PRIMS Full-text transcription (HTML)
Apoſtoliſches Licht und Recht /
oder Richtige und erbauliche Erklärung Der ſaͤmtlichen Apoſtoliſchen Briefe.
Apoſtoliſches Licht und Recht /
Das iſt Richtige und erbauliche Erklärung Der ſaͤmtlichen Apoſtoliſchen Briefe / Pauli / Jacobi / Petri / Johannis und Judaͤ:
Darinnen nach einer zur exegetiſchen Einleitung noͤthigen Hiſtoriſchen Nachricht von dem Leben und den Reiſen Pauli, Mit Vermeidung aller zur gruͤndlichen Exegeſi eigentlich nicht gehoͤrigen Nebendinge / gedachte Epiſteln erſtlich von Vers zu Vers, wo es noͤthig iſt, mit einer parenthetiſchen Paraphraſi kuͤrtzlich erlaͤutert, Und hernach in hermeneutiſchen und practiſchen Anmerckungen nach dem Grund-Texte ausfuͤhrlich erklaͤret, und zugleich zur Erbauung in Lehr und Leben angewendet werden,
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HALLE. Verlegt im Waͤyſen-Hauſe.M DCC XXIX.

Dem Allerdurchlauchtigſten / Großmaͤchtigſten Fuͤrſten und Herrn / HERRN Friedrich Wilhelm / Koͤnig in Preuſſen / Marggrafen zu Brandenburg / Des Heil. Roͤmiſchen Reichs Ertz-Kaͤmmerern und Thurfuͤrſten / Souverainen Printzen von Oranien / Neufſchatel und Valengin / Zu Magdeburg / Geldern / Cleve / Juͤlich / Berge / Stettin / Pommern / der Caſſuben und Wenden, zu Mecklenburg, auch in Schleßien zu Croſſen, Hertzogen; Fuͤrſten zu Halberſtadt, Minden, Camin, Wenden, Schwerin, Ratzeburg und Moers; Grafen zu Hohenzollern, Ruppin, der Marck, Ravensberg, Hohenſtein, Tecklenburg, Lingen, Schwerin, Buͤhern und Lehrdan; Marquis zu der Vehre und Vließingen; Herrn zu Ravenſtein, der Lande Roſtock, Stargard, Lanenburg, Buͤtow, Arley und Breda ꝛc. Meinem allergnaͤdigſten Koͤnige und Herrn: Wie auch Der Allerdurchlauchtigſten / Großmaͤchtigſten Fuͤrſtinn und Frauen / FRAUEN Sophia Dorothea / Koͤniginn in Preuſſen / Marggraͤfinn und Thur fuͤrſtinn zu Brandenburg / u. ſ. w. Gebohrner Erb-Princeßinn aus dem Koͤniglichen und Thur - fuͤrſtlichen Stamme der Koͤnige von Groß-Brittannien / auch Churfuͤrſten und Hertzoge zu Braunſchweig und Luͤneburg, u. ſ. w. Meiner allergnaͤdigſten Koͤniginn und Frauen. Allerdurchlauchtigſter, Großmaͤchtigſter Koͤnig, Allergnaͤdigſter Herr, Wie auch Allerdurchlauchtigſte, Großmaͤchtigſte Koͤniginn, Allergnaͤdigſte Koͤniginn und Frau.

EW. Ew. Koͤnigl. Koͤnigl. Maj. Maj. haben das wohlgegruͤndete Lob / daß Sie beyderſeits GOttes Wort hoch halten / und ſolche Pre - diger lieben / welche daſſelbe rein und erbaulich vortragen / auch dabey ihr heiliges Amt mit einem exemplariſchen Wandel zieren. Da ich nun ſolche uͤber dreyßig Jahre her / theils in dem Friedrichswerderiſchen Gymna - ſio zu Berlin / theils aber und am meiſten / auch am laͤngſten / auf hieſiger Vniuerſitaͤt / durch GOttes Gnade zu ſolchem Dienſte der Evangeliſchen Kirche habe helfen zubereiten; ſo præſentireEw.Ew. Ew. Koͤnigl. Koͤnigl. Maj. Maj. ich hiemit allerunter - thaͤnigſt ein ſolches Bibliſches Werck / welches mit mehrern an - zeiget / wie und auf was Art ſolche Zubereitung auch von meiner Wenigkeit geſchehen ſey. Denn was ich / ſeit zwanzig Jahren her / auſſer andern zu gleichem Zweck gerichteten Lectionibus, der ſtudirenden Jugend muͤndlich vorgetragen habe / das lege ich hiemit ſchriftlich dar / damit / nebſt meinen geweſenen Audi - toribus, auch andere nach Belieben ſich daraus erbauen koͤnnen.

Ew. Koͤnigl. Maj. mein allergnaͤdigſter Koͤnig und Herr / haben von GOtt auch nach dem Reiche der Natur das Licht, und handhaben das Recht: das Licht in einem ſolchem von GOtt verliehenem Verſtande / daß Dieſelbe mit ei - genen Augen das Regiment uͤber ſo viele und ſo Volckreiche Laͤnder fuͤhren koͤnnen. Ew. Koͤnigl. Maj. uͤben auch das Recht / da Sie die Regierungs-Laſt auf Dero eigenen Schul - dern tragen / und / unter vieler und groſſer Arbeit / in eigener hohen Perſon fruͤh und ſpaͤte zum Rechte ſehen. Das geiſtliche Licht und Recht aber / welches uns / als Gerechte in CHriſto / bey einem richtigem Lebens-Wandel / zum ewi - gen Lichte fuͤhret / haben wir allein in dem goͤttlichem Worte / inſonderheit in den Apoſtoliſchen Briefen: daher auch meine zu derſelben Erklaͤrung gethane Arbeit davon die Benennung hat. Jemehr nun Ew. Koͤnigl. Maj. dieſes goͤttliche Licht und Recht mit jenem verbinden / je gluͤckſeliger iſt Dero hoͤchſter Stand und gantzes Regiment; ja es werden dadurch Ew. Koͤ - nigl. Maj. nicht allein hier in der Zeit gluͤcklich / ſondern auch dort ewig ſelig. Welches letztere billig unſer aller Zweck iſt.

Und da Ew. Koͤnigl. Maj. unſere allergnaͤdigſte Koͤni - ginn und Landes-Mutter / die Apoſtoliſchen Briefe billig fuͤr ein goͤttliches und unſchaͤtzbares Kleinod halten; ſo trage ich kei - nen Zweifel / es werde auch das / was ich / nach meinem gerin - gen Maſſe der Erkaͤntniß / daruͤber zur Erlaͤuterung des rich - tigen Verſtandes / und der demſelben gemaͤſſen Application, in dieſem Buche vortrage / zu Dero geſegneten Erbauung dienen.

Haben

Haben nun die Apoſtel faſt in allen Briefen den Anfang mit einem geiſtreichen Segens-Wunſch gemacht; ſo beſchlieſ - ſe ich auch billig damit dieſe allerunterthaͤnigſte Zuſchrift / und wuͤnſche von gantzem Hertzen / daß die Gnade und der Friede von GOTT dem Vater und unſerm HErrn und Heilande JEſu CHriſto / in der kraͤftigen Wirckung des Heiligen Gei - ſtes / uͤber Ew. Ew. Koͤnigl. Koͤnigl. Maj. Maj. theureſten Per - ſonen / und bereits hochgeſegnetem gantzen Koͤniglichen Hauſe / zu vieler geiſtlichen und leiblichen Wohlfahrt Dero ſaͤmtlichen Unterthanen / bis an Dero ſpaͤtes und ſeligſtes Lebens-Ende beſtaͤndigſt walten / und GOtt Dieſelbe alleſamt endlich mit ewigem Heil croͤnen moͤge: der ich in tiefſter Devotion ver - harre

Ew. Ew. Koͤnigl. Koͤnigl. Majeſt. Majeſtaͤt. Halle den 24. Julii 1729. allerunterthaͤnigſter Knecht und Vorbitter D. Joachim Lange.

Dem GOtt liebenden Leſer / Viel Gnade, Licht und Kraft von GOtt, zur heilſamen und fruchtbaren Erkenntniß ſeines in ſeinem heiligen Worte geoffenbahrten Willens!

§. I.

JCch habe bald nach dem Anfange meines hieſigen academiſchen Amts in Lateiniſcher Sprache eine aus - fuͤhrliche Exegeſin, oder die bekannten Commentarios, uͤber die Briefe der Apoſtel / Petri und Johan - nis, ans Licht gegeben; und war vorhabens mit ſolcher Arbeit / in gedachter Sprache und in glei - cher Methode, uͤber alle uͤbrige apoſtoliſche Briefe fortzufahren; zumal / da ich dazu von vielen Le - ſern / und ſonderlich Predigern / welche ſich dadurch erbauet zu ſeyn bezeugeten / muͤndlich und ſchrift - lich bin erſuchet worden. Jch wuͤrde auch vermuthlich damit ſchon zu Stande gekommen ſeyn / wenn ich dabey haͤtte bleiben koͤnnen: wie mir denn auch dieſelbe vor allen an - dern wuͤrde lieb geweſen ſeyn; als davon man ſelbſt billig den erſten und groͤſſeſten Nutzen fuͤr ſeine eige - ne Seele hat. Jch bin aber wider meinen Vorſatz / nach dem darunter erkannten Goͤttlichen Willen / bey den unverſaͤumten ordentlichen Amts-Verrichtungen / zu gantz an - derer Arbeit gezogen worden. Denn da funde ich / nach edirter Mittel - Straſſe zwiſchen den Abwegen / und der Pruͤfung des Geiſtes in den ſogenannten Theoſophi ſchen Sendſchrei - ben, auch Unterricht von unmittel - baren Offenbahrungen wider die alſo genannten Inſpirirten / zuvoͤr - derſt fuͤr dienlich / dasjenige / was ich vordem in der Kirchen-Hiſtorie des alten und neuen Teſtaments an - gefangen hatte / alſo zu verfertigen / daß daruͤber allhier koͤnte geleſen werden. Und da es die Erfahrung ſchon von mehrern Jahren her ge - lehret hatte / wie viele gute Seelen ſich durch die ſehr unrichtigen und ſchaͤdlichen Lehr-Saͤtze der Poiretia - ni ſchen Oeconomiæ operum Dei, wodurch auf eine ſehr ſcheinbare Art der gan - tze Grund des Heils von der Erloͤ - ſung Chriſti und der daher entſte - henden Rechtfertigung verkehret wird / einnehmen laſſen; ſo zog ich dieſelbe in die Pruͤfung / und habe dagegen 26. Diſſertationes zu den ge - woͤhnlichen actibus diſputationum e - dirt. Als auch von einem bekann - ten Theologo in Sachſen / durch unterſchiedliche Schriften / ſonder - lich durch einen alſo genanten Timo - theum Verinum, die Evangeliſche Kir - che aufs neue ſehr beunruhiget / und dabey inſonderheit die hieſige Theo - logiſche Facultaͤt mit harten und gantz unerweislichen Beſchuldigun - gen ſehr verunglimpfet worden war / wurde es von unſerm CollegioafuͤrVorrede oder Vorberichtfuͤr noͤthig befunden / daß / weil ich die dahin gehende Controverſien in cauſſa des ſel. Herrn D. Phil. Jac. Speneri ſchon vorher tractiret hatte / ich wi - der die mehrmal wiederholten An - griffe einige Apologien nach einan - der heraus gab. Nun gedachte ich zwar nach denſelben ſo fort wieder zu der ſo lange unterbrochenen Ar - beit zu ſchreiten / allein ehe man ſichs verſahe / ſo war allhier eine Zeit ge - kommen / da man mit Paulo muͤnd - lich und ſchriftlich ſagen muſte: Sehet zu, daß euch niemand be - raube durch die Philoſophi e und loſe Verfuͤhrung. Da ich nun / auſſer einigen andern Schriften / ſonder - lich den erſten Theil der Cauſſæ Dei dagegen gerichtet / und damit die naͤtuͤrliche Religion wider die Athe - iſten und ihre Vorfechter / die fal - ſchen Philoſophos, gerettet hatte / und ſchon vor einigen Jahren von einem recht unverſchaͤmten Natura - liſten und Schrift-Spoͤtter mit Zu - ſendung eines aͤrgerlichen MSts, zur Rettung der geoffenbahrten Reli - gion war provociret worden; ſo funde ich mich bey dem heutigen ſco - ptiſchen ſeculo genoͤthiget / Cauſſam Dei noch in zween andern Theilen / nemlich wider die Naturaliſt en, und / was das neue Teſtament betrifft / wider die Juden zu vindiciren / und zugleich alle Controverſien / welche die Evangeliſche Kirche mit den Papiſten und Socinian ern hat / zum Gebrauch der academiſchen Lectio - num, kurtz zuſammen zu concentri - ren und wider ihre groſſe Jrrthuͤmer die Apoſtoliſche Wahrheit unſerer Kirche / nach ihren unbeweglichen Gruͤnden kuͤrtzlich vorzuſtellen. Ei - niger noch ſonſt edirter Schriften nicht zu gedencken.

§. II.

Nachdem nun durch GOttes Gnade eine nach der andern von ſol - cher Arbeit zuruͤck geleget iſt / und in meinen Nebenſtunden ich mich dar -auf ſo fort wieder zu dem Exegeti - ſchen Inſtituto gewendet habe; ſo tritt nun davon in GOttes Namen gegenwaͤrtiges Werck uͤber die ſaͤmmtlichen Apoſtoliſchen Briefe ans Licht. Jch war zwar ſchon ge - dachter maſſen Vorhabens / darinn alſo fortzufahren / wie ich ſchon vor mehrern Jahren mit den Briefen des Apoſtels Petri und Johannis an - gefangen hatte / und alſo in gleicher Methode uͤber eine der uͤbrigen Epi - ſteln nach der andern die Commen - tarios in lateiniſcher Sprache zu verfertigen; wie denn uͤber die Pa - ſtoral-Epiſteln Pauli ſchon von vori - ger Zeit her etwas fertig lag: Weil aber indeſſen die gruͤndlichen und er - baulichen Canſtein iſchen und Lind - hammeriſchen Wercke uͤber die hi - ſtoriſchen Buͤcher des neuen Teſta - ments / nemlich uͤber die Evange - liſten und Apoſtel-Geſchichte, im Verlag des hieſigen von GOtt ge - ſegneten Wayſen-Hauſes ſind her - aus gegeben worden / und man die Erklaͤrung der Buͤcher des neuen Teſtaments in gleichem Format gerne hat complet haben wollen / und im guten Vertrauen ſolche Ar - beit mir aufgetragen hat; ſo habe ich ſie ſo viel lieber uͤber mich genom - men / iemehr ich mich von der eige - nen Erbauung daher habe verſichert halten koͤnnen / und ſo viel oͤfter ich auch in ſo vielen Jahren her daruͤber geleſen habe.

