PRIMS Full-text transcription (HTML)
Theorie von der Generation.
in zwo Abhandlungen erklaͤrt und bewieſen
[figure]
Berlin,gedruckt bey Friedrich Wilhelm Birnſtiel.1764.
[figure]

Vorrede.

Jch habe dieſe Schrift anfaͤng - lich nicht in der Abſicht ver - fertiget, um ſie drucken zu laſ - ſen. Einige meiner guten Freunde, worun - ter der ſeel. Herr Dokt. Guſtav Mat - thias Ludolf, deſſen Andenken mir immer ſchaͤtzbar bleiben wird, der vornehmſte war, verlangten von mir, daß ich Jhnen einen Auszug aus meiner Jnauguraldiſſertation, die eine Theorie der Generation enthielt, ma - chen ſollte. Dieſer Auszug ſollte nur die allgemeine Entſtehungsart der Theile eines organiſchen Koͤrpers in ſich faſſen; in die be - ſondere Umſtaͤnde und Urſachen, die zur For - mation dieſes oder jenen Theiles beſonders) (2erfor -Vorrede. erfordert werden, ſollte ich mich nicht einlaſ - ſen. Jch ſollte erklaͤren, wie ſowohl bey Pflanzen, als auch bey Thieren, Gefaͤße entſtehen; warum dieſe ein Herz haben, und jene nicht; wie ferner uͤberhaupt ſolche Thei - le bey beyden entſtehen, die aus andern klei - nern Theilen zuſammengeſetzt ſind, und zu - ſammengenommen unmittelbar den ganzen Koͤrper ausmachen, wie bey den Pflanzen die Blaͤtter, der Kelch, die Saamenkapſel; bey den Thieren die Fuͤße, die Fluͤgel, die Nieren u. ſ. w. ſind. Was aber erfordert wird, wenn an dieſem Orte Blaͤtter, nicht ein Kelch, an einem andern ein Kelch und keine einfache Blaͤtter, und wieder an einem an - dern ein Saamenbehaͤltniß und kein Kelch herfuͤrgebracht wird, darum ſollte ich mich nicht bekuͤmmern; im Gegentheil aber ſollte ich nunmehro auch dieſe allgemeine Grund - ſaͤtze der Theorie von der Generation deutli - cher erklaͤren, alles weitlaͤuftiger aus einan - der ſetzen, und mich uͤberhaupt dabey einer Schreibart bedienen, die weniger methodiſch und kurz, aber um eben ſo viel leichter und angenehmer iſt. Beſonders ſollte ich um - ſtaͤndlicher erklaͤren, was es mit der Con -ceptionVorrede. ception fuͤr eine Bewandniß hat. Jch habe dieſes alles gethan, und mein Manuſcript verrichtete das, wozu es beſtimmt war.

Nunmehro aber haben ſich die Um - ſtaͤnde geaͤndert. Mein Freund lebt nicht mehr; hingegen habe ich von Ew. Hoch - wohlgebohren dem wuͤrklichen Leib - Medico Sr. Koͤniglichen Majeſtaͤt auch General-Stabs-Medico der Koͤnigli - chen Armeen, Herrn Geheimen Rath Cothenius, Deſſen bey vielen Gelegen - heiten mir bezeigtes guͤtiges Wohlwollen hier oͤffentlich mit Dank zu erkennen, ich fuͤr meine Pflicht erachte, die Erlaubniß er - halten, hier die Phyſiologie und andere Col - legia zu leſen, ſo wie dieſes ſchon ehedem bey dem Lazareth in Breslau eine von Ew. Hochwohlgebohren mir aufgetrage - ne Funktion geweſen iſt. Es liegt mir jetzo eben ſo viel daran, meinen Zuhoͤrern einen vollſtaͤndigen Begriff von dem Gene - rationsgeſchaͤfte zu machen, als mir da - mals daran gelegen war, meinen Freun - den meine Entdeckung in dieſer Sache um - ſtaͤndlich zu erklaͤren. Das iſt die Urſache,) (3warumVorrede. warum ich mich entſchloſſen habe, mein al - tes Manuſcript wieder hervor zu ſuchen und es drucken zu laſſen.

Allein es iſt noch eine andere Urſache, die mich eben ſo ſehr, als die vorige dazu bewogen hat. Herr Bonnet hat in ſei - nen Betrachtungen uͤber die organiſchen Koͤrper ſich angelegen ſeyn laſſen, das be - kannte Syſtem des Malpigh von der Evolution zu vertheidigen. Er hat accu - rat diejenige Beweiſe, die ſich aus meinen Beobachtungen zum Vortheil der Epigene - ſis hernehmen laſſen, mit groſſem Eifer be - ſtritten; aber ich habe noch andere Gruͤn - de, wodurch ich gewiß verſichert bin, daß Epigeneſis uͤberhaupt bey ihm eigentlich ſo viel als meine Theorie insbeſondere und vornehmlich bedeutet. Seine Schreibart iſt uͤbrigens ſo beſchaffen, daß man daraus urtheilen ſollte, er habe die Evolution auſſer allen Zweifel geſetzt; das Wort demonſtriren iſt ſein gewoͤhnlicher Terminus. Da aber ſeine angefuͤhrte Gruͤnde das Weſentliche der Sache nicht beruͤhren, und nur denenjenigen, die ſich indieVorrede. die hieher gehoͤrige Unterſuchungen und Ex - perimente nicht beſonders eingelaſſen haben, wahrſcheinlich vorkommen koͤnnen; ſo habe ich geglaubt, es ſey accurat meine Sache, dieſes zu zeigen. Jch hatte in meinem Manuſcript die Jdee von einer Theorie der Generation entwickelt, und eine Hiſto - rie von den vornehmſten Meynungen uͤber dieſelbe beygefuͤgt, um dieſe mit jener zu vergleichen. Zu dieſen habe ich alſo die Widerlegung der Einwuͤrfe des Herrn Bonnet hinzugeſetzt, und daraus iſt die vorlaͤufige Abhandlung entſtanden.

Der Herr Baron von Haller, den ich fuͤr denjenigen erkenne, der am beſten die Unterſuchungen in dieſem Theile der Phyſick zu beurtheilen im Stande iſt, deſ - ſen Ausſpruͤche auch uͤberhaupt in allen dem - jenigen, was die Natur des thieriſchen Koͤr - pers betrift, allezeit bey mir ein großes Ge - wicht haben werden, dieſer große Ge - lehrte hatte mir die Ehre erzeigt, nicht nur in Briefen, ſondern auch oͤffentlich in den Goͤttingiſchen gelehrten Anzeigen ſeine Ge - danken uͤber meine Theorie zu eroͤffnen,) (4undVorrede. und mir einige Zweifel wider dieſelbe vorzu - ſtellen: ich habe mich alſo auch zugleich be - muͤhet, dieſe Zweifel aufzuloͤſen, und zu dem Ende habe ich auch zu der vorlaͤufigen Ab - handlung die Recenſion hinten beydrucken laſſen.

Uebrigens habe ich in der Theorie ſelbſt, die in der zwoten Abhandlung enthalten iſt, nicht nur den ehemaligen Auszug, wie er Anfangs war, mehr erweitert, und dabey dennoch aber allenthalben auf die Deutlich - keit und Leichtigkeit des Vortrages geſehn, ſondern auch verſchiedene Sachen hin und wieder hinzugeſetzt, die in meiner Diſſerta - tion nicht befindlich ſind.

[figure]
Jn -
[figure]

Jnhalt.

Erſte Abhandlung.

  • 1. Abſchnitt.
    • Begriff einer Theorie von der Generation. 1
    • Jn den bisher bekannten Schriften von der Gene - ration iſt keine Theorie von derſelben ent - halten. 2
    • Erklaͤrung des Wortes Generation. 7
    • Beſchaffenheit einer Theorie von derſelben. 7
    • Unterſcheid dieſer Theorie von der Phyſiologie. 11
  • 2. Abſchnitt. Hiſtorie der verſchiedenen Hypotheſen von der Generation.
    • Erſte Klaſſe. Hypotheſen der Alten. 14
    • Zweyte Klaſſe. Schriften von der Vegetation der Pflanzen. 17
    • Dritte Klaſſe. Beobachtungen bey vierfuͤßigen Thie - ren. 25
    • Vierte Klaſſe. Beobachtungen an den Eyern. 26
    • Fuͤnfte Klaſſe. Hypotheſen der Praͤdelineation. 27
    • Needham und Buͤffon. 28
    • Des Herrn Baron von Hallers Beobachtungen33
    • Bonnet. 34
  • 3. Abſchnitt.
    • Beweiß der Epigeneſis. 35
    • 1) Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſen von der Praͤdelineation39
    • Man findet nichts in der Natur was einer Evolution aͤhnlich waͤre40
    • Die bey den Pflanzen und Jnſekten wahrgenommene Einwickelung der juͤngern in den aͤlteren Theilen iſt keine ſolche Evolution, wie ſie in den Hypotheſen angenommen wird46
    • Vergleichung der Hypotheſen von der Praͤdelineation mit der vorher beſtimmten Harmonie und dem Jdealiſmus59
    • Ein zweyter Grund der Unwahrſcheinlichkeit der Praͤ - delineation72
    • 2) Aufloͤſung der Schwierigkeiten die wider die Theorie des Verfaſſers gemacht ſind74
    • Der Satz, was ich nicht ſehe, iſt nicht da, iſt keine Stuͤtze dieſer Theorie, wie ſolches vorgege - ben wird76
    • Er hat auch gar keinen Einfluß in dieſelbe und die Theorie gruͤndet ſich auf lauter reine Beo - bachtungen80
  • Die Art, wie ſich der Herr von Haller die allmaͤh - lige Erſcheinungen der Gefaͤße auf der area umbilicali vorſtellt, ſtimmt mit den Beo - bachtungen nicht uͤberein91
  • 3) Widerlegung der Einwuͤrfe des Hrn Bonnet97
  • Wenn ein Theil des Embryo da iſt, ſo iſt weder die Kleinheit noch die Durchſichtigkeit deſſelben wie Herr Bonnet glaubt, ſo beſchaffen, daß er deswegen unſichtbar wuͤrde; und noch weniger kann die Ruhe dieſes zu wege bringen99
  • Allein dieſe Wahrheit wird beym Beweiſe der Epi - geneſis dennoch nicht zum Grunde gelegt101
  • Aus der Fortſetzung der Gedaͤrme des Embryo in die Haut des Gelben vom Ey folgt gar nicht daß beyde immer zugleich haben eriſtiren muͤſſen102
  • Weitere Erklaͤrung wie es ſich mit dieſer Continuation und beſonders mit den Gefaͤßen in dieſen Theilen verhaͤlt109
  • Beſchaffenheit der Gefaͤße in dem Meſenterio des Froſches und uͤberhaupt in dem Erwach - ſenen121
  • Noch ein anderer Beweis der Epigeneſis, der von der Fluͤßigkeit der erſten Theile hergenom - men iſt130
[figure]
Zweyte

Zweyte Abhandlung.

  • Theorie von der Generation. 1. Kap. Von den verſchiedenen Arten der Theile in den organiſchen Koͤrpern die eine verſchiedene Entſtehungsart erfordern §. 1-14.
  • 2. Kap. Von der Entſtehungsart der Gefaͤße und des zellenfoͤrmigen Gewebes in den Pflanzen.
    • 1) Wahre Beſchaffenheit dieſer Theile §. 15. 16.
    • 2) Hieraus wird geſchloßen wie es ſich mit ihrer Entſtehungsart verhalten muͤße §. 17.
    • 3) Daß es ſich mit derſelben aber auch wuͤrklich ſo verhalte, wird unmittelbar durch Obſervationen a poſteriori bewieſen §. 18-21.
    • 4) Vollſtaͤndige Erklaͤrung durch was fuͤr wuͤrkende Urſachen und auf was fuͤr Art das zellenfoͤrmige Gewebe und die Gefaͤße herfuͤrgebracht werden §. 22-27.
    • 5) Allgemeines Geſetz bey der Formation der natuͤr - lichen organiſchen Koͤrper §. 28.
    • 6) Wie die organiſche Struktur und die vegetabili - ſche Verrichtungen von einander dependiren §. 29.
  • 3. Kap. Von der Entſtehungsart der Gefaͤße und des zellenfoͤrmigen Gewebes in den Thieren.
    • 1) Wahre Beſchaffenheit der Gefaͤße der Thiere §. 30. 31.
    • 2) Erklaͤrung ihrer Entſtehungsart durch Obſerva - tionen bewieſen §. 32-34.
    • 3) Wie die Haͤute bey den Gefaͤßen der Thiere nach und nach entſtehen. Des Hrn. von Hallers Zwei - fel hierbey werden zugleich gehoben §. 35-38.
    • 4) Warum die Gefaͤße der Thiere ramificirt ſind, die Gefaͤße der Pflanzen aber nicht §. 39-42.
    • 5) Warum bey den Thieren ein Herz entſteht, bey den Pflanzen aber nicht §. 43-45.
  • 4. Kap. Von der Entſtehungsart der vor ſich beſtehen - den und der aus andern zuſammengeſetzten Theile in den Pflanzen.
    • 1) Erklaͤrung der ganzen Entſiehungsart aller die - ſer Theile uͤberhaupt §. 46-51.
    • 2) Beſondere Formation verſchiedener Theile die zu dieſer Gattung gehoͤren, vornehmlich der Blaͤtter die zugleich wider Hr. Bonnet einen augenſchein - lichen Beweis von der Epigeneſis geben §. 52-58.
    • 2) Zwote Art der Organiſation der Theile, wodurch das allgemeine Geſetz von der Formation weiter beſtimmt wird §. 59.
  • 5. Kap. Von der Entſtehungsart eben derſelben Theile in den Thieren.
    • 1) Erklaͤrung der Entſtehungsart dieſer Theile §. 61. 62.
    • 2) Beweis durch die Beobachtung der Fluͤgel, der Fuͤße und der Nieren. Analogie mit den Pflan - zen §. 63-66.
    • 3) Vorſtellung der ganzen Formation eines Thieres, wie ſie nach und nach geſchiehet §. 67-74.
  • 6. Kap.

    Von der Conception.

    • 1) Entwicklung des Begriffs der Conception und Zuſammenhang derſelben mit den uͤbrigen Funkti - onen, die zuſammen die Generation ausmachen §. 75. 76.
    • 2) Was es mit der Vegetation einer einfachen Pflan - ze fuͤr eine Beſchaffenheit habe: wie ſie durch Herfuͤrbringung der Fruktification endlich voͤllig geendigt wird, und was hiervon die Urſache ſey §. 77-83.
    • 3) Dieſes alles wird, da es der Grund von dem ganzen Conceptions-Geſchaͤfte iſt, durch mehrere Erfahrungen weitlaͤuftig beſtaͤtiget §. 84-88.
    • 4) Hieraus wird die ganze Conception erklaͤrt und bewieſen §. 89-94.
    • 5) Conception bey den Thieren §. 95-98.
Anhang.

Anhang. Wiederholte Verſuche.

  • Beſchaffenheit der erſten Anlage zu den Fluͤgeln und Fuͤßen, imgleichen der Bruſt und des Unterlei - bes pag. 257.
  • Beſchaffenheit der erſten Gefaͤße in der Area 260
  • Von der Bewegung des Herzens 264
  • Von der Continuation der Haͤute des Eyes in den Embryo 272.
[figure]
Vor -
[1]
[figure]

Vorlaͤufige Abhandlung von der Theorie der Generation uͤberhaupt, und von den verſchiedenen Hypotheſen die man bishero um ſie zu erklaͤren angenommen hat.

Jch muß mich alſo wohl endlich ent - ſchließen, dieſe ſehr unangeneh - me Arbeit uͤber mich zu nehmen, wenn ich Friede und Ruhe vor Jhnen, mein lieber Freund, haben will. Jch will es thun, wie ich es ſchon oft verſprochen habe, und zwar jetzo gleich; nur erlauben Sie mir zu -Avor2Begriff einer Theorievor noch, Jhnen zu ſagen, daß nichts in der Welt verdrießlicher ſey, als eine Sache, die man ein - mahl in ihrem ganzen Umfange, und nach allen ihren Kleinigkeiten durchgedacht hat, hernach von neuen wieder vorzunehmen, und ſie nach eben den - ſelben Kleinigkeiten, bloß einer andern Ordnung, oder einer andern Schreibart wegen, noch einmahl wieder durch zu arbeiten, und daß nichts in der Welt unertraͤglicher ſey, als ein Freund der dem andern ſo lange martert, bis er ſich endlich frey - willig entweder, oder nicht freywillig, dennoch aber wuͤrklich entſchließt, dieſes aͤngſtliche Ge - ſchaͤfte geduldig anzufangen.

1. Abſchnitt. Begriff einer Theorie von der Generation.

Jn den bis - her bekaun - ten Schriften von der Gene - ration iſt kei - ne Theorie derſelben ent - halten.

Jch glaube, daß ich mich nicht ſehr irre, wenn ich ſage, daß ungeach - tet der vielen Schriften, die in den aͤl - tern ſo wohl, als in den neuern Zeiten uͤber die Generation herausgegeben ſind, deñoch bishero noch niemand eine wuͤrk - liche Lehre von der Generation, die uͤbrigens auch falſch ſeyn moͤchte, gegeben, oder, die Generation wuͤrklich weder wahr noch falſch erklaͤrt habe. Es wird Jhnen ſcheinen als wenn hierinn etwas wi - derſprechendes waͤre; deswegen will ich mich deut - licher erklaͤren.

Setzen3von der Generation.

Setzen Sie daß Jhnen jemand eine Hiſtorie zum Exempel, von der Generation gibt, und daß er Jhnen dieſe Hiſtorie fuͤr eine Erklaͤrung derſel - ben aufdringen wollte, ſo wuͤrden ſie ſagen, er ha - be Jhnen dieſe Erſcheinung zwar erzehlt, aber nicht erklaͤrt, er habe Jhnen dieſelbe nicht nur nicht wahr, ſondern auch nicht einmahl falſch, und mit einem Worte, er habe ſie gar nicht erklaͤrt. Sie ſehen alſo hieraus ſchon, daß zwiſchen falſch erklaͤ - ren, und nicht erklaͤren ein Unterſchied ſey, und daß es gar wohl moͤglich ſey, von einer Sache zu reden, ohne ſie doch weder wahr noch falſch zu erklaͤren.

Wie iſt es aber moͤglich, werden Sie ſagen, daß man ſich ſo ſehr verkennen, daß man eine Hiſtorie fuͤr eine Erklaͤrung anſehen ſollte? Dieſes iſt geſchehen, wie Sie in der Folge ſehen werden; allein es iſt ja auch eben nicht noͤthig, daß das, was man ſagt, eine Hiſtorie ſey, um keine Erklaͤ - rung der Generation zu ſeyn. Wie vielerley Sa - chen wolte ich Jhnen in der Welt nicht ſagen, oh - ne Jhnen doch weder die Geſchichte der Genera - tion erzehlt, noch die Generation erklaͤrt zu haben. Wie alſo, wenn unſere Verfaſſer, indem ſie die Er - zeugung zu erklaͤren glaubten, indeſſen von einer ganz andern Sache gehandelt haͤtten? Aber auch dieſes wird Jhnen unglaublich vorkommen, und auch hiervon werden ſie dennoch in der Folge ver - ſchiedene Exempel ſehen.

Endlich aber iſt es auch moͤglich, daß das, was man ſagt, ziemlich genau das Anſehen einerA 2Erklaͤ -4Begriff einer TheorieErklaͤrung haben koͤnne, da man doch in der That weder dieſe noch irgend eine andere Sache, weder hiſtoriſch erzehlt, noch erklaͤrt, und kurz, da man in der That eigentlich gar nichts geſagt hat. Wenn man als eine beſondere Erſcheinung die Anziehung des Magneten durch eine anziehende Kraft, die man ihm zueignete, erklaͤren wolte, ſo wuͤrde die - ſes das Anſehen einer Erklaͤrung haben, und doch keine ſeyn, indem ſie eben das, was erklaͤrt wer - den ſoll, zum voraus ſetzt, und alſo nicht erklaͤrt. Eben ſo verhaͤlt es ſich mit den Erklaͤrungen der Alten aus den ſo genannten verborgenen Urſachen (qualitatibus occultis). Und dieſes iſt die dritte Art ſich zu betruͤgen, ſich einzubilden, daß man die Generation erklaͤrt oder eine Lehre von der derſelben gegeben habe, da man ſie doch in der That gar nicht erklaͤrt hat.

Wenn ich uͤberdem nun noch dieſes hinzu ſetze, welches die Erfahrung alle Tage beſtaͤtiget, daß es eben kein ſo ſeltenes Phaͤnomen ſey, wenn ein Gelehrter ſich vornimmt etwas abzuhandeln, ohne ſolches vorher genau zu beſtimmen, und alſo ohne zu wiſſen, was er eigentlich abhandeln will, wenn er dem ungeachtet wuͤrklich ein Buch von einer anſtaͤndigen Groͤße ausarbeitet, und noch nicht weiß, was in ſeinem Buche eigentlich enthal - ten iſt, und dieſes auch in ſeinem Leben niemahls erfaͤhrt, wenn das alles ſage ich, in der Republick der Gelehrten eben keine ſo ſeltene Erſcheinung iſt, ſo wird es Jhnen nun ſo wunderbar und wider - ſprechend nicht mehr vorkommen, wenn ich ſagedaß5von der Generation. daß ungeachtet der großen Menge Buͤcher, die von der Generation handeln ſollen, ſie doch kaum ein einziges finden werden, in welchem die Genera - tion entweder wahr oder auch nur falſch erklaͤrt ſey.

Ehe ich aber weiter gehe, und aus dem Be - griff der Lehre von der Generation zeige, daß al - les das, was davon geſchrieben iſt, keine Lehre von der Generation genennt werden koͤnne, ſo will ich eine kleine Anmerckung machen, die ſehr noͤthig ſeyn wird. Noch vor einem Jahre glaubte ich, daß wuͤrcklich niemand die Generation weder wahr noch falſch erklaͤrt habe. Jch haͤtte in dieſes Vor - urtheil nicht verfallen ſollen, denn das Buch, worinn die Generation nothwendig erklaͤrt, obwohl falſch erklaͤrt ſeyn muſte, war mir dem Nahmen nach, und der Verfaſſer deſſelben war mir ſeinen Eigenſchaften nach ſehr wohl bekannt. Jetzo alſo ſage ich, es hat niemand einen einzigen, aber auch nur dieſen einzigen, ausgenommen, die Ge - neration, auch nicht einmahl falſch erklaͤrt. Jch habe im Vorhergehenden zu einem Exempel einer nur ſcheinbaren Erklaͤrung die anziehende Kraft, in ſofern ſie zur Erklaͤrung der Wuͤrkung des Magneten angewendet wuͤrde, und die verborge - ne Urſachen derer Alten angefuͤhrt, und ich ſetze jetzo hinzu, daß dieſe ſcheinbare Erklaͤrungen bey denen Alten ſo gewoͤhnlich waren, daß man ſie bey nahe uͤberhaupt ihre Art zu philoſophiren nennen koͤnnte. Carteſius, dieſer große Mann, der uns faſt kein wahres Wort geſagt hat, und der dem ungeachtet bis zum bewundern groß iſt, ent -A 3deckte6Begriff einer Theoriedeckte zuerſt die Falle, worinn ſich vor ihm alle Philoſophen gefangen hatten. Er ſagte, wo ich mich nicht ſehr irre, ſo ſind ja wohl dieſe Erklaͤ - rungen keine Erklaͤrungen, er zeigte wie eine Erklaͤrung ausſehen muͤſte, und lehrte wie man philoſophiren muͤſte, wenn man es wuͤrklich thun, und nicht nur den Schein, als ob man es gethan haͤtte, haben wollte. Und hierin beſtun - den des des Cartes vornehmſte Verdienſte. War es alſo wohl Wunder, wenn dieſer zu philoſophiſche Geiſt die anziehende Kraft gar nicht einmahl lei - den konnte? Allein war ich eben deswegen nicht blind, wenn mir bey meiner Generation, die noch niemand erklaͤrt haben ſollte, das Buch de Ho - mine & formato fœtu nicht einfiel? Jch hatte es nicht, und ich dachte, des Cartes, der noch kei - ne phyſiſche Wahrheit entdeckt hat, wird auch die Urſachen der organiſchen Koͤrper nicht entdecken, vornehmlich da er keine Vergroͤßerungsglaͤfer hat, da er keine Verſuche liebt, da er ſich um unſere Welt gar nicht bekuͤmmert. Das war alles rich - tig, und ſehr richtig; allein daß Carteſius die Sache auch nicht falſch wenigſtens erklaͤrt haben ſollte, dieſes haͤtte ich von ihm nicht dencken ſollen. Jch bekam nachhero das Buch de homine & for - mato fœtu, und laſe es der Hiſtorie wegen; ich ſahe alſo daß Carteſius ſehr accurat, ob wohl ſo falſch als moͤglich, erklaͤrt hatte.

Jndeſſen iſt Carteſius wuͤrcklich der ein - zige der erklaͤrt und zwar falſch erklaͤrt hat. Die andern alle haben gar nicht erklaͤrt unddieſes7von der Generation. dieſes werden ſie aus der nun folgenden Erklaͤ - rung der Lehre von der Generation und der als - dann mit derſelben verglichenen Hiſtorie dieſer Lehre bald einſehen.

Ein jeder verſteht unter dem WorteErklärung des Wortes Gener a - tion. Be - ſchaffenheit einer Theo - rie von der - ſelben. Generation die Art, wie ein organi - ſcher Koͤrper (eine Pflanze, ein Thier) nach allen ſeinen Theilen, durch Huͤl - fe anderer organiſchen Koͤrper, von derſelben Art, hervorgebracht wird. Dieſe Erklaͤrung habe ich in der Diſſertation von dem Worte Generation gegeben (Expoſ. Inſtit. §. 1.) Wer alſo die Generation erklaͤren will, der wird den organiſchen Koͤrper und deſſen Teile, woraus er beſteht, zum Vorwurf nehmen, und hieruͤber philoſophiren muͤſſen; er wird zei - gen muͤſſen, wie dieſe Theile entſtanden ſind, und wie ſie in der Verbindung, in welcher ſie mitein - ander ſtehen, entſtanden ſind.

Jch ſage dieſes iſt der Begriff, den ich und den ein jeder von einer Lehre von der Generation hat. Man mag dieſen Begriff nun deutlich ha - ben und ihn auszudruͤcken im Stande ſeyn, oder man mag ihn undeutlich denken; ſo wird doch niemand unter denen Worten Erklaͤrung der Ge - neration, Lehre von der Generation, Theorie der Generation, etwas anders, als das, was ich be - ſtimmt habe, verſtehen.

Jch ſage man wird den organiſchen Koͤrper der Pflanze oder des Thieres zum Vorwurf neh - men und hieruͤber philoſophiren muͤſſen. Jch glau -A 4be -8Begriff einer Theoriebe, daß ich mich nicht beſſer ausdruͤcken kann. Was uͤber eine Sache philoſophiren oder ſie phi - loſophiſch erkennen heiſt, das wißen Sie. Nicht philoſophiſch erkennen, und doch aber erkennen, heiſt ihre Eigenſchaften aus der Erfahrung wiſ - ſen, dabey aber unbekuͤmmert ſeyn, warum ſie dieſe Eigenſchaften und keine andere habe, und warum die Sache ſo vielmehr als anders beſchaf - fen ſey. Man nennt es eine Sache bloß hiſtoriſch erkennen. Wer alſo zum Exempel bloß aus der Erfahrung weiß, auf was fuͤr Art der organiſche Koͤrper des Menſchen aus ſeinen verſchiedenen Theilen zuſammengeſetzt iſt und aus was fuͤr Theilen er auf dieſe Art zuſammen geſetzt iſt, der kennt den organiſchen Koͤrper des Menſchen hiſtoriſch. Sie ſehen dieſes iſt accurat die Anatomie, und dieſe iſt al - ſo nichts anders, als eine hiſtoriſche Kenntniß oder eine Hiſtorie des menſchlichen organiſchen Koͤrpers.

Wer aber eine Sache nicht aus der Erſah - rung unmittelbar, ſondern aus ihren Gruͤnden und Urſachen erkennt, wer alſo durch dieſe, nicht durch die Erfahrung, gezwungen wird, zu ſagen, die Sache muß ſo, und ſie kann nicht anders ſeyn, ſie muß ſich nothwendig ſo verhalten, ſie muß die - ſe Eigenſchaften haben und andre kann ſie nicht haben, der ſieht die Sache nicht nur hiſtoriſch ſondern wuͤrklich philoſophiſch ein, und er hat ei - ne philoſophiſche Kenntniß von ihr.

Wenn nun alſo jemand aus denjenigen Kraͤf - ten der Natur, durch welche die organiſchen Koͤr - per formirt werden, und aus der Beſchaffenheitdie -9von der Generation. dieſer Kraͤfte, imgleichen aus den Eigenſchaften derjenigen Subſtanz, aus welcher die Koͤrper for - mir werden ſollen, einſieht, daß zum Exempel ein Koͤrper, der aus dieſer Subſtanz formirt wer - den ſoll, zwar Gefaͤße bekommen werde, allein dieſe Gefaͤße werden nicht ramificirt ſeyn, ſo daß aus ei - nem viele andere entſpringen ſollten, ſondern es werden ſo viel Staͤmme und beſondere Urſpuͤnge derſelben ſeyn, als Gefaͤße vorhanden ſind, daß im Gegentheil alle dieſe Gefaͤße bey ihrem Anfange ſo weit als bey ihren Enden ſeyn, und alle parallel ne - ben einander liegen werden, daß ſie ferner nothwen - dig ſo neben einander gelegt ſeyn werden, daß da - durch ein Cylinder oder ein Kegel mit einer der Strucktur nach in wenigem nur unterſchiedenen Axe und in der Spitze des Kegels ein Vegeta - tionspunkt formirt werden muͤſſe, und kurz daß dieſer ganze organiſche Koͤrper, nichts anders als eine Pflanze werden koͤnne, (denn dieſe angegebe - ne Beſtimmungen druͤcken ſchon das weſentliche der Pflanze, wodurch alle uͤbrige Eigenſchaften derſelben determinirt werden, aus), wer dieſes al - les, ſage ich, aus der Beſchaffenheit der Kraͤfte, durch welche der organiſche Koͤrper formirt wer - den ſoll, und aus den Eigenſchaften der Subſtanz aus welcher er formirt werden ſoll, einſieht, der hat eine philoſophiſche Erkenntniß von dieſem or - ganiſchen Koͤrper. Eben ſo ferner, wenn jemand aus der Beſchaffenheit eben dieſer Kraͤfte, wo - durch die organiſchen Koͤrper formirt werden, und aus den Eigenſchaften einer andern Subſtanz, ausA 5wel -10Begriff einer Theoriewelcher nun wiederum ein ſolcher Koͤrper formirt werden ſoll, einſieht, daß dieſer Koͤrper ebenfalls zwar Gefaͤße bekommen werde, daß aber dieſe Ge - faͤße ramificirt werden ſeyn muͤſſen, daß immer mehrere kleinere aus wenigern groͤßeren und alle endlich aus einem gemeinſchaftlichen werden ent - ſpringen muͤſſen, daß eben dieſes gemeinſchaftli - Gefaͤße ein Herz ſeyn werde, weil die Figur des Herzens, welches bey den Jnſeckten ein bloßer et - was weiter Canal iſt, nichts zum Weſen des Her - zens beytraͤgt; daß aus dieſen Beſtimmungen fer - ner alle uͤbrige Eigenſchaften, wodurch ſich der thie - riſche organiſche Koͤrper von dem organiſchen Koͤr - per der Pflanze in Anſehung ſeiner Zuſammenſe - tzung unterſcheidet, nothwendig werden erfolgen muͤſſen, wenn alſo ſage ich auf dieſe Art jemand den Bau dieſes organiſchen Koͤrpers aus der Be - ſchaffenheit der ihn formirenden Kraͤften | und den Eigenſchaften der Subſtanz, woraus er formirt wird und alſo aus ſeinen Urſachen einſieht; ſo hat derſelbe eine philoſophiſche Erkenntniß von ihm die von der bloß hiſtoriſchen ſehr verſchieden iſt.

Hieraus aber ſehen Sie zu gleicher Zeit auch, daß eine ſolche phyloſophiſche Erkenntniß von ei - nem organiſchen Koͤrper accurat unſere Theorie der Generation ſeyn werde, eben ſo wie ich kurz vorher geſagt habe, daß die hiſtoriſche Kenntniß deſſelben nichts anders als die Anatomie ſey.

Da man ferner die philoſophiſche Erkenntniß eines Dinges eine Wiſſenſchaft deſelben nennt;ſo11von der Generation. ſo iſt es einerley, ob ich ſage, die Lehre von der Generation ſey eine philoſophiſche Kenntniß des organiſchen Koͤrpers, oder ſie ſey eine Wiſſenſchaft deſſelben. Eben ſo koͤnnen Sie dieſes noch auf verſchiedene andere Art ausdruͤcken, und Sie ſa - gen immer daſſelbe wieder. Sie koͤnnen z. E. ſa - gen wer die Lehre von der Generation weiß, der muß den zureichenden Grund von den Theilen und der Zuſammenſetzung des organiſchen Koͤrpers wiſ - ſen; er muß den organiſchen Koͤrper aus ſeinen Ur - ſachen erkennen; er muß eine philoſophiſche Er - kenntniß von ihm haben; er muß eine Wiſſen - ſchaft von dem organiſchen Koͤrper haben, und weil die Anatomie eine hiſtoriſche Kenntniß des or - ganiſchen Koͤrpers iſt; ſo ſagen Sie wiederum eben das vorige, wenn Sie ſich ſo ausdruͤcken: Die Lehre von der Generation verhaͤlt ſich zu der Anatomie, wie ſich die Pſylologia rationalis zur empyrica verhaͤlt.

Die Lehre von der Generation iſtUnterſcheid dieſer Theo - rie von der Phyſiologie. auch von der Phyſiologie unterſchieden. Dieſe, wenn Sie ſie uͤberhaupt neh - men wollen, iſt eine Wiſſenſchaft von de - nenjenigen Verrichtungen des organiſchen Koͤr - pers, welche ihren zureichenden Grund in dem Weſen und der Natur des organiſchen Koͤrpers ſelbſt haben. Alle Veraͤnderungen alſo, die in dem organiſchen Koͤrper vorgehen, deren Urſachen aber nicht nur in dem Koͤrper befindlich ſind, ſon - dern die auch weſentliche Stuͤcke deſſelben ausma - chen, gehoͤren zur Phyſiologie und muͤſſen in der -ſel -12Begriff einer Theorieſelben erklaͤrt werden. Da hingegen diejenigen Veraͤnderungen die ihren Grund außer dem Koͤr - per oder in Dingen wenigſtens die nicht zum Koͤr - per gehoͤren, kurz die ihren Grnnd nicht in der Natur und dem Weſen des Koͤrpers haben, zur Pathologie hingerechnet werden. Da man auch Funktionen diejenige Veraͤnderungen eines orga - niſchen Koͤrpers nennt, die ihren hinreichenden Grund in der Natur und dem Weſen deſſelben ha - ben, ſo koͤnnen Sie ſich kuͤrzer ausdruͤcken, in - dem Sie ſagen, die Phyſiologie iſt eine Wiſſenſchaft von den Funktionen des organiſchen Koͤrpers.

Nunmehr vergleichen Sie dieſen Begriff der Phyſiologie, welcher richtig iſt, mit dem Begriff meiner Theorie und ſehen Sie ob dieſe beyden Be - griffe einerley ſind. Jſt denn die Wiſſenſchaft von den Funktionen eines organiſirten Koͤrpers und die Wiſſenſchaft eben dieſes Koͤrpers ſelbſt, oder der Zuſammenſetzung und der Strucktur ſeiner Theile le ein und eben daſſelbe Ding? Dieſe beyde Wiſſen - ſchaften ſind nicht nur ſehr von einander unterſchie - den, ſondern ſie haben auch gar nichts aͤhnliches mit einander. Die Verhaͤltniſſe zwiſchen der Ana - tomie, der Lehre von der Generation, und der Phyſiologie werden ungefehr dieſe ſeyn. Jn der Anatomie lernen wir aus der Erfahrung die Zu - ſammenſetzung und die Strucktur eines organiſchen Koͤrpers. Wir koͤnnen aber dieſe Zuſammenſetzung und Strucktur nicht erklaͤren, wir wiſſen nur, daß ſie ſo iſt, und weiter wiſſen wir nichts. Nunkommt13von der Generation. kommt auf der einen Seite der Anatomie die Leh - re von der Generation, darinn wird das, was wir aus der Anatomie hiſtoriſch wuſten, aus Gruͤn - den erklaͤrt. Auf der andern Seite der Anatomie befindet ſich die Phyſiologie, worinn die Wirkun - gen, die der organiſche Koͤrper hervorzubringen faͤhig iſt, erklaͤrt werden. Die Phyſiologie ver - haͤlt ſich zur Anatomie accurat, wie ein Coralla - rium zu ſeinem Theorema, aus dem es hergeleitet wird; meine Theorie verhaͤlt ſich zur Anatomie, wie die Demonſtration dieſes Theorema zu eben demſelben.

Sie werden nunmehr wiſſen, wie einer der die Generation erklaͤren will, es anfangen muͤſſe, wovon er reden, und wie er reden muͤſſe.

Wer nicht von der Strucktur der Theile und der Zuſammenſetzung des Koͤrpers ſpricht, wer davon nicht die Urſachen angibt, und zeigt wie durch dieſe Urſachen die Theile und die Zuſammen - ſetzung determinirt werden, der erklaͤrt auch die Generation nicht. Das was er ſagt, kann uͤbri - gens ſchoͤn ſeyn; es kann ſehr wahr und auch ſehr gelehrt ſeyn, nur eine Erklaͤrung von der Genera - tion wird es nicht ſeyn, immer eben ſo wenig, als Sie eine Hiſtorie von Frankreich eine Theorie der Generation nennen koͤnnen.

Nun unterſuchen Sie alle Schriften die unter dem Titel einer Abhandlung von der Generation ſeit des Ariſtoteles Zeiten bekannt geworden ſind;ich14Hiſtorie der verſchiedenenich ſage in allen dieſen Schriften wird nicht ein Wort von der Entſtehungsart auch nur des gering - ſten Theiles zu finden ſeyn. Das iſt es alſo was ich gleich im Anfange behauptet habe. Man hat bishero von einer Theorie der Generation nichts gewuſt, und man hat keinen Begriff von dieſer Wiſſenſchaft gehabt.

2. Abſchnitt. Hiſtorie der verſchiedenen Hypo - theſen von der Generation.

Jch will nunmehro gantz kurz die Hiſtorie der Lehre von der Generation noch durchgehn, und bey einer jeden Hypotheſe Jhnen zeigen, warum ſie unmoͤglich eine Erklaͤrung genennt werden koͤn - ne. Um Jhnen einen ganz kurzen Begriff von dieſem Stuͤck der gelehrten Hiſtorie beyzubringen, ſo theile ich alles was von dieſer Sache geſchrieben iſt in 5 Claſſen ein.

Erſte Claſſe, was die Al - ten gethan haben.

Die erſte Claſſe begreift alles dasjenige in ſich, was von den Alten bis auf die Zeiten des Harvaͤus geſchrieben iſt. Jn allen dieſen Schriften ſinden Sie immer ein und eben daſſelbe, und dieſes beſteht vornehmlich in folgenden Punk - ten. 1.) Der maͤnnliche Saame wird aus allen Theilen des ganzen Koͤrpers von dem Nahrungs - ſaft, der fuͤr jeden dieſer Theile insbeſondere be - ſtimmt war, und der in einer uͤberfluͤßigen Men - ge in denſelben ſich angeſammlet hatte, hergenom -men15Hypotheſen von der Generation. men, er wird aus allen dieſen Theilen, als ein ihnen uͤberfluͤßiger Nahrungsſaft wieder zuruͤck - gefuͤhrt, ohne Unterſcheid, aus welchen Theilen er gekommen iſt, in eine Maſſe vermiſcht, und in den Saamenblaͤschen zum kuͤnftigen Gebrauch niedergelegt. Das iſt die ſchoͤnſte Hypotheſe, die jemahls der menſchliche Verſtand erdacht hat, die nicht nur mit der Art, wie ſich die Alten die For - mation der Thiere vorſtellten, nemlich durch die ſo genannte Aneinanderſetzung der Theile (forma - tio per adpoſitionem particularum) vollkommen und ſehr ſchoͤn uͤbereinſtimmt, ſondern die man ſich auch, wenn dieſe Art der formation richtig waͤre, auf keine andere Art vorſtellen koͤnnte, die ein Philoſoph nicht ohne Vergnuͤgen leſen kann, wenn er gleich weiß daß ſie falſch iſt. 2.) Die - ſer Saamen iſt die wuͤrkende Urſache, von wel - cher alle Bewegung bey der Formation des Koͤr - pers herkommt, und eben derſelbe iſt auch, nach - dem er mit dem weiblichen Saamen im Utero vermiſcht iſt, die Materie, aus welcher der Koͤrper formirt wird. 3.) Der Grund, warum die Thei - le in dieſer vielmehr als in einer andern Ordnung zuſammen geſetzt werden, alſo der Grund der Strucktur und der Zuſammenſetzung der Theile (dieſes, bemercken Sie es ſich, waͤre die Sache die wir erwarten) liegt in der Seele, die von der Seele des Vaters getrennt, in dem Saamen eingewickelt (in ſemine tanquam vehiculo) zugleich mit dem - ſelben in den zu formirenden Koͤrper uͤbergeht. Das iſt es alles, was die Alten von der Genera -tion16Hiſtorie der verſchiedenention geſagt haben; Sie finden es am deutlichſten im Sennert vorgetragen, und zwar in ſeinen In - ſtitutionibus medicinæ pag. 80 und 81. und wie - derum pag. 87 und 88. Sie werden, wenn ſie dieſen Mann, der das Beſte und Auserleſenſte aus den Alten zuſammen getragen hat, in den ange - zeigten Orten nachleſen, ſehen, daß ich nicht ein Wort zugeſetzt und nichts von der Hauptſache weg - gelaſſen habe. Aber finden ſie nun wohl in allen dem, was die Alten geſagt haben, die geringſte Erklaͤrung auch nur des allergeringſten Theiles? Jn dem 1ſten Punkte wird geſagt wie der maͤnn - liche Saamen abgeſondert wird; von der Forma - tion wird gar nicht geſprochen. Jm 2ten Punkt, wird geſagt, wo die Kraft herkomme, wodurch der Koͤrper formirt wird, und welches die Materie ſey, aus welcher er formirt wird. Von der For - mation ſelbſt wird wiederum nichts geſagt. Jm 3ten Punkt wird zwar geſagt, daß der Grund warum der Koͤrper ſo und nicht anders formirt wird, in der Seele liege, aber er wird, geſetzt daß dieſes wahr waͤre, deswegen nicht angegeben, und es werden nicht aus ihm die Theile und ihre Zuſammenſetzung erklaͤrt. Wenn auch die Alten zum Voraus geſetzt haben, die Formation geſchehe durch die Aneinanderſetzung der Theile (per ap - poſitionem) ſo iſt dieſes keine Erklaͤrung unſerer organiſchen Koͤrper. Jch will wiſſen, warum durch dieſe Aneinanderſetzung der Theile keine Kugel, keine bloße ſimpele ſolide Kugel, ſondern ſolche organiſche Koͤrper, wie wir haben, formirtwer -17Hypotheſen von der Generation. werden; das will ich wiſſen. Jndeſſen haben doch die Alten in Anſehung der Erklaͤrungen kein quid pro quo gemacht. Sie haben ſich lieber von Erklaͤrungen gar nichts einfallen laſſen.

Die zwote Claſſe enthaͤlt eineZwote Claſ - ſe. Schriften von der Vege - tation der Pflanzeh. ganz beſondere Art von Gelehrten, die ſich hauptſaͤchlich an den Pflanzen gehalten haben, und Sie ſollen vor - nehmlich bey ihnen lernen, wie man erklaͤrt zu haben ſcheinen kann, ohne doch erklaͤrt zu haben. Sie betiteln ihre Theorien, die aber nur Theorien zu ſeyn ſcheinen, eben deswegen weil ſie die Sachen zu erklaͤren ebenfalls nur das Anſehen haben, Abhandlungen von der Ve - getation. Sie ſehen leicht, wenn ſie die Vege - tation wuͤrklich erklaͤrt haͤtten, daß ſie alsdann wenigſtens den Theil der Lehre von der Genera - tion geliefert haben wuͤrden, der von der Forma - tion dererjenigen Theile handelt, die zuſammen - genommen unmittelbar das Ganze ausmachen. Allein wenn Sie dieſe Abhandlungen leſen, ſo werden Jhre Begriffe allmaͤhlig, verwirrt; Sie vergeſſen dabey, was Sie eigentlich ſu - chen wollten. Sie leſen auf dieſe Art die Abhand - lung zu Ende, und nachhero wiſſen Sie zwar eigentlich nicht, wie es mit der Vegetation zugeht, und Sie ſind bey ſich uͤberzeugt, daß Sie es nicht wiſſen, allein Sie ſollten doch ſchwehren, daß Sie die Erklaͤrung derſelben geleſen haͤtten. Hoͤ - ren Sie nur zu, ich will Jhnen dieſes Geheimniß,Bwel -18Hiſtorie der verſchiedenenwelches den Verfaſſern ſelbſt ein Geheimniß iſt, erklaͤren; zuvor will ich Jhnen die fuͤrnehmſte Verfaſſer nennen. Honoratus Fabri hat ſchon nach dieſer Methode uͤber die Pflanzen philoſo - phirt, ich glaube aber nicht, daß er der Erſte geweſen ſey. Es iſt uͤbrigens eben derſelbe groß - muͤthige Jeſuite, welcher ſagt, er habe den Um - lauf des Blutes nicht von Harway gelernt; er habe ihn lange zuvor ſeinen Zuhoͤrern vorgetra - gen, er halte ihn aber nicht fuͤr eine Sache von ſo großer Wichtigkeit, daß er ihrentwegen einen Proceß anfangen ſollte. Solten Sie ſo vernuͤnf - tige und wahre Gedancken wohl zu einer Zeit er - warten, da ein Vorurtheil von der Groͤße und Wichtigkeit dieſer Erfindung bey nahe die ganze Welt eingenommen hatte? ein Vorurtheil, wel - ches ſich auch jetzo noch erhaͤlt? Nach ihm hat beſonders Greew in ſeiner Anatomia plantarum, dieſelbe Sache noch weiter getrieben, und nachhe - ro haben alle diejenigen, die entweder von der Vegetation, oder eine Art von Phyſiologie, oder auch Anatomie der Pflanzen haben ſchreiben wol - len, worunter beſonders Du Hamel Phyſic des arbres zu rechnen iſt, eben dieſelben Sachen wie - der nachgeſagt. Einer von den neueſten iſt Hill, der ſeine Schrift ſo gar einen Verſuch einer Lehre von der Erzeugung nennt. Linnaͤus ſelbſt hat ſich in dieſes Nez mit herein ziehen laſſen.

Die allergewoͤhnlichſte Art, die Formation der Theile bey den Pflanzen zu erklaͤren, und wel - che Sie daher auch beym Greew, Du Hamel, Hillund19Hypotheſen von der Generation. und allen andern am haͤuſigſten antreffen, iſt die - ſe, daß ſie ſchlechtweg die Struktur der Theile ana - tomiſch und alſo hiſtoriſch beſchreiben, und ohne weitere Umſtaͤnde alsdann dieſe Beſchreibung fuͤr eine phyſiſche Erklaͤrung ausgeben. Sie werden ſagen, wo ſteckt denn hier die Kunſt, oder das wahrſcheinliche Anſehen einer wahren Erklaͤrung. Freylich, wenn ich Jhnen vorher ſage, was zu einer Erklaͤrung erfordert wird, und alsdann ohne Umſchweife beſtimme, was der Verfaſſer gethan hat, ſo ſehen Sie wohl, daß er nicht erklaͤrt hat; allein Sie muͤſſen ſich an ſeine Stelle ſetzen, Sie muͤſſen vors erſte zum Voraus ſetzen, daß Sie keinen recht deutlichen Begriff von einer Er - klaͤrung haben, daß Sie uͤber dieſen, als uͤber ei - ne Kleinigkeit, welche einem jeden ſo ſchon hin - laͤnglich klar ſeyn muͤſſe, weggehn. Alsdann muͤſſen Sie den Verfaſſer Schritt fuͤr Schritt fol - gen. Dieſer ſteht alſo, und Sie eben ſo wohl, daß die Pflanzen, in dem ſie wachſen, ſich gleich - ſam aus einem Punkt in ihre verſchiedene Theile, Stamm, Aeſte, Zweige, Blaͤtter, allmaͤhlig ausdehnen. Auf dieſe Art entſtehen alſo die Pflanzen; und folglich iſt hierbey weiter nichts zu erklaͤren uͤbrig, als den erſten Urſprung der Theile zu entdecken, oder gleichſam das Neſt zu entdecken, aus welchem die verſchiedene Theile entſpringen. Dieſes alles aber, bemercken Sie es ſich wohl, ſagen unſere Naturforſcher nicht mit ausdruͤckli - chen Worten, aber es befindet ſich dunkel in ihrer Seele, und es iſt der Grund der Methode ihrerB 2gleich20Hiſtorie der verſchiedenengleich folgenden Erklaͤrung. Sie ſetzen es alſo zum Voraus, und ſie koͤnnen es ohne Schaden, und ohne unverſtaͤndlich zu werden thun, weil ein jeder Leſer in demſelben Zuſtande ſich befindet, und eben daſſelbe dunkel bey ſich denket. Um alſo nun die - ſes noch unbekannte Neſt Jhnen zu entdecken, ſo nehmen ſie ganz natuͤrlicher Weiſe ihr anatomi - ſches Jnſtrument zur Hand, zergliedern die Pflan - ze, und ſehen zu, wo die Faſern, die den Theil, deſſen Urfprung ſie erklaͤren wollen, ausmachen, entſtehen. Sie ſagen alsdann, dieſer Theil ent - ſpringt aus dem Mark der Pflanze, jener aber nimmt ſeinen Urſprung zwiſchen den holzigen Fa - ſern, und den Faſern der Haut u. ſ. w. Theils um Jhnen dieſes noch deutlicher zu machen, theils um zu beweiſen, daß das, was ich ſage, wahr ſey, wiewohl dieſes Leztere nicht noͤthig waͤre, weil der ganze Greew, der ganze Du Hamel und Hill von Exempeln davon voll ſind, will ich ein Exempel aus dem Greew anfuͤhren. Seite 114 in der kleinern Ausgabe, iſt die Rede vom Urſprung der Knoſpen und der Zweige. Was er hievon ſagt, und wie er hieruͤber philoſophirt da - von will ich Jhnen ſeine eigne Worte anfuͤhren. Dieſe ſind folgende: Si on examine donc l origi - ne des branches & des bourgeons, on decou - vre ſans peine, qu’ils ne ſortent pas de la ſur face des tiges, mais que les parties inferieures con - tribuent a les former. Bald darauf faͤhrt er fort: Ainſi il y a beaucoup d’apparance, que la plûs part des bourgeons tirent leur origine de pluſi -eurs21Hypotheſen von der Generation. eurs fibres du corps ligneux, qui ſ inſerent, & qui ſe melent avec la mouelle, comme on le peut voir, lorsqu’on fait la diſſection d une tige. Was haben Sie wider dieſe Erklaͤrung einzuwen - den? Zeigt er Jhnen nicht den Urſprung der Thei - le, den Sie wiſſen wollten? Aber thut er auch wohl das Geringſte mehr, als was ein Anatomi - cus thut, wenn er ſagt, die arteria cœliaca ent - ſteht dicht unter dem diaphragma aus der aorta; die vaſa ſpermatica entſtehen mehrentheils aus den vaſis renalibus? Es iſt keine Entſchuldigung, wenn Sie ſagen, Greew hat ſein Buch Anato - mie der Pflanzen betitelt; Hill hat das Seinige, eine Lehre der Erzeugung genennt, und iſt eben ſo verfahren, und Greew hat an den angezeig - ten Orten eben ſo wohl wie Hill, eben ſo wohl wie alle andere, die Vegetation erklaͤren wollen. Wo ſteckt denn nun alſo in den dunkelen Begrif - fen, die ich oben angefuͤhrt habe, und worin der Grund dieſer falſchen Methode die Vegetation zu erklaͤren, verborgen liegt, der Jrrthum? Jch ha - be Jhnen, mein lieber Freund, ſchon ſo viel dun - kele Begriffe meiner Vorgaͤnger entwickelt, daß ich dieſer Arbeit bey nahe bis zum Eckel uͤberdruͤßig bin. Jch habe mich ſchon an verſchiedenen Orten in meiner Diſſertation in dieſes Geſchaͤfte einge - laſſen, und wenig Dank davon gehabt, und es iſt auch eigentlich nicht mein Amt, das Chaos eines jeden auseinander zu wickeln. Verſuchen Sie al - ſo hierbey einmahl ſelbſt ihre Kraͤfte. Gelingt es, ſo haben Sie eine kleine Uebung in einer Sache,B 3wor -22Hiſtorie der verſchiedenenworin billig ein jeder Gelehrter eine Fertigkeit ha - ben ſollte; wo nicht, ſo will ich Jhnen hernach dennoch die Sache vollſtaͤndig erklaͤren.

Eine andere Art, ein quid pro quo zu ma - chen, iſt, wenn man den Endzweck eines Din - ges mit der phyſiſchen Urſache vermiſcht. Sie fragen nach der Urſache, warum dieſes oder jenes, in dem menſchlichen Koͤrper zum Exempel, ſich ſo und nicht anders verhaͤlt, und man ſagt Jhnen, es ſey darum ſo, damit dieſes oder jenes dadurch bewerkſtelliget werden koͤnne, oder auch es ſey aus dem Grunde ſo, weil dieſes dadurch hat ſollen be - werkſtelliget werden. Das nennt man alsdenn Erklaͤrungen, und man weiß von keinen andern Erklaͤrungen weiter. Jn allen anatomiſchen, phy - ſiologiſchen, mediciniſchen Buͤchern finden Sie von der Struktur und Zuſammenſetzung des menſchlichen Koͤrpers keine andere als ſolche Erklaͤ - rungen und man denkt an keine andere Art der - ſelben. Eben deswegen ſage ich, man hat von ei - ner Anatomia rationali, oder einer Lehre der Ge - neration noch keinen Begriff gehabt. Sollte wohl die Zweydeutigkeit in den Ausdruͤcken zu dieſem Jrrthum Anlaß gegeben haben? Das waͤre doch in der That laͤcherlich. Wir muͤſſen es einmahl, wenn wir, wie gewoͤhnlich, nichts zu thun ha - ben, unterſuchen. Dieſe Art alſo von Erklaͤrun - gen finden Sie nun auch haͤufig bey den Vegeta - tions-Seribenten.

Die23Hypotheſen von der Generation.

Die allerluſtigſte Art zu erklaͤren aber iſt die, da man, um eine Sache zu erklaͤren, eben dieſel - be Sache wieder ſagt, und ſie nur mit andern Worten ausdruͤckt. Hievon muß ich Jhnen wie - der ein Exempel, und zwar aus dem Greew an - fuͤhren; denn Sie werden mir alsdenn deſto eher glauben, daß ſeine Nachfolger es nicht beſſer ge - macht haben. Greew will, Seite 123 erklaͤren, warum bey einigen Pflanzen die Blaͤtter laͤnglicht werden und warum andere hingegen runde Blaͤtter bekommen. Das iſt ſo leicht nicht; es haͤngt mit den mehreſten weſentlichen Kennzeichen der Pflanze zuſammen, und man muß daher die er - ſten Gruͤnde der ganzen Pflanze einſehn, wenn man von der Figur der Blaͤtter Rechenſchaft ge - ben will. Mir iſt es deswegen ſchwer geworden. Greew aber wird bald fertig. Hoͤren Sie, wie er die Sache anfaͤngt. Er ſagt, wenn die Haupt - Rippe des Blattes viel laͤnger iſt, als die Seiten - Rippen, ſo wird das Blatt laͤnglicht. Rund aber wird das Blatt, wenn die Seiten-Rippen zuſam - men ſo lang ſind wie die Haupt-Rippe. Da ha - ben wirs! Was iſt denn aber ein laͤnglichtes Blatt? Das iſt ein Blatt, deſſen Laͤnge die Brei - te uͤbertrift; und was iſt ein Rundes? ein Blatt deſſen Breite der Laͤnge gleich iſt. Ob Sie aber ſagen Laͤnge des Blattes, oder die Haupt-Rippe deſſelben, die allemahl das Maasſtab der Laͤnge iſt; und ob Sie die Breite des Blattes oder die Seiten-Rippen, die eben die Brei - te ausmachen, nennen, das iſt einerley. Folg -lich24Hiſtorie der verſchiedenenlich Herr Greew ſagen Sie durch ihre Erklaͤ - rung eben ſo viel, als wenn ſie geſagt haͤtten, eine Pflanze bekommt runde Blaͤtter, wenn ſie runde Blaͤtter bekommt, und laͤnglichte Blaͤtter aber bekommt ſie, wenn ſie laͤnglichte bekommt. Auf eben dieſelbe Art erklaͤrt er die Flaͤche der Blaͤtter, die ausgezackte oder glatte Raͤnder der - ſelben. Voͤllig auf eben dieſelbe Art; ich will mich alſo dabey nicht aufhalten. Jch habe mir die Muͤhe gegeben und alle dergleichen ſcheinbare Er - klaͤrungen die im ganzen Greew vorkommen, zu unterſuchen. Sie koͤnnen alle zu eine der angege - benen Arten reducirt werden. Eben ſo habe ich es mit dem Hill, dem Honoratus Fabri und einigen andern gemacht. Vom Du Hamel habe ich nur die Recenſion in den Commentariis Lip - ſienſibus geleſen, und daraus hinlaͤnglich geſehen, daß er in demſelben Jrrthum gerathen iſt; Er hat ſehr viel ſchoͤne Sachen geſchrieben, und ſein koſt - bares Werk verdient große Achtung; nur die Vegetation zu erklaͤren haͤtte er ſich nicht einlaſſen ſollen. Jn Hills Verſuch aber iſt nicht ein klu - ger Gedanke zu finden.

Einige haben auch geglaubt, das Geheimniß der Generation bey den Pflanzen gluͤcklich erwiſcht zu haben, wenn ſie durch Vergroͤßerungsglaͤſer in dem Stylo des Piſtills Wege wahrgenommen haben, wodurch der Blumenſtaub zum Germen kommen koͤnnte. Das iſt bey den Pflanzen eben das, was bey den Thieren der Beyſchlaff iſt. Wennaber25Hypotheſen von der Generation. aber jemand die gluͤckliche Entdeckung gemacht haͤtte, daß beym Beyſchlaff der maͤnnliche Saa - men in die Geburthsglieder des Frauenzimmers uͤbergehe, daß in denſelben eine Scheide befind - lich ſey, wodurch er ungehindert zu die innere Theile kommen koͤnne; werden Sie denn ſagen, daß der die Theorie der Generation der Thiere ent - deckt habe? Wie der Beyſchlaf zu verrichten ſey, das mag er wohl verſtehn, aber nicht die Lehre von der Generation.

Viele Abhandlungen fuͤhren auch den Titel von der Vegetation und Sie finden in ihnen nichts als Phyſiologie. Wie der Nahrungsſaft in die Wurzeln eindringe, wie er in den Gefaͤßen in die Hoͤhe ſteige, wie er zubereitet werde und dergleichen Sachen. Von der Formation der Theile aber finden Sie kein Wort.

Die dritte Claſſe enthaͤlt die Beo -Dritte Claſ - ſe, Beobach - tungen der Zergliederer. bachtungen, die von guten Anatomi - ſten ſeit Harveys Zeiten bis jetzo her an Menſchen oder vierfuͤßigen Thie - ren ſind gemacht worden. Dahin gehoͤren die in den Eyerſtoͤcken und in den Trompeten gefunde - ne Embryonen, woraus wir gelernt haben, daß der Ort, wo die Conception geſchiehet, die Eyer - ſtoͤcke ſind. Ferner die Beobachtungen, daß gleich nach der Conception die Eyerſtoͤcke aufſchwellen, und die Trompeten dieſelben umfaſſen, daß das Ey aus dem Eyerſtock durch dieſe durch und inB 5den26Hiſtorie der verſchiedenenden Uterum uͤbergeht, daß alsdann der Uterus ſelbſt aufſchwellt, und das Ey an demſelben an - waͤchſt. So ſchoͤn wie es iſt, alle dieſe Sachen zu wiſſen, ſo wichtig dieſe Entdeckungen auch ſind, ſo ſehen Sie doch leicht, daß ſie alle zur Forma - tion des Koͤrpers nichts beytragen, daß man aus allen dieſen ſchoͤnen Beobachtungen den organi - ſchen Koͤrper nicht erklaͤren kann. Sie zeigen uns zwar den Ort, wo die Formation geſchiehet, aber nicht die Art, wie ſie geſchiehet. Sie enthalten die Umſtaͤnde, die die Generation begleiten, aber nicht dieſe ſelbſt. Wir haben indeſſen die Ent - deckung dieſer wichtigen Sachen dem Harwey, Malpighius, Regnerus de Graaf, dem Herren von Haller und auch zum Theil dem Val - lisneri zu danken.

Vierte Claſ - ſe, Beobach - tungen an den Eyern.

Zur vierten Claſſe rechne ich die Beobachtungen an gebruͤteten Eyern, in ſo fern man das, was man geſe - hen hat, ſo wie es geſehen iſt, genom - men hat, ſo koͤnnen dieſe Beobachtungen dem Werthe nach mit denen in der dritten Claſſe gleich - geſchaͤtzt werden; allein von einer Erklaͤrung iſt alles das, was man dabey geſagt hat, ſehr unter - ſchieden. Man hat eben die Dinge hiſtoriſch er - zaͤhlt, die man aus ihren Urſachen erklaͤren ſollte. Man hat zum Exempel geſehn, daß Fluͤgel, da - von man zu einer Zeit noch nichts entdeckt hatte, zu einer andern Zeit nunmehro entſtanden waren; allein die Art, wie ſie entſtanden waren, und dieUrſa -27Hypotheſen von der Generation. Urſachen wodurch ſie entſtanden waren, blieben verborgen.

Die fuͤnfte Claſſe begreift dieDie fünfte Claſſe, Hypo - theſen der Prädelinea - tion. beyde in den neuern Zeiten erfundene Hypotheſen der Praͤdelineation in ſich, davon die eine, welche das Syſtem der Entwicklung (Syſtema evolutio - nis) genennt wird, den Malpighius oder Ma - lebranche, die andere hingegen, welches man Syſtema præformationis nur zu nennen pflegt, und welches die Saamen-Thiere, fuͤr die erſten Anfaͤnge der Thiere haͤlt, den Hartſoͤcker oder den Leuwenhoͤck zum Erfinder hat. Der wahre Erfinder verliert nicht viel, wenn man ihn gleich nicht erkennt. Jch habe ſchon in meiner Diſſer - tation (Exp. Jnſt. §. 3.) von dieſen beyden Hypotheſen geſagt, daß man dadurch nicht nur die Generation nicht erklaͤrte, ſondern daß man vielmehr durch ſie behaupte, es finde kei - ne Formation der organiſchen Koͤrper in der Na - tur ſtatt. Dieſes iſt ſehr klar und einfach. Herr Bonnet, hat es auch ſchon in ſeinem 1762. her - ausgegebenem Werke, davon ich in der Folge noch weitlaͤuftiger reden werde, angenommen, deswegen finde ich nicht fuͤr noͤthig mich hierbey aufzuhalten. Jndeſſen habe ich doch dieſe Wahr - heit, ſo einfach ſie auch iſt, in keinem Buche das vor 1759, da ich meine Diſſertation heraus - gegeben habe, gedruckt waͤre, angetroffen. Man hat vielmehr geglaubt, man erklaͤre durch dieſeHypo -28Hiſtorie der verſchiedenenHypotheſen wuͤrklich die Generation, und alſo ſe - hen Sie auch wiederum aus dieſem Exempel, wie leicht es ſey, etwas fuͤr eine Erklaͤrung zu halten, was keine iſt.

Dieſes iſt das Vornehmſte und das Beſte was von der Generation ſeit Ariſtotelis Zeiten iſt geſagt worden. Es ſind auſſerdem noch einige beſondere Hypotheſen ausgearbeitet worden, die aber meines Wiſſens auſſer ihren Verfaſſern nie - mand angenommen hat. Zu dieſen gehoͤrt auch das, was Buffon und Needham geſchrieben haben. Jch kann mich nicht in eine Zergliederung ihrer Schriften einlaſſen, weil ich zu weitlaͤuftig werden wuͤrde. Wenn Sie ſie aber ſelbſt leſen wollen, ſo werden Sie finden, daß ſie eben ſo wenig, wie andere, auch den geringſten organi - ſchen Theil eines Thieres oder einer Pflanze nicht erklaͤrt haben.

Needham.

Vom Needham will ich nur die - ſes einzige bey dieſer Gelegenheit erin - nern, daß auch ſeine Abſicht nicht einmahl gewe - ſen ſeyn kann, die Generation zu erklaͤren. Er hat vielmehr, wenn ich aus dem, was er geleiſtet hat, ſeinen Endzweck beurtheilen ſoll, nur erwei - ſen wollen, daß nicht, wie es vor ihm durchgaͤn - gig angenommen war, alle organiſche Koͤrper aus einem Ey entſtuͤnden, ſondern daß vielmehr in der Natur eine Kraft ſey, wodurch auch ohne Eltern, ohne vorhergegangene Vereinigung zweyer Ge -ſchlech -29Hypotheſen von der Generation. ſchlechter, wenigſtens mikroſcopiſche Thierchen, wie er ſie nennt, hervorgebracht werden koͤnnten, und wuͤrcklich hervorgebracht wuͤrden. Dieſes hat er beſonders durch ſeine Jnfuſionen zu erwei - ſen geſucht, und dieſes iſt es auch, was er eigent - lich ſagen will, wenn er ſo oft in ſeinem Buche den allgemeinen Schluß macht, worauf alle ſeine Beobachtungen abzielen: il y a donc dans la Na - ture une forçe productrice.

