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Vernuͤnfftige Gedancken Von dem Geſellſchafftlichen Leben der Menſchen
Und inſonderheit Dem gemeinen Weſen Zu Befoͤrderung der Gluͤckſeeligkeit des menſch - lichen Geſchlechtes
Mit Koͤnigl. Pohln. und Churfuͤrſtl. Saͤchſ. allergnaͤdigſtem privilegio.
Halle im Magdeburgiſchen,1721.Zu finden in der Rengeriſchen Buchhandlung.
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Vorrede. Beneigter Leſer.

MEin gegenwaͤrtiges Vor - haben iſt gruͤndlich und ausfuͤhrlich zu zeigen, wie die Menſchen mit vereinigten Kraͤfften ihre Gluͤckſeelig - keit befoͤrdern koͤnnen. Waͤre bey al - len Menſchen Verſtand und Tugend, ſo wuͤrde ein jeder aufrichtig und frey - willig zur gemeinen Wohlfahrt beytra - gen, was in ſeinen Kraͤfften und ſeinem) (2Ver -Vorrede. Vermoͤgen ſtuͤnde: allein da leider! der groͤſte Theil der Menſchen von beydem wenig beſitzet, ſo hindert nicht nur ei - ner des andern Gluͤckſeeligkeit, die er befoͤrdern ſolte, theils oͤffentlich und ohne Scheue, theils unter dem Vor - wande des Guten, damit die ſchaͤdliche interesſirte Abſichten verdecket werden; ſondern viele verfallen auch aus Un - wiſſenheit und Thorheit auf verderbli - che Anſchlaͤge bey ihrem feſten Vorſa - tze des Landes Wohlfahrt zu befoͤrdern. Es iſt freylich wahr, daß es in keinem gemeinen Weſen beſſer hergehen wuͤrde, als wo alles mit Vernunfft geſchaͤhe, das iſt, wo jedermann in allen vorkom - menden Faͤllen zureichenden Verſtand und genung Tugend haͤtte: allein da wir ſolche Menſchen auf unſerem Erd - boden nicht antreffen, ſo laͤſſet ſich auch hier kein ſo vollkommener Staat ein - richten. Nun waͤre wohl nicht alleMuͤheVorrede. Muͤhe gantz vergebens, wann man der - gleichen vollkommenen Staat beſchrei - ben wolte: denn er waͤre ein Spiegel, darinnen wir die Unvollkommenheit unſerer Staate erblicken koͤnten, und ein Probier-Stein, daran ſich das Gu - te in unſeren Staaten zu erkennen gaͤ - be. Allein da ich mir vor dieſesmahl nichts weiter vorgenommen, als nach meiner Art, das iſt, deutlich und gruͤnd - lich zu zeigen, wie ſich ein Staat auf unſerem Erdboden einrichten laͤſſet; ſo habe ich auch ſolche Menſchen dazu neh - men muͤſſen, wie wir auf dem Erdbo - den antreffen. Man findet demnach in dieſem Buche zureichende Lehren, daraus man von allem demjenigen, was im gemeinen Weſen vorkom̃et, richtigen Grund anzeigen und alles, was zu ei - nem Staate gehoͤret, oder irgendswo darinnen angetroffen wird, vernuͤnff - tig beurtheilen kan. Wer meine Art) (3ver -Vorrede. verſtehet, nach der ich die Sachen vor - zutragen geſonnen, der wird befinden, wie weit die Wahrheiten von dem ge - meinen Weſen von den erſten Gruͤn - den der Erkaͤntnis entfernet ſind. Man ſiehet, daß ich mich hier beſtaͤn - dig auf die Wahrheiten beruffe, die in dem Buche von der Menſchen Thun und Laſſen, oder in der Moral, vorgetra - gen worden, und dadurch erkennet man, daß wer die Politiſchen Wahr - heiten gruͤndlich einſehen will, fuͤr allen Dingen die Moral wohl verſtehen muͤſſe. Nimmet man nun die Moral fuͤr die Hand, ſo ſiehet man ferner, daß man daſelbſt beſtaͤndig in das Buch von GOTT, der Welt und der Seele des Menſchen, auch allen Dingen uͤber - haupt, das iſt, in die Metaphyſick ver - wieſen wird, und dadurch lernet man, daß, wer die Moraliſchen Wahrheiten gruͤndlich einzuſehen verlanget, fuͤr al -lenVorrede. len Dingen in der Metaphyſick ſich wohl umbſehen muͤſſe. Woraus denn ferner erhellet, daß mehrere Muͤhe und groͤſſerer Fleiß dazu erfordert wird, wenn man die Moraliſchen Wahrheiten gruͤndlich erkennen ſol, als wenn man die Metaphyſiſchen begreif - fen wil: ingleichen daß es ſchweerer ſey die Politiſchen Wahrheiten gruͤndlich einzuſehen, als die Moraliſchen zu be - greiffen. Es wil aber noͤthig ſeyn, daß ich hier ein doppeltes Vorurtheil beneh - me, welches einige aus Misverſtaͤnd - nis meiner Worte ziehen doͤrfften. Es darf ſich niemand einbilden, als wenn er groͤſſere Geſchicklichkeit beſaͤſſe, in dem er moraliſche und politiſche Wahrhei - ten erkand, als ein anderer, der mit metaphyſiſchen zu thun hat. Denn dieſes findet bloß in dem Falle ſtat, wo die politiſchen und moraliſchen gruͤnd - lich erlernet und voͤllig begriffen wer - den, folgends eine gruͤndliche Erkaͤnt -) (4nisVorrede. nis der metaphyſiſchen mit darbey iſt. Wo es aber an der letzteren fehlet, da kan ſich keiner ruͤhmen, daß er die er - ſteren voͤllig begreiffet. Unterdeſſen iſt doch ein groſſer Unterſcheid, ob man dieſe Wahrheiten voͤllig begreiffet, oder nur oben hin anſiehet. Wer ſie voͤllig begreiffet, der iſt verſichert, daß er ſich niemahls den Schein wird blenden laſ - ſen, und das falſche fuͤr das wahre, das ſchlechtere an ſtat des beſſeren er - wehlen, noch auch aus Ubereilung ta - deln, was in der Vernunfft genung gegruͤndet iſt. Hingegen zeiget es die Erfahrung, wie diejenigen, welche ſie nur obenhin erkennen, ſich in ihren Ge - dancken oͤffters betruͤgen, auf viele Jrr - thuͤmer gerathen, und mit einer Heff - tigkeit tadeln, was vielmehr ruͤhmens wuͤrdig gefunden wird, wenn man es gruͤndlich unterſuchet. Man darf auch nicht meinen, als wenn die ErfahrungmirVorrede. mir zuwieder waͤre, indem ich behaup - te, es werde zu gruͤndlicher Erkaͤntnis der moraliſchen und politiſchen Wahr - heiten auch eine tiefe Einſicht in die me - taphyſiſchen erfordert. Denn man wird mir kein Exempel bringen koͤnnen, da einer ohne dieſe jene gruͤndlich er - kennete und voͤllig begriffe, wo man nur verſtehet, was dazu erfodert wird, daß man etwas gruͤndlich verſtehet und voͤllig begreiffet. Jch habe in mei - nen Schrifften, abſonderlich in den Ge - dancken von den Kraͤfften des Verſtan - des und in den andern von GOtt, der Welt und der Seele des Menſchen die - ſes ausfuͤhrlich erklaͤret. Wer alſo die Wahrheit meiner Worte einſehen, und fuͤr dieſem Vorurtheile ſich huͤten wil, der muß daſelbſt Unterricht ſuchen. Da nun aber die Metaphyſick, wie ich ſie nemlich abgehandelt, zu gruͤndlicher Erkaͤntnis der Staats-Kunſt noͤthig) (3iſt;Vorrede. iſt; ſo erkennet man hieraus, wie nuͤtz - lich dieſe Wiſſenſchafft ſey, und daß auch diejenigen ſich darauf zu legen haben, die in ihren kuͤnftigen Bedienungen fuͤr die gemeine Wohlfahrt zu ſorgen ha - ben. Jch ſetze mit Fleiß darzu, daß dieſes von der Metaphyſick zu verſte - hen ſey, wie ich ſie abgehandelt: denn ich leugne nicht, daß in dieſer Wiſſen - ſchafft bisher lauter Finſternis gewe - ſen, und alſo ihre Finſternis in den - brigen kein Licht hat anzuͤnden koͤnnen. Wer demnach die in gegenwaͤrtigem Tractate vorgetragene Wahrheiten wil begreiffen, der muß zuerſt meine Gedancken von GOtt, der Welt und der Seele des Menſchen, auch allen Dingen uͤberhaupt und nach dieſem die von der Menſchen Thun und Laſſen reiflich erwegen, wie es die Regeln er - fordern, die ich zu dem Ende in den Gedancken von den Kraͤfften des menſch -lichenVorrede. lichen Verſtandes vorgeſchrieben. Jch bin nemlich auch in dieſem Buche bey meiner gewoͤhnlichen Lehr-Art geblie - ben, und werde auch ins kuͤnfftige da - bey beſtaͤndig verbleiben, indem der ein - zige Weg zu gruͤndlicher Erkaͤntnis iſt, wenn man die Bedeutung aller Woͤr - ter in richtige Schrancken einſchlieſſet, und die folgenden Wahrheiten aus dem Vorhergehenden in einer beſtaͤndigen Verknuͤpffung herleitet. Es iſt wohl freylich wahr, daß ich alles noch weit mehr haͤtte zergliedern koͤnnen, wenn ich es in voͤlliger Deutlichkeit haͤtte ſe - tzen wollen; allein auf ſolche Weiſe wuͤrden aus ſehr vielen §§ gantze Capi - tel worden ſeyn, und waͤre das Buch groͤſſer und weitlaͤufftiger worden, als es der gegenwaͤrtige Zweck erfordert. Unterdeſſen habe ich doch uͤberall ſo viel Gruͤnde angezeiget, daß ein in dieſer Lehr-Art Geuͤbter die fernere Zerglie -derungVorrede. derung fuͤr ſich anſtellen kan. Was die Lehren ſelbſt betrifft, die ich hier be - haupte, ſo habe ich ſie ſo vorgetragen, wie ſie in der Vernunfft gegruͤndet ſind und kuͤmmere mich wenig darumb, ob alles unter uns ſo uͤblich iſt, oder nicht. Unterdeſſen wer dieſelbe wohl faſſet, der wird in dem Stande ſeyn alles das je - nige, was unter uns uͤblich iſt, vernuͤnff - tig zu beurtheilen. Es wird wohl nie - mand zweiffeln, daß die Wahrheiten, welche hier ausgefuͤhret werden, die nuͤtzlichſten ſind fuͤr das menſchliche Ge - ſchlechte, denn die gantze zeitliche Gluͤck - ſeelichkeit beruhet auf einem wohleinge - richteten Staate. Wo man wohl, das iſt, vernuͤnfftig regieret, da findet ein jeder ſein Vergnuͤgen, wo er nicht durch ſeine eigene Schuld daſſelbe ſtoͤhret, und ſein Gemuͤthe in Unruhe ſetzet. Hin - gegen wo unvernuͤnfftig regieret wird, da hat jedermann viel Mißvergnuͤgen,undVorrede. und muß ohne ſeine Schuld ſein Ge - muͤthe in Unruhe ſetzen laſſen. Die Sineſer haben von alten Zeiten her auf die Kunſt zu regieren vielen Fleiß ge - wendet: was ich aber in ihren Schriff - ten hin und wieder zur Probe zu un - terſuchen mich beflieſſen, das finde ich meinen Lehren gemaͤß. Derowegen da dieſes Volck in der Kunſt zu regieren alle uͤbertrifft und fuͤr allen den Ruhm er - halten; ſo iſt mir lieb, daß ich ihre Ma - ximen aus meinen Gruͤnden erweiſen kan. Vielleicht finde ich einmahl Ge - legenheit die Sitten - und Staats-Leh - re der Sineſer in Form einer Wiſſen - ſchafft zu bringen, da ſich die Harmo - nie mit meinen Lehren deutlich zeigen wird. Allein dieſe Arbeit muß deswe - gen noch weit hinaus geſetzt verbleiben, weil ich noch genung zu thun habe, ehe ich meine Lehren der Welt-Weißheit in ihrer voͤlligen Ausfuͤhrung dargeſtellet,wieVorrede. wie ich mich bereits anheiſchig gemacht und auch meinem Verſprechen nach - kommen werde, woferne mir GOTT noch laͤnger Leben und Geſundheit ver - leihet, und mich in ſolchen Umbſtaͤn - den laͤſſet, da ich der Verbeſſerung der Wiſſenſchafften ungehindert obliegen kan. Halle den 18. Aprilis A. 1721.

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Vernuͤnfftige Gedancken von Dem geſellſchafftlichen Le - ben der Menſchen und Dem gemeinen Weſen.

Der I. Theil. Von den Beſellſchafften der Men - ſchen.

Das I. Capitel. Von den Geſellſchafften der Menſchen uͤberhaupt.

§. 1.

EJn Menſch iſt verbunden,War - umb der Menſch nicht in der Ein - ſamkeit leben darf. dem andern mit ſeinem Vermoͤgen (§. 907. & ſeqq. 961. 965. Mor.), ſeiner Ar - beit (§. 910. Mor.), ſeiner Huͤlfe (§. 972. Mor.) und ſeinem Exempel (§. 167. 188. 312. 321. 373. (Politick) A767.2Cap. 2. Von den Geſellſchafften767. Mor.) vielfaͤltig zu dienen. Da er nun dieſer Verbindlichkeit kein Gnuͤgen thun kan, wenn er vor ſich allein in der Einſamkeit lebet, ja auch in der Einſam - keitt ſeinen eigenen Zuſtand nicht ſo voll - kommen machen kan, als wenn er unter andern Menſchen lebet, den er doch ſo voll - kommen zu machen verbunden, als nur immer moͤglich iſt (§. 12 Mor.): ſo darf er nicht vor ſich wie die Thiere von andern Menſchen abgeſondert leben, vielmehr ſind die Menſchen verbunden, neben einander und mit einander zu leben, damit einer des andern Gluͤckſeeligkeit befoͤrdern kan, ſo viel an ihm iſt (§. 767. Mor.). Thiere koͤnnen vor ſich von andern abgeſondert leben, weil ſie nicht viel brauchen und abſonderlich ei - nes von dem andern nicht viel lernen kan, wodurch es vollkommener wuͤrde. Jhr Leib iſt aus den Gliedmaſſen dergeſtalt zu - ſammengeſetzet, daß ſie von den Umſtaͤn - den der Faͤlle, in welche ſie gerathen, zu de - nen ihnen nuͤtzlichen Bewegungen determi - niret werden.

Was die Geſell - ſchaft iſt.

§. 2.

Wenn Menſchen mit einander ei - nes werden mit vereinigten Kraͤfften ihr be - ſtes worinnen zu befoͤrdern; ſo begeben ſie ſich mit einander in eine Geſellſchaft. Und demnach iſt die Geſellſchaft nichts anders als ein Vertrag einiger Perſonen mit ver -einig -3der Menſchen uͤberhaupt. einigten Kraͤften ihr Beſtes worinnen zu be - foͤrdern.

§. 3.

Den ungehinderten Fortgang inWorin - nen die Wohl - fahrt ei - ner Ge - ſellſchaft beſtehet. Befoͤrderung des gemeinen Beſtens, das man durch vereinigte Kraͤffte zu erhalten ge - dencket, nennet man die Wohlfahrt der Geſellſchafft. Zu dieſer Bewegung hat man guten Grund. Denn die Wohlfahrt einer Geſellſchafft koͤnnen wir nicht anders anſehen als das hoͤchſte Gut, was eine der - gleichen Geſellſchaft erreichen kan. Da nun dieſes in einem ungehinderten Fortgange zu groͤſſeren Vollkommenheiten beſtehet (§. 44. Mor.); ſo koͤnnen wir auch die Wohl - fahrt der Geſellſchafft in nichts anders fu - chen als in einem ungehinderten Fortgange in Befoͤrderung ihres gemeinen Beſten.

§. 4.

Da wir nun dieſe Wohlfahrt durch die Geſellſchafft zu erhalten gedencken (§. 3.);Abſicht der Ge - ſellſchaft und wie ſie unter - ſchieden werden. ſo iſt ſie die Abſicht der Geſellſchafft (§. 910 Met.) und die Geſellſchafft ein Mittel die gemeine Wohlfahrt zu befoͤrdern (§. 912. Met.). Da nun eine jede Geſellſchaft ei - ne gemeine Wohlfahrt hat, und ohne die - ſelbe nicht beſtehen kan (§. 2. 3. ); ſo hat jede Geſellſchafft ihre beſondere Abſicht, wo - durch ſie von einer anderen unterſchieden wird. Und ſolchergeſtalt muͤſſen die Ge - ſellſchafften aus ihren Abſichten unter - ſchieden, und dergeſtalt eingerichtet wer -A 2den,4Cap. 1. Von den Geſellſchaftenwerden, daß man darinnen dieſelben errei - chen kan.

Welche Geſell - ſchaften recht und unrecht ſind.

§. 5.

Da eine jede Geſellſchaft ein Ver - trag iſt (§. 2), kein Vertrag aber recht iſt, darinnen entweder von beyden Seiten, o - der nur von einer ſolche Dinge verſprochen werden, die dem Geſetze der Natur zuwie - der lauffen (§. 1010 Mor.); ſo kan auch kei - ne Geſellſchaft recht ſeyn, die etwas zu ih - rer Abſicht hat, was dem Geſetze der Na - tur zuwieder iſt, oder da von einer oder beyden Seiten etwas verſprochen wird, was ihm zuwiederlaͤufft; hingegen ſind alle Ge - ſellſchaften dem Geſetze der Natur gemaͤß, wenn beyderſeits nichts verſprochen wird, als was demſelben gemaͤß iſt.

Eine Ge - ſellſchaft ſtellet ei - ne Peꝛſon vor / und was dar - aus er - folget.

§. 6.

Weil in einer Geſellſchaft zwey oder mehrere Perſonen mit einander eines werden mit vereinigten Kraͤften ihr Beſtes worinnen zu befoͤrdern (§. 2); ſo ſind ſie in dieſem Stuͤcke nicht anders anzuſehen als eine Perſon, und haben demnach ein gemein - ſchaftliches Jntereſſe: folgends iſt es der Na - tur einer Geſellſchaft zuwieder, wenn man das Jntereſſe des einen dem Jntereſſe des andern, oder (welches gleichviel iſt) die Wol - fahrt des einen der Wohlfahrt des andern entgegen ſetzen will. Und erhellet hieraus ferner, daß es unrecht ſey, wenn einer in der Geſellſchaft ſeine Wohlfahrt mit Hint -an -5der Menſchen uͤberhaupt. anſetzung oder wohl gar mit Nachtheile des andern ſuchen will.

§. 7.

Gleichwie nun aber einer nichtWenn man in einer Ge - ſellſchaft nicht verblei - ben darf. verbunden iſt einen Vertrag zu halten, der dem Geſetze der Natur zuwieder iſt (§. 1011. Mor.); ſo iſt auch keiner gehalten in einer Geſellſchaft zu verbleiben, die unrecht iſt (§. 5) Und gleichwie man ferner nicht ver - bunden iſt einen Vertrag zu halten, dazu man durch Furcht oder Betrug verleitet worden (§. 1019. Mor.); ſo iſt man auch nicht ſchuldig in einer Geſellſchaft zu ver - bleiben, darein man durch Furcht oder Betrug gezogen worden (§. 2).

§. 8.

Wiederumb weil eine GeſellſchaftEs wird noch weiter ausge - fuͤhret. des gemeinen Beſtens halber eingegangen wird (§. 2), dieſes aber nicht erhalten wird, wenn einer oder einige ihren beſonderen Nutzen mit des andern ſeinem Schaden ſuchen; ſo iſt derjenige, der den Schaden hat, auch nicht gehalten in der Geſellſchaft zu verbleiben, woferne er ſich ohne noch groͤſſeren Schaden zu haben abſondern kan. Denn ſollten die Umbſtaͤnde ſo beſchaffen ſeyn, daß er aus der Geſellſchaft nicht kommen koͤnnte, als wenn er noch groͤſſe - ren Schaden uͤber ſich nehmen wollte; ſo waͤre er freylich verbunden den kleineren Schaden zu ertragen und in der Geſell - ſchaft zu verbleiben (§. 832. Mor.)

A 3§. 9.6Cap. 1. Von der Geſellſchaft
Wenn man von der Ge - ſellſchaft ſich nicht loß ſagen darf.

§. 9.

Da niemand den andern in Scha - den bringen darf (§. 824. Mor.); ſo koͤnnen wir auch nicht uns aus einer Geſell - ſchaft degeben, oder davon loß ſagen, das iſt, es ſtehet uns nicht frey uns zu erklaͤ - ren, daß wir laͤnger darinnen nicht verhar - ren wollen, wen dadurch der andere in Schaden geſetzet wird: woferne wir aber ſolches gleichwohl thun, ſo ſind wir ge - halten den Schaden zu erſetzen (§. 825 Mor.) Jm Gegentheile erhellet, daß wir uns loß ſagen koͤnnen, wenn dadurch dem andern kein Schaden erwaͤchſet, und zwar umb ſo viel mehr, wenn wir Schaden haben wuͤr - den, woferne wir darinnen verbleiben, der andere aber durch unſern Schaden nichts gewinnen wuͤrde (§. 832 Mor.).

Was in einer Ge - ſellſchaft nicht zu eꝛdulden.

§. 10.

Weil alle, die in einer Geſellſchaft neben einander und mit einander leben, alle ihre Kraͤffte anwenden ſollen, daß ſie die - jenige Abſicht erreichen, umb derer Wil - len ſie ſich in die Geſellſchaft begeben (§. 2. 4); ſo kan man nicht zugeben, daß einer oder der andere etwas vornehme, was der - ſelben zuwieder iſt. Woferne nun aber dergleichen geſchehen ſollte, ſo muß der da - durch verurſachte Schade von dem ſchul - digen Theile erſetzet werden (§. 825 Mor.), auch haben die uͤbrigen Recht, alle Mittel anzuwenden, wie ſie ihn zu Beobachtung ſeiner Pflicht bringen (§. 832 Mor.).

§. 11.7der Menſchen uͤberhaupt.

§. 11.

Nemlich da die Wohlfahrt derHaupt - Geſetze einer Ge - ſellſchaft. Geſellſchaft die einige Abſicht iſt, warumb man ſich darein begiebet (§. 4); alle beſon - dere Abſichten aber dergeſtalt einzurichten ſind, daß ſie endlich ein Mittel zur Haupt - Abſicht werden (§. 140. Mor.); ſo iſt dieſes die Regel, darnach diejenigen ihre Hand - lungen einzurichten haben, die in einer Ge - ſellſchaft mit einander leben, in ſo weit ſie nemlich in derſelben leben: Thue, was die Wohlfahrt der Geſellſchaft befoͤrdert; un - terlaß, was ihr hinderlich, oder ſonſt nachtheilig iſt. Da wir nun nach dieſer Regel unſere Handlungen einzurichten ver - bunden ſind; ſo iſt ſie das letzte Geſetze in einer Geſellſchaft, und ſaget man nicht oh - ne Grund, die gemeine Wohlfahrt iſt das hoͤchſte oder letzte Geſetze in einer Geſell - ſchaft. (§. 16. Mor.)

§. 12.

Derowegen wenn es geſchehenWenn die ge - meine Wohl - fahrt der beſonde - ren vor - zuziehen ſollte, daß die beſondere Wohlfahrt eines einigen, der in der Geſellſchaft lebet, mit der gemeinen Wohlfahrt nicht beſtehen koͤnnte, und dannenhero noͤthig waͤre, ei - ne Ausnahme zu machen (§. 165 Met.); ſo muͤſte die gemeine Wohlfahrt der beſon - deren vorgezogen, die beſondere aber der gemeinen nachgeſetzet werden. Man muß aber wohl darauf acht haben, daß man die gemeine Wohlfahrt nicht weiter erſtre -A 4cket,8Cap. 1. Von der Geſellſchaftſtrecket, als es die Abſicht der Geſellſchaft erfordert (§. 4).

Wenn Fremde denen in der Ge - ſellſchaft nachzuſe - tzen.

§. 13.

Wiederumb weil verſchiedene, die in einer Geſellſchaft mit einander leben, in Anſehung ihrer gemeinen Wohlfahrt als eine Perſon anzuſehen ſind (§. 6), wir aber nicht verbunden ſind anderen worinnen zu helffen, wenn wir dadurch uns ſelbſt ver - abſaͤumen muͤſſen (§. 770. Mor.); ſo iſt auch niemand verbunden andern zu helffen, wenn dadurch die Wohlfahrt deſſen, der mit uns in einer Geſellſchaft lebet, ſollte nachgeſetzet werden. Derowegen iſt der - ſelbe andern vorzuziehen, die nicht mit uns in einer Geſellſchaft leben.

Wie weit eine Ge - ſellſchafft der an - dern ver - bunden.

§. 14.

Gleichergeſtalt weil verſchiedene, die in einer Geſellſchaft mit einander le - ben, in Anſehung ihrer gemeinen Wohl - fahrt als eine Perſon anzuſehen ſind (§. 6); ſo ſind verſchiedene Geſellſchafften als ver - ſchiedene Perſonen anzuſehen. Was dem - nach eine Perſon einer andern ſchuldig iſt, das iſt auch eine Geſellſchaft der andern ſchuldig. Derowegen iſt eine Geſellſchaft nicht verbunden der andern dazu zuver - helffen, was ſie durch ihre eigene Kraͤffte erlangen kan (§. 769. Mor.); aber wohl dazu, was ſie nicht in ihrer Gewalt hat, wir aber in unſerer haben (§. 770. Mor.).

Unter - ſcheid der Geſell - ſchaften.

§. 15.

Diejenigen, welche in einer Ge - ſellſchafft neben einander leben, werdenMit -9der Menſchen uͤberhaupt. Mittglieder genennet. Wenn nun die Mittglieder eintzele Perſonen ſind, ſo nen - net man es eine einfache Geſellſchaft: ſind es aber einfache oder weniger zuſam - mengeſetzte Geſellſchaften, eine zuſammen - geſetzte Geſellſchaft. Weil man die einfachen Geſellſchafften als eintzele Perſo - nen anſehen kan (§. 6.); ſo kan man auch die zuſammengeſetzten als einfache anſe - hen.

Das 2. Capitel, Von dem Eheſtande.

§. 16.

UUnter die einfachen Geſellſchaften gehoͤ -Was der Eheſtand iſt. ret demnach der Eheſtand, welche Mann und Weib mit einander aufrich - ten, umb Kinder zu erzeugen und zu erziehen. Der Mann wird in Anſehung dieſer Ge - ſellſchaft der Eheherr; das Weib aber die Ehefrau genennet.

§. 17.

Weil die Kinder durch den Bey -Daß die Erzeu - gung der Kinder dem Geſe - tze der Natur gemaͤß. ſchlaff erzeuget werden, die Natur aber da - mit eine empfindliche Luſt verknuͤpffet, wodurch ſo wohl Mann als Weib zum Beyſchlaffe gereitzet werden, uͤber dieſes ſich auch bey einem vernuͤnftigen Men - ſchen eine natuͤrliche Neigung befindet ſein Geſchlechte fortzupflantzen, welche theils aus dem Vergnuͤgen entſtehet, was man an wohlgearteten und gerathenen KindernA 5hat10Cap. 2. Von dem Eheſtande. hat, theils aus der Begierde ſein Anden - cken in den Nachkommen zu erhalten, theils damit man jemanden habe, dem man nach ſeinem Tode das ſeinige uͤberlaͤſſet, theils aus andern Urſachen, wie ſolches alles die Erfahrung zur Genuͤge beſtaͤtiget; ſo hat die Natur viele Bewegungs-Gruͤnde mit der Erzeugung der Kinder verknuͤpffet und ver - bindet uns demnach dazu (§. 8. Mor.). Zu der Luſt im Beyſchlaffe kan man auch die Brunſt rechnen, wodurch Menſchen und Thiere zum Beyſchlaffe, ſonderlich jene das erſte mahl, angetrieben werden, da ſie von der Luſt, als einer unbekandten Sache, noch keinen Begriff haben.

Kinder / die man erzeuget / muß man auch auf - erziehen.

§. 18.

Da die Kinder ſich nicht ſelbſt auferziehen koͤnnen, ſo ſind die Eltern ſie aufzuerziehen verbunden (§. 770. Mor.). Derowegen muͤſſen diejenigen, welche ſich zuſammen begeben, Kinder zu zeugen, auch mit einander einig werden ſie zu er - ziehen. Und ſolchergeſtalt kan auch die Auferziehung von der Erzeugung nicht ge - trennet werden. Wir finden gar deutlich bey den Thieren, was der Winck der Na - tur in dieſem Stuͤcke iſt. Wo das Weib - lein allein ihre Jungen auferziehen kan, als wie bey den vierfuͤßigen Thieren geſchiehet, da bekuͤmmert ſich das Maͤnnlein weiter umb nichts als umb den Beyſchlaff, der - gleichen wir auch bey einigem Feder-Vie -he11Cap. 2. Von dem Eheſtande. he wahrnehmen, deren Junge, ſo bald ſie ausgekrochen, herumblauffen und vor ſich Speiſe zu ſich nehmen. Hingegen wo das Weiblein allein nicht zurechte kommen kan, bleibet das Maͤnnlein ſo lange bey ihr, bis die Jungen auferzogen ſind, wie wir insge - mein bey den Voͤgeln finden. Ja wo die Jungen ſich gleich ſelbſt verſorgen koͤnnen, bekuͤmmert ſich weder das Maͤnnlein, noch Weiblein umb ſie, als wie wir es bey den Raupen und anderem Ungeziefer ſehen.

§. 16.

Weil diejenigen, welche die Kin -Waꝛumb die Kin - der nicht auſſer der Ehe zu erzei - gen ſind. der erzeugen, ſie auch zu erziehen verbun - den ſind (§. 18); ſo gehet es nicht an, daß ſich viele ohne Unterſcheid zu einer Perſon legen: denn da in dieſem Falle ungewiß, wer der Vater iſt, die Mutter aber allein das Kind nicht verſorgen kan, ſo wuͤrde es entweder wegen der Verpflegung des Kin - des und ſeiner guten Auferziehung viel Streit geben, oder das Kind wuͤrde darun - ter leiden muͤſſen. Daher finden wir, daß auch unter den Thieren diejenigen Weiblein ohne Unterſcheid die Maͤnnlein zulaſſen, die vor ſich ihre Jungen auf bringen koͤnnen, o - der auch da die Jungen gar keiner Huͤlffe noͤthig haben: Hingegen wo das Weiblein allein ihre Jungen nicht auf bringen kan, da geſellet ſich nur ein einiges Maͤnnlein zu ihr und das Weiblein leidet keinen Fremden. Hierbey iſt noch dieſes zu erwegen, daß un -ter12Cap. 1. Von dem Eheſtande. ter den Menſchen gar vieler Streit, ja oͤfters Mord, daraus erfolgen wuͤrde, wenn jhrer viele eine Perſon begehreten: welches durch die Exempel der ungearteten Weibes-Bil - der aus der Erfahrung beſtetiget wird, die ihren Leib aus Geilheit zum gemeinen Ge - brauche vielen uͤberlaſſen. Wir werden auch nach dieſem begreiffen, daß die uͤbri - gen Geſellſchaften der Menſchen gar ſchlecht beſtehen wuͤrden, wenn man die Kinder auſ - ſer der Ehe erzeugen ſollte.

Warum der Ehe - ſtand noͤ - thig.

§. 20.

Derowegen, da es noͤthig iſt, daß Kinder erzeuget werden (§. 17), diejenigen aber, welche ſie erzeugen, auch verbunden ſind ſie aufzuerziehen (§. 18), dieſes aber nicht wohl geſchehen kan, wenn die Kin - der auſſer der Ehe erzeuget wuͤrden (§. 19); ſo iſt noͤthig, daß Mann und Weib ſich des - wegen mit einander in eine Geſellſchaft be - geben, und demnach iſt der Eheſtand dem Geſetze der Natur gemaͤß (§. 16).

Ein Zweiffel wird ge - hoben.

§. 21.

Vielleicht werden einige meinen, es waͤre ein Fall, da man auch auſſer der Ehe Kinder erzeugen koͤnte, ſo wohls als in der Ehe, ohne daß daraus einiges Unheil erfolgete. Z. E. Sempronius, der gerne ein Kind haben wollte, aber anderer Umb - ſtaͤnde wegen, die nicht unvernuͤnftig ſind, lieber verunehlichet leben will, wird mit Sophia einig ein Kind zu erzeugen und zur Aufferziehung allen noͤthigen Vorſchub zu -thun,13Cap. 2. Von dem Eheſtande. thun, auch ſie wegen ihrer dabey gehabten Muͤhe und Verſaͤumniß billig zu vergnuͤ - gen. Hier ſcheinet es das Anſehen zu ha - ben, als wenn nebſt der Erzeugung des Kin - des ſeine Auferziehung ſo wohl koͤnte beſor - get werden als in der Ehe, und man demnach auſſer der Ehe ſowohl als in derſelben Kin - der erzeugen und erziehen koͤnte. Allein wer ſiehet nicht, daß dieſes eine Art des E - heſtandes iſt (§. 16.)? Ob nun aber dieſe, oder eine andere Art des Eheſtandes beſſer ſey, wird aus dem folgenden erhellen. Und da uns das Geſetze der Natur zu dem beſſern verbindet (§. 10. Mor.), wird ſich nach die - ſem ferner urtheilen laſſen, ob dieſe Art des Eheſtandes erlaubet ſey oder nicht. Ja wenn ſie auch gleich nach den natuͤrlichen Rechten in einigen Faͤllen koͤnnte erlaubet werden; ſo wuͤrde man doch nach dieſem erſt fragen muͤſſen, ob die buͤrgerlichen Geſetze dergleichen im gemeinen Weſen erlauben doͤrfften: welches unten an ſeinem Orte ſich erſt wird entſcheiden laſſen.

§. 22.

Weil die Abſicht des EheſtandesWelche Perſonen heyra - then doͤrffen. die Erziehung der Kinder iſt (§. 16); ſo ſol - len keine Perſonen ſich in den Eheſtand be - geben als die in dem Stande ſind Kinder zu erzeugen und ſie entweder ſelbſt zu erziehen, oder im Falle der Noth durch andere erziehen zu laſſen. Derowegen wenn alte Perſonen, die zu Erzeugung der Kinder untuͤchtig ſind,ſich14Cap. 2. Von dem Eheſtande. ſich aus anderen Abſichten, z. e. ihres Haus - weſens halber, znſammen in eine Geſell - ſchafft begeben; ſo iſt ſolches eigentlich kein Eheſtand zu nennen, ſondern eine andere Geſellſchafft, die wohl nach dieſem im ge - meinen Weſen in einigen Stuͤcken dem E - heſtande gleich geachtet werden kan: wie ſich ſolches nach dieſem weiter zeigen wird. Weil nun ferner verſchnittene zu Erzeugung der Kinder untuͤchtig gemacht worden; ſo koͤnnen ſie nicht heyrathen. Gleichergeſtalt iſt klar, daß eine Perſon nicht heyrathen ſoll, die v. Natur unfruchtbar iſt, ſo lange die Un - fruchtbarkeit nicht gehoben worden. Allein da man dieſes zur Zeit noch nicht vorher er - kennen kan, auch die Unfruchtbarkeit ſich oͤfters mit der Zeit wendet; ſo kan man auch dieſes nicht beobachten, wie man wohl ſol - te. Hingegen von Kindern weiß man ge - wiß, daß ſie noch nicht andere zeugen koͤn - nen, nnd alſo iſt ihnen zu heyrathen nicht erlaubet.

Bey - ſchlaff der bloſ - ſen Luſt halber iſt unzu - laͤßig.

§. 23.

Weil der Beyſchlaff das Mittel iſt, wodurch die Kinder erzeuget werden, die Mittel aber dasjenige ſind, wodurch man ſeine Abſicht erreichet (§. 910 Met.); ſo iſt klar, daß man wieder die Natur handelt, wenn man den Beyſchlaff bloß zu ſeiner Luſt brauchet. Derowegen kan man auch die Buͤſſung der fleiſchlichen Luſt nicht unter die Abſicht des Eheſtandes rechnen: ſondern esblei -15Cap. 2. Von dem Eheſtande. bleibet einmahl wie das andere unrecht, wenn man den Beyſchlaff bloß zur Luſt vor - nimmet. Wir ſehen auch bey dem Viehe, welches in dieſem Stuͤcke dem Triebe der Natur folget, daß ſie nicht den Beyſchlaff lieben als in den Faͤllen, wo ſie junge zeugen wollen, und, ſo bald das Weiblein traͤch - tig iſt, laͤſſet ſie das Maͤnnlein nicht mehr zu ſich. Jch rede von den meiſten Thie - ren. Denn es koͤnnte ſeyn, daß einige ſo wohl als die Menſchen in dieſem Stuͤcke wei - ter giengen, als ſichs gebuͤhrte, wovon mir aber zur Zeit kein Exempel bekand iſt.

§. 24.

Da nun der Beyſchlaff des Men -Sodomi - terey iſt unzulaͤſ - ſig. ſchen mit den Thieren, welchen man So - domiterey zu nennen pfleget, der bloſſen Luſt halber geſchiehet, indem dadurch die Erzeugung der Kinder nicht kan erhalten werden; ſo iſt dieſelbe auch dem Geſetze der Natur zuwieder.

§. 25.

Auf eine gleiche Weiſe erhellet, daßKnaben - ſchande - rey iſt unzulaͤſ - ſig. der Beyſchlaff einer Mannes-Perſon mit der andern, welches man Knabenſchaͤn - derey zu nennen pfleget, weil insgemein in Jtalien, wo derſelbe im Schwange gehet, Knaben dazu gebraucht werden, dem Ge - ſetze der Natur zu wieder. Einige pflegen die Knabenſchaͤnderey mit zur Sodomiterey zurechnen, und nehmen dieſes Wort in ei - nem etwas weitlaͤufftigerem Verſtande: al - lein da dieſes Laſter einen beſondern Nah -men16Cap 2. Von dem Eheſtande. men hat, dergleichen ſonſt fuͤr den Beyſchlaff mit dem Viehe nicht uͤbrig bleibet; ſo iſt es beſſer daß man den Nahmen Sodomiterey fuͤr dieſen allein behaͤlt.

Hurerey und Ehe - bruch iſt dem Geſe - tze der Natur zu wider.

§. 26.

Eben ſo iſt ferner klar, daß auch der Beyſchlaff einer Manns-Perſon mit ei - ner Weibs-Perſon, welche der bloſſen Wolluſt halber geſchiehet, unzulaͤßig iſt (§. 23). Wenn dieſer Beyſchlaff von ledigen Perſonen geſchiehet; nennet man ihn Hu - rerey: hingegen wenn er von zwey verehe - lichten Perſonen, die nicht zu einander gehoͤ - ren, oder von einer verheyratheten und ledi - gen Perſon geſchiehet, ein Ehebruch. Und demnach iſt ſowohl Hurerey als Ehebruch dem Geſetze der Natur zuwieder.

Bey - ſchlaff mit einer ſchwan - geren Frau iſt unrecht.

§. 27.

Auf gleiche Weiſe erhellet, daß der Beyſchlaff eines Mannes mit einer ſchwangern Frau dem Geſetze der Natur zu - wieder iſt, indem dieſer keine andere Abſicht als die bloſſe Luſt haben kan. Jch weiß wohl, daß man insgemein das Wiederſpiel glaubet: allein, wenn wir nach der Ver - nunfft urtheilen ſollen, koͤnnen wir nicht an - ders ſagen, als es die Sache erfordert (§. 23. Polit & §. 369 Met.).

Was Geilheit iſt / und warum ſie un - recht.

§. 28.

Die Begierde aus dem Beyſchlaf - fe und was ihm verwandt iſt, Luſt zu ge - nieſſen, wird Geilheit genennet: da nun der Beyſchlaff und was ihm verwandt iſt, der bloſſen Luſt halber nicht vorgenommenwer -17Cap. 2. Von dem Eheſtande. werden darf (§. 23.); ſo iſt auch alle Geil - heit dem Geſetze der Natur zuwieder, und folgends ein Laſter (§. 64 Mor.).

§. 29.

Es iſt nicht noͤthig alle Arten derWarum man nicht alle Arten der Geil - heit er - zehlen ſol. Geilheit zu erzehlen, maſſen es beſſer iſt die Laſter nicht wiſſen, als erkennen. Wer uͤberhaupt weiß, was Geilheit iſt, und ih - re Unzulaͤßigkeit erkennet, der iſt in dem Stande in jedem vorkommenden Falle die Arten der Geilheit zu erkennen und zu beur - theilen, folgends iſt keine Gefahr, daß er aus Unwiſſenheit in dieſe Arten der Laſter verfallen werde. Hingegen pfleget es wohl zu geſchehen, daß die Erkaͤntniß dieſer La - ſter die Urſache iſt, warum ein geiler darein verfaͤllet, der ſie ſonſt wuͤrde unterlaſſen ha - ben, wenn er nichts davon gewuſt haͤtte.

§. 30.

Weil die Geilheit unzulaͤßig iſtWas fuͤr Handlun - gen der Geilheit halber zu unterlaſ - ſen - (§. 28), die Erfahrung aber lehret, daß der Menſch am allerwenigſten ſie vermeiden kan, wenn er Brunſt leidet; ſo ſollen alle Handlungen vermieden werden, wodurch die Brunſt entweder erreget, oder vermeh - ret, oder unterhalten, oder auch ſonſt die Geilheit befoͤrdert wird. Man ſiehet leicht, daß hierunter eine groſſe Anzahl unzulaͤßi - ger Handlungen begriffen iſt, die alle zu er - zehlen viel zu weitlaͤufftig fallen wuͤrde, auch an ſich nicht noͤthig iſt (§. 29). Man ſiehet ferner, daß auch hieher diejenigen Hand -(Politick) Blun -18Cap. 2. Von dem Eheſtande. lungen zu rechnen ſind, welche bey anderen Brunſt und Geilheit erregen.

Was Keuſch - heit iſt.

§. 31.

Wer die Begierde zum Bey - ſchlaffe zumaͤßigen weiß, ſo daß er nicht darnach verlanget, als in ſo weit es die Er - zeugung der Kinder erfordert, wird keuſch genennet. Und alſo iſt die Keuſchheit ei - ne Tugend ſeine Begierde im Beyſchlaf - fe und andern damit verwandten Handlun - gen zu maͤßigen.

Wer zuͤchtig und wer unzuͤch - tig iſt.

§. 32.

Man nennet aber einen inſonder - heit zuͤchtig, wer ſich von ſolchen Hand - lungen enthaͤlt, die zur Brunſt und Geil - heit reitzen, oder auch aus Geilheit herkom - men: hingegen unzuͤchtig, wer derglei - chen Handlungen ergeben, die entweder zur Brunſt und Geilheit reitzen, oder aus ei - nem geilen Gemuͤthe herruͤhren.

Auch Ehe - leute ſol - len keuſch und zuͤch - tig ſeyn.

§. 33.

Weil auch im Eheſtande der Bey - ſchlaff nicht aus bloſſer Luſt geſchehen ſol (§. 23); ſo kan man auch daſelbſt ſeine Begierde darnach maͤßigen, und demnach ſollen auch Eheleute keuſch (§. 31), keines - weges aber der Geilheit ergeben ſeyn (§. 28), folgends ſollen auch ſie vermeiden, was die Brunſt zu unrechter Zeit erregen und ſie zur Geilheit antreiben kan (§. 30), und demnach zuͤchtig ſeyn ſowohl in Wor - ten, Geberden und Wercken.

Was fuͤr Laſter ein Keu - ſcher flie - hat.

§. 34.

Weil ein keuſcher Menſch nach dem Beyſchlaffe weiter nicht fraget, als erzu19Cap. 2. Von dem Eheſtande. zu Erzeugung der Kinder von ihm erfordert wird (§. 31), bey Hurerey aber, Ehebruch, Knabenſchaͤnderey und Sodomiterey, auch andern dergleichen Laſtern, der Beyſchlaff der bloſſen Luſt halber genoſſen wird (§. 24 & ſeqq. ); ſo fliehet ein keuſcher alle Hu - rerey, ingleichen Ehebruch, Knabenſchaͤn - derey u. Sodomiterey, auch andere derglei - chen Laſter. Demnach iſt die Keuſchheit ein Mittel dieſen Laſtern zu entgehen.

§. 35.

Da ein zuͤchtiger ſich ſolcher Hand -Was zur Keuſch - heit foͤr - derlich iſt lungen enthaͤlt, die nur zur Brunſt und Geilheit reitzen (§. 32), ſo wird er auch von vielen unordentlichen Begierden nach der Luſt aus dem Beyſchlaffe frey ſeyn, da - von er ſonſt wuͤrde gequaͤlet werden. Und demnach iſt es zur Keuſchheit foͤrderlich (§. 31), wenn man ſich gewoͤhnet in Worten, Geberden und Wercken zuͤchtig zu ſeyn; hin - gegen dergleichen Perſonen fliehet, die in Worten, Geberden und Wercken unzuͤch - tig ſind.

§. 36.

Es iſt nicht zu leugnen, daß dieKeuſch - heit iſt eine ſchweere Tugend. Keuſchheit eine der ſchweereſten Tugenden iſt. Und daher kein Wunder, daß ſie ſo ſelten angetroffen wird. Die Urſach iſt leicht zu erachten. Die Brunſt, welche der Menſch leidet, iſt uͤbel zu tilgen, und die Begierde nach der Luſt, welche aus dem Beyſchlaffe und andern dahin gehoͤrigen Handlungen empfunden wird, ſchweer auszurotten. Nem -B 2lich20Cap. 2. Von dem Eheſtande. lich beyde nehmen Sinnen und Gemuͤthe ein; hingegen die Vorſtellungen der Ver - nunfft, die man dawieder gebrauchet, ſind gemeiniglich nur wie ein todtes Weſen da - gegen anzuſehen (§. 503. Met.).

Wie man ſich zur Keuſch - heit ge - woͤhnet.

§. 37.

Ob es nun aber gleich ſchweer her gehet ſich in dieſem Stuͤcke aus der Sclave - rey in die Freyheit zu ſetzen; ſo muͤſſen wir doch thun, was wir koͤnnen. Jch halte demnach fuͤr noͤthig, daß man die Luſt wohl erweget, welche die Geilheit gewehret, und mit dem Verdruſſe vergleichet, der daraus erwachſen kan (§. 378 Mor.). Was nun das erſtere betrifft, ſo hat man hier fuͤr allen Dingen die Eitelkeiten verliebter Perſonen zu erwegen, die in vielen Dingen ein ſon - derbahres Vergnuͤgen ſuchen, darinnen in der That keines zu finden, als well man ſichs einbildet. Dergleichen iſt die Beruͤh - rung einiger Theile des Leibes, darinnen in der That nichts vergnuͤgliches zu finden, als in ſoweit dadurch die Brunſt erreget, erhal - ten und vermehret, und das Andencken der aus dem Beyſchlaffe genoſſenen, oder zu ge - nieſſen verlangten Luſt erneuret wird. Daher wir auch finden, daß die Hottentotten, deren Weiber ihre Bruͤſte bloß tragen, einen aus - lachen, der darnach greiffet, weil ſienicht be - greiffen koͤnnen, wie ein Menſch darinnen einiges Vergnuͤgen ſuchen kan. Naͤchſt die - ſem iſt auch zu uͤberlegen, daß die Luſt, ſoaus21Cap 2. Von dem Eheſtande. aus dem Beyſchlaffe genoſſen wird, nur ei - nen Augenblick dauret und kuͤrtzer iſt als al - le uͤbrige Luſt der Sinnen. Auch iſt dabey zu erwegen, daß, wie alle Luſt der Sinnen, alſo auch dieſe empfindlicher iſt, je unge - wohnter ſie iſt, hingegen ſich gar ſehr ver - geringert, je mehr man ihrer gewohnet (§. 470 Mor.): welches abſonderlich diejenigen zu mercken haben, die allzu eifrig die Liebes - Wercke treiben. Was den Verdruß be - trifft, damit ein Geiler ſeine Luſt bezahlen muß, ſo iſt derſelbe nach den verſchiedenen Umſtaͤnden unterſchiedlich und oͤffters nicht geringe. Wer mit Liebes-Gedancken ein - genommen iſt, wird dadurch ungeſchickt auf andre Dinge zu gedencken, indem ihn die - ſelben im Nachdencken ſtoͤhren und, da ſie die Brunſt von neuem erwecken und das An - dencken der genoſſenen Luſt erneuren (§. 238 Met.), das Gemuͤthe beunruhigen: wel - ches denn nicht eher ſich laͤſſet zu Frieden ſtellen, bis man ſeine Luſt von neuem gebuͤſ - ſet. Daher pfleget es gar offt zu geſchehen, daß diejenigen, welche ihrer Geilheit ein Gnuͤgen thun, von ihren ordentlichen Ver - richtungen gantz abgezogen werden, dieſel - be verabſaͤumen und ſich dadurch umb ihre gantze zeitliche Wohlfahrt bringen. Ein Ex - empel geben auf Academien diejenigen, wel - che daruͤber ihr Studiren verſaͤumen, und, ohne was gelernet zu haben, wieder davonB 3rei -22Cap. 2. Von dem Eheſtande. reiſen. Weil die Geilheit immer groͤſſer wird, je mehr man ihr ein Gnuͤgen thut, indem die Einbildungs-Krafft um ſo viel - mehr auf einmahl vorſtellet, je mehr man Luſt von und bey Liebes-Wercken genoſſen (§. 238 Met.) und dadurch den Affect verſtaͤr - cket (§. 441 Met.); ſo iſt daraus gar wohl zu begreiffen, daß die geile Brunſt den Men - ſchen um ſo vielmehr beunruhigen muß, je mehr er dieſelbe zu erfuͤllen ſich angelegen ſeyn laͤſſet. Und da immer ein Laſter aus dem andern kommet, waͤre es leicht, jedoch weitlaͤufftig zu zeigen, in was fuͤr Arten der Laſter nach verſchiedenen Umſtaͤnden die Menſchen durch Geilheit verleitet werden. Wer in verbothenen Liebes-Wercken zu viel thut, bringet ſich um ſeine Geſundheit: welches noch mehr, und zwar oͤffters mit Gefahr des Lebens geſchiehet, wenn man mit unreinen Weibes-Bildern zu thun hat. Es gehet auch ſelten bey dergleichen Lebens - Art ohne unnoͤthige Verſchwendung ſeines Vermoͤgens ab, weil doch meiſtentheils gei - le Weibs-Perſonen, die duͤrfftig ſind, Ge - winn ſuchen, andere hingegen auch fuͤr das Maul was gutes dabey haben wollen: bey welchen Umſtaͤnden ſo wohl Manns-Per - ſonen ſich in Schulden und Armuth ſetzen, als auch oͤffters Weibs-Perſonen das ihri - ge liederlich durchbringen. Daruͤber lei - det auch oͤffters unſer guter Nahme bey an -dern23Cap. 2. Von dem Eheſtande. deren nicht ein geringes, und kan dadurch der Menſch ſich in eine Nachrede ſetzen, wel - che ihm an ſeinem gantzen zeitlichen Gluͤcke hinderlich iſt, wie abfonderlich bey Weibs - Perſonen zu geſchehen pfleget. Unterwei - len, wenn viele bey einer Perſon ihre Brunſt loͤſchen wollen, entſtehen Uneinigkeiten, Schlaͤgereyen, ja oͤffters gar Todtſchlag daraus. Werden Weibs-Perſonen durch verbothenen Beyſchlaff ſchwanger, ſo ſte - het es oͤffters uͤbel um die Frucht, als wel - che ſie bald in Mutter-Leibe unterdruͤcken, ehe ſie das Tagelicht erblicket; bald um das Leben bringen, ehe ſie kaum in die Welt kommen; bald durch verſagte noͤthige Pfle - gung ihr unter die Erde verhelffen; bald und zwar gemeiniglich uͤbel auferziehen. Man kan auch noch uͤber dieſes das Ungluͤck erwegen, ſo daraus im gemeinen Weſen erwachſen kan. Hieher gehoͤren die Straf - fen, die auf gewiſſe Arten der Geilheit ge - ſetzet worden, als die Straffe des Feuers auf Sodomiterey und Knabenſchaͤnderey, die Straffe des Schwerdts auf Ehebruch an einigen Orten. Gleichergeſtalt hat man ins beſondere das Unheil zu erwegen, wel - ches aus gewiſſen Arten der Geilheit unter allerhand Faͤllen entſtehet: wovon inſon - derheit der Ehebruch aus der bloſſen Erfah - rung gar vieles zeigen kan. Jch finde a - ber hier uͤberhaupt zweyerley zu errinnernB 4Wei24Cap. 2. Von dem Eheſtande. Weil keine Vorſtellung wieder einen ſo hef - tigen Affect als die geile Liebe iſt etwas fruch - tet, die nicht auch ſelbſt einen ſtarcken Ein - druck in das Gemuͤthe machet (§. 380. Mor.); ſo muß man darauf bedacht ſeyn, daß man durch Fabeln und Exempel den ungluͤckſeeligen Zuſtand geiler Perſonen be - greiffen lernet (§. 373 Mor.). Darnach haben wir hauptſaͤchlich zu mercken, daß, weil eingewurtzelte Gewohnheiten ſchweer zu aͤndern ſind (§. 383 Mor.); man von Jugend auf darauf zu ſehen hat, wie man keuſch und zuͤchtig werde, auch alle Gele - genheit zu unkeuſchen Wercken und alle Geſellſchafft, die einen dazu verleiten koͤn - te, vermeidet. Und iſt hier ins beſondere alles dasjenige anzubringen, was uͤberhaupt von der Beſſerung des Willens (§. 373. & ſeqq. Mor.), abſonderlich von rechter Be - urtheilung der Gluͤckſeligkeit (§. 389 Mor.), gelehret worden.

Warum unkeuſche Wercke unzulaͤſ - ſig.

§. 38.

Da nun aus allem dieſem zur Gnuͤge erhellet, wie viel Unheil aus Hure - rey, Ehebruch und anderm unkeuſchen We - ſen erfolget (§. 37); ſo begreiffet man von neuem, warum alles unkeuſche. Weſen boͤſe (§. 3. 4 Mor.) und folglich dem Geſetze der Natur zuwieder iſt (§. 9. 17. Mor.).

Was v. Lohn - Huren zuhalten.

§. 39.

Da der Beyſchlaff, welcher der bloſſen Luſt halber geſchiehet, unzulaͤßig iſt (§. 23); ſo iſt auch unrecht, wenn eineWeibs -25Cap. 2. Von dem Eheſtande. Weibs-Peꝛſon denen, die ihn aus bloßer Luſt begehren, den Gebrauch ihres Leibes vor Geld oder was Geldes werth iſt, verſtattet, oder auch Manns-Perſonen fuͤr Geld ſich din - gen laßen geilen Weibs-Bildern beyzu - wohnen. Gleichwie nun aber eine Lohn-Hure nicht durch die Hefftigkeit der Brunſt ange - trieben wird, jederman zuzulaſſen, u. dahero in ihren Handlungen freyer iſt (§. 491. Met.); ſo wird ihre Hurerey auch billig fuͤr aͤrger als einer anderen Perſon gehalten, die ent - weder den Regungen des Fleiſches nicht wie derſtehenkoͤnnen, oder durch allerhand Bere - dungen einer Perſon, die leicht ihre Liebe er - wecken koͤnnen, dazu verleitet worden.

§. 40.

Da diejenigen, welche KinderWer fuͤr die Auf - erzie - hung un - ehelicher Kinder zuſorgen hat. erzeugen, verbunden ſind ſie aufzuerziehen (§. 18); ſo muͤſſen auch diejenigen, welche auſſer der Ehe ein Kind erzeuget, davor ſor gen, wie es wohl erzogen werde. Derowegen wenn die Mutter allein dazu nicht genung iſt; ſo iſt derjenige, der ſie beſchlaf - fen, das ſeinige beyzutragen verbunden: ja wenn dieſes nicht anders geſchehen kan, als woferne beyde Perſonen einander heyra - then, ſo ſind ſie auch einander zu heyrathen verbunden. Hingegen wenn durch dieſe Heyrath die Eltern vielmehr in einen ſolchen Zuſtand geſetzet wuͤrden, da ſie die Aufer - ziehung des Kindes weniger beſorgen koͤn - ten, als wenn ſie von einander bleiben; ſo iſtB 5klar,26Cap. 2. Von dem Eheſtande. klar, daß alsdenn die Heyrath nachblei - ben ſoll. Jch rede, wie es nach der Ver - nunfft ſeyn ſoll, nicht aber von dem, was die buͤrgerlichen Geſetze erfordern. Es waͤren bey genauer Eintheilung dieſer Frage noch viele andere Umſtaͤnde zu erwegen, die zum Theil aus dem Zuſtande des gemeinen We - ſens genommen werden: allein unſer ge - genwaͤrtiges Vorhaben leidet es nicht die beſonderen Arten der Faͤlle genauer zu uͤber - legen, welches wir kuͤnfftig an einem an - dern Orte thun wollen.

Ob ein Weib viel Maͤn - ner ha - ben kan.

§. 41.

Weil ein Mann, der im Stande iſt Kinder zu erzeugen, einem Weibe ein Gnuͤgen thun kan, in ſoweit es die Erzeu - gung der Kinder erfordert, der uͤbrige Bey - ſchlaff aber, der zur bloßen Luſt geſchiehet, unzulaͤßig iſt (§. 23); ſo darf auch keine Frau mehr als einen Mann haben. Hier - zu kommet, daß wenn viele Maͤnner einem Weibe zugleich beywohneten, man nicht eigentlich wuͤſte, von welchem ſie waͤre ſchwanger worden, und daher in vielen Faͤl - len die Auferziehung des Kindes wuͤrde verabſaͤumet werden: ja es wuͤrden auch an ſich viele Uneinigkeiten unter den Maͤn - nern entſtehen, theils wegen des Weibes, theils wegen der Kinder, welche alle allhier weitlaͤufftiger auszufuͤhren unnoͤthig iſt. Es iſt wohl wahr, daß man unterweilen mei - net, es geſchehe ſolches zufaͤlliger Weiſe, undhaͤt -27Cap. 2. Von dem Eheſtande. haͤtte man dahero nicht mit darauf zuſe - hen: allein ich finde dagegen zweyerley zu errinnern. Einmahl muß man ſich recht erklaͤren, was man zufaͤlliger Weiſe nen - net, ſo wird man finden, daß vieles nicht fuͤr zufaͤllig zuhalten iſt, das man davor ausgiebet. Nach dieſem iſt auch nicht an dem, daß man in Beurthei - lung der Handlungen nicht darauf zu ſe - hen, was zufaͤlliger Weiſe kommet. Es mag etwas aus einer Handlung erfolgen, wie es will; wenn ſolches zu vermeiden in unſerer Gewalt ſtehet, und wir wiſſen, daß es erfolgen werde, oder muͤſſen doch mehr vermuthen, es werde eher erfolgen als außen bleiben; ſo ſind wir verbunden die Handlung zu unterlaſſen (§. 19. Mor.). Ja kein vernuͤnfftiger Menſch wird dergleichen vorzunehmen verlangen (§. 24. Mor.).

§. 42.

Weil diejenigen, welche die Kin -Ob man viele Weiber haben ſoll. der erzeugen, auch verbunden ſind, ſie auf - zuerziehen (§. 18); ſo iſt klar, daß ein Mann, der nicht mehr Kinder auferziehen kan, als er mit einem Weibe erzeuget, auch nicht mehr als ein Weib nehmen darf. Es ſolte demnach daß Anſehen gewinnen, als wenn es in dem Falle erlaubet waͤre viel Weiber zu nehmen, da ein Mann in dem Stande iſt mehrere zu ernehren, als er mit einer erzeuget: noch mehr aber, wenn er durch viel Weiber ſich in den Stand ſe -tzet28Cap. 2. Von dem Eheſtande. tzet die Kinder beſſer zu erziehen, die er bey misgelungener Heyrath ſchweerlich erneh - ren kan. Allein wenn wir bedencken, daß uns die Natur zu dem beſſeren verbindet (§. 19. Mor.), und wir dannenhero in zweiffelhafften Faͤllen dasjenige erwehlen ſollen, wobey wir am gewiſſeſten gehen; ſo werden wir nach reifferer Uberlegung fin - den, daß es beſſer ſey nur ein, als viel Wei - ber zu haben. Es iſt Anfangs nicht ge - wis, wie viel wir Kinder mit einem Weibe erzeugen, wie es mit unſerem Vermoͤgen in kuͤnfftigen Zeiten ſtehen, und was wir dazu brauchen werden, wenn wir unſere Kinder unſerem Stande gemaͤs auferzie - hen und ſie in der Welt wohl anbringen wollen, damit wir ſie gluͤcklich und uns da - durch eine Freude machen. Und dannen - hero wird der Fall, da die Vielweiberey erlaubet zu ſeyn ſcheinet, ſchweer zu deter - miniren ſeyn, und doͤrffte man in den mei - ſten Faͤllen thun, was einen nach dieſem mit gutem Grunde gereuete. Darnach iſt mehr als zu gewis, daß unter den Weibern ſelbſt, ingleichen ihren Kindern, viel Streit und Verdruß ſich ereignen, auch wir da - durch vielen Verdruß haben wuͤrden, da von wir frey blieben, wenn wir mit einem Weibe vergnuͤget waͤren. Was denen zu antworten, die dieſe Gruͤnde verwerffen, weil ſie dergleichen Erfolg aus der Viel -wei -29Cap. 2. Von dem Eheſtande. weiberey fuͤr zufaͤllig halten, iſt aus dem abzunehmen, was kurtz vorhin in einem aͤhnlichen Falle (§. 41.) errinnert worden. Freylich wenn Weiber und Maͤnner, oder die Menſchen uͤberhaupt, Engel waͤren, das iſt, in allen ihren Handlungen ſich einig und allein nach der Vernunfft richteten, niemahls den boͤſen Begierden und Affecten Raum gaͤben; ſo waͤren viele Dinge moͤg - lich; die jetzund bey der Unvollkommenheit der Menſchen ſich nicht thun laſſen. Und alsdenn wuͤrde auch das Recht der Natur in den beſandern Faͤllen anders ſeyn, ob - gleich die allgemeine Regeln einerley ver - blieben. Jetzt muß man es nach dem Zu - ſtande der Menſchen einrichten, wie man ihn findet.

§. 43.

Weil die Abſicht des EheſtandesWie lan - ge der Eheſtand wehren ſoll. iſt Kinder zu erzeugen und zu erziehen (§. 16); ſo muͤſſen auch Mann und Weib ſo lange bey einander bleiben, bis die Kin - der erzogen, das iſt, dahin gebracht ſind, daß ſie ſich ſelbſt verſorgen koͤnnen. Wir ſehen es ſelbſt bey den Thieren, z. E. bey den Voͤgeln, wo das Maͤnnlein nicht ihr Weiblein wieder wieder verlaͤſſet, als bis die Jungen ihrer Huͤlffe nicht mehr noͤthig haben, ſondern ihnen nun ſelbſt ihr Futter ſuchen, und ſich wieder auswertige Gewalt wehren koͤnnen.

§. 44.30Cap. 2. Von dem Eheſtande.
Eheſtand ſoll le - benslang dauren.

§. 44.

Da nun gar viele Zeit hingehet, ehe die Kinder bis dahin gebracht ſind, daß ſie ſich ſelbſt verſorgen koͤnnen und der El - tern Huͤlffe nicht mehr noͤthig haben, der - geſtalt daß viele eher ſterben, ehe ſie bis in den Stand geſetzet werden, faſt alle unter der Zeit zu fernerer Erzeugung oder wenig - ſtens zu voͤlliger Auferziehung der Kinder untuͤchtig werden, welches alles aus der taͤg - lichen Erfahrung erhellet; uͤber dieſes auch die Einrichtung des Haußweſens, die von Eheleuten gegen einander erforder - te Liebe, ingleichen die Einrichtung wegen des Vermoͤgens nach dem Tode erfordern, daß Eheleute ſich in ihrem Alter, wenn ſie der Grube nahe ſind, nicht mehr trennen, welches alles in dem folgenden umbſtaͤndli - cher erhellen wird: ſo iſt es der Ver - nunfft gemaͤßer, daß der Eheſtand Lebens - lang daure und die Geſellſchafft nicht an - ders als durch den Todt getrennet werde, als daß Eheleute noch bey Lebens-Zeiten ſich ſcheiden wollten. Wer andere Gedan - cken hat, ſetzet entweder die Aufferziehung der Kinder aus den Augen, oder ſtellet ſie ſich anders vor als er ſolte, nehmlich er meinet, Kinder waͤren verſorget, wenn ſie zur Nothdurfft Nahrung und Kleider haͤt - ten, da doch nach dieſem gantz ein an - deres erhellen wird. der Beweis gehet kuͤrtz - lich dahinaus, daß eine jede Geſellſchafftſo31Cap. 2. Von dem Eheſtande. ſo lange dauren muß, bis die Abſicht der - ſelben erreichet worden (§. 1021. Mor. & 2. 4. Polit.)

§. 45.

Wolte man ſagen, der EheſtandEin Zwei - fel wird gehoben. ſey ein Vertrag (§. 2), in der natuͤrlichen Freiheit aber laſſe ſich ein Vertrag aufhe - ben, wenn beyde Partheyen eines wer - den, einander ihr verſprechen zuerlaßen (§. 1029. Mor.) und demnach koͤnnten Ehe - leute von einander gehen, wenn ſie deßen zuſammen eines wuͤrden: ſo iſt wohl zu - erwegen, daß, da wir nicht etwas ver - abſcheuen koͤnnen, wir muͤßen uns die Sache als boͤſe vorſtellen (§. 506. Met.), auch Eheleute es als etwas boͤſes anſehen muͤſſen, ſo lange in der Ehe mit einander zu leben, wenn ſie von einander begeh - ren. Derowegen iſt noͤthig, daß man dieſe Bewegungs-gruͤnde unterſuchet, damit man erkennet, ob ſie tuͤchtig ſind oder nicht. Und ſolcher Geſtalt kan man insgemein nicht ſagen, daß allzeit Eheleute, wenn ſie deßen eines werden, von einander gehen koͤnnen. Wir wollen demnach die Urſa - chen genauer unterſuchen, umb derer Wil -Wenn Perſo - nen ſich verloben / und war - um Ver - lobte die Ehe zu vollzie - hen ſchul - dig. len ſie ſich trennen koͤnnen.

§. 46.

Damitnun dieſes umſtaͤndlich ſich zeigen laße, ſo muͤßen wir fuͤr allen Din - gen unterſuchen, wie bald der Eheſtand ſei - nen Anfang nimmet. Weil der Cheſtand eine Geſellſchafft (§. 16), eine jede Geſell -ſchafft32Cap. 2. Von dem Eheſtande. ſchafft aber ein Vertrag iſt (§. 2), ein Vertrag hingegen beſtehet, ſo bald bey - de Partheyen ihr Verſprechen und Gegen - Verſprechen gethan (§. 1008. Mor:); ſo iſt die Ehe richtig, ſo bald ſich eine Manns - und Weibs-Perſon gegen einander erklaͤ - ren, daß ſie einander zu heyrathen geſon - nen. Derowegen da man verbunden iſt ſein Verſprechen zu halten (§. 1905 Mor); ſo kan als denn auch keine Perſohn ohne der andern Willen wieder zuruͤcke treten, es ſey denn bey dem Verſprechen etwas vorge - gangen, dadurch daſſelbe fuͤr Unrecht ſich erklaͤren laͤſſet. Und demnach ſind beyde Perſonen als denn gehalten ſich zuſammen zubegeben und das jenige zuthun, was Eheleuten (§. 16) oblieget, und zwar ent - weder zu der Zeit, die ſie bey dem Verſpre - chen mit einander abgeredet, oder wenn keine abgeredet worden, ſo bald es bey - der Umſtaͤnde fuͤglich leiden. Wenn das Verſprechen von beyden Seiten geſchie - het, ſo ſaget man, daß ſie ſich verloben. Und iſt demnach die Verloͤbnis ein Ver - ſprechen einander zu heyrathen, folgends klar, daß Verlobte die Ehe zu vollziehen ſchuldig ſind, und keinem von beyden erlau - bet iſt, wieder des andern ſeinen Willen wieder zuruͤcke zu treten.

Wenn Verlobte einander

§. 47.

Da man nicht verbunden iſt in einer Geſellſchafft zu verbleiben, darein mandurch33Cap. 2. Von dem Eheſtande. man durch Furcht oder Betrug gezogennichthey - rathen doͤrffen. worden (§. 7); ſo iſt man auch nicht ſchul - dig in eine Geſellſchafft zu treten, in die man ſich zu begeben aus Furcht oder Betrug verſprochen. Derowegen da die Verloͤb - nis ein Verſprechen iſt einander zn heyra - then (§. 46.): ſo iſt auch der jenige Theil nicht ſchuldig die Ehe zu vollziehen, wel - cher durch Furcht oder Betrug dazu ver - leitet worden, daß er ſich verlobet.

§. 48.

Es ſcheinet, als wenn dieſerEinwurff wird be - antwor - tet. Satz dem vorigen zu wieder waͤre. Denn wir haben geſagt (§. 46), Verlobte waͤren ſchuldig einander zu heyrathen, und doch zeigen wir (§. 47), daß ſie unterweilen nicht ſchuldig ſind die Ehe zuvollziehen. Die - ſer Einwurff kommet gar offt auch bey an - deren Gelegenheiten vor und demnach iſt noͤthig, daß er hier einmahl fuͤr alle mahl erlaͤutert und beantwortet wird. Was nun Anfangs den genwaͤrtigen Fall betrifft; ſo iſt zu mercken, daß, wenn ein Theil bloß aus Furcht oder weil er durch Betrug verletiet worden, in die Ehe gewilliget, ſolches fuͤr keine Bewilligung zu halten ſey, oder zum wenigſten im andern Falle nur fuͤr eine Einwilligung, die unter gewiſſen Bedingungen geſchehen. Derowegen da ei - ner nichts verſprochen, oder auch die Ehe nur unter gewiſſen Bedingungen verſprochen; ſo iſt auch in dem erſten Falle keine Verloͤbnis(Politick) Cge -34Cap. 2. Von dem Eheſtande. geſchehen, in dem andern Falle iſt die Ver - loͤbnis noch nicht vollzogen, weil die Be - dingung noch nicht erfuͤllet werden. Da nun im keinem Falle die Perſonen fuͤr wuͤrcklich verlobte koͤnnen gehalten werden; ſo kan man auch auf ſie nicht deuten, was von wuͤrcklich verlobten (§. 46) erwieſen wor - den. Es iſt hier nur ein Schein der Ver - loͤbnis, nicht das Weſen ſelbſt; und al - ſo muß man jenen mit dieſem keines weges vermengen. Jch will der Deutlichkeit hal - ber von jedem Falle ein Exempel geben. Ti - tius verlanget, ſeine Tochter Tanaquilla ſol ſich mit Sempronio verſprechen. Sie hat zu ihm keine Liebe, ſondern bleibet beſtaͤn - dig dabey, ſie koͤnne ihm nicht gut ſeyn, werde ihm auch nimmermehr gut werden, wenn man ſie gleich zwinge ihn zu heyra - then. Titius bedrohet ſeine Tochter, er wolle ihr alle vaͤterliche Huͤlffe, alle Liebe und vaͤterlichen Seegen entziehen, woferne ſie nicht in die Heyrath mit Sempronio willige. Aus Furcht fuͤr dem Vater ſpricht ſie ja, wenn ſie in Gegenwart Sem - pronii und einiger Zeugen gefraget wird, ob ſie ihn zum Manne haben wolle. Hier ſiehet man leicht, daß der Mund geredet, was ſie nicht gedencket, und dannenhero es nur den Schein hat, als wenn ſie den Sempronium zum Manne verlangte, da ſie ihn in der That nicht verlanget. Wenn nunTi -35Cap. 2. Von dem Eheſtande. Titius ſtuͤrbe, ehe die Ehe vollzogen wird, und Tanaquilla bleibet bey ihrem vorigen Sinne; ſo iſt ſie Sempronium zu heyrathen nicht befugt. Gleicher geſtalt in dem ande - ren Falle kommt Cajus in einen fremden Ort und giebet ſich fuͤr einen andern aus, der mit ihm einerley Nahmen hat. Septi - mius ſchreibet an den Ort und erkundiget ſich nach dem Zuſtande Caji. Er erhaͤlt ſolche Nachricht, wie er ſie verlanget. Und in Anſehung dieſer Nachricht verſpricht ihm Florentia, die Tochter Septimii, die Ehe. Hier ſiehet man leicht, daß das Verſprechen unter dem Bedinge geſchehen, wenn er in dem Zuſtande ſich befindet, den er von dem andern Cajo erfahren. Derowegen wenn Florentia erfaͤhret, daß ſie betrogen worden, iſt ſie auch nicht eher ſchuldig ihr Verſprechen zu halten, als bis Cajus ſich in dem Zuſtande befindet, darinnen der an - dere Cajus, vor den er ſich ausgegeben ſich befindet. Da nun der Betruͤger dieſe Bedingung nicht erfuͤllen kan: ſo iſt ſie auch ihn zu heyrathen nicht verbunden. Man ſie - het hieraus uͤberhaupt, daß in dergleichen Faͤllen, wo es den Schein von dem We - ſen ſchweer faͤllet zu unterſcheiden, die Schwierigkeiten daher entſtehen, wenn man etwas davor anſiehet, was es doch in der That nicht iſt, und daher ihm einen un - rechten Nahmen giebet.