§. III.

Die darinn gehaltene Methode iſt dieſe: Nachdem vorher Pauli, deſſen die meiſten Briefe ſind / gantzer Le - bens-Lauf, welcher zur richtigen Be - urtheilung vieler in den Briefen vor - kommenden Sachen ſehr noͤthig iſt / ſamt einer gleichfalls noͤthigen Hiſto - riſchen Nachricht und Chronologi ſchen Tabell von allen ſeinen Briefen / dem gantzen Wercke iſt præmittiret wor - den / ſo gebe ich erſtlich zu einer jeden Epiſtel eine Hiſtoriſche Einleitung,vonan den Leſer. von dem Orte, der Zeit, der Ver - anlaſſung, dem Zweck und Jnnhalt, wo / wenn / u. ſ. w. eine jede ſey ge - ſchrieben worden; nicht weniger auch eine exegeti ſche Eintheilung, darinnen ihr Jnnhalt / nach ſeinen Haupt - und Neben-Stuͤcken or - dentlich gleichſam zergliedert und zerleget wird / um ſich ſchon zum voraus von dem gantzen Briefe ei - nen richtigen Begriff machen zu koͤn - nen. Jn der Abhandlung ſelbſt habe ich diejenige Ordnung erweh - let / welche mir bey der Kuͤrtze / der ich mich / uͤm alles in einen Band zu bringen / habe befleißigen muͤſſen / geſchienen iſt die natuͤrlichſte und fuͤr den Leſer die leichteſte und deut - lichſte / auch erbaulichſte zu ſeyn.

§. IV.

Erſtlich ſetze ich einen / oder auch / wo es der Zuſammenhang mit ſich bringet / mehrere Verſe des Textes alſo hin / daß ich / wenn es die Sache ſelbſt alſo erfordert hat / eine kurtze parentheti ſche, oder zwi - ſchen zwey Haͤckgen eingeſchloſſene und mit andern Buchſtaben ge - druckte Erklaͤrung darzwiſchen ge - be: damit man auf ſolche Art ſo fort auf einmal den gantzen Wort - Verſtand ſehe. Und damit laſſe ich es bey einigen an ſich ſelbſt ſchon ſehr leichten Verſen bewenden; da ich Bedencken getragen habe / den Leſer unnoͤthiger weiſe aufzuhal - ten / und zu verurſachen / daß her - nach den ſchwerern und wichtigern materien zuviel haͤtte muͤſſen abge - brochen werden. Dieweil aber die allermeiſten Verſe ihrer materie und ihren Worten nach von einem ſolchen Nachdrucke und Gewichte ſind / daß die in Parentheſi gegebe - ne Erlaͤuterung dazu noch nicht hinlaͤnglich iſt / und noch vielweni - ger die Application ſchon hat mit in ſich faſſen koͤnnen / ſondern nur den Grund zur voͤlligen Erklaͤrunggeleget hat; ſo folget dieſe darauf in den Anmerckungen. Und in die - ſen zeige ich zuvoͤrderſt / wo es noͤ - thig iſt / die Connexion, in welcher ein Vers mit dem andern ſtehet; wo ſolche nicht ſchon am Ende der uͤber den vorhergehenden Vers gegebe - nen Anmerckungen angezeiget iſt. Hernach gehe ich den Text Stuͤck fuͤr Stuͤck durch / und erklaͤre da - von alle diejenigen Theile / auch Worte / welche vor andern ſonder - lich eine mehrere Auslegung er - fordert haben. Und da ein jeder Text eine gedoppelte ſtructur hat / eine nach der Grammatica, oder dem Syntaxi der Worte / die ande - re nach der Logica, oder Herme - nevtica, da es auf den Verſtand ſelbſt ankoͤmmt / und nach dieſer oft ein Wort / oder Stuͤck der Rede / welches in der Mitte / oder hinten / ſtehet / von der Beſchaf - fenheit iſt / daß es / der natuͤrlichen Ordnung nach / den uͤbrigen / wel - che davon dependiren / ein Licht giebet; ſo hat es die Natur einer geſunden und deutlichen Herme - nevtic erfordert / daß ich in den Anmerckungen mich nach der ſtru - ctura nicht verborum grammatica, ſondern ſenſus logica habe richten muͤſſen.

§. V.

Den Verſtand ſelbſt lege ich nach der emphaſi, oder dem Nach - drucke der Worte / und der Sache ſelbſt / dar / in aller natuͤrlichen / oder richtigen / Einfalt / alſo daß ich zwar allewege nach dem Grund - Texte gehe / und aus demſelben ei - ne jede Sache nach ihrem eigentli - chen Gewichte / ſo viel ich ſolches eingeſehen habe / abhandele / mich aber dabey des controvertirens und diſputirens enthalte; ſondern dahin ſehe / daß der Leſer / ohne al - len Aufenthalt auf einmal ſo gleich finde / was er ſuchet. Jch miß -a 2billigeVorrede, oder Vorberichtbillige es zwar nicht / daß manche Interpretes bey der Erklaͤrung in viele Neben-Dinge / die doch auch ihren Nutzen haben koͤnnen / ſich eingelaſſen haben; z. E. da unter andern mancher / wenn er uͤber ein Buch hat ſchreiben wollen / viele interpretes nicht allein von ſeiner / ſondern auch anderer Confeſſionen / oder Kirchen / um ſich her gelegt / und faſt bey einem jedem Vers dar - aus erſtlich nach der Laͤnge die Mei - nungen aller ſolcher Auctorum kuͤrtz - lich recenſiret / und denn darauf mit einer epicriſi die ſeinige hinzu ge - than / ſich auch noch wol uͤber das in dieſe und jene Controverſe, oder Cri - tique, eingelaſſen hat. Dieſes / ſage ich / mißbillige ich zwar nicht; aber ſolcher Methode folge ich doch nicht. Denn obwol auch ſolches alles / wenn es recht tractiret und ange - wendet wird / ſeinen guten Nutzen haben kan: ſo haͤlt es doch die Leſer auf / und machet ſie zum Nachſchla - gen und vielem Fortleſen muͤde. Zu - mal wenn ſie darauf nicht viel Zeit wenden koͤnnen. Wie denn auch von ſolchen Interpretibus, nach dem ſie ſich in den Neben-Sachen ſo lan - ge aufgehalten haben / hernach dem Texte ſelbſt gemeiniglich kein rechtes Genuͤgen geſchiehet / ſondern es bey einer ſo kurtzen Anzeigung bleibet / damit manchen Leſern / die ein meh - rers geſucht haben / nicht gar viel gedienet iſt. Es iſt auch / die Wahrheit zu ſagen / der bekannten vielen ſubſidiorum wegen / viel leich - ter / einen ſolchen Commentarium zu ſchreiben / darinnen man viel controvertiret / diſputiret / und critiſiret / auch vielerley Meynun - gen recenſiret / auch einige refutiret / als darinnen man ſich von dem al - len enthaͤlt / und bloß bey dem Texte bleibet; und zwar alſo / daß man denſelben nach dem Grunde der Analogie des Glaubens / und nach Anweiſung einer richtigen Herme -nevtic, aus eigener Meditation, nicht allein nach ſeinem Wort-Ver - ſtande / ſondern auch nach ſeiner emphaſi im Grund-Texte / ſuchet einiger maſſen zu exhauriren / oder in ſeiner Fuͤlle darzulegen / auch zur nuͤtzlichen Application zu bringen. Zwar giebet eine ſolche Abhande - lung denen / welche ein Werck nach jenen parergis, auch zum Theil pe - riergis, ſchaͤtzen / weniger ins Auge / und gilt bey ihnen viel weniger: aber ſie iſt doch viel gruͤndlicher und nuͤtzlicher. Daher ich mich allezeit dieſer Methode bedienet habe / wie in meinen taͤglichen exegetiſchen lectionibus, alſo auch in meinen ge - ringen Schriften; als da ſonderlich ſind die Lateiniſchen Commentarii uͤber die Briefe Petri und Johannis. Denn ob es gleich uͤber die kurtzen Epiſteln ein Werck iſt von 10. Alphabethen; ſo habe ich doch durch GOttes Gnade ſo vieles im Texte ſelbſt ge - funden / daß ich nicht noͤthig gehabt / aus dem centro iuſtæ exegeſeos zu einiger nicht ſo noͤthigen peripherie auszuſchweifen. Und dieſes hat im gegenwaͤrtigen Wercke ſo viel we - niger geſchehen koͤnnen / ſo viel kuͤr - tzer ich mich habe faſſen muͤſſen / um alles in einen Band / darauf es nur angeſehen geweſen iſt / zu bringen; da ich ſonſt gerne manche philologi - ſche Anmerckungen dazu wuͤrde ge - macht haben.

§. VI.

Dieſe Art die heilige Schrift auszulegen / habe ich ſo viel lieber erwehlet / jemehr mein Gemuͤth von Jugend auf zum meditiren ſich geneigt gefunden und gewoͤhnet hat. Jch habe zwar das / was mein aͤuſſerlicher Beruf in vita litteraria mit ſich bringet / nicht verſaͤumet / das iſt / manches gute Buch gele - ſen: ich kan auch nicht ſagen / daß es mir an ſubſidiis in der Hermenev - tica ſacra gefehlet habe / da ich einenziem -an den Leſer. ziemlichen Vorrath an den dazu ge - hoͤrigen Buͤchern beſitze / aus denſel - ben auch ſchon bey juͤngeren Jahren manches Gutes gefaſſet habe / und ſie noch jetzo gerne nachſchlage. Al - lein die eigene Meditation iſt doch in allen meinen ſtudiis immer mein Haupt-Werck geweſen: wie man auch in meinen uͤbrigen geringen Schriften finden wird / daß ich eine jede Materie aus ſolchen principiis, welche ich in eigener Unterſuchung fuͤr richtig und wohlgegruͤndet be - funden habe / und in einer ſolchen Ordnung / in welcher ſie nach ihren Stuͤcken natuͤrlich zuſammen han - get / deducire; auch / wo ich es mit dem elencho zu thun gehabt / daher allewege zeige / wie es theils an den principiis, oder / wo ja dieſe an ſich ſelbſt richtig ſind / an der richtigen Folge / fehle. Wenn ich denn ſolcher geſtalt auf die Sache ſelbſt geſehen habe; ſo halte ich es fuͤr uͤberfluͤßig / meine Schriften erſt mit vielen allegatis (die ich doch bey an - dern / die auch ihre beſondere Urſa - chen dazu moͤgen gehabt haben / gar nicht verwerffe) dabey auszu - ſchmuͤcken. Denn ob mir gleich ſolches bey gedachten ſubſidiis nicht ſchwer wuͤrde geweſen ſeyn: ſo muͤßte ich es doch nur denen zu gefallen thun / die nur diejenigen Schriften / welche mit ſolchen cita - tis angefuͤllet ſind / allein fuͤr gelehrt halten. Weil ich aber von der wah - ren Theologiſchen Gelehrſamkeit gantz anderer Meinung bin / auch durch GOttes Gnade nichts weni - ger jemals geſuchet habe / als von andern wofuͤr gehalten zu werden / ſo habe ich mich daran ſo viel weni - ger gekehret.

§. VII.

Jch lege demnach der Evange - liſchen Kirche ein ſolches Werck dar / welches durch und durch meiſt auseigener Meditation gefloſſen / und / wie ich hoffe / ſeinem Titul / wel - chem ich ihm vom Lichte und Rech - te, auch von der richtigen und er - baulichen Erklaͤrung / gegeben habe / gemaͤß iſt. Das Licht aber und Recht iſt nicht mein / ſondern GOt - tes / der uns ſolches in den Apoſto - liſchen Schriften vorgeſtellet hat. Denn gleichwie der Hoheprieſter des alten Teſtaments das Licht und Recht vorbildungs-weiſe an den koͤſtlichſten Edelgeſteinen auf ſeinem herrlichen Bruſt-Schilde fuͤhrete 2 B. Moſis XXVIII, 15. u. f. ſo haben wir daſſelbe / dem Ge - genbilde und dem rechtem Weſen nach / in CHriſto, an ſeiner Per - ſon und an ſeinem Amte / und / un - ter andern Theilen der heiligen Schrift / ſonderlich an den kraͤfti - gen Zeugniſſen in den Apoſtoliſchen Briefen. Und da es bey den goͤtt - lichen Wahrheiten der geoffenbahr - ten Religion ankoͤmmt auf die Ge - heimniſſe / oder Glaubens-Lehren, und Lebens-Pflichten; ſo haben wir in jenen das Licht, und in die - ſen das Recht: und an beyden ge - wiß ein ſolches vollkommenes ſyſte - ma des Lichts und Rechts, dagegen alles nach dem Suͤnden-Fall uͤbrig gebliebene Natur-Licht und Recht nur ein Schatten-Werck iſt. Und was koͤnte auch unſerer menſchli - chen Natur / um ſie wieder zu ih - rem anerſchaffnen hohen Adel zu bringen / gemaͤſſer ſeyn / als ein ſol - ches Licht und Recht! Denn da unſere unſterbliche Seele haupt - ſaͤchlich aus den beyden weſentli - chen Haupt-Kraͤften / dem faͤhi - gem Verſtande und freyen Willen, beſtehet / ſo wird unſer durch die Suͤnde verfinſterter Verſtand durch das Licht wieder aufgeklaͤ - ret / und der todte und unvermoͤ - gende Wille durch das Recht, welches mit dem Lichte von leben -bdig -Vorrede, oder Vorberichtdig-machender Kraft iſt / erwecket / und / nebſt dem Verſtande / derge - ſtalt geſalbet / daß er zum Reiche GOttes voller geiſtliches Lebens und Vermoͤgens / auch voller Luſt wird / in der ſeligen Gemeinſchaft GOttes / auf ſeinen Wegen einher zu gehen. Und da uns ſolcher ge - ſtalt das Licht zur Erleuchtung / und in derſelben zum richtigen Be - griff goͤttlicher Wahrheiten / und alſo zum wahren Verſtande der hei - ligen Schrift fuͤhret; das Recht aber uns anweiſet / wie wir alle wah - re Erkenntniß zur Erbauung getreu - lich anwenden ſollen; ſo habe ich / da ich alle meine Erklaͤrungen und Anmerckungen auf dieſe beyde Haupt-Puncte gerichtet habe / zur Erlaͤuterung ſolcher Worte / die - ſelbe mit dem Namen der richtigen und erbaulichen benennet. Denn gleichwie ich in Anſehung der Rich - tigkeit nichts vermeine geſchrieben zu haben / als was der wahren analogiæ fidei (wie ich dieſelbe in unterſchiedlichen Schriften / ſo wohl in Theſi, als Antitheſi, der Kirche GOttes nach allen Stuͤcken vor Augen geleget habe) und dabey den wahren hermenevtiſchen prin - cipiis gemaͤß iſt / und davon ich mich ſelbſt uͤberzeuget gefunden habe: alſo habe ich allewege dabey auf das Recht, oder auf die Erbauung, geſehen.

