Dem Allerdurchlauchtigſten / Großmaͤchtigſten Fuͤrſten und Herrn / HERRN Friedrich Wilhelm / Koͤnig in Preuſſen / Marggrafen zu Brandenburg / Des Heil. Roͤmiſchen Reichs Ertz-Kaͤmmerern und Thurfuͤrſten / Souverainen Printzen von Oranien / Neufſchatel und Valengin / Zu Magdeburg / Geldern / Cleve / Juͤlich / Berge / Stettin / Pommern / der Caſſuben und Wenden, zu Mecklenburg, auch in Schleßien zu Croſſen, Hertzogen; Fuͤrſten zu Halberſtadt, Minden, Camin, Wenden, Schwerin, Ratzeburg und Moers; Grafen zu Hohenzollern, Ruppin, der Marck, Ravensberg, Hohenſtein, Tecklenburg, Lingen, Schwerin, Buͤhern und Lehrdan; Marquis zu der Vehre und Vließingen; Herrn zu Ravenſtein, der Lande Roſtock, Stargard, Lanenburg, Buͤtow, Arley und Breda ꝛc. Meinem allergnaͤdigſten Koͤnige und Herrn: Wie auch Der Allerdurchlauchtigſten / Großmaͤchtigſten Fuͤrſtinn und Frauen / FRAUEN Sophia Dorothea / Koͤniginn in Preuſſen / Marggraͤfinn und Thur fuͤrſtinn zu Brandenburg / u. ſ. w. Gebohrner Erb-Princeßinn aus dem Koͤniglichen und Thur - fuͤrſtlichen Stamme der Koͤnige von Groß-Brittannien / auch Churfuͤrſten und Hertzoge zu Braunſchweig und Luͤneburg, u. ſ. w. Meiner allergnaͤdigſten Koͤniginn und Frauen. Allerdurchlauchtigſter, Großmaͤchtigſter Koͤnig, Allergnaͤdigſter Herr, Wie auch Allerdurchlauchtigſte, Großmaͤchtigſte Koͤniginn, Allergnaͤdigſte Koͤniginn und Frau.
EW. Ew. Koͤnigl. Koͤnigl. Maj. Maj. haben das wohlgegruͤndete Lob / daß Sie beyderſeits GOttes Wort hoch halten / und ſolche Pre - diger lieben / welche daſſelbe rein und erbaulich vortragen / auch dabey ihr heiliges Amt mit einem exemplariſchen Wandel zieren. Da ich nun ſolche uͤber dreyßig Jahre her / theils in dem Friedrichswerderiſchen Gymna - ſio zu Berlin / theils aber und am meiſten / auch am laͤngſten / auf hieſiger Vniuerſitaͤt / durch GOttes Gnade zu ſolchem Dienſte der Evangeliſchen Kirche habe helfen zubereiten; ſo præſentireEw.Ew. Ew. Koͤnigl. Koͤnigl. Maj. Maj. ich hiemit allerunter - thaͤnigſt ein ſolches Bibliſches Werck / welches mit mehrern an - zeiget / wie und auf was Art ſolche Zubereitung auch von meiner Wenigkeit geſchehen ſey. Denn was ich / ſeit zwanzig Jahren her / auſſer andern zu gleichem Zweck gerichteten Lectionibus, der ſtudirenden Jugend muͤndlich vorgetragen habe / das lege ich hiemit ſchriftlich dar / damit / nebſt meinen geweſenen Audi - toribus, auch andere nach Belieben ſich daraus erbauen koͤnnen.
Ew. Koͤnigl. Maj. mein allergnaͤdigſter Koͤnig und Herr / haben von GOtt auch nach dem Reiche der Natur das Licht, und handhaben das Recht: das Licht in einem ſolchem von GOtt verliehenem Verſtande / daß Dieſelbe mit ei - genen Augen das Regiment uͤber ſo viele und ſo Volckreiche Laͤnder fuͤhren koͤnnen. Ew. Koͤnigl. Maj. uͤben auch das Recht / da Sie die Regierungs-Laſt auf Dero eigenen Schul - dern tragen / und / unter vieler und groſſer Arbeit / in eigener hohen Perſon fruͤh und ſpaͤte zum Rechte ſehen. Das geiſtliche Licht und Recht aber / welches uns / als Gerechte in CHriſto / bey einem richtigem Lebens-Wandel / zum ewi - gen Lichte fuͤhret / haben wir allein in dem goͤttlichem Worte / inſonderheit in den Apoſtoliſchen Briefen: daher auch meine zu derſelben Erklaͤrung gethane Arbeit davon die Benennung hat. Jemehr nun Ew. Koͤnigl. Maj. dieſes goͤttliche Licht und Recht mit jenem verbinden / je gluͤckſeliger iſt Dero hoͤchſter Stand und gantzes Regiment; ja es werden dadurch Ew. Koͤ - nigl. Maj. nicht allein hier in der Zeit gluͤcklich / ſondern auch dort ewig ſelig. Welches letztere billig unſer aller Zweck iſt.
Und da Ew. Koͤnigl. Maj. unſere allergnaͤdigſte Koͤni - ginn und Landes-Mutter / die Apoſtoliſchen Briefe billig fuͤr ein goͤttliches und unſchaͤtzbares Kleinod halten; ſo trage ich kei - nen Zweifel / es werde auch das / was ich / nach meinem gerin - gen Maſſe der Erkaͤntniß / daruͤber zur Erlaͤuterung des rich - tigen Verſtandes / und der demſelben gemaͤſſen Application, in dieſem Buche vortrage / zu Dero geſegneten Erbauung dienen.
HabenHaben nun die Apoſtel faſt in allen Briefen den Anfang mit einem geiſtreichen Segens-Wunſch gemacht; ſo beſchlieſ - ſe ich auch billig damit dieſe allerunterthaͤnigſte Zuſchrift / und wuͤnſche von gantzem Hertzen / daß die Gnade und der Friede von GOTT dem Vater und unſerm HErrn und Heilande JEſu CHriſto / in der kraͤftigen Wirckung des Heiligen Gei - ſtes / uͤber Ew. Ew. Koͤnigl. Koͤnigl. Maj. Maj. theureſten Per - ſonen / und bereits hochgeſegnetem gantzen Koͤniglichen Hauſe / zu vieler geiſtlichen und leiblichen Wohlfahrt Dero ſaͤmtlichen Unterthanen / bis an Dero ſpaͤtes und ſeligſtes Lebens-Ende beſtaͤndigſt walten / und GOtt Dieſelbe alleſamt endlich mit ewigem Heil croͤnen moͤge: der ich in tiefſter Devotion ver - harre
Ew. Ew. Koͤnigl. Koͤnigl. Majeſt. Majeſtaͤt. Halle den 24. Julii 1729. allerunterthaͤnigſter Knecht und Vorbitter D. Joachim Lange.
JCch habe bald nach dem Anfange meines hieſigen academiſchen Amts in Lateiniſcher Sprache eine aus - fuͤhrliche Exegeſin, oder die bekannten Commentarios, uͤber die Briefe der Apoſtel / Petri und Johan - nis, ans Licht gegeben; und war vorhabens mit ſolcher Arbeit / in gedachter Sprache und in glei - cher Methode, uͤber alle uͤbrige apoſtoliſche Briefe fortzufahren; zumal / da ich dazu von vielen Le - ſern / und ſonderlich Predigern / welche ſich dadurch erbauet zu ſeyn bezeugeten / muͤndlich und ſchrift - lich bin erſuchet worden. Jch wuͤrde auch vermuthlich damit ſchon zu Stande gekommen ſeyn / wenn ich dabey haͤtte bleiben koͤnnen: wie mir denn auch dieſelbe vor allen an - dern wuͤrde lieb geweſen ſeyn; als davon man ſelbſt billig den erſten und groͤſſeſten Nutzen fuͤr ſeine eige - ne Seele hat. Jch bin aber wider meinen Vorſatz / nach dem darunter erkannten Goͤttlichen Willen / bey den unverſaͤumten ordentlichen Amts-Verrichtungen / zu gantz an - derer Arbeit gezogen worden. Denn da funde ich / nach edirter Mittel - Straſſe zwiſchen den Abwegen / und der Pruͤfung des Geiſtes in den ſogenannten Theoſophi ſchen Sendſchrei - ben, auch Unterricht von unmittel - baren Offenbahrungen wider die alſo genannten Inſpirirten / zuvoͤr - derſt fuͤr dienlich / dasjenige / was ich vordem in der Kirchen-Hiſtorie des alten und neuen Teſtaments an - gefangen hatte / alſo zu verfertigen / daß daruͤber allhier koͤnte geleſen werden. Und da es die Erfahrung ſchon von mehrern Jahren her ge - lehret hatte / wie viele gute Seelen ſich durch die ſehr unrichtigen und ſchaͤdlichen Lehr-Saͤtze der Poiretia - ni ſchen Oeconomiæ operum Dei, wodurch auf eine ſehr ſcheinbare Art der gan - tze Grund des Heils von der Erloͤ - ſung Chriſti und der daher entſte - henden Rechtfertigung verkehret wird / einnehmen laſſen; ſo zog ich dieſelbe in die Pruͤfung / und habe dagegen 26. Diſſertationes zu den ge - woͤhnlichen actibus diſputationum e - dirt. Als auch von einem bekann - ten Theologo in Sachſen / durch unterſchiedliche Schriften / ſonder - lich durch einen alſo genanten Timo - theum Verinum, die Evangeliſche Kir - che aufs neue ſehr beunruhiget / und dabey inſonderheit die hieſige Theo - logiſche Facultaͤt mit harten und gantz unerweislichen Beſchuldigun - gen ſehr verunglimpfet worden war / wurde es von unſerm CollegioafuͤrVorrede oder Vorberichtfuͤr noͤthig befunden / daß / weil ich die dahin gehende Controverſien in cauſſa des ſel. Herrn D. Phil. Jac. Speneri ſchon vorher tractiret hatte / ich wi - der die mehrmal wiederholten An - griffe einige Apologien nach einan - der heraus gab. Nun gedachte ich zwar nach denſelben ſo fort wieder zu der ſo lange unterbrochenen Ar - beit zu ſchreiten / allein ehe man ſichs verſahe / ſo war allhier eine Zeit ge - kommen / da man mit Paulo muͤnd - lich und ſchriftlich ſagen muſte: Sehet zu, daß euch niemand be - raube durch die Philoſophi e und loſe Verfuͤhrung. Da ich nun / auſſer einigen andern Schriften / ſonder - lich den erſten Theil der Cauſſæ Dei dagegen gerichtet / und damit die naͤtuͤrliche Religion wider die Athe - iſten und ihre Vorfechter / die fal - ſchen Philoſophos, gerettet hatte / und ſchon vor einigen Jahren von einem recht unverſchaͤmten Natura - liſten und Schrift-Spoͤtter mit Zu - ſendung eines aͤrgerlichen MSts, zur Rettung der geoffenbahrten Reli - gion war provociret worden; ſo funde ich mich bey dem heutigen ſco - ptiſchen ſeculo genoͤthiget / Cauſſam Dei noch in zween andern Theilen / nemlich wider die Naturaliſt en, und / was das neue Teſtament betrifft / wider die Juden zu vindiciren / und zugleich alle Controverſien / welche die Evangeliſche Kirche mit den Papiſten und Socinian ern hat / zum Gebrauch der academiſchen Lectio - num, kurtz zuſammen zu concentri - ren und wider ihre groſſe Jrrthuͤmer die Apoſtoliſche Wahrheit unſerer Kirche / nach ihren unbeweglichen Gruͤnden kuͤrtzlich vorzuſtellen. Ei - niger noch ſonſt edirter Schriften nicht zu gedencken.
Nachdem nun durch GOttes Gnade eine nach der andern von ſol - cher Arbeit zuruͤck geleget iſt / und in meinen Nebenſtunden ich mich dar -auf ſo fort wieder zu dem Exegeti - ſchen Inſtituto gewendet habe; ſo tritt nun davon in GOttes Namen gegenwaͤrtiges Werck uͤber die ſaͤmmtlichen Apoſtoliſchen Briefe ans Licht. Jch war zwar ſchon ge - dachter maſſen Vorhabens / darinn alſo fortzufahren / wie ich ſchon vor mehrern Jahren mit den Briefen des Apoſtels Petri und Johannis an - gefangen hatte / und alſo in gleicher Methode uͤber eine der uͤbrigen Epi - ſteln nach der andern die Commen - tarios in lateiniſcher Sprache zu verfertigen; wie denn uͤber die Pa - ſtoral-Epiſteln Pauli ſchon von vori - ger Zeit her etwas fertig lag: Weil aber indeſſen die gruͤndlichen und er - baulichen Canſtein iſchen und Lind - hammeriſchen Wercke uͤber die hi - ſtoriſchen Buͤcher des neuen Teſta - ments / nemlich uͤber die Evange - liſten und Apoſtel-Geſchichte, im Verlag des hieſigen von GOtt ge - ſegneten Wayſen-Hauſes ſind her - aus gegeben worden / und man die Erklaͤrung der Buͤcher des neuen Teſtaments in gleichem Format gerne hat complet haben wollen / und im guten Vertrauen ſolche Ar - beit mir aufgetragen hat; ſo habe ich ſie ſo viel lieber uͤber mich genom - men / iemehr ich mich von der eige - nen Erbauung daher habe verſichert halten koͤnnen / und ſo viel oͤfter ich auch in ſo vielen Jahren her daruͤber geleſen habe.
Die darinn gehaltene Methode iſt dieſe: Nachdem vorher Pauli, deſſen die meiſten Briefe ſind / gantzer Le - bens-Lauf, welcher zur richtigen Be - urtheilung vieler in den Briefen vor - kommenden Sachen ſehr noͤthig iſt / ſamt einer gleichfalls noͤthigen Hiſto - riſchen Nachricht und Chronologi ſchen Tabell von allen ſeinen Briefen / dem gantzen Wercke iſt præmittiret wor - den / ſo gebe ich erſtlich zu einer jeden Epiſtel eine Hiſtoriſche Einleitung,vonan den Leſer. von dem Orte, der Zeit, der Ver - anlaſſung, dem Zweck und Jnnhalt, wo / wenn / u. ſ. w. eine jede ſey ge - ſchrieben worden; nicht weniger auch eine exegeti ſche Eintheilung, darinnen ihr Jnnhalt / nach ſeinen Haupt - und Neben-Stuͤcken or - dentlich gleichſam zergliedert und zerleget wird / um ſich ſchon zum voraus von dem gantzen Briefe ei - nen richtigen Begriff machen zu koͤn - nen. Jn der Abhandlung ſelbſt habe ich diejenige Ordnung erweh - let / welche mir bey der Kuͤrtze / der ich mich / uͤm alles in einen Band zu bringen / habe befleißigen muͤſſen / geſchienen iſt die natuͤrlichſte und fuͤr den Leſer die leichteſte und deut - lichſte / auch erbaulichſte zu ſeyn.
Erſtlich ſetze ich einen / oder auch / wo es der Zuſammenhang mit ſich bringet / mehrere Verſe des Textes alſo hin / daß ich / wenn es die Sache ſelbſt alſo erfordert hat / eine kurtze parentheti ſche, oder zwi - ſchen zwey Haͤckgen eingeſchloſſene und mit andern Buchſtaben ge - druckte Erklaͤrung darzwiſchen ge - be: damit man auf ſolche Art ſo fort auf einmal den gantzen Wort - Verſtand ſehe. Und damit laſſe ich es bey einigen an ſich ſelbſt ſchon ſehr leichten Verſen bewenden; da ich Bedencken getragen habe / den Leſer unnoͤthiger weiſe aufzuhal - ten / und zu verurſachen / daß her - nach den ſchwerern und wichtigern materien zuviel haͤtte muͤſſen abge - brochen werden. Dieweil aber die allermeiſten Verſe ihrer materie und ihren Worten nach von einem ſolchen Nachdrucke und Gewichte ſind / daß die in Parentheſi gegebe - ne Erlaͤuterung dazu noch nicht hinlaͤnglich iſt / und noch vielweni - ger die Application ſchon hat mit in ſich faſſen koͤnnen / ſondern nur den Grund zur voͤlligen Erklaͤrunggeleget hat; ſo folget dieſe darauf in den Anmerckungen. Und in die - ſen zeige ich zuvoͤrderſt / wo es noͤ - thig iſt / die Connexion, in welcher ein Vers mit dem andern ſtehet; wo ſolche nicht ſchon am Ende der uͤber den vorhergehenden Vers gegebe - nen Anmerckungen angezeiget iſt. Hernach gehe ich den Text Stuͤck fuͤr Stuͤck durch / und erklaͤre da - von alle diejenigen Theile / auch Worte / welche vor andern ſonder - lich eine mehrere Auslegung er - fordert haben. Und da ein jeder Text eine gedoppelte ſtructur hat / eine nach der Grammatica, oder dem Syntaxi der Worte / die ande - re nach der Logica, oder Herme - nevtica, da es auf den Verſtand ſelbſt ankoͤmmt / und nach dieſer oft ein Wort / oder Stuͤck der Rede / welches in der Mitte / oder hinten / ſtehet / von der Beſchaf - fenheit iſt / daß es / der natuͤrlichen Ordnung nach / den uͤbrigen / wel - che davon dependiren / ein Licht giebet; ſo hat es die Natur einer geſunden und deutlichen Herme - nevtic erfordert / daß ich in den Anmerckungen mich nach der ſtru - ctura nicht verborum grammatica, ſondern ſenſus logica habe richten muͤſſen.
Den Verſtand ſelbſt lege ich nach der emphaſi, oder dem Nach - drucke der Worte / und der Sache ſelbſt / dar / in aller natuͤrlichen / oder richtigen / Einfalt / alſo daß ich zwar allewege nach dem Grund - Texte gehe / und aus demſelben ei - ne jede Sache nach ihrem eigentli - chen Gewichte / ſo viel ich ſolches eingeſehen habe / abhandele / mich aber dabey des controvertirens und diſputirens enthalte; ſondern dahin ſehe / daß der Leſer / ohne al - len Aufenthalt auf einmal ſo gleich finde / was er ſuchet. Jch miß -a 2billigeVorrede, oder Vorberichtbillige es zwar nicht / daß manche Interpretes bey der Erklaͤrung in viele Neben-Dinge / die doch auch ihren Nutzen haben koͤnnen / ſich eingelaſſen haben; z. E. da unter andern mancher / wenn er uͤber ein Buch hat ſchreiben wollen / viele interpretes nicht allein von ſeiner / ſondern auch anderer Confeſſionen / oder Kirchen / um ſich her gelegt / und faſt bey einem jedem Vers dar - aus erſtlich nach der Laͤnge die Mei - nungen aller ſolcher Auctorum kuͤrtz - lich recenſiret / und denn darauf mit einer epicriſi die ſeinige hinzu ge - than / ſich auch noch wol uͤber das in dieſe und jene Controverſe, oder Cri - tique, eingelaſſen hat. Dieſes / ſage ich / mißbillige ich zwar nicht; aber ſolcher Methode folge ich doch nicht. Denn obwol auch ſolches alles / wenn es recht tractiret und ange - wendet wird / ſeinen guten Nutzen haben kan: ſo haͤlt es doch die Leſer auf / und machet ſie zum Nachſchla - gen und vielem Fortleſen muͤde. Zu - mal wenn ſie darauf nicht viel Zeit wenden koͤnnen. Wie denn auch von ſolchen Interpretibus, nach dem ſie ſich in den Neben-Sachen ſo lan - ge aufgehalten haben / hernach dem Texte ſelbſt gemeiniglich kein rechtes Genuͤgen geſchiehet / ſondern es bey einer ſo kurtzen Anzeigung bleibet / damit manchen Leſern / die ein meh - rers geſucht haben / nicht gar viel gedienet iſt. Es iſt auch / die Wahrheit zu ſagen / der bekannten vielen ſubſidiorum wegen / viel leich - ter / einen ſolchen Commentarium zu ſchreiben / darinnen man viel controvertiret / diſputiret / und critiſiret / auch vielerley Meynun - gen recenſiret / auch einige refutiret / als darinnen man ſich von dem al - len enthaͤlt / und bloß bey dem Texte bleibet; und zwar alſo / daß man denſelben nach dem Grunde der Analogie des Glaubens / und nach Anweiſung einer richtigen Herme -nevtic, aus eigener Meditation, nicht allein nach ſeinem Wort-Ver - ſtande / ſondern auch nach ſeiner emphaſi im Grund-Texte / ſuchet einiger maſſen zu exhauriren / oder in ſeiner Fuͤlle darzulegen / auch zur nuͤtzlichen Application zu bringen. Zwar giebet eine ſolche Abhande - lung denen / welche ein Werck nach jenen parergis, auch zum Theil pe - riergis, ſchaͤtzen / weniger ins Auge / und gilt bey ihnen viel weniger: aber ſie iſt doch viel gruͤndlicher und nuͤtzlicher. Daher ich mich allezeit dieſer Methode bedienet habe / wie in meinen taͤglichen exegetiſchen lectionibus, alſo auch in meinen ge - ringen Schriften; als da ſonderlich ſind die Lateiniſchen Commentarii uͤber die Briefe Petri und Johannis. Denn ob es gleich uͤber die kurtzen Epiſteln ein Werck iſt von 10. Alphabethen; ſo habe ich doch durch GOttes Gnade ſo vieles im Texte ſelbſt ge - funden / daß ich nicht noͤthig gehabt / aus dem centro iuſtæ exegeſeos zu einiger nicht ſo noͤthigen peripherie auszuſchweifen. Und dieſes hat im gegenwaͤrtigen Wercke ſo viel we - niger geſchehen koͤnnen / ſo viel kuͤr - tzer ich mich habe faſſen muͤſſen / um alles in einen Band / darauf es nur angeſehen geweſen iſt / zu bringen; da ich ſonſt gerne manche philologi - ſche Anmerckungen dazu wuͤrde ge - macht haben.
Dieſe Art die heilige Schrift auszulegen / habe ich ſo viel lieber erwehlet / jemehr mein Gemuͤth von Jugend auf zum meditiren ſich geneigt gefunden und gewoͤhnet hat. Jch habe zwar das / was mein aͤuſſerlicher Beruf in vita litteraria mit ſich bringet / nicht verſaͤumet / das iſt / manches gute Buch gele - ſen: ich kan auch nicht ſagen / daß es mir an ſubſidiis in der Hermenev - tica ſacra gefehlet habe / da ich einenziem -an den Leſer. ziemlichen Vorrath an den dazu ge - hoͤrigen Buͤchern beſitze / aus denſel - ben auch ſchon bey juͤngeren Jahren manches Gutes gefaſſet habe / und ſie noch jetzo gerne nachſchlage. Al - lein die eigene Meditation iſt doch in allen meinen ſtudiis immer mein Haupt-Werck geweſen: wie man auch in meinen uͤbrigen geringen Schriften finden wird / daß ich eine jede Materie aus ſolchen principiis, welche ich in eigener Unterſuchung fuͤr richtig und wohlgegruͤndet be - funden habe / und in einer ſolchen Ordnung / in welcher ſie nach ihren Stuͤcken natuͤrlich zuſammen han - get / deducire; auch / wo ich es mit dem elencho zu thun gehabt / daher allewege zeige / wie es theils an den principiis, oder / wo ja dieſe an ſich ſelbſt richtig ſind / an der richtigen Folge / fehle. Wenn ich denn ſolcher geſtalt auf die Sache ſelbſt geſehen habe; ſo halte ich es fuͤr uͤberfluͤßig / meine Schriften erſt mit vielen allegatis (die ich doch bey an - dern / die auch ihre beſondere Urſa - chen dazu moͤgen gehabt haben / gar nicht verwerffe) dabey auszu - ſchmuͤcken. Denn ob mir gleich ſolches bey gedachten ſubſidiis nicht ſchwer wuͤrde geweſen ſeyn: ſo muͤßte ich es doch nur denen zu gefallen thun / die nur diejenigen Schriften / welche mit ſolchen cita - tis angefuͤllet ſind / allein fuͤr gelehrt halten. Weil ich aber von der wah - ren Theologiſchen Gelehrſamkeit gantz anderer Meinung bin / auch durch GOttes Gnade nichts weni - ger jemals geſuchet habe / als von andern wofuͤr gehalten zu werden / ſo habe ich mich daran ſo viel weni - ger gekehret.
Jch lege demnach der Evange - liſchen Kirche ein ſolches Werck dar / welches durch und durch meiſt auseigener Meditation gefloſſen / und / wie ich hoffe / ſeinem Titul / wel - chem ich ihm vom Lichte und Rech - te, auch von der richtigen und er - baulichen Erklaͤrung / gegeben habe / gemaͤß iſt. Das Licht aber und Recht iſt nicht mein / ſondern GOt - tes / der uns ſolches in den Apoſto - liſchen Schriften vorgeſtellet hat. Denn gleichwie der Hoheprieſter des alten Teſtaments das Licht und Recht vorbildungs-weiſe an den koͤſtlichſten Edelgeſteinen auf ſeinem herrlichen Bruſt-Schilde fuͤhrete 2 B. Moſis XXVIII, 15. u. f. ſo haben wir daſſelbe / dem Ge - genbilde und dem rechtem Weſen nach / in CHriſto, an ſeiner Per - ſon und an ſeinem Amte / und / un - ter andern Theilen der heiligen Schrift / ſonderlich an den kraͤfti - gen Zeugniſſen in den Apoſtoliſchen Briefen. Und da es bey den goͤtt - lichen Wahrheiten der geoffenbahr - ten Religion ankoͤmmt auf die Ge - heimniſſe / oder Glaubens-Lehren, und Lebens-Pflichten; ſo haben wir in jenen das Licht, und in die - ſen das Recht: und an beyden ge - wiß ein ſolches vollkommenes ſyſte - ma des Lichts und Rechts, dagegen alles nach dem Suͤnden-Fall uͤbrig gebliebene Natur-Licht und Recht nur ein Schatten-Werck iſt. Und was koͤnte auch unſerer menſchli - chen Natur / um ſie wieder zu ih - rem anerſchaffnen hohen Adel zu bringen / gemaͤſſer ſeyn / als ein ſol - ches Licht und Recht! Denn da unſere unſterbliche Seele haupt - ſaͤchlich aus den beyden weſentli - chen Haupt-Kraͤften / dem faͤhi - gem Verſtande und freyen Willen, beſtehet / ſo wird unſer durch die Suͤnde verfinſterter Verſtand durch das Licht wieder aufgeklaͤ - ret / und der todte und unvermoͤ - gende Wille durch das Recht, welches mit dem Lichte von leben -bdig -Vorrede, oder Vorberichtdig-machender Kraft iſt / erwecket / und / nebſt dem Verſtande / derge - ſtalt geſalbet / daß er zum Reiche GOttes voller geiſtliches Lebens und Vermoͤgens / auch voller Luſt wird / in der ſeligen Gemeinſchaft GOttes / auf ſeinen Wegen einher zu gehen. Und da uns ſolcher ge - ſtalt das Licht zur Erleuchtung / und in derſelben zum richtigen Be - griff goͤttlicher Wahrheiten / und alſo zum wahren Verſtande der hei - ligen Schrift fuͤhret; das Recht aber uns anweiſet / wie wir alle wah - re Erkenntniß zur Erbauung getreu - lich anwenden ſollen; ſo habe ich / da ich alle meine Erklaͤrungen und Anmerckungen auf dieſe beyde Haupt-Puncte gerichtet habe / zur Erlaͤuterung ſolcher Worte / die - ſelbe mit dem Namen der richtigen und erbaulichen benennet. Denn gleichwie ich in Anſehung der Rich - tigkeit nichts vermeine geſchrieben zu haben / als was der wahren analogiæ fidei (wie ich dieſelbe in unterſchiedlichen Schriften / ſo wohl in Theſi, als Antitheſi, der Kirche GOttes nach allen Stuͤcken vor Augen geleget habe) und dabey den wahren hermenevtiſchen prin - cipiis gemaͤß iſt / und davon ich mich ſelbſt uͤberzeuget gefunden habe: alſo habe ich allewege dabey auf das Recht, oder auf die Erbauung, geſehen.
Dogmatiſche und hermenev - tiſche / auch philologiſche / Contro - verſien tractire ich zwar nicht / wie ſchon gedacht / nemlich ſolcher ge - ſtalt / daß ich mich hie und da gleich - ſam in eine Diſputation einlieſſe: wo doch aber dieſe und jene Oerter / welche vor andern zu dieſem und je - nem Jrrthum gemißbrauchet zu werden pflegen / zu erklaͤren gewe - ſen ſind / da habe ich ihren richti -gen Verſtand nicht allein vorgetra - gen / ſondern auch vom Mißver - ſtande gerettet / wenn auch gleich der diſſentirenden dabey nicht ein - mal ausdruͤcklich iſt gedacht wor - den. Dergleichen vindiciæ finden ſich auch bey denen Oertern / welche in den neuern Controverſien / die ſich vor 40. Jahren in unſerer Kir - che anhuben / ſolchen Jrrthuͤmern entgegen ſtehen / welche zur Nie - derſchlagung des thaͤtigen Chriſten - thums / und zur Vorſprache der Gottloſen und Unbekehrten / gerei - chen. Vor andern aber habe ich ſolche Stellen / worinnen die Evan - geliſche Haupt-Lehre von der Per - ſon und von dem Hohenprieſterli - chen Amte unſers Heilandes / und der dahin gehoͤrigen Lehre von ſeiner Satisfaction zu unſerer Verſoͤhnung, auch von der daher entſtehenden Vergebung der Suͤnden, oder un - ſerer Rechtfertigung vor GOtt / lieget / und die alſo eines recht evangeliſchen Jnnhalts ſind / mit beſondern eigenem Vergnuͤgen ab - gehandelt. Wie denn einem evan - geliſchen Lehrer billig nichts liebers iſt / als CHriſtum nach dem Reich - thum ſeiner Herrlichkeit / und uns er - worbenen Seligkeit / allen muͤndlich / und auch bey Gelegenheit ſchriftlich / anzupreiſen / um ſie / mit Verwah - rung vor allem Pelagianiſmo und Phariſaiſmo, oder ſcheinbaren / aber unlautern und falſchen / Natur-Le - ben, nach dem Grunde des rechten Gnaden-Standes, zu einem recht evangeliſchen Chriſtenthum anzu - fuͤhren / und ſie darinn auf einer ge - ſunden Weide zu erhalten.
Auſſer dem Lichte von dem auf die Erbauung gehenden Rechte noch etwas hinzu zu thun; ſo iſt es ſo viel noͤthiger / daß man bey Erklaͤ - rung der heiligen Schrift daraufſon -an den Leſer. ſonderlich mit ſehe / ſo viel bekannter es iſt / daß ſie uns eben zu dieſem Zwecke gegeben ſey. Da ich nun denſelben billig vor Augen gehabt habe; ſo bin ich auch bemuͤhet ge - weſen / alles auf die Erbauung zu richten. Jch habe aber nicht für noͤthig gefunden / diejenigen An - merckungen / welche hierauf gehen / von denen / welche nur eine Erklaͤ - rung in ſich halten / durch einen daruͤber / oder davor geſetzten Titel der Nutz-Anwendung, oder Applica - tion, und dergleichen / zu unterſchei - den: als welches / da ich alles in ein Volumen habe bringen muͤſſen / nur vielen Raum wuͤrde hinweg ge - nommen / manchen auch Gelegen - heit gegeben haben / das / was ihnen doch wol am noͤthigſten iſt / gar zu uͤbergehen. Es werden auch wol ſchwerlich andere Leſer zu dieſem Wercke kommen / als welche die An - merckungen von unterſchiedlicher Art von ſich ſelbſt ſchon gar leicht unterſcheiden koͤnnen. Und dieſe werden das / was zur Application gehoͤret / mehrentheils zuletzt fin - den; wo nicht der Text auch bey den erſten und mittlern obſervationibus ſolche mit ſich gebracht hat. Und da mancher Vers ſo deutlich iſt / daß er faſt gar keiner Auslegung gebraucht hat; ſo ſind / wo er doch mit Anmerckungen verſehen iſt / die - ſe allein auf die Application gerich - tet. Es iſt auch nicht allein manche practiſche und etwas ſeltener vor - kommende Materie / ob zwar in noͤ - thiger Kuͤrtze / doch mit Fleiß tracti - ret; ſondern auch bey dieſer und jener ſonſt ſo leicht nicht vorfallen - den / aber bey dieſer Arbeit bald hie / bald da / gegebenen Gelegenheit dieſe und jene ſonſt unerkannte Suͤn - de mit geruͤget / und die ihr entgegen ſtehende Tugend-Pflicht eingeſchaͤr - fet worden.
Gleichwie ich auch ſonſten inmeinen lectionibus und Schriften gezeiget habe / wie es im gantzem Wercke und Lanfe der Erneuerung / darauf / als eine rechte Haupt-Sa - che, ſonderlich ankomme / daß man in demſelben das Evangelium und Ge - ſetz in wuͤrcklicher und unzertheil - ter praxi habe / und / damit man nach dem Geſetze / durch die Pflichten der Liebe, vieles zu geben haben moͤge / nach dem Evangelio ſich durch den Glauben, bey zuver - ſichtlicher Application aller goͤtt - lichen Gnade und Gnaden-Schaͤ - tze / auch Gnaden-Kraͤfte / im beſtaͤndigen nehmen und empfan - gen uͤbe: ſo fuͤhre ich in dieſem Wercke darauf gleichfalls / und ſo viel oͤfter / ſo viel mehrere Ge - legenheit mir dazu von ſo vielen Texten iſt gegeben worden. Wer dieſes wohl mercket / und zur wuͤrcklichen Ubung bringet / der ent - gehet dadurch eines theils dem ſchon gedachten gemeinen Pelagianiſmo, da man das geiſtliche Gute nur aus eigenen Kraͤften wircken will / und daher nimmermehr damit zu Stan - de koͤmmt / ſondern / nach dem alten Phariſaiſmo, nur ein uͤbertuͤnchtes Grab bleibet / und es in der Heili - gung nicht weiter bringt / als ein vernuͤnftiger und aͤuſſerlich tugend - ſamer Heyde. Andern theils ent - gehet er dadurch dem geſetzlichen / oder aͤngſtlichen Weſen; welches daher entſtehet / wenn man bey er - kannter ſeiner geiſtlichen Armuth ſeine natuͤrliche Unwuͤrdigkeit mit der Unfaͤhigkeit confundiret / und mehr auf ſein ſuͤndliches Verderben / als auf CHriſtum / ſiehet; und da - bey / in vieler Treue ſeiner Seelen gegen GOtt / zwar immer an Lei - ſtung ſeiner Pflichten viel geben / aber / damit man viel geben koͤnne / nicht viel nehmen will / nemlich aus der Fuͤlle JEſu Gnade um Gnade / die zum geiſtlichen Lebenb 2undVorrede, oder Vorberichtund Wandel noͤthig iſt: da doch die rechte Application bey der gratia medicinali und forenſi allemal ihr Gleich-Gewicht halten muß / alſo daß man nach dem Evangelio, welches ſeinen Grund in der weſentlichen Ei - genſchaft GOttes / der Gnade und Liebe hat / vor GOTT wandele zuverſichtlich, und / nach dem / in deſſen Gerechtigkeit und Heiligkeit gegruͤndeten / Geſetze aufrichtig und heiliglich; und folglich in wuͤrcklicher Ubung eines ſo wenig von dem an - dern trenne / als die gedachten we - ſentlichen Eigenſchaften GOttes in GOtt ſich von einander ſcheiden laſſen.
Eine ſolche Beſchaffenheit hat es / geliebter Leſer / mit dem Apoſtoli - ſchen Lichte und Rechte, darauf ich zur richtigen und erbaulichen Erklaͤ - rung bey dem Titel dieſes Buchs mein Abſehen gerichtet habe. Nun kan ich leichtlich erachten / daß man - cher fragen wird / wie es um die vor mehrern Jahren edirten Lateini - ſchen Commentarios uͤber die Briefe Petri und Johannis ſtehe; ob ſie hier verteutſchet mit inſeriret ſeynd / oder nicht? Ob nun wol dieſe Frage aus der Gegeneinan der haltung jener La - teiniſchen / und dieſer Teutſchen Ab - handelung ſchon an ſich ſelbſt ihre Beantwortung hat; ſo will ich es doch zum voraus kuͤrtzlich anzeigen. Daß dieſe Teutſche Tractation weder in einer Uberſetzung / noch in einer bloſſen / und nur etwas anders ein - gerichteten / Wiederholung beſtehe / das kan man leichtlich aus dem groſ - ſem Unterſcheide der Quantitæt er - kennen; ſintemal die gegenwaͤrtige Abhandelung nicht viel uͤber den fuͤnften Theil von jener ausmachet; ſonſt aber / wo ſie jener gleich waͤre / mehr als die Helfte dieſes gantzen Wercks ausmachen muͤſte. Eswird demnach der Leſer / welchem meine geringe Schriften nicht miß - faͤllig ſind / ſich der gedoppelten / als gantz unterſchiedenen / Arbeit gar fuͤglich bedienen koͤnnen: wie denn zu dem Ende der ſchon vor einiger Zeit abgegangene Commentarius Petrinus nechſtens wird wieder edi - ret werden. Jch blieb zwar / als ich die Teutſche Arbeit anfing / vor - habens / die Lateiniſche Commenta - tion uͤber mehrere Briefe alſo zu continuiren / als in der gedachten der Anfang gemachet iſt: allein das wird nunmehro wol nicht geſchehen / auch nicht eben ſo noͤthig ſeyn; ſon - dern dagegen habe ich mir / wenn ich lebe und geſund bleibe / nach GOttes Willen eine andere exege - tiſche Arbeit uͤber das alte Teſta - ment vorgenommen: wie bald mit mehrern ſoll gedacht werden.
Was die Verfertigung dieſes Wercks betrift / ſo faͤllt ſie zwar ei - gentlich in dieſe letztern Jahre: aber ſie iſt doch dabey auch eine Frucht anderer exegetiſcher Arbeit von 20. und mehrern Jahren her: damit es folgende Veranlaſſung und Be - ſchaffenheit hat: Es ſind nunmehro eben volle 40. Jahre / da ich ſtudi - rens halber auf die Vniverſitaͤt nach Leipzig zog. Kaum war ich daſelbſt angekommen / als ich von unſerm in GOtt ruhenden und hochverdien - ten Profeſſore, Auguſto Hermanno Fran - ckio, damaligen Magiſtro legente, vermoͤge einer von meinem ſeligen Bruder an ihn geſchehenen Recom - mendation, auf ſeine Stube genom - men / und von ihm / unter anderer guter Anweiſung / ſonderlich zum ſtudio exegetico angefuͤhret wurde. Und als mir zu dem Ende die Exco - lirung der Grund-Sprachen ange - prieſen / und inſonderheit die drey Buͤcher der drey beruͤhmten Maͤn -ner /an den Leſer. ner / nemlich des Matthiæ Flacii Clavis Scripturæ, des Wolffgangi Franzii Tra - ctatus de interpretatione Scripturæ, und des Salomonis Glasſii Philologia ſacra, von ihm recommendiret wurden; ſo trieb ich jene mit Fleiß / und laſe auch dieſe mit beſondern Vergnügen / und bekam daher immer mehr Luſt zum ſtudio exegetico, alſo daß ich es auch mein Haupt-Studium ſeyn ließ. Als ich darauf vor 32. Jah - ren aus Hinter-Pommern / von dem Coͤsliniſchen Schul-Rectorat zur Direction des neuen Gymnaſii Fridericiani in Berlin berufen war / und darinnen / bey dem bald nachhe - ro uͤbernommenen Paſtorat auf der Friedrichs-Stadt daſelbſt / um des mir von GOtt an der Schul - Jugend gnaͤdiglich gezeigeten groſ - ſen Segens willen / freywillig ge - wiſſe Stunden zur taͤglichen Arbeit beybehalten hatte; ſo habe ich bis in das 12te Jahr in meinen montaͤg - lichen lectionibus die ſaͤmmtlichen Apoſtoliſchen Briefe nach der Ord - nung und in ſolcher Kuͤrtze erklaͤret / daß ich mit denſelben etliche mal bin fertig worden; wie von einem ziem - lich zahlreichen Auditorio die noch im Leben und in oͤffentlichen Aem - tern ſtehenden geliebten Auditores wiſſen. Da ich nun vor 20. Jah - ren nach GOttes Willen hieher nach Halle zur Theologiſchen Pro - feſſion kam / und wußte / daß vor - mals die Nachmittags-Stunde von 4. bis 5. zu exegetiſchen lectio - nibus war genommen worden / er - wehlete ich mir / auſſer andern in an - dern Stunden zu haltenden lectio - nibus, dieſe auch dazu / und habe ich ſie bißhero beſtaͤndig dazu bey - behalten. Nun habe ich zwar auch anfangs dann und wann einige Buͤ - cher des alten Teſtaments nach dem fonte erklaͤret: weil ich aber ſahe / daß daruͤber noch ſonſt gar reichlich geleſen wurde / und ich wohl erkann -te / daß die ſtudirende Jugend am allerleichteſten und nuͤtzlichſten durch Tractation der Apoſtoliſchen Briefe, damit man es in Predigten faſt am meiſten zu thun hat / zum ſtudio exegetico koͤnnte angefuͤhret werden / ich auch ſelbſt darinn einen beſondern Geſchmack hatte: ſo ha - be ich die 20. Jahre hindurch uͤber die ſaͤmmtlichen Briefe des neuen Teſtaments / nach ihrem Grund - Texte woͤchentlich fuͤnf Stunden geleſen / und ſie ſolcher geſtalt mit ei - ner etwas ausfuͤhrlichern Tracta - tion, als vorhin im Gymnaſio ge - ſchehen war / etliche mal von An - fang bis zu Ende / doch auſſer der Ordnung / abſolviret; und zwar alſo / daß ich uͤber manche Epiſteln / die ich vor andern erwehlet habe / z E. uͤber die an die Roͤmer und Hebraͤer, wol 6. mal geleſen habe; ſo oft ich nemlich gemeinet habe / nach dem Abzuge der vorigen neue Auditores zu haben. Und ſolcher geſtalt ſind die Apoſtoliſchen Brie - fe in der Erklaͤrung ſo lange her gleichſam wie mein taͤgliches Brod geweſen / und werden es auch nach GOttes Willen / ſo lange ich lebe / obgleich dieſes Werck ediret iſt / mehrentheils bleiben; ſintemal viva vox, die Stimme eines lebendigen Lehrers / viel mehrern Eindruck giebet / als was man lieſet / ſich auch muͤndlich bey manchen Texten noch ein mehrers vortragen laͤßt. Gedachte ſaͤmtliche Epiſteln aber haben deßwegen muͤndlich ſo oft abſolviret werden koͤnnen / weil ich nicht allein von allen Neben-Din - gen in der Tractation mich enthal - ten habe / und bloß bey dem Texte geblieben / und darinnen / nebſt der Connexion und dem ſenſu litterali, nur die emphaſiologie mit noͤthiger Application zu zeigen bemuͤhet ge - weſen bin; ſondern mich auch in al - len ſo kurtz gefaſſet habe / daß ichcauchVorrede, oder Vorberichtauch die laͤngſten Briefe in einem halben Jahre zu Ende bringen / von den kleinern aber ein paar in ſolcher Zeit habe abhandeln koͤnnen. Denn mit weitlaͤuftiger Deduction und vielen Neben-Dingen die Jugend / welche nicht lange auf Vniverſitaͤten bleiben kan / lange aufzuhalten / und daher viel weniger zu abſolviren / iſt allhier niemals fuͤr gut gefunden worden. Solchergeſtalt ſiehet nun der Leſer / warum ich geſaget / daß dieſes Werck eine Frucht mei - ner exegetiſchen Arbeit von meh - rern Jahren her ſey / und warum ich mehr aus eigener Meditation, als auf eine andere Art / habe ſchrei - ben wollen und koͤnnen.
So viel zur Nachricht von der Erklaͤrung der Apoſtoliſchen Briefe. Was nun die noch uͤbri - ge Offenbahrung Johannis anlan - get / ſo war ich zwar willens / de - roſelben Auslegung dieſem Wercke mit beyzufuͤgen. Jch bin auch mit der Arbeit ſchon fertig. Ob ich mich nun gleich der Kuͤrtze dabey be - fliſſen habe / ſo iſt die Abhandelung doch etwas weitlaͤuftiger worden / als es ſich fuͤr dieſen einzigen Band (darein / wer zu duͤnnen Baͤnden nicht Luſt hat / beyde Theile fuͤglich gebracht werden koͤnnen) ſchicken moͤchte. Und daher werde ich die apocalyptiſche Arbeit / nach GOttes Willen / als ein beſonderes Werck ediren / vorher aber noch den an - dern Theil aus den prophetiſchen Schriften des alten Teſtaments da - zu verfertigen. Denn die heilige Offenbahrung iſt nicht allein ein prophetiſches Buch / ſondern ſie ſtehet auch mit den prophetiſchen Buͤchern des alten Teſtaments / ſo wol was die Sachen ſelbſt / als die phraſeologie mit ihren figuͤrlichenBildern und Vorſtellungen betrifft / in der allergenaueſten / ja in einer ſolchen Harmonie / daß weder die Offenbahrung Johannis ohne die Propheten / noch dieſe ohne jene / in ſehr vielen Stuͤcken recht verſtan - den und ausgeleget werden koͤnnen; ſonderlich was diejenigen Dinge anlanget / welche in der Kirche GOttes auf Erden / den ſo vielen und ſo theuren Verheiſſungen nach / noch werden erfuͤllet werden. Nun wuͤnſchte ich zwar / darinnen ein mehrers Licht zu haben / als ich noch zur Zeit bey mir finde: indeſſen aber kan ich doch diejenige Gnade / welche GOtt mir unwuͤrdigen zur Einſicht dißfalls gegeben hat / nicht verlaͤugnen: wie ich denn auch be - reits faſt vor 20. Jahren / als ich in meinem Syſtemate recentiorum controver - ſiarum antibarbaro cauſam des ſel. D. Philippi Jacobi Speneri, wie uͤber - haupt / alſo inſonderheit in der Ma - terie von der Hoffnung beſſerer Zei - ten gefuͤhret / meine geringe Erkaͤnt - niß davon im vierten Theile von p. 646. bis p. 738. ausfuͤhrlich vor - getragen habe. Ob ich nun gleich in apocalypticis und propheticis ſolcher meiner eigenen Einſicht haͤtte nachgehen koͤnnen; ſo habe ich doch lieber dem bisher nicht allein bey der Reformirten / ſondern auch bey unſerer Evangeliſch-Lutheriſchen Kirche ſo ſehr beliebt gewordenen Syſtemati des hochgelehrten und beruͤhmten Niederlaͤndiſchen Theo - logi, Campegii Vitringæ, folgen wollen; da dieſer ohne das in allen Haupt - Stuͤcken mit meinem Begriffe har - moniret / inſonderheit auch darin - nen mit mir uͤberein koͤmmt / daß er ſich der beſondern Determination enthaͤlt / und ſolche ohne Gruͤbeln dem wuͤrcklichen Ausgange uͤber - laͤßt. Da ſich nun dieſer Auctor da - bey allewege auf das fundamentum apocalypſeos propheticum beziehet /auchan den Leſer. auch zwar dazu viele Stellen aus den Propheten des alten Teſta - ments allegiret; aber nichts davon ausfuͤhret und erweiſet; als wel - ches ſich auch nicht fuͤglich thun lieſ - ſe / ſondern ein Werck von beſonde - rer Arbeit iſt / er dieſe auch in ſeinem ſehr gelehrten und groſſen / oder in zween Folianten beſtehenden / Com - mentario in Ieſaiam gethan hat: ſo habe ich ſchon angefangen denſelben durchzugehen / und daraus dasje - nige / was ad apocalyptica gehoͤret / mit meiner geringen epicriſi in Teut - ſcher Sprache / doch mit Hinſetzung gantzer Lateiniſchen Stellen / kuͤrtz - lich zu recenſiren / um damit deſſel - ben ſyſtemati apocalyptico, welches ohne das / meiner wenigen Erkaͤnt - niß nach / hie und da eine mehrere / zum theil auch richtigere / Aufklaͤ - rung gebrauchet / aus feinen eige - nen Schriften ein mehrers Licht zu geben.
Was die uͤber die Buͤcher des Alten Teſtaments vorzunehmende Arbeit betrifft / davon iſt dieſes mei - ne Meinung: Es fehlet zwar dar - uͤber an ſehr guten und nuͤtzlichen Schriften gar nicht / ſo wenig als uͤber die Buͤcher des neuen Teſta - ments; und verdienet das herrliche mit ſo vielen und ſo gruͤndlichen An - merckungen verſehene Hebraͤiſche Biebel-Werck meines liebwerthe - ſten Collegen, Herrn D. Joh. Heinrich Michaelis, und ſeiner geweſenen getreu - en Gehuͤlffen / gewiß vor andern ein beſonderes Lob. So wenig doch aber der / wem dieſes mein geringes exegetiſches Werck mit andern der - gleichen Schriften zu conferiren be - lieben wird / daſſelbe / wie ich hoffe / wird fuͤr uͤberfluͤßig halten: ſo we - nig / meine ich / werde auch eine uͤber die Buͤcher des alten Teſtamentsvorzunehmende Arbeit fuͤr uͤberfluͤſ - ſig erkannt werden: zumal von de - nen / welchen es nicht verborgen iſt / welcher geſtalt darinnen ſonderlich den prophetiſchen Schriften mit den Pſalmen Davids, in denen zur Er - laͤuterung der Offenbahrung Jo - hannis gehoͤrigen Sachen / es noch zum theil an richtiger Erklaͤ - rung fehlet / zumal in Teutſcher Sprache. Denn ſo wenig man die Offenbahrung Johannis, welche der rechte Schluͤſſel zu allen propheti - ſchen Schriften des alten Teſta - ments iſt / bißhero in allem recht erklaͤret hat / ſo ſehr fehlet es noch an dem rechtem prophetiſchen Lichte; nemlich in den ſo ſehr vielen Stellen / welche in einigen Prophe - ten faſt den groͤſſeſten Theil ausma - chen / und / nach Anweiſung der Of - fenbahrung Johannis, auſſer ihrer vorlaͤufigen und ſchon geſchehenen Erfüllung / ihrer Weite und Breite / auch Tiefe und rechten Fuͤlle nach / auf die noch zukuͤnftigen Zeiten ge - hen. Da nun GOtt ſchon vom er - ſten Anfange meines Studii Theolo - gici mir darinnen nach ſeiner groſſen Barmhertzigkeit einiges Licht hat aufgehen laſſen / und ich hoffe / daß es noch zu einer mehrern Aufklaͤ - rung kommen ſoll; ſo bin ich in GOt - tes Namen entſchloſſen / mich im gleichem Methodo, wie dieſes Werck geſchrieben iſt / und unſerer Nation zum beſten / in Teutſcher Spra - che / mit meiner geringen Arbeit zu dem alten Teſtamente zu wenden. Dazu mich auch dieſes beweget / daß / (welches ich zum Lobe GOt - tes bezeugen kan) JEſus Chriſtus, wie heute, alſo auch geſtern, das iſt / im alten Teſtamente / nach ſei - ner aus beyden Naturen beſtehen - den Perſon, und nach ſeinem Mitt - ler-Amte, mir recht groß und herr - lich iſt / und zwar nebſt dem Ge - heimniß der heiligen Dreyeinigkeit;c 2alsVorrede, oder Vorberichtals welches eine von den aufs al - lerreichlichſte in den Schriften des alten Teſtaments vorgetragenen / und daher auch der alten Juͤdiſchen Kirche bekannteſten Glaubens-Leh - ren iſt: wie ich bereits im andern Tomo Cauſſæ Dei wider die heutigen blinden Juͤden mit mehrern ausge - fuͤhret habe. Dazu koͤmmt ein ziemlicher ſchon von mehrern Jah - ren her geſammleter Vorrath mei - ner eigenen geringen meditationum. Den Anfang werde ich nach GOt - tes Willen uͤber die 5. Buͤcher Moſis machen / und / ſo ich lebe / unter der guten Hand meines GOttes / nach dieſem einen maͤßigen Band / unter dem Titul des Moſai ſchen Lichts und Rechts, ediren. Ob ich werde fortfahren koͤnnen und ſollen / das ſtehet bey GOTT / dem HErrn meines Lebens. Soll es nicht geſchehen / ſo kan und wird er einen andern dazu erwecken: wie denn mein wertheſter Collega und Schwieger-Sohn / der Herr Profeſſor, Johann Jacob Rambach, nach GOttes Willen / ſo er lebet / dazu nicht ungeneiget iſt. Will er mich ſelbſt aber beym laͤngern Le - ben / und bey der bißherigen be - ſtaͤndigen Geſundheit / gnaͤdiglich er - halten / und mich dem ſiebenzigſten Jahre ſo nahe kommen laſſen / als ich dem ſechszigſten bin / ſo kan durch GOttes Gnade noch man - ches moͤglich ſeyn.
