daß der Apoſtel ohne noth ſeinen erweiß noch weiter her aus der allgemeinen naturder24Das erſte Capitel. der liebe haͤtte hernehmen wollen. Das vornehmſte aber iſt dieſes / daß uns nicht frey ſtehet / die redens-art von deckung der ſuͤnden menge zuerklaͤhren / wie wir wollen / ſondern nachdem etwa bey niemand wird in zweiffel gezogen werden / daß der Apoſtel auff den ſpruch Proverb. 10, 12. als an die verſtreute Juden ſchreibend (denen Salomonis ſchrifften bekannt waren) ſeine abſicht habe. Da zeiget ſich offenbahrlich / weil es ein gegenſatz deſſen iſt / was da - ſelbs ſtehet / haß erreget hader / daß die deckung der ſuͤnde oder uͤbertretung nichts anders ſagen wolle / als die liebe verurſache / daß man des nechſten feh - ler mit ſanfftmuth und gedult uͤbertrage und alſo decke / daß man nicht deß - wegen mit demſelben zu hadern anfange / als welches dem haß zukommt. Dieſes prædicatum nun ſchicket ſich nicht zu den uͤbrigen arten der liebe / und alſo ſehen wir aus dem prædicato was vor ein ſubjectum gemeinet ſeye. Wolte man aber ſagen / daß eben ſolches prædicatum auch von den andern ge - ſagt werden koͤnte / ſo geſchiehet ſolches in ſenſu plane æquivoco, nur daß es endlich eine phraſis waͤre. Die liebe GOttes gegen uns decket der ſuͤnden menge / das iſt / ſie vergibet ſie aus gnaden. Unſre liebe gegen Gott ſolle auch nach geliebten bruders meinung der ſuͤnden menge decken / in dem verſtand / daß ſie durch den Glauben die goͤttliche vergebung annehme. Endlich die bruder-liebe bedecket auff angefuͤhrte weiſe. Hier hoͤren wir zwahr eine re - dens-art / aber in allen dreyen propoſitionibus in ſolchem ungleichen ver - ſtand / daß in der wahrheit nichts als der fall der wort einerley iſt unter drey - erley meinung. So will ſich hingegen nicht wol fuͤgen / dem Heil. Geiſt. zu - zuſchreiben / daß derſelbe in einer propoſition unter einer phraſi dreyerley gantz unterſchiedene ſenſus intendiret haͤtte. Daher ich meine klahr gnung zu ſeyn / da nichts dieſer difficultäten ſich findet / wo wir den gantzen ſpruch allein von der liebe des nechſten verſtehen / daß wir auch bey demſelben allein blei - ben / und ihn nicht weiter extendiren ſollen. Wuͤrde er aber weiter extendi - ret / moͤchte es nicht anders entſchuldiget werden / als per accommodatio - nem, wie man zuweilen bey einem ſpruch gelegenheit nimmet von einer ma - terie zu handlen / die man bekennt nicht eigentlich in dem ſpruch zu ſtecken. Jn welcher ſache man gleichwol auch ſehr behutſam ſeyn muß. 3. Was an - langt / ob glaube oder liebe erſt bey dem menſchen ſeye / bekenne / daß noch nicht davon weichen koͤnne / da ich jenem den vorzug gegeben. Zwahr gebe ich zu / daß auff erkaͤntnuͤß der guͤte einer ſache natuͤrlich die liebe erfolge / daß man ſagen ſolte / wo der erſt in der bekehrung ſtehende menſch GOtt anfaͤngt zuer - kennen / daß ſein weſen das hoͤchſte gut ſeye / daß nothwendig alſobald eine liebe gegen denſelben folgen muͤſte. Aber ich bitte zuerwegen / daß alle un - ſre liebe nunmehr ſo verdorben ſeye / daß ſie natuͤrlich die eigenliebe zumgrun -25SECTIO VIII. grunde hat. Daher mag goͤttliches weſen unſerm verſtand nach allen ſei - nen eigenſchafften / nach denen es an ſich das hoͤchſte gut iſt / vorgeſtellet wer - den / wie es will / ſo wird doch als lang der menſch wegen ſeiner ſuͤnden aus der anklage ſeines gewiſſens daſſelbe alſo anſihet / daß es ihn verdammen wolle / unmuͤglich eine liebe gegen daſſelbe erwecket werden / ſondern allezeit vielmehr der haß bleiben. Das macht / wir lieben in unſer verderbnuͤß nicht dasjenige / was und ſofern es an ſich ſelbs / ſondern was uns vor unſre per - ſon / gut iſt oder gehalten wird. Daher ehe der menſch GOtt lernet erken - nen / daß er ihm gnaͤdig ſeye und ſeine ſuͤnde vergeben wolle / ſo zudem glauben gehoͤret / iſt ihm unmoͤglich / das jenige nur etlicher maſſen zu lieben / was er anſihet / als zwahr an ſich ſelbs / nicht aber ihm / gut: ja alles was in GOtt herrlich iſt / ſchrecket ihn / weil nemlich alles zu ſeiner ſtraff mit wircken ſolle / ſo gar Gottes guͤte und barmhertzigkeit erwecket bey ihm keine liebe / ſondern verdreuſt ihn / daß Gott gegen andre ſo gnaͤdig ſeye / und er doch deſſen nicht genieſſen ſolle. Alſo bleibet der haß allezeit und waͤchſt wol gar / biß er erſt - lich durch den glauben ſeinen GOtt und was in demſelben iſt / alſo erkennet und ergreiffet / wie er nicht nur in ſich / ſondern auch ihm ſelbs / gut ſeye. Vor dieſem iſt aus anſehung der verdorbenen eigenen lieb nicht zu begreiffen / wie die geringſte eigentliche liebe gegen GOtt in dem hertzen ſeyn koͤnne. Bleibet alſo dem glauben nicht allein die ehre / daß er allein die gnade und ſeligkeit annehme / ſondern daß die liebe erſt auff denſelben folge / und ſeine frucht ſeye. Aus dieſem wird geliebter bruder meine meinung gantz deutlich ſehen / und hoffentlich deroſelben grund erkennen / von mir aber in liebe auffnehmen / da ich nicht einerley gedancken mit demſelben haben koͤnnen / daß die meinige of - fenhertzig darſtelle. Der HErr aber gebe immer mehr und mehr ſein liecht in unſre ſeelen / in allen ſtuͤcken ſeine wahrheit alſo zuerkennen / wie es uns zu ſeiner verherrlichung / eigener und anderer erbauung noͤthig iſt. 1691.
WEil ein groſſes zu dem verſtand einiger ſtellen der ſchrifft thun kan / wo man erſt die materie / davon etwa dieſelbige handlen / aus der ana - logie anderer orte / ſonderlich der allgemeinſten principiorum des Chriſtlichen ſo glaubens als lebens / betrachtet / ſo werden auch hier unter - ſchiedliche grund-regeln zu legen ſeyn.
Solle nun von den urſachen gehandelt werden / ſo muͤſſen wir von dem zweck der kleider die goͤttliche ordnung insgemein erwegen. Alſo dienen die kleider
Jn allem dieſem / wie in dergleichen dingen insgemein / muß landes-ſit - te und gewohnheit vieles thun und gelten.
Hin -27SECTIO IX.Hingegen beſtehen die ſuͤnden in den kleidern in demjenigen / was auſſer dieſen urſachen gethan wird / oder wann des menſchen gemuͤth den zweck ver - kehret.
Auff dieſe / und vielleicht einige andre dergleichen arten koͤnnen kleider und ſchmuck zur ſuͤnde werden / aber wie wir ſehen / daß allezeit das formale der ſuͤnden in etwas ſtehet / das in des menſchen hertz und gemuͤth ſtecket.
Voraus geſetzt nun deſſen / wirds ſo viel leichter / die meinung der ſtellen beyder Apoſtel zu faſſen / als welche den allgemeinen principiis nicht entge - gen ſeyn koͤnnen / ſondern nach denſelben verſtanden werden muͤſſen.
Cocceji wort haben mir hierinnen ſonderlich gefallen: Exigit cultum corporis elegantem & decorum cum pudore & temperantia. Nempe ut nec ſordida ſit ac turpis, nec meretricio cultu luxurioſa aut illecebroſa. Veluti ſi ſuperfluus & nimius ſit ornatus, quo inſignis ſit, aut vanitatem teſtetur, quaſi quæ vel pretioſitate cultus ſe efferat ſuper alias ſui loci fœminas, & in eo ſibi placeat, & propter eum velit honorari, vel novitate & ſingularitate ac pompa oculos hominum ad ſe ſtudeat avertere: aut ſi quid iſtiusmodi eſt: quod qui - vis facile poteſt ſtatuere, qui aliorum oculos reveretur. Cultus enim corpo - ris debet ſervire honori illorum, cum quibus ſumus, non vero vanitati. Eſt - que in hoc genere certiſſima regula, minus quam licere videatur, facere. Cer - te cogitatio de his & ſtudium circa hæc facit hominem evaneſcere. Apoſto - lus hic nominat illa, in quibus vanitas & luxus ſolet laſcivire: & maxime pre - tioſitas & ſumtuoſitas cernitur, quæ eſt oſtentatio divitiarum. Cui avaritia & ſolicitudo victus ancillari ſolet. Aus Luthero habe ich dieſe ort bemer - cket. T. 1. Lat. fol. 143. b. (wie es teutſch vertiret / da ich das lateiniſche nicht zur hand habe.) Entweder ziehren ſich die weiber ſo viel als die maͤn -ner31SECTIO IX. ner haben wollen. Hie koͤnnen ſie entſchuldiget werden / doch wann ſie es ungern thun. Allein daß ſie den maͤnnern / die empfindlich ſind / und es wol haben / gefallen. Wie S. Cæcilia von auſſen in ei - nem guͤlden ſtuͤck hergieng: inwendig auff der haut aber hatte ſie ein haͤrin hembd an / und Anaſtaſia ingleichen. Auch vor zeiten die Eſther im alten geſetz. Ja Auguſtinus ſchilt eine Editia hefftig / daß ſie hatte wider des mannes willen ihre ſaubere kleider abgelegt und wittib-kleider angezogen.
Ferner. T. 2. Alt. f. 441. b. ſq. Hie moͤchte jemand fragen / ob es ge - boten ſey / oder nicht / das S. Petrus vom geſchmuck ſaget oder nicht. Wir leſen von Eſther / daß ſie eine guͤldene krohne und koͤſtlichen ge - ſchmuck trug / wie einer koͤnigin ziemet / alſo auch von Judith / aber dabey ſtehet geſchrieben / daß ſie den ſchmuck verachtet habe / und ha - be ihn muͤſſen tragen. Darum ſagen wir auch alſo / ein weib ſoll alſo geſinnet ſeyn / daß ſie des ſchmucks nicht achte / ſonſt wenn das volck auff den ſchmuck geraͤth / hoͤret es nicht davon auff / das iſt ihre art und natur / darum ſoll es ein chriſtlich weib verachten. Wenns aber der mann will haben / oder ſonſt eine redliche urſach iſt / daß ſie ſich ſchmuͤcke / gehet es wol hin. Alſo ſoll ſie aber geſchmuͤckt ſeyn / wie hie S. Petrus ſagt / daß ſie inwendig geziehret ſeye in einem ſanfften und ſtillen geiſt / du biſt huͤpſch gnug geſchmuͤcket / wenn du deinem mann geſchmuͤcket biſt. Chriſtus wills nicht haben / daß du dich darum ſchmuͤckeſt / daß du andern leuten gefalleſt / und daß man dich eine huͤpſche metze heiſſe. Wiederum f. 442. a. Es iſt eine gu - te anzeigung / daß da nicht viel geiſtes iſt / wo man ſo viel auff den ſchmuck leget / iſt aber ein glaube und geiſt da / der wirds wol mit fuͤſſen treten / und ſprechen / wie die Koͤnigin Eſther: HErr du weißt es / daß ich die krohne / die ich auff dem haupt trage / fuͤr einen greuel achte / und ich mich muß alſo ſchmuͤcken / wenn ichs nicht muͤ - ſte meinem Koͤnig zu liebe thun / wolte ichs lieber mit fuͤſſen treten. Wo ein ſolches weib iſt / die wird auch dem mann auch deſto baß ge - fallen. Nochmal: Eine Chriſtliche ſeele hat alles / was Chriſtus hat / denn der glaube / wie wir geſagt haben / bringt uns alle guͤter Chri - ſti miteinander / das iſt ein groſſer theurer ſchatz / und ſolcher ſchmuck / daß niemand gnugſam kan preiſen: GOtt haͤlt auch ſelbs viel da -von. 32Das erſte Capitel. von. Alſo ſolle man die weiber vom ſchmuck enthalten und reitzen / die weil ſie ſonſt darzu geneigt. Wenn das ein chriſtlich weib hoͤret / und zu hertzen laͤſſet gehen / und alſo dencket / ich will den ſchmuck nicht achten / weil ſein GOtt nicht achtet / muß ich ihn aber tragen / ſo will ichs meinem mann zuwillen thun / ſo iſt ſie recht im geiſt ge - ſchmuͤcket und geziehret.
Dieſes wird mit obiger meinung gantz einſtimmen. Der HErr aber ge - be uns in allem ſeinen willen zuerkennen und zuthun. Amen. 1695.
JCh finde in dem vorgelegten anligen daß alles auff dieſe 4. puncta ſich ziehen laſſen moͤchte / 1. Ob und wie GOtt aus der natur und den ge - ſchoͤpffen erkannt werden koͤnte? 2. Woraus wir der wahrheit goͤttli - ches wortes verſicherung haͤtten? 3. Wie man ſich in die unempfindlichkeit des glaubens zu ſchicken? 4. Ob man ſich nicht meiſtens vor dem letzten to - des-kampff zu fuͤrchten haͤtte. Was nun erſtlich die natuͤrliche erkaͤnt - nuͤß GOttes anlangt / ſo iſt dieſelbe doppelt. Denn erſtlich findet ſich bey einem jeglichen menſchen ein funcke dieſer erkaͤntnuͤß von natur / der gleich - ſam mit ihm gebohren wird / alſo daß ein jeder / als lang er nicht durch muth - willige boßheit auch denſelben ausloͤſchet / wo er nur in ſich gehet / ſo bald ei - nen ſolchen gedancken findet / daß ein GOtt oder hoͤchſtes und alles regieren - des weſen ſeye. Dieſer gedancken / erkaͤntnuͤß oder funcke / iſt noch etwas we - niges von dem herrlichen liecht der in der ſchoͤpffung angeſchaffenen erkaͤnt - nuͤß GOttes; welches wir ſonſten leider in dem fall verlohren haben. Es iſt die ſache gegruͤndet Rom. 1 / 19. da in dem grund-text ſtehet / das erkaͤnt - nuͤß GOttes / oder das erkannte Gottes iſt offenbahr in ihnen; das iſt / inwendig in dem hertzen iſt ſchon etwas von einer erkaͤntnuͤß: ſonderlich iſts zu erweiſen aus Rom. 2 / 15. wo ſtehet: daß das werck des geſetzes auch in der Heiden / welche von der beſondern goͤttlichen offenbahrung nichts gehabt / hertzen eingeſchrieben ſeye / und zwahr mit einer ſolchen krafft / daß deswegen das gewiſſen ſie auch beſchuldige / wo ſie darwider thun; dieſes werck des geſetzes kan nun nicht in ein hertz eingeſchrieben ſeyn / ohne daß zum grund deſſen auch muß die erkaͤntnuͤß eines GOttes / den manzu33SECTIO X. zu foͤrchten habe / ligen / und alſo ebenfalls eingeſchrieben ſeyn. Wie nun die - ſes die innerliche natuͤrliche erkaͤntnuͤß iſt / ſo kommt zu derſelben / oder iſt viel - mehr eine ſtaͤrckung derſelben / diejenige natuͤrliche erkaͤntnuͤß / welche aus an - ſehen und vernuͤnfftiger betrachtung der goͤttlichen geſchoͤpffe auſſer uns er - langet wird: Wenn es wiederum heiſſet Rom. 1 / 20. Gottes unſichtbah - res weſen / das iſt ſeine ewige krafft und Gottheit / wird erſehen / ſo man des wahrnimmt an den wercken / nemlich an der ſchoͤpffung der welt. Denn wo man alle die geſchoͤpffe / und dero herrliche ordnung mit bedacht anſihet / gibts ſich ſelbſt / daß ſolches weder ungefaͤhr alſo koͤnne worden ſeyn / noch ungefaͤhr alſo erhalten werden / ſondern daß ein weſen ſeyn muͤſſe von unendlicher krafft und weißheit / welches alle die uͤbrige gemacht / und in eine ſolche ordnung geſetzet habe / ſo dann ſie noch heut zutage in derſel - ben erhalte. Dieſer ſchluß iſt ſo offenbahr nothwendig / daß das gegentheil von menſchlichem verſtand nicht begriffen werden kan. Wie mich entſinne mit einem eigentlichen und ſcharffſinnigen Atheo gehandelt zu haben / der zwahr die folge leugnete / aber doch ſelbſt bekannte / daß wie nicht eben ein erſtes weſen ſeyn muͤſte / ſondern immer eines aus dem andern / und dieſes wieder aus einem andern / und ſo ohne ende fortzufahren / hergekommen ſeye / nicht gefaſſet werden koͤnte: daß alſo was die wahrheit anlangt / nemlich daß ein Gott und hoͤchſtes weſen ſeye / ob wol auch was die voͤllige eꝛkaͤntnuͤß deſſen anlangt / ſolche uͤber unſern menſchlichen verſtand gehet / gleich wol insgemein von dem menſchlichen verſtand eher und leichter angenommen wird als das gegentheil. Dieſes iſt nun die doppelte goͤttliche natuͤrliche erkaͤntnuͤß / aber ſie iſt ſehr unvollkommen / und zeiget uns nur das goͤttliche weſen ſelbſt / ſamt etlichen deſſelben offenbahrſten eigenſchafften / und zwahr auch in dieſen al - lein die ſache insgemein / da hingegen noch vieles / was die art derſelben an - langet / verborgen bleibet / ſie iſt auch nicht ſo feſt / daß ſie nicht durch die ſuͤnd - liche verderbnuͤß / und angebohrnen unglauben / offt mit allerhand zweiffel wanckend gemacht wuͤrde / ſonderlich aber erſtrecket ſie ſich nicht / zur erkaͤnt - nuͤß GOttes / wie er unſer vater ſeye / zur erkaͤntnuͤß ſeines ſohnes JESU Chriſti / noch zur erkaͤntnuͤß des H. Geiſtes / folglich auch nicht zur erkaͤntnuͤß unſers heyls / und des weges wie wir zu demſelben gelangen muͤſten; alſo daß kein menſch aus derſelben ſelig werden kan / ſondern bey aller ſolcher natuͤrli - cher erkaͤntnuͤß bleibet der menſch alſo geartet / wie er Eph. 4 / 18. beſchrieben wird. Jndeſſen dienet ſie doch zu einer handleitung / und iſt gleichſam der erſte vorberuff GOttes / damit von ihm das hertz zu der annehmung der goͤtt - lichen fernern offenbahrung in dem wort bereitet wird / da hingegen ohne die - ſe vorerkaͤntnuͤß GOttes die uͤbrige offenbahrung ſchwehrlicher eingelaſſenEwer -34Das erſte Capitel. werden wuͤrde; ſie dienet auch diejenige / ſo noch auſſer der gnade ſtehen / auffs wenigſte etlicher maſſen durch eine furcht Gottes vom boͤſen abzuhalten / und hingegen zu einem ehrbaren leben anzutreiben: ſonderlich aber / welches der A - poſtel vornemlich ausdruͤcket / diejenigen unentſchuldbahr zu machen / die ob ſie GOtt nicht aus ſeinem wort zuerkennen / unmittelbahr die gele - genheit gehabt / ihm nicht auffs wenigſte nach der maaß ſolcher natuͤrlichen erkaͤntnuͤß zu dienen / ſich haben angelegen ſeyn laſſen. Was 2. die verſiche - rung der wahrheit des goͤttlichen wortes oder der H. Schrifft anlangt / hat mir zum foͤrderſten ſehr wohl gefallen / die art des erweiſes / dero ſich der S. D. Nic. Hunnius in ſeiner Epitome credendorum gebraucht / da er alſo ſchlieſſet / weil auch die natur lehre / daß man GOtt dienen ſolle / dabey aber auch daß man ihm dienen muͤſſe / auff art und weiſe / wie ers ſelbſt verlange / nach dem auch kein herr von ſeinem knechte einen gehorſam nach des knechts willen / ſondern nach ſeiner eigenen vorſchrifft / annehme: ſo ſeye allerdings der goͤttlichen weißheit und guͤte gemaͤß / alldieweil die wenige natuͤrliche er - kaͤntnuͤß zum rechten dienſt GOttes nicht zulaͤnglich ſeye / daß ſich denn der HErr / wie er bedienet ſeyn wolle / dem menſchlichen geſchlecht laͤngſt geoffen - bahrt haben muͤſte. Weswegen man unter allen denen / die in der gantzen welt ſich einer goͤttlichen offenbahrung ruͤhmen / zu ſuchen habe / welcher vor - geben das gegruͤndeſte ſeye. Darauff er zeiget / wie groſſen vorzug die Heil. Schrifft / welche von den Chriſten vor goͤttliche offenbahrung gehalten wird / vor der Heiden Oraculis, der Tuͤrcken Alcoran, und der Juden Talmud ha - be / daß alſo entweder in der gantzen welt keine wahr hafftige goͤttliche offen - bahrung ſich finde / ſo der goͤttlichen weißheit und guͤte / gedachter maſſen aller - dings entgegen waͤre / oder es muß ſolches die H. Schrifft ſeyn. Nechſt dem ſo haben wir herrliche zeugnuͤſſen der wahrheit der Schrifft in und an derſel - ben ſelbſt / wenn wir erwegen die hoheit der darinnen vorſtellenden geheim - nuͤſſen / die ob ſie in dem uͤbrigen uͤber der vernunfft begriff gehen / gleichwol mit der majeſtaͤt / heiligkeit / gerechtigkeit und guͤte Gottes / wie die vernunft ſelbſt uns ſolcher eigenſchafften uͤberzeuget / allerdings uͤberein kommen; die heiligkeit der darinnen uns vorgetragenen lehr / und welche dieſelbe von den menſchen erfordert / aber auch die mittel darzu gibet / welche weit uͤbertrifft aller Philoſophorum betrachtungen von den tugenden / und der menſchlichen geſetzgeber geſetze / dahero nicht anders als von dem / der der allerheiligſte iſt / herkommen kan; die ſchoͤne uͤbereinſtimmung der heiligen maͤnner GOttes / welche die buͤcher der H. Schrifft an unterſchiedenen orten und zu unterſchie - denen zeiten beſchrieben haben / und dennoch einander nirgends widerſpre - chen / ſondern wo man einen widerſpruch zu finden meinet / nach fleißiger un -ter -35SECTIO X. terſuchung alles endlich nur darauff ankom̃et / daß ſie einerley mit unterſchie - denen woꝛten ſagen / ſo denn einer dasjenige ſo deꝛ ander nicht hat erſetzet / hin - gegen etwa was der andere bereits gnug geſagt uͤbergehet (woraus ſo gar keine mißhelligkeit zu ſchlieſſen / daß es viel mehr ein zeugnuͤß iſt / daß ein geiſt ſie alle regieret / und ein ſtuͤck der wahrheit durch dieſen / ein anders durch den andern / offenbahren habe wollen / dabey weniger verdacht iſt / als ob alle ei - nerley wort gebraucht haͤtten / da man gedencken moͤgen / ob es einer von dem andern abgeſchrieben haben moͤchte) ferner die ſo einfaͤltige und doch gravi - tetiſche redens-art der ſchrifft / da nichts angemaßtes von menſchlicher kunſt dabey zu ſehen iſt / und doch nichts mangelt an kraͤfftiger austruͤckung der wahrheit; die viele weiſſagungen / dero erfuͤllung theils bereits in der ſchrifft ſelbſt wiederum befindlich iſt / theils aus anderer erfahrung gezeiget werden kan; die ſonderbahre krafft derſelben / wenn durch dero wort ſo manchmahl leute alſo bekehret worden ſind / daß ſie ſelbſt bekennen muͤſſen / wie ſie etwas himmliſches aus dero wirckung in ſich zu ihrer voͤlligen aͤnderung gefuͤhlet haben; das zeugnuͤß ſo vieler heiligen und maͤrtyrer / deren jene ihre heilig - keit der heiligenden krafft des wortes zugeſchrieben / dieſe aber dero wahrheit mit ihrem blut freudig verſiegelt haben. Dieſe dinge alle haben wir als ſtatt - liche zeugnuͤß der wahrheit goͤttlichen worts anzuſehen / welche ob ſie wol an ſich ſelbſt den goͤttlichen glauben davon nicht wircken / dennoch das gemuͤth ei - nes menſchen / ſo er ſie fleißig erweget / ſo weit bringen koͤnnen / daß er auffs wenigſte eine gute hoffnung von ſolchem Bibel-buche faſſet / und es alsdann alſo liſet / daß er keinen ſolchen widerwillen dagegen dazu bringet / welcher deſſen wirckung in ihm hindern moͤchte; vielmehr wo er alsdenn daſſelbe li - ſet / ſo viel leichter ſich dadurch einnehmen laͤſſet. Was aber den glauben ſelbſt anlangt / mit welchem wir endlich die ſchrifft vor GOttes wahrheit anneh - men / muß ſolcher eine wirckung des H. Geiſtes ſelbſt ſeyn / welcher ob zwahr aus der ſchrifft und dero krafft denſelben in den ſeelen derjenigen / die dero wort ohne widerſetzlichkeit / daher obige vorbereitung ſehr nuͤtzlich ſeyn kan / anhoͤren oder leſen / entzuͤndet / daß es alſo geſchehe / was 1. Joh. 5 / 6. bezeu - get wird / nemlich daß der geiſt / der H. Geiſt / ſeye / der da zeuget / daß geiſt / nemlich das wort GOttes / das Heil. Evangelion / wahrheit / eine goͤttliche wahrheit ſeye. Auff dieſes zeugnuͤß kommts in unſerer ſeel an / und muͤſ - ſen wir nun daſſelbe zu erlangen / das wort deſto fleißiger leſen / (denn je fleißi - ger wir es leſen / je mehr empfinden wir ſeine krafft / und ſtaͤrcket ſich ſolches zeugnuͤß) und den himmliſchen vater um ſeine gnaden-wirckung hertzlich an - ruffen / ſodenn was wir von ſeiner wahrheit bereits erkannt / gleich mit ſolcher danckbahrkeit annehmen / daß wir in gehorſam dero frucht bringen. Denn jeE 2fleiſ -36Das erſte Capitel. fleißiger wir uns bezeugen den willen des himmliſchen vaters zu thun / ſo viel mehr werden wir inne / daß die lehre von GOtt ſeye. Joh. 7 / 17. 3. Von der unempfindlichkeit des glaubens auch mit wenigem zugeden - cken / iſt ſolche eine gemeine klage mancher auch rechtſchaffenen Chriſten / und eines ihrer ſchwehrſten leiden / wegen der aͤngſten / welche dabey ſich zu finden pflegen. Jch finde aber bey ſolcher materie vornehmlich dieſe ſtuͤcke zu beob - achten. 1. Es kan der glaube ſeyn / wo er nicht empfunden wird / ſo wol als das leben bey einem / der in tieffer ohnmacht liget. Denn es iſt der glaube ei - gentlich in dem geiſt / das iſt in der hoͤchſten krafft der ſeelen / wo GOtt woh - net als in dem alten allerheiligſten / und deswegen kein liecht darinnen iſt / als das ſeinige / die empfindlichkeit aber des glaubens / als deſſen auswirckung / iſt in der ſeele (wie ſie nach unſers lieben Lutheri erklaͤhrung uͤber das Magnificat dem geiſt entgegen geſetzt wird) und alſo in deren euſſeren kraͤfften / wohin die gedancken / gedaͤchtnuͤß / phantaſie / und alſo auch die reflexion deſſen was wir erkennen / gehoͤret. Daher kan geſchehen / daß der glaube alſo in dem geiſt verborgen bleibe / daß die wirckung oder ausfluß der empfindlichkeit deſſel - ben zuruͤck gehalten wird / und er nur in dem innerſten / daher uns verborgen bleibet. 2. Jndeſſen kennet man ihn doch alsdann an andern wirckungen / als zum exempel an dem bruͤnſtigen und inniglichen verlangen nach demſel - ben / in welchem er wahrhafftig ob wol verborgen ſtecket / wie der ſelige Arnd ſchoͤn zeiget / Wahr. Chriſtenth. 2 / 53. ſo dann an dem fleiß der heiligung / eiff - rigen ernſt GOtt treulich zu dienen / eckel an der welt / und dero hertzlichen verleugnung / freude an dem guten / haß des boͤſen oder traurigkeit daruͤber / ſamt allen uͤbrigen fruͤchten des geiſtes / welche die ſchrifft von den kindern GOttes ruͤhmet; denn wo dieſe oder doch der ungeheuchelte eiffer darnach ſich in einer ſeele findet / deſſen ſie gar leicht eine uͤberzeugung bey ſich / ob wohl der glaube unmittelbahr unempfindlich bleibet / fuͤhlen kan / da kan ſie ſo ge - wiß ſchlieſſen / daß der glaube auch bey ihr ſeyn muͤſſe / als ich von einem baum / an dem ich geſunde und reiffe fruͤchte ſehe / mich verſichert weiß / daß auch die wurtzel / die in der erde verborgen liget / gut und geſund ſeye. Alſo wird der glaube empfindlich in ſeinen wirckungen mit nicht weniger gewiß - heit als ob man ihn ſelbſt empfuͤnde. 3. Weswegen wer in ſolcher unempfind - lichkeit ſtehet / zum aller fordriſten ſich wohl zu pruͤfen hat / einstheils ob er et - wa in einer ſolchen unwiſſenheit der Chriſtlichen articul / die zu dem grund unſers glaubens gehoͤren / ſtehen moͤchte / wo er alſo auch nicht empfinden kan / was er wahrhafftig nicht hat / andern theils ob er in ſuͤnden wider das gewiſ - ſen lebe / bey welchen er alles liechtes des H. Geiſtes unfaͤhig / und alſo in der that kein glaube bey ihm waͤre; in welchem fall er ſich nicht ſo wol um die em -pfind -37SECTIO X. pfindlichkeit des glaubens / als erſtlich um denſelben ſelbſt / zu bekuͤmmern ha - ben wuͤrde. Jſt ihm aber der menſch ſelbs bewuſt / daß er auffs wenigſte dem buchſtaben nach die noͤthige erkaͤntnuͤß habe / und nechſt dem daß ſein gewiſ - ſen mit herꝛſchenden ſuͤnden nicht beladen ſeye / ſo hat er GOtt zwahr auch um ſeinen troſt und die gnade der empfindlichkeit hertzlich zu bitten / und ſich aller muͤglichen mittel / die zu der ſtaͤrckung des glaubens gehoͤren / zu gebrauchen / aber dabey ſich goͤttlichem willen / welcher ſo er uns etwas verſagt / nicht we - niger guͤtig iſt / als da er uns daſſelbe gewaͤhret / mit demuͤthigem gehorſam zu unterwerffen / und ſich an der uͤbrigen gnade / ſich aller insgeſamt unwuͤr - dig achtende / begnuͤgen zu laſſen: ſo dann die verſicherung goͤttlicher gnade / und daß er ohnerachtet es an dem empfinden mangelt / dennoch den wahren glauben in dem grund der ſeelen habe / darinne zu ſuchen / daß er ſich in allen ſtuͤcken der heiligung ſo viel ernſtlicher befleißige / welche die unfehlbahre frucht des tieff verborgenen glaubens iſt.
4. Jch komme endlich auff den 4ten puncten / ob man ſich nicht meiſtens vor dem letzten kampff des todes zu fuͤrchten habe / wie ich weiß / daß meh - rere Chriſtliche hertzen in ſolcher angſt ſtecken / und faſt in ihrem gantzen leben aus ſolcher furcht in gewiſſer maaß knechte ſeyn muͤſſen. Nun iſts ſo fern wahr / daß an dem / wie der letzte todes-kampff abgehet / die ſeelige oder unſee - lige ewigkeit haͤnget / und alſo hat man ſich ſofern vor demſelben zu foͤrchten / oder ſich viel mehr in ſeinem gantzen leben darauff zu bereiten. Weil aber die meinung gemeiniglich dieſe iſt / daß man foͤrchtet / ob man ſchon etwa ſein le - benlang ſich nach allem vermoͤgen des rechtſchaffenen glaubens und deſſen fruͤchten befliſſen haͤtte / ſo moͤchte noch am letzten ende der ſatan der ſeele nicht nur hart zuſetzen / ſondern ſie auch in ſolcher ſchwachheit endlich uͤberwinden; ſo getraue ich getroſt zu ſagen / daß ſolche ſorge vergebens ſeye / und es der vaͤ - terlichen guͤte GOttes allzunahe wuͤrde geredet ſeyn / wo man ſagen oder ſor - gen wolte / daß derſelbe ſeine ſchwache kinder um eine zeit / wenn ſie am ſchwaͤchſten ſind / in dergleichen verſuchungen und anfechtungen wolte gera - then laſſen / welche ihnen zu ſchwehr ſeyn ſolten: vielmehr iſt es ſeiner treue allerdings gemaͤß / daß er derſelben bey ihrer letzten noth mit allen anfechtun - gen ſchone / oder ſie alsdenn unfehlbar mit einer ſolchen krafft ausruͤſte / daß ſie nicht mehr uͤberwunden werden: Ja ich halte es der goͤttlichen ſo hochge - prieſenen vaters liebe zuwider / wo man ſagen wolte / daß dieſelbe einen eini - gen / ſo biß an den letzten kampff getreu an ſie gehalten haͤtte / in demſelben erſt wolte fallen und dem ſatan in ſeine gewalt gerathen laſſen: das ſeye ferne von uns / dergleichen dem frommen GOtt zuzutrauen! daher ich die worte des lieben Pauli / 2. Tim. 4 / 7. Jch habe einen guten kampff gekaͤmpffet /E 3m. f.38Das erſte Capitel. m. f. w. die er geſchrieben / da er dem letzten kampff nahe war / und ihn doch noch nicht angetreten hatte / alſo annehme / daß er damit bezeuge / der kampff / als fern er nemlich gefahr an ſich habe / ſeye bereits vollendet / ehe es noch an den letzten komme / hingegen was wir den letzten kampff nennen / ſeye bey den kindern GOTTes viel mehr bereits ein ſtuͤck dero ſieges / als noch zu ihrem kampff zurechnen. Denn wenn es dahin kommet / und ohne das ihre kraͤfften leibes und gemuͤthes mehr brechen / ſo kaͤmpffen ſie nicht ſo wohl mehr / als GOTT kaͤmpffet und ſieget in ihnen. Wes wegen glaubige kinder GOt - tes ſich nicht ſo wohl um dieſen letzten kuͤnfftigen kampff zu bekuͤmmern / als darnach zu trachten haben / wie ſie in der gnade ihres GOttes und in dem glauben moͤgen eꝛfunden weꝛden / um in einem guten ſtand die letzte ſtunde an - zutretten / da es ihnen aus der treue ihres vaters an dem ſieg unmoͤglich feh - len kan.
Wie dieſes meine gedancken in gegenwaͤrtiger in der forcht des HErrn uͤber obige fragen anſtellende betrachtung ſind / alſo werden ſie auch die ſum - me meiner neulichen reden / dero mich ſonſten nicht eben voͤllig erinnern koͤnte / ſeyn / ich hoffe auch / ſie ſollen durch Gottes gnade meiner in dem HErrn wer - then Jungfrauen gemuͤth vergnuͤgen / oder doch zu fernern gottſeeligen ge - dancken und voͤlliger beruhigung anlaß geben. Den himmliſchen vater aber ruffe auch hiemit demuͤthigſt an / der dieſelbe in kraͤfftiger wirckung ſeines H. Geiſtes / vollbereiten / ſtaͤrcken / kraͤfftigen / gruͤnden / und das in deroſelben an - gefangene und biß daher fortgeſetzte werck im glauben und deſſen vielfaͤltigen fruͤchten der gerechtigkeit vollenden wolle auff den tag JEſu Chriſti. 1691.
DEſſen an mich abgegebenes iſt mir wohl worden / und hat mich ſo viel hertzlicher afficiret / als mir die noth dergleichen ſeelen ziemlich be - kannt iſt: daher nicht unterlaſſen habe / bißher ſeiner vor dem HErrn nach meiner ſchwachheit zugedencken / ſo habe auch Monſ. Paſcals in Franck - reich hochgeachtete Penſees zu leſen voran uͤberſchicken wollen / ob beliebig moͤchte bißher geweſen ſeyn / dieſelbe zu einer bereitung mit fleiß einzuſehen / und ſonderlich die krafft des arguments, wie keine andere religion als die Chriſtliche aus der ſchrifft die wunderliche bewandnuͤß der menſchen / da ſie einstheils etwas an ſich haben / das ſie uͤber andere geſchoͤpffe erhebet / ande - ren theils auch was ſie unter dieſelbe herab ſetzet / ſo dann was von dem Juͤ - diſchen volck gemercket wird / etwas genauer zu betrachten. Jch habe abernun39SECTIO XI. nun meiner Chriſtlichen ſchuldigkeit erachtet / auch mit etwas mehreren ſelbs gegen denſelbigen mich heraus zu laſſen. Zum foͤrderſten bezeuge / daß mich von demſelben ſolche zweifel zu hoͤren nicht verwundere / als der ich nicht al - lein mein lebtag mit mehreren umgegangen bin / welche ihr hertz darinnen bey mir ausgeſchuͤttet haben / ſondern ſorge / es ſeyen derjenigen nur allzuviele / welche in eben dieſem hoſpital kranck ligen / ſo es niemand / ob wohl zu ihrem groͤſten ſchaden / zu beichten getrauen: Ja ich halte davor / daß es nicht anders ſeyn koͤnne / als wo die leute / wie es insgemein faſt zu geſchehen pfleget / bey einer bloſſen buchſtaͤblichen erkaͤntnuͤß von jugend auff bleiben / und nur diß und jenes glauben / weil ſie ſolches aus der ſchrifft immer gehoͤret haben / oh - ne deroſelben goͤttlicher wahrheit ſelbs zur gnuͤge uͤberzeuget zuſeyn / daß die kluͤgſte unter ihnen / welche angefangen nach zudencken / warum ſie diß und je - nes glauben / und als darinnen noch niemahl gegruͤndet / lauter ungewißheit zu finden meinen / leicht in einen Atheiſmum verfallen koͤnnen / auch daß es bey mehreren nicht geſchiehet / offt nicht deſſen urſach iſt / daß ſie beſſer gegruͤn - det waͤren / ſondern weil ſie ſich nicht die muͤhe nehmen / der ſache tieffer nach - zudencken. Jndeſſen ſeye dem HErrn danck / der nach ſeiner barmhertzigkeit vor aller menſchen heil alſo geſorget hat / daß es keiner ſeelen fehlen ſolle / die ſich zu ihm wenden / oder zu ihm ſich ziehen laſſen will. Mit dem bloſſen noͤ - thigen / den Chriſtlichen glauben vor den beſten / und die ſchrifft vor GOttes wort zu halten / iſt nichts ausgerichtet / dann unſer verſtand kan nicht anneh - men / was er will / ſondern was und wie es ihm einleuchtet. So mags auch nicht thun / daß man allein fordere / den verſtand oder die vernunfft unter den gehorſam des glaubens gefangen zu nehmen / denn ob wol dieſes freylich als - denn geſchehen muß / wo wir die gewiſſe goͤttlichkeit der offenbahrung zur uͤ - berzeugung der ſeelen erkannt haben / daß nemlich wo nachmal unſere ver - nunfft dieſer ihren vortrag in einigen dingen in zweifel ziehen ſolte / wir / als ſo vieler fehler unſerer vernunfft / wo ſie uͤber ihren begriff ſich erheben will / aus der erfahrung ſelbs uͤberwieſen / ihren einwuͤrffen nicht mehr platz geben doͤrffen / da ſie dem widerſprechen will / was wir bereits goͤttlich befunden ha - ben: So koͤnnen wir doch keinen die augen die er noch hat / ſchlieſſen heiſſen / biß ihm andere und innerliche erſtgeoͤffnet worden ſind. Alſo achte ich / daß gar auff eine andere art die ſachen anzugreiffen ſeynd. 1. Bleibet mir dieſes ei - ne unwiderſprechliche wahrheit / daß GOtt niemand erkennen koͤnne / als in deſſelben eigenen liecht / und alſo wenn er ſich ſelbſt offenbahret. Hiezu aber iſt das bloſſe liecht der vernunfft / wie wirs jetzt haben / unzulaͤnglich. Deſto - mehr weil alle vernunfft ſelbs lehret / wie ein GOtt ſeye / daß er etwas geiſt - liches ſeyn muͤſſe / unſere ſeele aber auch ſelbs bekennen muß / ohnerachtet ſie ein Geiſt ſeye / daß ſie doch die wahre innere beſchaffenheit eines Geiſtes nichtrecht40Das erſte Capitel. recht begreiffen koͤnne. Welches ich davor halte / daß unſer aller eigene er - fahrung bezeuge / wie ſo gar wir / auch die allergelehrteſte / nicht voͤllig ver - gnuͤgen an demjenigen finden / was uns unſere vernunfft von uns ſelbs an hand gibet; welches bereits ein ziemlich argument ſeyn ſolte / daß wir nicht mehr in dem ſtand ſeyn muͤſſen / in dem unſere natur / die doch verſtaͤndig iſt / und alſo billig ſich ſelbs vor allen andern dingen begreiffen ſolte / anfangs ge - weſen ſeyn muß. Alſo muß einmahl ein ander liecht uns auffgehen / und ſich GOtt uns durch ſeinen Geiſt / als den Geiſt der weißheit und offenbahrung / ſelbs offenbahren / ſo unſerer Chriſtlichen religion auch allerdings gemaͤß iſt / daher wo es zum glauben kommen ſolle / kan derſelbige kein ander fundament haben / als die offenbahrung GOttes ſelbs / und zwahr nicht nur wie GOtt ſich andern / als nemlich den propheten und Apoſteln / offenbahret habe / ſon - dern auch wie eben derſelbige Geiſt aus jenem offenbahrtem wort / auch ſein liecht in unſere ſeelen bringet. Alſo iſt dieſes zeugnuͤß GOttes in jeder ſee - len ſelbs das unmittelbahre und nechſte fundament des wahren glaubens; daher daß es denen allermeiſten an dieſem mangelt / iſt ſolches die urſach / daß ſo wenig wahrer glaube bey den menſchen iſt. 2. Jndeſſen bleibet das goͤtt - liche wort ſelbs / das wir in der ſchrifft vor augen ligen haben / das mittel der offenbahrung des Heil. Geiſtes in der ſeele / und wird / was in dem wort iſt / durch deſſen gebrauch in dieſe eingetruckt. Daher dann noͤthig iſt / daß unſer gewiſſen von der goͤttlichkeit dieſes buchs muß uͤberzeuget ſeyn; Nun haben die Theologi derjenigen urſachen viele / welche ſie anfuͤhren / dadurch zu er - weiſen / wie die ſchrifft GOttes wort ſeye / als da ſind / die aͤlte der ſchrifft / die darinnen vorgeſtellte hohe geheimnuͤſſen / harmonie der bibliſchen buͤcher / er - fuͤllungen der prophezeyungen / wunderwercke / erhaltung gegen alle gewalt der verfolger / verſieglung durch das blut der ſo viel tauſend maͤrtyrer / und dergleichen mehrere: es ſind aber dieſelbige urſachen noch nicht der grund un - ſeꝛs glaubens / als deꝛ keine Concluſion eines ſyllogiſmi ſeyn kan / ſondeꝛn eine wiꝛckung Gottes ſeyn muß / ſondern nichts andeꝛs als / wie ſie auch genañt weꝛ - den / motiva fidei, oder auch credibilitatis, dero erwegung ein nicht eingenom - menes gemuͤth ſo weit bewegen kan / daß es eine gute meinung und hoffnung von ſolcher ſchrifft faſſe / und zu der leſung derſelben bringe / folglich ſie ohne widrigkeit leſe / und in ſolchem ſtande deſto faͤhiger ſeye die wirckungen GOt - tes aus derſelben anzunehmen. Was ich hier ſetze / iſt nicht meine abſonder - liche meinung / ſondern auch unſerer Theologorum: wie mir davon dieſe concluſiones des beruͤhmten D. Dorſchei Theolog. Zachar. p. 2. diſp. 1. L. 1. q. 1. ſehr wohl bereits zeit meiner ſtudiorum Theologicorum gefallen / die alſo lauten: Fides divina, quâ fiducialiter adhæremus veritati revelanti & reve -latæ41SECTIO XI. latæ in ſcriptura ſacra, non oritur ex illis motivis conſideratis, ſed ſuam habet originem immediatè à vi atque poteſtate ſcripturæ ſacræ ſeu Sp. Sancti in ſa - cris literis dominantis. 2. illa tamen motiva infidelibus docilibus propoſi - ta eousque perducere poſſunt eosdem, ut magna quadam animi perſuaſione bene de libris ſ. ſcripturarum ominari debeant, adeoque ad earum perceptio - nem haud gravatim progredi, & ſanctiſſimos illos ſenſus meditari penitius, unde ſeſe efficacia divinarum literarum prodet apud non malitiosè repu - gnantes, & fidem divinam de divinitate etiam ſacrarum literarum gignet. 3. Illa motiva non pariunt tantum certitudinem aliquam conjecturalem, ſed altioris ordinis, moralem nimirum, eamque perfectiſſimi ordinis. Wel - che wort ich alſo bewandt halte / daß ſie die gantze ſache ſtattlich erklaͤhren. Al - ſo 3. achte ich / es komme auff dieſe ordnung. Der menſch mag erſtlich aus der vernunfft uͤberzeuget werden / daß nothwendig ein hoͤchſtes weſen ſeyn muͤſſe / welches alles erſchaffen habe und noch regiere / und zwahr / daß es je - des weſen ſo regiere / wie es ſeiner natur / die es ihm gegeben hat / am gemaͤſſe - ſten ſeye / da denn einer vernuͤnfftigen creatur / und alſo einer ſeele / die un - ſterblich iſt / allerdings gemaͤß iſt / daß ſie ihren ſchoͤpffer und das hoͤchſte we - ſen erkenne / und in deſſelben genuß ihr wohlſeyn finde; daher es der guͤte und weißheit deſſelben auch ferner allerdings zukommet / die mittel zu verſchaf - fen / daß ſolche vernuͤnfftige creatur zu dieſem ihrem zweck gelangen koͤnne / und welches darzu noͤthig iſt / ſich ihr nothduͤrfftig offenbahre. Dieſe offen - bahrung findet ſich nun nicht in der natur / wie ein jeder bey ſich ſelbs gewahr wird / daß er mit allem nachſinnen aus ſeiner vernunfft zu einiger gemein - ſchafft und genuß GOttes nicht zu kommen vermag: alſo muß eine andere art der offenbahrung ſeyn / da GOtt entweder allen menſchen ſich unmittel - bahr kund gebe / oder doch etlichen ſich und ſeinen willen / wie man zu ihm kommen koͤnte / offenbahre / durch die es nachmahlen auch andern kund wer - den moͤchte. Daß das erſte nicht geſchehe / zeiget die erfahrung zur gnuͤge / alſo bleibet noch das andeꝛe allein nothwendig; wiꝛd auch duꝛch den faſt allge - meinen conſens der gantzen welt bekraͤfftiget / indem bey allen voͤlckern ſich die religionen auff gewiſſe offenbahrungen bezogen haben. Da kommts denn auff die frage an / welche unter allen religionen / die Heidniſche / Tuͤrckiſche / Juͤdiſche oder Chriſtliche (unter welchen zwahr der dritten wahre gruͤnde auch der vierdten zu ſtatten kommen) die rechte / und die revelation, worauff ſich jede bezeugt / die vor andern gewiſſeſte ſeye / da ich nicht zweifele / wer nur unpartheyiſch davon urtheilen will / der werde bey der letzten vor den an - dern / und bey der Bibel auch einen groſſen vorzug vor andern vorgegebenen offenbahrungen / zuſeyn bekennen muͤſſen. Dieſes fuͤhre ich abermahl nicht an / als wenn dadurch bereits der glaube zuwege gebracht werden koͤnte / ſon -Fdern42Das erſte Capitel. dern es gehoͤret auch dieſes zu der bereitung des gemuͤths / und kan eine hand - leitung geben / auff den rechten weg zu kommen. 4. Vornemlich aber gebuͤh - ret ſich einer ſeelen / welche in einer ungewißheit von GOtt ſtehet / und gleich - wohl erkennet / wie ein groſſes ihr dran gelegen ſeye / denſelbigen zu kennen / von dem ſie alle ihre wohlfahrt herhaben muß: daß ſie dann nach ihm und ſei - ner erkaͤntnuͤß ein hertzliches verlangen trage / und den ihr noch unbekannten GOtt immerfort anruffe und bitte / daß er ſich doch ihr offenbahre / und ſie auff den weg fuͤhren wolle / auff welchem ſie ihn finden koͤnne. Welches ein nicht geringes ſtuͤck iſt des ſuchens / davon Ap. Geſch. 17 / 27. ſtehet. 5. Weil aber der erſte und nothwendige concept von GOtt auch dieſes in ſich faſſet / daß er gerecht und heilig / daher ein feind alles boͤſen ſeye / auch daſſelbige ſtraffen werde / deſſen uͤberzeugung man auch in ſeinem gewiſſen findet / zeiget ſo bald auch die vernunfft / daß man ſich alles boͤſen enthalten muͤſſe / wo man GOtt recht kennen / und in ſeine gemeinſchafft kommen wolle. Daher ſich eine ſolche ſeele / wo ſie Gott ſuchen will / nothwendig ſo bald alles deſſen ent - halten muß / was wider ihr gewiſſen / ſo ſie nicht anders als eine ſtimme ihres GOttes und ihres richters in ſich erkennen kan / ſtreitet / und alſo deſſelben willen widrig ſeyn muß: damit ſie ſeinen zorn nicht auff ſich lade / und ſich da - mit unwuͤrdig mache / daß er ſich ihr weiter zu erkennen gebe. 6. Darneben wird ſie leicht ermeſſen / daß die wichtigkeit des ſuchens / daran ihr ihr heil li - get / ſo groß ſeye / daß ſie auch nichts unterlaſſe zu forſchen / wie ſie weiter zur erkaͤntnuͤß kommen koͤnne / und alſo daß ſie die Heil. Schrifft / vor die ſie aus obigem auffs wenigſte eine ſtarcke perſvaſion hat / daß es kein gemein buch ſeye / mit einem die wahrheit zu erkennen begierigen gemuͤth / zu leſen ſich be - fleißige / und auff dasjenige wol acht gebe / wie ſie ſich dabey befinde / oder was ſie / wenn ſie nemlich mit obengedachtem gebet und verlangen weder be - trogen zu werden / noch was die wahrheit waͤre / zu verwerffen / dieſelbe liſet / in ſolchem leſen bey ſich fuͤhle. 7. Jch wolte aber dabey rathen / daß einer nicht ſo wohl an dem A. T. anfange / als vielmehr an dem N. T. Auch in die - ſem / wo ihm die glaubens-geheimnuͤſſen nicht ſobald einleuchten wollen / aufs wenigſte dasjenige fleißig erwege / was das leben angehet / und was vor re - geln uns von Chriſto darinnen vorgeſchrieben / und von den Apoſteln ferner erklaͤhret worden ſind. Wer dieſes fleißig thut / wird auffs wenigſte befin - den / daß eine ſolche heiligkeit und vollkommene lehr von der wahren tugend ſich darinnen befinde / welche alle lehr der weiſeſten Philoſophorum und an - derer tugend-lehrer / die nicht ſelbſt hieraus etwas entlehnet haben / weit uͤ - bertreffe / und hingegen die weiſe zeige / wie / wann ſolcher platz gegeben wird / ſo wohl einem jeden menſchen wahrhafftig auch innerlich wohl ſeye / als auch die gantze menſchliche geſeliſchafft nicht beſſer angeordnet / oder dero wahreswohl -43SECTIO XI. wohlſeyn kluͤglicher befordert werden koͤnte. Daraus er denn nicht allein ſchlieſſen kan / daß die leute / ſo ſolche lehre auffgezeichnet / und die meiſte da - von bekantlich ungelehrte leute / deren verſtand ſolche dinge auszuſinnen nicht zugelanget haͤtte / geweſen ſeyn / ſolche weißheit von einem hoͤhern prin - cipio gehabt haben muͤſſen / daher auch was ſie vor glaubens-lehren bezeu - gen / und zum grunde jener heiligkeit legen / von ihnen nicht betruͤglich er - dacht worden ſeye / ſo vielmehr nachdem ſie von einem ſolchen betrug keinen weltlichen nutzen oder vortheil hoffen konten / wohl aber lauter leyden vor ſich ſahen / und willig ausſtunden. Wie nun dieſe betrachtung abermahl das gemuͤth ziemlich bereiten kan / ſo bin verſichert / wann ferner dazu kommt / daß der menſch trachtet / nach dem vermoͤgen / als ihm GOTT bereits gleich - ſam unvermerckt ertheilet / denjenigen dingen und regeln / die er vorgeſchrie - ben ſihet / und ſein gewiſſen ihm bezeuget / daß ſie gut ſeyen / nach zuſtreben / daß das hertz durch die fortſetzende leſung und anhalten des verlangen / nach der erkaͤntnuͤß der wahrheit immer mehr werde geneiget / auffgeſchloſſen / und endlich von GOtt wahrhafftig erleuchtet werden: ſonderlich wo man ſich immer gewehnet / auff ſein inneres und des hertzens bewegung acht zu geben / da denn unmuͤglich iſt / daß ſich Gott nicht einer ſeelen endlich zu voͤlliger uͤber - zeugung offenbahren ſolte / die ſich erſtlich von ihm ziehen laſſen / und ſeinem zug gefolget hat / ihn zu ſuchen. Alſo habe ich einen Juriſten gekannt / dem auch nunmehr alles nicht nur zweiffelhafftig / ſondern nicht viel weniger als falſch vorkam / was wir in unſerm Chriſtlichen glauben lehren; er befliſſe ſich aber etzliche jahr auffs genauſte / als er konte / nach allen regeln Chriſti ſein le - ben anzuſtellen / ſo gar daß er auch deswegen das geringſte ſpiel nicht thun wolte / weil er den nechſten darinnen zu uͤberwinden ſuchte / und alſo das jeni - ge begehrte / was man von ihm nicht wolte; er befliſſe ſich aber ſolcher regeln / wie er ſagte / als der geſetze der Chriſtlichen republic, dero er ein buͤrger waͤre. Wie er nun nicht allein mit ſolchem leben / ſondern auch conferiren / ſonderlich mit einem verſtaͤndigen Theologo, ſodann mit leſung der ſchrifft und gebet / anhielte / brachte ihn GOtt zu einer ſtattlichen gewißheit. Ferner habe ei - nen andern Lic. juris gekannt / ſo nachmahl ein ſehr gottſeeliger mann wor - den / und nun bey GOtt iſt / der / ob er wohl von jugend auff unſerer Theolo - gie, wie ſie gelehret wird / gnugſame buchſtaͤbliche wiſſenſchafft gehabt / mehr und mehr in einen Atheiſmum verfallen / weil er nichts deſſen / was er glaub - te / gewiſſen grund zu haben meinete. Dieſer hat mir nach mahl erzehlet / wie er in ſeiner ungewißheit endlich uͤber Taulerum kommen / und als derſelbige ihn immer auff das inwendige gewieſen / davon einige ruͤhrung gefuͤhlet / es ſeye ihm aber eingefallen / daß er offt in predigten von Enthuſiaſten gehoͤret / und wie ihm Taulerus dergleichen vorgekommen / geſorget / er moͤchte noch inF 2uͤblern44Das erſte Capitel. uͤblern ſtand kommen / als er bereits waͤre / wo er zu einem phantaſten wuͤrde. Daher er das buch eine weile hingeleget. Als er mich nun einmahl beſuchte / brachte er den diſcurs auff den Taulerum, und fragte mich / was ich davon hielte / nachdem ich nun nichts anders als gutes von ihm zeugen konte / und ihm / wie auch andere unſere Theologi ein gleiches von ihm hielten / aus Va - renii treflicher rettung des Arndii zeigte / auch wieſe / daß es unſerer Theolo - giæ allerdings gemaͤß waͤre / was von den innerlichen wirckungen des geiſtes GOttes durch das wort gelehret wuͤrde / bath er mich Varenium ihm zu ley - hen. Dieſer fuͤhrte ihn auff Taulerum, daher er denſelben darnach mit ſo vielmehr attention laß / und daraus lernete / auch die ſchrifft mit mehr acht geben zuleſen. Deſſen frucht war / daß er zu einer treflichen erkaͤntnuͤß durch Gottes gnade gelangte / daß ich ihm ſelbſt vor mich nicht weniges zu dancken habe. Dabey mir auch einfaͤlt ein tractaͤtlein Johannis Evangeliſtaͤ reich GOttes in euch / zu Sultzbach gedrucket / indem er auch die art in ſich ſelbſt zu kehren / und GOtt in ſich zu ſuchen / ſonderlich in dem erſten Capitul ſehr fein weiſet / wiewohl die letztere Capitel ſo weit gehen / daß ich ſie nicht errei - chen kan. Jm uͤbrigen communicire hiebey die begegnuͤß eines Chriſtlichen freundes / ſo nun ein ſehr begabter Prediger iſt / welche ich aber wiederum zu - ruͤck erwarte / vielleicht aber dero leſung zu einigem dienlich ſeyn mag. Jch hoffe mein hochgeehrter herr werde nicht allein aus dieſem erkennen / daß ich hertzlich verlangen trage / daß auch deſſelben fluctuirende ſeele zu einer rech - ten feſtigkeit in GOtt / ohne welche ihr wahrhafftig auch niemahl recht wohl werden kan / durch deſſen eigne gnade kommen moͤge / auch das vertrauen tra - ge / einen nicht unrechten weg dazu hiemit einfaͤltig angewieſen zuhaben Da - bey bitte hertzlich / er laſſe dieſes wahrhafftig ſeine eintzige haupt-ſorge ſeyn / daran deſſen wohl in zeit und ewigkeit hanget / und verſuche dieſe mittel / de - ren er ſich gewiß nimmer mehr reuen zu laſſen haben wird. Jch ruffe dabey ſo dißmahl als noch kuͤnfftig / wie mich dann dazu verbinde / den himmliſchen vater und treuen menſchen-freund von grund der ſeelen an / welcher ihn mit den augen ſeiner barmhertzigkeit anſehen / ihn auff den weg ſeiner wahren of - fenbahrung fuͤhren / auff demſelben ihm liebreich begegnen / die gefaſten zwei - fel wegnehmen / das hertz auch von allem / was bißher an der erleuchtung ge - hindert hat / reinigen / ſein liecht aus ſeinem wort in daſſelbe kraͤfftig einſchieſ - ſen laſſen / einen nicht eingebildeten / ſondern wahren / feſten / und lebendigen glauben in ihm wircken / den gewirckten immer vermehren und ſtaͤrcken / ihn in allen ſtuͤcken / an geiſt / ſeel und leib heiligen / und insgeſamt zu einem herr - lichen werckzeug ſeiner ehre machen wolle / auff daß er urſach habe / die treue deſſen / der ihn auff den irrwegen geſuchet / ſein lebelang danckbahrlich zu prei - ſen / ihm zu ſeinem dienſt ſich gantz deſtowilliger auffzuopffern / und was anihm45SECTIO XII. ihm geſchehen / auch auff geziehmliche weiſe aͤndern zu verkuͤndigen / ſich aber ſelbſt daruͤber hier und dort ewig zu freuen. ꝛc. ꝛc. 1692.
