PRIMS Full-text transcription (HTML)
Eines zehen-jaͤhrigen Knabens Chriſtlieb Leberecht von Exter / aus Zerbſt / Chriſtlich gefuͤhrter Lebens-Lauff /
Nebſt deſſen angefangenen Tractaͤtlein vom Wahren Chriſtenthum / ingleichen ſeine Briefe und Lieder / &c.
Zum Lobe Gottes / und allgemeiner / ſonderlich aber der lieben Jugend Chriſtl. Erbauung zum oͤffentlichen Druck gegeben / und Sr. Hoch-Fuͤrſtl. Durchl. Herrn Anton Guͤnthern / Fuͤrſten zu Anhalt ꝛc. ꝛc. unterthaͤnigſt dediciret
Halle/zu finden im Buchladen des Waͤyſenhauſes.1708.

Ordnung der hierinnen enthaltenen Materien.

Nach der Dedication / worinnen die dem Chriſtlichen Leſer etwa noͤthige Nachricht und Erinnerungen anzutreffen ſind / folget

  • 1. Des ſel. Chriſtlieb Leberecht von Exter gefuͤhrter Lebens-Lauff / von ſeinem geweſenen Informatore aufgeſetzet. pag. 1. bis 46.
  • 2. Sr. Hoch-Fuͤrſtl. Durchl. Herrn An - ton Guͤnther Fuͤrſten zu Anhalt ertheiltes Zeugniß vom dieſem ſel. Kinde und deſſen Schrifften. p. 47-52.
  • 3. Des ſel. Kindes angefangenes und bis aufs zwoͤlffte Capitel verfertigtes Tractaͤtlein vom Wahren Chri - ſtenthum. p. 53. bis 134.
  • 4. Deſſelben Briefe an unterſchiedene Perſonen geſchrieben / wie ſie nach dem Dato auf einander folgen. p. 135. bis 155.
  • 5. Deſſen geiſtliche Lieder. p. 156. bis 169.
  • 6. Etliche ſeiner Gebethe. p. 170. bis 174.
  • 7. Seine Meditation uͤber den V. Pſ. pag. 175. bis zu Ende.

Dem Durchlauchtigſten Fuͤr - ſten und Herrn / HERRN Anton Guͤn - thern / Fuͤrſten zu Anhalt / und Hertzogen zu Sach - ſen / ꝛc. ꝛc. Meinem Gnaͤdigſten Fuͤr - ſten und HerrnWuͤn -Wuͤnſche von dem Himmliſchen Vater in Chriſto JESU allerley geiſtlichen Segen in him - liſchen Guͤtern / durch Chriſtum / und Preis / Ehre und Herrlichkeit / ſo Er allen denen verheiſſen hat / Welche die Herrlichkeit dieſer Welt durch den Glauben an Jhn verleugnen / Und Jhn mit wahrhafftigen und glaͤubigen Hertzen vor dieſer gegenwaͤrtigen argen Welt bekennen.

Durchlauchtig - ſter Fuͤrſt und Hertzog / Gnaͤdigſter Herr /

EWr. Hoch-Fuͤrſtl. Durchl. das gegen - waͤrtige Buͤchlein in aller Unterthaͤnigkeit zu dedi - ciren haͤtte ich ein und an -) (3dererDedicatio. derer Urſachen wegen Bedencken tragen koͤnnen. Denn erſtlich iſt es nicht eben gewoͤhnlich / dergleichen bey einer unter Haͤnden habenden fremden Arbeit zu thun. Hierinnen aber finden Ew. Durchl. nicht / was ich / ſondern was ein anderer geſchrieben / und zwar am meiſten das / was GOTT nach dem Reichthum ſeiner herrlichen Gnade ei - nem unmuͤndigen in Chriſto / und auch an Jahren noch zarten Kinde / verliehen und dargereichet hat. Jmmaſſen vorn an ſtehet der Lebens-Lauff des ſeli - gen Chriſtlieb Leberecht von Exter aus Zerbſt / den GOTT nach zuruͤck - gelegten ſeinem zehenden Jahr und drey Monaten in den Schooß der ewigen Freude hingenommen. Dieſen Le - bens-Lauff aber habe nicht ich / ſon - dern (wie deſſen Unterſchrifft zeiget) des liebſten Kindes geweſener treuer Infor - mator Wilhelm Eraſinus Arends / ietzo wohlverdienter Paſtor zu Crot -torffDedicatio. torff im Fuͤrſtenthum Halberſtadt / zu Papier gebracht; das uͤbrige / ſo in dieſem Buͤchlein befindlich iſt / ſind die erbaulichen Meditationes, ſo ietzt-er - waͤhntes gottſeliges Kind in den Stun - den / die andere ſeines Alters mit kin - diſchen Spielen zubringen / nach dem Maaß ſeiner aus GOTTES Wort erlangten Erkaͤntniß aufgeſchrieben und hinterlaſſen hat: Welchem auch noch eben deſſelben Chriſtliche Brieflein / Lieder und Gebethe beygefuͤget ſind. Ob ich nun wol um ietzt ange - zeigeter Urſache willen der Dedication mich hier enthalten moͤgen / ſo iſt mir dennoch hierzu eine Freyheit dadurch er - wachſen / daß diejenigen / welche das fuͤrnehmſte Recht zu dieſen Sachen ge - habt / fuͤr genehm gehalten / daß ſelbige von mir und unter meinem Namen her - aus kaͤmen. Da nun Ew. Hoch - Fuͤrſtl. Durchl. Jhnen dieſes auch gnaͤ - digſt gefallen laſſen / und ich Dero Wil -) (4lens -Dedicatio. lens-Meynung billig als einen hohen Befehl reſpectiret / ſo kan ich mich zur Gnuͤge verſichern / daß Dieſelben dieſe Dedication gnaͤdigſt aufnehmen wer - den.

Waͤre es ſonſt ohne dieſe ietzt ange - fuͤhrte beſondere Conſideration gewe - weſen / haͤtte mich hiervon noch vielmehr das geringe Anſehen / ſo dieſes Buͤchlein vor der Welt hat / zuruͤck halten koͤnnen. Denn es iſt der Lebens-Lauff nicht ei - nes Groſſen in der Welt / ſondern eines Kindes / und zwar eines ſolchen / wel - ches nicht wegen einiges weltlichen und aͤuſſerlichen Vorzuges / ſondern wegen ſeiner Gottſeligkeit geruͤhmet wird. So ſind es auch Meditationes nicht eines Mannes / der durch vieler Jahre Fleiß / Arbeit und Erfahrung endlich zu einer ſonderbaren Wiſſenſchafft gelanget / ſon - dern eines Kindes / welches Chriſtum lieb zu haben fuͤr viel beſſer gehalten /alsDedicatio. als alles Wiſſen / welches in ſeiner Ein - falt vom Wahren Chriſtenthum ſo ge - ſchrieben / wie es ihm ums Hertz geweſen / welches kuͤnſtlich Briefe zu ſchreiben nie gelernet / und nur / was es fuͤr noͤthig und nuͤtzlich erkañt / nach Gelegenheit in einem Brieflein verfaſſet; welches endlich Poë - ſin nie ſtudiret / aber dennoch / zur Er - munterung ſeines Hertzens / dann und wann ſeine ihm von GOtt verliehene gu - te Gedancken in ein Liedlein gebracht. Das ſind gewiß Dinge / die vor der Welt keinen groſſen Schein haben / und / weil ſie nur ein Kind betreffen und von einem Kinde herkommen / duͤrffte ſie die Welt nur fuͤr kindiſche / und folglich aller Verachtung wuͤrdige Dinge anſehen / die nicht werth waͤren / daß jemand die Muͤhe und Zeit drauf wendete / ſie zu le - ſen / geſchweige daß man ſie / als waͤrs was ſonderliches / einem Fuͤrſten dedi - ciren ſolte.

) (5EsDedicatio.

Es hat mich aber der Welt ihr gewoͤhn - liches Urtheil von dergleichen Dingen ſo wenig abſchreckē moͤgen / Ewr. Durchl. dieſelben in gegenwaͤrtiger Dedication unterthaͤnigſt zu uͤbergeben / als mich ſel - biges abgeſchrecket hat / die Edirung derſelben zu uͤbernehmen. Denn daß Ew. Durchl. gantz anders und beſſer / als die Welt / davon urtheilen / ſolches haben Dieſelben durch ein eigenhaͤndi - ges Poſtſcriptum zu bezeugen kein Be - dencken getragen / und / welches noch mehr iſt / daß daſſelbe P. S. gedrucket und dem Lebens-Lauffe des ſel. Kindes beygeſetzet wuͤrde / (wie hier auch geſchehen) gnaͤdigſt permittiret. Allermaſſen Dieſelben nicht aufs aͤuſſerliche / wie die Welt thut / ſondern auf die Gnade GOttes / deren Wirckungen ſich hierinnen klaͤrlich zei - gen / ihre Augen gerichtet / alſo daß Sie nicht ſo wohl das Kind / als die Gnade GOttes in demſelben mit Dero wohlge - gruͤndeten Zeugniſſe beehret haben.

UndDedicatio.

Und das iſt / Gnaͤdigſter Herr / recht Fuͤrſtlich und Preis-wuͤrdig / daß man ſich GOttes und ſeines Wercks gantz und gar nicht ſchaͤmet / ſondern daſſelbe vielmehr frey bekennet / preiſet und ruͤh - met / ob es ſich gleich in ſolchen Perſonen und in ſolchen Umſtaͤnden hervor thut / welche bey der Welt in keinem oder doch allzugeringen Anſehen ſind. Denn was thoͤricht iſt vor der Welt / das hat GOtt erwehlet / daß er die Wei - ſen zu ſchanden mache / und was ſchwach iſt vor der Welt / das hat GOtt erwehlet / daß er zu ſchanden mache was ſtarck iſt / und das unedele vor deꝛ Welt und das veꝛachtete hat GOtt erwehlet / und das da nichts iſt / daß er zu nichte mache / was et - was iſt / auf daß ſich vor ihm kein Fleiſch ruͤhme (1 Cor. 1, 27. 28. 29.) Alſo lehren Ew. Durchl. in der That / daß man nach der heylſamen Lehre JEſu Chriſti (Matth. 18, 1-4. ) muͤſſe um -) (6kehren /Dedicatio. kehren / und werden wie die Kinder / wo man nicht zum Himmelreich unge - ſchickt erfunden werden wolle. Es ha - ben Dieſelben vorhin gethan / was recht Fuͤrſtlich und Chriſtl. iſt / indem Sie den Vater dieſes ſel. Kindes / Dero getreuen Diener und Leib-Medicum, D. Johann Eberhard von Exter / da er fuͤr ſeine Perſon und mit ſeinem gantzen Hauſe GOtt mit beſſerem Ernſt angefangen zu dienen / als er zuvor gethan zu haben ſich nicht ſchaͤmet zu bekennen / um deß wil - len deſto mehr Jhro Fuͤrſtl. Gnade und Hulde gewuͤrdiget. Aber gewiß durch das gute Zeugniß / welches Ew. Durchl. von der Gnade GOttes / ſo in dem ſeli - gen Kinde gewohnet / jedermann hiemit vor Augen zu legen gnaͤdigſt verſtatten / beweiſen Dieſelben noch viel klaͤrlicher / daß der Sinn JEſu Chriſti wahrhafftig in Jhnen ſey / als durch welchen Sie nicht allein Licht und Finſterniß wohl von ein - ander zu unterſcheiden wiſſen / ſondernSichDedicatio. Sich auch von Hertzen uͤber die Gabe GOttes / wo ſie auch in unſcheinbare Gefaͤſſe geleget iſt / erfreuen / und dem Nechſten alle moͤgliche Anleitung zu ge - ben befliſſen ſind / daß auch er den groſ - ſen GOtt in ſeinen Wercken gebuͤhrlich preiſen / und deſſen Wercke zu ſeiner Erbauung und Beſſerung anwenden moͤge.

Wie denn ja hoffentlich mancher ſo weit nachdencken wird / es wuͤrde dieſes von Ewr. Durchl. nicht approbiret ſeyn / wenn es nicht vorhero reifflich von Jhnen gepruͤfet / und in ſolcher Pruͤfung nicht ſo wohl fuͤr was kindiſches / als fuͤr ein reales Exempel der goͤttlichen lieb - reichen Gnaden-Wirckung erkannt wor - den waͤre.

Und gewiß / weil auch ich daſſelbe eben dafuͤr erkannt habe / (der ich auch das liebe ſelige Kind in ſeinem Leben ge - ſehen / und ſeines wohl regulirten We - ſens / ſonderlich aber ſeiner hertzlichen) (7Begier -Dedicatio. Begierde / ſich ſtets durch ſtilles Anhoͤ - ren des Worts der Wahrheit zu erbau - en / ein Zeuge bin) ſo iſt es ferne von mir geweſen / daß ich mich haͤtte ſchaͤmen ſol - len / dieſes unter meinem Namen in oͤf - fentlichen Druck zu geben. Denn ſo es hierinnen die Welt nach ihrer Gewohn - heit machet / ſo duͤrffte ihr unbeſonnenes Urtheil hiervon dieſes ſeyn: Man habe nichts beſſers / daß man nun mit ſol - chen kindiſchen Dingen aufgezogen komme. Und weil doch der Welt ihr Symbolum gleichſam iſt: Omnia in de - teriorem partem; alles aufs ſchlimm - ſte ausgeleget; ſo kan ſie ihre Kunſt nun hier am leichteſten beweiſen / und in dem / was das ſel. Kind geredet und geſchrie - ben / vieles tadeln und meiſtern. Denn haben ſie des gruͤndlich gelehrten und wohl durchuͤbten Mannes GOttes / Johann Arndts / ſein Wahres Chri - ſtenthum nicht ungetadelt gelaſſen; wie ſolte dieſes liebe Kind in ſeiner Einfalt ih -rerDedicatio. rer Tadel-Sucht entfliehen koͤnnen? Und zwar moͤchten ſie es leicht um des willen am meiſten tadeln / damit ſie mit einer Muͤhe auch dem Editori was vor - zuruͤcken haͤtten. Sie moͤgen aber wiſ - ſen / daß ichs nicht achte / ob auch ein je - der / wie es ihm duͤncket / davon urtheile. Alle Beurtheilungen / ſo nicht aus dem Geiſte Chriſti flieſſen / will ich durch die Gnade GOttes als einen unnuͤtzen Staub von mir leicht abſchuͤtteln; aber den Segen und die Erbauung / ſo aus die - ſem Buͤchlein / welches ich hie in den Druck gebe / flieſſen / will ich durch Chri - ſtum mit mir dahin nehmen / wohin der kleine Exter voran gegangen iſt / da ſolls zum Lobe und Preiſe GOttes ſte - hen immer und ewiglich. Die aber ihre Erbauung nicht darinnen ſuchen / ſon - dern nur eine Urſache zu zancken heraus zwacken wollen / an deren Loben oder Schelten iſt mir gleich viel gelegen; ich werde es ihnen doch nimmer recht ma -chen /Dedicatio. chen / ſo lange ichs dem HErrn Chriſto / dem ich diene / recht machen will.