Uber das will ich bey dieſer Gelegenheit meinen vorlaͤngſt ſchon gehabten Wunſch eroͤffnen / oder wiederholen / welcher auf eine neue Lateini ſche Verſion der heiligen Schrift / ſonderlich des alten Teſtaments / ge - het. Davon ich erſt nachfolgen - des vorausſetzen muß. Es iſt de - nen der Hebraͤiſchen Sprache Kun - digen bekannt:
Nun koͤnnte eine Lateiniſche Verſion alſo eingerichtet werden / daß von allen ſolchen Sachen da - bey mit bloſſen einzelen Buchſtaben eine Anzeigung geſchehe. Denn wenn ſolche Dinge nur mit einem Anfangs-Buchſtaben bezeichnet wuͤrden. z. E. mit einem V. von dem Worte Verſion, wo die Uberſetzung Lutheri zu verbeſſern iſt / u. ſ. w. und man ſetzte ſolche Zeichen bey dem Texte / und præmittirte einen Unterricht an den Leſer vorher; ſo haͤtte er an einer ſolchen Verſion faſt einen halben Commentarium; oder er wuͤrde doch / wenn er ſie bey dem Hebræiſchem Texte im Durchleſen legte / mit einer durchgaͤngigen An - weiſung / worauf er bey dem Texte zu ſehen habe / in eine beſtaͤndige Meditation gefuͤhret / und darin - nen erhalten. Kaͤmen auſſer denbloſſen Zeichen einige kleine Noten dazu / ſo waͤre es deſto beſſer und leichter / und wuͤrde ſonderlich den angehenden Studioſis Theologiæ bey dem ſtudio hebraico damit kein geringer Dienſt geſchehen. Und da bey unſerer Evangeliſchen Kir - che wir ohne das nur noch die ob zwar herrliche / doch nur einzige / Lateiniſche Verſion des Sel. D. Sebaſtiani Schmidii haben; die Kirchen anderer Confesſionen aber von ih - ren Theologis mehrere beſitzen: ſo wuͤrde es ſo viel weniger fuͤr eine uͤberfluͤßige Arbeit koͤnnen gehalten werden. Jch habe den Vorſchlag von einer ſolchen neuen Verſion ſchon fuͤr ohngefehr 30. Jahren ei - nem in der Hebræiſchen Sprache wohl gegruͤndeten und geuͤbtem Manne zu Berlin gethan / der ihn billigte / und auch dergleichen wuͤnſchte / ſich auch ſelbſt nicht un - geneigt bezeugte / die Hand dazu anzulegen. Welches aber unter - blieben iſt / und von mir ſelbſt bey ſo vieler andern Arbeit ſo viel we - niger hat unternommen werden koͤn - nen / ſo viel ſchwerer und wichtiger es iſt. Jch fuͤhre es / nach der be - reits vor einigen Jahren in meinen Inſtitutionibus ſtudii Theologici litterariis p. 279. ſeqq. geſchehenen Anzeigung / zu dem Ende allhier an / damit ich vielleicht jemanden / der zu ſolcher Arbeit geſchickt iſt / reitzen moͤchte dieſelbe zu uͤbernehmen. Jch bin zwar bey vorhabender exegeſi uͤber die Buͤcher des alten Teſtaments ſelbſt dazu nicht ungeneigt; ſinte - mal / wenn man erſtlich ein Capitel nach dem Grund-Texte mit Anmer - ckungen erklaͤret hat / damit die meiſte Arbeit zu einer Verſion ſchon geſchehen iſt / und viel leichter kan hinzugethan / als auſſer dem be - ſonders verfertiget werden; ich wuͤnſche doch aber / daß ein ande - rer und geſchickterer ſich dazu ent -dſchlieſ -Vorrede, oder Vorberichtſchlieſſen moͤge; hoffe auch / daß es geſchehen werde.
Jm uͤbrigen / weil ich einige theils ſchwerere, theils nuͤtzlichere, Materien vor andern mit mehrern bey Gelegenheit / ja nach Erfode - rung / dieſes und jenes Textes abge - handelt habe; ſo will ich / auſſer dem am Ende befindlichen General-Re - giſter uͤber die fuͤrnehmſten Sachen / davon allhier zum Beſchluß eine kurtze Verzeichniß nach der Ord - nung der Apoſtoliſchen Briefe bey - fuͤgen:
Jm uͤbrigen ſey der geliebte Leſer GOTT empfohlen / und beliebe / nach dem hinter dem Regiſter be - findlichen Verzeichniß / die Druck - Fehler ohnſchwer ſelbſt zu corrigi - ren / und / wo noch ſonſt ſich einige finden ſolten / ſie guͤtigſt zu uͤberſehen.
Jnnhalt.
§. I.
DJe Geburt-Stadt Pauli war Tarſus, der vornehmſte und beruͤhmteſte Ort in Cilicien, ſo an Syrien, gleichwie Syrienan das gelobte Land, grentzet, Actor. 10, 11. c. 21, 29. c. 22, 3. Wie denn die Juͤden ſchon von etlichen Seculis her auch auſſer ihrem Lande in den benachbarten, ja auch theils weit entlege -Anen2Hiſtoriſche und exegetiſche Einleitungnen Laͤndern, in ſehr groſſer Anzahl ſehr zerſtreuet lebten, und viele Freyheit genoſſen. Jn dieſer Stadt hatte der Apoſtel das Roͤmiſche Buͤrger - Recht, welches vieles auf ſich hatte, auch der Geburt nach uͤberkommen, nachdem dieſelbe we - gen der dem Auguſto geleiſteten ſonderbaren Treue und Dienſte, damit war begnadiget wor - den. Wie ſich Paulus darauf bezogen, ſehe man Act. 22, 28.
§. II. Wenn Paulus gebohren, und folglich, wie alt er worden, kan man nicht ei - gentlich wiſſen. So viel laͤßt ſich aber doch aus den Oertern Actor. 7, 58. 8, 1. ſeq. 9, 1. ſeq. ſchlieſſen, daß er um die Zeit ſeiner Bekehrung muß ohngefehr ein junger Mann von dreyßig Jahren geweſen ſeyn, oder doch nicht viel dar - unter. Daß er noch jung geweſen, ſiehet man aus Act. 7, 58. da er zu der Zeit, als Stepha - nus getoͤdtet worden, noch als ein Juͤngling an - geſehen iſt. Daß er aber nicht gar zu jung mehr geweſen, iſt daraus zu erſehen, daß ihn der groſſe Rath zu Jeruſalem zum Inquiſitore hæ - reticæ pravitatis wider die Chriſten gemacht, oder ihm aufgetragen, ſo gar auch in Syrien die Chriſten aufzuſuchen und in gefaͤngliche Haft zu bringen. Welches eine wichtige und mit vie - ler Autoritaͤt verſehene Commiſſion war, dazu ein maͤnnliches Alter erfodert wurde. Actor. 8, 3. 9, 1. 22, 4. ſeqq. 26, 10-12. Und dieſem ſte - het gar nicht entgegen, daß er, da die Verfol - gung wider die Chriſten anging, Actor. 7, 58. noch νεανίας, ein Juͤngling genannt wird; ſin - temal dieſes Wort, nach Art des Hebraͤiſchen Worts〈…〉〈…〉, auch von einem jungen Mann ge - braucht wird. Hiezu koͤmmt, daß er ſich in dem Briefe an den Philemonem v. 9. ſchon den alten Paulum nennet. Nun aber iſt dieſer Brief geſchrieben im Jahr CHriſti 62. etwa 28 Jahr nach der Bekehrung Pauli: daß er al - ſo, wenn man ſein Alter, als er an Philemo - nem ſchrieb, etwa von 60 Jahren geweſen zu ſeyn rechnet, zur Zeit ſeiner Bekehrung ſchon muͤſte 32 Jahr alt geweſen ſeyn.
§. III. Jn ſeiner zarten Jugend aber hat Paulus, nach damaliger Gewohnheit der Juͤ - den, die Studia getrieben: daneben aber auch zugleich auf die kuͤnſtliche Handarbeit, aller - hand Zeuge zu Tapeten und Gezelten zu wircken, ſich geleget: Wie denn unter den Juͤden, ſonderlich denen, welche unter den Heyden zer - ſtreuet lebten, ſehr gewoͤhnlich war, eine ehr - liche Handthierung zu lernen und ſich davon zu nehren. Wodurch die heutigen Juden beſchaͤ - met werden; als die, auſſer dem zur Kaufmann - ſchaft gehoͤrigen, und ſonderlich bey ihnen mit vieler Ungerechtigkeit verknuͤpften Gewerbe, meiſtentheils muͤßig gehen; und daher, wenn ſich einige zum Chriſtlichen Glauben bekennen, da ſie keine Profesſion gelernet haben, ſich ſelbſt und den Chriſten eine Laſt ſind. Wie wohl das, was Paulus in ſeiner Jugend von der Hand - Arbeit gelernet und getrieben hatte, ihm auch, gewiſſer Umſtaͤnde wegen, noch in dem Apo - ſtel-Amte ſelbſt zu ſtatten gekommen, ſehe man Act. 18, 3. 20, 34. 1 Cor. 10, 12. 1 Cor. 9, 6. 15. 2 Cor. 11, 8. 9. 12, 13. 1 Theſſ. 2, 9. 2 Theſſ. 3, 8. Daß er in ſeiner Jugend die Griechiſchen Poeten geleſen, ſiehet man daraus, daß er aus dem Arato Act. 17, 28. aus dem Menandro 1 Cor. 15, 33. und aus dem Epimenide Tit. 1, 12. etwas anfuͤhret. Welches aber keines we - ges dahin zu ziehen iſt, als wenn man in ſol - chen Scribenten die wahre Weisheit zu ſuchen und ſich mit ihrem ausgelegten Kram ſehen zu laſſen habe. Denn was Paulus von ſeiner dem Phariſaiſmo gemaͤſſen Gelehrſamkeit und Gerechtigkeit ſagte, das galt noch vielmehr von ſeiner heydniſchen Erudition; nemlich was ihm vormals ein Gewinn geweſen, das habe er um CHriſti willen fuͤr Schaden geach - tet u. ſ. w. Phil. 3, 7. ſeq.
§. IV. Es ließ es aber Paulus bey der Anfuͤhrung nicht bewenden, die er in ſeiner Vater-Stadt haben konnte, ſonderlich im Ju - denthum: ſondern er begab ſich auf die hohe Schule nach Jeruſalem, hielte ſich zu der Secte der Phariſaͤer, und erwehlte vor andern den damals beruͤhmten Lehrer aus der Hilleli - ſchen Familie, den Gamaliel, der auch ein Aſſeſſor des groſſen Raths zu Jeruſalem war. Unter welches diſciplin er vor allen andern ſei - nes Alters zunahme; alſo daß ihm auch daher vor andern das Amt eines Ober-Inquiſitoris wi - der die Chriſten aufgetragen wurde. Act. 5, 34. 22, 3. 23, 6. 26, 5. Gal. 1, 14. Phil. 3, 5.
§. V. Wie lange aber Paulus zu Jeru - ſalem vor ſeiner Bekehrung ſich aufgehalten, laͤßt ſich nicht determiniren. Wenn man er - weget, was er 1 Tim 1, 13. ſaget, daß er nem - lich, da er ſo ſehr wider die Chriſten gewuͤtet, es in Unwiſſenheit gethan habe; ſo ſolte man faſt ſchlieſſen, er muͤſſe erſt nach der Auferſte - hung CHriſti dahin gekommen ſeyn: ſintemal er ſonſt nicht wol ohne genugſame Wiſſenſchaft alles deſſen, was mit CHriſto vorgegangen war, koͤnte geweſen ſeyn. Allein da er Act. 26, 4. ſelbſt ſaget, daß er ſeine Jugend zu Je - ruſalem zugebracht habe; ſo muß er wol eher ſich dahin begeben haben. Gegen den von ſei - ner Unwiſſenheit hergenommenen Zweifel iſt folgendes zu mercken: 1. Es iſt die Unwiſſen - heit nicht eben der hiſtoriſchen Wiſſenſchaft, ſondern einer wahren Erkaͤntniß, die eine ge - nugſame Uberzeugung an das Gewiſſen mit ſich fuͤhrte, entgegen geſetzet. 2. Solche ignorantz ſchrieb unſer Heyland ſelbſt vielen von dem Vol - cke zu, wenn er am Creutze fuͤr ſeine Feinde bat, und ſprach: Vater, vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun. Luc. 23, 34. Und Petrus ſpricht Actor. 3, 17. Lieben Bruͤ - der, ich weiß, daß ihrs aus Unwiſſenheit gethan habet, wie auch eure Oberſten. Siehe auch Act. 13, 27. 1 Cor. 2, 8. 3. Es war nun zwar dieſe Unwiſſenheit Pauli ſehr ſtraͤflich; weil er ſelbſt ſchuld daran war: indeſſen aber war doch die Schuld nicht ſo groß, als ſie bey denen geweſen, die eine groͤſſere Uberzeugung uͤberkommen hatten; wie viele unter den Phariſaͤern; als die alles genau unterſuchten, und dadurch immer mehr von der Wahrheit der Perſon, des Amts, und der Lehre CHriſti uͤ - berzeuget wurden, aber dennoch ſuchten widerden3in die Briefe des Apoſtels Pauli. den Stachel zu lecken, und wider ihr Gewiſſen das Volck gegen CHriſtum einzunehmen. 4. Und von ſolchen zu ſehr eingenommenen iſt wol ſonderlich Paulus geweſen. Denn da er et - liche mal, allem Anſehen nach, von Gamaliele und andern Phariſaͤern gewarnet worden, ſich ja vor dem JEſu von Nazaret, und vor ſeiner Lehre, als vor einem heimlichen Gift, davon ſo ſo mancher, ehe er ſichs verſehen, angeſtecket worden, in acht zu nehmen; ſo mag er aus groſſem und blinden Gehorſam ſich wol nicht viel nach ihm umgeſehen haben.
§. VI. Wie ſehr ſich Paulus wider das Chriſtenthum aufbringen laſſen, ſiehet man aus der Erzehlung Lucaͤ Actor. 8, 1. 2. 3. 9, 1. 2. und ſeiner eigenen c. 22, 3. ſeqq. 20. 26, 9. ſeqq. 1 Cor. 15, 9. 1 Tim. 1, 14. 15. 16. Und alſo hat er ſeinen eignen Meiſter, den Gamaliel, hier - in nicht wenig uͤbertroffen. Denn daß dieſer ein ziemlich gelindes Urtheil von dem Chriſten - thum ſtellete, Act. 5, 38. 39. iſt wol aus einer beſondern Regirung GOttes, da ſich GOTT auch ſeines beſſer uͤberzeugten Gewiſſens dazu bedienet hat, geſchehen, damit das Evange - lium von CHriſto noch das mal freyen Lauf be - halten moͤchte. Bey Paulo hingegen war wie wenigere Erkaͤntniß, alſo noch mehrere jugend - liche Hitze, in welcher er auch ohne Zweifel von andern Phariſaͤern noch mehr, als vom Gama - liel, zur Verfolgung aufgebracht ſeyn mag. Wenn er aber 2 Tim. 1, 3. ſaget, daß er von ſeinen Vor-Eltern her in reinem Gewiſſen GOTT gedienet habe; ſo giebet er damit ſeinen Vor-Eltern das Zeugniß von einer auf - richtigen Furcht GOttes; leugnet aber damit nicht, daß er auf einige Zeit aus der Bahne ge - ſchritten ſey; ſondern er preiſet GOTT, daß er ihn auf den rechten Weg des guten Gewiſ - ſens gebracht habe: wie denn auch die Stellen Act. 23, 1. 24, 16. von dem Stande des guten Gewiſſens, wie er ſolchen im Laufe ſeines Apo - ſtel-Amts bewahret habe, zu verſtehen ſind.
§. VII. Was nun hierauf die Beruf - fung und Bekehrung Pauli betrifft, ſo iſt ſie wol eine der allermerckwuͤrdigſten Sachen, wel - che nach CHriſti Himmelfahrt, und nach der Ausgieſſung des Heiligen Geiſtes uͤber die Apo - ſtel, geſchehen ſind. Da dieſe Geſchicht von Luca Act. 9. ausfuͤhrlich beſchrieben iſt, ſo ver - weiſe ich den Leſer dahin. War nun gleich Paulus den uͤbrigen Apoſteln darinnen nicht gleich, daß er in der Schule CHriſti auf Erden waͤre unterrichtet worden, und mit ihm gewan - delt haͤtte; ſo hatte er doch hingegen vor allen andern dieſes beſonders, daß er von JEſu aus dem Himmel der Herrlichkeit war berufen und bekehret, auch darauf mit einem ſo herrlichen Maaſſe der auſſerordentlichen Natur-Gaben ausgeruͤſtet worden, daß er darinnen vor andern Apoſteln keinen geringen Vorzug gehabt, oder doch zu mehrer und geſegneterer Arbeit gebrau - chet worden, als die uͤbrigen: wie er, mit groſ - ſer Niedrigkeit ſeines Hertzens, zum Lobe Got - tes ſelbſt bekennet 1 Cor. 15, 9. 10. 2 Cor. 11, 23. Und dazu kam hernach, als Paulus von den Juden unter die Heyden gehen ſolte, diegantz wundervolle Entzuͤckung in den dritten Himmel, Act. 13, 1. 2. 2 Cor. 12, 1. ſeqq. der - gleichen auch, ſo viel man zum wenigſten weiß, keinem andern Apoſtel wiederfahren iſt. So hat auch Paulus das vor andern beſonders, daß es GOTT beliebet hat, auch zu der damals noch kuͤnftigen Erbauung der Kirche von ihm derſelben mehrere Briefe zur Beylage anzuver - trauen, als von den uͤbrigen Apoſteln allen.
§. VIII. So bald aber Paulus den bis - her in ſeinen Gliedern ſo ſehr verfolgten JEſum von Nazaret fuͤr den Heyland der Welt erkant hatte, bekante er ihn zu Damaſcus in den oͤf - fentlichen Juͤdiſchen Synagogen; und zwar mit einer ſolchen Glaubens-Freudigkeit, als das groſſe Maaß der empfangenen auſſerordentli - chen Salbung mit ſich brachte. Dazu auch wol das beſtaͤndige Andencken des wider den Namen JEſu vordem ausgeſchuͤtteten Grim - mes, bey dem Vorſatze, dieſen ſo gar groſſen Schart ſeines Gewiſſens nun durch die Predigt von CHriſto ſo viel mehr wieder auszuwetzen, nicht wenig wird beygetragen haben. Lucas erwehnet vor andern zweyer Haupt-Stuͤcke, worauf er ſeine Zuhoͤrer gefuͤhret habe; nem - lich daß der ihnen allen ſo ſehr bekante groſſe Wunder-Mann, JESUS, ſey der Sohn GOttes, und daß er ſey der Chriſt, oder der verheiſſene Meßias. Da denn das erſtere auf die Perſon, und das andere auf das Amt des HErrn JESU ging: nemlich wie er ſey ſeiner Perſon nach ϑεάνϑρωπος, wahrer GOTT-Menſch, und nach dem Amte der Welt Heyland und Erloͤſer, der das Werck der Erloͤſung durch ſein Leiden und Sterben wuͤrcklich vollbracht habe. Den Vortrag that er alſo, daß er alles, was mit JEſu in ſeinem Leben, Lehren, Wunderthaten, Tode und in ſeiner Auferſtehung, auch Himmelfahrt und Ausgieſſung des Heiligen Geiſtes vorgegangen war, aus den Schriften des Alten Teſtaments, als unfehlbare Kennzeichen des wahren Meßiaͤ, anfuͤhrete, und wider der Juden Gegenſpruch mit unwidertreiblichen Gruͤnden erwieſe, daß alles, was von dem Meßia vorher verkuͤndiget worden, an dieſem JEſu erfuͤllet ſey. Act. 9, 20-22. Ob nun wol dieſes ſo freudige Zeug - niß der Wahrheit nicht ohne Widerſpruch ge - blieben; ſo ſcheinet doch dasjenige, was von ſeiner Lebens-Gefahr v. 23-25. erzehlet wird, von der Zeit verſtanden zu ſeyn, da er nach drey Jahren wieder gen Damaſcus gekommen iſt.
§. IX. Von Damaſcus aus Syrien be - gab ſich Paulus in die angrenzende Landſchaft Arabien, und hielte ſich daſelbſt mit der Pre - digt von CHriſto bis ins dritte Jahr auf: da denn der Name JEſu ohne Zweifel in der Ord - nung der Bekehrung an vielen Seelen iſt ver - herrlichet worden. Zwar ſolte man meinen, Paulus wuͤrde ſich zuvorderſt den zu Jeruſalem zum Theil noch gegenwaͤrtigen Apoſteln gezei - get, und mit ihnen conferiret haben. Er fun - de dieſes aber noch nicht Zeit, auch nicht noͤthig zu ſeyn, ſich mit Fleiſch und Blut, das iſt, mit einem Menſchen, des Evangelii wegen, um davon unterrichtet, oder darinnen geſtaͤr -A 2cket4Hiſtoriſche und exegetiſche Einleitungcket zu werden, zu beſprechen, nachdem er von CHriſto ſelbſt unmittelbar war ergriffen und mit einem ſehr groſſen Maaſſe des Heiligen Gei - ſtes geſalbet, auch mit Wunder-Kraͤften aus - geruͤſtet worden. Siehe hievon Gal. 1, 15. 16. 17. 18.
§. X. Aus Arabien begab ſich der Apo - ſtel wieder nach Damaſcus, und predigte da - ſelbſt CHriſtum aufs neue. Gal. 1, 7. Als er aber daruͤber in Lebens-Gefahr kam und man ihm ſonderlich bey dem Abzuge aus der Stadt nachſtellete, da nahmen ihn die Juͤnger, oder Chriſten, in der Nacht, und lieſſen ihn in ei - nem Korbe von der Mauren hinab. Welches denn der Wille GOttes alſo geweſen: da es GOTT nicht beliebte, ihn durch ein beſonders Wunderwerck aus ſeiner Feinde Haͤnde zu er - retten. Und dieſes iſt die Geſchicht, die Lucas Act. 9, 23-25. erzehlet, und welche Paulus ſelbſt anfuͤhret 2 Cor. 11, 32. 33.
§. XI. Nachdem nun ſolcher geſtalt von der Bekehrung Pauli an bereits drey Jahre verfloſſen waren, ſo reiſete er erſt von Dama - ſcus aus Syrien nach Jeruſalem, um ſich mit Petro und Jacobo, die daſelbſt dazumal nur allein zugegen waren, bekant zu machen, und mit ihnen des Evangelii wegen ſich zu be - ſprechen. Gal. 1, 18-20. Als man aber zu Je - ruſalem, in Erinnerung deſſen, wie er daſelbſt die Chriſten noch vor wenig Jahren aufs grim - migſte verfolget hatte, ihm noch nicht durchge - hends trauete, ſondern man ſich noch vor ihm fuͤrchtete, da ſie von dem, was mit ihm vorge - gangen war, auſſer einiger von andern em - pfangenen Nachricht, ſelbſt noch keine Erfah - rung hatten: ſo nahm ſich Barnabas, und mit ihm vermuthlich auch andere, denen jenes mit mehrern war kund worden, ſeiner an, fuͤhrete ihn zu den Apoſteln, und erzehlete alles, was geſchehen war. Da denn Paulus 15 Tage zu Jeruſalem blieb, und daſelbſt den Namen des HErrn frey verkuͤndigte. Act. 9, 26-28. Es erhub ſich aber bald auch zu Jeruſalem ein Sturm wider Paulum; und zwar von den Grie - chen, das iſt, von denenjenigen Juͤden, die un - ter den Griechen gebohren und gezogen waren, ſich auch der Griechiſchen Sprache ſelbſt in den Synagogen bedienten, und ſich in groſſer An - zahl des Gottes-Dienſtes wegen zu Jeruſalem etwas laͤnger aufhielten, ſonderlich zur Zeit der hohen Feſte. Dieſe empoͤreten ſich wider Pau - lum. Act. 9, 29. 30. Dannenhero er von dan - nen zog, und zwar auf einen von GOTT be - ſonders empfangenen Befehl. Denn hieher gehoͤret das, was Paulus ſelbſt Act. 22, 17. ſq. von ſich erzehlet, da er ſpricht: Es geſchach aber, da ich wieder gen Jeruſalem kam und betete im Tempel, daß ich entzuͤcket ward, und ſahe ihn (den HErrn JEſum.) Da ſprach er zu mir: Eile, und mache dich behende von Jeruſalem hinaus: denn ſie werden nicht annehmen dein Zeugniß von mir. – Gehe hin, ich will dich fer - ne unter die Heyden ſenden.
§. XII. Hierauf ging Paulus unter dem Geleite etlicher von der Chriſtlichen Gemeine,von Jeruſalem nach Caſareen Philippi, ſo in Syrien am Berge Libanon lage. Von da er in das angrenzende Cilicien, und inſonderheit in ſeine Vater-Stadt, Tarſus, um auch ſeinen Landes-Leuten das Evangelium von CHriſto zu predigen, ſich begeben hat Act. 9, 29. 30. Auf welche Worte Paulus ſiehet, wenn er Gal. 2, 21. ſpricht: Darnach kam ich in die Laͤnder Syria und Cilicia. Darauf denn in Judaͤa das Ungewitter der Verfolgung aufhoͤrete, und die Gemeinen CHriſti ſich den aͤuſſerlichen Frieden zur Erbauung und innnerlichen Wachs - thum dienen lieſſen. Act. 9, 31. Da inzwi - ſchen diejenigen, welche durch jenes von Jeru - ſalem zerſtreuet worden waren, das Evangelium in allen umliegenden Orten verkuͤndigten. Act. 8, 4. ſeqq. 14, ſeqq. 25. 9, 32. ſeqq. alſo daß auch inſonderheit die groſſe Stadt Antiochia in Syrien mit der Predigt des Evangelii erfuͤl - let ward. c. 11, 19. ſeqq. und alhier kam das Evangelium auch, auſſer dem Juͤdiſchen Lande, zuerſt unter die Antiochiſchen Heyden. v. 20, Als nun dieſes die Gemeine zu Jeruſalem hoͤ - rete, ſandten ſie Barnabam, einen Mann voll Heiliges Geiſtes und Glaubens, dahin: welcher die Glaubigen, ſonderlich die aus der Heyden - ſchaft, nicht wenig ſtaͤrckete. Wie denn auch die Zahl derſelben aus Juden und Heyden im - mer mehr zunahm, alſo daß ein groſſes Volck dem HErrn daſelbſt zugethan ward.
§. XIII. Da nun Barnabas wuſte, daß Paulo das Apoſtel-Amt fuͤrnemlich an die Hey - den anvertrauet worden, und alſo mit Recht dafuͤr hielte, daß er, vermoͤge ſolcher ſeiner inſtruction, der guten theils aus bekehrten Hey - den beſtehenden Antiochiſchen Gemeine die be - ſten Dienſte wuͤrde thun koͤnnen; und aber auch gehoͤret hatte, daß Paulus aus Syrien nach Cilicien ſich begeben hatte: ſo zog er ihm, nach erkanten Willen GOttes, nach, um ihn daſelbſt aufzuſuchen, und nach Antiochiam mit ſich zuruͤck zu bringen. Welches denn auch geſchahe: und zwar alſo, daß ſie zu Antiochia ein gantzes Jahr bleiben, und der daſelbſt gepflantz - ten Gemeine zur mehrern Beveſtigung und Ausbreitung warteten. Und dieſes war auch dergeſtalt geſegnet, daß die aus Juden und Heyden zu CHriſto bekehrte Juͤnger CHriſti daſelbſt zuerſt Chriſten genennet wurden. Zu welcher Benennung, welche von der Zeit an bald allgemein worden iſt, wol auſſer der von der Sache ſelbſt dazu gegebenen Gelegenheit, GOTT ſelbſt ſeinen beſondern Winck gezeiget haben mag. Act. 11, 25. 26.
§. XIV. Als ſich nun Paulus ſolcherge - ſtalt im Segen zu Antiochia mit Barnaba be - fand, kamen einige mit einer prophetiſchen Ga - be von GOTT begnadigte von Jeruſalem da - hin; deren einer, Namens Agabus, anzeigete, wie daß eine Theurung uͤber viele Laͤnder des Roͤmiſchen Reichs entſtehen wuͤrde. Weil nun die Jeruſalemſche Gemeine mit dem wenig - ſten Vorrathe verſehen war; die zu Antiochia aber es im Vermoͤgen hatte, ihnen beyzuſprin - gen: ſo ließ ſie ſich zu einem Beytrag freywillig erfinden. Da denn Paulo und Barnabaͤ esaufge -5in die Briefe des Apoſtels Pauli. aufzutragen ward, die Beyſteuer in Perſon nach Jeruſalem zu uͤberbringen. Und dieſes war das zweyte mal, daß Paulus nach Jeruſa - lem kam. Act. 11, 27-30. Als nun indeſſen das, was von Herode erzehlet wird, (wie er nem - lich die Haͤnde an die Apoſtel geleget, und Ja - cobum mit dem Schwerdte hinrichten, Petrum aber in das Gefaͤngniß, daraus er wunderbarer Weiſe erloͤſet worden, werfen laſſen, und wie darauf der Wuͤterich ein Ende mit Schrecken genommen) geſchehen war; ſo kehret Paulus mit Barnaba wieder nach Antiochiam zuruͤck. Act. 12, 25. alwo der Teutſche Text nach dem Griechiſchen alſo uͤberſetzet werden muß: Bar - nabas aber und Paulus kehreten wieder zuruͤck von Jeruſalem, nachdem ſie die Handreichung uͤberantwortet hatten.
§. XV. Da nun in den bisher erzehlten Verrichtungen ohngefehr 8 Jahr, oder, wie andere meinen, 6 Jahr, verſtrichen waren; ſo bekam Panlus im Jahr Chriſti 44. von GOtt in der Gemeine zu Antiochia die ſpeciale Ver - ordnung, von dannen mit Barnaba unter die Heyden nach Aſien und Griechen-Land zu ge - hen. Denn da ſprach der Geiſt des HERRN durch einen der daſelbſt gegenwaͤrtigen Prophe - ten, als ſie eben dem HErrn dieneten und fa - ſteten, alſo: Sondert mir aus Barnabam und Saulum zu dem Werck, dazu ich ſie berufen habe. Darauf es weiter heißt: Da faſteten ſie und beteten, und legten die Haͤnde auf ſie, und lieſſen ſie gehen. Act. 13, 1. 2. 3. Und hieher gehoͤret die von Paulo ſelbſt 2 Cor. 12, 1. ſeqq. erzehlte Entzuͤckung bis in den dritten Himmel: als welche GOtt Paulo wol ohne Zweifel zu dem Ende wiederfah - ren laſſen, damit er dadurch gegen die ihm un - ter den Heyden und Juden bevorſtehende groſſe und viele Leiden deſto mehr mit Geiſt, Muth und Kraft gewafnet werden moͤchte. Daß aber dieſe Geſchicht in dieſe Zeit zu ſetzen ſey, erken - net man ſonderlich daraus, weil Paulus ſchrei - bet, es ſey ihm dieſe ſonderbare Gnade vor 14 Jahren erwieſen. Da er nun im Jahr Chriſti 44. zu Antiochia die beſondere Inſtruction erhiel - te unter die Heyden zu gehen, und darauf im Jahr 57. den andern Brief an die Corinthier ſchrieb, ſo waren mit dem darzu gerechneten 44ten Jahre eben 14 Jahre verfloſſen. Und zu welcher Zeit ſolte ſich die beſondere Staͤrckung Pauli wol beſſer geſchicket haben, als eben dazu - mal, da er mit vieler Leibes - und Lebens-Gefahr ſolte unter die Heyden gehen, und unter ihnen auch endlich das Leben laſſen?
§. XVI. Da nun Paulus ſolchergeſtalt von GOtt zu der Expedition unter die Heyden ausgeruͤſtet war, ſo ging er und Barnabas mit Johanne Marco, den ſie zum Diener, oder Gehuͤlfen, mitnahmen, zu Seleucia, dem Seehafen von Antiochia, zu Schiffe, und kamen zuerſt nach Cypern, einer bekanten groſſen Jn - ſel auf dem Mittellaͤndiſchen Meere; predigten allenthalben das Evangelium von Chriſto; zu - voͤrderſt zwar in den Synagogen der Juͤden; doch alſo, das das Abſehen ſonderlich mit auf die Hey - den ging: wie denn auch in der Stadt Paphosder Roͤmiſche Landvoigt, ein Mann von Koͤ - niglicher Autoritaͤt, Nahmens Sergius Pau - lus, zu Chriſto bekehret ward, alſo daß der Zau - berer Elymas daruͤber oͤffentlich zuſchanden, und mit leiblicher Blindheit geſchlagen wurde. Act. 13, 4-12.
§. XVII. Hiebey iſt wohl zu mercken, daß Lucas v. 9. Saulum, wie der Apoſtel mit dem Hebraͤiſchen Namen eigentlich hieß, auch Paulum nennet, und hernach dieſen letztern Namen beſtaͤndig gebrauchet: wie ihn denn auch der Apoſtel ſelbſt in ſeinen Briefen behalten hat. Daraus man ſiehet, daß, weil er das Buͤrger - recht der Lateiner, oder Roͤmer, hatte, und ſein Hebraͤiſcher Name ohne das mit Veraͤnderung des eintzigen erſten Buchſtabens zum Lateiniſchen, oder Roͤmiſchen, wurde, er ſich nebſt dem He - braͤiſchen auch den Roͤmiſchen Namen gefallen laſſen, wo nicht ſchon vorher, ja ſchon in ſeiner Vater-Stadt, Tarſus, (da nicht unglaublich iſt, daß er ihn von ſeinen Eltern bekommen, her - nach aber unter den Hebraͤern Saul genennet worden) doch itzo, oder von nun an, da er tiefer ſolte in die Provintzien des Roͤmiſchen Reiches gehen, und er gewuͤrdiget worden war, einen ſo vornehmen Roͤmer dieſes Namens Chriſto zu - zufuͤhren; ſich auch der Lateiniſche Name Pau - lus, der ſo viel heißt, als klein, oder gering, zu ſeiner Statur, noch mehr aber zu der groſſen Demuth ſeines Gemuͤths, gar wol ſchickte: da - von man unter andern ſehe 1 Cor. 15, 9. Jch bin der geringſte unter den Apoſteln, als der ich nicht werth bin, daß ich ein Apo - ſtel heiſſe, darum daß ich die Gemeine GOttes verfolget habe.
§. XVIII. Von Cypern ſchifften ſie hin - uͤber in die Landſchaft Pamphylien; und von da zogen ſie nach Piſidien; alwo in der Syna - goge ſie zu Antiochia den Juden, nicht weniger auch auſſer derſelben den Heyden mit einer geſeg - neten Frucht der Bekehrung an vielen, von Chri - ſto predigten, aber auch daruͤber in bittern Haß mit Ungeſtuͤm von deſſelben Landes Grentzen ver - jaget wurden. Act. 12, 14. ſeqq. Und als ſie von dannen nach Lycaonien gegangen waren, ſo predigten ſie, Paulus und Barnabas, zu Jco - nien, funden auch mit dem Worte des Evange - lii, welches mit vielen Wunderwercken bekraͤfti - get wurde, daſelbſt bey Juden und Heyden vie - len Eingang: daher ſie ſich daſelbſt noch laͤnger, als anderswo, aufhielten: endlich aber, als ſich auch hie ein Sturm wider ſie erhub, wei - chen muſten, und ſich gen Lyſtra, eine Stadt deſſelbigen Landes, wandten. Da denn, als ſie zu Lyſtra einen von Mutterleibe an lahm ge - weſenen Mann mit einem Worte geſund ge - macht hatten, die abgoͤttiſchen Leute ihnen wol - ten goͤttliche Ehre anthun: aber hernach, als ſie von den aus Antiochia und Jconien Paulo nachgereiſeten Juden zum Grimm wider die Wahrheit waren aufgebracht worden, Paulum ſteinigten und fuͤr todt zur Stadt hinaus ſchlep - ten. Paulus aber erhohlte ſich bald wieder, ging mit den Bruͤdern wieder in die Stadt, und des andern Tages mit Barnaba gen Derben, eine benachbarte Stadt. Und als ſie auch daſelbſtA 3das6Hiſtoriſche und Exegetiſche Einleitungdas Evangelium verkuͤndiget hatten, nahmen ſie ihren Ruͤckweg wieder auf Lyſtra und Jco - nien, ſtaͤrckten die Seelen der Juͤnger, und er - mahneten ſie, daß ſie am Glauben blieben, mit der Vorſtellung, daß wir durch viel Truͤb - ſal muͤſten ins Reich GOttes eingehen: ordneten auch hin und her Aelteſten in den Ge - meinen, kamen wieder nach Piſidien und Pam - phylien: da ſie denn zu Attalien zu Schiffe gin - gen, und im Jahr Chriſti 47. wieder nach An - tiochiam in Syrien kamen; von dannen ſie vor drey Jahren, nemlich im Jahr 44. ausgegan - gen waren. Man ſehe dieſes alles von Luca mit mehrern erzehlet Act. 13, 51. 52. c. 14. Diß war alſo die erſte Expedition Pauli in die Laͤnder Aſiens unter die Heyden, die auch viele Juden unter ſich hatten.
§. XIX. Nachdem ſich Paulus mit Bar - naba des Evangelii wegen zu Antiochia bey die zwey Jahre aufgehalten hatte, that er im vier - zehenten Jahre nach ſeiner Bekehrung zum drit - ten mal eine Reiſe nach Jeruſalem. Davon die Urſache dieſe war: Es kamen etliche zu Chri - ſto kaum halb-bekehrte Juden von Jeruſalem nach Antiochia, die forderten von den rechtbe - kehrten Juden und Heyden, daß auch die Hey - den, woferne ſie ſelig werden wolten, ſich muͤ - ſten beſchneiden laſſen, und nebſt den Juden ſich auch noch bey Chriſto nach den Moſaiſchen Satzungen richten. Act. 15, 1. Siehe auch Gal. 2, 1-5. alwo dieſe Geſetz-Eiferer falſche Bruͤder genennet werden, die ſich neben einge - ſchlichen, der Antiocheniſchen Chriſten ihre Ev - angeliſche Freyheit zu verkundſchaften, und ſie darum zu bringen. Da nun dieſe Leute auf ih - ren Sinn beſtanden, Paulus aber auch mit der Gemeine ihnen nichts einraͤumen konte, und al - ſo unter ihnen entſtunde ςάστς (welches Wort Lutherus nicht fuͤglich durch das Wort Auf - ruhr gegeben hat) ein Widerſtand, nemlich eines Theils gegen das andere; wie auch nicht eine geringe συζήτησις (nicht Zanck, ſondern) Befragung, oder Dispüt; und die aus Judaͤa ſich ohne Grund auf die Beyſtimmung der Apo - ſtel zu Jeruſalem berufen hatten: ſo wurde von der Antiocheniſchen Gemeine fuͤr gut gefunden, daß ſie zur Entſcheidung der Sache Paulum und Barnabam dahin ſendeten: wozu auch, wie man aus dem Briefe an die Galater c. 2, 2. 3. ſiehet, GOtt dem Paulo noch uͤber das einen beſondern Winck gegeben; der denn auch Ti - tum mit ſich dahin genommen; davon aber Lu - cas nichts gedencket. Wie nun die Controvers nach einer von einigen Geſetz-Eiferern verurſach - ten laͤngern Unterredung (συζητήσει, welches Wort alhie auch etwas unfuͤglich mit dem Wort Zanck uͤberſetzet worden, da es anderwaͤrtig durch Befragen vertiret iſt Marc. 11, 27. c. 8, 11. ꝛc. Act. 6, 9. c. 9, 29.) nach dem Evangelio ent - ſchieden worden, das iſt nach der Laͤnge nachzu - leſen Act. 15.
§. XX. Da nun Paulus mit Barnaba, unter dem Geleite Judaͤ und Silaͤ von Jeruſa - lem wieder nach Antiochien gekommen war, die Antwort zur Entſcheidung uͤberbracht, und auf einige Zeit (in welche einfaͤllt, was zwiſchenPaulo und Petro zu Antiochia vorgegangen iſt, und von Paulo erzehlet wird Gal. 2, 11. ſeqq. ) die Gemeine daſelbſt noch ferner erbauet hatte, ſo nahm er nach den in Aſien gelegenen Laͤndern, worinnen hie und da vorher die chriſtliche Ge - meinen waren gepflantzet worden, den zwey - ten Zug vor, um zu ſehen, wie ſie ſich hielten. Als er aber, des Johannis Marci wegen, ob er, da er vor dem in den Leiden weich worden, und von ihnen gewichen war, abermal mit zu nehmen ſey, ſich mit Barnaba nicht vereinigen konte, da ein ieglicher gewiſſe wichtige rationes hatte: ſo wurden ſie endlich ſchluͤßig, daß ein ie - der einen beſondern Weg nehmen, und Jo - hannes Marcus mit Barnaba ziehen moͤchte: darauf ſich denn Paulus Silam, der ihm letz - tens von Jeruſalem zum Gefaͤhrten mit gegeben war, zum Mitarbeiter erwehlete. Es durch - reiſete nun Paulus mit Sila, und zugleich auch mit Luca, nicht allein die Laͤnder in Aſien, ſondern er kam auch nach Griechenland, und pflantzte hie und da chriſtliche Gemeinen, ſon - derlich in Macedonien (wohin er durch ein naͤchtliches Geſicht berufen ward c. 16, 9. 10. ) zu Philippen, (da unter andern die Purpurkraͤ - merinn Lydia, und der Kerckermeiſter bekeh - ret ward) zu Theſſalonich und zu Berrhoen: ferner in Attica zu Athen, und in Achaja zu Corinthus. Welches alles nach der Laͤnge er - zehlet wird Act. 16-18, 1-17. Von Corinthus ging Paulus nach Epheſus, mit dem Vorha - ben nach Jeruſalem zu reiſen. v. 18-21. Wel - ches auch geſchahe. Da er denn erſtlich zu Schiffe nach dem im Juͤdiſchen Lande gelegenen Caͤſarien kam, und von dannen ἀναβὰς ging er hinauf, nemlich nach Jeruſalem (als da - von ſolches Wort gewoͤhnlicher Weiſe gebrau - chet ward) gruͤſſete und beſuchte daſelbſt die Ge - meine, welches das vierte mal war, daß er nach ſeiner Bekehrung nach Jeruſalem gekom - men. Von da aber zog er im Jahr Chriſti 54. wieder hinab in Syrien nach Antiochia, von dannen er vor vier Jahren, nemlich im Jahr Chriſti 50. mit Sila und Luca abgereiſet war. Act. 18, 22.
§. XXI. Nun iſt noch uͤbrig die von Lu - ca beſchriebene dritte und letztere Expedition, welche Paulus von Antiochia durch die Land - ſchaften Aſiens nach Griechen-Land und von da nach Jeruſalem gethan hat. Denn nach - dem er einige Zeit daſelbſt verzogen, ſo ging er wieder von dannen, durchreiſete unter andern das Galatiſche Land und Phrygien, ſtaͤrcke - te daſelbſt die Bruͤder, und kam wieder (wie er verſprochen hatte Act. 18, 21.) nach Epheſus. c. 19, 1. und hielte ſich daſelbſt drey Jahre auf, c. 19. c. 20, 31. alwo viel merckwuͤrdiges, davon Lucas an angefuͤhrten Orten nachzuleſen, vor - gegangen iſt. Von Epheſus ging er uͤber das Aegeiſche Meer zum andern mal nach Mace - donien c. 20, 1. 2. und von da nach drey Mon - den nach dem im engen Verſtande alſo genanten Griechenlande, das iſt nach Achaja, und darinnen nach Corinthus. Von da er wie - der zuruͤck ging nach Macedonien, inſonder - heit nach Philippen. Von hier nahm er denRuͤck -7in die Briefe des Apoſtels Pauli. Ruͤckweg zu Schiffe uͤber das Aegeiſche Meer nach Troada: und nachdem er ſich daſelbſt ſie - ben Tage aufgehalten hatte, machte er ſich, nach beruͤhrten unterſchiedlichen andern Orten, von dannen nach Mileto c. 20, 3. 5. 6-16. woſelbſt er von den dahin berufenen Aelteſten von Epheſus in einer gar beweglichen Rede Ab - ſchied nahm v. 17-fin. und darauf zu Waſſer uͤber Tyrus und Caͤſaream im Jahr 58. das fuͤnfte mal nach Jeruſalem kam, nachdem er im Jahr 54. von Antiochia ausgereiſet war: da er denn der ſehr duͤrftigen Gemeine eine reiche Beyſteuer aus Griechenland mitbrachte. Act. 21, 1-19.
§. XXII. So ſehr nun Paulus zu Jeru - ſalem, nach dem Raht der Aelteſten daſelbſt, ſuchte nach der Schwachheit der uͤber das Ge - ſetz eiferenden Juden ſich zu richten, ſo wenig richtete er doch damit bey ihnen aus. Denn ſie erregten ſofort einen Tumult wider ihn, und haͤtten ihn ums Leben gebracht, wo nicht der Roͤmiſche Ober-Hauptmann ihn haͤtte in Schutz genommen. c. 21, 20-fin. Hierauf hielte Pau - lus ſeine c. 22. beſchri ebene gedoppelte Schutz - Rede: und als er ſich zum andern mal verantwor - ten wolte, ward die Rede durch die Wuth ſeiner Feinde bald unterbrochen c. 23, 2. ſeqq. er aber in der aͤuſſerſten Lebens-Gefahr von Chriſto durch eine auſſerordentliche Aufmunterung geſtaͤrcket, da es hieſſe: Sey getroſt, Paule. Denn wie du von mir zu Jeruſalem gezeuget haſt, alſo muſt du auch zu Rom zeugen. c. 23, 11. Darauf ward er zu mehrer Sicherheit von Je - ruſalem zum Roͤmiſchen Land-Pfleger Felix nach Caͤſaream gebracht v. 12-fin. alwo er, nach der Anklage eine Apologie, und darauf dem Felici beſonders eine Gewiſſens-Predigt hielte: und, als Feſtus dem Felici ſuccedirte, ihm als ein Gefan - gener zuruͤck gelaſſen wurde c. 24. Da nun Pau - lus merckte, daß Feſtus mehr auf die Gunſt der Juͤden, als auf die Gerechtigkeit ſahe, appellirte er, als ein Roͤmiſcher Buͤrger, an den Kaͤyſer; zu - mal da GOTT ihm vorher angezeiget hatte, daß er auch zu Rom, wohin er ohne das ſchon von mehren Jahren her ein groſſes Verlangen getragen hatte, von der Wahrheit des Evangelii muͤndlich zeugen ſolte. c. 25, 1-12. Ehe es aber zur Abreiſe kam, wurde er von Feſto nach gehal - tener Conferentz mit Agrippa, dem letztern Koͤni - ge der Juͤden aus dem Herodianiſchen Geſchlecht v. 13-27. vor beyden zur letzten Verantwortung, welche c. 26. zu leſen iſt, gelaſſen: und wuͤrde er, da beyde von ſeiner Unſchuld uͤberzeuget wa - reu, auf freyen Fuß geſtellet worden ſeyn, wenn er ſich nicht auf den Kaͤyſer, darunter GOTT ſeine ſonderbare Hand hatte, berufen haͤtte. Demnach beſchloſſen ward, ihn nach Rom zu ſchicken. Welches denn auch geſchahe, nachdem er bis ins dritte Jahr, nemlich von 58 bis 60, im Juͤdiſchen Lande, meiſtentheils zu Caͤſarea, war gefangen gehalten worden.
§. XXIII. Was nun die Reiſe Pauli nach Rom betrifft, ſo fiel ſie ein in den Herbſt des 60ten Jahrs nach CHriſti Geburt, da die See nach und nach ſchon gar ungeſtuͤm wurde, das gantze Schiff auch daher in die aͤuſſerſte Gefahrkam. Er funde aber gar viele ſonderbare Pro - ben der vaͤterlichen Providentz GOttes uͤber ſich. Erſtlich darinnen, daß Lucas (als der die gantze Geſchicht alſo beſchreibet, wie er ſelbſt alles ange - ſehen und angehoͤret hat) und Ariſtarchus ſich willigſt erfinden lieſſen, ihn, da ſie ſchon vorher ſeine Gefaͤhrten geweſen waren, nach Rom zu be - gleiten, ob er gleich als ein Gefangener dahin gebracht wurde. c. 27, 2. Und denn in deme, daß der Roͤmiſche Hauptmann Julius, deme Paulus mit andern Gefangenen uͤbergeben war, ſich ge - gen Paulum freundlich erwies, ihm auch erlau - bete, zu ſeinen guten Freunden zu gehen, und ſei - ner zu pflegen, zuvorderſt in der groſſen See - Stadt, Sidon, da ſie gleich des andern Tages ankamen, v. 3. und Paulum hernach auch wider das Fuͤrnehmen der Kriegs-Knechte, die alle Ge - fangene toͤdten wolten, nebſt andern beym Leben erhielte. v. 43. Ferner darinnen, daß GOTT das Schiff um Pauli und ſeiner Gefaͤhrten wil - len in der vielfaͤltigen und aͤuſſerſten Gefahr in ſeinem beſondern Schutz behielte v. 4-22. Paulus auch einmal, da die Gefahr am groͤſſeſten war, durch einen Engel von GOtt in der Nacht geſtaͤrcket wurde, mit dieſen Worten: Fuͤrchte dich nicht Paule, du wirſt vor den Kaͤy - ſer geſtellet werden: und ſiehe, GOTT hat dir geſchenckt alle, die mit dir ſchiffen: wodurch Paulus auch allen uͤbrigen, da ihrer zu - ſammen 276 waren, einen guten Muth ein - ſprach v. 21-25. 33-37. und ſie endlich alle, ob - gleich nicht ohne viele Noth und neue Gefahr, geſund an das Land auf die Jnſel Melite, oder Malta ankamen v. 44. c. 28, 1. ſeqq. woſelbſt ſie es denn auch der gnaͤdigen Fuͤhrung GOttes zu dancken hatten, daß ihnen, da ſie vor Kaͤlte, Naͤſſe, Hunger und Schrecken, ſich ſehr entkraͤf - tet funden, die Leutlein derſelben Jnſel nicht ge - ringe Freundſchaft erwieſen; Paulus aber eine giftige Otter, die ihn natuͤrlicher weiſe ſo fort haͤtte um das Leben bringen koͤnnen, ohne allen Schaden von ſeiner Hand in das Feuer ſchlen - ckern, und darnach des Oberſten der Jnſel, Publii, Vater, zur Vergeltung der von ihm ge - ſchehenen freundlichen Aufnahme, mit Auflegung der Hand vom hitzigen Fieber curiren, auch noch mit Geſundmachung mehrer herzu gebrachten Krancken den Namen Chriſti verherrlichen konn - te; und dafuͤr groſſe Liebe genoß v. 2-10. Nicht weniger war es der beſondern Regierung GOt - tes zuzuſchreiben, daß, da ſie zu Puteolen, im Neapolitaniſchen, Bruͤder, oder Chriſten gefun - den, und ſie auf ihre Bitte ſieben Tage bey ih - nen blieben, der Hauptmann, Julius, ſolches geſchehen ließ; und, als ſie endlich, nachdem ſie faſt ein halbes Jahr unter weges geweſen wa - ren, zu Ende des Februarii im Jahr CHriſti 61. zu Rom ſelbſt angelanget waren, Paulo nur ein einiger Kriegs-Knecht zugegeben, und ihm er - laubet wurde zu bleiben, wo er wolte v. 16.