§. I.
OB wol der menſch durch den ſuͤnden-fall die herrliche und heilſame er - kaͤntnuͤß GOttes / die ihm in deſſen bilde war anerſchaffen geweſen / verlohren hat / ſo iſt es doch eine groſſe barmhertzigkeit des guͤtigſten vaters / daß er ſich dannoch um ihn zu derſelben und alſo der ſeligkeit wieder - um zu bringen / nicht unbezeuget gelaſſen / ſondern alſo offenbahret hat / daß es keinem an mitteln darzu zu gelangen / manglen ſolle / der ſich in goͤttliche ordnung ſchicket.
§. II. Es hat nemlich GOtt / ob wol gedachter maſſen ſein bild in dem menſchen erloſchen / dennoch einige funcken von ſeiner erkaͤntnuͤß ſamt dem ge - wiſſen in deſſen ſeelen uͤbrig gelaſſen / auch die gantze natur in ſo vielen ge - ſchoͤpffen ihm vor augen geſtellet / daß wo er nach der ſachen wichtigkeit allem nachſinnen / und ſich ſeines verſtandes darzu recht gebrauchen will / er nicht allein finden kan / daß ein GOtt und herrſcher uͤber alles ſeyn muͤſſe / von dem was er ſihet / herkommen und regieret werden muͤſſe: worauß er nichts an - ders ſchlieſſen kan / als es muͤſſe ſolches ein geiſtliches / ewiges / unendliches / allmaͤchtiges / allweiſes / allguͤtiges und gerechtes weſen ſeyn; wie dann die allgemeine regierung / und was man davon ſihet / unmuͤglich ohne dergleichen eigenſchafften gedacht werden kan: Alſo gar daß auch der jetzigen vernunfft dasjenige / was wir von der regierung der gantzen welt und eigenſchafften GOttes lehren / viel begreiflicher iſt / als wo man ſolches leugnet / was man ſich alsdann darvon einbilden wolte / wie die jetzige ordnung erhalten werde. Wann aber auch die vernunfft die menſchliche natur betrachtet / und ihren groſſen vorzug / den ſie vor allen uns natuͤrlich bekannten geſchoͤpffen hat / welcher nicht anders als von dem hoͤchſten ſchoͤpffer aller dinge herkommen kan / erweget / ſchlieſſet ſie mit allem fug / daß derſelbe auff den menſchen ein ſonderbahres abſehen haben muͤſſe / da er ſo vieles erſchaffen / das wir ſehen / alles zu ſeinem gebrauch gerichtet zu ſeyn. Wie aber ferner der verſtand ſelbs findet / daß alle creaturen / wie ſie alles von dem ſchoͤpffer haben / alſo auch ſich mit allem zu ſeinem gehorſam / jegliches nach ſeiner art / darſtellen muͤſſen / ſoF 3ſihet46Das erſte Capitel. ſihet er daraus / daß dergleichen auch vor allen andern dem menſchen / als dem herrn auff erden / oblige / und alſo daß dieſer Gott / mit allem was an ihm iſt / alſo auch ſeinem verſtand und willen / dienen ſolle. Dencket er aber ferner nach / wie dann dieſer dienſt / daß er auch dem groſſen weſen GOttes gemaͤß und gefaͤllig ſeyn koͤnne / beſchaffen ſeyn muͤſſe / ſo findet er nicht allein bey ſich eine groſſe unwiſſenheit / daraus er ſich nicht wickeln kan / ſondern er ſihet auch ſo vielerley arten der dienſte / die dieſe und jene GOtt leiſten wollen / die doch ein ander entgegen ſind / und zugleich nicht ſtehen koͤnnen / daß er ſich nicht dar - ein finden kan. Da kommt ihm aber billich vor / daß die weißheit / guͤte und gerechtigkeit ſolches hoͤchſten weſens mit ſich bringe / daß es ſich nicht anders ziehme / als demſelben auff eine ſonderbahre / von ihm ſelbs vorgeſchriebene / art zu dienen: daher es ſich nothwendig jemal dem menſchen nach ſeinem wil - len geoffenbahret haben muͤſſe.
§. III. Alle dieſe wahrheiten ſind ſo bewandt / daß ſie der vernunfft auffs wenigſte ſo fern einleuchten / daß ſie dieſelbe nicht gantz umſtoſſen kan / daß ſie ſich nicht dadurch immer in mehrere ſchwehrigkeit verwickelt ſaͤhe. Sie fin - det auch die ſache an ſich ſelbs von ſolcher wichtigkeit / daß es wuͤrdig / alle ih - re kraͤfften anzuwenden / zu einer gewißheit in der ſache zu kommen. Wie nun daraus bey einem folgſamen gemuͤth billich ein verlangen darnach entſtehet / ſo ſtellet ſich auch natuͤꝛlich voꝛ / daß man ſolches hoͤchſte weſen anruffen muͤſſe / (wie denn die vernunfft ſelbs uns an GOtt / als einen geiſt / keinen andern weg anweiſen kan / als unſre ſeele in gedancken und verlangen zu ihm zu erhe - ben / daher das gebet auch bey allen Heiden hergekommen) daß es uns ſeinen willen zeigen wolte. Gebrauchte nun jemand des goͤttlichen funckens der na - tuͤrlichen erkaͤntnuͤß (dabey es aus der vorlauffenden gnade an einigen ruͤh - rungen des H. Geiſtes nicht mangeln kan) und kaͤme zu einem ernſtlichen ver - langen das hoͤchſte weſen recht zu erkennen und ihm recht zu dienen / ſo wuͤrde alsdenn der guͤtigſte vater es an ſeiner gnade nicht manglen laſſen denſelben weiter zu den wahren mitteln des heils zu fuͤhren: darbey mich meines S. Præceptoris Herr D. Dannhauers erinnere / der zu ſagen pflegte / wo ein menſch ſo weit gekommen waͤre / ehe GOtt ſolches verlangen ſtecken lieſſe / wuͤrde er ihm ehe einen propheten / als dorten von Habacuc und Daniel ge - ſagt wird / bey den haaren haben zubringen laſſen.
§. IV. Wo auch der menſch bey ſich dieſe wahrheit findet / daß nach der erkaͤntnuͤß der eigenſchafften GOttes ſich nothwendig irgend eine offenbah - rung deſſen und ſeines willens antreffen laſſen muͤſſe / ſo liget ihm ob / die jeni - gen dinge / die davoꝛ ausgegeben werden / und alſo die unteꝛſchiedliche religio - nen in der welt / zu pruͤfen und mit einander zu vergleichen / um zu ſehen bey welcher die wahrheit ſich finde. Bey welcher unterſuchung die Heidniſcheoffen -47SECTIO XII. offenbahr verliehret / die nichts auch nur ſcheinbares vorbringen kan / hinge - gen die Chriſtliche auch darinnen herꝛlich uͤberwindet / weil ſie auch zeugnuͤſ - ſen ihrer wahrheit ſelbs aus der Juͤdiſchen und Tuͤrckiſchen mit fug vor ſich anziehen kan. Dieſes waͤre alsdenn der weg zu dem wort GOttes zu kom - men / in welches Gott ſelbs die krafft / die lebendige erkaͤntnuͤß / und den glau - ben in denen / die es gebrauchen / zu wircken / geleget hat.
§. V. Wie alſo gewieſen / was GOtt noch in die natur geleget / ſo zwahr den menſchen zum heil zu bringen nicht zulaͤnglich / aber doch eine handleitung gibet / den HErrn zu ſuchen / ob man ihn fuͤhlen und finden moͤge. Ap. Geſch. 17 / 27. ſo iſt die gnade noch viel groͤſſer / daß zu der heilſamen erkaͤntnuͤß Got - tes zu kommen / der HErr ſich unmittelbar gleich den erſten eltern den vaͤtern und den propheten des A. T. nicht allein nach ſeinem weſen / da die natur noch etwas zu finden vermag / ſondern auch nach ſeinem willen geoffenbahret / und ſolche offenbahrungen auffzeichnẽ laſſen / daraus die ſchrifften des A. T. wor - den ſind: darzu gekommen / daß er auch ſeinen ſohn im anfang des N. T. ge - ſandt / als das liecht alle menſchen zu erleuchten / Joh. 1 / 9. ſo er auch gethan / nicht allein durch ſeine eigne predigten in den tagen ſeines fleiſches / ſondern auch da er ſeine Apoſtel / nachdem er ſie ſelbs unterrichtet / und nachmahl mit ſeinem H. Geiſt erfuͤllet hatte / in die gantze welt ausgeſendet / das Evangeli - um allen creaturen zu predigen. Marc. 16 / 15. durch wort und ſchrifften in welchen ſie noch nach ihrem abſchied heut zu tage zu predigen fortfahren. Ja da er jetzt zur rechten des vaters ſitzet / hoͤret er noch nicht auff ſich und ſeinen vater allen zu offenbahren / die ſich ſeinem liecht nicht widerſetzen / wañ er nicht allein ſein geſchrieben wort immer bißher erhalten / auch ſtets leute ſendet / die daſſelbige lehren und predigen / ſondern auch ſeinen H. Geiſt immer allen de - nen mittheilet / die ſein wort ohne boßhafftige widerſtrebung hoͤren oder le - ſen / daß ſie zum forderſten von deſſen wahrheit / nechſt dem aber denen darinn enthaltenen lehren / uͤberzeuget / und zu dem glauben gebracht werden.
§. VI. Ob man nun alſo bey ſo reicher und unterſchiedlicher goͤttlicher offenbahrung / gedencken moͤchte / daß es niemand an der erkaͤntnuͤß GOttes manglen ſolte / finden ſich nichts deſtoweniger nicht allein unzaͤhliche / die in den goͤttlichen glaubens-lehren irren / und ſich davon faſche concepten ma - chen / ſo dann die in dem leben ſich als atheos und ſolche weiſen / die keinen Gott glauben / ſondern es manglet wahrhafftig nicht an ſolchen (und ach daß die anzahl nicht ſo groß waͤre / als ſie zu ſeyn ſorge!) die nicht allein alles / was man von beſondern offenbahrungen GOttes bezeuget / vor fabeln achten / ſondern auch die natuͤrliche erkaͤntnuͤß Gottes auffs wenigſte eine lange zeit / alſo bey ſich erſticken / daß ſie kein ſolches hoͤchſtes weſen glauben / welches nicht allein alles / ſelbs ewig ſeyende / gemacht / ſondern auch alles regiere /ſon -48Das erſte Capitel. ſonderlich aber auff die menſchen acht habe / von ihnen bedienet ſeyn / und ſie nach ihrem verhalten ewiglich belohnen oder ewig ſtraffen wolle / als welches der allgemeinſte natuͤrliche concept von GOtt iſt; ſondern halten entweder gar nichts von einem ſolchen weſen / und vermeinen / daß alles entweder aus bloſſer nothwendigkeit der materie / oder von ungefehr / ohne verſtaͤndige re - gierung / geſchehe / oder machen die gantze welt zu Gott / daß nichts / ſo nicht ein theil GOttes waͤre / ſeye / damit alſo die natura naturata, wie einige re - den / allein bliebe / und die natura naturans, das ewige weſen / ohne welches doch nichts ſeyn oder ohne deſſen erhaltung und regierung beſtehen kan / gantz auffgehaben werde / oder ob ſie ein hoͤchſtes weſen / das alle uͤbrige weſen weit uͤbertreffe / zu geben / dennoch demſelben die regierung aller dinge / und achtge - bung auff die menſchen / als ſeiner hoheit und ſeligkeit verkleinerlich / abſpre - chen / und was dergleichen mehr ſorten ſind / die wir mit recht Atheiſten nen - nen; deren theils ſo unverſchaͤmt worden / daß ſie ſolche ihre gottloſigkeit nicht haͤhl haben / ſondern bekennen / und wol gar mit groben laͤſterungen ruͤh - men: die meiſte aber verhaͤhlen ſolche gottloſigkeit ihres hertzens / und ſtellen ſich an / als leute / die da glaubten / weil ſie / wo ihres hertzens-grund bekannt wuͤrde / allgemeinen haß / oder wol gar ſtraffe / ſich zu beſorgen haben; und zwahr gibets ſolche nicht allein unter denen / welchen die chriſtliche lehr nie - mahl bekannt worden / und ſie alſo auch zu keiner buchſtaͤblichen erkaͤntnuͤß deſſen / was Chriſtus gelehrt / jemahl gekommen ſind / ſondern auch unter de - nen / welche von jugend auff von Chriſto und dem glauben gehoͤret / davon unterrichtet worden ſind / und daher auch ſich darzu euſſerlich bekennen oder doch bekannt haben. Hieruͤber ſolte man ſich billich befrembden / und es / wo die offenbahre erfahrung nicht vorhanden waͤre / vor unmuͤglich halten.
§. VII. Es iſt aber die urſach ſolcher gottloſigkeit zu ſuchen / und zwahr 1. bey denen / die auſſer des natuͤrlichen liechts ihr lebtag nichts mehreres vor augen gehabt. Daß nun unter ſolchen viele Atheiſten werden / und das bey ihnen befindliche natuͤrliche liecht ſie davor nicht gnug verwahret / kommt einer ſeits daher / weil die verderbnuͤß des falls ſo groß iſt / daß ob zwahr die - ſelbe jenes liecht nicht gantz ausloͤſchen doͤrffen / ſie es doch dermaſſen verdun - ckelt hat / daß neben den wenigen notitiis, die vorhanden ſind / der uͤbrige ver - ſtand mit lauter finſternuͤß angefuͤllet iſt: und da wir alle bekennen muͤſſen / daß unſer wiſſen in der natur der geiſter insgeſamt ſehr ſchwach ſeye / ſo iſt es am allerſchwaͤchſten / wo man gar an den unendlichen geiſt kommet / und an deſſen natur gedencket. Ja ob die hauptſaͤtze in ſolcher wahrheit einem zum nachſinnen gewehnten verſtand zimlich einleuchten / iſt doch die uͤberzeugung deſſelben nicht ſo ſtarck / daß nicht die von unſer verderbnuͤß dagegen auffſtei - gende zweifel ſie ſehr ſchwaͤchten. Anderſeits kommet auch darzu das goͤtt -liche49SECTIO XII. liche gericht / Rom. 1 / 21. u. f. weil die allein das natuͤrliche liecht haben / ſich dennoch daſſelbige auch nicht ſo weit bringen laſſen / daß ſie ihm nach deſſen maaß dieneten / und ihn preiſeten / daß der HErr ſie nicht allein in allerley ab - goͤttereyen / auch ſolche / die der vernunfft gantz entgegen ſind (dergleichen bey den Heiden ſo viele ſind /) ſondern auch manche und zwahr die ſcharffſinnigſte / in einen Atheiſmum verfallen laſſen: worzu eben die betrachtung ihrer eige - nen abgoͤtterey / und die wahrnehmung des vielen betrugs der prieſter vieles beytragen kan / nemlich alles verdaͤchtig machen / was ihnen auch ſelbs von GOtt einkommet.
§. VIII. Was diejenige religionen anlangt / die uͤber die natuͤrliche er - kaͤntnuͤß ſich auch auff fernere offenbahrung beruffen / iſt ſo gar kein wunder / wo ein Mahometaner / der von ſcharffem verſtand iſt / zum Atheiſten wird / daß es vielmehr wunder / wo es nicht vielen begegnete / wann ſie das unge - reimte zeug in dem Alcoran genauer anſehen / ſonderlich aber die art ihrer re - ligion / wie ſie erſtlich auffgekommen / und fortgepflantzet worden / erwegen. Ja ich glaube / daß nichts mehr im weg ſtehe / daß nicht mehrere an ihrer reli - gion einen eckel bekommen / und wo ſie die chriſtliche wahrheit nicht erkennen wollen / alles goͤttliche vor phantaſie halten / als daß ſie insgemein in einer groſſen unwiſſenheit ihrer eigenen religion unterhalten werden / die ihr an - ſehen nicht erhalten kan / als wo man ſie nicht zu beleuchten gelaſſen wird.
§. IX. Die Juden haben aus den ſchrifften des A. T. ſo gar keine gele - genheit zu dem Atheiſmo, daß dieſelbe vielmehr die herꝛlichſte artzney ſind wider das gottloſe gifft. Wo aber ein Jud unſren Chriſtum nicht erkennen will / ſondern mit ſeiner lehrer falſchgefaßten meinung gegen ihn verſtockt bleibet / befrembdet michs nicht / ſo er endlich auff dieſe weiſe zum Atheo wird / wann er ihres volcks ſo groſſe verlaſſung von mehr als 1600 jahren her / und das vergebene warten auff den Meßiam / betrachtet / ſonderlich diejenige ſpruͤche erweget / krafft dero Meßias laͤngſten haͤtte kommen ſollen / aus allem aber an der wahrheit der propheten zu zweiflen anfaͤngt: auff welchen an - fang bald folget / der gantzen ſchrifft / und was dieſelbige von goͤttlichen offen - bahrungen bezeuget / verlaſſung und verleugnung. Wo alsdann nichts uͤ - brig bleibet / als das betruͤgliche / und durch die exempel der vielen betruͤ - ge in religions ſachen deſto groͤſſerem præjudicio gegen alle vorgebende of - fenbahrungen eingenommene vernunfft-liecht.
§. X. Von den Chriſten ſolte man hoffen / daß bey dem hellen liecht des goͤttlichen wortes / ſo ſie unter ſich haben / nicht wol muͤglich ſeyn ſolte / daß es einige Atheiſten gaͤbe / wo nicht die traurige erfahrung derſelben nur allzu - viele zeigte. Unter allen theilen aber / in welche dieſelbe getrennet ſind / ach - te ich / daß keine religion mehr anlaß darzu gebe / als die papiſtiſche oder Roͤ -Gmi -50Das erſte Capitel. miſche / daher auch derſelben art leute ſchwehrlich in einer kirche mehr / als in derſelben gefunden werden. Die urſach iſt eins theils / daß die H. ſchrifft / als der einige ſchatz der goͤttlichen wahrheit / in derſelben / ſonderlich in den landen / wo ſie ſich vor keinen ſo genannten ketzern zu ſcheuen haben / ſo gar ge - heim gehalten wird / daß die wenigſte in ſolcher die wahrheit zu ſuchen gelaſ - ſen / hingegen mit vielen fabeln und luͤgenhafften dingen von den geiſtlichen / die ihnen noch predigen / auffgehalten werden; daher geſchihet / daß / was kluge leute ſind / die den ungrund ſolches zeugs wol erkennen / auch manchen betrug der prieſterſchafft / der mit wunderwercken und dergleichen vorgehet / einſehen / ſolchen / weil ſie zu der qvelle der wahrheit nicht kommen / alles reli - gions-werck als ein gedicht der pfafferey vorzukommen anfaͤngt / biß ſie gantz dariñ verhaͤrtet werden. Andern theils koͤnnen kluge leut dahin verfallen / wo ſie die gantze verfaſſung der Roͤmiſchen kirchen innerſt anſehen / und alsdann befinden / wie ſie nemlich auff nichts / als die hoheit / anſehen / macht und reich - thum der Cleriſey / hingehe und gerichtet ſeye / die lehr Chriſti aber allein zum deckel gebraucht werde. Welche materie der vormahlige Heidelbergiſche Theologus Herr D. Joh. Ludwig Fabricius unter dem nahmen Jani Alexandri Ferrarii in ſeinem Euclide Catholico ſtattlich ausgefuͤhret hat.
§. XI. Wann aber auch / wie unter andern partheyen / die gleichwol alle das geſchriebene goͤttliche wort haben / und damit umgehen / alſo auch in un - ſrer kirchen / es leider an ſolchen leuten nicht manglet / iſt ſich deſſen deſtomehr zu befrembden / aber die urſachen zu unterſuchen / die denn mehrere ſeyn koͤn - nen. 1. Sind derjenigen eine groſſe zahl unter uns / und zwah nicht allein unter dem gemeinen poͤbel / ſondern auch die vornehmer ſind / die von jugend auff niemahl zu einer auch nur buchſtaͤblichen erkaͤntnuͤß gekommen ſind / ſon - dern mehr nicht an ihnen geſchehen iſt / als daß ſie in der kindheit und jugend einige gebete und ſpruͤchlein / ſodann wann es weit gekommen / die worte des Catechiſmi / auswendig gelernet / ohne daß ſie jemahl eine rechte ideam der wahren chriſtlichen lehr gefaßt haͤtten. Wie mir von einer hohen gekroͤhn - ten perſon / die darzu in der Heidniſchen erudition groſſen ruhm geſucht / be - kannt / und von einem ſehr gelehrten mann / der die ſache gruͤndlich wußte / ver - ſichert worden / daß ſie niemal ihren Catechiſmum nur einfaͤltig zu verſtehen gelernet. Ob dann nun ſolche leute / wo ſie mehr erwachſen / ſchande zu ver - meiden / oder auß gewohnheit / in die predigten kommen / iſt ihnen doch / weil ſie den grund niemahl gefaſſet / was ſie hoͤren / ſo unverſtaͤndlich als verdrieß - lich / es kommen denn ſolche dinge vor / die auch eines fleiſchlichen menſchen vorwitz vergnuͤgen koͤnnen. Jn der erkaͤntnuͤß der religion ſelbs zuzunehmen / iſt nicht einmahl in ihren gedancken. Was wunders iſts denn / daß aus ver - achtung des goͤttlichen worts die offenbahrſte gottloſigkeit endlich folge?
Bey51SECTIO XII.2. Bey andern / die beſſer erſtmahl angefuͤhret / findet ſich wol eine buch - ſtaͤbliche wiſſenſchafft der religion / die ſie von jugend auff faſſen / aber mehr daß der verſtand mit vielen concepten erfuͤllet / als das hertz darvon verſi - chert worden waͤre; ſie ſind der Evangeliſchen religion entweder bloß / weil ſie dabey gebohren / oder auffs hoͤchſte / weil ihnen / was ſie von jugend auff gehoͤret / am wahrſcheinlichſten vorkommet: ſie glauben was ſie indem Ca - techiſmo oder compendiis gelehrt worden / eben deswegen / weil mans ſie al - ſo gelehret hat / ohne genaueres unterſuchen: ſie halten die ſchrifft vor GOt - tes wort / haben aber deſſen keine andre verſicherung / als weil ſie es von ju - gend auff alſo gehoͤret: und auff dieſem bey ihnen ſelbs gleichwol ſo ſchlecht befeſtigtem grund beſtehet alsdann / worinnen ſie ſich am allerbeſten fundi - ret meinen. Daher ruhet ihre gewißheit am meiſten nur darauff / daß ſie un - bedacht alles angenommen / und woher ſie der wahrheit verſichert / niemahl mit fleiß unterſucht haben. Daher wenn ſie entweder anfangen ihrem eigen grund nachzudencken / oder ſie gerathen unter andre ruchloſen / die ihnen mit fleiß die gantze chriſtliche religion zweiffelhafft machen / faͤllet ihnen gar leicht alles dahin / was auff einen grund gebauet geweſen / an deſſen feſtigkeit ſie nie gedacht hatten.
§. XII. Dieſes geſchihet 3. ſo vielmehr / weil bey den meiſten unter ſol - chen es auch deswegen zur lebendigen erkaͤntnuͤß und innerlichen uͤberzeu - gung nie gekommen iſt / nachdem die ſie erzogen und unterrichtet / gemeinig - lich nicht weiter bey ihnen getrachtet / auch ſie keine weitere abſicht gehabt / als zu einer wiſſenſchafft mit leſen / hoͤren / nach ſinnen / und in die gedaͤchtnuͤß trucken / zu kommen / wie man zu andern wiſſenſchafften auch gelanget: ohne daß man ſich ſtets vorſtellete / daß aller unſer fleiß in ſolcher ſache ohne des H. Geiſtes liecht nichts vermoͤge / und deswegen bemuͤhet waͤre / in dem ſtand zu ſtehen / darinn man eine werckſtaͤtte des H. Geiſtes ſeyn koͤnte / darzu gehoͤret neben der fleißigen handlung goͤttl. worts inbruͤnſtiges gebet / ſonderlich aber daß man deſſen ſtets zur buß geſchehenden trieb platz gaͤbe u. gehorſam leiſtete. Weil dann die allerwenigſte in ſolcher ordnung der goͤttlichen wirckung bey ſich raum laſſen / ſo kommts bey den uͤbrigen nie zu der kraͤfftigen hertzens-uͤ - berzeugung von GOtt und deſſen offenbahrung / und iſt dasjenige / was ſol - che leute vor glauben halten / nicht der wahre glaube / der von dem H. Geiſt angezuͤndet / und mit ſeinem zeugnuͤß verſiglet waͤre / ſondern allein eine wiſ - ſenſchafft / die ſie mit eignem fleiß / oder durch unterrichtung anderer / aus dem goͤttlichen wort gefaßt haben / da ſie die in derſelben enthaltene wahrheiten / wie ſie entweder ausgetruckt in der Bibel ſtehen / oder daraus gezogen und gefolgert werden / annehmen / nicht anders als ſie aus einem andern buch et - was faſſen oder anderer erzehlung / die ihnen glaubwuͤrdig vorkommt / glau -G 2ben52Das erſte Capitel. ben zuſtellen / in welchen allem nichts anders als menſchliches ſich findet / fern von der goͤttlichen gewißheit / die der H. Geiſt wircket.
§. XIII. Wann dann wol der meiſte theil der leute auch unter uns / nach - dem ſie erwachſen / keine andre erkaͤntnuͤß und glauben als auffs hoͤchſte die - ſer art gehabt haben / iſts ſo groß wunder nicht / daß was keinen recht feſten grund hat / endlich hinfaͤllt / und zweiffel bey ihnen entſtehen / die endlich auff den Atheiſmum ausſchlagen. Welches auff dieſe weiſe ſonderlich geſchihet / wann leute / die von gutem verſtand ſind / entweder unter Atheiſten gerathen / ihre diſcurſe zu hoͤren / oder ihre buͤcher zu leſen / dadurch ſie leicht eingenom - men werden / oder ſelbs anfangen ihren glauben zu unterſuchen / und fin - den / wie er bey ihnen nicht gegruͤndet ſeye / indeſſen entweder aus leichtſinnigkeit ſich nicht viel darum bekuͤmmern / oder wollen die ge - wißheit auſſer dem einigen weg / aus der ſchrifft ſelbs mit bruͤnſtigem gebet des H. Geiſtes erleuchtung zu ſuchen (welches wanns ihnen einfaͤllt / den mei - ſten verdaͤchtig vorkommet / ob waͤre es Enthuſiaſterey / ja ſie wol von andern davon eben mit dem vorwand abgeſchrecket werden) anderweit finden / er - fahren aber / wie alles nachforſchen vergebens ſeye / und ſie offt / da ſie meinen eines ſcrupels loß zu kommen / in zehen andre an deſſen ſtelle fallen. Dieſes iſt der nechſte weg / daß leute / die es nie gedacht / in den Atheiſmum verſin - cken: ja es iſt zu verwundern / und goͤttlicher barmhertzigkeit zu dancken / daß nicht noch mehrern dergleichen begegnet / und ſie nur dadurch davor verwahrt werden / weil ſie nach dem grund ihres eigenen weſens nicht viel forſchen. Da - bey mich erinnere / in vorigen jahren einen verſtaͤndigen mann gekannt zu ha - ben / der / wie er ſonſten fleißig ſtudiret / alſo auch in unſrer religion ſo wol un - terrichtet geweſen / daß es ihm an dem buchſtaͤblichen erkaͤntnuͤß nicht geman - gelt / eine zeitlang nicht allein an der wahrheit der chriſtlichen religion / zu zweiflen angefangen / ſondern wircklich dahin gekommen / nichts mehr zu glau - ben / ſo er zwahr nicht von ſich mercken lieſſe. Wie er aber doch in ſeiner ſeele angſthafft druͤber war und gern geforſchet haͤtte / kam er uͤber Tauleri ſchriff - ten / und was in denſelben von den innerlichen wirckungen GOttes in der ſee - le vorkam / da deuchtete ihn ſolches ein gewiſſerer weg zu ſeyn / weil er ſich aber erinnerte / in predigten und ſonſten von Enthuſiaſten gehoͤret zu haben / die durch ihre phantaſien / die ſie vor goͤttliche eingebungen hielten / betro - gen wuͤrden / ließ er jene wiederum ligen / aus ſorge / an ſtatt eines Atheiſten zu einem phantaſten zu werden. Er beſuchte mich aber einsmahls / und ohne meldung der urſach fragte er mich im diſcours, nicht allein was ich vor mei - ne perſon von dem Taulero hielte / ſondern auch in was credit er von andern unſren Theologis gehalten wuͤrde / deswegen mich nicht allein auff Lutheri gutes urtheil von ihm bezog / ſondern auch Varenii rettung zeigte / der weit - laͤufftig von Taulero handelt / und Arnden dabey vertheidiget / der ihm invie -53SECTIO XII. vielem gefolget / und ſich auff ihn bezogen. Daher er das buch mit nach hau - ſe nahm / und nach einiger zeit mir alles entdeckte / wie es eine zeitlang mit ihm geſtanden / aber daß / als er nach Varenio Taulerum mit weniger ſorge wieder zu leſen angefangen / und ſeinem anweiſen gefolget haͤtte / er nunmehr der goͤttlichen krafft der ſchrifft in dero leſung ſelbs gewahr / auch ſeine vorige buchſtaͤbliche erkaͤntnuͤß recht lebendig in ihm worden ſeye. Welches ſich auch in ſeinem ferneren leben gnugſam geoffenbahret hat. Aus welchem exempel auch erhellen kan / wie gemuͤther / die auch nicht boͤſe ſind / bey allem buchſtaͤb - lichen wiſſen in die gefahr des Atheiſmi gerathen koͤnnen / wo ſie nicht ſonder - lich von GOtt davor bewahret / oder wieder heraus geriſſen werden.
§. XIV. Es kan aber nicht allein ſo zureden natuͤrlich geſchehen / daß ein menſch / der bloß in natuͤrlichem wiſſen ſtehet / in ſolche gefahr gerathe / ſondern wir bemercken auch dabey ein gerechtes goͤttliches gericht / das ſich darzu ſchlaͤget / wann GOtt denjenigen / welche gleichwie das natuͤrliche liecht / da - von §. VII. gehandelt / alſo auch das liecht des worts / das er ihnen gegeben / nicht recht gebrauchen / wie ſie ſolten / daß es nemlich nicht allein in die gedan - cken kaͤme / ſondern in das hertz getruckt wuͤrde / daher ihm auch die fruͤchten nicht bringen / auch dasjenige was ſie gehabt / nemlich das vergnuͤgen eines buchſtaͤblichen wiſſens wieder genommen werden laͤſſet. Matth. 25 / 29. So viel mehr wo ſie mit allerley ſuͤnden wider ihr gewiſſen / demjenigen ſchnur - ſtracks entgegen leben / was ſie noch in ſolchem zuſtand goͤttlichen willen zu ſeyn erachtet. Und beſtehet das goͤttliche ſtraff-gericht ſonderlich darinn / daß einmahl zwahr / weil das gewiſſen / das ſie noch vorhin nicht ſo gar in alle laſter ausbrechen laſſen / ſondern ſie noch zu weilen zuruͤck gehalten / alsdann wenn ſie allen concept von GOtt und deſſen ſtraff verliehren / damit auch ei - ne weil geſchweiget und ſtille wird / ſie deſto ungeſcheuter in alle boßheit aus - brechen / ihr maaß fein bald voll machen / und die hoͤlle ja recht verdienen / nach - dem ſie ſich den himmel nicht ernſtlicher angelegen ſeyn laſſen. Welches ge - wiß ein ſchreckliches gericht iſt. Nechſt dem iſt das gericht auch darinn zu er - kennen / daß ſie auch nicht mehr mit einem falſchen troſt / wie andre aus ihrer buchſtaͤblichen erkaͤntnuͤß zu weilen thun / ihr gemuͤth beruhigen koͤnnen / ſon - dern ihr elend deſto mehr fuͤhlen muͤſſen. Wie dann die ruhe / die ſich ſolche gottloſe mit ausbannung aller furcht GOttes machen wollen / ihnen auch nicht gedeyen / ſondern offte aber allezeit mit mangel alles troſtes / verſtoͤhret werden muß. Wie ich einen vertraulich gekennt / der mir ſeinen Atheiſmũ inge - heim geſtund / und auch ſich nicht helffen laſſen wolte / aber auch bekannte / daß er dabey miſerabel ſeye / und diejenige gluͤcklicher achtete / die einen troſt von goͤttlichen dingen ihnen ſelbs machen koͤnten / ob er wol denſelben falſch hielte. Daher er mich verſicherte / da er weib und kind dermaleins bekommen wuͤrde /G 3daß54Das erſte Capitel. daß ſie nimmer von dem Atheiſmo etwas aus ſeinem munde hoͤren ſolten / ſondern er dieſe in dem gemeinen irrthum / wie er die Chriſtliche religion nann - te / erziehen wolte / nicht allein ſelbs ſonſten nicht in gefahr / wo es auskaͤme / zu kommen / ſondern auch daß er ihr ſchonete / ſie nicht wie er waͤre / elend zu machen. Welches gewiß ein zeugnuͤß auch eines ſchrecklichen gerichts Got - tes iſt / ob es wol nach GOttes abſicht auch eine gelegenheit werden ſolte / nach einer goͤttlichen wahren erkaͤntnuͤß zu trachten.
§. XV. Eine urſach zu dergleichen gericht kan geben nechſt andern vor - ſetzlichen ſuͤnden / wo einer / dem GOtt die gnade gethan / ſeine reinere wahr - heit auffs wenigſte dem buchſtaben nach gehabt zu haben / ſie nicht allein ſich nicht darzu dienen laſſen / daß er dem H. Geiſt platz gegeben / dieſelbe in ſeine ſeele einzutrucken / auch ſich ſonſt nicht danckbar dagegen bezeuget / ſondern ſie auch aus bloß fleiſchlichen abſichten / indem keine andre bey ſolchem gemuͤth ſeyn koͤnnen / mit einer andern / von dero er eben ſo wenig oder weniger ver - ſicherung der wahrheit gehabt / verwechſeit / alſo in der that mit der religion ſpott getrieben haͤtte. Welches allerdings eine ſuͤnde iſt / die wuͤrdig vor GOtt geachtet werden kan / einem ſolchen allen geſchmack einer religion ver - gehen zu laſſen / und ihn voͤllig in des ſatans ſtricke zu uͤbergeben.
§. XVI. Alſo haben wir beſehen / wie diejenige / bey denen einmahl eine lebendige erkaͤntnuͤß geweſen / in den Atheiſmum verfallen koͤnnen. Es fra - get ſich aber / ob dergleichen ſich auch bey einem menſchen begeben moͤge / der einmahl in wahrhafftiger lebendiger erkaͤntnuͤß und glauben geſtanden ſeye? da zwahr ſcheinen moͤchte / ſolches waͤre ſo unmuͤglich / als es unmuͤglich ſchei - net / daß einer / der einmahl mit gutem bedacht die ſonne und ihr liecht ange - ſehen / oder des feuers waͤrme gefuͤhlet haͤtte / darzu kommen koͤnte / davor zu halten / die ſonne haͤtte kein liecht / und das feuer keine hitze. Jndeſſen iſts auch eine muͤgliche ſache / und bezeuget der H. Geiſt / daß auch diejenige / die zu einem hohen grad der erleuchtung gekommen ſind / doch wieder abfallen / ihnen ſelbs den ſohn Gottes creutzigen / und fuͤr ſpott halten. Hebr. 6 / 4. 5. 6. ſo dann daß die / welche durch die erkaͤntnuͤß des HErrn und Heylandes Jeſu Chriſti dem unflath der welt entflohen waren / wiederum in dieſelbige ge - flochten werden koͤnnen. 2. Petr. 2 / 20. 21. Zwahr moͤchte man ſagen / ſie wuͤr - den deswegen noch nicht Athei, ſondern fielen ſonſt in irrthum und laſter: a - ber es zeiget der text / daß ſie ſolche wahrheiten / die ſie vormahl in goͤttlichem liecht erkannt / wieder verliehren: welches da es bey einem alſo auch bey an - dern geſchehen kan. Ob dann nun der beyfall des von dem H. Geiſt gewirck - ten glaubens / indem dieſe wirckung empfindlich waͤhret / das hertz ſo uͤberzeu - get / daß es unmuͤglich anders glauben kan / wie einer der die ſonne ſihet nicht zweiflen koͤnte: ſo kan ſich doch der zuſtand aͤndern. Wann es dann auch beyeinem55SECTIO XII. einem wahren glaubigen / indem noch der glaube in dem hertzen verborgen bleibet / dahin gerathen kan / wenn GOtt zu ſeiner pruͤfung ſeine empfindli - che wirckung zuruͤcke zeucht / daß er in lauter zweiffel faͤllt / und ihm alles / was er vorhin gewiß / und goͤttlich verſichert geweſt / nicht nur ungewiß ſondern falſch vorkommet / daß auch die erinnerung der vorigen gewißheit den zweif - fel der nunmehr die ſeele in der anfechtung eingenommen / nicht heben kan: Wie ſolte dann nicht aus goͤttlichem gerechten gericht geſchehen koͤnnen / daß ein ſolcher menſch / dem GOtt ſich wahrhafftig offenbahret / daß er an ſolcher wahrheit nicht zu zweiflen vermocht / wenn er mit grobem undanck und ſuͤn - den muthwillig goͤttlichen zorn uͤber ſich gereitzet / nicht allein den glauben / wie er das lebendige goͤttliche liecht iſt / verliehre / welches alle bekennen wer - den / in ſolchem ſtand bey ihm zu verloͤſchen / ſondern daß bey ihm auch gar al - le gewißheit / die ſonſten noch bey dem buchſtaͤblichen wiſſen iſt / vergehe / ſo weit daß er auch in dieſe euſſerſte finſternuͤß ſeines verſtandes verfalle / nicht mehr auch insgemein zu glauben / daß ein GOtt ſeye / wie er nach dem allge - meinen concept zu ſeyn gehalten wird / hingegen alle ſeine vorige gehabte ge - wißheit vor betrug ſeiner phantaſie / die ihn bethoͤret habe / nunmehr achte. Welches wol eines der erſchrecklichſten gerichte ſeyn muß / daher auch einem ſolchen menſchen zwahr den weg zur buß nicht abſprechen will / aber ſorge / es werde nicht leicht mit einem wieder ſo weit kommen.
§. XVII. Nachdem wir dann geſehen / was es mit dem Atheiſmo vor ei - ne bewandnuͤß habe / und die urſachen betrachtet / ſo folget / was einem ſol - chen miſerablen menſchen zu thun ſeye wo ihm GOtt einige gnade wiederum anfaͤngt zu erzeigen / entweder durch andern chriſtlichen zuſpruch / oder durch ſchwehres leiden / oder was vor mittel der goͤttlichen weißheit darzu bey die - ſem und jenem zugebrauchen beliebte / das hertz kraͤfftig zu ruͤhren / und daß er noch derjenige ſeye / der er ſich allezeit zu ſeyn bezeuget hat / aber von ihm boͤßlich verleugnet worden ſeye / zu uͤberzeugen. Wie wir aber von einem ſolchen reden / nicht der noch wircklich und mit willen in ſeinem Atheiſmo ſte - het / ſondern der bereits von GOtt gezogen worden / und nunmehr weiß / daß ein GOtt / und zwahr ſolcher GOtt / der uns uͤber unſer gantzes leben zu gericht fuͤhren wolle und werde / ſeye / alſo iſt nicht noͤthig / davon zu handlen / wie einer erſt von ſeinem Atheiſmo, darinn er noch ſtecket / abzufuͤhren ſeye: welches kein geringer werck iſt / als einen todten auffzuwecken: ſondern die abſicht iſt allein / wie einem ſolchen armen menſchen / indem GOtt bereits ei - nen anfang des lebens erwecket / an die hand zu gehen / damit er ſich der ange - fangenen gnade recht gebrauche / und dero wercke in ſich nicht hindere / ſondern vielmehr fordere. Es kommet aber alles auff 3. ſtuͤcke an. 1. wird erfor - dert hertzliche buß uͤber vorige ſuͤndliche boßheit; dazu muß kommen 2. be -feſti -56Das erſte Capitel. feſtigung des anfangs des glaubens: und 3. die einrichtung kuͤnfftiger danck - barkeit.
§. XVIII. So iſt nun das erſte / daß ein ſolcher menſch / ſo bald ihn die gnade GOttes zu ruͤhren anhebt / derſelben bey ſich platz gebe in wahrer buß / ſich nehmlich die grauſamkeit ſeiner ſuͤnden und euſſerſte gefahr des etwa lang gewaͤhrten zuſtands recht vor augen zuſtellen / um einen heiligen ſchrecken und ſchaam daruͤber bey ſich zu erwecken / ſolchen wuſt im ernſtli - chen haß durch goͤttliche gnade ſorgfaͤltig von ſich auszukehren / und die groͤſſe goͤttlicher ihm erzeigender gnade deſto hoͤher zu erheben. Die ſchwehre der ſuͤnde zeiget ſich / worauff man nur die augen hinwendet. So iſt nun der Atheiſmus vor allen andern eine ſo viel ſchrecklichere ſuͤnde / als unmittelba - rer ſie gegen GOtt gehet / und in deſſen verleugnung beſtehet / als die denſel - ben gleichſam von ſeinem thron herab ſetzen oder ſtuͤrtzen will. Wie nun in der welt / ob wohl ein regent ſich durch uͤbertretung eines jeden ſeiner gebot / als woduꝛch allemal der ihm ſchuldige reſpect mit hindangeſetzet wird / beleidiget achtet / doch alles das / was wider ihn ſonſt geſchihet / in keine vergleichung mit dem jenigen verbrechen kommet / wo einige von ihren regenten nichts wiſſen wollen / laͤugnen daß ſie ihre regenten ſind / wollen ihnen alſo durchauß nicht gehorchen / und wann ſie auch aus andern urſachen etwas nach ihrem be - fehl thun / es doch darvor nicht wollen angeſehen haben / ſuchen auch andere von ihnen abzuwenden: alſo daß ein regent eines einigen ſolchen offenbahren frevel und feindſeligkeit vor ſchwerere beleidigung annimmet / als vieler an - derer auch boßhafftigen ungehorſam. Ja es werden auch herrn / die ſonſten guͤtig ſind / und vieles nachſehen und vergeben koͤnnen / ſchwehr dran kommen / eine ſolche gleichſam geſchworne feindſeligkeit zuverzeihen: geſchihet aber dieſes / ſo wird eine ſolche guͤte als etwas auſſerordentliches geachtet und ge - ruͤhmet. Eine gleiche bewandnuͤß aber hat es nun mit dem Atheiſmo an ſich ſelbs / in vergleichung gegen andere ſuͤnden.
§. XIX. Es machet aber die ſuͤnde viel ſchwehrer / nicht allein weil ſie ge - rade gegen GOtt gehet / ſondern auch weil ſich GOtt allen menſchen ſo weit gnugſam geoffenbahret hat / daß keiner eine entſchuldigung ſeiner gottloſig - keit haben kan / wie Paulus Rom. 1. alle Heiden deſſen uͤberzeuget: Daher es eine ſuͤnde iſt / mit dero man nicht als aus menſchlicher bloſſer ſchwachheit herkommende mitleiden zutragen / ſondern dero boßheit zu verurtheilen hat. Wie nun ſolches auch denen gilt / die kein ander mittel der erkaͤntnuͤß als das buch der natur und des gewiſſens gehabt haben / ſo iſts noch ſo viel unſchuld - barer / wo einige darein verfallen / die unter Chriſten gebohren und erzogen ſind / und ihnen alſo an den nechſten mitteln zu derſelbigen erkaͤntnuͤß nichts abgegangen iſt / ſie aber entweder aus verdammlicher verachtung dieſelbegantz57SECTIO XII. gantz hindan geſetzt / oder ſie nicht weiter gebraucht / als zu einer buchſtaͤbli - chen erkaͤntnuͤß zu kommen: welche verachtung von ſo viel ſchwehrer ſchuld zu ſchaͤtzen / als groͤſſer die gnade iſt / die in der verſchaffung ſolcher mittel er - kannt werden ſolte. Die ſchwehrſte ſchuld aber iſt derjenigen / bey welchen es wircklich zu einer wahren und lebendigen erkaͤntnuͤß durch des H. Geiſtes wirckung gekommen waͤre / und ſie gleichwol auch ſolches goͤttliche liecht bey ſich muthwillig aus geloͤſchet haͤtten / welches geſchehen zu koͤnnen §. XVI. ge - zeiget worden. Wie nun dieſe umſtaͤnde die ſuͤnde ſo viel ſchwehrer machen / ſo muß auch ſolche ſchwehre in der buß allerdings erkannt werden. Man ſtelle ſich nur insgemein vor die groſſe undanckbarkeit eines ſolchen men - ſchen / der nicht allein ſein ſeel / leib und leben von GOtt empfangen / ſondern es auch taͤglich gleichſam als ein neues geſchenck von ihm anzuſehen hat / ne - ben dem augenblicklich ſo viel gutes von ihm genieſſet / und er doch denjeni - gen / von dem ihm alles kommt / und er ſich ihm durch alle ſolche gaben immer auffs neue / wo er nur achtung geben wolte / offenbahret / nicht kennen will / ſondern gar verleugnet; ſo vielmehr wo er ihm auch ſein wort gegeben / und ihn auch dadurch auff allerley weiſe zu ſeiner erkaͤntnuͤß eingeladen / er aber die augen ihn zu ſehen verſchloſſen / die ohren aber zu hoͤren verſtopffet hat. Am allermeiſten aber macht einen ſolchen unentſchuldbar / wann der HErr / ſo ich bey den meiſten offtmahl zu geſchehen glaube / auch bey demſelben in - nerlich an die ſeele / entweder unmittelbar durch ruͤhrung des gewiſſens / oder durch euſſerliche veranlaſſung / nicht nur in hoͤrung etwas vom goͤttlichen wort / ſondern auch bey allerley ungefehr geſchienen begebenheiten / anklopf - fet / daß ſie deſſen in gewiſſer maaß gewahr wird / den ſie doch nicht kennen will / und demnach auch ſolche regungen und innerliche zeugnuͤſſen in wind ſchlaͤget.
