PRIMS Full-text transcription (HTML)
Ueberzeugende und bewegliche Warnung vor allen Suͤnden der Unreinigkeit und Heimlichen Unzucht,
darinnen aus Mediciniſchen u. Theologiſchen Gruͤnden vernuͤnftig vorgeſtellet wird, I. Was fuͤr Gefahr und Schaden, II. Schulden und Gerichte, und III. Fuͤr Rettungs-Mittel vorhanden. Aus Liebe und Verbindlichkeit zum menſchlichen Geſchlecht ſonderlich aber zur ſtudirenden Jugend auf Schulen und Univerſitaͤten mit zuͤchtiger Feder und tiefer Ehrfurcht vor Gott entworfen.
Mit Koͤnigl. Pol. und Churfuͤrſtl. Saͤchſiſchen, wie auch Koͤnigl. Preußiſchen, und Churbrand. Privilegiis.
Zuͤllichau, in Verlegung des Wayſenhauſes, beyGottlob Benj. Frommann.1740.

Vorbericht.

Geneigter Leſer.

Gegenwaͤrtiger Tractat iſt in der Form eines Sendſchreibens ſchon vor vielen Jahren aufgeſetzet worden. Die Gelegenheit hiezu war nicht ungewoͤhnlich, und doch unvermu - thet. Es wurde einsmals eine zahl - reiche Verſammlung von jungen Leu - ten flehendlich, wie es wol noͤthig iſt, vor der Gefahr der heimlichen Unzucht und aller Fleiſches Luſt gewarnet. Man fuͤhrte viele Ueberzeugungs - und Bewegungs-Gruͤnde an, den Seelen einen Abſcheu davor einzupflantzen, und ſie zur Zucht und Keuſchheit zu vermoͤ - gen. Man berief ſich darauf, daß esa 2jaVorbericht. ja auch einem Heiden aus den anato - miſchen und mediciniſchen Gruͤnden ſonnenklar koͤnte erwieſen werden, der - jenige, der ein Sclave ſeiner Fleiſches - Luͤſte iſt, muͤſſe ſich nothwendig nach Seel und Leib ſelbſt ruiniren, und be - gehe einen unverantwortlichen ob wol langſamen Selbſtmord.

Eine Zeitlang darauf wurde bey andringender Gewalt und Noth der Suͤnde dieſer Erweis von jemanden mit vielem Bitten und Wehmuth wircklich begehret. Der Verfaſſer er - wiederte dem, der die Anforderung that, daß er als ein Chriſt zwar an den ſo klaren und Hertzruͤhrenden Zeugniſ - ſen Gottes aus der Schrift genug haͤt - te; es koͤnne die Sache auch niemand beſſer verſtehen, noch jemand redlicher und liebreicher gegen ihn geſinnet ſeyn, als Gott ſelber, wie er in ſeinem Wor - te redet: Jmmittelſt wolle er dennoch ſeiner Declaration und dem darin be - griffenen Verſprechen durch Gottes Gnade ſobald als moͤglich Genuͤge thun.

WeilVorbericht.

Weil es in Form eines Briefes (vermuthlich um es auch andern, die gleiche Patienten waren, deſto beque - mer communiciren zu koͤnnen) iſt be - gehret worden: ſo ward der Verfaſſer ſchluͤßig, es ſo, und mithin kurtz einzu - richten; zumal er ohnehin bey uͤberhaͤuf - ter Arbeit wenige Zeit uͤbrig hatte. Es wuchs ihm aber der anatomiſche Er - weis unter der Hand dergeſtalt, daß er am Ende das Maß eines Sendſchrei - bens weit uͤberſchritten ſahe, und alſo willens ward, lieber noch den theolo - giſchen Erweis dazu zu thun, und dann auch die armen Patienten nicht gantz troſtlos und ohne allen Rath zu verlaſ - ſen. Jmmittelſt bliebs bey dem einmal gemachten Plan eines Sendſchreibens, ohne beſondre Abtheilung in Capitel und Abſaͤtze.

Jn dem Ablauff einiger Jahre haben es verſchiedene Theologi und Medici geleſen, und bezeuget, daß die gantze Sache, ohnerachtet ſie ſo puͤnctlich und umſtaͤndlich aus der Anatomie vora 3dieVorbericht. die Augen gelegt wird, dennoch mit groſſer Vorſichtigkeit und aller dem Schoͤpfer ſchuldigen Veneration und unter Menſchen noͤthigen Ehrbarkeit abgefaſſet ſey. Jns beſondere hat ſich ein groſſer Nuͤrnbergiſcher Medicus (deſſen leutſelige Beſcheidenheit aber dem Editori nicht erlaubet, dermalen ohne vorhero ausgebetene Genehmhal - tung ſeinen Namen kund zu thun) uͤberaus viele Muͤhe gegeben, den er - ſten Theil aus freyer Liebe und um des gemeinen Beſtens willen gantz genau durchzugehen, und dem Verfaſſer eine groſſe Anzahl disfaͤlliger Anmerckun - gen guͤtig zu communiciren, die bey ge - ſchehener Reviſion alle in billige Erwe - gung und Gebrauch ſind gezogen wor - den. Es koͤnte alſo (war die Meinung verſchiedener Freunde ferner) das alſo verfaſte Sendſchreiben in die Form eines Tractats gebracht, und der ge - ſam̃ten ſtudirenden Jugend zum noͤthi - gen Unterricht u. uͤberzeugenden War - nung, hoffentlich zu vielem Segen ans Licht gegeben werden.

DasVorbericht.

Das andre geſchiehet hiemit im Na - men Gottes: das erſte aber lieſſe ſich nicht wohl thun. Nemlich man hat, um die Gedancken und Schreib-Art des Verfaſſers nicht zu zerreiſſen, die Form eines Sendſchreibens, ſamt dem darnach eingerichteten Stilo unveraͤn - dert gelaſſen, aber gleichwol in der gan - tzen Abhandlung, die drey Haupttheile und deren groͤſſere Abſchnitte mercklich gemacht, und am Rande die Margina - lien dazu geſetzt, hierunten aber eine Tabelle angehengt, welche den gantzen Jnhalt dieſes langen Sendſchreibens deutlich vor Augen leget. Die aus andern Schriften im Tractat ſelbſt an - gefuͤhrten Stellen hat man mehren - theils ins Teutſche uͤberſetzt, um deſto mehrerer Jugend dienen zu koͤnnen; obgleich ſie im Manuſcript nach Be - ſchaffenheit der Perſon, an die es abge - fertiget worden, Lateiniſch und mehren - theils mit allegirten Stellen ausge - ſchrieben waren. Uber dieſes hat man einem jeden Haupttheile ins beſonderea 4garVorbericht. gar wichtige Zeugniſſe aus andern be - waͤhrten Scribenten beygefuͤget u. die darin enthaltene Materien beſtaͤttiget.

Gott, der ewige Liebhaber der Menſchen, laſſe ihm dieſe Arbeit in Gna - den wohlgefallen, und laſſe ſie zur U - berzeugung und Rettung der in dieſem Stuͤck ſo hoch verſchuldeten und in Ge - fahr geſtuͤrtzten Seelen geſegnet ſeyn, um Jeſu Chriſti willen.

Du aber, mein Leſer, wer du auch biſt, lis alles mit billigem Bedacht und ſchuldiger Unterſuchung der Wahrheit; und ſchone deiner Leibes und Lebens - Kraͤfte mit gewiſſenhafter Redlichkeit, daß du ſie durch keinen Suͤndendienſt ruinireſt, damit ſie Jeſus dein Herr deſto beſſer zu ſeiner und deiner Freude brauchen koͤnne; und das darum, weil der ewige Gott deiner ſo ſehr geſchonet hat und Jeſus deinen Leib und Seele ſo theuer erloͤſet. Lebe wohl!

Jnhalt.

Jnhalt.

Des gantzen Werckleins, ſo auch ſtatt des Regiſters dienen kann.

Jm erſten Theil wird aus der Anatomie erwieſen, Daß wer in der Luſtſeuche ſtecket, ſeine Seelen-Leibes-und Lebenskraͤfte ſchlech - terdings ruinirt, und alſo ein verruchter Selbſtmoͤrder iſt. Dis geſchiehet in folgen - der Ordnung.

  • I. Werden einige Einwuͤrfe beantwortet, die man hier und da hoͤret, und im eignen Her - tzen findet. pag. 7-22.
  • II. Wird in 8. Lehrſaͤtzen die wunderbare Einrich - tung, die Gott ſelbſt gemacht hat, puͤnctlich erzehlet, nach welcher die Zubereitung des Samens geſchiehet. Er wird
    • 1. aus dem alleredelſten und ſubtiliſirteſten Gebluͤt. p. 22.
    • 2. Jn ſehr vielen, unglaublich zarten und ſehr verborgenen Gefaͤſſen abgeſondert und ver - wahret. p. 24.
    • 3. Seine Erzeugung iſt ſehr wundernswuͤrdig, und mit Ehrfurcht gegen den Schoͤpfer zu erwegen. p. 30.
    • 4. Die Veranſtaltung, die Gott zu deſſelben Excretion gemacht, iſt auch ſehr admirable. p. 34.
    • 5. Dieſes iſt das allergewaltigſte und edelſte Fluidum im gantzen menſchlichen Coͤrper. p. 36.
    • 6. Es wird durch unzehlige Vaſa lymphatica wieder ins Gebluͤte zuruͤcke gefuͤhret, und giebt unſerm Leib und Leben die ſtaͤrckſte balſamiſche Kraft, Erwaͤrmung und Leb - haftigkeit. p. 42.
    • 7. Es liegt darin der gantze organiſche Leib eines Menſchen, nach ſeinen kleinſten und zarteſten Lineamenten, oder doch eine gleich - guͤltige Kraft verborgen. p. 56.
    • 8. Je vollkommener, reifer und edler der - ſelbe iſt, je geſuͤnder und muntere Kinder werden erzeuget, wenn Gott die natuͤrliche Ordnung ſtehen laͤßt. p. 61.
  • III. Wird aus dieſen 8. Lehrſaͤtzen geſchloſſen und erwieſen, daß wer ein Sclave der Flei - ſches Luſt iſt, ſein
    • 1. Gedaͤchtniß, p. 64.
    • 2. Phantaſie, p. 66.
    • 3. Nachſinnen, p. 67.
    • 4. Gewiſſen, p. 71.
    • 5. Willen und Begierden, p. 74.
    • 6. gantzen Leib, p. 81. und inſonderheit
    • 7. die vaſa ſpermatica, p. 86.
    • 8. Die Augen und die Kraft des Hertzens,p. 90.Jnhalt. p. 90. gantz natuͤrlich und nothwendig rui - nire:
    • 9. Sich in eine vielleicht Zeitlebens fortwaͤh - rende Sclaverey begebe. p. 96. wobey der wichtige Zweifel aus 1. Cor. 7, 1-9. be - antwortet wird. p. 112-125.
    • 10. Ein Moͤrder werde, der nach Gottes Ausſpruch des Todes wuͤrdig iſt. p. 127.
    • 11. ſich untuͤchtig zu einem gottgefaͤlligen Eheſtande mache. p. 131.
    • 12. Sich und die Seinigen oͤfters in ein un - unvermeidliches Elend, Schande und al - lerley Plagen der Gottloſigkeit ſtuͤrtze. p. 134. wobey von der pollutione noctur - na, und von der jaͤmmerlichen Plage und Cur der garſtigen Kranckheit gehandelt wird.
  • IV. Wird dieſer Theil mit einem beweglichen Zureden beſchloſſen. p. 158-170.
  • V. Wird im Anhang alles dieſes mit Exempeln und Zeugniſſen aus zweyer Engellaͤnder Schriften beſtaͤttigetu. erlaͤutert. p. 171-208.

Jm andern Theil Wird aus dem heiligen Worte Gottes ſelber dargethan, daß wer in der Luſtſeuche ſtecket, ein unter Gottes Zorn und Fluch liegen - der, mithin im goͤttlichen Gericht verhaf - teter und hoch verſchuldeter, folglich hoͤchſt ungluͤckſeliger und geplagter Menſch ſey. Solches iſt klar

1. AusJnhalt.
  • 1. Aus den im 3. B. Moſ. 12. den Sechs - woͤchnerinnen vorgeſchriebenen Geſetzen. p. 210.
  • 2. Aus den im 3. B. Moſ. 15. ꝛc. den gonor - rhoeizantibus &c. gegebenen Befehlen. 212.
  • 3. Aus Gottes ſo oft bezeugter Verabſcheu - ung aller Fleiſches Luͤſte p. 216.
  • 4. Aus der gantzen Chriſtlichen Religion, die uns zu aller Reinigkeit und Keuſchheit aufs hoͤchſte verbindet. p. 221.
  • 5. Aus den entſetzlichen Gerichten, womit Gott dieſe Art Laſter vor aller Welt geſtraft hat, an
    • a) den Sodomiten, p. 233.
    • b) den Jſraeliten in der Wuͤſten, p. 239.
    • c) denen zu Gibea, p. 241.
    • d) dem Koͤnige Salomo. p. 242.
  • 6. Aus der entſetzlichen Staͤrcke dieſer Suͤn - de, p. 254.
  • 7. Aus der ſo hochempfohlenen Keuſchheit, 265.
  • 8. Aus den allerheiligſten und Seeldringen - den Verboten GOttes, p. 273. z. E. 1 Cor. 6, 9-20. 2 Cor. 6, 16. ſeqq. Gal. 5, 19-25. Eph. 3, 16-19. 4, 17-30. 5, 1-14. Col. 3, 1 - 17. Tit. 2. 11-14. 2 Petr. 2, 1-22. Hierauf folgt der nachdruͤckliche Schluß aus allem dieſen, und Anrede an den Patienten p. 288.
  • Jm Anhang werden alle dieſe acht Stuͤcke aus einem groſſen Schweitzeriſchen Theologo in gleicher Ordnung erlaͤutert, beſtaͤttiget und aus - gefuͤhret. p. 292-352.
JmJnhalt.

Jm dritten Theil Werden endlich die Mittel angewieſen, wie man aus dieſer unſeligen Mordgrube un - ter goͤttlicher Gnadenpflege gewiß gerettet werden koͤnne. Es wird aber gehandelt

  • I. Von der Grundlegung der Keuſchheit. Man muß ſich reſolviren, ſich gantz und gar |zu bekehren, bis zu dem lebendigen Gott. Zu dem Zweck werden
    • (1) allerley Bewegungsgruͤnde zu dieſem Entſchluß angefuͤhrt, als
      • a) die beweglichſten Zurufungen Got - tes, in etlichen Claſſen, p. 358.
      • b) der wundergroſſe Aufwand Gottes an uns in der Erloͤſung p. 361.
      • c) die unſaͤglich gnaͤdige Langmuth und Erbarmung Gottes. p. 366.
    • (2) Der Weg ſehr plan und puͤnctlich gewie - ſen, wie man bis zur Gnade und Kind - ſchaft Gottes, folglich zur Freyheit kom - men ſoll. p. 374. Es gehoͤren 3. Stuͤcke dazu.
      • a) Eine voͤllige Einwilligung, p. 374. dieſe zeigt ſich
        • 1. im ernſtlichen und anhaltenden Gebet p. 378. wobey einige Einwuͤrfe beant - wortet werden.
        • 2. Jn der ſchmertzenden Erkenntniß ſein ſelbſt, ſo wol nach ſeinen Suͤndenſchuldẽ, p. 391. als nach der Suͤndlichkeit, 401.
        • 3. Jm ehrerbietigen und gehorſamen For - ſchen im Worte Gottes. p. 406.
      • b) Eine ausharrende Gedult und Unterthaͤ - nigkeit. p. 412.
      • c) Ein gewagtes wirckliches Annehmen des Herrn Jeſu als ſeines Erloͤſers und Blut - braͤutigams, und eine Verlobung mit Jhm. p. 420.
  • II. Von der Befeſtigung und Bewahrung der Keuſchheit.

    Wenn man nun im Stand der Gottſe - ligkeit und der Gnade iſt, ſo iſts dann nicht ſchwer, vor der Herrſchaft dieſer und aller Suͤnden verwahret zu bleiben. p. 421. Es werden hierzu drey Ubungen vorgeſchlagen:

    • a) Halte aus, d. i. bleibe treu und ſtandhaft im Gehorſam gegen Gott. Dis iſt leicht, wenn man
      • 1) froͤlich und getroſt zu Gott bleibet. 423.
      • 2) nichts wider das Gewiſſen thut. 425.
      • 3) bey jedem Fall ſo fort zu Jeſu eilet. p. 427.

    * Um dis zu erleichtern, werden hier zwey wichtige Fragen um - ſtaͤndlich beantwortet.

    • I. Was geht bey dem Proceß der Rechtfertigung eines Suͤnders im Himmel vor? oder, was hat die Vergebung der Suͤnden fuͤr einen Jnbegriff? Sie enthaͤlt 3. Hauptſtuͤcke,
      • 1) Die ewige Abthuung und Nichtzurechnung aller und jeder Suͤnden: Dagegen dem Suͤnder die gantze Gerechtigkeit Je - ſu auf ewig, umſonſt und aus freyer Gnade, zu eigen geſchen - cket und gerichtlich zugeſprochen wird. p. 431.
      • 2) Die Bedeckung der Suͤnden. p. 436.
      • 3) Die Nichtzurechnung kuͤnftiger Schwachheiten, p. 443.
    • II. Ob ein gerechtfertigter Chriſt durch ſeine Fehltritte aus dem Gnadenſtande falle? p. 455-463.
    • b) Weiche aus, d. i. Fliehe die Gelegen -heitJnhalt. heit innerlich und aͤuſſerlich. Dis geſchicht am leichteſten und redlichſten, wenn man
      • a) Sich ſelbſt ja nicht zu viel zutrauet. p. 464.
      • b) Auch den ſchwaͤchſten Reitzungen zeitlich aus dem Wege geht. p. 465.
      • c) Alle boͤſe Gedancken eilig und ernſtlich toͤdtet. p. 470.

    * Ein Starcker mag auch wol ohne Flucht kaͤmpfen. Wovon die Anweiſung p. 480-494.

    • c) Erwege oͤfters und nimm zu Hertzen
      • 1. Gottes heilige Gerechtigkeit, p. 497.
      • 2. Jeſu allerſchmaͤlichſtes Leiden, p. 498.
      • 3. Deinen unvermeidlichen Tod. p. 499. Hier - auf werden 2 Cautelen angehengt
        • a) Daß man ſich auf alle dieſe Uebungen ja nicht verlaſſe, oder ſein Vertrauen darauf ſetze, p. 502.
        • b) Daß ſie alle nur ſo lange gelten und ihre Kraft erweiſen, als lange man mit Jeſu eins iſt. p. 504.
  • III. Von des Leibes richtigen Pflege werden
    • 1. Vier mediciniſche Hauptlehrſaͤtze, und 6 heilſa - me Vorſchlaͤge angefuͤhret, p. 507. ſeqq.
    • 2. Zwey gewoͤhnliche Einwuͤrfe beantwortet, 518.
    • 3. Eine Digreßion auf den Eheſtand gemacht, 523. Der Schluß wird mit einem nachdenklichen Aus - ſpruch Gottes gemacht. p. 527.
  • IV. Erzehlet Editor in einer Nacherinnerung eine betruͤbte Hiſtorie, und ſtellt disfalls den klaͤg - lichen Zuſtand der Chriſtenheit vor, p. 531.
  • V. Jm Anhange aus dem Schweitzeriſchen Theo - logo wird noch von vier Hauptpuncten in ſo viel Capiteln gehandelt:
    • 1) Von den Haupturſachen der Unkeuſchheit, welche ſind1. DieJnhalt.
      • 1. Die Fortpflantzung ſelber, p. 539.
      • 2. Die grobe Unwiſſenheit p. 540.
      • 3. Die boͤſe Erziehung, p. 542.
      • 4. Die elende Lebensart, p. 556.
      • 5. Leichtfertige Buͤcher, wobey von den Ro - manen kuͤrtzlich gehandelt wird, p. 574.
      • 6. Der Mangel der Kirchenzucht, p. 583.
    • 2) Von dem einigen Grund der Keuſchheit, der Wiederausſoͤhnung mit Gott, p. 585. wobey ins beſondere gehandelt wird
      • a) Von des Glaubens wunderbaren Kraͤften zur Keuſchheit, p. 597.
      • b) Von der Jnwohnung und ſteten Regierung des heiligen Geiſtes, p. 609.
    • 3) Von den ſtaͤrckſten Huͤlfsmitteln wahrer Chri - ſten wider die Unkeuſchheit, welche ſind
      • 1. Wachſamkeit, p. 631.
      • 2. Heiliger Ernſt im Gebet und Glaubens - kampf, p. 635.
      • 3. Schnelle und gewaltſame Abziehung der Sinnen und Gedancken, p. 666.
      • 4. Heilige Betrachtungen.
      • 5. Entdeckung gegen andere.
      • 6. Beſcheidene Regierung des Leibes.
      • 7. Demuͤthige und unterthaͤnige Geduld.
    • 4) Von den Symptomatibus oder Zufaͤllen und Ruͤckfaͤllen ſolcher Patienten; nebſt der Be - antwortung der disfalls vorkommenden Zwei - fel und Fragen, die theils
      • a) im leichtſinnigen Diſputiren und Entſchuldigen,
      • b) theils im unglaͤubigen Zagen und Verzagen,
      • c) theils im unrichtigen Kampf, dabey man nicht gewinnt, pflegen gemacht zu werden.
Geliebter
Geliebter Freund!

WAs fuͤr einen entſetzlichen ZornSatans ſchreckli - cher Zorn wieder die Menſchen zeigt ſich ſonderlich in der Wolluſt. der Satan gegen das arme menſchliche Geſchlecht hege, und recht gewaltſam ausuͤbe, kann man mit groſſer Bekuͤm - merniß ſonderlich an deſſen Reitzungen und Verfuͤhrungen zur Unreinigkeit wahrnehmen; wenn man erſt aus dem Worte GOttes, ja auch nur aus der geſunden Ver - nunft begriffen hat, was ſie eigentlich auf ſich habe. Gewiß, man moͤchte bitterlich druͤber wei - nen, und alle Welt zu Rath und Rettung aufbie - ten, wenn man erweget, daß diß eine ſo allgemei - ne und allenthalben wuͤtende Verderbniß iſt, und dazu noch eine der allergroͤſten Schwie - rigkeiten der Bekehrung, die eine Seele ſchlechterdings zu uͤberwinden hat, wo ſie der Gnade des Allerhoͤchſten theilhaf - tig werden will. Die allermeiſten MenſchenI. Th. Betr. der Unreinigk. Alo -2Eingang. locket der Satan in ihren beſten Jahren in die - ſe erſchreckliche Ketten hinein, damit ſie ſich ja auf ihre uͤbrige Lebenszeit Schulden und Gerichte gnug erwerben, auch noch dazu ihre Seelen - und Leibeskraͤfte aufs jaͤmmerlichſte verderben moͤchten. Er weiß wohl, daß es am allerſchwereſten iſt, einen aus dieſem von der Hoͤlle entbrannten Feuer zu erretten; und daß, da ſonſten andere Laſter durch allerley philoſophiſche Mittel, und oft durch entgegenſtehende Suͤnden uͤberwunden werden, hier alle menſchliche Macht und Kunſt nichts vermag: wo nicht der Patient ſich der Cur JEſu Chriſti ſelbſten unterwirft, und ſich von Hertzen mit groſſem Ernſt zu ihm bekehret. Da - von aber weiß dieſer Feind aus langer Erfah - rung gar wohl, daß der Menſch wol eher al - les andere verſuchet, ehe er ihm dis ge - fallen laͤßt, wenn ihm gleich deſſen unumgaͤng - liche Nothwendigkeit aufs allerhoͤchſte erwieſen waͤre. Daher ſagt Chryſoſtomus: Es iſt der Jugend nichts ſo entſetzlich ſchwer, als die ſchaͤdlichen und den Tod gewiß bringenden Wolluͤſte zu beſiegen. Keine Geldbegierde, kein Ehrgeitz, und keine eintzige andere Luſt macht dieſes Alter ſo untuͤchtig und verwor - ren, als die unſinnige Fleiſchesluſt.

Weil nun Satan den groͤſten Theil der Menſchen in ihrer Bluͤte auf dieſes ſchwartze Todtenbette hinwirft; was iſts wunder, daß er auch die meiſten derſelben dem geiſtlichen, na - tuͤrlichen und ewigen Tode fruͤhzeitig gnug uͤber -lie -3Eingang. liefert: da die fleiſchliche Luſt, wenn ſie bis in die Luſtſeuche hinan gekommen iſt, eine ſo verzweifelte und unheilbare Kranck - heit iſt, daß die wenigſten Patienten wie - der davon aufgekommen, wenn man auch ſchon mit allen Huͤlfsmitteln ihre Rettung moͤg - lichſten Fleiſſes verſuchet?

Und es wuͤrde leider die taͤgliche Erfahrung Zeugniſſe gnug davon geben koͤnnen, wenn ſie nicht Schande halber muͤſten verborgen blei - ben, wie wahr der ſelige Arnd geſaget: Die fleiſchliche Luſt ſey der Seelen ihr Todtenbet - te, darauf ſie kranck lieget, und allgemach ih - rer geiſtlichen und natuͤrlichen Kraͤfte beraubet wird, bis ſie des ewigen Todes ſtirbet.

Da ich nun mit groͤſter Beſtuͤrtzung erfah -Veran - laſſung dieſes Schrei - bens. ren habe, daß Sie, mein theurer Freund, in dieſes ungluͤckſelige Labyrinth auch gerathen ſind, (durch einen, der hierdurch ein unſeliger Moͤrder ihrer Seelen worden iſt, und aus deſſen Haͤnden unſer allerhoͤchſte Richter ihr Blut, Seele und Leben der - einſten fordern wird): So habe mir an Jhnen dieſen Zorn des Satans um deſto be - kuͤmmerter vorgeſtellet, ie mehr ich weiß, in welch eine Gefahr Sie dadurch ſind geſtuͤrtzet worden. Da ich aber gleichwol beſorgen muß, daß Sie von dieſer Sache, darin Jhr Gewiſſen, Geſund - heit, Leben und Seligkeit in der hoͤchſten Ge - fahr ſtehet, keinen gnugſamen Unterricht haben werden: ſo habe mich von GOttes wegen hier - zu gaͤntzlich verpflichtet zu ſeyn geachtet, Jh -A 2nen4Eingang. nen in gegenwaͤrtigem Schreiben aus unum - ſtoͤßlichen Gruͤnden ſo wol der Medicin, als dem Aufnehmenswuͤrdigen Worte GOttes zu zei - gen, und auch darzuthun, daß dieſes ein Laſter ſey, ſo den Coͤrper und die Ge - ſundheit ruiniret; den Verſtand, das Ge - daͤchtniß, die Phantaſie und alle Kraͤfte der Seelen jaͤmmerlich verwuͤſtet; ein boͤſes und gebrandmahltes Gewiſſen ma - chet; die Anbetungswuͤrdige Majeſtaͤt und Heiligkeit GOttes auf eine ausneh - mende Weiſe beleidiget; und den, der darin, auf welcherley Art es wolle, mit Wiſſen und Willen ſtecket, ewig ungluͤckſelig machet. Alsdenn aber habe Jhnen einige, theils geiſtliche, theils natuͤrliche Mittel und Cautelen mitzutheilen, durch deren treuen und ernſten Gebrauch Sie allein gantz gewiß, ohne ſie aber unmoͤglich aus dieſer tieffen Grube erloͤſet werden koͤnnen.

Vorher - gehend ausge - machte Be - dingung.

Eines aber bedinge mir zuvor bey Jhnen aus, und verpflichte Sie dazu bey aller der ver - traulichen Liebe und Freundſchaft, die unter uns iſt, daß ſie mir ſolches unweigerlich zuge - ſtehen. Nehmen ſie ſich um ihres eigenen Wohlſeyns willen die Zeit, dieſe vernuͤnftige Vorſtellung oͤfters mit ſtillem Gemuͤthe und al - lem Bedacht |zu erwegen, und geben Jhrem Er - loͤſer doch gleichwol allezeit dabey ein gut Wort darum, daß Er es Jhrer Seelen ſelbſt zu wiſ - ſen thue, was die Sache auf ſich habe. Denn der HErr HErr hat geſchworen bey ſeinerHei -5Eingang. Heiligkeit, Amos 4, 2. Daß er ſolches nicht vergeblich zu Jhnen will geſaget, Jeſ. 45, 19. und ſo gar uͤberſchrieben haben. Die - ſer Brief ſelber muͤſſe ein Zeuge ſeyn zwiſchen mir und Jhnen, daß ich Sie deßwegen treulich gewarnet habe; Hoſ. 5, 9. wie er denn unter vielfaͤltigem Gebet und Flehen iſt aufgeſetzet worden. Ach daß er gegen nieman - den, der ihn leſen oder hoͤren moͤchte, und da - durch, aber gleichwol vergeblich, gewarnet wuͤrde, duͤrfte produciret werden! vornemlich an dem Tage der herrlichen Offenbarung JEſu Chriſti, an welchem inſonderheit dieſe Geſchaͤf - te der Finſterniß, (welche unter allen andern in der Welt am meiſten und ſorgfaͤltigſten ver - berget werden) gewißlich am meiſten werden hervor treten muͤſſen.

Jch werde um ſchuldiger Ehrbarkeit willen nicht alle und iede Arten der Unzucht in ihrer abſcheulichen Geſtalt vorſtellen duͤrfen: ſondern ich rede von allen miteinander zugleich, ſie moͤ - gen in der Seele allein, oder in der Seele und am Leibe zugleich, oder auf andere Weiſe ge - ſchehen, und thue das bedaͤchtig. Dazu beſor - ge ich mit Recht, daß Jhnen die Gedult bey deſſen Durchleſung hundert mal eher vergehen wuͤrde, als wenn ich Jhnen eine luſtige Hiſto - rie, oder ſeltſame Avanturen vorlegen moͤchte. Aber mein liebſter Freund, laſſen Sie ſich die Zeit daruͤber nicht zu lang werden: die Goͤttliche Ungnade und allerley Gerichte von ſeiner Heiligkeit auch ſelbſt ihr eigner Tod kanA 3Jh -6Eingang. Jhnen noch fruͤhe gnug ins Haus kom - men.

Daß ich mich in ſolchen Sachen, davon man ſonſten vor ehrbaren Leuten gerne ſchweiget, ſo teutſch und deutlich ausdruͤcken muß, werden Sie der redlichen und hertzlichen Liebe, deren Sie von mir ohndem vollkommen verſichert ſind, zuſchreiben. Dieſer redlichen Liebe ihr Eifer muß mich in einer ſo hoͤchſt bekuͤmmerli - chen Sache billig zu einer ſolchen Vertraulich - keit vermoͤgen. Da mir aber nun Jhre Ge - fahr ſo was groſſes abgedrungen: ſo bitte ich Sie dagegen wiederum, ſo ſehr ich bitten kan, daß Sie keinen periodum weiter leſen wollen, bis Sie erſt Jhren Erloͤſer desfalls demuͤthig - lich angeruffen haben, daß er Jhnen erlaube, dieſe heilig hoch zu achtenden und Verwunde - rungswuͤrdigen arcana naturæ mit einem ſo praͤ - parirten Verſtand und Hertzen zu begreiffen und zu bewundern, daß Sie durch deren Betrach - tung zur demuͤthigſten Anbetung der unvergleich - lichen Weißheit und groſſen Freundlichkeit GOt - tes mit Macht gereitzet werden, und ihm das - jenige deſto gutwilliger eingehen, was er hierdurch bey Verluſt Jhres Lebens und Seligkeit von Jhnen fordert, jemehr ſie aus ſeinen heiligen Abſichten auch in dieſer Sache mercken und greiffen koͤn - nen, wie lieb er ſie haben muͤſſe.

Er -
7

Erſter Theil. Anatomiſch Mediciniſche Be - trachtung der Schande und des Scha - dens von allen Arten der Unrei - nigkeit und Unzucht.

WOllen wir nun, mein Hertzens Freund, die Sache in ihrem rechten Grunde einſehen: ſo muͤſſen wir bis in das Paradis und den Stand unſrer Un - ſchuld zuruͤckgehen, und daſelbſt den Rath GOt - tes in dieſem Puncte mit Ehrerbietung be - trachten. Sie haben es um deſto mehr noͤthig, ihre Gedancken mit mir bis dahin zu richten, weil ich wohl weiß, daß Satan Sie in Jhrem verunruhigten Gewiſſen zu Zeiten mit dieſem Grundfalſchen Wahn wird zu ſtillen und ein - zuſchlaͤffern ſuchen, dieſe Luſt ſey ja natuͤrlich, warum habe ſie denn, GOtt dem Menſchen ein - gepflantzet, und ihn alſo gemacht? zudem ſey es doch mit dem Viehe auch alſo?

Was endlich die letzte Vergleichung betrift,1 Einwurf und| Ant - wort. ſo traue ich es Jhnen zwar nimmermehr zu, daß Sie ſich mit dem Viehe in einen Rang und Claſſe ſetzen werden: ſage es Jhnen aber doch1) auch mit groͤſter Gewißheit und ohne Scheu, daß das Vieh in dieſem und dergleichen Din - gen dem Menſchen weit vorgehe; und daß auch2) hierin des Menſchen ſein Jammer und Verder - ben viel weiter in ſeine Seelen und Leibes -A 4kraͤf -8Anatomiſch-Mediciniſchekraͤfte durchgedrungen, als man begreiffen kann. Gewiß iſts an manchem Sclaven der Unzucht offenbar genug, das er ſich weit unter den vie - hiſchen Naturſtand herabgeſtuͤrtzet hat, und nicht viel Rechts uͤbrig habe, dem Vieh etwas vorzuruͤcken, als welches der Unterthaͤnig - keit und Dienſtbarkeit wegen von des Menſchen ſeinem Fluch Theil nehmen muͤſ - ſen.

  • Wiſſen Sie denn nicht, daß dieſe natuͤrliche
    a)
    Luſt bey dem Viehe beyderley Geſchlechts, wie - wol auf eine viehiſche Art, in gewiſſen Schran - cken und der Natur gemaͤſſen Grentzen ſtehet?
    b)
    koͤnnen Sie nicht mercken, daß ſie in einer un - vergleichlich beſſern Ordnung als beym Men - ſchen bleibet? zeiget nicht die Erfahrung,
    c)
    daß ſie allezeit mit der Fortpflantzung ſeines glei - chen verknuͤpfet iſt, und alſo bloß bey dieſem Endzweck, dazu ſie dem Viehe eingepflantzt wor - den, ſtehen bleibet? und wem iſt unbekant, daß die
    d)
    Brunſt der Thiere nicht zu allen Zeiten waͤhret, ſondern ihre gewiſſe Zeiten, Monate und perio - dos hat; und wenn das Weiblein empfangen hat, ſo verlaͤßt es das Maͤnnlein, und ſorgt fuͤr ſeine Frucht, und fuͤr derſelben Ernaͤhrung gantz allein; ſie kommen auch nachhero nicht wieder
    e)
    zuſammen, als bis zur neuen Conception, da ſie doch wegen Verſorgung, Erziehung der Jun - gen, Theurung, Unruhe, Kranckheiten ꝛc. wie es die Menſchen gleichwol zu thun pflegen, nichts zu bedencken haͤtten. Jſts nun nicht wahr, daß ſich das Vieh, ſo doch nur ſeinemna -9(I. Th.) Betracht. der Unreinigkeit. natuͤrlichen Triebe nachgehet, und lebet ohne Geſetz, hierin viel beſſer halte, als der Menſch? und daß des Menſchen ſein Verderben wer weiß wie viel weiter gegangen iſt, in dieſer und an - dern ihr aͤhnlichen natuͤrlichen Luͤſten und Appe - tit, als man dergleichen etwas beym Viehe mer - cken kann? Und daß endlich kein Menſch Urſach hat, wenn er auch nichts vornehmer waͤre, als das Vieh, ſich auf das Vieh zu beruffen, weil ihn ſonſt diß ſelber verurtheilen muͤſte? Jch wuͤrde Jhnen aus der hiſtoria animalium und aus allen viererley Claſſen der Thiere weit - laͤuftig erzehlen koͤnnen, was iedes fuͤr eine Art und Zeit ſich zu paaren habe, wobey es auch ſte - hen bleibet, und auſſer dieſer Zeit und dieſem Endzweck, nemlich ſeines gleichen zu zeugen, und ſich zu mehren, niemals dieſer Luſt nachge - het; allein ich ſorge billig, Sie wuͤrden mir es ſelbſt veruͤbeln, daß ich Sie durch eine ſo niedertraͤchtige Vergleichung erſt lange zu uͤberfuͤhren ſuchte.

Jch ſelber halte es einem vernuͤnftigen3) Menſchen, der das Ebenbild des allerheiligſten GOttes tragen ſoll, fuͤr allzu unanſtaͤndig, daß er ſich auf die thieriſche Art des Viehes beruffe, ſeine Schande damit zu decken.

Was aber das erſtere anbetrift, da ein2) Ein - wurf, und Antwort Menſch den Muth und Hertzhaftigkeit hat, mit ſeinem Schoͤpfer zu expoſtuliren, und ihm vor -1) zuwerfen, warum er ihm denn dieſe Luſt beyge - leget, ſich auch ſo anzuſtellen, als koͤnte man da - her praͤtendiren, den Luͤſten frey und ungeſtraftA 5nach -10Anatomiſch-Mediciniſchenachzugehen: ſo iſt das viel was wichtigeres, und greiffet bis an die Beleidigung der hoͤchſten Majeſtaͤt GOttes hinan, um deſto mehr, weils durchaus unbillig, unvernuͤnftig und unge - reimt iſt.

Jch wils Jhnen handgreiflich darthun: aber mercken Sie erſt mit Ernſt darauf, und laſſens Jhre Seele wohl bedencken, was der Allerhoͤch - ſte zu ſolchen Gedancken ſaget: Wehe dem, der mit ſeinem Schoͤpfer hadert, nem - lich der Scherben mit dem Toͤpfer des Thons. Spricht auch der Thon zu ſei - nem Toͤpfer: was macheſt du? du bewei - ſeſt deine Haͤnde nicht an deinem Werck. Wehe dem, der zum Vater ſaget: war - um haſt du mich gezeuget? und zum Weibe, warum gebiereſt du? Jeſ. 45, 9. 10. Jch achte, diß einige Wehe ruffen waͤ - re gnug, eine ſolche unnatuͤrliche Grobheit ge - gen Jhren GOtt aus Jhrem Hertzen zu ver - bannen und zu vertilgen, wenns die bloſſe na - tuͤrliche Billigkeit nicht mehr vermoͤchte. Und weil es doch ſo laͤßt, als wenn Sie mit den Worten (warum hat mich GOtt alſo ge - macht? und warum hat er denn die Men - ſchen durch den Fall ſo verderben laſ - ſen?) dem allerheiligſten GOtt ſelber uͤberhaupt die Schuld ihres Verderbens beymeſſen wolten:2) ſo uͤberlegen Sie zuerſt ſelber, obs billig ſey, ei - nem ſo guͤtigen GOtt und Schoͤpfer dergeſtalt zu begegnen, und Jhm die Schuld einer Sache beyzumeſſen, daran Er nicht den geringſten Theil hat?

Jſts11(I. Th.) Betracht. der Unreinigkeit.

Jſts denn nicht Liebe geweſen, daß der dreyeinige GOtt gleichſam nach geſchehener Ueberlegung 1 B. Moſ. 1, 26. ſich entſchloſſen, den Menſchen ihm ſelber aͤhnlich und nach ſeiner Geſtalt gebildet zu formiren? wenn er ihn nun nach ſeinem Ebenbilde machen wolte, muſte er ihm denn nicht Verſtand und Willen geben, und in den Willen vor - nehmlich eine voͤllige Freyheit legen, zu wehlen und zu thun, was er wolte? Wenn der Menſch nicht eine ſolche Freyheit im Wollen haͤtte erlanget; ſondern nur wie ein Klotz aus natuͤrlichen Eigenſchaften, oder wie ein Viehe aus natuͤrlichem Triebe (und gleich - wol ſchon mit einiger Art der Freyheit) dieſes oder jenes nothwendiger Weiſe haͤtte thun muͤſ - ſen: ſagen Sie mir, ob er nach dem Eben - bilde GOttes waͤre formiret geweſen? Da nun der Allerhoͤchſte ſobald angefangen hat, ſich mit uns gleichſam gemein zu machen, und wolte uns Jhm ſelber gleichfoͤrmig haben; wir aber haben dieſen Vorzug ſo ſchaͤndlich wieder ihn gebrauchet, folglich uns ſelbſt in den tiefſten Jammer geſtuͤrtzet: ey handeln wir bil - lig, wenn wir noch ſo ſcheel dazu ſehen, daß er ſo guͤtig war; iſt auch ohnerach - tet unſers abtruͤnnigen Abfalls doch noch ſo erbarmend mitleidig, und will uns wieder in alle Ewigkeit gnaͤdig ſeyn? hat er nicht ſein liebſtes und hoͤch - ſtes drauf gewendet, uns wieder zu re - ſtituiren?

So12Anatomiſch-Mediciniſche

So iſts auch in dieſer Sache. Dencken Sie, ob GOtt Schuld haben ſolle? Er hat nach unbegreifflichem Rath nicht alle Menſchen auf einmal erſchaffen; ſondern ihrer nur zwey: und3) hats ſo reguliret, daß von derſelben einem Blu - te aller Menſchen Geſchlechte auf dem gantzen Erdboden wohnen ſolten: und hat Ziel geſetzet, und zuvor verſehen, wie lange und weit ſie woh - nen ſollen, daß ſie den HErrn ſuchen ſolten, ob ſie doch ihn fuͤhlen und finden moͤchten. Ap. Geſch. 17, 26. 27. Darum ſchuff er ſie ein Maͤnnlein und ein Fraͤulein. Weil er nun die Erde nicht gemacht hat, daß ſie leer ſeyn ſol - te; Jeſ. 45, 18. 19. ſondern daß ſie von den Menſchen beherrſchet und regieret wuͤrde heilig - lich und mit Gerechtigkeit Weish. 9, 2. 3. ſo muſte das menſchliche Geſchlecht ja fort - gepflantzet werden. Denn dieſes hatte er ſich zugerichtet, es ſolte im Nahmen und an ſtatt der gantzen Creatur ſeinen Ruhm erzehlen. Jeſ. 43, 21. Jch frage Sie, obs nicht nach dieſem Rath ſchlech - terdings noͤthig war, daß GOtt auch in dem Menſchen, und zwar beyderley Geſchlechts das Feuer einer heiligen Liebe und Begierde zu ſeines gleichen entzuͤnden moͤchte, welche ſich nur in heiliger Ordnung und Abſicht, aus reinem Verlangen GOtt zu verherr - lichen, und nur allein in dem damahls ehrwuͤrdigen Wercke der Fortpflantzung ſeines Geſchlechts aͤuſſern ſolte; damit aus Mangel und Unterlaſſung deſſen der Erd -bo -13(I. Th.) Betracht. der Unreinigkeit. boden nicht verwuͤſtet, und ſeiner Regenten, als der allerliebſten Geſchoͤpfe GOttes, beraubet wuͤrde? Denn es faſſete dieſer unausforſchliche Rath zugleich dieſes mit in ſich: Kein Menſch ſolte ewig in eben dieſem Zuſtand auf der Erden leben bleiben; ſondern jedermann ſolte nach ei - ner gewiſſen Zeit, und nach vollbrachter Haus - haltung, aus ſeinem gewiſſer maſſen doch zeitlichen Weſen und Leben verwandelt, und in ein ewi - ges Leben verſetzet werden. Dis war der Herr - lichkeit GOttes durchaus gemaͤß; Jhme gebuͤh - rets allein, ewig zu ſeyn, und auſſer allem Zeit - Wechſel und dergleichen Veraͤnderungen zu ſte - hen.

Naͤchſtdem hat der liebesvolle GOtt eine ſolche heilige Luſt und Liebe zu ſeines Gleichen den erſchaffenen Menſchen auch zur Vermeh - rung ihrer Gluͤckſeligkeit aus uͤberflieſ - ſender Freundlichkeit beygeleget, daß ſie freundlich, holdſelig und lieblich wuͤrden, und einer bey dem andern mit Luſt wohnen moͤchte. So ſolte auch dieſe Liebe unter den Menſchen einiger Abdruck ſeyn der goͤttlichen unbegreifli - chen Liebe, die er theils in ſeinem unendlichen Weſen der hochgelobten Dreyeinigkeit ſelbſt, theils auch gegen den Menſchen hat. Dieſes von GOtt entzuͤndte Feuer war nun vollkom - men lieblich, und dem Allerhoͤchſten angenehm. Es war darin nichts ſuͤndliches noch ſchaͤndli - ches, gehoͤrte mit zu dem heiligen Eben - bilde GOttes, wodurch ſo wohl die Seele als der Leib mit vollkommener Reinigkeit und Hold -ſe -14Anatomiſch-Mediciniſcheſeligkeit dermaſſen ausgezieret war, daß ſie nicht anders als wie ſichtbare und be - lebte Engel waren, und durften, (konten auch nicht) wegen der heiligen Neigung und Kraft, die zur Fortpflantzung ihres Geſchlechts diente, und ihnen als ein theures Kleinod und groſſe Zierde gegeben war, nie auf einige Wei - ſe ſchamroth werden, ob ſie gleich nackend gin - gen; ja es konten bey einer ſolchen Unſchuld nicht einmal einige Gedancken oder Vorſtellun - gen davon in ihr Gemuͤth kommen, was das eigentlich heiſſe: ſich vor GOtt oder auch vor ſeines gleichen ſchaͤmen. 1 Moſ. 2, 25.

Nun ſagen Sie mir, geliebter Freund, ob mein allerliebſter GOtt darum zu urthei - len ſey, daß er auch hierinfalls ſo aus - nehmende Proben ſeiner Freundlichkeit4) am Menſchen gewieſen hat? Wenn Sie mir zum Exempel ein koͤſtliches Waſſer oder ei - ne andere Artzney zur Erquickung und Belu - ſtigung verehret haͤtten, und mir noch dazu ernſt - lich anbefohlen, ich moͤchte es ſorgfaͤltig bewah - ren, daß nicht etwas giftiges hineinkomme, ſon - ſten wuͤrde es voͤllig verderbet werden, und mich ſelbſt leichtlich zu Grunde richten; ich haͤtte aber aus eigner Schuld bemeldte Artzney wircklich vergiften laſſen, mir auch ſchon manchmal da - mit geſchadet: ſagen Sie mir, ob es Jhnen gefallen wuͤrde, wenn ich Jhnen die Schuld beymeſſen, oder Sie wol gar ſchelten und Jhnen irgend eine Treuloſigkeit und Bos - heit anrechnen moͤchte? Wenn ich nun vollendsſpraͤ -15(I. Th.) Betracht. der Unreinigkeit. ſpraͤche, ich wolte dis vergiftete Waſſer austrin - cken; muͤſte ich daran ſterben, ſo ſolten und muͤſten Sie es verantworten: ich frage Sie, ob Sie mich denn nicht fuͤr hoͤchſt un - billig und unſinnig halten koͤnten? Darf ich Jhnen nun bis nicht thun, in einer unver - gleichlich geringeren Sache: ach! mein Hertzensfreund! wie? daß ſie das Hertz ha - ben bey Jhrer allerhoͤchſten Obrigkeit und kuͤnftigen Richter dergleichen was zu wagen, und ihrem guͤtigen und hei - ligen Schoͤpfer ſo etwas vorzuwerfen? Ey! ſind Sie denn ſeines gleichen, daß Sie Jhm auf eine ſo leichtſinnige, unbeſcheidene, und trotzige Weiſe begegnen? Erſchrecken Sie nicht mit demuͤthiger Beſchaͤmung und Abbitte vor GOtt, wenn Jhnen dergleichen Gedancken nur einfallen? Oder wenn Sie denn darauf beſtehen wolten, daß Sie ihm dergleichen mit Recht vorruͤcken koͤnten, ſo frage ich ſie: was muß Jhnen GOtt fuͤr ein geringſchaͤtzig Ding und verachteter GOtt ſeyn, dem Sie Sachen zumuthen und aufbuͤrden duͤrfen, dergleichen Sie ſich ſelber nimmermehr von ihres gleichen wolten aufbuͤrden laſſen?

Sehen ſie denn nicht, daß auch andere ſonſt unumgaͤnglich noͤthige und natuͤrliche Be - gierden zum Exempel nach Eſſen und Trin -5) cken, Schlaff und Ruhe, Bewegung und Luſt ꝛc. bey dem Menſchen ebener maſſen in eine ſo ſchreckliche Confuſion und Heftigkeit gerathen ſind, daß ſie im Uebermaß undGe -16Anatomiſch-MediciniſcheGebrauch derſelben weit, weit unter alles unvernuͤnftige Vieh zu ſetzen ſind? Denn das Vieh wird ja nicht leichte zu ſei - nem Schaden etwas zu viel thun; und Sie duͤrften ſich doch wol ſchon mancher Exempel erinnern, da Sie ſich eine Maladie, Traͤgheit, Kopfweh, Grimmen, Schwindel, Ungeſchick - lichkeit zum Gottesdienſt und Arbeit ꝛc. an den Hals gegeſſen und getruncken haben. Wun - der, daß Sie diß nicht dem allerhei - ligſten GOtt auch anſchreiben wollen, und mit ihm rechten, warum er Jh - nen den Appetit gegeben, ohne wel - chen Sie doch Hungers ſterben koͤnten, und durch den Sie die Suͤßigkeit GOttes in ſeinen Creaturen zu ſchmecken, und ihm deſto - mehr fuͤr alles danckbar zu ſeyn, ſolten erwe - cket werden! Daher ſo gar der Heide Cice - ro ſagt: die Wolluſt ſey allerdings etwas, ſo mit Ueberlegung und Einwilligung, nicht aber aus unumgaͤnglichen Triebe geſchiehet: Denn waͤre ſie natuͤrlich oder nothwen - dig, ſo wuͤrden ihr alle nachgeben muͤſ - ſen, alle auf gleiche Weiſe, und alle zu jederzeit, (wie man zum Exempel des Eſſens, Trinckens, Athemholens, Schlaffens allezeit unumgaͤnglich bedarf) und Niemand wuͤr - de von derſelben durch Schande oder Ehrbarkeit, durch Uberlegung oder Erfahrung unſers Schadens koͤnnen zuruͤck gehalten werden. Nun aber ja die taͤgliche Erfahrung lehret, daß nicht alle,ſon -17Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)ſondern nur einige Menſchen ſolche ſchaͤndliche Sclaven der Unzucht ſind: ſo ſehen Sie ja, daß dis ein unverantwortliches und wahnſinniges Jmportuniren des allerheiligſten GOttes iſt, ihm die disfaͤllige Schuld zuwerfen zu wollen. Koͤnte nicht ein Dieb, ein Moͤrder, oder ſonſten ein Scelerat eben alſo raiſonniren? und wird um deßwillen die Obrigkeit befugt ſeyn, Galgen und Rad abzubrechen, weils der Miſſethaͤter nicht begreiffen will, daß die Schuld ſeine ſey?

