DJeß Buch hat einen naͤrriſchen Ti - tul / und ich halte wohl / daß mancher meinen wird / er wolle ſeine Narr - heit daraus ſtudiren. Doch es geht hier wie mit den Apothecker Buͤchſen / die haben außwendig Satyros oder ſonſt Affengeſich - te angemahlt / inwendig aber haben ſie Balſam oder andre koͤſtliche Artzneyen verborgen. Es ſiehet naͤrriſch aus / und wer es obenhin betrachtet / der meint / es ſey ein neuer Simpliciſſimus oder ſonſt ein le - derner Saalbader wieder auffgeſtanden. Allein was darhinter verſteckt iſt / moͤchte ich denenſelben ins Hertz wuͤnſchen / die es beduͤrffen. Uber Fuͤrſten und Herren haben andere gnug geklaget und geſchrie - ben: hier finden die Leute ihren Text / die entweder nicht viel vornehmer ſind / als ich / oder die zum wenigſten leiden muͤſſen / daß ich mich vor ihnen nicht entſetze. Den Leu - ten bin ich von Hertzen gut: daß aber etli -A iijche6che Laſter ſo beſchaffen ſind / daß ich ſie we - der loben noch lieben kan / ſolches geht die Leute ſo eigentlich nicht an. Es iſt auch keiner gemeint / als wer ſichs annehmen will. Und dieſem wuͤnſch ich gut Gluͤck zur Beſſerung / vielleicht wirckt dieſe Poſ - ſierliche Apothecker-Buͤchſe bey etlichen mehr / als wenn ich den Catonem mit groſ - ſen Commentariis haͤtte auflegen laſſen. Plato hat geſagt: Imperare eſt legitimè fallere populum. Es ſcheint als muͤſte man die Tugend auch per piam fraudem, der kuͤtzlichten und neubegierigen Welt auf eine ſolche Manier beybringen / drum wuͤnſche ich nichts mehr / als die Welt wol - le ſich zu ihrem Beſten allhier betriegen laſſen. Sie bilde ſich lauter luſtige und zeitvertreibende Sachen bey dieſen Nar - ren ein: wenn ſie nur unvermerckt die klu - gen Lebens-Regeln mit leſen und erwegen will. Und wer will die Satyriſche Art zu ſchreiben der ietzigen Zeit verbieten / da ſolches bey den klugen Griechen und Roͤ - mern mit ſonderbahrer Beliebung erhalten worden? Jch mache es ja ſo unhoͤfflich undun -7unchriſtlich nicht / daß ich mich befahren muͤſſe / als wuͤrden ſich mehr daran aͤrgern als beſſern. Vielmehr will ich die ſchreib - ſichtigen Papier-verderber beſchaͤmen / welche unter dem Deckmantel der Saty - riſchen Freyheit / ſolche unverantwortliche Zoten vorbringen / darvor der Him̃el ver - ſchwartzen moͤchte. GOtt der unbetrogene Hertzenkuͤndiger bringe den leichtfertigen Menſchen zum Erkaͤntniß / der unlaͤngſt den verfluchten und Henckermaͤßigen Klunckermutz in die Buchlaͤden ein - geſchoben hat: gleich als wolte er die Ab - ſcheuligkeit der Unzucht allen erſchrecklich machen / da er doch mit ſeinen leichtfertigen und unverſchaͤmten Umſtaͤnden ſo viel jun - ge unſchuldige Gemuͤther geaͤrgert hat / daß man ihm tauſend Muͤhlſtein an ſei - nen Hals wuͤnſchen moͤchte. Jn Franck - reich iſt vor wenig Jahren eine Jungfer - Schule natuͤrlich und aͤrgerlich gnug her - aus kommen. Doch nun haben wir auch ein Buch / dabey wir den Frantzoſen nichts vorwerffen koͤnnen. Eine Schande iſtA jves /8es / daß ſolche Gewiſſensloſe Drucker und Buchhaͤndler gefundẽ werdẽ / welche ſich ſo viel mehr dieſer Suͤndẽ theilhafftig machẽ / ſo viel mehr ſie die Schãd-Poſſen unter die Leute bꝛingẽ. Nun ich wuͤnſche noch einmal / GOtt bringe die Liecht-ſcheuende Fleder - Maus zum Erkaͤntniß / damit ihm die ver - dammten Bogen nicht einmahl auf der Seele verbrennen / und die boͤſe Brunſt / die er bey vielen erwecket / auf ſeinem Kopfe zu Pech und Schwefel werde. Er mag ſeyn wer er will / ſo weiß ich / daß ihn ſein Ge - wiſſen eher verdammet hat / als die ehrba - re Welt davon hat urtheilen koͤnnen. Nun wie dem allen / hier lege ich dem Kerlen mit der Sauglocke was anders vor / daran er mag zierlicher ſchreiben lernen. Eines iſt mir leid / daß ich die Sachen / welche mei - ſtentheils vor acht Jahren mit fluͤchtiger Feder auffgeſetzet worden / weder uͤberſehn noch leſerlich abſchreiben kan. Und dan - nenhero verſche ich mich unterſchiedener Druckfehler. Jm̃it[t]elſt haͤtte ich Luſt mich zu nennen / wuͤrde ich wegen meiner Ver -rich -9richtungen leicht entſchuldiget ſeyn / wo - fern einige Nachlaͤſſigkeit an meinem Or - te mit unterlauffen ſolte. So iſt dieß meine Bitte / es wolle ein iedweder die Er - innerungen mit ſo gutem Hertzen anneh - men / als gut meine Jntention iſt einem ied - weden zu dienen. Erhalte ich den Zweck nicht / ſo ſoll mich doch der gute Willen er - getzen / welchen ich hierbey gehegt habe. Jm uͤbrigen habe ich dieß lange bedacht / gleich wie ein Schneider auß ſchlimmen Tuche kein gut Kleid machen kan; alſo wuͤrde ich von boͤſen Sachen kein koͤſtlich Buch ſchreiben. Doch weil es einmahl geſchrie - ben iſt / ſo bleibt es bey der guten recom - mendation, lebe und urtheile wohl.
TEutſchland hatte nunmehr den dreiſſig-jaͤhrigen Krieg beygele - get / und der angenehme Friede fieng allbereit an ſeine Fruͤchte außzuſtreuen / als ein groſſer Herr / dem das Leben in den ver - ſchloſſenen Feſtungen bißher gar verdrießlich gefallen war / ſich wiederumb auf ſeine Herr - ſchafft begab und daſelbſt ſein zerſtoͤrtes Schloß auf eine neue und ſchoͤnere Manier anlegen ließ. Das Werck gieng wohl von ſtatten / die Mauern wurden aus dem aͤuſſer - ſten Grunde wohl auffgefuͤhrt / die Daͤcher fuͤgten ſich zierlich zuſammen / die Loſamenter hatten ihre ordentliche Abtheilung / und die Sache kurtz zu geben / ein ieder freuete ſich ſchon / den Pallaſt in wuͤrcklicher Vollkom - menheit anzuſchauen. Doch wie es in den Menſchlichen Sachen pflegt herzugehen / daß ſich die Hoffnung allzeit weiter erſtreckt / als die That ſelber: alſo befunden ſich die Leute in ihrer Freude / wo nicht betrogen / doch ſehr lan -ge11ge auffgehalten. Denn obgedachter Herr fiel in eine ploͤtzliche Kranckheit / ward auch von dem herein brechenden Tode uͤbereilet / daß er kaum Zeit hatte ſeinen letzten Willen zu er - klaͤren / und in Ermangelung eigener Leibes - Erben / die naͤchſten Freunde im Teſtament ordentlich zu bedencken. Was geſchach? die Leiche wurde praͤchtig beygeſetzt / und weinten dieſelben am trotzigſten / die ſich der Erbſchafft wegen am[m]eiſtẽ freueten / daß[m]an alſo wol in die Trauer-Fahne haͤtte ſehreibẽ moͤgẽ: NUL - LI JACTANTIUS MOERENT, QUAM QUI MAXIME LÆTANTUR. Endlich bey Eꝛoͤffnung des Teſtaments fand ſichs / daß dem jenigen / der des Hauſes Beſitzer ſeyn wuͤrde / die Beſchwerung / doch ohne ſeinen Schaden aufferleget war / den angefangenen Bau nicht allein zu vollenden / ſondern auch in allen Stuͤcken ſo wohl in groſſen als in kleinen dem auffgeſetzten Verzeichniß zu folgen. Nun war gedachtes Verzeichniß ſo accurat einge - richtet / daß faſt nicht ein Balcken vergeſſen war / wo er ſolte eingeſchoben / wie er ſolte be - kleidet oder gemahlet / wie er ſolte behobelt und beſchnitzet werden. Was ſolte der Erbe thun? wolte er den Pallaſt haben / muſte er die bey - gefuͤgte Condition eingehen. Und alſo ließ er in dem Bau gar ſorgfaͤltig fort fahren / ver -A vjgaß12gaß auch nichts in Obacht zu nehmen / wie es vorgeſchrieben war. Nach langer Muͤh kam er auf die Gemaͤcher / die er mit allerhand Schildeꝛeyen außputzen ſolte / wie denn alle In - ventiones ſchon vorgeſchrieben waren. Und da war ein Saal / bey dem die Verordnung geſchehen / es ſolten in den drey groſſen Feldern der Thuͤre gegen uͤber die drey aͤrgſten Narren auf der Welt abge - mahlet werden. Jn dieſem Stuͤck erei - gneten ſich nun groſſe Scrupel / indem nie - mand gewiß ſagen konte / welches denn eben in der groſſen und weitlaͤufftigen Narrenſchu - le der Welt / die 3. groͤſten und vornehmſten Narren ſeyn muͤſten / und ob nicht auf allen Fall / wenn ein Schluß ſolte getroffen werden / man einen præcedentz Streit um die Narren - Kappe / oder wohl gar einen injurien-proceß moͤchte an den Hals bekommen / nach dem be - kanten Sprichwort: Quo ſtultior, eò ſu - perbior. Es fiel auch dieſes inconveniens mit ein / daß einer / der ietzund ein kleiner Narr waͤre / in kurtzer Zeit mit einer hoͤhern Charge moͤchte verſehen / und vielleicht uͤber die Ober - ſten geſetzet werden. Denn weil heute zu Ta - ge die Ehre nichts iſt als ein bloſſer Titel / ſo koͤnte man leicht verſtehẽ was das heiſt / Senio - reſ ludunt titulis, ut pueriaſtragulis. Zwarder13der Sache muſte endlich abgeholffen werden / und kamen zu dem Ende die kluͤgſten deſſelbi - gen Orts zuſammen / ob ſie nicht in der zwei - felhafftigen Frage koͤnten einen richtigen Schluß treffen. Einer machte den Handel ſehr ſchwer / vorgebende / er haͤtte auf ſeiner Reiſe durch Ober-Sachſen / in einem vorneh - men Adelichen Hauſe einen Saal geſehn / da neun und neuntzig Narren waͤren abgemahlt geweſen / und waͤre noch ein ledig Feld gelaſ - ſen worden / wann ſich unverſehns irgend ei - ner angegeben / den der Mahler vergeſſen haͤt - te. Dannenhero würde die Wahl unter ſo vielen nicht gar zu leicht ſeyn. Ein ander gab vor / der waͤre der groͤſte Narr / welcher die groͤſten Schellen haͤtte: Aber er muſte ſich berichten laſſen / daß die meiſten Schellen heimlich getragen wuͤrden / ſonderlich nach der Zeit / da man unter den Baruquen und breiten Huͤten viel verbergen koͤnte. Nach langem Berathſchlagen / fing ein alter Gruͤllẽ - faͤnger / der bißhero gantz ſtill geſchwiegen / alſo an: Jhr Herren / was wolt ihr in dieſer Stu - be die groͤſten Narren dergantzen Welt auß - ſuchen / ihr kommt mir vor als wie Peter Sqventz / der meinte / weil er im Dorffe keinen Pfarherr haͤtte und derowegen als Schul - meiſter der oberſte zu Rumpels-Kirche waͤre /A vijſo14ſo muͤſte er unfehlbar der Hoͤchſte in der gan[-]tzen Welt ſeyn. Magnum & parva ſunt re - lata. Will einer nun wiſſen / was in dieſem oder jenem Stuͤcke das Groͤſte in der gantzen Welt ſey / der muß auch einen Blick in die gantze Welt thun. Und ich halte / der ſelige Herr habe einen klugen Veſitzer ſeines Hau - ſes dadurch beſtaͤtigen wollen / indem ſolcher Krafft der Bedingung / ſich in der Welt zuvor verſuchen / und alſo in Betrachtung vielfaͤlti - ger Narren / deſto verſtaͤndiger werden muͤſte. Dieſe Rede wolte dem jungen Faͤntgen nicht zu Sinne / daß er ſich ſo viel Meilen hinter den Backofen verlauffen ſolte: abſonderlich war ihm dieß zuwider / daß er ſeine Liebſte ſo lange verlaſſen muͤſte / mit welcher er ſich / nach der Gewonheit aller reichen Erben / verplempert hatte. Aber es halff nichts / wolte er nicht / ſo war ſchon ein ander da / der es umb dieß Geld thun wolte. Derhalben weil wider den Tod kein Kꝛaut gewachſen war / ſo ward unverzuͤg - lich zu der Reiſe geſchickt / und freueten ſich die andern / wenn dieſer auf dem langen We - ge umbkaͤme / in ſeinen Guͤtern zu bleiben. Es machte ihm auch einer ein Propempticum, und ſetzte dieſe Worte mit dazu:
Er meinte aber / das waͤren die meliora fa -ta,15ta, wenn er bald ſtuͤrbe und in den Himmel kaͤme. Sit divus modo non vivus. Nun waͤre ziel zu gedencken / mit was vor naſſen Augen der Abſchied genommen worden / und was ihm die Liebſte vor Lehren mit auf den Weg gegeben / wenn es nicht das Anſehen ge - winnen moͤchte / als waͤre dieſer Narren Auß - koſter der erſte in dem Regiſter geweſen. Drumb ſey nur kuͤrtzlich diß geſagt / er reiſete fort und nahm niemand mit ſich als drey Die - ner / einen Hofmeiſter / einen alten Verwal - ter / der die Quartiermeiſter-Stelle vertreten ſolte / und einen Mahler / daß man das Eben - bild alſobald haben koͤnte / wenn ſich der groͤ - ſte Narr ſehen lieſſe. Lichter und Laternen bedurfften ſie nicht / denn ſie meinten / ſie wol - ten die Narren eher im Finſtern finden / als Diogenes die Menſchen am hellen Mittage. Nun wir wollen die andern zu Hauſe / und ab - ſonderlich die Ubelauffſeher / bey ihrer admini - ſtration laſſen / und wollen der ſchoͤnen Com - pagnie zu allen wunderlichen und naͤrriſchen Begebenheiten das Geleite geben.
FLorindo der Herr ſelbſt / Gelanor der Hoffmeiſter / und Eurylas der Verwalter / zogen mit ihrem Mahler und drey Dienern von dañen / traffen auch innerhalb acht Tagen wenig denckwuͤrdiges an. Weil es doch all - zeit die Art mit den Leuten hat / daß ſie nur das jenige hochhalten / was weit entlegen iſt; und hingegen ihre eigene Sachen verachten oder hindan ſetzen / nach dem Sprichwort: A - ſinus peregrinus majori venit pretio, quàm eqvus domeſticus. Alſo eileten ſie von ihrem Vaterlande hinweg / und meinten nicht in der Nachbarſchafft viel meꝛckwuͤrdiges anzutref - fen. Als ſie aber etliche funffzig Meilen hin - rer ſich hatten / kamen ſie auf den Abend ſehr muͤde in das Wirthshaus. Der Wirth war allem Anſehen nach ein feiner hoͤfflicher Mann / der ſich gegen fremde Gaͤſte ſehr wohl anlaſſen konte. Abſonderlich wuſte er ſich in Geſpraͤ - chen mit iederman ſehr annehmlich aufzuhal - ten / daß die Compagnie vermeinte / es wuͤrde nun einmahl Zeit ſeyn / etwas genauer in die naͤrriſche Welt zu gucken. Fragten derowe - gen / ob nicht etwas ſonderliches in ſelbigerGe -17Gegend zu ſehen waͤre? der Wirth gab zur Antwort / es waͤre ein ſchlechter Ort / da man viel Raritaͤten nicht antreffen-wuͤrde: Doch koͤnte er dieſes ruͤhmen / daß eine Meile von dar ein Warmes Bad ſey / da nicht allein die Natur viel vortreffliche Wunderwercke zu erweiſen pflege: Sondern da auch al - lerhand Gattung von groſſen und geringen Leuten / ſich haͤuffig antreffen lieſſen. Sie baten / weil ſie des Weges nicht kuͤndig / moͤch - te er ihnen das Geleite geben / und ſolte er vor gute Belohnung nicht ſorgen. Er bedachte ſich etwas; doch nach wiederholter Bitte ſag - te er ja / und ward alſo noch den Abend zu der Reiſe gewiſſe Anſtalt gemacht. Hierauff wur - den ſie in ihre Schlaff-kammer gewieſen / und hatte ſich Florindo ſchon außgekleidet / als der Mahler geſchwind gelauffen kam / mit dem Bericht / wofern ſie wolten einen Ertznarren finden / ſolten ſie ihm folgen. Sie waren froh / und lieſſen ſich nicht auffhalten / kamen auch in aller Stille vor des Wirthes Kammerthuͤr / da hoͤreten ſie / wie die Frau mit dem Manne expoſtulirte. Was / ſagte ſie / du ehrvergeſ - ſener Vogel / wilſtu wieder aus dem Hauſe lauffen / und mir die ſchweren Hausſorgen al - lein auf dem Halſe laſſen? Haͤtten dich die kah - len Schuͤffte vor 2. Jahren gemiethet / ſo moͤch -ten18ten ſie dich heuer vor einen Boten gebrauchen. Jetzt biſtu mein Mann / und deſſentwegen hab ich dich in die Guͤter einſitzen laſſen / daß du mir pariren ſollſt. Oder haͤtteſtu wollen ein Landlaͤuffer werden / ſo haͤtteſtu eine Marcke - tener-Hure moͤgen ausſuchen / ich haͤtte doch wohl ſo einen nackichten Bernheuter gekriegt. Daß dich botz Regiment! mache mir es nicht zu bund / ſonſt werden meine Naͤgel mit dei - nem Hurenſpiegel treffliche Cameradſchafft machen. Gelt! du haſt Blaubeltzgen im war - men Bade lange nicht beſucht? du elender Teufel / wenn du deine Haußarbeit recht ver - ſorgen koͤnteſt! Hier fiel ihr der Mann in die Rede; ach hertzallerliebſte Frau / ſagt er / war - umb erzuͤrnet ihr euch doch uͤmb ſo eine gerin - ge Sache / ihr wiſſet ja / daß ihr allzeit darauff kranck werdet. Soll ich nicht mitreiſen / ſo ſagt mir es nur mit guten / ich will von Hertzen gern zu Hauſe bleiben / thut nur eurer Geſund - heit keinen ſolchen Schaden. Ach du Hunds - ꝛc. fing ſie hingegen an / du haſt es wohl ver - dient / daß ich dir viel gute Worte geben ſoll / wie lange hat das lauffen nun gewaͤhret / und wielange ſoll ich dein Schaubhuͤtgen ſeyn / der Hencker dancke dirs / daß ich mir deinetwegen das Hertze und das Leben abfreſſen muß / und rede mir nur kein Wort darzwiſchen / ſonſtenwol -19wollen wir ſehen / wer Herr im Hauſe iſt. Du Bettelhund / wer wareſtu / als du in deinem lauſichten Maͤntelgen angeſtochen kameſt / da dir das Hemd zu den Hoſen herauß hieng / und da dir der Steiß auf beyden Seiten herauß guckte / haͤtteſtu auch einen blutigen Heller ge - habt / wenn man dich haͤtte zu Boden geworf - fen? Wer hat dich denn nun zum Manne ge - macht / du Eſel / als eben ich? Und wer hat dir beſſere Macht Ohrfeigen zu geben / als eben ich? Der Mann wolte etwas reden / aber es fing abſcheulich an zu klatſchen / daß die Zuhoͤ - renden geſchworen haͤtten / der gute Kerle be - kaͤme Maulſchellen / da da / du Berenhaͤuter / rieff ſie / da haſtu Geld auf die Reiſe / du ver - lauffener Schelm / da haſtu die Lauge zum warmen Bade / warte / ich will dir den Kopff mit der Mandel-Keule wieder abtrocknen. Der Mann muckste kaum dargegen / nur biß - wei’en murmelte er dieſe Worte: o meine guͤldene hertzallerliebſte Frau / was hab ich deñ gethan? Endlich als das Gefechte lang genug gewaͤhret / und viel leicht feꝛtge Worte vergoſſẽ worden / ſagte die Frau: das ſoltu wiſſen / du eingemachter Eſelskopff / daß ich dich nicht weg ziehen laſſe / und damit du zu Hauſe blei - ben muſt / ſiehe ſo wil ich dir Schuh und Struͤmpfe verſtecken / und ſolſtu morgen dengan -20gantzen Tag zur Straffe barfuß gehn. Hier - mit kam ſie an die Thuͤre / und wolte die Struͤmpfe herauß tragen / da riß die Com - pagnie wieder aus / und verfuͤgte ſich in die Schlaff-Kammer. Nun haͤtten ſie ſich ger - ne uͤber den Narren verwundert / aber uͤmb den Schlaff nicht zu verſtoͤren / verſparten ſie ſolches biß auf den andern Tag / gaben unter - deſſen dem Mahler Befehl / ſich mit den Far - ben fertig zu halten / wenn er unverſehens den elenden Sieman abmahlen muͤſte.
Fruͤh morgens gieng der gute Mann mit ſeinen Grillen zu Rahte / wie er ſich doch gut genug entſchuldigen moͤchte / wenn er von Gaͤſten zur Reiſe gefordert wuͤrde / vornem - lich ſchaͤmte er ſich vor den fremden Leuten mit nackichten Beinen zu erſcheinen / und gleich - wol kunte er die Sache nicht aͤndern / doch zu ſeinem Gluͤcke ſaß der Mahler in der Stube / und machte die Farben zu rechte / der hatte nun etwas in der Kam̃er oben vergeſſen / und wolte es holen / indeſſen wiſchet der Wirth uͤber die ſchwartze Farbe / und beſtreichet ſich die bloſſen Beine uͤber und uͤber / daß zehen Blinden haͤt - ten ſollen voruͤber gehen / und nicht anders dencken / es waͤren rechte nette Engliſche Struͤmpfe. Jn ſolchem Ornat ſteckte er die Fuͤſſe in die Pantoffeln / und ſprachſei -21ſeinen Gaͤſten zu / fragte wie ſie geſchlaffen / und ob ſie geſonnen / nach dem warmen Bade zu reiſen; Es ſey ihm hertzlich leid / daß ſeiner Liebſten dieſe Nacht ein ſchwerer Fluß auf die Bruſt gefallen / und er ſelbſt gezwungen wuͤr - de hier zu bleiben / und der annehmlichen Ge - ſellſchafft zu entrathen. Solche entſchuldi - gung wurde leicht angenom̃en / und nachdem das Fruͤhſtuͤck verzehret / und der Wirth be - zahlet / namen ſie einen andern Wegweiſer / und reiſeten auf erwehntes warmes Bad zu. Unterwegens fieng Florindo an: Jſt dieſes nit ein Anblick von einem rechtſchaffenem Haupt - Narren / daß ein Mann / der doch wohl in der Welt fort kom̃en koͤnte / uͤm einer eiteln und verdrießlichẽ Nahrung willẽ / ſich mit einer ſol - chen Vettel verkuppelt / und ſich zu einem ewi - gen Sclavẽ macht. Und iſt es nicht ein gedop - pelter Narr / daß er ſich ſo eine matte krancke Fraulaͤſſet Ohrfeigẽ gebẽ / und ſchmeiſt die alte Hexe nicht wieder / daß ihr alle drey Zaͤhne vor die Fuͤſſe fallen / da geht nun der arme Don - ner / in ſeinen geſchwaͤrtzten Beinen / und wer weiß / wie ihm das Mittagsmahl bekommen wird. Der Hoffmeiſter gab ſein Wort auch dazu / doch war dieſes ſeine Erinnerung / man ſolte ſich uͤber den erſten Narren nicht zu ſehr verwundern / es moͤchten noch groͤſſere kom̃en /bey22bey welchen man die Verwunderung noch mehr von noͤthen haͤtte. Es waͤhrete auch nicht lange / ſo kamen ſie an ein Dorff / da ſahen ſie / daß ein groſſer Zulauff von Leuten war / ſie eileten hinzu / und befunden / daß ein Mann / der ſonſt / den Kleidern nach / erbar genug war / ſeine Frau bey den Haaren hatte / und ihr mit einem Bruͤgel den Ruͤcken mit aller Leibes - Macht zerklopffte. Sie lieſſen die zween un - gleiche Federfechter von einander reiſſen / und fragten / was er denn vor Urſache haͤtte / mit ſeiner Frau ſo unmenſchlich umzugehen. Ach ihr Herren / ſagte der Kerle / ich bin ein Spi - tzen-Haͤndler / da hab ich bey einem vorneh - men Junckern einen guten Verdienſt gehabt / und ſoll mir nur die Frau / die loſe Beſtie / den Gefallen thun / daß ſie ſpraͤche: nun Gott Lob und Danck / daß die Spitzen verkaufft ſind. Aber der Hencker hohlte ſie / ehe ſie mir zu Lie - be das Wort ſagte / und doch muß ſie noch ſo ſagen / und ſolt ich ihr den Hals in zehen Stuͤ - cke brechen. Hierauff fragte Eurylas die Frau / warum ſie ſo widerwaͤrtig waͤre / da ſie doch mit leichter Muͤh dieſem Ungluͤck entlauf - fen koͤnte. Ach! ſagte ſie / es waͤre viel davon zu reden / wer alles erzehlen ſolte / wenn mein thummer Haus-Elephant den Narren in Kopff bekom̃t / ſo muß er was zu zancken ha -ben /23ben / und wenn er die Urſache von Zaune bre chen ſolte. Es iſt ihm nicht uͤmb die liebe Gottesfurcht zu thun / haͤtte ich ſo geſagt / ſo waͤre was anders herauß kommen. Gelanor verſetzte / gleich wohl haͤtte ſie das Wort leicht nachſprechen koͤnnen / und alſo waͤre ſie deſto mehr aus der Schuld geweſen / wenn ihr her - nach etwas ungebuͤhrliches waͤre zugemuthet worden. Ja woht / ſagte ſie / haͤtte ich es nach - ſprechen koͤnnen / wenn ich nicht wuͤßte / was er vor ein liebes Hertzgen waͤre; das iſt der Maͤnner Gebrauch / ſie fordern ſo viel von den Weibern / biß es unmoͤglich zu thun / und der - halben iſt dieſe am kluͤgſten / die im Anfange ſich nicht laͤſt zum Narren machen. Wer a. ſpricht / ſoll auch b. ſprechen / und das will ich meinem Kerl nimmermehr weißmachen / daß er mich das gantze A. b. c. durchfuͤhren ſoll. Hierauff ritte Florindo fort / und ſagte zu ſei - nen Gefaͤhrten / es verlohne ſich nicht der Muͤh dem Lumpen-Geſinde zuzuhoͤꝛen / doch gab Ge - lanor dieſe Anmerckung darzu / es waͤre nicht eine geringe Narrheit mit untergelaufen: denn / ſagte er / ſolte der Mann nicht mit dem ſchwachen Werckzeuge Geduld haben / und wann er in der Weiber Gemuͤthe einige Ver - drießligkeit befuͤnde / ſolte er nicht vielmehr auf Mittel und Wege dencken / ſie zu beguͤtigen /als24als daß er einen Teufel heraus und zehen hin - gegen wieder hinein ſchlaͤgt. Er muß ſie doch einen Weg wie den andern umb ſich leiden / und wer wird mit ihrer Bosheit aͤrger ge - ſtrafft / als der Mann ſelber. Eine geringe Schwachheit wolte er nicht vertragen / nun muß er eine uͤbermaͤßige Boßheit einfreſſen / und kommt ſo zu reden auß dem Staube in die Muͤhle / aus dem Regen in die Trauffe. Es iſt nicht ohn / Alexander M. beim Curtio hat es auch vor gut erkannt / daß ein Mann ſeine Frau ſchlagen moͤchte: allein es bleibet doch dabey / was ein vornehmer Conſiſtorial Rath geſagt: wer die Frau ſchlaͤgt / der iſt ein elen - der Mann; wer ſie aber aus geringen Uhrſa - chen ſchlaͤgt / der iſt gedoppelt elende.
Jn dergleichen Diſcurſen hielt ſich die Com - Pagnie auf biß ſie vor das Staͤdtgen gelan - geten / allwo des Wirthes Auſſage nach das warme Bad anzutreffen war: Nun hatten ſich eben viel Leute eingefunden / welche die Fruͤlings-Cur daſelbſt gebrauchen wolten / daß alſo wegen der Quartiere groſſe Ungele - genheit war. Nach vielen Bemuͤhungen ka - men ſie bey einem Prieſter in das Loſament / und funden einen vornehmen Cavallier, der ſich mit ſeiner Liebſte etliche Stunden zuvor eben in ſelbigem Hauſe einquartieret hatte. Sie25Sie machten bald Bekandſchafft / und be - ſchloſſen die Mahlzeit beyſammen einzuneh - men / inzwiſchen ließ Florindo einen Becher Wein langen / und brachte dem unbekanten Cavallier eins auf Geſundheit zu: Allein wie er darnach greiſſen wolte / kam die Liebſte dar - zwiſchen / ach mein Engel / ſagte ſie / was will er mit dem ungeſunden Wein in dem Leibe / er gedencke doch / daß er durch einen jedweden Becher etliche Tage von ſeinem Alter / und noch einmahl ſo viel Bluts-Tropfen von mei - nem Hertzen abſauffen muß. Ach er thu den Becher weg! Er ſchuͤttelt den Kopff / und gab zur Antwort: meine Frau / das iſt kein uͤberfluß / wenn man vornehmen Leuten zu beſtaͤtigung fernerer Bekandſchafft einen erleidlichen Eh - ren-Becher beſcheid thut / ich werde darum weder eher noch langſamer ſterben / ob ich den Becher trincke oder auf die Erde gieſſe. Gleich - wohl dieſer Worte ungeacht / grieff ſie noch haͤrter zu / und bat ihn / er ſolte doch ſeine Liebſte bedencken / welche ſeine Geſundheit ſo genau und ſorgfaͤltig in Acht nehme. Kurtz von der Sache zu reden / ſie brachte ihm ſo viel bewe - gliche Worte fuͤr / fing auch ein bißgen an zu weinen / daß der gute Herr ſich muſte gefan - gen geben; und ſolches that ſie ohn unterlaß / wenn er einen Biſſen wider ihren Willen eſ -Bſen26ſen’oder ſonſt was vornehmen wolte / das ihr nicht annehmlich war. Recht laͤcherlich ſtund es / als in waͤhrender Mahlzeit ein Mahler kam / und allerhand Schildereyen zu verkauf - fen hatte. Denn als die andern etwas von ihrem Gelde anlegten / und dieſer eines Stuͤ - ckes gewahr wurde / auf welchen die Einneh - mung der groſſen Chineſiſchen Mauer abge - bildet war / beliebte er es zu kauffen. Es mag ſeyn / daß er ſich in das Bild verliebte / oder auch daß er in der Geſellſchafft nicht wolte vor karg angeſehen werden. Doch ſchlug ſich die Liebſte bald ins Mittel / und beredete ihn wun - derli[che]Haͤndel. Er ſolte doch ſehen wie die Farben ſo unſcheinbar auffgetragen / wie es hin und wieder ſchon auffgeſprungen / er waͤre gewiß etliche Jahr ein Ladenhuͤter geweſen / nun kaͤme er und ſuchte einen Narren / der es uͤber der Mahlzeit in voller Weiſe behalten moͤchte. Sie wuͤſte einen Mahler / der haͤtte Stuͤcke / denen nichtsfehlte als das Leben / und welchen andre Taffelkleckereyen nicht das Waſſer reichten. Uber dieß waͤre es Schan - de / daß er ſeine ſchoͤne Ducaten und Reichs - thaler vor ſolchen Lumpenzeug ſolte hinſchleu - dern / wenn es noch Doppel-Schillinge oder kuͤpfferne Marien-Groſchen waͤren / deren man ohn dieß gern wolte loß ſeyn. SummaSum -27Summarum / er durffte das Bild nicht kauf - fen. Nach verrichteter Mahlzeit zog Gela - nor den Florindo auf die Seite / und fragte ihn / ob er auch den abſcheulichen Narren in Acht genommen. Ach / ſagte er / iſt das nicht ein Muſter von allen elenden Sclaven. Das Weib ſtehet in ſolcher Furcht / daß ſie im Ern - ſte nichts begehren darff / und gleich wol kan ſie unter dem Schein einer demuͤtigen und unter - thaͤnigen Bitte ihre Herrſchafft gluͤcklich ma - nuteniren. Von groſſen Herren iſt das Sprichwort / wenn ſie bitten / ſo befehlen ſie: aber es ſcheint / als wolte ſolches auch bey dieſer Frau wahr werden / und alſo iſt ein ſchlechter Unterſcheid / ob ſich der Mann befehlen laͤſt / oder ob er in alle Bitten willigen muß. Flo - rindo, der allezeit die Helffte von den Gedan - cken bey ſeiner Liebſten hatte / fiel ihm in die Re - de / und wolte erweiſen / daß alles aus reiner und ungefaͤrbter Liebe geſchehen / und alſo der Mann waͤre ſtraffwuͤrdig geweſen / wenn er ſolch freundlich Anſinnen durch rauhe und un - barmhertzige Minen von ſich geſtoſſen haͤtte. Allein Eurylas fing hefftig an zu lachen / und fragte / ob er nicht wuͤſte / daß keine Sache ſo ſchlimm waͤre / die ſich nicht mit einem erbah - ren Maͤntelgen bedecken lieſſe. Man duͤrffe denſelben nicht alſobald vor einen Engel desB ijLichts28Lichts anſehen / welcher dem aͤuſſerlichen Scheine nach alſo verſtellet waͤre. Die Liebe beſtuͤnde in dem / daß beyderſeits ein glei - cher Wille in gleicher Freyheit gelaſſen waͤre: nun aber ſey der gute Mann mit ſeinem Wil - len dermaſſen gebunden / daß man nothwendig ſchlieſſen koͤnte / dem Weibe ſey es nicht darum zu thun / daß ſie dem Manne viel nach ſeiner In - clination machen wolte. Bey dieſen Wor - ten kam der Prieſter / dem das Hauß gehoͤrte / in das Zimmer hinnein getreten / und legte ſei - ne Complimente ab / ſie ſolten in der wenigen Bequemligkeit vorlieb nehmen / und nur be - fehlen was ſie begehrten. Hierauff geriethen ſie in ein Geſpraͤche / und fragte Florindo, wer denn der unbekante Gaſt ſey? Der Prieſter gab zur Antwort / es waͤre ein vornehmer Mann / habe ſich vor dieſem in hohen Fuͤrſtli - chen Dienſten auffgehalten / es ſey ihm aber der Neid zuwider geweſen / daß er nun von ſeinen Renten leben muͤſſe. Jtzt ſey er meh - rentheils wegen ſeiner Liebſten in das warme Bad gezogen / als welche verhoffte hiedurch fruchtbar zu werden. Florindo fragte in ſei - ner Einfalt / ob denn das Waſſer ſolche Krafft haͤtte / doch halff ihm Gelanor bald auß dem Traume / indem er ſagte / thuts das Bad nit / ſo thuns die Badgaͤſte. Der Prieſter ſtellteſich29ſich / als verſtuͤnde er die Rede nicht / und nahm bald Abſchied / mit wiederholter Bitte / das Loſament nach ihrem Willen zu brauchen Da gieng es nun an ein Lachen / uͤber die Frucht - barkeit des Weibes / die nicht viel anders auß - ſah / als ein alter Meeraffe / und konte man faſt errathen / warum der Mann ſeine hertzaller - liebſte Gemahlin nicht gern erzuͤrnen wolte / in - dem er ohn allen Zweifel die Beyſorge haben muſte / als moͤchte ſich die angefangene Frucht - barkeit durch den Zorn wieder zerſchlagen. Abſonderlich wuſte Eurylas, der alte durch - triebene Suſannenbruder / viel Hiſtorien auf dieſen Schlag beyzubringen. Es habe ein - mahl eines Schiffers Frau an ihren Mann ſo hertzinniglich gedacht / und in ſolchen Gedan - cken habe ſie einen Eißzapffen vom Roͤhr-Ka - ſten abgebrochen und verſchluckt / alſo daß ſie bloß von dieſer Einbildung durch Huͤlffe des Eißzapffens ſchwanger worden / und ein arti - ges ſchoͤnes weißhaͤriges Knaͤbgen an die Welt gebracht. Eine andere habe nur auf ihres abweſenden Mannes Geſundheit ge - truncken / und alſobald haͤtte ſie den Segen ihres Leibes empfunden. Wieder eine an - dere haͤtte ſich an Hechts-Lebern / und noch eine andre an Heringskoͤpffen fruchtbar gegeſſen. Endlich kam die application, die gute FrauB iijmuͤſte30muͤſte gewiß ſolcher Mittel nicht kundig ſeyn / daß ſie alles ſo auff eine weitlaͤufftige Reiſe haͤtte ſpielen muͤſſen / und würde genau ein Trinckgeld zu verdienen ſeyn / wenn iemand ein ſolches probatum eſt dem alten Herren er - oͤffnen wolte. Mehr dergleichen Haͤndel ka - men vor / als der Mahler dem Florindo einen project vorſtellete / was er auf ſeine ledigen Tafeln vor Narren wolte mahlen laſſen. Jm erſten Bilde war eine Frau / die ritte auf einem Mann / dem Eſels-Ohren angehefftet waren / mit dieſer Uberſchrifft:
Auf der andern war ein Mann / der ritte auf der Frauen / und ſtach ihr die Sporn weidlich in die Ribben / mit dieſer uͤberſchrifft:
Auf der dritten war ein Reuter / der keinen Zaum in der Hand hatte / mit dieſer uͤber - ſchrifft:
Doch kommt er nur dahin / wohin der Gaul begehrt.
Florindo ſahe die Kunſtſtuͤcke mit ſonder - lichen Freuden an / und vermeinte nun / es waͤre ſeine muͤhſame Reiſe glücklich abgelauffen / und wuͤrde er nun innerhalb 14. Tagen ſeine Lieb - ſte zu ſehen bekommen. Aber Gelanor halff ihm bald aus dem Traume / es waͤre noch lan - ge nicht an dem / daß er von dem aͤrgſten Nar - ren in der Welt urtheilen koͤnte / ob er ſchon et - liche Proben von rechtſchaffenen Weiber - Narren angetroffen haͤtte. Er muͤßte noch weiter dran / ehe er die Zahl auf neun und neuntzig braͤchte. Ja Eurylas brachte einen artigen Poſſen zu Marckte / Jn Warheit / ſag - te er / Monſ. Florindo, wo er ſich ſeine Liebſte zu ſehr einnehmen laͤſt / ſo muͤſſen wir uͤber die drey Felder noch eines bauen / da er hinein ge - mahlt wird. Gelanor lachte und bot ſich an die Uberſchrifft zu machen: Der Mahler ſelbſt trat ihm ins Geſichte / als wolte er ſchon auf den Grund-Riß ſtudiren Mit einem Worte / der Haͤndel wurden ſo viel / daß Florindo zu - ſagte / er wolte die Liebſte zu Hauſe des ihrigen gern warten laſſen / ſie ſolten ihn nur nicht in das Narren-Regiſter mit einſchreiben / wegen der Reiſe moͤchte es nach ihrem Gefallen lang oder kurtz waͤhren.
B jvCAP. 32FOlgenden Tag wolten ſie zur Kurtzweil ſich des Bades gebrauchen / und gingen alſo etliche Stunden vor Mittage fein ge - mach dahin. Nun meinte Florindo, weil in ſeinem Dorffe alle Baurn-Jungen den Hut vor ihm abgezogen / ſo muͤßte ihm die gantze Welt zu Fuſſe fallen / derhalben als ihm eine bequeme Stelle gefiel / welche aber allbereit von einem andern eingenommen war / begehrte er von ihm / er ſolte doch auffſtehen. Dieſer gab ihm eine hoͤniſche Mine / und ſagte nichts mehr als: Monſieur, kan er warten? Florindo blieb ſtehen und vermeinte auf ſo eine gute Selle waͤre noch wohl zu warten; allein wie ihm die Zeit etwas lang ward / fragte er noch einmahl / wie lang er warten ſolte / der ſagte nichts dar - auf / als: er warte ſo lang es ihm beliebt / Flo - rindo ſchuͤttelte den Kopff und beteurte hoch / er haͤtte ſich dergleichen Unhoͤfligkeit nicht verſehen. Jndem kam der Hoffmeiſter dar zu / und hielt ihm verweißlich vor / warum er mit aller Gewalt in das Narren Regiſter wolle geſetzt ſeyn / es waͤre hier ein freyer Ort / da die Erſten das beſte Recht haͤtten / und da nie - mand des Andern Unterthan waͤre. Was? ſagte Florindo, ſoll einer von Adel nicht beſſer reſpectirt werden / als auf dieſe Weiſe? werweiß33weiß ob der lauſigte Kerle ſo viel Groſchen in ſeinem Vermoͤgen hat / als ich 1000. Thaler? Gelanor ſchalt ihn noch haͤrter / mit der Be - dꝛauung / er wolle gleich nach Hauſe reiſen / und ſein Bildniß drey fach abmahlen laſſen / er wuͤ - ſte nicht / was hinter dem unbekandttn Men - ſchen waͤre / und ſolte er ſich gegen der Freyheit dieſes Ortes bedancken / daß jener nicht Gele - genheit zu fernerer action gehabt. Was ge - ſchach / Florindo war mit dem Hoffmeiſter uͤ - bel zufrieden / und ſtellete ſich / als haͤtte er ſchlechte Luſt zu baden / gieng auch mit einem Pagen hinauß. Der Unbekante / der von ihm ſo uͤbel angelaſſen war / und ſich nur vor dem Orte geſcheuet hatte / Haͤndel anzufangen / folgete ihm auff dem Fuſſe nach / rencontrirte ihm auch in einen Gaͤßgen / da wenig Leute zu gehn pflegten; da gab es nun kurtze Compli - menten / ſie griffen beyde zum Degen / und machten einen abſcheulichen Lermen / daß das Geſchrey in das Bad kam / es waͤren zween frembde Kerlen an einander gerathen / die wol - ten einander die Haͤlſe brechen. Gelanor fuhr geſchwind in ſeine Kappe / und eilte hin - auß / da er denn ſich eyfrichſt bemuͤhete / Friede zu machen. Jedennoch weil der anders auch ſeinen Beyſtand erhielt / konte die Sache an - drs nicht vertragen wer den / als daß ſie zu -B vſam -34ſammen auf einem Platz vor dem Thore re - venge ſuchten. Was wolte der Hoffmeiſter thun / der Karren war in den Koth geſtoſſen / und ohne Muͤh konte man nicht zuruͤcke. Der - halben blieb er bey der Reſolution, und hatte Florindo das Gluͤck / daß er im dritten Gange dem unbekanten Eiſenfreſſer eines in den Arm verſetzte. Darauff ward die Sache vertra - gen / und ob zwar der Beſchaͤdigte ſich vorbe - hielt weitere ſatisfaction zu ſuchen / gab ihm doch Gelanor hoͤfflich zu verſtehen / er wuͤrde nicht begehren / daß ſie als reiſende Perſonen ſeinetwegen etliche Wochen verziehen ſolten: ſie wuͤrden inzwiſchen niemahls vor ihm er - ſchrecken / und allezeit parat ſeyn ihm auffzu - warten / hiermit verfuͤgte ſich ein ieder nach Hauſe / und gieng Florindo mit ſeiner Geſell - ſchafft wieder in deß gedachten Prieſters Lo - ſament. Nun hatte der Prieſter von dem gantzem Handel ſchon Nachricht bekommen / und als ſie zu der Mahlzeit eilten / und den Wirth gern bey ſich haben wolten / hatte er gu - te Gelegenheit davon zu reden. Florindo zwar ließ ſich / als ein tapfferer Cavallier herauß / er ſey noch ſein Tage vor keinem erſchrocken / wolle auch ins kuͤnfftige in kein Maͤuſeloch kriechen. Galanor gieng etwas gelinder / und vermeinte es waͤre eine ſchlechte Ehre nachStreit35Streit und Schlaͤgen zu ringen / doch haͤtte es bey denen von Adel die Beſchaffenheit / daß ſie auch wider ihren Willen ſich offt einlaſſen muͤſſen / denn / ſagt er / es glaubt kein Menſch / wie weh es thut / wenn man aus einer ehrlichen Compagnie geſtoſſen / oder zum wenigſten in derſelben ſchlecht reſpectirt wird. Und gleich - wohl iſt es leicht geſchehen / daß einer zur acti - on genoͤthiget wird / und alſo entweder auf dem Platz erſcheinen / oder den garſtigſten Ti - tel von der Welt davon tragen muß. Hier - auff kam die Reih an den Prieſter / der bat / ſie moͤchten ihm zu gute halten / wofern er ſeine Gedancken etwas freyer eroͤffnen wuͤrde. Jch vor meine Perſon / ſprach er / halte diß vor die hoͤchſte Thorheit / daß einer nicht anders als im duelliren ſeine Revenge ſuchen will / denn ich will nicht gedencken / wie gefaͤhrlich man Leib und Leben / ja ſeiner Seelen Seligkeit in die Schantze ſchlaͤgt; indem ich wohl weiß / daß viel Politici dergleichen Pfaffen-Haͤndel nicht groß achten / und iſt mir ein vornehmer Offi - cirer bekant / welcher von einem Geiſtlichen gefragt / ob er nicht lieber auf dieſer Welt wol - te ein Hunds ꝛc. ſeyn / als daß er ewig wolte verdammet und alſo / in erwegung der unend - lichen Schmach ein ewiger und hundert tau - ſentfaͤchtiger ꝛc. werden: Dennoch die vermeſ -B vjſene36ſene Antwort von ſich hoͤren laſſen / er wolle lieber verdammt ſeyn / als ſolchen Schimpff ertragen. Nun darff ich vielweniger auf die ſcharffen Edicta trotzen / welche numehr faſt in allen Laͤndern und Koͤnigreichen wider die Duellanten promulgirt ſeyn. Angeſehn / heutiges Tages die beſte Freyheit iſt / wider die Geſetze zu ſtreben. Und uͤber diß alles Fuͤr - ſten und Herren ſelbſt / ob ſie ſchon die Sache verbieten / dennoch von einem Edelman am meiſten halten / der ſich brav relolvirt erwie - ſen hat. Es komme nur einer / und klage uͤber eine affront, die er ſonſt mit dem Degen auß - fuͤhren ſolte / und ſehe darnach / ob er zu Hofe werde ſonderlich reſpectirt werden. Nur die - ſes ſcheinet wider die klare und helle Vernfft zu lauffen / daß derjenige / welcher ſich raͤchen will / ſeinen Gegner ſo viel in die Haͤnde gibt / als er ſelbſt kaum hat / dannenhero es offt ge - ſchicht / daß der Beleidigte mit einer drey - oder vierfachen Beleidigung wieder zu Haufe koͤmmt. Man ſehe das gegenwaͤrtige Exem - pel an / Monſ. Florindo hat ohne Zweifel Ur - ſach genug gegeben / in ſolchen Streit zu gera - then: aber waͤre der gute Kerl mit ſeiner klei - nen Injurie zufrieden geweſen / ſo duͤrffte er ietzt nicht etliche Wochen in des Barbierers Gewalt liegen. Bey den alten Teutſchen / wel -che37che noch im blinden Heidenthum lebten / war es kein Wunder / daß dergleichen Duell ge - hegt wurden; denn ſie ſtunden in dem Aber - glauben / als muͤſte bey der beſten Sache auch nothwendig das beſte Gluͤck ſeyn. Nun aber wir Chriſten aus der hellen Erfahrung ver - gewiſſert ſind / daß offt die aͤrgſten Zaͤncker und Staͤncker denen unſchuldigſten und froͤmſten Leuten uͤberlegen ſeyn / und daß mancher an ſtatt geſuchter ſatisfaction ſein Leben in die Schantze geſchlagen / ſo ſcheinet es ja wunder - lich / daß man noch ferner in ſeine eigene Ge - fahr hinein rennen will. Da waͤre es eine Sache / wenn der provocant ſeine drey Kreutz - hiebe auf gut Schweitzeriſch duͤrffte vorauß thun / als denn moͤchte es zu gleichen Theilen gehen. Gelano[r]fing ihm dieſe Rede auf / und ſagte / ihr Herren Geiſtlichen / ihr habt gut re - den / indem ihr auf euren Hartzkappen das privilegium habt / daß ihr euch nicht wehren duͤrfft / und man hat es nun erfahren / daß es groſſẽ Doctoribus nichts am Handwerck ſcha - det / weñ ſie ſich gleich unter einan der Schelm und Diebe heiſſen. Tu, ſi hic eſſes, aliter ſen - tires. Es muß wohl mancher mit machen / der ſonſt ſchlechte Luſt darzu hat. Die Ge - wonheit iſt ein ſtarcker Strom / dem ein ſchlech - ter Baum nicht widerſtehen kan. Der Prie -B vijſter38ſter ſagte / er wiſſe wohl / daß ſolches die allge - meine Entſchuldigung waͤre / aber weñ gleich - wol einer daruͤber zum Teufel fuͤhre / was wuͤrde ihm ſolche hergebrachte Gewonheit helffen. Gelanor ließ ſich hierauff in die recht - Chriſtlichen Worte heraus: Freylich iſt man - cher in dieſer Gefahr umkommen / und ſieht dannenhero ein Edelmann / was ihm fuͤr Netz und Stricke geſtellet werden / darunter ein ge - meiner Mann leicht hinkrichen kan. Doch der Gott / der uns zu ſolchen Leuten gemacht hat / kan auch alle Gefahr abwenden / wol dem / der ſich mehr auf ein fleißig Gebet / als auf eine lange Spaniſche Klinge verlaͤſt. Und haͤtte ich an des obgedachten Officirers Stelle die Frage ſollen beantworten / ob ich lieber zeitlich oder ewig wolte ein ꝛc, ſeyn / ſo haͤtte ich geſagt. ich wolte Gott bitten / daß er mich vor beyden behuͤten / und mir dort das ewige Leben / hier aber einen ehrlichen Namen / als das beſte Kleinod / geben wolle. Kaum waren die Wor - te geredet / als ein Diener gelauffen kam / mit Vermeldung / der im Duell beſchaͤdigte Mẽſch gehoͤre einem Graffen zu / welcher dieſen Schimpff nicht leiden wolle / auch die Obrig - keit ſchon erſucht habe / ſie mit allen Helffers - Helffern in Arreſt zu nehmen; was ſolte Flo - rindo machen / er erſchrack / und haͤtte ſeinenHoff -39Hoffmeiſter gern uͤmb Rath gefragt / wenn er nicht alles wider ſein treuhertzig Vermahnen veruͤbet haͤtte. Der Prieſter wuſte den be - ſten Rath / der ſagte / ſie ſolten unverwandtes Fuſſes durchgehen / und an einem Orte ſich verſichern / da der Graffe wenig ſchaden koͤnte. Alſo packten ſie uͤber Hals uͤber Kopff zu ſam - men / und eilten durch des Prieſters Garten heimlich zum Staͤdtgen hinauß. Ob nun die Obrigkeit nach ihrem Abſchied den Arreſt angekuͤndiget / oder nicht / darum hat ſich nie - mand von unſern reiſenden Perſonen biß auf dieſe Stunde im geringſten nicht bekuͤmmert.
SO reiſet nun die Narrenbegierige Com - pagnie dahin / und wußte ſich ſehr viel / dz ſie ein Recommendation-Schreiben von dem Prieſter mit nehmen kunten / an einen vorneh - men Mann / welcher in der nechſten Stadt vor den Gelehrteſten im gantzen Lande gehalten wurde. Sie ſahen ſich auch unterwegens uͤmb / aus Furcht / die Haͤſcher und Landknechte moͤchten hinten nach galloppirt kommen; und legten alſo die vier Meilen gluͤcklich zuruͤcke / daß ſie vor der Sonnen Untergang in die Stadt gelangtẽ. Sie fragtẽ nach dem beſten Wirthshauſe / und als ſie ein Loſamẽt gefun - den / auch die Abend-Mahlzeit beſtellen laſſen /kam40kam ein fremder Kerle / der von auſſen Anſe - hens genug hatte / einen Candidatum Juris, oder wohl gar einen Graͤfflichen Gerichts - Verwalter zu bedeuten / dieſen hieß der Wirth alſobald wilkommen ſeyn / fragte ob er nicht ſeinen Verrichtungen ſo viel abbrechen koͤñte / den vornehmen Gaͤſten Geſellſchafft zu leiſten. Er wegerte ſich anfangs / es waͤre gleich Poſt - Tag / da er warten muͤſſe / ob nicht Brieffe von ſeinem Principalen ankaͤmen: Doch habe er ſeinem Secretario Befehl gegeben / im Poſt - hauſe nach zufragen / und koͤnne er endlich ſo lange / und nicht weiter verziehen. Hierauff bat der Wirth / ſie moͤchten ſich nicht laſſen zu - wider ſeyn / daß / in dem er ſelbſt ab und zuge - hen muͤſſe / er einen andern zum Wirth ge - macht haͤtte. Nun ſchiene der Kerle anfangs trefflich reputirlich / daß dem Hoffmeiſter ſelbſt angſt war / ob er den ſtattlichen qualificirten Menſchen hoch genug reſpectiren wuͤrde. Er ſchwatzte von lauter Staats-Sachen / und ſetzte zu allen Erzehlungen ſolche artige Poli - tiſche Regeln / wuſte darneben hoͤffliche Schertzreden mit einzumiſchen / daß man ge - meynet haͤtte / er muͤſte einen Reichs-Rath in dem Leibe haben. Niemand aber hatte das Hertze zu fragen / was er vor eine Charge be - diente / weil er alle ſeine Reden ſo einrichte -te /41te / als ſolte man an ſeinem Maule anſehen / was er vor ein Miraculum hujus ſeculi waͤre. Endlich als er etliche Becher Wein auf das Hertz genommen hatte / gab er ſich bloß / daß er einen Sparren zu wenig / oder mehr als einen zu viel / haben muͤſſe. Denn da ließ er ſich in wunderliche diſcurſen heraus. Jch lache / ſagte er / wenn ich die Schwachheiten anſehe / die in den vornehmſten Republiqven vorge - nommen werden. Zwar die Potentaten ſind ſelbſt Urſache daran. Einen Kerlen / der nicht weiß was vor ein Unterſcheid iſt inter Rem - publicam Laconicam aut Æſymneticam, und der nicht einmal ſpeculiert hat an, Ariſtocra - tia prævaleat Monarchiæ, den ſetzen ſie oben an / geben ihm Geld uͤber Geld / daß ſie ihn nur gewiß behalten / hingegen wenn ſie ein qualifi - cirt Subjectum meines gleichen nur mit gerin - ger Veſtallung begnadigen ſollen / ſo iſt kein Geld vorhanden. Es tauret mich; daß ich dem Koͤnige in Engeland ſo viel Ehre ange - than / und ihm einmal auffgewartet habe / weit ich nun befinde / daß meine guthertzige Mey - nungen ſo liederlich verworffen worden. Was gilts / haͤtte er mir gefolget / Holland und halb Franckreich ſolte ſein ſeyn / ich rieth / man ſolte einen Damm durch den Canal machen / und nur bey der Jnſul Wicht eine kleine Durch -fahrt42farth laſſen / etwan ſo groß als der Sund in Dennemarck. Zwar die Narren lachten da - ruͤber / und gaben alſo ihren Verſtand an den Tag; daß ſie nicht geleſen / wie der Cardinal Richelieu eben auf ſolche Maſſe die unuͤber - windliche Stadt Rochelle bezwungen. Ach ihr ſtoltzen Hamburger / haͤttet ihr mich zu eu - rem Buͤrgemeiſter gemacht! ietzt waͤre die Farth von Luͤbeck bis in die Elbe fertig / und ſolten die Polniſchen Korn-Schiffe den Zoll / der ſonſt im Sunde abgeleget wird / bey euch bezahlen. Was hilffts? Serò ſapiunt Phryges Jch wolte euch nun nicht kommen / wenn ihr mir die vier Lande darzu ſchencken wolltet. Der Marquis Caracena, das war ein braver Herr / der wuſte was hinter mir war / haͤtten mich ſeine Pagen nicht bey ihm verkleinert / ich wolte ietzt Niederlaͤndiſcher præſident ſeyn: Es ſolte auch ein bißgen beſ - ſer umb die Spaniſche Armee ſtehen. Deñ ich weiß / daß die Catholiſchen und Calvini - ſchen Kinder ohne dieß nicht in den Himmel kommen / drumb haͤtte ich die ſelben nicht tauf - fen laſſen / ſondern haͤtte das gewoͤhnliche Pa - tengeld an die Soldaten verwendet. O Franckreich! wo haͤtteſtu bleiben wollen. Aber ô ihr Chriſten wie gluͤckſelig ſeyd ihr / daß ich ein Gewiſſen habe / ſonſt / wann ich auf vielfaͤl -tiges43tiges Anſuchen deß Tuͤrckiſchen Kaͤyſers waͤre Grandvezier worden / ſo wolte ich in der Ste - phans Kirche zu Wien dem Mahomet zu Eh - ren die kuͤnfftige Pfingſt-Predigt haltẽ laſſen. Doch der Hencker hat die Jeſuiten erdacht / die mich keinmahl vor ihre Kaͤyſerliche Maj. gelaſſen haben. Jch wolte ein Mittel vorge - ſchlagen haben / daß dem Bluthund in Con - ſtantinopel ſolte angſt und bange worden ſeyn. Denn wie leicht waͤre es gethan / daß ein Befehl aus bracht wuͤrde / alle Moͤnche und Nonnen ſolten etliche mal bey ſammen ſchlaf - fen / und Kinder zeugen / darauß in 20. Jahren eine vollſtaͤndige Armee koͤnte formirt wer - den. Es ſchiene / als koͤnte der poſſierliche Sau - ſewind kein Ende finden / ſo ſehr hatte er ſich im diſcurſe vertieffet / doch machte Gelanor einen Auffſtand / welcher einen Boten wegen auf - ſenbleibendes Wechſels noch vor Tages ab - fertigen ſolte. Jnzwiſchen machte ſich Flo - rindo, nach dem er etwas freyere Lufft bekom - men / uͤber den Politicum her / verwunderte ſich uͤber die ſonderbahre Weisheit / und wuͤnſchte ihn zum Hoffmeiſter zu haben. Dem Kerln wackelte das Hertz vor Freuden und weil er ihn vor einen jungen Fuͤrſten hielt / ließ er ſich deſto eher zu ſolcher Charge behandeln. Da gieng es nun an ein Vexieren / er muſte etlichegroſſe44groſſe Humpen auf deß Fuͤſtlichen Hauſes Wohlergehen außſauffen / und dabey mit dem Mahler und etlichen Pagen auf den Tiſch ſtei - gen / biß es endlich auf Naſenſtuͤber und Kopff - ſtoͤſſe hinaus lieff / welche der Auffſchneider ſchwerlich wuͤrde vertragen haben / wenn ihm Florindo nicht ein paar Reichsthaler an den Hals geworffen haͤtte. Doch ſchnitten ihm die Jungen unterſchiedene Loͤcher in die Kap - pe / pinckelten ihm in die Degen-Scheide / heff - teten ihm Haſen-Ohren an die Krempe / mit einem Worte / ſie thaten alles was man bey einem perfecten Hof-Narren nicht zu ver - geſſen pflegt. Mit ſolchen Ceremonien ſchaff - ten ſie auch die volle Sau von ſich / und meyn - te Florindo, er wuͤrde bey ſeinem Hoffmeiſter groſſen Danck verdienen / wenn er ihm fruͤh Morgens die artige Action erzehlen wuͤrde. Aber er muſte wider ſein Verhoffen einen dichten Filtz mitnehmen. Was meynt ihr wohl! ſagte Gelanor, welcher die groͤſte Thor - heit begangen. Der gute Menſch hat frey - lich in das Haſen-Fett tieff genung einge - tuͤtſcht; aber wer klug ſeyn will / hat billich mit deſſen Ungluͤcke Mitleiden / daß er ſeine Ver - nunfft nicht beſſer anwenden kan. So habt ihr das Widerſpiel erwieſen / und habt euch von dieſem Narren ſelbſt laſſen zum Narrenma -45machen. Und dazu was wollet ihr euch ei - ner ſolchen Vexiererey beruͤhmen / da ein ſchlechter und einfaͤltiger Guͤmpel durch gute Worte beruͤcket worden. Dieſe Kunſt haͤtte der ſchlimſte Handwercks-Junge gleich ſo gut zu practiciren gewuſt: wer Auffzuͤge machen will / der wage ſich an verſtaͤndige Leute / die vor uͤbriger Klugheit das Gras wachſen hoͤ - ren; und hat er da was erhalten / ſo will ich helffen mit lachen / und wil ſagen / daß die Pro - be gut abgeleget ſey. Dieſe Predigt haͤtte ohn allen Zweiffel noch laͤnger gewaͤhret / weñ Eurylas nicht erinnert haͤtte / ob ſie bald ihr recommendation-Schreiben an den vorneh - men gelehrten Mann uͤbergeben wolten. Ge - lanor war willig darzu / allein Eurylas gedach - te / er haͤtte den Prieſter bey Vollendung des Brieffes lachen ſehen / und zweifelte alſo nicht / es muͤſte was laͤcherliches darinn enthalten ſeyn. Wenn es ihnen gefiele / er wolte durch ein ſonderliches Kunſtſtuͤcke den Brieff auff und wieder zumachen / daß niemand etwas da - ran mercken ſolte. Nun wolte ſich Gelanor ſchwerlich daꝛzu verſtehẽ / weñ er nicht diß zum Stichblat behalten / auf allen Fall / Wenn der Brieff verderbet wuͤrde / koͤnte man ihn ohne Schaden gar zuruͤcke laßen, Alſo befanden ſie folgends:
Vir46Vir Clariſſime.
Gelanor ruffte hierauff den Florindo auff einem Ort allein / hielt ihm̃ den Brieff vor / er ſolte nun ſehen / ob ſein Thun von allen Leuten gebilliget würde / und ob es eine ſonderbahre Ehre geben wuͤrde / wenn er mit einem ſolchen praͤchtigen Haſen-Titul auffgezogen kaͤme: bat ihn darneben inſtaͤndig / er ſolte ſich der uͤ - bermaͤſſigen Kuͤnheit entſchlagen / und viel - mehr in modeſten und hoͤfflichen Sitten ſeine Ehre ſuchen: Zwar die rechte Warheit zu be - kennen / Florindo haͤtte den geiſtlichen / Va - ter gerne auf die Klinge fordern laſſen / wenn er gekunt haͤtte. Alſo fraß er die kurtze Lection mit aller Gedult in ſich / und begehrte nur / man moͤchte den Brieff zuruͤcke laſſen. Nein / ſagte Gelanor, wie haͤtten wir thun muͤſſen / wenn der Brieff uns nicht waͤre geoͤffnet wor - den / und uͤber dieß wird er weder kluͤger noch naͤrriſcher / ob ihn ein ander einen veraͤchtli - chen Titul auf ſolche Weiſe anhaͤngt / er trach - te vielmehr dahin / daß er den übel informirten Brieffſteller zum Luͤgner mache. Dieſe Zurede nun wuͤrckte ſo viel / daß ſie den Brieffdurch47durch einen Diener hinſchickten / mit vermel - den / es waͤren etliche frembde Leute im Wirthshauſe / welche inſtaͤndig bitten lieſſen eine Stunde zu benennen / an welcher ſie ihm ohn groſſe verhinderniß auffwarten koͤn - ten. Der Gelehrte Mann nahm ſo wol den Brieff / als die beygefuͤgte Complimente mit aller Hoͤff igkeit an / und ſagte / es waͤre ihm allezeit gelegen vornehmen Leuten dienſtfertig auffzuwarten / doch ſolte es ihm lieber ſeyn / wenn ſie nach Tiſche umb 1. Uhr ſich einſtellen wolten. Solche Stunde nahmen ſie in Acht / und gieng Gelanor mit dem Florindo allein dahin / da ſie denn mit vielfaͤltigen Ehrbezeigungen in die wolangelegte Stu - dierſtube gefuͤhret worden / und mit Ver - wunderung anſehen muͤſſen / wie alle Waͤnde mit den ſchoͤnſten repoſitoriis bekleidet / die Buͤcher in lauter Frantzoͤſiſchen Baͤnden mit verguͤldten Ruͤcken außgebutzet / und ſonſt alles ſo zierlich außgefuͤhret war / daß man vermeynte / wenn Apollo ſelbſt da re - ſidiren wolte / ſo wuͤrde ihm das Quartier nit ſchimpflich oder geringe ſeyn. Dazu wuſte der ruhmraͤthige Beſitzer die curieuſen Gaͤſte in ihrer Verwunderung wohl zu unterhalten / denn da zeigte er auf ſeine Buͤcher: dieſes habe ich erſt vor 8. Tagen aus Franckreichbekom -48bekommen: dieſes iſt in Jrrland gedruckt / und bin ich verſichert / daß nur zwey Exemplaria davon in Teutſchland gebracht worden. Die - ſes iſt aus Rom verſchrieben worden / und koͤmmt mich ein iedweder Bogen auf einen halben Reichsthaler zu ſtehen. Hier hab ich etliche unbekante Rabinen / die in Amſterdam gedruckt find. ꝛe. Dieſe demonſtration waͤh - rete laͤnger als eine Stunde / und vergnuͤgte ſich Gelanor an den koſtbahren und gelehrten Raritaͤten / welche er als einen Kern von allen Weltberuͤhmten Buͤchern heraus ſtrich. Ach ſagte er / iſt es auch moͤglich / daß in einem ſol - chen Gemach etwas kan verdrießlich ſeyn. Ach wohl dem / der mit ſo ſchoͤnem Zeitvertreib ſein Leben geruhig und ſelig durchbringen kan. Hierauff begunten ſie des Spatzirens muͤde zu werden / und ſatzten ſich an eine kleine Tafel nieder / da brachte nun Gelanor etliche Fragen auf die Bahn / welche dem groſſen Bi - bliothecario gnug zu ſchaffen machten. Und erkennete dieſer ſchlaue Fuchs endlich / daß der Mann alle ſeine Kunſt in dem erwieſe / wie er Hiſtoricè von dieſem oder jenem Buche reden koͤnte / was vor ein Autor ſolches hervorgege - ben / wo er gelebet / in was vor einem Ehren - Stande er geſeſſen / wo es gedruckt worden / ob einer darwider geſchriben ꝛc. hingegen befander in49er in dem ſundament ſelbſt ſo einen Mangel / daß wenn man ihm die Pralerey mit der groſ - ſen und abſcheulichen Bibliothec benommen haͤtte / er kaum einen Dorff-Schulmeiſter waͤre aͤhnlich geweſen. Drum als Gelanor wieder ins Wirths-haus kam / und Florindo ſich uͤber den weltberuͤhmtẽ Mañ trefflich ver - wunderte / bat ihn der Hoffmeiſter / er moͤchte ſeine Verwunderung biß auf andere Gele - genheit laſſen verſparet ſeyn. Denn / ſagte er / iſt das nicht eine hauptſaͤchliche Thorheit / daß einer mir etliche 1000 Buͤchern die Erudi - tion erzwingen will / gleich als wenn dieſer ein perfecter Medicus ſeyn muͤſte / der ſeine Simſe mit lauter Apothecker-buͤchſen beſetzet haͤtte. Die Buͤcher ſind gut / aber von den auß - wendigen Schalen wird kein Doctor. Jch weiß auch / daß der Tuͤrckiſche Keyſer viel Gelt hat / aber darum bin ich nicht reich: Alſo kan ich wohl wiſſen / wer von dieſer oder jener Sache geſchrieben; unterdeſſen folgt es nicht daß ich die Sach ſelbſt verſtehe. Ach wie wahr wird das Sprichwort: Mundus vult decipi. Denn wo die Frantzoͤſiſche Baͤnde gleiſſen / da fallen die Judicia hin: Ungeacht / ob mancher vielmehr mit ſeinem papiernen Hausrath auf - richte als ein Eſel / der einen Sack voll BuͤcherCauf50auff dem Ruͤcken hat. Dieſe Leute gehoͤren inter claros magis, quàm inter bonos. Wie Tacitus redet, oder wie Saluſtii Worte ſind. Magis vultum quàm ingenium bonum ha - bent.