§. XX. Wie aber die gottloſigkeit ſo wol ihre boͤſe fruͤchte hat / als aus der goͤttlichen erkaͤntnuͤß gute folgen / alſo muͤſſen auch ſolche boͤſe fruͤchten hertzlich erkannt werden. Jſt es / daß ein ſolcher Atheus, wie gleichwol die mei - ſte thun / ſich dennoch euſſerlich zu der religion / dabey er gebohren / oder die er ſich gewehlet / haͤlt / zuweilen dero Gottesdienſt mit pfleget / auch wol der Sa - cramenten mit gebraucht / ſo iſt es nicht allein eine ſchaͤndliche heucheley / ſon - dern ein eigentliches geſpoͤtt GOttes / der ſich gleichwohl nicht ohn gefahr und ernſtliche ſtraffe ſpotten laͤſſet. Gal. 6. Es iſt ein unverantwortlicher mißbrauch der goͤttlichen guͤter / ſonderlich in dem H. Abendmahl des lei - bes und blutes des HErren / der nicht anders kan als ein ſchwehres zorn - gericht nach ſich ziehen. Es iſt ein verdammlicher mißbrauch goͤttlichen nah - mens / ſo offt er denſelben in bekaͤntnuͤß / gebet / geſang / in den mund genom - men / da ſein hertz innerlich alles geſpottet hat / aber eben deswegen nach goͤtt -Hlicher58Das erſte Capitel. licher trohung nicht ungeſtrafft bleiben kan. 2. Moſ. 20 / 7. daher wo ein ſol - cher menſch nachmahl zur erkaͤntnuͤß kommt / er nicht anders kan / als daß er alles ſein leben / ob es auch im uͤbrigen das ehrlichſte geweſen waͤre / verdam - men muß / nicht allein weilen es niemahl aus der rechten bewegenden urſach der liebe / furcht und gehorſam GOttes gefuͤhret worden / vielmehr die eige - ne liebe die einige meiſterinn und regel alles thuns geweſen iſt / ſondern auch weil die dabey geuͤbte heucheley alle uͤbrige ſchuld immer vermehret hat.
§. XXI. Jndeſſen werden etwa wenige ſeyn / deren ihr hertz mit dem a - theiſmo angefuͤllet iſt / die nicht auch allen anderen ſuͤnden bey ſich die herr - ſchafft lieſſen / von dero begehung ſie nicht eine fleiſchliche urſach abhaͤlt / in - dem ſie davon entweder ſchaden oder ſchimpff oder doch einige ungelegenheit zu erwarten haben. Waͤre dieſer zaum weg / ſo lieſſen ſie ihren boͤſen luͤſten den zuͤgel voͤllig ſchieſſen; daher auch ſo bald ſie mehr vortheil von der ſuͤnde als dero enthaltung ſehen / ſind ſie bald fertig ſie zu thun. Daher ſolcher leu - te viele ſind / die in oͤffentlichen laſtern / voͤllerey / hurerey / ehebruch / mord / raub / ungerechtigkeit / und dergleichen ſich ungeſcheuet weltzen / wo ſie nem - lich eine ſolche ſtelle in der welt bekleiden / in dero ſie ſich vor der obrigkeit und ſchwerdt nicht zu fuͤrchten / ſo dann darvon / daß ihre boßheit offenbahr ſeye / nichts zu ſorgen haben. Ja es ſteiget wol gar die boßheit in den grad / daß ſie ſich ihrer laſter ruͤhmen / um auch damit GOttes / der ſie verbothen habe / und der andern einfalt / die ſich deſſen gebot von erfuͤllung ihrer luͤſten abhalten lieſſen / zu ſpotten: Ja wo ſie einige art der ſuͤnden wuͤßten / die ſie noch nicht begangen haͤtten / und ſie aber ſicher begehen koͤnten / haͤtten ſie kei - ne ruhe biß ſie auch ſolche boͤſe luſt gebuͤſſet haͤtten. Solte nun einem ſolchen verrucht geweſten gleichwol auch die gnad der buß wiederfahren / ſo hat er dergleichen laſter-thaten / ob ſie wohl aus ſeinem Atheiſmo hergekommen / nicht deſto geringer zu ſchaͤtzen / weil er gegen eines GOttes gebot geſuͤndigt habe / den er nicht erkannt / alſo kan dadurch die ſchuld ſeiner uͤbelthaten nicht erleichtert werden.
§. XXII. Auff dieſe art hat ein ſolcher gottloß geweſter / aber zur buß geruͤhrter / menſch ſein leben anzuſehen / und zu bedencken / wie er deswegen in ſtetem zorn GOttes und voͤlliger dienſtbarkeit des boͤſen geiſtes / alſo in dem vorhoff der hoͤllen / gelegen / damit das hertz zu einem rechten ſchrecken und entſetzen uͤber vorigen gefaͤhrlichſten ſuͤnden-ſtand gebracht / und ein ſo viel ſtaͤrckerer haß gegen die ſuͤnde in demſelben erwecket / ja dadurch ein ſo viel tiefferer grund der buß auff das gantze leben gelegt werde. Jndeſſen hat ſich der menſch zugleich vorzuſtellen die unausſprechliche guͤtigkeit und langmuth des himmliſchen vaters / der nicht nur ſo lang etwa mehrere jahr / ihm in ſeiner boßheit zugeſehen / da er ihn gleich ſo bald in ſeinem gericht hin -reiſ -59SECTIO XII. reiſſen und in die hoͤlle ſtuͤrtzen moͤgen / ſondern daß er die gantze zeit / als er von ihm nichts wiſſen wollen / ja wol gar ſeiner geſpottet / und wo nicht mit worten / auffs wenigſte mit ſo vielen boͤſen thaten / ihn gelaͤſtert / gleichwol nicht unterlaſſen ihm gutes zu thun / und damit nach Pauli lehr Rom. 2 / 4. zur buſſe geleitet / und ſich durch die offtere verachtung nicht muͤde machen laſſen: biß er endlich durch die beſtaͤndigkeit ſeiner gnade ſeine hartnaͤckigkeit uͤberwunden / und die buß in ihm angefangen. Welche guͤte noch ſo vielmehr zu erheben / wo der menſch ſich erinnert / in ſeinem gottloſen ſtand dem tode (und alſo der ewigen verdammnuͤß) wol gar aus eigener ſchuld / und da er die gefahr ſelbs geſucht / ſo nahe geweſen zu ſeyn / daß es eines ſonderbaren ſchu - tzes ihn zu erhalten bedorfft / und der gnaͤdige GOtt auch denſelben geleiſtet hat / um die zeit der buß / wie er wol gekont / ihm nicht abgeſchnitten werden zu laſſen. Am allermeiſten aber erkennet er die uͤberſchwengliche gnade / wo er ſich einiger exempel erinnert anderer / die in gleicher gottloſigkeit / oder auch an - derer boßheit / von goͤttlichem gericht weggeriſſen worden / und alſo ohne buß gewiß verlohren gegangen ſind. Welches ihm gleichfals begegnen koͤnnen / und ers nicht weniger verſchuldet haͤtte. Alle dieſe betrachtung der goͤtt - lichen barmhertzigkeit / dienet nicht allein zu befeſtigung des glaubens / ſon - dern auch machet die reue erſt recht heilſam / daß ihm ſein voriger zuſtand leid ſeye / nicht mehr allein oder vornemlich wegen der verdammnuͤß / in die er / wo er darinne beharret / gefallen ſeyn wuͤrde / ſondern aus betruͤbnuͤß ſeinen guͤ - tigen vater ſo wol ſo lange nicht gekannt als ſo groͤblich beleidiget zu haben / daß er daran nicht anders als mit ſchaam und wehemuth gedencken kan.
§. XXIII. Ob nun wol dieſe betrachtung der goͤttlichen gnade / die der arme menſch an ſich ſelbs erfahren hat / und davon jetzt meldung geſchehen / bereits zu ſtaͤrckung des glaubens dienet / ſo wird doch bey einem ſolchen men - ſchen / weil es ihm auch theils an der erkaͤntnuͤß theils beyfall der goͤttlichen wahrheiten gemangelt / erfordert / daß der in ſeiner ſeele wieder angezuͤndete funcke des glaubens recht zur krafft komme / und zu einem rechten feur werde. Darzu hat er ſich der gehoͤrigen mittel zu gebrauchen; zum forderſten eines ſtets anhaltenden gebets um den H. Geiſt / den der HErr den betenden ver - heiſſen hat Luc. 11 / 13. daß ihm der vater denſelben gebe / als den geiſt der weißheit und der offenbahrung zu ſein ſelbs erkaͤntnuͤß / und erleuchtete au - gen des verſtaͤndnuͤſſes / zu erkennen welches da ſeye die hoffnung unſers be - ruffs und welches ſeye der reichthum ſeines herrlichen erbes an ſeinen heili - gen. Eph. 1 / 17. 18. alſo daß er ihm den glauben / auff den alles ankommet / ſtaͤrcke. Luc. 17 / 6. Mit dieſer uͤbung hat er ſtets umzugehen / damit ſich nie - derzulegen und wieder auffzuſtehen.
H 2§. XXIV. 60Das erſte Capitel.§. XXIV. Nechſt dem iſt nun das haupt-mittel des glaubens das goͤtt - liche wort / welches ein ſolcher menſch ſich deſto eiffriger angelegen ſeyn laſſen muß / indem daſſelbe recht die wahre artzeney ſeiner kranckheit iſt. Ob er nun ſolches auch gern anhoͤren ſolle in oͤffentlichen verſamlungen / da er dieſelbige haben kan / und von reinen lehrern / auch ſo viel an ihm iſt am fleiſ - ſigſten von ſolchen / deren leben zeuget / daß ſie wohnſtaͤtte des H. Geiſtes ſeyen / in deſſen liecht ſie das wort ſo viel weißlicher zu uͤberzeugung der hertzen vortragen / auch GOtt auff ihr gebet zu ihren predigten ſo viel rei - chern ſegen gibet: ſo iſt doch das vornehmſte / daß er ſelbs das wort des le - bens in der ſchrifft leſe / als von welchem allein / nicht aber von der predigt eines menſchen (die er allemal erſt zu pruͤfen hat /) er verſichert iſt / daß der - ſelbe nicht einiges menſchliches und ungewiſſes unter das gute miteingemi - ſchet habe / ſondern daß alles die pure goͤttliche wahrheit ſeye. Er hat in der - ſelben zuforſchen / indem ſie das liecht iſt / in welchem wir die goͤttliche wahr - heit ſehen / uñ das uns die augen ſelbs zum ſehen oͤffnet / auch iſt ſie eine krafft / was ſie uns vorhaͤlt auch in das hertz zu trucken / zu deſſen uͤberzeugung und befeſtigung. Er muß ſie aber leſen / als ein buch / welches zwahr auch viele euſ - ſerliche zeugnuͤſſen ſeiner goͤttlichkeit / als ſeine alte / die allgemeine uͤberein - ſtimmung der gantzen / ob wol ſonſt in ſo viele ſecten zertrennten / Chriſtlichen kirchen (zugeſchweigen der zeugnuͤſſen / die ſie auch in gewiſſer maaß von ſon - ſten unglaubigen erhalten / das blut ſo vieler tauſend maͤrtyrer / die ſeine wahrheit verſiglet / die goͤttliche ſorgfalt es gegen alle feinde zuerhalten / und was dergleichen mehr ſeyn mag) aber den vornehmſten erweiß in ſich ſelbs habe / durch die drein gelegte krafft die hertzen zu uͤberzeugen. Daher die erwegung jener gruͤnde / ſonderlich des zeugnuͤſſes der kirchen / zwahr wol dienlich iſt / das gemuͤth ſo vielmehr zu bereiten / und zu andaͤchtigem leſen willig zu machen / aber den glauben ſelbs muß er auff ſolche erweißthume oder einiges menſchen autoritaͤt nicht gruͤnden / ſondern ſich des H. Geiſtes wirckung alſo uͤberlaſſen / daß deſſen verſieglung der wahre grund ſeines glaubens werde. Daher muß auch das leſen geſchehen / wie mit inbruͤn - ſtigem gebet / alſo hertzlicher andacht / und achtgebung ſo wol auff das jeni - ge was man liſet / als auch was man darvon in dem hertzen fuͤhlet. Son - derlich muß es auch geſchehen mit erkaͤntnuͤß unſerer natuͤrlichen verderb - nuͤß und groſſen unvollkommenheit in dieſem leben / hingegen der hoheit der goͤttlichen wahrheiten / die darinnen ſtehen: Solche betrachtung wircket nicht allein hertzliche demuth / und erhaͤlt das hertz in derſelben / ſondern verwahret es auch vor vielen anſtoͤßen / daß es ſich nicht aͤrgere / da es ſo vie - les nicht verſtehen kan / und die urſach nicht der ſchrifft ſondern ſeinem eigen mangel zu ſchreibe / oder da ihm dinge darinn vorkommen / die ihm ſcheinenfalſch61SECTIO XII. falſch oder ungereimt zu ſeyn (um welcher willen die faͤlſchliche vernunfft ſo bald die wahrheit in zweiffel ziehen will) daß es die ſchuld wiederum nicht der ſchrifft ſondern daß man dero ſinn nicht recht begreiffe / beymeſſe. Auſ - ſer dieſer demuth und erkaͤntnuͤß ſeiner untuͤchtigkeit iſts einem menſchen insgemein / ſo viel mehr einem ſolchen / deſſen gemuͤth ohne das mit vie - len ſcrupeln ſich angefuͤllet hat / nicht muͤglich / daß es ſich nicht bey allem leſen ſtoſſe / und meiſtens von dem leſen eher aͤrger als beſſer auffſtehe / in - dem es ſeine falſche concepten / die es ſich macht / dem wort zueignet / und es alsdenn nach denſelbigen beurtheilet / aus denen der menſch vielmehr ſeine thorheit haͤtte erkennen ſollen. Daher auch die abſicht bey dem leſen nicht ſeyn muß / fuͤrwitz und begierde in dem wiſſen alſo zu zunehmen / daß man damit prangen moͤge / ſondern allein ſoviel erkaͤntnuͤß / als der HErr zu ſeinen ehren und unſerer ſeligkeit noͤthig erkennen werde. Worauß auch fol - get / daß das leſen auch nach dieſer abſicht ſich richten ſolle / nemlich daß man ſonderlich zu erſt alſo leſe / daß man ſich meiſtens allein an das jeni - ge halte / und daſſelbige erwege / was leicht zu verſtehen iſt / um das hertz erſtlich mit den dingen zu erfuͤllen / die den glauben am einfaͤltigſten gruͤnden / und zu dem leben die noͤthige regeln geben: ſo bald man aber andre antrifft / deren verſtand wir nicht faſſen koͤnnen / oder wol gar ſeltzſame ſcrupul uns daruͤber auffſteigen wolten / darauff nicht beharren / oder mit gewalt den verſtand erzwingen wollen / ſondern gleich gedencken / die ſache ſeye uns zu hoch / und eine ſpeiſe / die wir noch nicht verdauen koͤnten / daher ſichs gezieh - me / ſich noch mit milch zubehelffen / und der zeit zu erwarten / da uns der HErr auch / wann wir erſt in anderem ihm treu worden waͤren / zu fernerm er - kaͤntnuͤß tuͤchtig machen werde: als die wir uns ihm gern lediglich uͤberlaſſen wolten / wie und in was ordnung es ihm beliebte uns zu fuͤhren. Dieſe me - thode iſt die ſicherſte / und wehret manchem anſtoß / der ſonſten das leſen un - fruchtbar machen / wo nicht gar mehr ſchaden thun wuͤrde. Es iſt auch wol auff die ordnung acht zu geben. Daß man erſt das neue teſtament / und das alte erſt nach demſelbigen / vornehme / weil jenes ſo wol den grund des glaubens deutlicher zeiget / als auch zu weniger ſcrupuln gelegenheit gibt; daher es am beſten iſt / durch die leſung des neuen ſich zu dem alten geſchick - ter zu machen. Was auch ſonſten von chriſtlichen lehrern hin und wider in ihren ſchrifften erinnert wird / was bey dem leſen der ſchrifft / um des heiligen Geiſtes wirckung nicht zu hindern / zu beobachten ſeye / iſt alles ſo viel mehr von einem ſolchen leſer / der erſt den glauben bey ſich feſt gruͤnden ſolle / in acht zu nehmen: ſonderlich recommendire ich jeglichem dieſe regeln / deren ſelbs hin und wider meldung gethan habe / daß ein chriſtlicher leſer befliſſen ſeyn muͤßte / ſo bald er einige erkaͤntnuͤß aus der ſchrifft gefaßt zu haben beyH 3ſich62Das erſte Capitel. ſich gewahr wird / nicht allein GOtt darvor zu dancken / ſondern ſo bald zu trachten / daß er einige frucht derſelben in ſeinem leben bringen moͤge / denn dieſes iſt der weg / auff dem ihm GOtt immer noch mehr von ſeiner wahrheit offenbahren wird / weil er vor die erſte offenbahrung ihm gleich danckbar worden iſt. Darmit wird erfuͤllet / was da ſtehet Matth. 25 / 29. Wer da hat / dem wird gegeben / und wird die fuͤlle haben.
§. XXV. Wo nun der grund in buß und glauben geleget iſt / da muß auch dero frucht der neue gehorſam folgen. Darvon ich einem ſolchen wie - dergeruffenen menſchen folgende regeln vorſchreiben wollte 1. daß er in dem fleiß in dem glauben ſich zu befeſtigen nicht muͤde werden ſolle / biß ſein hertz der goͤttlichen wahrheit vollig uͤberzeuget / und allem zweiffel abgeholffen worden iſt / ja auch alsdann nicht / in dem der auch feſteſte glaube noch ſeiner ſtaͤrckung und erhaltung bedarff / und welcher ſeines fleiſches und der ver - nunfft betrug / daraus er ſo lang in der gottloſigkeit geblieben / kennen ge - lernet / ſich immer von denſelben verſehen muß / daß ſie bey jeder gelegenheit ihm widerum zweiffel beyzubringen ſich unternehmen werden: Daher er ſo viel ſein maaß der gnaden zugibet / nicht mit den bloßen einfaͤltigen grund - lehren / die ſonſten zur ſeligkeit an ſich genug ſind / zufrieden bleiben / ſon - dern ſich dahin bearbeiten ſolle / dasjenige auch verſtehen zu lernen / wor - aus die wider aufſteigende zweiffel am kraͤfftigſten beantwortet werden koͤn - nen / um ſich auff kuͤnfftige kaͤmpffe bey zeiten zu bereiten.
§. XXVI. Weilen aber auch allen bekannt / daß leider die Chriſtenheit durch unterſchied der lehre / da doch in allen ſtuͤcken nur eine die wahrheit ſeyn kan / in verſchiedene theil getrennet worden / deren jeder den andern ſolche irr - thume beſchuldiget / die mit dem grunde des glaubens nicht ſtehen koͤnnen: ſo hat 2. ein ſolcher / der erſt zu einem chriſtlichen glauben gefuͤhret wird / weil er ſich doch zu einem gewiſſen hauffen halten muß / wol zu zuſehen / zu der gleichen einer kirchen ſich zu verfuͤgen / bey dero er die jenige lehr hoͤren / und darmit unterhalten werden kan / die allein von Chriſto das ihrige herhat / und von ihren gliedern nichts anders geglaubet zu werden verlangt / als was Chriſtus und ſeine Apoſtel gelehret haben / auch ihme keine andre geſetze vorſchreibet / als die der HErr gegeben hat. Alſo mags nicht genug ſeyn / bloß bey der religion / darinn man gebohren / oder in ſeiner blindheit aus fleiſchlichen urſachen ſich begeben hat / ohne unterſuchung bleiben wollen / ſondern es iſt noͤthig / die ſo genante religionen nach dem maaß / das jedem bey wohnet mit einander zuvergleichen / und zu pruͤfen / in welcher die goͤtt - liche wahrheit in der lehr am reinſten zu finden / und alsdenn ſich zu derſel - ben zu verfuͤgen: Es muß aber auch ſolche pruͤffung und nachmal entſchluß geſchehen lauterlich nach dem zeugnuͤß des gewiſſens ohne die geringſte ab -ſich63SECTIO XII. ſicht auff einiges fleiſchliches und irrdiſches intreſſe, wie es nahmen haben moͤchte / nachdem er bey einer parthey mehr als bey der andern von ehr / reſpect, reichthum / bequemern leben und dergleichen finden oder zu hoffen haben moͤchte. Denn ſo bald dieſe zeitliche dinge mit in conſideration gezo - gen werden / iſt die wahl nicht nur verdaͤchtig / ſondern unrecht. Wo aber ohne ſolche abſichten die religionen untereinander betreffend ihre lehren / ver - glichen werden / traue ich zu GOtt / die in der furcht des HErren geſchehende unterſuchung werde der Evangeliſchen oder Lutheriſchen den preiß zu ſpre - chen muͤſſen: als die ſich bloſſer dings auf das goͤttliche gewiſſe wort gruͤndet / und weder menſchliche autoritaͤt mit zu dem grund ziehet / darauff nie kein ge - wiſſen feſt ruhen kan / noch der vernunfft zu viel einraͤumet: ferner als die durch ihre lehr / wo ſie recht eingenommen iſt / weder einigen deſſen faͤhigen menſchen es an troſt mangeln laͤſſet / noch die ſicherheit heget: ſo dann die die wahre gottſeligkeit am herꝛlichſten und alſo treibet / daß ſie krafft deroſelben lehr weder zur heucheley oder aberglauben werde / noch der fleiſchlichen frech - heit raum gebe. Zu dieſer ſorgfaͤltigen unterſuchung des unterſchieds der religionen / verbindet einen ſolchen menſchen ſo vielmehr die gnade / die ihm Gott in ſeiner zuruͤckfuͤhrung von ſeinen irrwegen erzeiget hat / die allerdings erfordert / daß er nunmehr eine ſolche liebe zu goͤttlicher wahrheit trage / daß ihm nicht gnug ſeye / insgemein eine erkaͤntnuͤß derſelben zu haben / ſondern allen fleiß anwende / dieſelbe voͤllig / als viel muͤglich iſt / zu erkennen / und mit willen oder aus eigner ſchuld in keinem irrthum zu bleiben. So vielmehr weil kein irrthum in eigentlichen glaubens-ſachen ſo gering iſt / der nicht auffs wenigſte in gewiſſen faͤllen an der ſeligkeit ſchaden bringen koͤnte. Vor al - lem aber iſt noͤthig / ſich zu huͤten vor einer religion / in dero man vielen aber - glauben und art einiger abgoͤtterey findet: von welcherley die Roͤmiſche kir - che / wo ſie recht eingeſehen wird / ſich nicht gnugſam loßwickeln kan / auch oh - ne das vieles in derſelben ſich findet / das anlaß zu dem Atheiſmo gibet oder laͤſſet.
§. XXVII. Es iſt aber nicht gnug einmal zur erkaͤntnuͤß und bekaͤntnuͤß der wahrheit gekommen zu ſeyn / ſondern 3. wird erfordert / wo GOtt einem menſchen dieſe gnade erzeiget / daß er alsdann nicht allein bey derſelben ſo viel beſtaͤndiger beharre / ſondern mit deſto mehrerem ernſt und eiffer in dem gan - tzen leben hinfort GOtt dienende gleichſam das vorige wieder einzubringen trachte: nicht allein was anlangt die erkaͤntnuͤß ſelbs / mit deſto mehrerem fleiß ſich auff dieſelbige zu legen / und immer mit GOttes wort umzugehen / ſondern auch das uͤbrige gantze leben alſo zu fuͤhren / daß der gehorſam GOt - tes und deſſelben ehr die wahre antreibende urſach aller verrichtungen wer - de / um alſo den / von dem man ſich vorhin entfernet / ſtets vor augen zu ha -ben /64Das erſte Capitel. ben / und vor ſeinem angeſicht zu wandlen / und weil viel vergeben worden / deſto mehr auch zu lieben. Luc. 7 / 47. Es geziehmet ſich auch taͤglich ſich der groſſen wolthat / aus vorigen ſtricken des teuffels erloͤſet worden zu ſeyn / hertzlich zu erinnern / um dem HErrn davor nicht allein muͤndlich zu dancken / ſondern ſich auch zur thaͤtlichen danckbarkeit in dem uͤbrigen leben auffzu - muntern: ja es ſolte nicht undienlich ſeyn ſich einige gewiſſe merckmal zu ma - chen / mit faſten und dergleichen uͤbungen / um mehrmal auff ſonderbare weiſe die gedaͤchtnuͤß der empfangenen gnade bey ſich zu erneuen. So dann will auch noͤthig ſeyn / wo der HERR einem ſolchen bekehrten nachmal einiges ſchwehres auch wol langwihriges leiden zuſchickte / es ſeye nun von kranckheit oder allerley widerwaͤrtigkeit / daſſelbe mit ſo vielmehr gedult zuertragen / ja goͤttlicher guͤte zu dancken / die was ſie ſonſten als eine wolverdiente ſtraff der ſuͤnden gerechter weiſe haͤtte zuſchicken koͤnnen / nun allein zur probe und uͤ - bung des glaubens / zur heilſamen zuͤchtigung und huͤlffs-mittel der heili - gung zuſende. Wer aber uͤber das folgende leiden gegen GOtt murret / ver - raͤth ſich / daß er ſich die ſchwehre ſeiner vorigen ſuͤnde / noch nicht ſo zu hertzen / wie ſichs geziehmet / habe gehen laſſen.
§. XXVIII. Hieneben 4. geziehmet ſich ferner / alle gelegenheit / dadurch man wieder auch nur um etwas den alten abwegen naͤher kommen koͤnte / mit allem ernſt zu fliehen / nicht allein in vermeidung vielen umgangs ſolcher leu - te / die mit dergleichen gifft angeſteckt ſind / und daher ein neubekehrter ſich derſelben / ohne wo er etwas an ihnen zu beſſern hoffnung haben kan / um an - derer und ſeiner ſelbs willen billich entſchlagen / nicht aber vermeſſentlich und aus vertrauen eigener kraͤffte ſich mit ihnen einlaſſen ſolle (wohin auch die vermeidung verfuͤhriſcher buͤcher gehoͤret) ſondern auch in ſorgfaͤltiger ver - wahrung vor andern muthwilligen ſuͤnden / als wodurch man ſich eben ſo wol von GOtt entfernet: und gleichwol ein ſolcher menſch ſtets in derglei - chen gefahr ſtehet. Dann weil der ſatan / der zeit voriger gottloſigkeit in ihm gleichſam gewohnet hat / durch die bekehrung erſt ausgetrieben worden / aber ungern gewichen iſt / ſo iſt kein zweiffel nach Luc. 11. daß er nach aller gele - genheit trachte / ſeine vorige herberge wieder zu beziehen; darzu ihm befor - derlich iſt / wo er erſt ihn wieder in ſeinen dienſt durch die herrſchafft dieſer o - der jener ſuͤnde bringe. Dann erlangt er dieſes / und der bekehrt geweſte raͤu - met gewiſſen ſuͤnden bey ſich eine ſtelle alſo ein / daß er ſie mit willen begehet / und etwas darinn beharret / ſo faͤllet er damit in goͤttliche ungnade / der ſatan wird durch die ſuͤnde maͤchtig in ihm / hingegen der Heil. Geiſt muß weichen / damit erloͤſchet das himmliſche gnaden-liecht des glaubens in dem menſchen wie unſre kirche einmuͤthig lehret / und ſolches aus GOttes wort erwieſen hat) ob wol noch die buchſtaͤbliche erkaͤntnuͤß des vorhin gewußtẽ / ein menſch -licher65SECTIO XII. licher beyfall und fleiſchliches vertrauen (aber alles ohne lebendige krafft) im gemuͤth uͤbrig blieben / die der arme menſch noch vor den glauben haͤlt / und ſich daher ihn verlohren zu haben nicht einbildet. Wo nun der menſch ohne den wahren goͤttlichen glauben / ob wol in einer ſolchen einbildung / ſein leben vol - lends zubringet / iſt er nicht weniger verdammt / als er in vorigem atheiſmo war / indem ihn das todte bild des glaubens nicht ſelig machen kan. Es kan aber auch leicht aus goͤttlichem gerechten gericht dahin kommen / daß ſich auch dasjenige todte weſen / ſo er noch vor den glauben geachtet / endlich verliehre / als welches ohne das ohne krafft iſt / und daher wann der ſatan ſelbs und durch ſeine inſtrumenten wieder an den menſchen mit den vorigen atheiſti - ſchen verſuchungen anſetzet / nicht beſtehet / und alſo ein ſolcher wiederum in ſeinen vorigen Atheiſtiſchen groben unglauben verfalle / daß er was GOtt zeit ſeiner bekehrung gutes in ſeiner ſeelen gewircket / nachmals wieder vor traͤume und phantaſien haͤlt / damit er ſich eine weile haͤtte betriegen laſſen. Wo es nun zu ſolchem ruͤckfall kommt / ſorge ich / daß gemeiniglich ſo bald auch ein goͤttliches gericht der verſtockung hiezu ſchlage / und ein ſolcher armer menſch alsdann nicht mehr leicht bekehret werde / weil der erſte teuffel ſieben aͤrgere geiſter mit ſich gebracht hat / und daher ſeine feſtung / die er wieder ein - genommen / viel ſorgfaͤltiger als vorhin verwahret. Zu dem es goͤttlicher gerechtigkeit allerdings gemaͤß iſt / eine ſolche perſon / an dero erſt durch ihre bekehrung von der gottloſigkeit ein ungemeines exempel der goͤttlichen barm - hertzigkeit erwieſen worden / um welcher willen auch eine ſo viel ernſtlichere und beſtaͤndigere danckbarkeit folgen ſollen / wo an ſtatt dieſer dieſelbe wieder muthwillig abweicht / hinwieder zu einem ſchrecklichen beyſpiel des gerechten gerichts GOttes zu machen / und ſeinen zorn uͤber ſie auszugieſſen. Wel - ches zwahr nicht allein von denjenigen / die wircklich wieder in die atheiſterey gerathen / zu verſtehen iſt / ſondern auch diejenige betrifft / die nach der bekeh - rung / ob ſie wol bey der bekaͤntnuͤß der wahrheit und ihrem buchſtaͤblichen wiſſen bleiben / gleichwol wiederum in ein ruchloſes leben verfallen / und in den unflath der welt / dem ſie entflohen waren / ſich wiederum einflechten und uͤberwinden laſſen. 2. Petr. 2 / 20. daß nemlich auch dieſelbe meiſtens in ei - ne ſolche verſtockung und macht des teuffels gerathen / aus dero ſie nimmer frey werden. Welche groſſe gefahr ſich alle dergleichen leute ſtets vor au - gen ſchweben laſſen ſollen / damit ſie noch vor andern mit furcht und zittern ſchaffen / daß ſie ſelig werden. Phil. 2 / 12. indem je groͤſſer das maaß der gna - den geweſen / das ihnen wiederfahrẽ iſt / ſo vielwenigeꝛ mehr vor ſie uͤbrig ſeyn mag / wenn ſie ſolche wieder verſtoſſen: wie auch in der welt / wo einem ein gar ſchwehres verbrechen wider einen koͤnig begangen von demſelben verge - ben worden / ſolches insgemein die letzte gnade zu ſeyn pfleget / nach welcher verſtoſſung keine andre mehr zugewarten iſt.
J§. XXIX. 66Das erſte Capitel.§. XXIX. Endlich 5. wie insgemein die allgemeine pflicht / mit heiligem wandel in dem uͤbrigen leben gleichſam wieder einzubringen / was zeit waͤh - renden unglaubens verſaumet und verdorben worden / ſo wird darinn auch dieſe beſondere mit verfaſſet / daß jeder wieder bekehrter ſich ſeiner ſchuldig - keit darinn erinnere / mit ſo viel ernſtlicherer gottſeligkeit / dero uͤbung er ſich auch vor anderen / jedoch ohne ſchein einer ruhmſucht und oſtentation / nicht ſchaͤmen / oder daruͤber anderer welt hertzen verachtung ſcheuen ſollte / jedermann / ſonderlich die jenige / die er weiß oder vermuthet / mit vorigem uͤbelm bezeugen geaͤrgert zu haben / hinwieder zu erbauen. Daher er gern gele - genheit nehmen ſoll / bey denen welchener findet / es aufferbaulich zu ſeyn / von ſeinem vorigen elend / des ſatans gewalt / die er uͤber ihn gehabt / wie ihm auch in der wahrheit niemal wol dabey geweſen / mit hertzlichem bejammern / hingegen von dem weg ſeiner bekehrung / und der empfangnen gnade / mit glaubigem danck zureden. Wie dann ſolche exempel deren / die ſich darzu ſelbs ſtellen / nicht ohne vielen nachtruck und ſegen bleiben: ſonderlich aber die jenige / ſo mit gleichem gifft angeſtecket / oder doch nicht weit von ſotha - ner ruchloſigkeit entfernet ſind / nicht wol durch etwas kraͤfftiger bewogen werden / als wo ſie die auffrichtige bekaͤntnuͤß eines ihres vormaligen mit - genoſſen / der aus der erfahrung redet / hoͤren. Ja wo ein ſolcher bekehrter einige ſonderlich wuͤßte / die er mit ſeinem gottloſen leben oder laͤſterungen nicht allein ſonſten geaͤrgert / ſondern gar verfuͤhret / oder doch in ihrer boß - heit geſtaͤrcket haͤtte / kan derſelbe ſein gewiſſen nicht beruhigen / bevor er nicht allein ſolches ihnen abgebeten / ſondern auch allen fleiß angewendet / ſie wiederum auch neben ſich zuruͤck und zurecht zu bringen / auch daruͤber ihr oder anderer ungunſt / ja auch leiden die man daruͤber auszuſtehen haͤtte / nicht zu ſcheuen / vielmehr bereit zu ſeyn / wo man auch mit ſeinem blut ihre ſeelen / die man zu ſchaden gebracht / wieder erretten koͤnte / auch ſolches nicht zu ſpahren / dabey mit unablaͤßigen ſeuffzen bey GOtt anzuhalten / deſſen guͤte wieder zurecht fuͤhren wolte / was er durch ſeine boßheit auff irrwege verlei - tet. Da muß es allerdings heiſſen / wann du bekehret wirſt (Luc. 22 / 23.) ſo nicht allein ſtaͤrcke / ſondern auch bekehre / deine bruͤder. Segnet GOtt alsdann ſolche treue und ſorgfalt / daß die geaͤrgerte und verfuͤhrte ſich wieder finden / iſt leicht zu erachten / daß einer ſeelen an ſtatt der vorigen anfechtung keine groͤſſere freude ſeyn muͤſſe / als der gewinn der vorhin verlohren gewe - ſten / welcher innigliche danckſagung erwecket. Muß aber ein ſolcher bekehr - ter ſehen / daß aller fleiß will umſonſt angewendet werden / wird er doch nicht muͤde / auff alle muͤgliche weiſe anzuhalten / als lange die geringſte hoffnung uͤbrig iſt / etwas auszurichten / aufs wenigſte hoͤret das gebet vor dieſelbige nimmermehr auf. Jndeſſen bleibet wol in dieſem fall die anfechtung der zu derver -67SECTIO XII. verdam̃nuͤßbeforderten ſeelen einem ſolchen ſein ſchwehrſtes leidẽ in derwelt / und recht als ein pfahl im fleiſch: unter welchem nahmen der theure Pau - lus 2. Cor. 12 / 7. auch ſeine betruͤbnuͤß / die er uͤber die jenige ſeelen gefaßt / die er in ſeiner verfolgungs wuth beſorglich in das verderben mag geſtuͤrtzet haben / nach Apoſt. Geſch. 26 / 10. 11. mit begreiffen mag: Daher eine ſtaͤte bußfertige demuͤthigung vor GOtt erfolgt / auch eine glaubige verwun - derung uͤber die guͤte GOttes / der einer ſeelen annoch barmhertzigkeit erzei - ge / die andern ſchaden gethan / und alſo rechtswegen an ſtatt der andern mit verlohren gehen ſollen. Ob dann wol der glaube mit einigen daruͤber auff - ſteigen den zweiffleu zu kaͤmpffen bekommt / behaͤlt er doch zum grunde / daß goͤttliche gnade die groͤſſe aller unſer ſuͤnden weit uͤbertreffe / und den lieben Paulum der verluſt anderer nach ſeiner bekehrung zwahr aͤngſtigen und offt anfechten / nicht aber verdammen / koͤnnen.
§. XXX. Wie denn einem ſolchen wieder bekehrtern dieſes feſt fuͤr augen ſtehen / und in das hertz eingetrucket werden muß / daß GOTT nicht allein vor eine und andere / ſondern alle / ſuͤnden / alſo auch dieſe gottloſigkeit der atheiſterey / buß annehmen / Weißh. 12 / 19. und wo dieſe folget / deſſen / der ſich bekehret hat / uͤbertretung gar nicht mehr gedencken wolle. Ezech. 18 / 22. Jndem ſich ſeine gnade ſo viel hertzlicher erhebet / als die ſuͤnde / die ſie vergeben hat / ſchwehrer geweſen. So offt er auch ſeinen vorigen ſuͤndli - lichen zuſtand / da er ohne GOtt und deſſen troſt gelebet / betrachtet / und ge - gen den gegenwaͤrtigen gnadenſtand haͤlt / kan unmuͤglich das hertz anders / als mit inniglicher freude erfuͤllet / das leben in einer wahren ſeelen ruhe ge - fuͤhret / und deswegen taͤgliche danckopffer der uͤberſchwenglichen barmher - tzigkeit des himmliſchen vaters dargebracht werden: ſonderlich wenn er offt erweget / was vor ein ſchreckliches gericht und unauf hoͤrliche pein / wo ihn jene nicht aus dem verderben heraus geriſſen / ſeiner nach dem abſchied aus dieſer zeit gewartet haben wuͤrde. Da er nunmehr mit getroſter freudig - keit ſeinem todt / der ihn der ewigen herrlichkeit uͤberlieffert / entgegen ſehen / und mit ſolcher lebendigen hoffnung alles zuſtoßende leiden dieſer welt ver - ſuͤſſen kan.
§. XXXI. Wir ruffen billich den groſſen GOtt inbruͤnſtig an / der das liecht ſeiner erkaͤntnuͤß immer ſich weiter ausbreiten / und auch in die finſternuͤß / ſie zu vertreiben / eintringen laſſen wolle. Er laſſe dem ſatan / dem fuͤrſten der finſternuͤß / die macht nicht / daß er immer bey mehrern auch ſo gar das na - tuͤrliche liecht der erkaͤntnuͤß Gottes ausloͤſche / ſonderlich aber die hertzen al - ſo verſtocke / daß ſie dem liecht der offenbahrung allen eingang verwehren. Vielmehr erzeige er in der that die macht ſeines liechtes ſtaͤrcker zuſeyn alsje - ner finſternuͤß / reinige die hertzen von aller boßheit / und was die gottloſig -J 2keit68Das erſte Capitel. keit unterhaͤlt / und mache ſie tuͤchtig / von ſeinem geiſt mit lebendiger erkaͤnt - nuͤß erfuͤllet zu werden. Und ach daß wie er zu weilen auch zu unſern zeiten einige exempel ſeiner gnade in bekehrung der verruchten geſchehen laſſen / dar - vor wir ſeine guͤte mit demuth preiſen / er noch immer mehrere aus ſolchem verderben heraus geriſſen werden laſſe / zum herrlichen ruhm ſeiner ewigen krafft. Wo er aber ſeine erkaͤntnuͤß in dem hertzen angezuͤndet / erhalte er ſolches liecht / und laſſe es auff keinerley art verloͤſchen. Sonderlich wircke er in denen / die er bekehret; daß ſie ſeine gnade erkennen / wuͤrdiglich wandlen ihrem neuen beruff / allen ihren pflichten ſorgfaͤltig nachkommen / ihm un - auffhoͤrlich mit hertz und mund dancken / das gantze leben aber alſo fuͤhren / daß goͤttlicher nahme mehr und mehr an ihnen verherrlichet / der neben - menſch erbauet / die geaͤrgerte wieder gebracht / und ihre ſeligkeit erhalten wer - de in zeit und ewigkeit um JEſu Chriſti willen. Amen.
WAs die frage anlangt: Ob jemand / oder naͤher / ob ein lehrer / der bey einer gewiſſen Secte erzogen / ihre lehr-ſaͤtze gelernet / auch dieſelbe in ſeinem (kuͤnfftigen) amt / zu lehren verbun - den wird / indeſſen aber etzliche ſaͤtze / ſo wol haupt-als ceremonial - ſaͤtze bey einer andern Secte glaͤublicher in ſeinem hertzen annimmt / ob ſelbiger / ſag ich / mit gutem gewiſſen bey der Secte, dabey er erzo - gen / bleiben koͤnne / und ſelbiger ſecte lehre mit dem munde euſ - ſerlich bekennen / im hertzen aber anders glauben koͤnne? 1. ſo iſt mir dieſe frage von demſelben zu vernehmen nicht lieb geweſen / ſondern ma - chet mir ſeiner perſon wegen ſorge / daß derſelbe moͤchte ein exempel geben / wie nicht rathſam ſeye / daß jemand noch nicht gnug gegruͤndet in der Evangeliſchen wahrheit ſich an andere deroſelben nicht zugethane orte ver - fuͤge / wo ihm leicht etwas ungleiches beygebracht / oder doch ſcrupel einge - worffen werden koͤnnen / daran man ſein tag zu thun hat. Denn wie allen nach ihrer maaß ihren glauben aus H. ſchrifft zu pruͤfen nicht nur erlaubt / ſondern gebothen iſt: ſo iſt hingegen die Conferirung mit andern Secten und unterſuchung derſelben nicht allen befohlen / ſondern gehoͤrt bereits gar ein ziemliches maaß der erkaͤntnuͤß dazu / wer ſich ſicher in dieſelbe einlaſſen ſol - le: die ſich aber deſſen / was uͤber ihre kraͤffte gehet uͤbernehmen / moͤgen deſſen gefahr und ſchaden leiden / wie es auch der geſundheit nachtheiligiſt / wo manmit69SECTIO XIII. mit ſchwachem magen alzuharte ſpeiſen zu ſich nimmt. 2. Wem GOtt die gnade gethan / in der wahren Evangeliſchen kirchen gebohren und erzogen zu werden / iſt ſchuldig / ſolcher wahrheit / nicht zwahr um der kirchen autoritaͤt willen beyzupflichten / aber derſelben grund in GOttes wort zu ſuchen / oder zu uͤberzeugung ſeines gewiſſens ſich zeigen / nachmahl aber ſich durch nichts anders irre machen / zu laſſen: ſo dann die gelegenheit zu fliehen / ſich mit irr - glaͤubigen einzulaſſen / denen man zu ſchwach waͤre. 3. Jſt aber einer zu kuͤnff - tigem lehr-amt deſtinirt / oder bereits durch GOttes gnade in der wahrheit wol befeſtiget / ſo hat man alsdenn auch der wiedrigen meinungen / doch erſt lieber auß ihren ſchrifften / als muͤndlichem umgang mit geuͤbtern / zubeſehen und dieſelbige ohne hindanſetzung guter anweiſung zu pruͤfen / wodurch man vermittels goͤttlicheꝛ gnade deſtomehr in deꝛ erkaͤntnuͤß befeſtiget / alsdeñ auch geſchickt werde / nachdem der beruff es mit ſich braͤchte / oder die gelegenheit ſol - ches erforderte / mit andern in und von ihren Secten ſich einzulaſſen / welches vorhernicht ſicher geſchehen kan. 4. Es kan alſo keiner mit recht in einem lehr - amt ſtehen / oder in daſſelbe treten / der nicht von allen eigentlichen glaubens - articuln ſeiner kirchen / und die er lehren muß / aus GOttes wort die erkaͤnt - nuͤß hat / alſo auch von den ceremonien / die er halten muͤßte / daß ſie nicht ſuͤndlich oder wider GOtt ſeyn: indeme das gewiſſen niemanden zulaſſen kan / das jenige / und zwahr als glaubens-articul zu lehren / was er ſelbs falſch zu ſeyn ſich verſichert hielte / oder ſolche dinge zu thun / die er unrecht zu ſeyn achtete. 5. Waͤren es aber andere puncten / die nicht eigentlich zu dem glau - ben / ſondern nebens-ſachen gehoͤren / davon er auch zu lehren nicht noͤthig hat / und er fuͤnde bey ſich eine meinung / die er etwa bey andern ſecten geſehen / ge - hoͤret oder geleſen / glaublicher als die er gelehret worden / ſo gibt ihm dieſes nicht erlaubnuͤß / zu einer Secte zu gehen / die zwahr / ſeiner acht nach / in einiger ſolcher meinung recht haben moͤchte / hingegen in wichtigen glaubens-lehren / von denen er ſich / wie ich oben ausgeſetzt / uͤberzeuget findet / von der von ihm erkanten wahrheit abgehet: indeſſen hat er ſtill zu ſeyn / und darmit kei - ne unruhe anzurichten. 6. Solte auch einer gewiſſe ceremonien bey andern geſehen haben / die ihm beſſer gefiehlen als bey ſeiner kirchen (doch daß dieſe an ſich nicht ſuͤndlich. ) hat er nicht allein deswegen ſeine kirche nicht zu verlaſ - ſen / nach dem ceremonien nicht zu dem haupt weſen der religion ſondern nur erhaltung guter ordnung gehoͤren / ſondern er hat auch eben um dieſer letzten urſach willen allein aus eigner autoritaͤt die ceremonien nicht zu aͤn - dern / oder ſeiner meinung nach zu verbeſſern; allermaſſen der ſchade der daraus entſtehenden unruhe und aͤrgernuͤſſes bey den gemeinden den ſonſten etwa hoffenden nutzen weit uͤbertrifft. 7. Waͤre aber einer in ſcrupel aus un - vorſichtigem umgang und behandlung irriger ſecten ſelbs uͤber glaubensJ 3pun -70Das erſte Capitel. puncten gerathen / ſo hat er ſich dieſelbe entweder benehmen zu laſſen / da - mit er widerum in der wahrheit befeſtigt werde / oder er muß des kirchendien - ſtes muͤßig gehen / indem in ſolchem ſtand beydes / entweder die kirche / die ſich an ihm eines Evangeliſchen lehrers verſihet / mit frembder lehr zu verwir - ren / oder hingegen das jenige euſſerlich zu lehren / was er vor falſch innerlich haͤlt / nicht ohne verletzung des gewiſſens geſchehen koͤnte. Alles dieſes bit - te in der furcht des HErrn und mit gebeth hertzlich zu uͤberlegen / dem himmli - ſchen vater vor die gnade in der Evangeliſchen kirchen erzogen worden zu ſeyn hertzlich zu dancken / in deroſelben wahrheit ſich mehr und mehr zu befe - ſtigen / und vor allem widrigen ſich zu huͤten. Der HErr aber mache ſelbs unſre hertzen feſt / erfuͤlle ſie mit liebe der wahrheit / und heilige uns in der wahrheit / die ſein wort iſt um Chriſti JEſu willen. 1698.
VOn dieſer materie erklaͤhret ſich der autor nicht gantz deutlich / ob er al - lerdings alles kriege-fuͤhren an ſich ſelbs vor verboten achte / oder al - lein die heutige art verwerffe. Wo nun dieſes letzte waͤre / hoffe ich / es ſolte kein rechtſchaffener Theologus ſeyn / der nicht allerdings mit einſtim - mete / wuͤrde aber / wie es faſt das anſehen gewinnet / das erſte gemeinet / tra - ge ich das vertrauen / der chriſtliche mann werde ſich nicht zuwider ſeyn laſ - ſen / der ſache noch ferner in der furcht des HErrn nachzuſinnen / und ſonder - lich dieſes folgende reiflich zu uͤberlegen / wie ich davor halte / daß ſich die gan - tze ſache ohnanſtoͤßig faſſen laſſe.
1. WEnn von haltung der gebote GOttes geredet / und auff die frage / ob ſie muͤglich ſeye / ſchlechter dinges mit nein / oder gar keines weges nicht geantwortet wird / laͤugne ich nicht / daß ich allezeit daruͤber erſchrecke. Denn 1. iſt ſolches der phraſi des Heil. Geiſtes austruͤcklich entgegen / der nirgend mit ſo deutlichen worten ſagt / daß wir ſie nicht halten koͤnnen / wie er hingegen bekennet / daß die glaͤubige ſie halten / wie wir ſehen 1. Joh. 2 / 3. 4.
3 / 22. 5 / 3. K 22. Jſt76Das erſte Capitel.2. Jſt kaum eine lehr / welche was noch recht fromme leute unter den Papiſten ſind / mehr aͤrgert / weil ſie dieſelbe ſo crude, wie ſie von manchen predigern auch crude vorgetragen wird / annehmen / und dadurch nicht an - ders als einen greuel gegen unſre lehre faſſen koͤnnen. Wie mir das exempel eines Fuͤrſtl. Cantzlers bekannt iſt / ſo in noch jungen jahren von der reformir - ten lehr zu dem Pabſtum abgetreten iſt / der mir bekennete / dieſer articul habe ihn meiſtens zur aͤnderung bewogen: wiewol er mir nachmals auch geſtunde / als ihm unſerer kirchen lehr von dieſem punct deutlich vorſtellete / daß er daran nichts zu tadeln haͤtte / und nicht wuͤſte / wann ers vor dieſem ſo erkant / ob er zu ſeiner reſolution wuͤrde gekommen ſeyn. 3. Bezeugen unſre ſymbo - liſche buͤcher / ſonderlich die Augſpurgiſche Confeſſion und dero Apologie / gar ein anders / als die kein bedenckens machen zu ſ[a]gen / daß die wiederge - bohrne die gebote GOttes halten / ja gar das geſetz erfuͤllen. Dero redens - arten wir nicht dermaſſen zu widerſprechen haben. 4. Jſt nicht auszuſpre - chen / wie ſehr durch dieſe antwort auff ſolche frage die ſicherheit der leute ge - ſtaͤrcket und befoͤrdert wird / wie nichts gemeiners iſt / als daß die leute / wo ſie wegen ihrer ſuͤnden und uͤbertretung der goͤttlichen gebot beſtrafft werden / ſich ordentlich damit entſchuldigen / man koͤnne ja goͤttliche gebot nicht hal - ten / warum man ihnen denn deswegen hart mitfahren wolte. Welches ge - wißlich dem Chriſtenthum und eiffer der heiligung mehr ſchaden thut / als man gemeiniglich glaubet.
2. Hingegen bekenne / daß auch nicht bloß dahin auff die frage / ob die gebot zu halten oder das geſetz zu erfuͤllen moͤglich ſeye / ohne zuſatz mit ja ant - worte. Denn wir nicht nur eine controvers hieruͤber mit den Papiſten / und denſelben nicht zu weichen haben: ſondern die reinigkeit des haupt-articuls von der rechtfertigung erfordert / daß wir glauben und bekennen / daß hier in dieſem fleiſch / und als lang wir daſſelbe an uns tragen / uns unmoͤglich ſeye / dem geſetz ein vollkommen gnuͤge zu leiſten: wie dann / wann ſolches muͤglich waͤre / wir alsdenn nicht mehr aus dem Evangelio ſelig werden doͤrfften / ſon - dern aus dem geſetz / damit die reine lehr ſehr verletzet wuͤrde werden.