Da nun die armen Menſchen in allen ih - ren Begierden ſo zugerichtet ſind: ſo hat es der heilige GOtt fuͤr unumgaͤnglich noͤthig befun - den, nicht nur uͤberhaupt allen ſolchen Luͤſten in der heil. Schrift Grentzen zu ſetzen, und ih - nen Zaum und Zuͤgel anzulegen, ſondern auch ſo gar den Stand der Ehe, als das Semina - rium des menſchlichen Geſchlechts ſelbſt in allerhoͤchſter Perſon einzurichten, und mit gewiſſen Geſetzen einzuſchrencken, damit er nicht dem bloſſen Directorio der Ver - nunft uͤberlaſſen wuͤrde. Einige ſolcher Geſetze ſind bereits vor dem Fall in der erſten Eheſtiftung feſtgeſtellet worden; andere aber hat der heilige GOtt erſt nach dem Fall aus Noth uns zu gute hinzugethan, welche Geſetze denn alle Menſchen in der Welt verbinden. Es iſt aber ein gewaltiger Unterſcheid zwiſchen dem Zuſtand des Menſchen vor dem Falle, und zwi - ſchen dem, den wir nun nach dem Falle erfah - ren muͤſſen. Vor dem Falle haͤtten zwar die Menſchen bey dem Wercke der Fortpflan -I. Th. Betracht. der Unreinigk. Btzung18Anatomiſch-Mediciniſchetzung eine natuͤrliche Beliebung eben al - ſo empfunden, als ſie beym Genuß der Speiſen durch den Geſchmack, oder durch den Geruch empfunden haben; aber kei - ne eigentlich moraliſche Luſt, das iſt: keine ſuͤndhafte und ungeordnete Be - gierde, nach dieſer Luſt, dieſelbe ohne die Abſicht, wozu ſie GOtt gegeben, und mit Hintanſetzung der goͤttlichen Befeh - le zu empfinden. Denn gleichwie ſie niemals zur Wolluſt oder aus bloſſer unordentlicher Be - gierde geeſſen und getruncken haben: ſo haͤtten ſie auch nie ſolcher Wercke zur bloſſen Luſt und aus einem unordentlichen Trie - be gepflogen, weil ſie ſolche bey dem Ebenbilde GOttes nicht hatten. *Auctor hat hier kurtz abbrechen, und dieſe wich - tige Sache dem Zweck gemaͤß nur zur Noth be - ruͤhren muͤſſen. Wer in dergleichen Scrupeln mehr uͤberzeugt und geſtillet werden will, der bitte GOtt drum. Es kan auch nuͤtzlich nachge - leſen werden, was in G. Sarganecks Zeugniſſe fuͤr die goͤttliche Herrlichkeit und Wahrheit ge - gen einige dunkle Zweifel, (welches J. J. Schmidts bibliſchen Geographo angehenget iſt) in des dritten Stuͤckes 1. Grundſatz davon aus - gefuͤhret iſt.

Nun iſt aber alles umgekehrt: Weil die Menſchen zur Schwelgerey und Unmaͤßigkeit nicht nur ſo geneigt ſind, ſondern ſich derſelben groͤſtentheils auch ergeben: ſo muß eine Wol - luſt die andere hervorbringen, und iſt nun natuͤrlicher Weiſe unmoͤglich, daß die Unmaßigkeit nicht eine Geilheit er -re -19(I. Th.) Betracht. der Unreinigkeit. regen ſolte. Da nun im Stande der Un -8) ſchuld keine Unmaͤßigkeit, mithin auch keine unreine Luſt und unordentliche Zucht war; ſondern beydes erſt durch den Fall eingefuͤhret iſt: ſo kan es un - moͤglich anders ſeyn, als daß nun eine iede Ausuͤbung ſolcher Luſt und Geil - heit, auch ſo gar im Eheſtande, die nur der bloſſen Wolluſt wegen geſchiehet, ſuͤndlich und verdammlich ſey. Wie die Urſach, ſo die Wirkung. Sind die Quellen giftig, ſo koͤnnen die Baͤche nicht rein und geſund ſeyn: Es iſt ein gantzer Leib der Suͤnden, und hengt durch Glieder zuſammen. Die Suͤndenluſt zum Tode bringt Fruͤchte zum Tode; und durch die unzehlichen Arten der Wolluſt wird ia eben die inwohnende Suͤnde, die durch den Fall in die Seele gedrungen, ins Werck geſetzet.

Nun moͤchten Sie weiter ſagen: warum3. Ein - wurf. Ant - wort. hat denn aber GOtt dem Menſchen einen ſo heftigen Trieb nach dem Fall gelaſſen? ich ant - worte: 1) Er war mit all nicht ſchuldig ihn[α]) wegzunehmen: denn er hatte uns ihn nicht ge - geben. Wer haͤtte es von ihm fordern koͤnnen, daß er ihm die Schmach und die Ketten vom Halſe naͤhme, in die er ſich doch ſelbſt frevent - lich, und mit Beſchimpfung und Verwerfung ſeiner goͤttlichen Majeſtaͤt hinein geſtuͤrtzet? was waͤre ihm an ſeiner Herrlichkeit abgegan - gen, oder was haͤtte er an uns verloren, wennB 2er20Anatomiſch-Mediciniſcheer uns nun ewig haͤtte verſchmaͤhet, und in des Satans Gefangenſchaft ſtecken laſſen, da wir ihm ſeine Freyheit und Gnade ſo verachtet und verworfen? Er war uns nicht einmal die wei - tere Offenbarung ſeiner Befehle ſchuldig, ge - ſchweige ſeinen ewigen Sohn, und das herrli - che Evangelium von unſrer Wiedererrettung. [β])Jedoch 2) GOtt hat den Trieb ſo heftig nicht in uns gelaſſen, als ihn manche Menſchen ha - ben: ſondern nur ſo viel, als ieder um der Noth und Suͤnde willen brauchte. Wenn wir aber dieſe natuͤrliche Luſt durch viel Eſſen und Trinken, durch allerley Delicateſſen, durch Muͤßiggang, oder gar durch deſſelben wirckliche Reitzung und Ausuͤbung ſo vermeh - ren, und oft aufs hoͤchſte bringen: ey! ſind wir nicht grobe Leute, daß wir unſer eigen hoͤchſtar - ges Werck, und das Bild des Satans dem allerheiligſten GOtt anrechnen und beymeſſen[γ]) wollen? 3) GOtt hat um der Noth wil - len dieſe Luſt in uns laſſen muͤſſen, und ſie, wie ers aus erbarmender Liebe mit andern ſolchen malis inhærentibus und Verderbungen unſrer ſelbſt thut, nur noch auf etwas gutes, nemlich einem andern Uebel und Ungehorſam vorzubeugen, einzurichten geſuchet. Die bloſſe Vernunft und Ueberzeugung des Gewiſſens haͤt - te doch die wenigſten Menſchen, die GOtt im Glauben nicht unterthaͤnig ſind, dahin vermoͤ - gen koͤnnen, ihr Geſchlecht nach Goͤttlichem Be - fehl fortzupflanzen, wo nicht noch ein ſolcher ge - maͤßigter Trieb der Natur dazu gekommen waͤ -re.21Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)re. Der Unglaube haͤtte ja nur die groſſen Schmertzen der Geburt, die Beſchwerlichkeit der Erziehung, die Laſt der Verſorgung, und alle mit und ohne den allgemeinen Landplagen da - zu ſchlagende Ungluͤcksfaͤlle, Nahrungsſorgen, Verfolgungen und Bedraͤngniſſe, Kranckheiten und hertzfreſſenden Kummer, der ſich in allen Familien (von den hoͤchſten Fuͤrſten an bis auf die geringſten und verachteſten Leute hingerech - net) einfinden kan, in einer Reihe nach einan - der her vorſtellen und großmachen duͤrfen: ſo waͤre ihnen die Luſt zur Fortpflantzung ihrer ſelbſt ſchon vergangen. Mit dem Viehe iſts alſo bewandt, daß es fuͤr die Ernaͤhrung ſeiner Jungen hoͤchſtens nur auf wenige Tage ſorgen muß. Aber die Menſchen pflegen vielmehr zu bedencken, was fuͤr Schwierigkeiten bey der Kinderzucht in dem buͤrgerlichen Leben, wegen Ruhe und Unruhe, Gluͤcks - oder Ungluͤcksfaͤlle, theurer oder wohlfeiler Zeiten ꝛc. zu beſorgen ſte - hen; und wuͤrde um ihres Sorgens willen, wo diß nicht entgegen waͤre, der Erd - boden gar bald wuͤſter und leerer wer - den, ſo doch wieder die erſte Abſicht GOttes iſt, die er bey der Schoͤpfung hatte.

Da nun dieſes vorausgeſetzet iſt, ſo hoͤren Sie weiter, in welche Ordnung GOtt die Na - tur in dieſem Stuͤcke geſetzet, daß er einen ſo billigen und fuͤr uns heilſamen Zweck erreichen moͤchte.

Wir muͤſſen aber noch viel deutlicher mit einander reden. Jch will Jhnen, ſo kurtz ichB 3im -22Anatomiſch-Mediciniſcheimmer kann, und ſo viel nur zum jetzigen Zweck zu wiſſen noͤthig iſt, erzehlen, wie das gantze Werk von der Zubereitung des Samens, und andere hieher gehoͤrende Dinge bey dem Men - ſchen, ſo ferne man es nach der Phyſic und Me - dicin betrachtet, nun nach dem Falle beſchaf - fen iſt. Solches wird ſich denn am ordentlich - ſten in einigen Lehrſaͤtzen abfaſſen laſſen.

I. Lehrſatz.

Der Same wird in unſerm Leibe aus dem allerbeſten und auserleſenſten Theil des reineſten Gebluͤts zuberei - tet; aus einem eben ſo edlen, ſubti - liſirten und gereinigten Gebluͤte, als dasjenige iſt, welches ſonſten zur Erzeugung der ſpirituum ani - malium und zur Erhaltung un - ſeres vornehmſten vigueurs und Lebhaftigkeit angewendet wird.

Erweis. a)
1

WJe nemlich in den Pflantzen der Sa - me aus dem ſubtilſten und beſten Theil ihres Nahrungsſaftes entſprieſ - ſet; (welches die vortreffliche Schoͤnheit und der anmuthige ſtarcke Geruch der Blumen, in deren ſubtilſten Gaͤngen er erſtlich zur Reiffe gebracht werden muß, handgreiflich darthun,) eben alſo hat es der Allerhoͤchſte in den Thieren, am meiſten aber in dem Menſchen geordnet, und laͤßt ſich ſchonvon23(I. Th.) Betracht. der Unreinigkeit. von ſelbſt a priori, durch vorlaͤuffige Ueberle - gung, und ohne es erſt in Exempeln zu ſehen: leichtlich ſchlieſſen, daß, ſo viel edler ein Menſch iſt, denn eine Blume, ſo viel mehr muß auch die Erzeugung ſeines Samens iener ihre an der Materie, Ge - faͤſſen, Art und Weiſe uͤbertreffen. Wir koͤnnens aber auch a poſteriori und aus der Er - fahrung mit vollkommener Gewißheit daher ſe - hen, daß zum Samen der edelſte nahrhafte Theil des Gebluͤtes angewendet werden muͤſſe, weil er vor dem vierzehnten oder funfzehntenb) Jahre ordentlicher Weiſe nicht elaboriret wird: immaſſen bis zu dieſen Jahren aller der Theil, der ſonſt zur Elaborirung des Samens wuͤrde gefuͤhret werden, zum Wachsthum, und ſon - derlich zur Geſundheit des Leibes verbrauchet wird; es waͤre denn, daß einige in dieſen Jah - ren allzu niedlich und uͤbermaͤßig in der Nah - rung, Ruhe und Ergetzlichkeit gehalten wuͤr - den: bey welchen Umſtaͤnden freylich eine Por - tion dieſes edelſten Nahrungsſaftes kann ent - behret, und in die dazu beſtimmten Gefaͤſſe verfuͤhret werden, daß ſich der Same allgemach in langer Zeit daraus generiret. Ordentli - cher Weiſe aber iſt dis die Zeit, darin, wie die andern Theile des Leibes, alſo auch das Gebluͤt allererſt anfaͤnget eine merckliche Kraft zu erlangen. Woraus man eben mercken ſolte, daß nun erſt in dieſen Jahren eine gewiſſe balſamiſche Kraft, nemlich der eben erſt friſch elaborirte edelſte Same, ins Gebluͤ -B 4te24Anatomiſch-Mediciniſchete und den gantzen Leib hinein dringe, und ihn ſo vigoreux mache. Und ſo hat der guͤ - tige und weiſeſte Schoͤpfer mit dieſer ordent - lichen Einrichtung ohnfehlbar dahin geſehen, und deutlich genug hingewieſen, wie er es wolle gehalten wiſſen: immaſſen die Berei - tung des Samens nicht eher geſchiehet, als bis der Menſch mit anwachſendem Verſtandec) ſolchen rechtmaͤßig anzuwenden weiß. Man kann ſolches auch daher wiſſen, weil die ca - ſtrirten Thiere einen ſo groſſen Theil ihrer Munterkeit, Muths, Staͤrke und Lebhaftig - keit verlieren, zum theil auch fetter werden muͤſſen. Dis alles erfolget gantz natuͤrlich und nothwendig, weil bey ihnen kein Same zu - bereitet werden, mithin auch keiner in das uͤbrige Gebluͤte dringen kann. Daraus entſte - het denn eine ſo groſſe Schwaͤchung und Man - gel der innern Hitze und Bewegung, daß der kleine Reſt derſelben, ſo noch uͤbrig bleibet, nicht mehr zureichet, das uͤberfluͤßige aus dem Leibe heraus zu ſchaffen. Woraus denn eine unnatuͤrliche Fettigkeit und Beſchwerde des uͤbrigen Leibes von ſelbſt erfolget, zumal wenn zu wenig aͤuſſere Bewegung dazu kommt. Siehe unten den 6ten Lehrſatz.

II. Lehrſatz.

Die Gefaͤſſe, darin dis edelſte Theil unter allen unſern humoribus praͤ - pariret und verwahret wird, hatGOtt25Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)GOtt ſo ſubtil und kuͤnſtlich, dazu ſo mancherley und vielfaͤltig, end - lich auch ſo verborgen gemacht, und ſie gleichſam hinter ſo viele Schloͤſſer auf beyden Seiten des Leibes ver - ſtecket, daß man handgreiflich mer - cken kann, es muͤſſe ein theures depoſitum darin ſeyn, welches bis zu der von GOtt geſetzten Zeit und Abſicht zu bewahren iſt.

SEchſerley Gefaͤſſe hat der heilige undErweis. weiſe Schoͤpfer dazu verordnet, in welchen dieſer Lebensbalſam zube - reitet wuͤrde; und ſechſerley andere, die die Zubereitung foͤrdern. Zur Ver - wahrung und feſten Verſchlieſſung deſ - ſelben aber, bis ſein Gebrauch noͤthig iſt, hat er viererley Gefaͤſſe gemacht. Zur Zuberei - tung dienen:

  • 1) Die zwo arteriæ ſpermaticæ oder Sa -
    Vaſa præ - parantia.
    1 men-Pulsadern, welche, da ſie uͤberaus en - ge ſind, aus der arteria magna, hinten an den Lenden zu beyden Seiten des Ruͤckgrades, nur das edelſte und in ſeiner Fluͤßigkeit ihren ſehr engen Roͤhrchen proportionirte Gebluͤt von oben weit herunter fuͤhren in die teſtes.
  • 2) Die zween teſtes, welche ein wunder - bares Convolut von unbegreiflich ſubtilen gleichſam uͤbereinander gewundenen Roͤhrchen ſind, die Bellinus bis auf 300. florentiniſche El -B 5len26Anatomiſch-Mediciniſchelen lang geachtet. Dieſe haben inwendig ein etwas dichteres Weſen, ſo corpus Highmori heiſſet, und in der Mitten eine Hoͤhle ausma - chet, worein der in ſehr langer Zeit in den Roͤhr - lein praͤparirte liquor balſamicus geſammlet wird.
  • 3) Die zwo paraſtatæ oder kleinere teſti - culi, ſo auf den groͤſſern liegen, ſehr klein und laͤnglicht ſind, faſt den Seidenwuͤrmern gleich geſtaltet, in welche aus dem antro Highmori der teſtium bemeldeter liquor weiter geſchaffet wird, damit er in den ſehr ſubtilen Canaͤlchen der paraſtatarum, die eben ſo wunderbar, wie der teſtium ihre in einander gewickelt ſind, deſto mehr zur perfection komme.

Die Zubereitung foͤrdern

Vaſa adiu - vantia.
1
  • 1) Unzehliche venæ ſpermaticæ, die ſich aus beyden teſtibus in faſt unſichtbaren Aeſt - chen anfangen, alsdenn von den teſtibus in an - dere Theile abgehen, immer dicker werden, und das groͤbere Gebluͤt, ſo zur Erzeugung des Sa - mens nicht edel gnug iſt, wieder ab - und bis na - he an die Nieren hinauf fuͤhren; und zwar die, ſo auf der rechten Seite, gehen in den truncum venæ cauæ hinein, die auf der lincken aber in die venas emulgentes, welches wieder eine Pro - be der ſehr weiſen und guͤtigen Einrichtung des Schoͤpfers abgibt. Denn wenn ſich dieſe lin - kerſeits auch in den truncum venæ cauæ endig - ten, ſo muͤſten ſie uͤber die groſſe Schlagader, (arteriam magnam) lauffen; durch deren be - ſtaͤndige und heftige Bewegung aber die ſehrzar -27(I. Th.) Betracht. der Unreinigkeit. zarten venæ ſpermaticæ in ihrer Verrichtung nothwendig waͤren gehindert worden.
  • 2) Unzehliche vaſa lymphatica, welche die uͤberfluͤßige lympham, die bis hieher den groͤ - bern Theilen des Gebluͤtes als ein vehiculum hat dienen muͤſſen, nunmehr aber dem in den teſtibus abgeſonderten und ſubtiliſirten edleren Theile deſſelben nicht mehr noͤthig, ſondern viel - mehr ſeiner Activitaͤt hinderlich iſt, wiederum zuruͤcke fuͤhren, und in die venam cauam zur allgemeinen Sammlung der uͤberfluͤßigen Thei - le ergieſſen.
  • 3) Unzehliche ramificationes von Ner - ven, die aus dem andern, dritten und vierten Paar der Lendennerven abſtammen, und ſich in den teſticulis und paraſtatis ſo zertheilen, daß ſie nicht mehr geſehen werden koͤnnen. Dieſe bringen das fluidum nerveum zum Samen hin, ihn gleichſam zu beſeelen, und deſto wirkſamer und ſpirituoͤſer zu machen.

Zur Verwahrung aber des bereits verfertigten, nur noch nicht genug ma - turirten Samens, dienen

  • 1) Zwey vaſa deferentia, oder weiſſe und
    Vaſa adſer - vantia.
    1 ſtarke, eines Strohhalms dicke Gaͤnge, die wie ein ſchwammichter Coͤrper, aber doch ſehr ſtarck und zaͤhe ſind, und inwendig eine Hoͤle haben, welche im Anfange und Fortgange ſo en - ge iſt, daß man kaum eine Borſte durchſtecken kan. Bey der Urinblaſe ſind ſie etwas weiter, bey ihrem Ende aber wieder ſehr enge, daß auſ - ſer der Brunſt nichts dadurch in die Harnroͤhredurch -28Anatomiſch-Mediciniſchedurchkommen kan. Durch ſie muß der Same aus den paraſtatis ziemlich hoch hinauf bis un - ter die Urinblaſe und an den Anfang der Harn - roͤhre gebracht, und nochmals gleichſam durch - geſickert werden, bis er
  • 2) in die zwo veſiculas ſeminales, als die rechten Behaͤltniſſe des Samens, darin er auch am meiſten zur Reiffe kommen ſoll, hineinge - langet. Diß ſind zwey haͤutige und hoͤlichte Blaͤschen, einen Finger breit und 3. Finger lang, unter der Urinblaſe, voller kleiner Hoͤlen, die aber mit einander Gemeinſchaft haben, und die den hie bis ſo lange verſchloſſenen Samen durch 2. Gaͤnge, deren ieder insgemein eine be - ſondere Oefnung bey dem Anfang der Harnroͤh - re hat, in dieſelbe hineinbringen koͤnnen. Mit dieſen Gaͤngen vereinigen ſich die vaſa deferen - tia dergeſtalt, daß ſie auſſer der Brunſt den Samen in die veſiculas ſeminales treiben, in derſelben aber auch zugleich durch die gemein - ſchaftliche Oefnung in die Harnroͤhre ergieſſen. Jn dieſen 2. veſiculis nun iſt der Same aber - mal verſchloſſen, und nahe an der Harnroͤhre aufgehoben, damit hieſelbſt unter einer gelin - den digeſtion entweder (wie einige meinen) aus und in dem Samen die erſtern linea - menta eines menſchlichen Leibes nach und nach formiret, und gleichſam die Mo - delle des Coͤrpers durch die Hand des Schoͤpfers im verborgenen wunderbar - lich gebildet werden; oder (nach anderer ih - rer Vermuthung) der Same in eine ſo ſubtile|,rei -29Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)reine, fluͤchtige und ſtarcke Kraft erhoben wer - de, bis er tuͤchtig iſt, die in den ovulis mater - nis enthaltene ſtamina corporis organici zu be - leben. Es iſt aber eine jede von dieſen Eroͤff - nungen mit einem Haͤutlein, als mit einer Falle verſehen, welches ſie verſchlieſſet, und ſich alle - zeit in die Hoͤhe begeben muß, wenn eine ex - cretion geſchehen ſoll. Dencken Sie, mein Freund, mit welch einem groſſen Appara - tu und Zuruͤſtungen der Allerhoͤchſte die Erzeu - gung des Samens zur Fortpflanzung des menſchlichen Geſchlechts hat zu wege bringen wollen, und was dis fuͤr ein edler liquor ſeyn muͤſſe, um deswillen ſo vielerley unbegreiflich ſubtile und wunderbar formirte Gefaͤſſe, (deren ich doch nur die, ſo mir zur beſſern Vorſtellung unumgaͤnglich noͤthig zu ſeyn ſchienen, benennet,) gebildet hat! Ey, muͤſſen Sie mir das nicht zu - geben, daß ie kuͤnſtlicher und zuſammenge - ſetzter der Bau iſt, ie edler muß die Ver - richtung ſeyn, ſo darin vorgehet? Koͤn - nen ſie nicht eben dieſes an den Augen, Ohren und andern Werckzeugen der Sinnen, als den groͤſten Meiſterſtuͤcken des hoͤchſten Baumeiſters, handgreiflich ſehen? Dazu ſind alle dieſe Ge - faͤſſe in ſehr vielerley Haͤute gleichſam eingeklei - det, und darin verberget, wie zum Exempel die teſtes mit 5. Haͤuten umgeben ſind, der albu - ginea, vaginali, muſculo cremaſtere, interiore et exteriore ſcroti; andere aber ſind noch viel mehr in dem innerſten und entlegenſten Winkel des Unterleibes verſtecket, und ſtehen in ſo ei -nem30Anatomiſch-Mediciniſchenem conſenſu mit dem gantzen ſyſtemate ner - voſo, arterioſo und venoſo, daß die læſio te - ſtium leichtlich dem gantzen Coͤrper den Tod bringet.

III. Lehrſatz.

Die Erzeugung des Samens im Men - ſchen iſt uͤberaus admirable und wunderbar, folglich auch der Ver - nunft wegen mit einem GOtt fuͤrch - tenden und ehrliebenden Hertzen zu bewundern.

Erweis.
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DEr HErr hats ſo geordnet, daß, nach - dem der Leib ſchon eine ziemliche Groͤſſe und Vollkommenheit erreichet hat, um das funfzehnte Jahr herum, eine viel mehrere portion vom ſanguine arterioſo limpidiori, (welcher mit den edelſten aus dem Nahrungs - ſaft hinzugeſetzten humoribus noch impraͤgniret iſt,) aus der groͤſten Pulsader bald unter den Nieren, hinten am Ruͤckgrad, zu beyden Seiten dieſer Ader, in die arterias ſpermaticas gefuͤh - ret wird; welche, da ſie im Anfange uͤber die maſſen enge ſind, keine andern als die ſubtil - ſten und beſten Theile ſolches Gebluͤtes hindurch - laſſen. Dieſes auserleſene, hellere und fluͤßi - gere Gebluͤt wird einen ziemlich weiten Weg bis in die teſticulos hinunter gefuͤhret: darin es durch die unvergleichlich ſubtilen Roͤhr - lein, woraus die teſtes beſtehen, (die aberwun -31(I. Th.) Betracht. der Unreinigkeit. wunderbar in - uͤber - und durch einander verwickelt zu ſeyn ſcheinen) ſehr langſam, mithin in ſehr langer Zeit hindurch ge - hen muß.

Unter dieſem Durchgange nun muß zu deſſelben Erzeugung noch viererley geſchehen.

  • a) Wird es in dieſe zarteſten Gaͤnge der te - ſtium durch das per vaſa ſpermatica nachdrin - gende, folglich drauf druͤckende Gebluͤte hineinge - trieben, und durch eine ſo lang continuiren - de Bewegung duͤnner, fluͤchtiger und ſpirituoͤſer gemacht; ohnerachtet ſchon ohn - dem dieſes edle fluidum nach proportion der ſubtileſten Canaͤlchen, durch welche es paßirte, an - ders nicht, als uͤberaus zart und duͤnne hinein gehen konte.
  • b) Wird durch die aus den teſtibus wegge - hende vaſa lymphatica der uͤberfluͤßige waͤſ - ſerige Theil des in die teſtes gebrachten Gebluͤtes abgefuͤhret, daß der Same durch - aus rein, und von einer ſolchen obgleich an ſich ſehr edlen nahrhaften lympha befreyet, und in ſeiner eigenen Subſtantz deſto mehr ſubtiliſiret werde.
  • c) Der andere groͤbere Theil dieſes ſanguinis arterioſi, der dem Blute naͤher kommt, aber noch nicht geſchickt iſt, in die ſubtilſten Gaͤn - ge der teſtium zu treten, wird durch die venas ſpermaticas aus den teſtibus wieder in die Hoͤhe gefuͤhret; ſo wol auf der rechten Sei - te, da es ſich in den truncum venæ cauæ ergieſ -ſet,32Anatomiſch-Mediciniſcheſet, als auf der lincken, da dieſes vom Samen ſequeſtrirte Blut in die venam emulgentem bald bey der lincken Niere hinein geleitet wird.
  • d) Fuͤhren uͤberaus viele zarte Nerven, (welche wunderbar ineinander gewickelt, und in den teſtibus ſo zerſtreuet und verduͤnnet wer - den, daß man ſie endlich mit bloſſen Augen nicht mehr ſehen kann,) aus dem Ruͤckenmarck dem Samen das fluidum nerueum oder die Le - bensgeiſter zu, wodurch der Same gleichſam be - lebet und beſeelet wird. Alſo haben in dieſer langen und unvergleichlich engen Pasſage von dem edelſten ſanguine arterioſo noch zweyer - ley humores muͤſſen ſepariret, und anders - wo abgeleitet werden. Hingegen muſte ein anderer dazu kommen, der eben ſo edel als der Same ſelbſt, und mit ihm in der Art und Natur am meiſten uͤberein - kommt.

Wenn dieſer liquor ſeminalis bereits durch dieſe Reinigung paßiret iſt, ſammlet er ſich in den teſticulis in das ſo genante antrum High - mori, und hat noch keine gnugſame Conſi - ſtentz, Spirituoſitaͤt und Farbe, daher er durch 5. oder 6. ſubtile Gefaͤßchen in die pa - raſtatas, (oder kleine uͤber den teſtibus liegende Coͤrper, die aus einer Zuſammenhaͤuffung und Verwickelung der Samengefaͤſſe beſtehen,) hin - eingehet, und in eben ſo ſubtilen Canaͤlchen ei - ne lange Zeit durchgetrieben wird. Bey die - ſem Umlauf wird ihm von ſeiner Waͤſſerigkeit noch ein merkliches durch die hinlauffende vaſalym -33Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)lymphatica benommen, und von den durch die Nerven hinkommenden Lebensgeiſtern eine meh - rere Activitaͤt verſchaffet, bis er einen odo - rem bene fragrantem, und colorem candi - diorem erlanget; und bis hieher gehet ſeine Præparation. Wobey eines theils ja wol zu bewundern iſt, wie das zugehe, daß er in ſo engen Paſſagen nicht ſtocke und verhalten werde; andern theils aber offenbar erhellet, GOtt muͤſſe beſondere und wichtige Urſachen gehabt haben, dieſen liquorem ſo ungemein ſubtiliſiren zu laſſen, daß er ſich endlich in einen Hauch oder fluͤchtigen Geiſt reſolviren koͤnne, damit er nemlich in die intimiores meatus ovi, und die lineamenta des da - rin enthaltenen corporis organici pene - triren, und ſie nach und nach extendi - ren koͤnne.

Weil er durch ſo viel lange Wege und en - ge Umkruͤmmungen gehet, ehe er zu den Sa - menblaͤslein kommt; ſo kan man leicht dencken, wie ein ſubtiler und weniger Saft das ſeyn muͤſſe, indem uͤber dieſe benennten Werckzeuge nichts kuͤnſtlichers kann erdacht und erfunden werden.

Es kann auch bemeldter liquor vor dem funfzehnten Jahre nicht leicht anfangen praͤpa - rirt zu werden: weil nicht nur durch das ge - ſchwinde Wachſen der flos ſanguinis, oder der be - ſte und nahrhafteſte Theil vom Gebluͤte haͤuffi - ger conſumiret wird; ſondern auch, weil die Werckzeuge alle noch zu weich und zu enge ſind,I. Th. Betracht. der Unreinigk. Cmehr34Anatomiſch-Mediciniſchemehr als was zu ihrem Wachsthum gehoͤret zu empfangen; zudem auch der circulus des Blu - tes noch nicht ſo heftig iſt, daß er die Samen - theilchen durch ſo enge und lange Umkruͤmmun - gen fortſtoſſen koͤnte. Naͤchſtdem ſind Kinder weit mehr phlegmatiſch als die Erwachſenen, und alſo kann ſich ihr allzuwaͤſſeriges Gebluͤte zur Secretion eines ſo edlen und ſpirituoſen liquo - ris allerdings noch nicht ſchicken.

IV. Lehrſatz.

Die Veranſtaltung, die GOtt zur excretion dieſes edelſten liquoris ge - machet hat, iſt nicht weniger ver - wunderungswuͤrdig.

UNter der Blaſe umgiebet den Anfang der Harnroͤhre eine hertzfoͤrmige Druͤ - ſe, welche aus zwey Theilen beſtehet, da - mit jedes Blaͤschen ihren eignen Theil habe. Sie werden daher Proſtatæ genennet. Jn die - ſer Druͤſe wird aus den haͤuffig hineingehenden Arteriis ein liquor albicans (weißliche Feuch - tigkeit) abgeſondert, und durch 10. bis 12. Gaͤn - ge in die Harnroͤhre, zu der Zeit, wenn der Same excerniret werden ſoll, hervorgebracht, damit er jenem hoͤchſtſpirituoͤſen fluido zum vehiculo diene, daß es nicht verderbe, noch ſich verliere, oder verrauche. Ueber dis alles muß bey der excretion ſelber entweder ein Theil des fluidi neruei mit excerniret werden, oder dochſonſt35Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)ſonſt auf einige andere uns unbekante Weiſe dazu concurriren; weil eben bey der gewaltſamen Herausſtoſſung des Samens ein ungemein ſtar - kes und allgemeines Zuſammenziehen und Er - ſchuͤttern des ſyſtematis nervoſi im gantzen Leibe erreget wird: ſo daß es einer gewiſſen convul - ſion des gantzen Coͤrpers aͤhnlich ſiehet. Mit einer ſolchen Gewaltthaͤtigkeit und Angreiffen des gantzen Leibes und aller ſeiner Gliedmaſſen muß die excretion geſchehen! Wie veſt verſchloſ - ſen und gleichſam verſiegelt muß der ewige Schoͤpfer dis edle fluidum nicht haben wollen! Das Glied ſelber beſtehet vornemlich aus zwey ſchwaͤmmichten Theilen, darein gar ſehr viel Pulsadern gehen, und das erhitzte Blut haͤuffig zufuͤhren, damit daſſelbe erſtarre, und der Sa - me, da er mit groſſer Gewalt auf die Weiſe hervor geſtoſſen wird, nur an den Ort, wozu er beſtimmet iſt, gelangen koͤnne. Nun iſt aus der taͤglichen Erfahrung bey allen Medicis aus - gemacht, daß durch einen ſtarcken Zufluß der humorum die Roͤrchen und Adern, darein ſie ge - trieben werden, ſehr auseinander geſpannt, aus - gedehnet und ſchlapp werden muͤſſen; und daß ein ſo ſtarcker und fortdaurender Zufluß derſel - ben nothwendig an diejenigen Oerter geſchehen muͤſſe, wo man ihnen den Weg gewieſen und ſie hingewoͤhnet. Daher koͤnnen Sie, mein Freund, von weitem ſchon ſchlieſſen, wie die, ſo ſich der Wolluſt ergeben, dieſe ſonſt wunder - bare Werckzeuge und Verrichtungen gaͤntz - lich ruiniren, und der Natur einen ſolchen ha -C 2bi -36Anatomiſch-Mediciniſchebitum angewoͤhnen, oder aufdringen, davon ſie kuͤnftighin ſchwerlich wieder wird abſtehen wollen.

Eins muß ich Jhnen noch ſagen: Jch habe nur eine gantz ſchlechte und nur obenhin angeſtellte Beſchreibung dieſes Wundergebaͤu - des (ich meine der zur Fortpflantzung dienenden Werckzeuge und ihres Zuſammenhanges) gege - ben; aber gewiß nicht den tauſendſten Theil der hier befindlichen wunderbaren, kuͤnſtlichen und hoͤchſtweiſen Structur und Einrichtung ange - zeigt. O es iſt alles darinn admirable, alles unbegreiflich ſubtil, alles im hoͤchſten Grad weiſe, maͤchtig und guͤtig angeordnet, alles ſchlechterdings inimitable. Ja es iſt faſt ſchwer nachzukommen, ſichs vorzuſtellen und zu be - greiffen, wenn es von einem der geuͤbteſten Ana - tomicorum erzehlet und beſchrieben wird. Und wie vieles iſt noch verborgen, und kann durch die ſubtilſten anatomiſchen Meſſer, Kunſtgriffe und Vergroͤſſerungsglaͤſer nicht entdecket und vom menſchlichen Verſtande begriffen werden. Wie viele, viele Fragen, die man hier machen kann, muͤſſen auch die groͤſten Anatomici noch unbeantwortet laſſen! Wollen Sie davon eini - ge Proben haben, ſo ſchlagen Sie nur zum klei - nen Exempel nach Commercii litterarii An. 1731. pag. 295. 299. ſeqq.

V. Lehrſatz.

Der Same iſt das allergewaltigſte, hoͤchſt ſpirituoͤſe, und edelſte flui -dum37Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)dum im menſchlichen Coͤrper, wel - ches aus einerley oder aͤhnlichen Ma - terie mit dem fluido nerveo gezeu - get wird, auch in der Art und Be - ſchaffenheit mit demſelben die aller - meiſte Aehnlichkeit hat. Dis er - weiſet a priori die Aehnlichkeit mit der Bluͤte und Samen der Pflan - tzen; vielmehr aber die Structur und Beſchaffenheit der zur Erzeu - gung des Samens beſtellten Werck - zeuge.

WAs das erſte betrift, ſo muß in allenErweis. a) Pflantzen der Nahrungsſaft erſt durch die Wurtzeln aus der impraͤgnirten Erde empfangen, und darin praͤparirt werden. Von dar kommt er in den Stamm oder Sten - gel; dann in die Aeſte, hernach in die Blaͤtter, in deren ſehr zarten, aber doch noch zum Theil ſichtbaren Zaͤſerchen er mehr ſubtiliſiret, und vom groͤbern Safte befreyet wird. Alsdann wird er erſt zur Blume hingeſchicket, als wel - che die vornehmſte Wohnung des ſubtileſten Gei - ſtes in der Pflantze iſt, darin er bewahret, und in den ungemein zarten Roͤhrlein der Blumen - blaͤtter noch verduͤnnet und gereiniget wird, daß ſich endlich aus der Mitte der Blume der Sa - me anſetzen und fortwachſen koͤnne; iedoch un - ter ſteter Beſchuͤtzung der Blumenblaͤtter, die ihn alle Abend vor der Kaͤlte bedecken, wennC 3ſich38Anatomiſch-Mediciniſcheſich auf die Nacht die Blume ſchlieſſet; und de - ren er ſo ſehr bedarf, daß, wo man einer ſol - chen anfangenden Frucht die Blumenblaͤtter abrupfen wuͤrde, ſie verderben muͤſte. Ach wie? mein theureſter Freund! daß Sie nicht bey ie - dem Anblick der Blumen den ſo vernuͤnftigen Schluß machen: Hat der Schoͤpfer die Erzeu - gung des Samens in den Pflantzen ſo vorſich - tig eingerichtet, und das allerbeſte aus der gantzen Pflantze dazu deſtiniret, davon mich die ſubtile textur der Blumenblaͤt - ter, der anmuthige Geruch der Blumen, und das liebliche Spiel ihrer unzehli - chen Farben vollkommen uͤberfuͤhret; wie wird es erſt in mir beſchaffen ſeyn, der ich ia unvergleichlich edler bin, als eine Pflantze, und zu einem gantz andernb) Endzweck in der Welt lebe? Betreffend das andere, ſo iſt aus der Anatomie weltkuͤndig und unleugbar, daß die Fabrique der teſtium mit der Structur des Gehirns und der medullæ ſpina - lis in der Subtilitaͤt und Art allzuſehr uͤberein oder ihr nahe koͤmmt. Nun es GOtt in der gantzen Natur ſo eingerichtet, daß wo aͤhnliche organa, daſelbſt auch aͤhnliche Verrichtungen und aͤhnliche producta ſind: ſo koͤnnen wir hie auch ſagen, daß die teſtes ſo wohl als das Gehirn ein unter den fluidis im menſch - lichen Leibe im hoͤchſten Grad kraͤftiges fluidum, ein fluidum actiuisſimum et moven - di potens zubereiten.

c)
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A poſteriori aber erweiſet ſolches ſchon derur -39Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)uralte Medicus und Heide Hippocrates deut - lich genug, da er ſagt: Der Same muß das allerkraͤftigſte fluidum in unſerm gantzen Coͤr - per ſeyn, weil man davon ſo ſehr ſchwach wird, wenn deſſelben gleich ſo wenig auf einmal ent - gehet. Muß denn dis nicht edel ſeyn, durch deſſen Abgang ein Menſch ſo entkraͤftet wird? Als der weiſe Pythagoras einſt befragt wurde: welche Zeit doch wol zur Beywohnung im Ehe - ſtande koͤnte am erſten erwehlet werden? ſo gab er, (nach des Laertii Zeugniß in vita Pythag.) zur Antwort: tunc, quando te ipſo vis infir - mior fieri. Alsdenn, meint er, wenns einem kann erlaubt ſeyn, ſich ſelber zu ſchwaͤchen und matt zu machen, mithin, wenn man eine gute Zeit nach einander nichts wichtiges vor - und auf hat, wozu eine voͤllige Munterkeit und ſtar - cke Gemuͤths - und Leibeskraͤfte erfordert wer - den. Darum auch die Medici den ſchwachen, abgematteten und abgelebten Eheleuten die Bey - wohnung allerdings wiederrathen; und die Er - fahrung beſtaͤttigt es nur allzuſehr, daß wenn einige nach einer harten Kranckheit, nach groſ - ſen Fatiguen, nach vielem Kummer und Abmat - tungen des Gemuͤths, nach vielem Wachen ꝛc. an die excretionem ſeminis kommen, ſie ihren Leib und alle Kraͤfte (nach dem Ausdruck des Herrn geheimen Rath D. Hoffmanns in Me - dic. Syſtem. Tom. I. p. 576.) in eine gantz aus - nehmende Schwachheit und Entkraͤftung hinein ſtuͤrtzen. Dis iſt auch die Urſach, warum de - nen, welche ſich durch ſolche unmenſchliche LuſtC 4gantz40Anatomiſch-Mediciniſchegantz geſchwaͤcht und ruiniret haben, von Me - dicis dergleichen remedia vorgeſchrieben werden, welche das Gehirn und die ſpiritus vitales auf - wecken und ſtaͤrcken, dergleichen zum Exempel iſt: gallinæ ſatis coctæ juſculum, cum guttu - lis optimi vini, et floribus moſchatulæ pau - latim propinandum, et idem vinum odoran - dum; ultra quod confortatiuum omnino opus eſt, venere abſtinere, ventriculum roborare, pedes et totum corpus calidis linteis fricare. O eine miſerable Beſchaͤftigung, wenn ein ver - nuͤnftiger (ich will nicht ſagen chriſtlicher) Menſch ſeinem ruinirten Coͤrper mit ſolchen Rettungs - Mitteln zu Huͤlfe kommen muß! Auch iſt merck -d) wuͤrdig, was der alte Avicenna ſagt: natus ſi - milis erit illi, (in lineamentis corporis, inge - nio et inclinationibus) cuius imago intenta co - gitatione tempore congresſus fuit repræſen - tata; welches ia nicht undeutlich weiſet, dis fluidum nobilisſimum et ſimplicisſimum, ſo auch ſub excretione vornehmlich mit den ſpiri - tibus animalibus impraͤgniret wird, ſey mit ih - nen von gleicher Art, wo nicht noch viel edler. e)Auch ſiehet man es daher, weil in den ieni - gen, die ſehr viel lucubriren, und mit ih - rem Gemuͤth zu ſtarck arbeiten, ſehr we - niger Same praͤpariret wird: wovon die Urſach iſt, daß ſie von dem fluido nerueo da - bey zu viel conſumiren, und alſo daſſelbe ſo wohl, als auch dasjenige Gebluͤte, daraus der Same erzeuget wuͤrde, anderwerts anwenden und nu - tzen.

Man41Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)

Man kann es aber inſonderheit daher hand -f) greiflich wiſſen, weil in den Juͤnglingsjahren, wenn der Same anfaͤngt generirt zu werden, und ſich wieder mit dem Gebluͤte zu vermengen, ſolche ſtupende Veraͤnderungen im Leibe und Gemuͤthe vorgehen. Zum Exempel: von der Zeit an wird der gantze Leib recht ſtarck, der Muth getroſt, behertzt und tapfer. Der gan - tze Umlauff des Bluts iſt ſtaͤrcker, macht alſo mehr Staͤrcke, Hertzhaftigkeit und Triebe. Al - le functiones des Leibes gehen beſſer von ſtat - ten; alle Werckzeuge werden haͤrter und feſter; alle Glieder robuſter, alle Verrichtungen mun - terer, alles Unternehmen und Ueberlegen weit verſtaͤndiger. Die Stimme und Sprache wird laut, grob und rauh, und der Leib an ſehr vie - len Orten mit Haaren bewachſen.

Da hingegen, wenn, zum Exempel, bey den Caſtraten die teſtes weggenommen, und alſo die Erzeugung des Samens auf - gehoben wird: ſo werden ſie dadurch gewaltig entkraͤftet; weil ihr Gebluͤte durch dieſen Balſam nicht mehr geſtaͤrckt und kraͤftig gemacht werden kann. Jh - re Stimme bleibt kindiſch, hell und hoch,*Daher die Jtaliaͤner Knaben, die ſie zu galanten Saͤngern machen wollen, auszuſchneiden pflegen, davon ein merckwuͤrdiger Brief von dem beruͤhm - ten Jtaliaͤniſchen Medico zu Padua, D. Ant. Va - liſnieri in dem Commercio litterario A. 1731. p. 236. ſqq. zu leſen iſt. die Glieder ſchlapp, weichlich und ſchwach, der Muth weibiſch, der gantze Leib traͤge, ſchwaͤch - lich, hinfaͤllig, und zu vielen Verrichtungen, wo - zu ſonderlich eine reſolute Munterkeit erfordert wird, gantz ungeſchickt. Der Bart, wenn er nicht vor der Caſtrirung da geweſen, bleibt ihr Lebe - lang aus, und ihre Haare wachſen ſonſt auchC 5nur42Anatomiſch-Mediciniſchenur in die Laͤnge, wie bey dem Weibsvolck; ſie bleiben uͤberdis mehrentheils kalt, und koͤnnen ſich nicht gnug erwaͤrmen. Diß alles daher, weil der Same in ihnen nicht mehr erzeuget wird, folglich auch nicht ins Gebluͤt zuruͤcke tre - ten, und daſſelbe mit der balſamiſchen Lebens - kraft und Staͤrcke impraͤgniren kan. So weiß der gemeine Mann und ein jeder Hirte aus derg) taͤglichen Erfahrung gar wohl, daß es bey dem Viehe eben alſo iſt, indem z. E. die Bremer oder Stiere bey der Heerde weit mehrere Staͤrcke haben, als die verſchnittenen Joch-Ochſen, und jener ihr Fleiſch ſchmecket auch gantz anders, als dieſer. Die Haͤhne ſind gleicher Weiſe denen Ca - paunen weit uͤberlegen.

VI. Lehrſatz.

Der Same wird aus den 4. Gefaͤſſen, darin er ordentlich aufbehalten wird, wenn er da zur vollkomme - nen Spirituoſitæt und Kraft gedie - hen, durch unzehliche vaſa lympha - tica, (die ſo ſubtil und enge ſind und ſeyn muͤſſen, daß ihre Oefnungen unmoͤglich mit bloſſen Augen koͤn -nen43Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)nen erblicket werden,) wieder in das Gebluͤt zuruͤck gefuͤhret. Dieſes ei - nige giebt unſerm Coͤrper die beſte Activitaͤt, Staͤrcke, Elaterem, Waͤr - me und Spirituoſitaͤt, und iſt das allervortreflichſte Medicamentum confortans, oder der beſte Balſam und Staͤrckung unſerer Leiber.

DJs iſt a priori theils aus der AnalogieErweis. 1) mit allen andern humoribus nobilio - ribus unſers Leibes zu ſchlieſſen, die al - le insgeſamt circuliren, und durch den gantzen Leib diſtribuiret werden; theils aus GOt - tes allweiſer Anordnung der Abſichten und ihrer Mittel; theils aus der offenbaren com - munication der vaſorum lymphaticorum mit den vaſis deferentibus und veſiculis ſemi - nalibus ſehr offenbar. Nemlich es iſt bey ver - nuͤnftiger Ueberlegung von dem weiſen, heiligen2) und guten GOtt unmoͤglich zu gedencken, daß er einen ſolchen regreſſum nicht ſolte veranſtal - tet haben. Denn als ein weiſer GOtt kann er unmoͤglich mehrere und ſtaͤrckere Mittel ſchaffen, als zur Erlangung des Zweckes noͤthig ſind; ſonſt thaͤte er etwas umſonſt. Die Mittel und Endzwecke muͤſſen mit einander proportioniret ſeyn. Nun iſt die Abſicht da, nemlich die Fort - pflantzung. Das Mittel iſt die Erzeugung des Samens. Es wird aber des Samens mehr generiret, als zu dieſer Abſicht noͤthig iſt: dem -nach44Anatomiſch-Mediciniſchenach muß nothwendig noch eine andere Abſicht da ſeyn. Die wolluͤſtige excretio kann unmoͤg - lich eine Abſicht ſeyn. Denn warum haͤtte GOtt einen ſo edlen liquorem mit einem ſo ad - mirablen apparatu zum Verderb gemacht? GOtt kann unmoͤglich was fuͤr die lange Weile und unnuͤtz machen, geſchweige denn zum Verderben. Als ein heiliger GOtt kann er den Ueberfluß des Samens unmoͤglich zur wolluͤſtigen Verſchwen - dung veranſtaltet haben, auch nicht den Men - ſchen ohne Mittel, durch welche der Same ins Gebluͤt wieder zuruͤck flieſſe, gelaſſen haben: ſonſt haͤtte er ihm eine necesfitatem peccandi aufgeleget. Als ein guͤtiger GOtt kann er un - moͤglich den ſo admirable generirten liquorem, darin entweder die corpuſcula organica des Menſchen ſchon verborgen ſind, oder doch ſo ei - ne gewaltige Kraft ſtecket, daß die in ovulis ma - ternis verborgenen ſtamina corporis belebet und evolviret werden, zum Verderb gemacht, oder auch nur in dem Zuſtande gelaſſen haben, daß man ihn verderben muͤſte: ſonſt wuͤrde er wie - der ſein eigen Werck, das ihm kuͤnftig dienen kann, unbarmhertzig ſeyn. Da nun excretio voluptuoſa unmoͤglich die andere Abſicht ſeyn kann: ſo muß es dieſe ſeyn, daß der Same wie - der ins Gebluͤt zuruͤck gebracht werde. Jſt nun die Abſicht ausgemacht, ſo muͤſſen auch Mittel dazu da ſeyn: denn GOtt thut keine Wunder ohne Noth. Folglich iſt a priori ſonnenklar, daß ſo eine hier behauptete communication muͤſſe vorhanden ſeyn. Und ſie iſt auch da. Denn45Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)Denn wenn man ein vas deferens ſtarck auf -3) blaͤſet: ſo werden nicht nur veſiculæ allein, ſon - dern das gantze Syſtema vaſorum lymphatico - rum und der ductus thoracicus mit aufgebla - ſen. Wenn der Same dadurch nicht wieder zuruͤck ginge, wozu waͤre dieſe communication, da offenbar iſt, daß da kein anderer liquor hin - einkommen kann? Da ſie nun aber augen - ſcheinlich da iſt, und beſagte vaſa lymphatica, wie ſubtil ſie auch ſind, doch wohl, und ſonder - lich bey noch lebenden groſſen Thieren, geſehen werden koͤnnen: wie waͤre es moͤglich, daß dis fluidum ſubtilisſimum, ſo doch beſtaͤndig in motu inteſtino et progresſivo ſtehet, nicht hin - ein dringen ſolte, da es einen offenen Weg vor ſich findet? Wer dis verneinen wolte, wuͤrde wieder alle Gruͤnde und Erfahrungen der Hy - droſtatic reden muͤſſen.

A poſteriori aber iſts daher offenbar:

4)
2

a) Weil es eine weltbekante Sache iſt, daß der Same in langwierigen Kranckhei - ten, vielem Faſten und Bekuͤmmerniſſen wiederum verzehret, und ſehr mercklich verringert wird, nemlich: Wie das Fett des Menſchen in gleichen Umſtaͤnden ſich reſolviret, und ins Gebluͤte ergieſſet, damit es dem Men - ſchen bey ermangelnder anderer Speiſe Nah - rung gebe: alſo gehet auch der Same ins Ge - bluͤte zuruͤck, ihm die gehoͤrige Staͤrcke zu ge - ben; da ſonſt mancher ohne Zweifel viel eher auf ſeinem Kranckenbette bis zum Tode abge - mattet wuͤrde. Denn daß der Same ſehr ver -rin -46Anatomiſch-Mediciniſcheringert wird, kann kein Menſch leugnen, der es obſerviren will oder kann. Nun kann er nirgends anders weggehen, als wo er einen Durchgang findet; kein anderer Weg aber iſt vorhanden, als daß er entweder gar excerniret, oder durch die vor erwieſene vaſa lymphatica ins Gebluͤt zuruͤck gefuͤhret wird. Aeuſſerlich wird er nicht excernirt, (es muͤſte denn in der pollutione nocturna oder Gonorrhœa ſeyn,) denn das muͤſte man ſehen. Alſo iſt nichts mehr uͤbrig, als daß er ins Gebluͤt zuruͤck trete; Eben dis iſt auch von viel tauſend Menſchen zu ge - dencken, die viele Jahre bey dem beſten Alter und guten Nahrung gantz geſund hin leben, und gleichwol keine excretionem ſeminis haben, zum Theil auch nichts davon wiſſen. Jch ſchaͤme mich, das Exempel ſo vieler Millionen Thiere zum gleichen Zweck und in gleicher Beſchaffen - heit hier anzufuͤhren.