SOlche Anmerckungen hatte Gelanor uͤ - ber dieſen vermeynten gelaͤhrten Wun - der Mann. Jnmittelſt aber / als dieſe beyde ſich in der Bibliothec umſahen / ſatzte es im Wirthshauſe einen laͤcherlichen Poſſen. Der Mahler hatte geſehen / daß Gelanor den Brieff eroͤffnen laſſen / und den Florindo ſtracks darauff allein zu ſich gezogen / dahero muthmaſſete er / es muͤſte was ſonderliches da - rinnen geweſen ſeyn / und weil Eurylas noch immer ſein beſter Patron war / fragte er ihn in allem Vertrauen / was denn in dem Brieffe vor Heimligkeiten geſtanden. Eurylas, dem nichts mehr zu wieder war / als wenn ſich ie - mand uͤmb frembte Haͤndel bekuͤmmerte / machte alſobald den Schluß / er wolte dem vorwitzigen Kerln einen artigen Wurm ſchneiden. Sagte derowegen / er haͤtte zwar den Jnhalt geſehen / doch wuͤrde er bey dem Florindo groſſe Verantwortung bekommen / wenn er nicht reinen Mund halten wolte. End -lich51lich fugte er mit leiſer Stim̃e dieſes hinzu / ach ihꝛ guter Mẽſch euch betraffdz meiſte / ich darff nur nichr ſchwatzẽ / wie ich will. Dieſes mach e den einfaͤltigẽ Geſellen noch begieriger / daß er nicht allein viel hefftiger anhielt / ſondern auch bey allen Engeln und Heyligen ſich verſchwur / im geringſten nichts davon zu verrathen. Auf ſolche Verſicherung fuͤhrte Eurylas den Mah - ler in eine Kammer / und bat nochmahls er ſolte ihm durch eine unzeitige Schwaͤtzerey keine ungelegenheit machen / vertraute ihm darbey / der Prieſter in dem warmen Bade habe an den gelehrten Mann geichrieben / er ſolte den Florindo um ſeinen Mahler anſpre - chen / denn er habe eine ſchoͤne Stimme zu ſin - gen / und koͤnne im Schlaffe einmahl capau[n]et / und hernachmahls bey der Muſic ſehr ſchoͤn gebrauchet werden. Was? ſagte der Mah - ler / ſoll ich vor meine Treu ſo unmenſchlich und Tuͤrckiſch belohnet werden / ſo ſey der ein Schelm / der noch eine Stunde hier bleiben will. Eurylas beruffte ſich auf die gethane Verſicherung er ſolte ſich nichts mercken laſ - ſen / ſonſt wuͤrde er wiſſen / wie er mit einem ſol - chen Verraͤther umgehen wolte; alſo war nun der gute Kerle in tauſend Aengſten / und wu - ſte nicht auf welcher Seite er es am erſtenC ijver -52verderben ſolte. Den Eurylas mochte er nicht verrathen / und gleichwol ſchien es auch nicht rathſam ſeine zeitliche Wohlfahrt alſo zu ver - ſchlaffen: Er gieng auf dem Boden hin und wieder / und fing unzehlig viel Grillen / biß der Kopff voll ward / da kam ihm Florindo und Gelanor gleich in den weg / bey denen er ſeine Boßheit außlaſſen wolte. Jhr Herren / ſagte er / wollet ihr einen Narren haben / ſo ſchafft euch einen / der ſich wallachen laͤſt / ich mag euch nit mehr dienen. Gelanor meynte der Brand - tewein waͤre ihm in das Gehirn geſtiegen / und bat alſo / er moͤchte doch ſchlaffen gehen / ſonſt wuͤrde ſein Gehirne und Verſtand noch treff - lich gewallachet werden. Aber der Kerle be - fand ſich noch mehr offendirt, und begehrte gleich weg ſeinen Abſchied. Florindo frag - te wer ihm denn zuwider gelebt / oder was ihm in der Compagnie mißfallen / daß er nun ſo bald wolte durchgehen. Allein es blieb dabey / er wolte kein Hammel ſeyn. Endlich kam es herauß / daß Eurylas ihm den Affen ge - ſchleiert / und zu dergleichen ſchrecklichen im - preſſion Urſache gegeben. Da verwieß nun Gelanor zwar dem Mahler ſeinen Vorwitz / welcher Geſtalt derſelbe keinen geringen Platz im Narren-Regiſter verdienet hatte / der ſichum53um ſolche Sachen gerne bekuͤmmerte / die ihn doch im geringſten nichts angehen. Denn vor eins gaͤbe er ſeine Schwachheit an den Tag / daß er ſich ſelbſt nicht erkenne / ſondern was an - ders erkennen wolle / dasihm nichts nuͤtze waͤ - re. Darnach muͤſte er gewaͤrtig ſeyn / daß ihm allerhand Narren-Schellen angehenckt / und er mit einem unrechten Bericht abgewie - ſen wuͤrde. Da gienge darnach ein Fantaſt mit ſeiner ungereimten Einbildung / und haͤtte dieß zum Profit / daß ihn die Leute auß achten - Das war nun die Lection vor den Mahler: Aber Eurylas konte ſich bey dem Gelanor nicht ſo gar entſchuldigen / daß er nicht haͤtte hoͤren muͤſſen: Ein kluger / der ſich eines an - dern Einfalt mißbrauchte / machte ſich muth - willig mit zum Narren / alldieweil es ſchiene / als gaͤbe er Urſach zur Narrheit / und haͤtte an einem thoͤrichten Menſchen Luſt / den er leicht koͤnne kluͤger machen. Wiewohl Eu - rylas lachte / und meynte / zum wenigſten wuͤr - de auß dieſer Thorheit der groſſe Nutz zu ge - warten ſeyn / daß der Mahler ins kuͤnfftige nach keinen frembden Zeitungen fragen wuͤr - de. Endlich machte Florindo den beſten Auß - ſchlag / und ſpendirte dem Mahler ein paar Ducaten / damit war die Sache verglichen. C iijNun54Nun war es noch zu zeitlich zur Abendmahl - zeit / darum meynten Gelanor und Florindo es wuͤrde am beſten ſeyn / daß ſie durch einen kleinen Spatziergang ſich einen Appetit zum Eſſen erweckten. Als ſie aber an die Thuͤre kamen / ſahen ſie in dem Hauſe gegen uͤber ei - nen jungen Menſchen / der allen uͤmbſtaͤnden nach wolte vor einen Stutzer angeſehen ſeyn / er war etwas ſubtil und klein von Perſon / doch hatte er eine Parucke uͤber ſich hencken laſſen / die faſt das gantze Geſichte bedeckte / daß man eine artige Comœdie vom Storchsneſte haͤtte ſpielen koͤnnen. Uberdiß waren in den Diebs-Haaren wohl ein Pfund Buder / und etliche Pfund Pomade verderbet worden / und auß ſolchem Gepuͤſche guckte das junge Geel - ſchneblichen mit einem paar rothen Baͤckgen herfuͤr / als wenn er das Geſichte mit rothem Leder oder mit Leſchpappier geſtrichen haͤtte. Die Lippen bies er bald ein / bald ließ er ſie wie - der auß / nicht anders als wie die Schiffer / wenn ſie zu Hamburg das Bier außkoſten. Jn der Krauſe ſteckte ein ſchoͤner Ring / der mit ſeinen hertzbrechenden Stralen die Venus ſelbſt uͤberwunden haͤtte / wenn nicht ein bund Band im Wege geſtanden. Auf den Er - meln / abſonderlich auf den Lincken / der vonHer -55Hertzen geht / war ein gantzer Kram von aller - hand liederlichen Baͤndergen aufgehefft / wel - che / weil ſie keine Accordiren de Farben hatten / ſich anſehen lieſſen / als waͤren ſie von baͤnder - ſuͤchtigen Perſonen zum Almoſen ſpendiret worden. Zur Kappe baumelten wohl ſechs Trodelchen vom Schnuptuche herauß / die Schuh waren mit ſo viel Roſen beſetzt / daß man nicht wuſte / ob ſie von Corduan / oder von Engliſchen Leder waren. Der Degen gieng ſo lang hinauß / daß ſieben Dutzent Sperlinge drauff haͤtten Platz gehabt / und im Gehen ſchlug er ſo unbarmhertzig an die Waden / daß wenn die Kniebaͤnder nicht etwas auffgehal - ten / er ohn Zweiffel in acht Tagen haͤtte den Vulcanum agiren koͤnnen. Und welches vor allen dingen zu mercken war / ſo lieffen die arti - gen und verliebten Mienen dermaſſen nett / als wolte er die Circe ſelbſt bezaubern. Mit den Haͤnden legte er ſich in ſo ſchoͤne poſitur, daß er gleichen Weg in den Schiebſack und auf den Hut haben koͤnte. Die Fuͤſſe ſetzte er ſo außwerts / daß man augenſcheinlich abneh - men muſte / der Menſch waͤre uͤber vier Mon - den zum Tantzmeiſter gegangen. Mit einem Worte / das Muſter von allen perfecten Po - liticis ſtund da. Gelanor ſahe ihn wohl an /C jvend -56endlich fragte er den Florindo was er von dem Kerln hielte. Dieſer gab zur Antwort / wenn er es zu bezahlen haͤtte / koͤnte man ihn nicht viel tadeln / ein iedweder brauchte das Geld nach ſeinem Velieben. Und darzu ſtuͤnde es reputir - licher / wañ ein Mẽſch etwas von ſich und ſeineꝛ Schoͤnheit hielte / als daßer auffgezogen kaͤme / wie die fliege auß der Buttermilch. Ey ver - ſetzte Gelanor, gefaͤllt euch das ſchoͤne Kar - tenmaͤnngen / fuͤrwar wer dieſen haͤtte und drey Scharwentzel darzu / der koͤnte 50. Thaler beſſer bieten. Sehet ihr nicht / daß er mit der hoͤchſten Thorheit von der Welt ſchwanger geht. Wem zu Gefallen butzt er ſich ſo? Die Maͤnner achten es nicht / und wo es der Wei - ber halben geſchicht / ſo verlohnt ſichs nicht der Muͤh. Kaufft er ſolches vor ſein Geld / ſo ſolte man ihm einen Curatorem ſuriofi oder pro - digi, wolt ich ſagen / beſtellen / der ihm die Re - gulas parſimoniæ etwas beybraͤchte: iſt er a - ber allen Leuten ſchuldig / ſo ſolte man ſeine Laus Deo die er zu hauſe liegen hat / mit unter die Favoͤrgen hefften / daß das Frauenzim - mer wuͤſte / was vor Sorgen und Ungelegen - heit er ihrentwegen einfreſſen muͤſte. Rein - lich und nett ſoll ein junger Menſch gehen / deñ an den Federn erkennet man den Vogel / anden57den Kleidern das Gemuͤthe. Allein es iſt ein Unterſcheid unter erbaren und naͤrꝛiſchen Klei - dern. Æſtimirt man doch einen fahlen Pa - pagoy hoͤher / als einen bundſcheckigten - Drumb iſt es nicht die Meynung / wenn man ſolche Kleider verſpricht / als moͤchten ſie nun kein Hemde mehr waſchen laſſen / die Hoſen moͤchten hinden und forn offen ſtehn / und alle Grobianiſini moͤchten nun frey practicirt werden. Sondern gleich wie der ſuͤndiget / der in der Sache zu wenig thut / alſo iſt ein an - der in gleichem Verdamniß / der ſich der Sa - che zu uͤbermaͤſſig annim̃t. Hierauff ſpatzirte der Teutſche Frantzoſe die Gaſſe hin / und ließ die Augen an alle Fenſter fliegen ſahe ſich auch bißweilen um / ob iemand oben oder unten ſich uͤber den ſchoͤnen Herrn verwunderte. Ge - lanor ſagte / wir wollen eine kleine Thorheit be - gehen / und dem Kerlen nachfolgen / er wird ohn Zweifel in ſolchem Oruat an einem vor - nehmen Ort erſcheinen[ſ]ollen. Nun gieng es ſo langſam und gravitaͤtiſch / als waͤre er daꝛzu gedingt / daß er die Fenſter und die Dach - ziegel zehlen ſolte / und in Warheit / haͤtte man ihm einen Beſem hindẽ hinein geſteckt / ſo haͤt - te ein Ehrnoeſter Rath derſelben Stadt etli - che Gaſſenkehrer erſparen koͤnnen. WannC vſich58ſich etwas an einem Fenſter regte / es moͤchte gleich eine Muhme mit dem Kinde / oder ein weiſſer Blumen-Topff / oder gar eine bunte Katze ſeyn / ſo muſte der Hut vom Kopffe / und haͤtte er noch ſo feſt geſtanden. Und ſolches geſchah mit einer unbeſchreiblichen Hoͤfflig - keit / daß man nicht wuſte / ob er ſich auf die Er - de legen / oder ob er ſich ſonſten ſeiner Bequem - ligkeit nach / ein bißgen außdehnen wolte. Nach vielen weitlaͤufftigen Umſchweiffen kam er wieder vor das Haus / darauß er gegan - gen war / und Gelanor, als ein Unbekanter ſelbiges Orts / kam vor ſein Wirtshaus / ehe er es war inne worden. Sie wunderten ſich / wie es zugienge / und haͤtten ſich leicht bereden laſſen ein Wirtshaus waͤre dem andern aͤhn - lich / wann nicht der arme Mahler in dem Hau - ſe auf einen Steine geſeſſen / und die Sorgen - ſeule unter den Kopff geſtuͤtzet haͤtte.
GElanor fragte was er neues zu klagen haͤtte / ob ihm die Capaun-Angſt noch nit vergangen waͤre. Der gute Kumpe ſeuffzete ein wenig / endlich fieng er an / ich wolte daß der Hencker das Spielen geholt haͤtte / ehe die Kar - tenmacher waͤren jung worden. Denn da hatte ich eben ein paar Ducatẽ vom Herrn ge -ſchenckt59ſchenckt kriegt / die wolt ich nũ gar zu gut anle - gen / und meynte / wenn ich im Spiele noch et - liche Stuͤcke darzu bekaͤme / ſo koͤnte ich einen alsdenn mit beſſerm Gewiſſen vertrincken. Aber ich meyne ich habe ſie kriegt. Jch halte es ſind gar Spitzbuben geweſen / ſo meiſterlich zwackten ſie mir das Geld ab. Jm Anfang hatte ich lauter Gluͤcke / aber darnach machten ſie mich auf tertia major Labeih. O haͤtte ich das Geld verſoffen / ſo haͤtte ich noch was da - fuͤr in den Leib bekommen; ſo muß ich mit duͤr - rem Halſe davon gehen / und habe nicht ſo viel darvon / daß die loſen Voͤgel mir gedanckt haͤt - ten. Nun das heiſt in einer halben Stunde bald reich / bald arm / bald gar nichts. Ge - lanor haͤtte mit dem ungluͤckſeligen Tropffen gern Mitleiden gehat: Doch war der Caſus gar zu laͤcherlich / und Eurylas, der ihm auch Troſt zuſprechen wolte / machte es ſo hoͤniſch / daß es das Anſehn hatte / als waͤre alles Un - gluͤck dem guten Mahler allein uͤber den Hals kommen. Das ſchlimſte war / daß Gelanor den Actum mit einer ziemlichen Straff-Pre - digt beſchloß. Jhr thummen Strohſtepſel / ſagte er / iſt es auch moͤglich / daß ihr einen Tag ohne Narrheit zubringen koͤnnet. Da ſitzt ihr nun und klagt uͤber eine Sache / die nicht zuC vjaͤn -60aͤndern iſt. Vor einer Stunde war es Zeit; nun macht ihr den Beutel zu / da die gelben Voͤgelgen außgeflogen ſind. Wißt ihr nicht / was vor ein Erwerb bey dem Spielen iſt? Ei - nen Vogel / den ihr in der Hand habt / laſſet ihr fliegen / und greiffet nach zehen andern / die auf dem Zaune ſitzen. Uber diß / warumb habt ihr Luſt zu gewinnen? wiſſet ihr nicht / daß / wann einer gewinnet / ein ander nothwendig verſpielen muß? Gedencket nun / ſo weh als euch der Verluſt ietzund thut / ſo weh haͤtte es einem andern auch gethan: und dannenhero ſeyd ihr werth / ihr Ungluͤcksvogel / daß euch die andern außlachen / gleich wie ihr ſie viel - leicht außgelachet haͤttet. Behaltet ein an - dermal / was ihr habt / und verſchlaudert nicht in einer halben Stunde ſo viel / als ihr in einem halben Monat und laͤnger kaum verdienen koͤnnet / ſonſten ſollet ihr euch ſelbſt mitten un - ter die Ertz-Narren abmahlen: hiermit gien - gen ſie zur Mahlzeit / und hatte Eurylas noch manche Stockerey mit dem armen Schaͤcher; da fragte er ihn / ob er ſich bald in den Wechſel finden koͤnte / und ob er nicht eine Oſt-Jndia - niſche Compagnie wolte anlegen / weil er ſich auf die Handlung cento pro cento ſo gluͤck - lich verſtuͤnde; er ſolte ein andermahl dieSchar -61Scharwentzel bekneipen / daß er wuͤſte / wo ſie laͤgen / und dergleichen. Bey Tiſche fragte Gelanor den Wirth / wer dann der junge Menſch waͤre / der ſich gegenuͤber auffhielte / da bekam er die Nachricht / es waͤre ein Buͤr - gerskind / ſein Vater haͤtte dieſen eintzigen Sohn / und wolte ihn kuͤnfftig zum Studiren halten / daß er in zwey jahren koͤnte Doctor werden / er wuͤſte nur nicht / welche Facultaͤt ihm und ſeiner Liebſten am beſten anſtehen wuͤrde. Unterdeſſen muͤſte er ſich in Politi - ſchen und hoͤflichen Sachen uͤben / daß er nicht ſo Schulfuͤchſiſch uͤber den Buͤckern würde. So ſo / ſagte Gelanor, wird mir nun auß dem Traume geholffen. Jch meynte der Kerl waͤre ein Narr / daß er die lange Weile auf der Gaſſe vertroͤdeln muͤſte: ſo ſehe ich wohl der Vater iſt noch ein aͤrger Narr. So wird er einen Doctorem utriusque Juris bekommen / qui tantum ſciverit in uno, quantum in altero. Die Leute meynen gewiß / ſo leicht als man die Kinder deponirt, ſo leicht ſind ſie auch zum Doctor gemacht / und ſey es nur darumb zu thun / daß man ein gedruckt teſtimonium dar - uͤber habe. Die Bauren judiciren ſonſt von den Zeitungen / wann ſie gedruckt ſeyn / ſo muͤſte alles wahr ſeyn. Nun ſcheint es / als wol -C vijte62te die Albertaͤt unter den Buͤrgern auch auf - kommen. Zwar der liebe Menſch tauret mich / wo er das Frauenzimmer mit ſo tieffen Reverentzen gruͤſſen wird / moͤchte ihm das te - ſtimonium auß dem Schiebſack fallen; Und wann alſo der Wind die Herrligkeit einmahl wegfuͤhrete / ſo waͤre es mißlich / ob iemand be - richten koͤnte / in welcher Facultaͤt er Doctor worden. O du blinde Welt biſt du ſo nach - laͤſſig in der Kinderzucht / und ſiehſtu nicht / daß / welcher vor der Zeit zum Juncker wird / ſolchen Titul in der Zeit ſchwerlich behaupten kan. Es bleibet wohl darbey / wann die jun - gen Rotzloͤffel ſich an den Degen binden laſſen / oder die Beine uͤber ein Pferd hencken / ehe ih - nen die Thorheit und das Kalbfleiſch vom Steiße abgekehret worden / ſo iſt es mit ihnen / und ſonderlich mit ihrem Studiren geſche - hen. Die Jugend iſt ohn diß des Sitzens und der Arbeit nicht viel gewohnt / man darff ihr nur einen Finger bieten / ſie wird gar bald die gantze Hand hernach ziehen. Doch meinen die klugen und uͤberſichtigen Eltern / welche ſonſt alle Splitter zehlen koͤnnen / es ſey eine ſonderbahre Tugend / wann ſich die Knaben ſo hurtig und excitar erweiſen koͤnnen / und be - dencken nicht / daß die Magd in der Kuͤche kluͤ -ger63ger iſt / die laͤſt die Fiſche nicht ſieden biß ſie uͤ - berlauffen / ſondern ſchlaͤgt mit allen Kraͤfften drauff / daß die Hitze nicht zu maͤchtig wird. Solche und andre dergleichen Reden fuͤhre - te Gelanor, biß er merckte / daß der Wirth mit ſolchen diſcurſen uͤbel zu frieden war; doch ließ er ſich die Ungnade nichts anfechten / ſon - dern fragte / was er darvon hielte / der Wirth antwortete / er waͤre zwar zu wenig / von an - dern zu urtheilen / die offtermals ihre gewiſſe Urſachen haͤtten / diß oder jenes zu thun. Un - terdeſſen meynte er / daß man eben von allen ſo groſſe Gelehrſamkeit nicht fodern duͤrffte / die ſchon ſo viel im Kaſten haͤtten / daß ſie ſich mit Ehren erhalten koͤnten / die Eltern ſehen meh - rentheils dahin / daß ſie ihr Kind zu einer an - ſehnlichen Ehrenſtelle / und alſo fort zu einer anſtaͤndigen Heyrath bringen moͤchten. Ge - lanor wolte antworten / aber eben zu der un - gelegenen Zeit kam die Wirthin in die Stu - be / und rieff dem Mann / er ſolte hinunter ge - hen und die vornehmen Gaͤſte empfangen / da - mit ward das koͤſtliche Geſpraͤch verſtoͤrt / und weil ſie alle wiſſen wolten / wer dann in der Kutſche ſaͤſſe / blieben die ſchoͤnen An - merckungen zuruͤcke.
CAP. 64ALs die Kutſche in das Haus gebracht wor - den / ſtiegen drey alte Herren herauß. Ei - ner hatte einen altvaͤteriſchen Sammet-Peltz an / mit abſcheulich groſſen Knoͤpffen. Der ander hatte ein ledern Collet an / und trug den Arm in einer Binde. Der dritte hatte dicke di - cke Struͤmpfe angezogen / als wañ ihm Lun - ge und Leber in die Waden gefahren waͤren. Der Wirth fuͤhrete ſie in ein abſonderlich Zimmer / und weil es ziemlich ſpaͤt / trug er ihnẽ etwas von kalter Kuͤche fuͤr / mit Verſprechen / das Fruͤhſtuͤck beſſer anzurichten. Gelanor fragte zwar den Wirth / was dieſes vor Gaͤſte waͤren; aber es wuſte einer ſo viel als der an - der / drumb giengen ſie auch zu Bette. Auf den Morgen kam Florindo und weckte den Gelanor auf / mit Bitte / er ſolte doch hoͤren / was die drey alten Herren in der Kammer darneben vor Geſpraͤche fuͤhreten. Nun war die Wand an dem Orte ziemlich durchloͤchert / und jene gebrauchten ſich auch einer feinen maͤnnlichen Außſprache / daß man wenig Worte verhoͤren durffte. Ach! ſagte einer / bin ich nicht ein Narr geweſen / ich hatte meine koͤſtlichen Mittel / davon ich leben kunte: Nun hab ich zehen Jahr in frembden Laͤndern zu -ge -65gebracht / liege auch ſchon zwanzig Jahr zu Hauſe / und ſehe nicht / wer mir vor mein Rei - ſen einen Pfifferling giebt. Ach haͤtte ich die Cronen und die Ducaten wieder / die ich in Franekreich und Jtalien vor unnutze Comoͤ - dien gegeben / oder die ich in den vornehmen Compagnien liederlich verthan habe. Anno 1627. hatte ich die Ehre / daß ich mit dem Hn. Claude de Melme Abgeſandten auß Franck - reich nach Venedig / und von dar nach Rom gehen duͤrffte / da lernte ich viel Staatsgrieffe / welche zwiſchen Venedig und Spanien / in - gleichem zwiſchen Venedig und dem Pabſte vorgenommen wurden / aber ach haͤtte ich mein Geld wieder / das mir dabey zu ſchanden gieng Mein Herr ſchickte mich endlich vor ſeiner Abreiſe wieder in Franckreich / da hieng ich mich an den Herrn Claude de Buillion, als er anno 1631. nach Beziers reiſete / und den damahligen Hertzog von Orleans mit dem Koͤnige vergleichen wolte; aber alles auf mei - nen Beutel / wie es in Franckreich zu gehen pflegt / da man ſolche Volontiers die ohne ſon - derliche Koſten den Staat vermehren / gar gerne leiden kan. Nachmahls reiſete ich mit obgedachtem de Meſme in Holland / da gieng das Geld geben erſt recht an / daß ich ſeit die -ſer66ſer Zeit offt gedacht / die Hollaͤnder muͤſten die Zehen Gebote in eines verwandelt haben / das heiſſe: gieb Geld ber. Ferner gieng dieſer Abgeſandte Anno 1634. in Dennemarck / von dar in Schweden und Pohlen / den damahli - gen Stillſtand Anno 1635. zu befoͤrdern. End - lich als die Wexel bey mir nicht zulangen wol - ten / und gleichwohl keine Fortun in Franck - reich zu hoffen war / begab es ſich / daß offter - wehnter de meſme Anno 1637. zu den Præli - minar Friedens-Tractaten in Teutſchland geſchickt ward / da danckte ich GOtt / daß ich Gelegenheit hatte in mein Vaterland zu kom - men. Aber der ſchlechte Zuſtand / und die uͤ - bergroſſe Kriegs Unruh verderbten mir alle Freude. Mein Geld / das ich bey gewiſſen Kauffleuten in Hamburg ſtehen hatte / war verzehrt; die geringen Feldguͤtergen erforder - ten mehr Unkoſten / als ich davon nehmen kun - te: und welches mich am meiſten ſchmertzte / ich hatte nichts gelernet / davon Geld zu neh - men war. Meine gantze Kunſt beſtund in dem / daß ich von groſſen Reiſen / von Balletten / Co - medien / Maſqueraden / Banqueten und an - der Eitelkeiten auffſchneiden kunte: und mei - ne Bibliothec war von zehen Frantzoͤſiſchen Liebes Buͤchern / ſechs Jtaliaͤniſchen Comoͤ -dien67dien / zwey geſchriebenen Buͤchern voller Lie - der und Palquille: Mehr durffte mir kein Menſch abfordern. Jch hatte Anſchlaͤge anſehnliche Hoffmeiſtereien anzutreten / aber zu meinem Ungluͤck traffe ich lauter ſolche Leu - te / die ihre Soͤhne deßwegen in die Welt ſchickten / daß ſie ſolten kluͤger werden / und al - ſo muſten ſie ſich an meiner Perſon aͤrgern: Jch aber muſte meinen Stab weiter ſetzen. Was ich nun vor Muͤhſeligkeit / Noth und Verachtung außgeſtanden / werde ich die Zeit meines Lebens nicht erzehlen. Doch war Got - tes Gnade ſo groß / daß endlich Friede ward. So habe ich meine Feld-Guͤter nach vermoͤ - gen angerichtet / bringe mein Leben kuͤmmeꝛlich hin / wuͤſte auch dieſe Stunde meinen Leiden keinen Rath / wenn nicht mein Bruder vor 6. Jahren geſtorben / und mir etlich hundert Guͤlden Erbſchafft verlaſſen haͤtte. Ach wer dreißig Jahr zuruͤcke haͤtte / ach bin ich nicht ein Narr geweſen; Ach was vor ein gediege - ner Mann koͤnte ich ietzund ſeyn / ach wie habe ich mir ſelbſt im Liechte geſtanden.
Hierauff fing der ander ſeine Klaglieder an. Ach ſagte er / das iſt noch eine ſchlechte Thor - heit / ich bin erſt ein Narr geweſen. Mein Vater war ein wolhabender Kauffmann / undhaͤtte68haͤtte mich gern bey der Handlung erhalten / aber ich verliebte mich in das Soldaten We - ſen / daß ich wie der meiner Eltern Wiſſen und Willen mit in den Krieg zog. Und ich ab - ſchẽlicher Narr / haͤtte ich mich nur in Teutſch - land unterhalten laſſen: ſo zog ich mit Fran - tzoͤſiſchen Werbern fort / und meynte / nun wuͤrde ich in Schlaraffen-Land kommen / da wuͤrden mir die gebratenen Tauben ins Maul fliegen. Jch meyne aber / ja / ich hatte es wohlgetroffen. Jch muſte mit vor Ro - chelle, da lagen wir uͤber ein Jahr wie die Narren / und wuſten nicht ob Krieg oder Frie - de war. Die Stadt ſolte außgehungert wer - den / und fuͤrwar wir Soldaten im Laͤger half - fen bißweilen weidlich hunger leiden / daß die in der Stadt deſto eher fertig worden. Endlich uͤbergab ſich die Stadt / damit war der Krieg zu Ende keine Beute wurde gemacht / die Ga - ge blieb zuruͤcke / und ich war ein ſtattlicher Cavallier. Ach wie gerne waͤr ich darvon gewiſcht; aber weil ich ſahe / wie der Galgen hinden nach ſchnappte / mochte ich meinen Hals auch nicht gern in dergleichen Ungele - genheit bringen / und ließ mir lieber den Tag zweymal pruͤgelſuppe / und einmal zu freſſen ge - ben. Nun fieng der Cardinal Richelieuwun -69wunderliche Poſſen an / und wolte Mantua ent - ſetzen / da ſolten die armen Soldaten uͤber Hals uͤber Kopff / durch Froſt und Schnee die Schweitzer-Gebuͤrge hinnan klettern. Alle Welt ſagte es waͤre unmuͤglich / die Solda - ten wuͤrden nur auffgeopffert / und wuͤſte man auß allen Exempeln / daß ſolche Anſchiaͤge waͤ - ren zu Schanden worden. Aber der Starr - kopff fragte nichts darnach / wir muſten fort / und da haͤtte ich vor mein Leben nicht drey Heller gegeben. Etliche hundert muſten vor - an / und den Schnee auf beyden Seiten weg ſchauffeln / darauff folgete die Armee. Doch war an etlichen Orten die Arbeit gantz verge - bens / deñ wir muſten die Klippen hinauff klet - tern / als wann wir dem Monden wolten die Augen außgraben. Mancher dachte / er waͤ - re bald hinauff / ſo verſtarten ihm die Haͤnde / daß er herunter portzelte / und der Schnee uͤber ihm zuſammen ſchlug. Wer ſich nun nicht ſelber helffen kunte / der mochte ſich zu Bette egen. Da war Elend. Und man dencke〈…〉〈…〉 ur / mitten zwiſchen den hoͤchſten Bergen / lag oben ein Schloß / das ſolten wir einnehmen. Nun haͤtten die thummen Kerlen uns mit Steinen oder mit Schneeballen abwenden koͤnnen / daß wir deß kletterns und des Einneh -mens70mens weiter nicht begehrt haͤtten. Aber ich weiß nicht / ob die Leute bezaubert / oder ſonſt verblend waren / daß ſie uns hinein lieſſen / dar - auff hatten wir in Jtalien guten Fortgang. Doch werde ichs keinen Menſchen ſagen wie mich nach meines Vatern Kuͤche verlangte. Jch dachte die Frantzoſen waͤren Hungerlei - der; aber nun ſchien es / als waͤr ich zu Leuten kommen / die gar von der Lufft lebten. Jch halte auch nicht / daß ich dazumal auf meinem gantzen Leibe ein Pfund Fleich haͤtte zuſam - men bracht / ſo ſehr war ich außgepoͤckelt / dar - um freuete ich mich / wie die Kinder auf St. Martin / als wir in Franckreich zuruͤck com - mendirt wurden. Da uͤberließ nun der Koͤ - nig denen Schweden etliche Voͤlcker / damit kam ich in Schwediſche Dienſte gleich zu der rechten Zeit / daß ich in der Schlacht vor Noͤrdlingen die Schlaͤge mit kriegte. Da hatte ich vollends des Krieges ſatt / denn eine Muſqueten Kugel hatte mich am dicken Bei - ne geſtreifft / daß mir die Haut einer Spanne lang abgegangen. Jns Fleiſch konte ſie nicht kommen / denn ich hatte keines. Nun war der Schaden nicht gefaͤhrlich: allein wie es brennte / und wie mir das Außreiſſen ſo ſauer worden / laß ich dieſelben urtheilen / die derglei -chen71chen Vocksſpruͤnge verſucht haben. Hier - mit eilte ich nach meinem Vater zu / und ver - hoffte / er werde ſich wohl beguͤtigen laſſen / wann er nur mein außgeſtandenes Elend ſe - hen und behertzigen ſolte. Aber ich kam zu langſam / er war vor acht Wochen geſtorben / und hatte mich meines Ungehorſams halben außgeerbet bis auf hundert Guͤlden / was ſolte ich thun / der letzte Willen war nicht umbzu - ſtoſſen / meine zwey Schwaͤger wolten mir nichts einraͤumen / ich hatte nichts gelernet; drumb muſte ich wieder an den Krieg geden - cken. Und war dieß mein Troſt / wenn ich mich von den 100. Guͤlden außmundirt haͤtte / ſo wuͤrde ich als ein Cavallier beſſer fort kom - men. Jch begab mich unter die Banniri - ſche Armee / gleich als ſie in Meiſſen und Thuͤ - ringen herum hauſete. Und gewiß / dazumal gefiel mir das Weſen gar wohl / ſo lange wir Beute machten / und kein Menſch da war / der uns das unſerige wieder nehmen wolte: Allein als Hatzfeld hinter uns drein war / und wir bey Zerbſt ſtehen muſten / da wer ich lieber im Qvartier vor Rochelle geweſen: ich wur - de an unterſchiedenen Orten gequetſcht / muſte auch mit meinem Schaden fortreiten biß nach Magdeburg. Da lag ich in einem wuͤſtenHau -72Hauſe / davon im Brande die Kuͤche war ſte - hen blieben. Und diß war meine Herrligkeit alle. Letzlich kam ich zu meiner Geſundheit / daß ich wieder auf die Parthey gehen kunte. Aber ich ſehnte mich nach keiner Beuthe / ich verlangte vielmehr eine Gelegenheit / da ich nie - der geſchoſſen wuͤrde / und der Marter loß kaͤ - me. Dieſe Deſperation ward von vielen vor eine ſonderliche Courage außgeleget / daß ich endlich von einer Charge zu der andern kam / biß ich Rittmeiſter ward. Wie nun der allgemeine Friede geſchloſſen war / hatte ich gleich zu meinem Gluͤcke in Brag brav Beute gemacht / die nahm ich und kauffte ein wuͤſt Guͤtgen vor 10000. Thaler / darauff haͤtt ich wohl außkommen koͤnnen / doch war ich zum andernmahl ſo ein Narr / daß ich meynte / ich müſte noch ein mahl verſuchen / ob ich im Krie - ge 20000. Thaler darzu erwerben koͤnte / und ließ mich in den Polniſchen Krieg mit behan - deln. Jch borgte auf mein Guͤtgen / ſo viel ich kriegen kunte / mundirte unterſchiedene Soldaten auß / und gieng damit fort. Jch muß geſtehn / daß ich ſo unangenehm nicht war / aber ich fand alſobald einen Knoten / daß in Polen keine Luſt waͤre / als in Teutſchland. Es waren keine ſolche Doͤrffer die man exe -quiren73quiren koͤnte / traff man ein Neſt voll Bauren an / ſo waren die Schelmen ſo boßhafftig / daß ſie ſich eher das Hertz auß dem Leibe reiſſen lieſſen / ehe ſie einem ehrlichen Manne etwas auf die Reiſe ſpendiret haͤtten. Doch daß ich es kurtz mache / ſo will ich mein hauptſaͤchliches Ungluͤck erzehlen. Jn Warſchau wolte ich einmahl recht verſuchen / wie die Thorniſche Pfefferkuchen zu dem Polniſchen Brandte - wein ſchmeckten / und mochte die Probe zu ſcharff gethan haben / daß ich gantz truncken worden. Jn ſolcher vollen Weiſe gerathe ich an einen Polniſchen Edelman / der mit in Schwediſchen Dienſten war / der verſtehts unrecht / und langt mir eines mit ſeinem Sebel uͤber den rechten Arm / daß wenn mein Collet nicht etwas außgehalten haͤtte / ich unſtreitig des Todes geweſen waͤre. Da lag ich nun vor einen todten Mann / und ließ mich endlich nach Thoren fuͤhren / da ich durch einen Kauff - man einen Wechſel nach dem andern zahlen ließ / biß mein Guͤtgen hin war. Jch kam zwar wieder auf: doch iſt mir die Hand ge - ſchwunden / und wenn ſchwere Monat kom̃en / ſo fuͤhle ich groſſe Schmertzen oben in der Achſel Nun placke ich mich herumb und muß von bloſſen Gnadengeldern kuͤmmerlich undDelend74elend gnug meinen Leib ernehren. Ach bin ich nicht ein Narr geweſen / ach haͤtte ich mei - nen Eltern gefolgt; Ach waͤre ich das ander - mahl zu Hauſe blieben / ach ſolte ich ietzt die viertzig Jahr noch einmahl leben / ach ich wol - te kein ſolcher Narr ſeyn.
Der Dritte hatte gedultig zugehoͤret / nun traff ihn die Reih / daß er reden ſolte / der ſagte: ach ihr Herren / nehmet mich auch mit in eure Geſellſchafft / ich bin ja ſo ein groſſer Narr ge - weſen / als vielleicht keiner von euch. Mein Vater war ein vornehmer Advocat / der dach - te / weil ich ſein eintzig Kind waͤre / muͤſte er mich in ſonderlicher Wartung halten / daß ich nicht etwan ſtuͤrbe / und der Welt ſo eine angelege - ne Perſon entziehen moͤchte. Jch that was ich wolte / kein Nachbars Kind war vor mir ſicher / ich ſchlug es an den Hals / die Jnforma - tores ſaſſen wie Schaubhuͤtgen vor mir / das Geſinde muſte meinen Willen thun / er ſelbſt der Vater muſte ſich von mir regieren laſſen: Jch war kaum drey Jahr / ſo hatte ich einen Degen an der Seite: Jm achten Jahre kauff - te mir der Vater ein Pferdgen / etwan ſo groß als ein Windhund / das lernte ich nach aller Hertzens-Luſt tummeln: Jm zehenden Jahr hatte ich ſchon ein ſeiden Ehren-Kleid / darinnich75ich konte zur Hochzeit gehen. Jm zwoͤlfſten Jahre dachte ich / es waͤre eine Schande / wañ ich keine Liebſte haͤtte. Aber in der gantzen Zeit durffte ich nichts lernen oder vornehmen. Ein Præceptor muſte deshalben von uns fort / daß er mich mit dem Catechiſmo ſo ſehr ge - bruͤhet. Ein ander kriegte den Abſchied / weil er behaupten wollen / ich muͤſte in dem zehendẽ Jahre Menſa conjugiren koͤnnen. Wieder ein ander ward mit der Thier vor den Hinder - ſten geſchlagen / weil er vorgab / ich ſolte nicht mehr bey der jungen Magd im Bette liegen / bey welcher ich doch von langer Zeit gewohnt war. Mit einem Worte viel zu begreiffen / wer mich anruͤhrete / der taſtete meines Va - ters Augapffel an. Endlich ſchaͤmte ich mich ei - nen Præceptor zu habẽ / da kriegt ich einẽ Hoff - meiſter / der hieß mich Monſieur, der nahm mich mit zum Schmauſe / und perfectionirte mich / daß ich pro hic & nunc ein vollkom̃ener Juncker war. Jm 18. Jahre ſtarb mein Va - ter / da war Herrligkeit. Sie wolten mir ei - nen Curator ſetzen / aber ich fieng Haͤndel mit ihm an / und ſchlug ihm ein paar Piſtolen um den Kopff. Jch dachte / ich waͤre ὑπὲρ klug / meinen Stand außzufuͤhren. Nun war es nicht ohne / mein Vater hatte ſo viel CauſenD ijge -76gemacht / daß ich von den Capitalien wohl haͤtte leben koͤnnen. Aber ich meinte / ich muͤ - ſte dreymahl praͤchtiger leben als er / ungeacht ich nicht den zehenden Theil erwerben konte. Da fanden ſich viel gute Fꝛeunde / die mir einen Schmauß nach dem andern außfuͤhrten / und ich hatte alle Freude daran; ja ich ließ michs verdrieſſen / wann mir einen Abend weniger als 10. Thaler auffgingen. Alles gieng vom beſten / wenn mir der Weinſchencke 3. Noͤſſel ſechs Groſchen Wein ſchickte / haͤtte ich mich geſchaͤmt / daß ich ihm nicht vor zwey Kannen zehen Groſchen Wein bezahlet haͤtte; die Ler - chen aß ich nicht eher / als biß eine Mandel im Weinkeller 20. Groſchen galt / die Gaͤnſe ſchmackten mir uͤmb Pfingſten vor einen hal - ben Thaler am beſten / und ich weiß wohl eh / daß ich vor einen gebratenen Haſen 2. Guͤl - den bezahlet habe. Jch wolte mich einmahl mit dem Gaſtwirthe ſchlagen / daß er vor mich und vier Gaͤſte 9. Thal. forderte / da ich die gu - ten Freunde gern vor 18. Thal. tractirt haͤtte. Jn Kleidern hielt ich mich polit / die daffete Waͤmſer und Kappen ließ ich nicht fuͤttern / es haͤtte ſonſt ein Toͤpffgen-Stutzer gemeynt / ich wolte es mit der Zeit wenden laſſen. Wañ das Band etwas zuſammen gelauffen war /mochte77mochte es mein Famulus abtrennen. Dann der Kauffmann creditirte ſchon aufs neue / und was der Eitelkeiten mehr ſeyn. Das wuſte die gantze Stadt / daß ich ein perfecter Narr war / und ich werde es meine Lebtage nicht vergeſſen / was mein Beichtvater zu mir ſagte: Ach Haͤnſgen / ſprach er / wie will das ablauffen / ach beſtellt den Bettelſtab / weil ihr Geld habt / ſonſt werdet ihr einen Knittel von der erſten Weide abſchneiden muͤſſen. Ja wohl / ich habe ihn gar zu offt abſchneiden muͤſſen. Dann ob ſich zwar die Obrigkeit ins Mittel ſchlug / und mir als einem verthuli - chen Menſchen nichts folgen ließ / war es doch zu lang geharret / und ich hatte doch nichts anders gelernet / als boͤſes thun. Uber diß kunten ſie mir meine nothduͤrfftige Unter - haltung nicht wehren / daß ich alſo mein gan - tzes Reichthum durchbracht / biß auf 200. Guͤlden / ehe ich 23. Jahr alt war / darauff ſol - teich nun in der Welt fort kommen / und wohl gar eine Frau nehmen. Auf die letzt trat mich zwar die ſchwartze Kuh / aber zu ſpat / ich wu - ſte nicht wohin / meine Freunde hätten mich gern befoͤrdert / aber ich haͤtte lieber einen Dienſt gehabt / da ich einen Sammetpeltz al - le Tage anziehen / und in ſechs Tagen kaumD iijeine78eine Stunde arbeiten doͤrffen. Gewiß ich wunderte mich von Hertzen / daß ſo wenig Leu - te waren / welche Muͤßiggānger brauchten. Zwar ich begunt es allmehlig nãher zu geben. Und wie die liebe Noth gar zu groß ward / ließ ich mich bey einem von Adel in Dienſte ein. Er ſagte zwar / ich ſolte ſein Secretarius heiſſen / aber wann ich vom Pferde fiel / ſo ſtund ein Schreiber und Tafeldecker wieder auf / da ward mir wieder eingeſchenckt / was ich an meinem Vater verſchuldet hatte. Die Frau ſchickte mich bald da bald dorthin / die Kinder begoſſen mich mit Waſſer / das Geſinde ſetzte mir Eſelsohren auf / kurtz von der Sache zu reden / ich war der Narr von Hauß. Es that mir zwar unerhoͤrt bange: Aber was ſolt ich thun / ich wuſte nirgend hin / ohne Unterhalt konte ich nicht leben / alſo hieß es mit mir lieber ein Narr / als Hungers geſtorben. Doch daß ich auf meine rechte Thorheit komme / ſo hatte der von Adel 2. Pfarrs-Toͤchter bey ſich / de - rer Eltern geſtorben waren. Eine zwar ziem - lich bey Jahren / zum wenigſten auf einer Sei - te 18. biß 19. Jahr / und allem Anſehen nach / mochte ſie wohlwiſſen / was fuͤr ein Unter - ſcheid zwiſchen einem gemeinen und einem E - delmann wãre. Die andere war kaum 16. Jahr79Jahr alt / und hatte ſo ein niedlich Geſichte / und ſo freundliche Minen / daß auch ein ſtei - nern Hertze ſich nur durch ihre Freundligkeit bewegen laſſen. Weil ich nun des courtoi - ſirens ſchon lang gewohnt war / dacht ich / da wuͤrde auch ein Fuͤttergen unter mein Beltz - gen ſeyn. Jch fieng erſtlich von weitlaͤuffti - gen Sachen an zu reden / und gedachte / ſie wuͤrde mit mir gewohnt werden / daß ich ſie umb was anders deſto kuͤhner anſprechen duͤrffte / doch weiß ich nicht / wie ſie ſo kaltſin - nig gegen mir war. Endlich nach 9, oder 10. Wochen merckte ich daß ſie luſtiger ward. Sie gruͤſte mich freundlich / ſie brachte m[i]r wohl ein Straͤußgen / und fragte mich / wie mir es gienge. Ja was noch mehr iſt / als ich ſie kuͤſſen wolte / ſagte ſie / ich ſolte ſie ietzt mit frieden laſſen / ich wuͤſte wohl wo die Poſſen hingehoͤrten. Damit war ich gefangen / ich præſentirte meinen Dienſt mit der gantzen Schule an / und befand / daß ich bey dem Mad - gen noch weiter von ſolchen Sachen reden moͤchte. Kurtz / wir beſtellten einander auf den Abend umb 10. in eine Gaſtkammer / und damit war es richtig. Jch verſaͤumte die Zeit nicht / fand auch die Liebſte ſchon in der Kammer / doch ohne Licht dann ſie gab vor / esD jvmoͤchte80moͤchte iemand des ungewoͤhnliehen Lichtes an dem Fenſter gewahr werden Und darzu bat ſie mich / wir moͤchten nicht zu viel reden / weil der Schall leicht koͤnte von uͤbel paßionir - ter Perſonen auffgefangen werden. Jch ließ mir alles gefallen / und ſtelle es einem ied - weden zu reiffem Nachdencken anheim / was darnach mag vorgelauffen ſeyn: Aber die Luſt waͤhrete nicht lange / ſo kam der Edelmañ mit mehr als 20. Mann in die Kammer hinein / und wolte wiſſen / was ich hier zu ſchaffen haͤtte: Jch war von Erſchrecken eingenommen / daß ich nicht achtung gab / wer bey mir lāge. Doch kont ich mit ſtillſchweigen wenig ausrichten / weil der Juncker mit dem bloſſen Degen mir auf den Leib kam da erſchrack ich vor dem kal - ten Eyſen / und wolte ein bißgen Troſt bey meiner Liebſten ſchoͤpffen: ſieh da ſo war es nicht das junge artige Maͤdgen / ſondern die alte garſtige Emerentze / die lachte mich uͤber einen Zahn ſo freundlich an / daß man alle eylffe davon ſehen kunte. Ey / ey / wer war elender als ich: Und fuͤrwar / es hat mich offt getau - ert / daß ich mich nicht habe todt ſtechen laſſen. Doch dazumahl war mir das Leben lieb / daß ich / alles Ungluͤck zu vermeiden / mich gefangen gab / und auch in die Trauung einwilligte. Daſaß81ſaß ich nun mit meiner Gemahlin / und haͤtte mich gern zu frieden gegeben / wañ ich nur / wie Jacob die Junge auch noch hohlen duͤrffen. So merckte ich / daß es mit mir hieß / O ho Bauer! laß die Roͤßlein ſtahn / ſie gehoͤren fuͤr einen Edelmann. Was ſolte ich aber fuͤr Nahrung anfangen / graben mocht ich nicht / ſo ſchaͤmte ich mich zu betteln / drum muſte ich mit einem geringen Verwalterdienſtgen vor - lieb nehmen / von welchem diß accidens war / daß ich die Mahlzeit bey Hofe mit haben ſolte. Jch ließ es gut ſeyn / und legte mich mit mei - ner alten Schachtel alle Abend zu Bette / als hātte ich die Junge nie lieb gehabt. Doch war diß meine Plage / daß ich allen Gaͤſten Ge - ſellſchafft leiſten muſte / dann wer Luſt zu ſauf - fen hatte / dem ſolte ich zu Gefallen das Tann - zapffen-Vier in den Leib gieſſen / davon ward ich endlich ſo ungeſund / daß ich meinem Leibe keinen Rath wuſte / zu groſſen Gluͤcke kam eine Rechts Sache zu Ende / davon ich 2000. Thl[.]participirte / und meine alte Kachel ſtarb in Kindesnoͤthen. Alſo ward ich wieder frey / und behelffe mich numehr auf mein Geld ſo gut ich kan. Aber ach! bin ich nicht ein Narr geweſen / ach haͤtt ich einen Curator angenom - men / ach haͤtte ich was rechtes gelerntD vach82ach koͤnte ich ietzt dreiſſig Jahr juͤnger wer - den!
FLorindo hatte alle die Erzehlungen mit groſſer Luſt angehoͤret / Gelanor auch ließ ſich die artlichen Begebenheiten nicht uͤbel gefallen / doch hatte dieſer etliche Lehren daruͤ - ber abgefaſt welche dem Florindo gantz in ge - heim communicirt worden / alſo daß kein Menſch ſolcher biß auf dieſe Stunde habhafft werden kan. Derhalben wird der geneigte Leſer auch zu frieden ſeyn / daß hier etwas mit Stillſchweigen übergangen wird. Es moͤch - ten ſich etliche Leute der Sache annehmen / die man nicht gern erzuͤrnen will: Und wer will ſich an allen alten Gaſconiern das Maul ver - brennen. Wir gehen in unſerer Erzehlung fort / und geben unſern narrenbegierigen Per - ſonen das Geleite. Dieſe hatten ſich auf des Wirths Einrathen in einen beruͤhmten Luſt - garten verfuͤgt / und wolten die Herrligkeit deſſelben Ortes auch mitnehmen. Aber Gelanor ſagte den halben Theil von ſeinen Gedancken nicht / dann ſo offt der Gaͤrtner mit ſeinen frembden Gewāchſen herpralte / wie ei - nes 10. das andere 20. das dritte 50. das vierd - te gar hundert Thaler zu ſtehen kaͤme / hielt erallzeit83allzeit eine ſchlechte Feldblume dargegen / die an vielen Stuͤcken / ſonderlich in Medicini - ſcher Wuͤrckung weit beſſer war / und machte den Schluß: STUL TITIAM PATIUNTUR OPES. Doch ſagte er nichts laut / weil ihm als einem Narren-Probirer wol bewuſt war / daß kein ārger Narr in der Welt ſey / als der alles ſage / was er dencke. Jmmittelſt erblickte er einen Mann / welcher in der Galerie ſpatzie - ren gieng / und dem aͤuſſerlichen Anſehen nach vor einen ſtattlichen Miniſter bey Hofe paſſiren moͤchte / zu dieſem verfuͤgte er ſich / und fieng von einem und dem andern an zu reden / vor - nehmlich verwunderten ſie ſich uͤber die ar - beitſame Natur / welche dem Menſchlichen Fleiſſe ſich ſo unterthaͤnig macht / daß alle Roſen / Nelcken und andere Blumen / welche ſonſt mit wenig Blaͤttern hervor kommen / durch fleißiges und ordentliches Fortſetzen leicht vollgefuͤllt / und zu einer ungemeinen Groͤſſe gebracht werden. Von ſolchen na - tuͤrlichen Dingen geriethen ſie auf Politiſche Fragen / und Weil ſich Gelanor in dieſes un - bekandten gute Qualitaͤten etwas verliebete / giengen ſie zuſammen in das Garten-Haus / und ſetzten ſich in den Schatten / da druck[te]dieſer frembde Gaſt loß / wer er waͤre / undD vjfuͤhrte84fuͤhrte folgenden Diſcurs. Es iſt eine wun - derliche Sache / daß man dem Gluͤcke in dieſer Welt ſo viel nachgeben muß; wie mancher zeucht von einem Orte zum andern / und ſucht Befoͤrderung / doch weil er den Zweck nicht in acht nimmt / darauff ſein Glũcke ziehlt / geht al - les den Krebsgang. Hingegen wer dem Gluͤcke gleichſam in die prædeſtination hinein rennt / der mag es ſo naͤrriſch und ſo plump vornehmen / als er will / ſo muß er doch erho - ben / und vielen andern vorgezogen werden. Wie viel habe ich gekennt / die wolten entwe - der auf ihrer Eltern Einrathen / oder auch wol auf ihr eigen plaiſir Theologiam ſtudiren: allein es gerieth ins Stecken / biß ſie das Stu - dium Juris vor die Hand nahmen / darzu ſie von dem Gluͤcke waren gewidmet worden. Und alsdann muſte man ſich verwundern / wie alles ſo gluͤcklich und geſegnet war. An - dere haben die Medicin ergriffen / welche bey der Juriſterey verdorben waͤren / und was iſt gemeiner / als daß ein Menſch / der mit Gewalt will einen Gelaͤhrten bedeuten / ſich hernach in das Bierbrauen / in die Handlung / in den Ackerbau und in andere Handthierungen ſte - cken muß / welcher ohn allen Zweiffel beſſer ge - than haͤtte / wann er Anfangs dem Gluͤcke waͤ -re85re entgegen gangen. Und gewiß / iſt iemand auf der Welt / der ſolches an ſeiner eigenen Perſon erfahren hat / ſo kan ich wohl ſagen / daß er mir nicht viel nehmen ſoll. Jch war von Lutheriſchen Eltern gebohren und erzo - gen / vermeynte auch / ich wolte bey eben derſel - ben Religion leben und ſterben. Allein wie mir das Gluͤcke dabey zuwider geweſen / kan ich nicht ſagen. Numehr als ich auf Zure - den vornehmer und verſtaͤndiger Leute zu der Catholiſchen Religion geſchritten bin / hab ich noch nichts unter die Haͤnde bekommen / daß mir nicht mehr als erwuͤnſcht waͤre von ſtatten gangen. Jch habe mein reichlich und uͤber - fluͤßig Außkommen / ich ſitze in meinem Ehren - ſtande / und welches das beſte iſt / ſo darff ich nicht befuͤrchten / als moͤchte die Zeit ſchlimmer werden. Solches alles nun muß ich dem bloſſen Gluͤcke zuſchreiben / welches mich bey keiner andern Religion wil geſegnet wiſſen. Gelanor wolte auch etwas darbey geredt ha - ben / drumb ſagte er: Es waͤre nicht ohne / der Menſchen Glücke hielte ſeinen verborgenen Lauff / doch meynte er / man muͤſſe die endliche direction ſolcher wunderbahren Faͤlle GOtt zuſchreiben / welcher das Gemuͤthe durch aller - hand heimliche inclinationes dahin zu lenckenD vijpflegte /86pflegte / daß man offtermahls nicht wiſſe / wa - rumb einer zu dieſem / der andere zu jenem Luſt habe. Was aber die Religion betreffe / meynte er nicht / daß man mit ſo einem goͤttlichen Wercke gar zu liederlich ſpielen ſolte. Ey / verſetzte der Weltmann / was ſoll man ſpielen / die Sache iſt noch ſtreitig / und ſo lange nichts gewiſſes erwieſen wird / bleibt die Cathol. als die aͤlteſte / noch immer in poſſeſſione. Und darzu / man ſehe nur was die Lutheriſche Lehre denen von Adel vor Herrligkeit macht. Sie heyrathen alle und vermehren ſich wie die A - meißhauffen / und gleichwohl vermehren ſich die Guͤter nicht / ich lobe es bey den Catholi - ſchen / da gibt es ſtattliche præbenden / die wer - den denen von Adel eingeraͤumt / und bleiben indeſſen die Lehngüter unzertrent; duͤrffen die Geiſtlichen nicht heyrathen / ſo haben ſie ande - re Gelegenheit / dabey ſie die Luſt des Ehſtan - des genieſſen / und der Plage uͤberhoben ſeyn - So hoͤre ich wohl / antwortete Gelanor, man lebt nur darumb in der Welt / daß man wil reich werden. Mich duͤnckt / das iſt ein ſtarck Argument wider die Catholiſchen / daß ſie gar zu groß Gluͤcke haben. Und er wird ohn Zwei - fel den Spruch Chriſti geleſen haben: waͤret ihr von der Welt / ſo haͤtte die Welt dasihre87ihre lieb / weil ihr aber nicht von der Welt ſeyd / ſo haſſet euch die Welt. Derhalben ſchaͤtze ich die vor gluͤckſelig / wel - che durch viel Truͤbſal in das Reich Gottes eingehen / und alſo nach Chriſti Befehl am erſten nach demſelben Reich Gottes trachten. Es hat ſich wohl getracht / fieng jener hingegen an / wann man ſeinen Stand fuͤhren ſoll / und hat nichts darzu. Gelanor fragte / welche Lu - theriſche von Adel hungers geſtorben waͤren? ſagte darbey / er koͤnne nicht laͤugnen / daß etli - chen das liebe Armuth nahe genug waͤre: doch wolte er hoffen / die Catholiſchen Edelleute wuͤrden auch ihre Goldguͤlden nicht mit lau - ter Kornſaͤcken außmeſſen / es waͤre eine andere Urſache / dadurch die Meiſten in Armuth ge - riethen. Dann da hielte man es fuͤr eine Schande / auf buͤrgerliche Manier Geld zu verdienen / und wann ja etliche das Studiren ſo hoch ſchaͤtzten / daß ſie dadurch meinten em - por zu kommen / ſo waͤren hingegen etliche hun - dert / die nichts koͤnten als Fiſche fangen und Vogel ſtellen. Derhalben waͤre auch die Republic nicht ſchuldig / ihnen groͤſſere Unter - halt zu ſchaffen / als den Fiſchern und Vogel - ſtellern zukaͤme. Mit dem Geſchlechte und deſſen fortpflantzung haͤtte es ja ſeinen Ruhm:doch88doch wuͤrden die Ahnen nur geſchimpfft / wañ man ihre Wappen / und nicht ihre Tugenden zugleich erben wolte. Man ſolte auch nur in andere Republicqven ſehen / wie ſich die von Adel weder der Kaufſmanſchafft noch der Fe - der ſchaͤmeten / der Hertzog von Churland / der Groß-Hertzog von Florentz / ja die Venetia - niſch - und Genueſiſchen Patricii wuͤrden durch ihre Kauffſchiffe im minſten nicht geringer; Und ſie ſelbſt / bey den Catholiſchen / machten auß ihren Grafen und Hn. Doctores und Profeſſores. Dem guten Herrn wolte die Rede nicht in den Kopff / ſtund derhalben auf / mit vorgeben / er muͤſſe nothwendig einem andern hohen Praͤlaten auffwarten / recom - mendirte ſich in ſeine Gunſt / bat alles wohl auffzunehmen / und gieng hiermit zum Garten hinaus. Da ließ nun Gelanor ſeine Gedan - cken etwas freyer herauß / ach ſagte er / iſt diß nicht Blindheit / daß / ehe man ſich etwas druͤ - cken und buͤcken wolte / man lieber Gott und Himmel vor eine Handvoll Eitelkeit verſetzen und verkauffen darff. Geſetzt die Catholiſche Lehre waͤre ſo ſchlim nicht / daß alle in derſelben ſollen verdammt ſeyn: ſo frage ich doch / ob ein ſolcher abgefallener Sauſewind nicht in ſei - nem Gewiſſen einen Scrupel befinde / der ihmdie89die Sache ſchwer mache. Dann die Lehre / darinn er gelebt hat / kan er nicht verdammen. Und gleichwohl gehoͤrt ein groſſer Glaube darzu / zwey gegenſtreitende Sachen gleich gut zu heiſſen / Conſcientia dubia nihil eſt facien - dum. Endlich was den Handel am ſchlim - ſten macht / ſo nehmen ſie ja die Enderung nit etwan vor / Gottes Ehre zu befoͤrdern / oder ihre Seligkeit gewiſſer zu machen: ſondern weil ſie meynen / ihre zeitliche Gluͤckſeligkeit be - ſtens außzufuͤhren / das iſt mit derben deut - ſchen Worten ſo viel geſagt / weil ſie an Got - tes Vorſorge verzweiffeln / als ſey er nicht ſo Allmaͤchtig / daß er einen in der armſeligen Re - ligion ernehren koͤnte / nun uͤberlege man den ſchoͤnen Wechſel. Ein Kind wird außgelacht / wann es nach einem Apffel greifft / und einen Roſenobel liegen laͤſt. Eine Sau iſt darum eine Sau / weil ſie den Majoran veracht / und mit dem Ruͤſſel in alle weiche materie faͤhrt. Aber der wil vor einen klugen und hochver - ſtaͤndigen Menſchen gehalten ſeyn / der das E - wige verwirfft / und auf das Zeitliche ſiehet / welches in lauter kurtzen Augenblicken be - ſteht / die uns eher unter den Haͤnden entwi - ſchen / als wir ſie recht erkennet haben. Doch wer will ſich wundern / Chriſtus hat die Thor -heit90heit alle zuvor geſehen / drum ſagt er auch: das Evangelium ſey den Unmuͤndigen offenbah - ret / aber den Klugen und Weiſen verbor - gen.
HJerauf giengen ſie wieder nach Hauſe / und als ſie kaum in ihr Zimmer kommen / fragten etliche Kerlen von geringem Anſehen / ob ſie nicht koͤnten beherberget werden / ſie wol - ten gern eine Mahlzeit eſſen; der Wirth ſatzte ſie an einen Tiſch bey der Haußthuͤr / und gab ihnen ſo lang etliche Kannen Bier / biß ſie et - was zu eſſen kriegten Gelanor, der mit Ver - langen auf die Mahlzeit wartete / ſahe von oben auf ſie hinunter / und hoͤrete / was ſie vor Ge - ſpraͤche fuͤhren wuͤrden. Ja wohl / ſagte ei - ner / iſt es eine ſtattliche Sache / wer viel baar Geld hat / ich wolte / ich faͤnde einmahl einen Schatz von zehn biß zwoͤlff tauſend Thalern. Ja Bruder / ſagte der ander / was faͤngt man ietziger Zeit mit dem baaren Gelde an? Hoho / antwortete jener / da laß mich davor ſorgen / ſind nicht waͤchſelbaͤncke genug / da man es hinlegen kan. Ja fragte der / wo koͤmmt man alſo bald unter / und es iſt ungewiß / ob ſie dritt - halb pro cento geben. Es ſcheinet auch / alswann91wann die Baͤncke wolten ihren credit allmeh - lig verlieren / was haͤtte man darnach / wann das ſchoͤne Capital auf einmahl vor die Hun - de gienge. Dieſer Atzt weiß ich ſchon einen Stiel / replicirte der erſte / man darff nicht ſo ein Narr ſeyn / und alles an einen Ort ſtecken / hie Tauſend Thaler / dort tauſend Thaler / ſo muͤſte es S. Velten gar ſeyn / daß man al - lenthalben auf einmahl geſchnellt wuͤrde. A - ber wie waͤre es / ſagte der ander / wann du es an was anlaͤgeſt / wann ich an deiner Stelle wāre / ich kauffte ein Stuͤcke gut / gaͤbe ein ſtarck Angeld / lieſſe mir hernach die Ta - gezeiten deſto gnaͤdiger machen / daß ich ſie halb und halb von dem Gute nehmen koͤnte. Ach Bruder / gab der zur Antwort / man ſieht ja / was itzo die Guͤter abwerffen / der Ackerbau traͤgt nichts / die Viehzucht iſt auch gar ins Abnehmen gerathen / haͤtte ich Teiche / und kaͤme mir der Fiſchotter hinein / ſo haͤtte ich auch drey oder vier Jahr uͤmbſonſt gehofft / zwar wenn trockene Zinſen dabey waͤren / ſo waͤre es gut; aber wer findet flugs ein Gut / das ſolche Pertinentz-Stuͤcke hat. Mit Hol - tzungen iſts auch ein eben Thun / wañ ein groſ - ſer Wind kaͤme / und riſſe die Helffte von den Baͤumen auß / ſo haͤtte ich meinen Nutz. O -der92der wenn ich einen boͤſen Nachbarn haͤtte / der mir ſein Vieh auf die jungen Baͤumgen triebe / und lieſſe mir die Lobden wegfreſſen / ſo ſolte ich wohl funſſzig Jahr warten / biß ich wieder Holtz kriegte. Das ſolte mir der Nachbar wohl bleiben laſſen / ſagte der ander / ich wolte ihm einen Advocaten uͤber den Hals fuͤhren / daß er des Huͤtens vergeſſen ſolte: oder genauer davon zu kommen / ich wol - te ihn pfaͤnden / daß er nicht einen Kaͤlberfuß ſolte zuruͤck bekommen: was ſolten die Poſſen / wann einer moͤchte dem andern zu Schaden handthieren wie er nur ſelber wolte. Nein das muß nicht ſeyn / es iſt noch Gerechtig - keit im Lande / dahin man appelliren kan. Sol - che Worte ſtieß der gute Menſch aus allem Ei - fer herfuͤr / und gewißlich / wenn der Kühhirte ihm waͤre in den Wurff kommen / er haͤtte ſich an ihm vergriffen. Doch war es umb einen Trunck Bier zu thun / damit war das ungeheu - re Zorn-Feuer geloͤſcht / und der Diſcurs hatte ſeinen Fortgang: denn da ſagte eben die - ſer: hoͤre Bruder / was mir einfaͤllt / ein Landgut ſtuͤnde dir doch am beſten ’an / ich weiß wie du es koͤnteſt nutzbar machen. Laß eine groſſe Gru - be graben / darein ſchuͤtte allen Unflat / der im Hauſe geſamlet wird: Und ſieh in etlichen Jah -ren93ren darnach / ob nicht lauter Salpeter wird da ſeyn. Da laß nun eine Salpeter: Huͤtte bauen / und verlege etliche Materialiſten / es iſt darum zu thun daß du das Pfund umb 4. Pfennige wolfeiler gebeſt. Ey ſagte jener / was fragte ich nach dem Dreckhandel / ich laſſe mich doch zu keinem Landgute bringen / du magſt reden was du wilſt / es iſt allzeit in der Stadt bequemer / da will ich mir laſſen ein Haus bauen / mit ſchoͤ - nen Erckern / mit groſſen Saͤlen / mit zierli - chen Kammern / Summa Summarum / es ſoll ſich kein Fuͤꝛſt ſchaͤmen dariñen zu wohnen / nur einen groſſen Kummer hab ich / darvor ich bißweilen die Nacht nicht ſchlaffen kan: Jch weiß nit / wo ich die Feuermauer und das Secret recht anbringe. Nun es wird ſich ſchon ſchicken / ſagte dieſer / ich / wolte das Haus waͤre fertig / und du haͤtteſt mir eine Stube drin - nen vermiethet; du wuͤrdeſt doch diſcret ſeyn / und wuͤrdeſt mich mit dem Zinß nicht zu ſehr forciꝛen. Dis gefiel dem andeꝛn nit / deꝛ wandte ein / der Zinß muͤſte alle Oſtern und Michaelis gefaͤllig ſeyn / ſonſt moͤchte er es nicht einmal thun Und in ſolchem Streit geriethen die gutẽ Leute võ Worten zu Schlaͤgẽ / daß dem Wirth angſt und bange war wie er Friede machen koͤnte / daß der Richter nichts davon kriegte. Gela -94Gelanor hatte inzwiſchen treffliche Ergoͤtz - ligkeit gehabt / und erzehlte bey Tiſche / woher ſich der gantze Streit entſponnen / fuͤgte ſo dann dieſe Anmerckung hinzu. Sind das nicht Narren / die auf eine ungewiſſe und woh / gar unmoͤgliche Sache ſo groſſe Lufft-Schloͤſ - ſer bauen? Da bekuͤmmern ſie ſich umb den Schatz / den ſie nimmermehr finden werden / und verſaͤumen hingegen ihre eigene Sachen / darauff ſie dencken ſolten. Zwar man ſolte nicht meinen / daß die Welt ſo gar blind waͤre / wenn nicht die ſichtbahren Exempel mit den Haͤnden zu ergreiffen waͤren. Da heiſt es / ie haͤtt ich / ie duͤrfft ich / ie koͤnt ich / ie ſolt ich. Und kein Narr ſieht auf das jenige / was er ſchon hat / was er thun darff / was er kan und ſoll. Vielleicht muͤſſen wir im Hauſe einen Tiſch noch hinan ſchieben / wann alle ſolche Lufftſpringer ſolten mitgeſpeiſet werden. Dañ die Welt iſt ſolcher Wuͤnſche voll / und den - cket / ob mir es gleich nicht werden kan / hab ich doch meine Luſt daran. Mit andern derglei - chen Geſpraͤchẽ ward der Tag zugebracht / alſo daß keine ſonderliche Thorheit auffs neue vor - lieff / welche man haͤtte hauptſachlich be - lachen ſollen.
CAP,95DEn andern Morgen gieng Gelanor in ſeiner Stuben hin und wieder / und weil ein Schubkaͤſtgen unten am Tiſche war / trieb ihn ſeine Curioſitaͤt zu ſehen / was drinnen waͤre. Nun waren allerhand Rechnungen und andere Acta drinnen verwahret / an wel - chen man ſchlechte Ergetzligkeit haben kunte / daß auch Gelanor den Kaſten wieder hinein ſchieben wolte. Allein Florindo ward eins Seitenkaͤſtgens gewahr / und als er ſolches oͤffnete / lagen etliche Brieffe mit Baͤndergen und bunter Seide bewunden / daß man leicht ſchlieſſen mochte / es wuͤrden Liebes Brieffe ſeyn. Sie waren auch in ſolcher Meinung nicht betrogen / denn alſo lauteten die hertz - brechende Complimentir-Schreiben:
SEin Schreiben habe ich wohl geleſen; er ſehe / daß er auß ſeiner uͤberfluͤßigen Hoͤf - lichkeit mir ſolche Sachen zuſchreibet / deren ich mich nicht anmaſſen darff: Doch nehme ich alles an / nicht anders / als eine guͤnſtige Erinnerung / wie nehmlich dieſelbe ſolle be -ſchaffen96ſchaffen ſeyn / welche ſich dermahl eins ſeiner Affection werde zu ruͤhmen haben. Jch ver - bleibe inzwiſchen in den Schrancken meiner Demuth / und verwundere mich uͤber die Tu - genden / welche ich nicht verdienen kan. Und zwar diß alles in Qvalitaͤt.
Seine getreue Dienerin Amaryllis.
Jn Warheit ſagte Florindo, mit dieſem Frauenzimmer moͤchte ich ſelbſt Brieffe wech - ſeln / ſo gar zierlich und kurtz kan ſie ein Com - plimentgen abſtechen / alſo daß man weder ihre Hoͤflichkeit tadeln / noch auß ihrer Freymuͤtig - keit einige Liebe oͤffentlich ſchlieſſen kan.
SO offt ich ſeine Hand erblicke / ſo offt muß ich mich uͤber meine Gebrechligkeit betruͤben / welche mir nicht zulaͤſt / daß ich ſeinen Lobes-Erhebungen ſtatt geben kan. Und in Warheit / ich zweifle offt / ob der Brieff eben mich angehe / und ob nicht eine andere mich ei - nes unbilligen Raubes beſchuldigen werde / welche dieſe angenehme Zeilen mit beſſerem Rechte ſolte geleſen haben. Geſchicht diß / ſoleb97leb ich der gewiſſen Hoffnung / er werde mich helffen entſchuldigen und den Jrrthumb der Außſchrifft dz Verſehen beſchuͤtzen laſſen / als - denn werde ich mit doppelter Schuldigkeit heiſſen
Das heiſt bey der Naſen herumb gefuͤhrt / ſagte Gelanor, man mag die Worte außlegen wie man will / ſo heiſt alles / waſche mir den Peltz und mache mir ihn nicht naß. Jch halte davor / daß ſie eine von den qualificirteſten Per - ſonen ſeyn muß.
NUnmehr will ich zugeben / daß auf dieſer Welt nichts vollkommen iſt / nach dem ich in ſeiner vollkommenen Tugend / dieſe Un - vollkommenheit befinde / dadurch er veranlaſ - let wird / mich hoͤher zu loben / als ich verdient habe. Ob ich aber ſolche Wuͤrckung der Liebe zuſchreiben ſoll / kan ich eher nicht urthei - len / als biß ich durch ſeinen außfuͤhrlichen Be - richt erfahre / was Liebe ſey. Jnzwiſchen laſſe er ſich meine Kuͤhnheit nicht mißfallen / daß ich mich nenne
Mienesunvollkommenen Herren unvollkommene Dienerin Amaryllis.
Scheint doch der Brieff als ein halber Korb / ſagte Florindo, ich wolte mir derglei - chen Zierligkeit nicht viel wuͤnſchen. Dem guten Menſchen muß gewiß viel daran gele - gen ſeyn / daß er Brieffe außgewuͤrckt / die nichts geheiſſen.
OB ſein Gluͤck auf meiner Gunſt beruhe / kan ich dannenhero ſchwerlich glauben / weil er ſchon vor langer Zeit gluͤckſelig gewe - ſen / ehe er das geringſte von meiner Perſon ge - wuſt. Doch trag ich mit ſeinem betruͤbten Zuſtande Mitleiden / daß er mich umb etwas zu ſeiner Huͤlffe anſprechen muß / welches ich alsdenn geben koͤnte / wenn ich es verſtehen lernte. So weiß ich nicht / was Gunſt oder Liebe iſt / und ſehe auch nicht / welcher Geſtalt man ſolche den Patienten beybringen muß. So lange ich nun der Sachen ein Kind bin / muß ich wieder meinen Willen heiſſen
Seine Dienſtbegierig-ungehorſame Dienerin Amaryllis.
Gelanor ſagte / wir kommen nicht auß dem Handel / wir muͤſſen ſuchen / ob nicht ein Con - cept vorhanden / welches der ungluͤckſelige Liebhaber ſtyliſiret. Und zu allem Gluͤcke fanden ſie etliche Bogen Papier / darauff die hertzbrechende inventiones geſtellt waren. Und ſahe man wohl / daß der gute Guͤmpel alle Worte etlichemahl auf die Goldwage gelegt / weil hin und wieder etliche Zeilen mehr als dreymahl außgeſtrichen waren. Alſo brach - ten ſie auch mit genauer Noth folgendes zu wege.
Schoͤnſte Gebieterin.