§. VIII.

Dogmatiſche und hermenev - tiſche / auch philologiſche / Contro - verſien tractire ich zwar nicht / wie ſchon gedacht / nemlich ſolcher ge - ſtalt / daß ich mich hie und da gleich - ſam in eine Diſputation einlieſſe: wo doch aber dieſe und jene Oerter / welche vor andern zu dieſem und je - nem Jrrthum gemißbrauchet zu werden pflegen / zu erklaͤren gewe - ſen ſind / da habe ich ihren richti -gen Verſtand nicht allein vorgetra - gen / ſondern auch vom Mißver - ſtande gerettet / wenn auch gleich der diſſentirenden dabey nicht ein - mal ausdruͤcklich iſt gedacht wor - den. Dergleichen vindiciæ finden ſich auch bey denen Oertern / welche in den neuern Controverſien / die ſich vor 40. Jahren in unſerer Kir - che anhuben / ſolchen Jrrthuͤmern entgegen ſtehen / welche zur Nie - derſchlagung des thaͤtigen Chriſten - thums / und zur Vorſprache der Gottloſen und Unbekehrten / gerei - chen. Vor andern aber habe ich ſolche Stellen / worinnen die Evan - geliſche Haupt-Lehre von der Per - ſon und von dem Hohenprieſterli - chen Amte unſers Heilandes / und der dahin gehoͤrigen Lehre von ſeiner Satisfaction zu unſerer Verſoͤhnung, auch von der daher entſtehenden Vergebung der Suͤnden, oder un - ſerer Rechtfertigung vor GOtt / lieget / und die alſo eines recht evangeliſchen Jnnhalts ſind / mit beſondern eigenem Vergnuͤgen ab - gehandelt. Wie denn einem evan - geliſchen Lehrer billig nichts liebers iſt / als CHriſtum nach dem Reich - thum ſeiner Herrlichkeit / und uns er - worbenen Seligkeit / allen muͤndlich / und auch bey Gelegenheit ſchriftlich / anzupreiſen / um ſie / mit Verwah - rung vor allem Pelagianiſmo und Phariſaiſmo, oder ſcheinbaren / aber unlautern und falſchen / Natur-Le - ben, nach dem Grunde des rechten Gnaden-Standes, zu einem recht evangeliſchen Chriſtenthum anzu - fuͤhren / und ſie darinn auf einer ge - ſunden Weide zu erhalten.

§. IX.

Auſſer dem Lichte von dem auf die Erbauung gehenden Rechte noch etwas hinzu zu thun; ſo iſt es ſo viel noͤthiger / daß man bey Erklaͤ - rung der heiligen Schrift daraufſon -an den Leſer. ſonderlich mit ſehe / ſo viel bekannter es iſt / daß ſie uns eben zu dieſem Zwecke gegeben ſey. Da ich nun denſelben billig vor Augen gehabt habe; ſo bin ich auch bemuͤhet ge - weſen / alles auf die Erbauung zu richten. Jch habe aber nicht für noͤthig gefunden / diejenigen An - merckungen / welche hierauf gehen / von denen / welche nur eine Erklaͤ - rung in ſich halten / durch einen daruͤber / oder davor geſetzten Titel der Nutz-Anwendung, oder Applica - tion, und dergleichen / zu unterſchei - den: als welches / da ich alles in ein Volumen habe bringen muͤſſen / nur vielen Raum wuͤrde hinweg ge - nommen / manchen auch Gelegen - heit gegeben haben / das / was ihnen doch wol am noͤthigſten iſt / gar zu uͤbergehen. Es werden auch wol ſchwerlich andere Leſer zu dieſem Wercke kommen / als welche die An - merckungen von unterſchiedlicher Art von ſich ſelbſt ſchon gar leicht unterſcheiden koͤnnen. Und dieſe werden das / was zur Application gehoͤret / mehrentheils zuletzt fin - den; wo nicht der Text auch bey den erſten und mittlern obſervationibus ſolche mit ſich gebracht hat. Und da mancher Vers ſo deutlich iſt / daß er faſt gar keiner Auslegung gebraucht hat; ſo ſind / wo er doch mit Anmerckungen verſehen iſt / die - ſe allein auf die Application gerich - tet. Es iſt auch nicht allein manche practiſche und etwas ſeltener vor - kommende Materie / ob zwar in noͤ - thiger Kuͤrtze / doch mit Fleiß tracti - ret; ſondern auch bey dieſer und jener ſonſt ſo leicht nicht vorfallen - den / aber bey dieſer Arbeit bald hie / bald da / gegebenen Gelegenheit dieſe und jene ſonſt unerkannte Suͤn - de mit geruͤget / und die ihr entgegen ſtehende Tugend-Pflicht eingeſchaͤr - fet worden.

§. X.

Gleichwie ich auch ſonſten inmeinen lectionibus und Schriften gezeiget habe / wie es im gantzem Wercke und Lanfe der Erneuerung / darauf / als eine rechte Haupt-Sa - che, ſonderlich ankomme / daß man in demſelben das Evangelium und Ge - ſetz in wuͤrcklicher und unzertheil - ter praxi habe / und / damit man nach dem Geſetze / durch die Pflichten der Liebe, vieles zu geben haben moͤge / nach dem Evangelio ſich durch den Glauben, bey zuver - ſichtlicher Application aller goͤtt - lichen Gnade und Gnaden-Schaͤ - tze / auch Gnaden-Kraͤfte / im beſtaͤndigen nehmen und empfan - gen uͤbe: ſo fuͤhre ich in dieſem Wercke darauf gleichfalls / und ſo viel oͤfter / ſo viel mehrere Ge - legenheit mir dazu von ſo vielen Texten iſt gegeben worden. Wer dieſes wohl mercket / und zur wuͤrcklichen Ubung bringet / der ent - gehet dadurch eines theils dem ſchon gedachten gemeinen Pelagianiſmo, da man das geiſtliche Gute nur aus eigenen Kraͤften wircken will / und daher nimmermehr damit zu Stan - de koͤmmt / ſondern / nach dem alten Phariſaiſmo, nur ein uͤbertuͤnchtes Grab bleibet / und es in der Heili - gung nicht weiter bringt / als ein vernuͤnftiger und aͤuſſerlich tugend - ſamer Heyde. Andern theils ent - gehet er dadurch dem geſetzlichen / oder aͤngſtlichen Weſen; welches daher entſtehet / wenn man bey er - kannter ſeiner geiſtlichen Armuth ſeine natuͤrliche Unwuͤrdigkeit mit der Unfaͤhigkeit confundiret / und mehr auf ſein ſuͤndliches Verderben / als auf CHriſtum / ſiehet; und da - bey / in vieler Treue ſeiner Seelen gegen GOtt / zwar immer an Lei - ſtung ſeiner Pflichten viel geben / aber / damit man viel geben koͤnne / nicht viel nehmen will / nemlich aus der Fuͤlle JEſu Gnade um Gnade / die zum geiſtlichen Lebenb 2undVorrede, oder Vorberichtund Wandel noͤthig iſt: da doch die rechte Application bey der gratia medicinali und forenſi allemal ihr Gleich-Gewicht halten muß / alſo daß man nach dem Evangelio, welches ſeinen Grund in der weſentlichen Ei - genſchaft GOttes / der Gnade und Liebe hat / vor GOTT wandele zuverſichtlich, und / nach dem / in deſſen Gerechtigkeit und Heiligkeit gegruͤndeten / Geſetze aufrichtig und heiliglich; und folglich in wuͤrcklicher Ubung eines ſo wenig von dem an - dern trenne / als die gedachten we - ſentlichen Eigenſchaften GOttes in GOtt ſich von einander ſcheiden laſſen.

§. XI.

Eine ſolche Beſchaffenheit hat es / geliebter Leſer / mit dem Apoſtoli - ſchen Lichte und Rechte, darauf ich zur richtigen und erbaulichen Erklaͤ - rung bey dem Titel dieſes Buchs mein Abſehen gerichtet habe. Nun kan ich leichtlich erachten / daß man - cher fragen wird / wie es um die vor mehrern Jahren edirten Lateini - ſchen Commentarios uͤber die Briefe Petri und Johannis ſtehe; ob ſie hier verteutſchet mit inſeriret ſeynd / oder nicht? Ob nun wol dieſe Frage aus der Gegeneinan der haltung jener La - teiniſchen / und dieſer Teutſchen Ab - handelung ſchon an ſich ſelbſt ihre Beantwortung hat; ſo will ich es doch zum voraus kuͤrtzlich anzeigen. Daß dieſe Teutſche Tractation weder in einer Uberſetzung / noch in einer bloſſen / und nur etwas anders ein - gerichteten / Wiederholung beſtehe / das kan man leichtlich aus dem groſ - ſem Unterſcheide der Quantitæt er - kennen; ſintemal die gegenwaͤrtige Abhandelung nicht viel uͤber den fuͤnften Theil von jener ausmachet; ſonſt aber / wo ſie jener gleich waͤre / mehr als die Helfte dieſes gantzen Wercks ausmachen muͤſte. Eswird demnach der Leſer / welchem meine geringe Schriften nicht miß - faͤllig ſind / ſich der gedoppelten / als gantz unterſchiedenen / Arbeit gar fuͤglich bedienen koͤnnen: wie denn zu dem Ende der ſchon vor einiger Zeit abgegangene Commentarius Petrinus nechſtens wird wieder edi - ret werden. Jch blieb zwar / als ich die Teutſche Arbeit anfing / vor - habens / die Lateiniſche Commenta - tion uͤber mehrere Briefe alſo zu continuiren / als in der gedachten der Anfang gemachet iſt: allein das wird nunmehro wol nicht geſchehen / auch nicht eben ſo noͤthig ſeyn; ſon - dern dagegen habe ich mir / wenn ich lebe und geſund bleibe / nach GOttes Willen eine andere exege - tiſche Arbeit uͤber das alte Teſta - ment vorgenommen: wie bald mit mehrern ſoll gedacht werden.

§. XII.

Was die Verfertigung dieſes Wercks betrift / ſo faͤllt ſie zwar ei - gentlich in dieſe letztern Jahre: aber ſie iſt doch dabey auch eine Frucht anderer exegetiſcher Arbeit von 20. und mehrern Jahren her: damit es folgende Veranlaſſung und Be - ſchaffenheit hat: Es ſind nunmehro eben volle 40. Jahre / da ich ſtudi - rens halber auf die Vniverſitaͤt nach Leipzig zog. Kaum war ich daſelbſt angekommen / als ich von unſerm in GOtt ruhenden und hochverdien - ten Profeſſore, Auguſto Hermanno Fran - ckio, damaligen Magiſtro legente, vermoͤge einer von meinem ſeligen Bruder an ihn geſchehenen Recom - mendation, auf ſeine Stube genom - men / und von ihm / unter anderer guter Anweiſung / ſonderlich zum ſtudio exegetico angefuͤhret wurde. Und als mir zu dem Ende die Exco - lirung der Grund-Sprachen ange - prieſen / und inſonderheit die drey Buͤcher der drey beruͤhmten Maͤn -ner /an den Leſer. ner / nemlich des Matthiæ Flacii Clavis Scripturæ, des Wolffgangi Franzii Tra - ctatus de interpretatione Scripturæ, und des Salomonis Glasſii Philologia ſacra, von ihm recommendiret wurden; ſo trieb ich jene mit Fleiß / und laſe auch dieſe mit beſondern Vergnügen / und bekam daher immer mehr Luſt zum ſtudio exegetico, alſo daß ich es auch mein Haupt-Studium ſeyn ließ. Als ich darauf vor 32. Jah - ren aus Hinter-Pommern / von dem Coͤsliniſchen Schul-Rectorat zur Direction des neuen Gymnaſii Fridericiani in Berlin berufen war / und darinnen / bey dem bald nachhe - ro uͤbernommenen Paſtorat auf der Friedrichs-Stadt daſelbſt / um des mir von GOtt an der Schul - Jugend gnaͤdiglich gezeigeten groſ - ſen Segens willen / freywillig ge - wiſſe Stunden zur taͤglichen Arbeit beybehalten hatte; ſo habe ich bis in das 12te Jahr in meinen montaͤg - lichen lectionibus die ſaͤmmtlichen Apoſtoliſchen Briefe nach der Ord - nung und in ſolcher Kuͤrtze erklaͤret / daß ich mit denſelben etliche mal bin fertig worden; wie von einem ziem - lich zahlreichen Auditorio die noch im Leben und in oͤffentlichen Aem - tern ſtehenden geliebten Auditores wiſſen. Da ich nun vor 20. Jah - ren nach GOttes Willen hieher nach Halle zur Theologiſchen Pro - feſſion kam / und wußte / daß vor - mals die Nachmittags-Stunde von 4. bis 5. zu exegetiſchen lectio - nibus war genommen worden / er - wehlete ich mir / auſſer andern in an - dern Stunden zu haltenden lectio - nibus, dieſe auch dazu / und habe ich ſie bißhero beſtaͤndig dazu bey - behalten. Nun habe ich zwar auch anfangs dann und wann einige Buͤ - cher des alten Teſtaments nach dem fonte erklaͤret: weil ich aber ſahe / daß daruͤber noch ſonſt gar reichlich geleſen wurde / und ich wohl erkann -te / daß die ſtudirende Jugend am allerleichteſten und nuͤtzlichſten durch Tractation der Apoſtoliſchen Briefe, damit man es in Predigten faſt am meiſten zu thun hat / zum ſtudio exegetico koͤnnte angefuͤhret werden / ich auch ſelbſt darinn einen beſondern Geſchmack hatte: ſo ha - be ich die 20. Jahre hindurch uͤber die ſaͤmmtlichen Briefe des neuen Teſtaments / nach ihrem Grund - Texte woͤchentlich fuͤnf Stunden geleſen / und ſie ſolcher geſtalt mit ei - ner etwas ausfuͤhrlichern Tracta - tion, als vorhin im Gymnaſio ge - ſchehen war / etliche mal von An - fang bis zu Ende / doch auſſer der Ordnung / abſolviret; und zwar alſo / daß ich uͤber manche Epiſteln / die ich vor andern erwehlet habe / z E. uͤber die an die Roͤmer und Hebraͤer, wol 6. mal geleſen habe; ſo oft ich nemlich gemeinet habe / nach dem Abzuge der vorigen neue Auditores zu haben. Und ſolcher geſtalt ſind die Apoſtoliſchen Brie - fe in der Erklaͤrung ſo lange her gleichſam wie mein taͤgliches Brod geweſen / und werden es auch nach GOttes Willen / ſo lange ich lebe / obgleich dieſes Werck ediret iſt / mehrentheils bleiben; ſintemal viva vox, die Stimme eines lebendigen Lehrers / viel mehrern Eindruck giebet / als was man lieſet / ſich auch muͤndlich bey manchen Texten noch ein mehrers vortragen laͤßt. Gedachte ſaͤmtliche Epiſteln aber haben deßwegen muͤndlich ſo oft abſolviret werden koͤnnen / weil ich nicht allein von allen Neben-Din - gen in der Tractation mich enthal - ten habe / und bloß bey dem Texte geblieben / und darinnen / nebſt der Connexion und dem ſenſu litterali, nur die emphaſiologie mit noͤthiger Application zu zeigen bemuͤhet ge - weſen bin; ſondern mich auch in al - len ſo kurtz gefaſſet habe / daß ichcauchVorrede, oder Vorberichtauch die laͤngſten Briefe in einem halben Jahre zu Ende bringen / von den kleinern aber ein paar in ſolcher Zeit habe abhandeln koͤnnen. Denn mit weitlaͤuftiger Deduction und vielen Neben-Dingen die Jugend / welche nicht lange auf Vniverſitaͤten bleiben kan / lange aufzuhalten / und daher viel weniger zu abſolviren / iſt allhier niemals fuͤr gut gefunden worden. Solchergeſtalt ſiehet nun der Leſer / warum ich geſaget / daß dieſes Werck eine Frucht mei - ner exegetiſchen Arbeit von meh - rern Jahren her ſey / und warum ich mehr aus eigener Meditation, als auf eine andere Art / habe ſchrei - ben wollen und koͤnnen.