5)
2

b) So iſts nicht weniger notoriſch, und iſt ſchon (im 5ten Lehrſatz) weiter ausgefuͤhret wor - den, daß, ſo bald der Same anfaͤngt erzeuget, und alſo auf beſagte Weiſe ins Gebluͤte gefuͤhret zu werden, eine uͤberaus notable Veraͤnderung in des Menſchen Leibe und Gemuͤthe vorgehet; da hingegen, wenn dem Menſchen oder auch dem Viehe die teſtes, als die officina ſpermatis weggenommen werden, dadurch denn deſſelben Erzeugung, folg - lich auch der Einfluß ins Gebluͤte nothwendig auf - hoͤren muß, alle ſolche effectus, die abſolut der Gegenwart und Kraft des Sameus muͤſſen zu -ge -47Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)geſchrieben werden, nicht allein wegbleiben, ſon - dern auch gantz contraire Wirckungen im Leibe entſtehen. Da man nun als ein vernuͤnftiger Menſch von einem effect auf ſeine Urſache noth - wendig ſo ſchlieſſen muß: illud, quo poſito ſem - per ponitur, quo remoto ſemper removetur effectus, necesſario effectus illius eſt cauſſa, (dasjenige, bey deſſen Gegenwart der effect al - lezeit da iſt, bey deſſen Wegbleiben aber der effect allezeit wegbleibt, muß nothwendig der Grund und Urſach dieſes effects ſeyn;) und hier keine andere Urſachen ſolcher admirablen Veraͤn - derungen angefuͤhret werden koͤnnen: ſo muß ja folgen, daß der Same aller ſolcher effectuum Urſach ſey; indem er, wenn er zu ſeiner balſa - miſchen Kraft gelanget, ins Gebluͤte weiter fort - gefuͤhret wird, und es damit impraͤgniret.

c) Wenn bey den ſchaͤndlichen Leuten, die6) durch continuirliche Wolluſt ihren Samen nicht nur gantz verderbt, und wie mit einem Gift an - geſtecket, ſondern ſich auch die Gonorrhoeam virulentam zugezogen haben, dieſer giftige Fluß durch adſtringentia ſiſtiret, und alſo ins Gebluͤt hineingetrieben wird: ſo ver - derbet er die gantze lympham, und machet ſie dermaſſen zaͤhe, ſcharf, beiſſend und brennend, daß, wenn ſie an den druͤſichten und haͤutigen Theilen des Leibes irgendwo ſto - cken bleibt, ſie unertraͤglichen Schmertzen, Blat - tern im Geſicht, Geſchwuͤre und Beulen an ſehr vielen Orten, und im gantzen Leibe eine gantz ungemeine Mattigkeit und Schwaͤche verurſa -chet.48Anatomiſch-Mediciniſchechet. Der Effect iſt da, und hat deſſen Gewiß - heit mancher mit einem peinlichen und darzu ewigen Tode beſtaͤttiget. Nun woher ſolte in ſolchem Falle eine ſo ſchreckliche und durchgaͤn - gige Corruption aller lymphæ im Coͤrper ent - ſtehen, wenn nicht jenes Gift, (nehmlich ſo ſonſt per Gonorrhœam virulentam wegging, und das Fleiſch des Patienten anfraß, wo es nur aufkam) ſich mit derſelben vermiſchet, und ſie gaͤntzlich angeſtecket haͤtte? Wie kan aber der giftige liquor ſeminalis gonorrhœantium die masſam humorum inficiren, wo er nicht hinein kaͤme? Weil er nun aber keine andere Wege hat, als die bemeldten vaſa lymphatica: ſo iſt daraus abermal klar, daß wie der vergiftete, alſo auch der natuͤrliche und vollkommene Same durch dieſe Wege ſich in das Gebluͤte wieder er - gieſſen koͤnne und muͤſſe.

* Es iſt aus allen Umſtaͤnden offenbar, daß der Verfaſſer den Tractat Onania, oder die erſchreck - liche Suͤnde der Selbſtbefleckung, mit allen ih - ren entſetzlichen Folgen ꝛc. noch nicht gehabt, als welcher ohnedis erſt nach der 15ten Edition aus dem Engliſchen ins teutſche uͤberſetzt, und 1736. zu Leipzig 8. herausgekommen iſt. Es wird ſehr dienlich ſeyn, zu dieſem Lehrſatz noch einige An - merckungen daraus anzufuͤhren, weil durch ſelbige der Zuruͤckfluß des Samens ins Gebluͤt mit noch mehr Gruͤnden beſtaͤttigt wird. Jm Anhang wird p. 327. ſqq. aus den Actis Erud. Lipſ. Tom. V. Suppl. A. 1713. p. 408. Schmiederi obſeruatio de ſeminis regreſſu ad maſſam ſan - guineam ins teutſche uͤberſetzt angefuͤhret: woraus folgende Pasſage ſonderlich hieher gehoͤret: Wenn Tauvry von dem Nutzen des Saamens, in An - ſe -49Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.) ſehung des Leibes, in welchem er zubereitet wird, redet, und ſolchen in Anſehung der ſicht - baren Wirckungen, die er uͤber den Leib hat, be - trachtet; ſo koͤmmt er ohne Zweifel auf die Meinung von deſſen umlauffenden Bewegung. Jch will deſſen Worte gantz hieher ſetzen, denn ſie ſind werth, geleſen zu werden. Niemand zweifelt daran, daß wir unſern Urſprung dem Saamen zu dancken haben, und daß, indem er uns in andre Weſen verwandelt die uns ſehr gleich ſind, er uns gleichſam unſterblich machet. Allein, es iſt viel ſchwerer, den Nutzen auszuſpuͤren und zu wiſſen, den er bey dem Coͤrper ſelbſt hat, in welchem er hervor gebracht wird. Und dennoch ſehen wir, daß er uns einen gewiſ - ſen Grad der Vollkommenheit, Staͤrcke und Munterkeit giebet; weil Verſchnittene, Wei - besperſonen, und diejenigen, welche durch uͤbermaͤßige Venusluſt entkraͤfftet ſind, wie Kinder gantz feige und unvollkommen zu ſeyn pflegen. Aus eben dieſer Urſache brin - get derſelbe einen Bart herfuͤr, und verur - ſachet eine groͤbere und maͤnnliche Stimme. Gleichwie nun zwiſchen einem Verſchnitte - nen und einem andern Manne ſich kein an - derer Unterſcheid befindet, als der ſich auf die Hervorbringung dieſer Feuchtigkeit be -1) ziehet: ſo iſt ſehr wahrſcheinlich, daß eben dieſe in die Maſſa des Gebluͤts zuruͤckkehren - de Feuchtigkeit die Urſache ſolcher merck - wuͤrdigen Wirckungen iſt.

Dieſes ſind die Worte und Beweisthuͤmer dieſes Autoris, welchen ich zu Bekraͤftigung die - ſer Meinung meine eignen Urſachen beyfuͤgen will. Die erſte und wichtigſte iſt die Kleinig -2) keit der Saamenſaͤckgen (heiſſen ſonſt veſiculæ ſeminales), und der unaufhoͤrliche und taͤglicheI. Th. Betracht. der Unreinigk. D zu -50Anatomiſch-Mediciniſche Zufluß zu denſelben. Daß ſolche klein ſind, deſ - ſen werden wir durch unſre eigne Augen uͤber - zeugt. Denn ſie ſind nicht drey Zoll lang und kaum einen Zoll breit und dicke, ob ſie ſchon auf einer Seite gemeiniglich etwas groͤſſer ſind als auf der andern. Nun laſſe man einen jeglichen die Kleinigkeit dieſer Gefaͤſſe und den taͤglichen Zufluß des Saamens in dieſelben wohl erwe - gen; welchen kein Menſch leugnen kann, der nicht zugleich auch aller Vernunft und Erfah - rung zuwieder den Umlauf des Bluts, als die ungezweifelte Urſache der Abſonderung aller Feuchtigkeiten im Leibe, ſo wohl der guten als boͤſen, leugnen will. Nun laſſe man, ſage ich, einen ieglichen den unaufhoͤrlichen Trieb des Saamens und die Kleinigkeit dieſer Samenſaͤck - lein bedencken, die keinesweges faͤhig ſind, nur eine ſolche Menge Saamen einzunehmen und zu enthalten, als in ſieben oder acht Wochen, (will nicht ſagen vielen Jahren und ſo lange bis ei - ner einem Weibe rechtmaͤßig beywohnet,) ge - macht wird. Da nun dieſe Dinge nicht bey ein - ander ſtehen koͤnnen: ſo iſt noͤthig, daß der Sa - me wiederum in die Maſſa des Bluts oder in den Leib zuruͤcke gehet; und zwar aus den von Tauvry bereits gedachten Urſachen und andern, die wir erſt noch anfuͤhren werden. Die Ver -3) aͤnderung, welche nach der Verſchneidung in der Vermiſchung und natuͤrlichen Beſchaffenheit des Leibes angemercket wird, hilft dieſe fortgehende Bewegung des Samens gleichfalls beſtaͤrcken. Denn es iſt offenbar, daß alle Thiere, nachdem ihnen ihre Teſticuln genommen ſind, fetter, aber auch dabey verdroßner und verzagter zu werden pflegen. Unter andern iſt gleichfalls zu betrach - ten, daß bey Verſchnittenen die Haare und der Bart vor der Verſchneidung nicht abfallen; und wenn ſie noch nicht hervor gekommen ſind, ſo wer -51Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.) werden ſie auch hernach nimmermehr heraus kommen, wie doch bey denen geſchicht, die nicht verſchnitten ſind. Die Beraubung der Mannheit veraͤndert gleichfalls die Stimme, die hernach klaͤ - rer und ſcharfer wird. Es wird von den Hir - ſchen erzehlet, daß, wenn ſie nach Abwerfung ihrer Hoͤrner, welches alle Jahr geſchiehet, ihrer Fruchtbarkeit beraubet werden, Jhnen nimmer - mehr keine Hoͤrner wieder wachſen. Dieſe4) Bewegung des Samens wird ferner bewieſen aus dem bockichten Geruche und Geſchmacke ei - niger Thiere und deren Fleiſches; wie auch der ge - wiſſen Zeit, zu welcher das Verlangen ihrer Ver - miſchung wieder koͤmmt. Wo kommt immit - telſt der Samen alle hin? Wo liegt er verbor - gen, wenn ſich ſolche Thiere nicht mit ihren Weiblein vermiſchen? Will man ſagen, daß als - denn keine Abſonderung des Samens vor ſich gehet, ſo laͤufft ſolches der Vernunft und Er - fahrung zuwieder. Es ſind gewiſſe beſondere Werckzeuge vor ſolche Abſcheidung beſtimmet, welche nach den Geſetzen der Natur allezeit in ihrem Amte beſchaͤfftiget ſind. Es findet ſich die Materie, nehmlich das Gebluͤt in den Blut - adern, von welchen der Same abgeſondert wird. Die Erfahrung lehret uns gleichfalls, daß der Same in den Thieren allezeit angetroffen wird. Man zergliedere nur ein Thier, ſo wird man befinden, daß die Samenbaͤlglein allezeit mit friſchem Samen aufgeſchwollen ſind. Uber die -5) ſes glaube ich, daß, wenn der Same im Leibe nicht umlieffe, es unverehlichten Mannsperſo - nen, wegen der beſtaͤndig zunehmenden Menge des Samens und der unaufhoͤrlichen Reitzun - gen, wodurch es ſie zur abſcheulichen Wolluſt an - treiben wuͤrde, faſt unmoͤglich fiele, ſich von der Hurerey zu enthalten: der mancherley und ge - faͤhrlichen Kranckheiten zu geſchweigen, die einD 2ſol -52Anatomiſch-Mediciniſche ſolcher Ueberfluß des Samens hervor bringen wuͤrde, wenn deſſen Menge auf keine andere Weiſe, als durch den Eheſtand verringert wer - den koͤnnte. Nun hat aber GOtt, der einen Greuel uͤber die Unreinigkeit bezeuget, die Hure - rey in ſeinem Wort ernſtlich verboten: Wel - ches er nicht gethan haben wuͤrde, wenn der Menſch aller Mittel entbloͤſſet waͤre, ſolche zu vermeiden. Wenn wir anders ſagen wollen, ſo muͤſſen wir GOtt zum Urheber der Suͤnde ma - chen, welches laͤſterlich iſt. Und was will man von der Keuſchheit der Ertzvaͤter und anderer heiligen Leute ſagen? War bey ihnen nicht gleichfalls ein Umlauf des Samens zu verſpuͤ - ren? Vermuthlich hat ſich dergleichen bey ih - nen gefunden. Es war in ihren Leibern ein be - ſtaͤndiger Umlauf des Gebluͤts, und eine unauf - hoͤrliche Abſonderung des Samens. Sie hat - ten eben dieſelben Theile und Werckzeuge, und fuͤhlten doch deßwegen keine unordentlichen Be - gierden. Sie fuͤhrten ein heiliges Leben und lieſſen ſich an einer ſparſamen und ſchlechten Lebensart begnuͤgen, wie die heilige Schrift viel -6) faͤltig von ihnen bezeuget. Auf eben ſolche Wei - ſe koͤnnten die Menſchen noch keuſch leben, wenn ſie nur ihre Schuldigkeit in Acht nehmen und dasjenige thun wollten, was ihnen GOt - tes Wort befiehlet. Der Same kan nach denen ihm vorgeſchriebenen Geſetzen die Menſchen nicht zur Begehung ſolcher Suͤnden anreitzen. Eben diejenige Menge des Samens, ſo aus dem Blut in die Samengefaͤſſe gehet, kehret auch wiederum von dannen in das Gebluͤt zuruͤcke. Jmmittelſt iſt gewiß, daß der Menſch dieſe Be - wegung des Samens durch uͤbermaͤßiges Eſ - ſen und Trincken und mancherley Leckerbißlein und ſtarcke Getraͤncke, (die entweder die Menge des Samens zu ſehr vermehren, oder ſolchen zuſcharf53Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.) ſcharf machen, oder ſonſt die Gefaͤſſe verſtopffen, und alſo eine Stockung und Verderbniß des Samens verurſachen,) verderben und zerſtoͤren kan; ſo daß hernach kein Wunder iſt, wenn un - ordentliche Bewegungen, boͤſe Begierden, und aus dieſen wiederum mancherley Kranckheiten hervor gebracht werden.

Aus dem, was bishero geſaget worden, iſt mei - nes Erachtens offenbar, daß der Same von ſei - nen Gefaͤſſen in das Gebluͤt und von dieſen wiederum in jene zuruͤcke gehet. Allein, wo iſt der Weg, durch welchen er gefuͤhret wird? Von dieſem, ich muß es geſtehen, wiſſen wir ſehr wenig, aber aus Mangel ſolcher Wiſſenſchaft findet ſich kein Grund einen ſolchen Weg gaͤntz - lich zu leugnen. Unſere Unwiſſenheit und Miß - trauen kann die Wahrheit und Wircklichkeit ei - ner Sache nicht aufheben. Jch bitte, man ſa - ge mir, welches der Weg iſt, durch welchen oͤf - ters von einem Empyemate in dem Thorace, ei - nem in dem Abdomine verborgenen Geſchwaͤr, oder einer Entzuͤndung der Pleuritis, der Lungen ꝛc. die eyteriche Materie zu den Harngaͤngen, zu den Gedaͤrmen und zu dem Munde gefuͤhret wird? Wir ſehen, daß in einer Pleuriſi die Ma - terie gemeiniglich durch den Mund ausgeleeret wird. Zu andern Zeiten aber wird ſie auch durch den Urin und Stuhl abgefuͤhret. Ja was noch mehr zu bewundern iſt, es ſind unter - ſchiedene harte Dinge, die hinunter geſchlucket worden, als Nadeln und dergleichen durch die Harngaͤnge mit dem Urin abgefuͤhret worden; wie wir unterſchiedene Exempel haben, die von beruͤhmten und glaubwuͤrdigen Maͤnnern bezeu - get werden. Miſcell. N. C. 4. 11. D. 10. 111. p. m. 4. und Acta Eruditorum Menſ. Auguſt. Anni MDCCXII. p. m. 347. Welchen Weg konnten dieſe Dinge zu den Harngefaͤſſen gelan -D 3gen?54Anatomiſch-Mediciniſche gen? Daß ſie das Gebluͤt mit ſich durch die Blutadern, Adern und zaͤſerichten Gefaͤſſe ge - fuͤhret habe, iſt ſich ſehr ſchwerlich einzubilden. Es erwege und betrachte nur ein jeglicher, der die Zergliederungskunſt verſtehet, die wunder - baren Gaͤnge und krummen Windungen, wel - che der Nahrungsſaft von dem Magen aus zu - nehmen gezwungen iſt, ehe er in das Blut gelan - gen kan. Es betrachte ein ſolcher ferner die man - cherley Wendungen und zaͤſrigten Gefaͤſſe, durch welche das Gebluͤt umlaͤuft, und vergleiche die - ſe harten Dinge damit: alsdenn vertheidige er, ob ſie ſo leichtlich zu den abſondernden Werck - zeugen des Urins gefuͤhret, und mit gleicher Leich - tigkeit von dem Gebluͤt ohne Verwundung der Gefaͤſſe abgefuͤhret werden koͤnnen, wie der Urin. Der obgedachte Tauvry iſt der Meynung, daß der Same durch die Schweißloͤcher der Adern zuruͤck in die Maſſa des Gebluͤts gehet, welcher Zuruͤckgang, ſeiner Einbildung nach, auf folgen - de Weiſe geſchiehet. Wenn der Samen, ſpricht er, in ſeine Gefaͤſſe eingeſchloſſen iſt, ſo fermentirt er; und wenn er lange darinnen verharret, ſo uͤberkoͤmmt er eine Eigenſchaft, mit welcher er vorher nicht begabet war, nehmlich er erlanget ſtaͤrckere Bewegung und wird mehr verduͤnnet: ſo daß, wenn er in die Blutmaſſa zuruͤcke keh - ret, er daſelbſt ſolche Veraͤnderungen herfuͤr bringet, welche er nicht haͤtte herfuͤr bringen koͤn - nen wenn er nicht in den Samengefaͤſſen waͤre rectificiret und erhoͤhet worden Wenn dieſe Ge - faͤſſe einmal angefuͤllet ſind, und noch mehr Samenmaterie hinzukoͤmmt: ſo wird ſie nach und nach gezwungen, in die Schweißloͤcher der Adern hinein zu treten und wenn ſie mit dem Ge - bluͤt umlauft, ſo vereiniget ſie ſich durch ihre klebrichte Eigenſchaft gewiſſer maſſen mit den Lebensgeiſtern, haͤlt ſolche zuruͤck, und verhindert de -55Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.) deren Ausbreitung. Dieſes iſt die Urſache, daß wenn in dem veneriſchen Actu eine groſſe Men - ge dieſer oͤhlichten Subſtanz bey oft wiederhol - ten malen erſchoͤpffet wird, die Lebensgeiſter verſchwinden: und daher nimmt die Schwach - heit dererjenigen ihren Urſprung, welche dieſes Li - quidi beraubet ſind. Monſieur Bayle, den ich ſchon ſonſt angefuͤhret, iſt eben dieſer Meinung. Was mich ſelbſt anbelanget, ſo halte ich dafuͤr, daß, wenn der Samen in den Teſticuln und Semi - nalgefaͤſſen verduͤnnet und ſubtiler gemacht iſt: ſo kehret er durch die lymphatiſchen Gefaͤſſe wie - der zuruͤcke, welche nebſt den Vaſis deferentibus in den Abdomen hinauf ſteigen, und daſelbſt ihre Lympham in die Gefaͤſſe, ſo den Nahrungs - ſafft fuͤhren, ausleeren, und auf dieſe Weiſe wird er zum groſſen Nutzen des gantzen Leibes wie - derum in den Chylum und das Blut zuruͤcke ge - fuͤhret. Man kann davon auch nachſchlagen, was der groſſe Medicus, der Herr geheime Rath Hoffmann in ſeiner Medicina rationali ſyſtema - tica Tom. l. p. 235. ſqq. ausgefuͤhret.

Sehen Sie, mein theurer Freund! eine ſol - che Univerſalmedicin, die wol die alleredelſte und kraͤftigſte iſt unter allen, die man unter der Son - nen finden kan, hat der liebhaber Jhres Lebens in Jhren Leib ſelber gelegt und verborgen. Alſo hat er die allerſtaͤrkſte Stuͤtze ihrer Geſundheit, Jhnen ſelbſt unwiſſend, und ohne erſt vielen Danck von Jhnen zu erwarten, Jhnen auf be - ſtaͤndig und allgemein, ſo gut als das taͤgliche Licht der Sonnen mit gegeben. Alſo lieb iſt Jhm Jhre Geſundheit, Munterkeit und Leben! Solten Sie es nicht auch theuer achten, und mit Freuden zu ſeinem muntern und froͤlichenD 4Dienſt56Anatomiſch-MediciniſcheDienſt unverſehrt zu conſerviren beflieſſen ſeyn? Oder ſolten Sie ſich unterſtehen, dieſe Grund - anſtalt GOttes zu Jhrer Erhaltung und Leb - haftigkeit alſo undanckbar und alſo feindſelig ge - gen GOtt und ſich ſelbſt umzuſtuͤrtzen? Sollen Sie GOttes wunderbarſte und ſchoͤnſte Wer - cke ſo verderben?

VII. Lehrſatz.

Jn einem jeglichen vollkommen ausge - arbeiteten Samen (der NB. weder unreiff und unvollkommen, noch et - wa ſchon verderbet iſt, auch nicht etwa nur zum Zuruͤckfluß ins Ge - bluͤte, und zur Staͤrckung des gan - tzen Menſchen, ſondern zur Fort - pflantzung ſeines gleichen beſtim - met iſt, und in den veſiculis ſemi - nalibus zu dieſem Zweck aufgehoben wird,) in einem jeglichen ſolchen Sa - men, ſage ich, und in einem jeglichen Theile deſſelben, iſt entweder der gantze organiſche, das iſt, mit allen ſeinen Gliederchen und Gefaͤſſen be - reits verſehene menſchliche Leib nach ſeinen erſten Lineamenten, in unbe - greiflich kleiner Geſtalt und voͤl - ligen Structur ſchon entworfen und verborgen; oder aber, (welches nochglaub -57Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)glaublicher iſt) ein ſpiritus plaſticus und ſehr gewaltige Kraft, welche bey der Empfaͤngniß ins ovulum maternum penetriren und die darin befindlichen ſtamina corpuſculi hu - mani beleben und aus einander wi - ckeln, mithin zum Urſprung, Leben und Wachsthum bringen muß.

DJs laͤßt ſich theils aus der AnalogieErweis. mit dem Samen der Pflantzen, (von welchen Malpighius, Grew und andere erwieſen, daß in dem fruchtbaren Koͤrnlein das gantze Kraut oder Baum in ſeinen erſten ſtaminibus ſchon enthalten iſt, und nachhero durch Zufluß des Nahrungsſaftes nur ausein - ander gewickelt und extendiret wird) ſchlieſſen; theils aus allerley durch gute Micro - ſcopia bey den groͤſten Thieren ge - machten Obſervationen nehmen. Die Alten ſagten in der Abſicht: ſemen ex omni - bus corporis partibus decidere, weil es alle Gliederchen und Gefaͤßchen des Leibes in ſich halte; und wie alle corpora organica der Pflan - tzen und Thiere eine vim ſui multiplicativam in ſich haͤtten; alſo ſey dieſes vor allen andern im Menſchen, als dem edelſten: und zu dem GOtt einige mal geſaget hat: Seyd fruchtbar und mehret euch, eben ſo feſt geſtellet. Die Art und Weiſe, wie ein Kind empfangen und erzeuget wird, ob ſie gleich bis auf dieſe StundeD 5un -58Anatomiſch-Mediciniſcheunter die groͤßten Geheimniſſe der Natur muß gerechnet werden, (ohnerachtet ſich die gelehr - teſten Medici und Naturkuͤndiger den Kopf ſo viele hundert und tauſend Jahr druͤber zerbro - chen) uͤberzeuget uns deſſen gantz vollkommen; wir moͤgen nun zu deren Erklaͤrung eine hypo - theſin annehmen, welche wir immer wollen. Denn da penetriret der maͤnnliche Same we - gen ſeiner ausnehmenden Spirituoſitaͤt ins ovulum femellæ, mit oder zu den erſten Ideen und Entwuͤrfen des Corpuſculi, ſo darin verbor - gen iſt. Hiedurch werden auf eine uns unbe - kante Weiſe dieſe erſten rudimenta zuerſt belebet und in eine Activitaͤt geſetzt: alsdenn durch die in ovulo enthaltene naͤhrende Feuchtigkeit, her - nach aber durch die zuflieſſende lympham evol - viret, genaͤhret und extendiret, daß ſie nun mehr Conſiſtentz, Groͤſſe und Connexion anfangen zu gewinnen. Man nehme nun hierinfalls eine Meinung an, welche man will oder kann: ſo folget doch bey beyden hypotheſibus unwieder - ſprechlich, daß das, was im vollkommen reiffen Samen enthalten iſt, der einige Grund und Ur - ſach zum Empfangen, Urſprung und Leben ei - nes Menſchen ſey, und nothwendig ſeyn muͤſſe; inmaſſen ohne daſſelbe nie keine Empfaͤngniß natuͤrlicher Weiſe moͤglich iſt. Jſt nun dem Menſchenmoͤrder Onan Gen. 38, 9. 10. zu viel geſchehen, da ihn der HErr toͤdtete, weil er ei - nen Menſchen in ſeinem erſten Urſprung umge - bracht hatte? Wahrlich, die bloſſe vernuͤnf - tige Erwegung dieſer wunderbaren Sa -che59Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)che ſolte vermoͤgend ſeyn, einem Men - ſchen, der nur noch nicht uͤber ſein na - tuͤrlich Verderben in der Bosheit wei - ter gegangen iſt, mit vollkommener Con - viction beyzubringen, welch ein genaues Aufſehen GOtt auf die Fortpflantzung des menſchlichen Geſchlechts habe, und auf alle Umſtaͤnde, die dabey oder dage - gen nur vorfallen koͤnnen; und welch ein heiliges und mit tiefſter Veneration und Bewunderung der Weisheit GOttes zu verknuͤpfendes Werck ſie ſeyn ſolte.

Die alten Juͤdiſchen Lehrer haben an dieſes Geheimniß zuweilen mit groſſer Ehrerbietung gedacht. Sie ſprechen in dem Targum Hieroſol. uͤber Moſ. 30, 32. Vier Schluͤſſel ſind in der Hand desjenigen, der aller Welt Herrſcher heiſ - ſet, und die weder den Engeln noch den Sera - phinen anvertrauet werden: nemlich der Schluͤſ - ſel des Regens, 5 Moſ. 28, 12. der Saͤttigung und Verſorgung aller Creatur, Pſ. 145, 16. der Graͤber zur Auferſtehung der Todten, Ezech. 37, 12. und der Fruchtbarkeit und Unfrucht - barkeit der Leiber, 1 Moſ. 30, 32. Sie wollen in ihrer Weiſe zu reden ſo viel ſagen: Dieſe 4. Stuͤcke habe ſich der ewige GOtt ſchlechterdings allein zu ſeiner oberherrlichen Macht und Re - gierung vorbehalten, und laſſe ſich von keinem Engel und keinem Potentaten etwas drein re - den, oder etwas darin einrichten; hierinnen muͤſſe ihn alle Welt ungemeiſtert, ungehindert und ungefoͤrdert laſſen; keiner koͤnne etwas aͤn -dern,60Anatomiſch-Mediciniſchedern, mindern, mehren, beſchleunigen, verzoͤ - gern, hie und dahin lencken ꝛc. wer da meinte, groſſe Macht und Vermoͤgen zu beſitzen: der moͤchte nur hieher gehen, und ſeine Macht hier erweiſen; hier Ehre einlegen; hier in Proben kund thun, wie viel er vermoͤge. Und aller - dings iſt auch der 4te Schluͤſſel lediglich nur in des Allmaͤchtigen Hand, ſo wol nach der Einſicht als nach der Anordnung. Denn welcher Sterb - licher iſt im Stande, das gantze Geheimniß der Fortpflantzung unſers Geſchlechts ſo wol im kleinen als im groſſen und allgemeinen auszu - kundſchaften, durchzugruͤbeln und zu uͤberſehen? Wer kann erklaͤren, wie darin alles von Anbe - gin bis zu Ende durch ſo viele Grade und Ver - aͤnderungen zugehe, bis ein ſo vortrefliches und wunderreiches Syſtema des menſchlichen Coͤr - pers an das Tageslicht kommet? Kann man nicht in dem eintzigen verwunderungswuͤrdigen Wer - cke GOttes viele hundert Fragen aufgeben, die alle Weltweiſen unbeantwortet laſſen muͤſſen? Wer kann befehlen, wenn und wie die Empfaͤng - niß, die erſte Belebung, der Anfang dieſes Wundergebaͤudes, deſſelben Zunahm, Ab - meſſung und Vollendung geſchehen ſolle und muͤſ - ſe? Wer kann in der Groͤſſe, Proportion, Stru - ctur, Connexion, Staͤrcke, und allen andern Eigenſchaften der Gliedmaſſen und Gebeine bey der Erzeugung etwas vermehren, vermindern, verſetzen, beſchleunigen, hindern, oder es ſonſt ſo oder anders nach ſeinem Kopf und Sinn ein - richten laſſen? Wer kann den Unterſcheid desGe -61Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)Geſchlechts wehlen, fordern, beſtimmen? Jſts nicht der Jehovah alleine, aus deſſen Haͤnden dis alle Welt, von dem hoͤchſten Kayſer an bis zum geringſten Bettler erwarten muß? Kanns ihm jemand vorſchreiben, oder das gegebene mit Trotz verwerfen, oder mit Undanck unange - nommen laſſen? alſo majeſtaͤtiſch und ſouverain handelt GOtt in dieſem Werck. Solte das nicht alle Menſchen bedachtſam machen? Solte uns dis nicht uͤberfuͤhren, daß dis gantze Werk mit Ehrfurcht vor GOtt bedacht und tractiret wer - den muͤſte? Soll dis Hauptgeſchaͤfte der heili - gen Regierung GOttes den unreinen Luͤſten gottloſer Menſchen aufgeopfert, und durch ſie gewiſſer maſſen in den Dienſt und die Gewalt der Teufel hingeliefert werden? Soll dis noch der vornehmſte Tummelplatz der luͤſternen Trie - be und ſchaͤndlichſten Unflaͤtereyen ſeyn?

VIII. Lehrſatz.

Je mehr der Same zur Vollkommen - heit, Reiffe und Subtilitaͤt gedie - hen: deſto ſtaͤrckere und geſuͤndere Kinder werden erzeuget. Hingegen je unreiffer, waͤſſeriger und groͤber derſelbe iſt: ie ſchwaͤcher wird das Kind, und dazu ſtets allerley Kranck - heiten unterworfen, eines gar kur - tzen Lebens auch mehrentheils ſe - xus ſequioris.

Was62Anatomiſch-Mediciniſche
Erweis.
2

WAs in der gantzen Welt obſerviret wer - den kann, und durch ſtetswaͤhrende Erfahrung beſtaͤttiget wird, darf man nicht erſt weitlaͤuftig erweiſen. Jſt es doch ina) den Pflantzen auch alſo. Je ſchoͤnere, voͤllere, beſſer colorirte und lebhaftere Nelcken, Primuln, Auriculn oder andere Blumen man haben will: je laͤnger muͤſſen ihre Samentaͤſchchen, jede nach ihrer Art und Zeit, ſtehen bleiben, und an der Sonnen zur voͤlligen Reiffe kommen. Wem iſt unbekant, daß, wenn man die Blumen zu ſtarck zum Wachsthum treibet, ſie zwar voll werden: aber keine Frucht noch fruchtbaren Samen mehr geben, wenigſtens ihn nicht zur Reiffe bringen? Zum Exempel: eine volle Gra - natbluͤte wird nie keine Aepffel; Roſen nie keine Haynbutten geben, die doch aus einfachen Blu - men allerdings werden. Wer weiß nicht, daßb) die Kinder, ſo von Eheleuten, die nicht ihr voͤlliges Alter haben, oder in hohem Alter, oder bey zu oͤfterer Verſchwen - dung des Samens, oder in Truncken - heit, oder bey kraͤncklichem und ge - ſchwaͤchten Leibe erzeuget werden, gantz weichlich, allezeit kraͤncklich, miſerabel und in continuirlicher Gefahr des To - des ſind? Der Same muß aber unreiff, waͤſſe - rig und nicht legitim ſeyn, wo er verſchwendet wird, immaſſen er ja nicht Zeit bekommt zu ſei - ner rechten Kraft und Reiffe zu gelangen; und muß noch dazu oͤfters aus den Hefen des ſchon befleckten Gebluͤtes elaboriret werden. Ueber -dis63Betracht. der Unreinigkeit. (I. Th.)dis, wenn die ovula, darin die rudimenta femel -c) ſeyn, einer zaͤrteren und ſchwaͤcheren, die ovula zum ſexui maſculino aber einer zaͤheren und ſtaͤr - ckeren Art ſind: ſo muß folgen, daß der unkraͤf - tige und geſchwaͤchte Same etwa noch wol die ſchwaͤchern ovula penetrire, aber die ſtaͤrckeren nicht wol mehr durchdringen kann; weil er da - zu nicht geiſtreich und kraͤftig genug iſt: mithin laͤßt ſich auch von vorne her und ohne habende Exempel begreiffen, daß bey ſo geſchwaͤchten Naturen eher ein ſexus ſequior produciret wer - den muͤſſe.

Schlußfolgen aus obigen Lehrſaͤtzen.

MEin Hertzensfreund! Aus dieſen 8. Lehrſaͤtzen allein koͤnnen Sie vernunft - maͤßig, wenn ſie auch nur ein Heide waͤren, und ihren allerhoͤchſten HErrn und Fuͤr - ſten, den heiligen GOtt nicht kenneten, gnugſam erachten: wie alle Unreinigkeit uͤberhaupt, und namentlich auch die Schaͤndung ſeines eigenen Leibes anzuſehen ſey. Weil die Sache aber all - zuviel zu ſagen hat, und bey Gemuͤthern, die ſchon in der Wolluſt verſuncken ſind, eine ſolche hoͤchſt raiſonnable Vorſtellung mehrentheils wenig ver - mag auszurichten: ſo will Jhnen aus denſelben einige Schlußfolgen anweiſen, (wiewol ſie ſelbſt mehrere finden koͤnnen,) darin ich Jhnen, Kraft der hertzlichen Liebe, die mich Jhnen ſo hoch ver -bun -64Anatomiſch-Mediciniſchebunden hat, noch greiflicher weiſen will, in wel - chen Jammer und Ungluͤckſeligkeit Sie ſich ſtuͤr - tzen, wenn Sie ferner ein elender Sclave von dieſer Luſtſeuche bleiben wolten.

I.

1) Schluß - folge.
2

Sie ruiniren Jhr Gedaͤchtniß (kraft des 4ten und 5ten Lehrſatzes). Denn weil li - quor ſeminalis mit dem fluido nerveo von faſt gleicher Art, aus aͤhnlicher Materie, und auf ei - nerley Weiſe praͤpariret wird; uͤber dem vom fluido nerveo zu deſſen Bereitung und Excre - tion eine merckliche portion hinzukommt; aber unleugbar iſt, daß die Kraͤfte des Gedaͤchtniſ - ſes nach der Qualitaͤt und Quantitaͤt des fluidi nervei im Gehirn proportioniret und abgemeſ - ſen ſind: ſo muß ja nothwendig auf die Ver - ſchwendung des Samens, folgends der Lebens - geiſter, auch eine groſſe Abnahme des Gedaͤcht - niſſes, und anderer davon dependirenden Ver - richtungen der Seele folgen. Daher auch viele von den alten Philoſophen nicht einmal heira - then wolten, um ihres Gehirns und Verſtandes Kraͤfte nicht zu ſchwaͤchen. Oder haben ſie es nicht irgend auch ſchon (ach daß Sie doch dar - auf gemercket haͤtten!) obſerviret, was ſonſt ſol - che Weichlinge zu ſpaͤte vor den Medicis bekannt haben, ſie haͤtten oͤfters nach der Befleckung ei - ne groſſe Mattigkeit, Traͤgheit, Unordnung und Schwaͤche im Kopfe, und den gantzen Ruͤckgrad hinunter Schmertzen empfunden; daß ſie auch manchmal gedacht haben, der Same muͤſſe aus dem Haupt durch den Ruͤckgrad hinunter kom - men, wo ſich das Gehirn durch die medullamob -65Betrachtung der Unreinigkeit. oblongatam endlich hinein erſtrecket und endi - get. Haben Sie etwa vor der Luſt oder vor der Gewiſſensangſt nicht drauf mercken koͤnnen: harren Sie, es wird gewißlich kommen, und nicht ausbleiben, wo Sie ſich nicht zu rechter Zeit wollen rathen laſſen.

Jch frage Sie aber, (bedencken Sie es um der Liebe GOttes willen!) ob Sie ſich denn den unglaublichen Schaden, der auf alle ihre Lebetage daher entſpringen muß, gar niemals vorſtellen, und ihn nie zu Hertzen nehmen? Was wirds Jhnen nicht fuͤr ein jaͤmmerlich Her - tzeleid und ſpaͤtes Klagen verurſachen: wenn Sie ihrer Worte gleichſam im Munde vergeſ - ſen, anderer Reden nicht behalten, das Gelerne - te und Geleſene ſtets wieder vergebens lernen und leſen, und wenn etwa drey oder viererley Ver - richtungen auf einmal vorkommen werden, ſich lange erſt beſinnen muͤſſen, was Sie vorzuneh - men haben, und bey alle dem doch des nothwen - digſten vergeſſen, oͤfters zum groͤſten Nachtheil und Schande? Doch, wie kann ich Jhnen die betruͤbten Folgen und den unſchaͤtzbaren Scha - den des geſchwaͤchten und verworrenen Gedaͤcht - niſſes genugſam vorſtellen, welche Sie alle Ta - ge und Stunden ihrer gantzen kuͤnftigen Lebens - zeit erbaͤrmlich werden plagen muͤſſen? Jch muͤ - ſte alle ihre kuͤnftige Lebensarten und deren un - zehliche Beſchaͤftigungen, Abwechſelungen, Con - nexion und Umgang mit andern, und alle uͤbrige Umſtaͤnde durchgehen, wenn ichs Jhnen nur ei - niger maſſen begreiflich berechnen ſolte.

I. Th. Betr. der Unreinigk. EII. 66(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche

II.

2) Schluß - folge.
2

Sie verderben ihre Phantaſie. Denn daß wir uns geſehene oder gehoͤrte, oder auf an - dere Weiſe empfundene Dinge durch die Einbil - dungskraft wieder lebhaft vorſtellen koͤnnen, dependirt vom fluido nerveo im Gehirn, und iſt nach deſſen Qualitaͤt und Menge proportio - niret; folglich gilt hier wieder alles, was erſt an - gefuͤhret iſt. Ueberdem aber: o was fuͤr greuliche und ſchaͤndliche Bilder werden durch die Luſt - ſeuche in Jhre Einbildungskraͤfte unausloͤſchlich eingepreget, und ihr gleichſam zu eigen gemacht: daß wenn ſie es kuͤnftig auch noch ſo ernſtlich vermeiden wolten, dennoch ſolche Ebenbilder des Teufels immer wieder kommen, und ſie vor GOtt recht verunehren, und zum Greuel machen wer - den, auch mit Jhrem eignen groͤſten Schmer - tzen! Oder glauben Sie, daß es Jhnen nicht eben ſo gehen koͤnne, wie jenem, der, als Jhn GOttes gewaltige Gnade aus ſeinem Luder her - ausgezogen und bekehret, oͤffentlich bekannt hat: Es kam mit mir endlich dahin, daß ich zuletzt keine Creatur mehr anſehen konte, ohne fleiſch - liche Jdeen in den Gedancken, unzuͤchtige Bil - der im Gemuͤthe, und greuliche Begierden im Hertzen zu haben. Ach wollen Sie denn die edlen Kraͤfte Jhrer Phantaſie, darin die Herr - lichkeit GOttes verklaͤret ſeyn ſolte, zu einer ſol - chen ſcheußlichen Cloac des Satans machen? Soll der Tempel GOttes ſo zu einem Tummel - platz und ſcheußlichen Werckſtaͤtte der unreinen Geiſter gemacht werden? Wollen Sie ſich eine ſolche unvermeidliche Nothwendigkeit des ſchaͤnd -lich -67Betrachtung der Unreinigkeit. lichſten Suͤndigens in Jhrem Geiſte und der un - reineſten Vorſtellungen auf den Hals ziehen? Folgen Jhnen denn die vor jedermann verbor - gen und unſichtbar gebliebenen Wercke ihrer See - le nicht in die Ewigkeit nach? werden ſie Sie vor dem heiligſten Richterſtuhl JEſu Chriſti nicht hoͤchſt abominable machen?

Und wie? Sind Sie denn im Stande, das Verderben der Phantaſie zu hemmen oder auf - zuheben? Koͤnnen Sie es halten, daß es nur bey einerley Grad der Verwuͤſtung bleibe, und nicht taͤglich, ja, welches entſetzlich, bey Tag und Nacht weiter gehe? Koͤnnen Sie umkehren, wenn ſie wollen? Muͤſſen Sie nicht oft eine viertel, ja wol halbe Stunde nach einander den allerliederlich - ſten und unverſchaͤmteſten Gedancken nachgeben und nachgehen? Und merckens wol dazu nicht einmal, was fuͤr ein ſchaͤndlicher Unflat in ihrer Seele und Leibe tobet und waltet. Koͤnnen Sie die Menge ſolcher unreinen Vorſtellungen zehlen? oder ihren Grad, ihre Staͤrcke, ihre Dauer, ihre Schuld und Abſcheulichkeit vor GOtt ſchaͤtzen? Die groͤſten Miſſethaͤter hoͤren wenigſtens ſchlaffend einigermaſſen von ihren Uebelthaten auf: aber Jhre ſtarck erregte, ver - woͤhnte und gefangene Phantaſie zwinget Sie, daß Sie dieſe Art der ſchaͤndlichſten Uebelthaten nicht einmal bey Nacht laſſen koͤnnen: iſt das vernuͤnftig, ſich in dieſe Sclaverey wiſſentlich zu ſtuͤrtzen? Sollen Sie GOttes edles Werck ſo verderben?

III.

Sie verwirren und vernichten al -3) Schluß - folge.E 2les68(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheles Vermoͤgen ihres Verſtandes und Nachdenckens. Sie koͤnnen leicht erachten, da das Nachdencken mit denienigen Dingen zu thun hat, die ihm das Gedaͤchtniß und die Phantaſie an Hand geben; die beyden aber al - les nur confus, fluͤchtig und verwirret, auch meh - rentheils uͤberhaͤuft vorſtellen: ſo kans ja nichts davon recht ordentlich auseinander ſetzen, oder wieder verbinden und vergleichen; ſondern alles muß verwirret ſeyn und nur uͤberhin angeſehen werden.

Es kommt dazu, (daß Sie gleichwol nicht werden leugnen koͤnnen, Sie muͤſten denn un - ter goͤttlichem Gerichte ſeyn,) daß bey einer ieden ſolchen Schandthat ihr Gewiſſen ungemein rege wird, und verrichtet ſein Amt ſo gewaltig in Be - ſtraffung ihrer Greuel, daß Jhnen die Lenden und Knie ſchuͤttern, das Hertz klopfet, die Haͤn - de zittern, die Zunge ſtammlet, aller Muth und Kraft dahin faͤllt, und Sie was groſſes drum geben wolten, daß Sie nur nicht muͤſten dran dencken. Verunruhiget denn das Jhr Gemuͤ - the nicht auf das heftigſte? Macht Sie das nicht zu allem Studiren ungeſchickt, zu allem freudigen und einem ehrlichen Menſchen anſtaͤn - digen Umgang mit andern untuͤchtig, ja wol zu den allergeringſten und leichteſten Verrichtun - gen gantz unfaͤhig? Und waͤhret dieſe ſchreckli - che Qual und Verſtoͤrung ihres Gemuͤthes nicht etliche Stunden, oͤfters auch wol etliche Tage lang? Was ſind Sie alsdenn zu uͤberle - gen, zu reden oder zu ſchreiben aufgeleget? Wuͤnſch -69Betrachtung der Unreinigkeit. Wuͤnſchten Sie ſich nicht vor allen Menſchen irgend in einem wuͤſten Ort verſtecket zu ſeyn?

Wenn dis nun ſo lange continuiret, und kommt ſo ofte wieder, was meinen Sie: muͤſſen nicht alle Kraͤfte Jhres Verſtandes und Nach - denckens, wenn ſie auch eiſern waͤren, endlich in ſo einer Conſternation unterliegen, und in ein - ander verzehret und verſtricket werden? muß es nicht bald genug darzu kommen, daß Sie kuͤnf - tighin nicht halb ſo gut, oder nicht den vierten Theil ſo ordentlich und ſcharf nachſinnen oder etwas uͤberdencken koͤnnen, als wol ehedeſſen? Muͤſſen nicht alle Jhre Gedancken endlich in eine ſo jaͤmmerliche Verſtoͤrung und Fluͤchtigkeit hinein gerathen, daß ſie immer fluͤchtig und un - ſtaͤt ſeyn, und Sie ſie auf keinerley Art bey ei - ner Sache werden feſt binden und gefangen nehmen koͤnnen? *Triverius, ehemaliger Profesſ. Med. in Loͤven ſagt: Sicuti ſerpens nequam in congresſu interſecat caput maſculi: ita caput totius intellectus, h. e. ipſa ratio exſcinditur iis, qui nimium indul - gent veneri. Und der Ritter Carol. Paſchal. der vor bald anderthalb hundert Jahren die wichtigſten Staatsgeſchaͤfte am Frantzoͤſiſchen Hofe und viel - mal als Ambasſadeur auch an andern Hoͤfen gluͤcklich verwaltete, ſaget an einem Orte: Als - denn behaͤlt ein ſolcher geiler Menſch in ſeinen Sinnen und Gemuͤthskraͤften keine lebhafte Munterkeit. Wer ſich durch Wohlluͤſte ſchwaͤcht und ausmergelt, wird zu allem verdroſſen, unge - ſchickt und unbrauchbar bey einem ſolchen hoͤret das Amt der Seele (nemlich den Leib zu regie - ren und zu zaͤhmen) auf und das Erinnern und Regiment der Vernunft iſt am Ende. Das letzte Uebel, ſo noch dazu kommt, iſt Schmach und Schande. Denn wie die Geilheit mit ei - ner unverſchaͤmten Unzucht verknuͤpfet iſt: ſo wird die Ausuͤbung der Fleiſchesluſt mit allerley Schimpf und Spott begleitet; worauf endlich allerley Pein und Plagen erfolgen. Nothwendig muß in die edle und wichtige Kraft des Nachdenckens, die Jhnen GOtt zu treuem Gebrauch und kuͤnftig gewiſſer Berechnung uͤberlaſſen, eine gantz ha - bituelle und endlich unheilbare Verwuͤſtung ein - gefuͤhret werden. Sie werden nicht halb ſo weit, nicht halb ſo tieff, nicht halb ſo gewiß und freudig, nicht halb ſo behend und munter auf etwas dencken koͤnnen. Sie gewoͤhnen ſich nicht nur an, ſondern Sie ſuͤndigen ſich an den Hals ein aͤngſtlich irreſolutes Weſen, eine Bloͤdigkeit des Verſtandes, eine oͤftere Conſternation und ungemeine Verworrenheit im Dencken, und eine oftmalige voͤllige Ohnmacht des Verſtandes. Sie ſollen oft uͤber einen jeden Zufall ſo perplexE 3wer -70(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchewerden, daß Sie gantz beſtuͤrtzt da ſtehen, und ſich nicht werden beſinnen koͤnnen. Was Jh - nen ſonſt auch von ſchwerern Dingen licht und leicht zu begreiffen war, da wird Jhr ſtets un - gewiſſer und gleichſam zitternder Verſtand nicht nachkommen noch eindringen koͤnnen ꝛc. Sum - ma Sie werden ein ungerechter und grauſamer: Verwuͤſter ihres Verſtandes.

Jch frage Sie auf Jhre Ehre und Redlich - keit, ob Sie davon nicht ſchon gar manche Pro - ben gehabt haben? Ach! warum wollen Sie denn gegen Jhren edlen Verſtand alſo wuͤten,den71Betrachtung der Unreinigkeit. den Sie doch Jhrem Schoͤpfer zu Ehren auf alle Weiſe in Ordnung und beſſere Geſchicklich - keit zu ſetzen aͤuſſerſt ſolten bemuͤhet ſeyn: da er ſchon ohne das von Natur ſo zugerichtet iſt, daß Sie es ſelbſt wohl mercken koͤnnen, welch eine Finſterniß und greuliche Ungeſchicklichkeit darin reſidire!

IV.

Sie verwunden Jhr Gewiſſen,4) Schluß - folge. und machen ſichs ſelbſten zum Klaͤger, der Sie unaufhoͤrlich beſchuldiget; zum Zeugen, der ungeſcheuet wieder Sie zeu - get; zum Notario, der alles, was Sie wie - der die Warnung und Beſtraffung des heiligen Geiſtes, ſo durchs Gewiſſen ge - ſchieht, vornehmen, haarklein aufzeich - net, und Jhnen vorliſet, wenns Jhnen am ungelegenſten iſt, oft in der Finſter - niß der Nacht, unter vielem Schrecken und Grauſen; Sie ſetzen es zum Rich - ter, der Sie mit groſſem Ernſt und mit einer nicht zu erbittenden Gerechtigkeit verurtheilet; zum Hencker, der Sie fol - tert und peiniget, und Jhnen die hoͤlli - ſchen Ketten und Bande auf dem Fuß nachtraͤget; endlich auch zum Beklag - ten und Maleficanten ſelbſt, weil Jhr ar - mes Hertz und Gewiſſen gleichwol ei - ne recht preſſende Angſt und klemmen - de Bedrengniß ſelber druͤber ausſtehen muß, und ſich in ſo einem ſtetswaͤhren - den und unausgeſetzten Streit undE 4Ueber -72(I. Th.) Anatomiſch-MediciniſcheUeberwerfen wieder Sie und wieder ſich ſelber jaͤmmerlich verzehret und abmat - tet. Ach! mein Hertzensfreund, iſt Jhnen denn wohl dabey? oder meinen Sie, daß dis noch nicht Qual gnug iſt fuͤr Jhre verfluchte und mit der Luſtſeuche vergiftete Seele? Wol - len Sie vollends das Uebermaß aller Pein, das ewige Gerichte noch dazu kommen laſſen? Sol - len Sie ihren edlen Geiſt, den der allerheiligſte GOtt durch Chriſtum ſeiner Anverwandtſchaft gewuͤrdiget hat, alſo durch die Suͤnde quaͤlen und martern laſſen? Sie koͤnnen ſelig ſeyn, weil GOtt ſelig iſt; Sie koͤnnen in GOtt recht froͤ - lich und ſeren vergnuͤgt und voller Zuverſicht ſeyn, weil er Sie ſo mit Freuden lieben will; (Jerem. 32, 41. 40.) Sie koͤnnen in tieffer Stille und Zufriedenheit und in heiliger Freude an GOtt leben, weil GOtt ſein Wohlgefallen an Jhnen haben will: Mein liebſter Freund! wie koͤnnen Sie ſich doch in ſo eine jaͤmmerliche Unſeligkeit hinein ſtuͤrtzen, die der teufliſchen vielleicht gantz nahe kommt? Soll ſich ein Menſch GOttes, ein Erloͤſeter JEſu Chriſti, ein Anverwandter des Koͤniges der Herrlichkeit alſo vom Satan hudeln laſſen? Jſt denn kein Rath in der Chriſtenheit? Jſt denn das Chriſtenvolck ſo gar ohne Erbarmer und Noth - helfer? Jſt denn kein Mitleiden in Jhrer See - le uͤber ſich ſelbſt zu erregen? Sollen denn alle Syſtemata der Seelenkraͤfte, die in Jhnen noch uͤbrig ſind, uͤber der viehiſchen Fleiſchesluſt noch gar zu truͤmmern gehen?

Aber73Betrachtung der Unreinigkeit.