GLuͤckſelig iſt der Tag / welcher durch das glutbeflammte Carfunckel Rad der he - len Sonnen mich mit tauſend ſuͤſſen Strah - len begoſſen hat / als ich in dem tieffen Meere meiner Unwuͤrdigkeit / die koͤſtliche Perle ihrer Tugend in der Muſchel ihrer Bekandſchafft gefunden habe / dazumahl lernte ich der Hof - fart einigen Dienſt erweiſen / in dem ich die ſchoͤne Himmels-Fackel mit veraͤchtlichen Au - gen anſah / gleich als waͤre ſie nicht wuͤrdig / bey dem hellblinckenden Luſtfeuer ihrer lieb - reitzenden Augen gleichſcheinend ſich einzuſtel - len. Die Venus hat ihr vorlaͤngſt den guͤl - denen Apffel geſchickt / und durch ihr eigenesE iiBe -100Bekaͤntniß den Ruhm der Schoͤnheit auf ſie geleget. Juno eiffert nun wieder mit ihrem Jupiter / als moͤchte er ſich auffs neue in et - was anders verwandeln und ihrer theilhaff - tig werden. Diana will nicht mehr nackend baden / weil ſie weiß / daß ſie das Lob ihres ſchneeweiſſen Leibes verlohren hat. Apollo wünſchet ſie unter den Muſen zu haben / wenn das Verhaͤngniß nicht den Schluß gemacht haͤtte / daß ſie ſolte lieben und geliebet werden. Jnzwiſchen freuen ſich die Gratien, daß in ih - rer angenehmen Perſohn alle Liebligkeit gleich - ſam als in einen Mittelpunct zuſammen laͤufft. Minerva ſchaͤmet ſich / daß ſie in Tugendhaff -, ten Treffligkeiten nicht mehr die vortrefflichſte iſt. Ach wertheſte Schoͤne / ſie vergebe mei - nem Kiel / daß er die Feuchtigkeit ſeines Schnabels an ihrem Ruhm wetzen wil. Hier ward Gelanor ungeduldig / und warff das Papier an ſeinen Ort. Es verlohnt ſich nicht der Muͤh / ſagt er / daß wir uͤber dem Ratten - Pulver die kalte Piſſe kriegen. Nun muß ich erſt das Frauenzimmer loben / daß ſie dergleichen abgeſchmackte Narrenpoſſen mit ſo einer hoͤflichen Freundligkeit hat auffneh - men und beantworten koͤnnen. Jch haͤtte ſo einen hoͤltzernen Peter gleich in den Kuh -ſtall101ſtall gewieſen / da haͤtte er ſeine Liebes-Gedan - cken in die Pflaſter-Steine eindruͤcken moͤgen. Doch iſt es nicht eine Thorheit / ſagte er wei - ter / daß ein junger Menſch mit ſolchen Eitel - keiten kan ſchwanger gehen. Da freſſen ſie den Narren an einer Perſon / und wiſſen dar - nach nicht / was ſie haben wollen; ſie lauffen und wiſſen nicht wohin / drum iſt es auch kein Wunder / daß ſolche ſchoͤne Brieffe an den Tag kommen / die keinen Verſtand in ſich ha - ben. Jch weiß nicht wer der verliebte Schaͤ - ferknabe ſeyn muß: aber das will ich mich verwetten / er ſoll ſelbſt nicht verſtehen / was der Brieff heiſſen ſoll. Und alſo wird es wahr; Stultus agit ſine fine. Florindo hoͤrete es mit an / und furchte ſich / der Hoffmeiſter moͤch - te eine Application machen auff das Liebes - Brieffgen / welchen er neulich von ſeiner Lieb - ſten erhalten. Drum machte er eine diverſi - on und ſuchte das Papier wieder hervor / be - gehrende / Gelanor moͤchte doch weiter nach - ſuchen. Es war aber ſo untereinander ge - ſchmiert / auch ſo offt veraͤndert / daß man ſchwerlich etwas daraus nehmen konte. Ei - nes war noch mit Muͤh und Noth zu leſen / welches auch Gelanor mit ſeinen Gloſſen ver - mehrte / wie folget:
E iijSchoͤ -102Schöne Grauſame / deswegen heiſt ſie grauſam / weil ſie aus ſeinen confuſen Schrei - ben nicht errathen kan / was der Narr haben will: Es wundert mich / daß er nicht geſchrie - ben: ſchoͤnes Ungethuͤm oder ſchoͤne Beſtie.
Nach dem ich in dem Spittal einer ungewiſſen Hoffnung kranck liege / und die Schmertzen der Verzweiffelung alle Tage zunehmen / wird es umb mich ge - ſchehen ſeyn / wo ich das Pflaſter ihrer Gunſt und ungefaͤrbten Liebe nicht umb meine laͤchzende und durſtige Seele ſchlagen darff. Hans ſpann an und fuͤhre den Kerl in den Narren-Spittal. Sind das nicht Worte / und wird die ange - fangene allegorie nicht ſchoͤn außgefuͤhrt? Denn eben darumb wird ein Pflaſter auffge - legt / daß man den Durſt vertreiben will. O du elender Brieffſteller! wie viel Urſachen haſt du zu verzweifeln? Es geht faſt wie beym Poeten ſteht:
Deñ was haſt du zu hoffen / was wilſt du ver - zweifeln / und was ſoll dich die eitele Einbil -dung103dung der Gegenliebe helffen? Doch weiter in den Text. Die gehorſamſten Dienſtlei - ſtungen welche ich ihrer Gottheit ge - widmet habe / muͤſſen in meiner verlieb - ten Seele ſterben / in dem mir die Gele - genheit ermangelt ſolche herauß zulaſ - ſen. Mich duͤnckt ich habe die hertzbrechende Complimente in einem Buche geleſen / dar - auß der Liebhaber ſeine Invention wird auß - geſchrieben haben. Sonſten halt ich davor / es wird trefflich umb den Menſchen ſtincken / wo die Dienſtleiſtungen alle in der Seele ver - faulen ſollen. Mein Rath waͤre / er legte ſich eine Quantitaͤt von Biſemkuͤchlein zu / damit er den uͤbeln Geruch bey der Liebſten verber - gen koͤnnte / daß es nicht hieſſe / Jungfer riecht ihr was / es koͤmmt von mir her. Ach wie gluͤckſelig wolt ich mein Verhaͤngniß preiſen / wenn ich als ihr geringſter Sclave / ihre Schuhbaͤnder auffzu - knuͤpfen gewuͤrdiget / oder ſonſt durch ihren hochmoͤgenden Befehl in dero wuͤrckliche (werckliche) Dienſte ange - nommen wuͤrde. Pfuy uͤber die Beren - heuterey / iſt dieß nun die Hoͤffligkeit alle / daß ein Kerle / der den lieben GOtt dancken ſolte / weil er ihn zu einem Mannsbilde erſchaffen /E jvſich104ſich gleichwohl nicht ſchaͤmet / einem ſchwa - chen Werckzeuge fußfaͤllig zuwerden. Pfuy daß man dir nicht die! Fleiſchſuppe uͤber den Grind herab gieſſen ſoll. Jch liege vor ihrẽ Fuͤſſen / habe ich durch meine Kuͤhn - heit geſuͤndiget / ſo trette ſie mich: hab ich Mitleiden verdienet / ſo erzeige ſie nur durch ein ſachtes Anruͤhren / daß ich Gnade erhalten habe. Jch will gerne ſterben / ich will gerne leben / ſie erwehle nur / welches ſie mir am liebſten goͤnneu will. O du barmhertziger Cour - tiſan! iſt dir das ſterben ſo nahe / und ſchreibſt noch Brieffe? Mein Rath waͤre / du ſtuͤrbeſt / und lieſſeſt dich per μετεμψύχωσιν Pythago. ricam in daſſelbe Bret verwandeln / welches die Liebſte taͤglich mit dem Hintertheil ihres Leibes zu bekuͤſſen pfleget. Sonſt ſolteſt du dich ehe zu tode complimentiren / ehe du ſo weit kaͤ - meſt. Sie wolten weittr leſen: doch kam der Haußknecht und ruffte zur Mahlzeit / da legten ſie die Sachen an ihre Stelle / und ſagte Ge - lanor dieſe kurtze Lehre: Ach ſtudiere davor / mein armer Kerle / als deñ wirſt du ohne der - gleichen Weitlaͤufftigkeit Liebſten genug fin - den. Wilſt du aber ietzt lieb haben und die nothwendigen Sachen verſaͤumen / ſo will ichwet -105wetten / du wirſt einmal bey deinẽ Unverſtan - de kein Madgen antreffen / welches dir den Hindern weiſete. Bey Tiſche brachte er es nun durch weitlaͤufftige Fragen herumb / wer etwan vordieſem in der Stube gewohnet haͤt - te / da ſagte der Wirth / es haͤtte ſie ein Tantz - Meiſter gehabt / und waͤre der junge Stutzer gegenuͤber gleichſam als ſein Stuben-Geſelle geweſen / welcher auch unterſchiedene Sachen / die ſeiner Groß-Mutter Erbſchafft betreffen / annoch oben verwahret haͤtte / aus Beyſorge / der Vater moͤchte ihm ſonſten eine unange - nehme Viſitation anſtellen. Damit hatte Gelanor genug / und wunderte ſich nicht mehr / warum der elende Galan die Gaſſen auf und nieder geſtutzt / ohn daß ie einer Jungfer wuͤrcklich zu geſprochen waͤre. Doch wolte er gerne das Frauen-Zimmer kennen / welche un - ter dem Nahmen Amaryllis ſich ſo manirlich bezeuget hatte. Drumb brachte er den Wirth beſſer auf die Spruͤnge / und erfuhr nicht al - lein die Perſon / ſondern hoͤrte auch / es wuͤrde ehiſtes Tages eine Zuſammenkunfft ihrent - halben angeſtellet werden. Hiermit ließ er es gut ſeyn / und ſagte nur dieſes darzu / er hoffe alsdenn das Gluͤcke zuhaben / mit ſo vor - nehmen Leuten bekand zu werden.
E vCAP. 106NUn war dieſe Compagnie niemahls muͤſſig / ſondern gebrauchten ſich aller Zeitvertreibung / welche an ſelbigem Orte frembden Perſonen zugelaſſen war. Sie unterlieſſen auch nicht alle naͤrriſche Actiones wohl zu obſerviren / doch wuͤrde der geneigte Leſer mit unſerer Weitlaͤufftigkeit nicht zu - frieden ſeyn / wenn wir alle minutias allhier haͤtten einmiſchen wollen. Dannenhero wir auch verhoffen entſchuldiget zu ſeyn / wofern wir das jenige nur kuͤrtzlich erwehnen / wel - ches unſerm Beduͤncken nach, das merckwuͤr - digſte ſeyn wird. Und daher wird die obge - dachte Jungfer Zuſammenkunfft nothwendig muͤſſen beruͤhret werden / weñ wir nur etlicher Haͤndel / ſo vorhergangen / werden gedacht haben. Einmahl traff Gelanor in der Kir - che einen alten Bekandten an / mit welchem er vor dieſem auf Univerſitaͤten gantz vertrau - lich gelebt hatte. Von dieſem ließ er ſich mit in ein ander Wirths-haus noͤthigen / da er auch ſeinen Florindo Ehrenhalben mit neh - men muſte. Sie ſatzten ſich / und lieſſen ſich die Mahlzeit wohlbekommen. Unter andern war ein Kerle bey Tiſche / der noch einen Fuchspeltz von Winters her am Leibe hatte /und107und meinten die andern alle / er moͤchte gern ein Sommerkleid angezogen haben / wenn er eines gehabt haͤtte. Nun wolten die andern Wein trincken / und weil der Wirth keinen ſelbſt im Keller hatte / legten die Gaͤſte zuſam - men und lieſſen hohlen. Als aber die Reih an den froſtigen Peltz-Stutzer kam / gab er vor / es waͤre ihm von den Medicis verboten / Wein zu trincken / doch damit ſie nit meinten als wolte er ſich der Compagnie entbrechen / ſo wolte er gern ſein Contingens mit beytragen / ſie moͤchten es in Gottes Namen außtrincken / damit warff er ein Goldſtuͤck von zehen biß zwoͤlff Thalern auf den Tiſch / und begehrte man ſolte ihm herauß geben / aber die andern mercktẽ bald / wie viel es bey dem guten Men - ſchen geſchlagen / daß er leicht ſchlieſſen kunte / niemand würde ſo unhoͤfflich ſeyn / und irgend eines Ortsthalers wegen / das ſchoͤne Stuͤcke zu wechſeln begehren: drumb ſagten ſie / ein iedweder bezahle was er trincket / beliebt einem nicht mit zutrincken / ſo waͤre es auch nicht von noͤthen / Geld zugeben / ſie haͤtten ſchon ſo viel bey ſich / daß ſie die Unkoſtẽ tragen koͤntẽ. Da - mit grieff der Stutzer gar willig zu / und ſteckte den Goldfuͤnckler wider in ſeine Taſche / daß er dadurch ins kuͤnfftige noch etliche mal moͤchteE vjvom108vom Geldgeben erloͤſet werden. Der Wein ward in deſſen gebracht / ſie truncken herumb; doch wolte der im Winterkleide nicht Be - ſcheid thun / ſoudern nachdem er ſich etliche mahl bedancket / gieng er davon. Gelanor fragte den Wirth / wer dieß geweſen waͤre / der gab ihm dieſen Bericht / es waͤre ein reicher Kerle / der von ſeinem Vater mehr als 30000. Reichs-Thaler geerbet: Allein er waͤre ſo karg und knickerhafftich / daß er ſich eher ein Haar auß dem Barte / als einen Zweyer auß dem Beutel vexieren lieſſe. Der Peltz were in der Erbſchafft mit geweſen / dieſen truͤge er nur / daß er kein Geld an ein Sommer-Kleid wen - den duͤrffte. Ja er wuͤrde nimmermehr ſo viel auf ſeinen Leib ſpendieren / daß er die Mahl - zeit im Wirthshauſe eſſe. So habe er eine Schuld auf dem Hauſe ſtehen / die alſo verac[-]cordiret worden / daß er ſie abfreſſen muͤſte: doch ſey er ſo genau / daß / wenn er einen andern haben koͤnne / der ihm 4. Groſchen gaͤbe / er in - deſſen zu Hauſe vor einen Pfenning Brot in Bier brockte / und das Eſſen darbte. Es kaͤme offt / daß / wenn er Hoffnung haͤtte / die Freſſe - rey zu verhandel[n]/ er die Mahlzeit zuvor etli - che Stuͤcke Brod einſteckte / daß er das Brod zum einbrocken nicht bezahlen duͤrffte. Denver -109vergangenen Winter habe er ſein Holtz ver - kaufft / und ſey biß gegen Mittag im Bette gelegen; hernach habe er den Tag in fremden Stuben zugebracht. Man koͤnte auch ſeiner nicht loß werden / als biß man Geld herumb geben wolle / da lieſſe er ſein Goldſtuͤck ſehen / und wenn niemand wieder zu geben haͤtte / ſo ſuchte er Gelegenheit wegzugehen. Er habe nicht weit auf dem Lande eine Schweſter / die ſchickte ihm bißweilen etwas von kalter Kuͤche: aber er boͤte ſolches entweder der Troͤdel - Frauen an / daß ſie es umb ein lumpen Geld verſchleppen muͤſte: oder er aͤſſe ſo ſparſam / daß gemeiniglich das meiſte verduͤrbe. Da ſagte einer / es waͤre noch Wunder / daß er eine Bier-Merthe machen lieſſe. Ach ſagte der Wirth / es iſt auch eine Merthe / darauff ich ſeyn Gaſt nicht ſeyn will. Er hat Bier zu brauen: Nun will er mit allen auf das theuerſte hinauß / und gleich wohl laͤſt er es an Hopffen und Maltz allenthalben fehlen / ja er geuſt den Kofent mit in die Bier-Faͤſſer. Da kan es nicht anders kommen / das elende Ge - ſoͤffe muß ihm uͤber dem Halſe bleiben. Und alſo koͤmmt das ſaure Bier an ihn / da wirfſt er ein bißgen Saltz hinein / krumelt Brod darzu / daß man die Seure nicht ſoE vijhaupt -110hauptſaͤchlich ſchmecket: Neulich begieng er ein hauswirthiſch Stuͤcke / ſagte der Wirth ferner / da kam ihn eine Luſt Wein zu trincken an / doch war ihm das Geld zu lieb. Drum borgte er bey mir ein Wein-Faß / darauf noch etliche Hefen waren / die ich ſonſt weggegoſſen haͤtte. Darzu goß er Waſſer / ruͤhrete es weidlich unter einander / gab ihm darnach mit einem Noͤſſel Brandtewein den Einſchlag / welchen die Troͤde-Frau an ſtatt baaren Gel - des gebracht hatte. Daraus ward ein Tranck / er roch nicht wie Wein / er ſahe nicht wie Wein / er ſchmackte nicht wie Wein / er waͤrmte nicht wie Wein / und war doch Wein. Florindo, dem das Maul allezeit nach der Liebſten waͤſſerte / fragte / warum ſich der wunderliche Kummpe nicht verheyrathet haͤtte / ſo koͤnte er offt ein gutes bißgen zurich - ten laſſen / und duͤrffte dem Wirthe nit gleich vier Groſchen davor bezahlen. Ja wohl / gab der Wirth zur Antwort / haͤtte er die Coura - ge, er will immer verhungern / weil er allein iſt / was wuͤrde er thun / wenn er heyrathen ſol - te? Hencken koͤnte er ſich nicht / denn die zween Pfennige thauerten ihn / davor er den Strick kauffen muͤſte. Vielleicht hungerte er ſich ſelbſt zu Tode. Gelanor fragte / womit erdenn111denn die Zeit paſſirte? Mit Sorgen / ſagte der Wirth / denn es iſt ihm alle Stunden leid / ſein Geld moͤchte geſtolen werden / oder die Capi - talia moͤchten caduc werden / oder es moͤchte ſonſt ein Ungluͤck kom̃en / das er nicht zuruͤcke treiben koͤnte. Er behaͤlt zwar nicht uͤber dreiſ - ſig Thaler im Hauſe / es muß verliehen werden und Nutzen bringen / doch hat er faſt nichts zu thun / als daß er Geld zehlt / da hat er ſich an ei - nem Dreyheller / dort an einem Vierpfenniger verrechnet / und wann man ihn umb einen Spatziergang anſpricht / ſo iſt kein Menſch auf der Welt der mehr zuthun hat. Das aͤrgſte iſt / daß er keinen rechtſchaffenen Men - ſchen zu Rathe zeucht / wenn er was vornimt: ſondern da ſind lauter Troͤdelhuren und Wet - termacherin / denen er ſeine Wohlfahrt anver - traut. Ach du Ertznarr / ruffte Gelanor uͤber - laut / hab ich doch deines gleichen noch nie an - getroffen. Gott hat die Mittel beſcheret / da - durch du dein Leben mit hoͤchſter reputation fuͤhren koͤnteſt; und gleichwohl biſtu nicht wehrt / daß du einen Heller davon genieſſen ſolſt. O wer iſt aͤrmer als du? Ein Bettel - mann darff leicht etliche Pfeñige zuſam̃en raſ - peln / ſo ſtelt er einẽ Schmauß an / darzu er den folgenden Tag noch vier Heller betteln muß:du112du aber ſitzt bey deinem Reichthum mit ge - bundenen Haͤnden / und fuͤhrſt ein Leben / der - gleichen ſich kein Vieh wuͤnſchen ſoll. Du biſt nicht Herr uͤber das Geld: das Geld iſt Herr uͤber dich. Bedencke doch / was Geld iſt. Es iſt ja nichts anders / als ein Mittel / dadurch man alle andere Sachen an ſich brin - gen kan. Vor ſich ſelbſt iſt es ein glaͤntzend Metall / das ſo viel hilfft / als ein bißgen Glaß / oder ein zerbrochener Kieſelſtein. Waͤre der Schmiedt nicht ein Narr / der nicht arbeiten wolte / auß Urſachen / er moͤchte den Hammer verderben? Oder ſolte man den Muͤller nicht in die Lache werffen / der die Rāder nicht lauf - fen lieſſe / auß Beyſorge es moͤchte zu viel Waſ - ſer darneben weg flieſſen. Warumb ſetzt man denn ſolchen Geld Narren keine Eſels-Ohren auf / der elende Schoͤpsbraten moͤchte alle Jahꝛ 500. Thaler verzehren / ich wolte ihm gut da - vor ſeyn / ehe ſechtzig Jahr ins Land kaͤmen / wuͤrde er kein Geld beduͤrffen. So nimt er noch die jaͤhrlichen Renten darzu ein / und ſchlaͤgt ſie lieber zum Capital / als daß er ſeine Luſt davon haͤtte. Nun freuet euch ihr zukuͤnf - tigen Erben / die Luſt ſoll bey euch zuſammen kommen; ihr ſollet die Heller wieder unter die Leute bringen; ihr ſollet wiſſen / wohin das Geldgehoͤrt;113gehoͤrt; ihr ſollet die Gaſtwirth / und Wein - ſchencken beſſer erfreuen.
DJe andern ſtimmeten mit ein / und wo - fern die alten Aberglauben noch kraͤff - tig ſind / ſo iſt kein Zweifel / die Ohren muͤſſen dem ehrlichen Stuͤmper wol geklungẽ haben. Jn dem ſie nun in dem Geſpraͤche begriffen waren / kam ein Kerl / und fragte ob ein Herr unter dem Hauffen einen Schreiber beduͤrffte. Gelanor, dem es an ſolcher Auffwartung ſchon offt gemangelt hatte / nahm ihn mit auf ſeine Stube / und ſagte / er ſolte ihm zur Probe einen Brieff ſchreiben (denn er war mehr als ein Copiſte) darinn er einen guten Freund com - plimentirte / der unlaͤngſt haͤtte Hochzeit ge - halten; Mit Bitte ſein auſſenbleiben zuent - ſchuldigen / und mit einem wenigen Hochzeit - Geſchencke vorlieb zunehmen. Nun war der Schreiber geſchwind uͤber das Dintenfaß her / und ſetzte folgenden wunderſchoͤnen Brieff innerhalb ſechs Viertelſtunden auf.
Daß ſeine ſich-ſo ploͤtzlich fergnuͤgenwollen - de Jugend / in das luͤſtrende und augenreiz -zende114zende Lachchen der holdreucheſten Fenus an - gefaͤſſelt worden / haabe ich wohl fernommen / laſſe auch den Preißwuͤrdigſten Einladungs - Brieff deswegen in dem Tageleuchter liegen / dahmit ich das Ahndaͤnkken der fohrſtehenden Luſtbarkeit nicht auß den Lichtern meines Haubtes ferlihren moͤhge. Die Fakkel des Himmels wird nicht fihlmahl umm den Tihr - kreuß luſtwandeln fahren / ſo wird die gaͤnzzlich - herfor gekwollen ſeynde Suͤſſigkeit der freundlichſten Libinne / ſein gantzes Laͤben er - kwikkend beſeligen. Und da muͤſte Zizero ſaͤlbſt ferſtummen / ja dem Firgilius und Ho - razius ingleichen dem Ofidius wuͤrde es an gleichmaͤſſigen Gluͤckwuͤnſchungs-Wohrten fermangelbahren. Bei ſo angelaaſſenen Sachchen / ſolte ich ſchweugen / umb meine in der Helden ſprachmaͤſſiger Wohlſaͤzzenheit gahr waͤ[ni]g außgekuͤnſtelt habende / und nicht allzu woortſaͤlig erſcheunende Schreibrich - tigkeit / oder daß ich baͤſſer vernuͤnfftele / umb meine ſich unwiſſend erkaͤnnende Gemuͤths Gebraͤchchen nicht zu ferbloͤſſen. Entzwi - ſchen iſt die Ohngedult meiner begirig auff - ſteugenden Haͤrzzens Neugungen ſo groß / daß ich den Mangel der an den Himmel der E - wigkeit zu ſchreiben wuͤrdig ſeinden Worte /mit115mit gegenwaͤrtiger Geringfuͤgigkeit zu er ſaͤz - zen beſchloſſen habende / mein Ohnvermoͤgen entſchuldigt zu haben bittend / und in forlieb - naͤhmender Gunſt-geſinnenſchafft aufgenom - men zu werden hoffend / mich in ſtaͤter und un - wandelbahr bluͤhender Dienſtfaͤrtigkeit wuͤn - ſche zu naͤnnen
Meines Haͤrzzengebieters dienſtſamen und auſſwarts - bahren Knaͤchts N. N.
Gantz unten war angeſchrieben / Kriſtoff Zi - riacks Fogelbauer Erz-Koͤniglicher beſtaͤ - tigter und Freyheitsferbrieffter offener Schreiber.
Gelanor laß den Brieff durch / und wuſte nicht / was er darauß machen ſolte. Er frag - te den ehrlichen Ziriaͤkel / was er mit den ver - wirrten Poſſen meynete / und warumb er die gantze Schreib-Art ſo liederlich verderbet haͤt - te. Nun war dieſer mit der Antwort nicht langſam: Es iſt zu beklagen / ſagte er / daß die Kunſt ſo viel Veraͤchter hat. Man ſolte demHim -116Himmel mit gefaltenen Haͤnden dancken / daß nunmehr etliche vornehme Maͤnner mit unbe - ſchreiblich groſſer Muͤh / der Teutſchen Hel - den-Sprache zu der alten Reinligkeit geholf - ſen: So muͤſſen die ſtattlichen Leute vor die ſaure Arbeit nichts als Spott und Verach - tung einnehmen. Doch ſtellt man den end - lichen Außſchlag der grauen Ewigkeit anheim. Meynt mein Herr / alſo redte er weiter / daß ich verwirrt ſchreibe? Ach nein / er ſehe nur die neuen Buͤcher an / und bedencke / was vor ein Unterſcheid zwiſchen ſchlecht Teutſch und Hochteutſch iſt. Er ſchlage nur die Schriff - ten vieler Weltberuͤhmten Poeten auf / und er - wege / was ſie vor Fleiß gethan / die unreinen Woͤrter auß der Helden-Sprache außzumu - ſtern / und hingegen ſchoͤne / reine und natuͤrli - che an die Stelle zu ſchaffen. Was ſoll ich den Lateinern die Ehre goͤnnen / daß ich ihnen zugefallen ſogen ſoll Fenſter: Jch mache lie - ber ein Teutſch Wort Tageleuchter. Und fragtiemand / was ein Fenſter in der Nacht heiſt / ſo ſag ich / ebenſowohl Tageleuchter / wie - ein Nachtkleid in dem Tage auch ein Nacht - kleid / und die Sonntagshoſen in der Woche auch Sontagshoſen heiſſen. So iſt es mit den andern Woͤrtern auch beſchaffen. Wun -dert117dert ſich ferner iemand uͤber die neue Schreib - richtigkeit: So muß ich ſagen / daß derſelbe noch nicht Teutſch verſteht. E. iſt kein Teut - ſcher Buchſtabe / V. auch nicht / Y. auch nicht / ja auch das Q. Warumb ſolt ich nun falſch ſchreiben / da ich es beſſer wuͤſte? Geſetzt auch / daß die Gewohnheit nun im Gegentheil einge - riſſen waͤre: So folgt es nicht / daß die Men - ge der Jrrenden die Sache deswegen gut machen muͤſte. Gelanor hoͤrete mit groſſer Gedult zu / wie der gute Stuͤmper in ſeiner Thorheit erſoffen war. Letzlich fieng er alſo an: Jhr lieber Menſch / ſeyd ihrs / der dem Va - terlande wieder auf die Beine helffen will. Ach beſinnet euch beſſer / und laſſet euch die Schwachheiten nicht ſo ſehr einnehmen / deñ was wollet ihr vors erſte ſagen / es waͤre Hoch - Teutſch geſchrieben / ja wohl / dencket ihr / euere Sachen ſind noch ſo hoch / daß ſie keine Ziege weglecken ſoll. Aber es hat die Gefahr nicht. Das Hochteutſche muß auch verſtaͤndlich ſeyn / und muß nicht wieder die Natur der Sprache ſelbſt lauffen. Uber dis koͤnte auch eine Eitelkeit groͤſſer ſeyn / als daß man ſich ein - bildet / es ſey ein Wort beſſer als das ander? Ein Wort iſt ein Wort / das iſt / ein bloſſer Schall / der vor ſich nichts heiſt / und nur zueiner118einer Bedeutung gezogen wird / nachdem der Gebrauch und die Gewonheit ſolches beſtaͤti - gen. Und alſo muß man den Gebrauch am meiſten herrſchen laſſen. Ein Tiſch heiſt da - rum ein Tiſch / weil es von den alten Teutſchen ſo beliebet und gebraucht worden. So heiſt auch ein Fenſter / ein Piſtol / eine Orgel / ꝛc. das jenige / wozu es von den ietzigen Teutſchen iſt geleget worden. Jch frage auch / iſt diß nicht der eintzige Zweck von allen Sprachen / daß man einander verſtehen will? Nun wird es niemand leugnen / daß dieſelben Woͤrter / die ihr außmuſtert / von iederman beſſer verſtan - den werden / als euere neue Gauckel Poſſen. Nehmet ein Exempel. Wann ein Soldat ſeinen Lieutenant wolte einen Hr. Plaßhalter / den Quartiermeiſter Hr. Wohnungs - oder Herbergenmeiſter nennen: Oder wenn einer die Piſtolen haben wolte / und forderte die Reit-Puffer: Oder wann er einen in die Corps de Garde ſchicken wolte / und ſagte / er ſolte in die Wacht-Verſamlung gehen / wer wuͤrde ihn mit den neugebackenen Woͤrtern verſte - hen? Und fuͤrwahr eben / ſo thum̃ koͤm̃t es mit euren Erfindungen heraus. Es iſt nicht ſo bald geſchehen / daß andere Leute errathen koͤnnen / was ihr haben wollet. Und wo habtihr119ihr eure Authoritaͤt itabilirt, daß die Spra - che / welche von Fuͤrſten und Herren gebraucht wird / nach eurem Gefallen ſoll umgeſchmeltzet werden? Mit den elenden Buchſtaben iſt es noch erbaͤrmlicher / die werden ohn Urſach relegirt, und auß dem A B C geſtoſſen / welches kuͤnfftig A B D heiſſen muß. Geſetzt ſie waͤ - ren bey den Alten nicht gebraucht worden: Mein was ſollen die alten Pritſchmeiſter / welche die Teutſche Schreiberey durch viel Secula fortgepflantzt haben / uns vor Geſetze geben / und warumb ſoll man nicht dabey blei - ben / nachdem etliche Secula geruhig und ein - ſtimmig ſo geſchrieben haben? Darzu / was ſtecket dann vor Klugheit dahinder / ob ich die neue oder die alte Mode brauchen will? Leſe - bengel und Papierverderber ſeyd ihr. Waͤre es euer Ernſt der Welt nuͤtze zu ſeyn / ſo wuͤr - det ihr nicht an den bloſſen Schalen kleben / und den Kern gantz dahinden laſſen. Wann ihr auch die Antiquitaͤt ſo gar lieb habt / war - umb waͤrmet ihr nicht alle altvaͤteriſche Re - dens-Arten wieder auf? Jch habe ein Alt Complimentir-Buch / welches Petrus Dres - denſis, der das Lied In dulci jubilo gemacht / ungefehr A. 1400. bey ſeiner Liebſtẽ gebraucht / meynet ihr / daß alles darauß wieder mag ge -braucht120braucht werden / ſo will ich endlich gern ſehen / was Hochteutſch heiſſen wird. Hl. Ziriacks machte eine ungnaͤdige Mine / darauß Ge - lanor abnahm / er wuͤrde nunmehr ſchlechte Luſt zu dienen haben. Derhalben gab er ihm einen halben Thaler vor die Schreibgebuͤhr / und gedachte / es waͤre doch alles Zureden vergebens / wann ſich ein Menſch allbereit in die ſuͤſſe Thorheit ſo tieff eingelaſſen haͤtte.
NAch dieſem gedachte unſere Compagnie weiter zu reiſen / als der Wirth bat / ſie moͤchten doch etlichen vornehmen Leuten in ſeinem Garten Geſellſchafft leiſten / es hãtte der junge Stutzer gegen uͤber eine Collation angeſtellt / und ſey zwar viel Frauenzimmer ge - beten / doch moͤchte er ſonſt niemands bekan - tes dabey haben. Dann es ſey ein alter Do - ctor von 60. Jahren / der habe ſich in ein Maͤd - gen verliebt / und wolle gern allein bey ihr ſeyn / daß ihn kein ander Buͤrgers-Sohn abſtechen moͤchte. Nun wolte zwar Gelanor die Leute gerne eigentlich kennen lernen: Doch meynte er / es moͤchte bey dem Wirth nur ein Ehren - Wort ſeyn / und bedanckte ſich alſo auffs be -ſte121ſte. Jmmitteiſt muſte der Mahler hinauß lauffen / und zuſehen / ob nicht im Hauſe dar - neben Gelegenheit waͤre / daß man den arti - gen Liebhabern koͤnte in die Karte ſehen. Die - ſer kam zuruͤcke / mit der Zeitung / es waͤre ein Garten hart darbey / da man durch einen ge - flochtenen Zaun nicht allein alles hoͤren koͤnte: ſondern es waͤre auch ein bequem Garten - haus / das etliche Fenſter gegen dem Garten zu haͤtte / hierauf lieſſen ſich Gelanor, Florindo und Eurylas nicht lang auffhaleen / und traf - fen in dem Garten eine alte Wittfrau an / wel - che ſie mit aller Hoͤffligkeit empfieng / mit dem Erbieten / ſie moͤchten alles nach ihrem Gefal - len gebrauchen. Sie nahmen es zu Danck an / und baten / man moͤchte nur die Thuͤr zu - ſchlieſſen / und ſie allein ihrer Luſt gebrauchen laſſen / es ſolte ſchon ein gutes Trinck-Geld er - folgen. Aber wer wolte nun ſo viel Papier verklecken / als die Eitelkeit erforderte / deren ſie in dem andern Garten mehr als zu viel an - ſichtig worden. Da war lauter Hoͤffligkeit / lauter Complimenten / lauter Liebe Der Tiſch war mit dem beſten Confect beſetzt / etli - che Maͤgde und Jungen hatten nur zu thun / daß ſie Zucker in den Wein thaten. Der junge Kerle ſelbſt trenſchirte die Kirſchen /Fund122und machte lauter Affen-Geſichter darauß. Der Alte fraß nichts als Mandelkerne / und hatte in einem heimlichen Buͤchsgen Confe - ctio Alkermes, die lapperte er ſo ſtillſchwei - gend mit hinein. Die Jungfern ſaſſen da in aller Herrlichkeit / bald lachten ſie / bald rede - ten ſie heimlich / bald ſchrieben ſie Buchſtaben auf die Mandelkerne / bald hatten ſie ſonſt et - was vor / doch wie gedacht / es wuͤrde zu lang alles außzufuͤhren. Darumb wollen wir bloß zweyer Geſpraͤche gedencken / welche dar - bey gehalten worden. Denn als die Gaͤſte des Trinckens muͤde worden / kriegten ſie eine Karte und ſpielten. Da machte ſich der alte Doctor mit ſeiner Liebſten in einen ſchattich - ten Gang. Eurylas, auf der andern Seite / lieff hinnach / und gab auf alle Worte genau Achtung.
Lißgen.
Jungfer Lißgen / ich weiß / die Zeit iſt ihr bey dem Tiſch lang worden.
Ach warum? Jſt doch die Geſell - ſchafft gar angenehm.
Man geht aber ietziger Zeit lieber ſpatzie - ren / weil man ſich im Winter muͤde genug geſeſſen hat.
Ach nein Hr. Doctor / ich bin noch ſo alt nicht / daß ich einen Unterſcheid unter den Jahrzeiten machen koͤnte.
Es mag ſeyn. Doch gefaͤlt ihr nicht der ſchoͤne Spaziergang?
Der Gang iſt gut gnug.
Aber wie gefaͤlt ihr die Perſohn / die mit ihr geht.
Jch werde ja ſo unhoͤfflich nicht ſeyn / und werde ſagen / ſie gefiele mir nicht.
Jch mag keine Complimente haben / ſie ſoll von Hertzen ſagen / ob ihr die Perſon gefaͤllt.
Wen ich in Ehren halte / der gefaͤllt mir.
Wie hālt ſie mich aber in Ehren?
So hoch als meinen Vater.
Jungf. Lißgen / das iſt zu viel / vor dem Vater muß man ſich fuͤrchten / das darff man bey mir nicht thun.
Aber ich fuͤrchte mich vor ihm Herr Doctor.
Darzu hat ſie keine Urſach.
Jch werde mich ja vor einem vornehmen Manne fuͤrchten.
Ein vornehmer Mann thut ſo einem ſchoͤnen Maͤdgen nichts.
Das weiß ich wohl.
So muß ſie ohne Furcht ſeyn.
Ach Herr Doctor / ich verſteh nicht / was er ſaget.
Sie verſteht was ſie will. Aber wa - rumb iſt die Frau Mutter nicht mit herauß kommen.
Sie hat ſich ſchon entſchuldigen laſſen / es giebt ietzund allerhand zu thun / daß ſie gar uͤbel abkommen kan / und darzu was hat ei - ne alte Frau vor Freude im Garten?
Es iſt ſo eine Entſchuldigung; doch ſteht mirs frey / daß ich andere Gedancken dar - bey habe.
Jch will nicht hoffen Hr. Doctor / daß er meine Mutter wird was Unfreundliches zutrauen.
Bey Leibe nicht. Jch dachte nur / was ſie zu thun haͤtte.
Geht nicht alle Stunden was in der Haus - haltung vor?
Mich deucht / ſie ſchickt auf eine Hoch - zeit zu.
Was vor eine Hochzeit?
Hat ſie nicht die groſſe Tochter?
Daß mir nicht die groſſe Tochter weg - koͤmmt; Ach es iſt noch Zeit vor mich / eine Butterbamme davor / die iſt mir geſuͤnder.
Ach Jungf. Ließgen / ſie rede nicht wider ihr Gewiſſen.
Was ſoll ich denn anders reden? Er ver - dencke mich nicht wider ſein Gewiſſen.
Es muß doch einmahl ſeyn. Deßwe - gen laͤſt Gott ſo ſchoͤne Creaturen auff - wachſen / daß ſie ſich verliebẽ / und wiederum andere ſchoͤne Creaturen auffziehen ſollen.
Herr Doctor / der Diſcurs gehoͤrt vor ſchoͤ - ne Creaturen / und nicht vor mich.
Es iſt ihre Hoͤffligkeit alſo zu reden. Sie antworte nur daruff / ob ſie nicht einmal will Hochzeit machen?
Jch weiß nit / vielleicht gehe ich ins Kloſter.
Jch ſehe ſie nicht davor an.
Eh ich auch einen Kerln naͤhme / den ich nicht koͤnte lieb haben / ehe wolt ich auf allen Vie - ren ins Kloſter kriechen / wann ich auf zweyen Beinen nicht fort koͤnte.
Da lob ich ſie drumb / es iſt aber kein Zweiffel / es wird ihr an ſtattlichen Freyern nicht mangeln.
Ja wohl / ſie werden ſich ſehr uͤm mich reiſ - ſen / wie umb das ſaure Bier.
Die that wird es anders außweiſen. Sie bleibe nur bey ihren Gedancken / und nehme lieber einen rechtſchaffenen / ſtattlichen / ehr - lichen Mann / als einen liederlichen Kerln / der mehr Geld verthun als erwerben kan.
Jch muß vor warten / ob ich das außleſen habe.
Das iſt das beſte / wenn ein Maͤdgen in einen anſehnlichen Ehrenſtand koͤmmt / daß nicht alle Aſchenbroͤdel uͤber ſie gehen: ſind darnach feine Mittel darbey / ſo iſt es deſto bequemer. Mit den andern Narrenpoſ - ſen / darein ſich junge Leute offt verlieben / iſt es lauter Eitelkeit.
Hr. Doctor / iſt es doch Schade / daß er nicht etliche dreyßig Jahr juͤnger iſt / und koͤmmt zu mir auf die Freythe / ich muͤſte ihn doch unter vier und zwantzigen außle - ſen.
Jch bin ietzt noch ſo gut als ein Jungge - ſelle / ich koͤnte nochkommen.
Ja / ſo ein Kind waͤre ihm nuͤtze.
Nuͤtze genug. Und fuͤrwahr ſie ſchertze nicht zu lang / ich mache ſonſt Ernſt drauß.
Jſt er ſo hitzig Hr. Doctor / ſo will ich mein Schertzen wohl bleiben laſſen.
Ach nein / ſie ſchertze nach ihrem Belieben. Doch was ſolte ihr wohl bey mir fehlen / wo waͤr ein Junggeſelle / da ſie dergleichen antreffen wuͤrde?
Herr Doctor / er iſt hoͤniſch; doch kurtz auf ſeine Frage zu antworten: Jetzt leben wirim127im Fruͤhlinge / da halten wir von dem ſchlimſten Roſenſtocke mehr als von dem beſten Weinſtocke.
Das Gleichniß reimt ſich hieher nicht.
Er gehe nur zu dem Wittweibigen in ſei - ner Gaſſe / die wird ihm die Sache ſchon außlegen.
Wer fragt nach den Witfrauen / wann Jungfern da ſind.
Wenn nun die Jungfern auch ſo daͤchten / und fragten nach Wittbern nicht / ſo lang ſie Junggeſellen haͤtten.
Das moͤchten ſie thun / wenn ſie nur das bey den jungen Kerlen finden / was ſie bey den Wittwern außſchlagen.
Was ſollen wir denn finden?
Ach mein Jungfer Ließgen / die Zeit iſt zu koͤſtlich / daß wir Reden fuͤhren ſollen / die nichts zur Sache dienen. Jch habe hier Gelegenheit geſucht / mit ihr bekand zu wer - dẽ / und will auch hoffẽ ſie wird mir vor eins zutrauen / daß ich ihr rechtſchaffen zuge - than bin / und vors andere / wird ſie gegen mich dergleichen thun. Sie ſey verſichert / die Wahl ſoll ſie nicht gereuen.
Herr Doctor / ich halte ihn vor meinen Va - ter / er wird ja ſeine Tochter nicht heyra - then?
Jungfer Ließgen / ich habe ſie in Ernſt ge - fragt / ſie wird mir ja auch in Ernſt ant - worten.
Herr Doctor / daran ſieht er / daß wir uns nicht zuſammen ſchicken / er thut ernſtlich / und ich ſchertze gern.
Das Schertzen ſoll ſich ſchon finden / ſie ſage nur ihre Gedancken.
Jch dachte die Doctor wuͤſten alles / weiß er denn nicht / was ich dencke?
Die Doctor wiſſen alles / was ſich wiſſen laͤſt. Aber andere Gedancken koͤnnen ſie nicht errathen.
Herr Doctor / kurtz von der Sache zu kom - men / ich bin mein eigen Herr nicht / will er bey meiner Mutter hoͤren / ſo wird er mehr erfahren / als bey mir. Das ſey er verſi - chert / daß ich den Spruch allzeit vor Au - gen habe / den mir mein alter Præceptor vorgeſchrieben: Vor einem grauen Haupte ſolt du dich neigen.
Storax, Amaryllis.
Jungfer Maríegen / wie ſo allein? Suchet ſie Johannis-Beeren?
Wie er ſiht.
Soll ihr niemand helffen?
Was ich pfluͤcke / ſchmeckt mir am beſten.
Sie bemuͤhe ſich nicht / ich will ſchon pfluͤcken.
Jch will aber nun ſelber die Luſt haben.
Der Diener iſt gewiß nicht angenehm.
Ach nein / er iſt mir zu vornehm.
Jch bin unter ihren Dienern der Ge - ringſte.
Wo haͤtte ich denn die andern / die beſſer waͤren?
Jungfer Marigen / ſie ſey doch nicht ſo an -daͤch -131daͤchtig / ſie dencke doch zuruͤck / ob ſich auch ihre Geſpielin mit der Karte in Acht nim̃t.
Will ſie verſpielen / ſo mag ſie den Scha - den mit haben.
Jch weiß nicht / was mein Factor machen wird. Jch bin heut brav eingeritten.
Esiſt ſeines Ruhms ein Stuͤckgen.
Die Occaſion brachte es ſo mit.
Wo bleiben unterdeſſen die Groß-mut - ter-Pfennige.
Das darff ein Politicus nicht achten / wor geheyt ſich umbs Geld.
Ach Gott ſtraffe mich nicht mit einem ſol - chen Liebſten.
Man kan es ja nicht aͤndern.
Wie machen es andere Leute.
Wer ein Pruͤlcker ſeyn will / der mag ſich uͤmb ein paar kahle Ducaten ſchimpffen laſſen.
Die Reputation hat manches mahl nicht die Folge.
Jch will es bey mir nicht hoffen.
Jungfer Marigen / ich ſehe was.
Monſ. Storax ich ſehe auch was.
Ach nein / ich ſehe fürwahr was / da kreucht eine Raupe auf der Krauſe herum.
Und da tappt mir einer auf dem Latze he - rumb; Er laſſe die Hand zuruͤcke / oder ich gehe davon.
Soll ich die Raupe nicht weg jagen?
Das mag er thun / er lege nur nicht et - was her / das mir verrießlicher iſt als eine Raupe.
Ach du ungluͤckſelige Hand! darffſt du dei - ner Inclination nicht nachgehen? ach wieofft133offt ſolſtu noch ſo elend abgewieſen werden? ach du elende / du arme / du unvergnuͤgte Hand!
Weiß er nichts mehr.
Die Sonne hat wohl keinen ungluͤckſeli - gern Menſchen beſchienen / als mich / ach Himmel! ach verwandele dieſes Holtz in ein Meſſer / damit ich mein truͤbſeliges Hertze abſtechen / und von der Angſt erloͤ - ſen kan.
Wird ihm uͤbel / Monſ. Storax?
Ach freylich iſt mir uͤbel / und ſie giebt die meiſte Urſache darzu.
Jch bekenne meine Unſchuld.
Sie bekenne den Todſchlag / den ſie an mir begehen wird.
Betrübt er ſich etwan uͤber das Geld / das wir gewonnen haben. Er verzieh nur / ehe er ſich daruͤber zu Tode graͤmt / wollen wirs ihm wieder geben.
Ey der Hencker hole das Geld. Jhre zahrten Augen haben mir alle Lebens - Krafft außgeſauget.
So will ich ein andermahl die Augen von ihm wegkehren.
Das mag ich auch nicht haben: ſie ſehe mich nur freundlicher an.
Was wird deñ aus der Freundligkeit.
Daß ich leben bleibe.
Jch muß lachen.
Ach ſoll ich davon Krafft haben!
Jſt das nicht ein ſchoͤnes Balſam - Buͤchsgen.
Es iſt nicht ſchoͤne / als biß ſie es in ihren Haͤnden hat.
Gewiß es iſt recht ſchoͤne / da hat ers wie - der.
Ach nein / es ſteht zu ihren Dienſten.
Ey das ſolte mir trefflich anſtehn.
Jch nehme es nicht wieder. Sie behalt es nur und mein Hertz darzu.
Jch werde ihn nicht in ſolchen Schaden bringen.
Das iſt kein Schaden / ich bin ihr Leibeige - ner / ſo iſt es nun kein Unterſcheid / ob meine Sachen bey mir oder bey ihr in Verwah - rung liegen.
Jch bitte er nehme es wieder / was wuͤr - den die Leute ſprechen.
Sie moͤgen ſprechen was ſie wollen / ſie ſprechen nur alles Gutes dazu.
Weil er mich dann ſo zwingt / daß ich ſei - nen Schadẽ begehren muß / ſo will ich zwar gehorſam ſeyn: doch mag er es wieder ab - fordern laſſen / wenn er will.
Wenn das Gold wird blaß werden / ſo werde ich auch auffhoͤren / ihr auffzuwarten.
SJe hatten ſich aber kaum recht geſetzt / als der Wirth auß dem Garten zuruͤ - cke kam / und ſo wohl obgedachten Monſ. Sto - rax, als auch etliche andere mitbrachte. Sie nahmen ihren Platz bey Tiſche / und ſtellten ſich Anfangs gantz erbar. Endlich als Gelanor weg gieng / von etlichen guten Freunden Ab - ſchied zu nehmen / war das Buͤrſchgen luſti - ger. Da muſten lauter Geſundheiten ge - truncken werden / und Florindo, der ſeine Luſt an dem Courtiſan hatte / machte alles mit. Jemehr137mehr nun der Wein in den Kopff ſtieg / deſto ſchaͤrffer fieng die Liebe an zu brennen: alſo daß Herr Storax dem Florindo eine Humpe zu - tranck auf des liebſten Maͤdgens Geſundheit / er ſoff ſie hauſtikôs auß / rieß damit das Hals - tuch ab / und verbrennte es auf Geſundheit uͤ - ber dem Lichte. Solches ſolte Florindo nach - thun / der verſtund ſich endlich auf die Humpe / aber wegen der Hals-Krauſe bat er / man moͤchte ihm ſolche Thorheit nicht zumuthen. Das junge Faͤntgen fragte wieder / ob man ſeine Liebſte ſchimpfen wolte / und ſolches Knar - ren waͤhrete ſo lange / biß Florindo ſich erbar - mete / und mit ſeinen fuͤnff Fingern auf ſeinem Backen ſpielete; da wolten zwar die andern zu - greiffen / allein der Mahler hatte die Diener ſchon aufgeboten / die ſich in voller battaille ins Mittel ſchlugen / und den armen Stutzer ohne Hals-Krauſe dermaſſen koberten / daß er ſeines Kuſſes und ſeines Balſambuͤchsgens haͤtte vergeſſen moͤgen. Letzlich machte der Wirth Friede / und daließ der gute blau-au - gichte Storax ſeines Ungluͤcks ungeacht die Stadtpfeiffer hohlen / und ſpendierte einem ied weden einen Thaler / daß ſie vor der Liebſten Thuͤre ein Staͤndgen machten. Dazumahl war das Lied noch neu: Hier lieg ich nun / meinKind /138Kind / in deinen Armen: das muſte nun ein Diſcantiſt mit heller Stimme in eine Baß - geige ſingen. Jn waͤhrendem Liede will Storax nach ſeiner Amaryllis ſehen / ob ſie auch im Fenſter audienz gaͤbe / tritt daruͤber fehl / daß er mit ſeinem gantzen Ornat in die Pfuͤtze faͤllt. Da machte eine Macht gegen uͤber dieſe Parodie: Hier liegt mein Schatz im ꝛc. biß an die Armen. Solches ſahe der Mahler / und referirte es ſeinen Principalen, welche ſich all - ſachte ſchickten / den folgenden Tag auffzubre - chen. Was aber Florindo vor Lehren von ſeinem Hoffmeiſter wegen der poſſierlichen Begebenheiten hat anhoͤren muͤſſen / iſt unnoͤ - thig zu erzehlen. Denn es kan ein iedweder verſtaͤndiger Leſer die abgeſchmackten Thor - heiten ſelbſt mit Haͤnden greiffen. Eins war bey dem Gelanor abzumercken / daß er zuruͤcke dachte / wie er in ſeiner bluͤhenden Jugend der Liebe auch durch die Spießruthen gelauffen / und dannenhero die gute Hoffnung hatte / es wuͤrde ſich auch mit dieſen jungen Liebhabern ſchicken / wenn ſie die Hoͤrner etwas wuͤrden abgelauffen haben. Und in dieſem judieirte er nicht unrecht. Denn die Liebe iſt bey einem jungen Kerlen von 15. Jahren gleichſam als ein Malum neceſſarium, wer auch da -mit139mit zu derſelben Zeit verſchont bleibt / der muͤß hernach Haare laſſen / wenn er aͤlter wird / und mit groͤſſerm Schimpff ſolchen Eitelkeiten nachſetzet. Wohl dem / der das Medium o - der Teutſch zu reden / die Maſſe halten kan.
DEr Tag brach an: der Kutſcher kam vor die Thuͤre. Sie reiſeten fort / und traffen viel Thorheiten an / doch hatten ſie ſchon die Reſolution gefaſt / nichts auffzuzeich - nen / als was notabel waͤre / und ſolcher Regi - ſtratur haben wir folgen muͤſſen. Auf dem Wege geſellete ſich ein Advocat zu ihm / der in derſelben Gegend an ein em Fuͤrſtlichen Hofe et was zu ſolicitiren hatte Der gedachte unter andern / er habe ſeinẽ Sohn an demſelbẽ Orte bey einem Menſchen / der in informations Sa - chen in Europa ſeines gleichẽ nit habẽ wuͤrde. Er verhoffte / ſie wuͤrden ſich auch an gedachtẽ Orte etwas auffhalten / und da ſolten ſie mit Verwunderung ſehen / was der Knabe von zwoͤlff Jahren vor profectus in philoſophi - cis, Hiſtoricis, Geographicis, Politicis, Ora - toriis: Summa ſumarum, faſt in omni ſcibili haͤtte. Gelanor freuete ſich / und meinte / erwuͤrde140wuͤrde ein Exempel ſehen / das ſich mit dem kleinen Canter zu Friderici III. Zeiten verglei - chen lieſſe. Und in Warheit / als ſie an den Ort kamen / und der Knabe gehohlet ward / muſten ſie erſtaunen / daß er mit dieſer artigen Rede ex tempore auffgezogen kam.
Viri ſpectatiſſimi, ignoſcite, quod pueri - tia mea ſui pauliſper officii oblita, vobis ſe ſi - ſtat audaciùs. Ex Lipſio enim jam tribus ab - hinc annis didici, pudorem in omnibus re - bus laudabilem, tunc debere abjici, quoties præclari cujusdam hominis ambienda eſſet notitia. Neque eſt, cur de benevola apud vos admiſſione dubitem, quippe quod lite - ras non ametis ſolum in ſuperbo maturitatis ſtatu; ſed etiam in ipſis progerminandi ini - tiis. Præſertim cum veſtram non lateat prudentiam, foveri herbam ſolere magis in ſemine, quàm in caule. Unicus mihi re - ſtat ſcrupulus, qui malè animum habet me - um, nihil in me reperiri, cujus indicio vel minima conſret diligentia. Interim ſuſfi - cere credidi profeſſionem perpetui erga li - teras amoris mei, ut proinde rogare non du - bitem, velitis infimo ſervorum veſtrorum lo - co meum quoque ad / cribere nomen, non ſi - ne ſpe, fore, ut affulgente annorum numero,faci -141facilior etiam inſerviendioc caſio affulgeat. Quod reliquum eſt, Te, pater oculiſſime, qua par eſt, filiali obteſtor obſervantia, ut, quando maximum fortunæ meæ arbitrium à natura tibi permiſſum eſt, ſermone plus gravitatis autoritatisq́ue habituro, mearn agere cauſam digneris, ne ab expectatione tam luculenta dejectus, de felici ſtudiorum ſucceſſu delperare incipiam. Sic DEUS vos ſervet quam diutiſſimè.
Dem Vater fielen die Thraͤnen hauffen - weiſe auß den Augen / als welcher ſich bey die - ſem wohlgezognen Sohne einen Mann ein - bildete / qui futurus eſſet, Turnebo doctior, Mureto diſertior, Sigonio profundior. Al - lein Gelanor, der auch wuſte / wo man den Speck auf Kohlen zu braten pflegte / dachte alsbald der Sache etwas tieffer nach / und be - antwortete des Knabens Rede kurtz: Adole - ſcentulorum optime; Laudamus conatum tuum, ex quo probamus indolem non vul - garem. Provehat DEUS quæ feliciter in - cepiſti. Noſtra utinam tibi prodeſſe queat amicitia. Parente interprete non indiges, qui laudabiliter dixiſti. Accede ſaltem pro - pius, ut, qui orationem admiramur, ſingu - los tuos perfectus ordine inſpiciamus. Idautem142autem fieri pace honoratiſſimi parentis tui, non deſpero.
Sein Informator merckte den Braten / und gab derhalben vor / er koͤnte ihn beſſer examiniren / und ſolches muſte Gelanor ge - ſchehen laſſen. Da fielen nun hohe Fragen vor / welche in dieſen ſchweren Zeiten manchem Doctor ſolten zu ſchaffen machen. Endlich als dieſe Fragen kamen: Quid eſt metaphy - ſica? R. eſt Scientia Entis quatenus Ens. Quid eſt Ens? R. Ens eſt quod habet eſſen - tiam. Quid eſt eſſentia? eſt primus rei con - ceptus. Da fiel ihm Gelanor in die Rede: Metaphyſica cujus generis? cujus declina - tionis? der Knabe ſah dẽ Informator an / gleich als wolte er ſagen / was ſind das vor roth - welliſche Sachen? dieſer aber entſchuldigte ſich / dergleichen Dinge waͤren dem Knaben nichts nuͤtze / indẽ er ihm dz Latein alles ex uſu beybringen koͤnte. Gelanor muſte ſich ab - weiſen laſſen: Allein als weiter gefragt wur - de / Polonia, eſtne regnum aut eſt Ariſto - cratia? und der Knabe ſagte: eſt Ariſtocra - tia. Fieng er noch einmahl an: mi adoleſcen - tule, dicis, Poloniam eſſe Ariſtocratiam. Ego ſic argumentor: ubi Rex propria authori - tate Epiſcopos & Senatores eligit, ibi non eſt Ariſtocratia. Atqui in Polonia &c. E. Das143Das gute Kind war wieder in tauſend Aeng - ſten und wuſte keine Huͤlffe als bey Herr Ca - ſparn dẽ Informator, der wandte wieder ein / es waͤre Eitelkeit / daß man die Jugend zu ſol - chẽ ſchulfuͤchſiſchen Gezaͤncke angewehnte / die Logica Naturalis duͤrffte halbicht im diſcu - riren exercirt werden / ſo waͤren die regulæ Syllogiſticæ nicht von noͤthen. Gelanor war hiemit nicht zu frieden / ſondern begehrte / weil der Diſcipulus nicht diſputiren koͤnne / ſo ſol - te er der Informator ſelbſt das Argument auf ſich nehmen / weil er die gedachte hypotheſin ſeinem Untergebenen haͤtte beygebracht. Doch an ſtatt / daß er ſich in ein diſputat ein - ließ / wickelte er ſich mit des Horatii Verſen herauß:
‘‒ ‒ ergo fungar vice cotis, acuturn Reddere quæ ferrum valet, exſors ipfa ſecandi. ’ ()Und damit hatte Gelanor ſeine dritte Ab - fertigung / alſo daß er ſich in das ſtoltze Exa - men nicht mehr ein miſchen wolte. Aber als die Probe gantz abgelegt war / ſuchte Gelanor mit dem Vater allein zu reden / und ſagte / es kaͤme ihm vor / als waͤre der Kerle ein Praler[/]der ſeinen Sohn mehr confundiren / als ge - lehrt machen wuͤrde. Unterſuchte hierauff den methodum informandi, da er denn be -fand,144fand / daß der gute Knabe nichts anders thun muſte / als etliche Lateiniſche formulas ſine judicio außwendig lernen / die er bey vorfal - lender Gelegenheit / nicht viel kluͤger als ein Papagoy herbeten kunte: er mochte nun von der Sache ichts oder nichts verſtehn. Da remonſtrirte nun Gelan. dem ehrlichen Mañe / wie er mit ſeiner ſonderlichen Hoffnung waͤre hinter dz Licht gefuͤhret woꝛden / und wie ſchlim er ſein vaͤterliches Gewiſſẽ verwahren wuͤrde / wenn er den Sohn nicht in Zeiten auß dem Labyrinth herauß fuͤhrte. Der Advocat ent - ſchuldigte ſich / er haͤtte hierin vornehmer Leute Gutachten angeſehen: und dar zu ſo koͤnte es vielleicht mit jungen Leuten nicht im erſten Jahre zur Vollkommenheit gebracht werden: Er ſaͤhe gleichwohl / daß noch huͤbſche Com - pendia diſcendi darbey getrieben wuͤrden. Erſtlich wuͤſte er / daß ſein Sohn den Orbem pictum perfect durchgetrieben haͤtte. Ge - lanoꝛ wuſte nicht / was es vor ein Buch waͤre / doch als er ſolches nur ein wenig in die Haͤnde bekam / ſo ſagte er: Jch finde viel Zeugs / das zu leꝛnen iſt / doch ſehe ich nichts / das ins kuͤnff - tige zu gebrauchen iſt / die wunderlichen Leute wollen nur Latein gelernt haben / und ſehen nit aufden ſcopum, warum man eben ſolcher Sprache von noͤthen hat.
Es145Es gemahnt mich wie mit jenem Buͤr - germeiſter / der ſchrieb an drey Univerſitaͤten uͤmb einen Magiſter, der ſeinen Sohn in allen Handwercks-Officinen herumfuͤhrte / und ihm ſagte / wie alles Lateiniſch hieſſe / gleich als beſtuͤnde die Kunſt darinn / daß man ſolche Sachen Lateiniſch verſtuͤnde: die wohl der vornehmſte Profeſſor nicht Teutſch zu nennen weiß. Unterdeſſen lernt ein Kind viel no - mina die Verba hingegen und die particulæ connectendi bleiben auſſen. Wenn nun ein Moral-diſcurs oder ſonſt eine Diſciplin ſoll tractiret werden / ſo ſtehen die Kerlen mit ih - rem bettelſaͤckiſchen Latein / und koͤnnen ihre Schauffeln / Qverle / Miſtgabeln und Ofen - kruͤcken nicht anbringen. Wer heutiges Ta - ges einen Hiſtoricum, Philoſophum, Theo - logum und andere Diſciplinen Lateiniſch ver - ſteht: darneben ſelbſt eine nette Epiſtel / und zur Noth eine Oration ſchreiben kan. Und endlich im Reden ſo fertig iſt / daß er im di - ſputiren ſeine Sachen vorzubringen weiß / der iſt perfect genug / er wolte denn Latinam lin - guam ex profeſſo vor ſich nehmen. Nun aber iſt es zu dieſem allen kaum die Helffte auß dem Orbe picto und auß dergleichen gemahl - ten Narren-Poſſen von noͤthen. GeſetztGauch146auch es kaͤme zu weilen ein ungewoͤhnlich Wort in dieſem und jenem Autore vor / ſo iſt doch bekant / daß ſich die Gelehrteſten Leute bey ſo raren Exempeln des Lexici als eines Troͤſters bedienen. Endlich / daß man meynt / es wuͤrde ein præguſtus omnium diſciplina - rum hier durch beygebracht / das iſt Eitelkeit. Denn die Knaben haben lange das Judicium nicht / ſolche Sache zu penetriren. Und folgt nicht / der Herr Præceptor von 40. Jahren verſteht es / ergò kan es ein kleiner Bachant von 9. Jahren alſobald auf dem Butterbrot in den Bauch einfreſſen. Es waͤre zu wuͤn - ſchen / daß ein Kuͤnſtler aufftraͤte / und mit kur - tzen Spruͤchen auf die Regulas Grammati - cas zielte / damit ſolche per exempla eingebil - det wuͤrden / haͤtte man hernach das exerciti - um, ſo wuͤrden ſich die Vocabula wohl geben. Nun aber wird es umbgekehrt / die Gram. matica ſoll ſich ex uſu geben. Ja ſie giebt ſich / daß man niemahls weniger Latein gekunt hat / als ſeit der uͤberſichtige Autor Orbis picti mit ſeinen vielfaͤltigen Buͤchern auffkommen / der alles / was er zu Hauſe theoreticè vor gut be - funden / neſcio quo fatierrore, den Schulen zu practiciren auffgetrungen hat. Und iſt zu beklagen / daß niemand kluͤger wird / obgleich147gleich die janua Linguarum aurea mehr por - ta inſcitiæ plumbea moͤchte genennet wer - den.
Der gute Vater empfand hierauß einigen Troſt / weil er ſahe / daß ſein Sohn nicht allein in die vergebene Weitlaͤufftigkeit gefuͤhret wuͤrde. Doch wolte er es auf einer andern Seite verbeſſern: gab derhalben vor / er lieſſe ſolches die philologos verantworten / es waͤre zum wenigſten ein Zeitvertreib darbey / da - durch die Jugend angewehnet wuͤrde / etwas außwendig zu lernen. Sonſten waͤre der hi - ſtoriſche methodus deſto beſſer / ließ darauff etliche Kupperſtuͤcke hohlen / auf welchen viel wunderlich Zeugs gemahlet war / darbey man ſich der Nahmen in ſacra & profana hiſtoria errinnern ſolte. Ein Teichdamm mit A be - zeichnet ſolte Adam heiſſen. Ein Sack mit I Jſaac. Ein Apt mit einer Fenſterrahme Abram. Eine Semmel mit Butter be - ſchmiert / bedeutete Sem und Japhet, quaſi du Narr friß doch die Semmel / ſie iſt ja fett. Ei - ne Amme hatte den Bietz in der Hand / das war ſo viel als Bizanz. Ein Bauer guckte zu ſeinem Fenſter herauß / und ſah daß das Waſſer außgetreten biß an ſeinem Miſthauf - fen / gleich als ſagte er die See mir amG ijMiſt148Miſt. Und das war Semiramis. Gela - nor warff die Figuren auß Ungedult von ſich / und ruffte uͤberlaut. O ihr armen Eltern! wie jaͤmmerlich werden eure Kinder betro - gen! wie elend werden eure unſaͤgliche Un - koſten angeleget! Sollen nun die abge - ſchmackten Gauckel-Ppſſen memoriam ar - tificialem machen / die vielleicht memoriam ſo ſehr confundiren oder obruiren moͤchten / daß ein Kind zwirbelſichtig daruͤber wuͤrde. O wohl dem der die Namen recht wie ſie heiſſen durch offtmalige repetition ſich einbildet und bekand macht. Wo die notiones ſecundæ ſchwerer gemacht werden als die primæ, da iſt ein compendium uͤbel gefaſt und wird ein diſpendium darauß.
Hier ward der Advocat auch disjuſtirt, und fragte / wenn gleichwohl alles ſolte ver - achtet werden / wo man denn guten Rath her - nehmen wolle. Nun ſaß einer mit am Ti - ſche / der bey waͤhrendem diſcurſe ſich mit hin - zugefunden / der zwar den Kleidern nach gar zu viel Anſehn nicht hatte / doch endlich der Wiſſenſchafft nach einer von den geringſten nicht war. Dieſer bat / man moͤchte ihm ver - goͤnnen / ſeine Gedancken von den Informati - on Sachen etwas weitlaͤufftiger zu eroͤffnen. Es149Es iſt zu verwundern / ſagte er / warumb von etlichen ſeculis daher / ſeit die literæ humanio - res wiederumb auß der finſtern Barbarey hervorgezogen worden / die Schulen ſo gar wenig zur Beſſerung kommen / und die Ju - gend einmahl wie das andere verdrießlich und weitlaͤufftig genug herumb gefuͤhret wird. Die meiſten werffen die Schuld auf die præceptores, welche gemeiniglich è fæce Eruditorum genommen worden / alſo daß / wenn man mit einem ſeichtgelehrten Kerlen weder in dem Predigampt noch in der Rich - ter-Stube fortkommen kan / ein jeder meynt / er ſchicke ſich am beſten in die Schule. Nun iſt dieß nicht ohne / und moͤchte ſich mancher Patron in das Hertze hinein ſchaͤmen / daß er die Jugend nicht beſſer verſorget / da er doch ſich zehn mahl in den Finger biſſe / eh er vor ſeine Pferde einen ungeſchickten Stallbuben / oder vor die Schweine einen nachlaͤſſigen Hir - ten annehme. Doch iſt zum wenigſten in den Schulen ein Rector oder ſonſt ein Col - lege, dem man nicht alle erudition abſprechen darff / alſo daß obangefuͤhrte Urſache nicht eben die rechte zu ſeyn ſcheinet. Soll ich offen - hertzig bekennen / was die Schulen verderbt / ſo iſt es nichts anders / als daß die Inſpectio -G iijnes150nes und Ordinationes ſolchen Leuten anver - trauet werden / welche ſich umb das Informa - tions Weſen niemahls bekuͤmmert / zum we - nigſten in praxi nichts verſucht haben. Sie - het nun gleich ein geuͤbter Schulmann / wie man eines oder das andere beſſern ſolte / ſo darff er doch nichts ſagen / er moͤchte ſonſt den Namen haben / als wolte er ſolche groſſe und gelehrte Leute tadeln / ja wenn es vorbracht wird / ſo bleiben ſolche lumina mundi doch auf ihren neun Augen / und aͤndern es der gerin - gen Perſon zu trotze nicht. Nun moͤchte man doch dieß erwegen / es ſtudieret mancher etliche zwantzig / dreiſſig Jahr / von Morgen biß in die Nacht / ehe er in Schul-Sachen recht hinter die Springe koͤmmt. Gleiwohl ſoll er ſich von einem andern reformiren / und dictatoria voce eintreiben laſſen / der in ſeiner facultaͤt zwar gelehrt gnug iſt: doch aber in dieſen Studiis kaum daſſelbige noch weiß / deſ - ſen er ſich von der Schule her oben hin erin - nern moͤchte. O wie wuͤrde ein Schuſter / ein Schneider / oder wohl gar ein Dreſcher lachen / wenn ein Doctor trium facultatum ſagen wolte / ſo muſtu das Leder zerren / ſo muſt du das Band friſiren / ſo muſt du den Flegel in der Hand herumb lauffen laſſen:denn151denn die præſumptio waͤre da / daß die guten Leute ihre Handgriffe beſſer verſtuͤnden: aber in der Schule mag ie derman ſtoͤren / wer ein Bißgen zu befehlen hat. Die Theologi, wenn ſie gefragt werden / wieweit ſich ein Fuͤrſt vi Superioritatis in die Conſiſtorial - Sachen mit ein zu miſchen habe / bringen die diſtinction vor / inter actus religionis inter - nos & externos. Das iſt / etliche Sachen giengen die Religion und Artickel ſelbſt an / und betraͤffen ihre Warheit / die bloß auß der Schrifft muͤſtẽ decidirt werden / und ſolches waͤre derſelben Ammt / welche dem Studio lang obgelegen / und von den Fragen judici - ren koͤnten: Etliche Sachen aber giengen die Religion nur zufaͤlliger Weiſe an / e. g. ob die Theologi auch ihre actus internos recht ex - ercirten, es etwas im Lande ſich ereignete / das der Religion koͤnte ſchaͤdlich ſeyn u. d. g. Und ſolche gehoͤrten dem jenigen / der nechſt der Hohen Obrigkeit auch Inſpectionem & po - teſtatem religionis auf ſich habe. Jch will dieſe diſtinction auf die Schule appliciren / damit niemand meyne / als wolte ich lauter Freyherren haben. Die externa inſpectio iſt gar gut / ob alle Præceptores ihr Ampt ver - richten / ob ſie der Jugend einige BosheitG jvge -152geſtatten / ob ſie ihrem ſelbſt beliebten Metho - do nachkommen ꝛc. Aber daß die Obrigkeit ſich umb die interna bekuͤmmern will / und doch keine erfahrne Schulmaͤnner zu Rathe zeucht / zum Exempel / daß ſie die Autores vor - ſchreibt / ja wohl gar den modum tractandi beyfuͤgt / das iſt zu viel. Wer einen recht - ſchaffenen Rector in der Schule hat / der ſoll ihm die Lectiones ſamt der Jugend auf ſein Gewiſſen binden / daß / ſo gut als er es vor dem Richterſtul Chriſti dermahleins verantwor - ten wolle / er auch ſeine Wiſſenſchafft hierinn anwenden moͤge. Vielleicht wuͤrde es an manchem Orte beſſer / und wuͤrden ſich die Collegen hernach ſo nach Belieben verglei - chen / damit die Jugend nicht confundiret wuͤrde. Man ſehe die meiſten Schulen an; Fruͤh umb ſechs werden Theologica gehan - delt. Umb 7. koͤmmt einer mit dem Cice - rone angeſtochen. Umb achte koͤmmt der dritte und laͤſt ein Carmen machen. Umb neun iſt ein privat Collegium uͤber das Grie - chiſche. Um zehen ein anders uͤber den Mu - retum. Umb zwoͤlff wird ein exercitium Styli vorgegeben. Umb eins werden die præcepta Logices recitirt. Umb zwey wird der Plautus erklaͤrt; umb drey iſt priva -tim153tim ein Hebraͤiſch dictum zu reſolviren. Umb viere lieſet man etwas auß dem Curtio. Und dieß wird alle Tage geaͤndert / daß wenn die Jugend auf alles ſolte achtung geben / entwe - der lauter divina ingenia oder lauter confule Koͤpffe darauß wuͤrden / nun gehen zwar etli - che Stunden offt dahin / da mancher nichts lernt; doch iſt es Schade / daß ſo viel[ed]le Stunden vorbey gehen. Ach doͤrffte ein Re - ctor mit ſeinen Collegen, wie er wolte / wie ordentlich wuͤrde er ſeine Labores eintheilen. Ein halb Jahr wuͤrde er nichts als Oratoria, ein anders nichts als Epiſtolica, ein anders Græca, weiter fort Logica, und ſo ferner vor - nehmen / damit die Jugend bey einerley Ge - dancken bliebe. Es koͤnten doch gewiſſe Re - petitiones angeſtellet werden / daß man in dem andern halben Jahre nicht vergeſſe / was in dem erſten gelernet worden. Denn in dem Oratoriſchen halben Jahre / muͤſte ein College die Logicam alſo tractiren / daß er den Uſum Oratoricum darinn zeigte / ein an - der muͤſte einen Hiſtoricum leſen / und zu Col - lectaneis Anleitung geben. Ja was von Theologicis Quæſtionibus vorkaͤme / das muͤſte man zu lauter Chrien und Orationen machen / ſo boͤten die Collegen einander dieG jvHand154Hand / und berathſchlagten ſich alle halbe Jahr / was kuͤnfftig von noͤthen waͤre. Ach wie gluͤcklich wuͤrde die Information ablauf - fen / beſſer als bey uns / da ein Præceptor hie / der ander dort hinauß will / und ſich hernach mit der Obrigkeit entſchuldiget / die habe es alſo verordnet.
