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Vernuͤnfftige Gedancken Von dem Geſellſchafftlichen Leben der Menſchen
Und inſonderheit Dem gemeinen Weſen Zu Befoͤrderung der Gluͤckſeeligkeit des menſch - lichen Geſchlechtes
Mit Koͤnigl. Pohln. und Churfuͤrſtl. Saͤchſ. allergnaͤdigſtem privilegio.
Halle im Magdeburgiſchen,1721.Zu finden in der Rengeriſchen Buchhandlung.
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Vorrede. Beneigter Leſer.

MEin gegenwaͤrtiges Vor - haben iſt gruͤndlich und ausfuͤhrlich zu zeigen, wie die Menſchen mit vereinigten Kraͤfften ihre Gluͤckſeelig - keit befoͤrdern koͤnnen. Waͤre bey al - len Menſchen Verſtand und Tugend, ſo wuͤrde ein jeder aufrichtig und frey - willig zur gemeinen Wohlfahrt beytra - gen, was in ſeinen Kraͤfften und ſeinem) (2Ver -Vorrede. Vermoͤgen ſtuͤnde: allein da leider! der groͤſte Theil der Menſchen von beydem wenig beſitzet, ſo hindert nicht nur ei - ner des andern Gluͤckſeeligkeit, die er befoͤrdern ſolte, theils oͤffentlich und ohne Scheue, theils unter dem Vor - wande des Guten, damit die ſchaͤdliche interesſirte Abſichten verdecket werden; ſondern viele verfallen auch aus Un - wiſſenheit und Thorheit auf verderbli - che Anſchlaͤge bey ihrem feſten Vorſa - tze des Landes Wohlfahrt zu befoͤrdern. Es iſt freylich wahr, daß es in keinem gemeinen Weſen beſſer hergehen wuͤrde, als wo alles mit Vernunfft geſchaͤhe, das iſt, wo jedermann in allen vorkom - menden Faͤllen zureichenden Verſtand und genung Tugend haͤtte: allein da wir ſolche Menſchen auf unſerem Erd - boden nicht antreffen, ſo laͤſſet ſich auch hier kein ſo vollkommener Staat ein - richten. Nun waͤre wohl nicht alleMuͤheVorrede. Muͤhe gantz vergebens, wann man der - gleichen vollkommenen Staat beſchrei - ben wolte: denn er waͤre ein Spiegel, darinnen wir die Unvollkommenheit unſerer Staate erblicken koͤnten, und ein Probier-Stein, daran ſich das Gu - te in unſeren Staaten zu erkennen gaͤ - be. Allein da ich mir vor dieſesmahl nichts weiter vorgenommen, als nach meiner Art, das iſt, deutlich und gruͤnd - lich zu zeigen, wie ſich ein Staat auf unſerem Erdboden einrichten laͤſſet; ſo habe ich auch ſolche Menſchen dazu neh - men muͤſſen, wie wir auf dem Erdbo - den antreffen. Man findet demnach in dieſem Buche zureichende Lehren, daraus man von allem demjenigen, was im gemeinen Weſen vorkom̃et, richtigen Grund anzeigen und alles, was zu ei - nem Staate gehoͤret, oder irgendswo darinnen angetroffen wird, vernuͤnff - tig beurtheilen kan. Wer meine Art) (3ver -Vorrede. verſtehet, nach der ich die Sachen vor - zutragen geſonnen, der wird befinden, wie weit die Wahrheiten von dem ge - meinen Weſen von den erſten Gruͤn - den der Erkaͤntnis entfernet ſind. Man ſiehet, daß ich mich hier beſtaͤn - dig auf die Wahrheiten beruffe, die in dem Buche von der Menſchen Thun und Laſſen, oder in der Moral, vorgetra - gen worden, und dadurch erkennet man, daß wer die Politiſchen Wahr - heiten gruͤndlich einſehen will, fuͤr allen Dingen die Moral wohl verſtehen muͤſſe. Nimmet man nun die Moral fuͤr die Hand, ſo ſiehet man ferner, daß man daſelbſt beſtaͤndig in das Buch von GOTT, der Welt und der Seele des Menſchen, auch allen Dingen uͤber - haupt, das iſt, in die Metaphyſick ver - wieſen wird, und dadurch lernet man, daß, wer die Moraliſchen Wahrheiten gruͤndlich einzuſehen verlanget, fuͤr al -lenVorrede. len Dingen in der Metaphyſick ſich wohl umbſehen muͤſſe. Woraus denn ferner erhellet, daß mehrere Muͤhe und groͤſſerer Fleiß dazu erfordert wird, wenn man die Moraliſchen Wahrheiten gruͤndlich erkennen ſol, als wenn man die Metaphyſiſchen begreif - fen wil: ingleichen daß es ſchweerer ſey die Politiſchen Wahrheiten gruͤndlich einzuſehen, als die Moraliſchen zu be - greiffen. Es wil aber noͤthig ſeyn, daß ich hier ein doppeltes Vorurtheil beneh - me, welches einige aus Misverſtaͤnd - nis meiner Worte ziehen doͤrfften. Es darf ſich niemand einbilden, als wenn er groͤſſere Geſchicklichkeit beſaͤſſe, in dem er moraliſche und politiſche Wahrhei - ten erkand, als ein anderer, der mit metaphyſiſchen zu thun hat. Denn dieſes findet bloß in dem Falle ſtat, wo die politiſchen und moraliſchen gruͤnd - lich erlernet und voͤllig begriffen wer - den, folgends eine gruͤndliche Erkaͤnt -) (4nisVorrede. nis der metaphyſiſchen mit darbey iſt. Wo es aber an der letzteren fehlet, da kan ſich keiner ruͤhmen, daß er die er - ſteren voͤllig begreiffet. Unterdeſſen iſt doch ein groſſer Unterſcheid, ob man dieſe Wahrheiten voͤllig begreiffet, oder nur oben hin anſiehet. Wer ſie voͤllig begreiffet, der iſt verſichert, daß er ſich niemahls den Schein wird blenden laſ - ſen, und das falſche fuͤr das wahre, das ſchlechtere an ſtat des beſſeren er - wehlen, noch auch aus Ubereilung ta - deln, was in der Vernunfft genung gegruͤndet iſt. Hingegen zeiget es die Erfahrung, wie diejenigen, welche ſie nur obenhin erkennen, ſich in ihren Ge - dancken oͤffters betruͤgen, auf viele Jrr - thuͤmer gerathen, und mit einer Heff - tigkeit tadeln, was vielmehr ruͤhmens wuͤrdig gefunden wird, wenn man es gruͤndlich unterſuchet. Man darf auch nicht meinen, als wenn die ErfahrungmirVorrede. mir zuwieder waͤre, indem ich behaup - te, es werde zu gruͤndlicher Erkaͤntnis der moraliſchen und politiſchen Wahr - heiten auch eine tiefe Einſicht in die me - taphyſiſchen erfordert. Denn man wird mir kein Exempel bringen koͤnnen, da einer ohne dieſe jene gruͤndlich er - kennete und voͤllig begriffe, wo man nur verſtehet, was dazu erfodert wird, daß man etwas gruͤndlich verſtehet und voͤllig begreiffet. Jch habe in mei - nen Schrifften, abſonderlich in den Ge - dancken von den Kraͤfften des Verſtan - des und in den andern von GOtt, der Welt und der Seele des Menſchen die - ſes ausfuͤhrlich erklaͤret. Wer alſo die Wahrheit meiner Worte einſehen, und fuͤr dieſem Vorurtheile ſich huͤten wil, der muß daſelbſt Unterricht ſuchen. Da nun aber die Metaphyſick, wie ich ſie nemlich abgehandelt, zu gruͤndlicher Erkaͤntnis der Staats-Kunſt noͤthig) (3iſt;Vorrede. iſt; ſo erkennet man hieraus, wie nuͤtz - lich dieſe Wiſſenſchafft ſey, und daß auch diejenigen ſich darauf zu legen haben, die in ihren kuͤnftigen Bedienungen fuͤr die gemeine Wohlfahrt zu ſorgen ha - ben. Jch ſetze mit Fleiß darzu, daß dieſes von der Metaphyſick zu verſte - hen ſey, wie ich ſie abgehandelt: denn ich leugne nicht, daß in dieſer Wiſſen - ſchafft bisher lauter Finſternis gewe - ſen, und alſo ihre Finſternis in den - brigen kein Licht hat anzuͤnden koͤnnen. Wer demnach die in gegenwaͤrtigem Tractate vorgetragene Wahrheiten wil begreiffen, der muß zuerſt meine Gedancken von GOtt, der Welt und der Seele des Menſchen, auch allen Dingen uͤberhaupt und nach dieſem die von der Menſchen Thun und Laſſen reiflich erwegen, wie es die Regeln er - fordern, die ich zu dem Ende in den Gedancken von den Kraͤfften des menſch -lichenVorrede. lichen Verſtandes vorgeſchrieben. Jch bin nemlich auch in dieſem Buche bey meiner gewoͤhnlichen Lehr-Art geblie - ben, und werde auch ins kuͤnfftige da - bey beſtaͤndig verbleiben, indem der ein - zige Weg zu gruͤndlicher Erkaͤntnis iſt, wenn man die Bedeutung aller Woͤr - ter in richtige Schrancken einſchlieſſet, und die folgenden Wahrheiten aus dem Vorhergehenden in einer beſtaͤndigen Verknuͤpffung herleitet. Es iſt wohl freylich wahr, daß ich alles noch weit mehr haͤtte zergliedern koͤnnen, wenn ich es in voͤlliger Deutlichkeit haͤtte ſe - tzen wollen; allein auf ſolche Weiſe wuͤrden aus ſehr vielen §§ gantze Capi - tel worden ſeyn, und waͤre das Buch groͤſſer und weitlaͤufftiger worden, als es der gegenwaͤrtige Zweck erfordert. Unterdeſſen habe ich doch uͤberall ſo viel Gruͤnde angezeiget, daß ein in dieſer Lehr-Art Geuͤbter die fernere Zerglie -derungVorrede. derung fuͤr ſich anſtellen kan. Was die Lehren ſelbſt betrifft, die ich hier be - haupte, ſo habe ich ſie ſo vorgetragen, wie ſie in der Vernunfft gegruͤndet ſind und kuͤmmere mich wenig darumb, ob alles unter uns ſo uͤblich iſt, oder nicht. Unterdeſſen wer dieſelbe wohl faſſet, der wird in dem Stande ſeyn alles das je - nige, was unter uns uͤblich iſt, vernuͤnff - tig zu beurtheilen. Es wird wohl nie - mand zweiffeln, daß die Wahrheiten, welche hier ausgefuͤhret werden, die nuͤtzlichſten ſind fuͤr das menſchliche Ge - ſchlechte, denn die gantze zeitliche Gluͤck - ſeelichkeit beruhet auf einem wohleinge - richteten Staate. Wo man wohl, das iſt, vernuͤnfftig regieret, da findet ein jeder ſein Vergnuͤgen, wo er nicht durch ſeine eigene Schuld daſſelbe ſtoͤhret, und ſein Gemuͤthe in Unruhe ſetzet. Hin - gegen wo unvernuͤnfftig regieret wird, da hat jedermann viel Mißvergnuͤgen,undVorrede. und muß ohne ſeine Schuld ſein Ge - muͤthe in Unruhe ſetzen laſſen. Die Sineſer haben von alten Zeiten her auf die Kunſt zu regieren vielen Fleiß ge - wendet: was ich aber in ihren Schriff - ten hin und wieder zur Probe zu un - terſuchen mich beflieſſen, das finde ich meinen Lehren gemaͤß. Derowegen da dieſes Volck in der Kunſt zu regieren alle uͤbertrifft und fuͤr allen den Ruhm er - halten; ſo iſt mir lieb, daß ich ihre Ma - ximen aus meinen Gruͤnden erweiſen kan. Vielleicht finde ich einmahl Ge - legenheit die Sitten - und Staats-Leh - re der Sineſer in Form einer Wiſſen - ſchafft zu bringen, da ſich die Harmo - nie mit meinen Lehren deutlich zeigen wird. Allein dieſe Arbeit muß deswe - gen noch weit hinaus geſetzt verbleiben, weil ich noch genung zu thun habe, ehe ich meine Lehren der Welt-Weißheit in ihrer voͤlligen Ausfuͤhrung dargeſtellet,wieVorrede. wie ich mich bereits anheiſchig gemacht und auch meinem Verſprechen nach - kommen werde, woferne mir GOTT noch laͤnger Leben und Geſundheit ver - leihet, und mich in ſolchen Umbſtaͤn - den laͤſſet, da ich der Verbeſſerung der Wiſſenſchafften ungehindert obliegen kan. Halle den 18. Aprilis A. 1721.

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Vernuͤnfftige Gedancken von Dem geſellſchafftlichen Le - ben der Menſchen und Dem gemeinen Weſen.

Der I. Theil. Von den Beſellſchafften der Men - ſchen.

Das I. Capitel. Von den Geſellſchafften der Menſchen uͤberhaupt.

§. 1.

EJn Menſch iſt verbunden,War - umb der Menſch nicht in der Ein - ſamkeit leben darf. dem andern mit ſeinem Vermoͤgen (§. 907. & ſeqq. 961. 965. Mor.), ſeiner Ar - beit (§. 910. Mor.), ſeiner Huͤlfe (§. 972. Mor.) und ſeinem Exempel (§. 167. 188. 312. 321. 373. (Politick) A767.2Cap. 2. Von den Geſellſchafften767. Mor.) vielfaͤltig zu dienen. Da er nun dieſer Verbindlichkeit kein Gnuͤgen thun kan, wenn er vor ſich allein in der Einſamkeit lebet, ja auch in der Einſam - keitt ſeinen eigenen Zuſtand nicht ſo voll - kommen machen kan, als wenn er unter andern Menſchen lebet, den er doch ſo voll - kommen zu machen verbunden, als nur immer moͤglich iſt (§. 12 Mor.): ſo darf er nicht vor ſich wie die Thiere von andern Menſchen abgeſondert leben, vielmehr ſind die Menſchen verbunden, neben einander und mit einander zu leben, damit einer des andern Gluͤckſeeligkeit befoͤrdern kan, ſo viel an ihm iſt (§. 767. Mor.). Thiere koͤnnen vor ſich von andern abgeſondert leben, weil ſie nicht viel brauchen und abſonderlich ei - nes von dem andern nicht viel lernen kan, wodurch es vollkommener wuͤrde. Jhr Leib iſt aus den Gliedmaſſen dergeſtalt zu - ſammengeſetzet, daß ſie von den Umſtaͤn - den der Faͤlle, in welche ſie gerathen, zu de - nen ihnen nuͤtzlichen Bewegungen determi - niret werden.