C 2§. 4936Cap. 2. Von dem Eheſtande.
Ehebruch ſcheidet die Ehe.

§. 49.

Wenn wir etwas unter gewiſſen Bedingungen verſprochen und dieſe wer - den nicht erfuͤllet, ſo darf man ſein Ver - ſprechen nicht halten, (§. 1004. Mor.) Da nun im Eheſtande eine Perſon der anderen allein ehelich bey zuwohnen verſpricht (§. 16. 26), ſo iſt kein Theil dem andern weiter verbunden, als ſo lange es ihm allein den Gebrauch ſeines Leibes vergoͤnnet. Derowegen wenn eines von Eheleuten im Ehebruch lebet, ſo wird dadurch das an - dere von ſeiner Verbindlichkeit frey und ſol - cher geſtalt die Ehe getrennet. Wenn dem - nach die andere mit Wiſſen ſich ferner zu der, die Ehebruch veruͤbet, haͤlt; ſo iſt es eben ſo viel als wenn ſie ihre Ehe von neuem erneuret haͤtten.

Ob Kebs - Weiber erlaubet ſind.

§. 50.

Weil man die jenigen Weibs-Per - ſonen, die ein Ehe-Mann neben ſeinem Weibe haͤlt, um ihnen der Luſt halber bey zuwoh - nen, Kebs-Weiber nennet; aller Bey - ſchlaff aber, welcher bloß der Luſt halber geſchiehet, unzulaͤßig iſt (§. 23): ſo iſt es auch unrecht Kebs-Weiber zu haben. Man darf nicht einwenden, daß mit Kebs - Weibern auch Kinder erzeuget und aufer - zogen werden: denn obgleich dieſes geſchie - het, ſo iſt es doch nicht die Abſicht, warum man ſie haͤlt, ſondeꝛn nuꝛ die Luſt, welche man von ihnen genieſſet. Denn ſonſt waͤre dieſe Art der Geſellſchafft von der Vielweiberey nicht unteꝛſchieden. Deꝛ Unteꝛſcheid zeiget ſichauch37Cap 2. Von dem Eheſtande. auch bey den Kindern. Denn Kinder von viel Weibern werden alle einander gleich geach - tet; hingegen die von Kebs-Weibern nicht als rechte Kinder erkennet. Und dieſer Unter - ſcheid findet ſich auch in natuͤrlichem Zuſtan - de.

§. 51.

Man pfleget ſonſt auch dieſen Un -Errinne - rung. terſcheid zwiſchen dem Eheſtande und einer Geſellſchafft mit Kebs-Weibern an zu mercken, daß jener beſtaͤndig iſt, dieſe a - ber nur auf eine Zeit dauret. Allein eben dieſer Unterſcheid ruͤhret daher, daß bey jenem hauptſaͤchlich auf die Erzeugung und Erziehung der Kinder (§. 16), bey dieſem hingegen auf die Luſt geſehen wird (§. 50), welche veraͤnderlich (§. 406 Met).

§. 52.

Die Mitglieder in einer Geſell -Huͤlffrei - che Hand - leiſtung der Ehe - leute. ſchafft ſind verbunden alles zu thun, was die Wohlfahrt der Geſellſchafft befoͤrdert und zu unterlaſſen, was ihr hinderlich oder ſonſt nachtheilig iſt (§. 11). Da nun die Abſicht des Eheſtandes die Erzeugung und Erziehung der Kinder iſt (§. 16) und alſo die Wohlfahrt des Eheſtandes darinnen beſtehet, daß die Eheleute ungehindert er - langen, was ihnen zu Erzeugung der Kin - der und ihrer Auferziehung noͤthig iſt (§. 3), dazu aber ſowohl fuͤr ſie als die Kinder, Nahrung, Kleidung und Wohnung erfordert werden: ſo haben auch beyde Ehe - leute fuͤr noͤthige Lebens-Mittel vor ſichC 3und38Cap. 2. Von dem Eheſtande. und ihre Kinder zu ſorgen, und muß dem - nach ein jedes hierinnen willig beytragen was in ſeinem Vermoͤgen ſtehet. Und hier - innen beſtehet die huͤlfreiche Handlei - ſtung der Eheleute, die einige mit zu einer Pflicht des Eheſtandes machen, ſo aber aus der Beſchaffenheit der Geſellſchafft uͤber - haupt und des Eheſtandes ins beſondere fließet, wie aus dem gegenwaͤrtigen Be - weiſe erhellet.

Wer im Eheſtan - de erwer - ben, und wie man mit dem erwarbe - nen um - gehen ſol.

§. 53.

Derowegen muß nicht allein der Mann, ſondern, wenn es die Umſtaͤnde lei - den, auch das Weib erwerben, beyde aber muͤſſen mit dem erworbenen ſo umgehen, daß ſie es nicht zur Unzeit verſchwenden, und nach dieſem an noͤthigem Orte Man - gel leiden. Wenn demnach die Frau Guͤtter hat, ſie moͤgen beweglich, oder un - beweglich ſeyn; ſo muß der Genuß ihrer Guͤtter, oder was damit erworben wird, zugleich zum gemeinen beſten des Eheſtan - des angewendet werden.

Wer von den Ehe - leuten am mei - ſten er - werben ſoll.

§. 54.

Weil beyde Eheleute ſo viel er - werben ſollen, als ſie nach ihren Umſtaͤnden vermoͤgend ſind (§. 53); ſo darf man nicht fragen, wer mehr als der andere erwerben ſol: denn es kann geſchehen, daß, da der Genuß von den Guͤtern des Weibes mit zu ihrem Erwerb gerechnet wird, unterweilen das Weib mehr erwirbet als der Mann. Jedoch da die Weiber theils bey Erzeu -gung39Cap. 2. Von dem Eheſtande. gung der Kinder, indem ſie ſchwanger ge - hen, theils bey ihrer Erziehung, indem ſie ſie ſaͤugen und warten muͤſſen, mehr zu thun haben als die Maͤnner, und dadurch von anderer Arbeit abgehalten werden, auch nach unſern Sitten die Maͤnner insgemein in dem Stande ſind mehr zu erwerben, als die Weiber; ſo lieget die Sorge vor den Erwerb meiſtentheils dem Manne ob, das Weib aber hat davor zu ſorgen, wie das erworbene wohl angewendet werde: wie - wohl auch hiervon der Mann nicht ausge - ſchloſſen (§. 53) und unterweilen, wenn das Weib dazu ungeſchickt iſt, muß der Mann auch fuͤr die Ausgabe allein ſor - gen.

§. 55.

Wiederum weil der Erwerb desUrſache der Mor - gengabe. Weibes, ſonderlich bey denen, fuͤr die ſich nicht Handarbeit in Anſehung ihres Stan - des ſchicket (§. 525 Mor.), hauptſaͤchlich in dem Genuß ihrer Guͤter beſtehet (§. 53. 54); ſo ſind Eltern verbunden theils nach Proportion ihres Vermoͤgens, theils nach den Umſtaͤnden des Freyers einen Theil ih - rer Guͤter der Tochter mit zugeben, daß durch deren Nutzung die Laſt des Eheſtan - des mit von dem Weibe uͤbertragen wird. Dergleichen Gut pfleget man die Mor - gen-Gabe zu nennen. Und iſt hieraus klar, daß der Mann bloß die Nutzung, nichtC 4aber40Cap. 2. Von dem Eheſtande. aber das Eigenthum der Morgen-Gabe hat (§. 889 Mor.).

Wie weit Eheleute als eines anzuſe - hen.

§. 56.

Wiederum weil die Mitglieder einer Geſellſchafft in Anſehung ihrer Abſicht als eine Perſon anzuſehen ſind (§. 6. 15); ſo ſind auch Eheleute in Anſehung der Er - zeugung und Auferziehung der Kinder und was dazu noͤthig iſt als eine Perſon anzu - ſehen (§. 16.). Da nun zum Theil an ſich klar iſt, zum Theil aber hernach erhellen wird, daß zur Auferziehung und Erzeugung der Kinder nicht allein Geſundheit des Lei - bes, ſondern auch Vollkommenheit des Gemuͤthes und des aͤuſſeren Zuſtandes er - fordert wird; ſo ſind ſie in Anſehung aller dieſer Stuͤcke als eine Perſon anzuſehen, und haben demnach fuͤr die Guͤter des Gemuͤ - thes, des Leibes und des Gluͤcks mit verei - nigten Kraͤfften zu ſorgen (§. 242 Mor.).

Wie ſie ſich gegen einander zu ver - halten.

§. 57.

Auf ſolche Weiſe ſol in allen die - ſen Stuͤcken der Mann des Weibes und das Weib des Mannes Beſte aus allen Kraͤfften ſuchen, und kan demnach keines von beyden zugeben, daß das andere etwas vornehme, was demſelben auf einige Wei - ſe zuwieder iſt. Woferne aber dergleichen geſchehen ſolte, ſo hat der andere Recht al - le Mittel anzuwenden, wie er das untuͤch - tige Mitglied zu Betrachtung ſeiner Pflicht bringe (§. 10). Wer demnach in einer Sache mehr Verſtand hat, als der ande -re,41Cap. 2. Von dem Eheſtande. re, der ſoll ſagen, was zu thun iſt, und der andere iſt verbunden zu gehorſamen.

§. 58.

Da es bey den meiſten Eheleu -Wer die Herr - ſchafft haben ſoll. ten, wo nicht bey allen, ſchweer wuͤrde aus - zumachen ſeyn, wer von ihnen die Sa - che am beſten verſtuͤnde, und daher bey ih - nen ein ſteter Streit und Zanck daruͤber ent - ſtehen; hingegen der Mann in den meiſten Faͤllen die Sache am beſten verſtehen ſoll; ſo iſt es vernuͤnfftig, daß dem Manne eingeraͤumet werde zu ſagen, was zu thun iſt. Unterdeſſen iſt doch der Mann ſchuldig dem klugen Rathe des Weibes zu folgen, wenn ſie eine Sache beſſer als er einſiehet. Da nun in der Macht zu befehlen, was zu thun iſt, die Herrſchafft beſtehet, welche im Eheſtande ſtat findet, ſo iſt klar, daß zwar dem Manne die Herrſchafft gebuͤhret, jedoch dieſelbe dergeſtalt eingeſchraͤncket iſt, daß er das Weib ſonderlich in ſolchen Sa - chen, die ſie beſſer als er verſtehet, mit zu Rathe ziehen ſoll. Und hat demnach das Weib dem Manne, ſo lange er nichts un - billiches befiehlet (§. 25 Mor.) zu gehor - chen.

§. 59.

Ein verſtaͤndiges Weib wird demWie ſich das Weib dabey aufzu - fuͤhren. Manne auch gar gerne die Herrſchafft - berlaſſen. Denn da es ihr mit eine Schan - de iſt, wenn ſie einen unverſtaͤndigen Mann hat, dadurch aber, daß ſie die Herrſchafft haben will, ſie zu verſtehen giebet, daß ihrMann42Cap. 2. Von dem Eheſtande. Mann unverſtaͤndig ſey (§. 57. 58. ); ſo wird ſie auch nicht ſelbſt verlangen ihren Mann zu beſchimpffen (§. 408 Mor.). Ja wenn es auch gleich noͤthig iſt, daß es nach ihrem Willen gehe, ſol ſie doch, um ihres Manns Ehre zu retten, und ſeine Gunſt zu erhalten, mit beſcheidenen Worten und Geberden ſich ſtellen, als wenn ihr Wille ſein Wille waͤre, und ſie ihm folgete, da er in der That ihr folget. Es koͤnnen auch noch beſondre Umſtaͤnde darzu kommen, die nicht geringe Bewegungs-Gruͤnde ſind zu dieſer Auffuͤhrung (§. 496 Met.). Z. E. das Weib kan durch den Mann in gluͤckli - che Umſtaͤnde geſetzet warden ſeyn, und al - ſo hat ſie ihn als ihren Wohlthaͤter zu er - kennen, folgends muß ſie aus Danckbar - keit (§. 834 Met.) des Mannes Vergnuͤgen zu ihrem Vergnuͤgen machen (§. 775 Mor.) und dannenhero thun, was ihm gefaͤllet (§. 786 Mor.), das iſt, ihren Willen ſei - nem Willen unterwerffen. Unterweilen kan es geſchehen, daß ein Mann eigenſin - nig iſt und Wiederſpruch nicht wohl ver - tragen kan, ſondern bald zornig wird (§. 484 Met.), folgends empfindlich iſt (§. 487 Met.). Derowegen da hefftiger Zorn die Geſundheit und das Leben ſtoͤhret, ſo hat ein Weib, der an dem langen Leben des Mannes oder auch nur an ſeiner Geſund - heit viel gelegen iſt, indem davon ihr aͤuſ -ſerli -43Cap. 2. Von dem Eheſtande. ſerlicher Zuſtand dependiret, allerdinges ſich in acht zu nehmen, daß ſie dem Man - ne ſoviel eher nachgiebet, abſonderlich wenn es Kleinigkeiten ſind, davon entweder gar kein, oder doch kein groſſer Schade herruͤh - ret, obgleich etwas verſehen wird. Kom - met dieſer Umſtand dazu, daß das Weib dem Manne auf einige Art und Weiſe Ver - druß gemacht; ſo hat ſie um ſo vielmehr Urſache dieſen Verdruß durch ihre kluge Auffuͤhrung zu vermindern, damit ihn der Mann uͤberſiehet und zu nichts wiedrigem gegen ſie angetrieben wird. Es iſt nicht mein Vorhaben vor dieſes mahl alle beſon - dere Umſtaͤnde zu unterſuchen: ich halte es fuͤr genung, daß ich durch ein und das an - dere Exempel gewieſen, wie man mit gu - tem Nutzen darauf zu ſehen hat, und kan dabey verſichern, daß ein vernuͤnfftiger Mann gegen ein Weib um ſo viel empfind - licher ſeyn muß, je mehr dergleichen beſon - dere Umſtaͤnde aus den Augen geſetzet wer - den; hingegen aber auch in der Liebe gegen ſie um ſo viel bruͤnſtiger wird, je mehr ſie darauf acht hat und durch ihre Handlun - gen zeiget, daß ſie darauf acht hat. Ja dieſes findet ſich nicht allein bey Eheleuten, ſondern es gielt auch bey allen andern Men - ſchen, die mit einander zu thun haben. Und demnach ſol ein jeder hieraus lernen, wie er ſich gegen Freund und Feinde, am al -ler -44Cap. 2. Von dem Eheſtande. lermeiſten aber gegen Wohlthaͤter, aufzu - fuͤhren hat.

Hinder - nis wird aus dem Wege ge - raͤumet.

§. 60.

Es iſt nicht zuleugnen, daß ei - ne dergleichen Auffuͤhrung des Weibes ge - gen ihren Mann, wie erſt beſchrieben wor - den, viel ſchweerer faͤllet, wo die beſonderen Bewegungs-Gruͤnde fehlen; noch viel ſchwee - rer, wo ſich das Wiederſpiel befindet. Dero - wegen werden wir finden, daß Weiber, die den Mann reich gemacht, oder in einen Ehren-Stand erhoben, ihren Willen nicht gerne dem Willen des Mannes unterwerf - fen wollen, ſondern vielmehr alles nach ih - rem Kopffe zu thun verlangen. Wenn ſie nicht ſehr vernuͤnfftig ſind, und den Ruhm der Klugheit hoͤher achten als andere Dinge; ſo werden die zum Grunde der vorgeſchrie - benen Auffuͤhrung angefuͤhrte Vorſtellun - gen (§. 59) wenig oder gar nichts fruch - ten. Und demnach hat man dieſen Hinder - nißen ins beſondere zu begegnen. Nehmlich man hat darauf zuſehen, ob nicht auch von Seiten des Menſchen etwas zu finden, das dieſen Bewegungs-Gruͤnden kan die Wage halten und demnach vermoͤge der all - gemeinen Gruͤnde, die zu Beſtetigung der vorgeſchriebenen Auffuͤhrung angefuͤhrt wor - den (§. 59), der Ausſchlag fuͤr dieſe Auf - fuͤhrung verbleibet. Dergleichen werden ſich bey genauer Unterſuchung gar leicht fin - den. Z.E. Ein Mann kan nicht allein das -jeni -45Cap. 2. Von dem Eheſtande. jenige, was er mit des Weibes Vermoͤgen erwirbet wohl anwenden, ſondern auch vor ſich noch ſo viel, oder auch wohl mehr dazu erwerben. Die Frau kan durch ihn in ei - nen Ehrenſtand kommen ſeyn, da ſie ihres Vermoͤgens erſt recht froh wird, und was dergleichen mehr iſt.

§. 61.

Wiederum da der Mann dasWie ſich der Mann dabey aufzu - fuͤhren. Weib mit zu Rathe ziehen ſol in denen Dingen, die beyder Wohlfahrt betreffen (§. 58); ſo muß er auch dem Weibe nichts mit Ungeſtuͤme anbefehlen, ſondern alles mit glimpflichen Worten und einer guten Manier vorbringen, damit ſie nicht die Liebe gegen ihn fahren laͤßet (§. 449. Met.), oder auch wohl gar einen Haß ge - gen ihn bekommet (§. 484 Met.), und da - durch alle Scheue fuͤr ihm verlieret (§. 787 Met.). Jedoch da man in einer Geſellſchafft, und alſo auch im Eheſtande (§. 16), Recht hat alle Mittel anzuwenden, wo - durch das uͤbele Mittglied zu Betrachtung ſeiner Pflicht gebracht wird (§. 10); ſo kan auch der Mann mit der Schaͤrffe ver - fahren, wo gute Worte nichts fruchten wol - len. Jn beſondern Faͤllen befinden ſich auch beſondere Bewegungs-Gruͤnde ſo wohl zur Gelindigkeit, als zur Schaͤrffe. Z. E. Wenn ein Mann durch das Weib in einen gluͤcklichen Zuſtand geſetzet wor - den, in welchen er ohne ſie nicht wuͤrde kom -men46Cap. 2. Von dem Eheſtande. men ſeyn; ſo ſol er durch dieſe Vorſtellung ſich zur Beſcheidenheit, wie vorhin das Weib (§. 59) zum willigen Gehorſam an - treiben laſſen. Wenn das Weib ſich leicht etwas zu Gemuͤthe ziehet; ſo erfordert die Liebe (§. 449 Met.), daß man von der Haͤrte abſtehet und ihr nicht ohne Noth Traurigkeit und Gram verurſachet, auch dadurch ihr Gemuͤthe von ſich entfernet. Wenn ein Weib dem Manne wohl zu rathe haͤlt, was er erwirbet; ſo iſt es eben ſoviel, als wenn ſie ihm etwas erwuͤrbe, oder er von ihrem eingebrachten Vermoͤgen eine Nutzung zu genießen haͤtte. Und alſo iſt dieſer Bewegungs-Grund dem vorigen gleich, da man auf den gluͤcklichen Zuſtand geſehen, in welchem der Mann durch das Weib ge - ſetzet worden. Mit einem Worte ſowohl der Mann hat auf alle Gaben des Gemuͤ - thes, des Leibes und des Gluͤckes bey dem Weibe, als auch hinwiederum das Weib bey dem Manne zu ſehen, und beyde haben zu uͤberlegen, was ſie dadurch fuͤr Vor - theil in ihrem Eheſtande ziehen, ſo werden ſie beſondere Bewegungs-Gruͤnde zu ei - ner aufrichtigen Liebe gegen einander gar bald finden, und dadurch zu einem ſolchen Bezeigen gegen einander bewogen werden, wie von beyden Seiten erfordert wird.

Wie Ei - nigkeit in Ehe -

§. 62.

Bey dergleichen Auffuͤhrung des Weibes und des Mannes gegen einanderwird47Cap. 2. Von dem Eheſtande. wird Friede oder Einigkeit erhalten. Dennſtande zu erhal - ten. da keines von beyden etwas zu thun verlan - get, was dem andern zuwider iſt, noch wieder die dem andern ſchuldige Pflichten handelt (§. 59. 61); ſo beleidiget keines das andere (§. 817 Mor.), und alſo leben ſie in Friede und Einigkeit neben einander (§. 880 Mor.).

§. 63.

Weil die Gluͤckſeeligkeit ein Zu -Wenn die Ehe gluͤckſee - lig. ſtand einer beſtaͤndigen Freude iſt (§. 52. Mor.); ſo iſt der Eheſtand gluͤckſelig, wenn Eheleute in einer beſtaͤndigen Freude neben einander leben, folgends: wenn die Luſt oder das Vergnuͤgen allzeit die Unluſt oder das Mißvergnuͤgen uͤberwieget (§. 446. Met.).

§. 64.

Hingegen weil die Ungluͤckſeelig -Wenn die Ehe ungluͤck - ſeelig. keit ein Zuſtand einer beſtaͤndigen Traurig - keit oder Mißvergnuͤgens iſt (§. 61 Mor.); ſo iſt die Ehe ungluͤckſeelig, wenn Eheleute in ſtetem Verdruß und Mißvergnuͤgen ne - ben einander leben, ſo daß die Unluſt, oder der Verdruß und das Mißvergnuͤgen die Luſt, und das Vergnuͤgen uͤberwiegen (§. 448 Met.), folgends der traurigen und mißvergnuͤgten Stunden allezeit mehr ſind als der freudigen und vergnuͤgten.

§. 65.

Wenn demnach Eheleute an die -Einig - keit und Liebe ſind zur gluͤckſee - ligen Ehe noͤthig. ſem Vergnuͤgen und Mißvergnuͤgen Urſache ſind; ſo machen ſie ihnen ſelbſt ihren Ehe - ſtand entweder gluͤckſeelig oder ungluͤckſee -lig.48Cap. 2. Von dem Eheſtande. lig. Derowegen da keines dem anderen Mißvergnuͤgen machet, wenn ſie in Einig - keit neben einander leben (§. 62); hinge - gen einander Freude und Vergnuͤgen ma - chen, wenn ſie einander inbruͤnſtig lieben (§. 449 Mer.); ſo ſind Einigkeit und Liebe zwey noͤthige Stuͤcke zu einer gluͤckſeeligen Ehe. Jm Gegentheile erhellet, daß Un - einigkeit und Haß die Ehe ungluͤckſeelig ma - chen.

Jnglei - chen ſo - viel Ver - moͤgen / als zur Noth - durff. dem Wohl - ſtande und der Bequem - lichkeit des Le - bens ge - hoͤret.

§. 66.

Wiederum weil der Mangel an demjenigen, was zu noͤthiger Nahrung, Kleidung und Wohnung, auch anderen dahin gehoͤrigen Bequemlichkeiten des Le - bens erfordert wird, Mißverguuͤgen ma - chet (§. 417 Met.); ſo wird dadurch eine Ehe gleichfalls ungluͤckſeelig. Und im Ge - gentheile muß eine Ehe gluͤckſeelig werden, wenn man darinnen ſo viel vor ſich bringen kan, als man zur Nahrung, Kleidung und Wohnung, auch andern dahin gehoͤrigen Bequemlichkeiten des Lebens noͤthig hat. Und demnach iſt der Zehr - und Ehren - Pfennig ein noͤthiges Stuͤcke zu einer gluͤck - ſeeligen Ehe.

Worauf im hey - rathen zuſehen noͤthig.

§. 67.

Da nun alles Vergnuͤgen und Mißvergnuͤgen im Eheſtande entweder von den Eheleuten oder ihrem aͤuſſerlichen Zu - ſtande herruͤhren muß, (denn was anders woher kommet, gehoͤret nicht zu dem Ehe - ſtande, indem es ſtat finden wuͤrde, auchwenn49Cap. 2. Von dem Eheſtande. wenn die Eheleute auſſer dem Eheſtande le - beten und das eine nur ein guter Freund des andern waͤre); ſo werden auch die Ehen bloß durch die Einigkeit und Liebe der Ehe - leute und den Zehr - und Ehren-Pfennig gluͤckſeelig. Hingegen durch Uneinigkeit und Haß der Eheleute und Mangel des Zehr - und Ehren-Pfennigs ungluͤckſeelig (§. 65. 66). Derowegen wenn die Ehen wohl ge - rathen ſollen, muß man fuͤr allen Dingen verſichert ſeyn, daß die Perſonen, ſo ſich darein begeben ſollen, einander inbruͤnſtig lieben und in Einigkeit mit einander leben, auch naͤchſt dieſem ſo viel vor ſich bringen werden, als dazu erfordert wird, wenn ſie ſich in Nahrung, Kleidung und Wohnung, auch andern dahin gehoͤrigen Bequemlich - keiten des Lebens, ihrem Stande gemaͤß auffuͤhren ſollen.

§. 68.

Daß demnach ſo wenige EhenWarum ſo weni - ge Ehen gerathen gerathen, kommet einig und allein daher, weil man insgemein nur auf eines von die - ſen Stuͤcken, nicht aber auf alle zugleich ſie - het, oder auch, man mag entweder nur auf eine oder alle ſehen, durch falſche Vor - ſtellungen betrogen wird, und nach dieſem die Sache gantz anders befindet, als man anfangs vermeinet, wennn man leider! zu ſpaͤte, da die Ehe ſchon vollzogen wor - den, erſt recht darhinter kommet.

(Politick) D§. 69.50Cap. 2. Von dem Eheſtande.
Noͤthige Erinne - rung.

§. 69.

Es demnach ein großes Verſe - hen, daß man oͤffters ohne Noth bey dem Heyrathen vielen Betrug brauchet, und ge - meiniglich die Sachen anders vorgiebet, als ſie ſind: als wodurch man die Leute nur un - gluͤckſeelig durch ihr Heyrathen machet. Allein weil auch nicht ſelten die Menſchen von demjenigen, was ſie nach ihrem Stan - de zu ihrer Nahrung, Kleidung, Wohnung und andern Bequemlichkeiten des Lebens brauchen, unrichtige Gedancken haben und daher Mangel zu leiden vermeinen, da ſie wohl gar einen Uberfluß haben; ſo iſt uͤber die maßen dienlich, daß man hiervon aus der Sittenlehre, das iſt, den Gedancken von der Menſchen Thun und Laßen, (§. 450. & ſeqq. ) noͤthigen Unterricht einhohlet. Dergleichen auch erfordext wird, wenn man die Auffuͤhrung ſeines Ehegattens ver - nuͤnfftig beurtheilen wil. Und alſo iſt Verſrand und Tugend wie in allen Dingen, ſo auch ſonderlich im Eheſtande hoͤchſt nuͤtz - lich und noͤthig.

Gefaͤhr - lichkeit im Hey - rathen.

§. 70.

Unterdeſſen da die Ehe Lebenslang dauret (§. 44); ſo iſt auch derjenige Menſch die gantze Zeit ſeines Lebens ungluͤckſeelig, der eine ungluͤckſeelige Ehe getroffen, die ſich nicht aͤndern laͤſſet, welches gar ſelten an - gehet. Hingegen wenn der Menſch eine gluͤck - ſeelige Ehe getroffen und nicht durch ſeine Schuld den Grund des Gluͤcks verderbet;ſo51Cap. 2. Von dem Eheſtande. ſo iſt er die gantze Zeit ſeines Lebens gluͤckſee - lig. Man kan ſich nehmlich ſelten Rechnung machen, daß durch den Tod des Ehegatten, der Urſache an der Ungluͤckſeeligkeit iſt, deꝛſelben weꝛde ein Ende gemacht weꝛden. Da nun aber eines jeden Menſchen Begierde von Natuꝛ dahin gehet, daß eꝛ gluͤckſeelig ſeyn wil; ſo hat man ſich im Heyrathen um ſo viel mehr in acht zu nehmen, je ſchwerer das wieder zu verbeſſern iſt, was ein mahl ver - ſehen worden. Unterdeſſen da gleichwohl hier am aller erſten was verſehen werden kan, indem man ſelten ſoviel Nachricht erhaͤlt, alszu gruͤndlicher Beurtheilung der Gluͤckſee - ligkeit der zu treffenden Che erfodert wird; ſo hat man das Heyrathen fuͤr das aller ge - faͤhrlichſte an zu ſehen, was man in ſeinem gantzen Leben zu wagen hat.

§. 71.

Um dieſer Gefaͤhrlichkeit willenWarum man ſich nicht darinnen uͤbereilen ſol. ſol auch niemand im Heyrathen ſich uͤber - eilen, zum allerwenigſten aber auch darauf dencken, wenn er noch nicht in dem Stande iſt das Hausweſen von ſeinem Erwerbe zu fuͤhren, es ſey denn daß das Weib ſo viel einbringet, als dem Manne zur Zeit noch abgehet, und dabey vernuͤnfftig, tugendhafft, auch haushaͤltig iſt: welches jedoch Dinge ſind, die man ſelten bey einander antrifft. (§. 59. 60.).

§. 72.

Es waͤrezwar noch gar vieles vonWarum nicht ein der Behutſamkeit zu errinnern, die bey Hey -D 2ra -52Cap. 2. Von dem Eheſtande. mehrers hiervon erinnert wird.rathen zu gebrauchen: allein da wir un - ſerm gegenwaͤrtigen Vorhaben ein Gnuͤgen gethan, wenn wir die allgemeinen Gruͤn - de, daraus das uͤbrige hergeleitet werden kan, abſonderlich wo uns die Erfahrung Gelegenheit an die Hand giebet, ausgefuͤh - ret; ſo laße ich es auch vor dieſes mahl hier - bey bewenden.

Warum das Weib nach des Mannes Tode ihr einge - brachtes haben muß.

§. 73.

Weil der Mann nur die Nu - tzung von des Weibes Guͤtern zu Ubertra - gung der Laſt des Eheſtandes anwenden kan (§. 55); ſo muß auch die Frau nach ſeinem Tode alle ihre bewegliche und un - bewegliche Guͤter wieder erhalten, inglei - chen kan der Mann ohne ihre Bewilligung von den unbeweglichen nichts verkauffen (§. 920 Mor.) und, wo fern dieſes geſchehen, bekommet ſie nach ſeinem Tode die Kauff - Summa des Geldes, als welche nach die - ſem als ein von ihr eingebrachtes bewegli - ches Gut anzuſehen.

Warum ſie ein Vorrecht fuͤr an - dern Glaͤubi - geꝛn hat.

§. 74.

Und ſolcher geſtalt hat das Weib ein Recht auf des Mannes Guͤter, in ſo weit das ihrige mit darunter enthalten, in - dem es in der That nicht des Mannes Guͤ - ter ſind, ſondern viel mehr ihre, ob ſie gleich deꝛ Mann als ſeine ausgegeben. Und demnach hat ſie auch billig ein Vorrecht fuͤr anderen Glaͤubigern des Mannes. Denn wenn ſie das ihrige weggenommen, ſo iſt des Man - nes Vermoͤgen, was uͤbrig bleibet.

§. 75.53Cap. 2. Von dem Eheſtande.

§. 75.

Man ſiehet aber hieraus, ohneWas ein Weib nicht wieder fordern kan. mein Erinnern, daß das Weib nichts wieder fordern kan, als was der Mann von ihrem Vermoͤgen in Empfang genommen, u. zum gemeinen Beſten des Eheſtandes genutzet. Derowegen wenn ſie etwas vor ſich behal - ten und nach ihrem eigenen Gefallen verwal - tet, auch entweder durchgebracht, oder ſich darum betruͤgen laßen; ſo kan ſie mit kei - nem Grunde nach des Mannes Tode ſol - ches aus ſeinem Vermoͤgen wieder for - dern.

§. 76.

Gleicher geſtalt wenn ein WeibEben der - gleichen Fall. Schulden machet, oder auch ſonſt bloß nach ihrem Gefallen ausgiebet, worein der Mann zu willigen nach den Regeln der Sit - tenlehre nicht befugt iſt; ſo hat ſie ſo viel, als dieſes austraͤget, von dem ihrigen ver - than, und kan es nach des Mannes Tode nicht noch einmahl wieder fodern.

§. 77.

Uber die unbeweglichen GuͤtterDas Weib hat den Scha - den von ihren Guͤttern zu tra - gen. des Weibes hat der Mann kein weiterers Recht, als daß er ſie brauchen kan (§. 55) und alſo eben das Recht, was ein Pachter hat (§. 926 Mor.). Derowegen wenn es ſich zutruͤge, daß ſie durch einen Ungluͤcks-Fall, daran er keine Schuld hat, entweder ver - dorben oder verſchlimmert wuͤrde; ſo triefft der Schaden das Weib, und kan ſie nicht verlangen, daß er ihr nach des Mannes Tode aus ſeinem Vermoͤgen erſetzet werde.

(§. 959 Mor.) D 3§.54Cap. 2. Von dem Eheſtande.
Jn was fuͤreinem Stande ſie ihre Guͤter wiedeꝛ zu fordern hat.

§. 78.

Aus eben dieſen Gruͤnden erhel - let, daß der Mann die Guͤter des Weibes auf das ſorgfaͤltigſte in acht zu nehmen hat, damit ſie nicht weiter verſchlimmert wer - den als der nothwendige Gebrauch mit ſich bringet; wiedrigen Falls aber das Weib die Erſetzung des Schadens aus des Man - nes Guͤtern fordern kan (§. 958 Mor.). Und weil der Mann die gantze Nutzung al - lein hebet; ſo iſt er auch verbunden dieſel - ben in ſolchem Stande zu erhalten, damit ſie ferner koͤnnen genutzet werden.

Was ein Ehegat - te von ſeinen Guͤttern dem an - dern zu verma - chen.

§. 79.

Weil ein Ehegatte den andern in - bruͤnſtig lieben ſol (§. 65.); ſo muß er auch aus des andern Gluͤckſeeligkeit Vergnuͤgen ſchoͤpffen (§. 449 Met.), und dannenhero begehren, daß ſein Ehegatte nach ſeinem Tode in beſtaͤndiger Freude und Vergnuͤ - gen (§. 52 Mor. & §. 446 Met.) lebe, fol - gends alles auch bey ſeinem Ende beytra - gen, was dazu befoͤrderlich iſt. Derowe - gen hat er von ſeinem Vermoͤgen nach ſei - nem Tode ſeinem Ehegatten ſo viel zuzu - wenden, daß er noch ſo vergnuͤgt wie vor - hin leben und den Verluſt nicht ſo leicht em - pfinden kan. Wie weit ſich dieſes thun laͤſſet, muß aus denen beſonderen Umſtaͤn - den in beſondern Faͤllen beurtheilet werden. Und weil die Eltern auch mit dabey auf die Kinder zu ſehen; ſo wird auch unten ein meh - reres davon vorkommen.

Das55Cap. 3. Von der Vaͤterl. Geſellſch.

Das 3. Capitel, Von der Vaͤterlichen Geſellſchafft.

§. 80.

WEil die Eltern verbunden ſind ih -Was die Vaͤtorli - che Ge - ſellſchafft iſt. re Kinder aufzuerziehen (§. 18.), das iſt, ſo weit zu bringen, daß ſie ſich ſelbſt verſorgen und regieren koͤnnen; ſo muͤſſen auch die Kinder mit den El - tern in einer Geſellſchafft leben (§. 2), wel - che man die Vaͤterliche genennet. Und alſo iſt die Vaͤterliche Geſellſchafft eine Geſellſchafft zwiſchen Eltern und Kindern, um ihrer Auferziehung willen.

§. 81.

Nehmlich weil die Kinder ſichGrund der Pflichten der El - tern ge - gen die Kinder / und der Kinder gegen die Eltern. nicht ſelbſt verſorgen und regieren koͤnnen, ſo haben ſie ſolches von andern zu fordern (§. 770 Mor.). Da nun aber kein Grund vorhanden, warum ſie ſolches vielmehr von andern, als von ihren Eltern fordern ſol - ten, wenn dieſe in dem Stande ſind ſolches zuthun; ſo lieget auch den Eltern ob ſie zu verſorgen und zu regieren, biß ſie dieſes ſelbſt zu thun vermoͤgend werden. Und muß aus dieſem Grunde alles beurtheilet werden, was die Eltern den Kindern, und hinwiederum die Kinder den Eltern ſchuldig ſind.

§. 82.

Damit man nun beſſer dieſenEs wird ausfuͤhr - Grund einſehen, und die noͤthigen PflichtenD 4der56Das 3. Capitel Von derlicher er - klaͤret.der Eltern gegen die Kinder und der Kinder gegen die Eltern daraus herleiten moͤge; ſo wird noͤthig ſeyn, daß ich deutlicher erklaͤ - re, was durch das verſorgen und regieren verſtanden wird. Nemlich Kinder ſind wie alle Menſchen verbunden ihren inneren und auſſeren Zuſtand ſo vollkommen zu machen, als moͤglich iſt (§. 19 Mor.). Dazu aber wird zweyerley erfordert. Einmahl ſind Mittel noͤthig, dadurch die Vollkommen - heit des inneren und aͤuſſeren Zuſtandes er - halten wird (§. 912 Met.); darnach muͤſ - ſen auch ihre Handlungen dergeſtalt einge - richtet werden, daß ſie nicht allein dieſe Mittel recht gebrauchen, ſondern auch durch ihre Handlungen ſich nicht daran hindern. Die Vorſorge gehet auf das erſte; die Re - gierung auf das andere. Es beſtehet dem - nach die Vorſorge der Eltern in einer Sorgfalt den Kindern alle Mittel zu ver - ſchaffen, die ſie zu Befoͤrderung der Voll - kommenheit ihres inneren und aͤuſſeren Zu - ſtandes von noͤthen haben: Hingegen die Regierung in Einrichtung ihrer Hand - lungen zu Erhaltung dieſer Abſicht. De - rowegen da wir in den Gedancken von dem Thun und Laſſen der Menſchen ausfuͤhrlich gezeiget haben, worinnen die Vollkom - menheit der Seele, des Leibes und des aͤuſ - ſerlichen Zuſtandes beſtehet, auch wie der Menſch ſeine Handlungen einzurichten hat,damit57Vaͤterl. Geſellſchafft. damit er dieſen Zweck, ſo viel in ſeiner Ge - walt iſt, erreichet; ſo wird ſich ohne Muͤ - he begreiffen laſſen, was an beyden Stuͤ - cken Eltern zu thun oblieget.

§. 83.

Es lieget demnach den Eltern obWie El - tern vor Woh - nung u. Kledung der Kin - der zu ſorgen. davor zu ſorgen, daß die Kinder ſo viel Nahrung und Kleider haben, als erfordert wird, wenn ſie einen geſunden Leib und ge - ſunde Gliedmaſſen erhalten und wohl wach - ſen ſollen (§. 450. 490 Mor.): wobey ſie zugleich des Wohlſtandes halber auf ihren Stand und Vermoͤgen zu ſehen haben (§. 458. 492 Mor.). Derowegen da die Mut - ter-Milch die erſte Nahrung des Kindes iſt, auch dabey bekand, daß die Kinder da - mit viel Boͤſes zu ihrer Ungeſundheit und Verderbung des Leibes, auch Gemuͤthes, einzuſaugen pflegen, wenn die Perſon, ſo ſie ſaͤuget, von wiedrigen Affecten und unor - dentlichen Begierden eingenommen wird; eine Mutter aber verbunden iſt alles zur Auferziehung des Kindes beyzutragen, was in ihrer Gewalt ſtehet: ſo ſol eine Mutter ihr Kind ſelbſt traͤncken, wenn ſie in dem Stande iſt ſolches zu thun. Es bekommet auch hiedurch eine Mutter mehr Liebe zu ihrem Kinde und wird zugleich an - getrieben, ſonderlich wo ſie dabey vernuͤnf - tig iſt, fleißiger auf ihr Kind acht zu haben: welches nach dieſem zu der uͤbrigen Kinder - Zucht nicht ein geringes beytraͤget. Daßman58Das 3. Capitel Von derman aber durch andere verrichten laͤſſet, was man ſelbſt zuthun nicht vermoͤgend iſt, z. E. wenn Mangel an der Milch ſich findet, oder die Bruͤſte boͤſe werden, o - der auch wenn die Mutter in Kranckheit ver - faͤllet, oder uͤberhaupt von ungeſunder Leibs - Conſtitution iſt, &c. ſolches hat ſeine ge - weiſete Wege.

Wie ſie ferner vor die Kinder zu ſor - gen.

§. 84.

Weil ſie aber auch verbunden ſind darauf zu ſehen, daß die Kinder nicht nur einen geſunden Leib, ſondern auch ge - ſunde Gliedmaſſen und einen geſchickten Leib erhalten (§. 447. 449 Mor.), ſo gebuͤh - ret ihnen auf das ſorgfaͤlltigſte auf ſie acht zu haben, damit ſie in keinem von dieſen Stuͤ - cken verabſaͤumet, noch verwahrloſet wer - den. Derowegen weil ſelten Leute, die bloß um des Brodtes willen dienen, genung - ſame Sorgfalt hierinnen bezeigen; ſo lie - get den Eltern ſelber ob, darauf mit Fleiß acht zu haben und den Kindern, ſoviel nur immer moͤglich iſt, alle Gelegenheit zu be - ſchneiden, da ſie zu Schaden kommen koͤn - nen; hingegen auch bey Zeiten den Leib durch allerhand Bewegungen und Stellun - gen zu uͤben, wodurch er geſchickt wird. Und hat man hier ſo wohl, als vorhin, auch auf ſeinen Stand zu ſehen (§. 142 Mor.).

Errinne - rung.

§. 85.

Es wuͤrde zu weitlaͤufftig fallen, wenn ich hier auf beſondere Handlungen kommen wolte. Wer der Sache ſelbſtennach -59Vaͤterlichen Geſellſchafft. nachdencket, wird durch Huͤlffe der allge - meinen Regel in ſich ereigenenden Faͤllen ſelber darauf kommen. Unterdeſſen waͤre es auch nicht undienlich, wenn man zugleich aus der Erfahrung mit Fleiß lernete, wo es hierinnen getroffen, wo es verſehen wird; ſo wuͤrde man in der Kinderzucht, daran ſo gar viel gelegen iſt, noch immer weiter kommen, und zum gemeinen Gebrauche auch fuͤr gemeine Leute, und die ihnen am Verſtande nicht uͤberlegen ſind, viele be - ſondere nuͤtzliche Regeln vorſchreiben koͤnnen.

§. 86.

Abſonderlich wird auch von El -Wie El - tern vor die Sin - nen / das Gedaͤcht - nis und die Ein - bildun - ges - Krafft der Kin - der zu ſorgen haben. tern erfordert, daß ſie die Gliedmaſſen der Sinnen, abſonderlich der Augen und des Gehoͤres, bey den Kindern in gutem Stan - de erhalten, damit keines von denſelben geſchwaͤchet, viel weniger gar verdorben werde (§. 498 & ſeqq. Mor.). Und eine gleiche Bewandniß hat es mit dem Ge - daͤchtniſſe und der Einbildungs-Krafft (§. 505 Mor.). Derowegen haben ſie auch bey allen Handlungen mit auf die Sinnen, das Gedaͤchtniß und die Einbildungs-Kraft zu ſehen, was ſie nemlich veraͤnderliches bey den Kindern nach ſich ziehen. Z.E. in ſtarckem Lichte, ſonderlich in dem hellen Mittags-Lichte der Sonne, wird das Au - ge bloͤde, daß es weder bey ſchwachem Lich - te in der Naͤhe, noch bey ſtarckem in der Ferne wohl ſehen kan: welches nicht alleindie60Das 3. Capitel Von derdie Erfahrung bekraͤfftiget, ſondern auch in Erklaͤrung der Natur aus Beſchaffenheit des Auges und des Lichtes ſich deutlich zei - gen laͤßet. Derowegen ſol man kleine Kin - der weder in das helle Sonnen-Licht legen, noch viel mit ihnen darinnen herumgehen. Aus dieſem Exempel ſiehet man, wie in an - dern Faͤllen zu verfahren, und auf was fuͤr Art und Weiſe vermittelſt der allgemeinen Regeln beſondere gefunden werden. Man muß entweder durch die Erfahrung, oder Vernunfft ausmachen (§. 372 Met.), wo - durch den Sinnen, dem Gedaͤchtniſſe und der Einbildungs-Krafft Eintrag geſchiehet, und ſo wiꝛd ſichs finden, was man fuͤꝛ Hand - lungen bey der Pflegung der Kinder in An - ſehung dieſer Stuͤcke zu unterlaſſen, und welche man hingegen vorzunehmen hat, auch wie man die noͤthigen Handlungen ein - zurichten hat, damit alles wiedrige vermie - den werde.

Wie man fuͤr die Seele der Kinder zu ſoꝛgen.

§. 87.

Da nun aber die Sorge fuͤr die Seele mit der Vorſorge fuͤr den Leib ver - einiget werden muß (§. 225 Mor.); ſo muͤſ - ſen auch die Eltern darauf bedacht ſeyn, wie ſo wohl der Verſtand, als der Wille der Kinder gebeſſert werde (§. 254. 372 Mor). Es iſt zwar wahr, daß anfangs bey den Kindern faſt einig und allein auf ihren Leib zu ſehen: allein wir werden bey reifferer U - berlegung doch hernach finden, daß man eherauf61Vaͤterlichen Geſellſchafft. die Beßerung des Verſtandes und des Wil - len zu ſehen hat, als man ins gemein daran zu gedencken pfleget. Und es iſt gewis nichts geringes, daß man zu rechter Zeit daran gedencket: denn wer es zu lange aufſchiebet der laͤſſet geſchehen, daß unterdeſſen ſo wohl der Verſtand, als der Wille viel faͤltig ver - dorben wird, ehe er an die Beſſerung ge - dencket. Man kan aber gar leicht begreiffen, daß es ſchweerer ſeyn muß Willen und Ver - ſtand zu beſſern, wenn er ſchon verdorben worden, als wenn dieſes noch nicht geſche - hen. Denn in dem Falle, da ſchon eine uͤbele Gewohnheit ſich mit den natuͤrlichen Neigungen vereinbahret; muß man nicht allein dieſen Einhalt thun, ſondern hat auch allzeit mit denen aus jener entſpringenden Hinderniſſen zu ſtreiten.

§. 88.

Der erſte Grad der ErkaͤntnißWie man Kindern die erſten Begetef - fe beyzu - bringen. ſind die klaren Begrieffe (§. 9. c. 1. Log.). Da wir nun klare, aber undeutliche Be - griffe erlangen, wenn wir nicht auf jedes, was in einem Dinge ſich unterſcheiden laͤſ - ſet, inſonderheit acht haben und ihre Ord - nung und Verknuͤpffung zu betrachten un - terlaſſen (§. 21 c. 1. Log. ), Kinder aber anfangs zu dergleichen Aufmerckſamkeit und Uberlegung ungeſchickt ſind; ſo koͤnnen ſie auch Anfangs keine andere als undeutli - che Begriffe erlangen. Damit ſie aber da - zu kommen, muß man ihnen allerhand Din -ge62Das 3. Capitel Von derge vor die Augen bringen und ſie gewoͤhnen darauf zuſehen, auch ſo bald ſie reden ler - nen, darnach zu fragen, wie dieſes oder je - nes heiſſe. Jemehr man nun ihnen derglei - che Begriffe beybringen kan, je beſſer iſt es: denn ſie legen nicht allein dadurch den Grund zu mehrerer Erkaͤntnis, ſondern wer - den auch lehrbegierig, das iſt, ſie erlan - gen eine Begierde von allem, was ihnen vorkommet, Unterricht zu haben.

Wie man ſie zu deutli - chen vor - bereiten ſol.

§. 89.

Da nun in der Natur kein Sprung geſchiehet, ſondern alles nach und nach kommet (§. 686. 765. Met.), ſo muß man auch von einem Grade der Erkaͤntnis nicht gleich zu dem andern ſchreiten, ſondern viel - mehr wenn man mit dem erſten zu Stande kommen, damit noch weiter dergeſtalt fort - fahren, daß man zugleich zu dem folgenden ſich vorbereitet. Derowegen weil von Sei - ten unſer, woferne wir zu einem deutlichen Begriffe gelangen wollen, erfordert wird, daß wir alles, was ſich in einem Dinge ei - niger maſſen von einander unterſcheiden laͤſ - ſet, zuerſt beſonders betrachten, darnach eines gegen das andere halten und auf die Ordnung und Verknuͤpffung ſorgfaͤltig acht geben (§. 19. c. 1. Log. ); ſo wird zu dieſer Vorbereitung zweyerley erfordert, nemlich 1. daß man ſich gewoͤhnet auf eine Sache recht acht zu haben, und 2. eines nach dem an - dern beſonders zu betrachten und zu uͤberle -gen.63Vaͤterlichen Geſellſchafft. gen. Zu dem erſten werden die Kinder ge - woͤhnet, wenn man ihnen ein Ding lange vorhaͤlt u. ſie aufmuntert darauf zuſehen, oder ſonſt durch die uͤbrigen Sinnen zubegreif - fen, auch den Nahmen darbey vorſaget und ſie begierig machet denſelben zuwiſſen, da - mit ſie bald ſelbſt darnach fragen, wenn ih - nen etwas vorkommet, deſſen Nahme ih - nen noch unbekand iſt. Denn wenn ſie von der erſten Kindheit an ſich gewoͤhnen auf das zuſehen, was ihnen vorkommet, nach dem Nahmen deſſelben zu fragen und auf alle ih - nen moͤgliche Weiſe durch die Sinnen zu - begreiffen; ſo wird dieſes bey ihnen zur Ge - wohnheit, daß ſie es in allen dergleichen Faͤllen, da ihnen etwas vorkommet, wie - derum thun (§. 238. 331. Met.). Sollen ſie nun auch zu dem andern gelangen, daß ſie nemlich gewohnen, eines nach dem an - dern in einem Dinge beſonders betrachten; ſo muß man fuͤr allen Dingen dasjenige, was man ihnen zeiget, nach und nach von einer Seite nach der andern vorzeigen, und ſie aufmuntern darauf zu ſehen, auch den Nahmen deſſen, was man verſchiedenes antrifft, dabey nennen. Hierdurch lernen die Kinder unvermerckt, daß in einer Sa - che verſchiedenes vorkommet und man ſie nicht oben hin anſehen muß, wenn man ſie recht kennen wil. Darnach muß man ſie gewoͤhnen nach dem Nahmen aller Theilezu64Das 3. Capitel Von derzu fragen, die man in einem Dinge von ein - ander unterſcheiden kan: denn ſo werden ſie unvermerckt lernen dasjenige, was in einem Dinge unterſchiedenes vorkommet, von ein - ander zu unterſcheiden, und alſo eines nach dem andern ins beſondere als ein beſonderes Ding anzuſehen.

Wie ſie zu deutli - chen Be - griffen geleitet werden.

§. 90.

Wo dieſe Vorbereitung vorher - gegangen, da hat man in der That ſchon alles gethan, was man vornehmen muß, wenn man deutliche Begriffe erlangen wil und kan einen dannenhero nichts befrem - den, wenn man zu dieſer Arbeit fortſchrei - tet. Damit nun aber die Kinder bey Zei - ten an die Deutlichkeit der Begriffe ſich ge - woͤhnen; ſo muß man damit den Anfang machen, ſo bald als man mercket, daß es ſich thun laͤſſet. Dieſe Arbeit wird folgen - der Geſtalt vorgenommen. Man leget ih - nen Sachen vor, davon ſie ſchon klare Be - gꝛiffe haben und dieihnen beꝛeits bekand ſind. Alsdenn zeiget man ihnen nach einander al - les, was an ihnen verſchiedenes anzumer - cken; laͤſſet ſie darauf acht haben, wie ei - nes auf das andere folget und mit ihm ver - knuͤpfft iſt, auch alles mit ſeinem Nahmen nennen (§. 19. c. 1. Log.). Bey kleinen Kin - dern kan man ſelbſt mit Spiel-Wercke den Anfang machen: bey denen, die nun wei - ter ſind, daß ſie ſchon anfangen zu lernen, mit Figuren und Zahlen dergleichen Ubun -gen65Vaͤterlichen Geſellſchafft. gen vornehmen. Dadurch werden die Kin - der unvermerckt inne werden, daß, wenn man eine Sache gleich ſchon gar wohl ken - net, man dennoch bey ihr noch gar vieles finde, wo ferne man ſie genauer zu betrach - ten ſich angelegen ſeyn laͤſſet. Wie man in dieſen Ubungen immer weiter fortgehen ſol, wird derjenige verſtehen, welcher inne hat, was wir in den Gedancken von den Kraͤfften des Verſtandes (§. 7. 8. 19. c. 1.) von Er - langung deutlicher Begriffe beygebracht. Es iſt zu mercken, daß die Zergliederung der Rede eine Aenlichkeit mit der Zergliederung der Begriffe hat und daher bey dem Leſen de - nen Kindern ein Begriff davon kan beyge - bracht werden, der ihnen nach dieſem die Sache nicht wenig erleichtert (§. 364. 366. Met.). Nemlich eine Rede ſtellet eine zu - ſammen geſetzte Sache vor. Sie laͤſſet ſich in ihre Theile, als in andere weniger zuſam - men geſetzte Sachen zergliedern, und dieſe ferner in Woͤrter, die Woͤrter in Sylben, die Sylben endlich in Buchſtaben. Hier haben wir ein gantz klares Bild von der Fortſetzung der Zergliederung, wenn man immer vollſtaͤndigere Begriffe haben wil. Die Zergliederung der Zahlen, die endlich aus Einheiten zuſammen geſetzet werden, hat mit ihnen eine groſſe Verwandſchafft. Da wir hier bloß auf die Fertigkeit des Ver - ſtandes ſehen, die durch die Ubungen erlan -(Politick) Eget66Das 3. Capitel Von derget wird (§. 525. Met.), nicht aber eben auf die Erkaͤntnis der Sachen vor und an ſich ſelbſt; ſo gilt es gleich viel, was fuͤr Sa - chen dazu erwehlet werden. Die Wahl iſt geſchickt angeſtellet, wenn man ſolche heraus lieſet, welche die Ubung leichte ma - chen. Kinder, die noch nicht mit Vorur - theilen verwoͤhnet worden, auch vor ſich noch nicht weit dencken koͤnnen, nehmen oh - ne dem an, was man ihnen bringet.

Wie man die Kin - der wi - tzig ma - chet.

§. 91.

Der Witz beſtehet in einer Leich - tigkeit die Aenlichkeiten wahrzunehmen (§. 366. Met.). Derowegen kan man auch den Kindern behuͤlfflich ſeyn, daß ſie witzig wer - den, wenn man ihnen fleißig die Aenlich - keiten zeiget, die ſich zwiſchen denen Din - gen befinden, die ſie erkand haben oder ih - nen vorkommen. Dieſes kan ihnen nicht allein kuͤnfftig dienen, wenn der Zuſtand des Alters es leidet, auf allgemeine Be - griffe zu gedencken (§. 26. c. 1. Log. ), ſon - dern auch zu Erfindung der Wahrheiten durch ſich ſelbſt (§. 367. Met.). Ja da die Kinder aus Mangel der Vernunfft ſich in ihren Handlungen auf die Erwartung aͤn - licher Faͤlle gruͤnden muͤſſen (§. 331. Met.); ſo verhalten ſie ſich in dieſem Stuͤcke der Vernunfft gemaͤſſer (§. 375. Met.).

Wie man das Vor - urtheilfuͤr Per -

§. 92.

So lange die Kinder noch ſchwach an Verſtande ſind, kan man ihnen die Wahrheiten nicht anders beybringen, alsdaß67Vaͤterlichen Geſellſchafft. daß ſie ſie in das Gedaͤchtnis faſſen. Je -ſonen in Erkaͤnt - nis der Wahr - heit hin - dern ſol. doch damit ſie nicht dadurch in das Vor - urtheil verleitet werden, als wenn man et - was andern zu Gefallen glauben muͤſte: ſo hat man ſie bey Zeiten dazu zugewoͤhnen, daß ſie uͤberall fragen, warumb dieſes iſt und warumb ſie dieſes oder jenes thun ſol - len. Nemlich in dem ſie dadurch erkennen, daß alles ſeinen zureichenden Grund hat, warumb es vielmehr iſt als nicht iſt; ſo wird ihnen nicht allein der Satz des zureichenden Grundes feſt eingepraͤget, ſondern ſie er - kennen auch, es ſey etwas nicht deswegen wahr, weil es der andere ſaget. Und da - durch gewohnet man nichts von anderen bloß deswegen anzunehmen, weil ſie es ſa - gen: welches man eben zuerhalten vermei - nete.

§. 93.

Da der Satz des zureichendenWie Kin - der ver - nuͤnfftig werden. Grundes der Grund der Vernunfft iſt, dieſe aber in der Einſicht in den Zuſammenhang der Wahrheit beſtehet (§. 30. 368. Met.); ſo ſiehet man hieraus, daß die Kinder dadurch zugleich vernuͤnfftig werden, wenn ſie ſich gewoͤhnen allzeit nach dem Grunde zufra - gen, warumb dieſes iſt, und warumb ſie dieſes oder jenes thun ſollen.

§. 94.

Weil nun dasjenige, was denWas bey Kindern zuver - meiden. Kindern in ihrer erſten Kindheit eingepraͤget wird, feſt bleibet, auch die dadurch erregte Neigungen und Gewohnheiten ſich gar uͤbelE 2wie -68Das 3. Capitel Von derwieder aͤndern laſſen (§. 384 Mor.): ſo hat man mit dem groͤſten Fleiße darauf Acht zu haben, daß ihnen keine Vorurtheile und Jrrthuͤmer beygebracht, auch ſie nicht zu Aberglauben verleitet, und in boͤſen Nei - gungen und Affecten geſtaͤrcket werden. Jn dieſem Stuͤcke wird es leider gar ſehr verſehen, indem die erſte Auferziehung ſol - chen Perſonen anvertrauet wird, die in Vorurtheilen, Jrrthuͤmern und Aberglau - ben ſtecken, und daher durch ihre erdich - tete Hiſtorien, die ſie den Kindern zu er - zehlen pflegen, auch durch allerhand Jrr - thuͤmer, die ſie ihnen als Bewegungs - Gruͤnde von etwas abzuſtehen, beybringen, groſſen Schaden ſtifften. Man findet es, was dergleichen Verfahren nach ſich zie - het, auch wenn man zu Jahren kommet, und durch voͤlligen Verſtand die Nichtigkeit der beygebrachten Vorur heile und Jrr - thuͤmer erkennet, von denen daher ruͤhren - den Neigungen und Affecten aber ſich doch nicht loß reißen kan, weil ſie einmahl zu tief eingewurtzelt: wovon die Urſache an einem andern Orte (§. 419 Mor.) gezei - get worden.

Worauf in Beſſe - rung des Willens zu ſehen.

§. 95,

Was die Beſſerung des Wil - lens betrifft, ſo haben Eltern mit aller Sorgfalt darnach zuſtreben, wie ſie den Kindern eine Begierde nach dem Guten, hingegen einen Abſcheu fuͤr dem Boͤſen(§. 372.69Vaͤterlichen Geſellſchafft. (§. 372. Mor.), folgends eine Liebe zur Tugend (§. 450. Met. & §. 9. 64. Mor.) und einen Haß an den Laſtern (§. 4. 55. Met. & §. 9. 64. Mor.) bey Zeiten ein - pflantzen, auch alle Begierde zum Boͤſen und allen Wiederwillen fuͤr dem Guten ausrotten.

§. 96.

So lange die Kinder keinen Ge -Wie El - tern die Kinder zum Gu - ten ver - binden. brauch der Vernunfft haben, laͤſſet ſich auch durch vernuͤnfftige Vorſtellungen des Guten und Boͤſen bey ihnen nichts aus - richten. Da nun in dieſem Falle die na - tuͤrliche Verbindlichkeit zum Guten und wieder das Boͤſe nicht zureichend iſt (§. 9. Mor.); ſo muͤſſen die Eltern ſie auf eine andere Art verbinden, indem ſie nemlich ihnen empfindliche Straffen mit den boͤ - ſen, hingegen Belohnungen mit den guten Handlungen verknuͤpffen (§. 8. 36 Mor.). Und wird hierdurch das Geſetze der Natur zu einem Natuͤrlichen Geſetze (§. 18. Mor.).

§. 97.

Gleichwie man aber uͤberhauptWie die - ſe Ver - bindlich - keit ein - zurich - ten. ſich nach den natuͤrlichen Neigungen des Menſchen richten muß, wenn man ihn ge - ſchwinde lencken wil (§. 240 Mor.); ſo hat man am allermeiſten dieſes bey Kindern zu beobachten, bey welchen man anfangs nichts als die natuͤrlichen Neigungen findet, auch dieſen zu wiederſtehen ſich nicht ſo gleich Mittel zeigen. Derowegen hat manE 3darauf70Das 3. Cap. Von derdarauf zu ſehen, ob ſie ſich lieber mit gu - ten, als mit harten Worten; mehr mit Bedrohungen, als mit Schlaͤgen ziehen laſſen, und was dergleichen mehr iſt. Wir finden es auch bey erwachſenen, daß man nichts ausrichtet, wenn man es auf die un - rechte Art angreiffet. Jedoch hat man hierbey auch wohl mit darauf acht zu ge - ben, daß die natuͤrlichen Neigungen zum boͤſen dadurch nicht geſtaͤrcket werden. Z.E. Wer von Natur zur Wolluſt geneiget, deſſen Neigung dazu wird geſtaͤrcket, wenn man ihm leckerhaffte Sachen giebet, wo - ferne er thut, was man haben will: hinge - gen brauchet man dieſe Neigung zu eben dem Ende, wenn man ihn darben laͤſſet, oder auch unſchmackhafftere Speiſe giebet, wenn er nicht thun will, was ihm befohlen wird. Es iſt in der That hier mehr Be - hutſamkeit noͤthig, als man vermeinen ſol - te. Derowegen da es bey den meiſten Menſchen auf das Gluͤck ankommet, wie ſie aͤuferzogen werden; ſo iſt kein Wun - der, daß auch viele und oͤffters die meiſten nicht gerathen. Jngleichen da nicht alle einerley natuͤrliche Neigungen haben; ſo kan es nicht ſeyn, daß alle Kinder gleich ge - rathen, wenn ſie auf einerley Weiſe tracti - ret werden. Man mag entweder wieder die natuͤrliche Neigung verfahren, oder ſie zum Nachtheile des Guten ſtaͤrcken; ſo iſteines71Vaͤterlichen Geſellſchafft. eines ſo ſchaͤdlich, als das andere. Der Menſch wird in beyden Faͤllen verderbet, und was in der erſten Kindheit verdorben, laͤſſet ſich nach dieſem in erwachſenen Jah - ren ſchweerlich aͤndern. Man hat aber auf die natuͤrlichen Neigungen der Kin - der acht zu geben, wenn ſie noch an ihrer Mutter Bruſt liegen. Denn unerachtet zur ſelbigen Zeit alle ihre Handlungen in gantz wenigen Bewegungen des Leibes be - ſtehen; ſo iſt doch gewis, daß ſie mit dem Gemuͤthe uͤbereinſtimmen (§. 765 Met.) und man auch darinnen ihren Grund fin - den kan, und zwar um ſoviel leichter, je weniger noch durch die Gewohnheit etwas dazu kommen. Es zeiget ſich hier ein Weg allerhand nuͤtzliche Dinge zu beobachten; ſonderlich wenn man zugleich ans dem, was man wahrnimmet, von den natuͤrli - chen Neigungen urtheilen und nach dieſem acht geben wolte, wie das Urtheil einge - troffen, wenn ſie ſich durch verſchtedene Handlungen nach dieſem deutlicher zeigen.

§. 98.

Naͤchſt dieſem hat man eine groſ -Wie man boͤſe Ge - wohnhet - ten zu verhuͤ - ten. ſe Behutſamkeit zu gebrauchen, daß man nichts ſchlimmes, oder auch nur derglei - chen, daraus etwas ſchlimmes erwachſen kan, zur Gewohnheit werden laͤſſet, weil ſie nicht allein vor ſich, das iſt, in der Art der Handlungen ſchadet, wo ſie eingeriſſen (§. 383 Mor.), ſondern auch in anderenE 4aͤhn -72Das 3. Cap. Von deraͤhnlichen Faͤllen vielfaͤltig auf Abwege ver - leitet (§. 331 Met.). Hierzu kommet noch dieſes, daß eine Gewohnheit ſchweer zu aͤn - dern (§. 384. 421 Mor.), und die Aende - im guten gar ſehr hindert (§. 386 Mor.). Man hat aber hierbey wohl zu mercken, daß alles, was man mit den Kindern von ihrer erſten Geburths-Stunde an vornim - met, einen Eindruck in ihren Leib und Ge - muͤthe machet, dadurch ſie zu gewiſſen Handlungen gleichſam geneiget werden, ſo daß ſie geſchwinder und leichter als andere dazu zu bringen ſind. Derowegen waͤre hier vieles ſehr genau zu unterſuchen, wenn es uns ein Ernſt waͤre die Auferzie - hung der Kinder mehr in unſerer Gewalt zu haben, als bisher nicht moͤglich iſt. Nem - lich bey allen Tugenden und Laſtern ſind ge - wiſſe Bewegungen des Leibes noͤthig, wenn ſie ſollen veruͤbet werden (§. 1 Mor.). Wer nun dergleichen Bewegungen ſchon oͤffters gehabt, der iſt mehr dazu aufgelegt als ein anderer. Wem bekand iſt, wie alles mitein - ander verknuͤpfft, und immer eines aus dem andern erfolget, den wird nicht befremden, was ich geſaget.

Fernere Einrich - tung der Verbind - lichkeit.

§. 99.

Woferne nun aber entweder un - vermerckt oder auch aus Nachlaͤßigkeit boͤſe Gewohnheiten eingeſchlichen, oder zum wenigſten ſolche, die nach ſich ereignenden Umſtaͤnden ſowohl zum Guten, als zum Boͤ -ſen73Vaͤterlichen Geſellfchafft. ſen koͤnnen angewendet werden; ſo hat man darauf allerdings mit zu ſehen, wenn man die Kinder zum Guten verbinden will (§. 240 Mor.).

§. 100.

So bald der Verſtand undWenn Kinder im guten vernuͤnff - tig zu machen. Gebrauch der Vernunfft ſich aͤuffert, hat man darauf zu ſehen, daß die Kinder nicht Sclaven im guten bleiben, ſondern es viel - mehr aus voͤlliger Freyheit thun (§. 377. Mor.). Und hierzu dienet alles dasjenige, was von der Beſſerung des Willens (§. 373 & ſeqq. Mor.), weitlaͤuftig ausge - fuͤhret worden. Es wird freylich eines und das andere in der Ausuͤbung noch einige Geſchicklichkeit erfordern, wenn man es bey Kindern anbringen wil: allein wir koͤn - nen uns vor dieſes mahl nicht in weitere Weitlaͤufftigkeiten einlaſſen.

§. 101.

Weil Kinder bloß den GebrauchWarum Kinder nichts boͤſes noch un - anſtaͤn - diges ſe - hen doͤrf - fen. der Sinnen und Einbildungs-Krafft haben, keines weges aber den Gebrauch der Ver - nunfft, als welche erſt durch viele Ubung erhalten wird (§. 525 Met.); ſo koͤnnen ſie ſich auch nichts vorſtellen, als was ſie ſehen oder ſonſt empfinden und die Einbildungs-Kraft bringet hervor, was ſie ſonſt damit ver - wandtes empfunden (§. 238 Met.). Da nun hieraus ihre ſinnliche Begierden er - wachſen (§. 434 Met.), mit denen die aͤuſſeren Handlungen oder Bewegungen des Leibes uͤbereinſtimmen (§. 765 Met.);E 5ſo74Das 3. Cap. Von derſo koͤnnen Kinder auch nichts thun, als was ſie von andern geſehen und wozu ſie gewoͤh - net worden, jedoch mit einigem Unterſchei - de, in ſo weit nemlich die natuͤrliche Nei - gungen in den Handlungen einige Aende - rung machen. Und daher komme es, daß Kinder alles nachthun, und in aͤhnlichen Faͤllen ein gleiches thun (§. 331. Met.). Derowegen hat man die allergroͤſte Sorg - falt zu gebrauchen, daß Kinder nichts boͤ - ſes noch unanſtaͤndiges zu ſehen bekommen, ehe ſie eine Gewohnheit im guten erhalten, und durch den Gebrauch der Vernunfft Gutes und Boͤſes recht zu unterſcheiden wiſ - ſen. Man ſiehet hieraus zugleich, warum Kinder am aller leichteſten ſich verfuͤhren laſ - ſen. Man erkennet aber auch, welche Menſchen den Kindern gleich zuachten ſind, wenn ſie auch gleich den Jahren nach nicht mehr Kinder ſeyn, und daher ſich ſo leicht als jene verfuͤhren laſſen, nemlich alle die - jenigen, die bloß an ihren Sinnen und der Einbildungs-Krafft hangen, und weder Erfahrung noch Gewohnheit im Guten ha - ben.

Wie El - tern den Kindern ein gutes Exempel geben ſollen.

§. 102.

Weil nun die Kinder um die Eltern ſind und ihr Thun und Laſſen ſehen; ſo ſind ſie auch verbunden, ihnen mit guten Exempeln vorzugehen, das iſt, weder zu thun, was boͤſe, noch zu unterlaſſen, was gut iſt, ja auch dergleichen Handlungenfuͤr75Vaͤterlichen Geſellſchafft. fuͤr ihnen zu verheelen, durch deren Nachah - mung in unrechten Faͤllen ſie koͤnnen ver - dorben werden. Und hieraus erwaͤchſet von neuem eine Verbindlichkeit zu einer gu - ten Auffuͤhrung der Eheleute gegen einan - der.

§. 103.

Da nun Exempel und Fabeln,Was fuͤr Hiſtoꝛien und Fa - beln den Kindern zu erzeh - len. die ſo eingerichtet ſind, daß ſie den Erfolg der guten und boͤſen Handlungen hand - greifflich machen, dazu dienlich ſind, daß man im guten vernuͤnfftig wird, auch die Vernunfft bey den Sinnen, der Einbil - dungs-Krafft und den Affecten nicht un - terliegen darf (§. 373 Mor.); ſo hat man den Kindern, bey ſich zeigendem Gebrau - che der Vernurfft, durch Exempel und Fa - beln die Tugenden und Laſter vorzuſtellen, damit ſie beyde nicht allein kennen lernen, ſondern auch einen Trieb zu jenen, und ei - nen Abſcheu fuͤr dieſen bekommen. Und mit dieſen Erzehlungen wuͤrde man bey ih - nen ein mehrers fruchten als mit den abge - ſchmackten Maͤhrlein, die gewoͤhnlicher Maßen von alten Weibern und ihres glei - chen den Kindern erzehlet werden, dadurch ſie in allerhand Vorurtheil und Aberglau - ben verleitet, auch oͤffters zu vielen boͤſen Neigungen gleichſam zugeſtimmet werden. Man ſiehet auch hieraus, was fuͤr Leuten man die Aufferziehung anzuvertrauen hat.

§. 104.76Das 3. Cap. Von der
Wie man ihnen Luſt zur Arbeit machet.

§. 104.

Damit die Kinder von ihrer erſten Kindheit an Luſt zur Arbeit, und hin - gen Abſcheu fuͤr dem Muͤßiggange bekom - men; ſo muͤſſen ſie allzeit etwas vorhaben und niemahls in der Stille muͤßig zu ſitzen angehalten werden. Weil ſie nun aber zur Arbeit noch nicht geſchickt ſind; ſo koͤnnen ſie auch nichts thun als ſpielen. Es iſt a - ber das Spiel eine jede Verrichtung, die man zum Zeit-Vertreibe vornimmet. Und demnach muͤſſen Kinder allezeit etwas zu ſpielen haben. Wer von Kindheit auf ge - wohnet iſt immer etwas vorzuhaben, dem faͤllet es auch in erwachſenen Jahren be - ſchweerlich, wenn er nichts vorhaben ſoll.

Was bey ihrem Spielen zu beden - cken.

§. 105.