Um das, was Needham gethan hat, noch feſter zu ſetzen, ſo erinnern Sie ſich, daß Ariſto - teles und alle ſeine Nachfolger behaupteten, daß aus der Faͤulniß Thiere von einer geringern Gat - tung, Jnſekten und Wuͤrmer erzeugt werden koͤnn - ten. Das ging bis ins vergangne Jahrhundert. Darauf ſchrieb Franciſcus Redi Experimenta circa generationem inſectorum. Hierin bewieß er, daß die Exempel, welche die Alten von einer ſolchen generatione æquivoca, wie ſie ſie nennten, angefuͤhrt hatten, alle falſch ſeyn; daß alle dieſe Jnſeckten aus Eyern entſtuͤnden, die vorher durch andere Jnſeckten, an dem Ort wo man geglaubt hatte, daß ſie aus der Faͤulniß entſtanden waͤren, hingeleget ſeyn. Durch dieſe Verſuche bekehrte Redi die ganze gelehrte Welt, und kein Menſch wollte mehr an die Fabel von der Erzeugung aus der Faͤulniß glauben, ſondern man nahm viel - mehr als einen Grundſatz, den Sie auch in Lin - naͤi philoſophia botanica ausgefuͤhrt finden, an: omne vivum ex ovo! Nun kam Needham undſagte,30Hiſtorie der verſchiedenenſagte, zwar nicht eben Jnſeckten, aber doch klei - nere wenigſtens und unvollkommnere mikroſcopi - ſche Thierchen werden, nicht zwar aus der Faͤul - niß, aber doch ohne Eltern, ohne Ey in meinen Jnſuſionen erzeugt. Der Satz omne vivum ex ovo iſt falſch, und dieſer hingegen, datur vis pro - ductrix, iſt wahr. Sie ſehen, daß Needham accurat ein Antagoniſt vom Redi iſt; das er die alte verſtoßne Wahrheit des Ariſtoteles, nur et - was genauer beſtimmt, wieder errettet hat. Al - lein Sie ſehen auch, daß Needhams Schrift von einer Lehre von der Generation ſehr verſchie - den iſt. Jn dieſer ſoll man die Generation und zwar die gewoͤhnliche Generation der vollkomm - nen Thiere, wozu die Vereinigung beyder Ge - ſchlechter erfordert wird, erklaͤren. Needham hat nichts erklaͤrt, er hat nur bewieſen, daß eine Erzeugung und zwar mikroſcopiſcher Thierchen ohne Ey, ohne Eltern, die ich in meiner Diſſer - tation, um ſie von der gewoͤhnlichen Erzeugung zu unterſcheiden, die Entſtehung (ortum) ge - nennt habe, in der Natur ſtatt finde. Wie dieſe Entſtehung bewerkſtelliget werde, daran iſt nichts gelegen. Genug daß ſie geſchiehet. Bey der wahren Erzeugung hingegen hat man nichts zu beweiſen. Es zweifelt kein Menſch, daß ſie nicht ſtatt finden ſolle, aber erklaͤren ſoll man, wie es damit zugeht. Sie ſehen wohl, Needhams Lehre iſt von der Lehre der Generation auf allen Seiten verſchieden. Nicht nur in An - ſehung der Sache, wovon er handelt, ſondernauch31Hypotheſen von der Generation. auch in Anſehung desjenigen, was er von die - ſer Sache ſagt.

Es iſt daher ein Mißverſtaͤndniß geweſen, wenn wir die Worte in der Recenſion meiner Theo - rie die ſich in den Goͤttingiſchen gelehrten Anzeigen im Jahr 1760 143. Stuͤck befindet, indem der Verfaſſer, wenn kein Fehler in ſeinen Schluͤßen iſt, die Needhamiſche Meynung faſt erweiſet, ſo ausgelegt haben, als wenn ich wenigſtens mit Needham einerley Sachen ge - ſchrieben haben muͤſte. Der große Gelehrte, wel - cher dieſe Recenſion gemacht hat, der Hr. Baron von Haller, hat die Gefaͤlligkeit gehabt, in einem Briefe, den ich nachhero von Jhm bekommen habe, mir ſeine Meynung deutlicher zu erklaͤren. Er ſagt, wenn das richtig iſt, was ich geſchrie - ben habe, ſo verſchieden es auch von dem, was Needham gethan hat, ſeyn mag, ſo kann man doch Needhams Saͤtze aus den meinigen herlei - ten, und ſie folglich durch meine Saͤtze als durch neue Gruͤnde beweiſen. Hierwider kann ich auf eine billige Art nichts einwenden. Denn es iſt wahr. Und in der That halten auch die angefuͤhr - te Worte weiter nichts in ſich, als daß durch mei - ne Theorie, wenn ſie richtig iſt, auch die Need - hamiſche Meynung zugleich eine große Wahr - ſcheinlichkeit bekommt. Jch halte auch die meh - reſte Erinnerungen in dieſer Recenſion fuͤr billig; Zum Exempel, daß ich mit mehrern Erfahrungen noch meine Saͤtze haͤtte beſtaͤrken ſollen. Jmglei -chen32Hiſtorie der verſchiedenenchen daß ich mit einem mahl ein wenig zuviel ge - wagt habe. Denn wenn man in phyſiſchen Ent - deckungen recht ſicher gehen will, ſo muß man die Natur einer Sache nicht von einer, ſondern von ſo vielen Seiten, als moͤglich iſt, kennen, und alsdann, wenn ſich die Sache auf allen Seiten und in allen Umſtaͤnden immer auf dieſelbe Art uns vorſtellt, koͤnnen wir verſichert ſeyn, daß ſie ſich ſo, wie wir glauben, verhaͤlt. Jch habe eine dergleichen Furchtſamkeit auch in der Vorrede meiner Diſputation ſchon einigermaſſen blicken laſſen. Jndeſſen kann ich wohl eben nicht ſagen, daß ich bisher viel Uebereilungen entdeckt haͤtte; ſondern die neue Erfahrungen, welche ich mir waͤhrend der Zeit, von verſchiedenen Dingen an - geſchaft habe, ſtimmen nicht nur mit meinen Grundſaͤtzen uͤberein, ſondern ſie ſcheinen ſie auch ſehr zu beſtaͤrken. Dieſes thut aber der vorigen Wahrheit nichts, und die Erinnerung bleibt im - mer ſehr wahr und nuͤtzlich. Und auf dieſe Art erkenne ich aus den mehreſten Anmerkungen die - ſer Recenſion die große Einſicht ihres Verfaſſers. Nur einige wenige Punkte kommen darinn vor, und zwar eben die, welche Herr Bonnet in ſeiner neuen Schrift mit großem Fleiß weiter zu treiben ſcheint, die ich, dafern ich nicht wider mein Ge - wiſſen reden ſoll, nicht zugeben kann. Hiervon will ich alſo in der Folge Jhnen meine Gedan - cken ſagen.

Sie33Hypotheſen von der Generation.

Sie wiſſen, daß der Herr vonDes Herrn Baron von Haller Beo - bachtungen. Haller in ſeiner kleinen Phyſiologie ſehr viel Zuneigung zur wahren For - mation der organiſchen Koͤrper, die wuͤrklich durch die Kraͤfte der Natur bewerkſtel - liget wuͤrde, bezeigt hat. Jndeſſen, nachdem Buffon und Needham eine Zeitlang die Gelehr - ten beſchaͤftigt hatten, ſo gab er 1758. Beobach - tungen uͤber die Formation des Herzens in den Huͤnereyern heraus. Hierin behauptete er zwar nicht als voͤllig gewiß die Hypotheſe des Mal - pighii, allein er ſagte, daß die Beobachtungen mehr vor als wider dieſe Hypotheſe waͤren, und er wollte die Gruͤnde der Beurtheilung ſeiner Leſer vorſtellen. Dieſes vortreffliche Werk enthaͤlt ſo wichtige, ſo accurate und vollſtaͤndige Beobach - tungen von allen denen Veraͤnderungen, die mit dem Embryo im Ey waͤhrend ſeiner ganzen For - mation allmaͤhlig vorgehen, daß man nicht nur bishero keine ſo vollkommne Beſchreibung dieſer Hiſtorie der Formation gehabt hat, ſondern daß man auch niemahl eine vollkommnere wird erwar - ten koͤnnen. Der Mangel der Kupfer wird zwar denenjenigen, die dieſe Verſuche nicht gemacht haben, die Beſchreibungen etwas ſchwer machen, allein denenjenigen, die darin geuͤbt ſind, koͤnnen dieſe nicht anders als hinlaͤnglich deutlich ſeyn.

Dieſe war alſo die letzte Schrift, welche von der Generation herausgekommen war, da ich ein Jahr darnach meine Diſſertation drucken ließ, undCjetzo34Hiſtorie der verſchiedenen ꝛc. jetzo endlich iſt als das allerneueſte, was wir vonBonnet. der Generation haben, des Herren Bonnets Schrift, die den Titel fuͤhrt, Conſiderations ſur les corps organiſées, heraus - gekommen, worinn wiederum, und zwar aus eben denſelben Gruͤnden des Herren von Hallers, des Malpighs Hypotheſe behauptet, und in ihrem ganzen Umfange vorgetragen wird.

Dieſes waͤre alſo ein kleiner Abriß einer Hiſtorie der Lehre von der Generation, woraus Sie vors er - ſte ſo viel werden geſehen haben, daß in allen dieſen Schriften, des einzigen Carteſii Tractat, der aber nach aller Menſchen Geſtaͤndniß nur eine bloße Chimaͤre in ſich enthaͤlt, ausgenommen, kei - ne Erklaͤrung der Generation vorkoͤmmt. Ob ich aber in meiner Diſſertation, oder auch in der fol - genden Abhandlung, die organiſchen Theile und ihre Zuſammenſetzung in den Thieren und Pflanzen wuͤrklich erklaͤrt habe, oder ob ich eben ſo, wie die andern, nur einen kuͤnſtlichen Dunſt gemacht ha - be, der das Anſehen einer Erklaͤrung hat, beym Lichte beſehen, aber nichts weniger als Erklaͤrung iſt, das will ich nun, nachdem ich Jhnen in dem obigen den Begriff einer Erklaͤrung auseinander geſezt habe, Jhnen und andern, die da wiſſen, was man unter Erklaͤrung zu verſtehn hat, zu beurthei - len uͤberlaſſen. Nunmehro bleibt mir noch eine andere kleine Arbeit uͤbrig.

Be -35

3. Abſchnitt. Beweiß der Epigeneſis.

Jch habe mich allezeit ſehr in Acht genommen, wider das, was ein anderer geſchrieben hat, zu diſputiren. Nicht deswegen, weil ich ſolches etwan fuͤr unbillig gehalten haͤtte; es hat ein jeder die Freyheit, das, was er in den Wiſſenſchaften fuͤr wahr haͤlt, oͤffentlich fuͤr wahr zu erkennen, und folglich muß er auch das Recht haben, das - jenige, was ihm wider die Wahrheit zu ſtreiten ſcheint, zu widerlegen. Allein ich habe geglaubt, daß es ſehr wohl moͤglich ſey, eine Warheit aufs Beſte zu vertheidigen ohne eines andern ſeine Saͤtze, die wider dieſe Wahrheit ſtreiten, foͤrm - lich anzugreifen. Denn, da ein Satz, wenn er einmahl wahr iſt, unmoͤglich auch falſch ſeyn kann; ſo habe ich ja weiter nichts noͤthig, als dieſen Satz ſo zu beweiſen, daß niemand an deſſen Wahrheit mehr zweifelt, und die Gruͤnde, welche wider die - ſen Satz angefuͤhrt werden, fallen alsdann eben dadurch von ſelbſten ſchon weg. Da nun alſo auf dieſe Art alle Diſpuͤten unangenehm ſind, was treibt mich denn dazu, mich in eine unangenehme Sache einzulaſſen? Da ich alſo meine Diſſertation ſchrieb, ſo ſetzte ich mir dieſes als eine Regel vor, daß ich in derſelben wider niemanden diſputiren wollte.

Daher werden Sie zwar allenthalben von demjenigen, was ich fuͤr wahr halte, Beweiſe finden. Nirgend aber werden Sie foͤrmliche Wi -C 2derle -36Beweiß der Epigeneſis. derlegungen antreffen. Eben daher finden Sie im dritten Theil die Meynungen anderer Natur - forſcher zwar angefuͤhrt, auseinander geſetzt, mir den meinigen verglichen, aber nicht widerlegt. Nach eben der Regel habe ich in dieſer Abhand - lung bisher die vornehmſte Hypotheſen von der Generation erzehlt, genau unterſucht, und was etwan dadurch zum Vortheil der Wiſſenſchaften gethan ſey, beſtimmt, aber von Widerlegungen kein Wort mit einflieſſen laſſen. Aus eben dieſem Grunde habe ich mich in meiner Diſſertation an - geſtellt, als wenn mir von keinen andern Hypo - theſen, die ich etwan, dafern ich die meinige auf einem ſichern Grunde bauen wollte, erſt widerle - gen muͤßte, etwas bekannt waͤre, ob wohl ſolches ſonſt gewoͤhnlich zu geſchehen pflegt. Jch habe gethan, als wenn ich nicht wuͤßte, daß gelehrte Maͤnner waͤren, die, in ſofern in meiner Theorie zum voraus geſetzt wird, daß die organiſchen Koͤr - per wuͤrklich durch natuͤrliche Kraͤfte gebildet wer - den, davon das Gegentheil behauptet haͤten. Jch habe vielmehr eine ſolche Stellung angenommen, gleichſam als haͤtte erſtlich noch niemand von die - ſer Sache geſchrieben, zweytens als ſaͤhe man taͤg - lich, daß neue organiſche Koͤrper entſtehen, die vorhin nicht da waren; als ſey alſo an dieſer Wahrheit, daß ſie wuͤrklich formirt werden, gar kein Zweifel, und waͤre folglich kein anderes Pro - blem bey den Gelehrten aufzuloͤſen uͤbrig als die - ſes: Wie aber und auf was fuͤr Art und durch welche Urſachen werden dieſe Koͤrper formirt? Als -37Beweiß der Epigeneſis. Alsdann aber, habe ich geglaubt, wenn ich wuͤr - de gezeigt haben, wie die organiſche Koͤrper for - mirt werden, und bewieſen, daß ſie auf dieſe und auf keine andere Art formirt werden, alsdann, ſa - ge ich, habe ich geglaubt, daß von ſelbſten klar ſeyn wuͤrde, daß ſie auch wuͤrcklich formirt ſeyn muͤſten, daß dieſer Zweifel, ob ſolches auch wuͤrck - lich geſchehe, eben dadurch von ſelbſt wegfallen wuͤrde, und daß auf dieſe Art, ob ich gleich jenen Satz, wodurch man, wie man es nennt, die Epigeneſin behauptet, nicht unmittelbahr bewie - ſen haͤtte, ſo daß mir dieſer Beweiß ein beſonde - rer Endzweck geweſen waͤre, es doch eben ſo gut ſey, als wenn ich ſolches gethan haͤtte. Daß die - ſes mein Plan geweſen ſey, ſehen Sie an der gan - zen Ausfuͤhrung meiner Diſſertation. Nachdem ich mit wenigen Worten feſt geſetzt habe, daß den lebenden Koͤrpern eine gewiſſe Kraft eigen ſey, wodurch die Nahrungsſaͤfte durch ihre Theile di - ſtribuirt werden, welches ich allenfalls ohne Scha - den hatte weglaſſen koͤnnen; ſo entdecke ich ſogleich durch Beobachtungen die wahre Beſchaffenheit der Gefaͤße in den Pflanzen, und daraus ſchließe ich, wie ſie nothwendig haben formirt werden muͤſ - ſen. Und eben ſo verfahre ich bey der Formation der uͤbrigen Theile. Jch ſage alſo, Sie ſehen aus der ganzen Ausfuͤhrung meiner Diſſertation, daß der Endzweck derſelben eigentlich nicht die Vertheidigung der Epigeneſis geweſen ſey.

So ſehr die Maxime, daß man, ſo viel als moͤglich iſt, alle Diſpuͤten vermeiden muͤſſe, denC 3Regeln38Beweiß der Epigeneſis. Regeln der Vernunft und der Billigkeit, wie ich glaube, gemaͤß iſt, ſo ſehen Sie doch leicht, daß ſie in dem Fall, wo in einer Theorie Schwuͤrigkei - ten gezeigt werden, die man aufgeloͤſet haben will, ſchlecht angebracht ſeyn wuͤrde. Man ſagt mir zum Exempel, wenn das, was ich behaupte, wahr iſt, ſo wird ja dieſes oder jenes daraus folgen, welches doch unmoͤglich ſeyn kann; oder man ſagt mir, ſie ſchließen aus dieſer Beobachtung dieſen Satz, allein das folgt nicht. Hier kann ich nicht antworten, ich will nicht diſputiren. Es iſt hier die Rede nicht mehr vom Diſputiren. Wenn ich zeige, daß ich entweder dieſen Satz aus jener Beobachtung wuͤrklich nicht ſchlieſſe, auch ihn zu meiner Theorie, wenn ich ihn geſchloſſen haͤtte, nicht wuͤrde noͤthig gehabt haben, daß dieſer Schluß mir alſo aus einer Uebereilung nur ſey zugeſchrie - ben worden, oder wenn ich zeige, wie der Satz aus der Beobachtung folgt und mit derſelben zu - ſammenhengt; ſo heiſt das nicht mehr diſputiren. Es heiſt in einem gewiſſen Punkt ſich naͤher erklaͤ - ren, ſich deutlicher und vollſtaͤndiger erklaͤren.

Da nun in der Recenſion, die der Herr Ba - ron von Haller uͤber meine Diſſertation zu ma - chen mir die Ehre erzeigt hat, dergleichen Schwie - rigkeiten gezeigt und vorgeſtellt werden, wie man ſolches allemahl von einem ſo großen Mann, der keine bloße hiſtoriſche Erzaͤhlung, ſondern eine Beurtheilung der Sache liefern ſoll, mit Grunde auch fordern kann; da auch eben dieſe Schwierig -keiten39Beweiß der Epigeneſis. keiten ferner in des Herren Bonnets Betrachtun - gen uͤber die organiſchen Koͤrper weiter vorgetra - gen und mehr auseinander geſetzt werden, ob gleich meine Schrifft nicht genennt wird; ſo iſt es alſo in dieſem Fall keine Beſcheidenheit mehr, hierauf nicht zu antworten. Nein, es iſt meine Schul - digkeit, mich in dieſem Punkt naͤher zu erklaͤren.

1) Unwahrſcheinligkeit der Hypo - theſen von der Praͤdelineation.

Ehe ich aber dieſe Schwierigkeiten ſelbſt aufloͤſe, ſo will ich Jhnen vorher erklaͤren, was ich von dem Syſtem der Evolution fuͤr eine Jdee ha - be, wenn ſolches, ohne noch an diejenige Verſu - che und Beobachtungen zu denken, welche die Ge - neration naͤher angehen, und aus denen eigentlich nur eine Theorie hergeleitet werden kann, bloß an und vor ſich betrachtet wird. Und ich kann dieſes jetzo um ſo vielmehr thun, da ich mich noch nie - mahls, und bey keiner Gelegenheit in Anſehung der Wahrſcheinlichkeit oder Unwahrſcheinlichkeit dieſer Hypotheſen herausgelaſſen habe.

Jch muß geſtehn, daß beyde Meynungen, ſo wohl die von der Evolution, als auch die andere von den Saamenthierchen, mir immer, und auch ehe ich noch glaubte, daß ich jemahls zu Beobachtun - gen kommen wuͤrde, die mich in den Stand ſetz - ten, eine Theorie der Generation auszuarbeiten, ſchon unwahrſcheinlich vorgekommen ſind. JchC 4kann40Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. kann ſo gar nicht laͤugnen, daß eben dieſes eine von den fuͤrnehmſten Urſachen zugleich mit gewe - ſen iſt, warum ich mich mit der Widerlegung die - ſer Hypotheſen niemahls habe aufhalten wollen; und ich wuͤrde vielleicht noch ſo denken, wenn der Herr von Haller nicht zu erkennen gegeben haͤt - te, daß er bey dem Syſtem der Evolution viel Wahrſcheinlichkeit finde, und wenn Hr. Bonnet nicht eben dieſes faſt fuͤr gewiß hielte. Hiedurch bekoͤmmt die Sache in meinen Augen ein ganz anderes Anſehen, und ich denke nicht mehr, daß es ſich der Muͤhe nicht belohne, des Malpighs Syſtem zu widerlegen.

Man findet nichts in der Natur wel - ches einer Evolution ähnlich wäre.

Die Urſache aber, warum mir dieſe beyde Hypotheſen, auch ohne noch auf die eigentlich zur Sache gehoͤ - rige Obſervarionen zu ſehen, an ſich ſchon ſehr unwahrſcheinlich vorgekom - men ſind, iſt fuͤrnehmlich dieſe, weil man in der ganzen Natur, auch kein einziges Phaͤ - nomen antrift, welches mit einer ſolchen Evolution, wie in dieſen Hypotheſen angenommen wird, nur die geringſte Aehnlichkeit haͤtte, wie ich ſolches gleich deutlicher erklaͤren werde. Nun wiſſen Sie aber, wie man in phyſiſchen Erklaͤrungen verfahren muͤſ - ſe. Man muß, wenn man nicht unmittelbar durch Beobachtungen und Verſuche hinter eine Sache kommen kann, nicht, wie Carteſius und Ham - berger gethan haben, eine Moͤglichkeit, wie ſich et wan allenfalls eine Sache verhalten koͤnnte, ausder41von der Praͤdelineation. der Luft erdenken; ſondern man muß, wie es der Herr von Haller und andere gute Naturforſcher immer gemacht haben, ſich nach einem andern aͤhn - lichen Fall in der Natur umſehn, wo der Wahr - heit leichter beyzukommen iſt; hieraus muß man ſo lange, bis man Beobachtungen bekoͤmmt, die die Sache demonſtriren, wahrſcheinlicher Weiſe ſchließen, daß es ſich mit jener unbekannten Sa - che, unfehlbahr eben ſo verhalten werde. Je mehr man aͤhnliche Faͤlle entdeckt, worin die Natur auf eben dieſelbe Art verfaͤhrt, einen deſto hoͤhern Grad der Wahrſcheinlichkeit bekoͤmmt die Hypotheſe, und wenn man endlich eine ganze Menge dergleichen aͤhnlicher und zwar wuͤrklich aͤhnlicher Faͤlle auf - weiſen kann, ſo ſagt man alsdann, es iſt der Natur gewoͤhnlich, ſo zu handeln, oder wenn es ſehr weit geht, ſo ſage man wohl gar es iſt ein Geſetz der Natur, nach welchem ſie ſo handeln muß, und die Hypotheſe wird eine phyſiſche Wahr - heit. Wenn aber hingegen man keinen einzigen Fall in der Natur entdecken kann, wo ſie ſo ver - fuͤhre, wie in einer Hypotheſe angenommen wird; wenn dieſe nichts weiter vor ſich hat, als eine bloſ - ſe Moͤglichkeit, als bloß dieſes, daß ſie keinen Wi - derſpruch enthaͤlt; alsdann iſt einem Naturfor - ſcher eine ſolche Hypotheſe ein veraͤchtliches und unertraͤgliches Ding, und das kommt daher; ſie harmonirt gar nicht mit dem Begriff, welchen er von der gegenwaͤrtigen Natur durch Erfahrungen bekommen hat. Er ſagt alsdann, ich finde gar nicht den allergeringſten Grund, warum ich dieſeC 5Chi -42Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. Chimaͤre, denn eine bloße Chimaͤre iſt es doch nur, fuͤr wahr halten ſollte. Laſſen Sie mich zu frie - den, es ſoll mir nicht ſo ſchwer werden, fuͤr unwiſ - ſend gehalten zu werden, als Jhre Hypotheſe zu behaupten. Koͤnnen Sie mir es nun wohl ver - denken, wenn ich, auch ehe ich das Geringſte von der wahren Theorie der Generation gewuſt habe, doch dieſe beyde Hypotheſen wenigſtens niemahls habe ausſtehen koͤnnen? Jch habe immer eben ſo gedacht, wenigſtens habe ich dieſe Gedanken un - deutlich gehabt, die ich Jhnen jetzo entwickele. Sie ſehen aber hieraus ſchon, daß ich nicht der - jenigen Schwierigkeiten wegen dem Syſtem der Evolution abgeneigt geweſen bin, die man dem - ſelben gewoͤhnlich macht, und die von der ſehr großen Kleinheit der organiſchen Koͤrper, die in einer unendlichen Menge in dem erſten Ey geſteckt haben ſollen, hergenommen ſind. Dieſe wuͤrden mich vielleicht weniger gedruͤckt haben, und es gel - ten bey mir die Saamenthierchen, die jener Schwierigkeit nicht unterworfen ſind, dennoch nicht mehr als die Evolution.

Nunmehro will ich Jhnen aber die obige Wahrheit deutlicher erklaͤren. Jch ſage, man findet in der ganzen Natur kein einziges Phaͤno - men, welches mit einer ſolchen Evolution, wie in den beyden Hypotheſen angenommen wird, auch nur einige Aehnlichkeit haͤtte. Jch will Jhnen jetzo den Begriff der Evolution, und zwar ſo, wie er nicht nur beyden Hypotheſen gemein iſt, ſon -dern43von der Praͤdelineation. dern wie er auch auf andere Erſcheinungen in der Natur, die nicht eben Producktions organiſcher Koͤrper ſind, angewendet werden kann, beſtim - men. Sie ſehen leicht, daß ich den Begriff et - was allgemeiner und weiter machen werde, als er in der Hypotheſe der Evolution angenommen wird, allein dadurch verlieren die Vertheidiger der Hypotheſe nichts, ſondern ſie gewinnen, und ich verliere; denn wenn auch das, was beyden Hypotheſen gemein iſt, und was ich von dem Syſtem der Evolution nur abſtrahirt habe, nicht einmahl in der Natur angetroffen wird, wie viel - weniger wird das uͤbrige, was einer jeden noch beſonders eigen iſt, mit dem Vorigen zugleich an - getroffen werden. Jch erinnere dieſes vielleicht ohne Urſache, und es iſt leicht, die Billigkeit meines Verfahrens einzuſehn. Evolution alſo heiſt im generellern Verſtande ein Phaͤnomen, welches in der Natur entſteht, eine Zeitlang dau - ert und wieder aufhoͤrt, welches aber nicht durch natuͤrliche Urſachen producirt, ſondern vielmehr unmittelbahr von Gott, und zwar zur Zeit der Schoͤpfung ſchon erſchaffen, die Zeit uͤber, ehe es zum Vorſchein gekommen, unſichtbahr gewe - ſen, alsdann aber, da es erſchienen iſt, eigentlich nur, auf was fuͤr Art es uͤbrigens auch geſchehe, ſichtbahr geworden iſt. Alſo kuͤrtzer, ein Phaͤno - men, welches ſeinem Weſen und Eigenſchaften nach immer exiſtirt hat, nur nicht ſichtbar gewe - ſen iſt, endlich aber, auf welche Art es wolle, un - ter der Maske, als wenn es erſt entſtuͤnde, ſichtbarwird44Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. wird. Die Art, wie es eine Zeitlang unſichtbar geweſen, hernach ſichtbar geworden ſey, mag ſeyn welche ſie wolle. Es mag vorher zu klein, es mag durchſichtig geweſen, hernach aber in ein groͤßeres Volumen ausgedehnt, oder undurchſich - tig geworden ſeyn, oder es mag noch auf eine andere Art geſchehen ſeyn, das iſt mir alles einer - ley; und Sie haben die Freyheit zu wehlen, zu erfinden, wie Sie wollen. Nun ſage ich, ein dergleichen Ding, ein ſolches evolvirtes Phaͤno - men, oder eine ſolche Evolution finden Sie in der ganzen Natur nicht. Miſchen Sie mir nur nicht gleich alles durcheinander. Sie werden ſagen; Wie? Pflanzen? Jnſeckten? Das ſind eben die Dinge, bey denen ich die Evolution laͤugne; aber haben Sie drey Augenblicke Gedult; ich werde da - hin kommen. Wir wollen vors erſte die organi - ſche Koͤrper, die eben der Gegenſtand unſerer Dispuͤte ſind, nur ſo lange uͤber Seite ſetzen, und die uͤbrige Erſcheinungen der Natur, die uͤbrige ganze Natur nur mit einem Blick durchgehn. Was ſind da nicht noch fuͤr Erſcheinungen? fuͤr Dinge, die die Natur hervorbringt, und deren Art, wie ſie hervorgebracht werden, wir ſchon wiſſen, und zwar ſo, daß wir alle darin einſtim - mig ſind. Gehen Sie alſo dieſe Dinge durch, und ſehen Sie, ob Sie eine Evolution, oder et - was aͤhnliches unter ihnen antreffen werden. Sie finden alſo zum Exempel in der Luft Wolken, wel - che entſtehn und wieder aufhoͤren. Aber ſchienen ſie nur zu entſtehen? und wurden ſie eigentlichnur45von der Praͤdelineation. nur evolvirt? Nein, wir wiſſen, daß ſie durch natuͤrliche Urſachen und zwar durch die Waͤrme producirt werden, und wie ſie producirt werden. Die Materie zu den Wolken war da, aber Wol - ken wurden erſt producirt. Der Regenbogen ent - ſteht und vergeht wieder. Aber hat er immer exi - ſtirt? Nein wir wiſſen, daß er weiter nichts iſt, als eine Reihe fallender Regentropfen, die die Sonnenſtrahlen zuruͤckwerfen, und die nicht im - mer, als fallende, und Sonnenſtrahlen zuruͤck - werfende Regentropfen exiſtirt haben. Jch wuͤr - de laͤcherlich werden, wenn ich mit dieſen Erklaͤ - rungen weiter durch Schnee, Hagel, Regen, u. ſ. f. durchgehen wollte. Aber erinnern Sie ſich auch an die durch Miſchungen producirte Sub - ſtanzen, die in der Natur erzeugt werden, und deren Entſtehungsart wir wiſſen. Schwefel, Salze, Metalle. Hat der Schwefel ſeinem We - ſen und Eigenſchaften nach, folglich als Schwefel ſchon immer exiſtirt? Er wird producirt, indem Vitriolſaͤure mit einem brennbaren Weſen verbun - den wird. Alle Dinge woraus unſere Erdkugel nicht nur, ſondern die Welt zuſammengeſetzt iſt, und die wir kennen, ſind entweder offenbar un - beſtaͤndig, und muͤſſen als Veraͤnderungen des Weltgebaͤudes angeſehn werden, oder ſie ſcheinen beſtaͤndig, und koͤnnen alſo in ſo fern als weſent - liche Stuͤcke dieſes Weltgebaͤudes betrachtet wer - den. Zu den erſtern gehoͤren die ſchon angefuͤhrte Exempel. Die Gebuͤrge hingegen, die Fluͤſſe, Laͤnder, das Meer, die innere Strucktur des Erd -bodens,46Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. bodens, koͤnnen Sie, wie Sie wollen, entweder zur erſten oder zweyten Claſſe rechnen. Sollen es nach Woodwart und andern, Veraͤnderun - gen ſeyn, ſo ſind es eben ſo wenig wie die vorigen Erſcheinungen Entwickelungen. Sind es we - ſentliche Stuͤcke der Welt, die noch von der Schoͤpfung herruͤhren, ſo ſind ſie immer ſichtbar, niemahl unſichtbar geweſen, folglich keine Entwi - ckelungen. Jch will nicht weiter gehn. Jch habe nur Wege zur Unterſuchung gezeigt. Jhnen aber uͤberlaſſe ich es, eine vollſtaͤndige Unterſu - chung anzuſtellen, und mir nur ein einziges Exem - pel einer wahren Entwickelung, oder etwas, das ihr aͤhnlich waͤre, ausfindig zu machen.

Die bey den Pflanzen und Jnſeckten wahrgenom - mene Ein - wickelung der jüngern in den ältern Theilen iſt kei - ne ſolche Evo - lution, wie ſie in der Hypo - theſe ange - nommen wird.

Nun ſind wohl drey Augen - blicke vorbey, und ich will ihre Pflan - zen und Jnſeckten anhoͤren. Sie ſa - gen, man ſieht ja eine Entwickelung bey den Pflanzen wenigſtens, an ih - ren Knoſpen (Gemmis) und bey den Jnſeckten an der Verwandlung. Daß dieſes eine wahre Entwickelung, ſo wie ich ſie definirt habe, ſey, die an - ſtatt der Producktion ſeyn ſoll, die alſo die Producktion ausſchließt, und nicht vor ſich vorhergehen laͤßt, die - ſes eben iſt es, was ich laͤugne, was Sie durch Aufzeigung anderer Entwickelungen, die man offenbahr fuͤr wahre Entwickelungen er - kennt, wahrſcheinlich machen ſollen, und welchesich47von der Praͤdelineation. ich hingegen, indem ich zeige, daß ſonſt in allen andern dergleichen Faͤllen offenbar keine Entwicke - lungen ſtatt finden, unwahrſcheinlich mache. Jch ſage alſo, es gibt allerdings eine Art von Ent - wickelung in der Natur, die vornehmlich bey den Pflanzen ſtatt findet, in deren Knoſpen, oder Saamen, denn dieſe ſind nichts anders als Knoſ - pen, die juͤngere Blaͤtter immer in den aͤltern ein - gewickelt ſind, und allmaͤhlig, indem ſie wachſen, durch Verlaͤngerung ihres Stiels aus denſelben herfuͤrgeſtoßen werden; die ferner auch bey den Jnſeckten an ihrer Verwandlung ſich zeigt. Al - lein dieſe Evolution, ſo gewiß wir an ihr ſehen, daß juͤngere und ſpaͤter producirte Theile in aͤlteren und fruͤher producirten eine Zeitlang eingewickelt liegen, bis ſie die Haͤrte und Feſtigkeit der Er - wachſenen bekommen, ſo beweiſet ſie doch nicht, daß dieſe, ſo fruͤhe auch als Sie wollen, in den aͤlteren befindlich geweſene juͤngere Theile, niemahls producirt, ſondern von je her ſchon darin gewe - ſen waͤren, folglich iſt dieſe Evolution von jener vermeinten Evolution wie ſie die Vertheidiger der Hypotheſen annehmen, und wie ich ſie definirt habe, die nehmlich ſtatt der Generation dienen, und alle wahre Producktion ausſchließen ſoll, him - melweit unterſchieden; und ſie kann alſo als kein Exempel unſerer Evolution, womit wir es zu thun haben, angefuͤhrt werden. Man wuͤrde, wenn man es thun, und dieſe Evolution analogiſch da - durch wahrſcheinlich machen wollte, dabey eben dasjenige zum Voraus ſetzen, was man beweiſen wollte.

Jch48Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ.

Jch will mich noch einige Augenblicke bey dieſer mir von Jhnen angefuͤhrten Entwickelung, die ich die exiſtirende Entwickelung indeſſen nen - nen will, aufhalten, um Jhnen noch deutlicher zu zeigen, daß dieſelbe, von der Entwickelung der Hypotheſe, wie ich dieſe nennen will, ſehr unterſchieden ſey, und dadurch folglich klar zu ma - chen, daß die Hypotheſe eigentlich wuͤrklich voͤllig aus der Luft genommen ſey. Jch ſage alſo, Sie koͤnnen nicht nur gar nicht beweiſen, daß dieſe Entwickelungen, die Sie mir als Exempel ſolcher Entwicklungen, wie Sie in der Hypotheſe anneh - men, anfuͤhren wollen, dergleichen waͤren, wie Sie doch, wenn Sie ſie als dergleichen Exempel anfuͤhren wollten, allerdings thun muͤſten; ſon - dern es iſt auch offenbar, daß es ganz andere Dinge ſind, die die Natur dabey zur Abſicht hat, und die mit der Entwickelung der Hypotheſe gar nichts zu thun haben. Man ſieht, ſage ich, den Endzweck der Natur, und dasjenige, was ſie da - durch bewerkſtelliget, gar zu deutlich, als daß man auf die Gedancken gerathen koͤnnte; ſie muͤſ - ſe die aͤltere Theile zuruͤckſchieben, und die juͤngere allmaͤhlig hervorziehn, weil ſie eben auf dieſe Art erzeugt werden ſollen. Sollten die ganz jungen und erſt producirten Theile, die ſo zart und ſo weich ſind, daß ſie einem vollkommen fluͤßigen Weſen ſehr nahe kommen, ſo gleich frey zu liegen kom - men, daß ſie der Luft, und allen aͤuſſerlichen Ur - ſachen ausgeſetzt waͤren; ſo wuͤrde ein Regen, ein Thau, eine kalte Luft, der Wind, ein warmerSon -49von der Praͤdelineation. Sonnenſchein, ein jedes Jnſeckt, der Staub ſo gar und eine jede Kleinigkeit der Natur, im Stan - de ſeyn, die jungen Theile in ihrem erſten Anfan - ge zu zerſtoͤhren, und es wuͤrde niemahls eine Pflanze zur Vollkommenheit gebracht werden. Daher muſten ſie alſo, ſo lange, bis ſie ſelbſt die gehoͤrige Feſtigkeit bekaͤmen, nothwendig in de - nen Theilen der Pflanze, oder des Jnſeckts, die fruͤher producirt, und alſo aͤlter und feſter waren, eingewickelt liegen, und innerhalb dieſer Theile alſo muſten ſie nothwendig formirt werden.

Daher kommt es, daß, je zaͤrtlicher die Thei - le einer Pflanze ſind, und je weniger dieſe ſonſt noch Mittel hat, ihre junge Theile zu beſchuͤtzen, als wozu bey einigen noch der klebrigte harzigte Saft, bey andern (tomentoſis) das wolligte We - ſen, womit die Knoſpen uͤberzogen und durchwebt ſind, hingehoͤren, daß, ſage ich, um deſto viel - facher alsdann ihre jungen Theile eingewickelt ſeyn muͤſſen, oder welches eben daſſelbe iſt, daß um deſto fruͤher in den aͤlteren Theilen die juͤngere als - dann auch producirt werden muͤſſen. Daher fin - den Sie auch bey allen Liliengewaͤchſen, weil ſie kein Harz und keine Wolle und uͤberdem eine zarte Subſtanz haben, und folglich auch bey der Hya - cinte, daß ſie fruͤher, als andere Pflanzen, ihre jungen Theile produciren, und daß man folglich in einer Hyacinte oder in einen andern Liliengewaͤch - ſe ſchon Theile nothwendig entdecken muß, die erſt lange hernach, und nach vielen andern hervorge -Dſcho -50Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. ſchobenen Theilen erſt, als erwachſene, zum Vor - ſchein kommen, woruͤber Herr Bonnet pag. 103 ſich ſo wundert. Jch ſehe im Vorbeygehen, daß er wuͤrklich jene exiſtirende Evolution mit der in der Hypotheſe angenommenen voͤllig vermiſcht, und fuͤr einerley haͤlt. Er ſagt an eben dem Ort p. 103. Il y a plûs, on obſerve, pour ainſi dire, a l œil, cet enveloppement. On decouvre dans un Oignon d’Hyacinte jusqu a quatrieme Ge - neration . Es iſt alſo wohl noͤthig, wie ich merke, daß ich dieſe Sache ein wenig ausein - ander ſetze.

Bey denen filicibus, welche in ihrem Bau von den Pflanzen im eigentlichen Verſtande ſehr unterſchieden ſind, indem die ganze Pflanze eigent - lich nur ein einziges zuſammengeſetztes Blatt iſt, kann die Einwickelung der jungen Theile durch ordentliche Knoſpen oder Augen, dieſer beſondern Strucktur wegen, nicht bewerkſtelliget werden. Sie bekommen alſo auch keine Knoſpen, wie an - dere Pflanzen haben. Jſt nun der Endzweck bey den gemmis etwas anderes, als die bloße Ver - wahrung der jungen Theile geweſen, ſo wird ſich dieſes hier vielleicht offenbaren. Es wird der - ſelbe Endzweck durch andere Mittel erreicht, und dieſelbe Sache auf eine andere Art bewerkſtelliget werden. Und alſo werden wir auf dieſe Art hin - ter die wahre Abſicht der Natur kommen koͤnnen. Jſt aber, wie ich ſage, die bloße Verwahrung der jungen zarten Theile der Endzweck bey den Knoſ -pen51von der Praͤdelineation. pen geweſen; ſo muß ſich bey dieſen neuen Anſtal - ten, die die Natur bey den filicibus macht, wie - derum nichts anders als eine bloße Verwahrung der jungen Theile ſehen laſſen. Nun finden Sie aber an ſtatt der Knoſpen hier weiter nichts, als eine Art von Aufrollung des ganzen Blattes in ei - ne oder etliche Kugeln, wodurch die juͤngere Thei - le im Mittelpunkt, die aͤlteren aber an der aͤuße - ren Flaͤche herum zu liegen kommen, und Sie ſe - hen alſo, daß auch hier wiederum ſich nichts an - ders als eine ſorgfaͤltige Verwahrung der jungen zarten Theile wahrnehmen laͤſt. Wie koͤnnen Sie denn alſo auf die Gedanken gerathen, als wenn dieſe Entwickelung der juͤngern Theile in den aͤl - tern darum in den Pflanzen oder Jnſeckten ſich ſo zeigte, weil von je her dieſelben darin eingewickelt gelegen haͤtten.

Bisher habe ich geſagt, Sie koͤnnen mir in der ganzen Natur kein einziges Exempel einer Er - ſcheinung aufweiſen, die durch eine Evolution zum Vorſchein gebracht wuͤrde, ſondern alle Erſchei - nungen, die in der Welt ſtatt finden, werden durch phyſiſche Urſachen im genaueſten und voll - ſtaͤndigſten Verſtande producirt oder herfuͤrge - bracht. Sie haben darauf von Pflanzen und Jnſeckten und Verwandlung geredet. Und ich habe geantwortet, daß dieſe Einwickelung, die bey den Pflanzen ſo wohl, als bey den Jnſeckten aller - dings ſtatt findet, himmelweit von einer ſolchen Entwickelung, wie ſie in der Hypotheſe angenom -D 2men52Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. men wird, unterſchieden ſey. Sie haben denn alſo aus dieſer exiſtirenden Entwickelung jene Ent - wickelung der Hypotheſe wenigſtens ſchlieſſen wol - len; aber ich habe Jhnen gewieſen, daß Sie nicht den allergeringſten Grund zu dieſem Schluß, oder zu dieſer Vermuthung vielmehr haben.

Wenn ich Jhnen nun aber auf irgend eine Art, an ſtatt ganz klar zu zeigen, aber auch nur bloß dieſes zu zeigen, daß der Endzweck, der durch die Einwickelung bey den Pflanzen und Jn - ſeckten erhalten wird, die Verwahrung der jungen Theile ſey, wenn ich, ſage ich, an ſtatt dem, nun auch auf irgend eine Art zeigen koͤnnte, daß eben dieſe Verwahrung der jungen Theile der einzige Endzweck ſey, der durch die ganze Einwickelung erhalten wird, das heiſt alſo eben ſo viel, als daß auch ſonſt gar nichts anderes dadurch erhalten wuͤrde. Wuͤrde alsdann daraus noch dieſes nur folgen, daß Sie kein Exempel einer Evolution aufweiſen koͤnnten? und daß folglich die Hypothe - ſe unwahrſcheinlich waͤre? Nein, wenn es wahr iſt, daß dieſe Einwickelung, die bey den Pflanzen ſtatt findet, nichts weiter hinter ſich hat, als ein - zig und allein die Verwahrung der jungen Theile, ſo folgt offenbar daraus, daß ſie auch nicht die Evolution der Hypotheſe hinter ſich habe. Wenn ſie aus keinem andern Grunde geſchiehet, als zur Erhaltung der jungen Theile zu dienen, ſo wird ſie auch nicht aus dem Grunde inſtituirt, damit ſie ſtatt der Producktion dienen ſoll. Das heiſtalſo53von der Praͤdelineation. alſo nicht mehr, die Hypotheſe iſt unwahr - ſcheinlich, ſondern es heiſt, ſie iſt falſch.

Das will ich Jhnen nun alſo jetzo zeigen, nicht in der Abſicht, als wenn ich hierauf bloß die Wahrheit bauen wollte, dieſe muß auf mehr unmittelbahre und mehr in die Augen fallende Gruͤnde, auf Beobachtungen, die von der Sa - che ſelbſt hergenommen ſind, nicht auf eine Reihe von Schluͤßen gebauet werden. Jch will dieſen Beweis nur im Vorbeygehen mit anfuͤhren. Die vierfuͤßigen Thiere und Voͤgel geben ihn uns. Dieſe ſind alle, ſo lange ſie noch Embryonen ſind, entweder in einem Ey, und alſo nicht nur in einer Schale ſondern auch in einem dicken und weichen Weſen, oder aber in Haͤuten und mit dieſen im Utero enthalten, und folglich fuͤr aͤußerliche Be - ſchaͤdigungen ſicher. Wenn nun alſo, wie ich ſage, die Natur bey der Einwickelung der juͤngern Theile keine andere Abſicht hat, als die Erhaltung derſelben, ſo wird bey den Thieren dieſe Einwicke - lung der juͤngern in aͤltere Theile nicht noͤthig ſeyn, und da die Natur nichts umſonſt thut, ſo muß ſie bey denſelben nicht ſtatt finden. Sie findet aber auch in der That nicht nur nicht ſtatt, ſondern ſie findet auch ſo ſehr nicht ſtatt, daß, gleichſam als wenn die Natur gegen meinen Antagoniſten ſich recht eigenſinnig bezeigen wollte, vielmehr das Gegentheil geſchiehet; denn das Herz wird, an ſtatt daß es innerhalb der aͤltern Theile herfuͤrge - bracht und organiſirt werden ſollte, außer demD 3Leibe54Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. Leibe des Embryo producirt, außer demſelben all - maͤhlich organiſirt, und vollkommner gemacht, und, wenn es bey nahe ſeine vollkommne Strucktur erhalten hat, an ſtatt, daß ſolches nun, wie bey den Pflanzen geſchiehet, zwiſchen den aͤlteren Thei - len herfuͤrgeſtoßen werden ſollte, ſo bleibt es auch nicht einmahl wo es iſt, ſondern es wird im Ge - gentheil nun eben erſt in die Bruſt hineingezogen, die Bruſt wird verſchloßen, und das Herz kommt in Ewigkeit nicht wieder zum Vorſchein. Eben ſo verhaͤlt es ſich auch mit den Eingeweiden des Unterleides. Bey ihrem erſten Urſprunge liegen ſie frey; in den Erwachſenen aber werden ſie ein - geſchloßen. Wenn aber, wie die Vertheidiger der Evolution ſagen muͤſſen, die Erhaltung der jun - gen Theile nicht der einzige Endzweck iſt, welche die Natur bey der Einwickelung hat, woher koͤm̃t es denn, daß eben nur alsdenn, wenn fuͤr aͤußer - lichen Beſchaͤdigungen keine Furcht noͤthig iſt, und ſonſt aber niemahls, alle Einwickelungen wegfal - len? Jch ſage alſo noch einmahl, da die Natur immer einwickelt, wenn Beſchaͤdigungen zu beſor - gen ſind, und niemahls einwickelt, wo keine zu beſorgen ſind; ſo ſehen Sie ja wohl, daß ſie mit ihren Einwickelungen auf nichts anders ſieht, als nur die Beſchaͤdigungen zu verhuͤten, und daß ſie folglich, ſo lange ſie nur noch einwickelt, an keine Producktion einmahl gedenkt.

Was antworten Sie mir hierauf? Jch will nicht hoffen, daß Sie mich mit der Unſichtbar -keit,55von der Praͤdelineation. keit, dieſer gluͤcklichen Ausflucht, wenn man in den lezten Zuͤgen liegt, zu Leibe gehn werden. Sie muͤſſen es ſo drehen. Sie ſagen, die Theile ſind bey den vierfuͤßigen Thieren und Voͤgeln auch zuſammen gewickelt, ſo wie die Fluͤgel des Papi - lions in der Puppe gleichſam in Falten gelegt ſind. Aber ihrer Durchſichtigkeit wegen ſieht man dieſe Zuſammenwickelung nicht, ſondern es ſieht accurat ſo aus, als wenn die Theile glatt ausge - dehnt laͤgen; und obgleich dieſe Theile aus Kuͤgel - chen beſtehn, die man gut von einander unterſchei - det, und die alſo, wenn Falten in dem Theil ſeyn ſollten, nothwendig an einigen Stellen doppelt liegen, und alſo undurchſichtigere Streifen wenig - ſtens verurſachen muͤſten, ſo ſieht man dennoch dieſes alles nicht. Jch will fuͤr dieſe Unſichtbar - keit alle Hochachtung haben, und ſie nicht laͤugnen. Jch bin nicht ſo unbeſcheiden, daß ich hartnaͤckig auf eine Sache dringen ſollte, die nicht recht ge - faͤllt, und es fehlt auf der andern Seite der Wahr - heit niemahls an einer Menge Zeichen, wodurch ſie ſich zu erkennen gibt. Was alſo unſern gegen - waͤrtigen Fall betrift, ſo ſage ich, ob man gleich keine Falten in den jungen Theilen der Thiere ent - deckt; ſo koͤnnten ſie doch wohl vielleicht zuſam - mengewickelt ſeyn. Jch ſage noch mehr, ob gleich dieſe Zuſammenwickelung der Theile, wie bey dem Fluͤgel des Papilions auch bey den Blaͤttern der Pflanzen ſtatt findet, und dieſe Zuſammenfaltung, hier mit bloßen Augen, von allen, die jemahls Pflanzen geſehn haben, beobachtet wird, ob ſchonD 4die56Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. die Theile der Pflanzen bey ihrem erſten Anfange eben ſo durchſichtig und durchſichtiger noch ſind, wie die Theile der Thiere; und ob man folglich gleich mit Grunde fragen koͤnnte, warum ſoll denn nur bey den Thieren die Zuſammenfaltung nicht beobachtet werden, wenn ſie eben ſo gut wie bey den Pflanzen ſtatt finden ſoll, da ſie doch hier ohne Vergroͤßerungsglas in einer Entfernung von 15 bis 20 Schritten noch ſehr deutlich geſehen werden kann; obgleich, ſage ich, dieſes alles iſt, ſo gebe ich doch zu, daß vielleicht wohl die jungen Theile bey den Thieren auch zuſammengewickelt ſeyn koͤnnten. Allein von dieſer Zuſammenwicke - lung iſt die Rede nicht. Jch habe ſie mit Fleiß immer Zuſammenwickelung genennt, um ſie von jener Einwickelung der juͤngern in den aͤltern Thei - len zu unterſcheiden. Bey den Pflanzen werden die juͤngere Theile in den aͤltern eingewickelt, um ſie fuͤr aͤußerliche Beſchaͤdigung zu bewahren; es werden auch außerdem die juͤngere Theile in ſich zuſammengefaltet; allein hiervon habe ich kein Wort geſprochen. Alſo mein lieber L .. was iſt nun zu thun? Sie muͤſſen ſagen auch die - ſe Einwickelung bey den Thieren iſt unſicht - bar! Doch nein, das geht nicht. Dieſe Ein - wickelung ſieht man nicht nur bey den Thieren nicht, ſo wie man die Zuſammenwickelung nicht ſahe, ſondern man ſieht auch, daß die Einwicke - lung nicht iſt; man ſieht das Herz vor und außer - halb der Bruſt in der es eingewickelt ſeyn muͤſte, frey, und bloß mit ſeinem Pericardio umgeben lie -gen.57von der Praͤdelineation. gen. Man ſieht es, ſo bald man es ſieht immer außerhalb der uͤbrigen Theile die ſchon da ſind lie - gen, da man die Blaͤtter der Pflanzen hingegen, ſo bald man ſie ſieht, und ſo lange man ſie ſieht, immer auch in andern eingewickelt ſieht, bis ſie endlich voͤllig gruͤn, ſteif, hart, alt, und erwach - ſen ſind, wo ſie ſich endlich voͤllig von der zuſam - mengewickelten Knoſpe zuruͤck biegen, ausdehnen und frey herabhengen. Hier iſt alſo die Frage nicht mehr, ob das, was man nicht ſieht, auch nicht daſey? ſondern ob das, was man ſieht, da ſey? und dieſes koͤnnen Sie, ohne ein Jdealiſt zu werden, nicht mehr laͤugnen. So weit aber muͤſſen wir in phyſicaliſchen Diſpuͤten nicht gehn.

Dieſen Beweis im Vorbeygehen alſo, wol - len wir nun wie ich Jhnen verſprochen habe, weg - laſſen, und es noch bey dem alten, daß man kein Exempel in der Natur von einer Evolution antrift, und daß folglich die Hypotheſen, und beyde Hypotheſen zwar an ſich betrachtet, unwahrſchein - lich ſind, bewenden laſſen, damit ich deſto beſſer und ungehindert, Jhnen meine Jdee, die ich von dieſen Hypotheſen in Anſehung ihrer Wahrſchein - lichkeit oder Unwahrſcheinlichkeit habe, ferner vollſtaͤndig erklaͤren kann.

So ſehr indeſſen dieſe bey den Pflanzen und Jnſeckten ſich wuͤrklich ereignende Einwickelungen der juͤngern Theile von denen in der Hypotheſe an - genommenen Einwickelungen, die alle wahre For -D 5mation58Unwahrſcheinligkeit der Hypotheſ. mation ausſchließen, verſchieden ſind; ſo wenig man auch den allergeringſten Grund nur hat, aus jenen exiſtirenden Evolutionen die Hypotheſe zu ſchlieſſen; ſo klar es vielmehr iſt, daß die Natur bey jenen Einwickelungen einzig und allein die Er - haltung der jungen Theile zur Abſicht hat, und an nichts weniger, als daran denkt, organiſche Koͤr - per aus dem Zuſtande der unendlichen Kleinheit und der Unſichtbarkeit, in den Stand der Sicht - barkeit hervor zu ziehen: ſo ſind doch dem unge - achtet jene wahrgenommene Einwickelungen dem Erfinder der Grund zu ſeiner Hypotheſe geweſen; denn ſo wie Carteſius dachte, dachte Mal - pighius nicht. Er muſte, wenn er etwas an - nehmen ſollte, wie es der Vernunft auch gemaͤß iſt, in der Natur wenigſtens einigen Grund da - zu finden, geſetzt auch, daß es nur ein Schein - grund geweſen waͤre. Er vermiſchte die gewoͤhn - liche Einwickelung bey den Pflanzen mit ſeinen Jdeen, die himmelweit davon unterſchieden wa - ren. Allein aus eben dieſen Urſachen iſt es eine große Frage, ob nicht Malpigh, wenn man ihm ſo deutlich, wie ich glaube gethan zu haben, den Unterſcheid zwiſchen dem, was er wuͤrklich beobachtet hatte, und dem, was er durch die Ein - bildungskraft hinzuſetzte, gezeigt haͤtte; wenn man ihm auch ferner gezeigt haͤtte, wie ſehr auch das, was die Natur bey ihren Einwickelungen allein nur zur Abſicht hat, von |dem, was er be - hauptete, unterſchieden ſey; es iſt, ſage ich, eben deswegen, weil er nicht dazu aufgelegt war, et -was59von der Praͤdelineation. was ſchlechterdings aus der Luft herzunehmen, ei - ne große Frage, ob er nicht bald ſeine Gedanken wuͤrde geaͤndert haben.

Wenn ich beyde Hypotheſen,Vergleichung der Hypothe - ſen der Präde - lineation mit der vorherbe - ſtimmten Har - monie und dem Jdealis - mus. denn eine iſt dem Weſen nach, ſo wie die andere, und ſie ſind nur durch zu - faͤllige Umſtaͤnde von einander unter - ſchieden, mit einer andern bekannten Hypotheſe, in Abſicht auf die Gruͤn - de, die man hat, ſie anzunehmen, oder nicht anzunehmen, vergleichen ſollte; womit wuͤrde ich ſie wohl vergleichen? Jch glaube, ich werde durch dieſes Mittel im Stande ſeyn, Jhnen meine Jdee, die ich von der Hypo - theſe habe, noch beſſer auszudruͤcken. Wenn Sie aber den Werth dieſer Hypotheſe beurtheilen wol - len, ſo muͤſſen Sie wohl auf einen Umſtand ach - tung geben, der derſelben ein ganz verſchiedenes Anſehen geben kann, und dieſen will ich alſo, ehe ich die Vergleichungen anſtelle, erklaͤren. Wenn man die Generation ungekuͤnſtelt, und wie ſie uns zu erſt in die Augen faͤllt, anſieht, ſo glaubt man, es werden die organiſche Koͤrper wuͤrklich produ - cirt, und man laͤſt es ſich nicht einfallen, daran zu zweifeln; das heiſt, man behauptet die Epige - neſin, und Sie ſehen wohl, man behauptet ſie, ohne einmahl zu wiſſen, daß man etwas behaup - tet. Vertheidigen aber wuͤrde man dieſelbe, wenn man nicht mit dem, was uns bey der Na - tur zuerſt in die Augen faͤllt, zufrieden ſeyn woll -te;60Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. te; wenn man die Sache genauer unterſuchte, wenn man die Zweifel, die einem wider den Satz, daß die Koͤrper formirt wuͤrden, einfallen koͤnn - ten, aufloͤſete, und Gruͤnde anfuͤhrete, woraus man ſchließen koͤnnte, daß die Koͤrper nicht nur dem Anſehen nach formirt zu werden ſchienen, ſon - dern daß dieſes auch wahr ſey, daß die Koͤrper auch wuͤrklich formiret wuͤrden. Endlich iſt, die Epigeneſin erklaͤren, wieder etwas anderes. Wenn es wahr iſt, daß die Koͤrper formirt wer - den, ſo muß dieſes durch gewiſſe Urſachen und auf eine gewiſſe Art geſchehen. Dieſe Urſachen ange - ben, dieſe gewiſſe Art vorſtellen, das heiſt erklaͤ - ren. Sie ſehen hieraus klar, was die Alten ge - than haben, was ich in dieſer vorlaͤufigen Abhand - lung thue, und was ich in meiner Diſſertation gethan habe und in der folgenden Theorie wieder thun werde.

Hippocrates, Ariſtoteles, alle Alten ha - ben die Epigeneſis behauptet, aber ſie haben ſie nicht vertheidiget. Hierzu wird erfordert, daß man wiſſen muß, es koͤnne die Wahrheit, daß Koͤrper formirt werden, in Zweifel gezogen wer - den. Das konnten ſie aber nicht wiſſen; ſie konn - ten nicht wiſſen, daß jemahls Menſchen in der Welt kommen wuͤrden, die dieſe Wahrheit laͤug - nen ſollten; daher dachten ſie auch nicht daran, ſie zu vertheidigen. Sie haben ſie alſo behauptet, ohne einmahl zu wiſſen, daß ſie etwas beſonderes dadurch behaupteten. Erklaͤrt haben ſie die Wahr -heit61von der Praͤdelineation. heit eben ſo wenig, das habe ich in dem Vorigen ſchon gezeigt. Jn meiner Diſſertation habe ich die Epigeneſin ebenfalls ſtatuirt, und eben ſo we - nig wie jene unmittelbar vertheidiget. Jch wußte zwar, daß es Gelehrten gaͤbe, die an dieſer Wahr - heit zweifelten, allein ich ſtellte mich doch ſo an, als wenn ich dieſes nicht wuͤßte. Auch das habe ich Jhnen in dem obigen ſchon weitlaͤuftiger ge - zeigt. Allein erklaͤrt habe ich in meiner Diſſerta - tion die Epigeneſin, wie ſie ſolches an eben dem Orte weiter ausgefuͤhrt geleſen haben. Jn dieſer vorlaͤufigen Abhandlung endlich habe ich eigent - lich die Abſicht, dieſe Wahrheit zu vertheidigen. Denn eben dadurch, daß ich die Hypotheſen der Praͤdelineation widerlege, vertheidige ich zugleich den Satz, daß die Koͤrper bey der Generation formirt werden. Jene Hypotheſen ſind von die - ſem Satze gerade das Gegentheil. Die Hypothe - ſen ſagen die Koͤrper werden nicht formirt, die Epigeneſis ſagt, ſie werden formirt; wenn ich al - ſo ſage die Hypotheſen ſind falſch; ſo ſage ich eben damit zugleich, die Epigeneſis iſt wahr. Nun - mehro kann ich Jhnen den Umſtand ſagen, der in die Beurtheilung der Gruͤnde, die man haben kann, jene Hypotheſen entweder anzunehmen, oder zu verwerfen, einen großen Einfluß hat. Er betrift die Erklaͤrung der Epigeneſis; ich ſage, wenn man irgend ein Mittel ſieht, die Formation der organiſchen Koͤrper, alſo die Epigeneſin, zu erklaͤren; wenn man irgendwo Kraͤfte in der Na - tur entdeckt, und irgend eine moͤgliche Art ein -ſieht,62Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. ſieht, wie durch jene Kraͤfte die organiſche Koͤrper herfuͤrgebracht werden koͤnnten; ſo werden alsdann die Hypotheſen ein ganz anderes Anſehen haben, und man wird ganz anders von ihnen urtheilen muͤſſen, als wenn man gar nicht einſieht, wie es moͤglich ſey, daß durch irgend eine natuͤrliche Ur - ſache, welche es auch ſey, ſo organiſche, ſo kuͤnſt - liche organiſche Koͤrper hervorgebracht werden koͤnnten. Dieſes iſt alſo der Umſtand, worauf bey der Beurtheilung der Hypotheſen vieles an - kommt.

Nunmehro aber ſage ich weiter: Zu den Zei - ten des Malpigh hatte man des Carteſii Tracktat, der aber eine zu offenbare Chimaͤre war, und alſo dem Malpigh nicht hinlaͤnglich ſeyn konnte, ausgenommen, keine andere Erklaͤrung der Gene - ration. Man ſahe alſo zu denen Zeiten noch kein Mittel ein, wie durch natuͤrliche Urſachen die or - ganiſche Koͤrper formirt werden koͤnnten. Folg - lich waren zu der Zeit die Hypotheſen der Praͤde - lineation auch aus dieſem Geſichtspunkt zugleich mit zu betrachten. Wenn ich aber nun ferner ſage, daß ich mich ſchmeichle, in meiner Diſſer - tation wuͤrklich die Urſachen, wodurch dieſe kuͤnſt - liche organiſche Koͤrper formirt werden, und die Art, wie ſie formirt werden, und zwar die wahre Urſachen davon, und die wahre Art entdeckt zu haben; ſo hoffe ich, daß ich damit vors erſte we - nigſtens nichts unerwartetes ſage; denn allerdings wenn ich es fuͤr Erdichtung und nicht fuͤr Wahr -heit63von der Praͤdelineation. heit hielte, ſo haͤtte ich eine Schartaͤcke, die ſie waͤre, nicht drucken laſſen. Daß ich mich aber in dieſer Schmeicheley auch nicht betriege, das iſt der Punkt, deswegen ich mich auf meine Bewei - ſe berufe, die noch niemand angeruͤhrt hat, denn was die Schwuͤrigkeiten, die der Herr Baron von Haller gemacht hat, anbetrift, ſo werden Sie in der Folge bald ſehen, daß ſie theils meine Beweiſe uͤber die Erklaͤrung der Art der Forma - tion gar nicht beruͤhren, ſondern eigentlich nur wider den Satz der Epigeneſis, daß organiſche Koͤrper wuͤrklich formirt werden, gehen, uͤberdem aber auch dieſe Wahrheit, die Epigeneſin ſelbſt meyne ich, nicht umſtoßen, ſondern nur einen Satz laͤugnen, den ich weder zum Beweiſe, daß die Koͤrper auf die Art, wie ich es angeben habe, formirt werden, noͤthig habe, noch noͤthig wuͤrde gehabt haben, wenn ich eigentlich nur bloß die Epigeneſin haͤtte behaupten wollen. Jch muß noch mehr ſagen. Wenn ich frey und ohne Um - ſtaͤnde reden darf, ſo habe ich meine Erklaͤrungen nicht nur bewieſen, ſondern ich habe ſie auf eine andere und ſtaͤrkere Art bewieſen, als gewoͤhnlich phyſiſche Wahrheiten bewieſen zu werden pflegen, und im 255ten §. Schol. 2. habe ich den Unter - ſcheid zwiſchen meinen Beweiſen und den gewoͤhn - lichen gezeigt. Wenn ich |nun auf dieſe Art feſt - ſetzen kann, daß ich die Art gezeigt habe, wie or - ganiſche Koͤrper nicht nur formirt werden koͤnnen, ſondern auch wuͤrklich formirt werden, ſo ſehen Sie wohl, daß die Hypotheſen alsdenn, undalſo64Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. alſo jetzo, wieder ein ganz anderes Anſehen be - kommen muͤſſen.

Jn dem erſten Fall, wenn man annimmt, daß man keine Art einſehe, wie durch natuͤrliche Urſachen organiſche Koͤrper formirt werden koͤnn - ten, wie auch Herr Bonnet an einem Orte in ſei - nem Buche ſolches behauptet, ſo hat man einigen Grund, die Hypotheſe anzunehmen, geſezt auch, daß dieſelbe durch keinen aͤhnlichen Fall in der Natur ertraͤglicher oder annehmlicher gemacht wer - den koͤnnte, wenn ſie nur keinen Widerſpruch ent - haͤlt, und an ſich moͤglich iſt. Jch ſage aber nur einigen Grund hat man dazu, und mehr Grund, als wenn man die Moͤglichkeit ſieht, wie orga - niſche Koͤrper formirt werden koͤnnen. Aber ein hinlaͤnglicher Grund iſt dieſes dem ohngeachtet ei - nem wahren Naturforſcher dennoch nicht, denn er wird immer noch mehr Geſchmack an dem auf - richtigen Bekenntniß, welches ihm noch uͤbrig bleibt, finden: ich weiß nicht wie es zugeht. Ei - nigen Grund dazu aber wuͤrde man auf dieſe Art daher nehmen, indem man ſagte; ich begreife nicht, wie durch irgend eine derer Urſachen in der Natur, die wir kennen, welche wir auch dazu annehmen wollten, ſolche organiſche Koͤrper, wie dieſe ſind, die wir vor uns haben, herfuͤr gebracht werden koͤnnten; folglich muß ich ſchließen, ſie werden nicht herfuͤr gebracht. Jch weiß es wohl, daß Sie ſagen werden, das muſt du nicht ſchlieſ - ſen, denn wenn du dieſe Urſachen gleich nichtken -65von der Praͤdelineation. kenneſt, ſo folgt nicht u. ſ. w. Das iſt auch richtig, allein hiervon iſt die Rede nicht, und ich rede deswegen auch nur von einigem Grunde. Dieſes heiſt alsdann: Halb aus Noth gezwun - gen ſeyn, eine obwohl unwahrſcheinliche Hy - potheſe anzunehmen. Wenn man aber im Ge - gentheil, ſo wie ich im zweyten Fall feſtgeſezt ha - be, einſieht, wie allerdings wohl durch natuͤrliche Kraͤfte dergleichen organiſche Koͤrper, wie wir vor uns ſehen, erzeugt werden koͤnnen; es ſey, daß die Art, wie es geſchehe, bekannt gemacht ſey; es ſey, daß man ſich ſelbſt eine Art der Moͤg - lichkeit habe vorſtellen koͤnnen; es ſey kurzum wie es wolle; genug, wenn man nicht mehr ſa - gen kann, daß durch die Kraͤfte der Natur die organiſche Koͤrper nicht moͤglich ſeyn; wenn die - ſes iſt, ſage ich, und man behauptet noch die Hy - potheſen; ſo ſehen Sie wohl, da dieſe Hypotheſen durch keine Analogie nur leidlich gemacht werden koͤnnen, daß das alsdann nicht mehr heiſſe: halb aus Noth gezwungen ſeyn, eine unwahr - ſcheinliche Hypotheſe anzunehmen; ſondern es heiſt: aus Eigenſinn etwas unwahrſchein - liches behaupten, damit man Gelegenheit habe anders zu denken, als andere; das heiſt es alsdann; und Sie werden dieſe Wahrheit durch die Beyſpiele, welche ich geben werde, noch deutlicher einſehen. Hieraus folgt aber nicht, daß, wenn eine wahre Theorie von der Genera - tion bekannt iſt, man, nachdem man ſie geleſen hat, nothwendig entweder die Hypotheſen derEPraͤde -66Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. Praͤdelineation nicht mehr behaupten, oder aber zu dieſer zwoten Claſſe von Gelehrten gehoͤren muͤſ - ſe. Bey Leibe nicht! Man darf dieſe Theorie nur nicht verſtanden haben, ſo iſt es immer ſchon genug, zur erſten Claſſe noch gerechnet zu werden.