Aber wie? begreiffen Sie daraus nicht, daß Jhr Gewiſſen, ſo doch das allerno - tableſte und klaͤreſte Ueberbleibſel des gehabten goͤttlichen Ebenbildes, und uͤber alles Gold zu bewahren iſt, durch ſolche Kaͤmpfe und Verſtoͤrungen auch verſtoͤret wird? Ach! es kann leicht dazu kommen, daß wenn Jhnen nun das Nagen des ſo uͤbel tractirten Gewiſſens, als das Bellen ei - nes Kettenhundes unertraͤglich wird, Sie end - lich alles Gefuͤhl deſſelben werden wegwerfen wollen, und es ſo ſtumpf machen, uͤbertaͤuben und einſchlaͤffern, daß es im geiſtlichen Tode gantz vergraben wird; und hat weiter keine Em - pfindung des Zornes des Allerhoͤchſten, oder ſei - ner eigenen Qual mehr in ſich. Aber ach! iſt denn das eine Gluͤckſeligkeit, nicht mehr von GOtt, nicht mehr von ſeinem Wort, nicht mehr vom Verſtande, nicht mehr vom Gewiſſen, nicht mehr von den beſten Freunden erinnert und ge - warnet zu werden? da man gleichwol mit zuge - bundenen Augen dem ewigen Verderben heftig entgegen eilet!

Gewiß iſt es mit einem Menſchen aufs hoͤchſte gekommen, wenn ihn GOttes beſtraffen - de Gnade nun ſchon verlaͤſſet, und GOtt ſo gar auch den Stab Wehe uͤber ihn brechen muß: indem er ſein ewiges Verderben nun hinfuͤhro ohne die geringſten Schmertzen anſiehet; ihn ſeiner eigenen Luſt uͤberlaͤſſet, und zu der aller - ſchwereſten Reſolution uͤber ihn ſchreitet: Er wolle weiter nicht mit ihm diſputiren, es hel -E 5fe74(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchefe doch nichts; er wolle auch niemandes Jnter - ceßion fuͤr ihn anhoͤren; ſtirbt er, ſo ſterbe er, denn er ſey des Erbarmens weiter nicht faͤhig, Jer. 15, 1. 2. Ach! mein Hertzensfreund, ſo bald der heilige GOtt 50. Jahr nach Chriſti Geburt den Stab Wehe uͤber ſein eigen Volck zer - brochen, Zach. 11, 14. iſt die ſchrecklichſte Blind - heit gerichtlich uͤber daſſelbe gekommen, und hat nun ſchon uͤber 18. hundert Jahr unausgeſetzt fortgewaͤhret. Machen Sie denn ſo viele Millio - nen Seelen nicht bedencklich, die unter den Juͤ - den verloren gehen, ſo viel nemlich nicht an den HErrn JEſum glauben? Was meinen Sie: wenn GOtt Sie aus ſeiner Diſciplin auch ſo gantz verſtoſſen wolte, und lieſſe es zu, daß Jhr Gewiſſen fuͤhllos wuͤrde; ach! was fuͤr ein betruͤbtes Ende wuͤrde Jhr jammervolles Leben nehmen muͤſſen! Ey wie? wollen Sie denn nicht lieber als ein Kind von GOtt dem Aller - hoͤchſten dependiren? Wollen Sie denn nicht gerne unter ſeiner lieblichen und freundlichen Zucht bleiben, die Jhnen ja lauter Proben ſei - ner Gewogenheit darleget?

V.

5) Schluß - folge.
3

Sie verderben Jhren Willen und alle Jhre Begierden in den Grund: daß ſie nicht nur viehiſch und beſtialiſch werden, ſondern weit, weit unter die Niedertraͤchtigkeit der viehiſchen Na - tur hinab geſtuͤrtzet liegen muͤſſen; im - maſſen ſchon vor angemercket, daß kein Vieh in dergleichen Stuͤcken, wofern es nicht von gott -lo -75Betrachtung der Unreinigkeit. loſen Menſchen verderbet wuͤrde, ſich ſelber ſchade, oder die Zeit und Ordnung der Natur uͤbertrete. Meinen Sie etwa: die Jugend muͤſſe ausraſen; wenn die Hitze vorbey iſt, denn wuͤrde ſichs von ſelbſten legen? Jch betheure es Jhnen, bey der allgemeinen betruͤbten Erfah - rung, die man in der Welt davon hat, und da - von ich ſelber an manchen alten Leuten Exempel geſehen habe, daß es nicht beſſer, ſondern weit heftiger und ſchlimmer werden wird, bis ins groͤſte Alter. Wer in der Brunſt ſtecket, der iſt wie ein brennend Feuer, und hoͤ - ret nicht auf, bis er ſich ſelbſt verbrennet. Ein un - keuſcher Menſch hat keine Ruhe an ſeinem Lei - be, bis er ein Feuer anzuͤnde, Sir. 23, 23. 24. Wie viele werden vom Satan in dieſem Greuel ſo weit gefuͤhret und getrieben, wie ein Ochſe zur Schlachtbanck gefuͤhret wird, daß ſie endlich ihres Weſens kein Hehl mehr haben, und ruͤh - men ihre Suͤnde, wie die zu Sodom, und ver - bergen ſie nicht. Wehe ihrer Seelen! denn damit bringen ſie ſich ſelbſt in alles Ungluͤck, Jeſ. 3, 9. O importunum libidinis ignicu - lum, ſpricht jener erfahrne Mann, quem non maturitas ſenectutis, non verecundia ſenio - ris ſexus, non flos adoleſcentiæ, non ullius ordinis honeſtas, nulla dignitas, nulla inte - rior erubeſcentia, nullus hominum reſpectus conſopire poteſt! quid dico? nullum tam malum facinus eſt, quod non libido ſuadeat, imperet, cogat. Welches zu teutſch heiſſen kann: O der gewaltſamen Brunſt der Fleiſches -luſt,76(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche luſt, welche weder das voͤllige und betagte Alter, noch das Erroͤthen vor den grauen Haͤuptern und dem Geſchlechte, noch die bluͤhende Mun - terkeit der Jugend, noch das Anſehen irgend ei - nes Standes: ja keine Wuͤrde, keine innere Schamhaftigkeit, keine Scheu und Reſpect vor Leuten zwingen und baͤndigen kann! Ja, ich ſage zu wenig: Es iſt keine Schandthat ſo gottlos, daß die Geilheit nicht ſolte dazu reitzen, noͤthi - gen und vermoͤgen koͤnnen.

Cicero*Lateiniſch heißt es ſo: Accipite, optimi adoleſcentes, veterem orationem Archytæ Tarentini, magni in primis et præclari viri, quæ mihi tradita eſt, cum esſem adoleſcens Tarenti cum Q. Maximo. Nul - lam capitaliorem peſtem, quam corporis volupta - tem hominibus dicebat a natura datam, cujusvo - in ſeinem Buch de Senectute hat c. 12. einen um deſto merckwuͤrdigern Ort davon, weil er ihn als ein Heide geſchrieben, und man - chem, der ihn vergebens geleſen, zur Verantwor - tung hinterlaſſen. Nim doch nur, ſpricht er, du edle Jugend! eines vortreflichen und be - ruͤhmten Mannes, des Archytas von Tarento ſeine alten Lehren und Vorſtellungen zu Hertzen, die man mir, als ich mit dem Q. Maximo zu Tarento ſtudirete, beygebracht und mitgegeben hat. Die Natur (ſprach er, ſolte fagen das natuͤrliche und angeerbte Verderben) hat den Menſchen kein toͤdtlicheres Gift und Uebel ein - gepflantzt, als die Luſt des Fleiſches, durch de - ren geilen Triebe ſie auf die verwegenſte und unbaͤndigſte Weiſe zur Ausuͤbung ihrer bren - nenden Begierde gereitzet und getrieben wer - den. Hieraus entſtehen Verraͤthereyen von Land und Leuten, Umſtuͤrtzungen gantzer Re - publiquen und Staaten, geheime Verſtaͤndniſ - ſe und Briefwechſel mit den Feinden: ja, es iſt keine Uebelthat oder irgend ein Laſter zu fin - den,77Betrachtung der Unreinigkeit. den, zu deſſen Unternehmung die geile Luſt des Fleiſches nicht gewaltſam reitzen ſolte. Hure - rey und Ehebruch, und alle Schandthaten von dieſer Art werden durch keine andere Reitzun - gen entflammet und geſtiftet, als von dieſer boͤ - ſen Luſt. Und da dem Menſchen von der Natur oder von irgend einem Gott (der arme Heide weiß es nicht beſſer zu ſagen, und verabſcheuet doch dieſe Suͤnde: O derſchwe - ren Verantwortung der Chriſten, die nun von GOtt ſo maͤchtig viel hoͤren und wiſſen ohne Gewiſſen!) nichts vortreflicheres uͤber die Ver - nunft iſt beygelegt worden: ſo iſt dieſer goͤtt - lichen Gabe, dieſem ſo hohen Geſchencke, nichts ſo feindſelig zuwieder, als die Fleiſchesluſt. Denn wo die Geilheit uͤberhand genommen, da kann die Maͤßigung und Enthaltung durch - aus nicht ſtatt haben. Unter der Wohlluſt ih - rem Regiment kann die Tugend unmoͤglich be - ſtehen. Daher iſt nichts ſo abſcheulich und ſo verzweifelt ſchaͤdlich als die Wohlluſt: ſintemal dieſe, wenn ſie hoch gekommen und alt worden, alles Licht der Vernunft ſchlechtweg vertilget. Die Wohlluſt, die der Vernunft ſo ſehr ſchaͤd - lich und zuwieder iſt, hemmet alle Ueberlegun - gen, und benebelt die Augen der Vernunft; kann auch mit der Tugend kurtzum keine Ge - meinſchaft haben.

78(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche
0voluptatis avidæ libidines temere et effrenate ad potiundum incitarentur. Hinc patriæ proditio - nes, hinc rerum publicarum everſiones, hinc cum hoſtibus clandeſtina colloquiæ naſci: nullum denique ſcelus, nullum malum facinus esſe, ad quod ſuſcipiendum non libido voluptatis impelleret: ſtupra vero, et adulte - ria, et omne tale flagitium, nullis aliis illecebris excitari, niſi voluptatis. Cumque homini ſive natura, ſive quis Deus nihil mente præſtabilius dedisſet, huic divino muneri ac dono nihil esſe tam inimicum, quam voluptatem. Nec enim libidine dom nante temperantiæ locum esſe; neque omnino in voluptatis regno virtutem posſe conſiſtere quo circa nihil eſſe tam dete - ſtabile, tamque peſtiferum, quam voluptatem, ſi quidem ea, cum major esſet atque longior, omne animi lumen exſtingueret Impedit enim con - ſilium voluptas, rationi inimica, ac mentis præ - ſtringit oculos, nec habet ullum cum virtute commercium.
0

Io. Manlius fuͤhrt in ſeinen Collectaneis Theol. Tom. II. p. 187. ein merckwuͤrdiges Exempel davon an, wie ein ſonſt gelehrter Mann, Namens Helzer, in die Sclaverey dieſer Greuel ſo tieff verfallen war, daß er endlich wegen ver - uͤbter Schandthaten zu Conſtantz dem Hencker in die Haͤnde gefallen. Als dieſer Ungluͤckſelige bereits auf dem Richtplatz war, und eben ſolte abgethan werden; bezeugte er unter andern vor allen Anweſenden, daß er ſich oͤfters entſchloſſen habe, von dieſen Greueln abzuſtehen, und ſich zu GOtt zu wenden: aber er ſey von ihnen, als von ſtarcken Ketten, ſo hart gefangen gehal - ten und verſtrickt worden, daß er nicht habe koͤn - nen los werden, ſondern ſey immer wieder zu -ruͤck79Betrachtung der Unreinigkeit. ruͤck gefallen. Er wolle nun auch willig ſterben, und dem gerechten Gerichte GOttes anheim fallen.

Daß es vermoͤge der gantzen Structur des Coͤrpers natuͤrlich alſo folge, will ich Jhnen bald unten deutlicher weiſen: ietzt aber will Jh - nen nur eine ehrliche Bekentniß eines Men - ſchen, den GOttes Erbarmen draus gerettet hat, zu dem Zweck anfuͤhren.

Derſelbe ſagt: Je weiter und oͤfter ich in dieſer Schandthat fortging, je mehr wurde ich dazu getrieben, und das mit ſolcher Gewalt und Heftigkeit, daß wenn mich nicht die Furcht vor der Obrigkeitlichen Straffe, nemlich Feuer und Schwerdt, davon abgezogen haͤtte, ich in Hu - rerey, Ehebruch, Blutſchande, Sodomiterey, Beſtialitaͤt und andere entſetzliche Schandtha - ten hinein gerathen waͤre. Um der Furcht willen aber, daß man mich gleichwol drum lebendig verbrennen oder mit dem Schwerdt hinrichten wuͤrde, wenn es GOtt aus gerechtem Gerichte lieſſe offenbar werden, hoͤrete das ſchreckliche Treiben der bereits ruinirten Natur nicht auf: ſondern bey allem Graͤmen und Verſuchen mancherley Mittel blieb ich ein Sclave des ſchaͤndlichen Geiſtes, bis mich der GOtt von unbegreiflich langmuͤthiger Barmhertzigkeit zu ſich bekehret, und von meiner gantzen Seele und gantzem Leibe posſeſſion genommen hat. So erfuhrs dieſer gerettete arme Suͤnder, den ich aber ſonſt nicht kenne, und es nur in einem gewiſſen Buch, welches ich wegen anderer Din - ge nicht gerne nennen mag, von ihm geleſen habe.

So76(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche

So erzehlt Geyer in den Betrachtungen von der Allgegenwart GOttes C. 14. p. 239. von einem ſolchen Sclaven des Teufels, Nah - mens Theothymo: welcher, da ihm, nachdem al - les andere vergeblich war, mit vielem Fleiſſe vor - geſtellet wurde, er werde ja bey der greulichen Unzucht nothwendig um ſein Geſichte kommen muͤſſen, dadurch nicht konte beweget werden; ſondern ſich vielmehr ſo fort entſchloß, darin fortzufahren, und eher des erfreulichen Lichtes zu entbehren, ſagte auch dabey: Vale amicum lumen! Adieu du angenehmes Licht der Augen! ſo ihm denn auch wircklich hat Abſchied gegeben. O des Jammers bey einem vernuͤnftigen Menſchen! Ein ſolcher muß ja gewiß in des Satans Ban - den recht gewaltig verſtricket und noch dazu toll und truncken ſeyn, der auch die edelſten Werck - zeuge, die ihm zur Noth und Vergnuͤgung ſo unvergleichlich dienen, mit einer ſo deſperaten Rede von ſich wirft, um doch nur ſeine Luͤſte zu buͤſſen. Das heiſſet recht: Hurerey, Wein und Moſt machen toll. Denn der Hurerey - geiſt verfuͤhret ſie, raubt ihnen das Hertz, den Verſtand, menſchlichen Sinn, Augen und alles Gefuͤhl, das ſie ſonſt noch haͤtten, ſich vor dem Verderben zu huͤten. Hoſ. 4, 11. 12.

Ach mein Freund! iſt denn das vernuͤnftig, oder iſts einem Menſchen, dem allerliebſten Geſchoͤpfe GOttes, anſtaͤndig, oder verantwort - lich, mit offenen Augen, zuſehens, und mit har - tem Wiederſpruch und Schlaͤgen des Gewiſſens in eine immer haͤrtere Gefangenſchaft und Ty -ran -81Betrachtung der Unreinigkeit. ranney des Satans hinein zu gehen? Kann ich doch darauf provociren, daß es Jhnen in dieſer jaͤmmerlichen Dienſtbarkeit wahrlich nicht wohl iſt! Wollen Sie es denn noch ſchlimmer haben? Ach! wie? kann Sie das nicht bewegen, ſich zu dem zu entſchlieſſen, was Jhnen aus treuer Freund - ſchaft in dieſer hoͤchſten Noth gerathen werden wird?

VI.

Sie entkraͤften ihren elenden6) Schluß - folge. Leichnam gewaltſam, und berauben ihn ſeiner beſten Kraft und gehoͤrigen maͤnn - lichen Staͤrcke, ſeiner Nahrung und ge - ziemender Fettigkeit, und auch ſeiner Waͤrme: kraft des 1. 5. und 6. Lehrſatzes. Dis erhellet ſo gar aus der Aehnlichkeit mit den Pflantzen, als welche, ſobald nur ihr Same hervorgekommen, und reiff worden, folglich die Materie, woraus ihr Same erzeuget wird, ver - loren gangen, verdorren und abnehmen, wenn ſie gleich vor aller Kaͤlte verwahret wuͤrden. Man ſiehets bey der Einſammlung des Samens. Der meiſten ihre Blaͤtter werden welck und blaß, fallen endlich nach verlorner Kraft und Ge - ſtalt herab. Eben ſo iſts gantz bekant, daß auch die Wurtzeln der Kraͤuter in ihren mediciniſchen Wirckungen bey weitem nicht mehr ſo kraͤftig ſind, wenn der Same bereits hervorgekommen und reiff worden, als vor dieſem, ehe ihnen die - ſe zum Samen concurrirende Materie entzogen war.

Sie koͤnnen leicht erachten, daß, wenn SieI. Th. Betr. der Unreinigk. Fdie82(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchedie beſte balſamiſche Lebenskraft (die aus der - jenigen Materie, ſo am vollkommenſten nehret, erzeuget wird, und die durch ihren Zuruͤckfluß ins Gebluͤt den gantzen Leib munter, behertzt, friſch, ſehr ſtarck und warm machet,) verſchwen - den, daß Sie hiemit auch bemeldte 3. Stuͤcke, die Jhnen doch ſo lieb, und an denen Jhnen doch ſo viel gelegen, an ihrem eigenen Coͤrper ruiniren; beſonders wenn noch uͤber dieſes eine ſchwere Arbeit des Gemuͤthes, Sorgen, Graͤ - men, Schlaffloſigkeit, Unruhe des Gemuͤthes und des Leibes und dergleichen mit dabey ver - knuͤpfet iſt. Clemens Alexandrinus ſpricht: diejenigen, welche wie die Boͤcke auf die ſchaͤnd - lichen Wohlluͤſte verfallen ſind, ſchaͤnden ihren Leib, und machen ihn gleichſam infam und ent - ehret. Sie genieſſen einer kurtzen (viehiſchen) Luſt: aber ſie bedencken nicht, daß ihr Coͤrper, der ſo ſchon von Natur hinfaͤllig iſt, ausgemer - gelt, entkraͤftet und hingerichtet wird. Jhre Seele aber iſt in dem Koth der Suͤnden gantz verſchlemmt und vergraben, als ſolcher Leute, die nur den Trieben und harten Tyranney ih - res eigenen Willens folgen. Denn dieſe Feinde (meinet die Luͤſte des Fleiſches) ſind gar grob und heftiger als die Weſpen; ſie ſtechen und beiſſen nicht allein am Tage: ſondern ſie lauren auch des Nachts, und paſſen ihren Scla - ven durch Traͤume und allerley Blendwercke auf, um ſie durch ihre Lockſpeiſen zu beruͤcken.

Und dis iſt eine ſo weltkuͤndige Sache, daß ſo gar durch oͤffentliche Geſetze unter gantzenNa -83Betrachtung der Unreinigkeit. Nationen ausgemacht und verhuͤtet iſt: es muͤ - ſten junge Leute nicht eher zuſammen gegeben werden, bis der Leib gantz ausgewachſen und ſeine voͤllige Kraͤfte erreichet hat. So hat man auch Exempel, daß Hunde durch uͤbermaͤßige Geilheit dermaſſen ſind ausgemergelt und hin - gerichtet, grindig und hager, jaͤmmerlich und greulich worden, daß ſie zuletzt nicht mehr auf den Fuͤſſen ſtehen konten. Daher heiſſet die geile Luſt bey den Medicis medulliſorba, die Marck - und Saftverzehrerin. Denn wie Feuer am Holtz und Stroh, ſo friſſet Sie am Coͤrper, und richtet den Menſchen ſo zu, daß er Kraft und Staͤrcke, Geſtalt und Schoͤnheit verlieret. Man kann es manchem Menſchen an ſeinem Geſicht, Ruͤcken, Lenden und Waden augen - ſcheinlich anſehen, und an den Haͤnden anfuͤh - len, wenn er in derſelben ſtecket. Denn ſie macht ſeinen Leib weichlich und ungeſund, ver - zehret dazu das Fett und Fleiſch, macht ihn un - ſcheinbar, geſchlang, hager, wanckend und unge - ſtalt an Waden und Lenden. Sie iſt um deſto gefaͤhrlicher mit ihrem Schaden, weil ſie im An - fang ſo wohl dem Patienten als dem Medico verborgen und unmercklich bleibet. Jnsgemein und anfaͤnglich haͤlt man die Zufaͤlle, die ſie zu - ziehet, nur fuͤr eine Zaͤrtlichkeit der Natur: aber nachhero weiſet ſichs anders, wenn das Ab - nehmen und Verfallen des Leibes eine Weile angehalten. Der Puls gehet geſchwind, und doch ſchwach. Der Leib iſt manchmal heiß, ſon - derlich in Haͤnden; und die fliegende Hitze machtF 2oͤf -84(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheoͤfters, ſonderlich nach der Mahlzeit, rothe Ba - cken, einen Schweiß in der flachen Hand, und trocknen Mund ꝛc. Dis ſind doch gleichwol greifli - che Proben, wie gewaltig der arme Coͤrper muͤſſe mitgenommen und geſchwaͤchet worden ſeyn, wenn er in einer ſolchen Mattigkeit und durch - gaͤngigen Jrregularitaͤt angetroffen wird. Vom Carolo II. mit dem Zunahmen und in der That malo, Koͤnige in Navarra, wird erzehlet, er ha - be ſeinen Leib durch die geile Luſt und Unreinig - keit ſo ruiniret, daß er ſich endlich nicht mehr erwaͤrmen konte: ſondern ſich mit warmen Tuͤ - chern, ſo mit ſtarckem Brandtwein benetzet wa - ren, umlegen laſſen muſte. Welchem elenden Behelf denn der gerechte GOtt nicht lange zu - geſehen hat; immaſſen er a. 1387. in ſolchen Tuͤchern mit jaͤmmerlichem Geſchrey und Pein, da der Brandtewein aus Unvorſichtigkeit ent - zuͤndet worden, eine gute Weile brennen und braten, ſieben Tage darauf aber ſeinen unſeli - gen Geiſt aufgeben muſte. Siehe der allgemeinen Chronic V. Theil. fol. 559.

Was meinen Sie, mein Freund, ob Jhnen dergleichen Fruͤchte der Unkeuſchheit, wenn Sie nun auch gleich noch im niedrigſten Grad uͤber Sie kommen moͤchten, gefallen wuͤrden? Wie wuͤrde Sie das ſchmertzen, und vor jederman, der es nur verſtehet, und von Jhnen alſo ur - theilen kann, allemal ſchamroth machen: wenn Sie ſo kraftlos, hager und abgefallen, blaßgelb und ungeſtalt vor andern erſcheinen, und ſich ſelbſten ſo anfuͤhlen muͤſten? Denn Sie muͤſſendoch85Betrachtung der Unreinigkeit. doch gedencken, daß es Jhnen andere Leute an - ſehen, und an Jhrem aͤuſſern Anblick, fluͤchti - gen und unbeſtaͤndigen Augen, entſetzlicher Fladderhaftigkeit, zuweilen auch wegen Gewiſ - ſenspein in eignen Gedancken vertieften We - ſen, oͤfterer Conſternation und verzagter Ver - wirrung des Gemuͤths, oder im Gegentheil an einer unertraͤglichen Unverſchaͤmtheit, an einem gantz wunderlichen und uͤberaus wiedrigen Ge - ruch, und andern ſolchen unausbleiblichen Um - ſtaͤnden und Folgen gantz eigentlich mercken koͤn - nen: Sie muͤſten von Jhrem Gewiſſen in einer Schandthat entweder jetzo gleich ergriffen wor - den ſeyn, oder doch unter der abſcheulichen Sclaverey der Wohlluͤſte ſtecken!

Dis kann Sie ja vor allen ehrbaren Men - ſchen ſo veraͤchtlich, ſo unleidlich, und ſo abomi - nable machen: daß wenn Sie einer auch zum er - ſtenmal ſein Lebenlang ſiehet, er bald aus dieſen Umſtaͤnden, und dem unſichtbarer Weiſe uͤber Jhnen ſchwebenden hoͤchſten Mißfallen und Fluch GOttes, Sie verabſcheuen und fliehen muß, ohne zu wiſſen warum? Wenn Sie ſich nun auch bey ſolchen Faͤllen gerne verbergen, und verſtaͤndigen Leuten nicht viel vor Augen kommen wolten, daß man es Jhnen nicht etwa anſehe: ſo behalten Sie doch Jhren Wurm in ſich, der am Gewiſſen ſo wohl als an Jhrem Leibe naget, und die edelſten Kraͤfte Jhres Le - bens unvermerckt verzehret.

Jch muß es Jhnen nur deutlich herausſa - gen: Wenn Sie bey Jhrem bisherigen ſchand -F 3ba -86(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchebaren Weſen nicht durch uͤberfluͤßige und delica - te Nahrung, Muͤßiggang, oder doch wenige Ar - beit, und vielen Schlaff waͤren unterſtuͤtzet, und das verſchwendete mit einem andern, obgleich weit ſchlimmern und unedlern liquore immer waͤre erſetzet worden: ſo wuͤrde man es an Jh - rem aͤuſſerlichen Anblick und Geſtalt noch wol weit mercklicher wahrnehmen koͤnnen, was lei - der vorgegangen, als es etwa ietzo noch man - cher, der es nicht weiß, nicht ſo obſerviren kann. Daß aber erzehlte Dinge natuͤrlicher Weiſe nothwendig auf die Geilheit und ſchaͤndliche Brunſt folgen muͤſſen, koͤnnen Sie aus den Gruͤnden der Anatomie und Hydroſtatic mit vollkommener Gewißheit begreiffen, und wird auch aus dem folgenden noch mehr offenbar; nemlich

VII.

7) Schluß - folge.
5

Sie thun allen vaſis ſpermaticis und denjenigen Werkzeugen, ſo Jhnen der Allerhoͤchſte zur Fortpflantzung ih - res Geſchlechts wunderbarlich gebildet und verliehen, die groͤſte Gewalt an; und ruiniren dieſelben dermaſſen, daß der Schade Zeit Lebens nicht mehr wird zu erſetzen ſeyn. Die ſubtilſten Gaͤnge in den teſtibus ſind nichts anders als fortgehende Aeſte und Zweiglein von den Pulsadern; nur wunderbar in - und durch einander gewunden. Wenn nun durch die geile Brunſt, oder andere Hitze, (beſonders durch viel Speiſe, und oͤfters ſtarckes Getraͤncke,) das Gebluͤte ins Wallenge -87Betrachtung der Unreinigkeit. gebracht wird: ſo wird es durch die arterias ſpermaticas gewaltig in die teſticulos hineinge - preſſet und getrieben; (kraft des 2. und 4ten Lehrſatzes) und dadurch muͤſſen derſelben zarte Canaͤlchen

  • 1) nothwendig zu ſchlapp gemacht, und nach hero
  • 2) deſtomehr erweitert, und aus ein - ander gedehnet werden. Daher wird denn, weil die Gefaͤſſe oͤfters ausgeleert werden
  • 3) auch eine viel groͤſſere Menge von dem beſten nahrhaften Gebluͤte hieher - gebracht, und dem Leibe entzogen; dazu
  • 4) wird es hie nicht gnugſam ausgeſon - dert und gereiniget: ſondern weil es die vaſa deferentia und die veſiculas ſeminales immer ausgeleeret findet, ſo koͤmts durch das ſonſt ſo ſehr lange und wunderbare Convolut geſchwin - de durch; zumalen es von dem ſtets nachſtoſſen - den Gebluͤt fortgetrieben wird. Und weil hier - durch.
  • 5) Die vaſa præparantia bereits zu ſehr er - weitert, und zur Praͤparirung eines rechten und fruchtbaren Samens gantz verderbet, und un - tuͤchtig gemacht worden ſind: ſo kann kein rechtſchaffener Samen mehr erzeuget werden; ſondern es drenget ſich der grobe li - quor ſeminalis alſobald durch, ja flieſſet wohl bey denen, die auf eine uͤber viehiſche Art (denn wo hat das Vieh ein ſolches je gethan?) wieder ihren Coͤrper wuͤten, pures Blut ſtatt des Samens hervor. Zumalen
F 46) auch88(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche
  • 6) auch die kleinen Fallen, die vor den Oeffnungen der ductuum aus den veſiculis ſe - minalibus ſtehen, und ſie verſchlieſſen, dadurch auch ſehr relaxiret worden ſind; daß ſie nicht mehr feſt zuſammen ſchlieſſen, und ihn zuruͤck halten: daher er denn von ſelbſten her - aus flieſſen muß, davon bald ein mehrers. Noch uͤberdis
  • 7) da zur Elaborirung des Samens, eben ſo wie zu ſeiner Excretion, eine ziemliche Quan - titaͤt vom fluido nerveo zuflieſſen muß: ſo muß nothwendig bey deſſelben uͤbermaͤßigen, un - gleichen und gewaltſamen Secretion und Zubereitung allzuviel von den Le - bensgeiſtern concurriren; und alſo auch hierdurch dem Coͤrper die noͤthige Kraft entzo - gen werden. Und was das allervornehmſte und gefaͤhrlichſte iſt, ſo muͤſſen
  • 8) die ſehr zarten Canaͤlchen, dadurch ſonſt ordentlicher Weiſe der wohl praͤ - parirte Same wieder ins Gebluͤte (kraft des 6ten Lehrſatzes) ad ductum thoracicum gebracht wird, nothwendig zuſammen - fallen und vergehen: theils weil ſie von den andern durch das haͤuffig eindringende Gebluͤt aufgetriebenen Blutgefaͤſſen verdruͤcket werden; theils weil kein Same mehr durch ſie weiter flieſſet; (immaſſen er zu grob dazu iſt, und natuͤr - lich eher da herauskommet, wo er eine weitere Eroͤffnung findet, und wohin er auch mit groͤ - ſter Violirung der Natur getrieben wird;) theils, weil ſie durch die continuirende Hitze der Wohlluͤ -ſti -89Betrachtung der Unreinigkeit. ſtigen vertrocknen und verſchrumpfen muͤſſen. Was hieraus fuͤr Noth und Schade erwachſe, der oft unmoͤglich mehr zu heben, ſollen Sie unten ſehen.
  • 9) Es ſind ſechszenerley Hauptaͤſte von Blut - und andern Gefaͤſſen, die alle nach dem einigen maͤnnlichen Gliede zulauffen, theils das Gebluͤt herzu - und abzufuͤhren, theils das Glied zu ſpannen und ſtarrend zu machen; nemlich 6. in - nere und 1. aͤuſſere Blutader, 2. Pulsadern und 3. Nerven, nebſt noch 2. Puls - und 2. Blutadern, die nur zum hintern Theil deſſelben oder dem bulbo gehoͤren. Welch eine Macht von Blut muß da nicht herein getrieben werden! mit welchem Ungeſtuͤm und groſſer Gewalt! welch ein ſtarckes Spannen und Aufziehen muß da nicht oͤfters geſchehen! Da nun das Gebluͤt durch die Pulsadern allzuhaͤuffig, allzuheftig, und allzu oft in die 2. ſchwammichten Theile des Gliedes getrieben wird, und durch die venas we - gen des groſſen Spannens der Nerven, (die den ſchwammichten Theil ſtarck zuſammenziehen, und den Ruͤckfluß verſchlieſſen und hindern,) nicht gnugſam wieder abflieſſen kann noch ſoll: ſo entſtehet daraus ein ſolcher habituel - ler Status und Situs des Gliedes, der recht greulich iſt, und wenn er lange fortwaͤhret, und oͤfters wiederholet wird, in eine ſehr be - ſchwerliche Kranckheit hinauskommt, die bey den Medicis Satyriaſis genennet wird; oder in eine noch viel ſchlimmere, den Priapiſmum, da daſ - ſelbe mit recht hoͤlliſchen Schmertzen aus einan -F 5der90(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheder getrieben und gezerret wird, auch den Ge - brauch der ehelichen Wercke gaͤntzlich aufhebet. Jn Satyriaſi iſt aber der Zuſtand deſſelben ſo beſchaffen, daß der Same auch ohne Willen und ohne einige Reitzung zuweilen hervorkommen muß, und den Menſchen vor GOtt und der Welt ſtinckend machet.

Mein Freund! wie iſt Jhnen doch dabey zu muthe? Wie? wenn Sie nun ſchon ſo zugerich - tet waͤren? O ſolten Sie nicht alſofort den Augenblick und an der Stelle auf ihre Knie fal - len, und dem allerhoͤchſten GOtt ehrerbietig da - fuͤr dancken, daß er ſolche Straffen bis ietzo noch aus erbarmender Liebe aufgehalten; und laͤſſet Sie nun noch ſo treulich warnen, daß Sie nicht endlich doch hinein verfallen! Sie ſinds aber noch lange nicht alle; denn bleiben Sie hinfort noch in ihrer Luſtſeuche, ſo

8) Schluß - folge.
5

8) thun Sie Jhren Augen und Jhrem Hertzen, zweyen ſo vortreflichen Theilen Jhres Coͤrpers, ſo wie zuvor von allen vaſis ſpermaticis erwieſen, die groͤſte Ge - walt an. Von den Augen zeigt es leider ſo wohl die Erfahrung mancher jungen Leute, (welche, ob ſie gleich weder durch die Verwoͤhnung, noch durch viel naͤchtliches Leſen, und Schreiben einer kleinen Schrift, noch auf andere ſehr merckliche Weiſe dazu einigen Anlaß gegeben, kleine und weit entfernte Sachen lange nicht ſo gut ſehen und unterſcheiden koͤnnen, als ſie vor - her konten) als auch die vor angefuͤhrte Raſe -rey91Betrachtung der Unreinigkeit. rey Theothymi. Es laͤßt ſich aber a priori, wenn gleich noch keine Erfahrung davon in der Welt vorhanden waͤre, leicht begreiffen. Weil die Officin der Lebensgeiſter und des Samens einen unmittelbaren conſenſum mit einander haben; beyde liquores aus einerley Materie er - zeuget werden; und zu des Samens Erzeugung und Excretion eine ſehr merckliche Portion der Lebensgeiſter angewendet wird: (kraft des 1. und 4ten Lehrſatzes) ſo muß ein groſſer Theil der Le - bensgeiſter dem gantzen Coͤrper, und ſonderlich deſſen vornehmſten Theilen, dem Gehirn und al - len Sinnen, entgehen. Da nun aber die Schaͤr - fe und Schwaͤche des Geſichtes von der Quan - titaͤt und Qualitaͤt der Lebensgeiſter mit depen - diret, eben ſo wohl wie die Schaͤrfe des Ver - ſtandes: ſo iſt je unleugbar, daß bey deren Ver - minderung und Corruption auch die Augen ver - derbt werden muͤſſen.

Das Hertz muß in Jhrem Leibe den Umlauf des Gebluͤtes, folglich die vornehmſte Verrich - tung, ſo in einem lebendigen Leibe geſchiehet, treiben und reguliren. Es hat und beweiſet un - ausgeſetzt eine ſo erſtaunenswuͤrdige Kraft, die allen Begrif uͤberſteiget. Es iſt die allerſtaͤrckſte Wunderpreſſe, die die groͤſten Laſten forciret und forttreibet, und kehret niemals um, hoͤret auch Zeit Lebens nicht auf. Soll die groſſe Menge Bluts, die in Jhrem Leibe iſt, alle Aederchen hindurch bey jedem Pulsſchlag weiter fortgetrie - ben werden, und alſo ihr Leben vermittelſt die - ſes Kreislauffs ſtehen bleiben: ſo muß das Hertzſich92(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheſich ſo gewaltſam zuſammen ziehen und das in beyden Hertzenskammern befindliche Blut fort - preſſen, als wenn achtzehen hundert Centner drauf druͤckten. Weil nun der Kreislauff nicht aufhoͤret, und der Puls immer ſchlaͤgt: ſo muß Jhr Hertz innerhalb 24. Stunden 32400000. oder uͤber zwey und dreyßig Millionen Centner forciren und fortpreſſen koͤnnen; und ſo viel alle Tage Jhres Lebens hindurch. Haben Sie Luſt und Nachdenckens genug zu einer ſolchen Un - terſuchung und Berechnung: (Sie ſollens aber ha - ben, ſofern Sie an dem Ueberſchlag mit Recht zweifeln wollen) ſo leſen Sie mit Nachſinnen, was Borellus in ſeinem wichtigen Buch de motu animalium, oder im kurtzen Begriff M. Silveſter Henr. Schmidt, geweſter wohlverdienter Rector bey der ehemaligen Fuͤrſtenſchule zu Heilsbrunn, in ſeinem Buch von der wunderſamen Macht der Muſculn 1706. fol. davon geſchrieben; und verehren die daraus hervorſtrahlende Herr - lichkeit GOttes mit heiliger Bewunderung und Anbetung. Eben dieſe Wundermachine, ich meine das Hertz, iſt das allererſte geweſen, ſo ſich in Jhnen angefangen hat zu regen, da Jhr gantzer Leib in ſeinem runden Haͤuslein noch nicht wie eine Ameiſe groß war, und nur als kleine Faͤſerchen in ſeinem Schleim und garſti - gen Unflat herumgeſchwommen; es wird auch unter allen zuletzt aufhoͤren.

Nun ſehen Sie und hoͤren Sie! Eben dis wunderbare Meiſterſtuͤck Jhres GOttes, die Grundſtuͤtze und das Triebwerk Jhres Lebens,un -93Betrachtung der Unreinigkeit. unterminiren Sie, und machens einer bloß vie - hiſchen Luſt zu liebe baufaͤllig, zu Jhrem eignen groͤſten Schaden. Koͤnnen Sie es noch nicht be - greifen, wie? wolan! mercken ſie wohl auf. Es hengt Jhr Hertz in ſeiner Haut, dem pericardio, gantz ſchlapp und frey, und wird von der weni - gen aqua pericardii genetzet, daß es ſich deſto leichter bewegen koͤnne, und ſich nicht reiben duͤr - fe. Wie aber in der groſſen Welt auf viele Hi - tze endlich eine Doͤrre und Vertrocknung noth - wendig folget: ſo iſts auch im Leibe. Der li - quor pericardii wird, wie andere humores (als der Nahrungsſaft, das Fett ꝛc. ) durch die geile Brunſt und Hitze verzehret, viele ſubtile Ca - naͤlchen verſchrumpft, und alle Bewegungen wegen ermangelnder Feuchtigkeit und aneinan - der Reibens ſehr verhindert und ſchmertzlich ge - macht; da denn inſonderheit das Hertz, die Re - ſidentz des menſchlichen Lebens, bey ſeiner entſetz - lich ſtarcken Arbeit ſehr viel ausſtehen muß.

Naͤchſt dem iſt vorhin ſchon ausgemacht worden, daß bey ieder eiaculatione ſeminis theils ſehr viele Lebensgeiſter verloren gehen; theils das gantze Syſtema nervorum im gantzen Leibe gewaltig muͤſſe geſpannt und erſchuͤttert werden, daß es faſt eine Art von einer Convul - ſion abgibt. Da nun die regulaire und gleich - foͤrmige Bewegung des Hertzens von dem re - gulairen und gleichfoͤrmigen Einfluß der Lebens - geiſter nothwendig dependiren muß, und alle ge - waltſame und ungleiche Spannung und Zucken der Nerven in dieſer Bewegung des Hertzensauch94(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheauch nothwendig allerley Ungleichheiten und Forcirung verurſachet: ſo iſt leicht zu erachten, was nach und nach aus dieſer violenta, ſpaſtica et convulſiva partium nervearum ſtrictura, (juſt da, wo die meiſten Nerven beyſammen ſeyn muͤſſen,) und aus den crebrioribus ſtimulis, ir - regulares et præternaturales motus provo - cantibus, endlich erfolgen muͤſſe. Ueber dieſes ſchlaͤgt manchen das Gewiſſen ſeiner Greuel we - gen, und beſtraffet ihn, ſo hart daß er verzweifeln moͤchte; ia auch ſeine Traͤume hal - ten ihn in Furcht, Bangigkeit und Schrecken feſte: da es ihm zum Exempel vorkommt, die Teufel jagten oder griffen ihn, er werde zum Gal - gen hinaus gefuͤhret, um gerichtet zu werden, oder er werde vor das Juͤngſte Gericht gefor - dert, und anders mehr. Da nun aber eine gantz notoriſche Sache iſt, daß alles, was das Hertz aͤngſtet, und inſonderheit eine ſo continuirliche und oft wiederkommende Unruhe und Schre - cken im Gemuͤth verurſacht, einen motum cor - dis ſubſultorium und convulſivum nach ſich zie - het: ſo muß denn nothwendig ein Zittern des Hertzens erfolgen, und dabey oft ein ſo ſtarckes Hertzklopfen, daß man es bey manchem wol an der Seite hoͤren kann, und die Ribben in die Hoͤhe treten; naͤchſt dem auch eine Ermattung des Hertzens, folglich des gantzen Umlauffs des Gebluͤts und anderes mehr, unfehlbar daraus entſtehen. Kommt denn durch abermalige Brunſt und drauf folgende ſchreckliche Gewiſ - ſenspein (wenn ſonderlich auch ſchon das Ge -bluͤt95Betrachtung der Unreinigkeit. bluͤt zu ſcharf und ſcorbutiſch worden iſt, und vor ſich ſelbſt das Hertze beiſſet und brennet,) ein abermaliger heftiger Anfall von Furcht und Unruhe: ſo kann die Syſtole und Diaſtole des Hertzens, die kurtz vorher gantz matt gegangen, nun bald allzuheftig werden; ſonderlich, wenn irgend noch Zorn oder andere ſtarcke Affecten dazu ſchlagen: und das iſt ein dermaſſen ge - faͤhrlicher Stand, daß ein ſolcher armer Suͤnder beſtaͤndig der Gefahr eines ſchnellen Todes, der Schlagfluͤſſe, der ſchweren Noth und gaͤntzlichen Verderbens unterworfen ſeyn muß. Summa, es iſt keine Suͤnde in der Welt, die ihren Nachrichter ſo augenſcheinlich mit ſich fuͤhret, als die geile Brunſt.

Lieber Freund! ach wollen Sie ſich denn die Suͤnde und alles Ungluͤck, Jhr eigen Verder - ben und den gerechteſten Todesſententz ſo theuer erkauffen? Wie? wollen Sie denn Jhre edlen Leibes - und Lebenskraͤfte, die dem ewigen GOtt geheiliget ſeyn ſollen, um eines ſo liederlichen, ſtinckenden und abſcheulichen Dinges willen hin - geben; welches, ſo bald es begangen, nichts als eine jaͤmmerliche Empfindung der Schuld, der Schande und des Schadens nach ſich ziehen kann? Nun iſts Zeit, daß Sie ſich bedencken, wozu ſie ſich reſolviren wollen. Da die Wohl - luſt, ſaget Iſidorus Peluſiota, ein Kirchenlehrer im 5. Seculo Lib. I. Ep. 135. et 433. ſo ge - wiß die Leibes-als die Seelenkraͤfte verdirbt und zu Grunde richtet; da ſie ihre Sclaven jedermann zum Spott und Hohn (oft auchzum96(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche zum klaͤglichſten Spectacul) darſtellet, wie es der blind gemachte Simſon, der groſſe Alexan - der, Hannibal, Iul. Cæſar und viele hundert andere weltberuͤhmte Helden mit ihren Exem - peln beſtaͤttigen: Mein! warum ladeſt du dir doch eine ſolche Sclaverey muthwillig auf den Hals, und bewahreſt die muntern Kraͤfte der Natur nicht lieber unverſehrt und vollkommen? Warum gibſt du dich doch den laſterhaften Paſ - ſionen ſo freywillig zum Unterthanen hin, daß ſie dich ruiniren koͤnnen? Warum betruͤbeſt du deinen GOtt und Heiland, der dir zu Liebe in ſeinem Leben nicht hatte, wo er ſein Haupt hin - legen moͤchte? Warum machſt du uns, die wir fuͤr dein Heil und Leben ſo beten und ringen, unſer Amt und Leben ſo ſchwer, und thuſt dir ſelber das groͤſte Unrecht und einen unvermeid - lichen Schaden an? Ey lieber! wenn die Luſt des Fleiſches wieder dich aufſtehet, dich zu be - ſtreiten, und du haſt ſie etwa durch deine Faul - heit ſelber gereitzt und angeflammt: ſo ſtelle ihr nur das Angedencken jener ewigen Flammen ernſtlich vor, daß ihr Feuer wieder verloͤſche: denn die geile Brunſt dieſes Lebens fuͤhret ſchnurſtracks zu jener ewigen Glut hin. Aber des Elendes iſt noch kein Ende. Wollen Sie ſich dieſe verdammliche Luſt ferner gefallen laſ - ſen, ſo

IX.

9) Schluß - folge.
5

legen ſie hiemit einen unumſtoͤß - lichen Grund zu einer elenden Sclave - rey, und Zeit Lebens fortwaͤhrendenVer -97Betrachtung der Unreinigkeit. Verunreinigung, machen ſich auch hier - mit ſchuldig fuͤr alle aus der Luſtſeuche, vermoͤge der natuͤrlichen Nothwendig - keit folgende Dinge zu ſtehen; ja alle daher kommende Suͤnden, und alles taͤg - lich zunehmende Verderben auf ſich zu nehmen. Ach! wie wuͤnſchte ich, daß Sie das vor allen andern Motiven zu Hertzen nehmen wolten! Aus dem 4ten und 6ten Lehrſatze und der 7ten Schlußfolge, (welche beyde Sie doch in moͤglichſter Schaͤrfe uͤberlegen ſolten,) koͤn - nen Sie es augenſcheinlich ſehen, welch eine Gewaltthaͤtigkeit Sie uͤber ihren armen Coͤrper und gantze Natur ſo eigenmaͤchtig ausuͤben. Sie ſetzen ſie in ſo ein verwoͤhntes und unabweisliches Verderben, daß der ein - mal dergeſtalt aufgebrachte und in voͤl - lige Herrſchaft geſetzte Trieb der Natur in ſeiner Gewaltſamkeit und heftigen Un - ordnung allerdings wird bleiben wol - len. Wie Sie anfangs die Natur forciret ha - ben, ſo wird ſie Sie wieder forciren, und Jhnen ſo viel Gewalt anthun, daß Sie vor heftigen Trieben und Reitzungen dieſer Luſtſeuche nicht wiſſen werden, wie ſich zu rathen; zumal, wenn Sie dabey nebſt einer uͤbermaͤßigen Traͤgheit, viel Spannens und Schmertzen an den Nerven und in den Lenden werden zu empfinden haben.

Aus ſolchen Zufaͤllen und Jrregulari - taͤten werden Sie denn leicht auf den an ſich grundfalſchen und hoͤchſtverderbli - chen, auch in der That unvernuͤnftigenI. Th. Betr. der Unreinigk. GWahn98(I. Th.) Anatomiſch-MediciniſcheWahn koͤnnen koͤmmen: es muͤſſe wol der Geſundheit zutraͤglich ſeyn, wenn man ſich auf mo - derate Weiſe von dem Ueberfluß des Samens und deſſen gewaltſamen Trieben entlediget. Zu - erſt wirds nur ein kleiner Gedancke, eine furcht - ſame Muthmaſſung, eine Verſuchung ſeyn: weiterhin machts der Satan ſeinen gehorſamen Dienern zum principio, daß ſie es halb und halb glauben, um vor der Gewiſſenspein hinter dieſem Schilde ſicherer zu ſeyn. Suͤndigen ſie dann doch wieder das aͤngſtliche und mit Furcht zeugende Gewiſſen weiter fort: ſo nehmen ſie es zuletzt fuͤr gantz allgemein und ausgemacht an, und ſuchen Gruͤnde zum Erweis zuſammen, ſo viel als moͤglich. Denn ſo wird das Gewiſſen nach und nach vom Thron geſtuͤrtzet, und der Verſtand in geiſtlichen Dingen wahnſinnig und verkehrt, wie GOtt bezeuget Roͤm. 1, 28 32. Man denckt weiter nicht groß an die Folgen; er - klaͤrt ſich nicht, wie man das Ding eigentlich meine, und verſtanden wiſſen wolle; zeigt nicht an, in welchen Faͤllen etwa dis monſtreuſe prin - cipium, desgleichen unter allen lebendigen Ge - ſchoͤpfen in vita animali aus keiner Obſervation oder Erfahrung zu erzwingen iſt, koͤnte entſchul - digt werden. Nein! dergleichen iſt nirgends nichts zu finden; man ſoll eine allgemeine Un - wahrheit und Verfuͤhrung (aber ach wie theuer! mit was fuͤr einem groſſen Aufwand und Ver - luſt! zu was fuͤr einer groſſen Proſtitution des gantzen menſchlichen Geſchlechts!) nur ſo hin unerwieſen annehmen: Luͤgen, welche die gan -tze99Betrachtung der Unreinigkeit. tze Welt verderben koͤnnen, ſoll man fuͤr Grund - ſaͤtze und ausgemachte Sachen, die keines Er - weiſes mehr beduͤrfen, paßiren laſſen: und da - gegen die erſten Grundwahrheiten der chriſtli - chen Religion, die allerdeutlichſten und hoͤchſten Befehle des ſeligſten GOttes, die ieder ins Hertz geſchrieben zur Welt zum Theil mit bringt, ſoll man erſt durch gehaͤuffte ſyſtemata ſyllogiſmo - rum erweiſen! Man ſoll dem Verſtande durch weitlaͤuftige und abſtracte Erweiſe die groͤſte Muͤhe machen, und ihn erſt gantz abmatten, ehe ers gantz begreiffet: damit die Kraft der Wahrheit um deſto weniger in den Willen drin - gen, und ihn ja nicht leichtlich zum Gehorſam der Wahrheit bringen koͤnne: Grundverderbli - che Lehren aber ſollen nur ſo hin geſagt und nicht einmal erklaͤrt, geſchweige denn erwieſen ſeyn; und alle Welt glaubt ſie ungefragt: Jſt das nicht des Satans ſeine Billigkeit? *Der Auctor hat nicht gantz unrecht, daß er den Exceß und die libidinem demonſtrandi in leicht faßlichen und ohnehin unleugbaren Sachen, be - ſonders in goͤttlichen Wahrheiten, bey der Gele - genheit fuͤr unbillig erklaͤret. Man thut ſo wol im Fordern als im Bemuͤhen, dergleichen gekuͤn - ſtelte Erweiſe zu geben, der Sache zu viel. Bey den Forderern iſt die raiſonnableſte Gegenforde - rung, Joh. 7, 17. Thue nur erſt das, was du ſchon erkenneſt und annimmſt: GOtt kann ſei - ne Forderungen auch wol unerwieſen an dich thun. Bey den disfaͤlligen oft ſehr unzeitigen Bemuͤ - hungen iſt ein miſerabler und ſchaͤdlicher Zeitver - derb. Denn auſſer dem, daß dis gantz gewiß iſt: ſo viel laͤnger und gewaltſamer der fluͤchtige Ver - ſtand forciret wird abſtracte Demonſtrationen und in langen Reihen kettenweiſe an einander han - gende Schluͤſſe zu begreiffen, ſo viel wird das gantze Gemuͤth geſchwaͤchet, unluſtig, verdrieß - lich und matter, die Kraft der Wahrheit im Wil - len zu empfinden, und ſtarck davon beweget zu werden, es betreffe welcherley Wahrheiten es wolle: ſo iſt dieſe Folge in goͤttlichen Wahrhei - ten noch am allernothwendigſten. Dem natuͤrlichen Menſchen iſt es am wenigſten gelegen, in goͤttli - chen Dingen ſich viel Gewalt anzuthun, etwas abſtract zu begreiffen und in groſſen Reihen von Schluͤſſen einzuſehen. Und wie viel Tuͤchtigkeit hat er denn dazu? wie ſtehet ihm denn ſein Sinn zu geiſtlichen und goͤttlichen Dingen? 1 Cor. 1. und 2, 14. ſqq. und Roͤm. 1, 28. ſeqq. ſaget esklar heraus.Und was fuͤr eine Noth treibet denn die Welt, der - gleichen Lehren oͤffentlich zu treiben? Jſt es erſt noͤthig, ſich viel Muͤhe zu geben, wie man einen Dieb ſtehlen, oder einen tuͤckiſchen Luͤgner Luͤgen lehre? Gerade als wenn es noch ſo ſehr noͤthig waͤre, Gottloſigkeiten und Laſter erſt durch irri - ge Lehren und principia auszubreiten; die ver - derbte Natur waͤre nicht ſchon vorhin und ohne principia aufgelegt genug dazu. O wehe der Welt der Aergerniß halben! Es hat der Satan in dieſem unrichtigen und noch unrichtiger ver - ſtandenen Wahn einige ſeiner groͤſten Kuͤnſte und Gewaltthaͤtigkeiten gegen das Reich GOt -G 2tes100(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchetes unter einem gewiſſen Schein ausgeſonnen und verborgen. Damit Sie dieſes handgreif - lich und mit rechter Gewißheit einſehen koͤnnen: ſo muß ichs etwas umſtaͤndlicher ausfuͤhren, und ſo dann koͤnnen Sie dißfalls keine Ent - ſchuldigung haben.