Bey den Spielen der Kinder finde ich zweyerley zu errinnern. Erſtlich muß man darauf ſehen, daß ſie durch das Spielen an ſolche Handlungen gewoͤhnet werden, dergleichen ſie nach dieſem in ihren ernſthafften Verrichtungen noͤthig haben. Denn auf ſolche Weiſe werden ſie zu die - ſem vorbereitet, und faͤllet ihnen nachdem nicht ſchweer, wenn ſie von dem Spielen zur Arbeit ſchreiten: wie aus demjenigen mit mehrern abzunehmen, was in einem aͤhnlichen Falle von dergleichen Vorberei - tung ausgefuͤhret worden (§. 89). Nem - lich man ſiehet leicht, wenn bey den ernſt - hafften Verrichtungen oder der Arbeit eben dergleichen Handlungen noͤthig ſind, die ſiebey77Vaͤterlichen Geſellſchafft. bey dem Spielen gebrauchen, ihnen die Arbeit eben wie das Spiel vorkommet. Derowegen da ſie mit Luſt geſpielet; koͤn - nen ſie auch nicht mit Verdruß arbeiten. Darnach hat man zugleich Vorſorge zu tragen, daß ſie durch die Spiele allerhand nuͤtzliche Wahrheiten in ihr Gemuͤthe praͤ - gen, die der Grund zu vieler Erkaͤntnis ſind, wenn ſie nach dieſem ihren Verſtand ſollen brauchen, und etwas nuͤtzliches ler - nen. Endlich muͤſſen ſie auch dahin ge - bracht werden, daß ſie ſich in ihrem Spie - le ordentlich auffuͤhren, und hat man da - vor zu ſorgen, wie ſie dadurch den Begriff eines ordentlichen Wandels feſt in ihr Ge - muͤthe praͤgen (§. 142 Mor.), auch durch dieſe Ubung im Spiele einige Fertigkeit bekommen. Jch weiß wohl, daß nun die meiſten fragen werden, wie iſt dieſes alles anzuſangen? Allein wer ſiehet nicht, daß dieſe Materien ins beſondere auszufuͤhren hier weder Zeit, noch Gelegenheit iſt? Man muͤſte ein gantzes Buch allein hiervon ſchrei - ben, wenn alles zum gemeinen Gebrauche ins beſondere ſolte ausgefuͤhret werden. Wenn viele, denen GOtt Gelegenheit ge - geben in der Kinderzucht etwas nuͤtzliches zu verſuchen, mit reiffem Verſtande und einer guten Einſicht in die unſer Thun und Laſſen betreffende Wahrheiten daruͤber kommen werden; ſo wird mit der Zeit vielnuͤtz -78Das 3. Cap. Von dernuͤtzliches von ihnen in dieſem Theile der Kinderzucht beygetragen werden. Es waͤre nun einmahl Zeit, wenn dieſer Theil der Welt Weisheit, der von der Menſchen Thun und Laſſen handelt, in mehrere Auf - nahme kommen ſol, daß man, wie in der Erkaͤntniß der Natur geſchiehet, mit ver - einigten Kraͤfften die Sache angrieffe, nuͤtz - liche Anmerckungen mittheilete, und mit Uberlegung allerhand Verſuche anſtellete. Unterdeſſen ſiehet man zugleich aus dem, was von den Spielen vorgeſchrieben wor - den, daß dadurch die Kinder auch auf vie - lerley Weiſe koͤnnen verderbet werden, wenn man entweder nicht die rechten erwehlet, oder auch ſie ſich dabey nicht ſo auffuͤh - ren, wie ſichs in einer weiteren Abſicht ge - buͤhret.

Was fuͤr eine Le - bens-Art fuͤr die Kinder zu eꝛweh - len.

§. 106.

Weil die Eltern ihre Kinder ſo weit bringen ſollen, daß ſie ſich ſelbſt ver - ſorgen koͤnnen (§. 80); ſo muͤſſen ſie auch dieſelben etwas lernen laſſen, damit ſie ihr Brodt ihnen erwerben koͤnnen. Da ſie nun ſolcher geſtalt dieſelben zu einer gewiſ - ſen Lebens-Art geſchickt machen ſollen, ſo iſt dieſe mit als eine der vornehmſten Ab - ſichten anzuſehen (§. 910 Met.), und daher haben die Eltem ſonderlich ſie dazu anzuhal - ten, was ihnen zu ihrer kuͤnfftigen Lebens - Art nuͤtzlich iſt (§. 140 Mor.). Es lehret die Erfahrung, daß ſich nicht jeder zu allenVer -79Vaͤterlichen Geſellſchafft. Verrichtungen ſchicket. Es iſt aber nicht weniger bekand, daß Zwang nicht gut thut. Wo man mit Wiederwillen lernen ſol, da gehet es ſelten wohl von ſtatten und bringet man es nicht weit: denn wer etwas mit Verdruß thut, der iſt frohe, daß er damit fertig iſt, es mag gerathen wie es will. Derowegen haben Eltern darauf zu ſehen, wozu die Kinder einen natuͤrlichen Trieb haben, und ſie zu dieſer, keines weges a - ber zu einer anderen Lebens-Art anzuhal - ten.

§. 107.

So bald ſie demnach zum Ver -Wie die Kinder darauf zu ſehen haben. ſtande kommen, daß ſie begreiffen lernen, was ihnen zu ihrer kuͤnfftigen Lebens-Art gut iſt oder nicht, ſollen ſie angefuͤhret wer - den dieſelbe allezeit vor Augen zu haben, ins kuͤnfftige hinaus zu ſehen und bey allem ih - rem Thun und Laſſen zu uͤberlegen, was es ihnen fuͤr Vortheil dazu ſchaffen werde (§. 140 Mor.).

§. 108.

Da nun die Weisheit denWie man ſie weiſe machen ſol. Menſchen geſchickt machet ſeine Abſichten dergeſtalt mit einander zu verknuͤpffen, daß eine ein Mittel der andern wird und hinwie - derumb dergleichen Mittel zu erwehlen, die uns zu unſern Abſichten fuͤhren (§. 914. Met.); ſo ſollen auch die Kinder weiſe ge - macht werden: wozu dasjenige Mittel und Wege an die Hand geben wird, was von Erlangung der Weisheit (§. 315 & ſeqq. Mor. 80Das 3. Cap. Von derMor.) weitlaͤufftig ausgefuͤhret worden. Abſonderlich finde ich hierzu ſehr dienlich, wenn man Exempel anderer ſich vor Augen ſtellet. Denn wenn ich mir einen Mann, der ſich in derjenigen Lebens-Art, die man ſich erwehlet, mit Ruhm hervorgethan, zum Muſter vorſtelle; ſo ſehe ich nicht allein, was mir noch fehlet und wornach ich mich zu bemuͤhen habe, ſondern indem man bey ihm wahrnimmet, was uns noch abgehet, bekommet man dadurch einen neuen Trieb zu fernerem und mehrerem Fleiſſe. Jch rede, was ich erfahren, und ein jeder ſie - het, daß dieſes nicht allein fuͤr Kinder die - net, ſondern bey jedermann gut thut, er mag es ſo weit gebracht haben als er wil.

Wie man ſie klug machen ſol.

§. 109.

Weil durch Klugheit ausge - fuͤhret wird, was weißlich erdacht worden (§. 327 Mor.); ſo hat man ferner davor zu ſargen, daß die Kinder bey Zeiten klug gemacht werden: wozu dasjenige dienlich iſt, was davon (§. 329 & ſeqq. Mor.) bey - gebracht worden. Abſonderlich muß man ihnen allerhand Exempel vorſtellen, damit ſie aus den loͤblichen lernen, was zu thun iſt; hingegen aus den ungluͤcklichen, was ſie meiden ſollen (§. 333 Mor.). Und in dieſer Abſicht muß man ſie gewoͤhnen auf der Menſchen Thun und Laſſen acht zu ha - ben, und dabey zu unterſuchen, wie ſie ſich dadurch entweder Vortheil oder Schadenſchaf -81Vaͤterlichen Geſellſchafft. ſchaffen, worinnen ſie es verſehen, wenn ſie ſich in ihrem Gluͤck gehindert, und wie ſie es unterweilen ſeltſam anfangen muͤſſen, da - mit ſie ihren Zweck erreichen koͤnnen.

§. 110.

Ein Menſch hat darauf zu ſe -Wie man ſie lehren ſol mit dem Gel - de recht umzuge - hen. hen, daß er nicht allein einen Zehr - und Eh - ren-Pfennig, ſondern auch einen Noth - Pfennig hat (§. 514. 515 Mor.) Dero - wegen haben auch Eltern ihre Kinder bey Zeiten anzufuͤhren, daß ſie mit dem Gelde wohl umgehen, und abſonderlich den Ge - brauch deſſelben nach dieſem dreyfachen Un - terſcheide lernen. Zu welchem Ende ſie ih - nen Geld zu geben haben, daß ſie es zwar in ihrer Verwahrung haben und damit thun koͤnnen, was ſie wollen, jedoch aber Rechenſchafft geben muͤſſen, wie ſie damit umgegangen, nachdem man anfangs ihnen ſelbſt geſagt, wie ſie damit umgehen ſollen, und ſie es alſo unter der Eltern Aufſicht ver - wahren und verwalten muͤſſen. Es iſt auch nicht undienlich, wenn man ihnen das Geld nicht anders als eine Belohnung ihres Fleiſ - ſes giebet, damit ſie lernen, Geld muͤſſe erworben werden. Wie denn ferner dien - lich iſt, daß man ihnen aus der Erfahrung durch Exempel zeiget, wie ſchweer es zu er - werben; wie viele Muͤhe die Menſchen ſich geben und wie gꝛoſſe Gefahr ſie oͤffters des - halben ausſtehen muͤſſen; wie wenige zu einem groſſen Vermoͤgen kommen und was(Politick) Fder -82Das 3. Capitel Von derdergleichen mehr iſt. Abſonderlich muͤſſen ſie auch bey Zeiten lernen, wie Geld ſich bald verthun laͤſſet, und, wenn es weg iſt, nicht ſo gleich und ſo leichte wider zu erlangen ſtehet. Es haben Eltern um ſo vielmehr in dieſem Stuͤcke fuͤr ihre Kinder zu ſorgen, je gewiſſer es iſt, daß ein groſ - ſer Theil ihrer Gluͤckſeeligkeit hierauf beru - het; auch leider! die taͤgliche Erfahrung lehret, wie viele Menſchen bloß dadurch verderben, daß ſie nicht mit dem Gelde recht umzugehen wiſſen. Es iſt oͤffters mehr daran gelegen, daß Eltern Kinder Geld erwerben und damit recht umgehen lernen, als daß ſie ihnen groſſes Gut hinterlaſſen. Wer dasjenige wohlbedaͤchtig erweget, was von den Pflichten des Menſchen in Anſehung ih - res Vermoͤgens (§. 516 & ſeqq. Mor.) weitlaͤufftig erwieſen worden; der wird noch gar vieles ſehen, was man mit den Kindern vorzunehmen hat, wenn ſie mit dem Gelde recht umzugehen lernen ſollen.

Wie man ihnen Ruhm - Begierde beybrin - get.

§. 111.

Da die Ruhm-Begierde den Menſchen antreibet ohne Intereſſe Gutes zu thun, ihnen ihre ſaure Muͤhe verſuͤſſet, und bey entſtehenden Schwierigkeiten Muth machet, daß ſie nicht nachlaſſen, bis ſie das, was loͤblich iſt, ausgefuͤhret (§. 467 Met.) dieſe Begierde aber nichts anders iſt als die Luſt und Freude uͤber dem Urtheile anderer von dem Guten, was wir gethan haben,und83Vaͤterlichen Geſellſchafft. und unſerer Vollkommenheit (§. 466 Met.); ſo muß man auch die Kinder loben, wenn ſie gutes gethan haben, und bey dem Lobe zugleich aufmuntern, daß ſie fortfahren ſol - len, auch ihnen zeigen, wie ſie deswegen von verſtaͤndigen werden lieb und werth ge - halten werden, und was noch fuͤr groͤſſeres Lob zu erhalten in ihren Kraͤfften ſtehet. Und gewiß! dieſes iſt der rechte Probier - Stein der Gemuͤther. Wer durch Lob ſich reitzen laͤſſet zum Guten, von dem kan man viel gutes hoffen: hingegen wer niedertraͤch - tig iſt und nach Lob nichts fraget, von dem kan man ſich eben nicht viel ſonderliches verſprechen. Jch habe auch ſchon anders - wo (§. 556. 560 Mor.) erwieſen, daß ehr - liebende Gemuͤther leicht; hingegen nieder - traͤchtige ſchweer zu lencken ſind, und dem - nach iſt klar, daß jene die Anferziehung leichte, dieſe hingegen ſie ſchweer ma - chen.

§. 112.

Weil ein ehrliebendes Gemuͤ -Behnt - ſamkeit die hier - bey zu gebrau - chen. the gar leichte ehrgeitzig werden kan (§. 598 Mor.) und abſonderlich Kinder, die noch ſchwach am Verſtande ſind, der Sache leicht zuviel thun koͤnnen; der Ehrgeitz aber bey ihnen viel ſchaͤdliches nach ſich ziehet, indem ſie ſich mehr einbilden als ſie ſollen, auf niemanden acht haben, andere gegen ſich verachten und was dergleichen mehr iſt: ſo hat man groſſe BehutſamkeitF 2zu -84Das 3. Capitel Von derzugebrauchen, daß man die Kinder nicht ehrgeitzig und hochmuͤthig machet, indem man eine Begierde nach Ruhm in ihr Ge - muͤthe pflantzen will. Nehmlich man muß wohl acht geben, daß ſie niemanden gegen ſich verachten, und daher gewoͤhnen uͤberall auf das gute zuſehen, was ſie bey andern fin - den, die Maͤngel und Gebrechen anderer zum beſten zudeuten, und, wo dieſes nicht geſchehen kan, mit denen Perſonen, die da - mit behafftet ſind, Mitleiden zu haben. Da nun das Mittel hierzu eine aufrichtige Lie - be iſt (§. 449. 461. Met.); ſo hat man mit allem Fleiße eine Liebe gegen an - dere Menſchen in ihnen zu pflantzen (§. 777. Mor.) Auch hat man darauf zuſehen, daß ſie beſcheiden gegen jedermann ſich auf - fuͤhren und inſonderheit die Demuth bey Zeiten angewoͤhnen (§. 631. 634. & ſeqq. Mor.).

Wie Kin - der an - zuge - woͤhnen einen je - den zu ehren.

§. 113.

Unerachtet nun aber Kinder nicht faͤhig ſind das Gute, was bey andern iſt zu beurtheilen, und ihnen daher ihre ge - buͤhrende Ehre zu geben (§. 590. Mor.); ſo dienet doch nicht wenig dazu, daß ſie an - gehalten werden, jedermann mit Ehren - Bezeigungen entgegen zu gehen, das iſt, ſich ſo in Worten und Wercken, ingleichen in Minen und Geberden gegen andere auf - zufuͤhren, wie wir thun wuͤrden, wenn wir das Gute, das bey andern anzutreffen, be -greif -85Vaͤterlichen Geſellſchafft. greiffen (§. 590. Mor.). Damit nun Kin - der deſto eher dazu zubringen ſind, ſo muß man ſich wohl in acht nehmen, daß man nicht in ihrer Gegenwart von andern Leu - ten veraͤchtlich redet, auch jederman, der bey uns was zu ſuchen hat, freundlich be - gegnet. Und muß man abſonderlich ih - nen den Gedancken beybringen, daß er - wachſene und ſonderlich alte Leute viel Gutes an ſich haben, daß ihnen noch feh - let, damit ſie eine Hochachtung gegen ſie bekommen: welcher Gedancke in ihnen beſtetiget wird, wenn man ihnen, auch un - terweilen dem Anſehen nach an veraͤchtlichen Perſonen, dergleichen zeiget, ſo in die Au - gen faͤllet und ſie nicht verſchmaͤhen wuͤr - den, woferne es ihnen koͤnnte mitgetheilet werden.

§. 114.

Unter denen Tugenden, wel -Warum Kinder zur Wahr - hafftig - keit und Ver - ſchwie - genheit zu ge - woͤhnen. che man Kindern anzugewoͤhnen, gehoͤren auch abſonderlich die Wahrhafftigkeit und Verſchwiegenheit. Denn da ein Luͤgner ſeinen Glauben verlieret und nie - mand gerne mit ihm etwas zuthun hat (§. 982. Mor.); ſo koͤnnen Kinder wenig in der Welt unter Leuten fortkommen, wo - ferne ſie nicht wahrhafftig ſind. Eben der - gleichen iſt zu beſorgen, wenn ſie nicht ver - ſchwiegen ſind: denn einen Plauderer mag niemand gerne um ſich baben, weil er zu vieler Uneinigkeit und Verdruß AnlaßF 3gie -86Das 3. Capitel Von dergiebet, es wird ihn auch niemand zu ſeinem vertrauten Freunde verlangen.

Warum Kinder zur Gott - ſeeligkeit anzufuͤh - ren.

§. 115.

Da die Gottſeeligkeit alle Tu - genden erhoͤhet (§. 673. Mor.), ja, indem ſie neue Bewegungs-Gruͤnde giebet (§. 676. Mor.), auch die anderen Tugenden erleichtert (§. 496. Met.); ſo haben El - tern die Kinder bey Zeiten gottſeelig zu ma - chen.

Warum ſie zur Erkaͤnt - nis Got - tes zu bringen.

§. 116.

Weil die Gottſeeligkeit eine Fertigkeit iſt alle Handlungen zur Ehre Gottes einzurichten (§. 670. Mor.), dazu aber eine lebendige Erkantnis Gottes er - fordert wird (§. 658. Mor.); ſo ſollen El - tern ihre Kinder bald zur Erkaͤntnis Got - tes anfuͤhren (§. 115) und ſo lange ſich bey ihnen der Gebrauch der Vernunfft nicht zeiget, hauptſaͤchlich die Betrachtung der Natur dazu gebrauchen.

Warum man nicht ein meh - reres hier von bey - bringet.

§. 117.

Von beſonderen Pflichten ge - gen GOtt iſt nicht noͤthig hier zu reden, weil ſolches ſchon anderswo zur Gnuͤge geſchehen (c. 2. & ſeqq. Mor.). Denn ob - wohl nicht alles ohne Unterſcheid bey den Kindern anzubringen; ſo wird doch ein Verſtaͤndiger bald ſehen, wie weit die Faͤ - higkeit der Kinder es zulaͤſſet mit ihnen zu gehen, wie ich auch ſchon vorhin von andern Pflichten errinnert habe (§. 85).

Was die vaͤterli - che Ge - walt iſt.

§. 118.

Das Recht Kinder zu regie - ren, das iſt, ihre Handlungen nach ſeinemGut -87Vaͤterlichen Geſellſchafft. Gutbefinden einzurichten, wird die vaͤter - liche Gewalt genennet.

§. 119.

Ein Kind, das in vaͤterlicher Ge -Wer un - muͤndig und muͤndig iſt. walt iſt, wird unmuͤndig genennet: wenn es aber von der vaͤterlichen Gewalt frey wird, ſo heißet es muͤndig.

§. 120.

Weil nun die Eltern ihre Kin -Macht der El - tern den Kindern zu befeh - len. der regieren (§. 81) und alſo ihnen befehlen ſollen, was ſie zu thun und zu laſſen ha - ben (§. 82); ſo flieſſet die Macht zu befeh - len aus der vaͤterlichen Gewalt (§. 118), und haben vermoͤge dieſer Eltern ihre Kin - der dazu zu gewoͤhnen, daß ſie nichts oh - ne ihr Vorwiſſen und Willen vornehmen doͤrffen, ſondern vielmehr in allem der El - tern Willen ihren Willen ſeyn laſſen. Zu dem Ende haben ſie nicht allein ſie dazu zu verbinden, daß ſie allezeit erſt fragen, ob ſie dieſes oder jenes thun oder laſſen doͤrffen (§. 96); ſondern auch ſtets ihnen zu ſagen, was ſie bey allen ſich ereignenden Gelegen - heiten zu thun und zu laſſen haben.

§. 121.

Da die Kinder, ſo lange ſie un -Warum unmuͤn - dige rei - nen Ver - gleich machen doͤrffen. muͤndig ſind (§. 119) nicht thun doͤrffen, was ſie wollen, ſondern erſt fragen muͤſ - ſen, ob es die Eltern haben wollen oder nicht (§. 120); ſo koͤnnen ſie auch ohne Ein - willigung der Eltern mit niemanden einen Vergleich aufrichten. Und demnach ſind al - le ihre Vergleiche und Vertraͤge unguͤltig, woferne es nicht ſolche Dinge betriefft, daF 4man88Das 3. Capitel Von derman vorher ſehen kan, daß Eltern darein willigen wuͤrden, wenn ſie es wuͤſten, und man alſo ihrer Einwilligung ohne ſie zu fra - gen verſichert ſeyn kan. Nehmlich weil zu einem Vertrage ein Verſprechen und Ge - genverſprechen erfordert wird (§. 1008. Mor.); ſo kan dergleichen ohne beyder Theile Einwilligung, dadurch ſie der Sa - che mit einander eines werden, nicht geſche - hen (§. 1003 Mor.). Weil nun unmuͤn - dige vor ſich nicht einwilligen koͤnnen ohne Wiſſen und Willen der Eltern, als deren Wille in allem ihr Wille ſeyn muß (§. 120); ſo moͤgen ſie etwas verſprechen oder dage - gen verſprechen, ſo iſt es eben ſo viel als wenn ſie nichts verſprochen oder dagegen verſprochen haͤtten. Und demnach iſt kein Vertrag unter ihnen aufgerichtet worden.

Wie lang Kinder in der vaͤ - terlichen Gewalt bleiben.

§. 122.

Da die Kinder deswegen unter der Gewalt der Eltern ſind, weil ſie ſich nicht ſelbſt verſorgen und regieren koͤnnen; (§. 81. 118); ſo bleiben ſie auch ſo lange in der vaterlichen Gewalt und ſind daher ſo lange als unmuͤndig zu achten, ſo lange ſie ſich nicht ſelbſt verſorgen und regieren koͤnnen. Wenn nun alſo gleich die Kinder durch Arbeit und Dienſte, die ſie anderen leiſten, ihr Brodt und Kleidung ſelber ver - dienen, und alſo nicht mehr von den Eltern Unterhalt noͤthig haben; ſo ſind ſie doch, ſo lange ſie ihr Beſtes noch nicht ſelbſt verſte -hen,89Vaͤterlichen Geſellſchafft. hen, noch in Anſehung ihrer uͤbrigen Hand - lungen unter der Gewalt der Eltern und ha - ben dieſe noch wie vorhin Macht ihnen zu befehlen, was ſie thun und laſſen ſollen. Daher ſie auch noch in dieſem Zuſtande nicht eigenmaͤchtig mit jemanden einen Vergleich oder Vertrag machen doͤrffen. (§. 121).

§. 123.

So bald Kinder ſich ſelbſt ver -Wenn die vaͤ - terliche Gewalt aufhoͤ - ret. ſorgen und regieren koͤnnen; haben ſie es nicht mehr noͤthig von ihren Eltern zu for - dern, ſondern dieſe ſind vielmehr von der - ſelben Verbindlichkeit ſrey (§. 769 Mor.). Und alſo hoͤret alsdenn ihre Gewalt auf und die Kinder gehen aus der vaͤterlichen Gewalt, und werden nach dem Rechte der Natur muͤndig.

§. 124.

Weil die Eltern Macht habenKinder ſollen den El - tern ge - horchen. die Kinder zu verbinden und ihnen zu befeh - len, was ſie thun und laſſen ſollen (§. 96. 120); ſo ſind auch Kinder verbunden zu thun und zu laſſen, was ihnen von den El - tern befohlen wird. Da nun die Fertig - keit Befehle auszurichten Gehorſam ge - nennet wird; ſo ſind Kinder ihren Eltern zu gehorchen ſchuldig. Die Nothwendig - keit des Gehorſams erhellet auch daraus, weil ohne ihn die Vaͤterliche Gewalt nicht beſtehen kan.

§. 125.

Eltern haben nicht weiter MachtJedoch nicht in nnbilli - chen Din - gen. den Kindern zu befehlen als in billichen Din -F 5gen,90Das 3. Capitel Von dergen, das iſt, nichts als was dem Geſetze der Natur gemaͤß iſt. Denn die Kinder ſind nichts verbunden als dieſes zu thun und, weil ſie es nicht verſtehen, ſo ſollen Eltern es ihnen ſagen, auch dazu anhalten, daß ſie es vollbringen (§. 81). De - rowegen wenn ſie befehlen, was unrecht iſt; ſo haben ſie kein Recht dazu und ſind demnach auch die Kinder ihnen zu gehorchen nicht verbunden.

Wie ſie zum Ge - horſam willig werden.

§. 126.

Damit nun die Kinder zum Gehorſam deſto williger ſind, haben die Eltern mit allem Fleiße darnach zu ſtreben, wie ſie ihnen bey Zeiten beybringen, daß ſie weiter nichts als ihr Beſtes ſuchen, auch daher nicht ohne Noth ihnen zuwieder zuſeyn, wenn ſie etwas verlangen, ſo ihnen nicht nachtheilig iſt. Jedoch hat man hierbey auf den Unterſcheid der Gemuͤther zu ſehen. Denn einige laſſen ſich mit Liebe ziehen, an - dere hingegen mit Haͤrte. Wuͤrde man dem erſten hart begegnen, ſo wuͤrden ſie da - durch in ihrem Gemuͤthe niedergeſchlagen; wolte man aber dieſe bloß durch Liebe len - cken, ſo wuͤrden ſie darnach nichts fragen. Es wird hierunter nicht wenig verſehen, und iſt ein Gluͤck fuͤr Kinder, wenn ſie Eltern nach dem Zuſtande ihres Gemuͤths bekom - men haben.

Kinder ſollen ge - gen ihre

§. 127.

Da die Cltern den Kindern vie - le Wohlthaten erweiſen, und zwar um ſoviel91Vaͤterlichen Geſellſchafft. viel mehrere, je embſiger ſie ſuͤr ihreEltern danckbae ſeyn. Gluͤckſeeligkeit ſorgen (§. 834 Mor. & 449 Met.); man aber verbunden iſt gegen ſei - Wohlthaͤter danckbar zu ſeyn (§ 834 Mor.); ſo ſind auch Kinder verbunden gegen ihre Eltern danckbar zu ſeyn.

§. 128.

Zu dem Ende iſt noͤthig, daßWie ſie dazu ge - bracht werden. den Kindern die Wohlthaten, welche ſie von ihren Eltern genieſſen, deutlich vor Au - gen gemahlet werden, damit ſie ihre Groͤſ - ſe recht einſehen lernen (§. 839 Mor.). Und iſt hierzu abſonderlich dienlich, daß ih - nen zugleich die beſonderen Umſtaͤnde der Wohlthaten vorgeſtellet werden, als z. E. daß die Eltern an ihnen ein mehreres thun als andere, die es eben ſo gut, oder auch noch wohl beſſer thun koͤnnten; daß es die Eltern nach ihren Umſtaͤnden ſchweer an - kommet und was dergleichen mehr iſt. Es iſt aber dienlicher, wenn ſolches von andern Leuten, als von den Eltern geſchiehet, denn ſo ſetzen die Kinder deſto weniger darein ei - nen Zweiffel, indem ſie es fuͤr ſo viel gewiſ - ſer halten, weil auch andere dieſes einſe - hen: wiewohl diejenigen, ſo dieſes thun, die Ermahnungen wegzulaſſen haben, da - mit ſie nicht meinen, als wenn ſie es bloß zu der Abſicht ſagten. Die Ermahnun - gen, die Eltern davor zu lieben und ihnen gehorſam zu ſeyn, koͤnnen nach dieſem von andern hinzugeſetzet werden. Ja ſie wer -den92Das 3. Cap. Von derden vor ſich thun, was den Eltern gefaͤllig iſt, wenn ſie nur erſt die Wohlthaten, wel - che ſie genieſſen, recht erkennen lernen. Jch weiß wohl, daß Kinder ihnen einbilden, Eltern muͤſſen dieſes thun, und in den Ge - dancken ſtehen, davor, was einer thun muß, ſey man ihm eben keinen Danck ſchul - dig. Es iſt nicht zu leugnen, daß dieſes boͤſe Gemuͤther ſind: allein, weil man auch bey ihn alle Kraͤffte anwenden ſoll, wie ſie moͤgen gewonnen werden, ſo muß man auch mit auf ſie acht haben. Daß man ihnen ihren Jrrthum benehme, als wenn man davor nicht Danck ſchuldig waͤre, was einer uns zuthun verbunden, wuͤrde viel zu weitlaͤufftig, ja gar offt unmoͤglich fal - len, weil dergleichen ungeartete Gemuͤther wenig oder keine Vernunfft haben. De - rowegen iſt das ſicherſte Mittel, daß man ihnen nach Beſchaffenheit der beſonderen Umſtaͤnde zeiget, die Eltern thun mehr an ihnen, als ſie ſchuldig waͤren: welches ſie am beſten begreiffen lernen, wenn man ihnen andere Exempel entgegen ſtellet.

Kinder ſollen El - tern lie - ben.

§. 129.

Die Danckbarkeit beſtehet in der Liebe der Wohlthaͤter wegen der von ihnen uns erzeigeten Wohlthaten (§. 469 Met.). Da nun die Kinder gegen ihre El - tern danckbahr ſeyn ſollen (§. 127); ſo ſol - len ſie ſie auch lieben. Und weil ſie ſie lie - ben, indem ſie ein danckbahres Gemuͤtheha -93Vaͤterlichen Geſellſchafft. haben (§. 469 Met.); ſo werden ſie eben - falls durch die Vorſtellung der Wohltha - ten, welche ſie von den Eltern genieſſen, ſie zu lieben bewogen (§. 128). Man kan auch als einen Bewegungs-Grund zur Lie - be gegen die Eltern die Liebe der Eltern ge - gen ſie gebrauchen, welche man aus der Vorſorge fuͤr ihre Gluͤckſeeligkeit und aus der Freude, die ſie daruͤber bezeigen (§. 449. 451 Met.), ingleichen aus der Trau - rigkeit uͤber ihrem Ungluͤck (§. 452 Met.), erweiſen kan.

§. 130.

Von der Liebe kan die kindli -Auch fuͤrchten. che Furcht nicht abgeſondert werden (§. 694 Mor.). Derowegen weil Kinder ihre El - tern lieben ſollen (§. 129); ſo ſind ſie auch verbunden dieſelben zu fuͤrchten, folgends bey allem Thun und Laſſen beſorget zu ſeyn, daß nicht etwan was vorgenommen werde, was ihnen zuwieder iſt, oder auch unter - laſſen, was ihnen gefaͤllet (§. 694 Mor.). Eben deswegen weil die kindliche Furcht von der Liebe nicht abgeſondert werden kan; ſo ſind die Mittel zur Liebe auch zugleich die Mittel zur kindlichen Furcht. Man ſie - het aber leicht, daß dieſe Furcht die Kin - der um ſo viel leichter ankommet, je mehr ſie gleich im Anfange dazu angewoͤhnet werden nichts zu thun oder zu laſſen, als wovon ſie erſt die Eltern gefraget, ob ſie es thun oder laſſen doͤrffen (§. 120).

§. 131.94Das 3. Cap. Von der
Ob Kin - der eine knechti - Furcht haben ſollen.

§. 131.

Weil eine knechtiſche Furcht, da man die Eltern wegen der Straffe fuͤrch - tet (§. 705 Mor.), nicht noͤthig iſt, wo eine kindliche vorhanden (§. 706 Mor.); ſo ſoll - te man meinen, Kinder haͤtten dergleichen Furcht gar nicht noͤthig. Allein weil nicht alle von ſo gutem Gemuͤthe ſind, daß ſie ſich durch Liebe gegen die Eltern, daraus die kindliche Furcht erwaͤchſet (§. 130), lencken laſſen, auch ihnen theils von an - dern beygebracht, theils durch die eigene Schwaͤche ihres Verſtandes ihnen vorge - ſtellet werden kan, als wenn die Eltern es nicht gut mit ihnen meineten, indem ſie ih - nen dieſes verſagen, oder jenes zu thun be - fehlen; ſo muͤſſen auch die Eltern nicht al - lein unter Bedrohungen, ſondern auch durch Vollſtreckung der angedroheten Straffe ſie in der knechtiſchen Furcht er - halten. Jedoch finde ich hierbey etwas nothwendiges zu errinnern. Es hat einige Kinder, die ein ehrliebendes Gemuͤthe ha - ben, oder wenigſtens zur Liebe der Ehre ge - neiget ſind, und daher die Straffe, wenn ſie an ihnen vollſtrecket wird, fuͤr eine un - ertraͤgliche Beſchimpffung halten. Man kan es gleich erfahren, ob ſie dergleichen Gemuͤthe haben oder nicht. Denn wenn man ſich anſtellet, als wenn es rechter Ernſt ſey ſie zu ſtraffen; ſo werden ſie auf das eifrigſte bitten, man ſolle nur dieſes mahlſie95Vaͤterlichen Geſellfchafft. ſie verſchonen. Hier richtet die Furcht fuͤr der Straffe mehr aus, als die Straffe ſelbſt. Derowegen iſt nicht zu rathen, daß man ſie an ihnen vollſtrecke; ſondern es iſt genung, wenn man ſonderlich bey wieder - holeten Handlungen ſich lange anſtellet als wenn man ſich nicht wolle erbitten laſſen, und ihnen es ſchweer machet, ehe ſie davon loß kommen, auch ſcharf bedrohet, man wolle ſich nun nicht mehr erbitten laſſen. Sollte man aber vermeinen, ſie wuͤrden endlich dadurch auf die Gedancken gera - then, als wenn es mit der Straffe kein Ernſt waͤre und ſich davor nicht mehr fuͤrchten; ſo kan man um den Ernſt zu zeigen nicht allein andere vor ſie bitten laſſen, die ihnen ein andermal ihre Vorbitte verſagen, ſondern auch die Straffe, welche ſie ſich als etwas ſchimpfliches vorſtellen, in eine andere ge - lindere verwandeln. Wo dieſes nicht fruch - tet, da kan man auch verſichert ſeyn, daß wenige Neigung zur Ehrliebe vorhanden, und man demnach mit der Schaͤrffe die knechtiſche Furcht muß zu behaupten ſuchen. Sonſt iſt gewiß, daß man die Straffe we - niger achtet, je oͤfter ſie einen betroffen, ab - ſonderlich wo man ſie mehr fuͤr eine Be - ſchimpffung anſiehet, als einen Schmertz, der wehe thut.

§. 132.

Wenn Kinder eine kindlicheWoher Kinder eine Scheit Furcht fuͤr ihren Eltern haben, ſo ſind ſieaus96Das 3. Cap. Von derfuͤr den Eltern bekom - men.aus Liebe beſorget, daß ſie nicht etwan et - was vornehmen, das ihnen mißfaͤllet (§. 130); haben ſie eine knechtiſche Furcht, ſo haben ſie dergleichen Sorgfalt in Anſehung der Straffe (§. 131). Wo nun die Kin - der auf eine ſolche Weiſe beſorget ſind, da werden ſie auch in Gegenwart der Eltern nichts vornehmen, was ihnen mißfaͤllet, o - der auch wenn ſie vermeinen, daß es die El - tern erfahren koͤnnen. Wer aus Furcht fuͤr dem andern nichts vornehmen will, was ihm mißfaͤllet, der hat Scheu fuͤr ihm. Und alſo iſt die Scheu ein Bedencken in des andern Gegenwart oder ihm wiſſende etwas vorzunehmen.

Wie El - tern ſie zu befoͤr - dern ha - ben.

§. 133.

Zu dieſer Scheue traͤget nicht weniges bey, wenn die Eltern in Gegenwart der Kinder ſelbſt nichts unanſtaͤndiges vor - nehmen, noch ſie dergleichen etwas von ſich erfahren laſſen. Denn ſo werden ſie in der Meinung erhalten, daß es ihnen miß - faͤllet: dahingegen ſie ſich bereden, was die Eltern ſelbſt thun, koͤnne ihnen nicht miß - fallen. Gehet aber dieſer Gedancke weg, daß die Eltern an dieſem oder jenem Miß - fallen haben; ſo verſchwindet auch die Furcht fuͤr ihnen (§. 130. 131), folgends auch die Scheue (§. 132). Damit nun die Eltern ihre Kinder deſto beſtaͤndiger in der Meinung erhalten, daß ihnen dieſes oder jenes mißfalle; ſo muͤſſen ſie es ihnen in al -lem97Vaͤterlichen Geſellſchafft. lem Ernſt verweiſen, wenn ſie etwas vor - nehmen, was ihnen unanſtaͤndig iſt, und zwar um ſoviel mehr, wenn es in ihrer Ge - genwart oder unter ſolchen Umſtaͤnden ge - ſchiehet, da ſie leicht vermuthen koͤnnen, daß ſie es erfahren wuͤrden.

§. 134.

Es iſt nicht zu leugnen, daßWie zu veꝛhuͤten / daß Kin - der die Scheu fuͤr den Elteꝛn nicht mißbꝛau - chen. Kinder durch die Scheu, welche ſie vor El - tern haben, angetrieben werden ihr Thun und Laſſen heimlich zu halten und fuͤr ihnen zu verbergen, folgends, wenn ſie es erfah - ren, ſich auf das Leugnen legen, auch wol gar gewoͤhnen mit Betheurungen und Schweeren zu erhalten, man ſolle ihnen glauben. Dadurch aber geſchiehet, daß ſie im Boͤſen Gewohnheiten erlangen, ehe die Eltern etwas davon erfahren, und nach die - ſem ſchweer wieder heraus zureiſſen ſind, wenn ſie einmal verwildert (§. 384 Mor.). Sie gewoͤhnen ſich zum Luͤgen und falſchen Schweeren, zwey Laſtern, daraus viel boͤ - ſes erfolget, und die dem Gluͤcke des Men - ſchen ſehr nachtheilig ſind. Damit man nun dieſes verhuͤte, ſo muß man die Kin - der gelinde tractiren, wenn ſie gleich beken - nen, was ſie gethan haben; hingegen viel haͤrter ſtraffen, wenn ſie es verheelen, und doch endlich uͤberfuͤhret werden, auch ih - nen abſonderlich dieſes wohl einbilden, daß ſie bloß deswegen ſo hart angeſehen werden, weil ſie ſich dieſes zu leugnen unterſtanden,(Politick) Gund98Das 3. Cap. Von derund den ihren Eltern ſchuldigen Reſpect dadurch aus den Augen geſetzet. Denn ſo lernen ſie begreiffen, daß leugnen und ver - heelen etwas ſchlimmes ſey, und ſich davor ins kuͤnfftige huͤten.

Wie Kin - der die Eltern ehren ſollen.

§. 135.

Da die Eltern, ſonderlich wenn ſie fuͤr ihre Auferziehung ſorgen, wie ſichs gebuͤhret, und vorhin ausgefuͤhret worden, viel gutes von ſich blicken laſſen; ſo ſollen auch die Kinder ſolches erkennen, und des - wegen ihre Eltern hochachten (§. 710 Mor.) und ehren (§. 590 Mor.), folgends alle Minen und Gebehrden gegen ihre Eltern dergeſtalt einrichten, daß ſie dadurch die Hochachtung, die ſie in ihrem Gemuͤthe fuͤr ſie haben, an den Tag legen.

Wie man dieſes be - foͤrdert.

§. 136.

Damit nun die Kinder dazu de - ſto williger werden, ſo hat man ihnen vor - zuſtellen, was die Eltern in ihrer Auferzie - hung fuͤr gutes beweiſen, auch von ihren uͤbrigen Tugenden und was ſich nur gutes an ihnen findet, dienſame Vorſtellungen zu thun (§. 591 Mor.). Man erkennet ohne mein Errinnern, daß Kinder die Hochach - tung gegen ihre Eltern verlieren muͤſſen, wenn ſie ſich uͤbel auffuͤhren und ihre Untu - genden fuͤr ihnen nicht verheelen. Dero - wegen iſt auch deswegen noͤthig, daß ſie ihnen mit gutem Exempel in allem vorleuch - ten und in ihrer Gegenwart nichts unanſtaͤn - diges vornehmen.

§. 136.99Vaͤterlichen Geſellſchafft.

§. 137.

Wenn wir einen andern liebentKinder ſollen ih - re Eltern nicht be - tꝛuͤben. ſo ſchoͤpffen wir aus ſeiner Gluͤckſeeligkeit, ſo viel Vergnuͤgen, als wir haben wuͤrden wenn es unſer eigen waͤre (§. 775 Mor.). Da nun Kinder ihre Eltern lieben ſollen, ſo muͤſſen ſie auch aus der Gluͤckſeeligkeit der Eltern Vergnuͤgen ſchoͤpffen und demnach der Eltern Vergnuͤgen zu ihrem Vergnuͤgen machen (§. 52 Mor.). Solcher geſtalt koͤn - nen ſie nichts vornehmen, dadurch ihre Eltern betruͤbet werden, vielweniger aber was ihnen Hertzeleid verurſachet (§. 448. Met.). Weil dieſes bald geſchiehet, wo - ferne nur eine aufrichtge Liebe gegen die El - tern vorhanden iſt, wie aus dem, was erſt geſaget worden, erhellet; ſo brauchet es weiter nichts als dieſe in ihr Gemuͤthe feſt einzupflantzen. Wie Kin - der das beſte der Eltern befoͤrdeꝛn ſollen.

§. 138.

Die Liebe treibet den Menſchen an des andern feine Wohlfahrt zu befoͤr - dern ſo viel ihm moͤglich iſt (§. 776 Mor.). Derowegen da Kinder ihre Eltern lieben ſollen (§. 129), ſo ſind auch ſie verbunden der Eltern Beſtes zu befoͤrdern ſo viel an ih - nen iſt. Und demnach ſollen ſie nicht allein treulich verrichten, was ſie ihnen befehlen; ſondern auch, wo ſich eine Gelegenheit ereig - net, da ſie ihnen dienen koͤnnen, dieſelben mit Freuden ergreiffen, auch wenn die El - tern ſchwach und unvermoͤgend werden, in ihrem Alter wieder vor ſie ſorgen.

G 2§. 139.100Das 3. Capitel Von der
Bewe - gungs - Grund dazu.

§. 139.

Es iſt klar, daß die Liebe ein zulaͤngliches Mittel iſt dieſes ins Werck zu ſtellen (§. 137), und man dannenhero kei - ner anderen Vorſtellungen von noͤthen hat, als wodurch die Liebe im Hertzen der Kin - der angeflammet wird. Unterdeſſen da die Liebe aus der Betrachtung der Wohltha - ten erzeuget wird (§. 129): ſo hat man hier abſonderlich zu uͤberlegen, wie lange Eltern uns haben verſorgen muͤſſen; wie ſchweer es ſie damals ankommen; wie wir durch ihre Huͤlffe in den Stand geſetzet wor - den, darinnen wir uns befinden; wie ſie ihr Gluͤck unſerm willig aufgeopffert; wie es uns eine Schande iſt, wenn wir, ſon - derlich bey unſerm Uberfluſſe, unſere El - tern darben laſſen, und was dergleichen Vorſtellungen mehr ſind, die nach eines je - den beſonderen Umſtaͤnden, auch nach eines jeden Zuſtande des Gemuͤthes einzurichten ſind. Man hat auch hier abſonderlich die Schaͤndlichkeit des Undanckes zu erwegen. (§. 837 Mor.)

Wie lan - ge die Pflicht der Kin - der gegen ihre El - tern dau - ꝛen ſol - len.

§. 140.

Da Liebe und Danck bahrkeit allgemeine Pflichten ſind, die alle Menſchen gegen jedermann beſtaͤndig behalten ſollen (§. 774. 834 Mor.); ſo muͤſſen auch Kin - der ihre Eltern lieben und gegen ſie ſich danckbahr erzeigen, ſo lange ſie leben. Derowegen alles, wozu einen die Liebe antreibet, ſind ſie verbunden zuthun, auchwenn101Vaͤterlichen Geſellſchafft. wenn ſie aus der Vaͤterlichen Gewalt her - aus ſind, und weder der Vorſorge, noch Regierung ihrer Eltern mehr noͤthig haben. Derowegen da die Kinder der Eltern Ver - gnuͤgen zu ihrem Vergnuͤgen machen ſollen (§. 136), die Eltern aber daraus nicht wenig Vergnuͤgen ſchoͤpffen, wenn ſie von ihren Kindern, die das Gluͤck erhaben, noch alle Hochachtung und Ehrerbietig - keit genuͤßen; ſo ſollen ſie abſonderlich, ſie moͤgen noch in einen ſo hohen Stand ge - ſetzet werden, ihre Eltern bis in die Grube ehren und ihnen ſolches durch alle erſinn - liche Wege zu verſtehen geben. So wer - den die Eltern an ihnen Freude haben, und ihren auch ſonſt ungluͤcklichen Zu - ſtand gluͤckſeelig machen (§. 52 Mor.).

§. 141.

Es geſchiehet gar offt, daß Kin -Ein Hin - dernis wird aus dem We - ge geraͤu - met. der ſich ihrer armen Eltern anfangen zu ſchaͤmen, abſonderlich, wenn ſie das Gluͤck an fremden Orten erhoben. Da nun die - ſes aus keiner andern Urſache geſchiehet, als weil ſie meinen, es gereiche zu ihrer Schande, daß ſie von ſo geringen Eltern herkommen; ſo hat man ihnen das Wie - derſpiel vorzuſtellen. Nemlich, es iſt einem um ſoviel ruͤhmlicher, wenn er in der Welt etwas worden, je weniger er Mittel darzu gehabt. Wer demnach von geringen und duͤrfftigen Eltern erzeuget und erzo - gen worden, die ihm wenig oder gar nichtG 3an102Das 3. Cap. Von deran die Hand gehen koͤnnen, der hat es ſei - ner Auffuͤhrung mehr zu zuſchreiben, daß er etwas worden, und ſich aus dem Stau - be empor erhoben als ein anderer, der von ſeinen Eltern allen noͤthigen Vorſchub be - kommen, auch in Anſehung ihrer befoͤrdert worden. Zwar kan man nicht leugnen, daß unverſtaͤndige und Feinde darauf nicht ſehen, und dannenhero die geringe Ankunfft oͤffters brauchen den andern zu - laͤſtern, allein es iſt nichts Gutes unter der Sonnen, welches nicht von Unverſtaͤndi - gen und Feinden koͤnnte verkehret, und einen unſchuldig zu laͤſtern angewendet werden. Wer ſich demnach davor ſcheu - en wolte, der muͤſte alles Gute unterlaſſen, und denn verfiele er mit Recht in das Urtheil der Verſtaͤndigen, und waͤre ihm eine wahre Schande, die er nimmermehr tilgen koͤnnte, da man hingegen ungegruͤn - dete Auflagen gar leicht von ſich ablehnen kan. Wer demnach dieſes vernuͤnfftig uͤberleget, wird keiue Urſache finden ſich ſeiner Eltern zuſchaͤmen, abſonderlich wenn ſie ſich in ihrem ſchlechten Stande ehrlich und tugendhafft aufgefuͤhret.

Wie die Eltern in ihrem Tode fuͤr die Kin - der zuſorgen.

§. 142.

Eltern ſind verbunden ihre Kin - der ſo weit zu bringen, daß ſie ſich ſelbſt ver - ſorgen und regieren koͤnnen (§. 81). De - rowegen wenn ſie ſterben, ehe es mit ihnen bis dahin kommen; ſo haben ſie nicht alleinvon103Vaͤterlichen Geſellſchafft. von ihrem Vermoͤgen, das ſie verlaſſen, ihnen ſo viel zuzuwenden, damit ſie auch nach ihrem Tode, wie bey ihrem Leben, noͤthigen und ihrem Stande gemaͤſſen Un - terhalt haben, ſondern auch die Verwal - tung ihrer Guͤtter und die Regierung an - dern verſtaͤndigen aufzutragen, die ſo lan - ge es noͤthig iſt (§. 122), ihre Stelle ver - treten.

§. 143.

Da nun dieſes Vermoͤgen, wel -Wie die Eltern bey ih - rem Ver - moͤgen auf ihꝛen fꝛuͤb - zei - tigen To - des-Fall bedacht ſeyn ſol - len. ches Eltern zu Aufferziehung der Kinder hin - terlaſſen, mit zu dem Noth-Pfennige ge - hoͤret (§. 514 Mor.), ein jeder aber verbun - den iſt auf den Noth-Pfennig bedacht zu ſeyn (§. cit. ); ſo haben Eltern in ihrem Erwerb und ihren Ausgabe mit darauf zu ſehen, daß ſie ſo viel vor ſich bringen, damit es in ſich ereignendem Noth-Falle an dieſem Noth-Pfennige nicht fehle. Es iſt wahr, da die Liebe der Kinder eine Bereitſchafft iſt aus ihrem Gluͤck Vergnuͤgen zu ſchoͤpffen (§. 449. Met.); ſo wird dieſe verſtaͤndige Eltern antreiben hierauf zu dencken. Da - mit aber deſto leichter auch anderen Hin - derniſſen begegnet werde; ſo haben ſie zu - gleich zu erwegen, daß es ihnen mit zur Schande gerechnet wird, wenn ihre Kin - der nach ihrem Tode entweder in Duͤrfftig - keit leben muͤſſen, daß es ihnen an zu ihrer Aufferziehung noͤthigen Mitteln fehlet, oder auch aus Mangel dieſer Mittel in der Auf -G 4erzie -104Das 3. Capitel Von dererziehung verabſaͤumet werden und nach die - ſem ſich uͤbel auffuͤhren.

Einwuꝛff wird be - antwor - tet.

§. 144

Es iſt wohl wahr, daß Kinder, die viel Geld von ihren Eltern entweder ſchon ererbet, oder zu hoffen haben, gemei - niglich uͤbel gerathen. Wenn man aber der Sache genauer nachdencket, lieget die - ſes nicht allein an dem Gelde, ſondern auch an ihrer uͤbelen Aufferziehung. Eltern ha - ben mehr aus ihnen gemacht, als wuͤrde geſchehen ſeyn, wenn ſie unvermoͤgender geweſen waͤren, und daher ſie zur Wolluſt und Muͤßiggange ſelbſt mit angefuͤhret, auch durch ihr Exempel ihnen eine Neigung da - zu beygebracht. Derowegen daß die Kin - der ſich nicht auf ihr Geld verlaſſen koͤn - nen; ſo hat man nicht allein fuͤr ihnen zu verheelen, was ſie einmal nach dem Tode zu gewarten haben, ſondern auch in der - brigen Aufferziehung alles ſorgfaͤltig zu be - obachten, was in Vermehrung der Ge - muͤths-Gaben und ſonderlich der Tugend noͤthig iſt. Es mißrathen ſo wohl arme, als reiche Kinder, und alſo iſt das Reich - thum keine nothwendige Urſache dazu, ob wohl Armuth mit als ein Bewegungs - Grund zu einer guten Auffuͤhrung, hinge - gen Reichthum zu einer ſchlimmen ſich ge - brauchen laͤſſet. Man kan auch im Ge - gentheile (und leider! es geſchiehet alle Tage) Armuth als einen Bewegungs-Grund zumboͤ -105Vaͤterlichen Geſellſchafft. boͤſen, hingegen Reichthum als einen zum guten brauchen. Nachdem alſo dieſes o - der jenes geſchehen ſol, muß das Gemuͤthe des Menſchen ſo oder anders geartet ſeyn. Ein verſtaͤndiger und vernuͤnfftiger Menſch brauchet alles, was ihm vorkommet, alle Umſtaͤnde, darinnen er ſich befindet, als Bewegungs-Gruͤnde zum Guten; hin - gegen ein unverſtaͤndiger und unvernuͤnff - tiger als Bewegungs-Gruͤnde zum Boͤſen.

§. 145.

Perſonen, die nach dem TodeWas Voꝛmuͤn - der ſind. der Eltern in der Auferziehung der Kinder ihre Stelle vertreten, werden Vormuͤn - de genennet. Da nun zu der Auferziehung erfordert wird, daß die Kinder verſorget und regieret werden (§. 82); ſo iſt ein Vormund nicht allein verbunden das von den Eltern ihren Kindern hinterlaſſene Ver - moͤgen wohl zu verwalten, ſondern auch im uͤbrigen fuͤr alles dasjenige zu ſorgen, was zu guter Aufferziehung der Kinder den El - tern oblieget (§. 84 & ſeqq.).

§. 146.

Da ſie demnach das Recht ha -Waꝛumb ihnen die vaͤterli - che Ge - walt zu - kommet. ben, welches bey Lebens-Zeiten die Eltern hatten, der Kinder Handlungen nach ihrem Gutbefinden einzurichten (§. 145); ſo er - halten ſie die vaͤterliche Gewalt (§. 19) und mit derſelben die Macht den Kindern zu be - fehlen (§. 120), auch durch Straffen und Belohnungen ſie zu verbinden ihren Befehl auszurichten (§. 96).

G 5§. 197.106Das 3. Cap. Von der
Waiſen ſoͤllen Voꝛmuͤn - dern ge - horchen.

§. 147.

Gleichwie nun die Kinder in Anſehung der vaͤterlichen Gewalt ihren El - tern Gehorſam ſchuldig ſind (§. 124); ſo ſind ſie auch ſchuldig den Vormuͤndern zu gehorchen, die ſie nach dem Tode der El - tern als ihre Eltern anzuſehen haben (§. 145). Kinder, die keine Eltern haben, ſon - dern unter der Gewalt der Vormuͤnder ſind, werden Waiſen genennet.

Wie lan - ge ſie un - ter der Vor - mund - ſchafft bleiben.

§. 148.

Weil die Vormuͤnder nach dem Tode der Eltern als die Eltern anzuſehen ſind (§. 145); ſo bleiben ſie auch ſo lange in der Gewalt der Vormuͤnder, als ſie in der Gewalt der Eltern ſeyn wuͤrden, nemlich biß ſie ſelbſt mit ihrem Vermoͤgen recht umbgehen und ſich regieren koͤnnen (§. 122).

Wie der Vor - mund mit dem Ver - moͤgen der Kine der umb - gehen ſoll.

§. 149.

Ein Vormund hat uͤber das von den Eltern verlaſſene Vermoͤgen der Kinder kein weiteres Recht als es zu ver - walten, und die Nutzung, ſo weit als noͤ - thig iſt, zur Verſorgung ſeiner Unmuͤndi - gen anzuwenden (§. 145). Derowegen kan er auch von ihren liegenden Gruͤnden nichts veraͤuſſern, ohne wenn es die Noth - durfft der Kinder erfordert, weil nehmlich ſonſt ihre Auferziehung muͤſte verabſaͤumet werden, dazu doch aber die Guͤtter von den Eltern hinterlaſſen werden (§. 142), oder es auch zu der unmuͤndigen augenſcheinli - chem Beſten geſchiehet, hingegen zu ihremScha -107Vaͤterlichen Geſellſchafft. Schaden nachbleiben wuͤrde. Jedoch da - mit er allen ſchlimmen Verdacht von ſich abwende, hat er folches mit Vorwiſſen anderer zu thun, die vor der Kinder Beſtes geneiget ſind, z. E. mit Vorwiſſen und Ein - willigung der Freunde und Anverwandten, wenn man in der natuͤrlichen Freyheit le - bet. Denn was im gemeinen Weſen hier - unter zu verordnen, wird ſich an ſeinem Orte zeigen.

§. 150.

Gleicher geſtalt damit manWem er Rechen - ſchafft davon gebenſol. verſichert iſt, daß ein Vormund mit dem Vermoͤgen der Unmuͤndigen recht umgehe, und nichts zum Nachtheil derſelben mit vor - nehme; hat er in der natuͤrlichen Freyheit Freunden und Anverwandten zu gewiſſen Zeiten davon Rechenſchafft zu geben, und kan auch ein Vater ſelbſt dergleichen Per - ſonen ernennen, die mit darauf Abſicht ha - ben ſollen.

§. 151.

Unmuͤndige koͤnnen ohne Ein -Waꝛumb unmuͤn - dige oh - ne die Voꝛmuͤn - der kei - nen Ver - trag ma - chen ſol - len. willigung der Eltern keinen Vertrag ma - chen, auſſer in ſolchen Faͤllen, wo man ih - re Einwilligung leicht vorher vermuthen kan (§. 121.). Da nun die Vormuͤnder nach der Eltern Tode als die Eltern anzuſehen ſind (§. 145); ſo koͤnnen auch unmuͤndige ohne ihre Einwilligung keinen Vertrag ma - chen, auſſer in ſolchen Faͤllen, wo man ih - re Einwilligung leicht vorher abnehmen kan.

§. 152.108Das 3. Capitel Von der
Wenn ih - nen der Vor - mund nicht zu - wieder ſeyn ſol.

§. 152.

Unterdeſſen da der Vormund der ihm anvertraueten Unmuͤndigen Wohl - farth in allem befoͤrdern ſol (§. 145); ſo ſol er auch ihnen nicht zuwieder ſeyn, wenn ſie zu ihrem augenſcheinlichen Beſten einen Vertrag machen wollen, und koͤnnen in ſol - chem Falle in der natuͤrlichen Freyheit die - ſelben anderer Huͤlffe dazu gebrauchen, daß der Vormund darein einzuwilligen angehal - ten werde: welches auch von den Ausgaben zu verſtehen.

Wenn der Vor - mund den Scha - den erſe - tzen muß.

§. 153.

Weil ein Vormund die Guͤtter des unmuͤndigen mit allem moͤglichen Fleiſ - ſe verwalten und ſie zum Nutzen deſſelben anwenden ſol (§. 145); ſo darf er ſie nicht zum Nachtheil des unmuͤndigen in ſeinen Nutzen verwenden, noch auch durch Nach - laͤßigkeit oder aus andern Abſichten den un - muͤndigen in Schaden ſetzen. Da nun a - ber ein jeder verbunden iſt den Schaden, den er dem anderen durch ſeine Schuld ver - urſachet, zu erſetzen (§. 825 Mor.); ſo muß auch ein Vormund nach geendigter Vor - mundſchafft den Schaden erſetzen, den er dem unmuͤndigen durch uͤbele Verwal - tung ſeines Vermoͤgens verurſachet.

Wie der Schaden zu ver - huͤten.

§. 154.

Damit man nun geſichert iſt, daß der Vormund mit dem Vermoͤgen wohl umgehen und keinen Schaden verur - ſachen werde; ſol man einen ehrlichen und verſtaͤndigen Mann dazu nehmen. Unddamit109Vaͤterlichen Geſellſchafft. damit der Schade nicht zu groß werden kan, wenn er ſich mit der Zeit haͤuffet; ſo ſol man darauf bedacht ſeyn, daß eine zulaͤngliche Art erdacht wird, wie er zu gewiſſen Zei - ten wegen gefuͤhrter Vormundſchafft Re - chenſchafft ablege, dergleichen auch ſchon vorhin (§. 150) aus anderen Urſachen er - fordert worden.

§. 155.

Da Vormuͤnder viele MuͤheOb Vor - muͤndeꝛn ihꝛe Muͤ - he ſol be - lohnet werden. haben, wenn ſie ihre Vormundſchafft recht fuͤhren, und nicht allein das Vermoͤgen ih - rer unmuͤndigen wohl verwalten, ſondern auch im uͤbrigen die Auferziehung gebuͤh - rend beſorgen wollen; niemand aber von dem andern etwas umſonſt fordern ſol, der es belohnen kan (§. 769 Mor.): ſo iſt es den natuͤrlichen Rechten gemaͤß, daß, wenn die unmuͤndigen ſo viel Vermoͤgen haben, deſſen Nutzung uͤber die noͤthigen Auferzie - hungs-Koſten noch einen Uberſchuß bringet, auch die Muͤhe der Vormuͤnder belohnet werde. Jn anderen Faͤllen haben ſie ihr Amt um ſonſt zu verrichten, und ſich damit zu vergnuͤgen, daß ſie bey fruͤhzeitigem To - de oder im Falle, da ſie unmuͤndige Kinder hinterlieſſen, eben dergleichen von anderen wuͤrden zu genieſſen haben.

§. 156.

Die Kinder ſind Eltern wegen derGegen Voꝛmuͤn - der ſol man danckbar ſeyn. von ihnen genoſſenen Wohlthaten deꝛ Aufeꝛ - ziehung Danck ſchuldig (§. 127). Weil nun Vormuͤnder eben dieſes an ihnen thun, wasdie110Das 3. Capitel Von derdie Eltern wuͤrden gethan haben (§. 145.); ſo ſollen ſie auch gegen ihre Vormuͤnder danckbahr ſeyn. Die Mittel dazu ſind die Vorſtellungen der Wohlthaten, die ſie uns erzeigen (§. 839 & ſeqq. Mor.).

Man ſol ſie lieben.

§. 157.

Die Danck barkeit beſtehet in der Liebe gegen den Wohlthaͤter (§. 496. Met.). Unmuͤndige ſollen gegen die Vor - muͤnder danckbahr ſeyn (§. 156): Dero - wegen ſollen ſie ſie auch lieben, folgends bereit ſeyn aus ihrer Gluͤckſeeligkeit Ver - gnngen zu ſchoͤpffen (§. 449. Met.) und da - her auch ſelbſt nach Moͤglichkeit ſie befoͤr - dern, ſie moͤgen entweder wehrender Vor - mundſchafft, oder nach geendigter Gelegen - heit dazu bekommen.

Kindli - che Fuꝛcht u. Scheue fuͤꝛ ihnen haben.

§. 158.

Da aus der Liebe die kindliche Furcht kommet, und nicht auſſen bleiben kan, wo ſie eingewurtzelt (§. 130): ſo wer - den auch unmuͤndige gegen ihre Vormuͤn - der eine kindliche Furcht, folgends zugleich vor ihnen eine Scheu haben (§. 132), wenn ſie ſie aufrichtig lieben.

Pflicht der Mut - ter nach Abſter - ben des Vaters.

Z. 159.

Wenn der Vater nicht ſo viel Vermoͤgen hinterlaͤſſet, daß die Kinder dar - aus die Auferziehungs-Koſten haben koͤn - ten; ſo iſt die Mutter davor zu ſorgen ver - bunden (§. 80). Jedoch, wenn ſie die uͤbrige Auferziehung vor ſich allein nicht wohl uͤber ſich nehmen kan; muͤſſen ihr Vormuͤnder beygeſellet werden. Es ge -ſchie -111Vaͤterlichen Geſellſchafft. ſchiehet nemlich offt, daß Kinder auf die Mutter nicht ſo viel geben, als auf die Vaͤ - ter, weil ſie aus groſſer Liebe die Schaͤrffe, wo es noͤthig iſt, aus den Augen ſetzen. Jn - gleichen koͤnnen Muͤtter nicht allzeit verſte - hen, was zu der Auferziehung der Soͤhne nutzet.

§. 160.

Wenn die Kinder nach demPflichten des Va - ters nach Abſteꝛ - ben der Mutteꝛ. Abſterben der Mutter ſo viel Vermoͤgen er - werben, daß von der Nutzung die noͤthigen Auferziehungs-Koſten koͤnnen genommen werden; ſo iſt der Vater nicht gehalten ſie von dem ſeinigen zu geben, ſondern vielmehr berechtiget ſie davon zu nehmen (§. 769). Unterdeſſen wenn die Nutzung mehr aus - traͤget, als die Auferziehungs-Koſten er - fordern; ſo findet man keinen Grund, war - um man ihm den Uberſchuß laſſen ſollte. Und demnach verbleibet er nach natuͤrlichen Rechten den Kindern. Es verſtehet ſich a - ber vor ſich, daß die gantze Zeit durch, da die Auferziehung gewehret, die Ausgabe und Einnahme mit einander verglichen werden muß. Es iſt wohl wahr, daß da - durch der Vater die Muͤhe hat eine Rech - nung daruͤber zu fuͤhren: er hat aber auch den Vortheil, daß er nicht fuͤr die Auferzie - hungs-Koſten ſorgen darf. Unterdeſſen wenn ihm dieſes in ſeinen Verrichtungen Hindernis machet, und die Kinder nach ſei - nem Tode bekommen, was er eruͤbriget;ſo112Das 3. Capitel Von derſo koͤnnen ihn nicht allein Kinder von die - ſer Muͤhe befreyen und die gantze Nutzung uͤberlaſſen; ſondern im gemeinen Weſen kan auch dergleichen nicht ohne Grund durch buͤrgerliche Geſetze verordnet werden.

Wer Va - ter - und Mutter - loſe War - ſen ver - ſorgen ſol / und wie ſie ſich zu be - zeigen.

§. 161.

Wenn Vater - und Mutter-loſe Waiſen gar keine eigene Mittel von ihren Eltern haben, davon ſie koͤnten die noͤthi - gen Auferziehungs-Koſten haben: ſo muͤſ - ſen ſie ſolches bey andern vermoͤgenden An - verwandten, oder ſonſt guten Freunden und Wohlthaͤtern ſuchen (§. 770 Mor.). Jn welchem Falle ſie um ſo viel danckbah - rer ſeyn ſollen, je groͤſſer ſie dieſe Wohl - that anzuſehen haben, daß man ſich ihrer im verlaſſenen Zuſtande annimmet. Da - her ſie auch ſchuldig ſind alle ihre Kraͤffte des Leibes und des Gemuͤthes, ſo bald ſich einiger Gebrauch deſſelben aͤuſſert, dahin anzuwenden, wie ſie durch gefaͤllige Dien - ſte ihr danckbahres Gemuͤthe an den Tag legen (§. 834 Mor.) und dadurch die Begier - de ihnen wohlzuthun erhalten (§. 841 Mor.).

Das 4. Capitel, Von der Herrſchafftlichen Geſellſchafft.

§. 1.

Was die Herr - ſchafftli - che Ge -

DA ein Menſch, der ſich nicht ſelbſt er - halten kan, durch Arbeit ſeinen Un - terhalt ſuchen ſol (§. 910 Mor.);ſo113Herrſchafftlichen Geſellſchafft. ſo kan er ſich auch gegen einen gewiſſenſellſchafft iſt. Lohn, der ihm zu ſeinem Unterhalt zurei - chend iſt, andern zu gewiſſen Verrichtun - gen verdingen. Wenn nun aus dieſer Abſicht Menſchen bey andern auf eine ge - wiſſe Zeit leben, ſo machen ſie mit ihnen eine Geſellſchafft aus (§. 2), welche man die herrſchafftliche zu nennen pfleget. Derjenige, dem man ſich zu gewiſſen Ver - richtungen auf eine Zeit verdinget, wird der Herr genennet, oder die Frau, wenn es eine Weibs-Perſon iſt: hingegen die, welche ſich zu gewiſſen Verrichtungen auf eine Zeit verdinget, nennet man einen Knecht oder Diener, oder auch eine Magd, wenn es eine Weibs-Perſon iſt. Und demnach iſt die Herrſchafftliche Ge - ſellſchafft eine Geſellſchafft zwiſchen Herr - ſchafft und Geſinde. Nemlich Herr und Frau zuſam̃en werden Herrſchafft, Knech - te und Maͤgde zuſammen aber Geſinde ge - nennet.

§. 163.

Weil man dasjenige halten ſol,Pflicht deꝛ Herr - ſchafft u. des Ge - ſindes. was man mit Recht verſprochen (§. 1005 Mor.); ſo muß auch das Geſinde alles wil - lig und nach beſtem Vermoͤgen verrichten, was es verſprochen, oder wozu es ſich ver - dungen, hingegen die Herrſchafft denjeni - gen Unterhalt und Lohn unverweigert dar - reichen, den ſie dagegen verſprochen. Und demnach kommet hier alles darauf an, wie(Politick) Hſie114Das 4. Capitel Von derſie mit einander eines worden. Wenn man aber nichts ins beſondere deswegen ab - redet; ſo verſtehet es ſich von ſich, daß es bey dem verbleibet, was in ſolchen Faͤllen Brauch iſt. Denn weil keine Parthey-et - was ins beſondere erwehnet, ſo kan man nicht anders ſchluͤſſen, als daß beyden be - kand, was in ſolchen Faͤllen Brauch iſt, und eine jede von beyden es dabey bewenden laͤſſet, keine aber in irgend einem Stuͤcke eine Aenderung verlanget. Derowegen wenn ein Geſinde nicht nach dem Lohne fra - get; ſo iſt klar, daß ihm die Herrſchafft e - ben den Lohn geben muß, den, die vorhin da geweſen, gehabt.

Wie lan - ge Geſin - de blei - ben muß.

§. 164.

Aus eben der Urſache erhellet, daß das Geſinde ſo lange aushalten muß, als es zu dienen verſprochen, es ſey denn, daß die Herrſchafft in ihren Abſchied eher willigen wil. Auch iſt klar, daß eine Herr - ſchafft ein Geſinde nicht vor der Zeit ab - ſchaffenkan, wenn nicht das Geſinde damit zufrieden iſt, es ſey denn daß es keines weges dazu zu bringen iſt, daß es das ſeine thut, o - der auf andere Weiſe der Herrſchafft Scha - den und Verdruß verurſachet (§. 8).

Waiumb das Ge - ſinde nicht oh - ne Noth vor der Zeit ab -

§. 165.

Es haben auch Herrſchafften nicht deswegen ihr Geſinde ohne Noth vor der Zeit abzuſchaffen, weil ſie entweder da - durch das Geſinde in Argwohn eines uͤbe - len Verhaltens, oder ſich ſelbſt in ein Ge -ſchrey115Herrſchafftlichen Geſellſchafft. ſchrey bringen: welches letztere abſonderlichzu ſchaf - fen. geſchiehet, wenn man oͤffters das Geſinde vor der Zeit wegſchaffet, oder daſſelbe wohl gar vor ſich darvon gehet und nicht aushalten kan. Gleichwie nun aber im er - ſten Falle es dem Geſinde nachtheilig ſeyn kan, und es hinderen an Orten anzukommen, wo es ihnen vortheilhafft waͤre, in derglei - chen Schaden man niemanden ſetzen ſoll (§. 824 Mor.); ſo handeln wir im anderen Falle wieder unſere Pflicht, da wir ver - bunden ſind darauf zu ſehen, daß niemand etwas boͤſes mit Grunde der Wahrheit von uns dencken, oder ſagen kan (§. 593. Mor.).

§. 166.

Eben ſo hat ein Geſinde daraufWaꝛumb ein Geſin - de nicht ohne Noth vor der Zeit ſeine Dienſte verlaſſen ſol. zu ſehen, daß es nicht ohne hoͤchſte Noth vor der Zeit aus den Dienſten gehet. Denn wenn es auch bey einer unbillichen Herr - ſchafft ſeine Zeit aushaͤlt; ſo iſt es eine An - zeige, daß es ſich in die Herrſchafft wohl weiß zu ſchicken, ihr in allem nachzugeben und auf einen guten Nahmen ſiehet. Da nun dieſes gute Tugenden fuͤr ein Geſinde ſind, ſo wird es jedermann gerne haben wollen, und daher kan es von der ſchlim - men Herrſchafft dadurch zur beſſeren kom - men. Hingegen wenn es vor der Zeit oh - ne hoͤchſte Noth aus den Dienſten gehet, ſo iſt ſolches eine Anzeige, daß es ſich in die Herrſchafft nicht zu ſchicken weiß, ihr nichtH 2nach -116Das 4. Cap. Von dernachgeben kan, auch nicht darauf ſiehet, was die Leute von ſeiner Auffuͤhrung ſagen. Weil nun dergleichen Geſinde nicht viel tau - get, ſo werden es auch gute Herrſchafften, die vernuͤnfftig ſind und einer Sache weiter nachdencken, in ihre Dienſte nicht ver - langen. Solchergeſtalt ſchadet es ſich ſelbſt, daß es nicht wohl unterkommen kan.

Ein Ge - ſinde ſol fleißig u. willig ſeyn.

§. 167.

Weil ein Geſinde verbunden iſt alles dasjenige zu thun, was ihm ver - moͤge ſeines Dienſtes oblieget (§. 163); ſo ſol es auch alles ungeheiſſen thun, was es weiß, das es zu thun hat, ingleichen alles zu rechter Zeit, hingegen was es geheiſſen wird, bald ohne Verzug und ohne einigen Wiederwillen. Wo man dergleichen Fer - tigkeit bey einem Geſinde antriefft, daſſel - be iſt fleißig und willig. Nemlich der Fleiß beſtehet in der Fertigkeit alles, was man weiß, daß man es thun muß, ungeheiſſen und zu rechter Zeit zu thun: hingegen die Willigkeit iſt eine Fertigkeit ohne Verzug und Wiederwillen zu thun, was man ge - heiſſen wird.

Vortheil der hier - aus fol - get.

§. 168.