Jn dem erſten Fall, wenn man keine Theo - rie der Generation hat, ſo kommen mir die Hy - potheſen der Praͤdelineation bey nahe vor wie die Hypotheſe der vorher beſtimmten Harmonie zwi - ſchen der Seele und dem Koͤrper. Dieſe iſt eben - falls ein Syſtem, woran niemand ſonſt gedacht hat, im hoͤchſten Grad kuͤnſtlich und im hoͤchſten Grad unnatuͤrlich. Die unuͤberſteigliche Schwie - rigkeiten, welche entſtunden, da man die Wuͤr - kungen des einen in dem andern verſtaͤndlich erklaͤ - wollte, und dieſes doch ohne die Seele materiell zu machen, haben die Philoſophen ſo lange ge - martert, bis ſie auf die gluͤckliche und ſcharfſinni - ge Erfindung geriethen, dieſe Wuͤrkungen ohne die Erfahrung zu beleidigen, ſchlechtweg zu laͤugnen. Man hatte geglaubt, die Erfahrung lehrte unmit - telbar den phyſiſchen Zuſammenhang zwiſchen der Seele und dem Koͤrper. Sie uͤberlegten die Sa - che recht, und ſahen, daß das nicht wahr ſey; das war genug, die Wuͤrkungen nun auch zu laͤug - nen. Und nun waren ſie fuͤr den Theologen auf der einen, und den Materialiſten auf der andern Seite ſicher. Hierin aber hat die Harmonie ei - nen Vorzug, daß ihre Vertheidiger auch nicht einmahl zu dem Bekenntniß, ich weiß nicht wiedie67von der Praͤdelineation. die Wuͤrkungen zugehn, ihre Zuflucht nehmen konnten. Das brauchen wir auch nicht, ſagt der Materialiſt, wenn Sie die Wuͤrkungen nur zu - geben, ſie moͤgen geſchehen, wie ſie wollen, ſo muß die Seele ſchon materiell ſeyn. Folglich wa - ren ſie mehr gezwungen als die Vertheidiger der Hypotheſen der Praͤdelineation ſeyn wuͤrden, und muͤſſen deswegen um deſto eher entſchuldiget werden.

Wenn mir aber einer, dem ich auch nur ge - zeigt haͤtte, wie durch natuͤrliche Kraͤfte wohl orga - niſche Koͤrper formirt werden koͤnnten, bemerken Sie wohl, ich ſage nicht, dem ich bewieſen haͤtte, daß auf dieſe oder jene Art die Koͤrper formirt wer - den, ſondern nur, deren ich gezeigt haͤtte, wie ſie allenfalls formirt werden koͤnnten, wenn der nur mir darauf antwortete; Ja, ſo koͤnnten ſie allen - falls formirt werden, aber das beweiſet nicht, daß ſie ſo, oder ſonſt auf eine andere Art formirt wer - den; ich glaube alſo nicht daß ſie formirt werden; ſo wuͤrde mir dieſer, ungeachtet er recht haͤtte, den - noch ſchon bey nahe ſo vorkommen, wie ein Egoi - ſte, dem ich es an der Miene anſehen koͤnnte, daß er mir mein Daſeyn nur darum laͤugnete, um mir zu zeigen wie kuͤnſtlich er ſey. Sie wiſſen, der Egoiſte ſagt: Jch exiſtire! aber Du? exiſtireſt nicht! Demonſtrire mir einmahl, daß du exiſti - reſt! Wenn Sie ihm, wie Molliere es mit ſei - nem Jdealiſten machte, eine Ohrfeige geben, ſo beweiſet das nichts. Dieſe Ohrfeige iſt eine Ver -E 2aͤnde -68Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. aͤnderung, die in ſeiner Seele vorgeht, und die ih - ren Grund in vorhergehenden Veraͤnderungen, nicht aber in Jhnen hat. Was wollen Sie alſo machen?

Jn eben dieſem Zuſtande wuͤrde ich ſeyn, wenn ich in meinen Beweiſen nothwendig auf dem Satze, was ich nicht ſehe, iſt nicht da, als auf einem Grundſatze, zuruͤck gehn muͤſte. Demon - ſtriren Sie mir einmahl, daß etwas, Sie moͤgen es ſehn oder nicht ſehn, oder auf irgend eine an - dere Art, wie ſie immer wollen, nicht empfinden, deswegen nicht da ſey! demonſtriren Sie mir das einmahl! Wenn Sie Salomons Weisheit haͤtten, ſo ſind Sie es nicht im Stande.

Jch aber will Jhnen wohl demonſtriren, daß eine ſolche Demonſtration unmoͤglich ſey. Jſt das Ding, davon Sie beweiſen ſollen, daß es nicht da ſey, wuͤrklich da; ſo werden Sie gewiß nicht demonſtriren koͤnnen, daß es nicht da ſey. Jſt es aber nicht da, ſo kann es vors erſte auf kei - ne Art empfunden werden; alſo koͤnnen Sie auch durch unmittelbahre Erfahrungen nichts von ihm entdecken, und nichts von ihm beweiſen. Es kan ſich aber auch durch Wuͤrkungen nicht offenba - ren; folglich bekommen Sie gar keine Gruͤnde, woraus Sie etwas von ihm ſchließen koͤnnten. Da Sie aber wenn Sie etwas ſchließen ſollen Gruͤnde haben muͤſſen, woraus Sie es ſchließen, und aus nichts nichts ſchließen koͤnnen; ſo koͤn - nen Sie auch unmoͤglich von einem Dinge, dasnicht69von der Praͤdelineation. nicht da iſt, durch Schluͤße beweiſen, daß es nicht da ſey. Und folglich, es mag da ſeyn oder nicht da ſeyn, ſo koͤnnen Sie uͤberhaupt niemahls beweiſen, daß etwas nicht da ſey. Daher haben ſchon die Scholaſtiker die ſo bekannte und ſehr ver - nuͤnftige Regel gemacht affirmanti incumbit pro - batio! und ich auf meiner Seite werde mich ſo ausdruͤcken: ich habe keinen Grund, warum ich von einem Dinge, von dem ich nichts hoͤre oder ſehe, behaupten ſollte, daß es da ſey; alſo behaup - te ich dieſes auch nicht. Jndeſſen aber kann ich doch auch nicht demonſtriren, daß es nicht da ſey.

Uebrigens muß ich erinnern, daß eine De - monſtration der Abweſenheit eines Dinges nur ſo lange unmoͤglich ſey, als von einem Dinge oder auch von einem Koͤrper uͤberhaupt geſprochen wird, folglich ſo lange ich den Satz, was ich nicht ſe - he, iſt nicht da, als einen allgemeinen Satz anſehe; wie ſolches gut waͤre, wenn man ihn in mein Syſtem einſchieben koͤnnte. Allein die De - monſtration hoͤrt auf, unmoͤglich zu ſeyn, ſo bald das Ding, davon die Rede iſt, beſtimmt und zu eine gewiſſe Art von Koͤrpern reducirt wird. Als - dann ſind dieſe Determinationen weſentlich mit gewiſſen Erſcheinungen verknuͤpft, die mir, wenn ſie nicht ſtatt finden, einen Grund abgeben, zu ſchließen, daß ein ſolches Ding unmoͤglich da ſeyn koͤnne, und folglich auch nicht da ſey. Auf dieſe Art kann ich zum Exempel ſehr leicht beweiſen, daß in meinem Geldbeutel kein Friederichs d’orE 3ſey;70Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. ſey; daß Doris jetzo nicht in meiner Stuͤbe ſey. Sie ſehen leicht, alle dieſe beſtimmte Dinge ſind mit gewiſſen Erſcheinungen verbunden, die ihrer Natur nach nicht verborgen bleiben koͤnnen. Den Friederichs d’or muͤſte man im Geldbeutel ſehn und fuͤhlen koͤnnen, wenn er darin waͤre; und wenn Doris hier waͤre, ſo wuͤrden wieder andere Erſcheinungen ſtatt finden. Daher habe ich auch allerdings, wie Sie in der Folge ſehn werden, in meiner Diſſertation beweiſen koͤnnen, daß Theile des Embryo zu der Zeit, da man ſie nicht ſieht, nicht da ſeyn koͤnnen; das Phaͤnomen, womit die Theile als Theile des Embryo verbunden ſind, ſind Kuͤgelchen, woraus ſie beſtehn, und die ſo groß ſind, daß ſie durch ein maͤßiges Mikroſcop alle - mahl geſehn werden koͤnnen; das gehoͤrt zur Na - tur der Theile des Embryo; daraus kann ich alſo ſchließen, daß eben demſelben Mikroſcop noch weniger die Theile, die aus jenen Kuͤgelchen zu - ſammen geſetzt ſeyn ſollen, verborgen bleiben koͤn - nen. Wenn ich aber weiter keinen Grund haͤtte, als ſchlechtweg den, daß ich die Theile nicht ſehe, und folglich auf den allgemeinen Satz, was ich nicht ſehe, iſt nicht da, zuruͤck gehn muͤßte, wie man es wohl gern haben moͤchte, ſo wuͤrde ich die - ſen hernach unmoͤglich demonſtriren koͤnnen.

Sie ſehen alſo wohl, daß es mir, wenn ich auf dieſen Grundſatz zuruͤck zu gehn genoͤthiget waͤ - re, oder auch einem, der wider die Hypotheſen der Praͤdelineation nichts weiter thun, als nurzei -71von der Praͤdelineation. zeigen koͤnnte, daß die Hypotheſen ja gar zu un - wahrſcheinlich, und hingegen es ja hier der Natur eben ſo wohl, als in andern Faͤllen moͤglich ſey, durch ihre uns bekannte Kraͤfte wuͤrklich zu pro - duciren, und nicht nur produciren zu ſcheinen, eben ſo gehen wuͤrde, wie es einem Philoſophen geht, der es mit einem Egoiſten zu thun hat. Jch kann aber zum Gluͤck vors erſte nicht nur eine Art zeigen, wie organiſche Koͤrper entſtehen koͤnn - ten, ſondern ich kann beweiſen, daß ſie auf die Art, wie ich es angebe, wuͤrklich entſtehn, das iſt, wie ich ſchon erinnert habe, in meiner Diſ - ſertation geſchehen, und wird in der folgenden Theorie wieder geſchehn; und vors andere habe ich auch in dieſen Beweiſen nicht noͤthig, auf je - nen Grundſatz zuruͤck zu gehn, daß das, was ich auf keine Art empfinde, deswegen auch nicht da ſey, dieſes werde ich bald in der Folge dieſer Ab - handlung ſelbſt noch zeigen, ſo billig ich ſonſt auch immer dieſen Grundſatz zum Voraus ſetzen koͤnn - te. Folglich muß mir auch ein Naturforſcher, der ſo ſubtil und ſo ſcharf wider mich verfaͤhrt, wie ein Egoiſte in der Philoſophie, keine Schwierig - keiten im Wege legen koͤnnen.

Aber nunmehro ſehen Sie auch hieraus, wie hoch es mit den Hypotheſen der Praͤdelineation getrieben iſt. Vors erſte unwahrſcheinlich im hoͤchſten Grade; denn Sie finden in der ganzen Natur kein einziges Beyſpiel von einem ſolchen Dinge, wie Sie in der Hypotheſe annehmen. E 4Vors72Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſ. Vors andere nicht der geringſte Grund, wodurch wir genoͤthiget wuͤrden, dieſe ſo unwahrſcheinliche Hypotheſe anzunehmen. Zum dritten endlich da - durch, daß ich, wie ich verſprochen habe, die wi - der meine Theorie gemachte Schwierigkeiten auf - loͤſe, und folglich den Beweis nicht nur vor mei - ne Theorie, ſondern eben dadurch zugleich auch mit vor die Epigeneſis wieder herſtelle, ſo weit uͤber dem allen noch beſonders widerlegt, daß auch keine Egoiſtiſche Ausfluͤchte mehr uͤbrig bleiben.

Wenn Sie alſo die zween erſten Punkte von der Unwahrſcheinlichkeit der Hypotheſe, und von dem Mangel eines hinlaͤnglichen Grundes zu die - ſer unwahrſcheinlichen Hypotheſe zuruͤck zu gehn, zuſammen nehmen, ſo haben Sie den Geſichts - punkt, aus dem ich dieſe Hypotheſen vor dem betrachtete. Wenn Sie den dritten Punkt noch hinzuthun, ſo werden Sie dieſelbe ſo ſehen, wie ich ſie jetzo ſehe.

Ein zweyter Grund der Unwahr - ſcheinlichkeit der Prädeli - neation.

Jch hatte noch mehr Gruͤnde wi - der dieſe Hypotheſen, die mir aber theils wieder entfallen ſind, theils auch zu weitlaͤuftig ſeyn wuͤrden, als daß ich ſie anfuͤhren koͤnnte. Einer faͤllt mir noch ein, den ich ziemlich kurtz werde vorſtellen koͤnnen. Sie werden ſich noch erinnern, daß eine Evolution ein Phaͤnomen war, welches ſeinem Weſen nach gleich bey der Schoͤ - pfnng von Gott erſchaffen, aber in einem unſicht -baren73von der Praͤdelineation. baren Zuſtande erſchaffen wurde, eine Zeitlang unſichtbar blieb, und alsdann ſichtbar wurde. Sie ſehen bald, ein entwickeltes Phaͤnomen iſt ein Wunderwerk, welches von den gemeinen Wunderwerken nur darin unterſchieden iſt, daß es erſtlich zur Zeit der Schoͤpfung ſchon von Gott producirt iſt, zweytens daß es eine Zeitlang, ehe es zum Vorſchein gekommen, unſichtbar geblie - ben iſt. Alle organiſche Koͤrper ſind alſo wahre Arten von Wunderwerken. Allein wie ſehr aͤn - dert ſich nicht dadurch der Begriff, den wir von der gegenwaͤrtigen Natur haben, und wie viel verliert er nicht von ſeiner Schoͤnheit! Bishero war ſie eine lebendige Natur, die durch ihre eige - ne Kraͤfte unendliche Veraͤnderungen herfuͤrbracht. Jetzo iſt ſie ein Werk, welches nur Veraͤnderun - gen herfuͤr zu bringen ſcheint, in der That aber und dem Weſen nach unveraͤndert ſo liegen bleibt, wie es gebauet war, außer, daß es allmaͤhlig im - mer mehr und mehr abgenutzt wird. Zuvor war ſie eine Natur, die ſich ſelbſt deſtruirte, und ſich ſelbſt von neuen wieder ſchuff, um dadurch unend - liche Veraͤnderungen herfuͤrzubringen, und ſich immer wieder auf einer neuen Seite zu zeigen. Jetzo iſt ſie eine lebloſe Maße, von der ein Stuͤcke nach dem andern herunter faͤllt, ſo lange bis der Kram ein Ende hat. Eine ſolche elende Natur kann ich nicht ausſtehn, und die Saamenthier - chen, in ihrer Hypotheſe betrachtet, ſind nicht ein Werk des unendlichen Philoſophen, ſonder ſie ſind das Werk eines Leuwenhoͤcks, eines Glas - ſchleifers.

E 52) Auf -74Aufloͤſung der Schwierigkeiten.

2) Aufloͤſung der Schwierigkeiten, die wider die Theorie des Verfaſ - ſers gemacht ſind.

Jch will nunmehro die mir gemachte Schwie - rigkeiten aufloͤſen. Jn meiner Recenſion, die mir der Herr Baron von Haller die Ehre er - zeigt hat, von meiner Schrift zu machen, iſt ei - gentlich keine weiter mehr aufzuloͤſen uͤbrig, als dieſe, die ich allerdings einen ſehr wichtigen Ein - wurf nennen kann, daß ich nemlich mein Syſtem auf einem Grundſatz gebanet habe, welcher falſch iſt, auf dieſem Grundſatz, was man nicht ſieht, iſt auch nicht da. Denn in den uͤbrigen Erinnerungen ſind wir ſchon vollkommen einig. Was die Vergleichung meiner Theorie mit der Needhamiſchen betrift, davon habe ich oben ge - ſprochen und den Unterſcheid gezeigt. Daß zur Beſtaͤrkung einer Theorie auch außer denenjenigen Verſuchen und Beobachtungen, die zu ihrem Be - weiſe hinlaͤnglich ſind, noch beſondere Erfahrun - gen erfordert werden, wodurch man eben dieſelbe Sache auf verſchiedenen Seiten kennen lernt, das habe ich zugeſtanden, und den Grund davon eben - falls in dem obigen ſelbſt angezeigt. Jch habe auch dem Herrn von Haller in einem Briefe die Urſachen erklaͤrt, warum ich in meiner Schrift ſo kurz habe verfahren muͤſſen, und ich will michbe -75die wider die Theorie des Verf. ꝛc. befleißigen, theils in der hier folgenden Theorie, theils bey andern Gelegenheiten mehrere Erfah - rung beyzubringen, und die beygebrachte weiter auszufuͤhren, theils auch mich auf des Herren von Hallers Erfahrungen ſelbſt zu berufen, als welches mir nicht nur frey ſtehen muß, ſondern wodurch ich auch die vollkommenſte Zeugniſſe der Wahrheit und meiner Theorie werde geben koͤn - nen; inſonderheit da mir der Herr von Haller gleich in ſeinem erſten Briefe die Ehre erzeigt hat zu ſagen, daß unſere Beobachtungen vollkommen mit einander uͤbereinſtimmen. Was die Erklaͤ - rung des Herzens, und der Schlagadern betrift, ſo ſind wir ebenfalls darin einig, nachdem ich mich in einem Briefe deutlicher erklaͤrt habe. Der Feh - ler lag wieder an meinen zuſammengezogenen Aus - druͤcken, wodurch ich oſt mit drey Worten eine Erklaͤrung gegeben habe, die alſo leicht uͤberſehn werden kann. Jch werde das Herz und die Schlag - adern, und warum die Pflanzen kein Herz haben, in der folgenden Theorie deutlicher erklaͤren. Die Reizbarkeit hingegen habe ich nicht erklaͤrt, und habe ſie auch nicht erklaͤren koͤnnen; denn ihre Urſachen waren mir unbekannt. Es bleibt alſo in der Recenſion nichts weiter uͤbrig, als dieſer Einwurf, daß ich mein Syſtem auf einem fal - ſchen Grundſatz gebauet habe.

Der Herr von Haller druͤckt ſich dieſerwe - gen ſo aus. Bey der Erzeugung der Thie - re muß man wohl auf einen Grundſatz mer -ken,76Aufloͤſung der Schwierigkeiten,ken, der gleich am Anfange ſteht, und nach welchem dasjenige nicht da iſt, was man nicht ſieht . Jn der Folge laͤugnet er dieſen Satz, und beweiſet durch das Exempel der Ge - kroͤßadern in den Froͤſchen, daß oft Theile ihrer Durchſichtigkeit wegen unſichtbar ſeyn koͤnnten, und dennoch wuͤrklich vorhanden ſeyn muͤſten; Er ſetzt hinzu, daß man auch nicht allemahl im Stan - de ſey, die Durchſichtigkeit, durch Weingeiſt zu heben, und daß man folglich nicht ſchließen koͤn - ne, was nicht geſehn wird, ſey nicht da. Jch muß alſo zeigen, daß dieſer Satz, was man nicht ſieht, iſt nicht da, keine Stuͤtze meines Syſtems ſey; daß ich alle meine Wahrheiten, ohne dieſen Satz zu beruͤhren, beweiſen koͤnne, und daß es auch wuͤrklich meine Abſicht nicht geweſen ſey, ihn dazu zu gebrauchen. Jn wie fern dieſer Satz wahr oder falſch ſey, das iſt hernach eine andere Frage, die mir nichts angeht. Jſt er falſch, ſo iſt es genug, daß ich ihm nicht brauche. Jſt er in eigentlichen Abſichten, die zu unſerm Zweck gehoͤren, wahr, ſo geht mir auch das nichts an, weil er in mein Syſtem keinen Einfluß hat, nur daß ich um deſto weniger Urſache habe mich fuͤr ihn zu fuͤrchten.

Der Satz, was ich nicht ſehe, iſt nicht da, iſt kein Grundſatz die - ſer Theorie.

Man muß, wenn von einem Grundſatz eines Syſtems die Rede iſt, dreyerley verſchiedene Dinge wohl von einander unterſcheiden. Man kann in einem Syſtem ſich eines Satzesvors77die wider die Theorie des Verf. ꝛc. vors erſte als eines Axioms bedienen; wenn man dieſes thut, ſo ſetzt man deſſen Wahrheit als aus - gemacht zum Voraus, und beweiſet ihn nicht; man kann ſich zweytens deſſelben zwar als eines Grundſatzes (principii) bedienen, allein man ſieht ihn nicht als ein Axiom, ſondern nur als ein Theorem an; alsdann beweiſet man ihn zuvor, ehe man ſich deſſen zu Beweiſen anderer Wahrhei - ten bedient. Zum dritten endlich kann man von einem Satze etwan in einem Scholio wohl reden, man kan verſchiedenes davon in die Laͤnge und in die Breite ſagen, und ſich auf alle Art mit ihm herumwerfen, ihn behaupten, laͤngnen, verthei - digen, widerlegen, genauer beſtimmen u. ſ. w. ohne ihn doch dem allen ungeachtet, auf irgend eine Art in dem Syſtem als einen Grundſatz zu brauchen, weder ſo, daß man ihn als ein Axiom betrachtete, und ihn als ausgemacht zum Voraus ſetzte, noch ſo, daß man ihn als ein bloßes Theo - rem zuvor bewieſe. Jch ſage ich habe von dem Satze, was ich nicht auf irgend eine Art beobachten kann, muß ich auch nicht an - nehmen, denn auf dieſes Ungefehr werden meine eigentliche Ausdruͤcke hinauslaufen, in dem Scho - lio des 166 §. in dieſem Scholio, welches zu meiner ganzen Diſpuͤte Anlaß gegeben hat, zwar vieles geredet, aber ich habe mich deſſelben nicht als eines Grundſatzes, weder als ein Axioma, noch als Theorema betrachtet, in meinem Sy - ſtem bedienet.

Wenn78Aufloͤſung der Schwierigkeiten,

Wenn ich dieſen Satz als ein Axiom ge - braucht haͤtte, und nichts wider die Gruͤnde des Herren von Hallers einzuwenden wuͤſte, ſo waͤ - re mein Syſtem eine Chimaͤre. Haͤtte ich ihn hingegen als ein Theorem gebraucht, ſo wuͤrde es darauf ankommen, ob der Hr. von Haller wuͤrk - lich meine Beweiſe vor dieſem Satz, zum Exem - pel den von der allemahl ſtatt findenden Sichtbar - keit der Kuͤgelchen, woraus alle Theile des Em - bryo ohne Ausnahme zuſammen geſetzt ſind (man ſehe hievon zum Exempel in der Diſſertation das Herz in der 9ten Figur bey c) umgeſtoßen haͤtte, welches nicht geſchehen iſt, und ob ich nicht fer - ner noch durch andere Beweiſe ihn bekraͤftigen koͤnnte. Wenn ich aber dieſen Satz gar nicht als einen Grundſatz gebraucht, ſondern nur beylaͤufig von ihm in dem angezeigten Scholio geſprochen habe, ſo liegt auch gar nichts daran, er mag ſo wahr oder ſo falſch ſeyn als er wolle.

Daß ich dieſen Satz vors erſte nicht als Axiom gebraucht habe, dieſes erhellet ſchon dar - aus, weil ich, indem ich auch nur davon zu ſpre - chen Gelegenheit nahm, die Beweisgruͤnde ſchon beygefuͤgt habe, wie der Herr von Haller ſelbſt, ſeiner gewoͤhnlichen Aufrichtigkeit nach, einige derſelben auch in der Recenſion mit angefuͤhrt hat. Alſo vor der Chimaͤre waͤre ich vors erſte ſchon ſicher.

Bey der Frage ob ich mich des Satzes als eines noch zu beweiſenden Grundſatzes bedienethabe,79die wider die Theorie des Verf. ꝛc. habe, fraͤgt ſich eigentlich wiederum zweyerley. Erſtlich ob ich die Abſicht gehabt habe, die fol - gende Wahrheiten des Syſtems auf ihn zu bauen, und folglich ihn mit Fleiß als einen Grundſatz an - zunehmen. Zweytens, wenn ich auch nicht die - ſe Abſicht gehabt habe, ob er nicht dennoch wider meine Einſicht und Willen einen Einfluß in mein Syſtem hat.

Daß ich wenigſtens die Abſicht nicht gehabt habe, ihn als einen Grundſatz zu brauchen, iſt daraus klar, weil ich ihn nicht in einem beſon - dern mit ſeiner Nummer bezeichneten Paragra - phen, den ich, wenn ich etwas damit beweiſen wollte, citiren koͤnnte, vorgetragen, ſondern nur in einem Scholio beylaͤufig von ihm geſprochen habe; da ich doch diejenigen Saͤtze, auf denen etwas ankoͤmmt, und die ich zu Beweiſen der folgenden Wahrheiten brauche, allemahl in beſon - dern Paragraphen vorgetragen habe. Es iſt mir alſo nunmehro nur bloß noch uͤbrig, zu zeigen, daß der Satz keinen Einfluß in mein Syſtem hat, und das werde ich bewerkſtelligen, wenn ich zeige, auf welchen Gruͤnden meine behauptete Wahrhei - ten eigentlich beruhen, und daß dieſe Gruͤnde ganz andere Gruͤnde ſind, als der Satz, alles was ich nicht ſehe, iſt nicht da; wenn ich zeige, daß wo ich behaupte, daß gewiſſe Theile noch nicht exiſtiren, ich ſolches nicht deswegen behaup - te, weil ich ſie nicht ſehe, ſondern daß ich alle - mahl ganz andere Urſachen dazu habe.

Jch80Aufloͤſung der Schwierigkeiten,
Er hat auch keinen Einfluß in dieſelbe, und die Theo - rie gründet ſich auf lauter reine Beo - bachtungen.

Jch behaupte alſo gleich im An - fange im 166 und 167. §., daß in de - nen hier beſchriebenen Embryonen und ihren areis noch keine Gefaͤße ſeyn, theils um hieraus zu ſchließen, daß die Nahr[u] ngsſaͤfte auf eine beſon - dere Art, und durch eine beſondere Kraft, durch dieſe Theile getrieben werden, be - ſonders aber auf dieſem Grunde hernach die gan - ze Theor[i]e der Formation der Gefaͤße zu bauen. Hierwider nun eben wendet der Herr von Haller beſonders ein, es ſey nicht zu ſchließen, weil man in dieſen Theilen keine Gefaͤße auch auf irgend eine Art entdecke, ſo ſeyn keine darinn. Die Erſcheinung, daß nemlich in der ſogenann - ten area umbilicali im Huͤnchen Wege ge - zeichnet ſeyn, die nach und nach vollkom - men und zu Gefaͤßen werden das ſind ſeine eigene Worte ſey richtig, nur bleibe der Zweifel uͤbrig, ob die durchſichtigen Wege zwiſchen dem koͤrnigten Weſen auch wuͤrk - lich aus bloßen Wegen ohne Haͤute beſte - hen, und dieſes ſey ſo leicht nicht auszuma - chen . Wir wollen alſo ſehn, wie ich mich aus dieſer Schwierigkeit herausziehe, und ob ich theils um zu beweiſen, daß in der area keine Gefaͤße ſeyn, theils um meine Erklaͤrung von der Forma - tion der Gefaͤße zu rechtfertigen, noͤthig habe, mich darauf zu berufen, daß ich die Gefaͤße auf keine Art ſehe, oder durch irgend ein Mittel ent - decken kann.

Jch81die wider die Theorie des Verf. ꝛc.

Jch berufe mich alſo, um meine Beweiſe anzuſtellen, auf die Beobachtungen, welche ich im 178 und 179, beſonders aber im 178 §. wel - chen ich auch in dem oben citirten Scholio ange - fuͤhrt habe, vorgetragen, in der 4ten, 7ten, 8ten und 10ten beſonders in der 4ten Figur aber ge - zeichnet habe. Dieſe Beobachtungen enthalten die Stuͤtzen, auf welchen ich ſo wohl meine Theo - rie von der Formation der Gefaͤße, als auch die - ſe Wahrheit gegruͤndet habe, daß zu denen Zei - ten, wenn der Embryo noch ſo wie hier beſchaf - fen iſt, noch keine Gefaͤße in der area ſeyn. Das in der 4ten Figur gezeichnete Stuͤck der area lehrt uns die Formation der Gefaͤße ſo offenbar, daß man ſie gleichſam mit Augen ſieht. Dieſe will ich alſo zuvor aus dieſer Beobachtung zeigen, und alsdann auch daraus wieder beweiſen, daß eben jetzo in dieſer area noch keine Gefaͤße da ſeyn. Man ſieht alſo in dieſer Figur, die ich ſo accurat und mit ſo großem Fleiß nach der Natur gezeichnet habe, daß auch faſt kein Punckt iſt, den ich nicht in meinem Original geſehen haͤtte, daß die koͤr - nigte Materie, die vorhin, wie in fig. 1. eben gleich und aneinander hangend geweſen iſt, nun - mehro in große, der Figur nach unbeſtimmte, und hin und wider noch zuſammenhangende Stuͤcke, a. a. zerfallen ſey. Dieſes ſieht man, und es iſt alſo daran kein Zweifel. Man ſieht aber ferner, daß dieſe Trennung der koͤrnigten Materie der area, von dem mehr und mehr eindringen - den fluͤßigen Weſen, welches man in den ent -Fſtan -82Aufloͤſung der Schwierigkeiten,ſtandenen Zwiſchenraͤumen b. b. wahrnimmt, her - ruͤhre; denn eben dieſes fluͤßige Weſen, mit der ſubtileren koͤrnigten Materie b. b. iſt es, welches die verſchiedene dichtere Stuͤcke der groͤbern koͤr - nigten Materie trennt, und von einander abge - ſondert haͤlt. Alſo auch dieſes ſieht man noch bishe - ro; und es kann folglich auch daran nicht gezwei - felt werden. Man nennt eine dergleichen Tren - nung einer feſtern Materie, die durch ein fluͤßi - ges Weſen geſchiehet, eine Aufloͤſung. Man ſieht es alſo mit Augen, daß die koͤrnigte Mate - rie der area, welche vorhin wie fig. 1. ganz, eben, zuſammenhengend war, durch ein nach und nach eindringendes fluͤßiges Weſen, in ungleich große unfoͤrmliche Stuͤcke aufgeloͤſet werde, die hernach ferner, wie man ſolches auf eben die Art in den folgenden Beobachtungen, laͤnger gebruͤteter Eyer ſieht, allmaͤhlig durch das weitere Eindringen der fluͤßigen Materie in kleinere Stuͤcke getheilt und aufgeloͤſet werden. Dieſes alles alſo ſieht man. Etwas aͤhnliches hiervon bemercket man an der Art der Aufloͤſung der Salze und faſt aller andern Materien, die ebenfalls bey weniger Feuch - tigkeit zuerſt in groͤßere Stuͤcke zerfallen, welche aber hernach bey mehr zudringender Feuchtigkeit weiter aufgeloͤſet werden. Nur dieſen Unterſcheid findet man hier, daß die von einander getheilte Stuͤcke noch immer an einigen Orten hin und wieder ſtaͤrker oder ſchwaͤcher, durch mehr oder weniger feinere koͤrnigte Materie zuſammen hen - gen, wie ſie denn alle, wo nicht unmittelbar un -ter83die wider die Theorie des Verf. ꝛc. ter einander, wenigſtens vermittelſt der Membran des Gelben vom Ey, an welcher ſie alle feſt ſitzen, und der darunter gelegenen Subſtanz des Gelben, mit der ſie ebenfalls zuſammenhengen, continui - ren. Dieſe nun aber auf ſolche Art durch die Auf - loͤſung in ungleiche Stuͤcke, die auch an vielen Orten noch unmittelbar untereinander zuſammen - hengen, folglich noch nicht vollkommen, ſo wie ſie ſich in der Folge befindet, getheilte nnd gleichſam zerriſſene area iſt eben der Ort, wo in der Folge die netzfoͤrmige Nabelgefaͤße ausgebreitet erſchei - nen, wie ſie in der 8ten und 10ten Figur durch das Mikroſcop vorgeſtellt werden; und die Folge der Beobachtungen an immer mehr und mehr ge - bruͤteten Eyern lehrt, wie ſolches auch ſchon hin - laͤnglich aus der Vergleichung der vierten, achten und zehnten Figur zu erkennen iſt, daß die Zwi - ſchenraume b in allen dieſen Figuren zu Gefaͤßen, die Jnſeln aber, oder voneinander getheilten Stuͤ - cke der koͤrnigten Materie allmaͤhlig zu Zwiſchen - raͤumen der Gefaͤße werden. Bey allen dieſem kann ſo wenig ein Jrrthum vorfallen, wie bey irgend einer Wahrheit in der Welt. Es ſind alles unmittelbare Beobachtungen; und man ſieht, wenn man viel Eyer um dieſe Zeit der Jneubation auf - ſchlaͤgt, an den allmaͤhligen und kaum merklichen Veraͤnderungen der area, wodurch ſie aus dem Zuſtande, wie ſie in der vierten Figur iſt, allmaͤh - lig in den Zuſtand, worin ſich die in der 8ten und 10ten Figur befindet, uͤbergeht, daß die noch hin und wieder zuſammenhengende Stuͤcke a. a. F 2der84Aufloͤſung der Schwierigkeiten,der vierten Figur noch eben dieſelben ſind, die ſich wieder als voͤllig nunmehr getrennte und mehr ge - theilte kleinere Jnſeln in der 8ten und 10ten Fi - gur bey a. zeigen, und daß hingegen die Zwiſchen - raͤume b. in der vierten Figur eben dieſelbe Zwi - ſchenraͤume ſind, die ſich wiederum bey b. in der achten und zehnten Figur, nur wegen der ſtaͤr - kern Theilung der Jnſeln, kleiner, in groͤßerer Menge, und mehr geordnet zeigen. Daß aber dieſes nun ſchon die wuͤrklichen Anfaͤnge der Ge - faͤße ſind, das iſt daraus klar genug, weil man in dieſen Zwiſchenraͤumen, wie ich ſolches auch in der 10ten Figur vorgeſtellt, und in deren Er - klaͤrung angezeigt habe, die Blutkuͤgelchen ſchon haͤufig ſpringen ſieht. Eben ſo kann man auch den allmaͤhligen Uebergang der area in der erſten Figur, in die aream der vierten Figur durch fleiſ - ſige Beobachtungen wahrnehmen. An dieſer Formation der Gefaͤße iſt nun alſo vors erſte nicht zu zweifeln.

Nunmehro aber frage ich, was hat dieſe durch die Aufloͤſung gleichſam zerrißene area in der vierten Figur fuͤr Aehnlichkeit mit den ſchoͤnen, ordentlichen, netzfoͤrmigen Nebelgefaͤßen, die in den letzten Tagen der Jncubation in der area aus - gebreitet ſind? und ich frage, ob man dieſe durch die Aufloͤſung der koͤrnigten Materie, woraus die area beſteht, geſchehene Zerreiſſung derſelben, Ge - faͤße nennen koͤnne? Da wir die Formation der Gefaͤße wiſſen, ſo will ich einmahl beſtimmen,was85die wider die Theorie des Verf. ꝛc. was noch an dieſer area fehlt, und was noch alles erfordert wird, ehe vollkommne Gefaͤße darinn entſtehen. Vors erſte alſo muͤſſen die groͤßere Stuͤcke dieſer area, dergleichen man in der Figur verſchiedene ſieht, die noch wie eine Reihe Gebuͤr - ge mit einander zuſammenhengen, in kleinere Stuͤckchen getheilt werden; das demonſtrirt die 9te Figur, deren area in viel kleinere Jnſeln ge - theilt iſt, und daher vielmehr Zwiſchenraͤume der - ſelben enthaͤlt. Das heiſt aber ſchon nichts an - ders, als es muͤſſen noch viel neue Gefaͤße, zu zu denen noch gar keine Anlage gemacht iſt, ent - ſtehen. Wenn aber dieſe fernere Aufloͤſung ge - ſchehn iſt, ſo ſind alsdann auch die bloßen Wege nur zu dieſen neuen Gefaͤßen noch lange nicht fer - tig. (Machen Sie mir hier keine Einwendung von durchſichtigen Haͤuten; ich rede hievon noch kein Wort. Der Kanal aber gehoͤrt auch zu den Gefaͤßen, und wenn der nicht da iſt, wenn im Gegentheil die Maße ſolide iſt, ſo ſind keine Ge - faͤße da.) Alsdann verhalten ſich die dadurch ent - ſtandene Zwiſchenraͤume ſo wie die, welche ſie ſchon in der Figur ſehen; nemlich die alsdann kleinere Stuͤcke, welche aus der groͤbern koͤrnig - ten Materie beſtehen, hengen alsdann noch ver - mittelſt der feinern Materie zuſammen, ſo wie ſie jetzo die groͤßere Stuͤcke in der Figur dadurch zu - ſammenhengen ſehen. Die Aufloͤſung der groͤße - ren Stuͤcke geſchiehet alſo nicht ſo, als wenn ſie gerade durchſchnitten wuͤrden, ſondern es wird ein Theil der groͤbern Materie, woraus die StuͤckeF 3be -86Aufloͤſung der Schwierigkeiten,beſtehen, zugleich mit aufgeloͤſet, und zwar nicht ſogleich in unſichtbare Theilchen, die mit dem fluͤßigen Weſen ſogleich mit weggenommen wuͤr - den, ſondern erſt in eine feinere ebenfalls noch koͤrnichte Materie, wodurch die getheilte Stuͤcke noch ferner aneinander hengen bleiben, und die al - ſo noch weiter aufgeloͤſet werden muß. Jndem alſo endlich dieſe feinere Materie voͤllig aufgeloͤſet wird, ſo werden alsdann erſt alle die Stuͤcke, wel - che noch zuſammenhingen, voͤllig von einander ge - trennt, und in Jnſeln verwandelt, und die feine - re Materie ſelbſt wird zugleich mit aus dem Wege geraͤumt. Alsdann alſo befindet ſich erſt die area in dem Zuſtand, wie die iſt, die man in der 8ten und 10ten Figur ſieht. Sie begreifen aber leicht, daß dieſe Gefaͤße, wie ſie nunmehro ſind, und wie ſie in der 8ten und 10ten Figur erſcheinen, noch lange nicht vollkommne Gefaͤße ſind. Eben ſo deutlich, wie Sie die aream bishero ſich haben theilen, und Wege formiren ſehen, eben ſo deut - lich zeigen die folgende Beobachtungen die Bil - dung der Haͤute dieſer Wege, wodurch ſie endlich Gefaͤße werden. Jch kann mich aber hierbey jetzo unmoͤglich noch aufhalten. Jch werde aber eine Figur von einer ſolchen Beobachtung in einer an - dern Abhandlung von den Haͤuten der Gefaͤße mit naͤchſten geben, woraus auch dieſe Sache klar werden wird. Jetzo will ich nur ſo viel davon ſagen. Daß niemahls dieſe Haͤute als ſolche durch - ſichtige Membranen, dergleichen die Membran des Gelben vom Ey, die Membran des amnii, der -glei -87die wider die Theorie des Verf. ꝛc. gleichen das Peritonaͤum und die Pleura iſt, zum Vorſchein kommen; Man ſieht aber, daß allmaͤh - lig eben ſolche Kuͤgelchen, als die ſind, woraus die Jnſeln in der 10ten Figur beſtehn, ſich an den Seiten der Wege anſetzen, daß hingegen die, wor - aus die Jnſeln beſtehn, in kleinere und durchſich - tige Kuͤgelchen ſich aufloͤſen, ſo daß alsdann dieſe neue Haͤute aus dicht zuſammengepreßten, und ſehr undurchſichtigen Kuͤgelchen beſtehn, und wie ein dickes koͤrnigtes Leder ausſehen. Das ſind die Haͤute der Gefaͤße in der area! keine der pleu - ra aͤhnliche durchſichtige Haͤute niemahls!

Dieſes alles alſo wird, ehe die area der vier - ten Figur wahre Gefaͤße bekommt, noch erfor - dert; alle dieſe Veraͤnderungen muͤſſen noch in ihr vorgehen; fernere Zertheilung der groͤßern Jnſeln (a. a.); voͤllige Trennung derſelben von ein - ander, wo ſie noch zuſammen hengen; fernere Aufloͤſung der koͤrnigten Materie b. b. und voͤllige Wegraͤumung derſelben, damit die Saͤfte frey hindurch flieſſen koͤnnen; Endlich Haͤute um dieſe formirte Wege. Kann ich alſo wohl ſagen, daß in dem Zuſtande, worin ſich die area fig. 4 befin - det, ſchon Gefaͤße in ihr enthalten waͤren? Muß ich nicht vielmehr ſagen, daß ſie nicht nur eben erſt in der Bildung noch begriffen ſind, ſondern auch, daß nur die allererſte Anlage zur Bildung der Ge - faͤße erſt angefangen iſt? und daß folglich wahre Gefaͤße noch nicht da ſind? Allein ſchließe ich denn nun entweder bey der vorher erklaͤrten FormationF 4der88Aufloͤſung der Schwierigkeiten,der Gefaͤße, oder indem ich zu andern Abſichten behaupte, daß in der area der vierten Figur noch keine Gefaͤße ſind, ſolches daraus, weil ich ſie nicht ſehe, und gehe ich denn in dieſen Schluͤßen auf den Grundſatz zuruͤck, was ich nicht ſehe, iſt nicht da? Schließe ich nicht vielmehr dieſe Wahrheiten aus dem, was ich wuͤrklich ſehe, aus dem, weil ich ſehe, daß die Gefaͤße noch lange nicht fertig, daß ſie kaum erſt angefangen und eigentlich noch gar keine Gefaͤße ſind? Dieſe Beobachtungen alſo ſind meine Gruͤnde, worauf ich die im 766 und folgenden §phen behauptete Saͤtze, und die Formation der Gefaͤße gebauet habe, wie man ſich allemahl auf Erfahrungen ver - laſſen kann; Deswegen habe ich auch im Scholio den 178 und folgenden §§. citirt, wo dieſe ganze Formation der Gefaͤße ordentlich und deutlich be - ſchrieben wird, und ausdruͤcklich am Ende des Scholii geſagt: tandem, quando incipiant vaſa exiſtere, & quomodo ineipiant (§. 178. ſeqq. ) ad oculum demonſtrabo.

Allein daß ich freylich dieſe Beobachtungen zu allererſt haͤtte anfuͤhren, und alsdann die in dem 166ten und folgenden §. vorgetragene Wahrhei - ten einzig und allein darauf haͤtte bauen ſollen, oh - ne aller der uͤbrigen in dieſem Scholio beygebrach - ten Beweiſe einmahl zu gedenken, daß ich alſo in der ſyſtematiſchen Ordnung einen Fehler begangen habe: dieſes will ich Jhnen gern zugeben. Aber dabey leidet die Wahrheit meiner Theorie nichts! Jch89die wider die Theorie des Verf. ꝛc. Jch wolte gern eine aͤhnliche Ordnung hier beobach - ten, wie ich mich bey den Pflanzen bedient hatte. Jch wolte zuerſt die weſentliche Kraft bey den Thieren feſt ſetzen, und alsdann die Formation der Gefaͤße erklaͤren. Allein dieſes haͤtte auch geſche - hen koͤnnen; nur haͤtte ich die Beobachtungen des 178 §. ſeq. zuerſt anfuͤhren ſollen, nicht um eine vollſtaͤndige Theorie der Formation der Gefaͤße ſo - gleich darauf zu bauen, ſondern nur vors erſte dieſes daraus herzuleiten, daß zu dieſer Zeit, und nicht eher, es geſchehe uͤbrigens auf welche Art es wolle, die Gefaͤße formirt werden. Jch ſahe auch wohl, daß ich dieſer Beobachtungen wuͤrde noͤthig haben; deswegen habe ich mich auch im Scholio wenigſtens darauf berufen. Allein ich glaubte nicht, daß man auf das unwahrſchein - liche Huͤlfsmittel zuruͤckgehen wuͤrde, daß ja wohl vielleicht Theile da ſeyn koͤnnten, ob ſie gleich auf keine Art zu entdecken waͤren. Denn ob ich gleich nun gezeigt habe, daß ich zu meiner Theorie den Satz, was ich nicht ſehe, iſt nicht da, nicht noͤ - thig habe, ſo gebe ich deswegen doch noch lange nicht zu, daß mir die Theile des Embryo unge - achtet aller angewendeten Sorgfalt, wenn ſie wuͤrk - lich da ſind, verborgen bleiben koͤnnten. Jch will nicht alle Urſachen dazu, die ich in dem Scholio angefuͤhrt habe, hier wiederholen, ob ſie gleich nicht widerlegt ſind. Jch will nur dieſen einzi - gen Grund anfuͤhren; welcher Beobachter kann mir ſagen, daß er zum Exempel das Herz durch ein Mikroſcop, welches nur ſo viel vergroͤßert, alsF 5das,90Aufloͤſung der Schwierigkeiten,das, wodurch ich den Embryo mit dem Herzen in der 5ten Figur gezeichnet habe, und das iſt nur ein ſchwaches Mikroſcop, jemahls ſo klein ge - ſehen habe, als ein Sandkorn? Man wuͤrde als - dann dieſes Herz, wenn es jemahls ſo klein exi - ſtirte, mit einem weit ſtaͤrkeren Vergroͤßerungs - glaſe etwan ſo groß wie das in der 5ten Figur zu ſehn bekommen. Allein das geſchiehet niemahls. Das Herz iſt entweder gar nicht zu ſehn, oder es iſt ſo groß wie in dieſer Figur. Dieſes beweiſet, die Beobachter moͤgen die Staͤrke ihrer Vergroͤſ - ſerungsglaͤſer beſtimmt haben oder nicht, die Figur unter welcher ſich das Herz zeigt, und die uͤbrige Vollkommenheit des Embryo. Aus dieſer Figur ſchließe ich, daß ein kleiner Herz als mein ziem - lich großes iſt, welches ich in der 5ten Figur ge - zeichnet habe, noch niemand geſehen hat. Was auch die Durchſichtigkeit betrift, ſo gibt es keine wuͤrkliche wie Waſſer oder Cryſtall durchſichtige Theile einmahl in dem Embryo, außer die Haut des Gelben, die Haut des Amnii, und in Erwach - ſenen das Peritonaͤum und die Pleura. Dieſe Theile aber ſind von den organiſchen Theilen, wor - aus das Thier zuſammengeſetzt iſt, ſehr unterſchie - den, und man muß nicht von dem einen auf das andere ſchließen. Sie beſtehen nicht aus Kuͤgel - chen, wie alle uͤbrige Theile; ſie haben keine Ge - faͤße und keine Nerven, und ſie bleiben, welches wohl zu merken iſt, zu allen Zeiten gleich durch - ſichtig. Dieſe alſo, welche unſern Augen auch nicht zwar entwiſcht ſind, koͤnnten doch aber wohlbis -91die wider die Theorie des Verf. ꝛc. bisweilen oder haͤtten wenigſtens vielleicht koͤnnen entwiſcht ſeyn, das will ich allenfalls zugeben. Aber das Herz, die Gefaͤße und ihre Haͤute, wenn ſie da ſind, die Fluͤgel und die Fuͤße, dieſe Thei - le, die alle aus Kuͤgelchen beſtehn, die eigentlich nur weiß und etwas zwar wie alle Koͤrper wenn ſie klein und duͤnne ſind, keinesweges aber voͤllig wie Waſſer oder Cryſtall durchſichtig ſind, daß dieſe Theile ihrer Kleinigkeit oder ihrer Durchſich - tigkeit wegen vielleicht wohl unſichtbar bleiben koͤnnten, das ſcheint mir, wenn ich ſagen ſoll wie ich es denke, eine egoiſtiſche Ausflucht zu ſeyn. Aber deswegen bauet der Herr von Haller auch nicht, wie Herr Bonnet thut, hierauf die Hy - potheſe der Evolution als etwas voͤllig gewiſſes. Er ſagt nur, wenn ich im Gegentheil meine Theo - rie ganz vollkommen gewiß und ausgemacht, wuͤrk - lich demonſtrirt haben wollte, ſo bleibe mir dieſer Zweifel auch aufzuloͤſen noch uͤbrig, und dieſer ſey ſo leicht nicht auszumachen. Jch denke indeſ - ſen durch die genauere bisherige Unterſuchungen die Sache vollkommen ins Licht geſetzt zu haben.

Jch will, um von dieſen Zwei -Die Art wie ſich der Hr. v. Haller die all - mählige Er - ſcheinungen der Gefäße auf der area umbilicali vorſtellt, feln auf keiner Seite etwas uͤbrig zu laſſen, die Sache noch auf eine an - dere Art vornehmen. Der Hr. von Haller ſtellt ſich die Formation der Gefaͤße in der area auf dieſe Art vor. Jn der area Figura 1. ſollen die Ge - faͤße ſchon zwiſchen dem koͤrnigtenWeſen92Aufloͤſung der Schwierigkeiten,ſtimmt mit den Beobach - tungen nicht überein.Weſen vorhanden ſeyn; ſie ſollen aber dergeſtalt zuſammen gefallen oder von beyden Seiten zuſammengedruͤckt und voͤllig leer ſeyn, daß man ihre Hoͤlen nicht unterſcheiden koͤnne. Was aber ihre Haͤute anbetreffe, ſo ſollen eben dieſe ihrer Durchſichtig - keit wegen unſichtbar ſeyn. Das erſtere ginge noch an; wenigſtens ſehe ich keine Unmoͤglichkeit darinn; aber das zweyte widerſpricht der Beobach - tung, die ich von den Haͤuten im vorhergehen - den angezeigt habe, und die ich weitlaͤuftiger in einer beſondern Abhandlung ausfuͤhren will. Wir wiſſen, daß dieſe Haͤute erſt ſehr ſpaͤt, lange nach - dem die area ſchon in dem Zuſtande der 8ten und 10ten Figur geweſen iſt, lange nachdem ſchon Blutkuͤgelchen durch die formirte Wege gelauffen ſind, gebildet werden; wir ſehen alsdann, auf was fuͤr Art dieſes geſchehe; wir ſehen, daß Kuͤ - gelchen allmaͤhlig ſich an den Seiten der Wege an - ſetzen, und daß daraus Haͤute formirt werden, die alsdann ſchon gleich bey ihrem erſten Anfange wie ein dickes undurchſichtiges koͤrnigtes Leder ausſe - hen. Folglich koͤnnen dieſe Haͤute nicht jetzo ſchon in| dieſem Zuſtande der area, wie ſie in der erſten Figur iſt, vorhanden ſeyn. Der Hr. von Hal - ler muß aber behaupten, daß auch dieſe Haͤute ſchon jetzo in dieſer area vorhanden ſeyn; denn ſonſt hat er ſchon verlohren; die Haͤute werden formirt, die Epigeneſis iſt klar. Das waͤre alſo ein Widerſpruch den die Natur hier einmahl der Vorſtellung des Herrn von Hallers macht. Wirwollen93die wider die Theorie des Verf. ꝛc. wollen ſehn was fuͤr dergleichen Widerſpruͤchen die - ſe Vorſtellung noch weiter ausgeſetzt iſt.

Dieſe zuſammengefallene Gefaͤße ſollen in der Folge durch den Antrieb des Blutes, der vom Herzen herruͤhrt, erweitert und ausgedehnt wer - den, und auf dieſe Art ſollen die Gefaͤße nun zu - erſt erſcheinen. Dieſe Jdee iſt ſchoͤn; aber die Beobachtungen widerſprechen ihr. Jch habe im vorigen angefuͤhrt, daß die groͤßere Stuͤcken (a. a.) in der area der 4ten Figur noch von einander ge - theilt und zwiſchen ihnen alſo noch Gefaͤße for - mirt werden muͤſſen. Wenn nun nach dem Be - griffe des Herren von Hallers dieſe groͤßere Stuͤcke eigentlich wuͤrklich ſchon getheilt ſind, und wuͤrklich ſchon Gefaͤße, nur zuſammengefallene und daher unſichtbare Gefaͤße, die mitten durch ſie durchgehen, und zu ihrer voͤlligen Erſcheinung nur den Antrieb des Blutes erwarten, in ſich ent - halten; ſo muͤſſen dieſe Gefaͤße, ſo bald die Thei - lung der groͤßern Stuͤcke (a. a.) geſchiehet, vors erſte ſogleich auch als voͤllig offne Wege erſcheinen; vors andere muß zugleich auch das durch ſie durch - laufende Blut, als welches eben die Urſache ihrer Eroͤffnung ſeyn ſoll, zum Vorſchein kommen. Allein das Ding verhaͤlt ſich hier ganz anders. Beydes geſchiehet nicht. Jch will, um nicht An - laß zu neuen Einwendungen zu geben, nichts da - von ſagen, daß man zu dieſer Zeit in dieſer area noch kein Blut ſieht, deſſen Sichtbarkeit auch der Herr von Haller nicht laͤugnet; daß man gar kei -ne94Aufloͤſung der Schwierigkeiten,ne durchgehende Saͤfte ſieht, daß man das Herz auch lange nachhero noch ſtille liegen, im hoͤch - ſten Grad ſtille liegen, folglich ſich nicht bewegen ſieht; von dem allen, ſage ich, will ich kein Wort reden; denn man koͤnnte, ich weis nicht, von was fuͤr durchſichtigen Dingen hier wiederum eine Einwendung machen; wodurch der Beweis zwar nicht entwichen, aber neue Knoten auseinander zu wickeln wieder vorgeworfen wuͤrden, und wor - uͤber man die andern Beweiſe, wobey alle der - gleichen Ausfluͤchte glatt abgeſchnitten ſind, ver - geſſen zu haben ſcheinen koͤnnte. Jch halte mich alſo an dem andern Punkt, und ſage, die auf dieſe Art entſtandene Wege muͤſten wenigſtens ſo gleich offne Wege ſeyn. Allein ſie ſehen in der vierten Figur das Gegentheil. Wenn ein großes Stuͤck in zwey kleinere getheilt wird, ſo geſchie - het dieſes nicht ſo, als wenn ſie mit einem Meſſer von einander geſchnitten waͤren, ſondern es wird ein Theil der groͤbern koͤrnigten Materie, woraus das große Stuͤck beſtund, zugleich mit aufgeloͤſet, und zwar nicht in kleine unſichtbare Theilchen, die mit den durchdringenden Saͤften mit weggenom - men wuͤrden, ſondern nur vors erſte in eine fei - nere koͤrnigte Materie, und die zwar an eben dem Orte noch ſitzen bleibt, und wodurch die kleinere getheilte Stuͤcke noch ferner zuſammenhengen blei - ben. Dieſes alles habe ich deswegen mit Fleiß ſchon in dem vorigen ſo genau mit vorgetragen. Sie ſehen alſo in der ganzen Beobachtung der vierten Figur wohl augenſcheinliche Beweiſe voneiner95die wider die Theorie des Verf. ꝛc. einer allmaͤhlichen Aufloͤſung einer groͤbern Ma - terie in eine ſeinere, wodurch, indem dieſe Aufloͤ - ſung fortgeſetzt wird, zugleich große Stuͤcke der koͤrnigten Materie getrennt und in viele kleinere zertheilt werden; aber Sie ſehen nicht die gering - ſte Spuhr, ſondern vielmehr das Gegentheil, von einer durch das Eindringen des vom Herzen ge - triebenen Blutes verrichteten Erweiterung und Ausdehnung ſolcher Gefaͤße, die ſchon da, und nur zuſammen gefallen geweſen waͤren. Und das iſt alſo der zweyte Widerſpruch den die Natur der Jdee des Herrn von Hallers macht.

Wenn Sie nur die Obſervation in der vier - ten Figur bloß anſehen, ſo muß Jhnen dieſe Jdee den Augenblick unmoͤglich ſcheinen! der Herr von Haller wird dieſen Zuſtand der area gewiß oͤfter geſehen haben, denn es kann der Aufmerkſamkeit dieſes großen Naturforſchers ſo leicht nichts ent - wiſchen; allein er wird ihn vermuthlich nicht fuͤr die erſte Anlage zu den Gefaͤßen gehalten haben; daher ſpricht er, wenn er von dem erſten Anfange und von der erſten Erſcheinung der Gefaͤße redet, immer ſchon von kurzen Linien, von rothen Punk - ten und Spitzchen, die ſich in der area zeigen, und hernach in der Folge von gezeichneten Wegen, ſo wie wenn ſie mit einer Nadel eingegraben waͤren. Jn der 21 Obſervation (nach 31½ Stunden T.), worin er zuerſt von dem Anfange der Gefaͤße re - det, ſagt Er: A ces anneaux ſuccedoit l’aire grumelée jaune blanchatre; on y diſtinguoit deslignes96Aufloͤſung der Schwierigkeiten,lignes fort courtes, qui font le commencement des vaiſſeaux du reſeau embilical. Jn der 24ſten Obſervation nach 36 Stunden R. ſagt er: Une ebauche de la figure veineuſe ſuccede a cette aire ce ſont deux arc de cercle, & deux ſegmens remplis de points plus rouge que jaune. C’eſt le commencement du reſeau ombilical. Das iſt aber ganz accurat meine Beobachtung in der 1ſten Figur, wie ſie den bloßen Augen ſich zeigt, und die ich in der 8ten Figur durch das Vergroͤße - rungsglaß vorgeſtellt habe. Allein das iſt lange nicht der erſte Anfang der Gefaͤße. Jch habe ſie in der Obſervation der vierten Figur viel fruͤher entdeckt und da alſo ihre wahre erſte Anlage ge - ſehn. Dieſe in der 7ten Figur vorgeſtellte Beo - bachtung aber, worinn der Herr von Haller zu - erſt die Gefaͤße erkennt hat, iſt eben diejenige, die ſich auch mit ſeiner Jdee unter allen am beſten vertraͤgt. Man ſieht in dieſen Abſchnitten der Scheibe mehr roth als gelbe Punkte, Stiche, kurze Linien. Das koͤnnen Stellen der Gefaͤße ſeyn, wo das Blut ſtockt, und die Gefaͤße aus - dehnt, da indeſſen die uͤbrigen Theile der Gefaͤße noch zuſammen gezogen ſind. Sieht man aber auch nur eben daſſelbe Objeckt mit dem Vergroͤſſe - rungsglaſe an; wie ich es in der 8ten Figur ge - genau vorgeſtellt habe. ſo faͤllt ſchon alle Wahr - ſcheinlichkeit weg. Man ſieht keine zuſammenge - zogene, und an einigen Stellen aufgetriebene Ge - faͤße mehr; man ſieht feſte, ſteife unbewegliche Jnſeln, die durch ihre Zuſammenziehung oderErwei -97die wider die Theorie des Verf. ꝛc. Erweiterung die zwiſchen ihnen enthaltene Rin - nen auf keine Art weiter oder enger machen koͤn - nen, und man ſieht Rinnen, die, es mag Blut in ihnen enthalten ſeyn oder nicht, zugleich zum ſichern Beweiſe, daß ſie keine Haͤute haben, im - mer gleich weit bleiben. Jſt es moͤglich, daß auch nur hierwider etwas eingewendet werden koͤnnte?

Meine Formation der Gefaͤße habe ich alſo gerettet. Jch muß nun auch zeigen, daß meine Theorie von der Vegetation des Embryo eben ſo wenig auf den angeblichen Grundſatz von der Un - ſichtbarkeit beruhet. Hierin habe ich es eigentlich nur mit Herren Bonnet zu thun.

3) Widerlegung der Einwuͤrfe des Herrn Bonnet.

Er ſagt im erſten Theil pag. 101. im 125. §. wo er eigentlich die Epigeneſin, in ſo fern ſie aus den Beobachtungen an ausgebruͤteten Eyern bewieſen wird, zu widerlegen ſucht: On veut juger du tems, ou les parties d’un corps organiſé ont commencé d’exiſter par celui, ou elles ont commencés de devenir ſenſibles. Das heiſt eigentlich ſo viel, als, man ſetzt zum Voraus, daß die Theile eines organiſchen Koͤr - pers nicht eher exiſtiren, als bis man ſie wahr - nimmt; Jch muß alſo zeigen, daß ich um die Epigeneſin zu beweiſen, ſolches nicht noͤthig ha -Gbe.98Widerlegung der Einwuͤrfebe. Alsdann ſetzt er hinzu, On ne conſidere point, que le repos, la petitiſſe & la transpa - rence de quelqu’unes de ces parties, peuvent nous les rendre inviſibles, quoiqu elles exiſtent réellement. Dieſes alles ſagt er dem Herrn von Haller nach der im zweyten Theil pag. 177. ſich ſo ausgedruckt hat: Après ces obſervations on doit être en garde contre l’envie de prononcer, que telle & telle partie d’un animal eſt nouvellement nee, & qu’elle n’a pas exiſté auparavant. Als - dann ſetzt der Herr von Haller hinzu: Elle peut avoir été trop petite elle peut n’avoir ete, que transparente, le mouvement & le repos appa - rent des parties du corps animal dépend encore de l’accroiſſement & de l’opacité de ces parties. Sie ſehen wohl, das iſt von Wort zu Wort eben daſſelbe, oder es hat es doch wenigſtens ſeyn ſol - len; denn eigentlich hat er in dem letzten Punkte den Herrn von Haller nicht recht verſtanden. Dieſer ſagt, die ſcheinbare Ruhe und Bewegung hengt ebenfalls von der gehoͤrigen Groͤße und Un - durchſichtigkeit ab; und er meynt damit, wenn ein Theil zu klein oder zu durchſichtig iſt, ſo kann man auch ſeine Bewegung nicht gewahr werden; und das iſt auch richtig; denn wenn ich einen Theil ſeiner Durchſichtigkeit oder Kleinheit wegen einmahl nicht ſehen kann, ſo kann ich ihn auch nicht ſehen, er mag ſich bewegen, ſo viel er will; daher fuͤhrt auch der Herr von Haller das Bey - ſpiel vom Winde an, den ich nicht ſehn kann, weil dieſe bewegte Luft zu durchſichtig iſt. Aber HerrBon -99des Herrn Bonnet. Bonnet, der dieſes nicht recht verſtanden hat, widerſpricht dem Herrn von Haller. Er ſagt die Ruhe macht die Theile unſichtbar, und der Theil wuͤrde folglich, wenn er ſich bewegte, da - durch ſichtbar werden. Aber das iſt es eben, was der Herr von Haller nicht haben will. Wir ſehn eine Zeitlang nicht das Herz ſich bewegen, und das iſt nicht gut; deswegen ſagt er, eben die Urſachen, die uns das Herz verbergen, machen auch, daß wir es nicht ſehen koͤnnen, ob es ſich gleich bewegt. Allein das geht uns eigentlich nicht viel an; es iſt ein kleiner Mangel der Einſicht, den wir Herren Bonnet gern vergeben wollen, ob er gleich mit einer ſehr veraͤchtlichen Mine nur kurz vorher noch geſagt hat, mais la foibleſſe de cette objection ſe fait aiſement ſentir.

Sie ſehen leicht, daß wenn ich wider den erſten Satz des Herrn Bonnets beweiſe, daß ich bey der Vertheidigung der Epigeneſis nicht aus dem Anfang der Sichtbarkeit der Theile den An - fang des Daſeyns derſelben ſchließe, ich alsdann den zweyten Satz zu widerlegen nicht noͤthig habe, und daß ich hingegen, wenn ich dieſen widerlege das erſtere nicht beweiſen duͤrfe. Jch will aber dieſes beweiſen und jenes widerlegen; und mit der Widerlegung den Anfang machen.

Drey Stuͤcke ſollen uns die Thei -Wenn ein Theil des Ein - bryo da iſt, ſo iſt weder die le den Augen entziehen; die Ruhe, die Kleinheit und die Durchſichtigkeit. G 2Was100Widerlegung der EinwuͤrfeKleinheit noch die Durchſichtig - keit deſſelben wie Hr. Bon - net glaubt, ſo beſchaffen, daß er deswe - gen unſicht - bar würde; und noch we - niger kann die Ruhe die - ſes zu wege bringen.Was die leztere betrift; ſo habe ich ſchon geſagt, daß außer dem Perito - naͤo und der Pleura, woran uns aber bey dieſen Verſuchen niemahls etwas gelegen iſt, kein Theil, der zum Koͤr - per des Embryo gehoͤrt, wie die Luft, die dadurch unſichtbar werden kann, durchſichtig ſey. Wenn ſich Herr Bonnet zum Exempel einmahl das Herz im Ey wird zeigen laſſen zu wel - cher Zeit er wolle; ſo wird er ſehn, daß es immer weiß und opack genug, nie - mahls nur wie Kryſtall durchſichtig ſey. Was die Kleinheit anbetrift, ſo habe ich in meiner Diſſertation in dem bekannten Scholio ſchon geſagt, daß alle Theile des Embryo aus Kuͤ - gelchen beſtehn, die immer durch maͤßige Ver - groͤßerungsglaͤſer geſehn werden koͤnnen; kann aber Herr Bonnet begreifen, wie ein Theil, der aus hundert oder mehr ſolcher Kuͤgelchen beſteht, eben denſelben Vergroͤßerungsglaͤſern ſeiner Kleinheit wegen unſichtbar bleiben kann. Jch weis wohl daß der Herr von Haller dieſen Beweis in der Recenſion angefuͤhrt hat; aber er hat ihn nicht widerlegt. Was endlich die Ruhe betrift, wobey Herr Bonnet dem Herrn von Haller widerſpricht, und ich hingegen ihn vertheidigen werde, ſo muß man wohl unterſcheiden zwiſchen gewahr werden und ſehen. Ein kleines Ding kan unter einer großen Menge anderer kleinen Dinge wohl unſe - rer Aufmerkſamkeit entgehen, da es uns hingegenin101des Herrn Bonnet. in die Augen faͤllt, ſo bald es ſich bewegt, aber ſehen muͤſſen wir es dem ohngeachtet koͤnnen, und unſichtbar kann es uns niemahls werden, es mag ſo ſtille liegen als es will, ſo bald wir es nur in ſeiner Bewegung ſehen koͤnnen. Allein das Un - terſcheiden iſt eben Herren Bonnets Sache nicht.

Alſo waͤre mir die Epigeneſis zuAllein dieſe Wahrheit wird beym Beweiſe der Epigeneſis dennoch nicht zum Grunde gelegt. beweiſen noch uͤbrig, und zwar ohne dabey anzunehmen, daß die Theile alsdann erſt entſtehen, wenn ſie zum Vorſchein kommen. Meine Beobach - tungen dazu ſind die 5te 11te und 12te Figur. Jn der 5ten Figur ſehen Sie eine aus einem faſt fluͤßigen Weſen beſtehende Kante, die den ganzen Embryo um - gibt, unten breiter iſt, und nach oben ſpitz zugeht. Die folgende Beobachtungen lehren, daß dieſe Kante allmaͤhlig von unten nach oben zu ſich in die Hoͤhe zieht, bis ſie allenthalben gleich breit wird. Alsdann faͤngt ſie an auf beyden Seiten aus der Mitte ſich weg und nach oben und unten an ei - nen Ort hinzuziehen, und daſelbſt Huͤgel zu for - miren, wie die 12te und 11te Figur zeigen. Al - les dieſes ſind reine Beobachtungen; Es ſind aber auch reine Beobachtungen, welche in der Folge lehren, daß dieſe Huͤgel in die Fluͤgel und Fuͤße uͤbergehn, und daß alſo auch die erſte fluͤßige Kante der 5ten Figur ſchon eine Anlage zu denſel - ben war. Nun iſt aber dieſe fluͤßige Kante kei - ne Fluͤgel und Fuͤße noch nicht, alſo muͤſſen dieſeG 3ja102Widerlegung der Einwuͤrfeja nothwendig aus ihr noch erſt formirt werden. Das iſt der ganze Beweiß. Wie kann denn nun aber der Mann ſagen, On veut juger du témps, ou les parties ont commencé d exiſter, par celui, ou elles ont commence de devenir ſenſibles. Die Kante mag ſo fruͤh und ſo lange vorher ſchon exi - ſtirt haben, wie ſie will; Genug daß ſie jetzo nur auch da iſt, und eine Kante, aber keine Fluͤgel und Fuͤße iſt, und daß dieſe alſo erſt muͤſſen aus ihr formirt werden.

Aus der Fort - ſetzung der Ge - därme des Embryo in die Haut des gel - ben vom Ey folgt gar nicht, daß beyde im - mer zugleich haben exiſti - ren müßen.