( Hiel -101Betrachtung der Unreinigkeit.

( Hielte man es z. E. nicht fuͤr unbillig, ja einfaͤltig, wenn ein wilder Americaner, der erſt nach Teutſchland herkommt, und ſein Tage nichts von Regierungs - formen gehoͤret und geſehen, oder wol gar ſich nicht einmal einen Begriff davon zu machen capable iſt, ſich erſt ausnehmen wolte, uͤber die Staatsverfaſ - ſung des Teutſchen Reichs viel zu critiſiren oder ſich gar druͤber aufzuhalten? Woher kann ihm denn das Vermoͤgen folglich auch das Recht zu dieſer Cri - tic kommen? Ja fiele es einem erfahrnen Statiſten wol ertraͤglich, dieſes Jgnoranten ſeine Americaniſchen ſtumpfen, duncklen, verworrnen und ſeltſamen Ge - danken davon nur zu hoͤren und zu dulden? Ein Blinder von der Farbe! Juſt ſo gemahnet mich das vermeinte Recht und Vermoͤgen, in den Reichsſa - chen GOttes zu wiſſen und zu critiſiren, derer, die ſichs unbillig anmaſſen, und haben davon ihr Tage nichts gehoͤret noch geſehen, das iſt, in ihrem eignen Hertzen nichts erfahren oder empfunden, Joh. 3, 3. 6. nur daß der letztern ihre Einfalt und Unbilligkeit ſo viel hoͤher ſeyn muß, als des Americaners ſeine unverſtaͤndige Arrogantz, als viel hoͤher goͤttliche Dinge ſeyn muͤſſen, denn der kleinen Menſchen klein Gemaͤchte.)

Warum will man alſo einen Menſchen mit zehen - fach ſchwereren Dingen plagen, und ihn von der Anhoͤrung und Annehmung der Sache ſelbſt durch den Vortrag derſelben abhalten, da ihm das einfa - che ſchon zu viel und zu ſchwer iſt? Warum den Ver - ſtand unnoͤthig abmatten, damit der Wille deſto un - faͤhiger werde, ſich reſolut zu etwas zu neigen, und Ernſt mit Eile zu brauchen? Wozu die Zeit verder - ben? Zu was Zweck ſich und andern die Muͤhe ma - chen, Dinge zu erweiſen, die kein Menſch leugnet, und um deßwillen nicht nur gantze Reihen von Syl - logismis, ſondern gantze Gebaͤude von neuen, erwei - terterten, abſtrackten, unfaßlichen Abhandlungen, Be - griffen und daraus hergeleiteten Schluͤſſen, auffuͤh -G 3ren?102(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheren? Wozu ſoll man ein Ding auf etlichen Bogen hingeben, das man eben ſo gruͤndlich und vollſtaͤn - dig, aber viel deutlicher und beweglicher, mithin zehenmal nuͤtzlicher, mit etlichen wenigen Periodis haͤt - te ſagen koͤnnen; ſo man ſich nicht haͤtte mit dem ſyllogiſtiſchen Kunſtgewebe entweder ſelbſt gefallen, oder Ehre einlegen, oder andern uͤber die Gebuͤhr gefallen wollen? Oder iſts denn irgend eine ſo groſ - ſe Kunſt, ſolche ſyllogiſtiſche Dunſtgebaͤude aufzufuͤh - ren? Kann man nicht auf die Weiſe die nichtswuͤr - digſten Saͤtze, die weltbekanteſten Theſes oder Er - fahrungen, und die unnuͤtzeſten Grillen ſo weitlaͤuf - tig und in einem Mathematiſch-demonſtrativen nexu, wenns noth und nuͤtze waͤre, auch in gantzen Folianten ausfuͤhren, wenn man nur weitſchichtige Erklaͤrungen macht; Dinge, daruͤber alle Kinder lachen muͤſſen, daß man ſie erſt lehren will, unter gewiſſe praͤchtige Titel und in geſetzmaͤßige Stellen bringt; Saͤtze mit Saͤtzen verbindet; Schluß auf Schluß (wenns auch ſchon oft die lahmeſten Para - logiſmos und Gedankenſpruͤnge oder Hiatus geben ſolte) ſetzet; und mit einem Worte, eine groſſe Menge unnuͤtzer und ſchrecklich muͤhſam zuſammenge - klaubter Gedanken nur in den praͤchtig ſcheinenden mathematiſchen Kittel einkleidet? Wunder, daß nicht ſchon laͤngſt jemand muͤßiges die gerechten Klagen der armen Mathematique uͤber den ungerechten und einfaͤltigen Mißbrauch ihrer ſonſt ſo fuͤrtreflichen Lehrart in einem ſatyriſchen Gedichte oder einer Tra - goͤdie aufgefuͤhret hat.

Man denckt etwa: Je ſchaͤrfer eine Sache erwie - ſen wird, je mehr wird man davon uͤberzeugt; und je ſtaͤrcker die Ueberzeugung, je gewiſſer und noth - wendiger iſt der Gehorſam. Aber iſt denn das wahr? Sind denn nicht alle Lande, Staͤdte, Doͤrfer, Schulen, Univerſitaͤten, Lebensarten, Collegia und Societaͤten, ja alle Haͤuſer und Seelen in der Welt voll juſt entgegen geſetzter Erfahrungen? Weiß ein Diebnicht,103Betrachtung der Unreinigkeit. nicht, ſtehlen ſey Suͤnde? Todtſchlagen koſte den Kopf? er laſſe ſich ja ſelber nicht gerne was ſteh - len? oder ſich umbringen? der Raub koͤnne ihm doch nicht ſo viel betragen, als der Galgen importi - ret? die ewige Verdamniß koͤnne mit aller Welt Diebſtaͤhlen nicht abgekauft, oder mit aller Welt Guͤtern nicht in Vergleich geſtellet werden? Weiß der Gottloſe nicht, daß ihn GOtt allenthalben ſie - het? daß er ihm nicht entgehet? glaubt ers etwa nicht gaͤntzlich? nicht ſtark genug? zittert ein Gottlo - ſer nicht oͤfters vor GOtt? weint er nicht wol zu - weilen gar, wenn er den Schaden uͤberſieht? War - um ſagt er denn; ich kanns unmoͤglich laſſen? Fehlt ihm denn an der Ueberzeugung oder Demonſtration irgend noch etwas? Und was iſts denn nun? Noch mehr: Jſt denn ein Menſch, der gern fuͤr einen Philoſophen will angeſehen ſeyn, nicht uͤberzeugt, der ewige GOtt allein ſey das hoͤchſte Gut? Wird ers nicht fuͤr einen Schimpf achten, wenn man ihm dieſe Ueberzeugung abſpraͤche? Aber was wirckt denn nun dieſe gantz complete Ueberzeugung, ſie mag nun philoſophiſch oder mathematiſch ſeyn, oder wie ſie immer ſeyn kann? Hat er ſich denn dadurch zwingen laſſen, dis hochſte Gut zu ſuchen und zu er - langen? Jſt denn GOtt nun wirklich ſeine Freude? ſein eintzig hoͤchſtes Vergnuͤgen? ſeine Ehre, ſeine Hofnung, und das alles, was er dem David war? Pſalm 18 und Pſalm 73, 3 25-28. Hat er ſein hoͤchſtes Gut nicht dennoch mit den Gottloſen in ei - nem Winckel? Pſam 49, 12. 13. Luc. 16, 25. Jſt denn das nun ehrlich, wieder ſein eigen Haupttheo - rema nicht nur handeln, ſondern beſtaͤndig leben? Doch vielleicht ſolls nur in Abſicht auf andere gel - ten! Allein: wenn der Wille der Ueberzeugung des Verſtandes folgen muß: warum machen denn die groſſen philoſophiſchen Moraliſten aus den ihrigen oder andern wie ſie lehren, nicht eitel tugendhafte Leute? Sinds denn etwa ſolche dumme Koͤpfe, dieG 4ih -104(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheihre Erweiſe nicht bis zur Ueberfuͤhrung faſſen koͤn - nen? oder fuͤhren ſie ihre Erweiſe ſo ſchlecht und ſchwach, daß ſie zum Beyfall nicht noͤthigen koͤnnen: warum lernen ſie denn nicht buͤndiger demonſtriren? Wendet man ein: ſo lange kein Gehorſam da iſt, ſo lange ſeys keine voͤllige Ueberzeugung; ſo kommt ein ſpielhaftes Wortgefechte heraus. Denn was ſoll endlich eine voͤllige Ueberzeugung heiſſen? Der Ge - horſam ſelber? So iſts juſt ſo ſpitzfuͤndig geſagt, als wenn ich ſpraͤche: ſo lange jemand gutem Rath nicht folget (das iſt, voͤllig uͤberzeugt iſt) ſo lange folgt er ihm nicht. Wozu ſollen doch dieſe Logo - machien? haben wir etwa nichts noͤthigeres zu thun, als einander mit ſolchen Spielwerken zu divertiren oder abzumatten? Die alten Heiden redten deut - licher und aufrichtiger. Denn ſie ſagten zum Exem - pel, der Zorn macht blind. Das iſt: Jede Paßion benebelt den Verſtand, und macht zum Theil unver - nuͤnftig. Je ſtarcker die Paßion, je ſchwaͤcher der Verſtand. Je groͤſſer die Suͤndenluſt, je kleiner das Nachdencken oder die Kraft, etwas dagegen zu faſſen und zu uͤberlegen. Muß aber juſt dor arme Verſtand ſchuld haben? Jſt nicht ein Wohlluͤſtiger von der Unbilligkeit und ſchaͤdlichen Folgen ſeiner Luͤſte oft ſo ſtarck uͤberzeugt, daß er das Leben drauf ſetzen wuͤrde? aber wenn der Anfall kommt: halt dieſe Ueberzeugung den Trieb zuruͤck? Sie iſts nicht im Stande zu thun, und wenn ſie auch viel tauſend - mal im Gemuͤth in vollem Lichte da geſtanden waͤre. Soll man nun mit dieſem weitſchichtigen Lehrſatz ſo prahlen? Soll man nicht eben ſo viel Reflexion auf die Neigung des Willens machen, als auf die Ueber - zeugung des Verſtandes? ꝛc. Doch, wieder zum Auctor!

Der liebreiche und unvergleichlich weiſe Schoͤpfer hat dem Menſchen in beyderley Ge - ſchlecht den Samen und deſſen Officin nicht al - lein darum beygeleget, daß er zu Erzeugung ſei -nes105Betrachtung der Unreinigkeit. nes gleichen diene: ſondern auch, daß er ihm als das allerſtaͤrckſte, allgemeine und immer ge - genwaͤrtige Artzneymittel und Balſam des Le - bens zur Staͤrckung und Munterkeit diene; in - dem er durch die vaſa lymphatica in das gantze Gebluͤt wieder zuruͤck flieſſet, und daſſelbe im - praͤgniret, wie ſolches im 5. und 6ten Lehrſatz weitlaͤuftig ausgefuͤhret und erwieſen iſt. Und dieſes iſt eines der vornehmſten Mittel, ſo wohl bey den Altvaͤtern geweſen, als bey einigen heut zu Tage noch, mit unverletzten Kraͤften und fri - ſcher Geſundheit zu einem grauen Alter zu gelan - gen, wie dis auch Hippocrates angemerckt, wenn er ſaget. Die allerbeſten und ſtaͤrckſten Mittel zur Erhaltung der Geſundheit und Verlaͤnge - rung des Lebens ſind: Daß man gerne arbeite (wenigſtens der Arbeit nicht leichtlich ausweiche), daß man ſich nicht allemal ſatt eſſe, und den Samen wohl behalte und bewahre. Daher hat der heilige GOtt dieſe gantze Sache vor dem luͤſternen Menſchen ſo verborgen, daß ſeiner Jntention nach vor dem mannbaren Alter nie - mand davon etwas erfahren ſolte, von dem es nicht ausdruͤcklich gefordert wird, daß ers wiſſe; und mit reinem Hertzen die hiebey vorkommen - den Wunder GOttes heiliglich bedencke; auch in dem Stande ſey, der boͤſen Luſt nicht zu ge - horchen. So wuͤrde er vor unzehlichen Suͤn - den, erſchrecklicher Gefahr, und unausſprechli - chem Elend verwahret, nicht wiſſende auf was Weiſe. Und wie ſelig ſind diejenigen Eltern, die ihre Kinder auf alle nur erſinnliche Art ſelbſtG 5vor106(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchevor dem Erkentniß dieſer Dinge verwahren, ſo lange ſie immer koͤnnen! O wohl den Kindern, wenn ſie dieſe Geheimniſſe der Natur erſt bey ihrem Verheirathen von den Eltern ſelbſt unter einer heiligen Zucht, Anbetung GOttes, und noͤthiger Jnſtruction erfahren koͤnnen! Ach aber, wie jaͤmmerlich ſiehts desfalls unter den Men - ſchenkindern aus, und vielleicht am jaͤmmerlich - ſten unter den Chriſtenkindern!

Es ſolte indeß dieſer edle Lebens - und Fort - pflantzungsſaft ordentlich zubereitet, in die uͤbri - gen humores des Leibes verfuͤhret, und auch da - ſelbſt zu des Lebens Friſtung und Munterkeit an - gewendet werden. So bliebe die Communica - tion der Gefaͤſſe, worin der Same praͤpariret wird, mit dem andern Gebluͤte immer offen, und dieſer Zuruͤckfluß des Samens ins Gebluͤt wuͤr - de Zeit Lebens fortwaͤhren. Fuͤhrete denn der Allerhoͤchſte einen in den Stand der Ehe, ſo kaͤ - me der andere Gebrauch des Samens auf eine heilige und GOtt gefaͤllige Weiſe dazu; nemlich nicht anders, noch oͤfters, als zur Fortpflantzung des Geſchlechts erfordert wird: welches ja ſo gar beym Viehe in dieſer unzerbruͤchlichen Ordnung ſtehet. So ſaget auch Athenagoras in Apo - logia pro Chriſtianis p. 36. im Namen aller er - ſten Chriſten dis Bekentniß gantz frey und deut - lich heraus: Gleichwie ein Ackersmann, wenn er einmal geſaͤet hat, die Zeit der Ernte erwar - tet, und nichts anders ausſtreuet: alſo ſetzen wir Chriſten unſerer Luſt das Ziel nur mit dem Kinder zeugen, und die Eheleute leiſten einan - der107Betrachtung der Unreinigkeit. der die ſchuldige Pflicht nur in Anſehung der Nothwendigkeit, als vor den Augen GOttes, mit groſſer Beſcheidenheit und Maͤßigkeit. Der Heide Epictetus aber ſagt: C. 2, 47. Vor der Ausuͤbung der natuͤrlichen Luſt des Fleiſches halte dich bis zum Eheſtande aufs allermoͤglich - ſte rein und unbefleckt: wenn du aber in den Stand der Ehe tritteſt, ſo muſt du dich der ehelichen Wercke nicht anders als rechtmaͤßig in rechter Maſſe) gebrauchen. Dieſes nun wuͤrde ohne heftige Anfaͤlle und Reitzungen, ohne gewaltſame Triebe und ohne einige Beſchwe - rungen in der natuͤrlichſten Ordnung ſo fortge - hen koͤnnen: weil der Same ſeinen ſonſt gewohn - ten Weg durch die vaſa lymphatica zum ductu thoracico noch offen hat und frey behaͤlt. Da - her wuͤrde kein einiger Menſch Urſach haben, ſich uͤber den Ueberfluß des Samens zu beſchwe - ren, oder denſelben gar zum Deckmantel ſeiner Schande und Bosheit mit allerhoͤchſter Beſchim - pfung ſeines Schoͤpffers zu machen. (Siehe oben pag. 8. und 14. ſqq. desgleichen p. 43. ſqq.) Zu - malen man bis auf den heutigen Tag keine ei - nige Obſervation aufbringen kann, daß die Ver - wahrung und gaͤntzliche Zuruͤckhaltung des Sa - mens jemanden (der NB. in vollkommener Keuſchheit geblieben, und ſeine Natur nicht zu - erſt gantz violirt und verderbet hat; denn von ver - hurten oder vormals verfuͤhrten und ruinirten Menſchen iſt ſchlechterdins hier nicht die Rede) natuͤrlicher Weiſe die geringſte Beſchwerung haͤtte verurſachet: ja nicht einmal bey den un -ver -108(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchevernuͤnftigen Thieren, bey welchen doch ſo wohl die Zuruͤckhaltung des Samens, als die ſtete Ge - ſundheit weltkuͤndig und bekant iſt.

Wenn aber einer in der Jugend ſeinen Leib und Seele mit der Luſtſeuche verderbet, dieſe wunderbare Officin zernichtet, einen violenten impetum venereum in ſeine ohndem verderbte Natur eingefuͤhret und habituell gemacht, und, was das vornehmſte, die Communication des ſchon praͤparirten Samens mit dem Gebluͤte, und den Einfluß in daſſelbe aufgehaben und ver - ſtopfet hat: wie iſts denn anders moͤglich, als daß durch das verfluchte Feuer der Wohlluͤſte der Trieb des Gebluͤtes an die Orte, wo man ihm die Thuͤr auf eine gewaltſame Weiſe eroͤffnet hat, immer continuire; folglich der Same im Ueberfluß, aber ſehr uͤber elaboriret und unreif, herunter getrieben werde und unleidlich viele rei - tzende Anfaͤlle verurſache; mithin, da kein an - derer Weg mehr uͤbrig, durch pollutiones no - cturnas, Gonorrhœam, oder auf andere Weiſe hervorflieſſe? Da nun die verſchrumpften und verfallenen Gaͤnge der vaſorum lymphaticorum ſchwerlich mehr eroͤffnet werden koͤnnen, wenns zu lange gewaͤhret hat: ſo ſehen Sie, daß dar - aus Schaͤden und Folgen entſtehen muͤſſen, de - nen nicht mehr abzuhelfen ſeyn wird. Fuͤr eine jede Befleckung, fuͤr alle und jede Anfaͤlle der Luſtſeuche und ihre Ausbruͤche, die Sie zu allem ungeſchickt machen, fuͤr alle Beſchwerungen, ſo daher kommen koͤnnen, auch fuͤr alle kuͤnftige noch zu beſorgende Befleckungen des Ehebettes,und109Betrachtung der Unreinigkeit. und Verletzungen der Liebe GOttes und Jhrer Seele, durch vermeinte eheliche Liebe, muͤſſen Sie ſtehen! Und wenn Sie zu den Exceſſen der Un - zucht ſo gewaltſam werden getrieben werden, als andere, (die ſich, zum Exempel, durch unmaͤßige Beywohnung in der Ehe dergeſtalt entkraͤftet und zu ſchanden gerichtet, daß ſie nicht nur in kurtzer Zeit ihre lebhafte Munterkeit, Roͤthe und freudiges Anſehen verloren, und ſcheußlich aus - geſehen, ſondern auch um allen ehelichen Segen gekommen, uͤberdis ihre gantze Natur geaͤndert, und in ſchwere Kranckheiten, die ſich insgemein mit einem Fieber angefangen, verfallen ſind:) ſo wird | dieſe Jhre Violirung der ehelichen Keuſchheit, die Gewaltthaͤtigkeit, ſo ſie Jhren Kraͤften anthun, ja auch nur der gewaltſame Trieb, den ſie im Coͤrper und Gemuͤthe zur Aus - uͤbung der Luſtſeuche werden empfinden muͤſſen, Sie vor dem allerhoͤchſten GOtt mit groſſem Ernſt und unabweislicher Forderung beſchuldi - gen. Ach! bedencken Sie, was fuͤr ungluͤckli - che und bekuͤmmernde Zufaͤlle hieraus auf alle Jhre Lebtage, und noch auf Jhre Nachkommen, natuͤrlicher Weiſe, ohne noch im geringſten auf die Gerichte GOttes zu ſehen, entſtehen koͤn - nen!

Weil nun bey einigen ſolchen Patienten der Same gar nicht mehr wieder ins Ge - bluͤte einflieſſen kann, bey andern aber (die zu bald an die ſchreckliche Pein in der Gonorr - hœa virulenta kommen) zwar noch wol durch die halb verfallenen und verderbtenAeder -110(I. Th.) Anatomiſch-MediciniſcheAederchen durchdringet, wenn man ihn durch heftige adſtringentia von auſſen ſtopft und nicht heraus laͤßt; allein gleichwol, weil er ſo ſcharfbeiſſend und giftig worden iſt, im Gebluͤte nichts als einen voͤlligen Ruin und Anſteckung an - richtet: ſo haben ſich Medici genoͤthi - get geſehen, aus zwey ungeheuren Uebeln das kleinere zu wehlen, und ſolchen Pa - tienten lieber zuzulaſſen, daß ſie eher der verwoͤhnten und ſo forcirten Natur nachgeben, als auf einmal bey ihren hef - tigen Anfaͤllen und Jrregularitaͤten un - terliegen, oder das gantze Gebluͤte anſte - cken laſſen moͤchten. Und dis iſt denn juſt ſo ein Rath, als wenn man zu einem ſagte, er moͤchte ſich lieber die Hand oder den Fuß abloͤ - ſen laſſen, damit der kalte Brand nicht endlich den gantzen Leib einnehme, und ihn ums Leben bringe; oder zu einem Handelsmann, der zur See in augenblicklicher Gefahr des Schifbruchs ſtehet: er moͤchte lieber alle ſeine Waare uͤber Bord werfen laſſen, als daß ſein und ſeiner Mitgefaͤhrten ihr Leben und das Schif ſelbſt eingebuͤſſet werde. Der Rath iſt gut und an - nehmens werth: denn was iſt uͤber das Leben? Aber wem wird er gegeben? Wirds denn auch ein Geſunder, einer der nicht in Lebensgefahr ſte - het, einer den nichts brennt ꝛc. auch ſo machen duͤrfen oder wollen? Wuͤrde er nicht von jeder - man fuͤr wahnſinnig angeſehen werden, ſo er ſich dergleichen nur einfallen lieſſe?

Eben111Betrachtung der Unreinigkeit.

Eben ſo iſts nun auch anzuſehen, wenn from - me Theologi und Paulus ſelber die Ehe nun aus Noth, und bey ſo beſtellten Sachen der Men - ſchen fuͤr ein Mittel wider die Unkeuſchheit an - ſehen, nach den Worten: Es iſt beſſer freyen, denn Brunſt leiden. Jch ſage, nunmehro aus Noth: denn nach der heiligen Jntention GOt - tes hat die Ehe niemals dazu geordnet werden koͤnnen, ſondern nur zur Fortflantzung des Ge - ſchlechts, und lieblicher Gemeinſchaft unter den Menſchen, damit GOtt geliebet wuͤrde. Und iſt dieſes bey nahe ſo anzuſehen, als wenn einem Hypochondriaco gleichfalls aus Noth der Muͤſ - ſiggang, Weglegung der Buͤcher, oͤfters Ausge - hen, Fahren, Reiten, Huͤpfen und Springen ꝛc. recommendiret wird, ſo ihm ja ohne Suͤnde auf alle Tage und ſo gar viele Zeit ohnmoͤglich koͤnte verſtattet werden, wofern es dismal ſeine Um - ſtaͤnde, denen ſonſt nicht wohl anders zu helfen ſtehet, nicht kurtzum alſo erforderten. Lutherus ſpricht um deswillen: Der eheliche Stand iſt nun hinfort gleich einem Spital der Siechen, und iſt nicht mehr rein und ohne Suͤnde, wie er vor dem Fall geweſen waͤre, nachdem die fleiſchlichen Anfechtungen ſo groß und wuͤtend worden. Es wird mit abgenoͤthigter Jndul - gentz GOttes die eheliche Beywohnung aus Noth manchmal geleiſtet, daß ſie nicht in ſchwe - re Suͤnden fallen. Wer ſie braucht, der Un - keuſchheit zu wehren, der hat, halte ich, Pau - lum zum Fuͤrſprecher und Schutzherrn; aber von Rechts wegen ſolte man ſich nur zur Frucht zu -112(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche zuſammen finden. Daher ſagt auch Clemens Alexandrinus: Die wohlluͤſtige Empfindung, und der Trieb zu derſelben iſt gewißlich nicht fuͤr unumgaͤnglich nothwendig zu achten. Die natuͤrliche Begierde, ſein Geſchlecht im Stand einer heiligen Ehe fortzupflantzen, iſt nur noth - wendig. Wenns demnach moͤglich waͤre, Kin - der ohne dieſelbe zu erzeugen, ſo koͤnte man ſonſt durchaus keinen andern Zweck oder Nu - tzen von ihr anzeigen.

Der Hauptein - wurf aus 1 Cor. 7, 1 - 9. beant - wortet.
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Weil aber doch die Sache allzuwichtig, und ſonderlich im Eheſtande gar ungerecht und unver - antwortlich, von denen, die GOtt nicht lieben, der angefuͤhrte Ort 1 Cor. 7, 1-9. |gemißbrau - chet wird: ſo achte fuͤr noͤthig, noch etwas hie - bey ſtehen zu bleiben. Jſts nicht wahr, mein Freund, nach dem man gefragt wird, nach dem muß man antworten? Und je nach dem der Pa - tient iſt, nach dem muß man ihm rathen? Ein anderer aber darf ſich durchaus nicht nach dieſem Rath einrichten, es ſey denn, daß er juſt in eben dieſen Umſtaͤnden und Zufaͤllen waͤre, wie jener. Nun hatten die Corinthiſchen Chriſten, wie es denn gewiß noͤthig war, einige Fragen deßfalls an den Apoſtel Paulum ergehen laſſen; die hat er ih - nen muͤſſen beantworten; und zwar nicht anders, als wie es ihre Umſtaͤnde des Ortes, der Zeit, der Gemeinſchaft mit den Heiden ꝛc. erforderten, um das Uebel nicht aͤrger zu machen. Hoͤren Sie nun aber an, was Corinthus fuͤr ein Plaͤtz - chen in der Welt war. Jch will ihre gantze Hi - ſtorie, in ſo weit ſie hieher gehoͤrt, kurtz herſetzen.

Co -113Betrachtung der Unreinigkeit.

Corinth ſoll ſchon A. M. 2726. unter dem Namen Ephyra bekant geweſen ſeyn. Sie lag auf der Erdenge, womit Morea an dem feſten Land von Griechenland henget, und zwar unten an einem hohen Felſen, worauf ein feſtes Schloß erbauet war; und hatte demnach nicht nur die Paſſage zwiſchen Griechenland und Morea in ihren Haͤnden und Gewalt, ſondern auch die beyden wichtigen Meerbuſen, den Corinthiſchen gegen Weſten, und den Saroniſchen gegen Oſten. Sie hatte uͤber dis die ſchoͤnſte Gele - genheit, ihre Handlung auf dem Aegeiſchen und Joniſchen Meere zu treiben. Es ging ihr, wie insgemein den uralten Staͤdten, die aus ihrem Alterthum einen groſſen Ruhm und Ehre ma - chen, auch wol Pflicht und Recht drauf zu ha - ben meinen, ſtoltz und groß zu thun: ohne zu gedencken, daß dieſe Ehre GOtt gebuͤhre, dem es eben beliebte, ſie ſo lange ſtehen zu laſſen. Sie ſuchte ſich ſehr empor zu ſchwingen, das iſt, ſo beruͤhmt als moͤglich, und ſo maͤchtig als moͤg - lich in der Welt zu werden. Hierzu gehoͤrt viel Geld. Geld zu kriegen ſucht man ſehr viele Mittel auf. Corinth gebrauchte ſich aller zuſammen, deren ſie nur habhaft werden konte. Sie breitete die Handlungen zu Waſſer und zu Lande ſo weit und vortheilhaftig aus, als ſie nur konte; ſie ſuchte eine groſſe Menge der beſten Kuͤnſtler von Mahlern, Bildhauern, Ertzarbeitern ꝛc. inner - halb ihrer Ringmauren zu erhalten; ſie be - muͤhete ſich, den Ruhm einer ſehr cultivirten, ga - lanten und gelehrten Stadt zu behaupten, umI. Th. Betr. der Unreinigk. Heine114(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheeine Menge auswaͤrtiger Leute hinzulocken, die ihr Vermoͤgen bey ihr verzehreten: deßhalb kon - te ſie ihre weiſen Leute, oder die unter dem ſo ge - liebten Namen der Philoſophen bekante Ge - lehrte bey viel hunderten aufweiſen. Dis nicht genug: Schande und Greuel muſten auch fuͤr die wichtigſten Mittel reich zu werden geachtet ſeyn. Man unterhielt in allen Winckeln der Stadt viele hundert galante Huren, von denen groſſe Hauffen gleichgeſinnter Leute nach Corinth gelocket wurden, die ihr Geld da verthaͤten. Dis war des Teufels ſeiner Staatsklugheit gantz ge - maͤß, und fuͤr eine Politique geachtet. Weils aber doch einer gottloſen und ſordiden Geld - ſchneiderey aͤhnlich ſahe, und die ſtaatsklugen Leute vor dem gemeinen Mann nicht gerne wol - ten gar zu bald bloß geſtellt und infam gemacht werden: ſo muſte die Religion zum Deckmantel der Schalckheit herhalten. Venus, die weltbe - ruͤhmte Goͤttin der Liebe, muſte einen der praͤch - tigſten Tempel kriegen, in welchem uͤber tauſend ſolcher ſolenniſirten und canoniſirten Huren er - halten wurden, die mit ihrer viehiſchen Geilheit und Buͤberey dieſer Veneri dienen, und unter dieſer Schalckskutte, (auſſer den andern privi - legirten Huren) der Stadt unſaͤgliche Reich - thuͤmer zuziehen ſolten. Damit gleichwol der Greuel nicht allzu beſtialiſch ausſehen moͤchte: ſo muſte ſich alles auf allerley Galanteriekuͤnſte und artige Manieren legen, damit es heiſſen koͤnte: Fremde junge Herren reiſeten hin, artig, galant, honnet und politiſch zu werden. Dishat115Betrachtung der Unreinigkeit. hat unter dem vermeinten Schutz der groſſen Huren-Patronin, der Veneris, einige hundert Jahre fortgewaͤhret.

Es gelung! Gottloſigkeit ſuchte man; man erlangte ſie auch, und dazu des Reichthums, der Schwelgerey und der vermeinten guten Tage auf eine Weile die Fuͤlle. Die Renommée ward ſehr groß. Corinth muſte bey den meiſten Scribenten, die nicht weit hinaus ſahen, das Licht und die Zierde des gantzen Griechenlandes heiſſen; und man ſchaͤtzte ſich weit und breit recht gluͤcklich, nur einmal hinkommen zu koͤn - nen. Was konte daraus erfolgen? weil die Bosheit, Schalckheit, Pracht und Uebermuth, Schwelgerey, Ungerechtigkeit und die ſchaͤnd - lichſten Greuel unter dem ſchoͤnen Titel der ſtan - desmaͤßigen, oder klugen, oder galanten Auf - fuͤhrung paßireten, und man doch dabey den Ruf einer moraliſirten und recht philoſophiſchen Stadt erſchlichen hatte: ſo muſte alle Gottloſig - keit ſo gut, als mit Recht uͤberhand nehmen. Die aͤrgerlichſten Laſter verloren ihre Namen, und bekamen dafuͤr ſchoͤne Schmincktitel. Alles muſte, ſo weit als immer moͤglich, fuͤr natuͤrlich, und nicht unrecht, philoſophiſch ausdiſputiret ſeyn. Die ſchaͤndlichſte Hurerey wurde nach ge - rade nicht mehr fuͤr unehrbar, geſchweige fuͤr Suͤnde, ſondern wol eher fuͤr eine galante, an - ſtaͤndige und dem Staat nuͤtzliche Lebensart an - geſehen. Alles hielt ſich fuͤr ſehr klug; alles hat - te das groͤſte Gefallen an ſich ſelber; bildete ſich auf ſeine Vernunft wundergroſſe Dinge ein; ließH 2ſich116(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheſich von andern nicht gerne was ſagen; wolte bey Diſputen und allen Gelegenheiten durchaus nicht nachgeben und ſeinem Eigenſinn wehe thun. Mit einem Wort: die gantze vernuͤnfti - ge Moralitaͤt wurde umgeſtuͤrtzt und verkehret, und zwar, welches das ſchlimmſte, alles per principia, unter dem Deckmantel der Philoſo - phie. Kluͤgere Leute hatten dis zwar zeitlich genug eingeſehen, aber konten den ausgetrete - nen Strom nicht mehr aufhalten.

Allein: alles waͤhret nur eine Weile. Nach gerade wurde es auch unter den andern benach - barten Heiden offenbar, daß es Dunſt und Schande war. Ja, welches merckwuͤrdig: ſo viel Ruhms und Ehre Corinth geſucht, auch an - fangs zum Schein erhalten; ſo viel Schmach und uͤblen Rufs hat es endlich davon getragen. Dieſe Stadt ward endlich ein in gantz Orient ver - ruffener Hurenſtall; dergeſtalt, daß die Heiden ſelbſt, wenn ſie einen unflaͤtigen Buhler und Ve - nusknecht mit aller ſeiner uͤbrigen Laſterhaftig - keit auf einmal beſchreiben wolten, ſprichworts - weiſe nur zu ſagen pflegten:〈…〉〈…〉, das iſt: Er lebet auf gut Corinthiſch. Der gerechte GOtt kann zuſehen und warten, denn es ent - laͤuft ihm niemand. Er ließ dis Unweſen des Corinthiſchen Volckes einige hundert Jahre ſo fortgehen; ließ es uͤbrigens an ſcharfen Zuchtru - then, Erinnerungen und Zurechtweiſungen nicht fehlen. Aber wie koͤnnen ſuperkluge Leute hoͤ - ren? Nach vielerley Revolutionen kam ihr gaͤntzliches Ende. Sie kontens nicht laſſen, je -der -117Betrachtung der Unreinigkeit. dermann ſtoltz und uͤbermuͤthig zu begegnen. Hie - durch hetzten ſie ſich die Roͤmer auf den Hals. Noch 142. Jahr vor Chriſti Geburt wurden ſie ſamt ihren Alliirten gantz uͤber den Hauffen ge - worfen, Corinth ſelbſt von dem Roͤmiſchen Feld - obriſten L. Mummio eingenommen, alles Mannsvolck niedergemacht, die Weiber und Kinder verkauffet, die Stadt aber unter Trom - petenſchalle gepluͤndert, und endlich verbrannt. Weil nun eine entſetzliche Menge Goldes, Sil - bers und Ertzes drinnen geweſen: (Denn es mu - ſten ja alle Haͤuſer voll koſtbarer Gefaͤſſe ſeyn!) ſo ſchmoltzen in dem entſetzlichen Feuer dieſe drey - erley Metalle hie und da in groſſe Klumpen zuſammen, und gaben dem ſo beruͤhmt worde - nen Corinthiſchen Ertz ſeinen erſten Urſprung, woraus, und aus dem nachgemachten viele hun - dert Jahre lang Gefaͤſſe gemacht wurden, die dem Golde ſelbſt gleich geſchaͤtzt zu werden pfleg - ten. Alſo muſte auch hie die ſchaͤndliche Leiber - brunſt mit einer entſetzlichen Feuersbrunſt ad interim vor der Welt abgethan werden! Alſo muſten die Ueberbleibſel und Zeugen davon, ich meine die aus Corinthiſchem Ertz gemachten Gefaͤſſe, das ſchreckliche Angedencken dieſer uͤbermuͤthigen Stadt in der Welt herumtragen, und juſt in diejenigen Staͤdte und Haͤuſer brin - gen, da es am billigſten und noͤthigſten waͤre, dieſer Rache GOttes nicht zu vergeſſen.

Jn dieſen Ruinen blieb die arme Stadt faſt hundert Jahre liegen. Julius Caͤſar ließ ſie wieder erbauen, klaubte das alte uͤberbliebeneH 3grie -118(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchegriechiſche Volck zuſammen, that eine neue Co - lonie von Roͤmiſchen Libertinis (welches insge - mein geweſte Sclaven, nunmehr aber freygelaſſe - ne und ſammt ihren Kindern ausgelaſſene muth - willige Leute waren, die ſich auf ihre vorige Dienſtbarkeit nun gerne etwas zu gute thaten) dazu. Und da ſich denn allerley andere Land - laͤuffer und unſtete Menſchen dazu funden, man ſich auch der alten Herrlichkeit gar zu gerne er - innerte, und davon dasjenige, was ſich am er - ſten und leichteſten wieder retabliren laͤßt, (Suͤn - den und Laſter) gar zeitig wieder herſtellete: ſo iſt leicht zu erachten, daß in kurtzer Zeit die Hauptlaſter nach wie vor in Schwang und Re - putation wieder gekommen ſind; zumal ſich das mehreſte zuſammen geloffene Geſindel das zum Schertz und Spiel gebrauchte Wort〈…〉〈…〉 nicht ungerne fuͤr eine Ehre achtete. Mit eins, der alte philoſophiſche Dunſt, die galante Le - bensart und die Schandthaten und Laſter wur - den von den Alten geerbet, und nach wie vor Wucher damit getrieben und Ehre gefiſcht.

Ein ſolches Volck war es, darunter das Evangelium von Chriſto kam. Einige habens angenommen, die andern blieben Heiden, und haͤmiſche Spoͤtter der chriſtlichen Religion. An ſolche Chriſten hat Paulus ſeinen erſten Brief, als eine Antwort an die geſchehenen Anfragen, vermuthlich im neun und funfzigſten Jahre nach Chriſti Geburt geſchrieben.

Doch wie ſtehets jetzt um Corinth? Sie iſt, nach ſehr vielen noch drauf erfolgten Eroberun -gen119Betrachtung der Unreinigkeit. gen und Verwuͤſtungen, anjetzo in Tuͤrckiſchen Haͤnden, heiſſet Coranto, und bey den Tuͤrcken Geréme, und beſtund, da ſie letzthin noch an die Tuͤrcken uͤberging, aus einer Anzahl zerſtreue - ter Haͤuſer, und einem alten ſchlechten Schloſſe.

Dieſen Zuſtand der Corinthiſchen Gemeine muß man ſich nun wohl vorſtellen, wenn man die angefuͤhrten Worte Pauli richtig verſtehen, nicht uͤber die Gebuͤhr extendiren, und unter ei - nem obwol zitternden und furchtſamen Provoci - ren auf dieſelben, gleichſam auf Pauli Rechnung unrecht handeln will. Daß die Corinthier ein ſolches in ihre eigene hochgetriebene Weisheit und Galanterien verliebtes Volck geweſen; daß unter ihnen Schande und Unflaͤtereyen, nach der alten heidniſchen Religion der Veneris, wo nicht gar fuͤr wohlanſtaͤndige und nuͤtzliche Din - ge, doch wenigſtens nicht groß geachtet wur - den ꝛc. zeigen beyde Briefe ſehr genau. Wie ſetzt Paulus den ſchon gewordenen Chriſten ihre ſpitzfuͤndige Philoſophie und hochmuͤthigen Ver - ſtand ſo herunter! c. 1. 2. Wie eifert er nicht uͤber den Blutſchaͤnder, und die gantze Gemeine, daß ſie dieſe oͤffentliche Schaͤndung der chriſtli - chen Religion ſo gemach und furchtſam tractire - ten! c. 5. Wie muß er ſich nicht mit ihrem Ueber - witz, Eigenſinn, Zanckſucht, Partheylichkeit, Buh - lerey, Menſchengefaͤlligkeit ꝛc. ſo ofte uͤberwer - fen! Sehen ſie da, mein Freund, ein ſolcher un - flaͤtiger Stall iſt Corinth geweſen, da das Evan - gelium JEſu Chriſti hinein kam. Wunder! daß dieſe einfaͤltig ſcheinende Predigt nur einmalH 4iſt120(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheiſt angenommen worden; da die zwey maͤchtig - ſten Hinderniſſe, im Gemuͤth die Superklugheit, der ſtaͤrckſte Riegel, und in Leib und Seele die Fleiſchesluſt, die ſtaͤrckſte Paßion) im Wege ſtun - den. Was meinen ſie nun, wie moͤgen dieſe arme Menſchen durch dieſe uͤberhand genom - mene Laſter von Jugend auf zugerichtet geweſen ſeyn, ehe ſie die chriſtliche Religion angenommen haben? Wie mags um die Kinderzucht ausge - ſehen haben: da dergleichen Art Laſter allbe - reit ihre Namen und Schande verloren hatten, und fuͤr halbe Tugenden paßireten? Wie ver - bittert muͤſſen die Heiden nicht geweſen ſeyn, da ihnen die Chriſten ihre hochgeſpannte Philoſo - phie ſo verachteten, und ihre per principia aus - diſputirten Galanterien und Politiquen fuͤr un - flaͤtige Schandthaten und betruͤgliche Raͤncke anrechneten? Wie erpicht muͤſſen ſie nicht ge - weſen ſeyn, dergleichen GOtt und JEſum ſu - chende Gemuͤther zu verfuͤhren, und in Suͤnde und Schande zu ſtuͤrtzen, damit ſie was zu ver - hoͤhnen, Chriſti und ſeines Evangelii zu ſpotten, und nach ihrer Art zu prahlen Gelegenheit haͤt - ten! Zu dem allen kamen manche redliche See - len von ſelbſt und ungefragt darauf, es ſey nach Beſchaffenheit der damaligen groſſen Truͤbſalen und Gefaͤhrlichkeiten nicht nur bequemer, ledig zu bleiben (denn allein laͤßt ſichs ja wol leichter mit dem Bettelſtab aus Stadt und Land gehen, als mit Weib und Kindern); ſondern es gebe auch einen Vortheil im Chriſtenthum, in der Heiligung, im Dienſte GOttes und der Ge -mei -121Betrachtung der Unreinigkeit. meine ꝛc. und ſey dem lieben GOtt etwa ange - nehmer. Es ſey auch heilſam, daß die, ſo be - reits in der Ehe lebten, ſich der ehelichen Wer - cke auf gewiſſe Zeiten enthalten moͤchten: damit ſie nicht mit einem ſchuͤchternen und bloͤden Ge - wiſſen, mithin in vielfaͤltiger Hertzensangſt und Unruhe vor GOtt dem HErrn wandeln muͤ - ſten ꝛc. Dieſen gutgemeinten Rath gaben ſie wol andern aus; geriethen aber mit ihrem Rath an unbefeſtigte, oder falſche, oder von den Hei - den beſtochene oder verfuͤhrte, oder ſchon vor - hin in der Jugend durch die Luſtſeuche in der Natur ruinirte Leute, die dieſes Raths unfaͤhig waren. Dieſe geriethen druͤber in Hurerey und Unzucht, machten unter den Heiden ein Hohn - gelaͤchter, unter den Chriſten Jammer und Ver - folgungen, die Chriſtenreligion ſtinckend, ver - daͤchtig und verhaßt. Wenn denn die gefallene Perſonen etwa bey ſtrenger Diſciplin wol gar wieder Heiden wurden, ſo veranlaßte dis die aͤrg - ſten Laͤſterungen und Verleumdungen; vielleicht auch wol Jnquiſitionen, Beſchuldigungen, Angſt, Plagen, und unzehliches Verderben. Wer im Hauſe GOttes mit treuem Ernſt arbeitet, und alſo ſelbſt erfaͤhret, was es in dieſem groſſen Ho - ſpital der geiſtlich Krancken fuͤr Patienten, und aͤngſtende Zufaͤlle gebe: der kan ſich dis deutli - cher vorſtellen.

Dieſe und dergleichen Caſus haͤuffte nun das arme kleine, beſchimpfte, verhaßte, verbrann - te und ſchuͤchterne Haͤuflein der Corinthiſchen Chriſten zuſammen, und ſchickten ſie dem Apo -H 5ſtel122(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheſtel Paulo, als ihrem geiſtlichen Vater (1 Cor. 4, 14. 15. ) auf den Hals; der ſolte nun rathen und helfen. Sehen Sie nun, mein Freund! in ſolch einer Cloac war Rath und Rettung noͤ - thig! So waren die Anfragen beſtellt! ſo ſahen die Patienten aus! War es hier moͤglich etwas anders zu antworten? Hier muſte der Grund - ſatz gelten v. 9. Ehe jemand (dem nun nicht mehr anders zu helfen iſt, weil er ſich viele Jahre hin - durch ſo verwoͤhnet, oder wol gar verderbet hat, daß ſeine forcirte und ruinirte Natur nicht mehr in ihren gehoͤrigen Naturſtand und Ordnung wird zu bringen ſeyn) mit immerwaͤhrenden und unhintertreiblichen Verſuchungen ſolte geplaget, jaͤmmerlich verunruhiget, und zu allen Verrich - tungen im geiſtlichen und natuͤrlichen Leben un - tuͤchtig gemacht, oder wol gar vom Teufel in Hurerey und Unzucht geſtuͤrtzet werden; ehe er in oͤffentliche Schandthaten verfallen, die chriſt - liche Religion proſtituiren, und alsdenn doch als ein allgemeines Aergerniß der Kirche wenigſtens auf eine Zeitlang verſtoſſen werden ſolte (wie c. 5, 4. 5. ): ſo iſts fuͤr alle Umſtaͤnde ertraͤglicher, zu freyen und ehelich beyzuwohnen, und dieſe gantz miſerable Sache, weil ihr nun unter und durch Menſchen nimmer zu helfen ſtehet, der unergruͤndlichen Barmhertzigkeit GOttes zu uͤberlaſſen; als einen ſo allgemeinen Schaden und weitlaͤuftigen Jammer unter Heiden und Chriſten anzurichten. Denn warum ſolte der Name GOttes uͤber Leuten, die doch nun an - ders nicht mehr als durch Wunderwercke zurrech -123Betrachtung der Unreinigkeit. rechten Naturordnung zu bringen waͤren, ver - laͤſtert werden?

Begreiffen Sie nun nicht, daß ſich dieſer Rathſchlaͤge keine andere, als eben ſo ruinirte Leute anzumaſſen Fug und Macht haben? Soll denn aber alle Welt zu einem ſolchen Stall, zu einem ſolchen Lazareth, zu einem ſo allgemein inficirten Orte worden ſeyn? Thun diejenigen dem Apoſtel Paulo nicht zu viel, (der ſich doch ohnehin in dieſen Angſtumſtaͤnden gantz kuͤmmer - lich ausdruckt, und v. 6. 7. 8. 10. allem Miß - verſtand und Mißbrauch moͤglichſt vorbeuget) und treten ſie der Heiligkeit GOttes nicht zu na - he; ja achten ſie ihre koſtbare Erloͤſung nicht zu gering, und treten ſie den Adel ihrer Seele und ih - res Leibes nicht mit Fuͤſſen, die eben dieſe Curen deſperater Patienten an ſich reiſſen wollen; und ſind doch ihr Tage nicht ſo kranck geweſen, wa - ren in keinem ſolchen Hurenneſt als Corinth war, ſind nicht von Jugend auf verfuͤhrt und verderbet worden, als jene; nur daß ſie zu faul ſind, wieder ihre Luͤſte in der Kraft JEſu Chri - ſti ernſtlich zu ſtreiten?

Wird es auch der ewige GOtt genehm hal - ten, wenn diejenigen, die ſeine Knechte ſeyn ſollen, ohne Ueberlegung aller Umſtaͤnde, bey ge - ſchehenen Anfragen ſo expedit ſeyn, dem alten Adam auszuweichen, den ungezaͤhmten Luͤſten ſo gut als Privilegia zu ertheilen, und den ehr - wuͤrdigen Eheſtand zu einer Officin und Tum - melplatz der unreinen Geiſter zu machen? Jch halte, es ſey eben darum in dem gantzen Wor -te124(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchete GOttes, auch ſo gar von dergleichen deſpera - ten und incurablen Zufaͤllen nichts zu genau de - terminiret: damit ein jeder Menſch bey ſeinen eigenen Umſtaͤnden nur zu GOtt ſelber gehen muͤſſe, und fuͤr ſeine Perſon Gnade und Unter - richt auf alle und jede Zeiten begehre, und ſich andere Muthwillige dieſes nur einem allein ge - gebenen Raths und Anweiſung nicht mißbrau - chen moͤchten. Oder ſchickt ſichs nicht fuͤr goͤtt - liche Majeſtaͤt, uns dergeſtalt in ſeiner Hand und Dependentz zu behalten? Muß er juſt aller Welt alles ſagen? Solten nicht allerley reſer - virte Faͤlle zuruͤck bleiben koͤnnen, deshalb nur den Supplicanten Reſolution gegeben wird? Das trotzige Hertz ſpricht: wo kein Geſetz, da iſt auch kein Verbrechen! Aber ich meine, du haſt desfalls Geſetzes genug, und uͤber dis das groſſe Privilegium, daß du mit einer jeden Noth, wenn ſie auch die unſauberſte waͤre, zu deinem GOtt allezeit gehen, und Rath und Huͤlfe bit - ten darfſt. Er will dich allzeit hoͤren. Wenn du nun gleichwol nicht kommen magſt, iſt dir denn zu helfen? Und ſoll GOtt noch ſchuld tragen? Soll er deinem luͤſternen Hertzen und deinen unreinen Haͤnden alles erſt auf dem Zettel ge - ben? War er dir doch nicht ein einiges Gna - denwort ſchuldig. Wie geheſt du aber mit dem allgemeinen Gnadenworte um? Wie kanſt du nun praͤtendiren, daß dir alle Specialfaͤlle erſt weit zum voraus eroͤrtert werden? Biſt du doch zu nachlaͤßig oder zu trotzig, GOtt den Mund drum zu vergoͤnnen! ꝛc. Doch genug davon!

Se -125Betrachtung der Unreinigkeit.

Sehen Sie nun nicht, allerliebſter Freund, wie tuͤckiſch und ehrlos der Satan handele, und mit ihm alle, die als ſeine Alliirten und Sclaven lieb haben und thun die Luͤgen, daß er unter ei - nem ſchoͤnen Praͤtext eine ſo greuliche Luͤge in der Welt hat ausgeſtreuet? Er hat einige Special - caſus der geiſtlich und leiblich Krancken, einige Cautelen der Medicorum, und einige Vor - ſchlaͤge und Einrichtungen, die nur bey deſpe - raten Faͤllen muſten und konten gemacht werden, zuſammengeklaubt, und bald allgemeine Saͤtze daraus gemacht: gerade als koͤnnten alle und iede Menſchen ihren Zuſtand darnach eſtimiren, und waͤren durchgehends fuͤr ſolche verhuntzte und uͤber das Naturverderben ruinirte Leute anzuſe - hen. Ja, daruͤber man billig erſtaunet, ſo wer - den ſolche ſaubere Lehren von jedermann als Axio - mata angenommen, ohne daß ein einiger Menſch Erweis davon forderte!