Sonſt hat mir auch nicht gebuͤhren wollen / in fremder Arbeit nach Gefallen etwas zu aͤndern; und da ſonderlich in den 12. Capiteln vom wahren Chri - ſtenthum / die aus des ſel. Kindes Fe - der gefloſſen / eine und andere Redens - Art leicht mit einigen Worten fuͤr einer Mißdeutung verwahret werden koͤnnen / iſt doch um des willen nichts darinnen veraͤndert / ſondern zur Erlaͤuterung nur irgend hie und da eine kleine Anmer - ckung beygeſetzet: Woran ſich ein jeder / der nicht unnuͤtzen Zanck ſuchet / wird be - gnuͤgen laſſen.

Jnzwiſchen kan von des ſel. Kindes Erkaͤntniß dieſes mit Grunde der Wahr - heit verſichert werden / daß es in dem Ar - tickel von der Rechtfertigung des ar - men Suͤnders vor GOtt nicht irrig ge - weſen iſt / ſondern daß es ſich in groſſer Lauterkeit des Hertzens allein des HErrn JEſu und ſeines hochheiligen Verdien -ſtesDedicatio. ſtes getroͤſtet / und anders nicht als durch den Glauben an ihn gerecht und ſelig werden zu koͤnnen feſtiglich geglaubet; wie ſolches diejenigen werden gewiſſen - hafftig bezeugen koͤnnen / die dieſen lau - teren Evangeliſchen Grund mehrmals aus ſeinem Munde gehoͤret. Und aus dieſem Grunde iſt es dann zu beurthei - len / was er von einem thaͤtigen Chriſten - thum / von einem heiligen Wandel und von guten Wercken hier und da redet / denn er ſolches durchaus nicht anders als eine Frucht des wahren Glaubens / welcher allein dem Menſchen zur Gerech - tigkeit gerechnet wird / wollen angeſehen wiſſen: Welche Frucht aber gleichwohl auch nicht auſſen bleiben / ſondern von dem Baum / daß er guter Art ſey / Zeug - niß geben muͤſſe. Jn dieſem lauteren Evangeliſchen Grunde hat er auch ſein Leben beſchloſſen.

Ubrigens darff niemand gedencken / weil man die Schrifften des lieben Kin - des nicht veraͤndern / ſondern ſo / wie manſieDedicatio. ſie gefunden / heraus geben wollen / als wolle man ihm gleichſam eine unmit - telbare〈…〉〈…〉 zuſchreiben / da we - der in den Worten noch in der Sache etwas von andern erleuchteten Chriſten zu verbeſſern ſey. Giebt doch kein al - ter Lehrer ſeine Schrifften ſo hoch an / und giebt dieſelben dennoch wol zur all - gemeinen Erbauung in den Druck: Warum ſolten denn eines Kindes Sa - chen / dabey goͤttliche Gnaden-Wir - ckung zu erkennen iſt / um des willen zu - ruͤck bleiben / weil ſie nicht aus unmittel - barem Eingeben des Geiſtes gefloſſen oder vollkommen ſind? Jſt unſer / der Lehrenden / Wiſſen und Weiſſagen Stuͤckwerck / warum wolten wir nicht bey einem Gottſeligen Kinde auch mit dem Stuͤckwerck vorlieb nehmen? Hat einer mehr Weisheit / ſo dancke er GOtt dafuͤr / und ſehe nur zu / daß er ſein groͤſſeres Maaß der Erkaͤntniß ſo an - wende / daß er nicht deſto ſchwerere Verantwortung habe. Waͤre es auchins -Dedicatio. insgemein den Alten zu alber / ſo wirds doch die Kinder nicht ohne Erbauung laſſen: welchen zugefallen ich hier und da gern die Worte etwas anders und deutlicher haͤtte ordnen moͤgen / als das ſel. Kind gethan hat / damit ihr unge - uͤbter Verſtand deſto leichter faſſen moͤchte / was ſeine Meynung ſey; aber weil ihm doch nichts ſo undeutlich in die Feder gefloſſen / daß man ſeinen rechten Sinn nicht finden koͤnne / habe ichs lie - ber ſo / wie es iſt / laſſen wollen. So ie - mand was nicht gleich faſſet / kan er leicht einen verſtaͤndigern fragen. Auch iſt es insgemein klar und deutlich / und fuͤr die Kinder gar wohl zu gebrauchen / daß ſie es leſen / und dadurch erwecket werden koͤnnen. Es iſt ohne dem itzt eine Zeit / da GOtt die Alten durch die Kinder vielfaͤltig beſchaͤmet. Das geſchiehet gewißlich auch durch dieſes Exempel. Und wenn dieſes von andern Kindern wird geleſen werden / ſo wird / wie ich zu Goͤttlicher Gnade die Hoffnung ha -be /Dedicatio. be / manches Kind in ſich ſchlagen / und gedencken: Ey ſiehe / dieſes Kind hat ſich mit ſo groſſem Ernſt zu GOTT ge - wendet / es hat einen ſolchen lebendi - gen Glauben von GOTT empfangen / es hat den HERRN Chriſtum ſo lieb gehabt / es iſt ſo gern und ſo fleißig mit GOttes Wort umgegangen / es hat ſo andaͤchtig gebetet / GOTT hat ihm ſo groſſen Verſtand und ſo ſchoͤne Erkaͤnt - niß ſeiner Wahrheit verliehen / es iſt ſo fromm / ſo ſtill / ſo gehorſam / ſo gedultig / ſo demuͤthig / ſo beſtaͤndig und getreu bis an den Tod geweſen / und hat ein ſolches ſchoͤnes und ſeliges Ende gehabt; Ach ſo wird mir ja GOtt ſeine Gnade und Ga - ben auch nicht verſagen / ſo ich ihn drum bitte / ſein Wort gern hoͤre und lerne / und guten Ermahnungen folge; Ach ich will mirs zu einem Exempel dienẽ laſſen / und den HErrn JEſum bitten / daß er mich auch ſo mit ſeiner Gnade und Liebe erfuͤlle / wie dis Kind. Dieſe gute goͤtt - liche Bewegungen / die durchs Leſen die -ſesDedicatio. ſes Buͤchleins bey manchen Kindern ent - ſtehen werden / wird denn der liebe ge - treue GOtt ferner ſegnen / daß ſie zur Krafft kommen / und alſo das liebe ſelige Kind durch ſeine gute Lehren und gutes Exempel viele andere Kinder nach ſich ziehe / daß ſie ſich ewig mit einander im Himmel freuen moͤgen.

Dieſes aber iſt nicht dahin zu deuten / als wenn alte und erwachſene Leute nichts zu ihrer Erbauung hierinnen fin - den wuͤrden. Da es noch nicht gedruckt geweſen / haben ſich aus dem geſchriebe - nen ſchon manche erbauet / und haben auch Lehrer / die es geleſen / bekennet / daß ſie dadurch ſonderlich geruͤhret wor - den. Nun es dann auch maͤnniglichen im Druck vor Augen geleget wird / zweifele ich nicht / es werden ſich ſo viel mehrere finden / die ihre daraus ge - ſchoͤpffte gute Erbauung bekennen wer - den.

Durch -Dedicatio.

Durchlauchtigſter Fuͤrſt und Hertzog /

Um Dero hohen Perſon willen haͤtte ich wol nicht bedurfft dieſes alles an - zufuͤhren / als welche auch ohne meine Vorſtellung dieſes alles in dem Lichte der Gnaden / ſo in Dero Hertzen ange - zuͤndet iſt / ſelbſt wohl erkennen. Denn dieſes erhellet ja genug aus Deroſelben mehr erwaͤhntem und hierinnen mit ge - druckten Zeugniſſe von den ſeligen Kin - de; auſſer daß Dieſelben in der That blicken laſſen / es ſey Dero gruͤndlicher Ernſt / Sich Dero aͤuſſerlichen Stand vor der Welt von der Ubung des wahren Chriſtenthums im geringſten nicht | ab - halten zu laſſen / und daſſelbe auch bey andern auf alle moͤgliche Weyſe zu befoͤr - dern / nicht weniger auch / daß Sie ſich / wie es billig iſt / darinnen gar nicht an der Welt ihr Urtheil kehren: in welchem wahren Sinne Chriſti Dieſelben noch in dem letztverwichenen Monat die ſchoͤ -neDedicatio. ne und bewegliche Buß-Predigt Ar - thur Dents, eines Engliſchen Lehrers / auf Dero Befehl und Koſten wieder auflegen laſſen / um dadurch manche aus dem Schlaff der fleiſchlichen Sicherheit aufzuwecken. Aber um der Liebe der Wahrheit willen werden es Ew. Durchl. dennoch nicht mißbilligen / daß ich dem Leſer zum Beſten obige Erin - nerungen in dieſe unterthaͤnigſte Dedica - tion einflieſſen laſſen. Jch thue denn auch nun ein mehrers nicht hinzu / als daß ich den / der der rechte Vater iſt uͤber alles / was Kinder heiſſet im Himmel und auf Erden / demuͤthiglich bitte / daß er Ewr. Durchl. Preis-wuͤrdiges Exempel / ſo Dieſelben in Dero ernſtli - cher Beſtrebung nach der Liebe von reinem Hertzen / von gutem Gewiſſen und von ungefaͤrbten Glauben jeder - mann geben / zum groſſen Segen ſetzen / und Dieſelben durch ſeinen Geiſt darin - nen taͤglich mehr und mehr beſtaͤtigen / als auch die Gottſeligkeit des ſeligen Kin -des /Dedicatio. des / deſſen Lebens-Lauff und Schrifft - lein nun unter Ewr. Durchl. hohem Na - men in die Welt gehen / zu einer reichen und tauſendfaͤltigen Frucht an den Leſern dieſes Buͤchleins ſegnen / und es ein kraͤff - tiges Saltz zu vieler Menſchen Bekeh - rung und Erbauung ſeyn laſſen wolle. GOtt erhoͤre und erfuͤlle es in Gnaden. Gegeben zu Glauche an Halle den 24. Maj. 1708.

Ewr. Hoch-Fuͤrſtl. Durchl. unterthaͤnigſter Fuͤrbitter bey GOtt A. H. Francke.

I. Des
[1]

I. Des Sel. Chriſtlieb Leberechts von Exter Lebens-Lauff / von ſeinem geweſenen Infor - matore aufgeſetzet. Das Gedaͤchtniß des Gerechten bleibet im Segen.

CHriſtlieb Leberecht von Exter iſt gebohren den 27. Junii / welches war der TagAJaco -2Lebens-Lauff. Jacobi / Anno 1697. und hat gelebet bis den 12. Novembr. Anno 1707.

Selbigen Tages / da er geboren / iſt er annoch dem HErrn JESU durch die heilige Tauffe einverleibet wor - den.

Er war ein Kind guter Art / und hatte empfangen eine feine Seele. Sein wahrhafftiger Lebens-Lauff findet ſich in ſeinen beyden Tauff-Namen / ſo ihm ſeine lieben Eltern / Tit. Herr Johann Eberhard von Exter / Med. Doctor, Sr. Koͤnigl. Majeſt. in Preuſſen / wie auch Sr. Fuͤrſtl. Durchl. zu Anhalt Leib - Medicus in Zerbſt / und Tit. Frau Eli - ſabeth gebohrne Poͤckelin / beygeleget / deutlich ausgedrucket.

Dieſes zu bezeugen iſt gegenwaͤrtiges denen Angehoͤrigen zum Troſt und zur Erweckung / aus ſeinem GOtt-geheilig - ten zarten Liebes-Wandel angemer - cket.

Jetzt gedachte ſeine wertheſte Eltern haben ihm von Kindheit auf / und da erkaum3Lebens-Lauff. kaum 3. Jahr alt geweſen / Informato - res von Wittenberg im Hauſe gehalten / die ihn nebſt ſeinen andern Geſchwiſtern / zu Erlernung des Catechiſmi Lutheri, und Leſung heiliger Schrifft nicht nur angewieſen / ſondern auch bey anwach - ſenden Jahren zur Latinitaͤt angehal - ten; Da man denn von ſeinen erſten Jahren an / wegen hervorblickender be - ſondern Gottesfurcht / Fleiß und guten Ingenii, ſich groſſe Hoffnung von ihm gemachet.

Jm achten Jahre ſeines Alters iſt er zu ſeinem Herrn Vater kommen / mit ſehr freudigen Geberden ſprechend: Lie - ber Papa, ich freue mich ja ſo / ich freue mich ja ſo innerlich; Da ihm dann ohne Zweifel der treue GOTT die Suͤßigkeiten ſeiner Liebe / als einen Zu - cker-Stengel zu koſten gegeben; ob er gleich nicht hat ausdruͤcken koͤnnen / was ihm wiederfahren. Es iſt ihm geant - wortet: Ey liebes Kind / was iſt dir denn? Wie denn gar keine aͤuſſerliche UrſacheA 2vor -4Lebens-Lauff. vorhanden geweſen / die ihm eine irdiſche Freude verurſachen moͤgen. Ob aber wol die weitere Bezeugung empfindli - cher ungemeinen Freude von denen lieben Eltern damals wenig attendiret wor - den / ſo haben ſie doch nachhero / und da ihnen ſelbſt von GOTT mehr Erkaͤnt - niß ſeiner Goͤttlichen Wahrheit verlie - hen worden / dieſelbe ihres Kindes Freu - de als einen Vorboten der ferneren ſich an ihm kraͤfftig erzeigenden Gnade GOt - tes angeſehen.

Es hat dieſer unſer Chriſtlieb Le - berecht unter ſeinen Eltern / Geſchwi - ſtern und Haußgenoſſen allezeit geleuch - tet / als der Mond unter den Sternen / dergeſtalt / daß er mit recht Goͤttlicher Weißheit das gantze Hauß zum Glau - ben aufgemuntert / und durch ſeine ge - heiligte Converſation in jedes Gemuͤth gedrungen / und es uͤberzeuget hat. Die Gaben der Natur aͤuſſerten ſich bey die - ſem Kinde durch ſein herrliches Gedaͤcht - niß ſowol als durch ſeinen Verſtand:Er5Lebens-Lauff. Er war geſchwind und aufgeweckt et - was zu faſſen. Weilen aber die Liebe JESU alle ſeine Kraͤffte bald an ſich zog / ſo befliſſe er ſich bald / alles / was er Gutes faſſete / zur wahren Erbauung ſeiner Seelen anzuwenden.

Er brachte ohne muͤhſames Nach - dencken uͤber einen ieden Bibliſchen Text ſolche Meditationes vor / die wol manchem Theologo nicht allemal bey - fallen moͤgten. Und weil er ſchon bey jungen Jahren einen guten Schatz der Goͤttlichen Erkaͤntniß in ſeinem Hertzen trug / ſo war ihm nicht ſchwer / offt bey einer halben Stunde von einer Sache zu reden / alſo daß man ihn des Endes erinnern muſte. Dabey man denn auch keinen Mangel des Judicii, noch Tavtologien / oder ſonſt was affectir - tes wahrnahm. Es floſſen ihm auch die Worte / daß er nicht nur ohne An - ſtoſſen / ſondern auch mit Bibliſchen und Theologiſchen Redens-Arten und mit bequemen Gleichniſſen die Materien zuA 3jeder -6Lebens-Lauff. jedermans Verwunderung vortrug und erlaͤuterte.