Das iſt das Vornehmſte, was Herr Bonnet wider die Epigeneſin geſchrieben hat. Er traͤgt aber uͤber - dem noch p. 125 einen Beweisgrund wider dieſelbe vor, der wieder den Herren von Haller zugehoͤrt, und wo - bey er Jhn auch citirt. Sie muͤſſen uͤberhaupt bemerken, daß alles, was Herr Bonnet geſchrieben hat, meh - rentheils aus dem Herren von Haller genommen iſt. Etwas weniges hat er hin und wieder auch von andern Verfaſſern mit unterge - mengt. Eigenes aber hat er gar nicht. Der Hr. von Haller ſagt, die Haut des gelben vom Ey iſt eine genaue Fortſetzuug der Gedaͤrme des Embryo, und daraus ſchließt er, daß das eine ohne dem andern niemahls habe exiſtiren koͤnnen, und daß folglich, da das Gelbe vom Ey ſchon vor dem Beyſchlaff im Eyerſtock geweſen ſey, auch die Ge - daͤrme und der Embryo darinn geweſen ſeyn muͤſ -ſen.103des Herrn Bonnet. ſen. Das iſt ein ſehr artiger Gedanke, den ich aber widerlegen werde, und den Herr Bonnet wiederum nach ſeiner gewoͤhlichen Art auf verſchie - dene Weiſe verdirbt. Vors erſte ſchreibt er ſo wohl im 141ten als auch im 148ten §. die Beo - bachtungen, daß die Haut des Gelben eine Con - tinuation der Gedaͤrme ſey, dem Herren von Haller zu; in dem leztern §. ſagt er; Voila des faits, que nous devons aux ſoins &c. Das verlangt aber der Herr von Haller gar nicht. Dieſer große Naturforſcher hat zu viel Geheimniſſe der Natur entdeckt, als daß er noͤthig haͤtte, um ſei - nen Ruhm zu vermehren, dem Malpigh eine kleine Erfindung wegzunehmen, die uns ſelber Malpigh ſo hoch eben nicht angeſchrieben hatte. Man ſieht ſchon bloß aus der 52ten 57ten und 61 Figur des Malpigh in ſeinen wiederholten Obſervationen in der Londener Ausgabe, daß die Sache ihm bekannt geweſen ſey. Er ſagt aber auch ausdruͤcklich, zum Exempel in der Erklaͤrung der 61. Figur pag. 11. In aperto pullo vitellus E, hujus magnitudinis, inteſtinis F brevi ductu Gcontinuabatur. Und eben daraus, weil Mal - pigh die Sache mit ſo wenigen Worten vortraͤgt, ſieht man, daß er ſie fuͤr ſo was großes nicht ge - halten habe. Der Gedanke aber, hieraus die Evolution zu beweiſen, dieſer gehoͤrt, ſo viel ich weis, dem Herrn von Haller zu.

Sie wiſſen aus meiner Theorie, daß die Ve - getation des Embryo auf Art der AbſonderungenG 4der104Widerlegung der Einwuͤrfeder Saͤfte, die nachher ſolide, und, wie ich ſol - ches weiter erklaͤrt habe, organiſch werden, ge - ſchehe. Der Ruͤckgrad iſt der erſte Theil, welcher auf dieſe Art aus dem Ey abgeſondert wird; ſo wie das Ey ſelbſt, (vitellus) von dem Eyerſtock inner - halb ſeiner Subſtanz abgeſondert wurde. Auf eben dieſe Art faͤhrt der Ruͤckgrad ſort, auf bey - den Seiten die Subſtanz abzuſondern, woraus durch ihre innere Organiſation, die ich eben ſo deutlich erklaͤrt habe, in der Folge die Fluͤgel und Fuͤße werden. Alle dieſe von ihrem naͤchſtvorher - gehenden abgeſonderte Theile, bleiben, wenn kei - ne beſondere Urſache, die ſie trennt, hinzukommt, an denſelben feſt ſitzen, und ſehen hernach als eine bloße Fortſetzung von ihnen aus. Alle Theile be - kommen ihre Haͤute erſt nachdem ſie ſelbſt ſchon formirt ſind. Bey den Gefaͤßen habe ich es Jh - nen ſchon gezeigt; bey der Epiderniis ſo wohl der Pflanzen als Thiere iſt es an ſich ſchon bekannt; durch dieſe Haͤute bekommen die abſondernde mit den von ihnen abgeſonderten Theilen noch mehr das aͤußerliche Anſehen, als wenn ſie ein einziger Theil, und der eine eine unmittelbare Fortſetzung des andern waͤre, nur an ihrer inneren Strucktur kann man bisweilen, nicht aber allemahl den Un - terſcheid wahrnehmen. Kann man denn nun aber ſchließen, daß wenn die aͤußerſte Haut, die, wie der Herr von Haller, im 2ten Theil 187. ſagt, in den letzten Tagen nur das Gelbe vom Ey um - gibt, in die Haut des Embryo, die gewoͤhnliche aͤußere Haut des Gelben in die aͤußere Haut derGe -105des Herrn Bonnet. Gedaͤrme und in das Peritonaͤum, und die inner - ſte Haut deſſelben in die zottigte Haut (villoſam) der Gedaͤrme; daß alſo uͤberhaupt und kurz das Gelbe des Eyes in den Embryo continuirt; kann man, ſage ich, daraus ſchließen, daß beyde Stuͤcke, das Ey und der Embryo deswegen nothwendig zu - gleich, es ſey zu welcher Zeit es wolle, vor oder nach dem Beyſchlaf oder bey der Schoͤpfung, zu exiſtiren haben anfangen muͤſſen? Wuͤrde ich nicht auch ſchließen muͤſſen, wenn ich behaupte, daß die Fluͤgel und Fuͤße aus dem vorhergehenden Ruͤck - grad abgeſondert werden, ſo daß ſie nachhero, be - ſonders wenn ſie in der Folge beyde ihre aͤußerliche gemeinſchaftliche Haut bekommen haben, wenig - ſtens dem aͤußern Anſehen nach als ein einziger fortgeſetzter Theil ausſehn, daß auch die Fluͤgel und Fuͤße mit dem Ruͤckgrad zugleich zu exiſtiren haben anfangen muͤſſen, und daß das eine ohne dem andern nicht habe beſtehen koͤnnen? Allein folgt dieſes? Kann nicht ganz natuͤrlicher Weiſe der Ruͤckgrad eher exiſtirt haben? und kann dieſer nicht, nachdem er eine Zeitlang allein exiſtirt hat, eine fluͤßige Subſtanz ſeitwaͤrts abgeſondert haben, die, indem ſie ſolide wird und in Fluͤgel uͤbergeht, auch uͤberdem in der Folge noch erſt durch ein Aus - ſchwitzen mit dem Ruͤckgrad zugleich eine gemein - ſchaftliche Haut bekommt; vollkommen, ich will nicht ſagen nur aͤußerlich, ſondern vollkommen das Anſehen haben koͤnnte, als wenn ſie mit dem Ruͤckgrad ein einziger continuirter Theil waͤre? Jch ſehe gar nicht den Zuſammenhang zwiſchenG 5die -106Widerlegung der Einwuͤrfedieſen Saͤtzen; Ein Theil eines Dinges conti - nuirt gerade fort in den andern Theil deſſelben Dinges; daher hat der eine Theil deſſelben nie - mahls ohne dem andern Theil exiſtiren koͤnnen, ſondern das ganze Ding hat in inſtanti producirt werden muͤßen. Der Herr von Haller hat nicht ſo geſchloſſen, ſondern nur Herr Bonnet, wie ich Jhnen in der Folge zeigen werde. Wie viel Dinge ſehen Sie in der Welt, die aus einem con - tinuirten Stuͤcke beſtehen, und dennoch allmaͤh - lich producirt werden. Sehen Sie nur die Eis - zapfen an den Daͤchern an. Eine aus dem ge - ſchmolznen Schnee entſtandene Waſſertropfe lauft an dem Eiszapfen der Laͤnge nach herunter, an ſeiner Spitze bleibt ſie hangen, gefriert und ver - laͤngert den Eiszapfen; auf dieſe Art entſteht und waͤchſt dieſer nach und nach, und wenn er fertig iſt, ſo iſt er ein einziges continuirtes Stuͤck. Wer iſt wohl im Stande, ſich einzubilden, daß eine Mauer mit einem mahl hervorgebracht ſey? Ein Stein wird nach dem andern hinzugeſetzt, und wenn auf dieſe Art die ganze Mauer ſo hoch, wie ſie ſeyn ſoll, in die Hoͤhe gezogen iſt, alsdann wird ſie mit einer gemeinſchaftlichen Haut uͤberzo - gen, und ſieht wie ein einziges continuirtes Stuͤck aus. Dieſe Entſtehungsart der Mauer aber haͤlt Herr Bonnet fuͤr unmoͤglich; er ſagt, wenn ein Theil eines Dinges eine Continuation des andern Theils dieſes Dinges iſt, ſo hat der eine Theil niemahls ohne dem andern Theil exiſtirt. S’il eſt demontré ſagt er pag. 135. que le Jaune eſt unecon -107des Herrn Bonnet. continuation des inteſtinis du poulet, il l’eſt, que le poulet a exiſté dans l oeuf avant la féconda - tion. Sie muͤſſen mir hier keinen unverſtaͤndi - gen Einwurf machen, und ſagen, man koͤnne von einem natuͤrlichen organiſchen Koͤrper, nicht auf eine Mauer ſchließen. Hier iſt gar nicht die Frage, ob der Koͤrper organiſch ſey oder nicht or - ganiſch. Es iſt von der Continuation die Rede, und es fraͤgt ſich, ob aus derſelben, wenn Theile nemlich eines Koͤrpers in eins fortgehen, auf die Entſtehung deſſelben, oder auf die Unmoͤglichkeit, daß ein Theil nach dem andern enſtanden ſey, ge - ſchloſſen werden koͤnne. Der Koͤrper mag alſo uͤbrigens organiſch ſeyn oder nicht, das thut nichts zur Sache, und es muß, wenn die Continuation einmahl an ſich die nach und nach geſchehene Pro - ducktion nicht unmoͤglich macht, dieſe Producktion durch dieſelbe ſo wenig an dem einen als an dem andern Koͤrper unmoͤglich gemacht werden. Setzen Sie, das ein organiſcher Koͤrper aus ſo vielen verſchiedenen Theilen, als Sie wollen, auf ſo wunderbare Art, wie Sie wollen, zuſammen - geſetzt ſey, und ſetzen Sie, daß alle dieſe Theile, ſo wie das Gelbe des Eyes in die Gedaͤrme, auch in ſich ineinander continuiren. Was wird denn hindern, daß nun weniger entweder, wie ſolches bey der Formation der Thiere und Pflanzen ſtatt findet, immer der eine Theil aus dem andern nach und nach excernirt werde, oder wie ſolches bey der Producktion anderer Dinge ſtatt findet, durch ei - ne immer nach und nach geſchehene Aneinander -ſetzung108Widerlegung der Einwuͤrfeſetzung ganz kleinere Theilchen, ein organiſcher Theil nach dem andern auf dieſe Art in dem orga - niſchen Koͤrper allmaͤhlich producirt werde, was wird, ſage ich, hindern, daß dieſes nun weniger geſchehe, als wenn der Koͤrper, der auf dieſe Art nach und nach producirt werden ſoll, eine gerade Linie waͤre? Sie werden hieraus, hoffe ich, ſehen, daß das, was Sie ſagten, ſo wenig ein Einwurf ſey, als wenn Sie geſagt haͤtten, man kann aus der Entſtehungsart eines gruͤnen Koͤrpers nicht auf die Enſtehungsart eines rothen ſchließen.

Jch will Jhnen jetzo zeigen daß der Herr von Haller nicht ſo wie Herr Bonnet von dieſer Continuation des Gelben in die Gedaͤrme des Em - bryo geſchloßen hat. Sie muͤſſen nur auf ſeine Ausdruͤcke ſehn, bey welchen ein jedes Wort ſeine Bedeutung hat. Er ſagt p. 186. Il me paroit presque demontrable, que l’embrion ſe trouve dans l’œuf. Die Woͤrter paroit und presque muß man freylich nicht weglaſſen wenn man die Gedanken des Herren von Hallers in dieſer Sa - che beurtheilen will. Aber dem Herren Bonnet kommt es auf ein paar ſolche Woͤrter nicht an. Wiederum ein Beweis, daß Herr Bonnet dem Herren von Haller, wo er ihm nicht widerſpre - chen will, niemahls nachſagen muͤſſe, ohne ſich zu - gleich ſeiner eigenen Worte zu bedienen.

Sie werden vielleicht begierig ſeyn zu wißen, wie ſich Herr Bonnet doch wohl muͤße angeſtellthaben,109des Herrn Bonnet. haben, da er aus der Continuation zweyer Thei - le in einander die Unmoͤglichkeit ohne einander je - mahls exiſtirt zu haben, geſchloßen hat. S’il eſt demonſtré ſagt er an dem einen Orte, il eſt auſſi demonſtré. An dem andern Ort aber pag. 125 ſetzt er Saͤtze bald mit den Koͤpfen bald mit den Fuͤßen zuſammen.

Der Satz pag. 126. Das Gelbe iſt ein we - ſentlicher Theil des Embryo ſoll der Verbindungs - ſatz zwiſchen der Beobachtung und ſeinem Schluß - ſatz ſeyn. Sie ſehen wohl, daß wenn gleich das Gelbe ein weſentlicher Theil des Embryo waͤre, ſo wie ein jeder Theil der Mauer, den ſie ſich in derſel - ben concipiren, ein weſentlicher Theil dieſer Mauer iſt, ſo wie die |Fluͤgel, die Fuͤße weſentliche Theile des Embryo in dem Verſtande waͤren; ſo verſteht es ſich immer von ſelbſten, daß das Gelbe ſowohl ohne dem Embryo als der Embryo ohne Fluͤgel und der eine Theil der Mauer ohne dem andern hat exiſtiren koͤnnen.

Jch habe in dem vorigen Abſa -Erklärung wie es ſich mit dieſer Conti - nuation, uud beſonders mit den Gefäßen in dieſen Thei - len verhält. tze erklaͤrt, wie wuͤrklich in dem Thiere die Theile, ob ſie gleich in einander continuirende Haͤute haben, denn das iſt gar nicht eine Sache, die ir - gend einer Entſtehungsart zuwider ſeyn koͤnnte, nach und nach formirt werden. Das haͤtte ich eigentlich nicht noͤthig gehabt; es waͤre genug geweſen, wenn ich nur gezeigt haͤtte, wie ſie nach und nach, auf was fuͤrArt110Widerlegung der EinwuͤrfeArt es auch ſey, haͤtten entſtehen koͤnnen. Jch will zum Ueberfluß nun noch auch erklaͤren, was es mit den Gefaͤßen, die aus dem Embryo in die Haut des gelben continuiren, fuͤr eine Bewand - niß habe, und dieſes darum, weil der Herr von Haller ſelbſt dieſer Gefaͤße Erwaͤhnung thut. (Second. Mem. p. 188.) Sie wiſſen aus meiner Theorie, daß nachdem die erſte Anlage des Em - bryo aus dem Ey abgeſondert iſt, er ferner noch aus demſelben, und zwar ſo nutrirt werde, daß, indem die Subſtanz des Gelben aufgeloͤſet wird, die ei - gentliche daraus entſtandene Nahrungsſaͤfte unter der Haut des Gelben weggehen, durch die Mate - rie, die unter eben dieſer Haut gelegen iſt, durch - dringen, ſich ſelbſt Wege machen und auf dieſe Art bis zum Embryo kommen, und in deſſen Theile, wo ſie zuerſt aufgenommen werden, weiter fortge - hen, bis ſie an den Ort kommen, wo das Herz formirt wird. Sie wiſſen ferner, daß eben auf dieſe Art durch die, durch die Theile hindurchdrin - gende Saͤfte in denſelben die Gefaͤße formirt wer - den. Es iſt ja alſo wohl nothwendig, daß die Gefaͤße des Gelben und die Gefaͤße des Embryo ein und eben dieſelbe continuirte Gefaͤße ſeyn muͤſ - ſen, weil ſie durch eben dieſelbe Saͤfte die aus dem Gelben in dem Embryo uͤbergehen, die erſt durch das Gelbe des Eyes, hernach ferner fort durch die Theile des Embryo bis zum Herzen, oder den Theil, der das Herze werden ſoll, penetriren, for - mirt werden.

Der111des Herrn Bonnet.

Der Herr von Haller aber irrt darin, daß er dieſe Gefaͤße in dem Gelben fuͤr die eigentliche Gefaͤße des Eyes haͤlt, wodurch die Subſtanz deſſelben ehemals abgeſondert ſey, und ferner fort noch nutrirt wuͤrde; und die folglich immer ſchon in dem Gelben exiſtirt haben muͤßen. Sie ſind aber die Gefaͤße des Embryo, die ſich nur in der Subſtanz des Gelben ausbreiten, ſo wie die Wur - zeln der Pflanzen in der Erde, und die erſt for - mirt werden, wenn der Embryo formirt wird, wie ich dieſe Formation bewieſen und erklart habe. Das Ey iſt aber aus andern Gefaͤßen, die aus dem Eyerſtock kamen, ſo wie die Saamen der Pflanze aus der alten Pflanze abgeſondert, und bis ſo lan - ge, als es noch hat wachſen ſollen, nutrirt wor - den. Alsdann iſt das Ey von dem Eyerſtock, wie die Pflanzenſaamen von der alten Pflanze und von ihrer Saamencapſel, ſeparirt worden; es hat bey der gehoͤrigen Waͤrme der Jncubation durch Huͤlfe der weſentlichen Kraft, die ſich uns durch ſo viel Spuhren kennbar macht, zu vegetiren an - gefangen. Der Embryo iſt ferner vom Ey, ſo wie ehedem das Ey vom Eyerſtock ercerniret wor - den, und dieſer hat alsdenn angefangen, Wur - tzeln zu faſſen. Der Embryo iſt alſo ein neuer entſtandener Theil des Eyes, oder accurater die Sache auszudruͤcken ein Ramus des Eyes, nicht umgekehrt, wie ſich der Herr von Haller es vor - geſtellt hat. Dieſes alles aber ſind nicht Saͤtze die angenommen werden, um den Einwuͤrfen des Hrn. von Hallers auszuweichen. Es ſind Wahr -hei -112Widerlegung der Einwuͤrfe. heiten, die ich lange ſchon in der Diſſertation be - wieſen und weitlaͤuftiger erklaͤrt habe.

Gleich in der Folge p. 189. ſagt der Herr von Haller, es wuͤrde ſehr unphiloſophiſch ſeyn, zu ſagen, daß die Arterie des Gelben, die ehe - dem von einer Arterie der Mutter entſtanden ſey, ſich von derſelben losgerißen und in einen Aſt der Gekroͤßader des Embryo eingepfropft habe. So denke ich in Anſehung der Einpfropfung auch, und ich ſetze noch hinzu, daß ſie eine Erklaͤrung desje - nigen ſeyn wuͤrde, der in die Enge getrieben waͤre, und nur aus Angſt eine Ausflucht ſuchte, wie die - ſe auch uͤbrigens beſchaffen ſeyn moͤchte. Allein, wenn ich ſage, daß das Gelbe von der Arterie des Eyerſtockes, durch welche die Subſtanz deſſelben ehedem abgeſondert, und bis zur Trennung des Eyes vom Eyerſtock auch nutrirt worden iſt, ſich allerdings zwar abgeloͤſet habe; denn das lehrt die Erfahrung ſelbſt; daß aber nachhero nicht etwa ein im Gelben uͤbrig gebliebner Aſt ſich in einen Aſt des Embryo eingepfropfet habe, ſondern daß vielmehr das Gelbe entweder keine Gefaͤße in ſei - ner Subſtanz uͤbrig behaͤlt, oder daß dieſe, da kein Saft mehr durch ſie dringt, zuſammenwach - ſen, und verſchwinden; daß im Gegentheil ein neuer Embryo entſteht; daß mit ihm neue Gefaͤſ - ſe entſtehn, und ſich im Gelben ausbreiten, daß dieſe Gefaͤße aber keinesweges als Gefaͤße des Gel - ben ſondern als Gefaͤße des Embryo angeſehen werden muͤſſen; daß deswegen das Gelbe nunmeh -ro113des Herrn Bonnet. ro nicht als ein Theil, der noch nutrirt werden und wachſen ſoll, ſondern als ein Theil anzuſe - hen iſt, der zum Wachsthum eines andern ange - wendet und dadurch allmaͤhlig verzehret wird; wenn ich ſo ſage, ſo glaube ich nicht unphiloſo - phiſch, ſondern den Begriffen, die ein guter Na - turforſcher, und folglich auch der Herr von Hal - ler durch die Erfahrung erlangt hat, ſehr gemaͤß zu reden. Wenn der Saamen der Pflanzen, zum Exempel einer Bohne, dem Gelben, die Saa - menkapſel dem Eyerſtock, und das Herz im Saa - men (corculum Linnæi) dem Embryo aͤhnlich iſt, als woran niemand zweifeln wird, ſo iſt hierbey alles, was ich vom Ey geſagt habe, ganz klar, Jm Anfange haͤngt der Saamen durch einen klei - nen kurzen und dicken Stiel an der Saamenkap - ſel. Jn dieſem Stiele befinden ſich die Gefaͤße, wodurch der Saamen ehedem bey ſeiner Formation abgeſondert, und bis zu ſeiner gehoͤrigen Groͤße ernaͤhrt worden iſt; eben ſo verhaͤlt es ſich noth - wendig mit dem Ey und dem Eyerſtock. Alsdann faͤllt der Saame von der Kapſel herunter, und zwar ſo, daß der Stiel an der Kapſel ſitzen bleibt; denn der Saame darf nunmehro nicht weiter wach - ſen, ſondern er ſoll im Gegentheil aufgeloͤſet wer - den, und der jungen Pflanze zur Nahrung dienen. Eben ſo ſehen wir das Ey aus dem Eyerſtock kom - men, ohne Stiel, ohne herabhaͤngende Gefaͤße, die zerrißen waͤren, die eingepfropfet werden duͤrf - ten. Die junge Pflanze faͤngt nunmehro, ſo bald der Saame in die Erde kommt, oder auch ſchonHfruͤ -114Widerlegung der Einwuͤrfefruͤher an, Gefaͤße zu bekommen, die ſich in die Subſtanz des Saamens ausbreiten und wodurch die aufgeloͤſete Subſtanz des Saamens zur Nah - rung in die junge Pflanze gezogen wird; ſie ent - ſtehen auf beyden Seiten zwiſchen der jungen Wur - zel (roſtellun) und dem Stamme (plumula) und verbreiten ſich in die Seitentheile (lobos ſeminales) des Saamens. Das ſind nun eigentlich unſere Nabelgefaͤße, die ſich im Gelben des Eyes ver - breiten. Sind dieſes aber nun wohl dieſelbe Ge - faͤße, wodurch in der alten Pflanze der Saame er - naͤhrt wurde? Keinesweges! wir haben dieſe ja in dem kleinen Stiel des Saamens geſehn, und geſehn, daß der Saame ſich von ihnen abloͤſet; daß jene hingegen ganz neue Gefaͤße und zwar Gefaͤße des Embryo ſind, wodurch der Saame nicht nutrirt ſondern verzehrt wird. Eben alſo verhaͤlt es ſich auch mit den Geſaͤßen, die ſich bey der Jncubation im Gelben verbreiten; ſie ſind ganz neue formirte Gefaͤße des Embryo, wodurch die Subſtanz des Gelben verzehrt wird, und die mit den alten eigentlichen Gefaͤßen des Gelben kei - ne Gemeinſchaft haben, und niemahls bekommen. Dieſe bleiben am Eyerſtock ſitzen; und ich ſehe al - ſo gar nicht, wo die Einpfropfung herkommen ſollte, oder wozu ſie noͤthig waͤre, eben ſo wenig, als ich ſehe, wie ſie moͤglich waͤre. Die Pflanze uͤbrigens faͤngt, wenn der Saame groͤſtentheils ver - zehrt iſt, auch endlich an Wurzeln in der Erde zu verbreiten, und hieraus in der Folge ihre Nah - rung zu ziehen. Dieſe Wurzeln ſind wiederumden115des Herrn Bonnet. den vorigen Gefaͤßen, die ſich aus dem Embryo im Saamen verbreitet hatten, aͤhnlich, und die Erde verhaͤlt ſich nunmehro zur Pflanze, wie ſich vorhin der Saame zu derſelben verhielt, und wie ſich das Gelbe zum Embryo verhaͤlt.

Allein ſo klar dieſes alles auch ſchon iſt; ſo kann ich doch noch weiter gehn. Jch habe geſagt, daß dieſe Begriffe von der Beſchaffenheit der Ge - faͤße im Gelben des Eyes den Begriffen eines gu - ten Naturforſchers, (und folglich auch des Herren von Hallers,) die er durch die Erfahrung erlanget hat, ſehr gemaͤß ſeyn; ich ſetze noch hinzu, daß ſich der Herr von Haller die Sache unmoͤglich an - ders, daß Er ſie ſich unnmoͤglich ſo vorſtellen koͤn - ne, als wenn die eigentliche Gefaͤße des Gelben, wodurch es nutrirt worden und gewachſen iſt, aus den Gefaͤßen des Embryo entſprungen, oder eben dieſelben, die wir bey der Jncubation aus dem Embryo entſtehen ſehen, ſeyn koͤnnten. Dieſes will ich jetzo noch zeigen. Wir wollen alſo ſetzen, es ſoll eine Evolution ſtatt finden, ſo wird das Ey im Eyerſtock, und der Embryo im Ey enthalten geweſen ſeyn. Der Embryo wird alſo als ein Theil des Eyes anzuſehen ſeyn, ſo wie das Ey ein Theil des Eyerſtockes iſt; nicht aber umgekehrt, daß das Ey ein Theil des Embryo waͤre, ſo wenig wie der Eyerſtock ein Theil des Eyes iſt; denn der Embryo iſt im Gelben des Eyes und innerhalb ſeiner Membran enthalten, eben ſo wohl, wie das Ey innerhalb der Membran des Eyerſtockes ent -H 2halten116Widerlegung der Einwuͤrfehalten iſt. Eben ſo iſt ein jeder glomer ein Theil der Glandula conglomerata, und ein jeder kleine - rer Lobus pulmonis ein Theil dieſer Lunge. Nun - mehro ſehe man, wie es ſich uͤberhaupt allemahl in dem ganzen thieriſchen Koͤrper mit der Diſtri - bution der Gefaͤße verhaͤlt; ob die Gefaͤße des des Ganzen als Aeſte aus den Gefaͤßen ihrer Thei - le entſpringen, oder ob vielmehr umgekehrt die Ge - faͤße der Theile aus den Gefaͤßen des Ganzen als Aeſte entſtehn. Bey den Lungen haben wir zu - erſt einen gemeinſchaftlichen Stamm. Dieſer iſt das Gefaͤß des ganzen Eingeweydes, welches aus zweyen Lungen zuſammengeſetzt iſt, alsdann haben wir eine rechte und eine linke Lungenpulsader, die Rechte iſt das Gefaͤße der rechten, die Linke der linken Lunge. Entſteht nun aber der Stamm der Lungenpulsader, als das Gefaͤß des ganzen Ein - geweydes, aus einem der Gefaͤße der beyden Lun - gen, dem rechten oder dem linken? oder entſtehen dieſe Gefaͤße aus dem gemeinſchaftlichen Gefaͤße des ganzen Eingeweydes? Eben ſo geht es in der Folge der Theilung der Lungen weiter fort. Eine jede Lunge iſt in ihre Lobos eingetheilt, und wie eine jede Lunge ihr eigenes Gefaͤße hatte, ſo hat nun wiederum ein jeder Lobus ſein eigenes Gefaͤß, aber das Gefaͤß des Lobi entſteht als ein Aſt aus dem Geſaͤße der Lunge; nicht umgekehrt. Eben ſo verhaͤlt ſich die Sache bey den glandulis conglo - meratis; eben ſo verhaͤlt ſie ſich bey den Gefaͤßen des Armes und der Finger, die Theile des Armes ſind. Alſo; das iſt ein Geſetz beym thieriſchenKoͤr -117des Herrn Bonnet. Koͤrper und auch bey den Pflanzen (man ſehe hier - von meine Diſſertation, wo ich dieſe Sache aus ihren Gruͤnden vorgetragen habe §. 237.): Die Gefaͤße des Theiles entſtehen allemahl aus den Gefaͤßen des Gantzen; niemahls umgekehrt. Man wird auch leicht einſe - hen, daß eine unumgaͤngliche Nothwendigkeit dieſes ſo mit ſich bringt. Da nun alſo der Em - bryo ein Theil des Gelben iſt, der innerhalb der aͤußern Membran des Gelben, ſo wie das Ey im Eyerſtocke, ſo wie der Lobus pulmonis in der Lun - ge, und wie ein Glomer in der Glandula conglo - merata, eingeſchloßen liegt; und da ferner das Ey ein Theil des Eyerſtocks iſt; ſo muͤſſen die ei - gentlichen Gefaͤße des Eyes, wodurch es nu - trirt wird, aus den Gefaͤßen des Eyerſto - ckes, und ſie koͤnnen keinesweges aus den Gefaͤßen des Embryo entſpringen. Sollte alſo der Herr von Haller, der die allgemeine Re - geln der Einrichtung des thieriſchen Koͤrpers ſo wohl kennt, nicht eben ſo denken? Jch bin ver - ſichert, daß Er, wenn ich Jhn nur an dieſe Gruͤnde, die ich vorgetragen habe, und die Jhm alle ſehr wohl bekannt ſind, erinnern koͤnnte, mir bald voll - kommen Recht geben, und das Argument von der Continuation wieder fahren laſſen wuͤrde. Vom Herren Bonnet kann ich eben daſſelbe nicht hof - fen. Er ſcheint mir, wie viele, die ſich fuͤr Phy - ſiologen halten, von einer ſolchen Kenntniß der Natur der Thiere ſehr entfernt zu ſeyn.

H 3Der118Widerlegung der Einwuͤrfe

Der Herr von Haller ſagt ferner p. 188. 189. die Saͤfte, welche durch dieſe Gefaͤße gehen, muͤſſen die Urſache ihrer Bewegung in Herzen des Embryo erkennen; aber auch das, obgleich dieſe Gefaͤße mit dem Embryo waͤhrend der Jncu - bation erſt entſtehen und folglich alsdann auch erſt Saͤfte durchlaſſen iſt nicht nothwendig. Jch will nicht vom Herzen reden, wo es noch gar nicht entdeckt wird, ohngeachtet aus dem obigen ſchon genugſam bekannt ſeyn muß, daß es alsdann auch noch nicht exiſtirt, und die Durchſichtigkeit nur eine Sache iſt zu der man ſeine Zuflucht zu nehmen gezwungen iſt; ich fuͤhre nur die Beobachtung an, da man das Herz ſehr deutlich ſieht, aber auch ſehr deutlich ſtill liegen ſieht. Alſo zu dieſer Zeit, vorher, da es unſicht - bar war, mag es geſchlagen haben, wodurch wer - den die Saͤfte bewegt? Mir konnte dieſes keine Schwierigkeit ſeyn, ſondern es war mir vielmehr eine angenehme Beſtaͤrkung einer Wahrheit, die ich lange vorher aus andern Gruͤnden eingeſehen hatte. Es iſt die weſentliche Kraft, die bey den Thieren eben ſowohl wie bey den Pflanzen ſtatt fin - det; wie hundert andere Beobachtungen ſolches lehren. Man leſe davon meine Diſſertation nach.

Es iſt noch eine beſondere Beobachtung, die mir eben einfaͤllt, die alles dieſes noch mehr be - ſtaͤtigen wird, und die der Herr Baron von Hal - ler gewiß auch oft wird geſehen haben. Man kan nicht alles aufſchreiben was man ſieht. Man ſieht oft ſo viel merkwuͤrdige Dinge auf einmahl,daß119des Herrn Bonnet. daß man, indem man das eine beſchreibt, das andere daruͤber vergißt. Man ſieht faſt zu allen Zeiten die letzten Gefaͤße in der area vollkommner, als die im Embryo, wodurch ſie in das Herz deſ - ſelben continuiren, und dieſes aber um ſo viel - mehr, je fruͤher man die area nimmt. Zu der Zeit, wenn die area wie meine 7te Figur iſt, wor - in der Herr von Haller Punkte beſchreibt, die zwar gelb ſind, aber ſtark ins rothe fallen, und worin das Herz noch nicht ſchlaͤgt, ſieht man al - ſo dieſe Aeſte von Gefaͤßen, und man ſieht die Staͤmme nicht, wodurch ſie weiter continuiren. Warum ſieht man denn aber jene nur und dieſe nicht? Die doch wegen ihrer Groͤße deutlicher ſeyn muͤſſen. Beobachtet man aber eine area noch fruͤher, wie die in der 4ten Figur; ſo ſieht man ganz offenbar in der area eine Anlage zu Ge - faͤßen, und man ſieht noch gar keine naͤher am Embryo und im Embryo, wodurch ſie zum Her - zen continuiren koͤnnten; man ſieht auch kein Herz. Es iſt alſo ganz gewiß, daß gewiſſe Aeſte von Gefaͤßen in der area fruͤher producirt werden als ihre Staͤmme, und fruͤher noch als das Herz. Nachhero aber geht es nicht weiter nach dieſer Re - gel |fort, ſondern die Aufloͤſung frißt gleichſam in der Subſtanz des Gelben immer weiter um ſich, die durch dieſe Aufloͤſung entſtandene Nahrungs - ſaͤfte werden von den bereits formirten Gefaͤßen abſorbirt, und die neue Gefaͤße folglich, die durch die, in die Alten eindringende Nahrungsſaͤfte fer - ner in der Subſtanz des Gelben formirt werden,H 4muͤſ120Widerlegung der Einwuͤrfemuͤſſen nothwendig in dieſe ſich inſeriren, wie ich ſolches weitlaͤuftiger in der Theorie ausgefuͤhrt habe. Aber die Ordnung in Anſehung der For - mation der Gefaͤße iſt doch eine Wahrheit, auf die ich, wie ich glaube bisher noch nicht gefallen geweſen bin. Wie wunderbar und wie paradox ſcheint nicht alles, was wir bey dieſen Verſuchen in der Natur ſehen. Huͤten Sie ſich, daß Sie nicht das, was Sie ſehen, wenn es mit Jhren Hypotheſen nicht uͤbereinſtimmt, ſo lange drehen und wenden, bis es einigermaßen ihrer Hypothe - ſe aͤhnlich wird. So hat es der Hr. von Haller dieſes mahl und vielleicht zum erſten mahl in ſei - nem Leben gemacht. Was er nicht ſieht, und auf keine Art entdecken kann, muß dennoch da ſeyn. Das Herz, welches er ſtille liegen ſieht, ſoll dennoch ſich bewegen. Ein fluͤßiges Weſen, welches Herr Bonnet fuͤr Angſt ſolide genennt hat, welches aber der Herr von Haller einmahl fuͤr allemahl fluͤßig ſieht, ſoll dennoch aber we - nigſtens organiſch ſeyn. Warum ſoll ich nicht alle dieſe Dinge, da ich ſie ſehe glauben? Was liegt mir daran, wenn die ganze mechaniſche Me - dicin ein Chimaͤre wird? Jch habe dieſe Wahrheit in meiner Diſſertation frey ausgeſprochen, und andere Erfahrungen werden mich auch ferner ſo weit bringen, daß ich die wahre Urſachen der Verrichtungen des thieriſchen Koͤrpers, und das Weſen deſſelben, entdecken werde.

Beſchaffen - heit der Ge -

Der Herr von Haller beruft ſich in der Recenſion auf die Gekroͤß -adern121des Herrn Bonnet. adern der Froͤſche, welche durchſich -fäße in dem Meſenterio des Froſches und über - haupt in dem Erwachſenen. tig ſind, und ſo, ſagt er, koͤnnen die Adern in der area auch beſchaffen ſeyn. Die Gekroͤßadern des Froſches aber haben aus andern Beyſpielen ge - wiß ihre Haͤute, ob man ſie gleich nicht ſieht; alſo koͤnnen ſie die Adern in der area auch haben. Dieſes iſt die Sache, die ich noch beantworten muß. Ueberhaupt haben alle dieje - nige Gefaͤße, die man ſchon durch das Vergroͤße - rungsglaß ſehen muß, wenn man ſie entdecken will, keine Haͤute mehr; man mag einen Theil nehmen welchen man will, ſo gilt dieſes uͤberhaupt von ſeinen Gefaͤßen; eben ſo wenig alſo haben auch die kleinere Gefaͤße, die man im Gekroͤſe des Froſches durch Huͤlfe der Froſchmaſchine fieht, ihre eigene Haͤute, die von der Subſtanz des Ge - kroͤſes ſelbſt verſchieden waͤren. Das Gekroͤſe be - ſteht aus ſeinen zwey Blaͤttern, die durch ein fei - nes zellenfoͤrmiges Gewebe mit einander verbun - den ſind. Dieſes ganze Gekroͤſe iſt zwar durch - ſichtig, aber nicht ſo durchſichtig, daß es deswe - gen unſichtbar werden ſollte, denn wenn ein Loch in daſſelbe gerißen iſt, und man ſieht es wie ge - woͤhnlich durch das Mikroſcop, um die Bewe - gung des Blutes zu ſehn, ſo unterſcheidet man dieſes Loch in dem Meſenterio nur gar zu deut - lich; alſo, ſo durchſichtig wie die Luft, die da - her unſichtbar wird, iſt das Meſenterium nicht. Aber noch mehr; die Adern, in welchen man nur eine einfache Reihe von weißen BlutkuͤgelchenH 5lauf -122Widerlegung der Einwuͤrfelauffen ſieht, wenn ſie von dieſen entleert ſind, ſind alsdann um ein merkliches durchſichtiger, als die uͤbrigen Stellen im Gekroͤſe ſind, wo ſich kei - ne Gefaͤße befinden. Da nun dieſe uͤbrige Stel - len aus den 2 Blaͤttern und des dazwiſchen gele - genen zellenfoͤrmigen Gewebes beſtehen, und die beyden Blaͤtter uͤber das kleine Gefaͤße continui - ren; das zellenfoͤrmige Gewebe aber zwiſchen den - ſelben, nicht durch den Ort continuirt, wo ſich das Gefaͤße befindet; denn eben den Raum, den das zellenfoͤrmige Gewebe zwiſchen den Blaͤttern an dieſem Orte einnehmen ſollte, nimmt die Hoͤle des Gefaͤßes ein; ſo muß alſo die groͤßere Durch - ſichtigkeit des Gefaͤßes von der Abweſenheit des zellenfoͤrmigen Gewebes, und die groͤßere Un - durchſichtigkeit der uͤbrigen Stellen im Gekroͤſe von dem zwiſchen den Blaͤttern befindlichen zellen - foͤrmigen Gewebe herruͤhren; und folglich muß eben dieſes Gewebe einigen Grad der Un - durchſichtigkeit verurſachen koͤnnen, der ſich empfinden laͤſt.

Das ſind bishero, denke ich, richtige Schluͤſ - ſe. Nunmehro wiſſen wir aus den anatomiſchen Entdeckungen des Herrn von Hallers, und es iſt jetzo ſchon lange bekannt, daß die Haͤute der Gefaͤße (nur bey den großen Gefaͤßen die fleiſchig - te ausgenommen, die aber bey den kleinern nicht ſtatt findet), weiter nichts ſind, als ein zellenfoͤr - miges Gewebe, welches ſich aber von dem ge - woͤhnlichen Zellengewebe, worin das Gefaͤß alle -mahl123des Herrn Bonnet. mahl eingewickelt liegt, und welches als die Sub - ſtanz des ganzen Theiles anzuſehen iſt, durch ſei - ne Dichtigkeit (denſitas) unterſcheidet. Der Hr. von Haller nennt es celluloſa ſtipata (conden - ſata); die Gewoͤhnliche wuͤrde celluloſa rarior ge - nennt werden. Jn unſerem Falle iſt alſo das Zellengewebe, wodurch die beyde Blaͤtter des Ge - kroͤſes mit einander verbunden werden, eine ſol - che celluloſa rarior; ſie macht mit den beyden Blaͤttern zuſammen genommen die Subſtanz des Gekroͤſes aus, in welcher ſich die Gefaͤße ausbrei - ten. Sollen nun dieſe Gefaͤße Haͤute haben, ſo muß außer dieſem gewoͤhnlichen Zellengewebe, welches zur Subſtanz des Gekroͤſes gehoͤrt, zu - naͤchſt um der Hoͤle des Gefaͤßes herum, ſich noch ein dichters Zellengewebe befinden, welches ſich durch eben dieſe Dichtigkeit von dem gewoͤhnlichen unterſcheidet, und wovon man alsdann eben die - ſes Unterſchiedes wegen ſagt, und mit Recht ſa - gen kann, es mache eine beſondere Haut des Ge - faͤßes aus, die von der Subſtanz des Gekroͤſes unterſchieden iſt. Jch rede jetzo noch nicht von Erſcheinungen, noch nicht von dem, was zu ſe - hen, oder nicht zu ſehn iſt, ſondern bloß von der Sache, wie ſie ſich an und vor ſich ſelbſt verhal - ten muß. Man muß mir alſo auch jetzo noch nicht einwenden, dieſes dichtere Zellengewebe koͤnne dennoch wohl ſehr ſubtil, ſehr durchſichtig und alſo unſichtbar ſeyn; davon will ich gleich in der Folge reden. Jch ſage alſo, ſo verhaͤlt die Sache mit den Gefaͤßen an und vor ſich, und die -ſes124Widerlegung der Einwuͤrfeſes iſt ihre wahre Beſchaffenheit, man mag es ſehn koͤnnen oder nicht; Zunaͤchſt um der Hoͤle des Gefaͤßes herum muß ſich, wenn dieſes eine Haut hat, ein Zellengewebe befinden, welches ſich durch ſeine Dichtigkeit von dem uͤbrigen Zel - lengewebe, das zum Gekroͤſe gehoͤrt, unterſchei - det, man mag dieſes dichtere Zellengewebe ſehn koͤnnen oder nicht; denn findet ſolches auch in der That nicht ſtatt, ſo hat man keinen Grund, war - um man ſagen ſollte, ein Theil dieſes Zellenge - webes, welcher nahe an der Hoͤle des Gefaͤßes liegt, oder ein Theil der Blaͤtter des Gekroͤſes, ſoll als eine Haut des Gefaͤßes betrachtet werden, und das uͤbrige ſoll zum Gekroͤſe gehoͤren. Jch ſage alſo noch einmahl, ſo verhaͤlt ſich die Sache noth - wendig in ſich ſelbſt; nunmehro wollen wir von den Erſcheinungen reden, die daraus folgen. Das Zellengewebe, welches die Haut des Gefaͤßes aus - macht, iſt dichter als das gewoͤhnliche Zellenge - webe des Gekroͤſes; es iſt ein dichterer, und dieſes ein duͤnnerer Koͤrper, (corpus rarius). Es kann alſo wohl nicht fehlen, da alle dichtere Koͤrper, wel - che mehr Materie haben, undurchſichtiger, alle duͤnnere aber durchſichtiger ſind; ſo muß, ſo durch - ſichtig auch beyde uͤbrigens immer ſeyn moͤgen, doch wenigſtens das Gewebe, welches die Haut des Gefaͤßes ausmacht, einen hoͤhern Grad der Undurchſichtigkeit haben, als das uͤbrige Gewebe des Gekroͤſes. Waͤre dieſes nun durchſichtig ge - nug, daß es unſichtbar bleiben koͤnnte; ſo waͤre es auch moͤglich, daß das Zellengewebe des Ge -faͤßes,125des Herrn Bonnet. faͤßes, ob es gleich undurchſichtiger als das uͤbrige iſt, doch noch nicht denjenigen Grad der Undurch - ſichtigkeit haͤtte, der erfordert wird, damit man es deutlich ſehn, und von dem uͤbrigen unterſchei - den koͤnnte. Da aber das Gewebe des Gekroͤſes ſchon einen ſo merklichen Grad der Undurchſich - tigkeit hat, daß es ſich ſehr wohl von denen Orten, wo ſich kein ſolches Gewebe befindet, unterſchei - den laͤßet; wie ich dieſes im vorhergehenden Ab - ſatze gezeigt habe; ſo muß auch die Undurchſich - tigkeit des Gewebes, welches die Haut des Ge - faͤßes ausmacht, nothwendig noch vielmehr hin - laͤnglich dazu ſeyn, daß man dieſe Haut ſehn und unterſcheiden koͤnne; und ſie muß alſo noth - wendig ſichtbar ſeyn.

Allein wir koͤnnen die Erſcheinung, welche hieraus folgt, leicht noch genauer beſtimmen. Hat die Haut des Gefaͤßes einen hoͤhern Grad der Undurchſichtigkeit, ſo muß in der Beobach - tung mit der Froſchmachine, da man das Gekroͤ - ſe gegen das Licht ſieht, auf beyden Seiten des Gefaͤßes ein dunkelerer oder undurchſichtigerer Streifen zum Vorſchein kommen, und eben hier - durch muß ſich die undurchſichtigere Haut des Gefaͤßes entdecken, wie ſich ein jeder aus der Art, wie man das Gefaͤße beobachtet, leicht vorſtellen kann. Und auf dieſe Art erſcheinen auch die groſ - ſen Gefaͤße im Gekroͤſe, bey denen ich ihre Haͤute zugebe. Jn der Mitte des Gefaͤßes erſcheint der rothe Cylinder von Blut; alsdenn folget eine dun -keler126Widerlegung der Einwuͤrfe. keler undurchſichtigerer Streifen; dieſer iſt die Haut des Gefaͤßes, das dichtere Zellengewebe; nur muß man ſich hierbey vorſehn, daß man das Objeckt gerade gegen das ſtaͤrkſte Licht haͤlt, ſonſt entſteht auf der einen Seite ein Schatten, den man entweder fuͤr eine Haut halten koͤnnte, oder der doch der wahren Haut, wenn man den Schat - ten fuͤr das natuͤrliche Gekroͤſe haͤlt, das Anſehn gibt, als wenn ſie durchſichtiger waͤre, wie dieſe, weil ſie, gegen den Schatten betrachtet, heller iſt. Dieſer Streifen iſt uͤbrigens noch ziemlich ſchwach, aber er laͤßt ſich ſehr wohl beobachten; alsdann endlich folgt auf beyden Seiten das bloße Gekroͤſe, welches wiederum heller als der vorhergehende Streifen iſt, ich kann das gewoͤhnliche Zellenge - webe darinn an ſeinen beſondern Zeichen ſehr wohl erkennen.

Allein ſo verhaͤlt ſich die Sache bey den klei - nern Gefaͤßen, die entweder eine einfache Reihe von weißen oder gelblichen, oder die auch mehre - re und rothe Blutkugeln zugleich fuͤhren, nicht. Wenn roth Blut in dem Gefaͤße iſt, ſo folgt auf den rothen Cylinder unmittelbar das durchſichtige Gekroͤſe; nicht der geringſte Unterſcheid, zwiſchen der Subſtanz, die unmittelbar den rothen Cylin - der beruͤhrt, und der uͤbrigen continuirten Sub - ſtanz des Gekroͤſes findet ſtatt. Jſt das Gefaͤße von Blutkugeln leer, ſo erſcheint es, wie ich ſchon erinnert habe, unter der Geſtalt eines durchſichti - gen Streifen, und unmittelbar auf dieſem folgetals -127des Herrn Bonnet. alsdann zu beyden Seiten das weniger durchſich - tige bloße Gekroͤſe oder die Subſtanz deſſelben; und hierin laͤſſet ſich nicht das allergeringſte Ver - ſchiedene weiter entdecken. Jch habe mich zu die - ſen wiederholten Verſuchen der Froſchmachine und der Vergroͤßerungsglaͤſer des verſtorbenen Herren Docktor Lieberkuͤhns bedienet, der der Erfinder dieſer bey der Lehre von der Bewegung des Blutes ſo nuͤtzlichen Maſchine iſt, und man weis, daß ſeine Jnſtrumente von dieſer Art, die er ſich zu ſeinem Gebrauche verfertigen ließ, gewiß gut wa - ren. Jch habe aber, wie ich ſage, aller ange - wendeten Muͤhe ungeachtet, dieſe Zeichen von den Haͤuten der Gefaͤße, von welchen ich bewieſen habe, daß ſie ſich nothwendig offenbaren muͤſſen, wenn ſie da ſind, nicht entdecken koͤnnen. Jch ſehe die Hoͤle des Gefaͤßes; ich unterſcheide ſie von dem darin enthaltenen Blute, ich ſehe auch die gewoͤhnliche Subſtanz des Gekroͤſes, und un - terſcheide ſie von jener Hoͤle; aber Haͤute um die Hoͤle, die von der Subſtanz des Gekroͤſes verſchie - den waͤren, habe ich nicht geſehn. Alſo, kurz und gut, die ganze Hiſtorie von der Unſichtbar - keit iſt nur eine Chimaͤre. Sie kann Verwir - rung ſtiften, aber wenn wir auf ihr etwas bauen, ſo betruͤgt ſie uns allemahl. Jch ſage alſo, die klein - ſten Gefaͤße im Gekroͤſe ſind bloße Hoͤlen, die oben und unten (wenn ich nemlich das Gekroͤſe horizontal lege) durch nichts als die beyde Blaͤt - ter des Gekroͤſes, ſeitwaͤrts aber durch das Zel - lengewebe, wodurch beyde Blaͤtter verbundenwer -128Widerlegung der Einwuͤrfewerden, terminirt ſind. Jn andern Theilen ſind dergleichen Hoͤlen rings herum durch dasjenige Zellengewebe terminirt, welches die Subſtanz des Theiles ausmacht.

Jch habe in einem Utero gravido ein Ge - faͤß, welches ſo ſtark wie eine Stecknadel war, mit der groͤßeſten Sorgfalt unterſucht. Hierbey ſind wir keinen optiſchen Jrrthuͤmern ausgeſetzt, vor welchen man ſich bey der Froſchmachine in acht nehmen muß; man kann hierbey ſein Objekt mit und ohne Spiegel unterſuchen, und die Beobach - tungen ſind alſo beſſer und ſicherer als die beym Froſche. Wenn aber die kleinere Gefaͤße (ich will je - tzo nur von den kleineren reden, die nicht dicker ſind, wie eine Stecknadel,) wenn dieſe kleinere Gefaͤße mein lieber L .. Haͤute haben, ſo weiß ich nicht mehr in der Welt, was wahr oder was nicht wahr iſt. Jch kenne ja die Subſtanz des Uteri gravidi, dieſe braͤunliche und etwas ins roͤthliche fallende, weiche, nachgebende Subſtanz, die, ſo lange man ſie mit bloßen Augen betrachtet, den Muskelfibern ſehr aͤhnlich iſt, unter dem Mikroſcop aber keine Fibrillen, wie die Muskelfieber, wenn ſie unter daſſelbe gebracht wird, zeigt, ſondern alsdann noch gelbbraͤunlich ausſieht, nur wenig durchſichtig iſt, und dabey aus Kuͤgelchen ob wohl wenig accura - ten Kuͤgelchen beſteht, welche beynahe in einander fließen; dieſe Subſtanz ſage ich kenne ich, nach - dem ich ſie einmal recht nach allen ihren Merkmah - len und Charakteren unterſucht habe, nunmehroſo129des Herrn Bonnet. ſo gut, als ich Sie kenne mein Freund; und ich weis auch, wie die innere glatte Membran der Ge - faͤße, imgleichen wie die aͤußere dicke Haut derſel - ben unter dem Mikroſcop ausſieht. Wenn ich nun alſo einen kleinen Theil aus der Subſtanz des Uteri, worin ſich mein Gefaͤß befindet, heraus - ſchneide, ihn unter dem Mikroſcop bringe, der Laͤnge nach zerſchneide, und die innere Flaͤche mei - nes Gefaͤßes unterſuche; alsdann aber finde, daß die Subſtanz, die dieſe innere Flaͤche ausmacht, nach allen Kennzeichen und Eigenſchaften eben die - ſelbe bloße reine Subſtanz iſt, die ich als die Sub - ſtanz des Uteri beſchrieben habe; ſo kann ich ja noth - wendig am Ende nichts anders, als ich muß den Ausſpruch thun; die Subſtanz des Uteri ſelbſt terminirt rings herum die Hoͤle des Gefaͤßes; die - ſe Hoͤle hat um ſich keine andere beſondere Subſtanz, wodurch ſie eingeſchloßen iſt, die von der Subſtanz des Uteri verſchieden waͤre; Sie hat alſo keine ei - gene Haut, und das ganze Gefaͤß iſt weiter nichts als eine bloße Hoͤle.

Mir ſelbſt iſt uͤbrigens dieſer Begriff von den Gefaͤßen anfaͤnglich, nachdem ich ihn mir aus vie - lerley Erfahrungen herausgebracht hatte, paradox vorgekommen. Man ſtellt ſich gemeiniglich die Gefaͤße als Roͤhren vor, die vor ſich ohne der Subſtanz des Theiles, darin ſie befindlich ſind, beſonders beſtehn, und die nur von dem Zellenge - webe umgeben ſind, und in demſelben eingewickelt liegen. Das ſind ſie aber eigentlich nicht; ſie ſind,Jauch130Widerlegung der Einwuͤrfeauch ſelbſt die Aorta nicht ausgenommen, eigent - lich nur Hoͤlen; allein die Subſtanz in welcher die - ſe Hoͤlen ſo, wie wenn ſie darinn ausgegraben waͤ - ren, ſich befinden, wird, je naͤher ſie der Hoͤle kommt, allmaͤhlig immer dichter und feſter; und dieſer dichtre Theil der Subſtanz wird alsdann von den Zergliederern als zum Gefaͤße gehoͤrig ange - ſehen, und die Haut deſſelben genennt. So ver - haͤlt ſich die Sache bey den groͤßeren Gefaͤßen, bey den kleinern aber findet auch dieſer Unterſcheid in der Subſtanz nicht einmahl ſtatt. Die Art der Praͤparation hat uͤbrigens zu dem irrigen Begriffe Anlaß gegeben. Man ſchneidet einen Theil der Subſtanz von den ausgeſpritzten Gefaͤßen weg, und einen Theil laͤßt man um dem Wachſe ſitzen; dieſen nennt man die Haut des Gefaͤßes, und ſieht das ganze Gefaͤße nunmehro als einen holen Cy - linder an, der in der Subſtanz des Theiles geſteckt haͤtte, gleichſam als wenn man ihn herausgezogen haͤtte; man denkt aber nicht daran, daß man die - ſen Cylinder durch die Kunſt gemacht hat. Die innere Membran und die fleiſchigte Haut hindern auch nicht, daß mein Begriff nicht dennoch rich - tig ſeyn ſollte; allein ich muß die Ausfuͤhrung die - ſer Sache bis an einem andern Orte verſpahren.

Noch ein ander Beweis der Epigeneſis, der von der Flüßigkeit der erſten Theile

Jch glaube bishero die Zweifel des Herrn Baron von Hallers geho - ben, und die etwas ſtolze Einwuͤrfe des Hrn. Bonnets beantwortet zu haben: Jch will nunmehro noch einen kurzenBe -131des Herrn Bonnet. Beweis der Epigeneſis hinzuſetzen. hergenom - men iſt.Es iſt eine bekannte Beobachtung, daß die erſten Anfaͤnge der Theile bey den Thieren ſo wohl als auch bey Pflanzen fluͤßig ſind. Mal - pigh und Harwaͤus haben es ſchon bemerkt. Boerhave hat es in ſeiner Phyſiologie allenthal - ben eingefuͤhrt, der Herr von Haller hat es in ſeinen neuen Beobachtungen beſtaͤtiget, und ich habe es eben ſo befunden; nur Herr Bonnet, der keine Verſuche hieruͤber ſelber angeſtellt hat, laͤug - net es. Allein daran liegt nicht viel; das Zeug - niß eines Malpighs und Hallers, beſonders da ſie ſelber Vertheidiger der Evolution ſind, gilt mehr, und die Sache iſt zu klar und zu gewiß, als daß das Laͤugnen des Herren Bonnets in einige Betrachtung gezogen werden koͤnnte. Das Ge - hirn iſt beym Embryo ſo fluͤßig wie Waſſer. Jn der Folge bekommt es eine etwas dickere Conſi - ſtenz, allein es bleibt noch lange ſo, daß es als ein fluͤßiger Koͤrper angeſehen werden muß, und nicht unter die feſten Theile gerechnet werden kann, ſo wenig wie der Schleim ein ſolider Koͤrper genennt werden kann, ob er gleich einigen Grad der Zaͤ - higkeit hat. Die Theile der Pflanzen ſind in ihren erſtern Anfaͤngen zwar nicht ſo duͤnne wie Waſſer, allein daß ſie wahre Saͤfte und keine feſte Theile ſind, bezeigt dieſer einzige Charakter, daß ſie ſich wie duͤnne harzigte oder gummigte Subſtanzen in Faden auseinander ziehen laſſen. Hiedurch unter - ſcheiden ſich die Saͤfte unſers Koͤrpers und der Pflanzen von den wahren feſten Theilen deſſelben. J 2Jene132Widerlegung der EinwuͤrfeJene moͤgen dicke werden, ſo viel ſie wollen, ſo werden ſie dennoch dadurch zu keine feſte Theile ei - nes organiſchen Koͤrpers werden; wenn Saͤfte aber in feſte Theile uͤbergehen ſollen, ſo wird dazu etwas mehreres erfordert, und ſie muͤſſen ihre gan - ze Natur aͤndern.

Nemlich alle feſte Theile bey den Thieren ſo wohl als bey den Pflanzen haben dieſe Eigenſchaft, daß wenn ihr Zuſammenhang einmahl getrennt iſt, ſie alsdenn nicht mehr mit einander zuſammen kle - ben koͤnnen, deswegen koͤnnen ſie, wenn ſie hart ſind zerbrochen, wenn ſie aber elaſtiſch oder zaͤhe ſind, zerrißen werden. Bey den Saͤften hinge - gen, und bey allen fluͤßigen Koͤrpern, findet die - ſes nicht ſtatt; wenn ihre Theile von einander ge - trennt werden, und ſich wiederum einander beruͤh - ren, ſo hengen ſie wiederum ſo gut wie vorhin zu - ſammen. Man ſieht hieraus bald, worin der Un - terſcheid zwiſchen einem fluͤßigen und feſten Koͤr - per beſteht. Jn jenem zieht ein jeder Theil einen jeden andern mit einer gleich ſtarken Krafft an; daher moͤgen ſie alle untereinander bewegt werden, ſo viel ſie wollen, ihr Zuſammenhang bleibt im - mer eben derſelbe. Jn dieſem ſind nur gewiſſe be - ſtimmte Theile die ſich mit einer beſtimmten Kraft einander anziehen, da ſie ſich hingegen mit andern Theilen gar nicht anziehen, daher wenn dieſe be - ſtimmte Zuſammenſetzung einmahl geſtoͤhrt iſt, ſo hoͤrt auch der ganze Zuſammenhang auf, weil, wenn man die getrennte Stuͤcke wiederum zuſam -men -133des Herrn Bonnet. menfuͤgen wollte, man nicht diejenige kleineſte Thei - le wiederum zuſammen bringen wuͤrde, die ſich vorhin unmittelbar einander beruͤhrt haben. Die - ſes iſt der weſentliche Unterſcheid zwiſchen dem fluͤſ - ſigen und feſten Koͤrper, und ich habe ihn deswe - gen auseinander geſetzt, weil, ſo viel ich weis, noch niemand dieſen Begriff entwickelt oder uͤber - haupt einen weſentlichen Unterſcheid zwiſchen ei - nem fluͤßigen und feſten Koͤrper angegeben hat. Die Definition des Graveſande, die er von einem fluͤßigen und feſten Koͤrper gibt und die auch von den uͤbrigen angenommen zu werden pfleget iſt falſch. Nach derſelben wuͤrden dieſe Koͤrper nur dem Grade nach unterſchieden ſeyn; ein fluͤßiger Koͤrper wuͤrde weiter nichts als ein weniger feſter Koͤrper ſeyn; allein ich habe gezeigt, daß ein ganz anderer Unterſcheid zwiſchen ihnen ſtatt findet.

Aus dieſem Begriffe werden Sie nunmehro leicht einſehen, daß es eine wahre Unmoͤglichkeit ſey, daß ein fluͤßiger Koͤrper zugleich organiſch ſeyn koͤnne. Wie ein fluͤßiger Koͤrper derjenige iſt, deſſen Theile ohne Unterſcheid alle mit einer glei - chen Kraft ſich anziehen und bey dem alſo keine beſtimmte Zuſammenſetzung ſtatt findet, ſo iſt im Gegentheil ein organiſcher derjenige, deſſen Theile auf eine beſtimmte Art zuſammengeſetzt ſind, und nur auf dieſe Art ſich anziehen, ſo nemlich, daß ein jeder Theil mit ſeinen gewißen Theilen und mit keinen andern zuſammenhaͤngt. Trennen Sie die - ſen Zuſammenhang, oder ſtoͤhren ſie dieſe Ord -J 3nung,134Widerlegung der Einwuͤrfenung, wie die Theile untereinander zuſammenge - ſetzt ſind, ſo daß ein jeder Theil zugleich mit einem andern, als er vorhin zuſammengeſetzt war, zu - ſammen kommt, ſo haͤngen alle dieſe Theile nicht wieder zuſammen; da ſie beym fluͤßigen Koͤrper eben ſo gut wieder zuſammhaͤngen als vorhin. Und hierin beſteht das Weſen eines organiſchen Koͤrpers. Soll dieſer alſo fluͤßig ſeyn ſo iſt er zu - gleich nicht organiſch.

Dieſer Beweis aber beruhet nicht, wie man wohl dergleichen Beweiſe zu machen pflegt, auf eine willkuͤhrliche Definition. Herr Bonnet mag meine Definition von einem fluͤßigen Koͤrper laͤug - nen; er mag die erſten Anfaͤnge der Koͤrper ſolide, oder auch hart nennen, und alsdann unter ſolide oder hart dieſes oder jenes verſtehen; ſo halte ich mich bloß an der Erfahrung; dieſe lehrt, daß je - ne Anfaͤnge ſich, wie klebrigte Saͤfte thun, in Faden ziehen laſſen. Hieraus ſchließe ich, und man koͤnnte dieſes geometriſch daraus beweiſen, wie ein jeder, der in der Phyſick nicht fremde iſt, ohne mein Erinnern leicht einſieht, daß ein jeder Theil dieſer Anfaͤnge von demjenigen, mit welchen er bishero zuſammengeſetzt war, ſich trennen, und mit jedem anderen, der zuerſt an ihm gebracht wird, ſich eben ſo gut wiederum zuſammenſetzen laͤſt, und mit demſelben eben ſo gut wiederum zuſammen - haͤngt, als er mit dem vorigen Theil zuſammenhing. Das heiſt nun aber ſchon nicht mehr organiſch ſeyn.

Jch135des Herrn Bonnet.

Jch habe hauptſaͤchlich dieſen Beweis darum angefuͤhrt, weil er dem Einwurfe von der Unſicht - barkeit nicht ausgeſezt iſt. Herr Bonnet glaub - te, daß es nicht moͤglich ſey, zu beweiſen daß ein Ding nicht da ſey, und es muͤſſe ihm nothwendig allemal die Ausflucht uͤbrig bleiben, es koͤnne un - ſichtbar ſeyn. Der Herr von Haller ſagt auch in der Recenſion: Es bleibe bey der Area der Zweifel uͤbrig, ob die durchſichtige Wege nicht dennoch ihre Haͤute haben, ob man ſie gleich nicht ſehen koͤnne, und dies ſey ſo leicht nicht aus - zumachen.

[figure]
J 4Goͤt -136

Goͤttingiſche Anzeigen 143 Stuͤck 1760.

Halle.