Jndeß iſt es gewiß, und der Richter der gan - tzen Welt wirds einmal ſchon erweiſen, daß die - jenigen, die dergleichen principia, und die un - zuͤchtigen Buͤcher, Romainen, Lieder, Poeſien, Bilder und andere Inventiones des Satans, die Seelen der Unwiſſenden damit zu fangen, ausbruͤten, und unter die Leute bringen, gleich denen ſind, welche die oͤffentlichen Brunnen ver - giften, und ihrem Naͤchſten, den ihnen doch GOtt aufs beſte recommendiret hat, (Sir. 17, 12.) dadurch ein gewiſſes Verderben zubereiten. Dieſe ungluͤckſeligen Geſchoͤpfe haben ſchuld an unzehlicher Leute Ruin und Verdammniß,und126(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheund verfuͤhren beſonders die unbedachtſamen Gemuͤther der Jugend, auch noch alsdenn, wenn ſie ſelbſt ſchon lange vermodert ſind. Solten die nicht vor vielen andern, als die Lehrer der Gottloſigkeit und Grundverderber der Welt, ei - nen ausnehmenden Lohn zu erwarten haben in des ewigen Feuers Pein? Jud. v. 7. Solches wird ihnen von der Hand des HErrn (Jer. 2, 19. Jeſ. 50, 11.) mit hoͤchſter Billigkeit wiederfahren: weil ſie wieder den in der heiligen Tauffe GOtte geſchwornen Eid die Gottloſigkeit auf eine ſo ausnehmende Weiſe befoͤrdert, und wieder ihre geleiſtete Pflicht die Gottſeligkeit auf - gehalten und gehindert haben. Das werden ſie zu Lohn haben fuͤr ihr Weſen und ihr Thun. Dann wird ihr Hertz fuͤhlen, wie ihre Bosheit ſo groß war; welches ſie jetzt weder wiſſen noch begreiffen wolten. Jerem. 4, 18. Ach! wie iſts denn moͤglich, daß ſolche Menſchen der ſchreck - lichen Worte ihres kuͤnftigen Richters vergeſſen? Matth. 18, 6. 7. ſqq. C. 13, 41. fordert GOtt Leben um Leben, Seele um Seele: ach wehe! womit werden ſie ſo viele Seelen bezahlen koͤn - nen!

Jm uͤbrigen kann ich Jhnen nicht gnug be - zeugen, mein theureſter Freund, wie ſehr ich wuͤnſchte, daß ſie das Gewichte, den Nachdruck, und die unausbleibliche Gewißheit dieſer 9ten Schlußfolge auf einmal, und zum voraus recht begreiffen moͤchten, ehe Jhnen der Glaube all - zuſpaͤte in die Hand kommt. Sie werden es weiter unten aus vielen Umſtaͤnden noch vieldeut -127Betrachtung der Unreinigkeit. deutlicher ermeſſen koͤnnen. Jch frage Sie aber: Ob ſie denn vernuͤnftig darin handeln wuͤr - den, wenn ſie ſich eine ſo unvermeidliche Noth, und die gleichwol jedesmal ihre Schulden und Straffen haͤuffen wuͤrde, mit Wiſſen und Wil - len auf den Hals laden, ſich zum Sclaven der Schande machen, und eine ſo erſchreckliche Ver - antwortung auf ſich nehmen wolten! Ach neh - men ſie es, um ihres Lebens willen, doch zu Her - tzen! Dieſer Art Suͤnden zu treiben, iſt ſehr leicht: aber ſie und alle ihre Folgen zu verant - worten, das iſt wahrlich ſchwer, vor einem ſolchen Richter, der ſich ausdruͤcklich vor jeder - mann ein verzehrend Feuer nennet, und ſeinen ſchrecklichen Zorn (Nah. 1, 2. 3. 4. 5. 6. 2 Moſ. 20, 5. 5 Moſ. 4, 24. Ebr. 10, 31.) auf eine majeſtaͤtiſche Weiſe bezeuget hat, dergleichen un - ter Menſchen keine gleiche noch aͤhnliche je er - hoͤret worden.

X.

Sie werden damit ein Moͤrder,10) Schluß - folge. der nach gerechtem Ausſpruch GOttes, 1 Moſ. 9, 6. des Todes wuͤrdig iſt. Des Selbſtmordes, den ſie an Jhrem Leib und See - le begehen, habe ich Sie in den bisherigen Con - ſectariis beſchuldiget, und es Jhnen auch erwie - ſen. Jch kann und muß Sie aber auch noch einer andern Mordthat wegen gerichtlich belan - gen: Denn Sie verderben dasjenige, worein GOtt ſelber entweder die erſten lineamenta ei - nes Menſchen bereits wunderbarlich formiret, oder doch eine ſolche Wunderkraft hineingelegt,die128(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchedie einem menſchlichen Coͤrperlein den erſten Hauch, Urſprung und Lebensanfang gibt; ohne welchen er unmoͤglich entſtehen und geboren wer - den koͤnte. Sie verderben (kraft des 7ten Lehr - ſatzes) ein wundernswuͤrdiges und koſtbares Werck GOttes, worauf er ſo ein genaues Aufſe - hen hat; einen Menſchen der zu ſeinem Ruhm dereinſt ſolte zur Welt geboren werden, und als ein Vaſall des allerhoͤchſten Koͤniges Jhm die - nen; einen Menſchen, der zu ſeinem Bilde wie - der geboren werden, und Jhm alsdenn in der freudigſten Unterthaͤnigkeit zu eigen leben, ihn uͤber alles lieben und ihm zur Luſt ſeines Her - tzens werden ſolte. Sie verhindern und ver - derben dasjenige, was GOttes Haͤnde ſchon im Verborgenen zu zubereiten und wunderbarlich zu wircken angefangen haben. Hiob 10, 8. 10. 11. 12.

Ach! mein theureſter Freund, wenn Sie das nur uͤberhin anſehen, und nicht behertzigen wolten: ſo wird ſie ein Heide, der nun ſchon uͤber 1600. Jahre ohnfehlbar in den Ketten der Fin - ſterniß lieget, damit er dereinſt der endlichen Execution uͤber ſeinen greulichen Schandſchrif - ten uͤberliefert werde, am Tage des Gerichts ins Angeſicht deshalb beſchuldigen muͤſſen: ich mei - ne den ſonſt ſo unverſchaͤmten Martialem. Denn der ſaget gleichwol zu Pontico: Daß du nicht hureſt, nicht die Ehe brichſt ꝛc. ſondern mit deiner Hand deinem eigenen Leibe Schande und Gewalt anthuſt, das haͤlſt du fuͤr ſo ge - ring? Glaube mir, es iſt eine Uebelthat: und ſie129Betrachtung der Unreinigkeit. ſie iſt ſo groß, daß du es kaum begreiffen kanſt. Pontice! merckſt du es denn nicht? die Natur ſelber ſagt dirs ja, daß dis, was du mit dei - ner Hand verdirbſt, ein Menſch ſey! Wobey ein anderer die paraphraſin machet: Es iſt ei - ne eben ſo groſſe Uebelthat, als wenn du die Frucht aus Mutterleibe herausreiſſen und um - bringen wuͤrdeſt. Clemens Alexand inus, der Sec. 2. gelebet, fuͤhret in ſeinem Pædagogo einen heidniſchen Philoſophen dißfalls an, So - phiſtam Abderitem, der die Luſtſeuche fuͤr einen morbum immedicabilem (eine unheilbare Kranckheit) gehalten. Er erzehlt deſſelben Mei - nung mit folgenden Worten: Entſtehen daraus nicht Verderbungen und Schaͤden des Leibes, welche theils aus der Niedertraͤchtigkeit der Schaͤndung ſein ſelbſt, theils aus der Wich - tigkeit deſſen, was vom Menſchen gehet, zu ermeſſen und zu ſchaͤtzen ſind? Denn es wird ja ein Menſch aus dem Menſchen erzeuget und geboren, hier aber hinausgethan und vertilget! Erwege doch den entſetzlich groſſen Schaden: Ein gantzer Menſch wird durch dieſe viehiſche Proſtitution ſein ſelbſt ausgerottet Denn hier mags wol heiſſen: Dis iſt Fleiſch von mei - nem Fleiſch, und Bein von meinem Gebein. Es wird demnach ein juſt ſolcher Menſch durch den verderbten Samen verderbet, als er leib - haftig ausſiehet. Denn das, was abgehet, iſt gleichwol der Grund und Anfang der Er - zeugung. Ueber dieſes ſetzt die Heftigkeit der erregten Ausſtoſſung des Samens den gantzenI. Th. Betr. der Unreinigk. JLeib130(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche Leib ſamt ſeinen Gelencken in eine groſſe Er - ſchuͤtterung und Schwachheit.

Unter dem Viehe und den wilden Thieren ſelbſt kann man kein Exempel aufbringen, daß ſie ihre Leibesfrucht oder den Samen verderbe - ten und verſchuͤtteten: ſondern wenn er auf irgend einige Weiſe hervorkaͤme, und ſie es leiden muͤſten, ſo lecken ſie ihn allerdings auf, und laſſen ihn durchaus nicht verderben. Ey! wer hat ſie das gelehret? und woher haben ſie doch den Trieb, das zu verhuͤten, daß er nicht umkomme?

Ach, ich bitte Sie, kommt Jhnen denn des Onans ſeine Suͤnde 1 Moſ. 38, 9. 10. nicht ins Gewiſſen, (davon Lutherus Tom. XI. Witteb. part. 4. fol. 55. ſpricht: es ſey eine viel greuli - chere Suͤnde geweſen, als Blutſchande und Ehe - bruch,) und wie ihm der HErr aus groͤſter Un - gnade, daß er ſeinen Samen auf die Erde fal - len ließ, und ihn verderbete, alſo fort, und ſo viel uns bewuſt, ohne ihm einigen Termin zur Buſſe zu ſetzen, ſo er doch ſonſt gewohnt iſt, ge - toͤdtet hat? Kann Sie das nicht uͤberfuͤhren, mit welcher Ungnade und Verabſcheuung das der Allerhoͤchſte anſehen muͤſſe? Sollen Sie nicht billig und vernuͤnftig den Schluß machen: Hat GOtt bey einem ſolchen Seculo rudi & inculto dieſe Suͤnde ſo ſchleunig und ſo ſchrecklich geſtraffet: ach was wird nun geſchehen muͤſſen, wenn nun dereinſt die Zeit der Langmuth wird vorbey ſeyn, da wir in einem ſolchen Lichte des Evangelii leben? Wie, wenn nun auch einmal ſo viele Seelen der Erſchlagenen zu GOtt ſchreyenſol -131Betrachtung der Unreinigkeit. ſolten, und auf ſeine Heiligkeit und Wahrheit provociren, daß er ihr Blut an ihnen raͤchen muͤſſe?

XI.

Machen Sie ſich entweder un -11) Schluß - folge. faͤhig den Hauptzweck GOttes, den er bey der Eheſtiftung intendirethat, nem - lich die Fortpflantzung ihres Geſchlechts zu erreichen: (indem Sie ja ihre maͤnnliche Staͤrcke, und die gehoͤrige Kraft und Spirituo - ſitaͤt des Samens verlieren; allermaſſen derſel - be unrein, grob, geronnen, ſtinckend und garſtig, folglich voͤllig unfruchtbar werden muß:) oder, wenn es ja dem HErrn gefallen moͤchte, Jhnen dereinſt einen ehelichen Segen zu geben, ſo haben Sie doch hiermit den Grund geleget zu deſſelben groſſen Elend, continuirlicher Schwachheit, kraͤncklichen, ungeſtalten Weſen, und al - lerhand gefaͤhrlichen Zufaͤllen auf die gantze Zeit ſeines Lebens; wie ſolches aus halbweger Einſicht in den 3. 〈…〉〈…〉. und 8. Lehrſatz uͤberzeugend erhellet. Bedencken Sie es ſel - ber, ob eine recht geſunde und vollkommene Lei - besfrucht zur Welt kommen koͤnne, wenn Sie nicht nur ſich ſelber durch Wohlluͤſte gaͤntzlich rui - niret, und allen Kranckheiten Preiß gegeben; ſondern auch den Samen auf eine ſo unverant - wortliche Weiſe vernichtet und verderbet haͤtten? Es iſt zwar an dem, daß hierinfalls vieles durch die vollkommene Geſundheit und gute Conſti - tution des andern Ehegatten verbeſſert, undJ 2alſo132(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchealſo auch gantz natuͤrlich dahin diſponiret wird, daß ſich die Frucht nach dem ſexu, indole, viri - bus, ingenio und andern Qualitaͤten deſſelben richtet: aber woher ſind Sie dieſer vollkommenen Geſundheit ſo gewiß? und laͤſt ſich auch noch wohl alles verbeſſern? Jſts Jhnen denn nicht bekant, daß ſich die natuͤrliche Beſchaffenheit der Kinder nach der Eltern ihrer richtet? Wo ha - ben Eltern, die beyderſeits, oder auch nur eines theils einige Kranckheiten an ſich hatten, jemals geſunde Kinder zur Welt gebracht? Schwind - ſuͤchtige erzeugen ein ſchwindſuͤchtiges Kind, das mehrentheils bald von Jugend auf wieder an - faͤnget zu verdorren und verzehret zu werden. Sind Eltern mit der ſchweren Noth behafftet, ſo iſt die Frucht der Epilepſie auf Zeit Lebens unterworfen. Haben ſich Eltern auf einige Weiſe die erſchreckliche Kranckheit der Fran - tzoſen zugezogen, ſo werden ihre Kinder bald mit derſelben in die Welt geboren. Die, ſo mit Steinſchmertzen geplaget werden, gebens ihren Kindern auch auf das gantze Leben zum Erb - theil. Von Melancholiſchen, Podagriſchen oder an andern Kranckheiten laborirenden Eltern hat man nie kein recht freudiges und aufgewecktes Kind geſehen. Sie erben die Leibesnoth mit der Suͤnde zugleich; und ſolche Erbſchaͤden und Kranckheiten koͤnnen mit aller angewandten Kunſt, Sorge und Geſchicklichkeit der Medico - rum nicht gehoben werden. Was meinen Sie, wuͤrde das Jhnen nicht ein blutend Hertz und verzweifelt boͤſes Gewiſſen verurſachen wennSie133Betrachtung der Unreinigkeit. Sie die goͤttliche Straffgerechtigkeit alſo an Jhren eigenen Nachkommen alle Tage und Stunden vor ſich ſehen, und noch unablaͤßliche Vorwuͤrfe des Gewiſſens hoͤren muͤſten: Sie haͤtten ſie ſelber in ſo ein unheilbares Elend hin - eingefuͤhret? Wuͤrden Sie nicht ihre Thraͤnen, Schreyen und Klagen, ihre jaͤmmerliche Geſtalt, ihre bey andern verhaßte Art und Weſen, ihre Unvermoͤgenheit, was tuͤchtiges zu erlernen, ihr muͤrriſches, boshaftes, tuͤckiſches Weſen, ſo ins - gemein damit in hohem Grad verknuͤpft iſt, oder durch die ſtete und unleidliche Beſchwerlichkeit und allerſeitiges Mißvergnuͤgen angenommen wird ꝛc. nicht bis an den Tod betruͤben und aͤng - ſtigen? Und wie? wenn Sie den Hauptaffect, die ſchaͤndliche Luſtſeuche von Jhnen auch erben wuͤrden, und dann in eben ſo viel Schande und Laſter, folglich in unabtraͤgliche Schulden und Straffgerichte GOttes, fuͤr ſich und ihre Nach - kommen gerathen moͤchten? Bey den Alten iſt es eine ausgemachte Sache geweſen; (und GOtt hat es ſelbſten feſt geſtellet, 2 Moſ. 20, 5. daß es die Nachkommen mit entgelten muͤſſen, wenn ihre Eltern gottloſe Thoren geweſen ſind,) da ſie pflegten zu ſagen: vitia ſeminis puniuntur in ſe - mine: das iſt, Laſter, die am Samen begangen werden, werden auch am Samen, oder an den Nachkommen und durch die Nachkommen abge - ſtrafft. Aber nun, wenns gleich anders werden koͤnte: ſo vergeſſen wir billig gleichwol das nicht, was GOtt geſaget hat Hoſ. 9, 12. und ob ſie ihre Kinder gleich erzoͤgen, will ich ſie doch ohneJ 3Kin -134(I. Th.) Anatomiſch-MediciniſcheKinder machen, daß ſie nicht Leute ſeyn ſollen: auch wehe ihnen! wenn ich von ihnen gewichen bin! Ach! mein Freund! kann Sie die Vor - ſtellung dieſer Dinge nicht bewegen, zu einer andern Reſolution zu greiffen: ſo muͤſte die Luſt - ſeuche nun wol auf den hoͤchſten Grad geſtiegen, und unheilbar worden ſeyn. Darum hoͤren Sie nur noch ein einiges, wie es Jhnen dabey ergehen koͤnne und werde, wenn ſie der HErr nicht mit maͤchtiger Hand daraus reiſſet.

XII.

12) Schluß - folge.
6

Weil ſie die vaſa ſpermatica, deren ſehr zaͤrtliche Structur Jhnen nun ſchon bekant iſt, ſo gewaltthaͤtig ruiniren daß Sie durch allzuvielen und heftigen Zu - fluß des nahrhaften Blutes zu ſehr aus einander gedehnet, mithin ſchlapp ge - macht werden: ſo iſt zu beſorgen, daß Sie nun, wenn Sie es gleich wer weiß wie ſehr ſcheuen und hindern wolten, der elenden Beſchwerlichkeit werden muͤſſenPollutio noctur - na. unterworfen ſeyn, welche man pollutiones nocturnas nennet; da nemlich ohne Jhren Willen im Schlaff der Same hervorbricht, Sie und alles verunreiniget und ſchaͤndet, oͤfters auch zum folgenden Tage gantz ungeſchickt, furcht - ſam, verworren und zu allem verdroſſen macht. Und dieſes zwar nach Verſchiedenheit der Um - ſtaͤnde, bald oͤfters, bald auch ſeltener, zuweilen in einigen Wochen einmal: iſts aber ſehr hoch kommen, in einigen Tagen einmal, ia wol die mehreſten Naͤchte. Es kann auch dahin kom -men,135Betrachtung der Unreinigkeit. men, daß Sie dann und wann, vor oder nach dem Laſſen des Waſſers, oder unter Entledi - gung des Leibes, wenn es mit vielem Druͤcken und Zwange zugehet, wider Willen den Samen hervorſtoſſen werden: oder Sie werden zuwei - len um die Vorhaut eine garſtige ſchleimige Feuchtigkeit finden, davon Sie nicht einmal wiſ - ſen, wenn oder wo ſie herkommen.

Weil nun dieſes ohne Wiſſen und Willen, oͤfters auch wieder Willen geſchiehet; zu dem noch kein Anfreſſen und Brennen der Harnroͤh - re dazu kommt, daß die Menſchen einen gar mercklichen Schmertzen und Schaden disfalls noch nicht empfinden muͤſſen: ſo achten Sie das nicht viel; und dencken, weil ohndem die Welt nun nicht viel draus machet, ſo werde es damit auch im Himmel nicht ſonderlich viel zu ſagen haben. Allein Sie ſolten gleichwol uͤber - legen, daß

  • 1) auch diejenigen Suͤnden, beſon - ders die Todſchlaͤge, ſo iemand wider Willen und Wiſſen that, nicht anders als durch das Abſterben des Hohenprie - ſters die voͤllige Aufhebung, Wieder - ausſoͤhnung und Sicherheit des Suͤn - ders erlangen konten, folglich vor dem Gerichte des Allerhoͤchſten nothwendig nicht zu wenig zu bedeuten haben muͤſ - ſen. Joſua 20, 6.
  • 2) Daß Sie ſelbſten durch die Jhrer Natur angethane Gewalt Urſach darzu gegeben, und alle nun aus dieſem gelegtenJ 4Grun -136(I. Th.) Anatomiſch-MediciniſcheGrunde herflieſſende Verunreinigungen, Schan - de und Schaden, an ſich und andern, die es mercken koͤnnen, werden zu verantworten kriegen: weil es ia auch unter den gottloſeſten Menſchen ei - ne ausgemachte Sache iſt, daß der, ſo einer gewiſ - ſen That oder Schadens Urſache geweſen, auch fuͤr alle ihre Wirckungen und Folgen ſtehen muͤſſe.
  • 3) Daß gleichwol durch ſolche Be - fleckungen der Leib ſehr geſchwaͤchet werde. Die natuͤrliche lebhafte Roͤthe ver - lieret ſich im Angeſicht; die Augen werden roth; und um dieſelben ſiehet man eine todte ſchwartz - bleiche Farbe. Der gantze Coͤrper wird zu al - lerhand Catarrhal-Zufaͤllen diſponiret; auch wol oͤfters davon uͤberfallen; die maͤnnliche Kraft und Staͤrcke verlieret ſich, indem, wenn dis Uebel zu hoch gekommen und zu frequent worden, aller Same auf die Art verdirbt, und zu waͤßerig wird, oder auch gerinnet. Es finden ſich allerley Gliederſchmertzen und Spannen im Ruͤckgrad und in den Lenden ein, wegen Mangel der Lebensgeiſter, ſo ſonſten durch die medullam oblongatam und ſpinalem in alle Glieder des Leibes in groͤſſerer Menge ausge - theilet und verfuͤhret werden moͤchten, als nun (kraft des 4. und 5ten Lehrſatzes) moͤglich iſt, und andere ſolche Noth mehr, ſo daraus er - waͤchſet. Haben Sie es nicht ſelbſten etwa zu - weilen erfahren, daß, wenn eine pollutio im Schlaffe geſchehen, Sie des Morgens darauf ſich gantz verduͤſtert im Gemuͤth, ungeſchickt undtraͤ -137Betrachtung der Unreinigkeit. traͤge zu allem, matt und verdrießlich, und bald auf dieſe, bald auf jene Weiſe kraͤncklich und gleich - ſam niedergeſtuͤrtzt befunden? Sie duͤrfen nicht dencken, daß es allezeit andere Urſachen koͤnnen geweſen ſeyn: denn es iſt Jhnen nun gantz be - greiflich, daß und wie ſolche Wirckungen aus dieſem Uebel gantz natuͤrlich entſpringen koͤnnen, auch nothwendig entſtehen muͤſſen.
  • 4) Naͤchſt dem, daß die im Schlaffe vor - kommende pollurion bey denen, die ſie durch Luͤſte erreget, mehrentheils mit greulichen Vorſtellungen, Traͤumen und Phanta - ſien geſchiehet, und alſo der Satan mit der armen Seele wircklich viel zu ſchaffen hat: (wiewol die Alten geglaubet, daß er auch den alſo verderbenden Samen, doch ohne den liquorem proſtatarum, als deſſen vehiculo, weg - nehme, und zu des Menſchen Schaden, wie auch zur Proſtitution und Laͤſterung der Herr - lichkeit GOttes und Schaͤndung ſeines Eben - bildes brauche, dazu er endlich nicht zu gut, auch nicht zu dumm und ungeſchickt waͤre, wenns gleich der heutigen Welt zu einfaͤltig vorkomt:) ſo geſchiehet ſie nicht allezeit ohne Wil - len, wie ſolche Menſchen meinen; ſon - dern mit heftiger Luſt und Begierde, ſo ja unmoͤglich als etwas, ſo ohne und wieder Willen geſchiehet, vor goͤttli - chem Gerichte angeſehen werden kann. Ja manche Weichlinge haben ſich darin einen ſolchen habitum zugezogen, und alle ihre Glie - der dermaſſen unter die Tyranney der Luſtſeu -J 5che138(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheche geſtecket: daß ſie im Schlaff wircklich ihre eigene Hand oder ſonſt andere Bewegungen ge - brauchen, dis verfluchte Werck, dazu der Sa - tan ihre greuliche Natur treibet, auszufuͤhren. Wenns nun ſich im Schlaff begiebet, woher kann man es gewiß ſeyn, daß nicht ein wirckli - cher actus contrectationis &c. mit der Hand dazu gekommen, ſonderlich wenn unzuͤchtige Bilder und Jdeen mit dabey geweſen? Ueber dieſes: Soll denn alles das, was von Jhnen ohne Reflexion (das iſt, ohne drauf zu mercken und druͤber zu urtheilen) geſchiehet, wircklich ohne Willen geſchehen? Hoͤren Sie denn im Schlaf - fe auf zu wollen? Hoͤren Sie denn auf zu den - cken? Kann das Dencken ohne vielerley Nei - gungen des Willens auch nur eine Viertelſtun - de lang, geſchweige die gantze Nacht durch, fort - gehen? Zumalen, wenn der Verſtand mit coͤr - perlichen, ſinnlichen, und nicht nur den Willen, ſondern auch die animaliſchen Begierden ruͤh - renden und betreffenden Dingen zu thun hat? Wie viel tauſend Dinge koͤnnen ſie am Tage dencken, ia gantze Syſtemata von voranlauffen - den Vorſtellungen und hypothetiſchen Suͤnden und Expeditionen in ihrer Phantaſie auffuͤhren, und merckens nicht einmal. Haben Sie drum gar nichts gedacht? Wenn Sie Jhr Gemuͤth oft belauren, und ertappens zuweilen in einer langen Reihe von ſolchen Vorſtellungen, von Sachen, die Sie etwa einmal gerne haͤtten oder thaͤten ꝛc: mercken Sie nicht, daß Sie auch ei - nen Kitzel und heimliche Luſt, ia oft eine ſtarckeNei -139Betrachtung der Unreinigkeit. Neigung und Diſpoſition des Willens zu der ſo lang bedachten Sache zugleich mit ertappt ha - ben? Koͤnnen Sie nun ſagen, daß dieſe Vor - ſtellungen ohne Willen in Jhnen vorgegangen? Muß denn bey dem Willen juſt ein ſtarcker, gro - ber, eigenſinniger Vorſatz mit zugegen ſeyn? Jſt denn der Geiſt des Menſchen ſo ein plumpes und coͤrperliches Ding, das nur greifliche und merckliche Wirckungen vorbringen kann?
  • 5) Wenn dieſer Samenfluß fortdauret, und zu heftig oder zu oft kommt, (zumal, wenn er durch allerley innerliche und aͤuſſerliche treibende Dinge aufgebracht worden) da end - lich der Same mehr Schaͤrfe erlanget; und die Samenblaͤslein, oder auch pro - ſtatæ werden angefreſſen: ſo wird eine Gonorrhœa chronica draus. Welcher Ge - fahr und Plage Sie alsdenn hiedurch ausgelie - fert werden, ſollen Sie alſobald vernehmen. Wie endlich
  • 6) die pollutiones nocturnæ NB. die wahrhaftig und gewiß ohne und wie - der Willen geſchehen, vor demjenigen, dem das allerhoͤchſte Gerichte gebuͤhret, und dem in ſolchen Dingen den Aus - ſpruch zu thun allein zukommt, angeſe - hen werden, will Jhnen bald unten aus ſei - nem Worte zeigen.

Jndeſſen iſts aufs hoͤchſte zu bewundern, daß ein vernuͤnftiger Menſch, der aus goͤttlicher Barmhertzigkeit die empfindliche Ueberzeugung in ſich hat, von dem, was billig und unbillig,ehr -140(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheehrbar und unehrbar, nuͤtzlich oder ſchaͤdlich, folglich klug oder unvernuͤnftig iſt, (Roͤm. 1, 19. 20. 32. C. 2, 14. 15. Weish. 17. 10. ) ſich dennoch ſo leichte kann in Zweifel bringen laſ - ſen, ob eine ſolche Verunreinigung wol ſuͤnd - lich ſeye? und noch dazu durch Leute, denen er in andern Stuͤcken eben nicht gerne viel trauet. Ey! warum beſtraft ſie denn ihr Gewiſſen noch zum voraus? und wenn ſie es gethan haben, warum ſcheuen Sie denn das Licht ſo ſehr, daß Sie wer weiß wie wuͤnſchten, es moͤchte es doch nur niemand erfahren, daß ſie dergleichen Greuel getrieben haben: geſchweige, daß Sie den Anblick eines ehrlichen Menſchen bey der Schandthat ſelbſt ertragen ſolten? Daher ſagt ſo gar der Heide Plutarchus davon: Wirſt denn du deine Geilheit vor jedermann treiben? Jch ſage noch vielmehr: Muſt du doch vor dir ſelbſt ſcheu tragen, und flieheſt deinen eigenen An - blick. Nacht und Finſterniß muͤſſen deine Schande und Unzucht verſtecken, wo keine Zeugen koͤnnen zugegen ſeyn. Dieſer allein darfft du deine ſauberen Dinge vertrauen. Kein ehrlicher Menſch wird mit billigen und ehrba - ren Handlungen ins Dunckle kriechen, und das Licht ſcheuen, welches doch der allgemeine Zeu - ge unſerer Wercke in der gantzen Welt ſeyn muß: ſondern er moͤchte lieber wuͤnſchen, daß die gantze Welt licht waͤre, zum Vortheil deſ - ſen, was von ihm recht geſchiehet. Man thue nur das Dunckle weg, und ſehe die Wohl - luͤſte ohne Decke gantz nackend an. Jſtsnicht141Betrachtung der Unreinigkeit. nicht wahr: Die Gegenwart anderer, ja der bloſſe Argwohn und Furcht geſehen zu werden, vermag Sie auf der Stelle zuruͤck zu halten, und ihre Begierden zu zaͤhmen, wenn Sie auch ſchon ſtarck entflammet waͤren?

Es gibt Menſchen in der Welt, welche, wenn man alles, was ſie aus Trieb ihrer viehiſchen Luͤſte begangen, wuͤſte, und alle ihre garſtige und unflaͤtige Gedancken und Begierden mit Augen ſehen koͤnnte, ſolches mit allem ihrem Gut gerne, wo moͤglich, erkauften. Ja ſie koͤnten nicht laͤnger unter den Leuten herum gehen; ſie erkuͤhnten ſich nicht, ſich ſehen zu laſſen; und wuͤrden vor Scham in ein ander Land ziehen, worinn ihre Schandthat unbekant, und die Gaͤnge und Wege ihrer Gedancken nicht koͤnten geſehen werden. Vermag die Furcht vor Men - ſchen ſo viel: wie, kann denn die Furcht GOttes ſolche Unmenſchen von dieſer Suͤnde nicht ab - ſchrecken? Thut man es nicht vor Menſchen: wie unterſtehet man ſich denn, ſie vor den Au - gen GOttes des Allerhoͤchſten und Gerechteſten zu begehen, der alles ſiehet, was wir thun und dencken, und dem die Unreinigkeit unendlich mehr verhaßt ſeyn muß, als allen Menſchen zu - ſammen? Jſt dieſes nicht eine erſchreckliche Be - leidigung der hoͤchſten Majeſtaͤt GOttes, daß man ſich weniger ſcheuet vor ihm, als vor ei - nem Menſchen, ja vor einem Kinde? Stehet das einem vernuͤnftigen Menſchen wohl an, daß er eine Scham und Scheu noch wol vor Men - ſchen traͤget: aber wenn ihn die nicht mehr ſe -hen,142(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchehen, ſondern er ſtehet bloß vor GOtt da, ſo ver - ſchwindet dieſe Scham? Jſt dis eine billige Aeſti - mirung des allerhoͤchſten und allerſeligſten GOt - tes? Sollen ſchlechte und armſelige Menſchen noch mehr reſpectiret werden, als der ewige GOtt? Jſt dis nicht um deſto unverantwortli - cher, da der, ſo aller Welt Richter iſt, uns Men - ſchen ſeine Allgegenwart und Allwiſſenheit gnaͤ - diglich kund gethan, (2 Chron. 7, 16.) ja der - maſſen eingeſchaͤrfet hat, daß wirs wiſſen muͤſ - ſen, er ſey uns, wo wir uns auch befinden, weit naͤher als die Luft, oder des Tages Licht, und um - gebe uns allenthalben aufs innigſte? Er, der Allmaͤchtige und Allſehende, der in aller Welt zu - gleich wohnet, und aller Himmel Himmel erfuͤl - let, gibt ſo genau acht auf unſer Jnwendiges, als ob allenthalben, wo wir nur hinſehen, lauter Augen waͤren, die uns obſerviren.

Darum koͤnnens auch ſolche ſchaͤndliche Leu - te mit aller ihrer Bemuͤhung nicht hindern, daß ſie ihr Gewiſſen uͤber ihren auch verborgenſten Unflaͤtereyen nicht gantz erſchrecklich quaͤlen ſol - te. Ein Wohlluͤſtiger, wenn er eben glaubte, in allen Arten der Freuden nach allen Kraͤften vergnuͤgt zu ſeyn, bekommt ploͤtzlich tauſend Urſachen, ſichs reuen zu laſſen; und eben ſo viel, ſich ſchmertzlich zu kuͤmmern und zu betruͤben. Das fluͤchtige und falſche Vergnuͤgen fliegt da - von; die kuͤmmerlichen Sorgen aber bleiben zu - ruͤck: und eben dieſe muͤſſen ihm ſeine Unflaͤ - tereyen hart und unabweislich vorruͤcken; die - ſe muͤſſen ihn nagen, oft auch, wie erbittert, mit hi -143Betrachtung der Unreinigkeit. hitzigem Sturm anfallen; dieſer ihr freſſend Feuer kan durch keine Abkuͤhlung gemindert werden ſpricht der bekante Frantzoͤſiſche Edel - mann Carol. Paſchalius.

Wenns nun zur wircklichen Gonorr -Gonorr - hœa. hœa kommt, ſo hoͤren Sie weiter, wie es den Unzuͤchtigen und Schaͤndern ihres eigenen Lei - bes dabey ergehet. Jch erroͤthe zwar oͤfters, dergleichen ſchandbare Dinge an Sie zu uͤber - ſchreiben: allein man kan ſolche mal-honnete Sachen unmoͤglich auf eine gaͤntzlich ſchamhaf - tige Weiſe ausdrucken. Zu dem darf die Feder nicht erroͤthen; und die zu beſorgende Gefahr erfordert endlich, es lieber teutſch herauszuſagen. So bald die innerlichen Geburtsglieder (kraft des 2. und 4. Lehrſatzes) allzuſehr relariret worden; der Same, wie auch der liquor proſtatarum ei - nige Schaͤrfe concipiret hat; oder noch dazu der Unzuͤchtige, bey welchem es am leichteſten faͤngt, von einem Veneriſchen fermento etwa iſt ange - ſtecket worden: ſo werden die Samengefaͤſſe, ab - ſonderlich aber die Druͤſen, von ſolcher Schaͤrfe angegriffen und angefreſſen; demnach muß die lympha, ſo darin enthalten iſt, in ihrem Um - lauf gehemmet, folglich auch zaͤhe und ſchlei - mig werden, endlich aber in Faͤulniß gera - then. Daher zuvoͤrderſt eine Inflammation in den proſtatis, und andern hie befindlichen Druͤ - ſichten Theilen, in welchen ſie ohndem allenthal - ben am gefaͤhrlichſten iſt, dazu ſchlaͤget; bis ſie endlich anfangen zu eitern. Und weil der Sa - me aus den reſtibus per vaſa deferentia zuhaͤuf -144(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchehaͤuffig und allzuwaͤßerig nachflieſſet: ſo wird er in eben ſo eine eiternde Faͤulniß geſetzt; daher endlich ein unablaͤßiges Hervordringen des Sa - mens erfolget. Dieſer ſiehet anfangs etwas duͤnner und waͤßriger, aber mit der Zeit immer dicker, zaͤher und eiteriger aus; iſt von einer gar - ſtigen, braungruͤnlichen Farbe und abſcheuli - chem faulen Geſtanck: wobey der Patiente Hoͤl - lenſchmertzen ausſtehen muß, weil es ihn in der Harnroͤhre wie Feuer brennet, und wie der ſchaͤrfſte Eßig am rohen Fleiſche friſſet und bei - tzet. Und weil durch den Geſtanck und giftige Schaͤrfe der hervorflieſſenden Materie alles rings herum angefreſſen wird: ſo geſchwellen, entzuͤn - den ſich, und geſchwaͤren die bedeckten Oerter insgeſamt. Jn der Vorhaut und dem Scroto iſt eine Geſchwulſt und ſtarckes Brennen; das Scrotum zerfaͤllt alsdenn, und kriegt viele Ritzen, daraus ein ſcharfes Waſſer hervordringet, und die Schmertzen durch unablaͤßiges Beiſſen tref - lich vermehret. Das Glied wird ſo inflammirt und aufgetrieben, daß es eine entſetzliche Dicke bekommt, zerſpringt auch wol an einigen Orten. Und daraus kommen ferner im glande gantz be - ſondere peinlich ſchmertzende Geſchwuͤre; ſo daß die Patienten oftmals wie wilde Thiere bruͤllen, und lieber dem Hencker in die Haͤnde fallen wol - ten, als dieſe Pein laͤnger ausſtehen. Sie muͤſ - ſen mit Hoͤllenzwang zu Stuhle gehen, daß der Schweiß das Geſicht herunterlaͤuft. Das Maul zittert; das Angeſicht wird blaßtodt; ſie koͤnnen weder ſitzen noch gehen; noch ohne diegroͤ -145Betrachtung der Unreinigkeit. groͤſten Schmertzen liegen. Ach! daß nur ſol - che, die ſich ihre Luſt ſo ſuͤſſe einbilden, ein eini - ges mal dieſer jaͤmmerlichen Leute ihr Geſchrey und Heulen anhoͤren koͤnten: damit ſie es ſehen moͤchten, welch eine Gluͤckſeligkeit ſie ſich geweh - let haben, und was ſie fuͤr einen Ausgang neh - men kann!

Doch das iſt erſt der Noth Anfang. Sie beſchweren ſich bey alle dem, wenn auch gleich die Schmertzen manchmal ausbleiben, uͤber den voͤlligen Verluſt ihrer Staͤrcke und Kraft; ſind in allen Gliedern ſo ſchwach und laß, daß ſie ſich kaum halten koͤnnen. Jn den Inguinibus oder Weichen entſtehen harte Knoten und Beu - len, ſo bey den Medicis bubones venerei heiſ - ſen. Das Geſicht iſt ſcheußlich, und um die Augen eine noch viel duncklere ſchwartzblaſſe Farbe. Was das greulichſte iſt, ſo hat die ei - ternde Materie, ſo von ihnen flieſſet, eine an - ſteckende fermentirende Kraft, welche ſich an - fangs darin aͤuſſert, daß die uͤbrigen herzuflieſ - ſenden humores in gleiche Gaͤhrung und Faͤul - niß geſetzet werden. Daher um ſolche Leute ein uͤberaus widerwaͤrtiger und ſchaͤdlicher Geſtanck iſt, welcher alles, wo ſie ſich legen oder ſetzen, zum Exempel, die Betten, Kleider, Seſſel, Sat - tel, Trinckgeſchirr, Schermeſſer ꝛc. ja zu theureſt die Waͤſche inficiret: ſo, daß auch andere un - ſchuldige Perſonen, wenn ſie an dergleichen Or - te, vornehmlich ſo lange ſie noch warm ſind, kommen, in groſſes Ungluͤck geſtuͤrtzet werden koͤnnen. Auch ſo gar ihr Athem ſteckt andereI. Th. Betr. der Unreinigk. KLeu -146(I. Th.) Anatomiſch-MediciniſcheLeute an: und wer ihnen zu nahe kommt, und aus Unvorſichtigkeit durch ihre Lumpen oder Athem inficiret wird, kann in eine greuliche Pla - ge gerathen: indem er daher eine heftige Kraͤ - tze, Geſchwuͤre, ausfahrende, brennende und ei - ternde Blattern, davon endlich die Haut abge - hen muß, an den geheimen Orten und um die Lenden kriegen kann; wenn er gleich fuͤr ſich nicht im geringſten dazu diſponiret geweſen waͤre. Ach! was kann dis fuͤr Seufzen, Verwuͤnſchen, Thraͤnen und andere jaͤmmerliche Folgen nach ſich ziehen: wenns auch ſchon die ehrlichſten Leute waͤren, die etwa durch Anſteckung derglei - chen Noth betraͤffe!

Kommt denn vollends eine ungeſchickte Cur dazu, dergleichen die elenden Leute, aus Schan - de es herauszuſagen, am eheſten antreffen; und ſie werden ſo bald mit allzuhitzigen Dingen, zum Exempel der eſſentia cantharidum &c. ange - griffen: ſo werden die Schmertzen unglaublich geſchaͤrfet, auch wol gar die Nieren inflammiret und ſo angegriffen, daß die Patienten mit der entſetzlichſten Pein Blut harnen muͤſſen. Wird aber dieſer ſtinckende Fluß durch adſtringirende Mittel geſtopft und gehemmet: ſo druͤcket, aͤtzet und beiſſet er ſo lange, bis er den vorher ver - ſtopften Weg durch die vaſa lymphatica ins Ge - bluͤte hinein wieder eroͤffnet; ergieſſet ſich als - denn continuirlich in alle humores des Leibes, und ſtecket ſie alle zugleich an; ſetzet die Lebens - geiſter in die groͤſte Verderbniß und Unordnung, inſonderheit aber die lympham, das ſerum, unddas147Betrachtung der Unreinigkeit. das Blut in eine groſſe Unreinigkeit und Faͤu - lung, daß ſie zaͤhe, ſchleimig und ſcharf bren - nend werden; folglich alsdenn theils unter der Haut, theils aber an allen druͤſichten Theilen des Leibes ſtocken muͤſſen, und alſo ein heftiges Beitzen und Anfreſſen, am meiſten aber in der Nacht die grauſamſten Schmertzen machen, bis es endlich gar zu dem dritten Grade der gerech - ten Plage, nemlich der lue venerea hinaus - koͤmmt. Eben dis geſchiehet, wenn die Patien - ten zu fruͤhzeitig ſchwitzen muͤſſen: weil hier - durch dis Gift auf gleiche Weiſe in alle humores durch den gantzen Leib hinein getrieben wird, und dieſelben in ihrer innerſten Temperatur und natuͤrlichen Vermiſchung voͤllig ruiniret. Alle dieſe unſelige Folgen ergeben ſich auch bey de - nen, deren ihre vaſa lymphatica, und alſo der Einfluß des Samens ins Gebluͤte eben noch nicht verſtopfet und gehindert iſt: deren ihr Same aber gleichwol durch eine Anſteckung iſt in eine giftige Verderbniß hinein geſetzet wor - den.

Bey alle dem hoͤret der viehiſche Trieb der Unzucht gar nicht auf, ſondern wird oft bey der greulichſten Tortur verdoppelt; und kann unter allen dieſen hoͤchſtbilligen Folterungen ſolcher mehr als beſtialiſchen Leute, die ſich ſolchen Lohn ſelber mit Willen erarbeitet haben, billig oben an ſtehen. Wenn es aber nun auch geriethe, (welches aber in einem veralteten und tieff ge - wurtzelten Fluß, wenn die proſtatæ bereits Fi - ſteln bekommen haben, nicht wol moͤglich iſt,) K 2daß148(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchedaß durch Huͤlfe eines klugen Medici und ge - hoͤrige Diaͤt, die gonorrhœa endlich ohne au - genſcheinliche Lebensgefahr koͤnte geſtillet wer - den: (nachdem nemlich erſt alle humores, ſo viel als moͤglich, corrigirt und gereiniget worden ſind) ſo behalten ſie doch neben der voͤllig rui - nirten Geſundheit ein ſolches Ueberbleibſel da - von in ſich, daß ſie auch nach Verflieſſung vieler Jahre viele Noth deswegen aufs neue ausſtehen muͤſſen; und pflegen, wenn ſie ſich nachhero in den Stand der Ehe begeben ſolten, insgemein ihren Ehegatten mit gleichem Ungluͤck anzuſtecken: wo - bey doch gleichwol billig zu erwegen iſt, was dar - aus fuͤr eine Ehe und Kinderzucht werden muͤſſe.

Jſts alſo, wie geſagt, bis auf den dritten Grad der Gerichte, nemlich die FrantzoſenLues ve - nerea. gekommen, welches gewiß die allergrauſamſte unter allen Kranckheiten iſt; ſo hoͤren Sie doch nur mit einigem Bedacht, was ſolche Patien - ten innerlich und aͤuſſerlich fuͤr Plagen erdulden, und was ſie fuͤr Curen, wo es nur noch zu wa - gen iſt, ausſtehen muͤſſen.

[α]) Jnnerlich iſt die groͤſte Corruption in alle ihre humores, ſonderlich die lym - pham, den Speichel und das Gebluͤte ein - gefuͤhret: ſo daß jene beyde zaͤhe und ſchleimig werden, folglich ſtocken, und die ſpannadrigen, nervoͤſen und mit wenigem Blut verſehenen Theile, wie auch alle Druͤſen des Leibes anfreſ - ſen muͤſſen; dieſes aber (das Gebluͤte) wird mit einem giftigen ſale volatili gantz angefuͤllet, und gleichſam verbrennet, daß ſelbiges, wenns ih -nen149Betrachtung der Unreinigkeit. nen aus der Ader gelaſſen wird, ſehr unnatuͤr - lich und ſchwartz ausſiehet, mehrentheils aber weißlichen zuſammen geronnenen Schleim in ſich haͤlt. Ja man kann in der veneriſchen Kraͤtze eine Menge laͤnglicher Wuͤrmchen fin - den, an welchen man durch gute Microſcopia eine ſolche Fruchtbarkeit obſerviret hat, daß ei - nes in einer halben Stunde bis 50. andere ihm aͤhnliche hervorgebracht hat: welches von der giftigen Faͤulniß aller der humorum dependi - ret; und hat ſchon Kircher in ſeinem Scrutinio medico-phyſico de peſte laͤngſt gemuthmaſſet, daß in ſolchen Kranckheiten die gantze Maſſa des Coͤrpers in ſolche unſichtbar kleine Wuͤrmchen nach und nach reſolviret wird, welche durch unaus - geſetztes Anfreſſen und Beitzen das anliegende lebendige Fleiſch zur Faͤulniß bringen. So lange nun alſo dis ungeheure Uebel nur bey den Schamgliedern bleibet, oder auch zwar ſchon weiter gangen, aber die andern humores nur erſt gleichſam privatim eingenommen, und ſich darin verſtecket hat: ſo kann es einige Zeit noch verberget werden, wenn keine Gonorrhœa darzu gekommen iſt; und verurſachet nur aller - ley ziehende und ſpannende Schmertzen, Druͤ - cken, Brennen, beiſſendes Juͤcken und Stechen, am meiſten an den blutloſen Gliedern und Ge - lencken (wo wenig Fleiſch, dagegen aber viel Spannadern und Haͤute befindlich ſind), folg - lich auch an allen druͤſichten Theilen, und ſo gar an den Gebeinen. Die Patienten klagen uͤber groſſe Mattigkeit, Schwere aller Glieder, undK 3ſol -150(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheſolche Schmertzen, die gleichſam in der Mitte der Beine am meiſten gefuͤhlet werden; haben ſehr heiſſe Haͤnde, und einen unruhigen Schlaff; ihr Anblick wird auch ſchon viel heßlicher und oft recht ſcheußlich.

[β]) Gehet aber der Schade weiter, daß nun auch die feſten Theile des Coͤr - pers ſelbſt angegriffen werden, ſo wer - den auch alle vorige Zufaͤlle gewaltig verſtaͤrcket. Es fahren nun ſcharfe, beiſſende und brennende Blattern heraus; die glandulæ inguinales (die Druͤſen zwiſchen den Beinen) geſchwellen, werden groß und hart; hie und da wachſen ſchwammige Beulen hervor, wie wil - des Fleiſch; es entſtehen Fiſteln neben, an, und unter der Blaſe, und vielerley eiternde Geſchwuͤ - re, welche ſonderlich bey naͤchtlicher Zeit heftig brennen; die Gebeine werden angefreſſen und vermodern; und die gleichſam ſaltzigen, ziehen - den und bohrenden Schmertzen machen dem Patienten, vornehmlich des Nachts, in der Hirn - ſchale, Nacken, Huͤfte, Beinen, Lenden und heimlichen Orten ſo viel zu ſchaffen, daß er ſich lieber den Tod wuͤnſchte. Welches alles aus dem 2. 4. 5. und 6. Lehrſatz ſo wohl, als aus der 1. 2. 3. Schlußfolge bey halbweger Ueber - legung konnte vorhergeſehen und geſaget werden.

Darauf folgt eine wirckliche eroſion, und zuerſt ein inneres Abſchwaͤren gewiſſer Theile, als im Halſe, am Gaumen, des Zaͤpfchens, der Naſe ꝛc. davon eine continuirende Heiſerkeit, rothe Flecken an der Stirn und Naſe, und einebren -151Betrachtung der Unreinigkeit. brennende Hitze noch die Vorboten ſind. Die Blattern und Geſchwuͤre flieſſen hie und da zu - ſammen, und haben bald eine ſpeckfoͤrmige, bald eine Brey - oder auch honigaͤhnliche Ma - terie in ſich, die oft einer Haſelnuß groß wach - ſen, und in eine eigene Haut gleichſam einge - huͤllet ſind. Es entſtehen ſolche Geſchwuͤre am meiſten an den der Scham wegen bedeckten Or - ten; am Gaumen, in der Naſe, in den Druͤſen, unter den Achſeln und Kinnbacken; und ihr Ge - ſtanck iſt ſehr eckelhaft, wie eine ſchimmelichte Faͤulung, wenn ſie an trocknen oder blutloſen Orten ſind. Finden ſie ſich an Theilen, da viel Blutes darzu kommen kann, zum Exempel am glande des Gliedes: ſo geht die Faͤulniß hurti - ger fort, und ſie ſtoſſen den entſetzlichſten Ge - ſtanck von ſich, ſo gar, daß auch die Beſtien ei - nen ſolchen Menſchen fliehen und meiden; wie denn ihr Athem uͤberaus giftig iſt, und bald an - ſtecket. Der Umkreis aber ſolcher Geſchwuͤre iſt gantz hart, und zerſpringt zuweilen in etliche Ritzen, daraus ander wild Fleiſch hervor waͤchſt, mit erſchrecklichem Jucken und alles entzuͤnden - der Hitze. Jhr Urin iſt ohne Farbe, aber doch truͤbe und ſchleimig, darin ſich eine garſtige Un - reinigkeit zu Boden ſetzt. Oftmals ſchlagen auch die hæmorrhoides verrucoſæ dazu, welche Fiſteln verurſachen, die unausgeſetzt flieſſen und ſchwaͤren. Und wenn der Scorbut mit dazu ſchlaͤgt, iſt die Cur vollends nur aufs Gerathe wohl zu verſuchen, weil derſelbige etliche Artzeneyen er - fordert, die juſt das Gegentheil vom vorigenK 4wir -152(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchewircken. Jſt aber ohnedem ein Schade an der Bruſt und Lunge: ſo iſt es mit einem ſolchen Patienten ſchechterdings geſchehen; gleichwie auch wenn die Gebeine bereits zu tief angefreſ - ſen und vermodert ſind.

Und ſo muß denn der elende Menſch, wenn man ihm nicht zu rechter Zeit und in richtiger Methode zu Huͤlfe eilet, endlich ausdorren oder contract werden, und wird mit den entſetzlichſten Schmertzen und Geſtanck, wo ihn nicht die Er - barmung GOttes maͤchtiglich herausreiſſet, der ewigen Pein uͤberliefert. Was bey ſolchen Umſtaͤnden in ſeinem Verſtand, Gedaͤchtniß, Gewiſſen, Willen und Affecten vorgehen mag, koͤnnen Sie ſich leicht vorſtellen. Nun will nur noch mit wenigem zeigen, was er ſich fuͤr Curen muͤſſe gefallen laſſen.