GElanor hoͤrte dieſe Conſilia gedultig an. Endlich fuͤgte er ſein Judicium bey. Mein Herr / ſagte er / es iſt alles gut / was er vorbingt: Nur diß iſt mir leid / daß es ſich ſchwerlich practiciren laͤſt. Denn geſetzt / die Obrigkeit koͤnne etwas darzu / ſo weiß ich den Schulmann nicht / welcher der Katze die Schelle anhencken wolle. Uber dieß ſind die Rectores allenthalben mit den Collegen nicht ſo einig / daß man mit gutem Gewiſſen die Le - ctiones ihrem Gezaͤncke anheim ſtellen koͤnne. Ja wo ſind Leute / welche ſo gar ſonderlich der Jugend beſtes / und nicht vielmehr ihren Privat-Nutzen anſehen? Und welches das aͤrgſte iſt / ſo werden zu den unterſten Colle - gen offt gute ehrliche Leute gebraucht / welche auſſer ihren elaborirten Argument-Buͤchernwenig155wenig vorgeben koͤnnen: Hingegen wo ein Rector zu erwehlen iſt / da muß es ein groſſer Philoſophus oder Philologus ſeyn. Ein Philologus aber heiſt ins gemein / der ſich in alle Critiſche Subtilitaͤten vertiefft / oder der nichts als Syriſche Chaldeiſche / Perſiſche Aethiopiſche / Samaritaniſche Grillen an die Tafel mahlen kan / Gott gebe die Jugend verſaͤume die nothwendigen Sachen darbey oder nicht. Ein anderer armer Mann / der nicht ſo wohl dahin geht / daß er außwaͤrtig will vor einem Gelehrten außgeſchryen wer - den / als daß er die Jugend fundamentaliter moͤchte pro captu anweiſen / der ſieht nicht ſtoltz gnug auß.
Der Advocat ſagte / diß ſey eben die Urſa - che / warumb er vor den Scholis publicis ei - nen Abſcheu gehabt / und ſeine Kinder viel lie - ber privatim unterweiſen lieſſe. Der unbe - kandte Gaſt aber gab zur Antwort / es waͤre auch zu Hauſe nicht alles ſchnurgleich abge - meſſen. Vor eins haͤtten die Knaben kein Exempel vor ſich / dadurch ſie excitirt wuͤr - den: Da hingegen in einer Claſſe von funff - zig biß ſechzig Perſonen zwey oder drey leicht - lich gefunden wuͤrden / welche den andern zur Nachfolge dienten. Nechſt dieſem waͤre esG vjver -156vermuthlicher / daß man eher einen gelehrte Mann vor alle Kinder finden koͤnte / als daß ein jedweder Burger vor ſich einen gleich-ge - lehrten Menſchen antreffen ſolte. Man wuͤ - ſte warum die meiſten armen Kerlen præce - ptorirtẽ / nicht daß ſie den Untergebenen wol - ten ſo viel nuͤtze ſeyn; ſondern daß ſie den Hals ſo lang ernehren moͤchten / biß ſich das Gluͤck zu fernerer Promotion fuͤgte. Und endlich waͤre einem geuͤbten Manne mehr zu trauen / als einem armſeligen Anfaͤnger / der ſelbſten Information beduͤrffte.
Gelanor gab den letzten Außſchlag. Wir ſitzen da / ſagte er / und meynen / die Leute ſind wunderlich / welche die Schulſachen ſo am unrechten Orte angreiffen; Aber wir begehen viel eine aͤrgere Thorheit / daß wir meynen / als koͤnte in dieſer Welt alles abgezirckelt werden. Hier iſt der Stand der Unvoll - kommenheit / da nichts an allen Stuͤcken voll - kommen iſt. Abſonderlich iſt es mit den Schulen ſo bewandt / daß der boͤſe Feind ſie hindert / ſo viel er weiß und kan / indem er wol ſieht / daß ihm dardurch der groͤſte Schaden kan zugefuͤgt werden. Doch iſt etwas zu wuͤnſchen / ſo ſag ich:
Sint157hielten groſſe Herren viel von gelehrten Leu - ten / ſo wuͤrden ſich die Ingenia wohl ſelber treiben / wenn ſie ihren rechtſchaffenen Nutz vor Augen haͤtten. Jetzt da mancher zehen mahl beſſer fort koͤm̃t / der nichts ſtudirt hat / kan man es dem hundertſten nicht einbilden / daß die Gelehrſamkeit ſelbſt ihr beſter Lohn / und ihre reicheſte Vergeltung ſey. Hiermit gingen ſie von einander / und hatte das Ge - ſpraͤch ein Ende.
NUn war Gelanor ſo attent geweſen / daß er nicht in Acht genommen / was unter - deſſen vor eine Luſt vorgangen / deren Eurylas und Florindo wohl genoſſen hatten. Dann als dieſe beyde in der Tafel-Stube ſich befan - den / und durch das Fenſter die Leute auf der Gaſſe betrachteten / hoͤreten ſie ein groß Ge - ſchrey im Hauſe. Sie lieffen zu / und ſahen einen Kerln / der ſich ſtellte! als wenn er ra - ſend waͤre. Wo iſt der Hund / ſchrye er / gebt ihn her / ich will ihn in tauſend Stuͤcke zer - hauen / die Ameiſſen ſollen ihn wegtragen. G vijWas?158Was? ſoll mich ſo ein Schurcke nicht vor voll anſehen / und ich ſoll ihm nicht den Hals brechen? Herauß / herauß du quinta Eſſentia von allen Ertzbernheutern; komm her / ich will dein Hertz vor die Hunde werffen / komm her / biſt du beſſer als ein eingemachter ꝛc. Halt mich nicht / / laſt mich gehn / halt mich nicht / ich begeh noch heut einen Todſchlag / und wenn ich wiſſen ſolte / daß mein Blut morgen in des Henckers Namen wieder ſpringen muͤſte. Ach lieber ehrlich geſtorben / als wie ein Lum - penhund gelebt; Sa ſa ich zerreiſſe mich / ſa ſa wo biſt du? ſteh ꝛc. wo biſt du! ſteh! Eu - rylas hoͤrte dem Tyrannen ein wenig zu / und wuͤnſchte nichts mehr / als daß er den andern koͤnte herſchaffen / umb zu erfahren / ob der boͤ - ſe Kerle ſo grauſam verfahren wuͤrde. Doch es bedurffte keines langen Wünſchens / er kam mit einem Spaniſchen Rohr / und ſtellte ſich ein / fragte auch alſobald / wer ſeiner be - gehrt haͤtte. Der Provocant that / als koͤnte er ſich vom Wirth und vom Haußknecht nit loß reiſſen / und biß gantz ſtillſchweigend die Zaͤhn zuſammen. Bißweilen ſchnipte er in den Schiebſack / bißweilen ſagte er dem Hauß - knecht etwas in das Ohr. Endlich kam je - ner / und wolte wiſſen / was ſein Begehrenwaͤre159waͤre. Du Schaum von allen rechtſchaffe - nen Kerlen / haſt du auch ſo viel Hertze / daß du mich provociren kanſt / oder biſt du auch ſo viel werth / daß ich deinen Buckel meines Stockes wuͤrdige. Du elende Creatur / re - de doch ietzund etwas / daß ich boͤſe auf dich werden kan oder ſchreibe es meiner Barm - herzigkeit zu / wofern ich dich nach wuͤrden nicht tractiren kan. Da ſtund nun der Tuͤr - ckenſtecher / und hatte alle Boßheit inwendig / wie die Ziegen das Fett. Nach langem War - ten / nahm der andere ihm der Degen auß der Hand / und pruͤgelte ihn ſo zierlich im Hauſe herum / daß der Wirth ſich darzwiſchen legen muſte. Damit war die Comœdie zu Ende / und hatten die andern das Anſehen umbſonſt gehabt. Als nun Gelanor die troͤſtliche Hi - ſtorie erzehlen hoͤrete / fragten ſie weiter / was denn der Kerle vor Urſache gehabt / ſolch ei - nen Tumult anzufangen. Da kam einer / und gab dieſen Bericht; der gute Menſch ha - be ſich ſo ſehr in den Koͤnig von Schweden verliebt / daß er nicht leiden koͤnte / wenn ie - mand eine widrige Zeitung von demſelben er - zehlen wolte. Weil nun der andere vorgege - ben / der Koͤnig waͤre von den Dantzigern auf die Weichſelmuͤnde gefangen gefuͤhrt wor -den160den / ſo haͤtte dieſer ſich ſo ſehr erzuͤrnet / daß er nicht geruhet / biß die Extremitaͤten vor - gangen. Eurylas ſagte hierauff / der Kerl moͤchte in Schweden reiſen / und umb ein Genaden-Geld ſolicitiren / weil er des Koͤ - nigs Reſpect zu erhalten / ſo groſſe Gefahr uͤ - ber ſich genommen. Florindo ſagte / wenn der Koͤnig lauter Soldaten haͤtt / die mit den Haͤnden ſo grimmig waͤren / als dieſer mit dem Maule / ſo wuͤrde der Tuͤrcke am laͤngſten zu Conſtantinopel reſidiret haben: Der Wirth ſagte / wenn iemand kaͤme und ſagte / die Moſcowiter haͤtten ſich zu den Schweden geſchlagen; ſo wolte er wetten / der Vote be - kaͤme einen Thaler Trinckgeld. Andre wuſten was anders Gelanor ſagte dieß / es waͤre ein bloͤder Narr / der kein medium haͤtte inter fortiſſima & dimidiſſima, man ſolte ſein Elend mehr betauren / als belachen. Und darbey blieb es daſſelbe mahl.
DEn folgenden Tag brachten ſie noch zu / in Beſichtigung der Raritaͤten / und Beſu - chung vornehmer Leute / alß daß nichts ſon - derliches vorlieff. Darauff nahmen ſie beygu -161guter Zeit Abſchied und fuhren davon. Et - liche Tage hernach fuͤtterten ſie Mittags in einem kleinen Staͤdtgen / da gleich Jahr - Marckt gehalten ward. Da hatte Florindo ſeine ſonderliche Luſt an einem Qvackſalber / der ſeine Bude dem Gaſt-Hofe gegenuͤber auffgeſchlagen hatte. Secht ihr Herren / ſagte er / am Anfang ſchuff Gott Himmel und Erde / am letzte Tage hat er auch den Men - ſche erſchaffe. Darumb ſchreibe alle Gelaͤhrte davon / daß das Menſche Schmaltz alle ande - re Schmaͤltze uͤber trifft / wie das Gold das Kupffer. Wenn ich nun mein Salb mach / ſo nimm ich erſtlich darzu Menſche Schmaltz. Darnach nimm ich Wachs / Wachs ſag ich iſt in einer Apotecke von noͤthen / denn in einer Apotecke ſind vier Seule / ohne welche vier Seule keine Apotecke / uͤber Jahr gantz blei - ben kan / und wenn ſie des Roͤmiſchen Kaͤſers Apotecke waͤr. Die erſte Seule iſt Wachs / die andere Honig / die dritte Zucker / und die vierte Waß i nit. Weiter nim ich dazu das Johannis Oel / das fleuſt im Lande Thucia auß die harte Steinfelſe / auß die wunderbah - re Schickung GOtteſe. Mehr brauche ich das Oleum Poppolium, Schmaltz von einer wilden Katze / die ſchlaͤfft auff dem Schwei -tzer -162tzer Gebuͤrge von Sanct-Gallen biß Sanct - Goͤrgen Tag / und wird im Schlaffe ſo faiſt / daß / wer es nicht geſehen hat / meynen ſolte / es waͤr erlogen. Summirum Summarum / ich nimm darzu die Kraͤuter Herba, die wach - ſen in dem Land Regio auf dem Berge Mons, an dem Waſſer Aqua, in dem Monat Men - ſis genañt / darauß wird mein Salb / und i wil kain ehrlicher Mann ſyn / wo iemand im Roͤ - miſche Reiche ſolch Salb hat. Kommt her ihr Herre / kaͤfft in der Zeit / ſo habt ihr in der Noth. Der gleichen lahme Fratzen brachte er vor / und erzehlte etliche wunderliche und unglaͤubliche Exempel von ſeinen Curen. Nichts deſto weniger hatten ſich viel Leute umb ihn geſamlet und kaufften ihn faſt mit ſeinem Krame gantz auß / denn die Salbe halff inwendig und außwendig vor alles. U - ber diß kamen viel Patienten / und conſulir - ten dieſen Herrn Doctor. Einer beſchwerete ſich / er duͤrffte auf den Abend kaum zwoͤlff Kannen Vier / und irgend ein halb Noͤſſel Brandtewein trincken / ſo fuͤhlte ers den fol - genden Tag immer im Kopffe. Ein ande - rer klagte / ſein Pferd waͤre ihm geſtohlen wor - den / ob er keine Artzney haͤtte / daß er es wie - der kriegte. Der dritte gab vor ſeine Elle -bogen163bogen waͤren ſo ſpitzig / er duͤrffte kein Wam - mes vier Wochen anziehen / ſo waͤren die Er - mel durch gebohrt. Der 4. kunte kein Geld im Hauſe ſehn / drum wolte er ſich den Staar ſtechen laſſen / daß er Geld zu ſehen kriegte. Der fuͤnffte war ein Schulmeiſter / der haͤtte gern eine helle liebliche Stimme gehabt. Der Sechſte war ein Bote / der klagte er lieffe ſich ſtracks uͤber einer Meile den Wolff. Der Siebende hatte ein Huͤnerauge in der Naſe. Der Achte klagte er duͤrffte nicht vor neun Pfennige Kirſchen eſſen / ſo legen ihm die Kerne im Magen / als wolten ſie ihm das Hertz abdruͤcken. Der Neundte war ſchon dreyſſig Jahr alt und hatte noch keinen Bart. Der zehende wolte der Spulwuͤrmer gerne loß ſeyn. Die andern ſuchten was anders. Und da hatte der gute Meiſter ein trefflich Compendium curandi, daß ſeine Salbe ſich eben zu allen Beſchwerungen ſchickte. Flo - rindo lachte wohl daruͤber / und haͤtte gern ge - ſehen / daß Gelanor mit ge'acht haͤtte. Doch ſagte dieſer / man duͤrffte ſich uͤber den Quack - ſalber nicht zu tode wundern / haͤtte doch ein iedweder faſt das principium, MUNDUS VULT DECIPI, in ſeinen actionibus gleich - ſam forn angeſchrieben. Und wer von derPoli -164Politiſchen Qvackſalberey reden ſolte / da man offt quid pro quo nehmen muͤſte / der wuͤrde vielleicht groͤſſern Betrug antreffen / als in dieſer elenden Bude / da nichts als einfaͤlti - ge Bauren zu ſammen kaͤmen. Florindo fragte / ob die Politici auch mit Salben han - delten? Ja wohl / ſagte der Hoffmeiſter / ſind Salbenbuͤchſen genug / damit den Leuten die Augen verkleiſtert werden / aber es iſt nicht von noͤthen / daß man ſolches allen Leuten weiß macht. Florindo ward begierig die ſonder - lichen Sachen zu erfahren / und hielt inſtaͤn - dig an / Gelanor moͤchte doch etwas deutlicher reden. Da ſagte dieſer / habt ihr nicht das Buch geſehen / da forn auf dem Titel ſteht / der Politiſche Quackſalber[:]ſeht daſſel - be durch / ſo wird euch die Thuͤre zum Ver - ſtaͤndniß ſchon geoͤffnet werden. Mehr ſagte er nicht / deñ es iſt vergebene Arbeit / daß man jungẽ unverſtaͤndigẽ Leutẽ viel von Politiſchẽ Staatshaͤndeln auffbriefen will / weil ſie doch mit ihrem einfaͤltigen Verſtande ſo weit nit langen / und alle dergleichen actiones viel - mehr anſehen / wie die Kuh das neue Thor. Und fuͤrwar hierinn erwieß Gelanor eine un - gemeine Klugheit / die man vielen groſſen und hochtrabenden Leuten vergebens wuͤnſchen muß.
CAP. 165FLorindo haͤtte ſich ſo kurtz nicht abweiſen laſſen: Allein der Wirth kam und wolte ſeinen Gaͤſten Geſellſchafft leiſten. Da legte ſich Gelan. mit ihm ins Fenſter und ſchwatzte bald dieß / bald jenes mit ihm. Endlich giengen zween Maͤnner vorbey. Einer hatte ein grau Roͤckgen an / und waͤre leicht vor einem Bau - er mit hingelauffen / wenn er nicht ein Haͤlſgen umbgehabt. Der andre hatte eine Kappe an / der zehende haͤtte geſchworen / es waͤre ein Sammeter Peltz geweſen / und nun haͤtte ſie der Schneider wendẽ muͤſſen: Daruͤbeꝛ hieng ein beſchaͤbter Mantel mit einem gebluͤme - ten Sammet-Kragen / den vielleicht der alte Cantzler Beier bey Ubergebung der Aug - ſpurgiſchen Confeſſion mochte zum erſten - mahl umbgehabt haben. Gelanor wolte wiſſen / was dieſes vor ein par nobile fratrum waͤre. Darauff ſagte der Wirth / es waͤren zwey Bruͤder / die zwar gute Mittel gehabt / ietzt aber in euſerſter Armuth lebten. Der graurock habe das ſeinige alles auf Proceſſe ſpendiret: denn da habe er keine Schuld ge - ſtanden / biß er judicialiter darzu condem - nirt worden. Und da habe er dem Gegen - theil die Unkoſten erſtatten / auch offt wegenver -166vergoſſener loſen Worte hauptſaͤchlich in die Buͤchſe blaſen muͤſſen / dadurch ſey er von den ſchoͤnſten Mitteln ſo elend herunter kommen. Der andere Bruder habe Anfangs Theolo - giam ſtudiert / hernachmahls habe er ſich in die Alchimiſterey verliebt / dabey er ſo viel Gold gemacht / daß er ietzund in ſeinem gan - tzen Vermoͤgen nicht eines Ducatens maͤch - tig ſey. Gelanor ſagte / ſo buͤſſen die guten Bruͤder woll vor ihre Narrheit. Wer hats den erſten geheiſſen / daß er die Richter-Stu - be ohne Noth beſchweret hat. Ach wer bey den Juriſten in die Information, und bey den Apoteckern zu Tiſche geht / dem koͤmmt es ein Jahr uͤber ſehr hoch. Der andere haͤtte ſeine Poſtille davor reiten moͤgen / ſo hat ihn der Hencker geritten / daß er gemeynt hat / ein Hirſch im Walde / ſey beſ - ſer als der Haſe in der Kuͤche. Solche thumme Geldverderber ſind nicht werth / daß man ſie klagt. Der Wirth gab hierauff ſein Bedencken darzu / es waͤre nicht ohne / die guten Leute haͤtten ihre Sachen beſſer koͤnnen wahrnehmen / als daß ſie nun in dieſem Lum - pen, Staͤdtgen nicht viel herrlicher / als die Bauren leben muͤſten. Doch aber bildete er ſich gaͤntzlich ein / es ſey GOttes Straffe /die167die ſelten das unrecht erworbene Gut an den dritten Erben kommen laſſe. Jhr Vater habe ehrliche Mittel hinterlaſſen / aber auf un - ehrliche Manier erworben. Ach ſagte er / da iſt wohl kein Groſchen im Kaſten geweſen / da nicht etliche Seufftzer von armen Leuten daran geklebet. So viel Steine hat er in ſeinen Haͤuſern nicht zuſammen bracht / als er heiſſe Thraͤnen von Wittwen und Waͤyſen außgepreſt hat. Sein Reichthum war an - derer Leute Armuth. Er ſelbſt war nicht viel anders / als eine gemeine Plage. Geld war die Loſung / damit mochte GOtt und Himmel bleiben / wo ſie kunten; Endlich fuhr er dahin wie eine Beſtie. Jns Gemein gab man vor / er waͤre an einem Schlagfluſſe geſtorben: Doch waren viel vornebme Leute / die munckelten / als haͤtte er ſich ſelbſt ge - henckt / und waͤre darnach von den Seinen loß geſchnitten worten / ſo wohl die Schande als des Scharffrichters Unkoſten zu vermei - den. Es war viel Pralens von der groſſen Erbſchafft / doch nun haben die Adlers-Federn alles verzehret / daß ſie nicht mehr ein tuͤchtig Federbette auffweiſen koͤnnen. Gelanor ſtimmte mit dem Wirthe ein / und ſetzte den Diſcurs fort. Jch glaube es wohl / ſagte er /daß168daß GOtt dieß Zorn Exempel nicht verge - bens vorgeſtellet hat. Dieß iſt nur zu bekla - gen / daß niemand gebeſſert wird. Es be - ze[ug]ets die taͤgliche Erfahrung mehr / als zu viel / daß unrecht Gut nicht auf den dritten Erben koͤmmt. Ein jedweder / der in ſeinem Ampte ſitzet / hat entweder ſeiner Anteceſ - ſorum oder anderer dergleichen Kinder vor ſich / daran er ſo wohl den Segen / als den Unſegen ſeinen Kindern gleichſam als ein ge - wiſſes Nativitaͤt prognoſticiren kan. Jſt das nun nicht Thorheit? Sie ſcharren viel zuſammen: zu Eſſen / Trincken und Kleidern brauchen ſie nicht alles / den Kindern wollen ſie es verlaſſen / doch wo ſie nicht gantz blind ſeyn / ſo wiſſen ſie / daß es nicht wudelt / ja daß die Kinder an ihrem andern Gluͤcke dadurch gehindert werden. Wir lachen die Affen auß / daß ſie ihre Jungen auß Liebe zu tode druͤcken. Aber iſt dergleichen Vorſorge / da - durch manches umb ſeine zeitliche und ewige Wohlfahrt gebracht wird / nicht eben ſo thoͤ - richt? die Griechen ſatzten die Kinder weg / welche ſie nicht ernehren kunten. Die Leute kehren es umb / und ſetzen die Kinder weg / welche ſie auffs beſte ernehren wollen. Das aͤrgſte iſt / daß die Eltern ſelbſt ihre eigeneWohl -169Wohlfahrt dabey in die Schantze ſchlagen. Und alſo kommen ſie mir vor wie die Schlan - gen / von welchen Plinius fabulirt, daß ſie uͤber der Geburt ihrer jungen nothwendig ſterben muͤſſen. Nun mit einem Worte / das heiſt auß Liebe in die Hoͤlle gefahren. Als ſie noch redeten brachten die Bauren einen Spitzbuben vor ſich her gejagt / der hatte einer Frauen Geld auß dem Schiebſacke entfuͤhren wollen / war aber auß Unvorſichtigkeit in den Schiebſack darneben kommen. Nun warff er die Beine hurtig nach einander auf / und fragte nicht viel darnach / ob ſie gleich mit Erd - kloͤſſern hinden drein ſpieleten. Doch waͤh - rete die Geſchwindigkeit nicht lange / denn ein Baur warff ihm einen Knittel unter die Bei - ne / daß er nothwendig fallen muſte. Da gieng nun das Ballſpiel an / und muſte Gela - nor geſtehen / er haͤtte nicht geglaubet / daß ein Bauer ſo juſtement auf eine Staͤte ſchmeiſſen koͤnte / als nachdem er ſo eine vollkommene Probe mit angeſehen. Es haͤtte auch leicht geſchehen koͤnnen / daß der gute Kerl waͤre um ſein Leben kommen. Wenn nicht der Mann / der in den Staͤdgen / Haͤſcher / Thürknecht / Stundenruͤffer / Marckmeiſter / Geꝛichtsfron / Blutſchreyer / Stockmeiſter und alles war /Hihn170ihn auß dem Gedraͤnge heraußgeriſſen / und mit ſich in das Wirthshaus zur’Apfelkammer gefuͤhret hātte. Gelanor ſagte hierauff / er haͤtte nur gemeint / es waͤren ſolche Schnap - haͤne in groſſen Staͤdten anzutreffen. Da habe er ſich offt verwundert / warum ein Men - ſche ſeinem eigenem Gluͤcke ſo feind ſey / daß er ſich dem Beutelſchneider-Leben ſo unbeſonnen ergeben koͤnne. Bey einem Herrn wolle man - cher nicht ein loſes Wort einfreſſen / da er doch alle Befoͤrderung von ihm zu gewarten haͤt - te; hingegen lieſſe er ſich hernach die Bauern lahm und ungeſund pruͤgeln / und muͤſte wohl darzu gewaͤrtig ſeyn / daß er mit einem gnaͤdi - gen Staupbeſen zum uͤberfluß bedacht wuͤrde: Der Wirth kehrte ſich weg / und ſtellte ſich als waͤre im Hauſe etwas zu befehlen / denn er hat - te auch einen Vetter / der zu Hamburg auf dem Kack etliche Ballette getantzt hatte.
GElanor gieng alſo auch vom Fenſter hin - weg und gieng hinunter in das Haus / da ſtund der Hausknecht und weinte bittere Zaͤh - ren / Eurylas, der dabey war / fragte was ihm zu Leide geſchehen waͤre. Ach ihr Herren /ſagte171ſagte er / ſoll ich nicht uͤber mein Ungluͤck Thraͤ - nen vergieſſen? Da wollen alle Leute an mir die Schuh wiſchen / O wer ſich nur ſolte ein Leid anthun! gedenckt nur wie mirs geht! da iſt meine Frau in die Wochen kommen / und hat einen jungen Sohn bracht. Nun ſoll ich ja vor allen Dingen drauf dencken / wie ich des jungen Heydens los werde / und einen neu - en Chriſten davor kriege. Aber ihr Herr[en]/ ihr wiſt es ſelber / das Werck laͤſt ſich nit thun / ich muß ehrliche Leute zu Gevattern haben. Gleichwohl geht mirs ſo naͤrriſch / daß ich flugs moͤchte davon lauffen. Da iſt ein Kerle / dem hab ich in dieſem Gaſthoffe wohl ſechs - tauſend Glaͤſer Bier eingeſchenckt / den wolt ich bey dieſem Ehrenwercke gerne haben / we - gen der alten Bekandſchafft. Aber er / at mir den Gevatterbrieff zuruͤck geſchickt au[ß]Urſachen / weil ich ihn nicht Edler / Wohl-Eh - renveſter titulirt. Eurylas / fragte weiter / wer es denn waͤre / ob es ein vornehmer Mann ſey / der den Titel verdienet habe? der Knecht gab zur Antwort / er wiſſe nicht wie hoch einer vor dem andren geſchoren ſey; doch ſagten alle Leute / der Kerle ſey im Kriege bey einem O - berſten ein Bißgen vornehmer als ein Schuh - putzer geweſen; ſo habe der Herr Rector (alſoH ijward172ward der Præceptor Claſſicus genant / der Cantor, Baccalarius, und infima & ſuprema Collega zugleich war) gemeint / es ſey genug wenn er ſchriebe Ehrenwohlgeachter. Nun ſey der Groſchen vergebens außgegeben / da der Steiß-Paucker vor das Geld hãtte Edel und Wohl-Ehrenveſt koͤnnen hinſchreiben. Eurylas ſprach ihm Troſt zu / er ſolte ſich zu frieden geben / wenn es ja an Gevattern man - gelte / ſo haͤtten ſie einen Mahler bey ſich / der das Chriſtliche Werck auf ſich nehmen koͤnte. Der Hausknecht wolte ſich noch nicht zu frie - den geben / biß er einen andren Brieff geſchrie - ben / und ſeinen außerleſenen Gevatter verſoͤh - net haͤtte; da nam Eurylas den Mahler und dictirte ihm folgenden Brieff.
Eurer Edlen und Wohl-Ehrenveſten Herrligkeit kan ich nicht bergen / daß meine Tugendſame Hausehre die Chriſtliche Kir - che mit einer Maͤnnlichen Perſon vermehret. Wenn ich denn auß tragendem vaͤterlichen Ampte mich nach vornehmen Paten uͤmbſe - hen muß / Und aber Eure Edle Wohl-Ehren -veſte173veſte Herrligkeit mir iederzeit mit guter Affe - ction zugethan geweſen. Als iſt an Eure obgedachte Edle Wohl-Ehrenveſte Herrlig - keit mein gehorſamſtes Bitten / dieſelbe wolle geruhen / durch dero Edle und Wohl-Ehren - veſte Præſenz die Chriſtliche Verſammlung zu vermehren / und das arme Kind in dero Ed - le und Wohlehrenveſte Affection auf - und an - zunehmen. Solche Edle und Wohlehren - veſte Wohlthat weide ich in meiner Niedrig - keit nicht allein erkennen: ſondern werde auch in deſſen Edlen und Wohlehrenveſten Dien - ſten zu leben und zu ſterben beflieſſen ſeyn.
E. Edl. und Wohlehrend. Herrligk. Unterthaͤniger Haus-Knecht Steffen Leipeltz.
Solchen Brieff gab Eurylas dem Haus - Knechte / und weil er nicht leſen konte / laß er ihm was anders vor / daß der gute Tropff gar wohl mit zu frieden war / damit ſchickte er die Kindfrau fort. Nun gefiel dem neuen Herr Gevatter die Außſchrifft ſehrwohl / daß er die Frau gar freundlich abfertigte / allein dz inwendige fuhr ihm in d’Naſe auf wie Pfef - fer. Er ſchickte alſo fort nach dem Hausknech - te / und fragte ihn / wer dieſen Brieff geſtellet haͤtte? der Knecht beſorgte ſich nichts Boͤſes /H iijund174und ſagte die rechte Wahrheit: da fieng der Fincken-Ritter an / ich ſehe es / du biſt auſſer Schuld / denn du kanſt / nicht leſen / da haſtu ein Gold guͤlden Patengeld / unſer Haus-Knecht ſoll vor mich ſtehen / aber morgen will ich zu euch zum Biere kommen / und da will ich dem Schreiber ſeine Arbeit geſegnen. Der Knecht referirte ſolches dem Eurylas, der war uner - ſchrocken / und vexierte unterdeſſen den Mah - ler / als welchen immer leid war / daß man ihn in der Patſchke ſtecken laſſe. Denn ob / ſie zwar nicht Willens geweſen / ſich an dem Or - te lang auf zu halten / war doch ein Pferd ver - nagelt worden / daß ſie alſo wieder ihren Wil - len dem Thiere ſeine Ruh goͤnnen muſten. Der morgende Tag kam / das Mittagsmahl war fertig / als ſich der Edle Wohl-Ehrenveſte Herr Ober Stiefel Inſpector einſtellete. Er hatte eine braune Kappe an / und ein elend Ca - miſol darunter / das hieb und ſtich frey war: an der Seite hieng eine breite Bloͤtze / damit er auf einen Hieb ſieben Krautkoͤpfe haͤtte koͤn - nen abhauen. Ein Junge muſte ihm einen Saͤbel nachtragen / der ſo ſchrecklich außſah / daß einem von dem eꝛſten Anblicke haͤtte moͤgen der Kopff vor die Fuͤſſe fallen.
Mit einem Worte alles zu begreiffen / demEury -175Eurylas war zu muthe / als wenn ihm die Tuͤr - cken und Tartarn waͤren zu gleich ins Land gefallen. Gelanor und Florindo ſtellten ſich gantz unbekant / und aſſen vor ſich fort / ingleichen machte Eurylas auch nicht viel Weſens. Nun war dem guten Stuͤmper / welcher vor dießmahl Horribilicribrifax heiſ - ſen mag / immer leid / die Gaͤſte moͤchten etwan nicht wiſſen / wer er waͤre / und moͤchten dan - nenhero vor ſeinem Zorne nicht gar zu hoch er - ſchrecken: Gleichwohl aber wolte ſich kein Diſcurs fuͤgen / dabey er ſeine Heldenmaͤſſige Thaten haͤtte angebracht. Darum mußte er ſich mit des Wirths Sohn einlaſſen / der ſich auf der nechſten Schule ſonſten auffh[ielt]und dazumal zu dem Hr. Vater in pat[r]iam verreiſet war: Junge ſagte er zu ſeinem S[e]r - viteur, wo haſt du meinen Saͤbel / bring ihn nur in der Scheide her / zeuch ihn nicht auß / du moͤchteſt Schaden thun. Hiemit wandte er ſich zu dem jungen Lappen / der viel wuſte / was der Krieg vor ein Ding waͤre / und ſagte: Das iſt ein Saͤbel / der mir im Polniſchẽ Krie - ge Dienſte gethan hat. Jch wolte ihm ſo viel Ducaten goͤnnen / ſo viel als Tartar - Koͤpffe davor abgeflogen ſind. Jch ward bey der koͤſtlichen Klinge des Blutvergieſſens ſoH jvge -176gewohnt: daß ich offt mit meinen beſten Freun - den Haͤndel kriegte / und einem ein Zeichen geben kunte. Sie wuſtens auch alle / darum ſchickten ſie mich mehrentheils auf die Par - they / nur daß ſie im Quartier unbeſchaͤdigt blieben. Ja Czarnetzky hatte Gluͤcke / daß er mir auß den Haͤndẽ entwiſchte / ich hatte ihm / ſoll mich der und jener / ſchon die Charpe vom Leibe weggebauen: doch man weiß wohl / was die Pohlniſchen Kloͤpper vor Kroͤten ſeyn / wie ſie durch gehẽ Sonſt haͤtte es geheiſſen / Bru - der / gib eine Tonne Goldes Rantzion / oder ich haue dich / daß dir die Caldaunen am Sattel - knopffe haͤngen bleiben Ach das war ein Lebẽ drey Teutſche / ſieben Pohlen / zehen Coſacken / vierzehn Tartarn / und ein halbſchock Muſco - witter warẽ mir als ein Morgẽbrod. Jch achte ſie offt nicht ſo gut / daß ich auf ſie loßgeſchla - gen haͤtte / biß mir die Hunde ſagten / ob ihrer nicht mehr waͤren. Aber ich wuſte / daß ich mich auf mein Gewehr verlaſſen konte. Haͤtte ich meinen Bachmatt / der mir in der Schlacht vor Warſchau erſchoſſen ward / nur ein halb Jahr eher kriegt / ich wolte funffzig - tauſend Thaler reicher ſeyn. Er gieng in ei - nem Futter dreyſſig Meylen hin und her / als wenn ihm nichts drum waͤre. Ein Moraſt /der177der nicht breiter war / als etliche Acker / war ſeine Luſt / daß er druͤber ſpringen ſolte. Ein - mahl jagte ich den Pohlen nach / biß in ein Staͤdgen / da ſchloſſen ſie das Thor zu / und meynten ſie haͤtten mich gar gewiß. Aber da ſie zu Rathe giengen / wie ſie mir beykaͤmen / ſetzte ich uͤber die Stadtmauer weg / und ſtellte mich ins blancke Feld: der Hencker haͤtte die Kerlen geritten / daß ſie mir waͤren nachkom - men. Ein andermahl umbringte mich eine gantze Compagnie Tartarn / aber ich ſprengte uͤber die gantze Schwadrone weg / und ſchmieß mit dem Foͤrderbeine den Rittmeiſter / mit den Hinterbeinen den Cornet / vor die Koͤpffe / daß ſie wohl ihres Party-gehens vergeſſen haben. Jch moͤchte mir wohl ſo viel dergleichen Pfer - de wuͤnſchen / als ich mit dieſem eintzigen durch die Weichſel und durch den Dnieper ge - ſchwummen bin. Und was das beſte war / das Thier hatte einen Verſtand / als ein Menſch / es legte ſich flugs auf die Streu zu mir / und ſchlieff die gantze Nacht mit. Hatte ich Meet oder Brandtewein / das Pferd ſoff ſo einen dichten Rauſch / als ein Kerl. Ewig Schade war es / daß es ſo liedeꝛlich ſolte dꝛauff gehen / und ich ſolte es nicht außſtopffen / oder zum wenigſten begraben laſſen. Ja wohl / eſH viſt178iſt eine brave Sache umb den Krieg / wenn einer courage hat / und weiß ſie recht zu ge - brauchen. Doch wolte ich es keinem rathen / daß er ſich ſo uͤbel verwahrte / als ich. Mein Oberſter / bey dem ich war / wuſte / daß er ſich auf mich verlaſſen kunte / drum verhinderte er mich an meinem Gluͤck / daß ich bey allen Offi - cir-Stellen / die mir angetragen wurden / dar - neben hingieng. Nun giebt ſich noch ein Krieg an / mein Saͤbel ſoll mir noch eine Graffſchafft erwerben / du ehrlicher Saͤbel / haſtu nichts zu thun / moͤchteſtu nicht einmahl einem guten Freunde eine Schmarre uͤber den Kopff hau - en / daß ein Bachmatt / wie meiner war / darauß ſauffen koͤnte? Ja fuͤrwaꝛ / du haſt ein Luͤſtgen. Nun ſey zu frieden / wo dich duͤrſt / ich will dir bald zu trincken geben.
Der Mahler hatte ſich dazumahl muͤſſen mit zu Tiſche ſetzen / dem war nun Angſt und bange / was auß dem Blutvergieſſen werden ſolte / und ob er nich auch etwas von Cinnober darzu ſpendiren muͤſte. Eurylas hingegen / dem ſonſt mehr ſolche Praler bekant waren / lachte heimlich / und wolte nur ſehn / ob ſich der Kerl an den Mahler reiben wuͤrde / doch als ſeine Auffichneiderey zu lange waͤhrte / trunck er ihm eins zu / und ſagte: Mein Herr / ich hoͤre /er iſt179er iſt in dem Polniſchen Kriege geweſen / hat er nicht den Obriſten Widewitz gekennt / der die alte Timmertze oberhalb der Weichſel ein - genommen hat? Der gute Kumpe verſtund die Woͤrter nicht / doch meynte er / es waͤre ihm ſchimpfflich / wenn ihm etwas in Pohlen ſolte unbekant / ſeyn. Darumb ſagte er / er ſey ihm gar wohl bekant / und habe er offt im Na - men ſeines Oberſten Brieffe hin zu beſtellen gehabt. Eurylas hatte ihn auf dem rechten Wege / darumb fragte er weiter / ob er nicht gehoͤret haͤtte / daß derſelbige Obriſte einen Hirſch durch das lincke Ohr und durch die rechte Pfote mit einer Kugel zugleich geſchoſ - ſen haͤtte? Ja ſagte er / ich kam gleich darzu / wie der Schuß geſchehen war. Eurylas wieß hiermit auf den Mahler / und fragte ob er deñ dieſen guten Freund nicht kennte / er haͤtte eben uͤber demſelben Stuͤcke das Weidmeſſer kriegt. Der ehrliche Horribilicribrifax wu - ſte nicht / wie er dran war / doch wickelte er ſich wieder herauß / er waͤre gleich fortgeritten / und haͤtte nicht obſervirt / was ſonſt paſſirt waͤre. Eurylas ſagte weiter / gleichwohl haͤt - te ſich dieſer rechtſchaffene Kerle uͤber ihn be - ſchwert / als waͤre er ſein Verraͤther geweſen / und wenn es wahr waͤre / ſo wolte er dieſenH jvnicht180nicht mehr vor ſeinen Compagnon erkennen / wo er den Schimpff nicht revengirte. Hor[-]ribilicribrifax verſetzte / er wuͤſte nichts davon / doch wolte er es keinem rathen / daß er ſich an ihn machte / wenn er nicht ſein Leben in Gefahr ſetzen wolte. Eurylas kriegte hierauff den Mahler bey dem Flaͤgel / und ſagte / wie ſitzt ihr da / als wenn ihr eure drey Pfund allein behal - ten wollet / macht fort / und ſchmeiſt euren Ver - raͤther an den Hals / oder der kleinſte Junge / den ich auf der Gaſſe finde / ſoll euch Naſen - ſtuͤber geben. Habt ihr ihm geſtern zur Bra - vade einen Brieff ſchreiben koͤnnen / ſo trettet ihm auch heute unter das Geſichte. Jndem ſich nun der Mahler beſann / ob er ſich in Leib - und Lebens Gefahr wagen wolte / gieng der andere mit rechten Bachmattß-Schritten zu der Stube hinauß. Und wie der Hausknecht erzehlte / hatte er vorgegeben / er waͤre uͤber - mannet geweſen / und wuͤſte wohl / wie hoch ein Todſchlag geſtraffet wuͤrde / wenn man ihn noch ſo raiſonable begangen haͤtte; doch ſolte ihm einer auß der gantzen Compagnie im Kriege begegnẽ / er wolte ihm den Saͤbel zu ko -[ſt]en geben. Ho ho! ſagte Eurylas, haben wir ſolang noch Zeit / ſo vexiren wir den Moſco - witer noch einmahl. Damit redte einer dieß /der181der ander das von dem elenden naͤrriſchen Auffſchneider: Etliche verwunderten ſich uͤ - ber die ungereimten Luͤgen: Andere lachten daruͤber / daß mancher ſo ſtreng uͤber ſolchen Tituln hielte / die er kaum halb verdient haͤtte. Aber Gelanor machte nicht viel Wunders / was iſt es nun mehr / ſagte er / daß ein Kerl et - was liberal im reden iſt / wenn er ſeine Repu - tation dadurch beſtaͤtigen ſoll. Thutes doch die gantze Welt / was ruͤhmen die Gelehrten nicht von ihren ſonderlichen Meinungen / die Medici von ihren arcanis, die Juriſten von ih - ren Exceptionibus, die Philologi von ihren Manuſcriptis, die Kauffleute von ihren Wah - ren / die Schaͤffer von ihrer Keule / und was des Pralens mehr iſt? Hat es nun der gute Schoͤps zu mercklich gemacht / was kan er da - vor / daß er den Schalck nicht ſo wohl verber - gen und vermaͤnteln kan / als die andern? Auch was die Titul betrifft / warumb ſoll er eben der Narr alleine ſeyn / da ſich ſo viel Leute umb die Narrenkappe ſchlagen und ſchmeiſſen wollen / und da nunmehr die gantze Brieffſchreiberey in dieſer Zierligkeit beſteht / daß man die Emi - nentzen / Excellentzen / Reverentzen und Peſti - lentzen fein nach der Tabulatur herſchneiden kan. Darumb duͤrffen wir den guten Men -H vijſchen182ſchen nicht außlachen / oder wenn wir ſolches thun wollen / haben wir nicht Urſache / daß wir vornehmere Leute vorbey gehen / und bey die - ſer elenden Creatur den Anfang machen wol - len. Und dieß war dazumahl das Lied vom Ende.
WEiter begegnete der Compagnie nichts ſonderliches / biß ſie fortreiſeten / da kam ein alter Mañ mit in die Geſellſchafft / nebenſt einem jungen Menſchen von fuͤnff biß ſechs und zwantzig Jahren. Nun wuſten ſie nicht / was ſie von dieſem jungen Keꝛl geden - cken ſolten. Denn bißweilen[ſ]prang er vom Wagen / und gieng ein wenig: Bald ſpitzte er das Maul / und pfiffe eine Sarabande daher / als trotz ein Canarien Vogel: Bald nahm er den Kamm auß der Taſche / und kaͤmte ſich: bald fieng er an zu ſingen / tira tira tira, Soldat tira, bald fiſtulirte er wie ein Capaun / Ayma - ble bergere quand tromperons nous, la gar - de ſefere d’ un mary jaloux. S’il n’ eſt pas honeſte il eſt du devoir, de luy mettre au te - ſte ce q’il croit avoir; bald zog er einen Puffer auß der Ficke / und kuͤnſtelte dran: bald knuͤpff -te er183te er die Ermelbānder anders: bald war ihm die Schleiffe auf gefahren / damit er die Haa - re biß an die Ohren auffgebunden hatte; Bald nahm er den Hut / und drehte ihn auf dem Fin - ger etliche mahl herumb. Als ſie ins Wirths - Haus kamen / und die andern ihre Meſſer und Gabel außzogen / grieff dieſer mit allen Fuͤnf - fen in den Salat / und machte ſonſt abſcheuli - che Gauckelpoſſen. Endlich tadelte er das Brod / es waͤre nicht recht außgebacken / in Franckreich koͤnte man ſchoͤn Brod backen: da ſagte der Alte: Ach du elender Teufel / das Brod iſt laͤnger im Backofen geweſen / als du in Franckreich. Da merckten die anderen / daß der Kerl ein gereiſter Monſieur waͤr / und daß er eben deßwegen ſo liederlich gethan / daß man ihm die Frantzoͤſiſche Reiſe anſehen ſolte. Darneben obſervirten ſie / daß der gute Menſch vielleicht auf der Poſt durch Pariß moͤchte geritten ſeyn / wie jener / der beklagte ſich / es huͤlffe ihm nichts / daß er auf Pariß ge - zogen waͤre / denn es waͤre zu ſeiner Zeit ſo fin - ſter drinn geweſen / daß man kein Hauß von dem andern unterſcheiden koͤnnen. Und als man nachfragte / war der Poſtilion gleich in der Mitternacht mit ihm durch paſſirt / als der Mond im letzten Viertel geweſen. Dochwar184war keiner / der ihn in ſeinen Gedancken beſſer entſchuldigte / als Gelanor: denn er hatte rai - ſon liederlich zu thun. Ein ander / der ſich et - liche Jahr in fremden Laͤndern verſucht hat / kan durch ſeine Actiones leicht darthun / daß er kein Haus-Veix ſey: Aber ſo ein Menſch / mit dem es etwas geſchwinde zugegangen / moͤchte ſich leicht unter den Aepffelbratern verliehren / wenn er nicht alle Leute mit gantzer Gewalt bereden ſolte / wo er geweſen waͤre. Nach der Mahlzeit gerieth Gelanor, mit dem Alten in Diſcurs, und befand / daß es kein une - bener Mann war; dieſer beklagte ſich nun uͤber dieſen jungen Frantzoſen / man koͤnne ihn zu nichts bringen / daß er mit Luſt thaͤte / und dar - bey er beſtaͤndig bliebe: alle Tage wolle er et - was anders werden / bald ein Gelehrter / bald ein Kauffmann / bald ein Soldat / bald ein Hoffman; und ſolche Abwechſelung hab er nun biß in daß fuͤnff und zwantzigſte Jahr getrie - ben. Neulich ſey er gleichſam verſchwunden / daß kein Menſch gewuſt / wo er blieben. End - lich in acht Wochen hab er ſich wieder præ - ſentirt, in dieſer Frantzoͤſiſchen Geſtalt / als wie mann ihn noch ſehen koͤnte. Nun wolle er an einem vornehmen Orte Hoffmeiſter werden / aber die Luſt wuͤrde auch nicht langwaͤh -185waͤhren. Eurylas ſagte; der wunderliche Kautz habe wohl verdienet / daß man ihn et - was vexirte / der Alte war es wohl zu frieden. Derhalben / als ſie wieder zuſammen in die Kutſche ſaſſen / fiengen ſie darvon an zu reden / wie das dieſer Sauſewind in keiner Sache beſtaͤndig waͤre / als in ſeiner Unbeſtaͤndigkeit. Er entſchuldigre ſich / und wuſte ſeine Urſa - chen recht vernuͤnfftig und nachdencklich an - zufuͤhren. Denn als Eurylas fragte / wa - rumb er ſein Studieren nicht fortgeſetzt / ſo erzehlte er ſeinen gantzen Lebenslauff. Jch ſolte / ſagte er / freylich ſtudieren / und einen Ju - riſten abgeben / aber ich bedachte dieß / wie leicht koͤnte ich eine Sache wider einen Edel - mann gewinnen / der mirs nachtruͤge / und mir wohl gar einen Fang mit dem kalten Eiſen gaͤbe: Oder wenn ich im Winter einen Ter - min haͤtte / und ſtolperte mein Pferd auf dem Eiſe / daß mir das Bein im Stieffel zerbraͤ - che / und niemand waͤre bey mir / muͤſte ich nicht als ein Hund verderben? Oder wenn ich von meinen Clienten tractirt wuͤrde / daß ich in der Nacht reiſen muͤſte / und führte mich ein Jrrwiſch in das Waſſer; Nein / nein / ich moͤchte nicht. Die Kauffmannſchafft beliebte mir / aber in wenig Wochen fiel mir ein / ſiehda /186da / wenn du einen Kauffmann in einer an - dern Stadt vor 10000. Rthl. Wahren cre - ditirſt / und es kaͤme ein Erdbeben / daß die Stadt mit allen Leuten untergienge / wo krie - geſt du deine Bezahlung? Oder wenn du kein Gewoͤlbe zu mieten kriegſt / wo wolſtu deine Wahren außlegen? Oder wenn du einen Pack von inficirten Orten her bekaͤmeſt / daß du moͤchteſt des Todes uͤber dem Außpacken ſeyn. Nein / nein / unverworren mit ſo einer gefaͤhrlichen Profeſſion. Drauff wolte ich die Haushaltung vor die Hand nehmen / daß ich mit der Zeit ein Adeliches Guth haͤtte pach - ten koͤnnen; Aber ich bedachte mich / wie leicht waͤre es geſchehen / daß deine Frau mit But - ter und Kaͤſen zu thun haͤtte / und gebe das Kind einem Bauermaͤdgen zu warten / das thumme Rabenaaß trüge es im Hoffe herum / und kaͤme gleich der Klapperſtorch / und wolte ſich auf dem Schorſtein ein Neſt zu rechte bauen / der ſchmieß einen Stein auf die Dach - ziegel / das ein halb Schock herunter floͤgen / wer haͤtte nun das Hertzeleid / wenn dem Kin - de die Hirnſchale enzwey geſchmiſſen waͤre / a[l]s eben ich? Oder wenn der unachtſame Aſchen - broͤdel das Kind an die Thuͤr legte / und kaͤmen die Schweine und fraͤſſen ihm / mit zuͤchten zumel -187melden / wer weiß was vom Leibe ab. Oder wenn im Winter ein Dieb in den Kuͤhſtall braͤch / und zoͤge den Kuͤhen Stieffel an / daß man die Spur nicht merckte. Ach nein / in ſol - che Gefahr begehrte ich mich nicht zu ſtecken. Alſo dacht ich wieder an das Studieren / und wolte ein Medicus werden. Allein in vier - zehen Tagen ward ich kluͤger. Wie leicht haͤtte mir eine Retorte koͤnnen zu ſpringen / daß mir die Scherben im Geſichte waͤren ſtecken blieben. Oder wie leicht koͤnte die Magd ei - ne Katze in das Laboratorium laſſen / die mir vor tauſent Thaler Glaͤſer auf einmahl umb - wuͤrffe. Oder wie leicht koͤnte mich ein Ban - dit niedermachen / wenn ich wolte zu Padua Doctor werden? Damit aͤnderte ich meinen Vorſatz / und hatte zum Bierbrauen Luſt; Doch erwog ich dieſes / wenn ich einmahl ein gantz Bier zu brauen haͤtte / und fiele unver - ſehens ein Hund in den Bottich / ſo waͤre das Bier zu meinem Schaden verdorben. Oder wenn meine Frau die Faͤſſer ein wenig mit friſchem Brunnwaſſer wolte fuͤllen laſſen / es haͤtte aber ein ſchabernaͤckiſcher Nachbar Heckerling in den Brunnen geſchuͤtt / daß alſo die Leute fruͤh lauter Heckerling im Bier fuͤn - den / wuͤrde mir dieß nicht eine Ehre ſeyn?
Es188Es waͤre zu lang alles vorzubringen; dieß war der Jnhalt ſeiner Rede / er haͤtte nach die - ſem bald ein Mahler / bald ein Prieſter / bald ein Goldſchmied / bald ein Schreiber / bald ein Hoffmann / bald ein Dinten[kle]cker werden wollen; doch ſey er allzeit durch dergleichen Er - hebligkeiten abgeſchreckt worden. Eurylas fiel ihm in den Diſcurs, und ſagte / warum be - denckt er denn nicht / was ihm bey ſeiner Hoff - meiſterey moͤchte zu Handen ſtoſſen / weiß er nicht / daß die von Adel auf ihren Vorwegen Hoffmeiſter haben die nicht viel beſſer ſeyn / als ein Großknecht? Weñ nun ſein Principal ein - mahl ruffte / komm her Hoffmeiſter / du ꝛc koͤnte nicht leichtlich ein Mißverſtand darauß erwachſen? Der Teutſche Frantzoß beſann ſich etwas / doch fiel ihm endlich dieß expedi - ens bey / er wolle ſich à la francoiſe laſſẽ Gou - verneur heiſſen. Eurylas wandte ein / dieß waͤre ein boͤß Zeichen / denn gleich wie ein Spaniſcher Gouverneur ſelten uͤber 3. Jahr zu guberniren haͤtte / alſo moͤchte mancher urtheilen / er wuͤrde es nicht viel uͤber drey Wochen bringen. Sein Rath waͤre er fien - ge einen Gewandſchnitt mitt Tauben an. Denn wo ein Baar ſechs Pfennige guͤlte / und er verkauffte tauſend / ſo haͤtte er unfehlbarzwan -189zwantzig Thaler und zwantzig Groſchen. Der Alte lachte hierauff / und verwieß ſeinem Vet - ter / daß er nicht allein ſo liederlich lebte / ſon - dern auch den Lebenslauff zu erzehlen keinen Scheu truͤge. Das waͤre die hoͤchſte Narr - heit / daß man auf keiner Meynung beſtaͤndig bliebe / und habe Seneca wohl geſagt: Stultus quotidie incipit vivere. Uber dieß habe er ſich dergleichen Urſachen abſchrecken laſſen / welche mehr zu verlachen / als zu bedencken waͤren. Denn auf ſolche Maſſe duͤrffte man nicht in der Welt bleiben / alldieweil man auf allen Seiten der Gefahr unterworffen ſey. Ein andermahl ſolle er dencken / daß ein an - daͤchtiges Gebete / und ein gnaͤdiger Gott / al - len furchtſamen Sachen leicht abhelffen koͤnne.
MJt ſolchen Reden brachten ſie die Zeit hin / biß in die Stadt / da ſie gleich im Wirthe hauſe viel Perſonen antraffen / welche in einer benachbarten Stadt auf der Meſſe geweſen. Gelanor fragte / ob was neues da - ſelbſt paſſirte / und da ſagte einer diß / der ander das. Endlich ſagte ein Kerl der am ſchwar -tzen190tzen Gefieder faſt einem Studenten aͤhnlich war / er ſchaͤtzte ſich gluͤckſelig / daß er eben dieſe Meſſe beſucht haͤtte / denn er habe einen treff - lichen Extract von allerhand wunderſchoͤnen Tractaͤtgen außgeſucht / darauß er ſich in al - len Facultaͤten perfectioniren wolte. Gela - nor bekam ein Verlangen in die Raritaͤten zu ſehen / bat derhalben / er moͤchte ihm doch etwas auf eine Viertel-Stunde communiciren. Der Student war willig darzu / nur dieß ent - ſchuldigte er / die Materien waͤren nicht nach ihren Facultaͤten und Diſciplinen außgeleſen / ſondern er wuͤrde alles wie Kraut und Ruͤben unter einander gemenget finden. Hiermit oͤffnete er ſeinen Kuffer / und da fande Gelanor folgende Stücke / welche wir in der Ordnung / wie ſie gelegen / referiren wollen.
Gelanor ſuchte immer fort / und vermeynte die Sachen waͤren nur als Maculatur oben angelegt. Doch als lauter ſolch Zeug nach einander folgte / ſchmieß er den Bettel hin und nahm eine weiſſen Bogen Papier / und ſchrieb oben drauff: Excerpta rerum utilium ex his tractatibus. Der Studente kam darzu / und fragte / wie ihm die Wercklein gefielen. Gela - nor ſagte / da habe er die beſten Sachen her -aus197gezogen. Dieſer verwunderte ſich / wo er denn die Excerpta haͤtte / doch bekam er zur Antwort / man haͤtte nichts merckwuͤrdiges gefunden / und alſo haͤtte man auch nichts ex - cerpiren koͤnnen. Denn es iſt warlich zube - klagen / daß man auß dem Studieren lauter Eitelkeit macht / und an ſtatt der herrlichen Wiſſenſchafften / ſolche brodloſe Grillenfaͤn - gereyen auf die Bahne bringt / gleich als haͤtte man gar wohl Zeit darzu: daher iſt es auch kein Wunder / daß man bißweilen nicht gern ein Gelehrter heiſſen will / auß Beyſorge / man moͤchte auch vor ein ſolch animal diſputax & æs tinniens gehalten werden. Es waͤre zu wuͤnſchen / daß mancher zu einem Bunde der - gleichen diſputationen noch ſo viel Geld ſpen - dirte / und lieſſe mit groben Buchſtaben forn an druͤcken: NECESSARIA IGNORABIMUS, QUIA SUPERVACANEA DISCIMUS.
Der Studente hoͤrte die Rede mit an / und dachte / der unbekante Praler verſtuͤnde viel / was ein rechtſchaffener Gelaͤhrter wiſſen muͤ - ſte / packte darauff ein / und reiſete fort.
GElanor waͤre mit den Seinigen auch fort gereiſet / allein er hoͤrte / daß eine vor -J iijnehme198nehme Stands-Perſon auff den andern Tag eben in dem Wirthshauſe abtreten wolte. Dieſer zu Gefallen / blieben ſie zuruͤcke. Ge - gen Mittage kamen zween wohlmundirte Kerlen zu Pferde und beſtelleten es nochmals / daß in anderthalb Stunden alles ſolte parat ſeyn. Endlich folgte die gantze Suite, welche in etliche 20. Perſonen beſtund. Der jenige / welcher vor den Principal angeſehen ward / hielt ſich ſehr praͤchtig. Seine Diener / wel - che zwar an Kleidern auch nichts mangeln lieſſen / muſten ihn als die halben Sclaven ve - neriren. Ja als Gelanor, Florindo und die andern ihm mit einer tieffen reverenz bege - gneten / that er nichts dargegen / als daß er eine gnaͤdige Mine uͤber die Achſel ſchieſſen ließ. Da war nun alles auf das koſtbarſte zuge - ſchickt / wie denn der Wirth ſchon hundert Thaler auf die Hand bekommen / daß er nichts ſolte mangeln laſſen. Zu allem Ungluͤck hatte Florindo einen alten Diener der vor dieſem der Kauffmanſchafft war zugethan geweſen / der kante dieſen vornehmen Fuͤrſten / daß er eines Kauffmanns Sohn auß einer wohlbe - kandten Stadt in Franckreich waͤre. Gelanor ſtraffte ihn / er ſolte ſich beſinnen / in dem leicht ein Geſicht dem andern etwas koͤnne aͤhnlichſeyn.199ſeyn. Doch beſtund dieſer drauff / und ſagte darzu / er kenne wohl ihrer ſechs auß der Suite, Der Fourirer ſey ein Schneider / der Mar - ſchalck ſey etliche Jahr mit den Stapelherrn herumb gelauffen: die zween Hoffjunckern haͤttẽ ſich zu ſeiner Zeit auf die Balbier-Kunſt verdingt / und moͤchten nun außgelernet ha - ben: ein Kammerjuncker ſey ein verdorbener Kauffman / und der Kutſcher ſey vor dieſem bey einem von Adel Reitknecht geweſen. Sie betraueten ihn nochmals er ſolte wohlzuſehen / ehe er ſolche gefaͤhrliche Sachen gewiß mach - te: Aber er blieb dabey / und bat / man moͤchte ihm doch ſolche Thorheit nicht zumeſſen / daß er etwas ohne allen Grund wuͤrde vorbrin - gen; Er wolle drauff leben und ſterben. Nun waren etliche von Adel und andere Studen - ten im Gaſthoffe / welche des Knechts relati - on angehoͤret. Zu dieſen ſagte Gelanor, was duͤncket euch / ihr Herren / wollen wir dem neu - backenen Fuͤrſten die Herrſchafft geſegnen. Er iſt uns noch eine Complimente ſchuldig / vor die Bicklinge / die wir gemacht haben / die muͤſſen wir nothwendig abfordern. Sie wa - ren allerſeits willig darzu / und verſicherte ſie der Knecht / ſie wuͤrden ſolche verzagte Beren - heuter antreffen / daß es keiner ſonderlichenJ jvGewalt200Gewalt wuͤrde von noͤthen ſeyn. Sie gieñ - gen zu Rathe / wie man die Sache am artig - ſten anfangen moͤchte. Endlich ſagte Eury - las, er wolle ſeinen Knecht vor einen Hoffnar - ren außgeben / dieſen moͤchten etliche dem Fuͤr - ſten ſchencken. Gelanor wuſte / was dieſer vor ein Kautz war / und ließ ſich den Anſchlag gefal - len. Hierauff deputirten ſie etliche / welche ſich muſten anmelden laſſen / als waͤren etliche Baronen, die Verlangen trügen / Jh. Durchl. auffzuwarten. Mit genauer Noth konten ſie vorkommen: doch war die Gnade hernach - mahls ſo groß / daß ſie bey der Tafel blieben. Unterdeſſen muſte der Mahler mit den Fuͤrſtl. Dienern bekandſchafft machen und ſie auſſer dem Hauſe in einen Keller fuͤhren / damit der Tumult nicht zu groß wuͤrde. Alſo ſtund nun der Hoffnarr vor dem Tiſche / und machte einen luſtigen Blick nach dem anderm biß der Fuͤrſt fragte / was diß vor ein Landsmann waͤ - re. Alsbald ſagte einer / es waͤre ein guter Menſch / der bey hohen Perſonen condition ſuchte vor einen kurtzweiligen Rath auffzu - warten. Und damit war es richtig / der Fuͤrſt nahm ihn in Beſtallung / und fieng ſeine Kurtz - weil mit ihm an. Nun machte der Kerle wunderliche Poſſen / Herr / ſagte er / wolt ihrmein201mein Vater ſeyn / ſo will ich euer Sohn ſeyn / gebt mir nur zu Freſſen und zu Sauffen / ſo ſoll es an meinen Kindlichen Gehorſam nicht mangeln. Aber / Vater / biſtu nicht ein Narr / daß du ſo viel Schuͤſſeln auf dem Tiſche ſtehn haſt. Kan ſich einer meines gleichen an ein paar Gerichten ſatt eſſen / ſo meynt ich / du ſol - teſt auch außkom̃en. Oder glaubſtu es nicht / ſo kom̃ her und weiſe auf / wer den groͤſten Bauch hat. Jch habe wohl ein beſſer Fuͤrſtlich Zei - chen / als du. Die ſaͤmtlichen Bedienten lachten von Hertzen uͤber dieſen neuen Pickel - hering / doch ſie kriegten auch ihr Theil / denn er ſagte / Vater / wz machſtu mit dem Muͤſſig - gaͤngern / verlohnt ſichs auch der Muͤh mit den Maſt-Schweinen / daß du ſo viel Tiſch - geld vor ſie giebſt. Mein Rath waͤre / du ver - ſuchſt es etliche Wochen / ob ſie wolten lernen Heckerling freſſen. Oder vielleicht kanſt du ſie gar zum Hungerleiden angewehnen wie ich meinen Eſel. Der kunte die Kunſt / doch da er ſie am beſten inne hatte / da ſtarb er / ſonſt ſolter vor den Tiſch herkommen / und ſolte da mit ſeinen Bluts-Freunden eines herum trin - cken: der Fuͤrſt ließ ſich die freymuͤtige Natur des jungen Kerlen wohl gefallen / und vertiefte ſich mit ihm in einen Diſcurs, welchen wir be -J vque -202quemerer Erzehlung halben herſetzen wollen
Hoͤre / wenn du wilſt mein Sohn ſeyn / muſt du dich im Reden beſſer in Acht neh - men.
Ey Vater laß du mich ungehoffmeiſtert / du verſteheſt viel / was zu einem Narren er - fodert wird.
Nun du wirſt es machen / aber ſag uns doch / wie heiſt du.
Jch habe keinen Namen. Aber / Vater / ſa - ge du mir / wo iſt dein Land.
Das wirſtu Zeit genug er fahren.
Vater / du wirſt ohne Zweiffel ſehr reich ſeyn / ich hoͤre der Pfeffer und Jngwer / Streuſand / Bindfaden und Loͤſchpapier wachſen in deinem Lande / wie anders wo die Tanzapffen.
O du alberner Tropff.
Ey nun Vater / ich frage / wie ich es ver - ſteh. Aber was ſoll ich denn vor ein Aemt - gen kriegen / wenn du in deine Reſidenz wie - der koͤmmſt.
Du ſollſt Futter Marſchalck uͤber die Ca - narien Voͤgel werden.
Ach Vater / mache du mich zum Futter -Mar -203Marſchalck uͤber den Zucker Kaſten / und gib mir eine Moͤrſel-Keule in die Hand / daß ich laͤuten kan / wenn mir was fehlt.
Ein ſchoͤn Aemptgen. Aber warumb heiſt du deinen Vater du?
Je ſieh doch / es verlohnte ſich mit ſo einem neubackenen — Vater / daß ich ihm groſſe Titel gãbe. Doch wo du mir ſagſt / wie weit dein Land von hier iſt / ſo will ich dich 12. mahl Jhr heiſſen.
Es iſt ſo weit von hier biß dorthin / als von dort biß hieher.
Vater / das haͤtte mir ein klug Menſch ge - ſagt. Scheint es doch / als wāreſtu auch einmahl ein Kurtzweiliger Rath geweſen / huy daß ſich das Blaͤtgen umbkehrt / ich werde Fuͤrſte / und du wirſt Narr.
Du ſolſt dich wohl ſchicken.
Vater denckſtu denn / daß du dich ſo wohl in den Fuͤrſten Stand ſchickeſt / wenn ich nicht gewiß wuͤſte / daß du ein vornehmer Herr waͤreſt: ſo ſchaͤtzte ich dich auß deinen Minen vor einen Tabackpfeiffenkraͤmer.
Ey du reſpectirſt deinen Herrn Vater ſchlecht.
Es iſt ja wahr. Frage nur deinen Cam - merdiener / was du vor Reden im Schlaffe fuͤhreſt
Was ſag ich denn?
Jch habe nichts gehoͤret / aber der Cam - merdiener ſpricht / du kanſt kaum einſchlaf - fen / ſo ruffſtu: Heinrich / wo iſt die Wage? ach fuͤrwar es iſt ohn dieß halb geſchenckt / noch ſechs Pfennige auf das Loth / nun vor dießmahl mag es hingehen. Heinrich / wo iſt der Faden / ꝛc.
Gelanor ſtund mit der gantzen Compa - gnie vor der Thüre / und hatten ihre ſonderli - che Freude an dem vortrefflichen Fuͤrſten. Doch mochten die letzten Reden zu empfind - lich ſeyn / daß er ſolche mit einem Naſenſtuͤber belohnen wolte: Aber der gute Pizlipuzli fieng an zu ſchreyen / und der vermeynte Ba - ron / der den Narren recommendirt hatte / gab ſein Wort auch darzu. Monſieur Printz / ſagte er / laſſet den guten Menſchen unberuͤhrt / oder es wird ſich einer angeben / der euch tra - ctiren ſoll / als den geringſten auf der gantzen Welt. Der Fuͤrſt ſahe ſich umb / und be - gehrte / man ſolte ſeiner Gnade nicht mißbrau - chen: Er haͤtte Diener / die ihn leicht darzu bringen koͤnten / daß er ſeine Unbeſonnenheit bereuen muͤſte. Was / replicirte dieſer / ſollen dieſe elende Creaturen mich darzu zwingen? ſo muß ich zuvor tod ſeyn: ſchmieß darauff einGlaß205Glaß mit Wein vor dem Fuͤrſten auf den Tiſch / daß ihm der Wein in das Geſichte ſpritzete. Jndem trat Gelanor mit den Sei - nigen in die Stube / der Fuͤrſt ſahe ſich nach ſeinen Leuten uͤmb: Aber ſie ſaſſen bey dem Mahler in dem Weinkeller / und truncken ih - res Fuͤrſtens Geſundheit: und alſo war Noth vorhanden. Kurtz von der Sache zu reden / der Printz kam in das Gedraͤnge / daß er mehr Maulſchellen einfraß / a[l]s er Untertha - nen hatte. Seine Junckern machten ſich bey Zeiten darvon / und nahmen mit etlichen Creutzhieben vorlieb / doch der Principal mu - ſte außhalten. Da war nun alles preiß / die Kaſten wurden zerſchmiſſen / die Fuͤrſtlichen mobilia in den Koth getreten / die ſchoͤnſten Kleider in Stuͤcken zerſchnitten / das Geld theilten die Diener unter ſich / und ob ſchon der Wirth ſein beſtes zum Frieden ſprechen wol - te; muſte er doch Knebel inne halten / weil er leicht etliche Tachteln haͤtte koͤnnen davon tra - gen. Endlich kam Florindo über das Fuͤrſt - liche Archivum, welches in einem Beykaͤſtgen gantz heilig auff gehoben war; da waren nun unterſchiedene Wechſelbrieffe / abſonderlich etliche Frantzoͤſiſche Schreiben / darinn der Kauffmann ſeinen Sohn ermahnete / er ſolteJ vijſich206ſich nur reſolut halten / an Gelde ſolte kein Mangel ſeyn. Ho ho / ſagte Eurylas / iſt es umb die Zeit / dem ehrlichen Manne iſt gewiß bange / wo er mit dem Gelde hin ſoll. Jch halte / es wird ſich am Ende außweiſen / daß arme Witwen und wayſen oder ſonſt gute Leute werden darben muͤſſen / was dieſer Pra - cher in ſeinem Fuͤrſtenſtande ſo liederlich und unverantwortlich durchgebracht hat. Nun waͤre noch viel zu ſchreiben / was vor eine Paſ - ſion mit dem Fuͤrſten geſpielet worden: was er vor Beſchimpffungen eingefreſſen / was er vor Stirnnippel auf die Naſe genommen / wie zierlich die guͤldenen Spitzen auf ſeinem Sil - berſtuͤck / das nun lauter ſtuͤcke war / herumb gebaumelt; doch ruffte der Wirth die Obrig - keit umb Huͤlffe an / daß letztlich hundert Buͤr - ger kamen / und die Comœdie zerſtoͤrten / wie - wohl dem Fuͤrſten zum ſchlechten Troſt / weil er bey Erkaͤntniß der Sache / mit in das Loch wandern / und biß auf des liberalen Vaters koſtbare Außloͤſung allda verpauſiren muſte. Was nun weiter vorgelauffen / darumb haben ſich die andern nicht viel bekuͤmmert / ohn daß ſie leicht geſchloſſen / er wuͤrde brav in die Buͤchſe blaſen muͤſſen. Alſo machte ſich Ge - lanor mit den ſeinen auf den Weg / und zogen auf die Meſſe.