Was die Geſell - ſchaft iſt.

§. 2.

Wenn Menſchen mit einander ei - nes werden mit vereinigten Kraͤfften ihr be - ſtes worinnen zu befoͤrdern; ſo begeben ſie ſich mit einander in eine Geſellſchaft. Und demnach iſt die Geſellſchaft nichts anders als ein Vertrag einiger Perſonen mit ver -einig -3der Menſchen uͤberhaupt. einigten Kraͤften ihr Beſtes worinnen zu be - foͤrdern.

§. 3.

Den ungehinderten Fortgang inWorin - nen die Wohl - fahrt ei - ner Ge - ſellſchaft beſtehet. Befoͤrderung des gemeinen Beſtens, das man durch vereinigte Kraͤffte zu erhalten ge - dencket, nennet man die Wohlfahrt der Geſellſchafft. Zu dieſer Bewegung hat man guten Grund. Denn die Wohlfahrt einer Geſellſchafft koͤnnen wir nicht anders anſehen als das hoͤchſte Gut, was eine der - gleichen Geſellſchaft erreichen kan. Da nun dieſes in einem ungehinderten Fortgange zu groͤſſeren Vollkommenheiten beſtehet (§. 44. Mor.); ſo koͤnnen wir auch die Wohl - fahrt der Geſellſchafft in nichts anders fu - chen als in einem ungehinderten Fortgange in Befoͤrderung ihres gemeinen Beſten.

§. 4.

Da wir nun dieſe Wohlfahrt durch die Geſellſchafft zu erhalten gedencken (§. 3.);Abſicht der Ge - ſellſchaft und wie ſie unter - ſchieden werden. ſo iſt ſie die Abſicht der Geſellſchafft (§. 910 Met.) und die Geſellſchafft ein Mittel die gemeine Wohlfahrt zu befoͤrdern (§. 912. Met.). Da nun eine jede Geſellſchaft ei - ne gemeine Wohlfahrt hat, und ohne die - ſelbe nicht beſtehen kan (§. 2. 3. ); ſo hat jede Geſellſchafft ihre beſondere Abſicht, wo - durch ſie von einer anderen unterſchieden wird. Und ſolchergeſtalt muͤſſen die Ge - ſellſchafften aus ihren Abſichten unter - ſchieden, und dergeſtalt eingerichtet wer -A 2den,4Cap. 1. Von den Geſellſchaftenwerden, daß man darinnen dieſelben errei - chen kan.

Welche Geſell - ſchaften recht und unrecht ſind.

§. 5.

Da eine jede Geſellſchaft ein Ver - trag iſt (§. 2), kein Vertrag aber recht iſt, darinnen entweder von beyden Seiten, o - der nur von einer ſolche Dinge verſprochen werden, die dem Geſetze der Natur zuwie - der lauffen (§. 1010 Mor.); ſo kan auch kei - ne Geſellſchaft recht ſeyn, die etwas zu ih - rer Abſicht hat, was dem Geſetze der Na - tur zuwieder iſt, oder da von einer oder beyden Seiten etwas verſprochen wird, was ihm zuwiederlaͤufft; hingegen ſind alle Ge - ſellſchaften dem Geſetze der Natur gemaͤß, wenn beyderſeits nichts verſprochen wird, als was demſelben gemaͤß iſt.

Eine Ge - ſellſchaft ſtellet ei - ne Peꝛſon vor / und was dar - aus er - folget.

§. 6.

Weil in einer Geſellſchaft zwey oder mehrere Perſonen mit einander eines werden mit vereinigten Kraͤften ihr Beſtes worinnen zu befoͤrdern (§. 2); ſo ſind ſie in dieſem Stuͤcke nicht anders anzuſehen als eine Perſon, und haben demnach ein gemein - ſchaftliches Jntereſſe: folgends iſt es der Na - tur einer Geſellſchaft zuwieder, wenn man das Jntereſſe des einen dem Jntereſſe des andern, oder (welches gleichviel iſt) die Wol - fahrt des einen der Wohlfahrt des andern entgegen ſetzen will. Und erhellet hieraus ferner, daß es unrecht ſey, wenn einer in der Geſellſchaft ſeine Wohlfahrt mit Hint -an -5der Menſchen uͤberhaupt. anſetzung oder wohl gar mit Nachtheile des andern ſuchen will.

§. 7.

Gleichwie nun aber einer nichtWenn man in einer Ge - ſellſchaft nicht verblei - ben darf. verbunden iſt einen Vertrag zu halten, der dem Geſetze der Natur zuwieder iſt (§. 1011. Mor.); ſo iſt auch keiner gehalten in einer Geſellſchaft zu verbleiben, die unrecht iſt (§. 5) Und gleichwie man ferner nicht ver - bunden iſt einen Vertrag zu halten, dazu man durch Furcht oder Betrug verleitet worden (§. 1019. Mor.); ſo iſt man auch nicht ſchuldig in einer Geſellſchaft zu ver - bleiben, darein man durch Furcht oder Betrug gezogen worden (§. 2).

§. 8.

Wiederumb weil eine GeſellſchaftEs wird noch weiter ausge - fuͤhret. des gemeinen Beſtens halber eingegangen wird (§. 2), dieſes aber nicht erhalten wird, wenn einer oder einige ihren beſonderen Nutzen mit des andern ſeinem Schaden ſuchen; ſo iſt derjenige, der den Schaden hat, auch nicht gehalten in der Geſellſchaft zu verbleiben, woferne er ſich ohne noch groͤſſeren Schaden zu haben abſondern kan. Denn ſollten die Umbſtaͤnde ſo beſchaffen ſeyn, daß er aus der Geſellſchaft nicht kommen koͤnnte, als wenn er noch groͤſſe - ren Schaden uͤber ſich nehmen wollte; ſo waͤre er freylich verbunden den kleineren Schaden zu ertragen und in der Geſell - ſchaft zu verbleiben (§. 832. Mor.)

A 3§. 9.6Cap. 1. Von der Geſellſchaft
Wenn man von der Ge - ſellſchaft ſich nicht loß ſagen darf.

§. 9.

Da niemand den andern in Scha - den bringen darf (§. 824. Mor.); ſo koͤnnen wir auch nicht uns aus einer Geſell - ſchaft degeben, oder davon loß ſagen, das iſt, es ſtehet uns nicht frey uns zu erklaͤ - ren, daß wir laͤnger darinnen nicht verhar - ren wollen, wen dadurch der andere in Schaden geſetzet wird: woferne wir aber ſolches gleichwohl thun, ſo ſind wir ge - halten den Schaden zu erſetzen (§. 825 Mor.) Jm Gegentheile erhellet, daß wir uns loß ſagen koͤnnen, wenn dadurch dem andern kein Schaden erwaͤchſet, und zwar umb ſo viel mehr, wenn wir Schaden haben wuͤr - den, woferne wir darinnen verbleiben, der andere aber durch unſern Schaden nichts gewinnen wuͤrde (§. 832 Mor.).

Was in einer Ge - ſellſchaft nicht zu eꝛdulden.

§. 10.

Weil alle, die in einer Geſellſchaft neben einander und mit einander leben, alle ihre Kraͤffte anwenden ſollen, daß ſie die - jenige Abſicht erreichen, umb derer Wil - len ſie ſich in die Geſellſchaft begeben (§. 2. 4); ſo kan man nicht zugeben, daß einer oder der andere etwas vornehme, was der - ſelben zuwieder iſt. Woferne nun aber dergleichen geſchehen ſollte, ſo muß der da - durch verurſachte Schade von dem ſchul - digen Theile erſetzet werden (§. 825 Mor.), auch haben die uͤbrigen Recht, alle Mittel anzuwenden, wie ſie ihn zu Beobachtung ſeiner Pflicht bringen (§. 832 Mor.).

§. 11.7der Menſchen uͤberhaupt.

§. 11.

Nemlich da die Wohlfahrt derHaupt - Geſetze einer Ge - ſellſchaft. Geſellſchaft die einige Abſicht iſt, warumb man ſich darein begiebet (§. 4); alle beſon - dere Abſichten aber dergeſtalt einzurichten ſind, daß ſie endlich ein Mittel zur Haupt - Abſicht werden (§. 140. Mor.); ſo iſt dieſes die Regel, darnach diejenigen ihre Hand - lungen einzurichten haben, die in einer Ge - ſellſchaft mit einander leben, in ſo weit ſie nemlich in derſelben leben: Thue, was die Wohlfahrt der Geſellſchaft befoͤrdert; un - terlaß, was ihr hinderlich, oder ſonſt nachtheilig iſt. Da wir nun nach dieſer Regel unſere Handlungen einzurichten ver - bunden ſind; ſo iſt ſie das letzte Geſetze in einer Geſellſchaft, und ſaget man nicht oh - ne Grund, die gemeine Wohlfahrt iſt das hoͤchſte oder letzte Geſetze in einer Geſell - ſchaft. (§. 16. Mor.)

§. 12.

Derowegen wenn es geſchehenWenn die ge - meine Wohl - fahrt der beſonde - ren vor - zuziehen ſollte, daß die beſondere Wohlfahrt eines einigen, der in der Geſellſchaft lebet, mit der gemeinen Wohlfahrt nicht beſtehen koͤnnte, und dannenhero noͤthig waͤre, ei - ne Ausnahme zu machen (§. 165 Met.); ſo muͤſte die gemeine Wohlfahrt der beſon - deren vorgezogen, die beſondere aber der gemeinen nachgeſetzet werden. Man muß aber wohl darauf acht haben, daß man die gemeine Wohlfahrt nicht weiter erſtre -A 4cket,8Cap. 1. Von der Geſellſchaftſtrecket, als es die Abſicht der Geſellſchaft erfordert (§. 4).

Wenn Fremde denen in der Ge - ſellſchaft nachzuſe - tzen.

§. 13.

Wiederumb weil verſchiedene, die in einer Geſellſchaft mit einander leben, in Anſehung ihrer gemeinen Wohlfahrt als eine Perſon anzuſehen ſind (§. 6), wir aber nicht verbunden ſind anderen worinnen zu helffen, wenn wir dadurch uns ſelbſt ver - abſaͤumen muͤſſen (§. 770. Mor.); ſo iſt auch niemand verbunden andern zu helffen, wenn dadurch die Wohlfahrt deſſen, der mit uns in einer Geſellſchaft lebet, ſollte nachgeſetzet werden. Derowegen iſt der - ſelbe andern vorzuziehen, die nicht mit uns in einer Geſellſchaft leben.

Wie weit eine Ge - ſellſchafft der an - dern ver - bunden.

§. 14.

Gleichergeſtalt weil verſchiedene, die in einer Geſellſchaft mit einander le - ben, in Anſehung ihrer gemeinen Wohl - fahrt als eine Perſon anzuſehen ſind (§. 6); ſo ſind verſchiedene Geſellſchafften als ver - ſchiedene Perſonen anzuſehen. Was dem - nach eine Perſon einer andern ſchuldig iſt, das iſt auch eine Geſellſchaft der andern ſchuldig. Derowegen iſt eine Geſellſchaft nicht verbunden der andern dazu zuver - helffen, was ſie durch ihre eigene Kraͤffte erlangen kan (§. 769. Mor.); aber wohl dazu, was ſie nicht in ihrer Gewalt hat, wir aber in unſerer haben (§. 770. Mor.).

Unter - ſcheid der Geſell - ſchaften.

§. 15.

Diejenigen, welche in einer Ge - ſellſchafft neben einander leben, werdenMit -9der Menſchen uͤberhaupt. Mittglieder genennet. Wenn nun die Mittglieder eintzele Perſonen ſind, ſo nen - net man es eine einfache Geſellſchaft: ſind es aber einfache oder weniger zuſam - mengeſetzte Geſellſchaften, eine zuſammen - geſetzte Geſellſchaft. Weil man die einfachen Geſellſchafften als eintzele Perſo - nen anſehen kan (§. 6.); ſo kan man auch die zuſammengeſetzten als einfache anſe - hen.

Das 2. Capitel, Von dem Eheſtande.

§. 16.

UUnter die einfachen Geſellſchaften gehoͤ -Was der Eheſtand iſt. ret demnach der Eheſtand, welche Mann und Weib mit einander aufrich - ten, umb Kinder zu erzeugen und zu erziehen. Der Mann wird in Anſehung dieſer Ge - ſellſchaft der Eheherr; das Weib aber die Ehefrau genennet.

§. 17.

Weil die Kinder durch den Bey -Daß die Erzeu - gung der Kinder dem Geſe - tze der Natur gemaͤß. ſchlaff erzeuget werden, die Natur aber da - mit eine empfindliche Luſt verknuͤpffet, wodurch ſo wohl Mann als Weib zum Beyſchlaffe gereitzet werden, uͤber dieſes ſich auch bey einem vernuͤnftigen Men - ſchen eine natuͤrliche Neigung befindet ſein Geſchlechte fortzupflantzen, welche theils aus dem Vergnuͤgen entſtehet, was man an wohlgearteten und gerathenen KindernA 5hat10Cap. 2. Von dem Eheſtande. hat, theils aus der Begierde ſein Anden - cken in den Nachkommen zu erhalten, theils damit man jemanden habe, dem man nach ſeinem Tode das ſeinige uͤberlaͤſſet, theils aus andern Urſachen, wie ſolches alles die Erfahrung zur Genuͤge beſtaͤtiget; ſo hat die Natur viele Bewegungs-Gruͤnde mit der Erzeugung der Kinder verknuͤpffet und ver - bindet uns demnach dazu (§. 8. Mor.). Zu der Luſt im Beyſchlaffe kan man auch die Brunſt rechnen, wodurch Menſchen und Thiere zum Beyſchlaffe, ſonderlich jene das erſte mahl, angetrieben werden, da ſie von der Luſt, als einer unbekandten Sache, noch keinen Begriff haben.

Kinder / die man erzeuget / muß man auch auf - erziehen.

§. 18.