§. XXIV. Von Pauli Aufenthalt zu Rom ſind ſonderlich folgende Stuͤcke zu mercken: 1) Daß derſelbe 2 Jahre gewaͤhret. 2) Daß der ihm zugegebene Krieges-Knecht aus goͤttlicher Direction zu ſeiner Sicherheit dienen muͤſſen, daß er ſo vielmehr Friede gehabt vor dem feind -ſeligen8Hiſtoriſche und exegetiſche Einleitungeligen Anfall einiger Juͤden. 3) Daß er die vornehmſten der Juͤden, welche von dem Evan - gelio CHriſti noch entfernet waren, zu ſich kom - men laſſen, und ſie davon geſuchet zu uͤberzeu - gen, und alſo vor allen Dingen dieſe zu gewin - nen. Da ſie denn von dem, was mit Paulo zu Jeruſalem vorgegangen war, noch keine Nach - richt erhalten hatten, aber doch bezeugeten, vom Chriſtenthum, welches ſie fuͤr eine neue Juͤdiſche Secte hielten, gehoͤret zu haben, daß ihr an allen Enden widerſprochen werde. 4) Daß er den Juͤden, welche in groſſer Anzahl zu ihm in ſeine Herberge gekommen, eine herrliche Predigt von CHriſto aus Moſe und aus den Propheten von fruͤhe Morgens an bis auf den Abend gehalten, mit dem Erfolg, daß ein Theil davon gewonnen wurde, die uͤbrigen aber im Unglauben blieben, iedoch von der Predigt Gelegenheit nahmen, viel Fragens deßhalb unter ſich anzuſtellen: welches denn wol noch manchem wird zur Uberzeugung gedienet haben. 5) Daß er zu Rom zwey Jahre, nemlich von 61 bis ins 63te Jahr die Freyheit ge - habt, in ſeinem eigenen Gedinge, oder in ſeiner nach eignem Belieben gemietheten Wohnung, zu leben, darinnen auch andere aufzunehmen, und ohne Verbot mit aller Freudigkeit von dem HErrn JESU zu lehren. 6) Daß alſo eines theils man zwar mit Paulo nicht hart verfahren, andern theils aber auch alſo, daß er nicht gaͤntzlich auf freyen Fuß geſtellet worden. 7) Daß er in die - ſen zweyen Jahren die Briefe an den Philemo - nem, an die Coloſſer und an die Philipper geſchrieben, und ihnen Hoffnung gemachet, ſie noch einmal wieder zu beſuchen: wie denn auch geſchehen iſt. 8) Daß er, als er ſeines Arreſtes erlediget war, und ſich bereits auſſer Rom, doch noch in Jtalien, aufgehalten, den Brief an die bekehrten Hebraͤer, oder Juͤden in Orient, geſchrie - ben, und ihnen eben dieſelbe Hoffnung von ſei - ner nochmaligen Beſuchung gemachet hat: wie aus dem Beſchluß dieſes Briefes zu erſehen iſt. 9) Daß noch unterſchiedliches in dieſen vier Brie - fen enthalten iſt, ſonderlich in den Beſchluͤſſen derſelben, aus welchem der Zuſtand Pauli zu Rom ſich noch mit mehrern erkennen laͤßt.
§. XXV. Nun iſt noch uͤbrig die letztere groſſe Reiſe Pauli nach Orient und Grie - chen-Land, welche von 63 bis 67 eine vier - jaͤhrige Zeit in ſich haͤlt: davon zwar Lucas, da er ſeine Beſchreibung mit den zu Rom zugebrachten zweyen Jahren beſchlieſſet, und die Schrift noch vor Pauli Abreiſe von ſich gegeben zu haben ſcheinet, nichts weiter meldet; die ſich doch aber aus den letztern Briefen Pauli gar wohl erken - nen laͤßt.
§. XXVI. So iſt denn nun der Apoſtel aus Jtalien allem Anſehen nach erſtlich auf die Jnſel Creta zugereiſet, und hat unter andern Titum unter ſeinen Gefaͤhrten gehabt. Denn dieſen hat er zu Creta gelaſſen, daß er ſolte vollend anrichten, wo er, Paulus, es gelaſ - ſen hatte, und die Staͤdte hin und her mit Aelteſten beſetzen. Wie er in dem hernach aus Macedonien an ihn geſchriebenen Brief c. 1, 5. bezeuget. Man ſiehet auch daraus, daß Paulus ſich in Creta nicht lange aufgehalten,ſondern nach der Aſiatiſchen Kirche geeilet habe.
§. XXVII. Von Creta iſt er vermuhtlich nach Aſien gegangen, und zuvorderſt nach Co - loſſen: als welcher Gemeine er der Perſon nach nach nicht war bekant worden: Col. 1, 14. 2, 4. Den Philemonem aber ſcheint er ſchon vorher gekant zu haben, weil er ſo gar zuverſichtlich an ihn ſchreibet. Und da er ſich die Herberge bey ihm ausgebeten Philem. v. 22. ſo iſt wol kein Zweifel, daß er ſie auch bey ihm genommen ha - be. Daß aber Philemon zu Coloſſen gewoh - net, ſiehet man aus Col. 4, 9. da er den Oneſi - mum, der in des Philemonis Hauſe geweſen war, zu den Coloſſenſern rechnet: wie auch aus v. 17. und Philem. v. 2. da dem Philemoni der Archippus, ein Aelteſter der Coloſſenſiſchen Ge - meine, zugeſellet wird. Wie wird ſich aber der von Paulo zu CHriſto gefuͤhrte und nicht lange vorher mit einem Briefe an den Philemo - nem zuruͤck geſchickte Oneſimus nicht gefreuet haben uͤber der Ankunft Pauli, ſeines ſo theu - ren Vaters in CHriſto? Und da Paulus befoh - len hatte, daß der an die Coloſſenſer geſchriebene Brief auch von der benachbarten Laodiceiſchen Gemeine geleſen werden ſolte; ſo wird er wol ohne Zweifel dieſelbe nunmehro auch perſoͤnlich beſuchet und erbauet haben.
§. XXVIII. Von Coloſſen iſt der Apoſtel vermuhtlich nach Epheſus gegangen. Denn er ſchreibet in dem erſten aus Macedonien an den Timotheum abgelaſſenen Briefe c. 1, 3. daß er ihn, da er in Macedonien ziehen wollen, zu Ephe - ſus gelaſſen habe, um den Wohlſtand derſelbi - gen Kirche zu befoͤrdern. Welches nicht anders, als von dieſer Zeit, kan verſtanden werden. Paulus iſt zwar vorher ſchon zweymal zu Ephe - ſus geweſen: das erſte mal als er von Corinthus dorthin kam Ap. Geſch. 18, 19. 20. 21. das an - dere mal, da er nach der nach Jeruſalem ge - thanen Reiſe, und nach der uͤber Antiochiam und die Ober-Laͤnder Aſiens gethanen Ruͤckreiſe, wie - der dahin kam, und ſich daſelbſt bey drey Jahre aufhielte. Ap. Geſch. 18, 21. 19, 1. ſeqq. Aber dieſe Zeiten koͤnnen von der gegenwaͤrtigen, da - von ietzo die Rede iſt, nicht verſtanden werden. Denn als Paulus das erſte mal von Epheſus ab - reiſete, ging er nicht in Macedonien (wie er von dieſer Zeit bezeuget) ſondern nach Jeruſalem. Ap. Geſch. 18, 21. Als er zum andern mal von Ephe - ſus ging, ſo reiſete er zwar in Macedonien; Ap. Geſch. 20, 1. 2. 3. aber zu dieſem mal ließ er Ti - motheum nicht zu Epheſus, ſondern er ſchickte ihn nebſt dem Eraſto vor ſich hin in Macedonien c. 19, 22. Alſo muß dieſe dritte Beſuchung in dieſe Zeit, nemlich da Paulus wieder aus Jta - lien nach Orient gekommen, verſtanden werden. Denn da ließ er Timotheum zu Epheſus zuruͤck, mit dem Vorſatze, wieder dahin zu kommen. 1 Tim. 1, 3. 3, 14. 15. 4, 13.
§. XXIX. Da nun der Apoſtel, wie ge - dacht, von Epheſus nach Macedonien ge - gangen, ſo iſt leichtlich zu erachten, daß er zu - voͤrderſt die Gemeine zu Philippis wird beſu - chet haben, wie er ihnen in dem zuvor aus Rom an ſie geſchriebenen Brief c. 1, 25. 26. 27, c. 2, 24. verſpro -9in die Briefe des Apoſtels Pauli. verſprochen hatte: und daß er ſie auch alſo wer - de gefunden haben, wie er ſie zu finden gewuͤn - ſchet, wenn er c. 1, 27. ſchrieb: Wandelt nur wuͤrdiglich dem Evangelio CHriſti, auf daß, ob ich komme und ſehe euch, oder abweſend von euch hoͤre, daß ihr ſtehet in einem Geiſte, und in einer Seele, und ſamt uns kaͤmpfet fuͤr den Glauben des Evan - gelii ꝛc. Und da auch Nicopolis eine Chriſtli - che Gemeine hatte, ſo berief Paulus, als er be - ſchloſſen hatte, den damals bevorſtehenden Win - ter daſelbſt zuzubringen, Titum dahin, als er aus Macedonien den Brief an ihn ſchrieb c. 3, 12.
§. XXX. Da nun Paulus zu Nicopolis den Winter hindurch ſtille gelegen, ging er dar - nach im Fruͤhjahr uͤber das Aegeiſche Meer nach Troada, kehrete bey Carpo ein, und hin - terließ daſelbſt τὸν φαιλόνην, einen ſonderlich mit Buͤchern angefuͤlleten Reiſe-Sack (nicht aber einen Mantel) wie an ſeinem Orte in der Erklaͤ - rung des andern Briefes an den Timotheum ge - zeiget wird. Dieſen ſolte ihm Timotheus mit nach Rom, als er daſelbſt zum andern und letzten mal in den Banden lag, mitbringen. 2 Tim. 4, 13.
§. XXXI. Daß der Apoſtel auf dieſer Rei - ſe auch nach Miletum und nach Corinthen ge - kommen, ſiehet man aus dem zuletzt aus Rom an den Timotheum geſchriebenen andern Briefe, da er c. 4, 20. ſpricht: Eraſtus blieb zu Co - rinthen: Trophimum ließ ich zu Mileto kranck. Denn dieſes, was er von Trophimo ſaget, kan nicht verſtanden werden von der Zeit, derer Ap. Geſch. 20, 15. gedacht wird, daß Pau - lus gen Miletum gekommen. Denn dazumal ließ er Trophimum daſelbſt nicht kranck, ſon - dern er nahm ihn mit ſich nach Jeruſalem. c. 21, 29.
§. XXXII. So viel laͤßt ſich aus den Apo - ſtoliſchen Briefen von Pauli letztern Evangeli - ſchen Expedition erkennen. Und da er den Hebraͤ - ern, wodurch er vornehmlich die glaͤubigen Ju - den im gelobten Lande verſtanden haben muß, die Hoffnung aus Jtalien gemacht, zu ihnen zu kommen Hebr. 13, 23. 24. ſo iſt vermuhtlich, daß er auch dieſes habe erfuͤllen koͤnnen, wo ihm nicht zuletzt der ſchon im Juͤdiſchen Lande ange - gangene Krieg wider die Roͤmer zuruͤck gehalten. Und iſt im uͤbrigen leichtlich zu erachten, daß auch auf dieſer ſo weiten vierjaͤhrigen Reiſe manche ſehr merck wuͤrdige Dinge vorgegangen; davon wir aber keine Nachricht haben. Jndeſſen ha - ben wir genug an dem, was aufgezeichnet iſt, wenn wir es uns recht zu Nutze machen wollen.
§. XXXIII. Daß nun Paulus nach dieſem langen Zuge wieder nach Rom gekommen, auch endlich daſelbſt ſein Leben beſchloſſen, iſt wohl ge - wiß: ſintemal er daſelbſt noch zuletzt den Brief an die Epheſier, und den andern an den Timo - theum geſchrieben; wie bey der beſondern Einlei - tung in dieſe Briefe gezeiget wird. Es bekraͤf - tigen dieſes auch die alten Kirchen-Scribenten. Man ſehe davon unter andern Euſebium in der Kirchen-Hiſtorie L. II. c. XXII. Mit was fuͤrGelegenheit aber und aus welchen Urſachen der Apoſtel zum andern mal nach Rom gekommen, davon findet ſich keine Nachricht. Es ſcheinet, daß er abermal um des Evangelii willen gefan - gen dahin gefuͤhret worden, und zwar von Ephe - ſus; wie in der Erklaͤrung des an die Epheſier geſchriebenen Briefes gezeiget werden wird; welches denn etwa um das Jahr CHriſti 66 oder 67 geſchehen ſeyn muß.
§. XXXIV. Was nun mit Paulo dieſes ander mal zu Rom vorgegangen, davon haben wir eben ſo wenig eine ausfuͤhrliche Nachricht. Es laͤſſet ſich aber unterſchiedliches aus den von dannen geſchriebenen beyden letzten Briefen, dem an die Epheſier, und dem andern an den Ti - motheum ſchlieſſen. Und aus dem Briefe an die Epheſier c. 3, 2. 4, 1. 6, 20. ſiehet man ſo viel, daß er zu Rom gefangen und in Banden gehalten worden; und daß, da er geſehen, daß er zu ſeiner Verantwortung wuͤrde gezogen wer - den, er die Epheſier gebeten, GOTT fuͤr ihn an - zurufen, daß er ſeine Schutz-Rede fuͤr das Ev - angelium CHriſti mit freudigem Aufthun ſeines Mundes ablegen moͤchte. Daraus man zugleich erkennet, daß dieſer Brief bald nach dem Anfan - ge ſeiner Gefangenſchaft geſchrieben ſeyn muͤſſe. Und da Tychicus dieſen Brief mitgenommen, mit der Commiſſion, den Epheſiern ſeinen Zu - ſtand muͤndlich zu entdecken, Eph. 6, 21. 22. Tychicus aber ſchon in der erſten Gefangenſchaft bey Paulo geweſen, und von dannen nach Phi - lippen mit dem an ſie geſchriebenen Briefe ge - ſchicket worden Phil. 4, 21. 22. ſo ſiehet man wohl, wie getreulich er ſich zu Paulo gehalten habe, und daß er, allem Anſehen nach, auch das letztere mal aus Orient wieder mit ihm nach Rom gegangen ſey.
§. XXXV. Der andere Brief an den Timotheum giebt uns von Pauli letztern Ge - fangenſchaft etwas mehrers an die Hand, nem - lich folgendes:
§. XXXVI. So viel weiß man von dem Le - ben, und darinnen von dem ſo hochgeſegneten Apoſtel-Amte Pauli. Ein der Lateiniſchen Sprache kundiger Leſer findet alle dieſe vom An - fange bis hieher nur kuͤrtzlich entworfene Nach - richt mit mehrern ausgefuͤhret und erlaͤutert in meinem vor 10 Jahren edirten Tractat, genannt Commentatio hiſtorico-hermeneutica de Vita & Epi - ſtolis Pauli.
§. XXXVII. Zum Beſchluß iſt wohl zu mercken, daß wir Europaͤer, und darinnen ſon - derlich wir von der Teutſchen Nation, naͤchſt GOtt, vornehmlich Pauli ſo treulich gefuͤhrten u. von GOtt ſo herrlich geſegneten Apoſtel-Amte es zu dancken haben, daß wir in unſern Vorfahren zur Gemeinſchaft am Evangelio Chriſti gebracht worden. Wie man denn aus den Scribenten des andern Seculi nach CHriſti Geburt, dem Ire - næo L l. c. 3. und Tertulliano im Buche wider die Juͤden, c. 7. gar nachdruͤckliche Zeugniſſen findet von den Kirchen CHriſti in Teutſchland: als welche aus Griechen-Land, Dalmatien und Jtalien, woſelbſt durch Pauli und ſeiner Gehuͤl - fen Dienſt die Kirchen gepflantzet worden waren, allem Anſehen nach ſchon im erſten Seculo das Licht des Evangelii, dafuͤr GOTT ewig gelobet ſey, empfangen haben.
§. I.
PAuli Briefe ſind gewiß ein rechtes Kleinod, und von uns Teutſchen ſo viel hoͤher zu achten, ſo viel ge - wiſſer es wol iſt, daß ihre Mitthei - lung und Ausbreitung ein gar vie - les dazu beygetragen, daß die uralte Teutſche Nation, wie zuvor gedacht, ſchon im erſten und andern Seculo nach CHriſti Geburt, mit dem Lichte des Evangelii iſt beſtrahlet worden. Denn ob es gleich damit noch damals nicht zu einer ſol - chen allgemeinen Bekaͤntniß gekommen, daß das abgoͤttiſche Heydenthum dadurch gar aufgehoͤret haͤtte; welches auch in Orient und anderwaͤrtig nicht ſo fort geſchehen iſt: ſo hat GOtt doch hin und wieder unter den Voͤlckern Teutſchlandes ſeine Kirchlein im verborgnen, obwol nicht ohne Druck und Leiden, gehabt: bis daß in den mittlern Seculis nach und nach zwar eine allge - meine, aber leider ſehr unlautere, Bekaͤntniß, wie ſie das finſtere und aberglaͤubiſche Pabſtthum mit ſich brachte, erfolget iſt.
§. II. Es laſſen ſich aber die Briefe Pau - li, auſſer dem, daß man ſie in die vier groͤſ - ſere, an die Roͤmer, Corinthier und Hebraͤ - er, und in die uͤbrigen zehn kleinere unterſchei - den kan, gar fuͤglich eintheilen in die erſtern, mittlern und letztern. Jn die erſtern, wel - che der Apoſtel vor ſeiner erſten zu Rom gehab - ten Geſangenſchaft geſchrieben. Jn die mitt - lern, welche zu Rom und ſonſt in Jtalien zur Zeit gedachter Captivitaͤt geſtellet worden. Und denn in die letztern, welche er theils auſſer Jta - lien auf der letztern Reiſe, theils zu Rom in den letzten Banden verfertiget hat.
§. III. Die erſtern Briefe ſind dieſe ſechſe: die beyden an die Theſſalonicher, die beyden an die Corinthier, der an die Galater, der doch aber zwiſchen dem erſten und dem andern an die Corinthier zu ſetzen iſt; und denn der an die Roͤmer. Welche ſechs Epiſteln zwiſchen den Jahren 52 und 57. nach CHriſtiGeburt geſchrieben ſind: und zwar drey zu Corinthen, die an die Theſſalonicher, und die an die Roͤmer. Zwo zu Epheſus, die erſte an die Corinthier, und die an die Galater. Eine in Macedonien, die andere an die Co - rinthier. Wie unten bey dieſen Briefen gantz deutlich ſoll gezeiget werden.
§. IV. Die mittlern Briefe, welche der Apoſtel in Jtalien in und nach ſeiner erſten Gefangenſchaft geſchrieben, ſind dieſe viere: der an den Philemonem, und an die Coloſſer, wie auch der an die Philipper und Hebraͤer. Welchen letztern er geſtellt, da er zwar aus den Banden loß war, aber ſich doch noch in Jtalien an einem nicht benannten Orte aufhielte. Sie - he Hebr. 13, 23. 24.
§. V. Die letztern Briefe ſind dieſe viere. Der erſte an den Timotheum, den der Apoſtel, als er von Epheſus nach Macedo - nien gegangen war, von da an ihn zuruͤck ge - ſchrieben. 1 Tim. 1, 3. Der an den Titum, welcher auch aus Macedonien an ihn nach Creta geſand, um gleiche Zeit, nemlich im Jahr CHriſti 65. und denn endlich der an die Ephe - ſier und der andere an den Timotheum, nicht lange vor ſeinem Ende, im Jahr CHriſti 67.
§. VI. Nach dieſer Chronologi ſchen Ord - nung ſolten nun zwar die Pauliniſchen Briefe alſo in der heiligen Bibel nach einander folgen, wie ſie geſchrieben worden: allein man hat viel - mehr erſtlich auf die Groͤſſe, und denn auch darauf geſehen, ob ſie gantzen Gemeinen, oder einzeln Perſonen, zugeeignet worden: und da - her ſtehen die drey, an die Roͤmer und an die Co - rinthier, voran, und folgen die an den Timo - theum, Titum und Philemonem zuletzt: und hinten her endlich die Epiſtel an die Hebraͤer, weil es einigen, da ſie Pauli Namen nicht im Anfange fuͤhret, noch ungewiß geſchienen, ob ſie von ihm herruͤhre. Welches doch aber gewiß ge - nug iſt: wie wir an ſeinem Orte ſehen werden.
B 2§. VII. 12Hiſtoriſche und exegetiſche Einleitung§. VII. Das goͤttliche Anſehen der A - poſtoliſchen Briefe dependirte von der Auctori - taͤt der Apoſtel, und hatte, auſſer der Grund - Veſte der Moſaiſchen und Prophetiſchen Schrif - ten, worauf ſie gerichtet waren, die goͤttliche den Apoſteln am erſten Pfingſt-Feſte des Neuen Teſtaments, und Paulo hernach beſonders er - theilte Salbung des heiligen Geiſtes, nebſt der Gabe und Macht, die Lehre mit Wun - der-Wercken zu bekraͤftigen, zum Grunde. Darum, gleichwie der Apoſtel muͤndlicher Vor - trag dadurch als wahrhaftig und goͤttlich chara - cteriſiret ward; ſo wurden auch nicht weniger ihre Briefe als goͤttliche, oder von GOtt einge - gebene, angeſehen, und mit aller Ehrerbietung angenommen, andern communiciret, abge - ſchrieben und alſo allgemein gemacht, und, ohne deshalb einen allgemeinen Schluß machen zu duͤrfen, fuͤr eine allgemeine Regel des Glaubens und des Lebens erkannt. Denn gleichwie es un - muͤglich war, das von denen gegen das Ende des erſten ſeculi bereits in aller Welt gepflantze - ten, und ſo ſehr weit und breit zerſtreuet lebenden chriſtlichen Gemeinen, woruͤber ein einmuͤthi - ger Schluß gemachet werden konnte: alſo war es in dieſem Stuͤcke, wenn jenes auch moͤglich ge - weſen waͤre, gar nicht noͤthig, ſondern genug, daß ein iegliches Stuͤcke der goͤttlichen Schrif - ten ſich alſo an die Gewiſſen aller Glaubigen le - gitimirete, daß es mit allgemeiner ſubmisſion und Ehrerbietung danckbarlichſt aufgenommen wur - de. Welches gewiß viel ein mehrers iſt, als wenn die auctoritaͤt ſolcher Schriften erſtlich von einem allgemeinen menſchlichen Ausſpruche haͤtte dependiren ſollen. Wie genau alle erſte Chriſten und ihre Lehrer darinnen mit einander uͤbereinſtimmen, daß ſie mehr gedachte Schrif - ten fuͤr eine theure und goͤttliche Beylage angeſe - hen, und ſie fuͤr die unfehlbare Richtſchnur ihres Glaubens und Lebens gehalten, das iſt in ih - ren hinterlaſſenen Schriften mit Vergnuͤgen und Erbauung zu leſen.
§. VIII. Wo die Original - Schriften des Apoſtels und der uͤbrigen heiligen Scribenten geblieben ſind, das laͤſſet ſich nicht ſagen; ſo we - nig als wir ſolche von einem eintzigen aller uͤbri - gen alten Auctorum derſelbigen Zeiten aufweiſen koͤnnen. Und wo ſie auch nur bis in die Zeiten des aberglaubiſchen und abgoͤttiſchen Pabſt - thums uͤbrig geblieben waͤren; was fuͤr Abgoͤt - terey wuͤrde damit nicht getrieben worden ſeyn? Es hat ſich indeſſen die goͤttliche Providentz darin mercklich genug bewieſen, daß die Abſchriften davon mit allem Fleiſſe genommen, (wie man denn uͤberhaupt vor dieſem bis an die Zeit der erfundenen Buchdruckerey im Abſchreiben eine recht groſſe accuration gebrauchet hat) in aller Integritaͤt behalten, fortgepflantzet und auf un - ſere Zeiten, zuvorderſt auf die vor bey nahe drey - hundert Jahren, da die edle Kunſt der Buch - druckerey erfunden worden, in unzehlbarer Menge und in groſſer harmonie gebracht ſind: und das, was wir noch ietzo leſen, alſo in den aͤlteſten Schriften der Kirchen-Lehrer, wenn ſie bald dieſes, bald jenes, aus den heiligen Schrif - ten angefuͤhret haben, zu finden iſt.
§. IX. Damit man aber von Leſung der Pauliniſchen Briefe ſo viel mehrern Nutzen haben moͤge; ſo hat man, was ſonderlich die Materien ſelbſt betrifft, die Haupt-Summe des Vortrages wohl zu mercken. Das vornehm - ſte davon, daß ich es mit Pauli Col. 3, 11. ge - brauchten Worten ausſpreche, iſt wol dieſes: Alles und in allen CHriſtus! Denn nachdem dieſer ihm auf dem Wege nach Damaſcus ein - mal als der wahre Sohn GOttes, der wahre Meßias und Heyland der Welt, war offenbaret worden, da war und blieb er ihm alles in al - len; und da war es ihm ein geringes, ihm ſein gantzes Leben bis in den Martyr-Tod zu ſeinem Dienſte aufzuopfern. Jch bin mit CHriſto gecreutziget, ſchrieb er unter andern Gal. 2, 20. ich lebe aber, doch nun nicht ich, ſondern CHriſtus lebet in mir ꝛc. Und an die Phil. 3, 7. Was mir Gewinn war, das habe ich um CHriſti willen fuͤr Schaden geachtet ꝛc. Und c. 4, 13. Jch vermag alles, durch den, der mich maͤchtig machet, CHriſtum. u. ſ. w.
§. X. Da dem Apoſtel nun CHriſtus alles und in allen war, ſo koͤmmt in ſeinen Briefen nichts haͤufiger vor, als dieſe drey Na - men: der HErr JEſus CHriſtus, oder JEſus CHriſtus, unſer HErr. Denn darauf kam es an, daß der JEſus von Naza - ret, der groſſe Prophet und Wunderthaͤter, ſey CHriſtus, das iſt, der wahre Meßias, und alſo ein ſolcher JEſus, oder Heyland, der dieſen Namen mit der That und Wahrheit fuͤhre, und daß er ſeiner Perſon nach ſey ὁ κύριος, lehovah, der HErr, der groſſe und ewige GOTT, und, da an der wahren menſchlichen Natur nicht gezweifelt werden konte, ϑεάνϑρω - πος, ein wahrer GOtt-Menſch. Weil nun dem Apoſtel das Hertz ſo voll hievon war, ſo ging es auch durch den Mund und durch die Fe - der uͤber: alſo daß er daher den Namen JEſus uͤber zweyhundert mal, den Namen CHriſtus, als den Haupt-Namen, daß JEſus fuͤr den wahren Meßiam erkannt wuͤrde, uͤber vierhun - dert mal, und den Namen HERR, lehovah bey die dreyhundert mal von ihm gebrauchet.
§. XI. Damit nun aber CHriſtus den Glaͤubigen, was er iſt, auch werden moͤchte, das iſt, groß und alles in allen, ſo fuͤhret der Apoſtel nebſt der Lehre von den beyden Natu - ren ſeiner Perſon, der goͤttlichen und menſch - lichen, dergeſtalt auf ſein Mittler-Amt, daß er mit groſſem Nachdrucke zeiget, wie daß er mit ſeinem Verſoͤhnungs-Tode, und uͤbrigen dahin gehoͤrigen Leiden, auch mit ſeinem vollkomme - nen an unſerer ſtatt geleiſteten Gehorſam, uns erloͤſet und ſich zum eigenthuͤmlichen Vol - cke und zu ſeinen Mit-Erben erworben habe, und wir zur ewigen Herrlichkeit erhaben werden ſollen.
§. XII. Und hiezu weiſet er eine ſolche Ordnung an, in welcher wir ſolches groſſen Gutes in Zeit und Ewigkeit koͤnnen recht theil - haftig werden und bleiben; die Ordnung, die da iſt in der Gemeinſchaft mit CHriſto. Denn hierauf treibet der Apoſtel aufs allerfleiſ - ſigſte. Daher er ſich theils gar ſonderbarerWorte13in die Briefe des Apoſtels Pauli. Worte und Redens-Arten, theils auch ge - wiſſer Gleichniſſe bedienet. Und zwar was die Redens-Arten betrifft, ſo gehoͤren dahin ſonder - lich diejenigen, wenn er bey hundert und funf - zig mal die Worte in GOtt, in CHriſto, in dem HErrn gebrauchet, und damit anzeiget, wie wir nicht allein alle Seligkeit von CHriſto haben, ſondern auch in ihm, in der Gemein - ſchaft mit ihm, genieſſen muͤſſen.
§. XIII. Nicht weniger gehoͤren hieher alle diejenigen Oerter, da er von CHriſto und den Glaͤubigen mit nominibus und verbis compo - ſitis redet. Z. E. von der conformi taͤt der Glaͤu - bigen mit dem Stande der Erniedrigung, da es heißt: συμβαϑει῀ν, συγκακοπ αϑει῀ν, mit CHriſto leiden Rom. 8, 17. 2 Tim. 1, 8. συμμορφοῦσϑαι τῷϑανάτῳ τοῦ Χριςοῦ, dem To - de CHriſti gleichfoͤrmig werden Phil. 3, 10. συςαυροῦσϑαι, mit CHriſto gecreutziget werden Roͤm. 6, 6. Gal. 2, 20. σύμφυτον γίνεσϑαι &c. zu gleichem Tode gepflantzet werden Roͤm. 6, 5. συναποϑνήσκειν, mit CHriſto ſterben Roͤm. 6, 8. 2 Tim. 2, 11. συνϑάπτεσϑαι, mit CHriſto begraben wer - den. Roͤm. 6, 4. Col. 2, 12. Siehe auch Roͤm. 6, 3. 2 Cor. 1, 5. c. 4, 10. Gal. 6, 14. 17. Phil. 3, 10.
§. XIV. Alo auch von der Gemeinſchaft mit dem Stande der Erhoͤhung: συζω - οποιει῀σϑαι, mit CHriſto lebendig gemachet werden Eph. 2, 5. Col. 2, 18. συνεγειρεσϑαι, mit CHriſto auferwecket werden und auf - erſtehen Eph. 2, 6. Col. 2, 12. c. 3, 1. Roͤm. 6, 15. συζῆν, mit CHriſto leben Roͤm. 6, 8. σύμμορφον, aͤhnlich werden dem verklaͤr - ten Leibe CHriſti Phil. 3, 21. συνδοξαζεσϑαι, mit zur Herrlichkeit erhaben werden Rom. 8, 17. συγκληρονόμον &c. ein Miterbe ſeyn der Herrlichkeit ibid. συμροασιλεύειν, mit herrſchen 2 Tim. 2, 11. συγκαϑίζεσϑαε ἐν τοι῀ς〈…〉〈…〉 πουρανίοις, mit ins himmliſche Weſen ver - ſetzet werden. Siehe auch 2 Cor. 4, 10. Und uͤberhaupt heißt es von der Gleichfoͤrmigkeit mit CHriſto nach beyden Staͤnden: ſeinem Bilde ſeyn σύμμορφον, aͤhnlich. Conf. Phil. 2, 5. ſeqq. c. 3, 16. 1 Cor. 11, 1. Off. Joh. 1, 9.
§. XV. Die Gleichniſſe, welcher ſich der Apoſtel von der Gemeinſchaft CHriſti und der Glaͤubigen bedienet, ſind das vom Leibe, deſſen Haupte und Gliedern Roͤm. 12, 4. ſeqq. 1 Cor. 12, 4. ſeqq. 27. Eph. 1, 22. 23. c. 4, 4. 12. 15. 16. 25. c. 5, 23. 30. Col. 2, 19. Das vom Gebaͤude, deſſen Grunde, Structur und Bewohnung Rom. 8, 9. 11. 1 Cor. 3, 9. 11. 16. 17. c. 6, 19. 2 Cor. 6, 16. Eph. 2, 19. 20. 21. c. 3, 17. 18. c. 4, 21. Col. 2, 7. 1 Tim. 4, 15. Hebr. 3, 6. Ferner das vom Eheſtande, dar - innen die Vermaͤhlung der Glaͤubigen mit CHriſto vorgeſtellet wird Roͤm. 6, 1-6. 1 Cor. 6, 17. 2 Cor. 11, 2. Eph. 5, 23. 24. 25. ſeqq. 32. Siehe auch die Redensarten von der Pflan - tzung, Einwurtzelung und Einpfropfung in CHriſtum Roͤm. 6, 5. 11, 17. ſeqq. Col. 2, 7. ꝛc. Confer. Joh. 15, 1. ſeqq. §. XIII.
§. XVI. Es iſt aber von dieſer Gemein - ſchaft, der Glaubigen mit CHriſto wohl zumercken, daß ſie in dem ſo hochangeprieſenen Glauben an CHriſtum der Apoſtel fuͤhret auf die beyden aus der Erloͤſung entſtehenden Haupt-Wohlthaten, auf die Rechtfertigung und Heiligung; und alſo lehret, wir wir in CHriſto haben ſollen Gerechtigkeit zur Verge - bung der Suͤnde und zur Unſchuld, um darin - nen, als in einem rechten Ehren-Kleide vor GOtt zu beſtehen; und Staͤrcke, Licht und Kraft am Verſtande und am Willen, und alſo auch allerhand unſchaͤtzbare Heyls-Guͤter, wel - che die Glaubens-Gerechtigkeit und die Staͤrcke, zur Anrichtung des Ebenbildes GOttes in uns, mit ſich fuͤhren.
§. XVII. Und dieſe beyden Stuͤcke, die Rechtfertigung und Heiligung, weiß der Apo - ſtel dergeſtalt genau mit einander zu verbinden, daß darinnen eine recht goͤttliche Weisheit her - vorleuchtet. Denn ſo wenig er dem Menſchen eines theils von eigenen Kraͤften, von eigenem Verdienſte, Ruhm und Wuͤrdigkeit vor GOtt einraͤumet; ſondern ihn dagegen aufs tiefſte her - unter ſetzet, und zur demuͤthigen Erkaͤntniß ſei - nes Elendes bringet: ſo ſehr dringet er auch an - dern theils auf die geiſtliche Salbung, Staͤr - ckung und Beveſtigung, auch Beharrung in der Ordnung der Heiligung. Und demnach gehet alles dahin, daß man moͤge vor GOtt im Glau - ben wandeln vertraulich und heiliglich. Vertraulich und zuverſichtig nach dem Evan - gelio, und heilig aus der Kraft des Evangelii nach dem Geſetz: und folglich weder eines theils dem Fleiſche Raum geben zur Sicherheit im Mißbrauche des Evangelii; noch andern theils mit Hindanſetzung des Evangelii in einem bloß geſetzlichen, aͤngſtlichen, auch Kraft - und Troſt - loſen Weſen einher gehen. Dieſes mit ange - fuͤhrten Oertern zu erweiſen, wird unnoͤthig ſeyn, da es die Leſung aller Briefe ſattſam an die Hand giebet: als da man finden wird, wie daß der Apoſtel in der erſten Helfte faſt aller Epiſteln mit Nachdruck auf die Glaubens-Freudigkeit, in der andern aber auf die Heiligkeit des Le - bens im rechtſchaffnen Wandel vor GOtt und Menſchen gehet. Wer nun gedachte beyde Haupt-Stuͤcke in Pauli Briefen wohl zu unter - ſcheiden, und wohl mit einander zu verbinden weiß; und zwar nicht allein in richtiger Erkaͤnt - niß, ſondern auch und fuͤrnemlich in der ge - treuen und beſtaͤndigen Ubung, und aus eigner Erfahrung davon zu urtheilen vermag, der iſt ein aͤchter und rechter Lehr-Juͤnger Pauli.
§. XVIII. Sonſt iſt von den Paulini - ſchen Briefen auſſer der oben gedachten Einthei - lung noch zu mercken, daß man ſie auch zu unter - ſcheiden hat in die ſchwerern und leichtern. Denn daß in denſelben manches vorkomme, welches geuͤbtere Sinne erfodert, bezeuget auch ſelbſt der Apoſtel Petrus in ſeinem nach den Pau - liniſchen Epiſteln geſchriebenen andern Briefe, wenn er c. 3, 15. 16. ſpricht: Die Geduld un - ſers HErrn achtet fuͤr eure Seligkeit: als auch unſer lieber Bruder Paulus nach der Weisheit, die ihm gegeben iſt, euch ge - ſchrieben hat: wie er auch in allen Brie - fen davon redet: in welchen ſind etlicheB 3Din -14Hiſtoriſche und exegetiſche EinleitungDinge ſchwer zu verſtehen, welche ver - wirren die ungelehrigen und leichtferti - gen, wie auch die andern Schriften, zu ihrem eigen Verdamniß. Da wir denn ſehen, daß Petrus etliche Dinge ſchwer nennet in Pauli Briefen: aber auch dabey ſetzet, wie ungelehrige und leichtfertige Leute damit und mit andern heiligen Schriften umgehen, wie ſie dieſelbe verwirren und verkehren; zu ihrem Fluche, da ſie ihnen zum Segen und zum Heyl gegeben waren, auch gereichen ſolten und konnten. Wovor man ſich alſo wohl zu huͤten hat. Es ſind aber auſſer etlichen faſt in allen Briefen befindlichen Oertern, die ein mehrers Nachden - cken erfordern, ſonderlich zwo unter den vier langen Epiſteln, welche zu ihrer rechten Einſicht ein mehrers Maaß der Erkaͤntniß erfordern; nemlich die an die Roͤmer und an die Hebraͤer. Daher ich mich durch die Gnade GOTTes be - fliſſen, ſie in den dunckelern Stellen in dasje - nige Licht zu ſetzen, welches ſie an ſich ſelbſt ha - ben, aber von vielen nicht erkannt wird.
§. XIX. Der beſte Raht zum rechten Verſtande allenthalben zugelangen, iſt, daß man nicht ohne heilige Furcht und Anrufung GOttes, auch nicht ohne Vorſatz, ſich im Glauben und allem rechtſchaffenen Weſen des Chriſtenthums immer mehr gruͤnden und er - bauen zu laſſen, zum Leſen ſchreite, und unter demſelben mit getreuer Zueignung auf ſich ſelbſt in gehoͤriger Andacht verharre. Zu wel - chem Ende denn, wie leichtlich zu erachten, das Leſen eine Gleichheit mit dem Eſſen haben ſoll: nemlich gleichwie wir, was wir eſſen, nicht nur in den Mund ſtecken, und alſo auf ein - mal ohne zerkaͤuung und ohne Geſchmack hin - unter ſchlucken, ſondern erſtlich in gehoͤrige Stuͤcklein ſchneiden, und denn im Munde mit angenehmen Geſchmack recht zerkaͤuen, und da - mit die deſto leichtere Digeſtion und Verdauung im Magen befordern: alſo muß der epiſtoli - ſche Text, ohne oder mit den Anmerckungen, nicht in der Geſchwindigkeit oben hin geleſen werden; ſondern man hat, nach der zuvorderſt angemerckten richtigen Verbindung und Thei - lung des Contextes, ein Stuͤck, oder einen Spruch nach dem andern etwas langſam und zur rechten Erwegung mit einigem Jnnehal - ten andaͤchtig zu betrachten, auch wol dieſe und jene beſonders wichtige Wahrheit unter ei - nem kurtzen Hertzens-Gebet, gleichſam als eine Seelen-Speiſe recht zu ſchmecken, und alſo auf ſich ſelbſt in rechter application ſich zu Nutze zu machen. Wohl dem, welchen die Pauli - niſchen Briefe, ja die gantze heilige Schrift, alſo ſind wie ein taͤgliches Brod, deſſen man ſo gar nicht uͤberdruͤßig wird, daß es vielmehr heißt: je laͤnger, ie lieber.
§. XX. Nun iſt noch uͤbrig, daß ich das Leben Pauli, nach ſeinen unterſchiedlichen periodis und nach der ſerie, darinen die Briefe nach einander geſchrieben ſind, aufs kuͤrtzeſte in einer chronologi ſchen Tabell e vorſtelle: ſinte - mal davon eine rechte Idee zu haben, den von Luca beſchriebenen Geſchichten Pauli, wie auch ſeinen Epiſteln in vielen Stuͤcken ein groſſesLicht giebet. Und da nebſt dem ſel. Herrn Joh. Caſp. Sandhagen in der Einleitung der be - ruͤhmte Engelaͤndiſche Biſchof, Johannes Pear - ſon, in ſeinen Annalibus Paulims die Ordnung der Zeiten am allerbeſten getroffen, wie ich in ge - nauer eigenen Unterſuchung gefunden habe; ſo habe ich dieſelbe mehren theils behalten: in ei - nem und dem andern Stuͤcke aber bin ich aus gewiſſen Gruͤnden von ihnen abgegangen.
Jnnhalt. Die Roͤmiſche Gemeine, an welche der Apoſtel geſchrie - ben, iſt eine von den erſten auſſerhalb Judaͤa. §. I. Der Ort, da der Brief geſchrieben, iſt Corinthus §. II. Die Zeit, das Jahr Chriſti 57. vier Jahr vor der ver - ſprochenen Ankunft. §. III. Die Veranlaſſung zum Schreiben war vielfach §. IV. Daraus der Jnhalt zu erkennen §. V. Die vornehmſten Materien werden angezeiget §. VI. Ferner wird die Vortreflichkeit dieſes Briefes vorgeſtel - let §. VII. Und werden darauf die ſchwereſten Stellen benennet §. VIII.
§. I.
DJe Chriſtliche Gemeine zu Rom iſt eine von den allerer - ſten und aͤlteſten unter den aus - waͤrtigen. Denn da Paulus im Jahr Chriſti 57. und alſo nach der Auferſtehung Chriſti 24. Jahr an ſie ſchrieb, war ihr gutes Exempel im Glauben und Leben ſchon aller Welt kund worden Rom. 1, 8. 9. er hatte auch ſchon vor laͤngſt ja vor vielen Jahren Rom. 15, 23. ein Verlangen getragen, ſie zu beſu - chen. Wie denn auch ſchon im Jahr Chriſti 52. die Chriſten mit den Juden aus Rom durch ein Edict des Kaͤyſers Claudii, welches aber bald wieder aufgehoben, guten theils vertrieben worden. Act. 18, 2. Und da man keine Spu - ren davon hat, daß dieſe Gemeine ihre erſte Erweckung und Pflantzung von einem Apoſtel gehabt, ſo hat man die Erſtlinge derſelben wol allem anſehen nach unter denen auslaͤndiſchen Juden zu ſuchen, welche nach der Auferſtehung Chriſti nach Jeruſalem gekommen, und durch Petri Predigt bekehret waren. Denn daß dar - unter auch Juden und Juden-Genoſſen aus Rom geweſen, zeiget Lucas ausdruͤcklich an Act. 2, 10. Da nun dieſe nach Rom gekom - men, ſind ſie ein ſolcher geſegneter Sauerteig (Matth. 13, 33.) geworden, der in der juͤdi - ſchen und heydniſchen Nation immer mehr um ſich gegriffen. Auf welche Art der Grund zur Pflantzung der Kirchen noch an viel mehrern auswaͤrtigen Orten geleget iſt. Es iſt auch ver - muthlich, daß bereits unterſchiedliche, welche in den drey vorhergehenden Jahren, da Johannes und Chriſtus im juͤdiſchen Lande das oͤffentliche Lehramt fuͤhreten, von Rom nach Jeruſalem, oder von da nach Rom gereiſet ſind, einen gu - ten Samen des Evangelii mit nach Rom ge - bracht haben.
§. II. Der Ort, wo dieſer Brief ge - ſchrieben, war Corinthus, welches erhellet nicht ſo wol aus dem Beyſatz hinter dem Briefe;als der nur von den Schreibern dazu geſetzet iſt, und hinter einigen Briefen ſeine Richtigkeit nicht hat: ſondern daraus, daß der Apoſtel das Schreiben der Phoͤbe, welche eine chriſtli - che Matrone und Dienerin war der Gemeine zu Kenchrea, da die Stadt Corinthus ihren Hafen hatte, zur Beſtellung mit gegeben hat c. 16, 1. 2: imgleichen daraus, daß er die Roͤmer gruͤſſet von Cajo, ſeinem Wirthe, c. 16, 23. dieſer aber wohnete zu Corinthus, und iſt von Paulo getaufet worden 1 Cor. 1, 14. Und eben dieſes wird noch klaͤrer aus der nachfolgenden Be - trachtung der Zeit, wenn dieſe Epiſtel geſchrie - ben iſt.
§. III. Die Zeit der geſchriebenen E - piſtel iſt das Jahr Chriſti 57. und das dritte Jahr der Regierung des Kaͤyſers Neronis. Nun muß aus der Apoſtel-Geſchicht und aus dem Briefe ſelbſt gezeiget werden, wie wohl ſich dieſe Zeit darauf ſchicket, daß der Brief zu Corinthus geſchrieben ſeyn muͤſſe. Jn dem Briefe bezeuget Paulus, er ſchreibe ihn zu der Zeit, da er von Jernſalem an bis an Jllyri - cum alles mit dem Evangelio erfuͤllet habe c. 15, 19. da die aus dem an Jllyricum grentzen - den Macedonia, und aus Achaja, das iſt zu Co - rinthus, den armen heiligen zu Jeruſalem eine Steuer zuſammen geleget, welche er ihnen ſelbſt uͤberbringen wolle v. 25. 26. 27. 31. Da er, nachdem er in Griechenland nicht mehr Raum habe, wo das Evangelium nicht ſchon geprediget ſey, Verlangen getragen, nach der vollendeten Jeruſalemſchen Reiſe, zu ih - nen nach Rom zu kommen. v. 22. 23. 24. 28. 29. 30. 32. c. 1, 10. 13. Eben dieſe Zeit finden wir in der Apoſtel-Geſchicht nach dem Satze, daß der Brief zu Corinthus im Jahr Chriſti 57 geſchrieben ſey. Denn um dieſe Zeit hatte Paulus ſchon ſeit dem Jahre 51 her das Evan - gelium in Macedonien, auch in Attica und Achaja geprediget, und bereits an die Theſſa -Clonicher18Hiſtoriſche und Exegetiſche Einleitunglonicher und an die Corinthier zween, zuſam - men 4 Briefe geſchrieben, war zum andern mal nach Corinthus gekommen, und ſtunde im Be - griff die Beyſteuer nach Jeruſalem zu bringen, und von da nach Rom zu gehen. Act. 16. 17. 18. 19. ſeqq. Und alſo war der Brief vier Jahre vorher geſchrieben, ehe der Apoſtel nach Rom gekommen.
§. IV. Die Veranlaſſung zu dieſem Briefe iſt mehr als einfach geweſen.
§. V. Der Jnnhalt des Briefes iſt nun aus dieſer vielfachen Veranlaſſung leichtlich zu erkennen, dabey auch ſchon angezeiget: nem - lich Paulus ſetzet den gedachten Jrrungen und Anſtoͤſſen die denſelben abhelfende Lehre und Er - mahnung entgegen, alſo daß er nach dem ge - zeigten Verderben, worinnen Heyden und Ju - den von Ratur, auch durch den Mißbrauch des natuͤrlichen und geoffenbarten Geſetzes liegen, ſie auf die Erloͤſung Chriſti und der durch den Glauben daher zu erlangenden Gerechtigkeit fuͤhret, und darthut, wie ſich dieſelbe in der Heiligung hervorthue; auch was fuͤr ein groſ - ſer Unterſcheid ſey zwiſchen dem Zuſtande unter dem Geſetze und unter der Gnade: und wie die Juͤden an ihrer Verwerfung ſelbſt Schuld waͤ - ren, auch dermaleins wuͤrden wieder zum Glau - ben gelangen und wieder angenommen werden. Darauf er denn in dem vom 12ten Capitel an - gehenden andern Theil des Briefes allerhand Pflichten des thaͤtigen Chriſtenthums ein - ſchaͤrfet, ſonderlich die von der Unterthaͤnigkeit gegen die Obrigkeit, und vom guten Ver - ſtaͤndniß unter einander in dem rechten Gebrauch der Chriſtlichen Freyheit: im uͤbrigen den Roͤmern gewiſſe Hoffnung machet von ſeiner Zu - kunft, vor verfuͤhriſchen Geiſtern warnet, und den Brief ſonderlich mit vielen Gruͤſſen und ei - nem Segens-Wunſche beſchließt.
§. VI. Die vornehmſten Materien, welche vor andern in dieſem Briefe ihren rech - ten Sitz haben, ſind nun aus dieſem nach ange - fuͤhrter vielfachen Veranlaſſung eingerichteten Jnnhalt leichtlich zu erkennen: nemlich folgen - de:
1. Die19in den Brief Pauli an die Roͤmer.§. VII. Die Vortreflichkeit dieſes Briefes erhellet wie aus der Groͤſſe, alſo auch ſonderlich aus der Wichtigkeit der darinnen vorgetragenen Lehren: nicht weniger aus der ſchoͤnen Ordnung und Verbindung, darin - nen ſie mit einander ſtehen: alſo daß, wo ei - ner auch von der Chriſtlichen Religion nichts haͤtte und wuͤſte, als dieſen Brief, denſelben aber nur im goͤttlichen Lichte recht einſaͤhe, er ei - ne gar hinlaͤngliche Erkaͤntniß zur Seligkeit be - faͤſſe. Welche denn ſo viel gruͤndlicher ſeyn kan, ſo vielmehr die Lehren dieſes Briefes aus allen uͤbrigen Schriften des alten und neuen Teſtaments erlaͤutert werden.