Er war unermuͤdet im Leſen / Beten / Studiren und Meditiren; welches dann GOtt durch die Gnaden-Wir - ckung ſeines Heiligen Geiſtes dergeſtalt herrlich an ihn geſegnet / daß er zu ſo un - gemeiner Geſchicklichkeit gediehen.

Sein Studiren dependirte ſo gar von dem Willen ſeines Informatoris, daß ich mich nicht beſinnen kan / daß bey denen Lectionibus, oder bey der ſich verziehenden Information, was eigen - williges von ihme vorgenommen ſey / und uͤber dergleichen habe erinnert wer - den muͤſſen.

Nach vollendeter Information ſahe er ſich nie nach dem Spiel oder Muͤßig - gang um / oder nach andern Zeitvertreib. Er vermahnte deshalben offt ſich ſelbſt und andere die Zeit auszukauffen / als welche kurtz; (Eph. V, 16.) und hielte ſie alſo viel zu theuer / ohne die nuͤtzlichſte Anwendung ſie vorbey gehen zu laſſen /oder7Lebens-Lauff. oder nur eine Stunde davon zu verlie - ren. Dahero ſahe man ihn die meiſte Zeit ſeiner Frey-Stunden bey dem Ge - ſinde / ſelbiges durchs Wort GOttes und Gebeth erwecken. Und ob wol ſei - ne Jugend anfangs hierunter veraͤchtlich ſcheinen / und die Vermahnungen kin - diſch und ohne Nachdruck dem Geſin - de vorkommen wollen / hat er doch durch ſeine ſtille Gedult die harte Antwort dererſelben nicht nur widerleget / ſondern auch ſeine Vermahnungen ſo lange wie - derholet / und ſich mit bittlichen und gut - hertzigen Worten dermaſſen beliebt ge - macht / daß ſie ihn hernach ſehr gern ge - litten / das Wort GOttes von ihm willig gehoͤret und angenommen / auch oͤffters mit ihm zum Gebeth ihre Andacht ver - einiget; da denn dieſes Kind die Haus - genoſſen gewoͤhnet / ihr Hertz ſelbſt vor GOtt auszuſchuͤtten.

Es war der Geiſt der Gnaden und des Gebeths ſo reichlich uͤber ihn ausge - ſchuͤttet / daß ſeine Geberden dabey vol -A 4ler8Lebens-Lauff. ler Demuth / die Worte voller Krafft / Glauben und kindlichen Vertrauens waren. Wenn ihm bey und mit andern ein Gebeth zu thun befohlen wurde / that er ſolches immer mit niedergeſchlagenen Augen. Seine aͤlteſte Schweſter und aͤltern Bruder Gottlieb Leberecht / auch den juͤngern Gottlob Johann Eberhard / hat er ein ums ander mit freundlichen Liebes-Worten gelocket auff den Altan und andere ſtille Stuben des Hauſes / uͤber ſie und mit ihnen da - ſelbſt gebetet / ſie bruͤderlich vermahnet / und dabey oͤffters gehertzet und gekuͤſſet; ihnen angezeiget / in was empfindlicher Freude ſeine Seele vor GOtt wandelte / mit welcher GOtt auch ſie als mit dem Vorſchmack des ewigen Lebens und ver - borgenen Manna erquicken wuͤrde / wo - ferne ſie ſich von Hertzen zu GOtt be - kehreten.

Offt hat er von dem innern Zuſtand ſeiner Seelen zu ſeiner lieben Schwe - ſter (ſo damals im eilften und er im zehen -den9Lebens-Lauff. den Jahre geweſen) mit groſſer Jnbruͤn - ſtigkeit geredet / und ſie mit ihm zu beten auffgemuntert.

Offt hat er ſie oder den Bruder zum Gebet auff ein verſchloſſen Kaͤmmerlein geholet mit den Worten: Kommt / wir haben Zeit und Raum zu beten / wir muͤſſen die Zeit auskauffen; wel - che Emphaſin des Grund-Texts er in der Information uͤber die Worte: Schi - chet euch in die Zeit Eph. V. ſich ſehr wohl angemercket / und andere damit immer ermahnet / auch ſelbſt ja keine Stunde muͤßig verderben laſſen; Wie er denn die Zeit auſſer der Schule / ſo er nicht im Gebethe entweder fuͤr ſich ſelbſt / oder mit andern / oder zur Vermahnung und Auslegung der Schrifft bey dem Geſinde angewandt / mit herrlichen Me - ditationibus conſumiret.

Es ſind davon noch vorhanden ſchoͤne Lieder / ſo er gedichtet / item ein Buch / das er aus eigener Bewegung zu ſchrei - ben angefangen / welchem er ſelbſt denA 5Titul10Lebens-Lauff. Titul des Wahren Chriſtenthums gegeben. Er hat in ſelbigem Buche 25. Capita voran geſetzet / und erbauli - che Materien in Theologia Morali dar - innen abzuhandeln ſpecificiret / aber es ſind nur 12. Capita in ſeinem Leben vol - lenzogen: Dabey dann zu mercken / daß er die Sachen / ſo er darinnen ab - handelte / ohne Bemuͤhung ſchriebe / auch ſich nicht hindern lieſſe / wenn an - dere in der Stube redeten / und ſeine Ge - dancken daruͤber zerſtreuet werden moͤ - gen. Wegen der ihm beywohnenden herrlichen Erkaͤntniß trug er die Materi - en nach dem Sinn des Heiligen Geiſtes alſo vor / daß dabey / wann man auf die Sache ſelbſt ſahe / wenig zu erinnern vorfiel. Er wuͤrde auch zweiffels oh - ne durch Verleihung goͤttlicher Gnade dieſes ſein fuͤrgenommenes Buch nach dem Entwurff der Capitum zu Ende ge - bracht haben / wenn ihn nicht ſein von GOTT zugeſchicktes ſchweres Haupt - Wehe daran gehindert; weswegen erauch11Lebens-Lauff. auch bey den zwey letztern Capitibus ab - brechen muͤſſen / wie beym eilfften zu - ſehen / da er ſein Gebeth aufs kuͤrtzeſte faſ - ſen muͤſſen (ſintemal er ein jedes Capit - tel mit einem daraus gezogenen Gebeth zu ſchlieſſen gewohnet) bey dem zwoͤlfften aber ſolches nicht beyſetzen und verferti - gen koͤnnen.

Seine Vermahnungen waren ſehr beſcheiden / geſchahen mit Bitten und guten Worten; wurde ihm eigenwillig widerſprochen / ſo trug er Gedult und ſchwieg ſtille. Er nahm auch die Zeit wohl in acht / wenn mit der Beſtraffung denen Gemuͤthern beyzukommen war / und ließ die Hitze und hefftige Bewe - gung derſelben voruͤber gehen. Eins - mals da er eines von dem Geſinde er - mahnet / und dieſe aus einem verunru - higten Gemuͤthe das Wort der Ermah - nung / das ſie mit Sanfftmuth anneh - men ſollen / mit einem Fluche von ſich geſtoſſen / hat er ſich ſehr gegen ſeine Ge - ſchwiſter beklaget / und GOtt dieſe ſeineA 6Unvor -12Lebens-Lauff. Unvorſichtigkeit in der Vermahnungs - Zeit abgebeten.

Als er ſeinen aͤlteſten Bruder Gott - lieb einſt denen zuͤchtigenden Vermah - nungen ſeiner lieben Frau Mutter wi - derſprechen hoͤrete / mißfiel ihm ſolches dermaſſen / daß er dieſen ſeinen Bruder bey der erſten Gelegenheit ſeiner unor - dentlichen Eigenliebe hierunter uͤber - wieſe / und ihm dabey die Lehre gab: Er muͤſte auch / wenn er unſchuldig waͤ - re / denen Eltern nicht alſo wider - ſprechen / ſondern leiden und GOtt fuͤr ſie bitten / daß er ihnen ſolche Ubereilungen in dem angethanen Unrecht vergeben moͤgte. Das heiſ - ſet: Ehret eure Eltern mit Gedult / Sir. 3 / 9.

Als er zu einer andern Zeit eben die - ſen ſeinen aͤlteſten Bruder unter der Beſtraffung ſeines Informatoris ſtill und demuͤthig wahrgenommen / hat er bald Gelegenheit geſucht alleine an ihn zukommen / ihn ſehr gebeten / daß erdoch13Lebens-Lauff. doch nicht ſtoltz werden wolle / ſo wolte er ihm etwas ſagen; und ob dieſer es ihm wol zuſagete / ſo wiederholete er doch ſol - che Bitte mehrmals mit beweglichen Worten: doch ja ſich nicht daruͤber zu erheben. Darauf bezeugete er ihm / was er vor eine hertzliche Freude empfunden uͤber ſeiner ſtillen und gehorſamen Be - zeigung unter der Zucht des Informato - ris, lobete ihn hierinn / vermahnete fer - ner alſo die Zucht anzunehmen / kuͤſſete ihn / und bezeugete / daß er ihn um des willen hertzlich lieb habe.

Jm Gegentheil hat er die groſſe Traͤg - heit im rechtſchaffenen Chriſten-Wan - del an dem Geſinde mit inniger Empfin - dung ſich betruͤben laſſen: wie er auf eine Zeit ſolches mit traurigen Worten an den Tag geleget.

Das Gewaͤchs des Glaubens hat ſich in ſeiner Seele trefflich ausgebrei - tet. Das Wort GOttes / als den Saamen des Glaubens / hat er Tag und Nacht gehandelt fuͤr ſich und mit an -A 7dern /14Lebens-Lauff. dern / auch allezeit mit dem groͤſſeſten Hunger und vieler Freudigkeit.

Wenn ſein lieber Herr Vater nach Muͤhlingen oder ſonſt wohin reiſen muͤſ - ſen / und ſeinen aͤlteſten Bruder Gott - lieben mit genommen / iſt er zu ſeiner lieben Frau Mutter kommen voller Freude / und hat geſagt: Nun liebe Frau Mutter / heute / da ich wegen meines Bruders Abweſen von der Schule frey bin / wollen wir uns in GOtt recht freuen; Heute wollen wir mit einander ſchoͤne leſen und ſingen.

Er faſſete aber einige ſonderliche Spruͤche / daraus ſein Glaube die Kraͤf - te zog / als: GOtt iſt mein Schild Pſ. VII, 11. CXIX, 114. Und eben dis war ſein Symbolum. Jn welchem Worte auch ſein Glaube den Sieg uͤber die Welt erhalten. 1. Joh. V, 2.

Jn der Heiligung iſt er aufgemuntert durch die verheiſſenen und noch unſicht - baren Belohnungen / aus den Worten:Wer15Lebens-Lauff. Wer ſie (die Gebote) haͤlt / der hat groſſen Lohn. Pſ. XIX, 12. gleich wie es von Moſe heiſſet: Denn er ſahe an die Belohnung. Hebr. XI, 26.

Sein Kampff des Glaubens zeigete ſich in den erſten Fußſtapffen Chriſti / das iſt / in der Sanfftmuth und De - muth / fleißig und ſieghafft.

Die Sanfftmuth in ſeiner Seele zu erlangen gab ihm / nach ſeinen Bekaͤnt - niß / die groͤſte Muͤhe / wiewol man aͤuſ - ſerlich den Affect des Zorns auf keinerley Weyſe bey ihm wahrgenommen: Er ſelbſt aber hat in der geiſtlichen Wach - ſamkeit die Bewegungen zum Zorn am meiſten bey ſich obſerviret / und treulich darwider gekaͤmpffet / wie er denn ein - mal zu Gottlieben / ſeinem aͤlteſten rech - ten Bruder / geſprochen: Nun heute habe ich GOtt verſprochen mich von keinem Dinge bewegen zu laſſen / ich will nicht boͤſe werden / es komme auch was da wolle; GOtt wird mir helffen.

Die16Lebens-Lauff.

Die Demuth oder geiſtliche Armuth hat GOtt unter ſchweren Anfechtun - gen trefflich bey ihm gegruͤndet.

Es iſt ein herrlicher Brief vorhan - den / den er 26. Wochen vor ſeinem ſel. Abſchiede an ſeine Schweſter geſchrie - ben / darinnen er ſeine tieffeſte Seelen - Angſt gantz geheim entdecket / und ihr Ge - beth fuͤr ſich ausbittet. Dieſer Brief iſt erſt nach des Kindes Tode hervorkom - men / weil ihn die Schweſter auf ſein Begehren heimlich halten muͤſſen / bey - des vor den Eltern und den beyden Bruͤ - dern. Die Expreſſiones darinnen ſind von groſſem Nachdruck / und beſchrei - ben eine Seele / die auſſer aller Gnaden - Empfindung unter GOttes Zorn und im Schatten des Todes ſitzet.

So hat ihn auch GOtt einmal ſehr gedemuͤthiget bey ſeinen Gaben: Denn weil ſelbige gar offt zu ſeinem Lobe An - laß gaben / und viele / die ihn etwas er - bauliches vorbringen oder beten hoͤreten / ihre groſſe Verwunderung dem Kindeſpuͤ -17Lebens-Lauff. ſpuͤren lieſſen / hat er ſich einmal in Ge - genwart eines Fremden bey der Mahl - zeit was zu reden gantz incapable befun - den. Seine Frau Mutter und ich / als ſein damaliger Informator, reitzeten ihn ſehr dazu an / achteten auch ſein unge - woͤhnliches Stillſchweigen fuͤr einen Ei - genſinn / der mit Worten zugleich an ihm beſtraffet wurde. Er hat aber auf der letzten Reiſe von Roßlau bekannt / wie ihn GOtt dazumal ſo ungeſchickt gemacht / daß er nichts reden koͤnnen / und zwar dieſes darum: weil er ſich einmal das Lob ſeiner Gaben ſo wohlgefallen und aufblehen laſſen.

Seine Seele iſt auch fleißig unter ſol - cher Gefahr der ſo offt an ihm geprieſe - nen Gaben zur wahren Demuth aufge - wecket und gereitzet worden. Da die Leſung der Schrifft das 27. Capitel der Spruͤche Salomonis in der Mor - gen-Andacht unter der Information traff / hat man ihm den 21. Vers zu dem Ende auch eingeſchaͤrffet. Welche Wor -te er18Lebens-Lauff. te er denn alſo in ſein Gemuͤth gefaſſet / daß er zu ſagen pflegen: der Mund des Lobers bewaͤhret.

Weil ihm denn die Gunſt und das Lob der Menſchen den Kampff um die Demuth ſo ſchwer machte / ließ er ein Viertel-Jahr vor ſeinem Abſchiede aus der Welt die von GOTT empfangene Gnade nicht ſo frey und offenbar aus - flieſſen / ſondern begab ſich mehr und mehr in die Stille / ſagte auch zu ſeinen lieben Eltern / wenn dieſe ſeine aufgeſetz - ten Meditationes und Lieder zu ſehen verlangeten: Er koͤnte ſie nicht vor - zeigen / denn man lobte ihn nur / und das machte ihm nur einen Kampff in ſeiner Seele. Zu Gottloben ſei - nem juͤngern Bruder hat er geſagt: Wenn euch die Leute loben / ſo thut als hoͤretet ihr es nicht. Jch habe mich nach dem Spruch Prov. 27 / 21. gewoͤhnet: alles Lob anzuhoͤren / als waͤre mir nichts drum.