3. Jndeſſen ob wol des Autoris diſtinction, unter dem / was wir aus eignen kraͤfften und aus des H. Geiſtes beyſtand vermoͤgen / nicht verwerffe / ſondern auch ſelbs in der materie brauche / finde ich ſie doch nicht gantz gnugſam / denn zwiſchen uns und den Papiſten iſt in dieſer materie nicht der ſtreit von dem / was aus eignen kraͤfften / ſondern was den wiedergebohrnen aus des Geiſtes krafft muͤglich ſeye / und lieſſe ſich alſo auch bey dieſem membro die frage nicht bloß dahin bejahen / wie Autor ſo fern recht geſtehet / daß die erfuͤllung nicht nach dem hoͤchſten grad geſchehe.
4. Daher ich allezeit lieber dieſen unterſcheid gemacht / und der jugend /ſo77SECTIO XIV. ſo ſich fein darinn ſchicken koͤnnen / beygebracht habe: Man koͤnne goͤttliche ge - bot nicht halten nach der ſtrenge des geſetzes / wie daſſelbe die hoͤchſte vollkom - menheit von uns erfordert (nemlich / daß wir nicht nur nicht ſuͤnde thun / ſon - dern auch die ſuͤnde nicht an uns haben ſolten) und wir daraus ſelig werden koͤnten: aber man koͤnne ſie halten / nemlich in der krafft des Heil. Geiſtes / nach der guͤtigkeit und ἐπιεικείᾳ des Evangelii / wie der himmliſche vater mit dem auch unvollkommenen aber auffrichtigen gehorſam ſeiner kinder gedult tragen / und da ſie nach vermoͤgen thun / um Chriſti willen ihme ſolches wol - gefallen und gnaͤdig auffnehmen wolle. Auff dieſe weiſe bin verſichert / daß weder der ſicherheit (wie bey der bloſſen verneinung der frag geſchihet) auff - geholffen / noch der reinigkeit des articuls der rechtfertigung (wie von der bloſſen bejahung zu ſorgen iſt) eintrag gethan werde. Jch habe auch dieſe materie dermaſſen gruͤndlich und weitlaͤufftig / von der moͤglichkeit und un - moͤglichkeit der haltung der gebote in dem 4. Capitel meiner Evangeliſchen glaubens-gerechtigkeit wider D. Breving aus GOttes wort / den ſymboli - ſchen buͤchern / Luthero / und unſern vornehmſten lehrern ausgefuͤhret / daß ich hoffe / niemand werde mit grund etwas darauff zu ſagen haben. Jch pfle - ge aber deswegen lieber zu ſagen / daß wir die gebote Gottes in vorigem ver - ſtande halten / als das wir das geſetz erfuͤllen koͤnten / weil dieſe letztere re - dens-art alſobald in ſich ſelbs ein vollkommenes halten ſcheinet zu involvi - ren / jedoch verwerffe ich auch dieſe letzte formul der erfuͤllung des geſetzes / wo ſie recht gefaſſet wird / nicht allerdings / wie auch angefuͤhrt / daß die Apologia der A. C. alſo redet.
5. Der ort Rom. 8 / 3. 4. ſorge ich / doͤrffe die ſache nicht ſo gantz aus - machen / denn das erfuͤllen der gerechtigkeit vom geſetz erfordert / ſtehet da / geſchehe in uns / nicht von uns. Daher ich bekenne / daß ichs nicht vornemlich nehme von dem halten des goͤttlichen gebots aus der krafft des geiſtes / ſondern von dem erfuͤllen durch den glauben / welcher das verdienſt und gnugthuung Chriſti ergreifft / und uns zueignet. Wie ich dann / daß ſolches der rechte verſtand ſeye / in der angefuͤhrten glaubens-gerechtigkeit cap. 8. p. 1248. u. f. dermaſſen dargethan zu haben mich verſehe / daß ein der wahrheit begieriger leſer mir leicht beyfallen ſolle / nachdem es eine erfuͤllung der gerechtigkeit ſeyn muß / die ſich auff die verdammung der ſuͤnde und be - nehmung dero rechtens gruͤndet / darinnen das voͤllige recht des geſetzes er - fuͤllet wird / und die allein in uns und nicht von uns geſchihet. Ob nun aber wol die ſache in dieſem ſpruch nicht gnug gegruͤndet achte / ſo iſts gnug / daß ſie klahr in andern ſpruͤchen / ſonderlich die aus Johanne angefuͤhret ſind / ſich befindet.
6. Alſo bleibet der Autor wahrhafftig in ſeiner aſſertion, ſonderlichK 3weil78Das erſte Capitel. weil er den hoͤchſten grad deutlich ausnimmet / orthodox, und kan nicht be - ſchuldigt werden.
JN dieſer materie kan des autoris orthodoxie im geringſten in keinen ver - dacht gezogen werden / und iſt die gantze ſache ſo klahr / daß er wol erinnert / wo man das gegentheil ſtatuiren wolte / welches nothwendig waͤre / wo die - ſes ſolte falſch ſeyn / ſo wuͤrden ſchoͤne dinge draus folgen / nemlich ſolche / die wir uns nur zu ſagen ſchaͤmen muͤſſen. Einmal die gantze ſchrifft ſtellet uns unſern Heyland vor / eines theils / als einen allgemeinen Heyland / deſſen blut vor alle vergoſſen / und der eine verſoͤhnung iſt nicht nur vor der glaubi - gen / ſondern auch vor aller welt ſuͤnde / was nemlich die erwerbung des heils / und aller deſſen guͤter anlangt. Sie ſtellet ihn aber auch andern theils vor / als einen ſolchen / an dem nicht alle theil haben / ſondern wer ſeinen geiſt nicht habe / auch nicht ſein und alſo einiger ſeiner guͤter theilhafftig ſeye. Alſo iſt uns der weg der buß und glaubens vor geſchrieben / auff dem wir zu dem ge - nuß desjenigen gelangen / was uns der HErr erworben hat. Zwahr beken - ne ich gern / daß nach unſrer Evangeliſchen kirchen lehr / die ich nicht zu ver - laſſen habe / der glauben allein mit ausſchlieſſung aller ſeiner fruͤchten uns Chriſti und aller ſeiner guͤter theilhafftig mache. Deme aber der Autor durch - aus nicht widerſpricht / als der ſolches orts nicht das mittel beſchreibet / da - durch wir des HErrn theilhafftig werden / ſondern diejenige und dero be - wandnuͤß / welche ſeiner genieſſen ſollen / und in was ordnung ſie ſtehen muͤſ - ſen. So muß auch wol in acht genommen werden / wo wir dem glauben al - lein dieſes mit beylegen / daß nicht von dem menſchl. glauben geredet werde / da ſich der menſch einige gedancken und einbildung von Chriſto macht / ausdenen80Das erſte Capitel. denen er ſelig werden wolle / welche gedancken und einbildungen ſo kraͤfftig nicht ſind / daß ſie den menſchen in die gemeinſchafft alles deſſen / was mit Chriſto vor gegangen iſt / fuͤhreten / ſondern es werde geredet von demjenigen glauben / der in einem himmliſchen liecht beſtehet / in einer ſolchen lebendigen erkaͤntnuͤß / beyfall und zuverſicht / die des Heil. Geiſtes wirckung iſt / der un - moͤglich anders kan als auch zugleich alle diejenige dinge bey einem ſolchen menſchen wircken / die von dem Autore erzehlet werden / und fruͤchten aller ſolcher wolthaten unſers Heylands ſind / ſo nicht auſſen bleiben koͤnnen / bey denen / welche gedachter wolthaten durch den lebendigen glauben theilhaff - tig worden ſind. Wo ſich alſo dieſe nicht finden / ſo hat der menſch ſolche wol - thaten noch nicht recht ergriffen / und kan ſich alſo derſelben nichts getroͤ - ſten / iſt ihm deswegen nichts mehr nutz / als wenn ſie gar nicht geſchehen waͤ - ren. Jch fuͤhre hie an allein einen ort aus Luthero (Kirchen-poſtill auff O - ſtermittwoch) von ſeiner aufferſtehung / ſo gleicher maſſen ſich auff alle andre ſeine wolthaten ſchicket. So ihr die aufferſtehung CHriſti mit dem glauben gefaſt / und derſelben krafft und troſt empfangen habt / und alſo mit ihm aufferſtanden ſeyd / ſo muß ſich ja ſolches an euch bewei - ſen / daß ihr es erfuͤllet / und bey euch geſpuͤret werde / wie es in euch habe angefangen zu wircken / daß es nicht allein wort / ſondern wahrheit und leben ſeye. Denn welche es nicht alſo empfinden / de - nen iſt Chriſtus noch nicht aufferſtanden / ob er wol vor ſeine perſon erſtanden iſt. Denn ſie haben dieſelbe krafft nicht bey ihnen (wel - che heiſt mit Chriſto aufferſtehen) daß ſie auch mit wahrheit moͤgen heiſſen beyde geſtorbene und aufferſtandene menſchen / m. f. w. wie - derum: Wer noch nach ſeinem fleiſchlichen weſen trachtet / und damit umgehet / der iſt noch nicht mit Chriſto der welt abgeſtorben. Dar - um auch die aufferſtehung Chriſti nichts an ihm iſt / noch wircket / ſondern Chriſtus iſt ihm todt / und nichts / und er wiederum Chri - ſto. Sonderlich: Es wird dich dieſe liebliche ſuͤſſe predigt nicht helf - fen / daß du ſagſt / Chriſtus iſt fuͤr die ſuͤnder geſtorben und auffer - ſtanden / darum hoffe ich auch / fuͤr mich. Ja recht / aber ſo du im - mer wilt in der alten haut bleiben / und dieſe predigt nur zum de - ckel braucheſt deines ſchaͤndlichen geitzes / ſo ſtehet hie geſchrieben / nimm dich nur dieſes troſts nicht an. Denn ob er wol iſt vor alle ge - ſtorben und aufferſtanden / ſo iſt er doch dir noch nicht aufferſtan - den / denn du haſt ſolche aufferſtehung noch nicht mit glauben gefaſ -ſet /81SECTIO XIV. ſet / den rauch haſt du geſehen / aber des feuers nicht empfunden / die wort haſt du gehoͤret / aber keine krafft derſelben empfangen / m. f. w. Es gehoͤret aber auch die gantze predigt hieher / und was der theure lehrer von der aufferſtehung Chriſti ſagt / moͤgen wir mit einerley recht von ſeiner geburt / leben / leiden und todt ſagen / daß aller deroſelben krafft uns nichts nuͤtze / wo ſie nicht in uns koͤmmt / und von dem glauben ſo ergriffen wird / daß ſie alsdenn in uns wircke. Damit wird des glaubens wuͤrde und krafft / da er allein das mittel unſers heils iſt / nichts entzogen / ſondern er vielmehr hoͤ - her erhoben / und wolte GOtt / es wuͤrde dieſe materie von allen allezeit treu - licher getrieben / ſo ſolte es beſſer mit unſerm Chriſtenthum ſtehen / als jetzt / da ſo viele Chriſti todt / aufferſtehung und dergleichen allein mit einem ſol - chen glauben ergreiffen wollen / der todt iſt: ja der nur von einem Chriſto weiß / der fuͤr uns alles gethan und gelitten habe / nicht aber von ihm erken - nen will / daß er auch in uns alles thun und wircken muͤſſe / welche beyde ſtuͤcke gleichwol unzertrennlich beyſammen ſeyn ſollen.
HJe billige ich alle die lehren / und halte ſie vor goͤttlich / werde ſie auch offt ſelbs getrieben haben. 1. Daß beten nicht heiſſe formuln oder worte her - ſprechen ohne glauben und andacht / ſondern daß es vielmehr ein werck des hertzens als des mundes ſeye. 2. Daß derjenigen gebet GOtt mißfaͤllig / welche nach dem fleiſch wandeln / daher es auch von dem / dem es ein greuel iſt / nicht erhoͤret werden kan. Welches in der ſchrifft eine offt bezeugte wahr - heit iſt. 3. Daß in den gebets-formuln viel gefehlet werde / da manche ſol - che gebrauchen / ſo ſich auff ſie und ihren zuſtand nicht ſchicken / daher ſie mit ſolchen worten GOtt dem HErrn vorliegen / und in gewiſſer maaß ſeiner ſpotten. Jch recommendire auch den leuten fort und fort in predigten und ſonſten / daß ſie ſich gewehnen / ja auch die jugend gleich dahin anweiſen ſol - ten / ihre noth und anliegen aufs einfaͤltigſte / wie ein kind mit ſeinem vater zu reden pfleget / aus ihrem hertzen vorzutragen: und wie bey einem ſolchen ge - bet meiſtens mehr nutzen ſeye / als bey zwantzig ſolchen / die aus den buͤchern her recitiret werden. Wiewol ich die getruckte gebet ſo fern paßiren laſſe / daß ſie ein behuff deren ſeyen / die etwa keine wort zuſammen bringen koͤnnen / oder auch denen / die ſolches zu thun vermoͤgen / zu der zeit / wenn ſie ſich etwa ſchwacher und untuͤchtiger befinden zu eignen worten / oder auch insgeſamt / daß ſie uns der gleichen dinge erinnern / die wir billig zu beten haben / ohne ſol - che anlaß aber dieſelbe uns nicht alle eingefallen ſeyn wuͤrden / und was etwa vor vortheile dabey ſeyn moͤgen. Jndeſſen bleiben die eigne gebet in groſſemvor -91SECTIO XIV. vorzug vor denſelbigen / und wuͤnſchte ich ſie in mehrerm gebrauch als die ge - bet-buͤcher.
Hingegen 5. koͤnte nicht eben gantz ſchlechter dinges damit einſtimmen / daß man niemal ohne geiſt / brunſt und andacht beten ſolle / wo ſolche wort nach ihrer ſchaͤrffe und ſonderlich nach der empfindlichkeit gebraucht werden. So viel laſſe ich gelten / wir haben niemal zu beten ohne geiſt und andacht / das iſt / daß wir allezeit / wenn wir beten wollen / gedencken ſollen / was wir vorhaben / und alſo die hertzliche intention haben / GOtt anzuruffen / welche redliche intention von dem Heil. Geiſt kommen muß: ſo dann daß man allen frembden gedancken nach vermoͤgen zu ſteuren / und ſein gemuͤth beyſammen zu halten ſich beſtreben muͤſſe. Wo alſo nicht mehr verlanget wuͤrde / unter - ſchreibe auch ſolcher lehre. Weil aber ſo wol das wort brunſt / als auch der aus dem alten Ephrem angefuͤhrte locus, etwas mehrers zu fordern ſchei - nen / nemlich eine innerliche empfindliche brunſt / ſo traute ich dieſe vor einem rechtſchaffenen gebet nicht alſo zu erfordern / daß man ohne dieſelbe nicht be - ten koͤnte. Denn es werden alle auch rechtſchaffene Chriſten bey ſich finden / wie ſie ſo gar nicht zu allen zeiten in einem zuſtand ſtehen / und die ſich zu eini - gen malen in einer treflichen brunſt gefunden / zu andern malen hingegen lau - ter lauligkeit und kaͤlte an ſich ſpuͤhren / auch was ſie anheben / ſich in guter zeit zu einer rechten brunſt nicht wiedrum bringen koͤnnen. Solches iſt ih - nen zwahr billig leid / ja ſie haben ſich deßwegen vor GOtt ſo vielmehr zu de - muͤthigen / weil ſie gemeiniglich eine ſchuld ſolches mangels auch bey ſich an - treffen oder beſorgen. Solten wir aber ſolchen leuten in ſolchem ſtande weh - ren zu beten? welches gleich wol nach geſetztem zu behaupten ſeyn wuͤrde. Vielmehr erinnere ich / daß wir ſtets / neben dem ohne das unauffhoͤrlichen innern gebet / ſo gleichſam etwas habituales iſt / uns zu auch euſſerlichem oder austruͤcklichen gebet trachten ſollen auffzumuntern / das gemuͤth ſeye / wie es wolle / nur daß die vorbeſchriebene andacht und wahrhaffte intention da ſeye / die mir ſchon ein zeugnuͤß des triebs des Geiſtes iſt: findet man das hertz bruͤnſtig / hat man GOtt auch ſo bald vor ſolche wolthat zu dancken / und ſol - cher uͤbung deſto emſiger nach zuſetzen. Findet man ſich aber kalt / hat man ſich doch ſelbſt anzutreiben / und GOtt ſeinen dienſt / den wir ſchuldig ſind / nicht weniger zu leiſten / der verſicherung / es werde entweder das hertz auch unter dem gebet mehr entbrennen (wie etwa mehrmal ein gebet ſo kalt ange - fangen / bruͤnſtiger geendet wird) oder GOtt werde ihm auch dasjenige opf - fer nicht mißfallen laſſen / welches wir ſelbs zwahr erkennen / daß es beſſer ſeyn ſolte / dißmal aber nicht beſſer bringen koͤnnen: nur daß allemal das red - liche hertz erfordert wird / welches GOtt ſo ſihet als annimmet.
HJe wuͤnſchte ich / der Autor bliebe nicht bey ſeiner reſolution, ſich des worts allerdings zu enthalten / ſondern lieber mit der gantzen kirchen zu reden. Denn obwol / wo das wort nicht ſo allgemein und ſo lang eingefuͤh - ret / ſich etwa diſputiren lieſſe / ob es nicht nuͤtzlicher unterbliebe / ſo hats nun - mehr ein ander bewandnuͤß / da daſſelbe durchgehends eingefuͤhret / und der general concept, was man dadurch meine / bey allen bekant iſt. Da moͤchte ich wol ſagen: Nemo pacificus contra Eccleſiam: und wie wir der kirchen durchaus keine macht zu geſtatten haben / etwas in der lehr ſelbs zu ſetzen / o - der zu aͤndern / ſo koͤnnen wir dannoch derſelben nicht ſo gar alle gewalt ab - ſprechen / was formuln / redens-arten und wort betrifft / deroſelben gebrauch / wie ſie die goͤttliche wahrheit am bequemſten vorgeſtellet zu werden davor haͤlt / etlicher maſſen zu reguliren: da wir uns gleichwol (indem wir ja auch ſonſten den ſchwachen uns zu bequemen haben) billig in den dingen / welche goͤttlicher wahrheit nicht præjudiciren / nach deroſelben richten / und jeder - man allerley werden ſolten. Daher autorem bitte / in der furcht des HErrn wol zu uͤberlegen / ob der vortheil / den er von der unterlaſſung des worts hof - fet / und einigen difficultaͤten zu entgehen meinet / von ſo vieler wichtigkeit ſeye / deswegen eine allgemeine und auffs wenigſte untadeliche redens-art abzulegen: weil gewißlich das aͤrgernuͤß / da es das anſehen gewinnet / ſich von der gantzen kirchen zu trennen / billig wol zu gemuͤth zu ziehen / und ich da - vor halte / daß ſichs bald zeigen werde / es ſeye daſſelbe ſchwehrer / als daß der nutzen ſolches uͤberwige. Die angefuͤhrte urſachen werden ſchwerlich ſo viel kraft haben / daß ſie uns ein an ſich unſchuldig woꝛt gantz aus den haͤnden reiſ - ſen / ob ſie wol ſo viel ausmachen / daß es an ſich ſelbs nicht bloß noͤthig gewe - ſen / und ſeine ſchwehrigkeit hat. Jndeſſenkan auch nicht geſagt werdẽ / daß das wort ſo gar undeutlich ſeye / und wo man tauff und abendmal alſo nenne / die - ſe dadurch nichts erklaͤhret wuͤrden. Denn wo man einmal das gefaſt hat / welches ich weiß / von einfaͤltigen und kindern gefaſt ſeyn zu worden / daß ein Sacrament eine ſolche goͤttliche handlung ſeye / da mit etwas irrdiſches et - was himmtliſches und goͤttliche gnade gegeben und zugeeignet werde / ſo iſts alsdenn nicht unverſtaͤndlich / wo man tauff und abendmal alſo nennet / ſondern ſolches wort erklaͤhret ſo bald in etwas derſelben art und beſchaf - fenheit.
HJevon iſts abermal eine goͤttliche wahrheit / daß uns die tauff / wo dero krafft verlaͤugnet wird / nicht ſelig mache: und ſolches in doppeltem ver - ſtande. 1. Wo ein erwachſener erſt getaufft wird / ſo will GOtt in ſeinerord -93SECTIO XIV. ordnung gern in denſelben die wiedergebuhrt und erneuerung wircken: wo er aber nicht ſolche tauffe in und mit wahrer buß empfaͤhet / und alſo den todt Chriſti erſtlich durch ſolche buß in ſich laͤſt kraͤfftig ſeyn / ſo empfaͤhet er zwahr das Sacrament / aber nicht deſſen nutzen / die wiedergebuhrt der ſeligkeit.
2. Wo einer / er ſeye jung oder alt getaufft / und in der tauff wahrhaff - tig wiedergebohren iſt / er faͤngt aber nachmals an aus ſeinem bund zu ſchrei - ten / und der tauff krafft / ſo in ſeinem gantzen leben bleiben ſolte / zu verleug - nen / und nach dem fleiſch zu leben: ſo nutzet ihm in ſeinem ſolchen zuſtand ſei - ne tauffe ſo gar nicht zu ſeiner ſeligkeit / daß ſie vielmehr ſein gericht / weil er den bund GOttes an ſich zunichte gemacht / ſehr vermehret: denn er hat ſei - ne wiedergebuhrt verlohren / und ſoll er ſelig werden / bedarff er einer neuen wiedergebuhrt. Gal. 4 / 19. nicht aus waſſer / ſondern aus dem wort. Die - ſes achte ſo offenbahr goͤttlicher und unſer lehr gemaͤß zu ſeyn / daß mich wun - dere / wo jemand dieſelbe nur in zweiffel zu ziehen getrauete. Jch meines orts / der ich die wuͤrde und krafft der tauff hoffentlich ſo hoch erhebe / als ei - niger Theologus thun wird / weiß gleich wol nicht anders zu lehren / noch ei - nem einigen menſchen bey beharrender verleugnung dero krafft / die ſeligkeit daraus zu verſprechen.
AUch von dieſem ſacrament bleibets bey denen / ſo die goͤttliche wahrheit gruͤndlich eingeſehen / unwiderſprechlich / daß obwol die ſacramentliche und geiſtliche nieſſung des leibes und blutes des HErrn von einander unter - ſchieden ſind / dannoch die ſacramentliche / wo die geiſtliche nicht dazu kommet / niemand zur ſeligkeit vortraͤglich ſeye / ſondern wegen ſolchen mangels un - wuͤrdig / folglich zum gericht geſchehe. Wer dieſer lehr wiederſprechen wol - te / muſte nicht einmal die gruͤnde unſrer heilſamen lehr gefaſt haben.
HJer kan mich auch nicht entziehen / daß nicht mit dem Autore bekennen muͤſte / daß freylich aller unſer euſſerlicher Gottesdienſt / da der innere nicht dazu kommet / GOtt dem HErrn ein greuel / und in gewiſſer maaß eine abgoͤtterey ſeye. Wie ich uͤber ſolche materie ſelbs offtmals eiffre / auch mich verſichere / andere gottſelige Theologi muͤſſen alle mit einſtimmen. Ne - ben den angefuͤhrten Theologen, welche des S. Herrn D. Muͤllers redens - art gebilliget / erinnere mich meines præceptoris des S. D. Danhauers / der auch dieſe zwey ſpecies der abgoͤtterey pflegte zu machen / wo man etwas / das nicht GOtt iſt / goͤttlich verehre / und wo man GOtt auff eine andre art / als er nicht will / verehre. Darunter freylich eben dieſes gehoͤret / wo man demjenigen / der im geiſt und in der wahrheit will angeruffen und insgeſamtM 3ver -94Das erſte Capitel. verehret ſeyn / dergleichen dienſt gleichſam aufftringen will / der nichts von geiſt und wahrheit hat. Es wird aber nicht noͤthig ſeyn mehr hinzuzuſetzen.
Dieſes waͤre alſo mein Chriſtl. bedencken uͤber die communicirte pun - cten / ſo ich auff verlangen uͤberſenden wollen / dabey ſchließlich den autorem, deſſen aus allem hervor leuchtende begierde das reich GOttes vor allem zu befoͤrdern / und das goͤttliche dem menſchlichen (wie freylich recht iſt) vorzu - ziehen / ich liebe / in dem HErrn bruͤderlich bitte / alles vorgeſtellte / wie ichs in der furcht des HErrn und mit redlicher abſicht auffgeſetzt / auch in ſolcher furcht GOttes / und mit ablegung alles muͤglichen eigenſinnes / zu uͤberle - gen / und nechſt eiffriger anruffung um das liecht des Heil. Geiſtes / zu ſchlieſ - ſen / was ihm zu thun ſeye. Jch verſehe mich zu GOtt / daß meine einfaͤltige vorſchlaͤge ſeiner wahrheit / und hoffentlich dem ruheſtand der kirchen / ge - maͤß ſeyen / daher die folge derſelben das gewiſſen nicht verletzen wird. Doch nehme mir die macht nicht uͤber anderer gewiſſen zu herꝛſchen / oder denſelben etwas auffzutringen / ſondern laſſe mir gnug ſeyn / was mir der HErr zu er - kennen gegeben hat / andern auch treulich und nach beſtem gewiſſen vorzuſtel - len / darauff aber alles GOttes lenckender hand zu empfehlen. Dieſes wie - derhohle noch zum letzten / daß ja der Autor in allen dingen wol erwegen wol - le / nicht nur was insgemein und ohne betrachtung aller umſtaͤnde das beſte waͤre / ſondern was aus anſehung der umſtaͤnde / ſonderlich des gegenwaͤrti - gen zuſtandes unſrer kirche / vor das beſte zu achten: ferner / daß er ſich offt vorſtelle / wie viele dinge / dero voͤllige beſſerung uͤber unſer vermoͤgen gehet / nicht anders als mit erbarmen und gedult muͤſſen angeſehen / und bey denſel - ben / da wir nicht vermoͤgen / was wir verlangen und ſolten / auffs wenigſte was wir vermoͤgen / gethan werden: ſo dann daß die Pauliniſche regel / jeder - mann allerley werden 1. Cor. 9 / 22. (nemlich in den dingen / die nicht wahr - hafftig wider Gott ſind) wie ſie auff die liebe gegruͤndet iſt / eine der uns auch heut zu tage noͤthigſten ſeye. Die beobachtung aller ſolcher ſtuͤcke wird verhof - fentlich nicht ohne frucht ſeyn. Der Herr Herr aber / dem wir dienen / erfuͤlle ihn mehr und mehr mit liecht zu erkennen ſeinen willen / und was in allen ſtuͤcken das beſte ſeye / ruͤſte ihn aus mit aller noͤthigen ſanfftmuth und gedult (die uns gewiß / wo wir das werck des HErrn redlich treiben / vor andern tugenden noͤthig ſind) bewahre ihn vor allem eigenſinn (der ſich bey uns menſchen offt unvermerckt einmiſchen kan) lencke die hertzen derer / mit denen er es zu thun hat / auch zu geziemender ſanfftmuth und billigkeit / und mache ihn insgeſamt zu einem kraͤfftigen und geſegneten werckzeug ſeiner ehre an vielen ſeelen. Er erbarme ſich aber auch insgeſamt ſeiner kirche / ſteure dero verderben / ſchaffe eine huͤlffe / daß man getroſt lehren moͤge / und erfuͤlle endlich ſeine verheiſſun - gen / daß die erde voller werde der lebendigen erkaͤntnuͤß des HErrn / und ſei - nes heiligen reinen dienſtes. Amen. 1688.
ES hat des P. Dez tractat von der wiedervereinigung der Roͤmi - ſchen und Proteſtirenden kirchen einen zimlichen ſchein / wo er von denjenigen geleſen wird / welche des wahren grundes nicht kundig ſind / oder ihren glauben auff diejenige art nicht gefaſſet haben / wie ſie ihn faſſen ſolten. Denn was diejenige anlangt / welche der Evangeliſchen lehr des - wegen anhangen / weil ſie dabey gebohren und erzogen / weil ſie darinnen von eltern und Præceptoribus, die ſie als Chriſtl. und fromme leute erkant haben / unterrichtet worden ſeyen / und alſo in guter meinung ſtehen / es werde ja un - ſre Evangeliſche kirche nichts unrechts lehren / weil ſie ihren glauben nicht recht gruͤnden (denn derſelbe muß ſich alleine gruͤnden auff das goͤttl. wort / aus dem man in krafft des Heil. Geiſtes von den Evangeliſchen wahrheiten uͤberzeuget ſeye) moͤgen ſie leicht durch dergleichen ſcheinbare vorſtellungen uͤber wunden werden / nicht aus ſchuld unſrer wahrheit / ſondern weil dieſelbe niemal gruͤndlich in ihre ſeelen eingetrucket worden iſt: und wo man auff das euſſerliche / und was in der menſchl. vernunfft augen faͤllet / ſehen will / frey - lich die Roͤmiſche vor unſrer Evangeliſchen kirche viele ſcheinbare vorzuͤge hat. Hierinnen hat ſich nun P. Dez als einen meiſter erwieſen / daher auch ſein buch ſolche gemuͤther / die nicht in der wahrheit gegruͤndet / leicht wan - cken oder fallen machen kan. Dazu kommet auch / daß er wider die gewohn - heit ſeiner ſocietaͤt den ſtylum moderiret / und ſich der anzuͤglichen wort mehr als andre enthalten / aber damit gemachet hat / daß ſein buch mit deſto mehr anmuth geleſen werde / hingegen eben deſto eher die gemuͤther einnehmen kan. Jndeſſen wo gleichwol alles tieffer eingeſehen wird / hat ſein vorgeben den unbeweglichen grund nicht / welchen er demſelben zuſchreibet / ja bringet in der that nichts neues / was nicht andre berichtet haͤtten / ohne daß ſeine methode und ordnung neu eingerichtet iſt / und uns lieber von der ſchrifft abziehen wolte auff die Augſpurgiſche Confeſſion, aus dero er nach ſeinen Principiis, weil ſeine parthey ſtets erfahren / daß ſie aus der ſchrifft mit uns nichts ausrichtet / ſondern allemal den kuͤrtzern gezogen hat / eher mit uns zu - recht zu kommen getrauet / und auch wo wir uns von dem haupt-grund der ſchrifft abziehen lieſſen / in der that eher etwas erhalten moͤchte. Uns aberligt96Das erſte Capitel. ligt ob / auff keinerley weiſe directe oder indirecte, uns von unſerm haupt - fundament, der ſchrifft / abziehen zu laſſen / wir werden auch alsdenn am ſi - cherſten ſtehen / wenn wir dabey allein feſt halten / und unſre Augſpurgiſche Confeſſion in dem werth bleiben laſſen / der ihr als einer menſchlichen bekaͤnt - nuͤß bleibet / aber dem widerſacher den vortheil nicht goͤnnen / den diſputat von der ſchrifft hauptſaͤchlich auff dieſelbe ziehen zu laſſen.
Wo nun kurtz zur verſicherung des gewiſſens die nichtigkeit des gantzen wercks des P. Dez zu zeigen iſt / ſo iſt zu mercken.
I. Daß das haupt-fundament ſo er leget / eben dasjenige ſeye / was auch ſtets alle uͤbrige Papiſten legen / aber auch ſo offt von den unſrigen umgeſtoſ - ſen worden iſt / nemlich es ſeye die Roͤmiſche heutige kirche dieeinige wahre kirche / und alſo die meiſterin des glaubens. Er thut auch hierinnen ſo gar unweißlich nicht / daß er aller orten dieſes hauptſaͤchlich treibet: dann iſt die - ſer punct bewieſen / ſo bedarffs nachmal des uͤbrigen diſputats nicht / ſondern waͤre aller ſtreit auff einmal als per compendium ausgemacht / wie er ſich darauff beruffet p. 58. 90. 150. und anderswo / hingegen wo ſie in erweiß die - ſes articuls zuruͤck bleiben / und was ſie anfuͤhren / zu ſchwach befunden wird / ſo faͤllet auch ihr gantzes werck. Wie nun aber ſolcher ſatz zu ſeiner erweiſung vieles erfordert / werden wir nach ſleißiger unterſuchung finden / daß alles was dazu angefuͤhret wird / viel zu ſchwach ſeye / und das vorgeben nimmer - mehr einem erwieſen werden koͤnne / der ſich nicht mit dem bloſſen vorgeben abſpeiſen laſſen will.
Es muß zum fundament von ihm geleget werden / daß die kirche Chri - ſti / wie er p. 59. austruͤcklich vorgibet / auff Petrum gegruͤndet / und die - ſem ein ſolcher vorzug von Chriſto gegeben ſeye uͤber alle andre Apoſtel / der allgemeine hirt / auff eine ſonderbahre art / als die andre Apoſtel nicht ſind / zu ſeyn / ſolche gewalt auch ſeinen nachfolgern zu Rom biß an das ende der welt zu uͤberlaſſen. Aber nichts unter allen denen puncten iſt er wieſen 1. vor die perſon Petrikan nichts gezeiget werden / daß derſelben jemal ſolche wuͤrde gegeben worden waͤre. Der ort Matth. 16 / 18. wird vergebens an - gefuͤhret / und iſt offt ſattſam von den unſrigen erwieſen worden / wie gegen - theil ſo gar nicht in ſolchem ſpruch ſeine intention fundiren koͤnne / daß man ſich zu verwundern / wie man ſich immer damit wiedrum zu behelffen unter - ſtehen doͤrffe. Es macht unſer Heyland den austruͤcklichen unterſcheid un - ter Petro und unter dem felſen / ſo zwahr in dem Frantzoͤſiſchen ein nahmen Pierre iſt / aber in andern und der grund-ſprach ſind die wort gantz different. Und hat alſo der HErr ſeine kirche auff den felſen / von dem Petrus den nah - men hat / und der Chriſtus ſelbs iſt. 1. Cor. 10 / 4. und 1. Cor. 3 / 11. nicht aber auff Petrum (der zu ſolchem grund viel zu ſchwach war / und gleichdar -97SECTIO XV. darauff von Chriſto einen harten verweiß und nahmen bekommen hat) ge - gruͤndet. Hingegen kangegentheil nimmermehr erweiſen / daß Petrus / ſelbs und in ſeiner perſon / ſolcher felß ſeye: daher auch unter den alten vaͤtern aus - truͤcklich Hilarius, Cyrillus, Chryſoſtomus, Theophylactus, bezeugen / daß Petrus ſolcher felß nicht ſeye / dazu wir auch Ambroſium ſetzen moͤgen / der zwahr eines orts Petro dieſe wuͤrde gibet. Sonderlich aber Auguſtinus, da er eines orts von Petro auch alſo geredet hatte / bezeugt in ſeinen retracta - tionibus, darinn er alle ſeine ſchrifften wieder durchgehet / und vieles aͤndert / daß der felß derjenige ſeye / welchen Petrus bekant habe. Alſo ſagt er auch deutlich tr. 124. in Joh. Ideo ait Dominus, ſuper hanc petram ædificabo Eccle - ſiam meam, quia dixerat Petrus, Tu es Chriſtus filius DEI vivi. Super hanc ergo, inquit, petram, quam confeſſus es, ædificabo Eccleſiam meam. Petra erat Chriſtus, ſuper quod fundamentum etiam ipſe ædificatus eſt Petrus. An - derswo nochmal: Petra principale nomen eſt, ideo Petrusâ petra, non petra â Petro, quod non à Chriſtiano Chriſtus, ſed â Chriſto Chriſtianus vocatur. Tu es, ergo inquit Petrus, & ſuper hanc petram, quam confeſſus es, ſuper hanc petram, quam cognoviſti, dicens, Tu es Chriſtus Filius DEI vivi, ædifi - cabo Eccleſiam meam. Super me ædificabo te, non ſuper te ædificabo me. Es fuͤhret auch deßwegen unſer wolverdiente Gerhardus Confeſſ. Cath. Lib. I. P. 2. c. 2. p. 292. mehrere Roͤmiſche Biſchoͤff oder Paͤbſte an / die es nicht an - ders ausgelegt / als Eutychianus, der ſagt: unum hoc immobile fundamentum, una hæc felix fidei petra, Petri ore confeſſa, Tu es Chriſtus filius ille DEI vivi: Leo Magnus, der ſpricht: Petrum â principali petra (dieſer iſt aber Chriſtus) ſoliditatem & virtutis traxiſſe & nominis. Felix III. ſagt: Super iſtam confeſ - ſionem ædificabo Eccleſiam meam. Felix IV. Super iſta confeſſione ædificabo Eccleſiam meam: und nochmal: ejus unigenitus filius in confeſſione primi Apoſtolorum fundavit me. Gregorius M. Ipſe DEI & hominum mediator ad Apoſtolorum principem ait: Tu es Petrus, & ſuper hanc petram ædificabo Eccleſiam meam. Ipſe enim eſt petra, à qua Petrus nomen accepit, & ſuper quam ſe ædificaturam Eccleſiam dixit. Adrianus I. Quid præſtabilius quam B. Petri felici confeſſione probatæ fidei tenere fundamentum. Super hanc inquit petram, quam confeſſus es, & â qua vocabuli ſortitus es dignitatem, ſu - per hanc ſoliditatem fidei Eccleſiam meam ædificabo. Nicolaus I. Condito - rem omnium ſuper ſolidam fidem Petri conſtituiſſe ſoliditatem. Stephanus VI. Catholica Chriſti & DEI Eccleſia fundata ſuper firmam petram, Apoſtoli videl. confeſſionem. Gregorius VII. (der jenige Pabſt / ſo im uͤbrigen die Paͤbſt - liche hoheit auff den hoͤchſten gipffel geſetzt) bekennet doch / durch die wahr - heit getrungen: Petrus â firma petra dicitur, quæ (nicht qui) portas inferni confringit. Innocentjus II. Inde eſt, quod Petrus pro eximia hujus fidei con -Nfeſſio -98Das erſte Capitel. feſſione â Salvatore noſtro audire meruit: Tu es Petrus, & ſuper hanc petram ædificabo Eccleſiam meam, petram utique firmitatem fidei & Catholicæ uni - tatis ſoliditatem manifeſtè deſignans. Er zeigt ferner / daß gantze Concilia den ſpruch alſo erklaͤhrt: als Cone. Sveſſion. Quæ Eccleſia cum generaliter. ab und capite Chriſto ſuper petram, id eſt, ſuper confeſſionem Petri ſit ædifi - cata. Wiedrum: Conc. Trevir. Vera in JEſum Chriſtum fides fundamen - tum eſt & petra illa, de qua Salvator noſter dixit, ſuper eam ædificandam eſſe Eccleſiam ſuam, adverſus quam portæ inferorum nun quam eſſent prævalitu - ræ. Ja es iſt GOttes ſonderliche providenz zu veneriren / daß dieſelbe es gefuͤgt / daß ſelbs im Concil. Trident. dieſe wort muͤſſen gebraucht werden: Symbolum fidei eſſe tanquam principium illud, in quo omnes qui fidem Chri - ſti profitentur, neceſſario conveniunt ad fundamentum firmum & unicum, contra quod poſtæ inferni nunquam prævalebunt. Nachdem nun ſolche er - klaͤhrung dieſes ſpruchs von Roͤmiſchen Biſchoͤffen und Conciliis vorhanden / welche der Intention des P. Dez und ſeiner mitbruͤder der Jeſuiten entgegen ſtehen / bedarffs nicht andre Papiſtiſche ſcribenten anzufuͤhren / welche eben dieſen ſpruch auff gleiche weiſe ausgeleget haben. Und muß man ſich billig verwundern / wie man das hertz nehmen darff / den grund einer ſolchen lehr / darauff die gantze religion beſtehen ſolle / auff einen ſolchen ſpruch zu ſetzen / welchen die jenige / ſo doch bey ihnen in groſſer autoritaͤt ſind / anders / und auff gleiche weiſe wie wir / auslegen / damit aber das gantze argument ent - kraͤfften / und alſo ihren eignen grund umreiſſen. Denn die gantze Paͤpſtiſche religion ſolle darauff beruhen / weil die Roͤmiſche kirche die einige wahre kir - che ſeye / daß dieſe die wahre kirche ſeye / ſolle daher kommen / weil ſie Petrum zum Biſchoff gehabt / und der die ihm von Chriſto gegebene gewalt ſolcher kirchen hinterlaſſen habe / dieſe gewalt gruͤndet ſich endlich auff dieſen ſpruch / da ihn Chriſtus zum grund der kirchen gemacht haben ſolle. Wo nun dieſer grund ihnen entriſſen wird / wie er denn wahrhafftig entriſſen wird / wenn nicht Petrus ſondern ſeine bekaͤntnuͤß / und alſo Chriſtus den er bekant hat / der felß iſt / ſo faͤllt das gantze gebaͤu / ſo hierauff beruhet. Wie es auch wahr - hafftig alſo faͤllet / daß es weder P. Dez noch einiger der ſeinigen feſt ſetzen / o - der uns noͤthigen kan / den ſpruch anders zu erklaͤhren / als die vaͤter / Paͤbſte und Concilia ihn erklaͤhret / und nicht darinnen gefunden haben / daß die kir - che auff Petri perſon gebauet ſeye.
Es berufft ſich aber p. 60. P. Dez auff den ſpruch Joh. 21 / 15. Er richtet aber auch mit demſelben gewißlich nicht mehr aus / ob wol vor ihm andere / ſo nicht zu laͤugnen / eben dieſen ſpruch zu ſolchem ende gefuͤhret haben / welchen aber auch von den unſrigen nicht weniger geantwortet worden. Daß der HErr dem Apoſtel Petro ſeine ſchaaffe und laͤmmer habe anvertrauet / iſt keinzweif -99SECTIO XV. zweiffel. Er hat ſie aber auch andern Apoſteln / ja allen dienern der kirchen anvertrauet. Apoſt. Geſch. 20 / 29. 1. Petr. 5 / 1. 2. (wo dazu Petrus ſelbs den aͤlteſten der gemeinden / nicht als ihr vorgeſetztes haupt / ſondern nur als ihr mitalteſter zuſpricht / daß ſie nicht ſeine / ſondern des HErrn gemeinde weiden ſolten / und alſo bezeuget / daß ſie mit ihm einerley befehl zu weiden haben) weil aber des Jeſuiten meiſte ſubtilitaͤt darinnen ſtecket / daß ihm die ſchaaffe und die laͤmmer zu weiden befohlen ſeyen / da er durch jene die ge - meine Chriſten / durch dieſe die hirten ſelbs verſtehen will / ſo iſt zwahr er a - bermal nicht der erſte / der ſolche albere ſubtilitaͤt erfunden.
Wo werden ab er irgend in der ſchrifft / wo ſchaaffe und laͤmmer zuſam̃en oder gegeneinander geſetzt werden / durch die ſchaaffe die hirten verſtanden? von den gelehꝛten Papiſten ſagt Corn. Janſen. Non eſt quæ rendum myſterium in eo, quod in prima interrogatione Chriſtus dixerat, agnos meos, in ſecun - da & tertia oves meas &c. Und Maldonatus. Non ſubtiliter diſputandum eſt, an Chriſtus agnos potius quam oves appellaverit, quod qui fecerit, vi - deat, ne doctis riſum præbeat. Bellarminus, derſelbs zwahr auch dieſe er - klaͤhrung anfuͤhret / fuͤhret aber zugleich auch andre erklaͤhrungen / und trauet alſo der ſache nicht. Wie ſolte denn ein dergleichen glaubens-ar - ticul auff eine ſolche ungewiſſe allegorie mit beſtand gegruͤndet werden? daß ihm aber zu dreyen malen ſolches weiden anbefohlen worden / macht die ſache abermal nicht aus / ſondern bemercken vielmehr / ſo wol die vaͤter als auch die vornehme Paͤpſtiſche ſcribenten es ſeye ſolches geſchehen / daß damit Petrus ſeiner dreyfachen verlaͤugnung erinnert wuͤrde. Alſo kan mit be - ſtand nicht das geringſte aus dieſem ſpruch erwieſen werden / daß Petro vor andern Apoſteln gegeben worden waͤre. Was die uͤbrige argumenta p. 61. u. f. anlangt / concludiren ſie auch nichts. Daß Petrus der erſte unter den Apoſteln genennet wird / wird von niemand gelaͤugnet / aber auch nicht des - wegen geſtanden / daß er uͤber die andre Apoſtel und gantze kirche eine herr - ſchafft haben ſollen. Es muß je in einem Collegio, da alle einander an der macht gleich ſind / einer der erſte ſeyn / und einiges Directorium fuͤhren / wel - ches wir in gewiſſer maaß Petro nicht eben abſprechen wollen / damit aber des P. Dez argument noch nicht beſtaͤrcket wird. So haben die unſrige un - terſchiedliche ſtuͤcke / worinnen Petrus vor andern der erſte genennet werden moͤge / bemercket / ſo aber alle der Papiſten vorgeben wenig zu ſtatten kommet. Alſo auch alle andre dinge / die er anfuͤhrt / erweiſen nichts weiter / als den vorzug einer ordnung / welcher in einem Collegio noͤthig / die andre aber dem - ſelben deswegen noch nicht unter wirfft.
Wie alſo bereits dieſes haupt-fundament faͤllet / daß Petro die oberſte gewalt uͤber die gantze kiꝛche gegeben worden ſeye / als davon die ſchꝛifft nichtsN 2weiſt /100Das erſte Capitel. weiſt / ſo faͤllet auch 2. das darauff gebauete / daß der Roͤmiſchen kirchen und dero Biſchoff ſolches recht zukaͤme. Wiewol wenn auch Petro etwas ſon - derbares gegeben worden waͤre / die folge noch nicht erwieſen waͤre / daß der - gleichen auff ſeine Succeſſores, und in ſpecie zu Rom fort erben ſollen. Es haben die Apoſtel bereits als Apoſtel etwas beſonders gehabt / und koͤnnen wir viel gruͤndlicher von allen / als die Papiſten von dem einigen Petro ſa - gen / daß ſie die allgemeine Biſchoͤffe der gantzen kirchen geweſen / und alſo ei - nes jeglichen amt ſich uͤber die gantze kirche erſtrecket. Wie aber keiner der andern Apoſtel ſolche macht jemand anders uͤberlaſſen konte / alſo konte es auch Petrus nicht / denn es iſt eine ſache / die an dem Apoſtoliſchen amt ſelbſt haͤnget. Krafft aber eben ſolches allgemeinen Apoſtoliſchen characteris ſe - hen wir / daß alſo kein Apoſtel an einem gewiſſen ort / oder bey einer gewiſſen kirchen / als deroſelben ſonderbarer Biſchoff / blieben / und ſich derſelben ver - binden koͤnnen / indem gedachter maſſen jeder zu der allgemeinen ſorge und predigt beruffen geweſen; daher auch dieſes ohne ſichern grund geſagt iſt / daß Petrus zu Rom Biſchoff geweſen: denn ob man dem zeugnuͤß der vaͤter nicht abſtehen will / daß Petrus zu Rom geweſen / ſo kan doch dieſes nicht er - wieſen werden / daß er die ſtadt Rom zu ſeinem ordinari biſtum wider der A - poſtel allgemeine pflicht erwehlet habe / ſondern er war Biſchoff daſelbs / wie es Paulus auch war / die zeit als er ſich da auffgehalten hat / wie nicht weniger jeglicher Apoſtel an jedem ort ſeines verbleibens. Ferner weil Pe - trus ſo wol zu Antiochia als zu Rom als Biſchoff geſeſſen ſolle ſeyn / ſo wuͤr - de noch viel diſputat werden / welcher unter den beyden orten zu ſeiner Suc - ceſſion das meiſte recht haͤtte. Jnsgeſamt iſt dieſe haupt-theſis zu erwei - ſen / hingegen auch zu erweiſen unmoͤglich: daß die Roͤmiſche kirche und derſelben Biſchoff aller der dignitaͤt und vorzugs / welche Petrus gehabt / faͤhig / und ſolche ihr von GOtt gegeben ſeye; davon aber aus GOttes wort auch das geringſte jota nicht zu erweiſen / ſondern wenn eine kirche als der andern aller mutter und meiſter in anzuſehen waͤre / ſolte man vielmehr aus der ſchrifft auff Jeruſalem als auff Rom die vermuthung ſchoͤpffen. Sehen wir an die kirchen-hiſtorie / und was in der kirchen nach der Apoſtel zeit vorgegangen / ſo iſt nicht ohne / daß die Roͤmiſche kirch / und alſo derſelben Biſchoff bald in groſſes anſehen gekommen / aus unterſchiedli - chen urſachen: 1. weil die Apoſtel / Petrus und Paulus daſelbſt gelehrt / wie denn in der alten kirchen diejenige insgeſamt beſonders Apoſtoliſche kirchen genennet worden / wo die Apoſtel gelehrt / daher auch den kirchen zu Corinth / Philippen / Antiochia u ſ. f. dergleichen titel gegeben worden. 2. Weil in ſol - cher beruͤhmtenſtadt allezeit ſtattliche u. tapfere lehrer geweſen / wie ohne das insgemein in den groͤſſern und volckreichern ſtaͤdten pfleget ein mehrer anzahlvon101SECTIO XV. von auserleſenen leuten in allerley ſtuͤcken gefunden zu werden / in verglei - chung gegen geringere ort. 3. Kam dazu die wuͤrde der ſtadt / welche des gan - tzen Roͤmiſchen reichs / in deſſen graͤntzen meiſtens die Chriſtliche kirche einge - ſchloſſen war / hauptſtadt geweſen / wo wir aber finden werden / daß insge - ſamt ſich die kirchen-verfaſſung zu ſolcher zeit nach der weltlichen verfaſſung eingerichtet / und gemeiniglich in jeglicher provinz die kirche der hauptſtadt in gewiſſeꝛ maaß die auffſicht auf die andere gebꝛaucht. Wie denn nachmal die vaͤter des Chalcedoniſchen Concilii austruͤcklich bezeugen / daß dem Roͤmi - ſchen Biſchoff vor den uͤbrigen der vor ſitz gegeben / weil ſolche ſtadt die Kaͤyſer - liche ſtadt waͤre / daher nachmal der biſchoff von Conſtantinopel um gleicher urſachwillen die nechſte ſtell erhalten / ja die erſte / weil das neue Rom nun vor dem alten der Kaͤyſerliche ſitz waͤre / præſentiret. Dieſe urſachen machten die kirche beruͤhmt / daß daher manchmal / wo einige ſtreitigkeiten in an - dern kirchen entſtunden / die partheyen nach Rom / als an eine kirche / wo beruͤhmte leute waͤren / ſich zogen / und daſelbſt entſcheid ſuchten / nicht als bey einer richterin / ſondern als durch art compromiſſi. Sonderlich die occidentaliſchen kirchen hielten ſich dahin / erholten ſich daſelbſt rath / ſo vielmehr / weil durch die ſorgfalt der Roͤmiſchen kirchen viele deroſelben waͤ - ren gepflantzet worden / und ſie ſo fern als ihre mutter erkanten. Da hin - gegen eben dergleichen in den morgenlaͤndiſchen kirchen auff die kirche zu An - tiochia / und in den mittaͤgigen auff die kirche zu Alexandria geſehen / und de - ro rath und ausſpruch in wichtigen faͤllen eingeholet wurde. Alles dieſes aber macht noch nicht / daß wir ſagen ſolten / es haͤtten damit die kirchen der Roͤmiſchen kirche bothmaͤßigkeit uͤber ſich erkennt: ſo wir in einem exempel ſehen koͤnnen. Weilen nach der reformation in den Saͤchſiſchen kirchen ge - meiniglich tapffere und beruͤhmte lehrer und Theologi geweſen / ſo haben von ſolcher zeit an die meiſte evangeliſchen kirchen eine ziemliche ehreꝛbietung gegen die Saͤchſiſche kirche getragen: nicht nur allein / weil der Churfuͤrſt das directorium unter den Evangeliſchen ſtaͤnden als dero vornehmſter gefuͤh - ret / und man ihm ſolches gern gelaſſen / ſondern auch weil man wegen der guten meriten / ſo die Saͤchſiſche Theologi an dem Evangelio hatten / ein mehrers vertrauen zu ſolcher kirchen geſchoͤpffet; daher mehrmal die Saͤch - ſiſchen Theologi vornehmlich die dinge uͤbernommen / ſo die gantze kirche angiengen / es haben auch andre kirchen etwa in entſtandenen zwiſten ſich an dieſelbige adreſſiret / und dero entſcheid verlanget / dieſe auch derglei - chen zugeben nicht angeſtanden. Jn ſolchen allen aber war weder der Saͤch - ſiſchen kirchen meinung / ſich der uͤbrigen meiſterin zu machen / oder ſich ei - nige bothmaͤßigkeit uͤber ſie anzumaſſen / noch auch die abſicht der andern kirchen ſich derſelben zu unterwerffen / daß ſie alſo toͤchtere jener als ei -N 3ner102Das erſte Capitel. ner mutter einen gehorſam ſchuldig waͤren / ſondern ſie ehren ſie als die aͤlteſte ſchweſter / die im uͤbrigen einander gleich ſind: wuͤrden auch nim - mermehr / wo man ihre ehrerbietung weiter ausdehnen wolte / ſich dazu verſtehen. Eine gleiche bewandnuͤß hatte es auch in der erſten zeit mit der Roͤmiſchen kirchen / und wird ſich nicht leicht etwas zeigen / wie ſich die andre gegen dieſe verhalten / daß nicht auch die Saͤchſiſche kirche / ohne deß - wegen eine gewalt uͤber die andre bekommen zu haben / gleiches gegen ſich offt geſchehen zu ſeyn / weiſen koͤnte.
