Dem Allerdurchlauchtigſten, Groß - maͤchtigſten und unuͤber - windlichſten Monarchen und Herrn, HERRN PETRO Dem Groſſen Kaͤyſeꝛn und aller Ruſſen Selbſt-Erhaltern &c. &c. &c. Meinem allergnaͤdigſten Kaͤyſer und Herrn. Allerdurchlauchtigſter, Groß - maͤchtigſter und unuͤbeꝛwind - lichſter Kaͤyſer, Allergnaͤdigſter Herr.
EUre Kaͤyſerl. Ma - jeſtaͤt haben durch Weißheit und Machtdasdas Rußiſche Reich erwei - tert, zu einer hoͤheren Wuͤr - de erhoben und in einen erſtaunenswuͤrdigen Flor gebracht, daß die Nach - welt ſchweer wird glau - ben koͤnnen, wie ein eini - ger Monarche in ſo kur - tzer Zeit zubewerckſtelli - gen vermocht, wozu viel groſſer Helden Tapfferkeit und vieler kluger Regen - ten Weißheit und Ver - ſtand kaum zureichen ſollte. Von allen dieſen groſſen Thaten weiß die gantze Welt zu ſagen und iſt erſt neulich an allen): (2Or -Orten erſchollen, wie ſehr Euer Kaͤyſerl. Majeſtaͤt die Voͤlcker wegen ihrer Macht fuͤrch - ten, wegen ihrer Weisheit und Gerechtigkeit lieben und veneriren. Wem iſt nicht bekandt, wie die Jnnwohner zu Derbent ſich gefreuet, daß ſie unter eines ſo weiſen und gerech - ten Monarchens Schutz ihre Gluͤckſeeligkeit finden ſollten? Wie hurtig kam der Commendant Euer Kaͤyſerlichen Maje - ſtaͤt entgegen, als Sieſichſich der Stadt naͤherten, und uͤbergab in Gegen - wart ihrer Jnfanterie und Geiſtlichkeit und einer groſſen Menge Volckes ei - nen ſilbernen Schluͤſſel von der Stadt, die frey - willig von den Jnwohnern eroͤffnet ward? Wie un - gemein war die Freude uͤ - ber die Ankunfft eines ſo unvergleichlichen Heldens und Monarchens, als bey Euer Kaͤyſerlichen Majeſtaͤt hohen An - kunfft die Stuͤcke von den Waͤllen dreymahl geloͤſet worden? Dieſes iſt ein): (3Exem -Exempel ohne Exempel, welches unter den ſpaͤten Nachkommen bewundern wird, der Euer Kaͤy - ſerlichen Majeſtaͤt groſſe Helden - Thaten in den Tage - Buͤchern der Helden leſen wird. A - LEXANDER der Groſſe, einer der beruͤhmteſten Helden der vorigen Zeiten, hat dieſe Stadt erbauet. Was iſt es Wunder, daß die Liebe zu groſſen Helden in ihr ſo tieff eingewur - tzelt? Und was iſt es Wunder, daß ſie ſich bey dem erſten AnblickeEuerEuer Kaͤyſerlichen Majeſtaͤt ſogleich geaͤuſ - ſert, da ſie mehr als A - LEXANDER den Groſſen vor ſich ſahen. Dieſer tapffere Held war nicht allein erfahren im Streit und gluͤcklich im Siege; ſondern zugleich ein maͤch - tiger Befoͤrderer der Wiſ - ſenſchafften, als der den groͤſten Philoſophum ſeineꝛ Zeiten ARISTOTE - LEM beſtaͤndig umb ſich hatte und unter ſeinen Regiments - und Kriegs - Sorgen ſich mit der Er - kaͤntnis der Natur ergoͤtz -te.te. Es weiß die gantze Welt und bewundert es, daß Euer Kaͤyſerli - che Majeſtaͤt dem groſſen ALEXANDER in beyden Stuͤcken gleich ja beſonderer Umſtaͤn - de halber, die maͤnniglich vor Augen liegen, noch weit uͤberlegen ſind. Sie erkennen inſonderheit, daß einem Lande nicht anders aufgeholffen werden kan, als wenn man zugleich gruͤndliche Wiſſenſchaff - ten, inſonderheit die ma - thematiſchen und phyſica - liſchen, in Aufnahme brin -get.get. Und wie koͤnnte es ſeyn, daß Sie es nicht er - kennen ſollten, da Dero hocherleuchteter Verſtand ſo gar ſelbſt in dieſe Wiſſenſchafften eine ſo groſſe Einſicht hat, daß Sie der Koͤniglichen Aca - demie der Wiſſenſchafften zu Paris, welche die gantze Welt fuͤr die beſte Kenne - rin haͤlt, mit Dero hohen Perſon als ein Mitglied einen ſolchen Glantz beyle - gen, der ihr in ewigen Zei - ten nicht verloͤſchen wird. Vor dieſem ſagte ein klu - ger Kopff unter den Grie - chen: alsdenn wuͤrde es): (5inin einem Lande erſt wohl zugehen, wenn entweder die Koͤnige philoſophirten, oder die Philoſophi herr - ſcheten. Nun darf man dieſes zu beſtetigen nicht mehr aus den alten Jahr - Buͤchern der Sineſer Exempel herhohlen, bey denen fuͤr uhralten Zeiten die Kaͤyſer und Koͤnige zugleich die groͤſten Philo - ſophi, das iſt, diejenigen waren, bey denen man die meiſte Erkaͤntnis antraff: denn wir doͤrffen nur nach Rußland gehen, ſo wer - den wir einen Monarchenſehen,ſehen, der ſo viel groſſe Thaten in wenigen Jah - ren vollbracht, als ſonſt viele Regenten in etliche hundert Jahren kaum be - werckſtelligen, und doch dabey den Kuͤnſten und Wiſſenſchafften ſo erge - ben iſt, daß er nichts ſiehet, daran er nicht ſelbſt Hand anleget und davon er nicht den rechten Grund begreiffen will, damit er ſelbſt nach ſei - nem hocheꝛleuchteten Ver - ſtande beurtheilen kan, welche Kuͤnſte und Wiſ - ſenſchafften einem Landevor -vortraͤglich ſind, und wel - ches die falſch beruͤhmte Gelehrſamkeit ſey, da - durch der Flor des Lan - des geſtoͤhret wird. Weil nun aber Euer Kaͤy - ſerliche Majeſtaͤt, die mehr als andere erfah - ren, was zur Verbeſſe - rung und Aufnahme ei - nes Staates am nuͤtzlich - ſten und noͤthigſten iſt, ſelbſt hocherleuchtet ein - ſehen, daß man die Ma - thematick und Phyſick auf eine ſolche Weiſe excoli - ren muͤſſe, wie ſie zurWohl -Wohlfart eines Landes foͤrderlich, woferne man alles darinnen in einen gu - ten Stand ſetzen wolle: ſo haben auch dieſelben die allergnaͤdigſte Intenti - on fuͤr Dero allergetreue - ſte Unterthanen, daß Sie ihnen zum beſten alle gruͤndliche Wiſſenſchaff - ten, inſonderheit aber die Mathematick und Phy - ſick, in mehrere Aufnah - me bringen, als ſie in an - dern Laͤndern hat, damit man mit ehiſten ſagen kan: Daß Verſtand und Wiſſenſchafft in einemſehrſehr reichen Maaß in Ruß - land anzutreffen ſey. Und ich laſſe mich beduͤncken, ich finde gewiſſe Spuren da - von in der Goͤttlichen Providentz, wenn ich be - dencke, wie die Wiſſen - ſchafften aus einem Lande in das andere fortgezogen, und ſehe ſchon vorher, daß der Wunſch Euer Kaͤy - ſerl. Majeſtaͤt mit ehiſtem werde erfuͤllet werden. Euer Kaͤy - ſerliche Majeſtaͤt ſu - chen eine Perſon, denen Sie die Bewerckſtelligungeineseines ſo glorwuͤrdigen Un - ternehmens anvertrauen koͤnnen und haben das al - lergnaͤdigſte Vertrauen, daß es durch mich am fuͤg - lichſten geſchehen koͤnne. Jch erkenne ſolche hohe Kaͤyſerliche Gnade mit dem allerunterthaͤnigſten Danck, und damit ich Ge - legenheit haͤtte, dieſelbe oͤf - fentlich zu preiſen, ſo lege mit aller unterthaͤnigſter Devotion zu den Fuͤſſen Euer Kaͤyſerlichen Majeſtaͤt dieſe meine Schrifft nieder, darinnen ich die Wuͤrckungen derNa -Natur erklaͤret und dieje - nigen Lehren feſt geſtellet, daraus man verſtehet und erklaͤren kan, was in der Natur geſchiehet. Jch zweiffele nicht im gering - ſten Euer Kaͤyſ. Maj. werden dieſe meine Arbeit mit gnaͤdigen Augen anſe - hen und verbleibe
Allerdurchlauchtigſter, Großmaͤch - tigſter und unuͤberwindlichſter Kaͤyſer Euer Kaͤyſerl. Maj. allerunterthaͤnigſter Knecht Chriſtian Wolff.
DJe Erkaͤntnis der Natur be - foͤrdert auf vielfaͤltige Wei - ſe die Gluͤckſeeligkeit des menſchlichen Geſchlechtes, und es waͤre zu wuͤnſchen, daß der Eiffer, damit man es in der letz - ten Helffte des verwichenen Jahrhun - dertes anfieng, in einem fortgedauret haͤtte, ſo wuͤrde man ſchon weiter kom - men ſeyn als bisher geſchehen. Es darf ſich niemand wundern, warumb die Er - kaͤntnis der Natur zu der Gluͤckſeeligkeit der Menſchen ſo ein groſſes beytraͤgt:): (2dennVorrede. denn ſie gewaͤhret dem Gemuͤthe ein be - ſtaͤndiges Vergnuͤgen, dem kein anderes auf der Welt gleich zuachten, und ſetzet uns in den Stand, da wir Herr werden uͤber die Creatur und ſie zu unſerem Nu - tzen brauchen koͤnnen. Wer meine vor - hergehende Lehren abſonderlich in den Gedancken von GOtt, der Welt und der Seele des Menſchen, geleſen und verſtanden hat, wird mir hierinnen gar gerne beypflichten. Wer in der Er - kaͤntnis der Natur ſo gluͤcklich iſt, daß er die Wahrheit findet, derſelbe ſiehet auf das deutlichſte ein, wie in der Na - tur immer eines um des andern willen iſt und die darinnen befindliche Coͤrper dergeſtalt beſchaffen ſind, daß diejenigen Wuͤrckungen, dazu ſie durch ihr Weſen aufgelegt erfunden werden, von ihnen auf die beſte Weiſe erfolgen koͤnnen. Und hierinnen erblicket man nicht allein die Vollkommenheit, welche GOtt in die natuͤrlichen Dinge geleget, damit ſie ein Spiegel ſeiner Vollkommenheit ſeyn moͤchten; ſondern man ſchmeckt auch zugleich den Verſtand, die Weisheit,MachtVorerde. Macht und Guͤte GOttes, indem, was in ſeinem unſichtbahren Weſen verbor - gen lieget, aus den Wercken der Natur erkandt wird. Wie ſollte aber dieſes al - les ohne Vergnuͤgen abgehen? Ein Verſtaͤndiger ſiehet vielmehr, daß die Freude umb ſoviel inniger ſey, je deut - licher man die Beſchaffenheit der Din - ge einſiehet. Und wie ſollte dieſes Ver - gnuͤgen nicht beſtaͤndig ſeyn, da die Wahrheit, daraus es entſpringet, un - veraͤnderlich iſt? Jch weiß wohl, es wird einem und dem andern hierbey ein Zweiffel entſtehen. Man wird mei - nen, die Erkaͤntniß der Natur baͤhne einem den Weg zu vielem Verdruſſe, wenigſtens wenn man in den Umbſtaͤn - den iſt, daß man ſie nicht vor ſich be - halten kan, ſondern andern mittheilen muß. Es beſtetige ſolches das Exem - pel aller Weltweiſen, die jemahls ge - lebet, denen man umb ſo viel gewalti - ger wiederſprochen, jemehr die Wahr - heit in die Augen geleuchtet. Man doͤrffe nur bloß das Leben der al - ten Weltweiſen bey den Griechen): (3durch -Vorrede. durchgehen, wie es der beruͤhmte En - gellaͤnder Thomas Stanley aus den Al - ten zuſammen getragen; ſo wuͤrde man deſſen zur Gnuͤge uͤberzeuget wer - den. Unerachtet auch in unſeren Ta - gen die Freyheit zu philoſophiren ein - gefuͤhret ſey; ſo waͤren doch deswegen, abſonderlich bey uns Deutſchen, aller - hand Arten der Leute vorhanden, die nur bloß darauf bedacht waͤren, wie ſie diejenigen kraͤncken moͤchten, deren Lehren fuͤr andern in den Gemuͤthern der Verſtaͤndigſten durchdringten. Es waͤre nicht gnung, daß man die Vorſich - tigkeit brauchte niemanden in ſeinen Schrifften zu beleidigen: denn das waͤ - re oͤffters die groͤſte Beleidigung, daß man niemanden beleidigen wollte, weil dadurch wiedriggeſinnete deſto mehr er - bittert wuͤrden, woferne ihre Heuche - ley es nicht zulaſſen wollte ſich an einen offenbahr unſchuldiger Weiſe zurei - ben. Man traͤffe hochmuͤthige Leute an, die davor angeſehen ſeyn wollten, ſie waͤren dazu geſetzt, daß ſie den Erd - boden richten ſollten, und dieſer WahnſeyVorrede. ſey bey ihnen umb ſoviel tieffer einge - wurtzelt, je unwiſſender ſie waͤren. Bey dieſen waͤre das groͤſte Verbre - chen, wenn jemand etwas vorbraͤchte, was bey vielen, abſonderlich aber bey Verſtaͤndigen, Beyfall findete, indem ſie immer in Furchten ſtuͤnden, es moͤch - te ihr Anſehen fallen, woferne man es dahin kommen lieſſe, daß den Leuten die Augen auffgethan wuͤrden. Es findeten ſich uͤber dieſes zanckſuͤchtige Leute, denen verzehrete der Neid alle Farbe und ihr gantzer Safft vertrock - nete fuͤr Wiederwillen, daß ſie nicht ge - nung zu zancken haͤtten. Dieſe legten ſich auf harte Verleumdungen, damit ſie eine Gelegenheit zu zancken von dem Zaune brechen und dabey ihre Zanck - ſucht zubeſcheinigen einige Urſache fin - den moͤchten. Es waͤren eigenſinnige Leute, die vermeinten ihre Meinungen waͤren privilegiret und ſie haͤtten ein Recht alle Wahren zuverbieten, die ſie in ihrem Krame nicht fuͤhreten. Es waͤren Bettler an Verſtande, die ihren duͤrfftigen Zuſtand erkennten, daß ſie): (4nie -Vorrede. niemanden nichts geben koͤnnten. Die - ſe legten ſich darauf, wie ſie andern ih - re Worte verkehreten und waͤren ver - wegen in den Tag hinein zu ſchwatzen, was keinen Verſtand haͤtte, damit ſie Albere bereden koͤnnten, es wuͤſten andere eben ſo wenig wie ſie. Es waͤren Leute, die bey andern ſtinckend worden waͤren, und denen thaͤt es wehe, wenn ſie hoͤren ſollten, wie weit und hoch eines andern Ruhm erſchollen. Die ſinnten Tag und Nacht darauf, wie ſie andern einen Schandfleck anhaͤn - gen moͤchten, damit ſie dadurch in ihrer Schmach ein Labſaal findeten. Es habe auch bey uns muthwillige Jugend, die ſich eine Freude machte Leuten von Anſe - hen und Meriten grob zubegegnen, weil diejenigen, welchen die Cenſur der Buͤcher anvertrauet iſt, dieſe moraliſche Lehre be - haupten, daß es nicht guten Sitten zu - wiederlauffe, ja einige es wohl gar fuͤr eine heroiſche Tugend halten, wenn es bey einer Gelegenheit geſchiehet, dabey ſie etwas zugewinnen vermeinen. Jch kan nicht leugnen, daß ich in dieſem Ein -wurffeVorrede. wurffe, der mir vielfaͤltig gemacht wor - den, wenig auszuſetzen finde: allein ob ich gleich alles einraͤume, was jetzund geſaget worden, ſo kan doch dadurch nicht das Vergnuͤgen, welches aus Er - kaͤntnis der Wahrheit und inſonderheit derjenigen erwaͤchſt, die man in na - tuͤrlichen Dingen erblicket, geſtoͤhret werden. Dieſes kan nur Misvergnuͤ - gen bey denen bringen, die dergleichen Leuten zugefallen trachten. Hingegen wer bloß bey verſtaͤndigen und tugend - hafften einen Ruhm ſuchet und hinge - gegen ſichs fuͤr eine Schande haͤlt von denen gelobet zu werden, deren Lob ein ſo groͤſſerer Schandfleck iſt, je groͤſſer es in den Ohren der einfaͤltigen klinget; dem iſt es eine Freude, wenn er ſiehet, daß er ihnen nicht angenehm iſt. Jch meines Ortes habe ſo viel Verſicherung von guter Zuneigung derer gegen mich, die Verſtand und Tugend hoch erha - ben, daß ich mich um das Urtheil ande - rer wenig bekuͤmmere. Und da ich bis - her gefunden, daß noch alles, was aus meiner Feder gefloſſen, bey denen Bey -): (5fallVorrede. fall gefunden, die nicht einen Rang un - ter den unartigen Geſchlechtern praͤten - diren, die ich kurtz vorher beſchrieben: ſo habe ich mich auch nichts abhalten laſſen in der angefangenen Arbeit fortzu - fahren, und kan andere durch mein Exempel verſichern, was ich aus der Erkaͤntnis der Natur fuͤr ein ſuͤſſes Vergnuͤgen ſchoͤpffe. Wenn man in der Erkaͤntnis der Natur die Wahrheit findet, ſo lernet man auch den Nutzen er - kennen, den die natuͤrlichen Dinge im menſchlichen Leben haben koͤnnen. Da - durch aber faͤllet gar viel Verdruß weg, den man ſonſt hat, wenn man im Leben alles bequemer findet: ja es entſtehet daraus auch ſelbſt ein vieles Vergnuͤgen, wenn man die Natur brauchen kan zu ſeinem beſten. Jch habe bisher in drey verſchiedenen Theilen allerhand nuͤtz - liche Verſuche ausfuͤhrlich beſchrie - ben, damit man nicht allein an deren Richtigkeit zu zweiffeln keine Urſache fin - den moͤchte, ſondern auch bey Gelegen - heit ſie nutzen koͤnte. Wer dieſe Abſich - ten verſtehet (es verſtehen ſie aber dieje -ni -Vorrede. nigen, welche aus den Verſuchen Gruͤn - de herleiten, die ihnen in Erklaͤrung der natuͤrlichen Begebenheiten dienlich ſind), der wird ſich uͤber keine Weitlaͤuf - tigkeit beſchweeren. Die Mathematici haben viele Wahrheiten erwieſen, die in Erklaͤrung der Natur einen gar groſſen Nutzen haben. Damit nun diejenigen, deren Werck es nicht iſt die Mathema - tick zu lernen, auch dieſelben verſtehen lerneten und uͤberhaupt alle inne wuͤr - den, daß ſie mit der Erfahrung uͤberein - ſtimmen, und als ſichere Gruͤnde in Er - klaͤrung der Natur ſich gebrauchen laſ - ſen; ſo habe ich auch, eben wie von an - dern zugeſchehen pfleget, dergleichen nuͤtzliche Saͤtze durch tuͤchtige Verſuche beſtetiget. Jch habe ſchon anderswo erinnert, daß Verſuche auch als Proben anzuſehen ſind, dadurch man die erwie - ſene Wahrheiten mehrerer Gewisheit halber examiniret. Die daſelbſt beſte - tigten Gruͤnde habe ich uͤberall gebraucht in gegenwaͤrtigem Wercke, wie man aus den citationibus erſehen kan, und habe ich uͤberhaupt alles, was ich behauptet,aufVorrede. auf die Erfahrung erbauet. Jch hal - te auch dieſes fuͤr den ſicherſten Weg, daß man weiter nichts annimmet als einen Grund, daraus man andere Dinge erklaͤret, auſſer was durch die Erfahrung beſtetiget wird. Und ſchei - net es mir noch viel zu zeitig zu ſeyn, daß man, wie z. E. CARTESIUS ge - than, gewiſſe allgemeine Gruͤnde, als Clemente der Dinge ſetzet, daraus man alles durch den bloſſen Verſtand her - leiten will, was in der Natur moͤglich iſt. Wo man einmahl dieſen Schluß gefaſſet, da haͤnget man ſeinen Gedan - cken nach und faͤnget an zu dichten, wenn es die Umſtaͤnde noch nicht leiden, daß man hinter die Wahrheit kommen kan. Gleichwie ich aber in keiner Sache niemanden etwas aufzudrin - gen ſuche, ſondern einem jeden uͤberlaſ - ſe, wie weit ihn die von mir ange - fuͤhrten Gruͤnde zum Beyfalle bewe - gen; ſo wird man auch hier ein gleiches finden. Jch meines Ortes ſuche nichts durch Zwang; ſondern liebe, was freywillig kommet, halte es aber alle -zeitVorrede. zeit fuͤr ein uͤbeles Zeichen, wo man alles durch Zwang ſuchen muß. Wer bloß mit Zwang durchdringen will, der muß ſchlechtes Vertrauen zu ſei - ner Wahre haben. Darunter aber rechne ich auch die Anfaͤnger unter den Marckt - Schreyern, die umb ihrem Wurm-Saamen einen Credit zu ma - chen die erfahrenſten Aertzte herunter machen. Jch habe dieſen Weg alle - zeit fuͤr unanſtaͤndig gehalten, und wuͤrde ich es als einen unausloͤſchli - chen Schand - Flecken anſehen, wenn ich mich in meiner Jugend hierinnen uͤbereilet haͤtte. Gleichwie ich aber in gegenwaͤrtigem Wercke bloß gezei - get habe, wie die Veraͤnderungen in der Natur aus einander erfolgen und ihre naͤchſte Urſachen, die ſie haben, unterſuchet: alſo habe ich mir nun auch vorgenommen noch in einem beſonde - ren Theile die Abſichten der natuͤrli - chen Dinge zuerklaͤren, damit dadurch der Haupt-Nutzen von der Erkaͤntniß der Natur erhalten, nemlich GOT - TES verborgene Majeſtaͤt in denWer -Vorrede. Wercken der Natur als in einem Spie - gel erblicket wird. Nach dieſem will ich auch an die gedencken, die ferne von uns ſind, und ihnen ſowohl als de - nen in meinem Vaterlande mit weite - rem Unterrichte gedienet iſt, zugefallen eine ausfuͤhrlichere Abhandlung in Lateiniſcher Sprache gewehren.
WEnn wir nach dem We -Worin - nen das Weſen der Coͤr - per ins - gemein beſtehet. ſen der Coͤrper insge - mein fragen, ſo begehren wir zu wiſſen, auf was fuͤr Art und Weiſe der - ſelbe moͤglich iſt (§. 35. (Phyſick) AMet.) 2Cap. I. Von dem WeſenMet.). Da nun Coͤrper die zuſammen - geſetzte Dinge ſind, die wir in der Welt antreffen (§. 606. Met.) und demnach aus Theilen beſtehen (§. 59. Met.); ſo verſte - het man ihr Weſen, wenn man begreiffet, wie es moͤglich iſt, daß Theile in einer gewiſ - ſen Ordnung neben einander zugleich ſeyn und ein gantzes ausmachen koͤnnen (§. 24. Met.). Jch habe dieſes ſchon an einem andern Orte gezeiget (§. 603. Met.), nem - lich da ich gewieſen habe, wie zuſammen ge - ſetzte Dinge aus einfachen kommen koͤnnen. Und demnach iſt das Weſen der Coͤrper uͤ - berhaupt ſchon an einem andern Orte erklaͤ - ret worden.
Jch habe auch ſchon erwieſen (§. 606. Met.), daß ein jeder Coͤrper nothwen - dig einen Raum erfuͤllen muͤſſe; in die Laͤn - ge, Breite und Dicke ausgedehnet ſey; eine Figur habe; ſich zertheilen und bewegen laſſe; eine abgemeſſene Groͤſſe habe; von neuem entſtehen und auffhoͤren koͤnne; ohne Ver - aͤnderung ſeines Weſens Veraͤnderungen in der Groͤſſe und Figur leide, auch deſſen un - beſchadet innerliche Bewegungen habe (§. 606. Met.). Und demnach iſt nicht noͤthig, daß ich es hier von neuem ausfuͤhre, zu - mahl da es uns in gegenwaͤrtigem Orte ge - nung ſeyn koͤnnte, wenn wir dieſes alles nur als Sachen, die in der Erfahrung gegruͤndet ſind, annehmen wollten.
Jch habe auch ſchon anderswoWie ſub - tile die Materie ſich thei - len laͤſſet. gewieſen, daß die Materie wuͤrcklich von der Natur in gar ſubtile Theile getheilet wird (§. 84. 85 Met.). Unerachtet ich nun daraus nichts weiter wiederhohlen mag, als daß daſelbſt erwieſen worden, es koͤnnten in einem Raume, der nicht groͤſſer iſt als ein Gerſten-Korn, 27000000 Thiere ſeyn, deren jedes 24 Fuͤſſe hat, und hingegen in dem Raume des ſubtileſten Sand-Koͤrnleins 294207 vielfußige Thiere ſich befinden: ſo halte ich es doch nicht fuͤr undienlich, wenn ich zu deſſen mehrerer Beſtetigung noch ei - nes und das andere anfuͤhre. Es wuͤrde hierzu verſchiedenes dienlich ſeyn, was ich in dem 6 Capitel des 3 Theiles meiner Ver - ſuche von dem angefuͤhret, was die Ver - groͤſſerungsglaͤſer zeigen. Z. E. Hieher gehoͤ - ret, daß in einem Raͤumlein, ſo bloſſen Augen nicht groͤſſer, als das geringſte Lufft - Staͤublein geſchienen, 500 Eyer bey einan - der geweſen (§. 97. T. III. Exper.). Denn daß dieſes wuͤrcklich Eyer geweſen, die ich daſelbſt davor ausgegeben, lehret mich nun die Erfahrung, maſſen ich in dem Regen - Waſſer, welches ich noch in einem Glaſe aufbehalte, wahrnehme, wie neue Thiere von der Art, wie ich dort beſchrieben, her - aus kriechen. Allein ich mag auch dieſes nicht hier anfuͤhren, was ein jeder daſelbſt vor ſich nachleſen kan. Derowegen binA 2ich4Cap. I. Von dem Weſenich auf andere Gruͤnde bedacht, die in dieſem Stuͤcke vorhanden ſind. Es haben viele unterſucht, wie ſubtile ſich das Gold theilen laͤſſet. Robert Boyle(a)in Exerc. de mira ſubtilitate effluviorum c. 2. p. m. 4. fuͤhret an, daß ein einiger Gran Gold, wenn man ihn in Blaͤttlein breit ſchlaͤget, 50 Quadrat-Zolle erfuͤlle. Derowegen wenn man die Seite eines jeden Zolles in 200 Thei - le eintheilet, ſo bekommet ein jeder Zoll 40000 Theile, deren ein jeder ein Quadrat iſt, welches zu ſeiner Seite $$\frac {1}{2000}$$ eines Zolles hat (§. 147 Geom.), das iſt $$\frac {1}{20}$$ einer Linie. Ob nun zwar der zwantzigſte Theil einer Linie nicht groß iſt, ſo kan man ihn doch noch gar wohl mit bloſſen Augen unter - ſcheiden und durch das Vergroͤſſerungs - Glaß zeiget er noch gar viele Theile, daraus er beſtehet. Nun haͤlt aber das Goldblaͤtt - lein, welches aus einem einigen Grane geſchlagen wird, 50 ſolcher Quadrat-Zolle, davon ſich einer in 40000 Theile zertheilen laͤſſet, die man noch alle mit bloſſen Augen unterſcheiden kan. Und demnach haͤlt das gantze Goldblaͤttlein 2000000 kleine Qua - dratlein in ſich, folgends iſt klar, daß ein ei - niger Gran Gold ſich in zwey Millionen Theile zertheilen laͤſſet, davon einer noch mit bloſſen Augen zuerkennen iſt. Nun iſt ein Gran Gold uͤberaus was kleines, maſſen ein Gran vor ſich ein ſehr kleines Gewichte(§. 25und der Natur der Coͤrper. (§. 2. T. I. Exper.) und hingegen die Ma - terie des Goldes unter allen die ſchweereſte iſt (§. 188 T.I. Exper.). Je ſchweerer aber eine Materie iſt, je weniger nimmet ſie Raum ein, und je kleiner iſt ſie in Anſehung ihres Gewichtes. Man kan aber ſolches auch noch deutlicher zeigen. Sengwerd hat gefunden, daß 807 Gran Gold im Waſſer 24 Gran verlieren (§. 189. T. I. Exper.). Nun habe ich gefunden, daß ein Cubic-Zoll Waſſer, das iſt, 1000 Cu - bic-Linien 495 Gran gewogen (§. 7. T. I. Exper.). Derowegen koͤnnen fuͤr 24 Gran Waſſer, folgends fuͤr 807 Gran Gold (§. 2 T. I. E.) bey nahe 49 Cubic-Linien ge - rechnet werden. Wir wollen zum Uberfluſſe davor 50, oder 50000 Cubic-Scrupel neh - men. Dieſem nach haͤlt ein Gran Gold bey nahe $$\frac {62}{1000}$$ von einer Cubic-Linie. Wir wollen zum Uberfluſſe $$\frac {64}{1000}$$ ſetzen, weil dieſes ein vollkommener Wuͤrffel iſt und dazu dienet, daß wir uns die vorigen Goldſtaͤub - lein deutlicher vorſtellen. Es iſt alſo ein Gran Gold ein Wuͤrffel, welcher zu ſeiner Seite $$\frac {4}{10}$$ oder ⅖ einer Linie hat. Wir ha - ben aber geſehen, daß ſich dieſer Wuͤrffel in zwey Millionen Theile zertheilen laͤſſet, und daher bekommet die Groͤſſe eines Theiles einer Cubic-Linie, oder, welches viel iſt (§. 75 Arithm.). Nem -A 3lich6Cap. I. Von dem Weſenlich wenn man eine Cubic-Linie, das iſt, ei - nen Wuͤrffel, der eine Linie oder $$\frac {1}{10}$$ eines Zolles lang, breit und hoch iſt, in 322 58064 Theile eintheilet, ſo bekommet man einen von denjenigen Theilen, die wir oben in dem Goldblaͤttlein angegeben, welches aus einem einigen Grane geſchlagen wird, und iſt demnach ein ſolcher Theil gar viel kleiner als ein Dreyßig Millionen Theilichen von einem ſo kleinen Wuͤrffel. Jch mercke hier - bey beylaͤuffig an, wie ſcharf unſer Geſichte ſehen kan, das noch zuerkennen vermoͤgend iſt, deſſen Seite nicht mehr als eine Linie o - der $$\frac {1}{10}$$ eines Zolles austraͤget. Damit wir die Menge der Theile in einem kleinen Stuͤcklein, ja bey nahe Staͤublein Mate - rie, dergleichen ein Gran Gold iſt, deſto ge - nauer begreiffen moͤgen; ſo muß ich noch ferner die Vergroͤſſerungs Glaͤſer zu Huͤlffe nehmen. Es iſt bekand, daß es eines von den ſchlechteſten Vergroͤſſerungs-Glaͤſern iſt, welches im Diameter nicht mehr als 20 mahl (§. 396. Dioptr. lat.) und alſo den Coͤrper 8000 mahl vergroͤſſert. Wenn man nun ein Staͤublein Gold, dergleichen wir vorhin zwey Millionen in einem Grane Golde gefunden, durch ein dergleichen ſchlechtes Vergroͤſſerungs-Glaß anſiehet; ſo ſiehet es 8000 mahl ſo groß aus als mit bloſſen Auge und wuͤrde demnach der achttau -[7]und der Natur der Coͤrper. tauſende Theil davon ſo groß ausſehen, wi das gantze bloſſen Augen ausſiehet. Alſo koͤnnen wir mit Recht ſetzen, daß in einem ſolchen Gold-Staͤublein noch 8000 von einander unterſchiedene Theile ſind. Dero - wegen hat ein Gran Gold nicht nur zwey Millionen, ſondern ſechzehen tauſend Mil - lionen Theile, deren ein jeder noch nichts anders als Gold iſt. Wenn wir nun bis auf ſolche Vergroͤſſerungs-Glaͤſer giengen, die 30000 mahl und mehr vergroͤſſern; ſo wuͤrden wir in einem einigen Grane Gold, das iſt einem Raume eines Wuͤrffels, der nicht mehr als ⅖ einer Linie lang, breit und dicke iſt, ſechzig tauſend Millionen Theile antreffen. Es iſt zu mercken, daß in einer ſolchen Vergroͤſſerung das Gold noch im - mer wie Gold ausſiehet, und man daher ſe - tzen kan, daß der ſechzig tauſende Million - Theil noch ein Stuͤcklein Gold ſey. Nun wiſſen wiꝛ, daß das Gold beſondeꝛe Raͤumlein innerhalb ſeiner Materie hat, die von dem Golde leer ſind (§. 72 T. III. Exper.). De - rogen iſt klar, daß ein ſolcher kleiner Theil noch weit kleinere in ſich faſſen muß. Jch habe dieſes mit Fleiß etwas umſtaͤndlich ausgefuͤhret, damit diejenigen, welche Ge - ſchicklichkeit und Gedult haben, die Subti - litaͤt der Materie begreiffen, die andern a - ber doch ſoviel daraus erſehen, daß man das - jenige, was von der Subtilitaͤt der Mate -A 4rie8Cap. I. Von dem Weſenrie geſaget wird, nicht erdichtet. Man hat auch ſchon unterſuchet, wie ſubtile ſich das Gold ausbreiten laͤſſet auf den Sil - ber-Faden, die verguldet werden. De Reau - mur(b)Memoire de l’ Acad. Roy des Seienc. An. 1713. p. m. 270. mercket an, daß ein Goldblaͤtt - lein nicht uͤber $$\frac {1}{3000}$$ einer Linie dicke ſey: hin - gegen zeiget er, daß das Gold, damit die Silber-Faden verguldet ſind, nicht uͤber einer Linie austrage. Wenn man nun das Gold ſo ſubtile ausgezogen anneh - men wollte, ſo wuͤrde man in dem vorher - gehenden Beweiſe noch weit mehrere Thei - le heraus bekommen, maſſen die Anzahl der Theile ſich in der Verhaͤltnis wie 30000 zu 175000, das iſt, wie 6 zu 35 vermehren muß. Man bekommet demnach bey nahe 6 mahl ſoviel Theile als vorhin, nemlich an Theilen, die man mit bloſſen Augen ſehen kan, an ſtat 2000000 bey na - he 12000000. Und dieſes allein iſt genung die Subtilitaͤt der Materie zubewundern, welche die Natur zeiget, daß in einem Raͤumlein, das nicht uͤber ⅖ einer Linie lang, breit und dicke iſt, zwoͤlff Millionen Theile ſeyn koͤñen, deren einen man noch mit bloſſen Auge ſehen kan. Der gelehrte Engellaͤn - der Herr Halley(c)Vid. Miſcellanea curioſa Lond. 1705 edita p. 246. hat gleichfalls unterſu -chet,9und der Natur der Coͤrper. chet, wie ſubtile das Gold im vergulden ge - theilet wird: er bringet aber weniger her - aus, indem er nur 100000 Theile in einem Grane Gold rechnet, die man mit bloſſen Augen ſehen kan. Es iſt wahr, daß dieſe 100000 Theile die er angiebet, ſo beſchaffen ſind, daß man einen davon mit bloſſen Augen ſehen kan: allein dieſes iſt dem nicht zuwieder, daß noch kleinere ſeyn koͤnnen, die ſich gleichfalls bloſ - ſen Augen noch zeigen, wie wir vorhin er - wieſen. Auch bringet er die Dicke des Goldes im vergulden nicht ſo duͤnne heraus als Herr Reaumur, nemlich $$\frac {1}{134500}$$ Theil eines Zolles, unerachtet der Engliſche Schuh kleiner iſt als der Pariſer. Allein in ſolchen Rechnungen iſt nicht moͤglich ei - nerley herauszubringen, weil ein jeder ſeine Erfahrung vom vergulden zum Grunde ſe - tzet. Das Vergulden aber geſchiehet nicht einmahl ſo ſtarck wie das andere. Man pfleget ſich auch auf den Geruch zuberuffen, indem die Erfahrung lehret, daß Materien, die in einem fort und zwar ſehr ſtaꝛck riechen, doch ſehr wenig von ihrem Gewichte ver - lieren. Boyle hat uͤber 100 Gran Ambra auf einer ſehr accuraten Wage bey nahe 4 Tage in freyer Lufft liegen laſſen und nichtA 5den(d)in Exercitat. de mira ſubtilitate effluvio - rum c. 5. p. m. 1510Cap. I. Von dem Weſenden geringſten Abgang im Gewichte ver - ſpuͤret. Eine Untze Muſcaten Nuͤſſe haben in 6 Tagen nicht mehr als 5½ Gran, und ſo viel Naͤgelein nicht mehr als 7½ Gran von ihrem Gewichte verlohren. Hingegen der Abgang an dem Gewichte des Teuffels - Dreckes, der ſo hefftig ſtincket, iſt gar nur der achte Theil von einem Gran geweſen. Und hat Keil(e)in Introduct. ad veram Phyſicam lect. 5. p. m. 43. & ſeqq. , der unlaͤngſt als Profeſ - ſor Aſtronom. zu Oxfurt geſtorben, ausge - rechnet, daß ein einiges ſtinckendes Staͤub - lein, dergleichen ohne Unterlaß in die freye Lufft heraus gehen, von einem Cubiczolle, oder von einer Cubic-Linie, das iſt, von einem Wuͤrffel ſey, der eine Linie lang, breit und dicke iſt. Wir wollen dieſe und andere dergleichen Rechnungen nicht umſtaͤndli - licher anfuͤhren, damit wir uns nicht ohne Noth aufhalten, zumahl da wir im folgen - den und auch kuͤnfftig bey anderer Gelegen - heit mehrere Proben von der Subtilitaͤt der Materie, darein die Natur dieſelbe einthei - let, beybringen werden. Unterdeſſen koͤnn - te nicht undienlich ſeyn, wenn man unter - ſuchte, wie ſubtile ſich allerhand Materien theilen lieſſen, daß ihre Theile noch immervon11und der Natur der Coͤrper. von der Art blieben, wie das gantze iſt: da - von wir vorhin ein Exempel im Golde ge - habt.
Vielleicht werden ſich einige wun -Warumb wir nicht die Theil - bahrkeit der Ma - terie durch die Geome - trie er - weiſen. dern, daß ich nicht die geometriſchen Be - weisthuͤmer anfuͤhre, die man hin und wie - der in dieſer Materie antrifft, ja gar dieje - nigen, welche man heute zu Tage von den verſchiedenen Arten der unendlich kleinen Groͤſſen in der neuern Geometrie hat, wo - von der gelehrte Praͤlate Guido Grandus als er noch Geometriæ und Philoſophiæ Profeſſor zu Piſa in Jtalien war, einen beſonderen Tractat geſchrieben(f)Diſquiſitio Geometrica de infinitis infini - torum & infinite parvorum ordinibus. . Herr Muys Profeſſor zu Franecker, hat(g)Element. Phyſ. prop. 6. p. 48. & ſeqq. ſon - derlich nach vielen andern, als du Hameln, Rohault en und Keilen, dieſe Beweisthuͤ - mer ausgefuͤhret, bey dem ein Liebhaber derſelben mehr finden wird, als er verlangen kan. Allein ich habe wichtige Urſachen, warum ich ihnen in Erklaͤrung der Natur keinen Platz vergoͤnne. Anfangsiſt gewiß, daß kein dergleichen Weſen, als wie die Groͤſſen ſind, welche man in der Geometrie hat, in der Natur vorhanden, noch auch in derſelben ſeyn kan. Die Gemotriſchen Coͤrper beſtehen ſowohl als die Linien und Flaͤchen aus lauter Theilen, die alle einan -der12Cap. I. Von dem Weſender aͤhnlich ſind. Jn der Natur aber kan kein Coͤrper angetroffen werden, da ein Theil dem andern aͤhnlich waͤre. Wir moͤ - gen die Theile annehmen ſo kleine als wir immer wollen, ſo iſt doch jederzeit ein jeder unter ihnen von allen uͤbrigen unterſchieden (§. 587 Met.) Und deswegen laͤſſet ſich gar nicht auf die Theile der Materie in der Na - tur deuten, was man in der Geometrie von den unendlich kleinen Theilen zuerweiſen pfleget. Carteſius hat freylich den natuͤr - lichen Coͤrper mit dem geometriſchen fuͤr einerley gehalten und daher zu dem Weſen des Coͤrpers weiter nichts er - fordert, als daß er in die Laͤnge, Breite und Dicke ausgedehnet ſey(h)Princip. Phil. part. 2. §. 4 & ſeqq. : allein er hat ſich eben hierinnen ſo wohl als Junge(i)in Logica Hamburg. lib. 1. c. 4. §. 5. p. 29, wel - cher auch dergleichen Meinung gehabt, ſo ſcharfſinnig als ſonſt beyde waren, uͤberei - let. Denn wir haben ſchon anderswo (§. 685. Met.) gezeiget, daß die Materie nicht aus einander aͤhnlichen Theilen, die nur dem Raume nach von einander unterſchieden ſind, beſtehen koͤnne, und der Satz des nicht zu unterſcheidenden, der zwey ihrem Weſen nach aͤhnliche Dinge in der Natur nicht leidet (§. 589 Met.), beſtetiget dieſes zur Gnuͤge. Uber dieſes iſt wohl zuerwegen,daß,13und der Natur der Coͤrper. daß, da der geometriſche Coͤrper bloß das - jenige in ſich faſſet, was in allen Coͤrpern uͤberhaupt betrachtet ſtat finden wuͤrde, es moͤchte eine Welt wuͤrcklich da ſeyn, was fuͤr eine nur wolte, auch diejenigen Theile, wel - che man an ihm annimmet ſo beſchaffen ſind, daß ſie nicht alle zugleich ſtat finden koͤnnen. Es ſind bloß moͤgliche Theile, da - von einige mit einander zugleich den Raum erfuͤllen und ein gantzes ausmachen koͤnnen, dergeſtalt daß mehr als auf einerley Weiſe dadurch ein gantzes herauskom̃en kan. Weñ man nun alle dieſe Theile als wuͤrcklich ne - ben einander in einem gantzen auf einmahl annimmet; ſo entſtehet dadurch nothwen - dig eine Verwirrung, daraus man nicht kommen kan. Jch will es durch ein Exempel von Zahlen genommen erlaͤutern. Es ſey die Zahl 12, deren Theile wir in Betrach - tung ziehen wollen. Niemand wird leug - nen, daß 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10. 11, das iſt, alle Zahlen, die kleiner als 12 ſeyn, Thei - le von der Zahl zwoͤlffe ſind: allein es ſind nur moͤgliche, aber nicht wuͤrckliche Theile. Nemlich nicht alle zugleich, ſondern nur ei - nige unter ihnen koͤnnen zuſammen das gan - tze ausmachen. Wollte man die moͤgli - chen Theile mit den wuͤrcklichen vermengen und den an ſich klaren Satz, das gantze iſt ſeinen Theilen zuſammen gleich, als et - was wahres annehmen; ſo folgete daraus,daß14Cap. I. Von dem Weſendaß 66 ſo groß waͤre wie 12: welches au - genſcheinlich ungereimet iſt. Hingegen wenn ich mercke, alle vorhin angefuͤhrte Zahlen ſind nur moͤgliche Theile von 12, deren einige in gewiſſer Ordnung ein gantzes ausmachen koͤnnen, keinesweges aber zu - gleich ihre Wuͤrcklichkeit erreichen, ſo ver - ſchwindet auf einmahl alle Schwierig - keit, die man ſich machet, und eben der vorige Satz lehret, welche Theile neben einander ſtat finden koͤnnen. Nem - lich wenn 11 ein Theil iſt; ſo kan nur 1 mit ihm zugleich, keine aber von den uͤbri - gen Zahlen ein Theil ſeyn. Wenn 10 ein Theil iſt; ſo kan nur 2 mit ihm zugleich ein Theil ſeyn. Wenn 9 ein Theil iſt, ſo kan entweder 3 allein, oder auch 2 und 1 zuſam - men mit ihm ein Theil ſeyn. Wenn 8 ein Theil iſt, ſo kan entweder 4, oder auch 3 und 1, oder auch 2 und 2 mit ihm zugleich ein Theil ſeyn. Wenn 7 ein Theil iſt, ſo kan entweder 5 allein, oder 1 und 4, oder auch 3 und 2 mit ihm zugleich ein Theil ſeyn. Endlich wenn 6 ein Theil iſt, ſo kan entweder 6 allein, oder 1 und 5, 2 und 4, 3 und 3, mit ihm zugleich ein Theil ſeyn. Man ſiehet hieraus, daß die Zahl Zwoͤlffe aus ihren moͤglichen Theilen ſich auf verſchiedene Art zuſammen ſetzen laͤſſet, und wenn man von dem redet, was wuͤrcklich werden kan, man nicht ohne Unterſcheid vonde -15und der Natur der Coͤrper. denen moͤglichen Theilen als einen Theil annehmenkan, welchen man will. Daß es mit den Theilen in Linien, Flaͤchen und geometriſchen Coͤrpern eben die Bewandnis habe, darf man um ſoviel weniger zweif - feln, je gewiſſer es iſt, daß ſich alle Zahlen durch Linien, Flaͤchen und Coͤrper vorſtellen laſſen und in der Mathematick in der That dazu gebrauchet werden, daß man die Groͤſſe deutlich erkennen lernet: welches alles hier deutlich auszufuͤhren, weder Ort, noch andere Umſtaͤnde leiden wollen. Es laſſen ſich demnach die mathematiſchen Be - weiſe keinesweges auf die Materie, wie ſie in der Natur angetroffen werden, deuten. Und kan man, wie aus dem, was bishero geſaget worden, uͤberfluͤßig abzunehmen, in der Natur keinen Theilen ſtat vergoͤnnen, als deren Gegenwart entweder die Erfahrung zeiget, oder auch die Vernunfft durch die Verknuͤpffung mit dieſen erſteren erweiſet. Wer anders verfaͤhret, der muß ſich gefal - len laſſen, daß er in allerhand Wiederſpruͤ - che verfaͤllet und die Wahrheit in Erkaͤntnis der Natur nicht erreichet. Naͤchſt dieſem iſt wohl zu erwegen, daß die Unendlichkeit der Theile, welche durch die geometriſchen Beweiſe herausgebracht wird, weiter nichts zuſagen hat, als daß man die Anzahl der Theile in einer gegebenen Groͤſſe durch kei - ne determinirte Zahl ausdrucken kan. Und16Cap. I. Von dem WeſenUnd hat ſchon der Herr von Leibnitz(a)in Actis Erud. A. 1712. p. 168. er - innert, daß eine unendliche Zahl bloß eine Redens-Art ſey, dadurch wir andeuten wollen, die Anzahl der Theile ſey groͤſſer als daß wir ſie durch eine gewiſſe Zahl de - terminiren koͤnnten. Ja ich ſetze noch die - ſes hinzu. Wenn wir eine gerade Linie als eine Laͤnge anſehen, deren jeder Theil der gantzen aͤhnlich iſt (§. 8 Geom.) und die ſich daher in lauter aͤhnliche und gleiche Theile zertheilen laͤſſet; ſo iſt klar, daß die Zahl dieſer Theile bald groß, bald kleine wird, nachdem man entweder einen groſ - ſen oder kleinen Theil fuͤr die Eines annim - met. Z. E. wenn die Helffte der Linie Eines iſt, ſo heiſſet die gantze Linie zwey. Wenn der dritte Theil Eines iſt, ſo heiſſet ſie drey: Wenn der hundertſte Theil Eines iſt, heiſ - ſet ſie hundert und ſo weiter fort. Alſo ſind unzehlich viel Zahlen, dadurch ſich die Theile dieſer Linie vorſtellen laſſen. Uber - haupt kan man nicht ſagen, wieviel Zahlen moͤglich ſind, dadurch ſich die Theile in ei - ner Linie andeuten laſſen. Am allerwe - nigſten gehet dieſes an, wenn man nicht von einer gewiſſen gegebenen Linie redet, die ih - re abgemeſſene Groͤſſe hat; ſondern nur gar von einer auf gewiſſe Art determinirten Linie, z. E. der Diagonal in einem Qua -dra -17und der Natur der Coͤrper. drate, deren Groͤſſe ſoviel mahl veraͤndert werden kan, daß wir es abermahl durch keine Zahl anzudeuten vermoͤgend ſind. Es faͤllet uns unmoͤglich eine gewiſſe Zahl zube - ſtimmen, indem uns die Vergroͤſſerungsglaͤ - ſer zeigen (§. 82 & ſeqq. T. III. Exper.), daß wir immer mehrere wahrnehmen, je mehr wir eine Sache vergroͤſſern und kein Ende finden koͤnnen. Wenn wir nun a - ber in der Natur ſagen ſollen, ob in einem Raume zwey, drey, hundert Theile und ſo weiter anzutreffen ſind, ſo muͤſſen wir es durch den Unterſcheid deſſen, was wir in ihm wuͤrcklich wahrnehmen, oder, daß es da ſey, ferner daraus erweiſen koͤnnen, ausmachen. Wer dieſen Weg gehet, der nimmet nichts erdichtetes an und erkennet doch uͤberall auf eine begreifliche Art den Reichthum der Natur als unergruͤndlich im allerkleineſten. Endlich muͤſſen wir auch nicht vergeſſen, daß der gantze Begriff von dem geometriſchen Coͤrper, wie auch den Linien und Flaͤchen, nichts anders als ein Bild iſt welches die Einbildungs-Krafft ver - mittelſt deſſen erdichtet, was die Sinnen in der groͤſten Verwirrung vorſtellen. So wenig nun etwas in der Natur demjenigen aͤhnliches wuͤrcklich vorhanden, was das Bild der rothen und gruͤnen, oder einer an - deren Falle vorſtellet; ſo wenig iſt auch ſo etwas wuͤrckliches in der Natur, welches(Phyſick) Bdem18Cap. I. Von dem Weſendem Bilde des geometriſchen Coͤrpers aͤhn - lich iſt, maſſen der Raum, den ein wuͤrckli - cher Coͤrper einnimmet, mit lauter wuͤrckli - chen und von einander unterſchiedenen Theilen erfuͤllet iſt, die nicht nur dem bloſſen Orte nach, den ſie einnehmen, ſondern auch an ſich von einander unterſchieden ſeyn, wie wir vorhin geſehen. Unterdeſſen iſt das er - dichtete Bild des Coͤrpers, welches von ihm nichts weiter als ſeine Groͤſſe vorſtellet, nicht gantz unnuͤtze, ſondern an ſeinem Or - te, als in der Geometrie, werth zu halten in - dem es dienlich iſt die Groͤſſe des Coͤrpers u. was ihr anhaͤngig daꝛaus zu determiniren, maſſen es mit der Groͤſſe keine andere Be - wandnis haben wuͤrde, wenn gleich der Coͤr - per wuͤrcklich ſo etwas waͤre, deſſen Theile nur dem Orte nach von einander unter - ſchieden waͤren. Damit man dieſe Wahr - heit deſto beſſer begreiffe; ſo hat man wohl zuerwegen, daß, in ſo weit wir die Coͤrper deutlich erkennen, wir keinesweges etwas antreffen, welches einem geometriſchen Coͤrper aͤhnlichet, und wenn wir in demje - gen, was die Sinnen in Verwirrung laſ - ſen, uns durch Huͤlffe der Vergroͤſſerungs - Glaͤſer Deutlichkeit zuerlangen bemuͤhen, wir es eben wieder ſo antreffen, wie wir es bey dem vorigen gefunden, was ſich mit bloſſen Augen unterſcheiden ließ (§. 82 & ſeqq. T. III. Exper.).
Jch habe ſchon anderswo gezeigetMaterie in den Coͤrpern iſt unend - lich zer - theilet. (§. 684. Met.), daß die Materie wuͤrcklich zertheilet iſt, nemlich ein Theil immer wei - ter in andere, daß wir ihre Kleinigkeit we - der mit der Vernunfft, noch mit der Einbil - dung erreichen koͤnnen. Die anderswo (§. 82 & ſeqq. T. III. Exper.) angeſtellete Be - trachtungen durch das Vergroͤſſerungs - Glaß bekraͤfftigen ſolches mit mehrerem. Und deswegen faͤllet es uns nicht moͤglich, daß wir eine Zahl erdencken, darinnen wir die wuͤrcklich vorhandenen Theile in dem geringſten Staͤublein der Materie deter - miniren, das iſt, kein Menſch iſt vermoͤ - gend zu ſagen, wiviel unterſchiedenes in ei - nem einigen Saͤublein vorkommet, wel - ches zuſammen das Raͤumlein, das es ein - nimmet, erfuͤllet, auch wenn er vermoͤgend waͤre vieles davon zuerblicken (§. 3.). De - rowegen weil wir eine ſo groſſe Menge, de - ren Anzahl wir durch keine determinirte Zahl auszuſprechen vermoͤgend ſind, un - endlich nennen (§. 4. ); ſo iſt auch jedes Staͤublein der Materie wuͤrcklich in unend - lich viel Theile zertheilet, die aber weder in der Groͤſſe, noch der Figur, noch ſonſt mit einander uͤberein kommen. Weil nun a - ber etwas ſeyn muß, wodurch die Materie wuͤrcklich getheilet wird; ſo habe ich auch ſchon (§. 685. Met.) gezeiget, daß ſolches durch die Bewegung geſchehe, und demnachB 2in20Cap. I. Von dem Weſenin der Natur alle Materie in ſteter Bewe - gung ſeyn muͤſſe: welches ich an dieſem Orte noch etwas umſtaͤndlicher ausfuͤhren will.
Damit wir die Nothwendigkeit ſehen, warum alle Materie beſtaͤndig in Bewegung ſeyn muͤſſe; ſo muͤſſen wir fuͤr allen Dingen erkennen, daß zwiſchen den Theilen der Materie, die ſich in einem Coͤr - per befinden, keine Raͤumlein ſeyn koͤnnen, die von aller Materie leer ſind. Denn ent - weder es giebet dergleichen leere Raͤumlein in einem Coͤrper, oder es ſind keine darinnen vorhanden. Wir wollen ſetzen: es waͤren einige darinnen vorhanden. So treffen wir alsdenn kleine Theile oder Staͤublein in dem Coͤrper an, die eine Figur und Groͤſſe haben, ohne daß eine Urſache ange - zeiget werden kan, warum ſie dergleichen Figur und Groͤſſe haben. Und dieſes ha - ben auch ſchon vor Zeiten diejenigen er - kandt, welche dergleichen leere Raͤumlein in den Coͤrpern ſich eingebildet, und des - wegen behauptet, daß die kleineſten Staͤub - lein der Materie nothwendig ihre Figur und Groͤſſe haͤtten, auch daher ihrer Natur und ihrem Weſen nach untheilbahr waͤren. Da nun aber hieraus folget, daß etwas ſeyn kan, davon kein zureichender Grund vorhanden, warum es iſt; ſo wieder - ſpricht der Satz von den leeren Raͤum -lein21und der Natur der Coͤrper. lein in der Materie dem Satze des zurei - chenden Grundes (§. 30. Met.) und iſt dannenhero ungereimet. Denn das nen - net man ungereimet, was einer offenbah - ren Wahrheit, dergleichen der Satz des zu - reichenden Grundesiſt, wiederſpricht. Es bleiben demnach ſo wohl die untheilbahren Staͤublein der Materie, als auch die leeren Raͤumlein zwiſchen ihnen erdichtete Din - ge, die bloß in der Einbildung beſtehen, hin - gegen der Vernunfft, welche durch den Satz des zureichenden Grundes beſtehet, wieder - ſprechen. Jch weiß wohl, daß einige ver - meinen, es habe GOtt gefallen, ihnen die - ſe Groͤſſe und Figur zu geben: allein die - ſelben vergeſſen, daß man ſich in ſolchen Dinge, die auf das Weſen der Sache an - kommen, keinesweges auf den Willen GOttes beruffen kan (§. 989 Met.). Es muß vorher moͤglich ſeyn, ehe es GOtt wol - len kan (§. 680 Met.).
Man muß aber hier einen ZweiffelWird auſſer Zweiffel geſetzet. benehmen, der einem leicht entſtehen koͤnnte, wenn man den Beweiß anſiehet, den ſchon vor dieſem die Alten gefuͤhret, wenn ſie die Wuͤrcklichkeit der leeren Raͤumlein zwi - ſchen den kleinen Staͤublein der Materie darthun wollen, wie aus dem Lucretio(a)de rerum Natura lib. 1. p. 57. edit. Wecheli - næ A. 1583. in 8. zuerſehen. Sie haben nemlich vermeinet,B 3wenn22Cap. I. Von dem Weſenwenn in einem Coͤrper keine leere Raͤumlein waͤren, ſo muͤſten zwey von gleicher Groͤſſe auch gleich viel wiegen: welches der Er - fahrung zu wieder iſt (§. 4. T. I. Exper.). Denn wenn ein Stuͤcke Gold und ein Stuͤcke Kupffer von gleicher Groͤſſe ſind und und jenes wieget 100 Gran, ſo wieget die - ſes nur 46 (§. 189. T. I. Exper.) und dem nach nicht einmahl halb ſo viel als das Gold. Derowegen vermeinet man, in dem Stuͤcklein Kupffer ſey nicht halb ſoviel Materie, als im Golde, und dannenhero waͤren in dem Kupffer viele leere Raͤumlein, die im Golde mit Materie erfuͤllet waͤren. Nun koͤnnen wir zwar nicht leugnen, daß in einem jeden Coͤrper ja ſelbſt im Golde (§. 72 T. III. Exper.) leere Raͤumlein ſind, die mit keiner ſolchen Materie erfuͤllet ſeyn, daraus der Coͤrper beſtehet, als im Golde ſind viele Raͤumlein, darinnen kein Gold an - zutreffen: allein daß gar keine Materie von anderer Art darinnen ſich befinde, kan der gegenwaͤrtige Beweiß nicht ausmachen. Denn wer ſiehet nicht, daß man annimmet, was man nicht bewieſen, nemlich daß alle Materie ſchweer ſey, wovon wir an ſeinem Orte das Gegentheil zeigen.
Nachdem wir nun wiſſen, daß der Raum, den ein Coͤrper einnimmet, gantz erfuͤllet iſt und zwiſchen den Theilen der Materie keine gantz leere Raͤumlein anzu -treffen23und der Natur der Coͤrper. treffen ſeyn (§. 6.); ſo laͤſſet ſich nun gar leicht begreiffen, daß alle Materie beſtaͤndig in Bewegung ſeyn muͤſſe. Denn entwe - der alle Materie, die in einem Raume ent - halten, iſt beſtaͤndig in Bewegung, oder nicht. Man ſetze, ſie ſey nicht in Bewe - gung, ſondern die Theile ruhen neben ein - ander. Weil die Figur nichts anders iſt als der Schrancken der Ausdehnung (§. 54. Met.), in einem gantz vollen Raume aber, darinnen keine Bewegung anzutref - fen, nichts vorhanden iſt, welches Schran - cken ſetzen koͤnnte; ſo gehet auch darinnen alles in einem fort und man findet in dem, was man als Theile annehmen will, kei - nen anderen Unterſcheid als den Ort. Kein Theil hat wuͤrcklich eine Groͤſſe, oder Figur, ſondern es iſt geſchickt eine jede Figur und Groͤſſe anzunehmen, die man ihm geben will. Und auf ſolche Weiſe waͤren wuͤrck - lich Dinge vorhanden, die ſich noch ferner auf unendliche Weiſe determini - ren lieſſen. Da nun dieſes unmoͤglich iſt, indem alles, was in eintzelen Dingen anzu - treffen, determiniret ſeyn muß (§. 27. c. 1 Log. ); ſo kan auch die Materie in einem Coͤrper nicht in Ruhe ſeyn, folgends muß ſie ſich ſtets bewegen. Und eben hier - aus ſiehet man, daß diejenigen, welche die Materie ohne Bewegung annehmen, und nichts darinnen als dasjenige, wo von ih -B 4re24Cap. I. Von dem Weſenre Groͤſſe kommet, zulaſſen wollen, die Coͤr - per keines weges betrachten, wie ſie in der Natur angetroffen werden; ſondern bloß einen Coͤrper, der nicht wuͤrcklich werden kan, in der Einbildung erdichten, maſſen ſie etwas weglaſſen, was noch noͤthig iſt, wenn eine Wuͤrcklichkeit erfolgen ſoll. Wenn man den Unterſchied begriffen haͤtte, der ſich zwiſchen eintzelen Dingen und all - gemeinen Dingen, die bloß in Gedancken be - ſtehen, befindet, und den ich zuerſt deutlich gezeiget (§. 26. 27. c. 1. Log. ); ſo wuͤrde man nimmermehr den geometriſchen Coͤr - per mit dem natuͤrlichen vermenget ha - ben.
Man begreiffet aber nun leicht fer - ner, daß nicht alle Materie, die in dem Raume, den ein Coͤrper einnimmet, ent - halten iſt, ſich auf einerley Art beweget. Der Unterſcheid, der in der Bewegung angetroffen wird, iſt theils in der Geſchwin - digkeit, theils in der Richtung zu ſuchen, vermoͤge welcher er ſich nach einer gewiſſen Gegend beweget. Denn wenn man ſetzte, alle Theile der Materie, die in einem Rau - me bey einander ſind, bewegeten ſich mit gleicher Geſchwindigkeit nach einer Ge - gend; ſo aͤnderte bloß der Coͤrper, der aus derſelben Materie beſtuͤnde, ſeine Stelle und kaͤme aus einem Orte in den andern: kei - nesweges aber entſtuͤnde dadurch ein Un -ter -25und der Natur der Coͤrper. terſcheid in dem Coͤrper ſelber. Wir fin - den aber, daß die Materie eines Coͤrpers von der Materie eines andern unterſchieden. Derowegen da der innere Unterſcheid von der Bewegung herkommen muß (§. 8); ſo kan nicht alle Materie, die den Raum er - fuͤllet, den der Coͤrper einnimmet, ſich auf einerley Art bewegen. Sie beweget ſich demnach auf verſchiedene Art und daher mit verſchiedener Geſchwindigkeit und nach verſchiedenen Gegenden. Einige von die - ſer Materie muß beſtaͤndig in einem Orte verbleiben, weil wir finden, daß die Theile eines Coͤrpers zuſammen hangen und ſich nicht anders als zuſammen, aus einem Orte in den andern bewegen laſſen, unter einan - der ſelbſt aber keine Bewegung haben. Da ſie nun aber gleichwohl in Bewegung ſeyn muͤſſen (§. 8.); ſo muͤſſen ſie ſich mit glei - cher Krafft einander entgegen bewegen. Hingegen da andere mit dieſen Theilen nicht zuſammen haͤnget, ſondern vielmehr durch ihre Bewegung die Groͤſſe und Figur der - ſelben determiniret; ſo muß ſie ſich nach ei - ner anderen Gegend als jene bewegen.
Wir haben vorhin geſehen, daßWelche ſich nicht genau determi - niren laſſet. die Staͤublein des Goldes ſich ſehr ſubtile theilen laſſen und doch immer noch Gold bleiben (§. 3.). Da wir uns nun keine Rechnung machen doͤrffen, daß wir in Thei - lung der Materie des Goldes biß auf ſolcheB 5Theile26Cap. I. Von dem WeſenTheile kommen, die nicht mehr Gold ſind, dieſelben aber in allen Gold-Staͤublein, ſie moͤgen ſo klein ſeyn als ſie wollen, in glei - cher Proportion vermiſchet ſey muͤſſen, und vermuthlich noch nicht diejenigen Theile ſind, die durch entgegen geſetzte Bewegun - gen zuſammen in einem Raume erhalten werden: ſo doͤrffen wir uns wohl keine Hoffnung machen, daß wir alle dieſe Arten der Bewegungen, die in der Materie eines Coͤrpers angetroffen wird, jemahls deut - lich begreiffen werden. Weil aber oh - ne dem dasjenige, was von dieſer Bewe - gung herkommet, nicht in die Sinnen faͤllet, auch wenn wir mit den beſten Vergroͤſſe - rungs-Glaͤſern verſehen ſind, maſſen in der groͤſten Vergroͤſſerung noch immer viel un - deutliches auch in den kleineſten Sachen uͤbrig verbleibet (§. 86. T. III. Exper.) das undeutliche aber eben daher ruͤhret, daß vie - les in einander faͤllet, was wir nicht unter - ſcheiden koͤnnen (§. 771. Met.): ſo iſt es auch nicht noͤthig, daß wir ſie wiſſen, und wollen wir uns als um eine Sache, die wir nicht brauchen werden, weiter darum nicht bekuͤmmern.
Die Geſchwindigkeit iſt an ſich ver - aͤnderlich und kan ab - und zunehmen, fol - gends kein Ding, was vor ſich beſtehen kan, ſondern nur eine Einſchraͤnckung eines vor ſich beſtehenden Dinges (§. 107. 114. Met)27und der Natur der Coͤrper. Met.). Sie richtet ſich aber nicht nach der Groͤſſe des Raumes, den dasjenige ein - nimmet, was beweget wird, indem kleine und groſſe Coͤrper ſich mit einer Geſchwin - digkeit, ja ſehr kleine geſchwinder als groſſe bewegen koͤnnen. Und alſo iſt dasjenige, welches durch die Geſchwindigkeit veraͤn - dert wird, nicht einerley mit dem, was durch den Raum ausgeſpannet wird und durch die Figur ſeine Einſchraͤnckung erhaͤlt, ſon - dern von ihm etwas beſonderes. Da nun durch die Bewegung alle Veraͤnderungen in dem Coͤrper geſchehen, die ſich in ihm er - eignen, (§. 615 Met.); ſo iſt daſſelbe, wel - ches durch die Geſchwindigkeit ſeine Schrancken erhaͤlt, die Quelle aller Veraͤn - derungen im Coͤrper und alſo eine Krafft (§. 115. Met.). Und demnach haben wir Urſache in allem, was coͤrperlich iſt, eine be - wegende Krafft zuzugeben: welches ich auch ſchon auf andere Art anderswo (§. 625 Met) erwieſen. Wir haben auch dieſelbe in fluͤßi - gen Materien durch Verſuche wuͤrcklich ent - decket (§. 48 T. I. Exper.), und nun keine Urſache zuzweiffeln, daß ſie nicht aller Ma - terie gemein ſey.
Und eben dieſe bewegende KrafftWas Natur der Coͤr - per ſey. iſt dasjenige, warum wir denen Coͤrpern eine Natur zueignen (§. 628 Met.). De - rowegen wenn wir ſagen, daß etwas der Natur eines Coͤrpers gemaͤß ſey; ſo ver -ſte -28Cap. I. Von dem Weſenſtehen wir dadurch nichts anders, als daß es aus den Bewegungen erfolgen koͤnnen, die ein Coͤrper haben kan: gleichwie wir ſagen, es ſey ſeinem Weſen gemaͤß, was ſeinen Grund in ſeiner Art der Zuſammenſetzung hat (§. 611 Met.). Ja eben deswegen nen - nen wir die Maximen, darinnen die Regeln der Bewegnng gegruͤndet ſind (§. 675. 682. Met.), Geſetze der Natur, weil ſich die Natur der Coͤrper darnach achtet.
Die Geſchwindigkeit ſowohl als die Richtung, vermoͤge welcher ſich, was beweget wird, nach einer gewiſſen Gegend beweget, wird allzeit durch die Bewegung eines andern Coͤrpers geaͤndert, der ihn be - ruͤhret und hat darinnen ihren Grund (§. 663. 664. Met.). Derowegen daß einige Theile der Materie in einem Coͤrper mit entgegen geſetzten Richtungen und gleicher Geſchwindigkeit ſich gegen einander bewe - gen und dadurch einander in einem Raume aufhalten (§. 9.), muß von der Bewegung der uͤbrigen Materie herruͤhren, die mit ih - nen nicht zuſammen haͤnget. Da nun diejenige Materie, welche in einem Coͤrper zuſammen haͤlt und daher mit ihm ſich zu - gleich bewegen laͤſſet, ſeine eigenthuͤmliche; die andere aber fremde Materie genennet wird (§. 656. Met.): ſo erkennet man hier - aus, daß nothwendig in einem jeden Coͤrper ſowohl eigenthuͤmliche, als auch fremdeMa -29und der Natur der Coͤrper. Materie ſeyn muͤſſe. Wir haben verſchie - dene fremde Materien durch Verſuche in den Coͤrpern entdecket, als wir (§. 64 & ſeq. T. III. Exper.) ihre Durchloͤcherung un - terſuchet: allein da viele in der Natur ſeyn koͤnnen, die wir nicht erkennen (§. 82 T. III. Exper.); ſo laͤſſet ſich die fremde Materie, die in einem Coͤrper anzutreffen, nicht weiter beſtimmen, als wir dieſelbe entweder durch Verſuche klaͤrlich zeigen, oder auch aus tuͤch - tigen Gruͤnden ihre Gegenwart ſchluͤſſen koͤnnen, als z. E. die magnetiſche Materie in dem Magneten und den von ihm beruͤhr - ten Eiſen (§. 39 T. III. Exp.).
Weil man diejenige Materie zuWie man ſich in Be - urthei - lung der verſchie - denen Arten der Materie in acht zu nehmen. der eigenthuͤmlichen rechnet, die mit dem Coͤrper in einem Orte verbleibet und mit ihm ſich zugleich beweget (§. 656. Met.); ſo gehoͤret alle Materie mit dazu, welche in die zwiſchen ſeinen Theilen vorhandene Raͤum - lein durch die hin und wieder vorhandene Eroͤffnungen auf einige Art und Weiſe hin - ein dringet und darinnen verbleibet, auch wenn der Coͤrper aus ſeiner Stelle bewe - get wird. Z. E. Wenn man Holtz ins Waſſer leget, ſo ziehet ſich daſſelbe uͤberall hinein, abſonderlich wenn man anfangs die Lufft, welche auf das Waſſer drucket, wegpumpet und nach dieſem dieſelbe von neuem hinzu laͤſſet (§. 161. T. I. Exper.). Die Naͤſſe, ſo ſich hineingezogen, bleibet indem30Cap. I. Von dem Weſendem Holtze, man mag es hin bewegen, wo man will, vermehret ſeine Schweere und ſtoͤſſet mit ihm zugleich in der Bewegung an einen andern Coͤrper an. Derowegen rechnet man das Waſſer, ſo ſich in das Holtz hineingezogen, mit zu der eigenthuͤm - lichen Materie des Holtzes, nemlich es ge - hoͤret nicht ſchlechterdinges zu der Mate - rie des Holtzes, ſondern nur mit zu der Materie des naſſen und feuchten Holtzes. Will man genauer unterſuchen, daß das Waſſer zugleich mit der Materie des Hol - tzes in der Bewegung den Stoß verrichte; ſo kan man es am fuͤglichſten durch die Ver - ſuche von den Regeln der Bewegung aus - machen (§. 131 T. III. Exper.). Man laſſe eine Kugel von Holtze machen und haͤnge ſie an einen Faden an das zu dieſen Verſuchen gehoͤrige Jnſtrument auf, dar - neben aber eine andere Kugel von Holtze, o - der einer andern Materie: denn daran iſt nichts gelegen. Man laſſe die Kugel, nach - dem man ſie durch einen gewiſſen Grad er - hoͤhet, fahren und mercke, wenn ſie an die andere anſtoͤſſet, wie hoch dieſelbe gehoben wird. Nach dieſem laſſe man in einem Lufft leerem Raume (§. 161. T. I. Exper.) ſich ſoviel Waſſer hinein ziehen, als nur an - gehen will. Man haͤnge ſie darauf von neuem neben die vorige Kugel auf und laſſe ſie von der Hoͤhe des vorigen Grades herun -ter31und der Natur der Coͤrper. ter fallen; ſo wird die andere Kugel durch den Stoß hoͤher gehoben werden als vor - hin. Da nun die hoͤltzerne Kugel, welche anſtoͤſſet, einmahl ſich ſo geſchwinde bewe - get als das andere, und doch wenn ſie naß iſt ſtaͤrcker anſtoͤſſet, als wenn ſie trocken iſt; ſo kan es nicht anders ſeyn, als daß nun mehr Materie anſtoſſen muß, wenn ſie naß oder feuchte, als wenn ſie trocken iſt (§. 132 T. III. Exper.). Und demnach iſt klar, daß ſich das Waſſer nicht allein mit der Kugel zugleich beweget, ſondern auch mit ihr zugleich anſtoͤſſet und in andere Coͤrper wuͤrcket (§. 620 Met.). Man hat derowe - gen hinlaͤnglichen Grund, warum man das Waſſer mit zu der eigenthuͤmlichen Materie rechnet. Wer ſiehet nicht zugleich, daß man ſich wohl in acht nehmen muß, wenn man von der eigenthuͤmlichen Materie urtheilen ſoll. Man ſiehet aber auch, daß der ange - gebene Verſuch es jeder zeit entſcheiden kan, ob man etwas zu der eigenthuͤmlichen, oder aber der fremden Materie zurechnen habe. Wir wiſſen, daß unterweilen einige Mate - rien die Schweere der Coͤrper vergeringern und daher der Bewegung wiederſtehen, daß ſie nicht mit gehoͤriger Geſchwindigkeit ge - ſchehen kan (§. 178 T. I. Exper.): allein was von dem Wiederſtande einer fluͤßigen Materie, darinnen ſich der Coͤrper beweget, ſeiner Schweere und bewegenden Krafftbe -32Cap. I. Von dem Weſenbenom̃en wird (§. 180. T. I. E.), hat man kei - nem Abgange der eigenthuͤmlichen Materie zuzuſchreibẽ. Man muß aber in dieſem Stuͤ - cke auf die Bewegung ſehen, weil davon die Wuͤrckungen der Coͤrper herruͤhren (§. 621 Met.), um deren Willen man nach der Groͤſſe der eigenthuͤmlichen Materie fraget.
Da ein jeder Raum, den ein Coͤr - per einnimmet, mit ſo viel Materie erfuͤllet iſt, als ein anderer, den ein anderer Coͤrper von gleicher Groͤſſe inne hat (§. 6) und doch gleichwohl ein Coͤrper nicht ſo ſchweer iſt als der andere (§. 4 T. I. E.), auch nicht ei - ner ſoviel Krafft hat als der andere, unerach - tet ſich beyde mit gleicher Geſchwindigkeit bewegen (§. 132 T. III. Exper.): ſo kan nicht gleichviel eigenthuͤmliche Materie in einem Coͤrper ſeyn, ſondern derjenige Coͤr - per, der leichter iſt als ein anderer, hat weni - gere, der ſchweerere aber mehrere: hinge - gegen iſt in den leichteren mehr fremde Ma - terie als in den ſchweereren. Z. E. Wenn ein Stuͤcke Gold und Kupffer von gleicher Groͤſſe ſind und das Gold wieget 100 Gran, ſo wieget das Kupffer nur etwan 47. Gran und alſo nicht voͤllig die Helffte (§. 188. T. I. Exper.). Derowegen iſt in dem Kupf - fer nicht einmahl halb ſoviel eigenthuͤmliche Materie als im Golde. Es hat demnach das Kupffer nicht nur ſo viel fremde Materie als das Gold, ſondern noch daruͤber ſovielals33und der Natur der Coͤrper. als die Helffte der eigenthuͤmlichen Mate - rie des Goldes, oder noch ſo viel als ſeine eigenthuͤmliche Materie austraͤget. Denn wir wiſſen, daß auch das Gold durchloͤchert iſt (§. 72 T. III. Exper.) und demnach fremde Materie in ſich hat (§. 13).
Wir wiſſen, daß die MaterieWo die fremde Materie zu ſuchen. des Holtzes dichter und ſchweerer iſt als das Waſſer (§. 161 T. I. Exper.) folgends auch mehr eigenthuͤmliche und weniger fremde Materie als das Waſſer hat (§. 13). Danun aber im Holtze groſſe Lufft-Hoͤh - len ſind, die es leichter als Waſſer ma - chen, wenn ſie mit Lufft oder ſonſt einer leichteren Materie als das Waſſer iſt er - fuͤllet werden; ſo hat das Holtz nur zufaͤlli - ger Weiſe mehr fremde Materie als das Waſſer, kan aber auch weniger als daſſelbe behalten, wenn darein entweder Waſſer, oder ſchweerere Materien als daſſelbe dringen. Und hieraus erhellet, daß in ei - nem Coͤrper die fremde Materie nicht in den Lufft - Hoͤhlen, daraus ſich die Lufft pumpen laͤſſet, ſondern in den kleinen Thei - len der feſten Materie zu ſuchen ſey: hin - gen in den Lufft-Hoͤhlen ſich diejenige Ma - terie aufhaͤlt, die ſich zu der eigenthuͤmlichen geſellet.
Da die Materie, welche dieWie vie - lerley die eigen - Lufft-Hoͤhlen erfuͤllet, ſich mit zu der eigen - thuͤmlichen ſchlaͤget (§. 16), und gleichwohl(Phyſick) Cvon34Cap. I. Von dem Weſenthuͤmli - che Ma - terie.von verſchiedener Art ſeyn kan, als z. E. im Holtze bald Lufft, bald Waſſer (§. 161. T. I. Exper.); ſo hat es zweyerley Arten der ei - genthuͤmlichen Materie. Eine iſt beſtaͤn - dig und daraus beſtehen die Theile des Coͤrpers: die andere iſt veraͤnderlich und die erfuͤllet die von der beſtaͤndigen leeren Raͤumlein im Coͤrper. Die erſte gehoͤret zum Weſen des Coͤrpers (§. 33 Met.): die andere hingegen laͤſſet das Weſen des Coͤrpers unveraͤndert, unerachtet es ſonſt in ihm einige Veraͤnderung hervor bringen kan, in deren Anſehung wir auch noͤthig haben ſie von der beſtaͤndigen ſo wohl als von der fremden zu unterſcheiden.
Weil das Weſen eines Coͤrpers in der Art der Zuſammen - ſetzung der Theile (§. 611 Met.), dieſe aber aus der beſtaͤndigen Materie be - ſtehen: ſo geſchiehet eine weſentliche Ver - aͤnderung, wenn in der beſtaͤndigen Ma - terie eine Aenderung vorgehet. Dahinge - gen die veraͤnderliche das Weſen des Coͤr - pers unveraͤndert laͤſſet (§. 17.); ſo bleibet ein Coͤrper noch der vorige, wenn gleich in dieſer eine Veraͤnderung vorgehet. End - lich weil die Theile der beſtaͤndigen Mate - rie durch die fremde beſtehen und erhalten werden; ſo kan auch durch Veraͤnderung der fremden Materie ſich eine weſentliche Veraͤnderung zu tragen. Dieſe drey Ar -ten35und der Natur der Coͤrper. ten der Materie, die beſtaͤndige, veraͤn - derliche und fremde, muͤſſen demnach in Erklaͤrung der Natur von einander wohl unterſchieden werden.
Vielleicht werden ſich einige ei -Ein Zweiffel wird ge - hoben. ne Schwierigkeit daruͤber machen, daß wir von weſentlichen Veraͤnderungen re - den, indem ſie ſich beſinnen, daß das We - ſen eines Dinges unveraͤnderlich iſt (§. 42 Met.). Die Schwierigkeit kommet in dieſem Falle daher, daß man vermeinet, es werde in der Metaphyſick gelehret, das Weſen eines Dinges ſey unveraͤnderlich; in der Phyſick aber gebe man zu, daß es ver - aͤnderlich ſey. Und alſo wiederſpreche man in der Phyſick demjenigen, was man in der Metaphyſick behauptet. Allein wenn man beliebet die Sache genauer zu uͤberlegen, ſo wird aller Schein des Wiederſpruches gar bald verſchwinden. Jn der Metaphyſick redet man von dem Weſen der Dinge vor und an ſich ſelbſt, ohne auf die Wuͤrcklich - keit mit acht zu haben, die ein Ding, wel - ches dieſes oder jenes Weſen hat, erreichen kan. Jn der Phyſick aber ſiehet man auf die Wuͤrcklichkeit der Dinge, die ein ge - wiſſes Weſen haben. Derowegen wenn man von weſentlichen Veraͤnderungen re - det, ſaget man keinesweges, daß ein Ding, welches wuͤrcklich war, auch noch daſſelbe verbleibet, indem ſein Weſen anders wird,C 2als36Cap. I. Von dem Weſenals es vorher war, z. E. daß eine Pflantze noch eine Pflantze verbliebe, wenn ſie in A - ſche verbrennet wird: ſondern man behaup - tet bloß, daß die Wuͤrcklichkeit des Weſens aufhoͤre und an ſtat des vorigen Dinges ein anderes ſeine Wuͤrcklichkeit erreichet, das dem Weſen nach von dem vorigen un - terſchieden iſt, als daß in unſerem Falle an ſtat der Pflantze, die vorher da war, Aſche heraus kommet.
Wir bemuͤhen uns um die Er - kaͤntnis der Natur, damit wir davon den Grund anzuzeigen wiſſen, was ſich darin - nen veraͤnderliches ereignet (§. 5. proleg. Log), und vorher ſehen koͤnnen, was un - ter dieſen oder andern Umſtaͤnden dieſe o - der jene Urſachen veraͤnderliches hervor - bringen koͤnnen, damit wir die Natur nach unſerem Gefallen koͤnnen wuͤrcken laſſen, was wir begehren, und ſolchergeſtalt die er - langte Erkaͤntnis zu unſerem Nutzen an - wenden. Da die Materie wuͤrcklich ſo ſubtil zertheilet iſt, daß wir die Kleinigkeit der Theile weder mit der Vernunfft errei - chen, noch mit der Einbildnng faſſen koͤn - nen (§. 684. met. ), das iſt, in unendliche Theile (§. 5), auch uͤber dieſes in der Mate - rie eines Coͤrpers allerhand Arten der Be - wegungen anzutreffen ſind, die wir uns je - mahls deutlich zubegreiffen keine Hoffnung machen doͤrffen (§. 10); uͤber dieſes abervor37und der Natur der Coͤrper. vor ſich klar iſt, daß durch die Bewegung je - derzeit etwas veraͤnderliches hervorgebracht wird, maſſen dadurch der Zuſtand vieler Dinge, die zugleich mit einander ſind, ge - aͤndert wird (§. 57. met. ): ſo koͤnnen gar viel Veraͤnderungen in dem Raume, den ein Coͤrper einnimmet, ſich ereignen, ohne daß man die geringſte Veraͤnderung an ihm wahrnimmet. Da wir nun dergleichen Veraͤnderungen, die man nicht wahrnim - met, weder unterſuchen, noch auch zu eini - gem Nutzen anwenden kan; ſo haben wir uns darum nicht zubekuͤmmern. Und dem - nach iſt es eben ſo wenig noͤthig, als moͤg - lich, daß wir die Natur ergruͤnden; ſon - dern diejenigen gehen zu weit und nehmen zu viel auf ſich, die weiter gehen wollen, als wir obſerviren koͤnnen.
Es iſt wohl wahr, daß unmerck -Ein Zweiffel wird be - nommen liche Veraͤnderungen, die nach und nach in einem Coͤrper vorgehen, ihn in den Stand ſetzen koͤnnen, da er zu einigen Veraͤnderun - gen geſchickt wird, welche er ſonſt nimmer - mehr haͤtte leiden koͤnnen. So findet man z. E. daß eine Artzney unterweilen eine gantz wiedrige Wuͤrckung hat, weil vorher eine andere den Weg dazu gebaͤhnet. Ja da wir ſehen, daß zuweilen einem eine Speiſe ſchadet, die er ſonſt ohne Schaden genoſ - ſen, und davon auch andere, die ſie zugleich mit ihm jetzund genieſſen, kein UngemachC 3ver -38Cap. I. Von dem Weſenverſpuͤren; ſo muß allerdings in dem Magen deſſen, dem ſie ſchadet, ei - ne Veraͤnderung ſich vorher ereignet haben, dadurch er zu der andern aufge - leget worden. Da nun die letzte Veraͤn - derung unmoͤglich verſtanden und erklaͤret werden mag, woferne man nicht die erſte erkennet, die vorhergegangen (§. 10. c. 5. Log. ); ſo ſcheinet es ja noͤthig zu ſeyn, daß wir uns auch um ſolche Veraͤnderungen bekuͤmmern, die wir nicht wahrnehmen koͤn - nen, indem ſie ſich ereignen. Allein wer ſiehet nicht, wenn er die Sache genauer uͤ - berleget, daß dieſes keinesweges demjenigen zuwieder ſey, was wir vorhin (§. 20.) be - hauptet. Nemlich eben alsdenn, wenn wir erkennen, es koͤnne eine Veraͤnderung, die ſich mit einem Coͤrper zutraͤget, keineswe - ges ſtat finden, woferne ſich nicht vorher eine andere mit ihm ereignet, nehmen wir die andere wahr, obzwar nicht klar, ſondern nur dunckel (§. 198. 199. met.). Solcher - geſtalt gehoͤret ſie mit unter diejenigen, die wir wahrnehmen koͤnnen, und darumb wir uns zubekuͤmmern Urſache haben (§. 20).
Der Unterſcheid der Coͤrper kom - met von der verſchiedenen Art der Zuſam - menſetzung der Theile her (§. 611. met. ) und zwar derjenigen, daraus die beſtaͤndige Materie und der aus ihr beſtehenden Thei - le beſtehet (§. 18). Es findet dieſes ſowohl39und der Natur der Coͤrper. wohl in der Kunſt, als in der Natur ſtat. Z. E. eine ſilberne Schaale und eine zinner - ne Kanne ſind zwey unterſchiedene Gefaͤſ - ſe. Die beſtaͤndige Materie der Schaale iſt Silber, der Kanne aber Zinn (§. 18). Das Silber iſt dichter als das Zinn (§. 188 T. I. Exper.) und demnach muͤſſen die Theile des Silbers auf eine andere Art zuſammen geſetzet ſeyn, als die Theile des Zinnes. Auſſer dem Unterſcheide aber, der ſich in der Zuſammenſetzung der eigenthuͤm - lichen Materie vor ſich befindet, treffen wir noch eine andere Art der Zuſammenſetzung der aus ihnen beſtehenden Theile in der Schaale und dem Becher an: denn eine Schaale hat gantz andere Theile als ein Becher. Wenn man aber dieſes genau - er erweget, ſo findet man, daß zwey Coͤr - per entweder verſchiedene beſtaͤndige Ma - terie haben koͤnnen und daraus zugleich auf verſchiedene Art zuſammen geſetzt ſeyn; oder daß ſie einerley beſtaͤndige Materie haben und bloß auf verſchiedene Art dar - aus zuſammengeſetzet ſind; oder endlich daß ſie verſchiedene beſtaͤndige Materie ha - ben und daraus auf einerley Art zuſammen - geſetzet ſind. Ein Exempel von der erſten Art ſind eine ſilberne Schaale und ein zin - nerner Becher, davon wir erſt ausfuͤhrli - cher geredet: eines von der andern eine ſil - berne Schaale und ein ſilberner Becher: eines von der dritten eine ſilberne SchaaleC 4und40Cap. I. Von dem Weſenund eine zinnerne Schaale. Ob nun zwar dieſes als etwas geringes von einigen ver - achtet werden doͤrffte; ſo iſt es doch als et - was wichtiges von denen anzuſehen, welche in der Erkaͤntnis der Natur ohne Anſtoß fortgehen wollen. Denn wir lernen hier - aus, was zu thun iſt, wenn wir die Be - ſchaffenheit eines Coͤrpers erkennen wollen: wir muͤſſen nemlich unterſuchen, was fuͤr ei - genthuͤmliche Materie ein Coͤrper an ſich hat, und wie daraus ſeine Theile gebildet und er aus ihnen zuſammen geſetzet worden. Wenn wir nun eines von dieſen herauszu - bringen nicht vermoͤgend ſind, ſo haben wir auch noch eine unvollkommene Erkaͤntnis deſſelben Coͤrpers und doͤrffen uns daher nicht wundern, wenn wir an ihm oder von ihm herruͤhrende Veraͤnderungen warneh - men, davon wir den Grund nicht anzuzei - gen wiſſen (§. 33. met.). Was demnach anfangs ſo ſchlecht und geringſchaͤtzig aus - ſahe, das hat ſo groſſen Nutzen, indem es ein Licht anzuͤndet, dabey wir ſehen koͤnnen, wie weit wir es in der Erkaͤntnis eines Dinges gebracht und was uns noch daran fehlet.
Es kommet bey den Coͤrpern, die viel zuſammen geſetzet ſind, auch noch dieſer Unterſcheid vor, daß die Theile entweder aus einerley eigenthuͤmlicher Materie, oder aus verſchiedener beſtehen. Wir treffen dieſen Unterſcheid abermahls auch in derKunſt41und der Natur der Coͤrper. Kunſt an. Denn z. E. in einer ſilbernen Kanne koͤnnen alle Theile von Silber ſeyn: hingegẽ in einer Uhr kan ein Theil aus Sil - ber, der andere aus einem anderen Metalle beſtehen. Und in der Natur iſt ein Theil der Steine eben ſolche Materie wie der an - dere: allein in dem Leibe eines Thieres iſt ein Theil Knochen, ein Theil Fleiſch, ein Theil Knorpel, ein anderer Theil noch et - was anders. Und hierauf haben diejeni - gen geſehen, welche die Materie eines Coͤr - pers entweder von einerley Art, oder von verſchiedener Art angeben. Wie weit aber dieſes gelte und wie man ſich dabey in acht zunehmen hat, damit man der Wahrheit nicht zu nahe trete, iſt aus dem - jenigen abzunehmen, was wieder die voͤlli - ge Aehnlichkeit zweyer der allergeringſten Staͤublein an einem andern Orte (§. 587. Met.) beygebracht worden. Und hat man auch hier zu erwegen, daß man in Beur - theilung der Zuſammenſetzung nicht weiter gehen darf, als biß man auf ſolche Theile kommet, die in gegenwaͤrtigem Falle nicht weiter anzuſehen ſind, als daß ſie in einem fortgehen (§. 67. Met.).
Da endlich aller Unterſcheid derWie ein Coͤrper aus dem andern kommen kan. Coͤrper in dem Unterſcheide der kleinen Theile und ihres Sandes gegen einander geſucht werden muß (§. 144. Met.); ſo iſt kein Wunder, daß bloß durch Aenderung der Figuren, der Groͤſſe und der LageC 5der42Cap. I. Von dem Weſender Theile oder ihres Standes gegen ein - ander aus einem Coͤrper ein gantz anderer heraus kommen kan, als vorhin da war. Wir finden dergleichen Exempel auch in der Kunſt. Weitzen, Mehl, Semmel, Brey, Kleiſter, Krafft-Mehl ꝛc. ſind alles verſchiedene Arten der Coͤrper und niemand wird es ihnen anſehen, daß einerley Mate - rie in allen ſey, woferne er es nicht aus der Erfahrung gelernet. Wenn man aber uͤberleget, wie ein Coͤrper aus dem andern kommet; ſo wird man keine Veraͤnderung finden, als die in der Figur, der Groͤſſe und der Lage der kleinen Theile vorgegangen. Z. E. Aus dem Weitzen kommet das Mehl, wenn er gemahlen, das iſt, zwiſchen zwey Steinen gerieben und durchgebeutelt wird, damit die ſubtilen Theile durchſtieben und die groben davon abgeſondert werden. Die Staͤublein Mehl haben in dem Koͤrn - lein ſchon wuͤrcklich ihre Figur und Groͤſſe und erhalten ſie nicht erſt durch die Muͤhle (§. 92. T. III. Exper.). Derowegen kan keine andere Veraͤnderung vorgehen, indem der Weitzen oder anderes Getreyde gemah - len wird, als daß die Lage der Theile ver - aͤndert wird. Und alſo beſtehet der gantze Unterſcheid zwiſchen dem Weitzen und dem Mehle in der Lage der Theile und ihres Standes gegen einander. Wenn man von Weitzen - Mehle Kleiſter machet, ſowird43und der Natur der Coͤrper. wird das Mehl im Waſſer gekocht. Das Waſſer ziehet ſich in die von eigenthuͤmli - cher Materie leeren Raͤumlein der Mehl - Staͤublein und treibet die kleineren Theile, daraus ſie beſtehen, weiter von einander und, wenn man das Mehl im Waſſer ko - chet, kan die Waͤrme, welche in die Zwi - ſchen-Raͤumlein des Waſſers und des Mehles dringet, vermoͤge ſeiner ſchnellen Bewegung, nichts anders verurſachen (§. 104 T. II. Exper.), als daß die Mehl - Staͤublein weiter getheilet, von dem Waſ - ſer einige ſubtile Materie ausgezogen und, indem das uͤberfluͤßige durch die Waͤrme ausdunſtet, auf andere Weiſe wieder gleich - ſam zuſammen geleimet werden. Hier findet man demnach weiter nichts anders, als Veraͤnderungen in der Figur, Groͤſſe und Lage der Theile und kan demnach auch in nichts anders der Unterſcheid zwiſchen dem Mehle und Kleiſter geſucht werden. Von den uͤbrigen Arten der Coͤrper, die aus dem Weitzen-Korne kommen, mag ich nichts ausfuͤhrlicheres anfuͤhren. Ein an - deres Exempel giebet der Flachs ab, der nachdem er ausgeraufft und getrocknet worden, durch Roͤſten und Brechen zum Spinnen zubereitet wird, und daraus nach dieſem Garn geſponnen, aus dem Garne Leinwand gewebet, aus den zerſtoſſenen Lumpen von der alten Leinwand in derPa -44Cap. I. Von dem WeſenPapier Muͤhle Papier gemacht wird. Man wird auch hier bey allen Veraͤnderungen, wenn man ſie genauer uͤberleget, nichts an - treffen, als Veraͤnderungen in den Figuren der Groͤſſe u. Lage der Theile, dazu wir auch die Verknuͤpffung mit einander rechnen.
Wer dieſes bedencket und noch viel anders, was in der Kunſt vorgehet, der wird ſichs nicht befremden laſſen, daß man auch in der Natur eine Menge der Materie antrifft, die ſich nach und nach in verſchiede - ne Geſtalten verwandelt und bald unter der Geſtalt dieſes Coͤrpers, bald unter der Ge - ſtalt eines andern angetroffen wird. Wer ſiehet nicht taͤglich, daß die Thiere Graß, Kraͤuter und Saamen, nebſt anderen Fruͤchten und Erdgewaͤchſen zu ihrem Fut - ter haben und demnach daraus ihr Fleiſch, ihre Knochen, Haut und was ſie ſonſt an ſich haben, kommet? Das Fleiſch der Thiere genieſſen die Menſchen und wird ſolches in ihnen zu ihrem Fleiſch und Blute, auch was ſie ſonſt verſchiedenes in ihrem Leibe haben. Die Menſchen und Thiere duͤnſten ohne Unterlaß aus, wovon unten an ſeinem Orte ſoll geredet werden. Jetzt mercke ich bloß an, daß Dodart, weiland ein Medicus in Franckreich und Mitglied der Academie der Wiſſenſchafften A. 1677 den vierzehenden Theil ſeiner eigenthuͤmli - chen Materie verlohren, als er die Faſtenuͤber45und der Natur der Coͤrper. uͤber ein ſtrenges Leben gefuͤhret. Denn im Anfange der Faſten war er 116 Pfund und eine Untze; zu Ende derſelben oder am Oſter Sonnabende aber nur 107 Pfund 12 Untzen ſchweer, und hatte demnach in - nerhalb 46 Tagen 8 Pfund 5 Untzen von der eigenthuͤmlichen Materie ſeines Leibes verlohren. Er hatte die Faſten uͤber An - fangs bloß Zugemuͤſſe des Abends um 7 Uhr gegeſſen und gegen das Ende nichts als Brodt und Waſſer genoſſen. Als er aber auf Oſtern wieder ordentlich, wie er ſonſt gewohnet war, Speiſe und Tranck zu ſich nahm, wurde er in 4 Tagen gleich wieder 4 Pfund ſchweerer und erlangte demnach in 9 Tagen wieder, was er in 46 Tagen verlohren hatte. Man ſiehet hier - aus augenſcheinlich, daß der Menſch taͤg - lich etwas von ſeiner eigenthuͤmlichen Ma - terie verlieret und dieſe hingegen wiederum durch Speiſe und Tranck erſetzet wird. Nun iſt gewiß, daß Materie, welche ver - ſchwindet und davon man keine Spur er - blicken kan, wo ſie hinkommen iſt, dennoch nicht zu nichts wird, ſondern ſich bloß durch die Lufft zertheilet (§. 85. T. II. Ex - per. ) und demnach erhellet, daß die Mate - rie, welche Fleiſch und Blut im Menſchen war, in der Lufft verſtaͤubet. Pflantzen und was nur aus der Erde waͤchſet bekom - met ſeine Nahrung von dem Thaue desHim -46Cap. I. Von dem WeſenHimmels und dem Regen, der aus der Lufft herunter faͤllet: welches ich auch un - ten an ſeinem Orte noch umbſtaͤndlicher ausfuͤhren werde. Daher iſt leicht zuer - achten, daß die Materie, welche aus den Leibern der Thiere und Menſchen, auch in Verweſung der Pflantzen, Thiere und Menſchen in die Lufft gehet, mit dem Thaue und Regen wiederum herunter ge - bracht und abermahls zum Wachsthume der Pflantzen angewandt wird. Und dem - nach iſt klar, was wir behaupten, daß nem - lich eine gewiſſe Menge Materie iſt, welche nach und nach allerhand Geſtalten annim - met und vermittelſt derer in der Natur er - halten wird, daß ein Coͤrper vergehet, der andere hingegen koͤmmet. Jch will mich jetzt nicht aufhalten mit Erwegung deſſen, was etwan von einigen, wieder eines und das andere, was wir hier annehmen, doͤrffte eingewendet werden, weil unten an ſeinem Orte aller Zweiffel verſchwinden wird, der etwan entſtehen koͤnnte. Da - mit man aber meine Worte deſto weniger als eine leere Vertroͤſtung anzuſehen Urſa - che habe; ſo will ich um eine Probe zu ge - ben nur einen einigen Zweiffel beruͤh - ren. Jch habe geſagt, der Thau, Regen und Schnee braͤchten die Materie mit ſich aus der Lufft herunter, welche aus Pflan - tzen, Thieren und Menſchen ausdunſtetund47und der Natur der Coͤrper. und in ihrer Verweſung darein gehet. Vielleicht duͤrffte ſolches ein in der Chymie erfahrener in Zweiffel ziehen, weil er ver - meinet, daß dergleichen Materie ſich nicht durch die Chymie von dem Regen-Waſſer abſondern lieſſe. Allein man ſiehet leicht, daß dieſer Zweiffel nichtig iſt. Denn man hat ja noch nicht erwieſen, daß durch die Chymie alle veraͤnderliche Materie ſich von dem Waſſer abſondern laͤſſet, die ſich mit ihm vermiſchet (§. 18): vielmehr wenn wir kuͤnfftig deutlich werden gezeiget haben, und auch ſchon durch Erwegung deſſen, was wir angefuͤhret, vorher ſehen koͤnnen, daß Regen und Thau nicht lauteres Waſſer ſey, ſondern viel veraͤnderliche Materie mit ſich fuͤhre und nicht ſowohl das Waſſer, als dieſe den Wachsthum der Pflantzen befoͤr - dere; werden wir Urſache haben zu ſetzen, daß die Chymie die veraͤnderliche Materie, die mit Regen und Thau vermiſchet iſt, nicht davon abſondern koͤnne.
Damit man nun aber alle Ver -Worauf es in allen Veraͤn - derungen ankom - met. aͤnderungen, welche ſich in einem Coͤrper ereignen, deſto beſſer begreiffen moͤgen; ſo muͤſſen wir ordentlich uͤberlegen, worauf es eigentlich ankommet. Wenn wir die Ma - terie uͤberhaupt erwegen, ehe wir einen Un - terſcheid in derſelben annehmen; ſo treffen wir in den Theilen nichts als ihre Groͤſſe, Figur und Lage an. Derowegen wennhier48Cap. I. Von dem Weſenhier eine Veraͤnderung vorgehen ſoll; ſo wird entweder von der Materie et - was hinweggenommen, oder hinzuge - ſetzet, oder auch ein Theil in die Stelle des andern verſetzet. Wenn etwas von einem Theile hinweg genommen wird, ſo wird es kleiner: wird etwas hinzugeſetzet, ſo wird es groͤſſer. Dieſe Aenderung in der Groͤſſe iſt allzeit gewiß (§. 65. met.). Hinge - gen entſtehet nicht zugleich auch jederzeit ei - ne Aenderung in der Figur; ſondern es kan auch die Figur verbleiben die ein Coͤrper hat, indem etwas hinzugeſetzet, oder davon ge - nommen wird. Wenn die Figur bleiben ſoll, die der Coͤrper hat, kan es nur auf ei - nerley Art geſchehen, nemlich wenn die Theile rings herum auf eine aͤhnliche Art hinzugeſetzt, oder davon genommen werden: wenn ſie aber veraͤndert wird, gehet es auf unzehlich viele Arten an (§. 68. Met.). Und demnach wird in den meiſten Vergroͤſſe - rungen und Verkleinerungen der Coͤrper zugleich die Figur geaͤndert. Was die Verſetzung der Theile betrifft, ſo kan da - durch gleichfalls in einem Falle die Figur unveraͤndert bleiben, nemlich wenn ein aͤhn - liches Theil in die Stelle eines aͤhnlichen geſetzet, das iſt, zweyer aͤhnlicher Theile Stelle mit einander verwechſelt wird (§. 18. Met.): hingegen in allen uͤbrigen Faͤllen kommet eine andere Figur heraus (§. 54. Met.)49und der Natur der Coͤrper. Met.). Da in der Natur zwey aͤhnliche Theile nicht ſeyn koͤnnen (§. 587. Met.); ſo iſt es wohl wahr, daß der erſte Fall der Verſetzung in der Natur nicht ſtat findet: allein da wir gleichwohl nicht allzeit auf eine voͤllige Aehnlichkeit ſehen, auch wegen der dunckelen Begriffe, die wir von einigen Dingen haben (§. 199 Met.), unterſchie - dene Dinge fuͤr aͤhnlich anſehen koͤnnen; ſo findet er wenig dem Anſehen nach ſtat. Wenn man die Materie uͤberhaupt betrach - tet, in ſo weit noch kein Unterſcheid da - rinnen anzutreffen: ſo kan man auch einen Theil wegnehmen und einen andern wie - der davor hinſetzen. Der Theil, der hinzu - geſetzet wird, kommet entweder in die Stelle deſſen, der weggenommen ward, o - der in eine andere. Wenn ein aͤhnlicher Theil in die Stelle deſſen geſetzet wird, den man weggenommen, ſo geſchiehet dadurch keine Aenderung (§. 18. Met.), ſondern der Coͤrper bleibet wie vorhin. Hingegen wenn ein unterſchiedener Theil in die Stel - le deſſen geſetzet wird, den man weggenom - men, oder auch ein aͤhnlicher, oder unaͤhn - licher Theil in einen andern Ort angeſetzet wird und die Stelle, wo etwas weggenom - men worden, bleibet leer: ſo wird dadurch die Figur des Coͤrpers geaͤndert (§. 54. Met.). Wir doͤrffen nicht meinen, als wenn dieſe Gruͤnde ohne Nutzen waͤren. (Phyſick) DDenn50Cap. I. Von dem WeſenDenn in der Kunſt ſehen wir gemeiniglich die Materie, daraus ihre Wercke verferti - get werden, nicht anders an, als wenn in ihren Theilen kein innerlicher Unterſcheid waͤre und ſie bloß der Stelle nach von ein - ander ſich unterſcheiden lieſſen. Derowe - gen wenn wir von allen Veraͤnderungen, durch welche die Wercke der Kunſt hervor - gebracht, oder auch erhalten und geaͤndert werden, urtheilen ſollen; muͤſſen wir auf dieſe Gruͤnde acht haben: wie ein jeder leicht Exempel auf alle Faͤlle vor ſich fin - den wird, wenn er die Wercke der Kunſt durchgehet, auch nur diejenigen, die uns taͤglich vor Augen ſchweben. Allein auch in der Natur ereignen ſich ſolche Faͤlle, da wir den ferneren Unterſcheid in der Materie entweder nicht anſehen doͤrffen, oder auch nicht anſehen koͤnnen, weil das uͤbrige in einander faͤllet, daß wir keinen fer - neren Unterſcheid bemercken koͤnnen. Und alsdenn haben wir gleichfalls auf die bis - her erklaͤreten Gruͤnde zu ſehen.
Wenn wir die Materie der Coͤr - per nicht mehr uͤberhaupt betrachten und auf etwas mehreres ſehen, als daß ſie einen Raum erfuͤllet; ſo muͤſſen wir in den Thei - len verſchiedene Arten der Materie mit ein - ander vermiſchet annehmen, und alsdenn ereignen ſich noch andere Veraͤnderungen als vorhin (§. 26) erklaͤret worden. Nemlich alsdenn koͤnnen die Materien von verſchie -dener51und der Natur der Coͤrper. dener Art, die mit einander vermiſchet ſind, von einander geſchieden, und einige davon, wenn ſie geſchieden ſind, von den uͤbrigen abgeſondert, auch neue entweder von eben der Art, oder von verſchiedener wieder da - zu kommen und mit ihnen vermenget wer - den. Wenn einige davon geſchieden und abgeſondert werden, keine aber wieder in de - ren Stelle kommet; ſo wird dadurch die Art der Materie geaͤndert, maſſen dieſelbe von dem Unterſcheide der Materien, die mit einander vermenget werden, und von der Proportion, in welcher ſie mit einander vermenget werden, ihren Urſprung nimmet. Gleichergeſtalt wird aus eben der Urſache die Art der Materie geaͤndert, wenn an die Stelle derjenigen, die abgeſondert worden, eine andere von verſchiedener Art, oder auch eine von eben der Art, aber in verſchiedener Proportion dazu kommet. Hingegen bleibet die Art der Materie ungeaͤndert, wenn an die Stelle derjenigen, die abge - ſondert worden, eben wieder dergleichen und in eben der Proportion hinzukommet. Da alle Materien der Coͤrper, die wir ken - nen, aus Vermiſchung verſchiedener ande - rer entſtehen; ſo hat man auf dieſe Gruͤnde in Erklaͤrung der Veraͤnderungen, die ſich in einem Coͤrper ereignen, hauptſaͤchlich zu ſehen. Wir finden ſie aber auch in der Kunſt nuͤtzlich, wie einem jeden, der dar -D 2auff52Cap. I. Von dem Weſenauf acht hat, nicht ſchweer ſeyn wird Exem - pel zu finden.
Wenn veraͤnderliche Materie in die Zwiſchen - Raͤumlein der beſtaͤndigen und des Coͤrpers hinein dringet; ſo kan ſie entweder andere herausjagen, die vorher darinnen iſt, oder die andere kan zugleich neben ihr darinnen verbleiben. Wenn nicht mehr vertrieben wird als hinein kom - met, ſo wird dadurch die Groͤſſe des Coͤr - pers nicht geaͤndert: unterdeſſen da die veraͤnderliche Materie von der vorigen un - terſchieden iſt, kan dadurch der Coͤrper einen andern Zuſtand erhalten, als er vorher hat - te. Wenn entweder mehr veraͤnderliche Materie in die Zwiſchen-Raͤumlein der be - ſtaͤndigen und des Coͤrpers hinein dringet, als heraus getrieben wird, oder auch die vo - rige darinnen verbleibet und uͤber dieſes neue hinzu kommet; ſo wird dadurch der Coͤrper groͤſſer. Jſt die veraͤnderliche Ma - terie, ſo dazu kommet, unterſchieden von der vorigen; ſo kan der Coͤrper einen neuen Zuſtand erhalten, als er vorher hatte: iſt ſie aber einerley, ſo wird nur der Grad der Eigenſchafften veraͤndert, wenn mehr hin - eindringet, als vorher darinnen war.
Mit der fremden Materie hat es faſt eben dieſes zu ſagen. Unterdeſſen hat man hier noch ferner zuerwegen, daß da die fremde Materie durch den Coͤrper ſichfrey53und der Natur der Coͤrper. frey durch bewegen kan, dieſelbe nicht al -den Ma - terie. lein ſowohl von der beſtaͤndigen, als ſon - derlich der veraͤnderlichen Materie einige Theile in Bewegung bringen kan. Da nun alle Veraͤnderungen durch die Bewe - gung geſchehen (§. 615 Met.); ſo koͤnnen auch Veraͤnderungen in der fremden Ma - terie Veraͤnderungen in dem Coͤrper her - vor bringen.
Und weil der Unterſcheid derWie weit veraͤnder - liche und fremde Materi - en fuͤr ei - nerley zu halten. veraͤnderlichen und fremden Materie bloß darinnen geſuchet wird, daß jene die Schweere des Coͤrpers vermehret und in Bewegung des gantzen Coͤrpers ſeine Krafft zu ſtoſſen vergroͤſſert (§. 13); ſo kan man nicht allein in denen Faͤllen, wo die veraͤn - derliche Materie den Coͤrper nicht innerlich ſchweer machet, ſondern auch jederzeit in Anſehung des Zuſtandes des Coͤrpers die veraͤnderliche Materie und die fremde fuͤr ei - nes halten.
Wir haben vorhin erinnert (§. Ob man von dem was in der Kunſt vorgehet auf die Natur ſchluͤſſen kan.25. 26. 27. ), daß die von dem Unterſcheide der Coͤrper und ihren moͤglichen Veraͤnde - rungen vorgetragene Gruͤnde ſich ſowohl durch Exempel der Kunſt, als der Natur erlaͤutern lieſſen: derowegen werffen wir nicht unbillich die Frage auf, wie weit man von demjenigen, was in der Kunſt vorge - het, auf das ſchluͤſſen kan, was ſich in der Natur ereignet. Damit wir dieſelbenD 3gruͤnd -54Cap. I. Von dem Weſengruͤndlich beantworten; ſo iſt fuͤr allen Dingen zu mercken, daß wir in der Kunſt zu allen Wercken, die durch ſie zum Vor - ſcheine kommen, keine andere Materien gebrauchen, als die mit unter die Arten der natuͤrlichen Coͤrper gehoͤren. Nun kan mit ihnen in der Kunſt keine Veraͤn - derung ſich ereignen, es muß auch zugleich in ihnen ein Grund anzutreffen ſeyn, warum dergleichen Veranderung mit ihnen ſich zu - tragen kan (§. 30 Met.). Derowegen er - kennet man, daß die natuͤrlichen Coͤrper, die als eigenthuͤmliche Materien zu den Wer - cken der Kunſt gebraucht werden, geſchickt ſind eine dergleichen Art der Veraͤnderung in ſich ergehen zu laſſen und aus was fuͤr ei - nem Grunde ſïe dazu aufgeleget ſind. Und eben dieſer Grund zeiget, wie allgemein man den Satz machen ſoll, wenn man ihn als einen Grund in Erklaͤrung der Natur machen will. Z. E. Jch ſehe, daß ein Ti - ſcher, wenn er das Blat zu einem Tiſche machen will, von Bretern Stuͤcke loß ſaͤ - get und ſie glatt behobelt, bis ſie genau in ei - ner ebene neben einander paſſen. Hier ent - ſtehet in dem Holtze eine Figur, die vorher nicht darinnen war, in dem Theile von ein - ander abgeſondert, einige davon genommen und die uͤbrigen auf eine andere Art neben einander geſtellet und zuſammen gefuͤget werden, als ſie vorher bey einander waren. Fraget man nun, warum ſolches angehet,ſo55und der Natur der Coͤrper. ſo hat man den Grund davon nicht in den Weſen und der Natur des Holtzes, ſondern bloß darinnen zu ſuchen, daß das Holtz ſich nach Gefallen zertheilen laͤſſet und ſolcher - geſtalt Theile hat, deren einer ohne dem andern ſeyn kan, und daß ſich dieſe Theile aus einem Orte in den andern bewegen laſſen. Derowegen lernet man hieraus insgemein, daß, wenn ein Coͤrper Theile hat, deren einer ohne den andern ſeyn kan, und ein jeder, nachdem er abgeſondert worden, ſich aus einem Orte in den andern bewegen laͤſſet, man durch Abſonderung, Wegnehmung und Verſetzung der Theile in das gantze eine andere Figur bringen koͤnne, als vorher darinnen war. Ja da man uͤberhaupt weiß, daß alle Theile ſich aus einem Orte in den andern bewegen laſ - ſen; ſo hat man dieſe Bedingung nicht ein - mahl noͤthig in den allgemeinen Satz zu bringen, ſondern ſie verſtehet ſich von ſich ſelbſt. Wenn man nun ferner darauf acht hat, wie die Veraͤnderung in der Kunſt ge - ſchiehet, indem aus einer eigenthuͤmlichen Materie ein Werck hervorgebracht wird; ſo lernet man dadurch die zu einer gewiſſen Art der Veraͤnderung noͤthige Bewegun - gen (denn alle Veraͤnderungen in coͤrperli - chen Dingen geſchehen (§. 615 Met.) durch die Bewegung) erkennen. Da nun der - gleichen Bewegungen ſowohl in der Natur als in der Kunſt noͤthig ſind, wenn derD 4er -56Cap. I. Vondem Weſengleichen Veraͤnderung ſich ereignen ſoll: ſo erſiehet man auch daraus, was fuͤr Wuͤr - ckungen in der Natur erfordert wuͤrden, wenn ſie eine dergleichen Art der Veraͤn - derung hervorbringen ſollte, als in der Kunſt geſchiehet. Als in unſerem Exempel wird durch die Saͤge der Zuſammenhang der Theile nach der Breite oder Dicke des Holtzes, durch den Hobel nach der Laͤnge deſ - ſelben gehoben. Man erkennet demnach hieraus uͤberhaupt, daß, wenn Theile von einander ſollen abgeſondert werden, ihre Verknuͤpffung mit einander muͤſſe aufgeho - ben werden und man dannenhero in ſich er - eignenden beſonderen Faͤllen darauf zu ſehen habe, wie es moͤglich ſey die Verknuͤpffung der Theile zu heben. Jn der Kunſt treffen wir jederzeit die Urſachen an, wodurch die Theile, welche mit einander verknuͤpfft ſind, getrennet werden, als in unſerem Exempel geſchiehet es durch das Saͤgen und das Hobeln: allein wenn man in die Natur kommet, muß man keine der Kunſt aͤhnliche Wuͤrckungen zugeben, bis man entweder dieſelben zeigen, oder aus der Gegenwart den kuͤnſtlichen aͤhnlicher Dinge oder auch Wuͤrckungen ſchluͤſſen kan, daß dergleichen Urſachen ſich in der Natur befinden muͤſſen, ob wir ſie gleich mit unſeren Sinnen nicht erreichen koͤnnen, auch oͤffters nicht wiſſen, ob ſie einerley ſind mit andern Dingen, die wir vorhin durch andere Wuͤrckungen ha -ben57und der Natur der Coͤrper. ben erkennen lernen. Wer dieſes alles in acht nimmet, der wird niemahls zu fruͤhzei - tig von der Kunſt auf die Natur ſchluͤſſen und aus Betrachtung der Kunſt viel gutes lernen koͤnnen, was er in Erklaͤrung der Na - tur gebrauchen kan.
Da man geſehen, daß die eigen -Ob ein - fache Materi - en in der Natur vorhan - den. thuͤmliche Materien der Coͤrper, die in un - ſere Sinnen fallen und mit denen wir zu thun haben, ſich in andere nicht allein durch die Chymie aufloͤſen laſſen, ſondern auch ſelbſt von der Natur aufgeloͤſet werden, durch deren Vermiſchung ſie entſtanden; ſo iſt man auf die Gedancken gerathen, ob nicht einige Materien vorhanden ſind, durch deren Vermiſchung alle uͤbrigen heraus kommen, die ſich aber ſelbſt nicht weiter in andere aufloͤſen laſſen. Und dieſe hat man einfache Materien, oder Elemente ge - nennet, auch ſich eingebildet, als wenn in dieſen Materien Theile angetroffen wuͤrden, die nicht weiter als dem Orte nach von ein - ander unterſchieden ſind. Nun iſt zwar das letztere nicht ungereimet (§. 587 Met.): allein deswegen kan doch nicht ſo gleich das erſtere ſchlechterdinges verworffen werden, denn es koͤnten deſſen ungeachtet doch ge - wiſſe Materien in einer determinirten Anzahl in der Natur anzutreffen ſeyn, durch deren Vermiſchung alle die uͤbrigen heraus kaͤmen, die in unſere Sinnen fallen. Ge -D 5ſetzt58Cap. I. Von dem Weſenſetzt aber, daß dergleichen Materien vorhan - den ſind, ſo iſt doch gewiß, daß dieſelben noch immer in andere einfachere ſich aufloͤ - ſen laſſen. Denn da die Materie in unend - lich kleine Theile wuͤrcklich getheilet iſt (§. 684 Met.) und die ſubtileſten Staͤublein, die wir ſowohl mit bloſſen Augen ſehen, als durch die Vergroͤſſerungs-Glaͤſer entdecken koͤnnen, noch immer gar ſehr zuſammen ge - ſetzet ſind (§. 3); uͤber dieſes nicht allein vielerley ſubtile Materien in der Natur an - getroffen werden, welche von denen unter - ſchieden ſind, ſo uns in die Augen fallen, als Lufft (§. 145 T. II. Exper.). die Materie des Lichtes, (§. 159. T. II. Experim. ), die Materie der Waͤrme (§. 104. T. II. Ex - per. ) oder das elementariſche Feuer (§. 134 T. II. Exper.) die ſchweermachende Mate - rie (§. 12. T. II. Exper.), die magnetiſche Materie (§. 39. T. III. Exper.), die von den vorigen unterſchieden iſt (§. 44. 45. 47. T. III. Exper.); ſondern auch dergleichen Materien gantz gewiß vorhanden ſeyn, die wir zur Zeit noch nicht erkennen (§. 82. T. III. Exper.): ſo verlieret es alle Wahr - ſcheinlichkeit, daß wir entweder mit unſeren Sinnen, oder auch mit unſerer Vernunfft ſolche Materien erreichen wollen, die ſich nicht anders als in Theile von ihrer Art aufloͤſen laſſen. Und daher iſt es auch ein groſſes Verſehen, wenn man vermeinet, derUn -59und der Natur der Coͤrper. Unterſcheid ſolcher Materien, die uns in die Sinnen fallen, lieſſe ſich durch die bloſſe Fi - gur und Groͤſſe der Theile beſtimmen. Denn ſo lange die ſubtileſten Theile der ei - genthuͤmlichen Materie noch aus anderen einfacheren, die in gewiſſer Proportion mit einander vermiſchet ſind, beſtehen; muß man den Unterſcheid der Materien durch die einfacheren, die mit einander vermiſchet ſind, und durch die Proportion, in welcher ſie mit einander vermiſchet ſind, beſtimmen, und iſt noch lange nicht Zeit, daß man auf die Figur und Groͤſſe der Theile kommet. Nemlich man kan nicht eher auf die mecha - niſchen Urſachen dencken, biß man vorher mit den phyſicaliſchen zur Nichtigkeit kom - men (§. 114. T. II. Exper.). Da nun zur Zeit gar wenig Hoffnung zu ſeyn ſcheinet, daß wir dieſe zwar nicht gantz einfachen, je - doch einfachere Materien entdecken, durch deren Vermiſchung diejenigen heraus kom - men, daraus die Coͤrper beſtehen, welche uns in die Sinnen fallen: ſo halten wir es auch fuͤr eine vergebliche Arbeit ſich damit zu bemuͤhen, und iſt uns genung, wenn wir in Erklaͤrung der natuͤrlichen Begebenhei - ten keine Materie annehmen, als deren Gegenwart wir hinlaͤnglich erweiſen koͤn - nen. So gehen wir ſicher und ſind gewis, daß wir nichts erdichten und der Wahr - heit verfehlen.
§. 33.60Cap. I. Von dem WeſenEs iſt jedermann bekandt, daß man eine lange Zeit mit Ariſtotele geglau - bet, es waͤren vier einfache oder elementari - ſche Materien, durch deren Vermiſchung die uͤbrigen heraus kaͤmen, nemlich Feuer, Lufft, Waſſer und Erde. Nachdem man in der Chymie gefunden, daß aus den Ma - terien der Coͤrper, die in unſere Sinnen fallen, Saltze, Schwefel oder verbrennlich - te Materie und Mercurius oder eine fluͤch - tige Materie ſich durch die Chymie heraus bringen laſſe; ſo hat man drey elementari - ſche Materien aus Saltze, Schwefel und Mercurius machen wollen. Wie man a - ber aus dem vorhergehenden (§ 32) zur Gnuͤge erſehen kan, daß man ſich in dieſem Stuͤcke beyderſeits uͤbereilet, ſo wollen wir auch nicht beſondere Gruͤnde anfuͤhren, die ſich dargegen vorbringen laſſen, und zwar um ſo viel weniger, weil wir nicht gewohnet ſind fremde Meinungen zu unterſuchen, ſondern uns vergnuͤgen, daß wir dasjenige, was wir behaupten gruͤndlich ausfuͤhren und mit einander verknuͤpffen. Carteſius ſetzet gleichfalls drey elementariſche Mate - rien, die ſubtileſte Materie oder das ele - mentariſche Feuer, die Himmels Lufft und die irrdiſche Materie, deren jene er das er - ſte, dieſe das andere und dritte Element nennet. Er hat mehr Grund gehabt, als die andern. Denn er hat nicht mehr ele -menta -61und der Natur der Coͤrper. mentariſche Materien annehmen wollen, als zu Erklaͤrung der Natur noͤthig iſt. Nun finden wir zweyerley Arten der Coͤr - per, leuchtende und dunckele. Derowegen hat er zweyerley elementariſche Materien angenommen, eine fuͤr die leuchtende, wel - che das elementariſche Feuer iſt, und die an - dere fuͤr die dunckelen Coͤrper, welche die irrdiſche Materie iſt. Uberdieſes iſt auch eine Materie noͤthig geweſen, welche den Raum zwiſchen den groſſen Welt-Coͤr - pern erfuͤllet, und dadurch das Licht ausge - breitet wird, welches von den leuchtenden Coͤrpern zu den dunckelen kommet und von dieſer einem wieder zu den andern zuruͤcke ge - worffẽ wird. Und dieſe iſt eben diejenige, wel - che die Himmels-Lufft heiſſet. Ob nun zwar dieſe drey Arten der Materien in der Na - tur wuͤrcklich angetroffen werden; ſo er - hellet doch aus dem vorhergehenden (§. 32), daß mehr als dieſe drey darinnen vorhan - den auch zu Erklaͤrung der natuͤrlichen Be - gebenheiten gebraucht werden. Z. E. Carteſius haͤlt die Materie des Lichtes mit der ſchweermachenden Materie fuͤr einerley, nemlich beyde fuͤr die Himmels-Lufft: al - lein er thut es bloß deswegen, weil er nicht mehr als drey Elemente hat, folgends aus Zwang ſeiner einmahl angenommenen Gruͤnde. Was dringet uns aber fuͤr Noth, daß wir die Anzahl der Materien, durch deren Vermiſchung andere entſtehen,deter -62Cap. I. Von dem Weſendeterminiren? Wir haben geſehen, daß es viel beſſer gehet, wenn wir ſolches noch zur Zeit unterlaſſen (§. 32.). Wird man in Erkaͤntnis der Natur weiter gehen, und in den Stand kommen, da man mit meh - rerer Zuverlaͤßigkeit den Unterſcheid der Materien determiniren kan, die man zu Erklaͤrung nicht der gantzen Natur, ſon - dern nur ihrer ſichtbahren Wuͤrckungen vonnoͤthen hat: ſo iſt es Zeit genung dar - an zugedencken. Weil wir nun alle Ele - menten-Sorge noch zur Zeit fuͤr unnuͤtze halten, als die noch viel zu fruͤhzeitig iſt; ſo waͤre es auch eine vergebene Sache, wenn wir uns mit Wiederlegung ungegruͤndeter Meinungen aufhalten wollten. Es iſt ge - nung, daß wir verſichert ſind alle Meinun - gen, die man zur Zeit aufbringen kan, muͤſſen ungegruͤndet ſeyn.
Die Figuren entſtehen in der Materie durch die unterſchiedenen Bewe - gungen (§. 8) und alle Aenderungen in der Natur werden gleichfals durch die Bewe - gungen bewerckſtelliget (§. 615. Met.). Nun kan kein Coͤrper durch ſeine Bewe - gung etwas in dem andern aͤndern, als wenn er an ihm ſtoͤſſet (§. 664. Met.), fol - gends ihn beruͤhret. Derowegen depen - diret ein jeder Coͤrper in der Welt von an - dern, die um ihn ſind und ihn beruͤhren. Solchergeſtalt iſt immer ein Coͤrper umdes63und der Natur der Coͤrper. des andern willen. Da nun aber alles, was aus dem Weſen und der Natur eines Dinges erfolget, Goͤttliche Abſichten ſind (§. 1028. Met.), die er dadurch als das Mittel zuerreichen trachtet, da er es wuͤrck - lich werden laͤſſet (§. 1032. Met.); ſo be - kommet man die Abſichten der Dinge, in - dem man verſtehet, wie eines um des an - dern Willen iſt. Da es nun angehet, daß wir theils durch die Erfahrung, theils auch durch die Vernunfft heraus bringen koͤn - nen, wie eines um des andern Willen iſt und was ein Ding in der Natur von dem andern hat, wie es ſich im Fortgange zeigen wird, auch zum Theil aus der taͤglichen Erfahrung erhellet; ſo ſind wir allerdin - ges in dem Stande GOttes Abſichten in der Natur zuerkennen, und gehoͤren dieſel - ben keinesweges unter die Geheimniſſe, welche GOtt vor ſich hat behalten wollen, wie Carteſius(a)Princ. Phil. part. I. §. 28 vorgegeben. Allein da niemand die Natur ergruͤnden kan, ſo wer - den wir auch niemahls die goͤttlichen Ab - ſichten, derer die Natur voll iſt (§. 127 Met.) voͤllig erreichen.
DJe beſtaͤndige Materie eines Coͤr - pers iſt diejenige, daraus ſeine Theile beſtehen (§. 17) und in de - nen Coͤrpern, damit wir zu thun haben, beſtehet ſie aus verſchiedenen an - dern einfacheren Materien, die mit einan - der vermiſchet worden (§. 32.). Derowe - gen wenn wir mit ihr zuthun haben, ſo koͤn - nen wir entweder auf die einfacheren Ma - terien acht haben, die mit einander vermi - ſchet werden, oder auf die Theile, die durch deren Vermiſchung heraus kommen. Ma - terien, die durch Vermiſchung mit einan - der ſollen vereiniget werden, muͤſſen vorher getheilet werden und in dieſen Theilen kan man nichts weiter als ihre Figur und Groͤſ - ſe unterſcheiden (§. 72. Met.), wenn man nicht auf ihre fernere Vermiſchung aus an - deren noch einfacheren Materien acht hat: welches nicht geſchiehet, noch geſchehen darf, wo man mit einem Coͤrper von ge - wiſſer Art zu thun hat (§. 67. Met.). Unddem -65Unterſch. wegen der beſtaͤnd. Mat. demnach kommet hier alles darauf an, wie Theile von gewiſſer Figur und Groͤſſe ſich zuſammen ſetzen laſſen und wie nach der verſchiedenen Art der Zuſammenſetzung die Materien unterſchieden. Wenn nun durch Zuſammenſetzung der Theile, die durch Vermiſchung anderer entſtehen, groͤſſere Theile heraus kommen; ſo muͤſ - ſen auch dieſe wiederum ihre Figuren und Groͤſſe haben, und man kan abermahls bey ihnen auf weiter nichts ſehen, als wie ſie mit einander zuſammen geſetzet ſind, und was daher fuͤr ein Unterſcheid in die groſſen Theile des Coͤrpers und den gantzen Coͤrper kommet. Und in dieſer Betrachtung kan man von den kleineſten Theilen bis zu den groͤſten, die ſich in einem Coͤrper unter - ſcheiden laſſen, herauf ſteigen, oder auch von den groͤſten bis auf den kleineſten zuruͤcke herunter ſteigen. Wiewohl da die Natur die Materien in unbegreiflich kleine Theile aufzuloͤſen pfleget, ehe ſie ſie zuſammen ſe - tzet (§. 3); ſo werden wir auch gar ſelten biß auf die kleineſten Theile kommen koͤn - nen. Denn ich nenne hier die kleineſten Theile eines Coͤrpers diejenigen, die man nicht weiter theilen kan, woferne noch alle einfachere Materien, durch deren Vermi - ſchung die Materie beſtehet, in den Theilen angetroffen werden ſoll. Z. E. das Pulver beſtehet aus Kohlen, Schwefel und Salpe -(Phyſick) Eter66Cap. II. Von dem Unterſcheideter, welche drey Materien mit einand er wohl vermiſchet werden (§. 29 Artiller.). Es ſind denmach die kleineſten Theile des Pulvers, die ſich nicht weiter theilen laſſen, woferne noch Kohlen-Schwefel - und Sal - peter-Staͤublein mit einander vermiſchet bleiben ſollen. Wollte man einen ſolchen Theil noch weiter theilen, ſo bliebe entweder bloß Kohle und Schwefel, oder Kohle und Salpeter, oder auch Schwefel und Salpe - ter bey einander, oder es wuͤrden durch die Theilung alle drey Materien von einander geſchieden, folgends bliebe kein Pulver mehr uͤbrig.
Wenn man verſchiedene Theile zuſammen ſetzet, ſo koͤnnen entweder die Flaͤchen, daran ſie einander beruͤhren, auf einander paſſen, oder nicht. Wenn die Flaͤchen alle auf einander paſſen, ſo bleiben zwiſchen ihnen keine leere Raͤumlein, ſon - dern der Raum, den das zuſammengeſetzte einnimmet, wird gantz von ſeinen Theilen erfuͤllet: hingegen wenn nicht alle Flaͤchen auf einander paſſen, ſondern die Theile, wel - che zuſammengeſetzet worden, nur in einigen Theilen ihrer Flaͤchen einander beruͤhren; ſo entſtehen dadurch zwiſchen ihnen Raͤum - lein, welche von derjenigen Materie leer ſind, daraus die Theile beſtehen. Man ſiehet leicht, daß dieſes von allen Theilen angehet, ſie moͤgen viel oder wenig zuſam -men -67wegen der beſtaͤndigen Materie. mengeſetzet ſeyn. Unterdeſſen hat man ei - nen Unterſcheid zu machen unter den Zwi - ſchen-Raͤumlein in den kleinoſten Theilen und unter denen in den groͤſſeren Theilen. Denn die in den kleineſten Theilen gehoͤren eigentlich zu der beſtaͤndigen eigenthuͤmli - chen Materie: hingegen die in den groͤſſe - ren hat man zu dem Coͤrper zu rechnen. Man darf ſich auch nicht einbilden, als wenn es nichts zu ſagen haͤtte, ob man die Zwiſchen-Raͤumlein zu dem Coͤrper, oder zu ſeiner eigenthuͤmlichen, zumahl beſtaͤndi - gen Materie, rechnet: denn wir werden bald ſehen, daß ein Coͤrper deswegen unter - ſchiedene Eigenſchafften von ſeiner eigen - thuͤmlichen beſtaͤndigen Materie haben kan, und wir haben ſchon ein Exempel an dem Holtze gehabt, welches von leichterer Art iſt als das Waſſer, da ſeine eigenthuͤmliche Materie zu einer ſchweereren Art gehoͤret (§. 161. T. I. Exper.).
Wenn ſowohl in den kleineſtenWoher die Dich - tigkeit der Coͤr - per kom - met. Theilen, als auch in denen, woraus ſie zu - ſammen geſetzet ſind (§. 23), wie nicht weni - ger in den groͤſſeren und endlich in dem gan - tzen Coͤrpern gar keine Zwiſchen-Raͤumlein waͤren; ſondern alle Theile giengen in ei - nem fort; ſo waͤre der Coͤrper vollkom - men dichte. Je mehr aber die Zwiſchen - Raͤumlein entweder an der Zahl, oder an der Groͤſſe zunehmen, je mehr nimmet dieE 2Dich -68Cap. II. Von dem UnterſcheideDichtigkeit ab. Und ſolcher geſtalt iſt ein Coͤrper dichter als der andere, nach dem vie - le oder wenige Zwiſchen-Raͤumlein in ſei - ner beſtaͤndigen Materie und in ihm zu fin - den ſind. Wenn wenige Zwiſchen-Raͤum - lein in den kleineſten Theilen, mehrere aber, oder auch groͤſſere zwiſchen ihnen und den groͤſſeren anzutreffen ſind; ſo iſt die beſtaͤn - dige Materie dichte, der Coͤrper hingegen iſt nicht ſo dichte: wenn in jenen viele und in dieſen viele, oder auch groſſe Zwiſchen - Raumlein vorhanden ſind; ſo iſt der Coͤr - per um ſoviel weniger dichte. Hingegen wenn in jenen viele Zwiſchen-Raͤumlein, in dieſen wenige und kleine zu finden, ſo iſt zwar der Coͤrper an ſich dichte, aber die ei - genthuͤmliche beſtaͤndige Materie iſt nicht ſo dichte, und daher iſt auch der gantze Coͤr - per uͤberhaupt betrachtet nicht dichte.
Die kleineſten Theile der na - tuͤrlichen Coͤrper laſſen ſich auch nicht durch das Vergroͤſſerungs-Glaß entdecken (§. 3.) und noch weniger die Zwiſchen-Raͤumlein, die in ihnen anzutreffen, wie auch zur Gnuͤ - ge diejenigen erfahren, welche allerhand Materien, die ſie nur immer mehr in der Natur antreffen, durch die beſten Vergroͤſ - ſerungs Glaͤſer betrachten. Und was ich davon (§. 82 & ſeq. T. III. Exper.) an - gefuͤhret, kan gleichfalls zur Erklaͤrung die - nen. Wenn demnach der Coͤrper nichtdich -69wegen der beſtaͤndigen Materie. dichte iſt, weil viele Zwiſchen-Raͤumlein in den kleineſten Theilen anzutreffen: ſo kan man nicht ſehen, daß er nicht dichte iſt. Und daher iſt er dem Anſehen nach ſo dich - te, als ein anderer, man mag ihn mit bloſſen Augen, oder durch Vergroͤſſerungs-Glaͤſer betrachten. Und dieſes iſt die Urfache, wa - rum ſich meiſtentheils die Dichtigkeit der natuͤrlichen Coͤrper von den Augen nicht un - terſcheiden laͤſſet.
Wenn ein Coͤrper wenige Zwi -Warumb dichtere Coͤrper ſchwerer ſind als andere. ſchen-Raͤumlein hat in ſeiner eigenthuͤmli - chen Materie, ſo iſt auch mehr eigenthuͤm - liche Materie in dem Raume vorhanden, den er erfuͤllet, als wenn er mehr Zwiſchen - Raͤumlein hat. Da nun die eigenthuͤmli - che Materie mit dem Coͤrper wieget (§. 656. Met.); ſo wieget auch derſelbe mehr, der wenige Zwiſchen-Raͤumlein hat, als ein anderer der mehrere oder groͤſſere hat, ob ſie gleich beyde von gleicher Groͤſſe ſind. Und demnach kan man erkennen, ob ein Coͤrper dichter iſt als der andere, ja wieviel er dich - ter iſt als der andere, wenn man Stuͤcke von gleicher Groͤſſe gegen einander abwie - get. Wir haben auch ſchon an einem an - dern Orte gezeiget, wie man ſo wohl von fluͤßigen (§. 184 T. I. Exper.), als feſten Coͤrpern (§. 189 T. I. Exper. ) unterſuchen kan, wie viel einer dichter iſt als der an - dere.
E 3§. 4070Cap. II. Von dem UnterſcheideUnter allen coͤrperlichen Dingen, die wir kennen, finden wir nichts dichteres als das Gold (§. 188. T. I. Exper.). Da nun aber dieſes gleichwohl in ſeinen kleinen Theilen Zwiſchen-Raͤumlein hat (§. 72 T. III. Exper.); ſo iſt es nicht vollkommen dichte (§. 37), folgends treffen wir auf dem Erdboden unter denen Materien, welche in die Sinnen fallen, keine an, die vollkom - men dichte waͤre. Es iſt nun aber die Fra - ge, ob nicht eine Materie moͤglich ſey, die vollkommen dichte iſt. Wenn eine Ma - terie vollkommen dichte iſt, ſo gehen ihre Theile in einem fort und ſind dannenhero bloß dem Orte nach von einander unter - ſchieden (§. 37). Derowegen ſind ſie ein - ander aͤhnlich (§. 18. Met.). Da es nun aber gleichwohl unmoͤglich iſt, daß auch die allerkleineſten Theile, man mag ſie ſo kleine annehmen, als man immer will, einander aͤhnlich ſind (§. 187 Met.); ſo gehet es auch nicht an, daß eine Materie vollkommen dichte. Es laͤſſet ſich dieſes auch noch auf eine andere Weiſe erweiſen. Wenn ein Coͤrper vollkommen dichte iſt; ſo kan kein Theil dem andern weichen und daher laͤſſet er ſich nicht zuſammen drucken, indem ein anderer an ihn ſtoͤſſet. Nun kan aber kein Coͤrper den andern bewegen, als wenn im Anſtoſſen ſeine Theile, welche einander be - ruͤhren, zuſammen gedruckt werden (§. 665Met.).71wegen der beſtaͤndigen Materie. Met.). Derowegen koͤnte ein vollkom - men dichter Coͤrper weder einem andern Be - wegung mittheilen, noch beweget werden. Es iſt aber alle Materie in ſteter Bewegung und erhalten ſelbſt die allerkleineſten Theile ihre Figur durch die Bewegung anderer Materie, die ſie beruͤhret (§. 8.) und dem - nach iſt es nicht moͤglich, daß ein Coͤrper, ſo klein als er auch angenommen wird, voll - kommen dichte ſeyn kan.
Da wir die Dichtigkeit einesEs wird einem Zweiffel begegnet. Coͤrpers aus ſeiner Schweere und Groͤſſe zuſammen genommen ermeſſen, dergeſtalt daß z. E. ein Coͤrper zweymahl ſo dichte ge - halten wird, wenn er mit einem andern ei - nerley Groͤſſe hat, aber zwey mahl ſo ſchweer iſt: ſo doͤrffte es das Anſehen gewinnen, als wenn man entweder zugeben muͤſte, daß alle Materie ſchweer ſey, welches auch vor die - ſem einige Weltweiſen behauptet(a)vid. Lucret. de rerum natura lib. 2. p. m. 174. und heute zu Tage viele von den Engellaͤndern an - nehmen; oder aber daß in Materien, die nicht ſchweer waͤren, auch keine Dichkeit an - getroffen werde. Weil die Dichtigkeit von der Lage der Theile hauptſaͤchlich her - kommet (§ 37); ſo begreifft ein jeder leicht, daß auch eine Materie, die keine Schweere hat, doch ihren abgemeſſenen Grad der Dichtigkeit haben muß, und es dannenhero ungereimet ſey, wenn man eine Materie zuE 4ge -72Cap. II. Von dem Unterſcheidegeben wollte, die gar keinen Grad der Dich - tigkeit haͤtte. Denn wenn man ſaget, eine Materie ſey eben nicht dichte, ſo ſpricht man ihr nur einen Grad der Dichtig - tigkeit ab, die eine andere hat, und iſt eben ſo viel als wenn man ſagete, ſie ſey nicht ſo dichte, als eine andere. Unterdeſſen haben wir doch auch ſchon vorhin erinnert (§. 7) und werden es an ſeinem Orte weiter aus - fuͤhren, daß nicht alle Materie ſchweer ſey. Es iſt demnach zu mercken, daß wir die Dichtigkeit der Coͤrper bloß in denen Faͤl - len durch die Schweere ermeſſen, wo ent - weder alle eigenthuͤmliche Materie ſchweer iſt und die fremde allein keine Schweere hat, oder, wo die eigenthuͤmliche Materie, der die Schweere fehlet, in Anſehung der an - dern, die ſchweer iſt, wenig oder gar nichts zubedeuten hat, dergeſtalt daß es in Anſe - hung des Fleiſſes, den wir im Abwiegen erweiſen koͤnnen, eben ſo viel iſt, als wenn ſie gar nichtda waͤre. Es gehen demnach dieje - nigen weiter als ſie ſollen, welche dieſes in Beurtheilung der Dichtigkeit der Materie durch die Schweere nicht beobachten. Die Groͤſſe der eigenthuͤmlichen Materie wird durch die Groͤſſe des Stoſſes beurtheilet, die ein Coͤrper in der Bewegung hat (§. 13) und darnach richtet ſich auch die Dichtig - keit derſelben. Bewegung aber findet auch ſtat, wo keine Schweere iſt. Denn die Bewegung durch die Schweere iſt bloß ei -ne73wegen der beſtaͤndigen Materie. ne Art der Bewegung: es giebet aber noch mehrere Arten, die ſowohl der Nichtung, als der Geſchwindigkeit nach von ihr un - terſchieden ſind. Wo man durch die Be - wegung die Groͤſſe der eigenthuͤmlichen Materie, folgends auch ihre Dichtigkeit, e - ben ſo heraus bringet, als durch die Schweere; da iſt eine bloſſe Anzeige, daß entweder alle eigenthuͤmliche Materie, oder der groͤſte Theil derſelben ſchweer iſt.
Wenn die eigenthuͤmliche Ma -Wenn Coͤrper ſchwam - loͤchericht ſind. terie dichte iſt, hingegen zwiſchen ihr hin und wieder ſichtbahre Raͤumlein angetrof - fen werden, die von derſelben leer ſind; ſo wird der Coͤrper ſchwamloͤchericht ge - nennet, eben deswegen weil der Schwam ein Exempel von dieſer Art abgiebet. Wir haben noch ein anderes Exempel an dem Bimſteine: welcher daher ſehr leichte iſt, unerachtet die eigenthuͤmliche beſtaͤndige Materie dichte genung befunden wird. Un - terweilen ſind dieſe hin und wieder zerſtreue - te Naͤumlein etwas kleine, daß ſie ſich nur durch Vergroͤſſerungs-Glaͤſer zeigen, als in der Rinde der Baͤume und in ihrem Marcke (§. 95. 96 T. III. Exper.), im Leder und andern dergleichen Materien. Und als denn nennet man die Materie ſchwam - micht. Da es keine gantz dichte Materie in der Natur giebet, ja keine geben kan (§. 40): ſo iſt wohl wahr, daß in einer jeden, ſie mag ſo dichte ſeyn wie ſie will, Zwiſchen -E 5Raͤum -74Cap. II. Von dem UnterſcheideRaͤumlein angetroffen werden, die von der eigenthuͤmlichen beſtaͤndigen Materie leer ſind. Allein da wir ſie auch durch Vergroͤſ - ſerungs. Glaͤſer nicht anſichtig werden, ſo bleibet es doch billich, daß wir unter Mate - rien einen Unterſchied machen, deren Zwi - ſchen-Raͤumlein in die Augen fallen, we - nigſtens wenn wir mit einem Vergroͤſſe - rungs-Glaſe verſehen, und unter andern, deren Zwiſchen-Raͤumlein wir auf keine Weiſe koͤnnen anſichtig werden, unerachtet wir erweiſen koͤnnen, daß ſie zugegen ſind.
Wenn demnach die kleinen Thei - le in der eigenthuͤmlichen Materie naͤher zu - ſammen gebracht werden, als ſie vorher wa - ren, ſo wird der Coͤrper dichter. Da nun dieſes geſchiehet, wenn ſich ein Coͤrper zu - ſammen drucken laͤſſet; ſo kan man ihn dichter machen, wenn man ſeine eigenthuͤm - liche Materie zuſammen drucket. Wir haben ein Exempel an dem Schwamme, welcher dichter wird, indem man ihn zu - ſammen drucket. Gleichergeſtalt wird das Leder dichter, indem man es zuſammen preſſet. Da die veraͤnderliche eigenthuͤm - liche Materie gleichfalls mit der uͤbrigen zu - ſammen hangen kan (§. 17); ſo kau auch ein Coͤrper dichter werden, wenn die Zwi - ſchen-Raͤumlein der beſtaͤndigen Materie mit einer veraͤnderlichen eigenthuͤmlichender -75wegen der beſtaͤndigen Materie. dergeſtalt erfuͤllet werden, daß ſie zugleich mit der beſtaͤndigen zuſammen hangen. E - ben dieſes gehet an, wenn in die Zwiſchen - Raͤumlein mehrere beſtaͤndige Materie ge - bracht wird. Und auf ſolche Art machet die Natur die Knochen der Thiere dichte.
Hingegen wenn die Theile derWie ein Coͤrper weniger Dichtig - keit be - haͤlt. beſtaͤndigen eigenthuͤmlichen Materie wei - ter aus einander gebracht werden, als ſie vorher waren, und dadurch entweder der Coͤrper mehrere, oder auch groͤſſere Zwi - ſchen-Raͤumlein erhaͤlt, als er vorher hatte, ſo wird dadurch derſelbe zu einem geringe - ren Grade der Dichtigkeit gebracht als er vorher hatte.
Wenn die Theile eines CoͤrpersWenn ein Coͤr - per harte iſt. dergeſtalt zuſammen hangen, daß man ſie nicht leicht von einander bringen kan, oder einige nicht leicht von den andern abweichen, weñ ſie gedruck et werden; ſo iſt derſelbe Coͤr - per harte. Da nun die kleinen Theile durch die Bewegung zuſammen hangen (§. 646. Met.); ſo kommet auch die Haͤrte der Coͤr - per endlich von der Bewegung her. Aus eben dieſem Grunde werden nicht allein von der Lufft (§. 105. 112. T. I.Exper. ), ſondern auch von andern fluͤßigen Materien (§. 129 T. III. Exper. Coͤrper zuſammen gedruckt, daß ſie an einander hangen, als waͤren ſie ein Stuͤcke, und nicht anders als durch einegroͤſſe -76Cap. II. Von dem Unterſcheidegroͤſſere Krafft, als diejenige iſt, wodurch ſie gegen einander beweget werden, ſich von einander bringen laſſen. Und in dieſem Falle kommet der Grad der Haͤrte nicht al - lein von der Krafft her, wodurch verſchiede - ne Theile gegen einander beweget werden, ſondern auch von der Groͤſſe der Flaͤche, da - ran ſie einander beruͤhren (§. 647. Met.). Es kan auch die Figur der Theile zu der Haͤrte etwas beytragen. Denn vermoͤge der Figur koͤnnen die Theile auf gar verſchiedene Art an einander befeſtiget werden, daß nicht einer leicht von den andern zu bringen iſt, wie uns die Erfahrung auch in der Kunſt im groſſen weiſet. Es hindert aber nichts, wa - rumb nicht in der Natur im kleinen angehen ſollte, was man in der Kunſt im groſſen ſie - het. Denn die Figur hat mit der Groͤſſe nichts zu thun und kan im kleinen eben der - gleichen Figur ſeyn, als man im groſſen fin - det. Was demnach von der bloſſen Figur herruͤhret, kan im kleinen ſo wohl, als im groſſen ſtat finden.
Weil die Haͤrte nicht allzeit einer - ley Urſache hat und abſonderlich ein gar groſſer Unterſcheid ſtat findet, wo die Figur das ihre mit dazu beytraͤget (§. 45); ſo iſt es auch kein Wunder, daß die harten Coͤrper nicht alle von einerley Art gefunden werden, und nicht allein im Grade der Haͤrte, ſon - dern auch noch ſonſt unterſchieden ſind. Denn77wegen der beſtaͤndigen Materie. Denn z. E. einige harte Coͤrper ſind ge - brechlich, als Glaß, toͤpfferne Gefaͤſſe ꝛc. andere koͤnnen einer groſſen Gewalt wieder - ſtehen, ehe ſie brechen. Etliche laſſen ſich ſchneiden, als Haltz; andere hingegen zer - reiben, als ein Sand-Stein, oder auch ein Ziegel. Wiederum einige laſſen ſich ſpalten; andere zerſaͤgen und ſo wei - ter.
Es wuͤrde zu weitlaͤufftig fallenWelche Coͤrper ſich ſpal - tetz laſſen. allen dieſen Unterſcheid zubemercken, und ſcheinet auch eben nicht noͤthig zu ſeyn. Deñ da dieſes beſondere Eigenſchafften der Coͤrper von beſonderer Art ſind; ſo kan man auch bequemer an andern Orten da - von handeln, wo wir durch ſie Gelegenheit dazu bekommen. Unterdeſſen will ich doch eines und dos andere hiervon zur Probe anfuͤhren. Man ſaget, daß ein Coͤrper geſpalten wird, wenn die Theile weiter von einander gehen, als das Jnſtrument, wo - mit man theilet, hinein dringet. Z. E. wenn man in ein Stuͤcke Holtz einen Keil ſchlaͤget; ſo gehen die beyden Theile wei - ter von einander, als der Keil hinein ge - trieben wird. Man ſiehet hier gar bald, daß die Theile eines Coͤrpers, der ſich ſpal - ten laͤſſet, mehr nach der Breite, als nach der Laͤnge zuſammen halten muͤſſen. Wir ſehen es auch an dem Holtze: denn dieſeslaͤſſet78Cap. II. Von dem Unterſcheidelaͤſſet ſich nach der Laͤnge, nicht aber nach der Seite ſpalten.
Gleichergeſtalt erkennet man, daß ſich ein Coͤrper leicht zerreiben laͤſſet, wenn die kleinen Theile vor ſich harte ſind, aber einander nur wenig beruͤhren und uͤberall um ſich herum Zwiſchen-Raͤumlein frey laſſen. Denn ſo laͤſſet ſich ein Theil leicht von den andern wegſtoſſen, theils weil die Flaͤche, davon es abzuſtoſſen, ſehr kleine iſt, theils weil gleich Raum vorhanden, wohin es abweichen kan. Ein Exempel haben wir an dem Zucker, der ſich um ſo viel leich - ter zerreiben laͤſſet, je weniger dichte er iſt.
Wenn die kleineſten Theile, die man mit bloſſen Augen unterſcheiden kan, kleine ſind; ſo iſt der Coͤrper zarte: hin - gegen wenn ſie groß ſind, ſo iſt er grob. Da nun die Vergroͤſſerungs-Glaͤſer die Sachen viel groͤſſer vorſtellen als ſie ſind (§. 83 T. III. Exper); ſo koͤnnen auch dadurch Ma - terien grob ausſehen, die bloſſen Augen gantz zarte vorkommen. Faden-Seide, die bloſſen Augen duͤnne ausſehen, ſind zarte: aber durch die Vergroͤſſerungs-Glaͤſer ſe - hen ſie dicke aus (§. 85 T. III. Exper.) und daher ſehen auch die Zeuge grob aus, wenn man ſie durch das Vergroͤſſerungsglaß be - trachtet, ſie moͤgen an ſich ſo zarte ſeyn, als ſie wollen.
Wenn an der Flaͤche des CoͤrpersWenn ein Coͤr - per rau - he und wenn er glatt iſt. hin und wieder kleine Theile erhaben ſind, welche uͤber die uͤbrigen hervorragen, auch hin und wieder zwiſchen ihnen kleine Ver - tieffungen angetroffen werden; ſo iſt der Coͤrper rauhe. Hingegen iſt er glatt. wenn keiner von den kleinen Theilen, die ſich mit bloſſen Augen unterſcheiden laſſen, uͤber den andern hervorraget. Es werden dem - nach rauhe Coͤrper glatt, wenn die erhabe - nen Theile ſich an ſeiner Flaͤche abſtoſſen, oder abreiben: hingegen wird ein glatter Coͤrper rauhe, wenn man hin und wieder einige kleine Theile zwiſchen anderen weg - bringen kan, daß dadurch zwiſchen ihnen Ver tieffungen entſtehen.
Wenn ein Coͤrper bald in Stuͤ -Wenn ein Coͤr - per zer - brechlich iſt. cken zerſpringet, indem darauf geſchlagen wird; ſo iſt er zerbrechlich. Dieſes kan auf verſchiedene Art geſchehen. Wenn die kleinen Theile harte ſind und einander wenig beruͤhren, als wie in Coͤrpern, die ſich leicht zerreiben laſſen (§. 48); ſo kan auch ein groſſes Stuͤcke leicht von dem an - dern abbrechen. Dergleichen Exempel geben die irrdenen Gefaͤſſe ab, die umb ſo viel gebrechlicher ſind, je mehrere Zwiſchen - Raͤumlein man in ihrer eigenthuͤmlichen Materie antrifft. Wo dieſelbe aber dich - ter erfunden wird, da nimmet auch die Zer - brechlichkeit ab. Es kan auch die eigen -thuͤm -80Cap. II. Von dem Unterſcheidethuͤmliche Materie ſich etwas, aber nicht viel beugen laſſen und bald ſpringen, wenn ſie nur ein wenig gebogen wird. Dieſe Beſchaffenheit hat es mit dem Glaſe. Und aus eben dieſer Urſache wird der Stahl ge - brechlich, wenn er ſtarck gehaͤrtet wird. Es dienet auch hier zur Erlaͤuterung, was von der Zerbrechlichkeit der Glaß Tropffen oder Springglaͤſer (§. 29. & ſeqq. T. III. Exp.) geſaget worden.