CAP. 207DA fiel nun nichts merckwuͤrdiges vor: dann was gemeiniglich pflegt vor zuge - hen / iſt unvonnoͤthen zu erzehlen. Ob zum Exempel einer feil gehabt / und die Wahren gerne doppelt theuer haͤtte verkauffen wollen; der andere noch zehenmahl lieber uͤmb das halbe Geld noch einmahl ſo viel kauffen wol - len / dieſe und dergleichen Haͤndel gehen allzeit vor. Da geht ein Narr / und vertroͤdelt das Geld beym Frantzoſen: der haͤnckt es einem Jtaliāner auf; der will die Hollaͤnder gern reich machen. Einer kaufft die Schleſiſche Leinwad bey einem Niederſachſen; die Weſt - phaliſchen Schincken bey einem Thuͤringer; den Reiniſchen Wein von einem Holſteiner; die Wuͤrtze bey einem Pohlen; die Nuͤrnber - ger Wahre bey einem Schleſier: Alles umb - gekehrt und umb das doppelte Geld. Doch wer wolte dergleichen Dinge auffſchreiben. Miracula aſſiduitate vileſcunt. Ein Poſ - ſen trug ſich zu / der Lachens werth iſt. Dañ da war ein Kerle / der ſich gern bey dem Frau - enzimmer wolte beliebt machen / aber er hatte eine gantz unangenehme Sprache / und abſon - derlich konte er das R. nicht außſprechen / ſon - dern ſchnarrte / wie eine alte Regalpfeiffe / dieein208ein ſtuͤcke von der zunge verlohren hat. Die - ſer hatte ſich laſſen weiß machen / es waͤre in ei - nem Gaſthoffe ein alter Doctor, der ſolchem vitio lingvæ gar leicht abhelffen koͤnte. Nun glautbe der gute Menſch der Relation, und kam eben dahin / wo unſere Compagnie ihr Qvartier auffgeſchlagen hatte. Eurylas ſtun - de im Hauſe / und konte in ſeinem Schimmel - kopffe wol gar vor einẽ Doctor mit lauffen. Zu dieſem verfuͤgte ſich der Patient / und klagte ihm ſeine Noth / welcher Geſtalt er mit ſo ei - nem vexierlichen Malo behafftet / dadurch er offt bey dem Frauenzimmer in ſonderliche Verachtung gerathen waͤre / dann da koͤnne kein Koͤnigsſpiel / oder des Pfandaußloͤſens oder ſonſt etwas geſpielet werden / ſo muͤſte er herhalten. Unlaͤngſt habe ihm eine Jungfer auffgelegt / er ſolte ſechs mahl in einem Athem ſprechen; drey und drey ßig gebratene Erffur - ter Nuͤrnberger oder Regenſpurger Brat - wuͤrſte: Und da ſey ein ſolch Gelaͤchter ent - ſtanden / daß er bey ſich beſchloſſen / nicht eher in eine Geſellſchafft zu kommen / als biß er dem Gebrechen gerathen wuͤſte. Nun habe er den Hr. Doctor wegen der gluͤckſeligen Curen ruͤhmen gehoͤrt / alſo daß er ſeine Zuflucht zu keinem andern nehmen koͤnne / baͤte nur mitder -209derſelben dexteritaͤt / dadurch er vielen behuͤlff - lich geweſen / auch ſeiner gegenwaͤrtigen Noth beyraͤthig zu erſcheinen. Eurylas, der keinen Poſſen außſchlug / wann einer zu machen war / hoͤrte den Menſchen mit groſſer Gedult / und bließ die Backen ſo groß auf / daß man ge - ſchworen haͤtte / er waͤre ein Doctor. End - lich als er reden ſolte / ſagte er / mein Freund / ich bin deswegen da / ehrlichen Leuten auffzu - warten. Jch weiß mich auch zu beſinnen / daßich unteꝛſchiedene Perſonen von dem groſ - ſen Gebrechen der Zunge befreyet habe. Al - lein der Herr koͤmmt mir zu alt vor / daß ich nicht glauben kan / als wuͤrde er die Schmer - tzen daꝛbey außſtehen. Dann er dencke ſelbſt nach / wann einem die Zunge auf das neue ſoll geloͤſet werden / ſo muß das Fleiſch im Rachen noch jung ſeyn. Gleichwohl dieſer Reden ungeacht / bat der gute Kerle Himmelhoch / er moͤchte ſich doch uͤber ihn erbarmen; er haͤtte ſein gantz Vertrauen auf ihn geſetzt / und wolte er nun nicht hoffen / als ſolte dieſe ſeine Hoff - nung zu Waſſer werden. Kurtz / das Bitten waͤhrte ſo lang biß ſich Eurylas reſolvirte / ei - nen Doctor zu agiren / und dem Menſchen das Schnarren zu vertrejben. Allhier wird man - cher Medicus lachen / als waͤre dieſe Cur wohlmit210mit Schanden außgeführet worden / und ich frage den Kluͤgſten unter allen / und wann er ſich bey einem Comite Palatino haͤtte creiren laſſen / was haͤtte er wohl in dergleichen caſu verordnen wollen / gelt er weiß nichts? Und wann Eurylas mit ſeinem Specifico wird auff - gezogen kommen / ſo wird es ihm gehen / wie dem Columbo mit ſeinem Ey / das konte nie - mand zu ſtehen machen: Aber als er es auf die Spitze ſchlug / konten es alle nach thun. Nun wir wollen ſie rathen laſſen / und unter - deſſen etwas anders erzehlen. Es waren / wie in Meſſen zu geſchehen pflegt / viel fremde Leute in dem Gaſthofe beyſammen. Unter andern war ein junger Menſch / der in ſeinem Sam - metpeltze was ſonderliches ſeyn wolte / dieſer kam zum Wirthe / und begehrte / man moͤchte ihm die Oberſtelle geben / ſonſt habe er nicht in willens bey Tiſche zu bleiben. Er ſey eines vornehmen Mannes Sohn / mit welchem ſich die andern nicht vergleichen duͤrfften. Der Wirth ſagte / er habe damit nichts zu thun / die Gaͤſte moͤchten ſich ſelbſt ordnen / ſo gut ſie wolten: doch gieng er zu etlichen und gedachte / was dieſer geſucht haͤtte. Gelanor lachte der eiteln Thorheit des Menſchen: dann ſo fern an allen Orten die præcedentz Streitenicht211nicht zu verwerffen ſind; ſo iſt es doch Eitel - keit / daß man die Narrenkappe im Wirths - hauſe ſuchen will / da ein ieder oben an ſitzt / der Geld und gute Qualitaͤten hat. Nun ſie legten es mit einander ab / wie ſie den ehrſuͤch - tigen Kerlen wolten zu ſchanden machen / drumb als die Mahlzeit fertig war / und des Wirths kleiner Sohn vor dem Tiſche gebe - tet hatte / ſtunden ſie gantz ſtille / und ſahen ein - ander an / gleich als wuͤſten ſie nicht / wer der vornehmſte waͤre. Der gute Stutzer wolte ſich den Zweiffel zu Nutz machen / und ſagte / Meſſieurs, es nehme ein jeder ſeinen Platz / ſatzte ſich hierauff an die Stelle / die ſonſt vor die Oberſte an der Tafel pflegt gehalten zu werden. Gelanor mit den ſeinigen ſatzten ſich auch / und machten die vornehmſte Reihe von unten auf / daß der Mahler und etliche lumpichte Diener / die ſonſt haͤtten auffwarten muͤſſen / neben dem Ju[n] cker oben an zu ſitzen kamen / der Vorſchneider nahm es auch in Acht / daß der Unterſte ſein Stuͤck zu erſt kriegte: was ſolte der gute Kerl oben anfan - gen / ſein. Wille ward erfuͤllet / er hatte die Stelle ſelbſt außgeleſen / denen andern ſtund frey zu ſitzen wo ſie wolten: Alſo ließ er etliche Gerichte vorbey gehen: als dann ſtund er auf /und212und nahm ſeinen freundlichen Abſchied. Hier - auff erhub ſich ein trefflich Gelaͤchter / und ſagte Gelanor, iſt das nicht ein barmhertziger Geelſchnabel mit ſeinem vornehmen Vater / waͤre der Vater ſelbſt hier / und es traͤffe ein / was der Sohn vor ein Zeugniß giebt / ſo wol - ten wir ſehen / ob wir ihn vor den vornehmſten in der Compagnie koͤnten paſſiren laſſen. A - ber wie koͤmmt der Haußfeix darzu / daß er ſich in allem mit dem Vater vergleichen will. Der Vater mag vielleicht 50. Jahr alt ſeyn; iſt denn deßwegen dieſer elende Sechzehn - pfenniger auch ſo alt. Es heiſt / folge des Vaters Thaten nach / und laß dirs ſo ſaur werden / ſo wird die Ehre ungedrungen und ungezwungen darzu kommen. Mit der Ehre iſt es ſo beſchaffen: Quod ſequitur fugio, quod fugit ipſe ſequor. Solche diſcurſen fielen vor / alſo daß ſie nicht einmahl gedachten / wo der ſchoͤne Vater - Sohn ſeine affront verfreſſen wuͤrde.
JMmittelſt begunte einem am Tiſche ſehr uͤbel zu werden / weil er den vorigen Tageinen213einen ziemlichen exceß im trincken begangen / und alſo den Magen ſchaͤndlich verderbt hatte / dem rieth Gelanor, er ſolte ſich eine Schale ge - gluͤeten Wein bringen laſſen / dadurch er den Magen wieder erwaͤrmte. Solches war beliebt / und brachte der Wirth eine gantze Kanne voll / darauß er in eine Schale einſchen - cken kunte. Nun ſaß ein vernaſchter Kerl darbey / der alſobald meynte / er muͤſte ſterben / wann er nicht alles beſchnopern ſolte. Die - ſer gab allzeit Achtung drauff / wañ der Nach - bar auf die Seite ſah / und wiſchte ſtracks uͤ - ber die Schale / und nippte einmahl. Eury - las merckte es / und gedachte ſtracks den Naͤ - ſcher zu bezahlen: dann er ſtellte ſich / als waͤre ihm auch nicht wohl / und ließ etliche einge - machte Quitten holen: doch hatte er dem Die - ner befohlen / daß er eine außhoͤhlen / und mit Saltz und Pfeffer fuͤllen ſolte. Es gieng an / Eurylas ſaß in ſeiner Grandezze und aß Qvit - ten: der gute Schlucker gegenuͤber verwand - te kein Auge von ihm / und hatte groͤſſere Luſt als eine ſchwangere Frau: nur dieſes war ſo klaͤglich / daß er kein Mittel ſahe / wie er dar - zu kommen ſolte. Endlich als lucta carnis & ſpiritus lange genug gewaͤhret hatte / ſagte er / Monſieur, er vergebe mir / ich kauffte ge -ſtern214ſtern eben dergleichen Qvitten / die waren nicht wehrt / daß man ſie ſolte zum Fenſter hinauß werfen / ich muß doch verſuchen / ob die - ſe beſſer ſeyn? Eurylas ruͤckte ihm die recht - ſchuͤldige vor / und da war der arme Schlu - cker ſo geitzig / als wolte ihm iemand die Qvit - ten nehmen / und ſteckte ſie auf einen Biſſen in das Maul. Da ſaß nun mein, Narr / und empfand einen Geſchmack in der Kehle / daruͤ - ber er haͤtte vergehen moͤgen. Anfangs zwar wolte er den Poſſen vor den andern verber - gen; Aber es erfolgte ein trefflicher Huſten / der ihm die Thraͤnen zu den Augen / und ich weiß nicht / was zu dem Halſe herauß trieb. Eu - rylas ſtellte ſich unterdeſſen als haͤtte er kein Waſſer betruͤbt / und fragte etlich mahl / ob ihm irgend ein Qvittenkern waͤre in die unrechte Kehle kommen. Doch wuſte der gute Menſch am beſten / wie ihm zu Muthe war / und ſtunde vom Tiſche auff / dem die andern auch folgten. Als nun Eurylas bey dem Gelanor und Flo - rindo allein war / und den Poſſen erzehlte / folgte diß Morale darauff / es ſolte ſich nie - mand mercken laſſen / was er gern haͤtte: ab - ſonderlich ſolte man lernen an ſich halten / wañ ja etwas waͤre / daß fein und annehmlich auß - ſaͤhe / nach dem Reimen des alten Philippi Me -lanch -215lanchthonis, was mir nicht werden kan / da wende mir Gott mein Hertz davon. Uber dieß gedachte Gelanor an ein Buch / welches er bey einem guten Freunde / geſchrie - ben geſehen / mit dem Titul der Politiſche Naͤſcher. Florindo ſagte / es wäre Schade / daß diß Scriptum nicht ſolte gedruckt werden. Ach / ſagte Gelanor, es iſt ietzund ſo ein Thun mit dem drucken / daß mancher ſchlechte Luſt darzu hat. Es wendet ein ehrlicher Mann ſeine Unkoſten drauff / daß er zu einem Buche koͤmmt; hernach wiſcht ein obſcurer Beren - heuter herfuͤr / dem ſonſt die liebe Sonne eher ins Haus kommt / als das Liebe Brod / der druckt es nach und zeucht entweder den Pro - fit zu ſich / oder zum wenigſten verderbt er den Erſten / dem es von Gott und Rechtswe - gen zukoͤmmt. Und gewiß hieran redte Ge - lanor nicht unrecht. Denn man hat es biß - her etlichmahl erfahren / wie ein und ander Buch alſobald hat muͤſſen nachgedruckt wer - den. Unlaͤngſt ſind etliche Bogen herauß - kommen / darinn von den dreyen Hauptver - derbern in Teutſchland gehandelt wird. Al - lein der GUTE Kerle iſt mehr als bekandt / der ſolches zu ſich gezogen / und moͤchte er kuͤnfftig / wenn die vornehmen Narren vorbey /wohl216wohl mit einer ſonderlichen Narren-Kappe bedacht werden. Jezunder iſt er noch zu GUTH / oder daß ich recht ſage / zu geringe darzu. Nun wir kommen zu weit von der Sache. Wiewohl ietzt haͤtten wir Zeit ge - nug etwas zu reden / denn es war ſchon tieff in die Nacht / daß alle zu Bette giengen / und ſich umb die Narren wenig bekuͤmmerten. Alſo wuͤrden wir verhoffentlich keinen verſtoͤren. Doch es iſt auch Zeit / daß wir zu Bette gehn / Morgen ſoll was beſſers erfolgen / dieſen A - bend hieſſe es Interdum magnus dormitat Homerus. Gute Nacht.
DOch wir werden nicht lange ſchlaffen / denn es gibt ſchon etwas neues zu ſchrei - ben. Eurylas hatte die Qvitten zu ſich ge - nommen / und mochte etliche Truͤncke Bier drauff gethan haben / alſo daß er vocation kriegte / dasjenige zu verrichten / welches der Roͤmiſche Keyſer in eigener Perſon / und nicht durch einen Ambaſſideur, thun muß. Nun muſte er den Gang hingehen / und ward beim Mondenſcheine gewahr / daß ein Mann / derbey217bey Tiſche erbar genug außgeſehen / ſich zu der Mago gefunden / und ihr mit ſo freundlichen Worten begegnete / als haͤtte er ein Luͤſtgen / die Hollaͤndiſche Manier zu verſuchen. Eurylas behorchte ſie ein wenig / und nach ab - gelegter Expedition kam er in die Kammer und erzehlte es ſeinen Schlaffgeſellen. Ge - lanor empfand in ſeinem Gemuͤthe einen ſon - derbahren Abſcheu / und ſagte / pfuy dich an mit der Peſtie. Muß der Kerle nicht ein Narr ſeyn / daß er offentlich zwar die Erbarkeit ſpie - len kan; heimlich aber ſich an einen ſolchen Schandnickel henckt / die doch nichts anders iſt als communis matula da Kutſcher und Fuhrleute ihren uͤberfluͤſſigen Unflath hin - ſchuͤtten. Denckt denn der boͤſe Menſch nicht zuruͤcke daß er zu Hauſe eine Frau hat / die mit ſolcher Untreu hoͤchſt beleidiget und betro - gen wird? Und ich halte nicht / daß er hier viel - mehr delicateſſe wird angetroffen haben / wo ihn die naͤrriſche Einbildung nicht ſecundirt hat / daß er im Finſtern Kuͤhmiſt vor Butter angegriffen. Er fuhr in dieſer Rede fort biß ihm der Schlaff den Mund verſchloß. Fruͤh konte er die Schande noch nicht vergeſſen / und als der Wirth in die Stube kam / ſagte er / wie daß er von der Mago dergleichen Leicht -Kfertig -218fertigkeit in acht genommen / welche nicht doͤrffte ungeſtrafft bleiben. Der Wirth lachte / und gab zur Antwort / er koͤnte die Maͤgde nicht huͤten / wann ſie ihre Arbeit thaten / waͤre er zu frieden: wolten ſie im uͤbrigen die Nacht ſonſt anwenden / und ein Trinckgeld verdienen / ſo gienge ihm an der Tags Arbeit nichts ab. Und darzu wolten ſie ſich etwas zimmern laſ - ſen / moͤchten ſie zuſehn / wo ſie einen Ammen - dienſt antreffen / er wolte ſehen / wo er andere Maͤgde kriegte. Gelanor verwieß ihm / daß er hierinn dem Ampte eines rechtſchaffenen Haußvaters nicht nachkaͤme / indem er von Gott darzu geſetzt waͤre / daß er in dem Hauſe alles erbar und zuͤchtig regieren ſolte. Auf die Maſſe wuͤrde er ſelbſt nicht viel beſ - ſer als ein Huren Wirth. Der ruͤmpffte die Naſe / und ſagte / wenn er ſo ſcharff verfah - ren wolte / wuͤrde er wenig Geſinde behalten. Gelanor ſagte weiter / wenn es ia mit den Maͤgden nicht ſo viel zubedeuten haͤtte / ſo waͤre es doch zu beklagen / daß manch unſchuldiges Blut durch ſolche Betzen in ſein zeitlich und ewigs Verderben geſtuͤrtzet wuͤrde. Abſon - derlich waͤre es ſchrecklich / daß ſich auch Ehe - maͤnner auß ſolchen Miſtpfuͤtzen ableſchen wolten. Der Wirth zog die Achſel ein / undmeyn -219meinte / man duͤrffte in dieſer Welt nicht alles ſo genau ſuchen / es waͤre der gemeine Lauff al - ſo / und welcher ohne Suͤnde waͤre / moͤchte den erſten Stein auf ſolche Leute werffen. Es waͤren in der Stadt wohl vornehmere Leute / die dergleichen Sachen thaͤten / und die es als hochvernuͤnfftige Menſchen nicht thun wuͤr - den / wenn es wahr waͤre / daß man eben um ei - ner ſolchen Luſt willen muͤſte zur Hoͤllen fah - ren. Gelanor ſagte darauff; es iſt nichts de - ſto beſſer / daß vornehme Leute / durch ihr aͤr - gerlich Exempel / den andern Anlaß zu ſuͤndi - gen geben; doch wenn der Teufel die Groſſen hohlen wird / ſo moͤgen die kleinen ſehen / hinter welchem ſie ſich verſtecken wollen: Entweder Gott muß zum luͤgner werden / oder die Wor - te ſtehen noch feſte / daß die Hurer und E - hebrecher Gott richten wird / und daß diejenigen / welche die Wercke des Fleiſches vollbringen / das Reich Gottes nicht erer - ben ſollen; aber wer bedenckt diß ſchreckliche Gericht? und gleich wohl bilden ſich die unver - ſtaͤndigen Blindſchleichen groß Gluͤck ein / ja Gott hat es wohl Urſache / daß er euch freund - lich tractiren ſolte / indem ihr mit ſeinen Gebo - ten ſo hoͤfflich wiſſet uͤmbzugehen: Blitz und Donner / Peſtilentz und theur Zeit / Krieg undK ijBlut -220Blutvergieſſen haͤttet ihr verdienet / wann nicht etliche arme Kinder / die vielleicht ihr Brod vor den Thuͤren ſuchen / durch ihr Va - ter unſer den Himmliſchen Vater noch beweg - ten / daß er umb zehen Gerechter willen dieſes Sodoma nicht verderbte. Der Wirth / der ſonſt im Geſchrey war / nicht daß er wie Eliſa - beth unfruchtbar / ſondern daß er hier und da gar zu fruchtbar waͤre / hatte keinen Gefallen an der, Predigt: Stellte ſich derhalben / als muͤ - ſte er weggehẽ und fragte kuͤrtzlich / ob ſie noch etwz zu beſtellen haͤtten. Gelan. begehrte man moͤchte ihm doch einen Schneider verſchaffen / der mitgienge / weñ ſie zu Kleidern einkaufften. Der Wirth verſprach einen koͤſtlichen Mei - ſter in einer halbẽ Stunde mit zubringen. Jn - deſſen legte ſich Gelanor und Florindo an das Fenſter und ſahen / was auf der Gaſſe neues vorlieff / weiln ein vornehmer Fuͤrſt gleich fort gereiſet / dem zu ehren etliche Compagnien Buͤrger auffgezogen waren: die ſchoſſen in der zuruͤckkunfft ihre Muſqueten loß / und platz - ten daß es vor frembden Leuten eine Schan - de war. Unter andern wolte ein armer Ta - geloͤhner / der vor einen andern Buͤrger auff - zog / ſeine Buͤchſe auch verſuchen: Aber als er es knallen hoͤrte / erſchrack er ſo hefftig / daßer221er die Buͤchſe in die Pfuͤtze fallen ließ. Flo - rindo fieng an zu lachen / daß der Narr nicht ſein Platzen bleiben lieſſe / wann ers nicht beſ - ſer gelernet haͤtte / doch hatte Gelanor gar an - dere Gedancken darbey / der ſagte: Mein Florindo, was wolt ihr den armen Menſchen außlachen / der ehe hat ſchieſſen wollen / ehe er es gelernet hat? Geht es nicht in der gantzen Welt alſo her / daß einer ein Ampt begehrt / darauff er ſich ſein Lebetage nicht geſchickt hat: Gott gebe er laſſe darnach die Buͤchſe fallen / oder laſſe ſich vor die Ohren ſchlagen / daß ihm der Kopff brummt. Jch kenne Prieſter, die wenig an das Predigen gedacht haben: wie viel ſind Juriſten / die ihren Volckmann nicht eher auffgeſchlage / als biß ſie keine Bratw[urſt]im Hauſe gehabt / und auß Noth advociren muͤſſen? da wird ein Profeſſor Mathematum, der ſich bey Antritt der Profeſſion den Eucli - dem erſt kauffen muß. Ein ander wird Pro - feſſor Poeſeos der ſich ſelbſt verwundert / wo er zum Poeten worden / und dem die ſaͤmptli - chen Studenten nach ſingen. Quid mirum? Si ſeptipedem verſum facit ipſe Profeſſor. Wie ſich mancher Officirer in den Krieg ſchickt / iſt mehr als zu bekandt. Wie mancheꝛK iijKauff -222Kauffmañ mit ſeinẽ Soñen-kraͤmgen zu rech - te kom̃t / das ſieht man alle Tage. Abſonder - lich iſt in dem Buͤcherſchreiben ſo eine Menge / die faſt im Franckfurter Catalogo nicht mehr Raum hat / und doch wenn man die Liederli - chen Tractaten mit den ſtoltzen Titeln anſieht / ſo haͤtte mancher moͤgen zu hauſe bleiben / ehe er in der That erwieſen / daß er ſich zum Buͤ - cherſchreiben ſchicke / wie die Kuh zum Orgel - ſchlaggen. Jn ſolchen Reden vergieng eine Stunde nach der andern / und verwunderten ſich alle / wo doch der Schneider blibe. Endlich kam er / und entſchuldigte ſich / er haͤtte gerne eher kommen wollen; allein es ſey ihm im Heraußgehen zu erſt eine alte Frau begegnet / und weil er auß der Erfahrung wuͤſte / daß ſol - ches lauter Ungluͤck bedeute / ſo habe er noth - wendig muͤſſen zuruͤcke gehen. Gelanor lachte uͤber die Entſchuldigung / und weil es bald Tiſchzeit war / beſtellte er den Schnipſchnap nach der Mahlzeit wieder zu ſich.
UBer dem eſſen gedachte Gelanor an den alten Gaͤnſe-Glauben / welchen er an dem Schneider obſerviret, und beluſtigte ſichtreff -223trefflich mit der Einfalt der Menſchen. Doch hoͤrte er / daß dergleichen Aberglauben ſo - wohl bey vornehmen / als gemeinen Leuten in den Schwange gingen. Denn da war ein fremder von Adel / der erzehlte folgendes. Mein Herr / ſagte er / wird hier zu Lande nicht viel be - kandt ſeyn / denn ſonſt wuͤrde er von ſolchen Albertaͤten etwas erfahren haben: Jndem die Leute auf die lauteren Einbildungen mehr halten / als auf GOttes Wort. Da geht mancher und will GOttes Befehl zur ſchul - digen Folge in die Kirche gehn. Doch weil ihm eine alte Frau begegnet / ſo muß GOttes Befehl nachbleiben / warumb? Es iſt nicht gut. Da lieſſe ſich mancher eher erſchlagen / ehe er durch zwey Weibes Perſonen durch gienge: Ein ander zeucht ſein weiß Hembde am Montage an / und gienge lieber nackend / als daß er ſich am Soñtage ſolte weiß anzie - hen: etliche halten den Tag / auf welchen der ehrliche Sanct Velten gefaͤllig iſt / durch das gantze Jahr vor Fatal / und nehmen an dem - ſelben nichts vor: ich kenne Leute / die ſtehn in der Meynung / wenn ſie nicht an der Aſcher - mittwoche gelbe Muß / am Gruͤnendonnerſta - ge ein gruͤn Kraut von neunerley Kraͤutern / an der Pfingſtmitwoche Schollen mit Knob -K jvloche224loche freſſen / und wuͤrden ſie noch daſſelbe Jahr vor Martini zu Eſeln. Und was ſol ich ſagen von Braut und Braͤutigam / woß ſie mehrentheils vor Sachen mercken muͤſſen. Da ſollen ſie dicht zuſammen treten / wann ſie ſich trauen laſſen / daß niemand durch ſehen kan: da ſollen ſie den Zapffen vom erſten Bier - oder Weinfaſſe in acht nehmen: da ſollen ſie zugleich in das Bette ſteigen / ja was das Poſ - ſirlichſte iſt / da ſoll ſich der Braͤutigam wohl gar in einer Badeſchuͤrtze trauen laſſen. Mit einem Worte der Haͤndel ſind ſo viel / daß man ein groß Buch davon ſchreiben koͤnte.
Gelanor fragte / was doch ſolche Aberglau - ben muͤſten vor einen Urſprung haben? Dieſer ſagte / ich habe den Sachen offt mit verwun - derung nachgedacht / und befinde zwar / daß etliche auß bloſſen Poſſen vorgebracht / und hernach von einfaͤltigen Leuten im Ernſte ver - ſtanden worden: Da naͤhme mancher nicht viel Geld und wuͤſchte das Maul an das Tiſchtuch / deñ es heiſſt: wer das Maul an das Tiſchtuch wiſcht / der wird nicht ſatt. Ja wohl moͤchte ein Narr hundert Jahr wiſchen / er ſolte doch vom wiſchen nicht ſatt werden. Jngleichen ſprechen ſie / es ſey nicht gut / wenn man das Kleid am Leibe flicken lieſſe. Und mancher lieffe lieber durch ein Feuer / als daßer ſich225er ſich einen Stich lieſſe am Leibe thun: doch iſt es nicht Thorheit / wenn es gut waͤre / duͤrff - te man es nicht flicken. Was vor Haͤndel geglaubt werden / wie man thun ſolle / wenn ein Wolff oder ein Haſe uͤber den Weg laͤufft / iſt verhoffentlich bekandt: denn wenn der Wolff davon laͤufft / iſt es ein beſſer Zeichen / als wenn er da bleibt. Aber laͤufft der Haſe davon / ſo iſt es ein boͤſe Zeichen / daß er nicht ſoll in der Schuͤſſel liegen. Jngleichen iſt an etlichen Orten der Brauch / daß ſie das Brod / welches zu letzt in den Backoffen geſchoben wird / ſonderlich zeichnen / und es den Wirth nennen / da halten ſie davor / ſo lange der Wirth im Hauſe ſey / mangele es nicht am Brodte / und glauben derwegen / wenn das gezeichnete Brod vor der Zeit angeſchnitten wuͤrde / ſo muͤſte theuer Zeit erfolgen. Doch es ſind Thorheiten / ſo lange das Brod da iſt / man - gelt es nicht. Wie jener lieſſe ſich einen Zwey - er in die Hoſen einnehen / und ruͤhmte ſich er haͤtte ſtets Geld bey ſich. Doch darff man alle Aberglauben auf ſolche poſſirliche Außle - gungen nicht fuͤhren. Das meiſte kommt mei - nes erachtens daher / weil die Eltern ihren Kin - dern ein und ander Morale haben wollen bey bringen / und haben ihren Kindiſchen Ver -K jvſtan -226ſtande nach eine Urſache beygefuͤget / welche doch hernachmals vor wahr angenommen und in der Welt als eine ſonderliche Weisheit fort gepflantzet worden. Zum Exempel / es ſteht unhoͤflich / wann man auf alles mit den Fingern weiſet. Drumb hat ein Vater un - gefehr wider ſein Kind geſagt / bey leibe weiſe nicht mit dem Finger / du erſtichſt einen Engel. Solches iſt von dem Kinde auffgefangen / und auf die Nachkommen gebracht worden / daß ietzund mancher nit viel Geld nehme / und wieſe mit dem Finger in die Hoͤh / wenn es auch die hoͤchſte Noth erforderte. Jngleichen weiß ein iedweder / wie gefaͤhrlich es iſt / wenn man das Meſſer auf den Ruͤcken legt / denn es kan ein ander leicht drein greiffẽ / und ſich Schaden thun / drum hat der Vater geſagt / liebes Kind / lege das Meſſer nicht ſo / die lieben Engel tre - ten ſich hinein. Nun iſt der Glaube ſo einge - riſſen / daß ich einen Prieſter in einer vorneh - men Stadt kenne / der in einem Gaſtgebot of - fentlich geſagt / wenn man zugleich ein Kind im Feuer und ein Meſſer auf dem Ruͤcken lie - gen ſaͤhe / ſolte man eher dem Meſſer / als dem Kinde zulauffen / und haͤtte ein ſolcher Kerl nit verdient / daß man ihn mit bloſſem Ruͤcken in die heiſſe Aſche ſetzte / und lieſſe ihn ſo lange zap -peln227peln / biß man ein Meſſer zuꝛ Ruhe gelegt haͤtte. Noch eins zu gedencken. Es iſt nicht fein / daß man die Becher oder Kannen uͤberſpannt / denn es kan dem Nachbar ein Eckel entſtehen / wenn man alles mit dem Faͤuſten betaſtet: ſo hat der Vater geſagt / mein Kind / thue es nicht / wer darauß trinckt / bekoͤmmt das Hertz - geſpann. Nun ſind die Leute ſo ſorgfaͤltig darbey / daß auch keine Magd im Scheuern uͤber die Kanne ſpannen darff. Mehr koͤnte ich anfuͤhren / wenn es von noͤthen waͤre. Gleich bey dieſen Worten kam der Schneideꝛ / und fragte / ob es Zeit waͤre in den Laden zu ge - hen. Sie lieſſen ihn etwas nieder ſitzen / und fragte Eurylas, wie ſtehts / Meiſter Fabian / iſt euch keine alte Frau begegnet? Der Schnei - der war fix mit der Amwort; Ja / ſagte er / es begegnete mir eine / ſie kam mir bald vor / wie des Herrn erſte Liebſte. Florindo wolte wiſ - ſen / warumb er nicht zuruͤcke gangen? doch verſetzte dieſer / er haͤtte ſie noch vor eine reine Jungfer gehalten. Und in Warheit ie mehr ſie fragten / ie poſſirlicher kam die Antwort herauß / daß ſie endlich gewahr wurden / daß ſich dieſer Schneider nicht eine alte Frau / ſon - dern irgends ein gutes Fruͤhſtuͤck abhalten laſſen: drumb lachten ſie wohl uͤber dieK vjEnt -228Entſchuldigung / und giengen hierauffin den Laden
DOch wir muͤſſen unſern ehrlichen Schnarrpeter mit ſeinem Nuͤrnberger / Erffurter und Regenſpurger Bratwuͤrſten nicht zu lange warten laſſen / ich weiß / daß ſich keiner auff ein remedium beſonnen hat / daß alſo ein jedweder / der das Wort Daradirita - rum tarides gern außſprechen will / dem Eury - las wird zu dancken haben. Denn er nahm ſeinen Patienten vor / und ſagte / mein Freund / ich wolt euch gern geholffen wiſſen / aber es iſt ein zaͤrtlich Gliedmaß uͤmb die Kehle / das man nicht Bleche anflicken kan / wie an die Regal - pfeiffen. Es kan ſeyn / daß ſich eure Mutter bey ſchwangerm Leibe an einem andern ſol - chen Kniſterbart verſehen hat. Was nun in Mutterleibt ſchon der Natur mit getheilet wird / daß lãſſet ſich ſo ſpaͤth nicht aͤndern. Doch aber damit ihr meine Treu verſpuͤhren moͤget / ſo laſſet euch diß geſagt ſeyn / und huͤtet euch vor allen Worten die ein R. haben. Sprecht zu niemanden / mein Herr / ſondern Monſieur, weil ſolches Wort der Frantzoͤſi -ſchen229ſchen Sprache und ihrer pronunciation nach Moſlie heiſt. An ſtatt Frau ſagt Madame, vor Jungfer Madamoiſelle. Wann ihr etwas kaufft / ſo reſolviert die Groſchen zu Pfennigen oder zu Kopffſtuͤcken / die Thaler zu Guͤlden oder Ducaten / und Sum̃a Sum - marum nehmt einen Pfriemen zu euch / und wenn euch ein R. entfaͤhrt / ſo ſtecht euch ſelbſt zur Straffe in den Arm oder ſonſt wohin / was gilts es ſoll mit euer Sprache beſſer kommen. Der Gute Menſch ſchittelte den Kopff / und meynte / es würde ſich mit allen Reden nicht thun laſſen / daß man ſo einen nothwendigen Buchſtaben außlieſſe. Ey ſagte Eurylas, warumb ſolte ſichs nicht thun laſſen / ſeht da will ich euch etliche Manieren von Compli - menten in die Feder dictiren. Vor allen Dingen habt ihr zwar zu mercken / was ich zu - vor bedacht / daß ihr euch vor Worten huͤtet / welche den heßlichen Buchſtaben fuͤhren. Da laſt alles heiſſen Madamoiſelle, mein Kind / mein Engel / mein Liebgen / mein Goldmaͤdgen / mein tauſend Kindgen. Nur werdet nicht ſo ein Narr / daß ihr dergleichen Poſſen mit einmenget / mein Maͤußgen / mein Laͤmgen / mein Blumentoͤpffgen / mein Engelkoͤpffgen / und was der Schwachheiten mehr ſind. Ab -K vijſon -230ſonderlich gebet Achtung auf den Namen / ob ſie ein R. drinne hat. Denn es iſt ohne diß ein gemeiner Glauben / daß die Jungfern am beſten gerathen / welche dergleichen Buchſta - ben nicht haben. Und gewiß ich muß offt la - chen uͤber die ietzige mode / welche die R. ſo kuͤnſtlich verſtecken kan / denn da ſteht es alber / wenn man ſpricht Jungfer Ließgen / Jungfer Suſgen / Jungfer Fickgen / u. d. g. ſondern man ſagt viel lieber gleich weg / Ließgen / Suß - gen / Fickgen / warumb? man kan das R auß - laſſen. Jngleichen weiß man dieſen huͤndi - ſchen Buchſtaben in dem Namen ſelbſt ſehr appetitlich zu verbeiſſen. Maria heiſt Micke / Dorothee Thee oder Theie / Regine Gine oder Hine / Roſine Sine / Chriſtine Tine / Barbare Baͤbe / Gertraud Teutgen / und ſo fort. Solte auf allen Fall der Name ſich nicht zwingen laſſen / ſo haben die meiſten mehr als einen / und kan man endlich ſich mit einem andern Titel behelffen. Jn Boͤhmen ſprechen ſie an ſtatt Margrite Heuſche / aber es moͤchte ſich bey allen Geitgen nicht practi - eiren laſſen: doch nun ſchreiten wie zur Sa - che. Zum Exempel / ihr waͤret bey einer Hoch - zeit / ſo iſt gemeiniglich die erſte Hoͤffligkeit / daß man ein Maͤdgen zum Tantze aufffuͤh -ret;231ret; darbey kan etwann alſo geredet wer - den.
Madamoiſelle ſie wolle ſich nicht miß - fallen laſſen / daß ich ſo kuͤhn geweſen / und ſie zum Tantze auffgezogen. Es hat mich die Annehmligkeit / damit ſie allenthalben bekandt iſt / ſo weit einge - nommen / daß ich nichts wuͤnſche / als mich auf ſolche Maſſe / mit meinen Dienſten bekand zu machen.
Hier wird die Jungfer ſich entſchuldigen / und wird bitten / er ſoll ſie nicht ſo ſehr in das Geſichte loben / drumb ſey er bald mit der Antwort hinden drein.
Jch habe mich auf die Complimen - te mein Tage nicht gelegt / und was ich ſage / das ſoll die That ſelbſt außwei - ſen: doch habe ich geſuͤndigt / dz ich die Annehmligkeit in das Geſichte lobe / ſo kan ich ins kuͤnfftige ſtillſch weigen / und gedoppelt dencken / daß ſie die An - nehmligkeit ſelbſten iſt.
Hier iſt kein Zweiffel / die Jungfer wird dencken / er iſt ein Narr / daß er mit ſolchen weit - laͤufftigen Fratzen auffgezogen koͤmmt / doch alſo kan er alles gut machen.
Was ſoll ich machen / meine Liebſte /ich232ich bin unbekand / von Sachen kan ich nicht ſchwatzen / die ſich zwiſchen unß begeben haͤtten / ſo muß ich mich in weitlaͤufftigen Complimenten auff - halten. Doch will ſie mich als einen Bekandten annehmen / daß ich ſie mein Kind und meine Liebſte heiſſen mag / ſo will ich ſehen laſſen / daß ich den Com - plimenten Todfeind bin.
Da wird ſie Schande halben bekennen muͤſſen / daß ſie an ſeiner Bekandſchafft ein groß Gluͤcke zu hoffen haͤtte / und derowegen wird ſich folgende Antwort wohl ſchicken:
Nun ſo ſey es gewagt / ich habe ſie als meine Bekante angenommen / und hof - fe nicht / daß meine Kuͤhnheit und Un - hoͤffligkeit ſolten eine uͤbele Außlegung finden: doch was meynt ſie / daß ſie ſich mit ſo einem ſchlechten Menſchen auff - halten muß / da vielleicht iemand zuge - gen iſt / dem ſie alle Luſt und Bedienung zu gedacht hat.
Dieß iſt genug: denn ehe ſie zur Antwort koͤmmt / ſo faͤngt der Spielmann an / doch botz tauſend daß ich die Herren Stadtpfeiffer / oder Lateiniſch Muſicanten genant / nicht er - zuͤrne / ſo faͤngt der Herr Muſicante ſeinenTantz233Tantz an / und da kan einer mit guten Gewiſſen ſtillſchweigen / weil es doch das Anſehen hat / als muͤſſe man alle Kraͤffte auf den Tantz ſpen - diren. Jmmittelſt wird ſichs nicht ſchicken / daß man das Maͤdgen gar zu lang an der Hand behaͤlt. Denn was iſt das vor Noth / wann eine Jungfer / die gerne mit einem an - dern tantzen wolte / einen hoͤltzernen Peter am Halſe haben muß / als ein Fieber. Drumb bringt die Jungfer weiter / und bedanekt euch erſtlich gegen ſie:
Nun ich muß nicht ſo unhoͤflich ſeyn / und ſie mit meinen ſchlechten Tan - tzen zu viel belaͤſtigen. Sie habe ſchoͤ - nen Danck / daß ſie ſich ſo guͤtig bezei - gen wollen / und ſey gewiß / daß ich im ſteren Andencken ſolches hoch ſchaͤtzen / und nach Moͤgligkeit bedienen wil. Jnzwiſchen iſt es vielleicht nicht uͤbel gethan / daß ich Monſieur N. bitte daſ - ſelbige gut zu mach en / was ich ſo genau nicht habe nach Wunſche vollenden koͤnnen.
Mehr dergleichen Redens-Arten hatte Eu - rylas in einem Buͤchlein beyſammen / welche er dem guten Menſchen fideliter communicir - te. Doch wuͤrde es zu lang / wenn alles hierſolte234ſolte angefuͤhret werden / und es trug Eurylas auch Bedencken / daß er ſeine Kunſt ſo gar uͤmb ſonſt ſolte weggeben. Wenn er von der Per - ſon funffzehen Guͤlden zu gewarten haͤtte / wuͤrde er leicht zu behandeln ſeyn / daß er die ſchoͤnen Inventiones publicirte, dieſes wollen wir noch hinzufuͤgen. Es bat der gute Stuͤm - per / es moͤchte ihm doch eine Anleitung gege - ben werden / wie er bey Gelegenheit eine Redt / auf dergleichen Manier / halten ſolte / denn er verſaͤhe ſich alle Stunden / daß ein vornehmer Mann ſterben moͤchte / da wuͤrde er vermuth - lich einen Goldguͤlden zu verdienen / das iſt / die Abdanckung zu halten haben. Eurylas hatte einen Studenten bey ſich / der halff ihm folgende Rede ſchmieden / welche vielleicht zu leſen nicht unangenehm ſeyn wird. Ja es gilt eine Wette / ehe ein Jahr in das Land koͤmmt / ſo hat ein guter Kerle die Invention darvon genommen. Sed ad rem.
Hochgeneigte Anweſende.
PHilippus ein Koͤnig in Macedonien / hatte die loͤbliche Gewohnheit / daß alle Tage / ehe die Sonne auffzugehen pflegte / ein Knabe mit hellem Halſe folgendes gedencken muſte: Philippe memento, te eſſe hominem, das iſt / Philippe beſinne dich / daß du einMenſch235Menſch ſeyeſt. Mit welchem hoch-nothwen - digen Denckmahl ſich dieſes Koͤnigliche Ge - muͤthe / ohne allen Zweifel in den Eitelkeiten des menſchlichen Lebens umbgeſehen hat / wie daß alles / es mag ſo koͤſtlich und ſo annehmlich ſeyn / als es will / dem ungewiſſen und unbe - ſtaͤndigem Gluͤcke zu Gebote ſtehe / und ehe man es meynet / zu boden fallen wuͤſſe. Denn es fuͤnckelte ja wohl das Koͤnigliche Gold umb ſeinem Weltbekanten Scheitel / und ſchickte / gleichſam als eine lebhaffte Sonne / den ungemeinen Glantz in alle umbliegende Landſchafften hinaußt Seine Hand hatte den gewaltigen Stab des gemeinen Weſens klug genug befeſtiget / und alles / was ſonſt ei - nen Koͤnig nicht annehmen wolte / ſuchte bey ihm Schutz und Huͤlffe. Allein dz wuſte dieſes kluge Gemuͤthe ſchon an den Haͤndẽ abzuzehlẽ / es ſey um einen ſchlechten Augenblick zu thun / ſo koͤnte ein Feind / ein aufgewiegelt Volck / und endlich ein ſchnelles Todesſtuͤndgẽ alle Gewalt und Gluͤckſeligkeit zu nichte machen. Hochge - neigte Anweſende / ſolte ich auch zu tadeln ſeyn / wann ich dieſem Heyden ſolche Denckzeichen ablehnen / und dem inſtehenden Leidweſen alſo entgegen gehen wolte? das weiß ich wohl / es hat mit uns dieſe Gelegenheit nicht / daß manſich236ſich einem Koͤnige gleich ſtellen koͤnte. Je - dennoch was das Menſchliche Leben und deſ - ſen vielfaͤltige Abwechſelung belangt / ſo iſt es gewiß / daß alle Menſchen / ſie moͤgen ſo wohl Koͤnige als ſchlechte Stadt - und Landleute ſeyn / ſolches alle Tage bedencken und zu Sin - ne nehmen moͤgen. O homines mementote, vos eſſe homines. O du Menſchliches Ge - ſchlechte bedencke / daß alles in deinem Thun und Gluͤcke menſchlich ſey. Keinen Tag haſtu in deinem Gefallen / es kan ſich am Abend etwas zufaͤlliges begeben. Keine Stunde / kein Augenblick iſt alſo lieblich / es kan ein Wechſelſtand mitten in dem lieblichen Weſen entſtehen: Keine Geſundheit iſt ſo unbeweglich / ſie iſt dem Tode einen Dienſt ſchuldig. Und was am meiſten zu beklagen ſcheint / ſo gilt als - dann kein Wunſch / welchen Theo dofius mag in dem Munde gehabt haben: wolte Gott / ich koͤnte Todten auffwecken. Nein es bleibt bey dem / die Sonne legt ſich Abends gleichſam zu Bette / und koͤmmt allzeit den folgenden Tag an die alte Stelle: die Baͤume laſſen das Laub auf eine Zeit fallen / und putzen ſich in wenig Monate mit neuen Knoſpen auß. Doch ſo bald ein Menſch ſeinen endlichen Zu - fall außgeſtanden hat / ſo iſt es geſchehen / undkan237kan man keine Hoffnung ſchoͤpffen / ihn noch einmahl ins Geſichte zu bekommen. Alſo daß die Johanna des Philippi Koͤniges in Hiſpanien Gemahlin ſich nicht uneben dieſes Sinnbildes bedienet / daß ſie einen Pfau auf eine Kugel geſetzt / und die Außlegung beygefuͤ - get. Vanitas, Eitelkeit.
Ach ja wohl iſt alles eitel: dann ſonſt haͤtte dieſe hochloͤbliche Stadt / die hochedle familie, dieſes hochgeſchaͤtzte Haus / dieſen Weltbe - liebten und niemahls gnug belobten Mann nicht ſo zeitlich eingebuͤſſet. Die entſeelten Gebeine haͤtten ſich ſo bald nicht in das kalte Todtenbette geſehnet / welche nun da ſtehen / gleich als wolten ſie das unbeſtaͤndige Leben in einem gewiſſen Bilde kendlich machen. O du edle Tugend! haſt eben ietzt von uns wei - chen muͤſſen / da man deine Schaͤtze am meiſten von noͤthen hat! O du ſeliges und geſegnetes Haupt! haſtu uns die Wiſſenſchafft / die Weißheit / die Liebe ſo bald entzogen / ehe man ſich an denſelben nach Wunſche ſaͤttigen kan? O du gebenedeyte Seele! wilſt du dem ange - nehmen Leibe mit keinem Leben ins kuͤnfftige beyſtehen?
Doch was klage ich? hochgeneigte Anwe - ſende / ſoll ich dem Heidniſchen Koͤnige Philip -po238po in allen Stuͤcken nachfolgen? ſoll ich diß allein bedencken / was ein Menſch in ſeinem ſchwachen und hinfaͤlligen Zuſtande ſey? Nein / ich muͤſte in den Gedancken ſtehen / als beleidigte ich den guͤtigen Himmel / deſſen Gnade ſo maͤchtig geweſen / daß uns das Licht des hellglaͤntzenden Evangelii beſchienen / und ſolche Gewißheit unß zugewendet hat / damit eine iedwede Seele in Noth und Tod ſich feſt ſetzen / und von allen Anfechtungen entledigen kan. Dañ was heiſt Tod? was heiſt Ungluͤck? da dieſe Welt nichts / iſt als ein Hauffen voll Tod und Ungluͤck. Soll man klagen / daß iemand zu bald in den Himmel koͤmmt? gleich als haͤtte ein Menſch den Himmel in dieſem Angſthauſe empfunden. Soll man nicht im Gegentheil mit Gluͤckwuͤnſchenden Haͤnden dem angenehmen Gaſte / dem ſuͤſſen und[lieb]- lichen Tode entgegen lauffen / als bey welchem ein ſanfftes Schlaffen / ein ſeliges Wohlwe - ſen / ein ewiges Gedeyen zu befinden und zu koſten iſt. Nein / ich will die Heidniſchen Gedancken nicht geſagthaben. Memento, te eſſe hominem, ſed beatum. Jch ſage auch / die Seele iſt gluͤckſelig / welche den Leichnam ſo bald von ſich ablegen / und als eine muͤhſa - me Laſt abweltzen kan. Ja ein Menſch ſolldiß /239diß / als ſein beſtes Kleinod annehmen / daß ſein Leben nicht ewig in dem Angſtweſen ſtecken muß. Und alſo will ich auch den kuͤhlen Sand / die ſauffte Schlaffſtaͤtte mit dieſen Zeilen kent - lich machen:
Nun dieſes ſey die Letze / und damit laſſet uns hingehen / biß des Himmels Gewalt ſol - ches auch bey uns gebieten will. Jmmittelſt haben ſie ſaͤmmtlichen ein Lob und danckgezie - mendes Mitleiden bey den jenigen vollkoͤm̃lich abgeſtattet / welche in das hohe Leidweſen ge -ſetzet240ſetzet ſind / und ſolches als das eintzige Labſal annehmen / daß ſie mit ſo einem anſehnlichen Comitat den entſeelten Leichnam biß an dieſe Stelle begleiten koͤnnen. Sie wuͤnſchen Ge - legenheit zu haben / alles mit gutem Danck zu bedienen / und bitten Gott / daß ſolches in ei - nem annehmlichen Stande und nicht mitten in Seufftzen und Klagen geſchehen moͤge. Und ſolches habe ich im Namen des geſamp - ten hochadelichen Hauſes abſtatten ſollen. Sie koͤnnen ietzt ſo viel nicht ſagen / nach dem das Leid den Mund geſchloſſen hat / doch ſoll die That und die danckſchuldige Bedienung niemahls zugeſchloſſen ſeyn. Jch habs geſagt.
Setzt immer dieſes Finaldarzu / ob es gleich nicht accurat eintrifft / was bey den Lateinern Dixi geheiſſen hat / ſolche kleine abſurditaͤten gehen wohl hin. Endlich beſchloß Eurylas, ihr guter Freund / ihr ſeht wie weit euch auß dem Elend geholffen iſt. Nehmt die Lehren in Acht / und huͤtet euch vor dem Hunds - Buchſtaben Nerr Nerr aͤrger / als vor dem kalten Fieber. Jch weiß daß an einem Or - te die Comœdie nach geſpielet ward / welche Anno 1650. bey der Friedens-Execution zu Nuͤrnberg vor den ſaͤmptlichen anweſendenhohen241hohen Gevollmaͤchtigten war præſentiret worden / da hatte ein ſolcher Schnarr-Peter dieſe Perſon. Haͤnde die der Zepter ziert / haben offt den Stab genommen / den ein ſchlechter Schaͤffer fuͤhrt / Helden ſind auß Huͤrden kommen. Mancher groſſer Welt - Regierer legte Cron und Purpur hin / ward ein armer Herdenfuͤhrer / und liebt eine Schaͤfferin. Jngleichen kam ein an - der bey einem Leichbegaͤngniß mit ſolchen Worten auffgezogen: Jch armer verirr - ter und verwirrter Erdenbuͤrger werde durch hertzbrechenden Kummer hart und ſchrecklich angegriffen. Und da kan ich nicht beſchreiben / wie es knaſterte: war - lich es ſchien / als haͤtte iemand einen Sack voll Erbſen auf ein Bret außgeſchuͤtt. Der gute Kerle bedanckte ſich / und fragte / was vor die Muͤhe ſeyn ſolte. Doch Eurylas ſagte / ich begehre nichts / habt ihr aber ſo viel Mittel / daß ihr ohn eurem Schaden 20. Thaler entra - then koͤnnt / ſo ſpendirt ſie auf meine und eure Geſundheit einem armen Studenten. Und hierinn that Eurylas ſehr klug / da hingegen mancher Narr / wann er ehrenhalben das Geld nicht nehmen will / ſolches der Compa - gnie zu verſauffen giebt.
LCAP. 242JN deſſen als dieſes in der Herberge vor - gieng / kaufften Gelanor und Florindo zu Kleidern ein / und verwunderten ſich wohl uͤber die Naͤrriſche Welt / daß alle halbe Jahr faſt eine hauptſaͤchliche Veraͤnderung in Zeu - gen und Kleidern vorgenommen wird. Doch weil die Narrheit ſo gemeine iſt / ſo lacht ſichs nicht mehr / wann man viel von ihren Gedan - cken wolte anfuͤhren. Ferner kamen ſie in den Buchladen / da traff Gelanor etliche von ſeiner Tiſchgeſellſchafft auß dem Wirths - hauſe an / mit dieſen gerieth er in einen diſcurs von den neuen Buͤchern. Abſonderlich war ein neuer Prophete auffgeſtanden / der hatte etliche zwantzig Jahr hinauß geweiſſaget / was ſich in der Welt unfehlbar begeben wuͤrde. Zum Exempel von dem Jahr 1672. hatte er folgende Muthmaſſung:
VENIO NUNCAD ANNUM M. DC. LXXII. Cui Ob viſum in Caſſiopeia ſidus ſeculare, ſed ominoſum debemus Jubileum. Reviviſcent ſeculares hiſtoriæ. EbullietEffu. 243Effuſus in laniena Pariſienſi Hugo nottarum ſanguis. Nam ſeculum eſt Quod clamavit ad cœlum. Quem quidem clamorem compeſcere videbatur Edicti Nannetenſis lenitas, Henrico IV. Regie & fideliter præſtita, niſi quietem turbaſſet Indigna Rupellæ oppreſſio, Fallor? An à Ludovico Rege, an ab Armando miniſtro cum ſtupore univerſi orbis ſuſcepta& perfecta. Ab hujus enim civitatis interitu dependere videtur, Quicquid calamitatis ac miſeriæ Hugonottarum poſtea preſſit Eccleſiam. Sed[E]xtollite capita veſtra, Cives Europæi, Lilia Hugonottis denuo infeſta ſunt, Aut extirpaturi religionem, Aut Daturipœnas. Galli exercitum conſcribu[n]t:L 2Nam244Nam forte Sic viſum eſt ſuperis, Ut illata Relig[i]oni injuria, Per neminem, Niſi per ejusdem religionis aſſeclas vindicetur. O Europa, quando vidiſti aut videbis tantum belli apparatum? Interim Vos ſpectatores cavete, Ne, qui fabulam agunt, Spectaculi mercedem à vobis exigant. Imprimis O Germani! Præparate vos ad futuri Anni ſolennitates: Quatuor enim tunc effluxerint Secula Ab inſtaurata Habsburgenſium Felicitate, Fortaſſis quod numerum ſeptimum dimidiat, Et ſeculi ſeptimi medium obtinet, Vim habet climacterici. Hungaria parturit, & Lucina Seu Mahometis Luna opem feret. O notabilem & poſterorum hiſtoriis Annum celebratiſſimum! Nam245Nam etiam Seculum tunc eſt, Ex quo Romani ultimum viderunt Papam, Qui fuerit pius. Cui parentandum eſſe, niſi opinantur Itali, Turca judicabit. O annum admirabilem! Ne quid addam amplius.
Gelanor ſahe ſich in den Weiſſagungen etwas umb. Endlich ruffte er uͤberlaut. Ach ſind das nicht Schwachheiten mit den elen - den Stroh-Propheten / die alle zukuͤnfftige Dinge auß den bloſſen Zahlen erzwingen wol - len. Was hat es auff ſich / ob nun hundert oder mehr Jahr verfloſſen ſind? Jch ſehe kei - ne Nothwendigkeit die mir anzeigte / warumb ietzund eben viel mehr als ſonſt / diß oder jenes vorgehen ſolte. Es ſteckt ein betruͤglicher Gaͤnſe-Glauben dahinter: dann dieſes iſt ge - wiß / daß in dem eitelen Weltweſen nichts uͤ - ber hundert Jahr in einem Lauffe verbleiben kan. Alſo daß man ſich ſchwerlich verrech - net / wann man ſpricht / uͤber hundert Jahr werde diß Reich ſtaͤrcker / ein anders ſchwaͤ - cher ſeyn. Aber waꝛum es nicht eher oder laͤng -L iijſamer246ſamer geſchehen moͤge / das ſehe ich nicht. Hier gaben die andern ihr Wort auch darzu / und kamen alſo von einer Frage auf die andere. Einer lachte dieſelben auß / welche meynen / ſie haben unſerm Herrn Gott in das Cabinet ge - kuckt / und haben obſervirt / was er in ſeinem Calender vor einen Tag zum Juͤngſten Ge - richt anberaumet. Ein ander nahm diejeni - gen vor / welche in ihren annis Climactericis groſſe Wunderwercke ſuchen / da es doch hieſ - ſe / wie Kaͤyſer Maximilianus II. geſagt: Qui - libet annus mihi eſt climactericus, die an - dern brachten was anders vor. Letzlich kam die Frage auf die Bahn / was man von Nati - vitaͤtſtellen halten ſolte? da ſagte ein Unbekan - ter / der ſich in das Geſpraͤche mit eingemi - ſchet / ihr Herren / dieſe Frage iſt etwas kuͤrtz - lich / es denckt offt einer etwas / das er doch nicht ſagen mag / immittelſt wil ich ſagen was meine Meynung iſt: die Sterne und des Him - mels Einfluß kan niemand leugnen; ob ie - mand auß denſelben koͤnne urtheilen / mag ich nicht decidirn, geſetzt die principia traͤffen ein / und man koͤnte einem den gantzen Lebens-lauff gleichſam als in einem Spiegel vorſtellen / ſo iſt doch diß zu beklagen / daß die meiſten / welche ſich dergleichen Rath geben laſſen / ſolches außeinem247einem bloſſen / und ich haͤtte bald geſagt Athei - ſliſchen / Fuͤrwitz thun. Da iſt die Verheiſ - ſung Gottes viel zu wenig / daß man auf ſie trauen ſolte; Man muß beſſere Verſicherung auß der Conſtellation erhalten und niemand giebt achtung auff das allgemeine Nativitaͤt / welches Gott nicht lang nach Erſchaffung der Welt allen Menſchen geſtellet hat: biſtu from̃ / ſo biſt du angenehm / biſt du aber nicht fromm / ſo ruhet die Suͤnde vor deiner Thuͤr. Das heiſt ſo viel / wirſt du dich uͤmb einen gnaͤdigen GOtt bekuͤmmern / ſo wirſtu wohl leben / alles ſoll dir zum Beſten außſchlagen / es mag Ar - muth / Kranckheit / Verachtung / Krieg und ander Ungluͤck einbrechen / ſo ſoll es dir doch zu lauter Gluͤcke gedeyen. Wirſt du aber auf andere Sachen dich verlaſſen / und gleich - ſam andere Goͤtter machen / ſo wird alles Gluͤ - cke / es mag an deiner Hand / oder in deinem Themate natalitio ſtehen / zu lauter bellenden Hunden werden / welche dich endlich in Noth und Tod ſo erſchrecken ſollen / daß die boͤſe Stunde aller vorigen Freude und Herrligkeit vergeſſen wird. Ach was vor ein ſchoͤn Fun - dament haben die Atheiſten zu ihrem abſoluto decreto, zu ihreꝛ prædeterminatione volunta - tis, und was die andern Grillen ſeyn / dadurchL jvman248man Gott entweder per directum oder per in directum zu der Suͤnden Urſache machen will. Und dieſes iſt die Urſache / daß bißher vornehme Politici in ihren Schrifften ſolches ziemlich hochgehalten / weil ſie durch die allge - meine Nothwendigkeit / etwas erzwingen koͤn - nen / das in ihrem Statiſtiſchen Kram dienet. Hier fiel ihm ein ander in die Rede / und ſagte / das waͤre die beſte Nativitaͤt / haſtu viel Geld / ſo wirſt du reich / lebſt du lang / ſo wirſt du alt: Und wuͤſte er einen Studenten / dem habe die Mutter ſollen Geld ſchicken / allein ſie haͤtte ſich entſchuldiget / das Bier / davon ſie ſich nehren muͤſte / verdürbe ſo offt / er ſolte zuvor ein Mit - tel ſchicken / damit das Bier gut würde: drauff haͤtte der Sohn einen Zettel genom̃en / und darauff geſchrieben: Liebe Mutter brauet gut Bier ſo habt ihr guten Abgang. Solchẽ haͤtte die Mutter angehenckt / und waͤ - re auch ihre Braunahrung beſſer von ſtatten gangen. Andere Sachen giengen weiter vor / welche doch von keiner Wichtigkeit waren / daß man ſie auffzeichnen ſolte. Es lieff auch hernach nichts denck wuͤrdiges vor / weil ſie den Tag darauff / ſo bald etliche Kleider gemacht waren / auß der Stadtreiſeten und anderswo mehr Narren ſuchen wol[l]en.
CAP. 249SJe reiſeten etliche Tage und traffen we - nig ſonderliches an. Einen Mittag kehreten ſie auf einem Adelichen Schloſſe ein / wurden auch von dem Herrn deſſelben Ortes gar hoͤflich empfangen / bey der Mahlzeit klag - te der von Adel / was er vor eine poſſierliche action mit ſeinen zween Prieſtern habe. Ei - ner haͤtte dem andern hinter dem Ruͤcken nach geredet / als waͤre er auf der Univerſitaͤt mit Fidel Treutgen wohl bekandt geweſen / ſolches habe dieſer nicht leiden wollen / ſondern habe ihm durch Notarien und Zeugen eine ſchimpfliche und ehrenruͤhrige Retorſion in das Haus geſchickt. Jener waͤre nicht zu gegen geweſen / und haͤtte in ſeiner Abweſen - heit des Prieſters-Sohn die Sachen ange - nommen. Nun habe er ſich in allen Juriſten - Facultaͤtẽ belernen laſſen / ob er die vermeynte retorſion nicht vor eine hauptſaͤchliche Inju - rie annehmen / und derhalben ſich ſeines Juris retorquendi gebrauchen moͤge. Und als geſprochen worden / wofern er die Bekand - ſchafft mit Fidel Treutgen nicht anders als in Ehren verſtanden / ſo haͤtte freylich das Recht ſtatt / und waͤre der erſte ein grauſameꝛ Injuri -L vant:250ant: ſey er hingangen und habe ihm eine Schkarteke in das Haus geſchickt / darvor dem Hencker grauen moͤchte. Der erſte ha - be geſehn die Notarien und Zeugen mit ihren Papiergen auffpaſſen / derwegen den Haus - knecht geruffen / und nachdem er gebeten / ſie moͤchten doch von den Sachen / die ſie ſehen wuͤrden / gleichfals ihr Zeugniß beytragen / ge - ſagt: gehe Haußknecht / lege dieſen Brieff / eh ich ihn leſe / auf den Hackſtock / und haue ſo lange drauff / biß er in kleine Stuͤckgen iſt / als - dann gehe auffs ſecret, wirff den Plunder hin - ein / und thue etwas drauff / ihr Herren aber werdet euch in eurem Inſtrumente darnach zu richten wiſſen / und werdet es meiner Guͤtig - keit zuſchreiben / daß ich euch mein Hausrecht nicht gethan habe. Florindo, der mit ſeinem Maule ſehr fix war / ſagte hier / iſt der geiſtliche Vater nicht ein Narr / daß er in die Juriſten - Facultaͤt ſchickt / ob er retorquiren darff / und ſchickt nicht in die Theologiſche Facultaͤt / ob es ihm als einem Geiſtlichen wohl anſtehe / daß er wie Petrus mit dem Schwerd hinein ſchlaͤgt / oder als ein Donnerkind Feuer vom Him̃el wuͤndſcht. Jch halte der Spruch: Vos autem non ſic, gehoͤrt auch hieher.
Gelanor hatte uͤber den freyen Reden einſon -251ſonderliches Mißfallen und ſtraffte ihn der halben / er ſolte nicht ſo unbedachtſam von der - gleichen Sachen urtheilen / ſo lang er nicht den Unterſcheid wuͤſte / was geiſtliche und was weltliche Haͤndel wãren: denn deßwegen wer - de niemand ein Theologus, daß er ohne Un - terſcheid / abſonderlich wo die Ehre GOttes nicht darunter verſirte / ſolte mit allen unhoͤfli - chen Injurien vor lieb nehmen: die Richter waͤren den Geiſtlichen ſo wohl zum Beſten ge - ſetzt als den Weltlichen. Und gewiß / Gela - nor hatte Zeit / daß er die Sache wieder gut machte / denn der von Adel hatte einen Præce - ptor, der ſpielte ſchon mit den Augen / wie eine Meerkatze auf den Aepffelkram / als er hoͤrte / ein Geiſtlicher duͤrffte ſich nicht wehren. Wie er dann eꝛſt vor etlichen Tagen ſich mit etlichen Pfefferſaͤcken brav herumb geſchmieſſen / und ſich einen Dreſcher / der vor dieſem im Kriege Leutenant geweſen / ſecundiren laſſen. Wie - wohl Florindo entſetzte ſich nicht / und als er die trockene Correction eingeſteckt / fragte er den boͤſen Mann / Hr. Præceptor, was halt ihr davon? dieſer ſagte / Monſ. Gelanor habe ſehr vernuͤnfftig von der Sache geurtheilt / ſonſt wuͤrde es ihm / als einem Theologo nicht angeſtanden haben / ſolche unverantwortlicheL vjReden252Reden zu vertragen. Hier fieng ſich ein ar - tig diſputat an / worinn Florindo ſeinen alten Schulſack gantz außſchuͤttete.
Domine Præceptor, an igitur es Theo - logus?
Ita, ita.
Sed ſi es Theologus, dic quæſo, quot jam refutaveris hæreticos.
Ego ſum Theologus, qui conciones habet.
Intelligo rem, Theologus es non diſpu - tax, ſed concionax.
Ita, ita.
At ego quidem credideram concio - nandi artem ſine notitia Theologiæ tam poſitivæ quàm polemicæ ſubſiſtere non poſſe.
Ego diſtinguo inter Theologum theo - retitcum & practicum.
Eego verò novum diſtinctionis mon - ſtrum video.
Theologus theoreticus diſcit articulos fidei: ſed practicus diſcit conciones.
Diſcit igitur? utinam ipſe faceret. Interim ut intelligo, theoreticum voca - tis Profeſſorem; practicum, Conciona - torem.
Ita, ita.
Quid autem ſi argumentis evicero, Profeſſorem eſſe debere practicum; Con - cionatorem vero ne quidem eſſe Theo - logum?
Ego negarem concluſionem.
Citra jocum. Ego ſic argumentor. Quæ profeſſio verſatur circa agenda & credenda, ea eſt practica. Atqui profeſſio Theologiæ ſic ſe habet. E.
Concluſio eſt falſa.
Eâdem ego operâ dicam, tuam the ſin eſſe falſam.
Sed ego hoc audivi à Doctore cele - berrimo.
Si Doctor ille celeberrimus, præfiſci - ni, adeſſet, ſententiam ſuam fortè de - fenderet melius, nunc ordo loquendi te tangit.
Quicquid dicas, ego aliter non ſta - tuam.
Sed obſtat argumentum à me propo - ſitum.
Hoc ego non curo, ſicut malam nucem.
Neque tamen aliter emerget veritas & cogita, quantum tuum ſit peccatum, ſi meL 7relin -254relinquas in errore, cum ipſa charitas Chriſtiana cupiat, informari proximum.
Sivis, ut tibiad pudorem reſponde - am, ego dico, Profeſſores Theologiæ legunt ſaltem in libris, & vident quid bo - num eſt, & hoc dicunt aliis, qui concio - nantur.
Id videris ſtatuere, Theologos illos dicere quidem, quid agendum aut cre - dendum ſit; ſed tamen vi profeſſionis ſuæ adſtrictos non eſſe, ut ipſi talia a - gant aut credant. Et inde dici theore - ticos.
Ita, ita.
Sed ubi jam oſtendes Theologos pra - cticos, cùm ipſi plerumque concionato - res dicant & non faciant?
Nonne praxis eſt, quod concio - nantur?
Nonne praxis eſt, quod illi legunt & diſputant? Studia practica non di - cuntur à t[r]actatione, quæ practica eſſe videtur; ſed ab objecto tractationis, quod ad praxin terminatur, ſeu agendo abſolvitur.
Qui ad omnes diſtinctiones debet reſpondere, illum oportet ſibi emereLexi -255Lexicon Philoſophicum Rodolphi Go - clenii.
Quid audio? an Goclenius, qui con - tradictiones philoſophicas conciliavit, noſtræ etiam controverſiæ medelam affer - re poterit?
Quid ego curo; credat unusquisque, quicquid vult.
Mirum eſt, Theologum practicum adeò propendere ad Syncretiſmum.
Hocego non facio.
Provoco ad auditores. Interim ſi diſplicet quæſtio prior, veniamusad alte - ram, Concionatores enim quatenus tales ſunt, mihi quidem non videntur Theologi.
Rogote, noli tam abſurda ſtatuere.
Ego ſic argumentor; Artifex non eſt Theologus, Concionator quatenus talis eſt artifex. E.
Me oportet ridere, quòd Syllogismum profers, in quo omnes tres propoſitiones ſunt abſurdæ.
Cupis probationem?
Non non, impoſſibile eſt, ut probari poſſit.
Sic ego nunquam memini diſputare.
Ego ſæpè diſputavi cum Paſtoribus hu - jus loci, ſed nemo me taxavit.
Quanti te taxaverint alii, id equi - dem meâ non refert. Fac ſaltem, ut vi - deant reliqui, quid ſentias de meo argu - mento.
Eja, eja quaſi ego neſcirem, quòd tu me vis confundere, ſed tamen ut omnes audiant, quàm abſurda ſint omnia. Tu dicis, artifex non eſt Theologus. Anne - ſcis hinc inde à Theologis proponi ar - tem moriendi, artem bene vivendi, artem credendi &c. eja, eja, ergò Theologus non eſt artifex.
Miſerum eſt, ut video, cum iis diſputa - re, qui terminos philoſophicos hauriunt ex Calepino aut Daſypodio. Diſtin - guo inter artis acceptionem philoſo - phicam & vulgarem, vulgaris de qua. vis ſumitur notitia quæ practica eſt; Philoſophica præciſe denotat habitum[e]ffectivum.
Ego non diſco philoſophiam ex Cale - pino, ego habeo tabulas Stierii, oſtende mi - hi hanc diſtinctionem.
Quem tu mihi opponis arietem? Sed conſultum vix eſt, ut optima mea argu -men -257menta in pumice cerebri tui deteram, fa - ciam quod olim domini bellaturi ad - verſus ſervos. Illi enim non haſtis aut gladiis, ſed ſcuticis & ferulís victoriam reportabant. Sic ego leviori quadam viâ te aggrediar.
Neſcio, quid dicis.
Dicebas antea, te eſle Theologum, quæ res cum mihi di[ſ]pliceat, hoc mihi enaſci - tur argumentum: Theologus eſt mortu - us: Tu non es mortuus, E. Tu non es Theologus.
Nego minorem.
Cum mortuo igitur diſputavi? egre - giam vero umbram, quæ nullam mihi in cuſſit formidinem.
Ego mortuus ſum huic mundo.
Et vivis huic ſeculo?
Hier legte ſich Gelanor darzwiſchen / und ſagte / ſie ſolten ſich in der Lateiniſchen Weis - heit nicht zu tieff verſteigen / doch fragte er ſei - nen Nachbar / wer dieſer Præceptor waͤre; Da erzehlte dieſer / es waͤre ein Magiſter, haͤtte feine Dona zu predigen / und koͤnte er den Heer - man faſt ad unguem außwendig. Sein Va - ter waͤre ein Paſtor paganus, und ob gleichder -258derſelbe nicht promotus Magiſter waͤre / ſo lieſſe er ihn doch oben an gehen. Mit der glei - chen paſſirten ſie die Zeit biß ſie auffbrachen / und weiter reiſeten.