§. XIII.

So viel zur Nachricht von der Erklaͤrung der Apoſtoliſchen Briefe. Was nun die noch uͤbri - ge Offenbahrung Johannis anlan - get / ſo war ich zwar willens / de - roſelben Auslegung dieſem Wercke mit beyzufuͤgen. Jch bin auch mit der Arbeit ſchon fertig. Ob ich mich nun gleich der Kuͤrtze dabey be - fliſſen habe / ſo iſt die Abhandelung doch etwas weitlaͤuftiger worden / als es ſich fuͤr dieſen einzigen Band (darein / wer zu duͤnnen Baͤnden nicht Luſt hat / beyde Theile fuͤglich gebracht werden koͤnnen) ſchicken moͤchte. Und daher werde ich die apocalyptiſche Arbeit / nach GOttes Willen / als ein beſonderes Werck ediren / vorher aber noch den an - dern Theil aus den prophetiſchen Schriften des alten Teſtaments da - zu verfertigen. Denn die heilige Offenbahrung iſt nicht allein ein prophetiſches Buch / ſondern ſie ſtehet auch mit den prophetiſchen Buͤchern des alten Teſtaments / ſo wol was die Sachen ſelbſt / als die phraſeologie mit ihren figuͤrlichenBildern und Vorſtellungen betrifft / in der allergenaueſten / ja in einer ſolchen Harmonie / daß weder die Offenbahrung Johannis ohne die Propheten / noch dieſe ohne jene / in ſehr vielen Stuͤcken recht verſtan - den und ausgeleget werden koͤnnen; ſonderlich was diejenigen Dinge anlanget / welche in der Kirche GOttes auf Erden / den ſo vielen und ſo theuren Verheiſſungen nach / noch werden erfuͤllet werden. Nun wuͤnſchte ich zwar / darinnen ein mehrers Licht zu haben / als ich noch zur Zeit bey mir finde: indeſſen aber kan ich doch diejenige Gnade / welche GOtt mir unwuͤrdigen zur Einſicht dißfalls gegeben hat / nicht verlaͤugnen: wie ich denn auch be - reits faſt vor 20. Jahren / als ich in meinem Syſtemate recentiorum controver - ſiarum antibarbaro cauſam des ſel. D. Philippi Jacobi Speneri, wie uͤber - haupt / alſo inſonderheit in der Ma - terie von der Hoffnung beſſerer Zei - ten gefuͤhret / meine geringe Erkaͤnt - niß davon im vierten Theile von p. 646. bis p. 738. ausfuͤhrlich vor - getragen habe. Ob ich nun gleich in apocalypticis und propheticis ſolcher meiner eigenen Einſicht haͤtte nachgehen koͤnnen; ſo habe ich doch lieber dem bisher nicht allein bey der Reformirten / ſondern auch bey unſerer Evangeliſch-Lutheriſchen Kirche ſo ſehr beliebt gewordenen Syſtemati des hochgelehrten und beruͤhmten Niederlaͤndiſchen Theo - logi, Campegii Vitringæ, folgen wollen; da dieſer ohne das in allen Haupt - Stuͤcken mit meinem Begriffe har - moniret / inſonderheit auch darin - nen mit mir uͤberein koͤmmt / daß er ſich der beſondern Determination enthaͤlt / und ſolche ohne Gruͤbeln dem wuͤrcklichen Ausgange uͤber - laͤßt. Da ſich nun dieſer Auctor da - bey allewege auf das fundamentum apocalypſeos propheticum beziehet /auchan den Leſer. auch zwar dazu viele Stellen aus den Propheten des alten Teſta - ments allegiret; aber nichts davon ausfuͤhret und erweiſet; als wel - ches ſich auch nicht fuͤglich thun lieſ - ſe / ſondern ein Werck von beſonde - rer Arbeit iſt / er dieſe auch in ſeinem ſehr gelehrten und groſſen / oder in zween Folianten beſtehenden / Com - mentario in Ieſaiam gethan hat: ſo habe ich ſchon angefangen denſelben durchzugehen / und daraus dasje - nige / was ad apocalyptica gehoͤret / mit meiner geringen epicriſi in Teut - ſcher Sprache / doch mit Hinſetzung gantzer Lateiniſchen Stellen / kuͤrtz - lich zu recenſiren / um damit deſſel - ben ſyſtemati apocalyptico, welches ohne das / meiner wenigen Erkaͤnt - niß nach / hie und da eine mehrere / zum theil auch richtigere / Aufklaͤ - rung gebrauchet / aus feinen eige - nen Schriften ein mehrers Licht zu geben.

§. XIV.

Was die uͤber die Buͤcher des Alten Teſtaments vorzunehmende Arbeit betrifft / davon iſt dieſes mei - ne Meinung: Es fehlet zwar dar - uͤber an ſehr guten und nuͤtzlichen Schriften gar nicht / ſo wenig als uͤber die Buͤcher des neuen Teſta - ments; und verdienet das herrliche mit ſo vielen und ſo gruͤndlichen An - merckungen verſehene Hebraͤiſche Biebel-Werck meines liebwerthe - ſten Collegen, Herrn D. Joh. Heinrich Michaelis, und ſeiner geweſenen getreu - en Gehuͤlffen / gewiß vor andern ein beſonderes Lob. So wenig doch aber der / wem dieſes mein geringes exegetiſches Werck mit andern der - gleichen Schriften zu conferiren be - lieben wird / daſſelbe / wie ich hoffe / wird fuͤr uͤberfluͤßig halten: ſo we - nig / meine ich / werde auch eine uͤber die Buͤcher des alten Teſtamentsvorzunehmende Arbeit fuͤr uͤberfluͤſ - ſig erkannt werden: zumal von de - nen / welchen es nicht verborgen iſt / welcher geſtalt darinnen ſonderlich den prophetiſchen Schriften mit den Pſalmen Davids, in denen zur Er - laͤuterung der Offenbahrung Jo - hannis gehoͤrigen Sachen / es noch zum theil an richtiger Erklaͤ - rung fehlet / zumal in Teutſcher Sprache. Denn ſo wenig man die Offenbahrung Johannis, welche der rechte Schluͤſſel zu allen propheti - ſchen Schriften des alten Teſta - ments iſt / bißhero in allem recht erklaͤret hat / ſo ſehr fehlet es noch an dem rechtem prophetiſchen Lichte; nemlich in den ſo ſehr vielen Stellen / welche in einigen Prophe - ten faſt den groͤſſeſten Theil ausma - chen / und / nach Anweiſung der Of - fenbahrung Johannis, auſſer ihrer vorlaͤufigen und ſchon geſchehenen Erfüllung / ihrer Weite und Breite / auch Tiefe und rechten Fuͤlle nach / auf die noch zukuͤnftigen Zeiten ge - hen. Da nun GOtt ſchon vom er - ſten Anfange meines Studii Theolo - gici mir darinnen nach ſeiner groſſen Barmhertzigkeit einiges Licht hat aufgehen laſſen / und ich hoffe / daß es noch zu einer mehrern Aufklaͤ - rung kommen ſoll; ſo bin ich in GOt - tes Namen entſchloſſen / mich im gleichem Methodo, wie dieſes Werck geſchrieben iſt / und unſerer Nation zum beſten / in Teutſcher Spra - che / mit meiner geringen Arbeit zu dem alten Teſtamente zu wenden. Dazu mich auch dieſes beweget / daß / (welches ich zum Lobe GOt - tes bezeugen kan) JEſus Chriſtus, wie heute, alſo auch geſtern, das iſt / im alten Teſtamente / nach ſei - ner aus beyden Naturen beſtehen - den Perſon, und nach ſeinem Mitt - ler-Amte, mir recht groß und herr - lich iſt / und zwar nebſt dem Ge - heimniß der heiligen Dreyeinigkeit;c 2alsVorrede, oder Vorberichtals welches eine von den aufs al - lerreichlichſte in den Schriften des alten Teſtaments vorgetragenen / und daher auch der alten Juͤdiſchen Kirche bekannteſten Glaubens-Leh - ren iſt: wie ich bereits im andern Tomo Cauſſæ Dei wider die heutigen blinden Juͤden mit mehrern ausge - fuͤhret habe. Dazu koͤmmt ein ziemlicher ſchon von mehrern Jah - ren her geſammleter Vorrath mei - ner eigenen geringen meditationum. Den Anfang werde ich nach GOt - tes Willen uͤber die 5. Buͤcher Moſis machen / und / ſo ich lebe / unter der guten Hand meines GOttes / nach dieſem einen maͤßigen Band / unter dem Titul des Moſai ſchen Lichts und Rechts, ediren. Ob ich werde fortfahren koͤnnen und ſollen / das ſtehet bey GOTT / dem HErrn meines Lebens. Soll es nicht geſchehen / ſo kan und wird er einen andern dazu erwecken: wie denn mein wertheſter Collega und Schwieger-Sohn / der Herr Profeſſor, Johann Jacob Rambach, nach GOttes Willen / ſo er lebet / dazu nicht ungeneiget iſt. Will er mich ſelbſt aber beym laͤngern Le - ben / und bey der bißherigen be - ſtaͤndigen Geſundheit / gnaͤdiglich er - halten / und mich dem ſiebenzigſten Jahre ſo nahe kommen laſſen / als ich dem ſechszigſten bin / ſo kan durch GOttes Gnade noch man - ches moͤglich ſeyn.

§. XV.

Uber das will ich bey dieſer Gelegenheit meinen vorlaͤngſt ſchon gehabten Wunſch eroͤffnen / oder wiederholen / welcher auf eine neue Lateini ſche Verſion der heiligen Schrift / ſonderlich des alten Teſtaments / ge - het. Davon ich erſt nachfolgen - des vorausſetzen muß. Es iſt de - nen der Hebraͤiſchen Sprache Kun - digen bekannt:

  • 1. Daß viele Hebraͤiſche einzele Worte ſind / welche einen ſolchen Nachdruck in ſich haben / der ſich weder in der Lateiniſchen / noch in einer andern Sprache / alſo aus - druͤcken laͤßt.
  • 2. Daß ſich dieſes auch in einigen gantzen Redens-Arten alſo be - ſindet.
  • 3. Daß manche Redens-Arten zwar von keiner ſonderbaren em - phaſi, aber eigentlich nur bey den Hebræern gebraͤuchlich ſind / und Hebraiſmi genennet werden / die ſich in keiner andern Sprache alſo geben laſſen / und dannenhero durch Latiniſmos muͤſſen exprimi - ret werden / wenn die Verſion recht ſeyn ſoll.
  • 4. Daß manche Woͤrter und Re - dens-Arten / auch gantze Oerter ſind / welche ſich auf einen gewiſſen Juͤdiſchen / oder Heidniſchen ritum beziehen / und ohne denſelben nicht wohl koͤnnen verſtanden werden.
  • 5. Daß auch zuweilen einige Hebraͤ - iſche Sprichwoͤrter vorkommen / welche in keiner andern Sprache alſo lauten / oder bekannt ſind.
  • 6. Daß einige Oerter ſo ſchwer ſind / daß man zu keiner rechten Gewiß - heit des Verſtandes kommen kan / ſondern bey der Wahrſcheinlichkeit muß ſtehen bleiben. Welches doch aber den Glaubens-Lehren und Lebens-Regeln / als die deutlich und reichlich genug da liegen / keinen Nachtheil bringet.
  • 7. Daß einige Oerter zwar nicht ſchwer ſind / aber doch auf mehr / als einerley Art nicht unfuͤglich alſo koͤnnen verſtanden werden / daß es disfalls auf die Wahl des Leſers / oder Auslegers / nach ſei - ner Einſicht / ankoͤmmt.
  • 8. Daß ſolche Paronomaſien / oder dergleichen figuͤrliche Worte vor - kommen / da eines ſich auf das an - dere / theils dem Laute / theils derBedeu -an den Leſer. Bedeutung nach / beziehet; wel - ches ſich in keiner andern Sprache alſo ausdrucken laͤßt.
  • 9. Daß manches der Accente we - gen ſo und ſo conſtruiret und uͤber - ſetzet werden muß / anders / als es ſonſt geſchehen duͤrffte.
  • 10. Daß manche Worte in der gan - tzen heiligen Schrifft nur ein / o - der zweymal / vorkommen.
  • 11. Daß manche Oerter / oder Wor - te / von dem ſel. Luthero nicht recht getroffen ſind. Hiezu / und zu an - dern noch mehrern dergleichen / ei - gentlich den Hebræiſchen Text an - gehenden Dingen / koͤmmt:
    • a) daß ſo ſehr viel Oerter von CHriſto handeln / welche Unge - uͤbte nicht ſo leicht dafuͤr erken - nen; und
    • b) daß manche Sachen noch uner - fuͤllet ſind / und auf die noch zu - kuͤnftigen Zeiten gehen. Welches ſie noch weniger einſehen.

§. XVI.