Wenn die Theile eines Coͤrpers nicht bald von einander ſpringen, indem darauf geſchlagen wird, oder auch uͤber - haupt von der Sache zu reden, wenn die Theile eines Coͤrpers ſchweer von einander abzuſondern ſind; ſo iſt der Coͤrper feſte. Feſte Coͤrper ſind ſehr harte und demnach kommet ihre Feſtigkeit eben daher, wovon die Haͤrte herkommet. Da wir nun ge - zeiget, was einen Eoͤrper ſehr harte machet (§. 45); ſo erſiehet man auch daraus, was ihn ſehr feſte machet. So nennet man fe - ſte Holtz, wenn es ſich ſchweer ſpalten laͤſſet. Man findet aber daß daſſelbe Holtz dichte iſt und daher ein Theil nicht ſo leicht nachge - ben kan, wie in anderem Holtze, wo die Zwi - ſchen-Raͤumlein haͤuffiger angetroffen wer - den.
DJe fremde Materie (§. 12) undWorauf bey der veraͤnder - lichen und und frem - den Ma - terie zu - ſehen. die veraͤnderliche (§. 17) findet nur in den Zwiſchen-Raͤumlein der eigenthuͤmlichen beſtaͤndigen Materie Platz, und zwar jene meiſtentheils in den kleinen, dieſe hingegen in den groͤſſe - ren. Auch wird fremde Materie ſowohl in den Zwiſchen-Raͤumlein der veraͤnderli - chen, als der beſtaͤndigen gefunden, welche die Zwiſchen-Raͤumlein der beſtaͤndigen er - fuͤllet. Z. E. Jn den Zwiſchen-Raͤumlein des Holtzes iſt Lufft (§. 161 T. I. Exper.): in dieſe Lufft dringet wiederumb Waͤrme (§. 134 T. I. Exper.). Derowegen wenn wir uͤberlegen wollen, was fuͤr Veraͤnde - rungen ſich mit der veraͤnderlichen und fremdem Materie zutragen koͤnnen, ſo werden wir finden, daß die veraͤnderliche Materie und die fremde in einem Coͤrper entweder vermehret, oder vermindert, oder auch in Bewegung geſetzet werden kan, da(Phyſick) Fſie82Cap. III. Von dem Unterſcheideſie vorher in Ruhe war, und hinwiederum ſich zur Ruhe bringen laͤſſet, wenn ſie in Bewegung iſt. Wenn die fremde und veraͤnderliche Materie vermehret wird, ſo kommet entweder mehrere von eben der Art dazu, oder eine andere von verſchiede - ner Art. Wird ſie hingegen vermindert, ſo kommet keine andere in ihre Stelle, oder es kommet eine andere in ihre Stelle. Ja es kan eine veraͤnderliche Materie wohl gar heraus getrieben werden und eine andere in ihre Stelle kommen. Mehreres laͤſſet ſich von einer Materie, welche die von einer an - dern zwiſchen ihren Theilen leer gelaſſene Raͤumlein erfuͤllet, nicht gedencken. Was demnach die veraͤnderliche und fremde Ma - terie in den Coͤrpern unterſchiedenes hervor bringet, muß aus dieſen Gruͤnden hergelei - tet werden.
Wenn in die Zwiſchen Raͤum - lein der Coͤrper, weiche von ihrer eigenthuͤm - lichen beſtaͤndigen Mateꝛie leer bleiben, mehr veraͤnderliche und fremde Materie kommet, als vorher darinnen war, ſo muß die Groͤſ - ſe des Coͤrpers zunehmen und ein jeder Theil von ihm mehr Raum erfuͤllen, als vorher, das iſt, der Coͤrper muß aufſchwel - len. Denn da es unmoͤglich iſt, daß zwey verſchiedene Theile der Materie einen Ort einnehmen koͤnnen, ſondern vielmehr ein jeder ſeinen beſondern Ort haben muß(§. 47.83wegen der veraͤnderlichen Materie(§. 47. Met.); ſo muß auch mehrere Ma - terie mehr Raum ein nehmen, als wenigere. Derowegen wenn mehr veraͤnderliche oder fremde Materie in die Zwiſchen Raͤum - lein der beſtaͤndigen hineindringet, als vor - her darinnen war; ſo werden dadurch die - ſelben weiter, folgends muͤſſen die Theile der beſtaͤndigen weiter von einander ge - bracht werden, als ſie vorher war. Und ſolchergeſtalt nimmet der gantze Eoͤrper mehr Raum ein als vorher. Da nun a - ber die Zwiſchen-Raͤumlein durch denſel - ben uͤberall zertheilet ſind; ſo nimmet auch ein jeder Theil in der Groͤſſe zu, und demnach ſchwellt der Coͤrper auf. Denn wir ſagen, daß ein Coͤrper aufſchwellt, wenn er dadurch groͤſſer wird, daß alle ſeine Theile einen groͤſ - ſern Raum einnehmen als vorhin. Es iſt wohl wahr, daß wir auch unterweilen im gemeinen Leben zu ſagen pflegen, es ſchwelle ein Coͤrper auf, wenn mehrere Materie von ſeiner beſtaͤndigen dazu kommet, als vorher vorhanden war. So brauchen wir dieſe Redens Art von den Fluͤſſen, wenn das Waſſer in ihnen anwaͤchſet. Allein dieſe Unbeſtaͤndigkeit im Reden kommet daher, weil wir in dergleichen Faͤllen nicht ſehen, daß mehrere eigenthuͤmliche beſtaͤndige Materie dazu kommet und es dannenhero das Anſehen hat, als wenn dieſelbe nur be - goͤnnte einen groͤſſeren Raum einzunehmen,F 2wie84Cap. III. Von dem Unterſcheidewie vorhin. Die Unbeſtaͤndigkeit im Re - den, welche von einem Jrrthume der Ein - bildungs-Krafft in Beurtheilung der Aehn - lichkeit ihren Urſprung hat, kan der Wahr - heit keinen Eintrag thun.
Wenn die fremde, oder auch die veraͤnderliche Materie in einem Coͤrper in ſolcher Menge anzutreffen iſt, daß die Thei - le der beſtaͤndigen einander entweder gar nicht, oder doch nur etwas wenig beruͤhren; ſo laſſen ſich auch ſeine Theile leicht von ein - ander ſtoſſen, und dann nennet man ihn fluͤßig. Es ruͤhret demnach die Fluͤßigkeit einer Materie von einer veraͤnderlichen, oder fremden Materie her, welche hindert, daß Theile, die ſonſt einander genau beruͤhren und von fremder Materie zuſammen getrie - ben werden, daß ſie an einander hiengen (§. 37), nun nicht einander beruͤhren, noch weniger an einander hangen koͤnnen. Wir haben ein Exempel an dem Bleye. Wenn man es uͤber das Feuer bringet, ſo wird es flieſſend und bleibet ſo lange fluͤßig, als man es uͤber dem Feuer in einerley Grade der Waͤrme erhaͤlt. Sobald man es aber wie - der von dem Feuer wegbringet und kalt wer - den laͤſſet, ja wenn nur ein Theil der Waͤr - me weggehet; ſo wird es wieder ſtehend und hangen die Theile wie vorhin zuſam - men. Hier iſt klar, daß die Urſache, wa - rum das Bley fluͤßig wird, keine andere alsdie85wegen der veraͤnderlichen Materie. die Waͤrme ſey (§. 6 c. 5. Log.). Die Waͤrme machet das Bley nicht mercklich ſchweerer, wie ein jeder leicht verſuchen kan. Deñ unerachtet Boyle durch Verſuche zei - get(a)in Tractatu de ponderabilitate flammæ. , daß auch das Feuer und die Waͤrme den Coͤrper ſchweer machet; ſo traͤget es doch gantz was weniges aus, daß man in den meiſten Faͤllen, wo man auf die Schwee - re des Coͤrpers zu ſehen Urſache hat, anneh - men kan, die Waͤrme vermehre nicht merck - lich die Schweere deſſelben, ſondern es ſey in Anſehung deſſelben gleich viel, ob er warm, oder kalt ſey. Derowegen haben wir die Waͤrme in dieſem Falle als eine fremde Materie anzuſehen (§. 13) Es gielt aber gleich viel, wenn wir ſie auch fuͤr eine eigenthuͤmliche veraͤnderliche (§. 17) halten wollten, und haben wir nicht noͤthig darin - nen einigen Scrupel zu machen. Und demnach ſehen wir, daß die Fluͤßigkeit des geſchmoltzenen Bleyes bloß von der frem - den, oder wenn man es lieber haben will, von der veraͤnderlichen eigenthuͤmlichen Materie herruͤhret, welche durch ihre Ge - genwart und Bewegung hindert, daß die kleinen Theile des Bleyes, die ſonſt zuſam - men halten wuͤrden, von einander abgeſon - dert bleiben muͤſſen. Dieſes alles aber kan nicht anders geſchehen, als weil ſie zwiſchenF 3die86Cap. III. Von dem Unterſcheidedie Theile wo ſie einander beruͤhren, hinein dringet, und ſie ſolchergeſtalt von einander erhaͤlt. Und eben dieſes iſt die Urſache, warumb geſchmoltzenes Bley zugleich auf - ſchwellt (§. 54). Das Waſſer, welches im Sommer und auch zu anderer Zeit, wenn kein groſſer Froſt iſt, fluͤßig iſt, hat eben kei - ne andere Urſache ſeiner Fluͤßigkeit als die Waͤrme, welche zwiſchen den Theilen des Waſſers ſich beweget und hindert, daß die - ſelben einander nicht genau beruͤhren und zuſammen halten koͤnnen, wie ſonſt geſche - hen wuͤrde. Denn wir finden ja, daß das Waſſer gefrieret und ſtehend wird, wenn es kalt wird (§. 120. T. III. Exper.), das iſt, wenn ihm ſeine Waͤrme entgehet (§. 116 T. III. Exper.). Wenn das Eis oder ge - frorne Waſſer wieder ins warme kommet, ſo thauet es auf und wir bekommen wieder flieſſendes Waſſer, wie vorhin, ehe es ge - froren war. Die einige Urſache demnach, warum das Waſſer wieder flieſſen wird, iſt die Waͤrme. Es hat demnach mit dem Waſſer eben die Bewandnis, die es mit dem Bleye hatte. Wenn genung Waͤr - me darinnen iſt, ſo iſt es flieſſend: wenn ihm die Waͤrme entgehet, ſo wird es ſte - hend. Freylich iſt ein groſſer Unterſcheid unter der Waͤrme, die das Bley fluͤßig ma - chet, und unter derjenigen, die das Waſſer fluͤßig erhaͤlt: dieſes aber thut nichts zurSa -87wegen der veraͤnderlichen Materie. Sache. Denn wir verlangen weiter nichts zuzeigen, als daß in beyden Faͤllen die Fluͤſ - ſigkeit von der Waͤrme, und alſo einer frem - den Materie, welche zwiſchen die Theile der beſtaͤndigen Materie dringet, und ſie von einander treibet, herruͤhret. Allein eben die beyden Exempel zeigen, daß nicht Waͤr - me in einerley Grade verſchiedene Materi - en fluͤßig erhalten kan. Wenn man auff Kalck genung Waſſer gieſſet, ſo loͤſchet er ſich nicht allein, ſondern wird auch fluͤſ - ſig. Und auch hier ruͤhret die Fluͤßigkeit des Kalckes von dem Waſſer her, welches zwiſchen die Theile des Kalckes flieſſet und hindert, daß ſie einander nicht beruͤhren koͤnnen.
Jch habe geſagt, in einem fluͤßi -Anmer - ckung. gen Coͤrper, waͤre eine fremde oder veraͤn - derliche Materie vorhanden, welche hinder - te, daß die kleinen Theile deſſelben einander nicht beruͤhren koͤnnten. Nun moͤchten vielleicht einige einwenden, daß folches der Erfahrung entgegen waͤre. Denn wir ſehen nicht allein mit bloſſen Augen, daß die Theile der fluͤßigen Coͤrper in einem fortgehen; ſondern auch die Vergroͤſſerungs Glaͤſer zeigen es nicht anders, auch wenn man fluͤßige Materien in einem Haar Roͤhrlein (§. 99 T. III. Exper.) an diejenigen bringet, welche am meiſten vergroͤſſern. Theile, die in einem fortgehen, muͤſſen noth -F 4wen -88Cap. III. Vondem Unterſcheidewendig einander beruͤhren (§. 58 Met.). Beruͤhren nun die Theile der fluͤßigen Ma - terien einander, ſo koͤnnen ſich zwiſchen ih - nen nicht andere von einer veraͤnderlichen, oder fremden Materie befinden. Es iſt wahr, daß dieſes einen Schein in den Au - gen derer hat, welche die Subtilitaͤt der Materie aus den Augen ſetzen: ſo bald wir aber nur daran gedencken, verſchwindet auf einmahl aller Zweiffel. Es iſt die Materie in ſo ſubtile Theile wuͤrcklich getheilet, die wir weder mit Sinnen noch mit der Ver - nunfft erreichen koͤnnen (§. 3), und ſelbſt die Waͤrme, welche zwiſchen ſie hinein dringet, bleibet nicht in den groſſen Zwiſchen - Raͤumlein der Coͤrper, ſondern machet ſich zwiſchen die gantz kleinen Theile hinein (§. 223. T. III. Exper.). Man kan ſich dem - nach in Beurtheilung dieſer Dinge weder auf bloſſe Augen, noch auf die Vergroͤſſe - rungs-Glaͤſer verlaſſen, und dannenhero wieder dasjenige, was durch tuͤchtige Gruͤn - de erhaͤrtet worden (§. 55), aus der Erfah - rung keinen Einwurff machen.
Weil nun auſſer Zweiffel iſt (§. 55. 56), daß die Fluͤßigkeit der Materie einig und allein von der veraͤnderlichen, oder fremden Materie herruͤhret, welche die Thei - le der eigenthuͤmlichen trennet und ihre Be - ruͤhrung hindert, ſo hat die Figur der Thei - le mit der Fluͤßigkeit uͤberhaupt nichts zuthun.89wegen der veraͤnderlichen Materie. thun. Und deswegen koͤnnen auch ſtehen - de Materien, als Bley, Zinn, Wachs ꝛc. flieſſend werden, ohne daß die Figur ihrer Theile geaͤndert werden darf: auch werden ohne dergleichen Veraͤnderung die - ſelben wieder ſtehend. Ja da ſelbſt das Waſſer und andere fluͤßige Materie bloß dadurch ſtehend werden, daß ihnen die Waͤrme entgehet (§. 55); ſo muͤſſen auch die Theile des Waſſers und anderer fluͤßiger Coͤrper ſo beſchaffen ſeyn, daß ſie feſte an einander hangen koͤnnen, wenn nur nichts vorhanden, welches ihre Beruͤhrung hin - dert.
Wir ſehen auch hieraus ferner, daßUnter - ſcheid fluͤßiger Coͤrper und in einem Hauffen bey ein - ander lie - gender Theile. zur Fluͤßigkeit nicht genung iſt, daß die Thei - le des Coͤrpers bloß von einander getrennet ſind und in einem Hauffen bey einander lie - gen; ſondern uͤber dieſes eine Materie er - fordert wird, die ihnen proportionirliche Theile hat, ſo ſich zwiſchen jene geſellen. Und daher ſehen wir den Unterſcheid, wel - cher zwiſchen einem fluͤßigen Coͤrper und ei - nem Hauffen bey einander liegender Dinge von einerley Art, zum Exempel einem Korn-Hauffen, ſich befindet. Nemlich hier iſt keine veraͤnderliche oder fremde Materie vorhanden, die in proportionirlichen Thei - len mit ihnen dergeſtalt vermiſchet waͤre, daß zweyen Koͤrnern Korn z. E. auch einF 5Korn90Cap. III. Von dem UnterſcheideKorn von der andern Materie anzutreffen waͤre. Und daher flieſſet auch nicht das Getreyde, wenn es ausgeſchuͤttet wird; ſondern es fallen einige Koͤrner nach den andern herunter, da hingegen flieſſende Materien ſich in einem Stuͤcke herunter be - wegen, als wenn ſie Theile in einem Faden oder Gewande waͤren, die zuſammen hien - gen, und da immer einer den andern nach ſich zoͤge.
Unterdeſſen da die Theile der fluͤf - ſigen Materien doch wuͤrcklich von einan - der abgeſondert ſind (§. 55); ſo iſt es kein Wunder, daß ſïe einem jeden Coͤrper, der ſich durch ſie beweget, gleich ausweichen und dannenhero ein feſter Coͤrper ſich durch fluͤßige frey hin und wieder bewegen kan.
Aus eben dieſer Urſache iſt klar, warumb von fluͤßigen Materien ein Theil ſich von dem andern leicht abſondert. Z. E. Wenn ſie eine Schweere haben, ſo ſondert ſich ein Theil von dem andern durch ſeine Schweere ab. Alſo fallen Tropffen Waſſer aus einem engen Glaſe und man kan von einer fluͤßigen ſchweeren Materie ſo viel abgieſſen als man will. Aber eben deswegen, weil ein Theil von dem andern durch ſeine Schweere abgeſondert wird; ſo kan keiner den andern nach ſich ziehen, wenn er niederfaͤllet, oder im freyen herunterfließt.91wegen der veraͤnderlichen Materie. fließt. Es iſt wohl wahr, wenn Waſſer oder Queckſilber durch eine enge Eroͤffnung heraus fließt; daß es ſich wie ein Faden in ei - nem herunter ziehet; keinesweges aber Tropffenweiſe herunter faͤllet. Allein es iſt zumercken, daß in der That ein Tropffen nach dem andern herunter faͤllet, welcher der Groͤſſe der Eroͤffnung proportionirt iſt: nur weil ein Tropffen geſchwinde nach dem andern kommet, ſo gewinnet es das Anſe - hen, als wenn alle unmittelbahr einander beruͤhreten und daher in einem fortgiengen. Und hat es eben die Bewandnis, die es mit den fluͤßigen Materien hat, die ſich Faden - Weiſe in einander hinauf und herunter zie - hen (§. 219. T. I. Exper.).
Wir brauchen auch nichts weiterWarumb fluͤßige Materi - en die Fi - gur des Bchaͤlt - niſſes an ſich neh - men. als daß die Theile fluͤßiger Materien nicht an einander hangen, ſondern vielmehr von einander getrennet ſind, wenn wir begreif - fen wollen, daß ſie jederzeit die Figur des Behaͤltniſſes an ſich nehmen, darinnen ſie find. Denn wo die Theile nicht an einander hangen, da fallen ſie zur Seite, bis ihnen Wiederſtand geſchiehet. Derowe - gen da ihnen nichts eher wiederſtehet, als bis ſie die innere Flaͤche des Behaͤltniſſes beruͤhren, darinnen ſie ſind; ſo muͤſſen ſie ſich auch bis daran ausbreiten. Weil ſie nun ſehr ſubtile ſind, maſſen man ſie auch nicht einmahl durch ein Vergroͤſſerungs -Glaß92Cap. III. Von dem UnterſcheideGlaß, welches am meiſten vergroͤſſert, un - terſcheiden kan (§. 56); ſo ſiehet man auch nirgends zwiſchen ihnen und der inneren Flaͤche des Behaͤltniſſes Zwiſchen-Raͤum - lein. Und demnach nimmet eine fluͤßige Materie gantz genau die Figur des Be - haͤltniſſes an, darinnen ſïe iſt. Man kan daher auch ſehen, ob ein Coͤrper den man in einem andern eingeſchloſſen findet, fluͤſ - ſig geweſen. Wiederum wenn man will, daß eine Materie die Figur einer inneren Hoͤhle eines Coͤrpers annehmen ſoll; ſo darf man ſie nur fluͤßig machen und hinein gieſſen: welches man in der Kunſt vielfaͤl - tig in acht nimmet.
Da die fremden Materien ſich durch die Zwiſchen-Raͤumlein der Coͤrper frey durch bewegen (§. 13), dieſe aber ſehr kleine ſind, daß man ſie in den meiſten Ma - terien auch nicht durch die beſten Vergroͤſ - ſerungs - Glaͤſer entdecken kan (§. 56); ſo muͤſſen ſie ſich ſehr ſubtile zertheilen, ſo bald ſie an einen Coͤrper kommen, der aus ande - rer Materie beſtehet. Derowegen muͤſſen auch ihre Theile wuͤrcklich von einander ab - geſondert und ſie dannenhero fluͤßig ſeyn.
Aus eben dieſer Urſache erhellet, daß auch die veraͤnderliche Materien, welche vor ſich in die Zwiſchen-Raͤumlein hinein dringen, fluͤßig ſeyn muͤſſen. Und die Er -fahrung93wegen der veraͤnderlichen Materie. fahrung ſtimmet auch damit uͤberein. Wirindie Coͤr - per drin - gen. wiſſen z. E. daß allerhand Materien durch das Waſſer koͤnnen fluͤßig werden, das Waſſer aber gehoͤret vor ſich auch unter die fluͤßigen Materien. Es iſt demnach klar, daß eine fluͤßige Materie die andere fluͤßig machen kan. Waͤrme iſt ei - ne fluͤßige Materie und ſie machet das Waſ - ſer fluͤßig (§. 55). Das Waſſer iſt eine fluͤßige Materie, und ſie machet Kalck und andere dergleichen Materien fluͤßig. Ohne Zweiffel iſt auch noch eine ſubtilere Mate - rie als die Waͤrme, welche dieſelbe fluͤßig machet, weil wegen der unendlichen Subti - litaͤt der Materie die Waͤrme noch nicht die ſubtileſte iſt (§. 3), ja auch eine andere ſich durch ſie bewegen muß, wenn ſie getheilet ſeyn ſoll (§. 5. 8. 9).
Wir finden in der Erfahrung, daßWoher es kom - met, daß die Coͤr - per weich ſind. die Materien erſt weich werden, ehe ſie flieſſen und eben, was ſie fluͤßig machet, die - ſelben erſt weich machet: jedoch trifft dieſes nicht durchgehends ein. Wachs ſchmel - tzet von der Waͤrme und flieſſet; aber die Waͤrme machet es auch weich und zwar wird es eher weich als es flieſſet, und von einem geringeren Grade der Waͤrme. Hin - gegen ſchmeltzet das Eis gleich und flieſſet in Waſſer, ohne daß man mercken kan, daß es vorher weich wuͤrde. Man ſiehet ohne mein Erinnern, daß die Waͤrme die Urſache von der Weiche des Wachſes iſt. Unterdeſſenda94Cap. III. Von dem Unterſcheideda gleichwohl nicht alle Materien von der Waͤrme weich werden, noch ſchmeltzen; ſo muß auch die Figur der kleinen Theile et - was dazu beytragen. Wir haben Steine, die flieſſen in groſſer Hitze und laſſen ſich in Glaß verwandeln: andere hingegen flieſſen nicht, ſondern werden bloß zu einem Kalcke. Es muß demnach ein Unterſcheid ſeyn unter den Steinen, die ſchmeltzen, und unter de - nen, die zu Kalck werden. Der Unterſcheid kan in nichts andern als in der Figur der Theile geſucht werden, vermoͤge welcher einige feſter zuſammen halten als andere, die ſich leichter von einander verſchieben laſſen. Worinnen dieſer Unterſcheid be - ſtehe, verlange ich nicht zu beſtimmen. Die Unterſuchung moͤchte uns zu lange aufhal - ten, und wir doͤrfften vielleicht doch nicht voͤllig zu Ende kommen. Wir ſehen uͤbri - gens, daß Coͤrper weich ſeyn koͤnnen, weil eine veraͤnderliche oder fremde Materie zwi - ſchen ihre kleine Theile hinein dringet und zwar nicht gaͤntzlich, doch in etwas von einander abſondert, daß ſie einander nicht ſo viel beruͤhren, als ſonſt geſchehen wuͤr - de, wenn dieſelbige Materie weg waͤre. Wie aber dieſe Materie eigentlich muͤſſe be - ſchaffen ſeyn, laͤſſet ſich noch nicht beſtim - men. Wenn man nun aber fraget, wo - her es denn komme, daß einige Materien nicht erſt weich werden, ehe ſie flieſſen;ſo95wegen der veraͤnderlichen Materie. ſo iſt die Urſache wohl keine andere als die - ſe, weil ſie entweder wenige von veraͤnder - licher, oder fremder Materie brauchen, wenn ſie flieſſen ſollen, oder auch gar zu viele. Denn wenn wenige dazu erfodert wird, ſo dauret der Zuſtand, darinnen eine Ma - terie weich wird, nicht lange, ſondern ſie faͤnget gleich an zu flieſſen. Derowegen ehe dieſelbe mitten hinein weich wird, ſo flieſſet ſie ſchon oben. Und die Beſchaf - fenheit hat es mit dem Eiſe: daher wir ſe - hen, wenn es oben abſchmeltzet, daß es mitten, ja noch gar nahe an der Flaͤche, wo es ſchmeltzet, noch gantz kalt und harte iſt. Hingegen wenn ein Coͤrper langſam und nicht anders als durch einen groſſen Grad der Waͤrme fluͤßig wird; ſo laͤſſet ſichs nicht wohl verſuchen, ob er weich iſt, ehe er an - faͤngt zu flieſſen. Es iſt aber wohl vermuth - lich, daß es geſchiehet. Denn die Natur thut keinen Sprung (§. 686 Met.), ſondern wuͤrcket nach und nach Ehe ſie demnach die Theile eines Coͤrpers von einander trennet, ſtoͤſſet ſie ſie nur etwas von einander weg, und dieſes iſt genung dazu, wenn er weich werden ſoll. Man muß aber hierbey nicht vergeſſen, daß, wie alles in der Natur ſei - ne Grade hat, und keines eine Eigenſchafft in eben dem Grade beſitzet, wie das ande - re, auch die Weiche ihre Grade hat, und daher ein Coͤrper wieder weicher werden kanals96Cap. III. Von dem Unterſcheideals der andere. Derowegen iſt moͤglich, daß dieſer Grad in einigen Coͤrpern ſo ge - ringe anzutreffen, daß man faſt gar nichts davon verſpuͤret. Wir haben es bey der Dichtigkeit und Schwammigkeit der Coͤr - per ſo gefunden (§. 37.42. ), und iſt dem - nach kein Wunder, daß es auch mit der Weiche der Coͤrper keine andere Beſchaf - fenheit hat.
Wenn die Weiche des Coͤrpers von einer veraͤnderlichen und fremden Ma - terie herruͤhret, die in die Zwiſchen-Naͤum - lein ihrer Materie, und von dar ferner zwi - ſchen ihre Theile hinein dringet, ſo wird derſelbe harte, ſo bald die dazwiſchen drin - gende Materie wegkommet. Jſt die Urſa - che der Weiche weg, ſo kan die Weiche nicht laͤnger dauren. Es zeiget auch ſol - ches die Erfahrung. Das Wachs wird harte, wenn es kalt wird. Jndem es a - ber kalt wird, entgehet ihm die Waͤrme (§. 116 T. II. Exper.), und dieſe iſt die Ur - ſache ſeiner Fluͤßigkeit (§. 55). Ein Teig iſt weich von dem Waſſer: ſo bald er aber austrocknet und die Naͤſſe weggehet, ſo ver - ſchwindet mit ihr auch die Weichigkeit.
Wir treffen in der Natur Coͤrper an, welche beſtaͤndig weich verbleiben, und die man auch dadurch nicht fluͤßig machen kan, daß veraͤnderliche und fremde Materien, als Waſſer oder Waͤrme in ihre Zwiſchen -Raͤum -97wegen der veraͤnderlichen Materie. Raͤumlein hinein dringen. Dergleichen iſt die Wolle und was daraus verfertiget wird, ingleichen was aus Seide und Garn gewebet oder gewircket wird. Jn dieſen Faͤllen hat es das Anſehen, als wenn die Coͤrper nicht deswegen weich waͤren, weil eine fremde, oder auch veraͤnderliche Materie zwiſchen ihre Theile hinein dringet und hindert, daß ſie nicht genau genung einan - der beruͤhren koͤnnen (§. 64). Nun folget zwar nicht daraus, daß die Urſache der Weiche, die wir vorhin angegeben, in dieſem Falle nicht ſtat finden koͤnne: denn es kan eine fremde Materie vorhanden ſeyn, die ſich niemahls abſondern laͤſſet, noch ei - ner andern Platz vergoͤnnet, jedoch aber nie - mahls in ſo groſſer Menge, daß der Coͤrper davon fluͤßig wuͤrde, wie wir es auch gar leicht durch einige Verſuche beſtetigen koͤnn - ten. Allein es iſt nicht zu leugnen, daß wir in dergleichen Faͤllen nicht Uꝛſache haben bis auf die letzte Urſache der Weiche zukommen, ſondern uns mit einer naͤheren vergnuͤgen koͤnnen. Die angegebene Exempel koͤn - nen uns Anlaß geben darauf zu kommen. Die Wolle beſtehet aus kleinen Faſen, die ſich biegen und zuſammen drucken laſſen, wenn man aber aufhoͤret zu drucken, ſich wieder aus einander geben, folgends eine ausdehnende Krafft haben (§. 52. T. I. Ex - per.). Die daraus geſponnene Faden ſo(Phyſick) Gwohl98Cap. II. Von dem Unterſcheidewohl als die Faden - Seide und leinenes Garn laſſen ſich gleichfalls willig biegen. Was nun daraus gewebet und gewuͤrcket wird, giebet leicht nach, wenn man es dru - cket, und, ſobald man aufhoͤret, gehet es wie - der aus einander. Nun nennet man des - wegen einen Coͤrper weich, weil er nachgie - bet, wenn man ihn drucket: derowegen kommet die Weiche des Coͤrpers in dieſem Falle daher, weil der Coͤrper aus Theilen be - ſtehet, die ſich leicht beugen laſſen, und nach dieſem wieder von einander gehen. Und die - ſes hat auch in der Kunſt Anlaß gegeben die Stuͤhle und Betten, darauf man ſanfte ru - hen will, durch ſtaͤhlerne Federn weich zu machen. Denn weil Federn von ſtaͤhler - nem Drathe bald nachgeben, wenn ſie ge - druckt werden, ſo bald aber als man zu dru - cken aufhoͤret, wieder von einander gehen: ſo hat es mit Stuͤhlen und Betten, darinnen dergleichen Federn zu finden ſind, eben dieſe Bewandnis wie mit den vorigen Coͤrpern, deren Weiche wir unterſuchet. Un - terdeſſen da die Faͤden ſich nicht biegen laſſen, wenn ſie nicht weich ſind; ſo muͤſſen doch dieſe wiederum eine Urſache ihrer Wei - che haben. Will man ſie aus kleineren Faden zuſam̃en ſetzen, die ſichbeugen laſſen, weil die Vergroͤſſerungs-Glaͤſer zeigen, daß es mit ihnen dergleichen Bewandnis hat (§. 85. T. III. Exper.), ſo kommet man deswe -gen99wegen der veraͤnderlichen Materie. gen doch noch nicht zu Ende. Man mag aber die groͤſſeren Faden in kleinere von eben der Art ſo lange aufloͤſen als einem gefaͤllet, oder ſich thun laͤſſet; ſo wird man doch end - lich auf etwas kommen muͤſſen, was ſeine Weiche nirgends anders her hat als von ei - ner fremden Materie, welche die genaue Verbindung der Theile mit einander ver - hindert (§. 64).
Weil man dieſe Art der weichenWie wei - che Coͤr - per harte wexden. Coͤrper, die wir jetzt beſchrieben, nicht da - durch harte machen kan, daß man ihnen die fremde Materie benimmet, welche ſie verur - ſachet; ſo ſollte man vielleicht meinen, als wenn ſie gar nicht harte gemacht werden koͤnnten. Allein es iſt noch ein anderes Mittel uͤbꝛig, wodurch ſolches erhalten wird. Die Theile dieſer Coͤrper geben nach, wenn ſie gedrucket werden, und laſſen ſich daher naͤher zuſammen drucken. Wenn ſie nun naͤher zuſammen gebracht ſind und zwar ſo nahe, daß man ſie nicht naͤher zuſammen bringen kan: ſo geben ſie nicht mehr nach, wenn man ſie drucket und daher ſind ſie auch nicht mehr weich, ſondern harte. Auf ſol - che Weiſe wird das weiche Leder harte, wenn man es mit Gewalt zuſammen preſſet. Jngleichen findet man, daß Zeuge und Leinwand harte ſind, wenn ſie dichte ge - webet werden: hingegen weich, wenn man ſie nicht ſo dichte webet. Nemlich im er -G 2ſten100Cap. III. Von dem Unterſcheideſten Falle koͤnnen die Faden nicht nachgeben, wenn man drucket, und alſo iſt der Zeug harte: aber in dem andern Falle geben die Faden um ſoviel williger nach, wenn man drucket, je mehr Raum zwiſchen ihnen frey verbleibet (§. 86 T. III. Exper.), und da - her iſt der Zeug weich.
Weil die Coͤrper harte werden, wenn die veraͤnderliche und fremde Materie aus ihren Zwiſchen-Raͤumlein vertrieben wird (§. 65), nun aber bekand iſt, daß das Waſſer und andere fluͤßige Materien von der Waͤrme ausdunſten (§. 85 T. II. Exp.); ſo werden die jenigen Coͤrper durch die Waͤr - me harte, welche das Waſſer oder eine an - dere gleichguͤltige Materie, die wie das Waſ - ſer von der Waͤrme ausdunſtet, weich oder auch wol gar fluͤßig machet. Ein Exempel ha - ben wir in der Kunſt an den Backſteinen o - der Ziegeln, die theils in der Lufft durch aus - trocknen, theils durch die Gewalt des Feu - ers im Ziegel-Ofen abgehaͤrtet werden. Jn der Natur wird auf gleiche Weiſe im heiſſen Sommer der Erdboden harte, wel - cher von dem Regen wieder erweichet wird.
Aus gleichmaͤßiger Urſache begreif - fet man, daß diejenigen Coͤrper durch die Kaͤlte harte werden, welche die Waͤrme weich und fluͤßig machet. Ein Exempel giebet das Wachs, welches in der Kaͤlte harte, in der Waͤrme weich, ja endlich gar fluͤßig wird. Es iſt aber wohl zu mercken,daß101wegen der veraͤnderlichen Materie. daß unterweilen auch von der Kaͤlte ein Coͤr - per harte werden kan, wenn die veraͤnderli - che Materie dadurch harte wird, die ihn weich machte. Z. E. Ruͤben, Aepffel und Birnen machet der Safft weich, der in ih - nen iſt und die feſten Theile derſelben durch - fließt. Dieſer Safft hat wie das Waſſer ſeine Fluͤßigkeit von der Waͤrme: denn wenn ihm die Waͤrme entgehet, ſo gefrieret er. Da nun das Eis harte iſt, welches die Zwiſchen Raͤumlein der feſten Theile erfuͤl - let; ſo koͤnnen auch dieſe Coͤrper nicht nach - geben, wenn ſie gedrucket werden und ſol - chergeſtalt ſind ſie harte (§. 45). Auf glei - che Weiſe wird der Erdboden im ſtrengen Winter harte, der im Herbſte von dem Re - gen war erweichet worden, wenn das in den Zwiſchen-Raͤumlein der Erde befindliche Waſſer gefrieret. Eben ſo findet man im ge - meinen Leben, daß die weiche Waͤſche gantz harte wird, wenn ſie naß iſt und gefrieret.
Wenn ein Coͤrper von einer ver -Wenn ein Coͤrper durch Vermeh - rung der beſtaͤndi - gen Ma - terie har - te wird. aͤnderlichen oder auch fremden Materie weich wird, ſo wird ein gewiſſes Maaß die - ſer Materie dazu erfordert. Nicht alle Waͤrme machet das Wachs weich, ſondern nur wenn ſie in gewiſſem Maaße vorhan - den. Denn wenn der Coͤrper weich wer - den ſoll, ſo muß die veraͤnderliche oder auch fremde Materie nicht allein in die von ſeiner beſtaͤndigen Materie leeren Raͤumlein drin - gen, ſondern auch weiter zwiſchen die Thei -G 3le102Cap. III. Von dem Unterſcheidele des Coͤrpers kommen, daß ſie von ein - ander abzuſondern beginnet (§. 64). Wo - ferne nun wenige von dergleichen Materie in den Coͤrper hinein kommet; ſo bleibet ſie bloß in den von ſeiner beſtaͤndigen Materie leeren Raͤumlein und dringet nicht bis zwi - ſchen ihre Theile. Wenn ein Coͤrper, der fluͤßig iſt, von ſeiner beſtaͤndigen Materie mehr bekommet und zwar dergeſtalt, daß ſie mit ein Theil von ihm wird und die ver - aͤnderliche oder auch fremde Materie ſich dergeſtalt durch ſie vertheilet, wie ſie in den uͤbrigen nach geſchehenem Zuſatze verbleibet; ſo iſt es eben ſo viel als wenn ich einen Coͤr - per haͤtte, der weniger flieſſendmachende Materie in ſich haͤtte. Wie nun in die - ſen Falle ein Coͤrper harte iſt; ſo muß auch der fluͤßige Coͤrper, oder auch der Weiche davon harte werden. Wir haben ein E - rempel an dem Teige, der aus Mehl und Waſſer zubereitet wird. Dieſer iſt fluͤßig von uͤberfluͤßigem Waſſer; weich von weni - gerem. Wenn man mehr Mehl hinein wuͤrcket, welches ſeine beſtaͤndige Materie iſt, ſo wird er dadurch derber und laͤſſet ſich auf eine ſolche Weiſe ſo harte machen als man will. Und dieſes findet auch in an - dern Faͤllen ſtat. Z. E. Ziegelſtreicher und Toͤpffer richten auf ſolche Weiſe ihre Erde zu, biß ſie ſie zu ihrem Wercke harte genung befinden. Man bedienet ſich auch in derBau -103wegen der veraͤnderlichen Materie. Bau-Kunſt dieſes Mittels, wenn man ei - nen moraſtigen Boden antrifft, der als - denn mit einer trockenen Materie ausgefuͤl - let und feſte gemacht wird.
Es iſt eine beſondere Materie inWenn ein Coͤr - per warm iſt. der Welt, welche ſich aus einem Coͤrper in den andern beweget, in deren Bewegung die Waͤrme beſtehet (§. 104 T. III. Exp.). Wir nennen einen Coͤrper warm, wenn er ſoviel von ihr in ſich hat, daß ſie ſich wieder in unſere Hand, die ihn beruͤhret, oder in andere Theile des Leibes, ſo ihm nahe ſind, in ſolcher Menge beweget, als eine empfind - liche Veraͤnderung darinnen vorzubringen genung iſt.
Weil die Materie der WaͤrmeWaͤrme kommet von einer fremden Materie. eine fremde Materie iſt (§. 4.); ſo kommet die Wārme der Coͤrper von einer fremden Materie her, die in Coͤrper hinein drin - get. Da nun aber dieſe Materie in Be - wegung ſeyn muß, wenn ſie Waͤrme ma - ſoll (§. 71); ſo kan dergleichen Mate - rie auch wuͤrcklich in einem Coͤrper vor - handen ſeyn, ohne daß er Waͤrme hat, wenn ſie nemlich entweder ſchlechte Be - wegung hat, oder gar in ihrer Bewegung gehemmet wird. Was nun dieſe Materie in Bewegung ſetzet, machet den Coͤrper warm. Und daher zeigen uns die Verſu - che, daß auch einige Coͤrper warm werden koͤnnen, ja daß ſie einen ſehr groſſen GradG 4der104Cap. III. Von dem Unterſcheideder Waͤrme erreichen, ohne daß ein war - mer Coͤrper vorhanden, der ihnen ſeine Waͤrme mittheilete (§. 111. 112. 113. T. II. Exper.).
Jch habe in Erklaͤrung dieſer Verſuche angenommen, daß von auſſen kei - ne Materie in die Coͤrper hineinkommet, wenn ſie warm werden (§. 114. T. II. Exp.). Allein vielleicht koͤnnte einigen noch dabey ein Zweiffel entſtehen: derowegen iſt noͤthig, daß ich mich in dieſer Sache noch weiter er - klaͤre. Wenn ein Eiſen geſchlagen wird, ſo wird es vom Schlagen warm (§. 113. T. II. Exper.). Wenn es warm wird, ſo werden auch ſeine Theile weiter aus einan - der getrieben, daß es einen groͤſſeren Raum einnimmet als vorhin (§. 107. T. II. Exper.) Da nun in einem natuͤrlichen Coͤrper zwi - ſchen ſeinen Theilen keine leere Raͤumlein ſeyn koͤnnen (§ 6); ſo muß ja von auſſen Materie in die Zwiſchen-Raͤumlein des Coͤrpers kommen, die vorher nicht darinnen war, indem er durch ſchlagen warm wird. Und demnach hat es das Anſehen, als wenn die Materie der Waͤrme von auſſen hinein kaͤme. Damit wir nun erkennen, was wir in dieſer Sache ſetzen ſollen: ſo haben wir fuͤr allen Dingen zu mercken, daß auſſer der Materie der Waͤrme noch viel andere in der Natur vorhanden ſind, die wir nicht kennen (§. 13). Derowegen wenn vonauſ -105wegen der veraͤnderlichen Materie. auſſen mehrere Materie in den Coͤrper kom - met, als darinnen war, ſo darf ſolches eben nicht Materie der Waͤrme ſeyn, ſondern es kan wohl Materie von einer anderen Art hineindringen, welcher die Waͤrme Platz machet, indem ſie die Theile der beſtaͤndigen und der veraͤnderlichen in den Zwiſchen - Raͤumlein von einander treibet. Es iſt demnach die Frage, welches von beyden glaublicher iſt, wenn durch Schlagen der Coͤrper erwaͤrmet und dadurch durch einen groͤſſeren Raum ausgebreitet wird, ob ſoviel Materie von auſſen hineinkommet, als zu Erfuͤllung der erweiterten Zwiſchen-Raͤum - lein erfordert wird, oder ob bloß die Materie der Waͤrme, welche bereits im Coͤrper ver - borgen lieget, in Bewegung geſetzet und durch dieſe Bewegung verurſachet wird, daß von auſſen andere fremde Materie in den Coͤrper hinein dringet und dadurch ſeine Groͤſſe vermehret (§. 28). Das letztere ſcheinet glaubwuͤrdiger zu ſeyn: denn durch Schlagen und Reiben werden die eigenthuͤmliche Theile der Materie zuſam - men gedruckt, und dadurch die Zwiſchen - Raͤumlein enger, oder es geſchiehet eine bloſſe Erſchuͤtterung, ſonderlich der veraͤn - derlichen und fremden Materie in den Zwi - ſchen-Raͤumlein des Coͤrpers, wenn die be - ſtaͤndige eigenthuͤmliche ſo feſte iſt, daß ſie nicht nachgiebet. Jn beyden Faͤllen iſt kei -G 5ne106Cap. III. Von dem Unterſcheidene Urſache vorhanden, warumb deswegen Materie, die von auſſen den Coͤrper umgie - bet, Platz bekommen ſollte ſich hinein zube - wegen. Denn wenn man auch den Thei - len des Coͤrpers eine ausdehnende Krafft zu - eignen wollte, daß ſie ſich nach dem Schlage wieder aus einander gaͤben; ſo wuͤrden doch dadurch die Zwiſchen-Raͤumlein nicht groͤſ - ſer werden als ſie vor dem Schlage waren, auch waͤre nicht die geringſte Urſache vor - handen, warum vielmehr eine andere Mate - rie, alsdie durch den Schlag heraus getriebẽ wird, wieder hinein dringen ſollte. Wenn man nun aber annimmet, daß die Materie der Waͤrme bereits im Coͤrper vorhanden; ſo hat alles ſeine Richtigkeit. Denn durch die Erſchuͤtterung, welche im Coͤrper durch den Schlag geſchiehet, wird die Materie der Waͤrme oder das elementariſche Feuer in Bewegung gebracht. Jndem ſich dieſe Materie bewegen will und ihr theils die Theile der beſtaͤndigen Materie, theils die Theile der veraͤnderlichen wiederſtehen; ſo muß ſie dieſe von ſich ſtoſſen. Weil nun hierdurch Platz wird, der nicht leer bleiben kan (§. 6.); ſo dringet auch, indem ſolches geſchiehet, andere fremde Materie, die um - her iſt, in den Coͤrper hinein. Und dadurch wird ſeine Groͤſſe vermehret (§. 28).
Weil wir einen Coͤrper fuͤr warmWarnmb einerley Coͤrper warm und auch kalt zu ſeyn ſchei - nen kan. halten, wenn von ſeiner Waͤrme ein Theil in unſere Hand faͤhret, damit wir ihn an - ruͤhren, welcher darinnen eine empfindliche Veraͤnderung zuverurſachen kraͤfftig ge - nung iſt (§. 71), die Waͤrme aber aus einem kalten Coͤrper nicht in einen waͤrmeren faͤh - ret, ſondern vielmehr, wenn ein Coͤrper, der noch waͤrmer werden kan, an einen andern waͤrmeren kommet, aus dieſem Waͤrme in ihn faͤhret (§. 116 T. II. Exper.); ſo koͤnnen wir auch keinen Coͤrper fuͤr warm halten, der unſerer Hand, damit wir ihn anruͤhren, nicht mehr Waͤrme geben kan, als ſie hat. Und eben hiervon kommet es, daß wir in Be - urtheilung der Waͤrme keinesweges den Sinnen trauen doͤrffen, auch einerley Coͤr - per in Verſuchen bald warm, bald kalt er - funden wird (§. 108 T. II. Exper.), da doch gewis iſt, daß er unmoͤglich zugleich warm und auch kalt ſeyn kan.
Da die Waͤrme ſich in den Zwi -Wenn Waͤrme die Thei - le der be - ſtaͤndigen Materi - en bewe - get. ſchen-Raͤumlein der Coͤrper beweget (§. 71), auch an die Theile der beſtaͤndigen Materie ſtoͤſſet (§. 74), ja ſie wohl gar von einander abſondert (§. 55): ſo kan es nicht anders geſchehen, als daß diejenigen Theile des Coͤrpers, die innerhalb den Zwiſchen - Raͤumlein ſich frey hin und wieder biegen laſſen und mit einer ausdehnenden Krafft verſehen ſind, von der Waͤrme in eine Be -we -108Cap. III. Von dem Unterſcheidewegung geſetzet werden, dadurch ſie ſich nach entgegen geſetzten Gegenden hin und wie - der bewegen. Eben ſo gehet es an, daß der - gleichen Theile an der aͤuſſeren Flaͤche des Coͤrpers eben dergleichen Bewegung erhal - ten: welches darinnen einen Unterſcheid machen kan, daß ein warmer Coͤrper ſich anders anfuͤhlet als der andere. Wieder - um in fluͤßigen Coͤrpern ſind die Theile alle von einander wuͤrcklich getrennet und wei - chen einer geringen Krafft ohne groſſen Wiederſtand (§. 59). Derowegen wenn ſich die Waͤrme zwiſchen ihnen beweget, ſo kan es nicht wohl anders ſeyn als daß die Theile der fluͤßigen Materie hin und wieder geſtoſſen werden. Solchergeſtalt werden durch die Waͤrme die Theile der fluͤßigen Materie in eine Bewegung geſetzet, die ſie vorher nicht hatten.
Weil ſich die Waͤrme nicht eher aus einem Coͤrper in den andern beweget, als wenn den warmen einer beruͤhret, der weniger Waͤrme hat u. noch in dem Stande iſt mehrere anzunehmen (§. 109. 110. T. II. Exper.); ſo verlieret er auch nicht ſeine Waͤrme als wenn er in die Nachbarſchafft ſolcher Coͤrper kommet, die kaͤlter ſind als er, und wird daher auch nicht kaͤlter (§. 116. T. II. Exper.). Er bleibet demnach warm, wenn er in der Gegenwart ſolcher Coͤrper iſt, die waͤrmer ſind als er, und ihndan -109wegen der veraͤnderlichen Materie. dannenhero ſeiner Waͤrme nicht berauben, oder, woferne ja einige vorhanden ſind, welche ihm die Waͤrme benehmen, doch andere ihm bald wiedergeben, was er ver - lohren. Woferne er nun eben ſoviel Waͤr - me wieder bekommet, als er verlieret; ſo bleibet er in einem Grade der Waͤrme. Hingegen woferne er mehr wieder bekom - met, als er verlieret; ſo wird er waͤrmer, bis er keine Waͤrme mehr annehmen kan (§. 109 T. II. Exper.). Wenn er weniger wieder bekommet, als ihm abgehet, ſo nimmet ſeine Waͤrme nach und nach ab und er wird kaͤl - ter, bis der Abgang der Waͤrme ſo groß iſt, daß er auch die Hand ihrer Waͤrme berau - bet, wenn ſie ihn anruͤhret. Und alsdenn nennen wir eigentlich einen Coͤrper kalt, wenn er unſerer Hand, oder einem andern Theile des Leibes ſoviel Waͤrme benimmet, daß in ihm eine uns empfindliche Veraͤnde - rung entſtehet.
Weil demnach ein Coͤrper bloßWie man einen Coͤrper kalt ma - chet. dadurch kalt wird, indem ihm die Waͤrme entgehet (§. 116. T. II. Exper.), die Waͤr - me aber in der Bewegung einer beſonderen Art der Materie beſtehet, die ſich aus einem Coͤrper in den andern beweget (§. 104. T. II. Exp.); ſo wird ein Coͤrper kalt, entweder wenn die Waͤrme ſich aus ihm in einen an - dern heraus beweget, oder wenn die Mate - rie der Waͤrme ihre Bewegung verlieret. Das110Cap. III. Von dem UnterſcheideDas erſtere geſchiehet in denen Faͤllen, wo die Durchloͤcherung der Coͤrper ſo beſchaf - fen iſt, daß die Waͤrme wo nicht uͤberall, doch hin und wieder, freye Wege findet, ohne Anſtoß an die Theile der beſtaͤndigen Materie, ſich durch den Coͤrper durch zu be - wegen: denn hier iſt nichts vorhanden, wel - ches einen Coͤrper, der in Bewegung iſt, aufhalten koͤnnte, daß er ſich nicht heraus bewegete, wir treffen auch nichts an, was ſeine Bewegung hemmen koͤnnte, indem kein Coͤrper, der einmahl in Bewegung geſetzet worden, nichts von ſeiner Bewegung verlieret, als indem er an einen andern ſtoͤſſet (§. 610 Met.). Das andere geſchie - het, wenn die Zwiſchen-Raͤumlein zwiſchen der beſtaͤndigen Materie des Coͤrpers ſo be - ſchaffen ſind, daß hin und wieder, ja in den meiſten Orten, die Wege ſehr verſchloſſen ſind, auch innerhalb den Raͤumlein Theile frey liegen, daran die Waͤrme in ihrer Be - wegung ſtoͤſſet. Denn indem die Waͤrme an die Theile der beſtaͤndigen Materie, oder auch an andere veraͤnderliche, die in ihren Zwiſchen-Raͤumlein enthalten, anſtoͤſſet; ſo verlieret ſie viel von ihrer Bewegung und nimmet dieſelbe dadurch ab (§. 664 Met.). Ja da wir gefunden, daß die Waͤrme die Theile des Coͤrpers aus einander treibet, dieſe aber nicht ohne alle auſdehnende Krafft ſind (§. 677 Met.), ſo begoͤnnen ſiewie -111wegen der veraͤnderlichen Materie. wieder zuruͤcke zu treten, indem der Waͤrme von ihrer Krafft etwas entgehet. Uber die - ſes da alles in der Natur voll iſt (§. 6. ), ſo wird dadurch, daß die Theile eines Coͤr - pers weiter von einander getrieben und ſol - chergeſtalt der Coͤrper ſelbſt durch einen groͤſſeren Raum ausgebreitet worden, zu - gleich andere auswaͤrtige Materie zuruͤcke geſtoſſen. Weilnun vermuthlich iſt, daß darunter gleichfalls Materie zufinden, welche die Theile der beſtaͤndigen Mate - rie zuſammen drucken hilfft (§. 45); ſo wer - den auch durch dieſe Materie die beſtaͤndi - gen Theile wieder zuruͤcke gedruckt, und kan daher auch geſchehen, daß durch den Druck dieſer Materien die Waͤrme in ihrer Be - wegung gehindert wird. Die Urſache, welche mich dazu bringet, daß ich glaube, es werden Coͤrper in der Natur kalt, ohne daß die Materie der Waͤrme ſich aus ih - nen heraus beweget, nur allein dadurch, daß ihre Bewegung gehemmet wird, iſt kei - ne andere als dieſe, weil ich ſehe, daß Coͤr - per Materie der Waͤrme in ſich haben und dadurch erwaͤrmet werden, indem man die - ſe Materie in Bewegung ſetzet (§. 73), der - gleichen abſonderlich das Eiſen iſt; dabey aber finde, daß, wenn dieſe Coͤrper einmahl auf ſolche Art ſind erwaͤrmet worden, und nach dieſem wieder abkuͤhlen, ſie dennoch wieder von neuem ſich durch bloſſes ſchlagenoder112Cap. III. Von dem Unterſcheideoder Reiben erwaͤrmen laſſen: welches ei - ne gewiſſe Anzeige iſt, daß noch Materie der Waͤrme zuruͤcke geblieben. Weil demnach auſſer Zweiffel iſt, daß die Coͤrper auf beyderley Art, wie jetzt beſchrieben wor - den, kalt werden; ſo ſiehet man, daß, wenn ein Coͤrper kalt werden ſoll, weiter nichts mehr dazu erfordert wird, als daß man ihn in die Gegend ſolcher Coͤrper brin - ge, die weniger Waͤrme an ſich haben, als er: denn alsdenn gehet entweder die Waͤrme aus ihm in dieſelben, oder weil ſie ihm keine Waͤrme mittheilen koͤnnen, ſo hoͤret die Bewegung der warmmachenden Materie nach und nach auf, und ſolchergeſtalt wird der Coͤrper kalt.
Weil demnach die Kaͤlte in ei - nem bloſſen Mangel der Waͤrme beſtehet und ein Coͤrper kalt von uns befunden wird, indem er uns unſerer Waͤrme an dem Theile des Leibes beraubet, dem er nahe iſt, oder das ihn beruͤhret (§. 76); ſo iſt die Kaͤlte in der That nichts anders als ein ge - ringerer Grad der Waͤrme, als vorher im Coͤrper war, und inſonderheit ein geringerer Grad der Waͤrme, als die aͤuſſeren Theile unſers Leibes haben. Nachdem nun der Unterſcheid der Waͤrme groß, oder klein iſt, nachdem iſt auch die Kalte groß oder kleine.
Und hieraus erſiehet man ferner,Wie lan - ge ein Coͤrper kaͤlter werden kan. daß ein Coͤrper ſo lange noch kaͤlter werden kan, als er noch einige Waͤrme bey ſich hat und er in die Naͤhe anderer Coͤrper kommen kan, die weniger Waͤrme haben als er und ihn ſeiner Waͤrme berauben. Derowe - gen kan auch das Eis und der Schnee kaͤl - ter werden als er iſt, und hat folgends noch einige Waͤrme bey ſich, die ihm bey zuneh - mender Kaͤlte der Lufft entgehet (§. 87. T. II. Exper.).
Wiederumb weil die Kaͤlte einOb die groͤſte Kaͤlte in der Na - tur ſeyn kan. bloſſer Mangel der Waͤrme iſt (§. 116 T. II. Exper.), und daher zunimmet, indem die Waͤrme abnim̃et (§. 79); ſo ſiehet ein jeder, daß die Kaͤlte alsdenn am groͤſten iſt, wenn gar keine Waͤrme mehr in einem Coͤrper vorhanden. Ob ein Coͤrper den groͤſten Grad der Kaͤlte jemahls erreichen koͤnne, wird billich in Zweiffel gezogen. Denn wenn er in in der Natur kalt werden ſoll, ſo muß ihm die Waͤrme entgehen und er nicht andere an deren Stelle von auſſen bekom - men (§. 76). Wenn ihm die Waͤrme ent - gehen ſoll, ſo muß ein anderer ihn beruͤhren, der kaͤlter iſt als er (§. cit.). Dieſer aber kan ihn nicht aller Waͤrme berauben. Denn wenn er einen Theil der Waͤrme dem an - dern weggenommen, ſo muß dieſem ſoviel uͤbrig bleiben, als derſelbe wuͤrde an ſich ge - nommen haben, wenn beyde in einem war -(Phyſick) Hmen114Cap. III. Von dem Unterſcheidemen Orte gelegen haͤteen, wo der eine ſoviel Waͤrme wuͤrde erhalten haben als er von ihm bekommen (§. 110 T. II. Exper.). Wie - drigenfalles waͤre der andere Coͤrper, der die Waͤrme wegraubet, waͤrmer als er ſeyn koͤnte und muͤſte daher von ſeiner Waͤr - me demjenigen wieder etwas mittheilen, dem er ſie genommen haͤtte. Und es iſt ſich nicht zuverwundern, daß keine groͤſte Kaͤlte ſeyn kan: wir finden in allen Dingen, daß die Natur niemahls das groͤſte, noch kleine - ſte, oder den letzten Grad erreichet; ſon - dern ſie bleibet allzeit bey den mittleren Gra - den, die auf unzehliche Art ſich veraͤndern laſſen.
Weil die Waͤrme in Bewegung einer Materie beſtehet, die ſich aus einem Coͤrper in den andern beweget und deren Bewegung aufhoͤren kan (§ 71.77. ); ſo be - greiffet man leicht, warum die Waͤrme veraͤnderlich iſt, und ein Coͤrper bald warm, bald kalt werden kan, folgends die Waͤrme keine beſtaͤndige Eigenſchafft der Coͤrper iſt, die wir auf dem Erdboden kennen. Denn unerachtet man ſagen moͤchte, das Feuer habe die Waͤrme zu einer beſtaͤndigen Ei - genſchafft; ſo wiſſen wir doch, daß das Feuer nichts anders iſt als eine concen - trirte Waͤrme (§. 134). Daher ſich auch das Feuer zertheilet und nicht dauret, wenn nicht etwas vorhanden iſt, welches dieFlam -115wegen der veraͤnderlichen Materie. Flamme unterhaͤlt, indem eine neue in die Stelle der andern tritt, die ſich zertheilet und verſchwindet. Wenn man demnach genau reden will, wie es die Wahrheit er - fordert, ſo kan man nicht wohl ſagen, daß die Waͤrme eine Eigenſchafft des Feuers iſt, und daher das Feuer ein Coͤrper, wel - ches die Waͤrme zu einer beſtaͤndigen Ei - genſchafft hat. Denn es iſt der groͤſte Grad, oder ein ſehr groſſer Grad der Waͤr - me, den wir kennen. Wo Feuer iſt, da iſt viel Waͤrme zugegen. Wir muͤſſen nem - lich in der Welt-Weisheit nicht nach un - ſern Sinnen und der Einbildungs-Krafft urtheilen, die Sachen verſchieden vorſtel - len, ob ſie gleich dem Weſen nach einerley ſind. Es iſt wohl wahr, daß in der Flam - me des Feuers noch etwas mehr als Waͤr - me iſt: allein dieſes kommet zufaͤlliger Weiſe mit dazu, wie wir ſolches an ſeinem Orte weiter unterſuchen werden. Wollte man man aber auch das, was wir zufaͤllig neñen, mit dem zu Feuer rechnen und ihm die Waͤrme bloß als eine beſtaͤndige Eigen - ſchafft beylegen; ſo wuͤrden wir daruͤber mit niemanden einen Streit anfangen. Wir ſehen doch aber nicht, was wir ſagen ſollen, wenn durch bloſſe Concentrirung der Sonnen-Strahlen auch bey ſolchen Coͤrpern ein Feuer erreget wird, die keineH 2ver -116Cap. III. Von dem Unterſcheideverbrennliche Materie bey ſich haben (§. 137 138. T. III. Exper.).
Unter die Eigenſchafften der Coͤr - per, welche von einer fremden Materie her - ruͤhren, rechne ich auch die Schweere, und iſt dieſes die Urſache, warum ich davon in dem gegenwaͤrtigen Capitel handele. Jch weiß wohl, daß heute zu Tage verſchiedene in Engelland vorgeben, die Schweere ſey aller Materie eigenthuͤmlich und daher in einem jeden Coͤrper der in ihm enthaltenen Materie proportional, und habe keine me - chaniſche Urſache, daraus ſie ſich erklaͤren laſſe. Wir werden bald begreiffen, daß das letztere aus dem erſteren flieſſe: hinge - gen das erſtere nehmen ſie deswegen an, da - mit ſie in dem Stande ſind zuerweiſen, es gebe Raͤumlein, die von aller Materie leer ſind (§. 7.) und folgends auch untheil - bahre Theile der Materie, die eine nohtwen - dige Figur und Groͤſſe, auch dabey eine vollkommene Haͤrte haͤtten. Allein da al - le dieſe Dinge mit der Vernunfft nicht be - ſtehen, ſo werden wir um ſo vielmehr Urſa - che haben zuzeigen, daß nicht alle Materie ſchweer ſey und daß die Schweere allerdin - ges ihre mechaniſchen Urſachen habe, das iſt, aus der Bewegung ihren Urſprung neh - me, nach den ordentlichen Regeln derſelben, die in Bewegung anderer Coͤrper von derNa -119[117]wegen der veraͤnderlichen Materie. Natur beobachtet werden (§. 132. 133 & ſq. T. III. Exper.).
Die Schweere beſtehet in einerOb die Schwee - re der Materie eigen - thůmlich ſey. Bemuͤhung ſich gegen den Mittel-Punct der Erde zu bewegen. Niemand leugnet es, daß dieſes der Begriff von der Schweere ſey, und, wenn ja noch jemanden zweiffel - hafft vorkommen moͤchte, ob die Materie, welche ſchweer iſt, ſich in ihrer Bewegung gegen den Mittel-Punct der Erde richtet; ſo koͤnnte man ſolches leicht erweiſen. Jch will jetzt nur bloß dieſes zu bedencken geben, daß an allen Orten auf dem Erdbo - den die ſchweeren Coͤrper nach Linien her - unter fallen, die auf die Flaͤche der Erde perpendicular ſtehen: woraus ſich ein Be - weis von einem, der geſchickt iſt etwas zu uͤ - berlegen, garleicht machen laͤſſet. Wenn wir aber auch noch fuͤr ungewis hielten, ob eigentlich die ſchweeren Coͤrper ſich nach dem Mittel-Puncte der Erde zubewegeten (woran wir doch zuzweiffeln nicht gnungſa - me Urſache haben), ſo thaͤte doch dieſes bey unſerem gegenwaͤrtigem Vorhaben nichts zur Sache. Hier iſt genung, daß wir wiſ - ſen, die ſchweeren Coͤrper bewegen ſich ver - mittelſt ihrer Schweere gegen die Erde zu. Es iſt demnach gewiß, daß wir die Schwee - re als eine bewegende Krafft anſehen, dar - aus eine Bewegung von einer gewiſſen Art erfolget, wenn ſie nicht gehindert wird. Ei -H 3ne118Cap. III. Von dem Unterſcheidene jede Krafft iſt von der andern ſo wohl als eine Bewegung von der andern theils durch den determinirten Grad der Geſchwin - digkeit, theils durch die Richtung nach der Gegend, nach welcher die Bewegung ge - ſchiehet, unterſchieden. Und wir treffen auch hier in der That ſowohl einen deter - minirten Grad der Geſchwindigkeit (§. 4. T. II. Exper.), als auch eine determi - nirte Richtung gegen den Mittel-Punct der Erde, oder gegen die Erde zu an. Wir wollen der Kuͤrtze halber die Geſchwindig - keit bey Seite ſetzen, und nur bloß bey der Richtung bleiben. Weil demnach alles ſeinen zureichenden Grund haben muß, wa - rum es vielmehr iſt, als nicht iſt (§. 30 Met.); ſo muß entweder die Schweere nothwendig ſeyn, oder ſie muß eine Urſache haben, woher ſiekommet. Wir finden, daß die Materie in andern Welt Eoͤrpern, als dem Mond, der Sonne und den Planeten ꝛc. ſowohl als die in in unſerer Erde gleichfalls zuſam - men haͤlt, und ſelbſt die Engellaͤnder, wel - che eine nothwendige Eigenſchafft aus der Schweere machen, geben die Schweere als eine Urſache davon an. Derowegen iſt gewiß, daß, gleichwie die eigenthuͤmliche Materie der Erderings herum eine Richtung gegen den Mittel-Punct der Erde, alſo auch die Materie im Mond, in der Sonne und in den uͤbrigen Planeten eine Richtung gegenden119wegen der veraͤnderlichen Materie. den Mittel-Punct des Monds, der Sonne und der uͤbrigen Planeten hat. Weil man demnach ſiehet, daß die Materie, welche ſchweer iſt, nicht einerley, ſondern verſchie - dene Richtungen hat; ſo ſiehet man au - genſcheinlich, daß die Richtung nicht noth - wendig (§. 36. Met.), folgends in dem Weſen der Materie nicht gegruͤndet iſt (§. 38 Met.) Weil nun keine Bewegung, auch keine bewegende Krafft ohne Richtung ſeyn kan, ja die Richtung nebſt dem Grade der Geſchwindigkeit eben dasjenige iſt, wo - durch die Art der Bewegung, und die bewe - gende Krafft determiniret und von an - dern ihres gleichen unterſchieden wird; ſo iſt mehr als zu klar, daß die Schweere der Materie nicht eigenthuͤmlich iſt, folgends eine Materie nicht nothwendig ſchweer ſeyn darf.
Wollte man einwenden, daßEinem Einwurf wird be - gegnet. zwar die Materie ohne Schweere ſeyn koͤn - ne, GOtt aber ſie nach ſeinem Wohlge - fallen mit der Schweere begabet, und dem - nach die Schweere als eine Eigenſchafft anſehen, damit GOTT die Materie frer - willig begabet; ſo ſaget man zwar et - was, damit ſich diejenigen abweiſen laſſen, welche alles nur obenhin anzuſehen gewohnet ſind; man kan aber leicht zeigen, daß alsdenn die Schweere eben ſoviel iſt als eine verborgene Eigenſchafft der Schulweiſen und keinesweges mit denH 4Gruͤn -120Cap. III. Von dem UnterſcheideGruͤnden der Vernunfft beſtehen kan. Man nennet in der Phyſick verborgene Eigen - ſchafften, die keinen Grund haben, warum ſie einem Dinge zukommen. Wenn nun kein Grund ſoll vorhanden ſeyn, warumb die Schweere einer Materie zukommet; ſo muß ſie nothwendig mit unter die verborge - nen Eigenſchafften gerechnet werden. Al - lein eben deswegen weil alles ſeinen zure - chenden Grund haben muß, warum es viel - mehr iſt, als nicht iſt (§. 30. Met.); ſo ſind eben die verborgenen Eigenſchafften etwas ungereimtes. Wer darauf acht hat, was ich ſage, wird ohne mein Erinnern ſehen, daß ich hier nicht von ſolchen Eigenſchafften, re - de, deren Grund wir aus Mangel der Er - kaͤntnis nicht anzuzeigen wiſſen; ſondern bloß von denenjenigen, davon man vor - giebt, daß ſie gar keinen haben. Jch habe aber auch ſchon anderswo erinnert §. 98. Met.), daß man nicht den Willen GOttes als einen zureichenden Grund in derglei - chen Faͤllen anfuͤhren koͤnne, und laͤngſt er - wieſen, daß es ungereimet ſey, wenn man vorgeben will, GOtt habe in das Weſen eines Dinges etwas geleget, was keinen Grund in ihm hat, warum es ihm zukom - men kan (§. 1022. Met.). Ja es wird ſich auch niemand dergleichen Dinge bereden laſſen, wer nur einmahl gelernet hat, daßdas121wegen der veraͤnderlichen Materle. das Weſen der Dinge unveraͤnderlich ſey (§. 42. Met.), auch die Eigenſchafften des einen nicht einem andern ſich mitthei - len laſſen (§. 430. Met.). Dergleichen Dinge behaupten nur diejenigen, welche nicht verſtehen, was Wahrheit iſt (§. 142. Met.) und wie ſie von dem Traume unter - ſchieden (§. 143. Met.), noch auch erwegen, was die Vernunfft iſt (§. 368. Met.).
Weil demnach die Schweere kei -Schwee - re hat ei - ne Urſa - che auſſer dem ſchwee - ren Coͤr - per. nen zureichenden Grund in den ſchweeren Coͤrpernhat (§. 83) und gleichwohl einen ha - ben muß (§. 84); ſo muß auſſer der ſchwee - ren Materie etwas anzutreffen ſeyn, darin - nen er zu finden. Und ſolchergeſtalt muß die Schweere eine Urſache auſſer dem ſchweeren Coͤrper haben (§. 29. Met.). Ge - ſetzt nun aber, daß wir es nicht bis dahin bringen koͤnten, daß wir dieſe Urſache ent - deckten; ſo wuͤrde doch deswegen der Man - gel unſerer Erkaͤntnis der Wuͤrcklichkeit der Sache keinen Eintrag thun. Es ſind ja Materien in der Natur vorhanden, die wir nicht kennen, und wir werden im Fortgange ſehen, daß viel in der Natur vorhanden iſt, an deſſen Wuͤrcklichkeit wir nicht zweiffeln koͤnnen, und gleichwohl keine Moͤglichkeit erſeben, wie wir zu deſſelben Erkaͤntnis ge - langen koͤnnen.
H 5§. 86.122Cap. III. Von dem UnterſcheideWeil nun die Schweere eine Urſa - che von auſſen hat (§. 85) und nichts anders als eine Art der Bewegung iſt (§. 83); ſo muß ſie wie alle Bewegungen aus der Bewegung einer anderen Materie entſte - hen, welche die ſchweeren Coͤrper gegen den Mittel-Punct der Erde treibet (§. 653 Met.) Und alſo giebt es eine beſondere Materie in der Natur, die in ſteter Bewegung iſt, wel - che durch ihre Bewegung die Coͤrper ſchweer machet, das iſt, auf Erden ſie gegen den Mit - tel-Punct der Erde treibet. Und dieſe Ma - terie iſt eben diejenige, welche wir die ſchweermachende Materie nennen. Wer die Schweere von etwas anders als von dieſer Materie herleiten will, der macht eben aus ihr nichts anders als eine verbor - gene Eigenſchafft, maſſen natuͤrlicher Wei - ſe keine Bewegung anders als aus einer vorhergehenden Bewegung kommen kan (§. 664 Met.) und alles was ſich in der Natur veraͤnderliches zeiget, durch die Bewegung geſchiehet (§. 615 Met.). Und ich habe erſt erwieſen (§. 84), daß verborgene Eigen - ſchafften etwas ungereimtes ſind.
Vielleicht werden einige vermei - nen, da die Materie alle in ſteter Bewegung iſt (§. 8), auch ohne Bewegung in der Welt nicht ſeyn kan, weil ſonſt die Welt ein wuͤſter und leerer Klumpe wuͤrde, darinnen ſich kein Unterſcheid, noch einige Ordnungzei -123wegen der veraͤnderlichen Materie. zeigete (§. 8),; ſo waͤre die Schweere eine eigenthuͤmliche Bewegung. Nemlich die ſchweere Materie ſey eben die jenige, welche ihre Bewegung gegen den Mittel Punct der Erde, oder einen andern Welt Coͤrper erhalten. Allein wir wiſſen, daß in der Bewegung einerley Grad der Geſchwin - digkeit verbleibet, woferne keine Urſache von auſſen vorhanden, warum ſich dieſelbe aͤndert (§. 610 Met.). Dero wegen da ein ſchweerer Coͤrper, indem er ſich gegen den Mittel-Punct der Erde beweget, ſich nicht beſtaͤndig mit einem unveraͤnderten Gra - de der Geſchwindigkeit beweget, ſondern vielmehr in einem fort ſeine Geſchwindig - keit aͤndert (§. 1. T. II. Exper.); ſo muß nothwendig eine Urſache von auſſen ſeyn, wodurch die Geſchwindigkeit veraͤndert wird. Derowegen weil ein Coͤrper ſeine Geſchwindigkeit aͤndert, indem von auſſen ein anderer an ihn ſtoͤſſet (§. 664 Met.); ſo muß auch eine ſchweermachende Materie vorhanden ſeyn, welche an die Coͤrper o - der ihre Materie ſtoͤſſet, indem ihre Ge - ſchwindigkeit im Fallen vergroͤſſert wird.
Die Verſuche zeigen es, daß einSchweer machende Materie wuͤrcket ohne Un - terlaß und iſt uͤ - ſchweerer Coͤrper, indem er zu fallen be - ginnet, ſeine Geſchwindigkeit in einem fort aͤndert und ohne Unterlaß ſort ſich immer geſchwinder beweget (§. 1 T. II. Exper.). Da nun die Geſchwindigkeit nicht andersals124Cap. III. Von dem Unterſcheideberall auf den Erd - boden zu - gegen.als durch einen neuen Stoß ſich aͤndern laͤſſet (§. 664 Met.); ſo muß auch die ſchweermachende Materie den ſchweeren Coͤrper beſtaͤndig fort ſtoſſen. Derowe - gen weil ein Coͤrper in den andern wuͤrcket, indem er ihm durch den Stoß einen Grad der Geſchwindigkeit mittheilet (§. 621 Met.); ſo wuͤrcket die ſchweermachende Materie ohne Unterlaß in die ſchweeren Coͤrper. Und da die Coͤrper, ſo weit wir uns von der Erde entfernen koͤnnen, ſchweer verbleiben, ja auch die Lufft, welche die Erde umgiebet, ſchweer iſt (§. 30. T. I. Exper.); ſo muß die ſchweermachende Materie durch den gantzen Raum ausge - breitet ſeyn, den die Erde mit der Lufft er - fuͤllet.
Weil die ſchweermachende Ma - terie auch die Lufft ſchweer machet (§. 30 T. I. Exper.), und die Coͤrper, ja ſelbſt die Lufft, auch in einem Raume ſchweer blei - ben, wo keine Lufft anzutreffen iſt (§. 182 T. I. Exper.); ſo muß die ſchweermachende Materie von der Luft unteꝛſchieden ſeyn. Da ſie aber gleichwohl auch durch den Raum ausgebreitet iſt, den die Lufft einnimmet (§. 88) und ohne Unterlaß an jedes Lufft - Staͤublein ſtoͤſſet (§. cit. ); ſo muß ſie eine Materie ſeyn, die in die Zwiſchen - Raͤumlein der Lufft hinein dringet, und alſoeine125wegen der veraͤnderlichen Materie. eine Materie, die fluͤßig. (§. 62) und ſubtiler als die Lufft iſt.
Die Schweere richtet ſich nichtSchwee - re wuͤr - cket nicht von auſ - ſen in die Coͤrper. nach der aͤuſſeren Flaͤche des Coͤrpers (§. 15. T. II. Exper.) und demnach iſt klar, daß die Materie, welche ihn ſchweer machet, nicht bloß an die aͤuſſere Flaͤche ſtoͤſſet. Denn wenn der Coͤrper bloß von auſſen geſtoſſen wuͤrde; ſo koͤnnte viel Matterie an ihn ſtoſ - ſen und ihn gegen den Mittel-Punct der Erde treiben, wenn er eine breite Flaͤche hat, hingegen um ſo viel weniger, wenn er eine ſchmaale hat. Da nun dieſes der Er - fahrung zu wieder iſt; ſo kan auch die Schweere nicht bloß von auſſen in den Coͤr - per wuͤrcken. Wollte jemand zweiffeln, ob nicht vielleicht ein Unterſcheid in der Schweere anzutreffen; wenn ſeine Flaͤche mercklich veraͤndert wird; ſo kan er es bald verſuchen und aus dem Zweiffel kommen. Man laſſe einen Wuͤrffel von Bley machen, weil dieſes Metall unter die ſchweereſten Materien zurechnen (§. 188 T. I. Exper.), dabey ſich der Unterſcheid am leichteſten zeigen muß, wenn ſich einer ereignet. Man laſſe noch einen machen, deſſen Seite zwey - mahl ſo groß iſt. Wer die Geometrie ver - ſtehet, der weiß, daß der andere acht mahl ſo groß iſt als der erſte (§. 215 Geom.), hin - gegen ſeine Flaͤche oder auch eine Seite da - von nur vier mahl ſo groß als die Flaͤche deser -126Cap. III. Von dem Unterſcheideerſten, oder auch eine Seite von dieſer Flaͤ - che. Wenn man nun beyde Wuͤrffel ge - gen einander abwieget, ſo iſt der groſſe nicht viermahl, ſondern acht mahl ſo ſchweer als der kleine. Und alſo richtet ſich die Schwee - re nicht nach der Flaͤche des Coͤrpers, ſon - dern nach der Menge der eigenthuͤmlichen Materie.
Weil nun die ſchweermachende Materie nicht von auſſen in den Coͤrper wuͤrcket, ſondern vielmehr von innen die kleinen Theile deſſelben gegen den Mittel - Punct der Erde treibet; ſo muß ſie auch in die Zwiſchen-Raͤumlein der dichteſten Coͤr - per frey hinein dringen koͤnnen. Will man ſich dieſes deutlicher vorſtellen, ſo kan es auf ſolgende Weiſe geſchehen. Das Gold iſt die ſchweereſte und dichteſte unter allen Materien, die wir kennen. Und da die kleineſten Staͤublein derſelben, welche wir durch die Vergroͤſſerungs-Glaͤſer, die am meiſten vergroͤſſern, entdecken koͤnnen, noch immer dichtes Gold bleiben; ſo iſt kein Zweiffel, daß ſie auch den Grad der Schweere behalten, welche das Gold uͤ - berhaupt hat, maſſen die Art der Schweere ſich nach der Dichtigkeit der Materie (§. 4. T. I. Exper.), dieſe nach der Zuſam - menſetzung der Theile derer Materien rich - tet, durch deren Vermiſchung das Gold in der Natur entſtehet (§. 32. 37). Derowe -gen127wegen der veraͤnderlichen Materie. gen muß die ſchweermachende Materie in die Zwiſchen-Raͤumlein der kleineſten Theile des Goldes dringen, und, da ver - muthlich iſt, daß auch die einfacheren Ma - terien, durch deren Vermiſchung die kleine - ſten Theile des Goldes heraus kommen, noch ſchweer ſind, ſo muß auch die Ma - terie der Schweere in ihre Zwiſchen-Raͤum - lein dringen. Daß ſie ſich aber auch frey durch bewegen koͤnnen, erhellet daraus, weil ſonſt die ſchweermachende Materie in den Hoͤhlen, wo ſie nicht weiter fort koͤnnte, wuͤrde ſtehen bleiben und in ihrer Bewe - gung gehemmet werden. Es iſt nicht zu - leugnen, daß dieſes der Einbildungs-Krafft zuſchaffen machet: allein wenn man beden - cket, was von der Subtilitaͤt der Materie erwieſen worden (§. 3.), dem wird die Ver - nunft weiter keine Anſtoß geben laſſen. Weñ wir dieſer Gehoͤre geben, ſo muͤſſen wir die Materie des Goldes und folgends noch mehr aller uͤbrigen Coͤrper dergeſtalt durch - loͤchert anſehen, als ein Sieb in Anſehung des Waſſers. Denn unerachtet man kei - ne Loͤcher ſiehet, ob man gleich das allerbe - ſte Vergroͤſſerungs-Glaß dazu brauchet: ſo iſt hingegen auch die ſchweermachende Materie ſo ſubtil, daß man nichts davon anfichtig werden kan, man mag ſie vergroͤſ - ſern wie man will. Wir koͤnnen uns abe um ſoviel weniger befremden laſſen, daß dieſchweer -128Cap. III. Von dem Unterſcheideſchweermachende Materie durch das Gold und alle uͤbrige Materien, die von ihr ſchweer gemacht werden, ſich frey durch beweget, indem wir durch die Erfahrung uͤ - berzeuget werden, daß ſich ſelbſt durch das Gold (§. 72. T. III. Exper.) das Licht frey durch bewegen kan. Und alſo lehret uns ſelbſt die Erfahrung, daß die allerkleineſten Theile des Goldes fuͤr ſubtile Materien gantz offen ſind und ihnen einen freyen Durchgang verſtatten.
Es iſt demnach klar, daß die Ur - ſache der Schweere eine ſehr ſubtile Materie ſey, welche in die ſubtileſten Zwiſchen - Raͤumlein der beſtaͤndigen und veraͤnderli - chen Materie dringet und durch die dichte - ſten Materien, die wir haben, ſich frey und ungehindert durch beweget. Woraus zuerſehen, daß dieſe Materie in ſubtilere Theile wuͤrcklich getheilet ſeyn muß als die Eroͤffnungen der kleineſten Hoͤhlen oder Zwiſchen-Raͤumlein der Coͤrper ſind und ihre Theile ſich leicht von einander abſon - dern laſſen. Derowegen iſt es eine fluͤßige Materie (§. 55). Weil ſie nun die kleine - ſten Theile des Coͤrpers gegen den Mittel - Punct der Erde beſtaͤndig fortſtoͤſſet (§. 90), ſo kan ſie mit der uͤbrigen Materie des Coͤr - pers, die durch ihr fortſtoſſen beweget wird, ſich nicht zugleich mit gegen den Mittel-Punct der Erde bewegen, als wennſie129wegen der veraͤnderlichen Materie. ſie mit ihm einen Coͤrper ausmachte. Sie gehoͤret demnach nicht unter die eigenthuͤm - liche, ſondern die fremde Materie des Coͤr - pers.
Weil die ſchwermachende Ma -Schwer - machen - de Ma - terie iſt nicht ſchweer. terie ſich nicht zugleich mit dem Coͤrper fort beweget; ſo kan ſie auch nicht mit ihm zu - gleich wiegen. Denn was mit einem Coͤr - per wieget, das muß mit ihm zugleich nie - derſteigen (§. 1 T. I. Exp.) Derowegen iſt die ſchweermachende Materie vor ſich nicht ſchweer. Und ſehen wir daher, daß wir Materie ohne Schweere zugeben muͤſ - ſen, wenn wir ſchweere Materie haben wollen, folgends daß nicht alle Materie ſchweer ſey.
Wenn man nun aber fraget obOb noch andere Materie vorhan - den, die nicht ſchweer iſt. denn auſſer der ſchweermachenden Mate - rie noch andere vorhanden, die gleichfals keine Schweere hat; ſo ſcheinet es wohl ſchweer hierinnen etwas mit Zuverlaͤßigkeit zuſagen, weil wir aus Mangel der Erfah - rung, auf die wir uns gruͤnden muͤſſen, wenn wir von der Wuͤrcklichkeit der Din - ge urtheilen wollen, nicht eigentlich ſagen koͤnnen, wie vielerley Arten der Materien in der Welt vorhanden ſind, deren immer eine die Zwiſchen-Raͤumlein der andern er - fuͤllet. Jedoch wenn wir genau erwegen, was es mit dieſer Frage eigentlich zuſagen hat; ſo iſt wohl mehr als vermuthlich, daß(Phyſick) Jauſ -130Cap. III. Von dem Unterſcheideauſſer der ſchweermachenden Materie noch viele andere vorhanden, die keine Schweere hat. Nemlich unſere Frage gehet dahin aus, ob noch in der Natur Materie vorhan - den, welche die ſchweermachende nicht gegen den Mittel-Punct der Erde, oder eines an - deren Welt-Coͤrpers, wenn von der Schweere ſeiner Theile die Rede iſt, trei - bet. Wenn wir auf die ſchweere Materie acht haben, ſo finden wir, daß ihre Thei - le, welche von der ſchweermachenden gegen den Mittel-Punct der Erde getrieben wer - den, groͤber ſind als die ſchweermachende. Denn dieſe dringet in die ſubtileſten Zwi - ſchen-Raͤumlein, die ſich in den kleineſten Theilen der Coͤrper, ſelbſt der Lufft, befin - den, uͤberall hinein (§. 91.). Da nun dieſe Raͤumlein kleiner ſind, als die Theile, in de - nen ſie ſich befinden: ſo muß auch die Mate - rie, die in dieſelben Raͤumlein hinein drin - get und noch ſubtiler als ſie iſt, auch noch gar viel ſubtiler als die kleineſten Theile der Coͤrper ſeyn, welche eine Schweere haben. Weil demnach die Materie, welche die ſchweermachende Materie gegen den Mit - tel-Punct der Erde treibet, groͤber als ſie iſt; ſo koͤnnen ja noch viel ſubtilere Materien in der Natur vorhanden ſeyn, welche den Zwi - ſchen-Raum der ſchweermachenden erfuͤl - len, auch wohl ihre Bewegung unterhalten,und131wegen der veraͤnderlichen Materie. und dieſe werden nicht von ihr zugleich mit der groͤberen gegen den Mittel-Punct der Erde getrieben. Ja es laͤſſet ſich gar be - greiffen, daß dergleichen ſubtilere Materie, als die ſchweermachende iſt, in der Natur muͤſſe vorhanden ſeyn. Denn da alles in der Natur voll iſt und kein leerer Raum ſeyn kan (§. 6.); ſo muͤſſen die Theile der ſchweermachenden Materie etwas ſtetiges ausmachen und koͤnnten nicht wuͤrcklich ge - theilet ſeyn. Sie ſind aber wuͤrcklich ge - theilet (§. 3.), und demnach machen ſie nichts ſtetiges aus (§. 58. Met.), ſondern haben Zwiſchen-Raͤumlein, die von einer andern Materie, welche von ihnen unter - ſchiedene Bewegungen hat (§. 9.) erfuͤllet ſeyn. Es iſt derowegen klar, daß es auſſer der ſchweermachenden Materie noch an - dere ſubtilere giebet, die gleichfals wie ſie keine Schweere hat.
Die ſchweermachende MaterieWas die ſchweer - machende Materie fuͤr eine Bewe - gung hat. iſt uͤberall in dem gantzen Raume anzutref - fen, den die Erde mit der Lufft, welche ſie umgiebet, einnimmet, und gehet ſonder Zweiffel noch uͤber die Lufft hinaus, weil ſie nemlich nicht allein alle irrdiſche Mate - rie, ſondern auch ſelbſt die Lufft gegen den Mittel-Punct der Erde zu treibet (§. 89.). Sie iſt demnach gewiſſer Maaſſen als ein groſſes Meer anzuſehen, darinnen alle zur Erde gehoͤrige Materie und die Lufft mitJ 2al -132Cap. III. Von dem Unterſcheideallem, was in ihr iſt, gleichſam ſchwim - met. Die ſchweere Materie wird von ihr ſehr ſchnelle gegen den Mittel-Punct der Erde getrieben (§. 5 T. II. Exper.), und zwar dergeſtalt, daß ihre Geſchwindigkeit in einem fort zunimmel (§. 3. T. II. Exper.) Derowegen muß ſie in uͤber aus. geſchwinder Bewegung ſeyn (§. 664 Met) Vermuthlich iſt ſie an allen Orten, oder in gleicher Weite von dem Mittel-Puncte der Erde, von gleicher Geſchwindigkeit, weil die Vermehrung der Geſchwindigkeit in verſchiedenen Weiten von der Erde einer - ley gefunden worden (§. 5 & ſeqq. T. II. Exper.). Geſetzt aber auch, daß ſich die Geſchwindigkeit mit der Weite von der Erde in etwas aͤnderte; ſo traͤget es doch fuͤr diejenigen Weiten nichts aus, in wel - chen wir mit Schweere zuthun haben. Denn wir komen eben nicht gar hoch uͤber die Erde, noch auch gar tief unter dieſelbe. Und alſo iſt es fuͤr uns gleich viel als wenn die ſchweermachende Materie ſich uͤberall mit gleicher Geſchwindigkeit bewegete, wenn ſie auch gleich ab - und zu naͤhme. Wir haben demnach nicht noͤthig weiter zu un - terſuchen, was es mit der Geſchwindigkeit fuͤr eine Beſchaffenheit habe. Wenn wir nun ferner nach der Richtung fragen, wel - che die ſchweermachende Materie in ihrer Bewegung hat; ſo findet man dabey groͤſ -ſere133wegen der veraͤnderlichen Materie. ſere Schweerigkeit en. Zwar doͤrffte es an - fangs ſcheinen, als wenn keine vorhanden waͤren. Denn die ſchweere Materie wird gegen den Mittel-Punct der Erde zugetrie - ben (§. 83). Da ſie ſich nun nach derjeni - gen Richtung beweget, welche ſie durch den Stoß erhaͤlt; ſo ſollte man vermeinen, daß die ſchweermachende Materie gleich - fals ſich nach dem Mittel-Puncte der Erde hin bewege. Allein wenn man dieſes ge - nauer betrachtet, ſo ſiehet man nicht, wie es angehen koͤnne. Denn da dieſelbe Ma - terie rings herumb umb den Mittel-Punct der Erde in wuͤrcklicher Bewegung ange - troffen wird; ſo muͤſte im Mittel-Puncte der Erde ein Theil das andere aufhalten, wenn ſie ſich einander entgegen bewegten, oder es muͤſte von der einen Seite dieſelbe ſich uͤber den Mittel-Punct der Erde hinaus bewegen. Bewegete ſie ſich irgends wo uͤber den Mittel-Punct der Erde hinaus; ſo koͤnnte ſie von der andern Seite nichts mehr gegen ihn fort ſtoſſen, ſondern ſie ſtieſ - ſen vielmehr, was ihr wiederſtuͤnde, von dem Mittel-Puncte der Erde fort: welches dem zu wieder waͤre, was die Erfahrung giebet, nemlich daß beſtaͤndig von allen Seiten des Erdbodens die ſchweere Ma - terie gegen den Mittel-Punct der Erde ge - trieben wird. Wollte man ſagen, die ſchweermachende Materie hielte einanderJ 3bey134Cap. III. Von dem Unterſcheidebey dem Mittel-Puncte der Erde auf; ſo waͤre nicht zu begreiffen, wie ſie beſtaͤndig in ſchneller Bewegung ſeyn und andere Materie fort ſtoſſen koͤnnte. Setzet man, die ſchweermachende Materie werde von dem Mittel-Puncte der Erde ringsherumb weggetrieben; ſo will es das Anſehen ge - winnen, als wenn ſie in dieſem Falle, die Materie, ſo ihr wieder ſtuͤnde, gleichfals von dem Mittel-Puncte der Erde wegtriebe. Wil man dieſe beyde Bewegungen nicht zu geben; ſo bleibet keine andere uͤbrig, als daß wir ſetzen, ſie werde umb den Mittel - Punct der Erde herumb beweget. Und die - ſe letztere Art der Bewegung iſt anfangs KeplernaEpit. Aſtron. Copern. lib. 1. p. 95. eingefallen, und Carteſius hat ſie angenommen und behauptetbPrincip. Philoſ. part. 4. §. 20. p. m. 143.. Man hat aber dieſer Meinung umb ſoviel lieber beygepflichtet, weil man geſehen, daß, wenn einen Siebe Spreue und Koͤrner in die rundte herumb beweget werden, die Koͤrner welche beweglich ſind, ſich an die Peripherien des Siebesgeſellen, die Spreu aber, welche zur Bewegung ungeſchickt iſt, ſich in die Weiten zuſammen geſellet. Hu - geniuscVid, diſeours de la cauſe de la peſanteur. hat noch deutlicher ausgefuͤh - ret, daß die Schweere von dieſer Art derBewe -135wegen der veraͤnderlichen Materie. Bewegung herkomme. Wir wollen die gantze Sache nach unſerer Art etwas or - dentlicher erwegen.
Weil die ſchweeren Coͤrper durchDaß die ſchweer - machen - de Ma - terie ſich in einem Circul bewege. die Bewegung der ſchweermachenden Ma - terie gegen den Mittel-Punct der Erde ge - trieben werden (§. 83.); ſo muß die ſchwer - machende Materie ſich entweder in einer geraden Linie, oder in einer krummen bewe - gen. Durch die Bewegung in einer gera - den Linie laͤſſet ſich kein Coͤrper gegen den Mittel-Punct der Erde treiben (§. 95.): derowegen muß ſich die ſchweermachende Materie in einer krummen Linie um den Mittel-Punct der Erde bewegen. Damit wir nun erkennen, wie es moͤglich iſt, daß durch eine krumm linichte Bewegung einer fluͤßigen Materie ein Coͤrper gegen einen Punct in einer geraden Linie getrieben werden kann; ſo hat Hugeniusdloc. cit. p. 132. 133. einen ſchoͤnen Verſuch angegeben, der dieſes au - genſcheinlich zeiget. Er hat ein cylindriſch Glaß, daß im Diameter 8. bis 10. Zoll hielt und 4. bis 5. Zoll hoch war, mit Waſ - ſer gefuͤllet, einige Stuͤcklein von Spani - ſchem Wachſe hinein geworffen, welche un - terſuncken, und oben mit einem Deckel ver - wahret, damit in der Bewegung kein Waſ - ſer heraus ſpritzte. Der Boden des Gla -J 4ſes136Cap. III. Von dem Unterſcheideſes war eben und gantz glatt, damit nicht das Wachs in ſeiner Bewegung gehindert wuͤrde. Dieſes Glaß hat er auf eine rund - te Scheibe befeſtiget, die er mit einer Ma - chine ſchnelle herumb drehen konnte. Als dieſes geſchahe, ſo bewegete ſich das Wachs bis an den Rand: als er aber eine Weile das Glaß in Kreiß beweget hatte, biß das Waſſer in ihm ſich ſchnelle im Kreiſe herum bewegete, und darauf die Bewegung deſſel - ben hemmete; ſo bewegete ſich das Waſ - ſer noch im Kreiſe herum und das Wachs ward von allen Seiten gegen den Mittel - Punct des Bodens geſtoſſen. Weil ſich hier das Wachs gegen den Mittel-Punct des Bodens beweget; ſo muß etwas ſeyn, was ihm dieſe Bewegung giebet (§. 664 Met.). Es iſt nichts vorhanden, was es in Bewegung ſetzen koͤnnte, als das Waſ - ſer, und dannenhero klar, daß es das Waſ - ſer gegen den Mittel-Punct des Bodens treiben muß. Nun beweget ſich das Waſ - ſer in einem Circul herum und das Wachs hat keine dergleichen Bewegung, ſondern lieget in ihm ſtille. Derowegen iſt klar, daß eine fluͤßige Materie, die ſich in einem Cir - cul um ſeinen Mittel-Punct beweget, andere Materien, welche ſich nicht ſo ſchnelle wie ſie darum bewegen koͤnnen, gegen denſelben treibet. Man ſetze demnach in die Stelle des Waſſers die ſchweermachende Mate - rie und an ſtat des Spaniſchen Wachſesirr -137wegen der veraͤnderlichen Materie. irrdiſche Coͤrper, endlich an ſtat des Bo - dens im Glaſe einen Circul, der die Erde in ihrem Mittel-Puncte durchſchneidet; ſo wird man bald begreiffen, daß die irrdi - ſchen Coͤrper in der ſchweermachenden Ma - terie ſich gegen den Mittel Punct der Erde bewegen muͤſſen. Es iſt wohl wahr, daß das Waſſer eine Schweere hat, die ſchweer - machende Materie aber keine (§. 92): allein da in gegenwaͤrtigem Verſuche das Waſ - ſer ſich in einen Circul um den Mittelpunct des Bodens beweget, ſo iſt es in Anſe - hung dieſer Bewegung eben ſoviel, als wenn es gar keine Schweere haͤtte. Gleicher - geſtalt thut zu der Bewegung des Spani - ſchen Wachſes gegen den Mittel-Punct des Bodens gar nichts deſſelben Schweere, und iſt gleichfalls hier nicht anders anzuſehen, als wenn es gar keine Schweere haͤtte. Es zeiget demnach gegenwaͤrtiger Verſuch, daß, wenn eine fluͤßige Materie ſich um ei - nen Mittel-Punct im Circul herum bewe - get, eine andere Materie, die ſich nicht ſo geſchwinde wie ſie herum bewegen laͤſſet, gegen den Mittel Punct des Circuls getrie - ben werde. Mehr aber verlangen wir nicht als dieſes, wenn wir zu wiſſen verlan - gen, ob vermoͤge der circulrundten Bewe - gung der ſchweermachenden Materie umb den Mittel-Punct der Erde andere Materi - en, die ſich nicht ſo ſchnelle herumb bewegen laſſen, gegen denſelben koͤnnen getriebenJ 5wer -138Cap. III. Von dem Unterſcheidewerden. Und demnach wiſſen wir, was fuͤr eine Bewegung die ſchweermachende Materie haben muß, wenn ſie Coͤrper ſchweer machen ſoll.
Jch weiß weiß wohl, daß einige in dem Verſuche des Hugenii nicht erſehen koͤnnen, daß durch eine Bewegung im Cir - cul einer fluͤßigen Materie eine andere, die ſich nicht ſo wohl mit ihr in Circul herumb bewegen laͤſſet, gegen den Mittel-Punct des Circuls getrieben werde. Man ver - meinet, es erfolge hier etwas aus einem be - ſonderen Zufalle, was in einer jeden Circul - rundten Bewegung einer fluͤßigen Mate - rie nicht ſtat finde. Jedermann iſt bekandt, daß, wenn Waſſer in einem rundten Ge - faͤſſe ſich in einem Wirbel herum beweget, in dem Mittel-Puncte des Wirbels eine Grube wird. Und zwar iſt die Grube umb ſo viel tieffer, je ſchneller ſich das Waſſer be - weget. Wenn demnach die Geſchwin - digkeit abnimmet, ſo nimmet auch nach und nach die Tieffe der Grube ab, dergeſtalt daß die Flaͤche des Waſſers endlich wieder gantz eben wird, wenn das Waſſer zu ſei - ner Ruhe kommet. So lange nun das Waſſer ſich geſchwinde beweget, ſo lange ſtehet es zu den Seiten hoͤher als in der Mitten: ſo bald aber ſeine Geſchwindig - keit nachlaͤſſet, ſetzet ſich es wieder und flieſſet vermoͤge ſeiner Schweere gegen die Mit -ten139wegen der veraͤnderlichen Materie. ten ab, wo es niedriger ſtehet. Man bildet ſich demnach ein, indem das Waſſer von den Seiten gegen den Mittel-Punct herab fließt, bewege es zugleich das Waſſer bis auf den Boden gegen die Mitte des Glaſes her - uͤber, und auf ſolche Weiſe werde das Spa - niſche Wachs zugleich mit heruͤber ge - ſchleppet, oder auch gegen den Mittel-Punct des Bodens geſtoſſen. Allein dieſes kan nur einen Schein bey denen haben, welche den Verſuch nicht ſelbſt angeſtellet und al - le Umſtaͤnde genau erwogen. Das Spa - niſche Wachs wird rings herum gegen den Mittel-Punct des Bodens getrieben, indem das Waſſer ſich noch in Circul herum bewe - get. Da nun aber das Waſſer den Boden beruͤhret, dadurch das Wachs gegen ſeinen Mittel-Punct getrieben wird, auch daruͤ - ber alles voll Waſſer iſt; ſo kan es unmoͤg - lich ſich zugleich in der Peripherie des Cir - culs und auch in ſeinem Diameter bewegen: Dieſes gehet nur im freyen an, nicht aber in einem Raume wo alles von Waſſer voll iſt. Jedoch auch im freyen gehet es nicht voͤllig ſo an, wie es hier angenommen wird. Darnach iſt es etwas hartes, welches man fuͤr die lange Weile nicht zugeben kan, daß das Waſſer, welches oben von den Seiten gegen den Mittel-Punct herab flieſſet, allem Waſſer, was unter ihm iſt, eben eine ſolche Bewegung mittheilen ſoll. Man ſiehetviel -140Cap. III. Von dem Unterſcheidevielmehr genungſame Urſache, warumb man dergleichen nicht vermuthen kan. Das Waſſer, weil als eines fluͤßigen Coͤr - pers ſeine Theile wuͤrcklich von einander ge - trennet, dabey aber ſehr beweglich ſind, iſt nicht anders anzuſehen als ein Hauffen klei - ner Kugeln, die uͤber einander liegen. Man lege Kugeln oder auch Erbſen neben einan - der und thuͤrme ſie oben zur Seite hoͤher, da - mit mitten eine Grube wird. Wenn man zu den Seiten die Kugeln ſich hinab bewe - gen laͤſſet; ſo wird deswegen keine Bewe - gung in den Kugeln, die auf dem Boden liegen, zu ſpuͤren ſeyn. Wir brauchen aber nicht viel Wiederlegens durch Gruͤnde der Vernunfft: die Erfahrung kan gleich den Ausſchlag geben. Wenn die Bewegung des Waſſers in Wirbel nichts dazu thut, daß das Spaniſche Wachs ſich gegen den Mittel-Punct beweget, ſondern bloß die Bewegung gegen den Mittel-Punct, die es durch den Druck des oben von den Seiten gegen die Mitte herabflieſſenden Waſſers erhaͤlt; ſo muß ſolches noch wie vorhin erfolgen, wenn das Waſſer auf dem Boden in Ruhe iſt und nur das obere ſich in einem Wirbel herum beweget: welches man leicht bewerckſtelligen kan, wenn man nur oben mit einem Meſſer oder einem Sto - cke das Waſſer ſchnelle hin und wieder be - weget. Denn woferne das obere Waſſer,in -141wegen der veraͤnderlichen Materie. indem es ſich an den Seiten des Gefaͤſſes nach und nach ſetzet, alles bis auf den Bo - den gegen die Axe des Glaſes bewegen, oder wenigſtens eine Neigung zu dergleichen Be - wegung geben kan; ſo muß ſolches am aller - meiſten in dem Falle geſchehen, da das un - tere Waſſer keine wiedrige Bewegung hat. Die Erfahrung aber zeiget das Wiederſpiel und bekraͤfftiget, daß Hugenius es an ſei - ner ſonſt gewoͤhnlichen Scharfſinnigkeit auch bey dieſem Verſuche nicht fehlen laſſen. Und wir achten auch daher nicht noͤthig zu ſeyn, daß wir alle das uͤbrige anfuͤhren, was ſich mit gutem Grunde dieſem Einwurffe entgegen ſetzen lieſſe. Eben ſo iſt uns ge - nung, daß wir aus der Erfahrung erſehen, es werde durch die Bewegung einer fluͤßi - gen Materie im Wirbel eine andere, die ih - rer Bewegung nicht mit folgen kan, gegen den Mittel-Punct des Wirbels getrieben, und verlangen nicht zu unterſuchen, wie es moͤglich ſey. Nur mercken wir dieſes an, daß die Materie, welche ſich in einem Circul beweget, ihre Bemuͤhung von dem Mittel - Puncte deſſelben ſich zu entfernen nicht nach dem Diameter, ſondern vielmehr einer an - deren Linie anwendet, welche den Circul be - ruͤhret. Wollte man auch gleich ſagen, daß das Waſſer, welches ſich von dem Mittel-Puncte des Bodens zu entfernen bemuͤhet, an die innere. Flaͤche des Glaſesan -142Cap. III. Von dem Unterſcheideanſtoſſe und von dar zuruͤcke pralle gegen den Mittel-Punct deſſelben, folgends das Spaniſche Wachs mit ſich fuͤhre; ſo ſiehet man doch abermaͤhl, daß das Waſſer ſeine Wirbel-Bewegung nicht behalten koͤnnte, da im Gegentheile der Verſuch klaͤrlich zei - get, daß ſie noch vorhanden, indem das Spaniſche Wachs gegen den Mittelpunct getrieben wird. Wer wieder Saͤtze was einwenden will, die man auf Verſuche ge - gruͤndet, ſollte billich nichts annehmen, als was er durch mit Fleiß angeſtellte Verſuche richtig befunden. Wir verlangen auch nicht zu unterſuchen, wo die ſchweermachen - de Materie ihre Bewegung um den Mit - tel-Punct der Erde herbekomme, maſſen wir uns begnuͤgen, wenn wir die naͤchſten Urſachen der natuͤrlichen Wuͤrckungen ent - decket haben.
Da eine fluͤßige Materie⃒ die an - dere, welche ihrer Bewegung nicht folgen kan, gegen den Mittel-Punct deſſelben Cir - culs treibet, darinnen ſie ſich beweget (§. 95.); ſo muß auch die ſchweermachende Materie die ſchweere gegen den Mittel-Punct des Circuls treiben, darinnen ſie ſich beweget. Nun finden wir, daß alle ſchweere Coͤrper gegen den Mittel-Punct der Erde getrieben werden (§. 83.). Derowegen iſt klar, daß alle ſchweermachende Materie ſich in Cir - culn bewegen muß, die durch den Mittel -Punct144[143]wegen der veraͤnderlichen Materie. Punct der Erde gehen und daſelbſt auch ih - ren Mittel-Punct haben. Sie beweget ſich demnach alle in groͤſten Circuln der Erde (§. 4.) Trigon. ſphær.). Weil nun a - ber dieſes nicht geſehehen kan, wenn ſie ſich durch einen gantzen Circul nach einer Sei - te herum bewegete; ſo hat ſchon Hugenius angemercket, daß die Bewegung an allen Orten nicht nach einer Gegend, ſondern viel mehr bald hieher, bald dorthin geſchiehet. Wie die Natur dergleichen Bewegungen durch einander hervorbringen koͤnne, haben wir eben nicht noͤthig zu unterſuchen, indem wir es weit genung gebracht, wenn wir die naͤchſten Urſachen entdecket.
Die ſchweeren Coͤrper vermehren ihreDaß ſich dieſelbe uͤber die maaſſen ſchnelle beweget. Geſchwindigkeit zufallen, ſo lange als ſie fallen, in denen Hoͤhen, wo wir Verſuche anſtellen koͤnnen. Ricciolus hat es in ei - ner Hoͤhe ⃒von 250 (§. 5. T. II. Exper.), Hauksbée in einer von 220 und Desagu - liers in einer von 272 Schuhen ſo und nicht anders befunden (§. 10. T. II. Exper.). Da man in dieſen Hoͤhen nicht den gering - ſten Abgang in der Vermehrung der Ge - ſchwindigkeit verſpuͤret, die man nach Pro - portion in kleineren Hoͤhen herausbringet; ſo wird niemand Bedencken tragen anzu - nehmen, daß in einem Raume von 400 Schuhen die ſchweermachende Materie ſich ſo geſchwinde bewege zu Ende deſſelben, wieim144Cap. III. Von dem Unterſcheideim Anfange. Nun faͤllet ein ſchweerer Coͤrper in einer Secunde 15 Schuhe 1 Zoll (§. 13. T. II. Exper.), oder bey nahe 15 Schuhe, und alſo in 5 Secunden 375 Pari - ſer-Schuhe (§. 4. ſq. T. II. Exp.), und dem - nach hat er ehe er das Ende der Hoͤhe von 400 Schuhen erreichet, eine Geſchwindig - keit, damit er ſich in 5 Secunden 800 Schuhe, oder in einer Secunde, das iſt ohngefehr in einer Zeit, da der Puls ſchlaͤ - get, 160 Schuhe bewegen koͤnnte. Es laͤſſet ſich leicht erweiſen, daß die ſchweer - machende Materie ſich noch viel geſchwin - der bewegen muͤſſe als ein Coͤrper, welcher in einer Secunde einen Weg von 260 Schuhen zuruͤcke leget. Denn ſie muß ſich geſchwinder bewegen als ein ſchweerer Coͤrper zu Ende ſeines Falles: Dieſer aber hat, wie ⃒wir geſehen, in einer geringeren Hoͤhe als von 400 Schuhe eine dergleichen Geſchwindigkeit erreichet. Wer darauff acht hat, wird nicht zweiffeln, daß die ſchweermachende Materie ſich geſchwinder bewegen muͤſſe als der Coͤrper, den ſie trei - bet. Denn wenn er ſich geſchwinder als ſie bewegete, ſo muͤſte er die ſchweerma - chende Materie unter ſich aus der Stelle treiben, daß ſie mit groͤſſerer Geſchwindig - keit uͤber ihn ſtiege als ſie ſonſt durch ihre Bewegung zuthun vermag. Jn dieſem Falle aber wuͤrde er etwas⃒ von ſeiner Ge -ſchwin -145wegen der veraͤnderlichen Materieſchwindigkeit verlieren (§ 132. 133 T. III. E.) und ſie dannenhero abnehmen, keineswe - ges aber weiter zu nehmen: welches der Er - fahrung zu wieder iſt. Unerachtet aber die Geſchwindigkeit, die wir herausgebracht, einigen faſt allzugroß ſcheinen doͤrffte; ſo iſt doch gewiß, daß ſie noch weit groͤſſer iſt als diejenige, die wir als kleiner angegeben. Hugenius(a)loc, cit. p. 142. 143. hat ſie genauer beſtimmet. Unerachtet ich ſeine Rechnung aus einigen Gruͤnden, die in den Lateiniſchen Anfangs - fangs Gruͤnden der Mechanick erwieſen worden, erklaͤren koͤnnte; ſo will es ſich doch an dieſem Orte nicht wohl ſchicken, weil wohl die wenigſten, ſo dieſes Buch leſen wer - den, ſich in der Mathematick ſo weit wer - den umgeſehen haben, als noͤthig ſeyn wuͤr - de, woferne ſie mich voͤllig verſtehen wolten. Jch mercke demnach bloß an, daß gedachte Rechnung ausweiſet, die ſchweermachende Materie bewege ſich 17 mahl ſo geſchwinde als ein Punct unter der Linie, indem die Er - de ſich innerhalb 24 Stunden um ihre Axe herum beweget. Ein ſolcher Punct bewe - get ſich innerhalb 24 Stunden 5400 groſſe deutſche Meilen, deren eine bey nahe 22917 Pariſer Schuhe haͤlt (§. 15. 16. Geogr.), und alſo in einer Stunde 225, in einer Mi -(Phyſick) Knute146Cap. III. Von dem Unterſcheidenute 3¾, in einer Secunde oder einem Puls - Schlage $$\frac {1}{16}$$ von einer deutſchen Meile. De - rowegen iſt die Geſchwindigkeit der ſchweer - machenden Materie ſo groß, daß ſie in einer Secunde, oder ohngefehr in der Zeit eines Puls-Schlages ſich bis $$\frac {17}{16}$$ oder uͤber eine deutſche Meile beweget: welche Bewe - gung in der That ſo geſchwinde iſt, daß wir ſie mit unſeren Sinnen und der Einbil - dungs-Krafft nicht erreichen koͤnnen. Weil nun aber in einer Hoͤhe von 400 Schuhen die ſchweeren Coͤrper durch den Fall nicht ei - ne viel groͤſſere Geſchwindigkeit erreichet, als damit er in einer Secunde 160 Schuhe durchlauffen kan, welches kaum der hundert zwey u. funfzigſte Theil von 24349 Schuhen iſt, welche die ſchweermachende Materie in einer Secunde vollendet; ſo ſiehet man, daß ein ſchweerer Coͤrper gar weit fallen kan, ehe er mit der ſchweermachenden Materie einer - ley Geſchwindigkeit erreichet. Es lieſſen ſich hieraus noch viele beſondere Wahrhei - ten herleiten: allein wir gehen weiter, als wir ſollen und muͤſſen uns wieder zuruͤcke in unſere Schrancken ziehen.
Weil die ſchweermachende Materie ſich 17 mahl ſo geſchwinde be - weget, als ein Punct unter der Linie auf dem Erdboden in der taͤglichen Bewegung um ihre Axe (§. 99); ſo kan die Schweerenicht147wegen der veraͤnderlichen Materie. nicht von der Bewegung der Erde um ihrewegung der Erde ihren Urſprung haben kan. Axe herkommen, wie ſich einige eingebildet. Und ſiehet man hieraus, was ich laͤngſt zu an - derer Zeit erinnert, daß man in der Erkaͤntnis der Natur oͤffters nicht zur Gewisheit kom - men kan, woferne man es nicht bis zu der mathematiſchen Erkaͤntnis bringt, da die Groͤſſe der Krafft in den wuͤrckenden Urſa - chen und die Groͤſſe der von ihnen herruͤh - renden Wuͤrckungen ausgemeſſen wird. Es kommet auch noch eine andere Urſache hinzu. Die Schweere der Coͤrper erfor - dert, daß die ſchweermachende Materie an einem Orte ſich auf den Erdboden ſo ge - ſchwinde bewege, als in dem andern. Wenn aber die ſchwermachende Materie einerley Bewegung mit der Erde haben ſollte, ſo muͤ - ſte ſie gegen die Pole abnehmen unter den Polen ſich endlich gar verlieren (§. 19. Geogr.); welches aber mit der Erfahrung nicht uͤberein kommet.
Die ausdehnende Krafft derUrſache der aus - dehnen - den Krafft. Coͤrper gehoͤret gleichfalls unter die Eigen - ſchafften, welche von einer fremden Materie herruͤhren. Ein Coͤrper aͤuſſert nicht eher dieſelbe Krafft, als bis er zuſammen gedru - cket wird, wie wir an der Lufft ſehen (§. 123 T. I. Exper.), und abſonderlich an dem Orte, wo die Theile zuſammen gedruckt werden. Denn wenn man einen Degen in die Kruͤmme beuget, ſo werden nothwen -K 2dig148Cap. III. Von dem Unterſcheidedig die inneren Theile in der hohlen Seite zuſammen gedrucket und die aͤuſſeren in der erhabenen Seite mehr aus einander gedehnet, denn die innere Peripherie wird kleiner als die aͤuſſere, da vorher die beyden Flaͤchen des Degens einander gleich waren. Nun drucket aber alsdenn der Degen von der Hohlen Seite zuruͤcke und ſpringet auch wieder in ſeine vorige Figur, ſobald man nachlaͤſſet und ihn nicht weiter zuſammen drucket. Und demnach iſt klar, daß er ſei - ne ausdehnende Krafft an dem Orte aͤuſſert, wo ſeine Theile zuſammen gedruckt ſind. Wenn ein Coͤrper zuſammen gedruckt wird, ſo kommen ſeine kleinen Theile naͤher zuſam - men, als ſie vorher waren und werden daher ſeine Zwiſchen-Raͤumlein kleiner als vor - hin. Da nun dieſelbe mit einer ſubtilen Materie erfuͤllet ſind (§. 6. 7. ); ſo muß ſie aus ihm heraus gedruckt werden, indem die Theile naͤher zuſammen gehen. Weil nun aber gleichwohl die Coͤrper eine Bemuͤhung anwenden wieder ihre vorige Figur anzu - nehmen, auch ſolches bald geſchiehet, wenn nur das Hindernis gehoben wird, indem man nemlich aufhoͤret weiter zu drucken; ſo muß die Materie, welche aus den Zwiſchen - Raͤumlein heraus gejaget worden, wieder hineindringen und die Theile von einander ſtoſſen, die man naͤher zuſammen gebracht hatte, als ſie anfangs waren. Es iſt dem -nach149wegen der veraͤnderlichen Materie. nach gewiß, daß die ausdehnende Krafft von einer ſubtilen Materie herruͤhret, welche in ſehr ſchneller Bewegung iſt (denn ſonſt koͤn - te die ausdehnende Krafft der Coͤrper nicht ſo groß ſeyn, wie wir ſie z. E. in der Lufft (§. 88 T. I. Exper.) finden) und in die ſubti - leſten Zwiſchen-Raͤumlein der Coͤrper drin - get, maaſſen dichter Stahl eine ausdehnen - de Krafft hat, deſſen Zwiſchen-Raͤumlein durch die beſten Vergroͤſſerungs-Glaͤſer ſich nicht zuerkennen geben. Unterdeſſen da wir finden, daß gleichwohl nicht alle Coͤr - per eine ausdehnende Krafft erhalten, wenn man ſie zuſammen drucket, auch nicht alle, welche damit verſehen, ſie in gleichem Gra - de haben; ſo muß auch die Art der Zuſam - menſetzung des Coͤrpers dazu etwas bey - tragen, daß er dieſer Krafft faͤhig wird; wel - ches wir aber vor dieſes mahl zu fernerer Unterſuchung ausgeſetzt ſeyn laſſen.
Ende des erſten Theiles.
JNdem ich von dem Welt-Gebaͤu - de zu handeln mir vorgenommen, ſo iſt meine Abſicht dahin gerich - tet, daß ich zeigen will, was fuͤr groſſe Welt Coͤrper vorhanden und wie da - raus die gantze Welt zuſam̃en geſetzet wor - den, auch wie einer von den Welt Coͤrpern in den andern wuͤrcket. Jch bekuͤm̃ere mich hier aber nicht um dasjenige, was die Stern - kundigen in der Aſtronomie zu dem Ende unterſuchen, damit ſie daraus den Stand der Sterne gegen die Erde und andere Himmels-Begebenheiten, die von der Sternen Bewegung herruͤhren, auf kuͤnff - tige und vergangene Zeiten ausrechnen koͤnnen. Denn die Phyſick, welche wir hier abhandeln, iſt von der Aſtrono - mie unterſchieden, ob es wohl insgemein zugeſchehen pfleget, daß man in der Aſtro - nomie auch vieles mit abhandelt, was indie151Welt-Coͤrpern uͤberhaupt. die Phyſick gehoͤret, weil inſonderheit die Sternkundigen dieſe Wahrheiten entdecket haben.
Wenn wir die Welt nur oben hinArten der Welt - Coͤrper. anſehen, ſo zeigen ſich dem erſten Anblicke nach auſſer unſerer Erde, die wir bewohnen, die Sonne, der Mond und die Sterne. Die - jenigen, welche nach ihren Sinnen zu ur - theilen gewohnet ſind, das iſt, fuͤr unter - ſchiedene Arten der Coͤrper halten, die ih - nen von den Sinnen als unterſchieden vor - geſtellet werden, halten auch die Erde, die Sonne und den Mond fuͤr Coͤrper, deren ein jeder ſeines gleichen nicht hat, und die Sterne als unterſchieden von ihnen, aber von einerley Art unter einander. Allein da dieſes kein richtiger Grund iſt, daß die Sachen unterſchieden ſind, die von den Sinnen als unterſchieden vorgeſtellet wer - den, gleichwie auch im Gegentheile nicht einerley ſeyn kan, was ſie als einerley vor - ſtellen, wie aus der Optick zur Gnuͤge be - kand iſt: ſo muͤſſen wir alles genauer unter - ſuchen, damit wir finden, wie weit einige von den Welt-Coͤrpern zu einer Art koͤnnen gerechnet werden und wie vielerley Arten derſelben zumachen ſind.
Als man auf die Sterne acht gege -Unter - ſcheid der Sterne. ben, ſo hat man gleich einen doppelten Un - terſcheid unter ihnen wahrgenommen. Die meiſten unter ihnen behalten einerley WeiteK 4von152Cap. I. Von denvon einander und werden Fixſterne genen - net: wenige aber aͤndern ihren Stand in Anſehung der uͤbrigen und heiſſen Plane - ten.
So lange man den Himmel mit bloſſen Augen angeſehen, hat man auſſer der Sonne und dem Mond, die man mit unter die Planeten gerechnet, weil ſie wie dieſelben ihren Stand gegen die Fixſterne taͤglich aͤndern und ſich von Abend gegen Morgen zubewegen ſcheinen, nur fuͤnff Pla - neten gezehlet, die Saturnus, Jupiter, Mars, Venus und Mercurius genennet worden. Venus und Mercurius gehen mit der Sonne in einem Jahre um den gan - tzen Himmel herumb, und unterweilen vor der Sonne vorher, unterweilen folgen ſie ihr nach. Mars vollendet ſeinen Lauff umb den Himmel in 2 Jahren, Jupiter in 12 und Saturnus in 30 Jahren.
Nachdem zu Anfange des verwi - chenen Jahrhunderts die Fernglaͤſer erfun - den worden (§. 45 Opt.); hat Simon Marius, der Marggraffen von Branden - burg in Francken Mathematicus, ge - gen das Ende des Novembris A. 1709. durch ein Fernglaß umb den Jupiter kleine Sterne geſehen, die bald hinter ihm bald vor ihm mit ihm in einer geraden Linie ſtunden. Weil er nun durch eben dieſes Jnſtrument in der Milchſtraſſe, dem Siebengeſtirne,den153Welt-Coͤrpern uͤberhaupt. den Hyadibus, dem Orione und an an - deren Orten des Himmels viel kleine Ster - ne geſehen hatte, die man mit bloſſen Augen nicht ſehen konnte; ſo hielt er auch die Sterne bey den Jupiter fuͤr dergleichen Fix - ſterne und gab weiter nicht darauf acht. Al - lein weil dazumahl im December Jupiter ruͤckgaͤngig war und gleichwohl dieſe kleine Sterne um ihn beſtaͤndig verblieben; ſo kam er auf die Gedancken, daß es Planeten waͤ - ren, die ſich um den Jupiter bewegeten, und fieng dannenhero den 29 Decembris ſeine obſervationen aufzuſchreiben. Er nahm anfangs nur drey davon wahr, biß er endlich gegen das Ende des Februarii und den Anfang des Martii A. 1710 voͤllig gewiß war, daß ihrer viere waren(a)Vid. Præfatio ad Mundum Jovialem. . Allein ehe er etwas davon heraus gab, welches erſt A. 1614 geſchahe; kam ihm Gallilæus A. 1610 mit ſeinem Nuncio ſidereo zuvor, darinnen er nicht allein dieſe 4 neue Plane - ten umb den Jupiter, welche er den 10 Ja - nuarii das erſte mahl geſehen hatte, ſondern auch andere Sachen beſchrieb, die er durch das Fernglaß entdecket hatte. Und uner - achtet man ihm anfangs auf der Univerſitaͤt zu Padua, wo er Profeſſor Matheſeos war, ſtarck wiederſprach und ihm nicht ein - mahl wuͤrdigte, daß man ſie durch ſein Fern -K 5glaß154Cap. I. Von denglaß ſehen wollte; ſo hat doch die Wahr - heit mit der Zeit durchgebrochen und iſt heu - te zu Tage niemand mehr vorhanden, wel - cher ſich unterſtuͤnde dieſelben in Zweiffel zu ziehen, zumahl da ſie ſo vielfaͤltig von den Sternkundigen obſerviret worden. Un - terdeſſen war Galilæus zu ſeiner Zeit darin - nen gluͤcklich, daß ihm der Groß-Hertzog von Florentz, als er ihm die neuen Planeten ge - zeiget hatte, uͤber 1000 Ducaten ſchenckte und ihn noch in demſelben Jahre, da er ſie entdecket hatte, mit einer Beſoldung von 1000 Ducaten zu ſeinem Philoſopho und Mathematico annahm, da er zu Padua nur 1000 Floren Beſoldung hatte(c)Vid. Epiſtolæ ad Keplerum Epiſt. 57. f. 95.. Es werden aber dieſe 4 Sterne insgemein Sa - tellites Jovis, Jupiters-Trabanten, oder auch Jupiters-Monden genennet.
Nachdem Chriſtian Hugeni - us die Fernglaͤſer zu groͤſſerer Vollkom - menheit gebracht als ſie vor ihm wa - ren; hat er mit einem von 12 Schuhen um den Saturnum einen neuen Planeten obſer - viret, und zwar das erſte mahl den 25. Mar - tii A. 1655. Nach dieſem hat der beruͤhm - te Aſtronomus Dominicus Caſſini, den der Koͤnig von Franckreich der Aſtronomie hal - ber aus Jtalien nach Franckreich beruffen, auf dem obſervatorio zu Paris noch vierande -155Welt-Coͤrpern uͤberhaupt. andere entdecket, daß demnach fuͤnff Plane - ten ſich um den Saturnum, wie viere umb den Jupiter bewegen. Er hat darzu ge - braucht die vortrefflichen Fernglaͤſer des Campani, der in Verfertigung der Fern - glaͤſer groſſen Ruhm erlanget. Den fuͤnf - ten oder den aͤuſſerſten hat er durch ein Fernglaß von 73 Schuhen gegen das En - de des Octobris; den dritten A. 1672 mit einem Fern-glaſe von 35 Schuhen, den erſten oder innerſten im Monathe Martio A. 1684 mit einem Fernglaſe von 100, nach dieſem auch unterweilen mit einem andern von 35 Schuhen, und endlich den andern um eben dieſe Zeit durch eben dieſe Fern - glaͤſer obſervireteActa Ernd. A. 1686. p. 469. & Joh. Bapt. du Hamel in Phil. Vet. & Nova Tom. 5. c. 9. p. m. 113. Conf. Philoſophical Transactions Num 92. p. 5178. Num. 133. p. 831. & Num. 181. p. 79.. Er hat auch von der Hand eben dieſes Kuͤnſtlers Fernglaͤſer von 136, von 90 und von 70 Schuhen gehabt, und uͤber dieſes noch andere von 40 und 70 Schuhen von Borello und von 80, 155 und 220 Schuhen von ArtouquelfPhiloſ. Transact. N. 181. p. 79.. Hu - genius hat der Koͤniglichen Societaͤt in En - gelland ein Fernglaß von 125 Schuhe ge - ſchencket, welches aber eine Zeitlang un -brauch -(d) ſyſtema Saturninum p. 3. 9.156Cap. I. Von denbrauchbahr daſelbſt gelegen. Als Derham daſſelbe borgete und den Saturnum obſer - virte, ſo ward er zweiffelhafft, ob auch die Sterne, welche er unterweilen bey ihm an - traff, Planeten waͤren, die ſich umb ihn be - wegeten, weil der Ort, wo ſie geſehen wor - den, gar nicht uͤberein kam mit der Rech - nung aus den Caßiniſchen Tabellen, in welcher Muthmaſſung er und andere mit ihm beſtaͤrcket worden, weil man in Paris lange Zeit keine Obſervationen von ihnen mehr anfuͤhrete, noch auch ſie durch die Fernglaͤſer denen zeigete, welche ſie zuſehen verlangeten. Allein als A. 1714 Jacob Caſſini, ein Sohn des groſſen Aſtrono - mi, von neuem einige obſervationes her - vorbrachte, woraus er die Tabellen ſeines Vaters verbeſſerte; ſo haben in Engelland Jacob Pound und andere durch das Huge - niſche Fernglaß den Saturnum von neuem obſerviret und ſeine Trabanten gefunden, daß man nun an der Richtigkeit der obſer - vation keinen Zweiffel zu ſetzen hatgIbid. N. 355. p. 768. & ſeqq. & Num. 356. p. 776.. Dieſe fuͤnff Planeten nennet man Satellites Saturni oder die Saturniſchen Traban - ten, weil ſie ſich um den Saturnum herumb bewegen und zugleich mit ihm unter den Fixſternen fortgehen, gleichwie ſich dieJu -157Welt-Coͤrpern uͤberhaupt. Jupiters-Trabanten um den Jupiter be - wegen und mit ihm zugleich fortruͤcken. Man nennet ſie auch die Saturniſchen Monden. Derham muthmaſſethAſtro-theology lib. 7. c. 7. p. m. 195., daß zwiſchen dem fuͤnfften und vierdten noch ei - ner ſey, weil der Raum zwiſchen ihnen nach Proportion weit groͤſſer iſt als zwiſchen den uͤbrigen. Ja er bildet ſich ein, daß uͤ - ber den fuͤnfften noch mehrere heraus liegen: allein wir haben mit Muthmaſſen nichts zu thun.
Die Zahl der Fixſterne, welcheZahl der Fixſter - ne. man mit bloſſen Augen obſerviren kan, iſt ſehr groß. Ptolomæus hat ihrer 1026 in ſeinen Catalogum fixarum gebrachtaAlmag. lib. 7. c. 5. f. m. 164. & ſeqq. ; Hevelius hingegen 1888bProdrom. Aſtron. c. 8. f. 110. 111.. Ja der de - ruͤhmte Koͤn. Aſtronomus Joh. Flamſteed zehlet in ſeinem CatalogocHiſt. Cœl[e]ſt. part. 1. f. 1. & ſeqq. 2604 Ster - ne, unerachtet er diejenigen weggelaſſen, die weiter gegen Suͤden ſtehen, als daß ſie auf dem Koͤniglichen obſervatorio zu Green - wich koͤnnten geſehen werden. Durch die Fernglaͤſer erſcheinen noch eine weit groͤſſere Menge, als man mit bloſſen Au - gen ſiehet. Galilæus z. E. hat durch ein Fern - glaß, welches noch eines von den ſchlechte -ſten158Cap. I. Von denſten war, in dem nebelichten Sterne des Orions 21, in dem nebelichten auf dem Krebſe, den man die Krippe nennet, 36 und im Siebengeſtirn mehr als 40, ja in dem ei - nigen Gurte des Orions 80 und in einem Raum von einem und dem andern Grade des Orions bis 500 Sterne gezehlet. Jn der Milchſtraffe, da man mit bloſſem Auge nichts ſiehet, als daß der Himmel heller iſt, als an den uͤbrigen Orten, kan man die Menge der Sterne nicht zehlen, welche man durch ein Fernglaß erblicketdvid. Nuncius ſidereus Galilæi p. 31. 32.. Und hat ſchon Heveliuseloc. cit. f. 119. angemercket, daß es nicht moͤglich iſt alle Sterne in eine Ver - zeichnis zu bringen, die man durch die Fern - glaͤſer erblicket, zumahl da ſich ihrer immer mehr zeigen, je beſſere Vergroͤſſerungsglaͤ - ſer man zu Betrachtung des Himmels an - wendet. Ja es iſt uͤbel nur die Anzahl de - rer zubeſtimmen, die ſich mit bloſſen Augen ſehen laſſen, indem einer immer mehr ſiehet als der andere, nachdem er ein ſchaͤrfferes Geſichte hat als ein anderer. So hat Meslinus im Siebengeſtirn mit bloſſen Au - gen 14 Sterne geſehen, da andere kaum 6 bis 7 ſehen und ein gewiſſer Geiſtlicher hat im Schilde des Orions bey hellen Naͤchten 40 Sterne unterſcheiden koͤnnen, wo ande -re159Welt-Coͤrpern uͤberhaupt. re kaum 11 bis 12 antreffen .fKeplerus in diſſertat. cum Nuncio ſidereo p. 9.. Man ſiehet hieraus zum wenigſten ſo viel, daß ei - ne unbeſchreibliche Zahl der Fixſterne im Himmel iſt.
Wer den Himmel nur oben -Schein - bare Groͤſſe. hin anſiehet, der wird gleich finden, daß ein Stern nicht ſo groß ausſiehet, als der an - dere: und daß die Anzahl der kleineren groͤſ - ſer iſt als die Zahl der groſſen. Man ſiehet aus des Ptolomei Almageſtoglib 7 c. 5 f. m. 164 & ſeqq. , daß ſie ſchon die Alten in ſechſerley Groͤſſen einge - theilet. Sterne von der erſten Groͤſſe ſind wenige, ohngefehr 13. Denn unerachtet alle Aſtronomi die Eintheilung in ſechſer - ley Groͤſſe behalten; ſo ſind ſie doch darin - nen nicht mit einander einig, welche eigent - lich zu einer jeden Claſſe zurechnen ſeyn. Die Alten haben den Unterſcheid der Groͤſ - ſe bloß nach Gutduͤncken unterſchieden: al - lein man hat es auch nicht weiter bringen koͤnnen, nachdem man die beſten Fernglaͤ - ſer erfunden. Es hat laͤngſt Hugeniushin Coſmotheoro lib. 2. p. m. 114. angemercket, daß auch durch die vortreflich - ſten Fern Glaͤſer, die ungemein vergroͤſſern, die Fixſterne dennoch nicht anders als wie untheilbare Puncte ausſehen, daß man ih - re Groͤſſe durch ein richtiges Maaß zube -ſtim -160Cap. I. Von denſtimmen keinesweges vermag. Heveliusiin Prodromo Aſtron. c. 8 f. 120. iſt gar der Meinung, daß die Groͤſſe der Fixſterne veraͤnderlich ſey, weil er ſie zu ſeiner Zeit anders gefunden, als ihre Groͤſſe von den Alten angegeben wird: denn er kan ſich nicht uͤberreden, daß ſolches aus Nachlaßigkeit der Alten, oder weil ſie ein bloͤderes Geſichte gehabt, herkomme. Er haͤlt fuͤr ungereimet, wenn man ſich ſchmei - cheln wolle, man koͤnne heute zu Tage ſchaͤrffer ſehen als vor dieſem und habe ein beſſeres Augen Maaß als die Alten gehabt, oder laſſe ſich auch eine Sache mehr ange - legen ſeyn, als man vor dieſem gethan. Und zwar haͤlt er es um ſo viel ungereimter, je leichter es zu unterſcheiden, ſonderlich bey den groſſen Sternen, ob ſie an Licht und Groͤſſe einander gleich ſind. Hevelius han - delt hierinnen, wie verſtaͤndige zuthun ge - wohnet ſind, die koͤnnen ſich um ſo viel weni - ger von Leuten von Verſtande uͤberreden, daß ſie einen Fehler in einer Sache, die ſie uͤberleget, ſollten begangen haben, je leichter derſelbe zu ſehen iſt und je ungereimter er heraus kommet.
Allein dieſes iſt wunderbahrer und verdienet mehrere Aufmerckſamkeit, daß unterweilen einige Fixſterne gar ver - ſchwinden und nicht wieder kommen, dieman161Welt-Coͤrpern uͤberhaupt. man uͤber ein paar tauſend Jahr am Him - mel glaͤntzen geſehen. Hevelius hat fuͤnffe derſelben angemercket, die von der ſechſten, fuͤnfften und vierdten Groͤſſe ſind. Z. E. Ulug Beigh hat A. 1437 auf der lincken Huͤffte des Waſſermannes einen Stern von der ſechſten Groͤſſe obſerviret, der eine ſuͤdliche Breite von ohngefehr 5 Graden hatte und deſſen Laͤnge im 20 Grade der Fiſche war. Tycho de Brahe hat ihn zu Ende des ſechzehenden Jahrhundertes noch am Himmel gefunden und ihn ſeinem Cata - logo mit einverleibet: allein Hevelius hat ihn ohngefehr 50 Jahr hernach nicht mehr finden koͤnnen, ſo ſcharfſichtig als er auch ſonſt immermehr waraProdr. Aſtron. loc cit. f. 122.. Eben ſo hat Montanari die beyden Sterne, welche Bey - er im Hintertheile des Schiffes mit β und γ bezeichnet, nebſt andern durch Veran - laſſung des Cometens A. 1664 noch am Himmel gefunden; aber von dem 10 A - prilis A. 1664 an nicht die geringſte Spur davon mehr angetroffen, unerachtet die uͤ - brigen Sterne von der vierdten und fuͤnff - ten Groͤſſe, die um ſie herum waren, unver - ruͤckt gebliebenbPhiloſoph. Transact. Num. 73. p. 2202.. Caſſini, der die Him - mels-Begebenheiten auf das ſorgfaͤltigſte beobachtet, hat gleichfals verſchiedene Ster -(Phyſick) Lne162Cap. I. Von⃒ denne angemercket, welche im Himmel zu ſeiner Zeit verſchwundencIbid. Num. 73. p. 2201. Dergleichen iſt der Stern, welchen Beyer in der Andro - meda mit A bezeichnet; ingleichen ein Stern von der vierdten Groͤſſe, den Tycho fuͤr den zwantzigſten in dem Geſtirne der Fi - ſche rechnet. Es hat aber auch im Gegen - theil Caſſini neue Sterne an ſolchen Oer - tern des Himmels wahrgenommen, da vor dem gantz gewis keine geſtanden. Al - ſo hat er einen von der vierdten und einen von der fuͤnfften Groͤſſe in der Casſiopeia, zwey andere gegen den Anfang des Eridani, wo vor dem Ende des 1664. Jahres keiner davon zuſehen war, und noch vier andere von der fuͤnfften und ſechſten Groͤſſe gegen den Nord-Pol zu obſerviret. Er hat auch angemercket, daß der Stern auf dem Knie der Andromeda, den Beyer mit ξ bezeichnet, verſchwunden und an deſſen Stelle zwey andere, etwas mehr Nordwerts, kommen: der bey dem andern Knie aber mit ξ bezeich - net, uͤber die maſſen kleiner worden; der - gleichen auch einem Sterne von der vierd - ten Groͤſſe wiederfahren, den Tycho an das Ende der Kette ſetzet, damit die Andromeda an den Felſen geſchmiedet.
Es giebt auch Sterne, die ſich eine Weile ſehen laſſen, nach dieſem ver - ſchwinden, und, wenn ſie eine Zeitlang un -ſicht -163Welt-Coͤrpern uͤberhaupt. ſichtbahr geweſen, wieder von neuem er -verſchwin den und nach die - ſem wie - der kommen. ſcheinen. Gottfried Kirch, weyland Koͤ - niglicher Aſtronomus auf dem obſerva - torio zu Berlin, hat gezeiget, daß von die - ſer Art der Stern im Halſe des Schwanes iſt, den Beyer mit χ bezeichnet, als welcher in 404½ Tagen ſeinen Lauff vollendet, nem - lich ſoviel Tage verflieſſen von der Zeit an, da er das erſte mahl verſchwindet, bis zu der Zeit, da er, nachdem er wieder erſchienen, das andere mahl unſichtbahr wird. Wenn der Stern nicht mehr mit bloſſen Augen kan geſehen werden; ſo laͤſſet er ſich doch noch durch das Vergroͤſſerungs Glaß finden, je - doch nur anfangs: denn nach dieſem kan man nichts mehr davon zu ſehen bekommen. Ja unterweilen kan man ihn, wenn er wie - der kommet, gar nicht anders als durch das Vergroͤſſerungs Glaß zuſehen bekom - menaMiſcellan. Berolinenſ. p. 208 & ſeqq. . Von eben dieſer Art iſt der Stern im Halſe des Schwanes, den Heve - lius Miram oder den Wunderbahren nennet und davon er einen kleinen beſonde - ren Tractat geſchrieben,bHiſtoriola ſtellæ miræ f. 146. & ſeqq. Mer - curii in Sole viſi. : denn auch die - ſer Stern laͤſſet ſich eine Weile ſehen und nimmet wehrender Zeit in der Groͤſſe zu, nachdem aber wiederumb ab, biß er endlich gantz verſchwindet und ei -L 2ne164Cap. II. Von der Sonne. ne Weile unſichtbahr bleibet: wenn er ver - ſchwindet, kan man ihn Anfangs noch durch das Vergroͤſſerungs Glaß ſehen; a - ber nicht die gantze Zeit, da er unſichtbahr iſt. Er faͤngt an mit der ſechſten Groͤſſe zu erſcheinen und gehet alle Groͤſſen durch bis auf die andere. Unerachtet aber Hevelius dieſen Stern ſorgfaͤltig obſerviret, ſo hat er dennoch keine gewiſſe Zeit beſtimmen koͤn - nen, in welcher er wieder kommet: denn bisweilen iſt er ſieben Monathe auſſen ge - blieben, bisweilen kaum fuͤnffe. Gleicher - geſtalt iſt er unterweilen ſechs bis 7 Mona - the ſichtbahr geweſen, bißweilen aber nicht uͤber viere. Wir koͤnnten noch mehrere dergleichen Sterne anfuͤhren, wenn es noͤ - thig waͤre, und vielleicht wuͤrden die Stern - kundigen auch noch mehrere, als bekandt ſind, wahrnehmen, wenn ſie fleißig darauf acht haͤtten: allein zu unſerem Vorhaben ha - ben wir nicht mehrere noͤthig. Was von auſſerordentlichen Sternen (worunter auch die Cometen gehoͤren) zu ſagen iſt; das ſoll unten an ſeinem Orte folgen.
EJn jeder weiß aus ſeiner taͤglichen Erfahrung, daß die Sonne diedun -165Cap. II. Von der Sonne. dunckelen Coͤrper erleuchtet und die kalten erwaͤrmet. Wir wiſſen auch, daß die Sonnen-Strahlen, wenn ſie durch Huͤlffe der Brenn-Spiegel und Brenn-Glaͤſer dichter zuſammen gebracht werden, Metalle ſchmeltzen, Eiſen und Stahl durchloͤchern, Steine, Ziegel und dergleichen wie Eiſen gluͤend machen, allerhand Materien in Glaß, andere in Kalck verwandeln, Holtz unter dem Waſſer zu Kohlen brennen und ande - re dergleichen Wuͤrckungen hervorbringen, die man von dem gewaltigſten Feuer zuer - warten hat (§. 137. 138. T. II. Exper.). Nun iſt gewiß, daß die Sonnen-Strahlen immer dichter werden, je naͤher man der Sonne kommet (§. 43 Optic.). Dero - wegen wenn wir durch Brennglaͤſer und Brennſpiegel die Sonnenſtrahlen dichter zuſammen bringen; ſo iſt es eben ſoviel als wenn wir der Sonnen naͤher kommen waͤ - ren, nemlich bis an den Ort, wo ihre Strah - len ſo dichte bey einander ſind, als ſie hin - ter dem Brennglaſe, oder vor dem Brenn - ſpiegel, angetroffen werden. Wenn es noͤthig waͤre, wollte ich ohne Muͤhe de - monſtriren, wie viel wir der Sonnen naͤ - her kommen muͤſten, ehe ſolches geſchaͤhe, und daß noch, ehe wir bis an die Sonne kommen, ein Ort anzutreffen, wo ihre Strahlen ſo beſchaffen ſind, wie man ſie durch die Brennglaͤſer und BrennſpiegelL 3er -166Cap. II. Von der Sonne. erhaͤlt. Es iſt demnach gewiß, daß, wenn wir zu der Sonne nahe genung kommen koͤnnten, ſie durch ihre Strahlen unſere Metalle ſchmeltzen und durchloͤchern, allerhand Materien, die wir auf dem Erdboden haben, theils in Glaß, theils in Kalck verwandeln, Holtz unter dem Waſſer zu Kohlen brennen und andere dergleichen Wuͤrckungen hervorbringen wuͤrde, die wir von dem gewaltigſten Feuer zuerwarten haben, folgends wenn wir gar bis an ſie hinan kaͤmen, alle dieſe Wuͤr - ckungen ſich in einem noch groͤſſeren Grade zeigen wuͤrden. Da nun die Sonne in der Naͤhe alle Wuͤrckungen verrichtet, die das Feuer hat, auch in der Weite die Eigen - ſchafften behaͤlt, die Feuer in der Weite hat, nemlich leuchtet und erwaͤrmet und durch Huͤlffe der Brenn Glaͤſer und Brennſpie - gel zum Brennen gebracht wird (§. 134. T. II. Exper.); ſo koͤnnen wir freylich nicht anders ſchluͤſſen, als daß auch die Sonne ein wuͤrckliches Feuer iſt und rings herumb uͤber und uͤber brennet. Wolte man ſa - gen, die Sonne leuchte, erwaͤrme, brenne ꝛc. anders als anderes Feuer, ſo koͤnnte man mit eben dem Rechte in Zweiffel ziehen, ob das Feuer, welches durch Vermiſchung zweyer kalter Coͤrper entſtehet (§. 135. T. II. Exper.), ſolches Feuer ſey wie anderes Feuer iſt und auf eben die Art, wie anderesbren -167Cap. II. Von der Sonne. brennet. Die Natur liebet keine Vielfaͤl - tigkeit, wo ſie mit einerley auskommen kan.
Nachdem Gallilæus durch dasWer die Sonnen - Flecken zuerſt ob - ſerviret. Fern-Glaß gar viel merckwuͤrdiges entdecket und A. 1610 in ſeinem Nuncio ſidereo bekandt gemacht hatte, wohin in - ſonderheit die Jupiters Trabanten gehoͤren (§. 106), nebſt der unzehlichen Menge der Fixſterne, die man mit bloſſen Augen nicht ſehen kan, (§. 108), ward dadurch Jo - hann Fabricius⃒, des geuͤbten Aſtrono - mi Davids Fabricii Sohn, aufgemun - tert den Himmel ſelbſt durch Fern-Glaͤ - ſer zubetrachten. Er brachte zu dem Ende eines mit von ſeiner Reiſe aus Hol - land und, da er ſich eine Weile bey ſeinem Vater in Oſtfrießland aufhielt, ward er be - gierig die Sonne zubetrachten und war gluͤcklich, daß er eben gleich Flecken in ihr wahr nahm, welche er auch ſogleich ſeinem Vater zeigete. Er wendete ⃒nach dieſem allen Fleiß an, daß er durch mehrere Obſer - vationen beſtetigte, was er bey denen von dem erſten Flecken, ſo er in der Sonne wahrgenommen hatte, angemercket und ſetz - te ſie von dem Anfange des Jahres 1611 bis zu Anfange des Junii fort, da er ſie zu Wittenberg zum Druck befoͤrderte, wo ſie auch in demſelben Jahre heraus kom -L 4men168Cap. II. Von der Sonne. menade Maculis in ſole obſervatis & apparente e - orum cum ſole converſione Narratio in 4. Jn eben dieſem Jahre erblickte der beruͤhmte Jeſuit Chriſtoph Scheiner Fle - cken in der Sonne, als er im Monathe May durch ein Fernglaß aus andern Abſichten in die Sonne ſahe: deſſen Obſervation Marcus Welſer unter dem Titul Apelles poſt Tabulam heraus gab, weil der Provin - cial der Jeſuiten Theodorus Buſæus Be - dencken trug ihm zu erlauben, daß er ſie un - ter ſeinen Nahmen heraus geben moͤchte. Dadurch ward Gallilæus aufgemuntert, daß er A. 1612. die Flecken in der Sonne gleichfalls betrachtete und nach dieſem ei - nen beſonderen Tractat davon heraus gab. Scheiner legte ſich hierauf mit allem Fleiſſe auf die Betrachtung der Sonnen - Flecke und, was er in vielen Jahren durch mehr als 2000 Obſervationen zu Rom heraus gebracht hatte, beſchrieb er in einem groſſen ausfuͤhrlichem WerckebRoſa Urſina in fol. . Da die Flecken der Sonne erſt bekandt worden, iſt kein einiger geweſen, welcher ſich auf die Betrachtung der Himmels-Begebenheiten geleget, der nicht auch darauf acht gehabt haͤtte. Es wuͤrde aber fuͤr unſere Abſicht zu weitlaͤufftig ſeyn, wenn wir ein mehreres hiervon anfuͤhren wollten.
Es iſt merckwuͤrdig, daß wennDaß ſie wuͤrcklich in der Sonne ſind. man an weit entlegenen Orten die Sonnen - Flecken an einem Tage obſerviret, ſie doch uͤberall in einem Orte der Sonne geſehen werden. Jch will zum Beweiſe nur fol - gende Obſervationen anfuͤhren. Gott - fried Kirch, als er ſich noch in Leipzig auf - hielt, hat A. 1684 von dem 26 April an bis zu dem 7. Julii einen Flecken in der Sonne obſerviretain Appendice Ephemeridum A. 1685, den auch in Paris der be - ruͤhmte Caſſini dieſe Zeit uͤber darinnen ge - ſehen. A. 1701 hat von dem 1 November an bis zu dem 12 der Jeſuit Jartoux u Peckin in China verſchiedene Flecken in der Sonne geſehen, davon er die Obſervationen an den Herrn von Leibnitz uͤberſchicktbActa Erudit. A. 1705 p. 483: allein eben dieſelben hat der juͤngere Caſſini zu Montpellier in Franckreich von dem 31 Octobris bis zu dem 11 Novembris obſer - viretcMemoires de l’ Acad. Roy. des Scienc. A. 1701. p. m. 345.. Nun iſt gewiß, daß, was in ſo weit entlegenen Orten in der Sonne geſehen wird, auch in derſelben oder wenigſtens gar nahe bey ihr ſeyn muͤſſe. Es erhellet auch daher, weil ſie ſich mit der Sonne fort be - wegen, mit ihr unter und des andern Ta - ges wieder aufgehen: woraus ſchon Fa -L 5bri -170Cap. II. Von der Sonne. briciusdin Narratione ante laudata p. C3. b geurtheilet, daß ſie nicht weit von der Sonne ſeyn koͤnnten. Gewis wenn ſie weit von ihr weg waͤren, wuͤrden ſie nicht ſo lange in der Sonne blei - ben, als wie die angefuͤhrten Obſervatio - nen anzeigen. Wir werden bald noch mehrere Umſtaͤnde von ihnen anmercken, die eben dieſes bekraͤfftigen.
Es ſind aber die Flecken dunckel, da die uͤbrige Sonne gantz helle iſt. Wenn ſie recht groß ſind, laͤſſet ſich der Unterſcheid ihrer Theile gar deutlich erkennen. Nem - lich mitten ſind ſie gantz ſchwartz, welchen Theil man den Kern zu nennen pfleget. Un - terweilen iſt der Kern zertheilet, bisweilen fahren auch die Theile wieder zuſammen. Um den Kern herum iſt der Flecken etwas weniger dunckel und endlich rings herumb gleichſam mit einem Nebel umgeben. Sehr merckwuͤrdig iſt, daß unterweilen gantz klei - ne Flecken in ein paar Tagen ſehr groß werden. Jch finde keine beſſere Obſerva - tion, dadurch ich dieſes alles erlaͤutern koͤn - te, als die Heveliusain Appendice ad Selenograph. f. 519 A. 1644 von dem 4 May an bis zu dem 16 deſſelben gehalten, und die ich zu dem Ende in einer Figur vor - ſtelle, wo AB den Diameter der Sonne und zugleich die Eckiptick oder die Sonnenbahnbe -171Cap. II. Von der Sonne. bedeutet. Der Buchſtabe d bedeutet den einen Flecken, der ſo geſchwinde groß wor - den; der andere e aber den andern Fle - cken, der nicht in ſeiner Groͤſſe ſo zugenom - men. Die Ziffern deuten die Tage an, darinnen der Flecken an dem Orte obſervi - ret worden, wo er ſtehet. A iſt der Mor - gen-Rand, B der Abend-Rand der Son - ne. Man ſiehet auch aus gegenwaͤrtiger Obſervation, daß ſich die Flecken von Morgen gegen Abend bewegen und mitten in der Sonne geſchwinder als gegen den Rand zu: auch daß ſie von der Celiptick abweichen und nicht mit ihr parallel bleiben und gegen den Rand zu ſchmaal und laͤng - licht werden: da nun aus der Optick be - kand iſt (§. 260 Opt. lat.), daß die Theile ei - ner Kugel immer ſchmaͤler ausſehen, je naͤ - her ſie dem Rande kommen; ſo erkennet man daraus von neuem, daß die Flecken in der Sonne ſind und ſiehet auch zugleich, daß die Sonne wie eine Kugel rundt iſt: wo - von wir hernach ein mehreres beybringen wollen. Unterweilen zerfahren Flecken, wie in einen Nebel, der ungemein groͤſſeren Raum einnimmet, als ſie. Dergleichen hat Heveliusbibid. fol. 510. von einen Flecken ange - mercket, den er von dem 14 Septemb. bis den 22 gantz klein obſerviret hatte, den 23und172Cap. II. Von der Sonne. und 25 aber an deſſen ſtat einen ausgebrei - teten Nebel ſahe, wie die Figur e nebſt den dabey gezeichneten Tagen ausweiſet. Man findet auch aus andern Obſervationen, daß die Figur der Sonnen-Flecken gemei - niglich ſehr irregulaͤr iſt, auch einige laͤnger als andere dauren, oͤffters mitten in der Sonne entſtehen und wiederumb daſelbſt verſchwinden. Weil nun dieſe Flecken dunckel ſind, da die Sonne ſonſt uͤber und uͤber helle iſt; ſo muͤſſen ſie auch aus einer Materie beſtehen, die an ſich dunckel iſt und das Licht der Sonne nicht durchfallen laͤſſet. Da ſie in der Sonne ſind oder doch ſehr nahe bey ihr (§. 114), ſo muß dieſe Materie aus der Sonne kommen. Wenn wir auf alles acht geben, was man von ihnen an - mercket, ſo treffen wir alles bey ihnen an, was wir bey unſeren Wolcken wahrneh - men. Denn unſere Wolcken haben auch gemeiniglich eine irregulaͤre Figur; ſind in der Mitten dichter und um den Rand her - um duͤnner; ſie fahren aus einander und werden groß, fahren auch zuweilen in ein - ander und werden klein, eine zertheilet ſich in viele, viele gehen zuſammen in eine; ſie entſtehen oͤffters bey hellen Himmel und verſchwinden auch wieder mitten im Him - mel, daß man nicht weiß, wo ſie hinkom - men. Dieſes alles findet bey den Wol - cken deswegen ſtat, weil ſie aus Duͤnſtenent -173Cap. II. Von der Sonneentſtehen, die in der Lufft ſind, wie wir unten umſtaͤndlicher zeigen werden und ein jeder durch weniges Nachdencken vor ſich erreichen kan. Derowegen koͤnnen wir hieraus erkennen, daß die Sonnen-Flecken aus einer Materie entſtehen muͤßen, welche aus der Sonne ausdunſtet. Weil nun aber die Flecken wieder vergehen und die Sonne lange Zeit ohne alle Flecken zu ſehen iſt; ſo muß auch dieſe Materie wieder in die Sonne zuruͤcke fallen. Was es eigentlich fuͤr eine Materie ſey und ob ſie mit einer uͤ - bereinkommet, die wir auf dem Erdboden haben; laͤſſet ſich wegen der Weite von der Erde nicht beſtimmen. Weil wir aber nicht weiter gehen, als wir vermoͤge der Obſervationen gelangen koͤnnen; ſo be - kuͤmmern wir uns auch nicht darum. Will man eine Wolcke einen Coͤrper nennen, der um den Welt-Coͤrper aus ſeinen Ausduͤn - ſtungen entſtehet; ſo wird niemand zuwie - der ſeyn, der das vorhergehende erkandt, wenn wir die Sonnen Flecken Sonnen - Wolcken nennen wollen: nur muͤſſen wir ſie nicht in der eigenthuͤmlichen Materie mit unſern Wolcken fuͤr einerley halten.
Weil die Materie, daraus dieDaß die Sonne kein ele - mentari - ſches Feuer iſt. Sonnen-Flecken gezeuget werden, eine dunckele Materie iſt und aus der Sonne aufſteiget (§. 115); ſo kan die Materie der Sonne keine einfache Materie (§. 32),fol -174Cap. II. Von der Sonne. folgends kein elementariſches Feuer ſeyn (§. 33). Ja weil bald Ausduͤnſtungen aufſteigen, bald wieder zuruͤcke fallen (§. 115); ſo muͤſſen allerhand Veraͤnderun - gen in dem Sonnen-Coͤrper vorgehen. Was es aber fuͤr Veraͤnderungen ſind, laͤſ - ſet ſich nicht umſtaͤndlicher ausfuͤhren.