Da die Kinder ſich nicht ſelbſt auferziehen koͤnnen, ſo ſind die Eltern ſie aufzuerziehen verbunden (§. 770. Mor.). Derowegen muͤſſen diejenigen, welche ſich zuſammen begeben, Kinder zu zeugen, auch mit einander einig werden ſie zu er - ziehen. Und ſolchergeſtalt kan auch die Auferziehung von der Erzeugung nicht ge - trennet werden. Wir finden gar deutlich bey den Thieren, was der Winck der Na - tur in dieſem Stuͤcke iſt. Wo das Weib - lein allein ihre Jungen auferziehen kan, als wie bey den vierfuͤßigen Thieren geſchiehet, da bekuͤmmert ſich das Maͤnnlein weiter umb nichts als umb den Beyſchlaff, der - gleichen wir auch bey einigem Feder-Vie -he11Cap. 2. Von dem Eheſtande. he wahrnehmen, deren Junge, ſo bald ſie ausgekrochen, herumblauffen und vor ſich Speiſe zu ſich nehmen. Hingegen wo das Weiblein allein nicht zurechte kommen kan, bleibet das Maͤnnlein ſo lange bey ihr, bis die Jungen auferzogen ſind, wie wir insge - mein bey den Voͤgeln finden. Ja wo die Jungen ſich gleich ſelbſt verſorgen koͤnnen, bekuͤmmert ſich weder das Maͤnnlein, noch Weiblein umb ſie, als wie wir es bey den Raupen und anderem Ungeziefer ſehen.

§. 16.

Weil diejenigen, welche die Kin -Waꝛumb die Kin - der nicht auſſer der Ehe zu erzei - gen ſind. der erzeugen, ſie auch zu erziehen verbun - den ſind (§. 18); ſo gehet es nicht an, daß ſich viele ohne Unterſcheid zu einer Perſon legen: denn da in dieſem Falle ungewiß, wer der Vater iſt, die Mutter aber allein das Kind nicht verſorgen kan, ſo wuͤrde es entweder wegen der Verpflegung des Kin - des und ſeiner guten Auferziehung viel Streit geben, oder das Kind wuͤrde darun - ter leiden muͤſſen. Daher finden wir, daß auch unter den Thieren diejenigen Weiblein ohne Unterſcheid die Maͤnnlein zulaſſen, die vor ſich ihre Jungen auf bringen koͤnnen, o - der auch da die Jungen gar keiner Huͤlffe noͤthig haben: Hingegen wo das Weiblein allein ihre Jungen nicht auf bringen kan, da geſellet ſich nur ein einiges Maͤnnlein zu ihr und das Weiblein leidet keinen Fremden. Hierbey iſt noch dieſes zu erwegen, daß un -ter12Cap. 1. Von dem Eheſtande. ter den Menſchen gar vieler Streit, ja oͤfters Mord, daraus erfolgen wuͤrde, wenn jhrer viele eine Perſon begehreten: welches durch die Exempel der ungearteten Weibes-Bil - der aus der Erfahrung beſtetiget wird, die ihren Leib aus Geilheit zum gemeinen Ge - brauche vielen uͤberlaſſen. Wir werden auch nach dieſem begreiffen, daß die uͤbri - gen Geſellſchaften der Menſchen gar ſchlecht beſtehen wuͤrden, wenn man die Kinder auſ - ſer der Ehe erzeugen ſollte.

Warum der Ehe - ſtand noͤ - thig.

§. 20.

Derowegen, da es noͤthig iſt, daß Kinder erzeuget werden (§. 17), diejenigen aber, welche ſie erzeugen, auch verbunden ſind ſie aufzuerziehen (§. 18), dieſes aber nicht wohl geſchehen kan, wenn die Kin - der auſſer der Ehe erzeuget wuͤrden (§. 19); ſo iſt noͤthig, daß Mann und Weib ſich des - wegen mit einander in eine Geſellſchaft be - geben, und demnach iſt der Eheſtand dem Geſetze der Natur gemaͤß (§. 16).

Ein Zweiffel wird ge - hoben.

§. 21.

Vielleicht werden einige meinen, es waͤre ein Fall, da man auch auſſer der Ehe Kinder erzeugen koͤnte, ſo wohls als in der Ehe, ohne daß daraus einiges Unheil erfolgete. Z. E. Sempronius, der gerne ein Kind haben wollte, aber anderer Umb - ſtaͤnde wegen, die nicht unvernuͤnftig ſind, lieber verunehlichet leben will, wird mit Sophia einig ein Kind zu erzeugen und zur Aufferziehung allen noͤthigen Vorſchub zu -thun,13Cap. 2. Von dem Eheſtande. thun, auch ſie wegen ihrer dabey gehabten Muͤhe und Verſaͤumniß billig zu vergnuͤ - gen. Hier ſcheinet es das Anſehen zu ha - ben, als wenn nebſt der Erzeugung des Kin - des ſeine Auferziehung ſo wohl koͤnte beſor - get werden als in der Ehe, und man demnach auſſer der Ehe ſowohl als in derſelben Kin - der erzeugen und erziehen koͤnte. Allein wer ſiehet nicht, daß dieſes eine Art des E - heſtandes iſt (§. 16.)? Ob nun aber dieſe, oder eine andere Art des Eheſtandes beſſer ſey, wird aus dem folgenden erhellen. Und da uns das Geſetze der Natur zu dem beſſern verbindet (§. 10. Mor.), wird ſich nach die - ſem ferner urtheilen laſſen, ob dieſe Art des Eheſtandes erlaubet ſey oder nicht. Ja wenn ſie auch gleich nach den natuͤrlichen Rechten in einigen Faͤllen koͤnnte erlaubet werden; ſo wuͤrde man doch nach dieſem erſt fragen muͤſſen, ob die buͤrgerlichen Geſetze dergleichen im gemeinen Weſen erlauben doͤrfften: welches unten an ſeinem Orte ſich erſt wird entſcheiden laſſen.

§. 22.

Weil die Abſicht des EheſtandesWelche Perſonen heyra - then doͤrffen. die Erziehung der Kinder iſt (§. 16); ſo ſol - len keine Perſonen ſich in den Eheſtand be - geben als die in dem Stande ſind Kinder zu erzeugen und ſie entweder ſelbſt zu erziehen, oder im Falle der Noth durch andere erziehen zu laſſen. Derowegen wenn alte Perſonen, die zu Erzeugung der Kinder untuͤchtig ſind,ſich14Cap. 2. Von dem Eheſtande. ſich aus anderen Abſichten, z. e. ihres Haus - weſens halber, znſammen in eine Geſell - ſchafft begeben; ſo iſt ſolches eigentlich kein Eheſtand zu nennen, ſondern eine andere Geſellſchafft, die wohl nach dieſem im ge - meinen Weſen in einigen Stuͤcken dem E - heſtande gleich geachtet werden kan: wie ſich ſolches nach dieſem weiter zeigen wird. Weil nun ferner verſchnittene zu Erzeugung der Kinder untuͤchtig gemacht worden; ſo koͤnnen ſie nicht heyrathen. Gleichergeſtalt iſt klar, daß eine Perſon nicht heyrathen ſoll, die v. Natur unfruchtbar iſt, ſo lange die Un - fruchtbarkeit nicht gehoben worden. Allein da man dieſes zur Zeit noch nicht vorher er - kennen kan, auch die Unfruchtbarkeit ſich oͤfters mit der Zeit wendet; ſo kan man auch dieſes nicht beobachten, wie man wohl ſol - te. Hingegen von Kindern weiß man ge - wiß, daß ſie noch nicht andere zeugen koͤn - nen, nnd alſo iſt ihnen zu heyrathen nicht erlaubet.

Bey - ſchlaff der bloſ - ſen Luſt halber iſt unzu - laͤßig.

§. 23.

Weil der Beyſchlaff das Mittel iſt, wodurch die Kinder erzeuget werden, die Mittel aber dasjenige ſind, wodurch man ſeine Abſicht erreichet (§. 910 Met.); ſo iſt klar, daß man wieder die Natur handelt, wenn man den Beyſchlaff bloß zu ſeiner Luſt brauchet. Derowegen kan man auch die Buͤſſung der fleiſchlichen Luſt nicht unter die Abſicht des Eheſtandes rechnen: ſondern esblei -15Cap. 2. Von dem Eheſtande. bleibet einmahl wie das andere unrecht, wenn man den Beyſchlaff bloß zur Luſt vor - nimmet. Wir ſehen auch bey dem Viehe, welches in dieſem Stuͤcke dem Triebe der Natur folget, daß ſie nicht den Beyſchlaff lieben als in den Faͤllen, wo ſie junge zeugen wollen, und, ſo bald das Weiblein traͤch - tig iſt, laͤſſet ſie das Maͤnnlein nicht mehr zu ſich. Jch rede von den meiſten Thie - ren. Denn es koͤnnte ſeyn, daß einige ſo wohl als die Menſchen in dieſem Stuͤcke wei - ter giengen, als ſichs gebuͤhrte, wovon mir aber zur Zeit kein Exempel bekand iſt.

§. 24.

Da nun der Beyſchlaff des Men -Sodomi - terey iſt unzulaͤſ - ſig. ſchen mit den Thieren, welchen man So - domiterey zu nennen pfleget, der bloſſen Luſt halber geſchiehet, indem dadurch die Erzeugung der Kinder nicht kan erhalten werden; ſo iſt dieſelbe auch dem Geſetze der Natur zuwieder.

§. 25.

Auf eine gleiche Weiſe erhellet, daßKnaben - ſchande - rey iſt unzulaͤſ - ſig. der Beyſchlaff einer Mannes-Perſon mit der andern, welches man Knabenſchaͤn - derey zu nennen pfleget, weil insgemein in Jtalien, wo derſelbe im Schwange gehet, Knaben dazu gebraucht werden, dem Ge - ſetze der Natur zu wieder. Einige pflegen die Knabenſchaͤnderey mit zur Sodomiterey zurechnen, und nehmen dieſes Wort in ei - nem etwas weitlaͤufftigerem Verſtande: al - lein da dieſes Laſter einen beſondern Nah -men16Cap 2. Von dem Eheſtande. men hat, dergleichen ſonſt fuͤr den Beyſchlaff mit dem Viehe nicht uͤbrig bleibet; ſo iſt es beſſer daß man den Nahmen Sodomiterey fuͤr dieſen allein behaͤlt.

Hurerey und Ehe - bruch iſt dem Geſe - tze der Natur zu wider.

§. 26.

Eben ſo iſt ferner klar, daß auch der Beyſchlaff einer Manns-Perſon mit ei - ner Weibs-Perſon, welche der bloſſen Wolluſt halber geſchiehet, unzulaͤßig iſt (§. 23). Wenn dieſer Beyſchlaff von ledigen Perſonen geſchiehet; nennet man ihn Hu - rerey: hingegen wenn er von zwey verehe - lichten Perſonen, die nicht zu einander gehoͤ - ren, oder von einer verheyratheten und ledi - gen Perſon geſchiehet, ein Ehebruch. Und demnach iſt ſowohl Hurerey als Ehebruch dem Geſetze der Natur zuwieder.

Bey - ſchlaff mit einer ſchwan - geren Frau iſt unrecht.

§. 27.

Auf gleiche Weiſe erhellet, daß der Beyſchlaff eines Mannes mit einer ſchwangern Frau dem Geſetze der Natur zu - wieder iſt, indem dieſer keine andere Abſicht als die bloſſe Luſt haben kan. Jch weiß wohl, daß man insgemein das Wiederſpiel glaubet: allein, wenn wir nach der Ver - nunfft urtheilen ſollen, koͤnnen wir nicht an - ders ſagen, als es die Sache erfordert (§. 23. Polit & §. 369 Met.).

Was Geilheit iſt / und warum ſie un - recht.

§. 28.

Die Begierde aus dem Beyſchlaf - fe und was ihm verwandt iſt, Luſt zu ge - nieſſen, wird Geilheit genennet: da nun der Beyſchlaff und was ihm verwandt iſt, der bloſſen Luſt halber nicht vorgenommenwer -17Cap. 2. Von dem Eheſtande. werden darf (§. 23.); ſo iſt auch alle Geil - heit dem Geſetze der Natur zuwieder, und folgends ein Laſter (§. 64 Mor.).

§. 29.

Es iſt nicht noͤthig alle Arten derWarum man nicht alle Arten der Geil - heit er - zehlen ſol. Geilheit zu erzehlen, maſſen es beſſer iſt die Laſter nicht wiſſen, als erkennen. Wer uͤberhaupt weiß, was Geilheit iſt, und ih - re Unzulaͤßigkeit erkennet, der iſt in dem Stande in jedem vorkommenden Falle die Arten der Geilheit zu erkennen und zu beur - theilen, folgends iſt keine Gefahr, daß er aus Unwiſſenheit in dieſe Arten der Laſter verfallen werde. Hingegen pfleget es wohl zu geſchehen, daß die Erkaͤntniß dieſer La - ſter die Urſache iſt, warum ein geiler darein verfaͤllet, der ſie ſonſt wuͤrde unterlaſſen ha - ben, wenn er nichts davon gewuſt haͤtte.

§. 30.

Weil die Geilheit unzulaͤßig iſtWas fuͤr Handlun - gen der Geilheit halber zu unterlaſ - ſen - (§. 28), die Erfahrung aber lehret, daß der Menſch am allerwenigſten ſie vermeiden kan, wenn er Brunſt leidet; ſo ſollen alle Handlungen vermieden werden, wodurch die Brunſt entweder erreget, oder vermeh - ret, oder unterhalten, oder auch ſonſt die Geilheit befoͤrdert wird. Man ſiehet leicht, daß hierunter eine groſſe Anzahl unzulaͤßi - ger Handlungen begriffen iſt, die alle zu er - zehlen viel zu weitlaͤufftig fallen wuͤrde, auch an ſich nicht noͤthig iſt (§. 29). Man ſiehet ferner, daß auch hieher diejenigen Hand -(Politick) Blun -18Cap. 2. Von dem Eheſtande. lungen zu rechnen ſind, welche bey anderen Brunſt und Geilheit erregen.

Was Keuſch - heit iſt.

§. 31.

Wer die Begierde zum Bey - ſchlaffe zumaͤßigen weiß, ſo daß er nicht darnach verlanget, als in ſo weit es die Er - zeugung der Kinder erfordert, wird keuſch genennet. Und alſo iſt die Keuſchheit ei - ne Tugend ſeine Begierde im Beyſchlaf - fe und andern damit verwandten Handlun - gen zu maͤßigen.

Wer zuͤchtig und wer unzuͤch - tig iſt.

§. 32.

Man nennet aber einen inſonder - heit zuͤchtig, wer ſich von ſolchen Hand - lungen enthaͤlt, die zur Brunſt und Geil - heit reitzen, oder auch aus Geilheit herkom - men: hingegen unzuͤchtig, wer derglei - chen Handlungen ergeben, die entweder zur Brunſt und Geilheit reitzen, oder aus ei - nem geilen Gemuͤthe herruͤhren.

Auch Ehe - leute ſol - len keuſch und zuͤch - tig ſeyn.

§. 33.