Jn ſeinem Briefe an mich / ſeinen ge -weſenen19Lebens-Lauff. weſenen Informatorem, ſchreibet er: Jch dancke hertzlich / daß Sie mir in ihrem Schreiben auch unter andern ſonderlich die Demuth recommendi - ret haben / welche zum Chriſtenthum ſehr noͤthig iſt. Zwar habe ich ſie durch GOttes Gnade eines Theils erlanget / aber dennoch ſchaͤtze ich mich nicht / als wenn ich ſie ergrif - fen haͤtte / und beſtrebe mich darnach / ſie immer noch mehr zu erlangen / bis ich ſie voͤllig ergreiffe / und zwar durch GOttes Gnade / und ſo in al - len andern guten Dingen / auf daß meine Lampe moͤge voll Oele ſeyn / wenn ich etwan ſolte von dieſer Welt genommen werden.

Nach empfangenem Erkaͤntniß hat er auch das Schema der Welt / ſo weit ſeine Sinnen von der Einfalt Chriſti da - durch verruͤcket werden wolten / in aͤuſ - ſerlicher Kleidung abgeleget. Aber in allen ſolchen aͤuſſerlichen Dingen ſuchte er nichts; Er wuſte wohl / daß weder dieSpeiſe20Lebens-Lauff. Speiſe noch die Kleidung uns vor GOtt foͤrdere / und daß das auswendige Kleid uns nicht geringer / auch nicht beſſer vor ihm mache: ſondern daß ſolche aͤuſſerliche Dinge nach der Inclination des Her - tzens entweder gut oder boͤſe wuͤrden. Er verſtunde in praxi die rechte geiſtli - che Freyheit / dadurch die Chriſten auſſer allen Satzungen und knechtiſchen Zwang lebeten. Er wuſte / daß die gantze Crea - tur denen / die die Wahrheit erkennen / und ſie durchs Wort heiligen / zu eigen von GOtt gegeben; Er wuſte / daß ihm alles erlaubet; gleichwohl aber erwehle - te er nichts in dem Brauch der Creatu - ren / als was da frommete / das iſt / das weder ſein eigen Fleiſch irritirte / oder ſei - nen Glauben muͤßig ließ / noch was den Nechſten an ſeiner Perſon aͤrgern / oder ohne Beſſerung deſſen ſeyn koͤnte.

Dieſer geiſtlichen Freyheit recht auf oberwaͤhnte Weyſe zu genieſſen / und dem Fleiſche dabey keinen Raum zu geben / hat er ſich offt des erlaubten Genuſſes derCrea -21Lebens-Lauff. Creaturen enthalten / damit nicht die Begierden in ihrer natuͤrlichen Unord - nung dabey ohne Furcht fuͤhren / und aus der Freyheit eine Frechheit machten. Da - rum als ihm auf eine Zeit geluͤſtete Weintrauben zu eſſen / und den Garten - Schluͤſſel deshalben forderte / reſolvir - te er ſich bald anders / gab den Schluͤſſel zuruͤck und ſagte: Jch will meinen Ap - petit brechen / weil er ſo groß iſt. Alſo ſorgfaͤltig war er die Luͤſte des Leibes zu - bewahren und ihnen Zuͤgel anzulegen / daß ſolche den Geiſt nicht daͤmpffen und uͤbertaͤuben moͤgten.

Keinesweges aber machte er ſich in ſolchen Mittel-Dingen unnoͤthige Geſe - tze und Gewiſſens-Stricke / ob haͤtte er den Geiſt der Furcht empfangen; ach nein! ſein gantzes Leben war ſo bewandt / daß die Freyheit und Freudigkeit aus allem ſeinem Thun hervor leuchtete.

Er wuſte / daß die Chriſten allein an denen Creaturen Recht bekommen we - gen ihrer Verſoͤhnung mit dem Schoͤpf - fer.

Er22Lebens-Lauff.

Er bezeugete auch gegen ſeine Bruͤder und Schweſtern oͤffters / wie ſie mit Danckſagung eſſen ſolten / ſo offt ſie eſſen / und was ſie eſſen. Zu Gottloben ſei - nem juͤngern Bruder ſagte er / als er ihn ſahe einen Apfel eſſen: Eſſet ihn mit Danckſagung und nicht zur Wol - luſt. Jn welcher Vermahnung er kurtz zuſammen faſſet den rechten Brauch der Creatur nach Pauli beyden Regulen 1. Tim. IV, 4. Alle Creatur iſt gut / wenn ſie mit Danckſagung empfan - gen wird. Und Rom. XIII, 14. War - tet nicht des Leibes / wie es ſeine Wolluſt begehret.

Wo er auch gemercket hat / daß ſeine Bruͤder einer Veraͤnderung des Ge - muͤths bedurfft / hat er ſolche befoͤrdert / aber nicht zur Wolluſt / weswegen er ſeinen juͤngern Bruder erinnerte / nicht ſtets mit dem Kinder-Wagen die Zeit zu vertreiben: man muͤſſe ſie kauffen. fuͤr den aͤltern Bruder hat er offt inter - cediret bey dem Herrn Vater / daß er ihnmit23Lebens-Lauff. mit nach Muͤhlingen auff die Reiſe neh - men moͤgte. Wenn deſſen Gemuͤthe einer Aufmunterung aus aͤuſſeren Din - gen bedurfft / hat er ihm auf ſolchen Rei - ſen ſeine Stelle cediret.

Dieſe ſeine jetzt beruͤhrte geiſtliche Wachſamkeit / welche ihn lehrete der Welt zu gebrauchen und nicht zu miß - brauchen / verband er beſtaͤndig mit dem Gebeth nach CHriſti Vermahnung: Wachet und betet. Er wuſte / daß / wer ſeine Augen des Glaubens nicht GOtt und die Ewigkeit zu beſchauen ge - woͤhnete durch ein unablaͤßiges Gebeth / der vergaffe ſich an den Eitelkeiten und den vergaͤnglichen Dingen / weil er nichts beſſers kennen lernen. Daher ließ ſich der ſelige Chriſtlieb offt im Verborge - nen finden / mit ſeinem himmliſchen Va - ter / der ins Verborgene ſiehet / ſich zu be - ſprechen. Gottlob ſein juͤngerer Bru - der hat ihn einmal auf ſeinem Angeſicht gefunden; in welcher Demuth er nicht ſelten die Majeſtaͤt ſeines Schoͤpffersvereh -24Lebens-Lauff. verehrete. Er hat auch ſehr offte einen Bruder oder die Schweſter zu ſeinem verborgenen Gebeth gezogen / um dieſe auch hiedurch in genauere Gemeinſchafft mit GOtt zu bringen.

Vier Wochen vor ſeinem Ende hat er ſeine Schweſter mit ſich auf den Al - tan genoͤthiget mit den Worten: Kom - met / wir wollen einen Bund mit GOTT machen / jetzo haben wir Zeit / wir muͤſſen ſie auskauffen zum Gebeth. Als dieſe ihm willig gefolget / hat er ſonderlich der Formalien ſich im Gebeth bedienet: Sie wolten hiemit unter JEſu Fahne geſchworen ha - ben nicht mehr zu ſuͤndigen.

Jnſonderheit hatte er wider die un - nuͤtzen Worte / und wider das Lachen ſein Gebeth zu GOtt gerichtet / weilen den Tag zuvor eine Sache unter den Kin - dern vorgefallen / die unter einem unge - ziemenden Gelaͤchter gehandelt worden; dis hatte er GOtt abgebeten und geſpro - chen: Die Freude dieſer Welt iſt toll /und25Lebens-Lauff. und die da lachen / wiſſen nicht was ſie thun.

Mit eben dieſer Schweſter iſt er auch einmal auf den Altan gegangen / als ein groſſes Gewitter voruͤber geweſen / hat GOtt gedancket / gelobet und ſich im HErrn erfreuet. Auf eine andere Zeit kommt er zu ihr und ſpricht: Marie Ließchen! moͤgte ich eine Braut Chriſti werden! Jch will darnach ſtreben / ſtrebt ihr auch darnach. Und als ſie ihn gefraget / wie mans ma - chen muͤſſe? Antwortete Er / man muͤſſe keuſch und unſtraͤfflich ſeyn.

Den 8t. Octob. als er von Roßlau zu - ruͤck gereiſet mit ſeinem lieben Hn. Va - ter und deſſen Herrn Bruder / hat er ſich ſo bruͤnſtig im Geiſt gefunden / daß er erſt viel herrliche Sachen zu Aufwe - ckung der Gemuͤther mit einem groſſen Zufluß geredet / ſo / daß ſein Herr Vetter / als gedachter ſeines lieben Vaters Bru - der / darob erſtaunet / und bald darauf hat Erlaubniß gebeten / ſein Hertz imBGebeth26Lebens-Lauff. Gebeth vor GOtt auszuſchuͤtten. Da - bey denn eine ſolche Krafft ſich ſpuͤren laſſen / daß ſein lieber Vater von ſeinem Herrn Bruder etliche mal heimlich an - geſtoſſen und ins Ohr erinnert worden: Er werde das Kind nicht lange be - halten; es hat auch nur 5. Wochen ſein Leben noch gewaͤhret. Was ſonſt hier in den Gemuͤthern den Reiſenden vor Uberzeugungen gewircket worden / iſt hier nicht zugedencken.

So bald der Knabe auch von dieſer Reiſe heimkommen / hat er ſeine Schwe - ſter mit auf den Altan genommen zum Gebeth / welches er ſehr bruͤnſtig gethan / und nachmals zur Schweſter geſaget: Wenn ſie die Freude empfinden ſolte / die er haͤtte / ſie gaͤbe ſie nicht / wenn ihr alle Haͤuſer in Zerbſt voll Du - caten und Diamanten geboten wuͤr - den. Solche empfindliche Freude des Geiſtes hat er oͤffters gehabt / dabey er dann bezeuget / er habe einen Eckel an der Welt.

Bald27Lebens-Lauff.

Bald nach der Freudigkeit des Her - tzens / ſo er im 8ten Jahr empfunden / iſt er / als eben ſeines lieben Herrn Vaters Frau Schweſter / die Frau Doct. Krauſin aus Wittenberg / dazumal da geweſen / des Abends zum Geſinde ge - gangen / hat ihnen den Spruch ausge - leget: Das Blut JEſu Chriſti / des Sohnes GOttes / machet uns rein von allen Suͤnden / und unter andern geſaget: Er frage nichts nach Reich - thum / Ehre und Geld / wenn er nur Chriſtum haͤtte; denn ein einiges Troͤpfflein des theuren Blutes JE - ſu im Glauben ſich zugeeignet / uͤber - waͤge die gantze Welt mit aller ihrer Herrlichkeit / ſtellete auch dabey mit ex - presſis verbis vor / daß ſo wenig Rei - che ins Reich GOttes kommen wuͤr - den; Ja er that eine ſolche bewegliche Rede / daß unter andern Geſinde der Kutſcher / ein Mann von 50. Jahren / ſo wol als die Frau D, Krauſin / auch die lieben Eltern ſelbſt viel Thraͤnen ausB 2Be -28Lebens-Lauff. Bewegniß ihres Hertzens darob flieſſen lieſſen.

Jn einem Briefe an mich ſchreibet er: GOtt hat mich etwan nun 3. Ta - ge her ſehr mit ſeiner Gnade geſpei - ſet / daß ich auch ſehr weit in meinem Chriſtenthum fortgangen bin / daß ich gantz bin voll geweſen der Liebe meines Heylandes; fuͤr welche Er - quickung ich GOtt Danck zu ſagen ſchuldig bin / und auch wuͤrcklich Danck ſage. Ja lieber Herr Arends, der liebe GOtt hat aus lauter Gna - de meinen Sinn geaͤndert / und aufs Himmliſche gezogen / daß ich es auch nicht ſagen kan / und GOTT nicht gnug dafuͤr dancken kan. Er hat aber auch wohl verſtanden / daß Kinder GOttes an ſolchen ſuͤſſen Empfindun - gen nicht hangen bleiben ſollen / weil ſol - che nur als Zucker-Stengel ihnen ver - ordnet ſind / unter der Angſt / Truͤbſal / Verfolgung und abwechſelnden An - fechtungen in der ſtreitenden Kirche aus -zu -29Lebens-Lauff. zudauren / bis das Gold des Glaubens in deren Hitze durchlaͤutert / und ein Chriſt zu ſeinem Theil der verordneten Herrlichkeit bereitet iſt. Darum ſchrei - bet er in jetzt bemeldeten Briefe / gleich nach den angefuͤhrten Worten: Jch freue mich daruͤber ſehr / und nehme es von GOtt an als eine ſuͤſſe Speiſe / die er ſeinen Kindern ſchicket und mit - theilet; will er ſie aber wieder von mir nehmen / will ich dem himmli - ſchen Vater auch dancken / und da - mit vorlieb nehmen. O wuͤrdige Worte eines GOttgelaſſenen Chriſten!

Dieſe ſeine Gelaſſenheit und Gedult blicket auch mit gleichen Strahlen her - vor aus einem andern Briefe an mich / wenn er von ſeiner Leibes-Conſtitution alſo referiret: Die liebe Vater - Hand GOttes hat mir nun 14. Ta - ge her ſehr ſtarcke Kopf-Schmertzen aufgeleget / daß ich auch alſo nicht habe koͤnnen beywohnen die officia ſcholaſtica, (daß ich ſeinen TerminumB 3behal -30Lebens-Lauff. behalte) welche Kopf-Schmertzen nun ziemlich vorbey ſeyn / dennoch aber ſich taͤglich etwas davon noch ſpuͤren laͤſſet: Jch hoffe aber / ſie wer - den es ſo gut aufnehmen / als wenn ich geſund waͤre. Denn Kinder GOttes nehmen mit dem vorlieb / was der Vater ſchicket; wie dann auch damit vorlieb nehme / indem es von der lieben Vater-Hand kom - met / es ſey Kranckheit oder Geſund - heit / Freude oder Leid / Leben oder Tod.

Jn einem andern Briefe ſchreibet Er: GOtt gebe / daß wir dasjenige / was er uns zu tragen giebt / es ſey am geiſt - lichen oder leiblichen / willig tragen und damit zu frieden ſeyn: denn Er iſt Vater und wir ſind Kinder / dar - um ſollen wir ihm gehorſam ſeyn. Und zu dem ſo wird er uns nichts Ley - des thun / ob es gleich dem Fleiſche und alten Adam Spaniſch vorkom̃t.

Er hat ein Viertel-Jahr vor ſeinemAble -31Lebens-Lauff. Ableben die allerempfindlichſten Kopf - Schmertzen gehabt: Wenn der Schmertz angetreten / hat er nichts ge - ſagt / das Haupt vor ſich auf den Tiſch geleget / oder iſt bey Seite allein gegan - gen / bis es voruͤber geweſen.