§. VIII. Die ſchwereſten Materien und Stellen dieſes Briefes ſind, 1. die im fuͤnf - ten Capitel vom 12 Vers bis aufs Ende von der Vergleichung Adams und Chriſti in Anſehung des Suͤnden-Falls und der Wieder - bringung. 2. die im ſiebenten Capitel vom Stande unter dem Geſetze. Welche Schwie - rigkeit doch mehr aus dem Vorurtheil, daß man dieſen Text von den Wiedergebohrnen verſtanden, herruͤhret, als im Texte ſelbſt be - findlich iſt. 3. Die von der Verwerfung der Juͤden und Annehmung der Heyden c. 9. welche Materien nebſt noch unterſchlichen klei - nen Stellen, die einige Dunckelheit haben, der geliebte Leſer alſo abgehandelt finden wird; daß ihm, wie ich hoffe, keine Schwierigkeit wird uͤbrig bleiben.
Hie finden wir den Eingang, c. 1, 15. die Abhandelung c. 1, 16. -2-15, 1-13. den
Beſchluß c. 15, 14-fin. 16.
Dieſer haͤlt in ſich die Inſcription v. 1-6. den Segens-Wunſch v, 7. die Bezeugung der Apoſtoliſchen beſondern Zuneigung v. 8-15.
Die Inſcription laͤßt ſich nebſt der Salutation in dieſen eintzigen und kurtzen Satz zuſammen faſ - ſen: Paulus, der Apoſtel, wuͤnſchet den glaͤubigen Roͤmern Gnade und Friede von GOtt. Denn alles, was v. 1-6. ſtehet, ge - hoͤret zur Beſchreibung des Apoſtelamts: wie nemlich daſſelbe, nachdem er es von Chriſto em - pfangen v. 1. es mit dem Evangelio von Chriſto zu thun habe: mit dem Evangelio, welches
Die Bezeugung der ſonderbaren Apoſto - liſchen Liebe hat folgende Stuͤcke in ſich:
Dieſe geſchiehet in zweyen Theilen; davon der erſte gehet auf die Lehre mit eingeſtreueten Erinnerungen von den Lebens-Pflichten: c. 1-11. der andere auf das Leben mit eingebrachten Glaubens-Lehren. c. 12-15, 1-13.
C 2Der20Hiſtoriſche und exegetiſche EinleitungDarinn Nach dem Eingange v. 1 ‒ ‒ 15. und nach dem Haupt-Satze von dem Evangeliſchen Wege zur Seligkeit / v. 16. 17. angezeiget wird / daß die Heyden aus dem bloſſen Lichte der Natur zu dieſer Seligkeit ſo viel weniger gelangen koͤnnen / ſo viel mehr ſie daſſelbe zu ihrem Gerichte gemißbrauchet haben.
PAulus (davon ſiehe den Vorbe - richt) ein Knecht (in Anſehung der Treue und des ergebenſten Dienſtes; wie insgemein in ſei - nem Chriſtenthum; ſiehe c. 6, 17. 18. 22. 1 Petr. 2, 16. alſo auch inſonderheit in ſeinem Am - te) JEſu Chriſti (der ihn nicht allein erſchaf - fen, ſondern auch erloͤſet, und alſo zu ſeinem Eigenthum erworben hatte, und bey ſeinem Dienſte der hoͤchſten Freyheit des Geiſtes genieſ - ſen lieſſe: dem Paulus auch ohne alle eitle Men - ſchen-Gefaͤlligkeit aufrichtigſt zu dienen befliſ - ſen war. Gal. 1, 10. Siehe auch Matth. 6, 24.) berufen (von ihm unmittelbar auf dem Wege nach Damaſcus, mitten im Grimm der Ver - folgung gegen die Chriſten Act. 9.) zum Apo - ſtel (Abgeſandten an das menſchliche Geſchlecht; der das prophetiſche Amt Chriſti nebſt andern fortſetzen ſolte; nach dem an die uͤbrige Apoſtel gethanen Ausſpruch: Gleichwie mich der Vater geſandt hat, ſo ſende ich euch Joh. 20, 21. Siehe auch Gal. 1, 1.) ausgeſon - dert (wie ſchon von Mutterleibe an Gal. 1, 15. Jer. 1, 5. alſo inſonderheit zu Antiochia, daß er unter die Heyden gehen ſolte: da es heißt: Sondert mir aus Barnabam und Saulum zu dem Werck, dazu ich ſie berufen habe Act. 13, 2.) zu predigen das Evangelium GOttes (die froͤliche Botſchaft von der Menſch - werdung, Erloͤſung und Seligmachung des Sohnes GOttes: als darinnen der gantze Rath des dreyeinigen GOttes von dem Grun - de und der Ordnung unſers Heyls lieget.
1. Die Haupt-Worte wie in dieſem Ver - ſe, alſo auch in allen uͤbrigen Apoſtoliſchen Briefen, ja in der gantzen heiligen Schrift, ſind dieſe beyde: JEſus CHriſtus, dabey denn auch gemeiniglich das dritte ſtehet, oder auch allein geſetzet iſt, nemlich HERR, Jehovah. Denn da der Sohn GOttes Paulo alles in allen war, ſo war ſein Hertz davon ſo voll, daß von ihm mit Benennung des Namens JEſusChriſtus, unſer HERR, ſein Mund uͤber - gegangen, und ſeine Feder ſo reichlich gezeuget hat. Wie wir denn den Namen JEſus zu 217 mal, den Namen CHriſtus auf dem es ſonder - lich ankam, daß nemlich der JEſus von Nazaret Chriſtus, das iſt, der wahre Meßias ſey, zu 419 mal, und den Namen HErr bey 300 mal allein in den Pauliniſchen Briefen finden.
2. Um den Nachdruck der beyden al - hie befindlichen Namen deſto beſſer einzuſe - hen, ſo iſt davon einmal fuͤr allemal (nemlich alſo, daß man ſich dieſes aller Orten, wo die - ſe Namen vorkommen, vorſtelle) folgendes kuͤrtz - lich zu mercken: und zwar erſtlich von dem Na - men JESUS, daß, da er ein Hebraͤiſcher Name iſt, er zu teutſch ſo viel heißt als ein Hey - land, oder Seligmacher; wie der HErr denn auch daher zum oͤftern mit dem Griechiſchen Worte σωτὴρ Heyland oder Seligmacher be - nennet wird. Es fuͤhret uns demnach das Wort JEſus, nach dem Grunde der wahren Gottheit Chriſti, auf das Mittler-Amt, dadurch er uns das Heyl erworben hat. Apoſt. Geſch. 4, 12. Hebr. 2, 10. bey welchem Mitt - ler-Amte zu mercken
3. Der Name CHriſtus, Hebraͤiſch〈…〉〈…〉 Meßias, Χρισὸς, der Geſalbte, iſt gleichfals ein Amts-Name des Sohnes GOttes, und zwar ein ſolcher, damit ſonderlich auf deſſelben menſchliche Natur geſehen und angezeiget wird, wie dieſe mit aller Fuͤlle der GOttheit in der perſoͤnlichen Vereinigung mit der goͤttlichen Natur, zur gemeinſchaftlichen Ubernehmung und Ausfuͤhrung des Mittler-Amts ohne Maaſſe geſalbet und angethan worden; und zwar zu dem Zweck der Mitſalbung und Mit - theilung an uns. Und alſo ſind dabey gleich - fals folgende drey Puncte wohl zu mercken:
4. Daß JEſus heißt der Heyland und Chriſtus der Geſalbte, das zeiget in der Ap - plication auf uns dasjenige an, welches ſchon an ſich aus eines ieden Worts Nachdruck zu ſchlieſ - ſen iſt, nemlich daß wir zum geiſtlichen und ewi -gen Heyl in keiner andern Ordnung gelangen, als in der Ordnung der Salbung, welche zu - gleich iſt die Ordnung der wahren Bekehrung und Erneuerung.
5. Gleichwie JEſus von CHriſto, und CHriſtus von JEſu der Perſon nach nicht un - terſchieden iſt, ſondern beyde Woͤrter auf eine beſondere Bezeichnung ſeines Mittler-Amts ſe - hen, und deren dadurch bezeichneten Sachen keine ohne die andere iſt, noch ſeyn kan: alſo laſſen ſich auch die beyden von CHriſto herruͤh - rende Haupt-Wohlthaten der Vergebung der Suͤnden, nach welcher er ſonderlich JEſus heißt Matth. 1, 21. Eph. 1, 7. und der Heili - gung, nach welcher wir von dem Namen Chri - ſti Chriſten, geſalbete, heiſſen, nicht von ein - ander trennen. Und gleichwie es hoͤchſt unge - reimt waͤre, wenn man ſagen wolte: ich will JEſum, nicht den CHriſtum, oder CHri - ſtum, nicht aber JEſum: ſo ungereimt iſt es, wenn man wolte die Rechtfertigung, ohne die Heiligung, oder dieſe ohne jene haben.
6. Von dem groſſen Gewichte des Worts Apoſtel, ein Apoſtel, oder Abgeſandter JEſu CHriſti, damit die Anmerckungen alhier nicht zu ſehr gehaͤufet werden, ſehe der Leſer 1 Cor. 9, 1. alwo ſich Paulus mit beſonderm Nachdruck auf ſein Apoſtel-Amt berufet. Jetzo mercke man nur davon die beyden Oerter Joh. 20, 21. Gleichwie mich der Vater geſandt hat, ſo ſende ich euch. Und Luc. 10, 16. Wer euch hoͤret, der hoͤret mich, wer euch verach - tet, der verachtet mich: wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich geſandt hat. Wir haben demnach dieſen Brief und darin alle Worte Pauli, als CHri - ſti ſelbſt eigenen Brief und ſelbſt eigene Worte mit Ehrerbietung anzuſehen, und mit glaͤubiger Folgſamkeit anzunehmen.
7. Da die Sendung des HErrn JESU, oder von ihm, nach der Zeit der Apoſtel mittel - bar iſt, oder er noch allezeit ſolche durch Men - ſchen ſendet, welche das Evangelium GOttes verkuͤndigen; ſo iſt von ihnen wohl zu mercken, daß, wenn ſie als zwar mittelbar, doch als wahr - haftig von JESU geſandte angeſehen und ge - halten werden wollen, ſie ſich auch als Knechte nicht der eitlen Menſchen, oder der Welt und der Suͤnde, ſondern CHriſti, erweiſen muͤſſen, welche ſich durch die berufende und bekehrende Gnade GOttes von der Welt und aller ſuͤndli - chen Gleichſtellung und Gemeinſchaft der Welt abſondern laſſen. Denn allein ſolche ſind recht geſchickt das Evangelium in der Lauterkeit und Kraft zum Segen vorzutragen, und dadurch CHriſtum in den Seelen zu verklaͤren, nach 2 Cor. 3.
8. Da nun das von Paulo verkuͤndigte Evangelium ſonderlich in dieſem Briefe aufs nachdruͤcklichſte und wichtigſte vorgetragen iſt, ſo hat man daſſelbe darinnen begierig zu for - ſchen, es wuͤrdig anzunehmen, und thaͤtig aus - zuuͤben.
9. Dieſes aber iſt die wuͤrdige Anneh - mung, wenn man dadurch, nach dem Exempel Pauli, gruͤndlich veraͤndert und wahrhaftig be -kehret25Cap. 1, v. 1-4. an die Roͤmer. kehret wird, alſo, daß man Erfahrung davon hat.
10. Und dieſes iſt die wuͤrdige und thaͤti - ge Ausuͤbung des Evangelii, wenn man ſich dadurch zu dem GOTT in der Wahrheit zu lei - ſtenden Dienſte erweiſet als einen von dem ver - derbten Welt-Laufe abgeſonderten Knecht, oder als eine getreue, CHriſto allein gewidmete Magd GOttes. Rom. 6, 17. 18. 1 Petr. 2, 16. wodurch ſich die geſchehene Bekehrung characte - riſiren muß.
11. Keiner aber iſt des Evangelii, als einer froͤlichen Botſchaft, und der darinnen liegen - den Gnaden-Kraͤfte und Heyls-Guͤter zu ge - treuer Anwendung faͤhiger, als der ſich derſel - ben unwuͤrdig erkennet, und uͤber ſein ſuͤndliches Verderben recht betruͤbet iſt.
12. Jm uͤbrigen hat der Leſer wohl zu mer - cken, daß, nachdem der Apoſtel des Evangelii gedacht, er v. 2. ſich dabey in parentheſi auf die durch die Propheten vorher geſchehene Verheiſ - ſung deſſelben beziehet, und darauf die erſten Worte des dritten Verſes: Von ſeinem Soh - ne, theils mit den letztern Worten des erſten Verſes: das Evangelium GOttes; theils mit den letztern des vierten Verſes: JESU CHriſti, unſers HErrn, verbindet, und das uͤbrige v. 4 und 5 dergeſtalt darzwiſchen ſetzet, daß er nach der Fuͤlle ſeines geiſtlichen Affects damit die ietzt gedachte Worte gar nachdruͤcklich erlaͤu - tert. Denn auſſer ſolchen parenthetiſchen Er - laͤuterungen heißt es nach dem eigentlichen Zu - ſammenhange alſo: v. 1. abgeſondert zum Ev - angelio GOttes (v. 3) von ſeinem Sohne (v. 4.) JEſu CHriſto, unſerm HERRN. Welche letztere Worte denn auch ihren pareu - thetiſchen Beyſatz im fuͤnften und ſechſten Vers empfangen. Faſſet man nun die ſaͤmtlichen ſie - ben erſten Verſe ohne die parentheſes kurtz zu - ſammen, ſo geben ſie dieſen Satz: Paulus Roma - nis ſalutem in Chriſto dicit plurimam: Paulus wuͤnſchet den Roͤmern Gnade und Friede von GOtt.
Welches (Evangelium) er (der himm - liſche Vater) zuvor (ehe das Gnaden-Reich des Meßiaͤ eingetreten iſt, erſtlich ſo fort nach dem Suͤnden-Fall ſelbſt unmittelbar 1 B. Moſ. 3, 15. und hernach in allen periodis der Zeiten des alten Teſtaments mittelbar verheiſſen hat durch ſeine (von ſeinem Heiligen Geiſte getrie - bene) Propheten, (wie muͤndlich, alſo der da - maligen und nachfolgenden Kirche zum Beſten, vornehmlich ſchriftlich) in der heiligen Schrift (in den heiligen Schriften, oder denen darzu gehoͤrigen und wie in einer gewiſſen Anzahl vor - handenen, u. in der Juͤdiſchen Kirche allezeit hei - liglich bewahreten, alſo auch auſſer allen Zweifel geſetzten und fuͤr goͤttlich erkannten, auch in ſol - chem Anſehen von der Chriſtlichen Kirche ehrer - bietigſt angenommenen Buͤchern.)
1. Der Unterſcheid des Alten und Neuen Teſtaments beſtehet vornehmlich im Unterſchei -de der Verheiſſung und der Erfuͤllung des Evangelii von CHriſto.
2. Von CHriſto zeugen alle Prophe - ten, daß durch ſeinen Namen alle, die an ihn glaͤuben, Vergebung der Suͤnden em - pfahen ſollen. Ap. Geſch. 10, 43.
3. Hat gleich GOTT den heiligen Pro - pheten ſein Wort und ſeinen Willen unmittel - bar inſpiriret; ſo hat er doch durch dieſelbe, und alſo mittelbarer Weiſe mit den Menſchen ge - handelt, alſo, daß dieſe ordentlich nur mittel - barer weiſe bekehret worden ſind.
4. Da wir nun nicht allein der Prophe - ten, ſondern auch der Evangeliſten und Apoſtel Schriften vor uns haben; ſo haben wir uns, ob - ne nach einer unmittelbaren Eingebung zu gaf - fen, derſelben, als eines von GOTT verordne - ten Gnaden-Mittels, zu bedienen, und ſie fuͤr eine unſchaͤtzbare Beylage zu achten.
Von ſeinem von Ewigkeit her von ihm gezeugeten Sohn (Pſalm 2 7. 12. Prov 30, 4. Mich. 5, 2.) der in der Fuͤlle der Zeit Gal. 4, 4. Dan. 9, 24. ſeqq. ) gebohren iſt (wahrer Menſch) von dem Samen Davids (wie ver - heiſſen war 2 Sam. 7, 4. ſeqq. 12, ſeqq. Jeſ. 9, 6. 7. 11, 1. ſeqq. Jer. 23, 5. 6. 33, 15. 16. Sie - he auch Pſ. 78, 69. ſeqq. 89, 4. 5. 20. ſeqq. 132, 1. 17. imgleichen Matth. 1. da des Meßiaͤ Geſchlecht in Anſehung Joſephs durch die Linie Salomonis, und Luc. 3. da es durch die Linie Nathans, Salomonis Bruder, in Anſehung der Mariaͤ, von David hergefuͤhret wird) nach dem Fleiſche (nach der menſchlichen Natur, welche von ihrem ſichtbaren Theile alſo benen - net wird: wie es auch heißt Joh. 1, 14. Das Wort ward Fleiſch und wohnete unter uns. Siehe auch Rom. 9, 5. Hebr. 2, 14. 1 Joh. 4, 2. 2 Joh. v. 7.)
Und kraͤftiglich (durch Wunder-Kraͤf - te, welche die goͤttliche Kraft und Allmacht CHriſti dargethan, da er ſie dergeſtalt aus ei - gener Kraft verrichtet, daß er die wunderthaͤti - ge Gabe auch denen Apoſteln mitgetheilet) er - weiſet (und zur Uberzeugung des Gewiſſens of - fenbaret und dargeſtellet) ein Sohn GOttes (in der Kraft und mit goͤttlichem Nachdruck, und alſo wahrer GOtt und Menſch in einer Perſon durch die Vereinigung der beyden Naturen) nach dem Geiſt, der da (weſentlich heilig iſt, und) heiliget (d. i. nach ſeiner wahren GOtt - heit. Denn wie die Worte nach dem Fleiſche auf die menſchliche Natur gehen; ſo gehen dieſe: nach dem Geiſte der Heiligkeit, auf die goͤtt - liche Natur: wie man denn auch anderwaͤrtig das Wort Geiſt, wenn es von CHriſto gebrau - chet, und dem Fleiſche, oder der menſchlichen Natur, entgegen geſetzet wird, von der goͤttli - chen Natur, nach welcher der Sohn GOttes mit dem Vater und Heiligen Geiſte ein indepen - denter und unendlicher Geiſt iſt, zu verſtehen hat. Siehe 1 Cor. 15, 45. 1 Tim. 3, 16. Hebr. 9, 14. 1 Petr. 3, 18. Die Erlaͤuterung des Wor -Dtes26Erklaͤrung des Briefes Pauli Cap. 1, v. 4. 5. tes ἁγιωσύνης ſiehe Jeſ. 8, 14. Dan. 9, 24. Luc. 1, 35. 1 Joh. 2, 20. u. ſ. w.) ſint der Zeit er auferſtanden iſt von den Todten: Gr. aus der Auferſtehung der Todten (oder, wenn man im Sinne bey dem Worte νεκρῶν die vor - hergehende und hier ausgelaſſene particulam ἐκ ſuppliret, von den Todten; nemlich dadurch, daß CHriſtus aus eigner Kraft nicht allein un - terſchiedliche Todte auferwecket hat, ſondern auch ſelbſt ſiegreich von den Todten auferſtanden iſt, wie er, daß er ſolches thun wolte, zuvor ver - kuͤndiget hat Joh. 2, 19. ſeqq. 10, 18. iſt er, un - ter andern Erweiß-Gruͤnden ſeiner wahren Gottheit, als wahrer GOTT characteriſiret und erkant worden) JEſus (der verheiſſene Heyland und Seligmacher) CHriſtus (der Meßias, oder Geſalbete des HErrn, an wel - chen wir zu glauben, und durch den Glauben an ſeinen Namen das ewige Leben zu empfangen haben Joh. 20, 31.) unſer HErr (der groſſe Jehova, der uns nicht allein erſchaffen, ſondern auch erloͤſet, und alſo zu ſeinem Eigenthum, ih - me allein zu dienen und anzuhangen erworben hat.)
1. Welcher geſtalt dieſe letzten Worte auſ - ſer parentheſi ſtehen, und mit den Worten des dritten Verſes: von ſeinem Sohne, zu ver - binden ſind, iſt zuvor angezeiget worden.
2. Da wir hie ſchon gleich im Anfange bey den ihrem Nachdrucke nach v. 1. ſchon erlaͤuter - ten beyden Haupt-Worten, JEſus CHriſtus, auch das dritte, HErr, unſer HErr, fin - den, ſo iſt davon auch einmal fuͤr alle mal, ſo oft es hernach wieder vorkoͤmmt, folgendes zu mercken:
Durch welchen (als den Grund, das Haupt und den HErrn ſeiner Gemeinde) wir (ich Paulus und die uͤbrige Apoſtel) haben (durch beſondere Berufung, Bekehrung undSalbung) empfangen Gnade (die wir mit allen uͤbrigen wahren Chriſten gemein, und an auſſerordentlichen Gaben in beſonderm Maaſſe haben) und Apoſtel-Amt (welches vor der Welt keine Dignitaͤt und keinen Staat mit ſich fuͤhret, ſo wenig der groſſe Apoſtel, JESUS CHriſtus Hebr. 3, 1. davon an ſich gehabt hat, und ſolchen auf andere, inſonderheit auf den Roͤ - miſchen Biſchoff, ſo viel weniger vererbet hat, ſo viel weniger ſich derſelbe als einen Nachfolger Petri und Pauli legitimiren kan; und ſo viel of - fenbarer es iſt, daß das Apoſtel-Amt mit den er - ſten dazu erwaͤhlten Juͤngern CHriſti aufgehoͤret hat) unter alle Heyden (die von den Juden unterſchiedene Voͤlcker, welche in Vergleichung mit der Kirche GOttes, als einem waſſerreichen und fruchtbaren Garten und Felde, wie duͤrre, wuͤſte und ungebauete und unfruchtbare Heyde anzuſehen ſind, aber auch nach der Eigenſchaft des Meßianiſchen Reichs zum geſegneten Kir - chen-Acker gemachet werden ſollen) den Ge - horſam des Glaubens (einen ſolchen Gehor - ſam, da man in der Ordnung der wahren Her - tzens-Bekehrung, den wahren Glauben an die Verheiſſungen GOttes in ſich wircken laͤſſet, und vermoͤge deſſelben das Evangelium von CHriſto dergeſtalt annimmt, daß man ſich ih - me gantz und gar zum Eigenthum ergiebet und gaͤntzlich aufopfert; alſo, daß ſolcher Gehorſam des Glaubens auch den Gehorſam des Lebens in der taͤglichen Erneuerung mit ſich fuͤhret, und ſich dadurch als aͤcht und recht erweiſet) unter ſeinem Namen (daß wir an CHriſti ſtatt das Evangelium dergeſtalt predigen, als predigte er ſelbſt 2 Cor. 5, 20. und es mit der Verklaͤrung des Namens, oder der Perſon und des Mittler - Amts CHriſti alſo verkuͤndigen, daß der Glau - bens-Gehorſam ſich darauf gruͤnden koͤnne.)
Welcher (Heyden, oder unter welchen) ihr (zu CHriſto bekehrten Roͤmer, nebſt denen bekehrten und unter euch befindlichen Juͤden) auch ſeyd, die da berufen ſind (mit dem ſe - ligen Erfolg, daß ihr die Berufungs-Gnade auch wuͤrcklich angenommen habet) von JEſu CHriſto (der ſich des Dienſtes einiger von ſei - nen Knechten dazu gebrauchet hat, und ſolchen als ſein eignes Werck anſiehet.)
1. Wohl dem, der, nach dem Zeugniß ſei - nes guten Gewiſſens, ſich unter ſolchen folgſa - men Berufenen noch ietzo mit befindet, oder doch noch ietzo in einem ungeheuchelten, und mit ei - nem guten Nach-Satze bekraͤftigten Vorſatze, ſich entſchlieſſet, ohne fernern Aufſchub der Be - rufungs-Gnade Folge zu leiſten.
2. Kein aͤuſſerlicher Beruf, oder Stand und Lebens-Art, iſt GOTT gefaͤllig, es ſey denn, daß er durch Annehmung und wuͤrdigen Ge - brauch der himmliſchen Berufung zum Reiche GOttes wohl geordnet und geheiliget ſey.
Allen, die zu Rom ſind, den Liebſten GOttes (die GOTT nicht allein ſeiner allge - meinen Liebe wuͤrdiget, nach welcher er die gan - tze Welt dergeſtalt geliebet hat, daß er ihr ſeinen Sohn der Liebe zum Heyland geſandt; ſondern die er auch mit der beſondern Liebe umfaſſet, daß er ſie fuͤr ſeine verſoͤhnte und zu Gnaden angenom - mene Kinder erkennet, und vaͤterlich verſorget, zuvorderſt im geiſtlichen) und berufenen (ſiehe dis Wort v. 6.) Heiligen. (Ein ſchoͤnes Ehren - Wort! nicht der von mehrer Zeit her zu Rom gemachten, oder canoniſirten, ſondern durch die heiligende Berufungs-Gnade zubereiteten, ob gleich noch unvollkommenen, doch wahrhafti - gen, Heiligen; welche, nachdem ihnen JEſus zur Gerechtigkeit und Heiligung gemacht, der wuͤrcklichen Heiligung, ohne welche niemand den HERRN ſchauen wird, Hebr. 12, 14. nachja - gen.) Gnade (die euch ſchon reichlich wieder - fahren, nemlich die Gnade der Bekehrung, Rechtfertigung und Heiligung, gratia forenſis & medicinalis) ſey (in einem im̃er reicheren Maſſe) mit (auch in und bey) euch, (alſo, daß ihr aus der Fuͤlle JESU CHriſti nehmet Gnade um Gnade, Joh. 1, 16. eine Gnaden-Kraft nach der andern, in der Ordnung, daß die vorherge - hende Gnade in ihrer getreuen Anwendung die nachfolgende und mehrere nach ſich ziehe: wie denn dem, der da alſo hat, daß er das geſchenck - te wohl bewahret und fruchtbarlich anleget, ge - geben wird, daß er die Fuͤlle habe: Matth. 13, 12. 25, 29. welche Fuͤlle von Petro den Glaͤu -bigen mit dem epiſtoliſchen Gruſſe ausdruͤcklich angewuͤnſchet wird 1 Petr. 1, 2. 2 Petr. 1, 2.) und Friede (als eines der geiſtlichen Haupt - Guͤter, deſſen die glaͤubigen Roͤmer gleichfalls ſchon waren theilhaftig worden, und noch immer reichlicher zu genieſſen hatten: der Friede mit GOTT und in GOTT, deſſen Genuß die zu - vor durch das Gefuͤhl der herrſchenden Suͤnde und der Straf-Gerechtigkeit GOttes ſehr verun - ruhigte Seele in einen ſolchen Stand der ſchon anhebenden wuͤrcklichen Seligkeit ſetzet, daß ſie das Reich GOttes bereits in ſich hat, und auch ſchon ihres zeitlichen Lebens, obgleich mitten un - ter dem Creutze, froh wird; zumal da ſie, nebſt der geſchenckten Glaubens-Gerechtigkeit, auch die Freude im Heiligen Geiſte bey ſich hat. Rom. 14, 17.) von GOTT, unſerm (in CHriſto ver - ſoͤhnten und liebreichen) Vater, und dem HErrn JESU CHriſto, (der uns ſolche Heyls-Guͤter, welche uns der himmliſche Va - ter durch den Heiligen Geiſt reichlich ſchencket, erworben hat.)
Aufs erſte (zuvorderſt) dancke ich (von gantzem Hertzen, in der Theilnehmung an allem Guten) meinem GOTT (wie ich ihn im Glau - ben eigenthuͤmlich erkenne, und mir zueigne, ſei - ner beſondern Gnade auch in allen Stuͤcken ver - ſichert bin) durch JESUM CHriſtum (als durch welchen uns aller geiſtlicher Segen vom Vater in der kraͤftigen Wirckung des Heiligen Geiſtes mitgetheilet wird; durch welchen, als unſern Mittler und Hohen-Prieſter, auch alle Danckſagung GOTT zu bringen iſt; als der ihr durch ſein Verſoͤhn-Opfer den rechten Nach - druck giebet, daß ſie GOTT gefaͤllig ſey. Sie - he 1 Petr. 2, 5. Hebr. 13, 15.) euer aller hal - ben (ſo viel eurer zu GOTT bekehret ſind) daß man von eurem Glauben (wie er ſich in der Bekaͤntniß freudig, in der Liebe thaͤtig, und im Leiden ſtandhaft erweiſet, und alſo ſein Licht vor den Leuten leuchten laͤßt) in aller (ſonderlich dem weitlaͤuftigen Roͤmiſchen Reiche unterwor - fenen, und auch zum theil noch auſſer demſelben ſich erſtreckenden Welt ſaget (vermoͤge der ſich in alle Theile der Welt ausbreitenden Gemein - ſchaft, in welcher dieſelbe der Ober-Herrſchaft und der vielen Gewerbe wegen mit Rom, als ei - ner damals gleichſam klugen Welt, ſtunden, Siehe auch 1 Theſſ. 1, 8.
So lautete es von Rom damals: an ſtatt deſſen, daß man nunmehro ſchon von ſo vielen Seculis her von dem Roͤmiſchen Abfall und Anti - chriſtenthum in aller Welt ſaget.
Denn (dieſes ſetze ich hinzu, um euch zu bezeugen, wie hertzlich meine Danckſagung fuͤr euch ſey) GOTT (der Hertzens-Kuͤndiger, auf welchen ich mich zu eurer deſto mehrern Uberzeu - gung meiner Liebe gegen euch, nach aller Wahr - heit berufen kan) iſt mein Zeuge, welchem ich (mit aller Willigkeit, Lauterkeit und Treue) diene (mich auch daher in der Zuſchrift ſeinen Knecht genennet habe) in meinem Geiſte (und alſo nicht etwa nur aͤuſſerlich mit dem Munde und vor Menſchen, ſondern im Geiſt und in der Wahrheit Joh. 4, 24. alſo, daß alles, was in mir iſt, ihme ergeben iſt) an (dem zuvor v. 1. ſqq. gedachten) Evangelio von ſeinem Sohn, daß ich ohn unterlaß (nicht etwa nur ein und das andere mal, ſondern beſtaͤndig, ſo oft ich mein Hertze im Gebet zu GOTT richte) euer (in Liebe mit vielem Lobe GOTTES) ge - dencke.
Und allezeit in meinem Gebet flehe, ob ſichs (durch die beſondere Providentz GOt - tes, ohne dero gar merckliche Spuren ich nichts in eigener Wahl vornehme) einmal zutragen wolte (in Ereignung ſonderbarer Gelegenheit und Umſtaͤnde) daß ich zu euch kaͤme durch GOttes (darin zu erkennenden) Willen. (Denn ob ich gleich, als ein Apoſtel, die Voll - macht habe, das Evangelium den Heyden allent - halben zu verkuͤndigen: ſo muß ich doch bey der generalen Inſtruction auf die beſondere Fuͤgung und Leitung GOttes ſehen. Siehe Ap. Geſch. 19, 21. Rom. 15, 23. 32. 1 Tim. 3, 10.)
Denn (da ich ſo viel gutes von euch gehoͤ - ret habe, ſo) verlanget mich, euch (nicht ſo wol eurer aͤuſſerlichen Perſonen, als eurer innern geiſtlichen Geſtalt nach, die aus dem aͤuſſerlichen Menſchen, nach der Fuͤlle eures Hertzens, her - vorbricht) zu ſehen (und mich uͤber euch hertz - lich zu freuen) auf daß ich euch, (als ein Schrift-Gelehrter zum Himmelreich gelehrt, Matth. 13, 52. aus der mir anvertrauten theuren Beylage des Evangelii, ſiehe Epheſ. 3, 3. 4. 7. 8. 9. 10. ) mittheile etwas geiſtlicher Gabe (deren Art dieſe iſt, daß ie mehr man davon mit - theilet, ie mehr man ſelbſt behaͤlt) euch zu ſtaͤr - cken (ſintemal bey dieſer Unvollkommenheit kein Menſch es im Stande der Gnaden ſo weit brin - get, daß er nicht noch immer zunehmen duͤrfte,[u]nd noch mehrere Staͤrckung wider allerhand Anfaͤlle und Verſuchungen gebrauchte. Siehe unten cap. 15, 29.)
Wenn fromme Chriſten einander beſuchen, es ſey in der Naͤhe, oder Ferne, ſo haben ſie zwar die Freyheit, bey gegebener Gelegenheit auch von allerhand im menſchlichen Leben vor - kommenden Dingen zu reden: allein ſie thun dieſes nicht allein in der Furcht GOttes, mit Verhuͤtung aller Ausſchweifung und Zerſtreu - ung; ſondern ſie laſſen ihre Zuſammenkunft auch ſonderlich auf die gemeinſchaftliche Auf - munterung und Staͤrckung im Guten gerichtet ſeyn. Und dieſes iſt inſonderheit die Pflicht der Lehrer, wenn ſie einigen von ihren Zuhoͤrern zu - ſprechen. Eine noͤthige Erinnerung wider die[e]iteln und vereitelnden Viſiten.
Das iſt, daß ich (in unſerm gemeinſchaft - lichen Leiden) ſamt euch getroͤſtet (und erqui - cket) wuͤrde, (Roͤm. 15, 32. und zwar ich) durch euren, und (ihr durch) meinen Glauben, den wir unter einander haben, (zum gewiſſen Zeugniß, daß wir alle von einem Geiſte des Glaubens regiret werden. Siehe auch Eph. 4, 5. 13. 2 Petr. 1, 1.)
Es iſt eine groſſe Glaubens-Staͤrckung, wenn fromme Seelen, ſonderlich aus der Fer - ne, mit einander bekannt werden, und an ſich unter einander ſo bald die geiſtliche Gemein - ſchaft des Sinnes gewahr werden. Es iſt aber dieſes, daß alle rechtſchaffene Chriſten, ohne ſich unter einander vorher zu kennen und beredet zu haben, in ſolcher harmonie ſtehen, ein gewiſſer character von der goͤttlichen Wahrheit der chriſt - lichen und evangeliſchen Religion: als deren Grund-Lehren von der Beſchaffenheit ſind, daß ſie das Vermoͤgen haben, alle Glieder am geiſt -lichen Leibe CHriſti, zu allen Zeiten und an al - len Orten, unter allerhand Umſtaͤnden, zu ei - ner ſolchen genauen Ubereinſtimmung zu brin - gen, und ſie darinnen zu erhalten.
Jch will euch aber (um anzuzeigen, war - um mein ſo ſehnliches Verlangen, euch zu ſchen, bisher noch nicht ins Werck gerichtet werden koͤnnen) nicht verhalten, (daß ich es bey dem bloſſen Verlangen nicht gelaſſen, ſondern daß ich auch bey dieſer und jener anſcheinenden Gele - genheit) mir oft habe vorgeſetzet, zu euch zu kommen, bin aber verhindert bisher, (wie theils vom Satan, nach 1 Theſſ. 2, 18. alſo auch von andern Gemeinden, Roͤm. 15, 19. ſqq. 2 Cor. 11, 28. davon ich noch nicht abkommen koͤnnen, die mich auch noch ietzo zuruͤcke halten; und dabey von GOTT ſelbſt, deſſen gnaͤdige Providentz in Anſehung des Guten und des Boͤ - ſen ich darunter auf eine unterſchiedene Art er - kenne und venerire) daß ich auch unter euch (zu noch mehrerer Ausbreitung des Reichs CHriſti) Frucht ſchaffete, gleichwie unter andern Heyden, (ſintemal ich durch GOttes Gnade von Jeruſalem an und umher, bis Jlly - ricum, alles mit dem Evangelio CHriſti erfuͤl - let habe. c. 15, 19.)
Jch bin (vermoͤge meines von GOtt em -D 3pfan -30Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 1, 14-16. pfangenen Berufs zum Apoſtel-Amt, 1 Cor. 9, 16. ſeqq. und vermoͤge der mich alſo dringenden Liebe GOttes, daß ich mich iederman zum Knecht mache, 1 Cor. 9, 19. 2 Cor. 5, 14.) ein Schulde - ner beyde der Griechen und der Ungriechen, (der von den Griechen, unter welchen ich mich ietzo aufhalte, unterſchiedenen Voͤlcker, und unter ihnen, den Griechen und andern Natio - nen,) beyde der Weiſen (die ſolches nach dem bloſſen Lichte der Natur ſind) und der Unwei - ſen (welche vor andern noch in mehrer Blind - heit dahin gehen, und mit jenen von dem wah - ren Lichte und Reiche GOttes gantz entfernet ſind.)
1. Ein oͤffentlicher Lehrer muß, nebſt der Gnade und Kraft der Heiligung, billig auch ein ſolches Maaß der Erkaͤntniß haben, daß er nicht allein die Unweiſen, ſondern auch die Weiſen unterrichten und weiter fuͤhren, und ſonderlich daß er die, welche ſich in falſcher Weisheit auf - blehen, von ihrer Thorheit vor GOtt im Ge - wiſſen uͤberzeugen, und zur wahren Weisheit leiten koͤnne.
2. Die wahre Weisheit iſt allein im Worte GOttes, im Worte des Geſetzes und des Evangelii. Wer dieſer uͤbernatuͤrlichen Weisheit ermangelt, der pfleget auch die na - tuͤrliche nicht recht zu gebrauchen, ſondern da - von nur den bloſſen Namen zu haben: wie an den Philoſophis dergleichen, auf welche Paulus ſonderlich ſiehet, zu erkennen iſt.
Darum, ſo viel (auſſer den gedachten Verhinderungen) an mir iſt, bin ich geneigt (und bereit) auch euch zu Rom (zu eurer meh - rern Beveſtigung) das Evangelium (den gan - tzen Rath GOttes von dem Grunde und der Ordnung unſers Heyls, wozu auch das Geſetz GOttes mit gehoͤret, insgemein und beſonders, wie mit gehoͤrigem Vortrage, mit Lehren, Er - mahnen und Troͤſten, alſo auch mit noͤthiger Application auf eines ieden Seelen-Zuſtand) zu predigen (wie es die rechte Theilung des Worts mit ſich bringet, und hernach, als Pau - lus endlich nach Rom gekommen, auch in den Banden ſelbſt geſchehen iſt. Ap. Geſch. 28, 31.)
Denn (obwol das Evangelium von CHri - ſto, dem gecreutzigten Welt-Heylande, den Juden ein Aergerniß und den Griechen, auch den uͤbrigen Voͤlckern, eine Thorheit iſt, und wol ſonderlich in dem praͤchtigen und ſtoltzen Rom dafuͤr angeſehen wird, und uͤberhaupt daſ - ſelbe unſrer hoffaͤrtigen Natur nicht anſtehet; ſo) ſchaͤme ich mich doch des Evangelii von CHriſto (ſo gar) nicht, (daß ich es mir vielmehr fuͤr eine groſſe Ehre achte, deſſen Botſchafter zu heiſſen, und ſonderlich deſſelben ſelbſt theil - haftig geworden zu ſeyn: gleichwie auch die uͤbri - gen Apoſtel ſich gefreuet haben, daß ſie gewuͤr - diget worden, um des Namens CHriſti willen Schmach zu leiden. Ap. Geſch. 5, 41.) Denn(die Urſache davon anzuzeigen) es iſt eine Kraft GOttes, (eine dergeſtalt kraͤftig wirckende gna - denreiche Lehre) die da (nicht nur eine bewegli - che Anweiſung giebt, ſondern auch) ſelig ma - chet (aus dem groſſen Suͤnden-Elende in den Stand der wuͤrcklichen Seligkeit verſetzet, zu - voͤrderſt noch alhier im Reiche der Gnaden, al - wo man aller Heyls-Guͤter reichlich zu genieſſen hat, und hernach, der vollkommenen Vollen - dung nach, im Reiche der ewigen Herrlichkeit) alle, die daran glauben (παντὶ τῷ πιςεύοντι, einem ieden, der in der Ordnung der Bekehrung es glaubig auf - und annimmt, oder ſich zum Gehorſam des Glaubens bringen laͤßt) die Ju - den fuͤrnemlich (zuvorderſt; ſintemal CHri - ſtus ihnen zuerſt verkuͤndiget worden, Matth. 15, 24. Luc. 24, 47. Roͤm. 15, 8. ſeqq. ) und auch die Griechen (nebſt andern Nationen der Un - griechen. Matth. 28, 19. Ap. Geſch. 13, 46.)
Sintemal darinnen offenbaret (deut - lich, und ohne Vorbilder in der Erfuͤllung vor - getragen) wird die Gerechtigkeit, die vor GOtt gilt (und daher alhier die Gerechtigkeit GOttes, die er ſchencket, nicht unſer, die wir an uns haͤtten, genennet wird, weil GOTT allein darauf zu unſerer Verſoͤhnung ſiehet, und ſie als guͤltig annimmt und uns zurechnet: das iſt, die uns von CHriſto erworbene Gerechtig - keit, Jeſ. 45, 25. c. 53, 11. Jer. 23, 5. 6. c. 33, 14. 15. Roͤm. 3, 21. 22. 26. c. 10, 3. Phil. 3, 9.) welche koͤmmt aus Glauben in Glauben (die Gerechtigkeit aus dem Glauben, das iſt die Glaubens-Gerechtigkeit, welche in ſo fern aus dem Glauben koͤmmt, als ſie durch den Glauben ergriffen und dem Glauben oder Glaͤu - bigen, zugerechnet wird; Roͤm. 3, 22. 26. 28. 30. c. 4, 3. 5. 6. 11. 13. 16. Dieſe Glaubens - Gerechtigkeit wird im Evangelio vor - und ange - tragen, als eine ſolche, die aus dem Glauben koͤmmt: wozu denn? εἰς πίςιν, in Glauben, oder zum Glauben, denſelben in dem Hertzen der Menſchen anzuzuͤnden, und ſie glaubig zu ergreifen:) gleichwie (im Propheten Habacuc c. 2, 4.) geſchrieben ſtehet: der Gerechte wird ſeines Glaubens leben (er wird durch den Glauben, darinnen er ſchon das geiſtliche Leben zum Unterpfande des ewigen Lebens hat, das ewige Leben haben: wie es unter andern auch Joh. 3, 16. heißt: oder, wie es nach dem Hebraͤiſchen Grund-Texte, darinnen der Bey - ſatz ἐκ πίςεως zum ſubjecto gehoͤret, gegeben werden muß: der Gerechte aus dem Glau - ben, das iſt, der Glaubens-Gerechte, wird leben, wie alhier nach dem geiſtlichen Leben im Reiche der Gnaden; alſo dort nach dem ewigen im Reiche der Herrlichkeit. Nach welcher con - ſtruction dieſe Worte: der Gerechte aus dem Glauben, oder der Glaubens-Gerechte, der Grund ſind, warum der Apoſtel ſich vorher eben dieſer Redensart in abſtracto bedienet, und geſaget hat: δικαιοσύνη ἐκ πίςεως, die Ge - rechtigkeit aus dem Glauben, oder die Glaubens-Gerechtigkeit, wird im Evange - lio offenbaret zum Glauben, um ſich durch ſolche geoffenbarete Verheiſſungen zum Glauben bringen zu laſſen. Siehe auch Gal. 3, 11. Hebr. 10, 38.)
1. Der geliebte Leſer hat wohl zu mercken, daß in dieſen beyden Verſen, dem 16ten und 17ten, wie der Kern des Evangelii und der gan - tzen Evangeliſchen Religion, alſo auch der Haupt - Satz und die vornehmſte Lehre dieſes gantzen Briefes lieget: ſintemal daraus, als aus einem Mittel-Puncte, alle uͤbrige Lehren hergeleitet und wieder dahinein gefuͤhret werden koͤnnen.
2. Man hat mit dieſen beyden Verſen wohl zuſammen zu halten das, was wir cap. 3, 21. u. ſ. w. leſen: als woſelbſt Paulus wieder auf eben dieſe Haupt-Materie koͤmmt, und ſie mit mehrern abhandelt; nach dem er vorher c. 1. und 2. von den Heyden und Juden erwieſen hat, daß ſie auſſer CHriſto und ſeinem Evangelio nichts haben, womit ſie vor GOtt beſtehen koͤn - nen, ſondern mit einander dem gerechten Ge - richte GOttes zur Verdammniß von Natur un - terworfen ſind.
3. Was fuͤr ein Nachdruck in dem Worte Evangelium, oder froͤliche Botſchaft von der Gnade GOttes liege, laͤßt ſich wol nicht beſſer vorſtellen, als unter dem Bilde eines De - linquenten, der nach ſchon geſprochenem Todes - Urtheil zur execution hingefuͤhret wird, an der Staͤte aber, da ſie vollzogen werden ſoll, von iemanden, der von der hohen Landes-Obrigkeit dazu beordert iſt, gantz unvermuthet hoͤret, das einzige Wort: Gnade! Gnade! ihm entge - gen rufen. Auf welche Anmerckung mich die Begebenheit fuͤhret, da dieſes vor vielen Jah - ren in Berlin zween Dieben unter dem Galgen wiederfahren: und zwar vor meinem Geſichte und meinen Ohren, da ich ſie, als damaliger Paſtor daſelbſt, nach der an mich gekommenen Ordnung, zum Tode zuzubereiten hatte, und alſo, nebſt noch einem andern Prediger, mit ih - nen gegangen war.
4. Die Worte ἐκ πίςεως εἰς πίςιν, aus Glauben in Glauben, laſſen ſich auch gar fuͤglich alſo erklaͤren, daß damit der beſtaͤtigte Wachsthum und Fortgang des Glaubens von einer Kraft zur andern angezeiget werde: gleich - wie es Pſ. 84, 8. von den Glaͤubigen heißt, daß ſie gehen〈…〉〈…〉, von einer Kraft zur andern, und 2 Cor. 3, 18. daß ſie kommen ἀπὸ δόξης εις δόξαν, von einer Klarheit zur andern. Wiewol die vorher gegebene Erklaͤ - rung mehr mit dem Orte des Propheten Haba - cucs uͤberein koͤmmt: als darinnen die Worte ὁ δίκαιος ἐκ πίςεως zum ſubjecto gehoͤren, und den Glaubens-Gerechten anzeigen: daher man die vorhergehende Worte δικαιοσύνη ἐκ πίςεως auch billig alſo von der Glaubens-Gerechtigkeit nimmt: wie ſich denn auch das verbum ἀπο - καλύπτεται zu dieſem Verſtande beſſer ſchicket.
Denn der Zorn (die zur execution der Strafe ſchreitende richterliche Gerechtigkeit) GOttes vom Himmel (von dannen er auf dem Berge Sinai in der muͤndlichen promulga - tion des Geſetzes ehemals mit groſſem Nachdruck, hernach auch in ſo vielen Straf-Exempeln bezeu - get iſt, und am juͤngſten Gerichte dermaleins am maͤchtigſten wird bezeuget werden) wird offenbaret (in dem geſchriebenen Geſetze, und gehet nach demſelben, ja auch ſelbſt ſchon nach dem Geſetze der Natur nach c. 1, 32. 2, 14. Coll. 3, 20. 21. 4, 15.) uͤber alles gottloſe Weſen (ſo da beſtehet in der aͤuſſerſten geiſtli - chen corruption der gantzen Natur des Men - ſchen, oder in der Erb-Suͤnde, welche ſich im Un - glauben und in allen wider GOtt ſtreitendenund32Erklaͤrung des Briefes Pauli Cap. 1, 18-20. und herrſchenden boͤſen Luͤſten, hervorthut) und Ungerechtigkeit (als Suͤnden wider die an - dere Tafel des Geſetzes GOttes, welche aus dem gottloſen Weſen, oder aus den Suͤnden wider die erſte Tafel, entſtehen) der (unbe - kehrten) Menſchen (uͤberhaupt) die die (nach dem Lichte der Natur und noch vielmehr nach dem geoffenbahrten Geſetze zu erkennende und auch wuͤrcklich erkannte) Wahrheit (von der Be - dienung und Verehrung GOttes, auch von den Pflichten gegen uns ſelbſt und unſern Naͤchſten) in ungerechtigkeit (in der Verunehrung GOTTes und in allen uͤbrigen herrſchenden Suͤnden wider ihr Gewiſſen dergeſtalt) auf - halten (daß ſie darunter gantz unkraͤftig und erſticket, und gleichſam gefangen gehalten wird.
1. Gottloſes Weſen wider die erſte Tafel, und Ungerechtigkeit wider die ande - re ſind mit einander verknuͤpfet wie eine Wur - tzel ſamt dem Stamme mit den Aeſten oder Zancken und Fruͤchten an einem Baume.
2. Weil die Gottloſigkeit eine Quelle iſt alles ungerechten Weſens, ſo wider uns ſelbſt und wider andere Menſchen ausgeuͤ - bet wird; dieſelbe aber in der Atheiſterey auf die groͤſte Art lieget; ſo iſt leicht zu erachten, daß die Atheiſterey nicht erſt zufaͤlliger Weiſe und durch ihren bloſſen Mißbrauch (wie etliche falſche Philoſophi, die ihr das Wort reden, vor - geben) ſondern von ſich ſelbſt ſchon einen Ein - fluß zu aller Ungerechtigkeit und zu allen La - ſtern gebe; in ſo fern ſie davon durch Furcht der obrigkeitlichen Straſe nicht zuruͤck gehalten wird.
Denn (zu zeigen, warum ſolche die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhaltende Leute, und unter ihnen auch ſonderlich die Heyden, die das geſchriebene Geſetz GOttes nicht haben, den Zorn GOTTes vom Himmel auf ſich ziehen, ſintemal es ihnen doch nicht fehlet an der na - tuͤrlichen Erkaͤntniß GOttes: denn) daß man weiß, daß ein GOtt ſey (und was von ihm ſich natuͤrlicher Weiſe erkennet laͤſſet, oder die Erkaͤntniß GOttes, der Eindruck, daß ein GOtt iſt, dem man zu dienen habe) iſt ihnen (ἐν ἀυτοι῀ς, in ihnen in ihrem Gewiſſen und noch vielmehr unter ihnen, ihrer Bekentniß nach) offenbar (eine gantz klare und unleugbare Sa - che, davon ſie gnugſam uͤberzeuget ſind, davon ſie auch reden und ſchreiben.) Denn GOtt hat es ihnen offenbaret (wie durch das ihnen ins Hertz geſchriebene Natur-Geſetze c. 2, 14. 15. alſo auch aͤuſſerlich durch die Geſchoͤpfe, durch welche ſich GOtt, als den Schoͤpfer und ihren Herrn, dem ſie zu dienen verbunden ſind, ihnen zu erkennen giebet. Act. XIV, 15. ſeq. 17, 24. 26.
1. Das alleredelſte Theil des natuͤrlichen Lichts beſtehet in der Theologia naturali, odernatuͤrlichen Erkaͤntniß von der Exiſtentz, dem Weſen und den Wercken GOttes: und alſo iſt das Natur-Licht auch noch nach dem Suͤn - den-Fall nicht gering zu achten, ob es gleich zur Seligkeit nicht hinlaͤnglich iſt.