Jn dieſen terminis einer feinen ordnung bliebe es / ſo lange noch die Biſchoͤffe zu Rom recht gottſeelige leute / und es denſelben redlich allein um der kirchen beſtes zu thun war. Wie aber unter den menſchen gemeinig - lich die autoritaͤt / die jeglichem GOtt gibet / mißbrauchet / und zu ei - nem mittel des hochmuths gemachet wird / alſo gieng es auch darinnen. Jn deme die Roͤmiſchen zeitlich angehoben / den kopff empor zu heben / und nicht nur uͤber die abendlaͤndiſche kirche / ſondern auch die andere ihnen ei - ne macht zu arrogiren. Den anfang machte ſonderlich Biſchoff Victor we - gen des Oſterfeſts (welches die morgenlaͤnder anders als die abend-laͤnder hielten / und deßwegen Polycarpus von Epheſo zu Aniceto nach Rom gekom - men / um ſich freundlich eines gewiſſen zu vergleichen / da er alſo deſſen gewalt nicht erkannte / doch auch nichts ausgerichtet hat) gegen das ende des 2. ſeculi, ſich unternommen die Aſiatiſchen kirchen zu excommuniciren / da aber die Aſiatiſche kirchen ihm nicht parirt, und auch Irenæus in ſeiner und der Franzoͤſiſchen Biſchoͤffe nahmen ſolcher vermeſſenheit ſtarck wider - ſprochen hat. Alſo nach dem Biſchoff Stephanus ſich abermal zu groſſer macht gebrauchte / widerſprach ihm Cyprianus ſehr tapffer / und geſtund ihm das jenige nicht / was er ſich annahm. Jn dem Niceniſchen Concilio wurde einige ordnung gemacht / aber dem Antiochiſchen und Alexandriniſchen Bi - ſchoff an ihren orten eben die jenige gewalt / als dem Roͤmiſchen in dem ſei - nigen / zugeſtanden. Von der zeit / als nun das reich gantz zu dem Chri - ſtenthum kam / fuhr der Roͤmiſche Biſchoff ſtets fort ſeine macht zu ergroͤſ - ſern / hatte aber allezeit ſeine widerſprecher und konte nie zu keinem ruht - gen beſitz der prætendirten autoritaͤt kommen / wie ſonderlich da Coeleſti - nus, ſo 423 den ſitz betreten / als er an die zu Carthago begehrte / daß ſich die Charthagiſche kirche dem Roͤmiſchen ſtuhl unterwerffen ſolte / hart daruͤ - ber von dem Biſchoff des 6. Charthaginiſchen Concilii daruͤber angelaſſen und rund abgeſchlagen wurden ihm einige jurisdiction uͤber ſich zuzugeben / auch treulich verwarnet / daß nicht ein ſolcher hochmuth in die kirche Chriſti einge - fuͤhret wuͤrde. Da auch ſonderlich Polychronius Biſchoff zu Jeruſalem mit gutem grund ſich daꝛauff beruffte / weñ ja ein primatus in deꝛ kirche ſolte ſeyn /ſo103SECTIO XV. ſo wuͤrde er vielmehr der kirche zu Jeruſalem als der Roͤmiſchen gebuͤhren. Al - ſo blieb allein bey der Roͤmiſchen kirche das ſtete verlangen ſich uͤber die gan - tze kirch ein recht anzumaſſen / geſchahen auch dann und wann einige verſuch / aber es wolte nicht angehen; Ohne allein / daß nunmehr die occidentaliſche kirche ſich an den Roͤmiſchen ſtuhl und Biſchoff / als an ihren Patriarchen / wie auch die andere an ihre Patriarchen / hielten / nicht aber ſolches aus einem goͤttlichen recht / ſondern kirchlicher verordnung. Ja zu ende des 6. Secu - li, als ſich der Patriarch von Conſtantinopel einen allgemeinen biſchoff oder Oecumenicum nennen wolte / widerſprach Gregorius M. zu Rom dermaſſen / daß er ſich hingegen ſolchen titel nicht beymaß / vielmehr ſchriebe / es muͤ - ſte der jenige des anti-chriſts vorlauffer ſeyn / welcher ſich ſolchen vorzug uͤber die kirche / der dem Evangelio zuwider waͤre / GOtt und die uͤbrige Bi - ſchoͤffe mit unrecht angriffe / anmaſte. Gleichwol ſein ohn einen nechſter nachfolger Bonifacius III. erhielte ſolchen titel von dem Kaͤyſer Phoca, wel - chem er die abſolution ertheilet / daß er ſeinen Herrn den Kaͤyſer Mauritium hingerichtet / der Patriarch zu Conſtantinopel aber ihn hart daruͤber ange - laſſen hatte. Hierdurch wurde nun nicht vor GOtt / jedoch vor der welt / ein feſterer grund ſeiner angemaſten gewalt geleget / und haben ſeine nachfol - ger biß daher in ſolchem hochmuth fortgefahren / aber gleichwol mit aller liſt und macht es nicht dahin bringen koͤnnen / daß die morgen - und mittag-laͤndi - ſche kirche ſeine macht erkennten / und ſich ihm unterwuͤrffen; wie ſie noch biß auff dieſe ſtunde ſolcher ſeiner prætenſion widerſprechen.
Alſo wird hiermit klahr gezeiget ſeyn / was von der Roͤmiſchen kirchen und Biſchoffs-gewalt uͤber alle kirchen vorgegeben wird / ſeye ohne grund / und weder aus der ſchrifft zu erweiſen / noch ſolche gewalt in der kirchen zu al - len zeiten angenommen worden. Wie nun / wo die ſache recht erwogen wird / P. Dez gantzes gebaͤu auff dieſen grund / der ſo baufaͤllig iſt / beruhet / iſt leicht zu ermeſſen / was von deſſen feſtigkeit zu halten ſey.
II. Nechſt dem iſt auch ein haupt-fehler des P. Dez und aller ſeiner mitge - noſſen / daß ſie die Chriſtliche kirche / welche gleichwol kein weltliches / ſondern geiſtliches reich iſt / nicht anders anſehen / betrachten und davon urtheilen / als von einem weltlichen reich / welches nicht ohne ſeine euſſerliche verfaſſung beſtehen koͤnne / dahero wo dieſe dahin falle / auch gantz zunichte werde: ſo ſich aber damit gantz anders verhaͤlt. Hiebey laͤugne ich nicht / weil die kirche zwahr ein geiſtlich reich iſt / aber dennoch aus ſichtbaren menſchen / die ihren ſichtbahren dienſt verrichten ſollen / beſtehet / daß dieſelbe nicht ſo unſichtbar ſeye / daß ſie nicht auch ihre ſichtbarliche verfaſſung haben / und darinn einem weltlichen reich in gewiſſer maaß aͤhnlich ſeyn ſolte. Alſo hat die ſichtbare kirche / wie ihren ſichtbaren gottesdienſt und zuſammenkuͤnffte / alſo auch ih -re104Das erſte Capitel. re ordnung von lehrern und lernenden / von predigern und zuhoͤrern / und was dergleichen iſt. Wenn ſie in gluͤcklichem und ruhigen ſtande ſtehet / bleiben auch ſolche ordnungen / und ſollen billig unzerfuͤhrt behalten werden. Es iſt aber die wahrheit der kirchen nicht dermaſſen an ſolches ſichtbare weſen verbunden / daß nicht auch dieſes unterbrochen werde / und dennoch das reich Chriſti unſichtbar bleiben koͤnte. Jch weiß / wie ſo wol andere Papiſten als der P. Dez ſolches ihren ſpott haben / wie er redet pap. 108. von einer chimere d’ une egliſe inviſible. Wo aber auch gegentheil die ſache recht erwegen / und redlich und unpartheyiſch urtheilen will / kan er nicht laͤugnen / daß die kirche auch unſichtbar ſey / nicht nur / weil undiſputirlich das jenige / was wahre Chriſten macht / in dem hertzen ſteckt / und alſo an ſich ſelbſt unſicht - bar iſt: ſondern auch auff andere art. Sie ſagen austruͤcklich / auſſer der kir - chen koͤnne niemand ſelig werden / wie p. 109. deutlich ſtehet: qu’ il n’ y a point de vrays fideles ni de predeſtinez hors de cette egliſe. Dieſes iſt aber ſchlechter dinges nach ihren eignen principiis falſch nach der ſichtba - ren kirchen; ob wol P. Dez gantz abſurd auch dieſes von der ſichtbaren kir - chen verſtanden haben will; ſo aber ohne viele muͤhe widerleget werden kan. Denn kein Papiſt kan laͤugnen / daß die kinder / ſo in den Morgen - laͤndern in der Grichiſchen / Abyßiniſchen u. ſ. f. kirchen / alſo auch bey uns getaufft werden / wahrhafftig widergebohren / kinder GOTTes und er - ben des ewigen lebens / daher auch glieder der wahren kirchen werden; denn ſie verwerffen die tauffe und dero krafft nicht: So iſt nun alſo ſtets eine anzahl von viel 100000 ſeelen / welche in dem ſtand der ſeligkeit ſte - hen / ſo ihnen auch P. Dez nicht abſprechen kan / als ſie noch nicht ſolche ih - re tauffgnade verſtoſſen / und wie er etwa ſagen mag / ſich darnach der el - terlichen irrthume theilhafftig gemacht haben. Dieſe alle ſind demnach ſo lange kinder GOttes / und die noch in ſolchem alter ſterben prædeſtinirte / ſo muͤſſen ſie auch glieder der kirchen ſeyn / und zwar der wahren kirchen. Hingegen erkennet P. Dez die jenige ſichtbare kirche / darinnen ſie getaufft ſind / nicht vor die wahre kirche / ſondern haͤlt ſie vor ſchißmatiſch oder ke - tzeriſch: ſo fern ſie alſo nur als glieder ſolcher kirchen angeſehen wuͤrden / koͤnten ſie nicht ſelig werden. Nach dem aber P. Dez dieſelbe ſelig erken - nen muß / ſo muß er ſie auch vor wahre glieder der kirchen erkennen; thut er dieſes / ſo iſt entweder noch eine andere wahre ſichtbare kirche als die Roͤ - miſche / ſo er eifferig widerſprechen wird / oder / wenn er ſie vor glieder ſei - ner Roͤmiſchen kirchen annimmet / ſo muß er bekennen / daß die kirche nicht ein ſolcher leib ſeye / wie ein weltliches reich / das keine unterthanen ha - ben koͤnne / welche man nicht ſehen / daß ſie darinnen ſeyen / oder ſich dazubeken -105SECTIO XV. bekennen / ſondern daß es ein ſolcher leib ſeyn muͤſſe / der in einer unſicht - baren verfaſſung hauptſaͤchlich ſtehet / und alſo glieder hat die nach dem euſſerlichen an dem uͤbrigen leib nicht hangen / noch von jemand als deſſen glieder geſehen werden: und muß alſo auffs wenigſte nach einem groſſen theil auch ſeine kirche vor unſichtbar zugeben. Wie guͤtig gegen uns P. Dez ſeye / oder nich / kan ich nicht voͤllig determiniren / indeſſen weiß ich / daß vornehme Papiſten / auch Jeſuiten / geſtanden haben / daß auch in der ketzeriſchen kirchen / davor ſie uns mit unrecht erklaͤhren / die gantz einfaͤltigen ſo nur die gemeine grundwahr heiten glauben / und im uͤbrigen gottſelig lebeten / wenn ſie igno - rantia in vincibili laborirten / und alſo unmuͤglich beſſer wiſſen koͤnnen / ſelig werden moͤchten. Dieſer leute hypotheſis, ſo auch andern ihren ſaͤtzen gemaͤß iſt / weiſet alſo auch / daß entweder auſſer der wahren kirchen einige ſelig wer - den / oder daß die kirche nicht nach allein ihren begriff ſichtbar ſeye. Welches auch die wahrheit iſt. Daher ſihet derjenige erſt recht die kirche mit glaͤubi - gen augen an / der ſie anſihet / als eine gemeine von den ſeelen / welche GOtt bekant ſind / und als lebendige glieder an dem haupt Chriſto ſtehen / von dem - ſelben krafft / glauben und geiſt empfangen / und ſelig werden / in welcher aller abſicht ſie wahrhafftig unſichtbar iſt u. keine ſichtbare gemeinſchafft zwiſchen allen und jeden gliedern gezeiget werden kan. Jndeſſen ſind ſolche ſeelen ver - bunden / da ſie andere um ſich haben / ſo in gleicher gnade ſtehen / ſich mit den - ſelben zu vereinigen / ſolche vereinigung mit gemeinſchafftlichen gottesdienſt zu bezeugen / und ſich ohne noth nicht von einander zu trennen. Man hat auch / wo dergleichen viel ſind / eine ordnung und verfaſſung unter denſelben zu machen / und jede gemeinde mit andern / welche gleicher wolthaten theil - hafftig ſind / ſich auch gern zu vereinigen. Damit wird ſie alsdenn eine ſicht - bare kirche. Wenn es aber geſchihet / daß ſolche zerſtreuet werden / kaum ei - nige beyſammen ſind / ſondern einzel in der ſtille GOtt dienen muͤſſen / ſo hat damit die kirche noch nicht auffgehoͤret / obwol dero euſſerliche geſtalt / in dem ſtand / da ſie getruckt iſt / ſich zimlich aͤndert. Alſo ſihet man / das rechte we - ſen der kirchen / die wir bekennen / beſtehet nicht in demjenigen / was ſichtbar iſt / weil ſolches auffhoͤren kan / ſondern in dem unſichtbaren. Jndeſſen kan man auch von der kirchen insgemein reden / wie man gleichſam præſcindiret von der ſichtbaren und unſichtbaren / wie ich den 7. Articul der Augſpurgi - ſchen Confeſſion annehme: daher in demſelben insgemein von der kirche ge - handelt wird / weßwegen etliche propoſitiones von derſelben geſagt werden / und genommen werden muͤſſen / wie ſie ſichtbar iſt / als daß ſie die lehre des Evangelii habe / und die Sacramenten adminiſtrire / andre ſind wahr von ihr / wie ſie auch unſichtbar iſt / und ſeyn kan / als nemlich / daß ſie immer bleibe.
O3. Die -106Das erſte Capitel.III. Dieſes iſt nun auch ein haupt-fehler / daß der wahren und reinen kir - chen ſichtbarer zuſtand allezeit zu bleiben vorgegeben wird p. 110. u. f. wie auch vorher p. 68. gelehret worden. Nun 1. wird nicht gelaͤugnet / daß freylich die kirche ſelbs nimmer auffhoͤrenkan / denn es iſt dieſelbe das reich Chriſti / deßwegen weil dieſer ein koͤnig ewig iſt / und bleiben muß / ſo bleibet auch ſein reich ewig / ſo gar / daß wo alles ſichtbare auff erden vergehet / hoͤret dennoch ſein reich in der triumphirenden kirche nicht auff. 2. Geſtehe ich auch gern / daß biß an das ende der welt die geſamte Chriſtliche ſichtbare kirche / ſo fern nicht auffhoͤren werde / daß nicht allezeit ſolten einige hauffen ſeyn / die ſich zu der lehr Chriſti insgemein bekennen / daher auch das wort und die Sacra - menten behalten / und wird es der teuffel nimmermehr dahin bringen / daß er allen Chriſtlichen nahmen in der welt vertilge. 3. Jn ſolchen Chriſtlichen hauffen allen / wo nur noch die ſchrifft uͤbrig bleibet / und getrieben wird / auch die heil. tauffe im ſchwange iſt / findet ſich allezeit auch ein volck GOttes / das zu der rechten kirchen gehoͤret / auffs wenigſte in den kleinen getaufften kin - dern / und etwa in einigen einfaͤltigen. Aber 4. daß die kirche alſo ſtets bleiben ſolle / daß ſie niemals von ihrer wahrheit abweiche / und alſo ihre gan - tze euſſerliche verfaſſung ſolches theuren nahmens wuͤrdig ſeye / iſt uns nir - gend in der ſchrifft verheiſſen. P. Dez ſucht zwahr das widrige p. 68. zu er - weiſen. Aber vergebens Matth. 16. wird verheiſſen / daß die pforten der hoͤllen nicht ſollen die kirche uͤbermoͤgen / welches der Jeſuit von der ſicht - baren kirchen verſtanden haben will. Nun laſſen wir gern paßiren / daß die kirche / auch wie ſie ſichtbar iſt / von dieſem ſpruch nicht auszuſchlieſſen ſeye: denn auch dieſelbe iſt auff Chriſtum gegruͤndet / indeſſen gehet die verheiſſung der beſtaͤndigkeit derſelben nicht eben auff ihre ſichtbarkeit / oder ihre wahr - heit / indem ſo fern ſie ſichtbar iſt / ſondern auff ſie insgemein / wie ſie ſichtbar oder unſichtbar ſeyn kan. Alſo bleibet die ſichtbare kirche auff Chriſtum ge - gruͤndet / ja ſie ſolte auch billig allezeit ſichtbar ſeyn / und iſt nicht GOttes / ſondern der menſchen ſchuld / wenn ſie in der wahrheit ſichtbar zu ſeyn auff - hoͤret. So kan auch der teuffel oder der hoͤllen-pforten dieſelbe nie gantz uͤ - bermoͤgen / nicht nur / weil ers nimmermehr dahin bringen kan / daß alle ſicht - bare hauffen der kirchen auffhoͤren / in dero jedem wir oben bemercket / daß auch eine wahre / auff Chriſtum wahrhafftig gegruͤndete kirche uͤbrig iſt / ſon - dern vornemlich / weil die hoͤlliſche macht die rechtſchaffene und wahre glie - der / ſie ſeyen nun in einem ſichtbaren wahren hauffen / oder ſonſten auſſer ei - nem ſolchen unſichtbar / nicht uͤberwinden ſolle. (Wie der alte Papiſtiſche Mayntziſche Prediger Joh. Ferus austruͤcklich dieſen ort ſo erklaͤhret: Non loquitur de Eccleſia, ſicut communiter ſumitur pro his, qui Chriſtiani di - cuntur, ſive boni ſint ſive mali, ſed de Eccleſia ſecun dum ſpiritum, quæ ſo -los107SECTIO XV. los electos complectitur) Jndeſſen ſagt der HErr nicht / daß auch ihre ſicht - barkeit ſtets werde ſo bleiben / wie ſie zu gewiſſen zeiten iſt. Ob dann auch die ſichtbare kirche auffhoͤrt die wahre kirche zu ſeyn / ſo ſtehet dannoch die ver - heiſſung feſt / weil der HErr auch noch in derſelben ſeinen heil. ſaamen behaͤlt - ſo bleibet auch in der verderbtẽ kirchen noch ein ſolcher dienſt Gottes / der noch an vielen kraͤfftig iſt: alſo gibt es daſelbs hirten und ſchaaffe / und ob die meiſte hiꝛten gantz verdorben ſind / iſt dennoch noch eine kirche da / gegen die deꝛ hoͤllen - pfortẽ nichts ausrichtẽ. Es will es der Jeſuit ferner erweiſen aus 1. Tim. 3 / 5. da die kirche ein pfeiler und grund-feſte der wahrheit genennet werde: Es thut aber auch dieſer ſpruch zur ſache nichts / indem die kirche nicht eine grund-feſte der wahrheit alſo iſt: daß die wahrheit auff ihr / ſondern daß ſie auff der wahrheit / beruhe. So folget lange nicht / die rechte kirche iſt auff die wahrheit GOttes gegruͤndet / und bleibet die wahre kirche ſo lange ſie auff der wahrheit feſt beharret / ſo muß denn auch dieſelbe ſtets ſichtbar ſeyn. Es bekennet aber der unter den Papiſten ſo hochgehaltene Thomas Aquinas, es werde hie gehandelt de Eccleſia Catholica, quæ ſit cœtus Electorum filio - rum DEI. Was anlangt den ort Matth. 28 / 19. 20. richtet man auch mit demſelben nichts aus. Unſer Heyland ſendet ſeine juͤnger aus zu predigen; verſichert auch / er werde bey dem hauffen derer / welche gelehrt und getaufft werden / bleiben biß an der welt ende / aber das heiſt noch nicht / daß deswegen dieſer hauffen niemaln werde koͤnnen ſo verderben / daß das euſſerliche ſeine wahrheit verliehre / denn Chriſti verheiſſung bleibet noch wahr / wegen der jenigen / welche noch in der verdorbenen kirchen wahre Chriſten ſind. Was die ſtelle Matth. 18 / 17. anlangt / ſolte man ſich wundern / daß man bey ge - gentheil ſich noch unterſtehen darff / ſolche zu dieſem zweck / und in ſolchem ver - ſtande anzufuͤhren / da gleichwol dieſelbe nichts anders will / als / daß / wo man an ſeinem nechſten / der wider uns geſuͤndiget / nichts ausgerichtet / durch eigen / oder anderer mit dazu gezogener Chriſtlicher freunde zuſpruch / man alsdann die ſache an die gantze gemeinde / dero glieder nemlich beyde ſind / an - bringen / und ihres entſcheids erwarten ſolle. Hie ſtehet alſo das geringſte nicht von der allgemeinen kirchen / ſondern von dem recht einer gemeinde uͤber ihre glieder / vielweniger wird derſelben eine ununterbruͤchliche ſichtbarkeit zugeſaget. Was den ſpruch Epheſ. 4 / 11. anlangt / ſtehet darinnen / in was ordnung die Chriſtliche kirche eingerichtet worden / und ſo lehrer als zuhoͤrer ſich begehen ſollen: Er ſagt aber nicht / daß unter lehrern und zuhoͤrern der ſatan nicht groſſen verfall verurſachen koͤnne. Vielmehr hat der Heil. Geiſt laͤngſten von dem groſſen abfall in der Chriſtlichen kirchen laſſen vorſagen 2. Theſſ. 2 / 3. 1. Tim. 4 / 1. Womit nicht gemeinet wird / daß die gantze Chriſt -O 2liche108Das erſte Capitel. liche kirche abfallen werde / denn der HErr muß ſeinen heil. ſaamen und ſein geiſtlich reich behalten / aber das ſichtbare faͤllet ab / daß die euſſerliche ver - faſſung in das verderben geraͤth / und nicht wuͤrdig mehr iſt / die wahre kirche erkant zu werden. Und was will P. Dez ſagen? Geſtehen doch die Papiſten insgemein / wenn der Anti-Chriſt kommen werde / daß damit aller oͤffentliche gottesdienſt in der gantzen welt werde auffhoͤren / faſt alles demſelben zufal - len / und der reſt der glaͤubigen nur verborgen GOtt dienen. So ſchreibet Bened. Pererius: Tempore Anti-Chriſti Sacramentum non erit in locis pu - blicis, nec publicus ei honor adhibebitur, ſed privatim & occulte ſervabitur & honorabitur à Chriſtianis. So ſagt auch Blaſ. Viegas: Quartum ſignum adventus Anti-Chriſti erit graviſſima ſimulque noviſſima toto orbe Chriſti - anorum perſecutio, ita ut omnia Chriſtianæ religionis officia, ceremoniæ, ſacrificia, Sacramentorum ritus, Eccleſiæque ſanctiones aboleantur, quoad publicam celebritatem. &c. Dahin er auch des alten Hippolyti Martyris worte anfuͤhret: Templa divina domorum inſtar erunt, locis omnibus ever - ſiones fient, Eccleſiarum ſcripturæ contemnentur, hoſtes illius cantica ubi - que decantabunt, nulla erit reverentia rerum ſacrarum, nulla religio teme - rare ac violare divina, lugebunt Eccleſiæ luctu magno, quia nec oblatio nec ſuffitus fiet, nec cultus DEO gratus, ſed Eccleſiarum ædes ſacræ tugurii inſtar erunt. Es koͤnten / wo es noth thaͤte / noch mehrere hievon angefuͤhret werden / alldieweil es eine in der Roͤmiſchen kirchen allgemeine lehr iſt. Hie - mit aber wird ja bezeuget / daß die kirche unſichtbar werden koͤnne / indem man zu ſolcher zeit in der gantzen welt / nach ihrem eigenen vorgeben / keine gemeine wird zeigen koͤnnen / welche noch den wahren oͤffentlichen gottes - dienſt haͤtte. Kan nun ſolches auff die weiſe ohne verletzung goͤttlicher ver - heiſſung geſchehen / daß die kirche unſichtbar werde / durch die gewalt des von ihnen erwartenden Anti-Chriſts / der alles auch von dem euſſerlichen Chriſt - lichen nahmen abbringen werde / warum ſolte es nicht geſchehen koͤnnen / daß die kirche ſo fern unſichtbar werde / daß der oͤffentliche gottesdienſt ſehr ver - derbe / und die kirche den nahmen der wahrheit darinnen verliehre / da gleichwol noch allezeit einige wahre Chriſten in der auch nun verdorbenen kirchen uͤbrig bleiben? Alſo was ſie ſelbs bekennen muͤſſen / daß noch geſche - hen ſolle / wenn der Anti-Chriſt ihrer meinung nach erſt kommen ſolle / koͤnnen ſie uns nicht verdencken / daß wir ſagen / daß es ſchon geſchehen ſeye / unter dem Antichriſt / welchen wir gegenwaͤrtig zu ſeyn erkennen. Wollen ſie uns beſchuldigen / daß wir damit die goͤttliche verheiſſungen umſtoſſen / weil wir ſagen / daß GOtt dergleichen uͤber ſeine kirche verhaͤnget habe / daß die ſicht - bare kirche auffgehoͤret / ſo muß ihr vorgeben / von dem was ſie ſelbs noch er - warten / ſolche goͤttliche verheiſſung nicht weniger auffheben. Ja die art /wie109SECTIO XV. wie wir lehren / daß die ſichtbare kirche auff hoͤre / wenn nemlich groſſes ver - derben in dieſelbe einreiſſet / da gleichwol noch immer einige in der verdorbe - nen gut bleiben / iſt ſo ſchwehr nicht / als diejenige / welche ſie er warten / daß faſt alles insgeſamt gar von Chriſto abfallen werde. Und bleibet alſo ge - wiß / daß die kirche muß unſichtbar werden koͤnnen / hingegen faͤllet dieſes ver - meinte kennzeichen der kirchen dahin / von dero unauffhoͤrlichen ſichtbarkeit. Dieſes einige iſt der unterſcheid unter beyden / daß ſie vorgeben / ſolche trang - ſal ſolle nicht mehr als vierdtehalb jahr waͤhren / da wir ſie auff laͤnger erſtre - cken. Es ſchwaͤchet aber ſolcher unterſcheid deßwegen die krafft unſers ar - guments nicht / denn was GOtt der kirchen auff immer verheiſſen hat / kan ſo wenig vierdtehalb jahr als laͤnger deroſelben fehlen / fehlets aber / ſo kans GOtt nicht verheiſſen haben.
IV. Jſt in dieſer materie bey der kirchen wol in acht zu nehmen / daß die - ſelbe / wo ſie einmal wahr geweſen / allgemach von deroſelben wahrheit ab - weichen koͤnne / biß ſie dieſelbe vollends verliehre. Es war anfangs bekant - lich die Roͤmiſche kirche eine ſo wahre als reine kirche. Es hat dieſelbe aber nach und nach durch untermiſchte aberglauben und menſchen ſatzungen von ihrer reinigkeit abzufallen angefangen / gleichwol bliebe ſie noch lange die wahre kirche / indem ſie noch nicht oͤffentlich von dem wahren dienſt und lehr abwiche. Jemehr aber ſolches geſchehen / ſo vielmehr hat ſie die wuͤrde ſol - cher wahrheit verlohren / und wurde ſchwehrer in derſelben ſein heil zu erhal - ten. Und in ſolchem ſtand war ſie noch zu anfang des vergangenen ſeculi, daher unſre voreltern bey der Reformation gern in der Roͤmiſchen kirchen bleiben wollen / wo man ſie ohne verletzung ihres gewiſſens haͤtte dulden wol - len. Das groͤſte verderben aber iſt erfolgt durch das Trientiſche Concilium, da die gantze Roͤmiſche kirche vollends abgefallen / und eine gantz andre art gewonnen hat. Jndem biß dahin die articul insgeſamt / welche nachmal in ſolchem Concilio wegen Lutheri verdammt / und das gegentheil decretiret worden / noch in der kirchen waren frey geblieben / daher keiner davon ſeyn wird / deſſen zeugen man nicht auch vor Luthero in der Roͤmiſchen kirchen fin - den ſolle. Ob alſo wol bereits die Theologie von den Scholaſticis ſchaͤnd - lich verderbet / und der grund alles deſſen / was darnach definiret worden / ge - leget worden iſt / ob auch ſolche lehr meiſtens oͤffentlich in der kirche gehoͤret wurde / daß daher dieſelbe bereits ſehr verdorben war / ſo waren dennoch auch redliche lehrer uͤbrig / die ob ſie ſchon in vielen ſtuͤcken auch von den gemeinen irꝛthumen mit angeſteckt waren / gleichwol in ſo vielen andern wichtigen pun - cten der wahrheit noch beypflichteten / und andre darinnen unterhielten / wel - ches deßwegen geſchehen konte / weil ſolche puncten noch nicht von der kirchen ausgemachet waren. Daher mochte / wer die wahrheit in denſelben erkan -O 3te /110Das erſte Capitel. te / ſie auch ohne deswegen ausgeſtoſſen zu werden / bekennen. Wie wir ſe - hen / daß noch ſelbs in dem Trientiſchen Concilio viel harte diſputat geweſen / und zu den meiſten theſibus, die an uns verworffen worden / ſich vornehme Theologi unter ihnen bekant / auch davor geſtritten / biß allezeit jedes end - lich nach des Roͤmiſchen hoffs willen und intereſſe ausgeſprochen worden. Alſo da die kirche als eine ſichtbare kirche / in den meiſten ihres lehrſtandes hatte auffgehoͤrt die wahre kirche zu ſeyn / war dennoch mitten in deroſelben noch ein zimlicher hauffen ſolcher leute / die der wahrheit auch oͤffentlich bey - pflichteten / und eine wahre kirche ſo fern machten: Hingegen durch das Tri - entiſche Concilium wurde alle ſolche freyheit abgeſchnitten / und wird keiner als ein lehrer in der kirchen geduldet / der nicht alle diejenige ſaͤtze verwerffen und beſtreiten muͤſte / die ſolches Concilium verdammet hat / und vorhin noch frey in der kirchen behauptet werden konten: Alſo iſt damit die Roͤmiſche kir - che gantz / was ihr ſichtbares anlangt / von der wahrheit abgefallen / daß da - her nunmehr in derſelben viel ſchwehrer das heil erhalten werden kan / und alſo beſorglich GOtt itzt vielweniger in derſelben ſeines heiligen ſaamens uͤ - brig hat / als vorher / da er noch eher in derſelben das jenige fande / welches ſei - nen glauben noch unterhalten konte. Weswegen immerfort ein groſſer un - terſcheid zu machen iſt / unter der vorigen Roͤmiſchen noch mit den irꝛthumen ringenden / und unter der Roͤmiſchen Trientiſchen nunmehr an die irthume ſchlecht dahin verbundenen / kirchen: von welchen beyden wir nimmer auff ei - nerley art zu urtheilen vermoͤgen. Wo dieſes nun wol in acht genommen wird / kan man ſich ſo viel beſſer darein ſchicken / daß unſre bekenner in der Augſp. Confeſſion unterſchiedlich ſo gelinde noch urtheilen / daß ſie von der - ſelben in glaubens-puncten nicht abweichen: wie es lautet: Hæc fere ſum - ma eſt doctrinæ apud nos, in qua cerni poteſt, nihil ineſſe, quod diſcrepet à ſcripturis, vel ab Eccleſia Catholica, vel ab Eccleſia Romana, quatenus ex ſcriptoribus nota eſt (da zwahr in dem Teutſchen ſtehet / aus der vaͤter ſchrifft / ſo uns noch weniger graviret.) Denn die lieben leute waren zu frie - den / obwol damals bereits die lehre von den Sophiſten / mit denen ſie es viel zu thun haben / und wider ſie reden / ſehr verderbet worden / daher ſie denſel - ben offt widerſprachen / daß dennoch auch die wahre lehre behalten werden dorffte / und man an jene irꝛthume durch kein gebot gehalten war; weßwegen ſie auch jener lehr nicht der gantzen kirchen beymaſſen / ſondern in liebe von ihr hofften / daß ſie derjenigen lehr nicht zuwider ſeyn wuͤrden / welche ſie in ihrem ſchooß noch hielte. Solten ſie aber erlebet haben / daß in dem Trienti - ſchen Concilio gegen ſolche goͤttliche wahrheiten dermaſſen geſtritten / und ſie verworffen worden / wuͤrden ſie nimmermehr mit der Roͤmiſchen kirchen einig zuſeyn zugegeben haben.
V. Hier -111SECTIO XV.V. Hier zu kommt ferner zu betrachten / wenn wir ſo offt beſchuldiget werden der trennung / wie denn P. Dez haupt-werck eben dahin gehet / wir haͤtten uns ohne urſach von der Roͤmiſchen kirchen / ſo die wahre kirche da - mals geweſen / getrennet / lebten alſo in einem unbilligen ſchiſmate, und ſeyen daher wiedrum verbunden / zu derſelben zu kehren / daß auch dieſe beſchuldi - gung ohne grund ſeye. Es bedarff nicht / daß ich darauff mit mehrern ant - worte / nachdem Chriſt. Aletophilus gegen Chriſt. Conſcientioſum zur gnuͤge darauff geantwortet c. 8. ſ. 2. §. 145. u. f. daß ich aber mit wenigen nur etwas wiederhohle. 1. Haben wir uns nicht getrennet / ſondern wir ſind mit ver - bannen / ja wol feuer und ſchwerdt / ausgeſtoſſen worden. So wenig nun die auch ſonſten unrechtmaͤßig excommunicirte deßwegen vor ſchiſmaticos ge - halten werden / oder damit ihnen gewehret iſt / daß ſie ſelbs ihrem GOtt vor ſich dienen nach ſeinem wort / da andre hochmuͤthige / ſie aus ihrer gemein - ſchafft ſtoſſen / aber dieſe dadurch das recht GOtt zu dienen nicht verliehren / ſo wenig koͤnnen wir davor gehalten werden / die wir die trennung der Roͤmi - ſchen kirchen / ſo uns von ſich abgeſondert hat / haben leiden muͤſſen. 2. Wie die Roͤmiſche kirche ſchon ehemals ſich des ſchiſmatis ſchuldig gemacht / als da Victor die Aſiatiſche kirchen uͤber einer nicht wichtigen urſach excommu - nicirte / daruͤber er wie oben bemercket von andern tapffern lehrern beſtrafft worden iſt; wie ſie ſich auch von der Griechiſchen kirche getrennet / und damit ſo viel geiſtlich und weltlich unheil angerichtet hat / daher auch ſolches ſchis - matis ſchuld mehr auff ihnen als auff den Griechen liget / alſo iſt ſie auch des proteſtirenden ſchiſmatis ſchuld / und daher vielmehr ſie als wir damit zube - legen; weßwegen ſie vielmehr mit uns die vereinigung mit abſchaffung der urſachen derſelben / ſonderlich ihrer tyranney und angemaſten botmaͤßigkeit / zu ſuchen hat / als daß wir uns ihr unterwerffen muͤſten. 3. Wie nicht alle trennung ein ſuͤndlich ſchiſma iſt / ſo iſt die urſach anzuſehen / woruͤber dieſe trennung entſtanden / da ſich finden wird / daß nicht wir / ſondern ſie in ſchuld waren. Jn ihrer kirche waren bekantlich grobe fehler / daß auch was redli - che leut unter ihnen ſind / ſolches nicht laͤugnen koͤnnen / daß die kirche einer ſtarcken reformation bedorfft habe. Lutherus greifft einen groben miß - brauch / darinnen viel irꝛthume ſtecken / an / und ſuchet deſſen remedirung / und zwahr / weil er noch damals aus ſeinem von jugend an vorgefaſten irꝛ - thum die autoritaͤt des Pabſts hochhielte / mit vieler beſcheidenheit / demuth und hoffnung der beſſerung. An ſtatt deſſen / daß man dem mißbrauch und fehlern helffen ſolte / widerſetzen ſich nicht nur ihm viele lehrer / ſondern der hoff zu Rom zeiget ſo bald ſeinen widerwillen gegen ihn / daß man ihn deß - wegen nach Rom nicht ziehen ließ / ſondern erhielte / daß er von dem Cardinal Cajetano zu Augſpurg gehoͤret wuͤrde. Er fand aber nirgend das recht / wel -ches112Das erſte Capitel. ches ihm in ſeiner ſache gegen ſeine widerwaͤrtige gebuͤhrte. Hiedurch wur - de der mann ſo vielmehr getrieben / durch goͤttlichen beyſtand alles Paͤbſtiſche weſen zu erkennen / und den ungrund der Roͤmiſchen angemaſten gewalt ein - zuſehen / ſo vielmehr da er durch Paͤbſtiſche bulle unrechtmaͤßig excommuni - ciret / und welche ſeine ſachen billigten / mit dazu gezogen worden. Nach - dem nun / was von leuten in Teutſchland war / die ihrer ſeelen gerne recht wahrgenommen haͤtten / durch dieſen ſtreit Lutheri er wecket wurde / die ſache zu unterſuchen / auff welcher ſeite die wahrheit waͤre / ſo wurde Lutherus bald von vielen andern Chriſtl. leuten ſecundiret / und bekam beyfall. Nach - dem nun die Paͤbſtiſche mißbraͤuche und irrthume in vielen dingen jederman gantz deutlich in die augen leuchteten / ſo konten dieſe / und mit ihnen die obrig - keiten / nicht anders / als was ihr gewiſſen verletzte / abſtellen / ohne deswegen ſich von der kirchen ſelbſten zu trennen / wie ſie dann immer die hoffnung hat - ten / obwol die unbilligkeit des Roͤmiſchen ſtuhls ihnen kein recht wiederfah - ren lieſſe / ſo wuͤrde doch in einem allgemeinen Concilio, darauff ſie alle ihre hoffnung ernſtlich ſetzten / ihnen recht wiederfahren / und eine voͤllige refor - mation folgen. Wie ihnen aber darauff von der Paͤbſtiſchen Cleriſey / Bi - ſchoffen und andern begegnet / auch die weltliche machten gegen ſie angerei - tzet / alſobald viele deßwegen hingerichtet / und eine verfolgung angehoben worden / zeiget die hiſtoria. Alſo waren einerſeits / wie bereits erwehnet / offenbare mißbraͤuche und irꝛthum / hartnaͤckigkeit in dero vertheidigung / hochmuth und tyranney von ſeiten des Roͤmiſchen ſtuhls / davon ſonſten beſ - ſerung erwartet worden / und endlich geiſtliche verbannung und leibliche ver - folgung: andern theils fand ſich erkaͤntnuͤß jener mißbꝛaͤuche und irꝛthumen aus trieb des gewiſſens widerſpruch gegen dieſelbe / demuͤthige unterwerf - fung unter den Roͤmiſchen ſtuhl / von demſelben die beſſerung der beklagten ſtuͤcke zu ſuchen / als lange noch eine hoffnung der gerechtigkeit war / ferner ſo viel muthigere vertheidigung der guten ſache aus GOttes wort / als man dero gerechtigkeit mehr aus dem unbilligen verfahren des gegentheils uͤber - zeuget wurde / abſtellung der dinge / die dem gewiſſen anſtoͤßig waren / hoff - nung auff beſſerung / und gedultige ertragung des leidens. Unter dieſen bey - den partheyen und ihrem verhalten wirds nun nicht ſchwehr werden zuerken - nen / welche mehr recht gehabt / und ſich den regeln Chriſti und des gewiſſens am gemaͤſſeſten / bezeuget habe. Wo nun ein ungluͤck entſtehet aus deme / da ihrer zwey an einander gerathen / da wird allezeit derjenige recht und loßge - ſprochen / welcher vorhin die beſte ſache gehabt / und mehr gelitten als gethan hat. 4. Selbs zu zeiten der Augſpurgiſchen Confeſſion verlangten die un - ſrige keine trennung / ja auch / wie ſie austruͤcklich bezeugeten / nicht die ent - ziehung der herrligkeit oder gewalt der Biſchoͤffe / ſondern waren bereit zuallem /113SECTIO XV. allem / wo ſie nur wolten / die gewalt zur beſſerung und nicht zu verderbung der armen gewiſſen gebrauchen: mit dieſer austruͤcklichen proteſtation, wo man ſolches nicht erlangen koͤnte / muͤſte man GOtt mehr denn den menſchen gehorſam ſeyn / und wuͤrden alsdenn die Biſchoͤffe GOtt rechenſchafft fuͤr die ſpaltung / ſo durch ihre haͤrtigkeit in der kirche anfange / geben muͤſſen. Wie austruͤcklich zu ende der Augſpurg. Confeſſion ſtehet. Alſo ſind auch die wort zu ende der Apologie recht wichtig: Daß aber uneinigkeit und ſpal - tung in der kirchen iſt / weiß man / wie ſich dieſe haͤndel erſtlich zuge - tragen haben / und wer urſach zu trennung gegeben / nemlich die In - dulgenz-kraͤmer / die unleidliche luͤgen / unverſchaͤmte predigten / und nachmals den Luther verdam̃ten / daß er dieſelbige luͤgen nicht billigte / dazu erregten fuͤr und fuͤr mehr haͤndel / daß Luther andere mehr irrthum anzugreiffen verurſacht ward. Dieweil aber unſer gegentheil die wahrheit nicht hat dulden wollen / und ſich unterſtehet oͤffentliche irrthuͤmer noch mit gewalt zu handhaben / iſt leichtlich zu richten / wer an der trennung ſchuldig iſt: es ſolt ja billig alle welt / alle gewalt Chriſto und ſeinen wort weichen. Aber der teuffel iſt GOttes feind / darum erregt er alle ſeine macht wider Chriſtum / GOttes wort zu daͤmpffen / und unterzudrucken. Alſo iſt der teuf - fel mit ſeinen gliedern / ſo ſich wider GOttes wort legt / urſach der ſpaltung und uneinigkeit. Denn wir zum hoͤchſten frieden geſucht haben / das wir noch zum hoͤchſten begehren / ſo fern / daß wir nicht getrungen werden / Chriſtum zu laͤſtern und zu verlaͤugnen. m. f. w. Dieſes haben unſre bekenner vor dem gantzen reich und dem Kaͤyſer oͤffentlich bekant / und ſich darauff beruffen. 5. Um dieſer urſach willen haͤtte noch al - lezeit eine vereinigung getroffen / und alſo die ſpaltung auffgehoben werden koͤnnen / biß auff das Trientiſche Concilium, wo man von ſeiten gegentheils ſich der billigkeit beſcheiden / und von ſeiner haͤrtigkeit in ſolchen gewiſſens-ſa - chen nach laſſen wollen. Durch ſolches Concilium aber / da unſre lehr vor ketzeriſch wider alles recht verdammet worden / iſt endlich die trennung voͤllig geſchehen / und der riß nunmehr unheilbar worden. Jndem leider zu ſorgen / daß die jenige / welche ſich den nahmen der kirchen nehmen / nicht gefehlt haben wollen / und alſo nicht eine vereinigung / ſondern eine unterwerffung ſuchen / welche wider unſer gewiſſen ſtreitet / als welches nicht zulaͤſt / den menſchen goͤttliche autoritaͤt uͤber unſern glauben zugeſtatten. Daher 6. ob wir wol noch allezeit zu vereinigung bereit ſind / ſo fern dieſelbe ohne verletzung der wahrheit geſchehen kan / ſehe ich doch dazu noch keine moͤglichkeit: daran aberPwie -114Das erſte Capitel. wiedrum nicht wir / ſondern die Roͤmiſche Cleriſey ſchuldig iſt: denn da wir die freyheit des gewiſſens von menſchlichen ſatzungen in geiſtlichen dingen / die reinigkeit der lehr allein aus GOttes wort / die ablegung der angemaſten gewalt und herrſchafft der Cleriſey uͤber die uͤbrige geſamte kirche und dero uͤbrige ſtaͤnde mit recht forden koͤnnen / ſonderlich aber / daß das gantze Trien - tiſche Concilium gaͤntzlich caſſiret werde / ſo wiſſen wir hingegen / daß die Cle - riſey / ſo die regierung in ihrer kirchen fuͤhret / nimmermehr dasjenige zuruͤck laͤſſet / woran ich ſorge / daß ihnen mehr / als an ihrer ſeligkeit / gelegen ſeye. Damit bleiben wir auff immer getrennet / nicht aus unſrer / ſondern ihrer ſchuld / denn die ſchuld bleibet allezeit bey dem / der unrechtmaͤßiges fordert / oder rechtmaͤßiges abſchlaͤget. 7. Kurtz: als lang Rom oder die Roͤmiſche kirche / was ſie iſt / nemlich Anti-Chriſtiſch / bleibet / und alſo die Cleriſey mit dem Pabſt die Anti-Chriſtiſche gewalt vor ſich behauptet / und die uͤbrige die - ſelbe ihr zuſtehen / ſo lange iſt keine moͤglichkeit der vereinigung / noch wir zu derſelben verbunden: wird aber die Roͤmiſche kirche / und ſonderlich die Cle - riſey das Anti-Chriſtiſche von ſich ablegen / ſo werden wir uns hertzlich freu - en / in der genaueſten einigkeit mit denen zu leben / die nun mit uns einen eini - gen lehrmeiſter Chriſtum / ausgeſchloſſen aller meiſterſchafft eines menſchen / Pabſts oder geiſtlichkeit (dann in allen deme ſteckt das Anti-Chriſtenthum) erkennen. Ach daß es geſchehen moͤchte / ſo aber nicht menſchen-werck iſt.
VI. Jch bemercke ferner dieſes billig / daß es nicht nur keine ausgemachte ſache / wie P. Dez in der vorrede dafuͤr haͤlt / ſondern falſch und unbillig ſeye / wo man unſre der Evangeliſchen lehr allein aus der Augſpurgiſchen Con - feſſion, mit ausſchlieſſung der uͤbrigen gefolgten Symboliſchen buͤcher ur - theilen will: vielmehr / wie man Paͤbſtiſcher ſeiten mit ihrem Trientiſchen Concilio zugleich mit verfaſſet haben will / was auch ihre vorige Concilia ſta - tuiret haben / alſo muͤſſen ſie uns zugeben / daß wir unſern glauben nicht nur in der Augſpurgiſchen Confeſſion, ſondern auch den gefolgten Symboliſchen buͤchern / zeigen. Dann obwol jene die erſte oͤffentliche ſchrifft der unſern ge - weſen / und auff dem reichstag dem Kaͤyſer eingegeben worden iſt / ſo haben ſich gleichwol unſre ſtaͤnde niemal dazu alſo verbunden / daß ſie nichts anders glauben oder lehren doͤrfften / als was ſie damals austruͤcklich bekant haͤtten. Wie dann ſolches auch die abſicht ſolcher bekaͤntnuͤß ſelbs niemals geweſen iſt: indem vielmehr dieſes allein damit geſucht wurde / dem Kaͤyſer und wi - driggeſinnten vorzuſtellen / theils wie faͤlſchlich ſie von gegentheil / ob waͤren ſie faſt gar von dem glauben abgetre en / beſchuldiget worden waͤren / theils / worinnen das meiſte beſtaͤnde / darinnen ſie beſſerung verlangten / und in ih - ren kirchen eingefuͤhret haͤtten. Und zwahr zu einer ſolchen zeit / da ſie noch gute hoffnung von der Roͤmiſchen parthey / daß ſie ſich der billigkeit beſchei -den115SECTIO XV. den wuͤrden / hatten. Hiedurch aber haben ſie ſich die gewalt nicht benom - men / noch ferner ihr bekaͤntnuͤß zu thun / und von der Roͤmiſchen kirchen / wie ſie deroſelben art aus dero verhaltung mehr und mehr erkennen wuͤrden / zu urtheilen. Daher 1537. in den Schmalkaldiſchen artieuln / welche im nah - men der geſamten Evangeliſchen auff dem vorgeweſten Concilio eingegeben zu werden / abgefaſſet ſind / und alſo ein nicht weniger ſolennes bekaͤntnuͤß / als das Augſpurgiſche geweſen / in ſich faſſen / nunmehr die unſrigen ſich wei - ter erklaͤhret haben / da ſie auch den Pabſt mit den ſeinigen austruͤcklich den Anti-Chriſt und ſein reich nennen: nachdem er ſich biß dahin durch ſeine ungerechtigkeit und tyranney immer weiter hatte geoffenbaret. Zu ſolchen Schmalkaldiſchen articuln haben ſich unſre kirchen von ſolcher zeit an nicht weniger als zu der Augſpurgiſchen Confeſſion bekant / bekennen ſich auch nochmalen dazu / alß daß ihnen deßwegen die freyheit nicht genommen wer - den kan / ſich auff eine ſo wol als die andere bekaͤntnuͤß zu beruffen.