Es erwaͤchſet hieraus nicht we - nig Vortheil ſo wohl fuͤr die Herrſchafft, als das Geſinde. Wenn alles zu ſeiner Zeit gethan wird, ſo thut das Geſinde des - wegen nicht mehr, als wenn es von einer Zeit zur andern aufgeſchoben wird, ſon -dern117Herrſchafftlichen Geſellſchafft. dern oͤffters noch weniger, wenn nemlich die Sachen ſo beſchaffen ſind, daß ſie ſchwee - rer zurechte zu bringen, wenn man ſie lan - ge liegen laͤßet. Man hat alles in gutem Stande, wenn man es brauchet, und wird nicht aufgehalten, wie ſonſt geſchiehet, wo es erſt ſol zurechte gemacht werden, wenn man es noͤthig hat. Die Herrſchafft fin - det keine Urſache etwas zu errinnern, und wird nicht verdruͤßlich, wenn ſie eine Sa - che, die das Geſinde ungeheiſſen thun ſoll, erſt alle mahl und unterweilen vielmal heiſ - ſen ſol. Jſt das Geſinde dabey willig, ſo brauchet man nicht daſſelbe eine Sache zwey und mehrmal zu heiſſen: welches frey - lich nicht anders als verdruͤßlich fallen kan. Derowegen findet auch Herrſchafft keine Urſache uͤber das Geſinde ſich zu beſchwee - ren, viel weniger es zu ſchelten, oder ihm gar zu fluchen, oder auch aus Eiffer zu ſchla - gen. Und demnach bleibet das Geſinde von allem dem Verdruſſe frey, der ihm dar - aus erwachſen kan, und darf ſich nicht den Verdruß verleiten laſſen aus Ubereilung eine Aenderungen vorzunehmen, oder ſonſt zu thun, was es hernach bereuet. Ver - nuͤnfftige Herrſchafft gewinnet zu dem Ge - ſinde eine Liebe (§. 449 Met.) und haͤlt es daher beſſer, ſuchet auch bey Gelegenheit ſeine Wohlfahrt zubefoͤrdern. Es kan oͤff - ters von dem Fleiſſe und der Willigkeit ei -H 3nes118Das 4. Capitel Von dernes Geſindes ſein gantzes Wohlſeyn in ſei - nem kuͤnfftigen Leben; hingegen von der Traͤgheit und Wiederſpenſtigkeit (die der Willigkeit, wie jene dem Fleiſſe entgegen geſetzet wird) ſein Wehe herruͤhren.

Wie ſich die Herr - ſchaft ge - gen fleiſ - ſiges und williges Geſinde[zu] bezei - gen.

§. 169.

Es hat aber auch eine Herr - ſchafft auf den Fleiß und Willigkeit des Geſindes zn ſehen und daher mit Glimpffe zu ſagen, wenn ſie etwas nicht recht ma - chen, ſonderlich im Anfange, da ſie es noch nicht verſtehen oder gewohnet ſind; wenn ſie etwas aus Unachtſamkeit verſehen, oder durch einen Zufall verungluͤcken, ſolches zu uͤberſehen, oder doch ohne einige Haͤrte und Bitterkett es zu verweiſen, und was der - gleichen mehr iſt, damit nemlich das Ge - ſinde, was ſeinen moͤglichen Fleiß anwen - det und gerne alles zu thun, was man ver - langet, bereit iſt, nicht auf die Gedancken gerathe, es ſey eben ſo viel, ob es fleißig, oder traͤge ſich erweiſet, ob es ſich willig, oder wiederfpenſtig erzeiget, und daher be - wogen wird von ſeinem Fleiſſe und ſeiner Willigkeit abzulaſſen. Woraus man ſie - het, daß ſchlimme Herrſchafft gutes Gefin - de verderben kan.

Wie es das Ge - ſinde anzuneh - men hat.

§. 170.

Wenn das Geſinde verſtaͤndig iſt, wie es denn insgemein zu ſeyn pfle - get, wo es fleißig und willig iſt, ſo kan es ihm dieſes Bezeigen der Herrſchafft nicht anders als gefallen laſſen. Da es nun abererken -119Herrſchafftlichen Geſellſchafft. erkennet, daß folches wegen des Fleißes und der Willigkeit geſchiehet; ſo wird es da - durch angetrieben im Fleiſſe und der Wil - ligkeit nicht allein fortzufahren, ſondern auch beyde Tugenden, ſo viel an ihm iſt, zu vermehren (§. 496 Met.). Derowegen da alsdenn auch die Liebe der Herrſchafft zu nehmen muß (§. 449 Met.); ſo muntert ei - nes das andere immer auf zum gemeinen und zu ſeinem Beſten. Und ſo ſoll es bil - lich uͤberall ſeyn: ja ſo wuͤrde es auch ſeyn, wenn ſowohl Herrſchafft als Geſinde ver - nuͤnfftig waͤren.

§. 171.

Weil ein Geſinde ſchuldig iſt,Unter - thaͤnig - keit des Geſindes. die Dienſte, dazu es ſich vermiethet, zu lei - ſten gegen den von der Herrſchafft ihm ver - ſprochenen Lohn (§. 163); ſo erhaͤlt dadurch die Herrſchafft Gewalt demſelben zu befeh - len, daß es dieſes oder jenes thun ſol, wenn ſie der verſprochenen Dienſte noͤthig hat. Und weil ein Geſinde willig ſeyn ſol zuthun, was ihm oblieget (§. 167); ſo iſt es ver - bunden der Herrſchafft zu gehorchen. Sol - chergeſtalt hat das Geſinde, in Anſehung ſeiner Dienſte und was dazu gehoͤret, ſei - nen Willen dem Willen der Herrſchafft unterworffen. Wer ſeinen Willen dem Willen eines andern unterwirfft, der iſt ihm unterthan. Und demnach ſind das Geſinde in Anſehung ihrer Dienſte und dem was davon herruͤhret, der Herrſchafft unter - han.

H 4§. 172.120Das 4. Capitel Von der
Wie weit das Ge - ſinde nichts vor ſich thun ſol.

§. 172.

Derowegen koͤnnen ſie auch zu derſelben Zeit, da ſie ihre Dienſte zu ver - richten haben, nichts vornehmen, was ſie allein vor ihre Perſon angehet, wenn es nicht mit Verwilligung der Herrſchafft ge - ſchiehet, und lieget ihnen dannenhero ob die Herrſchafft erſt zu bitten, daß ſie es er - lauben wolle. So ſie es aber nicht erlau - ben will, muͤſſen ſie ſich es gefallen laſſen, weil in dieſem Stuͤcke der Wille der Herr - ſchafft ihr Wille ſeyn muß (§. 171). Ob nun zwar Herrſchafft nicht noͤthig hat ih - nen Rede und Antwort zugeben, warumb ſie es nicht erlauben wil; ſo dienet es doch das Geſinde williger zu erhalten, wenn man ihnen zeiget, daß es mit Grunde ge - ſchehe, zumahl wenn ſich Gelegenheiten er - eignen, da das beſte des Geſindes ſelbſt er - fordert, daß man in ihre Bitte nicht wil - liget. Unterdeſſen wenn ſie ſich gleich nicht wolten weiſſen laſſen, ſo muß die Herr - ſchafft ſich bloß auf ihren Willen beruffen, damit ſie erkennen, daß ſie gehalten ſind in dieſem Stuͤcke den Willen der Herrſchafft ihren Willen ſeyn zu laſſen (§. 171).

Was Herr - ſchafft dem Ge - ſindenicht zumuthē ſol.

§. 173.

Weil die Herrſchafft nicht wei - ter Macht hat dem Geſinde zu befehlen, als was ſeine Dienſte ſind, zu denen es ſich ver - miethet (§. 171); ſo muß es ihm auch nichts zumuthen, was dazu nicht gehoͤret, und zwar umb ſo vielmehr, da ſonſt das Geſin -de121Herrſchafftlichen Geſellſchafft. de unwillig gemacht wird, wenn es auch gleich anfangs willig war: wiewohl ein williges Geſinde auch wohl thut, was ihm nicht oblieget, wenn ihm dadurch kein Schaden erwaͤchſet. Es hat aber abſon - derlich Herrſchafft, die viel Geſinde haben, darauf zu ſehen, daß es ein jedes das ſeine thun laͤſſet, auch nicht zugiebet, daß eines ohne Noth (das iſt, wenn das andere ſei - nen Dienſt ſelbſt verrichten kan) des ande - ren Stelle vertritt: weil nicht allein im er - ſten Falle, da die Herrſchafft einem des an - dern Dienſte ohne Noth zumuthet, ein Wiederwillen unter dem Geſinde entſtehet, auch oͤffters das Geſinde nachdem nachlaͤſ - ſig in ſeinen Verrichtungen wird in der Mei - nung, es koͤnnen auch die andern thun, was ihm oblieget, wenn es der andern ihre Dienſte mit verrichten muß; ſondern auch im andern Falle, weil doch nichts ohne zu - reichenden Grund geſchiehet (§. 30 Met.), das Geſinde, ſo andern gar zu ſehr zu ge - fallen iſt, gemeiniglich intereſſirte Abſich - ten hat, oͤffters zum Schaden und Verdruß der Herrſchafft, oder doch zum allerwenig - ſten dasjenige in ſeinen Verrichtungen nach - laͤßig wird, was ſich auf des andern Huͤlf - fe verlaͤſſet. Es iſt demnach die beſte Re - gel: Ein jedes Geſinde ſol ſeine Dienſte vor ſeine Perſon verrichten, es ſey denn daß es in dem Stande iſt, da ſolches nicht geſche - hen kan (§. 770 Mor.).

H 5§. 174.122Das 4. Cap. Von der
Noͤthige Eꝛꝛinne - rung.

§. 174.

Damit nun aber ein Geſinde wiſſe, was ihm zuthun oblieget, ſo muß man es gleich anfangs zu allem anhalten, und mit nichts verſchonen: denn wenn man einige Verrichtungen ihnen anfangs nicht zugemuthet, nach dieſem aber erſt anfaͤnget, da ſie derſelben entwohnet ſind; ſo iſt es e - ben ſo viel als wenn man ihnen zumuthete, was ihnen zu thun nicht gebuͤhrete. Da - her denn auch alles dasjenige erfolgen muß, was in dem andern Falle erfolgen wuͤr - de.

Wie Herr - ſchafft das Ge - ſinde zu thren Dienſten anzuhal - ten.

§. 175.

Wenn einer in der Geſellſchafft nicht thun wil, was ihm oblieget, ſo hat man Recht alle Mittel anzuwenden, wie man ihn zu Beobachtung ſeiner Pflicht bringet (§. 10). Derowegen wenn das Geſinde ſeine Dienſte nicht verrichten wil, wie ſichs gebuͤhret; ſo iſt auch der Herr - ſchafft erlaubet alle Mittel zu gebrauchen, wodurch ſie es zu Verrichtung ihrer Dien - ſte bringen kan. Die beſonderen Umſtaͤn - de muͤſſen es geben, was fuͤr welche man zu erwehlen. Unterdeſſen gielt auch hier, daß man nicht zum haͤrteren ſchreiten muß, ſo lange gelindere vorhanden (§. 871 Mor.). Auch wird man leicht begreiffen, daß ver - nuͤnfftige Herrſchafft, die des Geſindes be - ſtes ſuchet (§. 13), mit dem Geſinde, wie mit den Kindern, verfahren, und auf den Unterſcheid der Gemuͤther acht haben wird,ob123Herrſchafftlichen Geſellſchafft. ſie ſich mehr durch Guͤte als durch Haͤrte lencken laſſen (§. 126). Wo man Aen - derung treffen kan, ſo iſt es beſſer das Ge - ſinde gehen zu laſſen, als ſich mit ihnen durch Haͤrte Verdruß zumachen.

§. 176.

Abſonderlich iſt nicht rathſam,Ob man ſich uͤber das Ge - finde er - eiffeꝛn ſol. daß man ſich uͤber das Geſinde viel ereiffert. Denn da der Zorn unter die hefftigſten Af - fecten gehoͤret (§. 484 Met.), die Af - fecten aber der Geſundheit und dem Leben des Menſchen ſehr nachtheilig ſind (§. 487. Mor.); ſo ſchadet dadurch die Herrſchafft ihr ſelbſt und iſt mehr eine Straffe fuͤr ſie, als fuͤr das Geſinde (§. 36 Mor.). Da nun der Eiffer bey dem Geſinde nichts wei - ter erregen kan als eine Furcht, daß die Herrſchafft in gleichen Faͤllen wieder aus Eiffer werde zu wiedrigem Verfahren be - wogen werden, dergleichen aber ebenfalls erhalten wird, wenn man nur mit gebrauch - tem Ernſt ohne ſich zu erzuͤrnen dasjenige ſaget, was man im Zorn herausſtoͤſſet; ſo iſt es rathſamer bloß Ernſt ohne Eiffer zu gebrauchen, als ſich zu erzoͤrnen. Ja es fruchtet dieſes noch eher, als groſſer Zorn und Eiffer, weil bekand, daß man im Zor - ne mehr zu ſagen pfleget als einem lieb iſt, auch nicht allemahl bedencket, was man redet: Da hingegen, wo man ohne Affect redet, man leichter begreiffet, daß es ein Ernſt ſey.

§. 177.124Das 3. Cap. Von der
Wie Herr - ſchafft in Eſſen u. Arbeit das Ge - ſinde hal - ten ſol.

§. 177.

Da das Geſinde verbunden iſt die Geſundheit des Leibes und geſunde Gliedmaſſen zu erhalten, alles aber zu ver - meiden, was dieſem zuwieder iſt (§. 447. 449); ja ein Geſinde umb ſo vielmehr dar - auf zu ſehen hat, je noͤthiger ihm Geſund - heit und geſunde Gliedmaſſen ſind, indem es auſſer dieſem Stande mit Dienen ſein Brodt nicht erwerben kan: ſo hat auch die Herrſchafft nicht allein darauf zu ſehen, daß ſie dem Geſinde geſunde und genug Speiſe giebet, ſondern auch wohl zuzuſehen, daß ſie ihm nicht zu viel, noch zu ſchweere Ar - beit zumuthet. Und hat inſonderheit die - ſelbe hierbey zu erwegen, was ſchon ange - fuͤhret worden, daß nemlich Geſundheit und geſunde Gliedmaſſen dem Geſinde hoͤchſt noͤthig ſind, auch uͤber dieſes das Ge - ſinde ſich aus keiner anderen Urſache zum dienen begiebet, als daß es dadurch noͤthi - gen Unterhalt zu Erhaltung der Geſundheit und des Lebens finden wil.

Wie das Geſinde auf Ge - ſundheit und ge - ſunde Glied - maſſen zuſehen hat.

§. 178.

Am allermeiſten aber hat das Geſinde ſelbſt fuͤr die Geſundheit des Leibes und geſunde Gliedmaſſen zu ſorgen, indem davon ſeine gantze zeitliche Gluͤckſeeligkeit herruͤhret. Denn wer von ſeiner Haͤnde Arbeit ſein Brodt erwerben ſol, der iſt e - lende daran, wenn er kranck iſt, und da - durch ungeſchickt wird zu arbeiten. Die - ſes ſolte ſich ein Geſinde jederzeit vorſtellen,wenn125Herrſchafftlichen Geſellſchafft. wenn es durch boͤſe Geſellſchafft zu einem unordentlichen Leben, dabey die Geſundheit Gefahr laͤuffet, aufgemuntert wird: wo - zu Exempel derer dienen, die ſich auf eine ſolche Weiſe ins Ungluͤck geſtuͤrtzet.

§. 179.

Da Herrſchafft vermoͤge derWie Herr - ſchafft fuͤr des Geſindes Wohl - fahrt zu ſorgen hat. allgemeinen Pflicht verbunden iſt des Ge - ſindes Wohlfahrt in allem zu beſoͤrdern, ſo viel an ihr iſt (§. 767 Mor.), und zwar darinnen das Geſinde andern, die mit ih - nen in keiner Geſellſchafft leben, vorzuziehen hat (§. 13); ſo hat ſie alſo davor zu ſor - gen, daß es in allen noͤthigen Pflichten ge - gen ſich ſelbſt, gegen Gott und gegen an - dere von Tage zu Tage zunehme und da - durch zu ſo viel Gluͤckſeligkeit gelange, als es nach ſeinen Umſtaͤnden moͤglich iſt. Und alſo genieſſet das Geſinde faſt gleiche Wohl - thaten mit den Kindern (§. 87 & ſeqq.).

§. 180.

Weil nun hierdurch dem Ge -Danck - bahrkeit des Ge - ſindes davor. ſinde Wohlthaten erwieſen werden (§. 834 Mor.), ſo iſt es auch verbunden aus Danck - barkeit die Herrſchafft zu lieben (§. cit. ): zu welchem Ende ſie ſich dieſe Wohlthaten vorzuſtellen haben, die ſie von ihr genieſſen (§. 839 Mor.). Und werden die beſonderen Umbſtaͤnde hierzu mehrere Gelegenheit an die Hand geben.

§. 181.

Von der Liebe kan die kindlicheFurcht u. Scheu fuͤr der Herr - ſchafft. Furcht nicht getrennet werden (§. 694. Mor.). Derowegen wenn das Geſindedie126Das 4. Capitel Von derdie Herrſchafft aufrichtig liebet, ſo wird es auch nicht bloß eine knechtiſche (§. 705 Mor.), ſondern noch uͤber dieſes eine kindliche Furcht fuͤr ihr haben, und daher aus Liebe zum Gehorſam und zur Willigkeit geleitet wer - den (§. 694 Mor. & §. 167 Polit.), folgends auch ſich fuͤr ihr ſcheuen (§. 132).

Wie das Geſinde deꝛ Herr - ſchafft Beſtes zu ſuchen.

§. 182.

Aus eben der Urſache, warum die Herrſchafft fuͤr des Geſindes Wohl - fahrt zu ſorgen hat (§. 179), lieget auch dem Geſinde ob das Beſte der Herrſchafft auſſer der Verrichtung ihrer Dienſte in al - lem zu befoͤrdern, wo es ihnen moͤglich iſt, und daher allen Schaden, ſo viel an ihnen iſt, abzuwenden, hingegen aber auch al - len Vortheil zuzuwenden. Und waͤre es unrecht, wenn ein Geſinde einem Fremden einen Dienſt erweiſen wolte, den er ſeiner Herrſchafft leiſten kan (§. 13). Ein Ge - ſinde nutzet ſich dadurch auch ſelbſt, indem es nicht allein die Liebe ſeiner Herrſchafft, ſondern auch Gewogenheit anderer Men - ſchen gewinnet (§. 449. 471 Met.): von beyden aber hat es ſich huͤlffreiche Hand - leiſtung zu verſprechen, wenn es Gelegen - heit giebet ſein Gluͤck zu befoͤrdern.

Nicht a - ber ihren Schaden.

§. 183.

Hieraus erhellet zugleich, daß es unrecht iſt, wenn das Geſinde der Herr - ſchafft Vortheil verabſaͤumet, es mag ent - weder aus Unachtſamkeit oder Nachlaͤßig - keit, oder auch aus Boßheit geſchehen;noch127Herrſchafftlichen Geſellſchafft. noch mehr aber, wenn es die Herrſchafft in Schaden bringet. Wenn demnach das Geſinde den Schaden durch ſeine Schuld, nicht aus einem bloſſen Verſehen, verur - ſachet; ſo iſt es auch ſchuldig ihn der Herr - ſchafft zu erſetzen (§. 825 Mor.). Ob es nun zwar nicht gut thut, wenn man in Er - laſſung der Erſetzung gar zu willig iſt, in - dem das Geſinde dadurch nachlaͤßig wird und ſich vor Schaden nicht in acht nimmet; ſo hat man doch die Erſetzung des Scha - dens in denen Faͤllen nachzulaſſen, wenn wir dadurch wieder die dem Geſinde ſonſt ſchuldige Pflichten handeln wuͤrde (§. 328 Mor.). Mit einem Worte, es iſt hier al - les zu bedencken, was uͤberhaupt von Er - ſetzung des Schadens anderswo (§. 825 & ſeqq. Mor.) erwieſen worden.

§. 184.

Ein Knecht oder Magd, die derWas ein Sclave iſt und wozu er verbun - den. Herrſchafft eigenthuͤmlich zugehoͤret, wird ein Sclave oder eine Sclavin genennet. Da nun ein Sclave nicht uͤber gewiſſe Dienſte mit dem Herrn einig worden; ſo iſt er verbunden alles zu thun, was in ſei - nen Kraͤfften ſtehet, und ihm von ſeinem Herrn befohlen wird. Und weil er ihm ei - genthuͤmlich zugehoͤret, ſo muß er Lebens - lang in ſeinen Dienſten aushalten, oder ſo lange, als ſeine Sclaverey waͤhret.

§. 185.

Unterdeſſen da gleichwohl dieWie Heꝛꝛ - ſchafft. Herrſchafft die natuͤrliche Verbindlichkeitgegen128Das 4. Capitel Von derSclaven zu hal - ten hat.gegen Sclaven behaͤlt; ſo muß ſie doch auch ihnen nicht mehr Arbeit zumuthen, als ſie ausſtehen koͤnnen, ingleichen nach Nothdurfft Speiſe und Kleidung geben, damit ſie nicht Noth leiden. Ja weil wir alle Menſchen und alſo auch Sclaven lie - ben ſollen (§. 774 Mor.), ſo muͤſſen wir auch aus ihrer Gluͤckſeeligkeit Vergnuͤgen ſchoͤpffen (§. 449 Met.), und folgends ſie ſo halten, daß ſie in ihrem Zuſtande ver - gnuͤgt ſeyn koͤnnen (§. 52 Mor.). Es iſt wohl wahr, daß man insgemein glaubet, Sclaven doͤrffe man geringet halten als ander Geſinde, weil ſie aushalten muͤſſen, es gehe ihnen wie es wolle: allein wir re - den von der Sache, wie es die Vernunfft erfordert.

Wie un - gehorſa - me und nachlaͤßi - ge Scla - ven zu tractiꝛen.

§. 186.

Unterdeſſen wenn ein Sclave die ihm anbefohlene Dienſte nicht verrich - ten wil, wie ſichs gehoͤret, ſo hat die Herr - ſchafft Macht ihn dazu zu verbinden, und demnach ſo harte Straffen zu gebrauchen, als noͤthig ſind ihn zu zwingen (§. 8. 36 Mor.) Und dieſes iſt das Tractament ungehorſa - mer und nachlaͤßiger Sclaven.

Waꝛumb man nicht ein meh - reres hiervon beybrin - get.

§. 187.

Man koͤnte nun leicht aus den allgemeinen Pflichten der Menſchen gegen einander und der Natur eines Sclaven (§. 184) noch mehrere beſondere Regeln von ihrem Bezeigen gegen die Herren und der Herren gegen ſie ausfuͤhren: allein weilbey129Herrſchafftlichen Geſellſchafft. bey uns keine Sclaven uͤblich ſind, ſo waͤ - re es unuoͤthig, hiervon weitlaͤufftiger zu handeln.

§. 188.

Wir eroͤrtern nur die Frage,Ob es recht iſt Menſchẽ zu Scla - ven zu machen. ob es recht iſt, daß man Sclaven habe, oder nicht, weil einige ſind, welche es in Zweiffel ziehen. Es iſt gewiß, daß ein je - der Menſch zu der Gluͤckſeeligkeit des an - dern ſoviel beytragen ſol, als ihm moͤglich iſt (§. 767 Mor.). Da nun aber durch die Sclaverey die Gluͤckſeeligkeit der Menſchen gehindert wird, theils indem ſie bey ſchlim - mer Herrſchafft, die ſie quaͤlet, aushalten muͤſſen (§. 184), theils indem ſie ihr Gluͤ - cke, was ſie ſonſt auſſer dem Dienſte ihrer Herren haben koͤnten, zu verabſaͤumen ge - zwungen ſind: ſo iſt es klar, daß man ei - nen Menſchen, der in der Freyheit ſein Gluͤ - cke beſſer finden kan, nicht zum Sclaven machen ſol. Unterdeſſen da ſich Leute fin - den, die nicht anders als durch dienen bey einer Herrſchafft ihren Unterhalt haben koͤn - nen, oder in Ermangelung deſſen ſich auf verbothene Kuͤnſte legen und dadurch Schaden anrichten, dabey aber eines har - ten Sinnes ſind, daß ſie ſich nicht anders als durch hartes Tractament lencken laſſen, unterdeſſen in der Freyheit es nicht vertra - gen wollen, und daher zu ihrem eigenen Schaden und Ungluͤck der Herrſchafft aus den Dienſten gehen; ſo iſt es nicht unrecht,(Politick) Jwenn130Das 4. Capitel Von derwenn ſie ſo lange zu Sclaven gemacht wer - den, biß ſie in der Freyheit ihr Gluͤcke fin - den koͤnnen. Denn hier iſt die Sclaverey ein Mittel des andern Gluͤckſeeligkeit zu be - foͤrdern, und daher der allgemeinen Liebe gegen andere gemaͤß. Ob man gefangene zu Sclaven machen darf, wird an ſeinem Orte unterſuchet werden; wie nicht weni - ger, ob man Ubelthaͤter im gemeinen We - ſen mit der Sclaverey zur Straffe belegen ſol.

Sclaven kan man verkauf - fen.

§. 189.

Unterdeſſen da ein Sclave ei - nem eigenthuͤmlich zugehoͤret (§. 184), das ſeinige aber man verkauffen kan (§. 920 Mor.); ſo kan man auch einen Sclaven nach ſeinem Gefallen verkauffen, nehmlich auf Lebenslang, wenn er Lebenslang unſer Sclave bleiben muͤſte, oder auf eine gewiſ - ſe Zeit, wenn die Sclaverey bey uns nur auf eine gewiſſe Zeit dauret.

Unter - ſcheid ei - nes Scla - ven von einem freyen Knechte.

§. 190.

Man ſiehet leicht den Unterſchied zwiſchen einem freyen Knechte und einem Sclaven, der auch nur auf eine Zeitlang in der Sclaverey verbleibet. Nehmlich ein freyer Knecht ſchraͤncket ſeine freye Hand - lungen nur in einigen Stuͤcken ein; ein Sclave aber in allem. Daher darf jener nur thun, was er verſprochen; dieſer aber muß alles thun, was ihm befohlen wird, wenn es nur nichts unbilliches iſt, ſo dem Ge - ſetze der Natur zuwieder laͤufft.

§. 191.131Herrſchafftlichen Geſellſchafft.

§. 191.

Was von der herrſchafftlichenNutzen der bis - herigen Lehren von der herr - ſchaftli - chen Ge - ſellſchafft Geſellſchafft geſaget worden, laͤſſet ſich auch auf andere Bediente deuten, jedoch mit noͤ - thiger Veraͤnderung. Denn ein jeder, der eine Bedienung erhaͤlt, wird eines gegen gewiſſen Lohn gewiſſe Dienſte zu verrich - ten. Und demnach iſt zwiſchen ihm ein Vertrag, wie zwiſchen dem Herrn und ſei - nem Knechte (§. 162). Derowegen was aus dieſem Vergleiche und den allgemeinen Pflichten der Menſchen gegen einander hergeleitet worden; kan auch alles ohne Unterſcheid auf alle Arten der Bedienten gedeutet werden.

Das 5. Capitel, Von dem Hauſe.

§. 192.

DUrch das Haus verſtehet man eine Geſellſchafft, die auf verſchiedeneWas das Haus iſt Weiſe aus den vorhergehenden ein - fachen zuſammengeſetzet wird: denn ſie kan beſtehen aus der ehelichen und vaͤter - lichen, aus der ehelichen und herrſchafft - lichen, aus der vaͤterlichen und herrſchafft - lichen, oder endlich aus allen dreyen zu - gleich. Die Manns-Perſon, welche in der vaͤterlichen Vater, in der herrſchafftli - chen Herr iſt, wird im Hauſe der Haus - Vater genennet: die Weibs-Perſon, wel - che in der vaͤterlichen Mutter, in der herr -J 2ſchafft -132Das 5. Capitelſchafftlichen Frau heißet, die Haus-Mut - ter. Die uͤbrigen Perſonen werden Haus - genoſſen genennet.

Grund der Pflich ten in einem Hauſe.

§. 193.

Da jede von den einfachen Ge - ſellſchafften ihre beſondere Abſichten hat, die man zu erreichen ſuchet (§. 4.); ſo hat man in einem Hauſe alles dergeſtalt ein - zurichten, daß keine von den einfachen Ge - ſellſchafften die Abſicht der andern ſtoͤhre, ſondern vielmehr eine jede das ihre mit dazu beytraͤget, daß die andere ihre Abſicht deſto bequemer erreichen kan.

Arten derſelben

§. 194.

Und demnach entſtehen hieraus beſondere Pflichten, die man ſonſt in den einfachen Geſellſchafften in acht zunehmen nicht noͤthig hat, welche die Pflichten des Haus-Vaters gegen die Haus-Mutter, deꝛ Haus-Mutter gegen den Haus-Va - ter, beyde gegen die Hausgenoſſen, und der Hausgenoſſen gegen ſie ausmachen: wo - von wir diejenigen unterſuchen wollen, dar - aus ſich die uͤbrigen bey ſich ereignender Gelegenheit herleiten laſſen.

Deꝛ Hausva - ter hat die Herr - ſchafft im gantzen Hauſe.

§. 195.

Weil der Mann die Herrſchafft uͤber die Frau (§. 58), die Kinder (§. 120) und das Geſinde (§. 171) hat; das Haus aber aus den Eheleuten, Kindern und Ge - ſinde beſtehet (§. 201.): ſo hat er die Herr - ſchafft im gantzen Hauſe. Denn unerach - tet das Weib auch als Mutter den Kin - dern (§. 120) und als Frau dem Geſin -de133Von dem Hauſe. de (§. 171) zu befehlen hat; ſo wird doch ihre Herrſchafft durch die Herrſchafft des Mannes eingeſchraͤncket, weil ſie gleichfalls ſeiner Herrſchafft unterworffen iſt (§. 58). Und alſo bleibt die Herrſchafft hauptſaͤch - lich bey dem Haus-Vater, und muß alles im Hauſe den Willen des Hausvaters ſeinen Willen ſeyn laſſen, ohne ſeine Genehmhal - tung nichts vornehmen, auch die Frau ſelbſt nichts anordnen, als in ſolchen Faͤllen, wo ſie weiß, daß der Haußvater mit zufrieden ſeyn wird, und wo er ihr die Sorge auf - getragen. Daher was ſie im Haufe be - fiehlet, befiehlet ſie entweder auf Geheiß, oder mit vorausgeſetzter Genehmhaltung des Hausvaters. Und in ſolchen Faͤllen, wo ſie es beſſer verſtehet, iſt ſie als eine Rathgeberin anzuſehen, wie ſchon oben in einem aͤhnlichen Falle (§. 58) errinnert worden.

§. 196.

Da nun die Haus-MutterWarum die Haus - Mutter das Anſe - hen des Hausva - ters er - halten ſoll. zugleich Mutter der Kinder und Frau des Geſindes iſt (§. 201); und daher gleich - fals ſo wohl den Kindern als dem Geſin - de zu befehlen hat (§. 120. 171. ); ſo be - foͤrdert dieſes das Anſehen des Hausva - ters bey den Kindern und dem Geſinde, wenn ſie ſich ſelbſt in allem dem Willen des Hausvaters unterwirfft, auch beyden vorſtellet, wenn ſie etwas befiehlet, daß es der Hausvater haben wolle, und im FallJ 3es134Das 5. Capiteles nicht geſchehe, er dieſes uͤbel nehmen und ahnden werde. Hierdurch erhaͤlt ſie zu - gleich ein gutes Mittel, Kinder und Geſin - de zu Beobachtung ihrer Pflicht zubrin - gen. Denn wenn ſie Furcht und Scheu fuͤr dem Hausvater haben; ſo iſt nicht noͤ - thig, daß ſie ſich erzoͤrnet und ereiffert, ſon - dern ſie darf ſie nur damit ſchrecken, daß ſie es dem Hausvater oder Herrn ſagen wolle, wofern ſie dieſes nicht thun oder laſſen wuͤrden, oder auch inskuͤnfftige es noch einmahl zuthun oder zulaſſen ſich unter - ſtuͤnden. Und dergleichen Mittel iſt der Haus-Mutter um ſoviel vortraͤglicher, je mehr es ſowohl ihr als der Frucht im Lei - be ſchadet, wenn ſie ſich viel aͤrgert, indem ſie ſchwanger gehet. Jhr ſchadet es an der Geſundheit, und machet oͤffters eine ſchweere Geburt, dabey ſie in Lebens-Ge - fahr kommet, wie man laͤngſt aus der Er - fahrung angemercket: dem Kinde iſt es nicht allein an der Geſundheit ſchaͤdlich, ſondern es bekommet auch zum Eiffer und Aergernis eine natuͤrliche Neigung, wie ich kuͤnfftig in Erklaͤrung der Natur deutlicher zeigen werde. Es ſol dannenhero die Hausmutter dem Hausvater in Gegen - wart der Kinder und des Geſindes nicht wiederſprechen, und mit Macht recht ha - ben wollen, noch ihn ſchnoͤde und veraͤcht - lich in Reden, Minen, Geberden und an -dern135Von dem Hauſe. dern Wercken tractiren, vielweniger gar verkleinerlich gegen das Geſinde und die Kinder von ihm reden, oder, wenn er ſie ſchilt, ihm zuwieder ſeyn und dem Geſin - de uͤberhelffen. Denn ob es wohl an dem iſt, daß, wenn ſie dem Geſinde und Kindern uͤberhilfft, ſie dadurch Liebe bey beyden erhaͤlt, daraus nach dieſem eine kindliche Furcht (§. 130. 191. ) und Scheue (§. 132. 181) bey beyden erwaͤchſet, wodurch ihr Amt ſehr erleichtert wird, weil ſie in die - ſem Zuſtande mehr durch einen Winck, als ſonſt durch vieles Befehlen und Aergernis ausrichtet; ſo muß doch dieſes mit einer guten Art geſchehen, daß ſie dadurch nicht die Furcht fuͤr dem Hausvater tilget: wel - ches, wie wir erſt geſehen, in dem Hauſe ſo noͤthig und fuͤr ſie ſelbſt ſo heilſam iſt. Derowegen hat ſie es bitweiſe zuthun und mit bitten anzuhalten, wenn der Hausva - ter ſich wiedrig ſtellet, damit Kinder und Geſinde der Meinung werden, der Haus - vater ſey ſchweer zu erbitten und zu ge - winnen: denn da es der Haus-Mutter, die doch bey ihm viel gilt, und der er aus Liebe ſehr zugefallen iſt, ſchweer faͤllet et - was zu erhalten, koͤnnen ſie leicht erachten, daß er ſich von ihnen noch ſchweerer wer - de gewinnen laſſen. Wenn demnach die Haus-Mutter noͤthig befindet, den Haus - vater in etwas zu errinnern; ſo ſoll ſie ſol -J 4ches136Das 5. Capitelches allein thun, daß weder von den Kin - dern, noch dem Geſinde jemand etwas da - von erfahre. Und demnach ſiehet man leicht, wie uͤbel es im Hauſe beſtellet ſey, wenn die Hausmutter den Hausvater oͤffentlich ſchilt, ſich mit ihm zancket und ſonſt ungebuͤhrend gegen ihn auffuͤhret.

Wie der Hausva - ter fuͤr das An - ſehen der Haus - Mutter ſorgen ſol.

§. 197.

Aus eben der Urſache, daß die Hausmutter ſowohl den Kindern, als dem Geſinde zu befehlen hat (§. 195), muß auch der Hausvater ſie hinwiederum in gutem Anſehen zu erhalten ſuchen, und daher bey allen ſeinen Handlungen mit ihr, oder dem Geſinde darauf ſehen, daß er nichts vor - nehme, was demſelben zuwieder laͤufft, noch unterlaſſe, was dazu foͤrderlich ſeyn kan. Zu ſolchem Ende iſt noͤthig, daß er durch ſeine Auffuͤhrung Kindern und Ge - ſinde deutlich zu verſtehen gebe, wie er ſie liebe und werth halte, folgends es ſehr uͤbel nehmen wuͤrde, wenn das Geſinde oder auch die Kinder wieder den ihr ſchuldigen Reſpect was vornehmen wolten. Wenn ſie Furcht und Scheu fuͤr dem Hausvater haben (§. 205); ſo werden ſie auch in die - ſem Falle nichts wieder den Reſpect der Haus-Mutter vornehmen. Aus eben der Urſache wird erfordert, daß der Hausva - ter die Hausmutter in Gegenwart des Ge - ſindes und der Kinder nicht anfaͤhret, ihr nichts verweiſet, noch auch ableget, wennſie137Von dem Hauſe. ſie gleich unrecht hat; ſondern vielmehr die - ſes alles mit ihr allein vornimmet und zwar mit allem Glimpffe, damit ſie deſto eher ſeinen Vorſtellungen Gehoͤr giebet, und ſich in andern Faͤllen darnach achtet. Sorget der Haus-Vater fuͤr das Anſehen und den Reſpect der Haus-Mutter; ſo wird auch ſie deſto williger ſeyn hinwiederumb auf ſei - nen Reſpect zu ſehen. Und ſolchergeſtalt befoͤrdert dieſes Verfahren der Eheleute ge - gen einander zugleich die Einigkeit, welche die Ehe gluͤchlich machet (§. 65).

§. 198.

Wenn der Haus-Vater aufWie Haus - Vaͤter u. Haus - Muͤtteꝛ das Beſte des Hau - ſes zu be - foͤrdern. eine ſolche Weiſe ſich gegen die Haus-Mut - ter, und hingegen die Haus-Mutter hin - wiederumb ſich gegen den Haus-Vater auffuͤhret (§. 205. 206); ſo iſt die eheliche Geſellſchafft der natuͤrlichen und herrſchaft - lichen nicht zuwieder, ſondern vielmehr foͤr - derlich, und demnach fuͤhren ſich beyde ſo auf, wie es einem Haus-Vater und einer Haus-Mutter gebuͤhret, und befoͤrdern da - durch die Wohlfahrt ihres Hauſes (§. 202). Jch ſetze aber dabey voraus, daß ſie auch zugleich als Eltern und Herrſchafften ihren Pflichten ein Genuͤgen thun.

§. 199.

Da in dem Hauſe darauf zu ſe -Wie zu verhuͤ - ten / daß Geſinde die Auf - eꝛziehung hen iſt, daß keine von den einfachen Ge - ſellſchafften der andern zuwieder jſt (§. 192); ſo hat man auch darauf zu ſehen, daß durch die herrſchafftliche der vaͤterli -J 5chen138Das 5. Capitelder Kin - der nicht hindert / noch ſchweer machet.chen kein Eintrag geſchiehet, das iſt, durch das Geſinde die Auferziehung der Kinder gehindert, oder ſchweer gemacht wird. De - rowegen muß man die Kinder von der Ge - ſellſchafft des Geſindes ſo viel entfernen als nur moͤglich iſt, damit ſie weder was un - anſtaͤndiges von ihnen ſehen und hoͤren, und alſo durch ihr Exempel nicht verfuͤhret wer - den, noch auch von ihnen zu vorurtheilen, Aberglauben, ungeziemenden Sitten, Wie - derſpenſtigkeit gegen die Eltern, und was dergleichen mehr iſt, verleitet werden. Wie es auch zu der Kinder Schaden gereichet, wenn ſie ihr Thun und Laſſen fuͤr den El - tern verheelen (§. 134); ſo muß man nieht zugeben, daß das Geſinde es verheelen helf - fe, oder auch die Kinder beklagen, wenn ſie von den Eltern geſcholten oder gezuͤchtiget worden. Mit einem Worte, Geſinde ſol ſich umb die Kinder nicht weiter bekuͤmmern als mit Befehl und Genehmhaltung der El - tern geſchiehet: denn wenn ſie nach dem Willen der Eltern handeln, ſo ſind ſie der Auferziehung, welche die Eltern zu beſorgen haben, nicht zuwieder.

Wie zu veꝛhuͤten daß das Geſinde durch die Kinder nicht veꝛ -

§. 200.

Aus eben dieſer Urſache hat man ferner darauf zu ſehen, daß durch die vaͤ - terliche Geſellſchafft der Herrſchafftlichen kein Eintrag geſchehe, das iſt, das Geſin - de durch Kinder nicht verdorben werde. Es dienet hierzu abermahls, daß man die Kin -der239[139]Von dem Hauſe. der mit dem Geſinde nicht viel laͤſſet zu thundorben werden. haben: allein weil hierdurch bloß die Ge - legenheit benommen, nicht aber das Ge - muͤthe der Kinder auf gehoͤrige Weiſe geaͤndert wird, ſo iſt noͤthig, daß ich we - nigſtens eines und das andere etwas um - ſtaͤndlicher anfuͤhre. Man muß alſo den Kindern nicht erlauben, daß ſie das Geſin - de vor ſich etwas heiſſen, ohne der Eltern Befehl oder Genehmhaltung. Denn da dieſes bloß dem Hausvater und der Haus - mutter zuſtehet (§. 194); ſo koͤnnen die - ſes die Kinder ſich nicht anmaſſen. Zu dem da die Kinder vor ſich nichts thun doͤrf - fen, ſondern alles mit Genehmhaltung der Eltern geſchehen ſol (§. 82); ſo kan auch das Geſinde auf ihren Befehl nichts thun, wenn es nicht vorher verſichert iſt, daß es der Herrſchafft ihr Wille iſt. Es gewoͤh - nen ſich auch die Kinder dadurch an der Unterthaͤnigkeit der Eltern zu entziehen und zu thun, was ſie von ihnen ſehen, indem ſie unvermerckt auf den Wahn gerathen, ſie haͤtten zu allem ſo gutes Recht als die Eltern: woraus nach dieſem bey allerhand Gelegenheiten allerhand andere Untugen - den flieſſen. Uber dieſes werden ſie hoch - muͤthig (§. 630 Mor.), und laſſen ſich be - duͤncken, ſie ſeyn eben ſchon, was die El - tern ſind: da doch die Demuth eine ſehr nothwendige Tugend der Kinder iſt (§. 631Mor. 140Das 5. CapitelMor. & §. 113 Polit.), und ſie nicht we - niger als andere Menſchen nutzet (§. 633 Mor.). Und in dieſer Abſicht ſol man noch weniger verſtatten, daß Kinder das Geſinde ſchelten, oder ihm gar mit Thaͤtlichkeit be - gegnen. Denn wenn die Kinder ſich hoch - muͤthig und verwegen gegen das Geſinde auffuͤhren; ſo werden ſie dadurch verdrieß - lich gemacht, und nicht allein verdroſſen und unwillig in ihren Dienſten, ſondern gehen auch gar daraus, daß man kein gu - tes Geſinde darinnen erhalten kan. Es ſol - len demnach Eltern dieſes um ſo vielmehr verhuͤten, weil ſie der Schade ſelber trifft, wenn ſie kein gutes Geſinde in ihren Dien - ſten behalten, auch zuletzt, wenn es aus - kommet, keines mehr bekommen koͤnnen, - dieſes auch bey andern in uͤbele Nachrede gerathen, daß ſie den Kindern ſo viel Wil - len laſſen und Unordnung in ihrem Hauſe anrichten: dergleichen ſie doch zu vermei - den verbunden ſind (§. 142 Mor.). Ab - ſonderlich muß den Kindern nicht verſtattet werden, daß ſie, was die Eltern entweder von dem Geſinde, oder auch ſonſt reden, dem Geſinde zutragen, weil man ohne mei - ne weitere Ausfuͤhrung verſtehet, wie vie - ler Verdruß nach Beſchaffenheit der Um - ſtaͤnde daraus erfolgen kan, ſo daß entwe - der das Geſinde verdruͤßlich gemacht, oder ihm auch Anlaß gegeben wird durch Plau -de -141Von dem Hauſe. dereyen der Herrſchafft Verdruß zu ma - chen. Wer nicht allein durch die Vernunfft uͤberzeuget iſt, wie alles in der Welt von dem groͤſten an bis auf das kleineſte mit ein - ander verknuͤpfft iſt (§. 548 Met.), ſondern auch aus der Erfahrung angemercket, wie immer eines aus dem andern kommet; der wird leicht begreiffen, was fuͤr ein groſſes Feuer unterweilen aus einem kleinen und veraͤchtlichen Fuͤncklein entſtehen kan, und daraus lernen, wie man auch uͤberhaupt im Haus-Weſen auf alle Kleinigkeiten acht zu geben hat, weil alles darinnen dergeſtalt mit einander verbunden, daß, was von ei - nem verſehen wird, auch einigen Einfluß bey den uͤbrigen hat.

§. 201.

Weil nun der Menſch verbun -Wie der Hausva - ter die Einrich - tung in ſeinem Hauſe zu ma - chen / da - mit es ordent - lich dar - innen zu - gehet. den iſt alles zu thun, was ſeinen Zuſtand vollkommener machet (§. 12 Mor.); ſo hat der Haus-Vater, dem die Herrſchafft im Hauſe zuſtehet (§. 204), auch davor zu ſor - gen, daß der Zuſtand ſeines Hauſes ſo voll - kommen werde, als nur immer moͤglich iſt. Derowegen da die Vollkommenheit erfor - dert, daß alles in dem gantzen Hauſe mit ein - ander zuſammen ſtimmet, keines das an - dere hindere (§. 152 Met.); ſo hat er fuͤr allen Dingen ſorgfaͤltig zu uͤberlegen, wie alles ordentlich zugehe (§. 143. 144 Mor.), fol - gends alles, was von einem jeden Haus - genoſſen zuthun und zu laſſen iſt, dergeſtaltein -142Das 5. Capiteleingerichtet werde, daß immer eine beſon - dere Abſicht ein Mittel zur andern iſt, alle insgeſamt aber ein Mittel zur Vollkom - menheit des innern und aͤuſſerlichen Zuſtan - des aller Hausgenoſſen ſind (§. 142 Mor.) Zu dem Ende hat er demnach alle Abſich - ten der einfachen Geſellſchafften ſorgfaͤltig zu uͤberlegen und aus den vorhergehenden Capiteln zu erwegen, was ſelbige zu errei - chen noͤthig iſt. Nachdem er dieſes ſich deutlich vor Augen gemahlet, muß er die beſonderen Abſichten und die dazu erforder - ten Handlungen gegen einander halten, da - mit er nicht alleine ſehe, welches neben ein - ander beſtehen kan, und welches einander zuwieder laͤufft, folgends im Hauſe einige Aenderung erfordert (§. 165 Met.), ſon - dern zugleich bey Zeiten inne wird, was eine jede Perſon zu denen im Hauſe noͤthigen Abſichten eigentlich beytragen kan, und ſol - cher geſtalt die Verrichtungen recht einzu - theilen, auch fuͤr dem, was ſchaͤdlich iſt, einen jeden vorher zu warnen weiß: ja daß er begreiffet, wie eines das andere im Haus - Weſen hindern kan und ſolchen Hinder - niſſen vorzukommen ſich bemuͤhet. Es iſt nicht zu leugnen, daß hierzu groſſe Uberle - gung noͤthig iſt: allein wir fragen jetzunder nicht, ob es leichte iſt in ſeinem Hauſe gu - te Ordnung zu erhalten, ſondern wie man es angreiffen ſoll. Denn eben deswegenweil143Von dem Hauſe. weil es ſchweer iſt, und die wenigſten Men - ſchen zu dergleichen Uberlegung geſchickt ſind; diejenigen hingegen, die geſchickt waͤ - ren, ſie aus anderen Urſachen, deren ver - ſchiedene ſich ereignen nach den verſchiede - nen Umſtaͤnden, darinnen ſie ſich befinden, unterlaſſen: ſo wird man auch nicht leicht ein Haus finden, da es gantz ordentlich zu - gienge, ſo daß man mit Recht nichts dar - an auszuſetzen haͤtte. Und die Crfahrung zeiget zur Gnuͤge, wie viel darinnen verſe - hen wird, wenn man ſorgfaͤltig uͤberleget, woher dieſer oder jener Verdruß im Haus - Weſen kommet, und warumb dieſer oder jener Hausgenoſſe verdirbet, und was der - gleichen mehr iſt. Unterdeſſen ſiehet man, daß noch viele nuͤtzliche Dinge in denen Theilen der Welt-Weisheit, welche der Menſchen Thun und Laſſen betreffen, uͤbrig ſind, welche zum Nutzen des menſchlichen Geſchlechtes zu unterſuchen waͤren. De - rowegen waͤre allerdings noͤthig, daß man dieſe Wiſſenſchafften nicht weniger, als heute zu Tage mit anderen geſchiehet, mit vereinigten Kraͤfften in einen vollkommenen Stand zu ſetzen ſich bemuͤhete.

§. 202.

Wenn aber einmahl eine guteWie der Hausva - ter uͤber die Ord - nung zu halten. Einrichtung gemacht worden, ſo muß der Haus-Vater auch daruͤber halten, das iſt, er muß weder der Haͤus-Mutter, noch den Kindern und dem Geſinde nachſehen, wennſie144Das 5. Capitelſie etwas thun oder laſſen, was derſelben zuwieder laͤufft. Denn uͤber dasjenige, darumb bald geredet wird, pfleget man e - her zu halten, als wo man nachſiehet, weil man daraus den Ernſt des Haus-Vaters abſiehet, und Furcht und Scheue fuͤr ihm behaͤlt. Nimmet man aber wahr, daß ein u. das anderemahl nachgeſehen wird; ſo bil - det man ſich ein, es werde ein anderes mahl auch nachgeſehen werden. Und gleichwie in dem Falle, wo nicht uͤber die Ord - nung ſtrenge gehalten wird, eine ſchlimme Gewohnheit einreiſſet, der nach dieſem ſchweer iſt abzuhelffen (§. 384 Mor.); ſo wird hingegen in dem anderen Falle, da man - ber die einmahl gemachte Ordnung ſteiff und feſte haͤlt, eine gute Gewohnheit ein - gefuͤhret, welche zu ihrer Erhaltung dien - lich iſt. Man erkennet aber aus dem, was kurtz vorher mit beruͤhret worden (§. 200), daß man wichtige Urſachen hat, warumb man uͤber der Ordnung haͤlt. Denn da alle Handlungen derer Perſonen, die im Hauſe mit einander leben, dergeſtalt mit einander verknuͤpfft ſind, daß immer eine aus der andern erfolget; ſo kan auch von keinem Theile wieder die von dem Haus - Vater gemachte Einrichtungen gehandelt werden, daß nicht zugleich daraus viel ver - aͤnderliches in den Handlungen der uͤbrigen erfolgete. Wer uͤberhaupt die Verknuͤpf -fung145Von dem Hauſe. fung der Dinge in der Natur eingeſehen, wird gar leicht dieſes begreiffen, hingegen wer ſo viele Einſicht nicht hat, der gebe im Haus-Weſen nur acht, was ihm verdruͤß - liches vorfaͤllet, und unterſuche die Urſache, woher es kommet, ſo wird er finden, wie ein unordentliches immer mehr unordentli - ches nach ſich ziehet nicht allein bey der Per - ſon die es thut, ſondern auch bey den uͤbri - gen. Es wird nicht undienlich ſeyn nur in etwas dieſes mit einem Exempel zu erlaͤu - tern. Man ſetze z. E. daß eines von dem Geſinde eine Sache, die nach dem Gebrau - che zu ſaubern iſt, nicht bald ſaubere, ſon - dern es aufſchiebe bis zu der Zeit, da man es noͤthig hat. Wenn es nun geſchiehet, daß man die Sache wegen eines ſich ereig - nenden Falles eher brauchet, als das nach - laͤßige Geſinde vermuthet; ſo wird die Herr - ſchafft gehindert und, wenn der Gebrauch ſchleunig iſt und nicht viel Aufſchub leidet, daruͤber verdruͤßlich. Hat nun das Geſin - de, dem dieſe Verrichtung zuſtehet, zu der - ſelben Zeit entweder was anders unumb - gaͤngliches zuthun, oder wil es die Herr - ſchafft ſeine Nachlaͤßigkeit nicht mercken laſſen; ſo muß es, was ihm gebuͤhret, durch andere verrichten laſſen, oder die Herrſchafft muß es wohl gar befehlen, daß es von andern geſchehen ſol: wodurch viel veraͤnderliches theils in den Gemuͤthern(Politick) Kdes146Das 5. Capiteldes Geſindes, theils in ihren Handlungen die aus derſelben Quelle rinnen, zum Nach - theil ſo wohl der Herrſchafft als des Geſin - des unter einander verurſachet wird, daher wir auch ſolches nicht anders als verwerf - fen koͤnnen (§. 173). Wer in einer Sa - che unachtſam iſt und es gehet ihm an, der macht es in anderen nach dieſem gleichfalls nicht anders und verfuͤhret oͤffters durch ſein Exempel auch die andern. Man hat hier allezeit zu erwegen, daß aus einem kleinen Fuͤncklein ein groſſes Feuer kommen kan.

Wie der Hausva - ter wach - ſam ſeyn ſoll.

§. 203.

Und dannenhero iſt noͤthig, daß der Haus-Vater, dem es ein Ernſt iſt, daß es in ſeinem Hauſe ordentlich zugehen ſoll, auf alles genau acht hat und ſich um alles bekuͤmmert, ob es ſeinem Sinne gemaͤß geſchiehet oder nicht. Und dieſe Aufmerck - ſamkeit auf alles, was in dem Hauſe ge - ſchiehet, wird die Wachſamkeit des Haus - Vaters genennet. Und hat er ſich hierbey nicht allein des Beyſtandes der Haus-Mut - ter, ſondern auch der Kinder u. des Geſindes zugebrauchen, daß nemlich keiner des andern Unthaten fuͤr ihm verheele, ſondern viel - mehr gleich anzeige, was es unanſtaͤndiges von dem andern ſiehet, daraus dem Haus - Vater Schaden oder Verdruß erwachſen kan. Denn unerachtet keines das andere faͤlſchlich anzugeben, noch den Haus-Va - ter wieder ihn zu verhetzen hat, als wel -ches147Von dem Hauſe. ches der allgemeinen Liebe zuwieder iſt, die ein Menſch gegen den andern haben ſol (§. 775 Mor.); ſo muß doch ein jedes Mitt - Glied in einer Geſellſchafft (§. 2. 4. ), und alſo auch ein jeder Hausgenoſſe (§. 192.), alles dasjenige von ſeiner Seite willig bey - tragen, was zum Beſten der Geſellſchafft gereichen kan. Damit nun aber dadurch nicht unter dem Geſinde Zwieſpalt und Un - einigkeit entſtehe; ſo hat der Haus-Vater ſolches nicht allein zu verſchweigen, ſondern auch darauf zu ſehen, wie er ohne andere ſolches erfahren, oder wenigſtens glaublich machen kan, daß er es ohne des anderen Hinterbringen erfahren. Es iſt aber dieſe Wachſamkeit um ſo viel noͤthiger, weil die Unordnungen unvermerckt einſchleichen und, wenn ſie ausbrechen, gemeiniglich ſchon ſehr groß ſind, daß ihnen uͤbel abzu - helffen ſtehet, nicht anders wie das Getraͤn - cke nicht auf einmal ſauer und zu ſcharffem Eßige wird, ſondern nach und nach. De - rowegen gielt auch hier, daß man gleich dem Anfange vorbeugen muͤſſe, weil dem Ubel, das einmahl eingeriſſen, nicht anders als auf eine beſchweerliche Weiſe abgeholf - fen wird.

§. 204.

Weil es wegen anderer Verrich -Was die Haus - Mutter hierbey zu thun hat. tungen, die dem Haus-Vater obliegen, ihm nicht anders als unbequem fallen kan, wenn er ſich um alles im Haus-Weſen be -K 2kuͤm -148Das 5. Capitelkuͤmmern ſol; ſo kan er dieſe Sorgfalt der Haus-Mutter, die beſſere Zeit darzu hat, auftragen, und diejenigen Sachen, denen ſie nicht abhelffen kan, von ihr ſich vortra - gen laſſen. Jch ſage mit Fleiß, bloß die - jenigen Sachen, denen ſie nicht abhelffen kan, ſol ſie vor den Haus-Vater bringen: denn dadurch wird nicht allein die Laſt der Sorge erleichtert, die ihm ohne dem bey ſeinen uͤbrigen Verrichtungen beſchweerli - cher fallen muß, als ſie in der That iſt; ſon - dern er wird auch von vielem Verdruß be - freyet, der bey ihm um ſo viel leichter ent - ſtehen kan, wenn er zur Unzeit kommet, da er entweder auf noͤthigere Dinge zu dencken hat, oder auch aus anderen Urſachen zum Wiederwillen geneiget iſt. Jedoch muß er es nicht allein auf die Haus-Mutter an - kommen laſſen, ſondern auch unterweilen in denen ihr anvertraueten Sachen ſelbſt mit nachſehen, damit er inne wird, wie weit er ſich auf ſie zu verlaſſen hat.

Waꝛumb deꝛ einge - riſſenen Unord - nung bald ab - zuhelf - fen.

§. 205.

Weil der Haus-Vater uͤber der Ordnung in ſeinem Hauſe halten ſol (§. 201); ſo muß er auch aller Unordnung, die einreiſſen wil, bey Zeiten abzuhelffen ſuchen, und zwar umb ſo vielmehr, je ge - wiſſer es iſt, daß immer eine Unordnung aus der andern kommet (§. 201), und um ſo viel ſchweerer zu helffen iſt, je groͤſſere Unordnung eingeriſſen.

§. 206.149Von dem Hauſe.

§. 206.

Da in einer jeden GeſellſchafftDaß die Wohl - fahꝛt des gantzen Hauſes der be - ſonderen deꝛ Haus - genoſſen vorzu - ziehen. die gemeine Wohlfahrt der beſonderen vor - zuziehen (§. 12); ſo muß auch die gemei - ne Wohlfahrt des gantzen Hauſes der be - ſonderen eines Hausgenoſſen vorgezogen werden (§. 191). Derowegen wenn es die Wohlfahrt des Hauſes erfordert, daß er mit Schaͤrffe etwas ahndet, ob es gleich ſonſt bey der Perſon, die etwas verbro - chen, leichter zu aͤndern ſtuͤnde; ſo muß er die Schaͤrffe wieder ſie gebrauchen. Glei - chergeſtalt wenn man einem von den Haus - genoſſen nicht helffen kan, ohne daß dar - uͤber die gemeine Wohlfarth des gantzen Hauſes in Gefahr geſetzet wird; ſo muß man es unterlaſſen. Und ſo verhaͤlt ſichs in vielen anderen Faͤllen.

§. 207.

Wiederum weil diejenigen, dieDaß er die Haus - genoſſen freinden vorzu - ziehen. mit uns in einer Geſellſchafft leben, frem - den vorzuziehen ſind (§. 13); ſo iſt auch ein Haus-Vater nicht verbunden frem - den zu helffen, wenn es mit Nachtheil ſei - ner Hausgenoſſen geſchehen ſoll. Hinge - gen wenn ihnen nichts abgehet an dem, was ihnen gebuͤhret; ſo iſt er verbunden mit dem uͤbrigen denen zu helffen, die ſei - ner Huͤlffe noͤthig haben (§. 771 Mor.). Z. E. wenn es bey dem Hausvater ſtehet eine Bedienung zu vergeben, oder einem darzu behuͤlfflich zu ſeyn, und er findet unter ſei - nen Hausgenoſſen einen, der dazu geſchicktK 3iſt;150Das 5. Cap. Von dem Hauſe. iſt; ſo iſt er verbunden, vielmehr ihn als einen fremden ſeiner Huͤlffe genieſſen zu laſſen.

Daß bey - des auch die Pflicht deꝛ Haus - genoſſen iſt.

§. 208.

Man ſiehet aus den angefuͤhrten Gruͤnden (§. 206. 207), daß auch die Hausgenoſſen insgeſammt, ſie moͤgen ſonſt Nahmen haben, wie ſie wollen, ſo wohl als der Hausvater die Wohlfahrt des gan - tzen Hauſes der beſonderen eines jeden, auch ihrer eigenen, und abſonderlich auch das Beſte des Hausvaters und der Haus - genoſſen dem Beſten Fremder vorzuziehen haben: woraus viele Fragen ſich entſcheiden laſſen, die in beſonderen Faͤllen vorkommen koͤnnen.

Waꝛumb nicht ein mehreres von den Pflichten eines Hauſes beyge - bracht wird.

§. 209.

Da wir von den Pflichten, die ein jeder in den einfachen Geſellſchafften zu beobachten hat, weitlaͤufftig gehandelt (c. 2 & ſeqq. ), auch auf gewiſſe Weiſe das gan - tze Haus als eine Perſon anzuſehen iſt und in ſo weit auf daſſelbe alles dasjenige ſich deuten laͤſſet, was von den Pflichten der Men - ſchen gegen ſich ſelbſt anderswo (§. Part. 2 Mor.) umſtaͤndlich ausgefuͤhret worden; ſo iſt nicht noͤthig ins beſondere zu zeigen, was ein Hausvater in ſeinem Hauſe zu beobach - ten hat, damit alles wohl zugehe, und ein jeder von den Hausgenoſſen thut, was ihm gebuͤhret.

Ende des erſten Theils.

An -151

Der andere Theil Von dem gemeinen Weſen.

Das 1. Capitel / Von dem gemeinen Weſen uͤberhaupt.

§. 210.

WEnn die Menſchen allen Pflichten gegen die Seele, den Leib und ihren aͤuſſeren Zuſtand, die wir anderswo ausfuͤhrlich abgehandelt (part. 2 Mor.) ein Gnuͤgen thun und alle Bequem - lichkeiten des Lebens, die ſie zu erlangen faͤ - hig ſind, genieſſen wollen; ſo muͤſſen die vielfaͤltigen Verrichtungen, die hierzu er - fordert werden, unter viele Menſchen ein - getheilet werden. Die Menge und Man - nigfaltigkeit der Verrichtungen zeiget, wie vielerley Lebens-Arten und Handthierun - gen man von noͤthen hat. Man bedencke nur, was fuͤr Bemuͤhungen der Menſchen dazu ſind erfordert worden, daß einer ſei - ne Kleidung erhalten, daß er eine Mahlzeit genoſſen, daß er zu einer Wiſſenſchafft ge - langet, und ſo weiter fort. Gewiß man erſtaunet, daß zu einer dem Anſehen nach oͤffters gantz kleinen Sache ſo viele Sorge,K 4Ar -152Das 1. CapitelArbeit und Bemuͤhung ſo verſchiedener Menſchen dazu erfordert worden. Und wer dieſes erkennet, wird mehr als zu deutlich begreiffen, daß in einem Hauſe, es mag ſo weitlaͤufftig eingerichtet ſeyn als es immer mehr wil, man unmoͤglich alles erhalten kan, was zur Bequemlichkeit des Lebens erfordert wird. Und dannenhero kan kein Haus vor ſich allein wohl beſtehen; ſon - dern es iſt noͤthig, daß ſich viele Haͤuſer in eine Geſellſchafft zuſammen begeben, die um ſo viel vollkommener iſt, jemehr derſelben ſind, und je geſchickter die Verrichtungen, welche zur Bequemlichkeit des Lebens erfor - dert werden, dadurch vertheilet ſind. Die Erfahrung ſtimmet mit uͤberein: denn man findet, was fuͤr ein Unterſcheid iſt zwiſchen Doͤrffern und Staͤdten, ingleichen zwiſchen kleinen Staͤdten und groſſen, wo man al - les haben kan.

Einwuꝛff wird be - antwor - tet.

§. 211.

Vielleicht werden einige ein - wenden, der Uberfluß mache den Menſchen die meiſte Muͤhe in der Welt, und wuͤrde es ſolcher Weitlaͤufftigkeiten gar nicht brau - chen, wenn man wie die Thiere damit zu - frieden waͤre, was die Nothdurfft des Lei - bes erfordert. Allein unerachtet hierunter etwas wahres iſt, welches dem Einwurffe einen Schein giebet; ſo finde ich doch da - gegen verſchiedenes zu errinnern. Jch ſage anfangs, es ſey etwas wahres darunter. Nem -153gemeinen Weſen uͤberhaupt. Nemlich es iſt nicht zu leugnen, daß einige Menſchen einen Uberfluß in Nahrung, Klei - dung, Wohnung und Geraͤthe ſuchen, ſo daß ſie es nicht allein entbehren koͤnnen, ſondern auch aus verſchiedenen Urſachen ſolten, die in beſonderen Faͤllen aus der Beſchaffenheit der Pflichten gegen ſich ſelſt gar leicht zu entdecken ſind. Es ſind auch viele Dinge ſo beſchaffen, daß das menſchliche Geſchlechte deswegen nicht ungluͤckſeelig ſeyn wuͤrde, wenn man ſie gleich gar nicht haͤtte. Unterdeſſen blei - bet doch auch gewis, daß dadurch noch nicht genungſam erwieſen iſt, man ſolle dieſelben gar wegwerffen, ingleichen was einige als einen Uberfluß zu vermeiden haben, ſollen uͤberhaupt alle fahren laſſen. Wir haben demnach wohl zu bedencken, daß bey der groſſen Menge der Menſchen nicht wohl alle durch dergleichen Verrichtun - gen, die bloß die Nothdurfft des Lebens erfordert, ihren zur Nothdurfft erforderten Unterhalt finden koͤnnen. Und eben daher iſt es geſchehen, daß, da die Menſchen ſich gemehret haben, und ein jeder hat gerne ſeinen Unterhalt haben wollen, ſie auf al - lerhand Arbeit gefallen, von der man An - fangs nichts gewuſt. Solchergeſtalt iſt es nicht unrecht, wenn diejenigen, ſo mit ihrem Vermoͤgen anderen, die Noth lei - den muͤſſen, dienen koͤnnen, auch nach Er -K 5for -154Das 3. Cap. Von demforderung ihrer Umſtaͤnde etwas auf der - gleichen Dinge wenden, ohne welche die Nothdurfft des Lebens beſtehen kan (§. 458. 492. 510. Mor.) Und iſt dieſes beſ - ſer, als wenn man ſolchen Leuten von ſei - nem Uberfluſſe umſonſt aushuͤlffe. Denn ſo machte man viel Muͤßiggaͤnger und Bettler. Muͤßiggang lehret nichts gutes, als aller Laſter Anfang, und wer ſich bey geſundem Leibe zum betteln gewoͤhnet, wird nicht viel loͤbliches in der Welt verrichten: welches alles hier umſtaͤndlicher auszu - fuͤhren, zu weitlaͤufftig fallen wuͤrde. Man bedencke ſelbſt, was das betteln veraͤnder - liches in dem innern und aͤuſſern Zuſtande des Menſchen nach ſich ziehet, ſo wird man deſſen bald inne werden. Wer demnach auf den Zuſammenhang der Dinge zu ſehen gewohnet iſt, das iſt, alles vernuͤnfftig uͤber - leget (§. 368 Met.); der wird gar gerne zugeben, daß einige Menſchen in der Welt in Nahrung, Kleidung, Wohnung und andern Bequemlichkeiten des Lebens weiter gehen muͤſſen, als es die Nothdurfft des Lebens erfordert, damit viele andere auf eine bequeme Art finden moͤgen, was ſie zur Nothdurfft brauchen. Uber dieſes muß man auch den Uberfluß wohl zu beurthei - len wiſſen. Nemlich da der Menſch nicht allein auf die Nothdurfft des Lebens, ſon - dern auch auf alle Bequemlichkeiten ſehenſol,155gemeinen Weſen uͤberhaupt. ſol, die er nach ſeinen Umſtaͤnden erhalten kan, indem man ihm kein Vergnuͤgen miß - koͤnnen darf, daraus kein Mißvergnuͤgen erwaͤchſet (§. 471 Mor.): ſo iſt dieſes fuͤr keinen Uberfluß zuachten, was zur Bequem - lichkeit des Lebens dienet, noch derjenige zu ſchelten, der ſie zu erhalten trachtet, wenn er nach ſeinen Umſtaͤnden dazu gelangen kan, und ſich nicht dadurch den Weg zum Mangel des zur Nothdurfft erforderten baͤh - net. Man hat dabey auch wohl zu erwe - gen, wie viele Verrichtungen der Menſchen erfordert werden, damit wir in dem Stande ſind die Wiſſenſchafften und Kuͤnſte in Auf - nehmen zu bringen, welches inſonderheit dasjenige iſt, dadurch ſich Menſchen von unvernuͤnfftigen Thieren unterſcheiden. End - lich iſt es wohl wahr, daß bey der ſchlech - ten Lebens-Art der Alten, da ſie gar we - niges brauchten, das menſchliche Geſchlech - te ſo wohl iſt fortgepflantzet worden, als je - tzund bey politen Voͤlckern geſchiehet: al - lein wer begreiffen wil, welche Art des Le - bens der andern vorzuziehen, der darf nur ungearteter Voͤlcker, dergleichen man noch in der Welt antrifft, Lebens-Art gegen die unſere halten; ſo bin ich verſichert, er wer - de die unſere mit der ihrigen nicht zu vertau - ſchen verlangen.

§. 212.156Das 1. Capitel Von dem
Daß ein - zele Haͤuſer wieder Beleidi - gungen nicht ſi - cher ge - nung, ſind.

§. 212.

Uber dieſes iſt auch bekand, daß der groͤſte Theil der Menſchen den Laſtern ergeben iſt, und daher andere vielfaͤltig be - leidigen wuͤrde, wenn es ihnen frey ausge - hen koͤnnte. Ein eintzeles Haus iſt dem - nach nicht in dem Stande alle Beleidigun - gen abzuhalten; ſondern muͤſte vielmehr gewaͤrtig ſeyn, daß man es ploͤtzlich mit ihm gar ausmachte. Wenn einigen et - was fehlete und ſie ſaͤhen, daß es der an - dere haͤtte; ſo wuͤrden ſie es ihm mit Ge - walt nehmen, woferne er es nicht gutwil - lig hergeben wolte. Da nun ein Haus aus wenigen Perſonen beſtehet (§. 192); ſo koͤn - ten ſich leicht einige zuſammen rotten, die ihnen uͤberlegen waͤren, oder andere Ge - walt brauchen, da man in dem Hauſe nicht wiederſtehen koͤnte. Auf eine ſolche Weiſe waͤre kein Haus des ſeinigen verſichert, wie es doch billig ſeyn ſol (§. 892 Mor.). Wie - derumb wenn einer einen Haß gegen den andern haͤtte, oder auch von ihm waͤre er - zoͤrnet worden; ſo wuͤrde er in der Rache ſo weit gehen, als es ihm gefiele (§. 454. 484 Met.), und ihm nicht allein Schaden an ſeinem Vermoͤgen, ſondern wohl gar an ſeinem Leibe und Leben zufuͤgen (§. 824. Mor.). Und ſolchergeſtalt waͤre niemand ſei -Noth - wendig - keit des gemeinen Weſens. nes Leibes und Lebens ſicher.

§. 213.

Da nun eintzele Haͤuſer nicht al - le Bequemlichkeiten des Lebens ihnen ſelbſtver -157gemeinen Weſen uͤberhaupt. verſchaffen koͤnnen, derer ſie faͤhig ſind (§. 210), noch auch des ihrigen, ja ihres Lei - bes und Lebens geſichert ſeyn (§. 212), fol - gends das hoͤchſte Gut, darnach ſie zu ſtre - ben verbunden ſind (§. 45 Mor.), nicht zu erlangen vermoͤgen (§. 44 Mor.): ſo iſt noͤ - thig, daß ſo viele ſich zuſammen begeben und mit vereinigten Kraͤfften ihr Beſtes be - foͤrdern, biß ſie in dem Stande ſind ſich alle Bequemlichkeiten des Lebens zu ver - ſchaffen, der natuͤrlichen Verbindlichkeit gemaͤß von einer Vollkommenheit zu der andern ungehindert fortzuſchreiten und ſich wieder alle Beleidigungen ſattſam zu ver - theidigen. Wenn dieſes geſchiehet, ſo be - geben ſie ſich in eine Geſellſchafft (§. 2), und der ungehinderte Fortgang in Befoͤr - derung des gemeinen Beſtens, das ſie durch vereinigte Kraͤffte erhalten koͤnnen, iſt die Wohlfaͤhrt dieſer Geſellſchafft (§. 3). Die - ſe Geſellſchafft pfleget man das gemeine Weſen zu nennen.

§. 214.

Cs iſt demnach das gemeineWas das gemeint Weſen iſt und deſe ſen Ab - ſichten. Weſen eine aus ſo viel Haͤuſern beſtehen - de Geſellſchafft als zu Befoͤrderung der ge - meinen Wohlfahrt und Erhaltung der Si - cherheit noͤthig iſt. Und demnach ſind zwey Abſichten, welche die Menſchen gehabt, warumb ſie ein gemeines Weſen aufgerich - tet, nemlich damit ſie in dem Stande waͤ - ren dem hoͤchſten Gute deſto ſicherer nach -zuſtre -158Das 1. Capitel Von demzuſtreben, oder ihre Wohlfahrt mit verei - nigten Kraͤfften zu befoͤrdern, und ſich wie - der alle Gewalt und Unrecht zu ſchuͤtzen.