Weil auch im Eheſtande der Bey - ſchlaff nicht aus bloſſer Luſt geſchehen ſol (§. 23); ſo kan man auch daſelbſt ſeine Begierde darnach maͤßigen, und demnach ſollen auch Eheleute keuſch (§. 31), keines - weges aber der Geilheit ergeben ſeyn (§. 28), folgends ſollen auch ſie vermeiden, was die Brunſt zu unrechter Zeit erregen und ſie zur Geilheit antreiben kan (§. 30), und demnach zuͤchtig ſeyn ſowohl in Wor - ten, Geberden und Wercken.

Was fuͤr Laſter ein Keu - ſcher flie - hat.

§. 34.

Weil ein keuſcher Menſch nach dem Beyſchlaffe weiter nicht fraget, als erzu19Cap. 2. Von dem Eheſtande. zu Erzeugung der Kinder von ihm erfordert wird (§. 31), bey Hurerey aber, Ehebruch, Knabenſchaͤnderey und Sodomiterey, auch andern dergleichen Laſtern, der Beyſchlaff der bloſſen Luſt halber genoſſen wird (§. 24 & ſeqq. ); ſo fliehet ein keuſcher alle Hu - rerey, ingleichen Ehebruch, Knabenſchaͤn - derey u. Sodomiterey, auch andere derglei - chen Laſter. Demnach iſt die Keuſchheit ein Mittel dieſen Laſtern zu entgehen.

§. 35.

Da ein zuͤchtiger ſich ſolcher Hand -Was zur Keuſch - heit foͤr - derlich iſt lungen enthaͤlt, die nur zur Brunſt und Geilheit reitzen (§. 32), ſo wird er auch von vielen unordentlichen Begierden nach der Luſt aus dem Beyſchlaffe frey ſeyn, da - von er ſonſt wuͤrde gequaͤlet werden. Und demnach iſt es zur Keuſchheit foͤrderlich (§. 31), wenn man ſich gewoͤhnet in Worten, Geberden und Wercken zuͤchtig zu ſeyn; hin - gegen dergleichen Perſonen fliehet, die in Worten, Geberden und Wercken unzuͤch - tig ſind.

§. 36.

Es iſt nicht zu leugnen, daß dieKeuſch - heit iſt eine ſchweere Tugend. Keuſchheit eine der ſchweereſten Tugenden iſt. Und daher kein Wunder, daß ſie ſo ſelten angetroffen wird. Die Urſach iſt leicht zu erachten. Die Brunſt, welche der Menſch leidet, iſt uͤbel zu tilgen, und die Begierde nach der Luſt, welche aus dem Beyſchlaffe und andern dahin gehoͤrigen Handlungen empfunden wird, ſchweer auszurotten. Nem -B 2lich20Cap. 2. Von dem Eheſtande. lich beyde nehmen Sinnen und Gemuͤthe ein; hingegen die Vorſtellungen der Ver - nunfft, die man dawieder gebrauchet, ſind gemeiniglich nur wie ein todtes Weſen da - gegen anzuſehen (§. 503. Met.).

Wie man ſich zur Keuſch - heit ge - woͤhnet.

§. 37.

Ob es nun aber gleich ſchweer her gehet ſich in dieſem Stuͤcke aus der Sclave - rey in die Freyheit zu ſetzen; ſo muͤſſen wir doch thun, was wir koͤnnen. Jch halte demnach fuͤr noͤthig, daß man die Luſt wohl erweget, welche die Geilheit gewehret, und mit dem Verdruſſe vergleichet, der daraus erwachſen kan (§. 378 Mor.). Was nun das erſtere betrifft, ſo hat man hier fuͤr allen Dingen die Eitelkeiten verliebter Perſonen zu erwegen, die in vielen Dingen ein ſon - derbahres Vergnuͤgen ſuchen, darinnen in der That keines zu finden, als well man ſichs einbildet. Dergleichen iſt die Beruͤh - rung einiger Theile des Leibes, darinnen in der That nichts vergnuͤgliches zu finden, als in ſoweit dadurch die Brunſt erreget, erhal - ten und vermehret, und das Andencken der aus dem Beyſchlaffe genoſſenen, oder zu ge - nieſſen verlangten Luſt erneuret wird. Daher wir auch finden, daß die Hottentotten, deren Weiber ihre Bruͤſte bloß tragen, einen aus - lachen, der darnach greiffet, weil ſienicht be - greiffen koͤnnen, wie ein Menſch darinnen einiges Vergnuͤgen ſuchen kan. Naͤchſt die - ſem iſt auch zu uͤberlegen, daß die Luſt, ſoaus21Cap 2. Von dem Eheſtande. aus dem Beyſchlaffe genoſſen wird, nur ei - nen Augenblick dauret und kuͤrtzer iſt als al - le uͤbrige Luſt der Sinnen. Auch iſt dabey zu erwegen, daß, wie alle Luſt der Sinnen, alſo auch dieſe empfindlicher iſt, je unge - wohnter ſie iſt, hingegen ſich gar ſehr ver - geringert, je mehr man ihrer gewohnet (§. 470 Mor.): welches abſonderlich diejenigen zu mercken haben, die allzu eifrig die Liebes - Wercke treiben. Was den Verdruß be - trifft, damit ein Geiler ſeine Luſt bezahlen muß, ſo iſt derſelbe nach den verſchiedenen Umſtaͤnden unterſchiedlich und oͤffters nicht geringe. Wer mit Liebes-Gedancken ein - genommen iſt, wird dadurch ungeſchickt auf andre Dinge zu gedencken, indem ihn die - ſelben im Nachdencken ſtoͤhren und, da ſie die Brunſt von neuem erwecken und das An - dencken der genoſſenen Luſt erneuren (§. 238 Met.), das Gemuͤthe beunruhigen: wel - ches denn nicht eher ſich laͤſſet zu Frieden ſtellen, bis man ſeine Luſt von neuem gebuͤſ - ſet. Daher pfleget es gar offt zu geſchehen, daß diejenigen, welche ihrer Geilheit ein Gnuͤgen thun, von ihren ordentlichen Ver - richtungen gantz abgezogen werden, dieſel - be verabſaͤumen und ſich dadurch umb ihre gantze zeitliche Wohlfahrt bringen. Ein Ex - empel geben auf Academien diejenigen, wel - che daruͤber ihr Studiren verſaͤumen, und, ohne was gelernet zu haben, wieder davonB 3rei -22Cap. 2. Von dem Eheſtande. reiſen. Weil die Geilheit immer groͤſſer wird, je mehr man ihr ein Gnuͤgen thut, indem die Einbildungs-Krafft um ſo viel - mehr auf einmahl vorſtellet, je mehr man Luſt von und bey Liebes-Wercken genoſſen (§. 238 Met.) und dadurch den Affect verſtaͤr - cket (§. 441 Met.); ſo iſt daraus gar wohl zu begreiffen, daß die geile Brunſt den Men - ſchen um ſo vielmehr beunruhigen muß, je mehr er dieſelbe zu erfuͤllen ſich angelegen ſeyn laͤſſet. Und da immer ein Laſter aus dem andern kommet, waͤre es leicht, jedoch weitlaͤufftig zu zeigen, in was fuͤr Arten der Laſter nach verſchiedenen Umſtaͤnden die Menſchen durch Geilheit verleitet werden. Wer in verbothenen Liebes-Wercken zu viel thut, bringet ſich um ſeine Geſundheit: welches noch mehr, und zwar oͤffters mit Gefahr des Lebens geſchiehet, wenn man mit unreinen Weibes-Bildern zu thun hat. Es gehet auch ſelten bey dergleichen Lebens - Art ohne unnoͤthige Verſchwendung ſeines Vermoͤgens ab, weil doch meiſtentheils gei - le Weibs-Perſonen, die duͤrfftig ſind, Ge - winn ſuchen, andere hingegen auch fuͤr das Maul was gutes dabey haben wollen: bey welchen Umſtaͤnden ſo wohl Manns-Per - ſonen ſich in Schulden und Armuth ſetzen, als auch oͤffters Weibs-Perſonen das ihri - ge liederlich durchbringen. Daruͤber lei - det auch oͤffters unſer guter Nahme bey an -dern23Cap. 2. Von dem Eheſtande. deren nicht ein geringes, und kan dadurch der Menſch ſich in eine Nachrede ſetzen, wel - che ihm an ſeinem gantzen zeitlichen Gluͤcke hinderlich iſt, wie abfonderlich bey Weibs - Perſonen zu geſchehen pfleget. Unterwei - len, wenn viele bey einer Perſon ihre Brunſt loͤſchen wollen, entſtehen Uneinigkeiten, Schlaͤgereyen, ja oͤffters gar Todtſchlag daraus. Werden Weibs-Perſonen durch verbothenen Beyſchlaff ſchwanger, ſo ſte - het es oͤffters uͤbel um die Frucht, als wel - che ſie bald in Mutter-Leibe unterdruͤcken, ehe ſie das Tagelicht erblicket; bald um das Leben bringen, ehe ſie kaum in die Welt kommen; bald durch verſagte noͤthige Pfle - gung ihr unter die Erde verhelffen; bald und zwar gemeiniglich uͤbel auferziehen. Man kan auch noch uͤber dieſes das Ungluͤck erwegen, ſo daraus im gemeinen Weſen erwachſen kan. Hieher gehoͤren die Straf - fen, die auf gewiſſe Arten der Geilheit ge - ſetzet worden, als die Straffe des Feuers auf Sodomiterey und Knabenſchaͤnderey, die Straffe des Schwerdts auf Ehebruch an einigen Orten. Gleichergeſtalt hat man ins beſondere das Unheil zu erwegen, wel - ches aus gewiſſen Arten der Geilheit unter allerhand Faͤllen entſtehet: wovon inſon - derheit der Ehebruch aus der bloſſen Erfah - rung gar vieles zeigen kan. Jch finde a - ber hier uͤberhaupt zweyerley zu errinnernB 4Wei24Cap. 2. Von dem Eheſtande. Weil keine Vorſtellung wieder einen ſo hef - tigen Affect als die geile Liebe iſt etwas fruch - tet, die nicht auch ſelbſt einen ſtarcken Ein - druck in das Gemuͤthe machet (§. 380. Mor.); ſo muß man darauf bedacht ſeyn, daß man durch Fabeln und Exempel den ungluͤckſeeligen Zuſtand geiler Perſonen be - greiffen lernet (§. 373 Mor.). Darnach haben wir hauptſaͤchlich zu mercken, daß, weil eingewurtzelte Gewohnheiten ſchweer zu aͤndern ſind (§. 383 Mor.); man von Jugend auf darauf zu ſehen hat, wie man keuſch und zuͤchtig werde, auch alle Gele - genheit zu unkeuſchen Wercken und alle Geſellſchafft, die einen dazu verleiten koͤn - te, vermeidet. Und iſt hier ins beſondere alles dasjenige anzubringen, was uͤberhaupt von der Beſſerung des Willens (§. 373. & ſeqq. Mor.), abſonderlich von rechter Be - urtheilung der Gluͤckſeligkeit (§. 389 Mor.), gelehret worden.

Warum unkeuſche Wercke unzulaͤſ - ſig.

§. 38.

Da nun aus allem dieſem zur Gnuͤge erhellet, wie viel Unheil aus Hure - rey, Ehebruch und anderm unkeuſchen We - ſen erfolget (§. 37); ſo begreiffet man von neuem, warum alles unkeuſche. Weſen boͤſe (§. 3. 4 Mor.) und folglich dem Geſetze der Natur zuwieder iſt (§. 9. 17. Mor.).

Was v. Lohn - Huren zuhalten.

§. 39.

Da der Beyſchlaff, welcher der bloſſen Luſt halber geſchiehet, unzulaͤßig iſt (§. 23); ſo iſt auch unrecht, wenn eineWeibs -25Cap. 2. Von dem Eheſtande. Weibs-Peꝛſon denen, die ihn aus bloßer Luſt begehren, den Gebrauch ihres Leibes vor Geld oder was Geldes werth iſt, verſtattet, oder auch Manns-Perſonen fuͤr Geld ſich din - gen laßen geilen Weibs-Bildern beyzu - wohnen. Gleichwie nun aber eine Lohn-Hure nicht durch die Hefftigkeit der Brunſt ange - trieben wird, jederman zuzulaſſen, u. dahero in ihren Handlungen freyer iſt (§. 491. Met.); ſo wird ihre Hurerey auch billig fuͤr aͤrger als einer anderen Perſon gehalten, die ent - weder den Regungen des Fleiſches nicht wie derſtehenkoͤnnen, oder durch allerhand Bere - dungen einer Perſon, die leicht ihre Liebe er - wecken koͤnnen, dazu verleitet worden.

§. 40.

Da diejenigen, welche KinderWer fuͤr die Auf - erzie - hung un - ehelicher Kinder zuſorgen hat. erzeugen, verbunden ſind ſie aufzuerziehen (§. 18); ſo muͤſſen auch diejenigen, welche auſſer der Ehe ein Kind erzeuget, davor ſor gen, wie es wohl erzogen werde. Derowegen wenn die Mutter allein dazu nicht genung iſt; ſo iſt derjenige, der ſie beſchlaf - fen, das ſeinige beyzutragen verbunden: ja wenn dieſes nicht anders geſchehen kan, als woferne beyde Perſonen einander heyra - then, ſo ſind ſie auch einander zu heyrathen verbunden. Hingegen wenn durch dieſe Heyrath die Eltern vielmehr in einen ſolchen Zuſtand geſetzet wuͤrden, da ſie die Aufer - ziehung des Kindes weniger beſorgen koͤn - ten, als wenn ſie von einander bleiben; ſo iſtB 5klar,26Cap. 2. Von dem Eheſtande. klar, daß alsdenn die Heyrath nachblei - ben ſoll. Jch rede, wie es nach der Ver - nunfft ſeyn ſoll, nicht aber von dem, was die buͤrgerlichen Geſetze erfordern. Es waͤren bey genauer Eintheilung dieſer Frage noch viele andere Umſtaͤnde zu erwegen, die zum Theil aus dem Zuſtande des gemeinen We - ſens genommen werden: allein unſer ge - genwaͤrtiges Vorhaben leidet es nicht die beſonderen Arten der Faͤlle genauer zu uͤber - legen, welches wir kuͤnfftig an einem an - dern Orte thun wollen.

Ob ein Weib viel Maͤn - ner ha - ben kan.

§. 41.