2. Es muß einer entweder ein Unmenſch ſeyn, der ſeiner Vernunft und des natuͤrlichen Lichts beraubet, und im Gewiſſen gantz fuͤhlloß worden iſt, oder einen wahren GOTT, wie er auch natuͤrlicher Weiſe erkant werden kan, erkennen und bekennen.
3. Weil die Atheiſten GOtt nicht allein in der That, ſondern auch mit Worten ver - leugnen, ſo ſind ſie in dieſem Stuͤcke keines weges kluge und verſtaͤndige Leute, ſondern rechte Unmenſchen, welche mit dem in ſich aus - geloͤſchten, oder untergedruckten Lichte der Na - tur in ſo weit gleichſam die menſchliche Natur ausgezogen haben, und die allergroͤſſeſten Nar - ren auch die allerelendeſten Leute unter der Son - nen ſind.
Damit, daß (denn) GOttes unſicht - bares Weſen, das iſt, ſeine ewige Kraft und Gottheit (goͤttliche Herrlichkeit, welche nebſt der goͤttlichen Kraft alle uͤbrige alhier nicht ge - nennete Eigenſchaften des unſichtbaren goͤttli - chen Weſens in ſich faſſet) wird erſehen, ſo man des wahr nimmt an den Wercken, nemlich an der Schoͤpfung der Welt (und alſo auch zugleich von der Zeit her, da die Welt erſchaffen iſt, und an allen ihren Theilen und Coͤrpern, die von ſich ſelbſt und von ohngefaͤhr nicht koͤnnen entſtanden ſeyn, uns von ſich auf ihren unſichtbaren Urheber, der ſie nach ſeiner Allmacht, und uͤbrigen Eigenſchaften ſeiner Gottheit, ſonderlich der Weisheit und Liebe alſo zubereitet, in ſolche Ordnung geſetzet und mit ſolchen Kraͤften und Wirckungen begabet hat, zuruͤck weiſet:) alſo (daher denn von ſich ſelbſt erfolget,) daß ſie (bey ihrem Gottloſen Weſen und bey ihrer Ungerechtigkeit, damit ſie GOtt in der That verleugnen) keine Ent - ſchuldigung haben (wenn der wider ſie ge - offenbahrete und genugſam declarirte Zorn GOttes am Tage des Gerichts wider ſie ent - brennen, oder zur execution der wohl verdien - ten Strafe ſchreiten wird: wie ſich ſonſt die Menſchen nach ihrer Unart gern zu entſchuldi - gen und zu rechtfertigen, ja die Schuld wol gar von ſich auf GOtt zu legen pflegen. Siehe auch Jeſ. 60, 26.)
1. Es kan dieſer 20. V. zu deſto mehrern Deutlichkeit in folgende Saͤtze zerleget werden.
2. Der Beweis-Grund, den man fuͤr die Exiſtentz GOttes ab effectu ad cauſſam, von den Geſchoͤpfen auf den Schoͤpfer, als Urheber, machet, iſt der richtigſte und begreiflichſte: ſintemal gar keine Nothwendigkeit iſt, daß die Geſchoͤpfe eben alſo haͤtten ſeyn muͤſſen, wie ſie ſind, und es unmuͤglich iſt, daß ſie in ihrer contin - gentz haͤtten von ſich ſelbſt entſtehen und ſich ſelbſt ſo weislich bilden und ordnen koͤnnen; als auf welche Art ſie geweſen waͤren, ehe ſie geweſen, welches contradictoriſch iſt.
3. Die in und mit der Zeit geſchehene Schoͤpfung iſt zwar ein Glaubens-Articul; ſo wol an ſich ſelbſt, in dem ſich die Art und Weiſe mit der Vernunft nicht begreifen laͤſſet; als auch ſonderlich was die davon geoffenbahrete Umſtaͤnde betrift, alſo daß wir billig mit Pau - lo Hebr. 11, 3. ſagen muͤſſen: Durch den Glauben mercken wir, daß die Welt durch GOttes Wort fertig iſt, daß alles, was man ſiehet, aus nichts worden: Allein gleichwie die Lehre von dem einigen und aller - hoͤchſten unendlichen Weſen GOttes auch ein geoffenbahrter Glaubens-Articul iſt, aber nichts deſtoweniger auch guten theils aus dem Lichte der Natur erkant wird, und zur Theo - logia naturali gehoͤret: alſo ſtehet es auch um das Werck der Schoͤpfung, daß es zwar eine Glaubens-Lehre iſt, aber doch auch aus dem Natur-Lichte zu erkennen ſtehet. Aus welchem Grunde denn auch Paulus ſich dieſes Erweiſes gegen die Heyden bedienet.
4. Der Welt eine Ewigkeit zuſchreiben, iſt ſeine Atheiſterey verrathen, oder doch eines von den Haupt-Saͤtzen der Atheiſten haben.
5. Die Welt fuͤr ewig und doch fuͤr er - ſchaffen halten, iſt contradictoriſch; wenn man anders eine wahre Schoͤpfung ſtatuiret, und die Welt nicht gleichſam fuͤr ein Attributum GOttes halten, oder durch die creation eine weſentliche emanation verſtehen, und zum Deiſmo oder Spinoſiſmo fuͤhren will.
6. Was die Erkaͤntniß des unſichtbaren Weſens GOttes aus der Schoͤpfung und aus den Geſchoͤpfen betrift; ſo iſt der Schluß dieſer: Man ſiehet, daß das Werck der Schoͤpfung mit den Geſchoͤpfen wie mit hoͤchſter Weisheit, alſo auch mit einem freyen und maͤchtigen Wil - len muͤſſe ſo und ſo geordnet ſeyn. Nun aber lehret es die Vernunft nebſt der Erfahrung, daß keine coͤrperliche Subſtantz, ſie ſey auch noch ſo edel und ſo groß, eine Weisheit oder einen Ver - ſtand und freyen Willen beſitzet. Dannen - hero ſchlieſſet man daraus gar richtig, daß GOtt, als der Urheber der Welt, muͤſſe einen unendlich weiſen Verſtand, und einen freyen und all - maͤchtigen Willen haben, und folglich ein unſichtbares hoͤchſtes Weſen ſeyn. Und in die - ſem Schluſſe wird man nicht wenig bekraͤftiget, wenn man auf ſich ſelbſt, und ſonderlich auf ſei - ne Seele ſiehet. Denn da findet man in ſich aus eigener Erfahrung, daß ſie ein ſolches geiſt -liches oder unſichtbaͤres Weſen iſt, welches ei - nen Verſtand und einen freyen, auch kraͤfti - gen willen hat. Da nun der Menſch eines der Geſchoͤpfe GOttes iſt, und zwar der See - len nach viel edler, als alle bloß ſichtbare Crea - turen: ſo kan er nicht anders, als daraus dieſen Schluß ziehen, daß GOtt, als der Urheber des Menſchen, noch vielmehr ein unſichtbares We - ſen, oder ein in ſeiner Unſichtbarkeit und allen Eigenſchaften unendliches Weſen ſeyn muͤſſe.
Sie koͤnnen freylich keine Entſchuldigung haben, dieweil ſie (gedachter maſſen auch aus dem Lichte der Natur) wuſten, daß ein GOtt iſt (den man zu verehren habe) und haben (zwar von ihm die Idee von einem uͤber alles erhabenen Weſen behalten) ihn (aber) nicht ge - preiſet) mit der wahren Anbetung, und mit gehoͤrigem Dienſte verherrlichet) als einen GOtt, noch (ihme fuͤr Schoͤpfung, Erhal - tung und andere Wohlthaten) gedancket, ſon - dern ſind in ihrem Tichten (in ihren Ge - dancken, Erfindungen und Schluͤſſen von GOtt und dem ihm zukommenden Dienſte, oder der natuͤrlichen Religion) eitel worden (auf lau - ter thoͤrichte, abgeſchmackte Dinge verfallen) und ihr (ſolcher Geſtalt an ſich ſelbſt ſchon ſehr) unverſtaͤndigs Hertz iſt (daher noch immer mehr) verfinſtert (ſintemal von dem, der da nicht hat, oder der das, was er hat, nicht recht anleget, und alſo thut, als haͤtte er es nicht, auch das, was er hatte, genommen wird Matth. 13, 12.)
1. Die richtige Lehre von GOtt und ſei - nem Dienſte, ſo viel das Licht der Natur davon erreichet, gehoͤret zum Grunde eines richtigen ſyſtematis der natuͤrlichen Weisheit, oder Phi - loſophie.
2. Darum wer in beſagter Lehre falſche Saͤtze hat, oder, was er darinnen noch etwa wahres erkennet, in der That ſelbſt aus den Au - gen ſetzet, der verfaͤllt auf lauter Fuͤrwitz und Kluͤgeley, und durch dieſe mit ſeinem vereitel - ten und verfinſterten Hertzen auf lauter thoͤrichte Dinge; zumal wenn er ein Philoſophus iſt, und den Ruhm von der Erfindung oder Ausſchmuͤ - ckung eines neuen Syſtematis ſuchet.
Da ſie (und unter ihnen ſonderlich ihre ſo genannte Philoſophi, und die, welche andere in der Religion unterrichtet haben,) ſich fuͤr weiſe hielten, (dergeſtalt, daß ſie dieſe ihre eitele Meinung nicht bey ſich behalten, ſondern von ihrer eingebildeten Weisheit bey andern viel ruͤhmens gemacht,) ſind ſie gar Narren worden, (auf ſolche ungereimte und alberne Dinge in der Lehre von GOTT und der Reli - gion, auch zum Theil in andern Dingen, gera - then, auf welche ein Menſch ſonſt bey dem rich - tigen Gebrauch ſeiner Vernunft nimmermehr gerathen koͤnte. Siehe auch Eph. 4, 19.
EAnmer -34Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 1, v. 22-25.1. Sich ſelbſt fuͤr weiſe und klug halten, und doch thoͤrichte principia haben, iſt die groͤſ - ſeſte Narrheit, zumal wenn es von Philoſophis in oͤffentlichen Schriften geſchiehet.
2. Hingegen demuͤthig ſeyn und ſeine na - tuͤrliche Thorheit erkennen, iſt ein Weg zur wahren Weisheit.
Und haben (in ſolcher ihrer groͤſſeſten Narrheit) die Herrlichkeit des unvergaͤng - lichen GOttes (ſein unſichtbares Weſen mit alle dem, was dazu gehoͤret v. 20.) verwan - delt in ein Bild, (verwechſelt in oder mit ei - nem Bilde, das da gleichet) dem vergaͤngli - chen Menſchen, und der Voͤgel, und der vierfuͤßigen und kriechenden Thiere.
Auf dieſe Unſinnigkeit ſind ſie durch dieſe Stufen gerathen, daß ſie erſtlich von dem un - ſichtbaren Schoͤpfer auf ſeine ſichtbare himm - liſche Geſchoͤpfe und groſſe Welt-Coͤrper, da ſie nemlich ſahen, daß dieſe einen vielfachen Ein - fluß auf die Erde, und was zum Erdboden ge - hoͤret, gaben, mit einer goͤttlichen Verehrung gefallen ſind; und hernach aus einem falſchen Grunde, als wenn dieſe und jene Thiere eine gantz beſondere dependenz von dieſem und jenem himmliſchen Geſtirne haͤtten, und alſo in einer beſondern Beſorgung derſelben ſtuͤnden, und daher die dieſen Thieren erwieſene Verehrung von den vergoͤtterten himmliſchen Coͤrpern, als ihnen ſelbſt geſchehen, angeſehen und angenom - men wuͤrden, gar auch auf die Verehrung der - ſelben Thiere gerathen ſind: gleichwie die Ver - goͤtterung menſchlicher Bilder auch gewiſſe Stufen ihres aͤuſſerſten Unverſtandes gehabt hat. Siehe auch Pſalm. 106, 20. Sap. 11, 16. 14, 15. ſeqq. Jeſ. 40, 10. ſeqq. &c.
Darum (dieſer groſſen Suͤnden wegen) hat ſie GOTT (der bey dem Boͤſen weder als ein bloſſer Zuſchauer, noch als ein Helfer, der das geringſte dazu beytruge, oder etwas gut heiſſe und billige, ſondern als ein gerechter Rich - ter, anzuſehen iſt, zur gerechten Strafe) da - hin gegeben in ihrer (ſo verfinſterten v. 21. und verſtockten v. 28.) Hertzen (mehr als vie - hiſche) Geluͤſte, in (ſolche greuliche) Unrei - nigkeit (welche aus dem von GOTT gaͤntzlich abgewichenen Hertzen auch uͤber den Leib und deſſen Glieder ſich ausbreitet) zu ſchaͤnden (nicht allein die Leiber eines andern Geſchlechts, ſondern auch) ihre eigne Leiber an ihnen ſelbſt (da man hingegen ſeinen Leib, welchen GOtt ſo fuͤrtreflich gebildet und zur Wohnung der zu ſeinem Bilde erſchaffenen Seele verord - net hat, als ein Gefaͤß der Seelen behalten ſol - te in Heiligung und Ehren 1 Theſſ. 4, 4. Wel - ches denn der Erfolg von gedachter Veruneh - rung GOttes iſt.)
Die GOTTes Wahrheit (ſeine allein wahre Gottheit und Herrlichkeit im hoͤchſt ver - finſterten Sinn v. 21. 22. ) haben verwandelt in die Luͤgen (in das luͤgenhafte, grund - und vernunftloſe Weſen der Abgoͤtterey) und ha - ben gedienet dem Geſchoͤpfe mehr denn dem Schoͤpfer (alſo daß ſie παρὰ τὸν κτί - σαντα, nechſt oder nebſt (1 Cor. 3, 11. Gal. 1, 8.) dem allein wahren, als ihrer Meinung nach oberſten GOtt, die geringere und Mittel-Goͤt - ter, ja in der That noch mehr mit verehret ha - ben. Davor GOTT ſein Velck gewarnet; daß ſie nemlich keine andere Goͤtter neben ihm haben ſollen Exod. 20, 3.) der da gelobet iſt in Ewigkeit. (wie dieſes Geneſ. 10, 26. 14, 21. 24, 2. 31. und auch ſonſt allewege allein dem einigen wahren GOTT zukommt, und auch ſeinem Sohne, als wahren GOtt Rom. 9, 5. beygeleget wird.) Amen (das heiſt Ja, Ja, es ſoll und muß alſo geſchehen: Wie ein ieglicher glaͤubiger Roͤmer mit Paulo bekannt hat, und ein ieglicher Leſer mit mir bekennen wird.)
V. 26.35Cap. 1, v. 26-32. an die Roͤmer.Darum hat ſie auch GOTT dahin ge - geben in ſchaͤndliche Luͤſte, (ſiehe v. 24.) denn ihre Weiber haben verwandelt den natuͤr - lichen Gebrauch (ihrer eignen Leiber, in An - ſehung ihrer rechtmaͤßigen Ehe-Maͤnner) in den unnatuͤrlichen: (davon vor zuͤchtigen Oh - ren und Augen nichts mehr zu reden und zu ſchreiben iſt: ſintemal es am beſten iſt, nicht einmal wiſſen, worinnen die Abſcheulichkeit die - ſer Suͤnde eigentlich beſtehe; diejenige aber, die ſich derſelben auch wol unter den Chriſten ſchul - dig wiſſen, durch die That ſelbſt und durch die - ſe ſo behutſame Bezeichnung Pauli in ihrem Ge - wiſſen ſich beſtrafet befinden.)
Deſſelbigen gleichen auch die Maͤnner haben verlaſſen den natuͤrlichen Gebrauch des Weibes (zum Eheſtande) und ſind (auf eine gantz unmenſchliche und recht erſtaunliche, auch zuͤchtigen Hertzen gantz unbegreifliche Art der Luſt-Seuche) an einander erhitzet in ih - ren Luͤſten, und haben Mann mit Mann Schande gewircket (wie inſonderheit zu So - dom ſchon in den aͤlteſten Zeiten geſchehen iſt: Daher denn ſolcher ſchaͤndlicher Greuel noch heute zu Tage Sodomiterey genennet wird. ) und den Lohn des Jrrthums (die Wie - dervergeltung nach dem jure talionis) wie es denn ſeyn ſoll, (nach den Straf-Gerichten GOttes billig war) an ihnen ſelbſt empfan - gen (nemlich, daß, da ſie GOttes an ſich un - wandelbare Natur, ihrem naͤrriſchen Begriffe und Dienſte nach, ſo unbilliger Weiſe verwan - delt und verkehret haben, daher eine Verkeh - rung ihrer eigenen Natur und ihres Geſchlechts bey ihnen ſelbſt daraus erfolgen muͤſſen.) Sie - he Gen. 19, 15. Lev. 18, 22. 20, 13. 1 Cor. 6, 9. Eph. 5, 11. 12. was heimlich von ihnen ge - ſchiehet, das iſt auch ſchaͤndlich zu ſagen.
Und gleichwie ſie nicht geachtet ha - ben, daß ſie GOtt erkenneten, (GOtt in der wahren Erkaͤntniß mit einem wahren Dienſt verehreten, ſo) hat ſie GOTT auch dahin gegeben (ſiehe v. 24.) in einen verkehrten Sinn, (daß ſie recht verrucht boͤſe und gantz fuͤhlloß worden) zu thun das nicht taugt. (Dergleichen im Contexte vorhergehet und nachfolget.)
Voll alles Ungerechten, (erfuͤllet mit allerley Arten der Ungerechtigkeit und) Hure - rey (und alſo auch Ehebruch und allerley Be - fleckung des eigenen Leibes,) Schalckheit, Geitzes (und daher entſtehenden allerley Be - truges,) Bosheit; voll Haſſes, Mordes, Haders, Liſts, (liſtiger Raͤncke,) Giftig. (grund boͤſer Sitten und Gewohnheiten.)
Ohrenblaͤſer (heimlicher und falſcher Angeber und Verklaͤger, auch offenbarer) Ver -laͤumder (und Laͤſterer, die dem andern alles uͤble nachreden:) GOttes Veraͤchter, (die ihre Feindſchaft und Verachtung wider GOtt mit Worten und Wercken genugſam an den Tag legen) Freveler, (die andern gern allen Verdruß, Schimpf und Schmach zufuͤgen,) Hoffaͤrtige, (ὑπερηφάνους, die vor allen mit ih - ren Vorzuͤgen alſo hervorragen wollen, als ei - ner, der einen Kopf laͤnger iſt, als andere, un - ter einem Haufen Volcks hervorraget) Ruhm - redige, (Prahler und Großſprecher, deren herrſchender Ehr-Geitz, den andere zu verbergen wiſſen, durch allerley eignen Ruhm und Auf - ſchneidung ſich offenbaret) Schaͤdliche, (ἐ - φευρετὰς κακῶν, die ihren an ſich geſchickten Kopf auf die Erfindung allerhand loſer Griffe, Kuͤnſte und Practicken anwenden) den Eltern (und denen, die an Eltern ſtatt ſind) unge - horſam.
Unvernuͤnftige, (die bey ihrem Unver - ſtande auf ihrem Sinn beſtehen, und mit dem Kopf hindurch wollen) Treuloſe, (die weder Zuſage noch Bund halten) Stoͤrrige, (ἀςόρ - γους, ſolche mehr als woͤlfiſche und hundiſche Leu - te, welche auch alle natuͤrliche Liebe gegen ihre Bluts-Freunde, Eltern, Kinder, Weiber, Geſchwiſter und Anverwandte, fahren laſſen, und auch darinnen zu rechten Unmenſchen wer - den,) Unverſoͤhnliche, (die in beharrlicher Feindſchaft gegen die, mit welchen ſie zerfallen ſind, ſtehen, und von keiner Vergebung wiſ - ſen wollen,) Unbarmhertzige, (gleichſam ſol - che ſteinharte Menſchen, die ſich durch keine, ob gleich noch ſo groſſe Noth des Nechſten zum Mitleiden bewegen laſſen.)
Die GOttes Gerechtigkeit (Vermoͤ - ge welcher er das Boͤſe nicht kan, noch wird, ungeſtrafet laſſen,) wiſſen, (aus dem ihnen ins Hertz geſchriebenen Geſetze, ſo ſie bey aller Bosheit doch nicht gaͤntzlich in ſich unfuͤhlbar machen koͤnnen,) daß, die ſolches (was bis - her nach der Laͤnge angefuͤhret worden,) thun, (auſſer dem ohne das allen und ieden bevorſte - henden leiblichen Tode, des ewigen) Todes (und alſo der ewigen Straf-Gerichte GOttes, durch welche ſie von aller ſeligen Gemeinſchaft GOttes auf ewig abgeſchieden bleiben,) wuͤr - dig (oder ſchuldig) ſind, thun ſie es nicht allein (fuͤr ſich ſelbſt, und zwar der eine ſon - derlich diß, der andere das,) ſondern haben auch Gefallen an denen, die es thun, (ma - chen ſich auch zugleich fremder Suͤnden, wel - che ſie ſelbſt dieſer und jener Hinderung wegen etwa nicht ausuͤben koͤnnen, oder wollen, auf allerhand Art theilhaftig; und haͤufen alſo auch damit wider ſich die Gerichte GOttes.
1. Wie groß das natuͤrliche Verderben des Menſchen ſey, ſiehet man aus der Menge und Groͤſſe der Suͤnden, wozu die verderbte Natur durch die Erb-Suͤnde ſich gar leichte hinreiſſen laͤſſet.
E 22. Ob36Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 2, v. 1. 2.2. Ob gleich unter dieſen Suͤnden und Greueln einige ſind, davor auch diejenigen Hey - den, welche dem Lichte der Natur Platz gege - ben, einen Abſcheu gehabt haben; ſo ſind doch auch die vernuͤnftigen und ehrbaren Heyden den uͤbrigen Suͤnden ergeben geweſen, alſo daß ſie dieſelbe haben uͤber ſich herrſchen laſſen. Jſt a - ber iemand weiter gekommen, ſo hat man ihn nicht als einen bloſſen Heyden anzuſehen, ſon - dern als einen ſolchen, welcher, auſſer dem Lich - te der Natur, auch den Fußſtapfen der goͤttli - chen Offenbarung nachgegangen; und zwar wie ſie dieſelbe theils aus der uralten Traditionvon den Kindern Noaͤ, theils aus dem Um - gange mit - und Kundſchaft von den Juͤden ge - funden haben.
3. Welcher Leſer in aufrichtiger Selbſt - Pruͤfung befindet, daß er auch noch in dieſer und jener den Heyden zugeſchriebenen Suͤnde lebet, und zwar alſo, daß ſie die Herrſchaft uͤ - ber ihn beſitzet, der hat zu erkennen, daß er des Namens eines Chriſten unwuͤrdig iſt, und hat ſich daher durch die Gnade GOttes zu befleißi - gen, daß er von einem ſolchen Joche und von ſolchem Unflate gereiniget werde.
DArum (weil nemlich, wie zuvor gezeiget, der Zorn GOttes uͤber alles nach der Laͤnge erzehlte un - goͤttliche Weſen und uͤber die Ungerechtigkeit zum Urtheil des ewigen Todes offenbaret und erkant wird,) o Menſch, wer du biſt (uͤberhaupt, der du auſſer dem Stande der Gnade und der verderb - ten Natur und unter der Herrſchaft der Suͤnde ſteheſt, du magſt ſeyn ein Heyde, oder ein Ju - de,) der da (in der That ſelbſt nicht beſſer, ob gleich etwas ſcheinbarer, iſt, und doch) ande - re (bey ihren groͤbern, und mehr in die Augen fallenden Uberfahrungen) richtet, (fuͤr des e - wigen Todes ſchuldige erkennet, ſich ſelbſt aber fuͤr unſchuldig haͤlt,) kanſt du dich nicht ent - ſchuldigen, (noch dich aus der Zahl derer, welche die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhal - ten c. 1, 18. und vor dem Gerichte GOttes kei - ne Entſchuldigung haben v. 20. ausnehmen.) Denn worinnen du einen andern richteſt, verdammeſt du dich ſelbſt, (ſprichſt du in der That dir ſelbſt das Urtheil, ob du es gleich nicht meineſt:) ſintemal du eben daſſelbe (ob gleich auf eine verdecktere Art) thuſt, das du (an andern) richteſt.
1. Hier verſtehet der Apoſtel unter den Heyden die Richter, auch wol inſonderheit bey den Roͤmern die Cenſores morum, ſonſten aber die Philoſophos, und, weil er die Rede im Con - texte auch auf die Juden lencket, unter dieſen ſonderlich die Phariſaͤer: und alſo alle diejeni - gen, die ſich etwa von den Gattungen der zu - vor beſchriebenen groben Suͤnden moͤchten mit einigem Schein des Rechten ausnehmen und dafuͤr halten koͤnnen, als wenn ſie der Buſſe unddes Glaubens an den Meßiam nicht beduͤrf - tig.
2. Es iſt kein gewoͤhnlicherer und ſchaͤd - licherer Selb-Betrug, als wenn ein Menſch ſich von dieſen und jenen Laſtern gantz rein und entfernet haͤlt, und doch davon keinen andern Grund hat, als daß der Unterſcheid zwiſchen ihm und andern, die er wol ſelbſt richtet und verdammet, nur in einem gewiſſen grad, ſon - derlich des aͤuſſerlichen Ausbruchs beſtehet; als wovon er ſich nicht ſo wol aus dem Triebe ſeines Gewiſſens und aus Liebe zur Tugend, als aus andern eiteln Urſachen, enthaͤlt.
Denn wir wiſſen, (auch aus dem Lichte der Natur, und noch vielmehr aus dem goͤttli - chen Geſetze,) daß GOttes Urtheil iſt recht (gehet nach dem Grunde der Wahrheit, und eigentlichen Beſchaffenheit einer Sache, nicht auf das, was etwa aͤuſſerlich von Menſchen mehr glaubbar und entdecket iſt; ſintemal manche verborgene oder verdeckte Suͤnde nach dem Ur - theil GOttes groͤſſer iſt, als eine die ins Auge faͤllt, aber innerlich bey manchen noch nicht ei - nen ſo hohen grad der corruption bey ſich fuͤh - ret,) uͤber die, ſo ſolches (welches zuvor er - zehlet iſt,) thun. (es moͤge nun auf eine recht grobe, oder auf eine mehr eingeſchrenckte Art geſchehen.)
Es geſchiehet gar leicht, daß ſich ein Menſch an GOttes Urtheil uͤber die Suͤnde und Suͤnder mit ſeinen eiteln Gedancken und Ein - faͤllen verſuͤndiget. Was kan aber wol ver - wegner ſeyn, als ſich mit ſeinem Urtheil uͤber GOTTes, des allgemeinen und gerechteſten Richters aller Welt, Urtheil erheben.
V. 3.37Cap. 2, v. 3-7. an die Roͤmer.Denckeſt du aber, o (eiteler und einge - bildeter) Menſch, der du richteſt die, ſo ſolches thun, und thuſt (ob gleich auf eine andere, ſonderlich verdecktere Art) auch das - ſelbe, daß du dem Urtheil GOttes (zum Tode c. 1, 32. ſo nach der Wahrheit gehet c. 2, 2.) entrinnen werdeſt? Siehe auch Matth. 3, 7. 8.
Es haben unter den Chriſten auch die O - brigkeitliche Perſonen dieſes wohl zu mercken; desgleichen die oͤffentlichen Lehrer auf Univerſi - taͤten, auch in Kirchen und Schulen, nicht we - niger auch die Eltern und Herrſchaften, welche an ihren Unterthanen, Zuhoͤrern, Kindern und Geſinde, dasjenige beſtrafen, daruͤber ſie doch ihr eigen Gewiſſen im verborgen, ja auch wol ihr aͤuſſerlicher boͤſer Wandel gantz offenbar ſelbſt uͤberzeuget und beſtrafet.
Oder verachteſt du (daher, weil GOtt mit der Strafe nicht ſo gleich einbricht, noch dich durch den zeitlichen zum ewigen Tode ſo bald hinraffet,) den Reichthum ſeiner Guͤ - te, (nach welcher er dir auch im Reiche der Na - tur ſo viel gutes wiederfahren laͤſſet Matth. 5, 45.) Geduld, (da er dem Boͤſen lange zuſie - het Luc. 13, 7. ſeq. ) und Langmuth, (und ſich von den Straf-Gerichten enthaͤlt.) Weiſſeſt du nicht, (was du billig wiſſen ſolteſt,) daß dich GOttes Guͤte (bey ſolchem Nachſehen und Aufſchub) zur Buſſe leitet! (und alſo GOttes zuvorkommende Gnade ſich auf gewiſſe Art auch durch das Licht und Recht der Natur gegen die Suͤnder geſchaͤftig erweiſet? Siehe auch Rom. 9, 22. 2 Pet. 3, 9. 15.)
Wenn GOtt auch gegen diejenigen, wel - che bey beharrlicher Unbußfertigkeit ſeinen Zorn auf den Tag des Zorns nach v. 5. uͤber ſich haͤu - fen, nicht allein einen rechten Reichthum ſeiner Guͤte, Geduld und Langmuth beweiſet, ſondern ſie auch wuͤrcklich zur Buſſe leitet; ſo muß ja die Liebe GOttes zu der Menſchen Seligkeit, ohne dieſe und jene in ihrem Verderben liegen zu laſ - ſen, allgemein ſeyn, und muͤſſen diejenigen, die durch Verachtung ſolcher groſſen Guͤte und Gnade verlohren gehen, durch die Annehmung ſolcher Guͤte die Buſſe auch haben wuͤrcklich thun koͤnnen. Und folglich kan bey dem Wer - cke der Seligkeit unmuͤglich ein abſolutum re - probationis und electionis decretum, oder ein unbedingter Rathſchluß GOttes ſtatt finden.
Du aber, nach deinem (von dir ſelbſt) verſtockten und (daher ſo viel mehr) unbuß - fertigen Hertzen (welches ſo gar nicht Buſſe thut, daß es davon auch abhorriret) haͤufeſt (im Gegenſatz auf den Reichthum goͤttlicher Guͤte, Geduld und Langmuth, die du ſo ſehrmißbraucheſt,) dir ſelbſt den (nach c. 1, 18. ohne das uͤber alles gottloſe Weſen und Unge - rechtigkeit ſchon geoffenbareten) Zorn auf den Tag des Zorns, und der Offenbarung des gerechten Gerichts GOttes, (als wo - von ein Menſch auch ſchon aus dem Lichte der Natur uͤberzeuget werden kan. Siehe auch Jac. 5, 3.)
Das GOTT ein kuͤnftiger Richter aller Menſchen ſey, und alſo dem menſchlichen Ge - ſchlechte ein allgemeines Gerichte bevorſtehe, iſt auch aus dem Lichte der Natur guten theils zu erkennen. Wohl dem, der ſich daſſelbe aus dem Lichte der Offenbahrung ſo vielmehr und heilſamer vorſtellet, ſo viel nachdruͤcklicher es uns darinn vor Augen lieget.
Welcher geben wird einem ieglichen (nicht nach ſeiner eignen und falſchen Einbil - dung und vermeinten Entſchuldigung, ſondern) nach ſeinen Wercken (wie er ihn in der That findet, und wie es der Ausſpruch ſeines Geſe - tzes gegen die, ſo vom Evangelio entfremdet ge - blieben, erfodert; oder wie gegen die Glaubi - ge das Evangelium, bey welchem die aͤchten und rechtſchaffenen Wercke eine Frucht des Glau - bens ſind, es mit ſich bringet. Siehe auch Job. 34, 11. Pſalm. 28, 4. Jer. 17, 10. 32, 19. Matth. 16, 27. c. 25, 31. ſeqq. 1 Cor. 3, 8. 5, 10. Apoc. 2, 23. 22, 12.
Nemlich Preis und Ehre und unver - gaͤngliches Weſen denen, die mit Geduld in guten Wercken trachten nach dem ewi - gen Leben. Gr. Nemlich denen, die nach oder mit der Beharrung des guten Wer - ckes, (oder in guten Wercken, alſo daß ſieE 3durch38Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 2, v. 7-10. durch den Glauben darinnen nicht allein anfan - gen, ſondern auch fortfahren und beharren; ſintemal nicht der Anfang, ſondern das Ende k[r]oͤ[n]et Matth. 10, 22. Luc. 21, 19. Apoc. 2, 7.) nach der (kuͤnftigen) Herrlichkeit, Ehre und Unverweslichkeit (eines ſeligen Zuſtan - des) trachten, das ewige Leben (wird er geben, nach v. 6.)
Es iſt demnach die Griechiſche Conſtruction dieſes Verſes wohl zu mercken, nemlich die letz - ten Worte ζωὴν άιώνιον, das ewige Leben, dependiren von dem Verbo ἀποδώσει, er wird geben, oder vergelten v. 6. Die aber, wel - chen die Vergeltung wiederfahren wird, werden mit den darzwiſchen ſtehenden Worten beſchrie - ben.
Aber denen, die (unter Heyden und Ju - den dergeſtalt) zaͤnckiſch ſind, (daß ſie aller Uberzeugung ſich widerſetzen und in einen feind - ſeligen Widerſpruch eingehen) und (wie der aus dem Lichte der Natur zu erkennenden, alſo auch der in dem Geſetze und Evangelio GOttes vorgeſtelleten) Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber dem Ungerechten, (der Un - gerechtigkeit, oder aller Suͤnde, alſo daß ſie Knechte und Sclaven der Suͤnde ſind, und ih - re Glieder der Suͤnde zu Waffen und zum Dien - ſte der Ungerechtigkeit und Unreinigkeit begeben, und von einer Ungerechtigkeit zu der andern ſchreiten, nach Cap. 6, 13. 19. wird) Ungna - de und Zorn (wiederfahren, nemlich in ge - haͤuften Straf-Gerichten, welche am Tage des groſſen Welt-Gerichts uͤber ſie ergehen werden, da es ſchrecklich ſeyn wird, in die Haͤnde des le - bendigen GOttes zu fallen. Hebr. 10, 31.)
1. Es koͤmmt bey der Seligkeit und Ver - dammniß ſonderlich auf den Glauben und Un - glauben an: als dadurch man die in CHriſto angebotene Gnade entweder annimmt, oder von ſich ſtoͤſſet, und dadurch man ſich zugleich entweder der Tugend oder den Laſtern ergiebet. Denn es heißt im Text: ἀπειϑοῦσι, πειϑομέ. νοις δέ, welche Worte eigentlich vom Glauben und Unglauben geſaget werden: Gleichwie es Marc. 16, 16. heißt: Wer da glaubet, wird ſelig werden; wer aber nicht glaubet, wird verdammet werden.
2. Wenn der Wahrheit die Ungerech - tigkeit entgegen geſetzet wird, ſo wird damit an - gezeiget, daß die Wahrheit voller Gerechtigkeit, die Ungerechtigkeit aber voller Unwahrheit, Luͤ - gen und Jrrthum ſey.
Truͤbſal (ſchwere aͤuſſerliche Leiden) und (innerliche) Angſt (der Seelen, welche eine Verzweifelung mit ſich fuͤhret, und mit den aͤuſſerlichen Leiden von dem vorher benannten Zorn und der Ungnade GOttes entſtehet,) uͤber alle Seelen der Menſchen, (welche von derSeele, als von dem vornehmſten Theile benen - net werden; nach welchem ſie auch, ohne Aus - ſchlieſſung des Leibes, die Verdammniß am mei - ſten empfinden werden,) die da (dergeſtalt) boͤſes thun, (als zuvor angezeiget iſt,) fuͤr - nehmlich (zuvorderſt) der Juden (ſintemal von dem, wem vieles gegeben iſt, auch vieles gefordert werden ſoll; und wem mehrere Gna - de angebothen wird, der ladet auch eine ſchwe - rere Verantwortung auf ſich, wenn er ſie nicht wohl anleget,) und auch der Griechen, (auch anderer ungriechiſchen Nationen; als wel - che nicht allein das Licht und Geſetz der Natur, ſondern auch in ihren Vorfahren, aus der Schu - le und Anfuͤhrung des Noaͤ, von welchem nach der Suͤndfluth alle Voͤlcker auf Erden herſtam - men, durch das Mittel der Traditionen einiges Licht der goͤttlichen Offenbarung zu ihrer Richt - ſchnur gehabt haben; und uͤber das, vermoͤge der den Juden gegebenen und ihnen nicht unbe - kanten goͤttlichen Offenbarung, haͤtten ſo viel mehr von ihrer Abgoͤtterey und uͤbrigen Gottlo - ſigkeit ablaſſen ſollen und koͤnnen.)
Was die Suͤnde vor ein groſſes Ubel, und wie ſehr ſie GOTT zuwider ſeyn muͤſſe, kan man, auſſer ihrer dem goͤttlichen Weſen aͤuſſerſt entgegen ſtehenden argen Natur, ſonderlich aus der Groͤſſe der Strafe GOttes, welche mit ſo nachdruͤcklichen Worten bezeichnet wird, erken - nen: der Grund davon iſt die Gerechtigkeit GOttes, welche alſo beſchaffen iſt, daß ſie zwi - ſchen Schuld und Strafe eine proportion haͤlt.
Preis (Herrlichkeit) und Ehre, (oder geiſtliche Wuͤrde, geiſtlicher hoher Ehrenſtand der Seligen, welcher aus der ewigen Herrlich - keit entſtehet,) und Friede, (ein ungeſtoͤrter, unvergaͤnglicher, ruhiger und beſtaͤndiger Ge - nuß der durch die beyden vorhergehenden Wor - te bezeichneten Seligkeit. Denn was alhier Friede genannt wird, das hieß vorher v. 7. ἀ - φϑαρσία, ein unvergaͤngliches Weſen; daß alſo ein Wort das andere gar wohl erlaͤutert,) allen denen, die da gutes thun, (das Wah - re und Gute, welches zu ihrem geiſtlichen und ewigen Heil dienet, bey einem aller Abgoͤtterey entgegen geſetzten glaubigen Anhangen an GOtt alſo erkennen, daß ſie es auch durch die ge - ſchenckte Gnaden-Kraft ausuͤben, gegen GOtt, ſich ſelbſt und ihren Naͤchſten, zuvorderſt mit dem gereinigten Afſect des Hertzens innerlich, und denn auch, nach gegebener Gelegenheit aͤuſſerlich in der That zum guten Exempel ande - rer,) fuͤrnemlich (oder zuvorderſt) den Ju - den (ſo fern ſie den Heyden nach der beſon - dern Gnade in derſelbigen wuͤrdigen Annehmung zuvor gekommen ſind,) und auch den Grie - chen, (und mit ihnen den uͤbrigen heydniſchen Voͤlckern, welche die Gnaden-Berufung Got - tes zum Reiche des Meßiaͤ, als darinnen allei - ne das geiſtlich Wahre und Gute recht erkannt und ausgeuͤbet wird, angenommen haben.)
Anmer -39Cap. 2, v. 10-12. an die Roͤmer.1. Herrlichkeit, Wuͤrde, Ehre und Ruhe, oder einen unzerſtoͤrlichen Wohlſtand, auſſer GOTT ſuchen, iſt eine Thorheit; da es die Welt mit allen ihren Geſchoͤpfen auſſer GOtt ſo gar nicht haben kan, daß ſie die ver - blendete Seele vielmehr zum Gegentheil ver - leitet.
2. Da nun aber der Seele, ihrem unſterb - lichen Weſen nach, gleichwol die Begierden, nach Wuͤrden, Ehre und Ruhe zu ſtreben, ein - gepflantzet ſind; ſo ſiehet man wol, wozu uns dieſelbe dienen ſollen; nemlich zu der Bemuͤ - hung, daß wir ſie aus derjenigen Kraft, und in derjenigen Ordnung, welche uns GOttes Wort anweiſet, in GOtt und goͤttliche Din - ge, als ihr rechtes Object, gereiniget einfuͤhren ſollen.
Denn es iſt kein Anſehen der Perſon vor (bey) GOTT.
1. Diß iſt eine Redens-Art, welche von menſchlichen Gerichten hergenommen iſt. Denn in dieſen hat man es zu thun mit den Perſonen und mit den Sachen, welche ſie vor Gericht ha - ben oder bringen. Nun kan zwar weder die Perſon ohne die Sache, noch die Sache ohne die Perſon ſeyn, die ſie hat, oder treibet: al - lein man hat es doch in den Gerichten eigentlich nicht mit den Perſonen, ſondern mit ihren Sachen zu thun. Wenn nun der Richter die Sache, ſie mag ſo gerecht, oder ſo ungerecht ſeyn, als ſie immer kan, aus den Augen ſetzet, und ſich hiezu durch die Beſchaffenheit der Per - ſon verleiten laͤßt, in Anſehung deſſen, daß er ſie liebet, oder haſſet, daß er Schaden, oder Vortheil von ihr hat, daß ſie vornehm, reich, und geehrt, oder gering, arm und verachtet iſt; und alſo ſeinen richterlichen Ausſpruch nicht nach der Sachen, ſondern nach der Perſonen Bewandniß, thut; ſo ſiehet er die Perſon an und erweiſet ſich parteyiſch. Welches kein ge - rechter Richter thut und thun muß: Wie es denn GOTT noch mehrmal und ſo viel nach - druͤcklicher verboten hat, ſo vielmehr es bey dem ſo groſſen Verfall des menſchlichen Geſchlechts geſchiehet. Siehe Lev. 19, 15. Deut. 1, 17. 16, 17. 18. 2 Chron. 19, 6. 7. Prov. 24, 23. Jm - gleichen Joh. 6, 24. alwo unſer Heyland das Anſehen der Perſon vor Gericht, ein richten nach dem Anſehen nennet, wenn er ſpricht: Richtet nicht nach dem Anſehen, ſondern richtet ein recht Gericht. Nun aber iſt GOTT der allgemeine Richter dieſer Welt Gen. 18, 25. u. ſ. w. der ſo viel weniger auf die bloſſe Perſon, und ſo viel mehr auf die Sache ſelbſt ſiehet, ſo viel genauer er alle Dinge, die in ſein Gericht laufen, einſiehet, und ſie recht entſcheiden und zur Strafe oder zur Belohnung abthun kan, und ſo viel weniger er durch den geringſten unrichtigen Affect daran verhindert wird. Siehe auch Deut. 10, 17. Job. 34, 17. Act. 10, 34. Gal. 2, 6. Eph. 6, 9. Col. 3, 24. 25. 1 Pet. 1, 17. Da es heißt, daß GOtt oh - ne Anſehen der Perſon richtet, nach eines ieden Wercken oder nach der Sache ſelbſt.
2. Es kan zwar auch und muß vor weltli - chem Gerichte oft mit auf die Perſonen geſehen werden; allein in ſofern es die Sache ſelbſt er - fodert. Denn wenn zum Exempel ein Knabe von 12 Jahren und ein Juͤngling oder junger Mann von 24 oder 30 Jahren einerley verbro - chen haben, da gewinnet das Verbrechen ſelbſt, aus Betrachtung der Perſonen, eine unterſchie - ſchiedene Geſtalt.
3. Alſo gehet es auch vor dem goͤttlichen Gerichte in Anſehung des guten und des boͤſen, daß nemlich ein ſolches Anſehen der Perſon ſtatt findet, welches zur richtigen Dijudication der Sache ſelbſt noͤthig iſt. Alſo ſahe GOtt bey der Eroͤffnung ſeines uͤber Sodom beſchloſſenen Gerichts Abrahams Perſon an. Geneſ. 18, 29. Siehe auch Exod. 32, 14. Actor. 17, 24. Und alſo iſt leichtlich zu erachten, daß auch vor dem Gerichte GOttes die Abgoͤtterey eines Juden fuͤr ein weit groͤſſeres Verbrechen gehalten wird, als die eines Heyden: und daß die Gutthaͤtig - keit, die von einem Beleidigten herruͤhret, viel edler iſt, als die, welche ein Freund dem an - dern beweiſet. Wie es denn uͤberhaupt vor dem Gerichte GOttes heißt: Nachdem die Per - ſon iſt, nachdem iſt die Sache; wenn nem - lich die Sache von der Perſon ihre meiſte Eigen - ſchaft empfaͤhet. Denn iſt die Perſon glaubig und in CHriſto GOTT gefaͤllig, ſo gefaͤllt ihr auch das im Glauben gethane Werck wohl: iſt ſie aber unglaͤubig und auſſer CHriſto, ſo iſt ihr auch das Werck mißfaͤllig; wenn es auch gleich dem aͤuſſerlichen Anſehen nach von dem Wercke des Glaͤubigen nicht unterſchieden waͤre. Und alſo gilt auch hier, was man ſonſt ſagt: Duo cum faciunt idem, non eſt idem.
4. Geliebter Leſer, weil bey GOtt kein Anſehen der Perſon iſt, ſo laß ja alle Entſchul - digungen fahren, die du bey Ermangelung des rechtſchaffenen Chriſtenthums entweder von dei - nem Alter, oder von deinem Stande, oder von anderer Beſchaffenheit deiner Perſon hernimſt. Denn du koͤmmſt damit vor dem Gerichte Got - tes nicht aus!
Welche (nemlich die Heyden) ohne (das von GOtt geoffenbarete und geſchriebene Mo - ral) Geſetze (ſo ſie weder gehabt, noch auch, in ſo fern ſie es, aus der Kundſchaft von den Juden, erkennen konten, geachtet, noch an - genommen haben; ob es ihnen gleich dem We - ſen nach in ihr Hertz geſchrieben war, alſo, wie zuvor mit mehrern angezeiget iſt,) geſuͤndiget haben (und in ihrer Suͤnde mit Unbußfertig - keit verharret ſind) die werden auch ohne (daſſelbe) Geſetz (ob ſie es gleich nicht gehabt) verlohren werden (und alſo aller Seligkeit, welche ſie in der Gemeinſchaft mit GOtt ſonſt haͤtten zu genieſſen gehabt, beraubet bleiben, gleichwie ſie in der Zeit des rechten Adels ihrer Seele, welche ſie am Ebenbilde GOttes hat,aus40Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 2, v. 12-14. aus ihrer eignen Schuld verluſtig geblieben ſind:) Und welche (nemlich die Juden, und nunmehro auch die Chriſten) am Geſetze (der - geſtalt, daß ſie es gehabt) geſuͤndiget haben, die werden durchs Geſetz verurtheilet werden (daher gleich Anfangs bey der Einfuͤh - rung des Juͤdiſchen Volcks in das gelobte Land, wie der Segen GOttes gegen die gehorſamen Deut. 28. alſo auch der Fluch gegen die Wi - derſpenſtigen und Ubertreter vor den Ohren des gantzen Volcks oͤffentlich ausgerufen und pro - mulgiret ward, Deut. 27. zum Zeugniß deſſen, was am juͤngſten Gerichte auf eine der Maje - ſtaͤt GOttes zuſtehende Art dermaleins geſche - hen wuͤrde. Daher auch unſer Heyland Joh. 5, 45. ſpricht: Jhr ſolt nicht meynen, daß ich euch vor dem Vater verklagen werde: es iſt einer, der euch verklaget, der Moſes, auf welchen ihr hoffet.
1. Lieget den Heyden, und nach ihnen den Juͤden eine ſo ſchwere Verantwortung auf dem Halſe: was haben wir Chriſten nicht zu beden - cken, die wir nebſt dem Geſetze auch das Evan - gelium in ſolcher Klarheit haben?
2. Es muß gewißlich mit dem Geſetze der Natur ſehr viel auf ſich haben; es muß auch daſſelbe allen Menſchen ſehr tief ins Hertz geſchrieben, und darinnen von iederman, der ſich nicht ſelbſt durch mehr als Viehiſche Bruta - litaͤt gleichſam zum Unmenſchen machet, gar wohl empfunden werden, weil derſelben muth - willige Ubertretung eine ſo groſſe Schuld und Strafe der Verdammniß uͤber den Menſchen bringet.
Sintemal (die Urſache zu zeigen, warum niemand dadurch, daß er der beſonderen Offen - barung des Geſetzes und Willens GOttes ge - wuͤrdiget worden, von der Verdammniß be - freyet bleibe) vor GOtt nicht die das Geſetz (nur allein) hoͤren (oder auch leſen, betrach - ten und einen buchſtaͤblichen Begriff davon faſ - ſen, ja die daruͤber in die Laͤnge und Breite dis - putiren und ſchreiben) gerecht ſind (eine wah - re geſetzliche Gerechtigkeit haben) ſondern die das Geſetz thun (alſo halten und erfuͤllen, wie es will gehalten und erfuͤllet ſeyn, nemlich vollkommlich und aus ihren eignen Kraͤften) werden gerecht ſeyn (nemlich vor GOtt oder im goͤttlichen Gericht, das iſt, fuͤr gerecht er - kannt werden.)
1. Paulus ſagt nicht, daß iemand das Geſetz dergeſtalt halten koͤnne, daß er damit koͤnne vor GOtt beſtehen und ſelig werden: ſondern er ſetzet nur der Juden ihrer falſchen Meynung, nach welcher ſie ſich auf das Ge - ſetz verlieſſen, dieſen an ſich ſelbſt wah - ren Satz entgegen, daß es bey dem Geſetze nicht auf das haben, hören, leſen, und einiger Maſ - ſen verſtehen, und aͤuſſerlich thun, ankomme, ſondern daß, wenn man die Gerechtigkeit vorGOtt nach dem Geſetze haben wolle, man daſ - ſelbe erfuͤllen muͤſſe; nemlich nach der Vollkom - menheit, welche es fordere. Weil nun aber kein Jude mit Wahrheit ſagen konte, daß ih - me eine ſolche Haltung des Geſetzes moͤglich ſey; ſo folgte von ſich ſelbſt daraus, daß ſie alle mit einander, auch die beſten unter ihnen, nach v. 12. am Geſetz geſuͤndiget haͤtten, und alſo ſo gar nicht nach der geſetzlichen Gerechtigkeit vor GOtt beſtehen koͤnten, daß ſie vielmehr durch das Geſetz verurtheilet wuͤrden. Auf welche Art Paulus bey ihnen den Grund leget, daß ſie die Gerechtigkeit, womit man vor GOtt beſtehet, nicht im Geſetze, ſondern im Evan - gelio ſuchen, und alſo von Moſe zu Chriſto gehen muͤſſen: als davon er hernach im dritten Capitel ausdruͤcklich handelt.
2. Paulus hatte v. 12. geſaget: a. daß die, welche ohne Geſetz, nemlich ohne das geſchriebene, geſuͤndiget haͤtten, das iſt die Heyden, auch ohne das Geſetz wuͤrden verloh - ren gehen: b. daß die, welche am Geſetz ge - ſuͤndiget haͤtten, das iſt die Juden, wuͤrden durch das Geſetz verurtheilet werden. Nach - dem er nun das letztere Stuͤck, nemlich das von den Juden, v. 13. zu erſt erwieſen; ſo koͤmmt er v. 14. 15. zu dem erſten, und zeiget an, wie es zugehe, daß die Heyden, die das geoffenbar - te Geſetz nicht gehabt, dennoch ihrer vorher recenſirten groſſen Ubertretung wegen wuͤrden verdammet werden: nemlich ſie haͤtten das goͤttliche Natur-Geſetze in ſich gehabt, aber wi - der daſſelbige groͤblich geſuͤndiget. Wie nun folget.