Haupt - geſetze im ge - meinen Weſen.

§. 215.

Die gemeine Wohlfahrt dem - nach und Sicherheit iſt das hoͤchſte und letz - te Geſetze im gemeinen Weſen, und dem - nach die Regel, darnach man alles im ge - meinen Weſen zu entſcheiden hat, dieſe: Thue, was die gemeine Wohlfahrt befoͤrdert und die gemeine Sicherheit erhaͤlt. Hingegen unterlaß, was die gemeine Wohlfahrt hindert und der gemeinen Sicherheit zuwieder iſt (§. 11).

Pflicht derer / die im ge - meinen Weſen leben

§. 216.

Auf ſolche Weiſe erhellet, daß wir im gemeinen Weſen bey unſeren Hand - lungen zugleich mit auf andere ſehen muͤſ - ſen, damit dadurch nicht andern, die un - ſere Mittglieder ſind (§. 15), einiger Ein - trag geſchehe, ſondern vielmehr ihre Wohl - fahrt zugleich dadurch befoͤrdert wird. De - rowegen hat ein jeder bey ſeinen Handlun - gen darauf zu ſehen, was ſie veraͤnderli - ches in dem Zuſtande des gemeinen We - ſens nach ſich ziehen. Es hat manche Hand - lung nicht viel zu ſagen, wenn wir ſie in Anſehung unſeres Zuſtandes erwegen: al - lein wenn wir ſie gegen den Zuſtand des ge - meinen Weſens halten, ſo kommet viel ſchlimmes daraus.

§. 216.159gemeinen Weſen uͤberhaupt.

§. 217.

Gleichwie nun aber uͤberhauptWas man im gemeinen Weſen nicht zu dul - den hat. in keiner Geſellſchafft zugegeben werden ſol, daß einer oder der andere etwas vornehme, was den Abſichten derſelben zuwieder iſt (§ 10): alſo muß man auch in dem gemei - nen Weſen nicht dulden, daß von jeman - den etwas vorgenommen werde, was wie - der die gemeine Wohlfahrt und Sicher - iſt (§. 215). Und wie ferner in einer jeden Geſellſchafft man Recht hat alle Mittel an - zuwenden, wie man den ungearteten zu Beobachtung ſeiner Pflicht bringet (§. 10); alſo muß man auch im gemeinen Weſen darauf bedacht ſeyn, wie man einen jeden dazu bringe, daß er nichts vornehme, was der gemeinen Wohlfahrt und Sicherheit zuwieder iſt, noch unterlaſſe, was darzu dienlich befunden wird.

§. 218.

Gleichgerſtalt wie in keiner Ge -Gemeine Wohl - fahrt ge - het der beſon - dern vor. ſellſchafft verſtattet werden kan, daß in ſolchen Faͤllen, wo eine Ausnahme geſche - hen muß, die beſondere Wohlfahrt eines einigen oder einiger der gemeinen vorgezo - gen werde (§. 12); ſo kan auch im gemei - nen Weſen nicht zugelaſſen werden, daß ei - ner ſeine beſondere Wohlfahrt der gemei - nen vorziehe.

§. 219.

Und wie ferner in einer jedenWenn fremde denen ein hei - miſchen nach zuſe - tzen. Geſellſchafft das Mittglied einem fremden vorgezogen wird (Z. 13); ſo muß auch im gemeinen Weſen ſolches geſchehen, das iſt,es160Das 1. Capitel Von demes iſt niemand verbunden fremden zu helf - fen, wenn dadurch die Wohlfahrt derer, die mit uns in einem gemeinen Weſen le - ben, nachgeſetzet werden ſolte.

Gemei - nes We - ſenſt ellet eine Per - ſon vor.

§. 220.

Weil man in einem gemeinen Weſen mit vereinigten Kraͤfften dasjenige zu erhalten ſuchet, was ein jeder Menſch zu ſuchen von Natur verbunden iſt (§. 213) ſo kan man ein gemeines Weſen als eine eintzele Perſon anſehen. Und demnach verhalten ſich viele gemeine Weſen gegen einander wie verſchiedene eintzele Perſo - nen.

Grund des Rech - tens zwi - ſchen ver - ſchiede - nen ge - meinen Weſen.

§. 221.

Derowegen wenn wir verſtehen, was eine Perſon der andern ſchuldig iſt, wie wir ſolches bereits (Part. 4 Mor) aus - gefuͤhret; ſo wiſſen wir auch, was ein ge - meines Weſen fuͤr Pflichten gegen andere hat. Und hieraus laſſen ſich viele wichti - ge Fragen entſcheiden, was zwiſchen ver - ſchiedenen gemeinen Weſen in allerhand Faͤllen rechtens iſt.

Grund der Ein - richtung des ge - meinen Weſens.

§. 222.

Weil man nun deswegen ein gemeines Weſen einfuͤhret, damit man die gemeine Wohlfahrt deſto bequemer erhal - ten und die gemeine Sicherheit befoͤrdern kan (§. 213); ſo muß man daſſelbe derge - ſtalt einrichten, daß es an noͤthigen Mit - teln dieſe Abſicht zu erreichen nicht fehlet.

Welche Art des gemeinen

§. 223.

Und demnach iſt diejenige Art des gemeinen Weſens die beſte, wo die ge -meine161gemeinen Weſen uͤberhaupt. meine Wohlfahrt am beſten befoͤrdert undWeſens beſſer als die ande - re. die gemeine Sicherheit erhalten wird, das iſt, wo die meiſten Menſchen gluͤckſeelig ne - ben einander leben, auch von auswaͤrtigen Feinden ſicher ſind. Hingegen die Art des gemeinen Weſens iſt die ſchlechteſte, wo die meiſten Menſchen ungluͤckſeelig ſind, das iſt, mißvergnuͤgt und in Uneinigkeit le - ben, auch von auswertigen Feinden nicht genung ſicher ſeyn. Nemlich die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit iſt die Abſicht des gemeinen Weſens (§. 214), das gemei - ne Weſen ſelbſt, dadurch man dieſe Ab - ſicht zu erhalten gedencket, das Mittel (§. 912 Met.). Je mehr nun die Abſicht er - halten wird, je beſſer iſt das Mittel, welches man dazu gebrauchet.

§. 224.

Da die Vollkommenheit in ei -Wie man die Voll - kommen - heit des gemeinen Weſens zu beur - theilen hat. ner Zuſammenſtimmung des mannigfalti - gen beſtehet (§. 152 Met.), im gemeinen Weſen aber alles, was zu einer Einrich - tung und Verwaltung gehoͤret, mit ei - nem Worte, alles was auf einige Art und Weiſe dazu gehoͤret, mit der gemeinen Wohlfahrt und Sicherheit zuſammen ſtim - men muß (§. 215); ſo iſt klar, wie man die Vollkommenheit eines gemeinen We - ſens zu beurtheilen hat. Nemlich es iſt weiter nichts von noͤthen, als daß wir 1. ſorgfaͤltig alles anmercken, was man dar - innen der gemeinen Wohlfahrt und Si -(Politick) Lcher -162Das 1. Capitel Von demcherheit halber vornimmet, 2. mit Fleiß anmercket, was fuͤr veraͤnderliches in dem Zuſtande derer, die darinnen leben, erfol - get; und endlich 3. beurtheilet, wie ſolches mit der gemeinen Wohlfahrt und Sicher - heit beſtehet. Man erkennet ohne mein Er - rinnern, was fuͤr eine weitlaͤufftige Uberle - gung bey dem letzten noͤthig iſt, nemlich bey der gemeinen Wohlfahrt hat man auf alles zu ſehen, wozu der Menſch durch das Ge - ſetze der Natur verbunden wird (§. 214), und alſo ſo wohl auf die Pflichten gegen ſich ſelbſt, als gegen GOtt und andere Men - ſchen, die wir in der Sitten-Lehre ausge - fuͤhret: bey der gemeinen Sicherheit iſt nicht allein auf die innere Ruhe und Einig - keit, ſondern auch auf den aͤuſſeren Friede und das gute Verſtaͤndniß mit auswaͤrtigen zu ſehen.

Nutzen dieſer Beur - theilung.

§. 225.

Es hat aber dieſe Beurtheilung des gemeinen Weſens ihren vielfaͤltigen Nutzen. Denn einmahl kan man dadurch begreiffen, wie es eigentlich eingerichtet werden ſol, wenn man dem Winck der Na - tur folgen wil, die uns das beſſere vorzu - ziehen verbindet (§. 10 Mor.). Nach die - ſem lernet man auch hierdurch erkennen, was in einem gemeinen Weſen noch fehlet, und wie man es verbeſſern ſol. Ja wir werden dadurch geſchickt, bey wohl eingerichteten gemeinen Weſen abzulernen, was an ihnengutes163gemeinen Weſen uͤberhaupt. gutes iſt und wieder geſchickt anzubringen. Denn wenn etwas nicht in der Zuſammen - ſtimmung mit anderen Dingen behalten wird, dabey es gut thut, ſo kan man Un - heil anrichten, wenn man es an dem un - rechten Orte nachthut.

§. 226.

Vielleicht wird einigen anſtoͤſ -Einwurf wird be - antwor - antwor - tet - ſig ſeyn, daß ich verlange, man ſol bey Ein - richtung und Verwaltung des gemeinen Weſens auf ſeine Vollkommenheit ſehen. Sie werden meinen, das vollkommene ge - meine Weſen ſey eine Frucht der leeren Ein - bildung, und koͤnne in der Welt nirgends ſtatt finden: man habe aber die Sache ſo vorzuſtellen, wie ſie moͤglich ſind. Was helffen mich die Gedancken von einer Gluͤck - ſeeligkeit, die man nicht erreichen kan: ſie ſind ein Traum, der einem nichts geweh - ret. Wenn wir auf dieſen Einwurff or - dentlich antworten wollen, ſo haben wir zweyerley zn erwegen. Erſtlich iſt die Fra - ge, wenn man den Begriff von der Voll - kommenheit des gemeinen Weſens fuͤr et - was unmoͤgliches ausgeben kan: darnach haben wir zu unterſuchen, ob man deswe - gen nach einer an ſich moͤglichen Vollkom - menheit nicht ſtreben ſoll, weil man ſie nicht erreichen kan. Wir wiſſen, daß das un - moͤgliche etwas wiederſprechendes in ſich enthaͤlt (§. 12 Met.), das iſt ſolche Din - ge, die neben einander zugleich nicht beſte -L 2hen164Das 1. Cap. Von demhen koͤnnen. Sol nun der Begrieff von der Vollkommenheit des gemeinen Weſens un - moͤglich ſeyn; ſo muß er gleichfalls einan - der zuwieder lauffende Dinge in ſich enthal - ten, oder auch unmoͤgliche Dinge vor - ausſetzen. Nemlich im erſten Falle muͤſten in der Einrichtung oder Verwaltung des gemeinen Weſens ſolche Dinge angegeben werden, die einander zuwieder lieffen, und daher waͤre es kein vollkommenes gemeines Weſen, ſondern haͤtte nur den Schein deſ - ſelben (§. 152 Met.). Und alſo findet die - ſer Fall hier eigentlich gar nicht ſtat, oder man muͤſte erweiſen koͤnnen, daß kein ge - meines Weſen koͤnne gedacht werden, dar - innen alles mit einander voͤllig zuſammen - ſtimmete. Jn dem anderen Falle muͤßte man entweder Menſchen, die ſich ins ge - meine Weſen begeben ſolten, anders an - nehmen, als wie wir ſie finden, z. E. Cn - gel im Verſtande und in Tugenden; oder ſolche Mittel vorſchreiben, welche die Men - ſchen durch allen Gebrauch ihrer Kraͤff - te nicht bewerckſtelligen koͤnnten. Wenn aber dergleichen nicht geſchiehet, ſondern man richtet alles nach dem gegenwaͤrtigen Zuſtande der Menſchen und dem moͤglichen Gebrauche ihrer Kraͤffte ein; ſo kan man nicht mit Beſtande der Wahrheit die Voll - kommenheit des gemeinen Weſens als eine leere Brut der Einbildung verwerffen. Wenn165gemeinen Weſen uͤberhaupt. Wenn nun gleich der Begrieff von der Vollkommenheit moͤglich iſt, ſo folget doch deswegen noch nicht, daß er auch wuͤrck - lich werden kan (§. 13 Met.), und entſtehet demnach billich die andere Frage, ob man ihn deswegen als was unnuͤtzes verwerffen ſol, weil man ihn nicht zur Wuͤrcklichkeit bringen kan. Hierauf antworte ich mit Nein. Denn da uns die Natur verbindet nach dem beſten zu ſtreben, ſo weit es in un - ſerer Gewalt iſt (§. 10 Mor.); ſo muͤſſen wir ja auch einen Begrieff von dem beſten, oder vollkommenſten haben, damit wir ur - theilen koͤnnen, wornach wir ſtreben ſol - len. Unerachtet es nun aber nicht moͤglich iſt den Grad einer voͤlligen Vollkommenheit zu erreichen; ſo hat man doch von deſſen Erkaͤntnis den Nutzen, daß wir wiſſen, was und wo es noch fehlet, und was wir zu ver - beſſern haben, auch wie die Verbeſſerung vorzunehmen, mit einem Worte, es die - net dazu, daß wir von der Vollkommen - heit ſo viel erreichen als uns moͤglich, und nicht durch Saumſeeligkeit oder Vorur - theile und Unwiſſenheit unterlaſſen, was wir gar wohl haͤtten bewerckſtelligen koͤn - nen. Man ſiehet gar wohl, daß dieſes nicht allein auf das gemeine Weſen gehet, ſondern auch in anderen Faͤllen ſtat findet. Z.E. Jn der Bau-Kunſt ſtellet man ſich gleich fals ein Gebaͤude in ſeiner groͤſten Vollkom -L 3men -166Das 5. Capitel Von demmenheit vor, die es erreichen kan, wenn man die Regeln der Baukunſt geben wil. Kom - met es nach dieſem zur Ausuͤbung und fin - den ſich allerhand Urſachen, warum man wieder dieſe und jene Regel handeln, und alſo von der Vollkommenheit aus Noth abgehen muß; ſo hat man doch den Nu - tzen, daß man nicht weiter davon abgehet, als man genoͤthiget wird, im uͤbrigen aber ſoviel von der Vollkommenheit bey behaͤlt als ſich thun laͤſſet. Es waͤre demnach nicht ſchaͤdlich, ſondern nuͤtzlich, wenn wir nur von allen Dingen, deren Wuͤrcklich - keit von uns dependiret, ein Muſter der Vollkommenheit haͤtten, darnach wir uns richten koͤnnten.

Wie die Beobach - tung des Geſetzes der Na - tur im gemeinen Weſen befoͤrdert wird.

§. 227.

Da das gemeine Weſen des - wegen eingefuͤhret wird, damit der Menfch deſto bequemer denen natuͤrlichen Pflich - ten ein Gnuͤgen thun kan, und darinnen nicht von andern gehindert wird, die da - wieder handeln (§. 218), folgends diejenige Gluͤckſeeligkeit erreichet, deren er faͤhig iſt (§. 57 Mor); ſo hat man in Einrich - tung und Verwaltung des gemeinen We - ſens davor zu ſorgen, daß die jenigen, ſo willig ſind der natuͤrlichen Verbindlich - keit ein Gnuͤgen zu thun, nicht allein von andern nicht gehindert, ſondern vielmehr gefoͤrdert werden, und dazu alle Gelegen - heit und Vorſchub finden; hingegen dieandern167gemeinen Weſen uͤberhaupt. andern, welche die natuͤrliche Verbindlich - keit aus den Augen ſetzen, dazu angehalten werden, daß ſie wenigſten die aͤußerlichen Handlungen vollziehen, die das Geſetze der Natur erfordert, und die jenigen unterlaſ - ſen, welche ihm zuwieder ſind. Alſo foͤr - dert man im gemeinen Weſen die Gluͤck - ſeeligkeit der guten, und zwinget die boͤſen, daß ſie ſich nicht ungluͤckſeelig machen, ſo - viel ſich dieſes thun laͤſſet,

§. 228.

Und hieraus erkennet man, wieNutzen der Er - kaͤntnis! des Rech - tes der Natur und der Sitten - Lehre in der Poli - tick. es nicht moͤglich iſt von der Einrichtung des gemeinen Weſens und deſſen Verwal - tung gruͤndlich zu handeln, wo man nicht eine genaue Erkaͤntnis von dem Rechte der Natur und den Tugenden und Laſtern hat, wie weit ſie nemlich in der Menſchen Gewalt ſind. Ja es erhellet ferner hier - aus, daß die in der Politick abzuhandelnde Wahrheiten in den Wahrheiten des Rech - tes der Natur und der Sittenlehre gegruͤn - det, folgends mehr als jene zuſammen ge - ſetzet ſind, oder von den erſten Gruͤnden der Erkaͤntnis abſtehen. Woraus noch weiter abzunehmen, daß, wenn man das Recht der Natur und die Sitten-Lehre in einen vollkommeneren Stand bringet, dadurch zugleich der Grund geleget wird in der Politick zu einer gruͤndlicheren und weiteren Erkaͤntnis zugelangen. Die Wahr - heiten ſind alle mit einander genau ver -knuͤpf -168Cap. 2. von den verſchiedenenknuͤpffet und gelanget man durch die eine zur Erkaͤntnis der andern.

Das 2. Capitel, Von den verſchiedenen Arten des gemeinen Weſens.

§. 229.

Noth - wendig - keit der Obrig - keit und Unter - ſcheid zwiſchen ihr und den Un - tertha - nen.

DA man im gemeinen Weſen davor zu ſorgen hat, wie die gemeine Wohl - fahrt befoͤrdert und die gemeine Si - cherheit erhalten wird (§. 215.), auch zu dem Ende alles zu veranſtalten, daß die, welche der natuͤrlichen Verbindlichkeit Raum geben, deſto bequemer das Geſetze der Natur beobachten koͤnnen, hingegen die Wiederſpenſtigen zu dieſer Beobachtung angehalten werden (§. 227); ſo iſt noͤthig, daß gewiſſen Perſonen dieſe Sorge auf - getragen werde, und die anderen eines wer - den das jenige zuthun, was ſie zu Erhal - tung dieſer Abſichten fuͤr gut befinden. Je - ne werden Obrigkeiten, dieſe hingegen Unterthanen genennet. Und demnach ſind die Obrigkeiten Perſonen, denen die Sorge fuͤr die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit im gemeinen Weſen oblieget. Hingegen die Unterthanen ſind Perſo - nen, welche ſich verbindlich gemacht, den Willen der Obrigkeit ihren Willen ſeyn zulaſſen.

§. 230169Arten des gemeinen Weſens.

§. 230.

Es iſt demnach zwiſchen derVertrag zwiſchen der O - brigkeit und den Unter - thanen. Obrigkeit und den Unterhanen ein Ver - trag (§. 1008. Mor), nemlich die Obrig - keit verſpricht alle ihre Kraͤffte und ihren Fleiß dahin anzuwenden, daß ſie zu Be - foͤrderung der gemeinen Wohlfahrt und Sicherheit dienſame Mittel erdencke, und zu deren Ausfuͤhrung noͤthige Anſtalten mache: hingegen die Unterthanen verſpre - chen dargegen, daß ſie willig ſeyn wollen alles dasjenige zuthun, was ſie fuͤr gut be - finden wird.

§. 231.

Da ein jeder Vertrag recht -Daß er rechtmaͤſ - ſig ſey. maͤßig iſt, wenn von beyden Partheyen nichts verſprochen wird, als was dem Ge - ſetze der Natur gemaͤß iſt (§. 1010. Mor.); ſo ſiehet man auch, daß der Vertrag zwi - ſchen der Obrigkeit und den Unterthanen rechtmaͤßig iſt, indem er bloß dahin gehet daß die Beobachtung des Geſetzes der Na - tur befoͤrdert und durch wiederſpenſtige nicht gehindert werde (§. 229. 230.).

§. 232.

Weil wir nun verbunden ſinddaß ihn Obrig - keit und Unter - thanen halten ſollen. einen jeden rechtmaͤßigen Vergleich zuhal - ten (§. 1012. Mor.); ſo iſt auch ſo wohl die Obrigkeit, als der Unterthan ſchuldig, den zwiſchen ihnen aufgerichteten Vertrag zu halten (§. 230), und alſo muß die Obrig - keit ihr die Sorge fuͤr die gemeine Wohl - fahrt und Sicherheit angelegen ſeyn laſ - len, hingegen der Unterthan bereit und wil -L 5lig170Cap 2. von den verſchiedenenlig ſeyn dasjenige zu thun und zulaſſen, was ſie dazu gut befindet (§. 230).

Grund der ver - verſchie - denen Re - gierungs Formen.

§. 233.

Es kan aber die Sorge fuͤr die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit ent - weder einer, oder verſchiedenen Perſonen, und zwar entweder ſchlechter Dinges, oder unter gewiſſen Bedingungen aufgetragen werden. Und hieraus entſtehen die ver - ſchiedenen Arten des gemeinen Weſens, welche man die Regierungs-Formen zu nennen pfleget, die nach dieſem ferner dadurch unterſchieden ſind, nachdem ent - weder die Obrigkeit thut, was ihr oblieget, oder vielmehr von der Abſicht des gemei - nen Weſens abweichet, und ihre beſondere Wohlfahrt der gemeinen vorziehet.

Was die Monar - chie und Tyran - ney iſt.

§. 234.

Wenn die Sorge fuͤr die ge - meine Wohlfahrt und Sicherheit einem aufgetragen wird, und zwar ſchlechter Din - ges, ſo daß er ohne beſondere Einwilli - gung entweder einiger, oder aller von den Unterthanen anordnen kan, was er fuͤr gut befindet; ſo nennet man es eine Monar - chie: welche zur Tyranney wird, wenn die regierende Perſon wieder die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit mit Vorſatz handelt, und nur ihr beſonderes Intereſſe zu ihrer Haupt-Abſicht machet. Sol - cher geſtalt iſt die Monarchie eine Re - gierungs-Forme, da ein einiger zu Befoͤr - derung der gemeinen Wohlfahrt und Si -cher -171Arten des gemeinen Weſens. cherheit herſchet: hingegen die Tyranney iſt eine Regierungs-Forme, da ein eini - ger zu Befoͤrderung ſeines beſonderen In - tereſſes herrſchet.

§. 235.

Wenn die Sorge fuͤr die ge -Was die Ariſto - cratie und Oli - garchie iſt. meine Wohlfahrt und Sicherheit einigen aufgetragen wird, und zwar abermahl ſchlechter Dinges, ſo daß ſie ohne der uͤbri - gen Einwilligung anordnen koͤnnen, was ſie fuͤr gut befinden; ſo nennet man die Regierungs-Forme eine Ariſtocratie: welche zur Olichargie wird, wenn die re - gierenden Perſonen wieder die gemejne Wohlfahrt und Sicherheit mit Vorſatz handeln und nur ihr beſonderes Intereſ - ſe zu ihrer Haupt-Abſicht machen. Sol - chergeſtalt iſt die Ariſtocratie eine Re - gierungs-Forme, da einige zu Befoͤrde - rung der gemeinen Wohlfahrt und Si - cherheit herrſchen: Hingegen die Oligar - chie iſt eine Regierungs-Forme, da eini - ge zu Befoͤrderung ihres beſonderen In - tereſſes mit Hintanſetzung der gemeinen Wohlfahrt und Sicherheit herrſchen.

§. 236.

Wenn die Sorge fuͤr die ge -Was die Politie und De - mocratie iſt. meine Wohlfahrt und Sicherheit der gan - tzen Gemeine veꝛbleibet, deꝛgeſtalt, daß nichts ohne aller Einwilligung verordnet werden kan; ſo nennet man es eine Politie: wel - che zu einer Democratie wird, wo es bloß nach dem gehet, was der gemeine Poͤbelihm172Cap. 2. von den verſchiedenenihm vortheilhafft zu ſeyn erachtet, mit Hintanſetzung der gemeinen Wohlfahrt und Sicherheit.

Daß nicht mehrere einfache Regie - rungs - Formen ſind.

§. 237.

Die bisher erzehleten Regie - rungs-Formen werden die einfachen ge - nennet. Daß nun nicht mehr als dieſe moͤglich ſind, laͤſſet ſich leicht erweiſen. Denn entweder es herrſchet einer, oder ei - nige, oder alle, und zwar entweder zum ge - meinen, oder zu ihrem beſonderen beſten. Und alſo ſind nicht mehr als drey gute und als drey ſchlimme Regierungs-For - men, nemlich die drey guten ſind die Mo - narchie, Aroſtocratie und Politie; hinge - gen die ſchlimmen die Tyranney, Oligar - chie und Democratie.

Was ei - ne ver - miſchte Regie - rungs - Forme iſt.

§. 238.

Hieraus koͤnnen gar verſchiede - ne vermiſchte Regierungs-Formen entſtehen, nach dem mit einer vieles oder weniges aus der andern verknuͤpffet wird. Z.E. Man kan einem das Regiment der - geſtalt auftragen, daß er nichts ohne Ein - willigung anderer vornehmen darff, und denn beſtehet die Regierungs-Forme theils aus der Monarchie, theils aus der Ari - ſtocratie. Es iſt freylich weder voͤllig ei - ne Monarchie, noch Ariſtocratie, ſondern hat aus beyden etwas. Denn eine ver - miſchte Regierungs-Forme iſt eben diejenige, welche aus verſchiedenen Regie - rungs-Formen etwas hat. Da nun aberbald173Arten des gemeinen Weſens. bald mehr aus dieſer, bald aus jener bey - behalten, auch mit dem guten ſich etwas aus den ſchlimmen vereinbahren kan: ſo ſind der vermiſchten unzehlich viel Arten.

§. 239.

Wenn wir nun unterſuchenWie man die Moͤg - lichkeit der Re - gierungs Form beurthei - let. wollen, welche Regierungs-Formen moͤg - lich ſind und welche nicht moͤglich ſind; ſo hat man darauf zuſehen, ob dadurch die Abſicht des gemeinen Weſens, nemlich die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit (§. 214), kan erreichet werden, oder nicht. Denn da die Regierungs-Forme das Mittel iſt, wodurch man dieſe Abſicht zu erhalten trachtet (§. 912. Met.); ſo kan man keine fuͤr ein Mittel ausgeben, als wodurch die Abſicht ſich erreichen laͤſſet, folgends auch nicht fuͤr moͤglich halten (§. 12. Met.).

§. 240.

Hingegen wenn ich urtheilenWie den Vorzug einer fuͤr den an - dern. ſoll, welche Regierungs-Forme beſſer ſey als die andere und alſo der andern vorzu - ziehen (§. 10. Mor.); ſo kommet es dar - auf an, daß man unterſuchet, in welcher man die Abſicht des gemeinen Weſens, nemlich die gemeine Wohlfahrt und Si - cherheit, am leichteſten und am gewiſſe - ſten erreichen kan, das iſt ohne Umwege und mit der wenigſten Gefahr, daß dieſel - be werde verabſaͤumet und gehindert wer - den. Alles iſt daraus klar, weil die Re - gierungs-Forme als das Mittel anzuſe -hen174Cap. 2. von den verſchidenenhen iſt, dadurch man die gemeine Wohl - fahrt und Sicherheit erhaͤlt.

Was zu einer Re - gierungs Forme von Sei - ten der Regenten erfordeꝛt wird.

§. 241.

Damit nun beydes Urtheil er - leichtert wird, ſo haben wir fuͤr allen Din - gen zu unterſuchen, was von Seiten regie - render Perſonen erfordert wird, wenn man mehr ermeldete Abſicht erreichen ſol. Da nun uͤberhaupt derjenige, welcher eine Abſicht erreichen ſoll, nicht allein verſtehen muß, was fuͤr Mittel dazu erfordert wer - den, und wie man denen ſich bey Ausfuͤh - rung derſelben ereignenden Hinderniſſen begegnen ſoll (§. 152. Mor.); ſondern auch den ernſten Vorſatz haben, alle Mittel, die er erkennet, zugebrauchen, und den ſich er - eignenden Hinderniſſen auf die ihm er - kandte Weiſe zu begegnen: alſo wird auch von Seiten regierender Perſonen er - fordert, daß ſie nicht allein verſtehen, wie die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit kan erhalten und befoͤrdert werden, ſon - dern auch einen ernſten Vorſatz haben ſie zu befoͤrdern. Man ſiehet leicht, wenn es an einem von beyden, oder auch an allen beyden fehlet, die gemeine Wohlfahrt nicht befoͤrdert, noch die gemeine Sicher - heit erhalten wird. Hat man den Wil - len und verſtehet es nicht, wie es recht an zufangen iſt; ſo greiffet man es auf eine unrichtige Weiſe an und ſtoͤhret die ge - meine Wohlfahrt und Sicherheit, indemman175Arten des gemeinen Weſens. man gemeinet iſt ſie zu befoͤrdern. Feh - let der Wille, ſo hilfft es auch nicht, daß man es verſtehet, wie es anzugreiffen iſt: denn da man nicht auf die gemeine Wohl - fahrt und Sicherheit, ſondern auf ſeine be - ſondere Abſichten ſiehet; ſo handelt man jener mit Wiſſen und Willen zuwieder, wo es dieſe erfordern. Fehlet es an beyden, daß man weder verſtehet, was zur gemei - nen Wohlfahrt und Sicherheit erfordert wird, noch auch die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit nicht weiter zu befoͤrderen verlanget, als in ſo weit ſie ein Mittel zu ſeyn ſcheinet das beſondere Intereſſe zu erreichen; ſo iſt vor ſich klar, daß der ge - meinen Wohlfahrt und Sicherheit gar ofte zu nahe getreten wird.

§. 242.

Da die Befoͤrderung der gemei -Worauf die Wohl - fahrt und Si - cherheit des ge - meinen Weſen - gegruͤn - det. nen Wohlfahrt auf der Beobachtung des Geſetzes der Natur beruhet (§. 226), ſo muß derjenige, der den Willen haben ſoll ſie zu befoͤrdern, eine Fertigkeit haben, ſeine Handlungen dem Geſetze der Natur gemaͤß einzurichten, und alſo tugendhafft ſeyn (§. 64. Mor.). Solchergeſtalt ſind Verſtand und Tugend die beyden Gruͤnde, darauf die Wohlfahrt und Sicherheit des gemeinen Weſens beruhet (§. 241). Wer demnach auf einige Art und Weiſe fuͤr das gemeine Weſen zu ſorgen hat, es mag ſeine Einrich -tung176Cap. 2. von den verſchiedenentung oder Verwaltung betreffen, der muß verſtaͤndig und tugendhafft ſeyn.

Warum man Ver - ſtand und Tu - gend in Aufneh - men bringen ſoll.

§. 243.

Und hieraus erhellet, wie hoͤchſt noͤthig es ſey, daß Verſtand und Tugend in die Welt gebracht werde, und wie nuͤtz - lich alle derjenigen Bemuͤhung iſt, welche Verſtand und Tugend in Aufnahme zu bringen ſich angelegen ſeyn laſſen. Denn da die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit im gemeinen Weſen auf Verſtand und Tu - gend gegruͤndet iſt (§. 242); ſo wird da - durch die Wohlfahrt und Sicherheit im gemeinen Weſen beſoͤrdert, wenn Verſtand und Tugend in Aufnahme gebracht wird. Man ſiehet demnach ferner, daß im Gegen - theile Unverſtand und Untugend der Grund vom Verderbnis im gemeinen Weſen iſt. Auch iſt aus dem klar, was vorhin weit - laͤufftiger ausgeſuͤhret worden, daß Ver - ſtand und Tugend nicht koͤnnen getrennet, ſondern ſtets bey einander muͤſſen erhalten werden. Die Erfahrung ſtimmet zur Gnuͤ - ge damit uͤberein. Und iſt dannenhero nicht undienlich, wenn man dieſer ſo gar wichti - gen Wahrheit ſich auch durch die Erfahrung verſichert. Man gebe nur acht, wie es im gemeinen Weſen hier oder dort uͤberall ab - laͤufft, und unterſuche nachdem die Urſache, woher es kommet; ſo wird man zur Gnuͤ - ge inne werden, daß es entweder aus Un -ver -177Arten des gemeinen Weſens. verſtande oder Untugenden und Laſtern, o - der auch wohl aus beyden Quellen herge - floſſen.

§. 244.

Man ſiehet aber, daß VerſtandWo ſie abſon - derlich noͤthig ſind. und Tugend abſonderlich noͤthig ſind, wo man etwas neues anordnen, oder von dem, was bisher uͤblich geweſen, eines und das andere aͤndern ſol. Denn da es hier ent - weder auf neue Erfindungen ankommet, o - der zum wenigſten auf eine vernuͤnfftige Be - urtheilung, ob die jenigen Mittel, die von andern erfunden, auch etwan ſchon mit Vortheil gebrauchet worden, ſich bey uns unter denen Umſtaͤnden, darinnen wir uns befinden, anbringen laſſen; ſo hat man auch entweder die Kunſt zu erfinden noͤthig, welche der hoͤchſte Grad iſt, den der Ver - ſtand des Menſchen erreichen kan (§. 304. Mor), odeꝛ man muß die Eꝛwartung anlicheꝛ Faͤlle vernunfftmaͤßig machen (§. 375 Met.), worzu abermahls nicht ein geringer Grad des Verſtandes erfordert wird (§. 277 Met.) Jn beyden Faͤllen darf es auch an der Tu - gend nicht fehlen, damit man die Wohl - fahrt und Sicherheit des gemeinen We - ſens, und nicht bloß ein beſonderes Inter - eſſe vor Augen hat, wie es aus dem, was vorhin (§. 241) ausgefuͤhret worden, ſatt - ſam abzunehmen.

§. 245.

Weil die gemeine WohlfahriObrig - keiten ſollen be - gierig in einem ungehinderten Fortgange von ei -(Politick) Mner178Cap. 2. Von den verſchiedenenſeyn Un - tertha - nen gluͤck ſeelig zu machen.ner Vollkommenheit zur andern beſtehet (§. 213), und alſo das hoͤchſte Gut iſt, wel - ches die Menſchen auf dieſer Erde erreichen koͤnnen (§. 44. Mor.); das hoͤchſte Gut a - ber mit der Gluͤckſeeligkeit verbunden iſt (§ 52 Mor.); ſo trachten diejenigen, welche fuͤr die gemeine Wohlfahrt ſorgen, die - brigen im gemeinen Weſen gluͤckſeelig zu machen. Und demnach ſind regierende Per - ſonen, die thun, was ihres Ambts iſt, ſie moͤgen Namen haben wie ſie wollen, be - gierig die Unterthanen gluͤckſeelig zu ma - chen.

Sie auf - richtig lieben.

§. 246.

Wer nach der Unterthanen Gluͤckſeeligkeit begierig iſt, oder dieſelbe will, der ſtellet ſie ſich als gut vor (§. 434. 496. Met.), und hat alſo Luſt oder Ver - gnuͤgen daran (§. 423. 432 Met.). De - rowegen da die Obrigkeiten nach der Unter - thanen Gluͤckſeeligkeit begierig ſeyn ſollen (§. 245); ſo muͤſſen ſie auch eine aufrichtige Liebe gegen ſie haben (§. 449 Met.). Je groͤſſer nun die Liebe gegen die Unterthanen iſt, je beſſer ſtehet es umb ihre Gluͤckſee - ligkeit, wenn Verſtand dazu kommet (§. 241).

Wenn ei - ne Mo - narchie moͤglich iſt.

§. 247.

Weil nun eine Regierungs - Forme moͤglich iſt, wenn dadurch die ge - meine Wohlfahrt befoͤrdert werden kan (§. 239), dieſes aber geſchiehet, wenn Obrig - keiten oder regierende Perſonen Verſtandund179Arten des gemeinen Weſens. und Tugend (§. 241), und abſonderlich ei - ne aufrichtige und groſſe Liebe zu ihren Un - terthanen haben (§. 246); ſo kan auch in einer Monarchie, wo nur eine Perſon herr - ſchet, die gemeine Wohlfahrt befoͤrdert wer - den, und folglich iſt ſie moͤglich, wenn der Monarche verſtaͤndig und tugendhafft iſt, abſonderlich ſeine Unterthanen aufrichtig und ſehr liebet. Es iſt eben nicht noͤthig, daß ein Monarche fuͤr ſich ſo viel Verſtand hat, daß er alles ſelbſt uͤberlegen, und die zur Befoͤrderung der gemeinen Wohlfahrt und Sicherheit noͤthige Mittel erfinden kan (wiewohl wenn ſolches waͤre, ſo waͤre es um ſo viel beſſer); ſondern es iſt genung, wenn er verſtaͤndig iſt klugen Rath zu be - urtheilen, damit er nicht den guten hintan - ſetze, und dem ſchlimmen folge. Zu wel - chem Ende noͤthig iſt, daß er allezeit nach dem Grunde frage, warumb einer dieſen oder jenen Rath giebet, und wie er vermei - net, daß dadurch die gemeine Wohlfahrt ſolle befoͤrdert und die Sicherheit erhalten werden: er aber nach dem urtheilet, ob durch die vorgeſchlagene Mittel dergleichen moͤglich iſt. Woraus erhellet, wie weit er ſeinen Verſtand vollkommen zu machen noͤthig hat, und was er fuͤr Erkaͤnntniß der Wahrheit beſitzen muß. Abſonderlich ſie - het man, ein Monarche muͤſſe zum wenig - ſten ſo viel Verſtand haben, daß er erken -M 2net180Cap. Von den unterſchiedenennet, was er verſtehet, und was er nicht ver - ſtehet. Denn ſonſt wenn er dieſes zu un - terſcheiden nicht geſchickt iſt, ſo wird er, wenn er ſich einbildet, er verſtehe was hier oder da zu thun iſt, auf ſeinem Kopffe be - ſtehen, und keinen klugen Rath anhoͤren, der ihm ertheilet wird. Es gehet auch an, daß in einer Monarchie die gemeine Wohl - fahrt und Sicherheit befoͤrdert wird, wenn der Monarche nur Liebe zu ſeinen Untertha - nen und dabey ſolche Raͤthe hat, wie er ſeyn ſollte: denn ob es ihm gleich fehlet, daß er weder vor ſich die Mittel zur Befoͤr - derung der gemeinen Wohlfahrt und Si - cherheit erfinden, noch die von andern ihm ertheilete beurtheilen kan; ſo wird doch die - ſes durch ſeine Raͤthe, denen er Gehoͤr gie - bet, erſetzet, und gilt nachdem eben ſoviel, als wenn er die von ihnen vorgeſchlagene und von ihm angenommene Mittel ſelbſt er - funden oder auch beurtheilet haͤtte, indem dadurch in ihnen nichts geaͤndert wird, ſon - dern ſie moͤgen erfunden worden ſeyn, von wem ſie wollen, er mag ſie beurtheilet ha - ben oder nicht, ſo bleiben ſie einmal wie das andere. Unterdeſſen da er nicht in dem Stande iſt ſelbſt zu urtheilen, ob diejeni - gen, welche er zu ſeinen Raͤthen erwehlet, ſo viel Verſtand und Tugend haben, als erfordert wird, wenn durch ihren Rath die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit befoͤr -dert181Arten des gemeinen Weſens. dert werden ſol; ſo beruhet es auf dem bloſſen Gluͤcke, wenn er dergleichen bekom - met (§. 1002 Met.). Und demnach iſt es beſſer, wenn der Monarche ſelbſt ſo beſchaf - fen, wie er vorhin beſchrieben worden.

§. 248.

Jndem wir diejenigen GruͤndeWoher Tyran - ney kom - met. erwegen, warumb eine Monarchie moͤglich iſt (§. 247); ſo koͤnnen wir daraus zugleich erkennen, woraus die Tyranney kommet, als welche ihr entgegen geſetzet iſt (§. 234), nemlich aus Unverſtande, Untugend und Mangel der Liebe zu den Unterthanen. Da nun hier ein groſſer Unterſcheid bey verſchie - denen Perſonen ſich befinden kan; ſo iſt auch die Tyranney dem Grade nach gar ſehr unterſchieden, und wird daher die ge - meine Wahlfahrt und Sicherheit bald mehr, bald weniger gekraͤncket. Es iſt nicht noͤthig ausfuͤhrlicher hiervon zu reden: wer aus der Sitten-Lehre die Untugenden der Menſchen und boͤſe Affecten verſtehet, dabey aber erweget, wie ſie demjenigen zu wieder ſind, was von einem guten Monar - chen (§. 247) erfordert wird; der wird vor ſich finden koͤnnen, was hier koͤnte weiter ge - ſaget werden.

§. 249.

Man muß ſich aber wohl inBehut - ſamkeit / die bey Beur - theilung der Ty - ranney zuge - brauchen. acht nehmen, daß man nicht gleich ein je - des Verſehen oder Abweichen von den Re - geln der Monarchie zur Tyranney rechnet. Denn da es unmoͤglich iſt, daß ein Mo -M 3nar -182Cap 2. von den unterſchiedenennarche und (die er ſich zum Behuffe erweh - let hat) ſeine Raͤthe ſo einen durchdringen - den Verſtand haben in allen vorkommen - den Faͤllen ohne Jrrthum die Mittel zur Befoͤrderung der gemeinen Wohlfahrt und Sicherheit einzuſehen, noch auch er mit ſei - nen Raͤthen in dem Eiffer fuͤr die Wohlfahrt der Unterthanen, und der Liebe gegen ſie ſo reine ſeyn kan, daß ſich niemals von wiedri - gen Affecten etwas darein legete; ſo kan frey - lich unterweilen etwas verſehen, auch was wiedriges verordnet werden, welches bey - des nach den Regeln der Monarchie nach - bleiben ſolte. Man muß demnach auf das gewoͤhnliche und auf das meiſte ſehen. Und hat man auch abſonderlich ſich in acht zu nehmen, daß man das gemeine Beſte nicht darnach beurtheilet, ob es uns beſchweer - lich faͤllet oder nicht. Denn es kan unter - weilen das beſondere Beſte dem gemeinen zuwieder ſeyn, und wird ihm demnach mit Recht nachgeſetzt (§. 218).

Moͤglich - keit der Ariſto - eratie.

§. 250

Ob nun zwar uͤberhaupt die Moͤglichkeit einer Regierungs-Forme von Verſtande und Tugend, und der Liebe zu den Unterthanen dependiret (§. 248), und ſolchergeſtalt auch in der Ariſtocratie, wo einigen das Regiment aufgetragen wird (§. 235), verſtaͤndige und tugendhaffte Per - ſonen, die Liebe zu den Unterthanen haben, dazu muͤſſen genommen werden, wenn diegemei -183Art des gemeinen Weſens. gemeine Wohlfahrt und Sicherheit durch ſie befoͤrdert werden ſoll (§. 242): ſo findet ſich doch in dieſem Stuͤcke zwiſchen der Mo - narchie und Ariſtocratie ein groſſer Unter - ſcheid. Nemlich da in der Ariſtocratie viele zugleich herrſchen, ſo kan Verſtand und Tu - gend auf verſchiedene Weiſe vertheilet ſeyn, ohne daß es dem gemeinen Weſen zum Nach - theile gereichet, auch dadurch mehr Ver - ſtand und Tugend, und eine groͤſſere Liebe gegen die Unterthanen erhalten werden. Der tugendhaffte kan den verſtaͤndigen, dem es an Tugend und Liebe zu den Unter - thanen fehlet, zuruͤcke halten, daß er ſeinen Verſtand nicht zum boͤſen mißbrauchet: hingegen der verſtaͤndige leitet den tugend - hafften, der vor ſich nicht Einſicht genung hat, auf den rechten Weg, daß er nicht aus einer guten Meinung denſelben verfehlet. Und demnach ſiehet man, daß in einer A - riſtocratie alle diejenigen muͤſſen zum Re - gimente gezogen werden, welche die ver - ſtaͤndigſten und tugendhaffteſten ſind, und denen wegen ihrer beſonderen Wohlfahrt viel daran gelegen iſt, daß alles im Lande in einem guten Wohlſtande erhalten wer - de. Wil man dieſes gegen dasjenige hal - ten, was von der Monarchie (§. 248) ge - ſaget worden; ſo wird ſich bald zeigen, wie weit in dieſen Stuͤcken beyde Regierungs -M 4For -184Cap. 2. Von den unterſchiedenenFormen unterſchieden ſind, und wie weit ſie mit einander uͤbereinkommen.

Woher die Oli - garchie entſtehet.

§. 251.

Wenn in einer Ariſtocratie nicht alle verſtaͤndig und tugendhafft ſind, ſon - dern Verſtand und Tugend auf verſchiede - ne Weiſe unter viele vertheilet iſt, ſo muͤſ - ſen entweder die tugendhaffteſten am mei - ſten zu ſagen haben, daß man, wo Ver - ſtand ohne Tugend iſt, ſich ſcheuet ihn zu misbrauchen, oder Verſtand und Tugend muͤſſen einander dergeſtalt die Wage hal - ten, daß weder jener gemißbrauchet wer - den, noch dieſe aus Unbedacht auf Jrrwe - ge leiten kan. Jn andern Faͤllen geſchie - het der gemeinen Wohlfahrt und Sicher - heit Eintrag, viel oder wenig, nachdem es die beſonderen Umſtaͤnde mit ſich bringen, und wird aus der Ariſtocratie eine Oligar - chie (§. 235). Es iſt aber in Beurtheilung der Oligarchie gleichfalls zu mercken, was vorhin von Beurtheilung der Monarchie er - rinnert worden (§. 249).

Moglich - keit der Politi[c].

§. 252.

Endlich iſt auch moͤglich, daß in einer Politie die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit erhalten werde, wenn von al - len Staͤnden im gemeinen Wefen, von dem hoͤchſten bis auf den niedrigſten, die ver - ſtaͤndigſten und tugendhaffteſten ausgeleſen werden, die im Nahmen aller beſchlieſſen, was ſie zur gemeinen Wohlfahrt und Si - cherheit dienlich zu ſeyn erachten. DerBe -185Arten des gemeinen Weſens. Beweis iſt aus dem vorhergehenden zu neh - men, und wuͤrde es uͤberfluͤßig ſeyn, wenn ich ihn hierher ſetzen wolte. Unterdeſſen ſie - het man, daß eine Politie ſich am beſten fuͤr polirte Voͤlcker ſchicket, wo man um Ver - ſtand uud Tugend ſich bemuͤhet.

§. 253.

Hingegen ſiehet man leicht, daßWoher die De - mocꝛatie kommet. dieſer heilſame Endzweck nicht erreichet wer - den kan, wenn alle insgeſammt, und alſo der gantze Poͤbel in dasjenige, was beſchloſ - ſen wird, mit einſtimmen ſol. Denn da der gemeine Mann weder Verſtand genung hat zu urtheilen, was dienlich oder ſchaͤd - lich iſt, weil er nicht weit genung hinaus - ſiehet, noch auch in der Tugend und Liebe gegen andere ſo feſt geſetzet iſt, daß er ſeinen vermeinten beſonderen Nutzen in ſich ereig - nenden Faͤllen dem gemeinen Beſten nach - ſetzet: ſo kan man leicht erachten, daß es in dergleichen Faͤllen nicht wohl ablauffen kan, und man daher an ſtat der Politie, die man verlanget, ein Democratie erhal - ten wird (§. 236).

§. 254.

Wer ſowohl die Erklaͤrungen,Fuͤr was fuͤr Art der Voͤl - cker ſich jede Re - giezungs - Forme am beſten ſchicket. die wir von den verſchiedenen Regierungs - Formen gegeben (§. 234 & ſeq. ), als auch dasjenige, was von Befoͤrderung des ge - meinen Beſtens in einer jeden unter ihnen umſtaͤndlich ausgefuͤhret worden (§. 247 & ſeq. ), zur Gnuͤge erweget; wird auch oh - ne viele Muͤhe vor ſich herausbringen koͤn -M 5nen186Cap. 2. Von den verſchiedenennen, fuͤr was fuͤr Voͤlcker ſich eine jede Art der Regierungs-Forme am beſten ſchicket: wovon wir auch, ſchon ein Exempel bey der Politie (§. 252) angemercket. Jch bin al - ſo vergnuͤget, daß ich dieſen Winck gegeben habe.

Moͤglich - keit der vermiſch - ten Re - gieꝛungs - Formen.

§. 255.

Auf eine gleiche Weiſe laͤſſet ſich von den vermiſchten Regierungs-For - men urtheilen, wie weit in ihnen die gemei - ne Wohlfahrt und Sicherheit ſich befoͤr - dern laͤſſet. Da aber dieſe Vermiſchung auf gar vielerley Weife geſchehen kan, nach - dem vieles oder weniges aus dieſer oder je - ner Art der Regierungs-Forme dazu ge - nommen wird (§. 238); ſo wuͤrde es fuͤr uns zu weitlaͤufftig fallen, wenn wir auf beſondere Arten der Vermiſchungen gehen wolten. Es iſt genung, wenn ich uͤber - haupt errinnere, daß man in der Vermi - ſchung hauptſaͤchlich darauf zu ſehen habe, daß nicht derjenige Theil, bey dem die Macht ſtehet, ſeine Macht zum Nachtheile der uͤbrigen mißbrauche, wovon die Ver - miſchung der Monarchie mit der Ariſtocra - tie ohn vieles Nachdencken ein Exempel ge - ben kan (§. 247. 250).

§. 256.

Endlich erkennet man auch ausWoher unor - dentliche Regie - rungs - dem vorhergehenden deutlich, woher un - ordentliche Regierungs-Formen entſtehen, nemlich aus der Vermiſchung der guten mit den ſchlimmen. Z.E. Es kan eine Monar -chie187Arten des gemeinen Weſens. chie mit der Tyranney viel oder wenig ver -Foͤrmen entſte - hen. miſchet werden, eine Ariſtocratie mit der Oligarchie, eine Politie mit der Democra - tie, eine Monarchie mit der Oligarchie, u. ſ. w. Uberhaupt aber iſt die Quelle deſer Vermiſchungen, daraus die unordentli - chen Regierungs-Formen kommen, Man - gel des Verſtandes und der Tugend, ab - ſonderlich der Liebe gegen die Unterthanen, ingleichen Jrrthum und Laſter, wie aus al - lem dem erhellet, was oben (§. 241. 242) ausgefuͤhret worden.

§. 257.

Von einer Monarchie hat manVorthei - le der Monar - chie in Beſchleu - nigung der Rath - ſchluͤſſe und ih - rer Ge - heimhal - tung. den Vortheil, daß man geſchwinde zu ei - nem Schluſſe kommen, und die Sachen geheim halten kan. Denn weil in einer Monarchie eine Perſon allein herrſchet und ohne der uͤbrigen Bewilligung einen Schluß faſſen und bewerckſtelligen kan (§. 234), ſo iſt nicht noͤthig, daß man die jenigen, welche rathſchlagen ſollen, erſt aus verſchiedenen Orten zuſammen beruffet, welches ohne vielen Zeit - Verluſt nicht geſchehen kan; vielmehr da der Monarche ſeine Raͤthe bey ſich hat, ſo kan er alle Augenblicke, wenn etwas wichtiges zu uͤberlegen vorfaͤllet, ſie bey einander haben, ihren Rath vernehmen, und daraus ohne allen Verzug einen Schluß faſſen, der - geſtalt, daß in einer Monarchie ſich oͤffters ein Rathſchluß eher ausfuͤhren, als in an -deren188Cap. 2. von den verſchiedenenderen Regierungs-Formen abfaſſen laͤſ - ſet. Zu dem giebet es hier auch nicht ſo viel Auffenhalt wegen wiedriger Meinun - gen, um deren Willen man in den uͤbrigen Regierungs-Formen oͤffters zu keinem Schluſſe kommen kan. Was die Ge - heimhaltung der Sachen betrifft; ſo iſt freylich klar, daß ſie ſich um ſoviel leichter bewerckſtelligen laͤſſet, je weniger Perſonen darum wiſſen. Da nun in einer Monar - chie niemand als der Monarche und ſeine Raͤthe, die zum Stillſchweigen hoͤchſt ver - pflichtet ſind, um die Sachen wiſſen, ſo laͤſſet ſie ſich hier allerdinges ehe geheim hal - ten, als in den uͤbrigen Regierungs-For - men. Es kommet auch noch eine andere Urſache dazu. Jn der Monarchie machet es kein Aufſehen, wenn der Monarche mit ſeinen Raͤthen zuſammen kommet uͤber ei - ner Sache ſich mit ihnen zu berathſchla - gen; da hingegen, wenn viele aus ver - ſchiedenen Orten zuſammen beruffen wer - den, man ſo gleich weiß, daß etwas wich - tiges vorſeyn muͤſſe: wodurch jedermann begierig wird zuwiſſen, was es bedeuten ſol - le, und danuenhero geſchehen mehr Nach - ſtellungen die Sache zu erfahren.

Jn wel - chen Faͤl - len ſie andern Regie -

§. 258.

Jn denen Faͤllen nun, da man ſchleunigen Rathſchluß noͤthig hat und die Sache geheim halten muß, hat die Mo - narchie einen Vorzug fuͤr andern Regie -rungs -189Arten des gemeinen Weſens. rungs-Formen. Man hat ſchleunigenrungs - Formen vorzu - ziehen. Rathſchluß noͤthig, wenn ein Feind einen unvermutheten Krieg anfaͤnget; hingegen Verſchwiegenheit wird erfordert, wenn man andere bekriegen will. Und demnach hat eine Monarchie einen Vorzug fuͤr an - dern Regierungs-Formen, wenn ſie un - vermuthet bekrieget wird, oder mit anderen Krieg anfangen will, folgends in eini - gen Faͤllen, die zu Befoͤrderung der gemei - nen Sicherheit dienen. Es koͤnnen auch noch andere dergleichen Faͤlle kommen, da Verzug und Auffenhalt nachtheilig und die Geheimhaltuug eines Vorhabens noͤ - thig iſt. Z. E. der Feind kan im Kriege oͤffters in ſo verwirrete Umſtaͤnde geſetzet werden, daß er einen vortheilhafften Frieden einzugehen bereit iſt: wenn man aber ihm viel Zeit laͤſſet ſich zu beſinnen und wieder zu erhohlen, ſo vergehet ihm wieder die Luſt. Und gilt hier dannenhero das Spruͤchwort: Man muß das Eiſen ſchmieden, weil es warm iſt. Wenn wir nach dieſem die in Verwaltung des gemeinen Weſens noͤthi - ge Puncte durchgehen werden, ſo werden ſich auch mehrere Faͤlle zeigen, wo Auff - enthalt nachtheilig, Geheimhaltung hinge - gen vortheilhafft iſt.

§. 259.

Weil in einer Monarchie derUngluͤcka Faͤlle der Mo - narchie. Wille eines Monarchen zugleich der Wil - le aller uͤbrigen ſeyn muß, und er dannen -hero190Cap. 2. von den verſchiedenenhero thun kan was er wil (§. 234); ſo kan es auch leichter als in andern Regierungs - Formen geſchehen, daß er entweder aus Mangel genungſamer Einſicht, oder auch wegen einiger Neigungen und Affecten, theils mit ſchweeren Auflagen die Untertha - nen druͤcket, theils verſchiedene andere dem Lande nachtheilige Vorſchlaͤge bewerckſtel - liget, theils durch unnuͤtze Kriege und durch Eigenſinn in Fortſetzung derſelben Land und Leute in die auſſerſte Gefahr ſetzet. Was aber noͤthig iſt, daß in einer Monarchie der - gleichen nicht zu beſorgen; haben wir ſchon oben ausgefuͤhret (§. 247).

Vorthei - le der Ariſto - rratie.

§. 260.

Jn der Ariſtocratie herrſchen ei - nige Perſonen (§. 235) und zwar diejeni - gen, welche am meiſten Verſtand und Tu - gend, auch Vermoͤgen haben (§. 250). Da nun viele nicht ſo leicht eines Sinnes ſind, und daher einiger Unverſtand und wie - drige Affecten nicht ſogleich zum Schaden des Landes gereichen koͤnnen, indem ihnen durch andere Einhalt geſchiehet; uͤber die - ſes auch viele Augen mehr ſehen koͤnnen als wenige, und daher oͤfters das nachthei - lige entdecken, was ſonſt uͤberſehen wird; endlich weil ihr beſonderes Intereſſe mit zu Grunde gehet, wenn das Land verdorben wird: ſo hat die Ariſtocratie den Vortheil, daß darinnen Land-verderbliche Anſtalten, ſie moͤgen entweder in Anſehung der gemei -nen191Arten des gemeinen Weſens. nen Wohlfahrt, oder auch der Sicherheit ihren Urſprung nehmen, leichter als in an - deren Regierungs-Formen koͤnnen abge - wendet werden. Zudem hat man in der Ariſtocratie auch nicht diejenigen Zufaͤlle zu beſorgen, die ſich in der Monarchie wegen der Nachfolge im Regimente unterweilen ereignen, es mag die Nachfolge auf die Ge - burt, oder auf die freye Wahl gegruͤndet ſeyn, wodurch oͤfters viele innerliche Unru - he und auswertige ſchweere Kriege entſte - hen; welches alles hier umſtaͤndlicher aus - zufuͤhren unnoͤthig iſt. Man ſiehet aber oh - ne mein Errinnern, daß dieſer Vortheil auch in der Politie zu finden.

§. 261.

Wenn in einer Ariſtocratie wie -Unge - mach in der Ari - ſtocratie. drige Partheyen ſind, ſo pfleget oͤffters ei - ne der andern in heilſamen Anſchlaͤgen zu - wieder zu ſeyn, nur darum nicht geſchehen ſol, was die andere haben wil. Daher wird die Wohlfahrt des Landes bloß aus ihrem beſonderen Haſſe, den ſie gegen ein - ander haben, gehindert, auch wohl aus bloſſem Muthwillen der aͤndern Parthey entgegen zu ſeyn. Und dieſes Ungemach iſt auch in der Politie zu beſorgen. Hierzu kommet, daß dadurch auch die Gemuͤther der Unterthanen zerruͤttet werden, wodurch das Band der Einigkeit unter ihnen getren - net, und zu vielen Wiederwaͤrtigkeiten und Verdruß Anlaß gegeben wird. Von die -ſer192Cap. 2. von den verſchidenenſer Beſchweerlichkeit, die in verſchiedenen Faͤllen nicht geringe anzuſehen iſt, indem ſie vielen Verdruß ſtifften kan, iſt die Mo - narchie voͤllig befreyet, auſſer daß bey Hofe unter denen Bedienten des Monarchens dergleichen Partheyen entſtehen koͤnnen, die aber nicht einen ſo groſſen Einfluß in die ge - meine Wohlfahrt und Sicherheit wie in der Ariſtocratie und Politie haben. Die Ei - nigkeit derer, die in der Ariſtocratie herr - ſchen, iſt auch nicht allemahl fuͤr die Un - terthanen vortraͤglich. Denn wenn ſie ei - gennuͤtzig und wolluͤſtig ſind, pflegen ſie mehr auf ihren beſonderen Nutzen, als das gemeine Beſte zu ſehen, und nehmen an ſich, was zur gemeinen Wohlfahrt und Sicher - heit ſolte angewendet, oder in kuͤnfftigen Noth-Fall aufbehalten werden. Wor - aus denn ferner erfolget, daß ſie den ge - meinen Mann nur zu Sclaven machen, die vor ſie arbeiten und erwerben muͤſſen: wie - wohl dieſer Unfall auch die Unterthanen in der Monarchie betreffen kan, wenn ſie zu einer Tyranney wird (§. 234).

Vorthei - le der Politic.

§. 262.

Jn der Politie herrſchen alle und kan nichts ohne aller ihre Einwilligung be - ſchloſſen und bewerckſtelliget werden (§. 236). Derowegen wird die Freyheit nir - gends weniger als hier eingeſchraͤncket, der - geſtalt daß man auch ein gemeines Weſen, wo dergleichen Regierungs-Forme einge -fuͤh -193Arten des gemeinen Weſens. fuͤhret iſt, eine freye Republick zunennen pfleget. Und alſo hat man hier nicht zu be - ſorgen, wie in der Monarchie und Ariſtocra - tie (§. 259. 261), daß durch Mißbrauch der Macht der gemeinen Wohlfahrt und Si - cherheit Eintrag geſchehe.

§. 263.

Unterdeſſen kan Unverſtand undUnge - mach der Politie. Hartnaͤckigkeit eben ſo groſſen Schaden anrichten, als Mißbrauch der Macht in andern Regierungs-Formen. Denn da die meiſten unverſtaͤndig ſind, ſo iſt auch leicht zu erachten, daß ſolche Faͤlle kommen koͤnnen, in welchen die meiſten nicht be - greiffen, was zur gemeinen Wohlfahrt und Sicherheit gereichet, abſonderlich wenn es das Anſehen gewinnet, als ob die gemei - ne Wohlfahrt und Sicherheit dem beſon - deren Intereſſe zuwieder waͤre, oder auch wohl in der That zuwieder iſt, und dan - nenhero nachgeben muß (§. 218). Sind ſie nun zugleich ſo geartet, daß ſie ſich nicht andere weiſen laſſen; ſondern vielmehr glauben, ſie verſtuͤnden es beſſer, oder doch wenigſtens ſo gut als andere, ja auch wohl gar diejenigen, von welchen ſie ſich ſollten weiſen laſſen, fuͤr verdaͤchtig halten: ſo bleiben ſie ſteif und feſte auf ihrer Meinung, und muß dahero das Gute nachbleiben, was ſonſt in einer andern Regierungs For - me ſeinen Fortgang erreichet haͤtte. Ha - ben ſie Haß gegen diejenigen, welche beſſer(Politick) Nals194Cap. 2. Von den verſchiedenenals ſie verſtehen, was zu thun iſt; ſo tro - tzen ſie auf ihre Freyheit, und aus Hart - naͤckigkeit laſſen ſie lieber alles zu Grunde gehen, ehe ſie ſich nach andern bequeme - ten und dadurch ihrer Freyheit etwas zu ver - geben vermeineten. Derowegen gehet es in einer Politie oͤffters ſchweer und lang - ſam her, daß man zu einem Schluſſe kom - men kan: wodurch abſonderlich auswaͤr - tige Feinde Gelegenheit finden, groͤſſeren Schaden zu thun, als ſonſt geſchehen wuͤr - de, wo man bey Zeiten nuͤtzliche Gegenan - ſtalten machen koͤnte. Am allermeiſten a - ber ſind hier die Partheyen, welche ſo wohl als in der Ariſtocratie gemacht werden (§. 261), ſchaͤdlich, weil in der groſſen Men - ge derſelben mehr ſeyn koͤnnen, als wo wenige Perſonen ſich in Partheyen verthei - len ſollen. Hierzu kommet, daß man in einer Politie gleich auf Aenderungen den - cket, ſo bald man einige Anſtalten unbe - quem zu finden vermeinet. Es entſtehet auch nicht eher eine innerliche Unruhe als in einer Politie, wo immer eine Parthey wie - der die andere iſt, abſonderlich wenn die eine ſich mehr Macht anmaſſet als ſie ſolte, und mit Gewalt durchdringen wil, oder auch wenn ſie vermeinet, die andere ſey ih - rem Intereſſe entgegen, und ſie hingegen in dem Stande die andere unterzudruͤ - cken.

§. 264.195Arten des gemeinen Weſens.

§. 264.

Regierende Perſonen verhaltenRegieꝛen - de Peꝛſo - nen ver - halten ſich ge - gen Un - teꝛthanen wie Vaͤ - ter zu ih - ren Rin - dern. ſich zu Unterthanen wie Vaͤter zu den Kin - dern. Denn Vaͤtern lieget ob, den Kin - dern alle Mittel zu verſchaffen, die ſie zur Befoͤrderung der Vollkommenheit ihres in - nern und aͤuſſeren Zuſtandes von noͤthen ha - ben, und ihnen ihre Handlungen zu Erhal - tung dieſer Abſicht einzurichten (§. 82): hin - gegen die Kinder ſind verbunden zuthun und zu laſſen, was ihnen von den Eltern befoh - len wird (§. 124), und alſo den Willen der Eltern ihren Willen ſeyn zu laſſen. O - brigkeiten oder regierenden Perſonen lieget ob, fuͤr die gemeine Wohlfahrt und Si - cherheit zu forgen (§. 229), und demnach alle dazu noͤthige Mittel zu erdencken, wo - durch der Unterthanen Wohlfahrt auf das bequemeſte befoͤrdert werden kan, auch ih - nen ihre Handlungen dergeſtalt einzurichten, wie es dieſe Abſicht erfordert. Hingegen die Unterthanen ſind verbunden, dasjenige zuthun und zu laſſen, was ſie dazu gut be - findet (§. 232). Derowegen iſt klar, daß Obrigkeiten oder regierenden Perſonen eben das in Anſehung ihrer Unterthanen oblie - get, was Vaͤtern in Anſehung ihrer Kin - der: und ſowohl Unterthanen, als Kinder zum Gehorſam bereit und willig ſeyn ſollen. Und dannenhero werden auch regierende Perſonen mit Recht Landes-Vaͤter und Vaͤter des Vaterlandes genennet.

N 2§. 265.196Cap. 2. Von den verſchie denen
Nutzen dieſer Aenlich - keit.

§. 265.

Was alſo von den Pflichten der Eltern gegen ihre Kinder, und der Kin - der gegen die Eltern (§. 83 & ſeq. ) ausge - fuͤhret worden, das laͤſſet ſich auch mit noͤ - thiger Veraͤnderung auf die Pflichten der Obrigkeiten oder regierenden Perſonen und der Unterthanen deuten. Und alſo dienet das Bild des Vaters die Beſchaffenheit eines Regentens, hingegen das Bild der Kinder die Beſchaffenheit der Unterthanen zu finden (§. 364 Met.).

Regieꝛen - de Perſo - nen ſind wie Hausvaͤ - ter im Hauſe.

§. 266.

Ja es verhalten ſich auch O - brigkeiten oder regierende Perſonen gegen ihre Unterthanen wie Hausvaͤter gegen ih - re Hausgenoſſen. Denn einem Hausva - ter lieget hauptſaͤchlich ob davor zu ſorgen, daß keine von den einfachen Geſellſchafften, daraus das Hauß zuſammen geſetzet iſt, die Abſicht der andern ſtoͤhre, ſondern vielmehr eine jede das ihre mit dazu beytraͤget, daß die andere ihre Abſicht deſto beſſer erreichen kan (§. 194): alle Hausgenoſſen hingegen muͤſſen den Willen des Hausvaters ihren Willen ſeyn laſſen, und ohne ſeine Ge - nehmhaltung nichts vornehmen. Da nun ein gemeines Weſen aus vielen Haͤuſern (§. 214), und alſo aus vielen einfachern Ge - ſellſchafften zuſammen geſetzet wird (§. 192), die mit vereinigten Kraͤfften ihre Wohl - fahrt ſuchen; die regierenden Perſonen aber davor zu ſorgen haben, daß ein jederder -197Arten des gemeinen Weſens. derjenigen Wohlfahrt theilhafftig werden kan, die ſich mit vereinigten Kraͤfften errei - chen laͤſſet (§. 229); ſo muͤſſen regierende Perſonen davor ſorgen, daß kein Haus das andere hindere, ſeine Wohlfahrt zu errei - chen, ſondern vielmehr eines dem andern foͤrderlich ſey: und die Unterthanen ſind verbunden ihren disfalls gemachten An - ſtalten Gehoͤre zugeben (§. 232). Und dem - nach lieget der Obrigkeit in Anſehung der Unterthanen ob, was ein Hausvater in Anſehung der Hausgenoſſen zu beobachten hat.

§. 267.

Was alſo von den PflichtenNutzen dieſer Aenlich - reit. des Hausvaters ausgefuͤhret worden (§. 201. & feqq. ), das laͤſſet ſich auch mit noͤ - thiger Veraͤnderung auf die Pflichten der Obrigkeit oder regierender Perſonen deu - ten. Und alſo dienet das Bild des Haus - vaters die Beſchaffenheit eines Regentens zu finden (§. 364 Met.)

§. 268.

Da in einer Politie alle herr -Wo die Aenlich - keit mit der va - terlichen Geſell - ſchafft und dem Hauſe am groͤ - ſten iſt. ſchen, und alſo ohne aller ihre Bewilligung nichts beſchloſſen, vielweniger bewerckſtel - liget werden kan (§. 236); hingegen weder ein Vater mit ſeinen Kindern (§. 82), noch ein Hausvater mit den Hausgenoſſen ſich berathſchlaget (§. 195), was zuthun und zu laſſen iſt, vielweniger zu Bewerckſtelli - gung ſeiner Anſtalten erſt ihre Einwilligung begehren darf; ſo hat auch die MonarchieN 3und198Cap. 2. Von den verſchiedenenund Ariſtocratie mehr Aenlichkeit mit der vaͤterlichen Geſellſchafft und dem Hauſe, als die Politie (§. 264. 266. 234. & ſeq. Polit. & §. 18 Met.). Und demnach laͤſſet ſich nicht alles auf die Politie ziehen, was auf die Monarchie und Ariſtocratie ſich deuten laͤſſet (§. 265. 267). Jch ſage mit Fleiß: Alles. Denn da man auch in der Politie Obrigkeiten hat, die im Nahmen der uͤbri - gen die Bewerckſtelligung desjenigen beob - achten, was einmahl mit aller Einwilligung durch Geſetze feſt geſtellet oder ſonſt beſchloſ - ſen worden; ſo verſtehet fichs vor ſich, daß auch bey dieſen Obrigkeiten gielt, was - berhaupt von allen (§. 265. 267) erwieſen worden.

Zweiſfel wird ge - hoben.

§. 269.

Vielleicht werden einige ver - meinen, man koͤnne regierende Perſonen, am allerwenigſten aber Monarchen, mit Vaͤtern und Hausvaͤtern vergleichen: Denn Vaͤter und Hausvaͤter koͤnnten kein Ge - ſetze geben, ſondern nur Rath ertheilen und vermahnen. Allein wer die Sache genauer einſiehet, derſelbe wird beſinden, daß Vaͤter und Hausvaͤter eben ſo wohl Gewalt und Macht haben, die Kinder und andere Haus - genoſſen zu gewiſſen Handlungen zu ver - binden, auch ſie ſolches auf eben die Wei - ſe thun, wie Obrigkeiten ihre Unterthanen zuverbinden pflegen. Wer bedencket, was verbinden uͤberhaupt iſt (§. 8. Mor.),und199Arten des gemeinen Weſens. und wie Eltern ihre Kinder zu verbinden pflegen (§. 96), auch was im folgenden von der Art die Unterthanen zu verbinden wird geſaget werden; der wird keinen Un - terſcheid hierinnen finden. Man darf auch nicht einwenden, daß Eltern ihre Kinder und der Hausvater ſeine Hausgenoſſen nicht weiter verbinden koͤnne, als es das Geſetze der Natur erlaubet (§. 125. 193), denn auch Obrigkeiten muͤſſen bey ihren Geſe - tzen das Geſetze der Natur ſtets vor Au - gen haben (§. 227), welches nach dieſem an ſeinem Orte ſich noch weiter zeigen wird.

Das 3. Capitel / Was bey Einrichtung eines gemeinen Weſens in acht zu nehmen.

§. 270.

VJelleicht werden einige meinen, esWarnm von Ein - richtung des ge - meinen Weſens gehan - belt wiꝛd. ſey uͤberfluͤßig davon zu reden, wie man ein gemeines Weſen recht ein - richten ſolle, weil es nicht mehr in unſerer Gewalt ſtehet, ſie einzurichten, wie wir ſie wollen, ſondern man ſie vielmehr laſſen muß, wie man ſie findet. Denn wo Obrigkeiten einmahl ein Recht erhal - ten, das werden ſie ſich nicht wieder abdiſ - putiren laſſen: hingegen aber werden auch Unterthanen ſich nicht gutwillig ihre Frey - heit weiter einſchraͤncken laſſen. AlleinN 4es200Cap. 3. Von der Einrichtunges iſt dagegen verſchiedenes zu errinnern. Erſtlich iſt zu mercken, daß man in Wiſ - ſenſchafften nicht fraget, wie dieſes oder je - nes gemeine Weſen beſchaffen iſt, ſondern wie es beſchaffen ſeyn muß, wenn man den vorgeſetzten Zweck erhalten ſol, das iſt, wenn die Unterthanen darinnen diejenige Wohl - fahrt ungehindert finden ſollen, die durch ihre mit einander vereinigte Kraͤffte zu er - halten moͤglich iſt. Und dieſes hat, worauf ferner zuſehen, vielfaͤltigen Nutzen. Nem - lich hieraus wird man geſchickt, von denen vorkommenden Regierungs-Formen zu urtheilen, was in ihnen gutes anzutreffen iſt, und worinnen es noch fehlet. Wenn es in einem und dem anderen Stuͤcke noch fehlet, ſo lernet man den Grund einſehen, woher der Fehler kommet. Verſtehet man, was noch fehlet, und weiß dabey, warum es fehlet; ſo iſt man in dem Stande, ge - gruͤndet zu urtheilen, ob und wie dem Feh - ler koͤnne abgeholffen und die Regierung verbeſſert werden. Derowegen da noͤthig iſt, daß diejenigen, welche auf die Verbeſ - ſerung des gemeinen Weſens zu dencken haben, verſtehen, wie es recht eingerichtet werde; ſo haben wir allerdings ſorgfaͤltig zu unterſuchen, was in Einrichtung des ge -Wie weit hiervon gehan - dekt wer - den ſol. meinen Weſens zu beobachten.