Wir haben ſeit langer Zeit kein ſo wichtiges Werk gele - ſen, als des Hrn. Caſpar Friedrich Wolfs, eines Berliners, den 24 Novemb. 1759. zu Halle ver - theidigte Probſchrift, die den Titel fuͤhrt Theoria Ge - nerationis, und eigentlich eine Vertheidigung der Epige - neſeos iſt. Dieſe Probſchrift macht auch ein ganzes 146 Qvart ſ. ſtarkes Buch aus, und ob man wohl wuͤnſchen wird, einige Saͤtze des Hrn. Verfaſſers mit laͤngern und mehrerern Erfahrungen beſtaͤrkt zu ſehen, auch andere furchtſame Phyſiologen lieber uͤber das bekannte einen klei - nen Schritt vorwaͤrts thun, als einen Sprnng wagen, ſo verdient dennoch des Hrn. Wolfens Arbeit, die groͤßte Aufmerkſamkeit, indem er, wann kein Fehler in ſeinen Schluͤßen iſt, die Needhamſche Meynung faſt erweiſet, und an ſtatt aller andern, das neue Gewaͤchſe oder Thier| bil - dende Kraͤfte bloß eine gewiſſe Bewegung zum einzigen Werkzeuge macht, die bey ihm Vis eſſentialis heiſt, und die er nicht weiter beſtimmt, von der Seele aber allerdings trennet. Er faͤngt bey den Kraͤutern, als den einfachen Geſchoͤpfen an. Jm Anfange, ſagt er, iſt in dem Blatte nichts als eine Menge Blaͤschens und in der noch jungen Wurzel entweder eben der Bau, oder auch gar nur ein durchſichtiges Weſen zu erkennen, ohne daß man dabey ein Gefaͤße erblicke. Dieſer Satz iſt dem Hrn. W. ſehr an - gelegen, indem er hauptſaͤchlich zu beweiſen trachtet, die Gefaͤße ſeyn in dieſem Zuſtande der Pflanze nicht zu klein oder zu durchſichtig, ſondern gar nicht vorhanden gewe - ſen. Deswegen fuͤhrt er auch die Erfahrung an, daß man in einem jungen Blatte mit einer Nadel die Geſtalt der Blaͤschen veraͤndern, ein ganzes Blaͤschen von einer Stelle zur andern ſchieben, zwey Blaͤschen zuſammen in eines druͤcken, und hernach wieder trennen; endlich aber ausleeren koͤnne, daß ſie zuſammen fallen. Man kannfer -137Goͤttingiſche Anz. 143 St. 1760. ferner nach Belieben, bloß durch eine Bewegung der Tropfen neue Gefaͤße machen, ihnen eine andere Richtung geben, den Raum zwiſchen zweyen andern durch einen Tropfen den man aus ihnen druͤckt, zu einem Gefaͤße bil - den und zwey in eines zuſammen vereinigen. Hieraus ſchließt Hr. Wolf, der zarte Bau der Gewaͤchſe habe keine Gefaͤße, ſondern laurer Blaͤschen, und die Gefaͤße ſeyn im Anfange bloße Wege, ohne Haͤute, die in dem erwachſenen Kraute einen feſten Ueberzug und ſo genannte Haͤute annehmen. Der Anwachs der Blaͤtter geſchieht durch neue Blaͤschen, die ſich zwiſchen die alten ſchieben, und die Gefaͤße entſtehen, indem ein Theil der feſtwerden - den Saͤfte zu einer Blatter zwiſchen den Blaͤschen, und zu einem Wege (meatus) zwiſchen den Gefaͤßen wird. Aus eben dem verdickten Saft, der ſich in die Gefaͤße und Blaͤschen inwendig anhaͤngt, werden beyde Theile immer vollkommner; urſpruͤnglich aber iſt der Stoff des Gewaͤchſes ein bloßes Gemiſche, in welchem allgemach Blaͤschen und Gefaͤße entſtehen. Beyde ſind die Folge und nicht die Urſache der Bewegung des Saftes. Aus beyden Klaſſen, deren Geburt Hr. W. in mehrerm be - ſtimmt, beſteht die ganze Pflanze. Hr. W. befolgt hier - naͤchſt das Wachsthum (vegetatio) im weißen Kopfkoh - le, und findet den Urſprung deſſelben in einer gewoͤlbten Spitze, die aus dem Keime heraustritt. Dieſe Spitze bildet ſich nach und nach in Blaͤtter, die gleichfalls durch gewiſſe Staffeln vollkommen werden, und es entſtehn zum ferneren Anwachs neue Spitzen. Alles dieſes iſt ein Saft, der aus dem Ende der Pflanze austritt und nach und nach dicker und feſter wird. Die junge Wurzel, denn Hr. W. verfolgt die ganze Oeconomie der Pflanzen, erwaͤchſet aus Saͤften, die von außen durch die Rinde dringen, und in das adrigte hoͤlzerne Weſen ſich einen Zugang machen und alſo nach des Hrn. Wolfs Ausdrucke zuruͤckfuͤhrende Adern ohne Schlagadern zuwege bringen. Wir koͤnnen ihm durch die uͤbrigen Theile nicht nachfolgen, und bemer - ken nur, daß er die Befruchtung auf ſexualiſch annimmtJ 5ihr138Goͤttingiſche Anz. 143 St. 1760. ihr Hauptweſen aber darinn ſetzt, daß der maͤnnliche Staub im hoͤchſten Grad nahrhaft ſey. Bey dieſem ganzen Ge - ſchaͤfte hat er keine andere Grundkraͤfte vonnoͤthen, als die Bewegung (vis eſſentialis) und das Dichtwerden des Saftes. Bey der Erzeugung der Thiere muß man wohl auf einen Grundſatz merken, der gleich am Anfange ſteht, und nach welchem dasjenige nicht da iſt, was man nicht ſieht. Der Grund hiezu iſt beym Hrn. Wolf, daß al - les im Thiere aus Kuͤgelchen beſtehe, dieſe aber ſichtbar ſeyn folglich keine Theile angenommen werden koͤnnen, die unſichtbar, und doch vorhanden ſeyn. Wer aber ſich mit den Vergroͤßerungsglaͤſern viel geuͤbt hat, wird ſich, zu - mahl aus den Gekroͤsadern der Froͤſche belehrt haben, daß allerdings die ſtarke Farbe die Theile ſichtbar, und die Durchſichtigkeit unſichtbar macht, und in erwachſenen Thie - ren, deren Adern gewiß ihre in andern Beyſpielen ſichtba - re Haͤute haben, gar oft die Blutkuͤgelchen ſichtbar ſind, ohne daß man dabey die Haͤute der Adern erkennen koͤnne, und ohne daß man dieſe Durchſichtigkeit allemahl mit ei - ner Saͤure, oder mit dem Weingeiſte zu uͤberwinden im Stande ſey. Dieſe Anmerkung iſt hier um deſto wichti - ger, weil Hr. W. mit großem Rechte, und mit dem Zeugniſſe anderer Beobachter der Natur, zu beweiſen glaubt, in der ſo genannten Area umbilicali ſeyn im Huͤnchen Wege gezeichnet, die nach und nach vollkommen und zu Gefaͤßen werden. Die Erſcheenung iſt richtig, nur bleibt der Zweifel uͤbrig, ob die durchſichtigen Wege zwiſchen dem koͤrnigten Weſen auch wuͤrklich aus bloßen Wegen ohne Haͤute beſtehen, und dieſes iſt ſo leicht nicht auszumachen. Hr. W. verfolgt hiernaͤchſt zum Theil das Wachsthum des Huͤnchens im Eye. Er faͤngt bey den Hoͤfen an, deren weißer Stoff an der Haut des Gelben anhaͤngt, und von dieſem Gelben unterſchieden iſt. Dieſe Materie wird nach und nach gelber und endlich roth, ſie zertheilt ſich in Jnſeln, und dazwiſchen offen gelaßne We - ge, die kurz darauf zu Gefaͤßen werden. Dieſer weiße Stoff muß aus dem Gelben durch eine Aufloͤſung entſtan -den,139Goͤttingiſche Anz. 143 St. 1760. den, und folglich das Gelbe die wahre Materie zur Nahrung ſeyn. Die Kraft, die ſie dahin befoͤrdert, iſt die oben ſchon in den Gewaͤchſen genennte Vis eſſentialis. Mechaniſch brechen ferner alle dieſe neu entſtandene Adern zuſammen, vereinigen ſich, und werden zum Herzen (ob wohl dieſes eben nicht in der Mitte liegt). Alsdann aber, und wenn das Blut in den Wegen roth und kuglicht wird, entſteht die Reizbarkeit, wodurch ſich das neue Thier vom Gewaͤchſe unterſcheidet. Die Schlagadern, wenn wir Hrn. W. recht verſtehn, werden aus dem Abſcheiden des uͤberfluͤßigen Safts, eine ſchwere Aufgabe, indem man ſo wohl die Urſache, warum ſich in den Gewaͤchſen kein Herz bildet*)§. 194. cit, 215. & 216., als warum bey denſelben niemahls Schlag - adern gebauet werden**)§. 215. und endlich warum keine Reiz - barkeit entſtehet, nicht erklaͤrt findet. Nur fuͤhrt unſer geſchickter Verfaſſer aus der Erfahrung an, daß ſich am neuen Thiere Schlagadern zeigen, wo vorher keine waren, die aus einer unorganiſchen Materie entſtehen. Er glaubt auch auf eine faſt aͤhnliche Weiſe bilden ſich auch in den Er - wachſenen neue Schlagadern, wiewohl haͤufiger vor dem 20ſten Jahre. Alle dieſe Schlagadern, faͤhrt er fort, muͤſſen aus einem Herzen entſpringen, weil nur ein Flecken im Gelben erwaͤchſt. Er glaubt auch es ſey mechaniſch nothwendig, daß uͤberall, wo eine Schlagader iſt, auch eine zuruͤckfuͤhrende hervorgebracht werde, und die Val - veln in den letztern ſeyen eine Nachahmung der Zellen der Gewaͤchſe. Er findet den Charackter des Thieres im Her - zen, und haͤlt diejenigen Thiere faſt nur fuͤr Gewaͤchſe, bey denen man kein Herz findet. Wie ſich die Eingewei - de aus einer unorganiſchen Materie, und nachwaͤrts aus dem fadigten Gewebe bilden, gibt er die Niere zum Exem - pel, und glaubt ſo gar der adrigte Bau derſelben ſey zum Abſcheiden des Harns nicht nothwendig, da ſich ja der Harn ſchon zu einer Zeit abgeſchieden habe, da an derNie -140Goͤttingiſche Anz. 143 St. 1760. Nieren ſtatt ein bloßes fadigtes Gewebe da geweſen ſey. Neben der weſentlichen Kraft ſind noch andere Nebenur - ſachen zur Bewegung der Saͤfte, hierzu gehoͤrt das Herz, das ſich zwar in den Huͤnchen mit ſeinem Klopfen anſtellt, als wenn es alles allein verrichten wollte, da es doch noch keine Bewegung gehabt hat, dieweil das Thier ſchon im ſtarken Wachsthum war, und da ſein Klopfen, nach des Hrn. W. Erfahrungen erſt anfaͤngt, wann es rothes Blut durchlaͤßt. Auch iſt die ganze mechaniſche Arzney - wiſſenſchaft, in ſo weit ſie die Bewegungen des Leibes aus ſeinem Bau erklaͤren will, eine bloße Chimaͤre. End - lich erklaͤrt Hr. W. aus ſeinen Grundſaͤtzen, wie eine Mißgeburt, oder ein doppeltes Kind mit einem einzigen Herzen entſtehen koͤnnen, und haͤlt hierin ſeine Lehre fuͤr die nemliche mit der Halleriſchen. Dieſes iſt ein kurzer Entwurf dieſer wichtigen Abhandlung.

[figure]
Zwo -[141]
[figure]

Zwote Abhandlung Theorie von der Generation.

1. Kap. Von der Eintheilung des organiſchen Koͤrpers in gewiſſe Arten von Theile, die eine verſchie - dene Entſtehungsart erfordern.

§. 1.

Laſſen Sie ſich die Zeit bey dieſer trock - nen Eintheilung der Theile eines or - ganiſchen Koͤrpers in gewiſſe Klaſſen nicht lang werden. Dieſe Eintheilung iſt hoͤchſt nothwendig: Sie wuͤrden ohne derſelben nicht wiſ - ſen, warum ich eben die Entſtehungsart der Gefaͤße bey den Pflanzen, oder des Herzens bey den Thieren, oder wol gar ſolcher Theile, die Sie niemals haben neñen hoͤren, zu erklaͤren ſuchte, und warum ich nicht eben ſowol von der Entſtehungsart der Blume, einer Leber, eines Knochens u. ſ. w. rede. DieſeEin -1421. Kap. Von der EintheilungEintheilung gehoͤret zur vernuͤnftigen Einrichtung unſers Jnſtituti; ſie wird verhindern, daß wir nicht ſo, wie jene Philoſophen,, (pag. 4.) indem wir glauben die Generation zu erklaͤren, unver - merkt zu Anatomiſten werden, oder uͤber den Bey - ſchlaf philoſophiren, oder ſonſt irgend eine andere Sache, nur nicht die Generation, abhandeln. Sie wird uns den kuͤrzeſten und leichteſten Weg zu unſerem Endzweck zeigen; und Sie werden uͤberdem dadurch in den Stand geſetzt werden, die ganze Theorie deſto deutlicher zu uͤberſehn.

§. 2.

Wir ſollen die Art und Weiſe zeigen wie die verſchiedene Theile eines organiſchen Koͤrpers ge - bildet werden, (pag. 7.) oder kuͤrzer, wir ſollen ihre Entſtehungsart erklaͤren. Da aber dieſe Theile bey den Pflanzen ſowohl, als bey den Thie - ren, beſonders bey dieſen letztern, ſo ſehr verſchie - den ſind; ſo ſehen Sie leicht, daß ſie unmoͤglich alle auf einerley Art gebildet werden koͤnnen. Wir muͤſſen alſo wiſſen, wie vielerley Arten von Thei - len es gibt, die von einander verſchieden, und zwar aber ſo verſchieden ſind, daß ſie deswegen eine eigene Entſtehungsart erfordern, oder daß ihre Ver - ſchiedenheit einen Einfluß in die Art ihrer Forma - tion hat. Es iſt alſo nicht genug, Klaſſen zu ma - chen, ſondern dieſe muͤſſen auch weſentlich ſeyn; diejenige Theile, welche in eine Klaſſe gebracht wer - den, muͤſſen auch einerley Entſtehungsart erfor - dern, und es muͤſſen keine Theile in verſchiedeneKlaſ -143des organiſchen Koͤrpers ꝛc. Klaſſen kommen, als diejenigen, von denen man voraus ſieht, daß ſie auf eine andere Art werden producirt werden.

§. 3.

Es iſt nemlich bekannt, daß man aus ver - ſchiedenen Dingen verſchiedene Gattungen und Ar - ten machen kann, nachdem man verſchiedene Ei - genſchaften von ihnen zum Grunde der Einthei - lung legt. Auf dieſe Art ſind die verſchiedene Sy - ſteme in der Botanick entſtanden. Jn der Ana - tomie und Phyſiologie beurtheilt man die Theile nach ihren Verrichtungen und nach dem Endzweck, wozu ſie beſtimmt ſind; daher iſt eine Leber z. E. ein ganz anderes Ding als eine Niere, weil in je - ner Galle in dieſer aber Urin abgeſondert wird, und weil jene zur Digeſtion unentbehrlich erfordert wird, dieſe aber nichts dazu beytraͤgt. Da aber dieſe Verrichtungen ganz und gar nicht von der innern Strucktur, wie man glaubt, und noch weniger von ihrer Figur, ſondern von andern Umſtaͤnden dependiren, die in die Formation der Theile kei - nen Einfluß haben; ſo daß z. E. in einer Glan - dula conglomerata Milch, in der andern Spei - chel abgeſondert werden kann, obgleich die Struck - tur dieſer Glandeln voͤllig einerley iſt; ſo iſt hier - aus klar, daß jene Eintheilung, die wir hier noͤ - thig haben, von der anatomiſchen Eintheilung ganz verſchieden ſeyn wird. Sie muͤſſen ſich daher nicht wundern, wenn Sie hier von ganz andern Arten der Theile reden hoͤren, als Sie bishero gehoͤrt haben. Wir muͤſſen hier den Koͤrper in einer andern Ab -ſicht1441. Kap. Von der Eintheilungſicht betrachten, als wir ihn in der Anatomie und Phyſiologie zu betrachten gewohnt ſind.

§. 4.

Jndeſſen aber, ſo richtig auch dieſes alles iſt, ſo nothwendig dieſe Eintheilung auch iſt; ſo ſehen Sie doch leicht, daß ſie niemand machen kann, als derjenige, dem die Theorie der Generation, wenigſtens einigermaßen ſchon bekannt iſt, und daß ſie folglich zu der Erfindung ſelbſt nicht verhel - fen kann; weil nemlich dabey zum voraus geſetzt wird, daß man wiſſen muß, welche Theile auf ei - nerley Art, und welche auf verſchiedene Art for - mirt werden. Daher habe ich ſie freylich nicht eher gemacht, als bis mir die Entſtehungsart der meh - reſten Theile ſchon bekannt war. Sie ſehen auch zugleich, warum ich Jhnen noch nicht Rechenſchaft von meiner Eintheilung geben kann, warum ich Jhnen noch nicht beweiſen kann, daß alle diejeni - ge Theile, die ich unter einer Klaſſe bringe, einer - ley Entſtehungsart haben werden, und daß es nicht mehrere ihrer Entſtehungsart nach verſchie - dene Arten der Theile gebe, als die, welche ich an - gebe; Sie muͤſſen dieſes alles vor jetzo noch als wahr annehmen, bis Sie in der Folge ſehn, daß es ſich wuͤrklich ſo verhaͤlt, und daß folglich die Eintheilung richtig iſt.

§. 5.

Jch ſage alſo, es gibt in den Thieren ſo wohl als in den Pflanzen nicht mehr als drey Hauptgat - tungen von Theilen, die ihrer Entſtehungsart nach vollkommen von einander unterſchieden ſind.

§. 6.145des organiſchen Koͤrpers ꝛc.

§. 6.

Die erſte Art derſelben ſind diejenigen, die nicht weiter aus andern Theilen beſtehen, ſondern die die letzten und einfachen ſind, und aus denen im Gegentheil alle uͤbrige Theile zuſammen geſetzt werden. Es ſind in den Pflanzen die Gefaͤſſe und Blaͤßchens. Rinde, Holz, Wurzel, Stamm, Aeſte, Blaͤtter, Blumen, Fruͤchte, Saamen, kurz alle Theile der Pflanzen ſind entweder aus Gefaͤſ - ſen, oder aus Blaͤßchen, oder aus beyden zuſam - men geſetzt. Jn den Thieren ſind es wieder die Gefaͤße und das Zellen-Gewebe. Die Blaͤßchen in den Pflanzen ſind nichts anders, als ein Zellen - Gewebe; nur ſind an einigen wenigen Orten die Zellen verſchloſſen, an ſtatt daß dieſe bey den Thie - ren allenthalben mit einander communiciren. Die Nerven und Muskeln ausgenommen, (das Ge - hirn rechne ich mit zu den Nerven,) beſtehen alle Theile der Thiere wiederum aus Gefaͤſſen, die ver - mittelſt des Zellengewebes mit einander verbunden ſind, oder aus einem Zellengewebe allein. Alle Eingeweide, die Knochen, die Haut, gehoͤren zur erſten Claſſe, die Epidermis, die Haare und Naͤgel zur zweiten.

§. 7.

Die andere Gattung von Theilen ſind dieje - nigen, die nun aus Gefaͤſſen und dem Zellengewe - be zwar zuſammen geſetzt ſind, allein die dem ohn - erachtet doch noch nicht vor ſich ſelbſt beſtehen; ſondern ebenfalls noch wieder Theile von andern Theilen ſind, die ſie durch ihre ZuſammenſetzungKaus -1461. Kap. Von der Eintheilungausmachen. Die Nerven in den Blaͤttern der Pflanzen, die Fibern in den Stengeln, in dem Stamm, in der Wurzel, die ſo genannte Suturen in den Saamenkapſeln, die Epidermis, die Rinde, das Mark gehoͤren hieher. Dieſe aber ſind keine ein - fache Theile, ſondern ſie beſtehen aus zuſammen ge - ſetzten Gefaͤſſen oder Blaͤßchen, ſie ſind aber zu - gleich Theile der Wurzel, des Stengels, der Blaͤt - ter. Jn den Thieren die Muskeln, die Knochen, die Nerven, die nebſt dem Zellengewebe und den darin eingewickelten groſſen Gefaͤſſen von der all - gemeinen Haut umgeben werden, und mit dieſen zuſammen einen Arm, einen Fuß, einen Finger ausmachen.

§. 8.

Die dritte Gattung ſind ſolche, die entweder aus dieſen, oder unmittelbar aus den Theilen der erſten Gattung znſammen geſetzt ſind, und die nun nicht weiter Theile anderer Theile ſind, ſondern vor ſich ſelbſt beſtehn, und unmittelbare Theile des Ganzen ſind. Die Wurzel in den Pflanzen und ihre Zweige, der Stamm, die Aeſte, die Blaͤtter, der Kelch, die Corolla, die Stamina, das Piſtill, die Saamen. Jn den Thieren alle Viscera und die Extremitaͤten.

§. 9.

Jch habe vorhin geſagt, es laſſe ſich a priori nicht einſehen, daß z. E. alle vor ſich beſtehende Theile, auf einerley Art formirt werden muͤſſen, und daß die Gefaͤße hingegen eine ganz andereEnt -147des organiſchen Koͤrpers ꝛc. Entſtehungsart haben werden. Es laͤßt ſich die - ſes einigermaſſen aus der Art der Zuſammenſe - tzung muthmaſſen; und Sie werden daher bey ei - ner genauern Unterſuchung auch finden, daß die - jenige Theile, die ich unter einer Klaſſe gebracht habe, ſehr wenig in ihrer Zuſammenſetzung unter - ſchieden ſind, und diejenigen hingegen, die in ver - ſchiedenen Klaſſen ſtehn, gar nichts aͤhnliches mit einander haben. Beſonders aber gilt dieſes von der erſten und letzteren Klaſſe. Die zweite iſt von der letztern nicht ſo ſehr unterſchieden; die Art aber, wie ſie gebildet werden, iſt ebenfalls auch nicht ſo ſehr von der Entſtehungsart derſelben un - terſchieden.

§. 10.

Jn der erſten Klaſſe haben Sie alſo Gefaͤße und Blaͤschen bey den Pflanzen; dieſe ſind nur bloß ihrer Figur nach unterſchieden; beyde ſind Aushoͤlungen in dem Theile, worin ſie ſich befin - den; jene ſind runde oder eckigte, dieſe aber ſind laͤngliche Hoͤlen. Ja es findet ein Uebergang aus dem einen in den andern ſtatt; es giebt Blaͤschen, dle ſich in die Laͤnge erſtrecken, die aber durch Zwi - ſchenwaͤnde, wo ſie mit ihren Enden zuſammen ſtoſſen, von einander abgeſondert werden, und Sie wiſſen oft nicht, ob ſie ſolche Blaͤschen laͤnglichte Blaͤschen, oder aber Gefaͤße nennen ſollen, die durch Valveln gleichſam in Glieder getheilt ſind. Sie werden ſich alſo nicht wundern, wenn der - gleichen Theile auf eine aͤhnliche Art formiret werden.

K 2§. 11.1481. Kap. Von der Eintheilung

§. 11.

Zur dritten Klaſſe gehoͤren bey den Pflanzen die Blaͤtter, der Kelch, die Samenkapſel, die Sa - men. Dieſe haben mit den Blaͤßchen oder Ge - faͤſſen gar keine Aehnlichkeit mehr, unter ſich aber ſind ſie kaum von einander unterſchieden. Der Kelch iſt nichts anders als eine Anzahl modificir - ter Blaͤtter. Jn einigen Pflanzen, z. E. in den Sonnenblumen, in den Diſteln, in den Umbelli - feris, erhellet dieſes ſehr deutlich. Die Samen - kapſel und ſelbſt die Samen (lobi ſeminales) ſind wiederum nichts anders als ſolche veraͤnderte Blaͤt - ter. Man ſieht dieſes, wenn die reife Samen - kapſeln aufſpringen und ſich in Blaͤtter, aus denen ſie zuſammen geſetzt ſind, theilen, wie bey den Schotengewaͤchſen, und wenn die Lobi ſeminales ſo gar in ordentliche Blaͤtter (ſolia ſeminalia) uͤbergehen.

§. 12.

Bey den Thieren ſcheinet die Aehnlichkeit et - was ſchwerer zu ſeyn, aber ſie iſt es deswegen nicht. Nur muß man in Anſehung der Gefaͤße zwiſchen den groͤßeren und den kleinſten einen Unterſchied machen, der auch in die Entſtehungsart einen Ein - fluß hat, der ſich aber hier noch nicht erklaͤren laͤßt. Die kleinſten ſind den Gefaͤßen der Pflan - zen aͤhnlich, und ſie ſind daher auch von der Cel - luloſa nicht ſehr unterſchieden; mit den groͤßern aber hat es eine andere Bewandniß. Die Einge - weide, welche zur dritten Klaſſe gerechnet werden, ſind in ihrer Struktur wenig von einander unter -ſchie -149des organiſchen Koͤrpers ꝛc. ſchieden; ſie beſtehen alle aus Gefaͤßen und einem Zellengewebe. Das Herz aber muß nicht zu die - ſen Eingeweiden, ſondern zu den groͤßern Gefaͤßen gerechnet werden; man ſieht es auch im Embryo daher unter der Geſtalt eines einfachen gekruͤmten Canales. Eben ſo ferner wie die groͤßere Gefaͤße nicht reine einfache Theile ſind, ſo iſt auch der ganze Canal der Gedaͤrme nicht voͤllig zur dritten Klaſſe zu rechnen, ſondern er iſt ein Mittelding zwiſchen Gefaͤßen und den Theilen dieſer dritten Klaſſe. Endlich muͤſſen die Muskeln und Ner - ven noch ganz ausgenommen und zu den Nerven das Gehirne mit gerechnet werden. Sie gehoͤ - ren zu keiner der angefuͤhrten Klaſſen, allein dieſe Klaſſen begreifen auch nur die vegetabiliſche Theile in ſich, die Muskeln und Nerven aber ſind eben diejenige Theile, wodurch organiſche Koͤrper Thie - re werden, und die allerdings ihre ganz eigene Ent - ſtehungsart haben, von welcher ich noch nicht viel habe entdecken koͤnnen. Das wenige, was ich davon weis, iſt noch hypothetiſch und durch zu wenig Erfahrungen noch beſtaͤrket, als daß ich mir getrauen ſollte, es fuͤr eine Wahrheit auszuge - ben; ich habe deswegen auch noch kein Wort da - von geſagt oder geſchrieben.

§. 13.

Alle uͤbrige Theile des thieriſchen Koͤrpers aber koͤnnen ſicher zu einer dieſer Klaſſen gerechnet werden, und diejenigen, welche unter einer Klaſſe kommen, ſind wenig oder gar nicht in ihrer Zu -K 3ſam -1502. Kap. Von der Entſtehungsartſammenſetzung unterſchieden, und ſie haben daher auch einerley Entſtehungsart.

§. 14.

Nunmehro wiſſen Sie alſo, warum ich von der Entſtehungsart der einfachen, der zuſammen - geſetzten und der vor ſich beſtehenden Theile han - deln werde. Die Conception aber iſt noch ein von der Generation verſchiedenes Ding, welches alſo beſonders noch erklaͤret werden muß, wie ich bey der Erklaͤrung derſelben ſolches deutlicher zei - gen werde.

2. Kap. Von der Entſtehungsart der Gefaͤße und des zellenfoͤrmigen Gewebes in den Pflanzen.

§. 15.

Beſchaffen - heit der Ge - fäſſe
2

Man ſtellt ſich insgemein die Ge - faͤße der Pflanzen als Roͤh - ren oder ordentliche Canaͤle vor, die ihre eigene, von den Haͤuten anderer Gefaͤße und von der Subſtanz des Theils, in welchem ſie ſich befinden, unterſchiedene Haͤute haben. Allein man ſchneide den Stengel einer Pflanze oder einer Wurzel, die beyde aus lauter parallel neben einander gelegtenGe -151der Gefaͤße ꝛc. Gefaͤßen beſtehen, quer durch; von dem einen Ende ſchneide man eine duͤnne Scheibe ab und lege ſie unter dem Vergroͤſſerungsglaſe, ſo wird man an ſtatt von einander unterſchiedener Ringe, die die Enden der Gefaͤße vorſtellen ſollten, deren dreyeckigte Zwiſchenraͤume entweder leer, oder mit einer von den Ringen unterſchiedenen Subſtanz angefuͤllt waͤren, ein bloßes Netz finden. Ein jeder Faden dieſes Netzes wird zweien an einan - der angraͤnzenden Loͤchern gemein ſeyn. Kurz, wenn Sie die Subſtanz, woraus die Faͤden beſte - hen, als die Subſtanz des Theils anſehen, in dem ſich die Gefaͤße befinden, des Stengels nemlich oder der Wurzel, wie ſolche allerdings auch ange - ſehen werden muß, ſo bleibt vor den Gefaͤßen wei - ter nichts uͤbrig als bloße Loͤcher. So wie in ei - nem Siebe, oder in einem Durchſchlage, die Loͤ - cher nicht Ringe genennt werden koͤnnen, die ne - ben einander in einem Behaͤltniß eingeſetzt waͤren; ſo eben ſind die Loͤcher in dieſer abgeſchnittenen Scheibe des Stengels bloße Loͤcher, und haben nichts, was von der Subſtanz des Stengels ſelbſt verſchieden waͤre. Hieraus ſieht man aber, daß der Begriff von den Gefaͤßen der Pflanzen nur eingebildet iſt, und daß dieſe Gefaͤße im Gegen - theil nichts anders ſind, als bloße Hoͤlen, die in der Subſtanz des Stengels ausgegraben ſind, und die nichts weniger als eigene Haͤute haben.

§. 16.

Die ſo genanten Blaͤschen derund der Bläs - chen. Pflanzen verhalten ſich wiederumK 4eben1522. Kap. Von der Entſtehungsarteben ſo wie die Gefaͤße. Sie ſind nichts weniger als von einander verſchiedene Blaͤs - chen. Der ganze Theil, worin ſie ſich befinden, beſteht aus einem zellenfoͤrmigen Gewebe, ſo wie die Celluloſa in den Thieren iſt, und die Blaͤschen ſelbſt ſind bloße Loͤcher. Der Unterſchied zwi - ſchen den Gefaͤßen und den Blaͤschen iſt kein an - derer, als daß jene laͤnglichte, dieſe aber runde oder eckigte Hoͤlen ſind.

Auf was fuͤr Art Sie uͤbrigens auch immer die Gefaͤße oder Blaͤschens unterſuchen moͤgen, ſo werden Sie allezeit finden, daß ſie ſich ſo, wie ich ſie beſchrieben habe, und nicht anders ver - halten.

§. 17.

Entſtehungs - art, wie ſie möglich iſt.
2

Es giebt Theile in den Pflanzen, zum Exempel die Samen (lobi ſe - minales), die aus lauter Blaͤschen, und andere, z. E. ein Aſt einer Wur - zel, der Stiel eines Blats, die aus lauter Gefaͤſ - ſen beſtehn. Wenn ich nun im Vorhergehenden geſagt habe, daß ſolche Theile, wie Saamen, Wur - zel, Stengel, die beſondere vor ſich beſtehende Theile ſind, auf eine andere Art hervor gebracht werden ſollen, als die Gefaͤße und das Zellenge - webe; ſo werden ſie ſich dieſes ſchwer vorſtellen koͤnnen. Sie werden ſagen, ein Aſt zum Exem - pel von einer Wurzel ſoll aus nichts als lauter Ge - faͤßen beſtehn, und er ſoll doch auf eine andere Art producirt werden, als dieſe Gefaͤße. Wenn der Aſt producirt wird, es mag geſchehen auf was fuͤrArt153der Gefaͤße ꝛc. Art es immer wolle, ſo muͤſſen ja zu gleicher Zeit auch die Gefaͤße producirt werden, aus denen er einzig und allein beſtehen ſoll. Denn wenn kei - ne Gefaͤße da ſind, ſo iſt kein Aſt da, und die Entſtehung der Gefaͤße und die Entſtehung des Aſtes ſind eine und eben dieſelbe Sache. Auf ſolche Art wuͤrde es ſich verhalten, wenn die Ge - faͤße ordentliche Roͤhren waͤren, und der Aſt be - ſtuͤnde aus nichts, als aus dieſen Roͤhren. Allein erinnern Sie ſich nun wieder an meinem Begrif - fe von den Gefaͤßen, die nichts anders als bloße Hoͤlen ſind; ſo werden Sie ſich die Moͤglichkeit dieſer Sache ganz leicht vorſtellen koͤnnen. Der Aſt koͤnte zuerſt ohne Hoͤlen ſolide producirt ſeyn, und hernach koͤnten dieſe Hoͤlen in ihm ausge - bohrt werden.

§. 18.

Was werden Sie aber ſagen,Wie ſie würk - lich ſich ver - hält. wenn ich Jhnen zeige, daß ſich dieſes wuͤrklich ſo verhalte, daß der Aſt und ſeine Gefaͤße wuͤrklich auf dieſe und auf keine andere Art hervorgebracht werden? Sie werden ſagen: Wie ſchoͤn ſtimmen die Vernunft und die Erfahrung mit einander uͤberein, wenn man nur im Stande iſt, alle Verwirrung, die mehrentheils aus unbeſtimmten Begriffen und zweydeutigen Woͤrtern entſteht, zu vermeiden! Man koͤnnte allerdings auf der einen Seite ein Gebaͤude aus lauter Schluͤßen und auf der andern Seite ein an - deres aus lauter Erfahrungen aufbauen, ohne bey Verfertigung des einen an die Materialien desK 5an -1542. Kap. Von der Entſtehungsartandern einmal zu denken; und dieſe beyden Ge - baͤude muͤſten, wenn ſie nunmehro, nachdem ſie voͤllig fertig ſind, mit einander verglichen wuͤrden, nicht um ein Haar von einander verſchieden ſeyn. Allein der einzige Endzweck iſt, die Wahrheit zu wiſſen, und man bedient ſich daher billig aller moͤg - lichen Huͤlfsmittel, um dahinter zu kommen.

§. 19.

Beobach - tung der Bläschen.
2

Der Saamen von der Bohne und auch die Saamenkapſel dieſer Pflanze ſchicken ſich zu unſerm Ver - ſuche am beſten. Beyde beſtehen in ihrem vollkommenen Alter aus Blaͤschen, wenn man ſie aber zu einer Zeit, da die Blume noch nicht zum Vorſchein gekommen iſt, unter dem Vergroͤßerungsglaſe herfuͤr ſucht, ſo zeigen ſie ſich in Geſtalt kleiner runder Waſſertropfen, halb fluͤßig, und durchſichtig wie der ſchoͤnſte Cryſtall. Nicht die geringſte Spur von Blaͤschen iſt auf irgend eine Art in ihnen anzutreffen, ſondern ſie beſtehen aus einer allenthalben gleichfoͤrmigen in eines fortgehenden Subſtanz. Wenn dieſe klei - ne Kugeln allmaͤhlig groͤßer werden, ſo faͤngt zu - gleich ihre Conſiſtenz an ſolide zu werden, und zu gleicher Zeit fangen auch an, ſich kleine Puncte zu zeigen, die nichts anders ſind, als kleine Hoͤ - len, in welchen ſo wie in den erwachſenen Blaͤs - chen allezeit, und auch in den Gefaͤßen, ein voͤllig fluͤßiges Waſſer enthalten iſt. Allmaͤhlig werden dieſe kleine Hoͤlen groͤßer, und vermehren ſich zu -gleich155der Gefaͤße ꝛc. gleich der Menge nach, bis endlich auf dieſe Art der ganze Koͤrper der jungen Saamenkapſel oder des Saamens ſelbſt in eine zellenfoͤrmige Sub - ſtanz verwandelt wird.

§. 20.

Auf gleiche Art verhaͤlt es ſichund der Ge - fäße. mit den Gefaͤßen. Ein Aſt (ramus) einer Wurzel zeigt dieſes am deutlichſten. Er er - ſcheint in ſeinem erſten Anfange als eine kleine Er - habenheit an dem Stamme der Wurzel, aus wel - chem der Aſt herfuͤrbrechen ſoll, und zwar unter der aͤußern Haut dieſes Stammes. Man entdeckt in dieſem kleinen Huͤgel gleichfalls nicht die gering - ſte Spuhr von einem Gefaͤße; nach und nach aber zeigen ſich Linien, die endlich in ſolche Gefaͤße, wie ich ſie beſchrieben habe, uͤbergehen.

§. 21.

Jch werde noch wenig ſagen duͤr -Was ſich hieraus ſicher ſchließen läſt. fen, ſo wird Jhnen nunmehro die gan - ze Entſtehungsart der Gefaͤße von ſelb - ſten einfallen. So viel iſt jetzo ſchon ausgemacht; wenn die Gefaͤße weiter nichts ſind als bloße Hoͤ - len, und der Theil, in welchem ſich dieſe Hoͤlen, wenn er erwachſen iſt, befinden ſollen, kurz nach ſeiner Entſtehung noch durchgaͤngig ſolide und oh - ne Hoͤlen iſt; ſo kann es wohl unmoͤglich anders ſeyn, es muͤſſen dieſe Hoͤlen in ihm auf irgend ei - ne Art, durch irgend eine Kraft, vermittelſt irgend eines Jnſtruments ausgegraben werden. Nur fraͤgt es ſich alſo noch, auf was fuͤr eine Art, durchwas1562. Kap. Von der Entſtehungsartwas fuͤr eine Kraft, mit was fuͤr einem Werkzeu - ge geſchiehet ſolches?

§. 22.

Völlige Erklä - rung der Ent - ſtehungsart der Gefäße.
2

Jch will machen, daß mein Leſer dieſes alles und mithin die ganze Ent - ſtehungsart der Gefaͤße und der Zellen ſelbſt erfinden ſoll. Jch will Jhn nur an einige Dinge erinnern, die ihm auch ſonſt, wenn ich ihm Zeit genug gelaſſen haͤtte, von ſelbſt wuͤrden eingefallen ſeyn. Der Theil, durch deſ - ſen Exempel ſich die Erinnerungen am beſten er - klaͤren laſſen, iſt wieder der Saamen der Bohne. Dieſer iſt durch einen kleinen Stengel an der Saa - menkapſel befeſtiget. Der Saamen, wenn er er - wachſen iſt, beſteht aus lauter Blaͤschen, der Stengel aber aus lauter Gefaͤßen. Nun ſtellen Sie ſich beyde in ihrem allererſten Zuſtande vor, wo der Saamen in Geſtalt eines Kuͤgelchens noch ohne Zellen, und der kleine Stengel ohne Gefaͤße, beyde durchgaͤngig ſolide und dabey ſehr zart und weich zum Vorſchein kommen. Der Saame waͤchſt in dieſem Zuſtande ſtaͤrker, als wenn er aͤlter iſt. Die Nahrungsſaͤfte muͤſſen alſo aus der Saamen - kapſel durch den Stengel in den Saamen getrie - ben werden, und ſich darin anlegen. Nun hat aber der Stengel keine Hoͤlen, durch welche der Saft frey durchgehen koͤnnte, ſondern er beſteht aus einer durchgaͤngig ſoliden, ob gleich ſehr zar - ten und weichen Subſtanz. Der Saft muß alſo nothwendig eine Kraft beſitzen, vermittelſt welcher derſelbe, obgleich in den allerſubtilſten Tropfen,durch157der Gefaͤße ꝛc. durch dieſe Subſtanz des Stengels durchdringt, und ſich alſo auf dieſe Art ſelbſt Wege macht, die vorhin nicht da waren, und die den Tropfen pro - portionirt ſind. Wege aber, die vorhin nicht da wa - ren! Und hierbey faͤllt es Jhnen wieder ein, daß die Gefaͤße nichts anders ſind, als bloße laͤnglich - te Hoͤhlen, als eben ſolche Wege, die vorhin nicht da waren! Darf ich nun noch wohl erklaͤren wie die Gefaͤße entſtehen?

§. 23.

Mit den Zellen in dem Saamenund der Bläs - chen. hat es eben dieſelbe Bewandniß. Von dem zugefuͤhrten Nahrungsſafte geht etwas ſogleich in die vegetabiliſche Subſtanz uͤber. Einiger Theil aber davon wird als Nahrungsſaft in eignen Be - haͤltnißen aufgehoben. (denn dieſes iſt das Geſetz aller lebendigen Geſchoͤpfe, daß ſie mehr zu ſich nehmen, als ſie zur Erſetzung des Verlohrnen in ihrem Koͤrper noͤthig haben. Dadurch wer - den ſie in den Stand geſetzt, ſich nachhero, ohne von außen Nahrungsmittel zu ſich zu nehmen, eine lange Zeit zu erhalten. Bey den Thieren ſammlet ſich aus dieſem Grunde das Fett an, welches zur Zeit der Nothwendigkeit aus allen und den kleinſten Zellen ſehr geſchickt wieder herfuͤrgeſucht wird. Die Pflanzen verwahren ih - ren uͤberfluͤßigen Saft ebenfalls in ihren Zellen.) Nun ſind aber in dem erſten Anfange des jungen Saamen noch keine Zellen da; der Saft alſo, wird ſich, indem er ſich in kleinen Tropfen anſammelt, durch die Ausdehnung der zarten Subſtanz des jun -gen1582. Kap. Von der Entſtehungsartgen Saamens ſelbſt dergleichen kleine runde Hoͤlen formiren, die zuerſt in Geſtalt der Punkte zum Vorſchein kommen, und nach und nach ſo wohl an Groͤße als der Zahl nach zu nehmen. Wie alſo die Gefaͤße in einem Theil, der noch keine hat, durch das Eindringen und den Durchgang der Saͤfte durch dieſen Theil formirt werden, ſo wer - den die Zellen und die Blaͤschen hingegen durch das Ruhen und die allmaͤhlige Anhaͤufung dieſer Saͤfte in einem Theil zuwege gebracht.

§. 24.

fernere Erläu - terung der Sache.
2

Jch werde nun nur noch einige Anmerkungen hinzuſetzen. Die erſte iſt dieſe: Der Saamen iſt im erſten Anfange klein; daher werden die zu dieſer Zeit durch den Stengel durchdringende Tropfen des Safts ſehr ſubtil, und ihrer Anzahl nach ebenfalls nur ſehr geringe ſeyn duͤrfen; und aus dieſer Urſa - che ſind die erſten Gefaͤße ſehr klein und der An - zahl nach wenig. Nach und nach aber, wenn der Saame waͤchſt, werden groͤßere Tropfen durchzu - dringen ſuchen, und die Gefaͤße erweitern; und zu gleicher Zeit werden an denen Orten, wo noch keine ſind, neue formirt werden. Eben dieſes gilt auch von den Zellen in dem Saamen.

§. 25.

Warum die Wurzel, Aeſte und Stengel aus Gefäßen, die Blätter,
2

Die andere Anmerkung iſt dieſe: Wie ſich der Saamen zu ſeinem klei - nen Stengel verhaͤlt, ſo verhaͤlt ſich die Saamenkapſel gegen ihren Stengel(pe -159der Gefaͤße ꝛc. (pedunculo), und ſo verhaͤlt ſich dasBlumen und Früchte aber aus Bläschen beſtehen. Blatt gegen ſeinem Stiel, (petiolo) und ſo verhalten ſich in einem Baume viele Blaͤtter zuſammen genommen gegen ihren gemeinſchaftlichen Zweige, an dem ſie vermittelſt ihrer Stiele feſt ſitzen, und ſo endlich verhalten ſich auch alle Blaͤtter, Blumen, Fruͤch - te, als die letzten Theile des ganzen Baums, bis wohin der Saft ſteigen kann, und wo er endlich ruhen muß, gegen den Aeſten, dem Stamme und der Wurzel des Baumes. Denn in der That be - ſtehen die Saamenkapſel, die Blaͤtter, die Blu - men, die Fruͤchte, und alle letzte Theile einer Pflan - ze, wo der Saft, wenn er bis dahin gekommen iſt, ruhen muß, und nicht weiter kommen kann, aus Blaͤschen, und ſie haben noch dazu alle die - ſes Merkmahl, daß ſie in eine Flaͤche ausgedehnt ſind, oder die Figur eines rundlichen Koͤrpers ha - ben. Hingegen beſtehen die Wurzel, der Stamm, die Aeſte, und alle Theile, durch welche der Saft nur durchgehen muß, um nach andere hinzukom - men, aus Gefaͤßen; und ſie haben alle eine laͤng - lichte Figur. Durch dieſe kurze Erzehlung habe ich Jhnen nicht nur einen generellen anatomiſchen Begriff von der Strucktur der ganzen Pflanze uͤberhaupt gegeben, ſondern Sie verſtehen auch nunmehro hieraus erſtlich die Entſtehungsart aller Gefaͤße und Blaͤschen; und zum zweyten ſehen ſie die Urſachen, warum alle Aeſte und Stengel aus Gefaͤßen, alle Blaͤtter und letzte Enden der Pflanzen aber aus Blaͤschen beſtehen. Denn dadie1602. Kap. Von der Entſtehungsartdie Saͤfte durch die Wurzel, Aeſte und Stengel durch gehen muͤſſen; ſo muͤſſen in dieſen Theilen nothwendig Gefaͤße erzeugt werden. Da eben die - ſelben aber in den letzten Enden endlich ruhen muͤſ - ſen, ſo muͤſſen in dieſen Theilen nothwendig Blaͤß - chen entſtehen.

§. 26.

Die dritte Anmerkung betrift dieKraft von der die Bewegung der Säfte de - pendirt. Kraft, vermittelſt welcher der Saft durch die Pflanze getrieben wird. Jch habe mich auch in meiner Diſſertation noch nicht weiter um dieſelbe bekuͤmmert, als daß ich ſie fuͤr eine den vegetabiliſchen Koͤrpern eigene und weſentliche Kraft erklaͤrt habe. Es iſt auch genug, wir wiſſen, daß ſie da iſt, und wir kennen ſie ihrer Wuͤrkung nach, als welche einzig und al - lein nur erfordert wird, um die Entſtehung der Theile daraus zu erklaͤren. An dem Nahmen, wo - mit wir ſie benennen, liegt noch weniger; nur die - ſes muß ich erinnern, daß ſie diejenige Kraft iſt, durch welche in den vegetabiliſchen Koͤrpern alles dasjenige ausgerichtet wird, weswegen wir ihnen ein Leben zuſchreiben; und aus dieſem Grunde habe ich ſie die weſentliche Kraft dieſer Koͤrper ge - nennt; weil nemlich eine Pflanze aufhoͤren wuͤrde, eine Pflanze zu ſeyn, wenn ihr dieſe Kraft genom - men wuͤrde. Jn den Thieren findet ſie eben ſo wohl ſtatt wie in den Pflanzen, und alles dasjeni - ge, was die Thiere mit den Pflanzen gemein ha - ben, haͤngt lediglich von dieſer Kraft ab.

§. 27.161der Gefaͤße ꝛc.

§. 27.

Von der bishero erklaͤrten Ent -Anmerkung. ſtehungsart der Gefaͤße und der Blaͤschen in den Pflanzen habe ich in meiner Diſſertation §. 21. 22. und §. 23. Beweiſe gegeben. Es ſind ferner da - ſelbſt die vornehmſte Eigenſchaften der Gefaͤße, und endlich auch ihre verſchiedene Strucktur in ei - nigen verſchiedenen Pflanzen aus ihren Gruͤnden er - klaͤrt worden §. 35. ſeq. 41. Da jetzo meine Abſicht nur iſt, einen generellen und kurzen Begriff von dem ganzen Lehrgebaͤude der Generation zu geben, ſo iſt es mir lieb, daß alle dieſe Dinge mit den bisher Vorgetragenen nicht ſo zuſammenhaͤngen, daß dieſe ohne jenen nicht ſollten koͤnnen verſtan - den werden, und daß ich alſo nicht noͤthig habe, dieſe Abhandlung durch jene Erklaͤrungen weitlaͤu - fig zu machen.

§. 28.

Aber einige Schluͤße, die ſichAllgemeines Geſetz bey der Formation der organi - ſchen Körper. aus der bisher vorgetragen Theorie von der Entſtehungsart der Gefaͤße ſchon ziehen laſſen, muß ich noch und zwar jetzo gleich hinzuſetzen, weil Jh - nen der ganze Begriff dieſer Sache noch in fri - ſchem Andenken iſt. So wie ſichs mit der For - mation der Gefaͤße und der Blaͤschen bey dem Saamen der Pflanze verhaͤlt, ſo verhaͤlt es ſich mit der Formation der Gefaͤße und der Blaͤschen aller uͤbrigen Theile der Pflanze; ich habe bey ih - nen dieſelbe Beobachtungen angeſtellt, und bey al -Llen,1622. Kap. Von der Entſtehungsartlen, wie zu vermuthen iſt, einerley gefunden; aber eben ſo verhaͤlt es ſich auch, wie Sie im folgenden Kapitel ſehen werden, mit der Formation der Ge - faͤße und der Zellen bey den Thieren. Alſo nun hurtig, weil wir bey der Sache ſind, weiter ge - ſchloſſen, was ſich ſchließen laͤft! Dieſe Gefaͤße und Blaͤschen oder Zellen machen die innere Struk - tur eines Theiles; ſie machen den Theil organiſch, und ohne ihnen wuͤrde der Theil auf hoͤren orga - niſch zu ſeyn. Nehmen Sie der Leber oder der Niere alle Gefaͤße weg, ſo bleibt weiter nichts, als ein Klumpen Materie uͤbrig, die zwar die Ei - genſchaften der thieriſchen Subſtanz haben kann, in der ſie aber ſo wenig Organiſation oder Struk - tur noch antreffen, als in einem Klumpen Wachs. Eben dieſelbe Bewandniß hat es mit den Blaͤt - tern der Pflanzen, den Aeſten der Wurzel ꝛc. Nun aber werden dieſe Gefaͤße und Blaͤschen erſt in ei - nem Theile formirt, nachdem der Theil ſchon pro - ducirt war, und die Production des Theils iſt von der Formation ſeiner Gefaͤße, woraus er, wenn er erwachſen iſt, beſtehen ſoll, verſchieden. Folglich wird ein jeder organiſcher Theil zuerſt producirt, und alsdann organiſirt, und dieſe Organiſation ei - nes Theiles iſt eine von der Produktion deſſelben unterſchiedene Wuͤrkung der Natur. Wie die Produktion geſchiehet, das werden Sie im vier - ten Kapitel ſehen; vor jetzo iſt es genug, wenn wir wiſſen, daß ein Theil, ehe die Formation der Gefaͤße in ihm vorgeht, allemal unter der Figur einer Tropfe entweder, oder eines Randes, odereines163der Gefaͤße ꝛc. eines kleinen Huͤgels ſchon da iſt. Da nun die - ſes bey allen Theilen der Thiere und Pflanzen ſtatt findet; ſo koͤnnen wir ein allgemeines Geſetz von der Formation der natuͤrlichen organiſchen Koͤr - per daraus machen. Ein jeder organiſcher Koͤr - per, oder Theil eines organiſchen Koͤrpers, wird erſt ohne organiſche Struktur producirt, und alsdann wird er organiſch gemacht; Dieſe Organiſation nemlich iſt alsdann die Formation der Gefaͤße oder der Zellen und Blaͤschen.

§. 29.

Noch eine ſolche Anmerkung! Wie die or - ganiſche Struktur und die vegetabili - ſche Verrich - tungen von einander de - pendiren.Alsdann wollen wir weiter gehn. Die Saͤfte dringen durch die junge Theile, wenn ſie noch unorganiſch ſind, wenn ſie noch keine Gefaͤße ha - ben; ſie machen ſich ſelber Wege (§. 22. 23. ) und ſie vertheilen ſich zwar ſo gleichmaͤßig durch den jungen Theil, wie es die Nutrition deſſelben erfordert; die Oerter dieſes Theils, die gleich ſtark wachſen, muͤſſen nothwendig einerley Menge der Saͤfte bekommen, und diejenigen Oerter, bey welchen wir ſehen, daß ſie geſchwinder und ſtaͤrker ſich ausdehnen, muͤſ - ſen nothwendig eine groͤßere Menge der Saͤfte be - kommen. Dieſe determinirte Diſtribution, dieſe ſo genau beſtimmte Vertheilung der Saͤfte koͤn - nen wir keiner andern Urſache als jener weſentli - chen Kraft der Pflanzen zuſchreiben, und hierdurch werden nun endlich, wie Sie in den citirten §. §. L 2geſehn264[164]2 Kap. Von der Entſtehungsartgeſehn haben, die Gefaͤße formirt. Aber wie we - nig ſtimmt dieſes mit unſern gewoͤhnlichen Be - griffen von der Bewegung und Diſtribution der Saͤfte uͤberein, wenn wir uns vorſtellen, daß dieſe einzig und allein von der einmahl ſo und nicht an - ders eingerichteten Vertheilung der Gefaͤße, von dieſer einmahl, es ſey auf welche Art es wolle, ge - bauten und feſtgeſetzten hydrauliſchen Maſchine dependiren ſoll! Umgekehrt mein lieber Freund! Dieſe hydrauliſche Maſchine, dieſe beſtimmte Ver - theilung und Ramification der Gefaͤße dependirt einzig und allein von der Vertheilung der Saͤfte, und dieſe hat eine ganz andere Urſache zum Grun - de! Wenn wir aber ſo denken, ſo kan dieſes der mechaniſchen Philoſophie nicht wohl gefallen; al - lein deſto beſſer gefaͤllt es der Wahrheit, und jene muß es uns alsdann nicht uͤbel nehmen, wenn wir ſo denken!

3. Kap. Von der Entſtehungsart der Gefaͤße und des zellenfoͤrmigen Gewebes in den Thieren.

§. 30.

Mit der Entſtehungsart der Gefaͤße in den Thieren werde ich nunmehro leichter fer - tig werden. Jch habe nicht mehr noͤthig, neue Begriffe umſtaͤndlich zu erklaͤren; ſondernich265[165]der Gefaͤße ꝛc. ich darf nur zeigen, daß ſich hier alles eben ſo verhalte wie bey den Pflanzen.

Die kleinen Gefaͤße der ThiereBeſchaffen - heit der Ge - fäße. ſind in der That eben ſo wohl, wie die Gefaͤße der Pflanzen, bloße Hoͤlen, keinesweges aber mit eignen beſondern Haͤuten verſehene Roͤhren. Jch kan dieſes auf keine an - dere Art beweiſen, als daß ich mich auf die Er - fahrung berufe; man unterſuche dieſe kleinen Ge - ſaͤße, wie man wolle, ſo wird man niemals eine eigne Haut an ihnen finden.

Die großen Gefaͤße ſind, eigentlich zu reden, eben ſo wenig wahre Roͤhren, wie die kleineren, nur muß man bey ihnen dieſes beſondere bemer - ken: die Subſtanz, in welcher dieſe Hoͤlen ausge - graben ſind, iſt nahe an der Hoͤle ſelbſt am dich - teſten und am haͤrteſten; je weiter ſie von derſel - ben rings herum abweicht, um deſto loſer und weicher wird ſie. Es verhaͤlt ſich mit ihr, wie mit der aͤußern Haut und dem darunter liegenden Zellengewebe; jene iſt nichts weiter als eben die - ſes Zellengewebe ſelbſt, welches, je naͤher es der aͤußern Flaͤche unſers Koͤrpers kommt, um deſto feſter und dichter wird, bis auf die aͤußerſte Flaͤ - che ſelbſt, welche naͤchſt unter der Epidermis liegt, und welche am allerdichteſten iſt. Man wird daher auf keine Weiſe die aͤußere Haut einen von dem darunter liegenden Zellengewebe verſchiede - nen Theil nennen koͤnnen. Eben ſo verhaͤlt es ſich mit den Gefaͤßen und dem ſie umgebendenL 3Zellen -1663. Kap. Von der EntſtehungsartZellengewebe. Man wuͤrde nicht ſagen koͤnnen, wo die Haut des Gefaͤßes aufhoͤrte, und das Zel - lengewebe anfinge, eben ſo wenig wie ſich dieſe Graͤnze bey der aͤußern Haut beſtimmen ließe.

§. 31.

Man wird fragen, was ich mit den fleiſchig - ten Haͤuten der großen Gefaͤße anfangen wolle. Jch ſage, es iſt nichts ſeltenes, daß in einem in eines fortgehenden Zellengewebe Muskel-Faſern ausgeſpannt ſind; dergleichen finden ſich bey den Thieren in dem Zellengewebe, welches in die aͤußere Haut uͤbergeht, dergleichen iſt der ſubcu - taneus colli, der quadratus menti. Es iſt aber nicht mit meinem Willen geſchehen, daß die Zer - gliederer dieſe Muskelfaſern Haͤute der Gefaͤße genennt haben.

Jch will mich aber nicht laͤnger mit Aufloͤ - ſung mehrerer Einwuͤrfe aufhalten. Es iſt zu unſerm Endzwecke hinlaͤnglich, daß die kleinern Gefaͤße bloße Hoͤlen ſind, und daß auch die groſ - ſen einmal klein, und folglich alle Gefaͤße in ih - rem erſten Anfange weiter nichts als bloße Hoͤ - len geweſen ſind. Denn wenn ſich dieſes ſo ver - haͤlt, ſo ſind die Gefaͤße als Hoͤlen entſtanden, und ich habe weiter nichts zu thun, als daß ich zeige, wie dergleichen Hoͤlen haben entſtehen koͤnnen.

§. 32.

Entſtehungs - art der Ge - fäße.
2

Dieſes laͤßt ſich noch beſſer als bey den Pflanzen bewerkſtelligen. Es ſchickt ſich aber auch kein Theil da -zu167der Gefaͤße ꝛc. zu ſo gut, als die aͤußere Flaͤche des Gelben im Ey. Dieſes iſt bey den Huͤhnern eben das, was bey den vierfuͤßigen Thieren der Kuchen iſt. Es entſtehen daher in demſelben um ſo viel mehr Ge - faͤße, die ſich uͤber deſſen aͤußere Flaͤche ausbrei - ten, je ſtaͤrker das junge Huͤhnchen anwaͤchſt. Auf dieſer aͤußern Flaͤche alſo laͤßt ſich die Entſte - hung der Gefaͤße ſehr deutlich wahrnehmen.

§. 33.

Dieſe Flaͤche iſt im AnfangeBeobach - tung, wodurch ſie bewieſen wird. aus lauter kleinen Kuͤgelchen zuſam - men geſetzt, und man bemerkt an ihr nicht den geringſten Strich oder Li - nie, welche einem Gefaͤße aͤhnlich ſaͤhe. Nach und nach aber faͤngt ſie an an verſchiedenen Orten zu berſten und Rinnen zu bekommen, und die Stuͤckchen, in welche ſie zerſpringt, ſtellen eben ſo viel kleine Jnſeln vor. Die Rinnen ſind die wahre erſte Anfaͤnge der Gefaͤße, und die kleine Jnſeln ſind die Zwiſchenraͤume derſelben; denn im Anfange iſt in jenen zwar nur eine ſubtilere fluͤßigere und bewegliche Materie enthalten; da - hingegen die Jnſeln aus groͤßern Kugeln beſtehen, und dabey dicht und feſt ſind; allmaͤhlig aber faͤngt in eben dieſen Rinnen das Blut ſelbſt an, ſich zu zeigen; ſie continuiren alsdann offenbar mit den Gefaͤßen des jungen Huͤhnchens, und vermittelſt dieſen mit dem Herzen deſſelben. Jch habe keine Vorſtellung in der Natur ſchoͤner geſehn, als dieſe. Aus dieſem Verſuche alſo iſt klar, daß dieL 4Gefaͤße1683. Kap. Von der EntſtehungsartGefaͤße in den Thieren auf eben dieſelbe Art, wie in den Pflanzen entſtehen. Der Theil, worin ſie entſtehen ſollen, iſt zuerſt da, ohne Gefaͤße; her - nach werden dieſe durch die Kraft, mit welcher der Nahrungsſaft und das Blut durch die Theile ge - trieben werden, in deſſen Subſtanz ausgegraben.

§. 34.

Kraft wo - durch die Säf - te bewegt wer - den.
2

Man koͤnnte dieſe Kraft in den Thieren dem Herzen zuſchreiben, wie man insgemein alle Bewegungen der Saͤfte demſelben zuzuſchreiben pflegt. Meine Theorie von der Erzeugung wuͤrde auch nichts darunter leiden, weil ich mich in die Erklaͤ - rung dieſer Kraͤfte bey den Thieren ſowohl als bey den Pflanzen noch nicht eingelaſſen habe, und auch nicht einzulaſſen noͤthig habe; allein die Wahr - heit wuͤrde darunter leiden, und mein Urtheil von dieſer Sache muß fuͤr deſto unpartheyiſcher gehal - ten werden, je weniger die eine oder die andere Meinung meinen Saͤtzen befoͤrderlich oder hinder - lich ſeyn koͤnnte. Die Oberflaͤche des Gelben im Ey zertheilt ſich in Jnſeln, der Nahrungsſaft fließt durch die gemachte Rinnen, und das Blut faͤngt ſchon an ſich in denſelben zu zeigen, alles zu einer Zeit, da an dem Herzen noch nicht die geringſte Bewegung zu merken iſt. Ja da ſchon lange vor - her zu einer Zeit, da das Herz ſelbſt noch nicht exi - ſtirt, der erſte Anfang des Huͤnchens ernaͤhrt, und folglich der Nahrungsſaft aus dem Gelben vom Ey zu ihm hingefuͤhrt werden muß; ſo ſiehet manwohl,169der Gefaͤße ꝛc. wohl, daß dieſe Bewegung der Saͤfte, wodurch die Gefaͤße formirt werden, unmoͤglich dem Her - zen zugeſchrieben werden kann. Vielmehr iſt klar, daß hier eine Kraft ſtatt finde, die der Wuͤrkung nach von jener Kraft in den Pflanzen gar nicht un - terſchieden iſt, und die ich daher auch mit demſel - ben Nahmen der weſentlichen Kraft in meiner Diſ - ſertation benennt habe.

§. 35.

Jn Anſehung der Haͤute der groͤſ -Wie die Häute der Gefäße entſtehen. ſeren Gefaͤße habe ich folgende Beo - bachtung gemacht. Eine merkliche Zeit nachhero, nachdem das Blut ſchon frey und ſchnell durch die vorher ſchon formirte Wege und Hoͤlen gefloßen iſt, alsdann erſt und nicht eher fangen die Haͤute an formirt zu werden, und das geſchiehet auf dieſe Art; Anſtatt daß bishero ein jeder Zwiſchenraum zwiſchen zwey z. E. parallel gelegenen Gefaͤßen durchgaͤngig gleich dichte gewe - ſen iſt, und einen gleichen Grad der Undurchſich - tigkeit gehabt hat; ſo fangen dieſe Zwiſchenraͤume der Gefaͤße nunmehro an, in der Mitte, als dem - jenigen Ort, wo ſie von beyden Gefaͤßen gleich weit, und von beyden am weiteſten entfernt| ſind, ein wenig durchſichtiger, nahe aber bey den Hoͤlen zugleich ein wenig undurchſichtiger und dichter zu werden. Dieſe Veraͤnderung nimmt allmaͤhlig zu, ſo, daß die Verſchiedenheit der Dichtigkeit der Subſtanz, die den Zwiſchenraum der Gefaͤße aus - macht, an dieſen Oertern allmaͤhlig immer merkli -L 5cher1703. Kap. Von der Entſtehungsartcher wird, und immer mehr in die Augen faͤllt; alsdann iſt dieſe Subſtanz um deſto dichter, je naͤ - her ſie der Hoͤle kommt, und um deſto loſer und durchſichtiger, je weiter ſie von der Hoͤle entfernt iſt; und dieſes iſt nach dem Begriffe, den ich §. 30. von den Haͤuten der Gefaͤße gegeben habe, nunmehro ſchon die Haut des Gefaͤßes ſelbſt; der - jenige Theil nemlich der Subſtanz, die den Zwi - ſchenraum ausmacht, welcher am dichteſten iſt, wird nach der in der Anatomie eingefuͤhrten Ge - wohnheit die Haut des Gefaͤßes genennt. Der Herr von Haller pflegt ein zellenfoͤrmiges Gewe - be, welches dichter und feſter iſt, als das Gewoͤhn - liche, celluloſa ſtipata zu nennen; die aͤußere Haut iſt alſo ein ſolches dichteres zellenfoͤrmiges Gewebe, und die ſogenannte Haͤute der Gefaͤße ſind ebenfalls nichts anders als ein Dichterwerden dieſer Sub - ſtanz, oder es beſteht darin, daß dieſe Subſtanz mehr bey den Hoͤlen allmaͤhlig dichter wird.

§. 36.

Das Verhält - niß der Häute zu den Oeff - nungen bey den Arterien läſt ſich hier - aus erklären.
2

Je weiter dieſes allmaͤhlige Dich - terwerden der Subſtanz naͤhe bey den Hoͤlen von ſtatten geht, um deſtomehr breitet ſich der helle und durchſichtige Flecken, der ſich mitten in dem Zwi - ſchenraum zwiſchen zwey Gefaͤßen be - findet, aus, und die dichtere Subſtanz bey den Hoͤlen wird folglich um deſto ſchmaͤler; ſo daß end - lich der dichtere Theil des Zwiſchenraumes durch - ſichtig wird, und der kleinſte Theil deſſelben nahean171der Gefaͤße ꝛc. an den Hoͤlen nur undurchſichtig uͤbrig bleibt; al - lein je ſchmaͤhler dieſer undurchſichtige Theil wird, um deſtomehr nimmt er zugleich in dem Grade ſeiner Dichtigkeit und Undurchſichtigkeit zu; und hierdurch erhaͤlt endlich der dichtere Theil der Sub - ſtanz, der nahe bey den Hoͤlen ſich befindet, eini - germaaßen das Anſehen, als wenn er zum Ge - faͤße gehoͤrte, und eine Haut deſſelben ausmachte. Hieraus verſteht man nunmehro, wie es zugeht, daß die Arterien, je aͤlter und groͤßer ſie werden, nach Verhaͤltniß ihrer Oeffnungen (Luminum) immer duͤnnere, zugleich aber auch dichtere und feſtere Haͤute bekommen. Wenn in des Herren von Hallers Elementis Phyſiologiæ nach Win - tringhams Verſuchen den kleinern Aeſten eine groͤßere Staͤrke (robur) zugeſchrieben wird; ſo hat Wintringham hierbey einen Jrrthum began - gen. Er vermiſcht die Zaͤhigkeit (Tenacitas) der Haͤute mit der Staͤrke; dieſe iſt die Kraft wo - mit ſie der Ausdehnung widerſtehn, jene iſt das Vermoͤgen vermittelſt welchem ſie durch ihr Nach - geben dem Zerreißen widerſtehn; wenn daher die kleinere Aeſte, und wenn auch ſo gar die Venen daher eine groͤßere angewendete Kraft leiden, ehe ſie zerreißen, ſo folgt daraus wohl, daß ſie zaͤher ſind und nachgeben, nicht aber, wie Wintring - ham ſagt, daß ſie eine groͤßere Staͤrke haben. Durch dergleichen unbeſtimmte Begriffe werden lauter verdrießliche Verwirrungen und Jrrthuͤmer in die Wiſſenſchaften eingefuͤhrt, die hernach zu mehreren Jrrthuͤmern oder Schwierigkeiten wenig -ſtens1723. Kap. Von der Entſtehungsartſtens Anlaß geben. Eben ſo iſt es wiederum falſch, wenn Wintringham den kleineren Aeſten duͤn - nere Haͤute zuſchreibt. Loſer und weicher ſind ih - re Haͤute wohl, aber nicht duͤnner nach dem Ver - haͤltniß der Oeffnung. Er wird, beſonders wenn er ſeine Verſuche an injicirten Gefaͤßen gemacht hat, ſo viel weggeſchnitten haben, als ihm billig geſchienen, und was ihm billig geſchienen hat, iſt vielleicht nicht billig geweſen.

§. 37.

Wenn ehr die Häute der Gefäße ent - ſtehn und wie man die Zeit mit Gewiß - heit ſagen kann.
2

Man ſieht aus dieſer Beobach - tung (§. 35.), wenn ehr die Haͤute der Gefaͤße zu exiſtiren anfangen. Weit gefehlt, daß ſie alsdann ſchon da ſeyn ſollten, wenn man durch das Vergroͤßrungsglaß noch keine Spuhr von Gefaͤßen wahrnimmt, wie z. E. in der Obſervation, die ich in der vorigen Ab - handlung aus meiner Diſſertation citirt habe (fig. 1.) oder auch alsdann, wenn man den An - fang zur Formation der Gefaͤße in der area zwar ſchon erkennt, die Wege aber noch nicht vollkom - men ſind wie fig. 4.; ſo ſind ſie alsdann noch nicht einmahl da, wenn dieſe Wege ganz voll - kommen ſind, wenn das Blut durch ſie bewegt wird, und wenn man ſie mit bloßen Augen ſieht, wie in der area fig. 7. b. die in der 8ten und 10ten fig. unter dem Mikroſeop vorgeſtellt iſt; denn man ſieht in dieſen Figuren, daß die Zwiſchenraͤume der Gefaͤße noch durchgaͤngig gleich dichte ſind,und173der Gefaͤße ꝛc. und allenthalben einen gleichen Grad der Undurch - ſichtigkeit haben, zur Entſtehung der Gefaͤße aber wird erfordert, daß die Subſtanz in den Zwi - ſchenraͤumen ihre Dichtigkeit veraͤndern muß (§. 35.). Allein woraus haben Sie jetzo ge - ſchloßen, daß die Gefaͤße im Anfange noch keine Haͤute haben? daraus, weil Sie dieſelben im Anfange nicht ſehen? Keinesweges, ſondern daraus, weil Sie dieſelben einige Tage nachhero erſt haben allmaͤhlig werden ſehn, und die Art und Weiſe geſehn haben, wie ſie geworden ſind.

§. 38

Die Art, wie dieſe Veraͤnde -Was es mit dem Dicht - werden der Subſtanz für eine Bewand - niß hat. rung in Anſehung der Dichtigkeit mit der Subſtanz in den Zwiſchenraͤumen der Gefaͤße zuwege gebracht wird, will ich nicht weiter erklaͤren, ſondern ſie nur auf andere Erſcheinungen zuruͤck - bringen. Die Entſtehungsart der Fluͤgel und Fuͤße, wie Sie im folgenden Kapittel ſehn wer - den, hat dieſes mit dem gegenwaͤrtigen Phaͤno - meno gemein, daß ſich im Anfange in der Mitte des Ruͤckgrads auf beyden Seiten die Subſtanz, woraus die Fluͤgel und Fuͤße formirt werden ſollen, eben ſo haͤufig anlegt als an denen Orten, wo die - ſe Theile eigentlich entſtehen ſollen, in der Folge aber allmaͤhlig ſich wiederum wegzieht und end - lich gar verſchwindet, da indeſſen dieſe Subſtanz an denen ihr eigentlich beſtimmten Orten um ſo viel ſtaͤrker anwaͤchſt und dichter wird. Mehrereaͤhn -1743. Kap. Von der Entſtehungsartaͤhnliche Exempel finden ſie in meiner Diſſertation (§. 228. Schol.) wo ich auch die Urſachen die - ſer Erſcheinungen zu entdecken geſucht habe.

§. 39.