Nun koͤnnte eine Lateiniſche Verſion alſo eingerichtet werden / daß von allen ſolchen Sachen da - bey mit bloſſen einzelen Buchſtaben eine Anzeigung geſchehe. Denn wenn ſolche Dinge nur mit einem Anfangs-Buchſtaben bezeichnet wuͤrden. z. E. mit einem V. von dem Worte Verſion, wo die Uberſetzung Lutheri zu verbeſſern iſt / u. ſ. w. und man ſetzte ſolche Zeichen bey dem Texte / und præmittirte einen Unterricht an den Leſer vorher; ſo haͤtte er an einer ſolchen Verſion faſt einen halben Commentarium; oder er wuͤrde doch / wenn er ſie bey dem Hebræiſchem Texte im Durchleſen legte / mit einer durchgaͤngigen An - weiſung / worauf er bey dem Texte zu ſehen habe / in eine beſtaͤndige Meditation gefuͤhret / und darin - nen erhalten. Kaͤmen auſſer denbloſſen Zeichen einige kleine Noten dazu / ſo waͤre es deſto beſſer und leichter / und wuͤrde ſonderlich den angehenden Studioſis Theologiæ bey dem ſtudio hebraico damit kein geringer Dienſt geſchehen. Und da bey unſerer Evangeliſchen Kir - che wir ohne das nur noch die ob zwar herrliche / doch nur einzige / Lateiniſche Verſion des Sel. D. Sebaſtiani Schmidii haben; die Kirchen anderer Confesſionen aber von ih - ren Theologis mehrere beſitzen: ſo wuͤrde es ſo viel weniger fuͤr eine uͤberfluͤßige Arbeit koͤnnen gehalten werden. Jch habe den Vorſchlag von einer ſolchen neuen Verſion ſchon fuͤr ohngefehr 30. Jahren ei - nem in der Hebræiſchen Sprache wohl gegruͤndeten und geuͤbtem Manne zu Berlin gethan / der ihn billigte / und auch dergleichen wuͤnſchte / ſich auch ſelbſt nicht un - geneigt bezeugte / die Hand dazu anzulegen. Welches aber unter - blieben iſt / und von mir ſelbſt bey ſo vieler andern Arbeit ſo viel we - niger hat unternommen werden koͤn - nen / ſo viel ſchwerer und wichtiger es iſt. Jch fuͤhre es / nach der be - reits vor einigen Jahren in meinen Inſtitutionibus ſtudii Theologici litterariis p. 279. ſeqq. geſchehenen Anzeigung / zu dem Ende allhier an / damit ich vielleicht jemanden / der zu ſolcher Arbeit geſchickt iſt / reitzen moͤchte dieſelbe zu uͤbernehmen. Jch bin zwar bey vorhabender exegeſi uͤber die Buͤcher des alten Teſtaments ſelbſt dazu nicht ungeneigt; ſinte - mal / wenn man erſtlich ein Capitel nach dem Grund-Texte mit Anmer - ckungen erklaͤret hat / damit die meiſte Arbeit zu einer Verſion ſchon geſchehen iſt / und viel leichter kan hinzugethan / als auſſer dem be - ſonders verfertiget werden; ich wuͤnſche doch aber / daß ein ande - rer und geſchickterer ſich dazu ent -dſchlieſ -Vorrede, oder Vorberichtſchlieſſen moͤge; hoffe auch / daß es geſchehen werde.

§. XVII.

Jm uͤbrigen / weil ich einige theils ſchwerere, theils nuͤtzlichere, Materien vor andern mit mehrern bey Gelegenheit / ja nach Erfode - rung / dieſes und jenes Textes abge - handelt habe; ſo will ich / auſſer dem am Ende befindlichen General-Re - giſter uͤber die fuͤrnehmſten Sachen / davon allhier zum Beſchluß eine kurtze Verzeichniß nach der Ord - nung der Apoſtoliſchen Briefe bey - fuͤgen:

Jn dem Briefe an die Roͤmer.

  • 1. Von der Erloͤſung CHriſti und gratia forenſi c. III, 24. u. f.
  • 2. Von der gratia medicinali, oder geſund-machenden und heiligenden Gnade c. V, 5.
  • 3. Vom Nachdrucke der Worte von der Apoſtoliſchen Lehr-Forme c. VI, 17.
  • 4. Von dem Stande nicht der wie - dergebohrnen unter dem Evange - lio, ſondern der unwiedergebohr - nen unter dem Geſetze / nach c. VII, 13 u. f.
  • 5. Von dem Seufzen der Creatur nach ihrer Befreyung: welches von der noch kuͤnftigen Erneue - rung der ſichtbaren Welt erklaͤret / und ſolche Erklaͤrung erwieſen wird. c. VIII, 19 u. f.
  • 6. Von der ewigen Gottheit CHri - ſti / nach Rom. IX, 5.
  • 7. Von dem abſoluto electionis & reprobationis decreto, von dem unbedingten Rathſchluſſe GOt - tes zur ewigen Erwehlung und Verwerfung / daß davon Rom. IX, 9. u. f. keines weges gehandelt werde.
  • 8. Von dem Geheimniß der ietzo noch kuͤnftigen groſſen Bekehrungdes Juͤdiſchen Volckes Rom. XI, 24. 25. 26. davon der am Ende des Capitels p. 143. u. f. befindliche Anhang mit mehrern handelt.

Jn dem erſten Briefe an die Corinthier.

  • 1. Von dem Orte c. II, 14. der natuͤr - liche Menſch vernimmt nichts vom Geiſte GOttes.
  • 2. Von dem Orte c. III, 16. 17. Wiſ - ſet ihr nicht / daß ihr GOttes Tempel ſeyd. u. f.
  • 3. Von dem Amte bekehrter und un - bekehrter Lehrer c. IV, 15. 16.
  • 4. Von dem Umgange mit den Gott - loſen / wie fern er erlaubet iſt / oder nicht / nach c. V, 11.
  • 5. Von der Vielweiberey und von der Eheſcheidung; da / zur Einlei - tung in das ſiebende Capitel / die - ſe wichtige Materie ausfuͤhrlich ab - gehandelt / und / nach Erklaͤrung der hieher gehoͤrigen Stellen aus 1 B. Moſ. II, 21-24. Matth. XIX, 3. u. f. Marc. X, 2. u. f. Luc XVI, 18. von p. 216. bis p. 426 p. 226. u. f. das ſiebende Capitel in zehen Saͤ - tzen zerleget / und nach deſſelben Erklaͤrung p. 246. u. f. in Beant - wortung zwoer (nicht vier / nach dem Druckfehlet) Fragen erwie - ſen wird / daß die Vielweiberey mit den zuweit extendirten Ehe - ſcheidungen auch wider das Licht und Recht der Natur ſtreite / und mit dem Concubinat keinen Grund zur Berechtigung in einigen Spruͤ - chen und Exempeln des alten Te - ſtaments vor ſich habe.
  • 6. Von der Wolcken - und Feuer - Saͤule / c. X, 1. 2.
  • 7. Von dem / wie CHriſtus / der Meßias / von den Juden in der Wuͤſten verſuchet worden c. X, 9.
  • 8. Von der allgemeinen Regel al - ler chriſtlichen Handlungen / daß man alles / und inſonderheit das Eſſen und Trincken / zur Eh -rean den Leſer. re GOTTES thun ſolle. c. X, 31.
  • 9. Von dem Gleichniß / darinn der geiſtliche Leib CHriſti mit einem natuͤrlichen menſchlichen Leibe ver - glichen wird. c. XII, 14. u. f.
  • 10. Von der zehnfachen Erſcheinung CHriſti nach ſeiner Auferſtehung. c. XV, 5. u. f.
  • 11. Von der Auferſtehung / daß man dadurch nicht allein wahre / ſon - dern auch die vorigen Leiber werde wieder bekommen. c. XV, 51. 52.

Jn dem andern Briefe an die Corinthier.

  • 1. Von der Salbung / Verſiegelung / und von dem Pfande des Heiligen Geiſtes. c. I, 21. 22.
  • 2. Von dem verfaͤlſchten und unver - faͤlſchten / oder lauteren / Vortra - ge des goͤttlichen Worts c. II, 17.
  • 3. Von den ſteinernen und fleiſcher - nen / oder geiſtlichen / Tafeln des Geſetzes. c. III, 3.
  • 4. Vom alten und neuen Teſtament / und dieſer Worte eigentlichem Verſtande. c III, 6.
  • 5. Von der Offenbahrung vor Chri - ſti Richterſtuhl c. V, 10.
  • 6. Von dem / daß CHriſtus fuͤr al - le / und alſo auch fuͤr die / welche verlohren werden / geſtorben iſt. Und von dem Zweck dieſes Ver - ſoͤhnungs-Todes. c. V, 14. 15.
  • 7. Von der Verſoͤhnung CHriſti. c V, 18. 21.
  • 8. Von den Pauliniſchen Paradoxis: als die Traurigen / aber allezeit froͤ - lich: u. ſ. w. c. VI, 10.
  • 9. Von der Enthaltung von der Befleckung des Fleiſches und des Geiſtes c. VII, 1.
  • 10. Von der geiſtlichen Vermaͤhlung mit CHriſto. c. XI, 2.
  • 11. Von dem / daß der Satan / ohne eine natuͤrliche Schlange zur Verfuͤhrung der erſten Men - ſchen gebrauchet zu haben / ei -ne Schlange genennet wird. c. XI, 3.
  • 12. Von den Satans-Dienern / und falſchen Predigern der Gerechtig - keit. c. XI, 15.
  • 13. Von Pauli Pfahl im Fleiſche und den Faͤuſten-Schlaͤgen des Satani - ſchen Engels c. XII, 7. da erwieſen wird / daß es die Verſuchung von laͤſterlichen Gedancken wider GOtt geweſen ſey.
  • 14. Von der noͤthigen Selbſtpruͤ - fung / und dem / was dazu gehoͤ - ret. c. XIII, 5.

Jn dem Briefe an die Galater.

  • 1. Von dem / wie CHriſtus / um uns vom Fluche des Geſetzes zu erloͤſen / ſey ein Fluch für uns worden. c. III, 13.
  • 2. Von der / zur erfuͤllten Zeit geſche - henen / Sendung des Sohnes GOttes. c. IV, 4. 5.

Jn dem Briefe an die Epheſier.

  • 1. Von den himmliſchen Guͤtern / womit wir in CHriſto geſegnet ſind. c. I, 3.
  • 2. Vom Nachdruck der Worte vom Glauben. c. I, 19. 20.
  • 3. Von der Ariſtoteliſchen Tugend / der Schertzhaftigkeit / von Paulo billig unter die Laſter gerechnet. c V, 4.
  • 4. Vom Gebet und Flehen im Geiſt. c. VI, 18.

Jn dem Briefe an die Phi - lipper.

  • 1. Von der geiſtlichen Erfahrung der zum thaͤtigen Chriſtenthum gehoͤ - rigen Dinge. c. I, 9.
  • 2. Von dem / daß Paulus ſich nicht daruͤber gefreuet habe / daß Chri - ſtus auf allerley Weiſe geprediget werde. c. I, 18.
d 2JnVorrede, oder Vorbericht an den Leſer.

Jn dem Briefe an die Coloſſer.

  • 1. Vom Mittler-Amte CHriſti. c. I, 13. 14.
  • 2. Von der Philoſophie und loſen Verfuͤhrung / davor man ſich zu huͤten habe. c. III, 8.
  • 3. Von dem / wie das Wort Chriſti ſoll reichlich unter uns wohnen. c. III, 16.

Jn dem erſten Briefe an die Theſſalonicher.

  • Von dem / daß nicht drey / ſondern nur zwey weſentliche Theile des Menſchen ſind. c. V, 23.

Jn dem andern Briefe an die Theſſalonicher.

  • Von dem Antichriſt und Antichri - ſtiſchen Weſen des Pabſtthums. c. II, 3. u. f.

Jn dem erſten Brief an den Timotheum.

  • 1. Vom Schmuck in der Kleidung / ſonderlich bey dem Weiblichen Ge - ſchlecht / wie man dabey im Urtheil die extrema zu vermeiden habe. c. II, 9. 10.
  • 2. Von der Verſuͤndigung und Pflicht der Reichen gegen die Ar - men. c. VI, 10. 17. 18. 19.

Jn dem andern Briefe an den Timotheum.

  • Von Pauli nicht Mantel / ſondern Reiſe-Sack und Buͤchern. c. IV, 13.

Jn dem Briefe an den Titum.

  • Von der zuͤchtigenden Gnade zurVerleugnung der weltlichen Luͤſte. c. II, 12.

Jn dem Briefe an die He - braͤer.

  • Von der Suͤnde wider den Heili - gen Geiſt. c. VI, 5. 6.

Jn dem Briefe Jacobi.

  • Von der zur wuͤrcklichen Suͤnde reizenden Erb-Suͤnde. c. I, 14. 15.

Jn dem erſten Briefe Petri.

  • Von der Heiligung des Geiſtes zur Beſprengung des Blutes Chriſti / und von der Wiedergeburt c. I, 2. 3. 4. auch von der Beharrung im Guten. v. 5.

Jn dem andern Briefe Petri.

  • Von den Haupt-Stuͤcken / nach welchen die wahren Lehrer von den falſchen zu unterſcheiden ſind / zu Petri und unſern Zeiten. c II, 19. u. f.

Jn dem erſten Briefe Jo - hannis.

  • 1. Von Haltung der Gebote GOt - tes. c. II, 3. 4.
  • 2. Von der Suͤnde / und von der Pflicht / der Reichen und Armen. c. III, 17. 18.

Jm uͤbrigen ſey der geliebte Leſer GOTT empfohlen / und beliebe / nach dem hinter dem Regiſter be - findlichen Verzeichniß / die Druck - Fehler ohnſchwer ſelbſt zu corrigi - ren / und / wo noch ſonſt ſich einige finden ſolten / ſie guͤtigſt zu uͤberſehen.

Hiſto -[1]

Hiſtoriſche und zugleich Exegetiſche Einleitung in die Briefe des Apoſtels Pauli.

Das erſte Capitel. Von Dem Leben und darinnen von den Reiſen Pauli.

Jnnhalt.

  • Pauli Geburts-Stadt, Tarſus in Cilicien §. I.
  • Deſſelben Alter iſt ungewiß §. II.
  • Er hat in ſeiner Jugend den ſtudiis und dabey der Hand / Arbeit obgelegen §. III.
  • Und ſich bey mehrern Jahren auf die hohe Schule nach Je - ruſalem begeben §. IV. V.
  • Sich daſelbſt mit Grimm wider Chriſtum und das Chri - ſtenthum erfuͤllen laſſen §. VI.
  • Wird aber wunderbarer Weiſe zu GOtt bekehret §. VII.
  • Darauf er zu Damaſcus ſo bald CHriſtum verkuͤndiget §. VIII.
  • Sich von da nach Arabien §. IX. und aus Arabien wieder nach Damaſcus begiebet §. X.
  • Nach Jeruſalem koͤmmt und bald wieder von dannen ge - het §. XI. und zwar nach Syrien und Cilicien §. XII.
  • Darnach von Barnaba nach Antiochiam gehohlet wird §. XIII.
  • Von da zum andern mal nach Jeruſalem reiſet und von dannen wieder nach Antiochiam §. XIV.
  • Alda wird er nebſt Barnaba von GOtt verordnet weiter unter die Heyden zu gehen, und dabey in den dritten Himmel entzuͤcket §. XV.
  • Worauf er nach Cypern gehet, woſelbſt ſich der Landvoigt Sergius Paulus bekehret. §. XVI.
  • Von welcher Geſchicht an ihn Lucas Paulum nennet, nicht mehr Saulum §. XVII.
  • Von Cypern reiſet er gen Pamphilien, Piſidien und Ly - caonien, und durch dieſe Oerter wieder zuruͤck nach An - tiochiam §. XVIII.
  • Ziehet zum dritten mal nach Jeruſalem in einer Contro - vers uͤber dem Geſetze §. XIX.