Weil ein Mann, der im Stande iſt Kinder zu erzeugen, einem Weibe ein Gnuͤgen thun kan, in ſoweit es die Erzeu - gung der Kinder erfordert, der uͤbrige Bey - ſchlaff aber, der zur bloßen Luſt geſchiehet, unzulaͤßig iſt (§. 23); ſo darf auch keine Frau mehr als einen Mann haben. Hier - zu kommet, daß wenn viele Maͤnner einem Weibe zugleich beywohneten, man nicht eigentlich wuͤſte, von welchem ſie waͤre ſchwanger worden, und daher in vielen Faͤl - len die Auferziehung des Kindes wuͤrde verabſaͤumet werden: ja es wuͤrden auch an ſich viele Uneinigkeiten unter den Maͤn - nern entſtehen, theils wegen des Weibes, theils wegen der Kinder, welche alle allhier weitlaͤufftiger auszufuͤhren unnoͤthig iſt. Es iſt wohl wahr, daß man unterweilen mei - net, es geſchehe ſolches zufaͤlliger Weiſe, undhaͤt -27Cap. 2. Von dem Eheſtande. haͤtte man dahero nicht mit darauf zuſe - hen: allein ich finde dagegen zweyerley zu errinnern. Einmahl muß man ſich recht erklaͤren, was man zufaͤlliger Weiſe nen - net, ſo wird man finden, daß vieles nicht fuͤr zufaͤllig zuhalten iſt, das man davor ausgiebet. Nach dieſem iſt auch nicht an dem, daß man in Beurthei - lung der Handlungen nicht darauf zu ſe - hen, was zufaͤlliger Weiſe kommet. Es mag etwas aus einer Handlung erfolgen, wie es will; wenn ſolches zu vermeiden in unſerer Gewalt ſtehet, und wir wiſſen, daß es erfolgen werde, oder muͤſſen doch mehr vermuthen, es werde eher erfolgen als außen bleiben; ſo ſind wir verbunden die Handlung zu unterlaſſen (§. 19. Mor.). Ja kein vernuͤnfftiger Menſch wird dergleichen vorzunehmen verlangen (§. 24. Mor.).

§. 42.

Weil diejenigen, welche die Kin -Ob man viele Weiber haben ſoll. der erzeugen, auch verbunden ſind, ſie auf - zuerziehen (§. 18); ſo iſt klar, daß ein Mann, der nicht mehr Kinder auferziehen kan, als er mit einem Weibe erzeuget, auch nicht mehr als ein Weib nehmen darf. Es ſolte demnach daß Anſehen gewinnen, als wenn es in dem Falle erlaubet waͤre viel Weiber zu nehmen, da ein Mann in dem Stande iſt mehrere zu ernehren, als er mit einer erzeuget: noch mehr aber, wenn er durch viel Weiber ſich in den Stand ſe -tzet28Cap. 2. Von dem Eheſtande. tzet die Kinder beſſer zu erziehen, die er bey misgelungener Heyrath ſchweerlich erneh - ren kan. Allein wenn wir bedencken, daß uns die Natur zu dem beſſeren verbindet (§. 19. Mor.), und wir dannenhero in zweiffelhafften Faͤllen dasjenige erwehlen ſollen, wobey wir am gewiſſeſten gehen; ſo werden wir nach reifferer Uberlegung fin - den, daß es beſſer ſey nur ein, als viel Wei - ber zu haben. Es iſt Anfangs nicht ge - wis, wie viel wir Kinder mit einem Weibe erzeugen, wie es mit unſerem Vermoͤgen in kuͤnfftigen Zeiten ſtehen, und was wir dazu brauchen werden, wenn wir unſere Kinder unſerem Stande gemaͤs auferzie - hen und ſie in der Welt wohl anbringen wollen, damit wir ſie gluͤcklich und uns da - durch eine Freude machen. Und dannen - hero wird der Fall, da die Vielweiberey erlaubet zu ſeyn ſcheinet, ſchweer zu deter - miniren ſeyn, und doͤrffte man in den mei - ſten Faͤllen thun, was einen nach dieſem mit gutem Grunde gereuete. Darnach iſt mehr als zu gewis, daß unter den Weibern ſelbſt, ingleichen ihren Kindern, viel Streit und Verdruß ſich ereignen, auch wir da - durch vielen Verdruß haben wuͤrden, da von wir frey blieben, wenn wir mit einem Weibe vergnuͤget waͤren. Was denen zu antworten, die dieſe Gruͤnde verwerffen, weil ſie dergleichen Erfolg aus der Viel -wei -29Cap. 2. Von dem Eheſtande. weiberey fuͤr zufaͤllig halten, iſt aus dem abzunehmen, was kurtz vorhin in einem aͤhnlichen Falle (§. 41.) errinnert worden. Freylich wenn Weiber und Maͤnner, oder die Menſchen uͤberhaupt, Engel waͤren, das iſt, in allen ihren Handlungen ſich einig und allein nach der Vernunfft richteten, niemahls den boͤſen Begierden und Affecten Raum gaͤben; ſo waͤren viele Dinge moͤg - lich; die jetzund bey der Unvollkommenheit der Menſchen ſich nicht thun laſſen. Und alsdenn wuͤrde auch das Recht der Natur in den beſandern Faͤllen anders ſeyn, ob - gleich die allgemeine Regeln einerley ver - blieben. Jetzt muß man es nach dem Zu - ſtande der Menſchen einrichten, wie man ihn findet.

§. 43.

Weil die Abſicht des EheſtandesWie lan - ge der Eheſtand wehren ſoll. iſt Kinder zu erzeugen und zu erziehen (§. 16); ſo muͤſſen auch Mann und Weib ſo lange bey einander bleiben, bis die Kin - der erzogen, das iſt, dahin gebracht ſind, daß ſie ſich ſelbſt verſorgen koͤnnen. Wir ſehen es ſelbſt bey den Thieren, z. E. bey den Voͤgeln, wo das Maͤnnlein nicht ihr Weiblein wieder wieder verlaͤſſet, als bis die Jungen ihrer Huͤlffe nicht mehr noͤthig haben, ſondern ihnen nun ſelbſt ihr Futter ſuchen, und ſich wieder auswertige Gewalt wehren koͤnnen.

§. 44.30Cap. 2. Von dem Eheſtande.
Eheſtand ſoll le - benslang dauren.

§. 44.

Da nun gar viele Zeit hingehet, ehe die Kinder bis dahin gebracht ſind, daß ſie ſich ſelbſt verſorgen koͤnnen und der El - tern Huͤlffe nicht mehr noͤthig haben, der - geſtalt daß viele eher ſterben, ehe ſie bis in den Stand geſetzet werden, faſt alle unter der Zeit zu fernerer Erzeugung oder wenig - ſtens zu voͤlliger Auferziehung der Kinder untuͤchtig werden, welches alles aus der taͤg - lichen Erfahrung erhellet; uͤber dieſes auch die Einrichtung des Haußweſens, die von Eheleuten gegen einander erforder - te Liebe, ingleichen die Einrichtung wegen des Vermoͤgens nach dem Tode erfordern, daß Eheleute ſich in ihrem Alter, wenn ſie der Grube nahe ſind, nicht mehr trennen, welches alles in dem folgenden umbſtaͤndli - cher erhellen wird: ſo iſt es der Ver - nunfft gemaͤßer, daß der Eheſtand Lebens - lang daure und die Geſellſchafft nicht an - ders als durch den Todt getrennet werde, als daß Eheleute noch bey Lebens-Zeiten ſich ſcheiden wollten. Wer andere Gedan - cken hat, ſetzet entweder die Aufferziehung der Kinder aus den Augen, oder ſtellet ſie ſich anders vor als er ſolte, nehmlich er meinet, Kinder waͤren verſorget, wenn ſie zur Nothdurfft Nahrung und Kleider haͤt - ten, da doch nach dieſem gantz ein an - deres erhellen wird. der Beweis gehet kuͤrtz - lich dahinaus, daß eine jede Geſellſchafftſo31Cap. 2. Von dem Eheſtande. ſo lange dauren muß, bis die Abſicht der - ſelben erreichet worden (§. 1021. Mor. & 2. 4. Polit.)

§. 45.

Wolte man ſagen, der EheſtandEin Zwei - fel wird gehoben. ſey ein Vertrag (§. 2), in der natuͤrlichen Freiheit aber laſſe ſich ein Vertrag aufhe - ben, wenn beyde Partheyen eines wer - den, einander ihr verſprechen zuerlaßen (§. 1029. Mor.) und demnach koͤnnten Ehe - leute von einander gehen, wenn ſie deßen zuſammen eines wuͤrden: ſo iſt wohl zu - erwegen, daß, da wir nicht etwas ver - abſcheuen koͤnnen, wir muͤßen uns die Sache als boͤſe vorſtellen (§. 506. Met.), auch Eheleute es als etwas boͤſes anſehen muͤſſen, ſo lange in der Ehe mit einander zu leben, wenn ſie von einander begeh - ren. Derowegen iſt noͤthig, daß man dieſe Bewegungs-gruͤnde unterſuchet, damit man erkennet, ob ſie tuͤchtig ſind oder nicht. Und ſolcher Geſtalt kan man insgemein nicht ſagen, daß allzeit Eheleute, wenn ſie deßen eines werden, von einander gehen koͤnnen. Wir wollen demnach die Urſa - chen genauer unterſuchen, umb derer Wil -Wenn Perſo - nen ſich verloben / und war - um Ver - lobte die Ehe zu vollzie - hen ſchul - dig. len ſie ſich trennen koͤnnen.

§. 46.

Damitnun dieſes umſtaͤndlich ſich zeigen laße, ſo muͤßen wir fuͤr allen Din - gen unterſuchen, wie bald der Eheſtand ſei - nen Anfang nimmet. Weil der Cheſtand eine Geſellſchafft (§. 16), eine jede Geſell -ſchafft32Cap. 2. Von dem Eheſtande. ſchafft aber ein Vertrag iſt (§. 2), ein Vertrag hingegen beſtehet, ſo bald bey - de Partheyen ihr Verſprechen und Gegen - Verſprechen gethan (§. 1008. Mor:); ſo iſt die Ehe richtig, ſo bald ſich eine Manns - und Weibs-Perſon gegen einander erklaͤ - ren, daß ſie einander zu heyrathen geſon - nen. Derowegen da man verbunden iſt ſein Verſprechen zu halten (§. 1905 Mor); ſo kan als denn auch keine Perſohn ohne der andern Willen wieder zuruͤcke treten, es ſey denn bey dem Verſprechen etwas vorge - gangen, dadurch daſſelbe fuͤr Unrecht ſich erklaͤren laͤſſet. Und demnach ſind beyde Perſonen als denn gehalten ſich zuſammen zubegeben und das jenige zuthun, was Eheleuten (§. 16) oblieget, und zwar ent - weder zu der Zeit, die ſie bey dem Verſpre - chen mit einander abgeredet, oder wenn keine abgeredet worden, ſo bald es bey - der Umſtaͤnde fuͤglich leiden. Wenn das Verſprechen von beyden Seiten geſchie - het, ſo ſaget man, daß ſie ſich verloben. Und iſt demnach die Verloͤbnis ein Ver - ſprechen einander zu heyrathen, folgends klar, daß Verlobte die Ehe zu vollziehen ſchuldig ſind, und keinem von beyden erlau - bet iſt, wieder des andern ſeinen Willen wieder zuruͤcke zu treten.

Wenn Verlobte einander

§. 47.

Da man nicht verbunden iſt in einer Geſellſchafft zu verbleiben, darein mandurch33Cap. 2. Von dem Eheſtande. man durch Furcht oder Betrug gezogennichthey - rathen doͤrffen. worden (§. 7); ſo iſt man auch nicht ſchul - dig in eine Geſellſchafft zu treten, in die man ſich zu begeben aus Furcht oder Betrug verſprochen. Derowegen da die Verloͤb - nis ein Verſprechen iſt einander zn heyra - then (§. 46.): ſo iſt auch der jenige Theil nicht ſchuldig die Ehe zu vollziehen, wel - cher durch Furcht oder Betrug dazu ver - leitet worden, daß er ſich verlobet.

§. 48.

Es ſcheinet, als wenn dieſerEinwurff wird be - antwor - tet. Satz dem vorigen zu wieder waͤre. Denn wir haben geſagt (§. 46), Verlobte waͤren ſchuldig einander zu heyrathen, und doch zeigen wir (§. 47), daß ſie unterweilen nicht ſchuldig ſind die Ehe zuvollziehen. Die - ſer Einwurff kommet gar offt auch bey an - deren Gelegenheiten vor und demnach iſt noͤthig, daß er hier einmahl fuͤr alle mahl erlaͤutert und beantwortet wird. Was nun Anfangs den genwaͤrtigen Fall betrifft; ſo iſt zu mercken, daß, wenn ein Theil bloß aus Furcht oder weil er durch Betrug verletiet worden, in die Ehe gewilliget, ſolches fuͤr keine Bewilligung zu halten ſey, oder zum wenigſten im andern Falle nur fuͤr eine Einwilligung, die unter gewiſſen Bedingungen geſchehen. Derowegen da ei - ner nichts verſprochen, oder auch die Ehe nur unter gewiſſen Bedingungen verſprochen; ſo iſt auch in dem erſten Falle keine Verloͤbnis(Politick) Cge -34Cap. 2. Von dem Eheſtande. geſchehen, in dem andern Falle iſt die Ver - loͤbnis noch nicht vollzogen, weil die Be - dingung noch nicht erfuͤllet werden. Da nun im keinem Falle die Perſonen fuͤr wuͤrcklich verlobte koͤnnen gehalten werden; ſo kan man auch auf ſie nicht deuten, was von wuͤrcklich verlobten (§. 46) erwieſen wor - den. Es iſt hier nur ein Schein der Ver - loͤbnis, nicht das Weſen ſelbſt; und al - ſo muß man jenen mit dieſem keines weges vermengen. Jch will der Deutlichkeit hal - ber von jedem Falle ein Exempel geben. Ti - tius verlanget, ſeine Tochter Tanaquilla ſol ſich mit Sempronio verſprechen. Sie hat zu ihm keine Liebe, ſondern bleibet beſtaͤn - dig dabey, ſie koͤnne ihm nicht gut ſeyn, werde ihm auch nimmermehr gut werden, wenn man ſie gleich zwinge ihn zu heyra - then. Titius bedrohet ſeine Tochter, er wolle ihr alle vaͤterliche Huͤlffe, alle Liebe und vaͤterlichen Seegen entziehen, woferne ſie nicht in die Heyrath mit Sempronio willige. Aus Furcht fuͤr dem Vater ſpricht ſie ja, wenn ſie in Gegenwart Sem - pronii und einiger Zeugen gefraget wird, ob ſie ihn zum Manne haben wolle. Hier ſiehet man leicht, daß der Mund geredet, was ſie nicht gedencket, und dannenhero es nur den Schein hat, als wenn ſie den Sempronium zum Manne verlangte, da ſie ihn in der That nicht verlanget. Wenn nunTi -35Cap. 2. Von dem Eheſtande. Titius ſtuͤrbe, ehe die Ehe vollzogen wird, und Tanaquilla bleibet bey ihrem vorigen Sinne; ſo iſt ſie Sempronium zu heyrathen nicht befugt. Gleicher geſtalt in dem ande - ren Falle kommt Cajus in einen fremden Ort und giebet ſich fuͤr einen andern aus, der mit ihm einerley Nahmen hat. Septi - mius ſchreibet an den Ort und erkundiget ſich nach dem Zuſtande Caji. Er erhaͤlt ſolche Nachricht, wie er ſie verlanget. Und in Anſehung dieſer Nachricht verſpricht ihm Florentia, die Tochter Septimii, die Ehe. Hier ſiehet man leicht, daß das Verſprechen unter dem Bedinge geſchehen, wenn er in dem Zuſtande ſich befindet, den er von dem andern Cajo erfahren. Derowegen wenn Florentia erfaͤhret, daß ſie betrogen worden, iſt ſie auch nicht eher ſchuldig ihr Verſprechen zu halten, als bis Cajus ſich in dem Zuſtande befindet, darinnen der an - dere Cajus, vor den er ſich ausgegeben ſich befindet. Da nun der Betruͤger dieſe Bedingung nicht erfuͤllen kan: ſo iſt ſie auch ihn zu heyrathen nicht verbunden. Man ſie - het hieraus uͤberhaupt, daß in dergleichen Faͤllen, wo es den Schein von dem We - ſen ſchweer faͤllet zu unterſcheiden, die Schwierigkeiten daher entſtehen, wenn man etwas davor anſiehet, was es doch in der That nicht iſt, und daher ihm einen un - rechten Nahmen giebet.