Als dieſes Leiden ſo lange bey dem Kinde anhielt / fragte es ſeine liebe Frau Mutter und ſprach: Du liebes Chriſt - liebchen / bitteſt du denn GOtt nicht / daß er dir dieſe Schmertzen abnehme? Da antwortete er: Meine liebe Mam̃a / ich weiß / daß der liebe Vater im Himmel mir dis nicht auflegen wuͤrde / wenn mirs nicht gut und nuͤtzlich waͤre; Jch will Gedult darunter lernen / wenn ichs aber nicht mehr aushalten kan / alsdenn will ich um Linderung GOtt bitten. Solche ausdaurende Gedult iſt bey ihm bis ans Ende verſpuͤ - ret worden.

Sein Ende aber hat er lange gewuͤn - ſchet / wie ſolches aus folgendem abzu - nehmen. Da am 2. Sept. 9. WochenB 4vor32Lebens-Lauff. vor ſeinem Tode / ein Chriſtlicher Freund bey dem Herrn Vater des lieben Kindes angeſprochen / und das Kind ihm gekla - get / was fuͤr groſſe Kopf-Schmertzen er etliche Wochen lang ausgeſtanden / und noch ausſtehe / und daß er glaube / daß er daran noch ſterben wuͤrde / hat derſelbe Freund ihn gefraget / ob er denn auch gern ſterben wolte / wenn ihn ſein himm - liſcher Vater durch dieſe Kranckheit zu ſich nehmen wolte? Worauf er mit freudigem Muthe ohne Bedencken ge - antwortet / ach ja! und als derſelbe wei - ter gefraget / warum er denn ſo gern ſter - ben wolte / was ihn denn zu ſolcher Glau - bens-Freude bewege? Hat er geant - wortet: Wir wiſſen / daß wir ihm gleich ſeyn werden: Denn wir wer - den ihn ſehen wie er iſt.

Und als er einſt von ſeinen lieben El - tern gefraget worden / wie ihm denn zu Muthe geweſen / da er ſich vor 2. Jah - ren immer ſo gefreuet / und doch keine aͤuſſerliche Urſache der Freude vorhan -den33Lebens-Lauff. den geweſen? hat er zur Antwort gege - ben: Es waͤre eben eine ſolche Suͤßig - keit und Freudigkeit geweſen / wie er jetzo zum oͤfftern in ſeiner Seele em - pfuͤnde / die mit nichts in der gantzen Welt zu vergleichen waͤre / und mit nichts als mit JEſu dem Geliebten ſelbſt koͤnte erſaͤttiget werden.

Nicht allein aber hat er oben beſagter maſſen ſein Ende gewuͤnſchet / ſondern auch / da es heran geruͤcket / vielen vor - her angezeiget und ſich dazu berei - tet.

Gewuͤnſchet hat ers mit groſſer Freu - de / um eine Braut Chriſti balde zu werden / wie ſeine Weyſe zu reden war. Einsmals koͤmmt er zu ſeiner lieben Fr. Mutter und ſpricht: Ach liebe Mam - ma / eine Braut Chriſti werde ich wol nicht werden / wenn ich nur un - ter denen Geſpielen ſeyn moͤgte: Welche Worte keines weges einen Zweifel ſeines Glaubens und Hoffnung anzeigen / ſondern ſie ſind aus ſeinem ſoB 5viel -34Lebens-Lauff. vielfaͤltigen Glaubens-Kampf hergeruͤh - ret / als welcher ihm dieſen demuͤthigen Wunſch ausgepreſſet / mit David / wel - cher auch hie auf Erden lieber ein Thuͤr - huͤter in ſeines GOttes Hauſe ſeyn wol - te / denn lange wohnen in den Huͤtten der Gottloſen.

Vorher hat er ſein Ende angezeiget unterſchiedenen im Hauſe / auch ſeines lieben Herrn Vaters Herrn Bruder / dem Cammer-Diener und Leib-Chirur - go bey Sr. Fuͤrſtl. Durchl. Fuͤrſt An - ton Guͤnthern / Fuͤrſten zu Anhalt / zu Muͤhlingen.

Als er von Roßlau kommen 3. Wo - chen vor ſeinem Abſterben / ſagete er zu ſeinem Bruder Gottlieben: Ach wenn ich doch noch einmal nach N. kaͤme / ehe ich ſtuͤrbe / wenn doch mein lie - ber Herr Vater bald hin reiſete! Denn er hatte ſich zu N. wohl erbauet be - funden.

Auf eine andere Zeit / da er ſeinen herannahenden Tod vermuthete / hat erge -35Lebens-Lauff. geſagt: Wenn ihn GOtt hingenom - men / ſo wolte er GOtt bitten / daß er die lieben Eltern und Geſchwiſter auch bald voͤllig erloͤſen moͤgte von dieſer gegenwaͤrtigen argen Welt.

Bereitet hat er ſich zu ſeinem Abſchie - de durch ſeinen treuen Kampf wider alle Unreinigkeit / ſo er in ſeiner Natur wahr - genommen. Jn einem Briefe an mich von 15ten Septemb. 1707. ſchreibet er: Gleichwie das nicht gnug waͤre / wenn ein Bettler vor einer hohen Perſon erſcheinen wolte / daß er nur etliche grobe Sachen ablegte / ſon - dern er muͤſte gar andere Sitten / Mores und Gebehrden lernen / und ſein angethan werden; alſo auch wir / wenn wir wollen vor GOtt erſcheinen / muͤſſen wir gar anders werden an Hertz / Muth und Sinn und Kraͤfften / daß wir fuͤr GOtt beſtehen koͤnnen / und vor ſein Ange - ſichte treten.

Jn dem letzten Briefe / den er 3. Wo -B 6chen36Lebens-Lauff. chen vor ſeinem Tode geſchrieben / befieh - let er ſich in mein Gebeth / verſpricht / mich wieder in ſeine Fuͤrbitte zunehmen / und ſetzet darauf dieſe Worte: GOtt mache uns aber durch ſolche gleich - ſam Wechſel-Gebethe recht heilig und unſchuldig / daß wir dem Bilde Chriſti gemaͤß leben / ihn mit Suͤnden nicht beleidigen / und ihn ſeiner Eh - re nicht berauben. Ja er behalte uns heilig in ſeiner Liebe (laſſe uns aber erſt recht heilig leben) bis auf die Erſcheinung JESU CHRJ - STJ.

Seine Worte hielte er auf einer ſol - chen Waag-Schaale / daß ich die Zeit meines Umganges mit ihm ſo wenig an ſeinen Reden als an ſeinen Wercken ſtraͤffliches funden. Er ſelbſt aber ge - woͤhnete mit ſeinen Erinnerungen das Geſinde dahin / daß ſie auch gegen das Vieh keinen unnuͤtzen Zorn oder unzei - tige Haͤrtigkeit erzeigen moͤchten. Wel - che Erinnerungen er aber nicht durchver -37Lebens-Lauff. verdrießliches Tadeln / ſondern mit we - nigen bittenden Worten / Minen / auch Seuffzen an den Tag legete. Denn durchaus keine Tadel-Sucht bey ihm Statt funde.

Gottloben ſeinen juͤngern Bruder / welcher vor Pfingſten Anno 1707. noch was ungebrochen war / aber ein paar Wochen darauff ein gantz ander We - ſen an ſich leuchten ließ / (darin die Treue GOttes ihn bis itzo um dem Advent er - halten hat / und ferner beſtaͤndig erhal - ten wolle) wurde offt von dem ſeligen Bruder vermahnet und zum Gebeth mit gezogen; und als dieſer ſeinen ſeligen Bruder fragte / wie er es denn machẽ ſol - te / daß er fromm wuͤrde? ſagte Chriſt - lieb: Er ſolte fleißig beten. Er fra - gete weiter / wie man beten muͤſſe? ant - wortet Chriſtlieb: Erſtlich muͤſſet ihr um Buſſe / Glauben und Liebe bitten / um anders nichts; wenn ihr denn die habet / ſo koͤnnet ihr weiter bitten. Alſo war des ſeligen Kindes Mund uͤber -B 7all38Lebens-Lauff. all mit Vermahnungen / Straffen / Leh - ren und Beten geſchaͤfftig / und in die - ſem allen harmonirte ſein Leben.

Sonderlich iſt merckwuͤrdig / daß er in der von GOtt empfangenen Erkaͤnt - niß von Widerſprechenden / in der Un - wiſſenheit eiffernden und in der Welt angeſehenen Perſonen ſich niemals Scrupel machen laſſen / wie disfalls ſein aͤlteſter Bruder viel Anfechtung ge - lidten. Sein Hertz war feſt und unbe - weglich / und in der Schrifft war er ſo maͤchtig / daß man nur ihn zu fragen pfleg - te / wenn man wiſſen wolte / wo etwa die - ſer oder jener Spruch ſtuͤnde.

Auch hatte er die Lieder aus ſeinem Geſangbuche ſo fleißig geſungen / daß er den Text von vielen fertig auswendig konte / und vorzuſingen pflegte / wenn die Geſangbuͤcher auf Reiſen nicht bey der Hand / oder man auf den Eß-Altan in dem Garten kein Licht des Abends tragen wolte; auch hatte er die Blaͤtter dergeſtalt inne / daß / ſo offt ein Lied erweh -let39Lebens-Lauff. let wurde / er daſſelbe wuſte wo es ſtun - de.

Als einsmals vom Tode geſprochen wurde / dabey mir die Umſtaͤnde der Re - de nicht gnugſam bekant / ſagte Chriſt - lieb unter andern: Liebe Mam̃a / mey - net ſie / daß ich mich ſo ſehr betruͤben wolte / wenn ſie ſtuͤrbe? nein das thaͤ - te ich nicht; uͤber den lieben Vater wuͤrde ich mich wol ein klein wenig betruͤben / aber auch eben nicht gar zu viel: denn ich weiß ja / zu was fuͤr einer Herrlichkeit ſie gelangen wuͤr - den.

Daß ich aber zum Beſchluß des Le - bens komme / den man bey dieſem lieben Kinde ſonderbar angemercket / ſo hat er mit dem angefangenen Julio 1707. einige Kopf-Schmertzen geklaget / die nur zu - weilen ſich gefunden; nachdem ihm a - ber ſolche oͤffters angeſtoſſen und acutis - ſimi dolores draus worden / hat er ſehr groſſe Gedult daruͤber ſpuͤren laſſen / wie ſchon oben ſein Bezeigen dabey angefuͤh -ret40Lebens-Lauff. ret worden / und ſonderlich die Gelaſſen - heit aus denen damals geſchriebenen und hier excerpirten Briefen herrlich hervor ſtrahlet.

Er hat ſich auch dabey ſo ſtandhafft bezeiget / daß er ſich bis 3. Wochen vor ſeinem Ende auſſer Bette gehalten / da er die Schule / Tiſch und taͤgliche Betſtun - den noch mit beſuchet / und wenn der Schmertz angetreten / ſich gantz ſtill ge - halten / den Kopf niedergeleget oder auf die Seite gegangen / bis es voruͤber ge - weſen.

Vierzehen Tage vor ſeinem Abſchiede / da ihme der Schmertz uͤber die Maſſen ſtarck zugeſetzt / und kaum der Paroxyſ - mus voruͤber / ſagte er: Wie ſuͤſſe wer - de ich in den JEſus-Armen ruhen / Papa wie wohl wirds thun! Und als ſein Herr Vater ihn fragte / wie er denn dieſe Worte verſtuͤnde / ob er wolte durch Glauben und Gedult ſich ferner in JE -ſus41Lebens-Lauff. ſus Arme legen und ruhen? da ſagte er: ja auch lieber Papa / aber noch mehr / wenn ich nicht mehr im Fleiſche ſeyn werde / und das Fleiſch den Geiſt nicht mehr beſchweren kan.

Bald darauf / als ſein groͤſſeſter Bru - der Gottlieb Leberecht ihn zum An - dencken um ein Spruͤchlein bat / ſprach er: Jaget nach dem Frieden und der Heiligung / ohne welche wird nie - mand den HErrn ſchauen; woraus zu erkennen / daß er vor ſeinem Ende mit ſolchen Gedancken ſehr beſchaͤfftiget ge - weſen / wodurch ſeine Seele zu einer mehrern Laͤuterung koͤnte gebracht wer - den.

Wobey noch zu gedencken ſeyn moͤch - te / daß er zu ſeiner Schweſter und klei - neſten Bruder Gottlob Johann E - berhardt etliche Wochen vor ſeinem Tode geſagt: Ach wie werde ich michim42Lebens-Lauff. im Himmel betruͤben / wenn ihr den HErrn mit Suͤnden in der Welt creutzigen werdet.

Nach der Zeit hat er etliche Tage gantz ſtille weg gelegen und nichts mehr geſprochen / auſſer daß er etwa 2. Stun - den zuvor / ehe ſich ſein Todes-Kampf anhub / ein Geſangbuch mit lallender Stimme forderte / und das Lied ſingen ließ von allen ſo in der Stube waren: Nun lob meine Seele den HErren. (Den Tag vorher aber ließ er ſich vor - ſingen das Lied aus dem Geſangbuch: Jauchtzet all mit Macht ihr From - men etc: und das Lied: Was iſt doch dieſe Zeit / was ſind die Leiden etc:

Eine Stunde nach vollendetem Ge - ſange: Nun lob meine Seele den HErren etc: hub ſich ſein Todes - Kampff an / in welchem er 3. gantzer Tage zugebracht / gantz ſtille gelegen inſtar -43Lebens-Lauff. ſtarckem kalten Schweiß / mit halbge - brochenen Augen / ohne ſich zu ruͤhren o - der umzuwenden / auſſer wo man ihn hin - wendete. Jndeſſen wurde mit Beten und Singen abgewechſelt / und vor ſeinem Bette continuiret ſo Tages als Nachts; und da ich / ſein vorhin geweſener Informator, ihn fragte: Ob er denn etwas verſtuͤnde / und ob er noch von ſei - nem liebſten Heylande ſo reichlich wie ehemals erquicket wuͤrde? ſo moͤchte er doch / weil er nicht mehr reden koͤnte / ein Zeichen von ſich geben; hat er die Au - gen aufgethan / den Mund beweget / aber keinen Laut von ſich gegeben / und den lincken Arm in die Hoͤhe gehoben.

Jn der letzten Nacht wachete bey dem ſeligen Kinde ein Studioſus Theologiæ, der anitzo Pagen-Hofmeiſter an dem Hochfl. Hofe zu Muͤhlingen iſt / damals aber etliche Wochen in des Herrn D. Ex - ters Hauſe ſich auf halten muſte. Er la - ſe ihn unter andern vor das Lied: DerBraͤut -44Lebens-Lauff. Braͤutgam wird bald ruffen: Kom̃t all ihr Hochzeit-Gaͤſt / welches im Halliſchen Geſangbuche pag. 1147. ſte - het. Als nun der 4te Vers kam: GOtt wird ſich zu uns kehren / einem jeden ſetzen auf eine guͤldne Cron der Ehren und hertzen freundlich drauf ꝛc. hat das liebe Kind beyde Augen aufgeſperret / und den Mund mit einer laͤchelnden Mi - ne verzogen / den rechten Arm in die Hoͤhe gerecket / mit dem Zeige-Finger nach dem Himmel gewieſen / und gedachtem Studioſo mit dem Finger 3mal gewin - cket / und iſt endlich in ſelbiger Nacht nem - lich den 12ten Nov. 1707. morgens um 4. Uhr / als bey anbrechenden Ruhe-Tage des HErrn / in JEſu entſchlaffen / ſeines Alters 10. Jahr und 3. Monath.