Die Sonnen-Flecken bewegen ſich von Morgen gegen Abend durch die Sonne durch. Nachdem ſie in dem A - bend-Rande verſchwinden, bleiben ⃒ſie eine Zeitlang unſichtbahr und kommen ſo dann im Morgen-Rande wieder hervor. Sie bleiben faſt eben ſo viel Zeit hinter der Son - ne, als ſie zubringen, ehe ſie von der Seite, die wir ſehen, die Sonne durchwandern. Z. E. Kirch hat gefunden, daß der Flecken, welcher ſo lange daurete (§. 114), 12 Tage in der Sonne zu ſehen war, 15 Tage aber hinter ihr verborgen lag. Da nun der - gleichen ordentliche Bewegung in den Fle - cken vor ſich nicht wohl ſtat finden kan (§. 115), maſſen doch beſtaŬndig der voͤllige Lauf um die Sonne in 27 bis 28 Tagen zu Ende gebracht wird, ſo hat ſchon der erſte Obſer - vator Fabriciusain Narratione de maculis p. D3. a geſchloſſen, daß ſich die Sonne von Abend gegen Morgen umb ihre Axe beweget und zwar innerhalb 27bis175Cap. II. Von der Sonne. bis 28 Tagen: woran auch kein Aſtrono - mus mehr einigen Zweiffel ſetzet.
Weil die Sonne ſich um ihreDaß ſie die Figur einer Ku - gel hat. Axe beweget (§. 117) und doch beſtaͤndig wie eine Circulrundte Scheibe ausſiehet; ſo muß ſie eine Kugel ſeyn: denn ein Kugel hat die Eigenſchafft, daß ſie in einer jeden Stellung gegen das Auge von fernen wie eine Kugel ausſiehet. Daß ſie nicht voͤllig eine Kugel iſt, ſondern etwas laͤnglicht, wird aus dem erhellen, was wir unten von der Figur der Erde beybringen werden.
Weil die Sonnen Flecken laͤn -Sonnen - Flecken ſind nicht in der Sonnen - Flaͤche. ger hinter der Sonne bleiben, als ſie Zeit zubringen, indem ſie ſich durch dieſelbe be - wegen (§. 117); ſo koͤnnen ſie nicht in der Flaͤche der Sonnen ſeyn, ſondern ſie muͤſ - ſen etwas von ihr abſtehen. Waͤren ſie in der oberen Flaͤche der Sonnen, ſo waͤre nicht der geringſte Grund vorhanden, war - um ſie nicht eben ſo lange hinter ihr, als vor ihr bleiben ſollten. Allein wenn ſie von der Sonne abſtehen, verſchwinden ſie am Rande, ehe ſie ſich hinter die Sonne ver - bergen und, wenn ſie von der andern Sei - te ſchon wieder hervor kommen, kan man ſie nicht eher ſehen, bis ſie wieder vor die Sonne hervor ruͤcken. Und da bisweilen einige Flecken weiter von der Sonnen ab - ſtehen koͤnnen, als andere; ſo bleiben ſie auch laͤnger hinter der Sonne als andere, fol -gends176Cap. II. Von der Sonne. gends iſt die Zeit, in welcher ſie um die Sonne herum kommen, nicht voͤllig einer - ley. Es kan auch ſeyn, daß die Sonnen - Flecken unterweilen vor ſich eine Bewegung in Anſehung der Sonne haben. Wenn demnach ein Flecken ſich gegen Abend zu beweget, ſo kommet er geſchwinder durch die Sonne: beweget er ſich im Gegenthei - le gegen Morgen, ſo kommet er laͤngſamer durch. Und alſo kan es auch daher kommen, daß der Lauff nicht voͤllig einmahl ſo ge - ſchwinde iſt als das andere: welches ge - nauer zu unterſuchen hier zu weitlaͤufftig fallen wuͤrde, weil es ohne Vergleichung vieler Obſervationen mit einander keines - weges geſchehen kan.
Da aus der Sonne Ausduͤn - ſtungen, auſteigen und ſich in Wolcken zu - ſammen ziehen, auch wieder zertheilen und in die Sonne herunter fallen; ſo muß umb die Sonne eine fluͤßige Materie ſeyn, welche wir die Sonnen-Lufft nennen wollen. Und zwar erhellet aus dem, was erſt geſaget worden, daß die Sonnen-Lufft Veraͤnde - rungen unterworffen iſt: denn ſonſt wuͤr - den entweder gar keine Flecken entſtehen, oder die Flecken, ſo einmahl da waͤren, wuͤr - den beſtaͤndig unveraͤndert darinnen ver - bleiben.
Nachdem wir die Sonne ha - ben kennen lernen, ſoviel es ſich thun laͤſſet;ſo177Cap. II. Von der Sonne. ſo muͤſſen wir nun ferner unterſuchen, wieLicht her - vor brin - get. es moͤglich iſt, daß ſie die Erde erleuchtet und erwaͤrmet. Da ſich das Licht durch die Brennglaͤſer und Brennſpiegel dichter machen laͤſſet, indem die Strahlen naͤher zuſammen gebracht werden (§. 136. T. II. Exper.); ſo erkennet man leicht, daß es unter die coͤrperlichen Dinge gehoͤret (§. 37), folgends da es ſich aus einem Orte in den andern beweget, auch, wo es anſtoͤſſet, zu - ruͤcke prallet (§. 145. 146. T. II. Exper.), durch die Bewegung einer ſubtilen Materie fortgebracht wird. Wenn der Mond die Sonne verfinſtert (§. 245 Aſtron. ), wo - von wir hernach reden werden; ſo ſiehet man das Licht augenblicklich wieder, wo - ferne die ſcheinbahre Groͤſſe des Monds nicht merlich groͤſſer iſt als die Groͤſſe der Sonne, ja in einer jeden Verfinſterung, da die Sonne von dem Mond gantz bedeckt wird, ſiehet man das Licht ſo bald wieder, als der Mond nach der Rechnung abruͤcket. Brauchte das Licht eine merckliche Zeit, ehe es herunter kaͤme, ſo wuͤrden wir daſſelbe nicht gleich auf der Erde haben, indem der Mond abruͤcket. Der Mond iſt bis 56 halbe Diameter der Erde (§. 536. Aſtron. ), oder 48 160 groſſe deutſche Meilen (§. 16. Geogr) von der Erde. Und demnach muß ſich das Licht uͤber die maaſſen ſchnelle bewegen, daß man es in einem groͤſſeren(Phyſick) MRau -178Cap. II. Von der Sonne. Raume als 48000 Meilen nicht mercken kan, ob es einige Zeit zu ſeiner Bewegung erfordert oder nicht. Nun will zwar Koͤmer aus den Finſterniſſen der Jupiters-Tra - banten gefunden haben(a)Hugenius in Tractat, de lumine c. 1. p. 7. & ſeqq. , daß das Licht zu ſeiner Bewegung einige Zeit erfordere: al - lein die Bewegung iſt ſo ſchnelle, daß es ſich durch einen Raum der doppelt ſo groß iſt als die Weite der Sonne von der Erde, nicht uͤ - ber 22 Minuten lang beweget. Dieſe Weite iſt wenigſtens 22000 Diameter der Erde (§. 549. Aſtron. ), oder 37840000 deutſche Meilen. Derowegen beweget ſich das Licht in einer Secunde, oder ohngefehr innerhalb der Zeit eines Puls-Schlages 28666, oder uͤber 28 tauſend Meilen, wel - ches gar ungemein geſchwinder iſt als die Bewegung des Schalles §. 11. T. III. Ex - per.). Wenn nun auch gleich die Bewe - gung des Lichtes nicht ſchneller waͤre; ſo kan es doch keine Materie ſeyn, die aus der Sonne ausfließt. Man kan dieſes auch daher erſehen, daß das Licht bald verſchwin - det, wenn man einen Fenſter Laden zuma - chet, auch den Augenblick abnimmet, wenn der Mond in den gaͤntzlichen Verfinſterun - gen die Sonne bedeckt. Waͤre es ein Ausfluß aus der Sonne; ſo bliebe es wenigſtens noch eine kleine Weile da, wenngleich179Cap. II. Von der Sonne. gleich ein mehrerer Zufluß gehindert wuͤrde, und in Finſterniſſen koͤnnte noch dasjenige, was unterwegens waͤre, herab flieſſen, wenn der Mond das folgende aufhielte. Wirwiſ - ſen auch daß, was durch einen Ausfluß aus einem Coͤrper ſich ausbreitet, in entlegenen Orten immer mehr zunimmet, je laͤnger der Ausfluß dauret: allein mit dem Lichte hat es eine gantz andere Bewandnis. Das er - haͤlt gleich in dem erſten Augenblicke in einer jeden Weite von dem leuchtenden Coͤrper ſeinen gehoͤrigen Grad und kan nicht zu - nehmen, wenn der Coͤrper gleich eine Zeit - lang in einem fort leuchtet. Da nun die Umſtaͤnde des Lichtes es geben, daß daſſelbe nicht durch einen Ausfluß aus der Sonne zu uns gebracht wird; ſo muß es durch ei - ne Bewegung in einer Materie, die in ei - nem von der Sonne bis zu uns fortgehet, fortgebracht werden. Und demnach iſt der Raum von unſerer Erde bis zur Sonne, ja da das Licht der Fixſterne eben ſowohl zu uns herunter kommet, bis an die Fixſterne und daruͤber mit dergleichen Materie er - fuͤllet, wodurch das Licht fortgebracht wird. Und nun laͤſſet ſichs begreiffen, wie die Sonne ihr Licht durch den Welt-Raum ausbreiten kan. Nemlich da ſie ein wuͤrck - liches Feuer iſt (§. 112), ſo iſt auch rings her - um ihre Flamme in ſchneller Bewogung. Weil nun die Materie des Lichtes, welche man die Himmels-Lufft zunennen pfle -M 2get,180Cap. II. Von der Sonne. get, die Flamme uͤberall beruͤhret und ihrer Bewegung in Wege ſtehet; ſo kan es nicht anders geſchehen, als daß ſie dadurch in Be - wegung geſetzet wird. Da aber die Be - wegung ſo ungemein ſchnelle iſt, ſo muß auch die Bewegung im Sonnen-Feuer von un - gemein groſſer Geſchwindigkeit ſeyn⃒ (§. 133 T. III. Exper.).
Es iſt wahr, daß die Geſchwin - digkeit des Lichtes unſerer Einbildungs - Krafft ſo nahe tritt als die Subtilitaͤt der Materie, wo nicht naͤher, auch wenn man es dabey laͤſſet, was Roͤmer aus ſeiner Ob - ſervation angiebet. Wollte man gar annehmen, daß der Weg den Roͤmer fuͤr 22 Minuten angiebet, nur 7 bis 8 Minuten zu rechnen ſey, wie Herr Newton will(a)Optiks lib. 2. part. 3. prop. 11. p. m. 77.; ſo kaͤme die Geſchwindigkeit noch dreymahl ſo groß heraus als wir ſie vorher (§. 121) an - genommen. Ja wenn wir die Weite der Fixſterne von der Erde erwegen wollten, die der juͤngere Caſſini, nachdem er allen moͤgli - chen Fleiß und alle Geſchicklichkeit ange - wendet, herausgebracht(b)Memoires de l’ Acad. Roy des ſcienc, 1717. p. 330., die ſich bis auf 437800000 Diameter der Erde, oder 753016000000 deutſche Meilen belaufft und alſo uͤber 43700 mahl groͤſſer iſt als der Weg, den Roͤmer fuͤr 22, Newton fuͤr 7 bis 8 Minuten, rechnet; ſo wuͤrden wirleicht181Cap. II. Von der Sonne. leicht ſehen, daß das Licht viel geſchwinder fortkommen muß, wenn es von den Fixſter - nen auf unſere Erde zu rechter Zeit kommen ſoll. Wenn Carteſius dieſes erwogen haͤt - te, ſo wuͤrde er noch mehr Urſache gehabt haben zuſetzen, daß das Licht ohne Verlauff einiger Zeit aus einem Orte in den andern komme. Wenn man nun begreiffen will, wie es moͤglich iſt, daß das Licht faſt in kei - ner Zeit durch einen unglaublichen Raum fortgebracht werde; ſo hat man zuerwegen, was es fuͤr eine Beſchaffenheit mit der Be - wegung habe. Wir finden, wie auch Huge - nius(c)Traité de la Lumiere c. 1. p. 11. 12. ſchon angemercket, daß, wenn man eine Reihe Kugeln AB von gleicher Groͤſſe dergeſtalt in einer geraden Linie leget, daßTab. I. eine die andere beruͤhret, und die Kugeln harte ſind, auch mit einer ausdehnenden Krafft verſehen, man nach dieſem ferner eine Kugel C, wieder die erſte A ſchnellet, die letz - te B dergeſtalt abſpringet, und die mittleren insgeſamt ſtille liegen bleiben, als wenn die Kugel C an die Kugel B unmittelbahr an - geſtoſſen waͤre (§. 133 T. III. Exper.). Weil demnach das Licht ſich ſo ſchnelle durch den groͤſten Raum beweget; ſo erkennet man daraus, daß die Materie des Lichtes derge - ſtalt den Welt-Raum erfuͤllet, daß immer ein Theil den andern unmittelbahr beruͤhret. Ja eben deswegen muͤſſen wir ſetzen, daß dieM 3Theile182Cap. II. Von der Sonne. Theile der Materie des Lichtes von gleicher Groͤſſe ſeyn und eine ausdehnende Krafft haben. Denn wir muͤſſen ſie in dem Stan - de annehmen, die erfordert wird, wenn das Licht durch ſie am beſten fortgebracht wer - den ſoll.
Wir haben ſchon geſehen, daß die Materie des Lichtes, oder die Himmels - Lufft aus gleich groſſen Theilen beſtehen muß, die einander beruͤhren und eine aus - dehnende Krafft haben (§. 122): allein es iſt nun die Frage, was dieſe Theile fuͤr eine Figur haben. Es iſt wohl wahr, daß man aus dem vorhin angefuͤhrten Verſuche (§. cit) muthmaſſen koͤnnte, daß ihre Figur kugelrundt waͤre: allein wir haben einen andern Grund, daraus wir ſolches klaͤrer zeigen koͤnnen. Wenn das Licht auf eine ebe - ne und glatte Flaͤche faͤllet, dergleichen ein Spiegel iſt, ſo wird es dergeſtalt zuruͤcke geworffen, daß der einfallende Strahl und der zuruͤcke prallende mit dem Spiegel ei - nerley Winckel machen (§. 146. T. II. Exp.). Dieſes aber iſt die Eigenſchafft einer Kugel die eine ausdehnende Krafft hat (§. 400 Mech. Lat.), wie man auch mit einem har - ten Balle im Ballhauſe oder mit einer helf - fenbeinernen Kugel, die man an dem Ran - de der Taffel anſchiebet, bald verſuchen kan. Und demnach zeiget auch dieſe Eigenſchafft des Lichtes, daß die Materie, dadurch es fortgebracht wird, eine kugelrundte Fi -gur183Cap. II. Von der Sonne. gur hat, wie auch ſchon Carteſrus(a)Princip. part. 3. §. 45. p. m. 66. an - genommen. Es iſt aber dieſe Materie eine beſondere von der Lufft: denn wenn wir un - ſere Lufft aus den Glaͤſern auf das reineſte auspumpen, bleibet doch allezeit das Licht darinnen. Und in der Torricellianiſchen Roͤhre bleibet es oben uͤber dem Queckſilber einmahl ſo leichte wie das andere, es mag Lufft in demſelben Raume ſeyn, oder gar keine.
Wir finden in einem verfinſter -Wie ver - ſchiede - nes Licht zu glei - cher Zeit durch ei - nen Raum zugleich fortge - bracht wird. ten Gemache, wo wir durch ein enges Loͤch - lein Licht hinein fallen laſſen, (§. 145 T. II. Epxer. ), daß von verſchiedenen Sachen Strahlen hineinfallen koͤnnen, ohne daß ſie ſich daſelbſt mit einander vermengen. Man kan es aus der gemeinen Erfahrung lernen. Durch ein enges Loͤchlein kan man einen groſſen Raum auf einmahl uͤberſehen. Man nehme ein Stuͤcklein Papier und ſteche mit einer Nadel ein ſubtiles Loͤchlein darein, hal - te es fuͤr das Auge und ſehe in die Weite; ſo wird man einen groſſen Raum mit dem Auge faſſen. Alles, was man ſiehet, muß Licht in das Auge werffen, welches man auch daraus abnehmen kan, weil wir weder im finſtern etwas ſehen, noch wenn das Au - ge von einer Sache weggekehret wird, daß nicht mehr Licht hinein fallen kan. Dero - wegen muß durch das ſubtile Loͤchlein in dem Papiere gar viel verſchiedenes LichtM 4durch -184Cap. II. Von der Soune. durchgehen. Da wir aber gleichwohl die Sachen dadurch gantz eigentlich ſehen, als wenn das Licht einen gantz freyen Zufluß zu dem Auge haͤtte; ſo muß es ſich in dem Loͤchlein nicht mit einander vermiſchen. Wir haben vorhin geſehen (§. 121), daß das Licht durch die Bewegung der Himmels - Lufft fortgebracht wird, und dieſe aus ſub - tilen Kuͤglein beſtehet, die mit einer ausdeh - nenden Krafft verſehen (§. 123). Es muß demnach ein einiges Kuͤglein zu gleicher Zeit verſchiedene Bewegungen gegen verſchiede - ne Gegenden fortbringen koͤnnen. Man ſollte vielleicht meinen, daß dieſes nicht an - gienge: allein man kan die Moͤglichkeit durch einen Verſuch zeigen. Es hat ſchonTab. I. Fig. 3. Hugenius(a)Traite de la lumiere c. 1. p. 16 erinnert, daß wenn man ei - ne Reihe Kugeln, die harte ſind und abſon - derlich mit einer ausdehnenden Krafft ver - ſehen, von gleicher Groͤſſe in einer Reihe hinter einander leget, daß ſie einander be - ruͤhren und alle ihre Mittel-Puncte in einer Linie liegen, nach dieſem zu gleicher Zeit zwey Kugeln C und D von eben der Art und Groͤſſe wie die vorigen gegen ſie ſchnel - let, damit eine an die Kugel A, die andere hingegen an die Kugel B zugleich anſtoͤſſet, beyde Kugeln C und D zu gleicher Zeit wie - der zuruͤcke ſpringen u. mit ebë der Geſchwin -dig -185Cap. II. Von der Sonne. digkeit zuruͤcke lauffen, mit welcher ſie ange - ſchnellet worden, nicht anders als wenn ſie an einander unmittelbahr geſtoſſen und die uͤbrigen von A bis B gar weggeweſen waͤ - ren. Es iſt demnach klar, daß die Bewegung der Kugel D durch die Kugeln 11. 10. 9. 8 ꝛc. bis zu der Kugel C und die Bewegung der Kugel C durch die Kugeln 1. 2. 3. 4 ꝛc. fortgebracht wird. Weil die Kugeln C und D zu gleicher Zeit mit gleicher Ge - ſchwindigkeit anſtoſſen, ſo muß die Bewe - gung der Kugel C durch die Kugeln 1. 2. 3. 4. 5. in eben der Zeit fortgebracht werden, in welcher ſie durch die Kugeln 11. 10. 9. 8. 7. fortgebracht wird. Und demnach kommet die Bewegung der Kugel D zu einer Zeit mit der Bewegung der andern C in die Ku - gel 6. Weil aber deſſen ungeachtet die Be - wegung der Kugel B ferner durch die Kugeln 5. 4. 3. 2. 1 bis in die Kugel C und hingegen die Bewegung der Kugel C durch die Ku - geln 7. 8. 9. 10. 11 bis in die Kugel D fort - gebracht wird, wie wir vorhin geſehen: ſo muͤſſen zu gleicher Zeit durch die Kugel 6 ver - ſchiedene Bewegungen fortgebracht wer - den. Jn dieſem Verſuche haben wir gar entgegen geſetzte Bewegungen, maſſen die Kugel D und C ſich einander entgegen und alſo nach entgegen geſetzten Gegenden bewe - gen. Derowegen wenn eine Kugel zu glei - cher Zeit entgegen geſetzte Bewegungen aufM 5an -186Cap. II. Von der Sonne. andere fortbringen kan; ſo gehet es noch e - her an, daß ſie Bewegungen fortbringet, die nur nach verſchiedenen, nicht nach entgegen geſetzten Gegenden gehen. Wollte aber jemand dieſe Folge fuͤr bedencklich halten, der darf nur den Verſuch darnach einrich - ten: denn man kan die Kugeln auch gar leichte ſo legen, daß eine zwey beruͤhret, die in Reihen nach verſchiedenen Gegenden liegen uud hingegen zwey dergeſtalt an - ſchnellen, daß ſie ſich nach den geraden Lini - en bewegen, in welcher die beyden Reihen Kugeln liegen. Nur muß man Kugeln von gleicher Groͤſſe und in jeder Reihe an der Zahl ungleich nehmen, damit der Beweiß leichte wird.
Da die Theile der Himmels - Lufft, durch welche das Licht fortgebracht wird, mit einer ausdehnenden Krafft verſe - hen⃒ ſind (§. 123); die Coͤrper aber, welche der - gleichen Krafft haben, zwiſchen ihren Thei - len mit einer ſubtilen Materie erfuͤllet ſind, und aus ihren Theilen dergeſtalt zuſammen geſetzet ſeyn, daß ſie ſich naͤher zuſammen drucken laſſen (§. 101): ſo muͤſſen auch die Theile der Himmels-Lufft, unerachtet ſie vor ſich uͤber die Maaſſen kleine ſind, den - noch aus kleineren Theilen zuſammen geſe - tzet ſeyn, die nachgeben und ſich naͤher zu - ſammen drucken laſſen, und die Zwiſchen - RaŬumlein zwiſchen dieſen Theilen muͤſſenM 4mit187Cap. II. Von der Sonne. mit einer noch viel ſubtileren Materie erfuͤl - let ſeyn, als die Himmels-Lufft iſt. Und hieraus erhellet, daß die Materie, von der die Coͤrper ihre ausdehnende Krafft haben unterſchieden iſt von der Himmels-Lufft.
Wenn man aber begreiffen will,Wie ſich das Licht in die Brcite ausbrei - tet. Tab. I. Fig. 4. wie es moͤglich iſt, daß das Licht ſich immer durch einen weiteren Raum ausbreitet, je weiter man von dem leuchtenden Coͤrper kommet; ſo hat man zuerwegen, daß wenn eine Kugel A mehrere beruͤhret, als z. E. die Kugel 1. 2. 3 und es wird an ſie eine ande - re B geſchnellet, als denn zugleich die Ku - geln, welche ſie beruͤhret, als 1. 2. 3. in Be - wegung geſetzet werden. Man kan es gleich verſuchen, wenn man mit dergleichen Kugeln verſehen, die zu den vorigen Verſu - chen vorgeſchrieben worden (§. 124). Jch ha - be auch ſchon vorhin gezeiget, daß man auf die Himmels-Lufft deuten kan, was ſich bey dieſen Kugeln zeiget.
Hugenius(a)Traite de la lumiere c. 1. p. 15. & ſeqq. hat die Art derWarumb wir die Art der Bewe - gung nicht ge - nauer unterſu - chen. Bewegung, darinnen das Licht beſtehet, um - ſtaͤndlicher ausgefuͤhret, auch daraus(b)c. 2. & 3. p. 21. & 26. die Reflexion und Refraction derſelben erwie - ſen, wie ſie die Verſuche zeigen (§. 146. 147 T. II. Exper.) Allein weil man dieſes nicht wohl begreiffen kan, woferne man in der Ge -ome -188Cap. II. Von der Sonne. ometrie unerfahren; ſo habe ich auch nichts weiter davon anfuͤhren wollen.
Wir wiſſen, daß die Strahlen des Lichtes nicht alle von einerley Art ſind (§. 160 T. II. Exper.). Derowegen da das Licht durch eine beſondere Bewegung der Himmels-Lufft fort gebracht wird (§. 121), keine Bewegung aber von der andern als in der Geſchwindigkeit oder in der Men - ge der Materie, die beweget wird, unter - ſchieden ſeyn kan; ſo muͤſſen auch die ver - ſchiedenen Arten der Strahlen entweder bloß durch die verſchiedenen Grade der Ge - ſchwindigkeit, oder die Menge der mit ein - ander bewegten Himmels-Lufft beſtehen. Damit wir nun ſehen, worinnen man ſie endlich zu ſuchen habe; ſo muͤſſen wir es genauer uͤberlegen. Es iſt eine gemeine Erfahrung die man alle Tage haben kan, wenn die Sonne bey hellem Himmel unter - gehet, oder Vormittage helles Wetter iſt. Wenn man nemlich die Sonne, indem ſie niedrig ſtehet, oder bald untergehen will, ſteiff anſiehet und das Auge bald feſte zu - machet; ſo ſiehet man das Bild der Son - ne noch etliche mahl mit verſchloſſenen Au - gen, aber mit einigem Unterſcheide. Denn anfangs iſt es helle, wie die Sonne durch ein geſaͤrbtes Glaß erſcheinet: darnach wird ſie gelbe, dann roth, nach dieſem blau, und endlich ſchwartz. Hier verwandelt ſichdas189Cap. II. Von der Sonne. das Licht nach und nach in verſchiedene Farben und dieſes giebet uns Anlaß den Unterſcheid der Strahlen zubeſtimmen. Das Sehen mag geſchehen, wie es will, wel - ches wir an ſeinem Orte unterſuchen wer - den, ſo iſt gewiß, daß das Licht die Empfin - dung durch eine Bewegung hervor bringet. Das ſtarcke Licht der Sonne bringet eine ſtarcke Bewegung hervor, die nicht bald aufhoͤret. Es iſt doch aber gewiß, daß ſie nach und nach ſchwaͤcher wird: denn ſonſt wuͤrde ſie gar nicht aufhoͤren. Derowe - gen iſt die Bewegung ſtaͤrcker, wenn die Sonne weiß, als wenn ſie gelbe ausſiehet: ſtaͤrcker, wenn ſie gelbe, als wenn ſie roth ausſiehet: ſtaͤrcker, wenn ſie roth, als wenn ſie blau ausſiehet und endlich ſtaͤrcker wenn ſie blau als wenn ſie ſchwartz ausſiehet, denn hiermit hoͤret das Sehen und alſo auch die Bewegung auf. Eine ſtaͤrckere Bewegung wird von einer groͤſſeren Krafft hervorge - bracht und ein Coͤrper hat eine groͤſſere Krafft entweder von der groͤſſeren Ge - ſchwindigkeit, oder von der groͤſſeren ei - genthuͤmlichen Materie. Ein ſchwaches und ſtarckes Licht ſind allerdinges darinnen unterſchieden, daß in jenem ein geringerer, in dieſem ein groͤſſerer Theil der Himmels - Lufft beweget wird, wie es die Verſtaͤrckung des Lichtes durch die Brennglaͤſer (§. 136. T. II. Exper.) und die Schwaͤchung durchdie190Cap. II. Von der Sonne. die Hohl-Glaͤſer (§. 148. T. II. Exper.) ausweiſet. Derowegen kan der Unter - ſcheid des Lichtes, nachdem es entweder die Empfindung dieſer, oder einer anderen Art Farbe verurſachet, nicht in der Menge der bewegeten Materie geſucht werden, fol - gends nirgends anders als von der verſchie - denen Art der Geſchwindigkeit herkom - men. Es iſt wohl wahr, daß alles Licht faſt mit einer unbegreiflichen Geſchwindig - keit fortgebracht wird; allein auch in ſo un - meiner Geſchwindigkeit kan noch vieler Un - terſchei d ſeyn. Jch erinnere hier noch bey - laͤuffig wegen der groſſen Geſchwindigkeit des Lichtes, daß ſie dadurch begreiflich wird, weil kein Theil von der Himmels-Lufft wuͤrcklich aus ſeiner Stelle darf beweget werden, wie die oben angefuͤhrten Verſu - che (§. 122. 124) es augenſcheinlich geben.
Die Coͤrper haben Farben, wenn ſie das Licht, damit ſie erleuchtet wer - den, zuruͤcke werffen. Derowegen da das Licht der Sonnen aus rothem, gelbem, gruͤ - nem, blauem und Purper-Lichte zuſammen - geſetzet iſt, deren ein jedes unveraͤnderlich (§. 159. T. II. Exper.); ſo muß ein Coͤrper, der roth ausſiehet, lauter rothes Licht, oder doch mehr rothes, als anderes; einer der gelbe ausſiehet, mehr gelbes als anderes; einer der gruͤne ausſiehet, mehr gruͤnes als anderes zuruͤcke werffen. Und da durch dieVer -191Cap. II. Von der Sonne. Vermiſchung einfa cher Farben mit einan - der die zuſammengeſetzten entſtehen, nach - dem entweder dieſe oder andere von den ein - fachen, entweder in dieſer oder einer andern Proportion mit einander vermiſchet wer - den (§. 170. T. I. Exper.); ſo werffen die andern Coͤrper, welche zuſammengeſetzte Farben haben, mehr als einerley Art Strahlen, jedoch in verſchiedener Pro por - tion zuruͤcke. Daß dieſes ſo und nicht anders geſchehen muͤſſe, kan ein jeder leicht ſehẽ, dem die Newtoniſche Erfindung von dem Un - terſcheide des Lichtes, durch deſſen Vermi - ſchung das Sonnen-Licht entſtehet, bekand iſt: allein es iſt nun eben die Frage, wie es moͤglich iſt, daß einge Strahlen koͤnnen zu - ruͤcke geworffen werden, die andern aber nicht. Die Strahlen von verſchiedenem Lichte ſind in dem weiſſen Lichte, damit die Coͤrper erleuchtet werden, mit einander ver - miſchet (§. 159. T. II. Exper.). Wenn demnach einige von ihnen ſollen zuruͤcke ge - worffen werden und die andern nicht; ſo muͤſſen ſie erſt von einander abgeſondert werden. Da ſie nicht gleich ſtarck gebro - chen werden, ob ſie gleich unter einem Win - ckel einfallen (§. 160. T. II. Exper.); ſo laſſen ſie ſich durch die Refraction von ein - ander abſondern und demnach iſt klar, daß das Licht in den Flaͤchen der Coͤrper erſt muß gebrochen werden, ehe es reflectiretwird.192Welt-Coͤrpern uͤberhaupt. wird. Die kleinen Theile der dunckelſten Coͤrper ſind durchſichtig (§. 156. T. I. Ex - per.). Da ſich nun das Licht brechen laͤſſet, wenn es in einen durchſichtigen Coͤr - per faͤhret, der von der Lufft unterſchieden iſt, daraus es kom̃et, (§. 147 T. II. Exp); ſo finden wir auch die Coͤrper von der Beſchaffenheit, daß die Strahlen des Lichtes in ihnen koͤn - nen gebrochen und dadurch die von verſchie - dener Art von einander abgeſondert wer - den. Es faͤhret demnach das Licht in die kleinen Theile des Coͤrpers hinein und wird im Eingange gebrochen (§. 147. T. II. Ex - per.). Weil nun das gebrochene Licht nicht alles unter einem Winckel gebrochen wird; ſo faͤllet auch nicht alles auf die hin - tere Flaͤche des kleinen Theiles, darein es faͤhret, an einen Ort, ſondern das rothe Licht bekommet eine andere Stelle als das gelbe, das gelbe eine andere als das gruͤne und ſo weiter fort. Wenn das Licht re - flectiret wird, ſo wird es unter dem Win - ckel reflectiret, unter welchem es einfaͤllet (§. 146. T. II. Exper.). Und daher kan nicht alles, was durch die Refraction von einander abgeſondert worden, nach einer Gegend reflectiret werden, folgends iſt es moͤglich, daß einiges durch die Reflexion herausgebracht wird und aus dem Coͤrper wieder in die Lufft faͤhret, anderes hingegen in die inneren Theile deſſelben hinein gehet:welches193Cap. II. Von der Sonne. welches auch die Nephritiſche Tinctur gar deutlich vor Augen leget, die an der aͤuſſeren Flaͤche, wo ſie erleuchtet wird, blaues Licht reflectiret, in den inneren Theilen aber an - deres (§. 164. T. II. Exper.). Es erhellet demnach, daß die beſtaͤndigen Farben der Coͤrper auf eben eine ſolche Art hervorge - bracht werden, wie die im Regenbogen (§. 171. T. II. Exper.) und einigen optiſchen Jnſtrumenten (§. 158. T. II. Exper.) und in den Coͤrper nichts anders anzutreffen iſt, warum er vielmehr dieſe als eine andere Farbe hat, als weil die Theile in ſeiner Flaͤ - che dieſe oder eine andere Figur und Lage haben.
Nachdem wir geſehen, wie dieWie die Sonne erwaͤr - met. Sonne das Licht hervor bringet und die Coͤrper, welche ſie erleuchtet, gleichſam mahlet, daß ſie mit Farben prangen koͤnnen; ſo muͤſſen wir nun auch unterſuchen, wie ſie die Waͤrme in den Coͤrpern hervor bringet. Ein Coͤrper wird warm, entweder weil Waͤrme von auſſen in ſeine Zwiſchen - Raͤumlein hinein dringet, oder wenn die be - reits daſelbſt vorhandene Materie in Be - wegung geſetzt wird (§. 72). Derowegen muͤſſen entweder die Sounen-Strahlen Waͤrme ſeyn, die in den Coͤrpern hinein dringet, oder ſie muͤſſen bloß die daſelbſt vorhandene ⃒Materie der Waͤrme in Bewe - gung ſetzen, indem ſie in die ſubtileſten Zwi -Phyſick) Nſchen -194Cap. II. Von der Sonne. ſchen-Raͤumlein hinein dringen. Das er ſte findet nicht wohl ſtat. Wir wiſſen, daß die Flamme des Lichtes eine concentrirte Waͤrme iſt (§. 130 T. II. Exper.): allein dieſe Materie iſt nicht das Licht ſelbſt, ſon - dern nur die Urſache des Lichtes (§. 121), als welches daher entſtehet, indem die Flamme, deren Theile ſich ſehr ſchnelle bewegen, eine uͤber die maaſſen ſchnelle Bewegung der Himmels-Lufft mittheilen, die durch den gantzen Welt-Raum ausgebreitet iſt. Wenn auch gleich die Waͤrme ſich durch die Lufft ausbreitet, ſo machet ſie es doch nicht im finſtern helle. Und demnach iſt die Materie der Waͤrme, oder das elemen - tariſche Feuer, unterſchieden von der Ma - terie, dadurch das Licht fortgebracht wird. Weil demnach die Sonnen-Strahlen keine Waͤrme ſind, ſo koͤnnen ſie auch den Coͤrper nicht anders warm machen, als weil ſie die in ſeinen Zwiſchen-Raͤumlein befindliche Materie der Waͤrme in Bewegung ſetzen: welches von ihnen gar wohl geſchehen kan, maßen ſie in ſchneller Bewegung ſind und ihre Bewegung von eben einer ſolchen Ma - terie erhalten, die ſie wieder in Bewegung bringen. Wenn man aber fraget, warum nicht anderes Licht eben dergleichen vermag, was die Sonnen-Strahlen ausrichten: ſo iſt die Urſache nicht ſchweer zuerrathen. DasSon -195Cap. II. Von der Sonne. Sonnen-Licht iſt ſtaͤrcker als anderes und wird demnach durch die Sonne weit meh - rere Himmels-Lufft in ſtarcke Bewegung geſetzet, als von einem anderen Lichte (§. 121). Derowegen dringet das Sonnen - Licht haͤuffiger in die ſubtileſten Zwiſchen - Raͤumlein der Coͤrper und kan daher auch mehrere von der daſelbſt befindlichen Mate - rie der Waͤrme in Bewegung ſetzen. Wenn wenige in Bewegung gebracht wird, ſo ge - het es nicht an, daß wir es empfinden (§. 71): allein wenn viele darein geſetzet wird, ſo wird die Waͤrme empfindlich. Ja wenn wenige Materie der Waͤrme in Be - wegung gebracht wird, ſo kan auch das Welterglaß keine merckliche Veraͤnderung leiden (§. 59. T. II. Exper.), dergleichen gleichwohl in dem entgegen geſetzten Falle geſchiehet.
Man ſiehet auch daher, warumbWarumb dunckele Coͤrper, in der Sonne waͤrmer werden als helle. dunckele Coͤrper in der Sonne waͤrmer wer - den als helle, unerachtet beyde gleiche Zeit darinnen liegen. Ein dunckeler Coͤrper wirfft weniger Licht zuruͤcke, als ein heller, Derowegen wird in jenem mehr Licht in die inneren Theile des Coͤrpers gebracht, als in dieſen (§ 129.). Je mehr aber Licht in die inneren Theile des Coͤrpers hinein drin - get, je mehr kan es Waͤrme erregen (§. 130).
JN Sonnen-Finſterniſſen ſtehet der Mond zwiſchen unſerem Au - ge und der Sonne und decket ſie uns auf eine Weile, daß wir ſie nicht ſehen koͤnnen (§. 245 Aſtron.). Als - denn aber ſiehet er finſter aus, wie eine ſchwartze Scheibe. Derowegen muß der Mond fuͤr ſich kein Licht haben, ſondern ein dunckeler und finſterer Coͤrper ſeyn. Und weil durchſichtige Coͤrper helle ausſehen, wenn ſie zwiſchen dem Auge und dem Lich - te ſtehen, wie wir ſolches auch aus ⃒den Glaßſcheiben ſehen, die des Tages ⃒helle ausſehen, wenn man im Zimmer iſt, weil alsdenn das Licht von innen iſt, hingegen des Nachts helle ſind, wenn man ſie von auſſen auf der Straſſe anſiehet, weil als - denn das Licht im Gemache iſt; der Mond aber, wenn er zwiſchen der Sonne und dem Auge ſtehet, finſter ausſiehet: ſo muß er auch nicht durchſichtig ſeyn; folgends das Sonnen-Licht nicht durch ſich fallen laſſen, wenn er davon beſchienen wird.
Wir finden aber, daß der Mond,Daß er ſein Licht von der Sonue bekom - met. ſo bald er von der Sonne wegruͤcket und wir einen Theil davon ſehen koͤnnen, wenn er von der Sonne beſchienen wird, ſo weit Licht hat, als ihn die Sonne beſcheinet. Und wenn die Erde zwiſchen ihm und der Sonne ſtehet, daß wir die gantze Helffte ſe - hen koͤnnen, welche die Sonne beſcheinet, ſo hat er volles Licht und nennen wir ihn da - her den Vollmond. Daß aber im Voll - mond die Erde zwiſchen dem Mond und der Sonne ſtehet, kan man daher wahrnehmen, weil der Mond aufgehet, indem die Son - ne untergehet und er den halben Himmel von der Sonne entfernet iſt. Es hat dero - wegen der Mond ſein Licht, damit er des Nachts ſcheinet, von der Sonne, und iſt demnach das Mond-Licht eben das Son - nen-Licht, welches er zuruͤcke wirfft.
Man mag den Mond ſo wohlDaß der Mond nicht aus einerley Art der Materie beſtehet. mit bloſſen Augen, als durch Vergroͤſſe - rungs-Glaͤſer betrachten, ſo ſiehet er nicht durchgehends gleich helle aus, ſondern iſt in einigen Orten dunckel. Die Sonne be - ſcheinet ihn in einem Orte, wie in dem an - dern und es ſind auch die dunckelen Flecken nicht in einem Orte bey einandeꝛ anzutꝛeffen, ſondern vielmehr durch den gantzen Mond zertheilet. Derowegen kan man die Ur - ſache keinesweges darinnen ſuchen, daß ein Theil von der Sonne mehr erleuchtetN 3wird198Cap. III. Von dem Mond. wird als der andere. Es kommet demnach einig und allein daher, daß ein Theil mehr Licht reflectiret als der andere. Wenn nun aber gleichwol ein Theil ſo viel eꝛleuchtet wird, als der andere, und doch nicht ſo viel Licht zuruͤcke wirfft, ſo kan der Mond nicht durchgehends aus einerley Art der Materie beſtehen. Denn es iſt allerdinges eine Materie, die viel Licht reflectiret, unterſchie - den von einer andern, die weniger reflectiret (§. 17 Met.).
Niemand hat den Mond mit mehrerem Fleiſſe und groͤſſerer Sorgfalt obſerviret und beſchrieben als Johannes Hevelius in ſeiner Selenographia, darin - nen er alle Geſtalten des ab - und zu - neh - menden Monds darſtellet, wie er ſie mit ei - gener Hand gezeichnet und auf das netteſte ſelbſt in Kupffer geſtochen, auch was bey ei - ner jeden merckwuͤrdiges vorkommet, um - ſtaͤndlich erklaͤret. Wenn man den Mond durch ein Fernglaß betrachtet, indem er nach dem Neumond im⃒ Zunehmen zuſe - hen iſt, oder auch nach dem letzten Viertel im Abnehmen erſcheinet; ſo wird man beſſer als zu anderer Zeit wahrnehmen, daß auſſer den Graͤntzen des Lichtes hin und wie - der einige Theile zerſtreuet liegen, die in dem noch finſtern Theile des Monds erleuchtet ſind. Damit diejenigen, welche mit kei - nem Fernglaſe verſehen ſeyn, die Sache ſichbeſſer199Cap. III. Von dem Mond. beſſer vorſtellen koͤnnen; ſo habe ich zu dem Ende die Monds-Geſtalt in beygeſetzter Fi -Tab. II. Fig. 5 gur darſtellen wollen, die Hevelius 4 Tage und 17 Stunden nach dem Neumond A. 1644, den 11 Aprilis Abends um 9 Uhr zu Dantzig obſerviret, als der Mond im 26 Grade der Zwillinge war, welche Umſtaͤn - de deswegen angefuͤhret werden, weil nach dem verſchiedenen Stande des Monds im Himmel und gegen die Erde die Geſtalt ſich in etwas aͤndert. Jch weiß mich zubeſin - nen, daß ich ſie durch einen Engliſchen acht - ſchuͤhigen Tubum zu einigen Zeiten noch viel deutlicher erblicket. Weil die abge - ſonderten Theile, die uͤber die Graͤntzen des Lichtes liegen, eher erleuchtet werden als andere, die um ſie herum ſind; ſo muͤſſen ſie hoͤher liegen als die anderen. Wer beden - cket, daß das Licht in einer geraden Linie fortgehet (§. 145 T. II. Exper.) und daſelbſt den Mond beruͤhret, wo das Licht ſeine Graͤntzen hat, der wird dieſe Folge leicht be - greiffen. Man kan ſich aber deſſen auch durch die Erfahrung auf unſerem Erdboden verſichern. Denn wir ſehen taͤglich, daß, wenn die Sonne aufgehet, die Spitzen der Thuͤrme eher beſchienen werden als die Daͤ - cher der Gebaͤude, und dieſe hingegen eher Licht haben, ehe daſſelbe die Erde erreichet. Hingegen wenn die Sonne zum Untergan - ge niederſteiget, ſo gehet das Licht zuerſt vonN 4der200Cap. III. Von dem Mond. der Erde weg und verſchwindet am laͤng - ſamſten von den Spitzen. Die Theile der Erden, welche uͤber den Erdboden erhaben ſind, pflegen wir Berge zu nennen. Und demnach kan man mit eben dem Rechte Berge uͤberhaupt diejenigen Theile eines Welt-Coͤrpers nennen, welche uͤber die uͤbri - ge Flaͤche deſſelben erhaben ſind. Da wir nun dergleichen Theile im Monden antref - fen; ſo iſt klar, daß darinnen Berge ſind. Man kan es noch auf andere Art aus den Schatten der Berge und ſonderlich den Schatten in den Thaͤlern erweiſen, wie Hevelius(a)Selenogr. f. 137. 138 ausgefuͤhret: allein da der Beweiß, deſſen wir uns bedienet, leichter zu verſtehen und doch dabey durchdringend iſt, ſo waͤre es eine uͤberfluͤßige Arbeit, wenn wir noch ein mehreres dazu ſetzen wollten.
Wenn man die Graͤntzen des Lichtes im zu - und ab-nehmendem Monden durch ein tuͤchtiges Fernglaß betrachtet; ſo ſichet man, daß es ſich, wo die dunckele Flecken ſind, in einer genauen Peripherie des Circuls endet, hingegen an den uͤbrigen Orten, wo der Mond helle ausſiehet, hoͤ -Tab. II. Fig. 5. ckericht und ungleich iſt. Die Mondsge - ſtalt, welche ich aus Hevelius Monds-Be - ſchreibung vorhin (§. 135) vorgeſtellet, wei - ſet es zur Gnuͤge aus. Man darf ſie nuran -201Cap. III. Von dem Mond. anſehen, ſo wird man was ich geſaget dar - innen erblicken. Jn dem Horizont auf dem Erdboden ſcheidet ſich auch das Licht und erhaͤlt daſelbſt ſeine Graͤntzen, in ſo weit wir es ſehen koͤnnen. Es hat ſich dem - nach Hevelius auf ſeinem Obſervatorio zu Da ntzig durch ein Fernglaß umgeſehen und gefunden, daß, wo der Horizont eben iſt, dergleichen er bey ihm auf der offenbah - ren See angetroffen, die Graͤntzen des Lich - tes in einem gleichen Zuge fortgegangen; hingegen wo er Berge und Thaͤler hat, die - ſelben hin und wieder unterbrochen ſich gleichſam ſchlangenweiſe fortziehen, eben wie man es in dem Mond ſiehet. Hieraus nun erhellet, daß der Mond in den Orten, wo die dunckelen Flecken ſeyn, eben iſt; an den uͤbrigen aber, wo er helle leuchtet, hin und wieder mit Bergen und Thaͤlern ver - ſehen. Wollte man ſagen, es koͤnnten viel - leicht nur kleine Huͤgel ſeyn, die wir vor Berge ausgeben; dem wird der Gedancke bald verſchwinden, wenn er bedencket, wie weit der Mond von der Erde weg iſt (§. 536 Aſtron. ) und wie klein er nach Proportion ſeiner wahren Groͤſſe ausſiehet (§. 552 A - ſtron. ), ja daß Hevelius nach mathema - tiſchen Gruͤnden, die ich auch in meinen Anfangs-Gruͤnden (§. 562 Aſtron. ) erklaͤ - ret, ausgerechnet, daß die Berge im MondN 5bis202Cap. III. Von dem Mond. bis drey Viertel von einer deutſchen Meile hoch und 100, bis 120 Meilen lang ſeyn (§. 296). Wo es bergicht iſt, da muß keine fluͤßige Materie ſeyn: denn fluͤßige bleibet nicht aufgethuͤrmet ſtehen. Derowegen iſt in dem Monden feſtes Land, wo er helle ſcheinet. Die dunckelen Flecke ſind eben und werffen weniger Licht zuruͤcke (§. 134), und in dieſem Stuͤcke kommen ſie mit durch - ſichtigen fluͤßigen Coͤrpern uͤberein, folgends gleichen ſie unſerem Waſſer, welches gleich - falls eine fluͤßige durchſichtige Materie iſt, die hin und wieder zwiſchen den Plaͤtzen des feſten Landes anzutreffen. Es iſt demnach die Vermuthung mehr als zu groß und einer Gewißheit gleich zu achten, daß die Flecken im Mond Waſſer ſind. Hierzu kommet, daß wir auch in ihnen feſtes Land antreffen, welches zum Theil mit dem uͤbꝛigen in einem fortgehet, zum Theil von ihm gantz abge - ſondert iſt, das iſt Jnſeln und Halb-Jn - ſeln. Denn wem iſt nicht bekand, daß man feſtes Land, welches rings herum von Waſſer umfloſſen, eine Jnſul nennet; hin - gegen dasjenige, ſo nur von einer Seite umfloſſen wird, eine Halb-Jnſul heiſſet? Jch weiß wohl, daß Hugenius(b)Coſmotheoro lib. 2. p. m. 98. die Flecken fuͤr keine Meere halten will, weil er durch ein groſſes Fernglaß einige Vertief -fun -203Cap. III. Von dem Mond. fungen darinnen will wahrgenommen ha - ben, darein Schatten faͤllet. Nun iſt gewis, wenn die Obſervation in allem ihre Richtigkeit haͤtte; ſo gienge es nicht an, daß ſie Waſſer waͤren, denn in dem Waſſer als einem fluͤßigen Coͤrper koͤnnen keine Vertief - fungen ſtat finden. Allein da wir noch nie - manden haben, der dergleichen angemercket, auſſer den einigen Hugenium; ſo ſcheinet die einige Obſervation noch nicht genung zu ſeyn, daß wir ihr zu Gefallen von einer ſo ſtarcken Muthmaſſung abgehen. Er will auch keine Fluͤſſe im Monden zugeben, weil er vermeinet, man muͤſte ſie durch unſere groſſen Fernglaͤſer zu Geſichte bekommen: allein er hat die Moͤglichkeit nicht erwieſen. Und, ob ich gleich jetzt keine Rechnung vor - nehmen kan, ſo zweiffele ich doch gar ſehr, daß die Breite eines Fluſſes in einer Weite von 56 halben Diametris der Erde, oder mehr als 48000 Meilen noch zu erkennen iſt. Geſetzt demnach, daß auch die Flecken kein Waſſer, ſondern nur dunckeles Land waͤren, welches mir doch nicht wahrſchein - lich ſcheinet; ſo kan deswegen doch Waſſer genung im Mond ſeyn.
Man hat auch gefraget, ob umOb Lufft um den Mond iſt. den Mond herum eine Lufft iſt, wie um un - ſere Erde. Wir finden nichts beſſers, dar - aus wir ſie erkennen koͤnnen, als den hellen Ring, der ſich in groſſen Sonnen-Finſter -niſſen204Cap. III. Von dem Mond. niſſen um den Mond herum zeiget. Kepler(a)in libello de nova ſtella Serpentarii c. 23. p. 115. hat angemercket, daß man A. 1605. im Monath October dergleichen zu Neapel und Antwerpen obſerviret, als die Sonne gaͤntz - lich verfinſtert war. Denn ſobald der Mond die Sonne gantz deckete, ſahe man um ſeinen Umbfang rings herum eine flam - mende Roͤthe von einer ziemlichen und uͤ - berall gleichen Breite, daß es auch davon gantz helle ward und man keinen Stern im Himmel zuſehen bekam, wie ſonſt in ſo groſ - ſen Finſterniſſen zugeſchehen pfleget. Weil mir bekandt war, daß die Lufft von einigen neueren Aſtronomis in Zweiffel gezogen wird; ſo war ich A. 1706, da ſich in unſe - ren Laͤndern eine groſſe Finſternis an der Sonne ereignete, begierig zuſehen, ob auch ein ſolcher Ring, wie ihn Kepler beſchreibet, um den Mond wuͤrde zu ſehen ⃒ſeyn. Wie nun der Mond die Sonne am meiſten verdeckete, ſo blieb oben von ihr in Leipzig, wo ich mich dazumahl aufhielt, etwan ⅓; Zoll unverfin - ſtert uͤbrig, hingegen umb den Mond ſahe man einen hellen Ring, der mit dem Rande deſſelben parallel herum gieng: welches ich gar eigentlich unterſcheiden konnte, weil er ſich nicht mit dem noch uͤbrigen Stuͤcklein der Sonne in einer Peripherie endigte. Sein205Cap. III. Von dem Mond. Sein Glantz war zwar helle, aber doch viel ſchwaͤcher als das Sonnen-Licht, welches noch oben uͤber dem Monden glaͤntzte. An dem Monden ſahe er dichte aus, nahm aber immer nach und nach ab, bis er ſich endlich unvermerckt in einer voͤlligen Peripherie verlohr. Der Herr von Tſchirnhauſen, als ich ihm dieſes durch ein Schreiben mel - dete, war zwar meiner Obſervation ent - gegen, indem er damit eingenommen war, daß die neueren Aſtronomi die Lufft umb den Mond fuͤr etwas erdichtetes hielten: al - lein weil ich gar zu genau darauf acht gege - ben hatte, ſo ließ ich es doch mit in die Leipzi - ger-Acta(b)Acta Erud. A. 1706. p. 335. ſetzen. Als kurtz darauf Herrn Wurtzelbauers, des beruͤhmten Nuͤrnbergiſchen Obſervatoris Obſerva - tion von dieſer Finſternis heraus kam, fand ich, daß er dieſen Ring, der ohngefehr einen halben Zoll breit war (den Zoll fuͤr $$\frac {1}{12}$$ des Monds Diameters gerechnet) gleichfalls angemercket hatte, wie beygeſetzte Figur zei - get. Es war aber daſelbſt die Sonne gantzTab. II. Fig. 6. verfinſtert und daher der Ring auch oben zu ſehen, wo ich in Leipzig das noch uͤbri - ge Sonnen-Licht erblickte. Jch er - fuhr durch ein Schreiben von dem Herrn P. Heinrich aus Breßlau, daß er daſelbſt gleichfalls den Ring um den Mond geſehenhatte,206Cap. III. Von dem Mond. hatte, ehe ich ihm noch ſchrieb, was ich zu Leipzig obſerviret. Endlich als A. 1708. die Hiſtorie der Academie der Wiſſenſchaff - von A. 1706 heraus kam, fand ich(c)Memoires de l’ Acad. des ſcienc. A. 1715. p. 119, daß man ihn noch an anderen Orten mehr geſe - hen hatte. Abſonderlich worden in der Hi - ſtorie(d)p. m. 148. die Aſtronomi der Koͤniglichen Academie der Wiſſenſchafften zu Mont - pellier geruͤhmet, daß ſie ihn mit groͤſſerer Aufmerckſamkeit als andere obſerviret haͤt - ten. Es kam aber ihre Obſervation mit meiner voͤllig uͤberein, auſſer daß der Unter - ſcheid von dem noch uͤbrigen Sonnen-Lich - te von ihnen nicht konnte angemercket wer - den, weil bey ihnen die Sonne gantz ver - finſtert ward. Jn Franckreich war man bey der Academie der Wiſſen - ſchafften ſelbſt in etwas beſtuͤrtzt we - gen dieſes Ringes, indem verſchiedene Aſtronomi nicht gerne eine Lufft um den Mond zugeben wolten. Derowegen als A. 1715 abermahls eine groſſe Fin - ſternis an der Sonne in Engelland zuſehen war; reiſete der Herr de Louville nach Londen und wartete daſelbſt mit dem be - ruͤhmten Aſtronomo Herrn Halley die Obſervation ab. Sie ſahen aber in der gaͤntzlichen Verfinſterung der Sonne den Ring gantz eigentlich und erkannten, daß erumb207Cap. III. Von dem Mond. umb den Mond herum war(e)Philoſoph. Transact. Num. 343 p. 249. Es iſt demnach auſſer allem Zweiffel, daß in groſſen Sonnen-Finſterniſſen um den Mond her - um ein ſolcher Ring zuſehen iſt, wie wir ihn beſchrieben. Wo man Licht ſiehet, da muß etwas vorhanden ſeyn, welches das Licht zuruͤcke wirfft. Derowegen iſt klar, daß dieſer helle Ring nicht anders hat entſte - hen koͤnnen, als durch die Reflexion des Sonnen-Lichtes in einer fluͤßigen Materie. Dieſe Materie kan nicht umb die Sonne ſeyn, denn ſonſt waͤre der Ring mit der Pe - ripherie der Sonne und nicht des Monds parallel. Man kan auch nicht unſere Lufft davor annehmen: denn da der Zuſtand un - ſerer Lufft nicht zu allen Zeiten an verſchie - denen Orten einerley iſt, ſo koͤnnte man auch nicht den Ring jedesmahl an allen Orten, wo die gaͤntzliche Verfinſterung geſehen wird, erblicken. Derowegen muß ſie umb den Mond ſeyn. Es erhellet demnach aus gegenwaͤrtiger Obſervation, daß den Mond eine fluͤßige Materie umgiebet, wel - che das Sonnen-Licht reflectiret. Und zwar da derſelbe Ring nahe an dem Mon - den dichte iſt, nach dieſem immerzu nach und nach abnimmet; ſo muß die Monds-Lufft an dem Monden dichte ſeyn, und von dar an immer zu nach und nach abnehmen, bisſie184[208]Cap. III. Von dem Mond. ſie ſich endlich in der Himmels-Lufft (§. 121) verlieret. Jch weiß wohl daß de la Hire eine andere Urſache von dieſem Ringe ge - ben wollen: allein ich finde ſie nicht ge - gruͤndet.
Unſere Lufft leidet viele Veraͤn - derungen wegen der Duͤnſte, die in ihr auff - ſteigen: man kan daher auch fragen, ob eben dergleichen Veraͤnderungen in der Monds-Lufft zu ſpuͤren ſind. Hevelius hat zu verſchiedenen mahlen wahrgenom - men, daß bey gantz hellem Himmel, da er die Sterne von der ſechſten und ſiebenden Groͤſſe erkennen koͤnnen, durch einerley Fernglaß der Mond in einerley Hoͤhe uͤber dem Horizont und einerley Weite von der Erde ihm einmahl deutlicher als das andere ausgeſehen. Die Urſache davon iſt nicht aus optiſchen Gruͤnden herkommen, weil der Mond einerley Hoͤhe uͤber dem Horizont und einerley Entfernung von der Erde ge - habt. Es muß demnach eine natuͤrliche zu - gegen geweſen ſeyn, welche es gehindert, daß man nicht alle Flecken in ihm wie zu ande - rer Zeit unterſcheiden koͤnnen. Dieſe Ur - ſache kan man weder in unſerer Lufft, noch in dem Auge des Hevelii, noch auch in ſei - nem Fernglaſe ſuchen: denn ſonſt wuͤrde er die kleinen Sterne nicht ſo wohl wieſonſt(a)Cometogr lib. 7. f. 363.209Cap. III. Von dem Mond. ſonſt haben ſehen koͤnnen. Es bleibet da - her nichts uͤbrig, als daß wir ſie in etwas umb den Mond ſuchen muͤſſen. Weil dem - nach um ihn eine Lufft iſt (§. 137); ſo muß ſie zu einer Zeit durchſichtiger ſeyn, als zu der andern, folgends erhellet, daß unterwei - len Duͤnſte in ihr aufſteigen, davon ſie truͤbe wird, zu anderer Zeit aber wieder ſie verlie - ren. Es erinnert zwar Hugenius(b)in Coſinotheoro lib. 2. p. m. 98, er habe niemahls obſerviret, daß einige Fle - cken und Berge im Monden verdeckt wor - den, und haͤlt daher nicht vor glaublich, daß ſich in der Monds-Lufft Wolcken zu - ſammen ziehen. Allein da die Ge - ſtalt des Monds ſich nach ſeinem verſchie - denen Stande gegen die Erde und die Son - ne gar ſehr aͤndert; ſo iſt nicht eine jede klei - ne Veraͤnderung zu obſerviren. Darnach hat man zuerwegen, daß, da der Mond kei - ne Bewegung um ſeine Axe hat, die Sonne biß 14 Tage einen Ort beſtaͤndig beſcheinet: wodurch die Lufft mit den Duͤnſten verduͤn - net, auch die Duͤnſte auf die finſtere Seite herum getrieben werden, daß ſie ſich nicht in Wolcken zuſammen ziehen koͤnnen. Wir wiſſen auch, daß, wenn dicke Wolcken zwi - ſchen dem Auge und der Sonne ſind, die - ſelben weiß ausſehen; hingegen die duͤnnen, wenn ſie zwiſchen dem Auge und der Son -(Phyſick) One210Cap. III. Von dem Mond. ne ſtehen, dunckel erſcheinen. Derowegen wenn auch gleich dicke Wolcken uͤber dem feſten Lande und duͤnne uͤber den Flecken ſte - hen; ſo kan man ſie deswegen doch nicht erkennen. Es kan auch gar wohl ſeyn, daß ſich im Mond gar keine Wolcken aufziehen; ſondern die Duͤnſte nur wie ein Thau wie - der zuruͤcke fallen. Denn wir treffen ja auf dem Erdboden Laͤnder an, die fruchtbahr ſeyn und da es gar nicht, oder doch nur gar wenig regnet. Unterdeſſen findet ſich noch ein beſonderer Umſtand bey den Sonnen - Finſterniſſen, daraus man gar deutlich erſe - ſehen kan, daß im Mond, wenigſtens auf der finſtern Seite, die die Sonne nicht be - ſcheinet, unterweilen grobe Duͤnſte vorhan - den ſeyn, die ſich auf und nieder bewegen. Es hat nemlich der Jeſuit Scheiner(c)in Loſa Urſina lib. 4. part. 2. c. 26. f. 740 an - gemercket, daß in einer Sonnen-Finſter - nis den 25 Dec. 1628 zu Barcellona an dem Rande des vor die Sonne einruͤcken - den Monds das Sonnen-Licht gezittert, und Hevelius hat es gleichfalls zu verſchie - denen mahlen(d)Cometogr. lib. 7. f. 365., auch der Herr von Tſchirnhauſen in der Finſternis von An. 1706 durch ein ſechzehen ſchuhiges Fern - glaß obſerviret, wie mir aus ſeinem Schrei - ben bekandt iſt. Daß dieſes Zittern durchdie211Cap. III. Von dem Mond. die in der Lufft hin und wieder bewegten Duͤnſte entſtehe, koͤnnen wir auf dem Erd - boden lernen, wenn wir zu einer Zeit, da un - ſere Lufft ſehr dunſtig, durch ein gutes Fern - glaß nach der Sonne ſehen.
Jn der letzten groſſen Finſternis,Daß man es im Mond blitzen ge - ſehen. welche ſich A. 1715 ereignet, haben de Lou - uille und Halley(e)Memoir. de l’ Acad. Roy. des ſcienc. A. 1715. p. m. 126. 127., in der gaͤntzlichen Verfinſterung der Sonne im Monden Bli - tze fahren ſehen, die nur einen Augenblick gedauret und jedesmahl gleich wieder ver - ſchwunden. Da nun um den Mond her - um einige Lufft iſt (§. 137), die durch Aus - duͤnſtungen veraͤndert wird (§. 138); ſo wird man nicht irren, wenn man es fuͤr Blitze annimmet. Jch weiß gar wohl, daß dieſes vielen wunderlich vorkommet: allein wir haben nicht darauf zu ſehen, ob eine Leh - re denen, die mit Vorurtheilen wieder ſie eingenommen ſind, wunderlich vorkom - met; ſondern nur ob ſie der Wahrheit ge - maͤß iſt.
Wenn wir alles zuſammenDaß der Mond mit unſe - rer Erde voͤllig uͤ - berein - kommet nehmen, was bisher von ⃒ dem Monden erwieſen worden, ſo erſehen wir daraus, daß er mit unſerer Erde voͤllig uͤbereinkommet. Unſere Erde beſtehet aus feſtem Lande und Waſſer, hat viele Berge und Thaͤler, undO 2ſie212Cap. IV. Von den Haupt-Planetenſie umgiebet eine Lufft, darinnen ſich aller - hand Veraͤnderungen der Ausduͤnſtungen ereignen. Der Mond hat gleichfals feſtes Land und Waſſer (§. 136), viele Berge und Thaͤler (§. 135) und eine Lufft (§. 137), darinnen ſich von den Ausduͤnſtungen ver - ſchiedene Veraͤnderungen ereignen (§. 138. 139). Wir doͤꝛfen uns nicht befremden laſſen, daß der Mond frey in der Himmels-Lufft ſchwebet und leuchtet, denn unſere Erde ſchwebet auch darinnen, und wir werden nach dieſem wahrnehmen, daß ſie ebenfalls leuchte.
DAß Venus und Mercurius dun - ckele Coͤrper ſeyn, wird eben ſo wie von dem Mond erwieſen. Jeremias Horoccius hat An. 1639. d. 24. Nov. die Venus ſich wie einen dunckelen Flecken durch die Sonne durch bewegen ſehen: welches aus Mangel der Fernglaͤſer ſo lange die Welt ſtehet ſonſt noch nie von jemanden iſt obſerviret wor - den. Wir haben auch nicht eher Hoff - nung, daß ſolches wieder geſchehen wird,als213und ihren Monden. als 1761 den 25 May(a)Horoccii obſervationes cœleſtes in poſthu - mis p. 390. Eiusd. Tractatus: Venus in Sole & Acta Erudit. A. 1693. p. 66.. Den Mercu - rius hat Petrus Gaſſendus in Franckreich, nachdem Kepler dieſe Begebenheiten vor - her verkuͤndiget hatte, ſo dazumahl noch was unerhoͤrtes waren, A. 1631 den 7 Nov. zuerſt auf gleiche Weiſe ſich durch die Son - ne durch bewegen geſehen(b)Inſtit. Aſtron. lib. 2. c. 14. p. m. 97. & Epi - ſtola ad Schickardum de Mercurio in ſole vi - ſo & venere non viſo. : welches nach dieſem im verwichenen und gegenwaͤrtigem Jahrhunderte mehrmahlen von andern ob - ſerviret worden. Und hat ſonderlich Hevelius von dieſer Himmelsbegebenheit einen beſon - deren Tractat geſchrieben(c)Mercurius in ſole viſus. , dem er des Horocii ſeinen von der Venus in der Son - ne mit beygefuͤget. Man ſiehet hieraus, daß Venus und Mercurius von der Seite, wo ſie von der Sonne nicht erleuchtet wer - den, kein Licht haben, ſondern finſter ſind, auch daher kein Licht durchfallen laſſen. Es ſind demnach dunckele und dichte Coͤrper wie der Mond (§. 132).
Wenn man dieſe beyde Plane -Daß ſie ihr Licht von der Sonne haben. ten durch die Fern-Glaͤſer betrachtet, ſo wird man ſie meiſtentheils, da ſie ſichtbahr ſeyn, wie den ab - und zu - nehmenden MondO 3nur214Cap. VI. Von den Haupt-Planetennur von der Seite erleuchtet ſehen, die der Sonne entgegen gekehret iſt. Und daraus erhellet wie vorhin bey dem Mond (§. 133), daß dieſe beyden Planeten ihr Licht von der Sonne haben und bloß deswegen leuchten, weil ſie es zuruͤcke werffen.
Wenn Mars durch die Fern - glaͤſer fleißig betrachtet wird, ſo findet man auch unterweilen, daß nur ein Theil davon, welcher gegen die Sonne gekehret, erleuch - tet iſt, das uͤbrige, ſo von der Sonne abge - wandt, aber finſter ausſiehet. Man erken - net demnach daraus, daß der Mars vor ſich ein finſterer und dunckeler Coͤrper, gleichwie Venus und Mercurius iſt, ſein Licht aber von der Sonne bekommet.
Jupiter und Saturnus haben beſtaͤndig volles Licht und daher muß man von ihnen auf eine andere Art erweiſen, daß ſie dunckele und undurchſichtige Coͤrper ſind, die ihr Licht von der Sonne ha - ben. Es dienen aber dazu die Finſter - niſſe ihrer Trabanten: denn ein Coͤper, der dadurch einen andern verfinſtern kan, daß er zwiſchen ihm und der Sonne ſtehet, hat weder vor ſich Licht, noch laͤſſet das Licht der Sonne durchfallen, maſſen er ſonſt den - ſelben Coͤrper im erſten Falle mit ſeinem eigenen Lichte erleuchten wuͤrde, im andern aber keinesweges hindern, daß nicht nochdie215und ihren Monden. die Sonnen-Strahlen ihn erleuchten koͤnn - ten. Daß nun aber Jupiter und Saturnus ihre Trabanten verfinſtern, wenn ſie zwi - ſchen ihnen und der Sonne zuſtehen kom - men, iſt aus den Obſervationen der Stern - kundigen klar. Die Finſterniſſe der Ju - piters-Trabanten ſind ſehr gemein und uͤ - berall, wo Aſtronomiſche Obſervationen vorhanden anzutreffen. Was aber die Finſterniſſe der Saturnus-Trabanten be - trifft, ſo finde ich daß Maraldi der Schwieger-Sohn des beruͤhmten Caſſi - ni, und Casſini der Sohn den 25. Martii A. 1715. des Abends umb 11 Uhr die erſte Verfinſterung des vierdten Saturnus-Trabanten obſerviret(a)Memoires de l’ Acad, Roy des ſcienc. An. 1715. p. m. 57.. Uber dieſes hat man von dem Jupiter wahrge - nommen, daß, wenn ein Trabante zwiſchen ihm u. der Sonne ſtehet, ſein Schatten ſich in ihm wie ein rundter Flecken præſentiret. Weil nun aber die Trabanten des Jupiters und Saturnus kein Licht haben, wenn ſie in den Schatten dieſer Planeten kommen, wo ſie die Sonne nicht beſcheinen kan; ſo muͤſ - ſen ſie vor ſich kein Licht haben und nur das Licht der Sonne zuruͤcke werffen.
De la Hire hat A. 1700 durch einOb Ber - ge in den Planeten ſind. ſechzehnſchuhiges Fernglaß in der Venus groͤſſere Berge als im Monden obſerviret. O 4Die216Cap. IV. Von den Haupt-PlanetenDie Venus ſahe dreymahl ſo groß aus als der Mond mit bloſſen Augen. Weil man die Berge nicht obſerviren kan, als wenn der Planete nicht voͤllig erleuchtet iſt, oder durch ihren Schatten, den ſie werffen (§. 135); Saturnus aber und Jupiter ſtets volles Licht haben, Mercurius meiſten - theils unter den Sonnen-Strahlen lieget und ſich wenig obſerviren laͤſſet, Mars auch nur unterweilen ein weniges von ſeinem verfinſterten Theile zeiget; uͤberdieſes alle Planeten von der Erde ſehr weit weg ſind: ſo gehet es auch nicht wohl an, daß man in den uͤbrigen Berge entdecken kan. Unter - deſſen da dieſe Planeten insgeſamt eben ſol - che Coͤrper ſind wie der Mond (§. 141. & ſq. ) u. einer von ihnen nochgroͤſſeꝛe Beꝛge als der Mond hat; ſo kan man leicht vermuthen, daß es auch in den uͤbrigen nicht an Bergen fehlen werde. Traͤget jemand Bedencken es zuzugeben, ehe man einige Obſervatio - nen hat, dadurch man es wenigſtens noch in einem oder dem andern erweiſen kan; ſo iſt wenig daran gelegen, indem wir dieſe Er - kaͤntnis eben nicht zu nutzen wiſſen.
Caſſini hat ſchon A. 1663 den 1 Oct. als was merckwuͤrdiges angeſehen, daß ein Stern im Waſſermann, den Mars verdeckte, ſo blaß ausſahe, wie er ihn wieder verließ, daß er ihn auch nicht durch ein Fern - Glaß, was geringer als drey Schuhe war,ſehen217und ihren Monden. ſehen konnte. Er war damahls auff der Reiſe und obſervirete auſſerhalb Paris: zu Paris aber, wo der Himmel gantz helle war, konnte Roͤmer den Stern auch nicht durch ein groſſes Fernglaß eher erkennen, als bis er von dem Mars um ⅔ ſeines Diameters weg - geruͤcket war, unerachtet man ſonſt derglei - chen Sterne gantz nahe bey dem Monden gar wohl ſehen kan(a)du Hamel in Hiſtoria Reg. ſcienc. Acad. p. m. 113.. Weil das Licht des Sternes dadurch geſchwaͤcht worden, daß ihm Mars zu nahe geweſen, ſo muß um ihn herum etwas geweſen ſeyn, welches viele Strahlen des Sterns reflectiret und nur gantz wenige durchfallen laſſen. Da nun die fluͤßigen Materien um die Plane - ten, welche von der Beſchaffenheit ſind, Luft genennet werden; ſo erhellet aus dieſer Ob - ſervation, daß Mars mit Lufft umgeben iſt. Es hat auch Caſſini zu verſchiedenen mah - len Flecken im Mars obſerviret und daraus gefunden, daß er ſich innerhalb 24 Stunden und 37 bis 40 Minuten um ſeine Axe herum beweget(c)du Hamel loc. cit. p. m. 103.. Es ſcheinet aus der Erzeh - lung des du Hamels, daß er einerley Flecken in verſchiedenen Jahren geſehen: woraus zuvermuthen, daß ſie beſtaͤndig in ihm ſind. Sind ſie beſtaͤndig, ſo ſind es Meere, wieO 5wir218Cap. IV. Von den Haupt-Planetenwie wir bey dem Mond ausgefuͤhret: ſind ſie aber veraͤnderlich, ſo ſind es Duͤnſte, die ſich in der Lufft zuſammen gezogen. Wo aber Duͤnſte ſind, da muß auch Waſſer vor - handen ſeyn, welches ausdunſten kan. Und demnach moͤgen Flecken in Planeten zu ſe - hen ſeyn, von welcher Art ſie wollen, ſo ſind ſie doch allzeit ein gewiſſes Kennzeichen, daß Waſſer im Planeten vorhanden: ſind ſie aber veraͤnderlich, ſo ſiehct man daraus zu - gleich, daß um den Planeten eine Lufft iſt, darinnen Duͤnſte aufſteigen koͤnnen. Und deswegen wollen wir nur noch bloß erzehlen, was man in dieſem Stuͤcke von den uͤbrigen Planeten obſerviret. Nemlich Caſſini hat A. 1675, und 1677 einen Flecken im Jupi - ter geſehen, woraus er ſeine Bewegung um die Axe von 9 Stunden und 55 Minuten geſchloſſen(d)Idem loc. cit. p. 171 A. 1691 hat er im October noch vier andere Flecken geſehen, daraus er ſeine Bewegung um die Axe von 9 Stun - den und 51 Minuten herausgebracht: wel - ches mit dem vorigen ziemlich uͤbereinkom - met. Ja er hat den 5. Decembr. einen Flecken wahrgenommen, der ſich den 23 Dec. in drey andere zertheilet: woraus zu erſehen, daß er bloß aus einer Verſamm - lung der Duͤnſte in der Jupiters-Lufft muͤſ - ſe beſtanden ſeyn. Ja in ſolgendem Jahrehat219und ihren Monden. hat er noch gar viel veraͤnderliches von den Flecken angemercket und was das merck - wuͤrdigſte, die Bewegung des Jupiters um die Axe meiſtens 9 Stunden und 51 Mi - nuten gefunden(e)Id. loc. cit. p. m. 293. 294. Die Jupiters-Tra - banten ſind ſo klein, daß man vermeinen ſoll - te, es ſey unmoͤglich in ihnen einige Flecken zu entdecken. Unterdeſſen hat ſich doch ein gantz unvermutheter Weg gezeiget, da man dieſes bewerckſtelligen koͤnnen: woraus zu - erſehen, daß es gefaͤhrlich ſey von der Un - moͤglichkeit und Moͤglichkeit einer Sache zu urtheilen. Nemlich es ereignet ſich oͤffters, daß die Jupiters-Trabanten dergeſtalt vor dem Jupiter vorbey gehen, daß ſie in ſei - nem Lichte verſchwinden und nicht eher wieder koͤnnen geſehen werden, als bis ſie von der andern Seite heraus ruͤcken. Wenn nun der Trabante einen Flecken hat; ſo præſentiret er ſich alsdenn im Jupiter, weil uns vorkommet, als wenn das Licht des Trabantens des Jupiters ſeine waͤre, in - dem wir wegen der Weite beyde Coͤrper in einer Flaͤche bey einander ſehen. Derglei - chen Obſervationen hat Maraldi(f)Memoires de l’Acad. Roy des ſcienc. A. 1707 p. m. 375. & ſeqq. gege - ben. Nemlich A. 1707 den 6 Martii ob - ſervirte er durch ein Fernglaß von 34 Schu -hen220Cap. IV. Von den Haupt-Planetenhen den vierdten Jupiters-Trabanten, als er vor dem Jupiter vorbey paßirte, und ſahe mittler Zeit einen dunckelen Flecken ſich durch den Jupiter durch zu bewegen. So bald der Trabante verſchwand, erblickte er in dem Abend Rande den Flecken, und ſo bald der Flecken im Morgen-Rande ſeinen Adſchied nahm, ſtund der Trabante neben ihm und war gegen Morgen zuſehen. Man kan aber um ſo viel weniger argwohnen, als weñ die Zeit von ohngefehr nur mit uͤberein - ſtimmete, weil der Flecken eben die Straſſe durch den Jupiter genommen, die der Trabante gegangen, und ſich gar nicht in einer ſolchen Zeit durch beweget, in welcher ſonſt andere Flecken es zu thun pflegen. Jn eben dieſem Jahre den 4 April. obſervirte er den dritten Trabanten, wie er vor dem Jupiter vorbey ſtrich, und fand abermahls, daß ſich wehrender Zeit ein Flecken durch den Jupiter bewegete. Hingegen da eben derſelbe den 11. April. vor dem Jupiter vorbey paßirte, war nicht der geringſte Fle - cken in ihm zuſehen. Eben dergleichen hat A. 1678 Caſſini mit Roͤmern in den drit - ten, vierdten und erſten Trabanten obſervi - ret(g)Au Hamel in Hiſt. Acad. Reg. Scient. lib. 2 ſect. 6. c. 1. p. m. 183.. Es hat aber nicht allein Maraldiſon -221und ihren Monden. ſondern auch ſchon vor ihm Caſſini(h)loc. cit. wahrgenommen, daß oͤffters der Schatten des Trabantens, den er auf den Jupiter wirfft, groͤſſer iſt als der Trabante ſelbſt. Da dieſe Sterne unſtreitig kleiner ſind als die Sonne und von ihr erleuchtet werden (§. 144), ſo muß auch ihr Schatten kleiner ſeyn als ſie (§. 61. Optic.). Derowegen wenn er groͤſſer ausſiehet, ſo muß der Jupi - ters-Trabante nicht voͤllig Licht haben, daß wir nur einen Theil davon ſehen koͤn - nen. Da ihn nun aber gleichwohl die Sonne von der Seite, die wir ſehen, gantz beſcheinen kan; ſo muß ein Theil davon ſo wenig Licht zuruͤcke werffen, daß wir ihn nicht ſehen. Und alſo hat es Flecken in ihm. Es gehoͤren auch hieher die veraͤnderlichen Streiffen, die von verſchiedenen in den drey oberen Planeten, von denen wir hier re - den, obſerviret worden. Z. E. Hugenius(i)in ſyſtemate ſaturnino p. 7. hat A. 1656 im Mars einen breitenTab. II. Fig. 7 Streiffen geſehen, der mehr als den dritten Theil von ihm einnahm und den mittleren Theil verdunckelte. Er mercket auch an, daß die Streiffen in Jupiter, die von vielen geſehen worden, A. 1656. viel weiter vonFig. 8. einander geſtanden, als ſie ſonſt zu ſtehen pflegen. Sie ſind heller als das uͤbrigevom222Cap. IV. Von den Haupt-Planetenvom Jupiter, unerachtet ſie einige vor dun - ckeler ausgegeben. Caſſini, wie du Hamel in der oͤffters angefuͤhrten Hiſtorie der Aca - demie der Wiſſenſchafftrn erzehlet, hat ver - ſchiedenes von dieſen Streiffen angemercket, welches ich aber hier umſtaͤndlicher zuerzeh - len fuͤr unnoͤthig erachte. Jm Saturnus hatFig. 9. Casſini, der juͤngere, A. 1715 von dem 25 Martii an bis zu Ende des Aprils drey dun - ckele Streiffen obſerviret, dergleichen wir vorhin von dem Jupiter beſchrieben, und die die gantze Zeit uͤber ohne einige Beraͤn - derung geblieben. Keine andere Flecken aber hat er in ihm nicht finden koͤnnen (k). Der mittlere Streiffen war ſo blaß, daß man ihn nicht anders als durch ein Fern - glaß von 114 Schuhen erkennen konnte, und durch dieſes Fern-Glaß ſahe Saturnus eben ſo aus, wie Jupiter durch eines von 34 Schuhen, dadurch man in ihm gleichfalls Streiffen anzutreffen pfleget. Endlich was die beyden Planeten Venus und Mer - curius betrifft; ſo hat in den erſten Caſſini zu verſchiedenen mahlen Flecken obſerviret, aber die ſo undeutlich geweſen daß man ih - ren Umfang nicht wohl unterſcheiden koͤn - nen. Noch merckwuͤrdiger aber iſt, daß er A. 1677 einen hellen Flecken in der Venusge -(c)Memoires de l’ Acad, Roy des ſcienc. A, 1715. p. m. 56223und ihren Monden. geſehen, welcher ſich von Mittage weg her - unter beweget(l)du Hamel in Phil. Vet. & Nov. Tom. 5. p. m. 99.. Mercurius, der ſehr klein iſt und ſich nicht weit von der Sonne weg machet, hat zur Zeit noch nichts veraͤn - derliches in dieſem Stuͤcke gezeiget. Je - doch da Mercurius und Saturnus im uͤ - brigen mit den andern Planeten uͤberein - kommen; ſo iſt auch nicht zu zweiffeln, daß unterweilen ſich Duͤnſte in ihrer Lufft aufzie - hen, ob wir ſie gleich in der Weite als ſie von uns weg ſind, nicht erkennen koͤnnen.
Saturnus hat was beſondersRing des Satur - nus. fuͤr allen andern Planeten, dergleichen wir ſonſt nirgends im Himmel antreffen. Er veraͤndert ſeltſam ſeine Geſtalt und ſiehet noch ſeltſamer aus als er iſt, wenn man kei - ne tuͤchtige Fernglāſer hat, dadurch man ihn obſerviret. Alles was vor A. 1659, da Hu - genius ſein ſyſtema ſaturninum heraus gab, von den Geſtalten des Saturnus in Schrifften bekandt gemacht worden hat viel unrichtiges in ſich, und iſt daher auch kein Wunder, daß weder Hevelius in ſei - nem Tꝛactate de facie Saturni, noch andere die Urſache davon finden koͤnnen. HugeniusTab. III. Fig. 10. hat zuerſt gefunden, daß hauptſaͤchlich dreyerley Veraͤnderungen ſtat finden. Nem - lich 1. erſcheinet er unterweilen, wie die uͤbr -gen224Cap. IV. Von den Haupt-Planetengen Planeten, rundt und mitten durch gehet ein dunckeler Strich. Darnach 2. bekom - met er zwey helle Armen, die zu beyden Seiten angeſetzt erſcheinen, wo vorhin der dunckele Strich durchgieng, und zu beyden Seiten in einer geraden Linie fortgehen, na - he an dem Coͤrper des Saturnus breiter als am Ende, wo ſie ſpitzig zulauffen. Der dunckele Strich hingegen im Saturnus ſte - het etwas hoͤher als die Armen. Endlich 3. ſpalten ſich die Armen und werden in zwey Henckel verwandelt; der Strich aber unter dem unterſten Theile der Henckel tritt im Coͤrper des Saturnus weiter herunter. Jnnerhalb den Henckeln laſſen ſich die Fix -Tab. III. Fig. 11. ſterne ſehen(a)ſyſtem. ſaturn. p. 9. & ſeqq. . Hieraus hat Hugenius gezeiget, daß um den Saturnus herum ein rundter und etwas breiter, aber duͤnner Ring iſt, welcher uͤberall von ihm gleich ab - ſtehet. Denn hieraus laſſen ſich die Ge - ſtalten nicht allein erklaͤren, ſondern auch auf kuͤnfftige Zeiten vorher verkuͤndigen. Casſi - ni, wie du Hamel in mehrerwehnter Hiſto - rie der Academie der Wiſſenſchafften an - fuͤhret, hat dieſen Ring vielfaͤltig obſerviret und Hugenii Meinung richtig befunden. Casſini der juͤngere und Maraldi haben A. 1715 und 1716 den Ring um den Satur - nus auf das ſorgfaͤltigſte obſerviret, weil ſichzu225und ihren Monden. zu derſelben Zeit beſſere Gelegenheit dazu als ſonſt ereignet und viel merckwuͤrdiges davon angemercket(m)Memoir. de l’ Acad. Roy. des ſcienc. A. 1715 p. m. 13. 54. & A. 1716. p. m. 223..
Da ſowohl die Haupt-PlanetenAlle Pla - neten find der Erde aͤhnlich. Saturnus, Jupiter, Mars, Venus und Mercurius, als auch die Neben-Planeten, die Trabanten des Jupiters und Satur - nus, alle insgeſamt finſtere und undurch - ſichtige Coͤrper ſind, die von der Sonne ihr Licht haben (§. 144 & ſq. ); daſie mit einer Lufft umgeben ſind, darinnen Duͤnſte aufſteigen und ſich in Wolcken zuſammen ziehen (§. 146); da ſie Berge haben (§. 145) und alſo aus feſten Lande, dabey aber auch aus Waſ - ſer beſtehen (§. 136); ſo iſt klar, daß ſie alle insgeſamt unſerer Erde aͤhnlich ſind und al - ſo mit ihr zu einer Art der Coͤrper gehoͤren (§. 179. Met.). Man kan es auch kurtz auf folgende Manier erweiſen. Aus dem, was bisher aus den Obſervationen beyge - bracht worden, erhellet, daß dieſe Planeten insgeſamt von einerley Art mit dem Mond ſeyn. Nun iſt der Mond von einerley Art mit der Erde (§. 140) Derowegen muͤſſen auch ſie auch mit unſerer Erde von einerley Art ſeyn.
Weil demnach gewis iſt, daß die Planeten insgeſamt nichts anders als Erd-Kugeln ſind, wir aber ſehen, daß unſe - re Erde mit Kraͤutern und Baͤumen ausge -(Phyſick) Pzieret226Cap. V. Von den Fixſternenzieret und von Menſchen und Thieren be - wohnet iſt; ſo haben wir keine Urſache, wa - rum wir zweiffeln wollten, daß nicht auch die Planeten insgeſamt mit Kraͤutern und Baͤumen ausgezieret und von Menſchen und Thieren bewohnet ſind. Denn wir ſind ja in allen Dingen ſo zu urtheilen ge - wohnet, daß, was wir in einem Dinge von einer gewiſſen Art antreffen, wir auch dieſes einem jeden andern Dinge von eben der Art zueignen. Wer einen Hund aufge - ſchnitten und geſehen, wie er inwendig be - ſchaffen iſt, der zweiffelt nicht im geringſten daran, daß nicht auch andere Hunde e - ben ſo inwendig beſchaffen ſeyn. Und aus dieſem Grunde hat Hugenius in ſeinem Coſmotheoro noch mehreres von den Jnwohnern der Planeten gemuthmaſſet. Jch habe auch anderswo (§. 292 Aſtron. ) gezeiget, daß die Jnwohner der Planeten der Abſicht gemaͤß ſeyn, welche ſelbſt die Gottesgelehrten GOtt bey der Schoͤpffung zueignen.
ES iſt wohl wahr, daß es uns vor - kommet, als wenn die Planeten unter den Fixſternen ſtuͤnden undeben227und Cometen. eben ſo weit wie dieſelben von uns weg waͤ -als die Planeten. ren: allein wer weiß nicht, daß, wenn zwey Eoͤrper von uns weit weg ſind, einer unter ihnen aber doch weiter als der andere, es uns vorkomme, als wenn ſie bey einander ſtuͤnden (§. 85 Optic.). Und dieſes iſt ja die Urſache, warum in den Sonnen Finſter - niſſen es uns vorkommet, als wenn der Mond, der ſich wie eine ſchwartze Scheibe praͤſentiret, in der Sonnen waͤre (§. 102), und warum Venus und Mercurius wie Flecken in der Sonne erſcheinen, auch die Jupiters-Trabanten in dem Lichte des Ju - piters verſchwinden. Derowegen doͤrffen wir den Augen in dieſem Stuͤcke nicht trau - en. Die Planeten bewegen ſich insgeſamt von Abend gegen Morgen, wiewohl ein je - der unter ihnen in ſeiner beſonderen Zeit, um den Himmel herum und ruͤcken von de - nen Fixſternen, wo ſie ſtehen, immer weiter fort zu andern. Wir finden demnach kei - nen ſicherern Grund, daraus wir urtheilen koͤnnen, ob die Fixſterne weiter weg ſind als die Planeten, als wenn wir auf die Be - wegung der Planeten acht geben, ob nicht etwan unterweilen ein Fixſtern von ihnen verdecket wird. Denn das iſt ein richti - ger Grund: ein Coͤrper, welcher einen an - dern decket, muß weiter als er von dem Au - ge weg ſeyn. Kirch hat A. 1679 den 17 Jan. einen Fixſtern in dem ſuͤdlichen HorneP 2des228Cap. V. Von den Fixſternendes Ochſens, den Beyer mit o bezeichnet, von dem Saturnus(a)Miſcellan. Berolinenſ. part. 3. Num. 9. p. 205. & ſeqq. ; Hipparchus A. 241 vor Chriſti Geburt den 4 Sept. den Stern im ſuͤdlichen Fiſche(b)Ptolemæus Almag. lib 2. c. 3. p. m. , den man Aſellum Auſtrinum nennet durch den Ju - piter, und Mæſtlinus das Hertze des Loͤ - wens A. 1574 den 16 Sept. durch die Ve - nus verdecket geſehen(c)Keplorus in Paralip. ad Vitellion. p. 305.. Caſſini hat ob - ſerviret, wie Mars einen Fixſtern verdecket und die Verdeckungen der Fixſterne durch den Mond ſind ſo gemein, daß wir unnoͤthig zu ſeyn erachten ein einiges Exempel hiervon anzufuͤhren. Es iſt alſo aus dieſen Obſer - vationen gewiß, daß Saturnus, Jupiter, Mars, Venus und der Mond unſtreitig un - ſerer Erde naͤher ſind als die Fixſterne. Ob Mercurius jemahls einen Fixſtern verde - cket, habe ich noch nicht finden koͤnnen: al - lein wir werden im folgenden ſehen, daß Mercurius der Erde naͤher iſt als der Sa - turnus, Jupiter und Mars. Derowegen da die Fixſterne von der Erde weiter weg ſind, als dieſe drey Planeten; ſo muͤſſen ſie auch von ihr weiter weg ſeyn als Mercurius.
Die Fixſterne haben ein viel hel -Daß die Fixſterne nicht von der Son - ne er - leuchtet werden. leres Licht als die Planeten, man mag ſie entweder mit bloſſen Augen oder durch Ver - groͤſſerungs-Glaͤſer betrachten. Auch wenn man ſie nur mit bloſſen Augen anſie - het, ſo iſt das Licht der Planeten nur wie der Schein eines geſchnittenen Chryſtalles bey einem Lichte des Abends, hingegen das Licht der Fixſtern vergleicht ſich mit dem Blitzen eines Diamantens. Jenes iſt gantz matt, auch wenn es ſtarck iſt; dieſes hingegen lebhafft. Man betrachte des Abends im Winter den Hunds-Stern, wenn der Mond ſcheinet, oder wenn Jupiter zu - gleich mit ihm am Himmel glaͤntzet; ſo wird man dieſen Unterſcheid gar bald wahrneh - men. Wenn man einen Planeten, ſelbſt den Mond, durch ein Fern-Glaß betrachtet; ſo wird er um ſoviel blaͤſſer, je mehr das Fernglaß vergroͤſſert: hingegen die Fix - ſterne behalten ihr blitzendes Licht auch in dieſem Falle. Da ſie nun aber gleichwohl von der Sonne weiter weg ſind als Satur - nus (§. 150); ſo koͤnnen ſie unmoͤglich von der Sonne erleuchtet werden und vor ſich finſtere Coͤrper ſeyn, die das Sonnen-Licht zuruͤcke werffen.
Es iſt doch aber gleichwohl keinDaß ſie ihr eige - nes Licht haben. anderer helleuchtender Coͤrper im Himmel anzutreffen, von dem ſie koͤnnten erleuchtet werden: denn wenn einer vorhanden waͤre,P 3muͤ -230Cap. V. Von den Fixſternenmuͤſte man ihn entweder durch die groſſen Fern-Glaͤſer entdecken, dadurch man eine ſo groſſe Anzahl der kleineſten Coͤrper, als z. E. die Saturniſche Trabanten ſind (§. 107), anſichtig wird. Derowegen da nichts vorhanden, was ſie erleuchten koͤnnte; ſo muͤſſen ſie ihr Licht vor ſich haben.
Ein Welt-Coͤrper der ſein ei - genes Licht hat, kommet hierinnen mit der Sonne uͤberein (§. 112). Weil wir dem - nach gefunden, daß alle finſtere Coͤrper von einer Art mit der Erde ſind (§. 148) und gar fuͤglich fuͤr Erdkugeln koͤnnen gehalten wer - den; ſo haben wir auch keine Urſache zu zweiffeln, daß auch die Fixſterne mit der Sonne von einer Art ſind (§. 179 Met.). Und demnach werden wir nicht irren, wenn wir ſie fuͤr lauter Sonnen halten.
Die Urſache warumb dieſer Satz vielen wunderlich vorkommet, iſt keine andere als dieſe, daß die Sonne groß aus - ſiehet und den Erdboden ſehr ſtarck erleuch - tet, die Fixſterne aber hingegen gantz kleine ſind und der Erde gar ein wenig es Licht ge - ben. Allein dieſer Zweiffel laͤſſet ſich gar leicht benehmen. Die Fixſterne ſind ſehr weit weg und, muͤſſen daher gantz kleine aus - ſehen (§. 28. Optic. ), auch kan deswegen ihr Licht keine merckliche Erleuchtung ver - urſachen. Es iſt hier nicht der Ort, daß ich von der Weite der Fixſterne handele: denndie -231und Cometen. dieſes gehoͤret in die Aſtronomie, wo man es auch finden kan (§. 575 Aſtron.). Un - terdeſſen kan ich doch ſo viel zeigen, daß ſie gar ſehr weit von der Erde muͤſſen entfernet ſeyn. Hugenius(a)in Coſmotheoro lib. 2. p. m 114. bekraͤfftiget, daß er durch die vortreflichſten Fernglaͤſer die Fix - ſterne nur wie helle Puncte ohne alle Breite gefunden, da doch durch dieſelben die Coͤrper gar ſehr vergroͤſſert geſehen werden. Wenn nun ein Coͤrper viel vergroͤſſert wird und doch noch ſo kleine ausſiehet, wie vorhin; ſo muß er gar ſehr weit von dem Auge weg ſeyn.
Wir ſehen, daß unſere SonneOb umb die Fir - ſterne Planeten ſind. auſſer unſerer Erde noch 15 andere finſtere Coͤrper erleuchtet (§. 133. 141 & ſeqq. ) und fruchtbahr, und wohnbahr machet (§. 149). Da man nun hieraus erkennet, was GOtt fuͤr eine Abſicht bey der Sonne hat (§. 1029. Met.); ſo ſehen wir mit gutem Grunde, daß auch die uͤbrigen Sonnen zu dem Ende in der Welt ſind, daß ſie finſtere Coͤrper er - leuchten und fruchtbahr und wohnbahr machen ſollen. Weil demnach ein jeder Fixſtern eine Sonne iſt (§. 153); ſo muͤſſen auch um einen jeden dunckele Coͤrper ſeyn, die von ihm erleuchtet und erwaͤrmet wer - den, das iſt Planeten (§. 141 & ſq). Es ſcheinet auch die Erfahrung mit uͤberein zuſtimmen;P 4denn232Cap. V. Von den Fixſternendenn diejenigen Sterne, welche eine Weile ſichtbahr ſind, nach dieſem wieder weiter weggehen, daß ſie nicht koͤnnen geſehen wer - den, und zu gewiſſer Zeit wieder an ihren vorigen Ort kommen (§. 111), haben eine Bewegung in einer in ſich ſelbſtlauffenden Linie wie die Planeten, und iſt daher um ſo viel glaublicher, daß es Planeten ſind, die ſich um Fixſterne als ihre Sonnen bewegen, je naͤher die Zeit, in welcher ſie ihren Lauff vollenden, derjenigen gemaͤß iſt, die unſere Planeten um unſere Sonne zubringen (§. cit.). Man darf nicht meinen, als wenn es deswegen nicht ſeyn koͤnnte, weil der Stern beſtaͤndig in einem Orte des Him - mels verbliebe und ſich nur in einer gera - den Linie von der Erde entfernete; denn in der groſſen Weite, welche die Fixſterne von der Erde haben, kan der Diameter der Bahn nicht viel austragen. Aber eben wegen der groſſen Weite der Fixſterne (§. 575. Aſtron. ) gehet es nicht an, daß wir viele von den Planeten, welche ſich um die Fix - ſterne als ihre Sonnen bewegen, zuſehen bekommen. Es iſt vielmehr ein Wunder, wenn wir einige ſehen ſollten, als wenn wir keine ſehen. Jch ſage mit Fleiß: wenn wir einige ſehen ſollten: denn ich kan eben noch nicht fuͤr gantz gewiß ausgeben, daß die vorhin angefuͤhrte Sterne Planetenſind,233und Cometen. ſind, die ſich um die Fixſterne als ihre Son - nen bewegen.
Es ſind einige Fixſterne, die be -Daß die voͤllige Ver - ſchwin - dung und neue Er - ſcheinung der Fix - ſterne viel zuſagen haben. ſtaͤndig am Himmel geleuchtet, gaͤntzlich verſchwunden und hingegen andere von neuem kommen, die vorher nicht da gewe - ſen (§. 110). Da nun ein jeder Fixſtern eine Sonne iſt (§. 153), der vermuthlich ſei - ne Planeten um ſich hat (§. 155) ſo iſt es nicht ein geringes, wenn Fixſterne verſchwinden und entſtehen. Man bedencke, wenn un - ſere Sonne aufhoͤren ſollte zu ſcheinen, o - der wenigſtens von der Erde weiter ge - hen, als ſie jetzund ſtehet, was veraͤnderli - ches auf dem Erdboden und in den uͤbrigen Planeten erfolgen wuͤrde? Ja man bedencke, was ſich auf dem Erdboden und in den uͤbri - gen Planeten zutragen wuͤrde, wenn eine neue Sonne zu ihnen kaͤme? So wird man die Wichtigkeit dieſer Begebenheit gar bald begreiffen.
Wenn ein Fixſtern verſchwin -Was den Firſter - nen bey derglei - chen Ver - aͤnderun - gen wie - derfaͤh - ret. den ſoll, ſo muß er ſich entweder weiter von der Erde weg bewegen, daß man ihn wegen der allzugroſſen Weite nicht mehr ſehen kan, oder er muß zu druͤmmern gehen und die Materie davon verſtieben, oder er muß ſein Licht verlieren und ein dunckeler Coͤrper werden. Gleichergeſtalt wenn ein neuer Fixſtern entſtehen ſoll, der vorher nicht da geweſen, wo man ihn ſiehet, ſo muß er ent -P 5we -234Cap. V. Von den Fixſternenweder aus einem weit entlegenem Orte, wo wir ihn nicht haben ſehen koͤnnen, ſich naͤher zu uns bewegen, oder er muß von neuem erſchaffen werden, oder es muß ein duncke - ler Licht bekommen und zu einem leuchten - den werden. Daß die Fixſterne dadurch verſchwinden, weil ſie zuweit von uns weg - gehen, und dadurch andere von neuem ent - ſtehen, weil ſie naͤher zu uns kommen; ſchei - net nicht glaublich zu ſeyn, weil dieſe Ver - aͤnderungen ſich gar ſehr ſelten ereignen und inſonderheit diejenigen verſchwinden, welche nicht viel hunderte, ſondern wohl etli - che tauſend Jahre am Him̃el geſtanden, auch an den Orten ſich neue ſehen laſſen, wo man wenigſtens in 2000 Jahren, ſo weit man nemlich aus dem Catalogo des Hipparchi Nachricht hat, keinen geſehen. Da ein jeder Fixſtern eine Sonne iſt, wie man aus der Aſtronomie erlernet, und weit groͤſſer als un - ſere Erde; ſo laͤſſet ſichs auch nicht wohl be - greiffen, wie er ſollte in eine Materie aufge - loͤſet werden, die durch die Himmels-Lufft zerſtreuet wuͤrde. Wenn ein Flecken in der Sonne aus einander faͤhret, der nur eine duͤnne Wolcke iſt; ſo kan man es ſehen (§. 113). Sollte nun ein dicker und groſſer Coͤrper aus einander fahren, ſo wuͤrde die - ſes da die Natur keinen Sprung thut (§. 686. Met.), auch verſchiedenes auf den Erd - boden zu obſerviren geben, dergleichen gleich -wohl235und Cometen. wohl nicht geſchiehet. Es bleibet demnach nichts uͤbrig, als daß die Fixſterne, welche verſchwinden, aus leuchtenden Coͤrper dun - ckele werden, wie die Planeten ſind (§. 141. & ſq). Und auf ſolche Weiſe muͤſſen hinwieder - um aus dunckelẽ Coͤrper oder Planeten leuch - tende werden, dergleichen die Sonne iſt, wenn neue Fixſterne entſtehen (§. 153). Da es nun aber mit dem Verſchwinden der al - ten Fixſterne und der Erſcheinung der neuen eine ſolche Bewandnis hat; ſo darf man ſich nicht verwundern, daß man dieſe Art der Veraͤnderung ſo ſparſam obſerviret. Man ſiehet uͤbrigens hieraus, daß auch die Welt-Coͤrper ſelbſt nichts beſtaͤndiges ſind, ſondern ſo wohl als die beſonderen Arten derſelben in ihnen Veraͤnderungen erdul - den muͤſſen, unerachtet ſie in vielen tauſend Jahren ſich kaum ereignen. Dieſe wich - tige Wahrheit ſollte die Sternkundigen an - treiben, daß ſie auf die Fixſterne mit allem Fleiſſe acht gaͤben und ſie auf das genaueſte den Nachkommen zuzehleten, damit ſie von derſelben mehrere Gewisheit erhielten, als wir in unſeren Zeiten davon haben koͤn - nen.
Es haben ſich auch Sterne ſehenVon neu - en Ster - nen. laſſen, die beſtaͤndig an einem Orte des Himmels ſtehen blieben und nicht mehr wieder kommen, nachdem ſie einmahl ver - ſchwunden. Ein ſolcher Stern iſt zu denZei -236Cap. V. Von den FixſternenZeiten Hipparchi erſchienen 125 Jahr vor Chriſti Geburt, wovon er Anlaß genom - men die Fixſterne zu obſerviren und einen Catalogum daruͤber zuverfertigen, damit die Nachkommen inne werden koͤnnten, ob einige von den Fixſternen untergehen und andere neue wieder hervor kommen und ob ſie auch ſonſt einige Veraͤnderungen leiden, oder nicht(a)Plinius lib. 2. c. 16.: worinnen er auch ſeinen Zweck erhalten hat (§. 110). Unter allen neuen Sternen iſt keiner ſo merckwuͤrdig als derjenige, welcher zu den Zeiten Tycho - nis de Brahe, A. 1572 bis in den Martium 1574, in dem Geſtirne der Casſiopea er - ſchienen, welcher ihm ebenfalls wie dem Hipparcho Gelegenheit gegeben hat die Fixſterne von neuem zu obſerviren und ei - nen neuen Catalogum davon zu verferti - gen. Und dieſer Stern iſt die Materie, da - von er in dem erſten Theile ſeiner Progym - naſmatum Aſtronomiæ inſtauratæ ge - handelt, ob er zwar viel andere zur Aſtro - nomie dienliche Sachen bey Gelegenheit mit hinein bringet. Es war dieſer Stern, wie die uͤbrigen Fixſterne gantz rund und hat - te keinen Schweiff wie die Cometen, blieb auch die gantze Zeit, da er zuſehen war, an einem Orte des Himmels unbeweglich ſte - hen und aͤnderte nicht im geringſten ſeinenStand237und Cometen. Stand gegen die andern Fixſterne, die um ihn herum waren. Er warf Strahlen, wie andere groſſe Sterne und war anfangs groͤſſer als Sirius und der helle Stern in der Leyer, ja auch gar noch etwas groͤſſer als Jupiter, wenn er zu Mitternacht er - ſcheinet, in welchem Stande gegen die Er - de er am groͤſten zu ſeyn pfleget. Er kam bey nahe an Groͤſſe der Venus bey, wenn ſie der Erde am naͤchſten iſt, und konnte nicht allein des Nachts durch dicke Wolcken ge - ſehen werden, wenn man ſonſt keinen Stern ſahe, ſondern die ein ſcharffes Ge - ſichte hatten, erblickten ihn auch bey Tage. Nach dieſem nahm er ab und ward an Groͤſſe dem Jupiter gleich, nach einiger Zeit darauf ward er wie Sirius und der hel - le Stern in der Leyer, endlich wie ein Stern von der andern, dritten, vierdten, fuͤnfften u. ſechſten Gꝛoͤſſe, ja zuletzt ſo klein, daß man ihn gar nicht mehr ſehen konnte. Die Farbe war anfangs weißlicht und glaͤntzend wie helles Licht, nach dieſem gelbe, hierauf roͤth - lich wie Mars und das Ochſen-Auge, wel - ches man Adelbar an nennet. Zuletzt be - kam er eine Farbe wie Saturnus, welche von Tage zu Tage blaͤſſer ward, biß er ſich endlich verlohr(b)Progymnaſ. Aſtron. inſtauratæ Tom. 1. c. 3. p. m. 300-& ſeqq. . Mehrere neue Ster -ne,238Cap. V. Von den Firſternenne, die ſich zu verſchiedenen Zeiten ſehen laſſen, erzehlet der gelehrte Jeſuit Ricciolus(c)in Almag. Nov. lib. 8. ſect. 2. c. 1. f. 130 & ſeqq. . Wo dieſe Sterne herkommen und wo ſie wieder hingehen, laͤſſet ſich zur Zeit noch nicht wohl beſtimmen. Mit unge - gewiſſen Muthmaſſungen aber haben wir nichts zu thun.
Es erſcheinen auch Sterne im Himmel, die haben eine eigene Bewegung wie die Planeten und gehen von einem Fix - ſterne zu dem andern fort: wenn ſie aber ei - ne Weile geſchienen, ſo verſchwinden ſie wieder. Unterweilen haben ſie einen lan - gen Schweiff; unterweilen aber keinen. Und dieſes ſind eben diejenigen Sterne, wel - che man Cometen zu nennen pfleget. Es iſt wohl wahr, daß man ſich insgemein ein - bildet, ein Comete ſey ein Stern mit einem Schweiffe. Allein die Sternkundigen ſe - tzen zwiſchen den neuen Sternen u. Cometen den Unterſcheid, der ſich zwiſchen den Fix - ſternen und den Planeten befindet, daß nem - lich jene beſtaͤndig in einem Orte des Him - mels verbleiben, ſo lange ſie zu ſehen ſind, dieſe aber ſich beſtaͤndig fort bewegen und alle Tage zu andern Sternen fort ruͤcken. Von der erſten Art iſt der Comete von A. 1577, davon Tycho de Brahe den andernTheil239und Cometen. Theil ſeiner Progymnaſmatum Aſtro - nomiæ inſtauratæ geſchrieben; der Co - met von A. 1607 und der von A. 1618, welche dem groſſen Aſtronomo Keplern Anlaß gegeben ſeine drey Buͤcher von den Cometen in Lateiniſcher Sprache aufzuſe - tzen; der Comet von A. 1652 und 1661, denen zu Gefallen Hevelius ſeine Come - tographiam herausgegeben, und der groſſe Comet von 1680 und 1681, davon wir die Obſervationen des beruͤhmten Flamſtedts haben(d)in Hiſtoria cœleſti f. 164 und davon Newton weitlaͤuff - tig handelt(e)in Princip. Phil. Nat. Mathem. lib. 3. prop. 41. p. m. 405. & ſeqq. . Von der andern Art iſt der Comet von A. 1699, den der Jeſuit de Fontenay zu Peckin in China und Casſini und Maraldi zu Paris obſerviret haben, und der in der Geſtalt eines neblichten Sternes von der dritten Groͤſſe zuerſt er - ſchienen.
So viel man bisher CometenOb die Cometen in unſerer Lufft ſind. obſerviret, die haben ſich alle wie das gantze himmliſche Heer innerhalb 24 Stunden um unſere Erde beweget, zugleich mit denen Fixſternen, bey welchen ſie geſtanden, der - geſtalt daß ſie lange oder kurtze Zeit uͤber dem Horizont verblieben, nachdem die Sterne, bey denen ſie zu ſehen geweſen, we -nige240Cap. V. Von den Fixſternennige oder kurtze Zeit uͤber dem Horizont ſich zuverweilen pflegen. Ein Coͤrper der in unſerer Lufft iſt, kan dergleichen Bewegung nicht haben: denn zugeſchweigen, daß man keinen zureichenden Grund anzeigen koͤnnte, warum ſich alle Cometen von Morgen ge - gen Abend auf eben eine ſolche Art wie der Himmel um die Erde bewegeten, indem wir aus den Wolcken ſehen, welche der Bewe - gung der Lufft folgen, daß ſie bald aus die - ſer, bald aus einer andern Gegend herkom - men und ſich bald gegen dieſe, bald gegen eine andere Gegend bewegen; ſo koͤnnte es nicht geſchehen, daß ein Comet, der 12 Stunden und daruͤber uͤber dem Horizont geweſen waͤre, nach Verlauff 24 Stunden von ſeinem Aufgange wiederum von neuem aufgienge, noch auch waͤre es moͤglich, daß ein Comet uͤberall auf dem Erdboden ſo lan - ge als der Stern, bey dem er ſtehet, uͤber dem Horizont geſehen wuͤrde: welches ich an hieſigem Orte nicht wohl deutlicher aus - fuͤhren kan, weil wir mathematiſche Gruͤn - de und die Hoͤhe der Lufft dazu noͤthig haͤtten. Es hat aber auch ſchon Heveli - us dieſen Beweis weitlaͤufftiger ausge - fuͤhret(a)Cometogr. lib. 3. f. 115. & ſeqq. .
Man hat aber auch nicht noͤthig, daß man ſich um dieſen Beweiß ſo gar ſehr bekuͤmmert, indem man andere Gruͤnde hat, daraus man unwiederſprechlich bewei - ſen kan, daß die Cometen von der Erde wei - ter weg ſeyn muͤſſen als der Mond. Heveli - us(b)loc. cit. fol. 105. & ſeqq. obſervirte A. 1652 den 26. Decemb. des Abends um 9 Uhr den Cometen faſt in einer geraden Linie mit zweyen Fixſternen im Fuſſe des Perſeus. Um eben dieſelbe Zeit hat Bullialdus zu Paris, und noch an - dere haben ihn zu Coppenhagen, Koͤnigs - berg, Muͤnſter, Leyden, Bruͤſſel, Bonn⃒ und an andern Orten in eben dem Stande ob - ſerviret. Nun iſt aus den Sonnen-Fin - ſterniſſen bekandt, daß man den Mond, der die Finſternis verurſachet, nicht zu gleicher Zeit fuͤr die Sonne treten ſiehet, denn ſonſt muͤſſen ſich die Sonnen-Finſterniſſe zu glei - cher Zeit an allen Orten anfangen und auf - hoͤren. Derowegen iſt klar, daß der Come - te von der Erde weiter weg iſt als der Mond. Waͤre er nur ſo weit weg wie der Mond, ſo muͤſte man ihn zu einer Zeit an verſchiedenen Orten bey verſchiedenen Sternen ſehen.
Nachdem Tycho(a)Progymnaſm. lib. 2. p. 86. Hevelius(b)Cometogr. lib. 2. f. 105. & ſeqq. Daß die Cometen beſtaͤndi - Caſſini(c)in libello de Cometis. und andere den Lauff der Come -(Phyſick) Qten242Cap. V. Von den Fixſternenge Welt - Coͤrper ſeyn.ten genaner unterſucht, ſo hat man gefunden daß er ziemlich ordentlich iſt, ſo daß auch Caſ - ſini(d)Hiſtoire de l' Acad. Roy. des Scienc. A. 1712. p. m. 118, als er A. 1664 den damahls⃒ erſchei - nenden Cometen nur zwey Naͤchte hinter einander in Gegenwart der Koͤnigin von Schweden Chriſtina obſerviret hatte, er ſich zuerſt unterſtund der Koͤnigin auf der Himmels-Kugel den Weg zuzeichnen, den der Comet nehmen wuͤrde und 6 Tage vor - her zu ſagen, wenn er der Erde am naͤchſten kommen wuͤrde, wo er wuͤrde ſtehen bleiben, wo er wuͤrde ruͤckgaͤngig werden und wo er endlich verſchwinden wuͤrde: welches mit Verwunderung derer, die darauf acht hat - ten, und zum Spotte derjenigen, die daruͤ - ber lachten, in allem eintraff. Und als er das Jahr darauf den folgenden Cometen obſervirte, gab er innerhalb 8 bis 10 Tage eine Taffel heraus, darinnen der Lauff deſſelben Tag fuͤr Tag aus - gerechnet zu finden war: von welcher Rechnung er nach dieſem den Grund in ſei - nem Buͤchlein von dem Cometen anzeigete, welches er noch in ſelbigem Jahre zu Rom drucken ließ und der Koͤnigin von Schwe - den dedicirte. Ja der groſſe Comet, wel - cher A. 1680 und 1681 erſchien, gab einem gelehrten Prediger im Vogtlande, Geor - ge Samuel Doͤrffeln, der ein geſchickter Aſtronomus war, wie aus der einigenPro -243und Cometen. Probe zu erſehen, die er in den Actis Eru - ditorum(d)A. 1685. p. 571. & ſeqq. gegeben, Anlaß zu zeigen in einer A. 1681 von dieſem Cometen heraus - gegebenen Schrifft, daß die Cometen in ih - rer Bewegung eben diejenigen Geſetze obſer - viren, welche Kepler(e)in Commentario de ſtella Martis. von den Planeten gefunden: welches auch naͤch dieſem New - ton in Engelland(f)in princ. Phil. Nat. Mathem. lib. 2. p. 480 & ſeqq. edit. A 1687. weitlaͤufftiger ausge - fuͤhret. Und Halley(g)in Synopſi Cometiea, quæ legitur in A - ctis Erud. A. 1707 p. 218 hat nach dieſem gezeiget, wie man nach dieſer Theorie den Lauff der Cometen, wenn ſie erſcheinen, noch richtiger ausrechnen koͤnne, als Caſſini an - gewieſen. Weil demnach die Cometen ſich nach eben den Geſetzen um die Sonne bewegen, wie die Planeten; ſo ſcheinet es gar nicht glaublich zu ſeyn, daß ſie von ohn - gefehr in der Himmels-Lufft wie eine Wol - cke ſollten erzeiget werden, wie zuerſt Kep - ler(h)im Bericht don dem A. 1607 erſchienenen Co - meien. ausgedacht und nach dieſem Heve - lius(i)Cometogr. lib. 7. f. 352. & ſe qq. behauptet. Vielmehr iſt wahr - ſcheinlicher, daß ſie ſowohl als die Planeten unter die beſtaͤndigen Welt-Coͤrper gehoͤ - ren. Dieſes wird noch mehr dadurch be -Q 2kraͤff -244Cap. V. Von den Fixſternenkraͤfftiget, daß man aus dem Lauffe der Co - meten wahrgenommen, daß ſie wieder kom - men. Alſo haͤlt Caſſini den Cometen, der A. 1680 erſchienen, fuͤr einerley mit demje - gen, den Tycho A. 1577 obſerviret. Beyde haben ſich anfangs in einem Tage 4 Grad 16 Min. beweget, in beyden hat die Bewe - gung auf einerley Art abgenommen. Als der erſte verſchwand, bewegete er ſich nur 16 Minuten: als der andere ſeinen Ab - ſchied nahm, war ſeine Bewegung 18 Min. Beyde giengen durch die Ecliptick in dem 21 Grade des Schuͤtzen und ihre Bahn durch - ſchnitt ſie unter einem Winckel, ingleichen den Æquatorem unter einem Winckel von 33 Graden in dem 300 Grade von dem Anfange des Widders an gerechnet. Bey - de ſind unter einerley Fixſternen fortgegan - gen. Eben ſo haben die Cometen von A. 1665. 1672 und 1677 faſt einerley Bahn gehabt und Caſſini hat nach fleißiger Erwe - gung aller Cometen, die jemahls erſchie - nen und davon einige Obſervationen vor - handen, befunden, daß die Cometen wie die Planeten einen beſondern Thier-Kreiß haben, welchen er in folgenden Verſiculn beſchreibet:
Antinous, Pegaſusque, Andromeda, Tau - rus, Orion, Procyon atque Hydrus, Centaurus, Scorpi - us, Arcus.
End -245und Cometen.Endlich kommet hierzu, daß die Cometen bloß deswegen verſchwinden, weil ſie zuweit von uns weg gehen, daß wir ſie nicht mehr ſehen koͤnnen: denn als der Comet von A. 1680 und 1681 mit bloſſen Augen nicht mehr konnte geſehen werden, ſahe man ihn noch durch ein Fernglaß.
Die Cometen ſehen gantz blaßOb die Cometen ihr eige - nes Licht haben. aus, wenn man ſie durch Fern-Glaͤſer anſie - het. Hivelius(a)Cometogr. lib. 8. f. 576. mercket an, daß ſie ihm wie blaſſe Wolcken ausgeſehen. Als Flammſtedt den Cometen, der A. 1677 er - ſchien, den 23 April durch ein Fernglaß von 16 Schuhen betrachtete, ſahe er ihm noch blaͤſſer aus als Saturnus. Es war auch der Kopff nicht recht rundt, ſondern etwas rauhe und ſein ſcheinbahrer Diameter kaum von einer Minute(b)Hiſtoriæ cœleſt. lib. 1. part. 3. f. 108 (ct ibid. f. 105.. Als er den Come - ten A. 1680 den 21 Dec. durch das Fern - glaß betrachtete, fand er keinen Stern im Kopffe, ſondern nur ein ſchwaches Licht in der Breite ohngefehr von einer Minute, welches dem nebelichten Sterne in dem Gurte der Andromeda ſehr nahe kam, a - ber zwey mahl ſo groß war. Mit bloſſen Augen ſahe der Stern im Kopffe von der dritten Groͤſſe aus(c)ibid. f. 105.. Der Kopff des Co -Q 3me -246Cap. V. Von den Fixſternenmetens A. 1683 ſahe durch ein Fernglaß von 7 Schuhen undeutlicher aus, als durch eines von drey Schuhen, noch un - deutlicher aber durch Fernglaͤſer von 16 und 26 Schuhen. Der ſcheinbahre Dia - meter war kaum 20 Secunden(d)ibid. f. 111.. Wei - gel hat den Cometen von A. 1664 mit dem Monden und einem Woͤlcklein, ſo von der Sonne am Abend-Horizont erleuchtet ward, durch ein Fernglaß zugleich betrach - tet, und ihn der Wolcke aͤhnlicher, als dem Mond gefunden(e)in der Fortſetzung des Himmels-Spiegels c. 11. §. 5. p. 06.. Weil demnach die Cometen ein ſo gar blaſſes Licht haben und daſſelbe abſonderlich durch die Fernglaͤſer ſich ſo mercklich ſchwaͤchen laͤſſet, wie mit dem Lichte der Planeten geſchiehet, die es nur von der Sonne geborget haben (§. 141 & ſeqq. ); ſo ſcheinet es mehr als zu glaub - lich, daß ſie kein Licht vor ſich haben. Am allermeiſten bekraͤfftiget dieſes der Comet, welcher A. 1450 erſchienen, als welcher mit ſeinem Schatten den vollen Mond verfin - ſtert(f)Georgius Phranza Hiſtor. lib. 5. c. 21.. Ein Coͤrper, der einen Schatten wirfft, kan kein leuchtender Coͤrper ſeyn. Weil aber auch der Schatten dem Lichte gegen uͤber geworffen wird, ſo muß der Co -met247und Cometen. met damahls demjenigen Coͤrper ſeinen Schatten gegen uͤber geworffen haben, der ihn erleuchtet. Sein Schatten fiel auf den vollen Mond, welcher der Sonne ge - gen uͤber ſtund, und alſo der Sonne gegen uͤ - ber. Derowegen muſte er von der Sonne ſein Licht haben. Ja wenn man nur ein - mahl weiß, daß der Comete ſein Licht anders woher hat, ſo braucht es keinen weitern Be - weiß, daß er es von der Sonne hat, maſſen kein anderer leucht ender Coͤrper als die Son - ne vorhanden, die ihn erleuchten koͤnnte.
Weil der Comet von A. 1450 denDaß nicht alle Cometen einerley Weite von der Erde ha - ben. Mond durch ſeinen Schatten verfinſtert, ſo muß er der Erde naͤher geweſen ſeyn als der Mond, denn ſonſt waͤre ſein Schatten ne - ben ihm weg gefallen. Hingegen muͤſſen die Cometen von A. 1664 und 1683 von der Erde weiter weggeweſen ſeyn als die Sonne. Denn ſie hatten volles Licht, un - erachtet ſie von der Sonne nicht weiter als 22 Grad entfernet waren. Ein Coͤrper, welcher der Erde naͤher iſt als die Sonne, kan nicht eher volles Licht haben, wenn er von ihr erleuchtet wird, als bis es 180 Gr. von ihr entfernet, daß die Erde mitten zwi - ſchen der Sonne und ihm ſteher, wie wir an dem Mond ſehen: denn alsdenn gehet es an, daß wir die gantze erleuchtete Helffte ſe - hen koͤnnen. Und dannenhero iſt es allzeit ein gewiſſes Kennzeichen, daß ein Coͤrper,Q 4der248Cap. V. Von den Fixſternender von der Sonne erleuchtet wird, weiter weg ſeyn muß als ſie, wenn er noch nicht 180 Grad von ihr weg iſt und doch volles Licht hat. Denn alsdenn mag er ſtehen, wo er will, ſo kehret er der Erde eben diejenige Helffte zu, die er gegen die Sonne wendet, folgends diejenige, welche von ihr beſchienen wird.
Weil der Kopff der Cometen, wenn er viel vergroͤſſert wird, nicht rund und eben verbleibet, ſondern gantz undeutlich wird, ja eben ſo wie eine von der Sonne er - leuchtete Wolcke ausſiehet (§. 163); ſo ſchei - net es nicht glaublich daß er ein recht dichter Coͤrper iſt. Es braucht aber noch mehrere Obſervationen, ehe man von ſeiner ei - gentlichen Beſchaffenheit etwas zuverlaͤßi - ges ſetzen kan.
Durch den Schweif der Come - ten hat man die Fixſterne ſehen koͤnnen(a)Hevelius Cometogr. lib. 8. f. 516. 517. Er beſtehet demnach aus einer duͤnnen Materie, wie eine duͤnne Wolcke, durch die man gleichfalls die Sterne erblicket. Dieſe Materie muß unterſchieden ſeyn von dem uͤbrigen Himmel. Denn der uͤbrige Him - mel leuchtet nicht, wie der Schweiff der Co - meten. Weil der Comete kein eigen Licht hat, ſo ſiehet man leicht, daß auch der Schweiff keines haben kan, und alſo aus ei -ner249und Cometen. ner Materie beſtehet, die das Licht reflectiret, folgends dichter iſt als die Himmels-Lufft. Her Newton hat durch mathematiſche Gruͤnde von der Bewegung dargethan(b)Prineip. Phil. Nat. Mathem. lib. 3. p. 469. edit. poſt. , daß die Materie des Schweiffes von dem Kopffe des Cometens aufſteiget und ſol - chergeſtalt eine Art der Ausduͤnſtungen iſt, die ſich von der Soñe weg bewegen, wie der Rauch von der Erde. Weil dieſer Dampf aus den Cometen nicht aufſteigen koͤnnte, wenn keine Lufft vorhanden waͤre; ſo muß, da der Schweiff ſehr lang iſt, und ſie alſo ſehr hoch aufſteigen koͤnnen, eine ſebr groſſe Lufft um den Cometen herum ſeyn. Da nun der Stern, welcher im Kopffe iſt und der Kern genennet wird, in Anſehung die - ſer Lufft gantz kleine iſt, die Lufft aber den Sonnen-Strahlen ihren Durchgang nicht verwehret; ſo kan auch der Schweiff von der Sonne erleuchtet werden und dieſes um ſo vielmehr in denen Faͤllen, wo derſelbe von der Axe des Sternes abweichet.
Wenn demnach gewis iſt, daßWarumb nicht oͤff - ters Co - meten er - ſcheinen. die Cometen eine beſondere Art der Plane - ten ſind, die ſich um die Sonne bewegen; ſo werden einige fragen, woher es denn kom - met, daß gleichwohl dieſelben nicht oͤffters erſcheinen. Es iſt demnach zu mercken,Q 5daß250Cap. V. Von den Fixſternendaß ſie ſich dergeſtalt um die Sonne bewe - gen, daß ſie von der Seite gegen die Erde wenig von ihr weggehen, bingegen von der andern Seite weit uͤber den Saturnus hin - aus ſchweiffen. Und da ſolchergeſtalt ihr Weg um die Sonne ſehr groß iſt, ſo koͤnnen ſie auch nicht bald wieder kommen, wenn ſie einmahl da geweſen. Kommet doch Saturnus erſt in 30 Jahren wieder in den Ort, wo wir ihn heute erblicket. Wenn nun aber ein Comet wieder kommet, ſo kan es ja ſo wohl des Tages geſchehen, als des Nachts. Jn dem erſten Falle koͤnnen wir ihn nicht ſehen. Derowegen wenn er ei - nige mahl des Tages wieder kommet, ſo kan er etliche hundert Jahr auſſen bleiben, ehe wir ihn wieder anſichtig werden. Wir doͤrffen aber um ſoviel weniger zweiffeln, daß er ſowohl des Tages als des Nachts wieder kommen kan, da man findet, daß bey einer groſſen Sonnen-Finſternis einsmahls ein Comete im Himmel geſehen worden(c)Hevelins Cometogr. lib. 8. f. 450.. Und Herr Newton hat erwieſen(d)loc. cit. p. m. 444, daß die Cometen mehr bey Tage als des Nachts wieder kommen muͤſſen.
Da man in neueren Zeiten ge - lernet, daß die Cometen nicht in unſere Luft, ſondern weit davon im Himmel erhabenſind,251und Cometen. ſind, ſo iſt auch die Meinung weggefallen,Erdbo - den wuͤr - cken. daß ſie etwas auf dem Erdboden veraͤnderli - ches hervor bringen koͤnnten. Denn es kommet von ihnen nichts zu uns als das we - nige ſchwache Licht, welches ſie herab refle - ctiren. Da nun dieſes Licht eben dasjeni - ge iſt, welches die Planeten auf dem Erdbo - den zuruͤcke werffen; ſo koͤnnen wir uns nicht groͤſſere Gefahr von ihm einbilden, als wir bey dem Lichte der Planeten finden, bey dem wir keine erfahren. Zu dem iſt es ja eben das Sonnen-Licht, welches von der Sonne ſelbſt in groſſer Menge herab flieſſet. Da uns daſſelbe in groſſer Menge nicht Schaden, ſondern uͤberfluͤßigen Nutzen bringet, ſo kan es auch dadurch keinen Schaden verurſachen, daß es wenig und ſparſam kommet. Was ſchwaches Licht wuͤrcket, muß das ſtaͤrckere in einem ſo viel groͤſſeren Grade wuͤrcken, je ſtaͤrcker es iſt.
Wenn man aber fraget, ob dieOb die Cometen etwas be - deuten. Cometen als ein Zeichen etwas boͤſes, oder gutes bedeuten; ſo kan man leicht mit nein antworten. Denn was ſich um den Erd - boden herum bewegen und an allen Orten geſchen wird, das kan keinem gewiſſen Lan - de, noch auch einer gewiſſen Stadt etwas bedeuten. Man findet nicht genungſamen Grund, warum ſich dieſes Zeichens mehr dieſer, als ein anderer Ort anzunehmen hat. Soll252Cap. V. Von den FixſternenSoll man aus dem Ausgange urtheilen, daß dieſes ein Zeichen fuͤr den Ort geweſen, wo eine ungluͤckliche Veraͤnderung darauf er - folget; ſo geſchehen ja auch dergleichen Veraͤnderungen ohne vorhergehende Er - ſcheinung eines Cometens, oder eines an - dern vermeinten Wunderzeichens. Warum ſoll man demnach den Cometen als einen Ungluͤcks-Propheten anſehen. Hierzu kom - met, daß mehr Cometen bey Tage erſchei - ſcheinen, die wir wegen des Sonnen-Lich - tes nicht ſehen koͤnnen, als bey Nachte, da ſie ſichtbahr ſind. Warumb ſoll nun ein - mahl der Comete ein Vorbothe des Un - gluͤcks ſeyn, das andere nicht? Ja wir wiſ - ſen auch, daß unterweilen Cometen erſchei - nen, die niemand zuſehen bekommet, als ei - nige Aſtronomi, die alle Nachte bey hellem Himmel auf der Hut liegen und darauf acht geben, ob ſich im Himmel etwas veraͤnder - liches ereignet (§. 159). Wenn nun dieſe Cometen ein Zeichen ſeyn ſollten des heran - nahenden Ungluͤcks, ſo muͤſten ſie ja nicht fuͤr der meiſten Augen, ja oͤffters fuͤr aller Augen verborgen bleiben; ſind ſie aber kei - nes, warum ſollen nur einige von ihnen ein Zeichen ſeyn, die andern hingegen nicht, da ſie doch insgeſamt eine Art der Coͤrper ſind und aus einerley Urſachen der Erde nahe kommen. Man ſiehet gar bald, daß, dieſe Meinung gantz ungegruͤndet iſt. Ebender -253und Cometen. dergleichen kan man von den neuen Ster - nen ſagen, wie derjenige war, der zu den Zeiten Tychonis de Brabe erſchien. Denn unerachtet Peucerus damahls vermeinet, es ſey derſelbe Stern ein Vorbothe des Unter - ganges der Welt(a)Tycho Progymnaſm. lib. 1. p. m. 607.; ſo hat doch der Aus - gang gewieſen, daß er der Erde nicht ſo ge - faͤhrlich geweſen, wie man ſich ihn dazumahl eingebildet.
NAch dem wir die Arten der Welt -Verſchie - dene Weite der Pla - neten um die Erde. Coͤrper haben kennen lernen, ſo will ferner noͤthig ſeyn, daß wir unterſuchen, wie das Welt-Ge - baͤude aus ihnen zuſammengeſetzet iſt. Da - mit wir nun den Bau ſo ausfuͤhren, wie er wuͤrcklich vorhanden, und nicht nach unſeren Ein bildungen uns eine Welt erdichten, die nirgends auſſer uns zu finden: ſo wollen wir uns beſtaͤndig an die Obſervationen halten und nichts zuge ben, als was wir vermoͤge ihrer einraͤumen muͤſſen. Wir mercken demnach fuͤr allen Dingen an, daß die Planeten nicht einerley Weite vonder254Cap. VI. Von demder Erde haben, ſondern einer immer wei - ter weg iſt als der andere. Damit wir nun finden, welche unter ihnen naͤher, wel - che aber weiter weg ſind; ſo wollen wir uns eben desjenigen Grundes bedienen, den wir oben ſo nuͤtzlich befunden, als wir zuwiſ - ſen begehrten, ob die Fixſterne weiter weg waͤren als alle Planeten (§. 132). Wir wollen nemlich ſehen, welche Planeten uns, die wir auf dem Erdboden ſind, andere ver - decket haben. Wir finden dergleichen Obſervationen bey Keplern(a)in Paralipom. ad. Vitſllion. p. 305., als wel - cher anfuͤhret, daß A. 1563 Saturnus durch den Jupiter, A. 1591 den 9. Jan. Jupiter durch den Mars, A. 1590 den 3 Oct. Mars durch die Venus und A. 1599 den 8 Jan. durch den Mercurius verdeckt worden ſey. Verdeckungen der Plane - ten durch den Mond findet man in ſo groſ - ſer Menge, daß nicht noͤthig iſt einige da - von ins beſondere anzufuͤhren. Venus und Mercurius verdecken unterweilen ein Stuͤcklein von der Sonne (§. 141) und der Mond verdeckt uns in Finſterniſſen die Sonne (§. 132). Es iſt demnach klar, daß der Mond der Erde naͤher iſt als alle uͤbri - ge Planeten, Venus und Mercurius un - terweilen naͤher ſind als die Sonne, hin - gegen Mars weiter weg iſt als Venus undMer -255Welt-Baue. Mercurius, Jupiter weiter als Mars und endlich Saturnus weiter als Jupiter. Man kan auch einiges noch auf andere Art erweiſen. Saturnus, Jupiter und Mars ſcheinen mit vollem Lichte, wenn ſie bey der Sonne gantz nahe ſtehen, und werden gleichwol von ihr erleuchtet (§. 143. 144). De - rowegen muͤſſen ſie alsdenn weiter von der Erde weg ſeyn, und zwar Saturnus und Jupiter beſtaͤndig, weil ſie immer volles Licht haben; Mars hingegen mehrentheils weil er mehrentheils volles Licht hat. Aus eben dieſer Urſache erhellet, daß unterwei - len Venus und Mercurius von der Erde weiter weg kommen als die Sonne.
Wenn man auf das ab-und zu -Wie ſich Venus und Mer - curius um die Sonne bewegen. nehmende Licht der beyden Planeten Ve - nus und Mercurius acht hat; ſo kan man gar eigentlich ſehen, daß ſie ſich um die Sonne herumb bewegen. Hevelius hat hierzu dienliche Obſervationen aufgezeich - netain Prolegom, Selenogr. f. 68. & ſeqq. , aus welchen man erſiehet, daß, wenn die Venus des Abends bald nach dem Untergange der Sonne zuſehen iſt, ſie volles Licht hat, dieſes aber nach und nach abnimmet, je weiter ſie von der Sonne weggehet (welches niemahls uͤber 47 Grad austraͤget), und im Abnehmen fort faͤhret, wenn ſie gleich wiederum zu der Sonne zu -ruͤcke256Cap. VI. Von demruͤcke gehet; daß ſie ſich mit gantz wenigem Lichte unter die Sonnen-Strahlen ver - birget und, wenn ſie aus ihnen abermahls hervorruͤcket, nur gantz weniges Licht hat; daß es aber beſtaͤndig zunimmet, je weiter ſie von der Sonne als Morgenſtern weg - gehet und noch weiter zunimmet, indem ſie wieder zur Sonne zuruͤcke gehet, biß ſie ſich endlich mit vollem Lichte unter die Sonnen - Strahlen verbirget und in ſolcher Geſtalt des Abends von neuem wieder hervorruͤcket. Wenn die Venus der Sonne nahe iſt und ſcheinet mit vollem Lichte; ſo iſt ſie weiter von der Erde weg als die Sonne: wenn ſie aber wenig Licht hat, ſo iſt ſie der Erde naͤ - her. Derowegen wenn die Sonne des A - bends in der Demmerung zuerſt geſehen wird, ſo iſt ſie von der Erde weiter weg, als die Sonne. Jndem aber ihr Licht immer abnimmet, indem ſie von ihr weiter weg und naͤher zu ihr gehet, ſo kommet ſie die gantze Zeit, da ſie ſichtbahr iſt der Erde naͤ - her. Hingegen da ihr Licht zunimmet, wenn ſie des Morgends von der Sonne weg und wieder zu ihr zuruͤcke gehet; ſo ge - het ſie beſtaͤndig von der Erde weiter weg und von der andern Seite der Sonne kom - met ſie wieder zu ihr weiter herunter. Und auf ſolche Weiſe iſt klar, daß ſich Venus um die Sonne bewegen muß. Auf eine gleiche Weiſe kan man zeigen, daß ſichauch257Welt-Baue. auch Mercurius um⃒ die Sonne beweget. Weil nun aber derſelbe niemahls uͤber 28 Grad von der Sonne weggehet, er mag A - bend-Stern oder Morgen-Stern ſeyn, da hingegen Venus bis 47 ausſchweiffet: ſo beweget ſich Mercurius in einer enge - ren, Venus in einer weiteren Bahn umb die Sonne, und zwar ſchleußt die Bahn, da - rinnen ſich Venus beweget, die Bahn des Mercurius ein. Da aber die Erde nie - mahl zwiſchen die Sonne und dieſe beyde Planeten zu ſtehen kommet, ſo iſt ſie auſſer ihrer Bahn.
Der Neumond ſtehet zwiſchenDaß ſich der Mond bloß um die Erde, nicht um die Son - ne bewe - get. der Erde und der Sonne, wie es die Son - nen-Finſterniſſe geben (§. 132); hingegen wenn Vollmond iſt, ſtehet die Erde zwiſchen dem Monden und der Sonne, wie man aus den Mond-Finſterniſſen am deutlichſten er - meſſen kan (§. 259aſtr.). Da nun dieſes nicht geſchehen kan, als wenn ſich der Mond um die Erde dergeſtalt beweget, daß die Sonne auſſer ſeiner Bahn verbleibet; ſo iſt auch daraus klar, daß man ihm dergleichen Be - wegung zueignen muß.
Wir finden, daß Mars, Jupi -Wie ſich Mars, Jupiter und Sa - turnus um die Sonne bewegen. ter und Saturnus zu Mitternacht im Mit - tags-Circul ſtehen, wenn die Sonne unten den Horizont erreichet. Derowegen ſte - het zu ſelbiger Zeit die Erde zwiſchen ihnen und der Sonne. Unterdeſſen kommen ſie(Phyſick) Rzu258Cap. VI. Von demzu anderer Zeit der Sonne ſo nahe, daß ſie ſich in ihren Strahlen verlieren und mit ihr zugleich den Mittags-Circul erreichen. Da ſie aber gleichwohl weiter von der Erde weg ſind (§. 170); ſo muß alsdenn die Sonne zwiſchen der Erde und dem Planeten ſtehen. Demnach beweget ſich dieſelbe um die Erde und Sonne zugleich. Es iſt aber wohl zu mercken, daß alle drey Planeten der Erde naͤher ſind, wenn ſie zwiſchen ihnen und der Erde ſtehet, und zwar nicht um ein geringes, maſſen Mars ſo gar acht mahl der Erde naͤ - her kommet, als wenn er bey der Sonne ſte - het, wie man aus dem Ab - und Zunehmen ihrer ſcheinbahren Groͤſſe gar eigentlich mercken kan. Und hieraus erhellet, daß ihre Bewegung nicht eigentlich um die Er - de, ſondern vielmehr umb die Sonne ge - ſchiehet, nur daß die Erde innerhalb ihrer Bahn lieget. Alles dieſes giebt ſich gar eigentlich zuerkennen, wenn man die Bahn eines jeden Planetens um die Sonne der - geſtalt beſchreibet, daß die Erde zugleich mit eingeſchloſſen wird: auch hat es Tycho de Brahe ſelbſt erkandt und iſt hierinnen von dem Ptolemæo abgegangen, der ihre Bewe - gung um die Erde ordiniret.
Alle Haupt-Planeten Satur - nus, Jupiter, Mars, Venus und Mercu - curius bewegen ſich um die Sonne (§. 172. 173) und auch zugleich um ihre Axe (§. 146). Nun259Welt-Baue. Nun ſind dieſe Coͤrper alle nichts anders alsAxe bẽ - weget. Erd-Kugeln (§. 148), und die Erde ſtehet mitten unter ihnen um die Sonne herumb (§. 171. 172. 173.). Derowegen wenn wir nach der Wahrſcheinlichkeit urtheilen ſoll - ten, ſo wuͤrden wir nicht anders ſagen koͤn - nen, als daß ſich auch die Erde um ihre Axe bewege und zugleich in einem Jahre um die Sonne herum lauffe. Es bleibet auch fuͤr ſie ein Raum zwiſchen der Venus und dem Mars, wenn die Bahn der fuͤnf Haupt - Planeten (§. 171. 172) um ſie gezeichnet wird. Und wenn man die Bewegung der Erde um ihre Axe und um die Sonne einraͤumet, ſo laͤſſet ſich nicht allein in der Aſtronomie alles verſtaͤndlich erklaͤren, was man von den Bewegungen der Planeten obſerviret; ſondern man kan auch einig und allein dar - aus die Bewegung der Planeten vorher mit einiger Gewißheit ausrechnen, wie Riccio - lusaAſtron. Reform. lib. 10. c. 1. f. 353. 354 zur Gnuͤge erfahren und es auch ſelbſt geſtehen muß, da er Aſtronomiſche Tabellen ausrechnen wollte, die mit dem Himmel uͤberein ſtimmen ſollten, unerach - tet er es gerne geſehen haͤtte, daß es angehen moͤchte, auch alle Muͤhe angewendet, die man hierinnen nur verlangen konnte.
R 2§. 175.260Cap. VI. Von demMan hat in unſeren Zeiten ge - funden, daß die Coͤrper leichter werden, je naͤher man der Linie kommet. Jch achte nicht noͤthig die Hiſtorie davon hier weitlaͤufftiger anzufuͤhren, weil ſie Herr Thuͤmmigain dem Verſuche einer gruͤndlichen Crklaͤrung der merckwuͤrdigſten Begebenheiten in der Ra - tur Num. 1. §. 2. & ſeqq. p. 3. & ſeqq. ausfuͤhrlich beſchrieben und gruͤndlich erklaͤret, auch mit dem Herrn Newtonbin Princip. Phil. Nat. Mathem. p. 386. edit, poſter. von Einwuͤrffen befreyet. Dieſes aber iſt eine unſtreitige Wuͤrckung der Natur, die von der Bewegung der Erde umb ihre Axe herruͤhret. Denn dadurch, daß ſich die Materie, die zum Erdboden ge - hoͤret, mit der Lufft, die ihn umgiebet, und allem, was darinnen iſt, um die Axe der Er - de beweget, bekommet ſie eine Bemuͤhung ſich von dem Mittel-Puncte ihres Circuls, darinnen ſie ſich beweget, zu entfernen, welche Bemuͤhung die Mathematici vim centrifugam zu nennen pflegen. Die Schweere treibet dieſelbe gegen den Mit - tel-Punct der Erde (§. 83) und demnach iſt die ſo genannte vis centrifuga ihr zuwie - der. Zwey wiedꝛige Kraͤffte aber vergerin - gern einander, folgends muß die Bemuͤ - hung, die durch die Bewegung der Erde um ihre Axe erhalten wird, ſich von ihrer Axe,ſol -261Welt-Baue. folgends von dem Mittel-Puncte der Erde zu entfernen, die Schweere vergeringern. Nun hat Hugenius gefunden und ich habe es auch erwieſen (§. 4 Mech. lat.), daß gedachte Bemuͤhung groͤſſer iſt, wenn ſich der Coͤrper in einem groͤſſern, als wenn er ſich in einem kleinern Circul beweget. Dero - wegen da die Linie der groͤſte Circul iſt, der um die Erde herum gehet, die uͤbrigen aber nach und nach zu beyden Seiten abnehmen, je weiter man ſich davon gegen die Pole ent - fernet; ſo muß auch ſie unter der Linie am groͤſten ſeyn und nach und nach immer mehr und mehr abnehmen, je weiter man ſich von der Linie entfernet, folgends wird die Schweere unter der Linie mehr vermin - dert als an allen uͤbrigen Oertern des Erd - bodens, und ſind dannenhero die Coͤrper unter der Linie am leichteſten: von dar an aber werden ſie nach und nach ſchweerer, je weiter man ſich von ihr gegen die Pole ent - fernet. Man erkennet demnach, wie dieſe Begebenheit der Natur ein kraͤfftiges Zeug - nis von der Bewegung der Erde umb ihre Axe ableget.
Wenn man dieſes einraͤumenDaß ſich die Erde umb die Sonne beweget. muß, daß ſich die Erde gleich denen uͤbrigen Planeten innerhalb 24 Stunden von Abend gegen Morgen um ihre Axe beweget (§. 175) und daher es uns vorkommet, als wenn ſich der Him̃el mit der Sonne, dem Mond undR 3den262Cap. VI. Von demden Sternen von Morgen gegen Abend um die Erde beweget, gleichwie es einen in einem jeden andern Planeten vorkommen muß, als wenn ſich alle himmliſche Coͤrper innerhalb der Zeit, da ſein Lauf um die Axe vollendet wird, um ihn herum bewegeten: ſo wird man noch weniger Schwierigkeit finden ihr auch eine Bewegung umb die Sonne innerhalb Jahres-Friſt zu vergoͤn - nen. Man hat deſſen eine Probe an dem Stillſtande und Ruͤckgange der Planeten der ſich bey den oberen u. unteren Planeten mit dem Unterſcheide ereignet, wie es die Bewegung der Erde mit ſich bringet: wie man in der Aſtronomie zeiget (§. 371 Aſtr.). Hooke hat laͤngſt das Vorhaben gehabt die Bewegung der Erde um die Sonne durch einen Verſuch auszumachen, wie wir vorhin ihre Bewegung umb die Axe (§. 175) beſtetigetaAn attempt to prove the annual motion of the earths. . Nach dieſem hat auch der beruͤhmte, Koͤnigliche Aſtronomus in Engelland Flamſtedt von A. 1689 bis 1697 durch Obſervirung des Polar - Sterns dergleichen vorgehabtbWalliſius Oper. Mathem. Tom. III. f. 701. & ſeqq. : darin - nen ſich doch aber noch einige Schwierig -keit263Welt-Baue. keit gefundencMemoires de l’Academ. Roy. des ſcienc. A. 1699 p. m. 247. Endlich hat Caſſini ⃒der juͤngere A. 1717 auf eine beſondere Art die Parallaxin des Sirii oder Hundſterns ge - ſucht und ſie nicht uͤber 6 Secunden ge - fundendMemoir. de l’ Acad. des ſcienc. A. 1717 p. m. 330.: wiewohl die Obſervation auch noch ſo beſchaffen, daß man noch Zweiffel dagegen machen kan, wie auch der beruͤhm - te Koͤnigliche Aſtronomus in Engelland Herr Halley gethanePhiloſ. Tnnsact. Num. 364. p. 1.. Es waͤre frey - lich gut, wenn man durch eine Obſervation, dabey kein Zweiffel uͤbrig bliebe, ausma - chen koͤnnte, daß die Fixſterne eine Paralla - xin haͤtten in Anſehung der Erdbahn, da - rinnen die Erde ſich um die Sonne beweget, denn ſo muͤſte man ihre Bewegung noth - wendig zugeben: allein unerachtet es ſchweer iſt dazu zugelangen, weil es auf ei - ne Kleinigkeit im obſerviren ankommet, und darinnen gar leicht eine Jrrung geſchehen kan; ſo haben wir doch nicht Urſache an ei - ner Sache zu zweiffeln, die durch ſo viele andere Proben beſtetiget wird (§. 176), ob ſie zwar nicht hinreichen eine geometriſche Gewißheit hervorzubringen, als die man alldenn erſt erbellet, wo man einen hart - naͤckigen Wiederſacher gleich bey der wie - drigen Meinung zum Wiederſpruche brin - gen kan.
R 4§ 177.264Cap. VI. Von demWenn wir nun demjenigen nachgehen, was wir bisher erwieſen, ſo laͤſſet ſich der Welt-Bau ohne Muͤhe zu Stande bringen. Man ſetze in S die Sonne, in T die Erde. Wenn man umb die Erde einen Circul beſchreibet, der die Sonne nicht mit einſchlieſſet, ſo hat man die Bahn des Mands (§. 172). Beſchreibet man um die Sonne aus ihr als einem Mittel-Puncte zwey Circul in verſchiedener Weite, daß die Erde auſſer ihnen bleibet: ſo ſtellet der inne - re, welcher der Sonne am naͤchſten iſt, die Bahn des Mercurius, der aͤuſſere aber die Bahn der Venus vor (§. 171). Wenn man nun ferner aus der Sonneum ſie her - um noch 3 andere Circul beſchreibet, die die Erde zugleich mit einſchlieſſen; ſo iſt der innere die Bahn des Mars, der mittlere die Bahn des Jupiters, und der aͤuſſerſte die Bahn des Saturnus (§. 173). Will man um den Jupiter vier, um den Satur - nus aber fuͤnff kleine Circul beſchreiben; ſo ſtellen die erſten die Bahnen der Jupiters - Trabanten, die andere aber der Saturni - ſchen Trabanten vor (§. 106. 107). Endlich wenn man aus der Sonne durch die Erde einen Circul beſchreibet, ſo hat man die Erdbahn (§. 175. & ſeqq. ) und wird da - durch der Raum zwiſchen den Mars und der Venus erfuͤllet. Und dieſes iſt derBau265Welt-Baue. Bau, den Copernicus angegeben und wie er mit den Obſervationen zuſammen ſtim - met.
Da die Fixſterne, welche mitDaß alle Fix - ſterne von der Erde nicht gleich weit weg ſind. bloſſen Augen geſehen werden, von verſchie - dener Groͤſſe ſind und immer ihrer mehr und mehr geſehen werden, je groͤſſer die Fernglaͤſer ſind, damit man den Himmel beſchauet; ſo ſcheinet es gleich wahrſchein - lich zu ſeyn, daß ein Fixſtern von der Erde weiter weg iſt als andere. Wir haben a - ber auch von Caſſini eine Obſervation, da - durch wir daſſelbe ohne Wiederſprechen er - weiſen koͤnnen. Er hat unterweilen obſer - viretaGregorius in Element. Aſtron. ſchol. prop. 54, f. 274., daß der erſte Stern im Widder zuweilen in zwey zertheilet erſcheinet: der - gleichen ſich auch mit dem einen Haupte der Zwillinge zutraͤget. Ja einige in den Ple - jadibus und der mittlere in Orions Schwerdte ſind ihm zuweilen dreyfach, ja vierfach vorkommen. Da es nicht moͤg - lich iſt, daß aus einem Sterne zu gewiſſen Zeiten zwey, drey oder vier werden, ſo muß es bloß aus optiſchen Urſachen ſo vorkom - men. Derowegen muß entweder der Stand der Fixſterne, oder der Stand un - ſerer Erde gegen ſie ſich aͤndern. Die Fix - ſterne aͤndern ihren Stand unter einanderR 5nicht266Cap. VI. Von ⃒demnicht (§. 104): derowegen muß die Er - de ihren Stand gegen die Fixſtern aͤn - dern, nemlich indem ſie ſich um die Son - ne herum beweget (§. 176). Es kommet uns demnach vor als wenn nur ein Stern in einem Orte des Himmels ſtuͤnde, indem ſie mit der Erde in einer Linie ſtehen: denn in dieſem Falle kan einer die uͤbrigen decken. Wenn nun aber ein Fixſtern andere verde - cken kan, daß wir ſie nicht ſehen, ſo muß auch einer von ihnen weiter weg ſeyn als der an - dere. Aber eben hieraus folget, daß ſich die Erde um die Sonne bewegen muß. Denn wenn ſie beſtaͤndig an einem Orte verbliebe, ſo koͤnnte ſie auch ihren Stand gegen die Fixſterne nicht aͤndern, da dieſelben unver - aͤndert am Himmel ſtehen bleiben. Wenn man dieſe Art der Obſervationen fleißiger anmerckte, damit man ſie nach ihren beſon - deren Umſtaͤnden genau erwegen koͤnnte; ſo wuͤrde man auch dadurch zu voͤlliger Ge - wisheit in der Bewegung der Erde um die Sonne kommen.
Alle Fixſterne ſind Sonnen (§. 153) und haben Planeten um ſich (§. ⃒ 155). Da ſie nun nicht einerley Weite von der Sonne haben (§. 178); ſo iſt nicht unglaub - lich, daß auch um einen jeden unter ihnen ein Bau von verſchiedenen Welt-Coͤrpern aufgefuͤhret iſt als um unſere Sonne. Jchweiß267Welt-Baue. weiß wohl, daß Keplerain Epit. Aſtron. Copernic. lib. 1. p. 36 das Wiederſpiel vorgiebet, weil er vermeinet, wir wuͤrden auf ſolche Weiſe nur gantz wenige Sterne zu Geſichte bekommen, indem die andern bald ſo klein wuͤrden, daß man ſie nicht mehr ſe - hen koͤnnte. Allein dieſes wuͤrde gelten, wenn die Fixſterne kein Licht vor ſich haͤtten, ſondern dunckele Coͤrper waͤren, wie die Planeten, welche blos von der Sonne er - leuchtet werden. Da ſie aber lichte Coͤrper ſind, die ihr eigenes Licht haben (§. 152); ſo kan man ſie auch in einer ſolchen Weite erblicken, wo ſich kein dunckeler Coͤrper, er mag ſo ſtarck erleuchtet ſeyn als er will, er - kennen laͤſſet. Es kommet hier nicht auff die Groͤſſe des Sternes an, ſondern auf ſein Licht, ob dieſes ſtarck genung iſt, oder nicht. Unterdeſſen wollen wir eben nicht behaupten, daß um einen jeden Fixſtern e - ben ſo viel Planeten ſeyn muͤſſen als um un - ſere Sonne gefunden werden, und daß ſie in eben ſolchen Entfernungen von ihnen ſich umb dieſelben bewegen. Da die Natur bey aͤhnlichen Dingen immer viel Unaͤhn - lichkeit zuverbergen pfleget (§. 586 ſq. Met.); ſo wird ſich auch hier in dem Baue um eine jede Sonne bey der einen etwas finden, welches bey der andern nicht anzutreffen.
§. 180.268Cap. VI. Von dem Welt-Baue.Wenn man nun die unausſprech - liche Menge der Fixſterne, die man durch das Vergroͤſſerungs-Glaß entdecket, erweget und dabey bedencket, daß deren immer mehr geſehen werden, je groͤſſer das Fernglaß iſt, damit man den Himmel betrachtet; ſo wird man gar leicht erkennen, daß die Welt eine unendliche Groͤſſe hat, die wir ſo wenig mit unſerer Vernunfft als mit unſe - ren Sinnen ermeſſen koͤnnen.