§. 271.

Unterdeſſen da wir keine Regeln fuͤr eine beſondere Art der Regierungs-For - men hier zu geben geſonnen, ſo wollen wirauch201des gemeinen Weſens. auch uͤberhaupt bey denjenigen verbleiben, die ſich aus dem allgemeinen Geſetze des ge - meinen Weſens herleiten laſſen (§. 215). Wer nun nach dieſem unterſuchen wil, auf was fuͤr Art und Weiſe ſolches in einer je - den Art der Regierungs-Forme zu bewerck - ſtelligen, derſelbe wird den kleinen Unter - ſcheid, der ſich bey der Bewerckſtelligung findet, gar leicht entdecken, wenn er nur auf dasjenige acht hat, was im vorherge - henden Capitel von ihnen ausgefuͤhret wor - den. Und wird ſich dadurch der Vortheil einer Regierungs-Forme fuͤr der anderen noch deutlicher zeigen, als er etwan im vor - hergehenden (§. 257. & ſeq. ) ausgefuͤhret worden. Nemlich diejenige hat einen Vor - theil fuͤr der andern, wo die Bewerckſtelli - gung am leichteſten und vollſtaͤndigſten iſt. Man darf aber nicht zweiffeln, daß in allen Regierungs-Formen ſtat finde, was hier ge - lehret wird: denn da alle einerley Abſicht ha - ben, auch daher ein allgemeines Geſetze (§. 215); ſo gilt freylich von allen, was aus dieſer allgemeinen Abſicht erwieſen wird.

§. 272.

Man hat in Einrichtung des ge -Worauf in Ein - richtung des ge - meinen Weſens zu ſehen. meinen Weſens darauf zu ſehen, daß dieje - nigen, ſo willig ſind, der natuͤrlichen Ver - bindlichkeit ein Gnuͤgen zu thun, nicht allein von andern nicht gehindert, ſondern vielmehr gefoͤrdert werden, und dazu alle Gelegen - heit und Vorſchub finden; hingegen dieN 5andern202Cap. 3. Von der Einrichtungandern, welche die natuͤrliche Verbindlich - keit aus den Augen ſetzen, dazu angehalten werden, daß ſie wenigſten die aͤuſſerlichen Handlungen vollziehen, die das Geſetze der Natur erfordert, und diejenigen unterlaſſen, welche ihm zuwieder ſind (§. 227). Da nun jeder Menſch verbunden iſt, ſo wohl den Zuſtand ſeines Gemuͤths, als des Leibes und den aͤuſſern ſo vollkommen zu machen als moͤglich iſt (§. 12 Mor.); ſo ſind der - gleichen Anſtalten zu machen, daß ein jeder dazu alle noͤthige Gelegenheit und Mittel finde. Hingegen wo die natuͤrliche Ver - bindlichkeit nicht zureichet, die Unterthanen von ſolchen Handlungen abzuhalten, wo - durch die gemeine Wohlfahrt und Sicher - heit geſtoͤhret wird, da muͤſſen ſie von neu - em dazu verbunden werden.

Woraus die guten Anſtal - ten er - funden werden.

§. 273.

Damit nun erhelle, was fuͤr An - ſtalten in einem gemeinen Weſen zu machen ſind, wenn es den Unterthanen an noͤthigen Mitteln und Gelegenheit, ihre Wohlfahrt zu befoͤrdern, nicht fehlen ſoll; ſo muß man mit Bedacht alles dasjenige durchgehen, was von den Pflichten des Menſchen (Part 2. & ſeqq. Mor.) ausgefuͤhret worden. (§. 228). Weiß man, was fuͤr Anſtalten in einem gemeinen Weſen zu Befoͤrderung der ge - meinen Wohlfahrt zu machen; ſo wird man auch leichter begreiffen, wie dabey ei - ner von andern kan gehindert werden, undwas203des gemeinen Weſens. was fuͤr Verbindlichkeit man noͤthig hat, dieſes zu verhuͤten.

§. 274.

Wenn ein gemeines Weſen auf -Worauf bey Be - voͤlcke - rungen eines Staates zu ſehen. gerichtet werden ſoll, ſo muͤſſen ſo viel Haͤu - ſer zuſammen kommen, als zu Befoͤrde - rung der gemeinen Wohlfahrt und Erhal - tung der Sicherheit noͤthig iſt (§. 214.) Und demnach hat man davoꝛ zu ſoꝛgen, daß Volck genug in einem gemeinen Weſen oder auch in einem Staate ſey, nicht zu viel und auch nicht zu wenig. Nemlich es ſind ihrer zu viel, wenn ſie nicht im Lande ihren noͤthi - gen Unterhalt finden koͤnnen - hingegen zu wenig, wenn man noch mehrern Unterhalt verſchaffen koͤnte, oder auch die Unterthanen zu ſchwach ſind, der Macht auswaͤrtiger Feinde genugſam zu wiederſtehen. Und alſo hat man in Bevoͤlckerung des Staates nicht alleine darauf zu ſehen, daß man die Anzahl der Unterthanen mehret; ſondern man muß auch darauf bedacht ſeyn, ob durch gute Anſtalten allen noͤthiger Unterhalt kan verſchaffet werden. Uber dieſes da des - wegen ihrer viele ſich in ein gemeines We - ſen zuſammen begeben, weil keiner allein o - der auch einige wenige nicht alle Bequem - lichkeiten des Lebens verſchaffen koͤnnen (§. 210. 214); ſo hat man auch darauf zu ſe - hen, daß von einem jeden Stande ſo viel vorhanden ſind, als es die gemeine Wohl - fahrt erfordert. Und demnach hat mannicht204Cap. 3. Von der Einrichtungnicht ohne Unterſcheid Leute ins Land zu zie - hen; die nach dieſem dem Lande zur Laſt und Beſchweerde werden, weil ſie von an - dern ſuchen muͤſſen, was ſie vor ſich nicht erlangen koͤnnen (§. 770 Mor.) ſondern man muß bedencken, welche man noͤthig hat und welche wegbleiben koͤnnen.

Mittel dazu.

§. 275.

Die Anzahl der Jnnwohner wird vermehret entweder durch Erzeugung der Kinder, durch Niederlaſſung der Frem - den im Lande, und durch Friſtung des Le - bens alleꝛ zuſammen. Derowegen wo man darauf zu ſehen hat, daß die Anzahl der Jnnwohner gemehret werde; hat man fuͤr allen Dingen davor zu ſorgen, daß Manns - Perſonen bald in den Stand kommen, Weib und Kinder zu ernaͤhren, und dieje - nigen, ſo in dem Stande ſind, dazu angehal - ten werden, daß ſie bey Zeiten heyrathen. Und weil es nicht genung iſt, daß Kinder gebohren werden; ſo hat man auch davor zu ſorgen, daß ihr Leben und Geſundheit in der Auferziehung nicht verwahrloſet werde. Wenn Fremde in unſer Land kommen und ſich darinnen niederlaſſen ſollen; ſo jſt es ge - wiß, daß, da ſie ſolches freywillig thun muͤſſen, ſie nicht anders als durch gute An - ſtalten im Lande angelocket werden koͤnnen (§. 496 Met.). Wo es wohl zugehet und man gutes Leben findet, da will ein jeder gerne ſeyn: hingegen wo man gedrucketwird205des gemeinen Weſens. wird, und es ſchlimm hat, da verlanget nie - mand hin, und wer da iſt, ſehnet ſich weg. Wo die Unterthanen lange leben ſollen, da muͤſſen nicht allein anſteckende Seuchen und Kranckheiten verhuͤt et werden, ſondern man hat auch im uͤbrigen alles zu veranſtalten, was zu Befoͤrderung der Geſundheit dien - lich, und hingegen mit Nachdruck zu hin - dern, wodurch man ſich in gefaͤhrliche Kranckheit ſtuͤrtzen kan, wovon nach dieſem ſich umſtaͤndlicher wird reden laſſen.

§. 276.

Weil man verbunden iſt, davorWenn die Aus - ziehung aus ei - nem Lan - de nicht zu ver - ſtatten. zu ſorgen, daß in einem Lande ſo viel Unter - thanen ſind, als zur Befoͤrderung der ge - meinen Wohlfahrt und Sicherheit des Lan - des erfordert wird (§. 274); ſo darf man auch nicht verſtatten, daß einige nach ihrem Gefallen aus dem Lande ziehen und ſich anderswo niederlaſſen, wenn dadurch einem von beyden Nachtheil geſchiehet. Es ſtimmet auch ſolches mit den allgemeinen Gruͤnden uͤberein. Ein gemeines Weſen gehoͤret un - ter die menſchlichen Geſellſchafften (§. 214): aus einer Geſellſchafft aber darf niemand gehen, wenn es zum Schaden der uͤbrigen gereichet (§. 9).

§. 277.

Weil aber nicht leicht jemandWie ſie zu ver - buͤten. ſich aus dem Lande, wo er iſt, in ein an - ders zu begeben verlangen wird, wenn es ihm daſelbſt wohlgehet; ſo hat man auch darauf zu ſehen, daß niemand gedrucketwird,206Cap. 3. Von der Einrichtungwird, ſondern ein jeder vielmehr ſeine Wohlfahrt, und wieder diejenigen, ſo ihm Unrecht thun, Schutz und Recht finde.

Waꝛumb dieſe Pun - cte nicht beſondeꝛs ausge - fuͤhret worden.

§. 278.

Jch fuͤhre die vorgeſchlagene Mittel zu Bevoͤlckerung eines Staates nicht beſonders aus, weil ſolches im folgen - den geſchehen wird. Denn da einige hierzu erforderte Regeln uͤber dieſes noch andere Urſachen haben; ſo werden ſich dieſe mehr beruͤhren laſſen, wenn die andern uns An - laß geben werden, davon zu reden. Unſer Vorhaben erfordert es, jedes an demjeni - gen Orte beyzubringen, wo es ſich am be - quemeſten erweiſen laͤſſet.

Wie man vor den Unter - halt der Jnwoh - ner zu ſorgen.

§. 279.

Weil man davor zu ſorgen hat, daß der Einwohner nicht mehr werden, als ihr noͤthiges Auskommen im Lande finden koͤnnen (§. 274), der Menſch aber darzu Nahrung, Kleidung und Wohnung von noͤthen hat; ſo muß man fuͤr allen Dingen darauf bedacht ſeyn, daß man an allen da - zu erforderten Sachen keinen Mangel ha - be. Zu dem Ende muß man unterſuchen, was das Land ſelbſt tragen, und die Ein - wohner aus dem, was es ihnen gewehret, verfertigen koͤnnen, und was ſie hingegen von andern noͤthig haben, damit ſie nicht allein angehalten werden, durch Beytrag ih - res Fleiſſes die Schaͤtze der Natur zu ver - mehren und zu ſammlen, ſondern auch al - les daraus zu fertigen, was gemacht wer -den207des gemeinen Weſens. den kan, und ſowohl unter einander ſelbſt, als mit auswaͤrtigen Handel treiben.

§. 280.

Und da kein Menſch dem an -Wie ei - nem jede Arbeit zu ver - ſchaffen. dern Unterhalt geben darf, der arbeiten kan und ſo viel zu arbeiten Gelegenheit findet, daß er dadurch ſeinem Leibe noͤthigen Un - terhalt zu verſchaffen vermoͤgend iſt (§. 769 Mor.), uͤber dieſes auch ein jeder Menſch ſo viel arbeiten ſol, als ohne Abbruch ſei - ner Geſundheit und der Kraͤffte ſeines Lei - bes, auch der zulaͤßigen Ergoͤtzlichkeit ſeines Gemuͤths geſchehen kan (§. 523. Mor.); ſo hat man abſonderlich darauf bedacht zu ſeyn, wie man einem jeden ſo viel Arbeit verſchaffe, als er ertragen kan, auch den Lohn der Arbeit dergeſtalt ſetze, daß man dabey ſein noͤthiges Auskommen finden koͤn - ne: welches letztere auch ſchon an ſich auf eine andere Art erwieſen worden (§. 910 Mor.).

§. 281.

Und demnach hat man fernerDaß das unnoͤthi - ge Bet - teln nicht zu ver - ſtatten. zu veranſtalten, daß man dem Geſetze der Natur wegen des Bettelns ein Genuͤgen thue, welches das Betteln niemanden wil verſtattet wiſſen, als demjenigen, der Man - gel an Nothdurfft leidet, und durch eige - ne Kraͤffte daraus nicht kommen (§. 964. Mor.), das iſt, entweder nicht arbeiten kan, oder doch nicht Gelegenheit findet, durch Arbeit ſo viel zu erwerben, als ſeine Nothdurfft erfordert.

§. 282.208Cap. 3. Von der Einrichtung
Daß man die An - zahl der Leute in jedem Stande zu deter - miniren hat.

§. 282.

Da nun nicht moͤglich iſt, daß alle genung Arbeit haben, ſo viel nemlich als zu ihrem Unterhalt erfordert wird, wenn in einem gewiſſen Stande, er mag Nah - men haben wie er will, z. E. in einem Hand - wercke, der Leute zu viel werden; ſo hat man auch die Anzahl in einem jeden Stan - de nach Erforderung der Umſtaͤnde zu de - terminiren.

Daß die Gelegen - heit zum Muͤßig - gange zu beneh - men.

§. 283.

Damit ein jeder, der arbeiten kan, ſo viel arbeite als er ſol, und uͤber - haupt ein jeder fleißig in acht nehme, was ſeines Amtes iſt; ſo hat man alle Gelegen - heit zu benehmen, wodurch wolluͤſtige Leu - te zum Muͤßiggange koͤnnen verleitet wer - den, als wodurch ſie nicht allein verabſaͤu - men, was ſie haͤtten erwerben koͤnnen, ſon - dern auch unnoͤthig verſchwenden, was ſie haͤtten erſpaaren ſollen, und dadurch oͤff - ters ſich und die ihrigen muthwillig in Ar - muth ſetzen.

Noth - wendig - keit der Schulen und Aca - demien.

§. 284.

Ein jeder Menſch iſt verbunden nach Erkaͤnntniß deſſen zu trachten, was ihm in denen Verrichtungen, die er ver - moͤge ſeiner Lebens-Art vorzunehmen hat, dienlich iſt (§. 256 Mor.), und ſonderlich nach der Erkaͤntniß des guten und boͤſen zu ſtreben (§. 263 Mor.). Derowegen da man im gemeinen Weſen davor zu ſorgen hat, daß es niemanden an Gelegenheit feh - le, zu dieſer Erkaͤnntniß zu gelangen; ſo hatman209des gemeinen Weſens. man zu dem Ende Schulen und Academi - en aufzurichten, das iſt, an dazu bequemen Oertern Leute zu beſtellen, welche ge - ſchickt und fleißig ſind dergleichen Er - kaͤntnis denen, die es noͤthig haben, beyzu - bringen. Cs ſind demnach die Schulen Oerter, wo man junge Leute zu nuͤtzlicher Erkaͤntnis anfuͤhret; die Academien hin - gegen Oerter, wo man die Wiſſenſchaff - ten lehret, und zu nuͤtzlichen Kuͤnſten und Leibes Ubungen anfuͤhret. Daher bekommen ſie auch ihre beſondere Nah - men von den Wiſſenſchafften, Kuͤn - ſten und Leibes-Ubungen, die daſelbſt tra - ctiret werden. Z. E. man nennet eine Mahler Academie, wenn alles zu dieſer Kunſt noͤthige daſelbſt gelehret wird; eine Baumeiſter-Academie, wenn man daſelbſt lehret, was einem Baumeiſter zu wiſſen noͤthig iſt. Eben ſo nennet man gemeine Schulen, wo man nur von dem jenigen Unterricht ertheilet, was einem je - den gemeinen Manne zu lernen noͤthig iſt, als leſen, ſchreiben, die Grundlehren der Re - ligion ꝛc. Rechen-Schulen, wo man noͤ - thigen Unterricht von dem Rechnen giebet fuͤr die jenigen, welche es gruͤndlich verſte - hen muͤſſen, als da ſind, die Kaufleute wer - den oder weitlaͤufftige Landwirthſchafft treiben wollen.

O§. 285.210Cap. 3. Von der Einrichtung
Was fuͤr Perſonen zu Leh - renden zu nehmen.

§. 285.

Da nun derjenige, der andere etwas lehren will, es ſelbſt verſtehen, auch andern, was er verſtehet, mit guter Manier beyzubringen vermoͤgend ſeyn, uͤber dieſes allen Fleiß, der dazu erfordert wird, an - wenden muß; ſo muͤſſen in Schulen u. auf Academien zu Lehrern beſtellet werden, die das ihrige wohl verſtehen, die Gabe zu leh - ren beſitzen und von einem unermuͤdeten Fleiße ſind. Derowegen ſoll man keinen dazu nehmen, der nicht vorhet in allen die - ſen Stuͤcken genungſame Proben abgele - get. Und gewiß iſt dieſe Vorſorge uͤber die Maſſen noͤthig, ſonderlich auf Acade - mien, wo man Wiſſenſchafften und freye Kuͤnſte lehret. Denn da nach dieſem in allen Staͤnden die wichtigſten Aemter mit ſolchen Perſonen beſetzet werden, die auf Academien Wiſſenſchafften und freye Kuͤn - ſte gelernet, ſo iſt es ein groſſer Verderb fuͤr das Land, wo auf Academien untuͤchti - ge Leute ſind, von denen man entweder gar nichts, oder doch nichts rechtes lernen kan, und iſt dieſer Schade um ſo viel groͤſſer und gewiſſer, je mehr man gehalten iſt dieſe und keine andere zu ſeinen Lehrern zu erwehlen. Und damit man auch verſichert iſt, daß alle, denen andere zu lehren oblieget, das treulich thun, was ſie zu thun vermoͤgend ſind, ſo hat man auf Mittel und Wege zuden -211des gemeinen Weſens. dencken, wie man davon in Erfahrung kom - me, auch uͤberhaupt dergleichen Anſtalten zu machen, daß nicht leicht einer den ihm ge - buͤhrenden Fleiß unterlaſſen kan.

§. 286.

Da Kinder u. junge Leute unterrich -Wie man den Leb - renden Luſt ma - chet. ten eine beſchwerl. Arbeit iſt, daruͤber man leicht verdruͤßlich werden kan; ſo hat man darauf zu dencken, wie man den Fleiß der Lehꝛenden unterhalten und ihnen zu ihrer Ar - beit Luſt machen kan. Zu dem Ende hat man zu ſorgen, daß ſie dabey ihr gutes Aus - kommen finden, wo nicht beſſer, doch eben ſo gut als in einem andern Stande, dazu ſie eben ſo wohl geſchickt waͤren. Denn gleichwie ſie mißvergnuͤget werden, wenn ſie bey ihrer ſauren und hoͤchſtbeſchwerlichen Arbeit darben ſollen, da andere ihres glei - chen in ihren Bedienungen bey viel weniger, oder doch bey weitem nicht ſo verdruͤßlicher Arbeit ein weit beſſers Auskommen haben: ſo ſind ſie hingegen mit ihrem Stande zu frieden, wenn ſie verſichert ſind, daß ſie ſich nicht verbeſſern wuͤrden, ob ſie gleich eine andere Bedienung erhielten, dazu ſie ſo wohl, als zu der ihrigen geſchickt waͤren. Jngleichen hat man auch mit darauf zu ſe - hen, daß ſie nicht weniger geehret werden als alle andere ihres gleichen, die zu andern Bedienungen gezogen werden, zu denen ſie ſo wohl als jene geſchickt waͤren. Denn ſo werden ſie keine Urſache finden, warum ſieO 2aͤn -212Cap. 3. Von der Einrichtungaͤndern wolten: ſondern wenn ſie gleich un - terweilen ihrer Muͤhe uͤberdruͤßig werden, und ſich in einen andern Stand wuͤnſchen, ſo werden ſie doch bald wieder Muth faſſen und nicht zu aͤndern verlangen, wenn ſie be - dencken, daß ſie keinen Vortheil finden koͤn - nen. Abſonderlich iſt hiervor auf Acade - mien zu ſorgen, wo man Leute zu Lehrern gebraucht, die in Wiſſenſchafften andern uͤberlegen und ſie wohl fuͤrzutragen geſchickt ſind (§. 284. 285) und daher leicht nieder - geſchlagen werden, wenn ſie bey den vor - treflichen Gaben, damit ſie andern uͤberle - gen ſind, doch nicht ſo viel Vortheil haben koͤnnen, als andere, die ihnen viel nachge - ben muͤſſen bey ihren weit austraͤglicheren Bedienungen. Am allermeiſten aber iſt mit hierauf zu ſehen, weil diejenigen, welche die Wiſſenſchafften durch Leſen und Nach - dencken in Aufnehmen bringen ſollen, ruhi - ges und vergnuͤgtes Gemuͤths ſeyn muͤſſen, indem Unruhe und Mißvergnuͤgen das Nachdencken ſtoͤhren (§. 417 Met.), und ſich daher in einem ſolchen Zuſtande befinden, wo ihnen wohl iſt. Wenn man bey allen Schulen und Academien dafuͤr ſorgete, ſo wuͤrden nicht allein geſchickte Koͤpffe darauf ihre Abſicht machen, und ſich darein lieber als in andere Bedienungen begeben, ſon - dern auch darinne gerne und willig verblei - den, und ſich nicht nach andern umſehen,auch213des gemeinen Weſens. auch ſolchergeſtalt ihr Amt nicht mit Ver - druß, ſondern willig und gerne verrichten. Man wuͤrde auch jederzeit die beſten Leute zu Lehrern bekommen koͤnnen, wenn ſie nebſt dem reichlichen Auskommen auch ſo viel Ehre findeten, als ſie mit Verſtande be - gehren koͤnten: Denn dieſes ſind doch zwey Puncte, darauf die Menſchen am meiſten zu. ſehen pflegen, wenn ſie ſich in Bedienun - gen begeben ſollen.

§. 287.

Vielleicht werden einige meinen,Ein Zweifel wird ge - hoben. daß Lehrende, ſonderlich auf Academien, nicht allzu eintraͤgliche Beſoldung haben ſolten, damit ſie nicht nachlaͤßig wuͤrden und deſtoweniger Zeit und Fleiß auf Unterrich - tung der ihnen anvertrauten Jugend an - wendeten. Allein es iſt zu mercken, daß man hier fuͤr allen Dingen die Einrichtung der - geſtalt zu machen hat, daß man nicht an - ders ſein reichliches Auskommen findet, als in dem man ſein Amt fleißig und treulich verrichtet: welches nach denen beſondern Umſtaͤnden auf vielerley Weiſe geſchehen kan, in gegenwaͤrtigem Orte aber, da wir die beſondern Anſtalten auszufuͤhren nicht geſonnen, ſich nicht wohl zeigen laͤſſet. Dar - nach ſind auch gewiſſe Perſonen zu ſetzen, die darauf Aufſicht haben, wie die Lehren - den ihr Amt verrichten, damit man bey Zei - ten allen Maͤngeln abhelffen kan, die ſich etwan hier und dort ereignen doͤrfften. Uber -O 3die -214Cap. 3. Von der Einrichtungdieſes kan man auch dergleichen Anſtalten machen, dadurch nicht allein die Lehrenden angehalten werden ihres Ambtes entweder ſelbſt treulich zu warten, oder bey einigen ſich ereignenden dingenden Um - ſtaͤnden durch andere, was ihnen oblieget, zum Theil verrichten zu laſſen: ſondern auch zugleich in Erfahrung kommet, wie ein jeder gethan, was ihm gebuͤhret. Man hat ſol - che Perſonen zu erwehlen, die durch abge - legte Proben vorher zur Gnuͤge erwieſen, daß ihnen der Fleiß in Verrichtung ihres Ambtes kein Verdruß und keine Beſchwer - de, ſondern vielmehr eine Luſt iſt, auch ſich vorher in dergleichen Fleiſſe ſattſam geuͤbet. Es iſt freylich wahr, daß, je austraͤglicher die Bedienungen der Lehrenden, ſonderlich auf Academien ſind, jemehr ſich Leute dazu finden werden, die dadurch ihre Bequem - lichkeit zu erhalten gedencken. Allein da erſt jetzunder, und auch vorhin (§. 285) er - rinnert worden, daß man niemanden zu ei - nem Lehrer annehmen ſoll, als der in allen Stuͤcken, die zu ſeinem Amte erfordert wer - den, ſattſame Proben abgeleget, ſo kan man gar leichte verhuͤten, daß ſich dergleichen Leute nicht eindringen, wo es ein rechter Ernſt iſt ſie abzuhalten. Wolte man aber ſagen, daß um ſo viel eher durch Gunſt der Gewaltigen ſich ungeſchickte Leute in der - gleichen Bedienungen dringen wuͤrden, jemeh -215des gemeinen Weſens. mehreren Vortheil ſie dabey zu gewarten haͤtten: ſo kan man zwar nicht laͤugnen, daß dergleichen Faͤlle moͤglich ſind; jedoch wuͤr - de man faſt keine gute Anſtalt machen koͤn - nen, wenn man ſich davor fuͤrchten wolte, daß ſie durch die wiedrigen Affecten der Gewaltigen koͤnnen gemißbrauchet werden. Unterdeſſen bleibet es freylich wahr, daß alsdenn die groͤſte Sorgfalt erfordert wird ungeſchickte abzuhalten. Es laſſen ſich a - ber durch hohe Hand dergleichen Verord - nungen machen, daß auch nicht allezeit die Gewaltigen durch Mißbrauch ihrer Macht das gute verderben koͤnnen. Nemlich hier - vor muß mit in denen Statuten und Pri - vilegien, die Schulen und Academien er - theilet werden, hinreichende Vorſehung ge - ſchehen.

§. 288.

Es haben auch Lehrende daraufLehren - de ſollen Anſehen haben. zu ſehen, daß ſie bey Lernenden in gutem Anſehen ſind, das iſt, daß die Lernenden in den Gedancken ſtehen, ſie verſtehen das - jenige, was ſie von ihnen lernen ſollen, auf das beſte. Denn wer in den Gedancken ſtehet, der andere verſtehe, was er ihn leh - ren ſoll; der glaͤubet auch, er muͤſſe das lernen, was er ihn lehret, und es auf die Art anfangen, die er vorſchreibet, folgends er - weiſet er ſich in dem, was er lernen ſoll, fleiſ - ſig. Hingegen wo man ein Mißtrauen in den Lehrenden ſetzet, als wenn er dasjenige,O 4was216Cap. 3. Von der Einrichtungwas er andere lehren will, ſelbſt nicht recht verſtuͤnde; von dem wird man nicht an - nehmen, was er ſaget, ſondern ihn mit dem, was er vorbringet, nur verlachen. Sol - chergeſtalt unterlaͤſſet man entweder gar, was man von ihm lernen ſolte, oder man wendet keinen rechten Fleiß an. Und die - ſes iſt eben die Urſache, warum man be - ruͤhmte Leute zu Lehrenden nimmet, die nem - lich bey andern ſich ſchon in den Credit ge - ſetzet, daß ſie dasjenige, was ſie lehren ſol - len, fuͤr andern wohl verſtehen. Ja eben deswegen haben ſich Lehrende zu bemuͤhen, daß ſie dergleichen Proben ablegen, wo - durch ſie einen ſolchen Ruhm erhalten koͤn - nen. Es hat uͤber dieſes auch den Nutzen, daß mehrere angelocket werden ſich ihrer Unterweiſung zu bedienen: wodurch ſie zu - gleich ihr Vortheil in Vermehrung ihres Verdienſtes befoͤrdern.

Wie ⃒ſie ſich da - rinnen erhalten.

§. 289.

Damit ſie aber bey den Lernen - den ſich in dem Anſehen erhalten, darein ſie ſich durch tuͤchtige Proben geſetzet; ſo ha - ben ſie ſonderlich in ihrer Auffuͤhrung, ja in allen Minen und Geberden, ſorgfaͤltig zu vermeiden, was ihnen unanſtaͤndig iſt. Denn da Kinder und junge Leute fuͤr andern ge - neiget ſind, an andern zu tadeln, was ſie un - ſtaͤndiges an ihnen ſehen, auch wo viele bey einander ſind, ein aufgeweckter Kopff die anderen mit auf bringet; ſo machen ſichdie217des gemeines Weſens. die Lehrenden durch eine ungeſchickte Auf - fuͤhrung in ihrem Wandel, Minen und Ge - berden bald laͤcherlich und verleiten die Ler - nenden dazu, daß ſie ihrer ſpotten: in welchem Zuſtande die Lernenden entweder auf die Gedancken gerathen, als wenn ſie das ih - rige nicht recht verſtuͤnden, weil ſie meinen ein Verſtaͤndiger koͤnne ſich nicht ſo auffuͤh - ren, oder ſich wohl einbilden, als wenn das - jenige, was ſie lehren, Sachen waͤren, die nicht viel nutzten und man daher gar wohl entrathen koͤnte, ja unterweilen wohl gar ſich und andere uͤberreden, die Sachen, ſo ſie lehreten, hinderten eine gute Auffuͤhrung und die Klngheit im Wandel: Woraus denn ferner eine Verachtung der Wiſſen - ſchafft entſtehet, und man unterlaͤſſet zu ler - nen, was man ſonſt lernen wuͤrde und ſol - te.

§. 290.

Da nun bey einem Lehrenden esWie ein Lehren - der des andern Anſehen erhalten ſoll. ſo noͤthig iſt, daß er bey den Lernenden ein gutes Anſehen hat (§. 288. 289. ); ſo iſt auch hoͤchſt noͤthig, daß, wenn viele Lehrende die Unterweiſung der Jugend in verſchiedenen Kuͤnſten und Wiſſenſchafften zugleich be - ſorgen, keiner unter ihnen etwas vorneh - me, was dem andern vorkleinerlich iſt, und demnach keiner den andern vor den Lernen - den verachte, ſondern vielmehr alles, was nachtheiliges von ihnen geſaget wird, zum beſten kehre. Wir ſind dazu ſchon durchO 5die218Cap. 3. Von der Unterrichtungdie allgemeine Pflichten verbunden (§. 807. 808. Mor.); aber hier kommt noch eine neue Verbindlichkeit dazu, daß einer des andern ſein Amt unkraͤfftig machet (§. 8. Mor.). Wir finden leider! in der Erfah - rung, daß nicht mit geringem Nachtheile der Lernenden insgemein die Lehrenden dieſer Pflicht zuwieder handeln, und einer des andern Anſehen auf allerhand Weiſe zu verkleinern ſuchet. Worans denn ferner dieſes Unheil erwaͤchſet, daß unter den ler - nenden Partheyen entſtehen, deren einige ſich an dieſen, andere an einen andern haͤn - gen, und dadurch in einen Haß gegen ein - ander entbrennen, folgends bey allerhand Gelegenheiten einer gegen den andern ſich wiedrig erzeiget (§. 454. Met.). Was mehr vor Unheil heraus kommet, lieget nicht allein am Tage; ſondern wer die Menſchen in ih - rem Thun und Laſſen kennet, kan es auch mehr als zu viel begreiffen. Warum Leh - rende einander zu verkleinern trachten, kom - met gemeiniglich daher, daß ſie an Ehre und Einkuͤnfften ungleich ſind, ob ſich gleich in ih - ren Verdienſten dergleichen Ungleichheit nicht befindet, ſondern oͤffters wohl gar das Nachſehen haben muß, der die meiſte Ver - dienſte hat. Hieraus entſtehet Neid (§. 460. Met.) und weil dieſer mit dem Haſſe verge - ſellſchafftet iſt (§. cit. ); ſo iſt man bereit aus des andern Ungluͤck Vergnuͤgen zu ſchoͤpf -fen219des gemeinen Weſens. fen (§. 454. Met.) und trachtet daher ihm dergleichen anzurichten. Derowegen waͤ - re hoͤchſt noͤthig, daß man Lehrende der Ehre u. den Einkuͤnfftennach ſo viel moͤglich gleich machte, oder, wo es nicht mit gutem Grun - de geſchehen kan, doch darauf bedacht waͤ - re, daß diejenigen, welche eine Gleichheit zu begehren befugt ſind, wenigſtens mit an - dern gleiche Hoffnung haͤtten ſich zuverbeſ - ſern: wodurch man abſonderlich auf Aca - demien verhuͤten wuͤrde, daß nicht Leute, die in einer Facultaͤt was gutes thun koͤn - nen, in eine andere verlangten, wo man ih - res gleichen, auch wohl beſſere, eher haben koͤnte, als darinnen, was ihnen zu lehren zu erſt anvertrauet worden. Hierdurch wuͤr - de man auch verhuͤten, daß theils die Lehren - den ſelbſt, theils auch die Lernenden einige Wiſſenſch afften nicht verachteten, oder we - nigſtens fuͤr geringe hielten, und andere da - gegen mehr, als ſichs gebuͤhrete, erhuͤben, dadurch aber Anlaß gaͤben, daß ihnen hin - wiederum das ihrige verkleinert wird, ſon - derlich wo man mehr Recht, als ſie, dazu hat. Es pfleget auch wohl zu geſchehen, daß aus Hochmuth und Hoffart einer den andern verachtet (§. 630. 803. 804. Mor.) Damit nun dieſes nicht geſchehe, ſo hat man zu Lehrenden Leute zu nehmen, die zwar ein ehrliebendes Gemuͤthe haben, abeꝛ doch nicht ehrgeitzig ſind (§. 597. Mor.) Es habenaber220Cap. 3. Von der Einrichtungaber die Lehrenden, die aus Hochmuth und Hoffart einander verachten, wohl zu be - dencken, daß ſie dadurch ihrer wahren Ehre ſelbſt ſchaden. Denn da Ehrgeitz, Hoch - muth und Hoffart Laſter ſind (§. 597. 630. 797. Mor.); von dem Laſter aber ſich loß reiſſen und einen untadelhaften Wandel fuͤh - ren in der That etwas groͤſſers iſt als die Erkaͤntniß vieler Dinge beſitzen, die ein jeder nicht verſtehet (§. 239. Mor.); ſo ſcha - det man dadurch gar ſeinem wahren Ruh - me bey Verſtaͤndigen. Uberdieſes giebet man dem andern Anlaß, daß er uns gleiches mit gleichem vergilt und, da ein jeder unter den Lernenden einen Anhang hat, werden auch dieſelbe rege gemacht darauf zu ſehen, wie ſie alles hervorſuchen, was ihrem Ge - gentheile auf einige Art und Weiſe nachthei - lig ſeyn kan.

Warum ein Leh - render Liebe bey den Lernen - den ha - ben ſoll.

§. 291.

Es iſt auch viel daran gelegen, daß Lehrende Liebe bey den Lernenden ha - ben. Denn wenn ſie die Lernenden auf - richtig lieben, ſo werden ſie auch nichts vor - nehmen, was ihre Lehrer mißvergnuͤget, und hingegen alles thun, was ſie vergnuͤgen kan (§. 693. Mor.). Derowegen weil ſie gar wohl begreiffen, daß es denen Lehrenden ge - faͤllet, wenn ſie die Lehren, ſo von ihnen vor - getragen werden, hochachten, und ſie ſich im Lernen fleißig erzeigen; ſo wird auch die Liebe ſie antreiben ihre Lehren mit Hochach -tung221des gemeinen Weſens. tung aufzunehmen und im Lernen ſich fleiſ - ſig zuerweiſen. Hierdurch haben nicht allein die Lernenden den Nutzen, daß ſie et - was lernen und ihre Zeit nicht vergeblich hinbringen; ſondern die Lehrenden werden auch dadurch aufgemuntert ſich ſelbſt in Erkaͤntniß der Wahrheit noch immer mehr zu gruͤnden.

§. 292.

Wenn demnach die LernendenVorſor - ge der Lehren - den fuͤr die Ler - nenden. was tuͤchtiges lernen ſollen, ſo muͤſſen die Lehrenden auch davor ſorgen, daß ſie ih - re Lehren nicht verachten und entweder gar nicht anhoͤren, oder doch nur zu einem Ohre hinein, zum andern wieder heraus - laſſen. Derowegen iſt nicht allein noͤthig, daß ſie in Erfahrung kommen, wie die Ler - nenden ihre Lehren faſſen; ſondern auch zugleich vermoͤgend ſind ſie zum Lernen zu verbinden. Das erſte geſchiehet durch Examiniren, wenn ſie nemlich dnrch ge - ſchickte Fragen erforſchen, ob ſie dasjenige verſtehen, was ſie gelernet, und wieder die Einwuͤrffe, die ſie ihnen machen, vertheidi - gen koͤnnen. Zu dem Ende waͤre dienlich, wenn man dergleichen Unterſuchungen an - ſtellete, theils ehe die Lernenden die ihnen vorgetragene Lehren durch ihren beſondern Fleiß wiederholet, theils nachdem dieſe Wiederholung geſchehen. Jm erſten Fal - le wuͤrde man Gelegenheit bekommen theils ihre Faͤhigkeit zu beurtheilen, theils auch zuerken -222Cap. 3. Von der Einrichtungerkennen, ob ſie wohl darauf acht gehabt oder nicht: im andern Falle hingegen wuͤr - de der Fleiß bekandt, den ſie im Studiren beweiſen. Auſſer dieſen Unterſuchungen waͤre auch dienlich, wenn man ihnen Ein - wuͤrffe machte, um zu ſehen, wie ſie dieſelben beantworten wuͤrden: woraus man am allermeiſten erkennen kan, ob einer eine Sa - che recht inne hat, oder nicht. Wer ſie ge - gen Einwuͤrffe, die er vorhin noch nicht ge - hoͤret, wohl vertheidigen kan, der muß ſie auch wohl inne haben. Ja man ſollte ſie nach dieſem auch vor ſich Einwuͤrffe machen, und ihre Zweiffel, die ihnen bey den vorge - tragenen Lehren entſtehen, vorbringen laſſen, damit man ihnen dieſelbe benehmen und ſie ihrer Meinung gewiß machen kan. Wenn ein Lehrer auf ſolche Weiſe die Faͤhigkeit der Lernenden und ihren Fleiß genau erkannt hat; ſo iſt er auch in dem Stande in ſeinem Vortrage ſich darnach zurichten, damit er weder durch die Kuͤrtze unverſtaͤndlich, noch durch allzugroſſe Weitlaͤufftigkeit beſchwer - lich wird. Wie die Dunckelheit Verdruß erreget; ſo erwecket im Gegentheile allzu - groſſe Weitlaͤufftigkeit nicht geringere, ab - ſonderlich bey denen, die einen groſſen Eiffer haben bald viel zu lernen. Daß Lehrer auch Gewalt haben muͤſſen Lernende zu ver - binden ihre Lehren mit Bedacht anzuhoͤ - ren und fleißig zu wiederholen, begreiffetman223des gemeinen Weſens. man leicht. Denn ohne dieſes pfleget es zu geſchehen, daß die Lernenden entweder eine Sache gar verachten und nicht einmahl kommen ſie anzuhoͤren, oder doch wenigſtens nicht recht darauf acht haben, noch mit Fleiß wiederhohlen. Wo Lernende vor ſich verſtehen, was ihnen gut iſt, und eine Luſt zu lernen haben, da braucht es dieſer Verbindlichkeit nicht (§. 24. Mor.): hingegen wo ſie nicht wiſſen, was ihnen gut iſt, und Gelegenheit ſich er - eignen kan, daß ſie durch ungegruͤndete Vorſtellungen abgehalten werden zu lernen, was ſich gebuͤhrete, da wird ſie hauptſaͤch - lich erfordert. Und iſt dannenhero ein groſ - ſer Verderb, wenn man den Lernenden hierinnen voͤllige Freyheit uͤberlaͤſſet, daß ſie zu ihrem groſſen Schaden entweder gar nicht lernen, was ihnen hoͤchſtnoͤthig u. nuͤtz - lich waͤre, oder doch zur Unzeit, indem ſie nachſetzen, was vorher gehen ſolte und zu erſt lernen, was ſich zuletzt zu lernen gehoͤrete. Aus welcher Unordnung erfolget, daß ſie mit vielem Fleiße und Bemuͤhung nichts gruͤndliches lernen, auch dasjenige, was ſie endlich ins Gedaͤchtniß faſſen, nur oben - hin zu lernen mehr Zeit und Muͤhe anwen - den muͤſſen, als ſie ſonſt eben daſſelbe aus dem Grunde zu lernen nicht noͤthig haͤtten. Die taͤgliche Erfahrung bekraͤfftiget dieſes auf unſern Univerſitaͤten und iſt nicht noͤthigſol -224Cap. 3. Von der Einrichtungſolches durch Gruͤnde weitlaͤufftig zu beſtaͤ - tigen. Es iſt nicht zu laͤugnen, daß wenn die Lehrenden Gewalt haben die Freyheit der Lernenden im Lernen einzuſchraͤncken, ebenfalls viel Unheil daraus erfolgen kan, wofern ſie nemlich ſelbſt nicht verſtehen, was einem zu lernen dienet, der ſich durch gruͤnd - liche Wiſſenſchafft zu einer kuͤnfftigen Le - bens-Art zubereiten will. Allein dieſem Fehler kan man gar leicht abhelffen, wenn man durch gute Geſetze und Ordnung vor - ſchreibet, was ein jeder zu lernen hat und in welcher Ordnung er ſtudiren muß: hinge - gen den Lehrern ſo wenig verſtattet, etwas aus Ungehorſam gegen die hohe Obrigkeit, von der ſie ihr Amt haben, nach ihrem eige - nen Duͤnckel darinnen zu aͤndern, als man den Lernenden erlaubet nach ihrem eigenen Gefallen ihr Studiren einzurichten. Unein - geſchrenckte Macht andere zu verbinden iſt allezeit gefaͤhrlich und muß memanden uͤber - laſſen werden: es folget aus Unverſtande, Jrrthum und interesſirten Abſichten gar leicht ein ſchaͤdlicher und Landverderblicher Mißbrauch.

Was fuͤr eine Wahl bey Ler - nenden anzuſtel - len.

§. 293.

Was nun ferner die Lernenden betrifft, ſo hat man auf vieles zu ſehen, wo - ferne man in einem Lande gute Kuͤnſte und Wiſſenſchafften in Aufnehmen zu bringen geſonnen iſt. Fuͤr allen Dingen hat man davor zu ſorgen, daß niemand etwas zu ler -nen225des gemeinen Weſens. nen zu gelaſſen wird, als der dazu benoͤ - thigte Faͤhigkeit und Luſt hat. Denn wo es an einem von beyden fehlet, da wird nichts rechtes gelernet. Faͤhlet Faͤhigkeit, ſo richtet man mit allem Fleiße nichts aus, wie ein jeder vor ſich verſtehet. Mangelt die Luſt, ſo will man nicht lernen, was man koͤnnte, und mangelt daher auch der Fleiß, ohne welchen keine Fertigkeit zu erreichen ſtehet (§. 525. Met.). Und hierzu dienen diejenigen Ubungen, welche lehrende mit lernenden anzuſtellen haben (§. 292) Wie viel aber in einem Lande daran gelegen ſey, daß man hierauf auf das allerſorgfaͤltigſte acht hat, laͤſſet ſich leicht zeigen. Wenn man Leute ſtudiren laͤſſet, die keine Faͤ - higkeit haben, oder denen es wenigſtens an gehoͤriger Luſt fehlet, ſo bekommet man Gelehrte, die das ihrige nicht recht verſte - hen, und daher denen Aembtern, dazu ſie hernach gezogen werden, vorzuſtehen nicht geſchickt ſind, ſondern vielmehr allerhand Unheil anrichten. Pfleget es wohl gar zu geſchehen, daß ſie mit unter die Lehrer erhoben werden; ſo ſind die Lernenden mit ihnen ſchlecht verſorget und koͤnnen zu kei - ner gruͤndlichen Erkaͤntnis gelangen, wenn ſie gleich noch ſo große Faͤhigkeit und Luſt haben, auch allen ihnen moͤglichen Fleiß anzuwenden ſich angelegen ſeyn laſſen. Und ſolcher geſtalt koͤmmt es mit den Wiſ -(Politick) Pſen -226Cap. 3. Von der Eintichtungſenſchafften und guten Kuͤnſten immer wei - ter herunter.

Wie es mit Sti - pendien zu halten

§. 294.

Weil es nun aber ſich nicht all - zeit fuͤget, daß diejenigen, welche von Na - tur geſchickte Koͤpffe zum ſtudiren bekom - men, und Luſt dazu haben, auch mit genug - ſamen Mitteln verſehen ſind, die was gruͤnd - liches zu erlernen erfordert werden, ſo hat man davor zuſorgen, wie ihnen durch zu - reichende Huͤlffe, die dazu benoͤthigten Mittel verſchaffet werden (§. 769. Mor.): dergleichen Gelder man Stipendien zu nennen pfleget. Man ſiehet demnach hier - aus, daß es unrecht iſt, wenn man Stipen - dien denen zngenießen giebet, die vor ſich Mittel haben zum ſtudiren (welches auch ſchon aus den allgemeinen Pflichten der Menſchen gegen einander (§. 769. Mor.) erhellet); oder auch denen, die ungeſchickt ſind etwas tuͤchtiges zulernen: denn da man ſie gar nicht ſoll ſtudiren laſſen (§. 293), ſo kan man ihnen um ſo viel weni - ger behuͤlfflich ſeyn. Ferner iſt es auch un - recht dergleichen Wohlthat denen zu er - zeigen, die zum ſtudiren keine rechte Luſt ha - ben, und ſie nur uͤbel anwenden, und zwar aus eben der Urſache, die erſt jetzt beruͤhret worden. Weil man aber darauf zuſehen hat, daß alle diejenigen, welche etwas ler - nen wollen, daſſelbe gruͤndlich lernen (§. 293); ſo iſt noͤthig, daß man zum ſtudi -ren227des gemeinen Weſens. ren geſchickte Koͤpffe, und die Luſt haben etwas gutes zulernen, auch reichlich verſor - get, damit ſie in den Stand geſetzet wer - den, etwas gruͤndliches zu ſtudiren. Je - doch doͤrffen ſie auch nicht uͤberfluͤßig haben, weil der Uberfluß leicht zur Wolluſt leitet, dadurch das ſtudiren nachgeſetzet wird. Und iſt es beſſer, wenn es etwas kuͤmmerlich hergehet, daß ſie nem - lich alles wohl zurathe halten muͤſſen, wenn ſie auskommen wollen. Man handelt demnach uͤbel, wenn man die Stipendien - Gelder dergeſtalt eintheilet, daß keiner da - durch in den Stand geſetzet wird etwas tuͤchtiges zu lernen; ſondern nur viele ih - ren kuͤmmerlichen Unterhalt finden. Es kommet nicht auf die Menge an, die ver - ſorget werden. Ein geſchickter Mann, der durch dergleichen Huͤlffe erzogen worden, nutzet dem Lande und dem gantzen menſch - lichen Geſchlechte mehr, als gantze Schaa - ren duͤrfftiger Gelehrten, die nichts rechtes gelernet, und dem Lande nur zur Laſt wer - den, weil man ſie zu nichts tuͤchtigem ge - brauchen kan, oder auch gar zum Ungluͤck, wenn ſie zu Dienſten gezogen werden, de - nen ſie nicht vorſtehen koͤnnen. Es iſt aber auch dieſes nicht zu vergeſſen, daß unter - weilen zum ſtudiren tuͤchtige Leute wohl einige Mittel haben, die doch aber nichtP 2voͤl -228Cap. 3. Von der Einrichtungvoͤllig zureichen, wenn ſie etwas gruͤndli - ches erlernen ſollen, und ſich uͤbrigens zu einer kuͤnfftigen Bedienung zum Nutzen des Landes geſchickt machen ſollen. De - nen muß man mit wenigerem als den an - dern unter die Armen greiffen, ſo weit es nemlich ihr Zuſtand erfordert (768. 769. Mor.). Auch iſt zu mercken, daß, was von Stipendien Geldern geſaget worden, nicht allein auf diejenigen gehet, welche auf Aca - demien Wiſſenſchafften und andere freye Kuͤnſte erlernen; ſondern auch uͤberhaupt auf alle uͤbrige, die in niedrigen Schu - len ſo was ſchlechtes lernen, als ſie zu ih - rer kuͤnfftigen Lebens-Art von noͤthen ha - ben, wie nicht weniger auf die, welche nuͤtzliche Kuͤnſte und Handthierungen zu lernen haben. Der Beweis iſt einerley mit dem vorigen, wie ein jeder, der nur ein wenig darauf acht hat, vor ſich gar leicht ſiehet.

Daß die Menge der ſtu - direnden abzuhal - ten.

§. 295.

Da man davor zu ſorgen hat, daß in einem Lande, von einem jeden Stande ſo viel vorhanden ſind, als es die gemeine Wohlfahrt erfodert (§. 274); ab - ſonderlich aber bekand iſt, daß Gelehrte, wenn ſie nicht in Bedienungen leben, nichts erwerben koͤnnen, und dannenhero dem Lande nothwendig eine Laſt ſind, weil an - dere ſie unterhalten muͤſſen; ſo hat man auch zu veranſtalten, daß nicht zu vieleſtu -229des gemeinen Weſens. ſtudiren, und hauptſaͤchlich diejenigen zu - ruͤcke bleiben muͤſſen, die entweder keine Mittel, oder kein Geſchicke haben etwas rechtes zu lernen, am allermeiſten aber die - jenigen, denen es an beydem fehlet. Die hin - gegen befoͤrdern gar ſchlecht die Wohl - fahrt des Landes, welche durch kuͤmmer - liche Allmoſen allerhand zum ſtudiren un - tuͤchtige Leute dazu anlocken, damit ſie ihrer Faulheit ein Genuͤgen thun, und der Arbeit entgehen koͤnnen.

§. 296.

So lange einer noch nicht desWarum lernende die Gele - genheit zur Wol - luſt zu beneh - men. guten gewohnet iſt, muß man ihm die Ge - legenheit boͤſes zuthun benehmen (§. 385. Mor.). Derowegen weil die Jugend zur Wolluſt geneiget iſt (§. 469. Mor.), die Wolluſt aber ſie von dem Fleiße abziehet, der zum ſtudiren erfordert wird, wo man was rechtes lernen will (§. cit. ); ſo muß man auch auf Schulen und Academien die Gelegenheit zur Wolluſt benehmen, ſoviel als nur immer moͤglich iſt. Es kom - met auch dieſer Schaden daraus, daß die der Wolluſt ergebene das Geld zu allerhand Uppigkeit anwenden, was ſie auf ihren noͤthigen Unterhalt und auf das ſtudiren wenden ſollten. Daher gerathen ſie entweder in Schulden und betruͤgen die, ſo ihnen getrauet, oder ſie verſchwen den ih - nen und den Eltern das ihrige, welches ſie nach dieſem in ihrem kuͤnfftigen Leben haͤttenP 3beſſer230Cap. 3. Von der Einrichtungbeſſer brauchen koͤnnen. Um dieſem Unheil vorzukommen, waͤre es gut, wenn auf Aca - demien dergleichen Einrichtungen waͤren, daß die ſtudirenden das zu noͤthigen Aus - gaben gewiedmete Geld nicht an ungebuͤh - renden Orten anwendeten.

Warum man ih - nen eini - ge Er - goͤtzlich - lichretten zuzulaſ - ſen.

§. 296.

Der Menſch iſt verbunden al - les zu vermeiden, was ſeiner Geſundheit ſchaden kan (§. 447. Mor.). Durch ſte - tes ſitzen und ſtudiren leidet die Geſund - heit des Leibes Abbruch: welches wir als eine bekandte Sache aus der Erfahrung annehmen. Derowegen ſoll man auch nicht durch ſtetes ſitzen und ſtudiren ſeiner Geſundheit ſchaden. Und demnach muͤſ - ſen auch lernende nicht ſtets ſitzen und ſtu - diren; ſondern unterweilen Abwechslun - gen haben, da der Leib durch bequeme Be - wegungen erfriſchet, das Gemuͤthe aber durch andere Gedancken ermuntert wird. Wie die Ergoͤtzlichkeiten, die bey dem ſtu - diren zu untermengen ſind, beſchaffen ſeyn muͤſſen, laͤſſet ſich aus vielen Gruͤnden be - urtheilen. Weil ein jeder Menſch verbun - den iſt, alle beſondere Abſichten dergeſtalt mit einander zu verbinden, daß immer eine ein Mittel zur andern wird (§. 140. Mor.); ſo muß auch die Ergoͤtzlichkeit dem ſtudi - ren keinen Eintrag thun, und wird dem - nach alles verworffen, was auf einige Art und Weiſe dem ſtudiren etwas hinder -liches231des gemeinen Weſens. liches nach ſich ziehen, oder auch zu ande - ren mehr Luſt als zum ſtudiren machen kan, hingegen findet ſtat fuͤr allem ande - ren, was dem ſtudiren foͤrderlich iſt und die Luſt dazu vermehret. Z. E. uͤbermaͤßiges Trincken beſchweeret das Haupt und ma - chet es zum ſtudiren den folgenden Tag un - geſchickt. Es mattet den Leib ab, daß man den folgenden Tag nicht ſo fleißig, wie ſonſt das ſeine verrichten kan. Derowegen iſt es keine Ergoͤtzlichkeit fuͤr ſtudirende, wenn wir gleich bey Seite ſetzen, daß es uͤber - haupt ein ſchaͤdliches Laſter fuͤr alle Men - ſchen iſt (§. 480. Mor.). Gleichergeſtalt mit Schreyen und Singen Lermen nimmet den Kopff ſo ein, daß einem des folgenden Ta - ges der Schall von dem Singen beſtaͤn - dig in Ohren erklinget. Da nun hier - durch die Aufmerckſamkeit gehindert wird, welche bey dem ſtudiren hoͤchſt noͤthig iſt; ſo iſt Lermen mit Schreyen und Singen keine Ergoͤtzlichkeit, die ſich fuͤr ſtudirende ſchicket. Auf eine gleiche Art laͤſſet ſich zeigen, daß Umgang mit Weibs - Perſo - nen, abſonderlich wenn er allzufrey iſt, ſich fuͤr ſtudirende nicht ſchicket. Hingegen da ein Spatziergang in einem Garten mit einem Freunde, mit dem man erbauliche Diſcurſe fuͤhren kan, dem ſtudiren nicht hinderlich, ſondern vielmehr foͤrderlich iſt, indem man dadurch einen neuen TriebP 4be -232Cap. 3. Von der Einrichtungbekommet zu lernen, was einem noch feh - let; ſo iſt daſſelbe eine Ergoͤtzlichkeit, die ſich fuͤr ſtudirende ſchicket, und ſolte man daher auf Academien bedacht ſeyn, wie man zu angenehmen Spatziergaͤngen Ge - legenheit verſchaffte. Auf eine gleiche Weiſe laͤſſet ſich erweiſen, daß die Caffée - Haͤuſer bey der Einrichtung, die man in Engelland hat, eine den Gelehrten gezie - mende Ergoͤtzlichkeit geben und zwar mit beſondern Vortheilen, die auf eine andere Weiſe vielleicht nicht ſo leicht zu erhalten ſtehen. Denn 1. bekommet man allerhand Leute zu ſprechen, zu denen man ſonſt nicht gelangen wuͤrde, ja mit denen man auf eine andere Weiſe umzugehen oͤffters Be - dencken tragen muͤſte, und gewinnet da - durch Anlaß zu allerhand nuͤtzlichen Ge - dancken, auf die man ſonſt nicht kommen wuͤrde. Man gewoͤhnet ſich auch auf ſol - che Weiſe mit allerhand Leuten umzuge - hen und ſich in jedermann zu ſchicken: Wovon im menſchlichen Leben nach dem verſchiedenen Stande, darinnen einer le - bet, wiederumb gar viel herruͤhret. 2. Man verſchwendet nicht unnoͤthiger Wei - ſe das Geld; 3. noch verderbet durch unmaͤßiges Freſſen und Sauffen ſeine Geſundheit, wie bey denen ſonſt gewoͤhn - lichen Schmauſereyen und Beſuchungen zu geſchehen pfleget. 4. Man hat Gele -genheit233des gemeines Weſens. genheit von allerhand nuͤtzlichen Dingen zu reden, abſonderlich von dem, was neu - es entweder in dem Staate, oder der ge - lehrten Welt vorgehet. Und 5. wird ei - ner durch den andern aufgemuntert, ſo wohl zur Gelehrſamkeit, als zu geſchick - ter Auffuͤhrung. Jch meine, wer dieſes mit Bedacht erwegen will, wird nicht zweiffeln, daß die Veraͤnderung, welche ein Gelehrter finden kan, ſo beſchaffen iſt, wie vorhin erfordert worden. Man ſie - het aber auch leicht, daß bey unſerer Ein - richtung, wo man mit Spielen und oͤff - ters auch anderer verbothenen Luſt Uppig - keit treibet, dieſes alles nicht zu erhalten ſtehet. Wie weit man unter die denen Studirenden geziemende Ergoͤtzlichkeiten die Spiele rechnen darff und was bey ih - nen in Obacht zu nehmen, laͤſſet ſich aus dem beurtheilen, was oben (§. 105) von dem Spielen der Kinder errinnert worden.

§. 298.

Weil die Lehrenden Liebe beyWar - umb ſt - nicht allzu ſtreng zu halten. den Lernenden haben ſollen (§. 292), die Lernenden aber vermeinen, daß ihnen un - recht geſchiehet, wenn man ihnen allzu ſcharff begegnet, das iſt, ihre Freyheit mehr einſchraͤncket, als ſie begreiffen, daß es noͤthig iſt, und ihre Verſehen mehr ahndet, als ſie erkennen, daß ſie es ver - dienet haben; daraus aber nichts anders als Haß gegen die Lehrer erwachſen kanP 5(§.234Cap. 3. Von der Einrichtung(§. 454. Met.); ſo ſollen Lernende nicht allzu ſcharff gehalten werden, das iſt, man ſoll ihre Freyheit nicht mehr einſchraͤncken als noͤthig iſt, und, wo man ſolches zu thun noͤthig befindet, ihnen zugleich klare und deutliche Gruͤnde beybringen, war - umb es geſchiehet, damit ſie erkennen, wie es zu ihrem Beſten gereichet, und - berdieſes ſie nicht eher ſtraffen, bis ſie er - kennen, daß ſie es verdienet, auch ſie auf eine beqveme Art uͤberfuͤhren, wie ſie dergleichen Grad der Straffen ſehr wohl verdienet, und man dadurch ihre und an - derer Beſſerung ſuchet. Lehrer vertreten die Stelle derer Vaͤter (§. 87); Vaͤter aber ſuchen ihre Kinder nicht zu verder - ben, ſondern durch Zuͤchtigungen zu beſ - ſern.

Noth - wendig - keit der Aeademie der Wiſ - ſenſchaff - ten.

§. 299.

Da es nicht moͤglich iſt, daß diejenigen, welche mit andern Verrich - tungen Ambtes wegen ihre Zeit zubrin - gen muͤſſen, die Wiſſenſchafften und Kuͤn - ſte durch neue Erfindungen vermehren und ihre Aufnahme beſorgen koͤnnen, ob ſie gleich dazu geſchickt ſind, auch es ihnen an Luſt ſolches zu vollbringen gar nicht fehlet, indem man nicht zweyerley zu einer Zeit auf einmahl thun kan, auch da der Kopf mit andern die Ambts-Ver - richtungen betreffende Dinge eingenom - men iſt, man nicht einmahl Anlaß bekom -met,235des gemeinen Weſens. met, an andere Dinge zu gedencken, (§. 864. Met.), vielmehr von der Einbildungs - Krafft beſtaͤndig geſtoͤhret wird (§. 238 Met.); ſo muͤſſen in einem wohlbeſtellten Staate beſondere Perſonen darzu erweh - let werden, deren ihre Ambts-Verrich - tungen darinnen beſtehen, daß ſie durch neue Erfindungen die Wiſſenſchafften und Kuͤnſte vermehren und ihre Aufnahme be - ſorgen. Dergleichen Geſellſchafften, da man mit vereinigten Kraͤfften fuͤr die Auf - nahme die Wiſſenſchaften und Kuͤnſte ſor - get, pfleget man Academien der Wiſ - ſenſchaften, ingleichen Societaͤten der Wiſſenſchaften (§. 2) zu nennen.

§. 300.

Es hat demnach die AcademieJhre Ab - ſichten und Ver - richtun - gen. der Wiſſenſchaften eine doppelte Abſicht. Einmahl ſoll ſie die Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, ſie moͤgen Nahmen haben, wie ſie wollen, in groͤſſere Aufnahme brin - gen: Darnach auch dieſelben durch neue Erfindungen vermehren (§. 299. Polit. & §. 255. Mor.). Damit ſie nun die erſte Abſicht erreiche, ſo muß ſie alle Wahr - heit ſammlen, die entweder in oͤffentli - chen Schrifften, oder auch unter Leuten von allerley Stande und Profeßionen an - zutreffen, 2. ſie mit gehoͤriger Schaͤrffe, auch tuͤchtigen Proben unterſuchen und 3. was in dieſer Unterſuchung richtig befun - den worden, in gehoͤrige Ordnung brin -gen,236Cap 3. Von der Einrichtunggen, das iſt, mit einander verknuͤpffen. Umb der anderen Abſicht willen muß ſie die bereits erkandten Wahrheiten - berlegen, damit ſie andere daraus entde - cke (§. 1. & ſeqq. c. 6. Log. ), und mit nicht geringem Fleiſſe die Fehler und Maͤngel, welche ſich in denen Wiſſenſchaften und Kuͤnſten finden, anmercken, damit ſie zu neuen Erfindungen Anlaß bekomme.

Was fuͤr Mitglie - der dazu zu neh - men.

§. 301.

Weil nun die Academie der Wiſſenſchaften die Wahrheit muß gruͤnd - lich unterſuchen und auf untruͤgliche Pro - ben ſtellen, auch neue erfinden koͤnnen (§. 300); ſo muͤſſen dazu Leute genommen werden, die ſowohl in der Erfahrungs - und Verſuch-Kunſt, als in der Erfin - dungs-Kunſt (§. 330. 362. Met.) oder wenig - ſten in einer von dieſen dreyen, geuͤbet, oder auch den Zuſtand der Wiſſenſchaff - ten und Kuͤnſte unterſuchen und ihre Feh - ler und Maͤngel anzumercken geſchickt ſind. Da es aber nicht anders moͤglich iſt zu er - kennen, wie weit es einer oder der andere in dieſem Stuͤcke gebracht, als wenn er genug - ſame Proben abgeleget; ſo muß auch kei - ner in die Academie der Wiſſenſchaften, als ein beſoldetes Mitglied angenommen werden, der nicht durch zureichende Pro - ben erwieſen, was er zu thun faͤhig iſt. Weil man aber auch Anlaß zum Erfin - den haben muß und an allen Orten nichtalles237des gemeinen Weſens. alles vorfaͤllet, dabey auch Maͤngel und Fehler zum Erfinden Anlaß geben; ſo kan man auſſer den beſoldeten Mitgliedern auch andere, ſonderlich auswaͤrtige zu Correſpondenten annehmen, die, was ih - nen vorkommet, an die Academie der Wiſſenſchaften berichten.

§. 302.

Die beſoldeten Mittglieder der Academie der Wiſſenſchaften ſollen ihre Zeit mit ſolchen Verrichtungen zubrin - gen, welche der Abſicht der Academie ge - maͤß ſind (§. 301) und demnach auſſer an - dern Bedienungen leben. Derowegen muͤſſen ſie auch ſoviel Beſoldung haben, daß ſie beqvem davon leben koͤnnen. Und damit die Wiſſenſchaften durch ihre Auf - fuͤhrung nicht in Verachtung kommen; muß die Beſoldung auch zureichend ſeyn, ſich ſo aufzufuͤhren, wie andere von vor - nehmem Stande (§. 458. 492. &c. Mor.). Jch weiß wohl, daß einige dieſe Wahrheit nicht begreiffen: allein ſie vergeſſen, daß ſie in der Welt leben, wo alles nach Meinungen gehet, und man dannenhero den Meinungen ſo weit nachgeben muß, als ſich mit Beſtande der Wahrheit thun laͤſſet, woferne man nicht dem Reiche der Wahrheit ſelbſt Abbruch thun will. Und uͤberhaupt bleibet wahr, daß auch die vergaͤngliche Luſt doch eine Luſt iſt und, wenn eine der andern in einer unverruͤck -ten238Cap. 3. Von der Einrichtungten Reihe folget, ſie einer beſtaͤndigen und unvergaͤnglichen gleich wird. De - rowegen kommet es nur darauf an, daß man vergaͤngliche Luſt der beſtaͤndigen gleich zu machen trachtet: Welches ge - ſchiehet, wenn man ſie dergeſtalt gebrau - chet, daß ſie der beſtaͤndigen keinen Ein - trag thut, noch auch Unluſt nach ſich ziehet. Da nun hierzu groſſer Verſtand und viele Klugheit erfordert wird, abſon - derlich da der rechte Gebrauch der ver - gaͤnglichen Luſt und die Art und Weiſe ſie der beſtaͤndigen gleich zu machen noch zur Zeit in keine Regeln gebracht wor - den; ſo iſt es kein Wunder, wenn wir wenige Menſchen finden, die das vergaͤng - liche mit dem unvergaͤnglichen auf gehoͤ - rige Weiſe zu vereinigen wiſſen, ſondern vielmehr taͤglich erfahren, daß die mei - ſten einig und allein auf das vergaͤng - liche, andere wenige hingegen auf das unvergaͤngliche ſehen. Woraus nach die - ſem erfolget, daß, da der erſtere Hauffe der groͤſte iſt, gruͤndliche Wiſſenſchaff - ten bey den meiſten in Verachtung gerah - ten, und dadurch in ihrer Aufnahme gar ſehr gehindert werden: Welches der Ab - ſicht der Academie der Wiſſenſchafften zu - wieder laͤufft (§. 300).

Wie ſie ſich in Samm -

§. 303.

Weil die Academie der Wiſ - ſenſchafften bloß Wahrheiten ſammlen, er -fin -239des gemeinen Weſens. finden und in Ordnung bringen ſoll (§. lung der Wahr - heit zu verhal - ten.300); ſo muß ſie ſich enthalten von al - lem, was aus willkuͤhrlich angenomme - nen Gruͤnden geſchloſſen wird und lieber den Grund ausgeſetzet laſſen, wen ſie ihn nicht erreichen kan, als nach eigenem Gutduͤncken erdichten. Denn dergleichen erdichtete Gruͤnde halten den Fortgang der Wahrheit auf, theils weil man nicht weiter nachſuchet, was man ſchon zu ha - ben vermeinet, theils weil man nicht e - her weiter daraus etwas ſicher ſchlieſſen kan, bis die Gruͤnde in Richtigkeit geſe - tzet worden. Derowegen muß ſie nicht e - her eine Wahrheit in ihre Sammlung nehmen und im Nachdencken als einen Grund andere daraus zu ſchlieſſen brau - chen, biß ſie dieſelbe entweder in der Er - fahrung gegruͤndet befunden, oder durch einen unumbſtoͤßlichen Beweis beſtaͤtigen kan: Wozu die Regeln dienen, die ich in den Gedancken von den Kraͤfften des Verſtandes erklaͤret und zur Unterſuchung der Wahrheit zu gebrauchen in dem 9. Capitel angewieſen habe.

§. 304.

Derowegen muß man ihr kei -Sie muß Freyheit haben die Wahr - heit zube - kennen. ne Meinung als Wahrheiten aufdringen, noch ſie an die Lehren gewiſſer Weltwei - ſen und anderer Gelehrten binden, daß ſie ihre Erfindungen denen gemaͤß einrich - ten; ſondern ihr vielmehr voͤllige Frey -heit240Cap. 3. Von der Einrichtungheit laſſen. Es kan nicht neben einander beſtehen, einem auftragen alles, was als Wahrheit angegeben wird, auf das ſchaͤrf - ſte zu unterſuchen, und nichts anzuneh - men, als was man richtig befindet, und doch zugleich anbefehlen, dasjenige als wahr anzunehmen, was ein gewiſſer Mann davor gehalten. Man weiß lei - der! zur Gnuͤge auch aus der Erfahrung, daß eben dieſes das Mittel iſt den Fort - gang der Wiſſenſchafften zu hindern. Es iſt aber aus dieſer Freyheit nichts gefaͤhr - liches zu beſorgen. Denn da in die Aca - demie der Wiſſenſchaften niemand als ein beſoldetes Mitglied genommen wird, als der die Wahrheit gruͤndlich zu unterſuchen geſchickt iſt, die Wahrheit aber, wenn ſie nicht zur Unzeit vorgetragen wird, kei - nen Schaden ſtifften, auch keiner anderen bereits erkandten Wahrheit zuwieder ſeyn kan, wegen ihrer Verknuͤpffung, die alle mit einander haben (§. 42. Met.); ſo ſiehet man nicht, was ſchaͤdliches daraus erfol - gen kan. Denn wenn man was ſchaͤdli - ches beſorgen wollte, ſo muͤſten es Meinun - gen ſeyn, die entweder der Religion, oder dem Staate, oder einem ehrbahren Wan - del zuwiederlieffen. Da nun die Acade - mie der Wiſſenſchafften keine Meinungen annimmet, ſondern nur ausgemachte Wahrheiten, von Wahrheiten aber keinEin -241des gemeinen Weſens. Eintrag in der Religion, dem Staate und einem ehrbahren Wandel zu beſorgen iſt; ſo kan auch die Freyheit der Acade - mie zu nichts gefaͤhrlichem ausſchlagen.

§. 305.

Weil die Academie der Wiſſen -Was ſie bey Kirn - ſten und Hard - wercken zu thun hat. ſchafften alle Wiſſenſchafft und Kuͤnſte, ſie moͤgen Nahmen haben, wie ſie wollen, in groͤſſere Aufnahme bringen ſol (§. 300); ſo muß ſie auch alles unterſuchen, was bey dem Acker-Baue, bey dem Garten-Baue, der Viehzucht, mit einem Worte, alles was zum Land-Leben gehoͤret, wie nicht weniger alle Kuͤnſte und Handwercke, ab - ſonderlich diejenigen, welche zur Erkaͤnnt - niß der Natur etwas beytragen, und hin - wiederum durch dieſelbe, ingleichen durch die Mathematick ſich verbeſſern laſſen. Und demnach haben alle dieſe Kuͤnſte und Hand - thierungen ihrer Aufnahme ſich zugleich zu getroͤſten. Damit aber dieſer Zweck errei - cket werde, ſo hat nicht allein die Acade - mie der Wiſſenſchafften von allen erwehn - ten Kuͤnſten und Handthierungen genaue Beſchreibungen zu verfertigen, ſondern zu - gleich von allem, was dabey vorkommet, den Grund zu unterſuchen und zu uͤberle - gen, worinnen jedes noch koͤnne verbeſſert werden, und ſolcher Geſtalt die Kuͤnſte und Handthierungen in Wiſſenſchaften zu brin - gen: welches eine fuͤr das menſchliche Ge - ſchlechte ſehr nuͤtzl. Arbeit iſt (§. 369. Mor.).

(Politick) Q§. 306.242Cap 3. Von der Einrichtung
Was ſie bey den Staats - Wiſſen - ſchafften zu thun hat.

§. 306.

Aus eben der Urſache, weil die Academie der Wiſſenſchaften alle Wahr - heit ſammlen, und durch neue Erfindungen vermehren ſol (§. 300); ſo muß ſie al - le Einrichtungen, die man in einem Staa - te hat, ſie moͤgen Policey-Cammer - oder andere Sachen betreffen, ſo ſorgfaͤltig als andere Wahrheiten unterſuchen und durch genaue Uberlegung erwegen, was das be - ſte iſt, und zwar um ſo vielmehr, je gewiſ - ſer man aus der Erfahrung weiß, daß nicht allezeit mit gnungſamem Bedacht derglei - chen Einrichtungen geſchehen, theils weil diejenigen, welche davor zu ſorgen haben, zu groſſen und weitlaͤufftigen Uberlegungen entweder nicht geſchickt ſind, oder wegen vielfaͤltiger anderer Verrichtungen nicht Zeit dazu haben; theils weil ſie insgemein nur nachthun, was ſie bey andern geſehen, wobey aber gar leicht gefehlet wird, wenn man nicht die Vernunfft mit zu Rathe zie - het (§. 376. Met.). Es hat demnach die A - cademie der Wiſſenſchafften ſich in Aufloͤ - ſung ſolcher Aufgaben, die zum Nutzen des Staats gereichen, mit Fleiß zu uͤben.