Denn ſo die Heyden (die vorher c. 1, 14. Griechen und Ungriechen genennet worden) die das Geſetz (davon in Anſehung der Juden itzo die Rede iſt, nemlich das durch Moſen pro - mulgirte Sitten-Geſetze) nicht haben, und doch von Natur (vermoͤge des der menſchli - chen Natur mit dem Ebenbilde GOttes vor dem eingepflantzten und zu buͤrgerlichen Handlun - gen nach dem Fall noch uͤbrig gelaſſenen, Lichts und Rechts der Natur: nach welchem es un - ter andern heißt: alles was ihr wollt, das euch die Leute thun ſollen, das thut ihnen auch Matth. 7, 12.) thun des Geſetzes Werck (erkennen und thun, ob gleich in hoͤchſter Un - vollkommenheit, dasjenige, worauf das ge - ſchriebene Geſetze gehet, und alſo in ſo fern ver - nuͤnftige, ehrbare und in ihrer Maſſe tugendhaf - te Heyden, und von den laſterhaften, welche vorher beſchrieben worden, unterſchieden ſind) dieſelben, dieweil ſie das Geſetz nicht ha - ben (οὗτοι νόμον μὴ ἔχοντες, dieſe, welche das Geſetz nicht haben, oder ob ſie gleich das Geſetz, nemlich das geſchriebene, nicht haben) ſind ſie ihnen ſelbſt ein Geſetz (das iſt, ſie haben es doch in ſich, es iſt ihnen ins Gewiſſen geſchrie - ben. Dannenhero werden ſie nach deſſelben Ausſpruch verdammet, wenn ſie ſolcher Geſtalt dagegen ſuͤndigen, als zuvor nach der Laͤnge von den laſterhaften iſt erzehl[e]t worden.)
V. 15.41Cap. 2, v. 15. 16. an die Roͤmer.Damit, daß ſie beweiſen (in dem, daß ſie des Geſetzes-Werck thun, nach v. 14.) des Ge - ſetzes Werck ſey beſchrieben in ihren Her - tzen (ihrem Gewiſſen nach dem Verſtande und Willen tief eingepraͤget, vermoͤge der erſten Schoͤpfung, da nach dem Suͤnden-Fall das Licht und Recht der Natur in dem Menſchen noch uͤbrig geblieben) ſintemal ihr Gewiſſen ſie uͤberzeuget (von dem was recht und unrecht, was zu thun und zu laſſen) dazu auch die Ge - dancken (und ihre Gewiſſens-Spruͤche und Schluͤſſe) die ſich unter einander verklagen oder entſchuldigen (ſich unter einander ver - klagen oder entſchuldigen, nemlich die guten und rechten klagen die boͤſen und unrechten an, und entſchuldigen oder rechtfertigen ſich auch wider jene; und zwar dergeſtalt, daß die Anklage lauter Unruhe, die Rechtfertigung aber einige Beruhigung, mit ſich fuͤhret.)
Auf den Tag, da GOtt (nebſt dem, was offenbar worden iſt, auch) das Verbor - gene der Menſchen (ihre Gedancken, Rath - ſchlaͤge, herrſchende Begierden und Afſecten, auch das, was ſie zwar aͤuſſerlich auf eine gro - be Art ausgeuͤbet, aber doch verdecket und vor Menſchen verlaͤugnet haben, und damit alſo auch dem menſchlichen Gerichte entgangen ſind) durch JEſum Chriſtum (als den kuͤnftigen Richter aller Welt, ans Licht ziehen und) rich - ten wird, laut meines Evangelii (meiner gantzen Apoſtoliſchen Lehre, welche zwar vom Evangelio, als dem Haupt Stuͤcke, billig den Namen hat; aber doch alle uͤbrige Lehren, wel - che zum Rathe GOttes von dem Grunde, der Ordnung, und der endlichen Ausfuͤhrung, oder Vollendung unſers Heyls gehoͤren, mit in ſich faſſet: dazu denn inſonderheit die Lehre von dem durch den Sohn GOttes zu haltenden juͤngſten Gericht gehoͤret. Siehe Matth. 25, 31. Joh. 5, 22. Ap. Geſch. 14, 31. Roͤm. 14, 10. 11. 1 Cor. 4, 5. 2 Cor. 5, 10. ꝛc.)
Siehe aber zu, du heiſſeſt ein Jude, (macheſt dir viel aus dieſem Namen, nach den groſſen Vorzuͤgen, welche das Juͤdiſche Volck, nicht ſeiner guten Art und Verdienſte wegen, ſondern in Anſehung des Meßiaͤ, der aus ihnen herkommen ſolte, von GOtt hatte: Exod. 19, 6. Deut. 4, 6. 7. Roͤm. 9, 4. Welche aber auſſer dem Meßia, oder ohne Glauben an ihn, vor GOtt nichts gelten) und verlaͤſſeſt dich aufs Geſetz (alſo, daß du, mit Hindanſetzung des Evangeilii von Chriſto, darinnen deine Ru - he ſucheſt, und, ſo wenig du es nach der Wahr - heit verſteheſt und haͤltſt, doch vermeyneſt da - durch das ewige Leben zu erlangen) und ruͤh - meſt dich GOttes (als wenn du ihm vor al - len andern Menſchen gleichſam, wie ein Lieb - ling, im Schoſſe ſaͤſſeſt. Siehe auch Jeſ. 58, 2. Joh. 8, 33. 41. Phil. 3, 3. 4. 5.)
Eben dieſes gilt auch den falſchen Chriſten, da es nach der Wahrheit heißt: Siehe zu, (was du denckeſt und thuſt) du heiſſeſt ein Chriſt (ja wol gar ein Lehrer der Chriſten) und verlaͤſſeſt dich (aber im fleiſchlichen Sinn) aufs Evangelium (und auf die wahre Reli - gion, oder Kirchliche Confeſſion) und ruͤhmeſt dich GOttes (und ſeiner Gnade: aber gantz vergeblich. Du ſprichſt: Jch bin reich und habe gar ſatt, und darf nichts: und weiſ - ſeſt nicht, daß du biſt elend, und jaͤmmer - lich, arm, blind und bloß. Apoc. 3, 17.
Und weiſſeſt ſeinen Willen (aber nur bloß buchſtaͤblich und hiſtoriſch, aus bloß natuͤr - lichen Kraͤften, mit einem bloß natuͤrlichen Bey - fall und fleiſchlichen Vertrauen:) Und weildu aus dem Geſetz unterrichtet biſt (dich auch wol ſelbſt mit eigenem Fleiß darauf geleget haſt) pruͤfeſt du, was das beſte zu thun ſey (ſchreibeſt dir die Tuͤchtigkeit der geiſtlichen Pruͤfung zu, und nimmſt dir die Freyheit her - aus, alles nach ſeinem Unterſcheide auch geiſtli - chen Werthe und Gewichte zu beurtheilen: ob es nemlich war, oder falſch, gut oder boͤſe; gut und noch beſſer ſey.)
Und vermiſſeſt dich zu ſeyn ein Leiter der Blinden, Matth. 15, 14. 23, 24.) ein Licht derer, die in Finſterniß ſind, (wie der ungelehrten Juden, alſo ſonderlich auch der Heyden, welche du dich bemuͤheſt von dem eini - gen wahren GOtt Jſraelis zu unterrichten und zu Juden-Genoſſen zu machen. Matth. 23, 15.)
Ein Zuͤchtiger der Thoͤrichten, ein Lehrer der Einfaͤltigen (derer, die Kinder, wo nicht an Jahren, doch am Verſtande ſind, und nicht ſo viel natuͤrlichen Witz haben, als du:) haſt die Form (den Schein ohne das wahre Weſen: ſiehe 2 Tim. 3, 5.) was zu wiſſen und recht iſt im Geſetze (Gr. der Erkaͤntniß und der Wahrheit, worauf die Erkaͤntniß ge - het) im Geſetze. (weißt aber leider vom wahren Evangelio nichts, das dir doch deutlich ge - nug in Moſe und in den Propheten geoffenba - ret iſt.)
1. Wir finden hie in der application auch einen deutlichen Abriß eines unbekehrten und dabey buchſtaͤblich gelehrten Lehrers unter den Chriſten, auch unter uns Evangeliſchen; ſon - derlich in deme, wie ihn die bloß buchſtaͤbliche Erkaͤntniß und aͤuſſerliche Amts-Verrichtung aufblehet, daß er davor nicht zur Erkaͤntniß ſei - nes noch unbekehrten Zuſtandes und ſeiner groſ - ſen Armuth am Geiſte kommen kan. Fuͤr wel - che diejenigen Zuhoͤrer, welchen GOtt die Au - gen geoͤffnet und das Hertz geaͤndert hat, zu be - ten, andere aber ſich zu huͤten haben, daß ſie nicht auch eine ſolche falſche Form des Chri - ſtenthums annehmen oder behalten.
2. Das Wort μόρφωσις, die Form kan auch gar fuͤglich fuͤr die rechte Form der Erkaͤnt - niß genommen werden; nicht aber wie ſie in dem ſtoltzen und blinden Phariſaͤer war, ſondern wie ſie im Geſetze, worauf er ſich verließ, lag; weil es heißt, der Jude habe ſolche Form gehabt ἐν νόμω, im oder am Geſetze; darauf er ſich denn faͤlſchlich verlaſſen, und vom Geſetze einen fal - ſchen Schluß gemacht auf ſeine Erkaͤntniß. Jn welchem Verſtande μόρφωσις alhie ſo viel waͤre, als τύπος διδαχῆς das Vorbild der Lehre. c. 6, 17.
Nun lehreſt du andere, und lehreſt dich ſelbſt nicht (ſieheſt nicht, was dir ſelbſt noch fehlet; vielweniger biſt du darum bemuͤhet, daß du erſt ſelbſt zur wahren und heylſamen Er - kaͤntniß gelangen moͤgeſt, ſiehe auch Pſ. 50, 16. 17.43Cap. 2, v. 21-24 an die Roͤmer. 17. Matth. 23, 1. ſeqq. Du predigeſt, man ſoll nicht ſtehlen (thuſt auch in ſo weit recht daran) und du ſtieleſt (ſelbſt, ob gleich auf eine ver - borgenere Art, aber doch wircklich, nach dem geiſtlichen Sinn des ſiebenden Gebots, als welches auch alle Gattungen der Ungerechtigkeit und des Geitzes ſamt dem Muͤßiggange verbie - thet, und hingegen ein ſolches Hertz fodert, das vergnuͤglich ſey in allem, und mit zeitlichen Guͤ - tern, ohne Anklebung der Begierden und des Vertrauens, in gehoͤriger dispenſation zur Eh - re GOttes, zu unſerer eignen Nothdurft, und zum Dienſt des duͤrftigen Nechſten wohl umzu - gehen wiſſe.)
Wer andere lehret, der muß ſich zuvor ſelbſt lehren; und zwar alſo, daß er es auch ſelbſt thut, gleichwie er das thun von andern, die er lehret, erfodert. Wer ſich nicht alſo ſelbſt lehret, der iſt auch nicht im Stande, andere auf eine lau - tere und nachdruͤckliche Art im Segen zu leh - ren. Denn er iſt bey ſolchem ſeinem unbekehr - ten Zuſtand, den er durch den Mangel der U - bung ſeiner Lehre an den Tag leget, auch noch unerleuchtet, und bey ſeiner bloß buchſtaͤblichen Wiſſenſchaft voller Unwiſſenheit, Jrrthuͤmer und Vorurtheile; und er weiß das Wort GOt - tes nach dem unterſchiedenen Zuſtande der Zu - hoͤrer nicht recht zu theilen und zu appliciren. Dazu reiſſet er mit dem Leben gemeiniglich mehr wieder nieder, als er mit ſeiner Lehre gebau - et hat.
Du ſprichſt: man ſolle nicht ehebre - chen, und du brichſt die Ehe (auf eine ſubti - lere Art, da du den boͤſen ehebrecheriſchen Luͤ - ſten nicht widerſteheſt, ſondern ſie in dir zur Herrſchaft kommen laͤſſeſt, auch wol uͤbeteſt, wenn dir die Gelegenheit nicht fehlete, oder die Furcht vor der Strafe und aͤuſſerlichen Schan - de, ſo es offenbar werden ſolte, dich nicht zu - ruͤck hielte: imgleichen da du, wider das im Paradieſe gegebene Ehe-Gebot, aus Mißbrau - che einiger Exempel der Alten, ſonderlich der Patriarchen, welche doch nach ihrer wahren Beſchaffenheit gantz anders anzuſehen ſind, den leichtſinnigen Ehe-Scheidungen, auch der Viel - weiberey, die nebſt jener auf mancherley Art mit auf einen Ehebruch hinaus lauft, das Wort redeſt.) Dir grauet vor den (groben) Goͤ - tzen, und raubeſt GOtt, was ſein iſt, (trei - beſt allerley Kraͤmerey in dem Tempel. Und wie in demſelben, alſo auch auſſer ihm, verſa - geſt du GOtt deine Seele zum Tempel, oder zur Wohnung; verfaͤllſt dabey auf eigne Ge - rechtigkeit und Verdienſte, wodurch du GOtt ſo vielmehr ſeine Ehre, die du ihm anthun ſol - teſt, abſchneideſt, ſo vielmehr du dich dadurch aufbleheſt und erhebeſt, und gegen das Evan - gelium Chriſti gleichſam verriegelſt.)
Du ruͤhmeſt dich des Geſetzes (nicht allein alſo, daß GOtt die Nation, wozu du ge -hoͤreſt, vor allen andern der Beylage ſeines Ge - ſetzes gewuͤrdiget habe; 5 B. Moſ. 4, 6-8. Roͤm. 9, 14. ſondern du meyneſt auch, wenn du den Geboten des Geſetzes aͤuſſerlich nachkoͤmmſt, daß du damit dem Geſetze und GOtt ſelbſt ein Genuͤgen gethan, deine guten Verdienſte vor dir habeſt, und damit die Seligkeit erlangen koͤnneſt) und ſchaͤndeſt GOtt durch die (in - nere und herrſchende) Ubertretung des Ge - ſetzes: (welche denn auch nicht ohne alle aͤuſſerli - che Außbruͤche bleibet.)
Denn eurenthalben wird GOTTes Name gelaͤſtert unter den Heyden (daß, wenn die Heyden an euch Juden theils ſo man - che grobe Ubertretung, theils auch die Larve der Heucheley und allerley Unlauterkeit und ungoͤttli - ches Weſen ſehen, und dabey hoͤren, wie daß ihr euch ruͤhmet, daß ihr allein vor allen andern Voͤlckern den wahren GOtt erkennet und anbe - tet, auch ein ſo heiliges und herrliches Geſetz von ihm empfangen haͤttet; ſo urtheilen ſie nach euren Sitten von GOtt und eurem Geſetze und eurer Religion dergeſtalt widrig und arg, als es die ihnen von euch gegebenen Aergerniſſe und ihre boͤſe Affecten mit ſich bringen. Da ihr hin - gegen mit eurem Leben und gantzen Wandel eu - re Religion ſchmuͤcken, und den Heyden von dem wahren GOtt einen guten Eindruck, und damit die Gelegenheit zu ihrer Bekehrung geben ſoltet. Denn ihr wiſſet wohl, was euch dißfals von GOtt durch Moſen Deut. 4, 5. ſeqq. vorge - ſchrieben iſt, wenn es heißt: Siehe, ich ha - be euch gelehret Gebote und Rechte ‒ ‒ So behaltet es nun und thuts. Denn das wird eure Weisheit und Verſtand ſeyn bey allen Voͤlckern, wenn ſie hoͤren werden alle dieſe Gebot, daß ſie muͤſſen ſagen: Ey! welche weiſe und verſtaͤndi - ge Leute ſind das, und ein herrlich Volck! Denn wo iſt ſo ein herrlich Volck, zu dem die Goͤtter ſich alſo nahe thun, als der HERR unſer GOTT, ſo oft wir ihn an - rufen? Und wo iſt ſo ein herrlich Volck, das ſo gerechte Sitten und Gebote habe, als alle diß Geſetz, das ich euch heutes Ta - ges vorlege?) als geſchrieben ſtehet (in - ſonderheit vom David, als er den Ehebruch und noch ein mehrers begangen 2 Sam. 12, 14. Daß er die Feinde des HERRN dadurch habe laͤſternd gemacht. Und von den Ver - fuͤhrern des Volcks heißt es alſo Jeſ. 52, 5. Mein Name wird immer taͤglich gelaͤſtert. Siehe auch Ezech. 36, 20. ſeqq. Da GOtt der HErr daruͤber klaget, daß ſein Volck ſei - nen heiligen und groſſen Namen unter den Heyden entheilige, mit der gerechten Dro - hung, daß er ſeinen Namen ſelbſt heilig machen wolle, und die Heyden erfahren ſolten, daß er, der HERR, heilig ſey, wenn er ſich vor ihnen an ſeinem Volck er - zeigen werde, daß er heilig ſey.)
Die Beſchneidung (worauf du dich bey deinem Juͤdiſchen Namen nicht weniger, als auf das Geſetz und auf die geſetzliche Gelehrſamkeit verlaͤſſeſt v. 17. 18. ) iſt wohl nuͤtze (wird von dir nuͤtzlich gebrauchet) wenn du das (Moral -) Geſetz (vollkoͤmmlich, oder doch auf eine dem Evangelio gemaͤſſe Art) haͤltſt; (und dich alſo auch am Hertzen beſchnitten erweiſeſt) haͤlteſt du aber das Geſetz nicht (auf eine ſolche Art) ſo iſt deine Beſchneidung, (der Stand deines Judenthums, deſſen du dich ſo ſehr ruͤhmeſt ge - gen das Evangelium von Chriſto) ſchon eine Vorhaut worden (die gar nichts nuͤtze, und ſo viel als waͤreſt du nicht beſchnitten, oder du biſt vor GOtt nicht beſſer geachtet, als der un - bekehrte Zuſtand des Heydenthums, oder eines von dem Leben aus GOtt entfremdeten und al - ſo an Leib und Seele unbeſchnittenen Heyden: geſchweige daß du bey ſolcher Beſchaffenheit mit deinem auſſer dem Meßia betrachteten Juden - thum vor GOtt ſolteſt beſtehen koͤnnen, wie du doch meyneſt.)
So nun die Vorhaut (der unbeſchnitte - nen Heyden) das Recht im Geſetze haͤlt (das geſchriebene Geſetz zwar nicht hat, aber doch ihm ſelbſt ein Geſetz iſt, und des Geſetzes Werck thut v. 15.) meineſt du nicht, daß ſeine Vor - haut (der Stand ſeines Heydenthums) werde fuͤr eine Beſchneidung gerechnet (fuͤr eben ſo gut, ja fuͤr noch beſſer gehalten, als dein bloß aͤnſſerliches Judenthum, darauf du dich doch ſo ſehr verlaͤſſeſt, und vermeyneſt daher groſſe Vorzuͤge vor den Heyden zu haben, und damit vor GOtt beſtehen zu koͤnnen, und dich folglich nach dem Evangelio vom wahren Meßia nicht um ſieheſt.)
O wie viele unter den Chriſten werden von den ehrbaren Heyden noch heute zu Tage be - ſchaͤmet! Und wie werden ſie gegen jene am Ta - ge des Gerichts beſtehen.
Und wird alſo, das von Natur eine Vorhaut iſt (der, welcher der Natur und Ge - burt nach ein Heide iſt) und das Geſetz (alſo, wie gedacht) vollbringet, dich, (der du dich uͤber ihn zum Richter aufwirfſt v. 1. richten (in der That ſelbſt das Urtheil uͤber und wider dich ſprechen) der du unter dem Buchſtaben und der Beſchneidung biſt (mit dem Buchſtaben und bloß buchſtaͤblichen Verſtande und aͤuſſerli - chen Wercken des Geſetzes umgeheſt, dich auch darauf, und auf das Vorrecht der Beſchnei - dung, verlaͤſſeſt v. 17. ſeqq. ) und das Geſetz uͤbertritteſt (wo nicht allemal aͤuſſerlich und auf eine grobe Art, doch innerlich und alſo, daß die Ubertretung doch in aller Unlauterkeit deines Wandels auch andern ſich zeiget, und ihnen zum Anſtoß wird.
Von der Redens-Art διὰ γράμματος〈…〉〈…〉 κεριτομῆς ſtehet διὰ fuͤr σὺν oder ἐν. Davon man ſehe die Anmerckung uͤber c. 4, 11.
Denn das iſt nicht ein (rechter und GOtt wohlgefaͤlliger) Juͤde, der (nur allein) aus -wen -45Cap. 2, v. 29. an die Roͤmer. wendig (oder aͤuſſerlich nach der Geburt, Na - tion und Bekaͤntniß der Religion, ohne alle wahre Hertzens-Aenderung, und ohne wahre glaͤubige Erkaͤntniß des Meßiaͤ) ein Juͤde iſt (und ſich nur auf jenes und auf ſeine aͤuſſerliche Vorrechte, die er vor den Heiden hat, im fleiſch - lichen Sinn verlaͤßt, und ſich fuͤr Abrahams Sa - men ohne abrahamiſehen Glauben haͤlt) auch iſt das nicht eine (an ſich vor GOtt geltende, und geiſtliche Vorrechte bringende) Beſchnei - dung (die mit Hindanſetzung der Beſchneidung des Hertzens und des Glaubens an den Meßiam, worauf die Beſchneidung in goͤttlicher Abſicht gewieſen hat, nur allein) auswendig im Fleiſch geſchiehet (und noch dazu zur Aufblehung und zur Verwerfung der Evangeliſchen Gnade und Wahrheit gemißbrauchet wird.)
Sondern das iſt ein (rechter und GOtt wohlgefaͤlliger) Juͤde (oder Jſraelit) der (nebſt ſeiner aͤuſſerlichen Religions-Form) innerlich verborgen iſt (in welchem, als einem rechten Nathanael, kein falſch iſt Joh. 1, 48. Pſ. 32, 2. u. der reines Hertzens iſt Pſ. 73, 1. der, wie Abraham, der Vater und das Muſter aller glaͤubigen Jſrae - liten, die Gerechtigkeit des Glaubens, und die Beſchneidung, als ein Siegel derſelben, hat, und in den Fußſtapfen des Abrahamiſchen Glaubens wandelt Roͤm. 4, 11. 12. der wie die Sara in - nerlich geſchmuͤcket iſt am verborgenen Men - ſchen des Hertzens, unverruͤckt, mit ſanftem und ſtillem Geiſte, ſo da koͤſtlich vor GOTT iſt 1 Pet. 3, 4. 5.) Und die Beſchneidung des Hertzens (wodurch die Erb-Suͤnde dergeſtalt beſchnitten und entkraͤftet wird, daß das Hertze zur wahrhaftigen Wiedergeburt und gruͤndlichen Aenderung, und in dieſer aus dem Stande der verderbten Natur und des Unglaubens in den Stand der Gnade und des Glaubens verſetzet wird) iſt eine Beſchneidung, die im Geiſte (die geiſtlich iſt, und vom Heiligen Geiſte in der Seele gewircket wird) und nicht im Buchſta - ben geſchiehet (nicht nur allein dem aͤuſſerli - chen, mit gewiſſen aus Buchſtaben beſtehenden Worten ausgedruckten, Gebote von der Be - ſchneidung 1 B. Moſ. 17, 10. ſeqq. gemaͤß iſt) welches (alſo beſchaffenen und geiſtlich beſchnit - tenen Juͤden) Lob (und Approbation) nicht iſt aus Menſchen (weder aus aͤuſſerlichen menſch - lichen Vorzuͤgen, welche die Juͤden von ihrem Abrahamiſchen Urſprunge und Geſchlechte, auch von andern aͤuſſerlichen Vorrechten hernahmen, entſtehet; noch auch von Menſchen, die nur aufs aͤuſſerliche ſehen, und den beſagten innerlichen Zuſtand recht zu beurtheilen nicht vermoͤgend ſind, kan gegeben werden) ſondern aus GOTT (der die Hertzen pruͤfet, und wie auf das Jn - wendige und Verborgene ſiehet, alſo auch den in - nerlichen Gnaden-Stand ſelbſt angerichtet hat, und alſo nicht anders kan, als an demſelben ein gnaͤdiges Wohlgefallen tragen.
WAs haben denn die Juͤden Vortheils (da es nun alſo um die Juͤden ſtehet, daß ſie vor den Heiden nichts haben, damit ſie auſſer dem Evangelio vor GOTT beſtehen koͤnnen, alſo, daß ihnen we - der ihr Geſetz, noch ihre Beſchneidung, zu ſtatten koͤmmt, ſondern ſie vor GOTT den Heiden gleich geachtet ſeyn ſollen: wo bleibet denn gleichwol ihr an ſich ſebſt unlaͤugbarer Vorzug, den ſie im Alten Teſtamente vor andern Voͤlckern gehabt? Jſt denn der ſo gar nichtig geweſen? oder, da er ſo viel hat auf ſich gehabt, iſt er denn nun ſo gar aufgehoben?) oder was nuͤtzet (inſonder - heit) die Beſchneidung? (wenn, nach c. 2, 28. das keine wahre Beſchneidung ſeyn ſoll, die aus - wendig im Fleiſche geſchiehet, hat ſie denn GOtt nicht ſelbſt alſo verordnet? oder hat man den aus den Heiden Bekehrten einzuraͤumen, daß die Juͤ - den vor ihnen keines weges mehr einen Vorzug haben und behalten?)
Zwar faſt viel (vieles auf allerley Wei - ſe, oder freylich gar vieles; zumal wenn man ihre Vorzuͤge nach dem Zweck anſiehet, den GOTT damit gehabt hat, und wenn ſie ſich die - ſelbe dazu haͤtten wollen dienen laſſen.) Zum erſten (zuvorderſt, oder das vornehmſte von die - ſen Vortheilen iſt) daß ihnen iſt anvertrauet, was GOTT geredet hat. (GOTT hat ſie vor andern Voͤlckern der Offenbarung ſeines hei - ligen und gnaͤdigen Willens nach dem Geſetz und Evangelio gewuͤrdiget, da er ihnen durch Moſen und durch die Propheten ſein Wort, als eine unſchaͤtzbare Beylage, anvertrauet hat, alſo, daß er ihnen derſelben getreue Bewahrung hat zugetrauet, ſie auch in derſelben ſich haben getreu erfinden laſſen: wenn ſie es nur ſonſt zu ihrem Heil, dazu es ihnen gegeben, angewendet haͤtten. Siehe hievon 2 B. Moſ. 19, 20. ſeqq. 5 B. Moſ. 4, 5. 6. 7. 8. 31, 9. ſeqq. Pſ. 145, 18. 147, 19. Rom. 9, 4.
1. Gleichwie GOTT den Juͤden mit der Offenbarung ſeines Willens und der Darge - bung ſeines Worts eine groſſe und unſchaͤtzbare Wohlthat erwieſen: ſo iſt in ſo weit auch der Juͤden Treue zu loben, daß ſie dieſe Beylage dem Buchſtaben nach mit aller Sorfalt bewah - ret, und ohne alle Zuſetzung und Abnehmung, oder Aenderung, auf ihre Nachkommen gebracht haben: alſo, daß die Chriſtliche Kirche die Heil. Schrift altes Teſtaments in aller Integritaͤt aus ihrer Hand, gleichſam aus ihrem glaubwuͤrdigen Archiv, empfangen hat. Wie denn daher auch die Juͤden, da ſie aus der Erfahrung auch von der Chriſten Sorgfalt fuͤr die Bewahrung der Schriften des alten Teſtaments gnugſam verſi - chert ſind, kein Bedencken tragen, ſich der von den Chriſten heraus gegebenen Hebraͤiſchen Bi - bel ſo wol, als der, die ſie ſelbſt ediren, zu be - dienen.
2. Und alſo ſtehen die Chriſten in Anſehung der Schriften des alten Teſtaments mit den Juͤden in einer genauen Verbindung. Welche denn billig dazu dienen ſoll, daß man ſie deſto hertzlicher liebe, und in der Liebe durch unſere und ihre eigene Glaubens-Buͤcher ſuche zu glaͤu - bigem Erkaͤntniß CHriſti zu fuͤhren.
3. Wir haben aber nicht zu vermeinen, als haͤtte GOTT das dem Juͤdiſchen Volcke anver - trauete Wort den uͤbrigen Voͤlckern verſaget. Denn gleichwie ihnen daſſelbe auf mancherley Art konte kund werden: ſo ſtunde ihnen der Zu - gang dazu, und zur Juͤdiſchen Religion ſelbſt, auch auſſer der Beſchneidung und auſſer dem Le - vitiſchen Gottesdienſt frey; ſo fern nemlich die - ſelbe auf die den Patriarchen bereits offenbarete,ja47Cap. 3, v 3-6. an die Roͤmer. ja durch Noam und ſeine Nachkommen unter al - len Voͤlckern ausgebreitete Wahrheit ging. Und alſo hatte GOTT unter dem Juͤdiſchen Volcke dergeſtalt gleichſam ſein Feuer und ſeinen Heerd, daß auch andere Nationen daſelbſt ihr verloſche - nes Licht der Noachiſchen Traditionen wieder anzuͤnden koͤnnen: wie auch manche unter ihnen gethan haben, und daher Proſelyti, und Juͤden - genoſſen geworden ſind.
Daß aber etliche (und zwar ihrer nicht wenige) nicht glaͤuben an daſſelbe, (was GOTT ihnen in den Schriften Moſis und der Propheten anvertrauet hat, alſo, daß ſie den ſchon geſandten Meßiam daraus recht erkenne - ten, Gr. unglaͤubig ſind,) was lieget daran, (wie kan das den ihnen in gewiſſer maſſe gegoͤn - neten Vorzug an ſich ſelbſt vernichten?) wie kan ihr Unglaube (an den verheiſſenen, und als ſchon geſandten Meßiam) GOttes Glau - ben (die Treue, Wahrheit und Veſtigkeit der goͤttlichen Verheiſſungen: ſiehe 1 Cor. 1, 9. 10, 13. 2 Cor. 1, 18. 1 Theſſ. 5, 14. 2 Theſſ. 3, 3. ferner 1 Tim. 1, 15. 3, 1. 4, 9. 2 Tim. 2, 11. Tit. 3, 1. und ſonderlich 2 Tim. 2, 13. Glauben wir nicht, ſo bleibet er treu, er kan ſich ſelbſt nicht leugnen:) aufheben? (alſo daß daher folgen ſolte, als waͤren ihre von GOtt empfan - gene Vorrechte um ihres Unglaubens wegen auch an ſich ſelbſt fuͤr nichts zu achten, und habe GOTT die Erfuͤllung ſeiner Verheiſſung, von der Sendung des Meßiaͤ, an der Juͤden ihren Glauben gebunden. Siehe auch 5 B. Moſ. 23, 19. Roͤm. 9, 6. 11, 29.)
Das ſey ferne (daß unſer Unglaube GOt - tes Glauben, oder die Wahrheit goͤttlicher Ver - heiſſungen und Gaben aufheben ſolte) es bleibe vielmehr alſo, daß GOTT ſey wahrhaftig, und alle Menſchen falſch, (nemlich von Na - tur des Ebenbildes GOttes, ſo lauter Wahrheit, oder rechtſchaffenes Wiſſen war, beraubete. Mit welchem Ausſpruch Paulus immer naͤher koͤmmt zu ſeinem Zweck, welcher war, alle Menſchen zu Suͤndern zu machen, und alſo das gantze menſch - liche Geſchlecht des allgemeinen Verderbens wegen dem Gerichte GOttes zu unterwerfen, damit es moͤchte die Nothwendigkeit, durch CHriſtum ſelig zu werden, erkennen:) wie im 51 Pſalm v. 6.) geſchrieben ſtehet: an dir al - lein habe ich geſuͤndiget, und uͤbel vor dir gethan: welches ich, ſagte David, zu dem Ende frey und bußfertig bekenne) auf daß du gerecht ſeyſt (gerecht erkant werdeſt, und alſo recht behalteſt) in deinen Worten (es moͤgen nun Worte der Verheiſſungen, oder der Draͤuungen und Be - ſtrafungen ſeyn, inſonderheit diejenigen, welche da in den zehen Geboten wider den Ehebruch und den Todſchlag gegeben, und die du durch den Nathan ankuͤndigen laſſen 2 Sam. 12, 10-12. ) und uͤberwindeſt (wie es die Griechiſchen In - terpretes gegeben haben, nemlich gerichtlich, das iſt, recht zu haben erkant und bekant werdeſt, und alſo, wie du biſt, auch nach der MenſchenUrtheil rein bleibeſt, und deine Wahrheit durch die Bekaͤntniß unſerer Suͤnden zu deinem Preiſe herrlicher werde v. 7.) wenn du gerichtet wirſt, (wenn du nach dem, wie du mit dem Men - ſchen verfaͤhreſt, beurtheilet wirſt: oder auch in dem, wie du richteſt, das iſt, mit dem Menſchen handelſt: und alſo kund werde, daß du nieman - den Unrecht thuſt.)
1. Da Pauli Zweck war, nachdem er von dem natuͤrlichen und ſehr verderbten Zuſtande der Heiden und Juͤden geredet hatte, ſeine Rede dahin zu lencken, daß er, wie hernach geſchiehet, zeigete, wie beyde in der Ordnung der Buſſe und des Glaubens ſich muͤſſen zum Gnaden-Stul GOttes in CHriſto wenden; ſo fuͤhret er, zur Beſtetigung ſeines im dritten Vers gethanen Ausſpruchs, im vierten gar fuͤglich einen ſolchen Ort an, da der bußfertige David vor GOTT ſeine Suͤnde erkennet und bekennet, und mit ſei - nem Exempel lehret, wie es alle Menſchen, wenn ſie auch gleich dieſe und jene Suͤnde nicht auf die Art, wie er, begangen, es ihres ſo groſſen natuͤr - lichen Verderbens wegen machen ſollen.
2. Da aber Davids und Pauli Worte von dem, daß GOTT wider den Suͤnder recht habe und behalte, koͤnten gemißbrauchet werden, ſo ſtellet Paulus ſolche Mißdeutung v. 5. vor, und beantwortet ſie v. 6. welches der Connexion we - gen zu mercken iſt.
Jſt es aber alſo, daß unſere Ungerech - tigkeit GOttes Gerechtigkeit preiſet, (wenn aber die Erkaͤntniß und Bekaͤntniß unſerer Unge - rechtigkeit, oder unſers verderbten Zuſtandes, GOttes Wahrheit, Unſchuld und Gerechtigkeit alſo preiſet, daß dieſe dadurch ſo viel mehr ans Licht geſtellet wird:) was wollen wir dazu ſagen? (was wollen wir daraus folgern, oder ſchlieſſen?) Jſt denn GOtt auch ungerecht, daß er daruͤber zuͤrnet? (Solte wol dieſes daraus folgen, daß GOTT ungerecht ſey, oder wider die Gerechtigkeit handele, wenn er uͤber das Boͤſe, ſo doch gleichwol zur Verherrlichung ſeines Namens, oder ſeiner Wahrheit und Ge - rechtigkeit, gereichet, ſeinen Zorn ergehen laͤſſet, oder es in ſeinem Geſetze und in der That beſtra - fet, und damit bẽweiſet, daß er daruͤber zuͤrne?) Jch rede alſo, (ob denn GOtt daher wol koͤn - ne fuͤr ungerecht gehalten werden) auf Men - ſchen weiſe (wie etwa ein Menſch, der die Sa - che nicht recht einſiehet, oder auch muthwillig verkehret, reden moͤchte.)
Das ſey ferne, (daß GOtt irgend einiger Unwahrheit, oder Ungerechtigkeit, daher, daß er die Suͤnden ſtrafet, und daß die Bekentniß unſe - rer Suͤnden zur Verrherrlichung ſeines Namens gereichet, beſchuldiget werden koͤnte:) wie koͤnte ſonſt GOTT (wenn er nicht im hoͤchſten Grad gerecht waͤre) die Welt richten? (als welches wir alle bekennen; wozu aber die Gerechtigkeiterfo -48Erklaͤrung des Briefes Pauli Cap. 3, v. 7. 8. erfodert wird. Siehe auch 1 B. Moſ. 18, 25. Job. 8, 3.)
Denn ſo die Wahrheit (und Gerechtig - keit GOttes durch meine (ſeiner Wahrheit und Gerechtigkeit entgegen ſtehende) Luͤgen (oder verderbtes Weſen, Ungerechtigkeit und Suͤnden) herrlicher wird zu ſeinem Preiſe; warum ſolte ich (〈…〉〈…〉άγὼ, auch ich, nemlich Ju - de, nicht allein Heide) dennoch (wenn ſolches zugegeben wird) als ein Suͤnder gerichtet werden. (Nun aber, da GOTT d[er]gerechte Richter aller Welt iſt, ſo kan es nicht anders ſeyn, als daß ich, und ein ieder, auſſer CHriſto ihm ſelbſt gelaſſener Menſch, von ihm als ein Suͤnder gerichtet werde: und folglich ſo kan die Wahrheit GOttes durch meine, oder unſere, Luͤ - gen, ſo ferne dieſe Suͤnde ſind, nicht herrlicher werden zu ſeinem Preiſe; ſondern was dißfals geſchiehet, das geſchiehet nur zufaͤlliger weiſe, und in ſo weit die Suͤnden bußfertig erkant und bekant werden: da ſie ſonſt von ſolcher Beſchaf - fenheit ſind, daß ſie, an ſich ſelbſt betrachtet, GOt - tes Namen nicht verherrlichen, ſondern verun - ehren.)
Und nicht vielmehr alſo ſagen, (und wird nicht, wofern unſere Suͤnden an ſich ſelbſt GOttes Namen verherrlichen ſollen, das daraus folgen, was uns durch eine Laͤſterung beygemeſ - ſen wird) wie wir gelaͤſtert werden, und wie etliche ſprechen, daß wir ſagen ſollen: Laſſet uns Ubels thun, auf daß Gutes (die Verherrlichung des Namens GOttes) daraus komme? (Da nun aber dieſe conſequentz an ſich richtig, aber ſo gar arg iſt, ſo ſiehet man wohl, daß das antecedens, oder der durch den Mißbrauch der Davidiſchen Worte gemachte Satz von der Verrherrlichung des Namens GOttes durch die Suͤnde, wenn man dieſe an ſich ſelbſt betrachtet, falſch und recht arg ſey.) Welcher (Wort-Verkehrer und Laͤſterer) Ver - dammniß (und Gericht, worunter ſie liegen, und welches am juͤngſten Tage an ihnen wird vollzo - gen werden,) iſt gantz recht, (und wie der goͤttlichen Straf-Gerechtigkeit, alſo auch der Suͤnde gemaͤß.)
Was ſagen wir denn nun (von dem Vortheil der Juden, nach den erſten Verſen die - ſes Capitels, daraus hernach Gelegenheit ge - nommen iſt, den Davidiſchen Spruch vom Miß - brauch zu retten?) Haben wir (Juden, zu wel - chen ſich Paulus der Nation nach nicht unbillig noch mit rechnet, ob er gleich bereits ein Chriſte geworden war,) einen Vortheil? (einen ſol - chen, wie man zu haben vorgiebet, nemlich damit man ohne der Erloͤſung und innern Heiligung zu beduͤrfen, und den Meßiam dazu anzunehmen, koͤnne vor GOTT beſtehen?) Gar keinen (in dieſem Verſtande.) Denn wir haben droben (c. 1. und 2.) beweiſet, daß beyde Juͤden und Griechen alle unter der Suͤnde ſind; (der - geſtalt, daß das beherrſchende Joch, auch die Schuld und Strafe derſelben von Natur auf uns lieget, und uns daher auch das Geſetz ver - dammet, und wir alſo eines Mittlers hoͤchſt be - noͤthiget ſind. Siehe auch Rom. 3, 23. 11, 32. Gal. 3, 22.
Wie denn geſchrieben ſtehet (ſonder - lich im 14ten Pſalm: als aus welchem herge - nommen iſt, was v. 10. 11. 12. ſtehet, doch al - ſo, daß Paulus durchgehends mehr auf den Sinn der daſelbſt befindlichen Worte, als auf die Wor - te ſelbſt geſehen.) Da (im gantzen menſchlichen Geſchlechte, auf welches der HERR vom Him - mel herab ſchauet Pſ. 14, 2.) iſt nicht einer, der (von Natur) gerecht ſey, auch nicht ei - ner: (und alſo kan ſich hie kein Menſch aus - nehmen, ſo wenig, als ſich auch die Mutter unſers HErrn, die Jungfrau Maria, davon ausgenom -men hat, oder ausnehmen koͤnnen: ſondern es haben alle bußfertig zu erkennen, daß ihnen bey - des die wahre Glaubens - und Lebens-Gerechtig - keit fehle; es mag gleich der Heide ſich noch fuͤr ſo weiſe und tugenhaft nach dem Lichte der Na - tur halten; und der Jude, ſonderlich der Phari - ſaͤiſche, mag ſich noch ſo ſehr auf ſeine Vorrechte in der Religion berufen. Siehe auch 1 B. der Koͤn. 8, 46. Job. 4, 18. 15, 14. Pſ. 53, 4. Eccleſ. 7, 21. 1 Joh. 1, 8.)
Da iſt nicht der verſtaͤndig ſey, (nem - lich auf eine geiſtliche Art, daß er aus eigenen Kraͤften vernehmen und begreifen koͤnne, was des Geiſtes GOttes iſt 1 Cor. 1, 14. und die wah - re ſeligmachende Erkaͤntniß des Heils habe Luc. 1, 77. Eph. 3, 4. 2 Tim. 2, 7.) da iſt nicht, der nach GOTT frage (ihn von Natur oder bey dem Lichte der Offenbarung aus eigenen Na - tur-Kraͤften alſo ſuche und ſuchen koͤnne, als er zu finden iſt, nemlich in der Ordnung der wah - ren Hertzens-Bekehrung zu GOTT, durch wel - che man zur Gemeinſchaft GOttes gelanget. Und alſo liegen alle Menſchen nach dem Ver - ſtande und Willen im Verderben, und koͤnnen ſich ſelbſt nicht helfen. Siehe auch Jeſ. 53, 3. 4.
Sie ſind alle (die Juden und Heyden, oh - ne Ausnahm) abgewichen (vom rechten Wege, von GOTT und ihrem Heil, und ſind nach dem Hebr. gleichſam geworden, als vappa, vinum fu - giens, ein verrochener Wein, der alle ſeine Kraft und Guͤte verlohren hat) und alleſamt untuͤch - tig worden (zu allem geiſtlichen Guten: ſie ſind, nach verlohrner Kraft, in eine Faͤulung, oder ſol - che corruption, gerathen, daß ſie ſauer, ja ſtin - ckend worden: wie es im Grund-Texte des 14ten Pſalms v. 3. eigentlich lautet.) Da iſt nicht, der Gutes (ein ſolches wahres gutes Werck, innerlich oder aͤuſſerlich, welches GOTT gefal - le,) thue: (hingegen ſind ſie fruchtbar zu boͤſen Wercken) auch nicht einer, (alſo, daß davon, wie ſchon gedacht, weder der eingebildete heid - niſche Philoſophus, noch der ſchwuͤlſtige Phariſaͤer ausgenommen iſt.)
Jhr Schlund (und Mund) iſt ein offnes Grab, (ihr Hertz iſt in Suͤnden geiſtlich todt; und aus dieſem geiſtlichen Tode ſteigen, als aus ei - nem, mit den in der Verweſung liegenden Lei - bern angefuͤlleten und offenſtehenden Grabe, die boͤſen Gedancken, Begierden und Rahtſchlaͤge, durch die Worte mit vielem Geſtancke, oder Aer - gerniſſe, hervor. Und da im alten Teſtament nach den Levitiſchen Satzungen nichts unreivers und abſcheulichers ſeyn konte, als ein offenes und mit todten Coͤrpern erfuͤlletes Grab; ſo werden mit demſelben hier die Menſchen, wie ſie von Na - tur ſind, verglichen: und ſind die Worte aus dem fuͤnften Pſalm v. 10. genommen. Siehe auch Matth. 12, 34. 35. 15, 11. 18. 19. 23, 27.) mit ihren Zungen handeln ſie truͤglich (ge - ben glatte und ſuͤſſe Worte, die mit vielerGVer -50Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 3, 16-19. Verſtellung nach dem boͤſen Grunde des falſchen Hertzens, auf lauter Betrug gehen.) Ottern - Gift iſt unter ihren Lippen, (nach Pſalm 140, 4. ſie ſind von Natur durch die Suͤnde Kinder des Teufels, nach deſſen Willen ſie thun Joh. 8, 44. 1 Joh. 2, 8. 10. des Teufels, der den Namen der Otter und der Schlangen fuͤh - ret Gen. 3. 3 Cor. 11, 3. Apoc. 12, 9. 20, 2. daher ſie auch Otter-Gezuͤchte genennet wer - den Matth. 3, 7. 23, 33. als die den geiſtlichen Seelen-Gift der herrſchenden Suͤnde und Ver - leumdung dergeſtalt unter ihren Lippen haben, daß, wenn ſich dieſelbe nur regen, etwas ſchaͤd - liches hervor gehet. ) v. 14. Jhr Mund iſt voll Fluchens und Bitterkeit) damit ſie, als mit einem Gift und mit einer Seuche ihren Nechſten gleichſam anſtecken. Siehe Pſalm 10, 7.) v. 15. Jhre Fuͤſſe ſind (nach dem Triebe des feindſeligen und moͤrderiſchen Hertzens) ei - lend (und fertig) Blut zu vergieſſen, (und al - ſo den Leib zu dieſem Zwecke fortzutragen. Sie - he Prov. 1, 16. Jeſ. 59, 7. daher dieſe Worte ge - nommen ſind.)
Jhr Weg (alles ihr Vornehmen und Thun, ihr gantzer Wandel) iſt eitel Unfall und Hertzeleid, (ſie gehen damit um, wie ſie andern nur lauter Unfall und Hertzeleid zurich - ten moͤgen, womit ſie denn ihr eigenes Ungluͤck und Verderben haͤufen, nach Jeſ. 59, 7.) v. 17. Und den Weg des Friedens (ibid. v. 8. dar - auf lauter Friedfertigkeit, auch Friede und Heil fuͤr die Seele in GOtt und mit GOtt iſt, und der da der ſchmale heißt, welcher zum Leben fuͤh - ret Matth. 7, 14.) wiſſen ſie nicht (ſind auch meiſtentheils alſo geartet, daß ſie ihn nicht er - kennen und gehen wollen, wenn er ihnen ſchon gezeiget wird: ſondern dafuͤr gehen ſie lieber in die Jrre Jeſ. 53, 6. und folgen ihren blinden Lei - tern nach, und machen ſich und andern lauter Unruhe. ) v. 18. Es iſt keine Furcht GOt - tes vor ihren Augen (nach Pſalm 35, 2. Gen. 20, 11. ſie glauben und ſtellen ſich die Allgegen - wart GOttes nicht alſo vor, daß ſie davon zur Ehrfurcht vor ihm, und zum heiligen Wandel, auch zur Verabſcheung der Suͤnde einen tiefen Eindruck haͤtten, vielmehr, als vor der Gegen - wart eines anſehnlichen und ehrwuͤrdigen Man - nes, vor dem man Scheu traͤget, dieſes und je - nes boͤſe zu thun oder zu reden.)
1. Der Apoſtel anatomiret gleichſam den im Verderben liegenden alten Menſchen, und zeiget, daß durch und durch, gleichſam vom Haupte bis zum Fuſſe, nichts geiſtlich geſundes an ihm ſey. Denn v. 9. 10. redet er uͤberhaupt von dem Verderben, ſo da beſtehet in der Suͤn - de und in der Ermangelung der Gerechtigkeit. Darauf koͤmmt er v. 11. auf die Haupt-Kraͤfte der Seele, auf den Verſtand und den Willen, mit der Anzeige, daß der Menſch von Natur weder GOtt recht erkenne, noch auch nach ihm alſo frage, wie es ſich gebuͤhret: und daß er da - her in einer gaͤntzlichen Abweichung von GOttund Untuͤchtigkeit zu allem Guten ſich befinde. v. 12. Da nun aus ſolchem verderbten Grunde nichts als boͤſes herkommen kan, ſo koͤmmt er v. 13 ‒ ‒ 17. auf die effectus, oder boͤſen Fruͤchte, welche von ſolcher cauſſa entſtehen. Da er denn vorſtellet, wie dieſelbe durch ihren Schlund, durch ihre Zunge und Lippen, durch ihren Mund und ihre Fuͤſſe auf ihren ſuͤndlichen Wegen her - vor kommen. Und zuletzt koͤmmt er v. 18. wie - der zuruͤck auf die Ermangelung alles Guten in ihrer Seele, als die gantz ohne die wahre Furcht GOttes ſey.
2. Wenn auch ſchon ſolche Ausbruͤche ſich nicht bey einem ieden Menſchen bey einander be - finden; ſo lieget der Grund davon doch in einem jeden, und aͤuſſert ſich derſelbe auch bald auf eine groͤbere, bald auf eine ſubtilere Art, alſo, daß ſich keiner davon ausnehmen kan: zumal da es bey wenigen Ausbruͤchen oft mehr an der Gele - genheit und dem Vermoͤgen, als am boͤſen Wil - len fehlet.
Wir wiſſen aber, daß, was das Ge - ſetz (das Moral-Geſetze, wie es nicht allein in die Zehen Gebote verfaſſet, ſondern auch in den Buͤchern des Alten Teſtaments vielfaͤltig er - laͤutert und eingeſchaͤrfet iſt) ſaget, das ſaget es denen, die unter dem Geſetze ſind, (das iſt zuvorderſt den Juden, welchen das Geſetz ge - geben iſt, alſo daß ſich dieſe von den Heiden, deren eben ſo arger Zuſtand in den angefuͤhrten Schrift-Stellen mit bezeichnet, und ohne das oben im erſten Capitel bereits mit mehrern be - ſchrieben worden, in Anſehung des natuͤrlichen Verderbens nicht ausnehmen koͤnnen) auf daß aller (ſich vor GOtt in vermeinter eigner Ge - rechtigkeit ſelbſt ruͤhmender) Mund (ſo wol der Juͤden, als der Heiden) verſtopfet, (oder ver - ſchloſſen) werde, (daß er ſich im eitlen Ruhm eigner Verdienſte, gegen das Evangelium von Nothwendigkeit der Gnade in Chriſto, mit Fug und Recht nicht aufthun koͤnne) und alle Welt (und alſo die Juden und Heiden ohne alle Aus - nahme, alle Menſchen, wie ſie auſſer Chriſto und der Gnade der verderbten Natur nach anzu - ſehen ſind) GOtt ſchuldig ſey, (nach der An - klage des Geſetzes dem gerechten Straf-Gerich - te GOttes zur Verdammniß dergeſtalt unter - worfen ſey, daß ſie ſich davon noch weniger los - machen kan, als ein in ſeinen Ketten und Ban - den vor das Gericht geſtelleter tief verſchuldeter Delinquent: und demnach ein ieder mit bußfer - tigem Hertzen zu erkennen hat, daß er eines Mitt - lers und Erloͤſers, der ihn vor Gericht vertrete, hoͤchſtbenoͤthigt ſey.