DAß die Erde rundt iſt, wird in derWas die Erde fuͤr eine Fi - gur hat. Geographie erwieſen (§. 2. Geog.). Daß ſie aber nicht die Figur einer Kugel hat, ſondern etwas erhabe - ner in der Mitten bey der Linie, hingegen niedrig gedruͤckter gegen die Pole iſt, haben Herr Newtonain Princip. Philoſ. Nat. Mathem. lib. 3. prop. 10. p. 378 & ſeqq. , und HugeniusbDiſcours ſur la cauſe de la peſantnr p. 113. ſeqq. her - ausgebracht. Nach Hugenii Rechnung iſt der groͤſte Diameter zu dem kleinen wie 578 zu 577: nach Newtons wie 230 zu 229. Und alſo iſt nach dem erſten die Er - de unter der Linie hoͤher als unter den Polen umb $$\frac {1}{577}$$ , nach dem andern umb $$\frac {1}{229}$$ in der neuen Auflage, denn in der erſten macht er den Unterſcheid viel groͤſſer. Wenn wir nun ſetzen, daß der kleine Diameter der Er -de,270Cap. I. Von der Erdede, das iſt, die Linie von dem Pole bis in den Mittel-Punct der Erde, 860 deutſche Meilen haͤlt (§. 15. Geogr.); ſo iſt die Er - de unter der Linie nach Hugenii Rechnung 1 deutſche Meile und $$\frac {49}{100}$$ , nach Newtons Rechnung 1 deutſche Meile und $$\frac {625}{1000}$$ , das iſt, nach jenem bey nahe 1½, nach dieſem et - was uͤber 1½ deutſche Meilen. Man ſiehet hieraus, daß die Erde eben nicht gar ſehr von der Figur einer Kugel abweichet.
Die rundte Figur der Erde kommet von der Schweere her. Denn vermoͤge der Schweere wird die Materie, daraus ſie beſtehet, gegen den Mittel-Punct der Erde getrieben (§. 83) und kan dem - nach in einem Orte nicht hoͤher ſtehen als in dem andern. Wenn nun die Erde ſtille ſtuͤnde, ſo bekaͤme ſie eine kugelrundte Figur, auſſer die Ungleichheit der Flaͤche, ſo durch Berge und Thaͤler entſtehet, welche man a - ber in Anſehung der gantzen Erde fuͤr eine Kleinigkeit achtet. Allein da die Erde ſich um ihre Axe beweget, ſo bekommet die Ma - terie unter der Linie eine groͤſſere Krafft ſich vvn dem Mittel-Puncte der Erde zu entfer - nen, als gegen die Pole (§. 175). Und da - durch wird ſie daſelbſt erhabener als gegen die Pole. Es iſt wohl wahr, daß dieſer Be - weiß bloß gielt, wenn die Materie fluͤßig iſt: allein da die offene See unter der Linie iſtund271uͤberhaupt. und das Waſſer daſelbſt um ſo viel erhoͤhet wird, ſo muͤſſen allerdings auch die Ufer, folgends das feſte Land hoͤher ſeyn als wei - ter gegen die Pole, maſſen ſonſt das Waſ - ſer alles uͤberſchwemmen wuͤrde. Da nun aber auch die Erde dergleichen Figur hat, ſo iſt daraus zu ſchlieſſen, daß ſie einesmahls uͤber und uͤber fluͤßig geweſen ſey.
Man hat ſich vor dieſem ein -Warumb die Be - wegung der Erde umb ihre Axe ſie nicht zer - nichtet. gebildet, daß, wenn ſich die Erde um ihre Axe bewegen ſollte, das Waſſer ſich verſchuͤtten und ein Theil der Erde hieher, das andere dort hin fliegen muͤſte, folgends daß die gantze Erde zu druͤmmern gehen wuͤrde. Al - lein dieſe Furcht iſt vergebens. Denn die Schweere iſt groͤſſer als die Krafft ſich von von der Erde zu entfernen, und ſolcherge - ſtalt haͤlt ſie ſowohl das Waſſer zuruͤcke, daß es nicht verſchuͤttet wird, als auch die feſte Materie, daß ſie nicht wegfliegen und ſich loßreiſſen kan.
Da auch die uͤbrigen Welt -Urſache der rund - ten Figur in den uͤ - brigen Welt - Coͤrpern. Coͤrper eine rundte Figur haben; ſo ſiehet man daraus, daß auch daſelbſt die Mate - rie rings herum gegen ihren Mittel-Punct getrieben wird, folgends eine Schweere hat. Und weil ſie ſich auch um ihre Axe bewegen (§. 117. 146), ſo muß auch ihre Figur von der Kugel etwas abweichen und die Schweere groͤſſer ſeyn als die Krafft, wel - che durch die Bewegung um die Axe entſte -het272Cap. II. Von der Lufft. het von den Mittel-Puncte ſich zu entfer - nen.
DJe Lufft iſt ſchweer (§. 30. 86. T. I. Exper.) und hat eine ausdeh - nende Krafft (§. 52. 80. T. I. Ex - per. ): und dieſes ſind die beyden Eigenſchafften, die man mit ſo vielen Verſu - chen bisher uͤberfluͤßig beſtaͤrcket. Die Ur - ſache der Schweere und ihrer ausdehnenden Krafft muß eben diejenige ſeyn, die andere Eoͤrper ſchweer machet (§. 86 & ſeqq. ) und ihnen eine ausdehnende Krafft mittheilet (§. 101). Wie aber die kleinen Lufft-Theile muͤſſen beſchaffen ſeyn, damit ihnen eine ausdehnende Krafft mitgetheilet werden kan, laͤſſet ſich zur Zeit noch nicht mit Ge - wisheit beſtimmen. Deſſen ungeachtet werden wir die ausdehnende Krafft der Lufft in Erklaͤrung der natuͤrlichen Begebenhei - ten ſowohl gebrauchen koͤnnen, als wenn wir die Figur der kleinen Theile noch ſo ge - nau zu beſtimmen wuͤſten. Und demnach wollen wir uns mit Muthmaſſungen nicht aufhalten.
Es erhellet ſo gleich aus dieſenWarumb die Lufft die gantze Erde um - giebet. Eigenſchafften, daß die Lufft den gantzen Erdboden umgeben muß. Denn man ſetze, es ſey ein Ort auf der Erde vorhanden, da keine Lufft waͤre? weil daſelbſt der Lufft in den anliegenden Laͤndern nichts wiederſte - het, ſo muß ſie nicht allein durch ihre Schweere, nach Art aller fluͤßigen Coͤrper, die eine Schweere haben, ſondern auch ver - moͤge ihrer ausdehnenden Krafft ſich dahin bewegen und durch den Lufftleeren Raum ausbreiten, biß ſie ihn dergeſtalt erfuͤllet, daß die daſelbſt nunmehro vorhandene Lufft durch ihre Schweere und ausdehnende Krafft der in den anligenden Laͤndern ge - nungſam wiedeꝛ ſtehet. Man kan ein ſolches Land, da keine Lufft ſeyn ſollte, anſehen wie ein Gefaͤſſe, daraus man die Lufft ausge - pumpet. Gleichwie nun die aͤuſſere Lufft daſelbſt hinein dringet, bis es auf eine gleichmaͤßige Art wie von auſſen damit er - fuͤllet (§. 86. T. I. Exper.): eben ſo muͤſte es auf dem Erdboden geſchehen, wenn uͤber einem Lande die Lufft weggenommen wuͤrde,
Und eben dieſe Urſache iſt es,Warumb ſie in die Tieffe dringet. warum die Lufft in die Tieffe dringet, wenn eine Grube gegraben wird. Denn wir koͤnnen uns auch hier die Grube unter dem ausgeleereten Recipienten vorſtellen: wie ein jeder leicht begreiffet.
(Phyſick) S§. 188274Cap. II. Von der Lufft.Ja aus eben dieſer und keiner andern Urſache geſchiehet es, daß ſie in die groben Zwiſchen-Raͤumlein der Coͤper hin - ein dringet und ſie erfuͤllet. Denn ſo lan - ge als ſich die Lufft ſo ſubtile theilen laͤſſet, als die Eroͤffnung des Zwiſchen-Raͤum - leins an der Flaͤche des Coͤrpers iſt, ſo lange iſt auch dieſes Raͤumlein mit dem ausgelee - reten Recipienten in Vergleichung zuſtel - len (§. 186) und muß hier noch eben dieſes erfolgen, was dort geſchiehet.
Die Lufft iſt ſchweer (§. 36. T. I. Exper. und laͤſſet ſich zuſammen drucken (§ 122. T. I. Exper.). Da nun die untere Lufft von der oberen gedrucket wird, ſo muß ſie auch von ihr zuſammen gedruckt werden. Je hoͤher man kommet, je weniger Lufft drucket auf diejenige, die uns umgiebet. Da nun die Lufft nach Proportion des Druckes zuſammen gedruckt wird (§. 124. T. I. Exper.); ſo muß die obere Lufft we - niger zuſammen gedruckt werden, als die untere. Derowegen wird die Lufft immer duͤnner, je hoͤher man kommet.
Wenn die Lufft zu duͤnne wird, ſo koͤnnen Thiere darinnen nicht mehr le - ben, ſondern muͤſſen endlich gar ſterben (§. 103 T. III. Exper.). Derowegen da die Lufft beſtaͤndig duͤnner wird, je weiter man von der Erde wegkommet; ſo muß ſie end - lich ſo duͤnne werden, daß Thiere darinnennicht275Cap. II. Von der Lufft. nicht mehr leben koͤnnen. Und daher koͤn - nen auch die Voͤgel nur bis auf eine gewiſſe Hoͤhe ſich in die Lufft begeben. Da die Lufft auch zu dem Fliegen das ihre bey - traͤget, ſo kan man leicht erachten, daß dem Vogel das hoͤher fliegen verwehret wird als ſie zu ſeinem fliegen bequem iſt.
Wir wiſſen aus der Erfahrung,Woher der An - bruch des Tages und die Abend - Demme - rung kommet. daß der Tag anbricht, ehe die Sonne auf - gehet, und zwar nicht auf einmahl, ſondern nach und nach. Die Urſache haben wir in der Lufft zu ſuchen. Denn da die Lufft uͤber der Erde erhaben iſt, ſo kan das Licht der Sonnen in ſie kommen, ehe es die Erde er - reichet: wie wir denn uͤberhaupt ſehen, daß die Sachen, welche hoch ſind, als z. E. die Spitzen der Berge und Thuͤrme, Daͤcher hoher Gebaͤude ꝛc. eher erleuchtet werden als die niedrigen. Man darf aber nicht zweiffeln, daß ſolches auch in der Lufft ſtat finde. Wir koͤnnen es eigentlich ſehen, wenn Wolcken von verſchiedener Hoͤhe in der Lufft ſind. Z. E. fruͤhe, wenn die Son - ne aufgehen will, werden die hohen Wol - cken roth und die unteren bleiben dunckel: denn man ſiehet gantz eigentlich wie ſich die dunckelen unter den rothen fort bewegen und ſie verdecken. Gleichergeſtalt des A - bends, wenn die Sonne untergangen iſt, ſie - het man daß hohe Wolcken noch lange gantz helle bleiben, wenn die unteren gantz finſterS 2ſind,276Cap. II. Von der Lufft. ſind, ſo daß ſie auch das Licht auf die Erde werffen und es ſiehet, als wenn der Neu - mond ſchiene, der noch ein ſchwaches Licht hat. Wenn die Sonnen-Strahlen in die Lufft fahren, ſo werden ſie gebrochen (§. 151 T. II. Exper.) und dadurch geſchiehet es, daß ſie weiter in die Lufft herein fahren, als ſonſt geſchehen wuͤrde. Die Lufft ſowohl, als die Ausduͤnſtungen, welche in ihr ſind (§. 85. T. II. Exper.) wirfft das Sonnen - Licht zuruͤcke (§. 145 T. II. Exper.) und da - durch kommet es auf den Erdboden. Je hoͤher die Sonne gegen den Horizont her - auf ſteiget, je mehr kommet Licht in die Lufft, und ferner von ihr auf den Erdboden. Auf ſolche Weiſe kan der Tag anbrechen, ehe die Sonne aufgehet. Eine gleiche Be - wandnis hat es mit der Abend-Demme - rnng, wie ein jeder leicht ſiehet. Jn der Aſtronomie hat man laͤngſt dieſes alles ge - nauer beſtimmet nnd die Tieffe der Sonne determiniret, die ſie unter dem Horizont haben muß, wenn der Tag anbrechen, oder die Abend-Demmerung aufhoͤren ſoll. Man hat ſie nemlich 15, 18 bis 19 Grad ge - funden. Nachdem die Lufft dicke iſt und die Duͤnſte in ihr hoch in die Hoͤhe ſteigen, ſo kan auch der Tag geſchwinder und ſtaͤr - cker anbrechen, oder die Abend-Demme - rung laͤnger dauren. Denn in dicker Lufft werden die Strahlen ſtaͤrcker gebrochen(§. 151277Cap. II. Von der Lufft. (§. 151 T. II. Exper.) und fahren tieffer in die Lufft herein, als nicht geſchiehet, wenn ſie weniger gebrochen werden. Wenn viele Duͤnſte in der Hoͤhe ſind, ſo kan mehr Licht auf die Erde reflectiret werden.
Da der Tag vorher anbricht, e -Nutzen des Ta - ges-An - bruchs und der Abend - Demme - rung. he die Sonne aufgehet, und die Abend - Demmerung noch fort dauret, wenn ſie ſchon untergegangen; ſo kan ein groͤſſerer Theil der Erde von der Sonne erleuchtet werden, als ſonſt geſchehen wuͤrde, wenn ſie bloß die Erde mit ungebrochenem Lichte er - leuchten ſollte. Ob nun zwar dieſer Nu - tzen bey uns, wo auch die kuͤrtzeſten Tage noch eine ziemliche Laͤnge haben, nicht moͤch - te von einer Crheblichkeit ſcheinen; ſo hat er doch viel an denen Oertern zuſagen, die weiter gegen Norden liegen: denn da dort - hin die Nacht gantze Tage, ja gantze Mo - nathe wehret (§. 45 Geegr. ); ſo wird auch die dieſelbe durch den Anbruch des Ta - ges und die Abend-Demmerung umb gan - tze Tage und Wochen, ja gantze Monathe verkuͤrtzet, wie man in der Mathematick um - ſtaͤndlicher ausfuͤhret §. 46. 47 Geog). Wir haben auch noch einen andern Nutzen da - von, daß der Tag nicht auf einmahl mit der aufgehenden Sonne, ſondern nach und nach anbricht, noch auf einmahl mit der un - tergehenden Sonne, ſondern nach und nach ſich endiget. Gehlinge Abwechslun -S 3gen278Cap. II. Von der Lufft. gen des Lichtes und der Finſternis ſind dem Auge beſchweerlich. Wenn im Sommer ein heller Tag iſt, und der Himmel uͤberzie - het ſich auf einmahl mit finſtern Wolcken; ſo kan man eine Weile kaum ſehen und kom - met einem vor, als wenn die Nacht auf ein - mahl heran braͤche. Wenn man des A - bends im finſtern ſitzet und man bringet un - verſehens ein Licht hinein; ſo kan man ei - ne Weile nicht ſehen, ſondern wird geblen - det. Dergleichen Zufaͤlle wuͤrden ſich taͤg - lich im Auge ereignen, wenn der Tag nicht vor der Sonnen Aufgang anbraͤche, noch eine Abend-Demmerung waͤre. Und als - denn wuͤrden ſie dem Auge gefaͤhrlich ſeyn.
Wir finden im Sommer, daß eine Zeit lang der Tag die gantze Nacht durchſchimmert. Es wird niemahls gantz finſter, ſondern bleibet nur etwas helle, ſo daß auch die kleinen Sterne durch dieſes Licht verdunckelt werden. Die Sanne ſtehet zu derſelben Zeit nicht ſo tief unter dem Horizont, als noͤthig iſt, wenn die Abend - Demmerung (§. 191) aufhoͤren ſoll. Und daher iſt gewis, daß das Licht von der Sonne kom̃et, welches wir auf dem Erdbo - den haben, da ſie den andern Theil der Erde beſcheinet. Weil nun alsdenn das Licht nicht durch gerade Linien zu uns kommen kan, ſo muß es in der Lufft gebrochen und von den Lufft. Staͤublein, auch denen in ihr befindli -chen279Cap. II. Von der Lufft. chen Ausduͤnſtungen reflectiret werden. Es hat demnach dieſes Schimmmer-Licht ei - nerley Urſache mit dem Anbruche des Ta - ges und der Abend-Demmerung (§. 191).
Wenn nicht durch die gantze NachtWarumb der Him - mel des Nachts ſchwartz ausſiehet. der Tag durchſchim̃ert, ſo ſiehet der Himmel bey naͤchtlicher Weile gantz finſter aus. Alsdenn kan das Sonnen-Licht unſere Lufft nicht mehr erreichen; ſondern auch die Strahlen, die in ihr gebrochen werden, fah - ren vor ihr vorbey. Derowegen ſiehet der Himmel ſchwartz aus, wenn die Lufft kei - nen Glantz hat. Der Mond (§. 132) und alle Planeten (§. 142. & ſeqq. ) leuchten im Himmel, auch wenn die Sonne unter der Erde iſt, von dem Lichte der Sonne. De - rowegen muß auch der Theil des Himmels, der des Nachts uͤber unſerer Erde iſt, von der Sonne beſtrahlet werden. Da er doch aber gleichwohl gantz finſter ausſiehet; ſo muß nichts vorhanden ſeyn, welches das Licht reflectiret. Wo wir nun kein Licht ſehen, da ſiehet es uns ſchwartz aus.
Unſere Lufft reflectiret das Licht,Daß die Him - mels - Lufft von unſerer unter - ſchieden. wie es der Anbruch des Tages, die Abend - Demmerung und das beſtaͤndige Schim - mer-Licht im Sommer (§. 191. 193) zur Gnuͤge bekraͤfftigen. Die Himmels-Lufft, welche den Raum zwiſchen den groſſen Welt-Coͤrpern erfuͤllet (§. 121), reflectiretS 4kein280Cap. II. Von der Lufft. kein Licht (§. 191). Derowegen muß ſie von unſerer Lufft unterſchieden ſeyn.
Der Mond mit ſeiner Lufft kan von der Sonne erleuchtet werden, auch wenn die Sonne unter der Erde iſt. Un - ſere Lufft kan die Sonne nicht mehr erleuch - ten, wenn ſie nur wenige Grade unter dem Horizonte ſtehet. Derowegen kan ſie nicht bis an den Mond gehen, ſondern muß gar bald aufhoͤren. Man hat auch in der Aſtro - nomie aus dieſem Grunde die Hoͤhe der Lufft zubeſtim̃en geſuchtund Weigelain Sphærica Enclidea lib. 2. cap. 4. obſerv. 16. p. 342. hat gezeiget, daß die Lufft, welche das Licht der Sonnen bricht und reflectiret, nicht uͤber 4 deutſche Meilen hoch iſt: welches gegen die Weite des Monds von der Erde, die uͤ - ber 48000 Meilen austraͤgt (§. 536. Aſtr. & §. 15. Geog.), gar was weniges iſt.
Und eben deswegen, weil das Licht durch den Himmel ungebrochen durch - faͤhret, hingegen in unſerer Lufft gegen den Perpendicul gebrochen wird (denn ſonſt koͤnnte der gebrochene Strahl nicht in unſe - re Lufft herein fahren, indem er von ihr weg - gebrochen wuͤrde;) ſo muß die Materie des Himmels duͤnner feyn als unſere Lufft (§. 147 T. II. Exper.). Da nun unſere Lufft ſonderlich in der Hoͤhe (§. 189), eineſehr281Cap. II. Von der Lufft. ſehr duͤnne Materie iſt in Anſehung des Waſſers (§. 86. T. I. Exper.); ſo iſt leicht zuerachten, daß eine Materie, die noch duͤn - ner als ſie iſt, keine feſte Materie ſeyn kan. Und ſolchergeſtalt faͤllet nicht allein die Chryſtalline Materie der alten weg, dar - aus ſie den Himmel zuſammengeſetzet; ſon - dern es iſt auch zugleich klar, daß der Him - mels-Raum mit einer ſubtilen fluͤßigen Materie erfuͤllet ſey, die viel duͤnner iſt als unſere Lufft: welche wir eben die Him - mels-Lufft nennen (§. 121).
Weil die Strahlen der Son -Daß wir die Son - ne eher ſehen, ehe ſie auf - gehet. ne in der Lufft gebrochen werden, ſo kommen ſie auch eher in unſer Auge, ehe ſie aufgehet. Wenn ſie aber in unſer Auge kommen, ehe ſie von etwas anders reflectiret werden, ſo bringen ſie das Bildnis der Sonne mit ſich, das iſt, ſie machen, daß wir die Sonne ſehen (§. 150 T. II. Exper.). Und alſo koͤnnen wir die Sonne ſehen, ehe ſie aufge - het, und noch erblicken, wenn ſie ſchon wie - der untergegangen. Die Erfahrung der Aſtronomorum ſtimmet auch damit uͤ - berein (§. 217. 218 Aſtron.).
Weil das Licht in der Lufft ge -Daß man keinen Stern an dem Orte ſie - het, wo er ſtehet brochen wird (§. 191), und wir den Stern in einer geraden Linie mit dem gebrochenen Strahle ſehen; ſo ſehen wir keinen Stern an ſeinem Orte, wo er wuͤrcklich ſtehet. Wo wir Sterne ſehen, da ſtehen keine: hinge -S 5gen282Cap. II. Von der Lufft. gen wo wir keine ſehen, da ſtehen ſie. Wir doͤrffen nicht vermeinen, als wenn die Re - fraction des Lichtes die Sterne nicht aus ihrer Stelle verruͤcken koͤnnte. Denn ſie ſind ſehr kleine und ſehen auch durch die groͤſten Fernglaͤſer nur wie untheilbahre Puncte aus (§. 109): aus den Obſervati - onen aber der Aſtronomorum iſt bekandt, daß ſie im Horizont 32 Minuten, im 45 Grade noch 1 Minute und 11 Secunden und im 89 noch eine Secunde iſtaDe la Hire in Tabb. Aſtron. Tab. V. p. 6.. Jm Zenith faͤllet der Strahl perpendicular herunter und gehet alſo ungebrochen durch die Lufft (§. 147 T. II. Exper.). Dero - wegen ſehen wir die Sterne nicht eher in dem Orte, wo ſie ſtehen, als wenn ſie im Zenith ſind, das iſt, uͤber unſerer Scheitel ſtehen.
Wir ſehen unterweilen, daß die Sonne oval ausſieheꝛ, wenn ſie aufgehet, oder auch dem Untergange nahe iſt. Da ſie ſonſt beſtaͤndig rundt wie ein Circul ausſiehet, ſo erkennet man leicht, daß ihr dieſe Figur nicht eigenthuͤmlich ſey. Die Urſache demnach muß in unſerer Lufft zu ſuchen ſeyn. Da nun die Strahlen der Sonnen in der Lufft gebrochen werden (§. 191) und durch die Refraction des Lichtesdie283Cap. II. Von der Lufft. die Figur ſich aͤndern laͤſſet; ſo iſt kein Zweiffel, daß es von derſelben herruͤhret, wenn die Sonne oval erſcheinet. Man kan auch gar wohl begreiffen, daß ſolches durch die Refraction bewerckſtelliget wer - den kan. Denn das Licht wird nur nach der Hoͤhe, nicht aber nach der Brei - te gebrochen (§. 147. T. II. Experi - ment.). Derowegen wird hier durch die Refraction der Vertical-Diameter ver - mindert, der Horizontal-Diameter aber bleibet unveraͤndert, folgends erhaͤlt die Sonne eine Oval-Figur Man kan ſich dieſer Wuͤrckung der Refraction auch durch einen Verſuch verſichern. Man kleibe von innen in ein Glaß einen rundten Circul von Papier und gieſſe Waſſer in das Glaß. So bald man den papiernen Circul durch das Waſſer anſiehet, daß die Strahlen davon ſchief in das Auge fallen; ſiehet er wie ein Oval aus und viel groͤſſer als er iſt. Man hat mir einesmahls einen Einwurff gemacht, daß dieſes von der hohlen Figur des Glaſes, nicht von der Refraction her - kaͤme: allein es iſt nicht noͤthig darauf zu antworten. Man nehme ein viereckichtes Gefaͤſſe fuͤr das Glaß; ſo wird man ſehen, daß die Figur des Glaſes nichts dabey thut, wenn man es gleich nicht durch die Beſchaf - ſenheit der Refraction erreichen kan. Der gelehrte Jeſuit Chriſtoph Scheiner hatvon284Cap. II. Von der Lufft. von dieſer Begebenheit einen beſonderen Tractat geſchrieben. Weil ſie ſich a - ber nicht taͤglich zutraͤget; ſo iſt dieſes ei - ne Anzeige, daß eine ſtarcke Refraction da - zu erforert wird und die Lufft ſehr dunſtig ſeyn muß.
Der Mond muß ebenfalls eine Oval-Figur erhalten, wenn er in duͤnſtiger Lufft auf und unter-gehet, wie aus der erſt gegebenen Erklaͤrung dieſer Begebenheit an der Sonne ein jeder abnehmen kan, und der daſelbſt angefuͤhrte Verſuch augen - ſcheinlich zeiget. Wenn der Mond hoͤcke - richt iſt, ſo iſt er nach der Breite ſchmaal, nach der Hoͤhe hoch. Derowegen wenn der Diameter nach der Hoͤhe durch die Refraction vermindert wird, nach der Brei - te aber unveraͤndert bleibet; ſo kan der gantze Diameter dem Theile davon nach der Breite gleich werden. Solchergeſtalt bekommet der Mond die Figur eines Cir - culs und ſiehet aus, als wenn er voll waͤre. Jch weiß mich zwar nicht zu entſinnen, daß ein Aſtronomus dieſe Begebenheit an - gemercket haͤtte: allein die Urſache iſt, weil ſie nicht darauf acht haben. Jedoch beſin - ne ich mich, daß man einesmahls als ein Wunderzeichen erzehlete, man haͤtte in ei - nem Orte den Mond, da er im Abnehmen war, voll aufgehen ſehen.
Die Himmels-Lufft leidet keineWarumb des Ta - ges der Himmel blau ans - ſiehet. Aenderung durch das Licht (§. 194), aber wohl unſere (§. 191). Derowegen da der Himmel bey Tage blau ausſiehet, wenn er recht helle und heiter iſt; ſo muß die Farbe in unſerer Lufft ſeyn. Nemlich die Lufft reflectiret das Licht der Sonnen und hat ei - nen Glantz; ſie iſt aber nicht dichte in der Hoͤhe, und daher eben ſo viel als wenn ſich ſchwartze Farbe mit weiſſer vermiſchte, wel - che Vermiſchung eine Farbe hervor bringet, die ſich ins blaulichte ziehet. Das aber die blaue Farbe wuͤrcklich in unſerer Lufft iſt, keinesweges aber in der hohen Himmels - Lufft, laͤſſet ſich auch daher ermeſſen, weil bey naͤchtlicher Weile der Himmel wie eine hohle Kugel, bey Tage aber wie ein nie - drig gedrucktes Gewoͤlbe ausſiehet. Denn von dem Himmel ſehen wir die Helffte: von unſerer Luft aber, die nicht hoch uͤber die Erde herauf ſteiget| (§. 196), nur ein|weniges. De - rowegen iſt hier der Unterſcheid, der ſich in der Figur zwiſchen einer halben Kugel und einem kleineren Stuͤcke davon befindet.
Wenn im Himmel WolckenWo A - bend uud Morgen - Roͤthe herkoͤm - met. ſind, ſo machet die auf - oder untergehende Sonne darinnen Farben. Ein Exempel haben wir an der Morgen-und Abend-Roͤ - the. Da das Licht durch die Refraction in Farben verwandelt wird (§. 158 T. II. Ex -286Cap. II. Von der Lufft. Exper.) |, und dieſe rothe Farbe ſich in den Wolcken zeiget, ſo lange die Sonne einen gewiſſen Stand gegen ſie hat; ſo muͤſſen auch ſie durch die Refra - ction in den Duͤnſten, daraus die Wolcken beſtehen, hervorgebracht werden. Es iſt wohl wahr, daß das Sonnen-Licht durch die Refraction in allerhand Farben ver - verwandelt wird (§. 158 T. II. Exper.) und daher iſt nicht zu zweiffeln, daß auch durch die Refraction in Wolcken nicht alles Son - nen-Licht roth wird; allein es wird nur nichts als rothes Licht von der Wolcke auf den Erdboden reflectiret. Wenn die Son - ne einen andern Stand bekommet, daß das Licht anders gebrochen und reflectiret wird; ſo veraͤndert ſich auch die rothe Far - be, und verſchwindet endlich gar, ſo bald die Sonne gantz herauf iſt.
Unterweilen ſiehet es aus, als wenn der Himmel vor dem Aufgange der Sonne voller Feuer waͤre: welches auch nach ihrem Untergange ſich zuereignen pfle - get. Es iſt ein Licht, welches faſt ſo aus - ſiehet, wie das Licht der Planeten. Der Stand der Sonne gegen die Erde zeiget, daß dieſe Begebenheit dem Sonnen-Lichte zuzuſchreiben. Man ſiehet es auch, daß zu derſelben Zeit der Himmel voll Duͤnſte iſt,und287Cap. II. Von der Lufft. und, da ſie ſich gemeiniglich bald in einen Regen reſolviren, iſt klar, daß die Duͤnſte waͤßerig ſind. Es gewinnet demnach der Himmel die feurige Geſtalt durch die Er - lechtung der waͤßerigen Duͤnſte in der Lufft. Es bleibet nemlich das Sonnen-Licht un - geaͤndert und demnach muͤſſen es die Duͤn - ſte ohne einige Abſonderung der Strahlen zu uns herunter reflectiren und refringiren. Wir wiſſen daß der Mond im finſtern leuch - tet, bey Tage aber blaß iſt wie eine weiſſe Wolcke. Die vielen Duͤnſte verdunckeln die Lufft, daß wir den anbrechenden Tag nicht wohl ſehen koͤnnen (§. 191), und daher muͤſſen auch ſie von dem Lichte leuchten, da - mit ſie von der Soñe erleuchtet werden. Eine andere Bewandnis aber hat es, wenn ⃒ der Himmel uͤber und uͤber zu brennen ſchei - net, zu einer Zeit, da weder Sonne, noch Mond unſere Lufft erleuchten koͤnnen: wo - von wir unten an ſeinem Orte reden wer - den.
DJe Lufft ſtehet nicht ſtille, ſon - dern iſt in ſteter Bewegung, wel - che man den Wind zu nennen pfleget. Es blaͤſet aber der Wind nicht beſtaͤndig aus einer Gegend, ſondern iſt veraͤnderlich. Man ſiehet es nicht allein aus dem Zuge der Wolcken, ſondern auch aus den Flaggen und Seegeln der Schiffe und aus den Wetterhaͤhnen auf den Daͤ - chern und Thuͤrmen. Ja wenn man auf den Zug der Wolcken acht giebet; ſo wird man innen, daß der obere Wind nicht im - mer aus einerley Gegend mit dem unteren blaͤſet. Jch habe ſchon gewieſen (§. 74. T. II. Exper.), daß dergleichen Bewegun - gen in der Lufft entſtehen, wenn der wage - rechte Stand der Lufft in benachbahrten Laͤndern gehoben wird: allein hier haben wir eben zu unterſuchen, aus was fuͤr Urſa - chen ſolches geſchiehet.
Wenn die Sonne ſowohl die Lufft als auch die Erde und die darauf be - findlichen Coͤrper erwaͤrmet (§. 130.); ſo wird ſie durch einen groͤſſeren Raum aus - gebreitet (§. 133 T. I. Exper.). Sie mußſich289Cap. III. Von dem Winde. ſich aber alsdenn dahin bewegen, wo ſie am wenigſten Wiederſtand findet. Da nun die Lufft zur Seiten in einem kuͤhlen Orte mit ihr zuvor in wagerechtem Stande war, durch die Waͤrme aber ihre ausdehnende Krafft vermehret wird; ſo dringet ſie zur Seite in den kuͤhlen Ort. Findet ſie nun daſelbſt keinen freyen Gang, ſo beweget ſie ſich deſto geſchwinder, je mehr ſie aufgehal - ten wird, wie insgemein von fluͤßigen Ma - terien bekandt iſt und man es auch aus dem Verſuche mit den Dampff-Kugeln ab - nehmen kan (§. 171 T. Exper.). Auff ſolche Weiſe blaͤſet ein kuͤhles Luͤfftlein aus dem warmen in einen kuͤhlen Ort. Wir treffen dergleichen in ſchattichten Waͤldern an wenn wir im warmen Mittage darinnen herum ſpatziren: ingleichen in Thaͤlern zwiſchen Bergen, da es ſchatticht iſt und ein enger Eingang von einem freyen Felde, das die Sonne ſtarck beſcheinet. Hinge - gen wenn die unten erwaͤrmete Lufft von der Seiten Wiederſtand findet, indem die zur Seiten eben ſowohl wie ſie erwaͤr - met und dadurch ihre ausdehnende Krafft vermehret wird; ſo muß ſie in die Hoͤhe ge - trieben werden. Da nun hierdurch die o - bere Lufft vermehret und dichter wird; ſo wird auch dadurch zugleich ihre ausdehnen - de Krafft ſtaͤrcker als ſie vorher war (§. 124 T. I. Exper.). Jn dem erſten Zuſtande(Phyſick) Thielt290Cap. III. Von dem Winde. hielt ſie in ihrer Hoͤhe mit der Lufft zur Sei - ten die Wage. Derowegen weil ietzund ihre Krafft vermehret worden, wird ſie mit ihr auſſer wagerechten Stand geſetzet, und demnach muß ſie ſich dahin bewegen, wo ſie weniger Wiederſtand findet. Auf ſolche Weiſe kan oben ein Wind entſtehen, da es unten windſtille iſt, oder auch oben ein ſtaͤrckerer Wind, als unten anzutreffen, in - gleichen oben ein Wind aus einer andern Gegend blaſen als unten: welches alles der Erfahrung gemaͤß befuden wird. Es hat aber verſchiedene Urſachen, warum in einem Orte auf dem Erdboden die Lufft waͤrmer ſeyn kan, als in dem andern. Wir wiſſen, daß nicht eine Materie ſo warm wird, als die andere, ob gleich die Sonne eine ſo viel und ſo lange beſcheinet als die andere (§. 110 T. II. Exper.). Alſo wird es in Orten, wo Stein-Klippen ſind und viel Sand iſt, waͤr - mer als an andern: wovon wir unten umſtaͤndlicher reden werden. So iſt auch bekandt, daß ſich in einem Orte Hinder - niſſe koͤnnen in Weg legen, welche die Sonne in ihrem Erwaͤrmen hindern, der - gleichen man in einem andern Orte nicht zu beſorgen, als da ſind die Schatten der Ber - ge und Waͤlder, ingleichen die finſteren Wol - cken, die den Himmel uͤberziehen. Aus dieſen und dergleichen Umſtaͤnden kan ein vielfaͤltiger Unterſcheid in die ausdehnendeKrafft291Cap. III. Von dem WindeKrafft der Lufft gebracht werden, wodurch wiederum viel Unterſcheid bey den Winden entſtehet, den hier genauer zu unterſuchen zu weitlaͤufftig fallen wuͤrde.
Wenn die Lufft kalt wird, ſoWas Kaͤlte, da - bey thut. ziehet ſie ſich zuſammen und wird dadurch zugleich ihre ausdehnende Krafft geringer (§. 133. T. I. Exper.). Derowegen muß die Lufft zur Seite, die dergleichen Veraͤn - derungen nicht leidet, ſich dahin bewegen und ſolchergeſtalt einigen Wind verurſa - chen. Auf ſolche Weiſe entſtehet der Wind an dem Ufer der Fluͤſſe und an groſſen Tei - chen, den man ſonderlich gegen Abend, wenn die Lufft kuͤhle wird, daſelbſt veſpuͤ - ret. Es iſt maͤnniglich bekandt, daß das Waſſer nicht ſo warm wird, wie die Erde, und daher auch die Lufft uͤber dem Waſſer nicht ſo warm ſeyn und bleiben kan, wie uͤ - ber der Erde. Derowegen kuͤhlet ſich auch gegen Abend, da die Sonne die Erde ver - laͤſſet, oder doch wenigſtens nicht mehr ſo warm ſcheinet, die Lufft eher uͤber dem Waſſer als uͤber der Erde ab. Und daher entſtehet, wie wir erſt erklaͤret, ein kleiner Wind, oder ein kuͤhles Luͤfftlein. Eben dieſe Bewandnis hat es, wenn gegen Abend, da die durch die Waͤrme verduͤnnete Lufft wieder abgekuͤhlet wird, aus einem Walde oder Buſche, wo die Lufft dichter iſt, als auſſen im freyen, ein kuͤhles Luͤfftlein wehet.
T 2§. 208.292Cap. III. Von dem Winde.Wenn in einem Orte lange hel - les Wetter iſt, ſo duͤnſtet das flieſſende und ſtehende Waſſer, auch alles was feuchte iſt, aus (§. 85. T. II. Exper.) und die Duͤn - ſte, welche ſich einzeln hin und wieder durch die Lufft zertheilen, vermehren ihre Schwee - re (§. 40. T. II. Exper.). Da nun die Lufft dadurch ſchweerer wird als ſie vorher war, ſo kan ſie nicht mehr mit der anlie - genden, wo keine dergleichen Veraͤnde - rung vorgehet, im wagerechten Stande verbleiben, und daher muß ein Wind ent - ſtehen (§. 205). Wir finden auch, daß im Fruͤhlinge, wenn der Schnee und das Eis aufthauet und das feuchte Erdreich aus - trocknet, folgends die Lufft mit vielen Duͤnſten erfuͤllet wird, Winde entſte - hen.
Wenn die Lufft mit vielen Duͤnſten erfuͤllet war und ſie ſich in Wol - cken zuſammen ziehet, dieſe aber in einem Regen herab flieſſen, ſo wird ſie dadurch leichter als ſie vorher war. Da ſie nun nicht mehr mit der umſtehenden im wage - rechten Stande verbleiben kan; ſo muß ein Wind entſtehen (§. 205). Man begreiffet auch leicht, daß oben ein Wind entſtehen muß, wenn die Duͤnſte von ſchweererer Art werden, indem ſie dicker werden, und die Wolcke ſich in eine Tieffe ſencket: denn da - durch wird die obere Lufft von leichtererArt,293Cap. III. Von dem Winde. Art, als ſie vorher war, und die umſtehen - de kan nicht mehr in wagerechtem Stande verbleiben. Derowegen haben wir ge - nungſame Urſache zu einem Winde (§. 205).
Wenn der Himmel mit dickenWie die Wolcken zum Winde Anlaß geben. Wolcken uͤberzogen iſt, ſo laſſen ſie nicht viel Licht von der Sonnen herunter fallen, ſondern werffen es gegen den Himmel zu wieder zuruͤcke. Die verdoppelten Strah - len, welche die Waͤrme verdoppeln (§. 130), muͤſſen die Lufft verduͤnnen (§. 133. T. I. Exper.). Da ſie nun entweder in die Hoͤhe ſteiget und die gantz obere Lufft dichter machet, oder gleich zu den Seiten abflieſſet, ſo verurſachet ſie dadurch einen Wind (§. 205). Jndem aber ſolchergeſtalt die obere Lufft leichter wird, ſo kan ſie die untere bey uns nicht mehr ſo ſtarck drucken, wie vorhin. Derowegen breitet ſich die untere durch ihre ausdehnende Krafft in die Hoͤhe weiter aus (§. 124. T. I. Exper.). Weil aber hierdurch die untere Lufft duͤn - ner wird, als ſie vorher war; ſo wird da - durch ihr wagerechter Stand mit der an - dern zur Seite aufgehoben (§. 125. T. I. Exper.). Und demnach iſt wiederum eine Urſache zum Winde vorhanden.
Es kan ſeyn, daß es auſſer die -Ob an - dere Ur - ſachen ſen erzehleten Urſachen noch andere giebet, wodurch der wagerechte Stand in der LufftT 3geaͤn -294Cap. III. Von dem Winde. eyn koͤn - nen.geaͤndert wird, die uns noch unbekandt ſeyn. Jch habe laͤngſtain Element. Aerometr. A. 1709. editis prop. 105. ſchol. 6. p. 313. erinnert, daß aus dem - jenigen, was Newton behauptet von unſe - rer Erde, daß ſie eine Schweere in den Mond hat, folge, es muͤſſe auch die Lufft dadurch Veraͤnderungen leiden, welche zu einem Winde hinlaͤnglich ſind So koͤn - nen auch Urſachen vorhanden ſeyn, welche die ausdehnende Krafft der Lufft aͤndern, ohne daß die Schweere derſelben geaͤndert wird. Da nun aber alsdenn dieſelbe mit derjenigen Lufft nicht mehr in wagerechtem Stande verbleiben kan, mit der ſie vorhin einerley Grad der ausdehnenden Krafft be - ſaß; ſo iſt abermahls eine Urſache zum Winde vorhanden.
Damit man nun in Erkaͤnntnis der Urſachen der Winde weiter komme; ſo muß man auf die Veraͤnderung des Wetters, und auf die Veraͤnderungen des Thermometers (§. 55. T. II. Exp.), Baro - meters (§. 22. T. II. Exper.) und inſonder - heit des Manometers (§. 45. T. II. Exper.) fleißig acht haben und mit demjenigen, was bisher gelehret worden, vergleichen.
Es iſt nicht zu leugnen, daß de - nen, welche die Sache etwas genauer einſe - hen werden, noch dieſer Zweiffel uͤbrig blei -ben295Cap. III. Von dem Wiude. ben wird, ob die Veraͤnderungen, welchekaͤntnis hierbey nutzet. ſich durch Waͤrme, Kaͤlte und Ausduͤnſtun - gen ereignen koͤnnen (§. 206. 207. 208 ) groß genung ſind eine ſolche Bewegung in der Luft zuverurſachen, dergleichen wir bey dem Winde verſpuͤren. Und dieſer Zweiffel moͤchte denen um ſo viel eher einkommen, welche die Verſuche erwegen, dadurch ich (§. 75. 76. T. II. Exper.) die Moͤglichkeit habe zeigen wollen, daß durch dergleichen Veraͤnderungen in der Lufft Bewegungen in ihr entſtehen koͤnnen. Allein denen die - net zum Beſcheide, was ich dazu ſchon (§. 78. T. II. Exper.) ertheilet, daß man oh - ne mathematiſche Erkaͤntnis nicht erweiſen koͤnne, es uͤberſchreite die Geſchwindigkeit des Windes keinesweges die Kraͤffte der Natur, wie ich es auch ſchon A. 1709 aus - gemacht, da ich meine Elementa Aero - metriæ zuerſt heraus gab. Und ſiehet man demnach, was ich oͤffters zuerinnern gewohnet bin, daß man ohne mathemati - ſche Erkaͤntnis der Natur nicht immer zu einer Gewißheit gelangen kan. Derowe - gen werden wir uns auch kuͤnfftig in dem Lateiniſchen Wercke angelegen ſeyn laſſen auf dieſelbe mit zuſehen.
Die Winde bringen Duͤnſte,Nutzen der Winde, die von der See aufſteigen, in Laͤnder, welche weit von ihr entfernet ſind. Und eben dieſes ſind diejenigen, welche uns den Regen brin -T 4gen296Cap. III. Von dem Winde. gen: Die wenigen Duͤnſte, welche aus der Erde und aus kleinen Fluͤſſen und ſtehen - dem Waſſer aufzuſteigen pflegen, wuͤrden gar wenig Regen geben. Wiederumb bringen die Winde Lufft aus einem Lande in das andere. Da nun die Lufft in war - men Laͤndern warm, in kalten hingegen kalt iſt; ſo bringen die Winde warme Lufft in kalte Laͤnder und hinwiederum kalte Lufft in warme Laͤnder. Wiederum die Bewegung der Lufft durch Winde dienet zu ihrer Abkuͤh - lung. Wir brauchen nicht allein dieſes Mittel in der Kunſt, wenn wir die Lufft wollen kalt machen, ſondern wir treffen auch hiervon Proben in der Natur an. Wenn der Wind ſtarck blaͤſet, iſt bey hellem Son - nen-Scheine keine Hitze: wenn es aber windſtille iſt, ſo iſt im Sommer die Hitze faſt unertraͤglich. DerhamaPhyſico-theology lib. 1. c. 2. p. 17. edit; ſec. fuͤhret hier - von ein merckwuͤrdiges Exempel an. Den 8 Julii 1707 nach dem alten Calender, den die Engellaͤnder noch haben, war eine ſo un - ertraͤgliche Hitze in Engelland, weil gar kein Luͤfftlein zu ſpuͤren war, daß verſchiede - ne Perſonen, die auf dem Felde zu thun hat - ten, ſtarben und die Pferde fuͤr groſſer Mat - tigkeit umfielen. Daher man auch den - ſelben Tag Hot-Tueſday oder den heiſſenDien -297Cap. III. Von dem Winde. Dienſtag genennet. Und wir werden kuͤnff - tig bey der Witterung ſehen, was die Win - de zu verſchiedenen Jahres Zeiten beytra - gen.
Ein Wind blaͤſet immer ſtaͤrckerWoher Sturm - winde kommen. als der andere und unterweilen ſind die Winde ſo ſtarck, daß ſie auch die Baͤume in den Waͤldern mit ihren Wurtzeln her - aus reiſſen und umwerffen, auch ſonſt an Gebaͤuden und anderen Sachen vielen Schaden thun. Der Wind iſt eine Be - wegung der Lufft (§. 205). Wenn er dem - nach eine groſſe Krafft erhalten ſoll, ſo muß er ſich geſchwinde bewegen (§. 656. Met.). Und man ſpuͤret auch die Ge - ſchwindigkeit der Bewegung aus leichten Sachen, die man zur Zeit, wenn er ſtuͤrmet, in die Lufft fahren laͤſſet. Wollte man auf Jnſtrumente und Machinen bedacht ſeyn dadurch man die Geſchwindigkeit des Windes genau abmeſſen koͤnnte; ſo wuͤrde man es noch deutlicher erſehen. Die Lufft beweget ſich aus einem Orte in den andern mit deſto groͤſſerer Geſchwindigkeit, je groͤſſer der Unterſcheid ihrer ausdehnenden Krafft oder Schweere iſt (§. 75. 76 T. II. Ex - per.). Derowegen entſtehen Sturm - winde, wenn dieſer Unterſcheid in benach - bahrten Laͤndern ſehr groß iſt. Und hier - aus verſtehet man uͤberhaupt, warumb im -T 5mer298Cap. III. Von dem Winde. mer ein Wind ſtaͤrcker iſt, als der an - dere.
Auſſer dem, daß die Winde ſtarck oder ſchwach ſind, pfleget man ihnen auch andere Eigenſchafften beyzulegen. Denn entweder ſie bringen warme Lufft oder kal - te. Jm erſten Falle nennet man ſie warm, im andern hingegen kalt. Wiederumb findet ſich darinnen ein Unterſcheid zwiſchen den Winden, daß einige viel Duͤnſte mit bringen, und dadurch die Lufft feuchte ma - chen, auch Regen verurſachen; hingegen andere von Duͤnſten gereinigte Lufft zu uns treiben, oder wenigſtens ſolche Lufft, darin - nen die enthaltene Duͤnſte keine Feuchtig - keit verurſachen. Und pfleget man im er - ſten Falle die Winde feuchte, im andern hingegen trocken zu nennen. Es ſind demnach die Winde entweder warm, oder kalt und entweder feuchte oder trocken.
Ein Wind iſt warm, wenn er warme Lufft zu uns bringet (§. 216): er bringet aber warme Lufft, wenn er aus einem Lande kommet, wo es warm iſt (§. 76.). Die Laͤnder, welche gegen der Linie liegen, ſind waͤrmer als die uͤbrigen, denn dort iſt der hitzige Strich des Erdbodens (§. 32. Geogr.) und je naͤher ihm die Laͤnder lie - gen, je waͤrmer iſt es in ihnen. Derowe - gen ſind zu aller Jahres-Zeit die Winde warm, welche aus der Gegend des hitzigenStri -299Cap. III. Von dem Winde. Striches kommen. Wir wiſſen auch, daß die Sonne einen Coͤrper nicht ſo ſehr er - waͤrmet als den andern (§. 110 T. II. Exp.), und inſonderheit wird Waſſer nicht ſo warm als die Erde, wie es ein jeder verſu - chen kan, der im Sommer Waſſer und Er - de gleiche Zeit lang in einerley Gefaͤſſen in die Sonne ſetzet und ihre Waͤrme, die ſie von ihr erhalten (§. 130), mit einem Wet - terglaſe zu unterſcheiden ſuchet (§. 55 T. II. Exper.). Wo der Boden warm iſt, da wird auch die Lufft waͤrmer als an andern Orten (§. 109. 110 T. II. Exper.). Und dem - nach ſind die Winde im Sommer warm, die uͤber ein trockenes Land blaſen. Allein weil es in ſolchen Laͤndern einmahl nicht ſo warm iſt, als wie das andere, wie wir aus der beſtaͤndigen Erfahrung lernen; ſo kan auch der Wind einmal nicht ſo warme Luft mit ſich bringen, als das andere. Und des - wegen iſt der Wind aus einer ſolchen Ge - gend nicht einmahl ſo warm als das andere. Die Laͤnder, welche gegen den Pol liegen, ſind dem kalten Striche nahe (§ 32 Geogr.) nnd deſto kaͤlter je naͤher ſie an ihm anlie - gen. Deſſen aber ungeachtet hat es dort oͤffters im Sommer eine groſſe Hitze, wie wir jetzt nur aus der Erfahrung annehmen, nach dieſem aber die Urſachen davon unter - ſuchen wollen. Derowegen weñ zu einer ſol - chen Zeit Wind aus denen Laͤndern blaͤſet, ſobrin -300Cap. III. Von dem Winde. bringet er warme Lufft mit ſich und iſt dan - nenhero ein warmer Wind. Wiederum im Winter iſt die See, welche nicht zuge - froren, waͤrmer als die Erde, welche gefro - ren und mit Schnee bedecket iſt. Derowe - gen wenn der Wind uͤber die offenbahre See blaͤſet, ſo iſt er des Winters warm (§. 216).
Jn Beurtheilung der Waͤrme pflegen uns oͤffters die Sinnen zu betruͤgen: denn wir nennen die Lufft warm, wenn ſie waͤrmer iſt, als diejenige, darinnen wir ge - weſen (§. 108 T. II. Exper.). Derowe - gen wenn die Lufft bey uns kaͤlter iſt als die - jenige, welche der Wind mit bringet; ſo kommet uns der Wind warm vor: hinge - gegen wenn bey uns die Lufft waͤrmer iſt als die der Wind mit bringet, ſo kommet uns der Wind kalt vor. Und demnach iſt es moͤglich daß der Wind einmahl ſo warm iſt als das andere, und deſſen ungeachtet von uns einmahl fuͤr warm, das andere mahl a - ber fuͤr kalt gehalten wird.
Wir haben vorhin geſehen, daß der Wind die Lufft abkuͤhlet (§. 214). De - rowegen ſollten wir vermeinen, es koͤnne kein Wind warm ſeyn. Allein es iſt zu mer - cken, daß ein Unterſcheid zu machen ſey un - ter ſtarcken und ſchwachen Winden, wie die ordentliche Winde ſind. Jene erkaͤlten die Lufft, dieſe aber nicht. Darnach hat manauch301Cap. III. Von dem Winde. auch einen Unterſcheid zu machen unter der Waͤrme der Lufft und unter der Hitze. Groſ - ſe Hitze kan nicht mit dem Winde beſtehen, aber wohl Waͤrme.
Jch habe erſt vorher erinnert,Wenn der Wind kalt iſt. daß es gegen den Pol zu kaͤlter iſt als gegen die Linie (§. 217). Derowegen wenn der Wind aus denen gegen den Pol gelegenen Laͤndern blaͤſet, ſonderlich zu Winters-Zeit, ſo bringet er kalte Lufft mit ſich. Dero - wegen iſt derſelbe Wind, ſonderlich zu Win - ters-Zeit, kalt. Wenn das Land, daher der Wind blaͤſet, gefroren und mit Schnee bedecket iſt, es mag feſtes Land, oder Waſ - ſer ſeyn, ſo muß auch die Lufft daſelbſt ſehr kalt ſeyn (§. 110 T. II. Exper.). Dero - wegen bringet auch er kalte Lufft mit ſich und iſt dannenhero zur Winters-Zeit kalt. Auf Gebuͤrgen iſt es auch im Sommer kalt, und im Winter viel kaͤlter als im Thale, wie allen denen bekand iſt, die ſich um Gebuͤrge aufgehalten. Wenn demnach der Wind uͤbers Gebuͤrge blaͤſet, ſo iſt er im Sommer kuͤhle, hingegen im Winter kalt. Was ich aber vorhin erinnert, daß einerley Wind, der einmahl an ſich nicht waͤrmer iſt als das andere, doch waͤrmer zu ſeyn ſcheinen kan als das andere (§. 218); eben das gielt auch hier von der Kaͤlte des Windes. Man darf nur die daſelbſt gegebene Urſachen erwe - gen; ſo wird man es bald ſehen.
§. 221.302Cap. III. Von dem Winde.Aus der See ſteigen taͤglich eine groſſe Menge Duͤnſte auf (§. 86. T. II. Ex - per. ) und daher muß die Lufft, welche uͤber der See iſt, mit mehreren Duͤnſten erfuͤllet ſeyn, als die uͤber dem feſten Lande ſtehet. Derowegen wenn der Wind uͤber die See blaͤſet, ſo bringet er Lufft mit vielen waͤßeri - gen Duͤnſten mit ſich und demnach iſt er feuchte (§ 216): hingegen wenn er uͤber trockenes Land blaͤſet, oder auch des Win - ters uͤber gefrornes Waſſer, ſo iſt er trocken (§. cit. |).
Das Eis und der Schnee duͤn - ſten noch immer aus und zwar deſto mehr, je groͤſſer die Kaͤlte iſt (§. 87. T. II. Exper.): wie man denn auch findet, daß bey zuneh - mender Kaͤlte, das Waſſer noch immer tief - fer gefrieret, und alſo ſeine Waͤrme ihm durch das bereits gefrorne Eis entgehen muß, indem die aͤuſſere Lufft, welche es be - ruͤhret, kaͤlter wird als ſie vorher war (§. 76.). Derowegen wird die Lufft uͤber dem gefrornen Waſſer auch noch mit Duͤn - ſten erfuͤllet. Wenn demnach der Wind aus einem ſolchen Orte blaͤſet, ſo kan er noch Duͤnſte mit ſich bringen, die in unſe - rer waͤrmeren Lufft waͤſſerig werden und ſie feuchte machen. Und aus dieſer Urſache gehet es auch an, daß der Wind, welcher uͤ - ber die gefrorne See blaͤſet, noch feuchte ver - bleibet. Wiewohl da aus der gefrornenSee303Cap. II. Von dem Winde. See nicht ſo viel ausduͤnſten kan, als aus der offenen, ſo bleibet auch der Windaus einer ſolchen Gegend feuchter, wenn ſie offen, als wenn ſie zugefroren iſt.
Wenn man demanch die Win - de beurtheilen will, ob ſie warm, oder kalt, feuchte oder trocken ſind; ſo muß man fuͤr allen Dingen nachforſchen, was es fuͤr eine Beſchaffenheit mit den Laͤndern hat, die uns an dem Orte, wo wir uns aufhalten, gegen die verſchiedenen Gegenden liegen. Und ſo werden wir finden, daß z. E. hier bey uns in Halle der Morgen-Wind trocken und im Sommer zwar warm, aber doch gegen Morgen etwas kuͤhle, des Winters aber kalt ſey; hingegen der Abendwind feuchte und im Sommer kuͤhle, im Winter hingegen warm ſey: daß der Mittags-Wind warm, der Nordwind hingegen kalt, als unterwei - len im Sommer leidlich ſey: daß die Ne - benwinde von den Eigenſchafften der Hauptwinde etwas an ſich nehmen, als z. E. der Nordweſt-Wind feuchte und kalt, der Nord Oſt-Wind kalt und etwas feuchte iſt.
Es kan auch einerley Wind ver -Was die Witte - rungen zu den Ei - genſchaff - ten der Winde ſchiedene Veraͤnderungen leiden nach den verſchiedenen Witterungen in den Jahres - Zeiten: wie wir denn uͤberhaupt finden, daß der Wind im Fruͤhlinge ſehr trocknet, im Herbſte hingegegen gar wenig. Allein dawir304Cap. IV. Von den Witterungenbeytra - gen.wir noch nicht den Unterſcheid der Witte - rungen in den verſchiedenen Jahres-Zeiten erklaͤret haben; ſo koͤnnen wir auch nicht an - zeigen, was fuͤr ein Unterſcheid in den Ei - genſchafften der Winde daher ruͤhret. Es waͤre auch nicht undienlich, wenn man ihn mit mehreren Obſervationen zu erlaͤutern ſuchte: denn was wir bisher davon wiſſen, wird nur aus der gemeinen Erfahrung, die ſich von ſelbſten giebet, genommen.
WJr finden in der taͤglichen Erfah - rung, daß Waͤrme und Kaͤlte mit einander abwechſeln und zwar ſo mercklich, daß zu einer Zeit beſondere Wuͤrckungen der Waͤrme zu ſpuͤren ſind, die zu anderer Zeit aufhoͤren, und hinwiederum zu einer anderen Zeit ſich beſondere Wuͤrckungen der Kaͤlte zeigen, die ſonſt in der Natur nicht zugegen ſind. Der - gleichen Wuͤrckungen der Waͤrme iſt der Wachsthum der Pflantzen; hingegen der Kaͤlte Schnee und Eis. Ehe es aber zu dieſen Haupt-Abwechslungen kommet, iſtjeder -305der vier Jahrs-Zeiten. jederzeit ein mitlerer Zuſtand anzutreffen, welcher etwas von beyden hat. Der ge - meine Mann nennet Sommer, wenn es warm iſt, daß Pflantzen und Baͤume gruͤnen und wachſen koͤnnen; hingegen Winter, wenn es kalt iſt, daß es ſchneyet und gefrie - ret. Daher pfleget man zu ſagen, es wolle gar nicht Winter werden, wenn es zu einer Jahres-Zeit noch nicht gefrieret, da es ſonſt gefroren: auch ſaget man, es wolle noch nicht Sommer werden, wenn es zu ei - ner Jahres-Zeit noch immer kalt iſt, da es ſonſt ſehr warm zu ſeyn pfleget. Den mit - leren Zuſtand zwiſchen Winter und Som - mer, da die Kaͤlte ihren Abſchied nimmet und die Waͤrme ſich einſtellet, heiſſet der Fruͤhling: hingegen der mittlere Zuſtand zwiſchen Sommer und Winter, da ſich die Waͤrme nach und nach verlieret und die Kaͤlte herein dringet, wird der Herbſt ge - nennet. Weil aber dieſes ein Jahr nicht ſo iſt wie das andere: ſo hat man auch die vier Jahrs-Zeiten in genauere Schrancken einſchlieſſen muͤſſen, und da man geſehen, daß die Sonne dieſelben verurſachet, wie wir bald mit mehrerem zeigen werden, hie - rinnen auf ihre Bewegung acht gehabt. Wir nennen demnach die vier Jahrs-Zeiten diejenigen, welche vorbey ſtreichen, indem ſich die Sonne durch die vier Quadranten des Thier-Kreiſes beweget. Nemlich(Phyſick) UFruͤh -306Cap. IV. Von den WitterungenFruͤhling iſt die Zeit, in welcher die Sonne den Widder, Stier und die Zwillinge durch - wandert. Sommer die Zeit, in welcher ſie den Krebs, Loͤwe und die Jungfrau durchlaͤufft; Herbſt die Zeit, in welcher ſie ſich durch die Wage, den Scorpion und Schuͤtzen beweget, und endlich Winter, da ſie ihren Lauff durch den Steinbock, Waſ - ſermann und die Fiſche vollendet. Aus der Geographie iſt bekandt, daß die Erklaͤ - rungen der Jahrszeiten nicht uͤber den gan - tzen Erdboden gelten, ſondern bloß bey uns, die wir den nordiſchen Theil bewohnen: denn in dem ſuͤdlichen Theile kehret ſich alles um (§. 39. Geogr.).
Alle| Sommer kommen zwar darinnen mit einander uͤberein, daß es ſo warm iſt, daß Kraͤuter und Baͤume gruͤnen und wachſen koͤnnen; ingleichen wird kein Winter ſeyn, in dem es nicht wenigſtens ſo kalt ſeyn ſollte, daß die Baͤume ohne Laub und Wachsthum ſtehen: allein ein Som - mer iſt doch waͤrmer als der andere, und ein Winter kaͤlter als der andere. Gleicher - geſtalt kommen alle Fruͤhlinge darinnen mit einander uͤberein, daß das Eis wieder auff - thauet, der Schnee ſchmeltzet, die Baͤume ausſchlagen und die Kraͤuter aus der Erde wieder hervor kommen; ingleichen wird kein Herbſt ſeyn, da nicht die Baͤume ihr Laub fallen lieſſen und die Kraͤuter ihren Abſchiednaͤh -307der vier Jahrs-Zeiten. naͤhmen: allein es iſt doch auch ein Fruͤh - ling waͤrmer und ein Herbſt kaͤlter als der andere. Hierzu kommet noch anderer Un - terſcheid wegen des truͤben und hellen Wet - ters, wegen des Regens und Schnees, we - gen der Winde und was dergleichen mehr iſt. Man pfleget demnach die Witterun - gen in beſtaͤndige und veraͤnderliche einzu - theilen. Beſtaͤndige Wittrungen ſind diejenigen, welche in einerley Jahres-Zeiten in verſchiedenen Jahren einerley ſind: veraͤnderliche hingegen, welche in einerley Jahrs-Zeiten in verſchiedenen Jahren un - terſchieden ſeyn.
Damit wir nun die Urſache vonWarumb die Son - ne zu ver - ſchiede - nen Jah - res Zeiten nicht gleich warm ſcheinet. beyden finden moͤgen, ſo haben wir fuͤr al - len Dingen zu unterſuchen, was die Sonne veraͤnderliches in der Waͤrme auf dem Erd - boden hervor bringen kan. Wir finden demnach, daß die Sonne das gantze Jahr durch nicht ſo warm ſcheinet als das ande - re. Will man der gemeinen Erfahrung nicht trauen, weil uns die Sinnen in ge - nauer Beurtheilung der Waͤrme leicht truͤ - gen koͤnnen (§. 74); ſo kan man es durch untruͤgliche Verſuche ausmachen. Denn anfangs zeigen es die Brennſpiegel und Brennglaͤſer, als deren Wuͤrckung merck - lich unterſchieden iſt, wenn man mit ihnen Verſuche im Sommer und im Winter an - ſtellet. Darnach kan man es auch durchU 2die308Cap. IV. Von den Witterungendie Verduͤnnung der Lufft in einer Kugel, deren Eroͤffnung im Waſſer ſtehet, zeigen, wenn man ſie eine gewiſſe Zeit uͤber in die Sonne ſetzet (§. 133. T. I. Exper.): wel - cher Verſuch nach Fluddes Bericht ſchon vor alten Zeiten bekandt geweſenain Myſterio Meteororum inſalubrium part. 1. ſect. 1. c. 1. f. m. 9.. Ja wir finden es auch im Sommer, daß die Sonne im Mittage viel waͤrmer ſcheinet als des Morgends, wenn ſie erſt aufgegan - gen, oder des Abends, wenn ſie ſich zum Un - tergange neiget. Wir ſehen es mit Augen, daß ſowohl im Winter als des Morgends und gegen Abend die Sonne niedrig ſtehet, hingegen am Mittage im Sommer ſehr hoch uͤber den Horizont erhaben iſt. Dero - wegen ſcheinet die Sonne waͤrmer, wenn ſie hoch, als wenn ſie niedrig ſtehet. Wenn die Sonne im Zenith oder Scheitel-Puncte ſtuͤnde, ſo fielen ihre Strahlen perpendicu - lar herunter: je naͤher ſie demnach dem Ze - nith kommet, je naͤher kommen ihre Strah - len dem Perpendicul. Hingegen je naͤher die Sonne bey dem Horizont iſt, je mehr weichen ihre Strahlen von dem Perpendi - cul ab. Wenn man nun zwey Flaͤchen von gleicher Groͤſſe dergeſtalt gegen die Sonne ſtellet, daß das Sonnen-Licht auf die eine perpendicular, auf die andere aberſchief309der vier Jahrs-Zeiten. ſchief faͤllet; ſo wird man finden, daß auf die erſte mehr Strahlen fallen als auf die an - dere. Da ein jeder Strahl des Sonnen - Lichtes ſeine erwaͤrmende Krafft hat, ſo muͤſ - ſen viel Strahlen es waͤrmer machen als wenige: welches auch die Wuͤrckung der Brenn-Glaͤſer und Brenn-Spiegel be - kraͤfftiget, als wo das Sonnen-Licht bloß dadurch eine groͤſſere Krafft erhaͤlt, weil mehr Strahlen auf einen kleineren Raum ge - bracht werden (§. 136 T. II. Exper.). Und daß in der That keine andere Urſache vor - handen iſt, warum die Sonne einmahl waͤr - mer ſcheinet, als das andere, als weil die Strahlen einmahl in groͤſſerer Menge auf diejenigen Coͤrper fallen, welches ſie beſchei - net, als das andere; koͤnnen wir auch dar - aus abnehmen, daß uns, im Sommer ſon - derlich, die Mittags-Sonne blendet, die auf - und untergehende hingegen keines we - ges. Niemand aber wird in Abrede ſeyn, daß das Licht, welches das Auge blendet, ſtaͤrcker iſt als anderes, wodurch das Auge nicht geblendet wird. Starckes Licht aber hat mehr Strahlen als ſchwaches.
Da nun die Sonne von dem Ho -Wie die Waͤrme der ſchei - nenden Sonne ab - und zu-nim - met. rizont an bis zu dem Mittags-Circul immer hoͤher ſteiget, im Mittags Circul am hoͤch - ſten ſtehet und von dar an bis an den Abend - Horizont immer niedriger zu ſtehen kommet; ſo muß ſie auch von dem Aufgange an bis zuU 3Mitta -310Cap. IV. Von| den WitterungenMittage immer waͤrmer, und im Mittage den gantzen Tag uͤber am waͤrmeſten ſchei - nen, von Mittage aber an bis gegen Abend muß ihr Schein nach und nach immer ſchwaͤcher werden (§. 227). Gleicherge - ſtalt da die Sonne im Anfange des Krebſes bey uns, die wir den nordiſchen Theil der Welt bewohnen, das gantze Jahr uͤber am hoͤchſten ſtehet; ſo muß auch zu der Zeit, da die Sonne in Krebs tritt, welches gegen den 21 Junii zugeſchehen pfleget, dieſelbe das gantze Jahr uͤber am waͤrmeſten ſcheinen. Und da ſie im Anfange des Steinbocks bey uns des Mittags am niedrigſten ſtehet; ſo muß ſie auch zu der Zeit, da ſie in den Stein - bock tritt, welches gegen den 21 Decem - bris zugeſchehen pfleget, das gantze Jahr uͤ - ber am ſchwaͤchſten ſcheinen. Weil ſie von dem Anfange des Steinbocks an bis zu dem Anfange des Krebſes beſtaͤndig herauff ſteiget und daher im Mittags-Cir - cul eine groͤſſere Hoͤhe erreichet; ſo muß ſie auch von dem 21 Decembris an bis zu dem 21 Junii von Tage zu Tage immer waͤrmer ſcheinen. Endlich weil ſie von dem An - fange des Steinbocks immer niedriger ſtei - get und daher zu Mittage im Mittags Cir - cul eine kleinere Hoͤhe erhaͤlt; ſo muß ſie auch von dem 21 Junii an bis zu dem 21 De - cembris von Tage zu Tage immer ſchwaͤ - cher ſcheinen.
Aus eben dieſer Urſache geſchie -Warumb ſie nicht zu einer Zeit an allen Or - ten des Erdbo - dens gleich warm ſcheinet. het, daß die Sonne zu einer Zeit, wenn ſie im Mittags-Circul ſtehet, nicht an allen Orten des Erdbodens gleich warm ſcheinet. Denn je naͤher man dem hitzigen Striche kommet, je hoͤher ſtehet die Sonne im Mit - tags-Circul: hingegen je weiter man da - von weggehet und ſich dem Pole naͤhert, je tieffer ſtehet ſie. Derowegen muß ſie im̃er ſchwaͤcher ſcheinen, je weiter man ſich von dem hitzigen Striche entfernet und je naͤher man dem Pole kommet.
Wir erfahren uͤber dieſes taͤg -Warnmb die Son - ne in lan - gen Ta - gen es waͤrmer machet als in kurtzen. lich, daß die Tage eben zu der Zeit laͤnger ſind, wenn die Sonne waͤrmer ſcheinet. Wenn aber die Sonne lange ſcheinet ſo kan ſie es waͤrmer machen, als wenn ſie nicht ſo lange ſcheinet, maßen wir finden, daß ein Coͤrper waͤrmer wird, wenn er lange in der Sonne lieget, als wenn man ihn bald daraus wegnimmet: woraus augenſchein - lich zuerſehen, daß die Sonne die Waͤrme nach und nach hervor bringet. Wir ſe - hens auch daraus, wenn wir erwegen, wie die Sonne die Waͤrme hervor bringet (§. 130). Denn da ſolches geſchiehet, indem das Licht der Sonnen in die ſubtileſten Zwi - ſchen-Raͤumlein der Coͤrper hinein dringet und das darinnen befindliche elementari - ſche Feuer in Bewegung ſetzet; ſo laͤſſet ſich auch gar wohl begreiffen, wie nach undU 4nach312Cap. IV. Von den Witterungennach eine groͤſſere Menge deſſelben in Be - wegung gebracht, anch die Bewegung ver - ſtaͤrcket werden mag. Man kan es ferner auf eine ſolche Art erweiſen, daß die Sonne in langen Tagen es waͤrmer machen muß, als in kurtzen. Man ſetze, die Sonne ſtehe in einem kurtzen Tage nur 40 Grad uͤber dem Horizont, wenn ſie den Mittags-Circul er - reichet: in einem langen Tage aber ſey die Mittags Hoͤhe 70, welches gar wohl geſche - hen kan, indem der Unterſcheid der Mittags - Hoͤhe am laͤngſten und kuͤrtzeſten Tage ſich bey nahe bis 47 Grad belaufft. Zu der Zeit, wenn die Sonne im Mittage 70 Grad hoch ſtehet, ſo erhaͤlt ſie ſowohl einige Stun - den vor Mittage, als auch nach Mittage die Hoͤhe von 40 Graden. Weil nun die Sonne ihre Hoͤhe nach und nach erhaͤlt, und durch alle niedrigere zu einer hoͤheren hin - auffſteiget, hingen die Krafft des Sonnen - Scheines mit der Hoͤhe zunimmet (§. 238); ſo ſcheinet die Sonne die Zeit uͤber, da ſie von dem Horizont bis zu dem 40 Grade herauff ſteiget, und von ihm bis an den A - bend-Horizont ſich wieder hinunter begie - bet, eben ſo wie zu anderer Zeit den gantzen Tag, da die Mittags-Hoͤhe nur 40 Grad iſt. Die Zeit uͤber, welche vorbey ſtreichet, ehe die Sonne von dem 40 Grade an bis zu dem 70 herauf ſteiget und von dem 70 bis zu dem 40 ſich wieder hinunter begiebet, ſchei -net313der vier Jahrs-Zeitennet ſie noch waͤrmer als die uͤbrige Zeit, wenn ſie am waͤrmeſten ſcheinet (§. 228). Dero - wegen haben wir ja in einem langen Tage nicht allein eben die Wuͤrckung der Son - ne, welche ſich in einem kurtzen ereignet, ſondern uͤber dieſes noch eine weit ſtaͤrckere dazu, und unterweilen eben ſo lange, als vorhin die geringere allein. Und demnach iſt kein Wunder, daß es die Sonne in lan - gen Tagen waͤrmer machen kan als in kur - tzen.
Es zeiget es die taͤgliche Erfah -Was kuꝛ - tze Naͤch - te zu Ver - mehrung der Waͤr - me bey - tragen. rung, daß die Lufft kuͤhler wird, wenn die Sonne ſich zum Untergange nahet und nicht mehr ſo warm, wie vorhin, ſcheinet, noch mehr aber wenn wir ſie des Nachts gar nicht bey uns haben. Am deutlichſten a - ber ſiehet man es aus den Wetterglaͤſern, da der Spiritus die gantze Nacht uͤber faͤl - let und dadurch anzeiget, daß die Lufft bis an den Morgen, wenn die Sonne aufge - hen will, kuͤhler wird (§. 59 T. II. Exper.). Da nun die Eoͤrper kalt werden, indem ſie ihre Waͤrme verlieren (§. 76), ſo werden in einer langen Nacht die Coͤrper kaͤlter als in einer kurtzen. Derowegen wenn die Son - ne nach einer langen Nacht wieder aufge - het, ſo iſt weniger von der Wuͤrckung des vorigen Tages uͤbrig, als wenn ſie nach ei - ner kurtzen Nacht bald wieder kommet. Ein Coͤrper, der ſchon etwas Waͤrme hat, wirdU 5waͤr -314Cap. IV. Von den Witterungenwaͤrmer als ein anderer der kalt iſt, wenn beyde eine Zeit uͤber in einerley Waͤrme lie - gen: welches wir aus der gemeinen Erfah - rung lernen. Derowegen kan auch die Sonne mit ihrem Scheine mehr erwaͤrmen, wenn ſie nach einer kurtzen Nacht bald wie - der kommet, als wenn ſie in einer langen lange auſſen bleibet. Und alſo ſiehet man, daß die kurtzen Naͤchte die Wuͤrckung der Sonne befoͤrdern, hingegen die langen ihr darinnen hinderlich ſeyn. Es traͤgt aber auch nicht ein weniges zu Vermehrung der Waͤrme bey uns bey, daß eben zu der Zeit, wenn die Wuͤrckung der Sonne am ſtaͤrck - ſten iſt, ihre Naͤchte am kuͤrtzeſten ſind.
Wenn man dieſes alles, was bisher (§. 227 & ſeqq. ) ausgefuͤhret worden, erweget: ſo wird man ſehen, wie die vier Jahrs-Zeiten in dem Lauffe der Sonnen gegruͤndet ſeyn. Jm Anfange des Fruͤh - lings ſtehet die Sonne im Æquatore, als welcher die Ecliptick im Anfange des Wid - ders |durchſchneidet (§. 225 Phyſ. & §. 62. 64 Aſtron. ) und von dar an ſteiget ſie von Tage zu Tage immer weiter herauf gegen den Tropicum Cancri, wo ſie im Anfan - ge des Sommers die groͤſte Hoͤhe erreichet (§. 225), auch nimmet der Tag beſtaͤndig zu und die Nacht hingegen ab, bis im An - fange des Sommers der laͤngſte Tag und die kuͤrtzſte Nacht iſt (§. 51. Geogr.). De -ro -315der vier Jahrs-Zeiten. rowegen weil die Sonne von Anfange des Fruͤhlinges an von Tage zu Tage waͤrmer ſcheinet, im Anfange des Sommers aber am waͤrmeſten (§ 228.), auch wegen der zu - nehmenden Tage und der abnehmenden Naͤchte ſie nicht allein laͤnger erwaͤrmet (§. 230), ſondern auch wieder kommet, ehe die Coͤrper, welche ſie den vorhergehenden Tag erwaͤrmet hatte, mercklich abgekuͤhlet werden (§. cit. ); ſo muß auch die Waͤrme von dem Fruͤhlinge an bis zu dem Som - mer beſtaͤndig zu nehmen. Und weil die Sonne in Zwillingen und im Krebſe einer - ley Hoͤhen und die Tage, da ſich die Sonne in dieſen Zeiten verweilet, einerley Laͤnge ha - ben; ſo ſcheinet die Sonne ein paar Mona - the hinter einander mit einerley Krafft fort, und erwaͤrmet auf einerley Weiſe (§. 228. 230.). Derowegen dauret auch die Waͤr - me in einem fort und nimmet nicht gleich wieder mercklich ab. Eben die Beſchaffen - heit hat es mit der andern Helffte des Jahrs. Denn im Anfange des Herbſtes ſtehet die Sonne abermahls im Æquatore, als wel - cher die Ecliptick im Anfange der Wage durchſchneidet (§. 225 Phyſ. & §. 64. Aſtr. ), und von dar an ſteiget ſie von Tage zu Tage immer weiter herunter gegen den Tropi - cum Capicorni, wo ſie im Anfange des Winters die kleineſte Hoͤhe erreichet (§. 225), auch nimmet der Tag beſtaͤndig ab und dieNacht316Cap. IV. Von den WitterungenNacht hingegen zu, biß im Anfange des Winters der kuͤrtzſte Tag und die laͤngſte Nacht iſt (§. 51. Geogr.). Derowegen weil die Sonne vom Anfange des Herbſtes an von Tage zu Tage ſchwaͤcher ſcheinet, im Anfange des Winters aber am ſchwaͤchſten (§. 228), auch wegen der abnehmenden Ta - ge und der zunehmenden Naͤchte ſie nicht allein kuͤrtzere Zeit erwaͤrmet (§. 230), ſon - dern auch erſt wieder kommet, wenn ſie ſtarck abgekuͤhlet worden (§. cit. ); ſo muß auch die Kaͤlte von dem Herbſte an bis gegen den Winter beſtaͤudig zunehmen. Und weil die Sonne im Schuͤtzen und im Steinbocke ei - nerley Hoͤhen, und die Tage, da ſie ſich in die - ſen Zeichen verweilet, einerley Laͤnge haben; ſo ſcheinet die Sonne abermahl ein paar Monathe mit einerley Krafft fort und erwaͤr - met unſere Erde und, was darauf befindlich, gar wenig (§. 228. 230). Derowegen dauret auch die Kaͤlte in einem fort und nim - met nicht gleich wieder mercklich ab. Man hat aber in Beurtheilung der vier Jahrs - Zeiten, oder der beſtaͤndigen Witterung in denſelben nicht allein auf den Lauff der Son - ne und die daher ruͤhrende Veraͤnderung der Tages - und Nachts-Laͤnge zu ſehen; ſondern auch mit auf den vorhergehenden Zuſtand der Erde acht zu haben. Jm Anfan - ge des Fruͤhlinges iſt es ordentlicher Weiſe kaͤlter als im Anfange des Herbſtes, ob eswohl317der vier Jahrs-Zeiten. wohl geſchehen kan, daß, da wir in Som - mer der Waͤrme gewohnet, uns der Herbſt im Anfange kaͤlter vorkommt als der Fruͤh - ling, welcher auf den. Winter erfolget, da wir die Kaͤlte ausſtehen muͤſſen (§. 74.). Denn der Anfang des Fruͤhlinges folget auf den Winter, da die Erde durchgefroren und die darauf befindlichen Coͤrper ſehr erkaͤltet worden, folgends da es gute Weile haben will, ehe die erkalteten Coͤrper wieder durch - waͤrmet werden: hingegen der Anfang des Herbſtes folget auf den Sommer, da die Erde und die darauf befindlichen Coͤrper ſtarck durchwaͤrmet worden, folgends da es eine gute Weile brauchet, ehe die erwaͤrme - ten Coͤrper ihrer Waͤrme wiederum berau - bet werden (§. 76.). Und dieſes iſt die Ur - ſache warum die Waͤrme auf dem Erdbo - den nicht ſo zunimmet, wie die Krafft und Wuͤrckung der Sonne zunimmet, noch auch auf eben dieſe Art abnimmet, wie die Krafft und Wuͤrckung der Sonne abnim - met. Jch rede hier bloß von der Waͤrme und Kaͤlte, in ſo weit die Sonne in ihrer Wuͤrckung weder durch zufaͤllige Urſachen gehindert, noch auch befoͤrdert wird.
Und eben dieſes iſt die Urſache,Warumb die groͤſte Kaͤlte erſt im Hor - nung kommet. warum die Kaͤlte erſt gegen den Hornung kommet, wenn der Tag ſchon wieder zunim - met und die Sonne waͤrmer zuſcheinen be -gin -318Cap. IV. Von den Witterungenginnet, ſo daß man auch ſchon vor alten Zeiten dieſen Reim gemacht:
Nemlich den Sommer uͤber iſt die Erde durchwaͤrmet worden und muß dannenhero erſt wieder ihre Waͤrme alle ablegen, ehe die Lufft recht kalt werden kan. Denn ſo lange die Erde noch warm iſt, gehet beſtaͤn - dig Waͤrme aus der Erde in die Lufft (§. 79) und hindert dadurch die Kaͤlte (§. 116 T. II. Exper.). Nun weiſen es die Verſuche, welche Mariotte mit den Wetter-Glaͤſern in den Kellern zu Paris angeſtellet, daß die Waͤrme erſt gegen den 18 Decembr. aus der Erde gehet, als nach welcher Zeit das Wetterglaß unveraͤndert den gantzen Win - ter durch ſtehen bleibetaEſſay du chaud & du froid p. 40 & ſeqq. edit. Pariſ. . Derowegen kan es auch vor der Zeit nicht recht kalt werden. Wenn aber die Erde ihrer Waͤr - me voͤllig beraubet iſt, ſo bleibet die Lufft kalt und, da die erſten Wochen im Jenner die Sonne nicht mehr Krafft hat, als die beyden letzten Wochen im December (§. 227); ſo kan auch dieſe Zeit uͤber die Kaͤlte zunehmen. Solchergeſtalt findet ſich die groͤſte Kaͤlte gegen das Ende des Januarii oder den Anfang des Hornungs ein.
Vielleicht wird nicht einem je -Ein Zweiffel wird be - benom - men. den klar ſeyn, wenn ich ſage, die Erde habe alsdenn ihre Waͤrme, die ſie von der Son - ne den Sommer uͤber erhalten (denn hier - von und von keiner andern, die aus andern zufaͤlligen Urſachen entſtehet, iſt die Rede) gaͤntzlich verlohren, wenn das Wetterglaß im Keller nicht tieffer faͤllet. Derowegen iſt noͤthig, daß ich es in mehrere Klarheit ſe - tze. Wenn die Lufft kaͤlter wird, als ſie vorher war; ſo wird auch die obere Erde, welche ſie beruͤhret, kaͤlter (§ 76.). Und indem die obere Erde kaͤlter wird, muß auch die untere kaͤlter werden (§. cit.). Wenn nun aber die untere nicht mehr kaͤlter wird; ſo muß auch dieſelbe keine Waͤrme mehr haben, die ſie von der Sonne erhalten. Denn daß die Waͤrme welche ſie bey zuneh - mender Kaͤlte der Lufft fahren laͤſſet, von der Sonne iſt, kan man daraus ermeſſen, weil ſie dieſelbe wieder bekommet, wenn die Son - ne es beginnet waͤrmer zu machen. Man moͤchte zwar weiter ſagen, da es im Keller nicht ſo kalt iſt, wie oben in einem Orte, der nicht ſo tieff in der Erde iſt, wie eben Ma - riotte daſelbſt ausfuͤhret: ſo ſollte ja folgen, daß es auch unten im Keller kaͤlter werden muͤſte, je kaͤlter es oben wird. Allein wir wiſſen, daß die Waͤrme durch einen dicken Coͤrper nicht gantz durchdringet, auch wenn ſie ſtarck iſt (§. 129 T. II. Exper.): dero - wegen darf uns nicht befremden, daß aucheine320Cap. IV. Von den Witterungeneine gantz maͤßige Waͤrme, dergleichen in ei - nem tieffen Keller iſt, durch das dicke Erd - reich nicht durchdringen kan. Wir fin - den auch, daß einige Sachen die Waͤrme nicht durchdringen laſſen, als z. E. Fe - dern und Wolle, und darunter gehoͤret auch der Schnee, ja ſelbſt das Eis, damit die o - bere Erde uͤberfroren, oder durchfroren iſt. Und deswegen kan nicht die Waͤrme aus der unteren Erde in einer ſolchen Menge heraus fahren, daß es daſelbſt ſo kalt,Warumb im Fe - bruario der war - me⃒ Son - nenſchein die Kaͤlte nicht ver - treibet. oder doch bey nahe ſo kalt wuͤrde, wie oben.
Jm Hornunge kommet die Son - ne ſchon weit herauf, ſonderlich gegen das Mittel, und ſcheinet daher warm (§. 227. Derowegen ſehen wir auch, daß es in der Sonne thauet und der Schnee auf den Daͤchern und Feldern ſchmeltzet. Allein da die Erde gefroren und mit Schnee uͤ - berdeckt, andere Coͤrper aber, die uͤber der Erde erhaben ſtehen, ſehr kalt worden ſind; ſo koͤnnen ſie noch nicht von der Sonne mercklich erwaͤrmet werden. Die wenige Waͤrme, welche die Lufft in der Sonne bekommet, wird ihr im Schatten bald wie - der benommen, und des Nachts, die noch ziemlich lang iſt, gehet alles wieder verloh - ren, was die Sonne den Tag uͤber gewuͤr - cket. Wer ſich dieſer Wahrheiten mehr verſichern will, der darf nur mit Wetterglaͤ - ſern obſerviren und die Gelegenheit zu ſol - chen Obſervationen, als er noͤthig hat, ſu -chen,321der vier Jahrs-Zeiten. chen, der wird deſſen zur Gnuͤge uͤberfuͤhret werden. Deswegen aber geſchiehet es, daß im Schatten gleich wieder gefrieret, was in der Sonne aufgethauet, und es ſon - derlich des Nachts ſtarcken Froſt hat, uner - achtet die Mittags-Sonne Schnee ſchmel - tzet und das Eis an der oberen Flaͤche auff - thauet.
Die groͤſte Waͤrme pfleget erſtWarumb die groͤſte Hitze erſt in Hunds - Tagen kommet. in den Hunds-Tagen zu kommen, welche erſt gegen das Ende des Julii, wenn die Sonne in den Loͤwen tritt, ihren Anfang nehmen, und alſo wenn die Krafft der Son - nen ſchwaͤcher wird (§. 227). Jn den Zei - chen der Zwillinge und des Krebſes hat die Sonne faſt beſtaͤndig gleich warm geſchie - nen (§. cit. ) und ſind die Tage von einerley Laͤnge und die Naͤchte von einer Kuͤrtze ge - weſen. Derowegen ſind die Erde und die darauf befindlichen Coͤrper recht durch - waͤrmet worden. Weil demnach die Sonne im Loͤwen noch ziemlich warm ſcheinet, auch die Nacht in Anſehung des Tages noch kurtz iſt; ſo iſt kein Wunder, wenn auch eine etwas ſchwaͤchere Wuͤr - ckung der Sonnen dennoch mehr ausrichten kan als eine ſtaͤrckere im Anfange, da noch nichts durchwaͤrmet iſt. Und hieraus er - kennet man den Wahn der Sterndeuter, welche die Hitze der Hunds-Tage dem(Phyſick) XHunds -322Cap. IV. Von den WitterungenHundsſterne zugeſchrieben, der alsdenn mit der Sonne aufgehet.
Wenn die Sonne die einige Urſache aller Witterungen waͤre, ſo muͤſte auch dieſelbe ein Jahr wie das andere ſeyn: denn ſie beweget ſich ein Jahr wie das an - dere durch die Ecliptick und dieſe hat we - nigſtens in Anſehung einiger tauſend Jahre eine beſtaͤndige Lage im Himmel. Uner - achtet de Louvilleain Actis Erud. A. 1719. p. 281. & ſeqq. behauptet, daß der Winckel, unter welchem die Ecliptick den Æquatorem durchſchneidet, veraͤnderlich ſey; ſo traͤget es doch nach ſeiner eigenen Rechnung in 100 Jahren nicht mehr als ei - ne Minute aus; welches in gegenwaͤrti - gem Falle wenig zu ſagen hat, aber viel wuͤrde zu ſagen haben, wenn nach Verlauff 148000 Jahre die Ecliptick mit dem Æ - quatore zuſammen kommen ſollte. Da es nun aber in Anſehung der jetzigen Jahrs - Zeiten gleichviel iſt, als wenn die Ecliptick unveraͤnderlich waͤre; ſo iſt die Krafft der Sonne ein Jahr wie das andere und die Laͤnge der Tage gleichfalls ein Jahr wie das andere. Und demnach kan von der Sonne kein Unterſcheid in die Witterun - gen der vier Jahrs-Zeiten kommen. Gleich - wohl aber finden wir, daß ſie ein Jahr garnicht323der vier Jahrs-Zeiten. nicht wie das andere ſeyn: und daher muͤſ - ſen ſie andere Urſachen als die Sonne ha - ben.
Jch habe dieſe Urſachen ſchonWie die Duͤnſte die Wuͤr - ckung der Sonne hindern. vor vielen Jahrenain diſſertatione de hieme A. 1709. gezeiget und ſie nach dieſem mit der Erfahrung uͤbereinſtimmend gefunden. Wir wollen ſie auch hier or - dentlich uͤberlegen. Es koͤnnen oͤffters vie - le Duͤnſte in der Lufft ſeyn, ohne daß die Lufft dadurch truͤbe wird (§. 165. T. II. Ex - per.). Da ſie nun aber deſſen ungeachtet die Strahlen der Sonnen reflectiren (§. 195); ſo kommen ihrer weniger auf den Erdboden, als ſonſt herunter fallen wuͤrde. Und ſolchergeſtalt wird die Krafft der Son - ne geſchwaͤchet. Es ſtimmet dieſes mit der Erfahrung uͤberein. Homberg hat bey der Koͤniglichen Academie der Wiſſenſchaff - ten zu Paris gefundenbMemoires de l’ Acad. de Roy. des ſcienc. A. 1705. p. m. 50., daß die Brenn - glaͤſer eine geringere Wuͤrckung haben, wenn einige Tage hinter einander helles Wetter geweſen. Zu ſolcher Zeit trocknet alles aus, auch ſelbſt die Fluͤſſe und ſtehende Waſſer. Derowegen muß die Lufft mit vielen Duͤnſten erfuͤllet werden, folgends kommen weniger Strahlen herunter, als wenn ſie von den Duͤnſten gereiniget iſt. DaX 2nun324Cap. IV. Von den Witterungennun die Brennglaͤſer deſto groͤſſere Wuͤr - ckung haben, je mehr ſie Strahlen auffan - gen und deſto geringere, je weniger darauf fallen: ſo kan freylich ihre Wuͤrckung nicht ſo groß ſeyn, wenn einige Tage gutes Wet - ter geweſen, als wenn die| Lufft ſich durch ſtarcken Regen gereiniget und nun wieder heiterer Himmel hergeſtellet wird. Man darf ſich auch nicht befremden laſſen, daß gleichwohl zur ſelbigen Zeit eine ſehr groſſe Hitze iſt: denn die Hitze iſt durch die vor - hergehende Wuͤrckung der Sonne ſchon hervorgebracht worden und bleibet noch zu - ruͤcke, auch wenn die Sonne etwas ſchwaͤ - cher ſcheinet (§. 227). Darnach muß man auch erwegen, daß wir nicht die Hitze nach unſeren Sinnen, oder unſerer Empfindung beurtheilen muͤſſen, welche uns gar ſehr be - truͤgen koͤnnen (§. 74.), am allermeiſten aber in gegenwaͤrtigem Falle.
Noch mehr als die Duͤnſte ver - moͤgen die Wolcken, damit der Himmel uͤ - berzoͤgen wird, abſonderlich die dicken, die gantz ſchwartz ausſehen, wenn ſie vor |der Sonne ſtehen - Denn daß die Wolcken, ſonderlich die dicken, das Licht der Sonne haͤuffig zuruͤcke werffen, ſiehet man nicht allein aus den Wolcken, die nach dem Un - tergange der Sonne, wenn es ſchon dunckel wird, in der Hoͤhe erleuchtet werden, als welche faſt wie das neue Licht des Mondsdie325der vier Jahrs-Zeiten. die Coͤrper auf dem Erdboden erleuchten, ingleichen aus den Wolcken, die bey Tage gegen der Sonne uͤber ſtehen und wegen der ſtarcken Reflexion ſehr helle und weiß ausſehen; ſondern man kan es am allerdeut - lichſten wahrnehmen, wenn im Sommer bey recht hellem Wetter, ſonderlich da die Sonne noch hoch im Himmel ſtehet, der Himmel auf einmahl mit dicken Wolcken uͤberzogen wird. Denn es wird ſo finſter, daß man faſt nicht mehr ſehen kan, biß end - lich das Auge ſich in den Stand einrich - tet, wie es das ſchwache Licht erfordert, (§. 38 Opt.). Wenn ſich das Licht ploͤtzlich aͤndert, ſo koͤnnen wir den Unterſcheid mercken, welches ſonſt nicht angehet, da wir gleich fruͤhe, indem wir aufſtehen, es truͤbe und dunckel finden, oder auch wenn die Wolcken nach und nach den Himmel verdunckeln. Weil demnach die Wolcken das Licht der Sonne ſo gar ſehr vermin - dern koͤnnen; ſo muͤſſen ſie ja einen gar an - ſehnlichen Theil der Sonnen-Strahlen zuruͤcke halten, daß er nicht herunter kom - men kan. Je weniger aber Strahlen der Sonne herunter kommen, je weniger kan auch die Sonne erwaͤrmen (§. 228). Es iſt aber abſonderlich wohl zumercken, daß hauptſaͤchlich der Sonnen-Schein erwaͤr - met. Denn wenn wir mit den Brenn - glaͤſern und Brennſpiegeln was zu StandeX 3brin -326Cap. IV. Von den Witterungenbringen wollen; ſo muͤſſen wir den Schein der Sonne auffangen, das Tage-Licht, ob es gleich auch von der Sonne herkommet, iſt dazu nicht geſchickt. Woraus man ſiehet, daß das Licht, welches gerade von der Sonne herunter faͤllet, gar ungemein ſtaͤrcker iſt, als was erſt durch die Reflexion von einem andern Coͤrper zu uns kommet. Derowegen da die Wolcken den Sonnen - ſchein gantz benehmen und nichts merckli - ches davon auf den Erdboden herunter laſ - ſen, ſo wird auch durch ſie die Erwaͤrmung unſerer Erde und der darauf befindlichen Coͤrper gar mercklich gehindert.
Wir haben ſchon angefuͤhret (§ 239) und ſehen es im Sommer gar offt, daß dicke Wolcken, welche der Sonne ge - gen uͤber ſtehen, ihr Licht haͤuffig reflectiren und davon gantz weiß ausſehen. Da nun dadurch viel Sonnen-Strahlen herunter kommen, die ſonſt wegbleiben wuͤrden; ſo ſcheinet es als wenn auch dadurch die Wuͤr - ckung der Sonne verſtaͤrcket wuͤrde (§. 227). Jedoch da wir erſt vernommen, daß das re - flectirte Licht der Sonne nicht die Krafft hat, welche das jenige aͤuſſert, ſo gerade her - unter faͤllet (§. 239); ſo koͤnte man zweiffeln, ob auch etwas davon zu hoffen ſey. Allein es zeigen die Brennſpiegel, daß ein Unter - terſcheid zu machen ſey, unter dem Scheine der Sonne, der reflectiret wird, und unterdem327der vier Jahrs-Zeiten. dem Lichte was den Coͤrper vorſtellet, davon es reflectiret wird (§. 136. 150. T. II. Exp.). Das letztere iſt ſchwach; das andere blei - bet ſtarck. Die Wolcke in der Hoͤhe beſte - hen aus gefrornen Duͤnſten, das Eis aber aͤndert nicht durch ſeine Reflexion und Re - fraction den Sonnenſchein (§. 140 T. II. Ex - per. ), und daher kan auch dieſes Licht noch eine merckliche Krafft haben. Es iſt eben ſo viel, als wenn es von einem Spiegel zu - ruͤcke geworffen wuͤrde. Wenn demnach die Sonne warm ſcheinet und die Wolcken ſich nicht ſchnelle bewegen, ſondern faſt wie unbeweglich eine gute Zeit auf einer Stelle ſtehen bleiben, auch gleich andere wieder in ihre Stelle ruͤcken, wie ſie unvermerckt weg - ſchleichen; ſo darf man wohl kein Beden - cken tragen, daß nicht dadurch die Krafft der Sonne an den Orten ſollte verſtaͤrckt wer - den, wo das Licht hin reflectiret wird.
Die Duͤnſte, welche aus derDaß der Regen die Erde und Lufft abkuͤhlet. oberen Lufft ſich in die untere ſencken, kuͤh - len ſie ab und ſind kaͤlter als die Lufft, bey dem Aufgange der Sonne (§. 64. T. II. Exper.). Die Urſache faͤllet auch nicht ſchweer zuerrathen. Man hat vor uhral - ten Zeiten angemercket, daß es in der Hoͤhe viel kaͤlter iſt als in der Tieffe, als z. E. auf Gebuͤrgen kaͤlter als in Thaͤlern, ſo daß auch ſchon AriſtotelesaMeteorolog. lib. 2. c. 3. p. m. 732. den Grund davon ge -X 4ſuchet.328Cap. IV. Von den Witterungenſuchet. Derowegen muͤſſen auch die Duͤn - ſte in der oberen Lufft kaͤlter ſeyn als in der unteren. Der Regen entſtehet aus den Duͤnſten, die ſich in Wolcken zuſammen gezogen, wie jedermann aus der Erfahrung bekandt und wir nach dieſem an ſeinem Or - te weiter erklaͤren werden. Derowegen muß auch er kaͤlter ſeyn als die untere Lufft und noch kaͤlter als andere Coͤrper, welche von der Sonne die Zeit uͤber, da es helle ge - weſen, erwaͤrmet worden. Wenn demnach der Regen auf die Erde faͤllet und zugleich andere Coͤrper auf dem Erdboden befeuchtet, ſo benimmet er ihr und ihnen einen Theil der Waͤrme (§. 79.), ſolchergeſtalt wird die Erde nebſt denen darauf befindlichen Coͤrpern abgekuͤhlet. Allein eben was wir vorhin von der Abkuͤhlung der Lufft durch die Duͤnſte angefuͤhret, bekraͤfftiget zugleich, daß auch der Regen die Lufft abkuͤhlen muß, indem ſie durch dieſelbe faͤllet. Wir finden es auch in der Erfahrung und die Wetter - glaͤſer ſtimmen uns hierinnen bey, daß die Lufft nach dem Regen kuͤhler wird, auch wenn nur ein kleiner Regen herab faͤllet, der nur eine viertel - oder halbe Stunde, oder auch wohl noch kuͤrtzere Zeit dauret, und da - bey der Himmel nicht gantz mit Wolcken uͤberzogen wird.
Unterdeſſen kan doch auch imWarumb er es im Wiuter warm machet. kalten Wetter der Regen es waͤrmer ma - chen. Wenn der Erdboden und ſonder - lich die Steine ſehr kalt ſind, und es faͤllet ein ſubtiler Regen; ſo werden die Steine mit einer duͤnnen Schaale von Eis uͤberzo - gen. Nun gefrieret das Waſſer bloß da - durch, daß ihm die Waͤrme entgehet (§. 119 T. II. Exper.). Derowegen muß der Regen waͤrmer ſeyn als die Steine und der Erdboden und dieſen ihre Waͤrme mit - theilen. Wiederum wenn das Erdreich und die Daͤcher mit Schnee bedecket ſind und es faͤllet ein Regen darein, ſo thauet der Schnee viel ſtaͤrcker auf als im Sonnen - ſcheine. Ja uͤberhaupt iſt das Thauwet - ter ſtaͤrcker bey feuchter Lufft als bey trocke - ner. Der Schnee und das Eis thauen nicht auf als wenn ſie wieder ſo viel Waͤrme erhalten, als zur Fluͤßigkeit des Waſſers noͤthig iſt (§. cit. T. II. Exper.). Dero - wegen da beyde von dem Regen aufthauen und gleichwvhl dieſer nicht gefrieret, ſo muß er nicht allein ſo viel Waͤrme haben, als ihn in ſeiner Fluͤßigkeit zuerhalten erfordert wird, ſondern auch noch ſo viel daruͤber als der Schnee und das Eis, ſo er ſchmeltzet, zu ihrer Fluͤßigkeit brauchen. Derowegen hat der Regen ſo viel Waͤrme, daß er auch der Lufft und dem Erdboden einige mitthei - len kan, folgends kan er wieder zu Winters -X 5Zeit330Cap. IV. Von den WitterungenZeit die Lufft und den Erdboden waͤrmer machen als er iſt.
Jch habe ſchon oben erinnert, daß die Winde, ſonderlich wenn ſie ſtarck blaſen, die Lufft und den Erdboden nebſt denen darauf befindlichen Coͤrpern abkuͤh - len (§ 214). Und wir brauchen auch das Bla - ſen als ein Mittel warme Sachen abzu - kuͤhlen. Der Wind jaget die Lufft, wel - che von der Sonne etwas erwaͤrmet wor - den, gleich wieder weg und bringet andere kalte in deren Stelle. Derowegen kan ſie nicht ſo warm werden, als geſchehen wuͤr - de, wenn ſie eine Weile in einem Orte ſtille ſtehen bliebe. Wiederumb die Lufft kan von der Waͤrme, die aus dem Erdboden aufſteiget, nur einen gewiſſen Antheil an - nehmen (§. 109 T. I. Exp). Derowegen weñ der Wind immer friſche Lufft an einem Ort hinbringet; ſo nimmet die Lufft auch mehr von der Waͤrme der Erde weg, als ſonſt weggehen wuͤrde. Da wir finden, daß die warme Lufft durch die Bewegung kalt wird, wie man auch zu dem Ende Machinen er - dacht, damit man durch Bwegung der Lufft abkuͤhlet (b); ſo kan es auch ſeyn, daß die Bewegung der Waͤrme durch die Bewe - gung des Windes gehemmet wird: wo - durch es gleichfalls kaͤlter wird (§. 77). Estraͤ -(a) Boͤckler in Theatro Machinarum Tab. 331der vier Jahrs-Zeiten. traͤget uͤber dieſes der Wind zur Hinde - rung der Erwaͤrmung nicht wenig bey, wenn er aus einem kalten Orte blaͤſet und kalte Lufft zu uns bringet, die von unſerer Waͤr - me immer etwas mit nimmet, indem ſie bey uns durch paßiret.
Es kan aber im Gegentheile derWenn der Wind die Son - ne in ih - rer Wuͤr - ckung foͤrdert. Wind die Sonne in ihrer Wuͤrckung foͤr - dern, wenn er aus einer Gegend blaͤſet, wo er waͤrmere Lufft mit ſich bringet als wir bey uns haben. Denn alsdenn wird nicht allein die Lufft, welche ſchon warm iſt, bey uns von der Sonne noch weiter erwaͤr - met; ſondern es theilet auch die Lufft dem Erdboden und denen darauf befindlichen Coͤrpern von ihrer Waͤrme mit (§ 76.).
Wenn in der Lufft grobe Duͤn -Warumb unterwei - len die Sonne ſticht. ſte ſind; ſowird das Sonnen-Licht in ih - nen gebrochen (§. 153 T. II. Exper.). Da nun die groben Duͤnſte wie kleine Kuͤglein anzuſehen ſind, ſo wird durch die Refracti - on das Sonnen-Licht zuſammen gebracht, daß hin und wieder die Strahlen dichter auf einen Ort fallen, als wo die ungebro - chenen hin kommen. Da nun die dichten Strahlen bey nahe brennen, wie wir es ſpuͤren, wenn das Sonnen-Licht durch die Refraction in etwas erhabenen Glaßſchei - ben verſtaͤrcket wird; ſo iſt es nicht anders als wenn wir hin und wieder geſtochen wuͤr - den. Und daher pfleget man auch in die -ſem332Cap. IV. Von den Witterungenſem Falle zu ſagen: die Sonne ſteche. Daß aber in der That die Urſache in den Duͤn - ſten zu ſuchen ſey, die ſchon in Tropffen zuſammen zu flieſſen beginnen; kan man daher abnehmen, weil bald Regen er - folget, wenn die Sonne ſticht. Daher es auch der Landmann als ein Zeichen des Regens annimmet.
Wenn man alle dieſe Urſachen erweget, wodurch die Sonne in ihrer Wuͤr - ckung kan gehindert und befoͤrdert werden (§. 235 & ſeqq. ) und dabey die Eigenſchaff - ten der Winde uͤberleget, die aus verſchie - denen Gegenden blaſen (§. 216 & ſeqq); ſo wird man die Urſache der veraͤnderlichen Witterungen in einem jeden Jahre gar leicht finden. Jch habe es A. 1709 gewie - ſen, als ich die Urſachen des ungewoͤhnli - chen Winters unterſuchte. Denn zu der - ſelben Zeit kamen alle Urſachen zuſammen, die zu Vermehrung der Kaͤlte etwas bey - tragen koͤnnen. Eben ſo wird man fin - den, daß, wenn viel Urſachen zuſammen kommen, wodurch die Sonne in ihrer Wuͤrckung gefoͤrdert wird, ein warmer Sommer und warmer Winter iſt; hinge - gegen wenn viel Urſachen zuſammen kom - men, wodurch die Sonne in ihrer Wuͤr - ckung gehindert wird; ein kalter Sommer zu ſeyn pfleget. Jch koͤnte leicht allerhand Saͤtze aus den vorhergehenden Gruͤndener -333der vier Jahrs-Zeiten. erweiſen, dadurch der Unterſcheid der ver - aͤnderlichen Witterungen vorgeſtellet wuͤr - de: allein weil es viel zu weitlaͤufftig fallen wuͤrde alle hier auszufuͤhren, ſo will ich es zu eines jeden Nachdencken uͤberlaſſen. Wer ſich in Beurtheilung der Witterung uͤben will, der darf nur fleißig obſerviren, was ſich darinnen veraͤnderliches ereignet, und abſonderlich die in dem andern Theile der Verſuche (c. 3 & ſeqq. ) beſchriebene Jnſtrumente dabey gebrauchen; alsdenn nach meinen Gruͤnden die Urſachen davon unterſuchen; ſo wird er es in kurtzer Zeit weiter bringen, als er geglaubet haͤtte. Es wird aber dazu noch ferner dienlich ſeyn, was ich in dem folgenden von dem Regen, Schnee, Thau, Hagel, Blitze und anderen zum Wetter gehoͤrigen Sachen mit bey - bringe.
DJe Duͤnſte ſind kleine Blaͤſelein,Wie die Duͤnſte aufſteigen die leichter ſeyn als die Lufft (§. 85. T. II. Exper.) und demnach ſtei - gen ſie in der Lufft in die Hoͤhe wieande -334Cap. V. Von dem Auffſteigenandere Coͤrper in fluͤßigen Materien, die leichter ſind als dieſelbe Materie (§. 195 T. I. Exper.). Derowegen weil die Lufft unten dichter iſt, weiter hinauf aber immer duͤnner wird (§. 189); ſo koͤnnen die Duͤn - ſte zwar in der unteren Lufft in die Hoͤhe ſteigen, in der oberen aber muͤſſen ſie han - gen bleiben (§. 195 T. I. Exper.). Daß dieſe und keine andere Urſache iſt, warum die Duͤnſte aufſteigen, iſt nicht allein aus den angefuͤhrten Gruͤnden klar; ſondern man ſiehet auch, daß keine andere als dieſe vorhanden. Es gewinnet freylich wohl das Anſehen, als wenn ſie auch von der Waͤrme koͤnnten in die Hoͤhe gebracht wer - den: denn wir ſehen daß das Waſſer aus - duͤnſtet, indem es kalt wird und ihm die Waͤrme entgehet (§. 124); ja wir fuͤhlen es auch, daß der Dampff, welcher aus warmem Waſſer aufſteiget, ſehr heiß iſt. Al - lein wenn man die Sache genauer uͤberle - get, ſo wird ſichs bald zeigen, daß die Waͤr - me die Duͤnſte nicht in die Hoͤhe treiben kan. Anfangs ſiehet man daß die Duͤnſte allzeit in die Hoͤhe ſteigen, ſich aber niemals nach der Seite bewegen: da hingegen die Waͤrme ſich ſowol nach der Seite ausbrei - tet, als in die Hoͤhe ſteiget. Wenn nun die Waͤrme die Duͤnſte fort triebe; ſo muͤ - ſte es doch auch geſchehen, daß einige nach der Seite mit fort geriſſen wuͤrden: wel -ches335der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. ches gleichwohl niemahls geſchiehet. Dar - nach wiſſen wir, daß die Duͤnſte ihre. Waͤr - me gar bald verlieren (§. 171 T. Exper.) und eben alsdenn, wenn ſie ihre Waͤrme verlohren haben, noch in die Hoͤhe ſteigen koͤnnen, wie ſich durch einen Verſuch mit den Dampff-Kugeln zeigen laͤſſet. Man haͤnge eine Materie, welche die Feuchtigkei - ten leicht an ſich ziehet, uͤber die Duͤnſte, wo ſich der Dampff abgekuͤhlet, der aus der Dampff-Kugel heraus faͤhret, und eben ſo weit einen Theil davor hinten den Dampff in der Linie, nach welcher er aus der Dampf - Kugel heraus ſchießt; ſo wird man ſehen, daß er ſich nicht in ſeiner Richtung, die er einmahl hat fort beweget, ſondern in die Hoͤhe ſteiget. Wir wollen es aber auch noch ordentlicher einſehen, daß die Waͤrme keine Troͤpflein Waſſer fort bewegen kan. Denn wenn ſolches geſchehen ſollte, ſo muͤ - ſten entweder die Troͤpflein des Waſſers in der Waͤrme ſchwimmen und mit ihr wie ei - ne Sache, die im Strome lieget, fortge - ſchleppet werden, oder die Waͤrme muͤſte ihnen durch den Stoß eine Bewegung mittheilen, wie das Waſſer durch den Stoß ein Rad beweget. Allein keines von beyden kan wohl ſtat finden. Wenn die Troͤpflein Waſſer in der Waͤrme wie in ei - nem Strome ſchwimmten; ſo wuͤrde ihre Bewegung aufhoͤren, ſobald ſich die Waͤr -me336Cap. V. Von dem Auffſteigenme zertheilet und ſie verlaſſen haͤtte. Ge - ſchaͤhe dieſes, ſo wuͤrden die Duͤnſte nicht hoͤher ſteigen als die Waͤrme gehet. Da nun niemand in Abrede ſeyn wird, daß die Duͤnſte weit hoͤher ſteigen als die Waͤrme, welche aus dem Waſſer faͤhret, indem dieſe nicht in einem beſtaͤndigen Strome fortge - het, ſondern vielmehr ſelbſt in die Zwiſchen - Raͤumlein der Lufft hinein dringet: ſo ſie - het man⃒ auch⃒, ⃒ daß die erſte Art der Bewegung nicht ſtat findet. Es laͤſſet ſich aber noch weniger begreiffen, wie die Waͤr - me den Duͤnſten eine Bewegung mitthei - len kan, dadurch ſie in der Lufft in die Hoͤ - he ſteigen. Denn da ſie, wie wir aus dem vorhergehenden abnehmen koͤnnen, wohl bis 4 deutſche Meilen in die Hoͤhe ſteigen; ſo muͤſte ihnen eine ſolche Geſchwindigkeit mitgetheilet werden, dadurch ſie den Wie - derſtand der Lufft, den ſie in einer Hoͤhe von 4 deutſchen Meilen finden, uͤberwinden koͤnnten. Wenn wir aber auf die Ausduͤn - ſtungen des ſiedenden Waſſers acht geben, ſo finden wir keine ſonderliche Geſchwindig - keit: ja der Dampff aus den Dampff Ku - geln faͤngt an in die Hoͤhe zu ſteigen, wenn er die Geſchwindigkeit verlieret, mit welcher er aus ihnen heraus faͤhret. Wir finden auch, daß die Duͤnſte aus der Dampff-Ku - gel viel ſchneller heraus fahren, als aus dampffendem Waſſer und dennoch in einergantz337der Duͤnſten, Nebel und Wolcken. gantz geringe Weite ſchon aller ihrer Ge - ſchwindigkeit durch den Wiederſtand der Lufft beraubet ſind. Derowegen muͤſten die Duͤnſte, die ſonſt aufſteigen, wo nicht einmahl ſo viel Waͤrme iſt, als wie im dampffenden Waſſer, noch viel eher ihre durch den Stoß erhaltene Geſchwindigkeit verlieren: welches doch aber nicht geſchie - het. Jch koͤnnte noch dieſes hinzuſetzen; daß eine ſo ſubtile Materie wie die Waͤrme iſt, welche die Zwiſchen Raͤumlein der ſub - tileſten Waſſer-Troͤpfflein uͤberall durch - dringet, gar nicht geſchickt iſt, ſie zubewegen, wenn es nicht an dem bisherigen genung waͤre.
Das Waſſer iſt voller Lufft (§. Wie die Sonne die Duͤn - ſte hervor bringet.148 T. I. Expet.). Derowegen wenn die Sonne darauf ſcheinet und es erwaͤrmet (§. 130), ſo wird die Lufft ausgebreitet, daß ſie einen groͤſſeren Raum einnimmet als vorhin (§. 233 T. I. Exper.). Wenn ſich die Lufft innerhalb dem Waſſer ausbreitet, ſo formiret ſie Blaͤſelein, welche im Waſ - ſer in die Hoͤhe ſteigen (§. 195 T. I. Exper). Sind dieſe Blaͤſelein ſo groß, daß ihr Dia - meter 10 mahl ſo groß iſt als des Troͤpflein Waſſers, das von der Lufft ausgedehnet ward; ſo ſind es Duͤnſte, die ſich von dem Waſſer loß reiſſen und in der Lufft in die Hoͤhe ſteigen (§. 85. T. II. Exper.). Eben die Bewandnis hat es, wenn die Sonne(Phyſick) Yauf338Cap. V. Von dem Auffſteigenauf einen feuchten, oder naſſen Coͤrper ſchei - net. Und auf ſolche Weiſe begreiffet man, wie die Sonne austrocknet. Man kan dieſe Erzeugung der Duͤnſte gar deutlich ſehen, wenn man in einem Schaͤlgen Caffee ſtehen hat, der ſo heiß iſt, daß er rauchet, ab - ſonderlich wenn man ihn in die Sonne ſe - tzet und nach der Seite aus dem Dunckelen anſiehet. Der Dampff, ſo auffſteiget, ſie - het anfangs an der Flaͤche des Caffees nicht anders als wenn er mit ſubtilem̃ Zucker be - ſtreuet waͤre. Die weißlichte Farbe zei - get an, daß es kleine Blaͤſelein ſeyn. Ehe man ſichs verſiehet, reiſſet ſich eine Menge davon in einem Striche fort loß und ſteiget in die Lufft. Es bleibet auch eine kleine Weile der Ort, wo ſich der Dampff loß ge - riſſen, frey, ehe neue Blaͤſelein aufſteigen. Jch zweiffele nicht, daß man alles noch deut - licher unterſcheiden wuͤrde, wenn man ein Vergroͤſſerungs Glaß dazu brauchte. Weil man aber daſſelbe nicht zu nahe halten darf, auch es bequemer faͤllet, wenn der Kopff nicht ſo nahe iſt; ſo halte davor, es wuͤrde ein verkehrtes Fernglaß hier gute Dienſte thun, welches die Stelle eines Vergroͤſſe - rungs Glaſes vertritt (§. 89 Dioptr.).
Daß die Duͤnſte Blaͤſelein ſind, die ſich von dem Waſſer loßreiſſen, weil ſie leichter ſind als die Lufft iſt durch die Ver - nunfft (§. 248) und Erfahrung (§. 85 T. II. Ex -339der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. Exper.) klar. Daß ſie in der Lufft ſehr hoch hinauf ſteigen, bekraͤfftiget gleichfals die Erfahrung. Und demnach iſt daraus nichts anders abzunehmen, als daß ſie ſolan - ge leichter in der Lufft verbleiben, als ſie in ihr noch hoͤher hinauf ſteigen, folgends daß die Blaͤſelein ſtarck ausgeſpañet verbleiben, wie ſie anfangs ſind, wenn ſie aus dem Waſſer gehen. Allein was man als einen Satz, der aus dem folget, was vothin durch tuͤchtige Gruͤnde beſtetiget worden, zugeben ſollte, das pfleget man unterweilen als eine Schweerigkeit anzunehmen, dadurch man den Satz von der Art der Schweere der Duͤnſte, die leichter ſeyn ſoll als die Schweere der Lufft, uͤber einen Hauffen werffen will. Man meinet, die Duͤnſte muͤſten ihre Waͤrme in der Lufft bald fahren laſſen und dann wuͤrde die Lufft in ihnen wieder in einen engeren Raum gebracht, folgends wuͤrden die Blaͤſelein kleiner und ſchweerer als ſie vorher waren, und waͤren daher nicht vermoͤgend in der Lufft in die Hoͤhe zu ſteigen. Allein man nimmet hier etwas an, was man nicht erweiſen kan. Es iſt wohl wahr, daß die Duͤnſte in der Lufft ihre Waͤrme bald fahren laſſen, denn ſolches bekraͤfftigen die Verſuche mit den Dampf - Kugeln (§. 171 T. I. Exper.): allein da - raus folget nicht, daß die Lufft ſich in einen eng eren Raum zuſammen ziehen muß. Die -Y 2ſes340Cap. V. Von dem Aufſteigenſes geſchiehet wohl in einem Theile Lufft, das mit anderer, die dichter und ſtaͤrcker iſt, communication hat: hier aber hat die Lufft in dem Blaͤſelein keine communica - tion mit der aͤuſſeren. Dieſe Blaͤſelein ſind ſo klein, daß ſie die aͤuſſere Lufft nicht eindru - cken kan. Daher iſt es eben ſo viel, als wenn ich aus einer glaͤſernen Kugel die Lufft durch die Waͤrme herausgejaget und nach dieſem die Eroͤffnung zugeſchmeltzet haͤtte. Da mag die innere Lufft kalt werden wie ſie will, ſo wird ſie deswegen doch nicht in ei - nen engeren Raum zuſammen gebracht; ſon - dern nur ihre ausdehnende Krafft wird ſchwaͤcher (§. 133 T. I. Exper.). Wenn man ſie wieder eroͤffnet, daß ſie mit der aͤuſ - ſeren, deren ausdehnende Krafft ſtaͤrcker iſt, communication erhaͤlt; ſo dringet (§. 187) die aͤuſſere hinein und wird dadurch die andere in einen engeren Raum zuſammen gedruckt. Je kleiner die Kugeln ſind, je ſchweerer laſſen ſie ſich zerdrucken. Da nun die Duͤnſte gar ſehr kleine Kuͤglein ſind; ſo kan ſie die Lufft deswegen doch nicht ein - drucken, vielweniger gantz zerdruͤcken, ob ſie gleich ein uͤber die maaſſen duͤnnes Haͤutlein haben: welches man noch weiter ausfuͤh - ren koͤnnte, wenn man in einer Sache, die keine Schwierigkeiten hat, ohne Noth weitlaͤufftig ſeyn wollte. Da in der Na - tur kein leerer Raum iſt (§. 6.); ſo ſiehetman341der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. man leicht, daß der Raum, den die Waͤr - me verlaͤſſet, von einer andern ſubtilen Ma - terie eingenommen wird, die ſowohl als die Waͤrme ihren Eingang durch die Durch - loͤcherungen des Blaͤſeleins finden.
Wenn die Duͤnſte nichts an -Wie es im kalten ausduͤn - ſten kan. ders als Blaͤſelein ſind, welche die Lufft, die ſich durch die Waͤrme ausdehnet, formiret (§. 247); ſo wird es einigen wunderlich vorkommen, warum gleichwohl das Waſ - ſer in der Kaͤlte ſo ſtarck ausdunſtet (§. 87. T. II. Exper.), ſo gar daß die Fluͤſſe in ſtrenger Kaͤlte wie ſiedendes Waſſer rau - chen. Wenn das Waſſer gefrieren will, ſo gehet die Waͤrme weg, die es fluͤßig erhaͤlt (§. 119 T. II. Exper.). Die Erfahrung aber zeiget eben, daß die Waͤrme nicht vor ſich, ſondern in Duͤnſten weggehet, und gie - bet uns demnach die Gelegenheit ſelbſt an die Hand, wie in dieſem Falle die Duͤnſte er - zeuget werden. Nemlich wenn die Waͤr - me aus einigen Zwiſchen-Raͤumlein der ſubtileſten Theile des Waſſers heraus - faͤhret; ſo kommet ſie in groͤſſere, wo die Lufft iſt, zuſammen und treibet daſelbſt die Lufft von einander (§. 133 T. I. Exper.). Wenn die Duͤnſte in die Lufft kommen, mag es ſo kalt ſeyn als es will; ſo werden ſie des - wegen doch nicht durch die Kaͤlte zuſammen gezogen (§. 249), und erfolget daher, was ſonſt zuerfolgen pfleget, wenn die Duͤnſte in warmer Lufft erzeuget werden (§. 247).
Y 3§. 251.342Cap. V. Von dem AusfſteigenDa ich behauptet, daß die Kaͤlte dadurch die Duͤnſte nicht dichter an ſich ma - chen kan, weil die in ihnen eingeſchloſſene Lufft kalt wird (§. 249): ſo werden vielleicht einige vermeinen, es ſey der Erfahrung zu - wieder, als vermoͤge welcher gewiß iſt, daß man in kalter Lufft Duͤnſte ſehen kan, die man in warmer nicht ſiehet. Wir finden ein Exempel an unſerem Athem. Wenn es warm iſt, kan man die Duͤnſte, die er bey ſich fuͤhret, nicht ſehen: wenn es aber kalt iſt, ſo ſiehet man den Hauch, wie er aus dem Munde oder auch zu den Naſen-Loͤchern heraus faͤhret. Allein wenn ſie recht auf die Erfahrung acht haben, wie ſichs gebuͤhret; werden ſie bald ſehen, daß ſie ſich dazu gar nicht ſchicket, wovon die Rede iſt. Wir fragen hier, ob ein Dunſt, der nichts anders iſt als ein Blaͤſelein Waſſer (§. 85. T. II. Exper.), dadurch von ſchweererer Art wer - den kan, weil die eingeſchloſſene Lufft ihre Waͤrme verlieret. Diejenigen, welche es behaupten wollen, ſetzen zum Grunde, daß die Lufft, welche das Waſſer ausſpan - net, durch die Kaͤlte in einen engeren Raum gebracht wird (§. 133 T. I. Exper.) und ſchlieſſen daher, weil die Urſache des Auf - blaſens gehoben wird, ſo koͤnne auch das Blaͤſelein nicht ſo ſehr aufgeblaſen verblei - ben, folgends muͤſſe es ſich zuſammen ziehen und einen kleineren Raum einnehmen, alsvor -343der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. vorhin. Auf ſolche Weiſe wuͤrde ein jeder von den Duͤnſten kleiner, als er vorher war. Dadurch nun, daß eine Sache kleiner wird als vorhin, kan ſie nicht ſichtbahr werden: es findet vielmehr das Wiederſpiel ſtat (§. 30 Optic.). Es muß demnach eine andere Urſache haben, daß man Duͤnſte, die man in warmer Lufft nicht ſichet, in kalter ſehen kan. Wir wollen bey dem Hauche verblei - ben, der aus unſerem Munde faͤhret. Die Lufft, welche aus den Lungen kommet iſt warm und duͤnne; hingegen die aͤuſſere kalt und dichte (§. 133 T. I. Exper.) und kommen dadurch die Duͤnſte naͤher zuſam - men als ſie vorher waren. Ob man ſie nun gleich nicht ſehenkonnte, da ſie in der Lufft vertheilet waren und, indem ſie heraus fahren, ſich gleich durch einen weiten Raum ausbreiten, wie in warmer Lufft geſchiehet; ſo werden ſie doch ſichtbahr, wenn ſie nahe zuſammen kommen. Daß keine andere Urſache hier weiter zu ſuchen ſey, kan man auch daraus erkennen. Wenn es im Som - mer auf einen durch den Sonnenſchein er - hitzten Berg, da er ſandicht iſt, regnet, und der Regen bald wieder uͤbergehet; ſo loͤ - ſet ſich das Regen-Waſſer gleich wieder in Duͤnſte auf. Jn der Naͤhe kan man ent - weder gar nichts ſehen, oder es kommet ei - nem vor, wie wenn es nur ein wenig rauch - te. Sobald man aber weit wegkommet,Y 4daß344Cap. V. Von dem Aufſteigendaß der Raum zwiſchen den Duͤnſten, wo man in der Naͤhe durchſehen kan, ſo klein wird, daß er ſich in der Weite nicht mehr erkennen laͤſſet (§. 30 Optic. ), ſiehet man die Duͤnſte wie einen Nebel aufſteigen. Es iſt aber gleichviel, ob die Weite zwiſchen den Duͤnſten in der That, oder nur aus optiſchen Gruͤnden abnimmet. Wir wer - den im folgenden noch mehrere Exempel be - kommen, da aus einer gleichmaͤßigen Urſa - che die Duͤnſte ſichtbahr werden. Wollte man ferner einwenden, daß gleichwohl der Hauch im Winter es gantz naß mache, da - hingegen im Sommer nichts dergleichen ge - ſchiehet; ſo werden wir die Urſache davon hernach ſehen, wenn ich uͤberhaupt zeigen werde, wie die Lufft ihre Duͤnſte fahren laͤſſet.
Da die Duͤnſte kleine Waſſer - Blaͤſelein ſind, die von der inneren Lufft und anderer ſubtilen Materie ausgeſpannet wer - den (§. 248); ſo haben ſie entweder ein duͤn - nes Haͤutlein, oder ein dickes. Die erſten werden duͤnne Duͤnſte; die andere hingegen dicke oder grobe genennet. Weñ demnach die Soñe die eingeſchloſſene Lufft mehr ver - duͤnnet, als ſie vorher war (§. 245 Phyſ. & §. 133 T. I. Exper.); ſo werden die Blaͤ - ſelein groͤſſer und das Haͤutlein duͤnner, fol - gends werden auch die Duͤnſte duͤnne. Und dieſes iſt die Urſache, warum in heiſſenSom -345der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. Sommer-Tagen die Duͤnſte verduͤnnet werden. Ob nun aber gleich vorhin be - hauptet worden, daß die Kaͤlte der Lufft die Duͤnſte nicht ſo verdicken kan, daß ſie ſchweerer werden als die Lufft (§. 249); ſo kan es doch noch wohl geſchehen, daß ſie et - was verdicket werden. Nemlich wenn die eingeſchloſſene Lufft kalt wird und das Blaͤ - ſelein iſt groß, ſo kan das duͤnne Haͤutlein wohl nach dem Drucke der aͤuſſeren nachge - ben, ob es gleich nur biß auf einen gewiſſen Grad moͤglich iſt. Wenn aber die Lufft in einer Waſſerblaſe vermindert, oder, welches gleich viel iſt, in den Stand geſetzet wird, daß ſie ſich in einen engern Raum bringen laͤſſet; ſo wird die Blaſe kleiner und das Haͤutlein dicker. Man ſiehet es an den Blaſen, die aus Seiffen-Waſſer durch ein Stroh-Roͤhrlein geblaſen werden: wenn man die Lufft wieder daraus zuruͤcke ziehet, ehe ſie ſich von dem Roͤhrlein loßreiſſen und davon fliegen, ſo werden ſie immer kleiner und ihr Haͤutlein dicker. Allein weil es doch dadurch allein nicht geſchehen kan, daß die Duͤnſte ſehr verdicket und gar ſchweerer als die Lufft werden; ſo hat man ferner zu erwegen, daß, wenn die aͤuſſere Lufft durch die Kaͤlte verdicket wird (§. 133 T. I. Exper.), auch dadurch zugleich die Duͤnſte auf folgende Art verdicket werden. Wenn die Lufft durch die Kaͤlte dicker, oder viel -Y 5mehr346Cap. V. Von dem Aufſteigenmehr dichter wird; ſo kommen ihre Theile naͤher zuſammen. Da nun hierdurch die Zwiſchen-Raͤumlein verkleinert werden; ſo werden die darinnen befindlichen Duͤnſte zuſammen geſtoſſen, Wir wiſſen aber, daß zwey Theile von einer fluͤßigen Materie, die einander beruͤhren, in einen zuſammen flieſ - ſen: wie wir es ſo wohl an dem Waſſer, als auch an dem Queckſilber ſehen, wo ein Kuͤglein das andere verſchluckt, daß aus beyden eins wird. Derowegen wenn etli - che Duͤnſte zuſammen geſtoſſen werden; ſo flieſſen ſie in einen zuſammen. Wenn a - ber eine Waſſer-Blaſe mehr Waſſer von auſſen bekommet, oder auch eine andere an ihr zerplatzet; ſo flieſſet das Woſſer rings herum und verdicket das Haͤutlein von allen Seiten. Solchergeſtalt werden die Duͤn - ſte dicker. Gleichwie nun aber eintzele Duͤnſte koͤnnen verduͤnnet und verdicket werden; ſo gehet es auch mit einer gantzen Menge derſelben an. Wenn die gantze Menge der Duͤnſte in einen engen Raum zuſammen gebracht wird, ſo kommen ſie naͤher zuſammen und wird dadurch der aus ihnen beſtehende Dampff dichter. Hinge - gen wenn ſie ſich durch einen groͤſſeren Raum ausbreiten, ſo kommen ſie weiter aus einander und wird die Menge derſelben duͤnner. Da das erſte durch die Kaͤlte, das andere durch die Waͤrme geſchehen kan,nem -347der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. nemlich wenn im erſten Falle die Lufft ver - dicket, im andern aber verduͤnnet wird: ſo kan auch die Verdickung der eintzelen Duͤnſte mit der Verdickung der gantzen Menge und gleichfalls die Verduͤnnung der eintzelen mit der Verduͤnnung der gantzen Menge ſich zugleich ereignen.
Weil die dicken Duͤnſte ein di -Beſchaf - fenheit der dicken und duͤn - nen Duͤn - ſte. ckes Haͤutlein haben, ſo ſind ſie waͤßerig und kommen den Waſſer-Troͤpflein nahe. Hingegen weil die duͤnnen ein duͤnnes Haͤutlein haben (§. 252), ſo ſind ſie nicht waͤſſerig und kommen den Waſſer-Troͤpf - lein nicht mehr nahe. Wenn demnach in der Lufft viel grobe Duͤnſte ſind, ſo iſt die - ſelbe feuchte. Hiugegen wenn die Duͤnſte ſehr ſubtil und die gantze Menge derſelben duͤnne iſt, ſo iſt die Lufft nicht feuchte. Da nun das Hygrometer zeiget, wenn die Lufft feuchte, und wenn ſie trocken iſt (§. 96. T. II. Exper.); ſo erkennet man dadurch, ob entweder grobe, oder duͤnne Duͤnſte, oder auch gar keine in der Lufft ſind. Und zwar ſiehet man, daß die Duͤnſte um ſoviel waͤſ - ſeriger ſind, je ſchneller ſich die Aenderun - gen im Hygrometer ereignen.
Weil die duͤnne Duͤnſte duͤnneWenn und war - umb die Duͤnſte hoch ſtei - Haͤutlein und eine groſſe Hoͤhle haben (§. 252); ſo ſind ſie auch von ſehr leichter Art (§. 4. T. I. Exper.). Und demnach ſtei -gen348Cap. V. Von dem Auffſteigengen; wenn und war - um ſie niedrig ſeyn.gen ſie in der Lufft, die oben von leichterer Art als die untere (§. 189), deſto hoͤher hin - auf (§. 165. T. I. Exper.). Da nun im heiſſen Sommer die Duͤnſte verduͤnnet werden (§. 248); ſo ſteigen ſie auch zu der Zeit hoch in der Lufft. Wiederumb die Duͤnſte haben ein dickes Haͤutlein und eine kleine Hoͤhle (§. 252) und ſind daher von ſchweererer Art (§. 4. T. I. Exper.). De - rowegen bleiben ſie auch in der unteren Lufft (§. 195. T. I. Exper.), als die von ſchwee - rerer Art iſt als die obere (§. 189). Da nun im kalten Winter die Duͤnſte dicke werden (§. 248); ſo bleiben ſie auch zu der Zeit niedriger in der Lufft.
Der Nebel iſt eine Menge waͤſ - ſeriger Duͤnſte, die ſich dergeſtalt in der Lufft zuſammen gezogen, daß ſie davon un - durchſichtig wird. Daß er aus Duͤnſten beſtehet, kan man wahrnehmen, wenn man im Nebel gehet, denn man wird darinnen feuchte. Es werden auch Sachen, die die Feuchtigkeit leicht an ſich ziehen, als ein Schwamm und Loͤſch-Papier davon oͤffters gar naß und, wenn er niederfaͤllet, gehet er naß nieder. Dieſe Duͤnſte, ſonderlich wenn der Nebel niedergehet, flieſſen in kleine rundte Troͤpfflein zuſammen. Jch weiß mich zu entſinnen, daß ich einsmahls bey ei - nem ſtarcken Nebel viel Faden an den Straͤuchen und Baͤumen als wie vonSpin -349der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. Spinnen wahrgenom̃en: weil ſich nun kein ſolcher Faden abreiſſen ließ, daß ich ein Stuͤ - cke davon haͤtte behalten koͤnnen, ſondern im Reiſſen gleichſam verſchwand, ſo be - trachtete ich einen durch ein Vergroͤſſe - rungs Glaß und ſahe, daß es nichts an - ders als Spinne-Faden waren. Es wa - ren aber rundte Troͤpfflein gleichſam wie kleine Perlen eingefaͤdelt u. zwar ſehr ordent - lich hinter einander, auch war wol zwiſchen zweyen eben ſo viel Raum leer als eines von dieſem Troͤpfflein einnahm. Mit bloſſen Augen konnte man nichts unterſcheiden. Es gieng aber dazumahl der Nebel feuchte nie - der. Daß die Lufft von den Duͤnſten un - durchſichtig wird, kommet nicht ſowohl von ihrer Menge her, als von ihrer Lage, die ſie in der Lufft haben. Denn ich habe ſchon anderswo gezeiget, daß einmahl ſoviel Duͤnſte in der Luft ſeyn koͤnnen als dasan - dere u. deswegen doch einmahl die Lufft helle bleibe, das andere truͤbe werde (§. 165. T. II. Exper.). Und wir ſehen auch in der That, daß ſich unterweilen der Nebel zertheilet und die Duͤnſte alle in der Lufft verbleiben, deſſen ungeachtet aber die Lufft helle und durchſichtig wird. Es iſt dieſes eine Ei - genſchafft, die nicht allein die Lufft, ſondern alle fluͤßige Coͤrper mit einander gemein ha - ben (§. cit. T. II. Exper.).
§. 256.350Cap. V. Von dem AuffſteigenWenn ein Nebel entſtehen ſoll, ſo muͤſſen ſich Duͤnſte, die hin und wieder in der Lufft zerſtreuet ſind, zuſammen ziehen und zwar in der unteren Lufft, in welcher wir Athem hohlen (§. 255). Jn der unter - ſten Lufft ſind die groͤbſten Duͤnſte (§. 252). Und demnach entſtehet deri Nebel aus gro - ben Duͤnſten. Die groben Duͤnſte ſind waͤſſerig (§. 253) und waͤſſerige Duͤnſte machen feuchte (§. cit. ): derowegen entſte - het der Nebel aus waͤſſerigen Duͤnſten und machet die Lufft feuchte. Wenn die Duͤn - ſte ſollen dicke und waͤſſerig und die Menge derſelben in der Lufft in die Enge zuſammen gebracht werden, ſo muß die Lufft durch die Kaͤlte verdicket werden (§ 251). Es ent - ſtehet demnach ein Nebel, wenn in der unterſten Lufft viele Duͤnſte ſind und und ſie durch die Kaͤlte verdicket wird. Jch habe aber auch ſchon anderswa gezeiget, daß ſich die Duͤnſte koͤnnen in einen Nebel zu - ſammen ziehen, wenn die Lufft leichter undWenn der Nebel entſtehet. duͤnner wird (§. 85. T. II. Exper.).
Derowegen weil im Sommer die Duͤnſte in die Hoͤhe ſteigen, die aber in der unteren verbleiben, des Nachts durch ei - nen Thau niederfallen, wovon wir bald hernach die Urſache ſehen werden; ſo pfle - get ſich auch im Sommer kein Nebel zuſam - men zuziehen. Hingegen weil im Herbſte und Winter die Duͤnſte in der niedrigen Lufft verbleiben (§. 247), auch wegen derKaͤl -351der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. Kaͤlte dieſelbe dichte iſt (§. 133. T. I. Exp.) und daher grobe Duͤnſte nicht ſo leicht fal - len laͤſſet (§. 195. T. I. Exper.); ſo erzeu - get ſich auch hauptſaͤchlich im Herbſte und im Winter der Nebel. Und weil die Lufft des Nachts kaͤlter wird, wie das Wetter - glaß anzeiget (§. 55. T. II. Exper.); ſo ent - ſtehet auch der Nebel gemeiniglich des Nachts, oder, wenn die Duͤnſte ſehr grob ſind, gleich gegen Abend, indem die Sonne untergehen will. Und da der Wind die Duͤnſte verjaget; ſo muß es auch allzeit windſtille ſeyn, wenn ein Nebel ſeyn ſoll.
Wenn die Duͤnſte ſehr grob ſindWenn der Ne - bel nie - dergehet. und die Lufft wird durch die Kaͤlte ſtarck ver - dicket, ſo flieſſen grobe Duͤnſte zuſammen. Da nun dadurch das Haͤutlein des einen verdicket wird, und die innere Hoͤhle bleibet einerley; ſo wird der Dunſt von ſchweere - rer Art als er vorher war. Derowegen weil er vorher mit der unteren Lufft einerley Art der Schweere hatte (denn ſonſt waͤre er hoͤher geſtiegen (§. 195 T. I. Exper.) und nicht in der unteren Lufft verblieben); ſo wird er jetzund ſchweerer als die untere Lufft und faͤllet dannenhero nieder (§. 193 T. I. Exper). Er gehet aber naß nieder, weil die groben Duͤnſte, ſonderlich die viel ſchwee - rer als die Lufft ſind, waͤßerig ſeyn. Daß aber die Duͤnſte, welche niedergehen, viel ſchweerer als die Lufft ſeyn, laͤſſet ſich darausab -352Cap. V. Von dem Auffſteigenabnehmen, weil ſie nicht gleich durch die Lufft hernieder fallen, wenn ſie gleich etwas ſchweerer als ſie ſind (§. 193 T. II. Exper). Es kan auch geſchehen, daß der Nebel nie - dergehet, wenn die Lufft von leichterer Art wird. Denn wenn dieſes geſchiehet, wer - den die Duͤnſte, die mit ihr einerley Art der Schweere hatten, von ſchweererer Art als ſie und deswegen fallen ſie herunter. Es kan aber auf vielerley Art und Weiſe ge - ſchehen, daß die Lufft von leichterer Art wird: welches hier genauer zu unterſuchen zu weitlaͤufftig fallen wuͤrde. Unterdeſſen ſie - het man, daß die Obſervationen mit dem Manometer vieles dazu beytragen wuͤrden, wenn man in beſonderen Faͤllen zu wiſſen begehrete, aus was fuͤr einer Urſache der Nebel herunter fiele. Wenn der Nebel niedergehet, ſo wird die Lufft von den Duͤn - ſten gereiniget. Wofernenun ſolchesgeſchie - het und die Lufft, durch die Kaͤlte verdicket u. zugleich wegen zunehmender Schweere mehr zuſammen gedruͤcket wird; ſo bleibet ſie helle und klar (§. 165 T. II. Exper.). Derowegen kan alsdenn kein Regen folgen. Und dieſes iſt die Urſache, warum man als ein Zeichen des guten Wetters annimmet, wenn der Nebel naß niedergehet. Jedoch kan ſolches in dem Falle truͤgen, wenn der Nebel deswegen niedergehet, weil die unte - re Lufft dadurch von leichterer Art wird, daßdie353der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. die Schweere der gantzen Lufft ſich verge - ringert. Denn in dieſem Falle koͤnnen nicht allein die Duͤnſte aus der oberen Lufft niederfallen und ſich in Regen-Wolcken zu - ſammen ziehen, wie wir nach dieſem mit mehrerem zeigen wollen; ſondern es kan auch ein Regen-Wind dazu kommen (§. 76 T. II. Exper.). Wenn man demnach aus dem Barometer wahrnimmet (§. 22. T. II. Epxer. ), daß die Lufft leichter wird, indem der Nebel herunter faͤllet; ſo hat man nicht genungſame Urſache aus dem niederfallenden Nebel gutes Wetter zu propheceyen. Man ſiehet, daß es, wie meiſtens in allen uͤbrigen Stuͤcken, alſo auch hier an Bemerckung der beſoñderen Umſtaͤnde fehlet und auch diejenigen, wel - che bisher mit den Wetterglaͤſern und Ba - rometern fleißig obſerviret, doch nicht auf al - les acht gegeben, was zu Beſtetigung der Lehr-Saͤtze in der Natur-Lehre dienlich ſeyn koͤnnte. Die Urſache iſt freylich keine an - andere als dieſe, daß man ſich nicht vorher in Erkaͤntnis der Natur mehr umbgeſehen, ehe man zum obſerviren geſchritten, noch auch die Obſervationen zu brauchen ge - ſucht.
Die Duͤnſte, welche ſich in ei -Wenn der Nebel in die Hoͤ - he ſteiget. nen Nebel in der unteren Lufft zuſammen gezogen, haben bey nahe einerley Art der Schweere mit der Lufft, darinnen ſie ſchwe -(Phyſick) Zben,354Cap. V. Von dem Auffſteigenben, denn ſie koͤnnen auch wohl ein wenig ſchweerer ſeyn. Derowegen wenn ſie hoͤher ſteigen ſollen, ſo muß entweder die Lufft dichter, oder die Duͤnſte muͤſſen duͤnner und folgends leichter werden. Die Lufft wird dichter durch die Schweere der oberen, und die Duͤnſte bleiben dabey unveraͤndert. Derowegen koͤnnen in dieſem Falle die Duͤnſte in die Hoͤhe ſteigen. Und alsdenn ſiehet man im Barometer das Queckſilber ſteigen (§. 22 T. II. Exper.), wenn ſich der Nebel in die Hoͤhe ziehet. Die Duͤnſte werden duͤnner durch die Waͤrme (§. 252). Derowegen kan ſich der Nebel in die Hoͤhe he ziehen, wenn die Sonne die Lufft in den Duͤnſten erwaͤrmet und verduͤnnet, oder auch wenn ein warmer Wind in den Nebel kommet. Jn dieſem Falle muß das Ther - mometer ſteigen, wenn der Nebel in die Hoͤ - he ſteiget. Man kan es demnach in beſon - deren Faͤllen ebenfalls durch das Barome - ter und Thermometer entſcheiden, aus was fuͤr einer Urſache der Nebel in die Hoͤhe ſtei - get. Jnsgemein haͤlt man es fuͤr ein Zei - chen daß es regnen werde, wenn der Nebel aufſteiget. Die Nebelſind waͤſſerige Duͤn - ſte, und Regen beſtehet aus Tropffen, die ſich aus den Duͤnſten in der Lufft formiret haben. Derowegen wenn ſich der Nebel in die Hoͤhe ziehet, ſo iſt Materie zum Regen vorhanden. Woferne demnach die an -de -355der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. anderen Umſtaͤnde, welche zum Regen noͤ - thig ſind und die wir hernach unterſuchen werden, dazu kommen: ſo pfleget es auch zuregnen.
Jch habe mehr als einmahl an -Warumb der Nebel nicht ge - frieret. gemercket, daß der Nebel auch bey ſehr kal - tem Wetter dennoch die Baͤume im Gar - ten ſehr feuchte gemacht. Es iſt auch be - kand, daß es bey groſſer Kaͤlte, da alles zu - gefroren und mit Schnee bedecket iſt, nebe - licht wird. Man ſiehet demnach, daß die Duͤnſte, welche noch ſo ſubtil ſind, daß ſie in der Lufft ſchwimmen, oder die noch nicht ſchweerer ſind als die Lufft, ſehr ſchweer ge - frieren. Da nun aber das Waſſer gefrie - ret, ſo bald ihm die Waͤrme entgehet, welche es im Flieſſen erhaͤlt (§. 119 T. II. Exper.); ſo muͤſſen dieſe Duͤnſte noch ſo viel Waͤrme haben, als zur Fluͤßigkeit des Waſſers er - fordert wird. Was iſt es Wunder? Die Lufft kan ſie nicht eindrucken, welche ſie von auſſen umgiebet, weil ſie allzu klein ſind (§. 249). Derowegen da kein leerer Raum ſeyn kan (§. 6); ſo bleibet die Waͤrme in ih - nen, die ſich ſonſt ſo leicht aus einem Coͤrper in den andern beweget (§ 76). Es iſt aber auch kein Wunder, daß im kalten Wetter, da alles zugefroren und mit Schnee bedeckt, ein Nebel entſtehet. Denn Eis und Schnee dun - ſten in der kalten Lufft aus (§. 87 T. II. Exp.) und da dieſe Duͤnſte dicke ſeyn muͤſſenZ 2(§. 252)356Cap. V. Von dem Auffſteigen(§. 255), ſo bleiben ſie in der unteren Lufft, folgends ziehen ſie ſich, wenn ihrer genung vorhanden, des Nachts in einen Nebel zu - ſammen.
Jch habe ſchon aben angefuͤh - ret (§ 251), daß ich zur Sommers-Zeit ge - ſehen, wie nach einem Regen, derbald uͤber gegangen, ſandichte Berge gerauchet. Wenn nun dieſer Dampff, der nicht anders als ein Nebel anzuſehen geweſen (§. 255), ſich uͤber den Berg erhoben und in die freye Lufft in die Hoͤhe kommen, ſo hat man an deſſen ſtat eine kleine Wolcke geſehen. Und hieraus erhellet, daß eine Wolcke nichts anders iſt als ein Nebel in der Hoͤhe. Als ich dergleichen obſerviret, iſt die Sonne dem Untergange nahe und zwar am Horizont verdeckt, der Himmel aber dabey helle, und die Wolcke ihr gegen uͤber geweſen. Und in dieſem Stande hat ſie ſchoͤne weiß und helle ausgeſehen. Weil nun niemand zweiffeln wird, daß die Duͤnſte in dieſer Wolcke noch waͤßerig geweſen; ſo ſiehet man, es koͤnne auch eine Wolcke, die waͤſſe - rige Duͤnſte fuͤhret, helle und weiß ausſc - hen, wenn ſie der Sonne entgegen ſtehet. Jch weiß mich auch zu entſinnen, daß, wie wie ich einsmahls in Regen-Wetter zwi - ſchen Bergen gefahren, der Wind die Wolcken an den Bergen wie einen ſtarcken Nebel vorbey gejaget. Und diejenigen,wel -357der Duͤnſte, Nebel und Wolckenwelche auf hohe Berge geſtiegen ſind, be - kraͤfftigen, daß, wenn ſie durch die Wolcken durchgegangen, es nichts anders geweſen, als wenn ſie durch einen ſtarcken Nebel durchgiengen. Es zeigen aber die beyden von mir angefuͤhrten Erfahrungen, daß eine Menge Duͤnſte auch noch von weitem wie ein Nebel ausſichet, wenn hinter ihnen ein anderer Coͤrper iſt, den man durch den Ne - bel ſehen kan, als wie in den angefuͤhrten Faͤllen der Berge, hingegen die Geſtalt ei - ner Wolcken bekommen, ſo bald ſie in der freyen Lufft iſt, da man nichts mehr durch - ſehen kan. Der Unterſcheid beſtehet dem - nach bloß darinnen, daß eine Wolcke dich - ter zu ſeyn ſcheinet als ein Nebel. Sie ſcheinet aber in der That nur dichter zu ſeyn als ein Nebel, weil ſie weit von dem Auge weg iſt. Denn der groſſe Raum, der eine Menge Duͤnſte erfuͤllet, ſcheinet in der Wei - te klein zu ſeyn. Daher iſt es eben ſoviel, als wenn die Duͤnſte umb ſo viel dichter worden waͤren, ſoviel der Raum aus opti - ſchen Gruͤnden verkleinert wird. Hieraus iſt zuerſehen, daß die Wolcken um ſoviel dichter ausſehen muͤſſen, je weiter ſie von der Erde weg ſind Und wuͤrde ſich auch aus dem Anſehen der Wolcken vieles von ihnen urtheilen laſſen, wenn man auf alles genauer acht zu geben gewohnet waͤre als jetzund geſchiehet.
Z 3§. 262.258[358]Cap. V. Von dem AufſteigenWenn die Lufft ſchweerer wird, ſo zertheilen ſich die Wolcken und fahren gantz aus einander, daß man nicht ſiehet, wo ſie bleiben (§. 40. T. II. Exper.). Sobald die Lufft ſchweerer wird, ſo wird ſie auch dichter, maſſen die Laſt der oberen die un - ter ihr lieget zuſammen drucket und dichte macht (§. 189), die Dichtigkeit aber in Pro - portion der Laſt, die ſie drucket, zunimmet (§. 124. T. I. Exper.). Die Duͤnſte haben einerley Art der Schweere mit der Lufft, da - rinnen ſie angetroffen werden (§ 195 T. I. Exper.). Derowegen indem die Lufft dichter oder vonſchweererer Art wird, ſtei - gen ſie noch hoͤher (§. 195 T. I. Exper.). Und da die Lufft oben weiter iſt als un - ten, finden ſie einen groͤſſeren Raum ſich auszubreiten: weil auch dieſelben nicht auf einmahl, ſondern nach und nach in die Hoͤhe ſteigen und die Luft niemahls gantz windſtille iſt, wie man aus der Bewegung der Wol - cken abnehmen kan; ſo werden diejenigen, welche hoͤher geſtiegen, durch den Wind verjaget, ehe mehrere nachfolgen koͤnnen. Es gehet auch noch auf eine andere Art an, daß ſich die Duͤnſte zertheilen und unſichtbahr werden, ohne daß ſie hoͤher ſteigen doͤrffen. Jch habe durch einen Verſuch gewieſen, daß die Duͤnſte unter einer glaͤſernen Glo - cke, die ſich in einen Nebel zuſammen gezo - gen, ſich dadurch zertheilet, indem ich meh -rere359der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. rere Lufft von auſſen unter den Recipienten gelaſſen (§. 85. T. II. Exper.). Die Lufft, welche von auſſen hinein faͤhret, ſtellet einen Wind vor (§. 76. T. II. Exper.), der mehr Lufft in einen Ort bringet und ſie dadurch daſelbſt dichter machet. Wenn die Lufft ſchweerer wird, muß gleichfals durch einen Wind mehrere Lufft zu uns gebracht und dadurch unſere Lufft dichter gemacht wer - den (§. 40. T. II. Exper.). Derowegen wiederfaͤhret den Duͤnſten, die ſich in der o - beren Lufft zuſammen gezogen, nichts an - ders als was ihnen in einem aͤhnlichen Falle in dem Verſuche wiederfaͤhret. Der Au - genſchein giebet es, daß, indem die Lufft hinein dringet, die Duͤnſte beweget und von einander getrieben werden, und ſich zwiſchen die Theile der mehreren Lufft einzeln zer - ſtreuen, in welchem Falle ſie unſichtbahr werden, weil wir eintzele Duͤnſte nicht ſehen koͤnnen.
Wenn die Lufft leichte wird, zie -Warum ſich die Duͤnſte in Wal - cken zu - ſammen ziehen, wenn die Lufft leichte wird. hen ſich die Duͤnſte in Wolcken zuſammen (§. 39. - T. II. Exper.) und iſt daher eine Anzeige, es werde ſich das gute Wetter aͤn - dern, wenn das Queckſilber im Barometer faͤllet und von der veraͤnderten Schweere der Lufft ein Zeugnis ableget (§. 24. T. II. Exper.). Jch habe auch durch einen Ver - ſuch gezeiget, daß wenn die Lufft von leich - terer Art wird, die Duͤnſte ſich in einen Ne -Z 4bel360Cap. V. Von dem Aufſteigenbel zuſammen ziehen, welcher einerley mit den Wolcken iſt (§. 261). Die Urſache laͤſ - ſet ſich gar leicht begreiffen. Wenn die Lufft leichter wird, ſo druͤcket die, welche oben iſt, weniger auf die untere als vorhin. Derowe - gen da die Lufft in Proportion der Laſt, die auf ihr lieget, zuſammen gedrucket wird (§. 124. T. I. Exper.); ſo wird ſie duͤnner und folgends von leichterer Art (§. 4. T. I. Ex - per.). Danun die Duͤnſte mit ihr einer - ley Art der Schweere haben, muͤſſen ſie an - fangen zufallen und ſolchergeſtalt in einer Menge znſammen kommen, da ſie vorher hin und wieder zerſtreuet waren. Eine Menge, die ſich in der Lufft zuſammen zie - het, machet in der Naͤhe einen Nebel (§. 255) und alſo in der Weite eine Wolcke aus (§. 261). Derowegen ſehen wir die Urſache, warum ſich in leichter Lufft Duͤnſte in Wol - cken zuſammen ziehen.
Eine Wolcke wird dichte genen - net, wenn ſie einen groſſen Raum nach der Hoͤhe in der Lufft einnimmet. Denn der - ſelbe Raum ſiehet in der Weite klein aus und giebet die Dicke der Wolcke ab: ich habe aber ſchon vorhin gezeiget (§. 261), daß es einerley ſey, ob die Duͤnſte wuͤrcklich ſehr nahe zuſammen kommen, oder ob ſie nur wegen der Waͤrme nahe bey einander zu ſeyn ſcheinen. Die Duͤnſte reflectiren das Licht der Sonnen. Derowegen wo vieleder -361der Duͤnſten, Nebel und Wolcken. derſelben ſind, da wird vieles Licht reflectiret. Stehet demnach die Wolcke zwiſchen dem Auge und der Sonne, ſo laͤſſet ſie weniges Licht herunter fallen und ſiehet demnach dunckel aus. Stehet hingegen das Auge zwiſchen der Wolcke und der Sonne, ſo re - flectiret ſie viel leicht herunter und ſiehet demnach weiß aus. Jn beyden Faͤllen kan man alſo erkennen, daß die Wolcke dichte iſt, wenn man ſie von der Erde anſiehet.