Nach ſeinem Tode hat man unter ſei - nen Schreibe-Sachen gefunden vieler - ley geiſtliche Sachen / ſo er verfertiget / welche er aber bey ſeinem Leben nieman -den45Lebens-Lauff. den bekant gemacht. Mein Ende wer - de wie dieſes Ende!

Dieſen Lebens-Lauff habe ich des ſel. Kindes hinterbliebenen Eltern zum Troſt und Erweckung aufzuſetzen nicht unterlaſſen wollen / weil ich ſo wohl bey ſeinem Leben kurtz zuvor / ehe ich vom Halberſtaͤdtiſchen Conſiſtorio | aus Zerbſt hinweg gefordert und zum Pre - dig-Amt beruffen worden / ſein Infor - mator geweſen / als auch kurtz vor ſei - nem Ende / da ich einiger Geſchaͤffte hal - ber nach Zerbſt reiſete / und einige Tage bey ſeinen lieben Eltern mich aufhielte / uñ zwar zu eben derſelbigen Zeit / da dieſe ſelige Seele zu ihrem Heylande aufge - nommen wurde / aus ſonderbarer goͤttli - chen Schickung / ſo wol bey ſeinem Ende / als bey ſeiner Beerdigung / ich mich ſo occaſionaliter einfinden / und demſel - ben beywohnen muͤſſen. Daß alſo von allem / was ich hier geſchrieben / gar ge -naue46Lebens-Lauff. naue und genuͤgliche Nachricht / Ver - ſicherung und Gewißheit habe / es vor dem Angeſichte des allwiſſenden GOt - tes als ein ocularis teſtis zu ſchreiben.

Geſchrieben in Halberſtadt d. 20. Decembr. 1707. Wilhelm Eraſmus Arends / Paſtor zu Crottorff im Fuͤr - ſtenthum Halberſtadt.

II. Sei -[47]

II. Seiner Hochfuͤrſtl. Durchl. Herrn Anton Guͤnthers / Fuͤrſten zu Anhalt / von Dero eigenhaͤndigen Original eines erhaltenen Poſtſcripti abgedrucktes Zeugniß.

WAs anbelanget Herrn D. Ex - ters Sohn Chriſtlieb Le - berecht ſeligen / ſo iſt die - ſes Exempel ausnehmendge -48Zeugniß. genug / wie der groſſe GOTT offters mit ſeiner groſſen Gnade in denen Un - muͤndigen / als in noch nicht verdorbenen und dem Heiligen Geiſt widerſtreben - den Gefaͤſſen / kraͤfftiger und ausneh - mender wircke / als in Erwachſenen; Weil jene ihre durch die heilige Tauf - fe und durch das Blut Chriſti gereinigte Seele noch nicht wieder durch die Luſt - Begierden in Einwilligung fuͤrſetzlich grober Suͤnden zum Scheuſal vor dem groſſen GOtt gemacht / und noch nicht mit Præjudiciis, Limitationen und Philoſophiſchen Vernūfft-Schluͤſſen (womit Erwachſene und Hochgelahrte offte dem Geiſt GOttes zu widerſtreben / ja wol gar dem groſſen GOtt ſein heili - ges Wort entgegen zu ſetzen und da - durch zu wiederſtreben pflegen) zu wie - derſtreben eingenommen ſind / ſondern in kindlicher Einfalt dem Eindruck / Zie - hung und Lockung des Geiſtes GOttes Statt geben und ſich leiten laſſen.

Jch meines Theils halte dafuͤr / daß /wenn49Zeugniß. wenn ſolche Exempel oͤffters von Chriſt - lichen Theologis oder andern GOtt-lie - benden Seelen colligiret und publique gemacht wuͤrden / daß ſolches bey der Jugend und bey Chriſtlichen Alten / bey den erſten nicht ohne Erbauung und Aufmunterung / und zur Erweckung zum Lobe und Preiſe GOttes denen andern gereichen werde.

Jch habe dieſen Chriſtlieb Lebe - recht ſehr offt in ſeines Vaters D. Ex - ters Hauſe geſehen / wenn ich aus der Kir - che zur Heil. Dreyfaltigkeit in Zerbſt aus der Freytags-Predigt gekommen / und zu dem Hn. D. Extern / mit ihm ei - nes und das andere zu verabreden / mit hingefahren; Da ich denn / als er 7. Jahr alt war / mich uͤber ſein Gedaͤchtniß ver - wundert / daß er nicht allein einen ziemlich langen Lateiniſchen Vers reim-weyſe geſetzet uͤber das vergangene Sonntags - Evangelium absq; hæſitatione her re - citirte / ſondern wenn man zuruͤck bis auf vier / fuͤnff und weiter vorhergegangeneCSonn -50Zeugniß. Sonntage ihn fragte / waren auch ſelbi - ge ihm gelaͤuffig her zu ſagen.

Was nun ſonſt die Capita anbelan - get / ſo in ſeinem wahren Chriſten - thum er verzeichnet / ſo habe ich mich dar - ob theils hoͤchlich erfreuet / theils derer mich hoͤchſt verwundert / daß / da alles in kindlicher Einfalt verfaſſet / dennoch mit kraͤfftigen Worten / Realitaͤten und Schrifft-Krafft er der Sachen den Aus - und Eindruck giebet. Jch habe deren ſieben aus ſeinem Originali noch bey ſeinem Leben geleſen / auch 11. oder 12. ſeiner geiſtl. Lieder gleichmaͤßig aus ſeinem Concept, ſo er mit eigener Hand geſchrieben; welche nicht minder von der in ihm wohnenden Gnade Gottes ge - nuͤglich Zeugniß darſtellen koͤnnen. Nach ſeinem Tode aber habe ich die andern 5. Capita in demſelben zuſammen geheff - teten Original-Buche / und alſo 12. an der Zahl geſehen / geleſen / und mich hertzlich darob erquicket / deßgleichen auch noch 6. ſeiner letzten verfertigten Lieder /zwar51Zeugniß. zwar auch von ſeiner eigenen Hand ge - ſchrieben / aber in einem andern zuſam - men geheffteten Buͤchlein / dabey mir berichtet wurde / daß er die erſten Lieder jemand von Halle kommend im Ver - trauen mit gegeben / und alſo damals nicht zu handen.

Was aber die von ihm an ein und an - dern geſchriebene Briefe anbelanget / in welchen ich Paſſagen gefunden / da die - ſer Knabe ſel. ſolche kraͤfftige und geiſt - reiche Ausdruͤcke gefuͤhret / und ſolche Aufmunterungen gethan / welche bejahr - ten und in Theologia kundigen offt nicht beyflieſſen ſolten; hiervon habe ich die an den Hn. Paſtor Arends / als ſeinen ehemals geweſenen Informatorem, ge - ſchrieben in Originali geſehen / auch den Brief / den er an ſeine Schweſteꝛ geſchrie - ben / als er damals in ſo zarter Jugend auch empfinden muͤſſen / was die ſchwe - re Hand des HErrn uͤber einem Men - ſchen ſey.

Dieſes iſt es nun / was mir von O -C 2rigi -52Zeugniß. riginalien ſo wol bey ſeinem Leben als nach ſeinem Tode zu Hand und Geſicht gekommen / ſo ich mit denen habenden Copien genau collationiren laſſen / und alſo verſichert bin / daß die Worte mit dem Original uͤberein kommen / und hoffentlich frey von Schreib-fehlern ſeyn werden.

Anton Guͤnther / Fuͤrſt zu Anhalt.

III. Das[53]

III. Das Wahre Chri - ſtenthum / Wie daſſelbe von denen / ſo ſich heute zu Tage Chriſten nennen / ſoll ins Werck geſetzet werden / vorgeſtellet von Chriſtlieb Leberecht von Exter. Symb. Chriſto Liberatus Exulto. Angefangen Jn Zerbſt den 12. Jun. 1707.

C 3Das[54]
〈…〉〈…〉

Das Erſte Buch / verfaſſet in XXV. Capitel.

  • 1. Vom Wahren Glauben / wel - cher die Welt uͤberwindet.
  • 2. Wer Chriſti Juͤnger ſeyn wol - le / muͤſſe ſein Creutz auf ſich nehmen / und ihm folgen.
  • 3. Wer zu dem Abendmahl des HErrn kommen wolle / muͤſſe ein hochzeitlich Kleid an ha - ben.
4. Wer55Jnhalt.
  • 4. Wer Chriſti Diener ſeyn wol - le / muͤſſe gekleidet ſeyn / wie er ſelbſt.
  • 5. Von der Wachſamkeit uͤber unſere Seele / desgleichen auch von der Klugheit / die der See - len noͤthig iſt.
  • 6. Von der Nachfolge GOttes / als die lieben Kinder.
  • 7. Von der ungleichen Uberein - ſtimmung Chriſti und Beli - als / Lichts und Finſterniß.
  • 8. Wir ſollen im Licht wandeln / weil wir das Licht haben / auf - daß uns nicht die Nacht uͤber - eile.
  • 9. Von Chriſto muͤſſen wir alles erlernen / denn Er iſt unſer Lehrmeiſter.
  • 10. Wie wir ſollen ſtarck ſeyn in dem HErrn / ſtreiten und kaͤmpfen.
C 411. Wie56Jnhalt.
  • 11. Wie wir ſollen in den Wein - ſtock Chriſtum eingepflantzet ſeyn.
  • 12. Wir ſollen allen Heuchel - ſchein meiden.
  • 13. Chriſtum lieb haben iſt beſſer / denn alles wiſſen.
  • 14. Die Welt haͤlt uns als Ster - bende etc. aber wir leben.
  • 15. Wer dem HErrn anhanget / ſey ein Geiſt mit ihm.
  • 16. Der Welt Weißheit / die Phi - loſophia u. d. g. ſey Thorheit vor GOtt.
    (a)zu verſtehen nach dem Sinn des Apoſtels 1, Cor. I, 20. III, 19. Col. II, 8.
    (a)
  • 17. Chriſtus iſt allein die Aufer - ſtehung und das Leben.
  • 18. Die Goͤttliche Traurigkeit wircket eine Reue zur Selig - keit / die niemand gereuet.
19. GOt -57Jnhalt.
  • 19. GOttes Liebe gegen die Men - ſchen.
  • 20. Wie Kinder GOttes bey al - ler Verfolgung doch ruhig ſeyn / und die Tugenden mehr zunehmen.
  • 21. Die Kinder GOttes kann nichts abwenden von der Lie - be JEſu.
  • 22. GOTT wohne gern bey de - nen / die demuͤthiges Hertzens ſind.
  • 23. Was Kinder GOttes fuͤr Troſt kriegen vor der Verfol - gung.
  • 24. Wie GOttes Haͤufflein klein iſt.
  • 25. Chriſtus wird ſcheiden die Frommen und Boͤſen.
C 5Noch58Erinnerung an den Leſer.
〈…〉〈…〉

Noch eine Erinnerung zuvor An den Leſer.

MEr ſich will zu GOtt bekehren / der thue es bald / und ſaͤume nicht; denn man muß entwe - der GOtt recht zu dienen an - fangen / oder muß es gar bleiben laſſen: Denn GOtt will unſere Hertzen gantz inne haben und beſitzen. Alſo gehet es nun nicht an / daß man will GOtt und der Welt dienen / ſondern man muß ſein Hertz allein GOtt ergeben; dieſes erlanget man durch andaͤchtiges Gebeth. Halleluja!

Jm59Wahres Chriſtenth. Cap. I.

Jm Namen JEſu!

Cap. I. Vom wahren Glauben / wel - cher die Welt uͤberwin - det.

Unſer Glaube iſt der Sieg / der die Welt (Tod / Teufel und Hoͤlle) uͤber - windet.

UNd alſo kan ein glaͤubiger Chriſt von GOtt im wahren Glauben (am Geiſtlichen) al - les bitten / was ihm nuꝛ noͤthig iſt / welches er auch empfaͤhet. 1. Joh. 5, 4. Und unſer Glaube iſt der Sieg / der die Welt uͤberwunden hat. Jn die - ſen Worten iſt ſehr viel geredet / ob es zwar wenig Worte ſind; und iſt das wahr / daß durch den Glauben man alles Creutz und Truͤbſal uͤberwinden koͤnne / ſowol im Geiſtlichen / als im Leiblichen.

C 6Als60Wahres Chriſtenth. Cap. I.

Als zum Exempel: Stoͤſſet mir ein Ungluͤck zu im Leiblichen / ich dencke aber / GOTTES Wille iſt es / und zu dem bete ich im Gebeth des HErrn / dein Wille geſchehe / habe auch dabey auf ihn (auf GOTT) das Vertrauen / er werde / wañ es ſein Wille iſt / mich wieder erloͤſen von ſolchem Ungluͤck: da kan man ſagen / dieſes iſt der rechte Glaube / und man uͤberwindet alſo das Ungluͤck / nem - lich daß man alle ſeine Sorge auf GOtt ſetzet und ihm vertrauet.

Von geiſtlichen Sachen ein Exem - pel zu ſetzen: Habe ich etwan groſſe An - fechtung oder groſſe Traurigkeit des Hertzens / und ich dencke / es iſt dieſe Traurigkeit vielleicht zu meiner Selig - keit. Oder: von dieſer Traurigkeit ge - dencket CHriſtus Matth. 5. Selig ſind / die da Leyde tragen / denn ſie ſollen getroͤſtet werden. CHriſtus aber meynet hier / die um ihrer Suͤnde traurig ſeyn / denn Paulus ſpricht 2. Cor. 7, 10. Die goͤttliche NB. die goͤttli -che61Wahres Chriſtenth. C. I. che Traurigkeit wircket zur Selig - keit eine Reue / die niemand gereuet.

Wir finden aber in unſern Text - Worten(a)So nennet er den Spruch 1. Joh 5 / 4. Weil auf denſelben dieſes erſte Capitel ge - richtet iſt. noch eine groͤſſere Verheiſ - ſung / daß wir gar die Welt (leicht zu - ſchlieſſen auch den Teufel) uͤberwinden koͤnnen durch unſern Glauben; und wir - berwinden nicht nur den Satan oder die Welt / ſondern (eine groſſe Verheiſſung!) wir / als Kinder GOTTES / haben ſie durch den wahren Glauben all uͤber - wunden. Jſt ſo zu verſtehen / als wenn ich leſe die Worte Hebr. 6 / 4. Denn es iſt unmuͤglich / daß die / ſo einmal erleuch - tet ſind und geſchmecket haben die Suͤßigkeit etc. und ich glaube nun die - ſe Worte / (wie ſie denn auch in der That wahr ſind) ſo werde ich ja nicht wieder von GOtt abfallen; und den Teufel nun / der mich begehret zu ſich zu haben / - berwinde ich nun mit dem / daß ich anC 7GOtt62Wahres Chriſtenth. C. I. GOtt hangen bleibe. Siehe nun / lieber Menſch / dieſes iſt das / was Johannes ſaget in der 1. Epiſt. 5 / 4.