  • Thut mit Sila und Luca den andern Zug durch die Laͤnder in Aſien, koͤmmt auch nach Griechenland, und von da zum vierten mal nach Jeruſalem, und wieder nach An - tiochiam §. XX.
  • Darauf kommt die dritte Expedition durch Aſien nach Griechenland, und von da reiſet er zum fuͤnften mal nach Jeruſalem §. XXI.
  • Woſelbſt wider ihn ein Tumult erreget, und er nach Caͤ - ſarea gefuͤhret wird, allwo er an den Kaͤyſer appelliret §. XXII.
  • Wird darauf im Jahr Chriſti 60. nach Rom gebracht, und erfaͤhret unter weges viele Proben der beſondern goͤtt - lichen Providentz §. XXIII.
  • Zu Rom bleibt er in der Gefangenſchaft 2 Jahre, und ſchreibet daſelbſt und auſſerhalb Rom etliche Briefe §. XXIV.
  • Nach erlangter Freyheit trit er die letztere groſſe Reiſe an §. XXV.
  • Und gehet erſtlich nach Creta §. XXVI.
  • Von da nach Aſien, ſonderlich nach Coloſſen §. XXVII.
  • Von Loloſſen nach Epheſus §. XXVIII.
  • Von Epheſus nach Macedonien §. XXIX.
  • Aus Macedonien wieder nach Aſien gen Troada §. XXX. XXXI.
  • Auf welcher vierjaͤhrigen Reiſe Paulus auch vermuthlich wieder ins Juͤdiſche Land gekommen iſt §. XXXII.
  • Er koͤmmt endlich wieder nach Rom §. XXXIII.
  • Was mit ihm daſelbſt vorgegangen, wird angezeiget aus den Briefen an die Epheſier und aus dem andern an den Timotheum §. XXXIV. XXXV. XXXVI.
  • Und wird endlich im Jahr Chriſti 68. zu Rom enthauptet §. XXXVII.

§. I.

DJe Geburt-Stadt Pauli war Tarſus, der vornehmſte und beruͤhmteſte Ort in Cilicien, ſo an Syrien, gleichwie Syrienan das gelobte Land, grentzet, Actor. 10, 11. c. 21, 29. c. 22, 3. Wie denn die Juͤden ſchon von etlichen Seculis her auch auſſer ihrem Lande in den benachbarten, ja auch theils weit entlege -Anen2Hiſtoriſche und exegetiſche Einleitungnen Laͤndern, in ſehr groſſer Anzahl ſehr zerſtreuet lebten, und viele Freyheit genoſſen. Jn dieſer Stadt hatte der Apoſtel das Roͤmiſche Buͤrger - Recht, welches vieles auf ſich hatte, auch der Geburt nach uͤberkommen, nachdem dieſelbe we - gen der dem Auguſto geleiſteten ſonderbaren Treue und Dienſte, damit war begnadiget wor - den. Wie ſich Paulus darauf bezogen, ſehe man Act. 22, 28.

§. II. Wenn Paulus gebohren, und folglich, wie alt er worden, kan man nicht ei - gentlich wiſſen. So viel laͤßt ſich aber doch aus den Oertern Actor. 7, 58. 8, 1. ſeq. 9, 1. ſeq. ſchlieſſen, daß er um die Zeit ſeiner Bekehrung muß ohngefehr ein junger Mann von dreyßig Jahren geweſen ſeyn, oder doch nicht viel dar - unter. Daß er noch jung geweſen, ſiehet man aus Act. 7, 58. da er zu der Zeit, als Stepha - nus getoͤdtet worden, noch als ein Juͤngling an - geſehen iſt. Daß er aber nicht gar zu jung mehr geweſen, iſt daraus zu erſehen, daß ihn der groſſe Rath zu Jeruſalem zum Inquiſitore - reticæ pravitatis wider die Chriſten gemacht, oder ihm aufgetragen, ſo gar auch in Syrien die Chriſten aufzuſuchen und in gefaͤngliche Haft zu bringen. Welches eine wichtige und mit vie - ler Autoritaͤt verſehene Commiſſion war, dazu ein maͤnnliches Alter erfodert wurde. Actor. 8, 3. 9, 1. 22, 4. ſeqq. 26, 10-12. Und dieſem ſte - het gar nicht entgegen, daß er, da die Verfol - gung wider die Chriſten anging, Actor. 7, 58. noch νεανίας, ein Juͤngling genannt wird; ſin - temal dieſes Wort, nach Art des Hebraͤiſchen Worts〈…〉〈…〉, auch von einem jungen Mann ge - braucht wird. Hiezu koͤmmt, daß er ſich in dem Briefe an den Philemonem v. 9. ſchon den alten Paulum nennet. Nun aber iſt dieſer Brief geſchrieben im Jahr CHriſti 62. etwa 28 Jahr nach der Bekehrung Pauli: daß er al - ſo, wenn man ſein Alter, als er an Philemo - nem ſchrieb, etwa von 60 Jahren geweſen zu ſeyn rechnet, zur Zeit ſeiner Bekehrung ſchon muͤſte 32 Jahr alt geweſen ſeyn.

§. III. Jn ſeiner zarten Jugend aber hat Paulus, nach damaliger Gewohnheit der Juͤ - den, die Studia getrieben: daneben aber auch zugleich auf die kuͤnſtliche Handarbeit, aller - hand Zeuge zu Tapeten und Gezelten zu wircken, ſich geleget: Wie denn unter den Juͤden, ſonderlich denen, welche unter den Heyden zer - ſtreuet lebten, ſehr gewoͤhnlich war, eine ehr - liche Handthierung zu lernen und ſich davon zu nehren. Wodurch die heutigen Juden beſchaͤ - met werden; als die, auſſer dem zur Kaufmann - ſchaft gehoͤrigen, und ſonderlich bey ihnen mit vieler Ungerechtigkeit verknuͤpften Gewerbe, meiſtentheils muͤßig gehen; und daher, wenn ſich einige zum Chriſtlichen Glauben bekennen, da ſie keine Profesſion gelernet haben, ſich ſelbſt und den Chriſten eine Laſt ſind. Wie wohl das, was Paulus in ſeiner Jugend von der Hand - Arbeit gelernet und getrieben hatte, ihm auch, gewiſſer Umſtaͤnde wegen, noch in dem Apo - ſtel-Amte ſelbſt zu ſtatten gekommen, ſehe man Act. 18, 3. 20, 34. 1 Cor. 10, 12. 1 Cor. 9, 6. 15. 2 Cor. 11, 8. 9. 12, 13. 1 Theſſ. 2, 9. 2 Theſſ. 3, 8. Daß er in ſeiner Jugend die Griechiſchen Poeten geleſen, ſiehet man daraus, daß er aus dem Arato Act. 17, 28. aus dem Menandro 1 Cor. 15, 33. und aus dem Epimenide Tit. 1, 12. etwas anfuͤhret. Welches aber keines we - ges dahin zu ziehen iſt, als wenn man in ſol - chen Scribenten die wahre Weisheit zu ſuchen und ſich mit ihrem ausgelegten Kram ſehen zu laſſen habe. Denn was Paulus von ſeiner dem Phariſaiſmo gemaͤſſen Gelehrſamkeit und Gerechtigkeit ſagte, das galt noch vielmehr von ſeiner heydniſchen Erudition; nemlich was ihm vormals ein Gewinn geweſen, das habe er um CHriſti willen fuͤr Schaden geach - tet u. ſ. w. Phil. 3, 7. ſeq.

§. IV. Es ließ es aber Paulus bey der Anfuͤhrung nicht bewenden, die er in ſeiner Vater-Stadt haben konnte, ſonderlich im Ju - denthum: ſondern er begab ſich auf die hohe Schule nach Jeruſalem, hielte ſich zu der Secte der Phariſaͤer, und erwehlte vor andern den damals beruͤhmten Lehrer aus der Hilleli - ſchen Familie, den Gamaliel, der auch ein Aſſeſſor des groſſen Raths zu Jeruſalem war. Unter welches diſciplin er vor allen andern ſei - nes Alters zunahme; alſo daß ihm auch daher vor andern das Amt eines Ober-Inquiſitoris wi - der die Chriſten aufgetragen wurde. Act. 5, 34. 22, 3. 23, 6. 26, 5. Gal. 1, 14. Phil. 3, 5.

§. V. Wie lange aber Paulus zu Jeru - ſalem vor ſeiner Bekehrung ſich aufgehalten, laͤßt ſich nicht determiniren. Wenn man er - weget, was er 1 Tim 1, 13. ſaget, daß er nem - lich, da er ſo ſehr wider die Chriſten gewuͤtet, es in Unwiſſenheit gethan habe; ſo ſolte man faſt ſchlieſſen, er muͤſſe erſt nach der Auferſte - hung CHriſti dahin gekommen ſeyn: ſintemal er ſonſt nicht wol ohne genugſame Wiſſenſchaft alles deſſen, was mit CHriſto vorgegangen war, koͤnte geweſen ſeyn. Allein da er Act. 26, 4. ſelbſt ſaget, daß er ſeine Jugend zu Je - ruſalem zugebracht habe; ſo muß er wol eher ſich dahin begeben haben. Gegen den von ſei - ner Unwiſſenheit hergenommenen Zweifel iſt folgendes zu mercken: 1. Es iſt die Unwiſſen - heit nicht eben der hiſtoriſchen Wiſſenſchaft, ſondern einer wahren Erkaͤntniß, die eine ge - nugſame Uberzeugung an das Gewiſſen mit ſich fuͤhrte, entgegen geſetzet. 2. Solche ignorantz ſchrieb unſer Heyland ſelbſt vielen von dem Vol - cke zu, wenn er am Creutze fuͤr ſeine Feinde bat, und ſprach: Vater, vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun. Luc. 23, 34. Und Petrus ſpricht Actor. 3, 17. Lieben Bruͤ - der, ich weiß, daß ihrs aus Unwiſſenheit gethan habet, wie auch eure Oberſten. Siehe auch Act. 13, 27. 1 Cor. 2, 8. 3. Es war nun zwar dieſe Unwiſſenheit Pauli ſehr ſtraͤflich; weil er ſelbſt ſchuld daran war: indeſſen aber war doch die Schuld nicht ſo groß, als ſie bey denen geweſen, die eine groͤſſere Uberzeugung uͤberkommen hatten; wie viele unter den Phariſaͤern; als die alles genau unterſuchten, und dadurch immer mehr von der Wahrheit der Perſon, des Amts, und der Lehre CHriſti - berzeuget wurden, aber dennoch ſuchten widerden3in die Briefe des Apoſtels Pauli. den Stachel zu lecken, und wider ihr Gewiſſen das Volck gegen CHriſtum einzunehmen. 4. Und von ſolchen zu ſehr eingenommenen iſt wol ſonderlich Paulus geweſen. Denn da er et - liche mal, allem Anſehen nach, von Gamaliele und andern Phariſaͤern gewarnet worden, ſich ja vor dem JEſu von Nazaret, und vor ſeiner Lehre, als vor einem heimlichen Gift, davon ſo ſo mancher, ehe er ſichs verſehen, angeſtecket worden, in acht zu nehmen; ſo mag er aus groſſem und blinden Gehorſam ſich wol nicht viel nach ihm umgeſehen haben.

§. VI. Wie ſehr ſich Paulus wider das Chriſtenthum aufbringen laſſen, ſiehet man aus der Erzehlung Lucaͤ Actor. 8, 1. 2. 3. 9, 1. 2. und ſeiner eigenen c. 22, 3. ſeqq. 20. 26, 9. ſeqq. 1 Cor. 15, 9. 1 Tim. 1, 14. 15. 16. Und alſo hat er ſeinen eignen Meiſter, den Gamaliel, hier - in nicht wenig uͤbertroffen. Denn daß dieſer ein ziemlich gelindes Urtheil von dem Chriſten - thum ſtellete, Act. 5, 38. 39. iſt wol aus einer beſondern Regirung GOttes, da ſich GOTT auch ſeines beſſer uͤberzeugten Gewiſſens dazu bedienet hat, geſchehen, damit das Evange - lium von CHriſto noch das mal freyen Lauf be - halten moͤchte. Bey Paulo hingegen war wie wenigere Erkaͤntniß, alſo noch mehrere jugend - liche Hitze, in welcher er auch ohne Zweifel von andern Phariſaͤern noch mehr, als vom Gama - liel, zur Verfolgung aufgebracht ſeyn mag. Wenn er aber 2 Tim. 1, 3. ſaget, daß er von ſeinen Vor-Eltern her in reinem Gewiſſen GOTT gedienet habe; ſo giebet er damit ſeinen Vor-Eltern das Zeugniß von einer auf - richtigen Furcht GOttes; leugnet aber damit nicht, daß er auf einige Zeit aus der Bahne ge - ſchritten ſey; ſondern er preiſet GOTT, daß er ihn auf den rechten Weg des guten Gewiſ - ſens gebracht habe: wie denn auch die Stellen Act. 23, 1. 24, 16. von dem Stande des guten Gewiſſens, wie er ſolchen im Laufe ſeines Apo - ſtel-Amts bewahret habe, zu verſtehen ſind.