Die Wolcken ſind duͤnne, wennWenn die Wol - cken duͤn - ne ſind. die Menge der Duͤnſte, welche ſich zuſam - men gezogen, nach der Hoͤhe der Lufft einen geringen Raum einnehmen. Jn dieſem Falle kan man zwiſchen den Duͤnſten durchſehen, indem die Zwiſchen-Raͤumlein der foͤrderen nicht von den hinteren verſetzt werden, und daher das Licht frey durchfal - len kan. Man erkennet demnach daß die Wolcken duͤnne ſind, wenn man des Ta - ges die Sonne ohne Schein wie den Mond und des Nachts den Mond dadurch ſehen kan. Gleichergeſtalt erkennet man, daß die unteren Wolcken duͤnne ſind, wenn man dadurch die oberen, fuͤr welchen ſie vor - bey ziehen, abſonderlich da dieſelben ſehr helle ſeyn, entweder wegen ihrer Dichtig - keit (§. 264), oder weil ſie in der Hoͤhe noch von der Sonne erleuchtet werden, die die unteren nicht mehr erreichet, noch erblicken kan. Wiederum wenn die Wolcken duͤn - ne ſind, laſſen ſie das Licht durchfallen. EinZ 5Coͤr -362Cap. V. Von dem AuffſteigenCoͤrper, der zwiſchen dem Auge und dem Lichte ſtehet und das Licht durchfallen laͤſſet, ſiehet helle aus (§. 123.). Und deswegen ſehen auch die duͤnnen Wolcken helle aus, wenn ſie zwiſchen der Sonne und dem Auge ſtehen. Gleichergeſtalt ſiehet ein Coͤrper dnnckel aus, wenn das Auge zwiſchen ihm und dem Lichte ſtehet (§. cit.). Derowegen ſehen auch die Wolcken dun - ckel aus, wenn ſie der Sonne gegen uͤber ſtehen. Man hat demnach noch mehrere Kennzeichen, daraus man von der Dichtig - keit der Wolcken urtheilen kan.
Wenn eine Wolcke weit weg iſt,Wenn ſich die Wolcken langſam und wenn ſie ſich geſchwin - de bewe - gen. ſo ſiehet die Bewegung laͤngſamer aus als ſie iſt (§. 91. Optic. ), ja es kan auch unter - weilen gar das Anſehen haben, als wenn ſie ſtille ſtuͤnden, unerachtet ſie ſich geſchwin der, als andere in der Naͤhe bewegen (§. 89. Optic.). Man kan demnach von der Ge - ſchwindigkeit der Wolcken nicht eher ur - theilen, als wenn man ihre Weite weiß, wel - che aber beſchweeꝛlich durch geodetiſche We - ge erkandt wird. Unterdeſſen laͤſſet ſich un - terweilen aus der Geſchwindigkeit der Wolcken von ihrer Weite urtheilen. Denn es trifft doch gemeiniglich ein, daß die Wol - cken, welche ſchnelle ziehen, niedrig ſeyn; die anderen hingegen, an denen man weni - ge, oder gar keine Bewegung verſpuͤret, hoch erhaben ſtehen. Abſonderlich aber laͤſſet ſich von der Hoͤhe der Wolcken urtheilen,wenn363der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. weñ man die Geſchwindigkeit des Windes in der unteren Lufft im freyen mit der Ge - ſchwindigkeit der Wolcken vergleichet, und beyde durch einen Winckel abmiſſet, unter welchem der Raum geſehen wird, den ſie in einer Zeit beſchreiben: denn es iſt be - kand, daß, was unter einerley Winckel ge - ſehen wird, gleich groß iſt (§. 77. Optic.). Eben ſo erhellet, daß ſich die unteren Wol - cken geſchwinder als die oberen verdecken und von ihnen abruͤcken, indem man nicht mercket, daß die oberen ihre Stelle in etwas geaͤndert.
Weil man ſiehet, daß des A - bends einige Wolcken nach dem Untergan - ge der Sonne erleuchtet werden, da die uͤbri - gen dunckel bleiben; ſo muͤſſen einige Wol - cken weiter weg ſeyn als die anderen. Glei - chergeſtalt da man oͤffters wahrnimmet, ſonderlich zu einer ſolchen Jahrs-Zeit, da die Lufft helle und durchſichtig iſt, daß eine Wolcke die andere verdecken kan; ſo muß abermahls die Wolcke, welche die andere verdecket, naͤher ſeyn als die, welche verde - cket wird. Ja weil man auch unterweilen ſiehet, daß Wolcken, die beſonders an ver - ſchiedenen Orten des Himmels ſtehen, nach unterſchiedenen Gegenden beweget werden, die Winde aber die Wolcken treiben und unmoͤglich ein Wind zu gleicher Zeit nach verſchiedenen Gegenden blaſen kan; ſo muß alsdenn gleichfalls eine Wolcke hoͤher ſte -hen364Cap. V. Von dem Auffſteigenhen als die andere. Giebet man nun zu - gleich darauf acht, was vorhin (§. 266) ge - ſaget worden; ſo wird man leicht ausma - chen, welche unter beyden Wolcken hoͤher ſtehet als die andere. Keplerain Epit. Aſtron. Copern. lib. 1. p. 70. erinnert, diejenigen, welche die Hoͤhe der Wolcken in Oertern, die nahe an der See gelegen, ab - gemeſſen, haͤtten ſie niemahls hoͤher als ei - ne Viertel-Meile, die meiſten aber noch niedriger gefunden.
Weil die Erfahrung derer, die auf hohe Berge geſtiegen, gelehret, daß ſie auch im Sommer mit Schnee bedecket ſind; ſo ſchlieſſet man insgemein, daß die Duͤnſte in hohen Wolcken gefroren ſind. Allein da wir geſehen, daß die Duͤnſte in groſſer Kaͤlte ungefroren bleiben (§. 260), ſo wird was mehreres dazu erfordert, wenn ſie ge - frieren ſollen, als daß ſie in die Hoͤhe kom - men. Sie muͤſſen nemlich waͤſſerig wer - den und oben muß es kalt und windig ſeyn, damit die ſchweeren Duͤnſte nicht herunter fallen koͤnnen, weil ſie der Wind durch die Bewegung erhaͤlt. Wir werden nach die - ſem bey dem Schnee und Hagel ſehen, daß nichts angenommen wird, was nicht auch wuͤrcklich in der oberen Lufft unterweilen ſtat findet. Weil die gefrornen Duͤnſte dicker ſind als die uͤbrigen, auch weiß an der Farbe; ſo muͤſſen ſie das Licht viel ſtaͤrckerre -365der Duͤnſte, Nebel und Wolcken. reflectiren als die uͤbrigen, und dannenhero die Wolcken, welche gefrorne Duͤnſte fuͤh - ren, viel weiſſer ausſehen, auch nach dem Untergange der Sonne und von ihrem Aufgange es viel heller machen als die an - dern, ſo waͤſſerige Duͤnſte fuͤhren.
Da die Wolcken bloß eine Men - ge Duͤnſte ſeyn, die einen Theil der Lufft er - fuͤllen wie ein Nebel (§. 261), die Duͤnſte a - ber von den Winden ſich zuſammen treiben und zertheilen laſſen; ſo iſt es kein Wunder, daß ſie keine ordentliche, ſondern vielmehr eine ohngefehre Figur haben, auch ihre Groͤſ - ſe und Figur ſich gar bald aͤndert. Es pfle - gen auch oͤffters die Winde Wolcken zuzer - theilen und zuſammen zu treiben, ſowohl in der That, als auch nur dem Anſehen nach, wenn Wolcken unter einander getrieben werden.
WEnn der Thau ſtarck faͤllet, ſo ſie -Was der Thau iſt. het es von weitem wie ein Nebel aus, und da der Nebel aus einer Menge Duͤnſte beſtehet (§. 255), der Thau aber gleichfalls waͤßerige Duͤnſteſind,366Cap. VI. Von Thau, Reiff, Regen,ſind, die aus der Lufft herunter fallen; ſo iſt Thau mit einem niedergehenden Nebel zu - vergleichen.
Wenn die Duͤnſte in der Lufft niederfallen ſollen, ſo muͤſſen ſie in Troͤpflein zuſammen flieſſen. Und daß dieſes geſchie - het, wenn es thauet, weiſet auch der Augen - ſchein, indem ſich der Thau in Geſtalt klei - ner Troͤpflein an die obere rauhe Flaͤchen der Coͤrper anhaͤnget. Es giebts aber auch die Vernunfft. Die Duͤnſte ſind nicht ſchweerer als die Lufft (§. 247): derowegen wenn ſie niederfallen ſollen, muͤſſen ſie von ſchweererer Art als die Lufft werden. Von der Kaͤlte laſſen ſie ſich nicht ſo ſehr verdi - cken (§. 249): derowegen muͤſſen mehrere zuſammen flieſſen, damit aus ihnen kleine Troͤpflein werden, die ſchweerer ſind als die Lufft. Man kan auch gar wohl begreiffen, wie dieſes in der Natur geſchiehet. Der Thau faͤllet des Nachts und ſonderlich ge - gen Morgen, wenn die Lufft, wie das Ther - mometer zeiget (§. 55. T. II. Exper.), ſich abkuͤhlet. Jndem dieſes geſchiehet, wird ſie dichter (§. 133 T. I. Exp.). Weil nun ihre Theile naͤher zuſammen kommen, ſo werden auch die zwiſchen ihnen enthaltene Duͤnſte naͤher zuſammen gebracht, und flieſſen da - her in Troͤpflein zuſammen. Die Groͤſſe dieſer Troͤpflein kan man nicht aus der Groͤſſe derer erachten, die man auf demGra -367Schnee und Hagel. Graſe des Morgends antrifft. Denn da es eine lange Zeit, oͤffters die gantze Nacht durch thauet, ſo fallen auch nach und nach neue Troͤpflein Thau auf das Graß und, wenn ein neues eines von den vorigen be - ruͤhret, ſo flieſſet es mit ihm zuſammen und wird ſolchergeſtalt ein groͤſſeres Troͤpflein daraus, als es vorher war.
Und eben hieraus verſtehet man,Warumb die Fen - ſteꝛ ſchwi - tzen. wie die Fenſter in den Stuben ſchwitzen, wenn es von auſſen kalt, inwendig aber warm iſt. Denn von der kalten aͤuſſe - ren Lufft werden auch die Glaßſchei - ben kalt. Man kan es ſelbſt mit den Haͤn - den ſuͤhlen, daß ſie kaͤlter werden. Die kal - ten Glaß-Scheiben machen auch die Lufft kalt, die bey dem Fenſter iſt (§. 134 T. I. Exper.). Da nun die Lufft im Gemache, fonderlich wo viel Perſonen zugegen ſind, ſehr feuchte iſt wegen des vielen Dampffes, der mit dem Athem aus den Lungen faͤhret; ſo werden die einzeln Duͤnſte zuſammen ge - bracht und flieſſen in Troͤpfflein zuſammen, die ſich an das Glaß anhaͤngen. Eben die - ſe Bewandnis hat es, wenn man im Win - ter ein kaltes Gefaͤſſe, oder etwas von Me - talle und Glaſe, ſo lange in der Kaͤlte gewe - ſen, in die warme Stube bringet und es faͤnget an zu ſchwitzen: wie nicht weniger, wenn im heiſſen Sommer ein Glaß in der Stube ſchwitzet, darein man recht friſchesWaſ -368Cap. VI. Von Thau, Reiff, Regen,Waſſer gegoſſen, abſonderlich wo man noch Salpeter oder Salmiack hinein wirfft. Es traͤget ſich auch unterweilen zu, daß von auſſen Mauren, Waͤnde und Fenſter in Ge - maͤchern, wo nicht eingeheitzet worden, auch niemand viel zugehen gehabt, ingleichen das Pflaſter in Vorgemaͤchern ꝛc. ſchwitzen. Denn alsdenn iſt die aͤuſſere Lufft warm und feuchte und die erwehnten Sachen ins - geſamt ſind kalt. Derowegen muß eben dasjenige erfolgen, was kalten Sachen begegnet, wenn ſie in ein warmes Gemach gebracht werden, wo dunſtige Lufft iſt.
Der Reiff beſtehet aus gefror - nen Duͤnſten, die ſich an die Flaͤche der Coͤr - per angehangen, wie es der Augenſchein weiſet. Weil nun die Duͤnſte Blaͤſelein ſind (§. 85. T. II. Exp.); ſo ſeyn ſie weiß. Denn es zeiget es die Erfahrung, daß fluͤßi - ge Materien weiß werden, wenn ſie ſich wie ein Schaum in Blaͤſelein reſclviren. Das Waſſer gefrieret, wenn ihm die Waͤrme entgehet (§. 119 T. II. Exper.): es entge - het aber einem Coͤrper die Waͤrme, wenn er einen kalten beruͤhret. Derowegen wenn die Coͤrper auf dem Erdboden, daran ſich die Duͤnſte haͤngen, ſo kalt ſind, daß ſie den in Troͤpflein zuſammen gefloſſenen Duͤnſten ſoviel Waͤrme benehmen, als zu ihrer Fluͤßigkeit erfordert wird, ſo muͤſſen dieſelben gefrieren. Und demnach iſt derReiff369Schnee und Hagel. Reiff nichts anders als ein gefrorner Thau (§. 270) und faͤllet bloß zu der Jahrs-Zeit, da die Lufft ſehr kalt iſt. Wir haben zwar geſehen, daß die eintzelen Duͤnſte in der Lufft, auch, wenn ſie ſehr kalt iſt, ungefroren verbleiben koͤnnen (§. 260). Deſſen unge - achtet koͤnnen eben dieſe Duͤnſte, wenn ſie in Troͤpflein zuſammen gefloſſen, indem ſie ſich an die Flaͤchen der Coͤrper angehaͤnget, auch von der kalten Lufft gefrieren: denn als - denn ſind ſie nicht mehr wie Duͤnſte, ſondern wie anderes Waſſer anzuſehen. Da nun von der Kaͤlte der Lufft das Waſſer gefrie - ren kan; ſo kan aus eben dieſer Urſache der Thau, ſo auf den Flaͤchen der Coͤrper lieget, gefrieren. Es hat aber einerley Be - ſchaffenheit wie mit dem Reiffe, wenn der Dampff von dem Athem in groſſer Kaͤlte an den Baͤrten und Haaren gefrieret.
Und nun verſtehet man auch,Warumb bey Thau Wetter die Kaͤlte aus den Gebaͤu - den ſchlaͤ - get. wie es zugehet, daß, wenn nach anhaltender ſtrengen Kaͤlte im Winter Thau-Weter einfaͤllet, die Mauren inſonderheit an ſtei - nernen Gebaͤuden gleichſam uͤberreiffen. Der gemeine Mann bildet ſich ein, der Reiff gehe aus dem Gebaͤude heraus, und deswegen pfleget man zu ſagen: die Kaͤlte ſchlage aus den Gebaͤuden. Wir haben vorhin geſehen, daß bey wieder einfallendem Thau-Wetter nach einer groſſen Kaͤlte die(Phyſick) A aWaͤn -370Cap. IV. Von Thau, Reiff, Regen,Waͤnde und Mauren der Gebaͤude ſchwi - tzen muͤſſen (§. 272). Weil nun bey lang - wieriger ſtrengen Kaͤlte die Waͤnde und Mauren ſo kalt worden ſind, daß ſie den ſich daran haͤngenden Duͤnſten ihre Waͤr - me, die ſie zur Fluͤßigkeit brauchen (§. 55), be - nehmen; ſo muͤſſen ſie gefrieren (§. 119 T. II. Exper.). Gefrorne Duͤnſte aber ſind ein Reiff (§. 273). Jm groſſen Winter A. 1709 trug ſich was beſonders zu, welches man ſonſt in hieſigen Laͤndern nicht zu ſe - hen bekommet. Als nach der groſſen ſtren - gen Kaͤlte, die uͤber ein paar Monathe in ei - nem angehalten hatte, das Thau-Wetter einfiel; ſo gefroren die Fenſter von auſſen, die fuͤr Vorgemaͤchern und Kammern wa - reu, darein den Winter uͤber niemand viel kommen war. Jch habe ſchon vorhin er - wieſen, daß ſie nach groſſer Kaͤlte ſchwitzen muͤſſen (§. 272). Weil nun in dem auſſer - ordenlichen Winter die Kaͤlte auſſerordent - lich war; ſo iſt es kein Wunder, daß die Duͤnſte, welche ſich an die Glaß-Scheiben gehaͤnget, gefrieren muͤſſen, auch ſich bey zunehmendem Thauwetter, da die Feuchtig - tigkeit der Lufft zugenommen, der Reiff an den Fenſtern ungemein vermehret.
Der Regen ſind Tropffen Waſ - ſer, welche durch die Lufft nach einander her - unter fallen, indem der Himmel mit Wol - cken bekleidet iſt. Alles dieſes giebet derAu -371Schnee und Hagel. Augenſchein, und hat man zugleich daraus erkandt, daß der Regen aus den Wolcken kommet. Denn es regnet nicht allein nie - mahls, als wenn Wolcken vorhanden ſind; ſondern der Regen hoͤret auch ſo gleich auf, wenn ſich die Wolcken verziehen. Ja wir wiſſen, daß die Wolcken ein Nebel ſind in der Hoͤhe (§. 261) und aus einer Menge Duͤnſte beſtehen, die ſich in der oberen Lufft zuſammen gezogen. Sie fuͤhren demnach die Materie des Regens mit ſich.
Die Duͤnſte in den WolckenWie er entſtehet. ſind nicht ſo ſchweer, daß ſie durch die Lufft herunter fallen koͤnnen (§. 248). Es ſind auch dieſelben keine Tropffen Waſſer, ſon - dern nur kleine Blaͤſelein (§. 85 T. II. Exp). Derowegen iſt die Frage, wie es zugehet, daß ſie in der Lufft herunter fallen und in Tropffen zuſammen flieſſen koͤnnen? Wenn die Duͤnſte in der Lufft fallen ſollen, ſo muͤſ - ſen ſie entweder ſchweerer, oder die Lufft leichter werden. Das Barometer lehret (§. 39. T. II. Exp.), daß die Lufft leichter zu werden beginnet, indem der Mercurius faͤllet, und abſonderlich ſtarcker Regen erfolget, wenn die Lufft ſehr leichte wird und ein Wind blaͤſet, der Regen bringet (§. 221). Derowegen ſehen wir, daß die Duͤnſte fallen, wenn die Lufft leichter wird. Wenn nun die oberen Duͤnſte herunter fallen und treffen weiter herunter noch an -A a 2dere372Cap. IV. Von Thau, Reiff, Regendere Duͤnſte an; ſo flieſſen ſie mit ihnen zu - ſammen, und werden kleine Troͤpfflein daraus. Dieſe Troͤpfflein ſind ſchweerer als die Lufft und fallen demnach weiter her - unter. Wenn ſie nun unterwegens noch mehrere Duͤnſte oder auch Troͤpfflein an - treffen, ſo flieſſen ſie noch weiter mit ihnen zuſammen und werden dadurch die Tropf - fen groͤſſer. Ob nun zwar hier nichts an - genommen wird, als was an ſich klar und gewis iſt, auch zu der Zeit in der Natur ſtat findet, wenn es regnet; ſo halte ich doch davor, daß unterweilen die Wolcken groſſe Waſſertropffen in ſich fuͤhren koͤnnen, die durch ihre Schweere herunter fallen koͤnn - ten, auch wenn die Lufft nicht leichter wuͤr - de. Wir ſehen ja oͤffters, daß, wenn es ſtarck regnet, nicht allein groſſe Tropffen, ſondern auch ſehr ſchnelle hinter einander herunter fallen, unerachtet die Lufft nicht leichter iſt als zu anderer Zeit, da es viel ſtiller regnet. Derowegen da man den Unterſcheid nicht in der Lufft ſuchen kan, ſo muß man ihn in den Wolcken ſuchen Nun iſt wohl wahr, daß man bey den Wolcken auch die Urſache in der Menge der Duͤnſte ſuchen koͤnnte. Allein daß ich dieſes nicht fuͤr die Haupt Urſache halten kan, ſtehet mir im Wege, daß ich oͤffters obſerviret, wie duͤnne Wolcken, dadurch man andere, die hoͤher geſtanden ſehen koͤnnen, ſtarck herun -ter373Schnee und Hagel. ter geregnet, ohne daß von den oberen et - was herab geregnet, Jch werde nach die - ſem bey dem Schnee noch eine andere Ur - ſache anfuͤhren, warumb die Wolcken, wel - che ſtarck herab regnen, waͤſſerige Tropffen fuͤhren muͤſſen. Nemlich es koͤnnen die Duͤnſte durch allerhand Veraͤnderungen in der oberen Lufft, wie aus dem vorherge - henden uͤberfluͤßig abzunehmen, was von dem Thau (§. 271 & ſeqq. ) und von dem Regen erſt jetzund geſaget worden, dicke und waͤßerig (§. 252) werden. Ob nun zwar die duͤnnen Duͤnſte nicht gefroren (§. 260); ſo gefrieren doch die dicken, die waͤßerig ge - nung ſind: oben aber iſt es auch in dem heiſſeſten Sommer ſo kalt, daß Duͤnſte ge - frieren koͤnnen, maaſſen eine bekandte Sa - che iſt, daß auch ſelbſt in Hunds-Tagen auf hohen Gebuͤrgen Schnee gefunden wird. Dieſe gefrornen Duͤnſte ſind freylich ſchweerer als die Lufft und ſollen darinnen niederfallen (§. 195 T. I. Exper.): allein ſie werden durch den Wind in der Lufft er - halten, indem ihre Krafft, damit ſie beweget werden, ſtaͤrcker iſt als die Schweere, da - mit ſie der Lufft uͤberlegen ſeyn. Es wie - derſtehet auch die Lufft, die eine ausdeh - nende Krafft hat, noch auf eine beſondere Art als andere fluͤßige Materien, die damit nicht verſehen ſind. Denn indem etwas herunter fallen will, wird ſie zuſammen ge -A a 3druckt374Cap. VI. Von Thau, Reiff, Regen,druckt und erhaͤlt dadurch eine groͤſſere Krafft zu wiederſtehen, als ſie vorher hatte (§. 123 T. I. Exper.). Wir wollen aber hierauf jetzund nicht ſehen. Dieſe gefror - nen Duͤnſte hangen ſich auf vielfaͤltige Wei - ſe an einander, wie wir bald mit mehrerem bey dem Schnee ſehen werden. Wenn nun aber ein warmer Wind in eine ſolche Wolcke blaͤſet, oder auch ſie aus der oberen Lufft in die untere waͤrmere ſich ſencket, we - gen einer Veraͤnderung in der Art der Schweere; ſo thauen die gefrornen Duͤnſte auf und flieſſen in Tropffen zuſammen. Und eine ſolche Wolcke iſt eigentlich diejenige, welche man eine Regenwolcke zu nen - nen pfleget. Man ſiehet aber auch, daß die - ſe Art Wolcken, welche Waſſer-Troͤpflein an ſtat der Duͤnſte mit ſich fuͤhren, ſehr ſchweer ſeyn muͤſſen (§. 86. T. I. Exper.) und daher nennet man auch die waßerrei - chen Wolcken ſchweere Wolcken. Und da die ſchweeren Coͤrper ſich ſencken, ſo pfle - gen ſich auch die Wolcken ſehr weit hernie - der zu laſſen und koͤnnen nicht lange durch die Winde in der Lufft erhalten werden.
Wenn die Lufft ſehr leichte wird, oder die Wolcken ſehr waͤſſerich und ſchweer ſeyn, ſo folgen groſſe Platz-Regen: welches von beyden ſtat findet, muß man durch das Barometer ausmachen (§. 22. T. II. Exper.). Es iſt aber gut, wenn manzu -375Schnee und Hagel. zugleich auf das Manometer mit acht hat (§. 45. T. II. Exp.), maßen man nicht ſowohl bey dem Falle der Duͤnſte auf die Schwee - re der gantzen Lufft, als inſonderheit auf die Art der Schweere zu ſehen hat, welche durch das Manometer angedeutet wird. Und e - ben wer das Wetter fleißig obſerviret und bey einem jeden Regen-Wetter nicht allein auf das Thermometer und Barometer, ſon - dern auch auf das Manometer und den vorhergehenden Zuſtand der Lufft acht hat; der wird inne werden, daß es bey einerley Zuſtande der Lufft nicht gleich ſtarck regnet, und dannenhero den angegebenen Unter - ſcheid der Lufft genau bemercken.
Wenn die Regen-TropffenWenn der Re - gen ſtarck. zuſchlaͤ - get. groß ſind und die Wolcken ſtehen hoch, ſo ſchlagen ſie ſtarck auf, wo ſie hinfallen. Denn wenn ſie hoch herunter fallen, ſo be - wegen ſie ſich ſehr geſchwinde (§. 4. T. II. Exper.): wenn ſie groß ſind, haben ſie viel Materie. Viele Materie mit groſſer Geſchwindigkeit beweget giebt einem Coͤr - per viel Krafft (§. 133 T. III. Exper.). Und demnach ſchlaͤget alsdenn der Regen ſtarck zu. Es koͤnnen unterweilen die Tropffen ſehr groß werden, indem ſie durch die Lufft, ſo mit Duͤnſten erfuͤllet, durchfallen, als wenn verſchiedene Schichten von Regen - wolcken uͤber einander ſtehen. Denn wenn die Troͤpflein aus den oberen WolckenA a 4durch376Cap. VI. Von Chan, Reiff, Regen,durch die untere fallen, flieſſen die Duͤnſte und Troͤpflein der untern mit ihnen zuſam - men und ſo werden die Tropffen groß. Und in dieſem Falle koͤnnen groſſe und kleine Tropffen unter einander fallen, die an der Groͤſſe gar mercklich von ein - ander unterſchieden ſind, ob es gleich gantz dichte regnet. Hingegen wenn bloß eine waſſerreiche Wolcke in der Lufft von dem Winde uͤber einen Ort hingetrieben wird, wie bey uns von dem Nord Weſt-Winde zugeſchehen pfleget; ſo fallen die Tropffen ſehr einzeln herunter und es regnet zwar grob, aber nicht dichte.
Wenn die Lufft nicht ſehr leich - te oder wenigſtens unten nicht von leichterer Art iſt, weil ſie die Kaͤlte dichte machet, (§. 133. T. I. Exper.), und die Wolcken ſind ſehr waſſerreich; ſo erfolget ein Staub - Regen. Denn es ſind keine groſſe Tropf - fen vorhanden und finden viel Wieder - ſtand, daß die Troͤpfflein, ſo herunter fallen, gar wenig Geſchwindigkeit erhalten. Der Nord-Oſt-Wind machet bey uns die Lufft ſchweer und dichte, weil er kalt iſt: daher pflegẽ wir auch bey dieſem Winde entweder gar keinen Regen zu haben, ob gleich der Himmel gantz truͤbe iſt, oder es kommet ein Staub Regen. Die Waſſer-Troͤpflein ſind von der Kaͤlte ſehr dichte worden: de -rowe -377Schnee und Hagel. rowegen machet auch ein ſolcher Regen oͤff - ters mehr naß als ein ſtarcker, zumahl wenn es dichte dabey regnet.
Wenn eine waſſerreiche Wol -Wie ein Wolcken - bruch entſtehet. cke im Himmel iſt, und der Wind, welcher ſie getrieben und erhalten, leget ſich auf ein - mahl, oder die Lufft wird unter ihr auf ein - mahl duͤnne; ſo faͤllet ſie auch in einem herunter. Da nun eine Wolcke eine groſ - ſe Laſt Waſſer fuͤhret (§. 92. T. II. Exper.); ſo ergeußt ſich das Waſſer an dem Orte, wo die Wolcke herunter faͤllet, auf einmahl und verurſachet eine ſtarcke Uberſchwem - mung: welches man einen Wolckenbruch zu nennen pfleget. Das Waſſer bekom - met durch den Fall eine deſto groͤſſere Ge - ſchwindigkeit, je hoͤher die Wolcke ſtehet und erhaͤlt dadurch eine groſſe Krafft. Ei - ne Wolcke, die uͤber einem maͤßigen Hoffe eines Gebaͤudes ſtehet, kan bis 260 Centner Waſſer in ſich haben. Und demnach kan durch einen Wolckenbruch alles erfolgen, was geſchiehet, wenn ein ſchweerer Coͤrper mit Geſchwindigkeit wieder etwas geworf - fen wird, und was aus einer groſſen Uber - ſchwemmung, da das Waſſer nicht bald verſchieſſen kan, zuerfolgen pfleget.
Der Schnee ſind gefrorne Duͤn -Was der Schnee iſt und wie er entſtehet. ſte und kommet aus der Wolcken des Win - ters, wie im Sommer der Regen. WennA a 5die378Cap. VI. Von Thau, Reiff, Regen,die Lufft etwas gelinde iſt; ſo werden die gefrornen Duͤnſte weich, wie alles harte von der Waͤrme erſt erweichet wird, ehe es fluͤßig werden kan (§. 64). Die weiche gefrorne Duͤnſte fallen ſtarck zuſammen und daraus entſtehen groſſe Flocken. Wenn im Herb - ſte der Erdboden und die Steine auf den Straſſen noch warm ſind und es faͤngt zeit - lich anzuſchneyen; ſo zergehet der Schnee, ſobald er auf die Erde faͤllet. Denn die Waͤrme faͤhret aus dem Erdboden in den Schnee, der ſchon weich und zum ſchmeltzen aufgeleget iſt (§. 76.), und deswegen ſchmeltzet er (§. 120 T. II. Exper.). Hin - gegen wenn der Erdboden kalt iſt, ſo blei - bet der Schnee wie er iſt: denn es iſt keine Urſache vorhanden, warum er ſchmeltzen ſollte. Jn kaltem Wetter iſt der Schnee ſehr ſubtile und werden keine groſſe Flocken, wie aus dem vorhergehenden abzunehmen. Weil der Schnee eben wie der Regen aus den Wolcken kommet; ſo iſt nicht noͤthig den Zuſtand der Lufft, wenn es ſchneyen ſoll, genauer zubeſchreiben: denn es iſt eben ſo wie bey dem Regen, nur daß die Lufft hier kalt, dorten aber waͤrmer iſt. Wenn es ſehr kalt iſt, und Schnee-Wolcken haben den gantzen Himmel uͤberzogen; ſo will es doch nicht ſchneyen und man pfleget zu ſagen: es ſey zu kalt dazu. Die Kaͤlte macht die Lufft ſehr dichte (§. 133. T. I. Ex -379Schnee und Hagel. Exper.) und folgends von ſchweererer Art (§. 4. T. I. Exper.). Da wir nun aber geſehen, daß ſich bey groſſem Froſte keine rechte Schnee-Flocken formiren koͤnnen, ſondern die gefrornen Duͤnſte ſich nur ein - zeln an einander haͤngen; ſo koͤnnen ſie auch in der dichten Lufft nicht niederfallen. Kom - met aber ein gelinder Wind, ſo wird nicht allein die Lufft etwas duͤnner (§. 134. T. I. Exper.), ſondern es formiren ſich auch groſ - ſe Flocken und alsdenn faͤllet der Schnee herunter. Wenn es bey dem Schneyen windig iſt, ſo laͤſſet ſich der leichte Schnee, ſonderlich wo er nicht rechte Flocken hat, leicht hin und her bewegen. Und daher ge - het alles unter einander.
Jm Thale iſts allzeit waͤrmer,Warumb es unter - wei - len auf den Ber - gen ſchneyet und im Thale regnet. als oben auf den Bergen. Derowegen wenn der Schnee die untere Lufft erreichet, kan er darinnen aufthauen und ſo flieſſen die Schnee-Flocken in Tropffen zuſammen, folgends regnet es. Und dieſes iſt die Urſa - che, wie mir auch aus eigener Erfahrung be - kandt iſt und alle diejenigen wiſſen, die ſich im Herbſte um Gebuͤrge aufgehalten, wa - rum es zu dieſer Jahrs-Zeit auf den Ber - gen ſchneyet, im Thale aber regnet. Und hieraus kan man erſehen, daß auch im Som - mer der Schnee, der aus den oberen Wol - cken kommet, ſchon in einer Hoͤhe wie die Berge insgemein haben, ſchmeltzen kan, hin -gegen380Cap. VI. Von Thau, Reiff, Regen,gegen aber auf ſehr hohe Gebuͤrge noch un - geſchmoltzen faͤllet.
Wenn die untere Lufft zwar warm iſt, alle Schnee-Flocken aber nicht weich und zum ſchmeltzen aufgeleget ſeyn; ſo pflegen auch einige zu ſchmeltzen, indem ſie in die untere Lufft kommen. Andere hin - gegen fallen ungeſchmoltzen durch. Und dieſes iſt die Urſache, warumb es unterwei - len, ſonderlich gegen den Fruͤhling und im Anfange deſſelben, zugleich regnet und ſchneyet.
Man hat Exempel, wie vor we - nigen Jahren ſich in Schleſien und Boͤh - men ereignet, daß ein ſo groſſer Schnee faͤllet, der die Wagen auf der Straſſe und die Thuͤren der Gebaͤude bedecket. Da der Schnee mit dem Regen uͤbereinkommet, und bloß darinnen unterſchieden iſt, daß die Duͤnſte gefroren ſind; ſo ſiehet man leicht, daß ein ſo groſſer Schnee mit einem Wol - ckenbruche uͤbereinkommet und dannenhero mit ihm einerley Urſache hat (§. 280).
De la Hire hat bey der Koͤnig - lichen Academie der Wiſſenſchafften zu Paris lange Jahre das Wetter obſerviret und gemeiniglich gefunden, daß, wenn der Schnee geſchmoltzen, das Waſſer den fuͤnfften bis ſechſten Theil von dem Rau - me eingenommen, den der Schnee erfuͤllete. A. 1711 trug ſich etwas beſonders zu, da inder381Schnee und Hagel. der Nacht zwiſchen dem 13 und 14 Februa - rii ein Schnee fiel, der 6 bis 7 Zoll hoch lag - und, als er geſchmoltzen war, nur den zwoͤlfften Theil von dem Raume einnahm, den er vorher erfuͤllet hatteaMemoires de l’ Acad. Roy. des Soienc. A. 1711. p. m. 20.. Es verhaͤlt ſich demnach ordentlicher Weiſe die Locker - keit des Schnees zu der Dichtigkeit des Waſſers wie 6 oder 7 zu 1 und, wenn es weit kommet, wie 12 zu 1. Die Lockerkeit der Duͤnſte verhaͤlt ſich zu der Dichtigkeit des Waſſers wohl wie 900 biß 1000 zu 1 (§. 85. T. II. Exper.). Derowegen iſt die Lockerkeit des Schnees gar viel geringer als der eintzelen Duͤnſte. Nun verlange ich zwar nicht zu behaupten, daß die Duͤn - ſte, welche ſich im Schnee an einander ge - hangen, von eben der Art der Schweere und Dichtigkeit ſind, die der Schnee hat: allein es wird doch ein jeder gar gerne zuge - ſtehen, daß die Duͤnſte in der oberen Lufft, wenn ſie gefrieren, gar viel dicker werden muͤſſen als ſie ſind, indem ſie in die Hoͤhe hinauff ſteigen. Wie dieſes moͤglich, iſt aus dem vorhergehenden abzunehmen, wo ich gewieſen (§. 276.), daß durch die Veraͤnderungen in der Lufft viele Duͤnſte zuſammen flieſſen und gefrieren koͤn - nen.
§. 286382Cap VI. Von Thau, Reiff, Regen,Der Hagel iſt gefrornes Waſ - ſer: denn er ſiehet aus wie Eis und zerflieſ - ſet in Waſſer, wenn er von der Waͤrme aufthauet. Unterweilen findet man in der mitten Schnee, wie dergleichen SturmbPhyſ. Hypoth. Tom. 2. p. 1235 vielfaͤltig abſerviret und Dechalescin Tractatu de Meteoris prop. 18. f. 686 Tom. IV. Mundi Mathem. hat gleichfalls ſolches in dem Hagel wahrge - nommen. Der Hagel, welcher ordentlich faͤllet, iſt eben nicht groß: unterweilen aber hat es Hagel von auſſerordentlicher Groͤſſe, dergleichen ich nur fuͤr meine Perſon ein - mahl geſehen, als ich noch in meiner Ju - gend in Breßlau lebte. Die Hagel-Koͤrner waren ohngefehr halb ſo groß wie eine wel - ſche Nuß, einige auch wahl groͤſſer, und wur - den nicht allein alle Fenſter in den Gebaͤu - den, die gegen Abend liegen, eingeworffen, daß man nicht eine Scheibe mehr gantz ſa - he, ſondern in Gaͤrten wurden auch die Fruͤchte von den Baͤumen nebſt kleinen Ae - ſten abgeſchlagen. Sonderlich nahm in Luſt Gaͤrten die Orangerie groſſen Scha - den. Weil die Erndte vorbey war, ſo konnte er den Feld-Fruͤchten keinen Schaden thun. Sturm fuͤhret gleichfalls ein Exempel von dergleichen Hagel an, davon er auch nicht mehr als eines die gantze Zeit ſeines Lebensge -383Schnee und Hagel. geſehen. Er hat nicht allein die Fenſter ein - geſchmiſſen, daß nicht eine Scheibe davon gantz geblieben; ſondern auch die Fruͤchte auf dem Felde, welche in ihrer Reiffe noch daſelbſt geſtanden, ausgedroſchen und alle Strohhalmen zerſchmettert. Als er die Hagel-Steine genau betrachtete, nahm er wahr, daß diejenigen, welche eine ohngefeh - re Figur hatten, aus fuͤnffe, ſechs bis ſieben rundten beſtunden, die an einander gefroren waren. Er erinnert dabey, daß die Hagel - Steine, welche Hauffen-weiſe in ſchattich - ten Oertern uͤbereinander gelegen, biß auf den andern und dritten Tag gedauret, ehe ſie zerſchmoltzen, dergleichen ich auch von dem Breßlauiſchen Hagel wahrgenommen, unerachtet ich auf ſeine Figur nicht acht ge - habt und er mir nur bloß rundt, ob zwar nicht voͤllig kugel-rundt geſchie - nen. Jedoch weil ich mich noch gar ei - gentlich beſinne, daß aberglaͤubiſche Leute allerhand Figuren, auch von Geſichtern und weiblicher Tracht darinnen erdichtet; ſo kan ich leichter erachten, daß viele unter dieſen Hagel-Steinen eine ohngefehre Fi - gur muͤſſen gehabt haben. Dechalesdloc. cit. f. 686 fuͤhret an, daß in Jtalien A. 1514 ein Hagel gefallen, da die Hagel-Steine ſo groß wiedie384Cap. VI. Von Thau, Reiff, Regen,die Eyer geweſen. A. 1470 ſey einer zu Rom gefallen ſo groß wie Strauß-Eyer uud A. 1537 um Bononien herum unter ei - nem Platz-Regen Hagel-Steine, die 28 Pfund gewogen Man findet auch ordent - lich, daß es allzeit dabey ſtarck regnet, wenn es hagelt. Es aͤuſſert ſich auch ein ſtarcker Wind, wenn der Hagel fallen ſoll und die Wolcken machen es ſo finſter, daß es unter - weilen nicht anders iſt, als wenn der Abend herein brechen wollte; wie wir es erſt hier im vergangenen Frey-Tage als dem Chriſttage unter der Veſper-Predigt er - fahren.
146Weil der Hagel wuͤrckliches Eis iſt (§. 286); ſo muß er aus Waſſer, das gefroren, entſtanden ſeyn. Gefrorne Duͤnſte machen kein Eis, ſondern Schnee. Der Unterſcheid kommet daher, weil die Duͤnſte Blaͤſelein ſind (§. 85 T. II. Exp.); in dem dichten Waſſer aber keine dergleichen merckliche Hoͤhlen, wie in den Duͤnſten, anzutreffen ſeyn. Und hieraus wird von neuem bekraͤfftiget, daß die Duͤnſte in der That nichts anders als kleine Blaͤſelein ſeyn, und erhellet ferner, wie unvorſichtig diejeni - gen verfahren, welche dieſes leugnen. Die Hagel-Koͤrner ſind zwar insgemein nicht groͤſſer als kleine Erbſen: allein es gehoͤren auch doch ſchon dazu groſſe Tropffen Waſ - ſer. Weil wir aber wuͤrcklich obſerviren,daß385Schnee und Hagel. daß ſo groſſe Tropffen im Regen anzutref - fen; ſo iſt kein Zweiffel daß die Tropffen ſich ſchon in der oberen Lufft formiren und nach dieſem gefrieren. Wenn aber ein groſſer Hagel faͤllet, ſo ſiehet man leicht, daß die Hagel Steine nach und nach erzeuget werden, indem uͤber die kleineren Koͤrner neue Schaalen gefrieren und nach dieſem viele kleinere zuſammen gefrieren. Das letztere wird durch die vorhergehende Obſer - vationen (§. 286) beſtetiget: das andere iſt daraus klar, weil die Hagel-Stei - ne mit einem ſtarcken Platz-Regen hernie - der fallen, woraus man ſiehet, daß ſie von den Winden mit den Regen-Wolcken fort - getrieben werden. Wolte man deswegen Schwierigkeiten machen, weil die Regen - Tropffen in den Regen-Wolcken nicht ge - frieren: ſo ſehen wir nicht allein, daß es hier keine groͤſſere Schwierigkeit hat, als weñ Regen und Schnee unter einander faͤl - let, welches doch aber der Erfahrung gemaͤß iſt (§. 283); ſondern wir haben auch zuer - wegen, daß die Hagel-Koͤrner ſehr kalt ſind und daher dem Waſſer, welches ſie umb - fleußt, leichtlich vollends ſo viel Waͤrme be - nehmen, als noͤthig iſt wenn es gefrieren ſoll. Derowegen kan wohl eine duͤnne Schaale um das kleine Hagel-Korn ge - frieren (§. 120 T. II. Exper.) und dieſes dadurch vergroͤſſert werden, unerachtet die(Phyſick) B buͤbri -386Cap. VI. Von Thau, Reiff, Regenuͤbrigen Regen-Tropffen in den Regen - Wolcken von der Kaͤlte der Lufft nicht gefrie - ren koͤnnen. Sehen wir doch im Som - mer, wenn wir kaltes Waſſer mit Salpe - ter in einem Glaſe anfriſchen (§. 119 T. II. Epxer. ), daß es von auſſen ſchwitzet (§. 272), wie oͤffters dieſer Schweiß wegen der Kaͤlte des Glaſes gefrieret, unerachtet die umſtehende Lufft warm iſt. Wenn aber viele kleine Koͤrner zuſammen gefrieren ſol - len, damit ein Hagel-Stein daraus wird, ſo werden ſie von einem Tropffen umbfloſ - ſen und gefrieren vermittelſt dieſes Waſſers an einander. Denn dieſes geben die Figu - ren, welche man in ihnen erdichtet (§. 287), maſſen nicht einerley Grad der Durchſich - tigkeit ſtat finden kan, wo ſich in einem Klumpen Figuren unterſcheiden laſſen. Un - terdeſſen iſt eben nicht noͤthig, daß alle kleine Koͤrner, die in einem Hagel Stei - ne anzutreffen ſind, auf einmahl zu - ſammen gefrieren; ſondern es koͤnnen nach und nach mehrere dazu kommen, indem erſt einige zuſammen gefroren, weil ſie der Wind in der Regen-Wolcke an einan - der wirfft, wie man aus dem Geraſſel ab - nehmen kan, welches man ſchon von weitem hoͤret, indem er die Regen-Wolcke mit dem Hagel herfuͤhret. Wir haben ſchon vorhin geſehen (§. 276), daß die groſ - ſen Regen-Tropffen aus Schnee-Flockenent -387Schnee und Hagel. ſtehen, die in der gelinden Lufft ſchmeltzen. Da nun die Hagel-Koͤrner oͤffters in der Mitten noch Schnee haben; ſo ſiehet man deutlich, daß ſie gefroren, ehe der Schnee voͤllig geſchmoltzen. Und wird eben hier - durch von neuem beſtetiget, daß oben in der Lufft die Schnee-Flocken ſchmeltzen und ſich in Tropffen verwandeln. Das Waſſer gefrieret, wenn ihm die Waͤrme entgehet, welche es fluͤßig erhaͤlt (§. 120 T. II. Exp.). Wir obſerviren es gar offt im Winter, daß es ſchnelle und ſtarck gefrieret, wenn ein kal - ter Wind blaͤſet. Derowegen da wir zu der Zeit, wenn es hagelt, auch allzeit einen ſtarcken Wind in der Wolcken verſpuͤren, der den Hagel fuͤhret; ſo haben wir kein Be - dencken zutragen, daß nicht die in Tropffen zerflieſſende Schnee-Flocken von der Kaͤlte eines Windes, der ſich ohngefehr erhebet und in die Regen-Wolcke blaͤſet, gefrie - ren.
Da der Hagel gefrornes WaſſerWie der Hagel in der Lufft erhalten wird und warum er faͤllet. iſt; ſo iſt er auch viel ſchweerer als die Lufft. Und da nicht allein die Hagel-Koͤrner, ſon - dern auch inſonderheit die Hagel Steine eine ziemliche Groͤſſe haben (§. 286); ſo kan auch ihnen die Lufft wegen ihrer ausdeh - nenden Krafft keinen ſolchen Wiederſtand thun, wie den kleinen Duͤnſten (§. 276), daß ſie dadurch zuruͤcke gehalten wuͤrden. Wir finden demnach nichts anders, wodurch ſieB b 2in388Cap. VI. Von Chau, Reiff, Regen,in der Lufft koͤnnten erhalten werden, als den Wind, der ſie mit den Wolcken treibet. Denn daß ein Coͤrper, er mag ſo ſchweer ſeyn als er will, in der Lufft erhalten wird, wenn er ſich mit einer ſtaͤrckeren Krafft be - weget als diejenige iſt, welche er von der Schweere erhaͤlt, bezeiget die taͤgliche Er - fahrung nicht allein in den ſchweeren Coͤr - pern, die durch die Lufft geworffen werden, ſondern auch in den bleyernen Kugeln, die von der Gewalt des Pulvers aus dem Ge - ſchuͤtze getrieben werden. Und iſt noch die - ſes beſonders bey dem Hagel, daß der Wind, welcher ruckweiſe blaſet, ihm beſtaͤn - dig einen neuen Stoß giebet und die Krafft, welche er dadurch erhaͤlt, erneuret. Wenn der Wind mit der Erde parallel blaͤſet und behaͤlt Staͤrcke genung; ſo kan er den Ha - gel weit ſort fuͤhren, ehe er herunter faͤllet. Hingegen wenn er niederwarts gegen die Erde blaͤſet; ſo wirfft er den Hagel herunter: faͤnget er ſich an zu legen, ſo faͤllet der Ha - gel durch ſeine eigene Schweere nieder. Alle Coͤrper, welche durch ihre Schweere nie - derfallen, fallen in der Lufft nach einer Li - nie herunter, die auf den Erdboden perpen - dicular iſt (§. 83.). Derowegen wenn der Hagel nicht von dem Winde getrieben wird, indem er herunter faͤllet, ſo muß er gleichſalls gerade herunter fallen. Hinge -gen389Schnee und Hagel. gen wenn er von dem Winde getrieben wird, der gegen die Erde blaͤſet; ſo muß er der Direction des Windes folgen und faͤh - ret dannenhero ſchief durch die Lufft. Wenn man demnach auch gleich keinen Wind ſau - ſen hoͤret, indem es hagelt; ſo kan man doch gleich erkennen, ob der Hagel bloß durch ſeine Schweere herunter faͤllet, oder ob er von dem Winde herunter geworffen wird.
Ein Coͤrper der durch die LufftWoher der Ha - gel ſeine Krafft erhaͤlt. herunter faͤllet, erlanget eine ſehr groſſe Ge - ſchwindigkeit durch den Fall (§. 99.). Es gielt aber gleich viel, ob eine Kugel durch die Krafft des Pulvers getrieben wird und da - durch einen gewiſſen Grad der Geſchwin - digkeit erhaͤlt, oder ob ſie eben dieſen Grad der Geſchwindigkeit durch den Fall erhaͤlt. Nun iſt bekandt, daß eine Kugel, wenn ſie geſchwinde beweget wird, eine groſſe Krafft erhaͤlt. Derowegen iſt es auch kein Wun - der, wenn wir bey dem Hagel dergleichen antreffen. Wenn derſelbe durch einen Wind herunter geworffen wird; ſo erhaͤlt er neben der Geſchwindigkeit, die er durch den Fall erreichet, auch noch eine mehrere von der Gewalt des Windes, die ihn trei - bet. Und demnach iſt in dieſem Falle die Krafft des Hagels groͤſſer, als wenn er bloß durch ſeine Schweere herunter faͤllet. Man ſiehet auch daher, daß der Hagel mehrB b 3Scha -390Cap. VI. Von Thau, Reiff, RegenSchaden thut, wenn er durch einen Sturm - wind herunter geworffen wird, als wenn er bloß vor ſich mit dem Regen her - ab faͤllet, auch daß der Schade deſto groͤſſer iſt, je groͤſſer der Sturm und je ſchweerer die Hagel-Koͤrner und Ha - gel Steine ſind. Wenn der Hagel durch ſeine bloſſe Schweere herunter faͤllet, ſo faͤl - let er gerade herunter (§ 83) und thut dan - nenhero keiner Sache Schaden, als die auf dem Erdboden lieget oder ſtehet. Hinge - gen wenn ihn der Wind treibet, ſo wird er nach der Seite angeworffen und beſchaͤdi - get die Sachen, die auf dem Erdboden er - haben ſind, als Gebaͤude und Baͤume. Da - her ſiehet man auch, daß der groſſe Breßlaui - ſche und Altorffiſche Hagel von einem Win - de muß herunter geworffen worden ſeyn, weil er die Fenſter ausgeſchmiſſen (§. 286) und zwar den erſtern muß ein Abend-Wind getrieben haben, weil er bloß die Fenſter ge - gen Abend eingeworffen; daß aber auch der Wind ſehr ſtarck muß geweſen ſeyn, er - kennet man daraus, daß die Hagel-Steine, welche die Scheiben ausgeſchmiſſen, noch mit einer ſtarcken Gewalt durch die Stu - ben durchſprungen, und ſich deswegen nie - mand trauete nahe an ein Fenſter zu kom - men.
Weil der Hagel nicht allein ge -Warumb der Ha - gel die Lufft ver - finſtert. frornes Eis iſt, ſondern auch gemeiniglich inwendig Schnee hat (§. 286); das Eis aber, und noch mehr der Schnee, wenig Licht durchfallen laſſen: ſo iſt es kein Wunder, daß der Hagel, ſonderlich wenn er ſchneeicht iſt, die Lufft ſo ſehr verdunckelt. Und eben dieſe Urſache hat es, warum die Schneewol - cken, welche groſſe Flocken fuͤhren, es in der Lufft ſehr dunckel machen.
WJr ſehen einen Regenbogen, wennWenn ein Re - gen-Bo - gen er - ſcheinet. es regnet und die Sonne ſchei - net, und wir ſtehen zwiſchen der Sonne und den Regen-Wol - cken. Kepler hat zuerſt entdecket, daß der Regen-Bogen in den Regen-Tropffen entſtehe, und nicht in einer dunckelen Wol - cke, wie man vor dieſem geglaubet. Er hat ſeine Meinung zu Anfange des 1605ten Jahres an BrenggerumaEpiſtolæ ad Joan. Keplerum Epiſt. 152. f. 236, das JahrB b 4dar -392Cap. VII. Von dem Regen-Bogen,darauf an den beruͤhmten Mathematicum in Engelland Thomas Harriotbloc. cit. epiſt. 232. f. 337. und A. 1619 an Joannem Remum nach Wiencepiſt. 328. f. 520. geſchrieben, und Harrior hat in ſeiner Antwortdepiſt. 233. f. 378 gleichfalls erkandt, daß man den Regenbogen durch die Refraction und Reflexion des Sonnen Lichtes in einem ei - nigen Tropffen demonſtriren muͤſſe. Wir finden aber, daß nicht allzeit, wenn es re - gnet, und die Sonne ſcheinet, ſich ein Re - gen-Bogen ſehen laͤſſet, und demnach iſt noͤthig, daß wir unterſuchen, was den Son - nen-Strahlen in den Regen-Tropffen wie - derfaͤhret, indem ein Regen-Bogen erzeuget wird, welches wir auch zuthun verſprochen (§. 171 T. II. Exper.) als wir durch einen Verſuch gezeiget, daß ſich ein Regen - Bogen erzeuget, indem die Sonne in Troͤpflein Waſſerſcheinet, welche durch die Lufft durchfallen.
Repler hat ſchon gezeiget, daß die Sonenſtrahlen im Eingange in den Tropf - fen gebrochen, in der hinteren hohlen Flaͤche reflectiret und im Ausgange noch einmahl gebrochen werden; worinnen mit ihm Harrior voͤllig einig geweſen. Marcus Antonius de Dominis hat in ſeinem Bu -che(e) locis citatis. 393und andern Lufft-Erſcheinungen. che de radiis viſus & lucis, welches A. 1611 zu Venedig heraus kommen, dieſe Urſache des Regen-Bogens gleichfalls behauptet und nach dieſem hat es Carteſiusfin Tract. de Meteoris c. 8. p. m. 212. als ſeine Erfindung angegeben, daß der Regen - Bogen auf eine ſolche Weiſe entſtehe, und als eine Probe, daraus man erkennen koͤn - te, wie weit ſeine Art zudencken zureiche. EsTab. IV Fig. 13 ſey in S die Sonne, in G der Tropffen. Wenn der Strahl SA in den Tropffen hinein faͤhret, ſo wird er in A gebrochen. Jn dem er hinten in G anſchlaͤget, wird er reflectiret bis in B, wo er aus dem Tropf - fen wieder heraus faͤhret. Jm Ausgange wird er noch einmahl gebrochen (§. 153 T. II. Exper.) und vermittelſt des Strahles BO ſiehet man die Regen-Bogen-Farbe. Alle drey haben es durch einen Ver - ſuch gezeiget. Sie haben nemlich eine Ku - gel mit Waſſer erfuͤllet und ſie gegen die Sonne aufgehangen, bis die Regen-Bo - gen-Farben nach der Ordnung hinter ein - ander darinnen erſchienen, und alsdenn hat ſichs gewieſen, daß auf eine ſolche Art der Regen-Bogen entſtehet. Daraus a - ber hat man zugleich gefunden, daß, wenn die Linie OH mit der Linie SA parallel ge - zogen wird, der Winckel HOB 42 GradB b 5ſeyn394Cap. VII. Von dem Regen-Bogen,ſeyn muͤſſe. Und deswegen wird be - hauptet, der Strahl SA, der aus der Sonnen in den Tropffen gezogen wird, muͤſſe mit HO dem Strahle, der ausdem Tropffen ins Auge gehet, einen Winckel von 42 Graden machen. Weil nun dieſes nicht in einem jeden Stande des Tropffens gegen die Sonne geſchehen kan, ſo iſt auch nicht moͤglich, daß die Regen-Bogen-Far - ben in allen Tropffen, die durch die Lufft fal - len, erſcheinen. Und aus eben dieſer Ur - ſache kan nicht in einer jeden Hoͤhe der Son - ne uͤber dem Horizont ſich ein Regenbogen ſehen laſſen. Kepler hat den Winckel et - was zu groß gemacht: denn Marcus An - tonius de Dominis und Carteſius machen ihn nur 42 Grad, worinnen ſie auch von al - len Beyfall finden. Keplergf. 374. nemlich hat die Hoͤhe des Regen-Bogens, welche durch den Winckel BOH abgemeſſen wird, nicht ſelbſt unterſucht; ſondern behalten, wie ſie von dem Vitellione angegeben worden. Newton, der den Unterſcheid der Refra - ction des farbichten Lichtes entdecket (§. 160 T. II. Exper.) hat die Groͤſſe dieſes Win - ckels genauer unterſuchthOptic lib. 1. part. 2. prop. 9. p. 162. & ſeqq. .
Wenn das Auge nicht in derDaß ein jeder ei - nẽ beſon - deren Re - gen-Bo - gen ſie - het. Linie OB verbleibet, ſo kan es auch nicht die rothe Farbe im Tropffen in G ſehen, denn bloß der Strahl BO und kein anderer ſtel - let ſie vor (§. 292). Der vorhin erwehnte Verſuch zeiget ja, daß, wenn entweder die Kugel erhoͤhet, oder das Auge in etwas nach und nach erniedriget wird, in ihrer Ord - nung nach einander die niedrigeren Regen - Bogen-Farben geſehen werden; hingegen alle Farben verſchwinden, wenn es entwe - der uͤber die Linie BO erhaben, oder gar zu weit darunter gebracht wird. Derowe - gen wenn das Auge in einem andern Orte als in O dennoch Regen-Bogen-Farben ſiehet; ſo muß ſie dieſelben nicht mehr in dem Tropffen G, ſondern in andern Tropf - fen ſehen. Und da dieſes von allen uͤbrigen Tropffen gleichfalls gielt, die in dem Circul herum ſtehen und den Bogen formiren; ſo iſt klar, daß nicht allein ein jeder einen be - ſonderen Regen-Bogen ſiehet, ſondern daß auch ein jeder einen andern zu ſehen be - kommet, wenn er ſeine Stelle aͤndert. Man kan einen dieſer Wahrheit auch durch die Erfahrung uͤberfuͤhren. Wenn verſchiedene zu gleicher Zeit einen Regen-Bogenim frey - en, wo man den Horizont uͤberſehenkan, ob - ſerviren u. mercken genau, wo er aufſtehet; ſo wird ſichs zeigen, daß des einen ſein Re - gen-Bogen nicht wie des andern ſeiner ge -ſtan -396Cap. VII Von dem Regen-Bogen,ſtanden. Und dieſes iſt die Urſache, warum der Regen-Bogen mit einem fort und zuruͤ - cke gehet, und man ihm niemahls naͤher kommen kan.
Unerachtet nun aber gewis iſt, daß der Regen-Bogen nicht in den Wol - cken, ſondern vielmehr in den Regen - Tropffen anzutreffen iſt, die in der Lufft fal - len (§. 291) das iſt, im Regen, der herunter faͤllt (§. 275), und daher auch mit Recht im unſerer Sprache nicht ein Wolcken Bo - gen, ſondern ein Regen-Bogen genennet wird; ſo kommet es uns doch vor, als wenn er in den Wolcken ſtuͤnde, weil wir zwiſchen den Wolcken und dem Bogen nichts an - ders ſehen (§. 84. Optic.). Unterdeſſen wenn man im freyen iſt, daß man den Re - genbogen auf dem Erdboden kan aufſtehen ſehen u. andere darauf ſich befindliche Sa - chen, als Baͤume, Berge, Haͤuſer ꝛc. dar - hinter erblicket; ſo giebt es auch der Au - genſchein, daß er nicht in Wolcken ſtehet, wie man vor dieſem mit dem Ariſtotele ge - lehret.
Weil aber der Regen-Bogen nicht mehr auf derſelben Stelle verbleibet, wo wir ihn ſehen, wenn wir weiter hinzu - gehen und daher keiner an dem Orte von uns angetroffen wird, wenn wir dahin kommen (§. 293); ſo iſt auch klar, daß die - jenigen, welche an dem Orte ſind, wo wirden397und andern Lufft-Erſcheinungen. den Regenbogen ſehen koͤñen, keine ſehen; ſon -het, kei - nen ſe - hen. dern wenn ſie einen ſehen, ſo erblicken ſie ihn in der Ferne, und nicht bey ſich. Man kan es auch durch den Verſuch ausmachen, den ich von dem Regen-Bogen (§. 171. T. II. Exper.) erklaͤret, wodurch man auch alles uͤbrige, was von dieſem Lufft-Zeichen ob - ſerviret wird, in Erfahrung bringen kan.
Weil das Auge zwiſchen derWarumb wir kei - nen Re - gen-Bo - gen gegen Mittage ſehen. Sonne und dem Regen-Bogen ſtehen muß, wenn wir ihn ſehen ſollen (§. 292), die Son - ne aber niemahl in unſeren Laͤndern gegen Mitternacht uͤber dem Horizont erhaben iſt; ſo kan auch bey uns niemahls ein Re - gen-Bogen in Suͤden geſehen werden.
Wiederum da der Regen-Bo -Warumb in kaltem Wetter, kein Re - gen-Bo - gen geſe - hen wird. gen durch die Refraction und Reflexion in den Regen-Tropffen erzeuget wird, (§. 291), im Winter aber, wenn es kalt iſt, die Duͤnſte gefroren ſind, und es an ſtat des Regens ſchneyet (§. 281); ſo iſt auch nicht moͤglich, daß ein Regen-Bogen erſchei - nen kan. Unterdeſſen weil es unterweilen auch bey uns im Winter ſo warm iſt, daß es regnet; ſo iſt es auch wohl moͤglich, daß wir bey ſolchem Zuſtande der Lufft auch im Winter einen Regen-Bogen ſehen koͤnnen. Gleichwie aber dieſes zufaͤllig iſt, ſo geſchie - het es auch zufaͤlliger Weiſe, daß wir des Winters einen Regen-Bogen erblicken.
§. 298.398Cap. VII. Von dem Regen-Bogen,Unterweilen ſiehet man auſſer dem ordentlichen Regen-Bogen noch einen an - dern daruͤber, in welchem die Farben ver - kehrt erſcheinen. Denn gleichwie im or - dentlichen Regen-Bogen die rothe Farbe die oberſte iſt, und nach ihr die gelbe, nach dieſer die gruͤne, ferner die blaue und end - lich die Purpur-Farbe folget; ſo iſt hinge - gen in dem oberen Regen-Bogen die Pur - pur-Farbe unter der blauen die oberſte und die rothe hingegen die unterſte. Man hat vor dieſem davor gehalten, daß der obere Regen-Bogen entſtehe durch die Reflexion des unteren von einer Wolcke, daher ihn auch der gemeine Mann den Wieder - ſchein des Regenbogens nennet: allein Marcus Antonius de Dominis und Carte - ſius haben gezeiget, daß er durch eine doppel - te Refraction und Reflexion der Sonnen - Strahlen in den Regen-Tropffen erzeuget werde. Es ſey G der Regen-Tropffen und SA der Strahl, welcher von der Son - ne in A einfaͤllet. Jn A wird er in G ge - brochen (§. 147 T. II. Exper.) und davonTab. IV Fig. 14 aus G in D, ferner aber aus D in B reflecti - ret (§. 146 T. II. Exper.). Jm Ausgange in B wird er abermahls gebrochen; ſo zeiget der Strahl BO die blaue Farbe, wenn der Winckel BOH 52 Grad iſt und ferner folgen in der Ordnung die uͤbrigen auf ein - ander, wenn der Winckel etwas kleinerwird.399und andern Lufft-Erſcheinungen. wird. Es wird aber der Winckel BOH wie vorhin (§. 292) determiniret, wenn die Linie IH durch das Auge O mit dem Strahle der Sonne SA parallel, oder, wel - ches wegen der Groͤſſe der Sonne in Anſe - hung der kleinen Weite des Regen-Bogens von der Erde gleich viel iſt, aus der Son - ne durch das Auge O gezogen wird. Man kan es ebenfalls wieder ſo finden, wenn man eine Kugel mit Waſſer gegen die Sonne aufhaͤnget und bald erhoͤhet, bald erniedri - get, biß ſich die Regen-Bogen-Farben verkehrt darinnen zeigen. Weil einige un - gluͤcklich geweſen ſind, daß ihnen der Ver - ſuch nicht von ſtatten gegangen, wenn ſie ihn anſtellen wollen, und daher Anlaß ge - nommen die Wahrheit in Zweiffel zu zie - hen; ſo hat RohaultaTract. Phyſ. part. 3. c. 17. §. 10. p. m. 433. & ſeqq. ausgeſonnen, wie man es machen muͤſſe, daß derſelbe einem nicht mislinge. Er hat demnach einen Ort dazu erwehlet, wo nicht mehr Licht hin - kommen konnte, als genung war die Kugel gantz zuerleuchten und in den Ort, wo das Auge hin gehoͤret ein weiſſes Papier gehal - ten, ſo haben ſich die Farben des Regenbo - gens auf einmahl darauf gezeiget. Nem - lich weil die Kugel groß iſt, ſo kan ſie die Stelle vieler Tropffen zugleich vertreten,die400Cap. VII. Von dem Regen-Bogen,die in der Natur unter einander ſtehen muͤſ - ſen, damit die Farben in einer gehoͤrigen Breite auf einander erfolgen.
Da das Sonnen-Licht eine Mixtur iſt von allen Farben, die im Regen - Bogen zu ſehen (§. 159 T. II. Exper.) und wir bereits wiſſen, wie es moͤglich iſt, daß ei - nige Strahlen, nachdem ſie durch die Re - fraction von einander abgeſondert werden, heraus gegen das Auge reflectiret werden (§. 129); ſo begreifft man auch leicht, wo - her die Regenbogen-Farben kommen. Und eben weil die verſchiedenen Farben eine ver - ſchiedene Hoͤhe erfordern, das iſt nicht unter einerley Winckel BOH geſehen werden; ſo ſiehet man, daß hierdurch beſtetiget wird, was Herr Newton von dem Unterſcheide des Lichtes in Anſehung der Refraction (§. 160 T. II. Exper.) entdecket.
Weil die Linie IH aus der Sonne durch das Auge, O gezogen wird, ſo ziehe man die Linie RN eben da - durch mit dem Horizont parallel und alsdenn iſt der Winckel IOR oder der andere NOH (§. 61. Geom.), die Hoͤhe der Sonne uͤber dem Horizont. Da nun der Winckel NOH kleiner iſt als der Win - ckel BOH, der die Hoͤhe des Regenbogens cleterminiret (§. 292), und dieſer in dem ordentlichen Regenbogen nicht uͤber 42 Grad, in dem verkehrten nicht uͤber 52 Gradſeyn401und andern Lufft-Erſcheinungen. ſeyn kan (§. 292. 298); ſo muß auch die Sonne niedriger als 42 Grad uͤber den Horizont eꝛhaben ſeyn, wenn ein ordentlicher Regen-Bogen erſcheinen ſoll, und weniger als 52, wenn ein verkehrter dabey erſchei - net. Derowegen da im Sommer die Son - ne um den Mittag, nemlich eine Weile vor Mittage und eine Weile darnach, hoͤher als 42 und 52 Grad ſteiget; ſo kan auch zur ſelbigen Jahrs Zeit um den Mittag herum kein Regenbogen geſehen werden.
Unterweilen ſiehet man nur einWenn man nur ein Stuͤ - cke von ei - nem Re - genbogen ſiehet. Stuͤcke von einem Regen Bogen, unter weilen die beyden Schenckel und fehlet das Mittel. Ja wenn der Regen-Bogen ver - ſchwindet, geſchiehet ſolches nicht gleich auf einmahl; ſondern es bleiben unterweilen noch lange Stuͤcke zuruͤcke. Ja ich habe auch obſerviret, daß Regenbogen ſich wieder er - gaͤntzet, nachdem ein Stuͤcke davon ver - ſchwunden war. Man begreiffet leicht, daß die Urſache keine andere iſt als der Mangel der Regen-Tropffen. Wo nemlich ein Theil von dem Regen-Bogen fehlet, da hat es keine ſolche rundte Tropf - fen, darinnen das Licht der Sonne ſich auf gehoͤrige Art brechen und reflectiren laͤſſet. Jch habe auch unterweilen geſehen, daß Wolcken einen Theil des Regen Bogens verdunckelt und, wenn dieſe vorbey gezo - gen geweſen, der Regenbogen noch heller(Phyſick) C cwieder402Cap. VII. Von dem Regen-Bogen,wieder kommen als er vorher war. Weil die Gegenwart der duͤnnen Wolcke gehin - dert, daß ſie keine Farben erzeuget; ſo muͤſ - ſen die Duͤnſte, welche ſie gefuͤhret, nicht waͤſſerig und grob genung, das iſt, noch in keine Troͤpflein zuſammengefloſſen geweſen ſeyn. Weil nun ohne ſolche Troͤpflein kein Regen-Bogen entſtehen kan (§. 292); ſo iſt kein Wunder, wenn der Theil an dem Orte vergangen, wo ſich die Wolcke hin - gezogen. Wenn aber der Regen-Bogen, nachdem die Wolcke vorbey war, wieder erſchienen und zwar noch heller als vorher; ſo muͤſſen von dem Winde mehr waͤſſerige Duͤnſte oder Regen-Tropffen hingebracht worden ſeyn als vorher da waren.
Ein Regen-Bogen iſt nicht ſo ſtarck und helle, wie der andere. Dieſes entſtehet aus zweyerley Urſachen, wenn nem - lich die Regen-Tropffen, darinnen das Licht gebrochen und reflectiret wird, nicht haͤuffig genung, noch auch groß und waͤſſerig ge - nung anzutreffen. Denn das erſtere ver - urſachet, daß die Farben zerſtreuet ſind und hin und wieder andere ungefaͤrbte Duͤnſte durchblicken: das andere hingegen machet, daß die Farben nicht recht helle ſind. Kom - men beyde Urſachen zuſammen, ſo koͤnnen die Farben ſo ſchwach werden, daß man ſie gar nicht erkennen kan, und denn hat es das Anſehen, als wenn der Regen-Bogen keineFar -403und andern Lufft-Erſcheinungen. Farbe haͤtte. Stehet gar hinter ihm eine helle Wolcke oder wenigſtens eine Wol - cke, die nicht gantz dicke und finſter iſt; ſo kan der Regenbogen weiß ausſehen: Ob nicht aber noch andere Urſachen ſeyn koͤn - nen, warum der Regenbogen weiß ausſie - het, will ich jetzt nicht unterſuchen. Mir faͤllet bey, daß ich einesmahls einen Regen - bogen durch ein dreyeckichtes glaͤſernes Priſma angeſehen, dadurch ſonſt die Sa - chen mit Regenbogen Farben gemahlet er - ſcheinen (§. 158 T. II. Exper.) und ihn gantz weiß ohne einige Farben erblicket. Es koͤnten alſo auch wohl durch eine neue Re - fraction des Lichtes in der Lufft, ehe es ins Auge kaͤme, dem Regenbogen die Farben benommen werden.
Der Regen-Bogen wird or -Woher die Mond - Regen - bogen kommen. dentlicher Weiſe bey Tage obſerviret, wenn die Sonne ſcheinet (§. 291): des Nachts aber, wenn es gleich bey Mond Scheine regnet, pfleget man keine zuſehen. Unter - deſſen findet man doch, daß dann und wann auch der Mond-Regenbogen gedacht wird und hat ParentaRecherches de Mathem. & de Phyſique Tom. 2. p. m. 263. einen beſchrieben, den er obſerviret. Es war des Abends, da der Mond ſchien, ein groſſer Nebel, der ſich a - ber bald in eine kleine Wolcke zuſammenC c 2zog,404Cap. VII. Von dem Regenbogen,zog, die dem Mond gegen uͤber von einem ſtillen Winde getrieben ward, der dazu - mahl bald voll und uͤber dem Horizont bis 30 Grad erhaben war. Darinnen nahm er einen weiſſen Regenbogen wahr, der eine Weile daurete, nach dieſem aber ver - ſchwand. Das Licht des Monds iſt ſchwach und die Duͤnſte ſind nicht waͤſſerig genung, noch in groſſe Troͤpflein zuſammen gefloſſen geweſen: derowegen iſt kein Wun - der, daß es an Farben gefehlet (§. 292). Daß die Schwaͤche des Mond-Lichtes nicht allein Schuld daran geweſen, warumb die Far - ben gefehlet, werden wir bald aus dem fol - genden erſehen, wenn wir von dem Hoffe um den Mond reden werden, der unterweilen die ſchoͤnſten Regenbogen-Farben hat.
Man pflegt auch anzugeben, als wenn man verkehrte Regen-Bogen in der Lufft geſehen haͤtte, die Carteſius ſchon zuerklaͤren geſuchtbTract, de Meteorisc, 28. §. 13. p. m. 225. 226. Es ſtehet nemlich der Regen-Bogen verkehrt, wenn die erha - bene Seite und der Scheitel des Bogens gegen die Erde, die Hoͤhle aber und die Schenckel gegen den Himmel gekehrt ſind. Carteſius hat gewieſen, wie dergleichen moͤglich iſt, wenn der Regenbogen, der hin - ter unſerem Ruͤcken ſtehet, ſich von einem Waſſer in die Regen-Tropffen reflectirt,welche405und andern Lufft-Erſcheinungen. welche durch die Lufft fallen, und von dieſen wiederum in das Auge des Zuſchauers re - flectiret wird. Er erinnert ſelbſt, daß es windſtille ſeyn muͤſſe und durch eine Wol - cke gehindert werden, daß das Sonnen - Licht nicht in die Tropffen fallen kan, welche den Regenbogen reflectiren.
Der Hoff um den Mond und dieWas der Hoff um den Mond und die Sonne iſt. Sonne kommet darinnen mit dem Regen - bogen uͤberein, daß er unterweilen mit Re - genbogen-Farben ſpielet; er iſt aber ſowohl ſeiner Figur und Groͤſſe nach, als dem Stande gegen die Sonne von ihm unter - ſchieden. Es iſt nemlich der Hoff ein rund - ter Circul um die Sonne, oder den Mond, darinnen in der Mitten die Sonne oder der Mond iſt. Um die Soñe oder den Mond herum iſt der innere Raum gantz dunckel und viel finſterer als der uͤbrige Himmel her - umb. Gegen die Peripherie iſt der Circul entweder helle, oder mit Regenbogen-Far - ben gemahlet. Der Diameter iſt insgemein 45 Grad: unterweilen 90 und mehr Grade. Jch entſinne mich einesmahls in Leipzig um den vollen Mond einen geſehen zu haben, da eine ziemliche Kaͤlte war. Er ſchien mir ſehr klein, daß ich ihn nicht 30 Grad im Dia - meter gehalten haͤtte, ja kaum uͤber 20. Hingegen habe ich hier einesmahls im Winter zu Nachte, da ein kalter Wind gieng, einen ſo groſſen Hoff um den MondC c 3ge -406Cap. VII. Von dem Regenbogen,geſehen, daß er gar viel mehr als 90 Grad einnahm. Er war ohne Farben; der innere Raum aber uͤber die maaſſen dun - ckel. Ob gleich der Wind ſehr ſtarck gieng, ſo blieb er doch unbeweglich ſtehen. Der Mond ſahe darbey ſehr blaß aus. Carte - ſius muß ſelbſt keinen Hoff geſehen haben, weil er den inneren Raum umb die Sonne und den Mond heller machet, als den Him - mel von auſſen herum und daher auch eine ſolche Urſache angiebet, wovon derſelbe heller werden mußaTract. de Meteor. c. 9. §. 4. p. m. 230. 231., folgends eine unrich - tige, als die der Erfahrung zu wieder iſt. Jch entſinne mich mehr als einmahl umb den Jupiter, auch um den Sirium oder Hunds - Stern einen Hoff geſehen zu haben, der a - ber ohne Farben war.
Hugenius hat zuerſtbTransact Anglic. Num. 60. p. 165. den Hoff um den Mond auf eine der Wahr - heit gemaͤſſe Art erklaͤret und nach dieſem ei - nen beſondern Tractat davon geſchrieben, der nach ſeinem Tode mit einigen andern hinterlaſſenen Wercken heraus kommencDiſſert. de Coronis & parheliis. . Er nimmet darzu Hagel-Koͤrner an, die gantz rundt ſind und mitten einen rund - ten Kern von Schnee haben, von auſſen aber rings herum entweder helles Eis, oderauch407und andern Lufft-Erſcheinungen. auch klares Waſſer. Wir haben ſchon geſehen (§. 286), daß dergleichen Koͤrner in der Lufft erzeuget werden. Der Schnee iſtTab. IV Fig. 15 undurchſichtig und laͤſſet kein Licht durch - fallen. Die Strahlen AB und CD, wel - che zur Seiten einfallen, werden ſo wohl im Eingange in B und D, als auch im Aus - gange in E und F gebrochen und durch - ſchneiden ſich in G ſehr nahe hinter dem Koͤrnlein (§. 18 Dioptr.). Nach dieſem fahren ſie nach den Linien GH und GI im - mer weiter von einander, je weiter man von dem Koͤrnlein wegkommet. Weil die Strahlen BE und DF den ſchneeichten Kern M beruͤhren, ſo muͤſſen alle andere Strahlen uͤber GH und GI heraus fallen, die in dem Hagel-Koͤrnlein gebrochen wer - den. Da nun daſſelbe ſo wohl als der inne - re Kern M eine kugel-rundte Figur hat, ſo formiren die gebrochenen Strahlen GH und GI rings herum einen Conum oder Kegel, deſſen Scheitel in G iſt. Jnnerhalb dieſen Kegel kan kein Licht kommen und deswegen iſt derſelbe Raum, den das Ha - gel-Koͤrnlein im Himmel verdecket, dem Au - ge, welches zwiſchen den Linien HG und GI ſtehet, dunckel. Hingegen muß der uͤ - brige Theil des Himmels, wo die Koͤrner ſtehen, dadurch das Licht zu dem Auge kom - men kan, helle ausſehen. Es iſt bekandt, daß auch durch die Refraction des Lichtes,C c 4welches408Cap. VII. Von dem Regenbogen,welches durch eine mit Waſſer gefuͤllete Ku - gel durchfaͤllet, Farben, wie im Regenbogen entſtehen, kommen koͤnnen, wie man es ſonderlich in einem verfinſterten Gemache wohl ſehen kan. Derowegen gehet es auch an, daß, wenn dieſe Koͤrner entweder mit Waſſer umfloſſen, oder mit durchſichtigem Eis umfroren ſind, man in dem hellen der Koͤrner an ſtat des Lichtes Regenbogen - Farben ſiehet. Hugeniusdin poſthumis p. 298 hat ſchon ſelbſt einen Verſuch angewieſen, da man ſich deſſen, was hier erwieſen wird, auch durch die Erfahrung verſichern kan. Man fuͤllet eine rundte glaͤſerne Kugel mit Waſ - ſer und haͤnget mitten eine kleine Kugel aus einer dunckelen Materie auf, z. E. von Bley, oder von Holtze. Dieſe Kugel haͤlt man gegen die Sonne und das Auge darhin - ter. So lange die Kugel dergeſtalt vor dem Auge ſtehet, daß die Linie, welche aus dem Auge in die Sonne gezogen wird, durch ſie gehet; ſo lange kan man auch darinnen kein Bildnis von der Sonne ſehen. So bald aber die Kugel nach der Seite von dem Auge fortgeſchoben wird; ſo bald ſiehet man auch nicht allein das helle Bildnis der Son - ne darinnen, ſondern erblicket auch zugleich dabey rothe Farbe. Es weiſet Hugenius gar artig, wie die Groͤſſe des Hoffes von derGroͤſſe409und andern Lufft-Erſcheinungen. Groͤſſe des Kernes M. kom̃et. Damit nun a - ber erhelle, wie durch viele dergleichen Hagel - Koͤrner in der Lufft ein Hoff entſtehe; ſo zie - he man die Linien ON und OP aus demTab, IV. Fig. 16. Auge O mit den Seiten des Coni GH und GI, der durch die Refraction in dem Hagel-Korne, das gerade fuͤr dem Auge ſte - het, formiret wird parallel. Alsdenn zei - get ſichs, daß wir von allen den Koͤrnern, die innerhalb dem Cono oder Kegel enthalten ſind, deſſen Spitze im Auge oder in O, die Seiten aber die Linien NO und OP ſind, kein Licht in das Auge bekommen koͤn - nen, folgends der gantze Raum in die rund - te herum dunckel erſcheinen muß, als deruͤ - brige Himmel auſſer dem Raume dieſes Kegels. Hingegen da von den Hagel-Koͤr - nern, die auſſerhalb dieſem Kegel ſtehen, Strahlen des Lichtes in das Auge fallen koͤnnen, die vermoͤge des vorhergehenden Verſuches das Bildnis der Sonne in den Tropffen oder dem Hagel, aber uͤber die maſ - ſen klein, nach Proportion ihrer Groͤſſe, und oͤffters in Regenbogen-Farben vorſtel - len; ſo muß der Raum um den Kegel NOP herum helle und oͤffters mit Regenbogen - Farben gemahlet ſeyn. Wir ſehen dem - nach, daß Hugenius ſo klar und deutlich den Hoff um den Mond und die Sonne er - klaͤret, als immermehr der Regenbogen vonc 5Keplern,410Cap. VII. Von dem Regenbogen,Keplern, Marco Antonio de Dominis und Carteſio (§. 292) erklaͤret wird.
Wenn die Hagel-Koͤrner inner - halb dem Raume des Kegels NOP nicht haͤuffig anzutreffen ſind, ſo kan zwiſchen ih - nen Licht von der Sonne ins Auge fallen, und ſiehet dadurch derſelbe Raum um ſoviel heller aus, je groͤſſer die Raͤumlein zwiſchen den Hagel-Koͤrnern ſind, wo das Licht durchfallen kan. Woferne mehr Licht durchfallen kan, als von ihnen gehemmet wird; ſo wird auch derſelbe Raum ſo hel - le, daß man ihn von dem uͤbrigen Himmel herum nicht unterſcheiden kan. Und dieſes kan mit eine Urſache ſeyn, warum Carteſius ſich eingebildet, der mittlere Raum ſey nicht dunckeler, wenn er auch gleich einen Hoff geſehen und ihn nach dieſem gar heller gemacht, weil es die von ihm erdichtete Ur - ſache ſo haben wollte (§. 307).
Unerachtet der Mond und die Sonne, wenn ſich Neben-Monden und Neben-Sonnen ſehen laſſen, auch gemei - niglich einen Hoff haben, und daher die Ur - ſache der erſten zugleich ſtat finden kan, fol - gends auch einerley Zuſtand der Lufft zu Er - zeugung beyder dienlich ſeyn muß; ſo wer - den wir doch finden, daß ſich die Neben - Monden und Neben-Sonnen nicht ſo leich - te wie der Hoff erklaͤren laſſen. Und dero - wegen iſt noͤthig, daß wir uns fuͤr allen Din -gen411und andern Lufft-Erſcheinungen. gen um genaue Obſervationen von Neben - Sonnen und Neben-Monden bekuͤm - mern.
Hevelius hat dergleichen gege -Beſchrei - bung der Neben - Sonne. benain Appendice ad Tract. de Mercurio & Venere in Sole viſis f. 171. & ſqq. und auch mehrere verſprochen unter dem Titul Catalogi emphaticorum in - ſigniorum meteororum heraus zugeben, der aber nicht an das Tage-Licht kommen. A. 1660 den 6 April gegen Abend um halbTab. V. Fig. 17. 6 Uhr, da die Sonne ſich dem Untergange naͤherte, hat er drey Neben-Sonnen geſe - hen. Umb den Mittel-Punct der wahren Sonne war ein heller Circul, der mit ſchoͤ - nen Regenbogen-Farben ſpielete und im Diameter ohngefehr 45 Grade hielt, das iſt, ein Hoff (§. 306). Mit der wahren Son - ne ſtunden in einer Linie innerhalb den Far - ben zu beyden Seiten zwey Neben-Sonnen, deren Diameter ſo breit war, als die Brei - te der Farben. Sie hatten gleichfalls bundte Farben, wie der Ring, der wahren Sonne entgegen aber weiſſe helle Schweiffe wie ein Comet. Oben gegen das Zenith be - ruͤhrete ein Circul-Bogen den Ring, der mit ihm einerley Breite und Farben hatte. Wo der Circul-Bogen den Ring beruͤhrete; war die dritte Sonne zuſehen. Der Horizont ſchnitte einenTheil412Cap. VII. Von dem Regen-Bogen,Theil von dem Ringe oder Hoffe ab, daß man ihn nicht gantz ſehen konnte. Der Himmel war durchgehends heiter. Die Neben-Sonnen daureten eine halbe Stun - de bis zum Untergange der wahren. Viel merckwuͤrdiger iſt die Obſervation von dem 20 Febr. 1661, da vor Mittage umb 11 Uhr bey gantz heiterem Himmel 7 Son - nen zugleich geſehen worden. Um dieTab. V. Fig. 18 wahre Sonne A war ein bundter Hoff mit Regenbogen-Farben BICG, der unten in I kaum drittehalb Grad von dem Horizont entfernet war, der Diameter des Hoffes war bey nahe 45 Grad. Mit dem kleinen Hoffe BICG gieng ein anderer ZVXY in einer Weite herum, deſſen Diameter noch einmahl ſo groß als des vorigen war und da - von ein Theil ZY wegen des Horizonts nicht zu ſehen war. Oben in VX waren die Farben ſehr lebhafft: zu den Seiten a - ber in Z und Y worden ſie blaͤfſer. Umb das Zenith herum war ein groſſer Circul ACDFE, der rings herum von dem Hori - zont 25 Grad entfernet und alſo im Dia - meter 130 Grad breit war. Dieſer Cir - cul war weiß und gieng durch die wahre Sonne A, als welche dazumahl 25 Grad uͤber dem Horizont erhaben war. Der Theil innerhalb dem Hoffe BAC war nicht zu ſehen: wo er aber dieſen durchſchnitt, als in B und C, ſahe man 2 Neben-Son -nen,413und andern Lufft-Erſcheinungen. nen, die mit ſchoͤnen Regenbogen Farben ſpieleten, aber lange weiſſe Schweiffe inner - halb dem groſſen Horizontalen Eircul nach ſich zogen. Dieſen Circul durchſehnitten zwey Bogen HE und PD eines anderen groſſen Circuls, der durch den Pol der E - cliptick K gieng, ſie ſtunden in H und P auf dem Horizont auf. Wo dieſe Bogen den Horizontal-Circul durchſchnitten, als in E und D, gegen Weſten und Oſten, ſtunden zwey Neben-Sonnen E und D, die ſehr helle, aber ohne Farben waren. Derglei - chen ſahe man auch in F gegen Norden, der wahren Sonne A gegen uͤber. Den inne - ren Hoff beruͤhrte in G ein bundter Bogen QR, deſſen Diameter ohngefehr 90 Grad war: den aͤuſſeren aber in H ein Bogen THS, deſſen Diameter halb ſo groß als des vorigen war. Wo der innere Bogen den Hoff beruͤhrete, war eine bund - te Neben-Sonne zuſehen. Die Bo - gen ſelbſt waren gleichfalls wie Regen - Bogen anzuſehen. Der Anfang war um 10 Uhr 30 Minuten; das Ende umb 11 Uhr 51 Minuten. Die Neben-Sonne F gegen Norden verlohr ſich am erſten mit dem Theile des Circuls, darinnen ſie zuſe - hen war: die uͤbrigen D und E verblieben mit ihren Bogen bis um 11 Uhr 10 Minu - ten, da erſtlich die gegen Morgen D mit ih -rem414Cap. VII. Von dem Regen-Bogen,rem Creutze und darnach die andere gegen Abend E gleichfalls mit ihrem Creutze ver - ſchwand. Um 11 Uhr 40 Minuten ver - gieng die Neben-Sonne B, die andere C a - ber war noch ſehr helle zu ſehen. Die Spi - tze von dem Schweiffe war bisweilen 30, bisweilen 90 Grad lang, daß ſie die Neben - Sonne E erreichte: hingegen die Spitze, von dem Schweiffe der anderen C gieng kaum uͤber 20 Grad hinaus. Um 11 Uhr 30 Minuten verlohr ſich der gantze groſſe Horizontal-Circul YXHVZ. Die Bo - gen H und G hingegen blieben biß zu Ende.
Mit den Neben-Sonnen hat die Gegen-Sonne einige Verwandnis, dergleichen Hevelius A. 1661 den 6 Sept. des Abends um 6 Uhr obſerviretaloc. cit. f. 176. Die Sonne ſtund dazumahl nahe bey dem A - bend-Horizont und wolte bald untergehen. Jhr gegen uͤber in Oſten durchſchnitten ein - ander zwey Theile von Regenbogen und im Durchſchnitte war eine Gegen-Sonne zu ſehen, welche uͤber und uͤber bund war, da ſonſt die Neben-Sonnen nur von der Seite bundt ſind, welche ſie der Sonne entgegen kehren. Jch achte nicht noͤthig erſt eine Figur hieher zuzeichnen: denn man ſtelle ſich in der vorhergehenden vor, als ſey in E diewahre415und andern Lufft-Erſcheinungen. wahre Sonne, welche untergehen will, und ihr gleich uͤber in D die Gegen-Sonne. DP der eine Bogen von dem Regen-Bogen; ſo macht ein Stuͤcke von dem groſſen Horizon - tal-Circul den Bogen von dem andern Re - genbogen aus.
Die Neben-Monden habenBeſchrei - bung der Neben - Monden. groſſe Verwandnis mit den Neben-Son - nen und finden wir gleichfalls die genaue - ſten Obſervationen bey dem Hevelioaloc. cit. & ſeqq. . A. 1660 den 30 Mart. gegen Morgen hat er bey gantz hellem Himmel, da ſowohl der Jupiter unter den Planeten, als auch die Fixſterne gar wohl zuſehen waren, zwey Neben-Monden obſerviret. Umb denT. VI. F. 19. Mond herum gieng ein Circul oder Ring, der gantz weißlicht war und deſſen Diame - ter 45 Grad hat. Jn einer Weite rings herum gieng noch ein anderer Circul oder Ring um den Mond, der gleichfalls weiß - licht und im Diameter 90 Grad breit war. Dieſer reichte biß an den Horizont und war ein Stuͤcke davon unter ihm. Zu den Seiten des wahren Monds A ſtunden mit ihm in einer geraden Linie zwey Neben - Monden B und D, deren Diameter nicht breiter als der Ring war. Sie hatten dem Mond gegen uͤber lange Schweiffe wie Co - meten, die ſehr helle glaͤntzeten: jedoch warder416Cap. VII. Von dem Regen-Bogen,der Schweiff deſſen, der gegen Abend ſtund, viel laͤnger als des andern von der Morgen-Seite, maſſen der Neben-Mond D ſeinen Schweiff weit uͤber den groſſen Ring erſtreckte; der Schweiff aber des Neben-Monds B ihn nicht einmahl erreich - ten. Oben in C und F beruͤhrten die Rin - ge zwey gefaͤrbete Bogen, die wie Regenbo - gen ausſahen. Wo der Bogen F den groſſen Ring beruͤhrete, ſahe man innerhalb demſelben den Acturum. Es entſtund aber nicht alles auf einmahl. Nach Mitter - nacht um 1 Uhr ſahe man bloß den inneren Ring BCDE um den wahren Mond A, o - der den Hoff (§. 306), mit denen Neben - Monden B und D. Um zwey Uhr kam der groſſe Ring zum Vorſcheine und nach die - ſem die beyden bundten Bogen. Es dau - rete insgeſamt dieſe Lufft-Erſcheinung drey gantze Stunden und verſchwund zuerſt der groſſe weiſſe Ring, nach ihm der groſſe bund - te Bogen C, hierauf der kleine F und endlich der innere Ring mit den Neben-Monden B und D. Man ſiehet hier keinen Unter - ſcheid zwiſchen den Neben-Monden und Neben-Sonnen (§. 310), auſſer daß in C kein Neben-Monden zuſehen war, wo der bundte Bogen den Hoff beruͤhrete, derglei - chen wir bey den Neben-Sonnen gefunden. Unterdeſſen zeigen ſich doch auch Neben -Monden417und andern Lufft-Erſcheinungen. Monden an demſelben Orte u. hat Hevelius gleichfalls zu anderer Zeit ſolche obſerviret. Nemlich A. 1660 den 17 Dec. ſahe er dreyTab. VI. Fig. 10 Neben-Monden, und zugleich eine gantz be - ſondere Geſtalt des Monds, daher ich nicht undienlich erachte dieſe ſo ſeltſame Bege - benheit hier zubeſchreiben. Um den Mond, der den Tag vorher voll worden war und 12 Grad uͤber den Horizont ſtund, ſahe man anfangs um halb 7 Uhr einen doppel - ten Hoff AB mit den ſchoͤnſten Farben um den hellen Mond herum, bey gantz heiterem Himmel, die aber beyde ſehr klein und dem Monden gantz nahe waren. Zu beyden Seiten des Monds ſahe man Bogen von einem groſſen Circul von ohngefehr 45 Gra - den, die biß an den Horizont giengen und gleichfals mit Regenbogen-Farben prange - ten. Jn dieſen praͤſentirten ſich die Neben - Mondẽ, H und I, welche ihre ſehr helle glaͤn - tzende Schweiffe dem Monden gegen uͤber worffen. Oben gegen das Zenith zu, da die beyden Bogen haͤtten zuſammen ſtoſſen ſollen, ſahe man einen bundten Bogen wie einen verkehrten Regenbogen KL und darinnen den dritten Neben-Mond M. Endlich durch den Mond gieng in der Brei - te ſeines Diametri ein helles Creutze gegen die Neben-Monden H, I und M, welches unten den Horizont, oben aber und zur Seite nicht voͤllig die Bogen CD, EF und(Phyſick) D dKL418Cap. VII. Von dem Regenbogen,KL erreichte. Seine Hoͤhe von den Horizont an war 30 Grad und es glaͤntzte ſo helle, daß man es auch noch bey dem Aufgange der Sonne, als die Neben-Monden ſchon weg waren, gantz eigentlich ſehen konnte.
Die groſſe Aehnlichkeit, welche ſich zwiſchen den Neben Monden und Ne - ben-Sonnen findet, zeiget gantz deutlich daß beyde einerley Urſache haben. Derowe - gen, was ich von den Neben-Sonnen ſa - gen werde, kan man auch auf die Ne - ben Monden deuten. Hugenius hat in dem oben (§. 307) angefuͤhrten Buͤchlein die Urſache der Neben-Sonnen und mit darbey erſcheinenden Circuln gluͤcklich ent - decket, indem er gefunden, daß die Neben - Sonnen mit den groſſen weiten Circuln, die durch die Sonne gehen (§. 310), von cylin - driſchem oder Saͤulenfoͤrmigem Hagel ent - ſtehen. Denn wenn ein Hoff dabey geſe - hen wird, ſo hat er ſeine beſondere Urſache vor ſich. Es iſt wohl wahr, daß die Sa - che ohne optiſche Beweiſe, die in der Geo - metrie gegruͤndet ſind, ſich nicht ausfuͤhrlich erklaͤren laͤſſet: allein wir wollen uns doch bemuͤhen ſoviel nach unſerer Art davon bey - zubringen, als man ohne die Mathematick verſtehen kan. Fuͤr allen Dingen muͤſſen wir mercken, daß der cylindriſche oder ſaͤu - lenfoͤrmige Hagel nichts erdichtetes iſt; ſondern die Natur wuͤrcklich dergleichenher -419und andern Lufft-Erſcheinungen. hervorzubringen pfleget. Denn unterwei - len faͤllet auch cylindriſcher Hagel, wie denn Carteſiusain Tract. de Meteor. c. 6. §. 6. & ſeqq. allerhand Figuren von dem Hagel angemercket hat. Dieſe cylindriſche Hagel-Koͤrner reflectiren das Licht der Sonne in einen groſſen Circul und durch dieſe Reflexion entſtehet auch der groſſe weiſſe Circul, der durch die Sonne (§. 310) und den Mond (§. 312) gehet. Wir fin - den es in den Verſuchen, die wir mit cy - lindriſchen und coniſchen Spiegeln anſtel - len, daß, wenn wir das Licht der Sonne durch ein enges Loͤchlein in ein verfinſter - tes Gemach auf einen Punct eines cylindri - ſchen und coniſchen Spiegels fallen laſſen, durch die Reflexion ein heller weiſſer Circul entſtehet. Es gehet auch in der freyen Lufft an, nur daß es nicht ſowohl zu ſehen iſt. Weil der Circul bey den Neben-Sonnen und Neben - Monden horizontal iſt; ſo muͤſſen die Hagel-Koͤrner dergeſtalt in der Lufft ſtehen, daß ihre Axe auf dem Horizont perpendicular ſtehet. Hugenius nimmet den Neben-Sonnen zu gefallen an, daß in den Hagel-Koͤrnern ein ſchneeichter Kern iſt, der eben eine cylindriſche Figur hat, wie die aͤuſſere durchſichtige Schaale, und wir ha - ben oben, da wir von dem Hagel (§. 286 & ſeqq. ) gehandelt geſehen, daß es der Erfah -D d 2rung420Cap. VII. Von dem Regen-Bogen,rung und der Vernunfft gemaͤß iſt. Er giebt demnach den Verſuch auf dieſe Art an. Jn ein cylindriſches Glaß kuͤttet man unten an den Boden einen hoͤltzernen Cylin - linder, dergeſtalt daß ihre Axen mit einan - der uͤberein kommen, und daß der hoͤltzerne Cylinder recht in der Mitten ſtehet. Nach dieſem fuͤllet man das Glaß mit Waſſer und haͤlt es gegen die Sonne; ſo wird man finden, daß durch die bloſſe Reflexion ein heller Circul entſtehet. Es moͤchte zwar ei - nem bedencklich vorkommen, warumb man in der Lufft einen Circul ſehe, der durch die Soñe gehet, da ſoviele cylindriſche Hagel - koͤrner den gantzen Raum in der Luft, den wir ſehen, erfuͤllet: allein Hugenius demon - ſtriret eben, daß keine andere das Licht der Sonne in unſer Auge reflectiren koͤnnen als bloß diejenigen, welche in Anſehung des Auges mit der Sonne einerley Hoͤhe uͤber dem Horizont haben. Die Neben - Sonnen entſtehen durch die Refraction in dem hellen Theile des cylindriſchen Hagels, der dergeſtalt fuͤr der Sonne ſtehet, daß die gebrochenen Strahlen in das Auge fallen koͤnnen. An anderen Orten, wo es der dunckele Kern von Schnee hindert, daß wir das Bildnis der Sonne nicht zuſehen be - kommen, ſiehet man nichts. Nachdem man das Glaß mit Waſſer und den hoͤltzer - nen Cylinder auf verſchiedene Weiſe gegendas421und andern Lufft-Erſcheinungen. das Auge ſtellet, wird man finden, daß man darinnen entweder nichts, o - der zu beyden Seiten das Bildnis der Sonne ſiehet. Die vielen Bildniſſe der Sonne, die man in vielen kleinen Cylindern zuſammen auf der einen Seite des duncke - len Kernes erblicket, machen die Neben - Sonne aus. Denn unerachtet auf beyden Seiten des dunckelen Kernes ein Bildnis von der Sonne vorhanden, welches ver - mittelſt der gebrochenen Strahlen daſelbſt zuſehen iſt; ſo gehet doch nicht an, daß in ein Auge die zu beyden Seiten gebrochene Strahlen zugleich kommen koͤnnen. Es weiſet ferner Hugenius, daß durch eben dieſe Cylinder der bundte Hoff um die Sonne entſtehen kan, gleichwie durch an - dere Cylinder, deren Axe mit der Erdflaͤche parallel iſt, die bundten Bogen entſtehen, welche den Hoff beruͤhren (§. 310. 312). Das vorige Jnſtrument iſt geſchickt auch alle Re - flexion und Refraction zuzeigen, die hierzu erfordert werden.
Da bloß diejenigen CylinderWarumb der Circul mit der wahren Sonne ſich fort beweget. das Licht von der Sonne ins Auge reflecti - ren, die mit ihr einerley Hoͤhe um den Him - mel herum uͤber dem Horizont haben (§. 313); fo muß auch der Circul mit der Sonne ſeinen Stand aͤndern und alſo gewiñet es das An - ſehen, als wenn er ſich mit ihr fort bewegete. Eben hieraus erhellet, daß ein jeder, der die Neben-Sonnen und Neben-Monden ob -D d 3ſer -422Cap. VII. Von dem Regen-Bogen,ſeryiret, ſeine beſondere Neben-Sonnen und Neben-Monden, ingleichen ſeine be - ſondere Circul um und neben ihnen ſiehet: welches auch von dem Hoffe um den Mond und um die Sonne gielt (§. 307).
Wir haben geſehen, daß nicht allein die Sterne ſichtbahr ſind, wenn Ne - ben-Monden mit den dazu gehoͤrigen Cir - culn erſcheinen; ſondern auch ſelbſt, wo die Circul einander beruͤhren und mit Farben ſpielen, die Sterne zu ſehen ſind (§. 312). Da man nun unmoͤglich die Sterne ſehen kan, woferne ſie nicht ihr Licht in unſer Au - ge werffen; ſo kan es die Materie der Ne - ben-Monden und derdazu gehoͤrigen Cir - cul, ingleichen des Hoffes, keinesweges hin - dern, daß nicht das Licht der Sterne durch ſie noch haͤuffig herunter fiele. Derowe - gen muͤſſen die dazu erforderte Hagel - Koͤrner (§. 307. 314) nicht allein eintzelen und in einer mercklichen Weite in der Lufft herum fliegen, ſondern der Raum, den ſie einnehmen, muß auch in der Hoͤhe wenig austꝛagen. Vielleicht werden einige ver - meinen, man ſolle den Hagel-Koͤrnern kei - ne Bewegung geben, ſondern ſie vielmehr ſtille in die Lufft ſetzen, weil dieſe Lufft-Er - ſcheinungen nicht allein einige gantze Stundẽ dauren, ſondern auch gar keine Be - wegung in dem Lichte der Circul und der Neben-Sonnen zuverſpuͤren. Allein dieEr -423und andern Lufft-Erſcheinungen. Erfahrung hat mich das Gegentheil geleh - ret, indem dazumahl, als ich den groſſen Hoff um den Mond obſervirete (§. 306, ein ſehr ſtarcker Wind wehete, der doch in ihm nicht das geringſte aͤnderte. Man kan auch leicht begreiffen, daß daran nichts gelegen ſey, ob dieſes Hagel-Koͤrnlein in ſeiner Stelle ver - bleibet, oder ob ein anderes von eben der Art hinein ruͤcket, indem eines wie das an - dere das Licht reflectiret und refringriret. Wir ſehen es ja bey dem Verſuche, wo ein Regenbogen durch die herabfallende Tropf - fen in der Lufft zuwege gebracht wird (§. 171 T. II. Exper.), daß derſelbe unverruͤckt in ſeiner Stelle verbleibet, unerachtet be - ſtaͤndig neue Tropffen in die Stellekommen, wo man die Regenbogen-Farben ſiehet. Und eben dieſe Bewandnis hat es mit dem Regenbogen, der ſich in dem aus dem Springbrunnen ſpringendem Waſſer zei - get (§. 171 T. II. Exper.).
Wir ſehen unterweilen dieWarumb die Son - ne durch die Wol - cken ohne Strah - len zu ſe - hen. Sonne, ſonderlich im Herbſte und gegen den Fruͤhling, ohne einigen Glantz wie einen ſilbernen Teller durch die Wolcken. Jn dieſem Falle iſt klar, daß die Duͤnſte, dar - aus die Wolcken beſtehen (§. 216), nur einen Theil des Sonnen-Lichtes zuruͤcke halten, einen Theil aber noch zu dem Auge herun - ter laſſen. Wir ſehen demnach die Sonne ohne Strahlen und einen hellen Glantz,D d 4wenn424Cap. VII. Von dem Regenbogen,wenn die Zahl derſelben vergeringert und dadurch das Licht (§. 148. T. II. Ex - per. ) geſchwaͤchet wird. Und eben dieſe Urſache hat es, warumb wir die Sonne auf eine gleiche Weiſe durch gefaͤrbetes oder auch von Ruß uͤber bren - nendem Kuͤhne angel auffenes Glaß ſehen: in - gleichen wenn wir ſie durch ein Papier, dar - ein man nur mit einer Nadel ein Loͤchlein ge - ſtochen, betrachten. A. 1715. konnte man hier in Halle die groſſe Sonnen-Finſternis nur durch die Wolcken ſehen, da man die Sonne wie den verfinſterten. Mond in ihrer groͤſten Verfinſterung erblickte. Und ich entſinne mich, daß ich auch zu anderer Zeit im Winter, da der Himmel truͤbe war, die verfinſterte Sonne durch die Wolcken wie den Mond geſehen.
Wenn Neben-Sonnen und Neben Monden, ingleichen Hoͤffe umb die Sonne und den Mond geſehen werden, ſo bleibet der Himmel heiter und helle, und iſt keine Wolcke, oder ſonſt etwas in der Lufft zuſehen (§. 310) und deſſen ungeachtet ſind Hagel-Koͤrner in der Lufft, welche durch die Reflexion und Refraction ſo ſeltſame Er - ſcheinungen hervor bringen (§. 313). Wenn die Hagel-Koͤrner, ſie moͤchten eine kugel - rundte, oder eine cylindriſche Figur haben, aus lauter Schnee beſtuͤnden und nicht eine Schaale von durchſichtigem Eis haͤtten; ſowuͤr -425und andern Lufft-Erſcheinungen. den ſie bloß die Sonnen-Strahlen aufhal - ten und dadurch ihre Anzahl vergeringern. Der owegen weil hierdurch das Sonnen - Licht geſchwaͤchet wird, und dazu weiter nichts noͤthig iſt, daß die Sonne ohne Glantz und Strahlen erſcheinet; ſo ſiehet man, wie bey heiterem Himmel, auch wenn derſelbe blau ausſiehet, (denn da man die Sterne durch dieſe Materie ſehen kan (§. 312), warum wollte man nicht auch das Himmelblaue ſehen?) die Sonne ohne Glantz und Strahlen erſcheinen kan, wie ſie ſonſt durch duͤnne Wolcken ausſiehet. Und dieſes iſt eben diejenige Begebenheit, welche Herr Algoͤwer zu Ulm A. 1721 den 1 Junii gegen Abend um 5 Uhr obſer - viretaVid. Appendix ad ſpecimen Hyetome - triæ p. 33. . Es iſt nemlich zu derſelben Zeit die Sonne faſt 2 Stunden lang ohne Glantz und Strahlen am Himmel geſtan - den, wie des Nachts der volle Mond. Die Lufft war dazumahl gantz ohne Wolcken und dem Anſehen nach heiter, wie wenn ſich ein Hoff um die Sonne oder den Mond zeiget (§. 306). Jch ſchreibe die Urſache dieſer Begebenheit kleinen ſchneeichten Koͤrnern zu, weil ſie zureichend iſt der Son - ne ihren Glantz zubenehmen (§ 307); nicht aber gemeinen waͤſſerigen Duͤnſten, weilD d 5dieſe426Cap. VII. Von dem Regenbogen,dieſe in einen Nebel ſich zuſammen ziehen muͤſſen, wenn ſie das Licht der Sonne ſo mercklich ſchwaͤchen ſollen (§. 316).
Unterdeſſen kan es wohl geſche - hen, daß eintzele Duͤnſte, die in der Lufft zerſtreuet ſind, das Licht des Mondens ſchwaͤcher und ihn gantz blaß machen. Weil nun waͤſſerige Duͤnſte in der Lufft ſich in Regenwolcken zuſammen ziehen; ſo hat man auch laͤngſt angemercket daß, wenn der Mond blaß ausſiehet, gar gerne Re - genwetter darauf erfolge. Nemlich das Mond-Licht iſt ſehr ſchwach in Anſehung des Sonnen-Lichtes (§. 137 T. II. Exper.) und deswegen kan man einen geringen Ab - gang gar bald ſpuͤren. Hingegen wegen der groſſen Staͤrcke des Sonnen-Lichtes kan man einen geringen Abgang nicht bald wahrnehmen. Vielleicht moͤch - ten einige ſagen, wenn die Sonne von ſchneeichten Koͤrnern erblaſſet, ſo muß der Mond, als der ein gar viel ſchwaͤcheres Licht hat, noch mehr davon erblaſſen. Und daher hat man ja nicht noͤthig zweyerley Ur - ſachen fuͤr die Erblaſſung dieſer Himmels - Lichter zuſetzen. Wir haben ja auch vor - hin den Hoff um beyde (§. 307) und die Ne - ben-Sonnen und Neben-Monden (§. 313) auf einerley Weiſe erklaͤret. Allein es iſt zu mercken, daß die Blaͤſſe des Monds ſehrgewoͤhn -427und andern Lufft-Erſcheinungen. gewoͤhnlich iſt und daher eine Urſache haben muß, die ſich oͤffters in der Lufft befindet; hingegen die Erblaſſung der Sonne bey gantz heiterem Himmel nicht anders als fuͤr was rares gehalten werden mag und daher eine beſondere Urſache haben muß, wie der Hoff und die Neben Monden und Neben - Sonnen, die gar ſelten in der Lufft anzu - treffen.
Es hat zwar noch viele andereWarumb nicht mehrere Begeben - heiten von die - ſer Art angefuͤh - ret wer - den. Himmels-Begebenheiten, welche von dem Zuſtande unſerer Lufft herkom̃en, u. die zum Theil fuͤr Wunderzeichen gehalten werden, wenn die Einbildungs-Krafft in der Figur allerhand erdichtet: allein wer verſtehet, was von den bisherigen geſaget worden, der wird ſich auch in die uͤbrigen zu finden wiſſen. Jch will zur Probe nur eine an - fuͤhren, damit man ſehe, wie wenige Schwierigkeit es hat auch diejenigen zuer - klaͤren, welche in der Natur unerfahrene in die groͤſte Verwunderung ſetzen.
ParentaRecherch. de Phyſ. & de Math. T. 2. p. 256. & ſeqq. erzehlet, daß A. 1703.Wenn der Schatten in der Sonnen - Uhr zu - ruͤcke ge - het. den 7 Jun der Schatten an einer Sonnen - Uhr in einem Kloſter zu Metz zuruͤcke gegan - gen. Der Prior des Convents P. Ro - muald gieng mit dem F. Luciano im Gar - ten ſpatziren. Als ſie an der Uhr ſahen, daßes428Cap. VII. Von dem Regen-Bogen,es Mittag war, gieng F. Lucianus von ihm um zn laͤuten. Es ſchlug auch 12 Uhr in der Uhr in der Thum-Kirche und zu St. Vincents. Jndem P. Romuald noch ein - mahl auf die Sonnen Uhr ſahe, wurde er gewahr, daß der Schatten von 12 bis ¼ uͤber die 11te Stunden-Linie zuruͤcke gegangen war. Er gab darauf acht und vermerck - te, daß der Schatten unvermerckt noch wei - ter bis halb 11 Uhr zuruͤcke gieng. Er rief F. Lucianen zuruͤcke, damit er in einer ſo ſeltſamen und unvermutheten Begebenheit einen Zeugen haͤtte. Es bließ dazumahl ein Mittags-Wind, der einige kleine Wolcken von verſchiedener Dicke vor der Sonne hertrieb, aber ohne einigen Regen; auch ſahe man nicht, daß der Schatten in der Sonnen - Uhr davon einigen Anſtoß gelitten haͤtte. Der Schatten gieng nach dieſem wieder or - dentlich fort, als wenn er nicht im geringſten zuruͤcke gegangen waͤre. Man ſiehet leicht, daß der Strahl der Sonne nicht mit ihr in einer geraden Linie auf den Zeiger kan ge - fallen ſeyn, indem der Schatten zuruͤcke ge - gangen, folgends daß er in der Lufft muß ſeyn gebrachen worden (§. 151 T. II. Ex - per.). Weil aber der Schatten nicht wieder auf ein mahl in feinen ordentli - chen Stand kommen kan, ſondern nach und nach von halb 11 Uhr auf der Sonnen - Uhr gegen die zwoͤlffte Stunden-Linie wie -der429und andern Lufft-Erſcheinungen. der fortgegangen; ſo muß die Urſache der Strahlenbrechung, in der Lufft verblieben ſeyn. Die Strahlen werden gebrochen, wenn eine Materie vorhanden, welche die Lufft ſehr verdicket. Derowegen muß in der Lufft eine Materie anzutreffen gewefen ſeyn, welche in Anſehung der Lufft dichte iſt. Die Wolcken, ſo bey der Sonne vorbey zo - gen, haben keine Aenderung im Schatten der Sonnen-Uhr verurſachet: daher muß die Materie, darinnen das Licht gebrochen worden, dichter geweſen ſeyn als die Duͤn - ſte, welche die Wolcken fuͤhren. Wir fin - den, daß das Waſſer eine ſtarcke Refraction hat, die dergleichen Erſcheinung verurſachen kan. Man ſtelle, wenn die Sonne nicht ſcheinet, ein Licht fuͤr eine Sonnen-Uhr, daß der Schatten des Zeigers auf die zwoͤlf - te Stunden-Linie faͤllet. Das Licht laſſe man unverruͤckt ſtehen und halte eine Kugel oder nur ein anderes Glaß mit Waſſer darzwiſchen; ſo wird der Schatten auf einmahl zuruͤcke gehen. Da nun in der Lufft Regen Tropffen und in Eis gefrorne kleine Hagel-Koͤrner ſeyn koͤnnen, welche die Strahlen der Sonne ſtarck brechen und deſſen ungeachtet die Lufft nicht truͤbe ma - chen (§. 307. 313); ſo erkennet man gar bald daß dieſelben die wahre Urſache ſind, warum der Schatten in der Uhr zuruͤcke gegangen. Da es ſich nun ſelten fuͤget,daß430Cap. VIII. Von dem Blitzedaß dichte rundte Tropffen in vollkomme - nes und durſichtiges Eis gefrieren, und in einer duͤnnen Lage von dem Winde durch die Lufft gefuͤhret werden; ſo iſt es auch kein Wunder, daß dieſe Begebenheit ſich gar ſelten ereignet. Man ſiehet, daß die - ſelbe faſt einerley Urſache mit der Erblaſſung der Sonne bey hellem Himmel hat, nur daß dort die Koͤrner Schnee oder undurchſichti - ges Eis (§. 317), hier aber klares und durch - ſichtiges Eis ſind.
DAß der Blitz ein wuͤrckliches Feuer ſey, erkennet man zur Gnuͤge dar - aus, weil er anzuͤndet. Man ſiehet es an den Baͤumen, da er herunter gefahren, daß ſie uͤberall verbrandt ſeyn, wo er ſie beruͤhret, und die entſtehende Feuers-Brunſt in Gebaͤuden, wo das Wetter einſchlaͤget, bekraͤfftiget es noch deutlicher. Die Sachen, welche davon beſchaͤdiget worden, riechen ſtarck nach Schweffel, und daher ſiehet man, daß der Blitz eine Entzuͤndung ſchweefelichterDuͤn -431und andern Feuer-Zeichen. Duͤnſte iſt. Alles, was in der Lufft erzeu - get wird, muß aus den Ausduͤnſtungen der Erde ſeinen Urſprung nehmen. Derowe - gen muß auch die ſchweefelichte Materie, davon der Blitz kommet, aus der Erde aus - geduͤnſtet ſeyn. Allein es iſt die Frage, ob die Materie ſo ausgeduͤnſtet, wie in der Lufft angetroffen wird, wenn durch ihre Ent - zuͤndung der Blitz entſtehet, oder ob nicht vielmehr dieſelbe erſt aus anderen einfache - ren Materien durch Vermiſchung entſtan - den. Das letztere iſt glaublicher als das erſte: denn Schwefel iſt an allen Orten in der Menge anzutreffen, die Gewitter aber ereignen ſich uͤberall. Uber dieſes finden wir, daß es uͤber die maaſſen warm zu ſeyn pfleget, wenn ein Gewitter entſtehet, und die Lufft gantz geſchwuͤlſtig wird, daß man nicht darinnen Athem hohlen kan. Die Waͤrme kan allerhand Bewegung und Vereinigung verſchiedener Materien verurſachen: denn wir bedienen uns ſelbſt in der Chymie der Waͤrme, wenn wir verſchiedene Dinge mit einander gantz vermiſchen und dadurch eine neue Materie hervor bringen wollen. Es hat aber in der Lufft allerhand einfache Aus - duͤnſtungen, indem alle Coͤrper beſtaͤndig ausduͤnſten. Und da wir oben geſehen, daß die waͤßerigen Duͤnſte in der Lufft zu - ſammen kommen koͤnnen und allerhandCoͤr -432Cap. VIII. Von dem BlitzeCoͤrper aus ihnen erzeuget werden (§. 261. 270 &c.): ſo iſt nicht die geringſte Urſache vorhanden, warumb wir dieſes nicht auch von andern Ausduͤnſtungen zugeben woll - ten, die ſowohl wie jene durch die Lufft zer - ſtreuet und durch ihre Veraͤnderungen zu - ſammen gebracht werden. Es pfleget auch wohl bisweilen des Winters, wenn es kalt iſt, zu blitzen und zudonnern: allein da in dieſem Falle, welcher unter die ſeltenen zu zehlen iſt, ſo wenig ſchweefelichte Duͤnſte aus der Erde aufſteigen, als durch Vermi - ſchung anderer vermittelſt der Waͤrme in der Lufft hervorgebracht werden koͤnnen; ſo erkennet man daraus, daß die Materie des Blitzes aus andern Laͤndern durch die Winde zu uns gebracht werden muß. Daß ſich ſchweefelichte Duͤnſte entzuͤnden laſſen, zeigen die Verſuche (§. 141 T. II. Exper.): wie aber die Entzuͤndung geſchichet, laͤſſet ſich nicht wohl determiniren, indem zur Zeit noch nicht alle Wege bekandt ſind, welche die Natur zu Entzuͤndung der Duͤnſte er - wehlet. Es iſt eine bekandte Sache, daß, wenn feuchtes Heu, ſonderlich in einem ver - ſchloſſenen Orte, wo die Lufft nicht frey durchſtreichen kan, uͤber einander geleget wird, daſſelbe ſich endlich entzuͤndet. Der ſtarcke Geruch des Heues zeiget, daß viele Ausduͤnſtungen daraus gehen und, weil das Heu inwendig dadurch erwaͤrmet wird,oder433und andern Feuer-Zeichen. oder vielmehr der verhaltene Dampff warm iſt, ſo muͤſſe Materie der Waͤrme unter den Ausduͤnſtungen enthalten ſeyn (§. 71.). Waͤrme und Feuer ſind bloß dem Grade nach von einander unterſchieden (§. 81.). Derowegen wenn durch den Anwachs der Ausduͤnſtungen die Waͤrme beſtaͤndig vermehret wird, kan endlich Feuer daraus werden. Eben dieſe Beſchaffenheit hat es mit dem Miſte, wenn er dichte uͤber einan - der lieget und ſich im Sommer entzuͤndet. Es koͤnte demnach auch gar wohl ſeyn, daß die ſchweefelichten Duͤnſte ſich bloß durch die Waͤrme entzuͤndeten, welche dadurch vermehret wird, wenn ſich viele zugleich in einem Raume mit einander verſammlen. Und dieſes wird dadurch glaubwuͤrdiger, weil es zu der Zeit, wenn ein Gewitter ent - ſtehet, ſehr heiß und geſchwuͤlſtig iſt. Es iſt zwar nicht zu leugnen, daß, wenn ſich Aus - duͤnſtungen von ſelbſt entzuͤnden ſollen, die - ſelben in einen engen Raum muͤſſen einge - ſchloſſen ſeyn, da ſie nicht Freyheit genung haben ſich auszubreiten; da hingegen die ſchweefelichten Duͤnſte in der Lufft nicht eingeſchloſſen ſind: allein wenn man ihren Zuſtand in der Lufft genauer erweget, ſo wird man finden, daß es eben ſoviel iſt, als wenn ſie eingeſchloſſen waͤren. Weil ſie nicht hoͤher ſteigen, ſo koͤnnen ſie nicht ſchweerer ſeyn als die Lufft in dem Orte iſt,(Phyſick) E ewo434Cap. VIII. Von dem Blitzewo ſie ſich verſammlen (§. 195 T. I. Exper.). Derowegen moͤgen ihrer ſoviel zuſammen kommen als im̃ermehr wollen, ſo koͤnnen ſie ſich durch den Raum in die Hoͤhe nicht aus - breiten, und daher iſt es eben ſoviel als wenn ſie von der Seite verſchloſſen waͤren. Unten iſt entweder die Lufft ſchweerer, als ſie ſind, und daher koͤnnen ſie nicht nieder ſteigen (§. 193 T. I. Exper.), oder die Wol - cken hindern es: denn daß dieſe Ausduͤn - ſtungen uͤber den Wolcken oder wenigſtens innerhalb denſelben ſeyn muͤſſen, kan man gar eigentlich abnehmen, indem man ſiehet, daß der Blitz die Wolcken zertheilet und aus ihnen heraus faͤhret. Daher man auch zu ſagen pfleget, der Himmel habe ſich von dem Blitzen aufgethan, wenn man beſchreiben will, wie es ausgeſehen, da man den Blitz hat heraus fahren ſchen. Koͤnnen die Wol - cken hindern, daß die ſchweefelichten Duͤn - ſte ſich nicht niederwarts ausbreiten, ſo gehet es auch an, daß ſie hin - dern daß ſie ſich nicht nach der Sei - te zertheilen. Wir finden demnach nichts, was uns im Wege ſtuͤnde, warumb wir nicht die Entzuͤndung der ſchweefelich - ten Duͤnſte bloß ihrer Verdickung in ei - nem engen Raume zuſchreiben koͤnnten. Un - terdeſſen da wir nicht wiſſen, ob nicht viel - leicht die Natur noch einen andern Weg hat, und wir eben nicht erweiſen koͤnnen, daß der erſtere hier ſtat finden muͤſſe; ſo wol -len435und andern Feuer-Zeichen. len wir lieber die Sache noch im Zweiffel laſſen, als daß wir uns uͤbereilen ſollten, und, was bloß eine Wahrſcheinlichkeit hat, nicht fuͤr gewiß ausgeben. Unterdeſſen iſt ge - wiß, daß die Sonne zu der Entzuͤndung nichts beytraͤget, maſſen des Nachts Gewit - ter ſind, wenn die Sonne nicht mehr mit ih - ren Strahlen unſere Lufft erreichen kan. Wir werden bald aus den Wuͤrckungen des Blitzes begreiffen, daß die Flamme eine uͤber die maaſſen groſſe ausdehnende Krafft haben muß. Und daraus ſiehet man, daß die Materie nicht ein bloſſer Schweffel iſt; ſondern noch andere Materie mit dabey ſeyn muß, welche mit der ſchweefelichten vermiſchet. Weil nun dieſe andere Mate - rie nicht in den Ausduͤnſtungen, die aus der Erde und denen darauf ſich befindlichen Coͤrpern aufſteigen, mit der ſchweefelichten vermiſchet ſeyn kan, ſondern erſt in der Lufft durch die Waͤrme und andere in derſelben ſich ereignende Veraͤnderungen vermiſchet werden muß; ſo wird man deſto leichter zu geben, daß auch ſelbſt der Schweefel - Dampf nicht ſo aufgeſtiegen, wie er in Er - zeugung des Blitzes anzutreffen, ſondern durch Vermiſchung verſchiedener anderer Materien erſt entſtanden. Was es fuͤr Materie ſey, die ſich mit der ſchweefelich - ten vereinbahret; iſt auch nicht wohl zu er - rathen. Die Flamme, darinnen der BlitzE e 2be -436Cap. VIII. Von dem Blitze,beſtehet, hat, was die Wuͤrckung betrifft, viele Aehnlichkeit mit dem Pulver, welches aus Schwefel, Kohlen und Salpeter ver - fertiget wird (§. 29. Artill. ) und ſeine Krafft ſonderlich von dem Salpeter hat. Daß in der Lufft Salpeter ſey, wiſſen dieje - nigen, welche ihn von alten Gemaͤuren ab - ſchaben und ſammlen, wo er ſich haͤuffig anzuhaͤngen pfleget, ſonderlich in alten feuchten Kellern(a)Buchner. in Theor. & Prax. Artiller. part. 3. f 5. & Lemery im Cours de Chy - mie part. 1. c. 16. §. 2. p.m. 508. Und daher kan es wohl ſeyn, daß ſich mit den ſchweefelichten Duͤnſten auch Salpeter-Duͤnſte verein - bahren. Wir wiſſen, daß bey dem Knall - Pulver, welches ſeine Wuͤrckung in der freyen Lufft verrichtet, da das andere einge - ſchloſſen iſt, an ſtat der Kohlen Sal Tartari iſt (§. 17. T. II. Exper.). Jn der Lufft ſind allerhand ſaltzige und andere Ausduͤn - ſtungen. Derowegen kan es auch wohl ſeyn, daß andere ſaltzige Ausduͤnſtungen zu den Schweefel - und Salpeter-Duͤnſten noch weiter dazu kommen. Man ſiehet demnach, daß die Materie des Blitzes ſich noch nicht in allem mit voͤlliger Gewisheit determiniren laͤſſet. Die Chymie kan in dieſer Sache ein groſſes Licht geben. Al - lein je mehr man ſich darinnen umſiehet, jemehr437nndanderer Feuer-Zeichen. mehr erkennet man, daß die Entzuͤndung der Daͤmpffe und die Krafft der daher ent - ſtehenden Flamme auf mehr als eine Art moͤglich iſt, und wir uͤberhaupt noch nicht beſtimmen koͤnnen, auf wie vielerley Art dieſes moͤglich ſey, folgends wird man um ſoviel zweiffelhaffter, was man eigentlich ſe - tzen ſoll. Es mag nun aber zu der Mate - rie des Blitzes eigentlich kommen, was da will; ſo iſt doch gewis, daß der Blitz aus zweyerley Urſachen ſeine Krafft erhaͤlt. Er iſt ſtarck, wenn ſich eine groſ - ſe Menge der Materie auf einmahl ent - zuͤndet. Denn man begreifft vor ſich, daß, wenn in zweyen Blitzen die Materie voͤllig von einer Beſchaffenheit iſt, derjenige ſtaͤr - cker ſeyn muß, wo eine groͤſſere Menge der Materie entzuͤndet wird, als wo eine weit ge - ringere vorhanden, die in eine Flamme ge - raͤht. Darnach iſt bekand, daß das Pul - ver ſtaͤrcker iſt, wenn die Materien, die man mit einander vermiſchet hat, genau in ein - ander incorporiret ſind, daß nemlich die Proportion in gantz kleinen, ja den klei ne - ſten Theilen (§. 35.), einerley iſt wie im gantzen; ja daß auch viel die Proportion der vermiſchten Materien viel dazu beytraͤgt (§. 31. Artill.). Man begreifft leicht, daß, da dieſes von dem Pulver bloß gielt, in ſo weit es eine vermiſchte Materie iſt, ſolches auch von allen uͤbrigen Materien, die durch Vermiſchung anderer einfacheren entſte -E e 3hen,438Cap. VIII. Von dem Blitzehen eben ſo wohl kan geſaget werden. De - rowegen muß auch die Staͤrcke des Blitzes unterſchieden ſeyn, nachdem die dazu gehoͤ - rige Materien in einer gewiſſen Proporti - on anzutreffen und in einander incorpo - riret ſeyn. Duͤnſte, die ſich entzuͤnden, wie auch andere Materien, die ſchnelle Feu - er fangẽ (davon das Pulver ein Exempel ab - giebet), entzuͤnden ſich auf einmahl, wenn ſie in einem Raume bey einander in einem fortgehen (§. 141 T. II. Exper.). Dero - wegen kan es auch wohl nicht anders ſeyn, als daß die Daͤmpffe alle zuſammen, welche innerhalb den Wolcken ſich in einem Rau - me bey einander befinden, ſich auf einmahl entzuͤnden. Es iſt demnach die Frage, woher es komme, daß ein Blitz auf den andern folget, und nicht auf einmahl aufhoͤret. Wenn wir der Sache nachdencken, finden wir zweyerley Wege, dadurch ſolches geſche - hen kan. Es kan ein Blitz nach dem an - dern entſtehen, entweder weil die Materie zertheilet und an verſchiedenen Orten in den Wolcken abgeſondert angetroffen wird; o - der weil von neuem andere Materie in die Stelle der erſtern kommet, die ſich entzuͤn - det hatte. Jm erſten Falle ſcheinet es et - was bedencklich zu ſeyn, daß nicht auf ein - mahl verſchiedene Blitze zugleich entſtehen, wenn Materie fuͤr ſie in verſchiedenen Or - ten vorhanden. Man ſiehet nicht die Ur -ſache,439und anderen Feuer-Zeichen. ſache, warum ſich eine Materie eher als die andere und inſonderheit immer nur eine nach der andern entzuͤndet. Es blitzet zwar unterweilen an zweyen Orten zugleich: allein dieſes iſt nicht allein etwas ſeltſames, ſondern es ſind auch zu der Zeit zwey Gewit - ter, davon die Gewitter-Wolcken durch be - ſondere Wolcken getrieben werden. Jn den andern Faͤlle ſiehet man nicht wohl, wo Ma - terie zu neuem Blitze wieder herkommen kan. Es iſt wohl wahr, daß, indem ſich die Materie entzuͤndet und in einer Flamme aufgehet, dieſelbe nicht zernichtet, ſondern durch die Lufft zertheilet wird (§. 85 T. II. Exp). Es kan auch ſeyn, daß ſich die Ma - terie groͤſtentheils in die Hoͤhe begiebet und durch die ausdehnende Krafft der Flamme in der Lufft hoͤher getrieben wird als ſie ſoll - te, folgends wieder herunter faͤllet. Ob a - ber eben dieſe Materie ſich ſo bald wieder in einer ſolchen Menge ſammlen koͤnne, wie ſie anfangs bey einander war; bleibet billich bedencklich. Es lehret aber die Erfahrung, daß oͤffters die nachfolgenden Blitze gar viel ſtaͤrcker ſind, als die vorhergehenden, und es auf einander blitzet, auch wenn der Blitz niederfaͤhret und die angezuͤndete Materie nicht wieder in die Wolcke kommet. Man ſiehet offters in Gewittern die Wolcken wunderbahr unter einander gehen, wenn es blitzet. Derowegen koͤnnen oben allerhandE e 4Be -440Cap. VIII. Von dem BlitzeBewegungen ſeyn, die zur Verſammlung der Daͤmpffe und ihrer Entzuͤndung etwas beytragen. So lange wir demnach nicht eigentlich wiſſen, wie vielerley Art der Daͤmpffe zu einem Ungewitter noͤthig ſind und wie ſie mit einander vermiſchet und ent - zuͤndet werden; ſo iſt kein Wunder, daß auch in dieſem Stuͤcke nicht alles klar und deutlich erhellet, ſondern noch verſchiedenes uͤbrig verbleibet, davon man den Grund nicht eigentlich anzeigen kan. Es ſcheinet doch aber vermuthlicher, daß vielerley Thei - le der Daͤmpffe in beſonderen Orten anzu - treffen, die ſich nach und nach entzuͤnden: weil man ſo beſſer begreiffen kan, wie ſich das Gewitter mit den Wolcken fort beweget und ſchwache und ſtarcke Blitze mit einan - der abwechſeln.
Alles Feuer leuchtet und zwar um ſo viel ſtaͤrcker, je reiner und dichter die Flamme iſt. Da nun der Blitz eine Flam - me iſt, die aus wuͤrcklicher Entzuͤndung ſchweefelichter und anderer, vermuthlich ſalpetrichter und ſaltziger Dunſte entſtehet (§. 321): ſo iſt auch kein Wunder, daß er ſtarck leuchtet, zumahl da die ſubtilen und in der Menge vorhandene Ausduͤnſtungen eine reine und dichte Flamme machen muͤſ - ſen, als wo nichts als ſolche Materie vor - handen, die ſich in Flamme verkehret, nicht aber allerhand grobe und unverbrennlichemit441und anderen Feuer-Zeichen. mit untermenget iſt, wie wir etwan bey un - ſerem Feuer in der Kuͤchen antreffen. Weil bey naͤchtlicher Weile, ſonderlich, wenn es recht finſter iſt, ein ſchwaches Licht ſtaͤr - cker ausſiehet als bey Tage; ſo kan auch der Blitz bey Nachte und da der Him - mel mit ſehr dicken finſtern Wolcken uͤber - zogen ein helleres Licht geben, als bey hellem Tage. Wiederum wenn das Auge in ei - nem ſchwachen Lichte oder gar im Finſtern iſt, und es kommet unvermuthet ein ſtarcker Blitz; ſo wird es dadurch geblendet. Und dieſes iſt auch die Urſache, warum der Blitz daſſelbe blendet. Wenn wir den Blitz nicht ſelber ſehen, ſondern nur das Licht, was von ihm ſich ausbreitet; ſo ſagen wir: es wetterleuchte. Man ſiehet es unter - weilen von weitem wetterleuchten und hoͤret nicht dabey donnern, ſonder Zweiffel weil das Gewitter von uns zu weit weg iſt.
Wenn es aber nicht zu weit wegWarumb es bey den Bli - tzen don - nert. iſt; ſo hoͤret man es donnern, nachdem es wettergeleuchtet. Der Donner iſt nichts anders als ein groſſer Knall, der in der Lufft erreget wird. Das Praſſel Gold und Knall-Pulver weiſet es aus (§. 17. 18. T. III. Exper.), daß eine ſich ſchnell ausbrei - tende Flamme, indem ſie durch die Lufft faͤhret, einen ſtarcken Knall erregen kan. Derowegen iſt es nicht Wunder, daß auch der Blitz einen ſolchen Knall erreget, denE e 5wir442Cap. VIII. Von dem Blitzewir den Donner zu nennen pflegen. Und ſiehet man eben aus dem mit dem Blitze vergeſellſchafftem Donner, daß die Flamme eine Krafft haben muß, dadurch ſie ſich ſchnelle durch die Lufft ausbreitet und in ihr zugleich etwas ſeyn muß, welches den ſubti - len Coͤrperlein der Lufft eine dergleichen ſchnelle Bewegung mittheilen kan, als zu dergleichen Krachen erfordert wird (§. 6. 7. 10. T. III. Exper.).
Der Schall beweget ſich inner - halb 21 Secunden bey nahe eine groſſe deutſche Meile (§. 11. T. II. Exper.), das Licht hingegen mit einer ſolchen Geſchwin - digkeit, daß eine deutſche Meile fuͤr nichts zu achten (§. 121). Und dieſes iſt die Ur - ſache, warum es vorher blitzet, ehe es don - nert. Je ſpaͤter der Donnerſchlag auf den Blitz folget, je weiter iſt die Gewitter-Wol - cke weg: je geſchwinder es aber auf das Wetterleuchten donnert, je naͤher iſt das Gewitter. Weil man nun annehmen kan, daß das Licht in dem Augenblicke bey uns iſt, indem der Blitz die Wolcken durch - bricht (§. 121); ſo iſt die Zeit, welche vor - bey ſtreicht, ehe auf das Wetterleuchten der Donner gehoͤret wird, die gantze Zeit, welche er zubringet, ehe er von der Donner - Wolcke zu uns kommet. Derowegen kan man urtheilen, wie weit die Gewitter - Wolcke von uns weg iſt, wenn man dieZeit443und anderen Feuer-Zeichen. Zeit mercket, welche zwiſchen dem Blitze und dem Donnerſchlage vorbey ſtreicht: denn 5 Secunden geben bey nahe eine Viertel - Meile. Weil nun der Pulß-Schlag faſt eine Secunde ausmachet; ſo kan man 5 bis 6 Pulß-Schlaͤge fuͤr eine Viertel Meile rechnen, wenn man die Weite des Gewit - ters nur beylaͤuffig mercken will. Es hat dieſes den Nutzen, daß man ſich die Gefahr des Gewitters nicht groͤſſer oder auch ge - ringer vorſtellet, als ſich gebuͤhret. Da wir ſehen, daß die Gewitter nahe ſind, wo der Schlag bald auf den Blitz folget; die aber weit weg, wo der Donner erſt eine Weile darnach gehoͤret wird: ſo ſiehet man auch die Urſache, warum die erſten Gewitter bey uns einſchlagen, die andern hingegen nicht, ſondern an Orten, die von uns Viertel - Meilen, halbe Meilen und weiter weg lie - gen.
Die Alten haben erdichtet, daßOb es Donner - Keile hat. harte laͤnglichte Steine mit einer groſſen Geſchwindigkeit durch den Blitz herunter getrieben wuͤrden, wenn das Wetter ein - ſchlaͤget, welche ſie Donner-Keile genen - net, indem ſie ihnen bey nahe die Figur eines Keiles zugeeignet. Sie ſind dazu bewo - gen worden, indem ſie die wunderbahre Wuͤrckung betrachtet, die das Wetter, wo es eingeſchlagen, verrichtet, z. E. das gan - tze hoͤltzerne Balcken zerſplittert und ſtarckeei -444Cap. VIII. Von dem Blitzeeiſerne Staͤbe, oder anderes Eiſen-Werck an Schloͤſſern krum gebogen worden. Al - lein zugeſchweigen daß, was man insge - mein einzuwenden pfleget, man gar nicht ſiehet, wie ein ſo dichter und ſchweerer Stein, dergleichen die vermeinten Donner - Keile ſind, oben in der leichten Lufft koͤnne erzeuget werden, ſo ſiehet man aus den Perſonen, die vom Donner erſchlagen wer - den, daß kein ſolcher Keil in ſie gefahren, in - dem man offt nicht die geringſte Verwun - dung an ihrem Leibe erblicket. Ein ſo groſſer keilfoͤrmiger Stein aber muͤſte eine uͤberaus weite Wunde machen, wo er hineinfuͤhre. Ja wenn wir genauer erwegen werden, was das Wetter anrichtet, wo es einſchlaͤget; ſo werden wir wenig Troſt in den Donner - Keilen finden, wenn wir werden begreiffen wollen, wie es zugehet.
Wir haben ſchon in den Verſu - chen geſehen und auch auf eine begreiffliche Weiſe erklaͤret (§. 127. 128 T. II. Exper.), daß das Feuer, welches bey einem Becker in Breßlau aus dem Back-Ofen gelauffen, e - ben ſo gehauſet, als wenn das Wetter ein - geſchlagen haͤtte. Und Herr Hoff-Rath Hoffmann hat(a)in obſervat. Phyfico-Chymicis lib. 3. ob - ſerv. 15 p. 340. einen faſt gleichen Zu - fall erzehlet, der ſich A. 1698 in der Apothe -cke445und andern Feuer-Zeichen. cke zu Zellerfeld auf dem Hartze zugetragen, da er ſelbſt alles in Augenſchein genommen. Es wurde nemlich eine ſtarcke Retorte mit balſamo ſulphuris feſte verſtopfft in Sand geſetzet und ihr zu ſtarck Feuer gege - ben, daß ſie mit einem entſetzlichen Krachen zerſprung. Der Junge, welcher im Hoffe bey dem Moͤrſer ſtund, fiel davon wieder die Wand, als wenn er gantz ohnmaͤchtig waͤ - re. Ein anderer, der in der Hoff-Thuͤre ſtund, fiel nieder zu Boden. Als man in das Laboratorium oder die Werckſtat kam, ſahe man daſelbſt die halbe Retorte im Sande liegen, der andere Theil mit dem Halſe war durch die Kuͤchen-Fenſter in Hoff geflogen und hatte ſie ausgeſchmiſſen und zerbrochen. Hierinnen zeiget ſich eben noch nichts ſonderliches: denn es kommet alles mit dem uͤberein, was die Verſuche zei - gen, da entweder eine Kugel durch die er - hitzte Lufft (§. 16 T. III. Exper.), oder ein groſſes Glaß durch einen entzuͤndeten Dampff zerſprungen (§. 141 T. II. Exper.). Es traͤget auch dieſes noch nichts zu Erklaͤ - rung der Wuͤrckungen des Blitzes bey, als mit denen es keine Aehnlichkeit hat Allein was nun weiter folget, iſt eben dasjenige, warum ich dieſen Zufall hier anfuͤhre. Denn indem die Retorte mit ſolchem Krachen zer - ſprungen und der darinnen enthaltene bal - ſamus ſulphuris terebinthinatus (dernichts446Cap. VIII. Von dem Blitzenichts anders iſt als Terpentin-Oele, da - rinnen Schwefel aufgeloͤſet worden) ſonder Zweiffel entzuͤndet worden; ſind durch den groſſen Knall die Keller-Thuͤre und noch ei - ne andere, die aus dem Keller in das Labo - ratorium gehet, erbrochen worden. Die Keller-Thuͤre hat es mit einigen Toͤpffen und Schuͤſſeln aus der Kuͤche in den Hoff geſchmiſſen und von der andern Thuͤre ein feſtes Schloß weggeriſſen. Aus dem Keller gieng eine Wendel-Treppe in ein Gemach: deſſen Thuͤre hat es gleichfalls aufgeriſſen und allerhand Gefaͤſſe von Porcellain, ſo aufgeſtuͤrtzet war, nieder auf den Boden geworffen, andere aber darzwiſchen unbe - ſchaͤdiget ſtehen laſſen. Die beyden Fen - ſter in ſelbigem Gemache hat es mit den Rahmen fort in den Hoff gefuͤhret. Die Fenſter bey der Thuͤre, die auf die Gaſſe ge - het, hat es ausgeſchlagen, ohne daß die Rahmen beſchaͤdiget worden. Jn einem en - gen Gemache hat es die unteren Breter auf - gebrochen und die Einfaſſung der Thuͤre nieder geriſſen, auch die Fenſter nicht unbe - ſchaͤdiget gelaſſen. Es hat uͤber dieſes die Thuͤren in der Kammer, wo die gebrandten Waſſer verwahret werden, und davon eine in die Apothecke gehet, eroͤffnet; in der Apo - thecke ſelbſt aber bloß die Fenſter aufge - macht und beſchaͤdiget, doch nicht mit ſich fortgefuͤhret. Weil nicht eigentlich be -ſchrie -447und andern Feuer-Zeichen. ſchrieben wird, wie die Gemaͤcher, welche etwas erlitten, an dem Laboratorio gele - gen; ſo laͤſſet ſich auch hiervon keine ſo um - ſtaͤndliche Erklaͤrung als von dem ſo ge - nannten Wolffe (§. 128 T. II. Exper.) ge - ben. Unterdeſſen ſiehet ein jeder, daß die Retorte durch die ausdehnende Krafft der in ihr ſtarck erhitzten Lufft zerſprungen (§. 16 T. III. Exper.) und dieſe die entzuͤndete Flamme zugleich ſchnelle durch die Lufft ge - trieben. Dieſe Flamme hat die Lufft in der Werckſtat ungemein erhitzet und da - durch ihre ausdehnende Krafft gewaltig vermehret (§. 133 T. I. Exper.), auch iſt durch den ſtarcken Knall die Lufft ſehr zu - ſammen gedruckt (§. 11 T. II. Exper.) und ihre ausdehnende Krafft vergroͤſſert worden (§. 123 T. I. Exper.). Wir finden dem - nach nichts, als eine Verſtaͤrckung der aus - dehnenden Krafft der Lufft in einem ver - ſchloſſenen Orte, was durch den Sprung der Retorte und die Entzuͤndung der darin - nen enthaltenen Materie hat koͤnnen zuwe - ge gebracht werden. Und demnach iſt kein Zweiffel, daß alles, was geſchehen, durch dieſe Krafft geſchehen ſey. Und in der That finden wir auch nichts, welches eine andere Urſache erforderte, als eine mit Ge - walt anſtoſſende Krafft. Thuͤren und Fen - ſter, die erbrochen und zum Theil mit fortge - fuͤhret worden, haben ſich der Lufft wieder -ſetzet,448Cap. VIII. Von dem Blitzeſetzet, die mit ihrer ausdehnenden Krafft ſich durch einen groͤſſern Raum auszubreiten geſucht. Woraus man erſiehet, daß die Krafft der Lufft ſtaͤrcker muß geweſen ſeyn als der Wiederſtand, den ſie bey Thuͤren und Fenſtern gefunden. Denn ſonſt waͤre es bey einer bloſſen Erſchuͤtterung geblieben. Wenn umbſtaͤndlicher waͤre angemercket worden, wie die Thuͤren in Anſehung des Laboratorii waͤren eingehaͤnget geweſen, auch was es ſonſt fuͤr eine Beſchaffenheit mit ihnen gehabt; ſo wuͤrde man alles ge - nauer erklaͤren und voͤlliger begreiffen koͤn - nen, wie die Lufft durch ihre ausdehnende Krafft dergleichen anrichten koͤnnen. Al - lein in Ermangelung genungſamer Umſtaͤn - de muͤſſen wir es dabey bewenden laſſen, und iſt uns genung, daß wir hier augen - ſcheinlich ſehen, wie eine kleine ſchweefelich - te Flam̃e die Lufft ſo ſtarck machen kan, daß ſie in einem Augenblicke ſolche Dinge ver - richten mag, dieman nicht anders als mit der groͤſten Gewalt ausrichten koͤnnte. Da wir bey dem Gewitter auch nichts weiter antreffen, als eine ſchweefelichte Flamme, die ſehr helle mit ſehr groſſem Krachen durch die Lufft faͤhret; ſo dienet dieſer ſonderbah - re Zufall in ſo weit zur Erlaͤuterung des Wetters, ſo einſchlaͤget, als wir daraus ge - wis ſind, daß die Lufft durch die Entzuͤn - dung einer ſchweefelichten Materie, davondie449und andern Feuer-Zeichen. die Flamme ſchnelle durch die Lufft faͤhret, eine unglaubliche Krafft erhalten kan, wo - durch ſie in denen ihrer Bewegung wieder - ſtehenden Coͤrpern eine derſelben gemaͤſſe Wuͤrckung hervor bringet.
Wenn wir nun erklaͤren wol -Waher die Wuͤr - ckungen des Don - nerwet - ters kom - men. len, woher der Blitz und Donner ſeine Krafft hat, dadurch er in diejenigen Coͤrper wuͤrcket, die er ruͤhret, ſo ſiehet man gar bald, daß, da der Blitz ein dichtes und ſub - tiles Feuer iſt, ſo ſehr ſchnelle durch die Luft faͤhret, und der Donner ein groſſes Krachen, ſo in der Lufft verurſachet wird, die Wuͤr - ckungen des Donner-Wetters von drey - erley Art ſeyn muͤſſen. Einige verrichtet das Donner-Wetter durch die Krafft des Feuers, an dere durch die Krafft des Knalles noch andere und zwar die meiſten durch die ausdehnende Krafft der Lufft, wovon abſon - derlich der ſo genannte Wolff (§. 127 T. II. Exper.) und der vorige Zellerfeldiſche Zu - fall in der Apothecke (§. 127) Zeugnis ablegen. Es erlanget aber die Lufft durch den Blitz aus zweyerley Urſachen eine groſſe und faſt unglaubliche Krafft. Jndem der Donner-Strahl durch die Lufft ſchnel - le durchfaͤhret, ſtoͤſſet er ſie durch ſeine aus - breitende Flamme vor ſich vorher, indem ſie nicht ſo geſchwinde zur Seiten ausweichen kan, und durch ſeine Hitze erwaͤrmet er ſie.
(Phyſick) F f§. 328450Cap. VIII. Von dem BlitzeVon dem Feuer des Blitzes kommet es her, daß das Donner-Wetter anzuͤndet, wo es einſchlaͤget und zwar bren - net es nur an den Orten, wo der Blitz durch - faͤhret. Ja wenn wieder bald darauf noch ein Schlag hinten nach geſchiehet, daß das Feuer wieder verloͤſchet; ſo ſiehet alle Ma - terie, wo der Blitz herunter gefahren, ſchwartz aus und kan man daher die Spur deſſelben nach dieſem finden, wenn man al - les was der Blitz verurſachet, in Augen - ſchein nimmet. Thoresby erzehlet(a)Phil. Transact. Num. 331. p. 320, daß den 5 Dec. A. 1710 nach dem alten Calen - der das Wetter in Engelland einem Gaͤrt - ner, der eben auf dem Wege war, ſo ſtarck in die Augen geleuchtet, daß er ſich nicht anders eingebildet, als wenn ihm die Haa - re brennten und das Geſichte verbrandt waͤre. Ja das bloſſe Wetterleuchten ha - be ihm auch endlich den Stab angezuͤndet, den er in der Hand hatte. Man ſiehet hier - aus, daß ſich unterweilen der Donner - Strahl zertheilen muß und die ausgebreite - te ſchweefelichte Materie nieder zu Boden faͤllet. Denn alsdenn hat ſie nicht mehr ſo viel Krafft, als wenn ſie in einem bey ein - ander iſt, kan doch aber wohl hin und wieder noch ſo haͤufig bey einander ſeyn, daß ſie eine Materie, die ſich leicht anzuͤnden laͤſſet, wuͤrcklich anzuͤndet. Jch entſinnemich451und anderen Feuer-Zeichen. mich, daß ich noch in meiner zarten Jugend in Breßlau wahrgenommen, als faſt die gantze Nacht durch ein ſehr hefftiges Gewit - ter war, welches auch in der einen Vorſtadt einſchlug und anzuͤndete, daß, ſo offte als es blitzete, das Feuer gleichſam von Himmel hernieder auf die Erde fiel und das Licht ei - ne Weile auf der Erde ſitzen bliebe, ehe es vergieng. Und ich finde, daß Brigdmann in Engelland den 16 Jul. A. 1708.(b)Phil. Transact. Num. 316. p. 137. e - ben dergleichen angemerckt. Das Licht iſt ſonſt in einem Augenblicke weg, bleibet auch nicht auf der Erde ſitzen. Derowe - gen muß in dieſem Falle mit etwas von ei - ner brennenden Materie herunter gefallen ſeyn, welche das Licht ſo lange unterhalten, biß ſie verloͤſchet. Es iſt wohl nicht zu leugnen, daß, wie ich das Wetterleuchten gleich einem hernieder fallendem Feuer geſe - hen, das Licht kaum eine oder die andere Secunde auf der Erde ſitzen geblieben: al - lein es war doch mercklich, daß man unten das ſtaͤrckere Licht ſehen konnte. Ja man ſahe auch recht das ſtarcke Licht ſich nieder - ſencken und auf der Erde gleichſam ausbrei - ten. Es mercket eben dieſer Brigdmann an daß, da dazumahl einer von dem Don - ner erſchlagen worden, der Blitz die Haare hinten an dem Nacken verſenget, ohne daßF f 2die452Cap. VIII. Von dem Blitzedie Peruque davon einigen Schaden ge - nommen, die er offen gehabt. Die Flam - me des Blitzes beweget ſich ſehr ſchnelle: eine Flamme zuͤndet in ſolcher Bewegung nicht an, wo ſie daruͤber wegfaͤhret; ſon - dern diejenigen Coͤrper leiden nur Anſtoß von ihrer Gewalt, die ihre Bewegung durch ihren Wiederſtand hemmen. Wen man den Fingerſchnelle durch die Flamme des Lich - tes beweget, wird er nicht verbrandt. Ein Holtz, damit man durch die Flamme eines ſtarcken Feuers durchfaͤhret, wird nicht an - gezuͤndet, noch verſenget, woferne nicht et - wan kleine Zaͤſerlein hin und wieder anzu - treffen ſind, welche der Flamme ſtarck wie - derſtehen. Derowegen verletzet auch der Blitz keinen Coͤrper, er mag ſo verbrennlich ſeyn als er immermehr will, wo er uͤber deſ - ſelben Flaͤche nur weg ſtreichet: wenn er ſich aber gegen ſie beweget und von ihr in ſeiner Bewegung Wiederſtand findet, ſo zuͤndet er erſt an. Herr Scheuchzer, der in Sammlung der Natur-Geſchichte ſich ſehr eifferig bezeiget, erzehlet (c), daß der Blitz, indem er vorbey gefahren, 4 zinnerne Schuͤſſeln hin und wieder an dem Rande und in der inneren Flaͤche angeſchmoltzen. Die Sachen ſchmeltzen von der Waͤrme(§ 55)(a) Sammlung von Natur - und Medicin-Ge - ſchichten A. 1718. p. 1080453und anderer Feuer-Zeichen. (§. 55) und, wenn dieſe ſehr groß iſt, wie Brenn-Spiegel und Brenn-Glaͤſer es aus - weiſen (§. 136. 138 T. II. Exp.) augenblick - lich. Da nun der Blitz eine Flam̃e iſt, die aus Entzuͤndung ſubtiler Duͤnſte entſtehet (§. 321); ſo muß auch deſſen Waͤrme ſtarck und durchdringend ſeyn und daher eben dasjenige verrichten, was anderes Feuer von gleicher Art thut. Das wunderbahr - ſte, was man von dem Schmeltzen durch den Blitz zuerzehlen weiß, iſt dieſes, daß un - terweilen der Blitz Sachen ſoll geſchmoltzen haben, ohne das Behaͤltnis zuverletzen, un - erachtet es aus einer verbrennlichen Mate - rie beſtehet, als z. E. einen Degen in der Scheide, das Geld im Beutel ꝛc. Die Sa - chen ſchmeltzen nicht durch die Flam̃e, ſon - dern durch die Waͤrme: hingegen was nicht vom Feuer angezuͤndet wird, daſſelbe wird durch die Waͤrme angezuͤndet, woferne es nicht Materien ſind, die ſich im ſchmeltzen entzuͤnden, als wie der Schwefel. Die Waͤrme faͤhret ſehr ſchnelle aus der Flam - me in Coͤrper, die ſie heruͤhret, und dringet darein nach einer ſolchen Proportion, wie ſie geſchickt ſind ſelbige anzunehmen (§. 76.). Die Flamme, wie wir erſt geſehen, zuͤndet nur an, wo ſie in ihrer Bewegung Wiederſtand findet. Derowegen wenn der Blitz an der Degen Scheide vorbey ſtreichet, ſo kan er ſie nicht anzuͤnden: deſſenF f 3un -454Cap. VIII. Von dem Blitzeungeachtet kan die ſubtile Waͤrme durch die Scheide in die Klinge dringen, welche in einerley Waͤrme mehr annimmet als die Scheide und davon ſchmeltzet. Wir ha - ben faſt ein aͤhnliches Exempel in der Kunſt, wenn wir eine bleyerne Kugel in einem Pa - piere, welches wir darum gewickelt, uͤber dem Lichte ſchmeltzen, ohne daß dadurch das Papier verletzet wird. Als den 9. Aug. 1707 das Wetter in der Nacht in einem Orte in Jrrland einſchlug, da der Blitz durch die Feuer-Mauer in die Kuͤche fuhr, aber nicht zuͤndete, war nicht allein die Kuͤ - che, ſondern auch die anliegende Kam̃er voll Dampff und Rauch und roch ſtarck nach Schwefel (d: denn da der Blitz nichts an - ders als eine Menge entzuͤndeten Schwef - fels und anderer Daͤmpffe, als etwan Sal - peters und dergleichen iſt (§. 321), die Flam - me aber die entzuͤndeten Materien nicht zer - nichtet, ſondern nur in der Lufft vertheilet (§. 85 T. II. Exper.); ſo muß die ſchwee - felichte und andere Materie, die noch nicht durch die Flamme genung aufgeloͤſet wor - den und in einem verſchloſſenen Raume keine Freyheit hat ſich auszudehnen, aller - dings einen Dampff verurſachen und zwar um ſo vielmehr, wenn darunter Materie iſt, die ſich nicht vor ſich entzuͤndet. Denn ſo ſe -hen(a) Phil. Tranſ. Num. 313. p. 36455und andern Feuer-Zeichen. hen wir, daß aus dieſer Urſache, weil der Salpeter, die Haupt-Materie unter dem Pulver (§. 31 Artill. ), ſich nicht vor ſich entzuͤnden laͤſſet, wenn es angezuͤndet wird. Esmercket auch Herr Scheuchzer(e)Breßl. Sammlungen loc. cit. p. 1081. an, daß es in dem Hauſe, wo das Wetter ein - geſchlagen, bis auf den folgenden Tag nicht nur nach Schwefel, ſondern auch nach Sal - peter gerochen. Daß aber der Blitz, in - dem er von einer Sache vorbey faͤhret, viel Waͤrme fahren laͤſſet und ihr mittheilet, wie wir vorhin angenommen, bekraͤfftiget, was abermahl Herr Scheuchzer erzehlet, daß das Waſſer in einem Glaſe warm wor - den, als der Blitz eine Magd am Arme ver - brandt, als wenn ſie mit heiſſer Butter be - goſſen wuͤrde, da ſie an dem Brunnen ſtund und das Glaß mit Waſſer in der Hand hatte.