Die Ramifi - cation der Ge - fäße iſt an ſich nothwendig.
2

Allein warum ſind die Gefaͤße bey den Thieren ramificirt, warum entſtehen immer ihrer Viele aus einem gemeinſchaftlichen Stamme nnd alle endlich aus einer allgemeinen Quelle, dem Her - zen, da es doch bey den Pflanzen nicht ſo war? Wenn Sie ſo fragen, ſo iſt die Antwort nicht eben ſchwer, wenn Sie aber fragen, warum ha - ben die Gefaͤße der Pflanzen keine Ramification; ſo werde ich mehr Schwierigkeit finden, Jhnen meine Begriffe zu entwickeln. Jch ſage alſo ſo - gleich, die Ramification iſt, wenn uͤberhaupt Ge - faͤße formirt werden ſollen, an ſich nothwendig, und Gefaͤße, wenn ſie formirt werden, werden allemahl ramificirt werden, dafern nicht eine be - ſondere Urſache hinzukommt, die ſolches verhin - dert. Dieſes will ich Jhnen zuvor erklaͤren; her - nach werde ich die Urſache zu entwickeln ſuchen, warum ſie in den Pflanzen nicht ſtatt findet. Es ſey alſo ein junger nicht lange erſt entſtandener Theil; in ihm ſeyn eine gewiſſe Anzahl kuͤrzlich erſt entſtandener Gefaͤße, Hoͤlen alſo, oder bloße We - ge, die noch keine Haͤute haben, und die Zwi - ſchenraͤume zwiſchen dieſen Gefaͤßen, oder die Subſtanz, die dieſe Zwiſchenraͤume ausmacht, verhalte ſich noch ſo, daß ſie ohne alle Gefaͤße iſt,daß175der Gefaͤße ꝛc. daß ihre Nutrition durch das gleichmaͤßige Ein - dringen der Saͤfte geſchiehet, wie wir ſchon ge - ſehn haben, daß ein ſolches Eindringen in eine Subſtanz ohne Gefaͤße ſtatt finden kann (§. 29. 26. 34. ); ſo werden alſo dieſe Saͤfte durch die Seitenwaͤnde der Hoͤlen, die ſchon der Anfang der Subſtanz der Zwiſchenraͤume ſind, ſo durch - ſehwitzen, oder durchdringen, wie ſie durch den uͤbrigen Theil der Subſtanz weiter penetriren, und dieſes Durchdringen durch die Waͤnde der Hoͤlen, wie ich es nenne, iſt eigentlich ſelbſt ſchon nichts anders, als eben das Eindringen in die Sub - ſtanz der Zwiſchenraͤume; ich ſage aber die Saͤfte wuͤſſen aus den Hoͤlen kommen, denn es gibtkei - nen andern Weg von der Quelle der Saͤfte zu die - ſer Subſtanz, als der, welcher vermittelſt der ſchon producirten Hoͤlen ſtatt findet. Nunmehro ſetzen Sie alſo, die Subſtanz der Zwiſchenraͤume ſoll wachſen, ſie ſoll, damit der ganze Theil groͤſ - ſer wird, auch ihrerſeits groͤßer werden; ſo wer - den nunmehro mehr Saͤfte zu ihrer Nutrition er - fordert werden, und in ſie eindringen muͤſſen; folglich werden die Hoͤlen in einer beſtimmten Zeit ſo viel mehr Saͤfte hindurch laſſen muͤſſen, als die Subſtanz des Zwiſchenraumes groͤßer geworden iſt; die Hoͤlen werden alſo in ihrem Umfange um ſo viel erweitert, oder von den haͤufiger durchdrin - genden Saͤften ausgedehnt werden. Aber nun - mehro muͤſſen auch ferner in den groͤßergeworde - nen Zwiſchenraume neue Gefaͤße formirt werden, oder ſetzen ſie hypothetiſch ſie ſollen formirt wer -den;1763. Kap. Von der Entſtehungsartden; ſo geſchiehet dieſes nach dem Begriffe von der Formation der Gefaͤße (§. 33.) durch die in ſie eindringende und haͤufiger eindringende Saͤfte; dieſe Saͤfte aber kommen aus den vorigen Hoͤlen, die nun ſchon groͤßer geworden ſind, folglich muͤſ - ſen die neue entſtehende Hoͤlen, Aeſte (rami) von den Vorigen werden. Auf dieſe Art wird es ſich mit einem jeden neuen formirten Gefaͤße verhal - ten; indem es formirt wird, wird es immer als ein Ramus von einem vorhergehenden, welches zugleich groͤßer wird, formirt werden, und alle Gefaͤße werden alſo als ein einziges auf dieſe Art zuſammenhengendes Syſtem erzeugt werden.

§. 40.

Die Urſache, die ſie in den Pflanzen ver - hindert, liegt in der Sub - ſtanz derſel - ben.
2

Nun aber warum geſchiehet dieſes nicht auch bey den Pflanzen? Jch ſage kurz, die Materie, woraus Pflanzen erzeugt werden, dieſe Pflan - zenſubſtanz, die von der thieriſchen Subſtanz ſehr verſchieden iſt, iſt die Urſache, die ſolches verhindert. Die Erfahrung lehrt es, daß ein Theil, ſo wohl bey Thieren als Pflanzen, nachdem er producirt iſt, weiter nutrirt wird, und alſo die Nahrungsſaͤfte in ſeine Subſtanz aufnimmt; hoͤrt dieſes auf zu geſchehn, ſo trocknet der Theil zuſammen, und ſtirbt ab, wie wir an den Blaͤttern der Baͤume im Herbſt ſehen; geſchiehet es in einem gewiſſen Grade, ſo bleibt der Theil wie er iſt; dieſes findet bey friſchen Blaͤttern der Pflanze, wenn ſie er -wach -177der Gefaͤße ꝛc. wachſen ſind, ſtatt; geſchiehet es in einem weit hoͤhern Grade, ſo nimmt der Theil in ſeiner Groͤße zu, wie wir an allen jungen Theilen der Pflanzen und Thiere ſehen. Die Erfahrung lehrt ferner, daß dieſes Aufnehmen der Saͤfte um ſo viel ſtaͤr - ker geſchiehet, je juͤnger der Theil iſt, und daß es allmaͤhlig abnimmt, je aͤlter er wird. Jn der Phyſiologie iſt dieſes mehr als zu bekannt, und auch im gemeinen Leben. Allein das Merkmal, woran wir dieſes allmaͤhlig abnehmende Eindrin - gen der Saͤfte in einem Theile, je aͤlter dieſer wird, erkennen, iſt nicht nur das geringere Wachsthum des Theiles, indem ein Theil immer weniger in ſeiner Groͤße zunimmt je aͤlter er wird; ſondern wir erkennen eben dieſes auch daran, daß er, je aͤlter er wird, immer ſolider und haͤrter wird. Jm Anfange iſt er halb fluͤßig, wie Sie im folgenden Kapitel ſehn werden, hernach wird er zaͤhe, als - dann wird er ordentlich ſolide, endlich wird er ſteif und zerbrechlich. Hier ſind alſo drey Dinge mit einander verbunden, das allmaͤhlig abnehmende Eindringen der Saͤfte in den Theil, der dadurch nutrirt wird, das abnehmende Wachsthum die - ſes Theils, und das Hartwerden (die Solidescenz) eben deſſelben. Es fraͤgt ſich, wie ſind dieſe mit einander verbunden, welches iſt die Urſache und welche ſind die Wuͤrkungen, oder dependiren alle drey Erſcheinungen von einer vierten Urſache?

Jn meiner Diſſertation §. 26. habe ich das Hartwerden fuͤr die Urſache, und das aufhoͤrende Eindringen der Saͤfte fuͤr eine Folge davon, dasMaufhoͤ -1783. Kap. Von der Entſtehungsartaufhoͤrende Wachsthum aber wiederum fuͤr eine Folge von dieſem gehalten. Jch habe das Hart - werden als eine Eigenſchaft der Pflanzenmaterie angeſehen, und ſie fuͤr eine Wuͤrkung von dem Ausduͤnſten gehalten, allein ich denke jetzo anders von dieſer Sache. Das Ausduͤnſten hat keinen Einfluß hierin. Es mag ſich aber verhalten wie es will; ſo iſt wenigſtens die Obſervation richtig, und wir koͤnnen ſie als ein Geſetz anſehen.

§. 41.

Die Sub - ſtanz der Pflanzen wird zu zeitig hart, und zur Nu - trition un - tüchtig.
2

Die zwote Obſervation iſt dieſe: Bey den Pflanzen gehen dieſe drey Veraͤnderungen viel ſchleuniger vor ſich, als bey den Thieren. Jn Zeit von einem Jahre werden alle Theile einer Pflanze holzartig, und die wei - che Theile, die man an einem Baume ſieht, ſind Produkte deſſelben Jahres. Ein Blatt wird in etlichen Wochen, oder in einem Mona - the, zur Vollkommenheit gebracht, und alsdann ſind nicht nur ſchon Holzfaſern darin, ſondern es waͤchſet auch gar nicht weiter; es bleibt wie es iſt, und es dringen alſo nicht mehrere Nahrungsſaͤfte hinein, als erfordert werden, dasjenige zu erſetzen, was durch die Ausduͤnſtung weggeht. Bey den Menſchen wird hierzu eine Zeit von 30 Jahren erfordert, und ein Fetus iſt zu der Zeit, wenn ein Blatt ſchon ſein vollkommnes Wachsthum er - reicht hat, noch eine Gallerte, ſo wie er bey ſei - nem erſten Urſprunge geweſen iſt. Wenn einBlatt179der Gefaͤße ꝛc. Blatt ein halbes Jahr alt iſt, ſo dringen alsdann in ihm gar keine Saͤfte mehr ein; das Blatt trock - net zuſammen, ſtirbt, und faͤllt ab. Zu dieſem Zuſtande kommt ein Thier niemals; der Menſch wird im 80ſten 90ſten Jahre wohl kleiner, allein er verliert die Kraft, Saͤfte aufzunehmen, nie - mals ganz und gar; und, welches wohl zu bemer - ken, eben ſo, wie es dem Blatte geht, wuͤrde es ſich mit der ganzen Pflanze verhalten, wenn nicht beſtaͤndig neue junge Theile wieder in ihr herfuͤr gebracht wuͤrden; der Stamm eines Baumes be - kommt alle Jahr neue Gefaͤße, der Baum neue Blaͤtter, Bluͤte und Fruͤchte, und man muß ei - gentlich ſagen, daß in einer ſo genannten peren - nirenden Pflanze alle Jahr wiederum eine andere Pflanze vegetirt. Am allerdeutlichſten ſieht man dieſe Sache bey den Gefaͤßen, die, weil ſie nicht aus andern Theilen zuſammen geſetzt ſind, uns nicht dadurch betruͤgen koͤnnen, daß an ſtatt der vorigen Theile, woraus das Gefaͤß beſtuͤnde, mit der Zeit andere, und zwar mehrere derſelben, zum Vorſchein kaͤmen. Die Gefaͤße werden alſo bey den Pflanzen niemals ſo groß, daß ſie nur mit bloßen Augen geſehen werden koͤnnten. Bey den Thieren hingegen werden dieſelben zur Dicke eines Daumes und weiter ausgedehnet.

§. 42.

Und hieraus wird ſich unſer Pro -Vollſtaͤndi - ge Erklaͤrung, warum die blema aufloͤſen laſſen. Eben dieſe Gefaͤße, die ſich nur zu eine ſo geringeM 2Weite1803. Kap. Von der EntſtehungsartGefaͤße der Pflanzen nicht rami - ficirt ſind.Weite ausdehnen laſſen, alsdann aber nicht weiter nutrirt werden, und nicht groͤßer wachſen koͤnnen, koͤnnen eben deswegen auch nicht ramificirt werden. Es ſey ein Blatt, worinn ſich noch kei - ne Gefaͤße befinden; im Stiele deſſelben aber ſind die Gefaͤße, die dem Blatte die Nahrungsſaͤfte geben, welche ſich durch ſeine Subſtanz gleich - maͤßig ausbreiten, in einer gewißen Anzahl. Nunmehro ſoll das Blatt wachſen, und folglich mehrere Saͤfte noͤthig haben; es wuͤrden alſo, wenn die Subſtanz des Blattes und des Stieles eine thieriſche Subſtanz waͤre, in dem Blatte neue Gefaͤße entſtehen, deren Weite oder Oeffnung zu - ſammen genommen, weiter waͤren, als vorhin die Oeffnung der Gefaͤße im Stiele geweſen ſind, weil jetzo mehr Saͤfte in die Subſtanz des Blat - tes gefuͤhrt werden ſollen; ſie wuͤrden ferner alle aus den alten Gefaͤßen des Stieles entſtehn; al - lein dieſe wuͤrden deswegen nun auch um ſo viel weiter geworden ſeyn, ſo viel das Blatt mehr Saͤf - te haben muß. Da aber dieſe alte Gefaͤße des Stiels nicht erweitert werden koͤnnen, und das Blatt doch mehr Saͤfte erfordert, ſo muͤſſen noth - wendig zwiſchen den alten Gefaͤßen des Stieles neue Gefaͤße entſtehen, die denjenigen Theil der Saͤfte hinzu ſetzen, der im Blatte noch erfordert wird; und folglich werden alſo von denen Gefaͤſ - ſen, die im Blatte formirt werden ſollen, ſo viele aus den alten Gefaͤßen des Stieles entſtehen, als alte Gefaͤße im Stiele vorhanden geweſen ſind,die181der Gefaͤße ꝛc. die uͤbrigen werden aus denen eben ſo viel neu im Stiel producirten Gefaͤßen ihren Urſprung neh - men. Das heißt aber nur die Gefaͤße des Stiels werden als eben ſo viel, und nicht mehrere Ge - faͤße, durch das Blatt continuiren, nicht aber ſich in mehrere Gefaͤße ausbreiten. Sie ſehen leicht, wenn ich alles kurz zuſammen ziehe, ſo laͤuft die ganze Sache hierauf zuruͤck. Wenn ein Gefaͤß formirt, und zwar ſo formirt werden ſoll, daß es als ein Aſt aus einem aͤlteren entſtehe: ſo muß dis aͤltere diejenige Saͤfte geben, die im Anfange zur Formation des neuen Gefaͤßes erfordert wer - den, in der Folge aber fortfahren, durch eben daſ - ſelbe durchzuziehen. Hierzu wird nothwendig er - fordert, daß das aͤltere Gefaͤß in ſeinem Umfange oder in der Weite ſeiner Hoͤle ſo viel zunehme, daß es zu einer gewißen Zeit um ſo viel mehr Saͤf - te durch ſich hindurch laſſe, als es vorhin hat durchlaſſen koͤnnen, ſo viel das neue Gefaͤß erfor - dert; kann dieſes aber nicht geſchehen; laͤßt ſich das aͤltere Gefaͤß nicht erweitern, und kann es nicht im Stande geſetzt werden, diejenige mehre - re Saͤfte zu fuͤhren, die zur Formation des neuen erfordert werden; ſo wird dieſes, wenn es den - noch entſtehen ſoll, ſeine Saͤfte, wodurch es for - mirt wird, nicht aus dem aͤlteren Gefaͤße, ſon - dern unmittelbar aus derſelben Quelle herholen, aus welcher das alte Gefaͤß die ſeinige ſchoͤpfet, und auf dieſe Art wird alſo ein Gefaͤß entſte - hen, welches nicht ein Aſt des vorigen, ſondern ein ganz verſchiedenes, dem vorigen parallel gele -M 2genes1823. Kap. Von der Entſtehungsartgenes Gefaͤß iſt; und ſo verhaͤlt ſich die Sache in den Pflanzen.

§. 43.

Warum die Thiere ein Herz haben, die Pflanzen aber nicht. Definition des Herzens.
2

Allein hierin liegt nunmehro auch ferner der Grund dieſes wichtigen Un - terſchiedes zwiſchen den Pflanzen und den Thieren, daß dieſe ein Herz jene aber keines haben. Sie werden die Urſache aus dem vorigen bald einſe - hen, wenn ich Jhnen nur erſt einen Begriff von einem Herzen gemacht habe. Die Figur traͤgt nichts zum Weſen des Herzens bey, das ſehen Sie wohl; dieſe mag kegelfoͤrmig, rund, oder walzenfoͤrmig ſeyn, wie wir wuͤrklich dieſe verſchiedene Figuren bey verſchiedenen Thieren ſe - hen, es kann immer ein Herz ſeyn. Die Farbe thut noch weniger; kurz, es kommt darauf an: es muß ein Gefaͤß ſeyn, aus welchem alle Arterien des Koͤrpers entſpringen, und in welches alle Venen deſſelben zuſammen fließen; es muß alſo der allge - meine Stamm aller Gefaͤße des Koͤrpers ſeyn. Wenn ein ſolches Gefaͤß in einem organiſchen Koͤr - pers exiſtirt, ſo hat derſelbe ein Herz; widrigen - falls hat er keines. Dieſes iſt aber nicht nur philoſo - phiſch, ſondern auch phyſiſch betrachtet, wahr. Das Herz der Jnſeckten iſt nicht wie bey vierfuͤßi - gen Thieren und Voͤgeln kegelfoͤrmig, und mit zwo Kammern verſehen, ſondern es iſt ein einfacher Kanal, und ſelbſt das Herz im Embryo der Voͤ - gel und vierfuͤßigen iſt ein bloßer einfacher ge - kruͤmmter Kanal.

§. 44.183der Gefaͤße ꝛc.

§. 44.

Nunmehro werden Sie die Ur -Erklaͤrung der Urſache. ſache bald einſehen, warum die Thiere nothwendig ein Herz bekommen muͤſ - ſen, und die Pflanzen hingegen keines bekommen koͤnnen. Wenn in Thieren Gefaͤße formirt wer - den ſollen, ſo muͤſſen ſie nothwendig als Aeſte an - derer vorhergehenden Gefaͤße formirt werden; die nemlich die zur Formation der neuen Gefaͤße noͤ - thige Saͤfte hergeben, wie wir §. 39. geſehn ha - ben, und anders koͤnnen ſie nicht formirt werden. Das iſt nun ſchon genung. Setzen Sie, daß ei - ne Anzahl von Gefaͤßen in einem Theile z. E. im Gekroͤſe formirt wird, ſo werden dieſe alle Aeſte eines Stammes ſeyn; allein, werden Sie ſagen, in andern Theilen, z. E. in den Nieren entſtehen ebenfalls dergleichen Gefaͤße, die nunmehro wieder ihre beſondere Staͤmme haben. Das iſt richtig; allein dieſe Staͤmme ſind wieder Gefaͤße, ſie muͤſſen wieder formirt werden, und dieſes kann wiederum nicht anders geſchehen, als daß ſie als Aeſte eines vorhergehenden Gefaͤßes formirt wer - den. Sie ſehen wohl, dieſes geht beſtaͤndig ſo fort, und wenn wir zuletzt noch zwey Gefaͤße uͤbrig be - halten, ſo ſind dieſe wiederum aus einem andern als Aeſte entſtanden; Zuletzt muͤſſen wir alſo noth - wendig auf einem einzigen Gefaͤße kommen, und dieſes iſt alſo nach dem Begriffe im vorhergehen - den §. ein Herz.

§. 45.

Hieran iſt alſo kein Zweifel. Fernere Er - klärung der - ſelben.Aber, werden Sie ſagen, dieſes Herz,M 4die -1843. Kap. Von der Entſtehungsartdieſes erſte Gefaͤß muß auch formirt wer - den, und wenn die Wahrheit, daß Gefaͤße in Thieren, wenn ſie formirt werden, nothwendig als Aeſte anderer Gefaͤße formirt werden muͤſſen, allgemein richtig iſt; ſo muß dieſes auch vom Her - zen gelten. Wo werden wir alſo einmahl ein En - de finden, und wo iſt dieſes Gefaͤß, welches aͤl - ter iſt als das Herz, und von welchem das Herz als ein Aſt anzuſehen iſt? Eigentlich muͤſte ich Jh - nen hierauf antworten, darum haben Sie ſich nichts zu bekuͤmmern; genug, daß in den Thieren ein Gefaͤß nothwendig ein Herz werden muß, daß ein Gefaͤß in ihnen entſtehen muß, welches den we - ſentlichen Eigenſchaften nach ein Herz iſt. Ob dieſes Gefaͤß nun nach Art der uͤbrigen ebenfalls wiederum ſo formirt wird, daß es zugleich aus ei - nem andern hergeleitet wird, oder ob es in dieſem Stuͤcke bey ſeiner Formation etwas beſonderes hat, oder ob es endlich auf eine ganz andere Art formirt wird, das iſt wiederum eine andere Frage, die von jener, warum die Thiere ein Herz haben, ver - ſchieden iſt. Jn der That aber werden auch, um dieſe Hiſtorie vollkommen zu verſtehn, Sachen erfordert, die erſt in der Folge abgehandelt werden koͤnnen. Jndeſſen will ich die Sache erklaͤren, wie ſie ſich verhaͤlt; Sie moͤgen ſo viel davon ver - ſtehn als Sie wollen. Das Herz entſteht alſo auf dieſelbe Art, wie die uͤbrige Gefaͤße, es hat auch bey ſeiner Formation in keinem Stuͤcke |etwas be - ſonders; nur geht, nachdem die erſte Anlage zu dieſem Gefaͤße gemacht iſt, eine Veraͤnderung mitihm185der Gefaͤße ꝛc. ihm vor, die mit den uͤbrigen nicht vorgeht. Das Herz entſteht alſo ebenfalls durch das Durchdrin - gen der Saͤfte durch eine Subſtanz, die vorhin ſchon da war, und die bis dahin noch keine Hoͤle gehabt hat; (dieſe Subſtanz iſt das zellenfoͤrmige Gewebe, das in der Folge die Haut des Herzens macht und welches ein Theil der Subſtanz des Ruͤckgrades iſt.) Es entſteht auch ferner als ein Aſt eines andern Gefaͤßes, und dieſes Gefaͤß gehoͤrt zum Koͤrper der Mutter des Embryo, nicht zum Embryo ſelbſt. Allein ſo bald nunmehro nach ge - ſchehener Producktion des Herzens weiter mehrere Gefaͤße producirt zu werden anfangen (die Caro - tides, ſubclaviæ) die als Aeſte folglich aus dem Herzen oder deſſen Verlaͤngerung (dem Bulbo aortæ) entſtehen; ſo geht nunmehro mit dem Herzen eine Veraͤnderung vor; es faͤngt an, ſeine Saͤfte, die es bishero aus dem alten Gefaͤße der Mutter ge - nommen hatte, nunmehro aus der Subſtanz des Eyes an ſich zu ziehen. Hieraus entſtehen die er - ſten Staͤmme der Venen; zugleich aber loͤſet ſich eben dadurch die Subſtanz, in welcher die Hoͤle des Herzens formirt worden iſt, von dem Theile der Mutter, worinſich das alte Gefaͤß, der Stamm des Herzens, befindet, und folglich auch das Herz von dieſem Gefaͤße ab; denn es wird zu einer ſol - chen Abloͤſung eines Theiles von einem andern wei - ter nichts erfordert, als daß die Saͤfte, die aus dem einen Theil in dem andern uͤbergehen, abge - ſchnitten und dem Theile, welcher abgeloͤſet werden ſoll, neue Quellen von Saͤften angewieſen werden. M 5Tau -1863. Kap. Von der EntſtehungsartTauſend Exempel von dergleichen Abloͤſungen fin - den bey den Pflanzen und bey den Thieren ſtatt; die merkwuͤrdigſten habe ich in der Diſſertation in der Anmerkung zum 228. §. angefuͤhrt und die Wichtigkeit dieſer Veraͤnderungen in Anſehung ihrer Folgen, die ſie haben, zugleich gezeigt. Al - ſo anſtatt, daß das Herz bishero eine Verlaͤnge - rung oder ein Aſt des Gefaͤßes der Mutter gewe - ſen iſt, ſo hoͤrt es nun auf, einer zu ſeyn, und an - ſtatt, daß es bis hieher ſeine Saͤfte aus dieſem Ge - faͤße genommen hatte, ſo nimmt es dieſelben jetzo aus denen Venen, die ſo, wie die Arterien auf der einen Seite, immer zu gleicher Zeit mit ihnen formirt werden, und wird dadurch, was ſonſt kein Gefaͤß wird, eine einzige und unabhaͤngige Quel - le aller Arterien, und der Zuſammenfluß aller Venen.

4. Kap. Von der Entſtehungsart der vor ſich ſelbſt beſtehenden, und der aus andern zuſammengeſetzten Theilen.

§. 46.

Was erfor - dert wird um die Entſte - hungsart die - ſer Theile zu entdecken.
2

Weil die Entſtehungsart der bey - den letztern Gattungen von Theilen, der vor ſich ſelbſt beſtehen - den und derjenigen, die zwar wie je - ne aus andern zuſammengeſetzt, dabey aber zugleich noch Theile anderer Thei -le187der vor ſich ſelbſt beſtehenden, ꝛc. le ſind, nicht ſehr verſchieden iſt; ſo will ich in dieſem Abſchnitt von beyden zugleich handeln.

Nachdem ich die zwo verſchiedene, zur voll - kommnen Formation eines ſolchen Theils erfor - derte Wuͤrkungen der Natur, (da nemlich zuerſt der Theil ſelbſt, aber ohne einige innere organi - ſche Strucktur hervorgebracht, und hernach erſt in ihm die Gefaͤße formirt werden) von einander unterſchieden, und dieſe letztere Wuͤrkung in den beyden vorhergehenden Kapiteln ſchon erklaͤrt ha - be; ſo wird uns die nun noch uͤbrige Hervorbrin - gung des unorganiſchen Theils ſelbſt zu erklaͤren wenig Schwierigkeiten verurſachen koͤnnen. Die Kunſt beſteht nur einzig und allein darinn, daß man die beyden ganz verſchiedene und auch zu verſchiedenen Zeiten ausgefuͤhrte Wuͤrkungen wohl von einander unterſcheidet, und eine jede beſon - ders zu erklaͤren vornimmt. Es wird alsdann nichts weiter erfordert, als daß wir uns einzig und allein bey der Erfahrung halten, daß wir das glauben, was wir ſehn, und es fuͤr dasjenige halten was es iſt, nicht aber aus Vorurtheilen etwas erdichten was nicht da iſt, und was wir auf keine Weiſe wahrnehmen, oder durch irgend eine Kunſt entdecken koͤnnen.

§. 47.

Der Saamen der Bohne undBeobachtung die dazu füh - ret. die Saamenkapſel dieſer Pflanze ſind ſolche Theile, die vor ſich ſelbſt be - ſtehen, und zugleich diejenigen, wo -bey1884. Kap. Von der Eintſtehungsartbey ſich die Entſtehungsart derſelben am deutlich - ſten ſehen laͤſt. Jch habe mich eben dieſer Theile ſchon in dem vorhergehenden zur Erklaͤrung der Gefaͤße und der Blaͤschen bedient, und daher die ganze Beobachtung ſchon eben daſelbſt beſchrie - ben. Jch wiederhole alſo aus derſelben jetzo nur dieſes, daß die Saamenkapſel ſowohl als der Saa - men in ihren erſten Anfaͤngen ſich unter der Ge - ſtalt kleiner runder Tropfen zeigen, die aus einer halbfluͤßigen klebrichten und durchſichtigen Ma - terie beſtehen, welche ſich wie alle klebrichte halb - fluͤßige Materien thun, in ordentliche Faden auseinander ziehen laſſen. Kein einziger voll - kommner organiſcher Theil einer Pflanze hat dieſe Eigenſchaft; man nehme welchen man wolle, ſo wird ſich ein jeder zerbrechen oder zerdruͤcken laſ - ſen, und wird elaſtiſch ſeyn. Dieſes Auseinan - derziehen aber iſt die Eigenſchaft der vegetabili - ſchen und animaliſchen Saͤfte, die noch nicht in einen vollkommnen organiſchen Theil uͤbergegan - gen ſind. Nun ſage ich alſo, man ſoll dieſe aus einem etwas zaͤhen und klebrichten Safte be - ſtehende Tropfen auch fuͤr weiter nichts als fuͤr ſol - che Tropfen halten; ſo wird wegen der Entſte - hungsart dieſer Theile kein Zweifel mehr uͤbrig ſeyn.

§. 48.

Erklärung der Entſte - hungsart die - ſer Theile
2

Es iſt bey den Pflanzen ſo wohl als bey den Thieren etwas ſehr gemei - nes, daß Saͤfte, die in den Gefaͤſ - ſen, oder in den Zellen derſelben ent -hal -189der vor ſich ſelbſt beſtehenden, ꝛc. halten geweſen ſind, nunmehro ausdurch eine Ex - cretion. demſelben, oder ſo gar aus dem Koͤr - per der Pflanze oder des Thieres herausgetrieben werden. Jch will bey den Thieren nur die Milch und das ſemen virile und bey den Pflanzen wie - derum den Blumenſtaub und die klebrigte Mate - rie, mit welcher bey einigen Pflanzen die jungen Blaͤtter in dem Auge uͤberzogen zu ſeyn pflegen, zum Exempel anfuͤhren.

Man nennt dieſe Wuͤrkungen der Natur in den Pflanzen und Thieren Abſonderungen, Excre - tionen. Jch |ſage alſo, dieſer etwas zaͤhe Saft, woraus jene kleine Tropfen, als die erſten Anfaͤn - ge des Saamens und der Saamenkapſel, beſte - hen, iſt ebenfalls weiter nichts, als ein ſolcher Saft, der vorher in den Gefaͤßen der Pflanze und in den Blaͤschen oder in der Subſtanz, (wie dieſe uͤbrigens auch organiſirt, oder gar nicht organi - ſirt geweſen ſeyn mag,) desjenigen Theils, an welchem der Tropfen feſt hengt, enthalten gewe - ſen, und hernach durch eine Art der Abſonderung oder Excretion aus ihn herausgetrieben wor - den iſt.

Daß er ein wahrer Saft ſey, lehrt die Er - fahrung, und daß er in der Pflanze vorher ent - halten geweſen, und unmittelbar aus dem Theil, woran der Tropfen feſthaͤngt, herausgetrieben worden ſey, daran wird niemand zweifeln. Jch ſehe alſo nicht ein, warum es noͤthig waͤre, dieſeEnt -1904. Kap. Von der EntſtehungsartEntſtehungsart der vor ſich ſelbſt beſtehenden Theile noch auf eine andere Art weiter zu beweiſen.

§. 49.

Einige be - ſondere Fälle bey dieſer Ent - ſtehungsart, wovon ver - ſchiedene Fi - guren der for - mirten Theile dependiren.
2

Es iſt aber nicht nothwendig, daß der ausgetriebene Saft allemahl zuerſt in der Geſtalt eines Tropfens erſcheine. Dieſes wird geſchehen, wenn der Abſonderungsort ein Punkt iſt. Er wird aber unter der Geſtalt eines Huͤgels, oder einer halben Ku - gel, zum Vorſchein kommen, wenn der Abſonderungsort eine groͤßere runde Flaͤche einnimmt, und er wird in der Geſtalt einer Linie erſcheinen, wenn dieſer Ort ein ſcharfer Rand iſt. Jn dem erſteren Falle wird daraus ein ſolider Ku - gel - oder Kegelfoͤrmiger Koͤrper entſtehen; und dieſes findet bey den Saamen und Saamenbehaͤlt - niſſen ſtatt; in dem andern Falle pflegt ſich dieſer Huͤgel ſtark in die Laͤnge auszudehnen, und es entſteht ein cylindriſcher Koͤrper daraus; dieſes findet bey den Aeſten der Wurzel ſtatt. Jn dem 3ten Falle muß nothwendig aus der Erhebung dieſer Linie ein flacher duͤnner Koͤrper entſtehen. Bey den Blaͤttern ſind dieſe Erſcheinungen haͤufig.

§. 50.

Was ferner mit dem neu - en auf dieſe Art formirten
2

Wenn nun der Saft, entweder in der Geſtalt eines kleinen Huͤgels, oder eines Tropfens, oder eines klei - nen Randes, aus einem Theile her -aus -191der vor ſich ſelbſt beſtehenden, ꝛc. ausgetrieben iſt; ſo gehen alsdannTheile vor - geht. dreyerley Veraͤnderungen zugleich mit ihm vor. Vors erſte da der Theil, aus welchem der Saft herausgetrieben iſt, und zwar an dem - ſelben Orte, wo er herausgetrieben iſt, und in der Geſtalt eines Tropfens, oder Randes, oder Huͤ - gels anhaͤngt, nach ſo wohl, wie vor, fortfahren wird, eben dergleichen Saft noch beſtaͤndig aus - zutreiben; ſo wird durch dieſen neu hinzukommen - den und in ſie einzudringenden Saft, der Huͤgel, der Rand, die kleine Kugel zu nehmen, ſich aus - dehnen, und groͤßer werden. Zugleich aber wird Zweytens der zu allererſt ausgetriebene Saft, wel - cher nun der aͤlteſte iſt, eben durch dieſe Dauer, oder durch die Laͤnge der Zeit, nach und nach im - mer zaͤher, feſter und ſolider werden. Zum Drit - ten endlich wird auch zu gleicher Zeit eben wieder durch den neu hinzukommenden Saft, der nun ſchon etwas feſt gewordene und in einen Cylinder oder Kegel oder Flaͤche ausgedehnte junge Theil nach ſeinen inneren Theilen organiſirt; indem nemlich durch dieſen beſtaͤndig zufließenden neuen Saft, auf die in den vorigen Kapiteln beſchrie - bene Art, Blaͤschen oder Gefaͤße in ihm formirt werden. Auf dieſe Art alſo wird der Theil, wel - cher zuerſt nur ein bloßer Saft war, nachhero ein zwar etwas feſter, aber doch noch unorganiſcher Theil wurde, endlich in einen vollkommenen or - ganiſchen Theil verwandelt, und welches wohl zu merken iſt, durch die einzige Wuͤrkung, wodurch die Gefaͤße oder die Blaͤschen formirt werden, werdenzu -1924. Kap. Von der Entſtehungsartzugleich zwo Abſichten erreicht, die erſte nemlich, da die Gefaͤße oder die Blaͤschen ſelbſt hervorge - bracht werden, und die zwote, da eben dadurch zugleich der Theil, welcher vorher unorganiſch war, organiſirt, oder in einen organiſchen Koͤrper verwandelt wird.

§. 51.

Entſtehungs - art der bloß zuſammenge - ſetzten Theile durch eine De - poſition.
2

Die Entſtehungsart der zwoten Gattung der Theile, die nemlich aus andern zuſammengeſetzt ſind, zugleich aber Theile von andern Theilen ſind, iſt von der bisher erklaͤrten in weiter nichts unterſchieden, als daß der Saft, anſtatt daß er bey jenen aus ſeinem Abſonderungs - theil herausgetrieben wurde, hier vielmehr inner - halb deſſelben an einem beſtimmten Orte niederge - legt wird, ſich daſelbſt je mehr und mehr anſammelt, die Subſtanz des Theils, worin er angelegt wird, von einander treibt, und ſich auf ſolche Art innerhalb deſſelben Platz macht; und alsdann zugleich, wie die vor ſich beſtehende Theile, entweder Gefaͤße oder Blaͤschen bekommt.

§. 52.

Beſondare Formation verſchiedener vor ſich beſte - henden Theile.
2

Dieſes iſt das allgemeine, was bey der Formation aller vor ſich beſte - henden und zuſammen geſetzten Theile vorgeht. Dieſe ſind nun aber auch bey den Pflanzen ſchon ſehr verſchie - den. Es giebt alſo z. E. von vor ſich beſtehenden Theilen Aeſte einer Wurzel, es giebt Blaͤtter, esgiebt193der vor ſich ſelbſt beſtehenden ꝛc. giebt Fruͤchte. Darin kommt alſo die Formation dieſer Theile uͤberein, daß ſie alle durch die Excre - tion, die Depoſition, und durch die Organiſation, die in der Formation der Gefaͤße beſteht, formirt werden; es muͤſſen aber nothwendig außer dem bey einem jeden dieſer drey Theile noch beſondere Umſtaͤnde ſtatt finden, wodurch ein Blatt, z. Ex. ein Blatt, und nicht ein Aſt einer Wurzel, wird. Etwas weniges will ich von dieſen beſondern Um - ſtaͤnden noch anfuͤhren.

§. 53.

Mit den Wurzeln hat es keineDer Wur - zel. Schwierigkeit. Ein jeder Aſt einer Wurzel entſteht durch die Excretion aus einem Vorhergehenden. Man findet nem - lich, wenn ein Aſt aus einem vorhergehenden ent - ſtehen ſoll, an dieſem unter ſeiner aͤußern Haut ei - nen kleinen Huͤgel, dieſer dehnt die aͤußere Haut ſo lange aus, bis ſie endlich berſtet, alsdann bricht er, indem er ſich allmaͤhlich mehr in die Laͤnge und in die Forme eines Kegels ausdehnt, durch die gemachte Spalte durch. Er bekommt nach und nach ſeine Gefaͤße, und wird auf dieſe Art ein neuer Aſt der Wurzel.

§. 54.

Zu den Blaͤttern wird mehr er -Der Blätter; Beſchaffen - heit eines Blatts und fordert, denn ſie ſind mehr aus ver - ſchiedenen Theilen zuſammen geſetzt; ſie beſtehen aus ihrem Stiele, aus derNHaupt -1944. Kap. Von der Entſtehungsarteiner einfa - chen Pflanze.Hauptrippe, die der verlaͤngerte Stiel iſt, und aus ihren breiten Seitenthei - len, die die Fluͤgel des Blatts pflegen genennt zu werden, und die wiederum aus den Seitenrippen und ihren Zwiſchenraͤumen zuſammen geſetzt ſind. Jch muß, ehe ich die Formation der Blaͤtter erklaͤ - ren kann, etwas von der Beſchaffenheit einer voll - ſtaͤndigen Pflanze ſagen, was nemlich zu einer vollſtaͤndigen Pflanze erfordert wird. Eine jede Pflanze, die außer ihrem Hauptſtamme noch Zwei - ge hat, die ſeitwaͤrts aus jenem herfuͤr ſchießen, ſehe ich ſchon als eine zuſammen geſetzte Pflanze an. Zu einer einfachen Pflanze wird weiter nichts erfordert, als ein einfacher Stamm (caulis), der ſeitwaͤrts bloß mit ſeinen Blaͤttern verſehen iſt, oben aber in der Spitze ſeine Fruktifikation, und unten endlich ſeine Wurzel hat. Alſo iſt ein jeder Zweig einer zuſammengeſetzten Pflanze eine beſon - dere Pflanze; denn an ſtatt der Wurzel hat er we - nigſtens Fibern, die in dem vorhergehenden Stamme, aus welchem er entſproſſen iſt, ſich ver - laͤngern.

§. 55.

Warum Blätter nicht anders, als mit einer zu - gleich produ - cirten voll - ſtändigen Pflanze her.
2

Runmehro ſage ich, ein Blatt kann nicht anders entſtehn, als es muß zugleich eine vollſtaͤndige einfa - che Pflanze entſtehn. Denn ein Blatt iſt nur eine Folge von dem er - ſten Anfange einer einfachen Pflanze; folglich, wenn daſſelbe entſtehen ſoll,ſo195der vor ſich ſelbſt beſtehenden ꝛc. ſo muß nothwendig auch alsdann einfür gebracht werden kön - nen. Stamm, es muͤſſen mehrere Blaͤtter, und ſogar am Ende auch eine Frukti - fication entſtehen. Wenn dahero im Fruͤhjahr an den Baͤumen neue Blaͤtter ausſchlagen, ſo ge - ſchiehet dieſes allemal auf keine andere Art, als daß nebſt einem Blatte zugleich auch mehrere, und nebſt dieſen auch zugleich ein Stamm, an welchen alle Blaͤtter befeſtigt ſind, und endlich nebſt dem Stamme auch oben in der Spitze deſſelben eine Fruktification, folglich alſo eine vollſtaͤndige ein - fache Pflanze herfuͤrgebracht wird. Dieſes ge - ſchiehet nemlich allemal an denenjenigen Orten ei - nes Zweiges, wo im vorigen Jahre die Blaͤtter geſeſſen haben, und der im vorigen Jahre mit ſei - nen Blaͤttern eine einfache Pflanze geweſen iſt, der aber nunmehro dadurch, daß an ſtatt der im vori - gen Jahre abgefallenen Blaͤtter einfache Pflanzen herfuͤr kommen, eine zuſammengeſetzte wird. Eine ſolche einfache Pflanze erſcheint bey ihrem Anfan - fange unter der Geſtalt eines Auges oder Knoſpe (gemma), die von der Pflanze ſelbſt bloß darin noch unterſchieden iſt, daß ihr Stamm noch ſehr kurz, gleichſam zuſammen gezogen, und folglich die Blaͤtter auf ſolche Art in einander geſchoben ſind, daß immer die obere von den unteren ein - geſchloßen und umgeben werden. Sie ſehen alſo aus dieſer Beſchaffenheit, warum niemals ein Blatt alleine entſtehen kann; es iſt der Ef - fekt, nemlich eine excernirte Subſtanz, von ei - nem Stamme; dieſer Stamm aber iſt zugleichN 2eine1964. Kap. Von der Entſtehungsarteine Urſache mehrerer Blaͤtter und einer Fruk - tification.

§. 56.

Entſtehungs - art des Blat - tes. Formation der Haupt - rippe, die ein Beweis der Epigeneſis iſt.
2

Nunmehro kann ich Jhnen mei - ne Obſervationen ſagen, woraus Sie die Art der Formation eines Blattes verſtehn werden. An denen Orten, wo die Blaͤtter an einem Zweige feſt ſitzen, zwiſchen dem Stiele des Blat - tes und dem Stamme dieſes Zweiges, wird ein Saft excernirt, der unter der Geſtalt eines durchſichtigen kleinen Huͤgels zum Vorſchein kommt. Dieſer iſt der Anfang des Stammes der neuen einfachen Pflanze, oder des neuen Zweiges, welcher producirt werden ſoll. Bishero iſt alſo die Formation eines ſolchen Zweiges von der Formation eines Aſtes der Wurzel noch nicht unterſchieden. Nunmehro aber, an ſtatt daß dieſer Huͤgel, wie bey den Wur - zeln, ſich erheben, und in die Figur eines cylin - driſchen Koͤrpers ſchlechtweg ſich ausdehnen ſolte, ſo thut er dieſes nicht, ſondern er bleibt noch klein und kurz, und excernirt um ſeinen Gipfel herum neue kleinere Huͤgel. Dieſe ſind die Anfaͤnge der Blaͤtter und zwar nur erſt der Haubrippe derſel - ben, die eine Verlaͤngerung des Stieles iſt. Die - ſe Erſcheinung iſt ſehr ſchoͤn, ſie iſt wieder, wenn man von Vorurtheilen, nach welchen man wohl oͤfter die Beobachtungen aͤngſtlich zu drehen und gleichſam zu verzerren ſucht, frey iſt, ein offenbah - rer und ſehr einfacher und ungekuͤnſtelter Beweisvon197der vor ſich ſelbſt beſtehenden ꝛc. von der allmaͤhligen Formation der Theile, der einem keinen Gedanken von der Evolution einmal einfallen laͤßt. Dieſe kleine Huͤgel ſind, nachdem ſie ſchon etwas aͤlter oder juͤnger noch ſind, mehr oder weniger erhoben. Zu einer gewiſſen Zeit ſind ſie bey einigen Pflanzen kegelfoͤrmig, bey an - dern mehr abgeplattet oder zuſammen gedruͤckt. Die vollkommen kegelfoͤrmigen ſind zur Obſerva - tion die ſchoͤnſten; ſie ſind groß genug, daß ſie durch ein maͤßiges Vergroͤßerungsglas vollkom - men deutlich geſehn und auf allen Seiten betrach - tet werden koͤnnen; man kann ſie dahero auch ſehr gut ohne Spiegel und undurchſichtig betrachten. Man ſieht aber alsdann mit aller angewandten Muͤhe weiter nichts an ihm, als einen bloßen klei - nen Kegel, der rings herum mit ſeiner glatten und allenthalben gleichen Flaͤche, oben aber durch ſei - nen Gipfel, terminirt iſt. Nun weis man aus der Folge der Obſervationen gewiß, daß dieſer Kegel noch weiter nichts, als der Embryo der Hauptrippe des Blattes iſt, und niemals einen Theil der Fluͤgel des Blattes vorſtellt, oder zu ei - nem Theil dieſer Fluͤgel wird, indem dieſelben bald darauf beſonders formirt werden, und alsdann zu - erſt unter der Geſtalt einer Kante an dieſem Ke - gel zu beyden Seiten zum Vorſchein kommen; folglich ſieht man bey dieſer Erſcheinung offenbar, daß ein Theil nach dem andern formirt wird; daß zu der Zeit, wenn dieſe Erſcheinung ſtatt findet, da man dieſen kleinen Kegel groß genug, deutlich genug, und auch ohne Spiegel oder gegenſcheinen -N 3des1984. Kap. Von der Entſtehungsartdes Licht undurchſichtig betrachten kann, nur noch die bloße Hauptrippe, aber noch keine Fluͤgel des Blattes exiſtiren. Wenn man aber ſagen will, dieſe Kante, als der Anfang der Fluͤgel des Blattes, kann ungeachtet der Groͤße, worin man den Kegel betrachten kann, ungeachtet aller Deut - lichkeit, womit man die Flaͤche des Kegels rings herum glatt und allenthalben gleich ſiehet, dennoch wohl zu der Zeit, wo man ſie nicht ſieht, unſicht - bar da ſeyn, weil man nicht ſchließen kann, daß das, was man nicht ſieht, deswegen nicht da ſey; ſo iſt dieſes freylich eine Sache, wobey man ge - meiniglich viel zu denken pflegt, was man nicht ſagt, und worauf auch derjenige, der Vergnuͤgen am Diſputiren findet, nicht eben Luſt zu antwor - ten hat. Jch habe indeſſen aber in der vorherge - henden Abhandlung dieſe Ausflucht des Herrn Bonnets deſtruiret.

§. 57.

Formation der Flügel des Blattes. Entſtehung der Seiten - rippen.
2

Wenn auf dieſe Art dieſer kleine Kegel, als der Anfang der Hauptrip - pe, formirt iſt, ſo faͤngt er nunmehro an auf beyden Seiten eine neue Sub - ſtanz zu excerniren, die zuerſt unter der Geſtalt einer ſchmalen, durchſich - tigen, ſehr duͤnnen, und ſehr von dem dicken Kegel unterſchiedenen Kante zum Vorſchein kommt; die - ſe Kante iſt der Anfang der Fluͤgel des Blatts. Sie wird allmaͤhlig immer breiter; im Anfange iſt ſie allenthalben gleich duͤnne und durchſichtig. Allmaͤh -199der vor ſich ſelbſt beſtehenden ꝛc. Allmaͤhlig aber bekoͤmmt ſie durchſichtigere und undurchſichtigere Querſtreifen, die von dem Ke - gel, (der ſich nunmehro ſchon fuͤr die Haupttrippe erkennen laͤſt, da ihn kurz vorher noch kein Menſch davor wuͤrde gehalten oder uͤberhaupt erkennt ha - ben) anfangen, und nach den Rand der Kante auslaufen. Die undurchſichtigere Streifen ſind die Anfaͤnge der Seitenrippen, die durchſichtigen aber ihre Zwiſchenraͤume, wodurch ſie von ein - ander unterſchieden ſind. Sie verſtehen leicht, dieſe Veraͤnderung in der Kante iſt durch die De - poſition einer neuen Subſtanz innerhalb der alten Subſtanz, woraus anfaͤnglich die Kante beſtund, zu - wege gebracht worden. Sie koͤnnten ſich aber hier - inn irren, wie ich mich ſelbſt im Anfange geirrt habe, daß Sie glaubten, daß die undurchſichtige Strei - fen, als die gewiſſe Anfaͤnge der Seitenrippen, die neue deponirte, die durchſichtigen aber, als die Zwiſchenraͤume, die ehemalige alte Subſtanz der Kante ſeyen. Es verhaͤlt ſich umgekehrt; die durchſichtige Zwiſchenraͤume ſind neu deponirt, und die undurchſichtigere Anfaͤnge der Rippen ſind die ehemalige alte Subſtanz der Kante. Sie koͤnnen dieſes hieraus ſchließen. Vors erſte iſt eine juͤn - gere und ſpaͤter deponirte, oder excernirte Subſtanz allemahl durchſichtiger; die aͤltere hingegen un - durchſichtiger. Ferner der juͤngere Theil iſt alle - mahl derjenige, in welchem die Vegetation oder die Formation neuer zuſammengeſetzter Theile fort - faͤhrt; in dem aͤlteren hoͤrt ſie auf; da nun in den Zwiſchenraͤumen noch neue Rippen formirt, inN 4den2004. Kap. Von der Entſtehungsartden Seitenrippen aber keine neue Theile weiter her - fuͤrgebracht werden, als die Gefaͤße unmittelbar ſo gleich; ſo koͤnnen Sie ſchon hieraus ohne Ob - ſervation wiſſen, daß die Zwiſchenraͤume der Sei - tenrippen von dieſen, nicht dieſe von der Subſtanz der Zwiſchenraͤume deponirt ſeyn muͤſſen. Der folgende §. beſtaͤtiget dieſes noch mehr; ich ſuche es aber darum ſo gewiß zu machen, weil die Ord - nung, in welcher die verſchiedene Theile formirt werden, und die Art, wie der eine durch den an - dern producirt wird, eben die Sache iſt, die die Theorie der Generation ausmacht.

§. 58.

Entſtehung der folgenden kleineren Rip - pen in den Flügeln des Blattes.
2

Alſo war die Subſtanz, die an - faͤnglich unter der Geſtalt der Kante aus dem Kegel excernirt wurde, eben die nemliche, die in der Folge die Sei - tenrippen ausmachte, die durch eine neue Subſtanz unterbrochen, und in Querſtreifen getheilt wurde; und auf dieſe Art entſtunden alſo die Seitenrippen, und zugleich die Zwiſchenraͤume. Um nun deſto eher mit der For - mation der uͤbrigen Rippen, die in dieſen Zwi - ſchenraͤumen ferner noch producirt werden ſollen, fertig zu werden, ſo vergleichen Sie nunmehro ei - ne jede Seitenrippe mit dem vorigen Kegel des 56. §. und die duͤnnere durchſichtige Zwiſchenraͤume mit der Kante um denſelben; ſo finden Sie eine vollkommne Analogie zwiſchen dem Kegel mit ſei - nem Rande auf beyden Seiten, und einer Sei -ten -201der vor ſich ſelbſt beſtehenden ꝛc. tenrippe mit ihren Zwiſchenraͤumen auf beyden Seiten; folglich haben Sie hier wiederum die nem - liche Umſtaͤnde, und eben ſo, wie vorhin in der Kante die Seitenrippen formirt worden ſind, ſo werden jetzo in den Zwiſchenraͤumen die kleinere Rippen auch weiter herfuͤrgebracht werden. Sie ſehen| auch nun hieraus die Folge in Anſehung der Produktion der Zwiſchenraͤume und der Seiten - rippen, die ich im vorigen §. verſprochen habe. Wenn ein Zwiſchenraum der Kante, die Seiten - rippe aber dem Kegel aͤhnlich iſt, ſo muß ſich auch ihre Production auf eine aͤhnliche Art verhalten. Nun iſt aber gewiß die Kante von dem Kegel, und nicht umgekehrt der Kegel von der Kante, excer - nirt worden; folglich wird auch die durchſichtige Subſtanz der Zwiſchenraͤume von der undurchſich - tigeren, die die Seitenrippen ausmacht, und nicht umgekehrt, deponirt worden ſeyn.

§. 59.

Sie ſehen zugleich in dieſer For -Die zwote Art der Organiſa - tion eines Theiles. mation der Rippen in den Fluͤgeln des Blattes die zwote Art der Organiſa - tion eines Theiles. Jch habe im 28. §. ein allgemeines Geſetz von der Formation der organiſchen Koͤrper uͤberhaupt gemacht, welches darin beſteht, daß alle dergleichen Koͤrper, oder ihre Theile, zuerſt unorganiſch producirt, und als - dann durch eine beſondere, von der Producktion unterſchiedene Wuͤrkung der Natur organiſirt wer - den. Die Art der Organiſation, welche ich dabeyN 5an -2024. Kap. Von der Entſtehungsartanfuͤhrte, war die Formation der Gefaͤße und Blaͤs - chen; hier haben Sie alſo wiederum eine andere Art derſelben, die durch die Producktion zuſam - mengeſetzter Theile zuwege gebracht wird; denn in dieſen Rippen werden hernach weiter Gefaͤße, in den lezten Zwiſchenraͤumen aber Blaͤschen for - mirt. Uebrigens gilt von dieſer Organiſation alles dasjenige, was in dem angefuͤhrten §. von jener iſt geſagt worden. Da es aber aus den einfachen, den zuſammengeſetzten und vor ſich beſtehenden Theilen keine andere in organiſchen Koͤrpern mehr gibt, und geben kann; die vor ſich beſtehende aber nicht Theile anderer Theile ſind; und folglich auch andere Theile eigentlich durch ihr Daſeyn nicht or - ganiſiren koͤnnen; ſo ſehen Sie zugleich hieraus, daß es, eigentlich zu reden, außer dieſen zwo Ar - ten keine andere Art der Organiſation mehr geben kann.

§. 60.

Erinnerung.
2

Jch habe mich mit Fleiß etwas weitlaͤuftig in die Formation der Blaͤt - ter eingelaſſen, weil dieſelbe ein Exempel von der Formation der vor ſich beſtehenden und zuſammen - geſetzten Theile iſt, woraus man ſich einen Begriff von der ganzen Entſtehungsart der organiſchen Koͤrper machen kann, und wodurch ſich vieles in der Folge ſehr ſchoͤn wird erlaͤutern laſſen; Jnſon - derheit da alles, was ich davon geſagt habe, un - mittelbare Beobachtungen ſind. Die uͤbrige Thei - le der Pflanze kann ich nicht durchgehen. WennSie203der vor ſich ſelbſt beſtehenden ꝛc. Sie ihre verſchiedene Entſtehungsarten wiſſen wol - len, ſo muß ich Sie auf meine Diſſertation ver - weiſen, wo Sie alle Theile der Frucktification, und wornach Sie ſonſt weiter fragen koͤnnen, erklaͤrt finden werden.

5. Kap. Von der Entſtehungsart der vor ſich beſtehenden, und aus andern zuſammen - geſetzten Theilen in den Thieren.

§. 61.

Die vor ſich beſtehende Theile inWie man hierbey zu verfahren hat. den Thieren werden wieder auf eben dieſelbe Art, wie die in den Pflan - zen hervorgebracht. Es wuͤrde nicht die beſte Methode ſeyn, wenn ich in Anſehung dieſer Thei - le zwiſchen den Thieren und den Pflanzen eine Analogie zum Voraus ſetzte, und aus dieſer Ana - logie auf die Aehnlichkeit der Entſtehungsart die - ſer Theile in beyden ſchloͤße. Zum wenigſten glaube ich, daß Sie bey dieſer Methode, da ich nichts zum Voraus ſetze, ſondern vielmehr dieſe Theile in den Pflanzen ſo wohl, als in den Thie - ren beſonders unterſuche; aus dieſen Unterſuchun - gen finde, daß ſie auf eine aͤhnliche Art entſtehen, und alsdann umgekehrt aus dieſer aͤhnlichen Ent - ſtehungsart dieſer Theile in den Thieren und Pflan -zen2045. Kap. Von der Entſtehungsartzen auf die Analogie ſchließe, welche zwiſchen den - ſelben in Anſehung der Produktion dieſer Theile ſtatt findet, daß Sie, ſage ich, bey dieſer Methode ſiche - rer ſeyn werden. Jch bin bishero auf dieſe Art ver - fahren, und ich werde mich auch ins kuͤnftige der - ſelben bedienen.

§. 62.

Worin die Entſtehungs - art dieſer Thei - le bey den Thie - ren verſchieden iſt.
2

Dieſes einzige beſondere aber iſt bey der Entſtehungsart der vor ſich beſtehenden Theile in den Thieren noch zu bemerken. Der Saft, aus welchem ein neuer Theil formirt wer - den ſoll, wenn er aus einem vorher - gehenden Theile ausgetrieben iſt, pflegt an dem Thiere einen weit groͤßeren Raum einzunehmen, als dieſer neue Theil einnimmt, wenn er erwach - ſen iſt. Er zieht ſich nemlich, nachdem er aus - getrieben iſt, allmaͤhlich von denenjenigen Orten, bis wohin der neue Theil ſich nicht erſtrecken ſoll, wieder zuruͤck, und haͤuft ſich bloß an denjenigen Orten an, wo der neue Theil entſtehen ſoll.

§. 63.

Beobachtung wodurch die angegebene Entſtehungs - art bewieſen und erläutert wird. Exempel der
2

Die allererſten Theile eines Huhns, welche man in ausgebruͤte - ten Eyern wahrnimmt, ſind die Anfaͤn - ge des Kopfs und des Ruͤckgrads, die ohne allen Zweifel eigentlich weiter nichts als die Anfaͤnge des Gehirns und des Ruͤckmarks ſeyn werden. Die205der vor ſich beſtehenden, ꝛc. Die naͤchſt nach ihnen folgende TheileFlügel und Füße. ſind die Fluͤgel und die Fuͤße, und dieſe entſtehen auf folgende Art. Es erſcheint nemlich zu beyden Seiten des Ruͤckgrads von dem Kopf an bis an dem unterſten Ende deſſelben, eine ſehr ſubtile, durchſichtige, halbfluͤßige, aus kleinen Kuͤgelchen beſtehende Subſtanz, die in der Geſtalt einer breiten Kante den ganzen Ruͤckgrad umgiebt, und in welcher dieſer erſte Anfang des Thieres, der Ruͤckgrad, gleichſam zu ſchwimmen ſcheint. Nach und nach aber zieht ſich dieſe Subſtanz aus der Mitte zu beyden Seiten des Ruͤckgrades allmaͤhlich weg, bis ſie an dieſen Or - ten endlich gar verſchwindet. Oberwaͤrts aber und unterwaͤrts, wo die Fluͤgel und die Fuͤße ent - ſtehen ſollen, bleibt dieſelbe nicht nur ſtehn, ſon - dern ſie wird daſelbſt zugleich auch ſolider, feſter, und undurchſichtiger. Sie erſcheint alsdann an dieſen Orten unter der Geſtalt von Huͤgeln, die hernach mit der Zeit hoͤher werden, ſich mehr in die Laͤnge ausdehnen und endlich in Fluͤgeln und in Fuͤßen uͤbergehen*)Der geneigte Leſer beliebe hiervon im Anhange meine wiederholte Verſuche zu leſen, worin ich einen Jrr - thum, den ich in meinen ehemaligen Beobachtungen begangen habe, entdeckt habe. Es findet kein Weg - ziehen der Kante ſtatt, ſondern dieſe geht, nachdem aus ihr die Fuͤße und Fluͤgel entſtanden ſind, in die Bruſt und den Unterleib uͤber, wie ſolches an be - ſagtem Orte weiter erklaͤrt wird.

§. 64.2065. Kap. Von der Entſtehungsart

§. 64.

Analogie dieſer Entſte - hungsart der Flügel und Füße.
3

Jch kann mir keine zwo Erſchei - nungen denken, die ſich einander aͤhn - licher waͤren, als dieſe, welche die Formation der Fluͤgel und Fuͤße bey dem Vogel gibt, und jene im 57. §. beſchriebene von der Formation der Seitentheile, oder der Fluͤgel, wie man ſie zu nennen pflegt, in den Blaͤttern. Es iſt keine chimaͤriſche Ana - logie, ſondern es iſt gewis, die Thiere haben mit den Blaͤttern der Pflanzen in Anſehung ihrer For - mation die mehreſte Aehnlichkeit. Der Ruͤckgrad iſt hier das, was bey der Formation des Blattes der kleine Kegel oder die Hauptrippe war. Die Kante iſt hier wiederum eben das, was dort die Kante war. Die Ordnung in der Producktion, und die Art derſelben, iſt voͤllig einerley; nemlich der Ruͤckgrad und jene Hauptrippe des Blattes werden zuerſt allein excernirt, und alsdann ge - ſchiehet die Excretion der Kante aus dem Ruͤck - grade und aus der Hauptrippe ſeitwaͤrts. Es iſt wahr, die Kante des Ruͤckgrads zieht ſich in der Folge aus der Mitte deſſelben weg und haͤuft ſich hingegen nur oben und unten zu beyden Seiten an, und dieſes geſchiehet bey der Kante des Blat - tes nicht; allein nehmen Sie nur an ſtatt des Huhnes die Fledermaus, ſo haben Sie nun auch alles bis zum Erſtaunen aͤhnlich. Sehen Sie nur indeſſen, bis Sie eine Fledermaus, um ſie genauer zu betrachten, bekommen, die verſchiede - ne Figuren davon im Jonſton noch, ſo werdenSie207der vor ſich beſtehenden, ꝛc. Sie nicht nur finden, daß die Haut, welche die Fluͤgel ausmacht, in eines um den ganzen Leib und auch ſo gar um den Schwanz mit herum geht, und folglich ſich nicht in der Mitte weggezogen hat, ſo wenig wie bey dem Blatte, ſondern daß auch ſo gar in dieſen Fluͤgeln der Fledermaus, ſo wie in den Fluͤgeln der Blaͤtter, ſich wahre Sei - tenrippen, und kleinere, die aus dieſen entſtehen, befinden. Dasjenige nemlich, was bey andern Thieren Knochen und Muskeln in den Armen oder Forderfuͤßen genennt wird, das macht hier wah - re Seitenrippen, wie in den Blaͤttern, und eben diejenige Theile, die in andern Thieren unter der Geſtalt der Finger oder Zaͤhen zum Vorſchein kommen, und dieſen Nahmen fuͤhren, ſind hier kleinere Rippen, die ſo, wie bey den Blaͤttern, nicht am Ende, ſondern ſeitwaͤrts aus den Sei - tenrippen entſtehen; endlich, was bey andern Thieren Haut und zellenfoͤrmiges Gewebe ſchlecht - weg iſt, das macht hier die Zwiſchenraͤume der Seitenrippen. Kurz die Fledermaus iſt ein voll - kommnes Blatt! das haͤtten Sie ihr wohl nicht angeſehn. Allein, wie ich geſagt habe, die Aehn - lichkeit iſt nicht chimaͤriſch, denn die Entſtehungs - art der beyden Dinge iſt einerley.

§. 65.

Mit den Jnſecktenfluͤgeln, dieAnwendung und Nutzen derſelben. auch ihre Rippen haben, will ich Sie ſelbſt ſpielen laſſen. Mir iſt es nur darum zu thun, nicht einen Ueber - gang, ſondern eine unmittelbare Aehnlichkeit zwi -ſchen2085. Kap. Von der Entſtehungsartſchen Pflanzen-Blaͤttern und vierfuͤßigen Thieren ſelbſt zu finden. Jch hatte die erſte Anlage zu den vier Fuͤßen in der Geſtalt einer Kante um den Ruͤckgrad geſehn; die der Kante der Blaͤtter aͤhnlich war. Dieſes kam mir ſo ungewoͤhnlich und wun - derbar vor, daß ich kaum glauben wollte daß dieſe Kante der wuͤrkliche Anfang zu den vier Fuͤßen oder Fluͤgeln und Fuͤßen ſeyn konnte; ich habe daher im 228. §. Schol. mit vieler Muͤhe in dem Serrato antico majori nnd im Latiſſimo dorſi einigen Ue - berreſt von dem Theil der Kante geſucht, der ſich ehedem inder Mitte des Ruͤckgrads befunden hat - te, um eine Sache, die| ich geſehen hatte, mir ſelber glaublicher zu machen. Wenn aber bey einigen Thieren dieſe Theile, die vier Fuͤße, ſo beſchaffen ſind, daß ſie zu ihrer erſten Anlage nothwendig eine Kante erfordern, daß ſie ſelbſt beym Erwachſenen nicht ſehr von einer ſolchen Kante, oder von den Fluͤgeln eines Blattes ver - ſchieden ſind; ſo verliert die Sache dadurch viel von dem Wunderbaren; das war meine Abſicht. Nunmehro ſetze ich noch dieſes hinzu; Es gibt Pflanzen, deren Blaͤtter ſehr tief bis auf die Haupt - rippe eingeſchnitten, (z. E. Folia pinnata) ſind; bey dieſen finden eigentlich keine Fluͤgel ſtatt, ſon - dern nur bloße Seitenrippen, die von einander frey und abgeſondert ſind. Dieſe Blaͤtter nun for - miren bey ihrer Entſtehung, wie man ſchon leicht vermuthen kann, keine Kante um den kleinen Ke - gel, ſondern dieſer excernirt ſeitwaͤrts einen Saft, der zuerſt unter der Geſtalt kleiner Hugel zum Vor -ſchein209der vor ſich beſtehenden, ꝛc. ſchein kommt, alsdann aber ebenfalls die Figur kleiner Kegel annimmt, woraus alſo freye Seiten - rippen werden wie ich dieſes uͤberhaupt auch bey allen Pflanzen, die zuſammengeſetzte Blaͤtter ha - ben, beobachtet habe. Nun ſind aber die Fluͤgel der Voͤgel, bey denen ich alle meine Verſuche an - geſtellt habe, allerdings breiter, und erſtrecken ſich weiter nach unten zu, laͤngſt den Ruͤckgrad herun - ter, als die Fuͤſſe der vierfuͤßigen Thiere. Soll - ten alſo nicht die Voͤgel mit einfachen uneinge - ſchnittenen Blaͤttern, die vierfuͤßige Thiere aber mit zuſammengeſetzten oder eingeſchnittenen zu ver - gleichen ſeyn, und folglich auch mit dieſen einer - ley Entſtehungsart haben; ſo nemlich, daß die erſte Anfaͤnge der Vorder - und Hinterfuͤße, oder der Arme und Fuͤſſe, niemahls wie bey den Voͤ - geln eine ganze Kante, ſondern gleich anfaͤnglich ſchon kleine Huͤgel geweſen ſind? Wahrſcheinlich iſt es, aber behaupten kann ich es nicht, weil ich die erſten Anfaͤnge bey vierfuͤßigen Thieren nie - mahls geſehn habe.

§. 66.

Mit den Nieren verhaͤlt es ſichExempel der Nieren. eben ſo. Die ſubtile aus Kuͤgelchen beſtehende Subſtanz, unter deren Ge - ſtalt ſie zu allererſt zum Vorſchein kommen, nimt im Anfange die ganze Hoͤhle des Unterleibes ein. Nachhero theilt ſie ſich zuerſt in die Mitte der Laͤnge nach von einander, ſo daß gleichſam zween Klumpen daraus werden; dieſe ziehen ſich mitOder2105. Kap. Von der Entſtehungsartder Zeit mehr und mehr zuſammen, bis ſie end - lich die Figur der Nieren erhalten. Wie alſo die Fuͤße und Fluͤgel im Anfange als ein einziger zuſammenhangender Theil entſtanden waren, nach und nach aber ſich in vier verſchiedene Theile von einander theilen; eben ſo ſind auch die Nieren als eine einzige Subſtanz abgeſondert, oder aus ihrem vorhergehenden Theile heraus getrieben worden, die ſich aber hernach in 2 Theile von ein - ander theilt. Jch glaube nicht noͤthig zu haben, noch etwas zum Beweiſe dieſer Entſtehungsart der vor ſich beſtehenden Theile hinzu zu ſetzen. Es iſt klar, daß es ſich hier eben ſo, wie bey den Pflanzen, verhalte.

§. 67.