§. VII. Was nun hierauf die Beruf - fung und Bekehrung Pauli betrifft, ſo iſt ſie wol eine der allermerckwuͤrdigſten Sachen, wel - che nach CHriſti Himmelfahrt, und nach der Ausgieſſung des Heiligen Geiſtes uͤber die Apo - ſtel, geſchehen ſind. Da dieſe Geſchicht von Luca Act. 9. ausfuͤhrlich beſchrieben iſt, ſo ver - weiſe ich den Leſer dahin. War nun gleich Paulus den uͤbrigen Apoſteln darinnen nicht gleich, daß er in der Schule CHriſti auf Erden waͤre unterrichtet worden, und mit ihm gewan - delt haͤtte; ſo hatte er doch hingegen vor allen andern dieſes beſonders, daß er von JEſu aus dem Himmel der Herrlichkeit war berufen und bekehret, auch darauf mit einem ſo herrlichen Maaſſe der auſſerordentlichen Natur-Gaben ausgeruͤſtet worden, daß er darinnen vor andern Apoſteln keinen geringen Vorzug gehabt, oder doch zu mehrer und geſegneterer Arbeit gebrau - chet worden, als die uͤbrigen: wie er, mit groſ - ſer Niedrigkeit ſeines Hertzens, zum Lobe Got - tes ſelbſt bekennet 1 Cor. 15, 9. 10. 2 Cor. 11, 23. Und dazu kam hernach, als Paulus von den Juden unter die Heyden gehen ſolte, diegantz wundervolle Entzuͤckung in den dritten Himmel, Act. 13, 1. 2. 2 Cor. 12, 1. ſeqq. der - gleichen auch, ſo viel man zum wenigſten weiß, keinem andern Apoſtel wiederfahren iſt. So hat auch Paulus das vor andern beſonders, daß es GOTT beliebet hat, auch zu der damals noch kuͤnftigen Erbauung der Kirche von ihm derſelben mehrere Briefe zur Beylage anzuver - trauen, als von den uͤbrigen Apoſteln allen.

§. VIII. So bald aber Paulus den bis - her in ſeinen Gliedern ſo ſehr verfolgten JEſum von Nazaret fuͤr den Heyland der Welt erkant hatte, bekante er ihn zu Damaſcus in den oͤf - fentlichen Juͤdiſchen Synagogen; und zwar mit einer ſolchen Glaubens-Freudigkeit, als das groſſe Maaß der empfangenen auſſerordentli - chen Salbung mit ſich brachte. Dazu auch wol das beſtaͤndige Andencken des wider den Namen JEſu vordem ausgeſchuͤtteten Grim - mes, bey dem Vorſatze, dieſen ſo gar groſſen Schart ſeines Gewiſſens nun durch die Predigt von CHriſto ſo viel mehr wieder auszuwetzen, nicht wenig wird beygetragen haben. Lucas erwehnet vor andern zweyer Haupt-Stuͤcke, worauf er ſeine Zuhoͤrer gefuͤhret habe; nem - lich daß der ihnen allen ſo ſehr bekante groſſe Wunder-Mann, JESUS, ſey der Sohn GOttes, und daß er ſey der Chriſt, oder der verheiſſene Meßias. Da denn das erſtere auf die Perſon, und das andere auf das Amt des HErrn JESU ging: nemlich wie er ſey ſeiner Perſon nach ϑεάνϑρωπος, wahrer GOTT-Menſch, und nach dem Amte der Welt Heyland und Erloͤſer, der das Werck der Erloͤſung durch ſein Leiden und Sterben wuͤrcklich vollbracht habe. Den Vortrag that er alſo, daß er alles, was mit JEſu in ſeinem Leben, Lehren, Wunderthaten, Tode und in ſeiner Auferſtehung, auch Himmelfahrt und Ausgieſſung des Heiligen Geiſtes vorgegangen war, aus den Schriften des Alten Teſtaments, als unfehlbare Kennzeichen des wahren Meßiaͤ, anfuͤhrete, und wider der Juden Gegenſpruch mit unwidertreiblichen Gruͤnden erwieſe, daß alles, was von dem Meßia vorher verkuͤndiget worden, an dieſem JEſu erfuͤllet ſey. Act. 9, 20-22. Ob nun wol dieſes ſo freudige Zeug - niß der Wahrheit nicht ohne Widerſpruch ge - blieben; ſo ſcheinet doch dasjenige, was von ſeiner Lebens-Gefahr v. 23-25. erzehlet wird, von der Zeit verſtanden zu ſeyn, da er nach drey Jahren wieder gen Damaſcus gekommen iſt.

§. IX. Von Damaſcus aus Syrien be - gab ſich Paulus in die angrenzende Landſchaft Arabien, und hielte ſich daſelbſt mit der Pre - digt von CHriſto bis ins dritte Jahr auf: da denn der Name JEſu ohne Zweifel in der Ord - nung der Bekehrung an vielen Seelen iſt ver - herrlichet worden. Zwar ſolte man meinen, Paulus wuͤrde ſich zuvorderſt den zu Jeruſalem zum Theil noch gegenwaͤrtigen Apoſteln gezei - get, und mit ihnen conferiret haben. Er fun - de dieſes aber noch nicht Zeit, auch nicht noͤthig zu ſeyn, ſich mit Fleiſch und Blut, das iſt, mit einem Menſchen, des Evangelii wegen, um davon unterrichtet, oder darinnen geſtaͤr -A 2cket4Hiſtoriſche und exegetiſche Einleitungcket zu werden, zu beſprechen, nachdem er von CHriſto ſelbſt unmittelbar war ergriffen und mit einem ſehr groſſen Maaſſe des Heiligen Gei - ſtes geſalbet, auch mit Wunder-Kraͤften aus - geruͤſtet worden. Siehe hievon Gal. 1, 15. 16. 17. 18.

§. X. Aus Arabien begab ſich der Apo - ſtel wieder nach Damaſcus, und predigte da - ſelbſt CHriſtum aufs neue. Gal. 1, 7. Als er aber daruͤber in Lebens-Gefahr kam und man ihm ſonderlich bey dem Abzuge aus der Stadt nachſtellete, da nahmen ihn die Juͤnger, oder Chriſten, in der Nacht, und lieſſen ihn in ei - nem Korbe von der Mauren hinab. Welches denn der Wille GOttes alſo geweſen: da es GOTT nicht beliebte, ihn durch ein beſonders Wunderwerck aus ſeiner Feinde Haͤnde zu er - retten. Und dieſes iſt die Geſchicht, die Lucas Act. 9, 23-25. erzehlet, und welche Paulus ſelbſt anfuͤhret 2 Cor. 11, 32. 33.

§. XI. Nachdem nun ſolcher geſtalt von der Bekehrung Pauli an bereits drey Jahre verfloſſen waren, ſo reiſete er erſt von Dama - ſcus aus Syrien nach Jeruſalem, um ſich mit Petro und Jacobo, die daſelbſt dazumal nur allein zugegen waren, bekant zu machen, und mit ihnen des Evangelii wegen ſich zu be - ſprechen. Gal. 1, 18-20. Als man aber zu Je - ruſalem, in Erinnerung deſſen, wie er daſelbſt die Chriſten noch vor wenig Jahren aufs grim - migſte verfolget hatte, ihm noch nicht durchge - hends trauete, ſondern man ſich noch vor ihm fuͤrchtete, da ſie von dem, was mit ihm vorge - gangen war, auſſer einiger von andern em - pfangenen Nachricht, ſelbſt noch keine Erfah - rung hatten: ſo nahm ſich Barnabas, und mit ihm vermuthlich auch andere, denen jenes mit mehrern war kund worden, ſeiner an, fuͤhrete ihn zu den Apoſteln, und erzehlete alles, was geſchehen war. Da denn Paulus 15 Tage zu Jeruſalem blieb, und daſelbſt den Namen des HErrn frey verkuͤndigte. Act. 9, 26-28. Es erhub ſich aber bald auch zu Jeruſalem ein Sturm wider Paulum; und zwar von den Grie - chen, das iſt, von denenjenigen Juͤden, die un - ter den Griechen gebohren und gezogen waren, ſich auch der Griechiſchen Sprache ſelbſt in den Synagogen bedienten, und ſich in groſſer An - zahl des Gottes-Dienſtes wegen zu Jeruſalem etwas laͤnger aufhielten, ſonderlich zur Zeit der hohen Feſte. Dieſe empoͤreten ſich wider Pau - lum. Act. 9, 29. 30. Dannenhero er von dan - nen zog, und zwar auf einen von GOTT be - ſonders empfangenen Befehl. Denn hieher gehoͤret das, was Paulus ſelbſt Act. 22, 17. ſq. von ſich erzehlet, da er ſpricht: Es geſchach aber, da ich wieder gen Jeruſalem kam und betete im Tempel, daß ich entzuͤcket ward, und ſahe ihn (den HErrn JEſum.) Da ſprach er zu mir: Eile, und mache dich behende von Jeruſalem hinaus: denn ſie werden nicht annehmen dein Zeugniß von mir. Gehe hin, ich will dich fer - ne unter die Heyden ſenden.

§. XII. Hierauf ging Paulus unter dem Geleite etlicher von der Chriſtlichen Gemeine,von Jeruſalem nach Caſareen Philippi, ſo in Syrien am Berge Libanon lage. Von da er in das angrenzende Cilicien, und inſonderheit in ſeine Vater-Stadt, Tarſus, um auch ſeinen Landes-Leuten das Evangelium von CHriſto zu predigen, ſich begeben hat Act. 9, 29. 30. Auf welche Worte Paulus ſiehet, wenn er Gal. 2, 21. ſpricht: Darnach kam ich in die Laͤnder Syria und Cilicia. Darauf denn in Judaͤa das Ungewitter der Verfolgung aufhoͤrete, und die Gemeinen CHriſti ſich den aͤuſſerlichen Frieden zur Erbauung und innnerlichen Wachs - thum dienen lieſſen. Act. 9, 31. Da inzwi - ſchen diejenigen, welche durch jenes von Jeru - ſalem zerſtreuet worden waren, das Evangelium in allen umliegenden Orten verkuͤndigten. Act. 8, 4. ſeqq. 14, ſeqq. 25. 9, 32. ſeqq. alſo daß auch inſonderheit die groſſe Stadt Antiochia in Syrien mit der Predigt des Evangelii erfuͤl - let ward. c. 11, 19. ſeqq. und alhier kam das Evangelium auch, auſſer dem Juͤdiſchen Lande, zuerſt unter die Antiochiſchen Heyden. v. 20, Als nun dieſes die Gemeine zu Jeruſalem hoͤ - rete, ſandten ſie Barnabam, einen Mann voll Heiliges Geiſtes und Glaubens, dahin: welcher die Glaubigen, ſonderlich die aus der Heyden - ſchaft, nicht wenig ſtaͤrckete. Wie denn auch die Zahl derſelben aus Juden und Heyden im - mer mehr zunahm, alſo daß ein groſſes Volck dem HErrn daſelbſt zugethan ward.

§. XIII. Da nun Barnabas wuſte, daß Paulo das Apoſtel-Amt fuͤrnemlich an die Hey - den anvertrauet worden, und alſo mit Recht dafuͤr hielte, daß er, vermoͤge ſolcher ſeiner inſtruction, der guten theils aus bekehrten Hey - den beſtehenden Antiochiſchen Gemeine die be - ſten Dienſte wuͤrde thun koͤnnen; und aber auch gehoͤret hatte, daß Paulus aus Syrien nach Cilicien ſich begeben hatte: ſo zog er ihm, nach erkanten Willen GOttes, nach, um ihn daſelbſt aufzuſuchen, und nach Antiochiam mit ſich zuruͤck zu bringen. Welches denn auch geſchahe: und zwar alſo, daß ſie zu Antiochia ein gantzes Jahr bleiben, und der daſelbſt gepflantz - ten Gemeine zur mehrern Beveſtigung und Ausbreitung warteten. Und dieſes war auch dergeſtalt geſegnet, daß die aus Juden und Heyden zu CHriſto bekehrte Juͤnger CHriſti daſelbſt zuerſt Chriſten genennet wurden. Zu welcher Benennung, welche von der Zeit an bald allgemein worden iſt, wol auſſer der von der Sache ſelbſt dazu gegebenen Gelegenheit, GOTT ſelbſt ſeinen beſondern Winck gezeiget haben mag. Act. 11, 25. 26.

§. XIV. Als ſich nun Paulus ſolcherge - ſtalt im Segen zu Antiochia mit Barnaba be - fand, kamen einige mit einer prophetiſchen Ga - be von GOTT begnadigte von Jeruſalem da - hin; deren einer, Namens Agabus, anzeigete, wie daß eine Theurung uͤber viele Laͤnder des Roͤmiſchen Reichs entſtehen wuͤrde. Weil nun die Jeruſalemſche Gemeine mit dem wenig - ſten Vorrathe verſehen war; die zu Antiochia aber es im Vermoͤgen hatte, ihnen beyzuſprin - gen: ſo ließ ſie ſich zu einem Beytrag freywillig erfinden. Da denn Paulo und Barnabaͤ esaufge -5in die Briefe des Apoſtels Pauli. aufzutragen ward, die Beyſteuer in Perſon nach Jeruſalem zu uͤberbringen. Und dieſes war das zweyte mal, daß Paulus nach Jeruſa - lem kam. Act. 11, 27-30. Als nun indeſſen das, was von Herode erzehlet wird, (wie er nem - lich die Haͤnde an die Apoſtel geleget, und Ja - cobum mit dem Schwerdte hinrichten, Petrum aber in das Gefaͤngniß, daraus er wunderbarer Weiſe erloͤſet worden, werfen laſſen, und wie darauf der Wuͤterich ein Ende mit Schrecken genommen) geſchehen war; ſo kehret Paulus mit Barnaba wieder nach Antiochiam zuruͤck. Act. 12, 25. alwo der Teutſche Text nach dem Griechiſchen alſo uͤberſetzet werden muß: Bar - nabas aber und Paulus kehreten wieder zuruͤck von Jeruſalem, nachdem ſie die Handreichung uͤberantwortet hatten.

§. XV. Da nun in den bisher erzehlten Verrichtungen ohngefehr 8 Jahr, oder, wie andere meinen, 6 Jahr, verſtrichen waren; ſo bekam Panlus im Jahr Chriſti 44. von GOtt in der Gemeine zu Antiochia die ſpeciale Ver - ordnung, von dannen mit Barnaba unter die Heyden nach Aſien und Griechen-Land zu ge - hen. Denn da ſprach der Geiſt des HERRN durch einen der daſelbſt gegenwaͤrtigen Prophe - ten, als ſie eben dem HErrn dieneten und fa - ſteten, alſo: Sondert mir aus Barnabam und Saulum zu dem Werck, dazu ich ſie berufen habe. Darauf es weiter heißt: Da faſteten ſie und beteten, und legten die Haͤnde auf ſie, und lieſſen ſie gehen. Act. 13, 1. 2. 3. Und hieher gehoͤret die von Paulo ſelbſt 2 Cor. 12, 1. ſeqq. erzehlte Entzuͤckung bis in den dritten Himmel: als welche GOtt Paulo wol ohne Zweifel zu dem Ende wiederfah - ren laſſen, damit er dadurch gegen die ihm un - ter den Heyden und Juden bevorſtehende groſſe und viele Leiden deſto mehr mit Geiſt, Muth und Kraft gewafnet werden moͤchte. Daß aber dieſe Geſchicht in dieſe Zeit zu ſetzen ſey, erken - net man ſonderlich daraus, weil Paulus ſchrei - bet, es ſey ihm dieſe ſonderbare Gnade vor 14 Jahren erwieſen. Da er nun im Jahr Chriſti 44. zu Antiochia die beſondere Inſtruction erhiel - te unter die Heyden zu gehen, und darauf im Jahr 57. den andern Brief an die Corinthier ſchrieb, ſo waren mit dem darzu gerechneten 44ten Jahre eben 14 Jahre verfloſſen. Und zu welcher Zeit ſolte ſich die beſondere Staͤrckung Pauli wol beſſer geſchicket haben, als eben dazu - mal, da er mit vieler Leibes - und Lebens-Gefahr ſolte unter die Heyden gehen, und unter ihnen auch endlich das Leben laſſen?