Der Donner iſt nichts andersWuͤr - ckung des Donners als ein ſtarcker Knall, dergleichen ein Stuͤ - cke von ſich hoͤren laͤſſet, wenn es geloͤſet wird. Derowegen wo das Wetter ein - ſchlaͤget, koͤnnen eben ſolche Wuͤrckungen von dem Donner erfolgen, als von einem groſſen Knalle und Krachen obſerviret wird, wenn man ein Stuͤcke in der Naͤhe loͤſet. Nun iſt bekandt, daß von groſſem Krachen der geloͤſeten Stuͤcke nicht allein FenſterF f 4und456Cap. VIII. Von dem Blitzeund andere Sachen ſtarck erſchuͤttert wer - den; ſondern auch gar die Gewoͤlbe ſprin - gen, wie man vor dieſem unterweilen in den Feſtungen erfahren, da man noch Caſemat - ten, das iſt, unter dem Walle gemaurete Gewoͤlber gehabt, daraus man den Graben beſtrichen. Derowegen kan auch der Donner in einem Gebaͤude dergleichen ver - urſachen. Menſchen werden durch das Krachen eines geloͤſeten Stuͤckes betaͤubet und wenn es unvermuthet geſchiehet und ſie von furchtſamer Art ſind, erſchrecket, daß ſie halb todt dahin fallen, oder wenigſtens auf eine Weile gantz von ſich ſelbſt kommen. Und daher kan auch das Krachen des Don - ners in der Naͤhe dergleichen Wuͤrckungen haben. Wir finden auch einige von ſol - cher Art von denen angemercket, welche die Begebenheiten bey Donner-Wettern auf - gezeichnet. Z. E. Als A. 1717 den 1 Jul. das Wetter zu Hamburg in den St. Pe - ters-Thurm einſchlug, ertaͤubete es einen jungen Menſchen von 14 bis 15 Jahren, der auf einem Seſſel ſchlummerte, daß er ohne Sinnen und Verſtand blieb, biß er nach einiger Zeit wieder zu ſich ſelbſt kam, da man ihn mit groſſer Muͤhe durch gute Artzney wieder zurechte gebracht hatte(a)Breßl. Sammlungen der Natur - und Kunſt - Geſchichte A. 1717. p. 62. Als dasWet -457und andern Feuer-Zeichen. Wetter A. 1717. in eben dem Monathe zu Eperies in Ungarn in den Kirch-Thurm einſchlug, fiel ein Studioſus, der an dem Fenſter des Thurmes ſtund, wo der Blitz hernieder fuhr, darnieder als wenn er tod waͤre: da man ihm aber die Ader oͤf - nete, kam er wieder zu ſich ſelbſt(b)Ibid. p. 66. . Glei - chergeſtalt wurden zu Dublin in Schott - land ein Mann und Weib, die der Don - ner ruͤhrete, taub und ſtumm(c)Ibid. p. 157.
Die gewaltigſten WuͤrckungenWuͤr - ckungen des Don - ner-Wet - ters durch die Krafft der Lufft. verrichtet das Donner-Wetter durch die vermehrte ausdehnende Krafft der Lufft. Denn dieſelben erfordern weiter nichts als eine gewaltſame Krafft, der ſie zu wieder - ſtehen nicht vermoͤgend ſind, und dergleichen koͤnnen wir bey dem Donner-Wetter nir - gends finden als in der Lufft (§. 321), haben auch um ſoviel weniger daran zu zweiffeln, jemehr wir davon durch das Breßlauiſche aus dem Back-Offen gelauffene Feuer (§. 128 T. II. Exp.) und durch den Zellerfeldi - ſchen Zufall (§. 326) vergewiſſert wer - den. Es behaͤlt aber der Blitz ſeine Krafft die Lufft, wo er durchfaͤhret, zuerhitzen und zuſammen zu drucken, folgends ihre ausdeh - nende Krafft zu vermehren (§ 327), ſo lan - ge die Flamme bey einander bleibet und ſich nicht zertheilen kan. Und da es in ſtarcker Bewegung iſt, ſuchet er eben uͤberall im Ge - baͤude ſeinen Ausgang: wenn er ihn nunF f 5nicht458Cap. VIII. Von dem Blitze,nicht findet, ſo faͤhret er aus einem Orte in den andern und richtet dadurch ſo viel Un - heil an. Jn dem Hamburgiſchen Gewit - ter zerſchmetterte der Blitz den Zeiger an der Uhr in 2 Orten und zerſpaltete 2 Balcken, woran die Glocken hingen. Jn dem zu E - peries zerſplitterte es einen Sparren von dem Dache und ſtuͤrtzte eine Reihe Ziegel herunter. Er zerbrach ein eiſern Rad an der Uhr bey dem Zeiger und rieß einen Eckſtein aus der Mauer. Jn dem Wetter zu Zuͤrch, davon wir vorhin (§ 328) geredet, ſchlug der Blitz die nordliche Kappe der Feuer-Mauer herab, in dem oberſten Ga - den unter dem Dache zerſplitterte er einen hoͤltzernen Fenſter-Rahmen in lauter Stuͤ - cke, in der Kuͤche zerſchlug er den Camin und warf die Steine uͤber den Herd, druckte die Glaß-Scheiben im Fenſter auswerts ohne das Bley zu verletzen, in den Fenſter-Laden machte er ein Loch und fuhr dadurch in die Stuben, zerſchmetterte daſelbſt die Glaß - Scheiben und machte einen Riß in die Mauer, in der Feuer-Mauer ſchlug er das aufgehangene Fleiſch herab und begrub es unter Ziegel-Graus, den Bratſpieß drehete es in lauter ſchlangenfoͤrmige Circul, die thoͤnerne Gefaͤſſe mit den Bretern worden zerbrochen, das Gewoͤlbe ward zerriſſen. Wir koͤnnten mehr dergleichen Art Wuͤr - ckungen anfuͤhren, wenn es noͤthig waͤre. Denn459und anderen Feuer-Zeichen. Denn wir treffen ihrer allein noch eine ziem - liche Anzahl ſowohl in den Breßlauiſchen Sammlungen, als auch den Transactio - nibus Anglicanis an und, was in den letz - tern davon zu finden, haben Lowthorp(e)Philoſophical Transact. abridg’d Vol. 2. p. 169 & ſeqq. und Motte(f)Philoſ. Trensact. abridg’d Vol. 2. part. 3. p. 150. & ſeqq. in ihren kurtzen Begrif - fen dieſer Schrifften in ein Capitel zuſam - men gebracht.
Unerachtet die angefuͤhrtenDaß der Blitz mit der Lufft ſei - ne Krafft vereini - get. Wuͤrckungen des Blitzes von denen nicht unterſchieden ſind, welche die Lufft bey dem aus dem Back Offen lauffendem Feuer und dem entzuͤndeten balſamo ſulphuris te rebinthinato verrichtetet, (§. 330); ſo koͤnnen wir doch den Blitz ſelbſt nicht gantz davon ausſchlieſſen. Denn wir fin - den, daß Gewalt gebraucht worden, wo er hingefahren, an denen Sachen, die ſeiner Bewegung wiederſtanden. Samuel Mo - lyneux, der den Weg des Blitzes, der A. 1707 in Jrrland eingeſchlagen, genau fuͤr - gezeichnet, hat gewieſen, daß der Blitz da Gewalt gebraucht, wo er Wiederſtand ge - funden. Er ſtieß an das eine Ende der Feuer-Mauer und rieß das Geſimſe mit ei - nem Theil Ziegel hinab. Von dar fuhrer460Cap. VIII. Von dem Blitzeer in einer geraden Linie wieder das Dach und warf daſelbſt die Ziegel herab, daß er auf den Boden kommen konnte. Er durch - brach den Boden und beſchaͤdigte alles, wo er anſtieß. Wir haben dergleichen auch ſchon vorhin (§. 330) wahrgenommen. Der Blitz iſt eine Flamme, die mit einer Krafft verſehen ſich auszubreiten, und wird durch die ungemein geſchwinde Bewegung zuſam - men gehalten, daß ſie ſich nicht zerſtreuen kan (§. cit.). Eine Materie, die ſchnelle beweget wird, hat eine groſſe Krafft, ob ſie gleich an ſich nicht viel Raum erfuͤllet, und es iſt glaublich, daß auch viel Materie, die iñer - halb den Zwiſchenraͤumlein der Flamme iſt, mit durch dieſchnelle Bewegung dahin geriſ - ſen wird u. ſolchergeſtalt die eigenthuͤmliche Materie nicht eine geringe Groͤſſe erhaͤlt (§. 13). Und demnach beſitzet auch der Blitz an ſich eine groſſe Krafft, damit er Gewalt ausuͤben kan. Zu dem wiſſen wir, daß die Flamme des entzuͤndeten Pulvers wegen ſeiner ausdehnenden Krafft groſſe Gewalt ausuͤben kan, und demnach finden wir kei - nen Grund, warumb wir dem Blitze derglei - chen abſprechen wollten. Freylich iſt wohl wahr, daß die Lufft von dem Blitze eben da - hin geſtoſſen wird, wo er hinfaͤhret und da - her ihre Gewalt auch dahin erſtrecket: al - lein deswegen koͤnnen wir dem Blitze ſeine Krafft nicht abſprechen, ſondern wir erken -nen461und andern Feuer-Zeichen. nen vielmehr, daß er ſie mit der verſtaͤrckten ausdehnenden Krafft der Lufft vereiniget. Wenn aber an anliegenden Orten, wo der Blitz nicht ſelbſt hin kommet, und an ſolchen Sachen, die er nicht ſelbſt beruͤhret, Ge - walt geſchiehet; ſo hat man es der Lufft allein zuzuſchreiben. Hieher gehoͤret un - ſtreitig die gantz ſonderbahre Wuͤrckung des Blitzes, die er A. 1718 im Monathe Ju - nio zu Pritſchwalck in der Pregnitz gehabt(h)Breßl. Sammlungen A. 1718 p. 1188. 1189. Als das Wetter in das Haus ein - ſchlug, jedoch nicht zuͤndete; fielen 12 Schaafe, die ſich fuͤr dem Regen an das Haus retiriret hatten, als todt darnieder und blieben auch 8 davon wuͤrcklich todt. Als nun arme Leute dieſelben ſchlachteten und das Fleiſch kochen wollten, funden ſie, daß alle Knochen, gleich als wenn ſie im Moͤrſel zerſtoſſen waͤren, zermalmet und uͤberall ins Fleiſch vertheilet waren, und konnten nicht einen Mund voll davon genieſſen. Hier findet man eine groſſe Gewalt, welche die Schaafe uͤber und uͤber angegriffen und die Knochen insgeſammt zerſchmettert. Der Blitz kan dieſes nicht gethan haben; denn wenn er ſich ſo ſehr ausgebreitet haͤtte, waͤre ihm alle Krafft entgangen, als die er bloß deswegen hat, weil die Materie durch die ſchnelle Bewegung zuſammen gehaltenwird,462Cap. VIII. Von dem Blitzewird, daß ſie ſich nicht ausbreiten kan (§. 330). Wenn ſie ſich durch einen groſſen Raum zertheilet, verlieret ſie die Geſchwin - digkeit ihrer Bewegung und mit ihr ihre Krafft. Derowegen bleibet nichts uͤbrig als die Lufft, welche durch den Blitz eine ſo groſſe Krafft erhalten (§. 327), dem wir dieſe Wuͤrckung zueignen koͤnnten.
Man findet auch hin und wieder, daß erzehlet wird, als habe man brennende Kugeln vom Himmel fallen geſehen, die auf der Erde zerſprungen und oͤffters wie der Blitz angezuͤndet. Dergleichen hat man den 10 Aug. Abends um halb 9 Uhr A. 1717 in Schleſien und andern Orten vom Him - mel herunter fallen geſehen und zwar mit ei - ner uͤber die maaſſen groſſen Geſchwindig - keit(a)Breßl. Sammlungen A. 1717. p. 157. & ſeqq. . Jm herabfallen ſchiene ſie zuzer - ſpringen und daurete 15 bis 20 Secunden. Sie zog einen langen lichten Schwantz nach ſich, welcher noch eine Zeit nach der Verloͤſchung in Form eines weißlichten und leichten Streiffens zubemercken war. Die Lufft ward ſo ſtarck erleuchtet, daß man meinte es gienge eine ſtarcke Feuers-Brunſt auf. Bey dem Herabſchieſſen hoͤrete man gar kein Geraͤuſche und der Himmel war bey Nord Nord-Weſt-Winde gantz helle. Jn Breßlau, wo man dieſen Feuer-Ballenſo463und andern Feuer-Zeichen. ſo obſerviret, wie jetzt gedacht worden, ſind die gantze Nacht durch ungewoͤhnlich viel Sterne herunter gefallen. Es wird ver - ſichert, daß man dieſen Feuer-Ballen auch in den Fuͤrſtenthuͤmern Schweidnitz, Glo - gau, Jauer, Liegnitz, Wohlau, Oels, Brieg ꝛc. ingleichen in der Laußnitz, in Pohlen, in Reußland, Preußen, Curland Ober-Ungarn ꝛc. auf einerley Art zu einer Zeit obſerviret. Weil man es ſo weit und an gar ſo verſchiedenen Orten geſehen, ſo muß es ſehr hoch geſtanden ha - ben, woferne nicht etwan an verſchiedenen Orten beſondere Feuer-Ballen aus einerley Art der Materie erzeuget worden: welches noch glaublicher ſcheinet, als daß die dazu noͤthige Materie ſo gar hoch ſoll geſtiegen ſeyn, zumahl da die Bewegung von ferne nicht geſchwinde ſcheinet (§. 91 Opt.). Bar - ham hat in Jamaica einen Feuer-Ballen in der Dicke einer Bombe ſehr ſchnelle her - unter fallen geſehen und als er den Ort ge - ſucht, wo er hin gefallen, hat er eine Vier - tel-Meile von der Stadt Leute bey einer Grube angetroffen, welche viele tieffe Loͤcher gehabt, die ſie mit ihren Staͤben nicht er - gruͤnden koͤnnen, und vorgegeben, daſelbſt waͤre eine feurige Kugel niedergefallen(b)Phil. Transact. Num. 357. p. 148. Ei -464Cap. VIII. Von dem BlitzeEinige Naturkuͤndiger behaupten mit dem Gaſſendo, als wenn der Blitz eine Feuer-Ku - gel waͤre, die durch ihr Zerſpringen den Donner verurſachte und wie eine Bombe dasjenige beſchaͤdigte, wo ſie hinfiele, indem ſie zerſpringe. Allein gleichwie wir vorhin ge - ſehen, daß wir die Wuͤrckungen des Blitzes ohne dergleichen Kugeln begreiffen koͤnnen (§. 321 & ſqq), ja aus den Umſtaͤnden, da der Blitz ſeine Gewalt an vielen Qrten des Ge - baͤudes nach einander ausgeuͤbet, genung - ſam zuerſehen, daß ſich dieſelben durch das Zerſprengen einer Kugel keinesweges erklaͤ - ren laſſen; ſo iſt auch gar nicht glaublich, daß in der Lufft hohle Kugeln entſtehen, die mit einer feurigen Materie erfuͤllet ſind und ſich mit Bomben vergleichen laſſen, maſſen wir in den Obſervationen nicht den geringſten Grund dazu finden. Es iſt ein bloſſer Klumpen der aus ſchweefelichten und viel - leicht andern mit dazu geſelleten Materien beſtehet, und wohl eben keine kugelrundte Figur haben mag, ſondern vielmehr eine ungefehre, wie Coͤrpern gewoͤhnlich iſt, die aus einem Hauffen in der Lufft verſammle - ter Ausduͤnſtungen beſtehet. Denn es iſt bekandt, daß ein eckichter Coͤrper in der Weite rundt ausſiehet, als wie ein viere - ckichter Thurm in der Weite fuͤr rundt angeſehen wird. Ob man gleich auch unterweilen vorgiebet, als ſey die Kugel zer -ſprun -465und andern Feuer-Zeichen. ſprungen; ſo ſiehet man leicht, daß dieſes nichts weiter zuſagen hat als daß das Feuer ſich zertheilet und von einander gefahren. Der erſte Feuer Ballen ſcheinet mir einer - ley zu ſeyn mit dem Feuer Zeichen, welches A. 1721 hier in Halle geſehen worden und davon ich ſchon zu anderer Zeit meine Gedancken eroͤffnet(b)in Actis Erudit. A. 1708. p. 526.
Jn der Lufft hat es nichts andersWoher alle Feu - er-Zei - chen in der Lufft kommen. als Ausduͤnſtungen von verſchiedener Art: derowegen was in der Lufft erzeuget wird, muß aus Ausduͤnſtungen ſeinen Urſprung nehmen. Was ſtarck leuchtet, ſich ſehr ſchnelle beweget und bald wieder vergehet, muß aus einer Materie beſtehen, die ſich entzuͤndet, wie wir vorhin an dem Blitze (§. 321) ein Exempel gehabt. Denn dieſes alles ſind Eigenſchafften des Feuers und in der Lufft ſind Materien vorhanden, die ſich entzuͤnden (§. cit.). Hingegen wenn etwas in der Lufft zwar leuchtet, aber keine ſchnelle Bewegung hat, ſondern vielmehr lange an einem Orte des Himmels ſtehen bleibet; das iſt nicht wuͤrcklich entzuͤndet, ſondern beſtehet bloß aus einer leuchtenden Materie, die ſich entzuͤnden laͤſſet, oder doch nicht gnungſame Urſachen hat, warum ſie ſollte entzuͤndet werden. Coͤrper, die aus Ausduͤnſtungen entſtehen, bekommen eine(Phyſick) G gohn -466Cap. VIII. Von dem Blitzeohngefehre Figur, nachdem entweder die Menge der Materie, oder der Wiederſtand der Wolcken und Lufft, oder auch die Art der Verſammlung es mit ſich bringen. Und dieſes iſt die Urſache, warumb die Feu - er-Zeichen, die in der Lufft entſtehen, aller - hand Arten der Figuren und davon ver - ſchiedene Nahmen bekommen, als bald des fliegenden Drachens, bald eines herab fal - lenden Sternes, bald fliegender Funcken, bald ſpringender oder huͤpffender Ziegen, bald brennender Fackeln und Balcken und ſo weiter fort. Von welchen allen ich nicht noͤthig erachte ins beſondere zureden, weil doch von keinem ſich nichts weiter ſa - gen laͤſſet, als daß man die gegebene allge - meine Erklaͤrung bey einem jeden inſonder - heit wiederhohlet. Jch erinnere nur noch dieſes, woher es kommet, daß man insge - mein von den Feuer Zeichen viel ſeltſames erdichtet. Die meiſten, da ſie in der Geo - metrie nicht geuͤbet ſind, haben keine allge - meine Erkaͤntnis von den Figuren. De - rowegen, wenn ſie von der Figur einer vor - kommenden Sache urtheilen ſollen, fehlet es ihnen an allgemeinen Gruͤnden, dadurch ſie ein Urtheil zu faͤllen vermoͤgend waͤren. Sie beſinnen ſich demnach bloß auf andere Dinge, die ſie vorher geſehen, und etwas Aehnlichkeit in der Figur mit dem gegen - waͤrtigen gehabt. Daher faͤllet einem die -ſes,467und andern Feuer-Zeichen. ſes, einem andern etwas anders ein §. 238. Met.), und alſo machet einer dieſes, ein an - derer etwas anders daraus.
Unter allen Feuer-Zeichen iſtBeſchrei - bung des Nord - ſcheines. von einigen Jahren her keines beruͤhmter als der ſo genannte Nord-Schein, den man vorher entweder gar nicht vermercket, oder wenigſtens nicht acht darauf gehabt, von A. 1716 an aber vielfaͤltig obſerviret. Als er in ermeldetem Jahre viele ſo wohl in, als auſſerhalb Deutſchlande, und in - ſonderheit auch die Jnwohner unſerer Stadt in Verwunderung ſetzte, habe ich meine Gedancken davon in einer lectione publica eroͤffnet und nach dieſem auch zum Drucke befoͤrdert(a)Gedancken von dem ungewoͤhnlichen Phæno - meno. . Wie daſſelbe in verſchiedenen Orten obſerviret worden, wird in den Actis Eruditorum(b)A. 1716. p. 357. & ſeqq. weit - laͤufftig erzehlet. Jn Engelland hat ſowohl Herr Halley dieſes, als andere nach ihm haben andere obſerviret, die aus verſchiede - nen Stuͤcken der Transactionum Angli - canarum in den Auszug derſelben Benja - min Motte zuſammen getragen(c)Philoſ Transact. abridged Vol. 2. part. 3 p. 116 & ſeqq. . Als A. 1721 in der Nacht zwiſchen dem 1 und 2 Martii ſich das Nord-Licht in einer ſon -G g 2der -468Cap. VIII. Von dem Blitzederbahren Geſtalt zeigete; ſo hat es Herr Johann Wilhelm Wagner, vorher Koͤ - nigl. Aſtronomus in Berlin, nun aber Profeſſor Matheſeos in Hildburghau - ſen, in dieſem letzteren Orte ſehr genau ob - ſerviret u. mir ſeine Obſervation zugeſchickt, die ich an ſtat der Beſchreibung dieſes ſelt - ſamen Lichtes hier einruͤcken will. Es praͤ - ſentirete ſich Abends um 8 Uhr ein groſſer und ziemlich breiter heller Bogen von Nord Oſt ohngefehr biß Weſt gen Suͤden. Sein Mittel oder ſeine Hoͤhe reichte faſt bis an die Caſſiopeam; die Schenckel bis an Horizont und waren unten mercklich breiter. Der Raum innerhalb dem Bogen war gantz dunckel und darin - nennoch ein andeꝛer kleiner heller Bogen, der nicht den Horizont erreichte. Unerachtet innerhalb den Bogen der Himmel viel dun - ckeler war als an andeꝛn Oꝛten, ſo konte man doch darinnen, wie auch in den hellen Bogen ſelbſt die Sterne ſehen, ja ſo wohl die groſſen als kleinen auf das deutlichſte unterſcheiden. Aus dem oberen Bogen fuhren oͤffters hier und da weißlichte Strahlen als Saͤulen gleichſam wie Raqueten in die Hoͤhe und ſtiegen zum Theil ziemlich hoch. Umb 10 Uhr und etwas daruͤber fuhren auf einmahl ſo viel weiſſe Strahlen dicht an einander auf, daß ſie als Palliſaden nach einander wegſtunden, und geſchahe der Anfang von dem Weſt Ende. Man ſahe dergleichenauch469und andern Feuer-Zeichen. auch noch einmahl um halb 12 Uhr, da mitt - ler Weile immer bald da, bald dort ſich ein - tzele zeigeten. Alle mit einander daureten nur eine kurtze Zeit; wehrender Daure haben ſich einige von Weſten gegen Oſten etwas fort beweget. Der Wind aber war dazumahl Oſt. Um 12 Uhr ſchiene der Himmel gleichſam in weiſſe Flammen zu - gerathen und zu brennen, und ihr Lodern ſahe aus als wenn der Wind auf dem Fel - de die Aehren an den Halmen beweget, ſo bald reiffen wollen, nur daß die Bewegung hier viel ſchneller war. Oeffters entſtun - den hier und da, wo die Sterne am helle - ſten glaͤntzten, kleine Blitze oder weißlichte und blaulichte Flammen, welche augen - blicklich verſchwunden: die lodernden Flammen aber fuhren bis uͤber das Zenith weg und kreutzeten ſich daſelbſt. Der gan - tze Himmel war rein von Gewoͤlcke, der Horizont heller als wenn der volle Mond ſcheinet. Zuweilen brachen in dem duncke - ckelen Raume zwiſchen den beyden Bogen helle Flecken hervor, welches einen Anblick verurſachte als ob die Soñe oder der Mond aufgehen wollte. Dieſes geſchahe noch vor Mitternachte: das Lodern der Flam - men aber hat mit dem Blitzen bis um 3 Uhr gewehret, worauf ſich endlich die Materie in 3. Theile zertrennet, ſich nach Suͤd-Weſt, Weſt und Nord-Weſt gezogen und ver - ſchwunden. Es iſt dieſes Licht faſt auffG g 3gleiche470Cap. VIII. Von dem Blitzegleiche Art bey uns in Halle geſehen worden: allein ich ſelbſt bin deſſen nicht gewahr wor - den. Auſſer den umſtaͤndlichen Nachrich - ten, die wir in den Actis Eruditorum(a)A. 1716. p. 357 & ſeqq. A. 1709 p. 162. A. 1711. p 4. &. 325. A. 1721. p 157. 161 antreffen, finden wir noch mehrere in den Miſcellaneis Berolinenſibus(b)p. 131. & ſeqq. und in den Transactionibus Anglicanis, wel - che Herr Motte zuſammen getragen(c)Philoſ. Transact. abridg’d Vol. 2. part. 3. p. 136. & ſeqq. . Darunter treffen wir inſonderheit die Nachricht an, welche der beruͤhmte Halley gegeben, wo er unter andern auch anfuͤhret, daß Cornelius Gemma, ein Sohn des be - kandten Mathematici Gemmæ Friſii, A. 1575 zu zweyen mahlen in Brabant und der beruͤhmte Aſtronomus Michael Mœſt - linus A. 1580 zu Tuͤbingen eben dieſen Nord-Schein obſerviret. Was vorhin von der feurigen Kugel geſaget worden, ſo man an ſo vielen Orten auf einmahl geſe - hen, ſcheinet mehr mit dieſer Erſcheinung, als mit dem ordentlichen Donner einige Verwandnis zu haben (§. 322).
Weil der Nord-Schein nicht allein einen ſo groſſen Theil des Himmels einnimmet, ſondern auch darinnen ſehr ſchnelle Bewegungen verſpuͤret werden, da man augenſcheinlich ſehen kan, wie ſie durchviele471und andern Feuer-Zeichen. viele Grade faſt in einem Augenblicke ge - ſchiehet (§. 334) und inſonderheit auch die Bewegung des Him̃els nicht mit den Ster - nen gemein hat; ſo kan die Materie deſ - ſelben nicht hoch im Himmel, ſondern ſie muß vielmehr in unſerer Lufft ſeyn. Wer den Nachdruck dieſes Schluſſes begreiffen will, der muß ſich aus der Aſtronomie die Weite der Planeten und Fixſterne vorſtel - len (§. 549. 575 Aſtron.). Da nun alles, was in unſerer Lufft entſtehet, ſeinen Ur - ſprung von Ausduͤnſtungen hat, die darin - nen anzutreffen und von der Erde auffteigen (§. 333); ſo kan auch das Nord-Licht kei - nen andern Urſprung haben. Halley hat erinnert, daß der Bogen in dem groſſen Nord-Scheine von A. 1716 Farben ge - habt und daß dieſe Farben ſehr viele wahr - genommen. Man hat aber die Farben nicht allein in Engelland angemercket, ſon - dern auch Herr Boͤtticher hat in Eisleben den Bogen mit Regenbogen geſehen, die a - ber ſehr ſchwach geweſen(d)Acta Erud. A. 1716. p. 359. Halley hat auf dieſen Umſtand inſonderheit acht und weil bekandt iſt, daß dergleichen Farben durch die Refraction des Lichtes entſtehen (§. 158 T. II. Exper.), wie wir es auch o - ben bey dem Regen Bogen (§. 292) geſe - hen, ſo ſchließt er daher, daß die Materie dieſer ſeltſamen Erſcheinung das Licht muͤſ -G g 4ſe472Cap. VIII. Von dem Blitzeſe gebrochen und dadurch in Farben ver - wandelt haben. Weil nun dazumahl we - der der Mond, noch die Sonne uͤber dem Horizont, ja dieſe inſonderheit ſo tieff unter dem Horizont war, daß ſie unſere Lufft nicht mehr erreichen konnte, ſo nimmet er deswe - gen an, daß die Materie auſſer unſer Lufft, ob zwar nicht gar zuweitvon ihr geſtanden. Nun wird niemand zugeben, daß die Aus - duͤnſtungen aus unſerer Erde auſſer unſerer Lufft kommen, und daher mag es Halley auch ſelbſt nicht annehmen. Er kommet demnach auf die Gedancken, als ein Mann der mit dem Magneten viel zuthun gehabt (§. 238. Met.), daß die magnetiſche Mate - rie, die ſich umb die Erde von einem magne - tiſchen Pole bis zu dem andern beweget (§. 39. 40 T. III. Exper.), an dieſer Begeben - heit Urſache ſey. Allein da wir nicht wiſ - ſen, ob die magnetiſche Materie ſo weit von der Erde ausſchweifft, noch auch ob ſie in ſolche Bewegung geſetzt werden kan, daß ſie helle leuchtet, ja ob ſie ſo dichte iſt, daß ſie das Licht ſo ſtarck brechen kan, als zu der Verwandelung in Farben erfordert wird; auch bey der magnetiſchen Materie, die um die ſtaͤrckſten Magneten ſich bewe - get, noch von niemanden das geringſte von dergleichen Dingen angemercket worden: ſo werden hier viel Dinge angenommen, von denen man noch nicht weiß ob ſie moͤg -lich472[473]und andern Feuer-Zeichen. lich ſind, und, wenn ſie auch moͤglich waͤren, ob ſie eine genungſame Urſache von dieſer Begebenheit ſeyn koͤnnten. Derowegen hat dieſe Meinung gar wenig Wahr - ſcheinlichkeit vor ſich, als die daraus beur - theilet werden muß, daß viel oder wenige Gruͤnde vorhanden ſind, die zur Wahrheit erfordert werden (§. 399 Met.). Es iſt a - ber auch nicht noͤthig, daß wir auf eine ſo gar weit ausſchweiffende Urſache verfallen: denn wenn wir die Sache genauer uͤberle - gen, ſo duͤncket mich, man koͤnne die Urſache von den Farben naͤher finden. Als ich mei - ne Gedancken A. 1716. von dieſer ſonder - bahren Begebenheit eroͤffnete, war mir der - ſelbe Umſtand noch nicht bekand und konnte ich dannenhero auch nicht darauf acht ha - ben. Es iſt wahr, daß, wenn der Bogen mit Regenbogen-Farben geſpielet, er das Licht nicht von ſich gehabt, ſondern es an - ders woher empfangen hat. Denn die Farben entſtehen, indem das Licht gebro - chen wird (§. 158 T. II. Exper.): keine leuchtende Materie aber kan ihr eigenes Licht brechen, indem es nicht eher gebrochen wird, als bis es aus einer duͤnneren Mate - rie in eine dichtere, oder aus einer dichteren in eine duͤnnere faͤhret (§. 147 T. II. Exp.). Nun haben wir zwar kein anderes Licht als das Nord-Licht uͤber dem Horizont: al - lein es kan auch dieſes eine genungſame Ur -G g 5ſache474Cap. VIII. Von dem Blitzeſache ſeyn einen Bogen mit Farben hervor zubringen. Und folget daraus nur dieſes, daß das Nord-Licht, welches es ſo helle macht unterſchieden ſeyn muß von dem Bo - gen, von den auffteigenden Strahlen und von den lodernden Flammen. Das Licht an ſich iſt heller als wenn der volle Mond ſcheinet, welches in allen Obſervationen be - kraͤfftiget wird, die mir zu Haͤnden und zu Ohren kommen. Das Mond-Licht brin - get nicht allein Farben im Hoffe hervor (§. 307), ſondern unterweilen auch im Regen - bogen, wie Thoresby A. 1710 dergleichen Obſervation beygebracht(a)Phil. Transact. Num. 331. p. 320. Der Hoff (§. 306) und Regenbogen (§. 303) bleiben auch oͤffters nur weiß und helle. Kan nun das Monds-Licht helle und farbichte Bo - gen in unſerer Lufft hervor bringen; ſo muß ein anderes, welches ſtaͤrcker iſt als daſſelbe, noch mehr dieſe Wuͤrckung haben. Wir finden es aber noch mehreren Umſtaͤnden ge - maͤß, daß das Licht muß unterſchieden ſeyn von dem Bogen. Der Raum innerhalb dem Bogen iſt dunckeler, als der uͤbrige Himmel herum, welches uͤberall angemercket worden, wo man einen Bogen geſehen. Und unterdeſſen iſt gleichwohl daſelbſt keine dun - ckele Wolcke, maſſen man die Sterne da - rinnen ſiehet und gantz eigentlich erkennenkan.475und anderen Feuer-Zeichen. kan. Es muß demnach eine andere Urſache haben, woher es kommet, daß uns derſelbe Raum ſo dunckel ansſiehet. Wir haben bey dem Hoffe umb den Mond und die Sonne (§. 307), ingleichen bey den Ne - ben-Monden und Neben-Sonnen (§. 313) geſehen, daß durch beſondere Coͤrperlein in der Lufft ein heller Bogen mit einem inne - ren dunckelen Raume entſtehen kan. Un - erachtet es hier nun eben nicht voͤllig ſo wie dort zugehet; ſo ſiehet man doch hieraus ſoviel, daß die Materie der ſeltenſten Be - gebenheiten in der Lufft von dem ſtarcken Lichte unterſchieden, ſo zwiſchen ihm und unſeren Augen iſt. Weil demnach die Materie des Bogens und der uͤbrigen Be - benheiten in unſerer Lufft anzutreffen und zwar eben nicht gar hoch, das Licht aber viel hoͤher daruͤber; ſo laͤſſet ſich am beſten be - greiffen, warum das helle Licht uͤberall gleich ſtarck geweſen, in dem uͤbrigen aber ſich gar ein groſſer Unterſcheid befindet, wie die in den Actis Eruditorum A. 1716. befindliche Figuren zeigen, die auf einem Blate neben einander ſtehen. Und wird hierdurch be - kraͤfftiget, was ich ſchon damals, als ich noch mit gar wenigen Obſervationen verſehen war, behauptet, daß, was man in verſchie - denen Orten geſehen, nicht eben daſſelbe, ſondern nur eben von der Art geweſen: der - gleichen auch nach dieſem Halley in En -gelland476Cap. VIII. Von dem Blitzegelland(b)Phil. Transact. Num. 316. p. 137. und Maraldi in Franckreich(c)Momoires del’ Acad Roy des Scienc. A. 1716. p. m. 155 behauptet. Und ſo ſiehet man auch, wie es moͤglich iſt, daß unterweilen ein bloſſes Licht, unterweilen dabey ein ſtiller Bogen, unterweilen ein Bogen mit Strahlen - Schieſſen, unterweilen ſchieſſende Strah - len ohne Bogen, unterweilen lodernde Flammen, unterweilen ein feuriger Him - mel, als wenn er brennte, unterweilen aber noch was anders geſehen wird. Und eben daraus iſt klar, daß das Licht an viel Orten kan geſehen werden, unerachtet die Materie des Bogens und der Strahlen, ingleichen anderer Zufaͤlle ſehr niedrig iſt. Denn daß dieſelbe nicht hoch ſeyn kan, hat ſchon Roͤmer(d)in Miſcellan. Berolin. p. 133. dadurch erwieſen, daß es in ei - ner Weite von zwey Meilen ſchon dem Scheitel-Puncte mercklich naͤher geweſen. Er mercket auch an, daß in Norwegen und Eißland dergleichen alle Jahr geſehen wird. Nun wird auch das helle Licht bey naͤchtli - cher Weile gegen Norden keinesweges er - dichtet, denn ich beſinne mich ſelbſt, daß vor weniger Zeit von einem, bey dem ich mich wegen des Zuſtandes der weit gegen Nor - den gelegenen Laͤnder erkundiget, vernom -men,477und anderen Feuer-Zeichen. men, daß des Winters ſehr offte ein Licht gegen Norden ſcheine, welches es ſo helle macht, als wenn ſie Mond-Schein haͤtten. Wenn die Lufft mit duͤnnen waͤßerigen Duͤnſten erfuͤllet und das Licht der bald auf - gehenden Sonne ſcheinet darein; ſo gewin - net es das Anſehen, als wenn der Himmel brennte (§. 204). Da nun das Nordlicht ſich unterweilen eben ſo zeiget, als wenn die Sonne in Norden aufgehen wollte und dar - auf der Himmel gleichſam zubrennen anfaͤn - get; ſo brauchen wir auch darzu keine an - dere Urſache, als daß in unſerer Lufft duͤnne Duͤnſte zerſtreuet ſind. Es iſt auch nicht viel daran gelegen, ob ſie waͤßerig ſind, oder gefroren, denn wir ſehen auch im Winter vor dem Aufgange der Sonne unterweilen den Himmel brennen. Wenn der Rauch aufſteiget und von der Sonne erleuchtet wird; ſo gewinnet es das Anſehen, als wenn lodernde Flammen in die Hoͤhe ſtie - gen. Derowegen koͤnnen auch die lodern - dern Flammen bey dem Nord-Scheine bloß daher kommen, weil duͤnne aufſteigen - de Daͤmpffe ſtarck erleuchtet werden. Von allen dieſen Umſtaͤnden war mir damahls nichts bekandt, als ich A. 1716 meine Ge - dancken von dem Nord-Scheine eroͤffnete und deswegen habe ich mich auch nicht be - muͤhet die Urſache davon zu unterſuchen. Daß aber das Brennen des Himmels unddie478Cap. VIII. Von dem Blitze,die lodernde Flamme bloß eine zufaͤllige Ur - ſache in der unteren Lufft haben, die von dem Nord-Lichte an ſich unterſchieden, wird da - durch beſtetiget, weil man dieſelben nicht uͤ - berall, auch nicht auf einerley Art, wo man ſie obſerviret, ſiehet. Z. E. A. 1716. ſahe man den Himmel in Dantzig uͤber und uͤ - ber mit lodernden Flammen gleichſam brennen(a)Acta Erud. A. 1716. p. 361. 362. , da ſich bey uns in Halle und in benachbahrten Orten nichts dergleichen zeigete. Und iſt merckwuͤrdig, daß man keinen Bogen ſahe, als der Himmel brann te; nachdem aber das Brennen vorbey war, ſich von neuem ein Bogen ſehen laſſen: welcher Umſtand abermahl ſich am beſten mit dazu ſchicket, wenn wir die Urſache deſ - ſelben und des Brennens, ingleichen der lodernden Flammen naͤher in der Lufft ſu - chen als das Licht. Wenn wir nun aber ferner fragen, was denn aber das Licht fuͤr eine Urſache habe; ſo ſehen wir leicht daß, da Sonne und Mond ihr Licht nicht zu uns bringen koͤnnen, eine leuchtende Materie oben in der Lufft muͤſſe zugegen ſeyn. Und da wir aus allen vorhandenen Obſervatio - nen finden, daß man nicht allein in dem hellen Bogen, ſondern auch in den aufſtei - genden Strahlen die Sterne gantz eigent - lich geſehen; ſo muß die Materie ſehr duͤn -ne479und andern Feuer-Zeichen. ne und ſubtile ſeyn. Derowegen da ſich die Materie uͤber die maaſſen ſubtile theilen laͤſſet (§. 3), daß man mit gar weniger einen ſehr groſſen Raum erfuͤllen kan, ſo doͤrffen wir es uns ſoviel weniger befremden laſſen, daß dieſelbe zu gleicher Zeit durch viele Laͤn - der ausgebreitet wird. Weil diejeni - gen, welche weit gegen Norden wohnen, bekraͤfftigen, daß bey ihnen des Nachts, ja oͤffters die gantze Nacht durch ein helles von Norden erſcheinet; ſo muß die leuch - tende Matrrie durch Winde von daher ge - bracht werden. Und dieſes iſt die Urſache, warum wir dieſes Licht beſtaͤndig und uͤ - berall gegen Norden ſehen. Denn wenn die Materie weiter herauf getrieben wird, ſo zerſtreuet ſie ſich, daß man ſie nicht mehr wahrnimmet. Es iſt wohl wahr, daß un - ten kein Nord-Wind gewehet, als der Nord - Schein A. 1721 obſerviret ward (§. 343): allein man ſiehet eben daraus, daß die leuch - tende Materie muͤſſe ſehr hoch geſtanden ſeyn, hoͤher als die Wolcken zu ſtehen pfle - gen. Wir finden in der Lufft keine Mate - rie, die heller leuchtet, als die Materie des Blitzes. Und da man niemahls ohne Noth andere Materien erdichten ſoll, wenn einige vorhanden, von denen man die zuer - klaͤrende Wuͤrckungen erwarten kan; ſo ſehe ich auch nicht den allergeringſten Grund vor mir, warumb ich nicht die leuch -ten -480Cap. VIII. Von dem Blitzetende Materie oben in der Lufft mit der Materie des Blitzes fuͤr einerley halten ſol - te. Daß aber kein Blitz daraus erzeuget wird, iſt die Urſache dieſe, weil die Materie zu ſehr ausgebreitet, und nicht dicke genung bey einander iſt, daß ſie ſich entzuͤnden koͤn - te (§. 321). Und deswegen habe ich den Nord-Schein ein unvollkommenes Gewit - ter genennet. Was die Strahlen betrifft, welche in die Hoͤhe ſchieſſen; ſo ſiehet man wohl, daß ſich eine Materie in die Hoͤhe be - wegen muß. Es iſt aber die Frage, ob es bloß Duͤnſte und Daͤmpffe in der unteren Lufft ſind, die von dem ſtarcken Lichte er - leuchtet werden, oder ob es viel mehr ſelbſt von der Materie iſt, welche leuchtet. Da dieſe Strahlen ſich dem Winde entgegen beweget (§. 343) koͤnnen ſie nicht in der nie - drigen Lufft geweſen ſeyn, wo die Wol - cken und Duͤnſte ſind, die von dem Winde getrieben werden. Es iſt wohl wahr, daß es das Anſehen unterweilen hat, als wenn ſie aus dem Bogen fuͤhren, wie es auch vie - le beſchreiben, die den Nord-Schein obſer - viret: allein wir finden auch, daß Strah - len in die Hoͤhe ſchieſſen, wo kein Bogen ge - ſehen wird, gleichſam als wenn ſie aus dun - ckelen Wolcken kaͤmen(b)Acta Erud. A. 1716. p. 360: ja auch, daßStrah -481und andern Feuer-Zeichen. Strahlen in die Hoͤhe geſchoſſen, die inner - halb dem Raume, der zwiſchen den Bogen iſt, ihren Anfang genommen(c)Ibid. p. 358. 363. . De - rowegen kan man nicht ſagen, daß die Strahlen aus dem Bogen kommen. Gleich - wie aber dasjenige, was wir von dem Bo - gen behauptet, dadurch beſtaͤrcket wird, daß deſſen Materie ſich in kleine Woͤlcklein zu - ſammen gezogen, die wie andere Wolcken am Himmel geſtanden und ſich fort bewe - get(d)In Miſſellan. Berlon. p. 135. & Act. Erud. loc. cit. p. 359. ; alſo zeiget gar eigentlich, was Herr Kirch(e)Act. Erud. loc. cit. p. 363. obſerviret, daß die Strah - len aus der leuchtenden Materie ihren Ur - ſprung genommen: Denn er hat rundte Klumpen wie Feuer wahrgenommen, dar - aus die Strahlen in die Hoͤhe geſchoſſen. Woraus man abnehmen kan, daß, wenn einige von der leuchtenden Materie concen - triret worden, dieſelbe ſich dadurch entzuͤn - det und in die Hoͤhe geſtiegen: wodurch die Aehnlichkeit mit dem Blitze noch mit mehrerem befeſtiget wird (§. 321.). Uner - achtet aber die Strahlen bloß wie eine Ra - qvete gerade auf in die Hoͤhe gefahren, ſo muß es doch aus optiſchen Gruͤnden das Anſe - hen haben, als wenn ſie gleichſam ſchief ge - gen das Zenith herauf fuͤhren: welches(Phyſick) H hhier482Cap. VIII. Von dem Blitzehier weitlaͤufftiger auszufuͤhren ſich nicht ſchicket, wo wir die Mathematiſche Lehren, ſo viel nur immer moͤglich iſt, bey Seite ſe - tzen, damit auch diejenigen keinen Anſtoß finden, welche die Mathematick nicht ver - ſtehen. Wer auf dieſes alles acht hat, was hier geſagt worden, der wird gar leicht ur - theilen, welche Zeichen, die man in Him - mel geſehen zu haben in den Geſchichten vorgiebet, ſich hieher ſchicken und zugleich ihre Erklaͤrung gefunden, woferne man nur dabey mercket, was von Beurtheilung der Figur oben (§. 342.) angemercket worden.
Auſſer den feurigen Erſcheinun - gen in der oberen Lufft treffen wir auch ei - nige in der unteren an, davon die Jrr - lichter oder, wie ſie andere nennen, die Jrrwiſche die beruffenſten ſind. Sie er - ſcheinen bey naͤchtlicher Weile in ſumpf - figen und moraſtigen Orten, ingleichen auf den GOttes Aeckern und Schind-Angern, wie Lichter und bewegen ſich bald auf, bald nieder; bald hieher, bald dorthin; dauren auch viele Stunden, ehe ſie vergehen. Man giebet insgemein vor, als wenn ſie die Rei - ſenden in ſuͤmpffige und moraſtige, auch andere gefaͤhrliche Oerter verfuͤhreten; de - nen nachlieffen, die fuͤr ihnen lieffen; hin - gegen von denen ſich entferneten, die auf ſie loß giengen; abſonderlich aber denen ſich naͤherten, die betheten, und denen vom Hal -ſe483und andern Feuer-Zeichen. ſe giengen, die dapffer fluchten. Daher es auch geſchehen, daß man ſie fuͤr Geſpen - ſter gehalten, oder wenigſtens geglaubet, es habe der Teuffel ſein Werck dabey. Weil die Jrrlichter in der Lufft entſtehen, ſo muͤſ - ſen ſie gleichfals aus einer Materie beſte - hen, die aus der Erde ausduͤnſtet. Und hier muͤſſen dieſe Ausduͤnſtungen grob ſeyn, weil ſie in der untern Lufft verbleiben, die von ſchwererer Art iſt als die obere (§. 189. Phyſ. & §. 4. T. I. Exper.). Da ſie ſo lan - ge dauren, ohne daß ſie ſich verzehren, kan die Materie nicht entzuͤndet ſeyn. Es iſt demnach bloß eine Materie, die im finſtern leuchtet. Sie muß auch etwas feſte an ein - ander hangen, weil ſie ſich nicht zertheilet, unerachtet ſie in der Lufft hin und wieder getrieben wird. Und daher iſt es nicht gantz unwahrſcheinlich, was Robert Fludd obſerviret haben will, der einem Jrrlich - te entgegen gegangen, bis er es erhaſchet und, als er es zur Erde nieder geſchlagen, ge - funden, daß es bloß eine zehe Materie wie froſchleich ſey, wie Dechales(a)In Tract. de Meteor. f. 692. T. IV. Mund. Math. und an - dere von ihm erzehlen. Weil ſie ſich an moraſtigen Oertern und auf dem Schind - Anger ſehen laſſen; ſo iſt es kein Wunder, wenn diejenigen, ſo es fuͤr ein Licht imH h 2Dorf -484Cap. VIII. Von dem BlitzeDorffe halten und ihm nachgehen, in Mo - raſt und auf den Schind-Anger geleitet werden. Wir ſehen aber auch die Urſache, warumb ſie fliehen, wenn man ihnen nach - laͤufft, und einem nachlauffen, wenn man ge - ſchwinde vor ihnen herlaͤufft. Man ſiehet aus ihrer Bewegung, daß ſie der Bewe - gung der Lufft folgen, indem ſie eben ſo be - ſchaffen iſt wie die Bewegung einer Blaſe von Seiffen-Waſſer, die von der Lufft hin und her mit geriſſen wird. Wenn man ſtarck laͤufft, ſtoͤſſet man die Lufft vor ſich her, die nicht gleich zur Seite ausweichen kan: wie wir auch daher einen ſtarcken Wiederſtand von der Lufft verſpuͤren, in dem wir ein breites Bret ſchnelle durch be - wegen. Derowegen wenn das Jrrlicht vor uns iſt, wird es vor uns hergeſtoſſen und daher kommt es weiter von uns weg: nem - lich die Lufft wird ein wenig zuſammen ge - druckt, und, weil dadurch ihre ausdehnende Krafft zunimmet (§. 123. T. I. Exper.), brei - tet ſie ſich auch vor uns weiter aus und ja - get durch die daher entſtehende Bewegung oder den kleinen Wind, den wir auch im Lauffen verſpuͤren, das Jrrlicht weiter weg. Hingegen da hinter dem Ruͤcken die Lufft, weil die foͤrdere nicht gleich ſich zu den Sei - ten herum bewegen kan, durch ihre aus - dehnende Krafft ſich ausbreitet und nach - ſchießt; ſo bringet ſie das Jrrlicht naͤher. Wenn485und andern Feuer-Zeichen. Wenn einer in Furcht iſt und mit ſtarckem ſeufftzen betet; ſo ziehet er die Lufft an ſich, und kan daher wohl geſchehen, daß dadurch das Jrrlicht, was nicht allzuweit von einem iſt, mit der zuſchieſſenden Lufft naͤher zu ei - nem gezogen wird. Hingegen wenn einer fluchet und poltert, ſo ſtoͤſſet er die Lufft ſtarck heraus und machet mit Haͤnden und Fuͤſſen einen Wind: derowegen kan es auch gar wohl geſchehen, daß dadurch das Jrr - licht von einem geſtoſſen wird. Es koͤnnen demnach einige Zufaͤlle Anlaß gegeben ha - ben, daß man geglaubet, durch Beten wuͤr - den die Jrrlichter zu einem gezogen; durch Fluchen aber vertrieben. Die Jrrlichter ſind haͤuffiger zu ſehen in den warmen Laͤndern gegen der Linie zu, aber immer weniger, je weiter man gegen den Pol zukommet: wor - aus zu erſehen, daß die Waͤrme zu ihrer Erzeugung etwas beytragen muß, entweder weil ſie die Ausdaͤmpffung befoͤrdert, wel - ches ſie vermoͤge der Erfahrung zuthun ver - moͤgend iſt, oder auch weil ohne ſie die Ver - miſchung nicht geſchehen kan, wodurch die Materie der Jrrlichter entſtehet, wie wir vorhin bey dem Blitze geſehen (§. 321.). Weil ſie bloß leuchten und nicht wuͤrcklich entzuͤndet ſind, ſo iſt es kein Wunder, daß man ſie nur des Nachts, niemahls aber bey Tage ſehen kan: denn wir ſehen das Licht von faulem Holtze, faulen fetten Seefiſchen,H h 3den486Cap. VIII. Von dem Blitzeden Johannis-Wuͤrmlein und anderen der - gleichen leuchtenden Sachen gleichfals nur im Finſtern, keinesweges aber bey Tage.
Mit den Jrrlichtern haben die Feuer-Zeichen einige Verwandſchafft, wel - che die Schiffer zur See, gemeiniglich nach dem das Ungewitter vor bey iſt, ſehen. Sie ſetzen ſich entweder auf ihre Seegel-Stan - gen, oder hangen ſich an den Maſt-Baum, ohne daß ſie dieſelben verſengen, vielweni - ger verbrennen: woraus man zur Gnuͤge erſiehet, daß es kein wuͤrckliches Feuer, ſon - dern nur eine leuchtende Materie iſt, abſon - derlich wenn man bedencket, das ſie nicht gleich verſchwinden, ſondern eine gute Zeit dauren. Sonſt moͤchte man vielleicht ſa - gen, eine ſubtile Flamme koͤnnte ſtarckes Holtz nicht anzuͤnden. Wenn zwey derſel - ben erſcheinen, haͤlt man ſie fuͤr ein gutes Zeichen und werden Caſtor und Pollux, von den Spaniern die Feuer St. Thelmi genannt: wenn ſich nur eines ſehen laͤſſet, ſo haͤlt man es vor ein boͤſes Zeichen und und wird die Helena genennet. Weil aus der See, als die ein ſaltziges Waſſer iſt, dergleichen Daͤmpffe nicht aufſteigen koͤnnen, die eine gute Zeit zuſammen hal - ten und ſich an ein Schiff anhaͤngen, auch man keine Nachricht hat, daß ſie anderswo als im Schiffe geſehen werden; ſo kan man nicht anders vermuthen, als daß ſie aus demSchiffe487und andern Feuer-Zeichen. Schiffe aufſteigen. Es gehet aber auch an, daß aus dem Schiffe dergleichen Ausduͤn - ſtungen aufſteigen koͤnnen, die leuchten und zuſammen halten. Denn wegen der groſ - ſen Hitze ſchwitzen die Leute auf dem Schif - fe ſehr ſtarck und der Schweiß ziehet ſich in das Holtz: die Ausduͤnſtungen faulen und machen einen groſſen Geſtanck, der von ih - rer Faͤulnis zeuget. Wenn es nun in weh - rendem Ungewitter auf das Schiff ſtarck regnet, ſo ziehet ſich das Waſſer in das Holtz hinein und weichen die fetten ſtinckenden Ausduͤnſtungen loß. Woferne nun das Schiff den Tag uͤber ſehr warm worden, muß es gleich wieder ausduͤnſten. Dero - wegen wenn in der Lufft nicht mehr ſtarcker Wind iſt und das Gewitter hat ſich geleget, ſo koͤnnen die aufſteigende Daͤmpffe ſich anhaͤngen und werden nicht vertrieben. Und dieſes zeiget zugleich, warumb man dieſe Lichter als ein Zeichen annehmen kan, daß ſich das Wetter gewendet, indem man ſiehet, daß die Lufft wiederum ſtille und dichte iſt. Daß aber fette Ausduͤnſtungen, ſonderlich wenn ſie faul ſind, leuchten koͤn - nen; iſt daraus abzunehmen, daß wir auch faule Fiſche leuchten ſehen, wenn ſie fett ſind.
Wenn Thiere ſtarck ſind getrie -Warumb ſich un - teꝛweilen Flam - men an ben worden, daß ſie ſehr ſchwitzen; ſo hat man unterweilen an ihnen Flammen wahr -H h 4ge -488C. VIII. v. dem Blitze u. Feuerz. Thieren und Men - ſchen ſe - hen laſſengenommen, die wie Jrrlichter auf ihnen geſeßen, aber ſie nicht im geringſten verle - tzet. Eben dergleichen hat man bey Men - ſchen wahrgenommen, die ſich von Eiffer ſehr erhitzt. Weil dieſes Feuer nicht bren - net, ſondern nur leuchtet; ſo hat man es ignem lambentem genennet. Man ſiehet leicht, daß hier bloß die Ausduͤnſtungen aus dem Leibe der Thiere und Menſchen leuch - ten: ob ſie aber von dem ordentlichen Schweiße noch unterſchieden ſind, oder ob der Schweiß bloß in einem dicken Dampffe zu der Zeit in finſtern aufſteiget, kan ich aus Mangel genugſamer Umſtaͤnde nicht ſagen. Selbſt habe noch nie Gelegenheit gehabt dergleichen zuſehen. Unterdeſſen wird hier - durch bekraͤfftiget, was vorhin von den Feuern der Schiffer (§. 337.) geſaget wor - den, die wir dem Schweiße zugeſchrieben, der ſich nach und nach in das Holtz gezogen. Man pfleget ſich ſonſt auch hier auf den phoſphorum zu beruffen, weil er eine leuch - tende Materie iſt (§. 143. T. II. Exper.) und ſeinen Urſprung aus dem Urine nim - met, damit der Schweiß viele Verwand - ſchafft hat, wie wir unten ſehen werden, und auch daher ermeſſen, weil wir weniger Urin weglaſſen, wenn wir ſtarck ſchwitzen.
DJe Eigenſchafften des WaſſersEigen - ſchafften des Waſ - ſers. ſind aus der gemeinen Erfahrung bekandt und zum Theil durch Verſuche heraus gebracht wor - den. Es iſt fluͤßig und ſchweer, und zwar bey nahe $$\frac {1}{14}$$ ſo ſchweer als das Queckſilber, welches unter allen fluͤßigen Materien die wir auf dem Erdboden antreffen, die ſchweereſte iſt. (§. 9. T. I. Exper.) Jn ſei - nen zwiſchen Raͤumlein hat es viel Lufft (§. 148. T. I. Exper.), die ſich bis in einer gewiſſen Menge mit ihm vermiſchet (§. 167. T. I. Exper.). Die Waͤrme treibet es aus einander und daher ſteiget es bey dem Feu - er in die Hoͤhe, laufft auch wohl gar uͤber, wenn es anfaͤngt zu kochen und zu ſieden. Es kocht nemlich, wo es nur von einer Seite Feuer hat und daher auch nur von derſelben ſich in die Hoͤhe giebet, durch ſeine Schweere aber von der andern wieder her - nieder ſchießt: hingegẽ faͤngt es an zu ſieden wenn es das Feuer unten hat, daß es in dem gantzen Gefaͤße auf einmahl in die Hoͤ -H h 5he490Cap. IX. Von dem Waſſerhe ſteiget, oder auch wo es von allen Sei - ten her ein Feuer hat, von allen Seiten in die Hoͤhe kommet, und Blaſen wirfft. Es breitet aber die Waͤrme die aller ſubtileſte Theile des Waſſers, die wir mit unterſchei - den koͤnnen, aus (§. 223. T. I. Exper.) und dadurch nimmet die gantze Groͤſſe des Waſſers dergeſtalt zu, daß noch alle Theile ſo nahe an einaͤnder zu liegen ſcheinen wie vorhin und wir keine Zwiſchen-Raͤumlein, die daduꝛch entſtuͤnden, entdecken koͤnnen. Es wird aber im Gegentheile das Waſſer durch die Kaͤlte wieder in einen engeren Raum zuſammen gebracht, und dadurch dichter. Daher wir auch finden, daß die Waͤrme und Kaͤlte die Art der Schweere aͤndern (§. 211. T. I. Exper.), auch die wir mit unſern Sinnen zu unterſcheiden nicht vermoͤgend ſind. Weil nun aber das Waſſer keinen hoͤhern Grad der Waͤrme annehmen kan, als biß es in voͤlliges Sieden gebrachtwird (§. 109. T. II. Exper.); ſo iſt es auch kein Wuͤnder, daß es alsdenn in einen Dunſt aufgeloͤſet und durch die Lufft zerſtreuet wird: denn wir finden, daß auch andere Dinge von dem groͤſten Grade der Waͤrme, den ſie annehmen koͤnnen, zernichtet wer - den, als Holtz verbrennet, Steine werden in Kalck und Glaß verwandelt. Wir fin - den auch, daß es in der Kaͤlte ausdunſtet (§. 87. T. II. Exper.) und gefrieret: wennes491auf dem Erdboden. es ſtille ſtehet, faul und ſtinckend wird, und was dergleichen mehr iſt.
Das Waſſer hat ſeinen Ur -Woher das Waſ - ſer kom - met. ſprung von den Quellen und aus dieſen em - pfahen es die Fluͤſſe, die dadurch groͤſſer werden, daß viele kleinere zuſammen flieſ - ſen. Endlich die Fluͤſſe fuͤhren das Waſſer in die See. Wenn es ſtarck regnet, oder auch im Fruͤhlinge oder gegen denſelben das Thau-Wetter einfaͤllet und der Schnee, ſonderlich auf den Gebuͤrgen ſchmeltzet; lauffen die Fluͤſſe ſtarck an, daß ſie oͤffters aus ihrem Uffer aus treten und die anlie - genden Laͤndereyen uͤberſchwemmen. De - rowegen iſt klar, daß die Fluͤſſe durch den Regen ihren Anwachs haben. Und daher ſehen wir auch im Gegentheile, daß die Fluͤße ſehr verſeigen, ja unterweilen gantz austrocknen, wenn man lange Zeit keinen Regen, oder wenigſtens keinen ſtarcken Regen hat. Jedoch da das Regen - und Schnee-Waſſer keinen Nachſatz hat, wenn es verlauffen; ſo kan auch das groſſe Waſ - ſer in den Fluͤſſen, ſo davon kommet, nicht lange anhalten. Wenn aber die Quellen zu einer Zeit ſtaͤrcker flieſſen, als zu der an - dern, ſo bleibt das Waſſer in den Fluͤſſen beſtaͤndiger bey einer Hoͤhe.
Weil das Regen - und Schnee -Wenn das Waſ - ſer in Fluͤſſen Waſſer von den Bergen herab rinnet und durch hohle Wege fleußt, ehe es in demFluß492Cap. IX. Von dem Waſſerklar und wenn es truͤbe iſt,Fluß kommet; ſo nimmt es viel Staub und Unflat mit ſich, auch loͤſet es viel leimichte Erde auf und fuͤhret ſie mit fort. Deswe - gen iſt das Waſſer in den Fluͤſſen truͤbe und unrein, wenn es von dem Regen-Waſſer anwaͤchſet. Hingegen da das Waſſer aus den Quellen reine iſt; ſo haben auch die Fluͤſſe klares Waſſer, wenn ſie es bloß von ihnen bekommen. Jedoch da es uͤberall an den Ufern und dem Grunde etwas mit nimmet, wo es rinnet, ehe es in die Fluͤſſe kommet, und wo es in den Fluͤſſen fleußt; ſo iſt es auch in den Fluͤſſen niemahls ſo klar und reine, wie in den Qvellen.
Wenn man bedencket, was fuͤr eine groſſe Menge Waſſer taͤglich in den Fluͤſſen weg fleußt, und gleich wohl gewiß iſt, daß ſie das meiſte aus den Qvellen be - kommen (§. 340.); ſo hat man nicht wenig Sorge gehabt, woher doch die Qvellen ſo viel Waſſer bekommen, und warumb es ihnen niemahls daran gebricht, oder wenn es ja unterweilen gebricht, woher ſie es doch wieder bekommen. Da man erwogen, daß alles Waſſer von den Fluͤſſen ins Meer ge - fuͤhret, und gleichwohl das Meer davon nicht voͤller wird; ſo iſt man gar leicht auf die Gedancken gerathen, daß das Meer den Qvellen ihr Waſſer wieder gebe. Und da - her hat man vermeinet, es flieſſe aus der See unter der Erde durch unterirrdiſcheFluͤſſe493auf dem Erdboden. Fluͤſſe wieder in die Quellen zuruͤcke. Al - lein es hat bald groſſe Schwierigkeiten ge - ſetzet, wie das Waſſer in der Qvelle ſo hoch kommen kan, daß es daſelbſt heraus fleußt. Aus den Qvellen rinnet das Waſſer durch die Baͤche in die Fluͤſſe und aus den Fluͤſſen fleußt es in die See. Das Waſſer fleußt nicht in die Hoͤhe, ſondern wo es hin flieſ - ſen ſoll, daſelbſt muß es immer niedriger ſeyn, wie wir bald die Urſachen davon ver - nehmen werden. Derowegen muͤſſen auch die Baͤche niedriger ſeyn als die Qvellen, die Fluͤſſe niedriger als die Baͤche und das Meer niedriger als die Fluͤſſe, folgends gar viel niedriger als die Quelle. Und die Qvel - le lieget nicht umb ein weniges hoͤher als das Meer. Denn ohne darauf acht zu ha - ben, daß die Qvellen an und auf den Ber - gen ſich befinden, ſo gehe man nur an einem Fluſſe nach der Laͤnge herunter und rechne das Muͤhl-Gefaͤlle zuſammen, was man bey den Muͤhlẽ, die man nach einander den Fluß herunter antrift, findet, alsdenn wird man inne werden, wie viel in einer kleinen Laͤnge der Fluß ſich geſencket hat, und daraus einiger maſſen ermeſſen koͤnnen, wie gar viel er ſich noch ferner ſencken muß, ehe er in die See kommet. Da nun eine ausge - machte Sache iſt, daß die Qvelle gar ſehr viel hoͤher lieget als das Meer, und gleich - wohl durch den Druck des See-Waſſers inder494Cap. IX. Von dem Waſſerder Qvelle nicht hoͤher als daſelbſt gebracht werden mag (§. 34. T. I. Exper.) ſo ſiehet man noch keine Urſache, was es in der Qvelle in der Hoͤhe treiben kan. Car - teſius(a)In Princip. Phil. part. 4. §. 64. p. m. 164. ſetzet, daß das Waſſer von der innern Waͤrme der Erde in Duͤnſte auf - geloͤſet werde, welche in die Hoͤhe ſteigen und an den Steinen in den Hoͤhlen hangen blei - ben, daſelbſt zuſammen flieſſen und in der Hoͤhle ſich verſamlen, durch enge Wege aber ihren Ausgang ſuchen und heraus qvellen. Daß es in den Bergen groſſe Hoͤhlen giebet, die mit Steinen verſetzt ſind, iſt kein Zweif - fel, denn die Erfahrung, bekraͤfftiget es. Herr Swedenborg, der ſich umb die Er - kaͤntnis der Natur eifrigſt bemuͤhet und kei - ne Koſten noch Muͤhe ſparet durch viele Reiſen ſich des Zuſtandes ſonderlich der Gebuͤrge und Bergwercke zu erkundigen, hat(b)In præfat. ad Prodromum Princip. rerum naturalium. von den Gebuͤrgen in Schweden angemercket, daß daſelbſt oͤffters auf den hohen Gipffeln der Berge groſſe Steine von ohngefehrer Figur in dem Sande an - getroffen worden, deren einige bis 100000. Pfund wiegen. So trifft man auch ſon - derlich in Schweden an andern Arten un - ter Erden dergleichen und kleinere Steine in der Menge an, die von ohngefehr daſelbſtzu -495auf dem Erdboden. zuſammen gebracht worden. Von Hoͤhlen in den Bergen und wie ſie mit Steinen ver - ſetzet, zeiget auch die Baumanns-Hoͤhle, welche wegen ihrer ſonderbahren Selten - heiten ſehr beruͤhmt iſt, und die der gelehrte Probſt und Profeſſor in Helmſtaͤdt Herr von der Hardt ausfuͤhrlich beſchrieben(c)In Actis Erudit. A. 1702. p. 305. & ſeqq. . Man hat auch Exempel, daß man in den Bergen ſtarcke Daͤmpffe angetroffen und durch ſie den Qvellen ihr Waſſer entzogen worden. Dergleichen erzehlet Perrault(d)Trait. de l’origine des fontaines. p. 819. O - pis. Claud. fratris. , aus der Nachricht eines Jeſuiten von dem Berge Odmilooſt in Sclavonien. Als man daſelbſt Steine und darunter ſehr groſſe oben auf dem Gebuͤrge heraus ge - graben hatte und bis 10. Schuhe in die Er - de hinein kommen war, fand man eine gan - tze Schichte Steine wie eine Bettung uͤber einander. So bald man ſie heraus ge - nommen hatte, brach unten durch die Ri - tze des Bodens ein Dampff wie ein ſtar - cker Nebel ſehr ſchnelle hervor, welcher 13. Tage in einem fort daurete. Kaum wa - ren 24. Tage vorbey, als die Qvellen, wel - che unten um den Berg herum waren, und die anliegenden Wieſen befeuchteten, kein Waſſer mehr gaben und deswegen Graß und Kraͤuter verdorreten. Er fuͤhret nochein496Cap. IX. Von dem Waſſerein anders Exempel aus der Gegend bey Paris an, wo die Ausduͤnſtung der Qvelle das Waſſer benommen durch Eroͤffnung eines Steinbruches. Es ſcheinet demnach Carteſius nichts anzunehmen, welches der Erfahrung zuwieder waͤre und wuͤrde er ſich ſonder Zweiffel nicht wenig erfreuet haben, wenn ihm ſelbſt dergleichen ſonderbahre Erfahrungen waͤren bekandt geweſen. Al - lein es hat noch einen groſſen Knoten uͤbrig, den man aufloͤſen muß, ehe man ſeiner Mei - nung beypflichten kan. Das See-Waſ - ſer iſt ſaltzig und die Erfahrung bekraͤfftiget es, daß es auch ſaltzig bleibet, wenn es gleich durch Erde und Sand durchgehet. Es iſt wohl wahr, daß der Sand ſaltzig wird und demnach etwas von dem Saltze annehmen muß: allein man hat hier auf zweyerley zu - ſehen. Einmahl iſt gewiß, daß Sand und Erde eben ſowohl als das Waſſer nur ein gewiſſes Maaß von Saltze annehmen. De - rowegen wenn das See-Waſſer auch in den unterirrdiſchen Gaͤngen etwas von ſeinem Saltze anfangs loß wuͤrde; ſo wuͤrde doch ſolches nur eine Weile geſchehen und dan - nenhero in ſo vielen Jahren, da die Qvelle beſtaͤndig einmahl wie das andere gefloſſen, laͤngſt aufgehoͤret haben. Dabey weiß man auch, daß der Sand von dem Waſſer Saltz annimmet nach Proportion, in der es bey ihm zu finden. Von ſehr ſaltzigem Waſſerwird497auf den Erdboden. wird es ſaltziger, als von anderm, was nicht ſo ſaltzig iſt. Und dieſes hat man deswegen zu mercken, daß man nicht vermeinet, die Laͤn - ge des Weges koͤnne dazu etwas beytragen. Vielmehr wuͤrde die Laͤnge des Weges un - terweilen das Waſſer von neuem ſaltzig ma - chen. Denn wenn in vorhergehenden Zei - ten in von der See weit entlegenen Orten der Gang ſchon ſaltziger worden waͤre als das Waſſer, welches dahin kommet; ſo naͤh - me er nicht mehr Saltz vom Waſſer an, ſon - dern gaͤbe vielmehr dem Waſſer etwas von ſeinem Saltze ab, eben wie wir es von Mit - theilung der Waͤrme gefunden (§. 76.). Darnach muͤſſen wir fuͤr das andere erwe - gen, daß, wenn das Waſſer bis unter den Berg ſaltzig kommen ſolte, es zwar durch die Ausduͤnſtung von dem Saltze befreyet und in der Qvelle ſuͤſſe wuͤrde: allein es wuͤrde auf ſolche Weiſe ſich unten eine allzugroſſe Menge Saltz ſammlen und mit der Zeit das Saltz der See gantz unter die Berge ge - bracht werden, ohne daß es wieder an den Ort hinkommen koͤnnte, wo es hin gehoͤret: welches dem Verfahren der Natur nicht ge - maͤß iſt, als welches in allem nach der Erhal - tung eingerichtet.
Weil es demnach nicht geringeOb die Qvellen von dem Regen und Schwierigkeiten ſetzet, wenn man die Qvel - len aus der See durch unterirrdiſche Gaͤn - ge herleiten wil (§. 341.), und gleichwohl(Phyſik) J idie498Cap. IX. Von dem WaſſerSchnee ihren Ur - ſprung haben.die See den Qvellen ihr Waſſer wieder ge - ben muß, indem ſie nicht zu nimmet (§. 342.); ſo iſt man auf die Gedancken ge - rathen, ob nicht ſo viel Waſſer aus der See taͤglich ausdunſtet, als durch die Fluͤſ - ſe hinein gebracht wird, und daher die Qvel - len durch Regen und ſtarcken Thau, wie nicht weniger durch den Schnee ihr Waſſer wieder bekommen. Herr Halley in Engel - land iſt auf die Gedancken gerathen, als er A. 1677. in die Jnſel St. Helena bey naͤcht - licher Weile die Sterne obſervirte und bey gantz heiterem Himmel wahr nahm, wie bey naͤchtlicher Weile ſo viel Duͤnſte fie - len, daß davon das Papier und die Glaͤſer von dem Fernglaſe ſo naß worden, daß auf jenem die Dinte zuſammen lief, wenn er darauf ſchreiben wolte, dieſes aber er mit dem Schnupff-Tuche abtrocknen muſte(a)Acta Erudit. A. 1692. p. 308. 311.. Und dergleichen Gedancken haben auch vor ihm Peireſcius(b)Vid. Gaſſendus in Vita Peireſcii ad A. 1623. Iſaacus Voſſius(c)in Tract. de origine Nili aliorumque fluminum. und andere gehabt. Abſonderlich aber ha - ben Petrus Perrault(d)Traite de l’ origine des fontaines. und Mariotte(e)Du Mouvement des Eaux part. 1. diſc. 2. p. 17. dieſe Meinung umſtaͤndlich behauptet,und499auf dem Erdboden. und ſind in der That die Schwierigkeiten, welche man dabey machet, geringer als bey des Carteſii Meinung. Es dunſtet den Tag uͤber nicht wenig Waſſer aus, wenn es von der Sonne beſchienen wird, oder auch von ſtarcken Winden, und vielleicht auch noch von andern Urſachen. Da nun die See einen groſſen Theil, bey nahe die Helffte von der Flaͤche des Erdbodens ein - nimmet und inſonderheit an dem warmen Striche der groͤſte Theil Waſſer iſt; ſo laͤſſet ſich leicht erachten, was fuͤr eine un - gemeine Menge Waſſer einen Tag uͤber, geſchweige denn ein gantzes Jahr, aus der See ausdunſtet. Die Winde fuͤhren die Duͤnſte von der See weg und bringen ſie uͤber das feſte Land und daſelbſt auch zu den Gebuͤrgen, wo ſie nicht allein durch den Regen, ſondern inſonderheit auf die Ge - buͤrge durch ſtarcken Thau bey naͤchtlicher Weile hernieder fallen. Das Waſſer, was auf die Berge faͤllet, rinnet innerhalb den Bergen zuſammen und unterhaͤlt die Qvellen. Wir finden, daß einige Qvellen verſeigen, wenn es lange Zeit nicht regnet, und faſt alle weniger Waſſer geben, wie wir es an den Fluͤſſen mercken, darinnen das Waſſer gar mercklich abnimmet, wenn man lange Zeit trocknes Wetter hat. Und alſo ſiehet man dadurch, daß die erſten von dem Regen allein Waſſer haben, die letz -J i 2tern500Cap. IX. Von dem Waſſertern aber muͤſſen wenigſtens einen Theil davon durch den Regen bekommen. Weil man doch aber auch nicht ſiehet, wo das uͤ - brige herkommet, und ſonſt dem Verfahren der Natur gemaͤß iſt, daß ſie einer Qvelle das Waſſer daher gewehret, woher es die andere erhaͤlt; ſo muͤſſen die beſtaͤndigen Qvellen ihr Waſſer gleichfals gantz von den Regen und Thaue haben, nur iſt noͤ - thig, daß in einem gewiſſen Behaͤltniße ein Vorrath geſammlet werde, der auf einige Zeit dauren kan. Weil wir oben geſehen, daß innerhalb den Bergen ſtarcke Ausduͤn - ſtungen ſind und dadurch den Qvellen das Waſſer benommen wird, wenn ſie Frey - heit haben in die Lufft zugehen (§. 342.); ſo kan es auch gar wohl ſeyn, daß die Be - haͤltniſſe, da das Waſſer geſammlet wird, ſehr tief in der Erde ſind, und daraus daſ - ſelbe ſtarck ausduͤnſtet, welche Duͤnſte durch die Ritze und Raͤumlein zwiſchen den Stei - nen durchdringen und ſich in anderen Be - haͤltniſſen verſammlen, wo ſie durch Gaͤnge heraus rinnen koͤnnen. Die jenigen, wel - che den Urſprung der groſſen Fluͤſſe unter - ſucht, haben gefunden, daß ſich einige aus den Bergen ſo ſtarck gieſſen, daß ſie bald ſchiffreich werden. Wo das Waſſer in ſolcher Menge hervor bricht, kan es nicht wohl anders ſeyn, als daß es ſchon unter der Erden durch viele Baͤche zuſammen gefloſ -ſen,501auf dem Erdboden. ſen, wie wir insgemein ſehen, daß die Fluͤſ - ſe uͤber der Erde groß werden.
Man hat abſonderlich zweyerleyOb der Regen tief in die Erde dringen kan. Schwierigkeiten bey dem Urſprunge der Qvellen aus dem Regen-Waſſer gemacht: die erſte, daß das Regen-Waſſer nicht tief in die Erde dringet; das andere, daß der Regen nicht zureichet die Qvellen mit ſo viel Waſſer zu verſehen, als zu Unterhaltung der Fluͤſſe das gantze Jahr durch von noͤthen iſt. Die erſte Schwierigkeit machet inſon - derheit de la Hire(a)Memoires de l’ Acad. Roy. des Sciene. A. 1703. p. 68., welcher zu dem En - de beſondere Verſuche angeſtellet, dadurch er gefunden, daß das Regen-Waſſer nicht uͤber 16. Zoll tief in die Erde dringt, wenn gleich dieſelbe keine Kraͤuter und Graß zu nehren hat, denn in dem letztern Falle lange das Regen-Waſſer nicht zu dieſelben zu erneh - ren. Damit wir erkennen wie dieſer Schwie - rigkeit abzuhelffen ſey, ſo muͤſſen wir ſeinen Verſuch umbſtaͤndlich erkennen. Er grub bey dem Koͤniglichen Obſervatorio Anno 1688. acht Schuh tief unter die Erde ein Gefaͤſſe von Bley, deſſen obere Flaͤche vier Qvadrat-Schuhe hielt. Es war 6. Zoll tief und von der einen Seite etwas erhaben, von der andern aber etwas niedergebogen. Hier war eine bleyerne Roͤhre angeloͤthet,J i 3die502Cap. IX. Von dem Waſſerdie 12. Schuhe lang war und ziemlich ab - haͤngig in einen Keller gieng, damit das Waſſer leicht flieſſen konnte. Es war das Gefaͤſſe eine gute Weite von der Mauer ab - geruͤckt, damit Erde genung herumb waͤre und die Erde nicht durch die Naͤhe der Mauer ausgetrocknet wuͤrde. Wo die Roͤhre war, waren in dem Gefaͤſſe Kieſelſteine von ver - ſchiedener Groͤſſe, damit die Erde derſelben nicht zu nahe kam. Das Erdreich an dem - ſelbigen Orte iſt etwas ſandicht, daß das Waſſer leicht durchkommen kan, und die o - bere Flaͤche eben und gleich, daß ſich der Re - gen hineinziehen muß und nirgends zur Sei - te abflieſſen kan. Er ſetzte noch ein anderes Gefaͤſſe nur 8. Zoll tief unter die Erde, deſſen obere Flaͤche 64. Qvadrat-Zoll hielt, die innere Hoͤhe 8. Zoll war, und zwar an einem Orte, wo die Sonne und der Wind keinen freyen Zugang hatten, damit das Erdreich nicht austrocknen konte. Er rieß auch al - les Graß aus, damit nichts von dem Regen verzehret ward. Er fand, daß von dem 12. Junii an bis zu dem 19. Februarii in dem Gefaͤſſe, was ſoweit oben ſtund, nicht das geringſte Troͤpflein Waſſer durch die Roͤh - re floß. Als aber zu der Zeit ein groſſer Schnee auf der Erde lag und aufthauete; fieng die Roͤhre anzulauffen. Und weil die Erde nach dieſem immer ſehr feuchte war, ſo lief ſie auch, wenn es regnete: hoͤret aberwie -503auf dem Erdboden. wieder bald auf, indem immer ein gewiſſes Maaß Waſſer in der Erde zuruͤcke blieb und nicht eher in die Roͤhre rinnete als bis neues hinzukam. Das Jahr darauf wiederhoh - lete er ſeinen Verſuch und ſetzte das Gefaͤſſe 16. Zoll oder noch einmahl ſo tief wie vorhin unter die Erde, und es ereignete ſich alles eben ſo wie in dem vorigen Jahre, auſſer daß die Erde trocken ward, wenn es longe nicht regnete, und als denn ein kleiner Regen die Erde bloß anfeuchtete. Jn das Gefaͤſſe, daß 8. Schuhe unter der Erden war, kam gar kein Waſſer. Er pflantzete nach dieſem Kraͤuter auf das Erdreich, darinnen das Gefaͤſſe ſtund. Da ſie ein wenig erwachſen waren, kam kein Waſſer mehr in das Ge - faͤſſe, welches nur 16. Zoll tief unter der Er - de ſtund. Ja alles Waſſer, was von dem Regen darauf fiel, war nicht genung die Pflantzen zu ernehren. Wenn es lange trocken war, muſte man ſie begieſſen, wofer - ne ſie nicht verdorren ſollten. Hieraus vermeinet de la Hire klar zu ſeyn, daß das Regen-Waſſer nicht ſo tief in die Erde drin - gen koͤnne, biß es eine Materie antrifft, wo es ſich nicht hinein ziehen und weiter durch - kommen kan, wie diejenigen annehmen, wel - che den Urſprung der Qvellen von dem Re - gen-Waſſer herleiten, und inſonderheit auch Robertus Plot, ein Engellaͤnder, der A. 1685. zu Oxfurt ein Tractaͤtlein vonJ i 4den504Cap. IX. Von dem Waſſerdem Urſprunge der Qvellen in lateiniſcher Sprache heraus gegeben und ihm Anlaß gegeben hat die Sache genauer zu unterſu - chen. Man ſiehet aus Herrn de la Hire Verſuch, daß die Erde ein gewiſſes Maaß Waſſer an ſich ziehe und nicht eher etwas weiter rinnen laͤſſet, als biß ſie zu viel hat: wie nicht weniger, daß der Regen der Erde nicht uͤber 16. Zoll tief uͤberfluͤßig Waſſer geben kan. Uber dieſes iſt aus der gemei - nen Erfahrung bekand, daß das Waſſer in der Erde durch die Waͤrme und den Wind austrocknet, und daher nicht alles in der Er - den verbleibet, bis es wieder von neuem re - gnet. Derowegen ſollte man vermeinen, es ſey daraus mehr als zu klar zu erſehen, daß das Regen-Waſſer keines weges von dem oberſten Gipffel bis herunter an den Fuß des Berges, wo es hervor qvillet, kom - men koͤnne. Allein man nimmet hier an, als wenn die Berge aus Erde beſtuͤnden, der - gleichen diejenige geweſen, darinnen de la Hire ſeinen Verſuch angeſtellet. Wir wiſſen aber, daß ſteinigte und ſandichte Ma - terie, ingleichen fette Lette, das Waſſer nicht ſo annimmet, wie die Erde, und daß es darzwiſchen ſchief hinab rinnen kan. An den Bergen iſt dergleichen anzutreffen. Dero - wegen kan man den Gebuͤrgen nicht abſpre - chen, daß in ihnen nicht das Regen-Waſſer in die innern Hoͤhlen hinein rinnen koͤnne. Und505auf dem Erdboden. Und wenn auch gleich Qvellen an ſolchen Orten gefunden werden, wo die obere Erde in den Bergen von der Art iſt, die das Waſ - ſer nicht wohl durchlaͤſſet; ſo hindert dieſes doch nicht, daß ſie ihren Urſprung von dem Regen und Schnee nehmen. Denn es iſt ja nicht eben noͤthig, daß das Waſſer an dem Orte zuſammen gefloſſen, wo es heraus qvil - let. Es kan ſonderbahre Gaͤnge in der Er - den haben, dadurch es aus andern Orten, wo es ſich geſammlet, dahin fleußt, wo es ſei - nen Ausgang findet.
Was die andere SchwierigkeitOb das Regen - Waſſer allein die Qvellen unterhal - ten kan. betrifft, da man vermeinet, das Regen - waſſer reiche nicht zu, die Qvellen zu unter - halten; ſo hat man entweder keinen Grund darzu, als weil man die Groͤſſe des Regen - Waſſers mit dem, was die Qvellen geben, nicht zu vergleichen weiß, oder man gruͤn - det ſich in einem Verſuche des Herrn de la Hire. Jn dem erſten Falle entſtehet die Furcht aus der bloſſen Unwiſſenheit und hat man darauf wenig acht zu haben: we - nigſtens iſt gewis, daß man es deswegen nicht leugnen kan, inſonderheit da wir ge - nungſame Urſache haben, warum wir den Urſprung der Qvellen dem Regen-Waſſer zueignen (§. 343.). Es iſt wohl wahr, daß wir Qvellen antreffen, die beſtaͤndig ſehr viel Waſſer geben, und daß die Qvellen, welche das meiſte Waſſer geben, beſtaͤndigJ i 5flieſ -506Cap. XI. Von dem Waſſerflieſſen, da es hingegen nur unterweilen regnet: Allein beyde Zweiffel ſind ſchon vorhin (§. 343.) benommen worden und ſind dannenhero bey Seite zu ſetzen, als wenn ſie nicht da waͤren. Und ſolcherge - ſtalt bleibet nichts als die bloſſe Unwiſſen - heit uͤbrig. Nun iſt wahr, das es uns mehr Vergnuͤgen geben wuͤrde, wenn wir die Menge des Waſſers zuſchaͤtzen wuͤſten, was die Qvellen ein Jahr lang geben und wie viel ſie von Regen und Schnee dazu be - kommen koͤnnen: allein dieſes iſt eben die mathematiſche Erkaͤntnis der Natur, die wir itzund bey Seite ſetzen muͤſſen (§. 17. Proleg. Log. ) und von der wir ſchon laͤngſt(a)In præfat. ad Elem Aerometr. A. 1709. edita. geruͤhmet haben, daß ſie meiſtentheils allein die voͤllige Gewisheit gewehret und das Gemuͤthe von allem Zweiffel befreyet. Es haben auch Perrault(b)Traite de l’ origine des fontaines p.m. 803. & ſeqq. Oper. Claudii fratris. und Mariotte(c)Traite du Mouvement des eaux Part. I. p. m. 30. & ſeqq. dergleichen Rechnung gegeben, dadurch ſie behaupten wollen, daß mehr Regen ſie - le, als die Qvellen ein Jahr lang Waſſer brauchten: allein wir koͤnnen hier dieſelbe Rechnung nicht unterſuchen. Perrault rechnet auch aus einem gantz andern Grun -de507auf dem Erdboden. de, als wir es noͤthig haͤtten: indem er die Qvellen aus den Fluͤſſen herleitet, als wie wir finden, daß das Waſſer in die Keller tritt, wenn von Regen-Waſſer die Fluͤſſe aufſchwellen, oder auch gegen den Fruͤh - ling das Waſſer ſehr waͤchſt, wenn es aufthauet und inſonderheit der viele Schnee ſchmeltzet. Jch erinnere aber hierbey nur noch dieſes, das es wohl geſchehen kan, daß, wenn bey Fluͤſſen, die anwachſen, Berge na - he liegen, das Waſſer daraus zwiſchen den ſchieffen Lagen von Steine und Letten in innere Hoͤhlen dringen kan, und wird da - durch allerdings begreiflicher, wie die be - ſtaͤndigen Qvellen, die viel Waſſer geben, genungſam Waſſer von dem Regen haben koͤnnen. Gleichwie aber dadurch nicht auf - gehoben wird, daß nicht auch die Qvellen, und einige gantz allein, Waſſer von dem Regen erhalten ſollten, der auf die Berge faͤllet: ſo hat man noch dieſes zuerwegen, daß in Gebuͤrgen, wo zerſplitterte Lagen von Steinen und gedorrter Lette ſich zu den Seiten zeigen, auch durch andere Ritze und Oeffnungen die Lufft in die innere Hoͤhlen der Berge hinein kommen kan, die Lufft viel Duͤnſte hinein bringet, vermoͤge deſſen was Halley erfahren (§. 343.). Wenn man nur die Menge Thau erweget, der ein Jahr uͤber faͤllet, und bedencket, daß die Kaͤlte der Berge die Lufft bey naͤchtlicher Weilenoch508Cap. IX. Von dem Waſſernoch mehr zuſammen ziehen muß als das viel waͤrmere Erdreich (§. 133. T. I. Ex - per. ), folgends noch vielmehr Thau ver - urſachen als auf dem platten Lande (§. 342.); ſo wird man gar gerne zugeben, daß dadurch den Qvellen nicht wenig Waſ - ſer zugefuͤhret wird und ſie vielleicht den groͤſten Theil von dem bekommen, was bey warmen Sommer-Tagen aus der Erde und dem Waſſer ausduͤnſtet, wo ſolche Gebuͤrge vorhanden ſind, die ſich davon bereichern koͤnnen. Was den Verſuch Herrn de la Hire betrifft, ſo hat er die Ausduͤnſtungen, oder Tranſpiration der Pflantzen unterſucht und dieſelbe ſo groß be - funden, daß er das Regen-Waſſer kaum einig und allein ſie zu ernehren fuͤr zulaͤng - lich erachtet. Er hat den 30. Junii fruͤhe um halb 6. Uhr in ein Glaß mit einem en - gen Halſe ein Pfund Waſſer gegoſſen und zwey eben nicht allzu groſſe Feigen-Blaͤt - ter darein geſetzet, die zuſammen 25. Drachmas und 48. Gran (die Drach - mam zu 72. Gran gerechnet) wogen. Da - mit das Waſſer nicht anders als durch die Blaͤtter ausdunſten koͤnnte; hat er das Glaß oben feſte verkleibet. Er ſetzte das Glaß mit den Blaͤttern, die gantz friſch wa - ren, in die Sonne, die dazumahl ſehr helle und warm ſchien. Als er gegen Mittag umb 11. Uhr das Glaß wog, war es 2. Drach -509auf dem Erdboden. Drachmas leichter worden. Es iſt an dem, daß in weniger Zeit durch 2. Blaͤtter 2. Drachmæ Waſſer ausgedunſtet, wel - ches eine groſſe Menge fuͤr einen groſſen Baum geben wuͤrde, wenn man eine Rech - nung machen wollte: allein es iſt noch nicht gewis, daß die Blaͤtter auf den Baͤumen ſo ſtarck ausdunſten als wenn ſie mit den Stielen im Waſſer ſtehen; und ich vermu - the eher das Wiederſpiel, ob es zwar jetzt genauer zu unterſuchen nicht Gelegenheit iſt. Darnach iſt zu mercken, daß das Waſſer, welches aus den Pflantzen aus - dunſtet, nicht verlohren gehet, ſondern mit dem Thaue doch wieder herunter kommet, auch durch die Winde mit zu den Qvell - reichen Bergen gebracht wird. Uber dieſes hat man ſich auch nicht zu bekuͤmmern umb das Regen-Waſſer, welches in den Ort faͤllet, wo Pflantzen und Graß wachſen: dieſes hat bey den Qvellen nichts zu thun, auſſer in ſoweit es ausdunſtet und die Duͤnſte zu den Qvell-reichen Bergen gefuͤh - ret werden (§. 343.). Zu den Qvellen kom - met bloß dasjenige, was ſolche Gebuͤrge befeuchtet, die davon Qvellen zu erzeugen geſchickt ſind, und zum Theil dasjenige was in die Fluͤſſe faͤllet, wie vorhin erinnert wor - den. Es ſtehet demnach Herrn de la Hi - re Verſuch von Ausduͤnſtungen der Pflan - tzen keines weges im Wege. Und wird ſol -ches510Cap. IX. Von dem Waſſerches ſich noch weiter zeigen, wenn wir un - ten an ſeinem Orte dieſe Materie abhandeln werden.
Die Fluͤſſe haben einen ſchieffen Grund, der ſich immer mehr dem Mittel - Puncte der Erde naͤhert, je weiter man fort - gehet, und wird dannenhero der Bach be - ſtaͤndig tieffer von der Qvelle an bis in den Eingang in einen andern Fluß oder die See. Daher kommet es auch, daß ſich die obere Flaͤche des Waſſers beſtaͤndig ſencket, wie man es durch das Waſſerwaͤgen findet (§. 148. Mech. ) und die Muͤhl-Gefaͤlle es ausweiſen. Da nun das Waſſer ſchweer iſt und vermoͤge der Schweere ſich dem Mittelpuncte der Erde ſo viel naͤhert, als ihm erlaubet iſt; ſo rinnet es auch in dem Bache durch ſeine Schweere fort aus eben der Urſache, warum eine Kugel ſich auf ei - ner ſchiefen Flaͤche hinunter beweget. Es kommet aber auch noch die andere Urſache dazu. Das obere Waſſer drucket das un - tere und dadurch erhaͤlt das untere eine Krafft ſich geſchwinder zu bewegen, als das obere und beweget ſich das Waſſer zuſam - men geſchwinder, wenn es tieff, als wenn es ſeuchte iſt. Und dieſes iſt die Urſache, warumb das Waſſer und uͤberhaupt eine jede fluͤßige Materie durch eine Roͤhre un - ten an dem Boden des Gefaͤſſes geſchwin - der laͤufft, wenn es voll, als wenn es nichtgantz511auf dem Erdboden. gantz voll iſt, und mit der Hoͤhe des Waſ - ſers im Gefaͤſſe auch die Geſchwindigkeit im Auslauffen abnimmet.
Es beweget ſich demnach einWenn ein Fluß einen ſchnellen Strom hat. Fluß geſchwinde und hat einen ſchnellen, folgends auch einen ſtarcken Strom, wenn der Grund im Bache ſehr abhaͤngig und das Waſſer darinnen ſehr tieff iſt (§. 346.). Hingegen wird die Bewegung laͤngſamer und der Strom faul, wenn der Grund nicht ſehr abhaͤngig und das Waſſer darinnen nicht ſehr tieff iſt.
Wenn ein Bach enger wird, alsWarum ſich ein Fluß geſchwin - der bewe - get, wenn der Bach enger wird. er vorher war; ſo kan nicht mehr ſo viel Waſſer in einer Minute durch flieſſen als vorhin. Denn wenn es einerley Geſchwin - digkeit behaͤlt und der Weg wird enger; ſo muß freylich ein Theil zuruͤcke bleiben, wel - ches in dem nun verſchloſſenen Wege fort geronnen waͤre. Derowegen weil gleich - wohl noch ſo viel zufleußt wie vorhin; ſo muß es aufſchwellen. Da nun hierdurch das untere Waſſer von dem oberen ge - druckt wird, ſo muß es ſich geſchwinder als horhin bewegen (§. 346.).
Und hieraus laͤſſet ſich zugleich be -Woher das Waſ - ſer ſeine Gewalt bekom - met. greiffen, woher das Waſſer ſeine Gewalt bekommet, nemlich wie alle uͤbrige Coͤrper von der Menge der Materie und der Ge - ſchwindigkeit der Bewegung (§. 133. T. III. Exper. 512Cap. IX. Von dem WaſſerExper.). Wir ſehen ſolches bey den Muͤhlen: da hat das Waſſer mehr Krafft, je tieffer es fallen kan, folgends je ſchneller es ſich beweget (§. 1. T. II. Exper.), inglei - chen je mehr daſſelbe ſich auf einmahl in das Gerinne ergeußt. Und dieſes iſt auch die Urſache, warum weniges Waſſer mehr Staͤrcke bekommet, wenn man das Schutz - Brett vorſetzet und nur eine kleine Eroͤffnung uͤbrig laͤſſet, dadurch es in das Gerinne kom - men kan. Denn das Waſſer thuͤrmet ſich in die Hoͤhe, biß durch die enge Eroͤffnung in einer Minute ſo viel Waſſer gehet als vor - her an dem Orte durch floß, da es Freyheit hatte ſich zu bewegen (§. 348. Es nimmet demnach mit der Geſchwindigkeit die Staͤr - cke des Waſſers zu. Wenn das Waſſer in dem Fluſſe waͤchſet, ſo ſtehet es hoͤher als vorher. Derowegen wird die Bewegung geſchwinder (§. cit. ) und dadurch erhaͤlt es mehr Krafft. Wenn dem anwachſenden Waſſer etwas in ſeiner Bewegung wieder - ſtehet, z. E. eine ſteinerne Bruͤcken die mit niedrigen engen Bogen geſchloſſen iſt: ſo wird das Waſſer vor der Bruͤcke immer hoͤ - her, bis es ſo hoch ſtehet, daß das untere bey der Eroͤffnung der Bogen ſo geſchwinde ſich beweget, als noͤthig iſt, wenn dadurch in ei - ner Minute ſich ſo viel Waſſer bewegen ſol als in einem andern Orte des Fluſſes, wo es ſeinen freyen Lauff hat (§. cit.). Da nundie513auf dem Erdboden. die Geſchwindigkeit nach Proportion der groſſen Laſt Waſſer zunimmet, die aufge - halten wird und auch die Menge Waſſer, welche durch den Bogen durchfleußt, nicht geringe iſt, ſo hat man das Waſſer, welches mit Gewalt durch den Bogen durchgehet, nicht anders anzuſehen als einen Keil, der mit groͤſter Gewalt hinein getrieben wird. Und daher iſt es kein Wunder, wenn auch das Waſſer gewoͤlbete Bruͤcken zerſprenget und die Stuͤcke mit fort fuͤhret. Aus eben dergleichen Urſache reiſſet es ſtarcke Thaͤm - me ein, ſonderlich an dem Orten, wo der Bach enger iſt als an andern Orten (§. 348).
Wir finden, daß das WaſſerWarumb das Waſ - ſer ſchweere Sachen mit ſich fuͤhren kan. ſchweere Sachen mit ſich fuͤhret, weñ es groß wird. Wir haben oben geſehen, daß es groſſe Steine auf das Gebuͤrge niedergeſe - tzet (§. 342). Die Urſache iſt hier hauptſaͤch - lich dieſe, weil die Coͤrper unter dem Waſſer viel leichter ſind als in der Lufft (§. 178 T. I. Exper.) und daher daſſelbe nicht mehr zu be - wegen findet, als den Uberſchuß der Schwe - re des Coͤrpers uͤber ſeine eigene (§. 179 T. I. Exper.), welcher bey gar ſchweeren Coͤr - pern oͤffters gantz ein weniges austragen kan. Sind Materien leichter als das Waſ - ſer, ſo verlieren ſie alle Schwere und ſchwim - men darinnen (§. 195 T. I. Exper.). Und daher braucht es gar keine groſſe Muͤhe,(Phyſick) K kwenn514Cap. IX. Von dem Waſſerwenn das ausgetretene Waſſer groſſe Holtz - Stoͤſſe umbwerffen ſoll. Denn man ſtelle ſich vor, daß daſſelbe rings herum den Holtz - Stoß umbflieſſe, ſo daß ein Theil Schei - te von dem Boden an nach einander gantz im Waſſer ſtehen. Weil das Waſſer auch zwiſchen die Scheite dringet, wo ein leerer Raum iſt; ſo iſt es eben ſo viel, als wenn ſie im Waſſer laͤgen und verlieren daher darin - nen ihre Schweere, ja von dem Waſſer wer - den ſie gar etwas in die Hoͤhe getrieben (§. 195. T. I. Exper.). Derowegen bekom - men ſie einen wackelnden Grund und wenn nur etwan an einem Orte ein Scheitt her - aus gehet, ſo fallen die uͤbrigen nach. Wenn das Waſſer geſchwinde wieder den Stoß geſchoſſen kommet; ſo gehet es eben zu wie vorhin bey der Bruͤcke (§. 349.). Unterwei - len hat das Waſſer gantze Stuͤcke Landes mit einem Hauſe von einem Orte fortgefuͤhret und an einem andern niedergeſetzet. Die - ſes aber iſt ſich weniger zu verwundern. Denn wenn das Waſſer rings herumb al - les loß geriſſen und ſich durch die Erde unter den Hauſe durch gearbeitet; ſo iſt das Erd - reich mit dem darauf ſtehenden Gebaͤude nicht anders anzuſehen geweſen als ein Schiff, oder eine andere Sache, die auf dem Waſſer ſchwimmet: denn da im Gebaͤude ſehr viel Lufft iſt; ſo machet es auch einen Coͤrper von viel leichterer Art aus als dasWaſſer,515auf dem Erdboden. Waſſer, zumahl wenn viel Holtz und ande - re leichte Materialien noch mit dabey ſind. Derowegen hat es das Waſſer ſo mit ſich fortgefuͤhret, als wie es ein Schiff mit fort zufuͤhren pfleget. Weil doch aber das Ge - baͤude mit ſeinem Boden ſich ebenfals wie ein Schiff im Waſſer eintauchet; ſo kan es auch nicht weiter fortkommen, wenn es von dem Waſſer an einen Ort gebracht wird, da es nicht Raum genung hat, ſich ſo tief einzutauchen als nach ſeiner Schwee - re erfordert wird. Man ſollte zwar mei - nen, das Waſſer reiſſe es weg: allein wenn es von allen Seiten herumb in gleicher Hoͤ - he umfloſſen iſt, ſo hat das Waſſer keine Krafft, indem es ſich mit keiner Geſchwin - digkeit beweget. Waſſer, was entweder ſtille ſtehet, oder auch ſich langſam bewe - get, hat keine Krafft (§. 349.).
Wir haben geſehen, daß die Ur -Warumb das Waſ - ſer in ei - ner See hoͤher iſt als in der andern. ſache, warum das Waſſer fleußt, einig und allein von ſeiner Schweere herzuhohlen iſt und daher daſſelbe an keinen Ortflieſſen kan, der hoͤher liegt als das Waſſer (§. 346.). Derowegen wenn daſſelbe aus einem Or - te in den andern fleußt, wo es gleichfals Waſſer hat; ſo muß es an dem erſten hoͤher, in dem andern aber niedriger ſtehen. Wir finden, daß das Waſſer aus einer See in die andere fleußt, z. E. aus dem Ponto Euxino in die mittellaͤndiſche See: undK k 2dem -516Cap. IX. Von dem Waſſerdemnach muß das Waſſer in der einen See hoͤher ſtehen als in der andern, z. E. in dem Ponto Euxino ſtehet es hoͤher als in der mittellaͤndiſchen See. Es ſind aber zweyerley Urſachen, warumb das Waſſer in einer See hoͤher ſtehet, als in der an - dern. Entweder es kommet mehr Waſſer hinein nach Proportion ihrer Weite, oder es dunſtet weniger aus. Und es gehet an, daß beyde Urſachen zugleich ſtat finden. Wenn viel Waſſer in eine See kommen ſoll, ſo muͤſſen groſſe und viele Fluͤſſe ſich darein ergieſſen: welches wir auch bey dem Ponto Euxino finden. Daß aber auch die See in einem Orte mehr ausdunſten kan als in dem andern laͤſſet ſich leicht be - greiffen. Jn einem Orte ſcheinet die Son - ne waͤrmer als in dem andern (§. 227.): wo ſie aber waͤrmer ſcheinet, da dunſtet es ſtaͤrcker aus, als wo ſie nicht ſo warm ſchei - net. Uber dieſes kan auch die Groͤſſe der Kaͤlte in Winters-Zeit an einigen Orten einen Unterſcheid machen, als welche die Ausduͤnſtungen faſt ſo viel als die Waͤr - me befoͤrdert, wo ſie in einem groſſen Gra - de anzutreffen (§ 87. T. II. Exper.)
Daß das See-Waſſer beſtaͤn - dig ſaltzig geweſen, iſt eine Sache, daran niemand zweiffelt: denn man findet keine Nachricht, die dagegen waͤre. Ob aber das Saltz darinnen ab - oder zu-nimmet,laͤſſet517auf den Erdbodenlaͤſſet ſich zur Zeit noch nicht beſtimmen, weil man dergleichen Obſervationen noch nicht angeſtellet, dadurch man hiervon et - was gewiſſes ſetzen koͤnnte. Unterdeſſen zeigen die Obſervationen des beruͤhmten Minoritens in Franckreich, Feuilleé(a)In Actis Erudit. A. 1715 p. 189, daß das See-Waſſer an einem Orte ſaltzi - ger iſt als in dem andern. Die Urſache kan man nicht daher hohlen, daß unten in dem Grunde der See gantze Felſen von Stein - Saltze waͤren, davon ſich ſo viel aufloͤſete als das Waſſer annehmen koͤnte. Denn Anfangs ſtehet die Erfahrung der Taͤucher im Wege, die den Grund gantz anders be - funden, wenn ſie ſich unter einer Glocken hinunter gelaſſen. Auch die Schiffer zur See, die Ancker werffen und damit von dem Grunde etwas loßreiſſen, befinden es gleichfals gantz anders: zugeſchweigen, daß auch unten im Grunde der See Pflantzen wachſen und zwar an verſchiedenen Orten von verſchiedener Art. Darnach zeiget ſich dadurch gantz augenſcheinlich das Wie - derſpiel, daß man in dem Grunde und Bo - den, den die See verlaſſen, gar kein Saltz findet, ſondern derſelbe bald ſteinicht, bald ſandicht iſt, bald Erdreich hat, das man bauen kan, wie aus dem jenigen erhellet, was Herr Schwedenborg von der SeeK k 3in518Cap. IX. Von dem Waſſerin ſeinem Vaterlande angemercket(b)In præfat. ad Prodrom. Princ. rer. nat. . Da nun die Fluͤſſe ſuͤſſes Waſſer hinein gieſſen und die Erde es nicht ſaltzig machen kan; ſo nimmet man insgemein an, daß die See das Saltz von dem erſten Urſprun - ge an bey ſich hat. Denn unerachtet zu - gleich eine ſo groſſe Menge fuͤſſes Waſſer hinein kommet, ſo thut doch dieſes dem Saltze keinen Abbruch, weil an der gantzen See zuſammen, einmahl in das andere ge - rechnet, taͤglich ſo viel Waſſer wieder aus - dunſtet als die Fluͤſſe hinein bringen (§. 343.). Die Duͤnſte aber nehmen kein Saltz mit ſich; ſondern laſſen es zuruͤcke. Denn es iſt ja bekandt, daß wir in den Saltz-Qvellen das Saltz von dem Waſſer abſondern, indem wir es ausdunſten laſ - ſen. Allein es hat doch auch dabey nicht geringe Schwierigkeiten. Wir haben vor - hin vernommen, daß das Waſſer aus dem Ponto Euxino beſtaͤndig fort fleußt und an deſſen Stelle von den Fluͤſſen ſuͤſſes Waſſer in groſſer Menge hinein gebracht wird. Das Waſſer iſt auch oben ſaltzig und demnach muß daſſelbe von dem ſaltzi - gen Saltz bekommen, woferne auf keine an - dere Weiſe Saltz hinein kommet, als daß es von Anbeginn der Erde darinnen gewe - ſen. Derowegen iſt man auf die Gedan -cken519auf dem Erdboden. cken gerathen, daß die Fluͤſſe daß Saltz in die See hinein braͤchten, welches ſie aus der Erde, wo ſie vorbey flieſſen, an ſich ziehen, und in der See zuruͤcke lieſſen, in dem das Waſſer ausduͤnſtet, was ſie hinein fuͤhren: welche Meinung Herrn Halley bewogen hat anzunehmen, daß das Saltz-Waſſer alle Jahre zunaͤhme, und zu glauben, man koͤn - ne daraus das Alter der Welt, oder viel - mehr des gegenwaͤrtigen Zuſtandes der Er - de finden, wenn man wenigſtens hundert Jahr in einem Orte obſerviret, wie das Saltz ſich von Jahren zu Jahren mehret(a)Phil. Tranſact. Num. 344. p. 290.. Es iſt nicht zu leugnen, daß, unerach - tet das Waſſer der Fluͤſſe nicht ſaltzig ſchmeckt, es dennoch Saltz bey ſich hat. Al - lein ob alles Saltz und zwar von der Art, wie wir es in der See antreffen, durch die Fluͤſſe hinein gefuͤhret wird, iſt eine ande - re Frage, die genauere Obſervationen er - fordert, ehe man ſie mit Gewisheit ent - ſcheiden kan. Man hat aber auch noch zu unterſuchen, ob nicht das Saltz von neuem in der See kan erzeuget werden, theils durch Materien, die von den Fluͤſſen hin - ein gebracht, theils aber durch andere, die aus der Lufft angezogen werden: wozu chymiſche Verſuche den Grund legen muͤſ -K k 4ſen,520Cap. IX. Von dem Waſſerſen, ehe man in der See zu Obſervatio - nen und Verſuchen ſchreiten kan.
Das Waſſer in der See bewe - get ſich beſtaͤndig von Morgen gegen Abend, dergeſtalt daß auch der ſtaͤrckſte Wind, der von Abend blaͤſet, ſeinen Lauff nicht aͤndern kan: woraus erfolget, daß die Bewegung, welche das Waſſer vor ſich hat in ſeinem ordentlichen Lauffe, viel ſtaͤrcker iſt als die - jenige, welche es durch die Krafft des ſtaͤrckſten Windes erhalten kan. Die Erde beweget ſich von Abend gegen Mor - gen umb ihre Axe (§. 175) und demnach hat das Waſſer in der See eine ihr entge - gen geſetzte Bewegung. Weil nun die See umb die gantze Erde herum gehet, wie auch daraus erhellet, daß man ſie mehr als einmahl umbſchiffet hat (§. 5. Geogr.); ſo hat es mit ihrer Bewegung eine andere Bewandnis als mit der Bewegung der Fluͤſſe (§. 346.). Und daher ſetzet es groſ - ſe Schwierigkeiten, wo man die Urſache zu dieſer Bewegung ſuchen ſoll; da man in dem Grunde des groſſen Behaͤltniſſes der See dergleichen nicht findet. Die Be - wegung der See von Morgen gegen Abend ſpuͤret man am allerdeutlichſten in dem hi - tzigen Striche zwiſchen den beyden Tro - picis oder Wende-Circuln, und daſelbſt ob - ſerviret man auch, daß der Wind beſtaͤn - dig von Morgen gegen Abend blaͤſet, nurdaß521auf dem Erdboden. daß er an einigen Orten unterweilen ge - gen Suͤden oder Norden etwas abweichet, wovon Herr Halley laͤngſt Nachricht er - theilet(a)In Actis Erudit. A. 1687. p. 510. & ſeqq. . Er hat auch gewieſen(b)Ibid p. 521. & ſeqq. , daß der beſtaͤndige Morgen-Wind von der Be - wegung der Sonne umb die Erde herkom - me. Es iſt bekand aus den Obſervationen mit dem Thermometer, daß die Lufft merck - lich waͤrmer wird, ſo bald nur die Sonne aufgehet, und von Morgen bis nach Mit - tage zunimmet; ſo bald aber die Sonne zu dem Untergange niederſteiget, wiederumb nach und nach abnimmet (§. 55. T. II. Exper.). Durch die Waͤrme der Sonne wird die Lufft duͤnner als ſie vorhin war (§. 133. T. I. Exper.) und breitet ſich daher durch einen groſſen Raum aus. Da nun in dem hitzigen Striche die Sonne viel waͤrmer ſcheinet als bey uns §. 229.); ſo muß ſie auch daſelbſt die Lufft viel ſtaͤr - cker ausdehnen als in unſern Laͤndern. Die Lufft, welche ſich ausbreiten will, muß ſich an den Ort bewegen, wo ſie weniger Wie - derſtand findet. Sie findet aber daſelbſt weniger Wiederſtand, wo die ausdehnen - de Krafft der benachtbahrten Lufft am ſchwaͤchſten iſt. Gegen Abend iſt die Lufft kalt, wo ſie noch hin kommen ſoll; gegenK k 5Mor -522Cap. IX. Von dem WaſſerMorgen aber waͤrmer, wo ſie geweſen iſt. Derowegen da die Kaͤlte die ausdehnende Krafft der Lufft ſchwaͤcht, die Waͤrme aber ſie vermehret (§. 133. T. I. Exper.); ſo findet ſie weniger Wiederſtand gegen A - bend als gegen Morgen, und daher muß ſie ſich gegen Abend und alſo mit der Son - ne nach einer Gegend bewegen. Solcher - geſtalt blaͤſet der Wind beſtaͤndig aus Mor - gen. Man moͤchte vielleicht fragen, war - umb ſich nicht ſo wohl die Lufft gegen Mor - gen, als gegen Abend bewegen kan, in dem ſie an dem Orte, wo die Sonne ſtehet, ver - duͤnnet wird: allein es iſt zu wiſſen, daß, unerachtet die Lufft an den Orten gegen Morgen, welche die Sonne verlaͤſt, bald wieder ſich abkuͤhlet (§ 134. T. I. Exper.), und dadurch ihre ausdehnende Krafft ver - geringert wird, deshalben nicht die Lufft aus dem Orte, wo die Sonne ſtehet, ſich hin bewegen darf, in dem weiter gegen Morgen die Lufft ſich dahin beweget, und auf ſolche Weiſe den Strich des Windes gegen Abend erhaͤlt. Da man nun eine Urſache des beſtaͤndigen Windes auſſer der Linie und zwiſchen den Tropicis ſiehet, wo nicht die darzwiſchen liegende Laͤnder eine Aenderung verurſachen; ſo ſcheinet es auch die wahrſcheinlichſte Urſache zu ſeyn, daß daſelbſt das See-Waſſer die Bewegung gegen Weſten erhaͤlt und durchdie -523auf dem Erdboden. dieſelbe ferner an andern Orten eine glei - che Bewegung erhalten wird. Jch kan in dieſem Stuͤcke nichts gewiſſes ſetzen, weil es mir an noͤthigen Obſervationen und Verſuchen fehlet, die dazu noͤthig ſind, woferne man die Sache mit Gewisheit ent - ſcheiden will. Es waͤre ſehr nuͤtzlich, wenn man fuͤr allen Dingen eine ausfuͤhrliche Hi - ſtorie von der Bewegung des See-Waſ - ſers haͤtte, und abſonderlich angemercket wuͤrde, wie tief das Waſſer ſich von O - ſten gegen Weſten beweget und wie tief der Wind daſſelbe bewegen kan, ingleichen ob beſtaͤndig zur See ein ſo ſtarcker Wind von Morgen gegen Abend iſt, als erfordert wird dergleichen Bewegung in der See zu erre - gen, als man darinnen antrifft.
Weil das See-Waſſer ſich vonWarum man ge - ſchwinder gegen A - bend als gegen Morgen ſchiffet. Morgen gegen Abend beweget, ſo ſchieffet man mit dem Strome fort, wenn das Schiff von Morgen gegen Abend gehet: Hingegen wieder den Strom, wenn man nach Morgen zu ſchiffet. Wenn das Schiff mit dem Strome fortgehet, ſo findet es in dem Waſſer keinen Wiederſtand, als in ſo weit es geſchinder fottgehet als das Waſſer: gehet es aber dem Strome entge - gen, ſo muß es die Bewegung des Waſ - ſers uͤberwaͤltigen, ehe es daſſelbe zum Aus - weichen bringen kan. Und demnach gehet hier mehr von der Bewegung des Schiffesver -524Cap. IX. Von dem Waſſerverlohren als im erſten Falle: Derowegen iſt auch in jenem die Bewegung laͤngſamer als in dieſem.
Das wunderbahreſte in der Be - wegung des See Waſſers iſt, daß daſſelbe des Tages zwey mahl an den Ufernanfaͤngt aufzuſchwellen, wie wenn in Fluͤſſen das Waſſer anwaͤchſt; zweymahl aber auch wieder abnimmet und in den Ufern niedri - ger ſtehet, wie wenn es in Fluͤſſen faͤllet. Wenn das Waſſer anwaͤchſt, nennet man es die Fluth: wenn es aber faͤllet, die Ebbe. Und alſo hat man innerhalb 24. Stunden zweymahl Ebbe und Fluth. Es richtet ſich dieſe Bewegung des Waſſers nach dem Mond: denn die Fluth faͤnget an, ſo bald der Mond den ſechſten Stunden-Circul er - reichet und dauret bis er in Mittags-Circul kommet, und alſo ordentlicher Weiſe ſechs Stunden. Wenn der Mond den Mit - tags-Circul verlaͤſt und ſich gegen den A - bend-Horizont wendet, ſo nimmet das Waſſer wieder ab, bis er wiederum den ſechſten Stunden-Circul in dem Abend - Theile der Welt-Kugel erreichet, das iſt ordentlicher Weiſe abermahl ſechs Stun - den. So bald er dieſen verlaͤſſet und ſich zu dem unterem Theile des Mittags-Circuls naͤhert; ſo beginnet das Waſſer wieder zu wachſen und wehret die andere Fluth, bis er den untern Theil des Mittags Circulserrei -525auf dem Erdboden. chet. So bald er dieſen verlaͤſt und wieder zu dem ſechſten Stunden Circul in dem Morgen-Theile der Welt-Kugel eilet, be - ginnet das Waſſer wieder zu fallen und dau - ret die andere Ebbe, bis er denſelben errei - chet. Weil der Mond nach ſeiner eigenen Bewegung innerhalb 24 Stunden ſich von der Sonne ohngefehr 12 Grade nach Morgen zu beweget; ſo kommet er des an - dern Tages drey Viertel-Stunden ohnge - fehr ſpaͤter in den Mittags-Circul und in den ſechſten Stunden-Circul. Man findet aber auch, daß die Fluth ſowohl als die Ebbe drey Viertel-Stunden ſpaͤter ange - hen, als den Tag vorher. Weil nun Ebbe und Fluth ſich ſo gar genau nach dem Lauff des Monds um die Erde richten; ſo pfleget man auch in ſolchen Orten, wo man Ebbe und Fluth hat, die Zeit derſelben taͤglich in den Calender zuſetzen, die man durch die Bewegung des Monds zu dem ſechſten Stunden-Circul und zu dem Mittags-Cir - cul determiniret. Wenn der Mond im Æquatore iſt; ſo bringet er ſechs Stun - den zu, ehe er von dem Horizont in den Mit - tags-Circul kom̃et und abermahl 6Stun - den, ehe er von demſelben bis zu dem Abend - Horizont niederſteiget (§. 28. Aſtr.). Dero - wegen faͤnget ſich alsdenn die erſte Fluth an, wenn der Mond aufgehet und die andere wenn er unter gehet. Und daher iſt eskom -526Cap. IX. Von dem Waſſerkommen, daß einige, welche nicht alles gantz genau nehmen, oder auch denen zugefallen, denen die aſtronomiſche Kunſt-Woͤrter nicht angenehm ſind, zuſagen pflegen; die erſte Fluth fange ſich an, wenn der Mond aufgehet, und die andere, weñ er untergehet. Jede daure ſechs Stunden und darzwiſchen jedesmahl die Ebbe gleichfalls ſechs Stun - den. Man muß ſich aber auch nicht einbil - den, als wenn die Ebbe und Fluth zu derſel - ben Zeit, wie beſtimmet worden, an allen Ufern zu obſerviren waͤre: denn was geſa - get worden, gehet nur die offenbahre See an, da der Mond daruͤber weggehet, und auch hier iſt noch nicht alles durch ſo richtige Obſervationen ausgemacht, daß man ſagen koͤnnte, es verhielte ſich alles auf das ge - naueſte ſo und nicht anders. Da das Waſſer unterwegens allerhand Zufaͤllen unterworffen iſt, ehe es bis an die Ufer kom - met: ſo findet man auch faſt an einem je - den Orte einigen Unterſcheid, darauf nebſt der Bewegung des Monds diejenigen zu ſe - hen pflegen, welche die Ebbe und Fluth in die Ealender mit eintragen. Weil es dem - nach zur Zeit noch an einer tuͤchtigen Hiſto - rie von dieſer wunderbahren Begebenheit der Natur fehlet, ohne welche man doch kei - nesweges zu einer tuͤchtigen Theorie von deſſen Urſache gelangen kan, ſo hat es auch A. 1701 die Academie der Wiſſenſchafftenzu527auf dem Erdboden. zu Paris dahin gebracht, daß den Profeſſo - ribus Hydrographiæ in den Haaſen von Franckreich anbefohlen worden die Ebbe und Fluth nach der ihnen ertheilten Vor - ſchrifft zu obſerviren(a)Hiſtoire de l’ Acad. Roy des Scienc. A. 1701. p. 14. & ſeqq. . Als nun Obſer - vationen aus verſchiedenen Orten einge - lauffen und Herr Caſſini, der juͤngere, die - ſelben mit Fleiß unter einander verglichen(b)Memoir. de l’Acad. Roy. des Scienc. A. 1710. p. m. 427. 486. A. 1712. p. 112. A. 1713. p. 17. A. 1714 p. 321; hat er gefunden, daß man in einem je - den Haafen beſondere Regeln von noͤthen hat, wenn man die Zeit und Beſchaffenheit der Ebbe und Fluth genauer beſtimmen will, als bisher geſchiehet. Er hat aber nicht allein auf die Zeit, ſondern auch zugleich auf die Groͤſſe der Fluth mit acht, die man bisher vorher zu ſagen ſich gar nicht unter - ſtanden. Auſſer der Bewegung des Mee - res, die mit der gemeinen Bewegung des Monds um die Erde uͤberein kommet, hat man ſchon vor alten Zeiten angemercket, daß auch eine Bewegung in der See zu ob - ſerviren, die mit der eigenen Bewegung des Monds von der Sonne uͤbereinkommet. Denn man hatangemercket, daß um denNeu -528Cap. XI. Von dem WaſſerNeu-Mond und umb den Vollmond die Fluth groͤſſer iſt als zu anderer Zeit, und daß ſie von dem Neu-Mond bis zu dem er - ſten Viertel abnimmet, von dem erſten Viertel aber bis zu dem Vollmond wieder zunimmet; von dem Vollmond bis zu dem letzten Viertel das andere mahl taͤglich ab - nimmet und von dem letzten Viertel an bis zu dem Neumond wiederum zunimmet. Jedoch trifft es auch hier nicht ſo genau bis auf einen Tag ein, daß die groͤſte Fluth eben auf den Tag fiele, wenn der Vollmond oder der Neumond iſt, und hingegen die gering - ſte Fluth eben auf den Tag, da wir das erſte und letzte Viertel haben; ſondern es ver - ſpaͤtet ſich etwas zu einer Zeit in einem Orte mehr als in dem andern: insgemein rechnet man die groͤſte Fluth auf den dritten Tag nach dem Neu - oder Vollmond. Man hat ſchon vor Alters die dritte Bewegung in dem Meere erkandt, welche mit dem jaͤhrli - chen Lauffe der Sonne zuſammen ſtimmet, und in einem Jahre zu Ende kommet. Nemlich man hat wahrgenommen, daß um die Zeit, wenn Tag und Nacht gleich wird, da die Sonne in den Æquatorem kom - met (§. 41. Geogr.), die groͤſte Fluth am groͤſten iſt, und um die Zeit, wenn der Tag am laͤngſamſten und am kuͤrtzeſten iſt, da die Sonne die Tropicos erreichet, die groͤſte Fluth kleiner iſt als zu anderer Zeit desJah -529auf dem Erdboden. Jahres. Und hat man ſchon vor dieſem davor gehalten, daß die Fluthen von dem Æquinoctio oder der Zeit an, da Tag und Nacht einander gleich ſind, und bis zu dem Solſtitio oder dem laͤngſten und kuͤr - tzeſten Tage abnehmen, hingegen von dem laͤngſten und kuͤrtzeſten Tage an bis zu der Zeit, da Tag und Nacht einander gleich ſind, wieder zunehmen. Aus den neueren Obſervationen hat Caſſini erwieſen, daß die groͤſte Fluth allzeit nach dem Neu - und Voll-Mond, niemahls aber fuͤr demſelben komme, wie man vor dieſem geglaubet, daß es ſich wohl auch zutragen koͤnne. Eben ſo hat er gefunden, daß vermoͤge der an die A - cademie der Wiſſenſchafften uͤberſandten Obſervationen die kleinſte Fluth 2 bis 3 Ta - ge nach den Viertels-Monden, oder wie an - dere zu reden pflegen, nach den Quartier - Monden komme: ingleichen daß die taͤgli - che Verzoͤgerung der Fluth kleiner iſt von dem Neu - und Voll-Monden zu den Vier - teln als von den Vierteln zu dem Neu - und Voll Monden. Daß aber die groͤſte Flu - then des Jahres um dieſelbige Zeit kommen ſolten, da Tag und Nacht einander gleich ſind, oder um den Aufang des Fruͤhlings und des Herbſtes hat er aus denen Obſerva - tionen, die er erwogen, nicht erſehen koͤn - nen. Unterdeſſen hat er verſchiedene ande - re Umſtaͤnde entdecket, die noch von nie -(Phyſik) L lman -530Cap. IX. Von dem Waſſermanden wahrgenommen worden. Er hat eine viel genauere Zuſammenſtimmung der Ebbe und Fluth mit dem Lauffe des Monds gefunden, als bisher bekandt geweſen. Es zeigen nemlich die Obſervationen, die er mit einander verglichen, daß die Groͤſ - ſe der Fluth ſich nach der Weite des Monds von der Erde richtet, daß ſie nemlich groͤſſer iſt, wenn der Mond der Erde nahe iſt, als wenn er weit davon weg iſt. Und daher iſt es als was ſonderbahres anzuſehen, daß die Fluth in Quartier-Monden, wenn der Mond im Perigæo oder Erdnahe iſt, ſo groß ſeyn kan als im Neu - und Voll-Mon - den, wenn derſelbe im Apogæo oder Erd - ferne iſt. Eben ſo hat er bekraͤfftiget, was vor dem de la Hire und Picard zuerſt wahrgenommen, als ſie zu Breſt und Duͤn - kirchen die Ebbe und Fluth obſerviret, daß ſie ſich nemlich mehr nach dem mittleren, als nach dem wahren Lauffe des Monds richtet: denn es traͤget ſich oͤffters zu, daß, wenn die wahre Bewegung des Monds laͤngſamer iſt als die mittlere, die Fluth fruͤ - her kommet, und hingegen ſpaͤter, wenn ſie geſchwinder iſt. Und daher mag es wohl kommen ſeyn, daß man insgemein glaubet, daß die groͤſte Fluth ſowohl vor dem Neu - und Voll-Monden, als nach demſelben kommen kan. Ferner hat er angemercket, daß, je groͤſſer die Fluth iſt, je groͤſſer wirdauch531auf dem Erdboden. auch die Ebbe, ſo daß es in der Ebbe niedri - ger ſtehet als es ſonſt ſtehen wuͤrde, wenn kei - ne Fluth geweſen waͤre. Er hat uͤber die - ſes noch gefunden, daß die Fluth ſich auch nach der Dechnation des Monds, das iſt, ſeinem Abſtande von dem Æquatore rich - tet und daß die Wuͤrckung, wodurch die Fluth verurſachet wird, in Anſehung der Declination halb ſo groß iſt als die in An - ſehung der Weite des Monds von der Erde. Z. E. wenn die Fluth deswegen, weil der Mond Erdnahe iſt, zwey Schuhe hoͤher iſt als ſonſt; ſo iſt ſie hingegen deswegen nur einen Schuh hoͤher, weil der Mond keine Declination hat, ſondern im Æquatore anzutreffen: denn wenn die Declination zunimmet, ſo nimmet die Fluth ab. Er mercket ferner, daß die Fluth geſchwinder anfaͤngt, wenn ſie groͤſſer wird, als wenn ſie geringer bleibet: ingleichen daß auch die Sonne durch ihre verſchiedene Weiten von der Erde und verſchiedene Declinationen, oder Abweichungen von dem Æquatore zu der Groͤſſe der Fluth etwas beytraͤgt, ob zwar nicht ſoviel wie der Mond: allein er erinnert dabey, daß man Obſervationen von etlichen Seculis oder Jahrhunderten dazu gebrauchet, ehe man mit Gewisheit ausmachen kan, was die Sonne dabey zu - thun hat. Und dadurch hat er endlich er - kandt, was er anfangs nicht ſehen konnte,L l 2daß532Cap. IX. Von dem Waſſerdaß in den Æquinoctiis oder um den An - fang des Fruͤhlings u. des Herbſtes die Fluth groͤſſer iſt als in den Solſtitiis oder zu An - fange des Sommers und Winters. Va - renius(a)in Geogr. generali part. 1. ſect. 4. c. 13. p. m. 128, der zur Zeit am beſten beſchrie - ben, was von den Fluͤſſen und dem Meere zu mercken, und aus den auch insgemein die andern, welche in der Phyſick von dieſer Materie gehandelt als Joh. Baptiſta du Ha - mel und Franciſc. Bayle, das ihrige genom - men, hat ſchon erzehlet, was fuͤr ein groſſer Unterſcheid in der Ebbe und Fluth ſich an verſchiedenen Orten der See ereignet, alſo daß es an einigen Orten gar keine Ebbe und Fluth giebet, die mercklich waͤre, als wie in der Mittellaͤndiſchen See (aus welcher Ur - ſache die Griechen nichts von dieſer ſon - derbahren Bewegung des Meeres gewuſt haben), ingleichen in der gantzen Nord - See uͤber England, Norwegen und Groͤn - land hinaus; hingegen an andern Orten die Fluth ſehr ſtarck iſt, als in dem hitzigen Striche zwiſchen den Tropicis &c.
Aus demjenigen, was ich von dieſer ſonderbahren Bewegung der See an - gefuͤhret, kan man erſehen, daß wir davon noch keine umſtaͤndliche Hiſtorie haben: denn was Caſſini zuſetzet, iſt aus einigen be -ſon -533auf dem Erdboden. ſonderen Obſervationen genommen, und waͤre noͤthig, daß man es durch mehrere be - ſtetigte, ehe man es fuͤr allgemein annim - met. Nun laͤſſet ſich aber nicht wohl die Urſache finden, ehe man die Sache recht kennet, deren Urſache man zu wiſſen verlan - get. Und demnach muß man ſich in die - ſem Stuͤcke nicht uͤbereilen. Unterdeſſen da man in der Phyſick auch Muthmaſſun - gen Raum geben muß, damit man zu ferne - rer Unterſuchung Gelegenheit bekommet, und dadurch man ſich endlich mit der Zeit der Wahrheit naͤhert, wie man zur Gnuͤge aus dem Anfange und Fortgange der Aſtro - nomie erſiehet; ſo kan man auch nicht ver - werffen, daß ſich die Weltweiſen bisher be - muͤhet, die Urſache der Ebbe und Fluth durch allerhand Muthmaſſungen zuerrei - chen und lieget uns zum wenigſten ob, daß wir diejenigen hier vorſtellen, welche am meiſten Wahrſcheinlichkeit haben und zu weiterer Unterſuchung Anlaß geben koͤnnen. Weil die beſonderen Umſtaͤnde von der Eb - be und Fluth beſtaͤndig mit der Bewegung des Monds zuſammen treffen und man die - ſe Harmonie noch immer tieffer einſiehet, je fleißiger man obſerviret (§. 355); ſo hat es nicht einen geringen Grad der Wahr - ſcheinlichkeit, daß der Mond von dieſer Be - wegung Urſache ſey: wenigſtens iſt gewiß, daß die Bewegung des Monds und die Eb -L l 3be534Cap. IX. Von dem Waſſerbe und Fluth einerley Urſache haben muͤſſe, oder daß der Mond davon Urſache ſey. De - rowegen laſſen wir diejenigen Meinungen bey Seite geſetzt, die auf den Mond gar nicht acht haben und ihnen einbilden, als wenn Ebbe und Fluth nur zufaͤlliger Weiſe mit ſeinem Lauffe zuſammen traͤffe: welches bey einer ſo gar ungemein groſſen Zuſam - menſtimmung, wie wir vorhin (§. 355) ge - funden, nicht wohl mag zugegeben werden. Galilæus(a)in Dialog. de Syſtem Mandidat. 4 p.m. 397 nimmet an, die Ebbe und Fluth und die Bewegung des Monds haͤt - ten einerley Urſache. Derowegen da die taͤgliche Bewegung des Monds umb die Erde von der Bewegung der Erde umb ihre Axe kommet (§. 175); ſo hat er auch dieſe als eine Urſache von der Ebbe und Fluth angegeben. Allein da er nicht allein ſelbſt geſtehen muß, daß durch die Bewegung der Erde innerhalb 24 Stunden nur eine Fluth kommen kan, und daher die andere nur zu - faͤlliger Weiſe ſtat findet, uͤber dieſes die beſonderen Umſtaͤnde, die ſich von der Ebbe und Fluth zum Theil nach dieſem gezeiget (§. 355), ſich nicht daraus erklaͤren laſſen, wie ſchon Caſſini(b)Memoires de l’ Acad. Roy des Scienc. A. 1713. p. m. 369 angemercket: ſo halte ich es fuͤr uͤberfluͤßig ſeine Meinung hier zu - erklaͤren, die wenig Wahrſcheinlichkeit fuͤrſich535auf den Erdboden. ſich hat. Kepler(c)in Aſtronomia lunari p. 70 und Carteſius(d)Princip. Phil. part. 4 §. 49 p.m. 158 bleiben bey dem Mond, und geben ihn als die Urſache der Ebbe und Fluth an, aber auf verſchiedene Weiſe. Denn jener ei - gnet dem Mond eine magnetiſche Krafft zu, dadurch er das Waſſer in der See gleich - ſam an ſich ziehet: dieſer hingegen nimmet an, daß der Mond die Himmels-Lufft dru - cke und ſeinen Druck durch unſere Lufft bis auf das Waſſer in der See erſtrecket, wo - durch daſſelbe gegen die Ufer getrieben wird. Beyde Meinungen kommen mit den beſon - deren Umſtaͤnden uͤberein; nur ſind ſie da - rinnen unterſchieden, daß nach Keplern das Waſſer unter dem Mond aufſchwellt, hingegen nach Carteſio eingedruckt wird. Weil nun dieſer beyden groſſen Weltwei - ſen Meinungen mehr Wahrſcheinlichkeit haben als die uͤbrigen: ſo wollen wir dieſel - ben auch umſtaͤndlicher vorſtellen, damit ſie denen, welche die Hiſtorie der Ebbe und Fluth genauer zu unterſuchen Gelegenheit haben, zeigen moͤgen, worauf ſie eigentlich acht zugeben haben.
Keplers Meinung hat derKeplers u. New tons Meinung groſſe Mathematicus in Engelland Herr Newton angenommen und in groͤſſeresL l 4Licht536Cap. IX. Von dem WaſſerLicht geſetzet(a)Princip. Phil-Nat. lib. 3. prop. 24. p. 390. edit. poſt. . Weil aber Newton die Sache unter ſchweeren mathematiſchen Demonſtrationen vorgetragen; ſo hat Herr Halley zu beſſerem Verſtande derer, die in der Mathematick nicht geuͤbet ſind, o - der doch nicht ſo weit kommen, daß ſie das tieffſinnige Werck Herrn Newtons ver - ſtehen koͤnnten, dieſelbe auf eine leichtere Weiſe fuͤrgetragen(b)Philoſ. Tranſ. Num. 226 p. 445. Jn den Schriff - ten der Engellaͤnder, darinnen von dieſer Materie gehandelt wird, treffen wir auch meiſtentheils dieſe Meinung an, und des - wegen muͤſſen wir ſie auch umb dieſer Urſa - chen willen hier anfuͤhren. Die anziehende Krafft des Monds und uͤberhaupt der Welt - Coͤrper, die ihnen Kepler beygeleget nach den Gruͤnden der magnetiſchen Philoſophie Gilberti, eines Engellaͤnders, die zu ſeiner Zeit gar viel Aufſehens machte, haͤlt Herr Newton fuͤr einerley mit der Schweere, wodurch die Materien auf dem Erdboden gegen den Mittel-Punct der Erde getrieben werden, und eignet dannenhero mit Robert Hooken(c)Vid. ejus Poſthumous Works f. 168. den Planeten, die ſich um die Sonne bewegen eine Schweere gegen dieSon -537auf dem Erdboden. Sonne und der Sonne hinwiederumb eine Schweere gegen ſie zu, denen Neben-Pla - neten aber, die ſich umb einen Haupt-Pla - neten, als wie der Mond um unſere Erde be - wegen, eine Schweere gegen den Planeten, darum ſie ſich bewegen, und hinwiederumb denſelben Planeten eine Schweere in den Neben-Planeten zu. Solchergeſtalt bekom - met der Mond eine Schweere gegen die Er - de und die Erde hinwiederum eine Schwee - re gegen den Mond. Ja aus eben der Ur - ſache hat die Sonne eine Schweere gegen die Erde und die Erde hinwiederumb eine Schweere gegen die Sonne. Dieſe Schweere erkennet Hooke und mit ihm Newton als die Urſache, warumb die Pla - neten ſich nicht in einer geraden Linie fort bewegen, ſondern davon zuruͤcke gezogen werden, daß ſie in einer krummen fortgehen muͤſſen. Es erweiſet ſolches Newton(d)Princ. Phil. Nat. Matth. lib. 3. prop. 4. p. 363 und aus ihm David Gregorius(e)Element. Aſtron. Phyſ. & Geom. lib. 1. prop. 46. f. 57 dieſes in dem Mond daher, weil der Mond durch ſeine Krafft in einer Minute 15½ Schuhe ge - gen den Mittel-Punct der Erde getrieben wird, indem er von der geraden Linie ab - weichet, wie ſich aus Aſtronomiſchen Gruͤn -L l 5den538Cap. IX. Von dem Waſſerden gar leicht zeigen laͤſſet; dadurch aber, was Hugenius durch Experimente von der Geſchwindigkeit des Falles ſchweerer Coͤr - per erfunden (§. 13 T. II. Exp.) und New - ton von der veraͤnderlichen Schweere in verſchiedener Weite von der Erde erwieſen, ſich zeigen laͤſſet, daß in der weite von der Er - de die der Mond hat, ein Coͤrper von ſeiner Schweere gleichfalls innerhalb einer Mi - nute 15½ Schuhe fallen muͤſſe. Es hat a - ber Newton erwieſen, daß die Schweere abnimmet in der Proportion, wie das Quadrat von der Weite von der Erde zu - nimmet, und die Geſchwindigkeit des Falles auf eben die Weiſe abnimmet, wie die Schweere. Wenn man dieſes einraͤumet, ſo ſiehet man gleich, daß der Fall eines ſchweeren Coͤrpers in einer Weite von dem Mittel-Puncte der Erde, die 60 mahl ſo groß iſt als der halbe Diameter der Erde, in einer Minute ſo viel fallen muß, wie hier bey uns an der Flaͤche der Erde in einer Se - cunde. Derowegen da der Mond nach ſeiner mittleren Entfernung 60 halbe Dia - meters der Erde von dem Mittel-Puncte weg iſt; ſo faͤllet er in einer Minute ſo viel gegen die Erde, wie bey uns ein Coͤrper in einer Secunde. Damit man nun deſtoTab. VI. Fig. 21 beſſer begreiffe, wie dieſe abnehmende Krafft der Schweere Ebbe und Fluth hervorbrin - ge; ſo ſtelle man ſich vor, T ſey die Erde, Lder539auf dem Erdboden. der Mond, TL die Weite des Mittel-Pun - ctes der Erde T von dem Mittel-Puncte des Monds L. Jn Z ſey das Zenith, wo der Mond vertical iſt, und in N das Na - dir: in HR aber der Horizont. Es iſt klar, daß das Waſſer in Z dem Mond um $$\frac {1}{60}$$ naͤher iſt als der Mittel-Punct der Erde und das hingegen in N umb ſo viel weiter von ihm entfernet ſey. Derowegen muß das Waſſer in Z eine groͤſſere Schweere haben gegen den Mittel-Punct des Monds, als was im Mittel-Puncte der Erde iſt, und hingegen das in N weniger, als was ſich daſelbſt befindet. Da nun das Waſſer ſo wohl unter dem Mond in Z, als in N weni - ger gegen den Mittel-Punct der Erde ge - druckt wird als an den uͤbrigen Orten umb die Erde herumb; ſo muß es auch an denſelben Orten aufſchwellen und er - habener ſeyn. Da nun der Mond ſich nach und nach um die gantze Erde beweget und innerhalb 25 Stunden bey nahe um dieſelbe herum kommet; ſo muͤſſen die Puncte Z und N ſich innerhalb 25 Stunden umb die Erde herum bewegen, wo das Waſſer am hoͤchſten ſtehet, und aͤndert demnach die Erde beſtaͤndig ihre Oval-Figur, deren groͤſter Diameter ZN durch den Mittel - Punct des Monds L gehet, wenn er ver - laͤngert wird. Jch vermeine nicht, daß es jemanden ſchweer fallen werde zubegreiffen,daß540Cap. IX. Von dem Waſſerdaß in Z und N wegen der Schweere gegen den Mittel-Punct des Monds L das Waſ - ſer weniger gegen den Mittel-Punct der Er - de getrieben wird als in H und R. Denn da die Schweere des Waſſers in Z gegen den Mittelpunct des Monds L derjenigen entgegen iſt, wodurch es gegen den Mittel - punct der Erde T getrieben wird; ſo muß dadurch die Schweere gegen den Mittel - Punct der Erde um ſo viel vergeringert werden als die gegen den Mond austraͤget. Hingegen da die Schweere des Waſſers in N gegen dem Mittel-Punct des Monds L geringer iſt als in den Mittelpuncte T; ſo wird auch daſſelbe weniger gegen den Mit - tel-Punct der Erde gedruckt als die Materie um den Mittelpunct in T. Dieſes letzte - re konte Kepler nicht erklaͤren: allein wie Newton die Kepleriſche Theorie weiter perfectioniret, ſo ſiehet man es deutlich. Weil die Erde auf gleiche Weiſe eine Schweere gegen die Sonne hat; ſo muß auch dieſes alles in Anſehung der Sonne er - folgen, was wir in Anſehung des Monds erwieſen. Allein weil die Sonne gar viel weiter weg iſt von der Erde als der Mond (§. 549 Aſtron. ): ſo muß auch die Schwee - re der Erde gegen die Sonne gar viel gerin - ger ſeyn als die gegen den Mond. Dero - wegen kan auch, wenn die Sonne in L ſte - het, das Waſſer in Z und N nicht ſo ſtarckauf -541auf dem Erdboden. aufſchwellen, als wenn der Mond in demſel - ben Orte anzutreffen. Wenn Neu-Mond iſt, ſo ſtehen die Sonne und der Mond zu - gleich in L und tritt das Waſſer um beyder Wuͤrckung halber in Z und N in die Hoͤhe. Derowegen iſt alsdenn die Fluth groͤſſer. Wenn Vollmond iſt, ſtehet der Mond uͤber Z und die Sonne uͤber N, und treffen dem - nach ihre Wuͤrckungen gleichfalls zuſam - men. Derowegen muß auch zur ſelbigen Zeit die Fluth groͤſſer ſeyn als ſonſt. Hin - gegen wenn das erſte Viertel iſt, ſtehet die Sonne uͤber H, wenn der Mond uͤber L ſte - het, und machet demnach in H die Fluth, wo der Mond Ebbe macht, der Mond aber machet in Z die Fluth, wo die Sonne Ebbe macht. Eben ſo verhaͤlt ſichs im letzten Viertel, wenn die Sonne in R und der Mond in Z ſtehet. Es ſind demnach in Quartier - oder Viertels Monden die Wuͤr - ckungen der Sonne und des Monds ein - ander entgegen und hindert einer die Wuͤr - ckung des andern. Derowegen kan die Fluth des Monds niemahls geringer als in Quartier-Monden ſeyn, weil ihr nemlich zu der Zeit durch die Wuͤrckung der Sonne der groͤſte Wiederſtand geſchiehet. Weil die Wuͤrckung des Monds ſich nach ſeiner Weite von der Erde richtet, und geringer wird, wenn der Mond von derſelben weiter weggehet, hingegen groͤſſer, wenn er naͤherzu542Cap. IX. Von dem Waſſerzu ihr kommet: ſo ſtimmet damit uͤberein, was Caſſini obſerviret, daß die Fluth groͤſſer iſt, wenn der Mond Erdnahe, als wenn er Erdferne iſt. Die groͤſte Weite des Monds von der Erde iſt nach dem de la Hire(b)in Tabul. Aſtron. Tab. 18. p.m. 27 bey nahe 63½, die geringſte noch nicht voͤllig 56 halber Erd-Diame - ter, und belaͤufft ſich demnach der Un - terſcheid zwiſchen der groͤſten und kleine - ſten Weite biß 7½ halbe Erd-Diameter. Da wir nun geſehen, daß die Weite eines Erd-Diameters zu dem Unterſcheide der Ebbe und Fluth genung iſt; ſo kan die Ver - aͤnderung in der Weite von der Erde gar mercklichen Unterſcheid hervorbringen. Dieſes folget gantz natuͤrlich aus der New - toniſchen Theorie und hat Herr Newton daraus erwieſen, daß es ſo und nicht anders ſeyn koͤnne, ehe Casſini es aus den Obſerva - tionen heraus gebracht. Wenn der Mond im Æquatore iſt, ſo beweget ſich das-Waſ - ſer in der Linie oder dem groͤſten Circul der Erd-Kugel: hingegen wenn er von dem Æ - quatore abweichet, und in einem kleineren Circul um die Erde herum gehet; ſo bewe - get ſich auch das Waſſer in einem kleineren Circul herum. Da nun gleichwohl der Mond einmahl ſoviel Zeit zubringet, ehe er umb die Erde herum kommet als das ande -re;543auf dem Erdboden. re; ſo muß das Waſſer ſich im erſten Falle geſchwinder, im andern laͤngſamer bewegen. Wenn die Bewegung des Waſſers ſchnelle iſt, ſo wird die Fluth groͤſſer als wenn ſie geringer iſt. Und alſo folget abermahls vor ſich gantz natuͤrlich aus der Newtoni - ſchen Theorie, was Caſſini obſerviret, daß die Groͤſſe der Fluth mit der Declination des Monds abnim̃et Eine gleiche Bewand - nis hat es mit der Sonne, daß ihre Wuͤr - ckung ſtaͤrcker iſt als ſonſt, wenn ſie in dem Æquatore oder doch wenigſten demſelben nahe iſt, und hingegen am ſchwaͤchſten, wenn ſie von ihm an weiteſten weg, das iſt, in Tropicis iſt. Derowegen verſtaͤrcket ſie auch um den Anfang des Fruͤhlings und Herbſtes die Fluthen; hingegen um den An - fang des Sommers und des Winters ſchwaͤcht ſie dieſelben am meiſten (§. 225). Jedoch da die Wuͤrckung der Sonne in An - ſehung des Monds geringe iſt, kan es gar wohl geſchehen, daß nach Beſchaffenheit der Umſtaͤnde der Mond die Fluth mehr vermindert, als ſie durch die Sonne um den Anfang des Fruͤhlings und Herbſtes ver - groͤſſert wird, und man dannenhero nicht ſpuͤret, daß die groͤſten Fluthen zu derſelben Zeit groͤſſer ſind als zu anderer Zeit des Jah - res. Gleichergeſtalt kan nach Beſchaffen - heit der Umſtaͤnde der Mond umb den An - fang des Sommers und Winters die Fluthmehr544Cap. IX. Von dem Waſſermehr vermehren, als ſie zu derſelben Zeit die Sonne wegen ihrer Entfernung von dem Æquatore vermindert, und ſolchergeſtalt kan man alsdenn nicht ſpuͤren, daß die groͤ - ſten Fluthen kleiner ſind als zu anderer Zeit des Jahres. Dieſes kommet alles mit dem uͤberein, was wir vorhin aus denen der Koͤ - niglichen Academie der Wiſſenſchafften zu Paris communicirten Obſervationen an - gefuͤhret. Weil aber auch die Sonne ihre Krafft mehr zeiget, wenn ſie der Erde nahe, als wenn ſie weil von ihr weg iſt, aus der Aſtronomie aber bekandt, daß ſie in den Winter-Monathen der Erde naͤher iſt als in den Sommer-Monathen: ſo muß auch dieſelbe durch ihre Wuͤrckung nach Be - ſchaffenheit der Umſtaͤnde den Mond mehr helffen, oder ihn auch mehr hindern, in den Winter-Monathen als in den Sommer - Monathen. Man ſiehet leicht, daß ſich ſehr viele Lehr-Saͤtze aus dieſen Gruͤnden beſtetigen lieſſen, die den Unterſcheid der Eb - be und Fluth nach dem verſchiedenen Stan - de des Monds und der Sonne gegen die Er - de klaͤrlich zeigeten, wenn wir die Sache weitlaͤufftig unterſuchen doͤrfften. Bisher haben wir nicht acht gehabt auf den Unter - ſcheid der Breite der Oerter, oder ihre Ent - fernung von der Linie darauf gleichwohl auch zuſehen iſt, weil der Mond von einen Orte weiter weg iſt als von dem andern, ſei -ne545auf dem Erboden. ne Wuͤrckung aber ſich nach der Weite von dem Waſſer richtet.
Carteſius(a)in Princ. Phil. part. 4. §. 49. p. m. 158 der einem jedenCarteſii Mei - nung. Tab. VII Fig. 22 Planeten einen Wirbel von der ſubtilen Himmels-Lufft zueignet, giebt auch derglei - chen der Erde, der ſich mit ihr in dem groͤſten Wirbel um die Sonne herum beweget und den Mond zugleich in ſich hat. Es ſey demnach ABCD derſelbe Wirbel, EFGH die Erde, 1234 das Waſſer oder die See, welche ſie umfleußt, 5678 die Lufft umb die Erde. Wenn der Mond in B iſt, ſo wird der Raum zwiſchen B und 6 enger als er ſonſt ſeyn wuͤrde. Derowegen muß ſich die Himmels-Lufft nun geſchwinder bewe - gen als vorhin, wie wir es bey den Fluͤſſen geſehen und drucket demnach die Lufft und das Waſſer, daß jene in 6 und dieſes in 2 niedriger ſtehet, hingegen aber das jene in 5 und 7, dieſes in 1 und 3 hoͤher ſteiget. Da - mit er aber auch zeigen kan, warum von der andern Seite in 4 gleichfalls das Waſſer und in 8 die Lufft niedergedruͤckt wird; ſo nimmet er an, es werde die Erde etwas ge - gen D gedruckt, daß der Mittel-Punct aus M in T kommet. Denn ſo wird der Raum zwiſchen 8 und D ſo enge als zwiſchen 6 und dem Mond in B. Weil ſich der Mond in einer Ellipſi beweget, ſo ſetzet er,(Phyſik) M mzur546Cap. IX. Von dem Waſſerzur Zeit des Neu - und Vollmonds ſey der - ſelbe in B und D wo der kleine Diameter iſt: zur Zeit der Viertel aber in C und A, wo der groſſe Diameter iſt, und dannenhero wird der Raum zwiſchen dem Mond und der Erde enger im Neu - und Voll-Mond, hingegen weiter im erſten und letzten Vier - tel.
Wenn man die Kepleriſche von dem Herrn Newton verbeſſerte Theo - rie mit Carteſii Meinung vergleichet; ſo wird man finden, daß in jener ſich der Grund von allem, was man von der Ebbe und Fluth obſerviret, viel natuͤrlicher, das iſt, auf ei - ne begreiflichere Weiſe zeigen laͤſſet, als nach der letztern, auch in jener nicht ſo viel nach Gefallen angenommen wird, als in dieſer. Und demnach hat ſchon dadurch dasjenige, was Herr Newton behauptet, mehr Wahr - ſcheinlichkeit als was Carteſius vorgiebet. Uberdieſes aber ſind wichtige Knoten in Carteſii Meinung aufzuloͤſen, die man in der Newtoniſchen Theorie nicht findet. Nemlich nach Carteſii Vorgeben iſt das Waſſer unter dem Mond niedriger und ei - nen Quadranten von ihm oder im ſechſten Stunden Circul beyderſeits die Fluth: da bisher alle, welche von der Fluth aus eige - ner Erfahrung geſchrieben, einhellig beken - nen, daß unter dem Mond die Waſſer auf - ſchwellen, wie es auch die Kepleriſche undNew -547auf dem Erdboden. Newtoniſche Theorie haben will. Darnach nimmet Carteſius an, daß alle Neu - und Vollmonden in dem kleinen Diameter von der Ellipſi geſchehen; alle Viertel aber in dem groſſen: welches gleichfalls noch nicht ausgemacht, und verſichert Dechales(b)in Tract de Navigatione prop. 13 f. 267 T. 3 3. Mundi Mathem. , er habe mit Caſſini die von ihm obſervirten Weiten des Monds von der Erde fleißig er - wogen und mit einander verglichen, keines - weges aber gefunden, daß der Mond zur Zeit des Neu - und Voll Monds immer der Erde naͤher ſey, als in den Vierteln. Es iſt wohl wahr, daß Carteſius durch einen Druck die Sache erklaͤret; hingegen Kepler und Newton durch ein Anziehen. Nun wiſſen wir, daß keine anziehende Krafft in der Na - tur als nur dem bloſſen Scheine nach Platz findet. Allein unerachtet die meiſten An - haͤnger Herrn Newtons die Schweere als eine eigenthuͤmliche Krafft der Materie an - ſehen und keine natuͤrliche Urſache derſelben verlangen: ſo haben wir doch nicht noͤthig hierinnen ihrer Meinung beyzupflichten. Wir nehmen dieſe Schweere der Planeten gegen einander, oder ihre magnetiſche Krafft an als eine Sache, die in der Erfah - rung gegruͤndet iſt, aber eine uns zur Zeit noch nicht voͤllig bekandte Urſache hat, dieM m 2wir548Cap. IX. Von dem Waſſerwir zu weiterer Unterſuchung ausgeſetzet ſeyn laſſen, als wie man die Schweere der Coͤrper gegen die Erde annimmet als eine Sache, die vermoͤge der Erfahrung in der Natur ſtat findet, und andere Dinge dar - aus erklaͤret, die von ihr herruͤhren, auch wenn man gleich nicht eigentlich weiß, wie die Natur die Coͤrper gegen die Erde ſchweer machet. Unterdeſſen da die Hiſtorie der Ebbe und Fluth noch nicht ſo vollſtaͤndig iſt, als man ſie noͤthig haͤtte, wenn man alles genau unterſuchen wollte; ſo waͤre nicht undienlich, wenn man ſowohl dieſelbe durch die Erfahrung zuergaͤntzen ſuchte, als auch aus der Newtoniſchen Theorie durch Lehr - Saͤtze ausmachte, was in verſchiedenen Faͤl - len erfolgen muͤſſe. Denn ſo koͤnnte man deſto beſſer ſehen, was man zu obſerviren haͤtte und wie weit die Erfahrung mit der Theorie zuſammen ſtimmet.