Jch will aber noch ein Exempel herbey fuͤgen vom Glauben / zum Exempel: wenn ein Soldat will in den Krieg gehen wider ſeinen Feind zu ſtreiten / ſo kan er nicht e - her anfangen zu kriegen / als er habe erſt einen Pantzer an / und habe Gewehr in ſeiner Hand / alsdenn kan er beſtehen; alſo auch wir muͤſſen erſt gewapnet ſeyn NB mit dem Glauben / alsdenn koͤnnen wir wider den Satan beſtehen / und koͤnnen ihn uͤberwinden.

Weil aber der Glaube in dieſer letzten Zeit faſt gar verloſchen iſt / und der Glau - be ſehr duͤnne geſaͤet iſt / daß nur die Maul-Chriſten meynen / wenn ſie ſagen / ich glaube an GOTT Vater / Sohn / Heiligen Geiſt / ſo haben ſie ſchon den Glauben: So ſage ich hiemit / daß / wenn ſie ſagen: Jch glaube Vater / Sohn und Heiligen Geiſt / ſie doch be - dencken / wenn ſie glauben / es ſey einGOTT /63Wahres Chriſtenth. C. I. GOTT / der ſie erſchaffen / ein Erloͤſer / der ſie erloͤſet / Heiliger Geiſt / der ſie ge - heiliget hat / daß der GOTT ſie koͤnne wegen einer Suͤnde gleich zu Boden / ja in Abgrund der Hoͤllen werffen(b)Die Meynung iſt / daß der wahre Glau - be an den dreyeinigen GOtt nicht ohne Furcht GOttes ſey / die der Suͤnde wehret.. Und ſo muß der Glaube beſchaffen ſeyn an Vater / Sohn / Heiligen Geiſt.

Gebeth.

OHeiliger / gerechter / ewiger / zugleich auch liebreicher GOtt! ich dancke dir / daß du noch uns / wegen nicht allein einer / ſondern vieler unwiſſentlichen Suͤnden(c)d i. ohnerachtet wir vielmals unwiſſend ſuͤndigen. / dennoch gnaͤdig biſt. Da wir(d)od. Und weil wir. im Catechiſmo ſagen oder leſen: Jch glaube anGOtt64Gebeth ad Cap. I. GOtt Vater / GOtt Sohn / GOtt Heiligen Geiſt: Ach ſo laß uns doch auch recht beden - cken / was wir in dieſen Worten beten / und laß uns dadurch auch erkennen / daß du allzeit bey uns biſt / und ſieheſt unſer Thun / un - ſer Gehen und Stehen / ja alle Geſchaͤffte / die wir treiben / und laß uns daſſelbe nicht allein er - kennen / ſondern uns auch vor Suͤnden huͤten. O GOtt! laß uns den Teufel und die Welt / unſer Fleiſch und Blut / ja alle Suͤnden uͤberwinden durch den Glauben / und dort in der ewi - gen Seligkeit die Krone dafuͤr(e)Verſiehe aus Gnaden und nicht aus Ver - dienſt / wie 2. Tim. 2, 5. Cap. 4, 7. 8. erlangen. Dieſes alles um JE - ſu Chriſti willen / deſſen Zuſageuns65Wahres Chriſtenth. C. II. uns die Erhoͤrung verſichert / Amen! Amen!

Cap. II. Wer Chriſti Juͤnger ſeyn will / muß ſein Creutz auf ſich nehmen / ſich verleug - nen und ihm folgen.

Matth. 16 / 24. Will mir jemand nachfolgen / der verleugne ſich ſelbſt / und nehme ſein Creutz auf ſich / und folge mir.

ES wird uns in dieſem Spruͤch - lein das gantze Chriſtenthum / ſo wir an uns haben ſollen / be - ſchrieben. Chriſtus aber ſaget am al - lererſten: Er verleugne ſich ſelbſt; Welches ſoll ſeyn der Anfang des Chri - ſtenthums.

Gleichwie ein Krancker / wenn er will geſund werden / muß er am aller -erſten66Wahres Chriſtenth. C. II. erſten die Speiſen meiden / die ihm ſcha - den; wir ſind demnach nun auch kranck / und muͤſſen alſo einen Artzt haben / der uns kan geſund machen: wollen wir nun geſund werden / das iſt / wollen wir von Suͤnden frey werden / ſo muͤſſen wir die boͤſen Luͤſte fliehen / und muͤſſen dencken: ſiehe / nun will der Satan uns verfuͤhren / und zu Suͤnden reitzen / dennoch wollen wir uͤberwinden / und das Feld / das iſt / die Seligkeit / behalten.

Es iſt aber ein beſſer Exempel zuge - ben auf dieſes erſte Wort zum Chriſten - thum gehoͤrig / verleugnen. Nem - lich / als wenn einem eine boͤſe Luſt auf - ſteiget dem alten Adam angehoͤrig / ſo ſpricht gleichſam der Teufel zu uns: Jſt mein Mittgeſell / der Adam / das iſt die Suͤnde / nicht zu Hauſe? Alsdenn ſoll man gleichſam ſagen: Er iſt nicht zu Hauſe / ſondern es iſt ein neuer Menſch drein / der / wenn der Teufel hinein kommet / weichet / oder wenn der Teufel weichet / er hinein kommet. Nuniſts67Wahres Chriſtenth. C. II. iſts aber am allerbeſten / wenn man Chri - ſtum in der Seelen hat / denn der ſoll oh - ne dem in uns ſeyn und ſeinen Beſitz in uns haben.

Jch muß aber noch ein wenig erin - nern von dieſem erſten Worte des Chri - ſtenthums / nemlich Verleugnung; daß es gewiß ein ſchwerer Kampf ſey / den man muß(f)antreten. ablegen; und nicht allein ein Kampf / ſondern denn auch ein Sieg: Denn der Satan kommt gantz gewiß nicht mit wenig Teufeln / oder mit einer geringen Macht / ſondern er iſt der groſſe Fuͤrſt der Finſterniß / der mit einem maͤchtigen Heer gezogen koͤm̃t.

Auch iſt das noch der ſchwereſte Kampf und Sieg / den die Ehriſten er - tragen muͤſſen / nemlich / daß der Sa - tan ſo ſachte mit ſeinem Heere koͤmmt / und laͤßt ſichs nicht ſo bald mercken; als wie ein maͤchtiger Feind laͤßts nicht jedermann wiſſen / wo er Krieg anfangenwill /68Wahres Chriſtenth. C. II. will / ſondern er haͤlts ſehr geheim; alſo auch koͤmmt der Satan mit ſolcher Mo - de / als wie man es nicht vermercket.

Als erſtlich kommt er etwan mit einer Luͤgen / die etwan einem entfaͤhret ohne Willen; und wo man ſie nicht beſeuffzet / oder bereuet / das iſt / daß man den Vor - ſatz hat / die Suͤnde nicht mehr zu thun / oder durch GOttes Gnade alle ſeine Worte recht zu bedencken / damit man ja nicht luͤgen moͤge: So kommt der Sa - tan mit einer groͤſſern Suͤnde / etwa mit Laͤſtern GOttes / und denn immer mit groͤſſern Suͤnden / bis er die Seele gantz inne hat / bis ſie in ſeinem Weſen erſof - fen iſt.

Hingegen muͤſſen Chriſten / wenn ſie etwan fallen / ſich gleich aufrichten / und durch GOttes Gnade wieder in ihn ver - ſencket werden. Dieſes iſt die Verleug - nung.

Wir haben das andere Stuͤck / oder das andere Wort des Chriſtenthums ferner zu betrachten / nemlich: Er neh - me ſein Creutz auf ſich.

Es69Wahres Chriſtenth. C. II.

Es laſſe ſich kein Menſch beduͤncken / wenn er etwan in Noth iſt / (ich rede jetzt von Welt-Kindern) daß das eine Strengigkeit Gottes ſey; ſondern GOtt iſt ein liebreicher GOtt(g)Nach ſeiner allgemeinen Liebe; wie das folgende zeiget. auch gegen die Gottloſen / denn er ſpricht Matth. 5, 45. Er laͤſſet regnen uͤber Gerechte und Ungerechte. Die Ungerechten laͤſ - ſet er zwar ſeinen Segen genieſſen / aber es geſchicht mit ſolcher vaͤterlicher Liebe nicht / als gegen die Frommen.

Es beſtehet ſonderlich die Feindſchafft GOttes gegen die Gottloſen darin / (ich meyne nicht / daß GOtt Feindſchafft auf den gottloſen Menſchen habe /(h)Verſtehe / daß er ihm keine Gnade anbie - ten ſolte / und nur auf ſein Verderben be - dacht ſeyn. ſondern er hat vielmehr Erbarmen mit ihm; und haben wir auch das Exempel von Chri - ſto / da er ſpricht zu ſeinem Verraͤther Ju - da: Freund! Noch ein Exempel: Dader70Wahres Chriſtenth. C. II. der Haushalter (GOtt) wird ſprechen zu den Gottloſen: Wie ſeyd ihr herein kommen / Freunde! Lernen hieraus / Daß / wenn ein Mittel waͤre / die Gott - loſen wieder aus der Hoͤllen zuerretten / ſo thaͤte es GOtt; und alſo haben ſie (die Gottloſen) vielmehr wider GOTT eine Feindſchafft / indem ſie ihn mit der Suͤn - de beleidigen) daß er ſie dahin giebt in ihres Hertzens Sinn / denn ſie empfan - gen dafuͤr die Verdammniß. Son - dern das Creutz iſt manchmal eine Liebe oder Ziehung zur Bekehrung; bey einem Frommen aber offt noch ein mehres An - dencken zu GOtt. Und alſo ſaget Chri - ſtus nicht vergebens: Er nehme ſein Creutz auf ſich. Dieſes iſt das ande - re Stuck des Chriſtenthums.

Weil aber im 2. Stuͤck des Chriſten - thums nur faſt von der Welt-Men - ſchen ihrem Creutz geredet iſt(i)Diß kommt zwar mit dem Jnhalt und Zweck des Spruchs nicht uͤberein; iſt doch aber auch kein wider die Aehnlichkeit des Glaubens ſtreitender Jrrthum. / ſo ha -ben71Wahres Chriſtenth. C. II. ben wir eine Anleitung / mehr davon zu reden / und zwar von Kindern GOttes ihrem Creutz; Und zu dem giebt uns das 3te Stuͤck des Chriſtenthums An - laß / welches lautet: er folge mir.

Nun von der Kinder GOttes ihrem Creutz zu reden; haben ſie / zum Exempel / keine Andacht zu beten / und koͤnnen nicht dazu gelangen /(k)Diß referiret er zur Nachfolge Chriſti / weil dergleichen dem Glaͤubigen in und bey der Nachfolge Chriſti begegnet / nicht aber / als ob Chriſtus auch dergleichen Anfechtung erfahren / und wir ihn darin alſo zum Vor - gaͤnger haͤtten. ſo gehen und ſeuftzen ſie ſo lange nach der Andacht / und em - pfahen denn endlich ſo eine inbruͤnſtige Andacht / daß ſie GOtt dafuͤr dancken; und ſonſt iſt ihnen dieſe Kaltſinnigkeit zum Gebeth ein groſſes Creutz / und doch macht dieſes Creutz oder dieſe Kaltſin - nigkeit des Gebeths ſie immer emſiger zu ſuchen die Andacht.

Ja GOTT ſchicket einem Chriſtenman -72Wahres Chriſtenth. C. II. manche Anfechtung / manche Pruͤfung / ja manch Creutz im Geiſtlichen / daß der Menſch ihn emſiger ſoll ſuchen / und mehr an ihn ſoll dencken. Darum dencke doch nicht ein Chriſt / wenn er Anfech - tung hat / es ſey eine Straffe GOt - tes; es iſt zwar eine Straffe GOttes vor die Suͤnde / aber dennoch auch eine Urſache zu mehrerern Andencken an GOtt und an ſein heiliges Wort. (l)Und ſey alſo mehr eine zu ihrem Beſten ge - meinte vaͤterliche Zuͤchtigung als eigentliche Strafe zu nennen.

Nun iſt auch noͤthig recht auf die 3te Sache des Chriſtenthums / nemlich / er folge mir nach / zu ſehen. Aus dieſen Worten ſollen wir lernen / daß / wer Chriſti Juͤnger ſeyn wolle / muͤſſe auch ihm folgen in allen ſeinen Wegen.

Nun Chriſtus gehet / NB. Chriſtus gehet mit uns durch krumme Wege / und die dennoch gerade ſind. Welche ſind denn die Wege / wodurch wir ge - hen muͤſſen?

Ant -73Wahres Chriſtenth. C. II.

Antwort:

Verfolgung / Verachtung / Creutz / Widerwaͤrtigkeit des Satans und der Welt. u. d. g.

Nun ſolte mancher dencken / gehet es denen Chriſten alſo / ſo will ich nim - mermehr in die Wege Chriſti treten.

Aber lieber Unverſtand! hoͤre doch! zum Exempel / worzu dienet Verfolgung? Sie iſt gewiß eine ſchoͤne Artzney. Denn woher hat David die Pſalmen ge - macht / als von der Verfolgung? und noch mehr / man empfaͤngt dafuͤrm)Aus GOttes unverdienter Gnade und Lie - be / Matth. 5, 11. 12. die ewige Seligkeit und die ewige herrliche Freude.

Verachtung iſt eben dergleichen Artz - ney. Creutz iſt ſchon erklaͤret im an - dern Theil des Chriſtenthums. Letz - lich / was richtet Widerwaͤrtigkeit des Sataus an? Sie richtet einen ſchweren Kampf an / aber durch den Kampf und Siegn)Ap. Geſch. 14, 22. gelanget man zur ewigen Se - ligkeit.

DSiehe74Gebeth ad Cap. II.

Siehe nun liebes Hertz / das ſind krumme und doch gerade Wege. Erſt - lich ſeyn ſie krumm / wenn man es be - dencket / als Verfolgung / daß einen kein Menſch achtet; es iſt dem alten Adam krumm genug / auch wol den anfangen - den Chriſten; Aber ſie ſind gerade / daß ſie die Seligkeit bringen / und gleichſam Helfero)Jſt ſo zu verſtehen / als wie wir ſingen: Wenn es gieng nach des Fleiſches Muth in Gunſt etc. ſind / die uns die Seligkeit verherrlichen.

Gebeth.