VII. Was den articul anlangt von der rechtfertigung / ſo billig der haupt-articul unter allen iſt / ſolte es ſcheinen / man trete Roͤmiſcher ſeiten zimlich nahe herbey / und wolle allein der gnade GOttes alles / dem glauben aber mehr als vorhin / zuſchreiben / dermaſſen / daß unter unſerer und ihrer lehr wenig unterſcheid waͤre / aber in der that iſt nichts anders / als daß nur ein und anders was gleich anfangs uns wider den kopff ſtoſſen moͤchte / ver - borgen wird / daß mans nicht eigentlich ſo mercket. Wie denn die gantze lehr des Trientiſchen Concilii mit eingeſchloſſen wird / dazu man ſich auch aus - truͤcklich in der profeſſione fidei bekennen muß; jene lehr aber iſt austruͤcklich wider unſre Evangeliſche glaubens-bekaͤntnuͤß gerichtet / und gehen die mei - ſte anathematiſmi in der 6. ſeſſion, da von der rechtfertigung gehandelt wor - den / gegen uns. Alſo / wo wir ſolten eins mit ihnen werden / bedarffs nicht nur / daß unſre lehr und die ihrige beſſer erklaͤhret werde / ſondern wir muͤſſen unſre lehr als eine verdammte und ketzeriſche lehr fahren laſſen. P. Dez ſu - chet aber den groſſen unterſcheid unter uns meiſterlich zuverbergen / und re - det mehr von den dingen / da wir eins ſind / aber faͤhret ſehr leiſe uͤber diejem - ge / daruͤber der eigentliche ſtreit iſt. Alſo iſt kein ſtreit 1. von der hoͤchſten urſach / daß GOtt derjenige ſeye / der uns rechtfertige / und ſolche ſeine gnade vorher niemand habe verdienen koͤnnen. 2. Daß das verdienſt und gnug - thuung Chriſti der grund aller gerechtigkeit ſeye. 3. Daß die wercke aus ei - gnen kraͤfften gethan / die vor dem glauben hergehen / den menſchen keinerley maſſen gerecht machen. Wiewol was dieſes letztere anlangt / bekant iſt / wie nicht nur vor dem die Papiſten von dem ſo genanten merito de congruo ge - lehret / ſondern auch noch offt davon reden / daher auch das Trientiſche Con - cilium ſich ſorgfaͤltig gehuͤtet hat / dieſelbe lehre zu verwerffen. Es kommetP 2aber116Das erſte Capitel. aber unſre differenz auff diejenige beyde ſtuͤcke. 1. Was dasjenige ſeye / was an uns GOtt vor ſeinem gericht anſehe / uns die ſuͤnde zu vergeben / und das recht des ewigen lebens zuzuſprechen. 2. Worinnen ſolche rechtfertigung beſtehe / ob ſie nemlich beſtehe in einer loß - und zuſprechung / oder in einer ein - gieſſung einer gewiſſen heiligkeit. Dieſes iſt der ſtreit zu allen zeiten gewe - ſen zwiſchen uns / und bleibet derſelbe noch / ohngehindert oder beygelegt. Bey der erſten frage ſagen wir / daß nicht die wercke oder einige heiligkeit / ſo GOtt in uns gewircket / oder die wercke / die bey dem lebendigen glauben ſind / ſondern allein der glaube ſelbs / wie er die annehmung der goͤttlichen gnade und das vertrauen auff dieſelbige iſt / vor GOttes gericht angeſehen werde / um welcher willen er uns die verdienſte ſeines Sohnes ſchencket / und alſo uns von ſunden loßſpricht / und hingegen das recht der ſeligkeit zuſpricht. Alſo auch 2. bey der andern frage bekennen wir / daß die rechtfertigung / das iſt / dasjenige / daraus wir ſelig werden / nicht beſtehe in der wirckung einer hei - ligkeit in uns / die GOtt damit anſehe / ſondern in gedachter loßſprechung von ſuͤnden und zuſprechung der ſeligkeit / wie dann die ſchrifft ordentlich (ſihe Rom. 5 / 18.) die rechtfertigung und verdammnuͤß einander entgegen ſetzt / daß ſie alſo alle beyde in einer gerichtlichen zuſprechung dorten der ge - rechtigkeit und ſeligkeit / hie der verdammnuͤß beſtehe / welche unſre lehr biß - her aus der ſchrifft / ſonderlich Rom. 3. und 4. gruͤndlich von den unſrigen ausgefuͤhret worden / ich auch ſelbs in dem werck wider D. Breving c. 7. und 8. zur gnuͤge dargethan zu haben getraue. Und alſo kommet alles dahin / ob wir alſo gerechtfertiget werden / daß die ſeligkeit nur ein bloſſes gnaden - geſchenck bleibe / oder auch einiger maſſen von uns verdienet worden / und al - ſo ob GOtt die ehre bloß allein behalten ſolle / oder ob wir auch doch etlicher maſſen wegen unſrer werck und heiligkeit ein ſtuͤcke der ehre mit participiren: da das erſte allezeit unſre / das andre ihre / der Roͤmiſchen / lehre iſt: auff ſol - che weiſe aber deutlich vorgeſtellt / hoffentlich jedem Chriſtlichen gemuͤth / ſo die ſchrifft etwas eingeſehen / und erkennet / wie alle goͤttliche ordnung GOt - tes ehre auffs hoͤchſte erhebet / viel eher als die andre einleuchten wird. Alſo ſihet man / daß es auch nicht ein lediger wort-ſtreit ſeye / weil wir Evangeli - ſche / gleichwol unter dem nahmen der heiligung nachmals die gute werck trei - ben / welche die Paͤbſtiſche in der rechtfertigung einmiſchen / da man ſagen moͤchte / es laͤge nicht groß daran / ob man das wort rechtfertigung ſo oder ſo nehme. Denn es ligt freylich daran / weil die rechtfertigung das jenige iſt / daraus unſre ſeligkeit flieſſen ſolle / nicht aber die heiligung.
Man moͤchte aber ſagen / P. Dez verwerffe ja austruͤcklich p. 27. aus dem Trientiſchen Concilio, daß einige gute wercke die rechtfertigung verdienen: aber man ſucht damit nur den leuten einen blauen dunſt vor die augen zu ma -chen /117SECTIO XV. chen / indem die Papiſten die rechtfertigung unterſcheiden in die erſte und an - dere / da ſie die erſte heiſſen / da der menſch zuerſt aus dem ſtand der ſuͤnden zur gerechtigkeit kommet / die andere aber / wo er darinnen erhalten / und im - mer gerechter gemachet wird (wie er ſelbs darauff deutet) p. 48. da werden ſie freylich bekennen / ſolche erſte rechtfertigung geſchehe durch keine werck / dann es gehen auch keine wahrhafftig gute wercke vor der bekehrung her / a - ber die andere ſchreibet P. Dez ſo wol als die uͤbrige den wercken mit zu. Al - ſo nach ſeiner lehr / daß einem gottloſen / wenn er bekehrt wird / ſeine ſuͤnde vergeben / und er gerechtfertiget wird / hat er nicht verdienet / ſondern es iſt die gnade / daß er aber die folgende zeit / zuntexempel in der ſtunde ſeines to - des gerechtfertiget wird / das iſt / GOtt ihm ſeine ſuͤnde noch vergibet / und die ſeligkeit zuſpricht / dieſe rechtfertigung hat er nach P. Dez eigner lehr alſo aus gnaden / daß er ſie gleichwol mit ſeinen wercken erworben / ja eigentlich verdienet hat / wie das Concil. Trident. austruͤcklich ſeſſ. 6. can. 32. ſagt: Si quis dixerit, hominis juſtificati bona opera ita eſſe dona DEI, ut non ſint etiam bona ipſius juſtificati merita, aut ipſum juſtificatum bonis operibus, quæ ab eo per DEI gratiam & JEſu Chriſti meritum, cujus vivum membrum eſt, fiunt, non verè mereri augmentum gratiæ, vitam æternam & ipſius vitæ æternæ, ſi tamen in gratia deceſſerint, conſecutionem, atque etiam gloriæ augmentum, anathema ſit. Damit bleibet nicht mehr / als die erſte gnade der rechtfertigung eine eigentliche gnade oder ohnverdientes geſchenck / von dem erſten augenblick aber an / nachdem ich bekehret worden / ſo iſt alle meine uͤbrige gerechtigkeit / damit ich vor GOtt beſtehe / und das ewige leben ſelbs / nicht anders eine gnaden-gabe / als ſo fern der anfang aus gnaden gegeben war / und es eine gnade / daß mir Chriſtus die krafft etwas verdienen zu koͤn - nen erworben hat / im uͤbrigen verdiene ich wahrhafftig von GOtt das jeni - ge / daß er mich in ſeiner gnade erhaͤlt / und in das ewige leben einfuͤhret. Al - ſo hat GOtt nur an dem erſten augenblick gleichſam die ehre auff ſolche art / daß wir nicht auch ehr dran haben / alles das uͤbrige aber in unſrem gnaden - ſtand und jenem leben / iſt zwahr ſo fern eine gnade / weil wir ohne Gott nicht dazu und zu der krafft des verdienſts haͤtten kommen koͤnnen / und ſo fern hat um des anſangs willen / GOtt auch noch einige ehr / aber wir haben doch auch groſſe ehr durch unſer verdienſte. Welches wie aus dieſer vor gegebenen art ſelig zu werden folget / alſo der lehr des Apoſtels ſchnur ſtracks entgegen ſte - het / welcher eine ſolche art gerecht und ſelig zu werden / nicht nur bey der er - ſten bekehrung / ſondern auch in dem ſtand / wenn wir auch nun durch GOt - tes gnade gute werck zu thun tuͤchtig worden ſind / wie das exempel Abra - hams weiſet / haben will / da aller unſer ruhm ſolle aus ſeyn / und wir alſo we -P 3der118Das erſte Capitel. der an dem fortgang noch anfang den geringſten ruhm oder verdienſt haben ſollen. Rom. 3 / 27. 4 / 2. 4. Epheſ. 2 / 8. 9.
Ja ſpricht P. Dez p. 45. es lehren beyder ſeits die Roͤmiſche und Evange - liſche / daß die guten wercke eines gerechtfertigten Chriſten / der ſie GOtt zu preiſen thut / verdienſtlich ſeyn: dazu er die Apologie der Augſp. Confeſſ. anfuͤhrt / da ſie alſo genennet werden: Es iſt auch nicht ohn / daß das wort unterſchiedlich mahl gefunden wird. Wir muͤſſen aber wiſſen / daß eben ſol - ches wort mereri oder verdienen einen doppelten verſtand habe / wie auch das wort lohn. Wie ſonderlich in der Teutſchen Apologie p. 82. von dem lohn oder vergelten deutlich geſaget wird: Es ſeye zweyerley vergelten / eins das man ſchuldig iſt / das andre / das man nicht ſchuldig iſt. Alſo ſagen wir recht / es werde das wort verdienen zweyerley gebraucht / einmal wie es heiſt ein jedes erlangen einer ſache durch eine andere / ſo dann eigentlich / wahrhafftig und ſcharff genommen / etwas erlangen / da der ande - re von dem wirs erlangen / es uns um des willen / weils wir gethan haben / ſchuldig iſt: wie bey den Papiſten das meritum beſchrieben wird / daß es ſeye / actio libera, cui merces debetur ex juſtitia Jn dem erſten verſtand (welcher auch bey den Patribus unterſchiedlich zu finden) geſtehen wir / daß die gute werck unterſchiedliche gnaden-belohnungen GOttes verdienen / ob zwahr dennoch unter dieſelbe die gerechtigkeit und das ewige leben nicht geſetzet werden kan; es iſt aber ein verdienſt / da dennoch das / was gegeben wird / ein gnaden-lohn und in gewiſſer maaß ein geſchenck / bleibet / welches unſer ver - ſtand iſt / wenn wir uns des worts verdienen zuweilen gebraucht haben: Jn dem andern verſtand aber / da es eigentlich verdienſt heiſſet / und man einen lohn aus ſchuldigkeit fordern kan / haben die unſrige das wort nie gebraucht / oder wuͤrdens alſo angenommen haben. Hingegen weiſen die Patres Con - cilii austruͤcklich / daß ſie das wort verdienen in dem zweyten und eigentli - chen verſtand brauchen / da ſie ſagen vere mereri, es ſeye ein wahrhafftiges verdienen / weil nemlich ſie wuſten / daß wir einigen verſtand des verdienens annehmen wuͤrden / davon ſie ſich aber ſelbs mit fleiß abſondern. Alſo wirds leicht klahr / daß P. Dez und andre mit ihm / wo ſie ſcheinen / mit uns zu reden und zu halten / daher uns naͤher zu treten / in der that dennoch in ihrer vori - gen lehr bleiben / nur daß ſie mit ſolchen worten vorgetragen wird / die uns nicht ſo bald einen eckel machen / ſondern noch ein und anders verdeckt blei - ben laſſen.
Alſo / da p. 29. von der zurechnung des verdienſtes JEſu Chriſti / darinnen unſre rechtfertigung beſtehet / gehandelt wird / und P. Dez ohne grund vorgibet / daß die ſchrifft ihre meinung dahin erklaͤhre / will er zwahrdas119SECTIO XV. das anſehen haben / daß er ſolches in einem guten verſtand zugebe / ſolcher ver - ſtand aber iſt derjenige / welcher der ſache ſelbſt vielmehr alle krafft benimmet; dann da blieben die verdienſte Chriſti allein diejenige / aus dero anſehen GOtt dasjenige in der ſeelen wircket / was die gerechtigkeit iſt / dadurch der menſch gerecht werden ſolle. Alſo bleibets abermal / daß die in dem menſchen gewirckte heiligkeit / und daher etwas ſo zu den wercken gehoͤret / uns recht - fertigen ſoll / nicht aber allein die gerechtigkeit Chriſti ſelbs / dero doch dieſe chre zuſtehet / damit unſre ſeligkeit wahrhafftig ein geſchenck und nicht ein verdienſt ſeye.
P. 31. redet er von dem glauben / wie derſelbe rechtfertige / und laͤſſet ihm nichts weiter zu / als den anfang der rechtfertigung / nicht das gantze werck. Wann er zwahr darnach auch darzu erfordert das vertrauen / damit er ſich die gnade zueigne / ſind wir mit ihm ſo fern eins: aber wir begreiffen unter dem nahmen des glaubens / der gerecht macht / eben ſolches vertrauen / als welches wir das dritte ſtuͤck deſſelben erkennen / und gern zugeben / daß der glaube / wie er nur eine wiſſenſchafft und beyfall iſt / uns freylich nicht allein gerecht mache / ſondern ſeine meiſte krafft ſtehet in dem vertrauen oder zuver - ſicht / damit er ſich goͤttliche gnaden-verheiſſung zueignet. Daß auch alsdenn ein anfang der liebe / haß gegen die ſuͤnde / und vorſatz des neuen lebens / ver - handen ſeye / iſt abermal unſtreitig / und welcher glaube nicht ſolche bey ſich haͤtte / koͤnte nicht rechtfertigen / denn er waͤre der wahre lebendige glaube nicht: aber ob ſie wol bey dem glauben ſind / ſind ſie gleichwol nicht dasjeni - ge / das gerecht machet / als die mit zu den wercken gehoͤren / welche Paulus von der rechtfertigung ſchlechter dinges ausſchlieſſet / ſondern der glaube. Und ſolches darum / weil der glaube in dieſem werck ſelbs nicht anzuſehen iſt / als eine tugend / die von GOtt zu unſrer gerechtigkeit eine wuͤrdigkeit haͤtte / (denn da wuͤrden ſonſten die andern tugenden eben ſo wol ihren platz finden) ſondern nur als etwas / damit man das geſchencke GOttes annimmet: Da hingegen die liebe und anders von GOtt nichts annehmen / ſondern vielmehr der menſch durch dieſelbe ſich GOtt dem HErrn ergibet. Denn darinnen ſtehet das gantze haupt-werck / daß die rechtfertigung und ſeligkeit bloſſe ge - ſchencke bleiben / und wir alſo keine wuͤrdigkeit dabey prætendiren koͤnnen. Wie ich hoffe ſolche materie aus dem grund in dem 8. Capitel wider D. Bre - ving ausgefuͤhrt zu haben.
Daß S. Jacobus den glauben ohne die werck todt nennet / geſtehen wir auch / und erkennen einen ſolchen glauben nach 1. Joh. 2 / 4. vor keinen wah - ren glauben / daher derſelbe weder allein noch mit was anders rechtfertigen kan. Aber was P. Dez hinzuſetzt aus Gal. 5 / 6. daß der glaube erſt durchdie120Das erſte Capitel. die liebe beſeelet oder lebendig gemacht werde (weil ich das Teutſche E - xemplar nicht zur hand habe / kan ich nicht nachſehen / wie er das dont elle eſt animée, dolmetſchet) iſt falſch. Der glaube hat ſein leben in ſich ſelbs / und bedarffs nicht erſt von der liebe zu bekommen: Aber die liebe iſt das jenige / durch welches er wircket / und alſo eine krafft / die aus dem glauben ausgehet / wie er p. 34. nicht unrecht dazu ſetzt / ou qui agit par la charité. Die ort der ſchrifft p. 33. 34. ſind laͤngſt von den unſrigen zur gnuͤge beantwortet / und be - duͤrffen hier alſo nicht ausgefuͤhret zu werden.
Wo man uns fraget / ob der glaube / welcher uns rechtfertiget / ein tod - ter oder lebendiger glaube ſeye: antworten wir beſtaͤndig / daß es ein leben - diger glaube ſeye / welcher aber ſein leben nicht von der liebe oder uͤbrigen tugenden heꝛnimmet / ſondern vielmehr dieſe aus ſich gebiehꝛet / wie das liecht der ſonnen auch die waͤrme mit ſich bringet. Jndeſſen ſinds nicht ſeine fruͤch - te oder ausbrechende kraͤffte / welche uns gerecht machen / ſondern er iſt ſelbs allein / der das geſchencke der gerechtigkeit annimmet.
P. 36. thut ſich ſo bald die gefahr der lehr hervor / da von Roͤmiſcher ſei - ten verlangt wird / ihnen zuzugeben / daß keiner mit einer glaubens-gewiß - heit ſich der goͤttlichen gnade / oder dieſelbe gewiß empfangen zu haben / ver - ſichern koͤnne / es ſeye dann ſache / daß er eine ſonderbare offenbahrung von GOtt habe. Es kan aber auch nicht anders ſeyn / denn ſo bald als die recht - fertigung auff eine andere art angeſehen wird / als daß ſie eine gnaͤdige ver - gebung der ſuͤnden und geſchenckte zurechnung der gerechtigkeit JEſu Chri - ſti ſeye / die alſo nur durch den glauben als ein geſchenck angenommen wird / hingegen daß ſie beſtehen ſolle in einem gewiſſen grad der heiligung / ſo bald faͤllt alle die verſicherung des heils dahin: dann der menſch iſt nie verſichert / ob die erforderte wuͤrdigkeit gnug an ihm ſeye. Daher der Apoſtel ſagt Rom. 4 / 16. damit die verheiſſung feſt ſeye (und man ſich alſo gewiß und unfehlbar darauff verlaſſen doͤrffe) ſo muͤſte die gerechtigkeit durch den glauben (in gegenſatz gegen alle werck / und alſo auch ſo gar die liebe / die ſich an Abraham gezeiget v. 2. 3. ) kommen. Alſo hingegen wo die gerech - tigkeit nur einigerley maſſen muß aus den wercken / oder der liebe und andern tugenden / die bey uns ſind / hergenommen werden / ſo iſt man alle zeit unge - wiß. Hingegen dieſe lehr der ungewißheit der goͤttlichen gnade iſt eines der hauptſtuͤcke / warum wir an der Paͤpſtiſchen lehr einen billigen eckel haben / und ſolche der wahrheit des Evangelii / ſo uns unſers heils verſichern will / zu - wider zu ſeyn erkennen: Wie denn dieſelbe recht der krafft des glaubens / ſo eine gewiſſe zuverſicht ſeyn ſolle / ſchnurſtracks entgegen ſtehet. Was P. Dez zu behauptung ſolcher zweiffel lehr anfuͤhret / hat keinen grund. Der ſpruchPred. 121SECTIO XV. Pred. 9 / 1. hat zwahr ſeine ſchwehrigkeit / und ſind die lehrer nicht ſo einig druͤber / aber kaum iſt eine erklaͤhrung / welche weniger mit der gantzen abſicht Salomonis uͤberein kommet / als daß er ſolte handeln von der ungewißheit der glaͤubigen uͤber ihre ſeligkeit: da doch derſelbe insgemein in dem gantzen buch vielmehr von dem zuſtand des menſchlichen lebens in dem euſſerlichen / und was ſolches vor beſchwerde in ſeiner eitelkeit habe / handelt. Jch will nicht eben hie treiben auff Lutheri dollmetſchung / der es gibt: Doch kennet kein menſch weder die liebe noch den haß irgend eines / den er vor ſich hat / daß alſo von der liebe eines menſchen die er gegen den andern hat / geredet wuͤrde. Welcher verſtand an ſich ſelbs auch nicht zuverwerffen iſt. Wo mans aber am einfaͤltigſten nach dem grund-text gibet / wuͤrde es alſo lauten / auch die liebe / auch den haß weiß kein menſch / alles iſt vor ihnen: da moͤchte es am deutlichſten ſeyn / wie er vorher geſagt / alles ſeye in der hand des HErrn / daß er nun ſage / keiner wuͤſte auch / was er liebe / und noch lieben werde / was er haſſe oder noch haſſen werde / ob wol alles vor ſeinen augen ſte - he / indem nichts in ſeiner direction iſt / ſondern alles unter GOttes willen ſtehe / und der menſch es nicht wol eher gewahr wird / biß es geſchehe. Daß alſo mehr als zweiffel hafftig iſt / daß hie von GOttes liebe oder haß geredet werde. Wolte man aber den Jeſuiten noch ſo viel nachgeben / daß hie von der liebe und haß GOttes geredet wuͤrde / kaͤme doch nach allem nichts wei - ter heraus / als daß kein menſch / ob er in GOttes gnaden oder ungnaden ſeye / aus demjenigen wiſſen koͤnne / wie es ihm euſſerlich gehet: weil nemlich / wie die folgende wort lauten / frommen und boͤſen / und alſo denen / die in GOt - tes gnade und ungnade ſtehen / einerley begegnen. Welches freylich wahr / und uns nicht zuwider iſt. Wie auch der Papiſt Tirinus es alſo erklaͤhret: ex eventibus ſive proſperis ſive adverſis, utpote qui tam juſtis quam inju - ſtis communes ſunt. Ob aber wol der menſch goͤttliche wercke und gnade noch ungnade / aus den euſſerlichen begegnuͤſſen nicht ſchlieſſen kan / folget nicht / daß er derſelben aus goͤttlichem wort und ſeines gewiſſens zeugnuͤß nicht verſichert ſeyn koͤnne. Die lateiniſche Verſion, omnia in futurum ſervantur incerta, welches der Jeſuit noch weiter ziehet oder determiniret: on n’en ſera certain, qu’ en l’autre vie (da doch futurum nicht nothwendig das kuͤnfftige leben andeutete) gehet hie gantz von dem grund-text / und iſt keine ſylbe davon darinnen / ſondern wie oben gemeldet / alles iſt vor ihnen / oder vor ihrem angeſicht. Was den ort 1. Cor. 4 / 4. anlangt: iſts abermal ein ſolcher ſpruch / damit er nichts gewinnet / ſondern deſſen wir uns vielmehr wider und gegen die Roͤmiſche uns ſo fern gebrauchen koͤnnen / daß nemlich ob wirs mit der eignen heiligkeit ſo weit bringen / daß wir uns auchQim122Das erſte Capitel. im geringſten nichts boͤſes bewuſt waͤren / wir dannoch aus ſolchem / und alſo aus der heiligkeit / die ſich bey uns befindet / nicht geꝛechtfeꝛtiget weꝛdẽ koͤnten / ſondeꝛn an allen unſern weꝛcken zweiffeln muͤſten / ob dieſelbige voꝛ Gottes ge - richt die erforderte vollkommen heit haͤtten: welches eben die urſach iſt / daß auch unſre rechtfertigung nicht aus den wercken und heiligkeit herkommen kan / ſondern bloß aus goͤttlicher gnade / und aus der ſelben herkommenden vergebung der ſuͤnden geſchehe / welches wir derowegen aus GOttes wort auch ſo ernſtlich treiben. Daß aber der ort Pauli die gewißheit der gnaden nicht widerſpreche / iſt auch daraus zu ſehen / weil der Apoſtel von ſich ſelbs und in eigner perſon redet / da aber P. Dez mit allen Papiſten von demſelben bekennen wird / daß er eine unfehlbare verſicherung ſeiner ſeligkeit gehabt ha - be / aber ſich darauff beruffen / daß ſolche aus einer ſonderbaren offenbahrung hergekommen waͤre / womit ſie der krafft des ſpruchs Rom. 8 / 38. 39. zu ent - gehen vermeinen. Wie aber auch ſolche ausflucht aus jenem ſpruch nicht nehmen kan / ſo iſt dennoch dieſes / das ſie ſelbs bekennen muͤſſen / Paulus ſeye der gnade verſichert geweſt / dazu gnug / daß er in dieſer ſtelle die ungewißheit der gnade nicht lehren kan: ſondern was ſich endlich daraus ziehen lieſſe / wuͤr - de nicht weiter gehen / als daß keiner aus ſeinen wercken die verſicherung her - nehmen koͤnte: welches wir ſelbs ſagen / und aber dieſe lehr von dem ſtaͤten zweiffel / ob wir in GOttes gnade ſtehen / als einen ſolchen greuel anſehen / der wahꝛhafftig den grund des glaubens umſtoſſe / und aller goͤttlichen wahr - heit zuwider ſeye. So bleibets wohl wahr / daß wir allezeit mißtrauen an uns haben ſollen / uns auch vor unſern verborgenen ſuͤnden und ſchwachhei - ten fuͤrchten duͤrffen / nicht um zu zweiffeln / ob uns die gnade GOttes wahr - hafftig widerfahren ſeye / als welche verſicherung wir aus dem glauben ha - ben / daß aber derſelbe der wahrhafftige lebendige glauben / aus der fruͤchten nicht zwahr vollkommenheit / jedoch redlich - und auffrichtigkeit / eine uͤber - zeugung und erweiß erlangen / ſondern uns vor aller ſicherheit in das kuͤnffti - ge / da unſre verderbnuͤß uns wiedrum aus unſerm ſeligen ſtande heraus ſtuͤr - tzen moͤchte / zu huͤten / folglich mit forcht und zittern unſer heil zu ſchaffen. Alſo bleibet demuth / gewiſſes vertrauen goͤttlicher gnade und heilige furcht ſtaͤts alſo beyſammen / daß keines das andre hindert / wie goͤttliches wort al - les erfordert / und demnach keines das andere auffheben muß.
Wann er p. 39. ferner von uns fordert / daß wir doch kein ſolch bedencken machen ſolten / unter dem wort der rechtfertigung auch die eigentliche hei - ligung und erneuerung zu verſtehen / ſolte es ſcheinen / weil es nur um das wort zu thun / daß man ſich deßwegen nicht viel druͤber zu zancken habe / aber es ligt mehr daran / nemlich / man ſucht unter ſolcher weitern ausdaͤhnung des worts die gantze rechte lehr von der rechtfertigung umzuſtoſſen / maſſender123SECTIO XV. der Apoſtel Paulus dieſelbe aller orten alſo beſchreibet / daß ſie der heiligung entgegen geſetzt wird / nicht aber daß ſie ſolche in ſich ſchlieſſe / und durch et - was derſelben geſchehe. Wie es denn endlich allezeit da hinaus laͤufft / weil an der rechtfertigung oder gerechtigkeit unſre ſeligkeit unmittelbar haͤnget / ob dieſelbe dann ein bloß gnaden-geſchenck ſeye / oder auff eine eigne wuͤrdig - keit und heiligkeit darinnen geſehen werde. Jenes lehren wir / und laſſen al - ſo Paulo das wort nicht in einem andern verſtand vertraͤhen / ſondern behal - ten es einig in dem verſtand / wie er es braucht in gegenſatz gegen alle werck / und alſo auch gegen alle heiligkeit. Dieſes letzte ſucht man abermahl von Paͤbſtiſcher ſeite / und wolte gern durch die weitere ausdaͤhnung des worts einen vortheil dazu gewinnen. Die ſtellen / ſo aus dem Apoſtel angefuͤhret werden / beweiſen nicht / was P. Dez darinnen ſucht. 1. Cor. 6 / 11. ſtehet heili - gung und rechtfertigung beyſammen / ſo wir nicht laͤugnen / aber der Apo - ſtel ſetzt nicht dazu / daß die rechtfertigung auch die heiligung mit begreiffe. Der Apoſtel brauchet drey wort / ihr ſeyd abgewaſchen / ihr ſeyd geheili - get / und ſeyd gerechtfertiget: alſo nehme ich auffs einfaͤltigſte alle wort / daß jegliches eine wolthat begreiffe / die erſte wolthat iſt das abwaſchen oder die heil. tauffe / und aſo das mittel / durch welches uns die andre beyde wolthaten wiederfahren: das andre iſt die heiligung / das dritte die recht - fertigung / welche beyde uns in der tauff zukommen. Will aber P. Dez ſagen / ſo muͤſte das wort rechtfertigen voran ſtehen / weil nach unſrer meinung die rechtfertigung vor der heiligung hergehe / ſo iſts abermal keine nothwendig - keit / nicht nur allein / weil wir fort und fort / da wir auch bereits geheiliget ſind / gerechtfertiget werden / und ohn unterlaß durch den glauben in der ge - rechtigkeit und gnade beſtehen muͤſſen / ſondern weil auch die ſchrifft in der - gleichen dingen / nicht allezeit einerley ordnung haͤlt / wie wir ſehen / daß da hie die heiligung vorſtehet / hingegen 1. Cor. 1 / 30. dieſelbe der rechtferti - gung nachgeſetzet wird (maſſen auch obwol die bekante ordnung der perſonen der Heil. Dreyeinigkeit an ſich ſelbs unveraͤnderlich iſt / gleichwol in der an - fuͤhrung der nahmen der perſonen die heil. ſchrifft nicht eben allezeit bey der natuͤrlichen ordnung bleibet / als zu ſehen iſt 2. Cor. 13 / 13. und anderswo) ſo mag man auch ſagen / daß der Apoſtel in den wohlthaten gleichſam zuruͤck gehe / ihr ſeyd abgewaſchen / das iſt getaufft / ihꝛ ſeyd in deꝛ tauff geheiliget / ja ihr ſeyd auch / weil die heiligung euch noch nicht der ſeligkeit verſichern wuͤrde / darinnen gerechtfertiget worden / nemlich in vergebung eurer ſuͤn - den und ſchenckung der wolthaten euers Heylands / darum er ſagt in dem nahmen JEſu Chriſti. Alſo weiſet P. Dez nichts buͤndiges / daß dieQ 2recht -124Das erſte Capitel. rechtfertigung die heiligung hie einſchlieſſe / vielmehr weil ſie der Apoſtel zu - ſammen ſetzet / und mit zweyen worten austrucket / ſehen wir ſie billiger an als zwo beſondere wolthaten / die ſich neben einander finden. Nicht mehr richtet er mit dem andern ſpruch Tit. 3. aus. Denn ob wol der Apoſtel der rechtfertigung und vorher der wiedergebuhrt und erneuerung / daſelbs mel - dung thut / ſo iſts nur P. Dez bloſſes ſagen / aber ohne erweiß / daß nach S. Paulo die rechtfertigung in der wiedergebuhrt und erneueꝛung beſtehe. Son - dern er ſetzt freylich zuerſt die beyde wolthaten die wiedergebuhrt (in dero nach beyder partheyen bekaͤntnuͤß / ob zwahr auff unterſchiedlichen verſtand / die rechtfertigung mit ſtecket) und die erneuerung. Da er aber nachma - len das ende von allen ſetzet / die erbſchafft des ewigen lebens / weil dieſel - be nicht aus dem recht der erneuerung / ſondern der gnaden-kindſchafft kom - met / ſo wiederhohlet er nun die wiedergebuhrt / nicht aber die erneuerung / und trucket ſie aus / durch das wort der rechtfertigung / ſo unſer lehr gantz gemaͤß iſt / und alſo P. Dez noch ſtets ſchuldig bleibet eine ſtelle in der ſchrifft zu weiſen / wo die rechtfertigung auch die heiligung in ſich begreifft / welchen aber er und alle Papiſten vergebens ſuchen werden:
Weil zu der materie von der rechtfertigung auch die lehr von den guten wercken mit gehoͤret / davon bey dem 6. art. von pag. 44. gehandelt wird / ſo bemercke allein / daß bereits in vorigem / was bedencklich in demſelben haͤtte ſeyn moͤgen / beruͤhret habe. Nur ſetze noch bey / daß ich ſehr zweiffle / ob was p. 53. geſagt / und wie eines menſchen verdienſt den andern zu ſtatten komme / nur auff das / daß deſſelben gebet vor den andern ſo viel angenehmer wuͤrde / reſtringiret wird / von allen Papiſtiſchen lehrern und zu Rom werde approbiret werden / auffs wenigſte iſt die allgemeine praxis und meinung der leute in dem Pabſtum dagegen / und glaubet einer / daß er vor den andern etwas verdienen und gnug thun koͤnne: wie ich ſorge / daß ſich ordens-leut nicht wol damit zu frieden geben werden / wo ihren verdienſten nicht mehr zugeſtanden werden ſolle / da ſie hin - gegen itzo offt einen ſolchen vortheil davon genieſſen / wo ſie ihrer orden ver - dienſte gewiſſen leuten zu appliciren ſich erbieten.
Wo auch etwas von dem articul des heil. Abendmahls anzufuͤgen iſt / ſo uͤbergehe doch die ſtuͤcke / in welchen P. Dez ſagt / von p. 153. biß 164. daß wir uͤberein kommen / ob wol in ein und anderm etwas noch dabey zu erinnern ſtuͤnde: Was er aber von uns fordert / beſtehet dieſen articul eigentlich be - treffend / in 3. puncten / da wir von dem erſten nicht viel zu ſtreiten haben / denn da wir unſern Heyland aller orten / wo er iſt / anbeten moͤgen / ſo iſt freylich kein zweiffel / daß wir ihn auch in dem heil. Abendmahl anbeten doͤrffen / alsin125SECTIO XV. in dem er auff eine ſonderbare art zugegen iſt: ja daß wir ihn anbeten ſollen und muͤſſen / ob wol ſolche anbetung nicht eben allezeit und nothwendig mit dem euſſerlichen niederknien / oder niederfallen geſchehen muß: indeſſen hal - ten wir doch ſolche ceremonie des kniens oder beugens vor gantzzimlich / je - doch gedachter maſſen nicht gantz nothwendig / wie dann / ſo offt ich das va - ter unſer bete / ich darinnen die gantze heil. Dreyfaltigkeit wahrhafftig anbe - te / ob wol nicht eben allezeit ſolches kniend geſchihet / ſondern die anbetung auch allein mit demuͤthiger verehrung in der ſeelen / im geiſt / und in der wahrheit geſchehen kan / ſo mir auch kein Papiſt wol laͤugnen wird: und das iſts / wenn einige der unſrigen ſprechen / daß man die anbetung in dem heil. A - bendmahl frey laſſe / nicht ob ſtuͤnde jemand frey mit glaubiger verehrung in ſeiner ſeele den liebſten Heyland in dem Sacrament anzubeten / welches je - der wuͤrdiger Communicant thut / ſondern / daß die euſſerliche bezeugung der anbetung mit niederfallen in dem heil. Abendmahl nicht eben bloß dahin von allen erfordert / aber auch von niemand verworffen werden koͤnne oder ſolle. Was aber die andern beyde poſtulata betrifft / daß der leib Chriſti auch auſſer dem gebrauch zugegen ſeye / und daß das brodt wahrhafftig in denſelben verwandelt werde / darinnen beſtehet der haupt-ſtreit / und zwahr ſonderlich in dieſem letzten / dann das erſte haͤnget an dieſem / und wo das brodt in den leib des HErrn verwandelt iſt / kan kein zweiffel mehr ſeyn / daß es allezeit der leib des HErrn ſeye / verhaͤlt ſichs aber damit alſo / wie wir Evangeliſche die gegenwart Chriſti in dem heil. Abendmahl glauben / ſo wird abermal von ſelbs erhellen / daß auſſer dem gebrauch der leib CHriſti nicht da ſeye. Alſo kommt alle macht des ſtreits auff die frage von der trans - ſubſtantiation.
Dieſe verwandelung will nun P. Dez pag. 180. erweiſen: 1. Daß die Augſpurgiſche Confeſſion ſamt deroſelben Apologie ſolche ſcheine voraus zu ſetzen und klaͤhrlich zu behaupten. Obs aber unſerm P. Dez alſo ſcheinet / ſo iſts doch nicht in der that alſo. Denn ob wol die wort des arti - culs lauten / ſub ſpecie panis unter der geſtalt des brodts und weins / lehret doch die Apologie deutlich / quod vere exhibeantur cum illis rebus, quæ videntur, pane & vino, oder wie es in dem teutſchen lautet / mit den ſicht - baren dingen brodt und wein (darauß erhellet / daß das wort ſpecies o - der geſtalt die ſache ſelbs bedeutet / wie wir auch in unſerer kirche annoch die redens-art gebrauchen / unter einer oder zwey geſtalten / ob wir wol wahrhaf - tig bꝛodt und wein da zuſeyn glaubẽ) wann abeꝛ die angefuͤhꝛte Grichiſche leh - rer das wort verwandeln gebrauchen / haben die unſrige offt biß daher ge - gen die Paͤpſtiſche erwieſen / daß ſie daſſelbe gar in anderem / und uns un -Q 3ſchaͤd -126Das erſte Capitel. ſchaͤdlichem verſtande nehmen. Daß auch die unſrige ſich auff die lehre der allgemeinen kirchen beruffen / verſtehen ſie die ſache ſo weit / als dieſelbe in dieſem punct einſtimmig iſt / nemlich betreffend die wahre und weſentliche gegenwart des leibes und blutes Chriſti / damit aber nicht zugleich billigen - de die abſonderliche determination des modi, daß es duꝛch eine transſubſtan - tiation geſchehe / welchen die Roͤmiſche kirche ferner hinzugethan / die uͤbrige allgemeine kirche aber ſich deſſen nicht theilhafftig gemacht. Wobey haupt - ſaͤchlich in acht zu nehmen / daß dieſer articul vornemlich wegen Zwinglii und ſeiner parthey zu ſolcher zeit hingeſetzt worden / und alſo unſre bekenner / die ſich und ihre lehr von dieſen ſondern wolten / gnug gehabt haben / daß ſie die weſentliche gegenwart behaupteten / ohnnoͤthig achtende / ſich weiter davon herauszulaſſen.
2. Daß Lutherus ſolche lehr ſelbs zu glauben frey geſtellet habe: Nun laͤugnen wir nicht ſolches geſchehen zu ſeyn / in dem buch von der babyloni - ſchen gefaͤngnuͤß / wie aber ſolches buch 1520 / und alſo in den erſten jahren ſeiner mehrern erleuchtung / geſchrieben worden / koͤnte ihm noch unterſchied - liches (wie denn auch von andern puncten es nicht zu laͤugnen ſtehet) ankle - ben / darinnen er die wahrheit noch weiter erſt zu erkennen noth haͤtte / ſo auch in dieſem ihm begegnet / und er mit der zeit auch weiter in der erkaͤntnuͤß ge - wachſen iſt. Daher unter den 17. articuln / welche er ſelbs auffgeſetzt / und aus denen nachmal Melanchthon die Augſpurgiſche Confeſſion formiret / er ſeine lehre hievon deutlich gnug austruckt art. 10. daß Euchariſtia oder des altars Sacrament ſtehet auch in zweyen ſtuͤcken / nemlich daß da ſeye wahrhafftig im brodt und im wein der wahre leib und das blut Chriſti.
3. Daß gelehrte Reformirte davor hielten / wo man die weſentliche ge - genwart glaubte / ſo muͤſte man auch die verwandelung glaͤuben / præjudicirt uns nichts / wie denn weder ſie eine ſolche folge erweiſen koͤnnen / noch in der that eine ſolche iſt.
4. Kommet er endlich auff GOttes wort / aus welchem auch der ſtreit allein ausgemachet werden kan / und will alſo die verwandelung erweiſen / weil wir die wort der einſetzung nach dem buchſtaben verſtehen wollen / und a - ber dieſe wort: diß iſt mein leib / in dem verſtand wahr waͤren / wo das brodt verwandelt wuͤrde. Nun laͤugnet man nicht / daß ſie freylich auch in ſolchem verſtand koͤnten wahr heiſſen / aber davon iſt die frag / ob ſolches der von dem HErrn gemeinte verſtand ſeye. Er ſagt aber / nach unſrer erklaͤhrung waͤ - ren die wort / das iſt mein leib / dem buchſtaben nach falſch: wo er nun die - ſes erweiſen koͤnte / verloͤhren wir viel: es bleibet aber bey ſeinem bloſſen ſa -gen /127SECTIO XV. gen / ohne erweiß. Das exempel einer andern propoſition, welche er anfuͤh - ret / wenn einer von einem brodt / da gleichwol GOtt aller orten zugegen / und alſo auch in dem brodt ſeye / ſagen wolte: diß iſt GOtt / damit er aber ſalſch reden wuͤrde / ſchicket ſich gantz nicht / indem GOtt auff keine ſonderba - re art mit dem brodt vereinigt iſt: will er aber eine andere etwas gleichere re - dens-art haben / wollen wir ihm dieſe vorhalten: Als man Matth. 3. geſe - hen / wie der Heil. Geiſt auff Chriſtum in einer tauben geſtalt herab gefah - ren / und einer auff die taube deutende geſagt haͤtte / diß iſt der Heil. Geiſt / da waͤre ſolche propoſition wahr geweſen / ob wol ſolche tauben geſtalt in den Heil. Geiſt nicht verwandelt geweſt waͤre / und man gleichwol auch nichts als ſolche geſtalt geſehen haͤtte. Wann er nachmals ſpricht / daß auch keine vereinigung / wo ſie ſo gar eine perſoͤnliche vereinigung waͤre / machen koͤnte / daß man ſagen moͤchte / das brodt ſeye der leib Chriſti / ſo erkennen wir ſelbs / daß dieſe redens-art weder in der ſchrifft ſtehe / noch nach der ſchaͤrffe der wort wahr ſeye / wo man nicht mit einigem beyſatz der propoſition hilfft / vermittels einer erklaͤhrung / wie ſie zu verſtehen ſeye / nemlich das brodt ſeye Sacra - mentlich der leib Chriſti / wo es alsdann keinen andern verſtand hat / als es ſeye die gemeinſchafft des leibes Chriſti: Und ſo hat Irenæus ſamt andern / die ihm gefolget / die wort genommen / die gleichwol mit den worten / welche die ſchrifft brauchet / nicht zu vergleichen / noch von denſelben auff dieſe zu ſchlieſſen iſt. Ferner / ob ich wol nicht ſagen kan / die menſchheit iſt die Gott - heit / ſo koͤnte ich doch ſagen / wenn ich den HErrn in dem fleiſch geſehen haͤtte - dieſer iſt GOtt / und wuͤrde ſolche propoſition nicht falſch / ſondern wahr ge - weſt ſeyn / auch von P. Dez davor erkant werden. Wenn er aber dieſelbe exa - miniret nach ſeiner regel p. 185. wuͤrde er ſie vor falſch muͤſſen erkennen / parce que ces paroles n’ ex priment qu’une des deux ſubſtances (natures) que l’ on ſuppoſe eſtre ſous ces eſpeces (dans cette perſonne) weil ſie aber un - zweiflich wahr iſt / ſo ſihet der Jeſuit / daß ſein fundament falſch iſt / daß eine propoſition falſch ſeye / wenn in dem prædicato nur eines exprimiret wird / von einem ſubjecto, das zwey dinge einſchlieſſet: ſondern vielmehr / daß eine ſolche propoſition wahrhafftig ſeye. Hingegen iſt falſch / was dabey ſtehet / que le pronom cecy faſſe comprendere, que l’ on veut exprimer tout cé qu’ elles contiennent: denn ſolches iſt bey den pronominibus demonſtrativis die meinung gar nicht / ſondern ſie deuten allein ein gewiſſes ſubjectum an / von dem nachmals das prædicatum wahr ſeye / nicht aber alles dasjenige austrucken muß / was zu dem ſubjecto gehoͤret: Jch hoffe ja / es werde P. Dez, wo ihm eineꝛ ein buͤchslein mit ſtattlichem balſam darreichte / ſpꝛechende / neh - mets hin / dieſes iſt ein ſtattlicher balſam / ſolche propoſition bey der darrei - chung / dieſes iſt balſam / wo das ſubjectum ein demonſt[r]ativum pronomeniſt /128Das erſte Capitel. iſt / und mir das jenige weiſet / was ich ſehe / das prædicatum aber etwas von demſelben ſagt / was ich nicht ſehe / nicht vor falſch / ſondern vor wahr halten / oder von jedermann / als uͤber eine abſurde verleugnung einer bekanten ſache ausgelachet werden. Alſo faͤllet ſein gantzes argument, ſo er aus den wor - ten der einſetzung ſuchet / dahin / als welches darauff beruhet / daß ſonſten oh - ne die verwandlung die wort falſch waͤren / weil bereits gewieſen / daß die wort in unſerm verſtand gantz wahr bleiben / und mit der gemeinen redens - art uͤberein kommen.
5. Berufft ſich P. Dez auff die Patres. Es haben aber auch auff ſolche loca die unſerige offt geantwortet / und den verſtand der worte der Patrum gezeiget / der mit der meinung der Papiſten nicht uͤberein kommet. Daher auch unterſchiedliche auffrichtige unter denſelben geſtehen / daß ſie aus den vaͤtern nicht gnug erweißlich / daß alſo auch der beruͤhmte Jeſuit Gregor. de Valentia mit dem erweiß nicht hoͤher als nach 10. ſeculis auffzuſteigen ge - trauet. Waͤre auch hievon zu ſehen Gerhardi Conf. Cathol. L. 2. p. 2. art. 14. p. 984. 1017. u. f. Hiebey entſinne mich / als vor etwa 20. jahren die contro - vers unter den Papiſten und Reformirten ſtarck mit unterſchiedlichen gelehr - ten ſchrifften gegen einander in Franckreich getrieben wurde / daß damal der ſehr gelehrte Herr von Boyneburg / ſo doch von uns abgetreten war / mir ſelbs bekante / es waͤre durch die ſtattliche teſtimonia Patrum zwahr wider die Reformirten die realitaͤt zur gnuͤge / nicht aber auch ſo kraͤfftig der beſon - dere modus nemlich die transſubſtantiation, erwieſen worden. Damit wir aber hingegen erweiſen / daß unſre lehr und erklaͤhrung der wort der einſe - tzung wahr ſeye / formire ich dieſes argument: was ſo wol der leib CHRJ - STJ / als eine gemeinſchafft des leibes CHRJSTJ wahrhaff - tig heiſſet / beſtehet nicht aus einem weſen / ſondern muß zweyerley in ſich haben; was mir aber in dem heiligen Abendmahl gereichet wird / heiſſet ſo wol der leib Chriſti / als auch die gemeinſchafft des leibes Chriſti 1. Cor. 10 / 6. So beſtehet es nicht aus einem weſen / ſondern muß zweyerley in ſich ha - ben / und alſo nicht nur den leib Chriſti / ſondern auch noch wahrhafftig brodt ſeyn. Der erſte ſatz gruͤndet ſich darauff. Weil 1. der leib Chriſti da ſeyn muß / indem ſonſten ſolches dargereichte nicht koͤnte der leib genennt werden. 2. Muß aber auch etwas noch weiters da ſeyn / daß die gemeinſchafft ſeye ſol - ches leibes / das iſt / das mittel / dadurch wir des leibes Chriſti theilhafftig werden muͤſſen. Jndem / wo der leib Chriſti gantz allein vorhanden waͤre / keine gemeinſchafft gedacht werden kan / da ja nichts mit ſich ſelbs / ſondern einem andern gemeinſchafft hat. 2. Wir brauchen auch mit recht das jenige argument, daß der Heil. Geiſt das ſacramentliche brodt auch noch brodt nenne / wenn es geſegnet iſt / und genoſſen wird / wie 1. Cor. 10 / 16. 11 / 26. 27. 28.129SECTIO XV. 28. Weil es alſo ſolchen nahmen traͤget / erkennen wir es auch nach dem weſen noch vor wahres brodt. P. Dez ſuchet hierauff p. 191. zu antworten / verraͤth aber durch die antwort die ſchwachheit der ſache ſelbs. 1. Berufft er ſich darauff / daß unſer Heyland Joh. 6 / 52. 56. ſelbs ſein fleiſch das brodt und eine wahre ſpeiſe nenne. Dieſes nun laͤugnen wir nicht / aber es thut zur ſache nichts. Denn die frage iſt nicht / ob Chriſti fleiſch moͤge ein brodt vom himmel gekommen heiſſen / da das wort brodt figuͤrlich genom - men wird / ſondern die frage iſt / ob in dem ort Pauli ſolches platz habe. Wel - ches wir billig widerſprechen / und dazu gute urſach haben; wie der kelch / den man ſegnet / wahrhafftig bey Paulo denjenigen kelch andeutet / indem der wein iſt / welchen man bey dem heil. Abendmahl brauchet und ſegnet / alſo muß auch das brodt verſtanden werden dasjenige / ſo auch zu dem heil. A - bendmahl angewendet und geſegnet wird. Wie nun der P. Dez nicht ſagen kan / es ſeye das brodt / wenn es geſegnet wird / oder geſegnet werden ſolle / der leib Chriſti / ſondern er verſtehet es von einem gemeinen brodt / ſo haben wir nicht urſach zu ſagen / daß nachmals / da er ihm noch ſolchen nahmen / da es nunmehr gebrochen und ausgetheilet wird / wiederum gibet / daß er von ei - nem andern brodt rede. Und wie? Brechen wir dann den leib Chriſti im heil. nachtmahl? Dieſes kan der Jeſuit nicht ſagen. Dasjenige brodt a - ber / davon der Apoſtel redet / wird gebrochen / und iſt alſo noch recht brodt. Und was waͤre es vor eine ſeltzame rede / wo wir ſagen wollen? Das brodt / das wir brechen / das iſt das fleiſch Chriſti / iſt die gemeinſchafft des leibes Chriſti; dann ſolches fleiſch Chriſti iſt nicht die gemeinſchafft des leibes Chriſti / ſondern der leibſelbs. 2. Die andre entſchuldigung iſt nicht beſſer / weil die ſchrifft alle ſpeiſen pflege brodt zu nennen / ſo wir wiedrum geſtehen / aber keine folge zu der ſache ſehen. Denn das eigentlich brodt zu dem heil. Abendmahl gebrauchet werde / iſt kein zweiffel / alſo / ſo lang ſolches noch die - ſen nahmen behaͤlt / iſt keine nothdurfft von ſolchem verſtand abzuweichen. 3. Beruffet er ſich darauff / daß die ſchrifft einigen dingen / die verwandelt worden / noch nach der verwandelung den vorigen nahmen bey zulegen pflege. Dieſes moͤchte angefuͤhret werden koͤnnen / wenn erſtlich eine ſolche verwand - lung zugeſchehen erwieſen waͤre / ſo wir aber geſehen / daß P. Dez nicht erwie - ſen habe; daher wir auch nicht urſach haben / von der einfalt des worts brodt abzuweichen. Und muß man alſo Roͤmiſcher ſeiten erſt kraͤfftige gruͤnde an - zeigen / warum wir von der allgemeinen und einfaͤltigen deutung des brodts abweichen muͤſſen / da ſie ſonſten ſo eiffrig ſelbs in der materie von dem heil. Abendmahl auff den buchſtaben treiben / weßwegen ſie dann uns das recht auch laſſen muͤſſen / daß wir vor wahres brodt halten / was Paulus mit ſol -Rchem130Das erſte Capitel. chem nahmen nennet / biß ſie es nicht zu ſeyn erweiſen / ſo ſie zu thun nicht ver - moͤgen. Daß die euſſerliche geſtalt des brodts deßwegen nur ſolchen nahmen trage / weil ſie unſern augen alſo vorkomme / iſt abermal bald geſagt / aber nicht erwieſen; wir bꝛechen ja nicht des apparences du pain, oder eines brodts euſſerl. geſtalt / ſondern das brodt / ja jene ſind keines brechens faͤhig. 5. Daß man allezeit ein in den leib Chriſti verwandeltes brodt verſtehen muͤſſe / iſt a - bermal des P. Dez belieben / uns aber / daß es ſo geſchehen ſolle / nichts darge - than. Ja wie kan das in Chriſti leib verwandelte brodt mehr die gemein - ſchafft des leibes ſeyn / da es der leib ſelbſten waͤre? 6. Daß Lutherus erſtlich die meinung frey gelaſſen / iſt oben bemercket / daß es in den erſten jahren ge - ſchehen / da er die wahrheit nach und nach erſt einzuſehen begunte. 7. Des Lateraniſchen Concilii autoritaͤt verbindet uns ſo wenig / als das Trienti - ſche. Vielmehr / daß erſt in ſolchem Concilio die verwandelung decidiret worden / iſt ein zeugnuͤß / daß vorhin die kirche an ſolchen articul ſich nicht ge - halten. Wie denn wahrhafftig die alte vaͤter andere lehr von dieſem Sa - crament gefuͤhret / und zu ihrer zeit dergleichen nicht wuͤrde geſchloſſen wor - den ſeyn. Da nun dieſes eine poſtulatum von der verwandelung dahin faͤl - let / ſo faͤllet das andere auch / da von uns gefordert wird / daß wir die conſe - crirten hoſtien vor den leib Chriſti auch auſſer dem gebrauch halten ſolten. Denn wie nicht ohne iſt / wo das brodt in den leib Chriſti verwandelt worden waͤre / daß ſolcher leib auch auſſer dem gebrauch ſeyn muͤſte: So folget ſol - ches nicht gleicher maſſen / nachdem wir geſehen / daß es mit der transſubſtan - tiation nichts iſt / ſondern der leib des HErrn nicht anders da iſt / als daß er ſich mit demjenigen brodt ſacramentlich vereiniget / welches gegeben und ge - noſſen wird / zu keinem andern zweck / als eben ſolches gebens und nehmens. daher wir uns / wo dieſe von unſerm Heylande intendirte zwecke hinfallen / o - der ſolches geben / nehmen / eſſen und trincken unter bleiben / weil Chriſti einſe - tzung nicht gehalten wird / auch deſſen nicht verſehen koͤnnen / daß bey ſolcher action ſolche einſetzung ihre krafft habe. Es hat aber dieſe ſache zur gnuͤge ausgemacht der etliche mahl citirte D. Gerhard Confeſ. Cathol. L. 2. P. 2. art. 14. c. 3. p. 1020. da er ſo wol unſre argumenta fuͤhret / als gegentheils wieder - leget / auch aus denſelben ſelbs einige zeugnuͤſſen zu behuff der wahrheit an - fuͤhret: alſo / daß ſich aus ſolcher tractation auff P. Dez angefuͤhrte ſchein - gruͤnde gnuͤglich antworten laͤſſet.