Auſſer der Haupt-Urſache der Ebbe und Fluth kan es auch Neben-Urſa - chen geben, welche die Wuͤrckung derſelben in einigen Stuͤcken aͤndern. Dieſelben ſind entweder beſtaͤndig, oder veraͤnderlich. Die beſtaͤndigen kommen von dem Unter - ſcheide des Landes her, was hin und wieder zwiſchen der See lieget, wodurch der Lauff des Waſſers oͤffters gehindert, oder auch ſeine Richtung nach einer gewiſſen Gegend geaͤndert wird. Eines von den merckwuͤr -digſten549auf dem Erdboden. digſten Exempeln, ſo wir hier geben koͤnnen, iſt wohl dieſes, daß in dem Haafen zu Tun - quin in China in 24 Stunden nur einmal Eb - be und Fluth iſt und zweymahl im Monath gar keine, nemlich wenn der Mond nahe bey dem Æquatore ſtehet. Es ſind uͤber dieſes nachfolgende beſondere Umſtaͤnde da - bey. Mit der Declination des Monds o - der ſeiner Abweichung von dem Æquatore nimmet die Fluth zu bis an den Tropi - cum, zu welcher Zeit dieſelbe am groͤſten iſt. Und zwar wenn der Mond im Tropico cancri iſt, ſo iſt die Fluth, indem derſelbe uͤ - ber der Erde iſt, und die Ebbe, wenn er un - ter der Erde iſt, dergeſtalt daß die groͤſte Fluth mit dem Untergange und die groͤſte Ebbe, da das Waſſer am niedrigſten ſtehet, mit dem Aufgange deſſelben zuſammen trifft: hingegen wenn der Mond den Tro - picum capricorni erreichet, iſt die Fluth, wenn er unter der Erde iſt, und die Ebbe, wenn er ſich uͤber ihr befindet, dergeſtalt daß die Fluth am groͤſten iſt, wenn er aufgehet, und die Ebbe am groͤſten, wenn er unterge - het(a)Phil. Transact. Num. 162. p. 677. Es hat aber Herr Newton(b)in Princ. Phil. Nat. Math. lib. 3. prop. 24. p. 394. ſchon erinnert, daß dieſes davon komme, weil in demſelben Haafen das Waſſer ausM m 3zwey550Cap. IX. Von dem Waſſerzwey Orten kommet, nemlich aus der mit - tellaͤndiſchen See und aus der Jndiſchen: welches Herr Halley etwas umbſtaͤndlicher gezeiget(c)Phil. Transact. Num. 226 p. 445. Unter die veraͤnderlichen Ur - ſachen gehoͤren mit die Winde, welche man demnach zugleich mit Fleiß anmercken muß, wo man auf die Ebbe und Fluth acht hat. Denn wenn der Wind dem Waſſer entge - gen blaͤſet, haͤlt er es nicht allein in ſeiner Bewegung auf, daß es nicht ſo geſchwinde zuflieſſen kan, und daher die Lufft laͤnger dauret; ſondern er kan auch hindern, daß ſie nicht ſo ſtarck wird, als ſie ſonſt werden ſollte. Hingegen wenn der Wind eben den Strich haͤlt, darnach ſich das Waſſer be - weget; ſo kan er die Geſchwindigkeit der Bewegung vermehren, daß die Fluth nicht allein kuͤrtzere Zeit dauret, ſondern auch ſtaͤr - cker wird, als ſie werden ſollte, und Uber - ſchwemmungen verurſachet, die um ſo viel groͤſſer werden, wenn das Waſſer durch die Ufer durchreiſſet. Wenn es durchreiſ - ſet, bekommet es eine ſchnellere Bewegung, je enger der Raum iſt, wo es durchbricht (§. 348) und thut daher im Anfange mehr Schaden (§. 349), als wenn es nach und nach mehr eingeriſſen und nun einen frey - eren Gang hat.
Da das Waſſer aus den Fluͤſ -ſen551auf dem Erdboden. ſen in die See laͤufft, ſo ſtehet es in der See niedriger als in ihnen. Allein weil es in der Fluth um etliche Schuhe in der See hoͤher wird als es in der Ebbe war; ſo ſtehet es nachdem in der See hoͤher als in dem Fluſſe. Da nun die Hoͤhe nach und nach zunim - met; ſo laͤſſet es auch kein Waſſer aus dem Fluſſe mehr hinein, ſondern haͤlt es zu - ruͤcke, daß es nach und nach auch in dem Fluße hoͤher werden muß. Und ſolcherge - ſtalt beweget ſich das Waſſer in dem Fluſſe zuruͤcke bis an den Ort, der ſo hoch lieget, als das Waſſer in der See ſtehet. Z. E. Tab. VII Fig. 23AC ſey die abhaͤngige Flaͤche des Waſſers im Fluͤſſe gegen die See; in A der Einfluß in die See. HB ſey der Horizont des See - Waſſers, wie es in der Ebbe ſtehet. Man ſetze, die Fluth triebe es bis in DE, ſo muß es in dem Fluße bis in C hoͤher werden, wo es ſoviel uͤber dem Horizont der See in der Ebbe HB erhaben iſt, als die Fluth das Waſſer in der See erhoͤhet. Derowegen je groͤſſer die Fluth iſt, je weiter ſchwellt das Waſſer in dem Fluſſe auf, und je naͤher man der See iſt, je groͤſſer iſt die Fluth, die man in dem Fluſſe verſpuͤret. Wenn die Fluth in der See auſſerordenlich groß wird, kan es in dem Fluſſe hoͤher ſteigen als die Ufer ſind und dadurch eine Verſchwemmung verurſachen. Ja es kan auch, weil ſeine Krafft zunimmel, an einigen Orten, wo esM m 4von552Cap. X. Von denen Dingen,von dem Ufer nicht genung Wiederſtand findet, durchreiſſen und dadurch das umlie - gende Land uͤberſchwemmen.
ES ſind vielerley Arten der Erde, wie man aus der gemeinen Erfah - rung weiß. Denn auſſer der gu - ten Erde, die man gemeiniglich in Gaͤrten antrifft und daher Garten-Erde genennet hat man auch Ziegel-Erde, dar - aus die Ziegel geſtrichen werden Leim, Thon oder Toͤpffer-Erde, daraus die Toͤpffer ihre Gefaͤſſe machen, koſtbahre Erde, die man in der Artzney gebrauchet und dergleichen mehr. Man pfleget auch mit dazu den Sand zurechnen. Es finden ſich aber die verſchiedenen Arten der Erde nicht allzeit rein, ſondern ſind gemeiniglich auf verſchie - dene Art mit einander vermenget.
Die Garten-Erde iſt ſchwam - loͤchericht und ziehet das Waſſer an ſich. Die leeren Zwiſchen-Raͤumlein ſind mit Lufft erfuͤllet: wenn das Waſſer darauf faͤl - let, ſteiget die leichtere Lufft da durch in dieHoͤhe553die in der Erde befindlich. Hoͤhe und dieſes ſencket ſich nieder in ſeine Stelle (§. 212 T. I. Exper.). Es nimmet aber die Erde nur einen gewiſſen Theil Waſſer an ſich, darnach laͤſſet ſie das uͤbrige fahren: auch dringet es nur biß auf eine ge - wiſſe Tieffe hinein und gehet nicht weiter (§. 244). Die Waͤrme trocknet die Erde aus, indem das Waſſer, daß in ihren Zwiſchen - Raͤumlein zu finden, ausduͤnſtet (§. 248). Die trockene Erde wird duͤrre und laͤſſet ſich zerreiben. Vieles Waſſer loͤſet die Erde auf und wird davon truͤbe. Die Waͤrme von der Sonne dringet nur bis in eine ge - wiſſe Tieffe hinein, ingleichen des Winters die Kaͤlte, wie ſchon oben (§. 234 angefuͤh - ret worden. Andere Arten der Erde haben noch andere Eigenſchafften: allein man hat noch nicht alles unterſucht, was hieher ge - hoͤret, auch nicht aus der Erfahrung ange - merckt, was ſie bey verſchiedenen Gelegen - heiten freywillig gewehret.
Wenn man in die Erde graͤbet,Unter - ſcheid der Erde an einem Orte. ſo trifft man ſie nicht uͤberall von einerley Art an; ſondern ſie wechſelt Schichten - weiſe ab. Eine Lage iſt immer von einer an - dern Art als die andere. Z. E. Wenn oben gute ſchwartze Erde iſt, ſo folget etwan darunter Leim, nach dieſem wohl Sand, un - ter dem Sande Thon und ſo weiter. Die Abwechslung der Lagen iſt unterſchieden und an einem Orte nicht wie in dem andern. M m 5Man554Cap. X. Von denen Dingen,Man erkennet leicht, daß ſolches von Uber - ſchwemmung herkommen muß, wo das Waſſer ſich geſetzet, und kan mehr als eine Uberſchwemmung daran Schuld geweſen ſeyn. Varenius(a)Geogr. gener. part. 3. ſect. 2. c. 7. prop. 7. p.m. 46 fuͤhret ein Exem - pel an, wie die Lagen der Erde ab - wechſeln. Als man zu Amſterdam einen Brunnen gegraben und 230 Schuhe tieff in die Erde kommen, hat man die ver - ſchiedenen Lagen folgen der geſtalt gefunden. Schwartze Garten-Erde gieng 7 Schuhe tief, nach ihr kam Torff 9 Schuhe tief, hier - auf weicher Thon 9, Sand 8, Garten-Er - de 4, Thon 10, Erde 4, Sand 10, Thon 2, weiſſer Sand 4, trockene Erde 5, Moraſt 1, Sand 14, ſandichte Lette 3, Sand mit Thon vermengt 5, Sand mit kleinen See-Mu - ſcheln vermengt 4, Thon bis auf 102 und endlich Kießlichter Sand 31 Schuhe tief. Man ſiehet aus gegenwaͤrtiger Obſervati - on, daß der Thon vor Zeiten der Seegrund geweſen und die See den Sand mit den Muſcheln zu ruͤcke gelaſſen, als ſie davon ge - wichen. Die uͤbrigen lagen aber muͤſſen nach und nach durch allerhand Verſchwem - mungen dazu kommen ſeyn. Und kan die - ſes einige Exempel zeigen, daß die Erde von uhralten Zeiten her ſehr viele Veraͤnderun -gen555die in der Erde befindlich. gen muͤſſe erlitten haben, davon keine Nach - richten vorhanden.
Wir wollen jetzt nicht den Un -Beſchaf - fenheit der Ber - ge. terſcheid des feſten Landes auf dem Erdbo den in Betrachtung ziehen, als welches uns zu weit von unſerem Vorhaben abfuͤhren wuͤrde. Nur mercken wir an, daß die Er - de nicht uͤberall eben iſt, ſondern an vielen Orten hohe und lange Gebuͤrge angetroffen werden. Wenn wir wiſſen wollen, ob die Berge ſchon bey dem erſten Urſprunge der Erde ſo geweſen, wie wir ſie heute zu Tage antreffen, oder nicht; ſo muͤſſen wir auf ih - re Beſchaffenheit acht geben. Es iſt wohl wahr, daß es einige daher behaupten, weil wir ſie nuͤtzlich befinden, als inſonderheit wegen der Qvellen, die den Fluͤſſen das Waſſer geben (§. 340): allein dieſes iſt nicht genung und kan wieder die Erfahrung nicht angefuͤhret werden, wenn ſie uns des Ge - gentheils verſichert. Zudem iſt ja auch nicht noͤthig, daß die Berge, die wir haben, beſtaͤndig geweſen. Es koͤnnen andere vor dieſem geweſen und vergangen; andere hingegen in deren Stelle kommen ſeyn. Es veranlaſſet mich zu dieſen Gedancken nicht allein, was Herr Swedenborg(a)in præf. ad Prodrom. Prineip. rerum na - turalium. erzehlet, daß man in Schweden auf den hoͤchſtenGe -556Cap. X. Von denen Dingen,Gebuͤrgen Muſcheln in ſo groſſer Menge findet, daß man ſie zu Kalck verbrennet und damit Handel treibet, und groſſe Steine, die viele Centner wiegen, in den Bergen ver - ſchwemmet, ja hin und wieder ſelbſt auf den Spitzen derſelben antrifft; ſondern auch was heute zu Tage, da man mit ſo groſſem Fleiſſe die gebildeten Steine ſammlet, von andern von der Beſchaffenheit der Berge angemercket wird. Gewis! Muſcheln koͤnnen nicht oben auf die Berge kommen, vielweniger inwendig hinein, wo ſie nicht von dem See-Waſſer hingeſchwemmet werden. Groſſe Steine die gegen den Ho - rizont incliniret ſeyn, koͤnnen gleichfalls nicht anders als durch das Waſſer dahin ge - bracht worden ſeyn. Und alſo ſind Berge, die das Waſſer zuſammen geſchwemmet, vorhanden. Es zeigen auch ſolches die ab - wechſelnde Lagen des verſchiedenen Erdrei - ches, welches wir in Bergen eben ſo antref - fen, wie wir es vorhin (§. 364) beſchrieben. Gleichwie nun aber neue Berge entſtanden; ſo iſt vermuthlich, daß auch alte untergan - gen. Wenn man ſich umb die Geſchichte der Natur genauer bekuͤmmern wird, als bisher geſchehen, und inſonderheit die Ver - aͤnderungen, die ſich durch das Waſſer er - eignen, durch viele Secula mit Fleiß an - mercken; ſo wird ſich nach und nach immerein557die in der Erde befindlich. ein mehreres Licht in dem Zuſtande der Er - de zeigen.
Auſſer den verſchiedenen ArtenCoͤrper ſo aus der Erde gegraben werden. der Erde werden auch andere Materien aus der Erde gegraben, oder wenigſtens daraus gezogen, und mit dem Nahmen der Mi - neralien begabet, worunter die Me - talle die vornehmſten ſind. Man trifft nem - lich allerhand Arten der Materien an, die ſich im Waſſer aufloͤſen laſſen, und dieſe nennet man Saltze. Dahin gehoͤret un - ſer gemeines Kuͤchen-Saltz, Vitriol, Alaun, Salpeter ꝛc. Es hat Materien, welche ſich entzuͤnden und verbrennen, und dieſe nennet man Schwefel und ſchwefelichte Ma - terien, worunter der gemeine Schwefel und der Agtſtein gehoͤret, von welchem letz - ten im Werth gehalten wird, was Philipp Jacob Hartmann, ein Medicus und Profeſſor in Koͤnigsberg geſchrieben(a)Succincta ſuccini Pruſſici Hiſtoria & Demonſtratio, Berolini 1699. Es ſind Materien, die ſich ſchmeltzen und haͤmmern laſſen, und dieſe bekommen den Nahmen der Metalle, deren man insgemein 7 zuzehlen pfleget, nemlich das Gold, Sil - ber, Bley, Kupffer, Eiſen, Zinn und Queck - ſilber, wiewohl ſich das letztere zur Erklaͤrung der Metalle gar nicht ſchicket, daher auch ei - nige den Wißmuth in die Stelle ſetzen. DieChy -558Cap. X. Von denen Dingen,Chymiſten und Alchymiſten nennen die Metalle mit den Nahmen der Planeten, als Gold heiſſet die Sonne, Silber der Mond, Bley Saturnus, Kupffer Venus, Eiſen Mars, Zinn Jupiter und Queckſilber Mer - curius, und deuten auch daher die Metalle durch eben die jenigen Zeichen an, welche die Aſtronomi fuͤr die Planeten erdacht. Man findet harte Coͤrper, die ſich zum Theil ſchmeltzen, zum Theil in Kalck verwandeln, aber nicht haͤmmern laſſen, nnd dieſe werden Steine genennet, welche man in gemeine und in Edelgeſteine zu theilen pfleget.
Da wir uns nicht vorgenom - men haben eine Geſchichte der Natur zu - ſchreiben; ſo iſt auch unſerem Vorhaben nicht gemaͤß, daß wir uns mit weitlaͤufftigen Beſchreibungen dieſer Materien aufhalten, die man bey denjenigen Auctoribus ſuchen muß, welche dieſen Theil der Naturgeſchich - te abhandeln. Die Eigenſchafften der Mi - neralien und Metalle unterſuchen die Chy - mici, Alchymiſten und Kuͤnſtler, die darin - nen arbeiten. Dem Naturkuͤndiger lie - get ob den Grund von dem zu unterſuchen, was die Natur und die Kunſt veraͤnderliches zeigen, damit man begreiffen lernet, wie es moͤglich iſt, daß dergleichen geſchiehet. Es waͤre demnach zu wuͤnſchen, daß die Alchy - miſten ihre Experimente nicht ſo geheim hiel - ten, dazu ſie die Begierde des Goldmachensan -559die in der Erde befindlich. antreibt, weil ſie immer vermeinen, es koͤnne vielleicht dieſes oder jenes, was ihnen auch nicht angehet, dennoch ein Weg ſeyn, den ſo genannten Stein der Weiſen zu er - langen. Ob nun zwar die Chymie, Alchy - mie, Schmeltz-Kunſt ꝛc. viele Experimente haben, davon einem Naturkuͤndiger die na - tuͤrlichen Urſachen zu unterſuchen oblieget; ſo muß man doch geſtehen, daß man zur Zeit noch keine tuͤchtigen Gruͤnde hat, dadurch man, was daſelbſt vorgehet, auf eine ver - ſtaͤndliche Art erklaͤren koͤnnte. Man will auch bald gar zu weit gehen und die mecha - niſchen Gruͤnde zur Erklaͤrung anbringen, da man ſich mit den phyſiſchen vergnuͤgen ſollte. Nemlich man will gleich auf die Figur, Groͤſſe und Bewegung der kleinen Theile gehen, da man ſich vergnuͤgen koͤnnte, wenn man nur durch Vermiſchung entſtan - dene Materien in andere einfachere, durch deren Vermiſchung ſie entſtanden aufzuloͤ - ſen wuͤſte, damit man ſagen koͤnnte, woraus und wie ſie die Natur hervorgebracht.
Das gemeine Saltz, welchesVon dem gemeinen Saltze. man auch wegen ſeines Gebrauches zu den Speiſen, das Kuͤchen-Saltz zu nennen pfleget, wird nicht allein aus der Erde ge - graben, wie in Pohlen, Catalonien, Perſi - en, Jndien ꝛc. ſondern auch aus dem See - Waſſer zubereitet, wie in Franckreich, Spa - nien, Portugall, und von Waſſer ausSaltz -560Cap. X. Von denen Dingen,Saltz Qvellen gekocht, wie hier bey uns in Halle und andern Orten Deutſchlandes. Das Saltz in Pohlen wird in Geſtalt groſ - ſer Muͤhlſteine zugehauen und daher Stein - Saltz genennet. Der Stein ſiehet ſchwaͤrtz - lich aus: wenn es aber gerieben wird, ſo wird es weiß. Wenn das gegrabene Saltz weiß wie ein Chryſtall und durchſichtig aus - ſiehet, nennet man es ſal gemmæ oder Chryſtallen-Saltz. Die Chymici nennen ein Alcali, was mit einem acido oder ſau - rem brauſet. Alſo ſind Krebs-Augen, Ey - er-Schaalen, Kreide alkaliſch: denn ſie brauſen mit Eßige, Weine und andern ſau - ren Saͤfften. Man erweiſet daher, daß das Meer-Saltz, folgends auch die uͤbri - gen Arten des gemeinen Saltzes, die mit ihm uͤberein kommen, aus zweyerley Sal - tzen beſtehen, einem ſauren und alkaliſchen. Denn wenn man das See-Waſſer ausdun - ſten laͤſſet, daß es in Chryſtallen ſchießt; ſo brauſet, was zuerſt kommet, nicht mit dem Oleo Tartari per deliquium oder auch dem Sale Tartari ſo alkaliſch iſt, und iſt dannenhero auch von alkaliſcher Art: was aber zuletzt folget, und auf dem Boden uͤbrig bleibet, wenn das Waſſer gantz aus - gedunſtet, brauſet mit dem Oleo Tar - tari und iſt dannenhero ein acidum oder ſaures Saltz. Man erweiſet es auchdaher561die in der Erde befindlich. daher(a)Lemery Cours de Chymie part. 1. c. 3. §. 16 p. m. 9. , weil man in der Chymie durch Vermiſchung der acidorum mit dem al - kali eine dem gemeinen Saltze aͤhnliche Subſtantz hervor bringet. Das Waſſer loͤſet nur einen gewiſſen Theil von dieſem Saltze auf: wenn es genung hat, bleibet das uͤbrige auf den Boden unaufgeloͤſet lie - gen. Unterdeſſen muß man nicht meinen, als wenn es davon kaͤme, daß in den Zwi - ſchen-Raͤumlein des Waſſers keines mehr Raum haͤtte. Denn wenn kein gemeines Saltz mehr aufgeloͤſet wird, ſo loͤſet doch das Waſſer noch anderes auf, als Zucker, Salpeter, Allaun, Vitriol ꝛc. Wenn es von dem Waſſer aufgeloͤſet wird, ſo wird es uͤber die Maaſſen klein getheilet und waͤch - ſet gleichſam mit den Theilgen des Waſ - ſers zuſammen: weil es die kleineſten Waſ - ſer-Troͤpflein von ſchweererer Art machet, als das ſuͤſſe Waſſer iſt (§. 222 T. I. Exper.). Da nun ſolchergeſtalt ein jedes Troͤpfflein Waſſer etwas von dem Saltze auf ſich neh - men muß, damit es ſich gleichſam vereiniget; ſo iſt kein Wunder, daß in einem gewiſſen Maaſſe Waſſer nur eine gewiſſe Menge Saltz aufgeloͤſet werden kan. Und weildie Saltz-Theilgen mit den Waſſer-Theilgen zuſam̃en vereiniget werden, als waͤren ſie ei -(Phyſick) N nnes,562Cap. X. Von denen Dingen,nes, ſo iſt auch kein Wunder, daß das Saltz, ob es gleich von ſchweererer Art iſt, in dem Waſſer nicht unterſincket. Eben hieraus laͤſſet ſich begreiffen, warum es das Waſſer helle und klar laͤſſet: denn die Waſſer-Troͤpf - lein bleiben in Anſehung des Lichtes unver - aͤndert und die kleinen Saltz-Theilgen ſind ſelbſt durchſichtig. Wenn nun aber das Waſſer-Theilgen ausdunſtet und in ein Blaͤslein (§. 248) ausgeſpannet wird; ſo laͤſſet es das Saltz-Theilgen fahren und ſol - chergeſtalt bleibet es zuruͤcke. Wenn alſo viele nach und nach zuſammen kommen, ſo ſchießt es in Chryſtallen. Lemery(b)Loc. cit. iſt vermoͤge deſſen, was wir von der Compo - ſition des gemeinen Saltzes erinnert, auf die Gedancken kommen, das Saltz in der Erde werde erzeuget, wenn ſaure Saͤffte in die Steine dringen und durch viele Gaͤrung ſie locker machen.
Der Salpeter ſchlaͤget an Fel - ſen, Mauern und Gewoͤlbern, ſonderlich in Wein-Kellern wie ein Reiff aus, wird aber heute zu Tage, da man ihn in groſſer Men - ge zu dem Schieß-Pulver braucht, aus Sal - peter-Erde geſotten, die man in Kellern, Staͤllen, Scheuren, Stuben, Kammern, auch wohl unterweilen unter freyem Him -mel563die in der Erde befindlich. mel findet(a)Buchner in Theoria & Praxi Artilleriæ part. 3. ſ. 6. & ſqq. . Es hat der Salpeter gemeines Saltz bey ſich, welches man erfaͤhret, wenn man ihn auf chymiſche Weiſe laͤutert(b)Lemery Cours de Chymie part. 1. c. 16. p. m. 511: denn in der Feuerwercker-Kunſt laͤutert man ihn auf andere Art (§. 6 Artill.). Nemlich wenn man ihn in Waſſer aufloͤſet und das Waſſer verrauchen laͤſſet bis auf die Helff - te, daß ſich oben ein Haͤutlein ſetzet und nach dieſem in einen kalten Ort traͤget, daß er in Chryſtallen ſchieſſen kan; ſo ſind die erſten Chryſtallen gelaͤuterter Salpeter, die letzten aber gemeines Kuͤchen Saltz, das man auch wie anderes Saltz in der Kuͤche brauchen kan. Es wird aber der Salpeter aus einem alkaliſchen und ſaurem Saltze erzeuget, da - von das letztere in der Lufft angetroffen wird. Der Kalck, wie bekandt, hat ein alkaliſches Saltz in ſich. Wenn man ihn mit Erde o - der Thon vermiſchet und in die Lufft leget, ſo waͤchſet daraus Salpeter wie ein Reiff. Weil der Salpeter brennet und in einer ſich zertheilenden Flamme aufgehet; ſo glaubet man insgemein, es ſey auch eine ſchwefelichte oder oͤlichte Materie mit dabey. Allein dieſen Jrrthum hat ſchon Lemery benom - men: denn der Salpeter brennet nicht vorN n 2ſich,564Cap. X. Von denen Dingen,ſich, ſondern erſt wenn Schwefel, oder der ſchwefelichte Kohlen-Dampff zukommet. Dieſes wiſſen auch zur Gnuͤge diejenigen, ſo mit Feuer-Wercks-Sachen umbgehen. Wenn ſich Schwefel entzuͤndet, ſo brennet er in einem weg, bis er alle verzehret iſt und er entzuͤndet ſich, wenn er geſchmoltzen iſt und zu warm wird. Allein wenn man Salpeter uͤber einer ſtarcken Glut in einem Tiegel hat; ſo entzuͤndet er ſich nicht, ſon - dern verbrennt ohne Flamme wie ein irrdi - ſcher Coͤrper, der bloß braune wird, oder wie der Zucker: wenn man auch mit einer gluͤenden Kohle daran kommet, ſo entzuͤn - det er ſich nicht weiter als ihn die gluͤende Kohle beruͤhret: es kan aber keinesweges die Salpeter-Flamme andern anliegenden gleichfalls anzuͤnden, ob ſie ihn gleich ſchmel - tzet. Ja die Feuer-Wercker ſehen die Fet - tigkeit als eine Unreinigkeit an, die der Sal - peter unterweilen an ſich hat und, weil ſie der Krafft des Pulvers, deſſen Seele der Salpeter iſt (§. 31 Artill. ), nachtheilig befunden wird, reinigen ſie ihn davon mit angezuͤndetem Schwefel, der ſich zugleich mit verzehret (§. 15 Artill.). Man nen - net den Salpeter insgemein Nitrum: al - lein das Nitrum der Alten war ein gantz anderes Saltz als unſer Salpeter, bloß von alkaliſcher Art, und keine zum Schieß-Pul - ver geſchickte Materie.
Das Vitriol rechnet man mitVon dem Vitriol. unter das Saltz, weil es ſich im Waſſer aufloͤſen laͤſſet. Es hat aber ein ſaures Saltz, wie der herbe und zuſammenziehende Geſchmack ſolches zeiget. Auſſer dieſem ei - gnet man ihm eine ſchwefelichte Erde zu, die entweder dem Eiſen, oder Kupffer nahe kom - met. Man findet es haͤuffig in dem Ram - mels-Berge unweit von Goßlar und hat der vortrefliche Chymicus und Medicus unſerer Univerſitaͤt Herr Hoffmann be - ſchrieben, wie es daſelbſt zubereitet wird (a). Wenn man es in einer Retorte mit dem Feuer ſtarck angreifft, ſo gehet ein ſaurer Spiritus uͤber, und was zuruͤcke bleibet, laͤſ - ſet ſich entweder in Kupffer, oder in Eiſen verwandeln. Und dieſes bekraͤfftiget, was von ſeinen Elementen erinnert worden. Wenn man erfahren will, ob das Vitriol Kupffer, oder Eiſen in ſich haͤlt; ſo ſtreicht man es nur an Eiſen: denn von der erſten Art wird es roth wie Kupffer. Und dieſes iſt auch die Urſache, warumb unſere Dinte das Eiſen kupfferroth macht, als dazu man dergleichen Vitriol braucht. Das Vitri - ol iſt bey den Chymicis und Alchymiſten ſehr beruͤhmt und wir haben das Vitriol - Oele zu verſchiedenen Verſuchen gebrauchtN n 3Tom. (b)Obſervat. Phyſico-Chymicarum lib. 3. obſerv. 7. p. 293566Cap. X. Von denen Dingen,(Tom. II. Exper.). Es wird auch aus dem Vitriol das ſo beruffene ſympatheti - ſche Pulver gemacht, welches nichts anders iſt als ein in der Sonne calcinirtes oder ge - trocknetes Vitriol. Und erwehlet man da - zu den Monath Julium, weil die Sonne alsdenn die groͤſte Krafft hat, unerachtet die Vertheidiger der Sympathie einen Aſtro - logiſchen Grund anzeigen, weil nemlich als - denn die Sonne im Loͤwen iſt. Man nim - met dazu entweder weiſſen oder gruͤnen Vi - triol: denn man hat dreyerley Arten, weiſ - ſen, blauen und gruͤnen. Dieſes Pulver wird bloß auf ein leinenes Tuͤchlein geſtreu - et, welches mit Blut aus der Wunde bene - tzet worden.
Wie der Alaun unweit Halle bey Duͤben auf einem Dorffe Schwentzel genannt zubereitet wird, beſchreibet Herr Hoff-Rath Hoffmann(a)Obſerv. Phyſico-Chymic. part. 1. c. 19. p. m. 301. Es hat aber auch eine Art, die hin und wieder in den A - dern der Erde gefunden und gebrochen wird, und von den Frantzoſen Alun de Roche oder Stein-Alaun genennet wird(b)Lemery Cours de Chymie Lib. 3. Obſ. 8. p. m. 608. Weil er ſich im Waſſer aufloͤſen laͤſſet und das Waſſer nicht truͤbe macht, noch ſich darin - nen ſetzet; ſo rechnet man ihn unter dieSal -567die in der Erde befindlich. Saltze (§. 366). Daß er ein ſehr ſaures Saltz bey ſich hat, zeuget der Geſchmack. Daß aber dieſes ſaure Saltz mit demjeni - gen, was das Vitriol fuͤhret (§. 370), bey nahe einerley iſt, laͤſſet ſich daraus abneh - men, weil man in verſchiedenen Chymiſchen Proceſſen das ſaure Saltz von dem Alaune fuͤr das von dem Vitriole gebrauchen kan. Z. E. das Scheide Waſſer oder Aquafort wird gewoͤhnlich von Salpeter und Vitriol gemacht: jedoch nehmen auch einige an ſtat des Vitriols Alaun.
Der Schwefel beſtehet aus ei -Vom Schwefel ner oͤlichten Materie, maſſen er von der Waͤrme flieſſet, ſich leicht entzuͤndet und in einer Flamme ſich verzehret, ohne etwas uͤ - brig zu laſſen. Weil er doch aber gleich - wohl feſte und nicht fluͤßig iſt, ſo muß noch etwas anders vorhanden ſeyn, welches ihm die Feſtigkeit giebet. Nehemias Grevv(c)Experiences curicuſes du melange des corps. hat Baum-Oele mit Spiritu Nitri ver - miſchet und einige Tage in einem warmen Orte ſtehen laſſen, da es Anfangs wie Marck in Knochen, bald darauf wie Schmeer und endlich wie Butter worden, auch uͤber dem Feuer geſchmoltzen. Jch habe auch oͤffters Anieß-Oele mit Vitriol-Oele vermiſchet und gefunden, daß die Mixtur davon ſtehendN n 4wor -568Cap. X. Von denen Dingen,worden wie ein weiches Wachs, mit der Zeit harte wie ein Hartz. Aus dieſen Ver - ſuchen erſiehet man, daß eine oͤlichte Mate - rie durch ein ſaures Saltz, dergleichen im Spiritu Nitri und oleo Vitrioli anzu - treffen, ſtehende und feſte wird. Derowe - gen ſchlieſſet man nicht ohne Grund, daß auch der Schwefel von einem ſauren Sal - tze ſeine Feſtigkeit haben muͤſſe. Am aller - deutlichſten aber wird ſolches erwieſen durch die kuͤnſtliche Zubereitung des Schwefels, die der beruͤhmte Chymicus Glauber zu - erſt erfunden, und nach dieſem bey uns Herr Stahl, bey den Frantzoſen aber Geoffroy erweitert: wovon auch Herr Hoffmann (d) Nachricht ertheilet. Es hat nemlich Glauber den Schwefel aus dem Schwe - fel der Kohlen und ſeinem Wunder-Saltze gemacht, welches er aus gemeinem Saltze und Vitriol-Oele zubereitet.
Daß der Agtſtein oder Bern - ſtein von neuem in der Erde erzeuget werde und zwar aus einer fluͤßigen Materie, kan man daraus erſehen, weil man allerhand Ungeziefer, Stuͤcklein Blaͤttter, Saamen - Koͤrnlein, Mineralien, Troͤpflein Waſſer und dergleichen darinnen findet. Hartmann(e)Succini Pruſſici Hiſtoria & Demonſtr. ſect. 3 c. 3. p. 19 hat in ſeinem Agtſteine, den er geſamm -let,(c)loc. cit. obſerv. 9. p. 308569die in der Erde befindlich. let, uͤber dreyßig Arten Ungeziefer gezehlet, darunter er Fliegen, Spinnen, Muͤcken, A - meiſen, Heuſchrecken ꝛc. rechnet. Daß es aber wuͤrckliche Thierlein ſind, die man in dem Agtſteine findet, ſiehet man augen - ſcheinlich, wenn man ihn von einander ſchlaͤ - get. Es iſt aber auch leicht zu begreiffen, wie das Ungeziefer darein kommen kan: denn wenn die Lufft kalt wird, oder ein Un - gewitter entſtehet, kreucht das Ungeziefer in die Erde. Ja vieles, als wie die Kaͤfer, ſu - chen in dem inneren der Erde, wo die Kaͤlte und Waͤrme nicht hineindringet, ihren Auf - fenthalt, wenn ihre Zeit kommet, daß ſie ſich verbergen. Jn Preuſſen, wo er haͤuffig gefunden wird, trifft man ihn im Holtze an, ſo unter der Erde lieget. Dieſes gegrabe - ne Holtz, wie man es zu nennen pfleget, iſt kein wahres Holtz: denn es hat auch keine Knorren und Aeſte, noch Jahre, wie das wahre Holtz. Die See ſchweiffet es mit dem Agtſteine aus der Erde aus und iſt dannen - hero eine gewiſſe Anzeige, daß daſelbſt im Waſſer Agtſtein voꝛhanden ſey, wo man deꝛ - gleichen Holtz ſchwim̃en ſiehet Der Agtſtein brennet und muß demnach aus einer oͤlichten Materie entſtehen: er iſt aber auch feſte und muͤſſen daher ſaure Saltze ſich mit ihr ver - miſchen, wie wir vorhin (§. 372) bey dem Schwefel geſehen haben. Oelichte Mate - rie findet ſich in dem gegrabenen Holtze, wel -N n 5che570Cap. X. Von denen Dingen,che durch die unterirrdiſche Waͤrme zum flieſſen gebracht wird. Es bezeuget aber auch Hartmann, daß es daſelbſt, wo das gegrabene Holtz mit dem Agtſteine gefunden wird, Vitriol in der Menge giebet, ſo ein ſaures Saltz in ſich hat (§. 370), welches auch Oele in eine feſte Materie zuverwandeln ge - ſchickt iſt (§. 372). Er will auch Alaun und Salpeter daſelbſt angetroffen haben.
Der gemeinen Steine iſt ein ſehr groſſer Unterſcheid anzutreffen, daß es weitlaͤufftig werden wuͤrde, wenn wir hier alle erzehlen wollten. Es iſt uns genung, wenn wir einigen Unterſcheid bemercken. Man hat Steine, die laſſen ſich durch die Gewalt des Feuers calciniren, oder in ei - nen Kalck verwandeln und werden daher auch zum Kalckbrennen gebraucht (§. 63 Archit. civ.): hingegen andere laſſen ſich nicht calciniren, ſondern fangen in groſſer Glut an zu flieſſen und werden gleichſam in Glaß verwandelt. Dieſer Unterſcheid zei - get augenſcheinlich, daß die eine Art gantz aus einer andern Materie muß erzeugt wor - den ſeyn, als die andere. Unterdeſſen ſind auch nicht alle, die ſich nicht calciniren laſſen von einerley Art, gleichwie auch unter den uͤbrigen noch ein Unterſcheid zu finden, wie es der Unterſcheid des Kalckes auswei - ſet (§ 69 Arch. civ.). Z. E. daß einige Steine aus Sand erzeuget worden, ſiehetman571die in der Erde befindlich. man augenſcheinlich, indem ſie ſich in Sand zerreiben laſſen und daher auch un - terweilen Sandſteine genennet werden: in andern hingegen iſt nichts ſandiges anzu - treffen, ſondern ſie kommen vielmehr mit der Materie des Sandes uͤberein, als wie man in Kieſelſteinen ſiehet. Am merck - wuͤrdigſten ſind die gebildeten Steine, die man hin und wieder auf und in den Gebuͤr - gen, in Steinbruͤchen und Sandgruben fin - det, und davon in unſeren Tagen ſo viel iſt geſchrieben worden. Wir finden genung Schrifften allein bey uns Deutſchen in die - ſer Materie, daß wir nicht noͤthig haben um Auslaͤndiſche uns zu bekuͤmmern. Jn der Schweitz hat Herr Scheuchzer in Samm - lung und Beſchreibung der gebildeten Stei - ne einen groſſen Fleiß erwieſen(a)Piſcium Querelæ & vindiciæ. 2. Bildniſſe verſchiedener Fiſche, welche in der Suͤndfluth zu Grunde gegangen. 3. Herbarium diluvia - num. 4. Muſæum diluvianum. , davon verſchiedene Schrifften zeugen, die er her - aus geben. Er hat auch einen Landsmann zu Lucern den gelehrten Medicum Caro - lum Lange, der mit ihm zu gleicher Zeit dergleichen Arbeit vorgenommen(b)Hiſtoria lapidum figuratorum Helvetiæ ejus - que viciniæ. it. Tractatus de origine lapi - dum figuratorum. . Jn Altdorff hat Herr Prof. Bayer eben dieſeAr -572Cap. X. Von denen Dingen,Arbeit zugleich mit verrichtet, als er die Mi - neralien um Nuͤrnberg herumb beſchrieben(c)Oϱυκτογϱαφὶα Norica. . Jn Preuſſen hat Herr Hellwing(d)Lithographia Angerburgica. und, viele andere zu verſchweigen, in unſerer Nachbarſchafft zu Querfurth Herr Buͤttner ſich nicht wenig angelegen ſeyn laſſen, dergleichen Seltenheiten der Natur zu ſammlen und zubeſchreiben(e)Rudera diluvii teſtes & Coralliographia ſubterranea. . Herr Buͤttner ſeeliger hat mir ſelbſt einen Vor - rath von gebildeten Steinen, die er geſamm - let, verehret, daraus ich von ihrer Beſchaf - fenheit urtheilen kan. Man findet ſelbſt hier in unſeren Orten, die von der See weit entfernet ſind, allerhand Arten der Steine, die eine vollkommene Figur der Muſcheln haben und zugleich die rechte Groͤſſe, welche diejenigen haben, ſo man in der See noch heute zu Tage ſammlet. Ja unterweilen trifft man auch einige an, da man eigent - lich ſehen kan, wie ſie inwendig hohl gewe - ſen und bloß mit einer ſteinigten Materie erfuͤllet worden. Man findet darinnen Knochen von allerhand Arten der Thiere, die ſowohl ihre aͤuſſere, als innere Figur ha - ben, wie ſichs gebuͤhret, ob ſie gleich harte wie Stein worden ſind, und da man zugleicheine573die in der Erde befindlich. eine ſolche Proportion der Theile gegen ein - ander und das gantze antrifft, wie ſie in wah - ren Knochen zu finden. Ja unterweilen findet man gantze verſteinete Gerippe. Und was das merckwuͤrdigſte iſt, die Knochen und andere verſteinete Sachen, ſitzen mit - ten im Steine, daß, wenn man dieſelben zerſchlaͤget, man ſie darinnen antrifft, und ſie ihre Figur in den Stein abgepraͤget. Man findet auch, ſonderlich in Schieferſtei - ne, als hier bey uns im Eislebiſchen, Figuren von gantzen Fiſchen, da ſich eine jede Schup - pe ſo deutlich zeiget, als wenn der Fiſch ſelbſt darlaͤge. Ja auch in dem harten Feu - er-Steine, den wir brauchen Feuer zu ſchla - gen, hat Herr Buͤttner Muſcheln angetrof - fen.
Weil die gebildeten SteineWoher die ge - bildeten Steine kommen. nicht allein die aͤuſſere, ſondern auch innere Figur derer Sachen, die ſie vorſtellen, auff das genaueſte haben, ja auch die Groͤſſe des gantzen eben ſo, wie in den Sachen, die ſie abbilden, gefunden, uͤber dieſes die See - Sachen von allerhand Groͤſſe, wie ſie in der See ordentlich auf einander folgen, ange - troffen werden: ſo darf man wohl nicht zweiffeln, daß es einmahl dergleichen Din - ge geweſen, wie ſie jetzund abbilden, und nur mit der Zeit verſteinet worden. Denn unerachtet auch gebildete Steine ſind, die bloß von ohngefehr eine Figur erhalten; ſoweiß574Cap. X. Von denen Dingeu,weiß man doch, daß bey dergleichen Figu - ren oͤffters die Einbildungs-Krafft das beſte thun muß, als wie wenn man im Hagel al - lerhand Figuren ſehen will: keinesweges a - ber hat es bis auf alle Kleinigkeiten die Fi - gur derjenigen Sache, ſo man daraus ma - chen will, und am allerwenigſten findet ſich die wahre Groͤſſe und Proportion der Thei - le unter einander und gegen das gantze. Weil man nun in Orten, die weit von der See entfernet ſind, allerhand verſteine - te Muſcheln antrifft; ſo muß vor dieſem daſelbſt die See geweſen und demnach die Sachen ſelbſt ſehr alt ſeyn. Und da man ſie in verſchiedenen Lagen, die man im Ein - graben in der Erde antrifft (§. 374), findet; ſo ſiehet man daraus wie oben (§. 364), daß allerhand Uberſchwemmungen muͤſſen vor - gegangen ſeyn, dadurch ſie unter die Erde, in und auf die Berge kommen ſind. Es haben einige deswegen angenom̃en, daß die Noachiſche Suͤndfluth dieſe Sachen ver - ſchwemmet und aus der See dahin ge - bracht, wo wir ſie finden. Dieſe Meinung hat inſonderheit der beruͤhmte Medicus in Engelland Herr Woodward behauptet(a)in Speeimine Geographiæ Phyſicæ. und in Deutſchland hat ſie an Herr Scheuchzern, Buͤttnern und andern ſtar - cke Vertheidiger gefunden. Allein ſowohlals575die in der Erde befindlich. als wir oben (§. 364) gewieſen, daß die ver - ſchiedenen Lagen des Erdreiches nicht von einer Uberſchwemmung herkommen; ſo findet man auch bey genauerer Erwegung der Umſtaͤnde, wo die verſteinten Sachen bald hier, bald dort gefunden werden, daß eine einige Uberſchwemmung dazu nicht genung iſt; ſondern wenn dasjenige, was in Lagen, die nicht gar zu tief unter der Erde ſind, gefunden wird, eine Wuͤrckung der Noachiſchen Suͤndfluth iſt, ſo muͤſſen vor - her noch aͤltere Uberſchwemmungen vorge - gangen ſeyn, darinnen die in tieffen Lagen befindliche Sachen in die Erde kommen ſind. Es hat auch Herr Swedenborg(b)in Præfat. ad Prodrom, Princip. rerum naturalium. ſchon erinnert, daß dasjenige, was man in Schweden als eine Wuͤrckung der Uber - ſchwemmungen anzuſehen hat, keinesweges ſo beſchaffen iſt, daß es in einem Jahre, ſo lange nemlich die Noachiſche Suͤndfluth ge - dauret, hat koͤnnen zu Stande gebracht werden. Zudem erwehnet er auch, daß man an vielen Orten, ja ſelbſt auf den Ge - buͤrgen, Stuͤcke Holtz von Schiffen, eiſerne Hacken, Rincken und Klammern und ande - re dergleichen Sachen mehr findet, daraus man gar eigentlich abnehmen kan, daß vor dieſem an ſelbigen Orten ein Haafen gewe -ſen.576Cap. X. Von denen Dingen,ſen. Man wird aber, wie ich ſchon oben in einem aͤhnlichen Falle erinnert (§. 365), mit mehrerer Gewisheit hiervon reden koͤnnen, wenn man die eigentlichen Umſtaͤnde, wo die verſteineten Sachen gefunden werden, ge - nauer determiniret, als wie Varenius (§. 364) gethan.
Wo man groſſe Stuͤcke Stein, oder auch etliche Steine in der Erde fin - det, als inſonderheit auf hohen Gebuͤrgen, und die ſo eine Lage haben, wie man bey verſchwemmten Sachen antrifft (§. 365); ſo iſt leicht zu erachten, daß ſie an dem Orte nicht erzeuget worden, ſondern viel eher ge - weſen, ehe ſie von dem Waſſer dahin ge - bracht worden. Unterdeſſen kan man doch nicht behaupten, daß alle Steine gleich von dem erſten Zuſtande der Erde an vorhanden geweſen: denn es iſt mehr als zu klar, daß viele erſt nach dieſem erzeuget worden, und noch heute zu Tage erzeuget werden. Weil die verſteinten Sachen, die man in - nerhalb den Steinen in Steinbruͤchen fin - det wahre Sachen ſind, die daſelbſt ver - ſchwemmet und mit der Zeit verſteinet worden (§. 375); ſo muͤſſen dieſelben Steinbruͤche vor dieſem keinen Stein ge - habt haben, und alſo ſind daſelbſt die Stei - ne von neuem erzeuget worden. Wir haben ein Exempel an dem Tropff-Steine, deraus577die in der Erde befindlich. aus herabtropffendem Waſſer wird, davon man in der beruffenen Baumanns-Hoͤhle Proben in der Menge antrifft. So iſt fer - nerbekandt, daß im Leibe der Menſchen und Thiere Steine erzeuget werden. Allein da die Steine nicht alle von einer Art ſind, ſondern augenſcheinlich aus gantz verſchie - dener Materie beſtehen (§. 374), verſchiede - dene Materien aber nicht auf einerley Art feſte und harte werden, wices ſowohl die ge - meine Erfahrung, als inſonderheit die Chy - mie ausweiſet; ſo kan auch ein Stein nicht voͤllig auͤf die Art, wie ein anderer erzeuget werden. Jch entſinne mich an einem Ber - ge, wo ſich ein rother Stein befand, der gleichſam Schichtenweiſe uͤber einander lag und nach der Breite ſich leicht ſpalten ließ, rothes Erdreich wahrgenom̃en zu haben, das ſich einesmahls, da es lange Zeit ſtarck gere - gnet hatte, ſo zuſam̃en geſetzet, als wenn man mit Fleiß ſolchen Stein, wie an andern Or - ten des Berges zu finden war, daraus ge - geſtrichen und Schichtenweiſe uͤber einan - der geleget haͤtte. Als ich ein Stuͤcke davon abbrach, war es freylich weich, wie wenn man Ziegel geſtrichen hat, die noch gantz friſch und nicht trocken worden ſind: allein eben dieſe Aehnlichkeit fuͤhrete mich auf die Gedancken, daß die Steine in Steinbruͤ - chen, wo man eigentlich ſiehet, daß die Ma - terie durch Uberſchwemmung dahin ge -(Phyſik) O obracht578Cap. X. Von denen Dingen,bracht worden, und alle uͤbrige Steine, die aus einer Ziegel-Erde oder fetten Lette, in - gleichen aus Sand, entſpringen, auf eben ei - ne ſolche Art entſtehen, wie man in der Kunſt die Ziegel bereitet. Die Ziegel Erde oder Lette wird durch Waſſer auffgeloͤſet und durch Treten werden die Theile von einan - der gebracht. Nach dieſer Zubereitung wird ſie in Formen geſtrichen und werden die Ziegel anfangs getrocknet, nach dieſem im Ofen gebrandt (§. 50 Archit. civ.) Die Griechen und Roͤmer haͤrteten ſie bloß in der Sonne und gaben ein paar Jahr Zeit dazu. Ja in Africa ließ man ſie fuͤnf Jahre trocknen, ehe ſie fuͤr tuͤchtig gehalten worden(a)Vitruvius lib. 2. c. 3. f. m. 22. . Wenn demnach das Waſſer Oerter mit ſolcher Erde und Lette uͤber ſchwemmet, die zu Steinen geſchickt iſt, und in der Uberſchwemmung daruͤber ſtehen bleibet; ſo wird ſie aufgeloͤſet und geben ſich die kleinen Theile von einander. Jndem ſich aber das Waſſer nach und nach verlie - ret, und der Schleim mit ſetzet; ſo geben ſie ſich dichter zuſammen als ſie vorher wa - ren. Und ſolchergeſtalt iſt hier eben alles dasjenige geſchehen, was bey dem Ziegel - ſtreichen mit der Erde vorgenommen wird. Wenn demnach dieſe zubereitete Stein-Er - de von oben bedecket, daß ſie nicht auf ein -mahl579die in der Erde befindlich. mahl wieder trocken werden und dadurch verfallen kan, ſondern nach und nach aus - trocknet, wie ein Ziegel, den man anfangs in die Ziegel Scheune ſetzet, damit er ſich nicht uͤbertrocknen kan; ſo bleibet die Ma - terie feſte bey einander und durch die Laͤnge der Zeit wird ſie abgehaͤrtet, abſonderlich wenn nach dieſem entweder oben die Son - ne, oder in der Tieffe die unterirrdiſche Waͤrme das ihre dazu mit beytraͤget. Von andern Manieren laͤſſet ſich nicht viel ſagen, weil es an Gruͤnden fehlet, daraus man zu - laͤnglich beweiſen kan, was man muthmaſ - ſet. Daß aber auch ſelbſt bey Kalck und Sand-Steinen noch andere Urſachen dazu kommen koͤnnen; laͤſſet ſich aus einigen Ob - ſervationen muthmaſſen, die man hin und wieder antrifft. Dergleichen iſt diejenige, welche Gaſſendus von Fabricio erhalten. Als dieſer in ſeiner Jugend zu Avignon ſtu - dirte und an die Rhone gieng ſich daſelbſt abzuwaſchen, verwunderte er ſich, daß der Grund, der vor dieſem weich geweſen war, ſich in viele Kluͤmplein wie harte Eyer zuſammen gezogen hatte, noch mehr aber als er nach einigen Tagen wieder kam und fand, daß ſie zu harten Steinen worden wa - ren: dergleichen auch denen wiederfahren, die er mit ſich genommen hatte. Hier muß die Feſtigkeit und Haͤrte von einer beſonde - ren Materie kommen ſeyn, die ſich mit derO o 2ſchlei -580Cap. X. Von denen Dingen,ſchleimichten und ſandichten Erde im Grun - de des Fluſſes vermenget, weil ſie ſowohl unter dem Waſſer als in der Lufft in glei - cher Zeit zu Steine worden, und alſo weder das Waſſer, noch die Lufft etwas dazu bey - getragen hat. Eben ſo wird der Weinſtein im Munde an den Zaͤhnen, wo es niemahls gantz trocken iſt, dennoch gantz harte und koͤnnen demnach die daſelbſt von dem Spei - chel aufgeloͤſete Uberbleibſel von den Spei - ſen nicht bloß durch das austrocknen von der Waͤrme abgehaͤrtet werden.
Es wird auch viel Redens von Brunnen gemacht, die Holtz in Stein verwandeln ſollen, wovon Varenius(a)Geogr. gener. part. 1. e. 17. prop. 11. p. m. 199 ver - ſchiedene Exempel anfuͤhret. Es iſt aber ein Unterſcheid unter ihnen zumachen. Denn in einigen uͤberziehen ſich bloß die Sachen, die man darein leget, oder auch in den Bach, darinnen das Waſſer aus der Ouelle herunter rinnet, mit einem Sandſteine, als wie in dem ſo genannten Fuͤrſten-Brunnen bey Jena geſchiehet, von dem man auch ſchreibet, daß er Holtz in Stein verwande - le. Andere hingegen machen das Holtz, ſo darein gehangen wird, ſo harte und feſte wie einen Stein, daß man es nicht mehr ſchnei - den kan. Jm erſten Falle hat es eben dieBe -581die in der Erde befindlich. Bewandnis wie mit Erzeugung der Steine, davon vorhin (§. 736) iſt geredet worden. Jm andern Falle wird viel fabelhafftes vor - gegeben, wie ſelbſt Varenius erinnert und fehlet an ausfuͤhrlicher Nachricht, daraus man mit Gewißheit was ſchlieſſen kan. De - rowegen muß man ſich mit Muthmaſſun - gen nicht uͤbereilen. Man ſiehet freylich wohl, daß ſowohl die Lufft-Loͤcher, als noch ſubtilerere Zwiſchen-Raͤumlein des Hol - tzes mit einer Materie muͤſſen erfuͤllet wer - den, die im Waſſer anzutreffen und harte werden kan: was es aber fuͤr eine Materie ſey, und wie ſie darinnen harte wird, laͤſſet ſich nicht errathen, wo man nicht ſelbſt Ge - legenheit hat zu unterſuchen, was andere, die davon geſchrieben, zuthun unterlaſſen.
Wo das Waſſer einen ſubtilenWie Steine wachſen koͤnnen. Grieß und Schleim mit ſich fuͤhret, daraus ein Stein werden kan, wo er ſich anhaͤnget, da kan auch nach und nach ſich an einen Stein mehrere von derſelben Materie an - legen und wird daher der Stein groͤſſer. Und auf ſolche Art kan der Stein wachſen. Jch weiß wohl, daß Tournefort in der un - terirrdiſchen Hoͤhle in Candien(b)Memoires de l’ Acad. Royal des Scienc. A. 1702 p. 290. & ſeqq. verſchiede - nes angiebet, dadurch er zubehaupten ſu - chet, daß die Steine auch von innen durchO o 3einen582Cap. X. Von denen Dingen,einen Nahrungs Safft wachſen: allein was er anfuͤhret, iſt nicht hinlaͤnglich ſol - ches zu erweiſen, am allerwenigſten aber kan man von der beſonderen Art Stein, die in derſelben Hoͤhle angetroffen wird, auf al - le uͤbrige ſchlieſſen. Z. E er fuͤhret(c)p. m. 295. als einen Beweis davon an, daß die Nahmen, welche einige, die in der Hoͤhle geweſen, in Stein eingegraben, jetzund erhaben zuſehen ſind, wohl 2 bis 3 Linien, und zwar von weiß - lichter Materie, da der Stein ſelbſt graulich iſt. Denn er ſchließt hieraus, daß daſelbſt, wo der Stein geritzet worden, ein Safft heraus gefloſſen, der zuſammen geronnen und nach und nach abgehaͤrtet worden. Al - lein es ſcheinet vielmehr, daß ſich in die Ri - tze aus der Lufft etwas angeleget, ſo nach dieſem immer mehr und mehr von derſelben Materie an ſich ziehet. Und wachſen dem - nach dieſe ſteinigte. Buchſtaben eben ſo, wie ich erſt gewieſen, daß andere Steine wach - ſen Und dieſes ſcheinet umb ſo vielmehr glaublicher, als was Tournefort vorgiebet, weil man nicht ſiehet, wie ein mehrerer Safft heraus rinnen koͤnnte, wenn die Ritze einmahl verhartet, zumahl da er ſelbſt erweh - net, daß man die Steine, wo die Nahmen eingegraben worden, oben abgehauen, da -mit583die in der Erde befindlich. mit ſie wie Mauren da ſtehen, nirgends aber an ihnen etwas herunter waͤchſet.
Die Edelgeſteine ſind kleineVon E - delgeſtei - nen. durchſichtige und zum Theil gefaͤrbete Stei - ne die ſich von Chryſtall und durch die Kunſt zubereiteten falſchen Edelgeſteinen haupt - ſaͤchlich durch die Haͤrte unterſcheiden laſſen. Daher auch der Diamant, der an Haͤrte al - le uͤbrige uͤbertrifft, fuͤr den vornehmſten un - ter allen Edelgeſteinen gehalten wird. Daß die Edelgeſteine aus einer fluͤßigen Materie erzeuget werden, laͤſſet ſich am allerdeutlich - ſten daher erweiſen, daß ſie die Figur von dem andern Coͤrper annehmen, darinnen man ſie eingeſchloſſen findet: denn es iſt jedermann bekandt, daß dieſes eine Eigen - ſchafft fluͤßiger Materien ſey. Einige wollen es daher beweiſen weil ſie durchſich - tig ſind. Allein nicht alles, was aus einer fluͤßigen Materie wird, iſt durchſichtig: auch nicht alles, was durchſichtig iſt, kommet von einer fluͤßigen Materie her. Durch die groſſen Brennglaͤſer des Herrn von Tſchirnhauſens wird viel in durchſichtiges Glaß verwandelt, was an ſich nicht fluͤßig iſt, gleichwie auch ordentlich das Glaß aus Saltz und Sand gemacht wird, de - ren keines durchſichtig iſt. Die Metalle werden auch fluͤßig, wenn ſie geſchmoltzen werden, deswegen aber nicht durchſichtig, wenn ſie wiederſtehen. Daß die Farbe derO o 4Ma -584Cap. X. Von denen Dingen,Materie, daraus die Edelgeſteine entſtehen, nicht eigenthuͤmlich iſt, kan man daraus er - ſehen, weil ſie im Feuer dieſelbe verlieren. Daher kommet es, daß die gebrandte Sa - phire wie Diamanten ſehen, unerachtet ſie ihnen an Haͤrte nicht gleich kommen. Es bringet auch Boyle(a)in ſpecimine de gemmarum origine & virtutibus ſect. 1. p. m. 13. Erempel von Edel - geſteinen bey, die zum Theil ungefaͤrbet ge - weſen. Dem Glaſe giebt man dergleichen Farben, wie die Edelgeſteine haben, durch Mineralien, wovon Antonius Neri(b)de Arte vitraria c. 32. & ſeqq. 60. & ſeqq und Chriſtophorus Merettus(c)in Notis ad Neri libros. die beſte Nach - richt ertheilen. Man findet darunter eine Materie(d)c. 74. p. 136. , da Nerus dem Chryſtalle die ſchoͤnſte Farben durch bloſſen mineraliſchen Dampff gegeben dergleichen Rubine, To - paſe, Opale und andere Edelgeſteine ha - ben. Da nun in der Gegend, wo man Edel - geſteine findet auch mineraliſche Adern vor - handen, uͤber dieſes Bergwerckskundigen unterirrdiſche mineraliſche Daͤmpffe nicht unbekandt ſind; ſo hat man wohl keine Urſa - che daran zuzweiffeln, daß nicht auch die aͤchten Edelgeſteine durch einen bloſſen mi - neraliſchen Dampff ihre Farbe erhalten. Und585die in der Erde befindlich. Und ſo laͤſſet ſichs auch am beſten begreiffen, wie die Farben von dem Feuer koͤnnen ver - trieben, auch einige nur zum Theil gefaͤrbet werden. Man ſiehet zugleich, warumb die Diamante nicht gefaͤrbet werden. Denn da ſie ſehr feſte ſind, muͤſſen ſie ſehr dichte kleine Theilgen haben und kan daher der Dampff nicht ſo hinein dringen, wie in die uͤbrigen.
Man findet die Ertze oder Me -Ob die Metalle an dem Orte ge - wachſen, wo man ſie findet und wie ſie erzeu - get wer - den. talle in der Erde nicht rein, ſondern ſowohl mit einander, als auch mit ſteinigter Mate - rie vermenget: daher man viele Proceſſe brauchet, ehe man es in ſeiner Reinig - keit erhalten kan, welche Georg Engel - hard von Loͤhneyß, der als Fuͤrſtl. Braun - ſchweigiſcher geheimer Rath in Berg - wercks-Sachen groſſe Erfahrung gehabt, deutiich und ausfuͤhrlich beſchrieben. Da nun die verſchiedenen Arten der ſteinigten Materien nicht weniger, als die Theilgen des Ertzes ſehr harte ſind; ſo meinet man nicht, daß dieſe daſelbſt erzeuget worden, wo man ſie findet. Und demnach entſte - het die Frage, wie ſie dahin kommen ſeyn. Weil aber Carteſius und andere, die den Urſprung der Metalls erklaͤren wollen, ohne genungſame Erfahrung geſchrieben; ſo mag ich mich auch mit Erzehlung leerer Meinun -O o 5gen(e)Bericht von Bergwercken f. 63. & ſeqq. 586Cap. X. Von denen Dingen,gen nicht aufhalten. Die Alchymiſten haben dieſes zu ihrer Abſicht, daß ſie die Art und Weiſe, wie Metalle erzeuget und in ein - ander verwandelt werden, heraus brin - gen wollen: allein ſo viel man auch in dieſer Sache geſchrieben, ſo hat man doch noch nirgends gezeiget, was fuͤr einfachere Ma - terien erfordert werden und wie man ſie mit einander vermiſchen muß, da - mit eine jede Art des Ertzes heraus kom - met. Wenn man die Verſuche der Alchy - miſten aufrichtig und deutlich beſchrieben haͤtte; ſo wuͤrden ſie vieles zur Erkaͤntnis der Eigenſchafften der Metalle beytragen und uns von ihnen mehrere bekandt ma - chen, als die gemeine Erfahrung zeiget.
Ob die Meinung der Alchymi - ſten gegruͤndet ſey, daß ſich ein Metall in das andere verwandeln laſſe und das Gold als das ſchweereſte unter allen (§. 188 T. I. Exper.) das vollkommenſte unter allen ſey, welches den hoͤchſten Grad erreichet, dazu ſich ein Ertz bringen laͤſſet, wuͤrde ſich ent - ſcheiden laſſen, wenn wir vorher wuͤſten, aus was fuͤr einfacheren Materien als ſeinen E - lementen jede Art des Ertzes beſtehe und wie ſie mit einander muͤſſen vermiſchet wer - den, damit es daraus entſtehen kan. Denn hierdurch erkennet man das Weſen der Metalle (§. 381) und folgends findet man darinnen den Grund von dem, was ihnenver -587die in der Erde befindlichveraͤnderliches zuſtoſſen kan (§. 33 Met.). Da es nun aber zur Zeit an dieſer Erkaͤnt - nis fehlet, ſo iſt auch die Vernunfft nicht in dem Stande davon zu urtheilen. Und demnach muͤſſen wir es auf die bloſſe Erfah - rung ankommen laſſen (§. 372). Was a - ber hiervon erzehlet wird, iſt ſo zweiffelhafft, daß man nicht weiß, wie weit man trauen und wie man den Betrug von der Wahr - heit unterſcheiden ſoll. So wenig aber als die Erfahrung, darauf man ſich beruffet, ſo beſchaffen iſt, daß man ſie nicht zweiffel - hafft machen koͤnnte: ſo wenige, ja noch wenigere Gewisheit haben die Gruͤnde de - rer, die die gantze Kunſt verwerffen wollen, und ſonderlich die Verwandlung in Gold fuͤr etwas unmoͤgliches ausgeben. Jch mag dergleichen Gruͤnde nicht ins beſonde - re unterſuchen, weil dieſes nicht meines Werckes iſt.
Unter allem, was aus der ErdeVon dem Magne - ten. gegraben wird, iſt nichts wunderbahreres als der Magnet, welches ein Stein iſt, der ſchlecht ausſiehet, aber uͤber die maaſſen ſonderbahre Eigenſchafften hat: denn er ziehet das Eiſen, aber nichts anders, auch keines von den uͤbrigen Metallen an ſich (§. 34. T. III. Exp.), er wendet ſich mit dem ei - nen Pole gegen Norden, mit dem andern ge - gen Suͤden (§. 36. T. III. Exp.) und bleibetin588Cap. X. Von denen Dingen,in keiner andern Lage, wenn er frey aufge - hangen wird, jedoch daß er von Norden et - was gegen Oſten oder Weſten in den mei - ſten Orten abweichet, und zwar auf verſchie - dene Art zu einer Zeit in verſchiedenen Or - ten und zu verſchiedener Zeit in einem Or - te, indem die Abweichung ſich alle Jahre aͤn - dert (§. 59. T. III. Exper.); er theilet ſeine Krafft dem Eiſen in einem Augenblicke mit, wenn es ihn nur beruͤhret, ja in einer kur - tzen Zeit, wenn es nur gegen ſeine Pole ge - halten wird (§. 41 T. III. Exper.) und wer - den daher Magnet-Nadeln gemacht (§. 42. T. III. Exper.), die man ſonderlich in der Schiffarth zur See ſehr nuͤtzlich befindet (§. 307. Geog. & Hydrog. Lat.); die beyden Pole ſind einander zuwieder in zwey Ma - gneten, die einen Nahmen fuͤhren und ziehen an einander nichtan, hingegen die ſind ein - ander gewogen, die verſchiedene Namen ha - ben, und ziehen einander an, nemlich deꝛ Suͤ - der-Pol des einen iſt ein Feind von dem Suͤ - der-Pole, aber ein Freund von dem Nord - Pole des andern, und der Nord-Pol des ei - nen iſt ein Feind von dem Nord-Pole, aber ein Freund von dem Suͤder-Pole des an - dern (§. 38. T. III. Exper.). Endlich da - mit ich vieles mit Stillſchweigen uͤbergehe, was man in dem dritten Theile der Verſu - che findet, ſo lieget die Magnet-Nadel, nach - dem geſtrichen worden, nicht horizontal,ſon -589die in der Erde befindlich. ſondern incliniret entweder von der Nord - Seite, oder von der ſuͤdlichen und zwar nicht auf einerley Art zu einer Zeit in allen Orten, noch zu verſchiedener Zeit in einem Orte (§. 61. T. III. Exper.). Jch habe ſchon er - wieſen, daß um den Magnet eine beſondere Materie vorhanden, dadurch dieſe ſonder - bahre Wuͤrckungen verrichtet werden (§. 39 T. III. Exper.), und daß ſie ſich dergeſtalt um den Magnet herumb bewege, daß diejenige, welche aus dem Nord-Pole kom - met, im Suͤder-Pole, und die andere, welche aus dem Suͤder-Pole herausgehet, im Nord-Pole in ihn hineinfaͤhret (§. 40. T. III. Exper.). Wenn demnach der Magnet ſeine Krafft einem andern Coͤrper mittheilen ſoll; ſo muß ein Theil von die - ſer doppelten magnetiſchen Materie ſich um ihn zu bewegen beginnen, wie ſie ſich umb den Magneten beweget. Und daher iſt es kein Wunder, daß ſich dieſelbe Krafft durch bloſſe Beruͤhrung in einem Augenblicke mittheilen kan. Denn ſobald man das Ei - ſen an den Pol des Magnetens haͤlt, faͤhret die Materie, ſo daſelbſt heraus kommet, in daſſelbe hinein. Weil nun aber die magne - tiſche Krafft bloß dem Eiſen, keinesweges ei - nem andern Coͤrper mitgetheilet werden kan; ſo muͤſſen die Zwiſchen-Raͤumlein auf eine beſondere Art beſchaffen ſeyn, wo die ma -gne -590Cap. X. Von denen Dingen,gnetiſche Materie einen freyen Durchgang haben kan. Und ſolchergeſtalt kan der Magnet dem Eiſen ſeine Krafft mittheilen, weil die innere Zuſammenſetzung der klei - nen Theile in Anſehung derjenigen Zwi - ſchen Raͤumlein, dadurch die magnetiſche Materie ihren Weg findet, im Eiſen eben ſo iſt wie im Magneten. Jch ſage mit Fleiß, in Anſchung derjenigen Zwiſchen-Raͤum - lein, dadurch die magnetiſche Materie ih - ren Weg findet: denn da die magnetiſche Materie von der Lufft unterſchieden iſt, (§. 45 T. III. Exper.); ſo koͤnnen die Lufft - Hoͤhlen wohl anders ſeyn im Eiſen, als im Magneten, ohne daß dadurch gehindert wird, daß nicht dem Eiſen die magnetiſche Krafft mitgetheilet werden koͤnnte. Man ſiehet auch, warum die magnetiſche Krafft dem Eiſen ſtaͤrcker mitgetheilet wird, wenn es harte an den Pol des Magneten gedruckt und lange daran gehalten wird, als wenn man nur damit ein wenig uͤber den Pol des Magnetens faͤhret: denn in dem erſten Falle kan ein groͤſſerer Strom der magneti - ſchen Materie in das Eiſen hineinfahren als in dem andern. Eben ſo iſt klar, wie lange ſo wohl der Magnet, als das Eiſen die magnetiſche Krafft behalten kan, nemlich ſo lange als die magnetiſche Materie in gnungſamer Menge ſich umb den Magnet und das Eiſen herum beweget: ſo bald ſieſich591die in der Erde befindlich. ſich aber zerſtreuet oder gehindert wird, daß ſie nicht mehr durch den Magnet und das Eiſen einen freyen Durchgang hat; ſo bald gehet auch die Krafft verlohren. Weil die magnetiſche Materie, welche zu dem Pole des Magnetens herausgehet, in das Eiſen hinein faͤhret und nach ſeiner Laͤnge ſich durch beweget und an einem entgegen geſetz - ten Orte heraus faͤhret; ſo iſt es eben ſoviel, alß wenn der Pol des Magnetens in dem Orte im Eiſen waͤre, wo die magnetiſche Materie heraus kommet. Es beginnet ſich demnach dieſelbe dergeſtalt um den Magnet zubewegen, als wenn das Eiſen mit zu ihm gehoͤrete und mit ihm einen Coͤrper machte. Und ſo faͤhret denn auch die Materie, die von dem andern Pole herkommet, erſt durch das Eiſen, ehe es in den Pol hinein kommen kan, daran das Eiſen haͤnget. Wenn nun das Eiſen durch die magnetiſche Materie ſtaͤrcker an den Magneten ge - druckt, als durch die Schweere zuruͤcke ge - zogen wird; ſo bleibet es daran hangen und wird viel oder wenige Krafft erfordert es loß zu reiſſen, nachdem die magnetiſche Krafft der Schweere viel oder wenig uͤberlegen iſt. Gleichergeſtalt wenn der Suͤder-Pol des ei - nen Magnetens an den Nord-Pol des an - dern geleget wird; ſo kan die Materie, wel - che zu dem Pole des einen heraus kommet, gleich in den Pol des andern hinein fahren(§. 40.592Cap. X. Von denen Dingen,(§. 40 T. III. Exper). Und demnach vereiniget ſich abermahl die magnetiſche Materie um beyde Magneten mit einander und beweget ſich umb beyde als wie umb ei - nen: wodurch abermahls der eine Magnet an den andern wie vorhin das Eiſen gedruckt wird. Hingegen da die Materie, welche aus dem Nord-Pole des einen herausgehet, nicht in den Nord-Pol des andern hinein fahren kan (§. cit. ); ſo ſtoͤſſet die Materie, die aus dem Nord-Pole des einen heraus gehet, den Nord Pol des andern von ſich und ſolchergeſtalt ziehen die Magneten ein - ander in gleichnahmigen Polen nicht an ſich: denn es hat mit ein paar Suͤder-Polen eben die Bewandniß. Daß der Magner ſich nach Norden kehret, jedoch mit einer Ab - weichung, zeiget an, daß ſich die magnetiſche Materie nicht allein durch den Magneten und um ihn herum, ſondern auch umb den Erdboden und durch denſelben wie um einen Magnet bewege, jedoch ſo daß die magneti - ſchen Pole nicht in eben der Stelle ſind, wo die Erde ihre uͤbrige Pole hat, ſondern viel - mehr zur Seite. Weil aber die Abwei - chung veraͤnderlich iſt, ſo ſiehet man daraus, daß die magnetiſchen Pole gleichfalls veraͤn - derlich ſind. Wo dieſe Pole anzutreffen und wie ſie ſich veraͤndern, hat ſich ſonder - lich Herr Halley angelegen ſeyn laſſen zuun -593die in der Erde befindlich. unterſuchen(a)Philoſ. Transact. Num. 148 p. 208 und wird man zur See groſſen Nutzen davon haben, wenn man die - ſe Theorie voͤllig zu Stande bringen wird. Weil nun die Erde magnetiſche Pole hat und die magnetiſche Materie ſich umb und durch dieſelbe eben ſo wie umb einen Ma - gneten beweget; ſo hat man auch ſie einen Magneten genennet. Und wird dieſes noch mehr dadurch bekraͤfftiget, weil eine Ma - gnet-Nadel, die um einen Magnet beweget wird, eben ſolche Abweichungen zeiget, wie man auf dem Erdboden herumb obſerviret. Nun moͤchte man zwar als was ſeltſames anſehen, daß dem Magneten zugefallen eine beſondere Materie in der Welt waͤre, die ſich uͤberall um die gantze Erde herumb von einem magnetiſchen Pole zu dem andern be - wegete: allein wir wiſſen, daß auch die Er - de, indem ſie um die Sonne herum gehet, ihre Axe beſtaͤndig gegen die Welt-Pole keh - ret und daher eine beſondere Materie ſeyn muß, von der ſie beſtaͤndige Richtung hat (§. 372 Aſtron.). Es iſt dannenhero glaub - lich, daß eben die magnetiſche Materie da - zu geordnet iſt, daß ſie dieſe Wendung ver - richtet, und wer weiß, was ſie noch ſonſt fuͤr wichtige Verrichtungen hat, die zur Zeit noch unbekandt? Jch koͤnnte noch mehre - res von dem Magneten erklaͤren, wenn ich(Phyſick) P pnicht594Cap. X. Von denen Dingen,nicht ſchon ſehr weitlaͤufftig von ihm in dem dritten Theile der Verſuche gehandelt haͤt - te.
Unter die ſonderbahren Bege - benheiten, die ſich mit dem Erdboden zutra - gen, ſind die Erdbeben zurechnen, welche nichts anders ſind, als eine gewaltige Er - ſchuͤtterung der Erde, dergeſtalt daß ſich der Erdboden gleichſam in die Hoͤhe hebet und wieder niedergiebet. Und dadurch wird das - jenige, was auf dem Erdboden ſtehet, er - ſchuͤttert, daß es oͤffters davon uͤber einen Hauffen faͤllet. Dergleichen Exempel fuͤhret Sturm von einem Erdbeben an, ſo ſich A. 1686 im Monath Julio in Jtalien und Deutſchland ereignet, da ſelbſt in Alt - dorff die Fenſter in den Gebaͤuden erſchuͤt - tert worden und geklungen; die Betten, darinnen man gelegen, hin und wieder ge - wancket, als wenn man in einer Wiege laͤ - ge; abſonderlich aber zu Halle in Tirol Thuͤrme, Haͤuſer und Mauren uͤber den Hauffen gefallen und viel Menſchen erſchla - gen(b)Phyſ. Hypoth. Tom. 2. p. 283. 284. . Die Erdbeben haben eine groſſe Verwandnis mit den Minen: denn wenn die Mine nicht ſtarck genung geladen iſt, ſo machet ſie gleichfalls nur eine Erſchuͤtterung (§. 172 Artill.) Nun ſind die Minen un - terirrdiſche Hoͤhlen, darinnen Pulver ver -gra -595die in der Erde befindlich. graben (§. 169 Artill. ), das Pulver aber be - ſtehet hauptſaͤchlich aus Schwefel und Salpeter (§ 29. Artill. ) und demnach hat man geſchloſſen, daß auch unter der Erde Schwefel und Salpeter entzuͤndet wuͤrde, wenn ein Erdbeben entſtuͤnde. Es iſt in dieſen Schluͤſſen wohl Wahrheit; allein man ſiehet nicht eine recht deutliche Folge: in - dem der Zweiffel noch uͤbrig bleibet, ob die - ſes der eintzige Weg ſey, dadurch die Erde kan erſchuͤttert werden, und, wenn es nicht der eintzige iſt, ob ihn die Natur hierzu er - wehlet. Derowegen achte ich noͤthig zu ſeyn, daß wir die Sache genauer uͤberlegen. Wenn die Erde ſoll erſchuͤttert werden, ſo muß ſie in die Hoͤhe gehoben werden und wieder zuruͤcke fallen. Denn ſie iſt bey na - he kugelrund (§. 182): in einer Kugel aber kan ein Theil ohne die uͤbrigen nicht anders als durch dieſe Art der Bewegung erſchuͤt - tert werden. Wenn nun ein Theil der Erde ſoll in die Hoͤhe gehoben werden, ſo wird in - nerhalb derſelben eine Krafft erfordert, die von dem Mittel-Puncte der Erde wegdru - cket. Alle coͤrperliche Krafft beſtehet in der Bewegung einer Materie, und ihre Groͤſſe ruͤhret theils von der Menge der Materie her, die nach einer Gegend zugleich beweget wird, theils und bey groſſen Kraͤfften groͤ - ſten Theils von der Geſchwindigkeit der Be - wegung. Derowegen muß bey den Erd -P p 2beben596Cap. X. Von denen Dingen,beben unter der Erde eine Materie vorhan - den ſeyn, die ſich ſehr ſchnelle von dem Mit - tel-Puncte der Erde weg bewegen will, aber an dem Erdboden Wiederſtand findet und ihn dannenhero in etwas ausſpannet. Weil aber die Erde, ſo bald ſie etwas gehoben wor - den, ſich wieder zuruͤcke giebet; ſo muß auch die Krafft bald nachlaſſen. Jedoch da die Erſchuͤtterung ruckweiſe wiederkommet, wie bey dem Winde; ſo muß auch dieſelbe Kꝛaft ſich bald wieder eꝛhohlen. Unter der Er - de treffen wir nichts an, was zu einer ſo groſ - ſen Krafft, als zu Erſchuͤtterung des Erdbo - dens im Erdbeben erfordert wird, aufgeleget waͤre, als einen Dampff der eine ausdehnen - de Kraft hat: denn hier iſt eine wenige Ma - terie geſchickt viel aus zurichten, kan auch oh - ne eine ſtarcke Bewegung eines andern Coͤr - pers, die bey Bewegung feſter Coͤrper noͤthig iſt, in eine Bemuͤhung zu einer ſchnellen Be - wegung geſetzt werden, abſonderlich wenn er ſich entzuͤndet (§. 141 T. II. Exper.). Derowegen haben wir nicht wohl noͤ - thig eine andere Urſache der Erdbeben als einen ſolchen Dampff zu ſuchen. Es ſtim - met auch die Erfahrung mit uͤberein: denn man hat beſtaͤndig angemercket, daß, wenn in groſſen Erdbeben das Erdreich geſprun - gen, durch die Ritze ein groſſer Dampff und Feuer-Flammen hervor gebrochen, auch oͤf - ters Steine mit hervorgeworffen werden. Der -597die in der Erde befindlich. Dergleichen Exempel fuͤhret Sturm(b)loc. cit p. 290. aus dem Seneca, Tacito, Varenio und dem, was ſich zu ſeinen Zeiten zugetragen, an. Es iſt aus den hiſtoriſchen Nachrichten von den Erdbeben bekandt, daß ſie ſich hauptſaͤchlich an den Orten aͤuſſern, wo Feuerſpeyende Berge ſind, als z. E. in Sicilien, wo der Berg Ætna vorhanden, und in Neapel, wo man den Veſuvium antrifft. Auch erei - gnen ſich die Erdbeben zu einer Zeit, wenn dieſe Berge ſtarck brennen. Derowegen ſiehet man wohl, daß das Brennen der Feuerſpeyenden Berge und die Erdbeben einerley Urſache haben. Der Herr von Thirnhauſen hat auf ſeinen Reiſen faſt alle Feuerſpeyende Berge, die man in Europa findet, mit eigenen Augen beſichtiget und in ihnen reiche Schwefel-Adern angetrof - fen, davon in den groſſen Hoͤhlen, darein er ſich gewaget, nicht allein ein ſtarcker Geruch, ſondern auch ſtets ein ziemlicher Dampff entſtehet. Er hat die Hand in den Dampf gehalten und ihn gantz warm befunden, auch[dabey] angemercket, daß ſich von ihm aͤchte flores ſulphuris oder Schwefel-Bluͤten anlegen, dergleichen man in der Chymie aus dem Schwefel zubereitet, und ſie von den Steinen abgeſchabet(c)Medic. Ment. part. 2. p. m. 131. 132. Derowegen doͤrf -P p 3fen598Cap. X. Von denen Dingen,fen wir nun weiter nicht zweiffeln, daß die Erdbeben keine andere Urſache als einen Schwefel-Dampff haben, der ſich entzuͤn - det, und die groſſe Krafft, wodurch ſie erre - get werden, keine andere als die ausdehnen - de Krafft dieſes entzuͤndeten Dampffes ſey. Wenn man nun fraget, wie ſich dieſer Dampff entzuͤndet; ſo haben wir ſehon an - derswo (§. 142 T. II. Expet. ) gezeiget, daß ein Schwefel-Dampff ſich von ſelbſten un - ter der Erde entzuͤnden kan, wenn er in Men - ge verhalten wird. Und demnach haben wir auch hier nicht noͤthig eine andere Urſa - che zu ſuchen, zumahl da wir wiſſen, daß die - ſer Dampff warm iſt, die Waͤrme und Feuer aber nur dem Grade nach von einan - der unterſchieden (§. 130 T. II. Ex.). Es lehret die Erfahrung, daß, wenn ſie Feuer ſpeyen, gemeiniglich ein ſtarcker Sturm vorherge - het: woraus zu vermuthen, daß dadurch der Dampff, welcher ſonſt in die freye Lufft ge - hen wuͤrde, innerhalb der Erde zuruͤcke ge - halten wird. Wenn aber auch gleich ein Erdbeben an ſolchen Orten verſpuͤret wird, wo keine unterirrdiſche Hoͤhlen mit Schwe - fel-Gaͤngen anzutreffen ſeyn: ſo laͤſſet ſichs leicht begreiffen, daß daſſelbe ſeinen Urſprung anderswo hat und ſich nur bis an denſelben erſtrecket. Daher man gar eigentlich mer - cket, daß je weiter man von demjenigen Or - te entfernet, wo die Urſache des Erdbebensan -599die in der Erde befindlich. anzutreffen, je ſchwaͤcher daſſelbe wird. Es gehet uͤber dieſes wohl an, daß durch den Winde, welcher in die unterirrdiſchen Schwefel-Hoͤhlen in den Feuerſpeyenden Bergen blaͤſet, der Schwefel-Dampf durch die Lufft-Loͤcher der Erde in andere von ih - nen etwas entfernete Hoͤhlen getrieben und daſelbſt das Erdbeben erreget wird. Alles was von dem Urſprunge eines Erdbebens geſaget worden, kommet mit dem Verſuche uͤberein, da durch einen Schwefel-Dampff das Erdreich in die Hoͤhe gehoben, auch zer - ſprenget wird (§. 142 T. II. Exper.). Und alle Wuͤrckungen des Erdbebens brauchen zu ihrer Erklaͤrung nichts anders als eine groſſe Krafft, wodurch der Erdboden ſtarck in die Hoͤhe gehoben und unterweilen auch gar zerſprenget wird. Sturm hat(a)loc. cit. vie - len Schaden beſchrieben, den die Erdbeben angerichtet: wer aber alles, was daſelbſt zu finden, durchgehen will, der wird inne wer - den, daß man zu ihrer Erklaͤrung weiter nichts brauchet, als was ich angefuͤhret. Das uͤbrige kommet auf die beſondere Um - ſtaͤnde des Ortes an, wo es gewuͤttet.
VOn allem, was aus der Erde waͤch - ſet, und unter dem Nahmen der Pflantzen hier begriffen wird, es moͤgen Baͤume, Straͤuche, Kraͤu - ter, oder andere Erdgewaͤchſe ſeyn, was ſie auch immer mehr von einen Nahmen ha - ben moͤgen, mercket man uͤberhaupt an, daß es ernaͤhret wird, eine Zeit lang fort waͤchſt, ſeines gleichen zeuget und endlich ſtirbet. Da wir nun weiter nicht zu erklaͤren verlan - gen, als was allem, ſo aus der Erde waͤchſet, gemein iſt, indem wir ſonſt in unendliche Weitlaͤufftigkeiten verfallen wuͤrden; ſo haben wir auch nichts weiter zu unterſu - chen, als wie es zugehe, daß die Pflantzen ſich naͤhren und wachſen, daß ſie leben und ſterben, daß ſie ihres gleichen zeugen.
Wir finden, daß alle Pflantzen aus gewiſſen Theilen zuſammen geſetzetſind,601der Pflantzen. ſind, und jeder Theil wieder aus andern klei -Baue der Pflantzen zu unter - ſnchen hat. nern Theilen beſtehet. Da nun das We - ſen eines Coͤrpers in der Art und Weiſe ſei - ner Zuſammenſetzung beſtehet (§. 606 Met.); ſo erkennet man das Weſen der Pflantzen, wenn man die Theile erkennet, daraus ſie und ferner ihre Theile zuſammengeſetzet ſind, und verſtehet, wie ſie aus ihren Theilen und dieſe wiederum aus den andern kleineren zuſammen geſetzet worden. Wenn man von demjenigen, was den Pflantzen zukom - met, und alſo auch davon, warumb ſie ſich naͤhren und wachſen, eine Zeitlang leben, darnach ſterben und ihres gleichen zeigen (§. 384) richtigen Grund anzeigen will; ſo muß man ſich um ihr Weſen bekuͤmmern (§. 33 Met.). Und demnach muͤſſen wir zu - erſt den Bau der Pflantzen unterſuchen, das iſt, die Theile kennen lernen, daraus ſie und ferner ihre Theile zuſammengeſetzet ſind, auf was Art und Weiſe dieſe Thei - le mit einander verknuͤpfft ſind. Derowe - gen da die Alten ſich darumb nicht bekuͤm - mert; ſo iſt auch kein Wunder, daß ſie in dieſer Materie nichts als leere Woͤrter vor - gebracht.
Die Anatomie der Pflantzen ha -Wer die Anato - mie der Pflantzen ben zuerſt unterſucht Marcellus Malpig hi - us, Medicinæ Doctor und Profeſſor zuP p 5Bo -602Cap. X. Von dem Wachsthum,unter - ſucht.Bononien in Jtalien(a)Anatomia plantarum Tom. 1. Operum Lugd. Bat. 1687. in 4. und Nehemias Grevv, ein Medicus in Engelland,(b)The Anatomyof plants with an idea of a philoſophical Hiſtory of Plants and ſe - veral other lectures Lond. 1682 in fol. unter denen der erſte den Anfang ſeiner Erfindungẽ A. 1671 der Koͤnigl. Societaͤt zu Londen zu - geſchickt, zu welcher Zeit auch der andere, was er entdecket, derſelben uͤbergeben. Es hat nach dieſem der beruͤhmte Obſervator in Sachen, die durch Vergroͤſſerungs-Glaͤ - ſer geſehen werden, Anton van Loeuvven - hœk hin und wieder in ſeinen Schrifften beygebracht, was zur Anatomie der Pflan - tzen dienlich iſt. Die Anatomie der Blaͤt - ter hat inſonderheit Herr Thuͤmmig ſehr ſorgfaͤltig unterſucht und uͤberhaupt darin - nen ein groſſes Licht angezuͤndet, was die andern Autores noch in groſſer Dunckel - heit gelaſſen(c)in Experimento ſingulari de arboribus, ex foliis educatis c. 2. 10. §. & ſeqq. : worinnen er ſich mit gu - tem Vortheile meiner neuen Manier die Structur der Pflantzen mit mehrerer Ge - wisheit als bisher geſchehen zu unterſuchen (§. 165 T. I. Exper.) bedienet. Weil die Anatomie der Pflantzen durch ſeine Obſer - vationen und Verſuche in allem groͤſſere -Ge -603der Pflantzen. Gewisheit erhalten; ſo ſind ſie auch den Actis Eruditorum(d)Acta Erudit. A. 1722 einverleibet udd kuͤrtzlich von ihm in die deutſche Sprache uͤberſetzt worden(e)Verſuch einer Erklaͤrung der merckwuͤrdig - ſten Begebenheiten der Natur part. 2. p. 124.. Des Engellaͤnders Anatomie der Pflantzen iſt ins Frantzoͤſiſche uͤberſetzt worden und von unnoͤthigen Weit - laͤufftigkeiten befreyet(f)Anatomie des Plantes A Leide 1691. in 12.. Jch habe auch verſchiedenes hinzugeſetzt (§ 93. & ſq. Exp.).
Bey einer jeden Pflantze hatTheile der Pflan - tzen. man zubetrachten die Wurtzel, den Stengel oder Stamm, die Augen oder Knoſpen, die Blaͤtter, die Bluͤthen und den Saamen. Von jedem wollen wir an gehoͤrigem Orte ſoviel beybringen, als wir zu unſerem Vor - haben noͤthig haben.
Die Wurtzel iſt der unterſteVon der Wurtzel. Theil der Pflantze, der in der Erde ſtehet, wodurch ſie in ihr befeſtiget wird und aus ihr ihre Nahrung an ſich ziehet. Sie beſtehet aus drey Haupt-Theilen, der Rinde, dem Holtze und, wenn ſie jung iſt, dem Marcke, woraus in alten Wurtzeln der Kern wird. Die Rinde beſtehet aus einem Haͤutlein und einer ſchwammichten Subſtantz. Das Haͤutlein iſt ſehr zarte und laͤſſet ſich am be - ſten abloͤſen, wenn man die Wurtzeln mitſie -604Cap. XI. Von dem Wachsthum,ſiedendem Waſſer verbruͤhet. Will man ſehen, wie ſie uͤberall durchloͤchert; ſo darff man nur ein Stuͤcklein Wurtzel ins Waſ - ſer ſtellen, das zuvor von der Lufft gereiniget worden, und vermittelſt der Lufft-Pumpe unter einem Recipienten die aͤuſſere Lufft wegpumpen (§. 165 T. I. Exper): als - denn wird man uͤberall, wo das Haͤutlein durchloͤchert iſt, kleine Lufft-Blaͤslein her - vordringen ſehen. Die ſchwammichte Materie, welche den groͤſten Theil der Rin - de ausmacht, ziehet das Waſſer in ſich wie ein Schwamm und ſchwellt davon auf. Wenn man ſie demnach in die Sonne leget, ſo gehet es ihr wie einem Schwamme: ſie kreucht uͤber die Maaſſen viel ein. Dieſe Materie iſt es, welche Grevv in ſeiner Ana - tomie der Pflantzen Parenchyma nennet. Wenn man ein Stuͤcke junge Wurtzeln queer durch von einander ſchneidet, ſo zie - het ſich die Rinde zuruͤcke: woraus man ſiehet, daß ihre Theile ſo ſchwammicht als ſie iſt, ausgedehnet ſind. Das Holtz beſte - het aus ſubtilen Faͤſelein, die nach der Laͤnge der Wurtzeln ſich leicht von einander reiſſen laſſen und von deren Unterſcheide wir her - nach bey dem Holtze ein mehreres unterſu - chen wollen. Endlich das Marck, welches der mittlere oder innerſte Theil der Wur - tzel iſt, ſiehet durch das Vergroͤſſerungs - Glaß wie ein Hauffen kleiner Blaͤßlein ausund605der Pflantzen. und iſt ſo ſchwammicht als die ſchwam - michte Materie in der Rinde. Aus dem ſchwammichten Theile der Rinde gehen auch hin und wieder einige kleine Theile durch das Holtz bis in das Marck, welche Grevv ſchon angemercket und inſertiones genennet. Jch habe unterweilen die Rin - de von junger Wurtzel abgeſcheelet und ſie, wo die Rinde abgeriſſen worden, wie kleine Huͤblein an dem Holtze erblicket. Wenn man junge Wurtzel queer durchſchneidet; ſo kan man gar eigentlich ſehen, ſonderlich wo man ſie unter das Vergroͤſſerungs Glaß le - get, daß rings herum durch das Holtz gegen den Mittel-Punct des Marckes etwas durchgehet, nicht anders als wie man die radios in einem Circul zu ziehen pfleget.
Der Stengel oder Stamm be -Von dem Stengel. ſtehet gleichfalls wie die Wurtzel aus drey Theilen, der Rinde, dem Holtze und dem Marcke. Die Rinde hat einerley Be - ſchaffenheit mit der Rinde der Wurtzel und daß auch das Holtz und das Marck von ei - nerley Beſchaffenheit ſey mit dem in der Wurtzel, laͤſſet ſich aus folgenden Verſu - chen abnehmen. Jch habe A. 1718, wie ich ſchon zu anderer Zeit(a)in der Erlaͤuterung der Entdeckung der wah - ren Urſache von der Vermehrung des Getrey - des c. 1. §. 6. p. 6. erinnert, einStuͤ -606Cap. XI. Von dem Wachsthumein Stuͤcke Wurtzel von einem Roſen-Sto - cke halb in die Erde geſetzet, halb aber uͤber derſelben ſtehen laſſen, umb zu ſehen ob es meiner Meinung gemaͤß unter der Erden Wurtzeln, uͤber ihr aber Augen treiben und ausſchlagen wuͤrde. Es iſt auch geſchehen, was ich vermuthet und der untere Theil in der Erde Wurtzel verblieben und weiter fort gewurtzelt, der obere aber ausgeſchlagen und zu einem Stamme worden. Und auf ſol - che Weiſe iſt Wurtzel und Stamm einer - ley: denn ſonſt koͤnnte nicht ein Theil der Wurtzel bloß dadurch zu einem Stamme werden, weil es in der Lufft ſtehet, maſſen die Luft die Art der Zuſammenſetzung aus ſeinen Theilen nicht im geringſten aͤndert. Es wird dieſes noch ferner durch die verkehrte Pflantzung der Linden beſtetiget, davon Conſtantinus Hugenius in einem Schrei - ben an den beruͤhmten Leeuvvenhœk von A. 1686 gedencket und die dieſer ſorgfaͤltige Erforſcher der Natur noch in ſelbigem Jah - re ſelbſt verſuchet(a)Arcana Naturæ detecta p. m. 142. & ſeqq. . Es wird nemlich der Baum verkehrt geſetzt, daß die Aeſte in die Erde und die Wurtzeln daruͤber in die freye Lufft kommen: ſo werden die Aeſte zu Wur - tzeln und die Wurtzeln zu Aeſten und ſchla - gen in der Lufft aus. Dieſes wuͤrde keinesweges607der Pflantzen. weges geſchehen, wenn nicht Wurtzeln und Stamm von einerley Art waͤren.
Das Holtz beſtehet aus lauterUnter - ſcheid der Roͤhren im Holtze. kleinen Roͤhren, die nach der Laͤnge des Stengels in einem fortgehen. Die Roͤhren ſind von zweyerley Art, entweder Safft - Roͤhren, oder Lufft-Roͤhren. Jene ſind mit Saffte, dieſe hingegen mit Lufft erfuͤllet. Die Safft-Roͤhren ſind wiederumb von zweyerley Gattung: einige fuͤhren den Safft von der Wurtzel in die Hoͤhe, andere hin - gegen ihn wiederumb von der Hoͤhe zuruͤcke in die Wurtzel. Von dieſen beyden Arten der Safft-Roͤhren reden diejenigen, welche von der Anatomie der Pflantzen geſchrieben haben: allein ſie ſetzen ſie nicht in ſolche Ge - wisheit, wie erfordert wird, wenn man als auf ſichere Gruͤnde in Erklaͤrung der Natur darauf bauen will. Es iſt demnach noͤthig, daß ich deutlicher erweiſe, daß dergleichen Roͤhren im Holtze anzutreffen. Die Lufft - Roͤhren zeigen ſich in dem Weinſtocke gar deutlich, wenn man von jungem Holtze mitten durch ein Scheiblein abſchnei - det und unter das Vergroͤſſerungs-Glaß leget. Denn hier ſiehet man rings herum in einer gar feinen Ordnung den Durch - ſchnitt der Lufft-Roͤhren wie rundte Loͤcher. Ob nun zwar in anderem Holtze nicht ſo groſſe Lufft-Roͤhren vorhanden ſind als wie im Weinſtocke, daß man ſie durch dasVer -608Cap. XI. Von dem WachsthumVergroͤſſerungs-Glaß deutlich ſehen koͤnn - te (§. 96. T. III. Exper.); ſo habe ich doch eine andere Manier erdacht, wie man ſie zum Vorſcheine bringen kan (§. 165 T. I. Exper.) und dadurch ſie auch Herr Thuͤm - mig in dem Stiele des Blates gefunden(c)in Experimento ſingulari de arboribus ex foliis educatis §. 12. Conf. der Berſuch part. 2. p. 124. & ſeqq. . Daß in den andern Roͤhren ſich der Safft bewegen kan, kan man erfahren, wenn man ein Stuͤcklein Holtz von einem duͤnnen Aeſtlein abſchneidet, oben einen Becher von Wachs herumb kleibet und Waſſer darein geußt: denn wenn man das Hoͤltzlein ſo ſtellet, wie es im Baume ge - ſtanden, daß unten zu ſtehen kommet, was gegen die Wurtzel geſtanden, ſo wird man mit Anmuth ſehen, wie endlich das Waſſer durchſickert. Jch habe es aber auch durch das Vergroͤſſerungs-Glaß obſerviret, daß das Waſſer von Speichel in den ſubtileſten Roͤhrlein wie ein Pfeil durchgeſchoſſen (§. 96. T. III. Exper.). Und es iſt ja bekandt, daß das Holtz zur Fruͤhlings-Zeit, wenn viel Safft in die Baͤume ſteiget, viel feuchter und ſchweerer iſt als zu anderer Zeit, auch, wenn es erſt gefaͤllet worden, nicht ſo dichte, wie wenn es ausgetrocknet: welches eine Anzeige iſt, daß Safft in den Roͤhrlein vor -handen.609der Pflantzen. handen. Wie ſubtile dieſe Safft-Roͤhr - lein ſeyn, habe ich ſchon anderswo (§. 96. T. III. Exper.) und niemand hat ihren Un - terſcheid deutlicher als Herr Thuͤmmig(d)loc. cit. §. 15. Conf. der Verſuche part. 2. p. 136 gewieſen, den ich auch ſelbſt mit Vergnuͤ - gen betrachtet. Als er nemlich ein duͤnnes Scheiblein von dem Stiele eines Blattes an das Vergroͤſſerungs-Kuͤglein brachte, waren um das Marck herum drey Ringe zu ſehen, der naͤchſte daran war gruͤnlicht, der mittlere weiß und gelbicht, der aͤuſſere wie - der gruͤnlicht wie der an dem Marcke. Weil mit bloſſem Auge alle insgeſamt weiß aus - ſehen, die Roͤhrlein aber an ſich uͤber alle Maaſſen ſubtile ſind (§. 96. T. III. Exper.); ſo muß die gruͤne Farbe, welche in der Ver - groͤſſerung erſcheinet, in der Materie anzu - treffen ſeyn, welche die Roͤhrlein erfuͤllet. Da nun einige einen gruͤnen, die andere hin - gegen einen weiſſen Safft haben, ſo muß der Safft, den ſie fuͤhren, unterſchieden ſeyn: welchen Unterſcheid Herr Thuͤmmig noch auf eine andere Art erweiſet. Wenn man ſubtile Faͤſelein von dem Holtze loß - reiſſet, oder auch duͤnne Spaͤnlein mit einem Feder-Meſſer abſchneidet, und beyde unter das Vergroͤſſerungs Glaß bringet; ſo ſie - het man im erſten Falle an den kleinen Roͤhr -(Phyſick) Q qlein610Cap. XI. Von dem Wachsthumlein dergleichen ſchwammichte Materie hangen, im andern aber zwiſchen ihnen lie - gen, wie in der Rinde haͤuffig angetroffen wird und die gleichſam aus lauter kleinen Blaͤſelein beſtehet. Und dieſe Materie iſt eben dasjenige, was die Autores ſo von der Anatomie der Pflantzen geſchrieben, utri - culos zu nennen pflegen.
Der untere Theil des Blates wird der Stiel genennet und gehet nicht al - lein durch die Laͤnge des Blates durch, ſon - dern zertheilet auch ſeine Aeſte nach der Breite des Blates, daraus immer weiter kleinere Zweiglein ſich zerſtreuen und gleich - ſam ein Netze abbilden, darzwiſchen eine blaͤſichte Materie anzutreffen von der Art, die von den Autoribus den Nahmen der utriculorum erhalten. Dieſe Blaͤßlein liegen zwiſchen zweyen ſubtilen Haͤutlein, dergleichen auch uͤber dem Stiele rings her - um anzutreffen. Wenn man die Art der Zuſammenſetzung des Blates aus ſeinen Theilen im groben erkennen will; darf man es nur des Abends gegen das Licht, oder bey Tage gegen die Sonne halten; ſo laͤſſet ſich alles gantz eigentlich erkennen. Will man ſehen, wie der Stiel aus dem Zweige her - vor kommet; ſo ſchneide man ein Blat mit dem Auge dergeſtalt ab, daß ein wenig Holtz mit Rinde von dem Zweiglein oder Reiſe daran bleibet. Denn wenn manferner611der Pflantzen. ferner das Auge mit dem Stiele queer durch ſchneidet; ſo wird man finden, daß ſich die Roͤhrlein von dem Holtze des Reiſes an dem Auge zertheilen und von beyden Seiten zum Theil in den Stiel des Blates, zum Theil in das Auge gehen. Bringet man es un - ter das Vergroͤſſerungs-Glaß, ſo erhellet alles noch deutlicher. Man ſiehet aber auch zugleich, daß das Marck im Stiele e - ben aus dem Reiſe in den Stiel gehet, und demnach ſowohl die Roͤhrlein als das Marck in dem Stiele des Blates mit den Roͤhrlein mit dem Marcke im Reiſe in ei - nem fortgehen. Denn daß auch der Stiel aus Rinde, Holtz und Marck beſtehet und alle drey Stuͤcke von eben der Beſchaffen - heit ſind, wie im Reiſe und der Wurtzel, zei - get die ſorgfaͤltige Zergliederung. Der Stiel nimmet in dem Blatte mit ſeiner Laͤnge beſtaͤndig ab, wie es der Augenſchein weiſet. Die Urſache iſt dieſe, weil die zur Seite Stuffen-weiſe ſich ausbreitende Aeſte nichts anders ſind als ein von dem Stiele abgeſonderter und zuruͤcke geboge - ner Theil von dem Holtze und Marcke. Denn man ſiehet nicht allein mit bloſſem Auge, daß unten an dem Stiele, wo das Aeſtlein heraus gehet, daſſelbe mit ihm noch eine Weile unter ſeiner Rinde fortgehet und daher eine Krinne verurſachet, ehe es mit ihm voͤllig einig wird; ſondern dasQ q 2Ver -612Cap. XI. Von dem WachsthumVergroͤſſerungs-Glaß zeiget es auch noch deutlicher. Jch habe Blaͤtter von vielerley Baͤumen vielfaͤltig betrachtet und niemahls anders als ſo gefunden. Es iſt wohl wahr, daß, wenn man alle Aeſtlein, die nach der Breite des Blates zu ſehen ſind, zuſammen nehmen ſolte, ein viel dickerer Stiel heraus kommen wuͤrde, als er unten iſt: allein zu - geſchweigen, daß jedes eine beſondere Rin - de hat, und man zufoͤrderſt dieſelbe abſon - dern muͤſte, ehe ſich die Vergleichung der Groͤſſe anſtellen laͤſſet, ſo koͤnnen auch die Roͤhrlein und das Marck nebſt der blaͤſich - ten Materie ſtaͤrcker wachſen als in dem Stiele, wo ſie bey einander ſind, wovon ſich auch nachdem die Urſache zeigen wird. Auff eben ſolche Weiſe entſpringen die uͤbrigen Zweiglein aus dieſen kleinen Aeſten und ſo weiter fort, biß endlich die letzten Faͤſelein ſich in ſich ſelbſt verlieren: die uͤbrige Mate - rie, welche man utriculos zu nennen pfleget, erſcheinet durch ein Vergroͤſſerungs Glaß, wenn man das Haͤutlein mit einem ſubti - len Federmeſſerlein abgeſondert, wie ordent - lich neben einander gelegte Reihen Kuͤglein. Unterdeſſen wenn man dieſelben weiter ver - groͤſſert, ſo findet man in ihnen eine Menge ſo kleiner Theilgen, die man nicht genau er - kennen und unterſcheiden kan. Jhre Far - be iſt gantz gruͤne und eben von ihnen hat das Blat ſeine gruͤne Farbe. Daß aberzwi -613der Pflantzen. zwiſchen ihnen viel Lufft zu finden, habe ich vielfaͤltig durch mit der Lufft Pumpe ange - ſtellte Verſuche gefunden (§. 71 T. III. Ex - per.). Jch habe auch nicht noͤthig ausfuͤhr - licher von den Blaͤttern zu reden, da ich ſchon unter den Obſervationen, die mit Ver - groͤſſerungs-Glaͤſern angeſtellet werden, von diefer Materie gehandelt (§. 94. T. II. Ex - per.).
Was etwan noch ſonſt von denWas die Nahrung der Pflan - tzen ſey. uͤbrigen Theilen der Pflantzen moͤchte zuer - innern ſeyn, will ich ein jedes an ſeinem Or - te beybringen. Wir wollen demnach un - terſuchen, wie die Pflantzen ernaͤhret werden, und mercken fuͤr allen Dingen an, daß ſie insgeſamt einerley Nahrung haben. Der Beweiß faͤllet nicht ſchweer. Man naͤhme aus einem Garten Erde und fuͤlle ſie in ein Gefaͤſſe: ſo waͤchſet darinnen eine jede Pflantze, die man darein ſetzet, oder deren Saamen man darein ſtecket, und darf man ſie auch einmahl nicht mit anderem Waſſer begieſſen als das andere. Wollte man ſa - gen, es waͤre in der Erde verſchiedene Ma - terie, und eine jede Pflantze zoͤge eine beſon - dere an ſich; ſo iſt die Erfahrung entgegen, die wir bey dem Pfropffen und Oculiren ha - ben. Denn wenn man auf einen Pflau - men-Stamm Abricoſen und Pferſichen pfropffet; ſo ſteiget der Nahrungs-Safft durch die Wurtzeln und den Stamm desQ q 3Pflau -614Cap. XI. Von dem WachsthumPflaum-Baumes in den Abricoſen - und Pferſichen-Reiß, und deſſen ungeachtet be - kommet derſelbe ſolche Nahrung, die ihm gehoͤret. Mariotte(a)Eſſay de la vegetation des plantes p. 39. edit. Paris. hat die Unmoͤglich - keit durch Rechnung begreiflicher zumachen geſucht. Es ſind mehr als 4000 unter - ſchiedene Pflantzen, deren eine ſowohl als die andere in dieſer Erde wachſen wuͤrde. Er ſetzet, daß die Saltze und, was man ſonſt, durch die Chymie heraus bringet, in einer jeden Pflantze ohngefehr 2 bis 3 Untzen wiege. Wenn demnach jede von gemeldeten 4000 Pflantzen ihre beſondere Materie inder Er - de findete, davon ſie ernaͤhret wuͤrde; ſo muͤ - ſten darinnen 8000 bis 12000 Untz. verſchie - dene Materie ſeyn, ſo zur Nahrung dienen koͤnte: welches zum wenigſten 500 bis 750 Pfund austragen wuͤrde, da die gantze Erde in dem Gefaͤſſe mit dem Regen-Waſſer, welches in 4 Monathen darauf faͤllet (§. 91. T. II. Exper.) kaum 20 Pfund austraͤget. Es iſt nicht noͤthig, daß ich hier unterſuche, wie weit dieſe Rechnung moͤchte gegruͤndet ſeyn: denn es iſt ohne dieſelbe klar genung, daß nicht ſo vielerley Art der Materie in der Erde ſey, als verſchiedene Arten der Pflan - tzen darinnen wachſen koͤnnen. Da alle Pflantzen in einer Erde wachſen (ob gleich nach dem Unterſcheide derſelben eine in einereiner -615der Pflantzen. Art beſſer fort kommet als die andere), von einerley Regen und Thau und von einerley Waͤrme der Sonne; ſo hat man wohl kei - ne Urſache, warum man behaupten wolte, daß eine jede Art der Pflantzen ihre beſon - dere Nahrung haben muͤſſe. Jn trockener Erde kan nichts wachſen: denn wenn lange trockenes Wetter iſt und der Erdboden wird duͤrre, ſo verdorren auch Graß und Pflan - tzen. Derowegen ſiehet man daraus, daß der Regen und Thau zu der Nah - rung der Pflantzen erfordert wird. Wir finden auch, daß die Pflantzen fort wach - ſen, wenn ſie ins Waſſer geſtellet werden und der Saame keimet und waͤchſet aus, wenn man ihn ins Waſſer, oder in feuchten Sand leget: der feuchte Sand aber kan ihm nichts als das Waſſer abgeben, denn die harten Koͤrnlein werden von dem Waſſer keinesweges aufgeloͤſet. Wollte man gleich ſagen, das Waſſer weiche von dem Sande loß, was ſich von auſſen an ihn an - geleget: ſo kan man einem gleich durch die Erfahrung das Wiederſpiel zeigen. Man weiche den Sand ins Waſſer und gieſſe es ab, ſo offte als einem beliebet. Man trockne ihn in der Sonne ab und feuchte ihn nach dieſem von neuem mit Waſſer an. Hier wird wohl niemand glauben, daß viel an dem Sande kleben geblieben ſey, welches das Waſſer loß weichen kan: deſſen un -Q q 4ge -616Cap. XI. Von dem Wachsthumgeachtet aber wird der Saame wie vorhin darinnen keimen.
Die Alten haben mehrentheils davor gehalten, daß die Pflantze haupt - ſaͤchliche durch die Erde ernaͤhret wuͤrde und das Waſſer zu weiter nichts dienete, als daß es die Erd-Theilgen in die Pflantze hin - ein braͤchte. Wenn man nun aber gleich nicht eben zugeben wolte, daß die Erde an ſich die eigentliche Materie waͤre, davon die Pflantzen ihren Wachsthum haͤtten; ſo koͤnnte man doch leicht auf die Gedancken gerathen, daß ſie die Materie in ſich haͤtte, wodurch die Pflantzen groͤſſer wuͤrden. Da man ſiehet, daß die Sachen auch in dem Waſſer fort wachſen, darein man ſie geſetzet; ſo iſt ſchon Helmomius auf die Gedancken kommen, daß man dem Waſſer mehr als der Erde zuzuſchreiben habe und, damit er gewiß erfuͤhre, was man hierinnen mit Gewisheit ſetzen moͤchte, hat er folgen - den Verſuch angeſtellet. Er nahm zwey hundert Pfund Erde, trocknete ſie im Ofen aus und that ſie in ein irrdenes Gefaͤſſe. Nachdem er ſie mit Waſſer angefeuchtet hatte, daß ſie wieder zuſammen hielt, pflantz - te er eine Weide hinein, die fuͤnf Pfund wog, und begoß ſie, wenn es noͤthig war, mit Regen-Waſſer: damit nicht fremde Erde hinein kommen moͤchte, bedeckte er das Ge - faͤſſe mit einem eiſernen Bleche, das bloßhin617der Pflantzen. hin und wieder kleine Loͤchlein hatte, damit er die Erde begieſſen konnte. Nach fuͤnff Jahren nahm er den Baum heraus, welcher ohne die Blaͤtter, ſo in vier Herbſten abge - fallen waren, 169 Pfund und ohngefehr 3 Untzen wog. Als er die Erde von neuem im Back-Ofen ausgetrocknet hatte, befand er, daß die zwey hundert Pfund kaum zwey Un - tzen leichter worden waren. Die Materie demnach von 169 Pfunden und 1 Untze muͤſ - ſen bloß von dem Waſſer herkommen ſeyn, damit die Erde begoſſen worden, wenn auch gleich die 2 Untzen, welche ihr abgegangen in den Baum kommen und darinnen ver - blieben ſind. Der beruͤhmte Engellaͤnder Robert Boyle, welcher dieſen Helmontia - niſchen Verſuch umſtaͤndlich anfuͤhret(a)in Chymiſta Sceptico p. m. 39, hat gerne in dieſer Sache mehrere Gewis - heit haben wollen und daher ſeinem Gaͤrt - ner befohlen ihn mit einiger Veraͤnderung zu wiederhohlen(b)loc. cit. p. m. 37. 38.. Gegen das Ende des Mayes hieß er den Gaͤrtner ſoviel gute Erde ausgraben, als er in einem Gefaͤſſe noͤthig hatte, in dem Ofen abtrocknen und abwie - gen. Nachdem er ſie in das Gefaͤße gethan und gehoͤriger Weiſe angefeuchtet hatte, muſte er eine Art von Jndianiſchen Melo - nen darein ſtecken, dazu er ihm einen KernQ q 5gege -618Cap. XI. Von dem Wachsthumgegeben hatte, weil dieſes Gewaͤchſe ſehr ſchnelle waͤchſt. Er ließ es mit nichts an - ders als mit Regen - oder Brunnen-Waſſer begieſſen, und ſahe mit Luſt, wie es vortref - lich fortkam, unerachtet es etwas auſſer der Zeit war geſteckt worden. Als im Herbſte die Kaͤlte herein brach, ließ er das Gewaͤch - ſe, ob es wohl noch nicht ſeine Vollkom - menheit erreichet hatte, wie die uͤbrigen im Garten, die zu rechter Zeit waren geſteckt worden, aus dem Gefaͤſſe heraus nehmen, der Gaͤrtner trocknete die Erde wieder ab und fand, daß ſie noch ihr altes Gewichte hatte. Er bildete ſich ein, vielleicht waͤre ſie nicht recht ausgetrocknet worden und brach - te ſie von neuem im Ofen: allein ob er ſie gleich noch zwey mahl in dem warmen Back-Ofen gehabt hatte, konnte er doch kei - nen mercklichen Abgang verſpuͤren. Das Gewaͤchſe wog mit dem Stiele und Blaͤt - tern drey Pfund weniger ⅓. Es muͤſſen demnach dieſe 2⅔ Pfund durch das Waſſer in die Pflantzen kommen ſeyn, keinesweges aber aus der Erde. Er hat nach dieſem noch einmahl den Verſuch von dem Gaͤrt - ner wiederhohlen laſſen, welcher ihn berich - tet, er habe wie vorhin zwey ſchoͤne Melo - nen erzogen, die zuſammen 10½ Pfund, die Aeſte aber mit den Wurtzeln 4 Pfund we - niger 2 Untzen gewogen. Den Abgang der Erde habe er 1½ Pfund gefunden: al -lein619der Pflantzen. lein es waͤre wohl daher kommen, daß, als die Erde zugerichtet worden, viel darvon weggeſtoben. Man ſiehet leicht, daß der Gaͤrtner das andere mahl nicht Fleiß ge - nung angewandt, weil er das erſte mahl geſehen, daß ſo wenig gefehlet. Derowe - gen waͤre beſſer geweſen, daß Boyle mit ſeinen eigenen Augen geſehen haͤtte. Jch weiß wohl, daß einige einwenden, als wenn man nicht genung verſichert ſeyn koͤnnte, ob man die Erde einmahl ſo viel ausgetrocknet, als das andere: allein wenn man die Um - ſtaͤnde des Verſuches genauer erweget, ſo wird man dieſe Sorge bald fahren laſſen. Denn wenn Helmontius die Erde das an - dere mahl ſollte weniger ausgetrocknet ha - ben als anfangs; ſo muͤſten 169 Pfund Waſſer in 200 Pfund Erde weniger ausge - trocknet ſeyn als wie er die Erde zum Ver - ſuche zubereitet: welches gleich dem erſten Anblicke nach alle Wahrſcheinlichkeit ver - lieret und mit einer Demonſtration wieder - leget werden koͤnnte, wenn wir uns hier in Weitlaͤufftigkeiten einlaſſen doͤrfften.
Wenn man Waſſer in einemWas ei - gentlich im Waſ - ſer iſt, ſo die Pflan - tzen, naͤh - ret. Glaſe ſtehen laͤſſet, wo es nicht wohl aus - dampffen kan, entweder weil es einen engen Hals und eine kleine Eroͤffnung hat, oder weil es wohl verwahret iſt; ſo findet man, daß ſich nach und nach eine gruͤne Materie darinnen zeiget, die ſich auch hin und wie -der620Cap. XI. Von dem Wachsthumder an das Glaß anleget. Man ſaget ins - gemein, wenn dieſes geſchiehet, daß das Waſſer faul wird. Herr Woodward ein gelehrter Medicus in Engelland und Pro - feſſor Phyſices in dem Greßhamiſchen Collegio zu Londen iſt auf die Gedancken gerathen, daß dieſe gruͤne Materie eben die - jenige ſey, welche die Pflantze naͤhret und hat zu dem Ende verſchiedene Verſuche an - geſtellet(a)Phil. Transact. Num. 253 p. 193 conf. Mi - ſcellanea curioſa Lond. 1705. p. 212 & ſeqq. & Acta Erud. A. 1700. p. 88. Er nahm Glaͤſer von einer Figur und Groͤſſe, die enge Haͤlſe hatten, und fuͤllete ſie mit Waſſer: eines mit Brunnen-Waſſer, das andere mit Regen - Waſſer, das dritte mit Fluß-Waſſer ꝛc. o - ben verbund er die Glaͤſer mit Pergament, damit das Waſſer nicht ausdampffen moͤchte und ließ nur ein rundtes Loch, da er ohne Zwang den Stengel von einer Pflan - tze durchſtecken konnte. Er ſetzte den 20 Julii alten Calenders einerley Pflantze in verſchiedenes Waſſer, nemlich gemeine Spitz-Muͤntze, und ſtellete die Glaͤſer vor ein Fenſter in die freye Lufft, wo ſie des Ta - ges die Sonne beſcheinen konnte Die im Brunnen-Waſſer wog 27, im Regen-Waſ - ſer 28¼, im Waſſer aus der Thems 28 Gran. Als er ſie den 5 Octob. nach Ver -lauf621der Pflantzen. lauf 77 Tage wieder heraus nahm, war die Pflantze im Brunnen-Waſſer 15, im Re - gen-Waſſer 17½, im Fluß-Waſſer 26 Gran ſchweerer worden. Es war aber dieſe 77 Tage uͤber die Schweere des Brun - nen-Waſſers um 2558 des Regen-Waſ - ſers um 3004, des Fluß Waſſers um 2493 Gran leichter worden. Woraus erhellet, daß der meiſte Theil des Waſſers, ſo in die Pflantze geſtiegen, wieder tranſpiriret und nur gantz was weniges zuruͤcke geblieben. Es erhellet aus dieſen Verſuchen, daß die Pflantzen von dem Waſſer wachſen und zu - nehmen, und daß ſie unvermerckt vieles von dem Waſſer, ja den groͤſten Theil deſſelben tranſpiriren, welches ſie zur Nahrung an ſich nehmen. Allein es iſt doch noch nicht daraus klar, daß es eben die gruͤne Materie ſey, die ſich im faulen Waſſer zeiget, wodurch die Pflantzen genaͤhret werden. Derowe - gen iſt noͤthig, daß wir noch andere Verſu - che erwegen, die er uͤber dieſe angeſtellet. Er nahm nehmlich noch zwey andere Glaͤſer und fuͤllete eines mit Regen-das andere mit Brunnen-Waſſer, ſetzte aber keine Pflantze darein, damit er erfahren moͤchte, ob auch Waſſer ausdampffen koͤnnte, auſſer demje - nigen, was durch ihre Pflantzen tranſpi - rirte. Er machte auch dieſe Glaͤſer mit Pergament zu und ließ ſo ein kleines Loch wie in den uͤbrigen. Er ließ ſie bey den an -dern622Cap. XI. Von dem Wachsthumdern die gantzen 77 Tage uͤber ſtehen: er konnte aber nach Verlauff derſelben keinen mercklichen Abgang ſpuͤren. Und ſolcher - geſtalt war er gewis, daß in den uͤbrigen Glaͤſern das Waſſer durch die Pflantzen tranſpiriret war. Das merckwuͤrdigſte aber war dieſes, daß in den beyden Glaͤſern, worinnen keine Pflantzen waren, ſich mehr irrdiſche Materie geſetzet hatte als in den uͤ - brigen, auch das Waſſer truͤber war als in den andern von eben derſelben Materie, die ſich wie ein Nebelin dem Waſſer zuſammen ziehet, ehe ſie zu Boden faͤllet. Und dieſer einige Umſtand machet es wahrſcheinlich, daß die Pflantzen hauptſaͤchlich von dieſer Materie ernaͤhret werden, die, indem das Waſſer faulet, von ihm abgeſondert wird. Er hat dergleichen Verſuche um mehrere Gewisheit in der Sache zu haben, das fol - gende Jahr darauf, nemlich A. 1692, noch einmahl wiederhohlet und noch einen neuen hinzugeſetzt, dadurch er das letztere mehr zu bekraͤfftigen gedachte, daß nemlich haupt - ſaͤchlich die irrdiſchen Theilgen, die im Waſ - ſer ſind, die Pflantze ernaͤhreten. Denn er hat in ein Glaß reines Waſſer gethan, in das andere aber Waſſer, darinnen er 1½ Un - tzen gute Garten-Erden ſolviret hatte. Als er die Pflantze in beyden 56 Tage von dem 2 Junii an bis zu dem 28 Julii hatte ſtehen laſſen; fand er, daß die in dem reinen Waſ -ſer623der Pflantzen. ſer von 110 Granen bis 249 zugenommen hatte und 13140 Gran Waſſer waren ver - zehret worden; hingegen die in dem truͤben Waſſer war von 76 Granen bis auf 244 Gran geſtiegen und waren 10731 Gran Waſſer aufgegangen. Weil nun die Pflantze mehr waͤchſet und doch weniger Waſſer verzehret, wenn es von der Erde truͤbe, als wenn es reine iſt; ſo ſchlieſſet er, daß die Erde die eigentliche Nahrung iſt. Allein es waͤre gut geweſen, wenn er fuͤr die Gewisheit mehr geſorget haͤtte. Denn er haͤtte ſollen das Waſſer ausdaͤmpffen laſ - ſen in beyden Glaͤſern und nachdem zuſehen, ob in dem andern ſo viel mehr irrdiſche Ma - terie uͤbrig bliebe, als er Erde hineingeruͤh - ret, maſſen in dieſem Falle ſichs klaͤrlich ge - zeiget haͤtte, ob einige von der Erde mit in die Pflantze gegangen oder nicht. Denn wenn gleich eine Pflantze in mit Erde truͤbe ge - machtem Waſſer mehr zunimmet, als in anderem: ſo folget doch deswegen noch nicht, daß die Erde mit in dieſelbe gehet und zur Nahrung angewandt wird. Es kan in der guten Garten Erde etwas anders vor - handen ſeyn, das das Waſſer ſo zureden auslauget und mit in die Pflantze ſteiget da - rinnen aber die Dauung befoͤrdert, daß der Nahrungs-Safft nahrhaffter wird: wel - ches ſchon dadurch einige Wahrſcheinlich - keit erhaͤlt, weil weniger Abgang des Waſ -ſers624Cap. XI. Von dem Wachsthum,ſers verſpuͤret worden als im andern Glaſe, nach dieſem aber bald noch mehr Grund vor ſich finden wird, wenn wir ſehen wer - den, daß in der Erde wuͤrcklich etwas vor - handen, ſo dieſe Fruchtbarkeit befoͤrdert. Und demnach waͤre Urſache genung vorhan - den geweſen, daß man auch auf dieſen Umb - ſtand mehr acht gehabt haͤtte.
Es iſt eine bekandte Sache, daß die Erde ihre Fruchtbarkeit verlieret, wenn vieles daraus waͤchſt, ſonderlich was viele Nahrung erfordert, und man daher noͤthig hat dieſelbe entweder mit Miſte oder Aſche zu dingen. Abſonderlich iſt bekandt, wie der Salpeter das Erdreich frucht - bahr macht. Vallemont(a)Curioſitez de la Nature & de l’Art. ſur la vegetation c. 6. p. 157. & ſeqq. hat den Nutzen des Salpeters in dieſem Stuͤcke geruͤhmet, auch andere Sachen angefuͤh - ret, die wegen ihrer ſaltzigen und oͤlichten Theilgen eine gleiche Wuͤrckung haben, als das Horn von Hoͤrnern und Klauen der Thiere. Der Miſt hat gleichfals ſaltzige und oͤlichte Theilgen in ſich und der Aſche fehlet es auch nicht daran. Man ſiehet demnach, daß auch Saltz und oͤlichte Ma - terie noͤthig iſt, wenn eine Pflantze durch das Waſſer ernaͤhret werden ſoll. Und zeiget es auch der Saame, der die erſteNah -625der Pflantzen. Nahrung der Pflantze bey ſich fuͤhret, wie wir hernach vernehmen werden, maaſſen kei - ner zu finden, der nicht Oele u. Saltz bey ſich fuͤhret, dergeſtalt daß ſich auch aus vielem das Oele heraus preſſen laͤſſet. Wir finden auch in allen Pflantzen Oele und Saltz, wenn man ſie in der Chymie unterſuchet: allein da eine jede Pflantze ihr beſonderes Saltz und ihr beſonderes Oele hat, ſo wird man leicht zugeben, daß daſſelbe erſt in der Pflantze erzeuget, keinesweges aber hinein gebracht wird. Weil doch aber gleichwohl die Pflantzen nicht wachſen koͤnnen, wo die Erde ihnen keine ſaltzige, ſonderlich ſalpe - triche, und oelichte Theilgen gewehren kan; ſo muͤſſen doch dieſe mit dazu dienen, daß die Saltze und Oele in den Pflantzen erzeu - get werden, und abſonderlich auch dazu foͤrderlich ſeyn, daß das Waſſer in einen Nahrungs-Safft verwandelt wird.
Wir haben ſchon bey andernOb das Regen - Waſſer reine iſt. Gelegenheiten geſehen, daß in der Lufft al - lerhand ſalpetrichte, ſaltzige und oelichte Ausduͤnſtungen anzutreffen (§. 369. 321). Es zeiget es auch die taͤgliche Erfahrung, daß, wenn die Sachen verweſen, das mei - ſte davon in die Lufft gehet. Ja wenn wir das Licht durch eine enge Eroͤffnung in einen finſtern Ort laſſen, koͤnnen wir auch eine groſſe Menge Staͤublein darinnen herum - fliegen ſehen. Das Waſſer nimmet Saltz(Phyſick) R rund626Cap. XI. Von dem Wachsthumund Erde leicht an ſich, ja die mineraliſchen Brunnen bezeugen, daß ſich auch metalli - ſche Theilgen damit vermengen laſſen. De - rowegen iſt wohl kein Zweiffel, daß nicht auch das Regen-Waſſer mit allerhand Ma - terie vermiſchet ſeyn ſollte. Und ſolcherge - ſtalt iſt es nicht gantz rein; ſondern fuͤhret allerhand Materie den Pflantzen zu. Wenn man aber gleich durch Chymiſche Deſtilla - tiones dieſelben von dem Regen-Waſſer abſondern kan; ſo darf man doch deswe - gen nicht daran zweiffeln, daß ſie zugegen ſind. Denn die Theilgen ſind ſubtiler als die Duͤnſte, die daſelbſt in die Hoͤhe ſteigen, und gehet gar wohl an, daß ſie mit uͤber - gehen, ohne von dem Waſſer abgeſondert zu werden.
Die Erd-Theilgen ſind wie ein Schwamm und haben viel offene Lufft-Loͤ - cher. Wenn ſich demnach das Waſſer hin - ein zeucht, daß die Erde davon feuchte, oder auch gar naß wird; ſo kan man ſich die Feuchtigkeit oder Naͤſſe nicht anders vor - ſtellen, als daß in denſelben Hoͤhlen Troͤpf - lein Waſſer liegen, die zum Theil daruͤber hervorragen, maſſen ſich das Waſſer in ſo ſubtile Kuͤglein eintheilen laͤſſet, als hier zu noͤthig (§. 221. T. I. Exper.). Die Wurtzel hat oben ein ſubtiles Haͤutlein, das wie an - dere Haͤute das Waſſer an ſich ziehet und dadurch ausgedehnet wird. Wil manſich627der Pflantzen. ſich deſſen insbeſondere verſichern, ſo darf man nur von einer feuchten Wurtzel das Haͤutlein abloͤſen und es trocknen laſſen; ſo wird es in einander dorren und gantz klein werden. Man lege es aber nach dieſem wie - der in Waſſer; ſo wird es darinnen weich werden und ſich wieder aus einander geben. Unter dem Haͤutlein der Rinde lieget eine ſchwammichte Materie, welche das Waſſer wie ein Schwamm in ſich ſauget (§. 388.). Derowegen wenn die Erde feuchte iſt, ſo dringen die darinnen liegenden Troͤpfflein Waſſer in dieſe ſchwammichte Materie der Rinde hinein. Nemlich es iſt darinnen viel Lufft (§. cit. ): derowegen wenn die feuchte Erde darauf lieget, ſo ſtehen Troͤpfflein Waſſer uͤber Lufft. Da nun die Lufft leich - ter und das Waſſer ſchweerer iſt (§. 86. T. I. Exper.); ſo ſteiget dieſelbe in die Hoͤhe und das Waſſer ſencket ſich nieder (§. 212. T. I. Exper.) und ſolchergeſtalt verwech - ſeln das Waſſer und die Lufft mit einan - der ihre Stelle. Daß dieſe Erklaͤrung rich - tig ſey, bekraͤfftiget auch die Erfahrung. Denn wenn man ein Stuͤcklein Wurtzel in das Waſſer leget, was inſonderheit ſchon ein wenig welck worden, oder doch wenig - ſtens nicht voll Safft iſt, ſo legen ſich rings herum kleine Blaͤſelein daran, in dem das Waſſer ſich hinein ziehet. Wil man deſ - ſen noch mehr vergewiſſert ſeyn, daß dieſeR r 2Lufft628Cap. XI. Von dem WachsthumLufft wuͤrcklich diejenige ſey, die aus der ſchwammichten Materie der Rinde heraus gehet; ſo darf man nur die Wurtzel in von Lufft gereinigtes Waſſer legen und unter die Lufft-Pumpe bringen (§. 7. T. III. Exper.), ſo wird man erfahren, daß die Lufft nirgends anders als daher kommet und ſich an ſtat derſelben viel Waſſer hinein zie - het.
Auf eben eine ſolche Weiſe gehet es zu, daß der Thau und Regen ſich in die Blaͤtter ziehet. Daß er ſich hinein ziehet, iſt eine Sache, die auch aus der gemeinen Erfahrung bekandt. Denn wenn man welcke Pflantzen oder Blaͤtter von Baͤumen entweder mit Waſſer beſprenget, oder auch wohl gar hinein leget; ſo werden ſie wieder friſch. Daß aber innerhalb der ſchwam - michten Materie der Blaͤtter viel Lufft, als wie in der ſchwammichten Materie der Rin - de und dieſe mit dem Waſſer ihre Stelle vertauſchet, zeigen die Verſuche, welche ich ſchon anders wo beſchrieben (§. 71. T. III. Exper.). Zwar iſt aus demſelben Verſuche klar, daß die Lufft haͤuffiger von der verkehr - ten Seite aus den Blaͤttern gehet, als von der rechten, worauff gleichwohl der Regen und Thau faͤllet: allein es zeigen auch eben dieſe Verſuche, daß die Blaͤtter oben wei - tere Gaͤnge haben, wo das Waſſer viel auf einmahl hinein kommen kan. Unten hin -gegen629der Pflantzen. gegen bringet bloß die Lufft ſubtile Duͤnſte, die daſelbſt ihnen gemaͤſſe Eroͤffnungen fin - den.
Alle Pflantzen werden von einerWie das Waſſer in Nah - rungs - Safft verwan - delt wird. Nahrung ernaͤhret (§. 392.) und gleichwohl hat jede unter ihnen ihren beſondern Safft, der dem Geruch und Geſchmack nach von al - len uͤbrigen unterſchieden. Auch wenn man ſie durch die Chymie aufloͤſet, bringet man aus einer andere Saltze, Oele und Spiritus heraus, als aus der andern. De - rowegen iſt noͤthig, daß in einer jeden Pflantze das Waſſer, was ſie in ſich ziehet (§. 393.), auf eine beſondere Weiſe veraͤn - dert wird. Jn Roͤhren kan dergleichen Aenderung nicht vorgehen. Denn darin - nen ſteiget der Safft bloß in die Hoͤhe, oder hernieder. Derowegen bleibet wohl nichts uͤbrig als die ſchwammichte Materie, darin - nen der Nahrungs-Safft zubereitet werden koͤnnte (§. 388. & ſeqq.). Und vertreten dem - nach die Blaͤßlein oder ſo genañten utriculi die Stelle des Magens. Derowegen da die Rinde von ihnen den groͤſten Vorrath hat; ſo iſt kein Wunder, daß zwiſchen ihr und dem Holtze der meiſte Safft in die Hoͤ - he ſteiget und dem Baume es an Nahrung fehlet, wenn man die Rinde abſcheelet. Jch habe den Verſuch auf folgende Weiſe an - geſtellet. An dem Holtze, was nur ein Jahr alt iſt, habe ich rings herum einen Querfin -R r 3ger630Cap. XI. Von dem Wachsthumger breit die Rinde abgeſcheelet und zwar gleich nach Johannis, da Blaͤtter und Au - gen ihre voͤllige Reiffe erlanget hatten. Nach wenigen Wochen iſt der gantze Zweig bis an den Ort, wo die Rinde abgeſcheelet war, verdorret. Weil auch die Blaͤtter viel von dieſer blaͤſichten Materie haben; ſo ſiehet man, daß auch in ihnen die Werckſtat iſt, darinnen der Nahrungs-Safft zubereitet wird. Und da aus ihnen derſelbe ſo wohl in den Zweig, als in das Auge kommen kan (§. 391.); ſo erkennet man daraus, daß in - ſonderheit das Auge die beſte Nahrung aus den Blaͤttern ziehet, wenn es zur Reiffe kommen ſoll. Die Veraͤnderung, welche mit dem Waſſer vorgehet, kan in nichts anders als darinnen beſtehen, daß die ver - ſchiedene Theilgen von verſchiedener Mate - rie, die im Regen-Waſſer anzutreffen ſind (§. 394.), von denſelben geſchieden und auf eine beſondere Art mit einander vereiniget werden: Welches ohne beſondere Bewe - gungen nicht geſchehen kan. Weil nun die Chymie lehret, daß allerhand Bewegungen durch Saltze und Oele, ſo im Waſſer auf - geloͤſet ſind, entſtehen koͤnnen, und derglei - chen Materie auch in den Pflantzen, ſon - derlich der Rinde und den Blaͤttern, anzu - treffen ſind (§. 395.); ſo muͤſſen auch hier Chymiſchen aͤhnliche Aufloͤſungen geſche - hen, die ſich aber zur Zeit nicht genauerbeſtim -631der Pflantzen. beſtimmen laſſen. Der erſte Nahrungs - Safft wird in dem Saamen zubereitet, in den ſich das Waſſer hineingezogen: darin - nen aber treffen wir Saltze und Oele an, und zwar in einer jeden Art von verſchie - dener Art.
Aus der ſchwammichten Mate -Wie der Nah - rungs - Safft in die Hoͤhe ſteiget. rie der Rinde, darinnen der Nahrungs - Safft zubereitet wird, gehen Roͤhrlein in die Roͤhren des Holtzes und ſelbſt in das Marck (§. 388.). Derowegen kan daraus der Safft in das Holtz und das Marck kom - men. Aus den Blaͤttern gehen durch den Stiel Roͤhrlein in das Holtz des Zweiges (§. 391.) und kan daher der Safft aus ih - nen in den Zweig kommen. Ja die Roͤhr - lein des Holtzes haben zwiſchen ihnen viel ſchwammichte Materie, die den Safft zwi - ſchen der Rinde und dem Holtze gleichſam einſauget und daraus er ferner in die Roͤhr - lein des Holtzes ſich beweget (§. 96. T. III. Exper.) Die ſchwammichte Materie iſt voll Lufft unter Rinde, und in Blaͤttern (§. 399.) und zwiſchen den Safft-Roͤhren ſind Lufft-Roͤhren anzutreffen, die haͤuffig mit Lufft erfuͤllet (§. 390.). Da nun die Lufft von der Waͤrme ausgebreitet wird (§. 133. T. I. Exper.); ſo werden nicht al - lein die Blaͤßlein gedruͤckt, daß ihr Safft zwiſchen die Rinde und das Holtz ausge - preſſet, auch durch die Roͤhrlein in daſſelbeR r 4und632Cap. XI. Von dem Wachsthumund das Marck hinein gepreſſet wird; ſon - dern der Safft wird auch in den Roͤhren weiter gedruckt. Ja wenn er ausgedruckt bey einander iſt, kan er ſo wohl von den Blaͤßlein, als den ſehr ſubtilen Roͤhrlein eingeſogen werden, wie die Verſuche aus - weiſen, da man ſubtile glaͤſerne Haar - Roͤhrlein anſtellet, denn wenn man ſie in einem Tropffen Waſſer ſtellet, ſo ziehet er ſich gantz hinein und ſteiget dar - innen in die Hoͤhe. Und dieſes iſt die Ur - ſache, warum der Safft im Winter, wenn es kalt iſt, nicht in die Baͤume ſteiget; ſo bald aber nur im Hornunge des Tages uͤber die Sonne warm ſcheinet, gleich in derVon der Bewe - gung des Safftes. Menge wieder hinein trittt.
Daß der Safft nicht allein aus der Wurtzel in den Stamm und durch ihn in die Aeſte, ſondern auch aus den Aeſten in den Stamm und durch ihn in die Wur - tzel ſich bewege, hat Major, weiland Profeſſor Medicinæ zu Kiel(a)in Diſſertatione de planta monſtroſa Gottorpienſi. behau - ptet und nach dieſem Perrault(b)de la Circulation de la ſeve des plantes p. 71. T. I. Oper und Ma - riotte(c)Eſſay de la Vegetation des plantes p. 80. & ſeqq. edit. Par. mit mehrerem beſtetiget. Anfangs iſt gewis, daß die Safft-Roͤhren ſo be - ſchaffen ſind, daß der Safft in die Hoͤhekom -633der Pflantzen. kommen kan, ſie moͤgen recht oder verkehrt ſtehen: denn ſolches bezeuget nicht allein die verkehrte Pflantzung der Baͤume (§. 389); ſondern man kan es auch erfahren, wenn man eine Pflantze, die leicht wurtzelt, ins Waſſer ſetzet, daß die Blaͤtter im Waſ - ſer und die Wurtzel auſſer ihm zu ſtehen kom - men. Denn da in dieſem Stande die Wurtzeln friſch bleiben und mehrere Wuͤrtz - lichen treiben; ſo muß der Safft aus den Blaͤttern durch den Stamm auch in die Wurtzeln kommen koͤnnen. Man kan auch ein Zweiglein von einem Baume oder ein Stuͤcklein Holtz davon verkehrt ins Waſſer ſtellen: ſo wird ſichs gleichfals zei - gen, daß der Theil auſſer dem Waſſer friſch verbleibet und alſo der Safft auch in der verkehrten Lage in die Hoͤhe ſteiget. Dar - nach laͤſſet ſich auch weiſen, daß ſich der Safft in die Wurtzel aus den Blaͤttern be - weget, wenn er durch den Stamm nieder - ſteigen muß. Denn man darf nur eine Pflantze nehmen, die ſich leicht beugen laͤſ - ſet, ohne daß der Stengel zerbricht, oder auch ein einiges Zweiglein von einem zehen Holtze; ſo laͤſſet ſich der untere Theil auſſer dem Waſſer niederwaͤrts beugen. Mariotte hat noch einen andern Beweis angefuͤhret: wir koͤnnen uns aber damit vergnuͤgen, was ich jetzt beygebracht, zumahl da wir vorhin (§. 400.) gezeiget, wie der Safft aus denR r 5Blaͤt -634Cap. XI. Von dem WachsthumBlaͤttern in den Stengel kommen kan, und die Art und Weiſe, wie er in den Safft - Roͤhren und der ſchwammichten Materie fortgebracht wird (§. 400.) ſo wohl angehet, wenn er in die Hoͤhe, als wenn er nieder - ſteigen ſoll, maſſen es bloß darauf ankom - met, ob die oberen, oder die unteren Roͤh - ren weniger Safft haben.
Bey dem Wachsthume der Pflantzen iſt auf zweyerley zu ſehen: ein - mahl woher ihre Theile kommen, die wie - der aus andern auf eine ordentliche Wei - ſe zuſammen geſetzet ſind; darnach, wie dieſelben Theile, da ſie anfangs kleine ſeyn, vergroͤſſert werden. Weil wir hier nicht weitlaͤufftig ſeyn koͤnnen; ſo vermeine ich von der gantzen Sache einen deutlichen Be - griff, den man davon haben kan, beyzu - bringen, wenn ich ſie in dem Exempel eines Baumes vorſtelle, weil doch die Baͤume die vollkommenſten Pflantzen ſind und von ihnen ſich gar leicht auf die uͤbrigen ſchlieſſen laͤſſet. Ein Baum erwaͤchſt aus einem Ker - ne, der auſſer der Schaale, und ſeiner fleiſchichten Subſtantz ein Keimlein hat, wie es der erſte Anblick zeiget. Das Keimlein hat ein kleines Wuͤrtzelchen, zwey Hertz - blaͤttlein und darzwiſchen ein Auge, dar - innen ein Reiß im kleinen verborgen, maſ - ſen nicht mehr als daſſelbe daraus waͤchſet und alſo auch nicht die geringſte Urſachevor -635der Pflantzen. vorhanden, warumb man mehr darinnen zugeben wollte. Die Hertzblaͤttlein fuͤhren dem Auge die Nahrung zu, die ſie durch das Staͤmmlein aus der Wurtzel erhalten, weil nicht allein die Blaͤtter uͤberhaupt den Augen zur Nahrung dienen, ſondern auch inſonderheit die Hertzblaͤttlein nicht laͤnger dauren, als bis das Auge zwiſchen ihnen auszuſchlagen beginnet. Uberall, wo ein Blatt ſtehet, iſt im Marcke ein Auge vor - handen, das daſelbſt heraus brechen kan und ein neues Reiß im kleinen in ſich haͤlt, und ſo waͤchſet der Baum von Jahre zu Jahre fort. Die Wurtzeln haben ihre Abſaͤtze wie die Reiſer mit den Blaͤttern und treiben Wuͤrtzelchen daſelbſt, wo die Zwei - ge Augen bringen, die ausſchlagen: ſind auch in der That Augen, von denen nur die Wurtzeln wachſen. Da nun in dem Marcke jederzeit Augen zufinden, die in der Erden Wurtzeln, in der Lufft aber Reiſer geben (§. 389.); ſo begreifft man, wie es moͤglich iſt, daß ein Baum ſeine organiſche Theile erhaͤlt. Fraget man nun aber fer - ner wie ſie vergroͤſſert werden; ſo kan, es freylich nicht anders geſchehen, als weil der Safft, ſo ſich hinein ziehet, die Theilgen der Theile von einander treibet, wodurch ſie verlaͤngert werden. Da nun der groͤſte Theil von dem Saffte, das waͤßerige, nach und nach verraucht (§. 394.) und das vonfeſter636Cap. XII. Von dem Leben undfeſter Materie, ſo mit darinnen iſt, zuruͤcke bleibet und ſich mit der Subſtantz des Bau - mes vereiniget; ſo werden auch dieſelben laͤnger und ſtaͤrcker. Und dieſes gehet bey einer Pflantze wie bey der andern an. Die Baͤume aber werden alle Jahre dicker, weil ſich zwiſchen der Rinde und dem Holtze eine neue Reihe von den Faͤſichen anſetzet, wie zur Gnuͤge aus der gemeinen Erfahrung laͤngſt erkandt worden.
WJr ſagen daß eine Pflantze lebet, wenn ſie friſch bleibet und fort waͤchſet. Da nun dieſes geſchie - het, ſo lange ſich die zu ſich ge - nommene Nahrung in einen tuͤchtigen Nah - rungs-Safft verwandelt und aus einem Theile ungehindert in den andern bewe - gen kan (§. 402.); ſo beſtehet eigentlich das Leben der Pflantze in dem Zuſtande einer ungehinderten Bewegung des Nahrungs - Safftes von einem Theile zu dem andern und wird dazu nicht allein eine zureichende Menge des Nahrungs-Safftes, ſondernauch637Tode der Pflantzen. auch uͤber dieſes erfordert, daß nichts von der Zuſammenſetzung der Theile verdorben wird (§. 400. & ſeqq.).
Hingegen wenn die PflantzenWenn die Pflan - tzen ſter - ben. nicht genung Nahrung haben, oder auch ih - re ſtructur oder Zuſammenſetzung der Theile verdorben wird; ſo ſtirbet die Pflan - tze, das iſt, ſie kommet in den Zuſtand, da ſie nicht mehr friſch bleiben und fort wach - ſen kan: welches man den Tod zu nennen pfleget. Daß der Mangel der Nahrung und die Verletzung der Structur die Urſa - chen des Todes ſind; zeiget die Erfahrung. Die Pflantzen verwelcken und verdorren, daß ſie nicht wieder zum Wachsthume ge - langen koͤnnen, wenn ſehr groſſe Hitze iſt und dabey trocknes Wetter. Denn da zur ſelbigen Zeit die Erde austrocknet; ſo feh - let es an Nahrung. Faͤllet gleich Thau, dadurch die Pflantzen des Nachts erquicket werden, ſo gehet ihnen doch durch die Aus - duͤnſtung in der groſſen Hitze (§. 394.) mehr ab, als durch den Thau wieder erſetzet wird. Denn wenn nur ſo viel wieder erſetzet wuͤr - de, als abgienge; ſo koͤnnten ſie doch nicht verwelcken und endlich gar verdorren, ob ſie gleich nicht weiter fort wuͤchſen. Dar - nach iſt bekandt, daß die Baͤume von groſ - ſer Kaͤlte erfrieren. Jch habe aber laͤngſtob -638Cap. XII. Von dem Tode undobſerviret(a)in Diſſertatione de hieme. 1709. ſect. 1. §. 25. p. 27., daß die Roͤhren von der Kaͤl - te zerſpringen, und abſonderlich auch die Blaͤßlein ſo wohl im Marcke, als der Rin - de dieſen Schaden leiden, weil nemlich be - kand, daß der Safft, wenn er gefrieret, ſich durch einen groͤſſeren Raum mit Gewalt ausbreitet (§. 121. T. II. Exper.). Und dieſes iſt auch die Urſache, warum die groͤſte Kaͤl - te im December, Jenner und zu Anfange des Hornungs den Baͤumen nicht ſo ſehr ſchadet, als die nach warmem Wetter etwas ſpaͤte einfaͤllet. Denn in der erſten Jahres - Zeit, oder den Winter uͤber haben die Baͤu - me wenig Safft: hingegen wenn es umb den Fruͤhling herum warm wird, ſteiget der Safft in die Baͤume, und da alles voll iſt, koͤnnen die Gefaͤſſe, darinnen er enthalten iſt, eher zerſprenget werden, auch wenn er nicht gefrieret, ſonder nur ſehr kalt wird. Ja man ſiehet auch daraus, warumb die Pflantzen, die noch jung und dabey ſehr ſaͤff - tig ſind, bey Nacht-Froͤſten im Fruͤhlinge eher erfrieren als andere. Denn ihre Ge - faͤßlein die zu zerſprengen ſind, ſind zarte und viel Safft kan ſich eher ſo ſtarck aus - breiten, als zu dieſer Wuͤrckung noͤthig, als weniger.
Wenn man demnach haben wil, daß die Pflantzen wohl wachſen ſollen, ſomuß639Erzeugung der Pflantzen. muß man nicht allein davor ſorgen, daß ihrewohl wachſen ſollen. Structur keinen Schaden nimmet; ſon - dern auch daß ſie an noͤthiger Nahrung, die zu einem tuͤchtigen Nahrungs-Saffte er - fordert wird (§. 395.), keinen Mangel lei - det, und inſonderheit Waͤrme genung hat, weil ohne ſie der Nahrungs-Safft nicht zu - bereitet werden mag (§. 399), noch auch ſich herumb bewegen kan (§. 400.): ja ſie muß einen freyen Zufluß von reiner Lufft haben, daß ſie wohl ausdaͤmpffen oder tranſpiriren kan (§. 394). Und hieraus erhellet zugleich, was dazu erfordert wird, wenn man den Wachsthum der Pflantzen beſchleunigen wil.
Ordentlicher Weiſe werden dieWie die Pflantzen fort ge - pflantzet werden. Pflantzen aus Saamen erzeuget: denn der Saame haͤlt nicht allein ein Pflaͤntzlein im kleinen in ſich, ſondern auch zugleich die er - ſte Nahrung (§. 399). Und demnach iſt kein Wunder, daß aus dem Saamen eine Pflantze erwaͤchſet. Uberall wo ein Blatt an der Pflantze ſtehet, ſtecket auch ein Auge, welches ſo wohl Wurtzeln treiben, als aus - ſchlagen kan (§. 402). Und daher iſt es kein Wunder, wenn man auch durch Abſencken Gewaͤchſe fortpflantzet. Eine jede Wur - tzel haͤlt uͤberall, wo Gelencke zu ſehen, gleich - fals Augen in ſich, die ſo wohl Wurtzeln ſchlagen, als ausſchlagen koͤnnen (§. 402.). Und daher iſt es kein Wunder, wenn manauch640Cap. XII. Von Erzeugungauch durch Zertheilung der Wurtzeln Ge - waͤchſe fortpflantzet. Ein jedes Auge haͤlt einen Reiß im kleinen in ſich, der an jedem Orte, wo ein Blatt ſtehet, wieder Augen treiben und ausſchlagen kan. Derowegen iſt kein Wunder, wenn man durch das O - culiren aus einem einigen Auge einen Baum aufziehet (§. 402). Jſt doch in dem Pflaͤntz - lein des Auges auch nur ein einiges Auge, daraus der gantze Baum auferzogen wird (§. cit.). Da nun aber das Reiß, ſo aus einem Auge entſproſſen, in einen gantzen Strauch und Baum wachſen kan; ſo iſt ferner kein Wunder, wenn man Gewaͤchſe durch Setzlinge und Baͤume durch Pfropf - fen fortbringet, das iſt in dem man entwe - der Reiſer in die Erde ſtecket, daß ſie wur - tzeln, oder in den Spalt des Stammes von einem andern Baume einſetzet, damit ſie daraus Nahrungs-Safft erhalten und mit ihm zuſammen wachſen. Ja weil die Zwie - bel-Gewaͤchſe, als z. E. die weiſſen Lilien, in den Blaͤttern ihrer Zwiebeln kleine Zwie - beln haben, wie ich ſchon zu anderer Zeit ge - zeiget(a)Jn der Erleuterung von der Vermehrung des Getreydes c. 1. §. 5. p. 5.; ſo iſt auch kein Wunder, daß die Zwiebel-Gewaͤchſe ſich durch Zwiebeln un - ter der Erde vermehren. Was man auch nur ſonſt fuͤr Manieren finden kan, wodurchſich641der Pflantzen. ſich Pflantzen aufbringen laſſen; ſo wird man iederzeit auf eine gleichmaͤßige Weiſe darthun koͤnnen, wie es moͤglich iſt, daß ſich dadurch eine Pflantze aufbringen laͤſſet.