C 2§. 4936Cap. 2. Von dem Eheſtande.
Ehebruch ſcheidet die Ehe.

§. 49.

Wenn wir etwas unter gewiſſen Bedingungen verſprochen und dieſe wer - den nicht erfuͤllet, ſo darf man ſein Ver - ſprechen nicht halten, (§. 1004. Mor.) Da nun im Eheſtande eine Perſon der anderen allein ehelich bey zuwohnen verſpricht (§. 16. 26), ſo iſt kein Theil dem andern weiter verbunden, als ſo lange es ihm allein den Gebrauch ſeines Leibes vergoͤnnet. Derowegen wenn eines von Eheleuten im Ehebruch lebet, ſo wird dadurch das an - dere von ſeiner Verbindlichkeit frey und ſol - cher geſtalt die Ehe getrennet. Wenn dem - nach die andere mit Wiſſen ſich ferner zu der, die Ehebruch veruͤbet, haͤlt; ſo iſt es eben ſo viel als wenn ſie ihre Ehe von neuem erneuret haͤtten.

Ob Kebs - Weiber erlaubet ſind.

§. 50.

Weil man die jenigen Weibs-Per - ſonen, die ein Ehe-Mann neben ſeinem Weibe haͤlt, um ihnen der Luſt halber bey zuwoh - nen, Kebs-Weiber nennet; aller Bey - ſchlaff aber, welcher bloß der Luſt halber geſchiehet, unzulaͤßig iſt (§. 23): ſo iſt es auch unrecht Kebs-Weiber zu haben. Man darf nicht einwenden, daß mit Kebs - Weibern auch Kinder erzeuget und aufer - zogen werden: denn obgleich dieſes geſchie - het, ſo iſt es doch nicht die Abſicht, warum man ſie haͤlt, ſondeꝛn nuꝛ die Luſt, welche man von ihnen genieſſet. Denn ſonſt waͤre dieſe Art der Geſellſchafft von der Vielweiberey nicht unteꝛſchieden. Deꝛ Unteꝛſcheid zeiget ſichauch37Cap 2. Von dem Eheſtande. auch bey den Kindern. Denn Kinder von viel Weibern werden alle einander gleich geach - tet; hingegen die von Kebs-Weibern nicht als rechte Kinder erkennet. Und dieſer Unter - ſcheid findet ſich auch in natuͤrlichem Zuſtan - de.

§. 51.

Man pfleget ſonſt auch dieſen Un -Errinne - rung. terſcheid zwiſchen dem Eheſtande und einer Geſellſchafft mit Kebs-Weibern an zu mercken, daß jener beſtaͤndig iſt, dieſe a - ber nur auf eine Zeit dauret. Allein eben dieſer Unterſcheid ruͤhret daher, daß bey jenem hauptſaͤchlich auf die Erzeugung und Erziehung der Kinder (§. 16), bey dieſem hingegen auf die Luſt geſehen wird (§. 50), welche veraͤnderlich (§. 406 Met).

§. 52.

Die Mitglieder in einer Geſell -Huͤlffrei - che Hand - leiſtung der Ehe - leute. ſchafft ſind verbunden alles zu thun, was die Wohlfahrt der Geſellſchafft befoͤrdert und zu unterlaſſen, was ihr hinderlich oder ſonſt nachtheilig iſt (§. 11). Da nun die Abſicht des Eheſtandes die Erzeugung und Erziehung der Kinder iſt (§. 16) und alſo die Wohlfahrt des Eheſtandes darinnen beſtehet, daß die Eheleute ungehindert er - langen, was ihnen zu Erzeugung der Kin - der und ihrer Auferziehung noͤthig iſt (§. 3), dazu aber ſowohl fuͤr ſie als die Kinder, Nahrung, Kleidung und Wohnung erfordert werden: ſo haben auch beyde Ehe - leute fuͤr noͤthige Lebens-Mittel vor ſichC 3und38Cap. 2. Von dem Eheſtande. und ihre Kinder zu ſorgen, und muß dem - nach ein jedes hierinnen willig beytragen was in ſeinem Vermoͤgen ſtehet. Und hier - innen beſtehet die huͤlfreiche Handlei - ſtung der Eheleute, die einige mit zu einer Pflicht des Eheſtandes machen, ſo aber aus der Beſchaffenheit der Geſellſchafft uͤber - haupt und des Eheſtandes ins beſondere fließet, wie aus dem gegenwaͤrtigen Be - weiſe erhellet.

Wer im Eheſtan - de erwer - ben, und wie man mit dem erwarbe - nen um - gehen ſol.

§. 53.

Derowegen muß nicht allein der Mann, ſondern, wenn es die Umſtaͤnde lei - den, auch das Weib erwerben, beyde aber muͤſſen mit dem erworbenen ſo umgehen, daß ſie es nicht zur Unzeit verſchwenden, und nach dieſem an noͤthigem Orte Man - gel leiden. Wenn demnach die Frau Guͤtter hat, ſie moͤgen beweglich, oder un - beweglich ſeyn; ſo muß der Genuß ihrer Guͤtter, oder was damit erworben wird, zugleich zum gemeinen beſten des Eheſtan - des angewendet werden.

Wer von den Ehe - leuten am mei - ſten er - werben ſoll.

§. 54.

Weil beyde Eheleute ſo viel er - werben ſollen, als ſie nach ihren Umſtaͤnden vermoͤgend ſind (§. 53); ſo darf man nicht fragen, wer mehr als der andere erwerben ſol: denn es kann geſchehen, daß, da der Genuß von den Guͤtern des Weibes mit zu ihrem Erwerb gerechnet wird, unterweilen das Weib mehr erwirbet als der Mann. Jedoch da die Weiber theils bey Erzeu -gung39Cap. 2. Von dem Eheſtande. gung der Kinder, indem ſie ſchwanger ge - hen, theils bey ihrer Erziehung, indem ſie ſie ſaͤugen und warten muͤſſen, mehr zu thun haben als die Maͤnner, und dadurch von anderer Arbeit abgehalten werden, auch nach unſern Sitten die Maͤnner insgemein in dem Stande ſind mehr zu erwerben, als die Weiber; ſo lieget die Sorge vor den Erwerb meiſtentheils dem Manne ob, das Weib aber hat davor zu ſorgen, wie das erworbene wohl angewendet werde: wie - wohl auch hiervon der Mann nicht ausge - ſchloſſen (§. 53) und unterweilen, wenn das Weib dazu ungeſchickt iſt, muß der Mann auch fuͤr die Ausgabe allein ſor - gen.

§. 55.

Wiederum weil der Erwerb desUrſache der Mor - gengabe. Weibes, ſonderlich bey denen, fuͤr die ſich nicht Handarbeit in Anſehung ihres Stan - des ſchicket (§. 525 Mor.), hauptſaͤchlich in dem Genuß ihrer Guͤter beſtehet (§. 53. 54); ſo ſind Eltern verbunden theils nach Proportion ihres Vermoͤgens, theils nach den Umſtaͤnden des Freyers einen Theil ih - rer Guͤter der Tochter mit zugeben, daß durch deren Nutzung die Laſt des Eheſtan - des mit von dem Weibe uͤbertragen wird. Dergleichen Gut pfleget man die Mor - gen-Gabe zu nennen. Und iſt hieraus klar, daß der Mann bloß die Nutzung, nichtC 4aber40Cap. 2. Von dem Eheſtande. aber das Eigenthum der Morgen-Gabe hat (§. 889 Mor.).

Wie weit Eheleute als eines anzuſe - hen.

§. 56.

Wiederum weil die Mitglieder einer Geſellſchafft in Anſehung ihrer Abſicht als eine Perſon anzuſehen ſind (§. 6. 15); ſo ſind auch Eheleute in Anſehung der Er - zeugung und Auferziehung der Kinder und was dazu noͤthig iſt als eine Perſon anzu - ſehen (§. 16.). Da nun zum Theil an ſich klar iſt, zum Theil aber hernach erhellen wird, daß zur Auferziehung und Erzeugung der Kinder nicht allein Geſundheit des Lei - bes, ſondern auch Vollkommenheit des Gemuͤthes und des aͤuſſeren Zuſtandes er - fordert wird; ſo ſind ſie in Anſehung aller dieſer Stuͤcke als eine Perſon anzuſehen, und haben demnach fuͤr die Guͤter des Gemuͤ - thes, des Leibes und des Gluͤcks mit verei - nigten Kraͤfften zu ſorgen (§. 242 Mor.).

Wie ſie ſich gegen einander zu ver - halten.

§. 57.

Auf ſolche Weiſe ſol in allen die - ſen Stuͤcken der Mann des Weibes und das Weib des Mannes Beſte aus allen Kraͤfften ſuchen, und kan demnach keines von beyden zugeben, daß das andere etwas vornehme, was demſelben auf einige Wei - ſe zuwieder iſt. Woferne aber dergleichen geſchehen ſolte, ſo hat der andere Recht al - le Mittel anzuwenden, wie er das untuͤch - tige Mitglied zu Betrachtung ſeiner Pflicht bringe (§. 10). Wer demnach in einer Sache mehr Verſtand hat, als der ande -re,41Cap. 2. Von dem Eheſtande. re, der ſoll ſagen, was zu thun iſt, und der andere iſt verbunden zu gehorſamen.

§. 58.

Da es bey den meiſten Eheleu -Wer die Herr - ſchafft haben ſoll. ten, wo nicht bey allen, ſchweer wuͤrde aus - zumachen ſeyn, wer von ihnen die Sa - che am beſten verſtuͤnde, und daher bey ih - nen ein ſteter Streit und Zanck daruͤber ent - ſtehen; hingegen der Mann in den meiſten Faͤllen die Sache am beſten verſtehen ſoll; ſo iſt es vernuͤnfftig, daß dem Manne eingeraͤumet werde zu ſagen, was zu thun iſt. Unterdeſſen iſt doch der Mann ſchuldig dem klugen Rathe des Weibes zu folgen, wenn ſie eine Sache beſſer als er einſiehet. Da nun in der Macht zu befehlen, was zu thun iſt, die Herrſchafft beſtehet, welche im Eheſtande ſtat findet, ſo iſt klar, daß zwar dem Manne die Herrſchafft gebuͤhret, jedoch dieſelbe dergeſtalt eingeſchraͤncket iſt, daß er das Weib ſonderlich in ſolchen Sa - chen, die ſie beſſer als er verſtehet, mit zu Rathe ziehen ſoll. Und hat demnach das Weib dem Manne, ſo lange er nichts un - billiches befiehlet (§. 25 Mor.) zu gehor - chen.

§. 59.

Ein verſtaͤndiges Weib wird demWie ſich das Weib dabey aufzu - fuͤhren. Manne auch gar gerne die Herrſchafft - berlaſſen. Denn da es ihr mit eine Schan - de iſt, wenn ſie einen unverſtaͤndigen Mann hat, dadurch aber, daß ſie die Herrſchafft haben will, ſie zu verſtehen giebet, daß ihrMann42Cap. 2. Von dem Eheſtande. Mann unverſtaͤndig ſey (§. 57. 58. ); ſo wird ſie auch nicht ſelbſt verlangen ihren Mann zu beſchimpffen (§. 408 Mor.). Ja wenn es auch gleich noͤthig iſt, daß es nach ihrem Willen gehe, ſol ſie doch, um ihres Manns Ehre zu retten, und ſeine Gunſt zu erhalten, mit beſcheidenen Worten und Geberden ſich ſtellen, als wenn ihr Wille ſein Wille waͤre, und ſie ihm folgete, da er in der That ihr folget. Es koͤnnen auch noch beſondre Umſtaͤnde darzu kommen, die nicht geringe Bewegungs-Gruͤnde ſind zu dieſer Auffuͤhrung (§. 496 Met.). Z. E. das Weib kan durch den Mann in gluͤckli - che Umſtaͤnde geſetzet warden ſeyn, und al - ſo hat ſie ihn als ihren Wohlthaͤter zu er - kennen, folgends muß ſie aus Danckbar - keit (§. 834 Met.) des Mannes Vergnuͤgen zu ihrem Vergnuͤgen machen (§. 775 Mor.) und dannenhero thun, was ihm gefaͤllet (§. 786 Mor.), das iſt, ihren Willen ſei - nem Willen unterwerffen. Unterweilen kan es geſchehen, daß ein Mann eigenſin - nig iſt und Wiederſpruch nicht wohl ver - tragen kan, ſondern bald zornig wird (§. 484 Met.), folgends empfindlich iſt (§. 487 Met.). Derowegen da hefftiger Zorn die Geſundheit und das Leben ſtoͤhret, ſo hat ein Weib, der an dem langen Leben des Mannes oder auch nur an ſeiner Geſund - heit viel gelegen iſt, indem davon ihr aͤuſ -ſerli -43Cap. 2. Von dem Eheſtande. ſerlicher Zuſtand dependiret, allerdinges ſich in acht zu nehmen, daß ſie dem Man - ne ſoviel eher nachgiebet, abſonderlich wenn es Kleinigkeiten ſind, davon entweder gar kein, oder doch kein groſſer Schade herruͤh - ret, obgleich etwas verſehen wird. Kom - met dieſer Umſtand dazu, daß das Weib dem Manne auf einige Art und Weiſe Ver - druß gemacht; ſo hat ſie um ſo vielmehr Urſache dieſen Verdruß durch ihre kluge Auffuͤhrung zu vermindern, damit ihn der Mann uͤberſiehet und zu nichts wiedrigem gegen ſie angetrieben wird. Es iſt nicht mein Vorhaben vor dieſes mahl alle beſon - dere Umſtaͤnde zu unterſuchen: ich halte es fuͤr genung, daß ich durch ein und das an - dere Exempel gewieſen, wie man mit gu - tem Nutzen darauf zu ſehen hat, und kan dabey verſichern, daß ein vernuͤnfftiger Mann gegen ein Weib um ſo viel empfind - licher ſeyn muß, je mehr dergleichen beſon - dere Umſtaͤnde aus den Augen geſetzet wer - den; hingegen aber auch in der Liebe gegen ſie um ſo viel bruͤnſtiger wird, je mehr ſie darauf acht hat und durch ihre Handlun - gen zeiget, daß ſie darauf acht hat. Ja dieſes findet ſich nicht allein bey Eheleuten, ſondern es gielt auch bey allen andern Men - ſchen, die mit einander zu thun haben. Und demnach ſol ein jeder hieraus lernen, wie er ſich gegen Freund und Feinde, am al -ler -44Cap. 2. Von dem Eheſtande. lermeiſten aber gegen Wohlthaͤter, aufzu - fuͤhren hat.