Kurze Vor - ſtellung der ganzen Ent - ſtehungsart eines organi - ſchen Körpers.
3

Aus dieſem allen werden Sie ſich nunmehro leichtlich ſelber einen voll - ſtaͤndigen allgemeinen Begriff von der ganzen Formation eines organiſchen Koͤrpers machen koͤnnen. Die ver - ſchiedene Theile entſtehen nemlich alle einer nach dem andern, ſie entſtehen alle ſo, daß immer einer von dem andern entweder excernirt, oder deponirt wird, nachdem er entweder ein freyer vor ſich beſtehender Theil iſt, und nur an demjenigen, dem er ſeine Production zu verdan - ken hat, anhengt, und befeſtiget iſt, oder aber in - nerhalb demſelben eingeſchloſſen liegt; wie ſolches §. 48. 51. ſeq. von den Pflanzen, §. 62. ꝛc. von den Thieren gezeigt worden iſt, ſo daß alſo ein jeder Theil allemal, erſtlich ein Effekt eines andern vor -her -211der vor ſich beſtehenden, ꝛc. hergehenden Theiles iſt, und alsdann wiederum die Urſache anderer folgenden Theile wird. Ein jeder Theil iſt im Anfange, wenn er excernirt oder deponirt wird, unorganiſch, und er wird erſt or - ganiſirt, wenn er ſchon wieder andere Theile ex - cernirt hat, und dieſe Organiſation eines Theils geſchiehet entweder durch Gefaͤße und Blaͤschen, die in ihm formirt werden (§. 28.), oder durch zuſammengeſetzte Theile, die innerhalb ſeiner Sub - ſtanz deponirt werden. (§. 159.) Jene Excretion des einen Theils durch den andern, die ich, um ein einfaches Wort zu haben, Vegetation genennt habe, geht auf ſolche Art eine Zeitlang fort, end - lich aber hoͤrt ſie auf, und diejenige Theile, welche alsdann zuletzt excernirt worden ſind, bleiben die letzten, und excerniren keine andere weiter. Der - gleichen letzte Theile ſind alſo bey den Thieren die Finger zum Exempel, oder die Zaͤhen; bey den Pflanzen die kleine Zwiſchenraͤume der letzten und kleinſten Rippen in den Blaͤttern, wenn dieſe voͤl - lig erwachſen ſind.

§. 68.

Alſo findet nun, wie die VerſucheOrdnung, in welcher die Theile bey den Thieren auf einander fol - gen. Forma - tion des Rückgrades. lehren, bey dieſer nach und nach ge - ſchehenen Formation der Theile in den Thieren folgende Ordnung, in Anſe - hung der Zeit, ſtatt. Der erſte Theil, der excernirt wird, und der alſo gleich - ſam der Stamm aller uͤbrigen iſt, iſt der Anfang zum Ruͤckgrade und dem Kopfe; er iſtO 2noch2125. Kap. Von der Entſtehungsartnoch voͤllig unorganiſch; weder im Kopfe, der ſich nur durch ſeine abgeſtumpfte Rundung und durch ſeine Dicke vom Ruͤckgrad unterſcheidet, noch in dieſem ſelbſt, findet man die geringſte Spur von organiſchen Theilen, Gefaͤßen entweder, oder an - dern zuſammengeſetzten deponirten Theilen; ſon - dern beyde beſtehen durchgaͤngig aus einer Sub - ſtanz, die aus leicht zuſammenhengenden kleinen Kuͤgelchen zuſammengeſetzt iſt, und die ich, aus gewiſſem Grunde, ein zartes zellenfoͤrmiges Ge - webe mit Recht zu nennen glaube.

§. 69.

Der Flügel und Füße.
3

Dieſe erſte Grundlage des Thie - res excernirt alsdann auf beyden Sei - ten die Subſtanz zu den Fluͤgeln und Fuͤßen, die unter der Geſtalt einer Kante zum Vorſchein kommt, zu gleicher Zeit aber wird ſie ſelbſt organiſch durch zuſammengeſetzte deponirte Theile, die in ihr formirt werden; man ſieht nem - lich zu eben der Zeit, da man die Kante producirt ſieht, auch in dem Ruͤckgrade ſelbſt die Zuͤge von Wirbelknochen; wahre Knochen koͤnnen dieſes frey - lich noch nicht ſeyn, aber wohl Theile, die in der Folge eine Knochenſubſtanz deponiren, und daher jetzo ſchon dieſer Knochen ihre Figur haben. Dieſe Fluͤgel und Fuͤße alſo ſind zuſammen genommen der zweete Ausſchuß von Theilen, die von dem erſten, dem Ruͤckgrade, excernirt werden, und die wir alſo zuſammen den zweeten Grad der Vegeta - tion nennen koͤnnen. Wie ſich der Ruͤckgrad inder213der vor ſich ſelbſt beſtehenden ꝛc. der Folge weiter verhaͤlt, wollen wir hernach ſehn; vorjetzo aber wollen wir die Fluͤgel und Fuͤße verfolgen.

§. 70.

Dieſe, wenn ſie ſich in Huͤgel anDer Zähen. ihren Orten zuſammen gezogen haben, bleiben alsdann lange unveraͤndert, nur daß ſie in ihrer Groͤße zunehmen, und ihre aͤußerliche Figur ein wenig aͤndern. Jch habe dieſe Fluͤgel und Fuͤße in Embryonen, die ſchon Eingeweide im Unterleibe hatten, noch immer an ihren Enden ab - gerundet, mit einem ſtumpfen runden Rande ter - minirt und ohne den geringſten Anſatz zu den Zaͤ - hen gefunden. Endlich aber muͤſſen nothwendig an dieſem abgeſtumpften Ende der Fuͤße aus die - ſen die Zaͤhen excernirt werden. Jch habe den erſten Anfang der Zaͤhen niemals beobachtet; ich will aber ihre Formation einmal analogiſch muthmaſſen, und ich bin verſichert, man wird es bey angeſtellten Verſuchen, die hierbey leicht ſind, nicht anders befinden. Die Zaͤhen muͤſſen alſo wiederum bey einem Vogel, der geſpaltene Klauen hat, oder bey einem vierfuͤßigen Thiere von dieſer Art, ſo wie die Seitenrippen an den eingeſchnittenen Blaͤttern der Pflanzen, im An - fange unter der Geſtalt kleiner Huͤgel zum Vor - ſchein kommen, die ſich allmaͤhlig verlaͤngern, bey den Waſſervoͤgeln aber, wie bey Enten, wird ſich an dem abgeſtumpften Ende des Fußes, ſo wie bey den einfachen Blaͤttern, ein duͤnner durchſich - tiger Rand, oder eine Kante excerniren; in dieſerO 3werden2145. Kap. Von der Entſtehungsartwerden allmaͤhlich hellere Streifen entſtehen, die die Zwiſchenraͤume zwiſchen den Zaͤhren oder die ausgeſpannte Haut ſind. Bey den Fledermaͤu - ſen wird nach geſchehener Excretion der Fluͤgel gar keine Excretion weiter ſtatt finden, ſondern es wird durch die Wirkung einer Depoſition in der erſten Kante, um den Ruͤckgrad, ſo gleich ſchon alles dasjenige vergehen, was von den Zaͤhen der Enten geſagt worden iſt. Es kann nicht fehlen, die Sache muß ſich ſo verhalten, indeſſen iſt es doch nur eine Muthmaſſung, weil ich ſie nicht ge - ſehn habe. Dieſe Zaͤhen nun aber, denn produ - cirt werden ſie gewiß, ſind nunmehro der zweyte Grad der Vegetation, oder der zweyte Ausſchuß von Theilen, und auch der letzte auf dieſer Seite, denn ſie excerniren nun weiter keine andere Theile. So wie der Rruͤckgrad alſo vorhin auf jeder Seite zween Theile excernirt hatte, ſo excernirt nunmeh - ro ein jeder von dieſen Theilen, wenigſtens bey vierfuͤßigen Thieren mit Zaͤhen, wiederum vier dergleichen Theile, und alsdann hoͤrt die Vegeta - tion auf Seiten des Ruͤckgrads auf.

§. 71.

Weiteres Ver - halten des Rückgrades.
3

Nachdem der Ruͤckgrad auf bey - den Seiten die Fluͤgel und Fuͤſſe excer - nirt hat, ſo ruhet er eine Zeitlang. Alsdann aber, wenn dieſe Theile ſchon in Huͤgel nach oben und unten ſich zuſammengezogen haben, alsdann unternimmt er eine neue Excretion. Nem - lich an ſeiner vordern Flaͤche, auf welche er ruhet,faͤngt215der vor ſich beſtehenden ꝛc. faͤngt nunmehro an eine Subſtanz, die der vori - gen Seitenkante in allem aͤhnlich iſt, ſich zu excer - niren; ſie beſteht aus Kuͤgelchen, wie die vorige, ſie nimmt die ganze vordere Flaͤche des Ruͤckgra - des ein, und ich halte ſie wiederum fuͤr ein zartes zellenfoͤrmiges Gewebe. Hiervon dependirt eine beſondere Erſcheinung. Nemlich der Embryo ver - aͤndert zu dieſer Zeit oder kurz nachhero ſeine Lage, er drehet ſich um; da er bishero auf ſeine Vorder - flaͤche gelegen hat, ſo wirft er ſich auf die eine Seite, und dieſes geht ſo zu; die zellenfoͤrmige Subſtanz welche vorwaͤrts excernirt wird, zieht den Embryo nach forne zu zuſammen, und zwar all - maͤhlig um ſo viel mehr, je ſolider die Subſtanz wird; daher ſehen Sie in der eilften Figur meiner Diſſertation, die ich ohne beſondere Abſicht ſo ge - zeichnet habe, wie ich ſie geſehn habe, und wo der Embryo noch ſo, wie in der fuͤnften Figur, auf ſeine Vorderflaͤche liegt, den Schwanz und den obern Theil des Ruͤckgrades ſchon etwas gekruͤmmt, da im Gegentheil der juͤngere in der fuͤnften Figur noch ſchnurgerade ausgeſtreckt liegt. Jn der Fol - ge iſt es bekannt, daß ſich der Embryo endlich ſo weit zuſammen zieht, daß er mit ſeinem dicken Ko - pfe beynahe den Schwanz erreicht, und auch in meiner dreyzehenden Figur, wo der Embryo ſchon auf der Seite liegt, ſehen Sie ſchon eine ſehr merk - liche Kruͤmmung des Ruͤckgrades, und beſonders des Schwanzes, mit einem Theil der zellenfoͤrmi - gen Subſtanz, wodurch er zuſammengezogen iſt, und aus der die Nieren werden. Ganz |zuletztO 4wird2165. Kap. Von der Entſtehungsartwird er wieder etwas gerader. Meine vierzehende Figur iſt von der Gattung. Wenn er ſich alſo auf dieſe Art mit dem Kopf und den gekruͤmmten Schwanz gegen den Boden ſtemmt, und mit dem Ruͤcken einen Bogen macht, ſo muß dieſer Em - bryo nothwendig auf die Seite fallen. Das geht alſo ſehr mechaniſch zu. Dieſes Welzen des Em - bryo iſt mit allen dem artig. Der allererſte, wie ich ihn geſehn, und in der vierten Figur vorgeſtellt ha - be, lag nicht, wie beym Malpighius, auf die Vor - derflaͤche, ſondern auf der Seite, und alsdann erſt, wenn er anfaͤngt ſeine Seitenkante zu bekommen, legt er ſich auf die Vorderflaͤche. Sie ſehen ſchon, alle dieſe Wendungen ſind eben ſo viel Effeckte der verſchiedenen Excretionen, die nach und nach vorgehen. Jn der erſten Lage wird der Ruͤckgrad excernirt; denn dieſer Embryo liegt noch nicht, wie bald nachher, in der Mitte des Amnii frey, ſondern er hengt noch mit ſeiner Hinterflaͤche an der Membran deſſelben feſt. So wuͤrde er liegen bleiben, wenn er gleich nicht befeſtiget waͤre; al - lein nachhero excernirt er auf beyden Seiten die Kante zu den Fluͤgeln und Fuͤſſen, er wird alſo da - durch breit und platt, und faͤllt deswegen auf die Vorderflaͤche; endlich excernirt ſich zum dritten - mahl die Subſtanz auf der Vorderflaͤche; der Em - bryo wird dadurch gekruͤmmt, und faͤllt wieder auf die Seite. Dieſe Subſtanz nun alſo iſt der erſte Anfang, zu den Eingeweyden des Unterleibes, und zum Unterleibe ſelbſt. Sie iſt alſo ein zweeter Aus - ſchuß von Theilen, oder eine zwote Excretion,die217der vor ſich beſtehenden ꝛc. die der Ruͤckgrad macht, und die er zwar nun nach forne zu macht.

§. 72.

Unter allen Eingeweiden des Un -Formation der Eingewey - de des Unter - leibes. terleibes habe ich die Nieren am ge - naueſten und bis zu ihrer Vollkom - menheit unterſucht, wie meine Figu - ren zeigen. Es verhaͤlt ſich aber mit allen Einge - weyden uͤberhaupt eben ſo, wie mit der Formation der Fluͤgel und Fuͤſſe. Jm Anfange ſind ſie alle, ſo wie die Seitenkante war, eine einzige in eines fortgehende Subſtanz, (Subſtantia continua) die, wie ich im vorigen §. geſagt habe, die vordere Flaͤche des Ruͤckgrades einnimmt; allmaͤhlig aber ſcheidet ſich dieſe Subſtanz an verſchiedenen Orten von einander, und macht daher verſchiedene Klum - pen von einer ſolchen Subſtanz. Dieſes habe ich bey den Nieren nach allen Graden zugeſehn. Die Subſtanz derſelben iſt im Anfange eines, alsdann wird ſie in der Mitte allmaͤhlig duͤnner, in den Seitentheilen aber dicker; endlich verſchwindet ſie aber in der Mitte voͤllig, und wir haben nunmeh - ro zwo Nieren. Eben ſo muß es ſich auch mit der Leber und der Subſtanz des Unterleibes ſelbſt verhalten ob ich gleich nicht bey ihnen alles eben ſo genau beobachtet habe. Die Haut und das zellenfoͤrmige Gewebe des Unterleibes (denn Mus - keln werden noch lange nicht generirt) die Leber, die Nieren, die Milz, alles iſt eines geweſen (der Kanal der Gedaͤrme ſcheint eine beſondere Excre -O 5tion2185. Kap. Von der Entſtehungsarttion zu ſeyn) und hat ſich in der Folge allmaͤhlig von einander geſchieden. Aber dieſes voneinan - der ſcheiden iſt eben dieſelbe Erſcheinung wieder, die wir bey der Seitenkante das Wegziehen dieſer Subſtanz von einem Orte und das ſtaͤrkere An - haͤufen derſelben an einem andern Orte nennten, und es wird alles auf die nemliche Art und durch einerley Urſachen, die ich in der Diſſertation im Scholio des 228. §. angegeben habe, zuwege gebracht.

§. 73.

die wiederum ein Beweiß wider die Evo - lution iſt.
3

Noch ein einzigesmahl erlauben Sie mir einige Worte noch von den Begriffen des Herrn Bonnets, von der Evolution zu ſagen. Jch finde hier wiederum ein Argument. Das iſt allemahl der Charakter der Wahrheit: wo Sie hinſehen, finden Sie Beweiſe davon; und das hingegen iſt das Kennzeichen einer unrichtigen Hypotheſe: die ganze Natur proteſtirt dawider. Nach den Be - griffen der Evolution muͤſſen die organiſchen Thei - le aus ihrem Zuſtande der Kleinheit und Unſicht - barkeit allmaͤhlig hervorwachſen, und endlich ſich unſern Augen darſtellen; und ſie muͤſſen zwar in ihrem allererſten Zuſtande ſchon eben ſo organiſch ſeyn, und eben die Figur haben, wie wir ſie bey Erwachſenen finden, nur daß ſie ſehr klein ſind, und undurchſichtig ſeyn ſollen. Nach dieſen Begrif - fen alſo muͤſſen wir die Theile, ſo bald wir ſie ſehn, ſo bald ſie nicht mehr zu klein oder zu durchſichtigdazu219der vor ſich beſtehenden ꝛc. dazu ſind, ſo gleich auch in ihrer natuͤrlichen Lage, Figur und Organiſation antreffen. Es muͤſten, wenn wir zum erſtenmahle die Nieren ſehen, ein Paar ganz kleine, kleine Nierchens, die auch, wenn wir in allen den Begriffen des Herren Bonnets folgen wollen, noch ſo durchſichtig wie ein Cryſtall ſeyn muͤſten, zum Vorſchein kommen. Aber wie wenig ſtimmt dieſes mit der Erſcheinung, die wir beobachten, uͤberein? Eine in einem fortgehende Subſtanz, die die ganze Vorderflaͤche des Embryo einnimmt, iſt die gemeinſchaftliche Anlage zu allen Eingeweyden des Unterleibes! Es iſt wahr, und ich habe ſchon im vorhergehenden davon geſagt, dieſe Entſtehungsart, wie ich ſie beobachtet und vorgetragen habe, iſt ſo unerwartet, daß durch Vermuthung kein Menſch jemahls ſich eine ſolche Vorſtellung davon wuͤrde haben machen koͤnnen, und ich wuͤrde ſelbſt am wenigſten darauf gefallen ſeyn, und daher iſt es nicht zu bewundern, daß Herr Bonnet, der ſich uͤberhaupt in dieſe Art der Verſuche eben nicht beſonders eingelaſſen zu haben ſcheint, ſich ſolche Begriffe von den Erſcheinun - gen bey dieſer Sache gemacht hat, die ſo ſehr von der Wahrheit entfernt iſt. Eben daher glaube ich auch, iſt es gekommen, das Niemand von den Beobachtern die allererſten Anfaͤnge der Theile ent - deckt hat; denn wenn ſie gleich dieſe erſte Anlagen zu denſelben geſehn haben, ſo haben ſie ſolche doch wegen ihrer großen Unaͤhnlichkeit mit dieſen Thei - len nach allen ihren Eigenſchaften, nicht dafuͤr er - kennen, oder auch wohl wegen dem wenigen Be -ſondern2205. Kap. Von der Entſtehungsartſonderen, welches dieſe erſte Anfaͤnge haben, und wodurch ſie in die Augen fallen koͤnnten, gar nicht einmahl wahrnehmen koͤnnen. Es gehoͤrt nicht nur Behutſamkeit, denn dieſe ließe ſich endlich noch erlangen, ſondern hauptſaͤchlich Aufmerkſam - keit zum Beobachten. Man muß nicht ſchlaͤfrig ſeyn, wenn man etwas ſehen will.

§. 74.

Urſache des Rückgrades.
3

Hieraus ſehen Sie alſo, wie bey den Thieren allmaͤhlich die ganze For - mation des Koͤrpers geſchiehet, wie ein Theil nach dem andern herfuͤrgebracht wird, wie ein Theil immer den andern excernirt oder de - ponirt*)Jch muß aber hier von der Art dieſer Excretion noch eine Anmerkung machen; Es hat mir bey meinen neueſten Obſervationen geſchienen als wenn der Saft, indem er aus einem vorhergehenden Theile zur Anla - ge eines neuen Theils excernirt wird, nicht voͤllig uͤber der Oberflaͤche des vorhergehenden Theiles her - ausgetrieben wuͤrde, ſondern vielmehr unter der aͤuſ - ſerſten Membran deſſelben, die uͤberaus duͤnne und zart iſt, ſitzen bliebe, und auf dieſe Art durch ſeine Anhaͤufung und durch die Erhebung und Ausdehnung der Membran jene Erhabenheiten und Huͤgel als die erſten Anlagen neuer Theile zuwege braͤchte; ſo wie wir durch Anhaͤufung der Saͤfte unter der Epider - mis oͤfter verſchiedene Arten von Ausſchlaͤgen oderBaͤu -. Eine Frage bleibt noch uͤbrig, die Jhnen ſchon oͤfter hierbey wird eingeſallen ſeyn. Der Ruͤckgrad war der erſte Theil und die Grund -lage221der vor ſich beſtehenden, ꝛc. lage der uͤbrigen; wenn aber alle fuͤr ſich beſtehen - de Theile durch die Exeretion herfuͤrgebracht wer - den, von welchem Theile iſt der Ruͤckgrad excer - nirt worden? Nothwendig vom Ey! ſo wie die - ſes vom Eyerſtock. Schon bey den Fluͤgeln und Fuͤßen haben ſie ein Ende der Vegetation erfol - gen ſehn; aber das war nur ein Ende der Vege - tation in der Seitenkante, die das iſt, was die Vegetation eines Blattes bey den Pflanzen iſt, indeſſen fuhr der Embryo forne noch fort zu vege - tiren. Die letzte Vegetation, die unmittelbar aus dem Ruͤckgrade ihren Urſprung nimmt, iſt die, wodurch der Eyerſtock producirt wird, dieſer ex - cernirt noch das bey vierfuͤßigen Thieren ſogenann - te corpus luteum, bey Voͤgeln das Ey, doch oh - ne dem Amnio, und hiermit hoͤrt endlich auch die - ſe Vegetation und mit ihr zugleich alle Vegeta - tion des ganzen Embryo auf. Wenn nun nach einer gewiſſen Zeit der maͤnnliche Saamen, andie -*)Baͤulen und Auswuͤchſe ſich generiren ſehen. Dieſes findet nicht nur bey den Thieren ſondern auch bey den Pflanzen ſtatt, und es laͤßt ſich hieraus um ſo viel leichter begreifen, warum der Saft zu der erſten Zeit da er noch fluͤßig iſt nicht zerfließet, und es ſcheint daher auch nothwendig zu ſeyn, daß es ſich mit der Excretion auf dieſe, und auf keine anderr Art, verhalten muͤſſe. Uebrigens iſt aber dennoch die Ex - cretion immer von der Depoſition ſehr verſchieden. Bey dieſer wird der Saft zwiſchen den organiſchen Theilen abgeſetzt bey jener bleibt er nur unter der Epi - dermis; dieſe aber rechne ich nicht mit zu den orga - niſchen Theilen.2226. Cap. Von der Conception. dieſes letzte Produckt der Vegetation, an den letz - ten Theil des Embryo gebracht wird, ſo faͤngt alsdann die Vegetation hier wiederum an, wo ſie ſtehn geblieben war; das Ey excernirt das Amni - um, und dieſes den Ruͤckgrad. Dieſe Urſache, warum die Vegetation mit der Excretion des Eyes voͤllig aufhoͤrt, und nicht anders als durch das Zuthun des maͤnnlichen Saamens wieder ange - fangen werden kann, wollen wir nun im folgen - den Kapitel unterſuchen.

6. Kap. Von der Conception.

§. 75.

Entwicklung des Begriffs der Concepti - on, uud Zu - ſammenhang derſelben mit den übrigen Funktionen, die zuſammen die Genera - tion ausma - chen.
5

Jch habe mit der Enſtehungsart der - jenigen Theile, die zu allerletzt formirt werden, der Gefaͤße nemlich und des zellenfoͤrmigen Gewebes den Anfang gemacht. Dabey ſetzte ich zum Voraus, daß der Theil, in wel - chem die Gefaͤße, oder die Zellen, formirt werden, ſchon exiſtirte, ob - wohl ohne Gefaͤße, ohne Zellen, und voͤllig unorganiſch. Alsdann habe ich in den folgenden beyden Kapiteln die Entſte - hungsart dieſer Theile erklaͤrt, in welchen die Ge - faͤße formirt werden, die alſo eher als die Gefaͤße hervorgebracht werden, und die deswegen bey der -ſel -2236. Kap. Von der Conception. ſelben Erklaͤrung als ſchon exiſtirend angenommen werden muſten. Hierzu wurde von dem neuen Theile, welcher formirt werden ſollte, ſelbſt, noch gar nichts erfordert, wie ſolches bey den Gefaͤßen noͤthig war; allein andere Theile wenigſtens, eben derſelben Pflanze, oder eben deſſelben Thieres, wel - ches durch alle dieſe hervorgebrachte und noch her - vorzubringende Theile entſtehen ſollte, wurden dabey allerdings als ſchon exiſtirend angenom - men, andere Theile nemlich, aus welchen der Saft, der zur Formation des neuen Theils noͤthig war, herausgetrieben wurde. Jetzo endlich werde ich die Entſtehungsart derjenigen Theile erklaͤren, welche die allererſten Theile der ganzen Pflanze, oder des ganzen Thieres ſind, und die zu ihrer Hervorbringung gar keine andere Theile, die vor ſie hergehen ſollten, noͤthig haben. Dieſe aller - erſten Theile aber einer Pflanze oder eines Thie - res, ob ſie gleich keine andere Theile, die zu eben der Pflanze oder Thier gehoͤrten, zu ihrer Her - vorbringung noͤthig haben, ſo erfordern ſie den - noch etwas, ohne welchem ſie nicht hervorgebracht werden koͤnnen; ſie erfordern nemlich eine andere Pflanze, oder ein anderes Thier, von eben der - ſelben Art, als eben dasjenige iſt, welches aus dieſen und den folgenden hervorzubringenden Thei - len zuſammengeſezt werden ſoll.

Sie ſehen alſo, daß zu denen Theilen, wel - che zu allerletzt formirt werden, den Gefaͤßen, nem - lich, und den Zellen, am allermeiſten zum Vor - aus geſetzt wird. Es muß zu ihrer Hervorbrin -gung2246. Kap. Von der Conception. gung nicht nur eine Pflanze von eben der Art, ſondern es muͤſſen auch Theile eben derſelben Pflanze, ja es muß ſchon die Subſtanz eben deſ - ſelben Theils, in welchem ſie formirt werden ſol - len, vor ihnen vorhergehen. Zu denen Theilen, welche naͤchſt vor ihnen entſtehen, den vor ſich beſtehenden Theilen wird ſchon weniger erfordert; es darf nur bloß eine andere Pflanze von eben der Art, und andere Theile eben derſelben Pflanze, vor ihnen vorhergehen. Zu denen allererſten Theilen wird am wenigſten erfordert, nemlich bloß eine andere Pflanze von eben der Art.

Diejenige Verrichtung oder Wirkung der Natur, durch welche dieſe allererſten Theile einer Pflanze oder eines Thieres hervorgebracht werden, und welche in einer Pflanze oder in einem Thiere vom 2ten Geſchlecht, und zwar nicht eher, als nach Vereinigung beyder Geſchlechter geſchie - het, nenne ich, in ſo fern die Vereinigung beyder Geſchlechter, oder das Zuthun des maͤnnlichen Saamens, nothwendig dazu erfordert wird, die Conception. Niemand hat jemals etwas anders unter dieſem Worte verſtanden, nur daß man die Sache nicht diſtinkt gedacht, und deswegen auch nicht deutlich ausgedruͤckt hat.

Wie ich hier die Verrichtung der Natur, durch welche die allererſten Theile einer Pflanze hervorgebracht werden, Conception nenne, ſo habe ich in meiner Diſſertation diejenige Verrich - tung, durch welche nach dieſem erſten Theile an -dere2256. Kap. Von der Conception. dere mehrere vor ſich beſtehende Theile hervorge - bracht zu werden fortfahren, Vegetation, diejenige aber, durch welche Gefaͤße und Zellen in dieſen Theilen formiret werden, Nutrition genennt, und uͤber dieſe, da ich von verſchiedenen Gattungen der vor ſich beſtehenden Theile in den Pflanzen habe reden, und ſolche erklaͤren muͤſſen, noch ver - ſchiedene andere dergleichen natuͤrliche Verrich - tungen angegeben.

§. 76.

Wann Sie jene Gradation, wor -Fortſetzung dieſer Be - griffe. inn immer wenlger und weniger zur Hervorbringung der Theile erfordert wurde, je nachdem dieſe dem erſten Anfange der ganzen Pflanze naͤher waren, und worinn die al - lererſten Theile am allerwenigſten, nemlich bloß eine Pflanze von eben der Art, noͤthig hatten, noch weiter fortgeſetzt haben wollen, ſo kann ich ſolches wirklich thun; Sie werden nemlich in die - ſer letzten Stuffe nunmehro eine Pflanze oder ein Thier bekommen, welches zu ſeiner Hervorbrin - gung kein anderes Thier, ſondern bloß eine Na - tur, bloß eine Welt noͤthig hat. Wenn eine Pflanze oder ein Thier, durch Huͤlfe einer andern Pflanze oder eines andern Thieres von eben der Art herfuͤr gebracht wird, ſo iſt dieſes diejenige natuͤrliche Verrichtung, welche eigentlich Gene - ration muß genennt werden; wenn ſolches aber auf eine andere Art und durch andere Mittel von der Natur bewerkſtelliget wird, wenn kein orga -Pniſcher2266. Kap. Von der Conception. niſcher Koͤrper von eben der Art zur Herfuͤrbrin - gung eines ſolchen Koͤrpers angewendet wird, ſo nenne ich dieſes im eigentlichen Verſtande eine Entſtehung. Es giebt noch heutiges Tages der - gleichen Entſtehungen in der Natur. Die neuere Naturforſcher quaͤlen ſich noch beſtaͤndig fort um neue Beweiſe fuͤr dieſelben zu ſammlen, weil an - dere ſo hartnaͤckig ſind, und die einmal gefaßte Meynung, daß alle lebendige Geſchoͤpfe aus einem Ey entſtehen ſollen, nicht wieder verlaſſen wollen. Was aber die Erklaͤrung der Entſtehungen anbe - trifft, ſo iſt bishero davon noch nichts gedacht worden.

§. 77.

Erklärung der Concep - tion.
5

Allein nunmehro will ich zu dem, was ich eigentlich in dieſem Kapitel abhandeln ſoll, zu der Erklaͤrung der Conception, ſelbſt uͤbergehen. Was ich bishero geſagt habe, dient nur einen allgemeinen Begriff von demjenigen ganzen Geſchaͤfte der Natur zu machen, wodurch ſie organiſche Koͤrper herfuͤr - bringt. Jch werde Sie jetzo von einigen gerin - gen Erſcheinungen durch ganz natuͤrliche und leichte Schluͤße bald zu wichtigere Wahrheiten, und endlich zu unſerm Ziel, zu die Art, wie die Conception geſchiehet, ſelbſt hinauf fuͤhren.

§. 78.

Was es mit der Vegetation
5

Jch habe in dem vorhergehenden (§. 55.) ſchon erinnert, daß keinBlatt2276. Kap. Von der Conception. Blatt in einer Pflanze entſtehen kann,einer einfa - chen Pflanze für eine Be - wandniß hat. Sie hört nach geſchehener Production der Fruktifica - tion auf. daß nicht zugleich mit ihm mehrere, und zugleich ein Aſt hervorgebracht wuͤrden, woran dieſe alle befeſtiget ſind. Jch habe an eben dem Orte zu - gleich ſelbſt aus der Entſtehungsart eines Blattes gezeigt, warum dieſes ſich nothwendig ſo verhalte.

Aus einem andern Grunde, der ſich in der Folge bald von ſelbſten erklaͤren wird, muß ich jetzo noch hinzu ſetzen, daß auch nicht einmal ein Blatt entſtehen koͤnne, daß nicht, nachdem nach und nach mehrere Blaͤtter auf ihm gefolget ſind, die alle an einem gemeinſchaftlichen Aſt feſt ſitzen, endlich auch ſogar eben ſo nothwendig, dafern das Leben nicht unterbrochen wird, eine vollſtaͤndige Fruktification oder eine Blume und eine Frucht zugleich mit erfolgen ſollte, die ebenfalls mit zu der beſondern einfachen Pflanze gehoͤret, welche die Blaͤtter mit dem Aſt zuſammen genommen vorſtellen, und wodurch nunmehro endlich die gan - ze Vegetation, oder Hervorbringung neuer vor ſich beſtehender Theile, zu welcher gleich bey Her - vorbringung des erſten Blatts ſchon der Grund gelegt war, voͤllig beſchloſſen wird, eben ſo wie ſolches bey den Thieren nach geſchehener Pruduk - tion des Eyes geſchiehet, (§. 74.) ſo gar, daß we - der aus dieſer erſten Anlage, die gleich bey Her - vorbringung des erſten Blatts beſtimmt wurde, noch ferner neue Theile entſtehen koͤnnen, noch auch, daß ſolches durch eine neue hinzukommendeP 2Urſache2286. Kap. Von der Conception. Urſache in eben demſelben Vegetationspunkt, wor - aus nemlich die bisherigen Blaͤtter, der Aſt ſelbſt, und die Frucht mit der Blume entſtanden ſind, ge - ſchehen koͤnte. Man muß die ganze Anlage zur Hervorbringung neuer vor ſich beſtehender Theile, ohne welcher dergleichen ganzen Anlage kein Blatt allein entſtehen kann, als ein ganzes Syſtem von Veraͤnderungen anſehen, die alle ihren Grund gleich in der erſten Veraͤnderung haben, und die alſo nothwendig, dafern dieſe Reihe von Veraͤn - derungen einmal angefangen iſt, alle auf einander erfolgen; und dieſes Syſtem von Veraͤnderungen nun alſo, ſage ich, wird durch Herfuͤrbringung der Frucht beſchloßen, ſo daß die Frucht nemlich die letzte Veraͤnderung iſt, welche ihren Grund in der erſten Anlage oder auch in der vorhergehenden Reihe der Veraͤnderungen gehabt hat.

§. 79.

Beſchaffen - heit der Fruk - tification, in - ſofern daraus die Urſache zu erkennen iſt, warum nach ihrer Produk - tion die Vege - tation aufhö - ret. Jhre Theile ſind nichts anders als modifi - cirte Blätter.
5

Um nun zu wiſſen, was dieſe Fruk - tification, wodurch die einmal deter - minirte Vegetation geendiget wird, fuͤr ein Ding ſey; ſo erinnern Sie ſich dasjenige wieder, was ich ebenfalls ſchon in dem Vorhergehenden von ih - ren Theilen geſagt habe. Sie wer - den, wenn Sie wiſſen, was ſie ſey, daraus bald die Urſache begreifen, warum durch ihr die Vegetation geen - diget werden muͤſſe. Ueberdem da durch den Grund der gleich beym An -fange2296. Kap. Von der Conception. fange zu der ganzen Reihe von Veraͤnderungen gelegt wurde, bishero lauter Blaͤtter, die ſich alle einander aͤhnlich waren, herfuͤr gebracht wurden; ſo fraͤgt ſich hier wiederum, was iſt nun die Fruk - tification, die ſo ſehr von den bisherigen Blaͤttern verſchieden ausſieht? Auch in dieſer Abſicht, und aus dieſem Geſichtspunkte, muͤſſen wir die Frukti - fication kennen lernen. Jch habe aber in dem Vorhergehenden geſagt, ihre Theile ſeyn weiter nichts als modificirte oder veraͤnderte Blaͤtter. Jch will die Gruͤnde, wodurch dieſes ſehr klar wird, kurz noch einmal anfuͤhren. Der Kelch iſt der erſte Theil der Fruktiſication; dieſer iſt bey der Sonnenblume weiter nichts als eine Anzahl dicht zuſammen gehaͤufter kleinerer Blaͤtter, als die vorhergehenden gewoͤhnlichen ſind. Bey den Graſen beſteht er gemeiniglich aus zwey Blaͤttern, die kuͤrzer ſind, da die vorhergehenden ungleich laͤnger waren. Die Blumenblaͤtter ſind wieder - um nichts anders; die Graſe beweiſen dieſes. Dieſer ihre Blume iſt vom Kelch nicht im gering - ſten unterſchieden; ſie iſt alſo von den vorherge - henden gewoͤhnlichen großen Blaͤttern eben ſo, und nicht anders verſchieden, als der Kelch von ihnen verſchieden iſt. Sollte ihnen die Farbe der Blu - me anſtoͤßig ſeyn, ſo ſehen Sie nur auf die Sta - tice. Dieſe hat viel Kelche, der unterſte iſt blaß und ohne Farbe, die folgenden fallen allmaͤhlich immer mehr und mehr ins roͤthliche; der oberſte, welcher nunmehro die Blume ſelbſt iſt, denn es gibt keine andere, und ſie hat auch alle Eigen -P 3ſchaften2306. Cap. Von der Conception. ſchaften einer Blume, iſt alſo am ſtaͤrkſten ge - faͤrbt, uͤbrigens aber der Figur nach nicht im ge - ringſten von den vorhergehenden Kelchen unter - ſchieden. Werden Sie nun noch zweifeln, daß Kelch und Blume, und folglich auch Blaͤtter, Kelch und Blume dem Grunde nach einerley ſeyn? Die Staubfaͤden uͤbergehe ich, weil an ihnen bey unſerm Vorhaben nichts gelegen iſt. Die Frucht kan man am beſten bey den leguminoſis (an den Schoten) oder auch an den cruciformibus erken - nen. Dieſe Saamenkapſeln verrathen ihre Na - tur zu deutlich, wenn ſie reif ſind, und ihre Val - veln von einander ſpringen; eine jede Valvel iſt alsdann ein wahres Blatt, und niemand kann es verkennen. Bey einigen Arten haben ſie ſo gar Nerven, wie andere Blaͤtter haben. Allein ſo lange ſie noch im Piſtill ſind, ſollte man es ihnen nicht anſehen, daß ſie aus Blaͤttern beſtehen. Mit dem Saamen verhaͤlt es ſich eben ſo. Er verraͤth ſich, ſo bald er in die Erde geſteckt wird. Denn alsdenn gehen ſeine Seitentheile in Blaͤt - ter uͤber, allein dieſes geſchiehet nicht eher, als bis er in die Erde geſteckt wird, wo er eine neue Kraft bekommt, die er, ſo lange er in der alten Pflanzen iſt, und einen Theil derſelben ausmacht, von ihr niemals erhaͤlt. Er iſt alſo auch der - jenige Theil der Fruktification der am allerwe - nigſten den Blaͤttern aͤhnlich ſieht, und der alſo am ſtaͤrkſten modificirt iſt.

§. 80.2316. Kap. Von der Conception.

§. 80.

Allein dieſes iſt noch nicht hin -Sie ſind zwar unvollkomm - ne Blätter. laͤnglich; wir muͤſſen die Fruktifica - tion noch um etwas naͤher kennen. Es ſind modificirte Blaͤtter; allein die Art dieſer Modification! Es ſind veraͤnderte Blaͤtter; allein auf was fuͤr eine Art ſind ſie veraͤndert? Dieſes laͤßt ſich eben ſo leicht, und leichter noch, als das vorige aus dem bloßen Anſehen erkennen. Die Blaͤtter, welche den Kelch in der Sonnenblume ausmachen, ſind kaum den achten Theil ſo breit, als die gewoͤhnlichen Blaͤtter; und ſind dabey viel kuͤrzer. Von dem Kelch und der Blume in den Graſen habe ich eben dieſes ſchon erinnert; beyder ihre Blaͤtter, woraus ſie beſtehen, ſind kaum den 50ſten Theil ſo lang, als die gewoͤhnli - chen Graßblaͤtter, und ſind dabey viel ſchmaͤhler. Die Frucht, oder Saamenkapſel, wenn ſie im Piſtill betrachtet wird, (wo ſie eigentlich betrach - tet werden muß, denn die Kraft, wodurch ſie in ein Pericarpium anwaͤchſt, iſt eine neu hinzukom - mende Kraft, davon die Blaͤtter und der Kelch niemahls etwas erfahren, und mit welcher, wenn ſie dieſelbe bekaͤmen, ſie ſich ebenfalls viel ſtaͤrker ausbreiten wuͤrden;) iſt kaum noch fuͤr zuſammen - geſetzte Blaͤtter anzuſehen, und nur einzig im Stigmate zeigen ſich noch einige Spuhren von dieſen zuſammengeſetzten Blaͤttern; ſo klein und ſo unvollkommen ſind hier die Blaͤtter ſchon, aus welchen die Frucht zuſammengeſetzt iſt. Dem Saamen endlich kann man es gar nicht mehr an -P 4ſehen,2326. Kap. Von der Conception. ſehen, daß er aus Blaͤttern zuſammengeſetzt ſey, und wir haben ihn daher auch nur bloß aus den Veraͤnderungen kennen lernen, die mit ihm vor - gehen, wenn er in die Erde geſteckt wird. Wo - durch ſind alſo nun die Blaͤtter in der Frucktifica - tion modificirt? Durch die Unvollkommenheit! Die Theile der Fruktification ſind weiter nichts als unvollkommne Blaͤtter.

§. 81.

Dieſe Unvoll - kommenheit der Blätter nimmt all - mählig zu je weiter die Ve - getation fort - geſetzt wird.
5

Sie werden aus den bisherigen Beſchreibungen der Theile der Fruck - tification bemerkt haben, daß dieſe Unvollkommenheit immer je laͤnger je mehr zunimmt. Die Blaͤtter, wor - aus die Blume beſteht, ſind unvoll - kommner, als die Blaͤtter des Kelchs; die Blaͤtter des Piſtills ſind unvollkommner, als die Blaͤtter der Blume, und die Blaͤtter des Saa - mens ſind die ſchlechteſten. Alles dieſes wird Jh - nen noch verſtaͤndlicher ſeyn, wenn ich nun hin - zuſetze daß ſelbſt die gewoͤhnliche Blaͤtter der Pflan - ze ſchon nach und nach immer unvollkommner werden, daß die, welche zuerſt herfuͤr gebracht wer - den, vollkommner, und die letzten die unvollkom - menſten ſind. Ja in der Sonnenblume und in vielen andern geſchiehet dieſes ſo deutlich, ſo ſchoͤn, daß Sie nicht ſagen koͤnnen, wo die gewoͤhnlichen Blaͤtter der Pflanze aufhoͤren, und wo die, die zum Kelch gehoͤren, anfangen.

§. 82.2336. Kap. Von der Conception.

§. 82.

Schon hieraus nun, aus dieſerUnd hieraus muß endlich das völlige Aufhören der - ſelben erfol - gen. Eigenſchaft der Frucktification, aus dieſem Verhaͤltniß, in welchem dieſel - be mit den gewoͤhnlichen Blaͤttern der Pflanze ſteht, werden Sie die Urſache abnehmen koͤnnen, warum, nach dem die Frucktification erſt herfuͤr gebracht iſt, alle fer - nere Herfuͤrbringung anderer Theile nothwendig aufhoͤren muß. Die Blaͤtter der Pflanze, und die, woraus die Frucktification beſteht, werden je laͤnger je unvollkommner. Die Vegetation wird alſo allmaͤhlig immer ſchwaͤcher. Wenn dieſes nun wuͤrklich ſo iſt, ſo muß nothwendig endlich die - ſe Vegetation, dieſe Herfuͤrbringung neuer Theile, gar aufhoͤren; denn ſonſt wuͤrde dieſelbe an einem Orte anfangen muͤſſen, in gleichem Grade fortzu - gehen. dieſes voͤllige Aufhoͤren nun alſo geſchie - het bey dem Saamen. Hier iſt alles ſchon ſo un - vollkommen, und die Vegetation folglich ſo ſchwach, daß nichts unvollkommneres nach ihm erfolgen kann.

§. 83.

Hieraus nun aber laͤſt ſich auchDie Urſache aller dieſer Veränderun - gen bey der Vegetation iſt der Mangel der Säfte. Dieſe Wahr - zugleich, und zwar ſehr leicht, die Urſa - che ſchließen, wodurch die Vegetation allmaͤhlich immer ſchwaͤcher wird, war - um allmaͤhlich immer unvollkommne - re Blaͤtter herfuͤrgebracht werden, und warum ſie endlich gar aufhoͤrt. WirP 5wiſſen2346 Kap. Von der Conception. heit a priori bewieſen.wiſſen nemlich, daß zum Wachsthum eine Pflanze und zur fernern Herfuͤr - bringung neuer Theile in derſelben weiter nichts erfordert wird, als erſtlich dieſe Pflanze ſelbſt, in ſo fern ſie nemlich unbeſchaͤdigt, geſund, und mit ihrer weſentlichen Kraft verſe - hen iſt, und zweytens eine hinlaͤngliche Menge von Nahrungsſaͤften, die in die Pflanze und alle ih - re Theile eindringen koͤnnen. Wenn beydes da iſt, ſo faͤngt die Pflanze an zu wachſen, und for - mirt neue Theile. Soll alſo die Vegetation ſchwaͤ - cher werden, oder gar aufhoͤren, ſo muß es noth - wendig an einem von beyden fehlen; entweder muß die Pflanze ungeſund oder beſchaͤdiget ſeyn, oder es muß an Nahrungsſaften fehlen. Soll aber die Pflanze an ſich geſund und unbeſchaͤdigt ſeyn, ſo kann es folglich, wenn an einem Orte derſel - ben die Vegetation dennoch nicht ſo wie bisher von ſtatten gehen will, wenn ſie ſchwaͤcher wird, an nicht anders liegen, als daran, daß die Nah - rungsſaͤfte nicht ſo haͤufig an dieſen Ort hindrin - gen, als ſie in die vorige Theile gedrungen ſind, und wenn endlich die Vegetation gar aufhoͤrt, ſo kann dieſes von nichts anders herruͤhren, als daß gar keine Nahrungsſaͤfte weiter bis in dieſen Ort hingetrieben werden. Nunmehro ſehen Sie auf unſern gegenwaͤrtigen Fall. Die Pflanze iſt da; ſie iſt auch geſund und unbeſchaͤdiget, und auch die Theile, und die Oerter, wo die Vegetation ſchwaͤcher wird, und wo ſie aufhoͤrt, ſind geſund und unbeſchaͤdiget; es kann alſo dieſes Schwaͤcher -werden2356. Kap. Von der Conception. werden und das Aufhoͤren der Vegetation von kei - ner andern Urſache, als von Seiten der Nahrungs - ſaͤfte, herruͤhren. Da, wo die Vegetation ſchwaͤ - cher wird, muͤſſen die Saͤfte anfangen ſparſamer hingetrieben zu werden, und um ſo viel ſparſamer, je ſchwaͤcher die Vegetation wird, und je unvoll - kommner die Theile ſind, die durch ſie producirt werden, und da, wo die Vegetation gar aufhoͤrt, als welches im Saamen und zwar in dem Theil deſſelben, der von Linnaͤus Roſtellum genennt wird, geſchiehet; da, ſage ich, muͤſſen zu der Zeit wenigſtens, wo dieſes Roſtellum aufhoͤren ſoll, neue Theile zu excerniren, gar keine Saͤfte weiter in daſſelbe eindringen. Dieſer Schluß iſt ſo richtig, daß ich eigentlich nichts weiter zum Beweiſe dieſer Wahrheit hinzuzuſetzen noͤthig haͤt - te; Da aber auf dieſe Wahrheit, daß das Aufhoͤ - ren der Vegetation von dem Mangel der Nah - rungsſaͤfte an dem Orte, wo die Vegetation ge - ſchehen ſoll, dependire, die ganze Theorie der Conception beruhet; da mir alſo wuͤrklich an die - ſem Satze viel gelegen iſt, und da ich allerdings auf ihn bauen will; ſo will ich ihn nach der Vor - ſchrift des Herrn von Hallers, (pag. 136.) durch mehrere Erfahrungen noch weiter beſtaͤrken. Die Urſache uͤbrigens, warum je laͤnger eine einfache Pflanze waͤchſt, je mehr ſie Ausſchuͤße |von Blaͤt - tern bekommt, dieſelbe auch um ſo viel weniger Nah - rungsſaͤfte bis in dieſe entferntere Theile hinauf - treibe, habe ich in der Diſſertation §§. 96-99. weitlaͤuftig auseinander geſetzt. Wir koͤnnen aberdieſe2366. Kap. Von der Conception. dieſe Urſache entbehren; es iſt genug wenn wir wiſ - ſen, daß die Sache ſelbſt ihre Richtigkeit hat.

§. 84.

Eben dieſel - be durch ande - re Erfahrun - gen beſtärket. Sie erhellet 1) Aus der Trockenheit felbſt die wir in den Theilen der Fruckrift - cation wahr - nehmen.
5

Die Theile der Fruktification zeigen nicht nur eine Unvollkommen - heit in ihrer Strucktur, ſondern ſie haben auch uͤberdem noch dieſe beſon - dere Eigenſchaft, daß ſie meiſtens trocken, ſteif, und leicht bruͤchig ſind, und man bemerkt dieſes ſo gar ſchon bey den Blaͤttern, daß ſie, je unvoll - kommner ſie werden, um deſto mehr in der Trockenheit zu nehmen. Bey einigen Pflanzen, inſonderheit bey denen, deren Blaͤtter nach und nach unvollkomm - ner werden, bis ſie endlich allmaͤhlig, nicht aber auf einmahl, in den Kelch uͤbergehen, wie bey der Sonnenblume, laͤſt ſich dieſes am deutlichſten wahrnehmen. Die unterſten Blaͤtter (die Saa - menblaͤtter ausgenommen) ſind die groͤßeſten und vollkommenſten, aber ſie ſind auch zugleich dieje - nigen, die den meiſten Saft haben. Je hoͤher man kommt, deſto kleiner und unvollkommner wer - den ſie, aber deſto weniger Saft haben ſie auch zugleich. Die letzten, welche ſchon den Kelch ausmachen, und die Kleinſten und Vollkommen - ſten ſind, haben, mit den Vorigen verglichen, uͤberaus wenig Saft; ſie beſtehen bloß aus ihren zwo Haͤuten, zwiſchen welchen keine fleiſchigte ſaf - tige Subſtanz, wie bey den vorigen enthalten iſt,und2376. Kap. Von der Conception. und ſind zaͤhe wie Leder. Die Korolle, die Anthe - ren, das Piſtill und der Saamen ſind noch trockner.

§. 85.

Man muß ſich hierbey nur nichtEin Zweifel dabey wird ge - hoben. durch die Beſchaffenheit der Fruͤchte, die bey einigen Pflanzen uͤberaus ſaf - tig ſind, irre machen laſſen. Linnaͤus wuͤrde mir vielleicht hieraus keinen Einwurf machen; Leſern aber, die die Geſetze der Vegetation nicht ſo gut kennen, muß ich die Sache einigermaſſen wenigſtens erklaͤren. Man muß die Frucht nicht als einen Theil der Pflanze anſehen, der mit in die Reihe der Theile der gewoͤhnlichen Vegeta - tion gerechnet werden kann, ſondern ſie iſt ein Theil, der aus einem andern, nemlich aus dem Germen durch eine befondere hinzukommende Ur - ſache, nachdem die Vegetation ſchon vollbracht iſt, entſteht. Jch habe dieſe Urſache in der Diſ - ſertation (§. 134.) erklaͤrt; hier iſt es genug, wenn wir wiſſen, daß die Frucht nicht mit in die Reihe der Theile gerechnet werden muß, die durch dieſe Vegetation, wovon die Rede iſt, allein producirt werden, und daß dieſes ſich ſo verhalte, ſehen wir daraus, weil zu der Zeit, da die uͤbrige Thei - le der Fruktification producirt werden, der Kelch, die Blume, das Stigma, die Antheren, noch kei - ne Frucht, ſondern nur ein Germen an deſſen Stelle vorhanden iſt. Was hernach dem Ger - men widerfaͤhrt, widerfaͤhrt den uͤbrigen Theilen nicht; daher muß nothwendig eine beſondere Urſa -che2386. Kap. Von der Conception. che vorhanden ſeyn, wodurch das Germen in eine Frucht verwandelt wird, die in den Urſachen der Vegetation noch nicht enthalten iſt; denn ſonſt muͤſten eben dieſe Veraͤnderungen auch mit dem Kelch den Antheren und dem Stigma vorgehen. Wir ſehen von dieſer Sache ein vollkommen aͤhn - liches Exempel an den Blaͤttern, die aus den Sei - tentheilen des Saamens (lobis ſeminalibus) ent - ſtehen, wenn dieſer in die Erde geſteckt wird. Wenn aber von der Formation des Saamens, und der Vegetation der alten Pflanze, wodurch er her - fuͤrgebracht wird, die Rede iſt, ſo betrachten wir den Saamen ſo, wie er ſich in der alten Pflanze befindet, nicht aber das, was aus ihm wird, wenn er von neuem in die Erde kommt. Eben ſo alſo muͤſſen wir es auch mit den Germen machen. Dergleichen Erſcheinungen, wenn ſie einem Na - turforſcher vorkommen, pflegen oft, ſo wie ſie ei - nen Beweis ſchwer machen, wohl große Hinder - niſſe bey der Erfindung zu ſeyn; der Wahrheit aber ſchaden ſie dem ohngeachtet nichts.

§. 86.

Sie erhellet 2) aus der Auflöſung der Theile in der Fruktifica - tion.
5

So wie die Trockenheit, vor - nemlich bey den Theilen der Fruktifi - cation, ſtatt findet, ſo findet bey eben denſelben auch noch eine ganz beſonde - re Erſcheinung ſtatt, die ein eben ſo vollkommner Beweis von dem Man - gel der Saͤfte iſt. Nemlich die ganze Theile zer - ſpringen in ihre kleinere Theile, woraus ſie zuſam -men2396. Kap. Von der Conception. mengeſetzt ſind. Die Saamenkapſel zerſpringt auf dieſe Art in ihre Valveln, wie wir inſonderheit bey den Schotengewaͤchſen (Leguminoſis, ſili - quoſis) ſehen; der Saamen zerſpringt in ſeine Seitentheile, und loͤſet ſich von der Frucht ab. Die Frucht faͤllt ſelbſt von der Pflanze herunter. Die Blumenblaͤtter fallen ebenfalls herunter; kurz die ganze Fruktification faͤllt von einander. Jch habe aber anderswo gezeigt, daß dieſe Abloͤſungen der Theile von andern Theilen, an denen ſie befe - ſtiget waren, von nichts anders herruͤhren, als von dem Mangel der Saͤfte, welche zuvor beſtaͤn - dig aus dem einen Theil in den andern uͤbergingen, nunmehro aber ausbleiben; dadurch nemlich wird der Ort, wo ſie mit einander zuſammenhaͤngen, trocken, zieht ſich zuſammen, und zerbricht; wir ſehen dieſes an ſehr haͤufigen Exempeln, und es iſt auch uͤberdem bekannt, daß die ganze Feſtigkeit der Pflanzen und thieriſchen Subſtanzen von den Saͤften herruͤhret, wodurch die erdigten Theile, wie durch einem Leim, zuſammenhaͤngen. Wenn alſo die Theile der Fruktification aufberſten, und von einander fallen, ſo iſt dieſes wiederum ein ſiche - res Zeichen von dem allenthalben in der Fruktifi - cation herrſchenden Mangel der Saͤfte. Man ſieht aber dieſes Aufſpringen und Zerfallen der Thei - le, oder vielmehr dieſe Trockenheit und dem Man - gel der Saͤfte ſelbſt, nirgend deutlicher und ſchoͤ - ner, als in den Antheren, die ich noch nicht ange - fuͤhrt habe; dieſe loͤſen ſich vors erſte von ihren Faͤden (Filamentis) ab, ſo daß ſie nur noch kaum,wie2406. Kap. Von der Conception. wie an einem Haar, an einer Faſer hengen bleiben, und von der geringſten Luft bewegt werden, da ſie vorhin, in ihrem juͤngeren Alter, wie ein Blatt an ſeinem Stiele befeſtiget waren, und aufgerich - tet ſtunden, denn ſo verhaͤlt es ſich im Anfange mit den Antheren aller Pflanzen; Alsdann platzet ein jedes Saͤckchen der Anthere auf; man ſieht es, daß die Trockenheit daran Schuld iſt, denn die Haut dieſer Saͤckchen wird zerbrechlich. Endlich wird die innere Subſtanz, die im fruͤhern Alter blaſen - artig war, nicht nur zerreiblich, ſondern ein wah - res trocknes Pulver, welches ſich verblaſen laͤßt, und wuͤrklich aus beſonderer Abſicht der Natur vom Winde zerſtreuet wird.

§. 87.

3) aus der Farbe| dieſer Theile.
5

Noch ein anderes Merkmahl der Trockenheit in den Theilen der Frukti - fication iſt die fremde, von der gruͤ - nen verſchiedene, Farbe, ſie ſey gelb, oder roth, wie ſie wolle, die wir allemahl in den Theilen der Fruktification antreffen. Wenn die Saͤfte, die in einem Theile befindlich ſind, in demſelben ſto - cken, und nicht beſtaͤndig mit friſchen Saͤften, die hinzukommen, erſetzt werden, ſo aͤndern ſie, da ſie ſich ſelbſt uͤberlaſſen, und den Kraͤften der Ve - getation nicht mehr unterworfen ſind, ihre Mi - ſchung, und verlieren dadurch ihre den Pflanzen eigene Farbe; und auf dieſe Art alſo, iſt eine an - dere als gruͤne Farbe in den Theilen der Pflanzen ein Zeichen von dem Mangel neuer hinzukommen -den2416. Kap. Von der Conception. den Saͤfte. Um aber nicht dieſen Beweis auf ei - ne Erklaͤrung zu bauen, die vielleicht falſch ſeyn koͤnnte, ſo will ich lieber den Satz, daß die fremde Farbe ein Zeichen des Mangels der Saͤfte iſt, durch eine andere, und ſehr gemeine Erfahrung bewei - ſen. Jm Herbſte, wenn die Blaͤtter an den Baͤumen ihre gewoͤhnliche gruͤne Farbe verlieren, und entweder eine ſchoͤne rothe oder voͤllig gelbe Farbe annehmen; wenn ſie ferner abfallen, und dabey zugleich ſo trocken werden, daß man ſie oft mit den Fingern zerreiben kann; und wenn man endlich dabey weis, daß eben zu dieſer Zeit die Saͤfte aus Mangel der Waͤrme, nicht mehr ſo haͤufig, oder gar nicht, durch den Baum ſteigen; wird man da zweifeln, daß jene drey Erſcheinun - gen die fremde Farbe, das Abfallen, und die Tro - ckenheit von dieſem Mangel der zufließenden Saͤf - te herruͤhren? Alle Theile der Pflanze, alle Blaͤt - ter, und ſelbſt das Holz nicht ausgenommen, verlieren, wenn ſie trocken werden, ihre gruͤ - ne Farbe, und werden gemeiniglich gelb, oder roth, ſo wie gemeiniglich die Theile der Fruktifi - cation, die Blumenblaͤtter, die Staubfaͤden, und die Fruͤchte ſind. Jch glaube nunmehro, daß die - ſes Merkmale genug von dem Mangel der in die Theile der Fruktification neu hinzufließenden Saͤfte ſeyn werden.

§. 88.

Jch will noch einen Verſuch hin -Eben die - ſe Wahrheit zu ſetzen, wodurch dieſe Wahrheit,Qdaß2426. Kap. Von der Conception. noch durch Verſuche be - ſtätiget.daß die Unvollkommenheit der Theile in der Fruktification einzig und allein von dem Mangel der zufließenden Nahrungsſaͤfte herruͤhre, außer allem Zweifel geſetzt wird. Man ſetze eine Pflanze, von der man ungefehr weis, wie viel Schuͤſſe von Blaͤt - tern ſie bekommen muß, ehe die Fruktification er - folgt, in ein ſehr magers Erdreich, ſo wird ſie auſ - ſer dem, daß ihre Blaͤtter ſehr klein und unvoll - kommen werden, auch, wenn ſie ſonſt 6 Aus - ſchuͤße von Blaͤttern macht, ehe die Fruktification kommt, jetzo kaum 3 gemacht haben, ſo wird die Fruktification ſchon da ſeyn. Man pflanze nun aber eben die Pflanze in | ein ſehr feuchtes und fruchtbares Erdreich, ſo werden ihre Blaͤtter nicht nur groͤßer und vollkommner werden, ſondern an ſtatt, daß ſie gewoͤhnlicher Weiſe 6 Ausſchuͤſſe von Blaͤttern bekommt, und in dem magern Erdreich nur drey bekam, ſo wird ſie jetzo neune herfuͤrbrin - gen. Dieſes iſt ſchon ſehr deutlich. Ein Ueberfluß an guten Nahrungsſaͤften haͤlt immer das Herfuͤr - bringen der Fruktification zuruͤck; ein Mangel an denſelben beſchleuniget ſie. Aber man kann die Sache noch handgreiflicher machen. Wenn eine Pflanze in einem guten Erdreiche mit der Frukti - fication zaudert und immer noch ſchoͤne vollkomme Blaͤtter herfuͤr bringt, ſo nehme man ſie nur her - aus, und ſetze ſie in ein duͤrres Erdreich; den Au - genblick wird die Fruktification ſeyn; ſie wird nicht ein Blatt mehr herfuͤrbringen; was ſie einmal hat, wird ſie behalten, aber neue Blaͤtter wird ſie nichtbekom -2436. Kap. Von der Conception. bekommen. Oder noch beſſer. Man laſſe eine Pflanze in einem duͤrren Erdreiche ſo weit kom - men, daß ſie wuͤrklich ſchon den Kelch formirt, und in dieſem auch die Anfangstheile zu den Blu - menblaͤtter und den Antheren ſchon enthaͤlt. Als - dann ſetze man ſie hurtig in ein fruchtbares Erd - reich, oder verſchaffe ihr uͤberfluͤßige Nahrungs - ſaͤfte, ſo werden die Antheren, die ſchon, obwol noch jung, da ſind, in Blumenblaͤtter, dieſe in Kelchblaͤtter, uͤbergehn, und an ſtatt des Piſtills werden gewoͤhnliche Blaͤtter zum Vorſchein kom - men; ſie wird noch anfangen neue Ausſchuͤße von Blaͤttern zu formiren, und alsdann erſtlich wieder eine Fruktification herfuͤrbringen. Hieraus ent - ſtehen alsdann die ſo genannte flores | proliferi, die auch wuͤrklich mit Blaͤttern verſehen ſeyn koͤnnen, und alsdann frondoſi vom Linnaͤus genennt werden. (Phil. bot. pag. 81.)

§. 89.

Es wuͤrde uͤberfluͤßig ſeyn, wennErklärung der Concep - tion aus die - ſer Wahrheit. Der mänli - che Saamen würkt als ein Nutriment. ich mich laͤnger bey dem Beweiſe die - ſes Satzes aufhalten wolte. Sie ha - ben die Sache nunmehro von verſchie - denen Seiten betrachtet, und allent - halben Beweiſe dieſer Wahrheit ge - funden. Nunmehro wollen wir wei - ter gehn, und aus dieſer bishero bewieſenen Wahr - heit, |auf welcher alles ankommt, die Beſchaffen - heit, die es mit der Conception hat, herleiten. Wir ſind der Sache ſchon ſehr nahe, und es iſtQ 2nun -2446. Cap. Von der Conception. nunmehro uͤberaus leicht, dieſe Wuͤrkung des maͤnnlichen Saamens, und das ganze Concep - tionsgeſchaͤfte einzuſehen, wie ich es §. 75. be - ſtimmt habe. Dieſe erſte Theile der jungen Pflanze, die durch die Kraft des hinzukommen - den maͤnnlichen Saamens erzeugt werden ſollen (§. cit. ) ſind von den gewoͤhnlichen Blaͤttern der alten Pflanze in nichts unterſchieden. Unterſu - chen Sie dieſen erſten Keim der jungen Pflanze, die ſo genannte Plumula, ſo werden Sie finden, daß ſie eben ſo aus jungen Blaͤttern zuſammen - geſetzt iſt, wie die Knoſpen bey den alten Pflanzen zufammengeſetzt ſind, in welchen die vor ſich be - ſtehende Theile herfuͤrgebracht werden. Allein dieſes iſt auch eine mehr als zu bekannte Wahr - heit, und eben die, die dem Erfinder des Syſtems der Evolution zu dieſem Syſtem Anlaß gegeben hat. Jſt dieſes nun aber ſo, ſind dieſe erſten Theile der jungen Pflanze eben ſolche Blaͤtter, wie ſie in der alten Pflanze, ehe die Fruktification her - fuͤrgebracht wurde, producirt wurden; ſo werden ſie auch zu ihrer Herfuͤrbringung eben dieſelbe, und keine andere Urſachen erfordern, als diejeni - gen, welche bey der Vegetation der alten Pflanze, zu der Zeit, da ſie ihre gewoͤhnliche Blaͤtter her - fuͤr brachte, ſtatt fanden; nun ſind aber dieſe zur Vegetation erforderte Urſachen keine andere, als erſtlich eine geſunde lebende Pflanze, (in ſo fern nemlich in ihr jene weſentliche Kraft ſtatt findet) und zweytens eine hinlaͤngliche Menge der Nah - rungsſaͤfte; denn ſo bald dieſe beyde Stuͤcke zu -ſammen2456. Kap. Von der Conception. ſammen kommen, geht die Vegetation von ſtat - ten; folglich werden alſo zur Herfuͤrbringung der erſten Theile der jungen Pflanze auch wiederum dieſe beyde Urſachen erfordert werden. Nunmeh - ro aber wiſſen Sie, daß in dem Saamen der al - ten Pflanze, als dem Orte, wo die erſten Theile der jungen Pflanze, die pulmula, herfuͤrgebracht werden ſollen, ſo wie in der ganzen Fruktification ſchon die eine von dieſen Urſachen, die erforderliche Menge der Nahrungsſaͤfte nemlich, fehlt, (und dieſes iſt unſer wichtiger Satz, den ich ſo weit - laͤuftig bewieſen habe). Was kann alſo der maͤnn - liche Saame, der Blumenſtaub der Pflanzen, der ſo nothwendig allemal bey dieſer Herfuͤrbringung der erſten Theile der jungen Pflanze erfordert wird, was kann dieſer anders ſeyn? als eben die - ſe bishero gefehlte und nun wieder erſetzte Urſa - che, ein Nahrungsſaft nemlich, oder ein Nutri - ment? und was wird alſo nunmehro die ganze Conception, als welche, wie wir §. 75. geſehn haben, in weiter nichts, als in der durch Huͤlfe des maͤnnlichen Saamens wieder hergeſtellten Ve - getation beſteht, was wird dieſe ſeyn? Weiter nichts, als eine Erſetzung desjenigen Nutriments, welches bishero gemangelt hatte, und deswegen die Vegetation unterbrochen worden war.

§. 90.

Allein ich werde Jhnen kaumGenauere Be - ſtimmung die - ſer Würkung des Saamens. dieſe Erklaͤrung von der Wuͤrkung des maͤnnlichen Saamens gegeben haben, ſo wird Jhnen der EinwurfQ 3ein -2466. Kap. Von der Conception. einfallen: Warum thut nicht ein jedes Nu - triment eben das, was der Saamen thut, wenn er an die Oerter, wo die Vegetation auf - gehoͤrt hatte, gebracht wird? Sie denken ganz richtig, wenn Sie hieraus ſchließen, daß der maͤnnliche Saamen, geſetzt auch, daß er ein Nu - triment iſt, dennoch vor den gewoͤhnlichen Nutri - menten einen beſondern Vorzug haben muͤſſe. Dieſen wollen wir nun genauer zu beſtimmen ſu - chen, und er wird ſich aus der beſondern Art und Weiſe, wie dieſes Nutriment angewendet wird, und wie es wuͤrkt, leicht beurtheilen laſſen; da - durch aber werden wir alsdann auch eine vollſtaͤn - dige Definition des maͤnnlichen Saamens, und eine vollſtaͤndige Erklaͤrung der Conception, er - halten.

§. 91.