JN wenig Tagen kamen ſie in eine vor - nehme Stadt und da legten ſie ſich in das beſte Wirthshaus: bey Tiſche nahm ei - ner die Oberſtelle / welcher vor eins laͤnger im Hauſe geweſen / und vors andere eine groſſe und vornehme Perſon bedeuten ſolte. Er ſaß gantz Gravitaͤtiſch / wie ein Spaniſcher Ambaſſadeur, und wenn die anderen die Diſ - curſe lieſſen herumb gehen / machte er mit ſei - nem Stillſchweigen / daß man ihn vor einen koͤſtlichen Mann hielt Endlich ſetzte ſein Jun - ge vor dem Tiſche / indem er auffwarten ſolte / die Beine etwas krumm / da fieng er an zu ful - miniren als waͤre ihm etwas groſſes wieder - fahren. Du Stuͤck von allen Ertzſchelmen / ſagte er / wie offt ſoll ich mich wegen deiner Unhoͤffligkeit erzuͤrnen? nahm darmit ſein Spaniſch Rohr / und kurrentzte den armen Lauer durch alle prædicamenta durch / und ge - wiß / es war ſehr verwunderlich anzuſehen / wieder259der gute Junge ſo gedultig war / bald muſte er die Schienbeine hinſtellen / und ſich auß aller Macht drauff pruͤgeln laſſen: Balt muſte er mit den Haͤnden Pfoͤtgen halten: Bald muſte er mit den Backen auffblaſen / und eine Maulſchelle nach der andern einfreſſen / und was der Haͤndel mehr war.
Nachdem nun der arme Tropff wohl ſtrappezirt war / fieng der Herr an / Ach du Boͤſewicht / ſiehe wie ich mir deinetwegen das Leben abkuͤrtzen muß / iſt es auch moͤglich daß ein Tag vorbey geht / da ich mich nicht erzuͤr - nen muß. Wolte ich doch das Leben keinem Hunde goͤnnen. Ach Herr Wirth / iſt keine Citrone da / die Galle laͤufft mir in Magen. Ach der Schelme wird noch zum Moͤrder an meinem Leibe / ꝛc die Compagnie ſahe den Narren an und ließ ihn reden. Doch als ihn der Wirth in ſein Zimmer gebracht / ſagte Eu - rylas, nun das Gluͤcke haͤlt ſich wohl / die Nar - rẽ praͤſentiꝛẽ ſich von Tage zu Tage beſſeꝛ. Deꝛ Zwecken-Peter moͤchte ſich nicht erzuͤrnen / wann ihm die Boßheit ſo geſchwind in die Caldaunen faͤhrt. So will er erſtlich ſehen laſſen / daß er Macht hat ſo einen elenden Jun - gen zu pruͤgeln / und vors andere thut er fein naͤrriſch / daß die Leute dencken ſollen / er wirdflugs260flugs ſterben. Ja es mag vielleicht ein treff - licher Handel an ſeiner Perſon gelegen ſeyn / daß die Leute deßwegen vor der Zeit Floͤre auf die Huͤte knuͤpfften Und gewiß es verlohn - te ſich wohl der Muͤh / daß er ſo einer Lumpen - Urſach willen einen Fladenkrieg anfieng. Haͤtte auch der Junge was gethan / ſo weiß ich gewiß / der Hausknecht haͤtte nichts darnach gefragt / und haͤtte ihm umb ſechs Pfennige in dem Stalle eine Galliarde mit der Spießru - the geſpielt. Da ſagte ein ander am Tiſche / mein Herr verwundere ſich nicht zu ſehr / das iſt noch nichts / geſtern karbatſchte er den Kut - ſcher im Hofe herumb / als einen Tantzbaͤr / nur daß er nicht ſtracks gehoͤret / da er Zum Fenſter hinauß gepfiffen: da er doch erwieſen / daß er eben dazumahl die Pferde gefuͤttert. Nach - mittage ſchleppte er ſeinen Schreiber in der Stube bey den Haaren herum / und pauckte mit einem Banckbein hinten nach / daß wir alle dachten / er wuͤrde ihn krum und lahm ſchmeiſſen / und als wir fragten / was er ge - than / ſo hatte er die Sandbüchſe in der Tafel - Stube vergeſſen. Der Junge / der ietzund ſo tractirt wurde / mag ſichs vor eine Ehre ach - ten / daß er ein Spaniſch Rohr zu koſten kriegt: denn ſonſt muß er allzeit auf der Stu -be261be die Hoſen abziehen / und da tritt der groſſe Staatſmann mit der Ruthe davor / und be - ſieht die poſtprædicamenta vom Auffgang biß zum Niedergang. Unterdeſſen ſchreyt der loſe Dieb / als ſteckte er an einem Spieſſe / und rufft ſeinen hertzlieben / guͤldenen / geblü - melten Herrn uͤmb Gnade und Barmhertzig - keit an. Gelan. ſagte darauff ein Eſel mag ſich in die Loͤwenhaut ſo tieff verbergẽ als er will / es kucken doch die langen Ohren hervor. Und ein Kerle / welchen die Natur zu einem Bacu - lario in der A. B C. Schule deputirt hat / mag ſo Politiſch werdẽ als er will / ſo kuckt doch die Ruthe und der Stecken / gleichſam als zwey lange Eſels-Ohren unter ſeiner Staats - Muͤtze hervor. Hiermit kam der Wirth wie - der in die Stube / da fragte Eurylas, wer die - ſes geweſen waͤre; Der Wirth ſagte / es ſey ein vornehmer Mann / er habe ein hohes Ampt / doch haͤtte es ſo einen langen Lateini - ſchen Namen / daß er es nicht behalten koͤnte. Zwar dieſes wuͤſte er von ihm zu ruͤhmen / daß ſich alle uͤber ihn beklagten / als kernte er ſich vor Hoffart ſelbſt nicht / und haͤtte zwar ge - ringe Meriten / doch ſehr hohe Gedancken. Gelanor brach hierauff in folgende Worte herauß: Der Kerle ſtrebt mit aller Gewaltnach262nach dem Superlativo in der Narrheit. Was bildet er ſich mit ſeiner vornehmen Charge ein? weiß er nicht / wenn die Schweine auf den Moͤhren oder Ruͤben-Acker kommen / ſo er - wiſcht die groͤſte Sau gemeimglich das groͤ - ſte Stuͤcke. Es faͤllt mir bey / was in der al - ten Kirchen-Hiſtorie von einem Biſchoff er - zehlet wird. Dieſer ließ ſich viel duͤncken / daß er ſo ein vornehmes Ammt erlanget haͤtte / und ſahe alle andere Leute gegen ihm zu rechnen vor Katzen an. Endlich erſchien ihm im Schlaffe ein Engel / und redete ihn alſo an: Warumb erhebſt du dich deines hohen Be - ruffs / meynſt du / daß deine Qvalitaͤten ſolches verdient haben? Ach nein / die Gemeine iſt kei - nes beſſern Biſchoffs werth geweſen. Mich duͤnckt / wer manchen Rath / Superintenden - ten / Buͤrgermeiſter / Am̃tmann / Richter und dergleichen anatomiren ſolte / es wuͤrde nichts anders herauß kommen / als Gott habe die Gemeine nicht aͤrger ſtraffen koͤnnen / als mit ſo einem geſchnitzten Palm-Eſel / dem man nun faſt goͤttliche Ehre anthun muͤſſe. Hier ſagte einer am Tiſche / er haͤtte ſolches in der That offt erfahren. Jch kenne / ſagte er / einen Burgemeiſter / der will ſich an den Grie - chiſchen Patribus zu tode leſen: einen Super -in -263intendenten / der ſchreibt Commentarios uͤ - ber die Politica und ve[r]tirt Frantzoͤſiſche Ro - manen: Einen Stadt-Phyſicum, der will Barth[ii]Adverſaria continuiren: Einen Schul-Rector, der refutirt die Ketzer: Einen Kauffmann / der iſt ein Chymicus: Einen Soldaten / der ſitzt Tag und Nacht über Teut - ſchen Verſen: Einen Schuſter / der Advo - cirt und heiſſt novo nomine Licentiat Abſatz[:]Einen Bauer / der ſchreibt Calender. Das heiſt mit kurtzen Worten ſo viel gegeben / ein iedweder Narr thut / was er nicht thun ſoll / und darzu er von Gott beruffen iſt / das ſetzt er hinten an / gleich muͤſte das ἔργον dem παρ - έργῳ weichen. Eurylas ſagte hierauff / mein lieber Herr / diß geht wohl hin / da thut gleich - wohl em iedweder etwas / und zeigt dadurch an / daß er nicht gantz einen Gruͤßkopff hat. Zum wenigſten dienen dieſe Sachen wie mein alter Edelmann auß dem Tacito offt ſagte / ad velandum ſegne otium: aber was ſoll man bey den Leuten thun / die gar nichts verſtehn / und doch / wie jener / der Teufel gar bey der Cantzley ſeyn. Gelanor fiel ihm in die Rede / es bleibt darbey / wo dergleichen vorgeht / da iſt die Gemeine oder das Land keines beſſern werth geweſen. Gott ſtrafft nicht nur mitFuͤr -264Fuͤrſten die Kinder ſind / oder doch Kindiſche Gedancken haben: ſondern wo man kluge und vernuͤnfftige Leute bedarff / da kan er ein Kind hinſetzen / dadurch die allgemeine Wohlfahrt in das Decrement gebracht wird. Und dan - nenhero ſieht ein iedweder / was dieſelbe vor Narren ſind / welche auf die uͤbele Admini - ſtration bey hoher und niedriger Obrigkeit ſchmaͤhen wollen. Du elender Menſch / gib achtung auf dich / ob du mit deinem boͤſen Le - ben was beſſers verdienet haſt. Vielleicht hat ein Fuͤrſt oder ſonſt ein hoher Miniſter offt - mahls mehr auf die Unterthanen zu ſchelten / daß ſie mit ihren Suͤnden und Schanden GOtt er zuͤrnen / und alſo viel gute Conſilia von ihrem guten Event zu ruͤcke halten. Es dencke auch ein iedweder Buͤrger und Bauer nach / es wird alle Soñtage von der Cantzel vor die Obrigkeit gebetet. Aber wo iſt einer / der ſolches mit Andacht nachſpricht? daß es alſo kein Wunder iſt / daß Gott ſo ſparſam mit den Guͤtern gegen uns uͤmbgeht / darumb er ſo ſparſam oder wohl gar nicht angeruffen wird. Unterdeſſen mag ein ſolcher zur Straff eingeſetzter Großſprecher ſich nicht zu viel auf ſeine Farbe verlaſſen. Kaͤyſer Caligula wolte ſeinem Pferde Goͤttliche oder Fuͤrſtliche Ehreerwei -265erweiſen laſſen / gleich wohl blieb es ein Pferd und ward an ſich ſelbſt zu keinen Fuͤrſten. Al - ſo wenn Gott einen Fuchs / einen Wolff / eine Sau / einen Eſel oder wohl gar eine Fleder - mauß von den Menſchen zur Straffe will ge - ehret wiſſen / ſo iſt es zwar billig / daß man Got - tes willen mit gantzen Hertzen erfuͤllt / doch das unvernuͤnfftige Thier wird deßwegen kein Menſch. Ja es geht endlich wie mit dem Attila, der nennete ſich Flagellum Dei; Aber nun liegt die Ruth im Hoͤlliſchen Feuer und brennet. Wie ein Vater! wenn er die Ru - the gegen die Kinder gebrauchet hat / ſie zu letzt in den Ofen wirfft. Mehr dergleichen wur - den vorgebracht / biß die Compagnie auf ei - nen andern Diſcurs gerieth / und endlich vom Wirthe vernahm / wie daß inſtehende Woche eine groſſe Hochzeit / und auch ein groß Lei - chenbegaͤngniß wuͤrde angeſtellet werden. Weil nun ein ied weder ohn diſem gern auß - geruhet hãtte / ward alſobald beſchloſſen / beyde Actus in Augenſchein zu nehmen.
NUn hatten ſich bey waͤhrender Mahlzeit etliche Kerlen in die Stube gefunden /Mwelche266welche einen ſonderlichen Tiſch einnahmen und zu Trincken begehrten / die waren ſo treu - hertzig auf das Bier und den Wein erpicht / daß ſie ein groß Straff-Glaß in die Mitten ſetzten / welches der jenige außſauffen ſol[t]e / der uͤber drey Glaͤſer wuͤrde vor ſich ſtehen laſſen / und wie die Redens-Art hieß / zum Schaff - haͤuſer werden. Da gieng Bier und Wein unter einander / da truncken ſie carlemorle - puff, da ſoffen ſie Flores, da verkaufften ſie den Ochſen / da ſchrieben ſie einen Reim auf den Teller / in Summa / da plagten ſie einan - der mit dem Sauffen / daß es eine Schande anzuſehen war. Die Gaͤſte uͤber der Tafel ſtunden auf und giengen in ihre Gemaͤcher / dieſe aber ſtocherten die Zaͤhne biß nach Mit - ternacht; und ob gleich etliche das uͤberfluͤßige Getrāncke nicht vertragen kanten / ſo ſtund doch ſchon ein Becken auf dem Tiſche / in wel - chem man S. Ulrichen ein Kaͤlbgen auffopf - fern kunte / und damit gieng es von forn an. Ja es kam ſo weit / daß die Glaͤſer und Kañen zu ſehlecht waren / und daß ſie auß umgekehr - ten Leuchtern / auß Huͤten / auß Schuhen / und auß andern poſſirlichen Geſchirr ſoffen / biß ei - ner da / der andere doꝛt in ſeinem eigenen Soͤd - gen liegen blieb. Der Mahler hatte diß Cy -clo -267clopiſche und Beſtialiſche Weſen mit angeſe - hen / als er nun alles nach der Ordnung refe - rirte / ſagte Gelanor: Jſt das nicht eine Thor - heit bey uns Teutſchen / daß wir ſo unbarm - hertzig auf das liebe Getraͤncke loßgehn / als koͤnten Gottes Gaben ſonſt nicht durchge - bracht werden; und daß wir uns einander ſelbſt ſolche Ungelegenheit machen. Es wird einer in dem Hauffen geweſen ſeyn / dem zu Ehren der Schmauß wird angeſtellet ſeyn / und da wird es moꝛgen heiſſen / ha ich bin ſtatt - lich tractirt worden / ich habe die Thuͤr nicht finden koͤnnen / der Kopff thut mir drey Tage darnach weh / und dieß heiſt auf Teutſch / dem zu Gefallen bin ich ein Narr / eine Beſtie / Ja wohl gar ein Teufel worden. Nun wird niemand leugnen / daß offt einer in der Com - pagnie den andern zwinget / da doch keiner rechte Luſt zum Sauffen hat. Und doch muß die Gewonheit ihren Lauff behalten / und es heiſt / ſie ſind luſtig geweſen. Wann ich einen Feind haͤtte / und koͤnte ihn ſo weit bringẽ / dz er einen Tag ſich an ſtellte als ein rechter gebohr - ner Narr / und den andern Tag vor Schmer - tzen nicht wuͤſte / wo er den Kopff laſſen ſolte / ſo meinte ich / meyne Rache waͤre ſehr koͤſtlich abgelauffen. Nun aber thun ſie ſolches nichtM ijihrem268ihrem Feinde / ſondern ihrem beſten Kern - Freunde / den ſie ſonderlich reſpectiren wol - len / und iemehr ſie einen obligiren wollen / deſto ſchaͤrffer ſetzen ſie einem zu / daß mancher Gluͤckſelig iſt / der wenig Freunde hat / und alſo bey ſeiner Vernunfft ungehindert gelaſ - ſen wird.
Eurylas ſagte hierauff: es nimt mich offt wunder / warum ein Menſch ſolche groſſe Luſt an ſeiner Unvernunfft und an anderer her - nachfolgenden Verdrießlichkeit haben kan: dann / daß niemand den Befehl Chriſti in acht nimmt / huͤtet euch vor Freſſen und Sauffen / das iſt in der Atheiſtiſchen Welt kein Wun - der / da man Gottes Gebote offt hintan ſetzt. Sondern diß ſcheinet vor ſolche Politicos zu ungereimt / daß / indẽ ſie in allem auf ihr Beſtes ſehen und dencken wollen / gleichwol ihre Ver - nunfft / ihre Geſundheit und alles in dem Weinfaſſe zurück laſſen. Da koͤmmt ein Prieſter / und haͤtte die Gaben / daß er eine fei - ne andaͤchtige Predigt ablegen koͤnte: Aber weil der geſtrige Rauſch noch nicht verdauet iſt / ſo geht es ab wie Pech vom Ermel / und hat er ſelbſt neben ſeinen Zuhoͤrern / die hoͤchſte Ungelegenheit darbey. Das Nachſinnen koͤmmt ihn ſauer an / kein Wort henckt an demandern /269andern / das Maul iſt ſo duͤrr / daß ihm die Zun - ge als ein alter Peltzfleck an dem Gaumen herum zappelt.
Von andern Staͤnden mag ich nichts ſa - gen / wolte Gott! die jungen Leute ſpiegelten ſich an den alten podagriſchen / trieffaͤugigten / zitterenden Herren / welche in Staͤdten und Doͤrffern offt verurſachen / daß ein gemeines Weſen auff ſchwachen Fuͤſſen ſteht / da ſie doch ſolcher Schwachheit wohl koͤnten geuͤbrigt ſeyn / wann ſie in der Jugend ihre geſunde und ſtarcke Naturen nicht ſo ſehr ſorcirt haͤtten. Und wie mancher waͤre ein beliebter und ge - ſegneter Mann blieben / wann er im Truncke nicht alle Heimligkeit geoffenbahrt / oder mit einem andern unnoͤthigen Streit angefangen oder ſich ſonſt mit naͤrriſchen Reden und Ge - berden proſtituirt haͤtte.
Gelanor gedachte darbey an einen Studen - ten / welchen er zu ſeiner Zeit auf Univerſitaͤ - ten gekennt hatte / von dieſem ſagte er / ich habe mein Tage keinen Menſchen geſehn / der ſich mit beſſrer Manier vom Sauffen abfinden kunte. Einmahl ſolte er ein Glaß voll Wein ungefehr von einer Kanne außtrincken / und ſtellte ſich der andere / der es ihm zugetruncken / ſo eifrig an / als wolte er ſich zureiſſen / doch die -M iijfer270ſer ſagte; Mein Freund / ich habe ihn vom Hertzen lieb / doch iſt mirs lieber / er wird mein Feind / als daß ich ſoll ſein Narr werden. Ein ander ſagte zu ihm / entweder das Bier in den Bauch / oder den Krug auf den Kopff / da war ſeine Antwort: Jmmer her / ich habe lieber nuͤchtern Haͤndel / als in voller Weiſe. Wieder einander; trunck ihn eines groſſen Herrn Geſundheit zu / da ſagte er: GOTT gebe dem lieben Herrn heute einen gu - ten Abend / meine Geſundheit iſt mir lieber als ſeine. Ferner ſolte er ſeines gu - ten Freundes Geſundheit trincken / da war diß ſeine Entſchuldigung: Es waͤr mir leid / daß ich die Geſundheit oben oder un - ten ſo bald weglaſſen ſolte. Einmahl bat ihn einer / er ſolte ihn doch nicht ſchimpfen / daß er ihn unberauſcht ſolte von der Stube laſſen / aber er replicirte: Mein Herr ſchimpffe mich nicht / und ſauffe mir einen Rauſch zu. Mehrentheils war dieß ſeine Exception. Herr / ſagte er / wil er mir eine Ehre an - thun / ſo ſey er verſichert / ich ſuche mei - ne Ehre in der Freyheit / daß ich trin - cken mag / ſo viel mir beliebt: wil er mich aber zwingen / und mir zuwider ſeyn /ſo271ſo nehme ich es vor eine Schande an / und dancke es ihm mit etwas anders / daß er mich gebeten hat. Gleich in dem fragte Florindo, ob ſie nicht wolten zu Bette gehn / und verſtoͤrte alſo das ſchoͤne Ge - ſpraͤche.
AM Morgen ſtunden ſie auf und ſpa - tzierten durch die Stadt / als ſie nach Hauſe kamen / war der Richter an demſelben Orte von einem andern pro hoſpite genom - men worden / der fuͤhrte lauter Chriſtliche Diſcurſe. Ja ſagte er / was hat ein Menſch / das ihm Gott nicht giebt. Ach Gottes Vor - ſorge muß dz beſte bey unſerer Nahrung thun - Wie muͤſſen doch die Menſchen dencken / wel - che Gott nicht vor Augen haben / und ihr Her - tze an das Zeitliche hencken? Ach ein gutes Ge - wiſſen iſt ein ewiges Wohlleben. Jch wolte lieber Saltz und Brod eſſen / als einen geme - ſteten Ochſen mit Unrecht. Dieſen Ruhm wil ich einmahl mit in die Erde nehmen / daß ich niemanden ſein Recht gebeugt habe. Ge - lanor ſperrete Augen und Ohren auf und ver - liebte ſich faſt in den Gewiſſenhafftigen Rich -M jvter -272ter. Aber als die Mahlzeit geendigt war / und Gelanor ſeine Gedancken dem Wirthe eroͤffnete ſagte dieſer / mein lieber Herr / weiß er nicht / daß ſich die ſchwartzen Engel offt in Engel des Lichts verſtellen. Es iſt kein aͤr - ger Finantzen-Freſſer im Lande / als der Mañ / zwar dieſes muß ich ihm nachſagen / er iſt ſo heilig / als ein Bettelmuͤnch / dann gleich wie dieſer kein Geld anruͤhrt / ſo greifft er kein Ge - ſchencke an; er ſpricht nur / Jungefrau nehmt ihrs / ich kans mit gutem Gewiſſen nicht neh - men / ich habe geſchworen. Quaſi verò, als waͤ - re Mann und Weib nieht ein Leib. Uber diß nimmt er alle accidentia mit Recht ein / denn er verdoppelt die Gerichts-Gebuͤhren / und ſpielt die Sachen / welche man in einem Ter - min debattiren koͤnte / in die lange Banck hin - auß / daß viel unnoͤthige Zeugen abgehoͤret / viel nichtige Exceptiones zugelaſſen werden / nur daß die Gebuͤhren fein hoch lauffen / weil man ſolche doch mit gutem Gewiſſen einſtreichen kan. Jtem / er haͤlt etliche Advocaten auf der Streu / die muͤſſen ihm jaͤhrlich etliche hundert Guͤlden geben. Und dieſes laͤſt ſich mit gu - tem Gewiſſen nehmen / deñ donatio inter vi - vos iſt ja ein titulus Juris: Jnzwiſchen thut er den guten Wohltaͤtern die courtoiſie, undfor -273foͤrdert ihre Sachen / daß ſie zutraͤgliche Cli - enten bekommen / und alſo heiſt es recht; Ach GOTT der theure Nahme dein / muß ihrer Schalckheit Deckel ſeyn. Hierauff ſagte Gelanor, nun ſo hab ich noch keinen ſolchen Heuchel - Narren angetroffen: der blinde Mann meinet / es ſey gar wohl außgericht / wann er nur den Nahmen GOttes im Mun - de fuͤhre / geſetzt / daß er ſolchen in der That mehr als zu ſehr verleugne. Nun / nun ver - laſſe dich auf dein fas & nefas, das heiſt / auf deine Beſoldung und accidentia, du wirſt zu recht kommen / nur ſieh dich vor / daß keiner auf den Juͤngſten Tag appellirt, da moͤchte der Hencker zum Straſſenrauber werden / und moͤchte dich hohlen / ehe du alle deine Liquida - tiones legitimirt haͤtteſt. Als dann wirſt du erfahꝛen / welches du manchem Inquiſitẽ nicht glauben wilſt; Ex carcere malèreſpondetur. Jndem fiengen ſie an zu laͤuten / da eilte der Wirth / daß er kunte zu der Leiche gehn / und gab ſeinen Gaͤſten Anleitung / wo ſie in der Kirche die Predigt hoͤren ſolten / denn die Ei - telkeit / die ſo wol im Proceß, als in der Trauer ſelbſt gehalten worden / mag ich nicht beruͤh - ren: Weil es doch ſo gemein damit iſt / daß ſich niemand mehr daruͤber verwundert. Da -M vrumb274rumb eilen wir zu der Predigt. Nun war die gantze Stadt voll / was der verſtorbene vor ein boͤſer Menſch geweſen / alſo daß etliche ſagten / er waͤre nicht einmahl wehrt / daß er auf den Gottes-Acker begraben wuͤrde / deſ - ſen aber ungeacht / war die Leichpredigt ſo troͤſtlich und delicat eingericht / daß mancher vor Freuden geſtorben waͤre / wann er ſich an ſeinem Ende ſolcher Predigten haͤtte verſi - chern ſollen.
Endlich kam es an den Lebens-Lauff / da war es voller Chriſtlicher und Himmliſcher Tugenden / da hatte er in der Schule die vor - trefflichſten[/]pecimina abgeleget / und alle Leu - te ſagten / er haͤtte ſich mit etlichen Præcepto[r]i - bus geſchlagen / wäre hernach zum Fenſter hinauß geſprungen / und was dergleichen Leichtfertigkeiten mehr waren. Ferner ſolte er ſich auf Univerſitaͤten eine geraume Zeit mit ſonderbahren Nutzen auffgehalten haben / und iederman ſagte / er waͤre einmahl auf die Leiptziger Meſſe gezogen / und haͤtte ſich im Auerbachs-Hoffe auf dem Bilderhauſe umb - geſehen / waͤre darnach in das rothe Collegi[-]um gangen / und haͤtte der Depoſition zugeſe - hen / von dar haͤtte er in dem Fuͤrſten Collegio eine Kanne Vier getruncken / und damit waͤreer275er wieder nach Hauſe kommen. Abſonder - lich muſte Eurylas lachen / daß erzehler wurde / wie er ſich ſo wohl mit den boͤſen Nechſten vertragen / alles mit Chriſtlicher Gedult uͤber - ſehn / und niemahls boͤſes mit boͤſem vergol - ten haͤtte: denn er fragte / wo denn der boͤſe Nechſte waͤre / dem man alles muͤſſe zu gut halten / weil dergleichen Ruhm in allen Leich - predigten zu befinden waͤre. Es muͤſten vielleicht diejenigen ſeyn / welche mit der halben Schule begraben wuͤrden / und keine Predigt kriegten. Gelanor ſagte / es waͤre nicht ſo zu verſtehen / als wenn ſie eben ſo gut und heilig gelebt haͤtten / ſondern daß ſie alſo haͤtten leben ſollen / damit die Lebenden ſich ihrer Schul - digkeit dabey erinnern / und das Leben genau - er anſtellen moͤchten. Ja wohl verſetzte Eu - rylas, haͤtten ſie alſo leben ſollen; aber wer wil ſich einbilden / daß iemand durch dieſe Erin - nerung gebeſſert wird. Jch menyte vielmehr / weil andere mit ihrem liederlichen Weſen ſo ein Lob verdienet haͤtten / ſo wolte ich es gleich ſo bunt treiben / und doch die ſtattlichſten Per - ſonalia darvon tragen. Nein nein / antwortete Gelanor, die Meynung hat es nicht / ſondern es wird ſo viel darunter verſtanden. Seht ihr Lente / dieſer Menſch hat an ſeinem letztenM vjEnde276Ende noch die Gnade gehabt / daß er zum Er - kaͤntniß kommen iſt. Jhr andern wagt es nicht darauff / ihr habt kein Brieff und Siegel daruͤber / daß ihr auch mit ſolcher Vernunfft hinfahren koͤnnet. Unter dieſen Reden hat - ten ſie auf das uͤbrige nicht achtung gegeben / daß ſie alſo nichts mehr davon zu hoͤren krieg - ten: alldieweil die Muſic wieder angieng / und alle mie hellem Halſe zu ſammen anſtimmten / deñ der Tod koͤmmt uns gleicher Weiß. Als ſie nach Hauſe kamen / brachte der Wirth einen Pack Leichen Carmina mit / darein er haͤtte vor zehen Thaler Pfeffer und vor fuͤnff - zehn Guͤlden Jngwer einwickeln koͤnnen / Ge - lanor ſahe ſich in denſelben etwas umb / und fand unter andern folgende Kern-Verſe / oder daß ich einer iedweden Sache ihren rechten Namen gebe / folgendes Madrigal, von vier - tzig Verſen weniger eins.
Gelanor hatte groſſe Gedult / daß er es im Leſen noch ſo weit gebracht. Doch weiter mochte er die Nießwurtzel nicht in ſich freſſen / ſondern warff das Papier in das Fenſter / und ſagte / es bleibt darbey / der Kerle iſt ein Narr / und wenn ſonſt kein Poete ein Narr mehr waͤre. Was hat der uͤberſuͤchtige Sauſe - wind auf den Tod zu laͤſtern? Der Tod iſt GOttes Ordnung / der laͤſt die Menſchen ſterben / und ſetzt uns ein Ziel / welches nie - mand uͤberſchreiten kan. Daß die Heidni -M vijſchen278ſchen Poeten / welche von GOtt nichts ge - wuſt / unterweilen ſolche Fratzen mit einge - mengt / das iſt kein Wunder; Aber daß ein Chriſt dem Tode gleichſam vor der Thuͤre wetzt und ihn herauß fordert als einen andern Berenheuter / das iſt fuͤrwar eine von den groͤſten Schwachheiten. Jn waͤhrendem Geſpraͤche kam ein heßlicher Dampff in die Stube gezogen / daß alle meynten / ſie muͤſten von dem widrigem Geruche vergehen. Als ſie nun hinauß ſahen / wurden ſie etliche Kerlen gewahr / welche Tabackpfeiffen im munde hat - ten / und ſo abſcheulich ſchmauchten / als wenn ſie die Sonne am Firmament verfinſtern wol - ten. Gelanor ſahe ein wenig zu / endlich ſagte er / ſind das nicht Narren / daß ſie dem Teufel alles nachthun und Feur freſſen. Jch moͤchte wohl wiſſen / was vor Kurtzweil bey dem Lum - penzeuge waͤre. Der Wirth hoͤrte es / und meinte / es muͤſte mancher wegen ſeiner Phleg - matiſchen Natur dergleichen Mittel gebrau - chen. Doch Eurylas fragte / wie ſich denn die Phlegmatiſchen Leute vor zweyhundert Jahren curirt haͤtten / ehe der Taback in Eu - ropa wāre bekandt worden / ſagte darneben / es waͤren etliche Einbildungen / daß der Taback ſolte die Fluͤſſe abziehen / er braͤchte zwar Feuch -tigkeit279tigkeit genug in dem Munde zuſammen: Al - lein dieſes waͤren nicht die rechtſchuͤldigen Fluͤſſe / ſondern die Feuchtigkeit / welche im Magen der concoction als ein vehiculum dienen ſolte / wuͤrde hierdurch abgefuͤhret: dannenhero auch mancher duͤrre / matt / hart - leibicht / und ſonſt elende und kranck davon wuͤrde. Der Wirth wandte ein / gleich wohl keñte er vornehme Doctores und andere Leu - te / die auch wuͤſten / was geſund waͤre / bey wel - chen der Taback gleichſam als das taͤgliche Brot im Hauſe gehalten wuͤrde. Ey ſagte Eurylas, iſt denn nun alles recht / was groſſe Leute thun? Jn Warheit es ſteht ſchoͤn / wann man in ihre Studierſtuben koͤmmt / und nicht weiß / ob man in einer Bauer - Schencke / oder in einem Wachhauſe iſt / vor Rauch und Stancke. Warumb muͤſſen et - liche den Taback verreden und verſchweren / wollen ſie anderſt bey der Liebſten keinen Korb kriegen! warumb ſchleichen die armen Maͤn - ner in die Kuͤche / und ſetzen ſich umb den Herd / daß der Rauch zum Schorſtein hinauß ſtei - gen kan? warumb ziehen ſie andere Kleider an / und ſetzen alte Muͤtzen auf? Gelt / wenn ſie ſich des Bettelments nicht ſchaͤmen muͤſten / ſie wuͤrden es nicht thun. Fldrindo ſagtehier -280hierauff / ey was ſollen ſich die Leute ſchaͤmen. Wiſſet ihr nit / wie wir unlaͤngſt in einer nam - hafftigẽ Stadt auf die Trinckſtube gehen wol - tẽ / und vor der Stube einen Tiſch voll Docto - res antraffen / welche Collegialiter die Taback - pfeiffen in dem Munde hatten. Dazumahl lernte ich / was die weitlaͤufftigẽ Programma - ta an den Doctoraten nuͤtze waͤren / dann zur Noth koͤnten die lieben Herren fidibus dar - auß machen / und Mußquetier-Taback vor Virginiſchen gebrauchen. Dem Wirthe waren die Reden nicht angenehm / drum gieng er fort und ſagte / wem der Geſtanck zuwider waͤre / der moͤchte ſich eine Balſambuͤchſe zu - legen / er koͤnte den Geruch nicht beſſer ſchaffen / als er von Natur waͤre.
FOlgenden Tag war die Hochzeit ange - ſetzt / da muſte unſere Compagnie Maul und Naſe auffſperren / daß ſie alles recht be - trachten und einnehmen kunten Die Gaͤſte waren auf das Koͤſtlichſte herauß geputzt / die Tractamenten waren ſehr delicat / die Muſic ließ ſich mit ſonderlicher Annehmligkeit hoͤrẽ / die Taͤntze wurden mit groſſem Tumult voll -bracht281bracht. Einer ſchnitt Capreolen / der andere machte Floretten / der dritte ſtolperte uͤber die hohen Abſaͤtze: da mochte ſauffen / wer ein Maul hatte. Denn andern Tag war die Braut mit ihrem neuen Schlaffgeſellen un - erhoͤrt auffgezogen / da kamen die Weiber und Maͤnner / und verſuchten ihr Herl. Abſon - derlich haͤtten ihr die Junggeſellen / oder die Herren Braut-Luͤmmel bald den Kopff mit Band und Haaren abgeriſſen / weil ſie den Krantz mit ſtarckem Drate unter den Haaren feſt verwahret hatte. Und bey dieſem Actu giengẽ ſolche obſcœna æquivoca vor / daß ſich zuͤchtige Ohren billig davor zu ſchaͤmen hat - ten. Als nun der Wirth mit unſrer Com - pagnie wieder zu ſprechen kam / ſagte Eurylas, es gefāllt mir an dieſem Orte ſehr wohl / in - dem es lauter wohlhabende und vergnuͤgte Leute hier giebt. Jch ſehe alles in Koſtbahren Kleidern in koͤſtlichẽ Eſſẽ und Tꝛinckẽ / in Wol - luſt und Herrligkeit daher ſtutzen. Doch der Wirth gab zur Antwort; mein Herr / es iſt nicht alles Gold / was gleiſſet. Solte er un - ſere Hoffart auf den Probierſtein ſtreichen / ſie wuͤrde nicht guͤlden herauß kommen. Es geht manche Jungfer / die hat ihr gantz Patri - monium an den Hals gehenckt / nur daß ſiedeſto282deſto eher ein ander Patrimonium mit verdie - nen will. Zu Hauſe zotteln ſie in Leinwat - Kuͤtteln / und eſſen trocken Brod / nur daß ſie allen Alamodiſchen Bettel ſchaffen koͤnnen. Mancher wirfft den Spielleuten / oder Hoch - teutſch zu reden / den Herren Juſtrumentiſten einen Thaler auf / den er an drey und zwantzig Ecken zuſammen geborgt hat. Mancher tantzt die Schuh entzwey / ehe er weiß wo das Geld herkommen ſoll / damit er den Schuſter contentirt. Braut und Braͤutigam ſelber werden in drey Jahren nicht ſo viel eiñehmen / als ſie auf ihre Pralerey auffgewendet haben. Da ſagte Eurylas, du blinde Welt / biſt du ſo naͤrriſch / und knuͤpffſt keine Schellen an die Ohren? da haͤtte mancher meynen ſollen / es waͤre lauter Fuͤrſtlich und Graͤfflich Reich - thumb darhinder / ſo ſehe ich wohl / es iſt mit ei - nem Quarge verſiegelt.
Gelanor gab ſein Wort auch darzu. So haben die Leute / ſagte er / ſchlechte Urſache ſo uͤppig und wohlluͤſtig ihre Sachen an[zu]ſtel - len. Sie moͤchten an ſtatt ihrer Zotten und unzuͤchtigen Raͤtzel etliche Gebete ſprechen / daß ſie GOtt auß ihrer Armuth erretten / und ihnen ein zutraͤgliches Außkommen beſcheren wolle.
Es283Es iſt ohn diß eine Schande / daß die zarte Jugend durch dergleichen aͤrgerliche Haͤndel zu boͤſer Luſt angereitzet wird. Und da moͤchte man nachdencken / warumb vor alters bey de - nen Hochzeiten Nuͤſſe unter das junge Volck außgeworffen worden? nehmlich daß ſie nicht ſolten umb die Tiſche herumb ſtehen / wenn ir - gend ein muthwilliger Hochzeit-Gaſt ein ſchlipffrich Wort lieſſe uͤber die Zunge ſprin - gen. Nun wer will ſich wundern / daß ſo we - nig Heyrathen wohl außſchlagen / da mit ſol - cher Uppigkeit alles angefangen wird. Wenn nun die Nachfolge nicht ſo ſuͤß iſt / als ſich man - ches die Einbildung gemacht hat / ſo geht es auf ein Klagen und Lamentiren hinauß: da hingegen andere / welche den Eheſtand als ei - nen Weheſtand annehmen / hernachmahls al - le gute Stunden gleichſam als einen unver - hofften Gewinn erkennen / das Boͤſe aber nicht anders als ein telum præviſum gar leicht ent - weder vermeiden / oder doch mit Gedult beyle - gen koͤnnen.
Hierauff gedachten ſie an das Tantzen / und meynte Eurylas, es waͤre eine Manier von der klugen Unſinnigkeit / daß eines mit den andern herumb ſpringe und ſich muͤde machte: aber Gelanor fuͤhrte dieſe entſchuldigung an. Esiſt284iſt nicht ohne / ſagte er / es ſcheinet etwas lieder - lich mit den Tantzen. Doch die gantze Ju - gend koͤmmt den alten Leuten eitel und lieder - lich vor. Und darzu kan es auch von Alten mit Maſſe gebrauchet werden: denn die Be - wegung iſt dem Menſchen nicht ſchaͤdlich / ab - ſonderlich wenn im trincken ein klein Exceſgen vorgegangen / da ſich der Wein deſto eher ver - dauen und auß dem Magen bringen laͤſt / und alſo deſto weniger exhalationes das Gehirne beſchweren. Wie man offt ſieht / daß einer / der am Tiſche ein Narr war / auf dem Tantz - boden wieder nuͤchtern wird. Zwar etliche Theologi ſind hefftig darwider / doch ſind etli - che nicht ſo wiederwaͤrtig und Tantzen eins mit / daß ihnen die Kappe wackelt. Die War - heit davon zu ſagen / ſo haben auch etliche alte Kirchenlehrer gar ſcharff darauff geſchrieben / daß ſie auch geſagt: chorea eſt circulus, cu - jus centrum eſt Diabolus: doch es iſt der al - ten Vaͤter Brauch / daß ſie das Kind offt mit dem Bade außſchuͤtten / und da ſie den Miß - brauch tadeln ſolten / den rechten Gebrauch zugleich verdammen wollen. Denn ſolche leichtfertige Taͤntze / wie der Zeuner Tantz biß - weilen gehalten wird / und wie Anno 1530. zu Dantzig einer von lauter vermum̃ten nackich -ten285ten Perſonen angeſtellet worden: oder wie Anno 1602. zu Leipzig auf dem damahligen Rabeth ein Schneider Geſelle mit einer un - zuͤchtigen Breckin vor allen Leuten nackend herumb geſprungen: oder wie auf Kirmſen und andern gemeinen Sonntagen / Knechte und Maͤgdẽ zuſammen lauffen / oder auch in Staͤdten heimliche Rantzwinckel gehalten werden / die ſoll man mit Pruͤgeln und Staup - beſen von einander treiben. Und da heiſts / non centrum modo, ſed ipſum circulum poſſidet Diabolus. Aber dieſes alles auf die ſittſamen und zuͤchtigen Ehren-Taͤntze bey Hochzeiten und Gaſtereyen zu appliciren / iſt etwas zu ſcharff gebutzt. Ach wie iſt mancher Vater ſo gewiſſenhafftig / ehe er ſein Kind auf eine Hochzeit gehen laͤſt; oder wenn er Schan - de und naher Freundſchafft halben ſie nicht zu Hauſe behalten kan / ſo muß ſie doch als balde vom Tiſche wieder heim / da er ſie doch mit beſ - ſerm Gewiſſen von andern heimlichen Zuſam - menkunfften abhalten moͤchte: denn auf einem oͤffentlichen Tantzbodẽ wird keine ſo leicht ver - fuͤhret / als wenn ſie hinter der Haus-Thuͤr einen Rendezvous von zwey Perſonen an - ſtellet / und mit drey Perſonen wieder hervor kommet.
Eury -286Eurylas fragte / warumb aber die Taͤntze bey Hochzeiten ſo gemein worden? Gelanor antwortete / die lieben Alten haͤtten es darumb angeſtellet / daß ein Junger Menſch / der ſich nunmehr nach einer Liebſten zu ſeiner Heyrath umbſehen wolle / an einem Orte Gelegenheit haͤtte / ohne ſondeꝛlichem Veꝛdacht mit etlichen bekandt zu werden. Allein die heutige Welt habe es umbgekehrt / denn / ſagte er / da muͤſſen alles gelſchneblichte Stutzergen ſeyn / die noch ïn vierzehen Jahren keine rechte Liebſte beduͤrffen. Und manche Jungfer ſteht ſich ſelbſt im Lichten / die offt einen ehrlichen Kauff - oder Handwercksmann der ſie in allen Ehren meynet / uͤber Achſel anſieht / und einen Bunt - baͤndrichten Monſieur ihm zu Trotze mit vor - trefflichen Liebkoſungen bedienet / daruͤber ſie endlich zur alten Magd wird: und da mag ſie wohl verſichert ſeyn / wann ſie den Kirch - Thurm ſcheuern wird / ſo wird ihr keiner von den vorigen Auffwaͤrtern Waſſer zutragen. Hier ward etwas anders drein geredet / und Eurylas erinnerte / ob man nicht kuͤnfftigen Tag weiter reiſen wolte. Solches ward be - liebet / und weil gleich eine Landkutſche auf eine andere Stadt abfahren wolte / ſetzten ſich Flo - rindo, Gelanol und Eurylas darauff / und lieſ -ſen287ſen ihre uͤbrigen Leute mit den Pferden hinten nach kommen.
DJe Kutſche war mit acht Perſonen be - ſetzt / und unter denſelben befanden ſich zween Studenten / welche erſtlich von ihren Büchern und Collegiis viel zu reden hatten. Endlich kam es herauß / daß einer ein Sperlin - gianer, der andere ein Zeiſoldianer war. Deñ da fiengen ſie de Materia prima ſo eiffrig an zu diſputiren, als weñ die Seeligkeit dran gelegen waͤr. Einer ſagte / materia tua pri - ma eſt ens rationis, der andere retorquirte, & materia tua ſimplex inſignem tuam arguit ſimplicitatem. Und in dergleichen Streite mangelte es wenig / daß es nicht zu Schlaͤgen kam. Gelanor ſchlug ſich zu letzt ins Mittel / und ſagte / ihr Herren / warumb zancket ihr euch / ihr habt alle beyde recht. Eure Magi - ſtri haben euch was weiß gemacht / das ihr in kurtzer Zeit vor Eitelkeit halten werdet. Denn ſeht die Philoſophie, ob ſie zwar in partem principalem & inſtrumentalem abgetheilet wird / ſo iſt ſie doch in unſerm ſtudieren nichts mehr als ein Jnſtrument oder ein Werckzeug /deſ -288deſſen wir uns in den hoͤhern Facultaͤten be - dienen muͤſſen. Jhr wiſſet ohne Zweiffel das Sprichwort: Philoſophia ancillatur Theolo - giæ, oder wie es ein vornehmer Mann nicht uneben extendirt, Philoſophia inſervit ſupe - rioribus facultatibus. Nun ſagt Ariſtote - les, ſervus eſt inſtrumentum Domini. Und folgt alſo / quòd Philoſophia ſit inſtrumen - tum ſuperiorum facultatum. Nun will ich euch die gantze Sache in einem Gleichnuͤſſe vorbilden. Es ſind drey Zimmerleute / die haben drey Beile / einer hat Affen und Meer - katzen laſſen drauff ſtechen. Der andere fuͤhrt Blumen und Gartengewaͤchſe drauff. Der dritte hat auf ſeinem nichts / als das Zeichen von der Schmiedte / da das Beil gemacht iſt. Sie kommen in der Schencke zuſammen / und diſputirt ein ieglicher / ſein Beil iſt das ſchoͤn - ſte. Aber wenn ſie den Tag hernach an die Arbeit kommen / ſchmeiſt einer ſowohl drauff / als der andere / und iſt im Effect kein Unter - ſcheid. So geht es mit der Philoſophie auch her. Weil ihr auf Univerſitaͤten ſeyd / da wollet ihr ein ander tod diſputiren / uͤber ſol - chen Sachen / die nicht viel beſſer herauß kom - men / als Affen und Meerkatzen; Aber wenn es zum Gebrauch ſelber koͤmmt / ſo macht es ei -ner289ner ſo gut als der andere. Ob einer Meta - phyſicam per Sapientiam oder per Scienti - am definirt. Ob es ein Lexicon Philoſo - phicum, oder eine ſonderliche diſciplin iſt: ob drey Affectiones Entis ſind Unum, Verum, Bonum, oder ob Ubicatio und Quandicatio darzu gerechnet werden / ſo verſteht einer die terminos ſo wohl als der andere / und iſt in den Haupt-diſciplinen einer ſo gluͤckſelig als der andere. Jngleichen ob einer materiam pri - mam oder materiam ſimplicem ſtatuirt, ob er transelementationem beweiſt oder ver - wirfft; ob er ſagt / Calidum eſt, quod calefa - cit, oder Calidum eſt, quod congregat h[o]- mogenea & ſeparat heterogenea. Jo o[b]einer gar dem Carteſio in das Gehaͤge geht / und auſſer der Materie und des Menſchẽ See - le keine andere Subſtanz-annimmt / und alle A - riſtoteliſche formas ſubſtantiales auf einen confluxum certorum accidentium hinauß lauffen laͤſt / ſo iſt es doch in dem Hauptwercke bey einem ſo wohl getroffen / als bey dem an - dern / wie in der Aſtronomie keiner irret / er mag das Syſtema Coperniceum oder Ty - chonicum annehmen. Drumb ihr lieben Herren / lernet nur gut hacken / ihr moͤgt einen Sperling oder einen Zeiſig auf dem Beile ha -Nben290ben. Zu wuͤndſchẽ waͤre es / daß etliche gute Leute auf Univerſitaͤten ſich hierinn maͤſſigten / und die jungen Studenten nicht in der glei - chen Theoretiſche Jrrthuͤmer fuͤhrten / ſon - dern vielmehr den uſum in den hoͤhern diſci - plinen zeigten / und in den andern adiaphoris einen ieglichen bey ſeinen neun Augen lieſſen. Die jungen Studenten machten ein paar groſſe Augen / und verwunderten ſich / daß ein Politicus in bunten Kleidern von ſolchen Sachen alſo frey urtheilen wolte. Doch war der Reſpect gegen ihre Præceptores ſo groß / daß ſie die Erinnerung ſo gar umbſonſt und undiſputiet nicht begehrten anzunehmnen / drumb fragte einer / ob es rathſam waͤre / zwey contradictoria vor wahr zu halten? Es waͤre ja unmoͤglich / daß nicht eines von beyden muͤſte falſch ſeyn. Gelanor ſagte / ihr lieber Menſch reiſſen euch die contradictoria ſo ſehr im Leibe? gebt doch zuvor achtung drauff / ob dieſelbe ſich in dem Hauptwercke oder in dem Neben wercke befinden? oder daß ich deutli - cher rede / ſehet ob die contradictoria den fi - nem oder die media betreffen? die media oder die Hypotheſes moͤgen wohl bey andern con - tradictoriè angenommen werden / wenn nur die concluſiones allenthalben richtig ſind. Wie291Wie es ein ſchlechter Unterſcheid iſt / ob die Erde ſtille ſtehn oder herumb lauffen laſſe / weñ nur auf beyden Theilen die Phænomena ei - nerley herauß kommen. Jch gebe ein Gleich - niß. Es wollen ihr zween von Leipzig auf Hamburg. Einer zeucht mit der fahren - den Poſt über Magdeburg / der andere geht zu Pferde uͤber Qvedlinburg / hier ſind in me - dio ſichtbare contradictoria. Denn Magde - burg iſt nicht Qvedlinburg / und Qvedlinburg iſt nicht Magdeburg: allein es nimmt der Sache nichts / wenn ſie nur in fine einig ſind / und alle beyde auf Hamburg / und nicht auf Bremen oder Luͤbeck kommen / wie jener Eulenburgiſche Bote der auf Torgau wol - te / und ſich verirrete / daß er auf Leipzig kam. Waͤren aber dieſes nicht abſcheuliche Nar - ren / wenn ſie einander zu Ketzern machten / daß einer nicht ſo! wohl als der andere uͤber Magdeburg oder Qvedlinburg reiſen wolte? Alſo machen es manche Philoſophi, die ſu - chen andere Wege genauer zum Zwecke zu kommen. Und da fangen ſie ein Gezaͤncke dar - uͤber an / als wenn der Him̃el einfallen wolte. Endlich aber im Zwecke ſelbſt ſind ſie ſo einig / wie Zweckenpeter mit Hirſemerten in der Schencke, Hier fieng einer an zu klaffen / EjaN ijEja,292Eja contradictoria non ſunt ſimul vera. A - ber Florindo wolte ihm g[l]eich den Schnabel wiſchen mit den contradictoriis veris & appa - rentibus, wenn nicht etwas waͤre darzwiſchen kommen. (notetur hæc formula, ſagte jener Bacularius.)
ES ſaß einer auf der Kutſche / der hatte ſich im waͤhrenden Geſpraͤche zu rechte gelegt und ſchlieff eines auf der Philoſophie Geſundheit. Endlich fiel ihm der Hut vom Kopffe / daruͤber erwachte er / und fieng eben zu der Zeit / da Florindo am nothwendigſten zu diſputiren hatte / an zu ſchreyen: halt / halt halt Kutſcher / mein Hut / mein Hut. Der Kutſcher mochte auch ſeine Liebes-Grillen vor ſich haben / alſo daß er das Geſchrey nicht in Acht nam / nach langen Ruffen hielt er ſtill. Aber als er den Hut wieder auffheben wolte / hatte ſich ein groſſer ſchwartzer Waſſerhund daruͤber gemacht / und lieff damit querfeld ein. Der gute Menſch wolte hinden nach ſetzen; doch vier Beine lieffen ſchaͤrffer als zwey Bei - ne / und damit war der Hut verlohren. Er lamentirte abſcheulich / der Hut koſte an ſichſelbſt293ſelbſt zwey Reichsthaler / die Krempe haͤtte er keinem umb vierdthalb Thaler gelaſſen / das Futter kaͤme ihn auf ſieben Groſchen zu flehen / und die Schnure wuͤrde er unter funfzehn Groſchen nicht wiederſchaffen / und da war es erſchrecklich / was der Hund vor injurien und vor haͤßliche Ehren-Titul muſte uͤber ſich neh - men / ja er haͤtte ſich lieber an den Kutſcher ge - macht: Allein dieſer gab ihm Wahre dran / daß die gantze Compagnie lachte / und er Schande halben ſtill ſchweigen muſte. Eury - las gab ihm einen Troſt / wie waͤr es / ſagte er / wenn er zu Schiffe geweſen / und der Hut waͤre ihm in das Waſſer gefallen / ſo hãtte der Schiffer nicht einmahl koͤnnen ſtillhalten Florindo ſagte / der Thor-Waͤrter in der Stadt wird ſteltz werden / denn er wird ſich einbilden / als habe er den Hut ihm zu Ehren abgenommen; Der Dritte ſagte / man ſolte ihn gehen laſſen / wenn er einen neuen Hut kauffte / ſo haͤtte er das beſte Anſehen in der Compa - gnie. Der Vierdte ſagte / es wuͤrde mich greulich kraͤncken / wenn ich den Schaden haͤt - te / abſonderlich wenn ich nicht wuͤſte / ob dieſes ein ehrlicher Kerl waͤre / der ihn nach mir tra - gen ſolte. Der Fuͤnffte ſagte / wenn ich nicht wuͤſte / wie er waͤre darum kommen / ſo meynteN iijich /194ich / er haͤtte kein Geld / und haͤtte den Hut muͤſ - ſen zum Pfande laſſen. Der ſechſte brachte dieſes vor / ihr Herren / ſagte er / ihr wiſſet viel / was der Handel zu bedeuten hat. Wer weiß / wo ein Frauen Zimmer in der Nachbar - ſchafft iſt / die den Hut hohlen laͤſt / wenn er nur nachlieffe / und ſein Gluͤcke zu ſuchen wuͤſte: denn es kam mir vor / als waͤr es kein natuͤrli - cher Hund. Gelanor ſagte zuletzt / ey laſſet ihn zu ſeinem Schaden unvexirt / es iſt ein Zufall / da er nichts davor kan. Wer weiß wo ihm das Gluͤcke guͤnſtig iſt / daß er einen Hut vor vier Thaler / und eine Krempe vor ſieben Thaler geſchenckt kriegt. Jnzwiſchen ſaß der arme Donner und ſpintiſirte / wo er einen an - dern. Hut ſchaffen wolte. Doch als ſie an ein Dorff kamen / hielt ein Kerle auf einem Pfer - de / und fragte / ob iemand von der Kutſche einen Hut verlohren haͤtte / es waͤre uͤmb ein Trinckgeld zu thun / ſo wolte er ihm ſolchen wieder zuweiſen. Dem guten Menſchen wa - ckelte das Hertz vor Freuden wie ein Laͤmmer - Schwaͤntzgen. Nur das Trinckgeld verſtoͤr - te ihm die Freude ein wenig / doch es halff nichts davor / und ſagte der obgedachte Sper - lingianer zu ſeinem Troſte / è duobus malis minus eſt eligendum. Hierauff ſahen ſieUn -295Unterſchiedene zu Pferde / welche wohl zwan - tzig Stuͤcke Jagt-Wind - und Waſſer-Hun - de nach ſich lauffen hatten. Da ſagte Eury - las, wenn der Wallenſteiner hier waͤre / ſo wuͤr - de er ſprechen / da laͤufft eine kleine Beſtie / und eine andere kleine Beſtie koͤmmt hinten nach / dem folgt eine groſſe Beſtie / drauff ſitzt wieder eine Beſtie / die jagen einander im Felde her - umb. Hierauff ſagte ein Studente / es waͤ - re eine Schande / daß man ſolch ungezieffer an allen Hoͤffen ſo haͤuffig auffziehen lieſſe / man ſolte die Beſtien in das Waſſer werffen / die Haſen und die Fuͤchſe wuͤrden ſich doch wohl fangen laſſen. Florindo lachte und fragte / ob er etwan auch Haſen ſchieſſen wolte / wie jener der haͤtte drey Haſen im Lager ſchlaffend gefun - den / und waͤre hingangen / und haͤtte einen nach dem andern auffgehoben / und gefuͤhlt / welcher der ſchwerſte waͤre / hernach waͤre er zuruͤck getreten / und haͤtte den ſchwerſten auß dem Hauffen herauß geſchoſſen / daß die Haare geſtoben. Er wuͤſte viel / was die Hunde vor ein Nutzen haͤtten / er ſolte ſolche Sachen unrefor - mirt laſſen. Gelan fiel ihm in die Rede: Es iſt war / ſagte er / die Hunde haben ihr Lob / doch daß mancher ſo viel im Hauſe herumb lauffen laͤſt / die ihm den gantzen Kornboden moͤchtenN jvkahl296kahl freſſen / da er doch alle ſeine Jagten mit einem paar guten Zwittern oder Bauerhun - den beſtreiten koͤnte / dz iſt eine Sache / die Ab - mahlens werth iſt. Uber dieß ſind etliche ſo geſinnet / daß ehe ſie einem Hunde was abge - hen oder zu Leide thun lieſſen / ehe ſchluͤgen ſie drey Knechte / 6. Bauren und wohl gar das beſte Pferd in die Schantze / und wenn man hernach das Raben-Aaß beym Licht anſiehet / ſo verdienet es kaum die Beine / geſchweige das Fleiſch und das liebe Brot. Eurylas ſagte; Ey mit den groſſen Hunden geht es wohl hin / denn wenn ſie ſonſt nichts nuͤtze ſind / ſo dienen ſie zum Staat. Es ſieht gleichwol praͤchtig / wenn mann in ein Haus koͤmmt / und ſolche ſchoͤne Thiere herumb lauffen ſieht. Und ich geſteh es / waͤre ich ein groſſer Herr worden / ich haͤtte mich trefflich auf rare Hun - de beflieſſen. Doch dieſes iſt ein erbaͤrmlicher Handel / daß viel Leute ein halb Schock kleine und unnuͤtze Stubenklecker halten / die nicht wehꝛt ſind / daß man ſie mit Heckeꝛlinck maͤſtet / geſchweige daß ſie mit den delicatſten Suͤpp - gen und muͤßergen ſollen gefretzet werden / welche man offt mit beſſerm Gewiſſen kran - cken und nothleiden den Leuten zuwenden koͤnte. Jch kenne / ſagte er ferner / eine vornehmeFrau /297Frau / die lebt ſonſt ſehr praͤchtig und koſtbar; Allein in ihrem Zimmer iſt ein Stanck von Hunden / daß man eher einen Schinder / als etwas rechtſchaffenes da ſuchen ſolte. Hierauff ſagte ein ander / dieſe Thorheit gehet noch hin - Allein wo man die Meerſchweingen / Canini - chen / Eichhoͤrngen / und ander ſolch Gezichte in Stuben und Cam̃ern hegt / davon ein Ge - ſtanck entſtehet / als waͤre man in die tieffſte Schundgrube gefallen / das giebet anſehnli - chen und groſſen Leuten ſchlechte reputation. Florindo konte dieß wieder nicht leiden. Was ſagte er / ſoll vornehmen Leuten alle Ergetzlig - keit zur Thorheit gemacht werden? Jch ge - ſteh es / daß mich keine curioſitaͤt ſo ſehr[a]ffi - cirt, als wenn ich ſolche Thiere zahm und ge - wohnet ſehe / die ſonſten wild und furchtſam ſeyn. Jener replicirte / er wolte niemanden ſeine Luſt abdiſputiren. Dieſes verwunder - te ihn nur / daß etliche ihre Luſt zur Unluſt / und ihr divertiſſement zu lauter Geſtanck mach - ten. Doch ſagte er / es iſt Gottes Ordnung ſo wunderlich / daß reiche Leute auch ihre liebe Noth haben muͤſſen. Wer ſich in der Schule mit Kindern blackẽ muß / deꝛ wird vor ungluͤck - ſelig außgeſchrien / weil er von den ſelben / ich weiß nit was lauffle ſen muß / und, es naͤhmeN vmanch298manch delicat Gemuͤthe nicht viel Geld / und bliebe einen halben Tag in einer ſolchẽ Stube. Doch die Kinder ſind noch vernuͤnftige Crea - turen. Da ſie hingegen von ſolchen unnuͤ - tzen Beſtien ſechsmahl mehr Unflat und Wi - derwertigkeit auffleſen / und endlich zur ſchul - digen Danckbarkeit ſich in die Hand oder in den Finger beiſſen laſſen. Hier fiengen ſie au von den groſſen Thieren zu reden / ob es an hohen Hoͤfen verantwortlich waͤre / Loͤwen / Beeren / Tigerthier / Luchſe und dergleichen zu halten / weil man unzehlige Exempel haͤt - te / daß ſie entweder loß geriſſen und Scha - den gethan / oder doch ihre Wãrter bißwei - len ſo empfangen waͤren daß ihnen das Fell uͤber dem Kopffe herunter gehangen. Doch ſie kamen zu bald an die Stadt / daß ſie dem diſcurs ſeine endſchafft nicht gaben.
JM Wirths-Hauſe war etliche Stun - den zu vor eine Kutſche von 6. Perſo - nen ankommen / alſo daß der Wirth eine groſ - ſe Taffel decken ließ. Nun befand ſich unter den Gaͤſten ein iungeꝛ Kerl / der wolte mit gan - zer Gewalt ein Narr ſeyn / denn da mochte man vorbringen / was man wolte / ſo hatte er[ein]en Poſſen fertig / zwar bißweilen kam esſo299ſo uneben nicht heraus: doch gemeiniglich kam es ſo lahm / daß den andern das Wei - nen ſo nahe war / als das Lachen. Weil er aber bloß dahin zielte / daß die Compagnie lachen ſolte / nahm Eurylas ſeine Gelegenheit in Acht / als der vermeynte Pickelhering in der Kuͤcke war / und der Koͤchin den Planeten leſen wolte. Jhr Herren / ſagte er wir / koͤnnen dieſen Abend keine beſſere Freude haben[/]als daß wir den luſtigen Menſchen vor uns neh - men. Er wil uns mit aller Gewalt zum Lachen zwingen; wir wollen ihm den Poſſen thun / und allzeit ſauer ſehen / ſo offt er einen Schnal - tzer fahren laͤſt. Deſſen waren ſie alle zu frie - den und ſatzten ſich zu Tiſch / da kam der gute Hans Wurſt auß der Kuͤche gelauffen / und dachte die Suppe waͤre ſchon verſaͤumet / halt / halt ihr Herꝛen / ſchrie er / nehmt mich auch mit / ich ſehe wol / wenn ich den gruͤnen Scharwen - tzel nicht beſetzt haͤtte / ich waͤre auf drey Daͤu - ſer Labeth. Darauff ſahe er ſich um und ver - wunderte ſich / daß niemand lachte / doch ſagte er / botz tauſend / es geht ſcharff / es geht gewiß vor vier und zwantzig Pfennige / wie Eulen - ſpiegel einmal gefreſſen hat / doch des Schwã - ckes ungeacht / ſaſſen ſie alle vor ſich / und mach - ten ſaure Geſichte. Er ſatzte mit an / undN vjaß300aß ſeinen Theil auch mit. Endlich / als er ſo viel Haͤndel vorbrachte / und gleichwohl nicht einen zum Lachen bewegen kunte / ſchaͤmte er ſich / daß ihm ſeine Kunſt nicht beſſer ablauffen ſolte / und grieff ſich derhalben auß allen Kraͤfften an. Jhr Herren ſagte er / wir ſitzen da an der Taffel zu trocken und zu ſtille. Jch muß euch etwas von meinem Lebens-Lauffe erzehlen. Der Wirth / der von dem abgeleg - ten Karren nichts wuſte / bat ihn gar ſonder - lich / er moͤchte es doch erzehlen / und die Gaͤſte luſtig machen / darauff fieng er alſo an. Es ſind nun vier Jahr / daß mich mein Vater an einen fremden Ort ſchickte / da hatte ich mir vorgenommen / mit dem Frauengezieffer recht bekand zu werden / und wolte ſo lange auf die Courtoiſie gehen / bißich ein wichtig Weiber Stipendium zuſammen bringen koͤnte; Aber wie ich eingeplumpt bin / das iſt unbeſchreib - lich: Wie ich mich aber revengirt, das iſt un - erhoͤrt. Meine erſte Liebe warff ich auf ein Maͤdgen / die kam mir vor als ein Meerkaͤtz - gen. Denn gleich wie dieſes halb ein Affe / und halb eine Katze iſt / ſo war jene auch halb eine Magd / und halb eine Jungfer. Unter dem Geſichte ſahe ſie ein Bißgen auß wie ein abgeklaubter Kirmeß-Kuchen / ſonſten moch -te301te ſie in ihren eſſentialibus noch gut genug ſeyn. Da lieff ich nun mit der Latte / und wu - ſte nicht / wo ich den Roſenſtock ſolte angreiffen. Jch mochte thun / was ich wolte / ſo war es ver - gebens / biß mir das Gluͤck die Gedancken ein - gab / daß ich ſie anbinden ſolte / da deuchte mich / als haͤtte ſich der boͤſe Sinn umb ein paar Querfinger gebeſſert. Zwar das Angebin - de an ſich ſelbſt / beſtund in einer Teute Zucker / und einem Stuͤck Band vor acht Groſchen / nebenſt dieſen hertzbrechenden Verſen / die ich halb und halb auß einer gedruckten und fluͤch - tigen Feld Roſe ſehr kuͤnſtlich nach machte.
Biß der Eſel ſeinen Schwantz hat forne /
Und die Ziege auf den Steiß ein Horne.
Das war ungefehr meine herrliche Erfin - dung / die mich ſo beliebt machte / daß ich den Tag darauff zu ihr in das Haus beſtellt ward. Jch war gehorſam / und folgte meiner Ge - bieterin / wie der Kuhſchwantz dem Horn - bocke: doch / als ich angeſtochen kam / erin - nerte ich mich / ich moͤchte ja kein groſſen Ler - men machen / ſie haͤtte einen Vater / bey dem ſie nicht des Lebens ſicher waͤre / wenn er hinter die Spruͤnge kommen ſolte. Jch ziſchelte meine Complimenten ſo heiſer zu / als haͤtte ich den Wolff tauſendmahl geſehen / doch mei - ner ſtillen Muſic ungeacht / knaſterte was an der Thuͤr / und wolte in die Kuͤche: da war mein Hertze wie eine gefrorne Pferde-Qvitte. Die Liebſte bat mich / ich moͤchte ſie nicht in Leibs - und Lebens-Gefahr bringen: Jch bat ſie wieder / ſie moͤchte mir eine Außflucht wei - ſen. Nach langen Nachdencken muſte ich in ein Waſſerfaß ſteigen / und etliche Brete daruͤber legen laſſen / da ſaß mein Narr friſch genug. Und ich werde es mein Tage nicht vergeſſen / wie ſich meine lederne Hoſen an dem Leib anlegten / darumb dachte ich auch / und wenn dich alles verlaͤſt / ſo halten dielederne304lederne Hoſen bey dir. Aber als ich das kal - te Waſſer etwas ſchaͤrffer empfand / ward mir die Zeit allmaͤhlich lang / doch es wolte mit dem herumblauffen in der Kuͤche kein Ende wer - den. Nach drithalb Stunden ward es ſtill / und da kam meine Liebſte geſchlichen / und fragte mich / ob ich meine Liebes-Hitze abge - kuͤhlet haͤtte? Aber ich bat umb ſchoͤn Wetter / daß ich nur zum Faſſe und Hauſe hinauß kam. Jn meinem Quartier zog ich mir den Poſ - ſen erſt zu Gemuͤthe / und wuſte nicht / was ich der untreuen Seele vor einen Schimpff er - weiſen wolte. Nach langen Nachſinnen er - fuhr ich / die Jungfer wuͤrde auf eine Hochzeit gehen / und ihre Mutter wuͤrde Tutſche-Mut - ter ſeyn / da bewarb ich mich bey dem Braͤuti - gam / daß er mich auch bitten ließ. Nun wolte ſich keiner zum Vorſchneiden verſtehen / ich aber bot mich ſelbſt an / die Jungfer Tafel zu verſorgen / da muſte die gute Jungfer einen Verdruß nach dem andern einfreſſen / denn ich legte ihr alle Keulen / und ſonſt nichts rechtes vor; wann die andern Schmerlen kriegten / muſte ſie auf ihrem Teller mit Peterſilge vor lieb nehmen. Summa Summarum / ich machte ſie trefflich boͤſe / doch dieſes alles war mir noch nicht genug: ſondern ich ließ meinenJun -305Jungen unter die Tafel kriechen / und ließ gleich unter die Jungfer ein groß Glaß Bier gantz ſachte außgieſſen / daß es nicht anders außſahe / als haͤtte das liebe Menſch garſtig gethan. Als denn nahm ich meine Gelegen - heit in Acht / als die Tutſche Mutter in die Stube kam / und zum rechten ſehen wolte / da ruffte ich ſie zu mir / fieng mit ihr an zu ſchwa - tzen / fragte ſie / ob es ihr ſauer wuͤrde / und ob ſie ein Stuͤck Marcipan haben wolte? Jndem entfiel mir das Meſſer / da war die gute Frau hofflich / und nahm das Licht vom Muſican - ten-Tiſche weg / und wolte das Meſſer ſuchen. Allein wie ſie der groſſen Katz-Bach unter dem Tiſche anſichtig ward / und den erſten Qvell bey ihrer Tochter abmerckte / uͤberlieff ſie eine ſchamhafftige und boßhafftige Roͤthe / daß ſie außſah wie ein Zinß-Hahn / und der Treh - ter alſobald befahl / ſie ſolte auffſtehn. Die gute Schweſter wuſte nicht / was die Mutter in der Kuͤchen-Kammer ſo heimlich mit ihr zu reden haͤtte / ich halte ſie ſtund in den Ge - dancken / weil keine Hochzeit vorbracht wuͤrde / da man nicht eine andere erdaͤchte / ſo wuͤrde ſie nun die Reihe treffen / und wuͤrde ihr die Mut - ter Inſtruction geben / wem ſie am hoͤfflichſten begegnen ſolte. Aber mich deucht / ſie kriegtedie306die Inſtruction, daß ihr die Ohren ſummten / und daß ihr das Geſchmeide vom Kopffe fiel. Da war kein erbarmen / da halff keine Ent - ſchuldigung / da folgte ein Schlag auff den andern; das beſte Gluͤck war / daß eine kleine Seiten-Treppe zur Hinter-Thuͤre zu gieng / da dieſe geputzte Venus mit der Magd heimlich fortſchleichen kunte. Es hat mir auch ein guter Freund / der neben anwohn - te / erzehlt / daß der Bettel-Tantz zu Hauſe erſt recht angangen / und daß man auß allen Um - ſtaͤnden haͤtte ſchweren ſollen / das liebe Kind von neunzehen Jahren waͤre umb das hin - terſte Theil ihres Leibes mir der Ruthe ver - braͤmet worden. An dieſem Ungluͤcke haͤtte ich ſollen beſaͤnfftiget werden; doch die un - barmhertzigen Angſt-Laͤuſe ſtackẽ mir in Haa - ren / daß ich die Hiſtorie in der gantzen Stadt außbreitete / und das Menſch in einen uner - hoͤrten Schimpff brachte. Ja / weil ich eine ſonderliche Vene zu teutſchen Verſen bey mir merckte / ſetzte ich folgendes Lied auf / und ließ es vor ihrer Thuͤr abſingen. Jhr Herren / daß ihr die Melodey mit begreiffen koͤnnet / ſo will ichs auch ſingen im Thon: Ach traute Schweſter mein / ꝛc.