Hinder - nis wird aus dem Wege ge - raͤumet.

§. 60.

Es iſt nicht zuleugnen, daß ei - ne dergleichen Auffuͤhrung des Weibes ge - gen ihren Mann, wie erſt beſchrieben wor - den, viel ſchweerer faͤllet, wo die beſonderen Bewegungs-Gruͤnde fehlen; noch viel ſchwee - rer, wo ſich das Wiederſpiel befindet. Dero - wegen werden wir finden, daß Weiber, die den Mann reich gemacht, oder in einen Ehren-Stand erhoben, ihren Willen nicht gerne dem Willen des Mannes unterwerf - fen wollen, ſondern vielmehr alles nach ih - rem Kopffe zu thun verlangen. Wenn ſie nicht ſehr vernuͤnfftig ſind, und den Ruhm der Klugheit hoͤher achten als andere Dinge; ſo werden die zum Grunde der vorgeſchrie - benen Auffuͤhrung angefuͤhrte Vorſtellun - gen (§. 59) wenig oder gar nichts fruch - ten. Und demnach hat man dieſen Hinder - nißen ins beſondere zu begegnen. Nehmlich man hat darauf zuſehen, ob nicht auch von Seiten des Menſchen etwas zu finden, das dieſen Bewegungs-Gruͤnden kan die Wage halten und demnach vermoͤge der all - gemeinen Gruͤnde, die zu Beſtetigung der vorgeſchriebenen Auffuͤhrung angefuͤhrt wor - den (§. 59), der Ausſchlag fuͤr dieſe Auf - fuͤhrung verbleibet. Dergleichen werden ſich bey genauer Unterſuchung gar leicht fin - den. Z.E. Ein Mann kan nicht allein das -jeni -45Cap. 2. Von dem Eheſtande. jenige, was er mit des Weibes Vermoͤgen erwirbet wohl anwenden, ſondern auch vor ſich noch ſo viel, oder auch wohl mehr dazu erwerben. Die Frau kan durch ihn in ei - nen Ehrenſtand kommen ſeyn, da ſie ihres Vermoͤgens erſt recht froh wird, und was dergleichen mehr iſt.

§. 61.

Wiederum da der Mann dasWie ſich der Mann dabey aufzu - fuͤhren. Weib mit zu Rathe ziehen ſol in denen Dingen, die beyder Wohlfahrt betreffen (§. 58); ſo muß er auch dem Weibe nichts mit Ungeſtuͤme anbefehlen, ſondern alles mit glimpflichen Worten und einer guten Manier vorbringen, damit ſie nicht die Liebe gegen ihn fahren laͤßet (§. 449. Met.), oder auch wohl gar einen Haß ge - gen ihn bekommet (§. 484 Met.), und da - durch alle Scheue fuͤr ihm verlieret (§. 787 Met.). Jedoch da man in einer Geſellſchafft, und alſo auch im Eheſtande (§. 16), Recht hat alle Mittel anzuwenden, wo - durch das uͤbele Mittglied zu Betrachtung ſeiner Pflicht gebracht wird (§. 10); ſo kan auch der Mann mit der Schaͤrffe ver - fahren, wo gute Worte nichts fruchten wol - len. Jn beſondern Faͤllen befinden ſich auch beſondere Bewegungs-Gruͤnde ſo wohl zur Gelindigkeit, als zur Schaͤrffe. Z. E. Wenn ein Mann durch das Weib in einen gluͤcklichen Zuſtand geſetzet wor - den, in welchen er ohne ſie nicht wuͤrde kom -men46Cap. 2. Von dem Eheſtande. men ſeyn; ſo ſol er durch dieſe Vorſtellung ſich zur Beſcheidenheit, wie vorhin das Weib (§. 59) zum willigen Gehorſam an - treiben laſſen. Wenn das Weib ſich leicht etwas zu Gemuͤthe ziehet; ſo erfordert die Liebe (§. 449 Met.), daß man von der Haͤrte abſtehet und ihr nicht ohne Noth Traurigkeit und Gram verurſachet, auch dadurch ihr Gemuͤthe von ſich entfernet. Wenn ein Weib dem Manne wohl zu rathe haͤlt, was er erwirbet; ſo iſt es eben ſoviel, als wenn ſie ihm etwas erwuͤrbe, oder er von ihrem eingebrachten Vermoͤgen eine Nutzung zu genießen haͤtte. Und alſo iſt dieſer Bewegungs-Grund dem vorigen gleich, da man auf den gluͤcklichen Zuſtand geſehen, in welchem der Mann durch das Weib ge - ſetzet worden. Mit einem Worte ſowohl der Mann hat auf alle Gaben des Gemuͤ - thes, des Leibes und des Gluͤckes bey dem Weibe, als auch hinwiederum das Weib bey dem Manne zu ſehen, und beyde haben zu uͤberlegen, was ſie dadurch fuͤr Vor - theil in ihrem Eheſtande ziehen, ſo werden ſie beſondere Bewegungs-Gruͤnde zu ei - ner aufrichtigen Liebe gegen einander gar bald finden, und dadurch zu einem ſolchen Bezeigen gegen einander bewogen werden, wie von beyden Seiten erfordert wird.

Wie Ei - nigkeit in Ehe -

§. 62.

Bey dergleichen Auffuͤhrung des Weibes und des Mannes gegen einanderwird47Cap. 2. Von dem Eheſtande. wird Friede oder Einigkeit erhalten. Dennſtande zu erhal - ten. da keines von beyden etwas zu thun verlan - get, was dem andern zuwider iſt, noch wieder die dem andern ſchuldige Pflichten handelt (§. 59. 61); ſo beleidiget keines das andere (§. 817 Mor.), und alſo leben ſie in Friede und Einigkeit neben einander (§. 880 Mor.).

§. 63.

Weil die Gluͤckſeeligkeit ein Zu -Wenn die Ehe gluͤckſee - lig. ſtand einer beſtaͤndigen Freude iſt (§. 52. Mor.); ſo iſt der Eheſtand gluͤckſelig, wenn Eheleute in einer beſtaͤndigen Freude neben einander leben, folgends: wenn die Luſt oder das Vergnuͤgen allzeit die Unluſt oder das Mißvergnuͤgen uͤberwieget (§. 446. Met.).

§. 64.

Hingegen weil die Ungluͤckſeelig -Wenn die Ehe ungluͤck - ſeelig. keit ein Zuſtand einer beſtaͤndigen Traurig - keit oder Mißvergnuͤgens iſt (§. 61 Mor.); ſo iſt die Ehe ungluͤckſeelig, wenn Eheleute in ſtetem Verdruß und Mißvergnuͤgen ne - ben einander leben, ſo daß die Unluſt, oder der Verdruß und das Mißvergnuͤgen die Luſt, und das Vergnuͤgen uͤberwiegen (§. 448 Met.), folgends der traurigen und mißvergnuͤgten Stunden allezeit mehr ſind als der freudigen und vergnuͤgten.

§. 65.

Wenn demnach Eheleute an die -Einig - keit und Liebe ſind zur gluͤckſee - ligen Ehe noͤthig. ſem Vergnuͤgen und Mißvergnuͤgen Urſache ſind; ſo machen ſie ihnen ſelbſt ihren Ehe - ſtand entweder gluͤckſeelig oder ungluͤckſee -lig.48Cap. 2. Von dem Eheſtande. lig. Derowegen da keines dem anderen Mißvergnuͤgen machet, wenn ſie in Einig - keit neben einander leben (§. 62); hinge - gen einander Freude und Vergnuͤgen ma - chen, wenn ſie einander inbruͤnſtig lieben (§. 449 Mer.); ſo ſind Einigkeit und Liebe zwey noͤthige Stuͤcke zu einer gluͤckſeeligen Ehe. Jm Gegentheile erhellet, daß Un - einigkeit und Haß die Ehe ungluͤckſeelig ma - chen.

Jnglei - chen ſo - viel Ver - moͤgen / als zur Noth - durff. dem Wohl - ſtande und der Bequem - lichkeit des Le - bens ge - hoͤret.

§. 66.

Wiederum weil der Mangel an demjenigen, was zu noͤthiger Nahrung, Kleidung und Wohnung, auch anderen dahin gehoͤrigen Bequemlichkeiten des Le - bens erfordert wird, Mißverguuͤgen ma - chet (§. 417 Met.); ſo wird dadurch eine Ehe gleichfalls ungluͤckſeelig. Und im Ge - gentheile muß eine Ehe gluͤckſeelig werden, wenn man darinnen ſo viel vor ſich bringen kan, als man zur Nahrung, Kleidung und Wohnung, auch andern dahin gehoͤrigen Bequemlichkeiten des Lebens noͤthig hat. Und demnach iſt der Zehr - und Ehren - Pfennig ein noͤthiges Stuͤcke zu einer gluͤck - ſeeligen Ehe.

Worauf im hey - rathen zuſehen noͤthig.

§. 67.

Da nun alles Vergnuͤgen und Mißvergnuͤgen im Eheſtande entweder von den Eheleuten oder ihrem aͤuſſerlichen Zu - ſtande herruͤhren muß, (denn was anders woher kommet, gehoͤret nicht zu dem Ehe - ſtande, indem es ſtat finden wuͤrde, auchwenn49Cap. 2. Von dem Eheſtande. wenn die Eheleute auſſer dem Eheſtande le - beten und das eine nur ein guter Freund des andern waͤre); ſo werden auch die Ehen bloß durch die Einigkeit und Liebe der Ehe - leute und den Zehr - und Ehren-Pfennig gluͤckſeelig. Hingegen durch Uneinigkeit und Haß der Eheleute und Mangel des Zehr - und Ehren-Pfennigs ungluͤckſeelig (§. 65. 66). Derowegen wenn die Ehen wohl ge - rathen ſollen, muß man fuͤr allen Dingen verſichert ſeyn, daß die Perſonen, ſo ſich darein begeben ſollen, einander inbruͤnſtig lieben und in Einigkeit mit einander leben, auch naͤchſt dieſem ſo viel vor ſich bringen werden, als dazu erfordert wird, wenn ſie ſich in Nahrung, Kleidung und Wohnung, auch andern dahin gehoͤrigen Bequemlich - keiten des Lebens, ihrem Stande gemaͤß auffuͤhren ſollen.

§. 68.

Daß demnach ſo wenige EhenWarum ſo weni - ge Ehen gerathen gerathen, kommet einig und allein daher, weil man insgemein nur auf eines von die - ſen Stuͤcken, nicht aber auf alle zugleich ſie - het, oder auch, man mag entweder nur auf eine oder alle ſehen, durch falſche Vor - ſtellungen betrogen wird, und nach dieſem die Sache gantz anders befindet, als man anfangs vermeinet, wennn man leider! zu ſpaͤte, da die Ehe ſchon vollzogen wor - den, erſt recht darhinter kommet.

(Politick) D§. 69.50Cap. 2. Von dem Eheſtande.
Noͤthige Erinne - rung.

§. 69.

Es demnach ein großes Verſe - hen, daß man oͤffters ohne Noth bey dem Heyrathen vielen Betrug brauchet, und ge - meiniglich die Sachen anders vorgiebet, als ſie ſind: als wodurch man die Leute nur un - gluͤckſeelig durch ihr Heyrathen machet. Allein weil auch nicht ſelten die Menſchen von demjenigen, was ſie nach ihrem Stan - de zu ihrer Nahrung, Kleidung, Wohnung und andern Bequemlichkeiten des Lebens brauchen, unrichtige Gedancken haben und daher Mangel zu leiden vermeinen, da ſie wohl gar einen Uberfluß haben; ſo iſt uͤber die maßen dienlich, daß man hiervon aus der Sittenlehre, das iſt, den Gedancken von der Menſchen Thun und Laßen, (§. 450. & ſeqq. ) noͤthigen Unterricht einhohlet. Dergleichen auch erfordext wird, wenn man die Auffuͤhrung ſeines Ehegattens ver - nuͤnfftig beurtheilen wil. Und alſo iſt Verſrand und Tugend wie in allen Dingen, ſo auch ſonderlich im Eheſtande hoͤchſt nuͤtz - lich und noͤthig.

Gefaͤhr - lichkeit im Hey - rathen.

§. 70.