§. XVI. Da nun Paulus ſolchergeſtalt von GOtt zu der Expedition unter die Heyden ausgeruͤſtet war, ſo ging er und Barnabas mit Johanne Marco, den ſie zum Diener, oder Gehuͤlfen, mitnahmen, zu Seleucia, dem Seehafen von Antiochia, zu Schiffe, und kamen zuerſt nach Cypern, einer bekanten groſſen Jn - ſel auf dem Mittellaͤndiſchen Meere; predigten allenthalben das Evangelium von Chriſto; zu - voͤrderſt zwar in den Synagogen der Juͤden; doch alſo, das das Abſehen ſonderlich mit auf die Hey - den ging: wie denn auch in der Stadt Paphosder Roͤmiſche Landvoigt, ein Mann von Koͤ - niglicher Autoritaͤt, Nahmens Sergius Pau - lus, zu Chriſto bekehret ward, alſo daß der Zau - berer Elymas daruͤber oͤffentlich zuſchanden, und mit leiblicher Blindheit geſchlagen wurde. Act. 13, 4-12.

§. XVII. Hiebey iſt wohl zu mercken, daß Lucas v. 9. Saulum, wie der Apoſtel mit dem Hebraͤiſchen Namen eigentlich hieß, auch Paulum nennet, und hernach dieſen letztern Namen beſtaͤndig gebrauchet: wie ihn denn auch der Apoſtel ſelbſt in ſeinen Briefen behalten hat. Daraus man ſiehet, daß, weil er das Buͤrger - recht der Lateiner, oder Roͤmer, hatte, und ſein Hebraͤiſcher Name ohne das mit Veraͤnderung des eintzigen erſten Buchſtabens zum Lateiniſchen, oder Roͤmiſchen, wurde, er ſich nebſt dem He - braͤiſchen auch den Roͤmiſchen Namen gefallen laſſen, wo nicht ſchon vorher, ja ſchon in ſeiner Vater-Stadt, Tarſus, (da nicht unglaublich iſt, daß er ihn von ſeinen Eltern bekommen, her - nach aber unter den Hebraͤern Saul genennet worden) doch itzo, oder von nun an, da er tiefer ſolte in die Provintzien des Roͤmiſchen Reiches gehen, und er gewuͤrdiget worden war, einen ſo vornehmen Roͤmer dieſes Namens Chriſto zu - zufuͤhren; ſich auch der Lateiniſche Name Pau - lus, der ſo viel heißt, als klein, oder gering, zu ſeiner Statur, noch mehr aber zu der groſſen Demuth ſeines Gemuͤths, gar wol ſchickte: da - von man unter andern ſehe 1 Cor. 15, 9. Jch bin der geringſte unter den Apoſteln, als der ich nicht werth bin, daß ich ein Apo - ſtel heiſſe, darum daß ich die Gemeine GOttes verfolget habe.

§. XVIII. Von Cypern ſchifften ſie hin - uͤber in die Landſchaft Pamphylien; und von da zogen ſie nach Piſidien; alwo in der Syna - goge ſie zu Antiochia den Juden, nicht weniger auch auſſer derſelben den Heyden mit einer geſeg - neten Frucht der Bekehrung an vielen, von Chri - ſto predigten, aber auch daruͤber in bittern Haß mit Ungeſtuͤm von deſſelben Landes Grentzen ver - jaget wurden. Act. 12, 14. ſeqq. Und als ſie von dannen nach Lycaonien gegangen waren, ſo predigten ſie, Paulus und Barnabas, zu Jco - nien, funden auch mit dem Worte des Evange - lii, welches mit vielen Wunderwercken bekraͤfti - get wurde, daſelbſt bey Juden und Heyden vie - len Eingang: daher ſie ſich daſelbſt noch laͤnger, als anderswo, aufhielten: endlich aber, als ſich auch hie ein Sturm wider ſie erhub, wei - chen muſten, und ſich gen Lyſtra, eine Stadt deſſelbigen Landes, wandten. Da denn, als ſie zu Lyſtra einen von Mutterleibe an lahm ge - weſenen Mann mit einem Worte geſund ge - macht hatten, die abgoͤttiſchen Leute ihnen wol - ten goͤttliche Ehre anthun: aber hernach, als ſie von den aus Antiochia und Jconien Paulo nachgereiſeten Juden zum Grimm wider die Wahrheit waren aufgebracht worden, Paulum ſteinigten und fuͤr todt zur Stadt hinaus ſchlep - ten. Paulus aber erhohlte ſich bald wieder, ging mit den Bruͤdern wieder in die Stadt, und des andern Tages mit Barnaba gen Derben, eine benachbarte Stadt. Und als ſie auch daſelbſtA 3das6Hiſtoriſche und Exegetiſche Einleitungdas Evangelium verkuͤndiget hatten, nahmen ſie ihren Ruͤckweg wieder auf Lyſtra und Jco - nien, ſtaͤrckten die Seelen der Juͤnger, und er - mahneten ſie, daß ſie am Glauben blieben, mit der Vorſtellung, daß wir durch viel Truͤb - ſal muͤſten ins Reich GOttes eingehen: ordneten auch hin und her Aelteſten in den Ge - meinen, kamen wieder nach Piſidien und Pam - phylien: da ſie denn zu Attalien zu Schiffe gin - gen, und im Jahr Chriſti 47. wieder nach An - tiochiam in Syrien kamen; von dannen ſie vor drey Jahren, nemlich im Jahr 44. ausgegan - gen waren. Man ſehe dieſes alles von Luca mit mehrern erzehlet Act. 13, 51. 52. c. 14. Diß war alſo die erſte Expedition Pauli in die Laͤnder Aſiens unter die Heyden, die auch viele Juden unter ſich hatten.

§. XIX. Nachdem ſich Paulus mit Bar - naba des Evangelii wegen zu Antiochia bey die zwey Jahre aufgehalten hatte, that er im vier - zehenten Jahre nach ſeiner Bekehrung zum drit - ten mal eine Reiſe nach Jeruſalem. Davon die Urſache dieſe war: Es kamen etliche zu Chri - ſto kaum halb-bekehrte Juden von Jeruſalem nach Antiochia, die forderten von den rechtbe - kehrten Juden und Heyden, daß auch die Hey - den, woferne ſie ſelig werden wolten, ſich muͤ - ſten beſchneiden laſſen, und nebſt den Juden ſich auch noch bey Chriſto nach den Moſaiſchen Satzungen richten. Act. 15, 1. Siehe auch Gal. 2, 1-5. alwo dieſe Geſetz-Eiferer falſche Bruͤder genennet werden, die ſich neben einge - ſchlichen, der Antiocheniſchen Chriſten ihre Ev - angeliſche Freyheit zu verkundſchaften, und ſie darum zu bringen. Da nun dieſe Leute auf ih - ren Sinn beſtanden, Paulus aber auch mit der Gemeine ihnen nichts einraͤumen konte, und al - ſo unter ihnen entſtunde ςάστς (welches Wort Lutherus nicht fuͤglich durch das Wort Auf - ruhr gegeben hat) ein Widerſtand, nemlich eines Theils gegen das andere; wie auch nicht eine geringe συζήτησις (nicht Zanck, ſondern) Befragung, oder Dispüt; und die aus Judaͤa ſich ohne Grund auf die Beyſtimmung der Apo - ſtel zu Jeruſalem berufen hatten: ſo wurde von der Antiocheniſchen Gemeine fuͤr gut gefunden, daß ſie zur Entſcheidung der Sache Paulum und Barnabam dahin ſendeten: wozu auch, wie man aus dem Briefe an die Galater c. 2, 2. 3. ſiehet, GOtt dem Paulo noch uͤber das einen beſondern Winck gegeben; der denn auch Ti - tum mit ſich dahin genommen; davon aber Lu - cas nichts gedencket. Wie nun die Controvers nach einer von einigen Geſetz-Eiferern verurſach - ten laͤngern Unterredung (συζητήσει, welches Wort alhie auch etwas unfuͤglich mit dem Wort Zanck uͤberſetzet worden, da es anderwaͤrtig durch Befragen vertiret iſt Marc. 11, 27. c. 8, 11. ꝛc. Act. 6, 9. c. 9, 29.) nach dem Evangelio ent - ſchieden worden, das iſt nach der Laͤnge nachzu - leſen Act. 15.

§. XX. Da nun Paulus mit Barnaba, unter dem Geleite Judaͤ und Silaͤ von Jeruſa - lem wieder nach Antiochien gekommen war, die Antwort zur Entſcheidung uͤberbracht, und auf einige Zeit (in welche einfaͤllt, was zwiſchenPaulo und Petro zu Antiochia vorgegangen iſt, und von Paulo erzehlet wird Gal. 2, 11. ſeqq. ) die Gemeine daſelbſt noch ferner erbauet hatte, ſo nahm er nach den in Aſien gelegenen Laͤndern, worinnen hie und da vorher die chriſtliche Ge - meinen waren gepflantzet worden, den zwey - ten Zug vor, um zu ſehen, wie ſie ſich hielten. Als er aber, des Johannis Marci wegen, ob er, da er vor dem in den Leiden weich worden, und von ihnen gewichen war, abermal mit zu nehmen ſey, ſich mit Barnaba nicht vereinigen konte, da ein ieglicher gewiſſe wichtige rationes hatte: ſo wurden ſie endlich ſchluͤßig, daß ein ie - der einen beſondern Weg nehmen, und Jo - hannes Marcus mit Barnaba ziehen moͤchte: darauf ſich denn Paulus Silam, der ihm letz - tens von Jeruſalem zum Gefaͤhrten mit gegeben war, zum Mitarbeiter erwehlete. Es durch - reiſete nun Paulus mit Sila, und zugleich auch mit Luca, nicht allein die Laͤnder in Aſien, ſondern er kam auch nach Griechenland, und pflantzte hie und da chriſtliche Gemeinen, ſon - derlich in Macedonien (wohin er durch ein naͤchtliches Geſicht berufen ward c. 16, 9. 10. ) zu Philippen, (da unter andern die Purpurkraͤ - merinn Lydia, und der Kerckermeiſter bekeh - ret ward) zu Theſſalonich und zu Berrhoen: ferner in Attica zu Athen, und in Achaja zu Corinthus. Welches alles nach der Laͤnge er - zehlet wird Act. 16-18, 1-17. Von Corinthus ging Paulus nach Epheſus, mit dem Vorha - ben nach Jeruſalem zu reiſen. v. 18-21. Wel - ches auch geſchahe. Da er denn erſtlich zu Schiffe nach dem im Juͤdiſchen Lande gelegenen Caͤſarien kam, und von dannen ἀναβὰς ging er hinauf, nemlich nach Jeruſalem (als da - von ſolches Wort gewoͤhnlicher Weiſe gebrau - chet ward) gruͤſſete und beſuchte daſelbſt die Ge - meine, welches das vierte mal war, daß er nach ſeiner Bekehrung nach Jeruſalem gekom - men. Von da aber zog er im Jahr Chriſti 54. wieder hinab in Syrien nach Antiochia, von dannen er vor vier Jahren, nemlich im Jahr Chriſti 50. mit Sila und Luca abgereiſet war. Act. 18, 22.

§. XXI. Nun iſt noch uͤbrig die von Lu - ca beſchriebene dritte und letztere Expedition, welche Paulus von Antiochia durch die Land - ſchaften Aſiens nach Griechen-Land und von da nach Jeruſalem gethan hat. Denn nach - dem er einige Zeit daſelbſt verzogen, ſo ging er wieder von dannen, durchreiſete unter andern das Galatiſche Land und Phrygien, ſtaͤrcke - te daſelbſt die Bruͤder, und kam wieder (wie er verſprochen hatte Act. 18, 21.) nach Epheſus. c. 19, 1. und hielte ſich daſelbſt drey Jahre auf, c. 19. c. 20, 31. alwo viel merckwuͤrdiges, davon Lucas an angefuͤhrten Orten nachzuleſen, vor - gegangen iſt. Von Epheſus ging er uͤber das Aegeiſche Meer zum andern mal nach Mace - donien c. 20, 1. 2. und von da nach drey Mon - den nach dem im engen Verſtande alſo genanten Griechenlande, das iſt nach Achaja, und darinnen nach Corinthus. Von da er wie - der zuruͤck ging nach Macedonien, inſonder - heit nach Philippen. Von hier nahm er denRuͤck -7in die Briefe des Apoſtels Pauli. Ruͤckweg zu Schiffe uͤber das Aegeiſche Meer nach Troada: und nachdem er ſich daſelbſt ſie - ben Tage aufgehalten hatte, machte er ſich, nach beruͤhrten unterſchiedlichen andern Orten, von dannen nach Mileto c. 20, 3. 5. 6-16. woſelbſt er von den dahin berufenen Aelteſten von Epheſus in einer gar beweglichen Rede Ab - ſchied nahm v. 17-fin. und darauf zu Waſſer uͤber Tyrus und Caͤſaream im Jahr 58. das fuͤnfte mal nach Jeruſalem kam, nachdem er im Jahr 54. von Antiochia ausgereiſet war: da er denn der ſehr duͤrftigen Gemeine eine reiche Beyſteuer aus Griechenland mitbrachte. Act. 21, 1-19.

§. XXII. So ſehr nun Paulus zu Jeru - ſalem, nach dem Raht der Aelteſten daſelbſt, ſuchte nach der Schwachheit der uͤber das Ge - ſetz eiferenden Juden ſich zu richten, ſo wenig richtete er doch damit bey ihnen aus. Denn ſie erregten ſofort einen Tumult wider ihn, und haͤtten ihn ums Leben gebracht, wo nicht der Roͤmiſche Ober-Hauptmann ihn haͤtte in Schutz genommen. c. 21, 20-fin. Hierauf hielte Pau - lus ſeine c. 22. beſchri ebene gedoppelte Schutz - Rede: und als er ſich zum andern mal verantwor - ten wolte, ward die Rede durch die Wuth ſeiner Feinde bald unterbrochen c. 23, 2. ſeqq. er aber in der aͤuſſerſten Lebens-Gefahr von Chriſto durch eine auſſerordentliche Aufmunterung geſtaͤrcket, da es hieſſe: Sey getroſt, Paule. Denn wie du von mir zu Jeruſalem gezeuget haſt, alſo muſt du auch zu Rom zeugen.