Einwuꝛf wird be - antwor - tet.

§. 307.

Jch achte es fuͤr unnoͤthig meh - rere Sachen zu erzehlen, damit die Acade - mie der Wiſſenſchaften beſchaͤftiget ſeyn ſol. Denn da ich uͤberhaupt erinnert, ſie ſol alle Wahrheiten ſammlen, unterſuchen und durch neue Erfindungen vermehren,auch243des gemeinen Weſens. auch in gute Ordnungen bringen, ſo bald ein Vorrath derſelben vorhanden (§. 300); ſo wird man bey vorfallender Gelegenheit leicht urtheilen koͤnnen, was die Academie der Wiſſenſchaften hier und dort zu thun hat. Nur muß ich noch einen Zweifel he - ben, der hier bey einem entſtehen koͤnnte. Vielleicht werden einige meinen, es ſey nicht moͤglich, daß die Academie der Wiſ - ſenſchaften ſich in ſo viele und weitlaͤufftige Dinge mengen koͤnne. Allein man wird ſich leicht begreiffen, wenn man nur auf folgendes acht zu haben beliebet. Einmal iſt gewiß, daß die Academie der Wiſſen - ſchafften aus verſchiedenen Perſonen beſte - het, welche die verſchiedene Arbeit mit ein - ander theilen. Und alſo iſt nicht noͤthig, daß ein jeder ſich in alles menge, oder auch in aller Art der Wiſſenſchafften vortreflich erfunden werde. Darnach muß man wohl erwegen, daß die Wahrheiten alle insge - ſamt eine groͤſſere Verknuͤpffung und Ver - wandſchafft mit einander haben, als man vermeinet, und daher diejenigen, welche ſie in richtiger Verknuͤpffung gruͤndlich be - greiffen, zu mehreren Dingen auf einmahl geſchickt ſind, als man vermeinen ſolte. Uber dieſes wenn einige geſchickte Koͤpffe alle ihre Zeit bloß auf Entdeckung der Wahrheit wenden, und mit nichts ande - rem in der Welt zu thun haben; ſo ſind ſieQ 2in244Cap. 3. Von der Einrichtungin dem Stande mehr auszurichten als vie - le andere, die unter ſo vielen Verrichtun - gen des menſchlichen Lebens nur dann und wann Gelegenheit bekommen an etwas zu gedencken: welches ich umſtaͤndlicher aus - zufuͤhren vor unnoͤthig erachte.

Beſchaf - fenheit des Praͤ - ſtdenten der Aca - demie der Wiſ - ſenſchaf - ten.

§. 308.

Ob nun aber gleich nicht ein je - des Mittglied der Academie der Wiſſen - ſchafften in allen Arten der Wahrheit darf geuͤbet ſeyn, ſondern es viel rathſamer iſt, daß ein jedes ſich hauptſaͤchlich auf eine ge - wiſſe Art der Wahrheiten lege, damit man es darinnnn weiter bringe, als ſich ſonſt thun laͤſſet: ſo iſt doch dienlich, daß diejenige Perſon, welche uͤber die Acade - mie der Wiſſenſchafften Aufſicht hat, und der Praͤſident genennet wird, in allen Ar - ten der Wiſſenſchafft wohl geuͤbet iſt, da - mit ſie nicht allein alles wohl anordnen kan, was von einem jeden vorzunehmen, ſon - dern auch dasjenige, was von den Mitt - gliedern eingebracht wird, gruͤndlich zu un - terſuchen geſchickt iſt, wo einige Schwie - rigkeiten ſich noch finden, dieſelbe anzei - gen, und ſie zu heben geſchickte Anſchlaͤ - ge geben kan. Uber dieſes da alle Wahr - heiten mit einander verknuͤpffet ſind (§. 143 Met.); ſo muß derjenige in allen Arten derſelben geuͤbet ſeyn, der ſie mit einander verbinden und in eine gruͤndliche Ordnung bringen wil. Und dieſes koͤnnte demnachdem245des gemeinen Weſens. dem Praͤſidenten uͤberlaſſen werden, weil er aus den andern vorhin angezeigeten Ur - ſachen in allen Arten der Wahrheiten geuͤ - bet ſeyn muß, welches die anderen Mitt - glieder eben nicht ſo ſehr, wie er, von noͤ - then haben. Uber dieſes giebt es auch dem - ſelben ſo wohl bey den Mittgliedern, als bey auswaͤrtigen ein nicht geringes Anſehen, wenn er ein Mann iſt, der in ſo vielerley Arten der Wiſſenſchaften eine gruͤndliche Erkaͤntniß hat.

§. 309.

Weil die Academie der Wiſ -Nutzen der Aca - demie de: Wiſſen - ſchafften. ſenſchafften alle Wahrheiten ſammlet, die in allen Schrifften aller Zeiten, und ſonſt unter den Menſchen von allerley Lebens-Ar - ten anzutreffen (§. 300); ſo kan man durch ſie eine vollſtaͤndige und richtige Hi - ſtorie der Gelehrten oder der Kuͤnſte und Wiſſenſchafften erhalten: daran nicht we - nig gelegen iſt (§. 9. c. 10. Log.). Durch ſie bekommet man die Wiſſenſchafften der Kuͤnſte, daran abermahls dem menſchli - chen Geſchlechte nicht wenig gelegen iſt (§. 368. 369 Mor.). Durch ſie bekommt man die beſten Buͤcher in allen Wiſſenſchafften zum Unterricht ſo wohl der Anfaͤnger, als auch derjenigen, die es darinnen weit bringen wollen: woran abermahls dem menſchlichen Geſchlechte (§. 369 Mor.) und auch dem gemeinen Weſen (§. 243) nicht ein geringes gelegen. Und weil ſie alle Mei -Q 3nun -246Cap. 3. Von der Einrichtungnungen bey Seite ſetzet, und keine Wahr - heit annimmet, als die ſie durch richtige Beweiſe ausgemacht und durch untruͤgli - Proben beſtetiget (§. 303); ſo wuͤrden die Jrrthuͤmer und Traͤume derer, die nicht gruͤndlich gelehrt ſind, und insgemein viel Schaden und Verwirrung anrichten, mit der Zeit endlich gar ausgerottet. Solcher geſtalt hat man Hoffnung, daß mit der Zeit gruͤndlich gelehrte Leute erzogen wer - den, die man mit groſſem Vortheile in al - len Staͤnden zum Beſten des gemeinen We - ſens gebrauchen kan. Da ſie alle Wahr - heiten unterſuchet; ſo hat man auch Hoff - nung, daß die Artzney-Kunſt zu Befoͤrderung und Wiederbringung der Geſundheit des Menſchen, die zur Zeit noch ſo groſſen Maͤn - geln unterworffen iſt, in einen beſſern Stand geſetzet wird: woran ſonderlich denen Ho - hen in der Welt viel gelegen. Und da ſie ſich auch um die Wahrheiten bekuͤmmert, die zur Einrichtung und Erhaltung eines Staates gehoͤren (§. 306); ſo hat auch das gemeine Weſen viele Vortheile von ihr zu erwarten. Mit einem Worte, da al - les ſich auf richtige Erkaͤnntniß der Wahr - heit gruͤndet, was der Menſch vornehmen kan; ſo lieſſe ſich gar leicht erweiſen, wenn wir hier alles aus ſeinen erſten Gruͤnden auszufuͤhren die Erlaubniß haͤtten, wie die Gluͤckſeligkeit des menſchlichen Geſchlechtsund247des gemeinen Weſens. und aller Staͤnde unter ihnen von einer wohl eingerichteten Academie der Wiſſenſchaften dependiret.

§. 310.

Unerachtet die Academie derNoth - wendig - keit der Acade - mie der Kuͤnſte. Wiſſenſchaften ſich auch umb alle Kuͤnſte bekuͤmmert und ſie in Form einer Wiſ - ſenſchaft zu bringen ſich bemuͤhet, auch ihr angelegen ſeyn laͤſſet, dieſelbe zu ver - beſſern und zu vermehren (§. 305); ſo ſind doch deswegen auſſer ihr auch die A - cademien der Kuͤnſte noͤthig. Denn die Academie der Wiſſenſchaften gehet bloß auf die Wiſſenſchafft der Kuͤnſte, lehrer aber die Kuͤnſte nicht ſelbſt; hergegen die Academien der Kuͤnſte lehren die Kuͤnſte ſelbſt: worunter ein groſſer Unterſcheid iſt. Wer Wiſſenſchaft von einer Kunſt hat, der iſt in dem Stande von allen Re - geln derſelben richtigen Grund anzuzei - gen und ihre Wercke vernuͤnfftig zu be - urtheilen (§. 361. Met.): Hingegen wer die Kunſt ſelbſt beſitzet, der iſt geſchickt nach denſelben Regeln die Wercke zu verfertigen, ſo daß Verſtaͤndige, die nem - lich die Wiſſenſchaft haben, nichts mit Grunde der Wahrheit daran auszuſetzen finden (§. 366. Mor.).

§. 311.

Es haben demnach die Acade -Abſicht der Aca - demien der Kuͤn - ſte. mien der Kuͤnſte dieſe Abſicht, daß Leute, die vor andern dazu geſchickt ſind, die Kunſt gruͤndlich erlernen und dadurch ge -Q 4ſchickt248Cap. 3. Von der Einrichtungſchickt werden, Lehrmeiſter anderer abzu - geben. Z.E. Wenn man in einer Hoff - ſtadt eine Mahler-Academie hat; ſo werden darauf vortrefliche Mahler erzo - gen, die geſchickt ſind, alles, was ihnen vorkommet, nach ihrer rechten Aehnlichkeit vorzuſtellen. Dergleichen Mahler koͤn - nen nach dieſem an andern Orten, wo man keine dergleichen Academien hat, wiederumb andere gruͤndlicher zu dieſer Kunſt anfuͤhren.

Verrich - tungen der Aca - demie der Kuͤnſte.

§. 312.

Damit dieſe Abſicht erhalten werde, ſo muß man 1. auf den Acade - mien der Kuͤnſte Unterricht ertheilen von allem demjenigen, was man aus andern Wiſſenſchaften zu beſſerem Verſtande der Kunſt noͤthig hat, worinnen die Zu - bereitung zur Kunſt beſtehet: 2. die U - bungen in Wercken der Kunſt dergeſtalt anſtellen, daß alles nach Regeln gerecht - fertiget und die Regeln ſelbſt durch rich - tige Gruͤnde erhaͤrtet werden. Z.E. Wer die Mahler-Kunſt gruͤndlich verſtehen will, der muß verſchiedenes aus der Mathema - tick, als aus der Arithmetick von der Pro - portion, aus der Geometrie die in der Perſpectiv noͤthigen Aufgaben, wiſſen, ja zum Verſtande der Perſpectiv auch eini - ge Erkaͤntniß von der Optick haben. De - rowegen muß man auf der Mahler-Aca - demie aus der Mathematick ſo viel Un -ter -249des gemeines Weſens. terricht ertheilen, als zu dieſer Kunſt noͤ - thig iſt. Wiederumb ein Mahler muß aus der Anatomie ſo viel verſtehen, als die aͤuſſerliche Geſtalt des Menſchen und ihre Veraͤnderung in den gar verſchiede - nen Stellungen zu beurtheilen noͤthig iſt. Derowegen muß man die Anatomie, ſo viel hierzu noͤthig, auf Mahler-Academi - en lehren. Ein Mahler muß aus der Bau-Kunſt ſo viel verſtehen, als zu ei - nem perſvectiviſchen Riſſe eines Gebaͤu - des dazu erfordert wird. Dervwegen muß man auf der Mahler-Academie ſo viel von der Bau-Kunſt lehren, als dazu erfordert wird. Ein Mahler muß die Pro - portion der Glieder des menſchlichen Lei - bes wohl verſtehen. Derowegen muß man auf der Mahler-Academie davon Unterricht ertheilen, und ſo weiter fort. Dieſes wird bey der Zubereitung erfor - dert. Hingegen was die Ubung betrifft, ſo muß man daſelbſt nicht allein gute Zeichnungen von allerhand Arten der Din - ge zum Nachzeichnen vorlegen; ſondern auch nach dieſem die Sache ſelbſt, als ab - ſonderlich Menſchen, in ihren verſchiede - nen Stellungen, zum abzeichnen vorſtellen. Dadurch wird ein Mahler geſchickt an andern Orten, wo man dergleichen Aca - demien nicht haben kan, mit gruͤndlichem Unterrichte andern zu dienen, nicht alleinQ 5vor250Cap. 3. Von der Einrichtungvor ſeine Perſon der Kunſt wohl fuͤrzu - ſtehen.

Was ih - re Stelle bey Hand - wercken und ge - ringen Kuͤnſten vertreten kan.

§. 313.

Nun gehet es freylich nicht an, daß man von allen Arten der Kuͤnſte A - cademien aufrichtet: Denn dieſes wuͤr - de zu koſtbahr fallen, auch ſich nicht wohl thun laſſen, daß ein jeder dieſelben beſuch - te. Unterdeſſen koͤnnte man doch zum Nutzen des Landes etwas aͤhnliches in al - en Hanthierungen haben, ſie moͤchten im uͤbrigen Nahmen haben, wie ſie wollen. Nemlich man ſolte davor ſorgen, daß, wo ein Ort im Lande zu einer Kunſt o - der Handthierung am Beſten aufgelegt waͤre, man daſelbſt einige haͤtte, die dar - innen fuͤr andern vortreflich erfunden wuͤrden, damit diejenigen, welche ihre Profeßion recht zu erlernen gedaͤchten, da - ſelbſt ihren Fleiß und Begierde vergnuͤ - gen koͤnnten. Gleichwie nun aber dieſel - ben nach dieſem ſich durch das gantze Land zerſtreueten; ſo wuͤrde man gar bald uͤberall geſchickte Leute bekommen, und wuͤrden zugleich durch ihren Fleiß die an - dern aufgemuntert gleichfals tuͤchtige Ar - beit zu verfertigen.

Beſchaf - fenheit der Hand - wercks - Schulen.

§. 314.

Ja weil nicht jederman die A - cademien der Kuͤnſte beſuchen kan; ſo waͤre nicht undienlich, wenn man wenig - ſtens in groſſen Staͤdten hin und wieder Handwercks-Schulen aufrichtete, in wel -chen251des gemeinen Weſens. chen man die Jugend darinnen unterrich - tete, was ſie aus Wiſſenſchaften bey ih - rer Kunſt und Handwercke zu wiſſen noͤ - thig haͤtten. Z. E. Weil Muͤller den Muͤhlen-Bau lernen muͤſſen; ſo ware ih - nen ſehr dienlich, wenn ſie aus der Arith - metick, Geometrie, Bau-Kunſt, Me - chanick, Hydraulick und Hydrometrie ſo viel Unterricht erhielten, als zu gruͤndli - chem Verſtande ihres Muͤhl-Baues er - fordert wird, wenn ſie nemlich von allem demjenigen, was ſie nach dieſem durch Ubung lernen, genungſamen Grund ver - ſtehen wollen. Freylich iſt es nicht an dem, daß alle von dieſen Leuten gruͤndli - che Erkaͤnntniß aus den angefuͤhrten Wiſ - ſchaften erlangen koͤnnen, dergleichen ein wohlgeuͤbter Mathematicus beſitzet: al - lein es iſt fuͤr ſie genung, wenn ihnen die Erklaͤrungen nebſt den Lehr-Saͤtzen ohne ſubtile Beweiſe auf eine ihnen begreifli - che Weiſe beygebracht werden. Finden ſich aber aufgeweckte Koͤpffe unter ihnen, die kan man auch weiter bringen. Es iſt nichts neues, daß es ungeſtudirte, ſonder - lich in Mathematiſchen Wiſſenſchaften, oͤffters weiter gebracht, als andere, die unter die Gelehrten gerechnet werden. Und dieſes iſt auch von denen Lehren zu verſtehen, die anderen aus andern Wiſſen - ſchaften beyzubringen. Es wird ſich a -ber252Cap. 3. Von der Einrichtungber von rechter Einrichtung der Hand - wercks-Schulen alsdenn erſt reden laſſen, wenn man von allen Kuͤnſten und Hand - wercken tuͤchtige Beſchreibungen haben wird, und wenn ſie in Form der Wiſ - ſenſchafften werden gebracht worden ſeyn. Denn man kan nicht eher ſagen, was fuͤr Lehren aus den Wiſſenſchaften eine Kunſt oder Handthierung zu erlernen noͤthig ſind, ehe man dieſelbe vollſtaͤndig begreiffet, und den Grund von allem, was dabey vorkommet, verſtehet. Uber die - ſes iſt wohl zu mercken, daß auch einige Handthierungen ſind, die aus Wiſſen - ſchaften gar nichts erfordern. Die ſich nun darauf legen, haben Handwercks - Schulen zu beſuchen nicht noͤthig. Weil es ein Werck iſt, welches fuͤr die Acade - mie der Wiſſenſchaften gehoͤret, Kuͤnſte und Handwercke zu beſchreiben und in Form der Wiſſenſchaften zu bringen (§. 305); ſo wird auch die Enrichtung der Handwercks-Schulen ihr zu uͤberlaſſen ſeyn, wenn ſie erſt dem erſten Stuͤcke ein Gnuͤgen gethan. Unterdeſſen koͤnnte man leicht mit einem und dem andern einen Verſuch thun. Z. E. Wenn die Rechen - meiſter dabey die Mathematick lerneten, welches heut zu Tage, da der Weg dazu gebaͤhnet, gar leichte geſchehen kan; ſo koͤnnten bey ihnen zugleich diejenigen Un -ter -253des gemeinen Weſens. terricht bekommen, welche hey ihrer Pro - feßion etwas aus der Mathematick verſte - hen ſollen, als vorhin insbeſondere von den Muͤllern geſaget worden.

§. 315.

Was im uͤbrigen die Vorſor -Vorſor - ge fuͤr die Hand - wercke. ge betrifft, die man fuͤr die Handwercke und gemeine Kuͤnſte tragen muß, ſo hat man fuͤr allen Dingen darauf zu ſehen, welche man an einem jeden Orte fuͤr an - dern noͤthig hat und zu welchen ein jeder Ort fuͤr andern aufgeleget iſt. Denn bey - de muͤſſen in gehoͤriger Anzahl an denſel - ben Oertern angeleget werden (§. 279), abſonderlich die von der letzten Art, damit man nicht die Materialien aus dem Lan - de laͤſſet, die mit groͤſſerem Vortheile ver - arbeitet koͤnten ausgefuͤhret werden, oder auch wohl gar aus andern Orten hohlet, was man ſelbſt koͤnnte verfertigen laſſen, wovon unten ein mehrers folgen ſoll. Dar - nach muß man wohl acht haben, daß nie - mand zu einer Kunſt oder einem Hand - wercke gelaſſen wird, als der daſſelbe recht verſtehet, damit nicht nach dieſem die Leu - te mit untuͤchtiger Wahre betrogen wer - den, auch die Nahrung ſich aus dem Or - te wegziehet, weil doch jedermann vor ſein Geld lieber tuͤchtige Wahre nimmet, wenn er ſie haben kan, als ſchlechte, die nichts tauget.

§. 316.254Cap. 3. Von der Einrichtung
Daß man fuͤr die Aufnah - me der Tugend ſorgen ſoll.

§. 316.

Das gemeine Weſen wird zu dem Ende angerichtet, damit man in dem Stande iſt dem hoͤchſten Gute deſto ſi - cherer nachzuſtreben (§. 214). Derowe - gen, da dieſes durch die Tugend befoͤr - dert wird (§. 44. 68. Mor.); ſo hat man im gemeinen Weſen auch davor zu ſorgen, daß die Leute tugendhaft werden. Viel - leicht wird dieſes einigen etwas ſeltſam vorkommen: Sie werden meinen, im ge - meinen Weſen begnuͤge man ſich an der aͤuſſerlichen Zucht und bekuͤmmere ſich nicht umb das innere, welches zur Tugend mit hauptſaͤchlich gehoͤret (§. 46. Mor.). Al - lein der Jrrthum kommet bloß daher, daß ſie ſehen, man pflege in dem gemeinen We - ſen bloß das aͤuſſerliche Thun und Laſſen der Menſchen zu beſtraffen, keines weges aber die Gedancken, welche ſich durch kei - ne Wercke aͤuſſern. Es iſt aber gantz et - was anders, wenn man fraget, was in dem gemeinen Weſen zu beſtraffen iſt, und gantz was anders, wenn man fraget, zu was fuͤr Handlungen man die Menſchen im gemeinen Weſen bringen ſoll.

Mittel dazu.

§. 317.

Da nun der Wille des Men - ſchen gebeſſert wird, wenn man ihn zu ei - ner lebendigen Erkaͤnntniß des Guten brin - get (§. 373. Mor.); ſo hat man davor zu ſorgen, daß es im gemeinen Weſen nie - manden an noͤthigem Unterrichte von demGuten255des gemeinen Weſens. Guten und Boͤſen fehle. Derowegen hat man auf Mittel und Wege zu gedencken, wie gleich die Kinder bey ihrer Auferzie - hung zur Erkaͤnntniß des Guten und Boͤ - ſen angefuͤhret werden: die Erwachſenen hingegen beſtaͤndig darinnen zunehmen. Was nun die Kinder betrifft, ſo ſiehet man leicht, daß, da denen Eltern oblieget, die Kinder zur Tugend anzufuͤhren (§. 95), man Anſtalten zu machen hat, wie ſie zu Ausuͤbung dieſer Pflicht koͤnnen angehal - ten werden. Und weil in dieſem Stuͤcke die Lehrer in den Schulen ihre Stelle ver - treten (§. 284); ſo hat man zugleich in Schulen und auf Academien dergleichen Anſtalten zu machen, daß Kinder und jun - ge Leute zu gruͤndlicher Erkaͤnntniß des Guten und Boͤſen angefuͤhret werden. Die Evwachſenenen hingegen, und die ein maͤnnliches Alter erreichet, oder auch wei - ter kommen, koͤnnen im Guten nicht an - ders als in denen oͤffentlichen Zuſammen - kuͤnfften von denen oͤffentlichen Lehrern un - terrichtet werden. Und deswegen hat man in einem gemeinen Weſen zu Lehrern ſolche Perſonen zu beſtellen, die eine gruͤndliche Erkaͤnntniß des Guten und Boͤ - ſen, auch ſelbſt Erfahrung im Guten und Boͤſen haben: nemlich Erfahrung im Gu - ten, indem ſie es ſelbſt ausgeuͤbet und auf andere, die es ausuͤben; acht gegeben;Er -256Cap. 3. Von der EinrichtungErfahrung hingegen im Boͤſen, indem ſie die Boßheit der Menſchen, die Boͤſes thun, mit Fleiß angemercket. Auf eine ſolche Weiſe ſind ſie geſchickt, das Gute und Boͤſe mit natuͤrlichen Farben abzumah - len. Hierzu kommet auch die Sorge fuͤr gute Buͤcher, durch deren fleißiges Leſen die Leute zum Erkaͤnntniß des Guten und Boͤſen koͤnnen aufgemuntert, hingegen zu - gleich von dieſem abgehalten, und zu jenem angefeuret werden. Dergleichen Schriff - ten ſind von dreyerley Arten. Einige er - theilen Unterricht von dem, was man thun und laſſen ſoll, durch gute Regeln; ande - re hingegen beſchreiben Exempel der Tu - genden und Laſter; noch andere mahlen die Klugheit der Tugendhaften und Thor - heit der Laſterhaften durch Fabeln ab (§. 373. Mor.). Da uͤber dieſes noͤthig iſt, daß ein Menſch, der tugendhaft leben will, ſich ſeines guten Vorſatzes beſtaͤndig erin - nert (§. 172. Mor.); ſo muͤſſen dieſes aber - mahls bey Kindern und jungen Leuten die Eltern und Lehrer in Schulen und auf A - cademien; bey Erwachſenen hingegen die Prediger in den oͤffentlichen Verſamm - lungen verrichten. Woraus erhellet, daß man die Predigten auch deswegen zu be - ſuchen hat, damit man ſeiner Pflicht erin - nert wird, und dannenhero auch diejeni - gen ſich einzufinden verbunden ſind, dievor257des gemeinen Weſens. vor ſich wiſſen, was man thun und laſſen ſoll. Ein anders iſt wiſſen, was gut und boͤſe iſt; ein anders hingegen oͤffters dar - an gedencken. Uber dieſes koͤnnen auch hierzu die Buͤcher von allen drey Arten, davon erſt jetzt Meldung geſchehen, gebrau - chet werden: welche demnach dergeſtalt einzurichten, daß ein jeder ſie mit Luſt lie - ſet. Denn was man mit Luſt lieſet, das lieſet man fleißig und ofte.

§. 318.

Weil man alle Laſter ſorgfaͤl -Mittel wider die Laſter. tig vermeiden muß, wenn man nach der Tugend ſtrebet (§. 436. Mor.); ſo muß man im gemeinen Weſen, wo man fuͤr die Aufnahme der Tugend zuſorgen hat, auch nicht weniger Sorgfalt anwenden alle Laſter, ſo viel nur immer moͤglich iſt, zu hintertreiben. Hierzu nun werden vielerley Mittel dienlich befunden. Einmahl ge - ſchiehet es durch Unterricht, da man davor zuſorgen hat, daß nach vorhin gegebener Anweiſung (§. 316) Eltern und Lehrer in Schulen und auf Academien Kinder und junge Leute, Lehrer und Prediger aber er - wachſene und alte von den Laſtern abmah - nen, ihnen den Schaden, der daraus erfol - get, durch Gruͤnde und Exempel vorſtel - len, auch einen Abſcheu fuͤr ihnen erwecken. Darnach hilfft es viel, wenn diejenigen Perſonen, die andern vorgeſetzet ſind, als Obrigkeiten und Lehrer, denen uͤbrigen mit(Politick) Rgutem258Cap. 3. Von der Einrichtunggutem Exempel vorgehen, und abſonder - lich vornehme und verſtaͤndige auch fuͤr anderen tugendhafft ſind, in dem Exempel mehr ausrichten, als Regeln (§. 167 Mor.) auch ein jeder ſich gerne in ſeinem thun und laſſen nach vornehmen und verſtaͤn - digen richtet. Uber dieſes muß alle Ge - legenheit zu boͤſen Geſellſchafften benom - men werden, wodurch ſowohl junge als alte Leute zu den Laſtern ſich verfuͤhren laſ - ſen. Und endlich muͤſſen auch die Laſter andern zum Abſcheu beſtraffet werden: wovon nach dieſem an ſeinem Orte ein mehrers folgen ſoll. Bey allen dieſen Puncten waͤre gar viel zu errinnern: aber vor dieſes mahl iſt genung nur alles, was zuthun ifl, anzudeuten.

Wie die Erkaͤnt - nis Got - tes und Gottſee - ligkeit zu beſor - gen.

§. 319.

Da die Erkaͤntniß GOttes die Ausuͤbung der Tugend und Unterlaſſung der Laſter erleichtert (§. 656. Mor.) im ge - meinen Weſen aber davor zu ſorgen iſt, daß die Leute tugendhafft werden, und die Laſter fliehen (§. 317. 318 Mor.): ſo hat man auch davor zu ſorgen, wie ſie in der Er - kaͤntniß GOttes zunehmen. Derowegen da nicht allein Eltern zu Hauſe und Lehrer in Schulen die Kinder und Jugend zur Tugend anfuͤhren (§. 317.) und von den Laſtern abziehen (§. 318.); ſon - dern auch andere oͤffentliche Lehrer erwach - ſene und alte im guten unterrichten, undzur259des gemeinen Weſens. zur Ausuͤbung des guten, auch Unterlaſ - ſung des Boͤſen ermahnen ſollen (§. §. cit. ); ſo hat man auch gute Anſtalten zu machen, dadurch man in Erfahrung kommet, ob Eltern zu Hauſe und Lehrer in Schulen auch ihre Kinder und die ihnen anvertrau - te Jugend zur Erkaͤntniß GOttes fuͤhren, und oͤffentliche Lehrer zu beſtellen, die gruͤndliche Erkaͤntniß von GOtt haben und andere darinnen unterrichten, auch zugleich zeigen koͤnnen, wie man als Bewegungs - Gruͤnde zur Tugend und wieder die Laſter die goͤttlichen Vollkommenheiten gebrau - chen kan, folgends jedermann zur Gottſe - ligkeit anfuͤhren (§. 671. Mor.).

§. 320.

Wenn die Jnwohner eines Or -Noth - wendig - keit der Kirchen und Feſt - tage. tes von ihnen vorgeſetzten Lehrern in der Erkaͤntniß GOttes und von den Tugenden und Laſtern ſollen unterrichtet, zur Ausuͤ - bung des Guten angemahnet, hingegen von den Laſtern abgemahnet werden; ſo muͤſſen ſie deswegen zuſammen kommen. Und demnach hat man oͤffentliche Gebaͤu - de noͤthig, darinnen dergleichen Zuſam - menkuͤnffte mit gutem Fortgange koͤnnen angeſtellet werden; auch ſind dazu gewiſſe Zeiten zu beſtimmen. Da die Gebaͤude Kirchen; dieſe Zeiten aber Feyertage ge - nennet werden; ſo ſiehet man hieraus, daß bey Einrichtung des gemeinen Weſens man auch fuͤr Erbauung der Kirchen und An - ordnung der Feſtage zu ſorgen hat.

R 2§. 321.160[260]Cap. 3. Von der Einrichtung
Einwurf wird be - antwor - wortet.

§. 321.

Vielleicht werden einige mei - nen, es ſey nicht noͤthig, daß man beſon - dere Kirchen erbaue, indem man in ge - meinen Gebaͤuden die Zuſammenkuͤnffte anſtellen koͤnne. Am allermeiſten aber wer - den ſie ſich wundern, daß man die Noth - wendigkeit der Kirchen aus der Vernunfft beweiſen wil, maſſen wir in der Welt - Weisheit, die wir hier abhandeln, nichts anders annehmen, als was wir aus den Gruͤnden der Vernunfft erhaͤrten koͤnnen. Ja wir haben auch zum Beweiſe keine an - dere Gruͤnde angefuͤhret, als die aus der Vernunfft genommen werden (§. 320). Allein der Zweiffel kan bald benommen werden. Wenn in einem Orte wenige Leu - te bey einander ſind, und ein groſſes und hohes Zimmer in einem Gebaͤude vorhan - den, darinnen ſie ihre Zuſammenkuͤnffte anſtellen koͤnnen; ſo brauchet es freylich keine beſondere Gebaͤude zu den Kirchen. Wo aber die Menge groß iſt, daß ſie nicht in gemeinen Haͤuſern zuſammen kommen koͤnnen, wenn man nicht die Zahl der Leh - rer ohne Noth und mit groſſer Beſchwer - de der Gemeinen vielfaͤltigen wolte: da ſiehet man vor ſich, daß beſondere Gebaͤu - de oder Kirchen dazu muͤſſen erbauet wer - den. Man begreiffet auch leicht, daß die Kirchen anders als gemeine Haͤuſer aus - ſehen muͤſſen. Denn da man in der Kir -che261des gemeinen Weſens. che deswegen zuſammen koͤmmet, damit man den Unterricht von GOtt und einem tugendhafften Wandel, das iſt, die Pre - digten daſelbſt anhoͤre (§. 320.); ſo muͤſ - ſen ſie auch dergeſtalt erbauet werden, daß darinnen eine groſſe Menge zugleich den Prediger vernehmen kan. Gleichergeſtalt weil in einem Orte, wo kein freyer Zufluß der Lufft iſt, die Lufft von dem Athem der Menſchen mit Duͤnſten erfuͤllet, auch ſonſt von dem Schweiſe und der ausdunſtenden Waͤrme veraͤndert wird; ſo muͤſſen die Kirchen hoch und weit erbauet werden, da - mit ſich alle dieſe Arten der Ausduͤnſtun - gen frey zertheilen koͤnnen, und die Lufft dadurch zum Athem holen nicht unbequem, noch auch durch uͤbelen Geruch ein Eckel erreget wird. Die Erfahrung bezeiget, was fuͤr Ungemach, ſonderlich in warmen Tagen, daraus erfolget, wenn eine groſ - ſe Menge in einem Gemache bey einander ſind, wo nicht Lufft genung iſt, daß die Ausduͤnſtungen ſich recht zertheilen koͤnnen.

§. 322.

Da der Unterricht von GOttGruͤnde der Re - geln des Kirchen - baues. und einem tugendhafften Wandel zu dem aͤuſſerlichen Gottesdienſte gehoͤret (§. 761. Mor.), dazu aber noch mehrere Hand - lungen erfordert werden (§. 762. 764 & ſq. Mor.); ſo hat man in Erbauung der Kir - chen nicht allein auf das Predigen (§. 321), ſondern auch auf die uͤbrigen zum Gottes -dien -262Cap. 3. Von der Einrichtungdienſte gehoͤrige Handlungen zu ſehen, ſin - temahl die Gebaͤude ſo auf zu fuͤhren ſind, daß man alle Verrichtungen, die man dar - innen vorzunehmen hat, ohne Hinderung und Verdruß bewerckſtelligen kan (§. 7. 17. Arehit. civil.). Es ſind ſolcher geſtalt die Kirchen Gebaͤude, die zum oͤffentlichen Gottesdienſte aufgefuͤhret werden. Ehe demnach gezeiget werden kan, wie die Kir - chen ſollen erbauet werden; muß man die Beſchaffenheit des Gottesdienſtes vor al - len Dingen verſtehen. Und demnach muͤſ - ſen die Regeln des Kirchen-Baues theils aus der allgemeinen Bau-Kunſt, theils aus der Beſchaffenheit des Gottesdienſtes, genommen werden. Folgends iſt kein Bau - meiſter in dem Stande von einer Kirche vernuͤnfftig zu urtheilen, viel weniger vor ſich ſie mit Verſtande anzugeben, als der die Art des Gottesdienſtes voͤllig verſtehet, der darinnen verrichtet wird.

Warum die Kir - chen prachtig ſollen er - bauet und aus - gezieret werden.

§. 323.

Diejenigen Gebaͤude, welche man im gemeinen Weſen zum gemeinen Gebrauch zu erbauen pfleget, werden oͤf - fentliche Gebaͤude genennet. Derowe - gen da die Kirchen zum oͤffentlichen Got - tesdienſte (§. 322) und alſo zum gemeinen Gebrauche erbauet werden; ſo gehoͤren auch ſie unter die oͤffentliche Gebaͤude. Weil nun der Wohlſtand erfordert (wie nach dieſem umbſtaͤndlicher ſoll erwieſenwer -263des gemeinen Weſens. werden), daß die oͤffentlichen Gebaͤude praͤchtig erbauet werden, damit ſie nem - lich dem Orte ein Anſehen geben: ſo ſollen auch die Kirchen praͤchtig erbauet werden. Es kommet hierzu noch eine beſondere Ur - ſache, die aus demjenigen ſich beurtheilen laͤſſet, was anderswo (§. 177 Mor.) von den Ceremonien angemercket worden. Nemlich da doch allezeit der Anfang unſe - rer Gedancken von einer Empfindung ge - ſchiehet (§. 846 Met.), wodurch wir her - nach vermoͤge der Einbildungs-Krafft und der Vernunfft-Schluͤſſe auf andere Ge - dancken gebracht werden (§. 847 Met.): ſo kan die Pracht der Kirchen uns dazu die - nen, daß wir zwiſchen ihnen und gemeinen Gebaͤuden einen Unterſcheid machen, und uns dadurch darauf beſinnen, daß wir dar - innen mit Ehrerbietigkeit gegen GOtt er - ſcheinen und ſolches mit allen Minen, Ge - berden, Worten und Wercken zu verſte - hen geben ſollen. Es iſt wohl wahr, bey dem Gottesdienſte kommet es nicht auf den aͤuſſeren Pracht der Kirchen, ſondern vielmehr auf den innern Zuſtand des Ge - muͤthes an (§. 759 Mor.). Allein man ſu - chet auch darinnen keinen Gottesdienſt, ſondern verlanget nur, daß wir durch das aͤuſſere auf das innere ſollen gebracht wer - den, und das aͤuſſere zu dem inneren foͤr - derlich ſeyn ſoll. Und dieſes iſt um ſo vielR 4mehr264Cap. 3. Von der Einrichtungmehr noͤthig, wo nicht andere Urſachen von auſſen verhanden, dadurch der Menſch zu dem innern geleitet wird. Und dem - nach ſind die Regeln der Schoͤnheit, wel - che in der Baukunſt vorgeſchrieben wer - den, abſonderlich bey den Kirchen, auf das ſorgfaͤltigſte in acht zu nehmen. Wollte man aber ins beſondere fragen, wie man die Kirchen ſo wohl in-als aus-wendig aus - zieren ſolle: ſo ſiehet man leicht, daß dieſe Auszierung mit unter die Ceremonien zu rechnen iſt (§. 176 Mor.). Da uns nun durch dieſe Zierrathen ins Gedaͤchtniß ge - bracht werden ſol, was wir bey dem oͤf - fentlichen Gottes-Dienſte zu bedencken haben (§. 177 Mor.): ſo muͤſſen wir abermahls die Beſchaffenheit des Gottes - dienſtes fuͤr allen Dingen recht einſehen, e - he wir mit Vernunfft die Kirchen auszieren koͤnnen. Jch weiß wohl: es wird dieſes einigen ſeltſam vorkommen. Allein das iſt nicht genung es zu verwerffen: man muß zeigen, daß ich es ohne Grund behaupte, da - von ich aber ſchon das Gegeniheil erwie - ſen.

Wie die Feſttage zu ord - nen und zu feyren.

§. 324.

Was die Zeit betrifft, da man des Gottes-Dienſtes wegen zuſammen kommen ſoll; ſo entſtehet die Frage, ob es beſſer ſey gantze Tage dazu auszuſetzen, darinnen man von der gewoͤhnlichen Ar - beit feyret, oder nur einige Stunden inTa -265des gemeinen Weſens. Tagen, da man ſeine gewoͤhnliche Arbeit verrichtet. Weil man in denen Zuſam - menkuͤnfften zum guten angemahnet und vom boͤſen abgemahnet werden ſoll (§. 317. 318), hingegen bekand iſt, wie uns die Sinnen, wenn ſie mit andern Ge - dancken eingenommen werden, gar bald von dem, was wir gehoͤret, abbringen (§. 238. Met.): ſo iſt es rathſamer, daß man den gantzen Tag uͤber mit nichts anders zuthun hat, als daß man dasjenige, was man gehoͤret, bey ſich uͤberleget, ſeinen Wandel darnach unterſuchet, und einen Vorſatz zum guten faſſet. Wozu abſon - derlich dienlich iſt, was in dem 3. Capi - tel des erſten Theils der Gedancken von der Menſchen Thun und Laſſen von der Ausuͤbung des Guten geſaget worden. Und hieraus erhellet zur Gnuͤge, daß es der Vernufft und folgendes dem Geſetze der Natur (§. 24. Mor.) gemaͤß iſt, ge - wiſſe Feſtage anzuordnen, und darinnen von der gewoͤhnlichen Arbeit zufeyren, ſie aber mit der Erkaͤntnis GOttes und Uber - legung ſeines Wandels zuzubringen. Weil man nun an den Feyertagen von ſeiner ordentlichen Arbeit feyren ſoll; ſo duͤrffen derſelben nicht zuviel angeordnet werden, damit man nicht an der noͤthigen Arbeit verabſaͤumet werde. Jedoch muͤß - ten ſie auch nicht gar zu lange wegbleiben, damit man nicht von der Gottſeeligkeit zuR 5weit266Cap. 3. Von der Einrichtungweit abkommet, und ſeinen guten Vorſatz vergieſſet. Denn man muß oͤffters thun, was man gewohnen, und darinnen man zu einer Fertigkeit kommen ſol (§. 525 Met.).

Wie es mit An - ordnung der Cere - monten bey dem Gottes - dienſte zu halten.

§. 325.

Weil allezeit der Anfang un - ſerer Gedancken von einer Empfindung ge - ſchiehet (§. 846 Met.), wodurch wir her - nach vermoͤge der Einbildungs-Krafft und und der Vernunfft-Schluͤſſe auf andere Gedancken gebracht werden (§. 847 Met.), dergleichen Zeichen aber, dadurch wir der bey dem innerlichen und aͤuſſerlichen Got - tesdienſte noͤthigen Handlungen erinnert werden, Ceremonien ſind (§. 176 Mor.); ſo hat man im gemeinen Weſen auch fuͤr die verſchiedene Feyertage verſchiedene Ce - remonien bey dem Gottesdienſte anzuord - nen (§. 178 Mer.). Es iſt aber ſehr dien - lich, daß die Ceremonien ſich in die Sin - nen tief einpraͤgen, damit ſie einen von ei - nem Feyertage bis zu dem andern ſtets im Sinne liegen, nicht anders als wenn ſie beſtaͤndig gegenwaͤrtig waͤren. Damit nun aber dadurch das vorgeſetzte Ziel er - reichet werde, ſo hat man dieſe Ceremo - nien und ihre Bedeutung fleißig zu uͤber - legen. Und gehoͤret auch die Erwegung der Ceremonien mit zu der Feyer der Feſt - tage. Man ſiehet aber leicht, daß, wenn man dieſe Ceremonien anordnen wil, manfuͤr267des gemeinen Weſens. fuͤr allen Dingen die Beſchaffenheit des Gottesdienſtes und ſeines Unterſchiedes an verſchiedenen Feſttagen genau erkennen muß.

§. 326.

Da nun die Feſttage zu demWober der Un - terſcheid der Fey - ertage kommet. Ende angeordnet werden, daß man von GOtt und einem tugendhafften Wandel unterrichtet und zum guten ermahnet, von dem boͤſen aber abgemahnet werden kan (§. 320); ſo entſtehet der Unterſcheid der Feſttage von dem Unterſcheide der Leh - ren, die man an denſelben von GOtt und den Tugenden, auch ihnen entgegen ge - ſetzten Laſtern vortraͤget. Und ſiehet man dannenhero, daß die Lehren von GOtt und den Tugenden, auch den ihnen ent - gegen geſetzten Laſtern dergeſtalt einzuthei - len ſind, damit in einem Jahre alle durch - genommen werden. Je wichtigere Wahr - heiten nun an einem Feſttage vorgetragen werden, je hoͤher iſt derſelbe. Dieſe Wich - tigkeit aber muß abermahls durch geſchick - te Ceremonien zur Uberlegung eingepraͤget werden (§. 325). Man begreiffet auch ohne mein Erinnern, daß man hohe Feſt - tage mit groͤſſerem Eifer zu feyren hat, als die uͤbrigen, weil nemlich wichtige Lehren mehrere Aufmerckſamkeit erfordern, auch ſorgfaͤltiger uͤberleget zu werden verdienen. Die Wichtigkeit der Lehren wird aus dem Vortheile beurtheilet, den ſie in unſeremWan -268Cap. 3. Von der EinrichtungWandel ſchaffen: welches hier weitlaͤuff - tiger auszufuͤhren unnoͤthig iſt.

Erinne - rung.

§. 327.

Wer alles dasjenige reiflich er - weget, was von den Kirchen, Feyertagen und zu dem Gottesdienſte erforderten Ce - remonien geſaget worden, der wird mei - nes Erachtens nicht allein in dem Stande ſeyn von allem guten Grund anzuzeigen, was an ſich nuͤtzlich und loͤblich iſt, wenn man es mit rechten Augen anſiehet; ſon - dern er wird auch daraus urtheilen koͤnnen, wie weit verſchiedene Voͤlcker in dieſem Stuͤcke dem Geſetze der Natur ein Gnuͤ - gen thun, und welche hierinnen einen Vor - zug fuͤr andern haben. Jch ſage aber nicht ohne Urſache, man muͤſſe alles reif - lich uͤberlegen: Denn wer zu geſchwinde urtheilet, der uͤberſiehet gemeiniglich, was zu der Sache am dienlichſten iſt. Uberei - lung hindert allezeit Erkaͤntniß der Wahr - heit.

Nutzen der Co - moͤdien und Tra - goͤdien / und wie ſie anzu - ordnen.

§. 328.

Es iſt zur Gnuͤge ausgefuͤhret worden, was lebhaffte Exempel, ſo wohl in Erregung der Begierde zum Guten und in Daͤmpffung der wiedrigen zum Boͤſen (§. 167 Mor.), als auch in Beſſerung des Willens (§. 373 Mor.) und Behauptung der Herrſchafft uͤber die Sinnen, Einbil - dungs-Krafft und Affecten (§. 188 Mor.); abſonderlich auch in Erlangung der Weiß - heit (§. 321. 323 Mor.) und Klugheit (§. 333269des gemeines Weſens. 333 Mor.), wie nicht weniger zur Auf - munterung zum Gebete (§. 743 Mor.), mit einem Worte in Befoͤrderung aller Tugend und Beſitzung aller Laſter, bey - tragen. Derowegen da die Comoͤdien Vorſtellungen der freudigen Begebenhei - ten der Menſchen durch lebendige Perſo - nen ſind; hingegen Tragoͤdien der Trau - er-Faͤlle: ſo ſind Comoͤdien und Tragoͤ - dien ſehr dienlich zur Beſſerung des Men - ſchen, wenn die Tugenden und Laſter nach ihrer wahren Beſchaffenheit vorge - ſtellet werden, abſonderlich aber dar - auf geſehen wird, daß man zeiget, wie die freudigen Begebenheiten aus der Tugend, hingegen die Trauer-Faͤlle aus den Laſtern kommen, indem es doch endlich bey aller Lenckung des Willens darauf ankommet, daß man den Erfolg der Handlungen vorher ſiehet (§. 168 Mor.). Es haben aber Comoͤdien und Tragoͤdien darinnen einen Vorzug fuͤr geſchriebenen Hiſtorien, daß ſie einen groͤſ - ſern Eindruck in das Gemuͤthe des Men - ſchen machen. Denn was man ſelber mit Augen ſiehet und mit Ohren hoͤret, bewe - get einen mehr und bleibet beſſer, als was man bloß hoͤret. Nemlich die Geberden und Minen der Menſchen, ingleichen die Veraͤnderung der Stimme, damit die Worte vorgebracht werden, nachdem manvon270Cap. 3. Von der Einrichtungvon dieſem oder einem anderen Affect ge - trieben wird, laſſen ſich zur Zeit nicht voͤl - lig, beſchreiben. Ja wenn es auch angien - ge, ſo muͤſte doch derſelbe, ſo das Buch lieſet, darinnen eine Geſchicht beſchrieben wird, ſelbſt alles, was er lieſet, nachthun, oder einen andern ſich alles vormachen laſ - ſen, woferne es einer Comoͤdie und Tra - goͤdie gleich guͤltig werden ſollte. Uber dieſes haben auch Comoͤdien und Tragoͤ - dien einen Vorzug fuͤr den wahren Exem - peln, die in der Welt paßiren und darauf man acht hat. Nemlich da die Exempel uns hauptſaͤchlich den Erfolg der guten und boͤſen Handlungen zeigen ſollen (§. 167 Mor.); ſo hat man fuͤr allen Dingen zu erkennen, daß dieſes oder jenes, was uns entweder Vergnuͤgen oder Verdruß ver - urſachet, aus den Handlungen herkom - men, denen wir es zuſchreiben, damit wir die Schein-Guͤtter von den wahren un - terſcheiden (§. 424 Met.) und uns dieſel - ben nicht mehr blenden laſſen. Da nun im menſchlichen Leben alles nach und nach geſchiehet, auch oͤffters lange Zeit hinge - het, ehe das Ungluͤck kommet, welches man ſich durch laſterhafftes Leben auf den Hals ziehet; oder man auch im Gegentheil das Gluͤcke erwartet, damit die Tugend belohnet wird: ſo erkennet man oͤffters nicht, daß dieſer oder jener Zufall aus die -ſen271des gemeinen Weſens. ſen oder jenen Handlungen erfolget, oder auch aus unſerem Vergnuͤgen das gegen - waͤrtige Mißvergnuͤgen erwachſen ſey. Hingegen in Comoͤdien und Tragoͤdien folget alles, was zuſammen gehoͤret, in einer kurtzen Reihe auf einander, und laͤſ - ſet ſich daraus der Erfolg der Handlungen viel beſſer und leichter begreiffen, als wenn man im menſchlichen Leben darauf acht hat. Derowegen weil Comoͤdien und Tragoͤdien ſo nuͤtzlich ſind; ſo hat man auch dieſelben im gemeinen Weſen zu ver - anlaſſen. Man begreiffet aber aus dem, was geſaget worden, wie dergleichen Freu - den - und Trauer-Spiele beſchaffen ſeyn muͤſſen, und daß diejenigen, welche ſie er - finden wollen, in den Zufaͤllen des menſch - lichen Lebens ſehr erfahren und in der Sit - ten-Lehre, auch der Staats-Kunſt wohl geuͤbet ſeyn muͤſſen; Hingegen die Comoͤ - dianten ihre Perſon nicht wohl agiren koͤn - nen, wenn ſie nicht allerhand Verſtellun - gen anzunehmen bereit ſind. Es muß ih - nen alles natuͤrlich, das iſt, gantz ungezwun - gen laſſen, wenn es einen Eindruck in die Gemuͤther machen ſol. Denn wiedrigen Falles ſiehet es der Wahrheit nicht aͤhn - lich, und kan dadurch niemand uͤberredet werden, daß die Sachen ſo aus einander erfolget, wie man in der Comoͤdie und Tragoͤdie ſiehet, folgends ſind die Comoͤ -dien272Cap. 3. Von der Einrichtungdien und Tragoͤdien mehr hinderlich und ſchaͤdlich, als nuͤtzlich.

Warumb nicht alle Comoͤdi - en gebil - liget weꝛ - den.

§. 329.

Man kan ſchon hieraus abneh - men, warum man nicht alle Comoͤdien und Tragoͤdien ohne Unterſcheid billigen und im gemeinen Weſen dulden kan. Jedoch ſind auch noch andere Urſachen vorhanden. Nemlich wenn ſie ſo beſchaffen ſind, daß ſie den Zuſchauern zu den Laſtern Anlaß geben, ſie von der Tugend abfuͤhren und die boͤſen Begierden in ihnen rege machen: ſo erhellet aus den vorhin (§. 328) ange - fuͤhrten Gruͤnden, daß man ſie zn verbie - ten hat. So koͤnnen auch noch andere Neben-Urſachen dazu kommen, die ſie verwerflich machen. Als wenn damit z. E. das Geld depenſiret wird, welches man noͤthiger an andern Orten brauchet; ingleichen wenn man damit die Zeit ver - derbet, welche man zu andern Verrich - tungen anwenden ſol. Damit nun da - durch kein Schaden erwachſen kan, ſo hat man bey den Anſtalten der Comoͤdien und Tragoͤdien im gemeinen Weſen zu - gleich mit darauf zu ſehen.

Daß man einem ie - dem zu ſeinem Rechte verhelf - fen ſol.

§. 330.

Das Geſetze der Natur erfor - dert, daß man niemanden beleidigen (§. 819 Mor.), auch den durch ſeine Schuld zugefuͤgten Schaden erſetzen ſol (§. 825 Mor.). Derowegen da das gemeine We - ſen deßwegen eingefuͤhret wird, damit derMenſch273des gemeinen Weſens. Menſch deſto bequemer denen natuͤrlichen Pflichten ein Genuͤgen thun kan (§. 213. Mor.); ſo hat man auch davor zu ſorgen daß niemand den andern beleidigen darff, und, woferne er ihm einigen Schaden zu - gefuͤget, denſelben wieder erſetzen muß. Weil nun abſonderlich in Vertraͤgen und Vergleichen einer den andern gar leichte bevortheilen und in Schaden bringen kan (§. 1008 Mor.); ſo hat man auch davor zu ſorgen / daß in Vertraͤgen und Ver - gleichen alles richtig hergehe (§. 1023 Mor.) und, ſo jemand darunter beleidiget worden, oder daraus einen Schaden hat, ihm zu gebuͤhrender Satisfaction verholf - fen werde, das iſt, man muß einem je - den zu ſeinem Rechte verhelffen.

§. 331.

Damit nun im Kauffen undWas bey Kauffen und Ver - kauffen zu ver - ordnen Verkauffen aller Betrug deſto leichter ver - mieden werde, ſo muͤſſen nicht allein die Wahren, die man zu verkauffen hat, be - ſehen werden, ob ſie tuͤchtig ſind oder nicht; ſondern man muß auch ihnen einen gewiſ - ſen Preiß ſetzen, dabey beydes Kaͤuffer und Verkaͤuffer beſtehen kan. Wenn dieſes nicht geſchiehet, ſo koͤnnen die jenigen, wel - che die Wahren nicht verſtehen, leicht be - trogen oder doch wenigſtens in dem Preiſ - ſe uͤberſetzet werden, und die Verkaͤuffer koͤnnen ohne Noth Theurung machen, wenn die Kaͤuffer die Wahren noͤthig haben.

(Politick) S§. 332.274Cap. 3. Von der Einrichtung
Jnglei - chen bey dem Tauſche.

§. 332.

Weil im Tauſchen Wahre ge - gen Wahre gegeben wird (§. 913 Mor.); ſo hat es bey demſelben auch ſeine Rich - tigkeit, damit keiner dadurch bevortheilet werden kan, woferne man die Wahren be - ſichtiget und ihnen ihren Preiß ſetzet. Denn in dieſem Falle iſt eben ſo viel, als wenn einer dem andern ſeine Wahre abkaufft.

Warum die Zin - ſen zu de - termini - ren / die man von ausgelie - henen Geldern nehmen darff.

§. 333.

Aus eben dieſen Urſachen ſol man die jaͤhrlichen Zinſen, die man von dem Capitale nehmen darff, determini - ren (§. 934 Mor.), abſonderlich da man leichte mit dem Gelde wuchern und da - durch viel Schaden anrichten kan (§. 944 Mor.). Und iſt hoͤchſtnoͤthig, daß man daruͤber eifrig haͤlt, weil ſonſt diejenigen, welche durch den Wucher gedruckt werden, verarmen, auch ihnen bey ihrer Arbeit ent - zogen wird, was ſie zur Nothdurfft noͤthig haben. Da hingegen die Verfaſſung des gemeinen Weſens es mit ſich bringet, daß niemand an demjenigen Mangel leide, was zur Nahrung, Kleidung und Wohnung erfordert wird. Wie viel man jaͤhrlich intereſſe von hundert Thaler Capital ver - willigen ſol, muß unter den beſondern Um - ſtaͤnden daraus beurtheilet werden, was man in einem Orte mit hundert Thalern ohngefehr gewinnen kan. Es iſt wohl nicht zu laͤugnen, daß ſolchergeſtalt einer nicht ſo viel Intereſſen geben kan als der andere (§. 941275des gemeinen Weſens. 941 Mor.): jedennoch aber da mit ausge - liehenen Geldern gar leicht Wucher getrie - ben wird, ſo muß man uͤberhaupt gewiſſe Zinſen ſetzen, und im uͤbrigen eines jeden Gewiſſen uͤberlaſſen, wie viel er in ſich er - eignenden Faͤllen davon nachlaſſen will, wenn die Duͤrfftigkeit des Schuldners es erfordert.

§. 334.

Es ſind nicht allein reiche Leu -Wie man verhuͤte / daß nicht vielevon bloſſen Zinſen leben. te zu arbeiten, ſondern, wenn ſie dazu ge - ſchickt ſind, auch Wiſſenſchafften und Kuͤn - ſte zu verbeſſern und zu erweitern verbun - den (§. 524. 526. Mor.). Derowegen ſoll man zuſehen, daß nicht leicht im gemei - ren Weſen Leute geduldet werden, die von bloßen Zinſen, oder auch andern Renten leben, wenn ſie entweder (§. 525. Mor.) ihrem Stande gemaͤße Arbeit zum gemeinen beſten verrichten, oder Wiſſen - ſchafften und Kuͤnſte in Aufnahme zu - bringen geſchickt ſind. Gleichwie man nun dieſe letztere als Mitglieder in die Academien der Wiſſenſchafften und Kuͤn - ſte ziehen kan (§. 301. 310); alſo finden ſich fuͤr die uͤbrigen allerhand andere Bedie - nungen, die zur gemeinen Wohlfahrt an - zuordnen die Nothwendigkeit erfordert, wie unten an ſeinem Orte erhellen wird. Damit man ihnen dergleichen Bedienun - gen, die nicht ſoviel einbringen, als ſie Zeit und Muͤhe erfordern, angenehm mache,S 2ſo276Cap. 3. Von der Einrichtungſo muß man damit einen hohen Rang verknuͤpffen; wovon auch nach dieſem mit mehrerem ſoll gehandelt werden. Da doch aber ein jeder ſeiner Bedienung recht vor - ſtehen muß, wenn anders dadurch die ge - meine Wohlfahrt befoͤrdert werden ſoll; ſo hat man wohl zu uͤberlegen, was fuͤr Geſchicklichkeit zu einem jeden Amte er - fordert wird, wenn man das ſeinige, wie ſichs gebuͤhret, verrichten ſoll, und nach die - ſem zu unterſuchen / ob die Perſon, welche man dazu erwehlen will, auch die Geſchick - lichkeit beſitzet, oder nicht. Es iſt beſſer, daß im gemeinen Weſen einer von bloßen Renten lebet, als daß ihm eine Bedie - nung anvertrauet wird, welcher er nicht auf gehoͤrige Weiſe vorſtehen kan. Jm erſten Falle traͤget er zum gemeinen be - ſten nichts bey, als in ſo weit er andern Geld zu loͤſen giebet, und diejenigen verſorget, ſo in ſeinen Dienſten leben: hingegen in dem andern Falle verabſaͤumet er entweder das gemeine Beſte, oder verhindert es gar. Alſo iſt er im erſten Falle ein groͤſten Theils unnuͤtzes; hingegen im andern ein ſchaͤd - liches Mitglied. Wer wolte zweiffeln, daß das erſtere beſſer, als das letztere ſey?

Was man bey dem Lei - hen und Vorſchu - be zu ver - anſtalten

§. 335.

Was ſo wohl bey dem Verlei - hen der Sachen, wenn ſie verderbet oder ſonſt verungluͤcket worden (§. 927. & ſeq. Mor.), als auch dem Vorſchube wegender277des gemeines Weſens. der verſchiedenen Umſtaͤnde, ſo ſich hierbey ereignen koͤnnen (§. 937 & ſeq. Mor.), vie - ler Streit entſtehen kan; im gemeinen Weſen aber, ſo viel nur immer moͤglich, aller Streit und Uneinigkeit verhuͤtet wer - den ſol (§. 214): ſo hat man auf Mittel zu dencken, wie man wegen des Leihens und Vorſchubes alles dergeſtalt verordne, daß alle daher zu beſorgende Streite ab - gewendet werden. Cs muß aber bey dieſen Anſtalten derjenige, welcher eine Sache verleihet oder Vorſchub thut, in ſolchen Faͤllen, wo man der natuͤrlichen Billig - keit, die anderswo (§. 927 & ſeq. 937 & ſeq. Mor.) ausfuͤhrlich gezeiget worden, aus nach dieſem an ſeinem Orte anzufuͤh - renden Urſachen im gemeinen Weſen nicht ein voͤlliges Gnuͤgen thun kan, mehr Gunſt haben als der andere, dem die Sache ge - liehen oder der Vorſchub gethan worden, das iſt, wo man von der natuͤrlichen Bil - ligkeit abzuweichen ſich genoͤthiget findet, muß die Abweichung jenem, nicht dieſem zum beſten geſchehen. Die Urſache wird ein jeder leicht errathen. Wer etwas bor - get und Vorſchub bekommet, dem geſchie - het dadurch ein Dienſt (§. 926. 932 Mor.); der andere, der es leihet oder den Vor - ſchub thut, hat nichts davor zu gewarten als wenn im letzteren Falle ein Gluͤcks - Fall, auf den er ſich keine Rechnung ma -S 3chen278Cap. 3. Von der Einrichtungchen kan, den Preiß der vorgeſchoſſenen Sache erhoͤhet (§. 939 Mor.). Die Zwei - fel, ſo einem hierbey entſtehen koͤnnten, als wenn auch im gemeinen Weſen ein jeder bey demjenigen muͤſte geſchuͤtzet werden, was ihm vermoͤge des natuͤrlichen Rechts zukommet (§. 272), ſollen unten an ſeinem Orte uͤberhaupt gehoben werden.

Was man we - gen Si - cherheit in Auslei - hung der Gelder zu beſor - gen.

§. 336.

Weil man auch inſonderheit mit dem Ausleihen des Geldes gar leichte kan betrogen werden, indem man es unwiſ - ſende an ſolche Perſonen giebet, bey denen man nicht Sicherheit genung hat; ſo iſt abſonderlich davor zu ſorgen, daß diejeni - gen, welche Geld auszuleihen haben, ſicher gehen und ſolchergeſtalt in Erfahrung kom - men koͤnnen, ob die, ſo das Geld borgen wollen, auch in dem Stande ſind, es wie - der abzutragen, entweder weil ſie ſo viel an unbeweglichen oder auch beweglichen Guͤtern beſitzen, als zur Sicherheit wegen des Darlehns erfordert wird, auch nicht bereits in groͤſſeren Schulden ſtecken, oder auch, wenn ſie das Geld zum Erwerb brau - chen, das Capital in ihrem Handel oder anderer Handthierung beſtaͤndig un - verſehret erhalten wird. Jch wil zwar nicht hoffen, daß jemand in Zweiffel zie - hen wird, ob man deßwegen offentlich im gemeinen Weſen Vorſorge zu tragen noͤ - thig habe: ſollte es aber jemanden bedenck -lich279des gemeinen Weſens. lich vorkommen, ſo wil ich es zum Uber - fluß beweiſen. Es ſoll ein jeder im gemei - nen Weſen alle Gelegenheit und Vorſchub finden der natuͤrlichen Verbindlichkeit in allem ein Gnuͤgen zu thun (§. 227). Nun erfordert auch dieſe Verbindlichkeit, daß wir unſere Capitalien bey ſicheren Leuten unterbringen, von denen wir nicht darum betrogen werden (§. 947 Mor.). Dero - wegen muͤſſen auch diejenigen, welche fuͤr die gemeine Wohlfahrt ſorgen ſollen, hier - zu gute Gelegenheit verſchaffen und allen moͤglichen Vorſchub thun. Man er - kennet auch die Nothwendigkeit dieſer Vorſorge daher, daß daraus nicht allein fuͤr wohlhabende Familien, deren man in allerhand Faͤllen noͤthig, dergleichen ſchon einige vorhin angegeben worden (§. 334) und im folgenden ſich mehrere zeigen wer - den; ſondern auch fuͤr die gemeine Wohl - fahrt allerley Unheil erfolget, wenn ver - moͤgende Leute durch Betruͤger muthwilli - ger Weiſe um das ihrige gebracht werden. Da es in unſern Tagen an ſolchen Betruͤ - gern nicht fehlet; ſo koͤnnen wir auch den Schaden, welcher daraus erwaͤchſet, aus der Erfahrung wahrnehmen, und habe ich ihn nicht noͤthig ausfuͤhrlich zu beſchreiben. Ja es wird auch hernach ſich finden, aus was fuͤr Urſachen man wohlhabende Fa - milien in gutem Wohlſtande zu erhalten hat.

S 4§. 337.280Cap. 3. Von der Einrichtung
Was wegen Buͤrg - ſchafften zu ver - ordnen.

§. 337.

Da man nun durch Buͤrgen Sicherheit ſchaffet (§. 952 Mor.), nie - mand aber mit ſeinem offenbahren Scha - den Buͤrge werden ſol (§. 953 Mor.); ſo hat man zu veranſtalten, daß ein jeder in Erfahrung kommen kan, ob er auch bey ſeiner Buͤrgſchafft ſicher genung gehe, oder nicht; ingleichen daß ſich keiner aus allzu - groſſer Gutwilligkeit (§. 1014 Mor.) oder aus Einfalt zu ſeinem Schaden mit Buͤrg - ſchafften uͤbereilet.

Jnglei - chen die Pfande und Un - terpfan - de.

§. 338.

Eine gleiche Bewandniß hat es mit den Unterpfanden (§. 948 Mor.): bey welchen der Glaͤubiger ſeine Sicherheit, die er ſuchet, nicht findet, wenn entweder daſſelbe nicht ſo viel werth iſt als darauf geborget wird, und die biß zu dem Zah - lungs-Termine gefaͤllige Intereſſen, wo - ferne man ſie nicht zu gehoͤriger Zeit abtra - gen ſolte, austragen wuͤrden, oder auch bereits ſchon andere Glaͤubiger darauf ver - ſichert ſind, in welchem Falle es dem Schuldener nicht frey ſtehet, noch einmal andere von neuem darauf zu verſichern. Wie denn inſonderheit davor zu ſorgen, daß, wenn die Pfande, welche der Schuld - ner nicht einloͤſen kan, verkaufft werden ſollen, dabey demſelben nichts nachtheili - ges vorgenommen werde (§. 951 Mor.).

Wieauch ferner bey dem Pachten.

§. 339.

So hat man auch ferner dafuͤr Sorge zu tragen, daß bey Pachten derPach -281des gemeinen Weſens. Pachter nicht uͤberſetzt, auch nach vollbrach - tem Pachte bey deſſen Endigung kein Streit entſtehet, ob alles in dem Stande wieder uͤberlieffert wird, wie ſichs gebuͤhret. Wer bedencket, was vorhin (§. 336) zum Be - weiſe vorgebracht, und anderswo (§. 956 & ſeq. Mor.) von dem Pachte erwieſen worden; der wird nach keinem Beweiſe weiter fragen.

§. 340.

Nemlich da man in allen Ver -Und - beꝛhaupt in Ver - traͤgen. gleichen und Vertraͤgen gerecht ſeyn ſol (§. 1023 Mor.); ſo hat man dafuͤr zu ſor - gen, daß es uͤberall gerecht zugehen moͤge, und ein jeder bekomme, was ihm gehoͤret (§. cit.).

§. 341.

Es iſt freylich wahr, daß dieWie man imgemei - nen We ſen die Unter - thanen verbin der. Menſchen zu allem dieſem, was bisher (§. 330 & ſeq. ) erfordert worden, von Natur verbunden ſind, wie ich in den Gedancken von der Menſchen Thun und Laſſen erwie - ſen: Allein da die natuͤrliche Verbindlich - keit nicht hinlaͤnglich iſt, ſie zu Erfuͤllung dieſer und anderer Pflichten zu bringen; ſo muß noch eine neue Verbindlichkeit im gemeinen Weſen dazu kommen, die da durchdringet, wo die natuͤrliche unkraͤfftig erfunden wird. Es kan aber dieſe Ver - bindlichkeit auf zweyerley Weiſe bewerck - ſtelliget werden, theils wenn man auf die Ubertretung deſſen, was man geordnet, Straffen ſetzet, oder auch mit deſſelbenS 5Er -282Cap. 3. Von der EinrichtungErfuͤllung Belohnungen verknuͤpffet, theils wenn man ſie mit aͤuſſerlichem Zwange (welcher die Huͤlffe genennet wird) bedro - het, woferne ſie nicht gutwillig ſich beqve - men wollen. Nemlich ſo wohl die Furcht fuͤr der Straffe und Hoffnung der Beloh - nung, als auch die Furcht vor der Huͤlffe iſt ein Bewegungs-Grund zu thun, was befohlen wird (§. 496 Met.) und ſolcher - geſtalt werden wir dadurch ſolches zu thun verbunden (§. 8 Mor.).

Wiedieſe Verbind lichkeit einzu - richten.

§. 342.

Es iſt aber ins beſondere zu mer - cken, daß Straffen noͤthig ſind, wenn durch Ubertretung andere beleidiget und in Schaden geſetzet werden. Denn in die - ſem Falle findet die Huͤlffe nicht ſtat, weil man nicht vorher weiß, wenn einer den andern beleidigen wil, und dannenhero kein ander Mittel ſolches zu verhuͤten uͤbrig iſt als die Straffe (§. 36. 8 Mor). Hin - gegen wo einer ſich weigert dem andern zu geben, was ihm gebuͤhret; da kan er mit Gewalt dazu gebracht werden, und alſo findet alsdenn die Huͤlffe ſtat. Wo was loͤbliches zu gemeinem Beſten zu verrichten iſt, und man einen weder ſtraffen kan, wenn er es unterlaͤſſet, noch auch zwingen, daß er es thut, wenn er nicht Luſt dazu hat, als wenn z. E. etwas zum gemeinen Beſten ſolte erfunden werden, da finden Beloh - nungen ſtat.

§. 343.283des gemeinen Weſens.

§. 343.

Weil nun Straffen deßwegenWorauf man in Einrich - tung der Straffen zu ſehen. geſetzet werden, damit man Beleidigungen und Schaden abwenden mag (§. 342); ſo hat man die Groͤſſe der Straffe nach der Groͤſſe der Beleidigungen und des Scha - dens einzurichten. Auch muß man zuſe - hen, daß die Straffen groͤſſer ſind, wenn viele eine Ubelthat begehen, und ſie alſo ſehr gemein wird, maſſen man in ſolchem Falle erkennet, daß eine geringere Strafe nicht hinlaͤnglich iſt, die Verbrecher von ih - rer Boßheit abzuhalten. Jngleichen muß die Straffe groͤſſer ſeyn, wenn der Frevel an ſolchem Orte ausgeuͤbet wird, wo man ihm weniger wiederſtehen kan, maſſen in dieſem Falle nichts uͤbrig iſt, wodurch man der Boßheit ſteuren kan als die Haͤrte der Straffe. Endlich hat man auch nicht zu vergeſſen, ob einer etwas mit groſſem Vorſatze gethan oder nicht: denn wo viel Vorſatz iſt, da iſt mehr Boßheit und, die vorſaͤtzlich boͤſes thun, ſind gefaͤhrlicher als andere, die noch durch die Furcht von vielem zuruͤcke gehalten werden, welches die andern zu vollbringen kein Bedencken tragen.

§. 344.

Damit dieſes alles deſto beſſerEs wird durch E - rempel erlaͤutert moͤge verſtanden werden, ſo wird es nicht undienlich ſeyn, ſolches mit Exempeln zu erlaͤutern. Z. E. Ermorden iſt groͤſſer Verbrechen als einen beſtehlen: derowe -gen284Cap. 3. Von der Einrichtunggen wenn keine andere Umbſtaͤnde mit in Betrachtung zuziehen ſind, ſo ſollen die Mordthaten ſchwerer als Diebſtahle ge - ſtraffet werden. Wenn der Diebſtahl nicht ſehr gemein iſt, ſondern in vieler Zeit kaum etwas davon gehoͤret wird; ſo kan man mit einer geringeren als einer Lebens - Straffe zufrieden ſeyn: hingegen wo vie - le ſich auf das Stehlen legen und die ge - linden Straffen nicht mehr zureichen wol - len dem Ubel zu ſteuren, da muß man biß an das Leben kommen. Ja wenn man ſich auch an die uͤbliche Lebens-Straffe nicht mehr kehret; ſo muß man eine haͤrtere ſe - tzen. Z. E. Wenn die Diebe ſich nicht mehr vor dem Strange fuͤrchten, waͤre es nicht unrecht, wenn man ſie mit dem Ra - de verfolgete. Ein Kirchen-Raub kan leichter begangen werden als ein gemeiner Diebſtahl, weil in der Kirche niemand zugegen iſt, der es gewahr werden und Wiederſtand thun kan. Derowegen muß ein Kirchen-Raub haͤrter beſtrafft werden als ein gemeiner Diebſtahl. Eben dieſe Bewandniß hat es mit einem Straſſen - Raube. Wiederumb ein Diebſtahl, der mit gewaltſamer Erbrechung geſchiehet, er - fordert mehr Vorfatz als ein anderer, wo man alles offen findet. Derowegen muß jener abermahl viel haͤrter als dieſer be - ſtraffet werden. Und da in dem Kirchen -Raub285des gemeinen Weſens. Raube zugleich eine ſehr gewaltſame Er - brechung geſchiehet, indem man in Kirchen alles wohl und mit ſtarcken Schloͤſſern verwahret; ſo verdienet auch deswegen ein Kirchen Raub mehrere Straffe als ein ge - meiner Diebſtahl. Ja es kommet bey dem Kirchen-Raube auch noch dieſes hinzu. Kirchen ſind Gebaͤude, die zum oͤffentlichen Gottesdienſte aufgefuͤhret werden (§. 322), und demnach muͤſſen ſie uns GOttes und der Religion erinnern, wenn man darin - nen was vornimmet (§. 238 Met.). Da nun ein Kirchen-Raͤuber GOtt und die Religion nicht achtet; ſo iſt er geſchickt al - les Unheil anzurichten, wenn er nur ver - meinet, daß es werde verſchwiegen blei - ben. Und daher iſt abermahls auf Kir - Raub eine ſchwerere Straffe zu ſetzen, als auf einen gemeinen Diebſtahl.