Damit etwas weniges auch von der meß beygefuͤget werde / ſo finden ſich in denjenigen puncten / von denen P. Dez ſagt / daß darinnen unter uns und ihnen eine einſtimmung ſeye / unterſchiedliche ſtuͤck / die noch nicht ſo rich - tig ſind p. 370. 1. Daß man das wort meſſe behalten ſolle: dieſes meineter131SECTIO XV. er entweder / daß es bloß nothwendig / und man dazu verbunden / oder daß es frey ſtehe / und behalten werden moͤge. Das erſte geſtehen wir nicht / noch beſtraffen die kirchen / die ſich des worts enthalten. Ja man ſolte ſagen / es waͤre beſſer ſich deſſen zu enthalten / eben deßwegen weil P. Dez mit ſeinem e - xempel lehret / wie ſie nachmal / wo ſie den nahmen hoͤren / auch denſelben in ihren verſtand genommen haben wollen: da wir doch unter dem nahmen der meſſe nichts als die begehung des heil. Abendmahls verſtehen. Und dieſe iſts allein / welche wir mit groſſem reſpect halten und gehalten haben wollen. 2. Gleiches iſt zu erinnern von den Ceremonien an gedachtem ort / wo wir uns die nothwendigkeit nicht aufftringen laſſen / daß dieſelbe alſo behalten werden muͤſten. Obwol unſre bekenner bezeugen / daß ſie damals ſolche noch behalten haͤtten. 3. Die allgemeine beſchreibung eines opffers iſt auch noch zu gering oder zu gemein: wiewol aus dem folgenden noch etwas / ſo ſonſten hieher gehoͤrte / mag erſetzet werden. 4. Die arten p. 371. wie das opffer des creutzes Chriſti ein einiges opffer ſeye / ſind wahr / aber nicht gnug. 5. Die opffer des A. T. applicirten die krafft des kuͤnfftigen opffers Chriſti den glaͤu - bigen nicht anders / als daß der glaube dadurch geſtaͤrcket / die gnaden-ver - heiſſungen von dem kuͤnfftigen Meßia / und alſo in derſelben die angebotene goͤttliche verſoͤhnung annahm: nicht aber als wenn GOtt um ſolches gehor - ſams und opffers willen an ſich ſelbs die vergebung der ſuͤnden / ſo ſein Sohn erwerben wuͤrde / ihnen ertheilet haͤtte / alſo waren die opffer wol mittel von GOttes ſeiten / darinnen er dem glauben ſolche guͤter in ſeiner ordnung dar - bot / aber der gehorſam des darbringens / oder ſolches darbringen ſelbs / war nicht das mittel / dadurch ſie ſolche guͤter erlangeten. 6. Wenn die alte vaͤ - ter die meſſe oder das heil. Abendmahl genennet haben ein opffer / iſts nicht geſchehen / daß ſie damit verſtanden haͤtten / gleich ob wuͤrde Gott dem HErrn wahrhafftig und eigentlich ſein Sohn / oder deſſen leib und blut / geopffert o - der dargebracht / und alſo in dem eigentlichen verſtand / was opffern heiſt / ſondern ſie nennen es theils ein opffer / wegen der gaben / brodt und wein / wel - che die glaͤubigen zu begehung des Abendmahls mit ſich brachten / darlegten und opfferten / derẽ theil zu ſolcher heil. handlung gebraucht / das uͤbrige zu der prediger und armen unterhalt angewendet wurden / theils in dem allgemei - nen und uneigentl. verſtande / wie alle uͤbungen der gottſeligkeit opffer ge - nennet wurden / und alſo weil in ſolchem Abendmahl die gedaͤchtnuͤß des wah - ren einmaligen opffers begangen wird / ſo dann Gott die geiſtlichen opffer des dancks / lobs und gebets dargebracht werden. Da ſie alſo ſolche gantze hand - lung / darinnen ſo wol des wahren opffers gedacht / als auch unterſchiedli - che geiſtliche opffer GOtt gebracht werden (ſonderlich danck-opffer / daher heiſſen es euchariſtica, ſo nichts anders iſt / als danck-opffer) ein opfferR 2nen -132Das erſte Capitel. nennen konten: und wir uns ſolches nahmens nicht widern wuͤrden / wo uns nicht billich / nachdem man geſehen / was vor mißverſtand ſolcher nah - me des opffers nach ſich gezogen / eben ſolche forcht zuruck hielte. Jn dieſem verſtand aber iſts den Papiſten nicht gnug die meſſe ein opffer zu nennen / ſondern da heiſſets außtruͤcklich in dem Conc. Trident. Seſſ. 6. Can. 1. 2. Si quis dixerit, in miſſa non offerri DEO verum & proprium ſacrificium, ana - thema ſit. Und: Si quis dixerit, miſſæ ſacrificium tantum eſſe laudis & gratiarum actionis, aut nudam commemorationem ſacrificii in cruce peracti, non autem propitiatorium, anathema ſit. Alſo ſehen wir / es ſeye nicht darum zu thun / daß die meß etlicher maſſen ein opffer ſeye / ſondern ſie muß ein wahres und eigentliches opffer heiſſen / und zwar ein verſoͤhnungs - opffer / ſo wir nimmermehr zu geben koͤnnen. 7. daß bey dem heiligen Abend - mal des todes des HErrn gedacht werden ſolle / iſt wahr / und alſo wird das opffer deſſelben repræſentirt / nicht ſo wol in der handlung des heiligen A - bendmahls ſelbs / man wolte denn ſagen / daß es dadurch geſchehe / weil ab - ſonderlich das blut gegeben werde / ſo einige abſonderung des bluts von dem leib andeuten moͤchte / welche repræſentation aber Papiſtiſcher ſeite nicht angenehm ſeyn kan / welche leib und blut bey dem brodt beyſammen haben wollen / alſo vielmehr durch die errinnerung des leidens unſers Hey - lands dazu das heilige Sacrament eingeſetzt iſt. Damit iſts wol ein ge - daͤchtnuͤß-opffer / aber deßwegen kein wahres eigentliches opffer. 8. Wie fern es in den alten kirchen gebraͤuchlich geweſen / daß der heil. bey dem heil. A - bendmal / als ſolcher / welche auch in dem glauben JEſu gelebet und geſtor - ben / meldung geſchehen / iſt ſonſten von den Theologis beantwortet / lehret uns aber / wie erſtlich nicht boͤß gemeinte dinge in ſolchen ſchrecklichen und gefaͤhrlichen mißbrauch gerathen koͤnnen. 9. Jndeſſen bleibets dabey / ſo bald buͤndig erwieſen iſt / daß die meſſe p. 380. ein wahres eigentliches und verſoͤhn - liches opffeꝛ ſeye / ſind wir ſchuldig aller orten auffs foͤrderlichſte ſie mit allem / was dazu gehoͤret / wieder einzufuͤhren: von P. Dez iſt aber gleich wol noch nichts deſſen erwieſen.
Wo wir nun von p. 380. anſehen die forderungen / die er an uns thut. So 1. iſt die erſte eines theils richtig / ſo fern wir die meſſe / oder das heil. A - bendmal vor ein wahres Sacrament erkennen. Daß aber auch gefordert wird zuzugeben / daß ſie ein wahres opffer ſeye / darinn ſich Chriſtus ſeinem him̃liſchen vater als ein heiliges opffer / durch ſeine diener darbringen laſſe / koͤnnen wir nicht eingehen / und iſt von den unſrigen ſo offt dargethan wor - den / wie ſolches dem einigen creutz-opffer JEſu Chriſti / Hebr. 7. 9. und 10. und deſſen geruͤhmten vorzug vor den opffern des A. Teſt. die offt wiederhoh - let werden muſten / ſchnurſtracks entgegen ſtehe / und alſo die ehre des HErrn verringere. Was nun die von dem Jeſuiten angefuͤhrte argumenten wideruns133SECTIO XV. uns betrifft / ſind ſie von keiner krafft. 1. Wo man das opffer unterſcheidet in verſoͤhn-opffer und danck-opffer / ſo iſt allein die erſte art die jenige / davon die frage iſt. Wie wir aber in dem heil. Abendmahl ein danck-opffer erkennen / vielmehr als daß wir daſſelbe ſelbs vor ein verſoͤhn-opffer halten wollen / iſt ſolches opffeꝛ allein ein geiſtliches figuͤꝛliches / und alſo nicht eigentlich ſo ge - nantes opffer / davor aber daſſelbe austruͤcklich in dem Trientiſchen Concilio ausgegeben wird. Ja wir koͤnnen das heil. Abendmal oder die meß nicht alſo vor ein opffer erkennen / daß es eigentlich an ſich ſelbs ein opffer / geſetzt nur ein danck-opffer waͤre / denn das hauptweſen in demſelben iſt das Sacrament / und daß uns etwas darinnen gegeben wird / aber etwas bey demſelben be - findliches iſt das danck-opffer / nemlich / daß bey dem heiligen Abendmal und deſſen begehung GOtt ſein danck-opffer gebracht wird / in glaubigem preiß ſeiner uns erzeigten guͤte. Alſo iſt das heilige Abendmal nicht einmal ſelbs ein danck-opffer / daß wir daſſelbe GOtt ſelbs opfferten / ſondern es geſchi - het nur von uns bey und in demſelben eine art eines danck-opffers / weßwe - gen es die alte mit dem nahmen des opffers zu nennen pflegten.
2. Das andere argument des P. Dez wird hergenommen aus dem ver - meinten conſens der alten kirchen / den er aus einigen orten der vaͤter erwei - ſen will. Wie aber unſer gantzer glaube allein auff GOttes wort gegruͤn - det werden muß / ſo moͤchten dergleichen argumenta nicht eher ſtatt finden / als wo eine ſache erſtlich allerdings aus GOttes wort erhaͤrtet waͤre / daß man nachmal das zeugnuͤß der kirchen anfuͤhrte. Ferner was die beyde ort von dem opffer des Melchiſedechs und welches Malachias verkuͤndiget / anlangt / er - weiſen ſie gantz nichts. Woriñen Melchiſedech unſers Heilands vorbild ge - weſen ſeye / fuͤhret Paulus Hebr. 7. zur gnuͤge aus / da aber der geringſte fußſtapffen nicht iſt von dem jenigen / worinnen man in dem Pabſtthum das vornehmſte ſucht / worinnen jener Chriſtum vorgebildet habe. Jn der weiſ - ſagung Malachiaͤ wird auch nicht von der meß geredet / wie ſelbs unter - ſchiedliche vornehme Papiſten geſtehen / und etzliche der vaͤter ſie gantz anders erklaͤhren / ob wol andere (welches alſo keinen allgemeinen Conſens machet / noch die lehre der kirchen bezeugen kan) ihn auff das heil. Abend - mal accommodiren. Der rechte verſtand aber deſſelben orts wird wol aus Rom. 15 / 16. herzunehmen ſeyn. Daß im uͤbrigen die vaͤter mehrmal die wort ſacrificium, offerre, oblatio, immolare und dergleichen gebrauchen / wird nicht geleugnet / wie P. Dez die wort unſers Chemnitii anfuͤhret / a - ber zugleich auch deſſen antworten beybringen ſollen / dadurch er weiſet / daß man gegentheils von ſolchen worten keinen vortheil haben koͤnne / nach dem ſie unter einerley worten nicht einerley verſtand mit ihnen gefuͤhret. So weiſet auch unſer fleißige D. Gerh. Conf. Cath. Lib. 2. pag. 2. art. 15. cap. 1. R 3p. 1210.134Das erſte Capitel. p. 1210. mit mehrern / in was meinung und abſicht die vaͤter ſolche wort ge - braucht haben / ſo nicht mit der Paͤbſtiſchen uͤbereinkommet.
3. Wenn aber P. Dez ſich gar auff die wort der einſetzung berufft / braucht er gleichwol ein ſchwaches fundament / ſo er vielleicht ſelbs mag er - kant / und es deßwegen nach dem zeugnuͤß von der kirchen geſetzt haben. Die gantze macht ſoll darinne ſtehen / weil der HErr geſprochen / daß der kelch vor uns vergoſſen werde und daß der leib vor uns gegeben werde: ſo geſchehe ſolches in dem heiligen Abendmal / und werde alſo in demſelben nicht nur etwas uns gegeben / ſondern auch vor uns gegeben / welches das opffer andeute. Es haͤtte ſich aber P. Dez billich erinnern ſollen / nach dem die Verſio Vulg. in dem Concilio Tridentino voͤllig autoriſirt iſt / daß nie - mand bey ſtraff des anathematis davon weichen doͤrffte / daß dieſelbe Luc. 22. außtruͤcklich ſagt / nicht effunditur, ſondern effundetur, u. 1. Cor. 11. quod tradetur: da alſo das futurum weiſet / daß von einer ſache geredet werde / die nicht jetzt in dem Abendmal geſchehen ſollen / ſondern an dem creutz geſche - hen werde: Womit das gantze argument des Jeſuiten dahin faͤllet / oder er muß wider das Concilium die Vulgatam verwerffen: wiewol auch der Ca - non miſſæ ſelbs das effundetur behaͤlt / welchen er auch nicht wird corrigi - ren doͤrffen: daher viele andere Papiſten / wie nicht weniger alte vaͤter / den ort von der dahingebung an dem creutz verſtanden / aber damit dieſen ſchluß des P. Dez laͤngſt geſchwaͤchet haben. Der ander ort Act. 13. richtet nicht mehr aus / und heiſſet das wort λειτουργούντων durchaus nicht das opffer: ob wol einer in Franckreich ſich zu unſerer zeit unterſtanden / es in die Verſion des N. Teſtam. alſo zu ſetzen en diſſent la Meſſe, welches einem in Franckreich die gelegenheit gegeben zu dem tractaͤtlein La Meſſe trouvée dans la Bible, darinnen er gegentheil daruͤber ziemlich ſpottet und eintreibet. Wie Era - ſmus den ort verſtanden / zeigen ſeine wort miniſtrantibus illis, quod pro - prium eſt operantium ſacris. Nullum autem ſacrificium DEO gratius, quam impertiri doctrinam Evangelicam. Sic Rom. 15 / 16. da gar ein ander verſtand herauß kommet / als man von Eraſmo aus dem / wie ihn P. De - anfuͤhret / vermuthen ſolte. Es wird aber hierinnen derſelbe widerum an ſeine Vulgatam gewieſen / die es gibt / nicht ſacrificantibus illis, ſondern mi - niſtrantibus: So kan er auch nicht leugnen / daß ſo wol Patres, als vor - nehmſte Papiſtiſche andeꝛe lehꝛer ſolches wort gantz anders geben und erklaͤh - ren / als daß nur ein ſchein der meß dabey uͤbrig bleibe. So iſt dieſes ein nicht geringes præjudicium gegen dieſelbe / wenn man / ſie zu behaupten / auff dergleichen ſpruͤche verfaͤllet / in welchen ihre eigne lehrer guten theils das jenige nicht ſehen koͤnnen / was ſie uns darinnen zeigen wollen / undunſre135SECTIO XV. unſre hartnaͤckigkeit beſchuldigen / wenn wir es darinnen nicht erkennen koͤnnen.
4. Endlich will er ſich beruffen auff die natur eines opffers / welche ſich gantz bey der meß finde. Aber die muͤhe iſt abermal vergebens / denn es man - gelt gleich an dem erſten ſtuͤck / daß in der Conſecration der leib und blut JE - ſu Chriſti wahrhafftig und thaͤtlich GOtt geopffert oder vorgetragen wer - de / ſondern er ſtellet uns vielmehr denſelben vor / da er uns ſolchen uͤberrei - chen laͤſſet: Ob ſich nun P. Dez auff ſeine vorige gruͤnde beziehet / iſt derſelben ungrund bereits gewieſen worden. Wenn es auch auff das ſechſte ſtuͤck kom - met / da die deſtruction des dinges / ſo geopffert werden ſolle / erfordert wird / windet ſich der Jeſuit ſehr / nachdem er nicht ſagen kan / daß Chriſtus in dem Sacrament deſtruiret werde / und nimmet ſeine zuflucht auff eine myſtiſche deſtruction, und die repræſentation des creutz-opffers. Er entrinnet aber da - mit nicht / denn es folget nichts mehr / als daß denn in der meß allein die erin - nerung und gedaͤchtnuͤß jenes opffers geſchehe / ſo wir gern zugeben / aber eben dadurch hoͤret ſie auff ein wahrhafftiges und wirckliches opffer zu ſeyn / da es endlich allein auff die repræſentation auslaͤufft. Wie auch der mehrmahl angefuͤhrte Gerhard. Conf. Cathol L. 2. Part. 2. art. 15. p. 1156. u. f. mehrere ſtel - len aus dem jure Canonico, und andern gegen theils ſcribenten anziehet / die es dabey bewenden laſſen: damit aber P. Dez ſeine ſache verliehret. So heiſſets bey Bellarm. Verum & reale ſacrificium veram & realem mortem aut deſtru - ctionem rei immolatæ deſiderat: ſo kan es alſo keine myſtica deſtructio ſeyn. Gegentheil verſuchet zwahr auff vielerley weiſe der krafft ſolches arguments zu entgehen / widerſprechen aber einander ſelbs offt / und ſie winden ſich wie ſie wollen / ſo koͤnnen ſie ſolche nicht vermeiden / ſondern verwickeln ſich gemeinig - lich mit ihren antwortẽ nur vielmehr. Hieraus iſt nun zu ſehen / daß P. Dez mit der erſten forderung / die meß vor ein wahres opffer anzuſehen / abzuweiſen ſeye / und dieſelbe nicht erwieſen habe. Er gedencket zwahr auch anderer ar - gumenten / die beygebracht worden ſeyen / weil er ſie aber nicht anfuͤhret / ſo iſt auch nicht drauff zu antworten / wol aber zu vermuthen / ſie werden nicht von mehrer krafft / ſondern noch wol wenigerem ſchein ſeyn / indem man beſ - ſere argumenta im vorrath habende ſich der ſchwaͤcheſten nicht zu bedienen pfleget.
2. Die andere forderung des Jeſuiten beſtehet darinnen / daß wir erken - nen ſollen / die meſſe ſey ein wahrhafftiges verſoͤhn-opffer / in welchem uns die verdienſte Chriſti todes zugeeignet und appliciret werden. Hie iſt zu mer - cken / daß kein ſtreit davon ſeye / ob in der meß / wie dadurch das heil. Abend - mahl verſtanden wird / eine zueignung des verdienſts Chriſti und alſo eine verſoͤhnung mit GOtt geſchehe / der uns den vor uns dahin gegebenen leibund136Das erſte Capitel. und das vor uns vergoſſene blut ſeines Sohnes eben deßwegen gibt / daß wir zugleich mit / alle die gnade / die er uns damit verdienet / empfangen / und mit glauben annehmen ſollen: denn ſolches bekennen und lehren wir gern. Aber hie fragt ſichs / ob in der meß 1. der leib und blut CHRJSTJ wahrhaff - tig geopffert / und zwahr 2. zur verſoͤhnung geopffert / daher krafft ſolches opffers dem menſchen die verdienſte Chriſti zugeeignet werden. Wie nun bey der erſten forderung das erſte ſtuͤck hingefallen / ſo faͤllet das andere auch nach / dann es iſt kein wahrhafftiges eigentliches opffer in der meß / ſo kan auch kein verſoͤhn-opffer darinnen ſeyn. Wann nun P. Dez ſich berufft 1. auff die wort der einſetzung / richtet er damit nichts aus. Es ſtehet nicht mehr da - ſelbs / als daß das blut Chriſti ſeye vor viele vergoſſen zur vergebung der ſuͤnden / welches wir auch bekennen / aber ſolche vergieſſung iſt geſche - hen an dem creutz / und hilfft alſo die meß nicht. Wir wollen zwahr etwas weiter / als der Jeſuit ſelbs gewieſen hat / einraͤumen / nemlich / daß wahr - hafftig eine vergebung der ſuͤnden / und alſo verſoͤhnung / in dem heiligen A - bendmahl geſchehe / nicht aber aus krafft der wort bloß dahin / wie ſie ange - zogen werden / ſondern wie unſer Heyland uns befiehlet / wir ſollen ſein blut trincken / denn es ſeye vergoſſen vor viele (wie das γὰρ in dem Grichiſchen text deutlich ſtehet Matth. 26 / 28.) da wir mit recht ſchlieſſen / weil wir ſol - ches blut darum trincken ſollen / weil es zur vergebung der ſuͤnden vergoſſen worden / ſo muß dann ſolches trincken ein mittel ſeyn / dadurch wir der krafft ſolches vergoſſenen bluts / und alſo der vergebung / theilhafftig werden. Aber P. Dez gewinnet damit nichts / dann die vergebung koͤmmt uns zu durch eſſen und trincken aus krafft des einmal gethanen opffers / nicht aber aus einem nochmaligen offern: und alſo ſtecket die zueignung der verſoͤhnung nicht in dem opffer / ſondeꝛn geſchihet in dem Sacꝛament / ſo wir niemals in zweiffel ge - zogen haben / aber die Papiſten nichts hilfft. 2. Wenn Hebr. 5 / 1. ſtehet / daß jeglicher Hoheprieſter / der aus den menſchen genommen wird / geſetzt werde fuͤr die menſchen gegen GOtt / auff daß er opf - fre gaben und opffer fuͤr die ſuͤnde / ſo thut es zur ſache gantz nichts / denn es wird geredet von dem Prieſterthum des A. T. da freylich von den Prie - ſtern opffer gebracht worden ſind fuͤr des volckes ſuͤnden / dieſelbe nach der art ſolches Teſtaments zu verſoͤhnen. Jn dem N. T. aber wiſſen wir nicht mehr als von einem einigen Prieſter JEſu Chriſto / und alſo auch von einem eini - gen opffer. Wie auch kein Papiſt eine ſtelle des N. T. vorbringen wird / da die jenige / ſo der chriſtlichen kirchen bedienet ſind / prieſter genennet wuͤrden / ſondern hirten / lehrer / aͤlteſten / und dergleichen: dann Chriſtus hat die ehre / daß er nur der einige hoheprieſter bleibet / und unter ſich allein geiſtli -che137SECTIO XV. che prieſter hat / dazu er alle Chriſten machet / Offenb. 1 / 6. die aber keine ei - gentlich ſo genannte / ſondern allein geiſtliche / opffer bringen. Alſo geſte - hen wir dem P. Dez, daß in der kirchen ein opffer und prieſterthum ſeye / aber nicht an menſchen ſondern Chriſto. 3. Daß Job vor ſeiner kinder ſuͤnde / und auch die prieſter bey dem Levitiſchen gottesdienſt vor des volcks ſuͤnde haben geopffert / iſt auſſer zweiffel / wie auch daß ſie damit dem creutz-opffer Chriſti keinen eintrag gethan: aber ſie waren vor dem opffer Chriſti / und al - lein fuͤrbilder deſſelbigen: wo aber der coͤrper ſelbs kommet / muͤſſen die fuͤr - bilder und das ſchatten-werck weichen. Daher jene alte opffer der wuͤrde des opffers Chriſti nichts benehmen / aber die opffer / die zur verſoͤhnung noch itzo wolten gebracht werden / da der HErr mit einem opffer alle die geheili - get werden / vollendet hat in ewigkeit. Hebr. 10 / 14. wuͤrden das ein - malige opffer Chriſti einer unvollkommenheit beſchuldigen: Alſo faͤllet auch dieſe forderung mit hin / und koͤnnen die Evangeliſche dieſelbe dem P. Dez nicht eingehen.
3. Die dritte forderung / wie ſie auff den bey den erſten beruhet / ſolte auch keiner weitern unterſuchung noͤthig haben / dann iſt die meß kein eigent - lich ſogenantes verſoͤhn-opffer / ſo iſt ſie es auch wedeꝛ voꝛ todte noch leben - dige. Weil aber der Jeſuit abſonderlich ſuchet zu behaupten / daß den tod - ten noch einige verſoͤhnungs-mittel noͤthig ſeyen / ſo iſt mit wenigem auch was er dazu anfuͤhret zu beſehen. Voran ſtehet ſo bald die that Judaͤ Mac - cabaͤi / aus 2. Macc. 12 / 43. 44. der vor einige erſchlagene geld zum ſuͤnd - opffer nach Jeruſalem geſandt habe. Es iſt aber von den unſrigen offt dar - auff geantwortet worden. Daß 1. das exempel Judaͤ hergenommen aus der zeit / da in der Juͤdiſchen kirchen allgemach einige dinge aus dem Heidenthum einzuſchleichen begunten / viel zu ſchwach ſeyn / als daß man einen glaubens - puncten daraus erweiſen koͤnte. 2. So gehoͤret das buch nicht unter die Ca - noniſche buͤcher / wie nicht nur unterſchiedliche vornehme Papiſtiſche lehrer vor dem Trientiſchen Concilio ſolches bekennen / ſondern zween Biſchoͤff zu Rom / und ſo genante Paͤbſte Gregorius und Gelaſius zehlen es auch nicht unter dieſelbe / und zwahr dieſer im Roͤmiſchen Concilio von 70. Biſchoͤffen / erkennet allein das erſte buch der Maccabaͤer vor richtig. Davon auch in ju - re Canonico c. Sancta Romana. diſt. 15. zu ſehen. 3. Koͤnnen die Papiſten nach ihren eignen hypotheſibus die that nicht loben / in dem Judas geopffert vor ſolche / welche in einer todt-ſuͤnde geſtorben waren / ſo ſie aber ſelbs nicht billigen doͤrffen / und nur vor diejenige geopffert haben wollen / die ohne todt - ſuͤnde / und in der gnade geſtorben ſeyen. Daher 4. Bellarminus 2. de myſſa c. 7. bekennet: neque nos ad ſcripturam ſed ad traditionem ApoſtolorumSnon138Das erſte Capitel. non ſcriptam referimus hanc eorum conſtitutionem daher ſcheinet / daß P. Dez der ſache ſelbs nicht trauet / ſondern auch darnach ſich mehr auff die tradition beruffet.
Was betrifft / daß der Jeſuit ſich darauff beziehet / wie die proteſti - rende bekennen / daß man vor die todten beten moͤge / und der lebendigen ge - bet ihnen nuͤtzlich ſeye / daher man auch vor ſie zu opffern habe / ſo ſolle ſo bald jetzt von jenem gebet bey der vierdten forderung gehandelt werden / da ſich auch zeigen wird / daß unſer gebet vor die todte gar einen andern zweck habe / als daß ſich darauß auff ein vermeintes verſoͤhn-opffer ſchlieſſen lieſſe.
Alſo 4. auff die vierdte forderung zukoninten / will P. Dez, daß wir auch ein fegfeuer nach dieſem leben glauben ſolten. Jch ſehe ſeiner erweißthu - me ſonderlich drey. 1. Weil (wie zu ende der dritten forderung gedacht worden) GOTT die ſuͤnde alſo vergebe / daß der menſch gleichwol noch einige zeitliche ſtraffen nach der vergebung auszuſtehen habe / wie das exempel Davids zei - ge. Nun iſt dieſes zwahr die gemeine lehr der Papiſten / und der gantze grund des fegfeuers / aber wo ſie recht unterſuchet wird / der goͤttlichen gna - den-lehr gantz entgegen. So viel geſtehen wir in der gantzen ſache / daß GOtt ſich bey vergebung der ſuͤnde freylich vorbehalte / daß er zuweilen dem menſchen noch einige zuͤchtigung zuſchicket / die aber gantz einer andern art ſind / als die eigentlich ſo genannte ſtraffen. Denn jene zuͤchtigungen haben zum zweck / damit bey einem ſolchen menſchen die buß ſo viel tieffer eingetru - cket / und beſtaͤndig gemacht / hingegen er von fernern ſuͤnden deſto kraͤfftiger verwahret werde: daher ſind ſie gnaden-wolthaten / und werden den jeni - gen / zu der zeit / ſo lang und in ſolchem maaß / von GOtt dem himmliſchen Vater zugeſchicket / welchen / wann / wie lang und wie viel er dieſelbe zu ge - dachtem zweck noͤthig findet / daher er einiger gar darinnen ſchohnet / wo er dergleichen ihnen nicht nuͤtzlich oder noͤthig erkennet. Dieſe zwecke aber ha - ben nach dem abſchiede eines menſchen / da die ſeele nunmehr auſſer der ge - fahr wiederum zu ſuͤndigen ſtehet / keinen platz. Hingegen hats eine gantz andere bewandnuͤß mit den eigentlich ſo genannten ſtraffen / die aus der goͤtt - lichen gerechtigkeit nach dem maaß des verbrechens muͤſten auferleget wer - den / und wo es nicht um die beſſerung des ſuͤnders / ſondern um die gnug - thuung an goͤttliche gerechtigkeit zu thun muͤſte ſeyn: dann auff ſolcher hy - potheſi ruhet das Paͤpſtiſche fegfeuer. Es ſtreitet aber dieſelbe wider viele glaubens-puncten 1. wider goͤttliche gerechtigkeit / dero nicht gemaͤß ſeyn wuͤrde / noch ſtraff zu fordern / wo keine ſuͤnde mehr / ſondern dieſelbe durch die vergebung getilget iſt. 2. Wider Chriſti vollkommene gnugthung / denn weil derſelbe nicht nur unſere ſuͤnde / ſondern auch unſre ſtraffen. Eſa. 53 / 5. 6139SECTIO XV. 53 / 5. 6. und zwahr alle ſtraffen auff ſich genommen hat / ſo hat er auch vor alle gnug gethan. Wie kan denn vor die jenige ſuͤnden / davor der HErr gnug gethan hat / nochmahlige gnugthuung erfordert werden? 3. Wider die wahrheit der goͤttlichen vergebung / durch die GOtt bezeugen laͤſſt / daß er die ſuͤnde von ſeinem angeſicht hinwegthue / und ſie in die tieffe des meers werffe. Wie ſolte er ſie dann wieder in das gericht fuͤhren / um derſelben wil - len nochmal zeitliche ſtraffen auffzulegen? Wie man in der welt nicht davor halten wuͤrde / daß ſolches eine voͤllige vergebung geweſen waͤre. Alſo faͤl - let der haupt-grund des gantzen fegefeuers: Dann der menſch iſt entweder geſtorben mit vergebung der ſuͤnden / oder daß ihm die ſuͤnde noch behalten geblieben: in dieſem letzten fall gehoͤret er nach ihrem eignen bekaͤntnuͤß in die hoͤlle / iſt aber das erſte / ſo kan die goͤttliche gerechtigkeit ihn nicht mehr ſtraffen / weil der menſch mit GOtt verſoͤhnet iſt / es bedarff auch keiner zuͤchtigung bey ihm / weder zu ſeiner noch anderer beſſerung / als die in jenem leben nicht ſtatt hat.
2. Das andre argument nimmt P. Dez von dem gebet vor die tod - te. Und 1. præſupponiret er aus Apol. Aug. Conf. daß wirs nicht mit Aërio in verwerffung desgebets vor die verſtorbene halten. 2. Schlieſſet er / daß wir denn folglich auch das fegfeuer zu geben muͤſſen. Von beyden ſtuͤ - cken iſt zu ſehen / was es damit vor eine bewandnuͤß habe. 1. verwerffen un - ſre kirchen die gebete vor die verſtorbene nicht / ſondern wir behalten dieſelbi - ge / wenn wir nicht nur in leichen-predigten / ſondern auch ſonſten ihnen eine ſanffte ruhe / die ewige freude und eine froͤliche aufferſtehung wuͤnſchen / und alſo bitten: Womit wir aber nichts weniger als was die Papiſten dar - aus ſchlieſſen / meinen oder intendiren. Daher 2. iſt zu mercken / daß nicht aus allem gebet vor die todte das fegefeuer zu erweiſen ſeye. 1. Weil die al - te in den gebeten vor die verſtorbene unterſchiedlich auch vor die Apoſtel und Maͤrtyrer gebeten haben / die ſie nicht zweiffelten in dem himmel zu ſeyn / wie die lyturgia Chryſoſtomi weiſet. Daher ſolche ihre gebete gantz andre abſichten gehabt / als wohin ſie nunmehr in dem Pabſtum gezogen werden wollen / wie die unſrige hin und wieder gewieſen. 2. Die Grichen nehmen das fegfeuer noch itzo nicht an / und beten dannoch vor die verſtorbene: daß alſo wiedrum von dem einen auff das andere nicht gefolget werden darff. 3. Bekennet man von Papiſtiſcher ſeite ſelbs / und muß es bekennen / daß man offt etwas bete / ſo man weiß / daß auch ohne unſer gebet geſchehen iſt oder ge - ſchihet / und dannoch ſolches gebet nicht unnuͤtzlich iſt. Alſo wo wir vor die todten / dero ſeligkeit / und froͤliche aufferſtehung bitten / folgets nicht / daß ſie nicht in dem ſtande der ſeligkeit ſeyen / und gewiß zur herrlichkeit aufferſtehen werden / ſondern wir bitten ihnen daſſelbige / was uns goͤttliche wahrheit inS 2ih -140Das erſte Capitel. ihnen gewiß verſpricht. Alſo ſchreibet der Papiſt. Alf. de Caſtro Lib. 12. adv. hæreſ. recht und wol: Sæpiſſime petuntur illa, quæ certo ſciuntur eventura, ut petuntur: & hujus rei plurima ſunt teſtimonia. Eccleſiaſticus ſiquidem DEUM orans ſic ait: Da mercedem ſuſtinentibus te ut Prophetæ tui fide - les in veniantur. Nullus tamen ſanæ mentis dicet, Eccleſiaſticum dubitaſ - ſe de fidelitate Prophetarum DEI, aut dubitaſſe, quod DEus daturus eſſet mercedem his, qui ſuſtinent illum, quod tamen ille petiit. Paulus certus erat, ſe non ſeparandum â caritate DEI: certus etiam erat, coronam juſtitiæ à juſto judice paratam ſibi eſſe, orabat tamen DEum, ut illam aſſequi mere - retur. Sonderlich iſt zu mercken / was er ferner anfuͤhrt / daß auch in der Roͤmiſchen kirche vor diejenige / ſo in dem fegfeuer waͤren / gebeten werde / daß ſie nicht moͤchten verdammt werden / da ſie doch ſelbs bekennen / daß ſie nicht verdam̃t werden koͤnnen. Dergleichen auch Bellarm. 2. de Purg. c. 5. austruͤck - lich meldet: Eccleſia orat pro animabus, quæ in purgatorio degunt, ne dam - nentur ad pœnas gehennæ ſempiternas, non quidem quod certum non ſit, eas nondamnandas ad eas pœnas, ſed quia vult DEus nos orare etiam pro iis rebus, quas certo accepturi ſumus. Damit faͤllet der von P. Dez und andern ſeines gleichen gemachte ſchluß / daß wo wir vor die verſtorbene beten / wir das fegfeuer zulaſſen muͤſten / weil die in der hoͤllen ohne huͤlffe ſind / die in dem himmel aber unſrer bitte nicht bedoͤrffen. Dann geſetzt / ſie bedoͤrffen ihrer nicht / indem auch ohne unſer gebet ſie der ewigen freude genieſſen: ſo iſt doch dieſes goͤttlicher ordnung und unſrer liebe gemaͤß / ihnen dasjenige zu bitten / was ihnen der HErr bereits gegeben / und ferner geben will / ſonderlich / was noch vorſtehet / nemlich eine froͤliche aufferſtehung und beſtehen vor dem juͤngſten gericht: da ihnen unſre gebet auch nicht moͤgen unnuͤtzlich ſeyn.
Alſo 4. haben unſre gebet und wuͤnſche vor die todte gantz andre abſich - ten / daß ſie weder das fegefeuer einigerley maſſen beſtaͤrcken / noch vor unge - reimt oder unnuͤtz zu achten ſind. Mein S. anteceſſor Herr D. Geier hat in ſeiner inaugural diſp. die er von dem gebet vor die todten gehalten / mehrere zweck und nutzen ſolcher gebet und wuͤnſche angemercket / daß nemlich dieſelbe bezeugen 1. unſre geziemende danckbarkeit gegen GOtt vor unſern nechſten. 2. Die gewißheit unſers glaubens und hoffnung von dem kuͤnfftigen leben. 3. Die ſchuldige liebe und fortſetzung unſrer zuneigung gegen unſern nechſten / von dem wir das beſte hoffen / und ihm anwuͤnſchen / auch uns vor glieder ei - nes leibes erkennen. 4. Unſer verlangen der fortſetzung ſeiner ſeligkeit / wie man einem Koͤnig zurufft / Vivat, nicht daß er nicht ſchon lebe / ſondern daß er ferner und gluͤckſelig lebe. 5. Den troſt gegen andre leidtragende / und ge - neigtheit ihnen beyzubringen. 6. Eine auffmunterung unſer ſelbs und an - drer zum fleiß / zu einem gleichen triumpff noch zukommen. Dieſe urſachenmoͤ -141SECTIO XV. moͤgen gnug ſeyn / unſre gebet und wuͤnſche vor die verſtorbene zu rechtferti - gen / ohne der wahrheit deswegen eintrag zu thun. Er fuͤhret auch an / wie wir ſonſten vor manches bitten / welches ohnedas gewiß geſchihet / und noth - wendig geſchehen muß. Als da iſt die zukunfft Chriſti / um welche doch die glaͤubige auch bitten. Aus alle ſolchen abſichten bey dem gebet aber folget kein fegfeuer.
3. Das letzte argument p. 396. iſt aus der ſchrifft 1. Cor. 3 / 15. aber auch wiedrum ein ſehr elendes argument, welches Paulo etwas zuſchreibet / ſo ihm in den ſinn nicht gekommen iſt: maſſen unter dem feuer / davon Paulus handelt / und unter dem Paͤpſtiſchen fegfeuer / allzugroſſer unterſcheid iſt. 1. Pauli feuer gehet allein an diejenige / die in der kirchen GOttes bauen / v. 11. 12. und alſo lehrer / der Papiſten feuer ſoll alle glaͤubige / ſo mit laͤßigen ſuͤn - den abſterben / betreffen. 2. Pauli feuer betrifft nicht nur diejenige / die uͤ - bel gebauet / ſondern auch die lauter gold / ſilber und edelgeſtein gebaut / muͤſ - ſen doch in ſolches feuer / und ſich bewaͤhren laſſen: Das fegfeuer ſoll nur die jenige betreffen / ſo uͤbel gebauet haben. 3. Pauli feuer wird ſich offenbah - ren erſt an gewiſſem tag / in das fegefeuer aber ſollen kommen jede unvollkom - mene ſeelen / wenn ſie aus dem leben abſcheiden. 4. Pauli feuer greifft die wercke an / und dieſelbe bleiben entweder oder verbrennen / das Papiſtiſche fegfeuer aber ſolle die ſeelen qvaͤlen. 5. Pauli feuer iſt ein feuer / das zu of - fenbahrung der guten und boͤſen arbeit in dem kirchen-bau gemeinet iſt / das fegfeuer aber hat zum zweck die abſtraffung und reinigung der ſeelen. Alſo kommen ſie in nichts / als in dem nahmen des feuers uͤberein. Es kan aber Paulus auch nicht von einem leiblichen materialiſchen feuer billig verſtan - den werden / ſondern wie gold / ſilber / edelgeſtein / holtz / heu / ſtop - peln / nichts materialiſches an dieſem ort ſind / ſo muß es auch ein feuer ſeyn / daß derſelben art gemaͤß iſt / nemlich ein figuͤrliches feuer. So ſagt auch Paulus nicht / er wird ſelig werden durchs feuer / ſondern als durchs feuer / das iſt / mit groſſer gefahr / wie einer / dem das hauß und alle ſeine haabe verbrennet / er aber noch daraus errettet wird. Ob alſo wol nicht ohne iſt / daß der verſtand des Apoſtels etwas dunckel / daher einige durch das feuer die hitze der anfechtung noch in dieſem leben / an - dere das feuer des juͤngſten gerichts / da alles gepruͤfet werden ſolle / verſte - hen / ſo iſt doch leicht ausfuͤndig / daß gleichwol von keinem Papiſtiſchen feg - feuer hie geredet werde. Daher auch die liebe altvaͤter gar unterſchiedlich von dieſem ort gehalten / und wol die vornehmſte das feuer / davon an je - nem tag die welt verbrennen ſoll / verſtehen. Wie denn auch Auguſtinus, den P. Dez anfuͤhret / der ſache ſo gar ſelbs nicht gewiß geweſen / daß wo er ſich auch einiges fegfeuer belieben laͤſſet / er doch ſetzt: Forſitan verum eſt. S 3Wer142Das erſte Capitel. Aber L. 21. de civ. Dei c. 26. handelt er weitlaͤufftig davon / und faͤllet uns darinnen mehr zu. Jnsgeſamt bekennet er / wie Bellarminus den ort ſelbs anfuͤhret / von dieſem ſpruch: ſententia plane ad intelligendum diffi - cilis. Aus dergleichen orten aber laſſen ſich je keine ſtreitige glaubeus-ar - ticul erweiſen. Von dem ort 2. Macc. 25. ſetze ich nichts weiters hinzu / in dem bereits davon gehandelt. 5. Wie in der fuͤnfften forderung / daß wir die meß vor einen GOtt wolgefaͤlligen dienſt erkennen ſollten / der Jeſuit ſelbs bekennet / es ſeye ſolches eine nothwendige folge der vorigen ſaͤtze / ſo faͤllt auch dieſelbe von ſelbs hin / da die vorige untuͤchtig befunden / zuſammt 6. der ſechſten / daß deßwegen die meß zu Straßburg anzurichten ſeye.
Was darnach folget / daß die proteſtirenden endlich accordiret haben / (von denen man aber begehren ſolte / daß er ſie zeigte wer ſie ſeyen) iſt auch bald abgelehnet 1. daß wir die meſſe oder das heil. Abendmal vor ein gedaͤcht - nuͤß-opffer halten / iſt wahr / aber deßwegen iſts kein wahres eigentliches opffer / ſondern nur ein gedaͤchtnuͤß eines eigentlichen opffers. Daß auch eine verſoͤhnung in dem heiligen Abendmal ſeye / iſt auch wahr / und von uns nie gelaͤugnet / in dem die vergebung der ſuͤnden darinnen ertheilet / und alſo der menſch mit GOtt verſoͤhnet wird. Falſch aber iſt / daß ſolches ei - gentlich dem opffer und nicht dem Sacrament zukomme: vielmehr iſt des opffers art die vergebung zu wege zu bringen / des Sacraments / ſolches zuzueignen.
2. Daß allgemach auch vor die todte in der alten kirchen geopffert wor - den / haben die unſrige nie gelaͤugnet / aber gewieſen / daß ſolcher mißbrauch / wie andre auch / allgemach eingeſchlichen / und in der uraͤlteſten kirche nicht geweſen ſeye.
3. Wir werden mit unrecht beſchuldigt / ob haͤtten unſre bekenner eine laͤſterung begangen / daß den Papiſten auch beygemeſſen worden / daß Chriſtus nur vor die erbſuͤnde gelitten haͤtte / ſo keiner nie gethan ha - be. Denn ihr beruͤhmte ſchul-lehrer Thomas Aquinas T. 15. opuſc. de ve - nerab. ſacr. alt. c. 1. ſchreibt austruͤcklich: Sicut corpus Domini ſemel ob - latum eſt in cruce pro debito originali: ſic offertur jugiter pro quotidianis noſtris delictis in altari. Wo wir zwahr die Papiſten nicht bloß dahin be - ſchuldigen / gleich wolten ſie gar nicht zugeben / daß Chriſtus auch vor die wuͤrckliche ſuͤnde gnug gethan / ſondern wie andere Thomam ſelbs alſo er - klaͤhren / daß zur verſoͤhnung der erbſuͤnde nichts anders als der tod und opf - fer Chriſti erfordert werde / aber zu der gnugthuung vor die wuͤrckliche ſuͤn - de werde auch das meß-opffer und menſchen wercke erfordert. Welches auch allein die meinung des vorwurffs iſt / welchen die unſrige dem gegen - theil thun.
4. Wenn143SECTIO XV.4. Wenn P. Dez auch als eine laͤſterung anfuͤhret / wo ihnen beygele - get werde / daß ſie glaubten / durch eine meſſe moͤge einem gottloſen die ver - gebung der ſuͤnden erlanget werden / muß er wiſſen / daß wir ihnen nichts mehr beylegen / als was Bellarm. 2. de miſſa c. 1. ſchreibt: Sacrificium miſſæ non ſolum propitiatorium eſt pro pœnis, ſed etiam pro culpis, nec ſolum pro culpis levibus, ſed etiam pro gravibus, atque adeo mortalibus. Id enim ſignificat Concilium Tridentinum, cum ait: Crimina & peccata et - iam ingentia dimittit.
5. Wenn nicht erwieſen iſt / wie nicht erwieſen werden kan / daß die meß einigen todten helffe / und daß ein fegfeuer ſeye / ſo bedarffs nicht viel diſputat, ob es per modumfuffragii, oder wie geſchehe.
6. Daß das Trientiſche Concilium erſtlich alle mißbrauch verboten ha - be / laͤſſet man gut ſeyn / ich ſorge aber / P. Dez werde ſchwerlich auff ſich nehmen koͤnnen / daß ſolche nicht ohne ſonderliche ordnung noch zimlich bey ih - nen im ſchwang gehen.
7. Hiemit faͤllet auch die letzte klag / daß nur durch luͤgen und laͤſter un - gen von uns die meß den leuten verhaſſt gemacht worden ſeye / denn aus an - gefuͤhrten wird jeglicher / ſo ſich nicht muthwillig verſtockt / bald ſehen / auff welcher ſeite die wahrheit oder falſchheit ſeye.
Bißher angefuͤhrtes mag zu einem ſpecimine genug ſeyn / wie ſo gar der Jeſuit in dieſem Tractat / was er auff dem titul dannoch ruͤhmet / nicht præſtirt / das iſt / er wieſen habe / daß unſere vereinigung mit der Paͤbſtiſchen kirchen ſo noͤthig zu unſrer ſeligkeit / als nach unſern eigenen principiis leicht ſeye: ſondern bleibet vielmehr feſt ſtehen / als lange die Roͤmiſche kirche ihre bißherige lehren behaͤlt / ſon derlich das Trientiſche Concilium, vor welchem ſchwerlich jemal in einigem mehrere irrthume auctoriſiret worden ſind / und ſich gegentheil ingeſamt deſſelben um vieler urſachen willen nicht zu ruͤhmen hat / annimmet / und nicht gaͤntzlich verwirfft / keine der unſrigen kirchen ohne verlaͤugnung der wahrheit und verluſt des heils ſich mit derſelben vereinigen darff / ſondern lieber alles / was GOtt jenen uͤber ſie verhaͤnget / erwarten muß.
Zum beſchluß iſt auch zu mercken / weil P. Dez einen Prætorium mehr - mals als einen Lutheraner anfuͤhret / und uns mit deſſen bekaͤntnuͤß beſchwe - ren will / als er thut p. 330. 332. 346. 347. 382 495. daß er mit keinem recht ſol - ches mannes zeugnuͤß fuͤhren doͤrffe / ſondern ſich eher deſſen ſchaͤhmen ſolte. Dann dieſer Prætorius zwahr ein prediger unſerer kirchen in Preußen gewe - ſen / aber ehebruchs wegen verklagt worden / da er / der verdienten ſtraff zu ent - gehen / entwichen / und ſich zu den Papiſtẽ in Pohlen verfuͤget / und daſelbs ſeine tubam pacis geſchriebẽ / als er zwahr dem ſchein nach noch den nahmen / ob ge -hoͤrte144Das erſte Capitel. er uns an / behalten / aber in der ſchrifft ſelbs den Papiſtiſchen ſinn gantz deutlich geoffenbahret / wie er auch nechſtens darauff oͤffentlich zu gegentheil uͤbergetreten / oder vielmehr nur damit / was ſchon in ihm geweſen / vor der welt auch bekant hat. Daher uns was er ſchreibt / ſo wenig graviren kan / als andere der Papiſten eigene ſchrifften. Jndeſſen wird unvorſichtigen o - der doch dieſer hiſtorie unwiſſenden leuten ein blauer dunſt vor die augen ge - macht / als ob er / als er ſein buch geſchrieben / noch ein auffrichtiger Luthera - ner geweſen / und moͤge man ihn mit fug wider uns anziehen. Welches zu thun ſich billig huͤten ſolten / die von chriſtlichem candore profeſſion machen. Der HErr HErr ſteure allen irrthumen / wehre der macht Babels und hei - lige uns alle in ſeiner wahrheit / ſein wort iſt die wahrheit Amen.
DJe beyde fragen anlangend: ſo betraff die erſte die vierdte bitte des Vater unſers / ob eigentlich der grund-text uͤberweſentliches oder taͤgliches brodt nenne: Nun iſt nicht ohne / daß wie das Grichiſche wort lautet / daſſelbe wol moͤchte uͤberweſentlich gegeben werden / und alſo heiſſen / wie auch unſer liebe Lutherus T. I. Altenb. f. 91. a. erſtlich ſolche deu - tung ſich nicht mißfallen laſſen / ſondern ſie angenommen hat: indeſſen moͤ - gen wir nicht ſagen / daß das Grichiſche wort nothwendig uͤberweſent - lich gedolmetſchet werden muͤſſe / ſondern es kan gantz recht heiſſen taͤglich brodt / das nachfolgende brodt / oder das brodt des folgenden tages. Wie in dem grund-text Apoſt. Geſch. 7 / 26. 16 / 11. 20 / 15. 21 / 18. 23 / 11. dasjenige woͤrtlein den folgenden tag anzeiget / von welchem das hier befind - liche herſtammet. Wann dann nun beyderley verſtand dem wort an ſich ſelbs nicht zu wider iſt / fragt ſichs nun / welchen man gewiſſer annehmen koͤn - te / da laͤugne ich nun nicht / daß ich den verſtand verſicherter halte / da es gege - ben wird unſer taͤglich brodt / um damit die zeitliche nahrung auszutru - cken. Meine urſachen ſind unter andern dieſe: wo wir das uͤberweſentliche brodt Chriſtum / oder auch ſein wort damit verſtanden haben wolten / wuͤr - den wir die zeitliche nahrung entweder zugleich mit verſtehen / oder ſie davon ausſchlieſſen: das erſte laͤſſet ſich nicht wol thun / da wir unter einem wort des brodts ſo gantz unterſchiedliche dinge / die in keinem gemeinen verſtand uͤberein kommen / der ſie bequem mit einander einfaſte / begreiffen wolten /nem -145SECTIO XVI. nemlich Chriſtum / und die irrdiſche nahrung. Das andre ſchicket ſich auch nicht wol / denn ſo wuͤrden wir um das irꝛdiſche brodt gar nicht bitten / indem daſſelbige ſonſten in keiner bitte platz haben koͤnte / da wir gleichwol deſſelbi - gen von GOtt wahrhafftig bedoͤrffen / es auch von ihm bekommen / daher er gleichwol wuͤrdig iſt / daß wir es auch nicht ohne gebet von ihm nehmen. Es will ſich aber nicht wol fuͤgen / daß wir dieſem vollkommenen gebet beymeſſen wolten / ob waͤre von Chriſto etwas noͤthiges in demſelben vergeſſen worden.