Man findet in der Bluͤte inwen -Woher die klei - nen Pflaͤntz - lein im Saamen kommen. dig allerhand Stengel rings herum, daran oben etwas zu ſehen, ſo gantz ſtaubig iſt und den Staub auf den obern Theil des Behaͤlt - niſſes von dem Saamen fallen laͤſſet. Eini - ge vergleichen das Behaͤltnis des Saa - mens mit der Mutter in den Thieren und Weibern, dem obern Theil davon mit dem Geburts-Gliede der Weiber, die Stengel mit dem Geburts-Gliede der Maͤnner und den Staub mit dem maͤnnlichen Saamen. Nach ihrer Meinung wird der Saame durch den Staub fruchtbahr gemacht, und muͤſſen demnach die kleinen Pflaͤntzlein durch den Staub in das Saamen Behaͤltnis und darinnen in den Saamen gebracht werden. Jch habe mir zwar fuͤrgenommen gehabt die Sache zu unterſuchen: allein ich habe es immer wieder vergeſſen. Meines Er - achtens waͤre der Verſuch am leichteſten mit Tulipanen anzuſtellen, nicht allein weil darinnen die maͤnnlichen Geburts-Glieder, die man davor ausgiebet, ſich leicht abſon - dern laſſen, wenigſtens der obere Theil, der den Staub fuͤhret, ſondern auch weil man die Blaͤtter leicht ſo weit von einander brin - gen kan, ehe die Blume aufbluͤhet, als dazu(Phyſick) S snoͤthig642Cap. XII. Von Erzeugungnoͤth iſt. Denn wenn man ſolchergeſtalt hindert, daß das Saamen Behaͤltnis von den Stengeln rings herumb keinen Staub erhielte, ſo muͤſten die Saamen-Koͤrnlein ohne Pflaͤntzlein ſeyn. Es gienge auch noch mit andern Blumen an. Man muß aber nur ſehen, daß man ſolche bekommet, die Saamen bringen. Da dieſes alles, was bis - hero beygebracht worden, auch bey den Blumen zu finden, die aus Zwiebeln wach - ſen und gleichwohl gewis iſt, daß die Blaͤt - ter der Zwiebeln junge Zwiebeln, folgends auch Pflaͤntzlein in ſich haben (§. 406.), ja uͤber dieſes ich aus vielfaͤltiger zu dem Ende mit Fleiß geſuchter Erfahrung gelernet, daß aller Safft aus den Blaͤttern in die Blume ſteiget und die alte Zwiebel mit derſelben ausgehet; ſo ſiehet man leicht, daß die jungen Pflaͤntzlein aus den Blaͤttern kom - men muͤſſen. Weil ſie nun daraus ſo leicht mit dem Saffte in die Saamen-Koͤrnlein koͤnnen gebracht werden, als in den Staub, der ſich oben in der Blume erzeuget; ſo zweif - fele noch gar ſehr, ob die Sache auch ihre Richtigkeit hat und mit der Erfahrung uͤ - bereinſtimmen wird. Es entſtehet aber nun die Haupt-Frage, woher die kleinen Pflaͤntz - lein in den Safft kommen. Weil ſie nicht bloß eine aͤuſſerliche Figur, ſondern auch eine innerliche Structur haben; ſo ſiehet man nicht, wie ſie entweder durch bloſſein -643der Pflantzen. innere Bewegungen des Safftes, oder auch durch Abſonderung gewiſſer Theile von ihm entſtehen koͤnnen. Und daher iſt aller - dings glaublicher, daß die kleinen Pflaͤntz - lein ſchon im kleinen vorhanden geweſen, ehe ſie in dem Saffte und der Pflantze durch einige Veraͤnderung in den Zuſtand geſetzet worden, wie ſie im Saamen und den Au - gen anzutreffen. Allein es iſt nun ferner die Frage, wo ſie denn vorher geweſen. Sie ſtecken demnach entweder in einer kleineren Geſtalt in einander, wie inſonderheit Ma - lebranche(a)Recherche de la Verité Tom. I. lib. 1. c. 6. p. m. 38. & ſeqq. behauptet; oder werden aus der Lufft und Erde mit dem Nahrungs - Saffte in die Pflantze gebracht, wie Ho - noratus Fabry vorgegeben,(b)Lib. 2. de plantis prop. 98. p. 55. 56. und Per - rault(c)Eſſay de Phyſique Tom. 3. part. 3. c. s. p. 305. edit. Par. und Sturm(d)in Diſſertat. de generatione plantarum & animalium, Phil. Eclect. T. 2. p. 287. nach ihm weiter ausgefuͤhret. Nach der erſten Meinung muß das erſte Saamen-Koͤrnlein alles in ſich enthalten haben, was bis auf dieſe Stunde daraus gewachſen iſt und noch weiter haͤtte wachſen koͤnnen, wenn keines von den Saamen-Koͤrnlein jemahls waͤreS s 2ver -644Cap. XIII. Von Erzeugungverlohren gegangen. Es iſt wohl wahr, daß man das jenige, was darinnen ſtecket, durch viele Grade der Kleinigkeiten muß durch paßiren laſſen, ehe es die Geſtalt ge - winnet, in welcher es in dem Saamen - Koͤrnlein anzutreffen, und ſolchergeſtalt erſt durch unzehliche Veraͤnderungen dieſelbe Geſtalt und Groͤſſe erreichen kan: allein deſſen ungeachtet macht es der Einbil - dungs-Krafft viel zu ſchaffen, wie in dem kleinen Aeuglein, ſo man zwiſchen den Hertz - blaͤttlein des Pflaͤntzleins im Saamen an - trifft, in unendlichen Graden der Kleinigkeit immer ein kleineres in dem groͤſſeren ſtecken ſol, weil das jenige, was nur in tauſend Jahren aus einem einigen Saamen-Koͤrn - lein entſproſſet, eine unzehliche Menge aus - machet, geſchweige denn wenn man gar auf das jenige gehen ſollte, was heraus wachſen kan. Wil man aber die andere Meinung annehmen, ſo ſetzet es nicht weni - ger Schwierigkeit. Denn weil man keine Urſache ſagen kan, warumb in eine jede Pflantze bloß Pflaͤntzlein von ihrer Art kom - men ſollten und keine andere, auch die Er - fahrung bey dem Pfropffen das Gegentheil zeiget, da z. E. Abricoſen und Pferſichen zu - gleich auf einem Pflaum-Stamme wachſen; ſo muͤſten alle Arten der Pflaͤntzlein aus einer Art kleinerer Pflaͤntzlein werden koͤnnen: welches der Natur der Dingenicht645der Pflantzen. nicht gemaͤß zu ſeyn ſcheinet. (§. 589. Met.) Weil es unſtreitig bey den Thieren eben ſo hergehet, wie bey den Pflantzen; ſo wird ſich hiervon unten weiter reden laſſen, wenn wir auf die Erzeugung der Thiere und Men - ſchen kommen werden.
DAs erſte, was wir bey den ThierenWie die Speiſe abgebiſ - ſen wird. zu erwegen haben, iſt gleichfals die Art und Weiſe, wie ſie ernaͤh - ret werden. Die Speiſe neh - men Menſchen und Thiere mit dem Munde zu ſich und kaͤuen ſie, ehe ſie ſie hinunter ſchlucken, wiewohl das letztere nicht von allen geſchiehet. Unſere foͤrdere Zaͤhne ſind unten wie ein Keil zugeſpitzt und ſtehen nicht perpendicular uͤber ein ander, ſondern die oberen liegen etwas vorwarts wie ein Theil der Scheere vor den andern. Die unteren laſſen ſich an der Schaͤrffe der obe - ren nach der Seite hin und her bewegen: wodurch das jenige, was zwiſchen ſie kom - met, von einander geſchnitten werden kan, und dahero heiſſen ſie auch Schneide-Zaͤh -S s 3ne646Cap. XIII. Von der Ernaͤhrungne (inciſores). Mit ihnen beiſſet man ein Stuͤcke von der Speiſe ab: denn wenn man den Mund aufſperret und ſo weit, als man es abbeiſſen will, uͤber die Zaͤhne hinein haͤlt; drucket man nach dieſem die Zaͤhne zuſam - men, wodurch zugleich die Speiſe zu ſam - men gepreſſet wird, und beweget ſo dann fer - ner die unteren an den oberen nach der Sei - te weg, ſo ſchneidet ſich der Theil innerhalb dem Munde ab. Sind die Sachen, ſo man abbeiſſen wil harte, die ſich nicht zu - ſammen drucken laſſen, aber leicht ſprin - gen; ſo bringet man ſie auch wohl durch bloſſes Andrucken der unteren Zaͤhne an die obern von einander. Das Ambt dieſer Zaͤhne verrichten insgemein die Meſſer, wel - che mit den oberen einerley Figur haben und im Gebrauche gleichfals niedergedruckt und nach der Seite beweget werden.
Die Schneide-Zaͤhne ſind nicht geſchickt die Speiſe zu kauen, denn ſie hal - ten zu lange auf, ehe man damit fertig wird, weil ſie gar zu ſchmaal ſind, wie es ein jeder leicht verſuchen kan, der dazu Luſt hat. Derowegen ſind zur Seite die Backen - Zaͤhne (molares), die deswegen breit ſind und perpendicular uͤber einander ſtehen, da - mit man die Speiſen zermalmen kan. Sie kommen mit einer Mahl-Muͤhle uͤber ein, da ein Stein ſich auf dem andern beweget, wenn das Getreyde zermalmet wird, nurdas647der Menſchen und Thiere. das hier der bewegliche Zahn, welcher mit dem Laͤuffer uͤberein kommet, unten und hingegen der unbewegliche, welcher die Stelle des Boden-Steines vertritt, oben iſt. Jn dem aber die Speiſe von den Ba - cken-Zaͤhnen zermalmet wird, laufft der Mund voll Speichel und wird mit der Spei - ſe vermiſchet. Und dieſe Vermiſchung der Speiſe mit dem Speichel nebſt ihrer Zer - malmung zuſammen genommen iſt es, was man das Kaͤuen zu nennen pfleget. Das Kaͤuen befoͤrdert die Dauung im Magen, maſſen auch ſelbſt die Chymie zeiget, daß, wenn man etwas aufloͤſen will, daſſelbe zu - vor in kleine Stuͤcklein muß zerſchnitten, o - der ſonſt auf andere Weiſe zerdruͤcket oder zerquetſchet werden Franciſcus Bayle(a)Inſtit. Phyſ. Tom. 3. Tract. 2. de cor - pore animali lib. 2. diſſert. 1. art. 3. §. 29. p. m. 291. fuͤhret an, es pflege oͤffters zu geſche - hen, daß die Speiſen im Magen in eine Faͤulnis geriethen, wenn man z. E. gar zu groſſe Stuͤcklein Fleiſch verſchlingte. Ob er es aus der Erfahrung genommen, oder nicht, laͤſſet ſich nicht wohl errathen. Al - lein es iſt eben nicht noͤthig, daß eine Faͤul - nis im Magen entſtehe; es iſt genung, wenn grobe Stuͤcklein nicht genung aufge - loͤſet werden. Dieſes letztere kan man erfah -S s 4ren,648Cap. XIII. Von der Ernaͤhrungren, wenn man auf das jenige acht giebet, was die Natur wieder abfuͤhret. Denn das Unverdauete triefft man darinnen an, und kan daraus auch urtheilen, welche Speiſen von uns ſchweer zu verdauen ſind. Jch entſinne mich, daß einige mich des Wiederſpieles verſichern wollen, als wen ſie bey ſich gefunden haͤtten daß ſie nicht wohl verdaueten, wenn ſie die Speiſen gar zu viel kaͤueten: hingegen ſie ihnen viel nahrhaffter worden waͤren, wenn ſie ſie nicht allzuviel gekaͤuet haͤtten. Jch kan nicht ſa - gen, ob ſie die Sache mit ſolcher Behutt - ſamkeit unterſucht, wie ſichs gebuͤhret: allein wenn man auch ihnen Glauben zu - ſtellen ſoll, ſo wird dadurch das vorige nicht uͤber den Hauffen geworffen. Wenn die Speiſe gar zuviel gekaͤuet wird, kan es wohl ſeyn, daß bey einigen dieſelbe zu ge - ſchwinde aus dem Magen geworffen wird, ehe ſie genung aufgeloͤſet worden. Und dieſes koͤnnte man auf erſt vorgeſchriebene Weiſe erfahren. Man darf ſich auch nicht auf das Exempel der Hunde beruffen, die nicht viel kaͤuen: denn dieſe koͤnnen ſtaͤrcker verdauen, als wir. Sie verdauen Kno - chen, die wir nicht verdauen koͤnnen, wo - ferne ſie nicht von der weichen Art, und vor - her ſehr kleine zerſchnitten worden ſind. Naͤchſt dieſem traͤget auch der Speichel viel dazu bey, daß die Speiſen im Magen wohlver -649der Menſchen und Thiere. verdauet werden. Deñ daß er eine Krafft hat die Speiſen aufzuloͤſen, ſiehet man nicht nur augenſcheinlich an den Stuͤcklein Fleiſch, oder Brodt, ſo zwiſchen den Zaͤhnen han - gen bleiben, die nach und nach gantz weich werden, daß ſie ſich wie eine Butter zer - ſtreichen laſſen; ſondern man findet auch vielfaͤltig, daß der Speichel Sachen, die leicht gaͤhren, zu einer Gaͤhrung bringet: die Gaͤhrung aber beſtehet in einer inneren Bewegung, und demnach iſt der Speichel geſchickt dergleichen zu erregen. Durch in - nere Bewegung aber der ſubtilen Theilgen muß die Aufloͤſung der Speiſen geſchehen. Man darf nur gekaͤuete und mit Speichel wohl vermiſchte Speiſe in ein Glaͤßlein thun und in einen etwas warmen Ort ſetzen; ſo wird man dald ſehen, was ſich ereignet. Man muß aber freylich unter den verſchie - denen Arten der Thiere einen Unterſcheid machen. Denn z. E. Voͤgel haben keine Zaͤhne und zermalmen ihre Speiſe nicht im Munde; ſo findet man auch in den Raub - Fiſchen, als z. E. in Hechten, Fiſche, Froͤ - ſche und Kroͤten gantz im Magen, die deſ - ſen ungeachtet, doch von ihnen verdauet werden. Und es iſt kein Zweiffel, daß auch unter den Menſchen ſich ein Unterſcheid be - findet. Jch pflege die Speiſen, ſo ich ge - nieſſe, wohl zu kaͤuen und ſie werden mir auch nahrhafft, und ich finde, daß ſie verdauet worden.
S s 5§. 410.650Cap. XIII. Von der ErnaͤhrungWenn die Speiſen wohl gekaͤu - et und mit Speichel vermenget ſind, laſſen ſie ſich leichter hinunter ſchlucken: daher pflegen wir ſie auch laͤnger zu kaͤuen, wenn wir ſie entweder zu grob, oder auch zu tro - cken befinden, als daß ſie ſich beqvem hinun - ter ſchlucken lieſſen. Die Urſache beſtehet darinnen, weil ſich die wohl gekaͤuete Speiſe nicht allein leichter in die Kehle, ſondern auch durch den Schlund in den Magen bringen laͤſſet. Wir bringen die Speiſe zu dem Schlunde durch Huͤlffe der Zunge: daher koͤnnen wir nichts hinunter ſchlucken, wenn wir die Zunge herausrecken. Der Schlund wird oben von beſonderen Maͤuß - lein erweitert, daß die Speiſe hinein kan, und durch die Zunge und den Gaumen wird ſie hinein gedruckt. So bald ſie hin - ein iſt, laſſen nicht allein ietzt erwehnte 2. paar Maͤußlein nach den Schlund zu erwei - tern, ſondern er wird gar durch das dritte paar verſchloſſen, damit ſie nicht wieder heraus kan. Wenn demnach die Speiſe klein gekaͤuet und mit Speichel wohl ange - feuchtet iſt; ſo iſt ſie weich und laͤſſet ſich in Schlund beqvem hinein drucken. Es be - ſtehet der Schlund aus drey Haͤuten, die aͤuſſere iſt die gemeine Haut und wie ein Pergamen: giebet ihm die Feſtigkeit, daß er ſich leicht ausdehnen laͤſſet, wenn die Speiſe hinein kommet, und wieder zu -ſam -651der Menſchen und Thiere. ſammen faͤlllet, ſo bald ſie heraus. Die mittlere Haut iſt die fleiſchige, in welcher die fleiſchigen Faſern von oben an bis unten an den Magen in einer doppelten Reihe wie Schrauben-Gaͤnge, die einander durch - ſchneiden, durch den gantzen Schlund fort - gehen in einigen Thieren, als z. E. im Schlunde eines Ochſens; in andern hinge - gen eine andere Lage haben(a)Verheye Anatom. lib. I. Tract. 3. c. 14. p. m. 202.. Die un - tere iſt die ſpannadrige, die aus ſubtilen Faſern oder Nerven beſtehet, und gehet mit dem Haͤutlein, ſo die Zunge, den Gau - men und die Leffzen bekleidet, in einem fort. Uber dieſer Haut iſt noch eine zottige Schaale, welche einige fuͤr die vierdte Haut rechnen. An ihr ſind von der aͤuſſe - ren Seite kleine Druͤßlein, daher einige noch die fuͤnffte Haut, nemlich die druͤßige hinzuſetzen. Wenn nun die Speiſe in den Schlund hinein gedruckt wird, verurſachet die Beruͤhrung der ſpannadrigen Haut in den Nerven eine Empfindung (§. 778 Met.), und hindert die zottige Haut, daß ſie nicht zu ſtarck iſt. Es wird aber auch zugleich aus den kleinen Druͤſen eine Feuchtigkeit heraus gedrucket, die am zottigen kleben bleibet: wodurch der Schlund von innen feuchte erhalten wird, damit die Speiſedeſto652Cap. XIII. Von der Ernaͤhrungdeſto leichter und ohne einige harte Empfin - dung, hinunter faͤhret. Durch die Em - pfindung, welche die ſpanadrige Haut ver - urſachet, werden die fleiſchigen Faſern de - terminiret den Schlund zuſammen zuzie - hen, wo die Speiſe ſtecket. Da er aber unten weiter bleibet, wo ſie noch nicht hin - kommen iſt; ſo wird die Speiſe hinunter gedruckt und faͤhret ſolchergeſtalt nach und nach immer weiter hinunter, als wie man das eingefuͤllete in einer Wurſt hinunter drucket, biß ſie endlich in den Magen faͤllet, als darein die untere Eroͤffnung des Schlun - des gehet. Mit dem Trincken gehet es leichter her, denn wenn das Getraͤncke ein mahl in dem Schlunde iſt, fließt es ſelbſt durch ſeine eigene Schweere in den Magen hinunter. Wir ſehen, daß einige Thiere trincken, ohne daß ſie den Kopff in die Hoͤ - he halten, damit das Getraͤncke in den Schlund hinein flieſſen kan. Z. E. Ein Pferd ſteckt das Maul in das Waſſer und behaͤlt den Kopff im niedrigen, in dem es trincket, und muß demnach das Waſſer in die Hoͤhe ſteigen, ehe es in den Schlund kommen kan. Hier haben wir zu erwegen, daß, in dem das Pferd trincket, das Athem - hohlen inne haͤlt, und daher die Lufft aus dem Munde in die Lungen tritt. Weil nun das Maul im Waſſer ſteckt und keine Lufft dadurch hinein kommen kan, ſo wirdes653der Menſchen und Thiere. es von der aͤuſſeren Lufft bis an den Schlund hinein gedruckt. Und iſt nicht noͤthig, daß ſie es an ſich ziehen. Mit einer wenigen Veraͤnderung laͤſſet ſich auch begreiffen, wie die Hunde das Waſſer mit der Zunge ſchluͤrffen.
Der Magen beſtehet aus ebenWie die Speiſe im Ma - gen ver - dauet wird. den Haͤuten, daraus der Schlund zuſam - men geſetzet iſt, als mit deſſen linckem Mun - de er zuſammen hanget: nur iſt die Lage der fleiſchigen Faſern in der fleiſchigen Haut merckwuͤrdig. Die inneren gegen der Hoͤhle des Magens zu gehen etwas ſchraͤge herunter; die aͤuſſeren hingegen im Cir - cul herum und ſchneiden die in der aͤuſſeren Haut, welche gerade herunter gehen recht - wincklicht. Durch dieſelben iſt der Magen zu allerhand Bewegungen aufgelegt, die wir bald mit mehrerem, eine jede an ihrem gehoͤrigen Orte, erklaͤren werden. Die Druͤſen, welche in der inneren zottigen Haut von der aͤuſſeren Seite haͤuffig anzu - treffen, geben dem Magen einen Safft, den man den Magen-Druͤſen-Safft oder auch ſchlechterdinges den Magen-Safft nennen kan. Du Hamel(a)In Philoſ. Vet. & Nova Tom. Phyſ. part. 3. Tract. 3. diſſert. 1. c. 2. p. m. 236. mercket an, daß, wenn man einen Hund oder ein anderes Thier, zwey bis drey Tage hungern laͤſtund654Cap. XIII. Von der Ernaͤhrungund nach dieſem den Magen aufſchneidet, man im Grunde des Magens denſelben in einer ziemlichen Menge antrifft. Er hat groſſe Verwandnis mit dem Speichel und, da dieſer zur Dauung dienlich iſt (§. 410.), man auch ſonſt im Magen nichts findet, welches ſie bewerckſtelligen koͤnnte, ſo muß er die meiſte Urſache derſelben ſeyn. Jch weiß wohl, daß der beruͤhmte Medicus Pitcarn(b)in Opuſculis Medicis p. m. 67. dieſe Meinung deswegen ver - wirfft, weil der Magen-Druͤſen-Safft auch den Magen angreiffen muͤſte, wenn er die Krafft haͤtte das Fleiſch, welches wir eſſen, aufzuloͤſen. Allein es hat eine gantz andere Bewandnis mit lebendigem Fleiſche, der - gleichen der Magen iſt, und mit anderem, darinnen kein Leben iſt. Denn wenn auch hier derſelbe irgends wo eindringen und die Theilgen aufloͤſen wollte; ſo wird doch ſol - ches durch die ſtete Bewegung der Saͤffte in allen Theilen des Coͤrpers gehindert: wel - ches unten deutlicher erhellen wird, wenn wir das Leben unſeres Leibes deutlicher zu - erkennen uns werden angelegen ſeyn laſſen. Wenn die fleiſchigen Faſern, die im Magen rings herum gehen, ſich zuſammen ziehen: ſo wird die darinnen enthaltene Speiſe ge - druckt und der Magen-Druͤſen-Safft da - mit vermiſchet, und durch dieſes druckenfaͤh -655der Menſchen und Thiere. faͤhret auch die Speiſe, wenn ſie erweichet worden, von einander. Es traͤget auch das Athemhohlen ein gleiches bey: denn in - dem wir die Lufft von auſſen in die Lungen ziehen, wird das Zwergfell, darunter der Magen lieget, niedergedruckt und drucket ihn; ſo bald aber der Athem wieder aus den Lungen faͤhret, gehet das Zwergfell wieder in die Hoͤhe und der Magen giebt ſich gleich - fals wieder in die Hoͤhe. Pitcarn behauptet, daß die Bewegung des Magens allein hin - laͤnglich ſey die Speiſen im Magen zuzer - drucken: allein zugeſchweigen, daß die Hunde unmoͤglich auf dieſe Weiſe die harten Knochen verdauen koͤnnen, ſo ſiehet man auch nicht wie durch bloſſes drucken, es mag ſo ſtarck ſeyn als es wil, die innere Verei - nigung der kleinen Theilgen in den Speiſen, welche durch die Vermiſchung entſtanden, aufgehoben werden kan, dergleichen in der Verdauung der Speiſe geſchiehet. Wenn die Sachen nur klein gedrucket werden, ſo werden ſie dadurch nicht in ihre Elemente, das iſt in einfachere Materie, durch deren Vermiſchung ſie entſtanden, aufgeloͤſet. Uber dieſes treffen wir im Magen einen nicht geringen Grad der Waͤrme an, der doch aber keinesweges ſo ſtarck iſt, daß er die Speiſen zerkochen koͤnnte, wie die Alten ſich eingebildet: ja wir koͤnnen auch die Waͤr - me nicht fuͤr die Haupt-Urſache der Verdau -ung656Cap. XIII. Von der Ernaͤhrungung angeben, weil der Magen z. E. eines Hechtes kalt iſt, der gleichwohl Fiſche, Froͤ - ſche und Kroͤten verdauet. Jedoch geſchie - het hier die Verdauung laͤngſamer als in andern Thieren und bey dem Menſchen, die einen warmen Magen haben: denn wir haben Hechte viele Stunden, ja Tage ſte - hen, nachdem ſie gefangen worden, und dennoch finden wir noch Fiſche und Kroͤten in ihrem Magen, und die Fiſche ſind oͤffters zum Theil verdauet, zum Theil noch un - verdauet. Derowegen hielfft die Waͤrme allerdings die Dauung foͤrdern. Sie brei - tet die Lufft aus, die in den Lufft-Loͤchern der genoſſenen Speiſe iſt (§. 133. T. I. Exper.) und erweitert dadurch dieſelben, daß die Feuchtigkeit, ſo im Magen iſt, und inſonderheit der Magen-Druͤſen-Safft deſto beſſer hineindringen und eine innere Bewegung verurſachen kan, wodurch die Trennung der mit einander vermiſchten Theilgen in den Speiſen geſchiehet. Daß weiter keine Urſache vorhanden ſey, als die wir angefuͤhret, welche zur Verdauung der Speiſe etwas beytragen koͤnnte, iſt daher zuermeſſen, weil wir im Magen nichts mehr finden als den Magen-Druͤſen-Safft die Waͤrme und die Bewegung, dazu er durch ſeinen Baue aufgelegt iſt und die er durch die Bewegung des Zwergfelles erhaͤlt.
Wenn die fleiſchigen Faſern, dieWie die Speiſe in Gedaͤr - men wei - ter ver - dauet wird. nach der Hoͤhe des Magens gerade herunter gehen, verkuͤrtzet werden, ſo wird der Grund des Magens gehoben und die verdauete Speiſe zu dem rechten Munde, der niedri - ger ſtehet als der lincke, gebracht. Wer - den nun die andern, welche ſchief herum ge - hen, gleichfalls verkuͤrtzt, ſo wird die Speiſe durch den Mund in den groſſen Darm ge - druckt, den man den kleinen Magen (inte - ſtinum duodenum) zu nennen pfleget. Es hat der rechte Magen-Mund rings herumb viel ſtarcke fleiſchige Faſern dadurch er zuge - ſchloſſen wird, wenn nichts hinaus gehen ſoll. Die Gedaͤrme ſind voͤllig wie der Ma - gen aus einerley Haͤuten mit ihm zuſam - mengeſetzet und daher auch zu ſolchen Be - wegungen aufgeleget, wie wir in ihm und der Kehle (§. 410. 411. ) angetroffen. Wir treffen ſonderlich in dem groſſen Darme o - der dem kleinen Magen viel kleine Druͤſen an, wodurch nicht allein die Gedaͤrme ſchluͤpfrig und die verdauete Speiſen weich erhalten, ſondern auch noch weiter verdauet werden. Denn daß viele Theilgen mit aus dem Magen gehen, welche noch nicht voͤllig aufgeloͤſet ſind, kan man daraus er - achten, daß ſelbſt mit dem, was die Natur durch den ordentlichen Gang wieder ab - fuͤhret, oͤfters noch unverdauete Stuͤck - lein oder vielmehr Staͤublein Speiſe(Phyſick) T tfort -658Cap. XIII. Von Ernaͤhrungfort gehen. Da nun der Magen - Druͤſen-Safft, mit dem der Gedaͤr - me-Druͤſen-Safft eines iſt, die Krafft hat die Speiſen aufzuloͤſen (§. 411.); ſo iſt keine Urſache vorhanden, warumb wir dieſem dieſelbe Krafft abſprechen wol - ten, wo er noch was aufzuloͤſen findet. Und ſolchergeſtalt wird die Dauung in den Gedaͤrmen noch weiter fortgeſetzet, zumahl da auch auſſer dem zur Verdauung dienen - dem Saffte Waͤrme wie im Magen und Bewegungen wie in ihm vorhanden, auſſer dem zur Aufloͤſung der Speiſen nichts wei - ters erfordert wird (§. 411). Es ergieſſen ſich uͤber dieſes in den kleinen Magen die Galle und der gekroͤſe Druͤſen-Safft (ſuccus pancreaticus), jene durch den Gallen-Gang (ductum cholidochum); dieſer durch den Gekroͤſedruͤſengang (du - ctum pancreaticum. Beyde vermengen ſich mit einander in dem gemeinen Gange, in - dem ſie ſich durch eine Eroͤffnung in den klei - nen Magen ergieſſen. Und daher pflegt es zugeſchehen, daß die Galle, wenn ſie ſich haͤuffig ergeußt, ſonderlich da nichts oder nicht viel im kleinen Magen iſt, in den groſ - ſen Magen tritt. Es hat ſchon Perrault(a)Mecanique des Animaux part. 3 c. 3. p. 220. edit. Par. vel p. 348 T. 1. oper. gar wohl angemercket, daß die Galleund659der Menſchen und Thiere. und der Gekroͤſedruͤſen-Safft nicht als was uͤberfluͤßiges, ſo von dem Leibe abgeſondert wuͤrde, damit es durch den ordentlichen Gang mit hinaus geworffen werden moͤch - te, anzuſehen ſind, weil ſie ſich ſo nahe bey dem Magen in die verdauete Speiſe ergieſ - ſen, ehe der Nahrungs-Safft davon ab - geſondert. Weil ſie ſich demnach mit der verdaueten Speiſe vermengen, ehe der Nahrungs-Safft abgeſondert; ſo muͤſſen ſie die fernere Dauung der Speiſe befoͤrdern helffen und vielleicht dazu dienen, daß der nuͤtzliche Nahrungsſafft von dem untaugli - chen geſchieden worden. Sonſt iſt gewiß, daß die Galle dem uͤbrigen, was durch den ordentlichen Gang der Natur wieder fort - gehet, die gelbe Farbe und den bitteren Ge - ſchmack giebet. Da ſie nun mit dem un - nuͤtzen fortgehet, ſo ſiehet man freylich, daß ſie nicht mit dem Nahrungs-Saffte wieder in den Leib zuruͤcke gehet, und erhaͤlt dem - nach das jenige, was ich erſt behauptet, meh - rere Wahrſcheinlichkeit, daß ſie nemlich da - zu dienet, daß der Nahrungs-Safft von dem uͤbrigen geſchieden wird. Es iſt auch der Gekroͤſedruͤſen-Safft ſaͤuerlich, derglei - chen Saͤffte die Sachen aufzuloͤſen und zu ſcheiden pflegen.
Jndem diefleiſchigen Faſern derAbſonde - rung des Nah - rungs - Gedaͤrme ſich zuſammen ziehen, wird die Hoͤhle darinnen verkleinert und die verdau -T t 2ete660Cap. XIII. Von ErnaͤhrungSafftes und ſeine Bewe - gung ins Gebluͤte.ete Speiſe gedruckt: wodurch der Nah - rungs-Safft herausgepreſſet und von den Milch-Adern aufgefangen und aus den Gedaͤrmen in den Sammel-Kaſten (ciſter - nam lacteam) geleitet wird. Die Milch - Adern ſind durch das Gekroͤſe (Meſenteri - um) zerſtreuet, aber wegen ihrer Subtilitaͤt nicht zu ſehen, als wenn ſie voll Nahrungs - Safft ſind. Derowegen gehet es am be - ſten an, wenn man ein Thier wohl fuͤttert und es nach geſchehener Dauung eroͤff - net. Verheyen recommendiret(b)Anaton. lib. 1. Tract. 2. c. 13. p. m. 72, man ſolle einem hungerigen Hunde ſo viel Milch zu ſauffen geben, biß er nicht mehr mag, und ihn eine Stunde darnach eroͤff - nen; ſo wird man ſie in dem Netze oder Ge - kroͤſe liegen ſehen wie weiſſe Faͤdlein Seide. Sie zerſtreuen noch viel ſubtilere Aeſtlein in uͤberaus groſſer Menge in die Gedaͤr - me: unerachtet man aber keine Eroͤff - nungen in der ſpannadrigen Haut von ih - nen ſehen kan, ſo darf man ſie deswegen doch nicht leugnen, weil ſie nur wegen ihrer Subtilitaͤt ſich nicht entdecken laſſen. Da ſie aber ſo ſubtile ſind, ſo kan auch nichts grobes mit durchkommen, wenn der reine Nahrungs-Safft hineingedruckt wird. Das Gekroͤſe iſt valler Druͤſen und abſon - derlich in der Mitten eine ſehr groſſe, diePan -661der Menſchen und Thiere. Pancreas Aſelli genennet wird. Dieſen wird der Nahrungsſafft durch die Milch - Adeꝛn zugefuͤhret, und mit ihrem Fließwaſſer (lympha) daſelbſt vermiſchet. Wenn die Milch-Adern voll ſind, ſiehet man hin und wieder kleine Knoͤttlein: welches eine An - zeige iſt, daß daſelbſt Ventile vorhanden, wodurch dem Nahrungs-Saffte zuruͤcke zu treten verwehret wird. Endlich lauffen al - le zuſammen in den Sammel-Kaſten (ci - ſternam), der einem unfoͤrmlichen Beutel aͤhnlichet, und bringen den Nahrungsſafft hinein, nachdem er von dem Fließ - Waſſer duͤnner worden. Wiewohl da auch hierein viel Waſſer-Gefaͤſſe (va - ſalymphatica) ihr Fließ-Waſſer ergieſſen; ſo wird darinnen noch ferner der Nahrungs - Safft verduͤnnet, ehe er durch die Milch. Bruſt-Ader (ductum thoracicum) von dar biß oben zu der lincken Schluͤſſelbein-A - der (venæ ſubclaviæ) gebracht wird. Es brauchet dieſes alles keinen weiteren Be - weis, als daß man in der Anatomie die Sa - chen ſo und nicht anders findet. Jch habe die deutſchen Nahmen behalten, wie ſie Herr Johann Adam Kulmus, ein gelehrter Medicus in Dantzig, in ſeinen Anatomi - ſchen Tabellen, die er A. 1722 zu Dantzig herausgegeben, braucht, theils weil die Veraͤnderung der Namen nur Verwirrung anrichtet, theils weil Anfaͤnger und dieje -T t 3nigen,662Cap. XIII. Von der Ernaͤhrungnigen, welche nur das vornehmſte aus der Anatomie zuwiſſen verlangen, dieſe Tabel - len als ein bequemes Handbuch brauchen koͤnnen.
Der Nahrungs-Safft ſiehet in den Milch Adern weiß wie Milch aus und haben daher auch die Gefaͤſſe, welche ihn ins Gebluͤte fuͤhren (§. 413) ihren Nahmen. Es zeiget es demnach ſchon die Farbe, daß er von dem Gebluͤte noch unterſchieden iſt. Dadurch daßer ſich mit dem Gebluͤte vermi - ſchet, wird er nicht zu Blutte, ſo wenig als Waſſer zu Weine wird, wenn man es da - mit vermiſchet. Und gleichwohl muß er zu Gebluͤtte werden, denn ſonſt wuͤrden end - lich die Adern an ſtat des Gebluͤttes mit Nahrungs-Saffte erfuͤllet. Die Schluͤſ - ſelbein Blut-Ader gehet in die groſſe Hohl - Ader (venam cavam genant), ſo mit der rechten Hertz-Kammer zuſammen ſtoͤſſet. Derowegen wird der Nahrungs-Safft, ſo bald er ins Gebluͤtte kommet, in die rechte Hertz Kammer gebracht. Jedoch bleibet er nicht laͤnger als einen Pulsſchlag darinnen und wird gleich wieder in die Lungen - Puls-Ader herausgeſpritzt, die gleichfalls in die rechte Hertz-Kammer gehet. Jn der Hertz-Kammer findet man nichts, ſo mit dem Blute vermiſchet wuͤrde und es auf ei - ne Chymiſche Weiſe veraͤndern koͤnte. De - rowegen wiederfaͤhret ihm weiter nichts, alswas663der Menſchen und Thiere. was geſchehen wuͤrde, wenn es aus einer Spritze heraus geſpritzt wuͤrde, und begreift demnach ein jeder, daß dadurch keine Aen - derung in dem mit dem Gebluͤtte vermiſch - ten Nahrungs-Saffte ſich ereignen kan. Wenn etwas eine weſentliche Veraͤnde - rung leiden ſoll, ſo muͤſſen die Theile, die durch Vermiſchung anderer Materien ent - ſtanden, aufgeloͤſet, einige Materien abge - ſondert, andere von neuem damit vermen - get werden. Dieſes aber geſchiehet in dem Nahrungs-Saffte nicht auf einmahl, ſon - dern nach und nach, indem er viele Wege mit dem Gebluͤte durchpaßiret. Und da - her iſt noͤthig, daß wir die Bewegung des Gebluͤttes genauer erwegen, und was ſich mit ihm unterwegens zutraͤget, uͤberlegen.
Wenn man acht giebet, wie dieWie ſich das Ge - bluͤtte im Leibe be - weget. Blut-Adern und Puls-Adern mit dem Her - tzen zuſammen hangen; ſo kan man auch begreiffen, wie ſich das Gebluͤtte in dem Lei - be herum beweget. Der Unterſcheid der gemeinen Blut-Adern und der Puls-Adern beſtehet darinnen, daß jene das Blut dem Hertzen zufuͤhren, dieſe hingegen es von ihm wieder wegbringen. Es hat ſchon Rohault(a)Tract. Phyſ. part. 4. c. 12. §. 9. p. m. 473. angemercket, daß, wenn man einem le - bendigen Hunde oder einem andern Thiere an einem Orte, wo eine Ader ſrey lieget, dieT t 4Haut664Cap. XIII. Von der ErnaͤhrungHaut abziehet, und die Ader von dem Flei - ſche ſo weit abloͤſet, daß man mit einem Fa - den darzwiſchen kommen und ſie binden kan, dieſelbe zwiſchen dem Orte, wo man ſie gebunden, und dem Hertzen gantz leer wird, von der andern Seite aber aufſchwellt: da - her auch das Blut von dieſer Seite haͤuffig heraus ſpruͤtzet, wenn man ſie eroͤffnet, aus jener hingegen nur gantz wenig heraus troͤpffelt. Und hieraus iſt klar, daß die ge - meinen Blut-Adern das Blut dem Hertzen zufuͤhrẽ. Man kan auf eben die Weiſe erken - nen, daß die Puls-Adern das Blut von dem Hertzen wegfuͤhren: es folget aber auch vor ſich, daß es geſchehen muͤſſe, wenn einmahl gewiß iſt, daß es die Adern hinbringen. Das Hertze wird durch einen Unterſcheid in zwey Hoͤhlen eingetheilet, deren eine die rechte, die andere die lincke Hertzkammer genen - net wird. Jch habe ſchon erinert, daß die groſſe Hohl-Ader in die rechte Hertz-Kam - mer gehet, und daraus zugleich die Lungen - Puls-Ader entſpringet, die ihre Aeſte durch die gantze Lunge zertheilet (§. 414). Das Gebluͤtte demnach, was die Hohl-Ader in das Hertze bringet, wird von ihm in die Lun - gen-Puls-Ader ausgeſpruͤtzet und die be - ſonderen Ventile oder Fallen hindern, daß es weder aus dem Hertzen wieder zuruͤcke in die Hohl-Ader, noch aus der Lungen-Puls - Ader in das Hertze treten kan. Weil nundie665der Menſchen und Thiere. die Aeſte der Hohl-Ader ſich durch den gan - tzen Leib zertheilen und nicht das geringſte Blut-Aederlein zufinden iſt, welches nicht daraus wie eine kleine Roͤhre aus der groſ - ſen abgeleitet wuͤrde, ſo muß alles in ihnen befindliche Gebluͤtte in das Hertze kommen. Da ferner alles Blut, was die Hohl-Ader ins Hertze fuͤhret, in die Lungen-Puls-Ader getrieben wird, ſo muß auch alles in die Lun - gen gehen, was aus der rechten Hertzkam - mer herausgeſpruͤtzt wird. Jn die lincke Hertzkammer gehet die Lungen-Blut-A - der, die ihre Aeſte durch die Lungen gleich - wie die Hohl-Ader durch den gantzen Leib zertheilet, und ſo wird von ihr das Blut aus der Lunge in das Hertze wieder zuruͤ - cke gefuͤhret. Es gehet aber auch darein die groſſe Puls-Ader, welche ihre Aeſte durch den gantzen Leib zertheilet, dergeſtalt daß nicht das geringſte Puls-Aederlein zu finden iſt, welches nicht wie eine kleine Roͤh - re von der groſſen abgeleitet wuͤrde. Da nun das Hertze das Gebluͤte, welches es aus der Lunge erhaͤlt, wieder in die groſſe Puls-A - der aus der lincken Hertz-Kammer ſpruͤtzet; ſo wird es dadurch von ihm durch den gantzen Leib weggefuͤhret. Es wird aber wie vorhin durch Fallen oder Ventile gehindert, daß weder das Blut aus dem Hertzen in die Lungen-Blut-Ader, noch aus der groſſen Puls-Ader in das Hertze zuruͤckeT t 5tre -666Cap. XIII. Von der Ernaͤhrungten kan. Es beweget ſich demnach das Ge - bluͤtte in den Adern beſtaͤndig gegen dem Hertzen zu und hingegen in den Puls-A - dern beſtaͤndig von ihm weg: keinen aber von beyden fehlet es jemahls an Gebluͤte. Dero - wegen iſt noͤthig, daß das Blut aus den Pulß-Adern wieder in die gemeine Blut-A - dern kommen kan. Weil nun aber keine merckliche Gaͤnge zu finden ſind, die aus ei - ner Ader in die andere gehen; ſo muͤſſen ſie uͤber die maaſſen ſubtile ſeyn, daß wir ſie nicht ſehen koͤnnen, und folgends, weil durch ſo enge Roͤhrlein wenig Gebluͤte aus den Puls-Adern in die Blut-Adern kommen kan, muͤſſen ſie uͤberall in einer groſſen Men - ge angetroffen werden, wo Aeſtlein von Blut - und Puls-Adern einander naͤher lie - gen. Alles, was ich hier durch Gruͤnde aus einander hergeleitet, kommet mit demjeni - gen uͤberein, was Herr Leeuwenhoek durch tuͤchtige Vergroͤſſerungs-Glaͤſer obſerviret und zu Erlaͤuterung dieſer Materie ſchon an - derswo umſtaͤndlich beſchrieben worden (§. 98. T. III. Exp.). Jndem das Blut aus dem Hertzen in die Puls-Ader geſpritzt wird, kan es nicht zugleich aus der Blut-Ader hin - einflieſſen. Derowegen ſind vor dem Hertzen Behaͤltniſſe, welche von den Hertz-Ohren (auriculis cordis) formiret werden, die man die Vorkammern nennen kan, darinnen ſich das Gebluͤtte, welches durch die Adernbe -667der Menſchen und Thiere. beſtaͤndig zufleußt, ſo lange verhaͤlt, biß ſich die Kammern wieder aufthun und es einen Eingang darein finden kan. Das Hertze an ſich iſt ein gantz fleiſchiger Theil und ſind die Faſern ſehr ſeltſam in einander gewi - ckelt, wie es Borellus(b)de motu Animal. pait. 2. c. 5. prop. 37. p. m. 65 aus Loweri und Bellini Obſervationen ausfuͤhrlich beſchrie - ben. Jndem ſich die Faſern zuſammen ziehen, wird das Blut ausgeſpritzt; indem ſie ſich wieder von einander geben, einge - laſſen. Und ſolchergeſtalt iſt das Hertze in beſtaͤndiger abwechſelnder Bewegung, wo - durch es das Blut ausſpritzt und einlaͤſſet. Die erſte Bewegung wird ſyſtole; die an - dere hingegen diaſtole genannt. Und iſt zu mercken, daß auch die Ohren dieſe Bewe - gungen haben, nur mit dem Unterſcheide, daß die andere Bewegung ſich in ihnen er - eignet, wenn die erſte im Hertzen vorgehet, und hingen die erſte ſtat findet, wenn das Hertze der andern unterworffen iſt. Und durch dieſe beſtaͤndige Bewegung des Her - tzens und ſeiner Ohren wird das Blut in dem gantzen Leibe herum getrieben und im - mer wieder zu dem Hertzen gebracht. Wel - che Bewegung man die Circulation des Gebluͤttes zunennen pfleget, und von Cui - lielmo Harvæo, einem beruͤhmten Medicoin668Cap. XIII. Von Erzeugungin Engelland, zuerſt iſt endecket und deutlich beſchrieben worden(c)in Exercit. Anatom. de motu cordis & ſan - guinis circulo. . Weil in einer je - den Weite von dem Hertzen das Gebluͤtte durch kleine Haar-Roͤhrlein, die halb Puls - Adern, halb gemeine Blut-Adern ſind, aus den Puls-Adern in die Blut-Adern gehet; ſo kommet auch ein Theil deſſelben oͤffters und geſchwinder ins Hertze als der andere, und gehet das Blut nicht den gantzen Leib durch, ehe es wieder ins Hertze kommet. Un - terdeſſen beweget ſichs durch einander, was von dem Ober-Theile und dem Unter-Thei - le des Leibes kommet, und kommet daher ohne Unterſcheid bald in den Ober-Theil, bald aber auch wieder in den Untertheil, und zwar einmahl weit von dem Hertzen weg, das andere mahl weniger: welcher zu Ver - meidung vieler Vorurtheile wohl zu mercken iſt.
Da das Blut in das Hertze nicht hinein kan, indem es daraus in die Puls-Adern getrieben wird (§. 415), ſo kan es nicht in einem fort heraus ſpritzen, ſon - dern wie in einem Druckwercke ruckweiſe: wie denn auch das Hertze eben eine ſolche Structur hat, dergleichen bey einem Druck - wercke unter den Waſſer-Kuͤnſten angetrof - fen wird. (§. 12 Hydraul.). Weil nunaber669der Menſchen und Thiere. aber daſſelbe ſich in den Puls-Adern nicht anders beweget, als durch die Krafft des Hertzens; ſo muß man auch den Druck empfinden, wenn es hineingeſtoſſen wird. Und iſt es eben dasjenige, was man den Puls zu nennen pfleget. Es kommet auch aus dieſer Urſache der Puls mit der Bewe - gung des Hertzens uͤberein, als welches eben ſo wie die Puls-Adern ſchlaͤget. Weil a - ber das Gebluͤtte aus dem Hertzen bloß in die Puls-Adern geſtoſſen wird; ſo kan man auch bloß in ihnen den Puls fuͤhlen, und da - durch die Puls-Adern von den uͤbrigen gar leicht unterſcheiden. Man erkeñet aber auch aus dem Pulſe die Art der Bewegung, die das Gebluͤtte durch den Druck des Hertzens erhaͤlt, und kan ſich in ihm allerhand Unter - ſcheid befinden. Das Gebluͤtte, was auf einmahl aus dem Hertzen geſtoſſen wird, er - haͤlt einen gewiſſen Grad der Geſchwindig - keit; und hat eine abgemeſſene Groͤſſe: wo - von die Staͤrcke des Pulſes herkommet, maſſen bekandt, daß ein Coͤrper mehr Kraft hat, wenn er ſich geſchwinde, als wenn er ſich langſam beweget, und viel Materie, die zugleich beweget wird, vermehret gleich - falls die Krafft. Naͤchſt dieſem koͤnnen die Puls-Schlaͤge entweder geſchwinde, oder langſam auf einander folgen, nachdem das Hertze entweder geſchwinde, oder lang - ſam hinter einander ſchlaͤget. Und von die -ſen670Cap. XIII. Von der Ernaͤhrungſen Urſachen kommet der Haupt-Unterſcheid des Pulſes her, daraus man von der Be - wegung des Gebluͤttes urtheilen kan: wel - ches aber hier weitlaͤufftiger zu unterſuchen unſer gegenwaͤrtiges Vorhaben nicht leidet.
Das Blut iſt zwar voller Lufft (§. 150 T. I. Exper.) und die Lungen ſind gleichfalls mit Lufft erfuͤllet (§. 101 T. III. Ex - per). Unterdeſſen iſt dieſes noch nicht ge - nung zuerweiſen, daß das Blut ſeine Lufft aus den Lungen bekommet: denn die Spei - ſen und der Tranck, die wir genieſſen, haben gleichfalls viel Lufft in ſich, wie man auf die (161 §. T. I. Exper.) vorgeſchriebene Ma - nier erfahren kan, auch zum Theil (§. 154. & ſeqq. T. I. Exper.) ſchon erwieſen wor - den. Da nun der Nahrungs-Safft aus den Speiſen, das Gebluͤtte aus dem Nah - rungs-Saffte entſtehet (§. 412); ſo kan es auch daher ſeine Lufft haben. Unterdeſſen da in der Natur nichts fuͤr die lange Weile geſchiehet (§. 1049 Met.) und gleichwohl das Blut aus dem gantzen Leibe jedesmahl durch die Lunge durch paßiren muß, ſo offte es in das Hertze kommet (§. 415) uͤber dieſes be - kandt iſt, daß es in Mutterleibe, wenn der Menſch noch nicht Athem hohlet, nicht da - rein kommet, und ſolchergeſtalt die Lungen koͤnnen ernehret werden, ohne daß alles Blut, welches zu dem Hertzen fleußt, darein gebracht wird; ſo hat es freylich eine groſſeWahr -671der Menſchen und Thiere. Wahrſcheinlichkeit, daß das Blut der Lufft halber in die Lungen kommet und da - ſelbſt mit ihr vermiſchet werde. Wir koͤnnen zur Zeit wohl noch keine Gaͤnge beſtimmen, dadurch die Lufft aus den Lufft - Blaͤßlein der Lunge in die Adern kommen kan: allein die Gaͤnge, wodurch das Blut aus den Puls-Adern in die gemeine Blut - Adern kommet, ſind auch ſo ſubtil, daß ſie nicht anders als auf eine gantz beſondere Art ſich entdecken laſſen (§. 98 T. III. Exper.). Der Athem zeiget, daß die Lufft aus den Lungen mit vielen Duͤnſten herausgehet, welche von Lufft aufgetriebene Blaͤßlein ſind (§. 85 T. II. Exper.). Derowegen iſt nicht unmoͤglich, daß ſehr ſubtile Haar - Roͤhrlein ſeyn koͤnnen, die ihre Eroͤffnung in die Lufft-Blaͤßlein der Lunge haben, da - durch die waͤſſerige Feuchtigkeit Lufft mit in das Gebluͤte fuͤhret. Jch habe auch laͤngſt gewieſen (§. 70. T. III. Exper.), daß das Waſſer durch die Lufft-Loͤ - cher der haͤutichten Theile des Leibes von auſſen hinein leicht durch dringe, und deswegen gienge es auch an, daß die mit ſubtilen Feuchtigkeiten vermiſchte Lufft auf eine ſolche Weiſe in das Gebluͤtte drin - gete. Unterdeſſen ſo lange man die Art und Weiſe nicht mit Gewisheit beſtimmen kan, wie ſolches geſchiehet; muß man auf Ver - ſuche bedacht ſeyn, dadurch wenigſtens er -hellet,672Cap. XIII. Von der Ernaͤhrunghellet, ob ſich die Lufft in die Lunge mit dem Blute vermiſchet, oder nicht. Dergleichen hat der beruͤhmte Wittten - bergiſche Medicus Herr Berger(a)lib. 1. de natura humana c. 4. p. 47 angeſtellet und gefunden, daß, wenn man in einen Aaſt der Lufft-Roͤhre eines Hun - des oder anderen Thieres blaͤſet, oder auch warmes Waſſer hinein ſpritzet und eine Weile damit anhaͤlt, ſolches allezeit mit Schaume durch die Lungen-Blut-Ader zu - ruͤcke kom̃et, unerachtet die Lunge gantz un - beweglich iſt, noch von einer aͤuſſeren Gewalt gedruckt wird. Wenn man hingegen das Waſſer in die Lungen-Puls-Ader ſpritzet, ſo hat er ebenfalls erfahren, daß es durch den Aaſt der Lufft-Roͤhre heraus kommet. Es iſt demnach aus dieſem Verſuche klar, daß ſowohl aus den Puls-Adern der Lunge ein Weg in die Aeſte der Lufft-Roͤhren und hin - gegen wiederumb aus dieſen einer in die Blut-Adern der Lunge vorhanden ſeyn muß. Er erinnert auch ſelbſt, daß ſchon Sylvius, Swammerdam und Truſton dieſe Verſuche angeſtellet. Nun iſt wohl wahr, daß viele darauf nicht ſehen wollen: allein wir fragen nichts darnach, ob einige eine Wahrheit verwerffen, oder, wenn es ihnen gefaͤllet, auch gar verachten und ſchelten, woferne wir ſie nur gegruͤndet befinden. Jchmeine673der Menſchen und Thiere. meine aber, es ſey klar genung, wenn man ſie ohne Vorurtheile erweget, daß ſie aller - dings beweiſen, was ſie beweiſen ſollen, nem - lich daß Gaͤnge aus den Aeſten der Lufft - Roͤhre in die Adern der Lunge vorhanden ſind. Es fuͤhren auch einige an, als wenn das Gebluͤte in den Blut-Adern roͤther waͤ - re, als in den Puls-Adern der Lunge, und wollen es der Lufft zuſchreiben, die ſich in den Lungen mit demſelben vermiſchet. Der - gleichen hat Verheyen(b)Anat. lib. 2. Tract. 2. c. 7. p. 177, welcher dieſer Meinung beypflichtet. Allein wir koͤnnen es bey den vorigen Verſuchen bewenden laſſen.
Wir haben ſchon geſehen, daßWas ſich von dem Gebluͤtte hin und wieder abſondert im Munde der Speichel (§. 409), in dem Schlunde (§. 410) und Magen (§. 411.), wie nicht weniger in Gedaͤrmen (§. 412) ein ihm aͤhnlicher Safft durch die daſelbſt vor - handenen Druͤſen, ja aus der Gekroͤſe-Druͤ - ſe der Gekroͤſe-Druͤſen-Safft und aus den kleinen im Gekroͤſe vorhandenen Druͤſen ein Fließ-Waſſer abgeſondert wird (§. 413). Auſſer dieſen Materien aber werden an an - dern Orten noch andere abgeſondert. Das Gebluͤte wird durch die Pfort-Ader in die Leber gebracht und in den Leber-Druͤſen davon die Galle abgeſondert, und durch die Gallen-Gaͤnge (ductus bilarios) entwe -(Phyſik) U uder674Cap. XIII. Von der Ernaͤhrungder erſt in die Gallen-Blaſe (veſiculam fellis) geleitet, oder gleich unmittelbahr dem Gedaͤrme zugefuͤhret: welches aus der A - natomie ohne ferneren Beweis erhel - let. Und werden wir in gleichen Faͤllen ſolches nicht mehr erinnern; ſondern mer - cken einmahl fuͤr allemahl an, daß, wo wir etwas ohne Beweiß zubehaupten ſcheinen, ſolches durch den Augenſchein in der Ana - tomie beſtetiget wird. Jch entſinne mich, daß einige davor halten, als wenn auch das Netze (omentum) zu Abſonderung der Galle etwas beytruͤge: allein ich finde keinen Grund, dadurch man es behaupten kan. Hingegen da das Gebluͤte aus dem Miltze in die Leber kommet, man auch keine Druͤſen darinnen findet, dadurch etwas in ihm ab - geſondert wuͤrde; ſo hat es mehr Wahr - ſcheinlichkeit, daß er daſſelbe zur Ab - ſonderung der Galle in der Leber zubereitet. Der Gallen-Safft kan auch zu Steine wer - den: denn man trifft Obſervationen an, daß man in der Gallen-Blaſe viele Steine ge - funden, die ſich daſelbſt muͤſſen erzeuget ha - ben, weil ſie zuſammen groͤſſer ſind als die Galle in einem kleinen Kinde zu ſeyn pfleget. Aus den Nieren gehen die Harn-Gaͤnge ureteres) in die Blaſe veſicum urinariam) und zeiget daher gleich der Augenſchein, daß in ihnen der Urin von dem Gebluͤtte abge - ſondert wird. Hin und wieder in dem Lei -be675der Menſchen und Thiere. be wird von demſelben das Fett oder das oͤlichte abgeſondert und in kleinen Blaͤßlein verwahret: davon das zaͤrtere in den Hoͤh - len der Knochen das Marck ausmachet. Ja durch den gantzen Leib wird durch beſondere Druͤſen das Fließ-Waſſer (lympha); bey den Augen werden die Thraͤnen; in den Bruͤſten der Weiber die Milch und im Ge - hirne der Nervenſafft ꝛc. abgeſondert, von welchem wir nach dieſem weiter reden wer - den.
Die Jnſtrumente, dadurch inWie die Materi - en von dem Ge - bluͤtte abgeſon - dert wer - den. dem Leibe der Thiere und Menſchen von dem Gebluͤtte abgeſondert wird, was ent - weder als was unnuͤtzes aus dem Leibe ſoll hinaus geworffen, oder zu andern Gebrauche verwandt werden, ſind die Druͤſen (glan - aulæ). Denn wo wir ſie antreffen da ge - ſchiehet eine Abſonderung. Malpighius, Bellini, Nuck und andere haben gezeiget, daß die Druͤſen nichts anders ſind als kleine Roͤhrlein von Puls-Adern, die in die rundre in einander gewickelt ſind. Daher iſt es auch kein Wunder, wenn durch bloſſe ſubti - le Roͤhrlein eine Abſonderung geſchiehet. Da nun aber alle Blut Gefaͤſſe eine cylin - driſche Figur haben, dergleichen man den Roͤhren in der Hydraulick zu geben pfleget; ſo iſt auch die Eroͤffnung der Druͤſen, wo die abzuſondernde Materie ihren Eingang findet, circulrundt, und faͤllet demnach die ge - meine Meinung weg. als wenn einige Thei -U u 2le676Cap. XIII. Von Ernaͤhrugenle deswegen von dem Gebluͤtte abgeſondert wuͤrden, weil ſie eine ſolche Figur wie die Eroͤffnung der Druͤſe haben. Ja es hat Pitcarn(a)in Opuſculis Medicis p. m. 23 erwieſen, daß wenig oder gar nichts ſich in einer Druͤſe abſondern wuͤrde, wenn es auf die Figur der Eroͤffnung der Druͤſe ankaͤme. Denn man ſetze, es habe der Eingang in die Druͤſe die Figur eines Dreyeckes; ſo iſt nicht moͤglich, daß ein dreyeckiges Theilgen hineinkommen kan, als wenn es eben die Lage hat, daß gleiche Winckel und gleichnahmige Seiten auf ein - ander paſſen. Auſſer dieſer einigen Lage ſind unzehlich viel andere, ſo wohl als dieſe moͤglich, und nicht der geringſte Grund vor - handen, wie durch die Bewegung des Ge - bluͤtes bloß die erſte Lage koͤnte erhalten werden. Derowegen ſiehet man, daß die Abſonderung ſchweer iſt, wenn es bloß auf die Figur des Einganges in die Druͤſe an - kommet, und wenig oder gar nicht auf die - ſe Weiſe abgeſondert werden koͤnnte. Es koͤnnen demnach allerhand Arten der Theile in die kleinen Roͤhren hinein kommen, wenn ſie nur nicht groͤſſer ſind als die Eroͤffnun - gen der Druͤſen, wo ſie durch muͤſſen. Man ſiehet alſo wohl, daß man hier nicht noͤthig hat biß auf die mechaniſchen Urſachen zu kommen und behaͤlt ſolchergeſtalt die Mei -nung677der Menſchen und Thiere. nung derer den Platz, welche behaupten, daß z. E. in einer Druͤſe Galle abgeſondert wird, weil ſie voll Galle iſt, in einer andern Spei - chel, weil ſie voll Speichel iſt und ſo weiter fort. Denn es lehret die Erfahrung, wie es auch der Herr von Leibnitz angemer - cket(b)in epiſtola ad Michelottum, quæ legitur in hujus diſſertatione de ſeparatione flui - dorum p. 350, daß zwey Tropffen von einerley Art Materie zuſammen in einen gehen, wenn ſie einander beruͤhren und daher auch ein Tropffen in ein Roͤhrlein hinein dringet, wenn von einer ſolchen Materie bereits et - was darinnen vorhanden.
Wenn nun der NahrungsſafftWodurch der Leib ernaͤhret wird. ſo viele Werckzeuge des Leibes mit dem Ge - bluͤte durchpaßiret und ſo vielerley hin und wieder von ihm abgeſondert worden; ſo wird er endlich ſelbſt zu Blute. Denn daß er zu Blute werden muß, iſt ſchon erwieſen wor - den (§. 414): wir finden aber nichts anders, daß ihm wiederfaͤhret, als daß er durch die Puls-Adern durch den gantzen Leib hin und wieder gefuͤhret, und bald hier dieſe, bald dort eine andere Materie davon abge - ſondert wird. Da der Menſch von Spei - ſe und Tranck ernaͤhret wird, von dieſer aber nichts als der Nahrungs-Safft im Leibe verbleibet (§. 413), der nicht allein ins Ge -U u 3bluͤte678Cap. XIII. Von der Ernaͤhrungbluͤte gehet (§. 413), ſondern auch ſelbſt zu Blute wird; ſo muß der Leib ſeine Nah - rung von dem Blut erhalten. Wenn man das Blut ſtehen laͤſſet, ſo ſetzet ſich oben Waſſer, welches man zum Unterſcheide des Fließ-Waſſers das Saltz-Waſſer (ſerum) oder auch ſchlechterdinges das Waſſer des Blutes zu nennen pfleget. Wenn man es in einem Loͤffel uͤber ein Licht oder gluͤende Kohlen haͤlt, ſo gerinnet es wie eine Gallert; ja wenn man es austrocknen laͤſt, ſo wird es dicke wie ein zeher Leim und endlich auch ſo harte wie er. Die haͤrteſten Theile unſeres Leibes, die Knochen, werden durch das von Papino erſonnene Jnſtrument bloß von Waſſer und Waͤrme in eine Gallert aufge - loͤſet, und der Leim den die Kuͤnſtler gebrau - chen, wird aus der Haut der Thiere zuberei - tet. Derowegen brauchen die harten und feſten Theile des Leibes keine andere Materie zu ihrer Nahrung als das Waſſer des Blu - tes iſt. Alle Faſern des Fleiſches ſind nichts anders als uͤber die maaſſen ſehr ſubtile Roͤhrlein, die zuſammen durch eine Haut in ein Buͤndlein gebunden. Dieſe Roͤhrlein ſind voll Safft, der nichts anders als Gebluͤtte und davon abgeſondertes Waſſer ſeyn kan. Und demnach iſt das Gebluͤtte geſchickt den gantzen Leib zu naͤhren.
Wenn die Roͤhren in den flei - ſchernen Faſern voll Safft werden, ſo werdenſie679der Menſchen und Thiere. ſie dicker als ſie vorher waren, und dadurchwaͤchſet und zu - nimmet. werden alle fleiſchige Theile dicker als vor - her, und ſo nimmet der Eoͤrper in die Dicke zu. Uber dem Fleiſche lieget die Schmeer - Haut, welche zunimmet und dicker wird, auch daher den Leib ſtaͤrcker machet, wenn ſich viel oͤlichte Materie von dem Gebluͤtte abſondert. Wenn die Theile laͤnger wer - den und der Coͤrper groͤſſer wird; ſo muͤſ - ſen die Faſern in den Maͤuslein und Haͤuten verlaͤngert werden. Da nun dieſes unmoͤg - lich durch eine bloſſe Ausſpannung geſchehen kan; ſo iſt noͤthig, daß ſich hin und wieder neue Theile in den durch das Ausſpan - nen erhaltene Raͤumlein anlegen und mit den uͤbrigen vereinigen. Es lehret die Erfahrung, daß das Wachsthum in die Laͤnge nur biß zu einer gewiſſen Zeit fort dauret und nach dieſem aufhoͤret. Dero - wegen muͤſſen die im kleinen vorhandene Faſern ſich nur biß auf eine gewiſſe Laͤnge ausdehnen laſſen, denn ſonſt koͤnnte der Leib fort wachſen, ſo lange als wir lebeten. Ein Theil des Leibes iſt anders als das andere: allein deßwegen iſt nicht noͤthig, daß ein je - des ſeine beſondere Nahrung habe, maaſſen wir ein gleiches bey den Pflantzen antreffen (§. 392). Es bleibet aber freylich noch uͤ - brig zu unterſuchen, woher es eigentlich kommet, daß einerley Nahrung in verſchie -U u 4denen680Cap. XIII. Von der Ernaͤhrungdenen Theilen zu etwas anders wird. Da die coͤrperlichen Dinge nicht anders als durch die Art der Zuſammenſetzung der Theile von einander unterſchieden ſeyn koͤn - nen (§. 614 Met.); ſo koͤnnen ſie auch von einerley Nahrung nicht anders entſtehen, als daß die Theile, die ſich abſondern, nach Beſchaffenheit der Umſtaͤnde, andere Groͤſ - ſen und Figuren haben, auch andere Lagen gegen die uͤbrigen bekommen, wo ſie ſich an - ſetzen.
Unſer Leib dunſtet beſtaͤndig aus, ob zwar der Dunſt ſo ſubtile iſt, daß wir nichts davon zuſehen bekommen: wel - che Ausduͤnſtung man die Tranſpiration zu nennen pfleget. Sanctorius(a)in Medicina Statica ſect. 1. Aph. 59. 60. hat ſie zuerſt genauer zu unterſuchen angefan - gen und durch fleißiges Abwiegen ſeines Leibes gefunden, daß alle Tage mehr tran - ſpiriret als in funfzehen Tagen durch den Stuhlgang weggehet, ja mehr als ſonſt in einem Tage durch andere Wege von dem Leibe weggeworffen wird. Herr Leeuwen - hœk hat(b)Epiſt. 80. p. 387. & ſeqq. Conf. Cl. Thüm - migii gruͤndliche Erlaͤuterung der Begeben - heiten in der Natur part, 1. ſect 2. p. 73 durch einen beſonderen Verſuch gezeiget, daß inſonderheit die Haͤnde ſehr ſtarck tranſpiriren. Man kan es auch des Winters ſehen, wenn man in einer kal -ten681der Menſchen und Thiere. ten Kammer ſchlaͤfft: denn wenn man ſich ſtarck zudecket, und fruͤhe das Bette von der Seite ein wenig aufmachet, ſo ſiehet man ei - nen ſtarcken Dampff heraus gehen, ob man gleich nicht mercken kan, daß man ge - ſchwitzt. Der Schweiß ſo wohl als der ſubtile Dunſt, der zu Schweiſſe wird, wenn er haͤuffig zuſammen fleußt, wird durch die kleinen Druͤſen abgeſondert, die unter der Haut liegen; denn dieſe ſind die Jnſtru - mente, wodurch die Abſonderung von dem Gebluͤte geſchiehet (§. 419), und gehen klei - ne Puls-Aederlein hinein, welche das Ge - bluͤte zufuͤhren, wovon die Abſonderung ge - ſchehen ſoll, wie laͤngſt Malpighius(c)de externool factus organo p. 39 an - gemercket. Es dringet aber der Schweiß und die ſubtile Ausduͤnſtungen durch die Schweiß-Loͤcher der Haut heraus, welche nichts anders als kleine Roͤhrlein ſind, die aus den Druͤſen entſpringen und eine freye Eroͤffnung haben, wie Steno und aus ihm Bartholinus(d)Cent. 3. Epiſt. 65. p. 240 laͤngſt angemercket ha - ben.
Und dieſes iſt die Urſache, war -Warumb de Leib Nahrung brauchet. umb unſer Leib durch Nahrung erhalten werden muß. Denn wenn wir nicht tran - ſpirirten, ſo bliebe unſer Leib beſtaͤndig in dem Zuſtande, darinnen er ſich einmahl be -U u 5fin -682Cap. XIV. Von den Sinnen. befindete: weil aber durch die Tranſpira - tion ohne Unterlaß viel weggehet (§. 422), ſo muß es wieder erſetzet werden, wenn er nicht abnehmen ſoll. Aber eben weil der Leib durch die bloſſe Tranſpiration gantz verfaͤllet und abnimmet, wenn nicht durch Speiſe und Tranck der Abgang wieder er - ſetzet wird; ſo gehet nicht allein das unnuͤ - tze, ſondern zugleich das nuͤtze weg. Wenn man durch Faſten oder Kranckheit, da man wenig oder gar keine Speiſe genieſſen koͤn - nen, gantz abgenommen; ſo wird durch Speiſe und Tranck der Abgang nach und nach wieder erſetzet (§. 25). Und deswegen er - hellet, daß die Materie, welche ausdunſtet nicht bloß dieienige iſt, welche durch den Ge - nuß der Speiſe zuletzt in den Leib hinein kommen, ſondern viel mehr diejenige, welche die Subſtantz des Leibes ausgemacht. Es beſtehet demnach unſer Leib nicht beſtaͤndig aus einerley Materie.
DJe Pflantzen werden gleichfalls er - naͤhret und muß durch die Nah - rung bey ihnen erſetzet werden,was683Cap. XIV. Von den Sinnen. was durch die Tranſpiration abgehet (§. Pflantzen unter - ſchieden.394), wie bey den Thieren und Menſchen (§. 423). Und hierinnen kommen ſie mit einander uͤberein. Allein bey den Thieren und Menſchen iſt noch was beſonders, wel - ches die Pflantzen nicht haben, nemlich ſie ſind mit Sinnen begabet und haben zu dem Ende gewiſſe Gliedmaſſen, darinnen einige Veraͤnderungen vorgehen, wenn die See - le empfindet (§. 778 Met.), und koͤnnen ſich aus einem Orte in den andern bewegen.
Jndem ich aber von den Sin -Wie weit wir von Sinnen hier zu handeln haben. nen handeln will, ſo finde ich fuͤr noͤthig fuͤr allen Dingen anzuzeigen, wie weit wir hier - von zu reden noͤthig haben. Der Menſch beſtehet aus Leib und Seele, und iſt zwi - ſchen beyden eine vollkommene Harmonie (§. 765 Met.), daß nichts in einem vorgehet, in welchem nicht zugleich im andern etwas zu - ſammen traͤffe, die nicht anders als durch die vollkommene Weisheit GOttes hat koͤñen eingerichtet werden (§. 765. 886 Met.). Was nun in der Seele vorgehet, iſt eine Sache, die hieher nicht gehoͤret, und habe eben daſelbſt, wo ich von der Seele gehan - delt, meine Gedancken hiervon eroͤffnet. Hin - gegen die Veraͤnderungen, welche ſich im Leibe ereignen, muͤſſen wir hier erklaͤren, wo wir von dem, was im Leibe vorgehet, han - deln.
§. 426684Cap. XIV. Von den Sinnen.Der vornehmſte unter den Sin - nen iſt das Geſichte (§. 827 Met.) und die - net darzu das Auge. Deſſen Bau habe ich zwar ſchon anderswo (§. 22 Optic. ) erklaͤret: allein da nicht alle die Mathema - tick ſtudiren, welche ſich auf die Phyſick le - gen, muß ich hier davon wiederhohlen, auch zum Theil weiter ausfuͤhren, was davon in gegenwaͤrtigem Orte zu wiſſen noͤthig iſt. Denn wir haben hier eine andere Abſicht, als in der Optick. Dort verlangen wir bloß einen Grund, daraus ſich die Regeln des Sehens erklaͤren laſſen: hier aber ſu - chen wir die gantze Veraͤnderung, ſo viel es der Zuſtand der Sache leidet, die in dem Lei - be vorgehet, zu begreiffen. Das foͤrdere Theil des Auges iſt eine durchſichtige Haut, dadurch das Licht in das Auge faͤllet, welche die Horn-Haut (cornea) genennet wird. Darunter iſt der Stern (Pupilla) oder eine Eroͤffnung, welche ſich bald in die Enge zu - ſammen ziehet, bald weiter aus einander giebet, nachdem viel oder wenig Licht hinein faͤllet. Sie iſt in der farbigen Haut, davon der Theil, ſo durch die Horn-Haut durch - ſchimmert, der Regenbogen (Iris) genannt wird. Die in der Horn-Haut verknuͤpffte harte Haut (Sclerotica) befeſtiget das Au - ge und wrd nicht unrein wegen des weiſſen Haͤutleins (Adnata), damit ſie uͤberzogen. Ja weil ſie dadurch glatt iſt, laͤſſet ſich dasAuge685Cap. XIV. Von den Sinnen. Auge leicht hin und wieder bewegen: wel - ches inſonderheit noͤthig iſt, weil man das Auge gerade gegen die Sache richten muß, wenn man genau ſehen will. Die ſchwartze Haut (choroidea) verdunckelt nicht allein das Auge: ſondern da Ruyſch viel kleine Puls-Adern darinnen obſerviret, ſo wird auch dadurch dem Auge Nahrung zugefuͤh - ret und dieſelbe nicht ungeſchickt in den Kul - muſiſchen Tabellen das Ader Haͤutlein ge - nennet. Endlich hinten lieget daruͤber das netzfoͤrmige Haͤutlein (retina), wel - ches aus den ſubtilen Faͤſerlein des Ge - ſichts-Nerven (nervi optici) wie ein duͤn - nes Gewebe ſich ausbreitet. Es ſind aber in dieſem hohlen Auge verſchiedene Feuch - tigkeiten, die nicht allein die Hoͤhle ausfuͤl - len, ſondern auch zum Sehen dienen. Mit - ten im Auge iſt die Cryſtalline Feuchtig - keit (humor cryſtallinus), welche einem geſchliffenen Glaſe gleichet, und daher die durch den Stern einfallenden Strahlen des Lichtes dergeſtalt bricht daß, die aus einem Puncte der Sache ausgefloſſen waren, hin - ten auf dem netzfoͤrmigen Haͤutlein in einem Puncte wieder zuſammen kommen und da - durch die Sache abbilden zwar ſehr ſubtil und verkehrt, aber uͤberaus deutlich mit al - len Farben die ſie haben (§. 32. Optic.). Und dieſes iſt die gantze Abſicht des Auges. Auſſer dieſer Feuchtigkeit iſt nochgleich686Cap. XIV. Von den Sinnen. gleich unter der Horn-Haut die waͤſſerige (humor aqueus) vorhanden, welche nicht allein dieſe, ſondern auch die farbige Haut und die Cryſtalline Feuchtigkeit anfeuchtet: denn alle haben es noͤthig. Die Hornhaut und Cryſtalline Feuchtigkeit verlieren ihre Durchſichtigkeit, wenn ſie trocken werden: die farbige Haut muß weich erhalten wer - den, damit ſich der Stern, nachdem es die Nothdurfft erfordert, erweitern und zuſam - men ziehen laͤſſet. Weil die Cryſtalline Feuchtigkeit naͤher zu dem netzfoͤrmigen Haͤutlein gebracht werden muß, wenn man etwas von weiten ſiehet, hingegen aber wei - ter davon, wenn man eine Sache in der Naͤ - he ſiehet; ſo wird er durch Huͤlffe der ſo ge - nannten proceſſuum ciliarium beweget, wie man aus demjenigen deutlicher verſte - hen wird, was nach dieſem von der Bewe - gung der Maͤuslein wird beygebracht wer - den. Endlich in dem hinteren Theile des Auges finden wir die glaͤſerne Feuchtigkeit (humorem vitreum), welche, da ſie nicht fluͤßig iſt, dazu dienet, daß die Cryſtalline in gehoͤriger Weite von dem netzfoͤrmigen Haͤutlein, ſo lange als es noͤthig iſt, erhal - ten werden kan, und weil ſie mit der Cry - ſtallinen nicht einerley Dichtigkeit hat, die Strahlen des Lichtes noch weiter bricht, da - mit ſie deſto genauer auf dem netzfoͤrmigen Haͤutlein mit einander vereiniget werden. Das687Cap. XIV. Von den Sinnen. Das Licht, welches auf dem netzfoͤrmigen Haͤutlein ein der Sache aͤhnliches Bildlein formiret, theilet dem Geſichts-Nerven eine Bewegung mit, die bis in das Gehirne ge - bracht wird (§. 778 Met.). Und hierinnen beſtehet die Veraͤnderung, welche in dem Leibe vorgehet, indem wir ſehen.
Zu dem Gehoͤre iſt das OhreWas im Leibe ge - ſchiehet, wenn wir hoͤren. gewiedmet. Der aͤuſſere Theil (auricula) iſt zwar weich, damit man nicht gedruckt wird, wenn man darauf lieget, jedoch aber beſtehet er aus einem Knorpel, damit der Schall, der davon aufgefangen wird, in das innere Ohre ſich reflectiren laͤſſet. Der Schall, ſowohl derjenige, der vor ſich hin - ein faͤllet, als von dem aͤuſſeren Theile re - flectiret wird, paßiret den Gehoͤr-Gang (meatum auditorium) und iſt von innen gantz knochig, weil der Schall von dem wei - chen geſchwaͤcht wird, aber nicht von har - tem. Die darinnen vorhandene kleine Druͤ - ſen ſondern das Ohrenſchmaltz ab, welches durch ſeinen bitteren Geſchmack das Unge - ziefer vertreibet, daß es in das Ohre hinein kreucht. Zu Ende des Gehoͤr-Ganges ſtoͤſſet der Schall an das Trummel-Fell (membranam tympani), welches vermit - telſt der Gehoͤr-Knochen, als dem Ham - mer (malleo), Amboſe (incude), Steig - biegel (Stapede) und dem rundten Bein - lein (orbiculari) ſtarck geſpannet, wennder688Cap. XIV. Von den Sinnen. der Schall ſchwach iſt, hingegen mehr nach - gelaſſen wird, wenn derſelbe ſtarck iſt. Denn wenn das ſcharf geſpannte Fell zu ſtarck geſtoſſen wird, ſo wird es ſchlaff, daß es ſich nach dieſem nicht mehr von einem ſchwachen Schalle bewegen laͤſſet. Und da - her kommet es, daß die Leute, welchen oͤffters ein ſtarcker Knall oder Schall in die Ohren faͤhret, als z. E. die Conſtabler und diejeni - gen, welche groſſen Glocken nahe ſtehen, wenn ſie gelaͤutet werden, nicht mehr leiſe hoͤren. Die innere Hoͤhle des Ohres, die in einem harten Knochen gebildet, und durch das Trummel-Fell von dem Gehoͤrgange unterſchieden wird, iſt voll Lufft. De - rowegen da der Schall nichts anders iſt als eine gewiſſe Art der Bewegung der Lufft (§. 7. T. III. Exper.), ſo kan er auch dem Trummel-Felle keine andere Bewe - gung mittheilen. Wenn aber das Trum - mel-Fell geſtoſſen wird, drucket es diedarin - nen enthaltene Lufft zuſammen und in dem es zuruͤcke ſpringet giebet ſich auch die in der Trummel enthaltene wieder zuruͤcke, und erhaͤlt dadurch eine ſolche Bewegung, wie in dem Schalle erfordert wird (§. 10. T. III. Exper.). Und auf ſolche Weiſe wird der Schall in das innere Ohre ge - bracht. Dieſer Schall faͤhret durch das laͤngliche und circulrundte Fenſter in den innerſten Theil des Ohres oder den Jrr -gang689Cap. XIV. Von den Sinnen. gang (Labyrintum), darinnen ſonderlich in der Schnecken-foͤrmigen Wendung (cochlea) der Schall wie in einem Sprach - Rohre verſtaͤrcket wird. Die innerſten Hoͤhlen ſind mit ausgeſpannten Nerven be - kleidet, die der Schall beruͤhret, wie das Licht das netzfoͤrmliche Haͤutlein im Auge, und die daſelbſt verurſachte Bewegung wird zu dem Gehirne fortgebracht (§. 778. Met.) Und hierinnen beſtehet die Ver - aͤnderung, welche ſich in dem Leibe ereignet, indem wir hoͤren. Aus dem Gehoͤr-Gan - ge gehet eine theils beinerne, theils knorp - liche Roͤhre in den Mund, und dieſes iſt die Urſache, warumb man durch den Mund hoͤren kan, auch einige ſich angewoͤhnen, das Maul und die Naſen aufzuſperren, wenn ſie recht hoͤren wollen. Wir doͤrffen uns nicht befremden laſſen, daß die Lufft durch ihre Beruͤhrung den Nerven ſo vielerley unter - ſchiedene Bewegungen mittheilen kan, als ſich Unterſcheid in dem Schalle findet: denn wir haben es ja auch nicht anders bey dem Auge gefunden, wo das Licht den Nerven ſo einen groſſen Unterſcheid in der Bewe - gung gewaͤhret als wir bey den Sachen wahrnehmen, die wir ſehen.
Der Schall wird durch die LufftWie der Schall durch die Lufft fort - gebracht wird. fortgebracht (§. 6. T. III. Exper.), indem in den kleinen Coͤrperlein eines klingenden Coͤrpers eine Erſchuͤtterung entſtehet, wo -(Phyſik) X xdurch690Cap. XIV. Von den Sinnen. durch ſie hin und wieder beweget werden (§. 8. 10. T. III. Exper.). Wenn eines von ihme aus ſeiner Stelle weicht, ſo ſtoͤſſet es an die Lufft und drucket ein Lufft-Coͤrper - lein entweder eintzeln (§. 665. Met.) oder auch mit andern zuſammen (§. 122. T. I. Exper.). So bald es wieder zuruͤcke wei - chet, gehet die Lufft gleichfals wieder aus einander, und zwar weil es weiter zuruͤcke weichet, als in ſeine vorhergehende Stelle, breitet ſie ſich mehr aus als vorher, und hin - gegen die von der andern Seite wird zuſam - men gedruͤcket. Da nun die Bewegung der kleinen Coͤrperlein in einem klingenden Coͤrper eine weile fortdauret, ehe ſie wieder gantz vergehet, wie es die Erfahrung giebet, wenn man z. E. an eine Glocke, oder auf eine Trummel ſchlaͤget, auch die Art der Bewegung es mit ſich bringet; ſo dauret gleichfals die Bewegung der Lufft-Coͤrper - lein eine Weile, und werden dieſelbe gleich - fals nicht allein hin und wieder beweget, ſondern zugleich bald zuſammen gedruckt, bald durch einen weiteren Raum ausgebrei - tet. Ein jedes Lufft-Coͤrperlein beruͤhret rings herum viele, und die Bewegung wird in ſolchem Falle durch einen groſſen Raum gar bald durch gebracht (§. 121.): dero - wegen beweget das eine Lufft-Coͤrperlein wiederum das andere und entſtehet eine Er - ſchuͤtterung in ihnen durch einen weitlaͤuff -tigen691Cap. XIV. Von den Sinnen. tigen Raum, dergleichen in den Coͤrperlein des klingenden Coͤrpers zu verſpuͤren.
Wir finden, daß es einen Wie -Was der Wieder - ſchall iſt. derſchall giebet, wenn man z. E. in einem gewoͤlbeten Orte ſtarck redet: wovon wir ein klares Exempel in den Creutz-Gaͤngen der Kloͤſter und inſonderheit in den hohen Kirchen haben, wenn wenig Volck darinnen iſt und der Prediger ſtarck redet. Der Schall, den man noch hoͤret, wenn der andere ſchon vergangen iſt, wird der Wie - der-Schall genennet. Man findet leicht, daß der Schall ſo wohl als das Licht (§. 146. T. II. Exper.) ſich reflectiren laͤſſet, und in der That der Wiederſchall nichts anders iſt, als der reflectirte Schall. Nem - lich wenn er an einen harten Coͤrper, der - gleichen ein Gewoͤlbe in der Kirche, oder im Creutzgange iſt, anſchlaͤget; ſo bewe - get er ſich wieder zuruͤcke, nicht anders als wenn daſelbſt ein Coͤrper vorhanden waͤre, der eben dergleichen Schall erregete. Der Schall beweget ſich in einer Secunde uͤber 1000. Schuhe (§. 11. T. III. Exper.). Derowegen wo das Ohre von dem Coͤrper, der ihn reflectiret, nicht weit weg iſt, ſo kommet der reflectirte mit den andern zu - gleicher Zeit hinein. Der Unterſcheid iſt nicht mercklich, und wird dadurch der Schall, bloß verſtaͤrcket (§. 12. T. III. Exper.), wie bey den Sprach-Roͤhren geſchiehet (. §. X x 221. T. 692Cap. XIV. Von den Sinnen. 21. T. III. Exper.). Wenn der Schall an vielen Orten zu gleich reflectiret wird, deren einer immer naͤher dem Ohre iſt als der andere; ſo kommet auch von dem re - flectirten nicht einerley zugleich ins Ohre, ſondern wenn man z. E. redet, kommen die letzten Sylben eines Wortes mit den vorher - gehenden Sylben eines andern zugleich bis zu dem Ohre zuruͤcke. Und denn iſt es eben ſo viel, als wenn viele zugleich unter einan - der ſchreyen und einer immer was anders ſaget als der andere: wodurch ein undeut - licher Thon entſtehet, darinnen man nichts unterſcheiden kan. Und ſo iſt es mit dem Wieder-Schalle in den Creutz-Gaͤngen der Kloͤſter, in gewoͤlbeten Kirchen, groſſen Saͤaͤlen ꝛc. beſchaffen, wenn nichts zuge - gen iſt, was von allen Seiten, in der Naͤ - he und in der Ferne, die Reflexion hindert. Hingegen wenn der Schall in einem Orte allein reflectiret wird, ſo bleibet er deut - lich, wie er an ſich iſt: denn es iſt nichts mehr vorhanden, welches die Deutlichkeit hindern koͤnnte. Jſt nun derſelbe Ort weit gnung weg: ſo kommet der Schall, der reflectiret wird, wieder zuruͤcke, indem der andere aufhoͤret, und man kan ihn deut - lich vernehmen. Und dieſer Wiederſchall iſt eigentlich derjenige, den man Echo nennet. Es wird demnach dazu erfor - dert, daß ein Coͤrper vorhanden, der denSchall293[693]Cap. XIV. Von den Sinnen. Schall reflectiret, und ſo weit entfer - net iſt, daß der reflectirte erſt wieder zuruͤcke kommet, wenn der andere ſchon aufhoͤret. Weil er aber auch ſtarck gnung ſeyn muß, ſo iſt noͤthig, daß er durch wiederhohlte Re - flexion wie in einer Roͤhre (§. 19. T. III. Exper.) und einem Sprach-Rohre (§. 20. T. III. Exper.) verſtaͤrcket wird, wie z. E. geſchiehet, wenn viel glatte Staͤmme der Baͤume in einem Walde nahe bey ein - ander ſtehen, oder auch Felſen einen einge - bogenen Winckel und engen Gang machen. Je weiter das Echo weg iſt, je mehr Syl - ben, ja Woͤrter ſaget es nach, denn je laͤngſamer kommet der reflectirte Schall zuruͤcke und jemehr iſt noch davon uͤbrig, wenn der andere ſchon gantz aufgehoͤret.
Das merckwuͤrdigſte unter al -Was die Stimme und Sprache iſt. lem, was wir hoͤren iſt die Sprache. Jhre Materie iſt der Athem, oder die Lufft, ſo aus der Lungen faͤhret. Der Athem gehet ſtil - le heraus und iſt vor ſich nicht lautbahr: wenn er demnach lautbahr werden ſoll, muͤſ - ſen die Lufft-Coͤrperlein, daraus er beſtehet, in eine Erſchuͤtterung geſetzet werden (§. 428.). Und dieſen lautbahren gemachten Athem nennet man die Stimme. Er wird aber durch den Kopff der Lufft - Roͤhre (laryngem) lautbahr gemacht: denn in dem die dazu verordneten Maͤus - lein die Knorpel, daraus er beſtehet, aufX x 3und694Cap. XIV. Von den Sinnen. und nieder bewegen, und zwar ſehr ſchnelle, bekommet der Athem, welcher heraus faͤh - ret, eine ſolche Erſchuͤtterung, als zur Stim - me noͤthig iſt. Es laͤſſet ſich auch der Ritz, wodurch der Athem aus der Lunge faͤhret, durch beſondere Maͤuslein erweitern und enger machen, nach dem die Stimme grob oder klein ſeyn ſoll. Und eben deswegen haben Kinder und Weibs-Perſonen eine feine Stimme, weil bey ihnen der Ritz im Kopffe der Lufft-Roͤhre (glottis) enge iſt. Die Bewegung der Knorpel im Kopffe, ſo einer Erſchuͤtterung gleichet, kan man mit dem Finger fuͤhlen, wenn man unter dem Reden denſelben von auſſen oben an die Gurgel leget. Die Stimme wird zur Sprache, wenn ſie durch den Mund, die Zunge, den Gaumen, die Zaͤhne ꝛc. auf ver - ſchiedene Art veraͤndert wird, wie inſon - derheit Amman(a)in Diſſertat. de loquela c. 2. p. 62. 79. ausgefuͤhret. Die lautbahren Buchſtaben kommen von der bloſſen Eroͤffnung des Mundes her. Wenn man das a ausſpricht, bleibet die Zunge unbeweglich liegen und der Mund wird am weiteſten aufgethan, und faͤhret die Stim - me durch den weiten Mund ohne irgendwo anzuſtoſſen heraus. Das e kommet heraus, wenn der Mund wenig aufgethan iſt, die Lippen in ihrer ordentlichen Lage verbleibenund695Cap. XIV. Von den Sinnen. und die Stimme an die Zaͤhne ein wenig anſtoͤſſet, die nicht gar zu weit von einander gebracht ſind. Das i wird wie das e aus - geſprochen, nur das die Zunge in der Mit - ten etwas erhaben gemacht wird, damit der Raum zwiſchen ihr und dem Gaumen enger wird und, weil ſich die Lufft alsdenn geſchwinder beweget (§. 348), die Stimme etwas ſtaͤrcker an die Zaͤhne anſchlaͤgt. Das o und u entſtehen durch die Lagen der Lippen. Wenn ſie hinten gegen den Win - ckel zu beyden Seiten einander beruͤhren, mitten im Munde aber von einander blei - ben und daher ein wenig hervor geſpizt werden, wie wenn man blaſen wil; ſo hoͤret man das o; hingegen erſchallt das u, wenn der Mund mehr zugeſpizt wird, wie wenn man ſtarck blaſen wil. Und ſolchergeſtalt kan man einem, der da redet, aus dem Mun - de abſehen, was er fuͤr einen lautbahren Buchſtaben ausſpricht. Die ſtummen Buchſtaben werden nicht weniger durch Veraͤnderung der Figur des Mundes, und durch Huͤlffe der Zunge und Zaͤhne formi - ret, und lautbahr gemacht, wenn laut - bahre dazu kommen. z. E. das m erfor - dert eine ſtarcke Zuſammendruckung der Lippen, das p eine noch ſtaͤrckere, das b aber eine gelinde. Wenn demnach zu dem m ein a vorher kommet, ſo thut man den Mund weit auf und druckt die Lippen vor -X x 4nen696Cap. XIV. Von den Sinnen. nen feſte zuſammen: Hingegen wenn das a hinten ſtehet, werden die Lippen anfangs zuſammen gedruckt und nachdem von einan - der und der Mund weit aufgethan. Wenn man das k ausſpricht; werden die Lippen nur zu den Seiten zuſammen gethan und vornen behaͤlt der Mund eine kleine Croͤff - nung. Das n ſchallet durch die Naſe durch und wird mit einer Bewegung der Fluͤgel (pinnarum) unten an der Naſe ausgeſprochen. Ein mehreres anzufuͤhren iſt nicht noͤthig, weil ich bloß die allgemei - nen Gruͤnde von Formirung der Sprache mir zu erklaͤren vorgenommen. Gleichwie aber verſchiedene und inſonderheit Amman durch Huͤlffe dieſer Erkaͤntnis die von Na - tur Tauben und Stummen reden gelehret, auch dahin gebracht, daß ſie andern an dem Munde abſehen koͤnnen, was ſie gereden; ſo koͤnnte man nicht allein uͤber dieſes ſelbſt die Hoͤrenden in der Jugend unterrichten, daß ſie einem an dem Munde abſehen koͤn - ten, was man redet (welches in vielen Faͤl - len nicht ohne Nutzen ſeyn wuͤrde), ſondern man koͤnnte auch die Ausſprache in Schriff - ten auf die Nachkommen bringen, welche wir bey den todten Sprachen bisher verloh - ren. Unterdeſſen bleibet es allerdings was wunderbahres, daß da bey einem jeden Buchſtaben, wenn er formiret wird, ſo vielerley geſchehen muß, wir dennoch ſo ge -ſchwin -697Cap. XIV. Von den Sinnen. ſchwinde fort reden und, was noch mehr iſt, andere, die ſich in dieſer Kunſt geuͤbet, alles, was mit und im Munde vorgehet, behende mercken koͤnnen.
Der Geruch beſtehet in einem ſub -Was ge - ſchiehet wenn wir riechen. tilen Ausfluß aus den riechenden Coͤrpern. Wir haben ein gantz klares Cxempel, an der ſympatetiſchen Dinte, die durch den ſtar - cken Geſtanck das ihre verrichtet (§. 128. T. II. Exper.). Denn wo der Geſtanck durchdringet und findet mit Silberglette ge - ſchriebene Buchſtaben, da haͤngen ſich die ſubtilen Theile an und machen ſie dadurch ſchwartz. Campfer hat einen ſehr ſtarcken Geruch: aber er verreucht ſich gar, daß nichts davon uͤbrig verbleibet, welches eine Anzeige iſt, daß er ſich nach und nach gantz in einen ſubtilen Ausfluß, gleichſam wie in einen unſichtbahren Rauch, reſoluiret. Man kan es auch gantz deutlich daher er - kennen, daß wir Sachen riechen, die von unſerer Naſe weit weg ſind. Da nun et - was in die Naſe kommen muß, wenn wir riechen ſollen; ſo muß nothwendig aus dem Coͤrper, der einen Geruch hat, etwas heraus - gehen, ſo biß in unſere Naſe kommen kan. Eben dieſes wird dadurch beſtetiget, daß ſich von einer wohlriechenden Blume, die wir von der Naſe etwan weit halten, der Geruch in dieſelbe ziehen laͤſſet. Daß die kleinen Coͤrperlein, die den Geruch ausmachen, ſehrX x 5ſubti -698Cap. XIV. Von den Sinnen. ſubtile ſeyn muͤſſen, hat man laͤngſt daraus erkandt, daß Coͤrper lange in der Lufft lie - gen und einen groſſen Raum mit ihrem Ge - ruche beſtaͤndig erfuͤllen: deſſen ungeachtet aber doch keinen mercklichen Abgang an ih - rem Gewichte leiden. Es iſt bekand, daß Boyle ein Stuͤcke Teuffels-Dreck gantzer 6. Tage ſeinen Geſtanck ausbreiten laſſen, und doch kaum einen Abgang von dem ach - ten Theile eines Granes verſpuͤret. Und hat daraus Johann Keil(a)in introduct. ad veram Phyſic. lect. 5. p. 42. & ſeqq. die Groͤſſe eines Geruch-Staͤubleins durch geometri - ſche Rechnungen zu determiniren geſucht. Die Naſe iſt von innen mit einem Haͤut - lein uͤberkleidet, wo die inneren Hoͤhlen des Sieb-Beines (oſſis cribroſi) ſind, dar - innen viel Nerven anzutreffen. Wenn demnach mit der Lufft, die wir im A - themhohlen an uns ziehen, die Geruch - Staͤublein zugleich in die Naſe gezogen und wieder die Nerven angeſtoſſen werden; ſo iſt kein Wunder, daß dadurch eine Bewe - gung entſtehet, wie in dem Auge und Ohre (§ 426. 427), die biß zu dem Gehirne fortge - bracht wird, daraus vermoͤge der Anatomie die Nerven-Haͤutlein in der Naſe ihren Ur - ſprung nehmen. Daß wir bloß riechen, in dem wir die Lufft durch die Naſe an uns zie -hen699Cap. XIV. Von den Sinnen. hen, keinesweges aber der Geruch vor ſich hineinkommet, oder auch, wo ferne ſolches geſchiehet, die Geruch-Staͤublein nicht Krafft genung haben, die Nerven Haͤutlein auf gehoͤrige Weiſe zu bewegen, hat Lo - vverus durch einen Verſuch erwieſen, in dem er einem Hunde die Lufft-Roͤhre aus - geſchnitten und herausgewendet, daß er nicht mehr durch die Naſe Lufft an ſich zie - hen koͤnnen, und gefunden, daß ihm als - denn auch der Geruch auf einmahl vergan - gen. Da man in der Chymie findet, daß wohlriechende Sachen entweder viel Saltz, oder viel Oele geben, hingegen die wenig oder gar nichts von beyden haben, auch ei - nen ſchlechten Geruch von ſich geben; ſo hat man laͤngſt daraus geſchloſſen, daß die Geruch-Staͤublein durch Vermiſchung ſubtiler Oel - und Saltz-Staͤublein mit ein - ander entſtehen.
Dem Geſchmacke dienet dieWie es mit dem Ge - ſchmack beſchaf - fen. Zunge, welche mit drey Haͤuten uͤberzogen, davon das unterſte Haͤutlein das ſubtileſte iſt und das Zungen-Haͤutlein (tunica papillaris neruoſa) genennet wird. Es ſind in der Zunge viel Nerven, die ſich in kleinen Aeſtlein hin und wieder zertheilen und endlich gleichſam in kleinen Waͤrtzlein (papillis) ſich endigen, wie inſonderheitCaro -700Cap. XIV. Von den Sinnen. Carolus Fracaſſatus(a)in Diſſertatione epiſtolica de lingua, quæ legitur inter opera Malpighii p, m. 175. & ſeqq. ausgefuͤhret. Daß hauptſaͤchlich dieſe Nerven-Waͤrtz - lein zum Geſchmacke dienen, laͤſſet ſich zur Gnuͤge daraus abnehmen, weil man da - ſelbſt am meiſten ſchmecket, wo ſie am haͤuffigſten anzutreffen, als wie vornen in der Spitze der Zunge. Saltze ſind nicht allein vor ſich gantz und gar ſchmackhafft, ſondern geben auch andern Sachen einen Geſchmack. Sie laſſen ſich in Waſſer, ab - ſonderlich auch von dem Speichel aufloͤſen (§. 368.). Derowegen da die Speiſen erſt ſchmecken, wenn ſie gekaͤuet und mit Spei - chel vermenget werden; ſo hat man die Saltz-Theilgen, die in den ſchmackhafften Coͤrpern hin und wieder anzutreffen ſeyn, vornehmlich fuͤr das jenige gehalten, was den Geſchmack verurſachet. Jedoch laͤſſet ſichs nicht wohl behaupten, daß die bloſſen Saltze, das heißt, bloß die Materie, ſo ſich im Waſſer aufloͤſen laͤſſet, den Ge - ſchmack machet: denn es kan wohl ſeyn, daß noch andere Materien in den ſchmack - hafften Coͤrpern vorhanden ſind, die mit zu dem Geſchmacke dienen, weil die Saltze nicht in ſo groſſer Menge in den Coͤrpern antroffen werden, wie es der Geſchmack zuer -701Cap. XIV. Von den Sinnen. erfordern ſcheinet, als auch inſonderheit weil durch bloſſes kochen, backen, braten und andere dergleichen Veraͤnderungen die Sachen einen gantz andern Geſchmack bekommen, daran nicht die bloſſe Veraͤn - derung der Saltze Schuld zu ſeyn ſcheinet. Jch finde aber noch nirgends ſolche Ver - ſuche, daraus ſich die Sache mit Gewis - heit entſcheiden lieſſe und muß es daher zu mehrerer Gewisheit ausgeſetzt ſeyn laſſen. Es moͤgen nun aber die kleinen Coͤrperlein, welche den Geſchmack verurſachen, bloſſe Saltze, oder auch noch andere ſeyn; ſo bringen ſie doch insgeſammt den Ge - ſchmack nicht anders vor als durch Beruͤh - rung der Nerven-Waͤrtzlein, wie wir vorhin auch bey dem Geruche geſehen.
Da dergleichen Nerven-Waͤrtz -Wie das Fuͤhlen geſchie - het. lein in der Haut haͤuffig anzutreffen, ſon - derlich in der Menge an den Orten, wo das Gefuͤhle am zaͤrteſten iſt; ſo darf man auch nicht zweiffeln, daß nicht das Fuͤhlen durch Beruͤhrung derſelben entſtuͤnde. Daß aber auch die daſelbſt verurſachte Bewe - gung durch die Nerven biß zu dem Gehirne fortgebracht wird, erhellet aus denen da - durch in andern Gliedmaſſen verurſachten Bewegungen (§. 778. Met.)
ALle Bewegungen, die wir in den Thieren und dem Leibe der Men - ſchen antreffen, geſchehen ver - mittelſt der Maͤuslein. Es be - ſtehet das Maͤuslein (muſculus) aus drey Theilen, dem Kopffe, dem Bauche und dem Schwantze. Der Kopff iſt das En - de, ſo unbeweglich bleibet, und gegen den ſich der Schwantz beweget: der Schwantz hingegen das andere Ende, ſo beweget wird, und endlich der Bauch der mittlere Theil, welcher aus lauter fleiſchernen Faſern be - ſtehet. Wenn nun der Theil, daran der Schwantz befeſtiget iſt, z. E. das Achſel - bein (os humeri) beweget werden ſoll; ſo muͤſſen die Faſern im Bauche des Maͤus - leins, das die Bewegung verrichtet, kuͤrtzer werden: denn ſonſt iſt nicht moͤglich daß der Schwantz mit dem Beine gegen ſeinen Kopff zu beweget werden kan. Hierinnen ſtimmen alle insgeſammt uͤberein: allein wenn es auf die Frage kommet, wie die Verkuͤrtzung der Faſern geſchiehet, ſo ſind nicht alle einerley Meinung.
Ehe die fleiſcherne Faſern verkuͤr -Wie die fleiſcher - ne Faſern verkuͤrtzet werden. tzet werden und dadurch eine Bewegung er - folget, muß vorher durch die Nerven oder Span-Adern dem Maͤuslein etwas fluͤßi - ges zugefuͤhret werden, welches wir den Nerven-Safft (ſuccum neruoſum) nen - nen wollen, die Alten aber mit dem Nah - men der Lebens-Geiſter (Spirituum ani - malium) beleget. Man kan es am beſten durch folgenden Verſuch erweiſen. Wenn man einen Hund lebendig aufſchneidet und den Nerven, der zu dem Zwerg-Felle (diaphragma) gehet, bindet: ſo hoͤret die Bewegung des Zwerg-Felles bald auf. Streichet man mit ein paar Fingern von dar an, wo man ihn gebunden, gegen das Zwerg-Fell hinunter; ſo beginnet es noch etliche mahl ſich auf und nieder zu bewegen und hoͤret nach dem die Bewegung auf, biß man den Nerven wieder aufbindet. Eben ſo bekraͤfftiget die Erfahrung, daß das Glied lahm wird, wenn die Nerven, ſo hin - eingehen, zerſchnitten werden. Man hat ſich demnach eingebildet, als wenn die Fa - ſern, welche nichts anders als kleine Roͤhr - lein ſind, die mit einem Saffte erfuͤllet, von dem Nerven Saffte aufgeblaſen wuͤrden, wodurch ſie nach der Dicke zu nehmen, nach der Laͤnge aber verkuͤrtzet werden, und hat Sturm(a)in Collegio Curioſo part. 2. ſolches durch die Blaſen-Machi -ne704Cap. XV. Von der Bewegung. ne erlaͤutert, womit ein ſchweres Gewichte ſich in die Hoͤhe blaſen laͤſſet. Es iſt aber dieſer Meinung, unerachtet ſie viel Beyfall gefunden, die Erfahrung zu wieder, maſſen ſchon Lovverus angemercket, daß das Maͤuslein kleiner und haͤrter wird, in dem es die Bewegung verrichtet, da es viel - mehr groͤſſer werden muͤſte, wenn es aufge - blaſen wuͤrde. Und hat ſchon Gliſſonius(b)in Tractat. de Ventriculo & inteſtinis c. 8. einen Verſuch angewieſen, da man au - genſcheinlich ſehen kan, daß das Maͤus - lein in der Bewegung nicht groͤſſer wird. Man nimmt eine weite glaͤſerne Roͤhre, dar - ein ein Mann, der ſtarcke Maͤuslein hat, den gantzen bloſſen Arm hinein ſtecken kan. Auf der Seite bey der obern Eroͤffnung wird ein enges Roͤhrlein angemacht, darinnen das Waſſer in die Hoͤhe treten kan, wenn es aus der groſſen Roͤhre getrieben wird. Wenn der Arm darinnen iſt, fuͤllet man die groͤſte Roͤhre voll mit Waſſer und ver - wahret die Eroͤffnung umb den Arm her - um auf das beſte, damit daſelbſt kein Waſ - ſer heraus kommen kan. Der Ausgang zeiget, daß ſich das Waſſer in der kleinen Roͤhre ſetzet, indem die Bewegung geſchie - het: welches zur Gnuͤge angezeiget, daß die Maͤuslein in derſelben nicht aufſchwel -len,705der Thiere und des Menſchen. len, ſondern vielmehr in einen kleineren Raum gebracht werden. Wir finden, daß die fleiſcherne Faſern mit andern viel ſubtileren von dem Haar-Wachſe wie ein Gewebe durchſchoſſen ſind. Wenn dem - nach dieſelben geſpannet werden, drucken ſie die fleiſchernen Faſern nieder, daß ſie die Figur einer Schlangen-Linie erhalten. Solchergeſtalt werden ſie kuͤrtzer und das Maͤuslein wird doch nicht dicker, ſondern duͤnner und haͤrter: wie man es denn auch fuͤhlen kan, daß es haͤrter iſt in der Bewe - gung, als auſſer derſelben. Es ſtimmet demnach dieſe Erklaͤrung ſo wohl mit der Art der Zuſammenſetzung der Maͤuslein, als auch mit der Erfahrung uͤberein.
Wir haben ſo wohl hier, alsBeſchaf - fenheit der Ner - ven und ob ein Nerven - Safft vorhan - den. bey anderer. Gelegenheit angenommen, daß die Nerven hohl ſeyn und in ihnen eine ſubtile fluͤßige Materie angetroffen wird, welche man den Nerven-Safft nennet. Nun erfoderte es wohl weiter keinen Be - weis, weil die Beſchaffenheit der Sachen, die dadurch erklaͤret werden, dergleichen erfordern: allein weil gleichwohl einige ſol - ches in zweiffel ziehen, ſo wird nicht un - dienlich ſeyn, wenn ich es hier weiter aus - fuͤhre. Es hat demnach Leeuvvenhock(a)in Epiſt. Phyſiolog. epiſt. 32. p. 311. ſubtile Scheiblein von Nerven, die(Phyſick) Y ynicht706Cap. XV. Von der Bewegungnicht groͤſſer als ein Haar vom Barte ge - weſen, abgeſchnitten und, nach dem er ſie anfangs eingeweichet und auf einem Gla - ſe trocken laſſen, unter das Vergroͤſſe - rungs-Glaß gebracht. Da er den wahr - genommen, daß ein einiger von ſolchen ſub - tilen Nerven aus vielfaͤltigen kleinen Roͤhr - lein beſtehet, darinnen ein Safft vorhan - den, als welcher nach dieſem, da das Scheiblein trocken war, wie ein kleiner Huͤgel zuſehen geweſen.
Unter den ſteten Bewegungen, die ununterbrochen im Leibe vorgehen, iſt inſonderheit das Athem hohlen, welches deswegen ins beſondere zu erklaͤren, weil es aus der allgemeinen Erklaͤrung der Be - wegung, ſo durch die Maͤuslein geſchiehet, nicht kan verſtanden werden. Die Lun - gen beſtehen aus lauter kleinen Blaͤßlein, darein ſich endlich die Aeſtlein von den groͤſſern Aeſten der Lufft-Roͤhre zertheilen: denn daher kommet es, daß, wenn man durch die Lufft-Roͤhre Lufft hinein blaͤſet, dieſelbe durch die gantze Lunge faͤhret und ſie aufblaͤſet (§. 101. T. III. Exper.) Wenn nun die Maͤuslein zwiſchen den Rippen ſich zuſammen ziehen (§. 435) ſo wird da - durch der Ober-Leib (thorax) von innen erweitert und muß als denn die in der Lun - ge enhaltene Lufft ſie erweitern (§. 101. 102. T. III. Exper.). Weil nun aber da -durch707der Thiere und des Menſchen. durch dieſelbe duͤnner wird als ſie vorher war, und folgends ihre ausdehnende Krafft abnimmet (§. 125. T. I. Exper.), ſo kan ſie auch der Lufft in der Lufft-Roͤhre und dem Munde, wie auch der aͤuſſern bey dem Munde nnd der Naſe nicht mehr wie - der ſtehen. Derowegen beweget ſie ſich von auſſen hinein, bis ſie in der Lunge von eben der Beſchaffenheit iſt wie die aͤuſſere, und wird dadurch das Zwerg-Fell nieder gedruͤckt. So bald ſich aber daſſelbe wie - der in die Hoͤhe giebet und die Maͤuslein nachlaſſen, werden die Lungen gedruckt und die darinnen enthaltene Lufft wird zu - ſammen gedruckt (§. 122. T. I. Exper.). Weil nun auf ſolche Weiſe ihre ausdeh - nende Krafft verſtaͤrcket wird (§. 123. T. I. Exper.), ſo kan auch die aͤuſſere nicht mehr wiederſtehen und demnach breitet ſie ſich weiter aus und faͤhret ſo lange durch die Lufft-Roͤhre heraus, biß die uͤbrige in den Lungen mit der aͤuſſeren in wagerechten Stand geſetzet wird. Wenn man in Williſii Verſuche (§. 102. T. III. Exper.) den Blaſebalg als den Oberleib anſiehet; ſo giebet es ſelbſt der Augenſchein, daß al - les ſo und nicht anders geſchiehet, wie wir es erklaͤret.
Jch koͤnte hier zwar noch insWar - umb man nicht von beſondere die Bewegungen der Menſchen und Thiere erklaͤren, wodurch entwederY y 2der708Cap. XV. Von der Bewegungandern Bewe - gungen und Stellun - gen redet.der gantze Leib, oder auch nur gewiſſe Gliedmaſſen deſſelben aus ihrer Stelle in eine andere gebracht werden. Auch koͤnn - te ich die verſchiedenen Stellungen, wel - che unſer Leib annehmen kan, aus ihren Gruͤnden erweiſen. Es hat auch ſchon Borellus(a)de Motu animalium. dergleichen Arbeit verrich - tet. Allein weil man die Gruͤnde darzu aus der Mathematick nehmen, und ich nach meiner gegenwaͤrtigen Abſicht dasje - nige uͤbergehen muß, was aus mathema - tiſchen Gruͤnden erwieſen wird: ſo muß ich auch dieſe Arbeit vor dieſes mahl bey Seite ſetzen und diejenigen, ſo aus der Mathematick ſo viel gelernet, als dieſe Materie zu verſtehen erfordert wird, zu Borelli Wercke verweiſen.
ES zeiget die taͤgliche Erfahrung, daß Menſchen und Thiere durch den Beyſchlaff eines Maͤnnleins und Weibleins erzeuget werden,und709der Menſchen und Thiere. ꝛc. und Gott zu dem Ende dieſelben mit be - ſonderen Geburts-Gliedern verſehen, daß ſie zu dieſem Wercke geſchickt wuͤrden. Mann findet auch bey dem kleineſten Un - gezieffer, daß auf eine dergleichen Art ihr Geſchlechte fortgepflantzet wird und hat noch niemand ein einiges Exempel anfuͤh - ren koͤnnen, da eine lebendige Creatur auf eine andere Art waͤre erzeuget worden. Denn ob man gleich angiebet, als wenn durch Faͤulnis gewiſſer Materien Unge - zieffer hervor gebracht wuͤrde; ſo folget doch daraus noch nicht, daß ohne Bey - ſchlaff eines Maͤnnleins und Weibleins daſſelbe waͤre erzeuget worden. Wir wiſ - ſen, daß das Ungezieffer Eyer leget, die ſo lange fort dauren koͤnnen, biß ſie eine be - qveme Gelegenheit antreffen, da die da - rinen enthaltene Jungen koͤnnen ausge - bruͤttet werden. Daß aber fruchtbahre Eyer koͤnnen geleget werden, iſt dem Bey - ſchlaffe zudancken. Wir haben ein Exem - pel an den Ringel-Raupen. Jhre Ey - er werden von Molcken-Dieben ange - ſchmeiſſet, dauren den Winter uͤber in der Kaͤlte fort und im Fruͤhlinge bruͤttet ſie die Sonne, ſo bald ſie warm ſcheinet, aus; die Molcken-Diebe aber begatten ſich mit ein - ander, ehe das Weiblein die Ringel an die Baͤume anſchmeiſſen kan. Zudem iſt bekandt, daß das Ungezieffer vielerley Ver -Y y 3wand -710Cap. XVI. Von Erzeugungwandlungen leidet. Es koͤnnen demnach auch wohl in einigen Dingen kleine Thier - lein vorhanden ſeyn, die wir mit bloſſen Augen zuſehen nicht vermoͤgend ſind (§. 85. Met.), durch deren Verwandlung nach und nach groͤſſere heraus kommen, die ſichtbahr werden. Denn es iſt der Er - fahrung nicht zu wieder, daß die verwan - delten groͤſſer ſind als diejenigen, welche ſich verwandelt haben. Ein jeder ſiehet, daß wir hier von der natuͤrlichen Erzeu - gung reden; nicht aber davon, was Gott auf eine uͤbernatuͤrliche Art oder durch ein Wunder-Werck bewerckſtelliget (§. 633 Met.)
Wenn der Beyſchlaff frucht - bahr ſeyn ſoll, muß der maͤnnliche Saa - me ſich in die Geburts-Glieder des Wei - bes ergieſſen, als welcher vermoͤge der be - ſtaͤndigen Erfahrung zur Erzeugung na - tuͤrlicher Weiſe noͤthig iſt. Harvæus, wel - cher der erſte geweſen, der die Erzeugung der Menſchen und Thiere durch angeſtellte Verſuche zu unterſuchen angefangen, hat in dem Thier-Garten des Koͤniges von En - gelland viele Huͤndinnen oder Thiere, ſo - wohl von Hirſchen, als Tann-Hirſchen, die Brunſt-Zeit uͤber eroͤffnet, aber nicht das geringſte von dem Saamen darinnen an - getroffen, unerachtet ſie taͤglich mit ihrenMaͤnn -711der Menſchen und Thiere. ꝛc. Maͤnnleinen zugehalten(a)Exereit. 67. de generat. animal. p. m. 290.. Weil man nun ohne dem wahrnimmet, daß nach ge - ſchehenem Beyſchlaffe der Saame wieder heraus fleußt; ſo iſt er auf die Gedancken gerathen, als wenn gar nichts davon in die Mutter hinein kaͤme. Unerachtet er nun ſich auf eine Erfahrung vieler Jahre be - ruffet; ſo laͤſſet ſich doch daraus noch nicht erweiſen, daß kein Saame hinein kommen, weil man bey Eroͤffnung keinen darinnen gefunden, maaſſen in der Mutter wie in allen innern Theilen der Thiere eine gelin - de, aber doch durchdringende Waͤrme iſt, wodurch der Saame nicht allein fluͤſ - ſig, auch gar in einen ſubtilen Hauch aufgeloͤſet wird, der in die Schweiß - Loͤcher der Mutter hinein dringen, auch bey der Eroͤffnung verrauchen kan. Weil wir aber bey Eroͤffnung der Thiere, ehe ſie erkalten, ordentlich finden, daß ein Dampf aus den innern Theilen in die Hoͤhe ſteiget, welcher inſonderheit in der kalten Luft wohl zuſehen iſt; ſo laͤſſet ſich daraus nicht ur - theilen, ob der Saame, der in die Mutter hinein kommen iſt, in einen Dampf aufgeloͤſet wird, oder nicht. Es ſtim - met unterdeſſen doch dem Harvæo vermoͤge ſeiner eigenen Verſuche, die er zu demY y 4En -712Cap. XVI. Von ErzeugungEnde angeſtellet, Regnerusde Graaf(b)de partibus genitalibus mulierum. bey. Es hat ſich aber Verheyen dieſes doch nicht abſchrecken laſſen, daß er es nicht ſelbſt verſuchen ſollte. Und unerachtet er in der Mutter der Schaafe, Caninichen und Kuͤhe bey oͤffters wiederhohleten Verſu - chen nichts finden konnte; ſo ward er doch endlich einmahl gluͤcklich, als er eine junge Kuhe eroͤffnete, die 16 Stunden vorher mit dem Bullen zuſam̃en geweſen war. Deñ hier traf er in der Mutter einen ſehr groſſen An - theil Saamen an und war der Mutter - Mund gegen die Scheide offen, von innen aber bey nahe gantz verſchloſſen. Er hatte vorher oͤffters aus den Hoden der Och - ſen, wenn ſie geſchlachtet worden, den Saa - men heraus gedruͤckt, damit er ihn erken - nen koͤnnte. Und demnach iſt klar, daß der Saame in die Mutter kommet, auch der Theil, ſo hinein kommet, nicht wieder heraus ſchießt, wenn das Weiblein em - pfangen ſoll. Es wird dieſes auch durch Leeuvvenhoeks obſervation bekraͤffti - get (c). Es hat dieſer ſorgfaͤltige Erfor - ſcher der Natur entdecket. (§. 99. T. III. Exper.), daß im maͤnnlichen Saamen der Menſchen und Thiere eine unzehliche Men - ge lebendiger Thierlein anzutreffen. De - rowegen iſt es das ſicherſte Mittel, wennman713der Menſchen und Thiere. ꝛc. man wiſſen will, ob Saame in die Mutter kommen, oder nicht, daß man nachſiehet, ob, dergleichen Saamen-Thierlein in der Mutter anzutreffen ſeyn, oder nicht. Le - euvvenhoek hat die Mutter eines Cani - nichen eine Viertel Stunde darnach, als es ſein Werck verrichtet, eroͤffnet und eine unzehlige Menge Saamen-Thierlein dar - innen angetroffen. Es gehoͤren aber zu dieſer obſervation vortreffliche Vergroͤſ - ſerungs-Glaͤſer und wird zugleich dabey eine beſondere Geſchicklichkeit erfordert, die nicht gleich ein ungeuͤbter beſitzet (§. 99. T. III. Exper.)
Weil die Weiber auch oͤfftersOb die Weiber einen Saamen haben. im Beyſchlaffe eine dem maͤnnlichen Saa - men aͤhnliche Materien von ſich laſſen, ja dieſes auch bey jungen geilen Weibes - Bildern im Schlaffe geſchiehet, ſowohl als bey Manns-Perſonen, denen im Schlaffe der Saamen entgehet(a)Verheyen Anat. lib. 2. Tract. 1. c. 16. p. 71.; ſo hat man vor dieſem geglaubet, daß dieſe Ma - terie der weibliche Saamen ſey, der ſowohl als der maͤnnliche zur Empfaͤngnis noͤthig waͤre: welcher Meinung auch Hippocra - tes beypflichtet(b)in libro de genitura. . Allein da dieſe fluͤſ - ſige Materie bloß von den Druͤſen abge -Y y 5ſon -714Cap. XVI. Von Erzeugungſondert worden, die ihre Gaͤnge in die Mut - ter-Scheide haben, man auch nicht er - weiſen kan, daß ſie wie der maͤnnliche Saa - me in die Mutter hinein kommet; ja wir auch nach dieſem ſehen werden, daß ohne dieſelbe die Empfaͤngnis ſich erklaͤren laͤſ - ſet; ſo hat man nicht gnugſamen Grund, warumb man ſie fuͤr einen Saamen anſe - hen will, das iſt, fuͤr eine Materie, die mit zur Erzeugung der Frucht erfordert wuͤrde.
Als Harvæus ſeine Obſervati - onen mit den Thieren der Hirſche und Tann-Hirſche fleißig anſtellte, nahm er um den 12 und 14 Novembris in der Mutter ein Eyelein wahr, und ward dadurch ge - wiß, daß nun die Empfaͤngniß geſchehen war, maaſſen bekandt, daß die Frucht in Mutterleibe in Haͤuten als wie in einem Eye eingewickelt iſt, auch er ſelbſt niemahls in den erſten Monathen nach der Em - pfaͤngnis die Frucht anders als wie ein Eye gefunden(a)Exercitat. 69. p. m. 296. conf. p. 303. 304. Nun trifft man in den Ey - er-Stoͤcken (ovariis), die zu beyden Seiten der Mutter ſind, eben ſolche Eyerlein, ob zwar etwas kleiner an. Derowegen war gleich die Vermuthung, daß ſie daraus in den Leib kommen muͤſſen. Damit mannun715der Menſchen und Thiere ꝛc. nun deſſen deſto mehr verſichert waͤre, hat Nucke folgenden Verſuch angeſtellet. Er ſchnitt einen Hund, nach dem er gelauffen hatte, von der lincken Seite auf und nahm den daſelbſt liegenden Theil von der Ge - baͤhr-Mutter heraus. Weil er nun merck - te, daß im Eyer-Stocke zwey Eyer groͤſ - ſer ausſahen als die uͤbrigen, band er zwi - ſchen dem Eyer-Stocke und der Mutter - Scheide die Gebaͤhr-Mutter und heilete innerhalb 8 Tagen die Wunde wieder zu. Als er nach 20 Tagen den Hund eroͤffnete, fand er in dem verbundenen Theile zwey junge: hingegen in dem andern Theile ge - gen die Scheide war keines anzutreffen. Es war demnach hieraus klar, daß das Ey - erlein durch den maͤnnlichen Saamen an - faͤngt zu wachſen und aus dem Eyer-Sto - cke in die Mutter gebracht wird. So bald es nun da hinein kommet und hinten an - waͤchſt; ſo iſt auch die Empfaͤngniß geſche - hen.
Man findet keinen Weg, da -Wie das Eyerlein an die Mutter kommet. durch der Saame zu dem Eyer-Stocke und aus dieſem das Eyerlein in die Mutter kom - men kan, als die Mutter-Trompeten (tu - bas Fallopianas), die zu beyden Seiten der Mutter uͤber den Eyer-Stoͤcken liegen. Da man nun bey ſchwangeren Weibern, wel - che verſtorben, Kinder in der Mutter-Trom - pete gefunden, woſelbſt das Eyerlein ange -wach -716Cap. XVI. Von Erzeugungwachſen und die Frucht ſich zunaͤhren ange - fangen und zugenommen, dergleichen Exem - pel Littre aus ſeiner Erfahrung anfuͤhret(b)Memoir. de l’ Acad. Roy. des Scienc. A. 1702. p. m. 280., welcher zugleich erinnert, daß er in den Eyer-Stoͤcken dieſes Weibes ſoviel Nar - ben angetroffen, als ſie Kinder gehabt. Sonſt hat auch der beruͤhmte Wittenber - giſche Medicus Herr Berger(c)de Natura humana lib. 2. p. 456. 457 von bey - dem eben dergleichen Obſervationen ange - fuͤhret. Hierzu kommet ſo gar noch die - ſes, daß nicht allein Littre(d)loc. cit. p. m. 330. ſondern auch nebſt ihm noch andere Kinder in den Eyer-Stoͤcken gefunden, weil ſich das Ey - erlein davon nicht loßgeriſſen. Abſonder - lich hat auch der beruͤhmte Anatomicus in Holland Ruyſch einesmahls, da er in der Mutter ein Eyerlein angetroffen, in dem lincken Eyer-Stocke eine Eroͤffnung ge - funden, dadurch eine groſſe Erbeis gehen konnte. Zu dem hat Regnerus de Graaf und nach ihm Ruyſch in den Eyer-Stoͤ - cken, ehe die Empfaͤngnis geſchehen, doch nach vollendetem Beyſchlaffe, ein Eyerlein angetroffen, welches nicht bloß groͤſſer als die andern, ſondern auch mit kleinen Blut - gefaͤſſen uͤber und uͤber uͤberzogen geweſen,der -717der Menſchen und Thiere. ꝛc. dergleichen Exempel auch Herr Prof. Goͤ - licke zu Franckfurt an der Oder aus ſeiner Erfahrung anfuͤhret(e)in Exercit. Francof. Exerc. 1. §. 16. p. 29.. Es haben aber auch die beyden erſteren gefunden, daß in den Eyer-Stoͤcken ſo viel Narben geweſen, als eine Frau Kinder gehabt. Wenn man dieſes alles erweget, was bisher aus vielfaͤl - tigen Obſervationen angefuͤhret worden; ſo kommet endlich folgendes heraus. Der Saame wird durch die milde Waͤrme in der Mutter in einen ſubtilen Hauch auf - geloͤſet und dringet in die Mutter-Trompe - te, die ihre vielfaͤltige Blaͤtter an den Eyer - Stock leget und ein Eyerlein zuergreiffen ſich ſchicket. Der Hauch von dem Saa - men dringet in das Eyerlein, welches an der Eroͤffnung der Trompete lieget, und wird dadurch in ihm eine innere Bewegung er - reget, wovon es anfaͤngt zu wachſen. Je groͤſſer es wird, je mehr dehnet es die Haut des Eyer-Stockes aus, biß ſie endlich gar zerſpringet und ein Theil davon in die Trompete gehet. Wenn es nun nach und nach immer groͤſſer wird, ſo ſcheelet es ſich endlich von dem Eyer-Stocke gantz ab und dringet in die Trompete hinein. Je mehr es waͤchſet, je mehr dehnet es die Trompete aus und zwar gegen die Mutterzu718Cap. XVI. Von Erzeugungzu etwas mehr als vornen, wo es hinein kommen war, weil es ſonſt nicht durch den bloſſen Wachsthum koͤnnte fortgeruͤcket und bis in die Mutter gebracht werden.
Und alſo faͤllet die Meinung der Alten weg, die von den Medicis bis zu Harvæi Zeiten vertheidiget worden, daß die Frucht durch Vermiſchung des maͤnn - lichen u. weiblichen Saamē in der Mutter entſtuͤnde, u. aus dieſer unfoͤrmigen Materie darinnen gebildet wuͤrde. Unerachtet nun aber gewiß iſt, daß die Frucht aus dem durch den maͤnnlichen Saamen fruchtbahr ge - machtem Eyerlein entſpringet, gleichwie wir auch bey den Huͤhnern finden, daß die Ey - er, welche eine Henne leget, nicht eher fruchtbahr ſind, als biß ſie der Hahn getre - ten: ſo iſt doch die Frage, was denn eigent - lich in dem Eyerlein anzutreffen, daraus ei - ne Frucht werden kan. Aus einer bloſſen unfoͤrmigen Materie, die in dem Eye vor - handen, kan unmoͤglich die Frucht gebildet werden. Wir koͤnnen es am deutlichſten bey den Voͤgeln ſehen, die durch bloſſe Waͤr - me ihre Eyer ausbruͤtten. Denn daß die Voͤgel im ausbruͤtten weiter nichts thun, als daß ſie das Eye warm erhalten, bezei - get augenſcheinlich der Verſuch, den man zuerſt in Engelland angeſtellet, nach dieſem ein gelehrter Medicus in Leipzig D. Lan - ge wie derhohlet, da man nemlich ein Huͤ -ner -719der Menſchen und Thiere. ꝛc. ner-Eye uͤber einer Lampe ausgebruͤttet. Die Lampe giebet ihm nichts mehr als Waͤr - me. Derowegen weil ſie die Stelle der Henne vertreten kan; ſo kan auch dieſe nichts weiter dabey thun, als daß ſie es erwaͤrmet. Bloſſe Waͤrme kan aus einer unfoͤrmigen Materie keinen Coͤrper her - vorbringen, der aus ſoviel Gliedmaſſen zu - ſammengeſetzet iſt. Denn die Waͤrme bringet bloß eine unordentliche Bewegung unter einander vor. Derowegen muß etwas aus Gliedmaſſen zuſammengeſetztes ſchon im kleinen vorhanden ſeyn, das bloß von der im Eye vorhandenen Nahrung erwachſen darf, und da ein Eye nicht frucht - bahr iſt, es habe denn der Hahn die Henne getreten, muß daſſelbe durch den maͤnnli - chen Saamen hinein gebracht werden. Da nun darinnen eine groſſe Menge Thierlein vorhanden ſind (§. 99. T. III. Exper.); ſo findet man etwas dergleichen in ihm, was man dazu noͤthig hat, daß ein Eyerlein fruchtbahr wird. Malpighius(a)de ovo incubato. , der die ungebruͤtteten Eyer mit Fleiß betrachtet, ſowohl die fruchtbahren als die unfruchtbahren, hat zwiſchen beyden eben dieſen Unterſcheid gefunden, daß er in je - nen mitten darinnen wie ein aſchenfarbiges Saͤcklein geſehen, darinnen er eine kleineFrucht720Cap. XVI. Von der ErzeugungFrucht erblicket, in dieſen aber ſo etwas nicht angetroffen. Er hat auch die Frucht im kleinen abgemahlet, wie ſie zuerſt zum Vorſcheine kommet, und dieſe kommet uͤ - berein mit der Figur der Saamen-Thier - lein, wie ſie Leeuvvenhoek abgebildet.
Da in einem einigen Saamen - Troͤpflein ſo eine groſſe Menge der Saa - men-Thierlein vorhanden (§. 99. T. III. Exper.) und gleichwohl auch aus einem fruchtbahren Beyſchlaffe bey den Menſchen und groſſen Thieren, gemeiniglich nur ei - ne Frucht erzeuget wird; ſo pfleget es viele zubefremden, warum ſie in ſo groſſer Menge in dem Saamen ſollten anzutreffen ſeyn, da nur ein einiges zu einem fruchtbahren Bey - ſchlaffe genung waͤre. Und dieſes gewin - net um ſo vielmehr Schein, weil ſonſt in der Natur nichts fuͤr die lange Weile ge - ſchiehet. Es hat ſchon Hugenius(a)in Dioptrica prop. 59. p. 228. Oper. poſth. er - innert, daß die meiſten Pflantzen und Baͤu - me gleichfalls eine unzehlige Menge Saa - men haben, davon oͤffters in vielen Jahren kaum ein einiges Koͤrnlein zum Wachs - thume gedeyet. Allein damit man beſſer ſehen kan, warum man von den Pflantzen auf die Thiere ſicher ſchluͤſſen kan, ſo finde ich noch noͤthig folgendes hinzuzuſetzen. Eshat721der Menſchen und Thiere. ꝛc. hat Herr von Carlowitz(b)in der Anweiſung zur wilden Baumzucht part. 1. c. 10. §. 7. f. 140. & c. 139 §. 2. f. 189. gewieſen, daß der Anfang des Saamens in den Waͤl - dern ſehr ſchweer iſt, und demnach haben wir eine Urſache, warumb er in ſo groſſer Menge erzeuget werden muß, weil ſonſt, da viele tauſende, ja Million Koͤrnlein verder - ben, ehe eines in guten Boden kommet, wo es keimen und auswachſen kan, faſt nicht moͤglich waͤre, daß die Baͤume vor ſich fort - kommen und ihr Geſchlechte fortpflantzen koͤnnten. Das Saamen-Thierlein hat einen weiten und unwegſamen Weg, ehe es aus der Mutter durch die Trompete zu dem Eyer-Stocke kommen kan (§. 444.) und wuͤrde gleichfals faſt nicht moͤglich ſeyn, daß eines bis in den Eyer-Stock kaͤme, wofer - ne nicht ſo eine groſſe Menge auf ein mahl in der Mutter vorhanden waͤre. Auf ſolche Weiſe erhellet, daß die groſſe Menge der Saamen-Thierlein nicht fuͤr die lange Wei - le und folgends der gemachte Einwurff un - gegruͤndet ſey.
Die Saamen-Thierlein habenWie die Bildung der Frucht in Mutter - Leibe ge - ſchiehet. nicht die Geſtalt der Frucht (§. 99. T. III. Exper.) und kommet demnach die Frucht durch eine Verwandlung heraus, wie et - wan aus den Raupen die Molcken-Diebe. (Phyſick) Z zSchwam -722Cap. XVI. Von der ErzeugungSchwammerdam(a)Hiſtoire generale des Inſectes. , der die Verwand - lung der Raupen auf das ſorgfaͤltigſte un - terſucht, hat gefunden, daß in der Ver - wandlung, wo der alte Balg weggehet, die Glieder hervor wachſen wie die Blaͤtter und Blumen in einer Pflantzen. Und dieſes ſtimmet uͤber die maaſſen wohl damit uͤber - ein, was Malpighius bey den Huͤnern obſerviret, als er von Tage zu Tage die gantze Bruͤttzeit uͤber die Eyer unter der Henne eroͤffnet(b)de formatione pulli in ovo Oper. T. 2.. Denn er hat gefun - den, daß ein Theil nach dem andern, aber ſehr geſchwinde, zum Vorſcheine kommen, daß man gar eigentlich abnehmen koͤnnen, wie es nicht erſt von neuem gebildet worden, ſondern nach und nach immer groͤſſer ge - wachſen, bis es die rechte Proportion zu den bereits vorhandenen Theilen erhalten. Es ſind demnach alle Theile des Leibes in dem Saamen-Thierlein im kleinen verbor - gen, denn ſonſt koͤnnten ſie nicht heraus wachſen: aber nicht in ſolcher Proportion gegen einander, wie ſie nach dieſem im groſ - ſen vorhanden, denn dieſelbe erreichen ſie im groſſen erſt nach und nach, wie es der Au - genſchein ausweiſet.
Wenn das Eyerlein in die Mut -ter723der Menſchen und Thiere. ꝛc. ter gebracht wird, waͤchſet es daſelbſt nichtgenehret wird. gleich an, ſondern lieget nur ſo darinnen. Weil es doch aber gleichwohl groͤſſer wird und alſo Nahrung haben muß; hingegen keine andere Nahrung haben kan, als das waͤßerige, was aus der Mutter in die Hoͤh - le derſelben fleuͤßt: ſo muß es dieſe waͤßeri - ge Materie durch die Schweis-Loͤcher ſei - nes Haͤutleins an ſich ziehen. Und iſt dem - nach dieſes die erſte Nahrung der Frucht, die es in Mutterleibe findet. Wenn ſie nach dieſem vermittelſt des Leber-Kuchens (placentæ uterinæ) an die Mutter an - waͤchſt; ſo gehet das Gebluͤtte aus der Mut - ter durch die Nabel-Schnur in das Kind und aus dem Kinde wieder in die Mutter. Und iſt in ſolchem Falle das Kind als wie ein Theil von der Mutter anzuſehen. Es haben die meiſten daher geſchloſſen, daß die Frucht durch die Nabel-Schnure von dem Gebluͤtte der Mutter ſeine Nahrung habe, weil wir wiſſen, daß auch unſer Leib dadurch genaͤhret wird (§. 420). Allein da nicht allein die Frucht zunimmet, ehe die Blut - Gefaͤſſe der Nabel-Schnure in dem Stan - de ſind, daß ſie Blut zufuͤhren koͤnnen, man auch bey den Voͤgeln ſiehet, daß ſie ohne das Gebluͤtte der Muͤtter wachſen und zuneh - men, ja ſchon Hippocrates angemercket, daß die Kinder, wenn ſie zur Welt kom - men, Koth in den Gedaͤrmen haben, wel -Z z 2ches724Cap. XVI. Von der Erzeugungches eine gewiſſe Anzeigung iſt, daß ſie et - was verdauet) und man in denen jenigen, die todt zur Welt gebohren worden, von dem klebrigen Saffte (liquore amnii) et - was im Magen findet, darinnen die Frucht ſchwimmet; ſo iſt die Meinung derer, aller - dings nicht ungegruͤndet, welche behaupten, daß dieſer kleberige Safft zugleich die Nah - rung derſelben ſey, welcher freylich von dem Gebluͤtte der Mutter herſtammet.
Weil das Gebluͤtte ſich aus der Mutter in die Frucht und aus der Frucht in die Mutter beweget (§. 477); ſo muß das Blut des Kindes in ſeiner Bewegung eben ſolchen Veraͤnderungen unterworffen ſeyn, die das Blut der Mutter leidet. Weil nun dieſes durch ihre Sinnen und Einbildungs - Krafft in allerhand auſſerordentliche Be - wegungen geſetzt werden kan (§. 444. Met.); ſo muß auch zu gleich das Gebluͤte des Kin - des darein gerathen. Jn der Frucht iſt, ſonderlich im Anfange, noch alles ſehr weich und kan daher durch eine ſtarcke Bewegung des Gebluͤtes leicht eine Verruͤckung oder auch wohl gar eine Verletzung einiger Thei - le erfolgen. Und aus dieſem Grunde laͤſſet ſich erklaͤren, was man von den Wuͤrckun - gen der Einbildungs-Krafft der Mutter hin und wieder antrifft. Malehranche(a)Traite de la Recherche de la verite lib. 2. c. 7. art. 3. p. m. 15. er -zeh -725der Thiere und des Menſchen. zehlet hiervon ein gar merckwuͤrdiges E - xempel. Eine ſchwangere Frau ſahe einen Moͤrder raͤdern, und als ſie das Kind zur Welt gebahr, war es an Haͤnden und Fuͤſ - ſen gleichfals geraͤdert. Und dieſes Ubel war unheilbahr, in dem der arme Menſch die gantzer zwantzig Jahr uͤber, die er gele - bet, in dem elenden Zuſtand verblieben. Er hat auch ſchon ſelbſt dieſe ſonderbahre Be - gebenheit aus eben dergleichen Gruͤnden er - klaͤret, die ich angewieſen. Weil das Ge - bluͤte der Mutter ſich in das Kind beweget; ſo leidet daſſelbe in ſeinem Leibe eben ſolche Veraͤnderungen als wie die Mutter. Nun iſt bekandt, daß, wenn eine Perſon, die mittleidig iſt, einen raͤdern ſiehet, dieſelbe es ſelbſt in ihrem Arme fuͤhlet, wenn der Hencker mit dem Rade zuſchlaͤgt, und zwar an dem Orte, wo der arme Suͤnder geſchla - gen wird. Weil der Schmertz durch eine Trennung des ſtetigen in unſerem Leibe entſtehet (§. 421. Met.); ſo kan es nicht wohl anders ſeyn, als daß z. E. die Faſern der Maͤusleinen an dem Orte, wo man eini - gen Vorſchmack eines Schmertzens hat, auſſerordentlich geſpannet werden: denn was zerſpringen ſoll, muß vorher ſtarck ge - ſpannet werden. Jn einem erwachſenen Menſchen koͤnnen die Knochen eine ſolche Spannung der Maͤusleinen ausſtehen, oh -Z z 3ne726Cap. XVI. Von Erzeugungne daß ſie dadurch zerbrochen werden. Al - lein da in der noch gar zarten Frucht in Mutter-Leibe die Knochen nur wie Gallert - Faden anzuſehen ſind; ſo laſſen ſie ſich gar leicht zerreiſſen. Und iſt demnach moͤglich, daß durch die Alteration der Mutter, die ich erſt umſtaͤndlicher erklaͤret habe, das Kind in Mutter-Leibe geraͤdert wird. Ma - lebranche macht zwar die Erklaͤrung etwas anders: allein es kommet in dem Haupt - Grunde dieſelbe mit meiner uͤberein und ha - be ich ſie nur nach meiner Art begreiflicher zu machen geſucht. Sonſt ſiehet man hieraus, daß der Zuſtand der Mutter in ih - rer Schwangerſchafft einen groſſen Einfluß in das Kind hat, und demnach viel erſpries - liches fuͤr das Kind in Mutter-Leibe ſich hieraus leiten lieſſe, wenn man darauf ge - naueracht haben wolte.
Wenn zwey Saamen-Thier - lein in ein einiges Eyerlein gebracht werden (§. 444); ſo kan dadurch eine zweyleibige Frucht, oder wenigſtens eine Frucht zur Welt gebracht werden, die an einigen Glied - maſſen einen Uberfluß hat, als z. E. zwey Koͤpffe, vier Armen, und ſo weiter. Es gehet auch an, daß unter den Saamen - Thierlein einige vorhanden, die was auſſer - ordentliches an ſich haben, und daraus nachdie -727der Menſchen und Thiere. ꝛc. dieſem in der Verwandlung in Mutter-Lei - be (§. 446) eine Frucht erwaͤchſet, die was auſſerordentliches an ſich hat. Und unter dieſe Claſſe wird man wohl mehrentheils die jenigen Thiere und Menſchen rechnen muͤſſen, die innerhalb dem Leibe einige Thei - le zu viel haben. Da auſſerordentliche Be - wegungen des Gebluͤttes in der zarten Frucht, indem ſie in Mutterleibe gebildet wird, die Theile verruͤcken und zerreiſſen koͤnnen (§. 448); ſo koͤnnen auch daher Thiere und Menſchen kommen, da entwe - der einige Gliedmaſſen fehlen, oder wenig - ſten eine unrechte Stellung gegen andere haben. Alle dergleiche Geburten, die von der ordentlichen Geſtalt abweichen, pfleget man Misgeburten zu nennen. Und es wird nicht ſchweer fallen, alle vorkommen - de Arten der Misgeburten aus dieſen Gruͤn - den zu erklaͤren, wenn nur nicht Einfalt und Aberglauben was dazu erdichtet. Ja woferne man genau darauf acht hat und nur dabey in meinen methaphyſiſchen Lehren von der Seele, inſonderheit ihrer Einbil - dungs-Krafft (§. 236. & ſeqq. Met.), geuͤ - bet iſt; ſo wird man auch die Einfalt und den Aberglauben daraus zeigen koͤnnen, wo er anzutreffen. Nur muß man behutſam verfahren, daß man nicht gleich dahin rech - net, was man nicht zu erklaͤren weiß. Z z 4Weil728Cap. XVI. Von ErzeugungWeil ein Weltweiſer nichts fuͤr die lange Weile bekraͤfftigen ſoll; ſo muß er auch nichts fuͤr erdichtet ausgeben, als wenn er erweiſen kan, daß es erdichtet iſt: wozu meine Metaphyſiſchen Gruͤnde, darauf ich mich erſt beruffen habe, dienlich ſind.
Wenn zwey Eyerlein entweder in einem, oder in beyden Eyerſtoͤcken frucht - bahr werden (§. 444) und entweder beyde durch eine, oder eines durch die rechte, das andere durch die lincke Trompete in die Mutter gebracht werden (§. 443); ſo wer - den Zwillinge erzeuget. Und auf eben ei - ne ſolche Weiſe laͤſſet es ſich begreiffen, daß mehr als zwey Kinder auf einmahl erzeuget werden. Da in einem jeden, auch dem aller kleineſten Troͤpflein Saamen, eine un - ſaͤgliche Menge Saamen-Thierlein vor - handen ſind (§. 99. T. III. Exper.); ſo koͤnnen auch durch einen einigen Beyſchlaff, da der Saame in die Mutter koͤmmet (§. 440.), viel Kinder zugleich erzeuget wer - den. Unterdeſſen iſt es auch nicht unmoͤg - lich, daß ein jedes Eyerlein durch einen be - ſonderen Beyſchlaff fruchtbahr gemacht wird.
Das Saamen-Thierlein iſt ein le - bendiges Weſen (§. 99. T. III. Exper.) undda729der Menſchen und Thiere. ꝛc. da es in Mutter-Leibe in der Verwandlunganfaͤnget zu leben. fortwaͤchſt und genaͤhret wird, kan man es auch in dem Zuſtande nicht fuͤr etwas todtes halten. Wir ſehen es auch in der Ver - wandlung, welche die Natur bey Raupen und Seiden-Wuͤrmern zeiget. Da lieget das Thierlein, welches verwandelt wird, ohne eine merckliche Regung da, als wenn es todt waͤre. Unterdeſſen kan man es doch nicht eigentlich fuͤr ein todtes Weſen halten. Denn wenn eine Raupe oder Seiden - Wurm, oder auch ein anderes Thierlein, was eine Verwandlung leidet, ſich zu der Verwandlung zugeruͤſtet, und verſtirbet in dieſem Zuſtande; ſo gehet die Verwand - lung nicht vor ſich, ſondern der Leib ver - weſet, es mag ein Anfang davon geſchehen ſeyn, oder nicht. Und demnach iſt der Zuſtand der Verwandlung ein mittlerer Zuſtand zwiſchen Tod und Leben, der des wegen keinen Nahmen erhalten, weil man ihn zur Zeit nicht genau erwogen. Daß er aber von beyden unterſchieden, habe ich zur Gnuͤge gezeiget. So bald nun der alte Balg herunter iſt und die Frucht ihre wahre Geſtalt erhalten hat, und nun ihre neue Gliedmaſſen anfaͤngt zu regen; ſo pfle - get man zu ſagen, daß ſie nun anfange zu leben, weil man das Leben eines Coͤrpers durch die darinnen ſich ereignende Bewe -Z z 5gun -730Cap. XVI. Von der Erzeugunggungen zu beurtheilen pfleget. Und daher urtheilet auch eine Mutter, daß die Frucht in ihrem Leibe lebe, ſo bald ſie verſpuͤret, daß ſie ſich beweget: welches bey den Men - ſchen im Anfange des ſechſten Monathes zu geſchehen pfleget.
Wenn die Frucht vollkommen iſt (welches bey den Menſchen nach Ver - lauff 9. Monathe von dem Tage der Em - pfaͤngnis ordentlicher Weiſe zu geſchehen pfleget) wird ſie endlich zur Welt gebohren. Die Urſache der Geburt iſt wohl keine ande - re, als weil ſich das Kind durch ſeine eigene Laſt und erlangte Staͤrcke der Gliedmaſſen wendet, indem es nicht mehr in ſeiner krum - men poſitur, die es Anfangs hat, beqvem liegen kan. Weil es nun mit ſeinem ſchwee - ren Kopffe gegen den Mutter-Mund zu - druckt, ſo wird dadurch ein Schmertz in den Lenden erreget; welchen man Wehen zu nennen pfleget. Es ziehet ſich aber auch die Gebaͤhrmutter alsdenn zuſammen u. hielfft die Frucht durchdrucken; welchen Druck zugleich die Mutter durch ſtarcke Anzie - hung des Athems befoͤrdert, weil dadurch das Zwerg-Fell mit den Gedaͤrmen nieder - geſtoſſen wird. Durch die Bewegung des Kindes platzen die Haͤute, darinnen es lie - get und ſpringet der klebrige Safft oder dasWaſ -731der Menſchen und Thiere ꝛc. Waſſer (Liquor amnii). Da die Mut - ter-Scheide (vagina Uteri) inwendig ſehr tuntzlich iſt; ſo laͤſſet ſie ſich auch ſtarck aus - dehnen, daß die Frucht durch einen ſo engen Gang dennoch ihren Ausgang findet: wel - ches man kaum glauben ſollte, wenn die Sache nicht aus der taͤglichen Erfahrung bekandt waͤre. Die Frucht haͤnget an der Nabel-Schnure, und wird davon abgeloͤ - ſet. Und kommet nach ihr die Nachge - burth (ſecundinæ), welche aus dem Le - ber-Kuchen (placenta uteri) und den Haͤutleinen, dem aͤuſſeren (Chorio) und in - neren (amnio), beſtehet, darinnen die Frucht in Mutter-Leibe als in einer Blaſe lag. Von der inneren Haut bleibet unter - weilen den Kindern etwas auf dem Haupte kleben und alsdenn nennet man es das Haͤublein (Galeam).
Jn Mutter-Leibe lieget die FruchtOb das Kind in Mutter Leibe A - them hohlet und wie ſich in ihm das Gebluͤtte beweget. in den Haͤuten und in dem darinnen enthal - tenem Waſſer (§. 452). Derowegen iſt nicht moͤglich, daß es Athem hohlen kan, als wozu Lufft erfordert wird (§. 430). Und deswegen findet man, daß die Lungen, ehe die Frucht Athem gehohlet, ſo dichte ſind, daß ſie im Waſſer unterſincken, da ſie hin - gegen ſchwimmen, wenn ſie einmahl Athem gehohlet, und die Lufft hinein gedrungenund732der Menſchen und Thiere ꝛc. ſchon ihrer wahrer Geſtalt nach im kleinen gebildet in dem Eyerlein anzutreffen: wel - che Meinung auch noch die meiſten Medici und Phyſici hegen. Daher gab es keine Schwierigkeit anzunehmen, daß die ſo ge - nannte kleine Abbildungen der Frucht (rudimenta fœtus) von Anbeginn der Welt vorhanden geweſen, und zwar in eben der Geſtalt, wie ſie in dem Eyerlein des Weibleins anzutreffen. Und wenn man gefragt, wie ſie da hinein kommen; ſo theilen ſich die Naturkuͤndiger wie bey den Pflantzen (§. 407) in zwey Claſſen und ei - nige ſetzen mit Malebranche, ſie waͤren al - le in dem erſten Thiere von jeder Art wuͤrck - lich vorhanden geweſen; die andern hinge - gen behaupten mit Honorato Fabry, Per - rault und Sturmen, daß ſie in der Lufft, dem Waſſer und der Erde vorhanden und mit Speiſe und Tranck in den Leib kommen. Wir wiſſen, daß die Abbildung der Frucht durch den Saamen des Maͤnnleins in das Eyerlein gebracht wird (§. 444.), dieſe aber wird von dem Gebluͤtte abgeſondert und das Gebluͤtte kommet von Speiſe und Tranck (§. 414.). Und demnach erhaͤlt die Sturmiſche Meinung dadurch nicht we - nig Wahrſcheinlichkeit. Allein nur iſt noch eine groſſe Schwierigkeit, die nicht leicht zu heben: Denn entweder es muͤſſenin732Cap. XVI. Von Erzeugungund ſie erfuͤllet (§. 430). Es iſt aber inſon - derheit merckwuͤrdig, daß das Blut nicht in die Lunge gehet, ſo lange das Kind nicht Athem hohlet, ſondern ſo gleich aus der rechten Hertz-Kammer durch die Lungen - Puls Ader in die groſſe Puls-Ader getrie - ben wird, der uͤbrige Theil aber, der in die rechte Hertz-Kammer nicht kommen kan, durch ein rundtes Loch (f[o]ramen ovale) aus der groſſen Hohl-Ader gleich in die Lungen - Blut-Ader gehet und aus der lincken Hertz - Kammer in die groſſe Puls-Ader fortgetrie - ben wird(a)Bergerus de natura humana lib. 2. c. 2. p. 484.. So bald aber das Kind zur Welt gebohren und Athem hohlet, beweget ſich das Gebluͤtte alles aus der rechten Hertz - Kammer in die Lunge und von dar in die lincke (§. 415.), und die alten Gaͤnge ver - fallen und wachſen zu. Die Sache kan durch nichts anders erwieſen werden, als daß man es ſo und nicht anders in der Ana - tomie gefunden, wenn man Kinder, die ent - weder todt gebohren, oder aus verſtorbenen ſchwangern Weibern geſchnitten worden, ſeciret.
Ehe die Saamen-Thierlein be - kandt waren, glaubte man die Frucht ſeyſchon734Cap. XVI. Von Erzeugungin jedes Geſchlechte der Thiere nur Abbil - dungen von ihrer Frucht kommen, oder dieſe muͤſſen ſo beſchaffen ſeyn, daß aus einerley Arten der Abbildungen alle unter - ſchiedene Arten der Thiere ſich erzeugen laſſen. Das letztere ſcheinet etwas harte zu ſeyn, zu mahl da die Natur ſo ſehr den Unterſcheid liebet (§. 586. Met.): unterdeſ - ſen laͤſſet ſich doch auch noch nicht die Un - moͤglichkeit zeigen, da wir zwiſchen allen Thieren eine groſſe Aehnlichkeit in der Structur ihrer Leiber finden. Wenn auch gleich allerhand Arten der Abbildungen mit der Speiſe genoſſen wuͤrden, auch ſo gar ins Gebluͤtte giengen; ſo laͤſſet ſichs gleichfals noch nicht erweiſen, daß mit dem maͤnnlichen Saamen ſich bloß die ge - hoͤrigen abſondern, als wie wir uͤberhaupt finden (§. 419.), daß ſich an jedem Orte des Leibes bloß die gehoͤrige und keine an - dere Materie von dem Gebluͤtte abſondert, unerachtet andere vorhanden, die ſich ſo wohl als jene abſondern laͤſſet. Die Mei - nung des Malebranche macht der Einbil - dungs Krafft mehr zu ſchaffen als der Ver - nunfft. Nach dieſer haͤlt das Saamen - Thierlein, daraus ein Thier erzeuget wird, zugleich in ſich Saamen-Thier - lein, daraus kuͤnfftig diejenigen ſollen er - zeuget werden, die von ihm herſtammenwer -735der Menſchen und Thiere ꝛc. werden: aber freylich immer in einer klei - neren Geſtalt, je tieffer man herunter ſtei - get. Hier iſt unzehlich vieles in einander geſtecket, welches nicht anders als durch unzehliche Grade der Auswicklung zum Vorſcheine kommen kan. Welche nun von dieſen Meinungen der Wahrheit am aͤhnlichſten iſt, laͤſſet ſich zur Zeit noch nicht wohl beſtimmen und, damit wir uns nicht uͤbereilen, wollen wir es zu weiterer Unterſuchung ausgeſetzt laſſen.
Wir nennen eigentlich das Le -Worin - nen das Leben des Men - ſchen und der Thie - re beſte - het. ben eines Thieres und des Menſchen den jenigen Zuſtand des Leibes, darinnen der - ſelbe zu Bewegung ſeiner Gliedmaſſen auf - gelegt iſt. Derowegen ſagen wir, daß er noch lebe, ſo lange wir nur ſpuͤren, daß er noch Athem hohlet, oder der Puls ſchlaͤ - get, als welches beydes ohne Bewegung gewiſſer Gliedmaſſen des Leibes nicht ge - ſchehen kan (§. 416.). Nun finden wir in der Erfahrung, daß dieſer Zuſtand ſo lan - ge dauret, als ſich das Hertze beweget, und den Umlauff des Gebluͤttes unterhaͤlt. Und demnach ſiehet man, daß das Leben des Menſchen und der Thiere dem Um - lauffe des Gebluͤtes zuzuſchreiben.
§. 456.736Cap. XVI. Vom Tode.Derowegen wenn der Umlauff des Gebluͤtes gantz aufhoͤret, ſo ſterben Menſchen und Thiere, und erfolget dem - nach der Tod, das iſt, derjenige Zu - ſtand des Leibes, da derſelbe nicht mehr zur Bewegung ſeiner Gliedmaſſen aufge - legt iſt, durch den voͤllig geſtoͤhreten Um - lauff des Gebluͤtes. Und daher ſehen wir auch, daß Menſchen und Thiere ſter - ben muͤſſen, wenn eines von denen Glied - maſſen verletzet wird, ohne welches der Umlauff des Gebluͤttes nicht beſtehen kan, als wenn man einen durch das Hertz ſticht, welches das Gebluͤtte durch den gantzen Leib herum trei - bet (§. 415).
ENDE.
Ende des Regiſters.
ENDE.
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Fraktur
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