§. 345.

Weil nun aber die StraſſenWarum uͤber Straffen feſt zu halten. von keiner Wuͤrckung ſind, als in ſo weit diejenigen, ſo boͤſes im Sinne haben, da - durch aus Furcht fuͤr ihnen abgeſchrecket werden (§. 8 Met.); niemand aber fuͤr ei - ner Straffe ſich fuͤrchtet, als der ſich der - ſelben gewiß verſichert, woferne er das Verbrechen vollbringet (§. 476 Met.); ſo iſt ſehr viel daran gelegen, daß man in ſich ereignenden Faͤllen die geſetzte Straf - fe an den Verbrechern vollſtrecket. Wie - drigen Falles machet ſich ein jeder Hoff -nung,286Cap. 3. Von der Einrichtungnung, im Fall auch ſein Verbrechen ſolte kund werden, daß es doch nicht ſo ſcharf werde geahndet werden, als die Bedro - hung lautet. Kan man ſich aber erſt nur in etwas mit einiger Ausnahme ſchmei - cheln; ſo wird die Furcht vor der Straffe wenig mehr ausrichten. Wir finden ja taͤglich, und es kan auch nicht anders ſeyn (§. 169 Mor.), daß, ſo bald man zweif - felhafft wird, ob das Ubel aus unſerer Handlung erfolget, welches daraus dem Vorgeben nach erfolgen ſol, man aus anderem Vortheile, den man darbey ſie - het, ſich gar leicht verleiten laͤſſet dasjeni - ge zu thun, was man unterlaſſen ſolte. Derowegen iſt viel rathſamer gelindere Straffen zu ſetzen, und ſie bis auf das al - lergeringſte ohne alle Gnade und Barm - hertzigkeit zu vollſtrecken, als mit harten Straffen drohen, und, wenn es ein Ernſt werden ſol, ſie entweder gantz erlaſſen, o - der doch wenigſtens mildern. Es kan wohl ſeyn, daß einige Faͤlle ſich ereignen, da in Anſehung einiger beſonderen Um - ſtaͤnde die Straffe wo nicht zu erlaſſen, doch zu mildern iſt. Allein wenn dieſes geſchiehet, ſo hat man auch davor zu ſor - gen, daß die beſonderen Urſachen, war - um die ſonſt geſetzte Straffe entweder er - laſſen, oder gemildert worden, maͤnnig - lich kund werden, damit ein jeder begreif -fe,287des gemeinen Weſens. fe, wie ſolches die Billigkeit erfordert ha - be, und daher niemand Anlaß nehmen kan ſich bey anderen gantz wiedrigen Umſtaͤn - den ein gleiches zu verſprechen.

§. 346.

Weil die Straffen, auch, woAbſicht der Stꝛaffen. es die Noth erfordert, am Leben der Ver - brecher, vollzogen werden, damit jeder - mann den Ernſt der Obrigkeit ſiehet, und dadurch eine Furcht erwecket wird (§. 344. 345); ſo geſchehen ſie nicht allein zur Beſ - ſerung derer, die ſie ausſtehen, daß ſie ſich kuͤnfftig nicht mehr auf dergleichen Untha - ten, als ſie ausgeuͤbet, betreten laſſen, ſondern hauptſaͤchlich, ja die Lebens-Straf - fen einig und allein, zum Exempel ande - rer, daß ſie ſich daran ſpiegeln. Und hier - innen ſind ſie von den vaͤterlichen Zuͤchti - gungen unterſchieden, die hauptſaͤchlich auf die Beſſerung der Kinder gehen (§. 131).

§. 347.

Da man nun in BeſtraffungWarum man in der Be - ſtraffung nicht auf die Per - ſon der Verbre - cher zu ſehen. des Boͤſen mehr auf andere, als die Ver - brecher zu ſehen hat (§. 346); ſo iſt es nicht unrecht, wenn aus denen vorhin an - gefuͤhrten Urſachen (§. 343) die Verbre - cher mit haͤrtern Straffen beleget werden, als ſie zu beſſern, das iſt, von dem Vor - ſatze es weiter zu thun, zu bringen hinlaͤng - lich iſt. Ja wenn auch gleich der Ver - brecher ſich dadurch aͤndern lieſſe, daß man ihn mit der verdienten Straffe ſchreckte,und288Cap. 2. Von der Einrichtungund ſie ihm nach dieſem erlieſſe, derglei - chen bey den vaͤterlichen Zuͤchtigungen der Kinder ſtat findet (§. 131); ſo muß ſie doch an ihnen vollzogen werden, damit andere, denen ſie zum Exempel dienen ſollen, den Ernſt ſehen (§. 345).

Einwurf wird be - antwor - tet.

§. 348.

Vielleicht werden einige ver - meinen, es ſey gleichwohl der Billigkeit nicht gemaͤß, daß man einerley Verbre - chen bey allen Perſonen ohne einigen Un - terſcheid mit gleicher Straffe beleget. Es waͤre derſelben mehr gemaͤß, daß man die, welche andere verfuͤhret, oder es vor ſich gethan, haͤrter ſtraffte als diejenigen, die ſich von andern verfuͤhren laſſen, abſon - derlich wenn ſichs findete, es ſey bey ihnen eine groſſe Einfalt geweſen, daß ſie ſich leicht haben verfuͤhren laſſen, oder auch andere Umſtaͤnde zeigen, warumb ſie der Verfuͤhrung nicht ſo leicht wiederſtehen koͤnnen. Eben ſo ſey es billicher, daß man mit haͤrterer Straffe diejenigen anſehe, die ſich beſtaͤndig liederlich aufgefuͤhret, als die ſich ſonſt eines ehrbahren Wandels befliſſen, und nur in einer That ungluͤck - lich geweſen. Jch gebe ihnen hierinnen nicht unrecht. Denn da Verfuͤhrungen im gemeinen Weſen ſehr ſchaͤdlich ſind, ſo muß man ſie ſo wohl als die Ubelthaten zu verhuͤten ſuchen, und ſind ſie daher nicht weniger als dieſe zu beſtraffen. Derowe -gen289des gemeinen Weſens. gen verdienet ein Verfuͤhrer eine doppelte Straffe, einmahl wegen des Verbre - chens, darnach wegen der Verfuͤhrung. Eine doppelte Straffe aber zuſammen ge - nommen iſt groͤſſer als eine einfache. Wie - derum wer ſich in ſeiner gantzen Lebens - Art liederlich aufgefuͤhret, der kan leich - ter Ungluͤck anrichten als ein anderer, der ſich wohl auffuͤhret, und iſt daher ein ſehr gefaͤhrlicher Menſch. Da man nun im gemeinen Weſen alle Ubelthaten, ſo viel moͤglich, verhuͤten ſol (§. 318): ſo muß man auch mit davor ſorgen, daß ge - faͤhrliche Leute ſich fuͤr dergleichen in acht nehmen. Derowegen weil ſie einen Denckzettel bekommen, wenn ihre Ver - brechen haͤrter angeſehen werden; ſo hat man dieſes zu thun genungſamen Grund. Allein keines von beyden iſt demjenigen zu wieder, was von den Straffen beyge - bracht worden; ſondern ſtimmet vielmehr damit uͤberein. Jch habe ja oben erwie - ſen, daß man die Groͤſſe der Straffe nach der Groͤſſe der Boßheit der Verbrecher einrichten ſolle, nachdem ſie es nemlich mit mehr Vorſatz gethan als andere (§. 343). Wer kan aber nicht begreiffen, daß der - jenige, welcher vor ſich aus eigenem Trie - be etwas thut, oder noch gar dazu ande - re verfuͤhret, mehr Vorſatz hat als ein anderer, der ſich verfuͤhren laͤſſet, abſon -(Politick) Tder -290Cap. 3. Von der Einrichtungderlich wenn er aus Einfalt und anderen Umſtaͤnden den Verfuͤhrungen nicht ſo leicht wiederſtehen kan? Jch habe ferner gezeiget (§. 343), daß man die Groͤſſe der Straffe darnach einrichten muͤſſe, wenn man ſiehet, es koͤnne eine Ubelthat leicht begangen werden Je gewiſſer die Ge - fahr iſt, je mit groͤſſerem Ernſt muß man ihr begegnen. Wer ſiehet aber nicht, daß die Ubelthat von Leuten, die ſich in ihrem gantzen Leben liederlich aufgefuͤhret, eher zu befuͤrchten iſt als von anderen, die ſich eines guten Wandels befleißigen? Die - ſem allem iſt keines weges zuwieder, was wir von dem Unterſcheide der vaͤterlichen Zuͤchtigungen und der Beſtraffung der U - belthaten im gemeinen Weſen (§. 347) beygebracht. Denn hier redet man nicht, wie die Groͤſſe der Straffe einzurichten, ſondern ob es rathſam ſey, die nach denen vorhin vorgeſchriebenen Regeln zuerkandte Straffe zu vollſtrecken, oder ſie in Anſe - hung der Perſon, welche ſie erdulden ſol, zu milden. Uber dieſes iſt wohl zu mer - cken: wenn man fraget, wie die Groͤſſe der Straffe einzurichten, die man einem zuerkennen ſol, ſo geſchiehet ſolches in Er - wegung des vergangenen Zuſtandes; fra - get man aber, ob die zuerkannte Straffe zu vollziehen ſey, ſo geſchiehet es in Er - wegung des zukuͤnfftigen Zuſtandes. Wennnun291des gemeinen Weſens. nun auch gleich etwas anders geſetzt wuͤr - de in Erwegung des zukuͤnfftigen, als des gegenwaͤrtigen Zuſtandes; ſo waͤre ſolches doch keines weges einander zuwieder. Was einem zuwieder ſeyn ſol, muß in Erwegung einerley Zuſtandes geſchehen (§. 11 Met.).

§. 349.

Weil die Straffe nicht ſo wohlWarum Ubeltdaͤ - ter oͤffent lich zu ſtraffen. zur Beſſernng derer, die ſie dulden, als hauptſaͤchlich andern zum Exempel vollzo - gen werden (§. 347); ſo ſol man auch kei - nen Ubelthaͤter heimlich oder im verborge - nen, ſondern oͤffentlich fuͤr jedermanns Au - gen ſtraffen, und daher auch ſolches vor - her kund machen, damit eine zahlreiche Menge der Execution beywohne. Es machet auch der Anblick der Ubelthaͤter mit ihrem klaͤglichen Bezeigen, und ſelbſt die groſſe Menge derer, welche zuſehen, einen groſſen Eindruck in das Gemuͤthe, und vermehren die Furcht fuͤr der Straffe, weil ſie viel entſetzlicher vorkommet, als wenn man von allen dieſen Umbſtaͤnden nichts weiß und nur hoͤret, daß einer auf eine ſolche, oder andere Art von dem Leben zum Tode gebracht worden. Ein ehrgei - tziger erweget hierbey die Schande, wel - che der Ubelthaͤter hat, indem er fuͤr ſo vie - ler Augen durch unehrliche Perſonen hin - gefuͤhret wird. Und dieſe Furcht fuͤr die - ſer Schande vermag bey ihm mehr als die Furcht des Todes. Andere hingegenT 2die292Cap. 3. Von der Einrichtungdie nicht viel Schmertz erdulden koͤnnen, werden durch die Art der Straffe geruͤh - ret, indem es ihnen ſelbſt an dem Orte we - he thut, wo ſie den Ubelthaͤter leiden ſe - hen. Z. E. Wenn einem mit dem Rade Armen und Beine zerſchlagen werden, thut es ihnen ſelbſt an Armen und Beinen we - he. Jch wil jetzt dieſes alles nur aus der Erfahrung annehmen, ob es ſich auch gleich erweiſen lieſſe. Alle dieſe Regungen und Bewegungen, welche die Furcht fuͤr der Straffe kraͤfftig machen, bleiben nach, wo die Straffen im verborgenen vollzogen werden.

Warum das Ver - brechen umſtaͤnd - lich bey der Exe - cution vorzule - ſen / auch dem Ubel thaͤter vorzu - halten.

§. 350.

Wenn die Straffe anderen zum Exempel dienen ſol, damit nemlich ſie ab - gehalten werden von dergleichen Schand - und Ubel-thaten, als der Uhelthaͤter voll - bracht, der nun zu gebuͤhrender Straffe gezogen wird (§. 346); ſo muß auch das Verbrechen des Ubelthaͤters kund werden, und zwar, da die Straffe nach den be - ſonderen Umſtaͤnden vergroͤſſert und ver - kleinert wird (§. 344), nach allen ſeinen Umſtaͤnden. Derowegen iſt noͤthig, daß ſolches der Menge, welche der Execution beywohnet, oͤffentlich vorgeleſen wird. Und ſolchergeſtalt kan auch demjenigen ein Gnuͤgen geſchehen, was oben von Min - derung der Straffe aus beſonderen Um - ſtaͤnden erinnert worden (§. 345). Ja da -mit293des gemeinen Weſens. mit man deſto weniger zweiffeln darff, daß der Ubelthaͤter dieſes alles verbrochen, was man ihm Schuld giebet, und um deßwil - len er auf dieſe Art geſtraffet wird; ſo ſol man ihm oͤffentlich vor der Menge alles vorhalten, was er gethan, und ihn darauf antworten laſſen, ob er es geſtaͤndig iſt o - der nicht, und ihm nach dieſem andeuten, was er vor eine Straffe zu gewarten ha - be, auch aus den Umſtaͤnden ſeines Ver - brechens den Grund anzeigen, warum die Straffe in dieſem oder jenem Grade ihm auferleget wird, oder auch in einem und dem andern eine Linderung geſchiehet. Und dieſes iſt es, welches man die Verurthei - lung zum Tode zu nennen pfleget.

§. 351.

Da eine groſſe Menge dasWarum der Ubel - thater durch ei - nen wei - ten Weg zum Ge - richte zu fuͤhren. klaͤgliche Bezeigen des Ubelthaͤters ſo wol bey der Ausfuͤhrung, als auf der Gerichts - ſtaͤte ſehen ſol (§. 349); ſo ſol die Ge - richtsſtete von dem Orte, wo er verurthei - let wird, weit abliegen, damit er durch viele Leute bequem kan durchgefuͤhret wer - den, auch ihm dadurch die Angſt des To - des gemehret wird und er durch ſeine er - baͤrmliche Geſtalt einen deſto groͤſſeren Eindruck in das Gemuͤthe der Zuſchauer machet. Es erfordert dieſes auch die - brige Beſchaffenheit der Sache. Denn die Verurtheilung ſol an dem Orte geſche - hen, wo Gerichte gehalten wird, das iſt,T 3bey294Cap. 3. Von der Einrichtungbey dem Rathhauſe, welches nach unten anzufuͤhrenden Urſachen mitten in der Stadt liegen muß. Die Gerichtsſtaͤte lieget auſſerhalb der Stadt und den Vor - ſtaͤdten im freyen Felde, abſonderlich auch wegen des Geſtanckes der Leichnamme, die uͤber der Erden bleiben, als z. E. bey uns der erhenckten und geraͤderten, und des Schind-Angers, wo das verreckte Vieh abgezogen wird, den man deswegen zur Gerichtsſtaͤte zu legen hat, damit man zu verſtehen giebet, ein Menſch, der durch den Trieb ſeiner Sinnnen und Affecten ſich zu Schand - und Ubel-Thaten verlei - ten laͤſſet, und die Vernunfft, welche ihn zum guten verbindet (§. 24 Mor.), gantz und gar bey Seite ſetzet, ſey nicht anders als einem Viehe und inſonderheit einem ra - ſenden Hunde gleich zu achten, der weiter zu nichts nutzet, als daß man ihn todtſchlaͤget und auf den Schind-Anger den Raben und andern Raub-Voͤgeln zur Speiſe hin - wirfft. Und ſo kan es auch dieſer Urſa - chen halber nicht anders ſeyn, als daß die Gerichtsſtaͤte von dem Orte, wo die Ver - urtheilung geſchiehet, weit abgelegen.

Warum die Ge - richtsſte - te an der Land - Straſſe liegen /

§. 352.

Aus eben dieſer Urſache iſt noͤ - thig, daß das Gerichte an einer oͤffentli - chen Land-Straſſe lieget, und zwar an derjenigen, wo die meiſten reiſenden paſ - ſiren, damit deſto mehr Gelegenheit iſtan295des gemeinen Weſens. an die Straffen zu gedencken, welche aufund die Leich - namme der Ubel - thaͤter - ber der Erde bleiben ſollen. die Ubelthaten geſetzet werden (§. 238 Met.). Hierzu kommet ferner noch dieſes, daß die Leichnamme der Ubelthaͤter, welche uͤber der Erde bleiben, mit der Zeit eine ſehr heßliche Geſtalt gewinnen, und dadurch denen vorbeyreiſenden einen entſetzlichen Anblick machen, wodurch die Furcht fuͤr dergleichen Straffe, und folgends der Haß gegen die Laſter, darauf ſie geſetzet ſind, vergroͤſſert wird (§. 8 Mor.). Und hieraus ſiehet man zugleich, daß mit gu - tem Grunde die Leichnamme der Ubelthaͤ - ter nach der an ihnen vollſtreckten Strafe auch uͤber der Erde koͤnnen gelaſſen werden. Denn alles, was die Abſicht der Straffe befoͤrdert, iſt recht und billich, weil eben aus der Abſicht alles, ſo dabey vorkom - met, beurtheilet werden muß.

§. 353.

Wiederumb weil eine groſſeBeſchaf - fenheit der Ge - richts - ſtete. Menge die Vollziehung der Straffe anſe - hen ſol (§. 349); ſo muß der Ort, wo ſolches geſchiehet, erhaben ſeyn, oder es muß wenigſtens ein weiter Creiß geſchloſ - ſen, und niemand, der nicht mit dabey zu thun hat, hineingelaſſen werden, damit nie - mand den Proſpect benehmen kan.

§. 354.

Eben deswegen weil die Straf -Grund der Cere - monien bey deꝛ E - xecution. ſe, damit die Ubelthaͤter beleget werden, andern zum Exempel dienen ſol, daß ſie nemlich dadurch bewogen werden, fuͤr der -T 4glei -296Cap. 3. Von der Einrichtunggleichen Verbrechen ſich zu huͤten, und ei - einen Abſcheu davor bekommen; ſo muͤſ - ſen die Zuſchauer dabey Gelegenheit fin - den, nicht weniger die Schaͤndlichkeit des Verbrechens, als den Ernſt der Obrigkeit es zu beſtraffen, ihnen lebhafft vorzuſtel - len. Da nun hierzu Ceremonien dienlich ſind (§. 176 Mor.); ſo muͤſſen auch ſo wohl fuͤr die Ausfuͤhrung, als Verurthei - lung und Vollziehung des Urtheils ge - ſchickte Ceremonien erfunden werden. Es laſſen ſich aber eben daraus die Ceremoni - en beurtheilen, ob ſie geſchickt ſind, oder nicht, wenn ſie uns auf die Schaͤndlichkeit der Ubelthat und den Ernſt der Obrigkeit ſie zu ſtraffen fuͤhren (§. 177 Mor.). Ja eben dadurch laſſen ſich beqveme Ceremo - nien erdencken (§. 178 Mor.): von wel - chen wir aber hier umſtaͤndlicher zu reden keines weges fuͤr noͤthig erachten. Z. E. Es werden an einigen Orten die Diebe be - ſonders angekleidet, indem man ſie aus - fuͤhret, damit ſie durch den Diebs-Habit denen Zuſehern abgebildet werden, wie das Gemuͤthe bey ihnen beſchaffen geweſen, das iſt, daß ſie tuͤckiſch und betruͤgriſch, und begierig das geſtohlene zu verbergen ausſehen. Viele wuͤrden dieſes fuͤr eine Comoͤdie halten, die ſich bey einer ſo ernſt - hafften Straffe, dergleichen der Strang iſt, nicht ſchickte: wer es aber nach denvor -297des gemeinen Weſens. vorgeſchriebenen Gruͤnden unterſuchet, der - ſelbe wird befinden, daß es vernuͤnfftig iſt, indem dadurch Gelegenheit gegeben wird, die Schaͤndlichkeit des Diebſtahles und inſonderheit eines diebiſchen Gemuͤ - thes zu erkennen. Ja es pfleget auch vie - len der Diebs-Mantel und Diebs-Hut unleidlicher zu ſeyn, als der Tod ſelbſt, und iſt daher nicht zu zweiffeln, daß, die ſo geſinnet ſind, eher dadurch, als durch den Stranck ſich von dem Stehlen ab - ſchrecken laſſen. Dergleichen Gemuͤther ſind diejenigen, die ſich von andern nicht koͤnnen vexiren laſſen, ſondern in dieſem Stuͤcke ſehr empfindlich ſind. Jch bin verſichert, daß man vieles, was hin und wieder bey den Executionen uͤblich iſt, und man insgemein als unnuͤtzes, oder oder auch wohl gar alber Spiel-Werck verlachet, hoͤchſtvernuͤnfftig befinden wird, woferne man es nach dieſen Gruͤnden un - ter ſuchet. Es muß aber nach ihnen und keinen andern unterſucht werden, weil e - ben ſie diejenigen ſind, welche mit der Ab - ſicht der Straffe uͤbereinkommen (§. 346).

§. 355.

Weil durch Straffen bloß die -Wuͤr - ckung der Straͤffe. jenigen von einer Handlung muͤſſen zuruͤ - cke gehalten werden, die dem unvernuͤnff - tigen Viehe gleich ſind, und der natuͤrli - chen Verbindlichkeit keinen Raum geben (§. 39 Mor.); ſo ſind ſie kein Mittel, dieT 5Men -298Cap. 3. Von der EinrichtungMenſchen tugendhafft zu machen. Denn da ein tugendhaffter bereit iſt, ſein Hand - lungen nach dem Geſetze der Natur einzu - richten (§. 64 Mor.), und alſo einige voll - bringet, weil ſie an ſich gut; hingegen andere unterlaͤſſet, weil ſie an ſich boͤſe ſind (§. 12 Mor.); ſo hat er keinen Wil - len das boͤſe zu thun und das gute zu laſ - ſen: hingegen der aus Furcht der Straffe etwas unterlaͤſſet, was er ſonſt thun wuͤr - de, oder auch thut, was er unterlaſſen wuͤrde, der hat noch den Willen das boͤſe zu thun und das gute zu laſſen. Und demnach iſt klar, daß durch Straffen nie - mand tugendhafft gemacht wird. Man kan doch aber machen, daß ſie zugleich zur Tugend den Weg bahnen, wenn man geſchickte Ceremonien damit verknuͤpffet. Denn weil dieſe dasjenige ins Gedaͤchtnis bringen, was bey der Schaͤndlichkeit der Verbrechen, die geſtraffet werden, zu be - dencken: ſo lernet man ſie zugleich als an ſich boͤſe Dinge erkennen. Ob nun zwar vermoͤge der Ceremonien es nicht allezeit dahin zu bringen, daß man hiervon eine Uberfuͤhrung erlanget, und ſolchergeſtalt kein feſter Vorſatz in Anſehung dieſer Er - kaͤnntniß erfolgen kan (§. 169 Mor.): ſo iſt es doch genung, daß ein Anfang ge - macht wird, wodurch man nach dieſemleicht299des gemeinen Weſens. leicht weiter gebracht werden mag. Und hieraus erhellet ein beſonderer Vortheil der Straffen, die mit tuͤchtigen Ceremo - nien vollzogen werden, fuͤr denen, wo alle Ceremonien wegbleiben. Ja in Anſehung dieſes Vortheils, der gewiß ſehr groß iſt, ſol man auf Ceremonien dencken, wo man keine hat, oder auch auf Verbeſſerung der - ſelben, wo ſie der Abſicht noch nicht ein ſolches Gnuͤgen thun als ſich erreichen laͤſ - ſet. Damit ſie aber auch nicht unnuͤtze werden, ſondern vielmehr der vorgeſetzte Zweck dadurch erreichet wird; ſo muß man ihre Bedeutung bekannt machen: welches theils durch gedruckte Schrifften, theils durch die oͤffentliche Lehrer geſchehen kan, wenn eine Execution vor ſich gehen ſol. Ja es gienge bißweilen an, wenn ſelbſt bey den Handlungen, die der Execution halber vorgenommen werden, die Bedeu - tung eroͤffnet wuͤrde. Z. E. Wenn man die Diebe bey ihrer Ausfuͤhrung in Die - bes-Habit einkleidet, koͤnnte die Einklei - dung oͤffentlich geſchehen, und eines jeden Bedeutung dabey zugleich beygebracht werden. Jedoch wo man guten Fort - gang haben wil, da muß alles ein Ernſt zu ſeyn ſcheinen, und hat man daher zu verhuͤten, daß nicht zu Gelaͤchter Anlaß gegeben werde.

§. 356.300Cap. 2. Von der Einrichtung
Worauf die buͤr - gerliche Verbinde lichkeit gehet.

§. 356.

Weil die Straffen nicht tugend - hafft machen, ſondern nur hindern, daß man das boͤſe, welches man im Sinne hat, nicht vollbringet, (§. 355); ſo wird dadurch nur eine aͤuſſerliche Zucht erhalten. Nehmlich die aͤußerliche Zucht beſtehet in der Ubereinſtimmung der aͤuſſerlichen Hand - lungen mit dem Geſetze der Natur, und kan dabey die Luſt zu wiedrigen Hand - lungen noch immer verbleiben. Derowe - gen weil man im gemeinen Weſen nie - manden anders als durch Straffen ver - binden kan von dem boͤſen abzuſtehen (§. 341; ſo kan auch die buͤrgerliche Ver - bindlichkeit nicht weiter als auf die aͤuſſer - liche Zucht gehen. Und deßwegen pfleget man im Spruͤchworte zu ſagen: Gedan - cken ſind zollfrey. Und hierinnen beſtehet eben der Unterſcheid zwiſchen der buͤrger - lichen und natuͤrlichen Verbindlichkeit, daß jene nur auf das aͤuſſere, dieſe aber zugleich auf das innere gehet (§. 9 Mor), und daher jene nur eine aͤuſſerliche Zucht, dieſe hingegen eine wahre Tugend gebie - ret. Bey der buͤrgerlichen Verbindlich - keit ſiehet man bloß auf das Ubel, wel - ches eine Handlung nach ſich ziehet; hin - gegen bey der natuͤrlichen erweget man zu - gleich das gute, welches aus einer Hand - lung erfolget, und durch eine andere hin - tertrieben wird (§. 6. 9 Mor.).

§. 357.301des gemeinen Weſens.

§. 357.

Da man nun im gemeinen We -Welche Verbre - chen im gemeinen Weſen zu be - ſtraffen. ſen fuͤr die aͤuſſeren Handlungen in ſo weit Vorſorge traͤget, als dadurch die gemei - ne Wohlfahrt und Sicherheit gehindert wird (§. 215); ſo hat man auch kein Ver - brechen zu ſtraffen, als wodurch die ge - meine Wohlfahrt und Sicherheit gehin - dert wird. Z. E. Diebſtahl iſt ein Ver - brechen, wodurch einer in ſeinem Eigen - thume beunruhiget wird (§. 892. 893. Mor.), und alſo der gemeinen Sicherheit zuwieder (§. 212). Derowegen muß der Diebſtahl im gemeinen Weſen geſtraffet werden. Gleichergeſtalt weil man durch Betruͤgereyen den landern um das ſeinige bringet (§. 896 Mor.), und ſie daher ſo wohl als der Diebſtahl der gemeinen Si - cherheit Eintrag thun; ſo ſol alle Betruͤ - gerey geſtraffet werden. Ja weil uͤber - haupt dadurch die gemeine Sicherheit ver - letzet wird, wenn man dem andern Scha - den zufuͤget; ſo ſollen alle Beleidigungen, wodurch dem andern vorſaͤtzlich Schaden zugefuͤget wird, geſtraffet werden.

§. 358.

Nachdem nun aus einem Ver -Wie die Groͤſſe eines Verbre - chens im gemeinen Weſen zu ermeſſen. brechen ein großer oder kleiner Schade er - waͤchſet, nachdem iſt es fuͤr groß oder fuͤr klein zu achten. Und alſo haben wir einen ſichern Grund, daraus wir die Groͤſſe ei - nes Verbrechens ermeſſen koͤnnen. Jch rede aber ietzt bloß von der Groͤſſe einesVer -302Cap. 3. Von der EinrichtungVerbrechens in Anſehung des gemeinen Weſens: denn es hat eine gantz andere Beſchaffenheit, wenn man von den La - ſtern vor und an ſich ſelbſt urtheilet.

Ob Jrr - thum zu beſtrafen

§. 359.

Hier laͤſſet ſich auch die Frage entſcheiden, ob und wie wie weit Jrrthuͤ - mer zu beſtraffen ſind. Ein Jrrthum iſt ein falſcher Wahn von der Wahrheit, oder Falſchheit eines Urtheils (§. 396 Met.), und alſo eine ungegruͤndete Meinung (§. 393 Met.), folgends ein bloſſer Gedancke (§. 194. 384 Met.). Da nun die Ge - dancken zollfrey ſind (§. 356); ſo muͤſſen auch die Jrrthuͤmer, die einer vor ſich he - get, zollfrey ſeyn, das iſt, Jrrthuͤmer doͤrf - fen nicht beſtraffet werden. Man kan es auch noch handgreifflicher auf ſolche Art erweiſen. Man darf im gemeinen Weſen nichts beſtraffen, als wodurch die gemei - ne Wohlfahrt und Sicherheit geſtoͤhret wird (§. 357). Ein Jrrthum, den einer vor ſich heget, kan die gemeine Wohlfahrt nicht ſtoͤhren. Niemand weiß, was ich mir gedencke, und alſo kan es keinen Schaden bringen. Deromegen doͤrffen Jrrthuͤmer nicht beſtraffet werden. Weil man nun auch im gemeinen Weſen kein Recht hat Verbrechen zu unterſuchen, als in ſo weit man dieſelbe zu beſtraffen noͤthig hat, maſſen die Unterſuchung zu keinem anderen Cnde geſchiehet, als daßman303des gemeinen Weſens. man das ſchaͤdliche beſtraffen kan, wie ſich bald mit mehrerm zeigen wird: ſo iſt es ebenfalls unrecht, wenn man wieder die jenigen eine Inquiſition anſtellen wollte, welche man wegen eines Jrrthums ver - daͤchtig hielte.

§. 360.

Jch weiß gar wohl, daß an -Eainne - rung. dere dieſes dadurch zu erweiſen vermeinen, weil der Jrrthum nothwendig iſt, und nie - mand davor kan, daß ihm dieſes ſo und nicht anders vorkommet. Allein mir ſchei - net dieſer Grund nicht zulaͤnglich zu ſeyn, die Jrrthuͤmer von der Straffe zu befrey - en. Einmahl iſt dieſes kein richtiger Satz; Nothwendige Handlungen kan man nicht beſtraffen. Denn nicht die Freyheit der Handlungen, ſondern ihre Schaͤdlichkeit im gemeinen Weſen iſt der Grund der Straffe (§. 357). Wenn gleich alle unſe - re Handlungen keine wahre Freyheit haͤt - ten, wie einige Gelehrten vorgeben; ſo wuͤrden doch deßwegen die Straffen nicht aufgehoben. Es waͤre alsdenn die Furcht der Straffe ein Zwang, wodurch man ei - ner nothwendigen Handlung wiederſtuͤn - de, daß ſie nicht koͤnte vollzogen werden. So lange demnach nur gewiß waͤre, daß dieſes Zwangs-Mittel fruchtete; ſo lan - ge muͤſte man es noch beybehalten. Das Exempel der Thiere beſtetiget, was ich hier geſaget. Thiere haben keine Frey -heit,304Cap. 3. Von der Einrichtungheit, ſondern ſind Sclaven in ihren Hand - lungen (§. 891 Mor.). Unterdeſſen wer - den ſie doch geſtraffet, weil man ſiehet, daß ſie dadurch von denen Handlungen, die man bey ihnen nicht leiden will, koͤn - nen zuruͤcke gehalten werden. Darnach laͤſſet ſich eben nicht erweiſen, daß Jrrthuͤ - mer ſchlechterdinges nothwendig ſind. Es ſtehet ſo wohl in unſerer Gewalt ſelbige zu vermeiden, als das boͤſe, wozu wir ge - neiget ſind, zu unterlaſſen. Jſt es gleich in einigen Faͤllen ſchwer und in Anſehung der beſonderen Umſtaͤnde, darinnen man ſich befindet, faſt unmoͤglich: ſo findet ſich doch dieſes ebener maſſen bey den Ubeltha - ten, die man zu beſtraffen pfleget. Allein da es in Anſehung der Straffen gleich viel gielt, ob die Verbrechen nothwendig ſind, oder nicht, wie ich erſt erwieſen habe: ſo iſt nicht noͤthig, ſolches weitlaͤufftiger aus - zufuͤhren. Unterdeſſen dienet zur Erlaͤu - terung, was anderswo (§. 264. 265 Mor) von der Unwiſſenheit beygebracht worden, wie weit ſie zur Entſchuldigung dienen kan.

Ob und wie weit der zu be - ſtraffen / der Jrr - thuͤmer unter die Leute bringet.

§. 361.

Ob nun aber gleich der Jrr - thum nicht zu beſtraffen iſt (§. 359); ſo folget doch daraus noch nicht, daß die Aus - breitung des Jrrthums nicht zu beſtraffen ſey. Und dannenhero muͤſſen wir noch ins beſondere unterſuchen, ob und wie weitman305des gemeinen Weſens. man einen beſtraffen kan, der Jrrthuͤmer unter andere Leute ausbringet, entweder indem er ſie lehret, oder doch fuͤr anderen ohne Scheu herausſaget. Weil man nun im gemeinen Weſen nichts beſtraffen darf, als was der gemeinen Wohlfahrt und Si - cherheit zuwieder iſt (§. 357); ſo darf man auch niemanden deßwegen beſtraf - fen, daß er Jrrthuͤmer unter andere aus - bringet, woferne nicht dadurch der gemei - nen Wohlfahrt und Sicherheit Eintrag geſchiehet. Und ſolchergeſtalt iſt klar, daß man einen jederzeit mit gutem Rechte be - ſtraffen kan, der ſolche Jrrthuͤmer unter die Leute bringet, wodurch die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit geſtoͤhret wird. Hingegen wer ſeine Jrrthuͤmer vor ſich be - haͤlt, und niemanden damit verfuͤhret, den zu beſtraffen findet man keinen zureichen - den Grund. Wer durch Jrrthuͤmer, die er heget, ſich zu Ubelthaten verleiten laͤſſet, die man im gemeinen Weſen zu beſtraffen hat; der wird nach dieſem um ſeines Ver - brechens, nicht um des Jrrthums willen geſtraffet. Jm uͤbrigen ſiehet man hier - aus, daß die Ausbreitung eines Jrrthu - mes mehr zu beſtraffen iſt, als des andern. Nemlich was oben uͤberhaupt von der Groͤſſe der Straffen erwieſen worden (§. 343), kan und muß auch auf gegen - waͤrtigen Fall gezogen werden. Weil a -(Politick) Uber306Cap. 3. Von der Einrichtungber der Schaden, der aus Jrrthuͤmern zu beſorgen iſt, nicht bald und auf einmahl, ſondern nach und nach einreiſſet, und da - her abgewendet werden kan, wenn man der Ausbreitung bey Zeiten Einhalt thut; hingegen man niemahls zu harten Mitteln ſchreiten ſol, wo gelindere zureichend ſind die Abſicht zu erhalten (§. 862. Mor.); ſo ſol man auch niemanden eher ſtraffen, als biß ihm vorher die Ausbreitung ſeines Jrrthums unterſaget und deren Gefaͤhr - lichkeit vorgeſtellet werden. Wer ſich nach dieſem nicht wil warnen laſſen, ſondern bey ſeiner Weiſe verbleibet: der hat es ſich zuzuſchreiben, wenn die Straffe an ihm vollzogen wird.

Urſachen warumb die Stꝛa - fen nicht bey jeder - mann fruchten und wie dieſen Hinder - niſſen zu begeg - nen.

§. 362.

Warum die Straffen nicht bey allen fruchten, ob ſie gleich den Ernſt ſehen, iſt bey den meiſten wohl keine an - dere Urſache als dieſe, daß ſie vermeinen ihr Verbrechen ſo zu verbergen, damit es nicht kund wird, oder ſich auch, im Fall es kund werden ſollte, auf das Leugnen verlaſſen, indem es oͤffters gar ſchweer faͤl - let einen zu uͤberfuͤhren, er habe dieſes oder jenes gethan, was er im verborgenen veruͤbet, weil man wieder wahrſcheinliche Beweiſe, dergleichen hier meiſtentheils ſtatt finden, noch immer eines und das andere nicht ohne einigen Schein ein - wenden kan. Derowegen hat man haupt -ſaͤch -307des gemeinen Weſens. ſaͤchlich darauf zu ſehen, daß die im ver - borgenen zum Schaden anderer begange - ne Ubelthaten kund werden, und man, ſo viel moͤglich, hinlaͤngliche Mittel erſinne, wie man die Ubelthaͤter entweder zu eige - ner Geſtaͤndniß ihres Verbrechens bringen oder auf andere Weiſe dergeſtalt uͤberfuͤh - ren kan, daß ſie ſich ſchaͤmen muͤſſen, es laͤnger zu laͤugnen. Es iſt wahr, daß - ber dieſes noch einige andere Urſachen ſich finden, welche die Furcht fuͤr der Straffe benehmen: allein ſie ſind nicht ſo allge - mein wie die vorigen. Z. E. Einige ver - laſſen ſich darauf, daß ſie der Straffe ent - rinnen und ſich mit der Flucht erretten wol - len. Allein dieſes ſind Leute, die in einem Or - te gar nichts zu verlieren haben, und de - nen es gleich viel gielt, ob ſie hier oder da ſich aufhalten. Unerachtet nun aber in Anſehung der uͤbrigen dieſe Zahl ſehr ge - ringe iſt, indem ſie ſo eine Lebens-Art ha - ben muͤſſen, daß man in andern Orten nicht nachfraget, wer ſie ſind und woher ſie kommen; ſo hat man doch, um allen Hinderniſſen zu begegnen, ſo viel moͤglich iſt, und oͤffters liederliches Geſinde nicht an anderen Orten mehr Unheil anrichten zu laßen, zugleich auf Mittel zu gedencken, wie man wegen begangener Ubelthaten fluͤchtige Perſonen verfolgen und ihrer hab - hafft werden koͤnne. Einige pflegen ſichU 2auch308Cap. 3. Von der Einrichtungauch wohl in die Straffe zu ergeben, wenn ſie bedencken, daß ihre Ubelthat koͤnne ent - decket, und ſie weder mit Laͤugnen, noch mit der Flucht der Straffe entgehen wer - den. Allein von dergleichen verzweiffelter Boßheit ſind die wenigſten Menſchen. Un - terdeſſen wenn man dergleichen Ubelthaͤ - ter findet, die man dieſer Boßheit zur Gnuͤge uͤberfuͤhren kan, ſo hat man ſie (§. 343) mit deſto haͤrterer Straffe zu bele - gen, damit die Luſt anderen zu derglei - chen Frevel vergehe. Und aus dieſen Ur - ſachen iſt abermahls noͤthig, daß man al - les oͤffentlich kund mache, wie die U - belthaten mit groſſem Bedacht im verbor - genen vorgenommen, nachdem man ſie vollbracht, oͤffters lange ſorgfaͤltig verhee - let, endlich auf wunderbahre Weiſe ent - decket worden, damit jedermann von die - ſem Spruche der Alten gnugſam uͤberzeu - get werde: Es ſey nichts ſo verborgen, wel - ches nicht endlich entdecket werde. Jn - gleichen ſolte man jedesmahl oͤffentlich kund thun, wie die Ubelthaͤter zur Geſtaͤndniß gebracht und bey ihrem hartnaͤckigen Laͤug - nen doch endlich uͤberfuͤhret worden, und was dergleichen mehr iſt.

Wie man den Thaͤ - ter zu entdecken ſich bemuͤhen ſol.

§. 363.

Wenn demnach eine Ubelthat kund wird, ſo hat man alle Sorgfalt zu gebrauchen, wie man den Thaͤter heraus - bringen moͤge, und daher alle nur erſinn -liche309des gemeinen Weſens. liche Mittel anzuwenden, die ſich aus den beſonderen Umſtaͤnden geben muͤſſen. De - rowegen muß man ſogleich, als eine Ubel - that erfahren wird, ſich nach den beſonde - ren Umſtaͤnden erkundigen, dieſelben flei - ßig erwegen und zuſehen, ob ſich nicht et - wan daraus einige Spuren hervor thun, hinter den Thaͤter zu kommen. Und in dieſem Falle ſtehet alles frey, was man ohne Voͤſes zu thun als ein Mittel ge - brauchen kan. Z. E. Wenn Titius Wiſ - ſenſchafft von der Sache haͤtte und es waͤ - re zu beſorgen, daß er davon gienge, oder man wuͤſte es nicht gewiß, ob er bleiben wuͤrde, wo man ihn als Zeugen verneh - men wolte; ſo geſchaͤhe ihm nicht zu viel, wenn er ſo lange in Verhafft genommen wuͤrde, bis man von ihm erfahren, was zu wiſſen noͤthig, oder ſich auf eine ande - re Weiſe, als durch genugſame Caution, ſeiner Perſon, ſo weit man ſie noͤthig hat, verſicherte. Es iſt freylich etwas hartes ohne Schuld ins Gefaͤngniß zu gehen, o - der auch entweder mit baarem Gelde, o - der durch Pfand, oder auch einen Buͤr - gen, oder endlich durch einen Eyd Si - cherheit ſeiner Perſon wegen zu verſchaffen: allein es iſt ein Ungluͤck, das man nicht vermeiden koͤnnen (§. 1002 Mor.), und das man dem gemeinen Beſten zu gefallen uͤber ſich nehmen muß (§. 218). Da manU 3nun310Cap. 3. Von der Einrichtungnun aber weiter kein Recht hat, dem an - dern beſchwerlich zu fallen, als in ſo weit es die gemeine Wohlfahrt erfordert (§. cit. ); ſo muß man auch kein haͤrteres Mittel gebrauchen, wo man durch ein ge - linderes ſeine Abſicht erreichen kan. Z. E. Wenn einer durch einen Eyd Sicher - heit verſchaffet, ſo iſt nicht noͤthig, daß man einen Buͤrgen, oder ein Pfand, oder gar baares Geld verlanget. Und hinwie - derum wenn einer auf einige Weiſe, wie erſt ietzt wiederholet worden, Sicherheit ſchaffen wil; ſo geſchaͤhe ihm zu viel, wenn man ſich ſeiner Perſon bemaͤchtigen wolte. Man kan aber in dieſen und dergleichen Faͤllen nicht allemahl auf Gewißheit gehen; ſondern man iſt genung berechtiget etwas zu thun, woferne man nur zu einer Wahr - ſcheinlichkeit genugſame Anzeige hat. Z. E. Es koͤnte ſeyn, daß einer nicht rechte Nachricht von dem Thaͤter haͤtte: man haͤtte aber genugſamen Grund ſolches zu muthmaſſen, ſo iſt der Verdacht zulaͤnglich genung ihn zu graviren, daß er wegen ſei - ner Perſon ſo lange Sicherheit ſchaffet, als man ihn zur Unterſuchung noͤthig zu haben vermeinet.

Wie man ihn ver - folgen ſol.

§. 364.

Die Mittel, welche man hat, einen Thaͤter zu verfolgen, ſind bekannt. Dennn entweder es muͤſſen ihm einige nach geſchicket werden, die ſich ſeiner Per -ſon311des gemeinen Weſens. ſon bemaͤchtigen koͤnnen, wenn man weiß, welche Gegend er ſeinen Weg genommen; oder man muß an die herumliegende Oer - ter, oder dahin, wo man vermuthet, daß er zukommen wird, ſchreiben, was er ver - brochen, auch wie er ausſiehet, und bit - ten daß man ihn in Verhafft nehme, wenn ſolches geſchehen, berichten, und ſo dann abfolgen laſſen wolle. Dergleichen Schrei - ben werden Steck-Brieffe genennet. Damit nun aber alle Unordnungen vermie - den werde, ſo durch boßhafftige Leute leicht entſtehen koͤnnen; ſo kan man nicht erlau - ben, daß diejenigen, ſo nachgeſchickt wer - den, ſich eigenmaͤchtig den Fluͤchtigen zu arretiren unterſtehen: ſondern es muͤſſen ihnen Steck-Brieffe mit gegeben werden, dadurch die Obrigkeit deſſelben Orts, wo man ihn antrifft, dazu requiriret wird. Nemlich in ſolchen Faͤllen, wo einem ſehr wehe geſchehen wuͤrde, wenn man ihm unrecht thaͤte, muß alle Behutſamkeit ge - brauchet werden, damit nicht leicht aus Boßheit, oder auch aus Unvorſichtigkeit einem Unrecht geſchehen koͤnne. Wofer - ne aber einer bloß aus Furcht des Gefaͤng - niſſes ſich auf die Seite machte, hinge - gen entweder durch andere, oder ſchrifft - lich meldete, daß er ſich ſtellen und ſeine Sache ausfuͤhren wollte, woferne man ihm die Verſicherung ertheilte, daß manU 4ihn312Cap. 3. Von der Einrichtungihn nicht gefaͤnglich einziehen wollte, und das Verbrechen waͤre ſo beſchaffen, daß man nicht vermuthen darf, er werde ſein Wort nicht halten, ſondern nach dieſem fluͤchtig werden, oder auch, wenn ſolches geſchehen ſollte, man dennoch in dem Stande waͤre, die Straffe an dem Ab - weſenden zu vollziehen: ſo waͤre es thoͤ - richt, einen ſolchen Menſchen mit Steck - Brieffen zu verfolgen. Noch ungereim - ter aber wuͤrde es ſeyn, wenn man ihn weiter nicht als zu einem Zeugen brauch - te, durch den man allein hinter die wah - re Beſchaffenheit der Sache kommen koͤn - te. Unterdeſſen wo man nicht genug Si - cherheit hat, daß er ſich allemahl auf Er - fordern ſtellen, und auf das, was man ihn fragen wird, Rede und Antwort ge - ben doͤrffte; kan man ihn entweder durch baares Geld, oder ein Pfand und Unter - Pfand, oder auch einen Buͤrgen, oder, woferne dergleichen keines in ſeiner Gewalt iſt, durch einen Eyd Sicherheit machen laſſen. Dieſe pfleget man die Caution, gleichwie die ihm ertheilte Sicherheit, deren wir vorher gedacht, das ſichere Geleite zu nennen.

Wie man einen des Verbre - chens - berſuͤh - ren ſol.

§. 365.

Wenn man einen wegen ſeines Verbrechens vornimmet und er leget ſich entweder auf das leugnen, oder giebet fal - ſche Umſtaͤnde vor, umb ſein Verbre -chen313des gemeinen Weſens. chen zu rechtfertigen; ſo ſind verſchiedene Mittel, die man brauchen kan, ihn zum Geſtaͤndnis der Wahrheit zu bringen. Je - doch fruchten nicht alle bey jedweden, indem immer einer hartnaͤckiger im leugnen iſt als der andere. Erſtlich kan man Zeugen ab - hoͤren, die dabey geweſen, als die Sache paßiret, oder ſonſt Umſtaͤnde angeben koͤn - nen, daraus man entweder gewiß ſchluͤſſen kan, wer der Thaͤter geweſen, oder we - nigſtens ſtarcken Argwohn wieder ihn ſchoͤpffen, oder auch Gelegenheit nehmen ihn genauer auszufragen. Was nun die Zeugen einmuͤthig ausſagen, das hat groſ - ſen Schein der Wahrheit vor ſich, indem nicht lejcht iſt, daß viele auf einerley Un - wahrheit verfallen. Woferne ſie vollends ihre Auſſage mit einem Eyde beſtaͤrcken; ſo hat man an deren Richtigkeit um ſo viel weniger zu zweiffeln, weil niemand fuͤr die lange Weile einen Eyd thun wird, der ſo viel zu ſagen hat (§. 996 Mor.). Und hier kan mit Nutzen angebracht werden, was anderswo (Log. c. 7 §. 5 & ſeqq. ) von der Glaubwuͤrdigkeit der Zeugen ange - fuͤhret worden. Dieſes Zeugnis muß dem Inquiſiten (denn ſo nennet man diejeni - gen Perſonen, deren Verbrechen man un - terſuchet) vorgehalten werden: Laͤſſet er ſich dieſes noch nicht bewegen, ſo kan man ihm die Zeugen vorſtellen, daß ſie ihm al -U 5les314Cap. 3. Von der Einrichtungles unter die Augen ſagen: welches man Confronti ren zu nennen pfleget. Viele ſind nicht ſo unverſchaͤmet, daß ſie wieder ihr Gewiſſen leugnen ſollten, was man ihnen frey und mit Nachdruck unter die Augen ſaget. Damit man aber deſto genauer hinter alle Umſtaͤnde kommen kan, ſo muß man aus der Auſſage der Zeugen und des Inquiſiten Fragen formiren, und den letz - tern ordentlich darauf antworten laſſen: welches ferner auch dieſen Nutzen hat, daß man ſehen kan, ob er ſich auch etwan in einigen Dingen wiederſpricht und nicht bey einerley Reden bleibet, oder variret, maßen in dem letzten Falle erhellet, daß er mit Unwahrheit umgehet und ſich daher nicht wenig verdaͤchtig machet. Wer ſich fuͤr GOtt fuͤrchtet, den kan man durch ei - nen Eyd zum Geſtaͤndnis der Wahrheit bringen (§. 997. Mor.), indem man ihn nemlich dasjenige abſchweeren laͤſſet, wo man Verdacht wieder ihn hat. Jedoch wo das Verbrechen ſo groß iſt, daß man eine Lebens-Straffe darauf geſetzet; da darf man dem Eyde nicht wohl trauen, in - dem wohl viele einen falſchen Eyd thun moͤchten, wenn ſie dadurch ihr Leben zu er - retten wuͤſten. Wo man nun nicht durch dieſe Mittel auskommen kan, da muß man auf ſchaͤrffere bedacht ſeyn, wenn das Verbrechen von der Wichtigkeit iſt, daßes315des gemeinen Weſens. es viel Schaden fuͤr die gemeine Wohl - fahrt und Sicherheit nach ſich ziehen wuͤr - de, woferne es ungeſtraffet bleiben ſollte (§. 357). Wir koͤnnen aber niemanden anders zu etwas verbinden, als indem wir waswiedriges mit deſſen Unterlaſſung verknuͤpffen, welches dem andern unleidlich faͤllet (§. 8. Mor.). Weil man nun in ſolchen Faͤllen, wo auf das Verbrechen ei - ne Lebens-Straffe geſetzet iſt, nichts fin - den kan, wodurch man ihm wehe thaͤte (in - dem der Menſch alles fuͤr ſein Leben giebet und waget) als ſehr empfindliche Schmer - tzen an ſeinem Leibe; ſo kan man ihn mit Marter bedrohen, ihm auch wuͤrcklich der - gleichen anthun, wodurch ein unleidlicher Schmertz erreget wird, wenn er hartnaͤ - ckig zu leugnen fortfaͤhret, warinnen doch ein ſehr groſſer Verdacht wieder ihn iſt. Man pfleget dieſe Mittel die peinliche Frage, oder auch die Tortur zu nennen. Und dem - nach iſt klar, daß man ſich der peinlichen Frage gebrauchen kan, wenn es die gemei - ne Wohlfahrt und Sicherheit unumgaͤng - lich erfordert ein Verbrechen zu ſtraffen und den Thaͤter herauszubringen kein an - deres Mittel vorhanden iſt, jedoch bereits ſehr groſſer Verdacht wieder ihn vorhan - den. Jch will es durch Exempel erlaͤutern. Wenn auf der Straſſe viel Raub bisher waͤre veruͤbet worden und daher groſſe Un -ſi -316Cap. 3. Von der Einrichtungſicherheit fuͤr die Reiſenden entſtanden, man haͤtte aber einen eingezogen, der nir - gends angeſeſſen waͤre, noch erweiſen koͤn - te, daß er ſich an einem Orte redlich geneh - ret, man findete bey ihm viele von den ge - raubeten Sachen und koͤnnte er nicht an - zeigen, wie er dazu kommen waͤre, es waͤre ein ſtarcker und geſunder Kerle, der gar wohl etwas ausſtehen koͤnnte, lieſſe aber dabey, wie man ihn vernommen, eine groſſe Hartnaͤckigkeit, oder auch andere Merck - mahle der Boßheit ſpuͤren; ſo waͤre um Sicherheit auf der Straſſe zu ſchaffen hoͤchſt noͤthig, daß der Straſſen-Raub mit rechtem Ernſt geſtraffet wuͤrde (§. 357). Der Inquiſit haͤtte den groͤſten Verdacht wieder ſich, daß er einer von den Straſ - ſen-Raͤubern waͤre, man doͤrffte auch nicht beſorgen, daß er aus Furcht vor den Schmertzen unſchuldiger Weiſe bekennen wuͤrde, was er nicht begangen, und wegen ſeiner Hartnaͤckigkeit waͤre kein anderes Mittel uͤbrig hinter die Wahrheit zukom - men als die peinliche Frage. Derowegen waͤre nicht unrecht damit wieder ihn zu verfahren. Jch weiß wohl, daß einige die peinliche Frage uͤberhaupt verwerffen wollen, weil auch unſchuldige zur Bekaͤnt - nis deſſen koͤnnen gebracht werden, was ſie nicht veruͤbet. Allein wenn alle die vor - hin erzehlten Umſtaͤnde darbey in acht ge -nom -317des gemeinen Weſens. nommen werden, wird man nicht leicht damit fehl gehen, und bey denſelben, aber keinen andern, habe ich als ein Weltwei - ſer ihre Richtigkeit erwieſen.

§. 366.

Nun haben wir genungſamenNoth - wendig - keit der Religi - on. Grund die Nothwendigkeit der Religion im gemeinen Weſen zu behaupten. Jch ſetze voraus, daß die Religion in der Vereh - rung GOttes beſtehet und dannenhero ſo - wohl Erkaͤntnis von GOtt, als ohne wel - che wir ihn nicht ehren koͤnnen (§. 658. Mor.) als eine Einrichtung unſer Hand - lungen nach ſeinem Willen, das iſt, eine wahre Gottſeeligkeit (§. 670. 671. Mor.) erfordert. Ein Menſch, der GOtt erken - net, iſt vergewiſſert, daß er das boͤſe ſtraf - fet und fuͤrchtet ſich vor ihm (§ 707. & ſeqq, Mor.). Wenn er demnach weiß, daß etwas ſeinem Willen zuwieder iſt und er es beſtraffe, wenn man es thut oder auch unterlaͤſſet, was er haben will; ſo wird er aus Furcht fuͤr GOtt unterlaſſen, was er ſonſt thun wuͤrde, und thun, was er ſonſt laſſen wuͤrde. Wer eine kindli - che Furcht fuͤr GOtt hat, der pfleget bey ſeinem Thun und Laſſen, wozu ſich eine Gelegenheit ereignet, zu fragen, ob es dem Willen GOttes gemaͤß ſey, oder nicht, in - dem er nicht eher mit Beruhigung ſeines Gemuͤthes etwas thun oder laſſen kan, biß er deſſen verſichert iſt (§. 698. Mor.). Unddem -318Cap. 3. Von der Einrichtungdemnach wird er abermahl auch im verborgenen das boͤſe unterlaſſen und das gute vollbringen. Da nun die buͤrgerli - che Verbindlichkeit dergleichen nicht zuwe - ge bringen kan (§. 356.), und doch dieſes das groͤſte Hindernis iſt, warum ſie frucht - loſe bleibet, weil man ſich einbildet, es wer - de das Verbrechen, ſo heimlich begangen worden, nicht kund werden, oder man werde mit leugnen koͤnnen durchkommen; ſo erhellet hieraus die Nothwendigkeit der Religion im gemeinen Weſen, woferne man daſelbſt Zucht und Gerechtigkeit will befoͤrdert wiſſen. Wir haben ferner gefunden, und wird ſich auch nach dieſem noch mit mehrerem zeigen, daß der Eyd ein Mittel iſt hinter die Wahrheit in Gerichten zu kommen (§. 365). Ein Eyd aber noͤthiget den Menſchen zu ſagen, was er ſonſt verſchweigen wuͤrde, weil er ſich fuͤr GOttes Straffe fuͤrchtet (§. 997. Mor.). Gleichergeſtalt haben wir gefun - den, daß der Eyd ein Mittel iſt Sicherheit in einigen Faͤllen zu ſchaffen (§. 364). Er kan aber dergleichen Mittel nicht ſeyn, als wenn man ſich mit Ernſt fuͤr der goͤtt - lichen Straffe fuͤrchtet (§. 997. Mor.). Ge - wiß um des Eydes willen haͤlt man es auch einem Zeugen nicht vor uͤbel, wenn er die Wahrheit ausſaget, indem ihn jedermann dadurch gezwungen zu ſeyn erachtet undda -319des gemeinen Weſens. daher erkennet, daß ihm keine Schuld zu geben ſey, daß er hat ſagen muͤſſen, was uns nachtheilich iſt. Da im Gegentheile ohne den Eyd nicht allein die Zeugen aus anderen Abſichten mit der Wahrheit wuͤr - den zuruͤcke halten; ſondern auch Feind - ſchafft derer erlangen, wieder die ſie Zeug - nis abgeleget, und um ihres Haſſes willen (§. 778. Mor.) ſich der Rache zu befuͤrchten haben (§. 883. Mor.). Ja durch den Eyd werden auch von falſchen Zeugniſſen die - jenigen abgehalten, die bald zu Liebe, bald zu Leide, nachdem ſich allerhand Abſichten ereignen, Unwahrheit zeugen wuͤrden. Und demnach iſte abermahl klar, daß die Reli - gion, ohne welche der Eyd nicht beſtehen kan, im gemeinen Weſen hoͤchſt noͤthig ſey.

§. 367.

Es erhellet aber hieraus zu -Wie mit Ernſt da - ruͤber zu halteu. gleich, wie groſſe Vorſorge im gemeinen Weſen man zu tragen hat, daß alle und jede, die als Mittglieder darinnen leben, von der Religion genungſamen Unterricht haben. Dergleichen Unterricht aber wird theils den Kindern von ihren Eltern und Lehrern in Schulen, theils erwachſenen von den oͤffentlichen Lehrern in Kirchen mitgetheilet. Und ſiehet man daher die Nothwendigkeit Kirchen und Schulen mit tuͤchtigen Lehrern zu beſtellen, auch da - hin zu ſehen, daß es allen und jeden mit derRe -320Cap. 3. Von der EinrichtungReligion ein rechter Ernſt ſey, folgends al - len Hindernuͤſſen mit Eiffer zu ſteuren, wodurch die Religion in Verachtnng kommen kan. Und demnach iſt es nicht un - recht, wenn man die Veraͤchter der Re - ligion beſtraffet (§. 357); auch muß man deswegen uͤber das Anſehen der oͤffentli - chen Lehrer und uͤber die Feyer der Feſtage halten, damit jederman begreiffe, es ſey ein Ernſt mit der Religion (§. 318. 320). Damit nun aber die oͤffentliche Lehrer in gu - tem Anſehen bleiben, auch durch ſie die Re - ligion nicht in Verachtung kommet; ſo haben ſie ſich nicht allein fuͤr ihre Perſon guter Wiſſenſchafft und eines vernuͤnffti - gen u. gottſeeligen Wandels zu befleißigen, ſondern man hat auch ſelbſt nuͤtzliche Ver - ordnungen wegen ſtrenger Einrichtung ih - res Wandels zuveranſtalten und, daß da - ruͤber mit allem Fleiß gehalten werde, auf das eifrigſte zu ſorgen. Man weiß, daß die Exempel, ſonderlich bey gemeinen Leu - ten, die nur an ihren Sinnen, der Einbil - dungs-Krafft und Affecten hangen, den groͤſten Nachdruck haben (§. 167 Mor.). Derowegen wenn die Lehrer, welche die Re - ligion am beſten einſehen ſollen, und von de - nen es wenigſten der gemeine Mann glau - bet, durch ihr Exempel zeigen, daß es mit der Religion ein Ernſt iſt, ſo werden auch ſie dadurch zu dergleichen Ernſt aufgemun -tert.321des gemeinen Weſens. tert. Gleichergeſtalt traͤget vieles darzu bey, wenn vornehme und verſtaͤndige Leu - te zeigen, daß es ihnen mit der Religion ein rechter Ernſt ſey, weil der gemeine glaubet, daß ſie es am beſten verſtehen muͤſſen. Derowegen da ein jedes Mit - glied im gemeinen Weſen dazu verbunden iſt, was das gemeine Beſte befoͤrdert (§. 216); ſo erhellet auch hieraus die Ver - bindlichkeit vornehmer und gelehrter Leu - te alles zu thun, was die Hochachtung der Religion bey dem gemeinen Manne be - foͤrdern, und hingegen zu unterlaſſen, was derſelben nachtheilig ſeyn kan.

§. 368.

Weil ein Atheiſt laͤugnet, daßWarum Atheiſten nicht zu dulden / auch man nicht oh - ne Urſa - che je - manden der Athe - iſteaey verdaͤch - tig ma - chen ſol. ein Gott ſey; ſo haͤlt er auch die Reli - gion fuͤr nichts (§. 366). Da man nun aber uͤber der Religion mit allem Ernſte halten ſol (§. 367); ſo kan man auch die Atheiſten, die ſich bloß geben, im gemei - nen Weſen nicht dulden. Auch wenn durch groſſen Verdacht wieder einen wegen der Atheiſterey viele zu Verachtung der Religion Anlaß nehmen; hat man dar - auf zu ſehen, wie dieſer Verdacht geho - ben wird. Und deßwegen darf man nicht dulden, daß oͤffentliche Lehrer, welche die Religion in ihrem Werthe erhalten ſollen, auf Leute, welche wegen ihres Verſtandes in Anſehen ſind, den Verdacht der Athe - iſterey bringen, weil ſie dadurch eben ſo(Politick) Xviel322Cap. 3. Von der Einrichtungviel Unheil anrichten als durch die Athei - ſterey ſelbſt. Denn weil man nach die - ſem glaubet, Leute von Verſtande koͤnten die Wahrheit am beſten einſehen, hinge - gen aber, wo man ſie einmahl in Ver - dacht gebracht, man nach dieſem ſich be - redet, als wenn ſie bloß in Abſicht auf das gemeine Weſen, darinnen ſie leben, anders mit dem Munde vorgeben, als ſie innerlich uͤberfuͤhret ſind; ſo werden auch faͤlſchlich diejenigen, welche gerne wolten, daß kein Gott waͤre, damit ſie ſicher nach ihren Luͤſten und Begierden leben koͤnten, durch ihre Autoritaͤt wo nicht zur voͤlligen Atheiſterey, doch zum Zweiffel an Gott und ſeinen Vollkommenheiten und zur Kaltſinnigkeit in der Religion verleitet werden. Man hat demnach ſo wohl die - jenigen zu beſtraffen, welche wegen ihres Verſtandes beruͤhmte Maͤnner in Ver - dacht der Atheiſterey bringen; als die, welche die Atheiſtiſche Lehren unter die Leu - te bringen, und mit Atheiſtiſchen Reden andere aͤrgern. Wer bedencket, wie viel an der Religion im gemeinen Weſen gele - gen iſt (§. 366) und wie mit groſſem Ernſt man daruͤber zu halten (§. 367); der wird vielmehr begreiffen, daß man Urſache hat wegen ihrer Scharffſinnigkeit und Gruͤnd - lichkeit fuͤr andern beruͤhmte Maͤnner von dem Verdachte der Atheiſterey mit demgroͤ -323des gemeinen Weſens. groͤſten Cifer zu befreyen, wenn man ihn auf ſie bringen wil, oder auch ſich einige Anzeigungen hervor thaͤten, die bedencklich ſchienen, als daß man ſie mit Macht wie - der ihren Willen darein bringen wil.

§. 369.

Jch weiß wohl, daß einige A -Einwurf wird be - antwor - tet. theiſterey nicht fuͤr ſo ſchaͤdlich im gemei - neu Weſen halten, als man insgemein vermeinet, abſonderlich da man gantze Voͤlcker findet, die keinen GOtt glauben und bey denen es doch nicht ſchlimmer her - gehet als unter uns Chriſten. Ja man wird vielleicht mir auch dasjenige vorhal - ten, was ich ſelbſt annerswo von den A - theiſten erwieſen, nemlich daß niemanden die Atheiſterey zum boͤſen Leben bringet, ſondern nur ſeine Unwiſſenheit und ſein Jrrthum von dem Guten und Boͤſen, aus welcher Qvelle auch ſelbſt unter den Chri - ſten ein unordentliches Leben zu entſtehen pfleget (§. 21 Mor.). Ja ich habe (§. 22 Mor.) erwieſen, daß bloß der Mißbrauch der Atheiſterey zu einem boͤſen Leben ver - leitet, keines weges aber ſie vor ſich dazu fuͤhre. Allein es iſt gar leicht auf dieſen Einwurf zu antworten. Ein Atheiſt bil - det ſich nicht ein, er moͤge leben wie er wolle, noch begehet alle Schandthaten und Laſter, wenn er nur von buͤrgerlichen Straffen frey iſt, woferne er vernuͤnfftig iſt: beydes aber geſchiehet, wo er unver -X 2ſtaͤn -324Cap. 3. Von der Einrichtungſtaͤndig iſt, und die Beſchaffenheit der frey - en Handlungen nicht recht einſiehet (§. 21). Es ſind aber im gemeinen Weſen die we - nigſten Menſchen vernuͤnfftig, die meiſten ſind unverſtaͤndig und ſehen die Beſchaf - fenheit der freyen Handlungen nicht recht ein. Und alſo wuͤrden die meiſten bey der Atheiſterey ein uͤbeles Leben fuͤhren. Nun iſt zwar wahr, daß ſie die Atheiſterey ei - gentlich nicht dazu bringet (§. 21): allein da die Furcht GOttes, welche durch die Religion beſtehet (§. 366), es mag eine kindliche oder knechtiſche ſeyn, gleichwohl den Menſchen verbindet, das Gute zu thun und das Boͤſe zu laſſen, was er we - gen ſeiner Unwiſſenheit und aus Mangel der Einſicht in die Beſchaffenheit der frey - en Handlungen nicht thun, noch laſ - ſen wuͤrde (§. 698. 705 Mor.); ſo hebet man doch durch die Atheiſterey die Ver - bindlichkeit auf, welche bey den meiſten den groͤſten Nachdruck hat. Und ſolcher - geſtalt kan man Atheiſten, weil ſie gefaͤhr - liche Verfuͤhrer ſind, im gemeinen We - ſen nicht dulden, wenn ſie entweder wuͤrck - lich ihre Atheiſtlſche Lehren kund machen, oder doch um ihres Anſehens willen Aer - gerniß und Anlaß zur Verachtung der Religion geben. Es iſt aber hierbey noch gar wohl dieſes zu behalten. Weil ein jeder, der im gemeinen Weſen lebet, inſei -325des gemeinen Weſens. ſeinen Handlungen nicht allein auf ſich, ſondern auch andere mit zu ſehen hat, die neben ihm ſich darinnen befinden (§. 216), ſo iſt es nicht genug, daß ein Atheiſt fuͤr ſeine Perſon wohl lebet, und in ſeinem Wandel niemanden einen Anſtoß oder Aergerniß giebet; ſondern es wird auch dazu erfordert, daß er nicht ohne Noth anderen zu einem boͤſen Leben Anlaß gie - bet: welches geſchehen wuͤrde, wenn an - dere die Atheiſterey von ihm annaͤhmen, und dadurch die Verbindlichkeit, die aus der Religion erwaͤchſet, in ihnen tilgeten. Und demnach bleibet abermahl feſte ſtehen, daß es vernuͤfftig ſey einen Atheiſten, der ſich bloß giebet, oder wenigſtens groſſen Verdacht wieder ſich erreget, im gemei - nen Weſen nicht zu dulden, woferne er nicht aͤndert, wodurch er dieſen Verdacht wieder ſich gemacht (§. 215). Darnach iſt auch zu mercken, daß man die Athei - ſterey wegen des Eydes im gemeinen We - ſen nicht dulden kan. Denn ob es zwar an dem iſt, daß in ſolchen Faͤllen, wo man fuͤr ſeine Perſon ein groſſes Intereſſe da - bey ſiehet, viele ihnen kein Gewiſſen ma - chen, einen falſchen Eyd zu thun: ſo kan doch ſolches weder von allen Perſonen, noch von allen Faͤllen geſaget werden. Es bleiben noch viele Faͤlle uͤbrig, da man lie - ber die Wahrheit ausſagen wird, als ei -X 3nen326Cap. 3. Von der Einrichtungnen falſchen Eyd thun (§. 366.). Und daß viele auch in den erwehnten Faͤllen ſich zu einem falſchen Eyde bequemen, kommt groͤſten Theils aus Mangel der Religion her. Waͤren ſie in der Furcht Gottes und der da zu noͤthigen Erkaͤntniß (§. 770. Mor.) feſte genug geſetzet; ſo wuͤrden ſie ſich nimmermehr zu einem falſchen Eyde ent - ſchluͤſſen. Hingegen iſt klar, daß, wenn Leute durch Atheiſtiſche Gemuͤther auch nur zweiffelhafft in der Religion gemacht werden, ſie uͤber einem falſchen Eyde ſich kein Gewiſſen machen werden. Denn ihr Intereſſe, es mag ſo klein ſeyn als es wil, iſt ihnen gewis: die goͤttliche Straffe ſe - hen ſie als was ungewiſſes an. Dero - wegen behaͤlt jenes die Oberhand (§. 169. Mor.). Wir haben aber zur Gnuͤge ge - ſehen, und wird unten noch weiter erhel - len, daß man den Eyd im gemeinen We - ſen hoͤchſtnoͤthig habe. Was endlich die Voͤlcker betrifft, die Atheiſten ſeyn ſollen, und doch deswegen nicht ſchlimmer leben, als es unter uns Chriſten hergehet; ſo weiß ich wohl, daß viele ſolches leugnen und vielmehr vorgeben, es ſey kein Volck unter der Sonnen, welches nicht einen Gott glaͤube, und als einen Raͤcher des boͤſen fuͤrchte. Allein wir wollen fuͤr die - ſes mahl dieſe Unterſuchung an ſeinen Ort geſtellet ſeyn laſſen, weil wir ſie zu Ent -ſchei -327des gemeinen Weſens. ſcheidung der gegenwaͤrtigen Frage nicht noͤthig haben. Wir wollen beydes ein - raͤumen, nemlich daß es Voͤlcker giebet, die gar keinen Gott glaͤuben, und daß es doch bey ihnen nicht ſchlimmer, ja in vie - len Stuͤcken beſſer, als unter uns Chriſten hergehet. Allein es iſt zu mercken, daß ſolches Leute ſeyn werden, die noch eine gar ſchlechte Lebens-Art haben, bey der ſie wenig gebrauchen, und da ein jeder den andern bald wieder noͤthig hat. Und dem - nach unterlaſſen ſie das boͤſe, und ſind nicht ſo einer auf des andern ſeinen Scha - den, wie wohl leider! bey uns zu geſche - hen pfleget, theils weil ſie es nicht verſte - hen, theils weil ſie keine Gelegenheit dazu haben, theils weil ſie die Furcht zuruͤcke haͤlt, es moͤchten es ihnen andere wieder ſo machen, wie ſie es ihnen gemacht. Ein Exempel geben die Hottentotten, von denen viele ſagen, daß ſie keinen GOtt glaͤuben, und doch vielen Tugenden erge - ben ſind. Denn ſie haben gar ein ſchlech - tes Eigenthum, wohnen nicht in groſſer Menge bey einander, brauchen wenig zur Bequemlichkeit ihres Lebens. Was nun bey ſolchen Voͤlckern angehet, kan keines weges bey andern, als unter uns, ſtatt finden. Da - her wir auch leider erfahren, daß, wenn Leute, die aus der Religion nicht viel ma - chen, Macht und Gewalt bekommen,X 4ſehr328Cap. 3. Von der Einrichtungſehr groſſes Unheil im gemeinen Weſen daraus erfolget.

Warum Tod - ſchlag und Selbſt - Mord zu beſtrafen