Darum (muß nemlich, wie vorher gehet, aller Mund verſtopfet werden, und alle Welt GOtt ſchuldig ſeyn) daß (oder dieweil) kein Fleiſch (kein Menſch, er ſey wer er wolle) durch des Geſetzes Werck (durch die Wercke, wel - che das Geſetze vorſchreibet und fodert) vor ihm (vor ſeinem Gerichte, welches von Rechts - wegen alles vollkommen haben will, wie es die erſte gute Schoͤpfung mit ſich bringet, nach dem klaͤglichen Suͤnden-Fall, da alles im aͤuſſerſten Verderben lieget) gerecht ſeyn (und alſo ohne einen Mittler beſtehen mag. Denn durchdas Geſetz koͤmmt (nunmehro nach dem Suͤn - den-Falle, da man in dem Suͤnden-Elende lie - get, es doch aber nicht recht erkennet, einem ie - den Menſchen, der es recht gebrauchet) Er - kaͤntniß der Suͤnden. (wie es denn auch in den zuvor angefuͤhrten Schrift-Stellen dem Menſchen ſeinen boͤſen Grund recht aufdecket, und ihn auch ſonſt von der Suͤnde, derſelben Herrſchaft, Schuld und Strafe, dergeſtalt uͤber - zeuget, daß es ihm das Urtheil der Verdammniß ſpricht, und ihn alſo keines weges rechtfertiget und abſolviret.
Nun aber (da die Oeconomie des Neuen Teſtaments angegangen) iſt ohne Zuthun des Geſetzes die Gerechtigkeit, die vor GOtt gilt, (die Glaubens-Gerechtigkeit v. 22., die da - her im Griechiſchen eine Gerechtigkeit GOttes heißt, weil GOtt dieſelbe in Chriſto uns zube - reitet hat, und hat erwerben laſſen, auch aus Gnaden ſchencket, und die von der Beſchaffen - heit iſt, daß wir damit, als mit dem rechten Eh - ren-Kleide, an ſtatt des in Adam anerſchaffenen goͤttlichen Ebenbildes vor GOtt beſtehen koͤnnen) offenbaret, (nemlich in der wircklichen Erfuͤl - lung und Darſtellung des Verſoͤhn-Opfers JEſu Chriſti, alſo daß dieſe reale Offenbarung auch eine mehrere Erkaͤntniß bringet, als zurG 2Zeit52Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 3, v. 22. 23. Zeit der Verheiſſungen geweſen. Dieſe Ge - rechtigkeit iſt dergſtalt offenbaret, nemlich im Evangelio, ohne Zuthun des Geſetzes, daß ſie nicht etwa zum Theil aus dem Geſetze oder aus geſetzlichem Gehorſam, und zum Theil aus dem Evangelio koͤmmt, ſondern ſie iſt gantz des Evan - gelii; ſintemal, wie zuvor gedacht, das Geſetz die Suͤnde nicht wegnimmt mit Schenckung der Gerechtigkeit, ſondern ſie nur offenbahret, oder in ihrer Groͤſſe recht aufdecket) und bezeuget durch das Geſetz und die Propheten, (wie denn dieſe evangeliſche Glaubens-Gerechtigkeit an ſich ſelbſt nicht etwas neues iſt, welches im Al - ten Teſtament gar noch nicht bekant geweſen waͤre; ſondern ſie iſt bereits durch Moſen und die Propheten, theils in deutlichen Verheiſſun - gen, theils in Vorbildern vielfaͤltig bezeuget und vorher verkuͤndiget worden. Daher auch unſer Heiland ſelbſt ſpricht Luc. 24, 15-17. O ihr Thoren und traͤges Hertzens, zu glauben allem dem, das die Propheten geredet ha - ben. Muſte nicht Chriſtus ſolches leiden, und zu ſeiner Herrlichkeit eingehen? Und (thut Lucas hinzu) er ſing an von Moſe und allen Propheten, und legete ihnen alle Schrift aus, die von ihm geſaget war. Und Petrus ſpricht mit groſſer Freudigkeit Act. 10, 43. Von dieſem zeugen alle Propheten, daß durch ſeinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Suͤnden empfan - gen ſollen.
1. Der Leſer hat bey dieſem Vers wieder zuruͤck zu gehen auf den 17. Vers des erſten Ca - pitels, und ſie beyde, nebſt dem dort vorherge - henden 16. Vers zuſammen zu halten, ſo wird er ſehen, wie daß Paulus nun wieder zu dem er - ſten Haupt-Satze und zu der Haupt-Lehre ſei - nes gantzen Briefes koͤmmt, alſo, daß er ſie im nachfolgenden mit mehrern abhandelt: Nachdem er nemlich inzwiſchen durch den uͤbrigen Theil des erſten Capitels bis an dieſen letztern Ort ge - zeiget hat, daß Heyden und Juden, ihrem ver - derbten natuͤrlichen Zuſtande nach, unter dem Fluche des Geſetzes liegen.
2. Das Wort Geſetz wird alhier gebrau - chet erſtlich von dem eigentlichen in Geboten verfaſſeten Geſetze, hernach von den Schrif - ten Moſis: dergleichen Ort auch iſt der Gal. 4, 21. Saget mir, die ihr unter dem Geſetz ſeyn wollet, habet ihr das Geſetz nicht ge - hoͤret? Denn es ſtehet geſchrieben u. ſ. w. nem - lich im erſten Buch Moſis cap. 16. und 21.
Jch ſage aber von ſolcher Gerechtig - keit vor GOtt, (Gr. Aber die, oder eine ſol - che, Gerechtigkeit GOttes, nemlich iſt ietzo offenbahret, und vormals bezeuget durch das Geſetz und die Propheten) die da koͤmmt durch den Glauben an JEſum Chriſt (ἡ διὰ πί - ςεως Ἰησοῦ Χριςοῦ) zu allen und auf alle (Ju - den und Heiden) die da glauben, (welche die al - len erworbene und angebothene Gnade in Chri - ſto durch den wahren Glauben, welchen ſie durchſolchen Antrag in der Ordnung der Buſſe in ſich wircken laſſen, ergreiffen.) Denn es iſt hie kein Unterſcheid (unter Juden und Heiden, und bey der rechtfertigenden Gnade, oder zuzurech - nenden Gerechtigkeit Chriſti, als wenn ſie nur einigen zugedacht ſey, andern aber nicht; ſon - dern ſie iſt allgemein. Davon es mit Recht heißt cap. 10, 11. 12. Wer an ihn, Chriſtum, glaubet, wird nicht zuſchanden werden. Es iſt hie kein Unterſcheid unter Juden und Grieben: es iſt aller zumal Ein HErr, reich uͤber alle, die ihn anrufen. Siehe auch Col. 3, 11.
1. Die Griechiſchen Worte: δικαιοσύνη θεοῦ, die Gerechtigkeit GOttes, ſind c. 1, 17. wie auch alhier v. 21. 22. 26. und cap. 10, 3. 2 Cor. 5, 21. gar recht von dem ſeligen Luthero uͤberſetzet: Die Gerechtigkeit, die vor GOtt gilt. Denn der gantze Context zeiget nach dem Zwecke Pauli an, daß alhier die Rede nicht ſey von der weſentlichen Gerechtigkeit, die GOtt an ſich hat: noch von der, welche er durch den H. Geiſt in uns wircket; ſondern von der, welche uns Chriſtus durch ſeinen Verſoͤhnungs-Tod erworben hat, und die uns daher aus Gnaden geſchencket und uns als unſer eigen zugerechnet wird, und durch den Glauben muß ergriffen und zugeeignet werden. Darum ſie eine ſolche Gerechtigkeit GOttes heißt, welche koͤmmt durch den Glauben, und im Gegenſatz auf unſere eigene Gerechtigkeit, die unmoͤglich iſt, genennet wird die Gerechtigkeit GOttes, weil ſie uns von GOtt in Chriſto zubereitet iſt und geſchencket wird, auch allein zu unſerer Gere cht - machung vor GOtt gilt: und daher Phil. 3, 9. heißt: δικαιοσύνη ἐκ θεοῦ, die Gerechtigkeit aus, oder von GOtt, ἐπὶ τῆ πιςει, die dem Glauben, zugerechnet wird.
2. Die erworbene Gerechtigkeit Chriſti iſt ein allgemeines Gnaden-Geſchenck; weil ſie denn nun ohne Unterſcheid allen Glaubigen zu gut koͤmmt, wer ſolte ſich denn ſelbſt davon ausſchlieſſen, und es ſich nicht mit glaubigem Hertzen zueignen?
3. Ein glaubig Hertz haben, iſt in der Er - kaͤntniß ſeiner Suͤnden einen Hunger und Durſt nach der Gnade GOttes in Chriſto in ſich wircken laſſen und empfinden, und ſich damit die Gerechtigkeit Chriſti zur geiſtlichen Saͤttigung und Erquickung zueignen.
Denn ſie ſind allzu[m]al (Juden und Heiden ohne allen Unterſcheid v. 22.) Suͤnder, (Gr. haben geſuͤndiget, ne[m]lich zuvorderſt in Adam, ihrem erſten Stamm-Vater, ſintemal durch einen Menſchen die Suͤnde iſt in die Welt kommen, und der Tod durch die Suͤnde, und iſt alſo der Tod zu allen Menſchen hindurch ge - drungen, dieweil ſie alle geſuͤndiget haben, oder in Adam zu Suͤndern geworden ſind c. 5, 12.) und mangeln des Ruhms, den ſie an GOtt haben ſollen, (als koͤnten ſie aus eigener Ge - rechtigkeit vor GOtt beſtehen: Gr. ſind be -rau -53Cap. 3, v. 24. an die Roͤmer. raubet der Herrlichkeit GOttes, nemlich, die ſie am goͤttlichen Ebenbilde gehabt haben: ſintemal im Ebenbilde GOttes die rechte δοξα, oder der rechte Adel der menſchlichen Natur be - ſtanden. Daher Pauluͤs 2 Cor. 3, 18. von der Erneuerung zum Ebenbilde GOttes das Wort δοξα, Herrlichkeit, zu dreyen malen gebrau - chet, wenn er bezeuget, daß ſich ὴ δόξα Κυρίου, des HErrn Klarheit oder Herrlichkeit, der - geſtalt in den Glaͤubigen ſpiegele und abdrucke, daß ſie in daſſelbige Ebenbild verklaͤret wuͤrden, ἀπὸ δόξης ει〈…〉〈…〉 ς δόξαν, von einer Klarheit zur andern.
Es iſt ein ſchnoͤder Mißbrauch dieſes Spruchs, wenn er von unbekehrten Leuten der ernſtlichen Ermahnung zum thaͤtigen Chriſten - thum entgegen geſetzet wird. Da ja die Rede nicht iſt von dem, was wir von Natur ſind, ſon - dern von dem, wie unſere ſuͤndliche Natur durch Chriſtum wieder ſoll zu ihrem rechten Adel in GOtt gelangen. Welcher ihr mitgetheilet wird durch die Rechtfertigung, oder durch die ge - ſchenckte Gerechtigkeit Chriſti; aber nicht an - ders als in der Ordnung der Wiedergeburt, vermoͤge welcher in uns der erſte Anfang ge - ſchiehet von der Wiederaufrichtung des verlohr - nen herrlichen Ebenbildes GOttes.
Und werden (daher, weil es alſo um uns ſtehet) ohne (alles unſer eigenes) Ver - dienſt (vor dem Gerichte GOttes, davor alle, die gerecht werden wollen, ſich mit ihrem Gewiſſen in der Ordnung der wahren Buſſe und des Glaubens zu ſtellen haben) gerecht (ge - recht und von den Suͤnden loßgeſprochen) aus ſeiner (des himmliſchen Vaters, der in dem Geſchaͤfte unſerer Seligkeit ſich in beſonde - rer Art das Gericht zueignet) Gnade (die un - ſerer eigen Verdienſtlichkeit entgegen geſetzet iſt, und darinnen beſtehet, daß GOtt in dem ewi - gen Rathe des Friedens die Buͤrgſchaft des Sohns angenommen, ihn auch daher, nach vorhergegangenen ſo vielen Verheiſſungen und Vorbildungen zum Heilande in die Welt ge - ſandt, und das Werck der Erloͤſung vollbringen laſſen, auch das Loͤſe-Geld als vollguͤltig accep - tiret, und es den Glaͤubigen, als ware es ihr eig - nes, zurechnet, und ſie alſo gerecht ſpricht) durch die Erloͤſung, ſo durch JEſum Chri - ſtum geſchehen iſt (und nebſt der Gnade zum Grunde unſers Heils noͤthig war. Gr. Die in Chriſto JEſu, oder in ſeinem Verdienſte, iſt, nemlich gegruͤndet und zu finden.)
Welchen GOTT (nicht etwa nur heim - lich hingeſtellet, gleichwie die Bundes-Lade mit ihrem Deckel ins Allerheiligſte, dazu niemand, als der Hohe-Prieſter kommen konte, hingeſe - tzet war; ſondern durch ſeinen Tod am Creutze oͤffentlich aller Welt vor Augen geleget, und alſo) vorgeſtellet zu einem Gnaden-Stul, (davon ſiehe in den Anmerckungen. Wie ſoll aber dieſe Vorſtellung bey uns zur Application kommen? alſo daß er angenommen werde) durch den Glauben in ſeinem Blute (dar - inn, oder in dem Leiden und Sterben, dabey das Blutvergieſſen geſchehen iſt, zum Gnaden - Thron vorgeſtellet worden.) Damit er die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, darbiete, (oder vielmehr zum Beweis ſeiner richterlichen Gerechtigkeit: nemlich daß dieſer durch die im Geſchaͤfte der Seligkeit ſich hervorthuende groſ - ſe Gnade nichts zum Nachtheil geſchehen ſey: wie da geſchehen ſeyn wuͤrde, wofern GOTT, als Richter, die Menſchen ohne alle ſeiner Ge - rechtigkeit zukommenden Genugthuung, zu Gnaden wuͤrde angenommen haben. Da er aber ſeines eignen Sohnes Verſoͤhnungs-Tod ins Mittel treten laſſen, ſo hat er damit bewie - ſen, daß die Gerechtigkeit durch dieſe Gnade nicht aufgehoben worden, ſondern ihr durch den Mittler ein Genuͤgen geſchehen. ) in dem, daß er Suͤnde vergiebt, welche bisher geblie - ben war unter goͤttlicher Geduld. (Gr. wegen oder zu der Vergebung der Suͤnden, wel - che unter goͤttlicher Geduld vorher geſchehen wa - ren: d. i. GOTT hat ſeinen Sohn zum Gna - den-Stul vorgeſtellet wegen oder zur Vergebung der Suͤnden, welche bereits im Alten Teſta - mente unter goͤttlicher Geduld begangen worden waren. Denn weil es unmuͤglich war, daß der Ochſen, der Boͤcke und der Laͤmmer Blut an ſich ſelbſt die Vergebung der Suͤnden zu we - ge bringen konte; und doch dabey eine Verge - bung ſtatt gefunden hatte, nemlich in Anſehung des vollkommenen Verſoͤhn-Opfers CHriſti, welches dadurch vorgebildet war: ſo muſte, um in der That zu zeigen, woher die Opfer des Al - ten Teſtaments ihre Kraft gehabt zur Verge - bung der damals begangenen Suͤnden, zu ſeiner Zeit das rechte Verſoͤhn-Opfer im Gegenbilde dargeſtellet werden,) v. 26. Auf daß er zu dieſen (jenen alt-teſtamentiſchen entgegen ge - ſetzten) Zeiten darboͤthe die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, (ſeine uns durch Chriſtum erworbene Gerechtigkeit) auf daß er gerecht ſey (gerecht erkant werde, als der, deſſen rich -terli -55Cap. 3, v. 25. 26 an die Roͤmer. terlichen Gerechtigkeit durch das Blut oder den Verſoͤhnungs-Tod Chriſti ein Genuͤgen ge - ſchehen,) und gerecht mache (der, da er nach dem temperament der Gerechtigkeit und Gnade das Verſoͤhn-Opfer ſtatt finden laſſen, und das Loͤſe-Geld angenommen, ſolches nicht fuͤr ſich in ſeinem Gerichte behalte, ſondern es allen, die ſolches im wahren Glauben ergreiffen, als ihr eignes znrechne, und ſie ſolcher geſtalt gerecht mache,) den, der da iſt des Glaubens an JESU.
Wo bleibet nun (da die Gerechtigkeit, damit wir vor GOtt beſtehen, ſamt aller Se - ligkeit, allein auf CHriſti Verſoͤhnung gegruͤn - det iſt, und durch den Glauben aus lauter Gna - de erhalten werden muß, nach v. 24, 25. 26. ) der Ruhm, (nemlich eigner Gerechtigkeit, und beſonderer Juͤdiſcher Vorrechte, als wenn man damit ohne die Erloͤſung eines Mittlers vor GOTT beſtehen, nnd alſo aus ſeinem eignen Verdienſte die Rechtfertigung vor GOTT er - langen koͤnne.) Er iſt aus (iſt hier gantz ausgeſchloſſen, und faͤllt gaͤntzlich dahin, alſo daß dem, der damit ausbrechen wolle, der Mund verſtopfet wird v. 17.) durch welches Geſetz (durch welche Lehre, oder welches Theil heiliger Schrift; welche auch uͤberhaupt den Namen des Geſetzes fuͤhret: ſiehe Joh. 7, 49. ꝛc. nach der Hebraͤiſchen Redens-Art Jeſ. 2, 3. ꝛc. ) durch der Wercke Geſetz, (durch das Geſetz, ſo die Wercke, und zwar die vollkom - menen, fodert:) nicht alſo (denn die Wer - cke laſſen dem Menſchen noch einigen Ruhm der eignen Gerechtigkeit; und da das Geſetz denen, die es halten, das ewige Leben ver - ſpricht; ſo faͤllt ein Menſch, der noch nicht ei - gentlich einſiehet, theils die Strenge der geſetz - lichen Forderung, theils ſeine Unmoͤglichkeit der vollkommnen Leiſtung, auf die Meinung der eig - nen Gerechtigkeit, daß er mit jenem Phariſaͤer ſagt: Das habe ich gehalten von meiner Ju - gend auf, was fehlet mir noch Matth. 19, 20.) ſondern durch des Glaubens Geſetz (durch die Lehre und den Theil der heiligen Schrift, welche uns das Evangelium anpreiſet und den Glauben fordert, und zwar alſo, daß wir durch denſelben uns als Delinquenten und arme Bett - ler ſollen zum Gnaden-Thron nahen, und alle Seligkeit aus Gnaden empfangen. Welches Geſetz des Glaubens c. 8, 2. heißt das Geſetz des Geiſtes: und Jacobus nennet es Cap. 1, v. 25. das Geſetz der Freyheit.)
Es hat zwar das Geſetz dieſe Eigenſchaft, daß es zur Erkaͤntniß der Suͤnden bringt, und alſo den Suͤnder niederſchlaͤget: allein zu dieſer Wirckung koͤmmt es bey den wenigſten; zumal ohne den kraͤftigen Einfluß und Gebrauch desEvan -57Cap. 3, v. 27-29. an die Roͤmer. Evangelii. Denn ehe der Menſch nicht recht zum Evangelio koͤmmt, gehen ihm die Augen nicht recht auf, ſein eigenes Elend und Verder - ben nach dem Geſetz recht einzuſehen. Werden ihm aber dieſe aus dem Evangelio geoͤffnet, ſo empfindet er erſt recht die Strenge der geſetzli - chen Forderung; und bey ſeinem hoͤchſten Un - vermoͤgen die Nothwendigkeit der Gnade. Da er ſonſt nach dem Geſetze, auſſer dem Evange - lio, ihm ſelbſt gelaſſen, noch immer zu ſeiner Seligkeit ſelbſt wircken, und damit einiger maſ - ſen vor GOTT beſtehen will. Man kan dem - nach erkennen, was es fuͤr ein ſchnoͤder Miß - brauch des Evangelii ſey, wenn ein Menſch da - bey geiſtlich ſtoltz und uͤbermuͤthig wird: da doch das Evangelium von der lautern Gnade, ob wol nicht ohne Behuf des Geſetzes, den Men - ſchen von allem eignen Ruhm recht nackend aus - ziehet, und ſolcher geſtalt recht demuͤthiget. Dabey iſt dieſes etwas recht goͤttliches an dem Evangelio, daß es den Menſchen bey ſolcher ſei - ner Erniedrigung zu ſeiner rechten Hoheit, und zu ſeinem rechten Adel, bringet.
So halten wir es nun (dafuͤr, oder da der Menſch ohne allen eignen Ruhm bleibet, und GOTT ſeinen Sohn, CHriſtum JEſum, zum Gnaden-Stul im Evangelio vorgeſtellet hat, ſo machen wir daraus, mit kurtzer Wie - derholung deſſen, was ſchon geſaget iſt, dieſen veſten Schluß,) daß der Menſch (der aus dem Geſetze ſeine Suͤnden erkennet, und alſo bußfertig iſt, und ſich durch die Vorſtellung von der lautern Gnade GOttes in Chriſto noch zu mehrer Freudigkeit ſeines Geiſtes bringen laͤßt, vor dem Gerichte GOttes, davor er ſich mit ſeinem unruhigen Gewiſſen ſtellet,) gerecht (geſprochen und abſolviret werde, um der Er - loͤſung CHriſti willen,) ohne des Geſetzes Werck, (alſo daß dieſes nichts dazu beytraͤget vor in und nach der Bekehrung und Rechtferti - gung,) allein durch den Glauben, (ſo fern nemlich derſelbe nach v. 25. auf das Blut, oder den Verſoͤhnungs-Tod CHriſti ſich gruͤndet, und auf den in ihm vorgeſtelleten Gnaden-Stul ſiehet. Man conferire hiebey Apoſt. Geſch. 13, 38. 39. Rom. 4, 5. Galat. 2, 16. Epheſ. 2, 8.)
Oder iſt (iſt denn) GOtt allein der Juden GOtt? (hat er denn damit ſich nur allein fuͤr den GOtt der Juͤden erklaͤret, wenn er geſaget: Jch der GOtt Abrahams, JſaacsHund58Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 3, v. 29-31. und Jacobs, Exod. 3, 16.) Jſt er nicht auch der Heiden GOtt? Ja freylich auch der Heiden GOTT? (als der ja dem Abraham, noch che er die Beſchneidung zum Juͤdenthum empfing, geſaget hat, daß in ſeinem Samen, in dem Meßia, alle Voͤlcker auf Erden ſolten ge - ſegnet werden, Gen. 12, 3. 18, 18. 22, 18. der - gleichen er auch dem Jſaac bezeuget cap. 26, 4. und dem Jacob 28, 14. Wie denn die Schrif - ten der Propheten davon voll ſind.
Sintemal es iſt ein einiger GOTT, (aller) der da gerecht machet (δικαιώσει, bisher gerecht gemachet hat, noch machet, und auch machen wird) die Beſchneidung, (die Juͤdenſchaft, oder Juͤden, welche zum Unter - ſcheide von den uͤbrigen Voͤlckern ſonderlich die Beſchneidung, als das Bundes-Zeichen, an ſich tragen,) aus dem Glauben, (vermoͤge ihres Glaubens, womit ſie ſich zum Gnaden - Stul nahen, Chriſtum ergreifen und ſich zueig - nen,) und die Vorhaut (die unbeſchnittene Heidenſchaft) durch den Glauben, (wel - ches eben ſo viel iſt, als aus dem Glauben.)
Wie? heben wir denn das Geſetz auf durch den Glauben? (alſo, daß, da wir dem Geſetze, oder den Wercken des Geſetzes, die Kraft vor GOTT gerecht zu machen, abge - ſprochen, und dieſe dem das Verſoͤhn-Opfer CHriſti ergreifenden Glauben zugeſchrieben, das Geſetz nun bey dem Evangelio gar nicht mehr ſtatt finde,) das ſey ferne: ſondern wir richten das Geſetz auf, (indem wir durch den Glauben von CHriſto bekommen Gerechtig - keit und Staͤrcke Jeſ. 15, 24. Gerechtigkeit, aus ſeinem vollkommenen Gehorſam, mit wel - chem er das Geſetz an unſerer ſtatt dergeſtalt er - fuͤllet hat, als haͤtten wir es ſelbſt gethan. Wenn wir dieſelbe annehmen, ſo erkennen wir damit die rechtmaͤßige Forderung des Geſetzes an uns, und ſeine Vollkommenheit, wie auch ſeine beſtaͤndige vigeur und unſere Verbindlich - keit an daſſelbe. Staͤrcke, wenn wir durch das Evangelium am innern Menſchen erneuretund dergeſtalt geſtaͤrcket werden, daß wir nicht nur willig, ſondern auch vermoͤgend werden, nach dem Geſetze, ob zwar in Unvollkommenheit, doch in der Wahrheit und Lauterkeit, einher zu gehen; ſintemal durch ſolche Staͤrckung das Geſetz GOttes nach Art des neuen Bundes, uns in unſern Sinn und in unſer Hertz geſchrie - ben wird. Jerem. 30, 31. 33. Hebr. 10, 10. Da hingegen die Juͤden, die durch des Geſetzes Wercke gerecht werden wollen, weder die ſchaꝛ - fe Forderung deſſelben recht erkennen, noch, da ſie ohne Gnade ſind und bleiben, aus ſich ſelbſt vermoͤgend ſind, dem Geſetze einen rechten Ge - horſam zu leiſten.)
1. Es gehet noch heute zu Tage unter uns Chriſten alſo: daß nemlich diejenigen Lehrer, die vor andern Geſetz-Prediger ſind, und fuͤr be - ſondere und ſcharfſinnige Moraliſten gehalten werden, bey ſich ſelbſt und ihren Zuhoͤrern das wenigſte vom rechten Gehorſam gegen das Ge - ſetz zu wege bringen. Hingegen die in der Ord - nung einer Bekehrung erfahren haben, was das Evangelium und darinnen CHriſtus mit ſeiner Gnade und Gnaden-Kraft ſey, und ihn daher in eben derſelben Ordnung auch ihren Zuhoͤrern recht anpreiſen, und ans, ja ins Hertz legen, und dabey das Geſchaͤfte des Glaubens recht treiben, die richten im Wercke der Erneuerung nach dem Geſetze viel ein mehrers aus.
2. Was den Zuſammenhang des dritten und vierten Capitels betrifft; ſo iſt zu mercken, daß ſich die Juden im Gegenſpruch gegen die nach dem Evangelio auch den Heiden dargebo - thene und auf den Glauben an CHriſtum zu er - haltende Rechtfertigung und Gerechtigkeit vor GOTT, auf das Exempel Abrahams bezo - gen, als wenn dieſer damit das Gegentheil er - wieſen, daß nemlich die Gerechtigkeit aus den eignen Wercken komme, und eigentlich nur fuͤr die Juden gehoͤre. Dannenhero nimt der A - poſtel das Exempel Abrahams vor, und wider - leget daraus der Juden ihre gedoppelte irrige Meinung, und zwar alſo, daß er zugleich den vorhergehenden Vortrag der wahren Lehre da - mit ſo viel mehr beſtaͤtiget.
WAs ſagen wir (aus dem Juden - thum zu CHriſto bekehrete mit denen die noch im Judenthum ſtehen,) von unſerm Vater Abraham, (auf welchen, als den Stamm-Vater, ſich unſer Volck mit der Einbildung eines beſondern Vorzugs, welchenſie auch ſeinet wegen vor andern Voͤlckern haͤt - ten, zu berufen pfleget. Siehe Matth. 3, 9. Dencket nur nicht, daß ihr bey euch ſagen wol - let, wir haben Abraham zum Vater ꝛc. Joh. 8, 33. da antworteten ſie CHriſto: Wir ſind Abrahams Samen, ſind nie keinmal iemands Knechte geweſen ꝛc. Siehe auch v. 39. Act. 13,26)59Cap. 4, v. 2 3. an die Roͤmer. 26.) daß er funden (erlanget) habe, (fuͤr ſich und ſeine Nachkommen im Juͤdenthum,) nach dem Fleiſch, (auſſer dem Meßia, nach eignem Verdienſte ſeiner Opfer und Wercke in ſeinem Gottesdienſte und uͤbrigen Leben, auch nach dem Vorrechte der Beſchneidung. d. i. er hat ſolcher Geſtalt nichts gefunden, oder vor ſich gehabt.)
1. Wie ſehr und vergeblich die Juden auf Abraham, als ihren Stamm-Vater, ſich ver - laſſen, und ſich ſeiner geruͤhmet haben, ſiehet man ſonderlich Matth. 3, 9. da unſer Heiland ihnen ſolche falſche Stuͤtze hinweg nimmt, wenn er ſpricht: Dencket nur nicht, daß ihr bey euch ſagen wollet: wir haben Abraham zum Vater, u. ſ. w. Jmgleichen Joh. 6, 33. da ſie Chriſto gegen die bezeugete Wahrheit ant - worteten: Wir ſind Abrahams Saamen ‒ ‒ Ferner v. 39. Abraham iſt unſer Vater. Darauf unſer Heiland ſpricht: Wenn ihr Abrahams Kinder waͤret, ſo thaͤtet ihr Abrahams Wercke u. ſ. f. Daß die Redens - Art nach dem Fleiſche alhie von dem aͤuſſerli - chen Stande und deſſen Juͤdiſchen Vorrechten verſtanden wird, ſiehet man aus der Sache ſelbſt und andern Schrift-Stellen, als 1 Cor. 1, 26. c. 10, 18. 2 Cor. 5, 16. Gal. 3, 3. c. 6, 12. 13. Phil. 3, 3. 4. Siehe auch Hebr. 9, 10. 13. imgleichen in dieſem Briefe an die Roͤmer c. 2, 28. 29. alwo die Beſchneidung nach dem Geiſte der nach dem Fleiſche entgegen geſetzet wird.
Das ſagen wir: Jſt Abraham durch die Wercke gerecht: Gr. Denn ſo Abra - ham durch die Wercke (oder aus den Wer - cken) gerecht worden (gerecht von und vor Menſchen erkannt worden, alſo daß er allewege ſein Licht vor den Leuten in einem heiligen Wan - del leuchten laſſen ſo hat er (ſein Exempel noch itzo, gleichwie ſeine Perſon vor dem) wohl Ruhm (ein gutes Lob und Nachruhm aus ſol - chen ſeinen Wercken) aber nicht vor GOTT (daß er damit bey ihm die Gerechtigkeit oder die Gnade der Kindſchaft und die ewige Seligkeit erlanget haͤtte, und damit ohne den Glauben an den Meßiam vor ihm habe beſtehen koͤnnen.)
Denn was ſaget die Schrift (Gen 15, 6. ſaget ſie nicht mit gar groſſem Nachdruck:) Abraham hat GOtt (in denen verheiſſungen, daß er ſolte einen Sohn haben, aus deſſen Nach - kommen der Meßias, als der ſchon laͤngſt verheiſ - ſene Heyland der Welt, ſolte gebohren, und das gantze menſchliche Geſchlecht in ihm und durch ihn geſegnet und ſelig werden) geglaubet (und zwar nicht erſt zu der Zeit, als die Verheiſſungen Gen. 15. wiederhohlet und ihm beſtaͤtiget wur - den, ſondern auch gleich von dem erſten Anfan - ge, da ſie ihm gegeben ſind, nemlich als er aus Chaldaͤa in Canaan zu gehen beordert wurde Gen. 12, 1. ſeqq) und das (daß er ſolchen Ver - heiſſungen, und inſonderheit dem rechten Kern derſelben von dem allgemeinen Welt Heyland und Erloͤſer, alſo geglaubet, daß er ſich die zu - kuͤnftige Erloͤſung des Meßiaͤ, vermoͤge der ge - wiſſen Verheiſſungen dergeſtalt zugeeignet, als wenn ſie ſchon wuͤrcklich geſchehen waͤre) iſt ihm zur Gerechtigkeit (und alſo zur Glaubens - Gerechtigkeit, die er durch den Glauben an den Meßiam hatte, und die von ſeiner unvollkom -H 2menen60Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 4, v. 3-5. menen Lebens-Gerechtigkeit weit unterſchieden war) gerechnet (alſo, daß, da es nicht ſeine eige - ne, ſondern des Meßiaͤ, oder die vom Meßia zu - erwerbende, Gerechtigkeit war, ſie ihm durch die Zurechnung eigen geſchencket iſt; gleichwie er ſie denn auch als ein Gnaden-Geſchenck durch den Glauben angenommen, und derſelben Be - ſitzung durch ſeine Lebens-Gerechtigkeit, oder heiligen Wandel vor Menſchen, erwieſen hat.
Dem aber, der mit Wercken umgehet (im Gegenſatz auf den Glauben, und auf die durch den Glauben an den Meßiam zuerlangen - de Gerechtigkeit und Seligkeit, alſo, daß er da - mit vor GOtt beſtehen, und dadurch gerecht und ſelig werden will; wie die Juͤden und Ju - denzenden Chriſten wolten und vorgaben) dem wird der Lohn (welcher hie in der application die ewige Seligkeit, oder das ewige Freuden - Leben iſt,) nicht aus Gnaden zugerechnet, ſondern aus Pflicht (oder Schuldigkeit, nach ſeinem Verdienſte, und muͤſſen dieſe daher al - ſo beſchaffen ſeyn, daß ſie an ſich ſelbſt vollkom - men ſind, und gegen einen ſo herrlichen Lohn die gehoͤrige proportion haben. Denn Gnade oder Gnaden-Lohn und Verdienſt der Wercke ſtehen einander entgegen: ſiehe unten c. 11, 6. Es iſt aber dem Abraham die Zurechnung der Gerechtigkeit und Seligkeit geſchehen durch den Glauben, oder nach dem, wie er an den verheiſ - ſenen Meßiam geglaubet und ſich im Glauben die Gerechtigkeit und Seligkeit aus lauter Gna - de zugeeignet hat: darum Abraham nicht kan durch ſeine Wercke gerecht und ſelig worden ſeyn. Und eben ſo wenig, ja noch vielweniger, koͤnnen die itzigen Juͤden durch ihre Wercke gerecht und ſelig werden, da ſie nicht etwa nur noch unvoll - kommen ſind, wie des Abrahams Wercke, ſon - dern auch gantz unrein und unlauter vermoͤge ih - rer herrſchenden boͤſen Natur, aus dero Kraͤften ſie ihre Wercke hervorbringen.)
Dem aber, der nicht (alſo, wie gedacht) mit Wercken umgehet, glaubet aber an den, der die Gottloſen (die da bußfertig er - kennen, wie gottloß und verderbt ſie von Natur ſind, und wie ſo gar nichts ſie aus eignen Kraͤf - ten und eigenem Verdienſte ihrer Wercke zu ih - rem Heil beytragen koͤnnen, und wie hoch ſie hingegen eines Mittlers und deſſen Loͤſe-Geldes beduͤrftig ſind, die dieſes auch wircklich im Glauben ergreifen) gerecht machet (in Anſe - hung deſſelben gerecht ſpricht, und von ihren Suͤnden abſolviret) dem wird ſein Glaube (nicht an ſich ſelbſt; denn da iſt er auch, wie alles uͤbrige, noch unvollkommen, ſondern ſo ferne er Chriſtum und ſein Loͤſe-Geld ergreifet) gerechnet zur Gerechtigkeit (alſo, daß die Gerechtigkeit Chriſti, die er im Glauben ergrif - fen hat, in dem Gerichte GOttes als ſein eigen angeſehen wird.)
1. Es iſt ein recht grober und muthwilliger Unverſtand, wenn man dieſe Worte theils zum Nachtheil rechter guter Wercke, theils zum Vorſchub der Gottloſigkeit mißbrauchet. Denn ein anders iſt, alſo mit Wercken umgehen, daß man dadurch, mit Hindanſetzung des Verdien - ſtes Chriſti und des Glaubens, vor GOtt beſte - hen und gerecht werden will, davon Paulus al -hie61Cap. 4, 5-10 an die Roͤmer. hie redet: ein anders, ſeinen Glauben durch die Liebe in guten Wercken thaͤtig erweiſen; darauf der Apoſtel nach dem Exempel Abrahams in ei - nem groſſen Theile dieſes Briefes dringet. So iſt es auch ein anders, in dieſem Verſtande als ein gottloſer gerecht werden, daß man ſei - ne Gottloſigkeit erkennet und bekennet, auch ſchon wircklich in der Bekehrung davon ablaͤſſet: ein anders gottlos ſeyn und bleiben, und ſich dabey doch fuͤr einen gerechtfertigten und glau - bigen halten: da die beharrliche Gottloſig - keit nimmermehr mit dem Glauben beſtehen kan.
2. Zurechnen iſt ein verbum forenſe, ein ſolches Wort, da vor Gerichte das Loͤſe-Geld, was iemand fuͤr den andern zahlet, angeſehen und geachtet wird, als habe es dieſer ſelbſt erle - get, und alſo koͤmmt es gleichſam in ſeine Rech - nung, alſo, daß ſeine Schuld damit getilget wird. Da nun der Glaube das Loͤſe-Geld Chri - ſti ergreifet und ſich zueignet, ſo wird es in Anſe - hung dieſes Loͤſe-Geldes dem glaubenden zur Gerechtigkeit, daß ſeine Schuld damit bezahlet worden, zugerechnet. Wie alſo in dieſem Ver - ſtande von dem Glauben auch geſaget wird, daß er ſelig mache, ob es wol eigentlich Chriſtus ſelbſt thut.
Nach welcher Weiſe auch David (im 32 Pſalm, da er von der Art und Weiſe redet, wie die Menſchen zur Seligkeit gelangen, aus Eingeben des Heiligen Geiſtes) ſaget, daß die (Seligpreiſung mit der) Seligkeit ſelbſt ſey (nur allein) des Menſchen, welchem GOTT (aus lauter Gnaden, vermoͤge ſeines Glaubens an den Meßiam und ſein Verſoͤhn - Opfer) zurechnet die (uns von ihm nach c. 3, 24. 25. erworbene) Gerechtigkeit, ohne Zu - thun der Wercke (und die damit aufzurichten - de eigne Gerechtigkeit:) v. 7. da er ſpricht: Selig ſind die, welchen ihre Ungerechtig - keit vergeben ſind, und welchen ihre Suͤn - den bedecket ſind: ſelig iſt der Mann, wel - chem GOtt keine Suͤnde zurechnet.
Nun dieſe Seligkeit (μακαρισμὸς) Se - ligpreiſung) gehet ſie uͤber die Beſchneidung (allein uͤber die glaͤubigen Juͤden,) oder (auch zugleich) uͤber die Vorhaut (die glaͤubigen Hey - den?) Wir muͤſſen ja ſagen (Gr. Denn wir ſagen) daß Abraham ſey ſein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet (daraus ein Juͤde nun zwar erkennen kan, wie man zur Seligkeit komme: aber weil er doch dabey noch wol ver - meinen ſolte, daß dieſer Weg zur Gerechtigkeit und Seligkeit, welcher alſo in dem Stammva - ter der Juden angewieſen, nur die Juden, nicht aber die Heiden angehe; ſo fraget ſich nun billig, ob er nicht auch auf die Heyden zu extendiren ſey?)
Es nimmt demnach Paulus aus dem, was vom Abraham geſaget worden, die Urſache, oder Gelegenheit ſeiner Frage her, und beant - wortet ſie hernach aus dem Exempel des Abra - hams alſo, daß er zeiget, es ſehe dieſe Heils - Ordnung ſo wol auf die Heiden, als auf die Juͤden.
Wie (in welchem aͤuſſerlichen Stande, der Beſchneidung, oder der Vorhaut) iſt er (der die Verheiſſung ergreifende Glaube) ihm denn zugerechnet? Jn der Beſchneidung (etwa erſt alsdenn, da er bereits die Beſchneidung an - genommen hatte?) oder in der Vorhaut (vor der Beſchneidung? als die er erſt, da er ſchon 99 Jahr alt war, uͤberkommen hatte, nachdem er die Verheiſſung vom Meßia ſchon bey die 24 Jahr vorher empfangen 1 B. Moſ. 12, 1. ſeqq. c. 18, 21-24. ) ohn Zweifel nicht (erſt) in der (oder nach der ſo ſpaͤt angenommenen) Be -H 3ſchnei -62Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 4, 10-14. ſchneidung, ſondern ſchon (ſo lange vorher, wie gedacht) in der Vorhaut (darinnen er den Stand der unbeſchnittenen Heidenſchaft præſen - tiret hat, daß nemlich auch ihnen der Weg zur Seligkeit durch den Glauben an den Meßiam of - fen ſtehen ſolle: wie v. 11. folget.)
Das Zeichen aber der Beſchneidung (das iſt die Beſchneidung, die ein ſichtbares Zei - chen des Gnaden-Bundes an ihm war) em - pfing er zum Siegel (oder als ein Siegel, zur Bekraͤftigung und Beſtaͤrckung) der Gerech - tigkeit des Glaubens, welchen er noch (oder ſchon) in der Vorhaut (und alſo vor der Beſchneidung, mit dem Gnaden-Geſchenck der Gerechtigkeit) hatte: auf daß er (da er in ſei - ner einzelen Perſon, in Anſehung der ſo wol ſchon in der Vorhaut, als in der Beſchneidung beſeſſe - nen Glaubens Gerechtigkeit, beyde, die glaͤubige Heidenſchaft und Juͤdenſchaft, repræſentirte) wuͤrde ein Vater (ein Vorgaͤnger, Muſter und Haupt-Exempel zur Nachfolge vorgeſtellet) aller die da glaͤuben in der Vorhaut, daß denſel - ben ſolches auch gerechnet werde zur Ge - rechtigkeit (Gr. daß auch ihnen die Gerechtig - keit nemlich die verheiſſene, erworbene, und in Glauben zu ergreifende, ja ergriffene) zuge - rechnetwerde (als waͤre es ihre eigene.)
Jn der Griechiſchen phraſi πιστέυειν δἰ ἀ - κρο〈…〉〈…〉 υστιὰς heiſt διὰ ſo viel, als ἐν, wie es auch vorher alſo geſetzet und von Luthero uͤberſetzet worden. Dergleichen findet ſich wie ſonſt bey den Griechen, alſo auch im neuen Teſtament 1 Tim. 2, 15. Das Weib wird ſelig διὰ τεκνο - γονίας im Kinderzeugen, in dem Ehe-Stan - de. Man ſehe auch Roͤm. 2, 27. ein Ubertre - ter des Geſetzes ſeyn διὰ γρἀμματος καὶ πε - ριτομῆς, in dem Stande des Buchſtabens und der Beſchneidung, oder bey dem Buchſtaben und der Beſchneidung. Jmgleichen c. 14, 20. διὰ προσκόμματος mit anſtoſſe.
Und wuͤrde auch ein Vater der Be - ſchneidung (der Juͤdenſchaft) nicht allein de - rer, die von der Beſchneidung ſind (die aͤuſ - ſerlich zum Juͤdiſchen Volcke gehoͤren, und zum Beweiß deſſen das Zeichen der aͤuſſerlichen Be - ſchneidung im Fleiſche haben c. 2, 28.) ſondern auch derer, die da wandeln in den Fußſtap - fen des Glaubens, welcher war in der Vor - haut unſers Vaters Abrahams (die da alſo an den Meßiam glauben, wie Abraham, und ihm, wie er im Glauben vorgegangen, nachfol - gen, das iſt, aller Glaͤubigen, als geiſtlichen Jſraeliten und Kinder Abrahams, ſo wol der Juden, als der Heyden. Gleichwie es heißt Gal. 3, 28. 29. Hie iſt kein Jude noch Grie - che (mit einem ſonderlichen Vorzuge oder Zu - ruͤckſetzung) ſondern ihr ſeyd allzumal ei - ner in Chriſto JEſu. Seyd ihr aber Chri - ſti, ſo ſeyd ihr ja Abrahams Saamen, undnach der Verheiſſung Erben. Siehe auch Col. 2, 11.)
Man ſiehet aus der Geſchicht vom Abra - ham, wie wunderbar ſich die hochweiſe Provi - denz GOttes in dem Leben und Begebenheiten der Patriarchen hervor gethan. Es wuͤrde auch wol nicht leichtlich iemand in eigner Meditation darauf gekommen ſeyn, was Paulus hie und in dem Briefe an die Galater am Abraham und ſei - ner Familie vorſtellet. Man hat demnach das erſte Buch Moſis, auch alle uͤbrige, mit heiliger Aufmerckſamkeit zu leſen.
Denn die Verheiſſung (Gen. 12, 1. ſeqq. c. 15, 1. ſeqq. c. 17, 2. ſeqq. c. 18, 19. ſeqq. c. 22, 15. ſeqq. ) daß er (und ſein Same, und alſo er in ſeinen Nachkommen, als geiſtlichen Kindern) ſolte ſeyn der Welt Erbe (ſolte durch den Meßiam mit geiſtlichen Guͤtern geſegnet ſeyn, und ſich auch auſſer dem Juͤdiſchen Lande auf dem gantzen Erdboden ausbreiten, und dermaleins auch die kuͤnftige Welt zum Eigenthum inne ha - ben und erfuͤllen) iſt nicht geſchehen (hie iſt im Gr. eine ellipſis) Abraham, oder (noch) ſei - nem (damals noch kuͤnftigen geiſtlichen (Sa - men durchs Geſetz (und durch das, was dazu, als eine anbefohlne Sache, zu rechnen iſt, als da ſonderlich iſt die Beſchneidung, vielweniger durch eigne Verdienſte nach dem Geſetze) ſon - dern durch die Gerechtigkeit des Glau - bens (durch das Evangelium vom Meßia, deſ - ſen Mittel-Punct gleichſam iſt die aus ſeiner Er - loͤſung herruͤhrende Gerechtigkeit des Glaubens, deren ſchon zuvor gedacht.)
Denn (um zu zeigen, daß die Verheiſſung nicht durch das Geſetz gegeben, ſo ſage ich, daß es nicht zuſammen ſtehen koͤnne, die Verheiſ - ſung durchs Geſetz und durchs Evangelium aus dem Glauben haben wollen) wo die vom Ge - ſetz (die alſo damit umgehen, daß ſie vermeinen die Seligkeit durch Wercke ſelbſt verdienen zu koͤnnen, und alſo ſind ἐργαζόμενοι v. 4.) Er - ben ſind (der geiſtlichen Guͤter und des ewigen Lebens; als wohin der Kern der goͤttlichen Ver - heiſſungen unter der Schale des aͤuſſerlichen Erbtheils vom Lande Canaan bey Abraham und den folgenden Patriarchen ging) ſo iſt der Glaube nichts (vergeblich, als deſſen man nicht gebrauchet, da ſeine Haupt-Eigenſchaft iſt, das Erbtheil nicht als einen verdienten Lohn, ſon - dern als ein Gnaden-Geſchenck nach dem Evan - gelio vom Meßia zu empfangen) und die Ver - heiſſung (das Evangelium ſelbſt) iſt ab (da - mit abgethan, als eine unnoͤthige Sache. Sie - he auch Gal. 3, 18. So das Erbe durch das Geſetz erhalten wuͤrde, ſo wuͤrde es nicht durch die Verheiſſung gegeben. GOTT aber hat es Abraham durch die Verheiſ - ſung frey geſchencket.
V. 15.63Cap. 4, v. 15-17. an die Roͤmer.Sintemal (um zu erkennen, wie ſehr der Weg, die Seligkeit durchs Geſetz und durchs Evangelium ſuchen, unterſchieden ſey,) das Ge - ſetz richtet nur Zorn an (entdecket uns die Suͤnde c. 3, 20. und daruͤber den Zorn GOttes zur Verdammniß) denn, wo das Geſetz nicht iſt, (oder nicht erkant wird, und alſo iſt, als waͤ - re es nicht) da iſt auch (der Erkaͤntniß und Bekaͤntniß nach) keine Ubertretung.
1. Es iſt dieſes Amt, oder dieſe Wirckung des Geſetzes, daß es nur Zorn anrichte, oder ihn uͤber die entdeckte Suͤnde offenbare, wohl zu mer - cken, um deſſelben Unterſcheid vom Evangelio deſto beſſer zu erkennen, und ſich deſſelben recht zu gebrauchen. Paulus zeiget dieſes noch an mehrern Orten mit Fleiß an. Denn zuvor c. 3, 20. heißt es: Durch das Geſetz koͤmmt Er - kaͤntniß der Suͤnde. Und c. 5, 13. Wo kein Geſetz iſt, da achtet man der Suͤnde nicht. Ferner c. 7, 7. Die Suͤnde erkante ich nicht, ohne durchs Geſetz. Denn ich wußte nichts von der Luſt, wo das Geſetz nicht geſaget haͤtte: Laß dich nicht geluͤſten u. ſ. w. 1 Cor. 15, 56. Die Kraft der Suͤnde iſt das Geſetz. 2 Cor. 3, 6. Der Buchſtabe toͤdtet. V. 9. Das Amt, das die Verdammniß prediget. Gal. 3, 19. Das Geſetz iſt gekommen um der Suͤnde willen.
2. Es muß zwar allerdings das Geſetz nebſt dem Evangelio geprediget werden: allein, wo es nicht in rechter Ordnung vorgetragen wird, da richtet es nur Zorn an, nicht allein in dieſem Pauliniſchen Sinne; ſondern auch in dem Ver - ſtande, daß die Menſchen dadurch nur in eine Er - bitterung geſetzet werden. Der Weg muß zwar mit dem Geſetz gebahnet werden bey denen, wel - che ohne wahre Erkaͤntniß ihrer Suͤnden ſind: der geſegnete Eingang aber wird eigentlich durch das Evangelium erhalten.
Derohalben (da es alſo um das Geſetz ſte - het, und alſo die Verheiſſung, oder das verheiſſe - ne Gut, dadurch nicht kommen kan, wie im er - ſten Satze des 13ten Verſes geſaget worden) muß (nach deſſelben andern oder letzten Satz) die Gerechtigkeit (womit wir vor GOTT be - ſtehen und zum ewigen Leben eingehen, oder die Theilnehmung an dem geiſtlichen und ewigen Er - be nach v. 14. im Griechiſchen iſt alhier eine el - lipſis, wie auch in den folgenden Worten κατὰ χάριν, da das verbum ſey fehlet) durch den (ſich an die Verheiſſung, oder an das Evangeli - um haltenden) Glauben kommen, auf daß ſie ſey aus Gnaden, (fuͤr ein Gnaden-Geſchenck erkant werde:) und die Verheiſſung veſt blei - be allem Saamen, (wie in ihrer Kraft zur Er - fuͤllung, alſo auch in ihrer Extenſion oder Aus - breitung uͤber alle Voͤlcker und Menſchen ohne Unterſcheid,) nicht allein dem, der unter dem Geſetz iſt (dem Juden) ſondern auch dem, der (der der Geburt nach aus der Vorhaut, oder Heidenſchaft, aber doch dabey) des Glau -bens Abrahams iſt, (den er ſichon vor der Be - ſchneidung in der Vorhaut hatte) welcher iſt unſer aller (der glaͤubigen Juden und Heiden geiſtlicher Vater (und rechtes Muſter der Nach - folge. Jeſ. 51, 2. Matth. 3, 9.)