1. Bulle307HJer ſahe ſich der Stuͤmper um / und wuſte nicht / was es heiſſen ſolte / daß ſich niemand uͤber ſeine Poſſen verwundern wol -te.308te. Doch deſſen ungeacht / wolte er in der Erzehlung fortfahren. Allein Gelanor mach - te eine unfreundliche Mine / und redete ihn fol - gender Geſtalt an: Jhr Kerle / wer ihr ſeyd / habt ihr nun das groſſe Wort uͤber dem Ti - ſche allein / und ſind wir gut genug eure Zotten und Saupoſſen anzuhoͤren. Wollt ihr einen Stocknarren agiren / ſo habt ihr in unſerer Compagnie nichts zu thun / vor den Tiſch ge - hoͤren ſolche Gauckeler / da ſie die Naſenſtuͤber zur Hand haben. Jn ehrlichen Geſellſchafften ſoll es ehrlich und vernuͤnftig zugehen / ſo kom̃t ihr und verunehret uns mit euren unvernuͤnff - tigen und unverantwortlichen Narrenthei - dungen / gleich als waͤre kein GOtt / der von allen unnuͤtzen Worten Rechenſchafft fordern wolte. Oder / als wenn der Apoſtel gelogen haͤtte / indem er von Schertz und Narrenthei - dung geſagt / die den Chriſten nicht geziemen. Es ſolte ein jedweder froh ſeyn / der ſeinen ge - ſunden Verſtand gebrauchen koͤnte. Doch es iſt eine Schande / daß ſich mancher ſtellt als waͤre er auß dem Tollhauſe entlauffen. Ein hoͤflicher Schertz zu ſeiner Zeit geredt / wird von niemanden getadelt. Vielmehr werden dergleichen ſinnreiche und anmuthige Koͤpffe bey allen in ſonderlichen Ehren gehalten. Al -lein309lein wer mit ſeinen abgeſchmackten Pickelhe - rings-Poſſen uͤberall auffgezogen koͤmmt / und die Sau-glocke brav darzu laͤuten laͤſt / der iſt nicht werth / daß er einem ehrlichen Manne ſoll an der Seite ſitzen. Daß Fuͤrſten und Her - ren ihre Hoffnarren halten / das hat gar eine andere Urſache / die den Politicis bekandt iſt / wie man auch offt erfahren / daß ſo ein kurtz - weiliger Rath mit einem Worte mehr Nutz geſchafft als andere / die ſich ſo kuͤhn und offen - hertzig nicht duͤrffen herauß laſſen. Gleich - wohl muß ich bekennen / daß ich dergleichen Leute vor die Elendeſten halte / und faſt ſo lieb wolte von dem Tuͤrcken gefangen ſeyn / als in ſolcher Qvalitaͤt zu Hoffe leben. Und wie ſchwer werden es dieſelben bey Gott zu ver - antworten haben / welche bißweilen ein Kind mit Wiſſen und Willen verwarloſen / und zum Narren machen / nur daß es nicht an kurtzwei - ligen Perſonen mangelt.
Als nun Gelanor ſolche Diſcurſe fuͤhrete / ſaß der luſtige Pickelhering mit nieder geſchla - genen Augen / und ſchaͤmete ſich: denn ſeine Vernunfft ſagte es ihm klar genug / daß er ſich vor erbaren Leuten ſcheuen / und mit derglei - chen liederlichem Weſen haͤtte ſollen zuruͤcke halten. Doch was wolte er machen / verant -wor -310worten kunte er ſich nicht / und darzu muſte er in furchten ſtehen / es moͤchten noch Be - renheuter und Ohrfeigen unter einander auf ihn zufliegen / wie denn Florindo ein gutes Luͤſt - gen gehabt / wenn Gelanor ſein Votum dar - zu gegeben haͤtte. Das beſte war / daß er auff - ſtund und ſich unſichtbar machte. Da erzehl - te einer ſeinen gantzen Lebens-Lauff / wie daß er von Jugend an nichts anders vorgehabt / als laͤcherliche Poſſen zu machen / und in der Compagnie vor einen Jean potage zu dienen. Er waͤre auch deſſentwegen in groſſe Verachtung / offtmahls auch wegen ſeiner freyen und ungezaͤumten Zunge in groſſe Un - gelegenheit gerathen: alſo daß ſein Vater ihn laͤngſt vor verlohren gehalten / und ſeine Hoffnung von ihm abgeſetzt / doch laſſe er ſich unbekuͤmmert / und bleibe bey ſeiner Natur. Hierauff ſagte Eurylas, ich wuͤſte / wie dem Menſchen zu rathen waͤre / das Zucht - Haus moͤchte ihm zu beſchwerlich ſeyn. Jch kenne ei - nen Manne der bringet ſich mit ſeinen Sau - Poſſen durch die Welt / und wo er was zu ſu - chen hat / da ſchicket er etliche Zoͤtgen voran / die ihm gleichſam den Weg zur guten expedition bahnen muͤſſen. Wie waͤr es / wenn wir den Menſchen hin recommendirten / ſie wuͤrdentreff -311treffliche Boltzen mit einander finden. Ja / ſag - te Gelanor, es waͤre von noͤthen / daß man die Narren dahin recommendirte; ſchickt einen klugen Menſchen davor hin / der ihm die Poſ - ſen vertreiben kan / und damit ſtunden ſie auff. Nun war einer bey Tiſche / der ſaß die gantze Zeit traurig / und that weder dem Eſſen noch Trincken gar zu uͤbrig viel nicht. Gela - nor ſah ihn etliche mahl genau an / und ließ ſich ſeine Perſon nicht uͤbel gefallen. Darumb fragte er ihn / warumb er ſo Melancholiſch geweſen? Mich duͤnckt / ihr beyde ſeyd zu un - gerechten Theilen kommen / einer hat die Luſt / der andere die Melancholie mit einander kriegt. Doch dieſer gab zur Antwort: Ach wie kan der froͤlich ſeyn / der zu lauter Ungluͤck gebohren iſt? Gelanor verſetzte: Was / im Un - gluͤcke ſol man ſich freueu / denn man hat die Hoffnung / daß es beſſer wird. Ein Gluͤck ſeli - ger muß traurig ſeyn / denn er hat die Furcht / es moͤchte ſchlimmer werden. Dieſer unbe - kante ſagte drauff: Die Erfahrung habe ihm offt genung dargethan / daß er ſich in ſeinem Glücke keiner Beſſerung troͤſten duͤꝛffte: Gela - nor ſprach ihm einen Troſt zu / und nach we - niger Wortwechſelung fragte er / worinn deñ eben ſein Ungluͤck beſtuͤnde? Da erzehlte er fol -gen -312gendes. Jch / ſagte er / habe dem Studieren in das achte Jahr obgelegen / und habe mich an meinem Ingenio ſo ungluͤcklich nit be - fun den / dz ich nicht in all meinem Vornehmen guten Fortgang geſpuͤret. Meine Studier - genoſſen hielten viel von mir / und beredeten mich endlich / als wuͤſte ich etwas / weil ſie alle von mir lernen wolten. Und gewiß / es man - gelte mir auch an Patronen nicht / welche mich ſchon zu unterſchiedenen Functionen beſtimm - ten; Ach haͤtte ich nur eine Sache nachgelaſ - ſen / die mich nun biß in die Grube druͤcken wird. Denn da war ein vornehmer Mann / der hatte eine groſſe Cypriſche Katze / die ihm mochte ziemlich lieb ſeyn / die fieng an einem Beine etwz an zu hincken / wie ſie deñ allem An - ſehẽ nach in dem Gedraͤnge geweſen ward. Al - lein des Mannes Sohn / ein Knabe von ſechs Jahren gab vor / ich haͤtte ſie mit dem Stabe geſchlagen / und davon waͤre ſie lahm worden / und da halff keine Entſchuldigung / es dauert mich auch dieſe Stunde noch / daß ich der lie - derlichen Sache halben ſo viel Schwuͤre ha - be herauß ſtoſſen muͤſſen: denn dieß war nicht ohne / ich mochte ſie mit dem Stabe angeruͤh - ret / und im Voruͤbergehen mit ihr geſpielet haben / doch wuſte ich wohl / daß ſie davon nichtwaͤre313waͤre hinckend worden. Deſſen aber unge - acht / warff der Mann ſo einen unendlichen Haß auf mich / daß er ſich alſo bald verſchwo - ren / er wolte mich an meinem Gluͤcke hindern / wo er wuͤſte und koͤnte. Und gewiß / er hat ſeinen Schwur nicht vergebens gethan / Gott weiß / wie er mich gedruckt / wie er mich bey al - len Leuten verkleinert / wie er mir die Patronen auffſaͤtzig gemacht; Ja wie er mir viel falſche und unverantwortliche Sachen angedichtet. Offt meynte ich / mein Gluͤcke waͤre noch ſo feſt eingericht / ſo hatte mir der Boßhafftige Mann ſchon in die Karte geſehen / und damit muſte ich wieder das Nachſehen haben. Ja wenn ich Gelegenheit geſucht / anders wo fort - zukommen / hat er mich allezeit daran verhin - dert / nur daß er ſein Muͤtgen laͤnger an mir kuͤhlen kunte. Gelanor ſagte hierauff: Mein Freund / gebet euch zu frieden? der boͤſe Mann denckt es ſchlimm mit euch zu machen; Aber ihr wiſſet nicht / daß er euch zu eurem Beſten verhindert hat: GOtt hat euch was beſſers auffgehoben. Doch muß ich geſtehen / der groſſe Mann wer er auch iſt / mag ein rechter Hauptnarr ſeyn. Erſtlich daß er umb einer Feder willen einen bleyern Zorn faſſen kan. Darnach / daß er den Haß ſo lange bey ſichOhale314halten kan. Er muß ja das Vater unſer nie - mahls beten / oder er muß es machen wie je - ner Narr / der ließ in der fuͤnfften Bitte all - zeit die Worte auß: Als wir vergeben unſern Schuldigern: und dachte / er waͤre der Gotts - fuͤrchtigſte Menſch in der Welt. Ja / ja / du biſt auff dem rechten Wege / zuͤrne nur ſtatt - lich mit deinem Naͤchſten / und gieb dem lieben GOtt Anleitung / wie er es einmahl mit dir machen ſoll. Hiermit kam er auff unterſchiede - ne Fragen / und befand / daß der Menſch ſehr wohl qualificirt war / ein und ander vor - nehmes Ampt mit Ruhm zu verwalten / dar - umb reſolvirte er ſich / ihn mit in die Compa - gnie auffzunehmen / biß ſich das Gluͤcke guͤn - ſtiger fuͤgen wolte. Und dieſem werden wir ins kuͤnfftige den Nahmen Sigmund ge - ben.
DEn andern Tag wolten ſie weiter rei - ſen / allein Florindo befand ſich ſo uͤbel / daß ſie / groͤſſere Gefahr zu vermeiden / zuruͤck blieben. Gelanor zwar bildete ſich ſo groſſe Noth nicht ein / und ließ ihn etwas von der tincturâ Bezoardi einnehmen / darauff erſchwi -315ſchwitzen ſolte. Doch die Artzney war zu ſchwach / alſo daß ſich in wenig Tagen ein hitzi - ges Fieber anmeldete. Und da muſte Gelanor lachen / ſo wenig als er Urſach darzu hatte / denn der Wirth ſolte einen Medicum ſchaf - fen / der dem Ubel im Afang zu vor kaͤme: So brachte er nicht mehr als ihrer drey zuſam - men / die curirten alles contra. Einer kam / und ſagte / ich bitte euch um Gottes willen / gebt dem Patienten nichts zu trincken / weil er den Paroxyſmum hat / es iſt ſo viel / als wenn im Bade Waſſer auff die heiſſen Steine gegoſ - ſen wird / und es waͤre kein Wunder / daß er die Kanne im Munde behielte und gaͤhlin - ges Todes ſtuͤrbe. Der andere kam: Waswolt ihr den Menſchen quaͤlen / gebt ihm zu trincken / was er haben will / Kofent / gebrande Waſſer / Julep / Staͤrck-Milch ꝛc. weñ er trinekt / wird die Hitze præcipitirt / und darzu das Fieber muß etwas angreiffen. Jſt nichts im Magen / ſo greiffts die Natur an / wird es ſchaden / ſo will ich davor ſtehen. Der Dritte ſagte: Mann laſſe es gehn / und beſchwere den Pati - enten mit keiner uͤberfluͤſſigen Artzney / wir wollen vor ſehen / wie ſich der ueunte Tag an laͤſt. Jn deſſen verſchrieben die andern brav in die Apothecken. Einer verordneteO ijgroſ -316groſſe Galenifche Traͤncke / der andeꝛe hatte klei - ne Chymiſche Pulver / und gewiß es lieff con - trar durch einander. Ja es blieb bey dem nicht / es meldeten ſich auch alte Weiber an / die wolten ihre Wunderwercke ſehen laſſen / eine hatte eine Ruthe auß einem alten Zaun gebrochen / die hatte neun Enden oder Zweige / und damit ſolte ſich der Patient beraͤuchern laſſen. Eine andere lieff in eine Erbſcheune und hohlte ungeredt und ungeſcholten vom Boden etliche Hand voll Heu / und miſchte andern Quarck darunter / das ſolte zum Raͤuchern gut ſeyn. Die dritte gab vor / er haͤtte das Maß verlohren / er muͤſte ſich auf das neue Meſſen laſſen. Andere machten andere Gauckelpoſſen. Gelanor und Eurylas haͤt - ten gerne das beſte herauß genommen: doch ſie waren ſo klug nicht / die Heimligkeit der Natur außzu forſchen. Gleichwol aber hiel - ten ſie ſein Leben zu koͤſtlich / daß er durch ſol - che contraria ſolte zum Tode befoͤrdert wer - den. Nun es lieffen etliche Tage dahin / ohn ei - nige Anzeigung zur Beſſerung. Endlich gerieth Florindo auf einen poſſierlichen appe - tit, und wolt einiger Noͤthen Sauerkraut eſſen. Es widerriethen ſolches zwar alle / mit Vorgeben die Speiſe wāre offt geſunden Leu -ten317ten gleichſam als eine Gifft / was ſolte ſie nicht einem Krancken ſchaden koͤnnen: Doch deſ - ſen allen ungeacht / blieb Florindo bey ſeinem Sauerkraute / und bat ſeinen Hoffmeiſter Himmel hoch / weñ er ja nichts davon eſſen ſol - te / er moͤchte ihm doch etwas bringen laſſen / daran er nur riechen koͤnte. Wiewol es blieb darbey / der Patiente ſolte kein Kraut eſſen. Aber was hat Florindo zu thun? er kriegte einen Pagen auff die Seite / bey dem vernim̃t er / daß die Koͤchin einen groſſen Topff voll Sauer-Kraut gekocht / und in den Kuͤchen - Schranck geſetzt habe: Damit als es Abend wird / und ein Diener nebenſt einer alten Frau bey ihm wachen / ſchickt er den Diener in die Apothecke nach Julep; der alten Frau befiehlt er / ſie ſolte noch ein Hauptkuͤſſen bey der Wirthin borgen / und wenn ſie auß dem Schlaffe muͤſte erwecket werden. Nach - dem er alſo allein iſt / ſchleichet er auß allen Leibeskraͤfften zur Stuben hinauß / und die Treppen hinunter zur Kuͤchen zu und uͤber den Kraut-Topff her / friſtu nicht / ſo haſtu nicht / die Frau und der Diener kommen wieder / und weil der Patiente nicht da iſt / vermeinen ſie / er ſey mit Leib und Seele davon gefahren. Machen derohalben einen LermenO iijund318und ruffen alle im Hauſe zuſammen. Es weiß niemand / wie es zugeht / biß die Koͤchin zuge - lauffen koͤmmt / und rufft / ſie moͤchten nur in die Kuͤche kommen / da lag er und hatte den Topff ſo ſteiff in die Arme gefaſt / als waͤre alle Geſundheit daran gelegen / und ſchmatzte et - lich mahl mit der Zunge / als haͤtte es noch ſo gut geſchmeckt. Gelanor wuſte nicht / was er darzu ſagen ſolte / bald wolte er ſagen / er waͤre ein Moͤrder an ſeinem eigenen Leibe worden / bald furchte er ſich / die harte Zurede moͤchte ihm am letzten Ende ein boͤß Gewiſſen ma - chen / weil er es doch nicht lang mehr treiben wuͤrde. Das rathſamſte war / daß ſie ihn auffſackten und; wieder hinauff truͤgen / und da erwartete Gelanor mit Schmertzen / wie es den kuͤnfftigen Tag ablauffen wuͤrde. Und weil er in ſolchen Gedancken biß gegen Morgen gelegen / gerieth er in einen mat - ten und annehmlichen Schlaff / alſo daß er vor neun Uhr nicht wieder erwachte. Jndeſ - ſen hatte er viel ſchwere uñ verdrießliche Traͤu - me / wie es bey denſelben kein Wunder iſt / die ſich in der Nacht miüde gewacht haben. Bald dauchte ihn / als kaͤme ein Hund / der ihn beiſ - ſen wolte: bald fiel er ins Waſſer / und wenn er umb Huͤlffe ruffen wolte / ſo kunte er nicht re -den319den: bald ſolte er eine Treppe hinan ſteigen und kunte die Fuͤſſe nicht auffheben. Bald gieng er im Schlamme / bald in einem unbe - kanten Walde. Und gewiß wenn ſolches ei - nem andern vorkommen waͤre / der haͤtte ſich in allen Traumbuͤchern belernen laſſen / was die Haͤndel bedeuten ſolten.
So war Gelanor in dergleichen zweiffel - hafften Sachen ſchon durchtrieben / daß er wuſte / ob gleich etliche Traͤume einzutreffen ſchienen / dennoch etliche tauſend dargegen zu fehlen pflegten / und daß hernach die gewiſ - ſen gemercket und fleiſſig auffgeſchrieben; die ungewiſſen hingegen leichtlich vergeſſen wuͤr - den. Drum ließ er ſich ſolche Grillen nicht viel anfechten / und / nachdem er erwachte / fuhr er auß dem Bette herauß / und wolte ſehen / was er ſeinem untergebenen vor ei - nen Leichen-Text beſtellen wuͤrde. Doch ſiehe da! Florindo hatte ſeine Unter-Kleider an - gelegt / und gieng nach aller Herrligkeit in der Stube ſpatzieren herum. Waͤre iemand anders hinein kommen als Gelanor, der haͤt - te geglaubt / er waͤre ſchon todt / und fienge ſchon an umbzugehen oder zu ſpuͤcken. So fragte er doch / warumb er nicht im Bette blie - be Allein er muſte ſich berichten laſſen / daßO iver320er vom Sauerkraute ſo weit reſtituirt waͤ - re / und endlich keines ſchlimmern Zufalls ſich beſorgen durffte. Gleich indem ſtellete ſich ein guter Bekandter ein / der dem Patienten die viſite geben / und Abſchied nehmen wol - te. Mit dieſem uͤberlegte Gelanor die wun - derliche und gleichſam uͤbernatuͤrliche Cur; Doch wuſte er bald ſeine Urſachen anzufuͤh - ren / deñ ſagte er / Leib und Seele ſtehen in ſteter Gemeinſchafft mit einander / und wie es einem geht / ſo gehts dem andern auch / doch iſt die Seele mehrentheils am geſchaͤfftig - ſten / und dannenhero auch am kraͤfftigſten / alſo daß ſie ſo wohl ihre Freude als ihre Be - truͤbnuͤß dem Leibe weiß mit zutheilen. Drum heiſt es / die Einbildung iſt aͤrger / als die Peſtilentz / und drum ſagen auch die Docto - res, keine Artzney wircke beſſer / als da man den Glauben darzu habe. Weil nun dieſer Patiente ſich das Sauerkrant heilſam einge - bildet hat / iſt der Leib der Seele nach gefol - get / und hat ſich eben dieſes zur Artzney die - een laſſen / was ſonſt vielleicht ſein Gifft gewe - ſen waͤre. Gelanor dachte dieſer Sympatheti - ſchen Cur etwas nach; Eurylas aber fieng an zu lachen / gefraget warumb? ſagte er / ich erin - nere mich eines jungen Doctors in Weſtfah -len /321len / der hatte den Brauch / daß er allzeit eine Schreib-Tafel bey ſich fuͤhrte / und alſo bald eine Artzney gluͤcklich angeſchlagen / ſolches mit ſonderbahrem Fleiſſe einzeichnete. Nun ſolte er einen Schmiedt am viertaͤgichtem Fieber curiren / dieſer wolte ohne des Henckers Danck / Speck und Kohl freſſen / der gute Me - dicus hatte ſeine Buͤcher alle auffgeſchlagen / doch fand er kein gut votũ vor den Kohl / dar - um bat er die Frau / ſo lieb ſie ihres Mannes Leben haͤtte / ſo fleißig ſolte ſie ſich voꝛſehen / daß er keinen Speck mit Kohl zu eſſen kriegte. Was geſchicht da die Frau nicht wolte / bat der Meiſter ſeinen Schmiedknecht / er moͤch - te ihm was bey dem Nachbar zu wege brin - gen. Der iſt nicht faul und traͤgt ihm un - ter dem Schurtzfell eine Schuͤſſel zu / daꝛan ſich drey Meißniſche Zeiſigmagen haͤtten zu tode geſſen / die nim̃t der arme Krancke / ſchwa - che Mann auff das Hertze / den Tag hernach / als der Medicus in ſeiner Erbarkeit daher ge - treten koͤmmt / und mit groſſer Bekuͤmmernuͤß der gefaͤhrlichen Kranckheit nach denckt / ſiehe da / ſo ſtehet deꝛ Schmied wiedeꝛ in der Werck - ſtadt / und ſchmeiſt auff das Amboß zu / gleich als haͤtte er die Zeit ſeines Lebens kein Fieber gehabt / der Doctor verwundert ſichO vuͤber322uͤber die ſchleunige Veraͤnderung / und als er ſich berichten laͤſt / faͤhrt er geſchwind uͤber ſei - ne Schreibtaffel / und ſchreibt / Speck und Kohl ſind gut fuͤr das viertaͤgige Fie - ber.
Jn kurtzer Zeit bekam der wohl und hoch - erfahrne Practicus einen matten Schneider - geſellen / der eben mit dem Fieber behafftet war / nun ſchien er nicht von ſonderlichen Mit - teln zu ſeyn / daß er viel aus der Apotecke haͤt - te bezahlen koͤnnen / drumb gab er ihm das Hauß-Mittel / er ſolte nur fein viel Speck und Kohl zu ſich nehmen / doch der gute Menſch ſtarb wie er noch den Kohl in Zaͤhnen ſtecken hatte. Da wiſchte er noch einmahl uͤber ſeine Efelshaut / und Schrieb: Speck und Kohl helffen vor das viertaͤgige Fie - ber; aber nur einem Weſtphaͤliſchen Schmiede.
SJe lachten daruͤber / doch hatten ſie ihre groͤſte Freude daran / daß Florindo ſo leicht / darvon kommen. Nur dieß beſorgten ſie es moͤchte leicht ein recidiv zuſchlagen / weñ ſie gar zu bald die Lufft veraͤndern wolten / drumb beſchloſſen ſie / weil ohn dieß der Winterein -323einbrechen wolte / und darzu der Ort ſo un - annehmlich nicht war / etliche Monat außzu - ruhen. Da lieffen nun viel Thorheiten vor / doch waren die meiſten von der Gattung / derer oben gedacht ſind / alſo daß ſie nur mehr Exempel zu einer Thorheit antraffen. Ei - nes kan ich nicht unberuͤhret laſſen. Es kam die Zeit / da man die Weynacht Feyertage zu begehen pfleget / da hatten ſich an dem vorher - gehenden heiligem Abend unterſchiedene Partheyen bunt und rauch unter einander angezogen / und gaben vor; ſie wolten den heilgen Chriſt agiren. Einer hatte Fluͤgel / der ander einen Bart / der dritte einen rau - chen Peltz. Jn Summa / es ſchien als haͤtten ſich die Kerlen in der Faſtnacht verirret / und haͤtten ſie anderthalb Monat zu fruͤh angefan - gen. Der Wirth hatte kleine Kinder / drum bat er alle Gaͤſte ſie moͤchten doch der ſolen - nitaͤt beywohnen. Aber Gelanor hoͤrete ſo viel Schwachheiten / ſo viel Zoten und Got - teslãſterungen / die abſonderlich von denen alſo genanten Ruppertẽ vorgebracht worden / daß er mitten in waͤhrender action darvon gieng. Den andern Tag als ſie zu Tiſche kamẽ / ſagte Gelanor, iſt das nicht ein rechtes Teu - felswerck / daß man in der heiligen Nacht / daO viein324ein iedweder ſich erinnern ſoll / was vor einen ſchoͤnen und troͤſtlichen Anfang unſer Heil und unſere Erloͤſung genommen / alles hin - gegen in uͤppigen und leichtfertigen Mum - mereyẽ herum laͤufft. Jch halte mancher traͤgt es einer Magd das gantze Jahr nach / biß er ſie bey dieſer anſtaͤndigen Gelegenheit auff die Seite bringen / und die Beſchwerung mit ihr theilen kan. Darnach gehts / wie mir die Gotteslaͤſterliche Rede einmahl vorge - bracht worden. Jch weiß nicht weꝛ (Gott ver - gebe mirs / daß ich es nur halb vorbringe) ha - be der Magd ein Kind gemacht. Ja es ge - ſchicht daß der Nahme bey etlichen bekleibt / und alſo einer oder der andere etliche Jahr der heilige Chriſt heiſſen muß. Wie man nun dar - bey den hochheiligen Namen / davor die Teufel erzittern / mißbraucht / iſt unnoth viel zu erzeh - len. Ja bey dem gemeinen Volcke ſind ſo gro - be unbedachtſame Redens-Artẽ im Schwan - ge / darbey die Kinder von Jugend an ſich liederlicher und Gottesvergeſſener Reden angewehnen. Ein Schuſter / wenn er ſeinen Kindern ein paar Schuh hinleget / ſo iſt die gemeine Redensart / der heilige Chriſt habe ſie auß dem Laden geſtohlen / gleich als waͤren die Kinder nicht ſo klug / daß ſie koͤnnten nach -den -325dencken / darff der ſtehlen / der heilig iſt / und den ich anbeten muß / ſo darff ichs auch thun. Dergleichen thun andere Leute auch. Der Wirth hoͤrte ihm zu / endlich ſagte er: Ey wer kan alle Mißbraͤuche abſchaffen; Die Ge - wonheit iſt doch an ſich ſelbſt loͤblich. Es wird den Kindern eine Furcht beygebracht / daß ſie deſto eingezogener leben / und auß Be - gierde der Chriſtbeſcherung ſich froͤmmer und fleißiger erweiſen. Gelanor verſetzte dieß / mein Freund / ſagte er / das iſt auch das eintzige Maͤntelgen / darunter die Papiſti - ſchen Alfentzereyen ſich verdecken wollen. Doch geſetzt / es waͤre ein Nutz darbey / weiß man denn nicht / daß der Nutz kein Nutz iſt / wenn er einen groͤſſern Mißbrauch nach ſich zeucht. Es iſt ein eben thun umb die Furcht und um die Freude / die etwan drey oder vier Tage waͤhret. Jſt die Furcht groß / ſo iſt die Verachtung deſto groͤſſer / weñ ſie heꝛ - nach den heilgen Chriſt keñen lernen / da haben ſie ein gut principium gefaſt / ſie duͤrffen nicht allein glauben / was die Eltern von der Gottes - furcht vorſchwatzen. Ja weil ſie noch in ihrer Einfalt dahin gehen / ſehen ſie augenſcheinlich / dz der heilige Chriſt ſeine Gaben nicht nach der Gerechtigkeit außtheilet. Reicher LeuteO vijKin -326Kinder ſind die muthwilligſten / und die be - kommen das Beſte. Die Armen haben biß - weilen den Pſalter und den Catechiſmus etli - che mahl außgeleſen / und muͤſſen mit ein paar Krauthaupten und etlichen Moͤhren oder Ruͤ - ben vorlieb nehmen. Mich duͤnckt der Eltern Ruthe iſt der beſte Roppert / und ihr Zucker oder was ſie ſonſt Jahr auß Jahr ein pfle - gen außzutheilen / iſt der beſte heilige Chriſt. Dieſes muß 360. Tage kraͤfftig ſeyn. War - umb will man einen ſolchen Lermen auf fuͤnff oder ſechs Tage anfangen / der niemanden zu - traͤglicher iſt / als den Puppen-Kraͤmern. Jch beſinne mich / ſagte er ferner / daß in einer vor - nehmen Stadt ein gelehrter Mann war / der ſich mit den Gauckel-Poſſen nicht wohl vertragen kunte / der ließ die Kinder kaum drey Jahr alt werden / ſo ſagte er ihnen den gan - tzen Handel / und ſtellte ihnen an deſſen Statt die Ruthe fuͤr / die operirte mehr als bey den Nachbarn ein vermumter Kuͤſter-Jun - ge. Drumb als ſich auch die Andern beſchwer - ten / es haͤtten deſſen Kinder ihre verfuͤhrt / und ihnen den heiligen Chriſt kennen lernen / lachte dieſer und ſagte / warumb ſeyd ihr nicht ſo klug und ſagts ihnen ſelbſt / ſo duͤrfften es meine Kinder nicht thun. Hier gab der jenige / vondem327dem wir cap. 37. gedacht haben / daß er in die Compagnie auffgenommen worden / und der ins kuͤnfftige Sigmund heiſſen ſoll / ſein Wo[rt]auch darzu. Die Gewonheit / ſagte er / iſt ſo weit eingeriſſen / daß man ſchwerlich eine Enderung hoffen kan / und uͤber dißſcheint es zwar / als waͤren die Mummereyen den Kin - dern zu gefallen angeſtellt. Doch die Alten thun es ihrer eigenen Ergetzlichkeit wegen / in - dem ſie auß uͤbermaͤſſiger Liebe den Narren an den Kindern freſſen / und dañenhero in ihrẽ Affecten nie beſſer vergnuͤgt ſind / als wenn ſie dergleichen Auffzuͤge vernehmen ſollen. Drumb worzu die Leute ingeſamt Luſt haben / das laͤſt ſich ſchwerlich abbringen.
Solche Diſcurſe wurden continuirt, biß ſie auf etwas anders fielen. Da war ein vor - nehmer Hoffrath mit am Tiſche / welcher ſich der Ferien zu gebrauchen / etliche Meilen von dar auf eine Gevatterſchafft begeben wolte. Der hatte an den Geſprechen ein ſonderlich Gefallen / und damit er auch etwas von dem ſeinigen moͤchte beytragen / ſagte er: Jhr Her - ren / ihr habt viel Sachen auf die Bahn ge - bracht / ich wil auch etwas vorbringen / dar - in ich eure Meynung gern hoͤren moͤchte. Un - laͤngſt war ein anſehnlicher Pfarrdienſt ledigwor -328worden. Zu dieſem gaben ſich unterſchiede - ne Canditatitàm Miniſterii quàm Conjugii an. Unter andern waren etliche Supplica - tionen ſehr poſſierlich eingericht / die ich ab - ſchreiben ließ / in Hoffnung / ich koͤnte mich auf der inſtehenden Zuſammenkunfft nicht luſti - ger machen / als wenn ich die Haͤndel mit gu - ten Freunden belachen ſolte. Jch muß ſie doch communiciren, und hoͤren / welchen ſie wohl am erſten befoͤrdert haͤtten / wenn ſie an des Fuͤrſten Stelle geweſen.
P. P. E. Fürſtl. Durchl. beſinnen ſich gnaͤ - digſt / daß ich ſchon vor ſechs Jahren in dero Conſiſtorio examinirt und unter die Expe - ctanten eingeſchrieben / auch bißhero auf ge - wiſſe promotion vertroͤſtet worden. Ob ich nun wohl gemeinet / ich wuͤrde in ſolanger Zeit meines Wunſches gewaͤhret werden / daß ich meine wohlher gebrachten Studia, GOtt und der Chriſtlichen Kirchen zu Ehren haͤtte koͤñen an den Mann bringen / ſo will es doch faſt ſcheinen / als haͤtte ich meine fuͤnff Diſputatio - nes auf der Univerſitaͤt / und meine hundert und fuͤnffundſiebentzig Predigten in waͤhren - der Expectantz gar umbſonſt gehalten. Son - derlich weil andere / die mir nicht zu verglei -chen /329chen / gantz auf unverantwortliche Weiſe vor - gezogen worden / alſo daß andere Leute an mei - ner Erudition zu zweiffeln anfangen / da es doch denen / ſo mich examinirt, am beſten wird bekant ſeyn / daß ich nicht in einer Frage die geringſte Satisfaction bin ſchuldig blieben. Und dieſes hab ich etliche mahl ſo hefftig ad a - nimum revocirt, daß ich gaͤntzlich beſchloſſen / nicht einmahl anzuhalten; weil ſie doch meine Qualitaͤten wuͤſten: und bey vorfallenden Be - duͤrfftniß mich leicht erlangen koͤnten. Je - dennoch ſolches haͤtte bey etlichen paſſionirten Gemuͤthern / dergleichen ich mehr als zu viel wider mich habe / vor eine Verachtung moͤ - gen außgeleget werden / gleich als hielte ich E. F. Durchl. nicht ſo wuͤrdig / daß ſie ein unter - thaͤnigſtes Supplicat von mir ſehen ſolten. U - ber diß haͤtte ſich E. F. Durchl. einmahl ent - ſchuldigen moͤgen / als haͤtte ich mich nicht zu rechter Zeit angegeben / daß ſie alſo bey dero hochwichtigen Angelegenheiten meiner ver - geſſen. Drumb wil ich mein letztes Bitten hier in optimâ formâ ablegen. E. F. Durchl. wolle gnaͤdigſt geruhen / mir das verledigte Pfarrdienſt zu N N. vor andern zu goͤnnen / und in gnaͤdigſter Verſicherung zu leben / daß ich keine Stuͤcke von meiner Erudition werdeun -330unangewendet laſſen. Jſt keine Schande mehr in der Welt / daß ich uͤber Verhoffen ſolte darhinter hingehen / ſo will ich auch die Zeit meines Lebens nicht mehr anhalten / und wil meine ſchoͤne ſtudia aller Welt zu ſchimpf - fe verderben laſſen. Nun ich verſehe mich noch des Beſten / und wuͤnſche dannenhe - ro ꝛc.
Gelanor ſagte hierauff: der Kerle muß ein vielfaͤltiger Narr ſeyn / erſtlich weil er ſeine E - rudition ſo hoch ruͤhmet / da ſie doch allen Umbſtaͤnden nach nicht viel uͤber das mittel - ſte Fenſter wird geſtiegen ſeyn: darnach weil er vom Fuͤrſten und Herren eine Gnade abtro - tzen wil. Es heiſt ja ex beneficii negatione nulla eſt injuria. Und wie wuͤrde der Menſch beten / wenn er ſich in Gottes horas & moras ſchicken ſolte / da er in ſechs Jahren an allem Gluͤcke verzweifeln wil. Waͤre ich Fuͤrſte geweſen / ich haͤtte ihm an ſtatt des Dienſtes eine Expectantz auf zwoͤlff Jahr gegeben / mit angehaͤngter Vertroͤſtung / wenn er nach ver - floſſener Zeit / hoͤflicher wuͤrde / und ſich gebuͤhr - lich angebe / ſolte er nach Befindung ſeiner meriten accommodirt werden.
Die331P.P. E. Durchl haben viel Brieffe zu leſen / drumb muß ich meinen kurtz machen. Es hat ſich zu N. N. das Pfarrdienſt verlediget / das moͤchte ich gern haben. Nun weiß ich / wer nicht ſupplicirt / bekoͤm̃t nichts: Aber ich ſehe / daß viel ſuppliciren / die auch nichts be - kommen. Dannenhero iſt an E. F D. mein unterthaͤnigſt gehorſamſtes Bitten und Fle - hen / ſie wollen doch dero angebohrne Gnade nach / mir einen Weg an die Hand geben / dar - bey dero Hochfuͤrſtlichen Gemuͤthe ich gewin - nen / und den Dienſt darvon tragen moͤchte. Solche / ꝛc.
Gelanor ſagte / wo dieſes den Fuͤrſten zur guten Stunde iſt uͤberreicht worden / ſo iſt kein Zweiffel / er wird ſich an der artigen In - vention ergetzt / und deſto lieber in des ſuppli - canten Begehren eingewilliget haben: hat er aber die Zeit nicht getroffen / ſo moͤchte er eher eine Vocation zur Superintendentur / in der Narren-Schule / als zu dieſem Kirchendien - ſte bekommen haben / ich wolte es keinem ra - then / der nicht Patronen auf der Seite haͤtte / die es bey vorfallender Ungnade / mit einer milden und angenehmen Außlegung ent - ſchuldigen koͤnten.
Die332Euer Ehrentugenden thue ich mich gantz und gar befehlen / und bitte euch gar ſehr / macht mich doch zum Pfarr in N N. Jch habe predigen gelernt / ich kan auch die Lateiniſchen Buͤcher verſtehn / ich weiß auch das Examen eorum qui gantz außwendig / und ich halte nicht / daß ſich eineꝛ ſo huͤbſch an den Oꝛt ſchicke als ich / ach gnaͤdiger Juncker / laßt euch nicht andere Leute uͤberreden / die groſſe Comple - mante machen / ihr ſollet ſo einen rechtſchaffe - nen Mann an mir haben / der alle Wochen acht Buß-Pſalmen vor euch beten ſoll. Nun lieber Herr / meint ihr / daß ich mit dem Dienſte verſorget werde / ſo ſchreibt mirs doch fein bald wieder. Jm Gaſthoffe zur guͤldenen Lauß iſt ein Fuhrmann Karſten Frantze / der kan den Brieff biß auf die halbe Meile nehmen / da wilt ich auf ihn warten / daß er meiner nicht verfehlt. Unterdeſſen Gott befohlen.
Euer guter Freund / und wann ihr wollt zukuͤnfftiger Pfarr. N. N.
Sigmund ſagte / dieſes muß ein bloͤder ein - faͤltiger Schoͤps ſeyn / der ſich vielleicht beſſerzu333zu einem Schweintreiber / als einen Seelſor - ger ſchickte / da moͤchte man ſeinen Namen auf die Schweinkoben ſchreiben / und darzu ſetzen Paſtor hujus loci.
Vacat in oppido N.N. munus Eccleſiaſti - cum, quod Te agnoſcit Patronum. Pro - inde ut locum ſuppleas, neceſſitatis eſt; ut è multis unum eligas, clementiæ tribuitur, cu - jus u[t]inam ego tam fierem particeps, quàm hactenus egens fui. Nulla hominum eſt gratia, quæ me commendet: ſed eâ nec opus eſt in divino munere. Splendidam & ſu - percilioſam non profite or doctrinam;[ſ]ed ſi - ne quâ Deo placere poſſumus. Paupertas me premit; ſed quæ Chriſtum & Apoſtolos non oppreſſit. Deum veneror in cujus ma - nu corda Principum. Sanè quid rogare debeam? ignoro: quid cupiam, ſcio. Tu quid faciendum, judicaveris. Id ſaltem oro, ſi Deo viſum fuerit eam mihi commit - tere provinciam, nolis paternę ejus directio - ni reſiſtere, An vicem exſoluturus ſim, non addo. Beneficium quippe quod re - fundi poſtulat locatum videtur opus. Ne - que indiget Princeps ſubditorum præmiis,niſi334niſi præmiorum loco ponere velis obedien - tiam, precesq́ue ad Deum pro incolumitate tuâ indefeſſas, quam quidem ſolutionem plenis tibi manibus offero.
Vive Pater Patriæ & Vale.
Gelanor hatte wieder ſeine Gedancken darbey. Der gute Menſch mag ſeine Lateini - ſche Autores wohl geleſen haben. Doch weiß ich nicht / ob man allzeit auf die alte Manier ſchreiben darff. Die Welt will ſich lieber in abſtracto, anreden laſſen / und es ſcheint an - nehmlicher tu ſerenitas, als tua, ob man gleich nicht leugnen kan / daß viel Redens-Arten bey ſolchen weitlaͤufftigen abſtractis zu ſchanden werden. Sonſt leuchtet eine affectirte Art zu ſchreiben herauß / die einer kleinen Theologi - ſchen Hoffaꝛt aͤhnlich ſieht. Er haͤtte ſeine Mey - nung viel deutlicher koͤnnen von ſich geben / ſo hat er was ſonderliches wollen vorbringen. Gott gebe daß er nicht einmahl im Miniſterio mit hohen Worten auffgezogen koͤm̃t. Darzu iſt es nicht unrecht / daß man einem Fuͤrſten / ſonderlich zu der Zeit / wenn man umb Gna - de bitten wil / mit demuͤtigen und unterthaͤni - gen Worten begegnet.
Der Hoffratth hatte gedultig zugehoͤret. Endlich ſagte er / der andere haͤtte das beſteGluͤ -335Gluͤcke davon getragen. Dem vierdten waͤre anderweit Befoͤrderung verſprochen wor - ben. Die uͤbrigen haͤtte man ſchimpflich ab - gewieſen. Eines referirte er von den Prob - Predigten / daß einer ohne die beyde noch dazu begehret worden / der eine praͤchtige aber nicht allzu troſtreiche Predigt gehalten. Doch waͤre ein Juncker in der Kirche geweſen / der haͤtte ihn verrathen / dz ſie vom Wort zu Wort auß einem Frantzoͤſiſchen Jeſuiten uͤberſetzt / und dannenhero von wenig Troſt und geiſtlicher Erquickung geweſen. Drumb haͤtten die Cenſores auch ſich verlauten laſſen. Sie wolten lieber einen bloſſen Poſtillen-Reiter haben / der fromme und geiſtreiche Maͤnner imitirte, als einen ſolchen Huͤlſen-Kraͤmer / der unter dem Schein einer ſonderlichen Wiſ - ſenſchafft und eines unvergleichlichen Fleiſ - ſes nichts als Spreu und lehre Worte vor - braͤchte. Man haͤtte auß der Erfahrung / daß ſolche Prediger zwar delectirten, doch bey den Zuhoͤrern / ſonderlich bey einfaͤltigen Leuten / auf welche man vornehmlich ſe - hen ſolte / gar ſchlechten Nutz ſchafften.
CAP. 336HJer ward der diſcurs durch einen un - verhofften Lermen verſtoͤrt / der ſich vor der Stube zwiſchen der Frau und den Maͤg - den erhub. Der Wirth lieff zu / und wolte zum Rechten ſehn. Doch ward es viel aͤrger / und thaͤt er nichts bey der Sache / als daß er das Geſchrey groͤſſer machte. Endlich kam der Hausknecht / den fragten ſie / was fuͤr ein Ungluͤcke entſtanden waͤre / dieſer berichte / die Māgde wolten alle viere in die Kirche gehen / die Frau wolte hingegen haben / es ſolte eine bey den Kindern zu Hauſe bleiben. Eurylas verwunderte ſich uͤber die groſſe Andacht / die er bey dem heutigen Maͤgde-Volcke nicht ge - ſucht haͤtte. Doch der Knecht halff ihm auß der Verwunderung. Denn er ſagte / ſie riſ - ſen ſich nicht umb die Predigt oder ſonſt umb den Gottesdienſt: ſondern ſie wuͤrden in der Kirche das Kind wiegen / den Vogelgeſang und den Stern mit den Cimbeln gehen laſſen / deßwegen wolte keine die ſchoͤnen Sachen ver - ſaͤumen. Sonſt wuͤſte er wohl / daß man vier Wochen zu ſchelten haͤtte / ehe man ſie einmahl koͤnte in die Kirche bringen. Eury - las ſahe die andern an / und als ſie nichts darzureden337reden wolten / fragte er / was ſie von dieſer Kirchen-Gauckeley hielten. Ob es nicht ein Anhang waͤre von dem vermummten heiligen Chriſto? Sigmund gab zur Antwort / in die - ſem Stücke moͤchte er leicht zum Puritaner werden / und die Papiſtiſchen Ceremonien mit dem kindiſchen Kinderwiegen abſchaffen. Die Leute wuͤrden zwar delectirt, abſonder - lich haͤtte es bey den Kindern gar ein ſchoͤnes Anſehen / doch wāre es beſſer / man delectirte ſie mit geiſtlichen Weynacht-Liedern / alß das man ſie mit ſolchen Vanitæten von der An - dacht abfuͤhrte. Der Hof Rath ſagte / das waͤ - re ein geringes / gegen den Choſen, die ſonſten auff der Orgel getrieben wuͤrden. Er waͤre unlaͤngſt an einem Orte in der Kirche gewe - ſen / da haͤtte die Gemeine geſungen / Erbarm dich mein / O HErre Gott. der Organiſt hāt - te indeſſen drein geſpielet mit lauter ſechsvier - theil und zwoͤlff achtheil Tact, daß man alſo lieber getantzet als die Suͤnden beweinet haͤt - te. Jngleichen wuͤſte er anders wo einen Or - ganiſten / der haͤtte an ſtat des Subjecti, das altvaͤteriſche Lied durch gefuͤhrt; So wollẽ wir auff den Eckartsberg gehn. Ja er haͤtte wol eher in der Kirche Sonaten gehoͤrt / die nicht viel geiſtreicher herauß kom̃en / als Hertze-liebePLieſe338Lieſe. Doch hiermit fiengen ſie an in die Kirche zu laͤuten / und ſtunden alle vom Tiſche auff. Etliche giengen in die Predigt / etliche blie - ben zu Hauſe. Nach der Kirche kam ein junger Stutzer / der wolte ungeacht des heiligen Ta - ges auff dem Schlitten fahren / und hatte ſich den Zeug darzu gar praͤchtig auffgeputzt: doch er mochte wol an keinem Fuͤrſtlichen Hofe ſeyn Stallmeiſter geweſen / oder zum wenigſten mochte das Pferd kein Hochdeutſch verſtehn. Denn es kam alles ſo verkehrt und ſel[tz]am herauß / daß wohl hundert Jungen hinter drein lieffen / und mit hellem Halſe ſchrien / Haber / Haber / Haber / Haber. Der Handel verdroß ihn / und gewiß /[15]. Tha - ler waͤren ihm lieber geweſẽ / als der Schimpf / doch meinte er / es waͤre noch zu verbeſſern / und wolte auff dem groſſen Platze gleich vor dem Wirthshauſe etliche Raͤdgen herum drehen / und kam den alten Weibern / die Aepffel / Nuͤſ - ſe / Kraut / Kaͤſe und andere Hoͤckereyen feil hatten / mit den Kuffen in ihre Koͤrbe / daß ei - nes hin das andere her flog. Die Jungen lief - fen zu und laſen auff / die alten Weiber warf - fen mit ihren Feuerpfaͤngen darzwiſchen / und wolten ihre Wahren nicht preiß geben. Das Pferd ward von dem Getoͤſe ſcheu gemacht /daß339daß es durchgieng / biß der Schlitten an ei - nem Eckſtein in tauſend Stuͤcke zerſprang / und der Stutzer in ſeinem Luchsbeltze auff dem Eiſe herum baddelte / wie ein Floh im Oh - re. Wo das Pferd hinlieff / konten ſie auß dem Gaſthofe nicht ſehn. Doch in kurtzer Zeit kamen etliche Jungen / die hatten es angepackt / und ritten ſo lange in der Stadt herum / biß der Kerl / dem das Pferd zuſtund die Reute - rey zerſtoͤrete. Florindo hatte ſeine ſonder - liche Luſt daran / und ſagte / ein andermal bleib an dem heiligen Tage zu Hauſe / und den fol - genden Tag ſieh zu / ob dir das Schlittenfah - ren von ſtatten geht / wo nicht ſo bleib wieder zu Hauſe. Eurylas ſagte: Jch moͤchte gerne wiſſen / warum einer ſo gern in der Stadt auff dem Schlitten fāhrt. Jch lobe es im freyen Felde / da mag ich thurnieren nach meinem G - fallen / und ſtoſſe an keinem Eckſtein an: Jch mag auch ſo offt umwerffen als ich wil / und iſt doch niemand / der mich außlacht / o - der mir das Ungiuͤck goͤnnt. Ja wohl / ſagte Sigmund, iſt die Lehre nicht zu tadeln / wenn man auß Luſt auff dem Schlitten faͤhrt. Wo man aber dem Frauenzimmer zu gefallen ſich wil ſehen laſſen / da giebt es auf dem fꝛeyen Fel - de ſchlechte Poſſen. Drumb gleich wie jenerP ijblin -340blinde Bettelman nirgend lieber gieng / als wo er von dem Volcke gedraͤnget und ge - druckt ward: alſo fahren auch ſolche verliebte Hertzen am liebſten / wo die Eckſteine und die Qvergaſſen am gemeinſten ſind. Jndem ſie noch davon redeten / kam der gewoͤhnliche Poſtwagen / welcher Tag vor Tag fort zu ge - hen pfleget / im Wirthshauſe an / und hatte un - terſchiedene Perſonen auffgeladen / denen der Wirth mit einem Trunck warmen Seckt be - gegnete / daher ſie nach der Kaͤlte gar wohl er - quicket wurden. Doch hatten ſich etliche ſo ſehr erkaͤltet / daß ſie den Abend drauff nicht wieder fort wolten: ſondern biß auf beſſere Ge - legenheit in der warmen Stube ſitzen blieben. Auff den Abend bey der Mahlzeit kamen ſie mit zu Tiſche da ſaß eineꝛ gantz eꝛnſthafftig / als ein erſtochener Bock / daß auch die andern nicht wuſten / woher ihm einiges diſguſto moͤchte entſtanden ſeyn. Eurylas, der ſolche Sauertoͤpfiſche Geſichter in der Geſellſchafft nicht gerne leiden konte / fragte ihn / warum er ſich ſo betruͤbt befaͤnde? Dieſer gab die unbe - ſcheidene Antwort von ſich / er habe in acht Ta - gen kein ſuͤſſes geſſen. Eurylas merckte den Bauer wohl / daß er von derſelben Gattung waͤre / die keinen Schertz vertragen koͤnnen;drum341drum hatte er ſeine Luſt / daß er ihm noch mehꝛ Verdruß er wecken ſolte / und ſagte / mein Herꝛ / hat er nichts ſuͤſſes geſſen / ſo hat er doch vor dem Eſſen ſuͤſſen Wein getruncken. Dieſer fuhr ungeſtuͤm̃ herauß / es haͤtte ihm niemand ſeinen Wein vorzuwerffen / haͤtte er was ge - truncken / ſo waͤre es auch von ſeinem Gelde bezahlet worden / es gienge einen andern nichts daran ab / was er endlich verzehren wolte. Eurylas der hoͤhniſche Gaſt hatte den Trotzer auf dem rechten Wege / dannenhero winckte er auch den andern / abſonderlich dem Florindo, ſie moͤchten nichts darzwiſchen reden / daduꝛch die Luſt verderbet wuͤrde / und ſagte hingegen / der Herr habe keinen Ungefallen an meinem Schertze / die Freundſchafft / die ich bey ihm verlange gibt mir Anlaß darzu. Deꝛ gute Mo - plus warff das Maul auff und ſagte / er haͤtte ihm noch keinen Boten geſchickt / der ihn um die Freundſchafft anſprechen ſolte. Und viel - leicht ſchickt ſichs / daß wir das gantze Geſpraͤ - che ordentlich fortſetzen.
Hat er mir keinen Boten geſchickt / ſo wil ichs thun / und wil ſelbſt mein groſſer Bote ſeyn.
Solchen Boten pfleget man ſchlecht zulohnen.
Eine ſchlechte Belohnung iſt beſſer / als gar keine.
Ey was ſol das heiſſen? wollet ihr einen Narren haben / ſo ſchaffet euch einen / ich zehre hier vor mein Geld / und bin ſo gut als einander / ich laß mich keinen dexiren / und ſolte der Hagel drein ſchlagen.
Jch ſehe / bey dem Herrn iſt ein klei - ner Mißverſtand.
Was? was? wer hat einen Miſt - verſtand? ich habe keinem Bauer Miſt ge - laden / und ich halte den jenigen ſelbſt vor ei - nen Ertz-Miſt - Hammel / der mir ſolches wil Schuld geben.
Wenn der Herr an D. Luthers Stelle waͤre geweſen / ſolte er nicht eine ſchoͤne Außlegung uͤber den Catechiſmum gemacht haben.
Und ihr ſollet die Außlegung uͤber den Eulenſpiegel machen,
Was iſt denn der Eulenſpiegel vor ein Ding?
Er iſt ein Kerle geweſen / vor dem nie - mand hat koͤnnen zu frieden bleiben.
Hat er auch koͤñen Schertz verſtehẽ?
Ja wenn es ihm gelegen war.
Nun ſo gilt es ein halbes. auff Monſ. Eulenſpiegels gute Geſundheit.
Jhr moͤcht wol ſelbſt ein Eulenſpie - gel ſeyn.
Jch wolte viel ſchuldig ſeyn / daß ichs waͤre / ſo haͤtte ich ohne Zweiffel bey dem Herrn beſſere addreſſe, als itzund.
Bey dieſen Worten ſtund Mopſus vom Ti - ſche auff / warff Teller / Meſſer und Gabel von ſich / und fluchte alle Elemente nach der Ord - nung daher / biß er oben in ſein Zimmer kam / da er die Boßheit nach ſeinem Gefallen auß - laſſen mochte. Einer / der mit ihm auf dem Poſtwagen geſeſſen / konte nicht gnug erzehlen / was ſie vor Muͤh auff der Reiſe mit ihm ge - habt; es haͤtte niemand den geringſten Schertz duͤrffen vorbringen / ſo haͤtte er alles auff ſich gezogen / und zwar mit ſo einer laͤcherlichen außlegung / daß man faſt ein Buch davon ſchreiben moͤchte. Und uͤber diß haͤtte er kei - nen Schimpff wollen auff ſich erſitzen laſſen / ſondern haͤtte ſich allezeit mit laͤcherlichen re - torſionibus gewehret. Jch muß / ſagte dieſer / nur etliche Exempel anfuͤhren. Einmal ward auff dem Wagen gefragt / was man guts im Wirthshauſe zu hoffen habe / und ſagte einer diß / der andere was anders. Jch ſagte / haben wir ſonſten nichts / ſo haben wir einen guten Stockfiſch. Da befand er ſich alſoP iiijbald344bald offendirt, und ſagte / er waͤre darumb kein Stockfiſch / wenn er ſchon bey einem Fiſchhaͤndler waͤre zu Tiſche gangen; wer ihn davo[r]hielte / moͤchte wohl ein gedoppelter Stockfiſch ſeyn. Nun konte ich wol mit Grũd der Warheit ſagen / daß ich nicht gewuſt / wo - her eꝛ geweſen / viel weniger wo eꝛ zu Tiſche ge - gangen / alſo daß ich wol auſſer verdacht war / daß ich ihn nicht gemeinet hatte. Ferner frag - te einer ob Nuͤrnberg in Schwaben laͤge? Da fuhr dieſer auff als eine Waſſerblaſe im Bade / und ſagte / es koͤnte ihm kein ehrlicher Kerle nachſagen / daß er ein Schwabe waͤre / er haͤtte ſein Vaterland viertzig Meilen von Schwaben abgelegen / doch ſehe er wohl / ſie haͤtten es ihm zum Verdruß und zum Ange - hoͤr vorgebracht. Ein ander ſchwatzte von Kleidern / und meynte / wer itzt einen Beltz wol - te machen laſſen / der ſolte nur nach guten Futter fragen / der Uberzug moͤchte leicht von Berenheuterzeug gut genug ſeyn. Da wol - te er ſchlieſſen / man haͤtte ihn einen Berenheu - ter geheiſſen. Doch es fehlete nicht viel / daß er nicht ein paar dichte Maulſchellen davon ge - tragen. Eurylas ſagte / der Kerle muͤſte ein wunderlicher Narr ſeyn / der ſich in keine Geſellſchafft ſchicken koͤnte. Doch nam ſichGe -345Gelanor ſeiner an / und redete ſein Wort. Laßt ihn einen Narren ſeyn / ſagte er / was kan er davor? ſeine Natur bringet es nicht anders mit ſich. Er hat ein Melancholiſch verdrieß - liches Temperament, dadurch er von aller Luſt und Kuꝛtzweil abgehalten wiꝛd. Muß man doch leiden / daß in einer Compagnie / da alle Kaͤſe eſſen / einer die Naſe zuhaͤlt und nicht mit macht. Mancher iſſet keine Buttermilch ein ander trinckt kein Bier / ja man findet Leu - the / die kein Brot riechen koͤnnen. Gleich wie nun ſolche Menſchen deßwegen vor kei - ne Narren zu halten ſeyn / ob ſie gleich daſ - ſelbe nicht nachthun / was andern angenehm iſt: Alſo muß man auch von dieſen urtheilen / die an Schertz und andern Luſtigkeiten gleich - ſam von Natur einen Abſcheu haben. Doch ſolte ein ſolcher Menſch ſich entweder der Ge - ſellſchafft gantz aͤuſſern / und ſein Vergnuͤgen in der Einſamkeit ſuchen: Oder wenn er j[a]nicht Umbgang nehmen koͤnte / bey Leuthen zu ſeyn / ſo ſolte er ſeine Natur zwingen / und nicht alles mit ſo groſſer und laͤcherlicher Unge - dult aufnehmen. Denn was hat einander darvon / daß er ſeine Worte ſo uͤbel außlegen laſſen / und daß er ſeiner Freymuͤthigkeit we - gen ſich allerhand Ungelegenheit uͤber den Hals ziehen ſoll.
P vCap. 346DEn folgenden Tag kamen unterſchiede - ne junge Weibergen / und beſuchten die Wirthin / welche allem aͤuſſerlichen Anſehen nach / bald wolte zu Winckel kriechen. Nun hatte Gelanor mit den ſeinigen das Zimmer neben ihrer Stube eingenommen / alſo daß man alles vernehmen konte / was daruͤber geredet ward. Solcher Beqvemligkeit be - diente ſich Florindo, und hoͤrete die anmu - thigen Geſpraͤche mit ſonderbahrer Freu - den an. Die Wirthin fragte eine / Schweſter - gen / geheſtu nicht zur Hochzeit? da antworte - te dieſe ach was ſolte ich zur Hochzeit ma - chen / iſt es doch eine Schande / wie man hin - unter geſtoſſen wird. Es hat meinen Mann wol tauſend mal getauret / daß er nicht iſt Doctor oder zum wenigſten Magiſter wor - den. Da hat er das ſeinige verreiſet / und hat wohl mehr geſehen als einander. Aber es gehet hier zu Lande nicht nach Geſchick - ligkeit. Sonſt wolten ich und mein Mann wohl uͤber die Taffel kommen. Eine andere ſagte. Eben darumb habe ichs meinem Man - ne gar fein abgewehnet / daß er an keinen vor - nehmen Ort zur Leiche oder zur Hochzeit gehendarff.347darff. Jch lobe es bey geringen Leuten / da hat man das Anſehen allein / und geht uͤber die andern weg. Es iſt auch wahr / die Vornehmen haben es doch keine Spanne hoͤ - her / als die andern; Die dritte ſagte: Ja haͤtte diß nicht gethan / mein Mann haͤtte nicht ſo viel Geld duͤrffen hingeben / daß er waͤre Fuͤrſt - licher Rath worden. So dencke ich / ſechshun - dert Thaler ſind leicht zu vergeſſen / wenn man nur allen ſtoltzen Kluncker-Fuͤchſen nicht darff nach treten. Die erſte fiel ihr in die Rede: Ja Schweſtergen / ſagte ſie / wer weiß / wie lange es mit der Herrligkeit waͤhret / weiſt du nicht / wie viel Leute Geld dargegen ſpendi - ren wollen / daß ſie deinen Mann wiedeꝛ herun - ter bringen. Ach thaͤte daß nicht / ich haͤtte lang ein ſtuͤcke Gut verkaufft / daß wir auch einen ſolchen Ehrenſtand kriegt haͤtten. Die andere ſagte: Jch wil mich umb den Gang nicht zu Tode graͤmen. Nur das verdreuſt mich an meinem Mann / das er nicht biß fuͤnff - hundert Thaler dran wagt / daß wir duͤrffen Sammet-Peltze tragen. Die dritte ſagte: Jch weiß wohl / es ſind viel Leute / die unſ unſere Ehre nicht goͤnnen. Aber wir wollen dar - bey bleiben / und ſolte es uns noch tauſend Thaler koſten. Es iſt ein eben thun umb denP vjGroß -348Großſprecher / der uns zu wider iſt / wenn er ſat zu freſſen haͤtte. Da friſſt der kahle Hund welcke Ruͤben / und hertzt die Frau / damit tritt er an die Haußthuͤre / und ſtochert in den Zaͤh - nen / ſo dencken alle Bauren / die voruͤbergehen / er hat Fleiſch geſſen. Die vierdte hatte bißher ſtill geſchwiegen / nun gieng ihre Klapper - buͤchſe auch loß. Ach ſagte ſie / ich laſſe mir auff die Hochzeit ein ſchoͤn Kleid machen. Wir ſind Freundſchafft / da werden wir vorgezo - gen. Ach es gefaͤlt mir gar zu wol / weñ die ſtol - tzen Weiber / die ſonſt immer oben hinauß und nirgend an wollen / ſo brav das Nachſehen haben / und mir hinten nach zotteln. Die er - ſte ſagte: Ja ich beſinne mich / was ich bey mei - ner Mutter Begraͤbniß vor eine Freude hat - te / daß ich durffte uͤber die Burgemeiſters Weiber gehn. Die andere ſagte: Ja / als haͤtte ich neulich die Ehre nicht gehabt / da mein Va - ter begraben ward / da giengen mir zwoͤlff Do - ctors Weiber nach. Die dritte ſagte / unlaͤngſt gieng mein Mann uͤber etliche Edelleute / und es ſoll mich mein Lebetage reuen / daß ich bin zu Hauſe blieben / wie haͤtte ich die groſſen Frau - en von Adel wollen uͤber Achſel anſehn / wann ſie waͤren hinter mir angeſtochen kommen. Die Vierdte ſprach: Ach botz tauſend haͤtteich349ich doch bald das beſte vergeſſen / ſprechen doch die Leute Herr N. N. iſt Rathsherr worden / wer wird nun mit ſeiner Frau außkommen / die ſtoltze Noppel wuſte ohn dem nicht / wie ſie das Maul ſolte krum genug außzerren. Mein Mann iſt ſonſt gut Freund mit ihm geweſen; Aber der Hencker ſolte ihm nun das Liecht hal - ten / weñ er weiter mit ihm Freundſchafft hiel - te. Ja wohl / daß er ihn lieſſe oben an gehen. Ach nein trinckt dort numm / es ſind der Sau - ren / ich mag ſie nicht. Es verlohnte ſich der Muͤh mit der Bauer-Magd. Vor ſechs Jahren haͤtte ſie noch die Gaͤhſe gehuͤtet / und Qvarck-Kaͤſe gemacht / nun ſolte ſie mir vorgezogen werden. Ja[/]ja ſchiers kuͤnff - tig wenn Pfiengſten auf den Gruͤnen-Don - nerſtag faͤllt. Jch thue es nicht / und wenn ich ſechs Jahr nicht ſolte auß dem Hauſe gehen. Die erſte verſetzte: Ey Schweſtergen / glaube es nicht / ſie werden ſo einen hoͤltzernen Peter nicht zum Rathsherrn machen. Ja wenn es Miſtladens guͤlte / ſo moͤchte er weiſe gnug darzu ſeyn / und wenn er auch ſo klug waͤ - re / als der weiſe Koͤnig Salomon / ſo thãten ſie es der Frauen wegen nicht / wer wird denn einen ſolchen Nickel laſſen oben an gehen / wo wolten wir Strümpffe kriegen / die wir demP vijBauer -350Bauer-Mutze anzoͤgen: denn du weiſts wohl / die Beine geſchwellen den gemeinen Leuten / wenn ſie zu viel Ehre kriegen. Die Wirthin hatte zwar zum Geſpraͤche Anlaß gegeben / doch konte ſie nicht wieder zu einem Worte kommen. Und da gemahnete ſie dem Florindo, wie jener Superintendens, der war zur Hoch - zeit / und als einer ſagte / es wunderte ihn / war - umb die Weiber ſo ſtille ſaͤſſen / ſagte dieſer hingegen / gebt euch zufrieden / ich will den Weibern bald zu reden machen / und ruffte ſeiner Frau uͤberlaut: Jungefrau wie viel gabt ihr geſtern vor einen Stein Flachs? da - mit war das Weſpen-Neſt rege gemacht / daß die Maͤnner ihr eigen Wort nicht vernehmen konten / und ihre retirade zur Stuben hinauß nehmen muſten. Alſo hatte die gute Wirthin mit einer Frage ſo viel zuwege gebracht / daß ſie ſtillſchweigen kunte / weil ihr doch das Reden etwas ſaur ankam: doch war es ihr unmoͤglich / daß ſie gar ungeredt darbey ſitzen ſolte / drumb ſagte ſie dieß darzu: Ach mein Mañ haͤtte lange koͤnnen Rathsherr werden / wenn er gewolt haͤtte / aber das Prackdezeren bringt ihm mehr ein. Sonſt duͤrffte er wider den Rath nichts annehmen. Er iſt bey einem Freyherrn Gerichts-Verwalter / das wird jaſo351ſo vornehm ſeyn als ein junger Rathsherr.
Bey dieſem Geſpraͤche war eine alte Frau / welche bey der Wirthin Niederkunfft ſolte Waͤrterin werden / die muſte ihren Dreyhel - lers-Pfennig auch darzu geben. Jhr jun - gen Weibergen / haltet mirs als einer unver - ſtaͤndigen Fꝛau zu gute / daß ich auch was dꝛein rede. Sind es nicht rechte Narren-Poſſen mit dem oben an gehen. Jch daͤchte / wenn man gute Kleider am Leibe / und gut Eſſen / und Trincken im Bauche haͤtte / ſo thaͤt ich was auf die elende Ehre. Man wird ja we - der fett noch duͤrre davon / ob mann im erſten oder im letzten Paar geht. Jch haͤtte mei Sile nicht zu einen Manne getocht / waͤre mir eine Frau mit den Obenangehen auffgezogen kom - men / ich haͤtte ein Banckbein außgetreten / wañ ſonſt kein Stecken waͤre zur Hand geweſen / und haͤtte ihr die ſechshundert Thaler zu ge - zehlt. Zu meiner Zeit waren auch vornehme Leute / ſie giengen in ihren mardernen Schau - ben daher / daß einem das Hertze im Leibe lach - te. Allein von ſolchen Narren-Poſſen / wie die Leute itzt vornehmen / hab ich nie gehoͤrt. Ach ihr jungen Spritzen / laſſet es bey den alten Loͤchern bleiben / und laſſet die neuen ungebohrt.
CAP. 352FLorindo haͤtte gern gehoͤrt / was die Wei - bergen vor eine Antwort wuͤrden gegeben haben / doch der Wirth kam in die Stube / und empfieng ſie / brachte auch hernachmahls an - dere Fragen auf die Bahne / daß der præce - denz mit keinem Worte mehr gedacht ward. Es lieff auch in ſeiner Stube etwas vor / daß er abgehalten ward ferner zu zuhoͤren. Jn etlichen Tagen aber begab ſich ein poſſierlicher Caſus, denn Florindo mochte den kuͤnſtlichen Schlittẽfahrer einen gedoppeltẽ Berenheuter geheiſſen haben / und ſolches war dem Kerlen durch den Haußknecht hinterbracht worden. Drumb weil er ſich mit dem Degen nicht er - kuͤhnete alles außzufuͤhren / gieng er zu einem Notario publico, und ließ ſich eine Klage auff - ſetzen / uͤbergab ſolche dem Stadtrichter / wel - cher auch auß obliegenden Ampt dieſelbe alſo - bald inſinuiren ließ / mit Begehren / mit der Gegen-Nothdurfft bey Straff Ungehorſams ehiſtes einzukommen. Florindo zeigte die Klage dem Gelanor, welche folgender Maſſen eingerichtet war. Hochweiſe Herren Stadt Gerichten.
E. Hochw. bey dieſer heil. und hoch feyerl. Zeit353Zeit zu belaͤſtigen / hab ich auß hochdringen - der Noth nicht Umbgang nehmen koͤnnen - Jndem ein junger von Adel / der ſich Florin - do nennet / und im Gaſthoffe zum guͤldenen Kachelofen zur Herberge liegt / mich verſchie - henen 25. Decembr. halb vier Uhr nach Mit - tage / ohne alle meine Schuld und Verbre - chung einen doppelten Berenheuter geſchol - ten. Wenn ich denn ſolche grauſame und unverdiente Injurie mir nicht allein / wie ei - nem ehrlichen Menſchen zuſteht / gebuͤhrender Maſſen ad animum revocirt, ſondern auch in Primo motu iracundiæ ſo ſehr erbittert wor - den / daß ich auß Zorn in meiner Stuben zwey Fenſter eingeſchmiſſen / hernach drey Venedi - ſche Glaͤſer vom Simmſe geworffen / endlich auch mit einem groſſen Stocke einen Schief - fer-Tiſch in Stuͤcken geſchlagen / dadurch ich / leichtlichem Ermeſſen nach / in groſſen und hauptſaͤchlichen Schaden bin geſetzt worden. Als gelanget an E. hochw. mein unterdienſt - liches Bitten und Suchen / ſie wollen obge - dachten Florindo auß Obrigkeitlicher Macht und Gewalt / krafft welcher ſie uͤber alle Ein - heimiſche und Einquartierte gleich zu gebieten haben / aufferlegen / mir nicht allein vor meinen erlittenen Schaden / welcher ſich auf eilff Guͤl -den354den ſiebenzehen Groſchen acht Pfennige be - lauffen thut: ſondern auch vor allen Dingen / wegen des angethanen Schimpffes / welchen ich auf eilff tauſend ſiebenhundert und acht und viertzig Gülden ex legitimâ affectione, qvam famæ meæ debeo ſchaͤtzen und æſtimi - ren wil / gebuͤhrende und vollkoͤm̃liche ſatis - faction zu geben. Wenn auch uber alles Vermuthen / offterwehnter Florindo ſich auf die Klage nicht einlaſſen / und ſo lang in pos - ſeſſion verbleiben wolte / daß ich ein gedoppel - ter Berenheuter ſey / biß ich ſolches in petito - rio außgefuͤhret haͤtte; Als will ich alles in ſein Chriſtliches Gewiſſen zur eydlichen Er - oͤffnung geſchoben haben. Und weil er als - denn ſolches nicht wird leugnen koͤnnen / ver - ſehe ich mich bey E. Hohw. einer gerechten deciſion und verbleibe ꝛc.
Florindo wuſte nicht / ob er lachen oder flu - chen ſolte / doch ruffte er uͤberlaut / halt du Cu - jon, ich will in poſſeß bleiben / daß du ein dop - pelter ꝛc. biſt / und deiner funffzehen ſellen mich nicht herauß ſetzen / du ſolſt mit mir in das pe - titorium, und da will ich dir ſehen laſſen / daß ich die leges beſſer verſteh / als du / und dein kahler Concipient: doch Gelanor dachte den Sachen beſſer nach und ſagte:
Hoc355Ließ alſo den Wirh kommen / hielt ihm die Klage fuͤr / und bat er moͤchte den Stadtrich - ter dahin diſponiren / daß ſie als fremde nicht ohn Urſach diſcommodirt wuͤrden / und an hoͤhern Orten Huͤlffe ſuchen muͤſten. Doch war dieſer kaum auß dem Haus / ſo kam der Stadtrichter ſelbſt / der mit dem Gelanor auf Univerſitaͤten wohl bekand geweſen / und auf ſolche Maſſe mit ihm ſuchte wieder in Freund - ſchafft zu treten. Da lieff die gantze action auf eine ſonderliche Luſtigkeit hinauß / daher Florindo leicht abnehnen kunte / daß er bey ſei - ner ruhigen poſſeß wol wuͤrde geſchitzet wer - den. Abſonderlich delectirten ſich alle an der ſchoͤnen Klage / die ſo artig war auffgeſetzt wor - den; Doch hatte d’ Richter nach etliche Inven - tiones bey ſich / welche noch beſſer kamen / und daran ſich Florindo am beſten beſaͤnfftigẽ ließ.