Er iſt ein im höchſten Grad vollkommnes Nutriment.
5

Geben Sie nur auf die beſon - dere Art achtung, wie ſich die Natur unſers Nutriments, des Blumenſtau - bes, bedienet; auf die Art, wie ſol - ches zu ſeiner Verrichtung angewen - det wird. Es wird unmittelbar von außen an die - jenigen Theile herangebracht, die durch daſſelbe nutrirt werden ſollen. Dieſes iſt eine beſondere Art zu nutriren. Wir wiſſen, daß alle andere Nutrimente zuerſt, ohne einmahl an diejenigen Theile, die durch dieſelben nutrirt werden ſollen, zu gedenken, vielmehr nach die vollkommenſten und aͤlteſten Theile des Koͤrpers hingebracht wer - den, von hier in die Gefaͤße gehen, und das gan -ze2476. Kap. Von der Conception. ze Syſtem der Gefaͤße und mithin den ganzen Koͤr - per durchlaufen, ehe ſie an denjenigen Ort hinkom - men, wo die Nutrition geſchehen ſoll. Wir wiſ - ſen aber auch die Urſache ſehr wohl, warum dieſes geſchiehet, und warum es geſchehen muß; die Nutrimente leiden, indem ſie durch die alten Thei - le des Koͤrpers, und durch alle Gefaͤße deſſelben, durchgehen, in einem jeden Theil, an einem jeden Orte, wo ſie hinkommen, eine beſondere Veraͤn - derung, und werden alſo auf dieſe Art, ehe ſie an dem beſtimmten Ort, wo die Nutrition geſche - hen ſoll, hingelangen, ſo ſehr veraͤndert, daß ſie ſich kaum noch aͤhnlich ſind; und eben hierdurch werden ſie erſtlich geſchickt gemacht, daß ſie die jungen Theile nutriren koͤnnen, und daß dieſe hin - wiederum einen Theil von Jhnen in ſich behal - ten, einen andern Theil zur Formation neuer Thei - le aus ſich heraustreiben und abſondern koͤnnen. Sie errathen nunmehro, welches die Eigenſchaft ſey, die wir unſerm Nutriment noch beſonders zu - ſchreiben muͤſſen; da dieſes nicht erſt, wie die ge - woͤhnlichen Nutrimente, noͤthig hat, durch den ganzen Koͤrper, deſſen Theile durch daſſelbe nutrirt werden ſollen, durchgefuͤhrt zu werden, ſondern dern unmittelbar von außen an dieſe Theile heran - gebracht wird, und dennoch dieſelben Dienſte ver - richtet, die jene, wenn ſie ſchon alle Gefaͤße durch - gegangen waͤren, alsdann erſt wuͤrden zu leiſten im Stande geweſen ſeyn. Es muß nemlich dieſes nothwendig ein Nutriment ſeyn, welches denjeni - gen Grad der Vollkommenheit in Anſehung desQ 4Ver -2486 Kap. Von der Conception. Vermoͤgens zu nutriren, ſchon erreichet hat, wel - chen die gewoͤhnlichen Nutrimente, wenn ſie in dem Koͤrper genommen werden, erſt erreichen ſollen; denn, wenn dieſes nicht waͤre, ſo wuͤrde es unmoͤg - lich auf dieſe Art da es unmittelbar von außen an die zu nutrirende Theile gebracht wird, jener ihre Stelle vertreten koͤnnen, die durch den ganzen Koͤr - per gefuͤhrt werden. Jch habe daher in meiner Diſſertation das Semen maſculinum ein Nutriment genennt, welches den hoͤchſten Grad der Vollkom - menheit erreicht hat, (nutrimentum perfectum) und dadurch habe ich zugleich eine wahre Defini - tion von demſelben gegeben. Hieraus ſehen Sie alſo nicht nur den Unterſcheid, welcher zwiſchen dieſem und den gewoͤhnlichen Nutrimenten ſtatt findet, vollkommen ein, ſondern Sie verſtehen auch aus eben dieſem Unterſcheid nunmehro die Urſache, warum unmoͤglich die gewoͤhnlichen Nu - trimente die Stelle des maͤnnlichen Saamens ver - treten koͤnnten.

§. 92.

Dieſes läſſet ſich auch aus der |Entſte - hungsart des Blumenſtau - bes begreifen.
5

Nicht um die gegebene Erklaͤ - rung des maͤnnlichen Saamens wei - ter zu beweiſen, ſondern vielmehr um den Begriff davon vollſtaͤndiger zu ma - chen, will ich noch dieſes anfuͤhren; daß der Blumenſtaub aus einem Nah - rungsſafte entſtehet, der wuͤrklich ſo weit gebracht iſt, daß aus ihn organiſche Theile formirt werden ſollen, welches aber durch einen beſondern Umſtand, davon ich in meiner Diſſertation, in dem Ab -ſchnitte,2496. Kap. Von der Conception. ſchnitte, von der Entſtehung des Blumenſtaubs, weitlaͤuftig geredet habe, verhindert wird. Sie ſehen alſo aus der Entſtehungsart des Blumen - ſtaubes, daß er ein vollkommnes, und zwar bis zum hoͤchſten Grade der Vollkommenheit gebrachtes Nutriment ſey.

§. 93.

Wir werden nunmehro ganzKurzer Be - griff des männlichen Saamens und der Con - ception. kurz, was der maͤnnliche Saame, und was die Conception ſey, beſtimmen koͤnnen. Von jenem habe ich bishe - ro geſagt, daß er weiter nichts ſey, als ein im hoͤchſten Grad vollkomm - nes Nutriment, welches keine weitere Bearbei - tung noͤthig hat, wie ſolches mit den gewoͤhnlichen Nutrimenten geſchehen muß, ehe ſie ihre Funk - tion verrichten koͤnnen. Dieſe Erklaͤrung iſt voll - ſtaͤndig und ich habe nichts weiter hinzuſetzen. Von der Conception aber habe ich bishero §. 89. geſagt, ſie ſey eine Erſetzung eines Nutrimentes, alſo eine Art einer |Nutrition. Dieſes iſt noch nicht genug; ſie muß von der gewoͤhnlichen Nu - trition unterſchieden werden. Sie ſehen ſehr leicht aus den Gruͤnden ſelbſt, woraus ich §. 91. geſchloſ - ſen habe, daß der maͤnnliche Saamen ein vollkomm - nes Nutriment ſey, daß er es nur deswegen habe ſeyn muͤſſen, weil die Nutrimente durch die ge - woͤhnlichen Wege der Pflanze nicht mehr an die Oerter gebracht werden konnten, die nutrirt wer - den ſollten. Haͤtte dieſes geſchehen koͤnnen, ſo wuͤrde die Vegetation gar nicht aufgehoͤrt habenQ 5(§. 83.)2506. Kap. Von der Conception. (§. 83.) folglich wuͤrde keine Conception noͤthig und auch nicht moͤglich geweſen ſeyn; oder viel - mehr wir wuͤrden die alsdann auf die gewoͤhnliche Weiſe fortgeſetzte Vegetation keine Conception ge - nennt haben. Alſo unterſcheidet ſich die Conception von der gewoͤhnlichen Nutrition darin, daß das Nutriment nicht durch die gewoͤhnliche Wege, durch den ganzen Koͤrper, und alſo von inwendig zu dem Orte der Nutrition, und den Theilen, die nutrirt werden ſollen, ſondern von außen, an die - ſelbe unmittelbar gebracht wird. Wir koͤnnen alſo die Conception definiren, ſie ſey eine von außen geſchehene Nutrition, wobey nemlich das Nu - triment unmittelbar an die Theile, die nutrirt wer - den ſollen, gebracht wird. Dieſes enthaͤlt zugleich auch ſchon jene beſondere Eigenſchaft des Nutri - mentes, daß es im hoͤchſten Grade vollkommen ſeyn muͤſſe, denn wenn dieſes nicht iſt, ſo kann dadurch keine ſolche unmittelbare Nutrition von außen bewerkſtelliget werden.

§. 94.

Eine Erinnerung wird man mir meiner Theo - rie von der Conception wegen zu machen erlau - ben. Buffon ſagt, der maͤnnliche Saame ſey der uͤberfluͤßige Theil der Nahrungsſaͤfte, die zur Nutrition aller Theile des Koͤrpers beſtimmt geweſen waͤren; ſie ſeyen aus allen dieſen Thei - len, als uͤberfluͤßig, wiederum zuruͤckgenom - men, ins Blut gebracht, und von neuem in die Saamenblaͤschen, oder in die Antheren der Pflan - zen niedergelegt; ſie haben aber nunmehro ebenda -2516. Kap. Von der Conception. dadurch die Natur aller derer Theile erlangt, zu deren Nutrition ſie beſtimmt, und in denen ſie ſchon einmahl wuͤrklich enthalten geweſen ſind; da - hero ſeyen ſie nun auch geſchickt, daß aus ihnen eben dergleichen Theile wiederum und keine andere zuſammengeſetzt werden koͤnnen. Das alles hat Hippocrates und nach ihm Galenus und die uͤbrigen Alten auch ſchon geſagt, wie ich dieſes in der Hiſtorie der Theorie von der Generation in der vorhergehenden Abhandlung auch angefuͤhrt habe. Es fraͤgt ſich aber, iſt dieſes auch nicht etwan mei - ne Theorie ſelbſt? Sie werden bald ſehen, daß das alles, ſo wahr, oder ſo falſch es an ſich ſeyn mag, mit meiner nicht die geringſte Aehnlichkeit weiter hat, als nur den Namen. Hippocrates nennt den Samen ein Nutriment, u. ich habe ihn freylich auch ſo genennt; allein indem ihn Hippocrates unter die Klaſſe der Nutrimente zehlt, ſo ſagt er dadurch, daß er eben ſo, und aus eben der Materie, erzeugt wird, wie die uͤbrige Nutrimente, und er will alſo dadurch weiter nichts, als die Entſtehungsart des Saamens erklaͤren. Das iſt auch Buͤffons Meynung ſo, wie Sie leicht aus allen den ange - fuͤhrten Umſtaͤnden ſehn. Jch habe hiervon bis - hero noch nichts erwehnt, außer was ich §. 92. vom Blumenſtaube geſagt habe, das iſt eben daſ - ſelbe, und ich habe es nur zur Bekraͤftigung mei - ner Theorie mit angefuͤhrt; wenn ich aber in der Theorie der Conception den Saamen ein Nutri - ment nenne, ſo rede ich von ſeiner Wuͤrkung, und will alſo damit ſo viel ſagen, er hat bey der Con -ception2526. Kap. Von der Conception. ception eben die Wuͤrkung, die die Nutrimente bey der Nutrition haben, oder er thut bey jener eben das, was dieſe bey der Nutrition thun. Jch er - klaͤre alſo dadurch die Conception, an welcher Hip - pocrates oder Buͤffon nicht einmahl gedacht ha - ben. Es kann ſogar dieſe Wuͤrkung des Saa - mens, die ich ihm zueigne, bey dem Begriffe, welchen Hippocrates und Buͤffon von der Ge - neration haben, nicht einmahl ſtatt finden. Nach meiner Theorie wird unſer Koͤrper durch eine Ve - getation formirt, und dieſe geſchiehet zwar durch fortgeſetzte Abſonderungen (§. 46. &c.) Hierzu werden Nutrimente erfordert; Saͤfte nemlich, wel - che abgeſondert werden koͤnnen, und Sie ſehen ſchon hieraus, wie die Sachen weiter zuſammen - hengen. Hippocrates, und ſo auch Buͤffon, glaubte, daß der Koͤrper (und zwar im Utero) durch eine bloße Zuſammenſetzung entſtuͤnde, ſo daß ein Theil an dem andern von außen angeſetzt wuͤrde. Hierzu aber wird eine Materie, im ei - gentlichen Verſtande genommen, woraus nemlich etwas formirt werden kann, erfordert, und eben dieſe Materie iſt nach der Meynung der beyden Na - turforſcher der maͤnnliche Saamen. Weit gefehlt alſo, daß ſie die Verrichtung und den Nutzen des Saamens in der Nutrition ſetzen ſollten, ſo war er vielmehr in dieſer Abſicht betrachtet weiter nichts als eine geſchickte Materie, aus welcher ein beſtimm - ter organiſcher Koͤrper formirt werden koͤnnte; aber in eben dieſer Abſicht nenne ich ihn ein Nu - triment und um die Entſtehungsart des Saamensbekuͤm -2536. Kap. Von der Conception. bekuͤmmere ich mich nicht, denn dieſe iſt in der Phyſiologie bekannt genug.

§. 95.

Bey den Thieren geſchiehet dieBey den Thie - ren verhält es ſich mit der Conception eben ſo. Die Vegetation des Thieres hört zeitig auf; und end - lich hört auch die Nutrition auf. Conception auf eben dieſelbe Art, und aus eben denſelben Urſachen, und man kann ſie aus eben denſelben Gruͤnden erkennen. Nur darin iſt ſie hier noch deutlicher, daß die von neuen ange - fangene Vegetation, wodurch das jun - ge Thier formirt wird, von der alten, wodurch das aͤltere Thier ſelbſt herfuͤr - gebracht wurde, durch eine lange Zwi - ſchenzeit unterſchieden iſt; dahingegen bey den Pflanzen die neue Vegetation, kaum daß die al - te aufgehoͤrt hat, ſchon wieder anfaͤngt. Die Vegetation eines Thieres im eigentlichen Verſtan - de, wodurch nemlich vor ſich beſtehende Theile herfuͤrgebracht werden, wird kaum ſo lange dau - ren, als die vierfuͤßige Thiere im Utero einge - ſchloßen ſind; alsdann iſt das Thier nach ſeinen vor ſich beſtehenden Theilen fertig, und dieſe Ve - getation hoͤrt auf, da indeſſen die organiſirende Nutrition, wodurch nemlich neues Zellengewebe formirt, und mit neuem Fette angefuͤllt wird, und zugleich in dieſem Zellengewebe auch neue Gefaͤße formirt werden, beſtaͤndig noch fort dauert. Hier - durch nimmt der Koͤrper in der Groͤße zu, ob gleich ſolches nicht ſo geſchwinde, als in der erſten Zeit bey der Vegetation ſolches geſchahe, von ſtattengeht2546. Kap. Von der Conception. geht. Dieſes nun dauert eine gewiſſe Zeit, die bey verſchiedenen Thieren verſchieden iſt, alsdann hoͤrt auch ſelbſt dieſe organiſirende Nutrition auf, und der Koͤrper waͤchſt nicht mehr.

§. 96.

Die daher entſtehende überflüßige Nahrungs - ſäfte reitzen zum Bey - ſchlaf, und hierdurch wird die Vege - tation im Ey von neuen wiederum ver - anlaſſet.
5

Man pflegt dieſes Aufhoͤren des des Wachſens dem nunmehro erfol - genden Widerſtande der feſten Theile zuzuſchreiben. Es liegt uns nichts hieran; wir koͤnnen die Urſache ent - behren. Genug jene Nutrition und das davon abhengende Wachsthum des Thieres hoͤrt um eine gewiſſe Zeit auf. Jndeſſen aber faͤhrt die Mi - ſchung des Blutes und der Nahrungs - ſaͤfte, ſo gut wie zuvor, da aus die - ſen neue Theile formirt wurden, fort. Hieraus entſteht eine Empfindung, die dem Thie - re bishero unbekannt war, eine Art von Beaͤngſt - lichkeit, die aber angenehm iſt, und davon ſich dennoch das unruhige Thier, ob es gleich nicht weis wie, loszumachen bemuͤhet. Jene Empfin - dung vermehrt ſich bey dem Anblicke eines Thie - res von derſelben Art und von verſchiedenem Ge - ſchlechte. Kurz alles dieſes laͤuft am Ende auf nichts anders hinaus, als auf die Vereinigung bey - der Geſchlechte; hierdurch wird dem Thier alle Unruhe, alle Beaͤngſtlichkeit, auf einmahl be - nommen. Die Vegetation faͤngt nemlich an demjenigen Orte, wo ſie vor Zeiten ſtehn geblie -ben2556. Kap. Von der Conception. ben war, nun wieder von neuen an, fortzufah - ren, und zur Erhaltung derſelben werden nun - mehro diejenigen Saͤfte dahin zugezogen, die durch ihre Anhaͤufung im Blute jene Unruhe verurſacht hatten. Der Ort uͤbrigens, wo die alte Vegeta - tion aufgehoͤrt hatte, iſt im Eyerſtocke, welcher der Frucht der Pflanzen aͤhnlich iſt. Der lezte Theil des Thieres iſt das Ey, welches mit dem Saamen zu vergleichen, und, wie dieſer in der Frucht, im Eyerſtocke enthalten iſt.

§. 97.

Die zu dieſer von neuen ange -Weiteres Verhalten des befruchteten Eyes. fangenen Vegetation erforderten er - ſten Nutrimente ſind alſo der maͤnnli - che Saamen. Das Ey, welches hie - durch im Stande geſetzt iſt, die erſten Anfaͤnge des Thieres abzuſondern, von dem Orte aber, wo es bishero feſt geſeſſen hatte, keine Nutrimente mehr bekommt, loͤſet ſich deswegen von demſelben ab (denn dieſes iſt allemahl die Wuͤrkung der ab - geſchnittenen Nahrungsſaͤfte). Jn den Voͤgeln wird es voͤllig herausgetrieben; in vierfuͤßigeu Thieren aber ſetzt es ſich am Utero feſt; denn, da die erſte Anlage des Thieres nun ſchon vorhanden iſt, ſo koͤnnen nun die zur ferneren Herfuͤrbrin - gung der folgenden Theile erforderte Nutrimente in eben dieſer erſten Anlage, durch welche ſie durchgehen muͤſſen, ſchon um etwas vollkommer gemacht werden; daher iſt es nicht mehr noͤthig, daß die Nutrimente den hoͤchſten Grad der Voll -men -2566. Kap. Von der Conception. menheit haben muͤſſen, und daher koͤnnen nun - mehro die Saͤfte des Uteri, ſo gut wie in den Voͤ - geln das Gelbe vom Ey, und in den Pflanzen die ſich aufloͤſende Subſtanz der Seitentheile des Saamens zur ferneren Fortſetzung der Vegetation angewendet werden. Dieſe ganze Sache habe ich in meiner Diſſertation (Schol. 4. §. 230.) weit - laͤuftiger ausgefuͤhrt.

§. 98.

Das ſind alſo die Sachen, die ſo lange un - bekannt geblieben ſind, die Einige aus Mangel der Vergroͤßrungsglaͤſer, aus Mangel der Beob - achtungen und anderer dazu erforderlichen Erfah - rungen, andere aber, denen es hieran nicht gefehlt hat, aus Mangel daruͤber angeſtellter Specula - tionen nicht haben entdecken koͤnnen.

[figure]
An -[257]
[figure]

Anhang.

Wiederholte Verſuche.

Jch habe dieſen Som -Beſchaffen - heit der erſten Anlage zu den Flügeln und Füßen, inglei - chen der Bruſt und des Un - terleibes. mer die Verſuche mit gebruͤteten Eyern wie - derholt, und meine Theorie dadurch noch weit mehr be - ſtaͤrkt gefunden. Jch habe einige Jrr - thuͤmer, die ich bey der beſondern Er - klaͤrung der Vegetation einiger Theile begangen habe, entdeckt; die Sache aber, wie ich ſie nun gefunden habe, widerſpricht nicht meiner Theorie, ſondern ſie wird den allgemeinen Geſetzen der Vegetation, die ich gegeben habe, und die auch bey den Pflanzen ſtatt finden, gemaͤßer, und nimmt einiges Sonderbare weg, welches ſich nicht anders als mit Muͤhe erklaͤren ließ. Die KanteRnemlich,258Anhang. nemlich, die die erſte Anlage zu den Fluͤgeln und Fuͤßen iſt, verſchwindet nicht voͤllig, wie es das Anſehen hat, ſondern ſie zieht ſich nur von bey - den Seiten nach die Vorderflaͤche des Embryo hin, und formirt in der Folge die beyde Seitentheile der Bruſt und des Unterleibes, die aber ſehr ſpaͤte noch offen bleiben, und endlich durch ein neues formirtes Bruſtbein zuſammen wachſen; da im Unterleibe, auch noch lange nachher eine Oeffnung uͤbrig bleibt, die in den Nabel continuirt. Die Subſtanz, welche die Kante formirt, ſcheint mir insbeſondere diejenige zu ſeyn, die in die muſcu - los, ſerratum anticum majorem, deſcendentem, adſcendentem und transverſalem abdominis uͤber - geht, und ich habe Urſachen, ſie nicht fuͤr den pectoralem majorem zu halten. Das Herz wird zu dieſer Zeit nur an dem bulbo aortæ und der vena cava von dieſen beyden Seitentheilen der Bruſt beruͤhrt, der ganze ventriculus, die auricu - la, und der groͤſte Theil des bulbi aortæ ſteht vor - ne vor, und liegt alſo frey. Die Membran, wo - mit das Herz umgeben iſt, die der Herr von Hal - ler fuͤr die Bruſt gehalten hat, und die mir das Pericardium zu ſeyn ſchien, iſt weiter nichts, als eine Fortſetzung des Amnii, womit der ganze Em - bryo umgeben iſt, und die ich oft von demſelben abgezogen, und damit zugleich das Herz entbloͤßet habe. Das Herz liegt alſo allerdings außer der Bruſt, weil dieſe nicht nur der ganzen Laͤnge nach forne, ſo weit das Sternum in Erwachſenen geht, offen, ſondern auch viel zu kurz iſt, als daß ſiedas259Wiederholte Verſuche. das Herz erreichen und bedecken koͤnte. Jn der Folge aber zieht ſich theils das Herz zuruͤck, theils verlaͤngern ſich auch durch das bloße Wachſen die Seitentheile der Bruſt, und auf dieſe Art kommt das Herz in der Bruſt zu liegen. Das Sternum faͤngt an formirt zu werden, und ſchlieſſet die Bruſt zu. Es iſt immer, und auch beym Erwachſenen noch, eine Narbe, und ein Zeichen der ehemali - gen Oeffnung der Bruſt. Der Herr von Hal - ler will, wie es auch nach den Regeln der Evo - lution ſeyn muͤſte, daß die Bruſt immer verſchloſ - fen, und das Herz immer innerhalb derſelben ge - legen geweſen ſeyn ſolle; man darf aber nur die Beſchaffenheit des Bruſtbeins und des knorplichen Theils der Rippen beym Erwachſenen anſehen, ſo ſieht man daraus ſchon, daß ſich die Sache ehe - mals anders verhalten haben muͤſſe.

Die Fluͤgel und Fuͤße aber fangen auf dieſe Art an, aus der nemlichen Kante zu entſtehen: Jnnerhalb der Subſtanz derſelbelben wird nach den Regeln der Vegetation §. 51. ein Saft de - ponirt, der durch ſeine ſtaͤrkere Durchſichtigkeit ſeine Fluͤßigkeit innerhalb dieſer Subſtanz, und daß er neuer iſt, als die Kante ſelbſt, verraͤth; er dehnt an dieſen Orten die Subſtanz der Kante aus, und formirt dadurch die Huͤgel in derſelben, davon ich geredet habe. Das Wegziehen und voͤllige Verſchwinden der Kante, wodurch dieſe Huͤgel formirt werden ſollten, war mir bey den Thieren etwas beſonders, dergleichen ich bey den Pflanzen nicht wahrgenommen hatte. Jetzo aberR 2ſieht260Anhang. ſieht man, daß die Vegetation des Embryo in al - len Stuͤcken, die die Geſetze der Vegetation uͤber - haupt betreffen, der Vegetation der Pflanzen aͤhn - lich iſt. Die Formation der Huͤgel durch eine Depoſition iſt der Formation der Seitenrippen im Blatte ſo vollkommen aͤhnlich, daß nicht das aller - geringſte Außerordentliche bey jener mehr uͤbrig bleibt.

Beſchaffen - heit der erſten Gefaͤße in der Area.
5

Jn Anſehung der Gefaͤße habe ich alle ſchon beſchriebene Erſcheinungen wieder geſehn; allein außer denſel - ben ſind mir noch einige andere vor - gekommen, die die Sache wiederum auf eine an - dere Art eben ſo gewiß machen. Jn einem Ey von 44 Stunden erſchien das Amnium auf der Flaͤche des Gelben unter ſeiner gewoͤhnlichen laͤng - lichten und in der Mitte etwas zuſammengezoge - nen Figur. Es war mit einer ziemlich breiten area umbilicali umgeben, auf welche, wie gewoͤhn - lich, wiederum ein dunkeler Zirkel folgte. Das Ey war vollkommner, als es ſonſt um dieſe Zeit zu ſeyn pflegt. Der Embryo hatte noch keine Kante; wenigſtens war keine ſichtbar; das heißt aber nach meinen Grundſaͤtzen ſo viel, als es war noch keine da. Jndeſſen entdeckte ich, indem ich die Area mit dem Vergroͤßerungsglaſe noch im Ey unterſuchte, die Anfaͤnge der Gefaͤße in dieſer Area. Die Stellen, welche zu Gefaͤßen werden ſollten, waren, weder durch das Vergroͤſſerungs - glas, noch mit bloßen Augen betrachtet, roth. Mit bloßen Augen ſahe man gar nichts in derArea;261Wiederholte Verſuche. Area; durch das Vergroͤßerungsglas aber ent - deckte man dieſe Stellen; ſie waren kaum von den uͤbrigen zu unterſcheiden; ſie waren nur etwas we - niges dunkeler, und fielen kaum ins braͤunliche. Jch erinnere dieſes deswegen, damit man dieſen Zuſtand der Area nicht fuͤr den nemlichen haͤlt, den der Herr von Haller beſchreibt, und den ich in der Diſſertation Fig. 7. 8. gezeichnet habe; ſie iſt viel fruͤher, als dieſe geweſen ſind. Die Stellen alſo, welche zu Gefaͤßen werden ſollten, waren ſo beſchaffen, daß man ſie unmoͤglich fuͤr Gefaͤße halten konte; und niemand, als der die folgende Veraͤnderungen der Area oͤfter geſehn hat, wuͤrde ſich auch einbilden koͤnnen, daß ſie nur die Anſaͤnge von Gefaͤßen ſeyn koͤnten; in - deſſen aber iſt an dieſem letztern kein Zweifel, und wer dieſe Verſuche oͤfter gemacht hat, wuͤrde ſie auch wohl erkannt haben. Jch will nur drey Charak - tere von dieſen Gefaͤßen, die ich indeſſen ſo nen - nen will, anfuͤhren, woraus man, meiner Einſicht nach, hinlaͤnglich wird erkennen koͤnnen, daß ſie noch nicht einmal mit Recht Wege oder Rinnen, vielweniger Gefaͤße genennt werden koͤnnen, die ihre Haͤute haͤtten, und durch die Kraft des Her - zens vermittelſt der hinein getriebenen Saͤfte aus - gedehnt waͤren. Vors erſte alſo communicirten dieſe Stellen nicht mit einander, ſondern ſie wa - ren rings herum mit der weißen koͤrnigten etwas feſteren Subſtanz umgeben und verſchloſſen, ſo, daß das an dieſen Stellen befindliche fluͤßigere Weſen nirgends ausfließen konnte. Zum zwey -R 3ten262Anhang. ten war die Figur dieſer Stellen nicht laͤnglicht, wie Wege oder Gefaͤße ſeyn muͤſſen, ſondern ſo breit als lang, uͤbrigens verſchieden, dreyeckigt, viereckigt oder fuͤnfeckigt. Zum dritten endlich befanden ſich dieſe Luͤcken in der Area, denn ſo kann ich ſie am richtigſten benennen, groͤßer und haͤufiger an dem Unfange der Area; nach dem Amnio zu wurden ſie kleiner, und dichte an dem - ſelben war die Area vollkommen ganz, vollkommen weiß und eben, ohne der geringſten Spur von ei - ner ſolchen Trennung der weiſſen Materie. Man ſieht aus dem allen wohl, daß dieſe erſte Anfaͤnge der Gefaͤße noch bis jetzo weiter nichts ſind, als Stellen in der weiſſen Materie der Area, die durch ein fluͤßiges Weſen, welches ſich zum Theil aus der Materie ſelbſt praͤcipitirt zu haben ſcheint, aufgeloͤſet ſind; daß es aber Gefaͤße, oder auch nur Wege ſeyn ſolten, die (nicht durch eine we - ſentliche Kraft, ſondern) durch die Kraft des Her - zens, vermittelſt der hinein gepreßten Saͤfte, aus - gedehnt und dadurch ſichtbar geworden waͤren, iſt unmoͤglich, weil dieſe Luͤcken nicht mit einander communiciren, und weil keine Wege nach dem Herzen zu vorhanden ſind, durch welche die Saͤf - te haͤtten kommen muͤſſen, ſondern die Area viel - mehr nahe um dem Amnio herum noch vollkom - men ganz iſt.

Jn der Folge fangen dieſe Gefaͤße an, mit einander zu communiciren, und alsdann netzfoͤr - mige Wege vorzuſtellen. Auch alsdann erkenntman263Wiederholte Verſuche. man noch die Spuren der ehemaligen bloßen Luͤ - cken. Man findet nemlich hin und wieder der - gleichen Stellen, die gemeiniglich dreyeckigt zu ſeyn pflegen; aus einer jeden Spitze eines drey - eckes geht eine ſubtile Rinne heraus, die mit an - dern dergleichen Rinnen communicirt, und auf dieſe Art hengen die dreyeckigten Luͤcken gleichſam wie durch anaſtomoſirende Wurzeln unter einan - der zuſammen. Dieſe Erſcheinung habe ich noch in einer Area geſehn, wo die Rinnen ſchon roth waren, und das Herz ſchlug.

Wenn dieſe Communication der Luͤcken ver - mittelſt der feinern Rinnen unter einander geſche - hen iſt, ſo bekommt die Area alsdann erſt dadurch das Anſehen, welches ich in der Diſſertation be - ſchrieben und in der 8ten Figur gezeichnet habe; wo ſie nemlich in lauter runde oder eyfoͤrmige Jn - ſeln eingetheilt iſt. Eben wegen dieſer Figur der Jnſeln gibt es zwiſchen ihnen dreyeckigte Zwi - ſchenraͤme, die durch Rinnen mit einander zuſam - men hengen, wie ich es beſchrieben habe. Jch habe damals in meiner Diſſertation zwar die Be - ſchaffenheit der Jnſeln beſchrieben; auf die drey - eckigte oder unordentliche Figur der Zwiſchenraͤu - me aber hatte ich nicht Achtung gegeben; allein ich war dem ungeachtet gewiß, daß dieſe Zwi - ſchenraͤume bloße Zwiſchenraͤume und keine Ge - faͤße ſeyn; ob ich gleich alle Charaktere, woran ich es ſahe, aus meinem Begriffe nicht entwickelt hatte. Wer mit Beobachtungen umgegangen iſt,R 4wird264Anhang. wird wiſſen, daß es uns oft ſo geht. Wir ſehen es einer Sache an, daß es ſich ſo oder ſo mit ihr verhalten muͤſſe; wenn wir aber aus dem, was wir eigentlich nur geſehn haben, das letztere deut - lich beweiſen ſollen, ſo koͤnnen wir es entweder nicht, oder es koſtet uns wenigſtens Muͤhe. Und wer die Logick verſteht, wird auch wiſſen, woher dieſes kommt. Wir haben alsdann von der Be - obachtung nur klare Begriffe. Die Merkmale, welche das, was wir daraus ſchließen, demon - ſtriren, ſind in unſerem Begriffe enthalten; wenn wir ſie aber, um unſern gefaßten Schluß zu be - weiſen, angeben ſollen, ſo muͤſſen wir ſie zuvor entwickeln, und folglich den klaren Begriff deut - lich machen. Das iſt bisweilen ſchwer, und de - nenjenigen, die darinn nicht geuͤbt ſind, oder denen es ſonſt an Scharfſinnigkeit fehlt, oft unmoͤglich. Jch habe hier einige dieſer Merkmale entwickelt; es finden ſich derſelben noch weit mehrere in den Beobachtungen, die ich mir aber deswegen nicht die Muͤhe geben mag, zu entwickeln, weil ich die Sache ſchon fuͤr zu offenbar halte.

Von der Be - wegung des Herzens.
5

Weil aber auch die Bewegung des Herzens in dieſer Sache einen Einfluß hat, ſo will ich auch hiervon noch eine von meinen neuern Beobachtungen an - fuͤhren. Der Herr von Haller behauptet, daß alle Veraͤnderungen des Wachsthumes und die ganze Evolution von der Bewegung des Herzens dependiren; hierdurch werden die Saͤfte in dieGefaͤße265Wiederholte Verſuche. Gefaͤße hineingetrieben, und die Gefaͤße, und zu - gleich die Theile, worin ſich dieſe befinden, wer - den dadurch auseinandergeſchoben und ausgedehnt. Jndeſſen hat er vor dem Ende des zweeten Tages niemals das Herz ſich bewegen ſehn, (Second. Mem. p. 105.) ob wohl innerhalb dieſer beyden Tage ſchon viel Veraͤnderungen vorgegangen ſind, und der Embryo ſtark gewachſen iſt. Die Anfaͤn - ge des Kopfes, des Ruͤckgrades, des Gehirnes, des Ruͤckmarkes, der Augen, des Schnabels, und endlich auch die Kante, aus welcher die Fluͤgel und Fuͤſſe entſtehen, und die hernach in die Bruſt und den Unterleib uͤbergeht, ſind alle ſchon da, und ſind nach und nach entſtanden. Der Herr von Hal - ler hat auch das Herz uͤberhaupt nicht vor 48 Stunden geſehen. (Sec. Mem. p. 64.) Jch hatte es hingegen viel fruͤher, nemlich, zu 36 Stunden in der Beobachtung, davon meine 5te Figur in der Diſſertation iſt, unter der Figur eines halben Cirkels, allein weiß, und ohne alle Bewegung ge - ſehn. Dieſe Beobachtungen ſind mir auch jetzo wieder vorgekommen. Jch bin verſichert, daß ſich bey dieſen Embryonen, das Herz niemahls bewegt gehabt hat, ſo wie ich verſichert bin, daß es eine Zeit gibt, nemlich vor 24 Stunden, wo noch gar kein Herz da iſt, und wo aber der Kopf und der Ruͤckgrad ſchon wiewohl ohne Gehirn und Ruͤckmark exiſtiren, wie in meiner vierten Figur. Nunmehro aber habe ich eine Beobachtung, die die Meynung des Herren von Hallers zu beſtaͤ - tigen ſcheint, die aber am Ende die Sache, wieR 5ſie266Anhang. ſie ſich verhaͤlt, außer allen Zweifel ſetzen wird, und die ich aufrichtig, wie ich ſie geſehn habe, an - fuͤhren werde. Jch oͤfnete ein Ey von 29 Stun - den. Es zeigten ſich wider alles Vermuthen in der Area ſchon die Anfaͤnge der Gefaͤße, und die Vene, welche die Area umgibt; ſie waren braͤun - lich und fielen ins Rothe; kurz, die Area hatte bey - nahe das Anſehen, wie die, welche ich in der 7ten Figur meiner Diſſertation gezeichnet habe, die aber aus einem Ey von 64 Stunden iſt. Das Herz war roͤthlich, und ließ ſich alſo im Ey ſelbſt ſehen; allein ich ſahe es nicht ſchlagen, und hielt alſo den Embryo von der Vollkommenheit wie den, in der angefuͤhrten Figur, wovon ich in der Anmerkung des 179. §. in der Diſſertation geſagt habe, weil bey ihm das Herz gleichfalls nicht ſchlug, daß nur noch ein Grad der Vollkommenheit im Blute fehle, ſo wuͤrde daſſelbe das Herz irritirt haben, dieſes wuͤrde ſich lebhaft zuſammengezogen, und das Blut, wel - ches bishero ſtille zu ſtehen ſchien, durch die Ge - faͤße fortgetrieben haben. Jch glaubte alſo damahls, daß dieſe Veraͤnderungen, da das Herz aus der Ruhe in die lebhafteſte Bewegung, und das Blut aus einer unmerklichen in die ſchnelleſte Bewegung geſetzt wird, auf einemmahle geſchehen ſollten; daß alles ſo lange ſich ruhig verhielte, bis die gehoͤrige Roͤthe im Blute, und die gehoͤrige Reitzbarkeit im Herzen entſtanden waͤren; alsdann wuͤrde alles mit einemmahle in Bewegung gerathen. Jch beſahe dieſes Herz durch das Vergroͤßerungsglas, und ſahe zu meiner groͤſten Verwunderung, daßes267Wiederholte Verſuche. es ſich bewegete. Alſo eine Bewegung des Her - zens zu einer Zeit, wo man ſie noch nicht geſehen hat, und wo man ſie nicht vermuthet! Allein dieſe Bewegung war von der gewoͤhnlichen Bewegung des Herzens ſehr verſchieden. Es iſt bekannt, daß ſich das Herz im Ey ſo lebhaft zuſammenzieht, daß ſeine Theile bey ihrer Syſtole voͤllig verſchwinden; ſie preſſen alles Blut, welches ſie bey der Diaſtole in ſich enthalten, aus ihren Hoͤlen hinaus, ſie wer - den daher weiß, ziehen ſich in einen kleinen Punkt zuſammen, und man ſieht ſie nicht mehr, daher auch der Nahme des huͤpfenden Punktes entſtan - den iſt. Ueberdem geſchehen dieſe Zuſammenzie - hungen ſehr oft und ſehr geſchwind. Allein hier verhielt es ſich anders; die Bewegung war vors erſte ſehr langſam, ſie war, was man pulſum ra - rum und zugleich, was man tardum nennt; die Zuſammenziehungen geſchahen ſparſam und lang - ſam. Dabey aber waren dieſelben ſchwach, daß man ſie nur mit Muͤhe wahrnehmen konnte. Sie waren keine wahre Zuſammenziehungen, wodurch das Blut aus der Hoͤle des Herzens haͤtte heraus - getrieben werden koͤnnen, ſondern vielmehr nur ein ſehr leichter und ſanfter Druck auf dieſes in der Herzkammer enthaltene Blut. Jch ſahe nicht, daß dieſe Tropfe von Blut bey der ſchwachen Zuſam - menziehung kleiner wurde; ſie blieb wie ſie war; das Blut wurde nicht bewegt, ſondern nur ſehr ſanfte und langſam gedruͤckt, ſo wie in dem Magen die Speiſen durch den motum periſtalticum ge - druͤckt werden. Alſo iſt dieſes wiederum eine be -ſondere268Anhang. ſonderc Periode des Herzens, wo es zwar da iſt, auch ſich bewegt, allein durch dieſe Bewegung noch nicht im Stande iſt, das Blut fort zu bewe - gen, und man ſieht zugleich aus dieſer Beobach - tung wie es ſich mit dem Anfange der Reitzbarkeit und der Bewegung des Herzens verhaͤlt. Sie entſteht nicht auf einemmahle, wie ich mir dieſes ſonſt vorgeſtellt habe, ſondern nach und nach; ſie wird allmaͤhlig ſtaͤrker, und geht endlich zuletzt aus einer langſamen ſpaſtiſchen, wie ich ſie beſchrieben habe, in eine augenblickliche convulſiviſche Bewe - gung uͤber, wie wir ſie beym Erwachſenen noch ſehen.

Man kann, denke ich, nunmehro nicht mehr ſagen: man ſieht das Herz nicht, man ſieht nicht es ſich bewegen; Gut! daraus folgt nicht, daß es nicht da ſey, daß es ſich nicht bewege, und die Urſache der Bewegung des Blutes ſey. Es kann ſich bewegen, aber man ſieht nur dieſe Bewegung nicht. Jch habe dieſe Bewegung geſehn, aber ich habe zugleich geſehn, daß das Blut dadurch nicht bewegt wurde.

Man pflegt nemlich in der Phyſiologie nicht nur die Bewegung des Blutes, ſondern auch aller uͤbrigen Saͤfte, die ganze Nutrition und alle vege - tabiliſche Bewegungen, und das ganze vegetabi - liſche Leben in den Thieren von der Bewegung des Herzens herzuleiten. Der Herr von Haller ſucht alſo natuͤrlicher Weiſe in eben dieſer Bewe - gung des Herzens zugleich auch diejenige Kraft,welche269Wiederholte Verſuche. welche erfordert wird, die Evolution zu bewerkſtel - ligen; ich halte ſowohl das Letztere als auch die ge - meine Meynung der Phyſiologen fuͤr unrichtig, und glaube hinlaͤngliche Spuhren von einer beſon - dern den Pflanzen ſowohl als den Thieren weſent - lichen Kraft gefunden zu haben, der ich die oben benennte Verrichtungen, die Diſtribution der Saͤf - te und die Nutrition, bey den Pflanzen beſtaͤn - dig, bey den Thieren zur erſten Zeit ihrer Forma - tion allein, in Erwachſenen zum Theil noch zu - ſchreibe. Jch fuͤhre alſo unter andern Beweiſen auch dieſen an, daß es eine Zeit gibt, wo noch kein Herz im Embryo iſt, und wo dieſer dem un - geachtet ſtark nutrirt wird, und vegetirt. Man wendet alsdann dawider ein, das Herz koͤnne da ſeyn, ob man es gleich nicht ſieht, und ich antwor - te, das Herz iſt niemahls ſo klein, auch niemahls ſo durchſichtig, daß es dadurch unſichtbar werden ſollte, und ich habe es auch in meinen letzten Beo - bachtungen noch immer von eben der Groͤße, und immer aus kleinen Kuͤgelchen zuſammengeſetzt ge - funden, ſo fruͤhe ich es auch geſehn habe, ob es wohl ſehr unvollkommen, und erſt formirt zu ſeyn ſchien. Allein ich will ſetzen, es ſey vorhero un - ſichtbar geweſen; ich ſehe es aber, wenn ich es zu - erſt ſehe, noch eine Zeitlang vollkommen in Ruhe und ohne alle Bewegung, folglich kann es, wenn es auch da iſt, dennoch in der erſten Zeit die Saͤfte nicht bewegen. Man wende alſo auch ferner hier - wider ein, es habe ſich, ungeachtet es in Ruhe zu ſeyn ſchien, dennoch bewegt; man habe nur dieſeBewe -270Anhang. Bewegung nicht ſehn koͤnnen; ſo antworte ich; wenn mir das Herz einmahl ſeiner Durchſichtig - keit oder Kleinheit oder anderer Umſtaͤnde wegen nicht unſichtbar iſt, wenn ich es einmahl genau ſehn, und ſeinen Umfang genau unterſcheiden kann, wie ich es denn, ſo oft ich es geſehn habe, allemahlſehr genau geſehn habe, (denn man ſieht es entweder ſehr deutlich oder ganz und gar nicht,) ſo iſt es unmoͤg - lich, daß mir ſeine Bewegung, wenn es eine hat, verborgen bleiben ſollte. Jch werde ja ſehn, ob ſein Umfang, den ich ſo genau ſehe, immer der nemliche bleibt, oder ob er wechſelsweiſe groͤßer und kleiner wird; ob er ſeinen Ort, den er einnimmt, ſteif und feſt behaͤlt, oder ihn veraͤndert. Allein geſetzt, das alles waͤre nicht, und das Herz, wel - ches ich ruhig ſtille liegen ſehe, bewegte ſich den - noch; ſo ſehe ich aber auch, daß die erſte Bewe - gung des Herzens, wenn ich ſie wuͤrklich ſehe, noch nicht ſo beſchaffen iſt, daß dadurch das Blut fort - getrieben werden koͤnnte. Sollte dieſes alles noch nicht hinlaͤnglich ſeyn, meine Theorie von der we - ſentlichen Kraft, von der allmaͤhligen Formation der Theile, und der allmaͤhligen Erlangung ihrer Eigenſchaften, die ſie im Erwachſenen haben muͤſ - ſen (die weſentliche Kraft nur ausgenommen) zu beweiſen? Jch will die ganze Sache der Beur - theilung des Herren von Hallers uͤberlaſſen; nur eine eintzige Anmerkung will ich hierbey noch machen.

Jm Erwachſenen traͤgt das Herz zur Nutri - tion gewiß ſehr vieles bey, und ohne demſelbenwuͤrde271Wiederholte Verſuche. wuͤrde die Diſtribution der Saͤfte, wie ſie zur Nu - trition erfordert wird, nicht geſchehen koͤnnen; ob es alſo gleich nicht die einzige Urſache der ganzen Diſtribution iſt, ſo iſt es doch eine ſolche Urſache, welche nothwendig mit dazu erfordert wird. Wenn nun aber das Thier formirt werden ſoll, ſo wird hierzu ſchon die Diſtribution der Saͤfte erfordert, wie kann dieſe alſo indeſſen geſchehen, ehe die Ur - ſachen da ſind, wodurch ſie im Erwachſenen zuwe - ge gebracht zu werden pflegt? Es kommen mehre - re dergleichen Faͤlle vor. Jm Erwachſenen wird auch zur Formation des Blutes ein Chylus erfor - dert, der in den Gedaͤrmen zubereitet werden ſoll, und die Lungen ſcheinen auch etwas dazu beyzu - tragen. Allein im Embryo ſind alle dieſe Theile noch nicht vorhanden, und dennoch wird Blut formiret. Es ſcheint alſo, als wenn zu denen - jenigen Verrichtungen, die nothwendig im Em - bryo auch zu der Zeit ſchon ſtatt finden muͤſſen, wenn die gewoͤhnliche Urſachen dieſer Verrichtun - gen noch nicht vorhanden ſind, indeſſen andere Urſachen beſtimmt waͤren, die dieſe Verrichtun - gen ſo lange bewuͤrken muͤßten, bis die rechte Ur - ſachen derſelben hervorgebracht waͤren; daß alsdann die Verrichtungen durch dieſe gewoͤhnliche Urſa - chen bewuͤrket werden, und jene hingegen zu wuͤr - ken aufhoͤren! Allein ſo verhaͤlt ſich die Sache auch noch nicht. Die erſten Urſachen der Ver - richtungen, die ſchon beym Embrio ſtatt funden, hoͤren niemahls auf zu wuͤrken; ſie thun nochbeym272Anhang. beym Erwachſenen das meiſte zu den Verrichtun - gen, und die gewoͤhnlichen, welche uns die rechte Urſachen beym Erwachſenen zu ſeyn ſcheinen, wuͤr - ken entweder nichts, oder ſie thun etwas anders. Jch habe dieſe Scheinurſachen, die beym Er - wachſenen uns von ſo großer Wichtigkeit zu ſeyn ſcheinen, cauſas acceſſorias genennt, und ihre Wuͤrkungen die ſie uͤberhaupt haben koͤnnen, be - ſtimmt (Diſſ. §. 244.) Sie ſind gemeiniglich me - chaniſch; ſo lange wir uns bey unſern Erklaͤrun - gen an ſie noch halten, werden wir die wahre Na - tur der Thiere niemahls entdecken.

Von der Continuation der Haͤnte des Eyes in den Embryo.
5

Endlich habe ich auch die Haͤute in ſpaͤter gebruͤteten Eyern genauer un - terſucht, als ich es vor dem gethan hatte, um von der Continuation des Embryo in die Haͤute des Gelben deſto beſſer urtheilen zu koͤnnen. Jch habe in der erſten Ab - handlung die Beobachtungen ſo angenommen, wie ſie der Herr von Haller und Herr Bon - net angegeben haben, und habe gezeigt, daß dar - aus nichts wider die Epigeneſis zu ſchließen ſey. Jch wollte aber dem ungeachtet doch wiſſen; ob es denn auch mit den Beobachtungen ſeine voͤlli - ge Richtigkeit haͤtte; nicht, als wenn ich an der Wahrheit desjenigen, was der Herr von Haller wahrgenommen zu haben vorgiebt, zweifelte; ich werde mir dieſes am allerwenigſten einfallen laſ - ſen. Allein es koͤnnen bisweilen gewiſſe Umſtaͤndeuͤber -273Wiederholte Verſuche. de uͤberſehen werden, die der Sache ein ganz an - deres Anſehen geben; deswegen iſt es nicht nur beſſer, daß man eine Beobachtung aus der man etwas ſchließen will, ſelbſt unterſuchet, und nie, mahls auf bloße Worte eines andern etwas bauet - ſondern es iſt, dieſe Worte moͤgen ſo wahr ſeyn, als ſie wollen, unumgaͤnglich nothwendig. Jn der That ſinden ſolche Umſtaͤnde bey dieſer Beobachtung ſtatt, die nicht nur den Schluß, den man daraus zieht, voͤllig von derſelben ab - ſchneiden, ſondern die, wenn ſie ausgedruͤckt waͤ - ren, nicht einmahl zulaſſen wuͤrden, das man auf die Gedanken einer ſolchen Folgerung kommen koͤnnte.

Wir finden nach geſchehener Jncubation den Embryo im Ey. Der Herr von Haller ſagt, er iſt ſchon vor der Jncubation und vor dem Bey - ſchlaf darin, nur unſichtbar, geweſen, ich ſage, er iſt waͤhrend der Jncubation in demſelben formirt wor - den. Der Herr von Haller fuͤhrt um ſeine Mey - nung zu beweiſen, die Beobachtung an, daß die Theile des Embryo in die Haͤute des Gelben con - tinuiren. Es verſteht ſich hierbey, wenn man aus dieſer Beobachtung auf die Exiſtenz des Em - bryo vor dem Beyſchlaf ſchließen will, daß dieſe Haͤute des Gelben, in welche die Gedaͤrme des Embryo continuiren, ſchon vor der Jncubation da geweſen, und zwar ſo da geweſen ſeyn muͤſſen, daß man ſie ſieht, und daß an dieſer ihrem Daſeyn gar kein Zweifel ſeyn muß. Denn man ſieht leicht, wenn es ſich mit dieſen Haͤuten eben ſo, wie mitSdem274Anhang. dem Embryo, verhalten ſollte, wenn ſie vor der Jncubation unſichtbar ſeyn ſolten, und man wollte ſagen, ſie haben dennoch als unſichtbar exiſtirt; ſo waͤre man in dem Beweiſe nicht um ein Haar weiter gekommen, ſondern man haͤtte nunmehro von den Haͤuten mit ſamt dem Embryo eben das - jenige wieder zu beweiſen, was man vorhin nur vom Embryo allein zu beweiſen hatte, allein es laͤßt ſich niemand einfallen, daran zu zweifeln, und man geraͤth nicht einmal auf die Gedanken: Jſt denn aber auch die Haut des Gelben, in welche der Embryo continuirt, gewiß vor der Jncubation ſchon da geweſen? Eben in dieſer Gewißheit ſoll der ganze aus der Beobachtung gezogene Beweis beſtehn; und wenn das Daſeyn der Haut zweifelhaft waͤre, ſo wuͤrde man nicht einal an die Continuation, um ſie zum Beweiſe der Epigeneſis zu gebrauchen, gedacht haben. So wuͤrde ich, wenn mir jene Frage eingefallen waͤre, und ſo wuͤrde ein jeder gedacht haben. Man weis uͤber dem das Gelbe iſt vor der Jncubation mit einer Haut uͤberzogen; wer wird alſo daran zweifeln, daß dieſes nicht eben dieſelbe Haut ſeyn ſollte, in welche die Ge - daͤrme des Embryo continuiren? Allein iſt es eben deswegen nicht ſonderbar, wenn nunmehro meine angeſtellte Verſuche lehren, daß nichts weniger, als dieſe Membran des Gelben, die vor der Jn - cubation ſchon da geweſen iſt, mit den Theilen des Embryo continuirt, daß ſie mit denſelben nicht die allergeringſte Gemeinſchaft hat, und daß hin -gegen275Wiederholte Verſuche. gegen die Haͤute des Gelben, in welche die Ge - daͤrme des Embryo continuiren, nichts weniger als vor der Jncubation ſchon da geweſen ſind, ſon - dern daß ſie vielmehr mit ſamt ihren Gefaͤßen, die aus den Gekroͤßadern des Embryo entſtehen, und die der Herr von Haller fuͤr ein ſo wichtiges Ar - gument anſahe, viel ſpaͤter noch als der Embryo ſelbſt formirt werden. Jch ſchame mich wegen meiner laͤcherlichen Diſpute, die ich wider die Fol - gerung aus der Continuation ſo umſtaͤndlich, ſo klar und deutlich ausgefuͤhrt habe, da eine ſolche Continuation niemals in der Welt in den Eyern ſtatt gefunden hat; und es geht mir dieſes mal wie jenen Gelehrten, die ehedem ſo eifrig uͤber die Entſtehungsart des goldenen Zahnes diſputirt haben. Herr Bonnet hat mir gluͤcklich, wiewol ſo wenig als der Herr von Haller mit Vorſatz, etwas aufgebunden; und ich hingegen habe aus Gruͤnden der Phyſick bewieſen, daß Hans Nord unmoͤglich Raum in einem Kruge habe. Was aber das artigſte bey dieſer ganzen Sache iſt, iſt dieſes, daß ich dem Herrn von Haller nicht Schuld geben kann, daß er das geringſte un - wahre Wort geſagt habe. Er ſagt, die Gedaͤr - me continuiren in die Haͤute des Gelben; das iſt wahr. Er ſagt weiter, das Gelbe hat ſchon im Eyerſtock exiſtirt, das iſt wieder wahr: Er haͤtte auch ſagen koͤnnen, die Haut des Gelben ſey ſchon im Eyerſtock vorhanden geweſen; allein er ſetzt nicht hinzu, daß dieſes nicht dieſelbe Haut ſey, in welche die Gedaͤrme des Fetus continuiren; dasS 2iſt276Anhang. iſt nemlich der Umſtand von welchem ich gleich An - fangs geſagt habe, daß er nicht beſtimmt ſey, und der der Sache ein ganz anderes Anſehen gibt.

Jch will jetzo dasjenige, was ich bey mei - nen Verſuchen gefunden habe, umſtaͤndlicher er - klaͤren. Nach dem 12ten, 14ten bis 16ten Tage beſteht das Ey aus drey von einander verſchiede - nen Saͤcken, aus dem Sacke des Gelben, welcher in der Mitte liegt, aus dem Amnio mit dem Fe - tus, welches nach dem ſtumpfen Ende des Eyes, und aus dem Sacke des Weißen, welcher nach dem ſpitzigen Ende zugelegen iſt. Dieſe drey Saͤ - cke ſind auf folgende Art in Haͤuten eingeſchloſſen und mit einander verbunden. Zuerſt erſcheint unmittelbar unter der aͤußern harten Schale, wenn man dieſe wegnimmt, die weiße dicke undurchſich - tige und trockne Haut, die an den unterſten zwey Drittheilen der Schale feſt ſitzt, oben aber am ſtumpfen Ende zwiſchen ſich und der Schale ei - nen großen leeren Raum laͤßt, der ohne Zweifel mit Luft angefuͤllt iſt. Es iſt ſchwer, die Schale ohne Verletzung dieſer Haut loß zu machen; es laͤßt ſich aber bewerkſtelligen. Dieſe Haut umgiebt alle drey Saͤcke, das Amnium, das Gelbe, und das Weiße, und ſie iſt alſo die erſte gemeinſchaft - liche Haut, wodurch dieſe drey Theile uͤberzogen und an einander gehalten werden. Wenn man die Schale gluͤcklich losgemacht hat, ſo hat man nunmehro ein neues weiches Ey, welches der Fi - gur nach von der Schale verſchieden iſt; denndieſe277Wiederholte Verſuche. dieſe Haut formirt an dem obern ſtumpfen Ende nicht wiederum ein Gewoͤlbe, wie die Schale, ſon - dern eine platte Flaͤche. An dieſer Flaͤche iſt ſie auch auf der darunter gelegenen folgenden Haut ſo befeſtiget, daß ſie ſich nicht ohne Zerreißung von derſelben trennen laͤßt. Von dem uͤbrigen Um - fange des Eyes aber, wo ſie das Gelbe und das Weiße bedeckt, laͤßt ſie ſich leicht abloͤſen. Wenn man dieſe Haut herunter nimmt, ſo folgt nunmeh - ro die zweyte, die zwar ebenfalls ziemlich ſtark, aber durchſichtig iſt, ſo daß man nunmehro die drey Theile des Eyes, und im Amnio den Fetus ſelbſt ſehen kann. Sie iſt wiederum eine allge - meine Haut aller drey Theile des Eyes, und dieſe werden noch durch dieſelbe in eine Kugel zuſam - men gehalten. Malpigh hat dieſes in der 54. Figur im Anhange ſehr ſchoͤn und natuͤrlich aus - gedruͤckt. Es iſt nemlich dieſe Haut diejenige, welche Malpigh chorium nennt. Auf ſie folgt die dritte oder die zweyte durchſichtige, denn die er - undurchſichtige muß eigentlich nicht mitgezehlt werden; dieſe iſt wiedrum allgemeiu, und ſie hielt, nachdem ich des Malpighs Chorium herunter - gezogen hatte, noch immer die drey Theile des Eyes in einem Kuchen zuſammen, auf die Art, wie Malpigh dieſe drey Theile, da ſie noch ins Chorium eingeſchloſſen waren, in der 54ſten Figur vorgeſtellt hat. Sie iſt ſehr ſubtil, und Mal - pigh hat ſie dahero nicht wahrgenommen; er hat ſie allemal mit dem Chorio zugleich herunter ge - zogen, als welches ſehr leicht geſchehen kann. S 3Man278Anhang. Man kann ſie, wenn man man will, auf fuͤr die innere Lamina des Chorii anſehen, und beyde fuͤr eine Haut halten. Nachdem ich dieſe herunter gezogen hatte, ſo fielen numehro die drey Theile des Eyes in drey verſchiedene Kuchen von einan - der; denn ob ſie gleich an einem Orte ihrer Ober - flaͤche noch mit einander verbunden ſind; ſo ſtel - len ſie nunmehro doch drey verſchiedene Kuchen gleichſam vor, die vorhin durch die allgemeine Haͤute in einem zuſammen gepreßt waren. Man ſieht dieſes in der 52ten Figur des Malpigh, wobey man ſich nur vorſtellen darf, als wenn die Haut des Amnii D, welches hier zerriſſen, und nach dem Gelben zu herunter gezogen iſt, uͤber den Fetus zuruͤck geſchlagen waͤre, und eine Blaſe um ihn formirte, die alsdann das Amnium vor - ſtellen wuͤrde. Nunmehro folgen alſo die eigene Haͤute eines jeden dieſer drey Theile des Eyes, von deren Continuation in einander die Rede iſt. Das Amnium beſteht aus einer einfachen Haut, die, nachdem ſie die Blaſe um den Fetus formirt hat, am Nabel ſich zuruͤck ſchlaͤgt, zugleich ſich an der Oberflaͤche deſſelben feſtſetzt, und in die Epi - dermis des Fetus continuirt. Es ſchlieſſet alſo die Oeffnung des Unterleibes, durch welche die Gedaͤrme des Fetus heraus hengen, nicht zu, und dieſe ſind daher auch nicht nur auſſer der Hoͤle des Unterleibes, ſondern auch auſſer dem Amnio und auſſer dem Sacke des Gelben gelegen, und wer - den durch nichts als| durch die allgemeine Haͤute, durch des Malpighs Chorium eingeſchloſſen. Jch279Wiederholte Verſuche. Jch weiß nicht, daß man dieſes ſchon bemerkt hat. Man ſtellt ſich vor, ſie ſollen im Amnio nicht nur, ſondern auch innerhalb des Nabels noch liegen; das iſt aber falſch, und der ganze Nabel, den Malpigh in der 48ſten Figur bey B gezeich - net hat, exiſtirt eigentlich nicht, ſondern iſt ein kuͤnſtliches Produkt; er entſteht nemlich, wenn man das Amnium zerreißt, und, um den Fetum zu entbloͤßen, die Membran des Amnii uͤber die Ge - daͤrme und Naͤbelgefaͤße zuruͤck ſchlaͤgt. Daher ſagt Malpigh, die Haut dieſes Nabels conti - nuirt in die Haut des Embryo; das thut das Am - nium, und dieſe Haut, die den Nabel formirt, iſt weiter nichts als die zuruͤckgeſchlagene Membran des Amnii. Der Sack des Gelben beſteht nun - mehro aus zwey ihm eigenen Haͤuten, die eben diejenigen ſind, die in den Embryo continuiren, die aͤuſſere iſt duͤnne, glatt und durchſichtig, wie die Membran des Amnii, die Pleura, das Peri - toneum, und andere dergleichen duͤnne Membra - nen; die innere iſt dicker, weich und ſchwammigt; ſie formirt die breite in die Hoͤle des Sackes her - abhengende Falten, die Duplicaturen dieſer in - nern Haut ſind, ſo wie die Falten in den Gedaͤr - men von der innern ſo genannten zottigten Haut derſelben formirt werden. Sie iſt in allen Stuͤ - cken dieſer innern Haut der Gedaͤrme aͤhnlich; und es iſt daher kein Zweifel, daß ſie nicht auch eben ſo aus lauter kleinen durch ein Zellengewebe verbundenen Gefaͤßen beſtehen ſolte, wie wir an den Lieberkuͤhniſchen Jnjectionen ſehen, daß dieS 4Haut280Anhang. Haut der Gedaͤrme zuſammengeſetzt iſt. Auf der Oberflaͤche dieſer Falten laſſen ſich auch leicht durch das Vergroͤßerungsglas die beſondere Art von ſchlangenfoͤrmigen Canaͤlen wahrnehmen, die gleich - ſam auf dieſe Oberflaͤche der Falten oder Valveln wie ſie der Erfinder derſelben, der Hr. von Haller nennt, nur aufgelegt zu ſeyn ſcheinen. Mit der Continuation verhaͤlt es ſich nun auf dieſe Art; ich habe ſchon geſagt, daß ungeachtet des ver - ſchloßenen Amnii eine Oeffnung in das Unterleib des Fetus uͤbrig bleibt, aus dieſer hengen die Ge - daͤrme des Fetus heraus, und es ſind beſonders zwey Kruͤmmungen, die von dem duͤnnen Darm formirt werden, merkwuͤrdig, die in der fruͤhern Zeit den ganzen duͤnnen Darm ausmachten, wel - cher aber hernach durch ſeine Verlaͤngerung meh - rere dergleichen Krummungen formirt; die eine von dieſen Kruͤmmungen iſt der Theil des duͤnnen Darmes, der allein mit dem Sacke des Gelben durch einen kurzen und duͤnnen Canal communicirt. Die aͤußere eigene Haut des Gelben geht an einem Orte von der Oberflaͤche dieſes Sackes ab, formirt eine Scheide um den Vereinigungscanal, in wel - cher auch noch ein paar kleine Gefaͤße von den Aeſten der Gekroͤsadern neben dem Canal einge - wickelt liegen; ſie kommt auf die Kruͤmmung des Darmes, geht gerade uͤber ſeine Oberflaͤche her - uͤber, und continuirt, nachdem ſie ſeine aͤußere Haut gemacht hat, in das Gekroͤſe. Die innere eigene Haut des Gelben continuirt durch den Ca - nal in die innere Haut der Gedaͤrme.

Nun -281Wiederholte Verſuche.

Nunmehro wiſſen wir, das Gelbe iſt vor der Jncubation mit einer einzigen einfachen duͤnnen Membran umgeben, außer welcher man auch kei - ne Spuhr von irgend einer andern wahrnimmt; wenn alſo dieſe Membran eine von denen waͤre, die in der Folge die eigene Membranen des Gel - ben ausmachen, ſo verhielte es ſich mit der Con - tinuation ſo, wie man es vorgibt, allein das iſt es eben, was gar nicht moͤglich iſt. Wir wiſſen, daß, ſo bald das Amnium mit dem Embryo in den erſten 24 Stunden zum Vorſchein kommt, daſſelbe ſo gleich unter der alsdann noch einfachen Membran gelegen und folglich von derſelben mit eingeſchloſſen| iſt. So bleibt das ganze Amnium auch in der Folge der Jneubation beſtaͤndig in die - ſer aͤußern Haut des Gelben eingeſchloßen, und folglich muß dieſelbe indem das Amnium waͤchſt, und ſich ausdehnt nothwendig eine gemeinſchaft - liche Haut werden, worin nicht nur das Gelbe ſondern zugleich auch das Amnium eingeſchloßen iſt. Es iſt auf gar keine Art moͤglich, daß eine Membran, die im Anfange nebſt dem Gelben auch zugleich mit das Amnium umgeben hat, in der Folge das Amnium und den Fetum ausſchlieſſen und in die innere Theile des Fetus continuiren koͤnnte, ſo, daß, wenn das Unterleib des Fetus verlaͤngert wuͤrde, dieſes nunmehro vielmehr jenen Sack, in dem es vorhin enthalten geweſen iſt, ein - ſchließen wuͤrde, wie es ſich wuͤrklich in der Folge verhaͤlt, wo der Sack des Gelben mit ſeinen bey - den eigenen Haͤuten in die Hoͤle des UnterleibesS 5ge -282Anhang. gezogen wird. Es wundert mich, daß der Herr von Haller dieſe Unmoͤglichkeit nicht ſehr bald gemerkt hat. Jch muß geſtehn, ſo bald ich das in ſeinen 2 eignen Haͤuten eingeſchloßene Gelbe und die Art der Verbindung deſſelben mit den Ge - daͤrmen des Embryo ſahe, ſo fiel es mir ſogleich in die Augen, daß dieſe eigene Haͤute des Gelben unmoͤglich die alte Haut deſſelben ſeyn koͤnnten, als von welcher ich einmahl ſchon den Eindruck hat - te, daß ſie uͤber das Amnium weggehen muß. Jch haͤtte es auch eben deswegen ſchon vorher, ehe ich die Unterſuchungen anſtellte, einſehen ſollen; allein ich hatte die ganze Sache nicht recht uͤber - legt. Man ſieht alſo leicht, dieſe alte Haut des Gelben, welche vor der Jncubation ſchon exiſtirt, iſt eben dieſelbe, welche Malpigh Chorium ge - nennt hat. Dieſe continuirt aber auf keine Art mit dem Fetus; ſie geht uͤber das Amnium, wor - in der Fetus eingeſchloßen liegt, weg, und kommt alſo nirgends mit ihm zuſammen. Die beyde eige - ne Haͤute des Gelben aber, die wuͤrklich mit den Gedaͤrmen des Fetus continuiren, ſind neue for - mirte Haͤute, die ziemlich ſpaͤt erſt und zwar nach und nach ſehr langſam formirt werden. Es ſind eben die, welche unter der alten Haut des Gelben die aream umbilicalem ausmachen, in welcher die Gefaͤße formirt werden, und deren Entſte - hungsart aus der koͤrnigten Materie ich in mei - ner Diſſertation erklaͤrt habe.

Es findet alſo, wenn man von Haͤuten re - det, die mit dem Eye ſelbſt im Eyerſtocke ſchonvor -283Wiederholte Verſuche. vorhanden geweſen ſeyn ſollen, keine Continua - tion dieſer Haͤute in den Embryo ſtatt; unb folg - lich wuͤrde auch die Evolution, wenn gleich eine ſolche Continuation ein Beweiß derſelben waͤre, dennoch dadurch nicht bewieſen werden koͤnnen; allein da auch, wie ich in der erſten Abhandlung weitlaͤuftig bewieſen habe, ſelbſt eine dergleichen Continuation, wenn ſie wuͤrklich ſtatt faͤnde, den - noch nichts beweiſen wuͤrde, ſo wird nunmehro Herr Bonnet um ſo vielmehr daraus erkennen, daß er geirrt habe, wenn er geglaubt hat, dieſes Argument ſey eine vollkommne Demonſtration ſeiner Hypotheſe.

[figure]
[284]

Druckfehler.

  • Seite 34 Reihe 22 nach Dispuͤten muß zugeſetzt wer - den: vermieden werden koͤnnen, und alle Dis - puͤten aber

About this transcription

TextTheorie von der Generation
Author Caspar Friedrich Wolff
Extent310 images; 62636 tokens; 5930 types; 430834 characters
Responsibility Alexander Geyken, ed.; Susanne Haaf, ed.; Bryan Jurish, ed.; Matthias Boenig, ed.; Christian Thomas, ed.; Frank Wiegand, ed.

CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe

EditionVollständige digitalisierte Ausgabe.

About the source text

Bibliographic informationTheorie von der Generation in zwo Abhandlungen erklärt und bewiesen Caspar Friedrich Wolff. . [8] Bl., 283, [1] S. BirnstielBerlin1764.

Identification

HAB Wolfenbüttel HAB Wolfenbüttel, M: Na 340Dig: http://diglib.hab.de/drucke/na-340/start.htm

Physical description

Fraktur

LanguageGerman
ClassificationFachtext; Biologie; Wissenschaft; Biologie; core; ready; china

Editorial statement

Editorial principles

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.

Publication information

Publisher
  • dta@bbaw.de
  • Deutsches Textarchiv
  • Berlin-Brandenburg Academy of Sciences and Humanities (BBAW)
  • Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW)
  • Jägerstr. 22/23, 10117 BerlinGermany
ImprintBerlin 2019-12-09T17:35:52Z
Identifiers
Availability

Distributed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial 3.0 Unported License.

Holding LibraryHAB Wolfenbüttel
ShelfmarkHAB Wolfenbüttel, M: Na 340
Bibliographic Record Catalogue link
Terms of use Images served by Deutsches Textarchiv. Access to digitized documents is granted strictly for non-commercial, educational, research, and private purposes only. Please contact the holding library for reproduction requests and other copy-specific information.