Wie geſchrieben ſtehet (1 B. Moſ. 17, 4. 5.) Jch habe dich geſetzet zum Vater vie - ler Heiden vor GOTT, dem du geglaͤubet haſt, der da lebendig machet die Todten, (und alſo auch ihn und ſein Weib, ob ſie gleich zum Kinder-Zeugen uͤberaltet und gleichſam ſchon erſtorben waren v. 19. koͤnte dazu tuͤchtig machen, und demnach denjenigen Samen ge - ben, aus deſſen Nachkommen der Meßias her - ſtamme, und durch dieſen der goͤttliche Segen ſich uͤber alle Voͤlcker, als ſeine geiſtliche Nach - kommenſchaft, ausbreite: dem er auch, als er nach ſeinem Befehl den geſchenckten Sohn der Verheiſſung, den Jſaac, ſchlachten ſolte, es zutrauete, daß er ihn wol wieder von den Todten erwecken und alſo die Verheiſſung erfuͤllen koͤn - te. Hebr. 11, 19.) und rufet dem, das nicht iſt, daß es ſey. (Gr. Und rufet dem, das nicht iſt, als waͤre es: d. i. der durch ſeine allmaͤch - tige Schoͤpfungs-Kraft, davon in der Hiſtorie der Schoͤpfung das rufen, ſprechen oder befeh - len geſaget wird Pſ. 33, 6. Dinge, die da nicht vorhanden ſind, ſo leichte hervor bringet und dar - ſtellet, als waͤren ſie ſchon da, oder als wenn ein Menſch die ſchon exiſtirende Dinge ſo und ſo ord - net: der kuͤnftig die ſchon laͤngſt verweſeten Coͤr - per der Menſchen, die in ihrer vorigen Subſtantz nicht mehr vorhanden ſind, wird darſtellen, als wenn ſie noch da geweſen waͤren: der auch noch nicht aufhoͤret, auf mancherley Art ſolche ſeine Schoͤpfungs-Kraft zu beweiſen: gleichwie er ſie in der erſten Schoͤpfung erwieſen hat, da er das, was vorher nichts, oder nicht war, alſo hervorge - bracht hat, daß man es ſiehet, als waͤre es ſchon da geweſen; daß es ihme demnach, alles aus nichts hervorzubringen, ſo leichte geweſen, als aus etwas es zu erſchaffen. Dieſes ſtellete ſich Abraham vor, als er die Verheiſſung von dem Saamen gegen ſeinen und der Sara faſt wie ſchon erſtorbenen Leib hielte, und ſich alſo im Glauben an die Verheiſſung ſtaͤrckete.)
Und der hat geglaubet auf Hoffnung (der gewiſſen Erfuͤllung) da (zur Erzeugung ei - nes Sohnes natuͤrlicher weiſe) nichts zu hof - fen war, auf daß er wuͤrde (daher denn ge - ſchehen iſt, daß er worden) ein Vater vieler Heiden: wie denn zu ihm geſaget iſt: Alſo (nemlich wie die Sternen am Himmel 1B. Moſ. 15, 5. 6. ) ſoll dein Saame ſeyn, (welches er bey ſeinen Umſtaͤnden wider alle natuͤrliche Hoff - nung geglaubet hat.)
Dieſe groſſe Verheiſſung gehet ihrer Erfuͤl - lung nach auf alle Periodos der Zeiten des neuen Teſtaments; und alſo auch auf die allerletzte, da nebſt der ietzo noch unglaͤubigen Judenſchaft auch die Fuͤlle der ietzo noch abgoͤttiſchen Heiden in das Reich CHriſti eingehen wird. Davon her - nach Cap. 11, 25. wie auch in der Erklaͤrung der Offenbahrung Johannis mit mehrern wird ge - handelt werden.
Und (ob gleich die Verheiſſung ſich in der Erfuͤllung ſo bald noch nicht einſtellete, und es ihm daher auch an Verſuchungen nicht wird ge - fehlet haben, ſo) ward er (doch) nicht ſchwach im Glauben, ſahe auch nicht an ſeinen eige - nen Leib, welcher ſchon erſtorben war, weil er faſt hundertjaͤhrig war, auch nicht den erſtorbenen Leib der Sara.
Denn er zweifelte (Gr. Er zweifelte aber, nemlich bey ſolcher Beſchaffenheit) nicht an der Verheiſſung (von dem Sohne, welche die von CHriſto, und dem von ihm uͤber alle Voͤlcker ſich auszubreitenden geiſtlichen und himmliſchen Se - gen mit in ſich faſſete) durch Unglauben ſon - dern er ward ſtarck im Glauben, (alſo, daß ſein Glaube, auſſer der gemeinen Eigenſchaft, nach welcher er den neuen Menſchen naͤhret und ſtaͤrcket, wie oben bey c. 3. gedacht, recht heroi - ſcher Art wurde) und gab GOTT die Ehre, (wie die Ehre der Wahrheit in ſeinen Verheiſſun - gen, alſo auch die Ehre der groſſen Gnade gegen das menſchliche Geſchlecht; und nicht weniger die Ehre der Weisheit und der Allmacht, alles aufs beſte und gewiſſeſte zu ſeiner Zeit auszufuͤh - ren. Wie denn uͤberhaupt des Glaubens Ei - genſchaft iſt, GOTT uͤber alles zu erheben und zu verehren; da hingegen GOTT durch nichts mehr verunehret wird, als durch den Unglauben.) V. 21. Und wuſte aufs allergewiſſeſte, (πληροφορηϑεὶς war gleichſam wie ein Schiff, das unter gutem Winde mit ausgeſpanneten Segeln gluͤcklich vor allen Klippen vorbey in den Hafen einlaͤuft) daß, was GOTT verheiſſet, das kan er auch thun. (Siehe auch Pſ. 115, 3. Luc. 1, 37. Eph. 3, 20.) V. 22. Darum (da - her es denn geſchehen iſt, daß ꝛc. ſiehe bey eben dieſer Materie in dieſer Bedeutung die particulas διὸ καὶ Hebr. 11, 12. conf. Phil. 2, 9.) iſt es (nem - lich das, was verheiſſen war v. 21. als er darin - nen ſonderlich auf den Kern, auf den Meßiam, ſa - he) ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.
Das iſt aber nicht geſchrieben allein um ſeinet willen, daß es ihm zugerechnet iſt: V. 24. ſondern auch um unſert willen, welchen es ſoll zugerechnet werden, ſo wir glaͤuben an den, der unſern HErrn JE - ſum auferwecket hat von den Todten; (an GOTT, den himmliſchen Vater, nicht weniger aber auch, wie aus ſo vielen andern Schrift - Stellen, und aus der GOttheit CHriſti, erhel - let, an JESUM CHriſtum ſeinen Sohn, der, gleichwie er durch die herrliche Macht des Va - ters von den Todten erwecket iſt, Rom. 6, 4. alſo hat er ſich auch in Anſehung ſeiner goͤttli - chen Natur, die er mit dem Vater und Heiligen Geiſte gemein hat, ſelbſt auferwecket, wie er denn auch daher ſich ſelbſt nennet die Auferſtehung und das Leben Joh. 11, 25. und bezeuget, daß er den Tempel ſeines Leibes am dritten Ta - ge ſelbſt wieder aufrichten wolle Joh. 2, 19. 21. 22. als der die Macht haͤtte, wie das Leben zu laſſen, es alſo auch wieder zu nehmen Joh. 10, 18.
Welcher iſt um unſerer (und der gan - tzen Welt Welt 1 Joh. 2, 2.) Suͤnde willen (nachdem er dieſelbe, als der Buͤrge, willigſt uͤber ſich genommen, Joh. 1. 29. 36. auch der Vater, nach ſeiner richterlichen Gerechtigkeit, ſolche auf ihn geworfen Jeſ. 53, 6.) dahin gegeben (zu - vorderſt ins Fleiſch, die menſchliche Natur aus den Nachkommen Abrahams in dem Geſchlecht Davids, nach der dem Abraham gegebenen und hernach ſo oft wiederholten Verheiſſung, anzunehmen; und hernach, nach dem gefuͤhrten oͤffentlichen Lehr-Amt, in den Creutzes-Tod, um, als das rechte Verſoͤhn-Opfer die Schuld und die Strafe unſerer Suͤnde an ſich ſelbſt, an unſe - rer ſtatt und uns zu gut, zu tragen, zu empfin -den, und hinweg zu nehmen, und alſo zugleich wie das Geſetze vollkoͤmmlich fuͤr uns zu erfuͤllen, alſo uns folglich vom Fluche des Geſetzes zu erloͤſen Gal. 3, 13. 4, 5.) und um unſerer Gerech - tigkeit willen (um uns ſeiner durch den Tod erworbenen Gerechtigkeit theilhaftig zu machen, das iſt, zu rechtfertigen oder gerecht zu machen, welches das Griechiſche Wort δικαίωσις haben will) auferwecket. (Denn obgleich der Tod CHriſti die Genugthuung, und alſo die Nichtzu - rechnung unſerer Suͤnden, und die Zurechnung der erworbenen Gerechtigkeit zuwege gebracht hat; ſo iſt doch dieſe Wirckung und Kraft des Todes CHriſti eben dadurch, daß er nicht im To - de geblieben, ſondern ſo ſiegreich auferwecket und ſelbſt auferſtanden, beſtaͤtiget worden. Denn haͤtte die richterliche Gerechtigkeit GOttes an ſeinem Tode fuͤr unſere Suͤnde zu unſerer Erloͤ - ſung keine hinlaͤngliche Satisfaction empfangen, ſo wuͤrde ihn der Vater nicht auferwecket ha - ben. Da er aber ſolches gethan, ſo hat er damit, daß er den Buͤrgen nicht allein auf freyen Fuß geſtellet, ſondern auch nach dem Stande der Er - niedrigung zum Stande der Erhoͤhung gelangen laſſen, genugſam bezeuget, daß er das durch den Tod gezahlete Loͤſe-Geld, als vollguͤltig zur Sa - tisfaction angenommen, und daß uns daſſelbe im Glauben zu unſerer Rechtfertigung, oder Gerecht - und Seligmachung, ſolle zu theil, oder zugerech - net werden. Das iſt der Sinn Pauli, wenn er ſaget, daß CHriſtus um unſerer Rechtfer - tigung willen wieder auferwecket ſey.)
NUn wir denn ſind gerecht wor - den durch den Glauben (nach der im dritten und vierten Capitel geſchehenen Abhandlung,) ſo ha - ben wir Friede mit GOTT (Gr. bey GOtt, und alſo auch mit GOtt und in GOtt: alſo, daß GOtt nicht, vermoͤge des uns anklagenden und verurtheilenden Geſetzes, nach ſeiner richterlichen Gerechtigkeit verfaͤhret, ſondern ſich als einen verſoͤhnten Richter und lieb - reichen Vater erweiſet, der, in Anſehung des ge - ſchehenen Verſoͤhn-Opfers und angenommenen Loͤſe-Geldes ein gnaͤdiges Wohlgefallen an uns hat: an uns, die er vermoͤge unſers Glaubens in CHriſto findet; gleichwie er bezeuget hat, ein gnaͤdiges Wohlgefallen an ihm ſelbſt und ſeinem Opfer zu haben Matth. 3, 17. 17, 5. wie denn auch, um dieſes an den Levitiſchen Opfern vorzu - bilden, dabey zum oͤftern des ſuͤſſen Geruchs ge - dacht wird, welcher nach dem Nachdruck des Hebraͤiſchen Worts〈…〉〈…〉 auf eine gnaͤ - dige Beruhigung und Acquieſcenz fuͤhret. Sie - he 1 B. Moſ. 8, 21. 2 B. Moſ. 19, 18. 25. 41. 3 B. Moſ. 1, 9. 13. 17. c. 2, 2. 9. 12. 3, 5. 16. 4, 31. 6, 14. 8, 21. 28. 17, 6. ꝛc. ) durch un - ſern HErrn JESUM CHriſtum (als den rechten Frieden-Fuͤrſten Jeſ. 9, 6. 53, 5. 57, 19. der ſelbſt daher unſer Friede genant wird Eph. 2, 14. der da ſaget: Den Frieden laſſe ich euch, meinen Frieden gebe ich euch Joh. 14, 27. in dem wir Friede haben c. 16, 33. durch welchen der Friede verkuͤndiget worden Ap. Geſch. 10, 36. bey deſſen Geburt auch daher ſo fort durch die himmliſche Herolde der Friede aus - gerufen worden Luc. 1, 14. Jn Anſehung deſſen GOTT ein GOTT des Friedens heiſſet Rom. 15, 33. 2 Cor. 13, 11. Phil. 4, 9. 1 Theſſ. 5, 23. 2 Theſſ. 3, 16. Hebr. 13, 20.
Durch welchen (als den wahren Hohen - prieſter, der da ſelbſt iſt der Weg, ohne welchen niemand zum Vater koͤmmt, Joh. 10, 6. 14, 6. Hebr. 9, 8. 10, 20. der Mittler zwiſchen GOtt und Menſchen 1 Tim. 2, 5. Hebr. 9, 15. 12, 24.) wir (Gerechtfertigten, auſſer oder nebſt dem groſſen Gute des Friedens) auch einen Zugang (offenen und freyen Zutritt) haben (ſchon ge - habt, noch haben und haben werden, aber alſo, daß, was wir haben, wir auch wuͤrdiglich und getreulich gebrauchen muͤſſen) im Glauben (nemlich eben demſelben, wo[m]it wir Anfangs in der Bekehrung, um das Verdienſt Chriſti zu un - ſerer Gerechtigkeit zu ergreiffen, uns zu dem Gnaden-Stul genahet haben) zu dieſer Gna - de (der Verſoͤhnung und Rechtfertigung, der Kindſchaft und des Friedens, auch aller ſeligen Gemeinſchaft mit GOtt) in welcher wir ſte - hen (auch vom gedachten erſten Anfange her ge - ſtanden ſind, die poſſeſſion haben und behalten 1 Cor. 15, 1.) und ruͤhmen uns der Hoffnung der zukuͤnftigen Herrlichkeit, die GOtt ge - ben ſoll (ſind getroſt und freudig uͤber der le - bendigen und gewiſſen Hoffnung der ewigenHerrlichkeit, welche wir nach dieſem Leben des Glaubens im Schauen bey GOtt haben wer - den.)
Nicht allein aber das (nicht allein aber ruͤhmen wir uns, oder halten wir uns der kuͤnf - tigen Herrlichkeit an ſich und uͤberhaupt mit al - ler Freudigkeit verſichert) ſondern wir ruͤh - men uns auch der Truͤbſal (wir haben und behalten ſolche Glaubens-Freudigkeit auch mit - ten in den Truͤbſalen, als welche derſelben ſo gar nicht entgegen ſtehen, daß ſie vielmehr ſelbſt zu ihrer Vermehrung dienen muͤſſen. Wie denn von den Apoſteln Act. 5, 40. 41. ſtehet, daß, da ſie zu Jeruſalem geſtaͤupet worden, ſie froͤ - lich von des Raths Angeſicht gegangen, daß ſie gewuͤrdiget worden, um des Namens JEſu willen Schmach zu leiden. Siehe auch 2 Cor. 12, 5. 10. da es heißt: ich bin gutes Muths in (Leidens -) Schwachheiten, in Schmachen, in Noͤthen, in Verfolgun - gen, in Aengſten, um Chriſtus willen. Ferner 2 Cor. 1, 4. 5. Phil. 1, 29. 1 Pet. 4, 14. Hebr. 10, 34. ihr habt den Raub eurer Guͤ - ter mit Freuden erduldet ꝛc. und Jac. 1, 2. J 2Meine68Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 5, v. 4. 5. Meine Lieben, achtet es eitel Freude, wenn ihr in mancherley Anfechtung fallet; nach der Ermunterung CHriſti Matth. 5, 11. 12. ) dieweil wir (nicht allein aus dem Unterricht, ſondern auch aus eigner Erfahrung) wiſſen, daß Truͤbſal (allerhand aͤuſſerliche Leiden, die man an ſeinen Guͤtern durch Verluſt, an ſeinem guten Namen durch allerhand Laͤſterungen, und am Leibe ſelbſt durch allerley Elend und Unge - mach, um Chriſti willen uͤber ſich nimmt) Ge - duld (die die Beharrung im Guten und folglich auch die Ausdaurung im Creutze) bringet (nemlich dergeſtalt, daß die Leiden ſind wie ein reinigendes Feuer, welches die Schlacken der noch uͤbrigen Suͤnde immer mehr hinweg nimmt 1 Petr. 1, 7. und ſie alſo den Menſchen gleichſam recht haͤrten und bewehren; GOtt auch ſo ge - treu iſt, daß er uns nicht laͤßt verſuchen uͤber un - ſer Vermoͤgen 1 Cor. 10, 13. ſondern alſo im Lei - den ſtaͤrcket, daß ſie gantz ertraͤglich werden, und wir unter denſelben erfahren, und durch die Er - fahrung lernen und beweiſen, was Geduld und Beſtaͤndigkeit, oder die Beharrung unter dem ſanften Joche und der leichten Laſt Chriſti ſey. Matth. 11, 29. 30. Und alſo iſt die Geduld oder Beharrung ein Stuͤck von der heilſamen Frucht der Gerechtigkeit, welche die Truͤbſal bringet. Hebr. 12, 11.)
Geduld aber (eine ſolche Beharrung und Ausdaurung) bringet Erfahrung (δοκιμὴν, die rechte Probe, woran man einen bewehrten Chriſten zu erkennen, und von einem Wetter - wendiſchen und Wanckelmuͤthigen, der nicht recht gegruͤndet und unter ſich gewurtzelt iſt, zu unterſcheiden hat.) Erfahrung aber (die in ſolchen Proben ſich zeiget) bringet Hoffnung, (daß man mit Paulo ſagen kan 2 Cor. 1, 10. hat er uns erloͤſet und erloͤſet oder errettet noch, ſo hof - fen wir auf ihn, er werde uns auch hinfort er - loͤſen.)
Hoffnung aber laͤſſet nicht zuſchanden werden (oder den aufs Ewige gerichteten glaͤu - bigen Muth ſincken, ſondern iſt wie ein Helm, oder eine ſolche Haupt-Wehre, dadurch der Muth unerſchrocken und unverſehret und daher beſtaͤn - dig zu GOtt aufgerichtet bleibet. Eph. 6, 17. 1 Theſſ. 5, 8. ein ſolcher ſicherer und veſter An - cker unſerer Seelen, der nicht unterwarts ein - dringet, ſondern oberwarts, der hineingehet in das inwendige des Vorhanges, dahin der Vor - laͤuffer und hohe Prieſter, JEſus, vor uns ein - gegangen iſt Hebr. 6, 18. 19. 20. ja die lebendi - ge Hoffnung laͤſſet dergeſtalt nicht zuſchanden werden, daß ſie vielmehr die Seele mit beſtaͤn - diger geiſtlicher Nahrung unterhaͤlt, und end - lich mit einem herrlichen Ausgange kroͤnet. Siehe auch Pſalm 25, 3.) Denn (daß ich an - zeige, woher uns ſolche Freudigkeit und Gewiß - heit der ewigen Herrlichkeit, eine ſolche Behar - rung, und ein ſolches Gut der lebendigen Hoff - nung, noch auſſer der Quelle der Rechtfertigung v. 1. komme, ſo iſt zu wiſſen, daß) die LiebeGOttes (gegen uns, oder womit er uns lie - bet und umpfaͤhet) iſt (gleichſam ſtrohmweiſe) ausgegoſſen in unſer Hertz (in unſere Seele, in der Salbung unſers Verſtandes mit Licht und Weisheit, und unſers Willens mit Kraft und Staͤrcke, und ſind wir alſo dadurch Gefaͤſ - ſe der Gnaden worden Rom. 9, 23.) durch den Heiligen Geiſt, welcher uns (zur Ver - klaͤrung Chriſti in uns Joh. 16, 14.) gegeben iſt (gleich vom erſten Anfange unſerer Bekeh - rung, 2 Cor. 1, 22. 1 Joh. 4, 16. ꝛc. alſo, daß er unſere Hertzen zu Tempeln und zu Wohnun - gen eingenommen hat Rom. 8, 9. 11. 1 Cor. 3, 3, 16. c. 6, 19. 2 Cor. 6, 19. Eph. 2, 21. 22. cap. 3, 7.)
Denn auch Chriſtus, da wir noch ſchwach (und des Ebenbildes GOttes und zu - gleich alles geiſtlichen Guten gantz beraubet) waren, (alſo, daß wir uns ſelbſt unmuͤglich zur Seligkeit helfen konten, ja noch dazu bey ſol - chem unſerm geiſtlichen Unvermoͤgen von Natur dem geiſtlichen Guten widerſtrebeten, und alſo waren ἀσε〈…〉〈…〉 ει῀ς, gottloſe, und ἁμαρτωλοὶ, muth - willige Suͤnder v. 6. und 8.) nach der Zeit, (κατὰ καιρὸν, nach der von GOtt beſtimmten Zeit Dan. 9, 24. Gal. 4, 4.) iſt fuͤr uns Gott - loſe geſtorben (nicht allein uns zu gute, und uns zum Exempel der Nachfolge in der Geduld unter dem Leiden; ſondern auch, und fuͤrnem - lich, an unſer ſtatt, alſo, daß ſein Tod war ein Verſoͤhnungs-Tod, und fuͤr alle, die ſich denſel - ben im wahren Glauben zueignen, dergeſtalt gilt, als haͤtten ſie ſelbſt fuͤr ihre Suͤnde ſterben und damit genug thun koͤnnen. 2 Cor. 5, 15.
Nun ſtirbet kaum iemand um des Rechts willen (fuͤr einen Gerechten, ſo wie er unter Menſchen ſeyn kan; wenn gewiſſe Umſtaͤn - de es zu erfodern ſcheinen, fuͤr ihn, um ihm das Leben zu retten, ſein eignes Leben in Gefahr zu ſetzen, ja es gar zu laſſen; vielweniger fuͤr einen ungerechten Ubelthaͤter und Feind, wie Chriſtus gethan:) um etwas gutes willen (denn um oder fuͤr einen guͤtigen oder gutthaͤtigen Men - ſchen) duͤrfte vielleicht iemand ſterben (et - wa ein wohlgeſinnter Unterthan fuͤr ſeine guͤtige Obrigkeit, ein Kind fuͤr ſeine Eltern, oder ie - mand fuͤr ſeinen Wohlthaͤter, oder ein Chriſt fuͤr die Bruͤder, ehe er ſie wolte verrathen und in Ungluͤck ſtuͤrtzen, oder ſie ſonſt in der Gefahr ihrer Seelen laſſen, 1 Joh. 3, 16. dergleichen guͤtiger und gutthaͤtiger Menſch doch keiner iſt, daß er Chriſtum haͤtte bewegen koͤnnen, fuͤr ihn zu ſter - ben.)
Die Woͤrter δικαίου, ἀγαϑοῦ werden alhier am fuͤglichſten vom concreto, vom Menſchen, verſtanden; weil mit einer Vergleichung die Rede iſt von Chriſto, wie er fuͤr uns ungerechte Menſchen geſtorben iſt.
J 3V. 8.70Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 5, v. 8-11.Darum preiſer GOtt ſeine Liebe gegen uns (er beweiſet darinnen die Groͤſſe derſelben) daß (nach ſeinem gnaͤdigen Willen, und nach ſeiner Dahingebung c. 4, 25.) Chriſtus fuͤr uns geſtorben iſt, da wir noch (unbekehrte und GOtt widerſtrebende) Suͤnder waren. (Siehe auch Joh. 3, 16. 1 Joh. 3, 16.)
So werden wir ja vielmehr durch ihn behalten werden vor dem (kuͤnftigen) Zorn (am Tage des Gerichts c. 2, 5. 8. 9. und alſo ge - wiß der ewigen Herrlichkeit theilhaftig werden c. 5, 2.) nachdem wir durch ſein Blut (durch ſeinen Verſoͤhnungs-Tod und Erloͤſung, dazu das Blut, im Gegenbilde auf das Levitiſche Opfer-Blut, vergoſſen iſt c. 3, 24.) gerecht worden (δικαιωϑέντες, gerechtfertiget, gerecht - geſprochen) ſind v. 1. (Hat uns GOtt ſo hoch geliebet, daß er ohne alle unſer Verdienſt und Wuͤrdigkeit, ja unerachtet unſerer ſo groſſen Widerſpenſtigkeit ſeinen Sohn fuͤr uns in den Tod dahin gegeben; wie ſolte er uns nun abhold ſeyn, und das ewige Leben verſagen koͤnnen, da wir das Verſoͤhn-Opfer ſeines Sohnes uns ſchon wuͤrcklich im Glauben zugeeignet, und be - reits die Gerechtigkeit und die Vergebung der Suͤnde erlanget, auch aus ſeiner Gnaden-Kraft der Suͤnde dergeſtalt abgeſtorben ſind, daß wir uns befleißigen nach ſeinem heiligen Willen zu leben.) V. 10. Denn ſo wir GOtt ver - ſoͤhnet ſind durch den Tod ſeines Sohnes, da wir (auſſer CHriſto nach dem Stande der Suͤnde betrachtet) noch Feinde (GOttes) waren (und er nach ſeiner Gerechtigkeit undHeiligkeit nicht anders konte als uns haſſen, doch aber die Liebe im Temperament der Gerechtig - keit zur Verſoͤhnung hat laſſen ſtatt finden:) vielmehr werden wir ſelig werden durch ſein Leben (da er nun dergeſtalt lebet, daß er uns alles, was er uns durch ſeinen Tod erworben hat, ſchencket und beyleget) ſo wir (die wir) nun verſoͤhnet ſind, (alſo, daß wir die Ver - ſoͤhnung uns in der Rechtfertigung durch den Glauben zugeeignet, auch dadurch, daß wir der Suͤnde abgeſtorben ſind, aufgehoͤret haben, ſeine Feinde zu ſeyn, ſondern ſeine gehorſame Kinder worden ſind.
Nicht allein aber das (nicht allein aber ruͤhmen wir uns der zukuͤnftigen Herrlichkeit, oder erwarten dieſelbe mit aller Freudigkeit) ſondern wir ruͤhmen uns auch GOttes (ſind auch ſchon ietzo in den bereits empfange - nen Heils-Guͤtern ſelig, und ſtehen in der Ge - meinſchaft mit GOtt, alſo, daß wir deſſen recht froh ſeyn koͤnnen, da er unſer iſt, und wir ſein ſind, ſiehe auch Jer. 9, 23. 24. 1 Cor. 1, 30. 31. ) durch unſern HErrn JEſum Chriſtum, durch welchen wir nun die (von ihm durch ſeinen Tod geleiſtete Verſoͤhnung (der appli - cation nach in der Rechtfertigung) empfangen haben.
1. Es ſiehet nun der Leſer, daß dieſe Verſe vom 6ten bis auf den eilften, unter der Vorſtel - lung von der Gewißheit unſerer gegenwaͤrtigen und kuͤnftigen Seligkeit, gar nachdruͤcklich er - laͤutern, was vorher cap. 3, 24. 25. von der Er - loͤſung Chriſti und von dem Gnaden-Stul durch den Glauben in ſeinem Blute vorgetragen iſt. Denn dieſes wird alhier bekraͤftiget und er - laͤutert, wenn es heiſt: Chriſtus iſt fuͤr uns Gottloſe geſtorben, v. 6. er iſt fuͤr uns Suͤnder geſtorben. Wir ſind durch ſein Blut gerecht worden, v. 9. Wir ſind durch ſeinen Tod verſoͤhnet, v. 10. Wir haben durch Chriſtum die Verſoͤhnung empfan - gen, durch welche wiederholte Einſchaͤrfung Paulus ſeinen beſondern Affect ausdrucket uͤber dieſe groſſe Wohlthat, und auch zugleich die Roͤ -mer71Cap. 5, v. 12. 13. an die Roͤmer. mer auf die Betrachtung der Groͤſſe derſelben fuͤhret.
2. Der Zuſammenhang, welchen die in dieſen letztern Verſen enthaltene Materie mit der folgenden Tractation hat, iſt dieſer: Es hatte Paulus von unſerer durch Chriſtum geſchehenen Verſoͤhnung gehandelt. Damit nun die Noth - wendigkeit derſelben ſo viel mehr moͤchte erkannt werden, ſo ſtellet er, zur Erlaͤuterung deſſen, was er oben von dem verderbten Zuſtande der Heiden und Juden geſaget hatte, vor, unter was fuͤr einer groſſen und allgemeinen Suͤnden - Schuld das menſchliche Geſchlecht liege; und zwar von dem Fall Adams her: bey welcher Vorſtellung er denn Adam und Chriſtum, und auch das angeerbte und zugerechnete Suͤnden - Ubel und die geſchehene Verſoͤhnung und er - worbene Gerechtigkeit Chriſti gegen einander haͤlt, und anzeiget, wie wir durch Chriſtum mehr wieder erlangen, als wir durch Adam verlohren haben. Es hat die gantze Rede aber hie und da einige ellipſin, da ein Wort nicht aus - gedrucket, ſondern im Sinne behalten iſt. Welches doch aber zur Ergaͤntzung der conſtru - ction und des Sinnes, aus den uͤbrigen ſich leichtlich errathen und ergaͤntzen laͤßt.
Derohalben (um die Lehre von der Ver - ſoͤhnung ſo viel beſſer einzuſehen, iſt von der Suͤnde, deren Urſprung, Schuld und Allge - meinheit folgendes zu mercken:) wie durch ei - nen Menſchen (durch Adam v. 14. 1 Cor. 15, 48. 49. welchem, als des Weibes Haupt, die Suͤnde eigentlich zugeſchrieben wird, da er ſo fort mit in dieſelbige gewilliget hat) die Suͤnde des gebrochenen Bundes und des Abfalls von GOtt) kommen, in die Welt (auf das gantze menſchliche Geſchlecht, welches durch Adam re - præſentiret wurde) und der Tod (zuvorderſt der geiſtliche am Verluſt des Ebenbildes GOt - tes und an Corruption der gantzen menſchlichen Natur, und denn auch der daher entſtehende zeit - liche, oder leibliche, und ewige Tod: wie denn der Tod der Suͤnden Sold iſt c. 6, 23. und wo man dieſe ausuͤbet, alſo, daß man nach dem Fleiſche lebet, ſo muß man ſterben, nemlich des ewigen Todes, oder ewig von GOtt geſchieden ſeyn c. 8, 13.) durch die (gedachte erſte) Suͤn - de (des Abfalls) und iſt alſo der Tod zu allen Menſchen hindurch gedrungen (gleichwie ein hoch aufſchwellend Waſſer den Damm durchbricht und alles uͤberſchwemmet) dieweil ſie alle geſuͤndiget haben (nemlich in Adam, als dem Haupte und Stamme des gantzen menſchlichen Geſchlechts; von welchem daher die Suͤnde, der Zurechnung nach, in der Ord - nung der von ihm participirten menſchlichen Na - tur, auf alle koͤmmt.)
Denn die Suͤnde (das durch die erſte Suͤnde zugezogene und ſonderlich im geiſtlichen Tode beſtehende, auch daraus flieſſende Ver - derben der menſchlichen Natur) war wol (ſie war allerdings ſchon (in der Welt, bis auf das Geſetz (ſchon von der Zeit des Falls an, bis auf die, da das Geſetz gegeben: und iſt auch hernach geblieben, ja noch mehr entdecket wor - den: wie denn die particula bis die folgende Zeit nicht ausſchlieſſet.) Aber wo kein Geſetz iſt, da achtet man der Suͤnde nicht (οὔκ〈…〉〈…〉 λλο - γεῖται, da rechnen die Menſchen ſich die Suͤnde nicht recht zu, ſintemal man ihre Abſcheulichkeit nicht recht einſiehet, und das in der menſchlichen Natur uͤbriggelaſſene Geſetze der Natur durch die Suͤnde ſelbſt ſo ſehr verdunckelt iſt, daß es der Suͤnden, ſonderlich der innern, Beſchaffen - heit und Groͤſſe nicht recht aufdecket. Siehe auch Rom. 7, 7. ſqq.)
Alſo war und iſt der Zuſtand der Menſchen vor und auſſer dem Geſetz. Was aber die er - ſten Patriarchen und andere Glaͤubigen aus be - ſonderer Offenbahrung, wie vom Evangelio,al -72Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap 5, v. 14. 15. alſo auch von dem rigeur des Geſetzes gewußt ha - ben, davon iſt alhie die Rede nicht. Siehe auch Roͤm. 3, 20. c. 4, 15. 1 Cor. 15, 56.
Sondern (ἀλλὰ, ſo hie fuͤglich heiſſen kan, ja, oder ja was noch mehr iſt, wie es Joh. 16, 2. und 2 Cor. 7, 11. gebrauchet wird: die Suͤnde, das durch die erſte Suͤnde Adams eingetretene Verderben, ſo v. 12. der Tod heiſ - ſet, war in der Welt v. 13. ja) der Tod (oder die itzo benante aus der erſten Suͤnde entſtande - ne Erb-Suͤnde) herrſchete von Adam an bis auf Moſen, auch uͤber die, die nicht geſuͤndiget haben mit gleicher Ubertre - tung, wie Adam (welche die erſte wuͤrckli - che Suͤnde des Abfalls in ihrer eignen Perſon nicht begangen haben. Welches eine Bezeich - nung iſt der Nachkommen Adams) und alſo wird hiemit declariret, was v. 12. geſaget war: Der Tod iſt zu allen Menſchen hindurch ge - drungen) welcher iſt ein Bild deß, der (zur Zeit des Abfalls, auch zur Zeit Moſis) zukuͤnf - tig war (aber zu Pauli Zeiten ſich ſchon als ge - genwaͤrtig erwieſen hatte, nemlich Chriſti. Sie - he auch 1 Cor. 15, 45. ſeqq.)
1. Die particula ἀλλὰ kan auch adverſative gegeben werden, daß ſie ſo viel ſey, als attamen, dennoch, wie Col. 3, 5. Und ſo iſt der ſenſus dieſer: Aber, obgleich, wo kein geoffenbahrtes Geſetz iſt, die Suͤnde nicht gehoͤriger Maſſen er - kannt und zugerechnet wird; dennoch hat der Tod geherrſchet u. ſ. w.
2. Typus, ein Bild, heißt alhie das, welches in gewiſſen Haupt-Stuͤcken mit dem andern, als ſeinem Gegenbilde der Aehnlichkeit wegen kan verglichen werden; ob wol dabey in der Sache ſelbſt eine groſſe Ungleichheit bleibet. Wenn nun Adam ein Bild Chriſti genennet wird, findet ſich die convenientz erſtlich im Ur - ſprunge, hernach in dem Effect, ſo aus dem Ur - ſprunge gekommen; und denn in der Art und Weiſe.
a. Jm Urſprunge, als der Cauſa. Denn da iſt auf beyden Seiten ein caput fœderale, das iſt die Haupt-Perſon, mit welcher der Bund ge - macht worden: Jn Anſehung der erſten Schoͤpf - fung und der Verwahrloſung der am Ebenbilde GOttes anvertraueten Beylage, nemlich A - dam, der das gantze menſchliche Geſchlecht præ - ſentirete: in Anſehung der Wiederbringung, Chriſtus, der ſich aller ohne Ausnahme an - nimmt. b. Jn dem Effect: da Adam alles Gute verlohren und alles Boͤſe eingefuͤhret hat, Chriſtus aber alles Gute erworben, auch applici - ret, und dagegen alles Boͤſe hinweg nimmt. c. Jn der Art und Weiſe. Denn gleichwie uns in der Ordnung der natuͤrlichen Geburt von Adam und der Theilnehmung an der Natur und am Stamme Adams die fremde Schuld Adams zugerechnet wird: alſo wird uns in der Ord - nung der neuen Geburt aus GOTT, oder der Wiedergeburt, die wir der Gnade JEſu Chri - ſti zu dancken haben, und die alſo auch von ihmurſpruͤnglich herkoͤmmt, die fremde Gerechtig - keit, nemlich Chriſti, zugerechnet, um damit vor GOtt zu beſtehen. Jn welchen dreyen Stuͤcken der Convenientz denn auch das vierte lieget, nemlich das von der Allgemeinheit. Denn gleichwie Adam uͤber alle Menſchen, kei - nen einzigen ausgenommen, die Suͤnden - Schuld gebracht hat: alſo hat hingegen Chri - ſtus dieſelbe durch ſeine Erloͤſung vom gantzen menſchlichen Geſchlecht, ohne Ausnahme eines einzigen Menſchen, hinweggenommen, was nem - lich die Erwerbung betrift: welche denn zur ap - plication die Ordnung der Wiedergeburt, dar - innen der Glaube, zur Annehmung der erwor - benen Gerechtigkeit, angezuͤndet wird, erfo - dert. Dieſes ſind nun die Stuͤcke, in deren Anſehung Adam ein Bild von Chriſto heißt, als dem andern Adam. 1 Cor. 15, 45. ſeqq.
Aber nicht verhaͤlt ſichs mit der Ga - be (der durch Chriſtum geſchehenen Erloͤſung und erworbenen Gnade der Rechtfertigung, die allen Menſchen als die hoͤchſte Gabe, zu Theil werden kan) als mit der Suͤnde (Adams, nemlich mit der Suͤnde des Abfalls: weil nem - lich die Gabe mehr Gutes wiederbringet, als durch die Suͤnde Adams verlohren worden) denn ſo (denn da, nach dem) an eines (Men - ſchen) Suͤnde viele (das iſt alle) geſtorben ſind (ſich den Tod zugezogen haben, als der zu allen Menſchen hindurch gedrungen v. 12. und uͤber alle herrſchet v. 14.) ſo iſt vielmehr GOttes Gnade, und die Gabe in der Gna - de, die des einigen Menſchen JEſu Chri - ſti iſt, vielen reichlich wiederfahren.
Und es verhaͤlt ſich nicht mit der Gna - den-Gabe, wie mit der Schuld des eini - gen, der geſuͤndiget hat. Denn die Schuld koͤmmt aus Einer Ubertretung zur Verdammniß; die Gnaden-Gabe aber hilft aus vielen Ubertretungen zum Ver - dienſte der Rechtfertigung.
Denn ſo (da) um des einigen (Adams) Suͤnde (nemlich des erſten Abfalls) willen, der (durch die Suͤnde eingetretene) Tod (v. 12.) geherrſchet hat (zur Verdammniß v. 16.) durch den einen (Adam, der ſie eingefuͤhret;) vielmehr werden die, ſo da empfangen (durch den Glauben; als deſſen Eigenſchaft iſt, nehmen und empfangen) die Fuͤlle (den Uber - fluß) der Gnade und der Gabe der (von Chriſto erworbenen Glaubens -) Gerechtigkeit, herrſchen im Leben (alhie bey ihrem in der Wiedergeburt angezuͤndeten geiſtlichen Leben, und bey aufgehobener Herrſchaft der Suͤnde, im Reiche der Gnade der uͤbrigen Heils-Guͤter, welche die Rechtfertigung, als Fruͤchte, mit ſich fuͤhret, reichlich genieſſen, und, unter der gewiſſen Verſicherung der kuͤnftigen ewigen Herrlichkeit, dieſer auch gewiß theilhaftig wer - den) durch den einen, JEſum Chriſtum (und ſo denn erfahren, daß dieſer mehr wieder - gebracht, als Adam verlohren. Siehe auch Phil. 1, 11. da es heißt: erfuͤllet ſeyn mit Fruͤchten der Gerechtigkeit, die durch JE - ſum Chriſtum geſchehen.)
Was bisher von dem durch die erſte Suͤn - de in die Welt gekommenen Tode geſaget wor - den, erlaͤutert ſonderlich das goͤttliche Verboth: Welches Tages du davon iſſeſt, wirſt du des Todes ſterben 1 B. Moſ. 2, 17. daß nem - lich dieſes nicht etwa nur eine vorhergeſchehene Anzeigung, ſondern eine ernſtliche Drohung der Strafe in ſich halte: wie es denn auch der Chaldaͤiſche Uberſetzer gegeben: Du wirſt des Todes ſchuldig ſeyn. Siehe hiebey die Wor - te Roͤm. 8, 13. Wo ihr nach dem Fleiſche le - bet, ſo werdet ihr ſterben.
Wie nun durch eines (Menſchen v. 17 und 19.) Suͤnde die Verdammniß uͤber alleKMen -74Erklaͤrung des Briefs Pauli Cap. 5, 18-21. Menſchen kommen iſt (Gr. per ellipſin, die Schuld gekommen v. 16. oder der Tod geherr - ſchet v. 17. zur Verdammniß uͤber alle Men - ſchen) alſo iſt auch durch eines (Menſchen, Chriſti) Gerechtigkeit (Verdienſt) die Recht - fertigung des Lebens uͤber alle Menſchen kommen. (Gr. per ellipſin die Gnade ge - kommen oder hat herrſchet uͤber alle Men - ſchen, d. i. zur Rechtfertigung des Lebens; zu einer ſolchen Rechtfertigung, da ihnen in der Ordnung des bereits angezuͤndeten geiſtlichen Lebens und Glaubens das ewige Leben zuerkannt wird, im Gegenſatz auf den ewigen Tod, dar - auf die goͤttliche Bedrohung im Paradieſe ge - gangen, und welchen die Schuld nach ſich ziehet.
1. Daß das Wort δικαίωσις, Rechtfer - tigung alhie ſenſu forenſi, oder vom richterli - chen Ausſpruche genommen wird, ſiehet man unter andern auch aus dem Gegenſatze des Worts κατάκριμα, Verdammniß. Und gleichwie παράπτωμα heißt der Suͤnden-Fall mit ſeiner uͤber das gantze menſchliche Geſchlecht gebrachten Schuld; ſo heißt das ihm entge - gen geſetzte δικαίωμα das dem Fall entgegen ſtehende Werck der Genugthuung Chriſti mit ſeinem uͤber alle Menſchen gehenden Verdien - ſte, welches man auch daraus ſiehet, daß es zur Rechtfertigung gereichet. Siehe auch v. 16.
2. Es iſt in dieſem Verſe die Allgemein - heit des Verdienſtes Chriſti wohl zu mercken, ſintemal dieſes alhie eben ſo univerſal gemacht wird, als die von Adam uͤber alle Menſchen ge - brachte Suͤnden-Schuld: und alſo wird damit erklaͤret, was v. 16 und 19. in dem Gegenſatze aus einem von vielen, das iſt, von der gantzen unzehligen Menge der Menſchen, geſaget wird. Daß aber nicht alle ſelig werden, ſtehet der Uni - verſalitaͤt des Verdienſtes Chriſti ſo wenig ent - gegen, als der Allgemeinheit der von Adam an - geerbten Suͤnden-Schuld dieſes entgegen ſte - het, daß nicht alle Menſchen verdammet wer - den.
Denn gleichwie durch eines Men - ſchen Ungehorſam (Suͤnden-Fall) viele Suͤnder worden ſind (Suͤnder worden ſind ὁι πολλοὶ, die viele, davon vorher v. 18. ge - ſaget iſt, das iſt alle ohne Ausnahme,) alſo auch durch eines Gehorſam (δικαίωμα, Verdienſt) werden viel (ὁι πολλοὶ, die viele, alle v. 18.) Gerechte (alſo, daß ſie, ſo viel an der Erwerbung iſt, zur Rechtfertigung des Le - bens gelangen koͤnnen. Und da ſie durch das Verdienſt Chriſti zu Gerechten geworden ſind, ſo kan es auch nicht anders ſeyn, als daß ſie vor dem Gerichte GOttes auch durch die δικαίωσιν, durch die Rechtfertigung v. 18. dafuͤr erkannt werden muͤſſen.)
1. Gleichwie das vorher v. 14. 15. 17. 18. ge -brauchte Wort παρά〈…〉〈…〉 ασις und παράπτωμα, Suͤnden-Fall, Ubertretung alhie gar nach - druͤcklich erklaͤret wird durch das Wort παρα - κοὴ, Ungehorſam: alſo wird auch das v. 16 und 18. gebrauchte Wort δικαίωμα, Ver - dienſt gar ſchoͤn erlaͤutert durch das Wort ὑπα - κοὴ, Gehorſam; dabey man zu erwegen hat den Ort Phil. 2, 8. Chriſtus ward gehor - ſam bis zum Tode, ja zum Tode am Creu - tze. Bey dem Worte δικαίωμα aber hat man zu conferiren den ſchoͤnen Ort Apoc. 19, 8. al - wo darinnen der Schmuck der Braut des Lam - mes geſetzet wird.
2. Das Paulus von dieſer Materie vom 12ten Vers an bis hieher, ſo viele Worte ge - brauchet, und derſelben mit ſolcher Wieder - hohlung, die immer mehrere Erlaͤuterung gie - bet, inhæriret, zeiget an, theils dieſer Lehre Wichtigkeit, theils auch ſeinen Affect, daß ihm dieſelbe mit aller Hochachtung am Hertzen gelegen, und ſeinen Zweck, auch die glaͤubigen Roͤmer davon recht zu uͤberzeugen.
Das Geſetz aber (das Moral-Geſetze durch welches die Erkaͤntniß der Suͤnden kommt c. 3, 20. und welches nur Zorn anrichtet c. 4, 15.) iſt (der Promulgation nach, da die Suͤnde eingekommen war in die Welt, εὶσῆλϑε v. 12. aber bis auf Moſen vor dem promulgirten Ge - ſetze nicht ſonderlich erkannt und geachtet wur - de v. 13.) neben eingekommen (παρεισῆλϑε) auf daß die Suͤnde (zuvorderſt des erſten Ab - falls, und denn alles, was daraus entſtanden und unter dem Namen des Todes v. 12. und der Ubertretungen v. 16. bezeichnet wird,) maͤchtiger werde (πλεονάση, uͤberfluͤßiger werde, das iſt, in ſeiner Tiefe, Weite und Breite, der Schuld und dem Schaden auch der Strafe nach, recht entdecket, erkannt und bußfertig verabſcheuet werde. Siehe auch c. 7, 7. ſeqq. Gal. 3, 19. Joh. 15, 22. 1 Cor. 15, 56.) Wo aber die Suͤnde (ſolcher Erkaͤntniß und ſolchem Gefuͤhle nach im erſchrockenen Gewiſſen) maͤchtig worden iſt, da iſt doch die Gna - de (der erworbenen Gerechtigkeit, oder des Verdienſtes Chriſti, auch der Rechtfertigung und Heiligung) noch viel groͤſſer (um die Suͤnde, der Schuld, dem Schaden, der Herr - ſchaft und der Strafe nach, hinweg zu neh - men, und das erſchrockene Gewiſſen zu beruhi - gen, und ihme in dem geiſtlichen Frieden den Zugang zu GOtt zu geben, mit der gewiſſen Verſicherung von dem kuͤnftigen Erbtheil des ewigen Lebens. v. 1. ſeqq. Und alſo erweiſet ſich der v. 15. angeprieſene Vorzug der Gnade vor der Suͤnde auch hierinnen.)
Auf daß, gleichwie die Suͤnde (des er - ſten Abfalls) geherrſchet hat zum Tode (durch den Tod, durch den geiſtlichen zum leiblichen und ewigen, nachdem ſie den Tod in die Welt gebracht, und der Tod zu allen Menſchen hindurchgedrungen iſt, und daher uͤber alle Menſchen herrſchet v. 12. 14. 17.) alſo75Cap. 5, v. 21. an die Roͤmer. alſo auch herrſche die (rechtfertigende) Gna - de durch die (von Chriſto erworbene) Gerech - tigkeit (Vermoͤge und in Anſehung der Gerech - tigkeit, welche v. 16 und 18. δικαίωμα genen - net wurde; in der Ordnung des geiſtlichen Le - bens) zum ewigen Leben, durch JEſum Chriſt, unſern HErrn (als den andern Adam, dem wir die gantze Wiederbringung unſers Heils zu dancken haben.)
WAs wollen wir hierzu ſagen? (wie haben wir denjenigen Reichthum, nach welchem die Gnade maͤchtiger und uͤberflieſ - ſender wird, und iſt, als die Suͤnde, und alſo die Suͤnde weit uͤbertrifft, an - zuſehen und anzuwenden?) Sollen wir denn in der Suͤnde beharren, auf daß die Gna - de deſto maͤchtiger werde? (und alſo Boͤſes thun, daß Gutes daraus komme? c. 3, 8. wie etwa entweder aus Mißverſtande von den un - wiſſenden, oder aus Bosheit von einigen Reli - gions-Spoͤttern, oder auch aus ſchnoͤdem Miß - brauche des Evangelii koͤnte gedacht und geſaget werden. Dabey man zu conferiren hat, was Paulus an die Galater c. 2, 17. ſchreibet: Sol - ten wir aber, die da ſuchen durch Chri - ſtum gerecht zu werden, auch noch ſelbſt Suͤnder erfunden werden, ſo waͤre Chri - ſtus ein Suͤnden-Diener. Das ſey ferne. Mit welchen Worten zwar der Apoſtel daſelbſt noch ein anders Abſehen hat: wie wir daſelbſt vernehmen werden.
Das ſey ferne! (welcher Formul ſich Paulus auch ſonſt bedienet in der Antwort auf Dinge, die offenbar unrecht und ungereimt ſind. Siehe c. 3, 3. 4. c. 9, 14. ꝛc.) Wie ſolten wir (auch nur mit dem geringſten Schein einiges Rechts, oder einiger Befugniß und Freyheit) in Suͤnden wollen (und koͤnnen) leben (die - ſelbe frey auszuuͤben, und zwar unter der Mei - nung, als wenn wir deßwegen doch keine Schuld auf uns laden, und uns keiner Verdammniß, der uͤber uns waltenden Gnade wegen zu be - fuͤrchten haͤtten) der wir abgeſtorben ſind (in Chriſto, da uns vermoͤge ſeines Todes und ſei - ner zugerechneten Gerechtigkeit alle Suͤnden - Schuld vergeben, auch durch die Kraft der heili - genden Gnade der geiſtliche Tod in uns zerſtoͤ - ret, und von uns der Suͤnden Joch und Herr - ſchaft hinweg genommen iſt; GOtt auch in kei - ner andern Ordnung uns den Verſoͤhnungs - Tod Chriſti hat laſſen zugerechnet werden, als daß wir nicht mehr der Suͤnde, ſondern ihme,dienen ſollen in Chriſto; und alſo keinesweges ſeinem Willen gemaͤß ſeyn kan, daß wir ver - moͤge ſeiner Gnade, um ſie zu verherrlichen, in Suͤnden ſollen fortfahren: da dieſelbe ſchnur - ſtracks aller Suͤnde, ſo wol derſelben Herrſchaft, als Schuld, entgegen ſtehet, der beharrliche Suͤnden-Dienſt aber die Lehre von der Gna - de nur verunehret. Siehe auch Gal. 6, 14. 1 Petr. 2, 4.
Oder wiſſet ihr nicht, (ihr wiſſet es ge - wiß gar wohl; koͤnnet und werdet daher auch wol auf ſolchen Mißbrauch der Gnade nicht fal - len,) daß alle, die wir in (auf) JEſum Chriſt getaufet ſind, die ſind in ſeinen Tod getaufet? (dergeſtalt, daß ſein Verſoͤhnungs - Tod durch die Zurechnung unſer eigen worden iſt, und daß, da derſelbe der Suͤnde nicht auf - hilft, ſondern abhilft, und uns alſo von derſel - ben Schuld und Herrſchaft befreyet, wir da - her, wenn wir uns des Todes Chriſti getroͤ - ſten wollen, der Suͤnde, als unſerm Herrn, nicht mehr leben und zu Dienſte ſtehen koͤnnen und muͤſſen.)
So ſind wir ie (wir ſind demnach) mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, (das iſt, wir ſind alſo in ſeinen Tod getaufet, und, weil er nicht allein geſtorben iſt, ſondern auch be - graben worden, gleichſam in ihm mit begraben) auf daß, gleichwie CHriſtus iſt auferwecket von den Todten (zu einem neuen und herrli - chern, ja ewigen Leben im verklaͤrten Leibe) durch die Herrlichkeit des Vaters, (durch ſeine herrliche Allmacht, ſiehe Joh. 11, 40. 1 Cor. 6, 14.) alſo ſollen auch wir (als geiſt - lich Erweckte) in einem neuen Leben wan - deln (koͤnnen und muͤſſen alſo der Suͤnde nicht mehr dienen.)