[γ]) Was das aͤuſſerliche betrift: ſo muͤſſen die Beine, ſo bereits angefreſſen ſind, wo ſie nicht marckig ſind, oder vie - le Faſern und Blutgefaͤſſe um ſich haben, und man mit der Hand dazu kommen kann, oͤfters geſchabet oder geraſpelt werden: ſonſt aber werden ſie ge - brennet, weil dis der Faͤulniß und dem Ver - modern leichter wehret. Wenn die Haare be - reits vom Kopfe alle ausgehen, und man ſiehet auf der Haut Knoten, (ob ſie gleich noch nicht durchloͤchert iſt) ſo iſts mehrentheils gethan. Doch um alles zu verſuchen, muß die Haut creutzweiſe durchſchnitten, und von einander ge - zogen werden, damit man mit der Artzney aͤuſ - ſerlich ankommen koͤnne. Und dabey ſieht manoͤf -153Betrachtung der Unreinigkeit. oͤfters, wie der Hirnſchaͤdel hart angefreſſen, ſtin - ckend, und hie und da wie zuſammen gefloſſen iſt.

So verfaͤhret man mit aͤuſſerlichen | Curen. Nun zu den innern. Die Medici haben ſon - derlich zweyerley, aber langwierige Methoden, wo ſie dieſes Uebel im Grunde angreiffen wol - len, nemlich die Schwitz-und Salivationscu - ren. Jene, wenn die Kranckheit noch nicht zu Kraͤften kommen dieſe aber, wenn ſie be - reits aͤuſſerlich ausbricht.

Mit den Schwitzcuren iſts eine ge - faͤhrliche Sache, weil durch ſolche der Veneriſche Jaͤſcht und Gift, wenn er etwa zuerſt nur an ei - nem Orte reſidiret, oder ſich nur durch die Go - norrhœam hervor gethan, vollends in den gan - tzen Leib und alle ſeine Saͤfte und feſten Theile hinein gejaget wird; wofern die Materie nicht erſt gnugſam corrigiret iſt. Es muß demnach der Patient erſt einige mal purgiren, darauf ge - linde Alexipharmaca und Catharralia kriegen. Endlich aber wird das Schwitzen durch ſtaͤrcke - re reſolventia, Schweiß-und Urin-treibende Dinge zu wege gebracht: da denn der Krancke 2. bis 4. Wochen lang alle Tage fruͤhe ſolche Decocta trincken, und 2. bis 3. Stunden ſchwi - tzen muß; nicht im Bette, weil dieſes die Schmertzen heftig vermehret, und die Aus - daͤmpfung hindert, ſondern entweder in Schwitz - ſtuben, oder auf einem freyen Bette mit Sprie - geln, durch Huͤlfe des angezuͤndeten Brandte - weins. Jm uͤbrigen laͤſt ſichs hie nicht uͤber -K 5eilt154(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheeilt und unbedachtſam drauf los curiren: ſon - dern, wo man ſich nicht zu allem rechte Zeit nimt, ſo bringt man die Kranckheit erſt nur noch mehr zur deſperaten Art. Nach der Cur muͤſſen wieder gelinde laxantia folgen.

Die Salivation - oder Speichelcur aber iſt eine ſo heftige Arbeit, daß ſie insge - mein bey den Medicis eine heroiſche oder Heldencur genennet wird. Denn Leute von ſchwacher Conſtitution, und die, ſo in der Bruſt und den Eingeweiden einigen Schaden haben, und daher leicht zu einer Diarrhœa ſanguino - lenta koͤnnen gebracht werden, ſtehen es nimmer aus: indem die mercurialiſchen Curen erſchreck - liche Zufaͤlle, als Aufſchwellen des Halſes und Gaumens, Wackeln, Anfreſſen und Ausfallen der Zaͤhne, ſchaͤbiges und juckendes Brennen, continuirlichs Kopfwehe, Schlaffloſigkeit, unge - meine Mattigkeit, Unruhe, Zittern, ſchweres Athemholen, ſchneidende Schmertzen in den Gelencken ꝛc. erregen. Alles iſt hierbey ſo heftig, daß wenn, zum Exempel, in einem Lazareth die Salivationscur mehrere brauchen, auch diejeni - gen, ſo ſchon lange voruͤber, und die Cur wol zwey - mal paßiret ſind, noch gewaltig zu ſaliviren an - getrieben werden. Will ſich nun der Patient einer ſolchen Tortur unterwerfen: ſo wird er erſt dazu praͤpariret durch Purgiren, Aderlaſſen, (wo es noͤthig), und einige Tage lang waͤhrendes Trin - cken gewiſſer Decoctorum, ſo die Transſpira - tion foͤrdern. Nachhero ſtehet es dem Patien - ten frey, ob er die Mercurialia, oder aus Queck -ſilber155Betrachtung der Unreinigkeit. ſilber praͤparirte Artzneyen innerlich oder aͤuſſer - lich brauchen wolle. Weil es nun aͤuſſerlich viel ſicherer iſt: ſo wird ihm zweymal des Tages in einem warmen Ort etwas weniges von einer mercurialiſchen Salbe (davon auch bey den al - lerſtaͤrckſten nicht uͤber 2. Drachmæ oder 2. Quentlein muͤſſen gebraucht werden,) auf ſpannadrige und blutloſe Orte aufgeſchmie - ret; und zwar den erſten Tag nur die Vorder - fuͤſſe (tarſi); den andern nebſt den tarſis auch die carpi oder Vorderhaͤnde, wo man den Puls fuͤhlet; den dritten Tag jene, und noch dazu die Kniebuͤgen, ferner die Waden und ſo fort, taͤg - lich mehr Gelencke dazu genommen: und das ſo lange, bis die Druͤſen im Munde, das Zahn - fleiſch, und die Zunge geſchwellen, und die Zaͤh - ne wackelnd werden, welches eine Anzeige iſt, die Salivation werde bald anfangen. Dieſe nun gehet bey einigen nach zwey bis dreymali - gen Schmieren, bey andern erſt nach ſechsfachen Einſalben an; und wofern der Auswurf des Speichels ſich hie noch nicht einfinden wolte: ſo iſt es viel beſſer, wo man ſie nicht in die groͤ - ſte Quaal ſtuͤrtzen will, inne zu halten. Hat aber die Salivation nun angefangen: ſo wird ſie in guter Ordnung 2. 3. bis 4. Wochen lang er - halten, und dis zwar durch ſteten Gebrauch der - jenigen decoctorum, welche die ſtarcke Ausduͤn - ſtung foͤrdern. Wuͤrde ſie zu ſchwach, ſo muß der Patient wieder geſchmieret werden, oder den Mer - curium dulcem innerlich brauchen, ſofern es das Bauchgrimmen, Erbrechen, Spaſmi, Diarrhœa,Her -156(I. Th.) Anatomiſch-MediciniſcheHertzensangſt, Erſtarrung und dergleichen nicht hindern. Wuͤrde ſie aber allzugroß oder zu lang - wierig, ſo muß er purgiren. Es muß aber dis alles ſo lange fortgeſetzet werden, bis der Pa - tient nach einem duͤnnern und fluͤßigen, einen ſehr zaͤhen, dicken und ſtinckenden Speichel auswirft, und dabey mercket, daß die Schmer - tzen etwas nachlaſſen, und die Geſchwuͤre ver - trocknen. Wuͤrde es aber nach einer hoͤchſtens woͤchentlichen Salivation nicht dazu kommen: ſo muß die gantze Cur, wenn es der Patient aus - halten kann, in eben ſolchen Circkeln nochmals wieder vorgenommen werden. Neben dem muͤſſen ſolche Krancken in ſteter Waͤrme bleiben, und ſich nach einem jeglichen Schmieren ins Bette legen. Jhre Speiſe muß, weil ſie nicht kaͤuen koͤnnen, ſehr duͤnne ſeyn, und nur in Ha - ber - oder Gerſtenbruͤhe, Fleiſchſuppen, weich - gekochten Eyern und Brey ꝛc. beſtehen; vor al - lem ſaltzigen, gewuͤrtzten und ſauern muͤſſen ſie ſich aufs ſorgfaͤltigſte huͤten. Der angefreſſe - ne Mund und Hals muß durch allerley Gurgel - waſſer und die Pimpinelleſſenz, (die bey dieſen ſchwuͤrigen Umſtaͤnden nicht wenig beiſſet,) de - fendiret, die Geſchwuͤre, Beulen, Fiſteln, wach - ſendes wildes Fleiſch, Kraͤtze ꝛc. auch jedes a par - te tractiret werden. Die gantze Cur, wenn ſie wohl gerathen, beſchlieſſet eine oͤftere Laxirung.

Von dieſer heroiſchen Cur aber bleibet mei - ſtentheils immer ſo viel zuruͤck, daß die Geneſe - nen theils contract werden, theils vieljaͤhrige Kopf-und Gliederſchmertzen ausſtehen muͤſſen;im -157Betrachtung der Unreinigkeit. inmaſſen die Mercurialia alle Nerven im gan - tzen Leib, desgleichen das Gehirn, die Zaͤhne, die Baͤnder, das Fleiſch ꝛc. gewaltſam angreiffen. Geſchicht es aber, daß dieſes Gift, ſo ſchon von den humoribus abgeſondert worden, und noch unter der Haut ſtecket, durch Erkaͤlten, heftiges Purgiren, Erſchrecken oder adſtringirende Dinge zuruͤck getrieben wird: ſo bringt es faſt ſolche ſymptomata, als eingenommenes Gift, nemlich inflammation an den nervoſen Theilen, con - vulſiones, wie in der ſchweren Noth, groſſe Angſt, Unruhe, Ohnmachten, Raſerey, manch - mal einen tieffen Schlaff, und einen ploͤtzlichen Tod. Sind aber die mercurialiſchen Artzneyen nicht wohl praͤpariret: ſo entſtehet ſtatt der Sa - livation eine ſchreckliche Hertzensangſt, grauſa - mes Ziehen, Grimmen, inflammationes, ſtar - ckes Erbrechen, und Durchlaͤuffe. Das Zahn - fleiſch, Gaumen und der Hals werden ploͤtzlich durch ſtockendes Gebluͤt aufgetrieben, entzuͤndet, zerſprenget und zerritzt, daß ſie uͤber und uͤber ſchwaͤren. Der Patient muß in ſteter Angſt zu erſticken ſchweben; der Hals und der gantze Kopf ſchwellen auf; das Gehoͤr und Geſicht leidet Schaden; und die Glieder werden entweder wie vom Schlage geruͤhret, und gelaͤhmet, oder behalten ein beſtaͤndiges Zittern ꝛc. Nun, wer die geile Brunſt zaͤhmen will, der beſehe die - ſe ihre Fruͤchte und klaͤgliches Ende.

Be -158(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche

Beſchluß des erſten Theils.

Beſchluß des erſten Theils.
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JCh meine endlich, mein theurer Freund, Jhnen aus Mediciniſchen Gruͤnden hie - mit gnugſam erwieſen zu haben, daß die heimliche Unzucht dem gantzen Weſen des Men - ſchen natuͤrlicher und nothwendiger Weiſe hoͤchſt - ſchaͤdlich und verderblich ſey. Jch koͤnte noch gar viele andere Gruͤnde aus der bloſ - ſen geſunden Vernunft, und dem Recht der Natur anfuͤhren; beſorge aber billig Jhnen zu beſchwerlich zu fallen. Sie koͤnnen, wenn es Jhnen dereinſt gefallen wird, in Oſter - walds treugemeinter Warnung vor der Unrei - nigkeit p. 2-17. ſqq. derſelben 6. gantz andere Gruͤnde, und die nur bloß auf dem allgemeinen Licht der Natur beruhen, mit gnugſamer Gruͤnd - lichkeit ausgefuͤhret leſen. Koͤnnen Sie doch ſo gar auch unter dem Leſen einiger heidniſchen Auctorum mercken, wie die kluͤgſten unter ih - nen ſolche Greuel verabſcheuet; die Schamhaf - tigkeit, Ehrbarkeit und Keuſchheit hingegen ge - ruͤhmet, und beſtens recommendiret haben. So trift man gewißlich in ihren Hiſtorien auch viele ſchoͤne Exempel von der Keuſchheit und Enthal - tung an, und kann zum Theil aus ihrer Mei - nung, die ſie von unkeuſchen Perſonen geheget, zum Theil aus der Sorgfalt, welche die unzuͤch - tigen Unflaͤter unter den Heiden zur Verhelung ihres begangenen Laſters angewandt, endlich ſo gar auch aus den allzu unvorſichtigen, ſatyriſchen und expreſſen Beſtraffungen aller Unzucht, wel -che159Betrachtung der Unreinigkeit. che mancher heidniſchen Scribenten ihre Schreib - art recht obſcœn gemacht, gnugſam erſehen: es werde uns Chriſten kein Unrecht geſchehen, wenn an jenem erſchrecklichen Gerichtstage die Heiden wieder uns auftreten, und ihr ſo incultivirtes Jus naturæ gegen unſere hoch und tief ausſtu - dierte Geſetze der Natur und oͤffentliche Lehren der Religion werden produciren muͤſſen. Vor - jetzo iſts gnug, daß Jhnen die betruͤbten Fol - gen der Geilheit nur aus bloſſen Gruͤnden der Medicin habe vor Augen geſtellet. Wolten Sie derſelben in Abſicht auf das Geiſtliche noch viel mehrere wiſſen, und die auch noch vielmehr zu ſagen haben: ſo wuͤnſche ich, daß Sie dieſel - ben, wie ſie aus dem heiligen Worte GOttes in bemeldten Oſterwalds Traité de l impurité part. I. Sect. II. c. 1. 2. 3. p. 89-118. vorge - ſtellt werden, mit gutem Bedacht uͤberleſen moͤchten.

Nun mein Hertzensfreund! was darf ich noch wol mehr ſagen, da ich ohndem weiß, daß Jhr Gewiſſen ſelbſt noch genug uͤbrig hat, Jh - nen deßwegen vorzuhalten? Jch bitte nur, Sie wollen doch die ſehr bedenckliche Frage des Allerhoͤchſten beantworten, die Er hiermit an Sie thut, aus Jerem. 44. v. 7. Warum thut ihr doch ſo groß Uebel wider euer eigen Leben? und Ezech. 8, 31. Warum wilſt du alſo ſterben, du Haus Jſrael? Einmal muß ſie beantwortet werden. Denn wo iſt ein Geſchoͤpfe in der Welt, das ſein Schoͤpfer in einer Capitalſachebe -160(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchebefraget, und das ihm keine Antwort geben wolte und muͤſte? Ja bey der Herrlichkeit des Allmaͤchtigen! Sie muͤſſen ſie beantworten, um ſo vielmehr, weils ihr Leben betrift. Halten Sie ſich denn ietzt zu jung dazu, oder zu friſch und geſund, oder zu gut und vornehm: wolan! ſo ſchi - cken Sie ſich drauf, daß Sie es alsdenn thun koͤn - nen, wenns Jhnen am aller ungelegenſten, oder unverhofteſten, oder ſchwereſten fallen wird, und wenn Sie vor die Pforten der Ewigkeiten ge - ſtellet werden. Jch frage Sie anjetzo, mein Freund, nur fuͤr mich, und in meinem eignen Namen: (denn GOtt wird ſeinen Proceß ſchon ſelber fuͤhren, wenn ſeine Zeit komt,) warum thun Sie doch ein ſolches? Warum? Da man ſonſt vernuͤnftiger Weiſe die Art einer That, (wie fer - ne ſie nemlich gut oder nicht gut, zu entſchuldigen oder zu beſchuldigen, vernuͤnftig oder unver - nuͤnftig zu achten ſey,) aus dem daraus gehoften Vergnuͤgen oder Nutzen zu ſchaͤtzen pfleget: ſo bitte ich Sie, durch die Liebe, damit Sie mir verbunden ſind, erzehlen Sie mir doch ihre bona voluptatis. Sagen Sie mir doch die Vortheile und den Nutzen dieſer ſchnoͤden Dienſtbarkeit! Was hat Jhr Leib, was Jhre Sinnen, was Jhr Verſtand, Jhr Wille, Jhr Gewiſſen gutes und ſchoͤnes daher zu genieſſen? Meinen Sie, die Luſt? Gleichwie diejenigen, die etwas ins Waſſer ſchreiben wollen: ſo ſind auch diejenigen, die der Wohlluſt froh werden wollen. So bald die That ſelber vorbey, iſt auch die Empfindung der161Betrachtung der Unreinigkeit. der Luſt voruͤber. Es bleibt auch nicht das mindeſte davon uͤbrig, und etwa zuruͤck und verborgen. Nein! die ſich damit gekitzelt haben, behalten auch nicht einmal eine Spur davon fuͤr ſich aufs kuͤnftige. Spricht Gregor. Nyſſenus in fin. hom. 4. in Eccl. Simplicius ad cap. 56. Epict. aber ſaget: die Luſt des Fleiſches iſt der Seele uͤber die Maſ - ſen ſchaͤdlich. Eine jede Art derſelben zerreiſ - ſet und durchwuͤhlet das Gemuͤth wie mit Naͤ - geln; und darum hat ſie GOtt auch ſo gar ungemein kurtz werden laſſen. Sie wehret durchaus nur ſo lang, als |lang ſie empfunden wird; (folglich als die That ſelber waͤhret: Denn nach derſelben iſt nicht ein Schatten da - von uͤbrig, geſchweige eine deutliche und vergnuͤ - gende Erinnerung) Jſt nun die Empfindung vorbey, ſo iſts gerade, als waͤre ſie nicht da ge - weſen. Dagegen aber folgt ein entſetzlich hef - tiges Graͤmen an deren Stelle, welches viel dauerhafter iſt, und (ach! wie vielmahl!) laͤn - ger waͤhret. Und Chryſoſt. hom. 22. ad 1. Cor. die Luſt des fleiſchlichen Kitzels iſt traun ſehr kurtz: aber der daraus entſpringen - de Gram | und Schmertz haͤlt ſehr lange an. Denn der Anklaͤger folget fruͤh und ſpat, Tag und Nacht, in der Einſamkeit und in der Stadt allenthalten auf dem Fuſſe nach, zeiget das gezuͤkte Schwert dar, und die darauf folgende unertraͤgliche Pein, und frißt ihm durch ſtete Furcht und Angſt Hertz und Leben ab. Ha - ben Sie denn das nicht erfahren? ach! ich darfI. Th. Betr. der Unreinigk. Lja162(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheja hierin nur auf Jhre eigene Empfindung und Erfahrung provociren, und habe nicht noͤthig, es erſt mit vielen Gruͤnden, noch mit Zeugniſ - ſen anderer darzuthun. Jch fuͤhre aber doch die Atteſtata anderer mit allem Bedacht gegen Sie an: damit Sie ſehen moͤgen, wie viele Stimmen unter Heiden und Chriſten bereits wieder ſie votiret haben, die zu Jhrer Verurthei - lung concurriren werden und muͤſſen. Jch weiß ſonſt in Wahrheit nichts auszufinden, daß Sie bis zu einem ſolchen Unternehmen vermoͤgen koͤnte; wann es nicht die einige thieriſche Em - pfindung einer Luſt iſt, die das Fleiſch zugleich kitzelt und verdirbet. Ob aber die ſo wichtig, und derſelben kurtze Empfindung ſo gar einneh - mend ſeyn koͤnne, daß Sie um ihrentwillen eine ſolche Uebelthat, gegen den Allerhoͤchſten GOtt, gegen Jhr eigen Leben, und gegen Jhre Selig - keit zu begehen wagen duͤrften, urtheilen Sie ſelber. Wenn ich nicht beſorgete, daß Sie mirs uͤbel nehmen moͤchten: ſo wolte ichs Jhnen weitlaͤuftig darthun, und mit Zeugniſſen vieler Heidniſchen Philoſophen beſtaͤttigen, daß es einem vernuͤnftigen Menſchen ſchlechterdings ſchimpflich und unanſtaͤndig ſey, einer ſolchen thieriſchen Empfindung nachzugehen, viel weni - ger ſich ihr zum Sclaven zu machen: indem dis ja nicht einmal eine Eigenſchaft des unver - nuͤnftigen Viehes iſt. Allein, Sie werden das ohne dem ſelbſten ſchon oͤfters uͤberleget haben.

Sie werden zwar ohne Zweifel gedencken, Sie haͤtten von den erzehlten Folgen der heim -li -163Betrachtung der Unreinigkeit. lichen Unzucht noch nicht viel erfahren, wuͤſten alſo nicht, ob ſie alle zugleich, und alle in dem Grade, oder auch bey allen Perſonen eintreffen werden. Jch antworte aber: Ach! ſehen Sie ja zu, daß Jhnen der Glaube nicht in die Haͤnde, oder gar in Leib und Seele, Hertz und Gewiſſen kommen duͤrfe! Jſts Jhnen denn Unrecht, daß Jhnen der guͤtige Schoͤpfer eine ſolche Conſti - tution des Leibes gegeben, welche eine ſolche brutale Feindſeligkeit, die Sie gegen dieſelbe ausuͤben, eine kleine Zeit ertragen kann? Neh - men Sie das ſo auf, daß der HErr den Ueber - fluß niedlicher und ſehr naͤhrender Speiſe und Trancks, den Sie bishieher genoſſen, gleichwol nicht verfluchet, ſondern Jhnen ſelbige zur Wie - dererſetzung der verſchleuderten Lebenskraͤfte hat gedeyen laſſen? Wie, wenn er Jhnen keinen ſo guten Tiſch gedecket, oder doch Jhrer Koſt die naͤhrende Kraft benommen, und Sie dafuͤr mit vieler Arbeit, Sorgen und Graͤmen geſaͤttiget haͤtte: ich moͤchte wiſſen, wie Sie bey der Aus - uͤbung dieſer Fleiſches Luſt wuͤrden beſtanden ſeyn, und wie Jhr Angeſicht und gantzer Leich - nam wuͤrde ausſehen muͤſſen? O Suͤnder! verachteſt du alſo den Reichthum der Guͤte, Gedult und Langmuͤthigkeit des lebendigen GOttes? Weiſſeſt du nicht, daß dich ſeine Guͤte zur Buſſe leitet? Du aber nach deinem verſtockten und un - bußfertigen Hertzen haͤuffeſt dir ſelbſt den Zorn auf den Tag des Zorns, und der Offenbarung des gerechten GerichtesL 2GOt -164(I. Th.) Anatomiſch-MediciniſcheGOttes, welcher geben wird einem ieg - lichen nach ſeinen Wercken. Nemlich denen die da zaͤnckiſch ſind, und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber dem Ungerechten, Ungnade und Zorn, Truͤbſal und Angſt uͤber alle See - len der Menſchen, die da boͤſes thun. Roͤm. 2, 4. 11. Wiſſen Sie denn nicht, daß der Allerhoͤchſte warten kann? Der ewige GOtt kann lange warten, und darf mit ſeinem Straffen nicht ſo eilen, wie wir Menſchen thun, denn es entlaͤuft ihm ja niemand. Das iſt aber keine geringe Unart, daß Sie dieſe Anbetungswuͤrdige Langmuth GOttes ſo ſchlecht erkennen, oder wol gar ihm ſolche mit einem ſo undanckbaren Trotz vorruͤ - cken, und Jhre Suͤnde eben damit erhaͤrten und gleichſam rechtfertigen und unſuͤndlich machen wollen, weil ſie nicht ſo fort geſtraffet wird.

Jch wuͤnſchte ja wol von gantzem Hertzen, daß Sie kurtzum von Jhren Greueln abſtehen, den ſtarcken Wiederſtand der bereits forcirten Natur, den ſie Jhnen thun wird, durch die Kraft GOttes uͤberwinden, und alſo nichts da - von erfahren moͤchten! Wer waͤre gluͤcklicher, als Sie, der ſo wie ein Brand aus dem Feuer durch die allmaͤchtige Hand GOttes geriſſen wuͤrde? So haͤtten Sie die ſicherſte Gewaͤh - rung, daß dergleichen nicht geſchehen werde; und daß Sie die etwa uͤberbleibenden betruͤbten Folgen der vorigen Gewaltthaͤtigkeit nicht an - ders als unter GOttes erbarmenden Pflege,Di -165Betrachtung der Unreinigkeit. Direction und Maͤßigung wuͤrden zu tragen haben. Aber nun laſſen Sie uns was ſetzen, ſo doch in dieſer Welt unmoͤglich iſt. Geſetzt, ſage ich, es wiederfuͤhre Jhnen gantz und gar nichts von den erzehlten Dingen: waͤre das gleichwol nicht ſchon erſchrecklich, und ewig zu beklagen, daß Sie dennoch des allerhoͤchſten Na - turrechtes, ſo ein ſterblicher Menſch in der Welt haben kann und ſoll, ich meine, der ehrwuͤrdi - gen Anverwandtſchaft mit JEſu Chriſto nach der Natur, und aller daher flieſſenden Vorrechte und Seligkeiten groͤſter maſſen verluſtig, und im Gerichte GOttes und Jhres Gewiſſens deſ - ſelben fuͤr unfaͤhig erklaͤrt ſeyn muͤſſen? Darf ſich denn einer, der mit ſeinem eigenen Leibe ſo unmenſchlich grauſam, ſo viehiſch dumm, und ſo abſcheulich unflaͤtig umgehet, unterſtehen, ſich zu der glorieuſen Anverwandtſchaft mit dem ewigen Sohne GOttes auch nur nach dem Fleiſch in voͤlliger Maſſe zu bekennen?

Doch uͤber dis alles hat der allmaͤchtige GOtt tauſend andere Ruthen, womit er ſolche Weichlinge zuͤchtigen kann, wenn ſie gleich nicht juſt in die hoͤchſten und ſchimpflichſten Grade der vorerzehlten Plagen verfallen ſolten. Jch will nur eines gedencken. Waͤre es denn nicht Pein und Straffe genug, wenn Sie ſich auch nur in die ſeltſamen Grillen und abentheuerliche Nar - retheyen derer jenigen die man verliebte Haſen nennet, hineinſtuͤrtzen moͤchten? Und gleichwol ſind Sie, ſo lange Sie die Luſt auch nur im Her - tzen naͤhren und hegen, der Zunder, welcher von dieſem peinlichen Feuer am erſten entzuͤndet,L 3und166(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheund in Rauch und Flammen geſetzet wird. Jch kann und mag Jhnen die verzweifelte Verwir - rung, darein ſolche Leute gerathen, nicht beſchrei - ben; will nur Zenonis Worte aus ſeinem Buch de fide, ſpe & charitate anfuͤhren, dar - aus Sie einiger maſſen abnehmen koͤnnen, was das fuͤr eine gewaltthaͤtige Verwuͤſtung der Seelenkraͤfte ſeyn muͤſſe. Das unzuͤchtige Liebesfeuer ſpricht er, iſt unſrer Wohlfahrt aufs hoͤchſte zuwieder. Es iſt gantz blind. Denn wenn es entflammet iſt, ſo hat es vor keinem Alter, vor keiner Geſtalt, keinem Geſchlecht, keiner Wuͤrde, ja nicht einmal vor der heiligen Religion und wahren Gottſeligkeit einige Con - ſideration. Ein verliebter iſt allerwegen un - ruhig und auſſer ſich; allerwegen ſiehet man ihn als nicht voͤllig bey Sinnen. Er laͤſſet geſchehen, er gibt, er nimmt, (ſtiehlt auch wol, damit er was zu verſchencken und groß zu thun kriege. ) Bald iſt er traurig, bald luſtig; bald demuͤthig, (ſordi - de und niedertraͤchtig wie ein Sclave, ſpringt ſei - ner Buhlerin zu Liebe wol in den tiefſten Dreck und in die heiſſeſte Hoͤlle hinein,) bald ſchwuͤl - ſtig und großthuiſch; bald truncken, bald ſehr nuͤchtern; bald iſt er ein Klaͤger, bald ein ver - klagter. Er ſchertzet, ſpielet (die Grillen zu vertreiben und mit ſeinem Gelde groß zu thun), er iſt blaß, kommt vom Leibe, holet tieffe Seuf - tzer, thut mit ſeinen Saͤchlein ſehr geheim, thut ſclaviſch was man ihm zumuthet; iſt entweder ein Wagehals, oder ein Betrieger, und kann faſt noch mehr ſchmeicheln und ſich verſtellen, als raſend und wild thun. Bey alle167Betrachtung der Unreinigkeit. alle dem und in allen dieſen verworrenen Paßio - nen und ihren Wirckungen iſt er ſich ſelber feind. Dieſe Art der Liebe hat viele zum Strick der Verzweifelung, oder auch an den Galgen gebracht, in die aͤuſſerſte Gefahr ge - ſtuͤrtzet, in die alten Wunden der ohnehin ſchon todtkrancken Seele neue Pein und aͤngſtende Schmertzen eingefloͤſſet. Unter allen (hoͤchſtun - anſtaͤndigen) Dingen aber, mit welchen der arme und ſinnloſe Liebhaber auf eine Verwunderungs - wuͤrdige weiſe gequaͤlet wird, iſt dis wohl das grauſamſte, ſo er leiden muß, daß er niemals begehret von ſeinem klaͤglichen Jammerſtand wieder befreyet zu werden.

Man kann warlich auch daraus ſehen, wie dieſer Zuſtand eines Menſchen ſein Gemuͤthe ſo gar jaͤmmerlich martern muͤſſe, weil bereits die alten heidniſchen Philoſophen und andere ſich ſo viele Muͤhe gegeben, die Huͤlfsmittel wi - der ſolche quaͤlende Thorheiten aufzuſuchen. Was Cicero davon aufgeſetzt, iſt oben ange - fuͤhret. Nun will nur einen merckwuͤrdigen Ort aus Franc. Petrarchæ dialog. 69. anfuͤhren, der ſaget unter andern: O armer Thor! du wirſt durch die Fallen und Nachſtellungen der wolluͤ - ſtigen Liebe ſo gut als umgebracht, und es iſt dir noch dazu angenehm! Denn die geile Lie - be iſt ein ſehr tuͤckiſches und betruͤgliches Feuer, eine angenehme Wunde, ein wohlſchmeckendes Gift, eine ſuͤſſe Bitterkeit, eine ergetzende Kranck - heit, eine geliebte und vergnuͤgende Leib - und Lebensſtraffe, ein ſchmeichelnder Tod! Allein gewißlich, das Uebel iſt juſt alsdenn am aller -L 4ge -168(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche gefaͤhrlichſten, wenn es ſo wohl eingehet und er - getzet. Der muß traun gantz Sinnen - und fuͤhllos worden ſeyn, der nicht mehr empfindet, wie uͤbel er daran ſey!

Unter den Rettungsmitteln wieder dieſes Feuer ſind zum hoͤchſten dieſe wenige, die ich als auser - leſen ſehr vielen andern vorziehe: Aendere den Ort; dis iſt ſo wohl dem Leibe als dem kran - cken Gemuͤthe gantz heilſam. Vermeide und fliehe alles mit groſſem Fleiß und Treue, wo - durch dir das Angedencken oder das Bild des Geliebten ins Gemuͤthe gebracht wird. Mach dir allezeit was zu thun. Ziehe dein Ge - muͤth auf andere Beſchaͤftigungen u. neue Sorgen hin, welche das Andencken und die Spu - ren der alten Kranckheit ausloͤſchen und vertil - gen koͤnnen. Ueberlege ſehr oft, und nimms ſehr zu Hertzen, wie ſchaͤndlich, wie klaͤglich, und wie voll Jammer und Unruhe ein ſolcher Ge - muͤthsſtand ſey. Endlich erwege auch, wie kurtz, wie nichtig und vergaͤnglich, wie ſo gar zu nichts nuͤtze und kaum einem Schatten gleich dasjenige ſey, was du mit ſo groſſer Beſchwer - lichkeit und Plage ſucheſt. Viele ſind durch ihre eigne Schmach und Schande wie - der klug worden: da ſie wahrgenommen, wie ſie ſich infam und zum Hohngelaͤchter ge - macht; wie jedermann mit Fingern auf ſie ge - wieſen; und wie ſie zu einer Stadt - und Land-kuͤn - digen Hiſtorie worden ſind. Dis ſchmertzte ſie; dis brachte ihnen endlich vor Augen, wie hochſtrafbar und gleichwol gantz voll - kommen unnuͤtz dieſe Sache; wie ſie aber da -169Betrachtung der Unreinigkeit. dagegen voll Schmach, voll Gefahr, voll Schmertzen, und voll klaͤglicher Umſtaͤnde und Zufaͤlle ſeyn muͤſſe, die alle mit einander tauſend Urſachen zur Reue geben. Zuletzt wird dieſem Uebel der Seele ſowohl als des Leibes am meiſten und bequemſten durch das Gegentheil abgeholfen. Sorgen und Gram, ein ungeſtalter Leib, Armuth und Duͤrftigkeit, ſchwere Arbeit, und das Alter, als der vortreflichſte und ſchaͤrfſte Zuchtmeiſter und Beſtraffer aller Jugendſuͤnden: dis, dis ſind, meines Erachtens, die allerletzten Rettungsmittel; die zwar ſehr hart, aber nach der Groͤſſe des Schadens und Verderbens maͤchtig genug und erwuͤnſcht ſind Doch hat Crates Thebanus teſte Laert. L. 6. noch haͤrtere angewieſen. Er ſaget: der Wolluſtliebe hilft der Hunger ab; wo nicht, ſo thut es die Zeit (und deren Veraͤnderungen und Umſtaͤnde.) Wenn dieſe Mittel nichts helfen, ſo iſt der Strang uͤbrig, damit das Uebel durchs erhencken endlich den Hals breche.

Nun GOtt im Himmel bewahre einen jeden getauften Chriſten vor ſolchen Mit - teln, die hier ein Heide vorſchlaͤgt! Jch darf von dieſer Schwachheit weiter nichts an - fuͤhren: Denn ſie iſt an ſich ſelber ſo beſchaffen, daß ſich ein ehrliches Gemuͤthe derſelben ſchaͤmet, und in Gegenwart ehrbarer Perſonen dißfalls nicht gerne Verweis leiden mag. Leſen ſie dafuͤr lieber nach in Scrivers Seelenſchatz P. III. die 21 Pre - digt von der Keuſchheit p. 1699 ſqq.

L 5Noch170(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche ꝛc.

Noch einer einigen Sache muß ich Sie erinnern, ehe ich dieſe Mediciniſche und aus dem natuͤrlichen Zu - ſtand unſeres Leibes und Gemuͤths hergenommene Be - trachtung ſchlieſſe. Eben dieſer ihr Leib, den Sie ſo un - verantwortlich mißhandeln, iſt von dem ewigen Liebha - ber ihres Lebens im verborgenen wunderbarlich formi - ret worden. Des allmaͤchtigen GOttes ſeine Haͤnde haben ihn gebildet, und gemacht, was er um und um iſt; GOtt hat Jhnen Jhre Haut und Fleiſch angezogen; GOtt ſelbſt hat Sie mit Beinen und Adern zuſammen gefuͤget, und hat ſchon im Mutterleibe ſeine Aufſicht und Wache uͤber ſie gehalten, damit ſie kein Unfall beruͤhren moͤchte. Hiob 10, 8. ſqq. Eben dieſer ihr Leib iſt von Mutterleibe an durch die allernaͤchſten Bedienten GOt - tes ſelber, die Seraphinen (ihre Schutzengel,) bewahret, bedienet und in Acht genommen worden, damit er nicht zu Schaden kaͤme. Eben dieſer ihr Leib iſt auf goͤttliche Ordre von der Wiegen an, theils durch ihre Eltern, theils durch ſo viele andere Perſonen, die Jhnen der HErr zum Dienſt beſtimmet hatte, mit groͤſter Sorgfalt, Muͤhe und vielen Koſten gepfleget, getragen, gewartet und treulich in acht genommen worden damit er ja nicht be - ſchaͤdiget wuͤrde. Eben dieſen Leib hat Jhnen der HErr, der ewige GOtt, ſchon ſo viele Jahre geſund erhalten, mit aller Nothdurft verſorget, mit ſo vielem Aufwand groß gezogen und brauchbar gemacht ꝛc. weil er die goͤttli - che Herrlichkeit nach dem Exempel JEſu Chriſti auf eine annehmliche Weiſe an ſich tragen ſolte. Eben dieſer ihr Leib wird nun auch zur geſetzten Zeit ins Grab nieder - ſincken, verfaulen, und den Wuͤrmern zur Speiſe werden: Aber eben dieſer Jhr Leib wird auch aus dem Grabe her - vor und vor das Angeſicht des groſſen Richters aller Welt, ja in die Gegenwart aller Creatur treten muͤſſen; da denn an ihm ſichtbar genug ſeyn wird, wie er von ihnen mißhandelt worden ſey. Sagen Sie mir wie es moͤglich ſey, daß jemand bey redlicher Ueberlegung aller dieſer und vieler andern dergleichen Vorrechte und Umſtaͤnde ſeines Leibes ein ſich ſelbſt ſchimpfender Scla - ve der Fleiſchesluͤſte bleiben koͤnne?

An -171

Anhang Einiger Seugniſſe von der in dieſem erſten Theil abgehandelten Materie, aus den Schriften Zweyer Engellaͤnder, Die von dem Editore, nachdem das Sendſchreiben ſelber vor vielen Jah - ren (da dieſe Schriften noch nicht vorhan - den geweſen,) fertig war, ſind hinzu gethan worden.

I. Aus dem Auctore des Buchs / Onania genannt.

ES iſt dieſes Tractats bereits oben p. 48 in der Note wie billig gedacht. Man kann aber nicht umhin, allhier, wo der Verfaſ - ſer ſeinen erſten Theil ſchließt, noch ei - ne Weile bey der Materie ſtehen zu blei - ben; und das, was erſt nach der Vollen - dung dieſer Schrift in unſerm Teutſchland davon bekant worden, aus demſelben und andern, Anhangs - und Erlaͤuterungs weiſe beyzufuͤgen. Viel - leicht waͤre zwar das Buch Onania nuͤtzlicher geweſen, wenn es nach den erſten Engliſchen Editionen waͤre uͤberſetzet wor -den:172(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheden: zumalen, (ohnerachtet in den letzteren Editionen eine groſſe Menge Briefe und andere nicht allemal fuͤr die Jugend gehoͤrige Dinge hineingeſchaltet und beygefuͤget worden, die das Buch ohne Noth weitlaͤuftig, und wegen zu oͤfterer Wie - derholungen einerley Sachen in etwas beſchwerlich machen) doch noch viele ſehr noͤthige Dinge darin zu fehlen ſcheinen. Jmmittelſt iſt bey gaͤntzlicher und wohlbedaͤchtiger Durchle - ſung deſſelben verſchiedenes wahrgenommen worden, welches der Verfaſſer an ſeinen gehoͤrigen Orten zu vielem Nutzen wuͤrde haben anfuͤhren koͤnnen. Wir wollen einiges an - zeigen.

I.

Von der Schaͤndlichkeit und GOtt verhaßten Ab - ſcheulichkeit dieſer Suͤnde ſelbſt, ſind billig die Worte an - zumercken p. 7 ſqq. Dieſe garſtige Suͤnde laͤuft ſehr wieder die Natur, welches ſie deſto ſchlimmer macht: Denn je un - natuͤrlicher die Suͤnde iſt, deſto groͤſſer iſt auch die Schuld in ſolcher Betrachtung. Jch behaupte mit Beſtand, daß dis das groͤſte Unrecht iſt, welches ſich ein Menſch ſelbſt anthut. Und gleich wie ſich der Molckendieb in dem Licht verbrennet: alſo verfaulen und ſchwaͤchen dieſe Selbſtbefle - cker ihren Leib durch einen dieſer Suͤnde anklebenden Fluch GOttes uͤber die Maſſen. Ueber dieſes findet ſich, wie bey allen dergleichen unordentlichen Thaten, eine geheime Art der Ermordung; wo ja nicht in dem Vorſatz des Thaͤters, doch zum wenigſten in der Beſchaffenheit der Sache ſelbſt. Die Selbſtbefleckung iſt nicht nur eine Suͤnde wieder die Natur, ſondern auch eine ſolche Suͤnde, ſo die Natur um - kehret, und gleichſam ausrottet: und wer ſich deren ſchul - dig machet, der bemuͤhet ſich um den Untergang ſeines Ge - ſchlechts, und ſuchet gleichſam der Schoͤpfung ſelbſt Scha - den zuzufuͤgen.

Von der Verſteckung ſolcher Suͤnden vor Men - ſchen, die man doch vor GOtt nicht bergen kann, ſpricht er p. 12. Es iſt nicht leicht zu entſcheiden, ob es etwas ungeheureres oder unverantwortlicheres iſt, daß die Menſchen, ehe ſie eine Suͤnde in Gegenwart anderer, oder mit andern begehen wollen, lieber erwehlen ſolten, ſich einer noch groͤſſeren vor GOtt ſchuldig zu machen, welcher doch betheuret hat, ſolche nicht ungerochen zu laſſen. Wolte man ſagen, daß ſolches von der Atheiſterey und vom Un - glauben herruͤhre: ſo laͤuft ſolches wieder die Erfahrung. Denn laſſet uns tauſend zur Rede ſetzen, die ſich einer oder der andern von dieſen ſchrecklichen Suͤnden ſchuldig gema - chet haben: ſo wird man vielleicht keinen darunter finden, der nicht nur einen GOtt erkennet, ſondern auch bezeugenwird173Betrachtung der Unreinigkeit. wird, was maſſen er von ſeiner Allgegenwart und Allwiſ - ſenheit, ſeiner Weisheit, Gerechtigkeit und Allmacht uͤber - zeuget, und bereit ſey, alle Artickel unſers Chriſtlichen Glau - bens zu unterſchreiben. Was kann von dieſen anders geſa - get werden, als daß der Menſch ſich ſelbſt wiederſpricht, und wieder ſeine eigene Grundſaͤtze handelt? Was koͤnte wol in menſchlichen Geſchaͤften ungereimteres ſeyn, als wenn ein Dieb ſich vorgeſetzet haͤtte, ein Pferd zu ſtehlen, und aller Welt augen, bis auf des Beſitzers ſeine, zu vermeiden ſuch - te; zumal wenn er voͤllig uͤberzeuget waͤre, daß ihn dieſer Beſitzer fangen koͤnnte, wenn es ihm beliebte, und mit ei - ner Straffe belegen, die ihm nur gefiele? Was fuͤr eine geiſtliche Finſterniß muͤſte einen Menſchen umgeben, der in wichtigen Dingen, daran ihm doch ſo viel gelegen, ſo ſtarr - blind, und hingegen bey den groͤſten Kleinigkeiten ſo ſcharf - ſichtig ſeyn ſolte? Wenn ein Menſch Schamhaftigkeit und die aͤuſerſte Zaghaftigkeit gegen die veraͤchtlichſte Per - ſon ſeines gleichen von ſich blicken laͤſſet: muß derſelbe nicht, ſo zu ſagen, mit einer recht rieſenhaften Kuͤhnheit und Unſchamhaftigkeit eingenommen ſeyn, wenn er den all - maͤchtigen Schoͤpfer Himmels und der Erden zu beleidigen kein Bedencken traͤgt? Ja was noch mehr iſt, und den groͤ - ſten Wiederſpruch in ſich haͤlt, will er zu gleicher Zeit fuͤr einen, der nach den vernuͤnftigen Grundſaͤtzen handelt, ge - halten, und fuͤr einen gar guten Chriſten angeſehen ſeyn!

II.

Jm andern Capitel erzehlt der Verfaſſer die erſchreck - lichen Folgen der Selbſtbefleckung, nemlich die Plagen, die durch alle Arten der Unkeuſchheit auf Leib und Seele fal - len. Er faͤnget an von denen, die am wenigſten auf ſich ha - ben, nemlich die den Leib angehen. Erſtlich, ſpricht er, ver - hindert es das Wachsthum. Wenige, ſo dieſe Suͤnde in ihrer Jugend eine ziemliche Zeit ſehr ſtarck begangen, ge - langen jemals zu derjenigen Groͤſſe und Staͤrcke des Leibes, zu welcher ſie ſonſt gelanget ſeyn wuͤrden. Dann erzehlt er allerley ſchaͤndliche und verborgene Kranckheiten, wor - ein ſich ſolche Unflaͤter ſtuͤrtzen; und weil ſie ſich im boͤſen Gewiſſen ihrer Schuld bewuſt ſind, und es keinem recht - ſchaffenen Mann zu entdecken das Hertz haben, noch insge - mein in das Ungluͤck mit, daß ſie unerfahrnen Chirurgis &c. in die Haͤnde fallen, die ſie mit unrichtigen Curen vollends zu Grunde richten: Ferner nennet er die Ohnmachten, die hin - fallende Sucht, die Schwindſucht ꝛc.

P. 19. ſtehet. Mit was fuͤr Aufmunterung zur Tugend koͤnnen nicht junge Leute einen Mann von 80. Jahren mit174(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche mit einer Frau |von gleicher Antiquitaͤt anſehen, welche beyde mit einer geſunden und ſtarcken Leibesbeſchaffen - heit, friſchen und muntern Antlitz, geſetztem Gemuͤth, vollkommenen Verſtand u. Sinnen, hurtigen Gliedern, und froͤlichem Hertzen begabet ſind, und einem gan - tzen geſunden Geſchlecht, vielleicht bis ins dritte und vierte Glied mit Ruhm vorſtehen; und allen dieſen Segen ihrer Klugheit, ihrer Maͤßigkeit und Enthal - tung zu dancken haben! da wir hingegen, wenn wir unſere Augen auf die ungezaͤhmte Weichlinge werfen, befinden werden, daß ſolche mit gantz eingefallenen und bleichen Angeſichtern, matten Augen, ſchwachen Schen - ckeln, und duͤrren Beinen ohne Waden einherziehen, weil ſie ihre facultatem generativam in ihren erſten Jah - ren alsbald geſchwaͤchet und faſt gaͤntzlich zerſtoͤret haben: ſo daß ſie andern ein Schertz und Gelaͤchter, und ſich ſelbſt eine rechte Marter zu ſeyn pflegen.

Unter den erſchrecklichen Folgen dieſer ſchaͤndlichen Un - art fuͤhrt der Auctor dieſe beſonders aus: daß, wer darin ſtecket, und ſie ungeſcheut treibet, nothwendig ein un - verſchaͤmter Menſch, und recht verzweifelt und abſurd Gottlos werden muͤſſe. GOtt ſelbſt laͤſſts deutlich ſagen: Wem der HErr ungnaͤdig iſt, der faͤllt drein. Und Roͤm. 1, 28. ſqq. zeigt handgreiflich, daß ſolchen Leuten die groͤſten Schand - und Uebelthaten endlich als geringe, und angeneh - me Dinge vorkommen muͤſſen. Luͤgen, Stehlen, Schwoͤren, Mord und Todtſchlag und dergleichen, ſind Laſter, die gantze Staͤdte und Laͤnder verwuͤſten, Societaͤten ruiniren, dem menſchlichen Geſchlecht mit dem Untergang drohen, und mit Galgen und Rad muͤſſen abgehalten werden. Sie ſcheinen mit der Unreinigkeit gar keine Verbindung zu haben; aber in der That niſteln ſie mehrentheils in ſolchen Seelen ein, und nehmen gewaltſam uͤberhand, die Sclaven der Unflaͤte - rey worden ſind. Wo man unverſchaͤmte und ungezaͤhmte junge Leute findet: von dieſen darf man bekuͤmmert muthmaſſen, daß ſie die Unreinigkeit ſo frech und unverſchaͤmt gemacht ha - be. Es iſt nicht zu ſagen, und kann nicht genug beklaget werden, wie dis Laſter, als eine gewaltſame Peſtilentz den Verſtand verkehret, und zu allen moraliſchen Dingen gleich - ſam wahnſinnig machet. Es iſt nicht zu ermeſſen, wie die Begierden ſo viehiſch und heftig, ſo gar ungezaͤhmt, ſo gar aus der menſchlichen Art geſchlagen, und auf alles nur moͤg - liche Boͤſe hingezogen werden; wenn ſie dieſer Seuche einige Zeiten nach einander ohne allen Wiederſtand haben herhalten muͤſſen. Hurerey und andere an das obrigkeitliche Schwerdt verwieſene Laſter ſind ſchon zu gering; ſie Vergnuͤgen nicht mehr genug; ſie ſaͤttigen dieſe neronianiſche Unmenſchen nicht mehr. Nein! allerley andere Arten der Sodomitereyund175Betrachtung der Unreinigkeit. und Beſtialitaͤt muͤſſen hervor geſucht werden: ſo daß ein ſolches Menſchen-Geſchlecht nicht nur vor GOtt, ſondern auch vor dem unvernuͤnftigen Viehe und vor den Teufeln ſelbſt ſtinckend und deteſtable werden muß. Jn billiger Er - wegung der erſchrecklich ſchweren und vielen Folgen, die auf dieſe unmenſchliche Schandthaten, (ſonderlich, wenn ſie ſchon in groͤſſeren Hauffen ausgebrochen, und gemeinſchaftlich wor - den ſind,) unausbleiblich folgen muͤſſen, haben vor etlichen Jahren die Herren Generalſtaaten noͤthig befunden, da ſich etwas dergleichen an theils Orten ihrer Republique hatte blicken laſſen, eine ſehr genaue Unterſuchung bey Hohen und Niedrigen, die in Verdacht kommen waren, anzuſtellen, und einen ſolchen Fluch und Unflath des menſchlichen Geſchlechts auch nach Gebuͤhr ſtraffen zu laſſen. Wie denn Leute, die damals in den Niederlanden geweſen, bezeuget haben, daß bey dieſer Jnquiſition und Landbeſtraffung viel 1000. Menſchen, vornehmen und geringen Standes auf allerley Weiſe hinge - richtet, meiſtentheils aber in die See geſtuͤrtzt worden ſind, um das Schandfeuer, ſo durch kein Gewiſſen noch Religion geloͤſchet werden konte, in |der See zu vertilgen.

Doch der Auctor beſtaͤttiget ſeine behaupteten Lehren mit einer groſſen Menge Zeugen. Er fuͤhret ihre Briefe die ſie an ihn abgelaſſen, und die darin enthaltene Klagen und Be - kenntniſſe in groſſer Anzahl an. Und wer weiß, ob nicht je - des derſelben fuͤr tauſend andre ſtehen kann? Es iſt der Muͤ - he werth einige Stuͤcklein aus ſolchen Briefen hier anzu - fuͤhren.

P. 33. Heiſſts: Mein Herr. Ob ich ſchon die Ehre nicht habe mit Jhnen bekant zu ſeyn, ſo hoffe ich doch, Sie werden ſich durch den traurigen Zuſtand, worin ich mich befinde, zum Mitleiden bewegen laſſen, und mir denjenigen vortreflichen Rath nicht verſagen, den ſie mir allein zu geben vermoͤgend ſind.

Die oͤftere Begehung derjenigen abſcheulichen Unart, die ſie in ihrem vernuͤnftigen Buche beſtraffen, hat mir eine rech - te Complicationem morborum uͤber den Hals gezogen. Erſt - lich bin ich mit einer beſtaͤndigen Gonorrhœa ſeit Anfang des verwichnen Ianuarii beſchweret. Als denn bin ich mit hefti - gen Duͤnſten eingenommen worden, welche mich waͤhrenden paroxysmi faſt aller Vernunft berauben. Und nun da ſolches voruͤber iſt, befinde ich mich ſo ſehr ſchwach, daß ich zwey bis drey Tage an einander nicht aus dem Bette ſteigen kann. Jch bin nun wieder bey meinem rechten Verſtande, und bitte Sie inſtaͤndigſt, mir Huͤlfe zu verſchaffen. Wenn ſich die Kraft der Artzeneykunſt ſo weit erſtrecket: ſo zweifle ich keinesweges, daß Sie ſolches thun werden, und hierdurch werden Sie ſich jederzeit verbinden. Dero ꝛc.