OHeiliger / barmhertziger / e - wiger / liebreicher / herrli - cher GOTT und Vater / ich preiſe deine groſſe Guͤte / daß du uns das zu gute gethan haſt / und haſt deinen Sohn JEſum CHriſtum in die Welt geſandt / daß er uns hat ſollen erloͤſenaus75Gebeth ad Cap. II. aus dem Schlamm / darinnen wir ſtecken; ich lobe dich aber auch dafuͤr / daß du ihn nicht al - lein haſt in die Welt geſandt uns zu erloͤſen / ſondern haſt ihn auch laſſen ſeinen Mund aufthun / und uns lehren / daß / wer ſein Juͤnger ſeyn wolle / muͤſſe ſich verleugnen / und ihm folgen / und muͤſſe denn auch ſein Creutz auf ſich nehmen. Laß mich dieſes nicht allein wiſſen / ſondern auch thun; und in der Verleugnung gib / daß ich die Liſt des Satans moͤge mercken / wie er ſo ſachte koͤmmet. Jn dem Creutz nach-tragen gib / daß ich es geduldig / und nicht allein geduldig / ſondern auch freudig nachtrage. Jn dem Nachfol - gen gib / daß ich dir in allen We -D 2gen76Wahres Chriſtenth. C. III. gen folge / ſie ſeyn krumm oder gerade. Verleihe es / Vater / um CHriſti willen. Amen! amen!

Cap. III. Wie wir muͤſſen ein hochzeit - lich Kleid an haben / ſo wir wollen das Abend - mahl des HErrn ſchme - cken.

Matth. 22, 11-15. Da ging der Koͤnig hinein die Gaͤſte zu beſehen / und ſahe alda einen Menſchen / der hatte kein hochzeitlich Kleid an / und ſprach zu ihm: Freund / wie biſt du herein kommen / und haſt doch kein hochzeitlich Kleid an? er aber verſtummete. Da ſprach der Koͤ - nig zu ſeinen Dienern: Bindet ihm Haͤnde und Fuͤſſe / und werffet ihn in die Finſterniß / da wird ſeyn Heulenund77Wahres Chriſtenth. C. III. und Zaͤhnklappen. Denn viel ſind beruffen / aber wenig ſind auser - wehlet.

VOr dieſem Spruch oder vor die - ſen Worten ſollen wir doch er - ſchrecken; ſonderlich da CHri - ſtus ſpricht: der Koͤnig wuͤrde ſagen zu denen Gottloſen: Freund / oder Freun - de / wie ſeyd ihr herein kommen / und habt doch kein hochzeitlich Kleid an? NB. er aber verſtummete. Hier vor Menſchen koͤnnen wir uns alſo recht - fertigen / daß man meynete / es ſey die Sa - che gantz richtig alſo / und waͤre nicht ſo recht die Beſchuldigung auf ihnen; a - ber vor GOTT gilt das nicht / denn David ſpricht in 7. Pſalm v. 10. du pruͤfeſt Hertzen und Nieren. Ein Menſch kan einem nicht ins Hertz ſehen / daß die oder die Entſchuldigung wahr ſey; hingegen vor GOTT beſtehet man dort mit ſeinen Entſchuldigungen / die man hier gethan hat gegen MenſchenD 3alſo /78Wahres Chriſtenth. C. III. alſo / daß man da wird muͤſſen verſtum - men. Wohl dem nun / der / was er ge - than hat / geſtehet / und dieſes nicht allein geſtehet / ſondern auch ſein Leben aͤn - dert.

Wir haben aber ſonderlich zu ſehen auf das hochzeitliche Kleid / und was das vor ein Kleid ſey. Johannes ſpricht in der Offenb. 7 / 14. Es haͤtte einer der Aelteſten geſagt: (nach dem er ihn / den Johannem / gefraget / wer dieſe waͤ - ren) dieſe ſinds / die da kommen ſind aus groſſem Truͤbſal / und haben ih - re Kleider gewaſchen / und haben ihre Kleider helle gemacht im Blu - te des Lammes. Hier beſchreibet Johannes das hochzeitliche Kleid / indem er ſpricht: ſie haben ihre Kleider hel - le gemacht in dem Blute des Lam̃es.

Wir lernen demnach hieraus / daß / wie Chriſtus das Lamm GOttes hat muͤſſen getoͤdtet werden / auch wir gleich - ſam durch die Laͤſterung / Verfolgung und Verachtung muͤſſen getoͤdtet wer -den /79Wahres Chriſtenth. C. III. den / ja wol gar recht leiblich getoͤdtet werden ſollen. Und dann heißt es recht: ſie haben ihre Kleider helle gemacht im Blute des Lammes / und wir koͤn - nen mit dieſem Verachtungs-Kleid vor GOTT beſtehen(a)d. i. Es gefaͤllt GOtt / wenn wir / die wir durch die Gnade des HErrn JEſu ſelig zu werden hoffen / uns auch nicht wegern / um ſeinet willen Schmach zu leiden.. Denn die Welt verachtet nur die / ſo ein heilig Leben fuͤh - ren wollen; und wenn den Frommen je - mand etwas Leides thut / ſo wird GOtt den Frommen hundertfaͤltige Freude da - fuͤr geben / und ſo erlanget alſo der From - me Freude fuͤr Verfolgung; und indem er die Seligkeit oder Freude erlanget / ſo muß er ja erſt vor GOTT beſtehen / denn wer nicht beſtehet vor GOTT / der empfaͤngt Verdamniß und ewige Hoͤllen-Pein. Dieſes iſt das hochzeit - liche Verachtungs-Kleid.

Wir haben aber auch noch zu betrach - ten das 2te hochzeitliche Kleid / welchesD 4Chri -80Wahres Chriſtenth. C. III. CHriſtus ſelber iſt. Wollen wir fer - ner vor GOTT beſtehen / ſo muͤſſen wir CHriſtum ſelber an haben / als das rechte Kleid / womit wir auch vor GOTT beſtehen; ja wodurch wir am allermeiſten(b)d. i. Chriſtus iſt allein die verdienſtliche Urſach unſerer Seligkeit. die Seligkeit erlangen. Paulus ſpricht Hebr. 12 / 14. Jaget nach dem Frieden gegen jedermann / und der Heiligung / ohne welche wird niemand den HErrn ſehen. Die - ſe Heiligung nun iſt CHriſtus: wenn wir nun die nicht in oder an uns haben / ſo koͤnnen wir nimmermehr GOTT ſchauen: denn GOTT iſt ein heilig Weſen / und wer vor ſein Angeſicht will kommen / muß Heiligkeit haben / und gleichſam mit Heiligkeit bekleidet ſeyn / als mit einem ſchoͤnen Kleide. Wenn nun einſten der Koͤnig wird am Juͤng - ſten Tage ſehen das ſchoͤne Kleid CHri - ſtum JEſum / das wir an haben / wird er ſprechen / als Matth. 25 / 34. Kommether81Wahres Chriſtenth. C. III. her zu mir / ihr Geſegneten meines Vaters. ꝛc.

Wenn aber GOTT wird ſehen / was die Gottloſen vor ein unhochzeitlich Kleid an haben / wird er ſprechen: als Matth. 25 / 41. Gehet hin ihr Gottlo - ſen / in das ewige Feuer ꝛc.

Wer aber will das heilige Kleid an - ziehen / der muß erſt das Kleid auszie - hen / welches ihm die Welt angeleget hat / und ſich alsdenn nicht mit Loths Weib wieder nach des irdiſchen So - doms Pracht umſehen / und nach der Welt Schmuck herum gaffen; Denn die Kinder des Reichs werden aus - geſtoſſen in das Finſterniß hinaus / da ꝛc. Wohl dem nun / der bald das hochzeitliche Kleid CHriſtum JEſum in Zeiten anziehet durch wahre Buſſe und Bekehrung von Suͤnden.

Gebeth.

DAllmaͤchtiger / heiliger und liebreicher Vater / ich lobe deine Majeſtaͤt und dei -D 5nen82Gebeth ad Cap. III. nen heiligen Namen / lobe aber auch deine Guͤte / daß du mich haſt wiſſen laſſen dein heiliges Wort / und haſt daher laſſen durch deine heilige Propheten und Apoſtel die H. Schrifft auf - ſetzen / daß wir unſer Leben dar - nach fuͤhren ſollen / als nach ei - ner Regel und Richtſchnur / ja auch darum / daß ich moͤge Chri - ſtum darin finden und mit ihm vor dir beſtehen / als welcher das rechte hochzeitliche Kleid iſt. Dar - um / o Vater / gib / daß ich allhier ſchon moͤge mit den Kleidern des Heyls bekleidet ſeyn / und laß mich auch mein Leben darnach fuͤhren / daß Chriſtus moͤge in und an mir ſeyn; denn ohne ihn bin ich ja nichts / und bin gantz verloren / wo ich ihn nicht beyoder83Wahres Chriſtenth. C. IV. oder in meiner Seelen habe. O du gerechter Artzt JEſu / komm / mich Elenden zu laben / und deꝛ ich kranck bin / zu erfreuen / daß ich geſund an meiner Seelen moͤge eingehen in die ewige Herlichkeit. Amen / HErr JEſu / Amen! Amen.

Cap. IV. Wer Chriſti Diener ſeyn will / muß bekleidet ſeyn / wie er auch iſt bekleidet geweſen.

Matth. 10, 25. Haben ſie den Haus - Vater Beelzebub geheiſſen / wieviel mehr werden ſie ſeine Hausgenoſſen alſo heiſſen.

WEr da will mit CHriſto in die Seligkeit eingehen / der muß daſſelbige Kleid an haben / das CHriſtus hat an gehabt / nemlich Ver -D 6folgung.84Wahres Chriſtenth. C. IV. folgung. Denn er ſpricht ſelbſten zu ſei - nen Juͤngern: Haben ſie den Hausva - ter (ihn ſelbſt) Beelzebub geheiſſen / wieviel mehr werden ſie es euch thun.

Es kommet unſer Text-Spruch faſt mit dem andern Capitel dieſes Chri - ſtenthums uͤberein / da es auch heißt: er folge mir durch Verachtung / Ver - folgung. u. d. g. m. Denn es iſt gleich - ſam mit unſerer Seligkeit ſo beſchaffen: wir muͤſſen erſt durch eine enge Straſ - ſe / da uns CHriſtus vorgehet / reiſen / ja es iſt eine enge Pforte / da wir durch muͤſſen.

Auf dem engen Wege nun verfolget uns erſtlich die Welt / die iſt hinter uns her mit Laͤſtern / Luͤgen und Verleum - den / nur uns wieder zu ſich zu ziehen; wer nun wieder zu derſelben gehet / der wird einmal groſſe Angſt an ſeinem En - de leiden muͤſſen / nemlich dieſe Angſt / daß die Welt ihn allein laͤßet durch das enge Loch des Todes durch kriechen / und zie - het nicht mit ihm / wenn er ſtirbt. Jadort85Wahres Chriſtenth. C. IV. dort wird ſie ihm auch nicht zur Seligkeit wieder helffen / und zum Himmel hinein bringen / ſondern ſie laͤßt denſelben dann immer zur Hoͤllen hinfahren. Nun wer wolte denn bey dieſer untreuen Welt gerne ſeyn / die uns dort keinen Troſt kan geben!

Hingegen Chriſtus iſt ſo ein treuer Heiland und Helffer / der mit uns dort in die ewige Seligkeit hinein gehet / und uns nicht allein laͤßt / wenn wir ihn nur nicht allein laſſen.

Nun iſt zum andern auch in dieſem engen Wege der Teufel / der uns hindern will: Und mit dem groſſen Fuͤrſten der Welt muͤſſen wir nun ſtreiten in der en - gen Straſſe / da wir faſt weder uns ruͤh - ren noch regen koͤnnen.

Ja der Satan rufft dann die Welt ſei - ne liebe Getreue noch zu Huͤlffe / uns mehr zu plagen. Der Satan giebt oder pfeifft ihr denn alle Laͤſterungen ein / daß wir denn alſo von Satan und Welt ge - plaget werden / daß / wenn Chriſtus nichtD 7bey86Wahres Chriſtenth. C. IV. bey uns waͤre / wir vergehen muͤſten.

Es ſind aber auf dem Wege noch groſ - ſe Kettenhunde und Loͤwen / die uns wi - derſtehen wollen / und auch wuͤrcklich widerſtehen; fuͤr denſelbigen muͤſſen wir uns denn nicht ſcheuen / ſondern tapfer durchgehen: Denn wir haben Chriſtum bey uns.

Zum letzten ſind auch noch ſehr tieffe Suͤmpfe in dem engen Wege / daß man manchmal drin beſtecken bleibet; durch die muß man auch getroſt durch - ſumpfen / ob einer gleich viel Dreck an Leib und Fuͤſſe krieget: denn dorten an der Pforte iſt das ſchoͤne reine Waſſer der Freuden / damit waͤſchet uns Chriſtus wieder ab / ja wir empfangen denn noch die Crone darzu.

Dieſe erzehlte Dinge ſind nun ſo auf der engen Himmels-Straſſe / und noch viel mehr Anfechtungen ſind darauf zu - finden. Wer nun zum Himmel will / muß dieſe Straſſe wandeln.

Gebeth.87Gebeth ad Cap. IV.

Gebeth.

ACh barmhertziger Vater / wenn ich bedencke die ſchwe - re Reiſe / die ich noch vor mir habe zum Himmel zu ziehen / und da ſo viele Verhinderungen uns zuſtoſſen; ſo bitte ich von Grund meines Hertzens / du wol - leſt mir auf demſelbigen Wege Krafft geben / immer fort zu zie - hen / und nicht wieder abzuſte - hen und zu der Welt zu gehen. Ach gib mir Chriſtum den rech - ten Fuͤhrer auf dem Wege / der mich nicht laͤßt irre gehen / ſon - dern bey der Hand leitet / damit ich nicht gleite. Ach GOTT gib auch / daß ich auf dem engen Wege wider den Satan recht ſtreiten moͤge / und den Sieg behalte. Ach laß mich auch durch die man -chen88Wahres Chriſtenth. C. V. chen Suͤmpfe getroſt durchge - hen / in dem Bedencken: Chri - ſtus ſey bey mir. Jn Summa / ſey du in mir / und ich in dir / ſo werde ich nicht gleiten. Amen! Amen.

Cap. V. Von der Wachſamkeit uͤber unſere Seele / desgleichen auch von der Klugheit / die der Seelen noͤthig iſt.

1. Petr. 5, 8. Seyd nuͤchtern und wa - chet / denn euer Widerſacher der Teufel gehet umher / wie ein bruͤllen - der Loͤwe / und ſuchet / welchen er verſchlinge.

WEil der Satan ſo ein bruͤllender Loͤwe iſt / und den GOtt-lieben - den Menſchen ſtets will ver - ſchlingen / ſo iſt ſehr noͤthig die Wach - ſamkeit uͤber unſere Seele; Denn derTeu -89Wahres Chriſtenth. C. V. Teufel / wenn wir nicht auf unſerer Hut ſtehen / uͤberfaͤllet uns manch - mal / daß wir es nicht haͤtten gemeynet; als wie Chriſti Juͤnger im Garten / da ſie ſchlaͤffrig waren / und nicht wa - chen wolten / ſiehe / da kamen die Juden mit ihrer gantzen Schaar / und griffen Chriſtum. Ja alſo iſt es auch mit den meiſten Menſchen; wenn Chriſtus an - klopfet an ihren