Vor N. erſcheinet N. mit Vorbehalt aller rechtlichen Wolthaten: Jnſonderheit ſich zu keinem uͤberfluͤſſigen Beweiß / denn ſo vielihm356ihm zu beſtaͤtigung ſeiner Gerechtigkeit von noͤthen ſeyn wird / zu verſtricken und zu ver - binden / beſtellet und ſetzet ſeine Klage nicht in Form eines zierlichen libells, ſondern ſchlech - ter Narration kuͤrtzlich ſagende / daß ob wohl im Rechten deutlich verſehen / daß ein iedwe - der ehrlicher Biederman in ſeinem Hauſe ruhig und unmoleſtirt wohnen ſolle / deſſen al - len dennoch ungeacht / beklagter N. ſich geluͤ - ſten laſſen bey Naͤchtlicher Weite vor klaͤgers Hauſe vorbey zu gehen / und einen groſſen ab - ſcheulichen Wind / lalva reverentia, ſtreichen zu laſſen. Weil demnach ſolche unmenſchliche Injurien ungerochen nicht duͤrffen hinge - ben / als bittet Klaͤger im Rechten zu erken - nen und außzuſprechen / daß Beklagter den Staupenſchlag verwircket / und nebenſt dem - ſelben vier tauſend Reichsthaler in ſpecie Klaͤ - gern wegen des erlittenen Schimpffs außzu - zahlen ſchuldig ſey. Rufft hieruͤber das rich - terliche Ampt an / und bittet ihm Gerechtig - keit mit zu theilen / und Beklagten durch or - dentliche Mittel dahin zu zwingen und anzu - halten / damit ſowohl der hochheiligen Juſtitz als zufoͤrderſt ihm Klaͤgern ſatisfaction ge - ſchehen moͤge. Solches ꝛc.
Die357Klaͤger erſcheinet / und giebt mit wehmuͤ - thigen Klagen zu verſtehen / daß Beklagter N. ſein Nachbar einen Birnbaum habe / der mit etlichen Zweigen in ſeinen Klaͤgers Hoff hinnuͤber reiche. Ob nun wohl Veklagter gewuſt / daß hierdurch alle Birnen / ſo auf den hinuͤber hangenden Zweigen wachſen / ihm als Nachbarn verfallen waͤren: Auch keine Mit - tel geſehen / wie er ſich ſolcher Birnen theil - hafftig machen koͤnte: hat er doch auß unchriſt - lichem boßhafftigen Gemuͤthe bey dunck - ler Nacht-Zeit offt erwehnte Birnen / mit Gunſt und reverenz zu melden / mit Men - ſchen-Koth beſchmieret / und hierdurch Anlaß gegeben / daß / als er folgendes Tages eine abgeſchlagen und eſſen wollẽ / ihm ein hefftiger Eckel zugeſtanden / der wohl gar in ein hitzig Fieber haͤtte degeneriren koͤnnen / wenn ihm nicht durch kraͤfftige medicamenta waͤre be - gegnet worden. Weil denn ſolch frevent - liches Beginnen andern zu mercklichem Ab - ſcheu muß geſtraffet werden; Als bittet Klaͤger im Rechten außzuſprechen / daß er ſchuldig ſey / eben eine ſolche beſchmierte Birne mit Haut und Haar auffzufreſſen. Und358Und gleich wie es einem hochweiſen Richter - lichen Ammte an Mitteln nicht ermangelt / ihn auf vorhergegangene Wegerung dahin an zuhalten / alſo verſpricht Klaͤger ꝛc.
Mehr dergleichen ſchoͤne libelli kamen vor / die der Richter / als ein ſonderlicher Liebhaber dergleichen Haͤndel colligirt hatte. Einer klagte den Nachbar an / er habe einen Schweinsdarm mit einem Ende an den Roͤhrkaſten und mit dem andern in ſein Keller - loch geleget / dadurch der Keller voll Waſſer worden / und als er ſolches per legitimam re - torſionem wollen nachthun / ſey er mit allen Haußgenoſſen herauß gefallen und habe ihm Schlaͤge darzu gegeben. Der Andere be - ſchwerte ſich uͤber Titium, er habe einen Chur - fuͤrſtlichen Reichsthaler in ein Schnuptuch gebunden / und ſolchen an die Decke gehan - gen / mit Verſprechen / wer ihn mit dem Mau - le erſchnappen wuͤrde / der ſolte ihn behalten. Allein als er Klaͤger ſolchen gefangen / ſey ein Kuhfladen an ſtatt des Thalers darinne geweſen; bitte derhalben Beklagten anzuhal - ten / daß er ihm geſchehener Abrede nach / den Rthl. zahlen ſolte. Der Dritte klagte / Sem - pronius habe eine Kugel von aſſa fœtida in ſeinen Taubenſchlag geſchoſſen / dadurch ihm600.359600. Paar Tauben vertrieben worden / und weil er hiermit uͤber 20. Ducaten gefaͤh - ret worden / vermeinte er / Beklagter haͤtte den Galgen wohl verdienet / und was die anderen Poſſen mehr waren. Kurtz / der Abend ward mit ſolchen luſtigen Rechts-Sachenpas - ſirt.
UBer etliche Tage wurden ſie zu gedach - ten Stadtrichter wieder zu Gaſte gebe - ten / da befand ſich ein Kerle / der ſich vor einen perfecten Lauteniſten außgab. Der ſchuͤttete ſeinen gantzen Sack voll auß / und meynte / es fehlte nicht viel / daß nicht die Steine wie bey dem Orpheus zu tantzen anfiengen. Doch waren alle Stuͤcke von altvaͤteriſchen Manie - ren / von alberer application, von confuſen tacte, mit einem Worte / wer einem andern waͤre einen elenden Lauteniſten ſchuldig gewe - ſen / und haͤtte mit dieſen Muſicanten bezahlt / der haͤtte noch dritthalb Groſchen wieder her - auß bekommen. Endlich ſagte der Richter / ob niemand in der Compagnie waͤre / der Luſt haͤtte ein Schulrecht abzulegen / er haͤt - te neulich auf ihrer Stuben eine Laute ge -ſehen /360ſehen / und koͤnte leicht abnehmen / daß unter dem Hauffen ein Liebhaber waͤre. Florindo, der bey einem guten Meiſter von Jugend auff war informirt worden / und im Lauten - ſpiel wenig ſeines gleichen hatte / bekandte zwar / daß er vor etlichen Jahren zwey oder drey Stuͤckgen gelernet; doch ſchaͤmte er ſich an einem ſolchen Orte ſich damit hervor zu thun / da er Meiſter vor ſich haͤtte. Der Lau - teniſt praͤſentirte ihm alſo bald ſeine Laute / und ſagte: Monſieur, ich mache profeſſion von dieſem Inſtrument, ob ich nun gleich ge - uͤbter darauff bin / ſo iſt es doch keinem eine Schande / der ſeine profeſſion in anderen Sa - chen ſucht. Jch bin der ſchlechten Stuͤck - gen bey meinen Diſcipuln wohl gewohnt / er laſſe hoͤren / ob er einen beſſern Meiſter ge - habt hat dann ich erkenne es bald am erſten Griffe / was hinter einem iſt. Florindo dach - te / halt ich wil dir den erſten Griff weiſen / daß du des letzten darbey vergeſſen ſolſt / und nahm die Laute an. Aber was machte der Ertz - kuͤnſtler vor groſſe Augen / als er ſolche Haͤn - del auff der Laute hoͤrete / die er ſein Lebtage nicht in der partitur geſehen hatte. Es gieng ihm wie einem Calecutiſchen Hahn / oder wie man das zahme Wildpret auff hoch Teutſchnen -361nennet / einem Truthahn / der zeucht den Schwantz wie ein Pfau / laͤſſet die Fluͤgel biß auff die Erde hangen / und ſtellet ſich / als wolte er die gantze Welt braviren: doch wenn der kleineſte Haußhahn die Courage nimmt / und auff ihn zu laͤufft / ſo iſt Schwantz / Fluͤgel / Bauch und Ruͤcken ein Ding / und aller bra - vade iſt vergeſſen. Und ohn allen Zweiffel wuͤrde er ohne ſonderliches Vexieren nicht ſeyn darvon kommen: doch zu ſeinem Gluͤcke / und zu der gantzen Compagnie Verdruß / kam eine Frau mit einem Notario, die brachte klagend vor / ihr Mann waͤre von dem Nach - bar ſchelmiſcher und hinterliſtiger Weiſe er - ſchoſſen worden; der Richter ſolte ex officio das Corpus delicti in Augenſchein nehmen. Hiermit war die Luſt verſtoͤrt / und weil der Wirth weggehen muſte / gaben ihm die Gaͤſte das Geleite / und wolten auch ſehen / ob ein er - ſchoſſener Menſch anders geſtalt waͤre / als eine gemeine Leiche. Sie kamen in das Hauß / da lag die Leiche / und war mit dem Ruͤcken gantz bloß und voll Blut. Der Richter befand kein Leben da / drum befahl er dem Balbier / er ſolte darnach ſehen / ob der Schuß toͤdlich ge - weſen / oder nicht! (quaſi verò non potius ex intentione agentis, quàm ex effectu judican -Qdum362dum ſit. Sed Mundus vult decipi: ac pro - inde in favorabilibus excuſat intentionem, in odioſis negligit effectum, ne utrinque via claudatur patrocinio) der Balbirer war fleiſſig druͤber her / wiſchte das Blut mit war - men Waſſer rein ab; doch da war keine Wunde / da man ſich eines Blutvergieſſens her vermuthen ſollen. Der Ruͤcken und was dran hangt / war unverſehrt / und iemehr ſie nachſuchten / deſto weniger funden ſie. Jn dem kamen die Haͤſcher / und brachten den Thaͤter / der trat vor den Richter / und ent - ſchuldigte ſich folgender Maſſen: Hochwei - ſer Herr Stadtrichter / ich weiß nicht / warum ich ſo geſchimpfft werde / daß mich die gemeine Knechte auffſuchen müſſen. Jch will gleich herauß ſagen / was die Sache iſt. Der Kerle der ſich ſtellt / als waͤre er erſchoſſen / hat biß - her den loͤblichen Gebrauch gehabt / daß er Abends vor meine Thuͤre kommen / und mir was anders / das ich nicht nennen mag / davor geſetzt. Nun iſt er offt freundlich erinnert worden / er ſolte ſeine buͤrgerliche Pflicht be - dencken / und ſeine Nachbarn ungeſchimpfft laſſen / doch deſſen ungeacht / hat er ſolches un - terſchiedene mahl continuiret.
Dannenhero ich endlich gezwungen wor -den363den / ihn von dergleichen boͤſen und leichtferti - gen Beginnen abzuhalten. Geſtalt ich eine Buͤchſe mit Rind[ſ]- Blut geladen / und als er / ſeiner taͤglichen Gewonheit nach / mit dem bloſſen Ruͤcken meine Haußthuͤre angeſehen / unverſehens Feuer gegeben / und ihn ſo blutig gemacht / daß er ſich leicht eines groͤſſeꝛn Scha - dens hat befuͤrchten koͤnnen.
Jſt er nun vom Erſchrecken geſtorben / ſo mag man ihn mit was anders zu Grabe laͤu - ten. Jch bin auß aller Schuld. Denn die - ſer iſt kein Schalck / der einen Schalck mit Schalckheit bezahlt.
Der Richter haͤtte bald uͤber der artigen Erzehlung gelacht / wenn ihn das Anſehen ſeines tragenden Amptes nicht davon abge - halten. Doch befahl er / man ſolte dem Tod - ten Coͤrper brennen de Liechtſchnuppe vor die Naſe halten / ob er dadurch wieder lebendig wuͤrde; und fuͤrwar der Anſchlag war ſo une - ben nicht / denn der Todte regte ſich / und weil er meynte / er waͤre ſchon in den Campis Ely - fiis, hãtte er gerne Hebraͤiſch geredet / wenn er nur haͤtte den unterſcheid zwiſchen Schiboleth und Siboleth machen koͤnnen.
Er hatte in einer Diſputation geleſen inQ ijjener364jener Welt wuͤrden die Leute Hebraͤiſch reden / und weil er nicht darauff achtung gegeben / was ein anderer opponirt, quò din altera vita planè non ſimus locuturi, cum æternitas conſiſtat in puncto: locutio autem inferat prius & poſterius, ſeu quod idem ſonat, ge - nerationem & corruptionem, ſo war es kein Wunder / daß er bey ſolcher Einbildung ver - blieb. Doch fragte der Richter nach ſeiner Sprache nicht; ſondern da er ihn nur lallen hoͤrete / befahl er den Hauß-Genoſſen / ſeiner zu warten / und gieng davon. Zwar es haͤtte ſo uͤbel nicht geſtanden / wenn die Gaͤſte wieder waͤren mit ihrem Wirthe gegangen / doch der Stundenruͤffer hatte die Uhr verſchlaffen / und ruffte eins auß / als er I[I]. ruffen ſolte. Damit gieng ein ieglicher nach Hauſe.
DEn folgenden Tag gieng Florindo in der Stube hin und wieder / als er uff dem Simſe eines Buches gewahr war / wel - ches forne am Titul ſeiner intention ſehr be - quem ſchiene. Denn es hieſſe die naͤrriſche Welt. Er nahm es mit groſſen Begierde vor ſich / und befand zwar / daß die Sachen ohneallen365allen Unterſchied gantz confuß unter einan - der geworffen waren / doch notirte er folgen - de Sachen darauß.
Einer wolte dem andern eine Heimligkeit vertrauen / und bat hoͤchlich / er moͤchte ſie bey ſich behalten / und keinem Menſchen davon gedencken / da ſagte dieſer: du Narr / wenn ich ſchweigen ſol / warumb ſchweigſtu nicht / ſo biſtu am ſicherſten. Oder meyneſtu / daß mir das Schweigen moͤglich iſt / da es dir unmoͤglich iſt?
Einer haͤtte gerne ein Weib genommen / es war ihm nur keine ſchoͤn genug / da ſagte ſein Schwager: ihr naͤrriſcher Kerle / nehmt doch eine / die eures gleichen iſt / deßwegen laͤſſet G O T T auch haͤßliche Maͤnner[le -]ben / daß er damit gedenckt die haͤßlichen Jungfern zu verthun.
Einer hielt um ein recommendation - Schreiben an / damit er an andern Orten moͤchte voꝛ fromm gehalten werden / zu dieſem ſagte der Patron: Jhr wunderlicher Menſch / mein Schreiben wird euch nicht fromm ma - chen / ihr aber koͤñet mich wol zum Luͤgner ma - chen / ein rechtſchaffener Kerle recommendirt ſich ſelbſt.
Einer beſchwerte ſich / es waͤre Schande /Q ijdaß366daß keine Land-Kinder mehr befoͤrdert / und hingegen lauter Fremde vorgezogen wuͤrden / dem antwortete ein ander / du Narr / wenn man keine Pferde zu Hauſe hat / muß man freylich Eſel von andern Orten hohlen.
Einer wuͤndſchete / daß er brav ſauffen koͤnte / ſo wolte er wohl in der Welt fortkom - men / zu dieſem ſagte einander: du Narr / wuͤn - ſche dir / daß du klug wirſt / ſo koͤmmſtu noch beſſer fort.
Ein Kauffmann hatte ſich an der Meſſe in den Weinkeller geſetzt und ſoff einen Rauſch uͤber den andern / dieſen fragte einer / ob er auch wuͤſte / was dieſes heiſſe: wer in der Erndte ſchlaͤft / der iſt ein Narr. Ein Student ſaß dar - neben / der gab es Lateiniſch alſo: Bibite vos Domini, ne Diabolus vos inveniat o - tioſos.
Einer wolte nirgend hingehn / da er nicht oben an ſitzen durffte / dieſem gab einer die Lehre: du Narr / zeuch auffs Dorff und geh in die Schencke / da laſſen die Bauern einen Buͤrger oben an ſitzen.
Ein junger Stutzer kauffte eine Kutſche mit zwey koſtbahren Pferden / zu dieſem ſprach ſein alter Tiſchwirth: Jhr thut wohl / daß ihr die Beine ſchont / im Alter werdet ihr gnug muͤſſen zu Fuſe lauffen.
Einer367Einer wolte ein Pferd miethen / und gab einen Thaler drauff / als er nun meynte / es waͤ - re gewiß / war der Pferdhaͤndler davon ge - ritten. Zu dem ſagte einer: Du Narr / ein andermahl gib das Geld mehr vorauß.
Ein Verwalter bat ſeinen Edelmann zu Gaſte / und hatte herrlich zugeſchickt / des E - delmanns Narr wolte nicht mitgehn / denn er ſagte: Zween Narren vertragen ſich nicht. Nun muß der Verwalter ein Narr ſeyn / daß er ſich ſo laͤſt in die Karte gucken. Jch fraͤſſe mein Wildpret allein / und beſtreute das Geſichte mit Bohnen-Meel / daß ich nur vor dem Juncker elend gnug außſehe. Aber wañ man fallen ſol / ſo wird man zuvor ein Narr.
Einer ließ ſich von etlichen Sauff - Bruͤ - dern einen groſſen Schmauß außfuͤhren. Gefragt / warum er ſolches liedte? ſagte er / ich thue es / daß ich wil Friede haben; doch er muſte die Antwort hoͤren: du Narr / wenn du mit Bratwuͤrſten unter die Hunde wirffſt / ſo wirſtu ihr nich loß / wiewol er retorquirte: du Narr / wer keine Knuͤttel hat / muß wohl Bratwuͤrſte nehmen.
Einer wolte vor den andern Buͤrge wer - den / da ſagte ſein Vetter: du Narr / fuͤhle doch zuvor an den Hals / ob du kuͤtzlich biſt / denn es heiſt: Buͤrgen ſol man wuͤrgen.
Ei -368Einer wolte mit keinem Freundſchafft hal - ten / der geringer war / als er / zu dieſem ſagte einander: du Narr / wenn deine Hoͤhern auch ſo gedaͤchten / mit wem wolleſtu umbge - hen?
Einer ruͤhmte ſich / als waͤr er wegen ſei - nes loſen Mauls allenthalben im Beruff / die - ſen fragte einer / ob er auß / den Worten Sa - lomonis koͤnte einen Syllogiſmum machen: Wer verleumdet / der iſt ein Narr. Ein Narren-Maul wird geſchlagen.
Einer konte keinen Anſchlag heimlich hal - ten / dieſen erinnerte ein ander / du Narr / wenn du wilſt das Netze außwerffen / daß die Voͤgel zuſehn / ſo wirſtu langſam auf den Vo - gelmarckt kommen.
Einer fieng mit etlichen Groſſen an zu zan - cken / da ſagte ſein Bruder: du Narr / haue nicht uͤber dich / die Spaͤne fallen dir in die Au - gen.
Einer kandte ſich nicht vor Hoffart / von dieſem ſagte einer: Der Kerle iſt ein Narr; doch moͤchte ich ſeyn / was er ſich einbildt.
Einer draute dem andern / wo er ihm kein Geld liehe / wolte er ſein Feind werden. Der ſagte: Jmmer hin / die erſte Feindſchafft iſt mir lieber / als die letzte / wenn es zum bezahlen koͤmmt.
Ei -369Einer ſagte es iſt natuͤrlich / daß Maͤnner und Weiber einander lieb haben / dem begeg - nete ein ander: Du Narr / wenn dich der Teufel holt ſo iſt es auch natuͤrlich.
Einer klagte die Zeit waͤre ihm lang / den fragte einander: Du Narr / warumb klag - ſtu denn / daß dir das Leben kurtz iſt.
Ein Student wolte alle Handwercke be - greiffen / dem ſehrieb ein ander ins Stamm - buch: Wer unnoͤthigen Sachen nachgeht / der iſt ein Narr. Prov. 12.
Einer hielt einen andern hoͤniſch / weil er ei - nen Buckel hatte / dieſen ſchalt einer: Du Narr was kan er davor / daß ihn GOtt ſo buckelicht haben will / ficht es mit ſeinem Schoͤpffer auß.
Einer muſte in der Geſellſchafft ſein Maul allzeit forne fuͤrhaben / dieſen erinnerte ein ander: Du Narr / ſchweig doch ſtill / ſo hal - ten dich die Leute auch vor einen Philoſo - phum.
Einer trotzte auff ſeine Erbſchafft / die doch in lauter papiernen Schuld-Verſchreibun - gen beſtund / zu dieſem ſagte ein Kauffmann: du Narr / hebe die Zettel auff biß an den juͤngſten Tag / da gelten ſie ſo viel als baar Geld.
Q vEine -370Einer ruͤhmete ſich / er haͤtte auff der Franckfurter Meß uͤber ſechs hundert Tah - ler außgegeben / und wuͤſte nicht wovor / die - ſem halff ein ander auß dem Traum: Wenn Narren zu Marckte ziehen / ſo loͤſen die Kraͤ - mer Geld.
Einer praalte mit vielen Geſchencken / die ihm hin und wieder waͤren verehret worden / dieſem gab ein ander folgende Antwort: Du Narr / du haſt deine Freyheit viel zu wohl - feil verkaufft.
Einer lachte den andern auß / weil er in eine Pfuͤtze fiel / doch muſte er dieſes hoͤren: Du Narr / du lachſt / da mir es uͤbel geht / und er - ſchrickſt nicht / da dir es auch begegnen kan.
Einer ſagte / das kalte Fieber diente zur Geſundheit / dieſen wiederlegte einander: Du Narr / das iſt eine elende Artzney / wo man der Geſundheit halber kranck wird.
Einer lobte ſeinen Patron gar zu ſehr / doch dieſer rieff ihm zu: Du Narr / was ſchimpffſtu mich / lieber ſchilt mich auf das hefftigſte / ſo glauben es die Leute nicht / und ich werde gelobet.
Einer befließ ſich ſehr obſcur und unver - ſtaͤndlich zu ſchreiben / dieſem ruffte ein an - der zu. Du Narr / wilſtu nicht verſtandenwer -371werden / ſo ſchreib nichts: ſo haſtu deinen Zweck gewiß.
Es kriegte einer Gaͤſte / und wolte eine Henne abwuͤrgen laſſen / doch als die Henne auff die Scheune flog und nicht herunter wol - te / ſagte er / ich wil dich wohl herunter langen / und ſchoß damit die Henne von dem Dache weg. Allein das Dach brennete an / und gieng das gantze Haus zu Grunde / da ſagte ſein Gaſt / du Narr / wenn du in Stroh ſchieſſen wilſt / muſtu eine Windbuͤchſe nehmen.
Eine vornehme Frau hatte eine krancke Tochter / auff welche ſie viel gewendet. Als ſie aber der guten Wartung ungeacht ſterben muſte / und nunmehr in den letzten Zuͤgen lag / gieng die Mutter hin / gab ihr eine dichte Maulſchelle / und ſagte du ungeꝛathenes Teu - felskind / das hab ich nun vor meine Muͤh und vor meine Wohlthaten / daß du mir ſtirbſt. Daruͤber fielen unterſchiedene Judicia. Einer ſagte / in dieſem Hauſe iſt uͤbel zu leben / aber noch uͤbeler zu ſterben. Der andere ſagte: Wer bey dieſer Frauen ſterben will / muß eine Sturmhaube auffſetzen. Der dritte: Je lieber Kind / je ſchaͤrffer Ruthe. Der vierdte: die Tochter kriegt eine Ohrfeige / wo der Mann ſtirbt / der kriegt gar einen Schilling. DerQ vifuͤnff -372fuͤnffte: Jch halte wenn ſie ſterben wolte / ſie kriegte deſſentwegen keine Maulſchelle. Der ſechſte: Es iſt Wunder / daß der Medicus keine Weſpe davon getragen hat: doch ſie hat ſich gefuͤrcht / er moͤchte ſich mit einem bißgen Huͤterauch revergiren. Der ſiebende: Die Frau ſoll den Teuffel vom Todtbette vertrei - ben. Der achte: Es iſt ein Dieng / ob der Teu - fel da iſt / oder ob er ſeinen Stadthalter da hat. Der neundte: Wenn die Frau mein waͤ - re / ich lieſſe ſie verguͤlden und mit Roßmari - en beſtecken / gebe ihr eine Pomerantze ins Maul / und verkauffte ſie dem Hencker vor ein Spanferckel. Der zehnde: Vielleicht hat ſie die Seele wollen erſchrecken / daß ſie ſolte drinne bleiben. Der eilffte: Die liebe Jung - fer hat gewiß gedacht / S. Peter ſchlegt ſie mit dem Schluͤſſel vor den Kopf. Der zwoͤlffte: Wenn ich ſolte eine Grabſchrifft machen / ſo lieſſe ich eine Hand mahlen / und ſchriebe daruͤ - ber: Die muͤtterliche Verlaſſenſchafft.
Einer wolte fallen / und hielt ſich an ein Bierglaß / zu dem ſagte einer / du Narr / das Bier hilfft wider den Durſt / aber nicht wi - der das Fallen.
Einer wolte Geld borgen zu ſpielen / da[ſ]agte der ander / du Narr / was ich dir leihe /das373das nehme ich dir / und was ich dir nicht leihe / das ſchenck ich dir.
Einer ſagte: Jch habe es verſchworen / ich wil dich nicht mehr gruͤſſen / dieſer gab zur Antwort: du Narr / iſt das was ſonderliches? Ein Eſel gruͤſſet mich nicht und hat es doch nicht verſchworen.
Einer ſagte: Es verdreuſt mich / daß ich den Mann reſpectiren muß / dem antworte - te ein ander: du Narr / ich weiß ihrer ze - hen / die verdreuſt es / daß ſie dich reſpectiren muͤſſen:
Einer erzehlte etwas / und ſagte darbey / es waͤre gewiß wahr / er habe es von einem vor - nehmen Manne gehoͤrt. Ein ander verſetzte / du Narr / ein vornehmer Mann hat gut re - den / er weiß / daß du ihm glauben muſt.
Ein Cauſenmacher verwunderte ſich / daß er zu nichts kommen koͤnte / da ſagte einer: Du Narr / was mit Drummeln koͤmmt / geht mit Pfeiffen wieder weg.
FLorindo haͤtte weiter geleſen / doch er ward verſtoͤrt / und muſte zu Tiſche gehn / und ober gleich den Vorſatz hatte / noch wei -Q vijter374ter drine zu leſen / ſchob er es doch in die lange Banck / biß nichts drauß ward. Nun begunte unſrer Compagnie die Zeit all maͤhlich lang zu werden / indem ſie auff des Florindo Beſ - ſerung ſo lang gewartet / und nun wegen des unfreundlichen Winterwetteꝛs nicht fort kunte / doch es halff nichts / ſie muſten verziehẽ biß auff Faſtnacht. Und da gab es ſo ein Land voll Narꝛen / daß der Mahleꝛ fuꝛchte es moͤch - te an Farben mangeln / wo er alle abſchildern ſolte. Der Prieſter hatte zwar den Sontag zu vor nicht allein erinnert / daß man um die hei - lige Zeit der gleichen Heidniſches Unweſen un - terlaſſen / und ſich zu einer Chriſtlichen und bußfertigen Faſten ſchicken ſolte; ſondern er hatte auch auß des blinden Bartimæi Wor - ten: Herr / daß ich ſehen moͤge / ſehr ſchoͤn ange - fuͤhrt / was vor ein edel thun es waͤre ſo wohl umb das Geſichte des Leibes / als vornehmlich umb das Geſichte des Gemuͤhtes oder umb die Klugheit: und wie unverantwortlich ſich dieſelben bezeigten / welche als blinde und naͤrriſche Leute / ihren Verſtand gleichſam ver - leugneten Doch die Predigt hatte ſo viel ge - wiꝛckt / als ſie gekoͤnnt. Unterdeſſen blieb es bey der alten Gewonheit / man muſte die heilige Faſtnacht feyern / drumb ſagte auch Gela -nor,375nor, er wolte nit viel Geld nehmen / und einen unter dem Hauffen einen Narren heiſſen / da doch alle mit einander ſich vor Narren angezogen / und nichts anders als Narren - poſſen vornehmen. Einen laͤcherlichen Poſſen gab es / denn es war eines vornehmen Man - nes Sohn zum Mahler gelauffen / hatte ſich da liederlich angezogen / und hatte begehrt / er ſolte ihm das Geſichte gantz ſchwartz mahlen: denn unter der Maſque koͤnte er nicht ſauffen / der Mahler war auch mit ſeinen Farben vor ihn getreten; aber er hatte die Pinſel nur in klar Waſſer geſteckt / und ihn uͤber und uͤber naß gemacht / der gute Kumpe meinte / nun ſol - te ihn niemand kennen und lieff herum als ein unſinnig Menſch. Endlich gerieth er an eine Magd / die rieff / Herr Frantze / ſeyd ihr ein Narr? da erſchrack er und machte ſich auff die Seite / doch die Sache war verrathen / und durffte er in einem vierthel Jahre ſei - nem Herrn Vater nicht vor die Augen kom - men.
Bey ſolcher Gelegenheit erinnerte Flo - rindo ſeinen Hofmeiſter / ob es nicht bald Zeit waͤre nach Hauſe zu reiſen Es waͤren ja Nar - ren gnung hin und wieder betrachtet wor - den / daß man leicht die drey groͤſten heraußleſen376leſen / und abmahlen koͤnte. Doch Gelanor war gantz einer andern Meynung. Der ſag - te: Mein Freund / wir haben noch nicht gantz Deutſchland durchwandert / und ſolten nun von der gantzen Welt urtheilen / wir muͤſſen weiter gehen / Jn Franckreich / Spanien / Engeland / Polen. Ja abſonderlich in Jta - lien wird auch etwas auffzuzeichnen ſeyn. Florindo machte zwar ein ſaur Geſichte: Al - lein Gelanor trotzte auf ſeine Inſtruction, alſo daß der gute untergebene ſich wegen der Lieb - ſte noch keine ſuͤſſe Gedancken durffte ankom - men laſſen. Derhalben bat er auch / man moͤchte an einem Orte die Zeit nicht ſo verge - bens verlieren; ſondern ehe heute als morgen ſich zur Reyſe ſchicken / wiewohl Gelanor traue - te der ungeſunden Lufft nicht / und blieb biß ge - gen Oſtern ſtill liegen / immittelſt kam etliche mahl Poſt / dabey Florindo Brieffe von ſei - ner Liebſten erhielt / doch kunte er alles ſo ver - bergen / daß man ſo eigentlich nicht wuſte / in was vor terminis die Sache beſtehen moͤchte / zu groſſen Verſehen / hatte er den Schluͤſſel am Reiß-Kuffer ſtecken laſſen / und war zu ei - nem guten Freunde gangen / da er allem Ver - muthen nach / ſobald nicht gedachte wieder zu kommen / drumb ließ ſich Gelanor die Curio -ſitaͤt377ſitaͤt verleiten / den Brieffen nach zu ſuchen / wiewohl er fand keinen / als den neulichſten / welcher dieſes Jnhalts war.
Nach dem ich die Bitterkeit der Liebe ſatt - ſam empfunden / waͤre es Zeit / daß ich durch einige Suͤſſigkeit erfreuet wuͤrde. Wie lan - ge iſt es / daß ich mein Hertz und meine Seele in fremden Laͤndern herumb ſchweben laſſe? und wie lange ſoll ich meine Hoffnung noch auffſchieben. Ach mein Kind! weiſt du was mir vor Gedancken einfallen? Ach die Liebe iſt furchtſam / drumb halt mir auch meine Furcht zu gute / denn es ſcheinet / als waͤre die verſprochene und mit ſo vielen Eydſchwuͤren bekraͤfftigte Liebe / etwas kaltſinnig worden. Waͤre es ſo wohl in meiner Gewalt / dir zu - folgen / als du Gelegenheit haſt mich zu ſuchen / ach ich wolte den Adlern die Fluͤgel abborgen / und zu dir eylen. Nun bleibſt du an einem Orte / da du erweiſeſt / daß du ohne mich vergnuͤgt leben kanſt. Wir armen Weibes - bilder laſſen uns die Leichtglaͤubigkeit offt uͤbel belohnen / der guͤtige Himmel helffe / daß ich ſolches nicht durch mein Exempel beſtaͤtigen muͤſſe. Doch komm Ende / komm Tod / undver -378verzehre mich zu vor / ehe ich ſolches erleben / und mein ſuͤſſes Kleinot einer andern Beſitze - rin uͤberlaſſen ſolle / doch mein Hertz / ich traue dir ſolche Falſchheit nicht zu. Erkenne du nur auß dieſer Furcht meine Beſtaͤndigkeit / und wo du Luſt haſt mich bey dem Leben zu er - halten / ſo komm der Kranckheit zuvor / welche ſich durch nichts wird erquicken laſſen / als durch deine hoͤchſtverlangte Gegenwart. Und dieſe wird mir das Gluͤcke ertheilen / daß ich noch ferner heiſſen kan
Deine lebendige und treuverbund. Dienerin Silvia.
Gelanor ſagte zu Sigmunden, das Frau - en-Zimmer hat das Anſehen / als wenn ſie ihre Brieffe mehr auß Alamode-Buͤchern / als auß dem Hertzen ſchrieben. Rechte Liebe braucht andere Reden / welche mehr zu Hertzen gehen. Und wer weiß / wo ſie einen Troͤſter hat / der dieſen Brieff zu erſt auffgeſetzet. Sigmund war nicht ſonderlich darwider / doch ſuchten ſie weiter / und fanden ſeine Antwort / die er ehi - ſtes Tages fortſchicken wolte / und darinn er ſich bemuͤhet hatte / den Senecam, Tacitum, Curtium und andere zuverteutſchen oder doch zu imitiren.
Mein379Deine Furcht toͤdtet mich / deine Liebe er - quicket mich / ich ſterbe uͤber deinen Mißtrau - en / und erhalte mich bey meinen guten Gewiſ - ſen. Meine Liebſte rufft mir / und mein Ver - haͤngniß haͤlt mich zu ruͤcke. Jch wil etwas / und darfſ nicht ſagen / was ich will. O mein liebſtes Hertz / vergib deinem diener / daß er ſo verwirrt ſchreibt / darauß ſolſt du meine ver - wirrte Seele erkennen und beklagen lernen / ach wie gern waͤre ich zu Hauſe! haͤtte mir mein Unſtern nicht einen Hoffmeiſter zuge - fuͤhret / der ſeine Luſt in der Welt ſuchte / unter dem Vorwand / mir zu Nutzen / da ich doch den Mittelpunet aller meiner Nutzbarkeit in die Feſte geſtellet habe / du biſt meine Reiſe / da - hin ich meine Gedancken abfertige / wenn gleich der Leib ſichtbarlicher Weiſe anderswo ge - fangen lebt. Jch weiß du biſt dem Schwe - ren feind; ſonſt wolte ich alles zu Zeugen an - ruffen / daß ich ſo wohl aͤuſſerlich / als im Her - tzen ſtets dahin getrachtet zu verbleiben
Meiner lieb-wertheſten Silvie unbefleckter und unveraͤnderter Florindo.
Gelanor ſchuͤttelte zwar etlichmahl denKopff380Kopff daruͤber / doch wuſte er / daß ein Liebha - ber nicht allzeit verbunden waͤre / die Warheit zu ſchreiben und ſchloß derhalben den Kuffer gar hoͤfflich wieder zu / mit vorbehalt / daß er bey erſter Gelegenheit ſolches auffmutzen wolte.
Alſo vergieng die Zeit biß auf Oſtern / da ſie keinen ſonderlichen Narren angetroffen / mit dem ſich es der Muͤh verlohnet / daß ſie ihn auffgezeichnet. Zwar ſie waren nicht nach - laͤſſig / und lieſſen ſich in dem benachbarten Walde das neuangelegte Bergwerckgefallen. Da ſie den allerhand Spiele der Natur ab - merckten / welche wohl ſo annehmlich waren / als die Narrenkuckerey.
NAch Oſtern diengten ſie einen Kutſcher / der ſie mit auf die Leipziger Meſſe neh - men ſolte / von dar ſie in Holland und ferner in Engeland mit der Poſt reiſen koͤnten. Und ſie erfreueten ſich / daß / nach dem ſie in vielen Staͤdten waren bekand worden / ſie auch in Leipzig einig divertiſſement haben ſolten / an - geſehen dieſe Stadt ihnen ſehr offt war geruͤh - met worden / ſondern daß ſie Gelegenheit ge -habt381[] habt / dieſelbe in Augenſchein zu nehmen. Sie hatten in dem verdeutſchten Lucas de Linda geleſen / es waͤre daſelbſt Frauenzimmer / das auch auß einem ſteinern Hertzen die Liebe er - zwingen koͤnte. Ja ſie wuſten ſich zu beſin - nen / daß ſchon vor anderthalbhundert Jah - ren D. Ecken von D. Luthern vorgeworffen worden / wie daß er ſich die venereas veneres daſelbſt auffhalten laſſen: doch glaubten ſie nicht / daß dieſes der eintzige Ruhm ſey / da - durch die hochloͤbliche Stadt faſt in der gan - tzen Welt bekand und beruffen waͤre / ſondern ſie verhofften daſelbſt gleichſam in einem kur - tzen begrieff anzutreffen / was ſie anderswo zu einzelen Stuͤcken gefunden und ruͤhmlich ob - ſervirt hatten. Die herrliche Univerſitaͤt / den wohlgefaſten Rath / die hochanſehnlichen Rechts Collegia, die nutzbare Kauffmann - ſchafft / und was ſonſt an zierlichen und beque - men Wohnungen / an niedlicher Schnabel - weyde / an koͤſtlicher Muſic / und an anderer Luſtigkeit mag gefunden werden. Doch in ſolcher Hoffnung wurden ſie zwar nicht betro - gen / wenn ſie nur ſolche haͤtten fortſetzen koͤn - nen. Denn als ſie auf Leipzig kamen / fuͤgte ſich das Gluͤcke oder das Ungluͤcke / daß ſie gleich eine anſtaͤndige Gelegenheit biß aufAm -382Amſterdam antraffen / mit welcher ſie fort - giengen / mit vorbehalt / bey kuͤnfftiger Zeit die viſite, welche ſie dieſer annehmlichen Stadt ſchultig geblieben / gebuͤhrend abzuſtatten. Al - ſo reiſeten ſie durch Holland / hielten ſich zu Leyden / abſonderlich aber in Haag eine ziem - liche Zeit auf / giengen von dar auf Roterdam und ferner in Engeland / da ſie die herrliche Stadt Londen / wie ſie vor dem Brande auß - geſehen / unter der hoͤchſten Gewalt des da - mahligen Koͤnigl. Protectoris mit verwunde - rung betrachteten. Sie waͤren gern tieffer in das Land hinein gangen / haͤtten auch gern eine tour biß Edenburg gethan / doch ſie lieſſen ſich berichten / wer Londen geſehen haͤtte / der haͤtte gantz Engeland geſehen. Drumb lieſ - ſen ſie es bey dem bewenden / und ſatzten ſich zu Doevers auf die Frantzoͤſiſche Poſt / und fuhren uͤber daß Canal biß Cales, da ſaͤumten ſie ſich nicht / und machten einen kleinen Um - ſchweiff durch die Spaniſchen Niederlanden / biß ſie auf Paris kamen / da hielten ſie ſich lang auff / biß ſie auf Nantes zu giengen da ſie Gelegenheit fanden in Spanien und Por - tugal zu reiſen. Von Liſabon wandten ſie ſich gegen die Straſſe / und giengen an den Spaniſchen und Frantzoͤſiſchen Cuͤſtenbiß383biß in Jtalien. Zu Venedig giengen ſie uͤber das Tyroliſche Gebuͤrge biß auf Wien / da waͤren ſie gern in Pohlen gereiſet. Doch der Krieg machte alles unſicher / daß alſo Ge - lanor wider ſeinen Willen den Florindo ver - troͤſten muſte / nun wolten ſie wieder nach Hauſe.
Nun moͤchte aber einer fragen / ob ſie denn in ſo weiten und groſſen Laͤndern keine Nar - ren obſervirt? doch es iſt zu antworten / daß ſolches zwar mit eben ſo groſſem Fleiß geſche - hen / als in Teutſchland. Gleichwohl haben ſie vor gut angeſehen / einem iedweden in ſeiner eigenen Sprache zu beſchreiben. Wie der Sigmund dieſe muͤh auf ſich genommen und die Frantzoͤſiſche / Spaniſche / Engliſche / Jta - liaͤniſche Reyſebeſchreibung fleiſſig in Ord - nung zu bringen / und mit Kupfferſtuͤcken her - auß zu geben verſprochen hat. Ob es wird geſchehen / das ſtehet bey der Zeit. Ohne Zweiffel wird er ſeinen Fleiß nicht ſparen. Solte auch ein Liebhaber gefunden werden / der ſeine Curioſitaͤt niche laͤnger befriedigen koͤnte / ſo iſt es umb eine kleine Nachfrage zu - thun. Maſſen die Compagnie ſo diſcret iſt / daß ſie einen iedweden mit richtiger Ant - wort verſehen wird.
NUn mangelte nichs / als daß Florindo zu einer Liebſten reiſen ſolte / doch Gelanor ſagte / man muͤ[ſt]e zuvor einen vollkommenen Schluß machen / welches eben die drey groͤ - ſten Narren geweſen / damit die Mahlerey im Schloſſe koͤnte ihren Fortgang haben. Und alſo ſetzten ſie ſich zuſammen / und wuſten viel von Narren zu reden: Gleichwohl befanden ſie den Mangel / daß ſie ſo eigentlich nicht er - wogen hatten / worine eben die Narrheit be - ſtuͤnde: Dannenhero man deſto eigentlicher im urtheilen haͤtte koͤnnen fortfahren. Nun Florindo war hitzig und ſehnte ſich nach Hau - ſe: Gelanor hingegen wolte zuvor den rechten Grund treffen / biß endlich diß conveniens vorgeſchlagen wurde / Sigmund ſolte in ein Collegium Prudentium reiſen / und ſich da - ſelbſt in der gedachten zweiffelhafftigen Fra - ge informiren laſſen. Solches ward alſobald beliebt und ſatzte Gelanor folgende Urtheils - frage auf:
Demnach in einer wichtigen Angelegen - heit die Frage vorgeſtellet / worinne die Narr - heit beſtehe? und ſo fort / welches vor die hoͤch - ſte Thorheit zuſchātzen ſey? Und aber hierinn einiger Streit ſich ereignet / dadurch manſchwer -385ſchwerlich zum Zwecke gelangen kan. Als iſt das gute und zuverſichtliche Vertrauen auff Dero Weltbekandte dexteritaͤt und Wiſ - ſenſchafft geſetzet worden / das jenige / was Sie in dieſer Frage ſetzen und ſchlieſſen wer - den / vor gut und bekand anzunehmen. Ge - langet derowegen an Dieſelben unſer Dienſt - freundliches Anſinnen / ſie wollen ſich belie - ben laſſen / der Sache nachzudencken / und gegen Danckgeziemende Vergeltung de - ro vielguͤltige Meynung ſchrifftlich zu eroͤff - nen. Solches werden wir ſaͤmtlich als eine ſonderbahre Wolthat erkennen / und mit anderweit bereiten Dienſten ſchuldigſt zu er - wiedern beflieſſen ſeyn.
E. Hochgelahrt Herrligk. Dienſter gebenſte Compagnie zu Suchſtedt.
Hiermit reiſete Sigmund ab / und ver - ſprach ſeinen Fleiß nicht zu ſparen / daß er zum wenigſten / innerhalb acht biß zehen Wo - chen mit guter Verrichtung wieder zu kom̃en / verhoffte ſie ſolten ſich nur nit zu weit von dem Orte weg machen / daß er bey abgelegter ex - pedition ſie alſobald zur Hand haͤtte. Nun war dieſelbe Gegend ſehr luſtig / daß man ei - nen Fruͤling daſelbſt wohl paſſiren kundte. RWie386Wie ſie denn von einem Dorffe zu dem an - dern / von einem Flecken und Staͤdgen zu dem andern zu reiſen pflegten / und ſich bald im Gebuͤrge bald auff der Ebene eine neue Luſtigkeit erweckten. Einsmahls kehrten ſie in ein Wirthshaus ein / da Gelanor o - ben auff dem Gange die Melancholiſchen Grillen vertreiben und außſpatziꝛen wolte / un - terdeſſen hatten die Diener mit dem Mahler unten im Hofe ein Geſpraͤch / warumb mit der Heim-Reiſe ſo lang verzogen wuͤrde. Ei - ner meinte diß / der ander was anders. End - lich als der Mahler vorgab / es wāre umb die drey groͤſten Narren zu thun / da fieng ein Diener an: Das ſind Haͤndel / haͤtten ſie mich gefraget / ich wolte ihnen laͤngſt auß dem Traume geholffen haben. Der Mah - ler wolte gern was neues hoͤren / und bat den Diener / er moͤchte ihm doch die ſonderli - chen Sachen vertrauen / dieſer wolte nicht mit herauß / endlich ließ er ſich uͤberbitten / und ſagte / es ſind drey groſſe Narren in der Welt. Der Thuͤrmer oder der Haußmann blaͤſt den Tag ab / und er koͤmmt von ſich ſel - ber. Der Stundenruͤffer blaͤſt in ein kalt Loch / und er koͤnte wohl in ein warmes bla - ſen. Hier ließ er ſein Meſſer fallen / und ſtellteſich /387ſich / als muͤſte er es wieder auffheben und ab - putzen. Da fragte der Mahler unter ſchiede - ne mahl / wer iſt denn der Dritte? wer iſt denn der Dritte. Da fuhr der Diener herauß: Der iſt der Dritte / der darnach fragt. Al - ſo war der Mahler gefangen / und hatte kei - nen andern Troſt / als daß er dachte / es wuͤrde ihm wohl ein ander wieder kommen / den er betriegen koͤnte. Doch muſte er ſich ziemlich außlachen laſſen. Der andere Diener hat - te bißher ſtille geſchwiegen. Nun ſagte er / ſein voriger Herr habe diß Sprichwort an ſich gehabt: Ein jeglicher Menſch iſt ein Narr / aber der wird ins gemein davor ge - halten / der es mercken laͤſt. Ja ſagte der Mahler / der es mercken laͤſt / der iſt gar ein kleiner: aber der ſich vor klug haͤlt / der iſt viel groͤſſer / und wer an den beyden ſeine Freude hat / der iſt der allergroͤſte. Der erſte Diener ſagte: Es kanſeyn / daß alle Leute Narren ſind / wie ich mich beſinne / daß ein vornehmer Mann gedachte / er haͤtte in ſeinem Kopffe ſechs Stuͤhle und im Bauche ſieben Haaſen / wenn er einen Becher Wein truͤncke / ſo ſtie - ge ein Haaſe hinauff und nehme einen Stuhl ein. Wenn er aber den ſiebenden Becher getruncken haͤtte / und der Letzte Haaſe kei -R ijnen388nen Sitz finden koͤnte / ſo wolte er die andern herunter werffen / biß endlich ſo ein Rumor entſtuͤnde / daß er ſelbſt nicht wuͤſte / wo ihm der Kopff ſtuͤnde. Hier fragte einer den Mahler / wieviel er Haaſen im Leibe haͤt - te? es waͤre umb einen Orthsguͤlden zu thun / ſo nehme ein Wurmſchneider die Muͤh auff ſich / und ſuchte nach. Sie lachten daruͤ - ber / und nach vielfaͤltigen Geſpoͤtte ſagte ein Diener: Sie moͤchten doch fragen laſſen / wer der Kluͤgſte waͤre / ſo koͤnte man die Nar - ren leicht dargegen halten. Der andere gab zur Antwort: Die Frage waͤre leicht auffzuloͤſen / iſt ſie doch neulich an des Tuͤrcki - ſchen Kaͤyſers Hofe vorgegangen. Der Mah - ler hatte ſeiner vorigen Vexirerey ſchon ver - geſſen / und fragte inſtaͤndig / was neues vor - gegangen waͤre? Der Diener gab ihm die - ſen Bericht: Der Roͤmiſche Kaͤyſer ſolte zu dem Tuͤrckiſchen Kaͤyſer etliche Abgeſand - ten ſchicken / ſo begehrte der Tuͤrcke / er ſolte ihm die drey klügſten Leute auß ſeinem Lan - de ſchicken / ſonſt ſey er nicht willens einen an - zunehmen. Hierauff fertigte der Roͤmiſche Kaͤyſer einen Muͤnch / einen Soldaten und ei - ne alte Frau ab. Denn er ſagte: Der Muͤnch iſt klug / ehe er am Freytage hunger litteund389und haͤtte keinen Fiſch / ehe wirfft er eine Brat - wurſt in das Waſſer / und langte ſie mit dem Fiſchhamen wieder herauß Der Soldate iſt klug / ehe er ungeſaltzen Fleiſch iſſet / ehe ſaltzet er mit Pulver und wirfft dem Feinde die Patron-Taſche ins Geſichte. Hier zog er ſein Schnuptuch herauß / und verſtreute etwas Geld / das ſuchte er langſam wieder zuſammen. Unterdeſſen ſtund der Mah - ler in voller Curioſitaͤt, und fragte ſtets: Ey wie war es deñ mit der alten Frau. End - lich ſtellte ſich der Diener gar ungedultig / und ſagte: Die ſolſtu ſonſt wo lecken / daß ſie wie - der jung wird / damit war der Haaſe wieder gefangen / nach dem Sprichwort / die Haa - ſen ſind nirgend lieber / als wo ſie gehetzet wor - den. Hierauff gieng Gelanor zur Mahlzeit / und fragte den Mahler / was er vor vertrau - liche diſcurſe mit dem Diener gefuͤhret. Die - ſer dachte er wolte einen von der Compagnie fangen / und erzehlte ſeine Klugheit von ſei - nen drey Narren / nemlich von dem Thuͤrmer und von dem Stundẽruͤffer / als er aber lauſch - te / ob niemand fragen wolte / ſagte Eurylas: Und ich hoͤre die Mahler ſind die Dritten / die mahlen die Narren in papiernen Krau - ſen / und koͤnten mit eben den Unkoften Daf -R iijfen -390fente mahlen. Damit ſaß der Mahler wie - der / alſo daß ihn Gelanor ermahnte / er waͤ - re nun ſo weit gereißt / er ſolte doch kluͤger werden. Sonſt gienge es ihm wie jenem Schweitzer / der fuͤnf und zwantzig Jahr zu Pariß gedienet / und doch nicht Frantzoͤſiſch reden gelernet hatte. Und als er gefraget wor - den / warumb er ſo nachlaͤſſig geweſen / hatte er geantwortet: was koͤnte man in ſo kurtzer Zeit lernen; Doch haͤtte es noch ſollen ein halb Jahr waͤhren / ſo haͤtte er die Sprache wollen weg haben. Eurylas ſagte hierauff: Ach laſt ihn gehn / er iſt klug genug / aber er ſchont die Klugheit / daß er ſie ſpanfunckelneu mit nach Hauſe bringen kan. Florindo ſagte: Was ſoll er ſie ſchonen / ſchont er doch ſein Geld nicht. Es iſt ihm gangen wie jenem kleinſtaͤd - tiſchen Buͤrgemeiſter / dem begegneten et - liche im harten Winter / und ſagten: Eure Weißheit iſt treflich erfroren. Der Buͤr - gemeiſter dachte / das waͤre ſeyn Ehren-Titul / und gab zur Antwort: Ach ja / ich bin treff - lich erfroren. Der Mahler konte nicht lān - ger zuhoͤren / und gieng zur Thuͤr hin - auß. Da ſagte der Wirth / Jhr Herren / morgen iſt der erſte April / der Menſch ſolte ſich der Jahr-Zeit zu Ehren brauchen laſſen. Flo -391Florindo ſtimmte bald mit ein / und bot ſich an / er wolte ihn mit einem Korb voll Steine wohin ſchicken / doch Gelanor verwieß ihm ſolches. Denn / ſagte er das April-ſchicken iſt darumb erdacht worden / daß man hat vorwitzige Leute wollen klug machen. So mißbrauchen es etliche Narren / die geben ih - ren Knechten und Maͤgden wunderliche commiſſiones auff / die ſie nicht freywillig ſondern gezwungen verrichten muͤſſen / der Kerl iſt leichtglaͤubig gnung darzu / er wird bald ins Netz gehen. Man ſchwatze ihm nur was curieuſes vor / ehe er davon bliebe / ehe lieffe er auff den Sturtzeln fort / wenn er kei - ne Beine haͤtte. Hierauff geriethen ſie auff unterſchiedene April - Poſſen. Eurylas referirte dieſes: An einem bekandten Orte war ein Kauffman / der hielt fleiſſige Corre - ſpondentz / und ſo bald er eine Zeitung im Briefe geſehn / lieff er nach Hofe / und wuſte ſich viel damit. Am erſten April bekam er ein Schreiben; Umb Wittenberg ſtellten ſich die Qvacker haͤuffig ein / und waͤre allbe - reit der Oberſte Knepner wider ſie auß com - mandiret worden. Der laß die erſchreckliche novelle nicht bedachtſam / ſondern eilte bruͤhR ivheiß392heiß damit nach Hofe. Da merckten die Hoff - leute / daß unter den Quackern die Froͤſche verſtanden wuͤden / weil der Klapperſtorch an etlichen Orten Knepner hieſſe / und muſte ſich der gute unzeitige Quacker wohl damit leiden. Gelanor erzehlte folgendes: Als ich zu Leyden in Holland ſtudierte / berath - ſchlagten unſer etliche / wie wir einem ſtol - tzen auffgeblaſenen Kerl in unſerer Compag - nie moͤchten die Brille auffſetzen. Nun hat - ten wir geheime Nachricht / daß ſein Va - ter / der bey einem Fuͤrſten Ammtmann war / ſolte abgeſetzet werden. Drumb kleideten wir einen unbekandten Mann vor einen Boten auß / der muſte die Zeitung bringen / ſein Va - ter waͤre Hoff-Rath und uͤber etliche Aemp - ter Hauptmann worden. Auff dieſe Zei - tung ward der gute Menſch ſo courage, daß er denſelben Tag einen Schmauß ſpendirte / der ihn uͤber ſechzig Thaler zu ſtehen kam. Aber in wenig Tagen kriegte er ſein miſe - rere hinten nach / daß er das krauen im Na - cken davon bekam. Der Wirth ſagte: Jhr Herren / mir faͤllt ein poſſierlicher Handel ein. Es ſind itzt gleich ſechs Jahr / da hatte ich unterſchiedene Gaͤſte / denen erzehlte ich / wie damahls vor etlichen Jahren ein Reutervon393von der Bruͤcke in das Waſſer gefallen. Solches hoͤrte ein Junger Außfliegling / und meynte nicht anders als waͤre es dieſen Tag geſchehen /[l]ieff derowegen Sporn - ſtreichs nach dem Waſſer zu / und fragte / wo der Kerl waͤre / den man unter der Bruͤcke ge - funden haͤtte. Die Fiſcher hoͤrten es bald / daß der junge Geelſchnabel wolte vexiret ſeyn / und ſchickten ihn faſt eine halbe Meile den Strohm hinauff. Als die andern fort wollen / wiſſen ſie nicht / wo ihr Compagnioͤ - nichen hinkommen / ſchicken auff allen Straſ - ſen nach ihm auß. Endlich kam er wieder und brauſte vor Lauffen / als ein Hamſter. Die andern ſcholten auff ihn loß: Doch kam er vor zu mir / und klagte / er haͤtte den er - ſoffenen Kerl nicht finden koͤnnen. Und da kan ich nicht beſchreiben / was vor ein Gelaͤch - ter bey den andern entſtund / daß ſich dieſer wunderliche Menſch ſelbſt zum April geſchickt hatte. Andere erzehlten etwas anders. Den folgenden Tag / als ſie zur Mahlzeit kamen / war der Mahler nicht da. Sie fragten nach ihme / doch es wolte ihn niemand in viel Stunden geſehen haben. Zuletzt ſagte der Wirth / das iſt ein luſtiger April / daruͤ - ber man das Eſſen verſaͤumt. Erzehlte hier -R vauff394auff / er haͤtte ihn fruͤh ſehen im Hauſe ſtehen / da habe er der Wirth gleich iemand bey ſich gehabt / zu dem[er]geſagt: Sieht der Herr heute den Fuͤrſtlichen Einzug? Er wird ſehr praͤchtig werden. Nun hielte er davor / er wuͤr - de auff den Einzug warten / daß er ihn in Lebens-Groͤſſe auff einen Teller abmahlen koͤnne. Und hierinn hatte der Wirth nicht gefehlt / denn der Mahler hatte ſich von einem Thore laſſen zum andern ſchicken / biß er von einen ehrlichen Manne vernommen / was vor einem Heiligen zu Ehren dieſer Einzug geſchehen ſolle. Da ſchliech er nach Hauſe / und ſtellte ſich gantz truncken / als wenn er an einem andern Orte ſo ſehr geſoffen haͤtte. Doch die Sache war verrathen / und mu - ſte der arme Schaͤcher wohl herhalten. A - ber es ſchien als waͤr er in einem ungluͤckli - chen Monden / denn als ſie in etlichen Tagen anderswohin reiſeten / war in der Stube hinter dem Ofen ein Knecht mit der Magd angemahlt / die hatten alle beyde Narren - Schellen / und ſtund daruͤber geſchrieben: Unſer ſind drey. Der gute Mahler / der al - lenthalben nach raren Inventionen trachtete / tratt davor / und ſpinteſirte lang daruͤber / wo denn der dritte waͤr. Endlich gab ihm Eu -ry -395rylas den Bericht / der dritte iſt der Narr / der ſich neulich ließ zum April ſchicken / damit war er wieder kluͤger.
JCh ſehe wohl ſagte Gelanor, das Rei -[ſ]en hilfft nicht wider die Thorheit - Es mag einer in Franckreich und Jtalien geweſen ſeyn / ſo heiſt es doch mit ihm: fleucht eine Ganß hinuͤber / koͤmmt eine Ganß wie - der heruͤber. Jch dachte unſer Mahler wuͤr - de ins kuͤnfftige zu etwas hoͤhers gebraucht werden. Allein es wird ihm gehen wie ie - nen Manne / zu dem ſagte die Frau: Mann / wenn ihr ſo ein Narr ſeyd / ſo werdet ihr kein Rathsherr. Jm uͤbrigen gebrauchten ſie ſich allerhand Ergoͤtzligkeit / welche die ſchoͤ - ne Fruͤhlings - Zeit mit ſich brachte / und in - dem ſie der Narren inquiſition muͤde waren / hatten ſie groͤſſere Luſt mit klugen Leuten zu converſiren.
Endlich kam Sigmund wieder und brach - te folgende reſolution mit / welche alſobald in der Compagnie deutlich verleſen ward.
R viGroß -396Derſelben freundliches Schreiben iſt uns durch Monſ. Sigmund wohl uͤbergeben wor - den. Erſehen darau[ß]/ welcher Geſtalt eini - ger Zweiffel in einer Philoſophiſchen Frage entſtanden / deſſen Eroͤrteung ſie uns wollen guͤnſtig anheim geſtellet haben. Ob wir nun wohl nicht zweiffeln / es wuͤrden dieſelben ih - rer beywohnenden Geſchickligkeit nach / ſolches vor ſich ſelbſt am beſten beylegen koͤnnen: Dennoch weil ihnen beliebet hat / dergleichen Muͤh uns auffzutragen: Als haben wir ſo wohl auß Erforderung unſers Ammtes / als vornehmlich auß ſonderbahrer Begierde dem - ſelben auffwaͤrtig zu eꝛſcheinen / folgende Saͤtze kuͤrtzlich zuſam̃en bringẽ / und dadurch dero ab - gelaſſene Frage / wo nicht gaͤntzlich abthun / doch zum wenigſten erklaͤren ſollen. Befehlen uns hiermit in deroſelben guͤnſtiges Urtheil / und verbleiben der Hochloͤblichen Compa - gnie
Dienſtwillige N. N.
Der Frage Welcher der groͤſte Narr ſey?
I. Die397I.
DJe Thorheit iſt nichts anders / als ein Mangel der Klugheit. Darumb wer die Klugheit erkennet /[k]an auß dem Wieder - ſpiel leicht abnehmen / das ein Narr ſey.
II. Es beſtehet aber die Klugheit vornehm - lich in Erwehlung des Guten und vermei - dung des Boͤſen / alſo daß der jenige vor den Kluͤgſten gehalten wird / der ſich am beſten vor der inſtehenden Gefahr huͤten / und ſeinen Nutzen in allen Stuͤcken befoͤrdern kan.
III. Und hierauß folget / daß derjenige ein Narr ſey / der entweder das Boͤſe dem Guten vorſetzt / oder doch die Sachen / welche an ſich ſelbſt gut genug ſind / nicht recht unterſcheiden kan.
IV. Zwar die Natur hat einen jedweden ſo klug gemacht / daß niemand mit Wiſſen und Willen etwas verlangen oder erwehlen wird / welches er vor Boͤß hielte. Dannenhero weñ Leute gefunden werden / die ſich ſelbſt den Tod anthun / geſchicht ſolches / weil ſie den Tod vor gut und angenehm halten / als dadurch ſie ih - rer Gefahr und anderer Widerwaͤrtigkeit entſetzet wuͤrden.
V. Unterdeſſen iſt diß zu beklagen / daß etli - che Sachen zwar recht und in der WarheitR vijgut398gut befunden werden: Etliche aber an ihm ſelbſt grundboͤſe ſind / und aber einen aͤuſſerli - chen Schein des[Gu]ten bey ſich fuͤhren. Wie ein uͤberzuckerter Gifft / ſo lang er in dem Munde und in der Keh[le]iſt / ſehr ſuͤſſe ſchmeckt / und einen ſonderlichen Schein des guten hat doch endlich im Bauche ſich alſo verhaͤlt / daß man die boͤſe Natur mehr als zu viel erkennen muß.
VI. Derhalben iſt diß der endliche Unter - ſcheid zwiſchen klugen und thoͤrichten Leuten. Ein Kluger erwehlet das Gute / welches in der That und in der Warheit gut iſt. Ein Narr laͤſſet ſich den aͤuſſerlichen Schein be - thoͤren / daß er / wie des Eſopi Hund / das war - hafftige Stuͤck Fleiſch auß dem Munde fallen laͤſt / und nach dem Schatten ſchnappt.
VII. Solche naͤrriſche Leute aber werden in dreyerley Sorten abgetheilet. Etliche ziehen das Boͤſe dem Guten fuͤr / auß Einfalt und Unwiſſenheit. Wie ein Kind ſich den ſchoͤnen Glantz des Feuers betriegen laͤſt / daß es hinein greifft und ſich die Finger verbrennt. Oder wie ein unerfahrner Knabe ſich durch den Schein der Freundſchafft in Gefahr verleiten laͤſt. Deñ ſolche Leute wiſſen es nicht beſſer / und weil ſiedurch399durch die Erfahrung nicht geübt ſind / koͤnnen ſie es nicht beſſer wiſſen.
VIII. Die andere So[rte b]egeht die Thor - heit auß geſchwinden und uͤbereileten Affe - cten. Wie ein zorniger Menſch auß unbe - dachtſamer Begierde zur Rache / darinn er ſich einige Suͤſſigkeit einbildet / den andern be - leidiget: welches er nicht thaͤte / wann er dem Verſtande Raum lieſſe / und bedaͤchte / was er ſelbſt vor Straffe und Ungluͤck darauff zu ge - warten haͤtte.
IX. Die letzte Sorte erkennet das Gute und das Boͤſe gar wohl / doch faͤlt es wiſſent - lich in die Thorheit / daß ein kleines und ſchein - bares Gut / das gegenwaͤrtig iſt / trotz allen kuͤnfftigen und bevorſtehenden Straffen und Belohnungen / dem warhafftigen und weſent - lichen Gute vorgezogen wird. Und da ent - ſchuldigt keine angemaßete Unwiſſenheit. Sondern alle Thorheit wird wiſſentlich be - gangen / da man es haͤtte ſollen und koͤnnen beſſer wiſſen.
X. Denn gleich wie ein Koch / der Schla[n -]gen vor Aal ſpeiſet / ſich mit der Unwiſſenheit nicht entſchuldigen kan. Weil er als[ei]n Koch krafft ſeiner Profeſſion diß hat wi[ſſe]n ſollen: Alſo hilfftes nicht / wenn einer ſpre[che]nwol /400wolte / ich habe es nicht gewuſt / daß im Kriegt ſo boͤſe Leben iſt / ſonſt waͤre ich nit hinein gezo - gen / deñ er hatte[eſ]koͤnnen wiſſen haͤtte er nur den Vermahungẽ ſ[ta]tt gegebẽ. Jaer haͤtte es ſollen wiſſen / weil ihm die Vernunfft leicht eingegeben / daß / wo Rauben / Brennen / Tod - ſchlagen ein taͤgliches Handwerck iſt / kein gu - tes Leben erfolgen koͤnne. Und daß man nicht allein von dar hin ſchieſt / ſondern auch von dort wie der her ſchieſt.
XI. Mit der erſten Gattung hat man bil - lich Mitleiden. Die andere wird etlicher Maſſen / doch nicht allerdings / entſchuldiget. Die dritte ſteht gleichſam auf der hoͤchſten Spitze der Thorheit / und wer den groͤſten Narren finden will / der muß ihn hier ſuchen.
XII Nun ſind in dieſer letzten Claſſe die Narren auch unterſchiedlich / nachdem die Guͤter ſind / welche man in die Schantze zu ſchlagen / und andern nichtswuͤrdigen Dien - gen nachzuſetzen pfleget.
XIII. Das hoͤchſte Gut iſt ohne Zweiffel GOTT / oder weil ſich GOTT dadurch will genieſſen laſſen / hier der Glaube / dort die Se - ligkeit; Denn weil GOtt alles ſchoͤne Frau -en -401en-Zimmer / alle helle Sterne / Gold und Sil - ber / alle niedliche Speiſen / alle annehmliche Muſic / in Summa was[hie]r ſchoͤn und er - freulich iſt / geſchaffen hat: So muß freylich folgen / daß der Urſprung ſolcher Treffligkei - ten viel ſchoͤner und annehmlicher ſeyn muß.
XIV. Nach die[ſe]m Gute folgen die zeitli - chen Gaben / welche uns GOtt / dem muͤhſeli - gen Leben zu Troſt uͤberlaſſen hat. Und da ſind zwey Sachen / welche einander gleiche Wage halten. Auf einer Seite Leib / Leben und Geſundheit; Auf der andern Ehre / Ruhm und redlicher Namen.
XV. Zuletzt kommen die anderen Ergoͤtz - ligkeiten / als Geld / Freunde / Luſt / und derglei - chen.
XVI. Nun iſt zwar dieſer ein rechtſchaffe - ner Narr / der ſeine Luſt in dem Spielen ſucht / und dadurch viel Geld verlieret / oder der eine Heimligkeit verraͤth / und ſeines Freundes da - durch verluſtig wird: Oder der umb Eſſen und Trincken willen ſich umb ſeine Freyheit und gleichſam in Frembde Dienſtbarkeit bringt. Doch weil man bey dieſen allen ge - ſund / ehrlich / und Gottesfuͤrchtig bleiben kan / ſo iſt hierdurch die hoͤchſte Narrheit noch nicht erfuͤllet.
XVI[I]402XVII. Dieſe ſind ohne Zweifel aͤrger / wel - che zum Exempel den Wein nicht laſſen / un - geacht ſie das P[ud]agra, trieffende Augen und andere Ungelegenheit davon haben / oder wel - che auß Geitz Hunger leiden / und ſchwind - ſuͤchtig daruͤber werden / oder welche eiteler revenge wegen ſich in Le[ib]- und Lebens-Ge - fahr ſetzen / und was vor Leute mehr ſind / die auf ihre Geſundheit hinein ſtuͤrmen / als haͤt - ten ſie das Gedienge / daß ihnen nichts ſchaden ſolte.
XVIII. Eben ſo verhalten ſich die Andern / welche ihre Ehre und Redligkeit entweder an den Nagel hencken oder unter die Banck ſtellen. Etliche fragen nichts nach Ehr und Reſpect, wie die jungen Leute / welche Muͤſſig - gangs halben unwiſſend und ungeſchickt ver - bleiben. Etliche rennen gar in den buͤrgerli - chen Tod hinein / und ſtehlen / luͤgen / huren und buben ſo lang / biß ſie dem Hencker in die Faͤuſte gerathen / oder mit dem Schelmen zum Thor hinauß lauffen.
XIX. Ob nun wohl ſolche Leute / welche die heilige Schrifft ſelbſt Narren heiſſet / im Grunde Gottes Veraͤchter ſind: dennoch ſind noch die letzten dahinden / welche auf eine Wag-Schaale die ewige Seligkeit / auf dieandere403andere zeitliche Ehre / Reichthum und andere Eitelkeiten legen. Und ob ſie gleich den Außſchlag auf Seiten der Seligkeit ſehen / gleichwohl ſich mit den Hertzen ſo feſt an die Eitelkeit anhencken / bi[ſ]der Himmel von der Erde uͤberwogen wird.
XX. Nun iſt leicht die Rechnung zu ma - chen / wer der groͤſte Narr ſey: Nemlich der - ſelbe / der umb zeitliches Kothes willen den Himmel verſchertzt. Nechſt dieſem / der umb luͤderlicher Urſachen willen entweder die Ge - ſundheit und das Leben / oder Ehre und gu - ten Nahmen in Gefahr ſetzet.
SJe waren ſaͤmptlich uͤber dieſem Bericht gar wohl vergnuͤget / und erfreuten ſich / daß ſie eine rechte Elle gefunden / damit ſie alle ihre Narren nach der Laͤnge und nach der Breite meſſen koͤnten. Machten derowegen eifrige Anſtallt mit eheſter Gelegenheit nach Hauſe zu kommen / da ſie deñ alles in gutem Zuſtand antraffen / und die leeren Felder in dem Anfangs erwehnten Saale alſo außputzen lieſſen. Oben uͤber ward mit groſſen Buch - ſtaben geſchrieben:DIO -404DIOGENES AMOVE LATERNAM HOMINES[HI]C SUNT NON HO - M[IN]ES.
Das mittelſte Feld war etwas hoͤher / da ſtund ein Menſch / der u[mb]fieng eine Jung - frau / welche von hinten zu lauter Feuerflam̃en außſpie / mit der Uberſchrifft: STULTE DUM MUNDUM COLIS INFERNUM AMPLECTERIS.
Auf einem Seiten-Felde war ein Menſch / der kuͤſte eine Jungfrau / welche vorn lieblich bekleidet / hinten als ein Todengerippe war / mit beygefuͤgten Worten: STULTE DUM VANITATES DEPERIS MORTEM AMPLECTERIS.
Auf dem andern Seiten-Felde ſtund ein Menſch der liebte eine Jungfrau / welche hin - ten als eine Bettelmagd außſah / mit der U - berſchrifft:STUL -405STULTE DUM DULCEDINEM SECTARIS, INFAMIAM AM[PL]ECTERIS.
Unten ſtund eine eine Taffel / darauf die - ſe Worte zu leſen waren: FEL IX QVIA STULTORUM PERICULIS CAUTIOR FACTUS INEPTORUM MAGISTRORUM PRUDENS DISCEDIT DISCIPULUS. APERTA EST SCHOLA STULTORUM OMNIA PLENA.
HJerauff nahm Florindo die voͤllige Be - ſitzung ſeiner Herrſchafft ein / belohnte alle Gefaͤhrten nach Verdienſt / und bat vor - nehmlich ſeinen wohlverdienten Gelanor, er moͤchte ins kuͤnfftige ihm allezeit mit er - ſprießlichem Rath behuͤlflich ſeyn. Eury - las tratt wieder in ſein Verwalter-Ampt. Sigmund ſolte ſo lange auf promotion war - ten / biß die außlaͤndiſchen Narren waͤrenbe -406beſchrieben worden. Der Mahler blieb zu Hofe / und mahlte Narren / und war ſelbſt ein Narr. Niemand aber war vergnuͤgter / als Florindo, daß er nunmehr in den Armen ſeiner angenehmſten[Sy]lvie ſich entſchuldi - gen koͤnte / warumb er[ſo]lang auſſen blie - ben. Wer dergleichen Suͤ[ſſi]gkeit empfunden hat / wird deſto eher des Florindo Gluͤckſe - ligkeit errathen / die andern moͤgen zuſehen / daß ſie nicht zu Narren werden / ehe ſie darzu - kom̃en / wir beſchlieſſen mit dem nachdenckli - chen Spruche:
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Fraktur
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