2. Wird das geiſtliche himmel-brodt Chriſtus / und ſein wort / bereits in der andern bitte verfaſſet / worinnen wir um das reich GOttes bitten / nemlich daß daſſelbe / und alſo mit ihm alle ſeine guͤter / wort / gerechtigkeit / und der Koͤnig deſſelben ſelbſten zu uns kommen wolte: alſo war nicht noͤthig daß eine abſonderliche bitte in einem ſo kurtzen begriff davon gemachet wuͤr - de. Daher ſehe nicht anders / als daß am bequemſten ſeye / dieſen verſtand des taͤglichen brodts / den das Grichiſche wort wol leidet / ja eigentlicher mit ſich hringet / zu behalten / weil alsdenn in dem gebet weder etwas ausgelaſ - ſen / noch unnoͤthig wieder hohlet zu ſeyn erhellet / ſo ſonſten bey dem andern verſtand ſcheinen mag. Daher wir faſt insgeſamt finden werden / daß dieje - nige / ſo das himmliſche brodt verſtanden haben wollen / gleich wol immer das irꝛdiſche mit begreiffen / und alſo dieſen verſtand nicht aus dem Vater unſer ausgeſchloſſen verlangen / welches wir aber gehoͤret / wie es alsdann einige ſchwehrigkeit gebe / die bey der andern erklaͤhrung vermieden wird. Jndeſ - ſen haben wir diejenige / welche die andere meinung belieben / nicht eben irꝛ - thums zu beſchuldigen / indem die bitte um das himmliſche brodt freylich nothwendig iſt / und wenn wir ſie in der andern bitte begreiffen / nicht eben wider den willen GOttes geſchihet / wo jene ſolches auch mit in der vierdten bitte verſtehen. Der HErr gebe uns nur allemal den Geiſt der gnaden und des gebets / indem wir auch um ſolches ſeelen-brodt beten moͤgen / wir rich - ten unſre andacht bey dieſer oder jener bitte darauff. Die andre frage war davon: Ob die Gottheit von Gott zu unterſcheiden / und ob die Gott - heit nicht in Chriſto geweſen ſeye / da er gelitten hat: oder ob ſie auch in Chriſto gelitten habe / weil ſie auſſer ihm nicht leiden kan. Hierauff antworte ich mit wenigem 1. Jnsgemein iſt ſonſten die Gottheit und GOtt nicht unterſchieden / wie ſich denn der unterſcheid bey GOtt dem Vater und dem Heil. Geiſt nicht findet / bey denen ihre goͤttliche natur ihre gantze goͤttli - che perſon iſt / und auſſer jener zu ihrer perſon nichts gehoͤret. 2. Was aber die andre perſon anlangt / nemlich den Sohn GOttes / weil derſelbe noch eine andere als die goͤttliche natur in ſich faſſet / ſo haben wir nun einigen unter - ſcheid unter Gottheit und GOtt / nemlich ſo fern / daß das wort GottheitTallein146Das erſte Capitel. allein diejenige natur bedeutet / welche von ewigkeit her von dem Vater ge - zeuget worden / und in der zeit die menſchheit angenommen hat / ſo zwahr auch den nahmen GOtt ſo wol traͤget / als die erſte und dritte perſon / und ſie auch denſelben vor angenommener menſchheit getragen hat. Das wort GOTT aber von Chriſto gebrauchet / heiſſet nun gemeiniglich die gantze perſon / wie ſie aus Gottheit und menſchheit beſtehet. 3. Jſt kein zweiffel / daß die Gott - heit in Chriſto bey ſeinem leiden geweſen ſeye / als die nimmermehr auſſer der menſchheit ſeyn / oder nur einigerley maſſen dasjenige wiedrum verlaſſen o - der ablegen kan / was ſie einmal in ihre perſon auffgenommen hat. 4. Jn - deſſen koͤnnen wir eigentlich nicht ſagen / daß die Gottheit in oder auſſer Chri - ſto gelitten habe / denn weil ſolches wort die ewige natur / ſo aus dem Vater gezeuget / und eines weſens mit ihm iſt / andeutet / iſt unmoͤglich / daß ſie einiges leiden ſelbs betreffen koͤnte / ſonſten waͤre ſie nicht was ſie iſt. 5. Jedoch ſa - gen wir mit recht / nicht nur ein menſch oder die menſchheit habe gelitten / ſon - dern GOtt in ſeiner menſchheit / weil ſolcher menſch oder menſchheit weder allein / noch vor ſich / eine perſon iſt / ſondern ſie iſt in der perſon GOttes / und wo wir den Sohn GOttes nennen / iſt ſolcher itzt nicht allein ſeine Gottheit / ſondern auch ſeine menſchheit / daher wir nun wahrhafftig von GOtt ſo wol dasjenige ſagen koͤnnen / was der perſon durch die menſchheit als durch die Gottheit zukommet. Damit leidet GOtt wahrhafftig / aber nicht vermit - telſt ſeiner goͤttlichen ewigen / ſondern ſeiner menſchlichen in der zeit angenom - menen natur. 6. Nachdem vieles durch gleichnuͤß ſich beſſer erklaͤhren laͤſ - fet / ſo wollen wir ein gleichnuͤß nehmen von dem menſchen. Wenn der menſch erſtlich eine bloſſe ſeele geweſen (ſo wir nicht ſagen koͤnnen / aber weil es mit Chriſti perſon alſo bewandt geweſen / einen ſolchen fall ſetzen doͤrffen) und nachmal erſt einen leib angenommen haͤtte / ſo waͤre zwahr erſtmals die ſeele allein der menſch geweſen / nachmals aber kaͤme ſolcher nahme zu der ſeele und leib zugleich. Da moͤchten wir ſagen / der nahme menſch kaͤme in der perſon Chriſti uͤberein mit dem nahmen GOtt / der nahme Gottheit mit dem nah - men ſeel / und menſchheit mit leib. Jetzt wenn der menſch verwundet oder geſchlagen wuͤrde / kan ich mit wahrheit nicht nur ſagen / der leib wird ver - wundet / ſondern auch der menſch wird verwundet / ob ich wol nicht ſagen koͤn - te / daß die ſeele verwundet wuͤrde / dero dergleichen leiden nicht zukommen kan / oder ihrer natur gemaͤß iſt. Hierauff hoffe ich / werde dieſelbe deutlich verſtehen / was es vor eine bewandnuͤß in dieſer ſache und mit dieſen redens - arten habe. Der HErr verleihe uns die gnade / daß wir nicht nur eine buch - ſtaͤbliche erkaͤntnuͤß von allem dieſem geheimnuͤß / ſo viel uns die ſchrifft da - von offenbaret / haben moͤgen / ſondern daß wir auch in unſern ſeelen die krafft des theuren todes des Sohnes GOttes aus wirckung ſeines Geiſtes fuͤhlen zu vieler frucht. 1688.
NAchdem der letzte brieff von einer wichtigen frage lautet / ſo habe mir zeit nehmen ſollen / hiemit meine meinung daruͤber zu erklaͤhren. 1. Ob ich wol ihres Paſtoris predigt / und wie er die angeruͤhrte materie aus - gefuͤhret / weder gehoͤret / noch etwas weiter als das uͤberſchriebene davon weiß / ſo kan gleich wol ſolche in zweiffel gezogene worte / daß der Sohn GOttes ſich bey gebung des geſetzes ſonderlich geoffenbahret / und ſo wol der geſetz-geber als erfuͤller ſeye / nicht anders als billigen: wie ſie dann der lehr unſrer gantzen Evangeliſchen kirchen / zum allerfordriſten der Heil. Schrifft voͤllig gemaͤß iſt. 2. Hat dieſe lehr allerdings mit dem irrthum der Socinianer (den ich ſelbs wie anderswo alſo auch in der glaubens-lehr pag. 925. widerleget habe) nichts gemein / als welcher nicht darinnen beſtehet / daß der Sohn GOttes das geſetz in dem A. T. gegeben habe / als welchen ſie nicht einmahl glauben in dem A. T. geweſen zu ſeyn / ſondern daß ſie Chri - ſtum in ſeinem amt / wie er von ſeinem Vater zu einem Meßia in die welt ge - ſandt worden iſt / zu einem geſetz-geber des N. T. machen / und zwahr der ein vollkommeners geſetz gegeben habe / als in dem Alt. Teſt. gegeben geweſen. Dieſem irrthum widerſprechen wir nun / und erkennen in dem Neuen Te - ſtament kein anderes geſetz / als welches auch in dem alten geweſen: lehren auch / daß das amt Chriſti / da er in die welt gekommen / nicht gewe - ſen ein geſetz zugeben / als darinne er dem Moſi entgegen geſetzet wird. Joh. 1 / 17. Daher er vielmehr das Evangelium / gnade und wahrheit ge - offenbahret und gebracht / mit dem geſetz aber nach ſeinem amt nichts anders zu thun gehabt / als daß er es nach ſeinem Prophetiſchen amt erklaͤhrte / und von irrigen auslegungen rettete / nach dem Hohenprieſterlichen amt aber mit ſeinem gehorſam erfuͤllete. 3. Alſo iſt Chriſtus nach ſeinem amt kein ge - ſetzgeber; indeſſen bleibet er dennoch als der Sohn GOttes der jenige / der und durch ihn der vater das geſetz gegeben hat: wie dieſer dann alles durch ſeinen Sohn zu thun pfleget. Welches bey den Theologen vor eine ſolche ausgemachte ſache gehalten wird / daß unter den erweißthuͤmern / daß Chri - ſtus oder der Sohn GOttes wahrer GOtt ſeye / eben dieſer auch gefuͤhret wird / weil er das geſetz gegeben habe: wie unter andern der bekannte D. Nicol. Hunnius in ſeiner epitome credendorum oder kurtzen begriff Chriſtlicher lehr; ſo in vielen haͤnden iſt / p. 66. austruͤcklich alſo ſchlieſſet ausT 2Pſal. 148Das erſte Capitel. Pſal. 68. der Sohn iſt derſelbe HErr / der in die hoͤhe gefahren iſt / ſo fol - get / daß er auch der jenige ſeye / ſo die kinder Jſrael aus Egypten gefuͤhret / und ihnen das geſetz gegeben / demnach GOttes eigene werck verrichtet / und alſo wahrhafftiger GOTT ſeye. Es iſt der Sohn des Vaters wort und weißheit / und alſo geſchihet auch alle offenbahrung deſſen willens durch ihn. 4. Daß es ſich alſo verhalte / iſt von mir zu aller gnuͤge erwieſen. Wie dann die ſpruͤche kraͤfftig gnug ſind / ſolches zubehaupten. Ob dann D. Oſiander nichts davon haben ſolte / wie ich mich dann ſeiner nicht zugebrauchen pflege / folget nicht / daß was er uͤbergehet / nicht in der ſchrifft enthalten ſeyn ſolte. Es iſt eine bey unſern lehrern ausgemachte ſache / daß der engel / ſo mit Moſe aus dem buſch geredet / ſeye kein erſchaffener engel geweſen / nach dem er von ſich goͤttlichen nahmen gebraucht / ſondern der unerſchaffene engel: wie alſo auch die Weinmariſche Bibel bey Apoſt. 7 / 35. gloſſiret: es war der HErr aller Engel / der Sohn GOttes: von dieſem ſagt nun Stephanus austruͤcklich / daß er mit Moſe auff dem berg Sina geredet als er das geſetz empfieng / daß alſo dieſer ſolches gegeben hat. Alſo iſt auch 68. Pſalm unwiderſprechlich von dem Sohn GOttes gehandelt worden / wie nicht al - lein die Weinmariſche ausleger bezeugen / ſondern der heilige Geiſt ſelbs die erklaͤhrung durch Paulum Eph. 4. thut. Wie alſo der GOtt / welcher in die hoͤhe gefahren iſt v. 19. der Sohn GOttes iſt / ſo iſt auch der GOTT / der in der wuͤſten vor dem volck in der wolcken - und feuerſeule voranzog / und alſo das geſetz in Sinai gegeben hat. v. 8. 18. der Sohn GOttes. Jch habe aber auch noch niemal von unſern Theologis gehoͤret / daß nur jemand dem Sohn GOttes die gebung des geſetzes abgeſprochen haͤtte / dann auf ſolche weiſe muͤſſte man ihm auch ſeine wahre Gottheit abſprechen. 5. Unſer Hei - land iſt auch der richter / und zwahr eben ſo wohl nach der menſchlichen na - tur. Dann ob er wol in ſeiner erſten zukunfft nicht geſandt geweſen die welt zu richten / ſondern ſie ſelig zu machen Johan. 3 / 17. ſo wird er doch dermaleins auch nach der natur / nach welcher er vor uns gelit - ten hat und geſtorben iſt / wiederkommen zu richten die lebendigen und die todten. Wie dann der Vater niemand richtet / ſondern alles ge - richt dem Sohn gegeben hat: Dann er ihm macht gegeben auch das gericht zu halten / darum daß er des menſchen Sohn iſt. Joh. 5 / 22. 27. Alſo iſts unwiderſprechlich / daß es einer iſt / der mein erloͤſer und auch zugleich richter iſt. Ja darinnen ſtehet der glaubigen groͤßter troſt / daß ihr richter auch ihr erloͤſer iſt / welcher mehr geſchwaͤchet wuͤrde / wo ein anderer der richter / ein anderer der erloͤſer waͤre. 6. Es bleibet auch dabey / daß das gericht uͤbeꝛ die unglaͤubige nach dem geſetz und deſſen ſtꝛenge gehaltẽ weꝛ -den149SECTIO XVII. den wird: alſo daß alsdenn der fluch / der 5. B. Moſ. 27. uͤber die uͤbertre - ter des geſetzes geſprochen worden / in die erfuͤllung gehen und vollſtrecket werden muß / Rom. 2 / 6. u. f. 2. Cor. 5 / 10. und anderswo: wie dann der geſetz-geber ſelig machet / und verdammt. Jac. 4 / 12. Jndeſſen 7. behalten die glaͤubige ihren troſt und verſicherung / daß weil ſie durch den glauben der erloͤſung Chriſti von dem fluch des geſetzes Gal. 3 / 13. 4 / 4. 5. theilhafftig worden ſind / daher ſie in demſelben nicht mehr unter dem geſetz ſondern unter der gnade ſind. Rom. 6 / 14. Gal. 5 / 18. ſie auch an jenem tag nicht nach dem geſetz / ſondern nach dem Evangelio / und der ei - genen lehr ihres Heilands / oder vielmehr ſeinem geſchenck und gerechtigkeit / gerichtet / und alſo ſelig geſprochen werden. Joh. 3 / 18. 5 / 24. daß daher ihr richter an ihnen nicht anſihet die regel des allen gegebenen geſetzes / ſon - dern der in ſeinem amt ihnen erworbenen / verkuͤndigten und geſchenckten gnade. 8. Alſo iſt unſer Heiland nicht wider ſich ſelbs / weil er geſetz-geber und erloͤſer iſt / noch widerſpricht ſich damit / ſondern beides ſtehet ſo wol beyſammen / als beyſammen ſtehet / daß er eben ſo wol als der Vater der je - nige iſt / welcher durch unſre ſuͤnde beleidiget worden / und deſſen gerechtig - keit uns alſo zur ſtraffe fordert / und daß er doch auch der verſoͤhner iſt / der ſeiner gerechtigkeit ſo wol als des Vaters vor uns ein gnuͤge geleiſtet hat. 9. Wo mich alſo meine ſuͤnden wider das geſetz / ſo der Sohn GOttes auch gegeben hat / aͤngſten / darff ich zu keinem andern meine zuflucht neh - men / als zueben demſelben geſetz-geber / aber nicht ſo fern er das geſetz gegeben / ſondern es folglich auch vor mich erfuͤllet und mir ſeine erfuͤllung zueigen in dem glauben geſchencket hat. Die gerechtigkeit aber / damit ich vor ihm beſtehe / iſt von ſeiner / Chriſti / ſeite eine gerechtigkeit / die das von ihm ſelbs gegebene geſetz vollkommen erfuͤllet hat / (denn ſolches mußte erfuͤllet oder wir alle verdammet werden) aber von meiner ſeiten iſts eine bloſſe ge - rechtigkeit des Evangelii / die mir mein Heiland und erfuͤller des geſetzes mil - diglich geſchencket hat / und ſie noch an jenem gericht / als guͤltig vor mich annimmet: wenn er alle / die dieſe gerechtigkeit anzunehmen verſaͤumet ha - ben / in ſolchem letzten gericht nach ſeinem geſetz und wegen verwerffung ſei - ner gnade verdammet. Alſo hoffe ich / die ſache dermaßen deutlich vor au - gen gelegt zu haben / das weder er noch jemand anders den geringſten anſtoß finden ſolle / ſondern vielmehr darauß ſich erſehen laͤßt / ob wol geſetz und Evangelium gantz von einander nach unſerm begriff unterſchieden ſind / daß ſie doch nicht wider einander ſtreiten / noch einander aufheben / ſondern in GOtt / da alles eine heiligkeit iſt / lieblich einſtimmen. Der HErr aber ſelbs gebe uns in allen ſtuͤcken ſeinen heiligen willen des geſetzes und des Evange -T 3lii150Das erſte Capitel. lii zu erkennen / daß wir aus dieſem ſeine gnade annehmen / und nach jenem unſer leben anzuſtellen befliſſen ſeyn. Er ſetze auch abſonderlich in ihm mehr und mehr ſein gutes werck fort / in ſeiner lebendigen erkaͤntnuͤß nach dem maaß der ertheilten gnade ſtaͤts zuzunehmen / und mit gottſeligem wandel deroſelben fruͤchten in ſeiner wuͤrckung danckbarlich und reichlich zu - bringen.
UNſere beſtaͤndige lehr iſt dieſe. 1. Als die Gottheit ſich mit der menſch - heit vereiniget / und ſie in ihre perſon auff genommen hat / ſo ſind noth - wendig deroſelben auch alle goͤttliche eigenſchafften / darunter die all - wiſſenheit iſt / mitgetheilet worden / die ſie auch in der perſon zu beſitzen nie - mals unterlaſſen hat / noch unterlaſſen kan. 2. Weil aber die goͤttliche ge - rechtigkeit erforderte / daß der mittler durch leiden uns verſoͤhnen / und alſo da die erſte eltern durch ſuͤndliches beſtreben GOtt gleich zu ſeyn / ſich deſſen was ihnen nicht gebuͤhrte / angemaſſet haben / vor ſolchen raub auch mit der enteuſſerung ſolcher art goͤttlicher geſtalt vor uns gnug thun ſolte / ſo war al - lerdings noͤthig / daß er wie anderer eigenſchafften / alſo auch der allwiſſen heit ordentlichen gebrauch im ſtand der erniedrigung von ſich ablegte / und alſo / wie er mit ablegung des gebrauchs der allmacht ordentlicher weiſe / ſonderlich in dem leiden ſich ſchwach gewieſen / nicht weniger auch gewiſſer dinge unwiſ - ſend waͤre / das iſt / ſich der allwiſſenheit darinnen nicht gebrauchte. Wie ſolches aber zugleich ſeyn koͤnne / die allwiſſenheit beſitzen und doch in der that etwas nicht wiſſen / iſt nicht ſchwehrer zu begreiffen / als zugleich κτήσει all - maͤchtig / und doch ſchwach ſeyn / und 2. Cor. 13 / 4. in der ſchwachheit ge - creutziget werden: ja es laͤſſet ſich etlicher maſſen daraus faſſen / daß ein menſch auch in dem ſchlaff ſeine wiſſenſchafft nicht verliehret / und doch actu reflexo nichts weiß / ja auch zuweilen ſich etwas nicht beſinnen kan / was er im uͤbrigen wahrhafftig weiß. Doch fuͤhre ſolches gleichnuͤß nicht an / als wenn ſichs in Chriſto nicht anders verhalten haͤtte / ſondern nur zu zeigen / daß etwas der gleichen auch in dem natuͤrlichen vorgehe / ſo aber in viel hoͤhe - rer art in GOtt geſchehe. Jndeſſen 3. auch in dem ſtand der erniedrigung wie der HErr anderer goͤttlicher eigenſchafften ſtrahlen zuweilen von ſich bli - cken laſſen / als der allmacht in den wunder-wercken / ſo hat er auch von ſich ſchieſſen laſſen / die ſtrahlen der allwiſſenheit / wo es das amt erforderte / als Matth. 9 / 2. 4. 21 / 2. 3. Joh. 1 / 48. 2 / 25. 6 / 70. und anderswo. 4. Nach -dem151SECTIO XVIII. dem aber der HErr in ſeine herrlichkeit eingegangen / ſo hat er den vollkomme - nen gebrauch der allwiſſenheit ſo wol als anderer eigenſchafften wieder ange - treten / den er auch in ewigkeit behaͤlt. Dieſe gantze lehr ſteht in der F. C. nach allen ſtuͤcken (nach dem Teutſchen f. 245. b.) da es heiſſet: Welche Ma - jeſtat er nach der perſoͤnlichen vereinigung allwege gehabt / (iſt das 1. die wirckliche mittheilung und beſitzung der goͤttlichen eigenſchafften / die mit der empfaͤngnuͤß anhebet) und ſich doch im ſtand ſeiner erniedri - gung geeuſſert / und der urſach wahrhafftig an alter / weißheit und gnade bey Gott und den menſchen zugenommen / (iſt das 2. daß er thaͤt - lich nicht alles gewuſt / indem ſonſten kein wachsthum platz gehabt haͤtte) darum daß er ſolche Majeſtaͤt nicht allezeit / ſondern wenn es ihm gefallen / erzeigt (dieſes iſt das 3. von den zuweilen vorgeſchoſſenen ſtrahlẽ) biß er die knechts-geſtalt / und nicht die natur / nach ſeiner aufferſte - hung gantz und gar hingelegt / und in den voͤlligen gebrauch / offen - bahrung und erweiſung der goͤttlichen Majeſtaͤt geſetzet / und alſo in ſeine herrlichkeit eingegangen / daß er jetzt nicht allein als GOtt / ſon - dern auch als menſch / alles weiß / alles vermag / allen creaturen ge - genwaͤrtig iſt etc. Dieſes letztere iſt endlich das vierdte von mir angerech - nete ſtuͤck / und alſo daraus klahr / daß wir nichts anders lehren / als was in dieſer formula Concordiæ vorgeſchrieben wird / und in der ſchrifft gegruͤndet iſt: auch wie dasjenige / das in der materie einander entgegen zu ſeyn ſchei - net / mit einander zu vergleichen ſeye / alſo daß kein weiter zweiffel mehr bleiben kan. 1699.
JCh bin nicht in abrede / daß ich ſein ſchreiben von dem Oct. wol erhalten / aber zu antworten nicht in willens gehabt habe / nachdem mir nicht zu - kommen will / mich in frembde haͤndel einzumiſchen / ſo vielmehr da es derſelbe jetzt mit ihrem wuͤrdigen miniſterio zuthun / an das denſelben viel - mehr weiſen / als von dem was aller ſeits vorgegangen iſt / zu urtheilen ei - ne mir nicht gegebene macht ſelbs nehmen ſolle. Nachdem es aber in den letzten brieffen eine andere bewandnuͤß bekommet / nicht nur daß er nachricht verlanget / was ich von der einwohnung Chriſti in den hertzen der menſchen glaube oder zu glauben achte / ſondern auch ſich auff einen ort aus meiner poſtill uͤber Rom. 8. beruffet / ſo habe mit wenigen meine er - klaͤhrung thun ſollen.
1. Jſt152Das erſte Capitel.Aus allem dieſem wird derſelbe gnugſam erſehen / was meine lehre von dieſer materie ſeye / wie nemlich freylich etwas innerliches / unſer gewiſſen / und wann nachmalen GOtt bereits aus gnaden etwas in uns gewircket hat / ſich befinde / (wie ich dann ohnedas auf das innerliche aufs ernſtlichſte treibe) und dannoch nicht zu lehren ſeye / daß Chriſtus weſentlich in allen menſchen wohne. Dieſe lehre hoffe ich / werde von allen rechtſchaffenen lehrern unſrer kirchen erkant werden / und auch Jhr wuͤrdiges miniſterium dieſelbe gleicher maſſen fuͤhren. Bitte alſo denſelben / ſolche in der furcht GOttes und mit deſſen anruffung fleißig zu uͤberlegen / ob er nicht / wie ich hoffe / davon uͤber - zeuget werde werden. Wann nun ſolches geſchaͤhe (wie ich hingegen nie - mand rathen koͤnte / in einigem ſtuͤck wider das zeugnuͤß ſeines gewiſſens mir oder einigem menſchen zu gefallen etwas zu glauben oder zu thun) ſo trage ich das vertrauen / er werde der wahrheit platz geben / und alles aͤrgernuͤß vermeiden: wie ich noch ſchlieſſend den himmliſchen Vater hertzlich anruffe / ſo wol ſein hertz zu williger auffnehmung und erkaͤntnuͤß der wahrheit auch bewahrung ſeines gewiſſens / als auch aller / mit denen er umzugehen hat / zu Chriſtlichem und ſanfftmuͤthigem tractament und ſchonung der gewiſſen kraͤfftig zu regieren / und alles zu gutem und ſeiner ehren gemaͤſſen ende zu bringen. 1688.
WAß die diſtinction bey Johanne zwiſchen ſuͤnde haben und ſuͤnde thun betrifft / iſts eine ſache / welche fleißigen aufmerckens wohl wuͤrdig / ſo viel mehr weil es eine heut zutag ſo viel noͤthigere lehre angehet / als ſicherer die leute auf unrechtem verſtand der heiligen lehr von dem allein ſeligmachenden glauben heut zu tag ſind. Dann wo mein Hr. Pf. recht genau wahrnehmen wird / ſo bilden ihnen die leute eine ſolche art ſelig zu werden ein / daß der menſch etwas von Chriſto und ſeinem verdienſt gehoͤret / geleſen / gelernet habe / glaube daß es wahr ſeye / und ſich darnach eine ſtarcke perſuaſion darauf mache / daß er ſelig werde / ohne daß er ge - dencke / es muͤſſte ſein ſinn / art und gantzes leben geaͤndert werden: Jene perſuaſion welche aus menſchlicher vernunfft gemacht wird / und ein menſchliches gedicht iſt / halten ſie vor den wahren glauben / wel - cher doch gar viel einander werck / und eine rechte ſolche goͤttliche wir - ckung iſt / darinne das hertz gantz geaͤndert und gleich wie der verſtand mit einem himmliſchen liecht erleuchtet / alſo auch der wille zu einer eifrigen be - gierde des guten und haß des boͤſen gebracht wird. Welche art des glau - bens unſer theurer Lutherus in der lobwuͤrdigen vorrede uͤber die Epiſtel an die Roͤmer ſehr ſtattlich und zu einer kraͤfftigen beſchaͤmung aller ſichern her - tzen / beſchrieben hat. Hingegen gedencket der groͤſte hauff / daß ihn jener menſchliche wahn / und ſichere einbildung bey einem ſolchen glauben ſelig mache / da er ſich zwahr vor oͤffentlicher ſchande und dergleichen laſtern / die etwa in der obrigkeit ſtraff fallen / huͤten muͤſſe / und ein ſolches leben fuͤhren / welches auf das hoͤchſte dem leben der erbarn Heiden (ſo doch noch ſo viel tau - ſend Chriſten beſchaͤmet) gleich ſeye; aber das ſeye nicht eben vonnoͤthen / daß er ſich gantz alles ſuͤnden dienſtes begebe / und ein vor allemal mit ernſt ſich zu GOttes gehorſam ergebe. Da hingegen die gantze ſchrifft ſonderlich N. T. uns bezeuget / daß dieſes eine frucht des leidens und der erloͤſung Chriſti ſeye / daß wir in der that der ſuͤnden dienſt abſterben / und ein heiliges unſtraͤf - liches leben fuͤhren ſollen und koͤnnen. Da iſt nun dieſe liebe lehr Johannis fleißig zu treiben und von groſſer krafft bey ſichern leuten. Wann man ih - nen zeigt aus c. 1. daß zwahr wahr ſeye / Chriſten haben ſuͤnde / ſie tra - gen ihr ſuͤndliches fleiſch noch an ſich / ſie fuͤhlen deſſen luͤſten / wider welche ſie ſtreiten / und koͤnnen nicht allemal ſo genugſam ſich huͤten / daß ſie nicht et - wa mit einigem ausbruch derſelben uͤbereilet wuͤrden / daruͤber ſie aber nicht nur ſo bald hertzlich erſchreckẽ / ſondern mit ſo viel ernſtlicherm vorſatz ſich dar -wider157SECTIO XX. wider wapnen / und nicht mehr leicht wiederum an vorigen ſtein anſtoſſen. Hingegen wer ſuͤnde thue / nicht nur wer ein gantz Epicuriſch verruchtes leben fuͤhre / ſondern wer auch wider beſſer wiſſen und gewiſſen / da ihn GOtt durch dieſes gewarnet und abhalten wollen / eine ſuͤnde begehet / alſo daß er derſelben wiſſentlich dienet / der iſt nicht von GOtt noch der wiedergeburth theilhafftig / ſondern iſt vom teuffel. Zwahr iſts an dem / daß ein ſolcher mag wiedergebohren geweſen ſeyn / und den heiligen Geiſt empfangen haben / aus deſſen liecht er eine erkaͤntnuͤß GOttes gehabt / welche aber mit ſolcher ſuͤnde ſo wohl ausgeloͤſchet als der heilige Geiſt ausgetrieben wird / daß er wahrhafftig in ſolcher ſuͤnde keine erkaͤntnuͤß GOTTes gehabt / ſondern iſt nichts als eine fleiſchliche einbildung bey ihm uͤbrig geblieben. So iſts auch freylich wahr / daß je vortrefflicher das goͤttliche liecht der erkaͤntnuͤß iſt / ſo viel kraͤfftiger wird auch der menſch werden / der ſuͤnde zu widerſtehen / und ſich nicht ſo leicht auch in geringen dingen etwa uͤbereilen laſſen. Daheꝛ ich nicht in abꝛede bin / ſo lang ich noch von meinem eigenen gewiſſen das zeugnuͤß habe / ich habe noch nicht redlich der ſuͤnde abgeſagt / daß ich deroſelben mit willen nicht dienen wolte / und mich allein GOtt dem HErrn zu gehorſam uͤberlaſſen / ſondern ich ſehe / daß noch der rechte eigentliche zweck meines lebens iſt eige - ne ehr / nutzen / wolluſt / und alſo geitz / hochmuth / fleiſches luſt / und insge - ſamt die liebe der welt / ſo lang kan ich und muß gewiß glauben / ich habe noch keinen wahren glauben noch erkaͤntnuͤß GOttes / ſondern es iſt eine bloſſe ein - bildung / die mich gefaͤhrlich betrieget. Gibt mir aber mein gewiſſen das zeugnuͤß / daß ich wahrhafftig mir vorgeſetzet / meinen GOtt wiſſentlich nicht zu erzuͤrnen / und mein leben in der that zu ſeinen ehren und des naͤchſten be - ſten allein einzurichten / huͤte mich alſo nicht nur vor aller muth williger und vorſetzlicher boßheit / ſondern gebe genau wahr / daß ich nicht von dem betrug der argliſtigen ſuͤnde moͤge verfuͤhret und uͤbervortheilet werden / ich erfahr aber / daß dann und wann ich mich uͤbereilen habe laſſen / und ehe ichs recht gewahr worden (dann das heiſſen eigentlich ſchwachheit-ſuͤnden) eine ſuͤnde wuͤrcklich begangen / ſo hindert zwahr ſolches nicht / daß nicht glauben und goͤttliche erkaͤntnuͤß da ſeye / aber es iſt gewiß / daß ſolche noch ſo ſchwach ſind / als die krafft / der ſuͤnden zu widerſtehen ſich bey mir ſchwach befindet / als die mit jener gar genau verbunden iſt. Jm uͤbrigen wolte ich goͤttlicher gnade krafft nicht leugnen / daß dieſelbige nicht ſolte koͤnnen einen menſchen dahin bringen / und etwa einige dahin gebracht habe / daß ſie nicht mehr wuͤrcklich in euſſerlichen worten und thaten geſuͤndigt oder ſuͤndigten / und doͤrffen wir doch dabey nicht ſorgen / daß alſo dann ſolche leute der vergebung / oder ſolche von GOTT zu bitten / nicht mehr bedoͤrfften. Dann es ſind die ſuͤndliche luͤſten und begierden mit denen ſie noch zu kaͤmpffen haben / die ih -U 3rem158Das erſte Capitel. rem guten noch anklebende fehler / welche ſie ſelbſt befinden / ſchon ſuͤnden ge - nug / weßwegen ſie ſich vor Gott zu demuͤthigen / und dero vergebung taͤglich zu bitten genug urſach haben. Es iſt die diſtinction unter boßheit - und ſchwachheit-ſuͤnden eine gantz noͤthige und nuͤtzliche diſtinction, aber ſie wird treflich mißbrauchet / und iſt deswegen hochnoͤthig den leuten die ſicherheit zu benehmen / da ſie alle ihre ſuͤnden wollen vor ſchwachheit angeſehen u. entſchul - diget haben / die doch wo ſie endlich recht genau unterſucht werden / wahrhaff - tig mehr boßheit als ſchwachheit ſind: Und ob wir wohl ſo præciſe von jeg - licher ſuͤnde unſers nechſten nicht allemahl pronunciiren koͤnnen / ſind gleich - wohl alle ernſtlich zuerinnern / fleißig ihre eigene hertzen zu unterſuchen und ſich nicht zu ſchmeichelen / ſo wird ſie daſſelbe oͤffters einer boßheit uͤberzeu - gen / da ſie ſich auffs hoͤchſte gegen andere beſchwehret haͤtten / wo man ſie ei - ner boßheit beſchuldigen wollen. Das meiſte aber liget an dem redlichen vorſatz des gantzen lebens / wo derſelbe iſt oder nicht iſt. Da ſonſten ge - meiniglich uns in unſerem Chriſtenthum begegnet / was dorten Seneca klagt: De partibus vitæ omnes deliberamus, de tota nemo. Es will aber dißmahl das papir nicht alles faſſen / noch ich in dem erſten ſchreiben ſo bald mit allzu - groſſer weitlaͤufftigkeit beſchwerlich fallen. Jndeſſen wollen wir nicht auff - hoͤren uns untereinander zu ermuntern / ſo wohl in unſerm eigenen chriſten - thum zu zunehmen und durch die gnade GOttes taͤglich voͤlliger zu werden / als eben dadurch zu trachten / daß wir vermoͤgen rechtſchaffene vorbilder der heerde zu werden / um mit Paulo unerroͤthet ſagen zu koͤnnen / ſeyd meine nachfolger gleich wie ich Chriſti / ob einige an uns die moͤglichkeit der dinge ſehen moͤchten / welche ſie aus betruͤglicher liſt des ſatans unmoͤglich gehalten / und deſto weniger darnach getrachtet haben / ſonderlich aber un - ſern gecreutzigten JEſum treulich und gantz vortragen / wie er uns nicht nur mit ſeiner creutzigung / gnade und vergebung der ſuͤnden erlanget / ſondern uns auch ein exempel gelaſſen / und den heiligen Geiſt darzu verdienet habe / daß wir auch abſterben allen ſuͤnden / daß der leib der ſuͤnden bey uns auff - hoͤre / daß wir der ſuͤnden nicht dienen / und alſo der todt und das leben unſers liebſten Heilandes an uns in der krafft offenbahr werde. 1679.
VOn dem unterſcheid zwiſchen todt-ſuͤnden und taͤglichen fehlern zu ſchreiben / achte eine von den ſchwehrſten materien: ja eigentlich ſtehet der unterſcheid nicht ſo wohl in den ſuͤnden ſelbs / als in der bewandnuͤß und gemuͤth deſſen / von dem ſie begangen werden: alſo daß zuweilen einemetwas159SECTIO XXI. was ein ſolcher fehler iſt / der ihn nicht aus goͤttlicher gnade ſetzet / ſo einem andern eine todt-ſuͤnde iſt. So lange der glaube und aus demſelben der red - liche und kraͤfftige vorſatz des kindlichen gehorſams gegen ſeinen himmliſchen Vater / in dem hertzen bleibet / ſinds lauter kindliche ſchwachheiten / die be - gangen werden. Wo aber jene nicht ſind / koͤnnen keine andere als todt-ſuͤn - den erkant werden. Wo auch einer im guten ſtand geſtanden / er faͤllet aber in ſicherheit / und laͤſſet den hertzlichen vorſatz des gehorſams hinfallen / oder achtet ſeiner nicht viel / iſts bald geſchehen / daß dinge / welche geringe fehler ſonſten ſcheinen / wahrhaftig todt-ſuͤnden werden. Jnsgeſamt muß man in der materie darauff ſehen / daß weder einer ſeits der ſicherheit pulſter unter ge - leget / noch anderſeits die freudigkeit der wahren kinder GOttes um ihrer ſchwachheit willen niedergeſchlagen werde: Welche beyderley fehler faſt gleichen ſchaden thun. Der HErr gebe uns auch darinnen allezeit die wahr - heit zu erkennen / und laſſe ſeine kinder weder von ſeinem gehorſam in ſicher - heit abweichen / noch aus aͤngſtlicher furcht in dem glauben ſchwach werden um Chriſti willen / Amen. 1694.
VOn der krafft und wirckung goͤttlichen worts mache ich dieſe ſaͤtze:
VOn dem amt des geſetzes und des Evangelii meine ich zimlich deutlich in meiner vorrede des tractats von der ſeligkeit der kinder GOttes ge - handelt zu haben. 1. Zu dem anfang des glaubens wird wol niemand erſtlich kommen / ohne daß durch die buß und fuͤhlung der ſuͤnden / darinnen das geſetz ſein werck hat / das hertz bereitet / und zu Chriſto getrieben werde. Auffs wenigſte iſt ſolches der ordentliche weg. Es iſt aber dabey die goͤttli -che163SECTIO XXIII. che diſpoſition unterſchiedlich / und verfaͤhret er nicht mit allen ſeinen kindern auff eine weiſe: indem bey einigen groſſe und langwierige ſchmertzen vorher gehen / ja ſie gleich als durch eine hoͤlle gefuͤhret werden / auch wol lang zu kei - nem troſt zu kommen vermoͤgen. Bey andern gehet es gelinder her / und wird kaum die krafft des geſetzes geſpuͤhret / daß der troſt des Evangelu gleich alles wieder heilet. Jn welchem unterſcheid / wir GOttes weiſe regierung zu ve - neriren und nicht zu richten haben. 2. Wo einer auff groͤbliche art GOttes gnade wiederum von ſich geſtoſſen hat / und eine zeitlang auſſer derſelben zu - gebracht / finde ich nicht / wie ein ſolcher ohne ſchmertzliche empfindung ſeiner ſuͤnden wiederum in die gnade zuruͤck kehren moͤge. Wiewol ich auch darin - nen GOttes fuͤhrung nichts vorſchreiben will oder darff. 3. Bey denen / die nun in dem glauben ſtehen / verliehret das geſetz nicht alles ſtraff-amt / ſon - dern neben dem / daß es uns den weg noch immer zeiget / auff welchem wir nach dem willen GOttes in danckbarkeit vor das empfangene heil einher ge - hen muͤſſen / erinnert es uns noch allezeit unſrer ſundlichen gebrechen / und wo es verſehen wird / fuͤhlen wir einige deſſen beſtraffung. 4. Jndeſſen bleibet gleichwol der glaube an JEſum und die ſtaͤtige vorſtellung deſſen guͤter und geſchenckten heils das vornehmſte / damit ein kind GOttes umgehet / und ſich darinnen uͤbet / auch ohne ſolche uͤbung / wo es nemlich des geſetzes forderung dasjenige ſeyn lieſſe / mit dem es meiſtens umgienge / nicht wol zu einer rech - ten und beſtaͤndigen glaubens-freudigkeit kommen / oder darinnen bleiben koͤnte: woran ich ſorge / daß viele ſich ſtoſſen / und ihre gottſeligkeit dadurch mehr hindern als foͤrdern. 5. Ob es dann da und dort ſtolpert und aus ſchwachheit faͤllet / da das gewiſſen gleich ſchlaͤget / und alſo etwas von dem geſetz gefuͤhlet wird / hat ein glaubiger ſolches nicht aus dem ſinn zu ſchlagen / ſondern auch ſolcher wirckung des guten geiſtes durch das geſetz einigen raum zu goͤnnen / ja wo er mercket / daß er offt an ſolchen ſtein anſtoſſet / laͤnger dabey zu beharren / daß der H. Geiſt eine heilſame traur druͤber erwecke / ſich nicht allein darinnen vor GOtt zu demuͤthigen / ſondern auch dem fleiſch auffs kuͤnfftige den kitzel deſto beſſer zu vertreiben. Aber er hat doch ſolcher auch buß-traur allzulang nicht nachzuhaͤngen / damit ſie nicht uͤberhand nehme / und ſo bald zu trachten / daß die krafft des Evangelii in die reue einflieſſe / da - mit es ihm nemlich nicht ſo viel leid ſeye um des zorns und der ſtraff der ſuͤn - den willen ſelbs / als aus der liebe / einen ſo lieben Vater beleidiget zu haben / darinnen ſo bald auch eine uͤbung des glaubens iſt. 6. Auſſer ſolchen faͤllenund in dem ordentlichen ſtand gehet der glaubige meiſtens allein mit dem glau - ben und Evangelio um / und bleibet ſolches ſeine taͤgliche nahrung / das geſetz aber ſihet er mehr nur ſo fern / als von weitem an / daß es nur eine verwah - rung vor ſicherheit bleibe. 7. Der gottſelige Steph. Prætorius, und StatiusX 2aus164Das erſte Capitel. aus ihm / haben die krafft des Evangelii und des glaubens recht erkant / und das haupt-werck belangende wol darauff gewieſen / doch iſt nicht zu leugnen / daß ein und andre expreſſiones in ihren ſchrifften gegen das geſetz und allen deſſen gebrauch zu hart ſind / wo ſie in ihrer ſchaͤrffe genommen werden: Da - her man ſie mit guͤtiger erklaͤhrung zurecht helffen muß / da ſie alsdenn guten und ihres heils begierigen ſeelen keinen ſchaden thun werden. Es hat aber auch Prætorius ſelbs einiges dergleichen zu ſeiner zeit revocirt / ſo ihm nicht zum ſchimpff und deswegen ſeine ſchrifften zuverwerffen / ſondern vielmehr wie Auguſtino zum zeugnuͤß ſeiner auffrichtigkeit / dienen ſolle / indeſſen die - nets doch ſeinen leſern auch zur nachricht / mit behutſamkeit alles anzuſehen und erſt zu pruͤfen.
HJerauff gleich nach der wahrheit zu antworten / ſo iſt die tauff nicht die wiedergebuhrt / ſondern das bad der wiedergebuhrt Tit. 3. welches nach bewandnuͤß der perſonen / entweder den glauben bey denen / da er noch nicht geweſen war / als bey jungen kindern / wircket / oder bey denen / da er be - reits vorhin geweſen / als bey den alten / verſiegelt; wie vor dem in dem A. T. die beſchneidung auch geweſen. Dieſes iſt die lehre insgemein unſrer kirchen / und der H. Schrifft allerdings gemaͤß. Was den S. und von mir im uͤbri - gen hochgehaltenen Herr Großgebaur anlangt / hat der liebe mann in ſei - nem tractat von der wiedergebuhrt geirret / alſo daß ich immer gewuͤnſchet / daß ſolcher tractat nicht waͤre heraus gekommen. Jch finde aber ſonderlich 2. urſachen / die ihn moͤgen in ſothanen irrthum gebracht haben. Einmahl daß es ſcheinet / wie er viele Engellaͤnder geleſen / da es aber dem guten mann etwas an gruͤndlicherem begriff unſrer Theologie gemangelt haben muß / und er aus denſelben unwiſſend einige ſaͤtze der Reformirten angenommen / wie ſich ſonderlich in dieſem tractat zeiget. Nechſt demſelben ſcheinet mir / daß ihn am meiſten darzu gebracht habe / weil er nicht gewuſt und verſtanden / wie unſre kirche lehre / daß die wiedergebuhrt nicht allein verlohren / ſondern auch wiederhohlet werden koͤnne / welches in der ſchrifft gegruͤndet / und aus andern unſren glaubens-ſaͤtzen gegen die Reformirte / ſo fern ſie auff dem Sy - nodo zu Dordrecht dieſen ſatz verwerffen (Act. Dordrac. p. 375. allerdings fol - get / indeſſen nicht viel davon austruͤcklich in unſrer Theologen buͤchern zu le - ſen iſt. Daher mir ſolches eine gelegenheit gegeben / daß 1663. zu Straßburg mit belieben der Theologiſchen facultaͤt meine lectiones curſorias pro gradu von ſolcher materie uͤber Gal. 4 / 19. gehalten habe. Wann dann der from - me mann / da ihm dieſes nicht bekant war / die gantze gemeinde angeſehen / wieviel165SECTIO XXIII. viel boͤſe unter ihnen waͤren / die ſich doch alle als wiedergebohrne Chriſten al - ler goͤttlichen gnaden-guͤter annehmen wolten / und ſie gleichwol nicht vor wiedergebohrnen erkennen konte / indem vielmehr alle zeichen der herrſchen - den alten gebuhrt an ihnen waren / ſo fiel er darauff / daß dann in der tauff die wiedergebuhrt nicht geſchehe / weil ja ſo viel getauffte unwiedergebohren waͤren: ſondern es ſeye die tauffe nur ein ſiegel der wiedergebuhrt bey denen / ſo vorhin durch den glauben wiedergebohren worden: daher er auch dahin verfallen / weil er der tauff die wirckende krafft abgeſprochen / davor zu hal - ten / daß ſie auch keinen glauben in den kindern wircke. Aus allem dieſem haͤtte er ſich wickeln koͤnnen / wann er unſrer kirchen lehr von der krafft der tauff / und wie in dieſelbe alle macht des todes und aufferſtehung Chriſti ge - leget ſeye / aus deren jenem die ſuͤnde vergeben / aus dieſer das leben der wie - dergebuhrt gewircket werde / recht gefaſſet haͤtte: ob dann nun ſo viel 100 und 1000 vor dieſem getauffte nunmehr ohne wiedergebuhrt ſeynd / und alſo erſt wiedergebohren muͤſſen werden / folget doch nicht / daß ſie nicht vorhin ein - mal in der tauff wiedergebohren worden ſeyen / ſondern nur / daß ſie ſolche neue gebuhrt wieder verlohren haben / die deßwegen zu ihrer ſeligkeit / obwol ohne wiederhohlung der tauff / nochmals wiederhohlet werden muß. Da - von ich aber auch in meinen predigten von der wiedergebuhrt mit mehren ge - handelt habe. Alſo auch was den glauben der kinder anlangt / wird derjeni - ge ſolchen zuzugeben nicht ſo ſchwehr finden / der betrachtet / daß der glaube nicht eine wirckung unſers verſtandes / ſondern ein liecht GOttes in die ſeele gegeben oder darinnen entzuͤndet ſeye: welches ja GOtt ſo wol bey kindern als andern thun kan.
JCh bekenne / daß ich denſelben allezeit in jener abſicht gebrauche / und ihn deswegen auch angefochtenen vorhalte / hingegen nicht weniger / daß nicht nur Eraſmus Schmidius ſondern auch andere lehrer darinnen von mir abge - hen. Jch finde aber nicht urſach jenen troͤſtlichen verſtand zu verlaſſen / ſon - dern halte davor / daß die ordnung der gantzen rede des Apoſtels uns viel - mehr auff denſelben fuͤhre. Worzu nicht undienlich / die paraphraſin Herr D. Seb. Schmidii uͤber die etliche vers anzuſehen: v. 19. Und daß ich nun fortfahre in beweiſen / daß die liebe der bruͤder ſeye ein beweiß und kennzeichen der kinder GOttes: daran oder daraus was jetzt geſagt / ſo wir nemlich mit der that und mit wahrheit lieben / erkennen wir / nicht durch eine glaubliche muthmaſſung / ſondern durch ge - wiſſe uͤberfuͤhrung / weil nemlich unſer glaube durch die liebe wir -X 3cket /166Das erſte Capitel. cket / und alſo ein wahrer glaube iſt / wir erkennen nicht allein von andern / ſondern inſonderheit von uns ſelbs / woran uns ſehr viel gelegen / daß wir aus der wahrheit ſind / oder daß wir ſolche glaubi - ge ſind / wie ſie die wahrheit des Evangelii oder des worts GOTTes veſchreibet und erfordert. Denn die wahrheit des Evangelii oder des worts GOttes beſchreibet uns den wahren glauben alſo / daß es ſey ein glaub an JEſum CHriſtum / der durch die liebe thaͤtig ſeye. Wer derowegen hat den glauben an JEſum CHriſtum / welcher durch die liebe / ſo nicht falſch / ſondern auffrichtig / thaͤtig iſt / der iſt auſſer zweiffel / aus der wahrheit des Evangelii. Der aber aus dieſer wahrheit iſt / der iſt auch aus Chriſto und GOTT dem urheber dieſer wahrheit / er iſt ein auffrichtiger Sohn GOt - tes / er iſt ein wahrer Chriſt / er iſt gefliſſen und ein nachfolger der wahrheit / oder alſo erkennen wir / daß wir aus der wahrheit ſind / alſo daß wir koͤnnen unſer hertz fuͤr ihm dem allwiſſentlichem GOtt der da macht hat zu verdammen / und loß zuſprechen / in dem gericht / welches er in unſerm gewiſſen oder hertzen hat / doch das juͤngſte gericht nicht ausgeſchloſſen / ſtillen / uͤberreden / daß es we - gen des durch die liebe erkanten glaubens ruhig und zufrieden ſeye. v. 20. Wenn uns dieſer fall begegnet / welcher ſich bey den glaubigen in verſuchungen offters zutraͤgt / daß uns unſer hertz anklaget und verdammet / als haͤtten wir keinen wahren glauben an Chri - ſtum / und waͤren alſo nicht GOttes kinder / ſondern vielmehr des teuffels / die vor GOtt zu verdammen / ſo werden wir koͤnnen un - ſer hertz uͤberreden / und unſer gewiſſen fuͤr ihm ſtillen / daß ſie nicht fortfahren uns zu verklagen und zu verdammen / ſondern loß zu ſprechen / welche ſo groß iſt / daß ſie gehet uͤber alle andere gerich - te / alſo daß ſie ſich ihm alle muͤſſen unterwerffen / und keines iſt / das macht hat zu verdammen einen menſchen / den GOtt der hoͤch - ſte richter loßſpricht: daher unſere gewiſſen genoͤthiget werden / ihr urtheil ſeinem zu unterwerffen. Nun aber haben wir / die wir die bruͤder in der that und wahrheit lieben / nicht urſach / warum wir das gerichte GOttes ſcheuen: Denn er erkennet alle dinge und weiß alſo auch am beſten / daß wir ihn und unſere bruͤder in der that und wahrheit lieben / und alſo den wahren und lebendigen glau -ben167SECTIO XXIII. ben haben / daher wir ſein gericht / in welchem wir durch den wahren glauben gerechtfertiget werden / nicht doͤrffen foͤrchten. v. 21. Jhr lieben / welchen ich wegen ſo groſſen gutes / darvon jetzt geſagt / billich zurede / und euch froͤlich zu ſeyn ermahne / ſo uns unſer hertz auff jetzt erwehnte weiſe uͤberredet und geſtillet / nicht mehr veꝛdammet / ſo haben wir dieſen nutzen und frucht / die freudigkeit zu Gott / das vertrauẽ / das zuveꝛſichtlich zu Gott / des gericht nicht mehr gefuͤrchtet wird / tritt. m. f. w. Mich deucht / dieſe aneinander hengung der gantzen Apoſtoliſchen rede zeigt den verſtand gnugſam / daß von troſt gehandelt werde.
DJeſe letzte meinung wird nicht allein von lehꝛeꝛn anderer kiꝛchen getꝛieben / ſondern es finden ſich auch unter den alten derſelben zugethane: die un - ſrige aber bleiben gern bey der erſten / und haben wir nicht urſach davon abzu - weichen: obwol einige / weil nicht ohne / daß beyde erklaͤhrungen ihre ſchweh - rigkeiten haben / faſt lieber eine mittlere wehlen haben wollen / davor halten - de / Paulus rede weder von einem bloß-unwiedergebohrnen / noch auch von einem der bereits in der wiedergebuhrt einhergehet / ſondern von dem zuſtand eines an deſſen bekehrung die gnade GOttes noch arbeitet / biß der voͤllige durchbruch geſchehe: welcher erklaͤhrung ich gleichwol mich auch nicht heff - tig widerſetzen will. Jedoch iſt / wie gedacht / nicht noͤthig / die bißherige ge - meine lehr und erklaͤhrung zu verlaſſen / und laͤſſet es ſich alſo auff die von je - mand eingeworffene ſcrupulos oder gegen-erweiſe wol antworten.