Unterdeſſen da die Ehe Lebenslang dauret (§. 44); ſo iſt auch derjenige Menſch die gantze Zeit ſeines Lebens ungluͤckſeelig, der eine ungluͤckſeelige Ehe getroffen, die ſich nicht aͤndern laͤſſet, welches gar ſelten an - gehet. Hingegen wenn der Menſch eine gluͤck - ſeelige Ehe getroffen und nicht durch ſeine Schuld den Grund des Gluͤcks verderbet;ſo51Cap. 2. Von dem Eheſtande. ſo iſt er die gantze Zeit ſeines Lebens gluͤckſee - lig. Man kan ſich nehmlich ſelten Rechnung machen, daß durch den Tod des Ehegatten, der Urſache an der Ungluͤckſeeligkeit iſt, deꝛſelben weꝛde ein Ende gemacht weꝛden. Da nun aber eines jeden Menſchen Begierde von Natuꝛ dahin gehet, daß eꝛ gluͤckſeelig ſeyn wil; ſo hat man ſich im Heyrathen um ſo viel mehr in acht zu nehmen, je ſchwerer das wieder zu verbeſſern iſt, was ein mahl ver - ſehen worden. Unterdeſſen da gleichwohl hier am aller erſten was verſehen werden kan, indem man ſelten ſoviel Nachricht erhaͤlt, alszu gruͤndlicher Beurtheilung der Gluͤckſee - ligkeit der zu treffenden Che erfodert wird; ſo hat man das Heyrathen fuͤr das aller ge - faͤhrlichſte an zu ſehen, was man in ſeinem gantzen Leben zu wagen hat.

§. 71.

Um dieſer Gefaͤhrlichkeit willenWarum man ſich nicht darinnen uͤbereilen ſol. ſol auch niemand im Heyrathen ſich uͤber - eilen, zum allerwenigſten aber auch darauf dencken, wenn er noch nicht in dem Stande iſt das Hausweſen von ſeinem Erwerbe zu fuͤhren, es ſey denn daß das Weib ſo viel einbringet, als dem Manne zur Zeit noch abgehet, und dabey vernuͤnfftig, tugendhafft, auch haushaͤltig iſt: welches jedoch Dinge ſind, die man ſelten bey einander antrifft. (§. 59. 60.).

§. 72.

Es waͤrezwar noch gar vieles vonWarum nicht ein der Behutſamkeit zu errinnern, die bey Hey -D 2ra -52Cap. 2. Von dem Eheſtande. mehrers hiervon erinnert wird.rathen zu gebrauchen: allein da wir un - ſerm gegenwaͤrtigen Vorhaben ein Gnuͤgen gethan, wenn wir die allgemeinen Gruͤn - de, daraus das uͤbrige hergeleitet werden kan, abſonderlich wo uns die Erfahrung Gelegenheit an die Hand giebet, ausgefuͤh - ret; ſo laße ich es auch vor dieſes mahl hier - bey bewenden.

Warum das Weib nach des Mannes Tode ihr einge - brachtes haben muß.

§. 73.

Weil der Mann nur die Nu - tzung von des Weibes Guͤtern zu Ubertra - gung der Laſt des Eheſtandes anwenden kan (§. 55); ſo muß auch die Frau nach ſeinem Tode alle ihre bewegliche und un - bewegliche Guͤter wieder erhalten, inglei - chen kan der Mann ohne ihre Bewilligung von den unbeweglichen nichts verkauffen (§. 920 Mor.) und, wo fern dieſes geſchehen, bekommet ſie nach ſeinem Tode die Kauff - Summa des Geldes, als welche nach die - ſem als ein von ihr eingebrachtes bewegli - ches Gut anzuſehen.

Warum ſie ein Vorrecht fuͤr an - dern Glaͤubi - geꝛn hat.

§. 74.

Und ſolcher geſtalt hat das Weib ein Recht auf des Mannes Guͤter, in ſo weit das ihrige mit darunter enthalten, in - dem es in der That nicht des Mannes Guͤ - ter ſind, ſondern viel mehr ihre, ob ſie gleich deꝛ Mann als ſeine ausgegeben. Und demnach hat ſie auch billig ein Vorrecht fuͤr anderen Glaͤubigern des Mannes. Denn wenn ſie das ihrige weggenommen, ſo iſt des Man - nes Vermoͤgen, was uͤbrig bleibet.

§. 75.53Cap. 2. Von dem Eheſtande.

§. 75.

Man ſiehet aber hieraus, ohneWas ein Weib nicht wieder fordern kan. mein Erinnern, daß das Weib nichts wieder fordern kan, als was der Mann von ihrem Vermoͤgen in Empfang genommen, u. zum gemeinen Beſten des Eheſtandes genutzet. Derowegen wenn ſie etwas vor ſich behal - ten und nach ihrem eigenen Gefallen verwal - tet, auch entweder durchgebracht, oder ſich darum betruͤgen laßen; ſo kan ſie mit kei - nem Grunde nach des Mannes Tode ſol - ches aus ſeinem Vermoͤgen wieder for - dern.

§. 76.

Gleicher geſtalt wenn ein WeibEben der - gleichen Fall. Schulden machet, oder auch ſonſt bloß nach ihrem Gefallen ausgiebet, worein der Mann zu willigen nach den Regeln der Sit - tenlehre nicht befugt iſt; ſo hat ſie ſo viel, als dieſes austraͤget, von dem ihrigen ver - than, und kan es nach des Mannes Tode nicht noch einmahl wieder fodern.

§. 77.

Uber die unbeweglichen GuͤtterDas Weib hat den Scha - den von ihren Guͤttern zu tra - gen. des Weibes hat der Mann kein weiterers Recht, als daß er ſie brauchen kan (§. 55) und alſo eben das Recht, was ein Pachter hat (§. 926 Mor.). Derowegen wenn es ſich zutruͤge, daß ſie durch einen Ungluͤcks-Fall, daran er keine Schuld hat, entweder ver - dorben oder verſchlimmert wuͤrde; ſo triefft der Schaden das Weib, und kan ſie nicht verlangen, daß er ihr nach des Mannes Tode aus ſeinem Vermoͤgen erſetzet werde.

(§. 959 Mor.) D 3§.54Cap. 2. Von dem Eheſtande.
Jn was fuͤreinem Stande ſie ihre Guͤter wiedeꝛ zu fordern hat.

§. 78.

Aus eben dieſen Gruͤnden erhel - let, daß der Mann die Guͤter des Weibes auf das ſorgfaͤltigſte in acht zu nehmen hat, damit ſie nicht weiter verſchlimmert wer - den als der nothwendige Gebrauch mit ſich bringet; wiedrigen Falls aber das Weib die Erſetzung des Schadens aus des Man - nes Guͤtern fordern kan (§. 958 Mor.). Und weil der Mann die gantze Nutzung al - lein hebet; ſo iſt er auch verbunden dieſel - ben in ſolchem Stande zu erhalten, damit ſie ferner koͤnnen genutzet werden.

Was ein Ehegat - te von ſeinen Guͤttern dem an - dern zu verma - chen.

§. 79.

Weil ein Ehegatte den andern in - bruͤnſtig lieben ſol (§. 65.); ſo muß er auch aus des andern Gluͤckſeeligkeit Vergnuͤgen ſchoͤpffen (§. 449 Met.), und dannenhero begehren, daß ſein Ehegatte nach ſeinem Tode in beſtaͤndiger Freude und Vergnuͤ - gen (§. 52 Mor. & §. 446 Met.) lebe, fol - gends alles auch bey ſeinem Ende beytra - gen, was dazu befoͤrderlich iſt. Derowe - gen hat er von ſeinem Vermoͤgen nach ſei - nem Tode ſeinem Ehegatten ſo viel zuzu - wenden, daß er noch ſo vergnuͤgt wie vor - hin leben und den Verluſt nicht ſo leicht em - pfinden kan. Wie weit ſich dieſes thun laͤſſet, muß aus denen beſonderen Umſtaͤn - den in beſondern Faͤllen beurtheilet werden. Und weil die Eltern auch mit dabey auf die Kinder zu ſehen; ſo wird auch unten ein meh - reres davon vorkommen.

Das55Cap. 3. Von der Vaͤterl. Geſellſch.

Das 3. Capitel, Von der Vaͤterlichen Geſellſchafft.

§. 80.

WEil die Eltern verbunden ſind ih -Was die Vaͤtorli - che Ge - ſellſchafft iſt. re Kinder aufzuerziehen (§. 18.), das iſt, ſo weit zu bringen, daß ſie ſich ſelbſt verſorgen und regieren koͤnnen; ſo muͤſſen auch die Kinder mit den El - tern in einer Geſellſchafft leben (§. 2), wel - che man die Vaͤterliche genennet. Und alſo iſt die Vaͤterliche Geſellſchafft eine Geſellſchafft zwiſchen Eltern und Kindern, um ihrer Auferziehung willen.

§. 81.

Nehmlich weil die Kinder ſichGrund der Pflichten der El - tern ge - gen die Kinder / und der Kinder gegen die Eltern. nicht ſelbſt verſorgen und regieren koͤnnen, ſo haben ſie ſolches von andern zu fordern (§. 770 Mor.). Da nun aber kein Grund vorhanden, warum ſie ſolches vielmehr von andern, als von ihren Eltern fordern ſol - ten, wenn dieſe in dem Stande ſind ſolches zuthun; ſo lieget auch den Eltern ob ſie zu verſorgen und zu regieren, biß ſie dieſes ſelbſt zu thun vermoͤgend werden. Und muß aus dieſem Grunde alles beurtheilet werden, was die Eltern den Kindern, und hinwiederum die Kinder den Eltern ſchuldig ſind.

§. 82.

Damit man nun beſſer dieſenEs wird ausfuͤhr - Grund einſehen, und die noͤthigen PflichtenD 4der56Das 3. Capitel Von derlicher er - klaͤret.der Eltern gegen die Kinder und der Kinder gegen die Eltern daraus herleiten moͤge; ſo wird noͤthig ſeyn, daß ich deutlicher erklaͤ - re, was durch das verſorgen und regieren verſtanden wird. Nemlich Kinder ſind wie alle Menſchen verbunden ihren inneren und auſſeren Zuſtand ſo vollkommen zu machen, als moͤglich iſt (§. 19 Mor.). Dazu aber wird zweyerley erfordert. Einmahl ſind Mittel noͤthig, dadurch die Vollkommen - heit des inneren und aͤuſſeren Zuſtandes er - halten wird (§. 912 Met.); darnach muͤſ - ſen auch ihre Handlungen dergeſtalt einge - richtet werden, daß ſie nicht allein dieſe Mittel recht gebrauchen, ſondern auch durch ihre Handlungen ſich nicht daran hindern. Die Vorſorge gehet auf das erſte; die Re - gierung auf das andere. Es beſtehet dem - nach die Vorſorge der Eltern in einer Sorgfalt den Kindern alle Mittel zu ver - ſchaffen, die ſie zu Befoͤrderung der Voll - kommenheit ihres inneren und aͤuſſeren Zu - ſtandes von noͤthen haben: Hingegen die Regierung in Einrichtung ihrer Hand - lungen zu Erhaltung dieſer Abſicht. De - rowegen da wir in den Gedancken von dem Thun und Laſſen der Menſchen ausfuͤhrlich gezeiget haben, worinnen die Vollkom - menheit der Seele, des Leibes und des aͤuſ - ſerlichen Zuſtandes beſtehet, auch wie der Menſch ſeine Handlungen einzurichten hat,damit57Vaͤterl. Geſellſchafft. damit er dieſen Zweck, ſo viel in ſeiner Ge - walt iſt, erreichet; ſo wird ſich ohne Muͤ - he begreiffen laſſen, was an beyden Stuͤ - cken Eltern zu thun oblieget.

§. 83.

Es lieget demnach den Eltern obWie El - tern vor Woh - nung u. Kledung der Kin - der zu ſorgen. davor zu ſorgen, daß die Kinder ſo viel Nahrung und Kleider haben, als erfordert wird, wenn ſie einen geſunden Leib und ge - ſunde Gliedmaſſen erhalten und wohl wach - ſen ſollen (§. 450. 490 Mor.): wobey ſie zugleich des Wohlſtandes halber auf ihren Stand und Vermoͤgen zu ſehen haben (§. 458. 492 Mor.). Derowegen da die Mut - ter-Milch die erſte Nahrung des Kindes iſt, auch dabey bekand, daß die Kinder da - mit viel Boͤſes zu ihrer Ungeſundheit und Verderbung des Leibes, auch Gemuͤthes, einzuſaugen pflegen, wenn die Perſon, ſo ſie ſaͤuget, von wiedrigen Affecten und unor - dentlichen Begierden eingenommen wird; eine Mutter aber verbunden iſt alles zur Auferziehung des Kindes beyzutragen, was in ihrer Gewalt ſtehet: ſo ſol eine Mutter ihr Kind ſelbſt traͤncken, wenn ſie in dem Stande iſt ſolches zu thun. Es bekommet auch hiedurch eine Mutter mehr Liebe zu ihrem Kinde und wird zugleich an - getrieben, ſonderlich wo ſie dabey vernuͤnf - tig iſt, fleißiger auf ihr Kind acht zu haben: welches nach dieſem zu der uͤbrigen Kinder - Zucht nicht ein geringes beytraͤget. Daßman58Das 3. Capitel Von derman aber durch andere verrichten laͤſſet, was man ſelbſt zuthun nicht vermoͤgend iſt, z. E. wenn Mangel an der Milch ſich findet, oder die Bruͤſte boͤſe werden, o - der auch wenn die Mutter in Kranckheit ver - faͤllet, oder uͤberhaupt von ungeſunder Leibs - Conſtitution iſt, &c. ſolches hat ſeine ge - weiſete Wege.

Wie ſie ferner vor die Kinder zu ſor - gen.

§. 84.

Weil ſie aber auch verbunden ſind darauf zu ſehen, daß die Kinder nicht nur einen geſunden Leib, ſondern auch ge - ſunde Gliedmaſſen und einen geſchickten Leib erhalten (§. 447. 449 Mor.), ſo gebuͤh - ret ihnen auf das ſorgfaͤlltigſte auf ſie acht zu haben, damit ſie in keinem von dieſen Stuͤ - cken verabſaͤumet, noch verwahrloſet wer - den. Derowegen weil ſelten Leute, die bloß um des Brodtes willen dienen, genung - ſame Sorgfalt hierinnen bezeigen; ſo lie - get den Eltern ſelber ob, darauf mit Fleiß acht zu haben und den Kindern, ſoviel nur immer moͤglich iſt, alle Gelegenheit zu be - ſchneiden, da ſie zu Schaden kommen koͤn - nen; hingegen auch bey Zeiten den Leib durch allerhand Bewegungen und Stellun - gen zu uͤben, wodurch er geſchickt wird. Und hat man hier ſo wohl, als vorhin, auch auf ſeinen Stand zu ſehen (§. 142 Mor.).

Errinne - rung.

§. 85.

Es wuͤrde zu weitlaͤufftig fallen, wenn ich hier auf beſondere Handlungen kommen wolte. Wer der Sache ſelbſtennach -59Vaͤterlichen Geſellſchafft