P. 35. Wertheſter Herr. Jch hoffe in Demuth, Sie werden ſichnicht176(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchenicht entgegen ſeyn laſſen, daß dieſes vor Jhren Augen erſcheinet, und daß der allmaͤchtige GOtt Jhr Hertz regieren werde, mit einem armen betrogenen und ſuͤndlichen Juͤngling in einem traurigen Zuſtand Mitleiden zu haben. Wertheſter Herr! ich bin einer, deſſen Gemuͤth, wegen der abſcheulichen Suͤnde der Selbſtbefleckung, gar ſehr niedergeſchlagen iſt. Die Kauf - fung und Durchleſung ihres vortreflichen Buchs wieder die Selbſtbefleckung, und die chriſtliche Art, in welcher ſolches abgefaſſet, hat mir eine geheime Hofnung Jhres zarten Mit - leidens in dieſem erbaͤrmlichen Zuſtande eingefloͤſſet. Jch glaube, mein Herr, daß es ohngefaͤhr fuͤnf Jahr iſt, als ich mich das erſte mal zu dieſer Bosheit verleiten ließ; und ich folgte dieſer Leichtfertigkeit anfangs des Tages wol zwey mal, alsdenn des Tages einmal, und hernach zwey bis dreymal in einer Woche; und wenn ich ſie einen Monath unterließ, ſo gerieth ich doch wieder in dieſe gefaͤhrliche Verſuchungen zum wenigſten in 14. Tagen 2. oder 3. mal, welches mich ſo ſchwach machte, daß ich bisweilen kaum gehen konte. Und dieſes verurſachte mir groſſe Kopf - und Ruͤckenſchmertzen, inſonder - heit aber im Haupte, nebſt einer groſſen Hitze in den Teſticu - lis. Jch bat den allmaͤchtigen GOtt, daß er mir meine Suͤn - den, inſonderheit aber dieſe erſchreckliche, weswegen ich ſo ge - demuͤthiget wurde, vergeben wolte. Jch habe dieſe gottloſe Gewohnheit nicht uͤber 3. Monat gelaſſen; und ehe ich da - von abließ, ſo pflegte ich faſt alle Nacht| pollutio - nes nocturnas zu haben. Und nun pflege ich ſol - che die Woche 2. bis 3. mal zu haben. Jch leide itzt heftige Kopfſchmertzen, und meine Naſe iſt voller rothen Flecken, die mir bisweilen recht wehe thun. Es iſt mir gleichfalls ein rechter Knopf vom Fleiſch an der Stirne aufgefahren. Und itzt, da ich dieſes ſchreibe, fuͤhle ich empfindliche Schmertzen in meiner Bruſt und in meinen Armen, welches mich ſo nieder - ſchlaͤget, daß ich faſt zu aller Arbeit untuͤchtig bin. Wenn man mich des Ausbruchs in meinem Angeſichte erinnert, wie oͤf - ters geſchiehet, ſo finde ich mich genoͤthiget vorzugeben, es ruͤhre von der Hitze des Feuers her. Wie wol einige daruͤber zu lachen pflegen, und ſprechen, ich haͤtte die garſtige Kranck - heit, welches zwar ihr Schertz ſeyn ſoll, aber GOtt weiß, ob ſie nicht die Wahrheit ſagen.

P. 37. Die demuͤthige Bitte eines geplagten Onans giebet gehorſamſt zu erkennen, daß Supplicant ein armer ungluͤckſeli - her Juͤngling (von ohngefehr 19. Jahren) iſt, daß er auf eine leichtfertige obſchon unwiſſende Weiſe ſeinen Leib mit der ab - ſcheulichen Suͤnde der Maſturbation beflecket hat, welches ſei - ne Kraͤfte der Geſtalt entkraͤftet, und ihn an allen Gliedern dermaſſen geſchwaͤchet hat, das er gaͤntzlich beſorget, es werde ihn in ſeinen urſpruͤnglichen Staub verſetzen, wenn ſolchem nicht durch kraͤftige Artzney vorgebeuget wird.

P. 39.177Betrachtung der Unreinigkeit.

P. 39. wird in einem Briefe von einem ſonſt wohlgear - teten Juͤngling erzehlt: Man habe jederzeit von ihm an - gemercket; daß er ein gewiſſenhafter Juͤngling geweſen, ſich beſtaͤndig und andaͤchtig bey dem Gebet eingefunden, an der Trunckenheit und Ueppigkeit einen rechten Abſcheu bezeiget, ja ſich ſo ungemein ſchamhaft angeſtellet, daß er kaum ein Frauenzimmer anſehen koͤnnen. Nichts deſtoweniger geſte - het er mir, daß er ſich die Schuld dieſer Suͤnde ſehr leicht eingebildet, daher darein verfallen, und ſolche ohne Betrach - tung ſehr oft begangen. Durch die oftmalige Practicirung dieſer Suͤnde nun hat er ſeine natuͤrliche Faͤhigkeit des Verſtandes, die ehemals ſehr vortrefflich und lebhaft war, ungemein geſchwaͤchet und verderbet, ja ſeiner gantzen Lei - bes Beſchaffenheit uͤberhaupt groſſen Schaden zugefuͤget. Er hat nach Leſung ihres Buchs den Schluß gefaßt, gaͤntz - lich von dieſer Unart abzulaſſen, und um Beyſtand goͤttli - cher Gnade zu bitten, daß er aufrichtige Buſſe thun, und ins kuͤnftige von ſolcher verfluchten Gewohnheit gaͤntzlich abſtehen moͤge. Und ich hoffe, daß er durch eine gaͤntzliche Enthaltung und durch Beobachtung einiger Strengigkei - ten, die ich ihm zur Ertoͤdtung ſeines Fleiſches gerathen habe, und durch eine maͤßige Lebens-Art ſeinen Leib im Zaum halten, und ſolchen den Bewegungen des Heiligen Geiſtes gehorſam machen werde. Es waͤre zu wuͤnſchen, daß alle vernuͤnftige Juͤnglinge. zum wenigſten in dieſer Na - tion, die erſchreckliche Schuld dieſes unnatuͤrlichen Laſters, das ſie in ihrem Buche ſo vortrefflich vor Augen geſtellet, ernſtlich betrachten, und Scheu tragen moͤchten, dasjenige vor den Augen GOttes zu thun, deſſen ſie ſich in Gegenwart ei - nes Kindes ſchaͤmen wuͤrden. Oder, wenn ſie die Liebe zur Tugend und Keuſchheit ja nicht bewegen kann: ſo moͤchten ſie doch zum wenigſten die erſchrecklichen Folgen dieſer Suͤnde davon abſchrecken: die Schwaͤchung und Zerſtoͤrung aller Leibes - und Gemuͤthskraͤfte, und die Schmertzen und Plagen, die ſolche hier in dieſer Welt begleiten, und die ewigen unausloͤſchlichen Flammen, ſo hernach ihre Straffe ſeyn wird, wenn GOtt Leib und Seele verderbet in der Hoͤlle.

Zuletzt pag. 50. ſchließt er: Jch will dis Capitel beſchlieſ - ſen, wenn ich vorhero nur noch ein Exempel angefuͤhret habe, welches mir, indem ich dieſes ſchreibe, ein junger Menſch giebet, welcher durch Nachhaͤngung ſeiner Luͤſte ſich in ſolche erſchreckliche Verſuchungen und Abzehrungen ſei - nes elenden Leibes geſtuͤrtzet hat, daß er wie ein Schatten einher ziehet, und zum Mitleiden und Betruͤbniß aller de - rer, die ihn anſehen, unter den boshaften Einfluͤſſen ſeiner Ueppigkeit gleichſam abnimmt und vergehet.

I. Th. Betr. der Unreinigk. MP. 63.178(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche

P. 63. ſteht folgender Brief:

Mein Herr!

Ein armer elender Juͤngling unter den vielen Ungluͤckſeli - gen, ach ja leider! nur allzuungluͤckſeligen Knechten der Venus, oder vielmehr der Hoͤllen und ihres eigenen Verder - bens, erkuͤhnet ſich, Jhnen mit etlichen Zeilen aufzuwarten. Es war mein trauriges, und, wie ich befuͤrchte, mein unwie - derbringliches Ungluͤck, daß, ob ich wol von gottſeligen El - tern entſproſſen, ich dennoch in die Geſellſchaft eines garſti - gen Unzuͤchters, der mein Schulgeſell war, gerieth, der ſich nicht ſcheuete, das abſcheuliche und ſchaͤdliche, unnatuͤrliche, verfluchte Spiel der Selbſtbefleckung vor mir zu treiben; und, weil dieſes ungluͤckſelige Exempel das Feuer meiner Jugend und angebornen Verderbnis rege machte, ſo wagte ich es durch ungeſtuͤme Verſuchung des liſtigen Teufels, meiner tadelhaften Neugierigkeit in dieſem Stuͤck ein Gnuͤ - ge zu thun, und verſchertzte alſo meine Unſchuld auf einmal, verwundete mein Gewiſſen, und entkraͤftete meine Staͤrcke. Was aber mein Elend und Schuld noch groͤſſer machte, war dieſes, daß nach Betrachtung und Hegung meiner vergange - genen thoͤrichten Wohlluſt, die ich in dieſer Suͤnde empfun - den, (ach eine Suͤnde, deren traurige Folgen ich nicht ge - glaubet haͤtte, weil ich durch eine halsſtarrige Leidenſchaft mit Gewalt dazu angetrieben wurde!) ich dieſelbe einmal uͤber das andre beging, und ob mich ſchon das Gewiſſen bey jedem Zuruͤckfall, wie ein grimmiger Loͤwe anfiel, ſo behielt doch das Laſter die Oberhand. Nun aber habe ich ſchon 2. Jahr, unter einer gonorrhæa laboriret, die ich mich jemanden zu entdecken ſchaͤmte. Da ich aber uͤber ihr Buch gerieth, floͤſte mir ſolches einen Muth ein, Jhnen meinen Zuſtand zu ent - decken, in der Hoffnung, Sie werden einem armen geplag - ten Menſchen einige Huͤlfe wiederfahren laſſen.

P. 208. erzehlet ein Schulmann eine Hiſtorie von einem ſeiner Schuͤler alſo: Jch hatte einen unter meinen Schuͤlern, welcher unterſchiedene Jahre, vom 15. Jahr an ſich der grau - ſamen und ſuͤndlichen Gewohnheit mit der Maſturbation ſehr ſtarck ergeben hatte; uͤber dieſes lief er auch noch, wenn er Zeit dazu finden konnte, dem Huren und Sauffen nach. Da er denn, ehe er noch das 20ſte Jahr erreichte, den Trip - per dreymal und die Franzoſen zweymal hatte. Dieſes zog ihm allerhand Beſchwerlichkeiten, abſonderlich an heimli - chen Orten zu. Ob er nun gleich ungemein ſchwach daran war, und eine harte und ſchmertzhafte Geſchwulſt an einem ſeiner teſticulorum hatte, und das andere hingegen gantz zu - ſammen ſchrumpfte, und die ſpermatiſchen Gefaͤſſe, welche da hin gehen, wie Stricke zuſammen gedrehet und verwirret wa - ren; ſo hatte er dennoch ſolche beſtaͤndige und ſtarcke ere -ctiones,179Betrachtung der Unreinigkeit. ctiones, daß er oͤfters wieder ſeinen Willen Blut durch die Urethram ausleerete. Welches der Chirurgus, den ich nebſt meinen andern Freunden bey ihm zu Rathe gezogen, eine Satyriaſin oder Priapismum nennete. Es verurſachte ihm dis zwar mehr Vergnuͤgen als Schmertzen: er hatte aber dabey zu - gleich eine groſſe Unordnung in ſeinem Urin, die ihm zu - weilen ſehr ſchmertzlich fiele. Unter dieſen Umſtaͤnden em - pfand er die Wirckungen ſeiner groben Laſter etliche Monate mehr als zu nachdruͤcklich, da er zwey Salivationes, und un - terſchiedene andere ſcharfe Curen unter unterſchiedenen Me - dicis und Chirurgis ausſtehen muſte. Aber aller angewen - deten Muͤhe ungeachtet brach die gantze garſtige Materie end - lich mit einem ſehr tiefen ſtinckenden Geſchwaͤre in ſeiner Blaſe auf: wodurch er nach und nach bis auf ein Tod - tengerippe abgezehret wurde, bis er an der Duͤrrſucht den Geiſt aufgab. Da er denn etliche Monate vorher, ehe er ſtarb, ſo unertraͤglich ſtuncke, daß kein Menſch uͤber eine Vier - telſtunde in der Stube bleiben konnte, wenn er nicht ein ſtar - ckes volatiliſches oder aromatiſches Buͤchschen vor die Naſe halten wolte. Die Urſach dieſer ſeiner gantzen Entkraͤftung ruͤhrte, wie die Doctores einhellig bekraͤftigten, erſtlich mehr von der Selbſtbefleckung her, als von ſeinem andern Huren und Sauffen: ob ſie ſchon durch beydes gar ſehr vermehret und aͤrger gemacht worden.

p. 240. Euſebius meldet, daß Maximianus, einer von den Roͤmiſchen Kayſern, ſeinen Leib zu Befriedigung ſeiner Luͤſte dergeſtalt gemißbrauchet, daß derjenige Theil, den er am mei - ſten gemißbrauchet, mit einem ſolchen ſtinckenden Ge - ſchwaͤr angegriffen worden, daß ſeine Medici lieber erwehlten, ſich ermorden zu laſſen, als ihm zu nahe zu kommen.

p. 277. Ein junger Menſch, da er von einem meiner Freun - de genau bewachet worden, pflegte faſt alle Nacht der Ma - ſturbation beſtaͤndig zu folgen. So bald ich davon hoͤrte, ſo prognoſticirte ich alſobald dem Buben ſein Ungluͤck vorher, welches ſich innerhalb 18. Monaten hernach auch ereignete. Denn er ſtarb an einer heftigen Schwindſucht, da er mehr einem Schatten und Todtengerippe, als lebendigen Men - ſchen gleich geſchienen.

Noch einen habe ich gekannt, welcher kurtz vor ſeinem To - de bekannt, daß er dieſe Unart ſo lange getrieben, bis ſein Same ohne einige Provocation und faſt ohne alle Erection hinweg gegangen, wodurch er in eine Hectica verfallen, und bald davon aufgerieben worden -.

P. 344. ſtehet folgender Brief:

Geliebteſter Herr:

Jch habe Jhre letzte Edition von der Onania empfangen, und leſe in den unterſchiedenen Jhnen zugeſandtenM 2Brie -180(I. Th.) Anatomiſch-MediciniſcheBriefen etwas von meinem eigenen elenden und jaͤmmerli - chen Zuſtande. Viele tauſend werden meines Erachtens, Urſach haben, GOtt fuͤr ein ſo loͤbliches und noͤthiges Unternehmen Danck zu ſagen, daß Sie eine der ſchaͤndlich - ſten und abſcheulichſten Gewohnheiten nach Verdienſt zu be - ſtraffen ſuchen. Was meinen eignen Zuſtand anbelanget, ſo glaube ich, daß er alle Exempel, deren in Jhrem Buche ge - dacht wird, ſo weit uͤbertrifft, daß, wenn er beytragen koͤnnte, iemand von der erſchrecklichen und ſchaͤndlichen Suͤnde der Selbſtbefleckung abzuhalten, es mir in Betrachtung deſſen lieb ſeyn ſolte. Wiewol, was mich ſelbſten anbetrifft, ich meinen Zuſtand fuͤr huͤlflos halte. Denn meine zeitlichen Umſtaͤnde, worein mich meine Suͤnde in der Welt verſetzet hat, ſind ſo ſchlecht, daß ich keine Huͤlfe erwarten kann, und das Schrecken meines Gewiſſens iſt, wenn ich an mein ſchaͤndliches Leben gedencke, unausſprechlich, und ſonder Zweifel ein Anfang von dem Wurm, der niemals ſtirbet, und dem Feuer, das niemals verloͤſchet. Meinen Zuſtand ſo kurtz und doch auch ſo klar, als ich kann, vorzuſtellen, ſo verhaͤlt ſich derſelbe folgender maſſen. Als ich ohngefehr 14. Jahr und eben damals zur Schule war, pflegte ich mit groſſer Aufmerckſamkeit auf alle garſtige und unreine Dis - curſe Achtung zu geben, die ich etwa von meinen Schulge - ſellen vorbringen hoͤrte. Dieſe unreinen Gedancken ernehrte und hegte ich. Und ob ich mich ſchon keines Exempels von einigen Knaben erinnere, der ſich der Begehung dieſer That ſchuldig gemacht haͤtte: ſo nahm ich doch nach kurtzer Zeit dieſe Suͤnde vor, und es iſt faſt ſo unglaublich fuͤr andre, als erſchrecklich fuͤr mich, zu beſchreiben, wie oft ich mich des Ta - ges dieſer Leichtfertigkeit ſchuldig machte. Zu dieſer Zeit, ich muß es geſtehen, hatte ich wenig oder keinen Begriff davon, daß dieſe Gewohnheit ſuͤndlich ſey. Mein vornehmſter Kum - mer war, Sorge zu tragen, daß ich zur Zeit, wenn ich die That beging, von niemanden geſehen werden moͤchte. Und ob ich ſchon eine ſehr gute Auferziehung genoß, und alſo vor allen andern Laſtern bewahret wurde: ſo ſahe ich doch, we - der ſie noch andre, von dieſem Laſter, zum wenigſten nach ſei - nen eigentlichen und beſondern Namen, reden hoͤren. Jn dieſer oͤftern Gewohnheit fuhr ich fort, weil ich zu Haus war, und ohngefehr anderthalb Jahr, nachdem ich nach Lon - den gekommen, und zu einem Leinwandhaͤndler in die Lehre gethan war, wo ich von den andern Lehrjungen, meinen Cammeraden, Beyſtand in dieſer leichtfertigen Gewohnheit bekam. Weil eine und andere Dinge vorfielen, wurde ich von dannen gethan, und empfand noch immer ſtarcke Neigung zu dieſer gottloſen Suͤnde, da ich mir nichts ſuͤnd - liches oder boͤſes dabey einbildete, indem ich niemals von desOnans181Betrachtung der Unreinigkeit. Onans Suͤnde geleſen oder gehoͤret hatte, bis ich ohngefehr vor 8. oder 9. Jahren, als ich noch in der Lehre war, Jhr Buch ſahe.

Nachdem ich ſolches geleſen hatte, gerieth ich in groſſe Gemuͤths-Beſtuͤrtzung, und bedurfte Huͤlfe an Seel und Lei - be; wuſte aber nicht, wie ich meinen Zuſtand iemanden vor - ſtellen ſolte. Jch war immittelſt einem grauſamen Huſten und andern Uebligkeiten unterworfen, und wurde gantz klein von Statur. Jch hatte Jhr Buch nicht lange gehabt, ſo fand es iemand aus der Familie. Jch habe aber niemals erfahren, wer es geweſen iſt, durfte auch nicht darnach fra - gen. Eine Zeitlang ſtritte ich ſcharf wieder dieſe Unart. Jch verſprach und gelobte an, ich wolte mich deren nicht mehr ſchuldig machen, und gebrauchte alle Mittel, die ich erden - cken konnte, dieſe Suͤnde zu verhuͤten; aber meine Neigung dazu war ſo ſtarck und gewaltig, daß es mir ſchwer fiel, mich nur eine Woche davon zu enthalten. Und ich hatte hernach das Ungluͤck, etliche anzutreffen, welche eine natuͤrliche Noth - wendigkeit dieſer Unart behaupteten; aber deſſen ungeachtet konnte ich nicht dahin gebracht werden, ſolches fuͤr keine Suͤnde zu halten. Jch habe unterſchiedene Verſuche gethan, meinen Zuſtand zu veraͤndern, und mich in den Eheſtand zu begeben; bin aber allemal daran verhindert worden. Jch ſchreibe nun in groͤſter Bedraͤngniß an Sie, mein Herr! Mein Leib iſt durch dieſe leichtfertige Gewohnheit gantz auf die Neige gekommen. Jch habe lange Zeit einen heftigen Huſten gehabt, und will mich oͤfters erbrechen, kan aber we - nig heraus bringen. Jch habe oͤfters Kopf - und Ruͤcken - ſchmertzen, und groſſe Schwachheit in meinen Gliedern. Der Kopf iſt mir voller Duͤnſte, und die Augen ſind gantz ſchwach und dunckel. Jch habe mich ſeither dieſer garſtigen Gewohnheit lange nicht ſchuldig gemacht; welches ich aber nicht ſowol fuͤr eine Wirckung der Tugend als des Unver - moͤgens anſehe. Mein Herr, Sie wuͤrden ein Werck der Chriſtlichen Liebe erweiſen, wenn Sie ſo gut ſeyn, und mir Jhren Rath ſo wol am Leibe als Gemuͤth ertheilen wolten. Meine Umſtaͤnde ſind ſehr gering; dafern ich aber iemals vermoͤgend werden ſolte, Jhnen Vergeltung zu thun, ſo wuͤr - de ich mich nicht undanckbar finden laſſen. Jch muß ohne einigen Beyſtand verderben, und ich weiß nicht, zu wem ich mich in dieſen traurigen und betruͤbten Umſtaͤnden wenden ſoll, wenn Sie mir Jhre Huͤlfe verſagen. Jch bitte Sie demnach um einer armen Seele willen, Sie wollen mir ei - nigen Rath ertheilen, damit ich nicht in den verzweifelten Zuſtand gerathen und ſchlieſſen muß, daß keine Huͤlfe fuͤr mich uͤbrig ſey, und ich alſo verderben muͤſſe. Sie verzeihen meiner Ungeſtuͤmigkeit. Sie ruͤhret von der EmpfindungM 3mei -182(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchemeines elenden Zuſtandes her, und von Jhrer Bereitwillig - keit, die Sie Nothleidenden jederzeit erwieſen haben. Wenn Sie dieſe Nachricht meines Zuſtandes von einigem Nutzen halten: ſo haben Sie meine voͤllige Einwilligung, ſolches oͤffentlich heraus zu geben. Jch bin Jhr ꝛc.

P. 369. ein anderer Brief.

Mein Herr!

Jch habe Jhr Buch mit vielem Vergnuͤgen und groſſer Zu - friedenheit, obſchon nicht ohne die groͤſte Betruͤbniß uͤber den ungluͤcklichen Zuſtand der Menſchen geleſen. Viele darunter erkennen weder die Suͤnde, noch die traurigen Fol - gen derſelben, welche die Gottloſigkeit begleiten, wovon Sie handeln. Eine Gottloſigkeit, welche vor den Augen GOt - tes ein Greuel iſt, ihnen ſelbſt zum Schaden und der gan - tzen Nachwelt zum Verderben gereichet. Was das erſte an - betrifft, ſo iſt wohl kaum ein Laſter iemals auf eine exem - plariſchere Weiſe geſtraffet worden, indem der erſte, der ſich deſſelben ſchuldig gemacht, auf der Stelle getoͤdtet worden. Und ob ſich ſchon einige beſondere Umſtaͤnde bey dieſem Fall befunden, ſo denſelben ſchwerer gemacht; ſo iſt er doch, wenn man ihn ins beſondere betrachtet, zulaͤnglich genug, uns des Allmaͤchtigen Abſcheu an der That ſelbſt, und demnach die aͤuſſerſte Gefahr, ſolche iemals zu begehen, vor Augen zu ſtel - len. Was das andre anlanget, ſo bezeugen die vielen Ex - empel, die Sie angefuͤhret, und deren noch viele tauſend moͤch - ten beygebracht werden, die Wahrheit deſſelben zur Gnuͤge. Und das dritte folget nothwendig aus dem vorhergehenden. Denn wenn wir unſer eigen Weſen zu einer Zeit, da wir ver - moͤgend ſind, es andern mitzutheilen, zernichten; oder, wel - ches eben ſo viel iſt, wenn wir uns zu Fortpflantzung unſers Geſchlechts ſelbſt untuͤchtig machen; ſo iſt gantz gewiß der Untergang der Nachkommenſchaft und das Ende der kuͤnftigen Erziehung der Menſchen zu befahren. Was kann aber wol von einer ungeheurern Art ſeyn? Jn was fuͤr ei - ner Abſicht wir es nur betrachten, entweder nach der Schrift, nach der Erfahrung oder der Vernunft: ſo iſt es allenthalben anſtoͤßig, und ſchlieſſet ſo viel Schuld in ſich, als man nur erdencken kan. ꝛc.

p. 384. Mein Herr Dafern vielen jungen Leuten unter uns die erſchrecklichen Folgen bekannt geweſen waͤren, welche ihnen ihre Weichlichkeit an Seel und Leib zuziehet: wenn ſie gewuſt haͤtten, wie ſehr es die Leibes - und Gemuͤths - kraͤfte ſchwaͤchet, ja das gantze kuͤnſtliche Gebaͤude des Coͤr - pers in Unordnung bringet und zerruͤttet: ſo wuͤrden ſie der - ſelben nimmermehr Raum gegeben haben. Die meiſten, mit welchen ich Umgang gepflogen, geſtehen, und ſagen: wenn ſie gewuſt haͤtten, daß es eine Suͤnde waͤre, ſo haͤtten ſie es nichtthun183Betrachtung der Unreinigkeit. thun wollen. Jch wuſte ſelbſt nicht, daß es unrecht ſey, bis ich den Schaden erſt lange hernach innen wurde, wie ich zei - gen werde. Und die vornehmſte Urſach, warum ich es fuͤr keine Suͤnde hielte, war dieſe, weilen es ein ſo gemeines La - ſter iſt. Es fragte mich einer von meinen Bekannten um meine Meinung, der dieſer Unart uͤberaus ergeben war: ob ich es fuͤr Suͤnde hielte? Jch gab ihm zur Antwort, ich wuͤ - ſte es nicht, welches nun uͤber vier Jahr iſt. Ohngefehr drey Jahr hernach erfuhr ich, daß es Suͤnde ſey. Da ſchrieb ich einen Brief an denſelben, und berichtete ihm ſolches. Geſtalt ich ſolches fuͤr meine Schuldigkeit hielt. Jch hatte uͤber zwey Jahr von Dero Buch gehoͤret, ehe ich es bekommen konnte. Nun aber habe ich es ſchon uͤber ein halbes Jahr, und von Anfang bis zu Ende durchgeleſen; da ich denn viele Stellen darinn antreffe, welche meinem Zuſtand gantz gleich kommen. Welche folgende ſind: Jch bin von Chriſtlichen und frommen Eltern entſproſſen, die mich zu allem Guten auferzogen haben. Es wurde mir aber dieſe Suͤnde von einem aͤltern Bruder angelernet. Allein, wenn ich es gleich von ihm nicht gelernet haͤtte, ſo wuͤrde ich dennoch bald dahinter gekommen ſeyn. Denn ich habe es in der Schule, und zwar mitten unter der Lection practiciren geſehen. Daher trieb ich dieſe ſchaͤndliche Unart ſo lange, bis ich mir leider eine unheilbare Wunde zugezogen hatte, welches zwiſchen meinem 16. und 17. Jahr geſchahe. Ohngefehr einen Monat vorher, ehe ich in mein 17. Jahr trat, wurde ich an der untern Sei - te meines penis am præputio einen rothen Flecken gewahr, wie ein Maſerflecken, welches ſich in kurtzer Zeit gantz herum zog, und immer breiter wurde, als ob ich eine rothe Schnur rund herum gebunden gehabt, und verurſachte mir ſolche un - ertraͤgliche Schmertzen, daß ich mich kaum zu laſſen wuſte. Jch gebrauchte einige Dinge, mir Linderung zu ſchaffen, aber mit ſchlechtem Erfolg. Dieſes zog mir eine beſtaͤndige Un - ruhe zu. Jch wolte mein Waſſer laſſen, konnte aber nicht. Bisweilen gedachte ich, als ob es von mir gienge. Und wenn ich hinein ſahe, wurde ich allemal eine kleine Schleimigkeit, oder ſehr klare Materie darin gewahr, welches mir eine ſol - che beſtaͤndige Ungedult verurſachte, daß ich weder ſitzen noch ſtille ſtehen konnte. Es war mir aber allemal am beſten, wenn ich herum gieng; welches mir Stechen, Schieſſen und Jucken an der Eichel und Vorhaut verurſachte. Das erſte, ſo mir einige Linderung gab, war dieſes, wenn ich die Theile oͤfters mit Bley-Zucker und Krebs-Augen wuſch: welches zwey Jahre hernach war, da ich damit behafftet worden. Und ohngefehr ein Jahr darnach befreyete mich ein andrer Doctor von dem ſchmertzlichen und unaufhoͤrlichen Trieb das Waſſer zu laſſen. Endlich fuhr ich an meinen SchenckelnM 4voller184(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchevoller Maſer-Flecken aus; dachte aber nicht, daß dieſe ſchaͤnd - liche Gewohnheit, die ich noch immerfortſetzte, Urſach dar - an waͤre. Und wenn ich ſolche im Bette veruͤbete, ſo ver - urſachte es mir ein Feuer-heiſſes Stechen auf der gantzen Seite und Schenckel, auf welchem ich lag. Dieſes hat mich in einen traurigen Zuſtand verſetzet. Denn ich kann weder recht ruhig ſitzen noch liegen, ich mag mich legen auf welche Seite ich will. Es verurſachet nach der Hitze eine ſtarcke Erſtarrung an dieſen Theilen, als ob ſie todt waͤren; wie bey dem jungen Menſchen, deſſen Exempel in ihrem Buche vor - kommt. Deſſen ungeachtet wuſte ich dieſe gantze Zeit uͤber nicht, was die rechte Urſach meiner Plage ſey, bis ich uͤber drey Jahr damit behafftet geweſen. Jch gerieth zwar bis - weilen auf die Gedancken, es muͤſte von dieſer thoͤrichten Action herruͤhren: (denn fuͤr was kluges konnte ich ſie auch nicht halten). Wenn ich aber bedachte, wie viele ſich deren ſchuldig machten, und doch keine ſolche uͤblen Wirckungen verſpuͤrten: ſo hielte ich meinen Zuſtand fuͤr was beſonders. Als ich aber einige von Jhrem Buche und von der Suͤnde der Selbſtbefleckung reden hoͤrte: ſo wandte ich allen Fleiß an zu unterſuchen, was ein oder der andere Autor davon ſagte. Jch konnte aber gar wenige antreffen, die recht deutlich und ausdruͤcklich davon geredet haͤtten. Jmmittelſt konnte ich mir doch ſo viel daraus nehmen, daß es eine Suͤnde ſey. Unter andern fand ich in einem gelehrten Autore, der von der Traurigkeit handelte, daß dieſes eine Urſach davon ſey. Die Selbſtbefleckung, und andere dergleichen heimliche Suͤnden, ſtuͤrtzen die Leute oͤfters in eine tieffe Melancholie, weil ſie wiſſen, daß es eine Suͤnde iſt, und dennoch in muthwilliger Begehung derſelben leben. Dieſes verurſachte mir ein tief - fes Nachdencken; ob mir ſchon der Doctor, der mich unter Haͤnden hatte, nichts dergleichen zu verſtehen gab. Er ſagte, ich haͤtte mir entweder wehe gethan, oder mich erkaͤltet, daß mir die Feuchtigkeit herab in den Schoos gefallen waͤre, un - geachtet er mich eine geraume Zeit unter Haͤnden hatte. Der andere Doctor aber, dem ich in die Haͤnde gerieth, tractirte mich, als ob ich die veneriſche Kranckheit haͤtte; und dieſes hielt er mir alſobald vor, als ich zu ihm kam. Allein ich leugnete es beſtaͤndig, und ſagte, ich haͤtte nie mit einem Weibſen etwas zu thun gehabt. Jmmittelſt hatte mir das elende Mittel, ſo er gebrauchte, groſſen Schaden gethan, wie mich andere Doctores ſeit dem berichtet haben. Sie moͤgen nun ſonſt von meinem Zuſtande gehalten haben, was ſie wol - len: denn ich habe nie keinem, auſſer einem eintzigen, ge - ſtanden, daß ich mich durch dieſe Gottloſigkeit verletzet haͤtte. Aber auf meine Kranckheit zu kommen: Als ich mich eine Zeitlang unter dieſes Doctors Haͤnden befunden, verſpuͤrteich185Betrachtung der Unreinigkeit. ich eine ſeltſame Geſchwulſt an der einen Seite meines Scro - ti, welches ich ihm zeigte. Er wuſte aber faſt nicht recht, was er daraus machen ſolte; ſondern ſagte, es wuͤrde ſich wol wieder ſetzen, und gebrauchte keine Mittel. Es wurde aber nach der Zeit immer groͤſſer, und iſt dasjenige, was meines Erachtens einige die ſpermatiſchen Gefaͤſſe nennen. Bis - weilen iſt es gantz vergangen und hinein gefallen. Aber eine geringe Urſach machet, daß es wieder geſchwillet. Wenn ich nur eine Weile ſitze, ſo geſchwillet es wieder. Vom Reiten, oder wenn mir nur die Hoſen ein wenig enge ſind, daß ſie mich drucken, oder alles, was nur ein wenig hart drucket, da - von geſchwillet es wieder, und zwar bisweilen ſo groß als ein Ey, und in Knoten, wie eine Weintraube, welches ein Her - abfallen des Seroti verurſachet, das ſehr lang herab haͤn - get, aber eben keine beſondere Schmertzen verurſachet, auſſer bisweilen einiges Stechen und Drucken, ein Herumlauffen der Feuchtigkeiten, und ein ſchreckliches Jucken des Geſchroͤtes, wie auch des Obertheils meiner Schenckel, und von dar zu der Glandul und Praͤputio, mit einer Feuchtigkeit an der aus - wendigen Seite, | welches eine dicke Unreinigkeit verurſachet. Wenn ich aber den Leib ein wenig bewege durch einige Uebung, ſo pflegt es wieder zu vergehen. Und alſo iſt es uͤber drey Jahre mit mir geweſen, und verhaͤlt ſich dieſe Stunde noch nicht anders. Jch habe eine groſſe Schwachheit in mei - nen Kniekehlen; iedoch nicht ſo arg mehr, als wie ich dieſer Gottloſigkeit noch ergeben war. Nichts deſto weniger thun mir meine Knie ſehr wehe, daß ich faſt gar nicht knien kann. Und nun bin ich anderthalb Jahr mit grauſamen Kopf - ſchmertzen geplagt geweſen, woruͤber ſich, wie aus Jhrem Buche erſehe, faſt alle ſolche Patienten beklagen. Wobey ich gantz tumm und daͤmiſch bin, daß ich manchmal dencke, ich werde gar um den Gebrauch meiner Sinnen kommen. Der Kopf iſt mir oft ſo ſchwer, als ob er mit Bley ausge - fuͤllet waͤre. Jch kan mich bisweilen kaum beſinnen: ſo ſehr iſt mir der Kopf voller Feuchtigkeiten, davon mir im Geſicht Finnen und Blaͤtterchen ausſchlagen. Die uͤble Beſchaffen - heit meines Haupts verurſachet eine groſſe Schwachheit mei - ner Augen, Verſtopffung des Gehoͤrs und Sauſen und Brau - ſen im Haupte. Jch bin bisweilen mit Schmertzen und Stechen in der Uretra geplagt. Bisweilen, wenn ich viel ſitze oder lange ſchreibe, ſo ſpuͤre ich, daß mir die Feuchtigkei - ten gar ſehr auf die Glandulas in der Uretra, und hernach auf Glandem und das Præputium fallen, mit groſſer Entzuͤn - dung dieſer Theile, Jucken des Scroti und derjenigen Ge - ſchwulſt und Beſchwerung des Geſchroͤtes, woruͤber ich zuvor geklaget habe, nebſt der Hitze und dem Jucken meiner Schen - ckel. Eins haͤtte ich beynahe vergeſſen, nemlich dieſes: meinM 5Præ -186(I. Th.) Anatomiſch-MediciniſchePræputium wird zwiſchen der Eichel und der Vorhaut mit einem ſolchen Peltz oder dicken Haut uͤberzogen, daß, wenn ich es nicht beſtaͤndig reinigte, ich die Vorhaut in acht Tagen nicht wieder ſuper Glandem wuͤrde zuruͤck bringen koͤnnen. Jch habe etwas, womit ich es waſche, welches ich mit Fleiß vermiſche. Dieſe Unreinigkeit hat einen heftigen Geruch, und ma - chet die Eichel gantz rohe, wenn ich ſie nicht rein halte. Und ſeit der Zeit habe ich von dieſer gottloſen Gewohnheit nachgelaſ - ſen, (davon ich ſchon einige Zeit vorher abgelaſſen hatte, ehe ich Jhr Buch zu ſehen bekam) ſo, daß ich ſeit der Zeit der wil - ligen Selbſtbefleckung nicht ſchuldig geweſen bin. Allein ich bin ſeit der Zeit mit naͤchtlichen pollutionibus in meinem Schlaf geplaget worden. Welches mir, wie ich befinde, auch Schaden thut, indem es die Feuchtigkeiten herunter zu die - ſen Theilen bringet, deſſen ich nicht gerne ſchuldig ſeyn wolte, wenn ich es verhindern koͤnnte. Bisweilen habe ich auch Emiſſiones ſeminis auf dem Stuhl, iedoch nicht gar oft. Jch kann aber nicht| dencken, daß mein Unvermoͤgen vom Mangel des Samens herruͤhre. Jch habe niemals einige fleiſchliche Kenntniß eines Weibes gehabt, wovon ich dem groſſen all - wiſſenden GOtt Rechenſchaft geben will; welches wichtige Worte ſind, wenn man ſie recht bedencket. Und koͤnnte der - jenige vortreffliche Rath ſtatt finden, den ein Rabbin ſeinem Schuͤler gab: Erinnere dich, ſpricht er, eines Auges, das alles ſiehet, eines Ohrs, das alles hoͤret, und einer Hand, die alles aufzeichnet, was du thuſt! O was fuͤr gluͤckliche Menſchen wuͤrden wir ſeyn! Denn weil wir das allſehende Auge GOttes nicht genug betrachten, ſo leben wir dergeſtalt in den Tag hinein. Sonſt wuͤrde uns dieſes in Furcht halten, wenn wir GOtt vor Augen haͤtten. Jch habe oft bey mir uͤberleget, was fuͤr eine Gnade es iſt, wenn GOtt einen Menſchen in ſeiner Jugend vor Suͤnden behuͤtet. Denn man pfleget in der Jugend ſolche Suͤnden zu begehen, die einem hernach Zeit Lebens als ein Pfeil im Gewiſſen ſte - cken. Daher es bloß der zuruͤckhaltenden Gnade GOttes zu - zuſchreiben, daß ein Menſch nicht in eben die groben Suͤn - den hinein rennet, worein andere fallen, und zu welchen die Jugend ſo gar geneigt zu ſeyn pfleget. Aus Ermangelung dieſer Gnade habe ich nun genug zu leiden. Doch habe ich noch Urſache, GOtt fuͤr ſeine zuruͤckhaltenden Gnade zu dan - cken, die mich noch von viel tauſenden unterſchieden, und vor offenbaren und ruchloſen Suͤnden bewahret, auſſer daß ich ihr durch mein wohlluͤſtiges und geitziges Temperament widerſtrebet habe. Jch gedencke oͤfters an Hiobs Worte: Denn du ſchreibeſt bittere Dinge wider mich, und laͤſ - ſeſt mich beſitzen die Suͤnden meiner Jugend, Hiob 12, 25. Aller Troſt aber, den ich finde, wenn ich mich dieſer Suͤndehalber187Betrachtung der Unreinigkeit. halber unterſuche, beſtehet darin, daß ich ſolche unwiſſend be - gangen habe. Denn ich wuſte niemals, daß es eine Suͤnde ſey, bis ich die Wunde davon ſchon lange Zeit gefuͤhlet hatte. Jch habe hernach tauſendmal gewuͤnſchet, daß ich mich der - ſelben niemals moͤchte ſchuldig gemachet haben. So aber muß ich mich unter die Zahl derjenigen Ungluͤckſeligen rech - nen, die ihr Gewiſſen und ihren Leib durch dieſe Suͤnde ſo heftig verwundet haben. Jch kann Jhnen aber nicht verhal - ten, daß meine Schwachheit nicht allein von dieſer gottloſen Gewohnheit herruͤhret; ſondern das viele und mancherley Zeug von Artzeney, ſo ich zu mir genommen, hat nicht wenig darzu beygetragen. Ob ich wol geſtehe, was die erſte Urſach meiner Unpaͤßlichkeit war: welches ich zwar nicht er - kannte, und ſolches nicht eher unterließ, bis ich die vorge - gedachte Beſchwerung an meinem præputio hatte. Denn ich dachte bisweilen, daß dieſes die Urſach ſeyn muͤſte, und die - ſes haͤtte mich allerdings auf andere Gedancken bringen ſol - len. Jch hoffe, Sie werden mir zugeſtehen, mein Herr, daß Suͤnden der Unwiſſenheit (ich meine keine Suͤnden muth - williger Unwiſſenheit) nicht ſo erſchrecklich ſind, als wenn man weiß, das etwas eine Suͤnde iſt, und ſolches doch bege - het. Paulus ſagte von ſich ſelbſt: Jch war ein Laͤſterer und Verfolger, und ein ſchaͤdlicher Mann, und den - noch iſt mir Barmhertzigkeit wiederfahren. Warum wiederfuhr ihm aber denn Barmhertzigkeit? Weil ich es un - wiſſend gethan hatte, ſetzet er hinzu. Zu meiner Betruͤb - niß und Schande aber beging ich dieſe Leichtfertigkeit, nach - dem ich bereits einige Wiſſenſchaft darum hatte, daß es Suͤn - de waͤre, welches um das 19. Jahr meines Alters war, als ich mich deren ſchuldig machte. Jch hatte eine Furcht in mir, daß es Suͤnde ſey, daher forſchete ich, wie oben gedacht, fleiſ - ſig nach, und befand, daß es allerdings Suͤnde ſey; allein ich erkannte die Erſchrecklichkeit derſelben noch nicht. Ueber eines muß ich mich nur verwundern. Wenn es eine ſolche Suͤn - de iſt, wie koͤmmt es denn, daß die Prediger eine ſo wichtige Pflicht mit Stillſchweigen uͤbergehen, und nicht ſowol da - vor warnen, als vor andern Suͤnden? Jch habe demnach, ſeitdem ich Jhr Buch geleſen, dafuͤr gehalten, daß ſie es wuͤr - den zu verantworten haben, daß ſie junge Leute nicht davor gewarnet, da ſie gewuſt, daß es eine ſo gemeine Suͤnde ſey, und dennoch ſo viele arme Seelen dahin leben und dahin ſterben laſſen, indem ſie dieſelben niemals davor gewarnet, zum wenigſten nicht auf eine ſo deutliche Weiſe, daß man ſie verſtehen kann. Jch habe durch Jhr vortreffliches Buch (denn dafuͤr halte ich es) viele in Beſtuͤrtzung geſetzt. Denn ich habe dieſes Buch, ſeitdem ich es beſitze, unterſchiedenen von meinen Bekannten gewieſen, woruͤber ſie recht erſchra -cken,188(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchecken, und zu mir ſagten, ſie haͤtten nicht gewuſt, daß es Suͤn - de ſey. Und ob ich ſchon wuſte, daß es Suͤnde waͤre, ſo war ich doch, wie geſagt, von der Schrecklichkeit derſelben noch nicht uͤberzeuget. Daher beging ich es aus Wohlluſt meines Fleiſches immer noch. Welches einen groſſen Schrecken in meinem Gemuͤthe verurſachte, ob ich ſchon wiederſtrebte, und einen friſchen Vorſatz nach dem andern faſſete. Jch ſchrieb einen erſchrecklichen Spruch auf ein Papier, und trug es an dem Hals, daß wenn ich zu Begehung dieſer Suͤnde verſucht wuͤrde, mich das Papier der Suͤnde erinnern, und alſo davon abſchrecken moͤchte ꝛc. Joſephs Worte kamen mir oͤfters in die Gedancken: Wie kann ich ein ſo groſſes Uebel thun, und wieder den HErrn meinen GOtt ſuͤndigen? 1 Moſ. 39, 9. Jch habe oft bey mir beſchloſſen, es niemals mehr zu begehen. Wenn ich aber ſicher wurde, und dieſen Verſuchungen nur im geringſten Raum gab: ſo ſahe ich mich uͤberwunden, welches mir alsdenn groſſe Ueberzeugung verurſachte. Denn dieſer Suͤnde wegen ſind wir iederzeit in Gefahr, wenn wir nicht auf unſerer Hut ſtehen. Alſo wurde endlich meine Suͤnde deſto groͤſſer; ob ich ſie ſchon ſelten beging, als etwa in drey oder vier Monaten einmal: aber ſo oft ich die That wieder - holte, ie groͤſſer war meine Suͤnde, und folglich auch mein Schrecken. Denn wenn ich ſie beging, konnte ich es, meiner Meinung nach, kaum willig nennen: weil es mir durch die heftige Uebereilung der Verſuchung meines hitzigen Tempe - raments, und wegen Ueberfluß des Saamens begegnete, wann ich am wenigſten geſonnen war, ſolches zu verſtatten. So ha - be ich auch kein Vergnuͤgen in dem Actu gehabt. Denn ſo bald ich befand, daß es kommen wolte, o was fuͤr Stacheln em - pfand ich in meinem Gewiſſen. Was fuͤr ſchreckliche Gedan - cken uͤberfielen mein Gemuͤth! daß ich oft bey mir ſelbſt ge - dachte: o was fuͤr Schrecken empfinde ich! Daher ich mir vor - ſetzte, mich deſſen nimmermehr wieder ſchuldig zu machen. Ja ich bin hinaus auf das Feld| gegangen, und vielmals recht betruͤbt geweſen, daß ich meinen Schoͤpfer auf dieſe Weiſe beleidiget hatte. O Thorheit! gedachte ich bey mir ſelbſt, alſo wieder dei - nen GOtt, wieder dich ſelbſt, wieder dein Gewiſſen und deine Ge - ſundheit zu ſuͤndigen! Jch habe heute dasjenige begangen, wel - ches ich nicht wieder verbuͤſſen kann, wenn gleich gantze Stroͤ - me aus meinen Augen floͤſſen. Es fielen mir die Worte des Propheten Jeremiaͤ ein: Deine eigene Gottloſigkeit ſoll dich zuͤchtigen, und dein Abweichen ſoll dich beſtraffen, Jerem. 2, 19. Wiſſe demnach und ſiehe, daß es ein boͤfes und bitteres Ding um die Suͤnde iſt. Allein, wenn ich noch ſo guten Vor - ſatz gefaſſet; ſo ſtund ich doch noch unter der Verſuchung: und wenn ich den Verſucher nur im geringſten verſuchte, oder dieſe Theile nur ein wenig beruͤhrte; ſo machte ich mich deſſen wie -der189Betrachtung der Unreinigkeit. der ſchuldig. Jch wuͤrde mich auch ſolcher Suͤnde bis dieſe Stunde ſchuldig gemacht haben, wenn ich nicht alle Gattun - gen derſelben geſehen haͤtte. Allein ich hatte meine Luſt durch die Gnade GOttes ſchon eine geraume Zeit beſieget, als ich Jhr Buch zu ſehen bekam, ſo, daß ich mich Pollutionis voluntariæ ſeitdem nicht ſchuldig gemacht habe. Jch gehe nun in das 21. Jahr meines Alters, und bitte GOtt, er wolle mich hinfuͤro vor dieſer und allen andern Suͤnden aus Gnaden bewahren. Und wenn es ſein Wille iſt, mir mein Leben zu friſten: ſo bin ich ent - ſchloſſen, mich der Selbſtverleugnung und einem heiligen Leben gaͤntzlich zu uͤbergeben, und ihm zu Ehren zu leben, wie einer elenden Creatur gegen ihren Schoͤpfer zu thun oblieget. Denn ich erkenne meine Miſſethat, und verlange, daß meine Suͤnde immer vor mir ſey. Drum ſeuftze ich mit David: HErr, gedencke nicht der Suͤnde meiner Jugend, noch meiner (vorigen) Uebertretung! Jch wuͤrde Sie nicht mit einer ſo weitlaͤuftigen Beſchreibung meines Zuſtandes beſchwe - ret haben, wenn ich gewuſt, wie ich Jhnen meine mancherley Schwachheiten muͤndlich entdecken moͤchte. Jch bitte, mein Herr, Sie betrachten meinen Zuſtand, und ſehen zu, ob Sie mir einige Huͤlfe verſchaffen koͤnnen. Jch bin Dero verbunde - ner, obſchon unbekannter geplagter Diener incognito.

P. 396. an den Buchhaͤndler, der das Buch Onania verkauft.

Mein Herr, da ich den Autorem nicht kenne, aber verneh - me, daß Sie das Buch Onania verlegt haben, welches von der Selbſtbefleckung handelt, und ich derſelben auch mit ſchuldig bin, und itzt ſchmertzlich fuͤr meine Thorheit leiden muß: ſo habe ich meiner Schuldigkeit gemaͤß zu ſeyn erachtet, die Erſchreck - lichkeit ſolcher Suͤnde zu entdecken, und Jhnen zu berichten, wie nachdruͤcklich ich den Zorn und das Mißfallen, ſo GOtt daran hat, an meiner eigenen Perſon erfahren habe: damit alle Kinder, ſo noch nicht geboren ſind, ſich moͤgen warnen laſ - ſen, ſolche Suͤnde und die ſie begleitende Straffe zu vermeiden. Erſtlich aber wird es nicht undienlich ſeyn, wenn ich den man - cherley Segen anzeige, deſſen ich mich zu erfreuen hatte, ehe ich die abſcheuliche Suͤnde begieng. Jch war von Natur eines ſtarcken geſunden Leibes, und von allen Beſchwerlichkeiten be - freyet, ſo daß ich mich uͤber nichts zu beklagen Urſach hatte, ja nicht einmal wuſte, was Kranckheit waͤre. Jch hatte einen ſo ordentlichen Appetit zu eſſen, daß es mir gantz leicht fiele, maͤßig zu leben, anderer herrlichen Leibes - und Gemuͤthsga - ben allhier zu geſchweigen. Dieſe alle verſchwanden alsbald wie ein Rauch, nachdem mich der Teufel zu Begehung ſolcher Suͤnde verleitet hatte. Eine Suͤnde, die ſo unnatuͤrlich iſt, daß ſie ein Menſch nimmermehr eingehen koͤnte, wenn er nicht von dem Teufel dazu verſuchet wuͤrde. Denn als ich 15. Jahr alt war, ſo ſtund ich unter groſſer Verſuchung, dieſe Suͤnde zu bege -hen.190(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchehen. Es konnte aber bey dieſem Alter noch nicht werckſtellig ge - macht werden. Alſo verließ mich dieſe Verſuchung, bis ich das 18. Jahr erreichet hatte. Alsdenn ſetzte ſie mir ſo ſtarck zu als vorhin. Kam aber auch da noch nicht zum Ausbruch. Alſo verließ ſie mich wieder, bis ich mich im zwanzigſten Jahr mei - nes Alters befand, und da wurde ich von derſelben uͤberwunden. Auf was fuͤr Art ich von derſelben uͤberwunden worden, will ich hier nicht beſchreiben. Es iſt dieſelbe ſo verhaßt, daß ich einen rechten Abſcheu deswegen an mir ſelbſt habe. So viel iſt gewiß, daß es eine Suͤnde iſt, die der Teufel ſelbſt erfunden hat. Denn, wenn ſie nur allein von der Fleiſchesluſt herruͤhrte, warum ſolte ein Menſch nicht Luſt haben, ſolche zu einer Zeit ſowol als zur andern zu begehen! Zumal wenn er einmal ſo geſund und ſtarck iſt, als das andere. Nachdem ich alſo gelernet hatte, ſol - che zu begehen: practicirte ich ſolche taͤglich daſſelbe gantze Jahr, bis ich das 21. Jahr meines Alters erreichet hatte; und da ſuchte mich der HErr mit einer ſchweren Kranckheit heim. Als ich aber wieder zu meiner Geſundheit gelangete: folgte ich meiner alten Gewohnheit daſſelbe Jahr aufs neue nach. Ge - gen das Ende deſſelben wurde ich mit einer Geſchwulſt an mei - nen heimlichen Gliedern geplagt. Weil ich aber wieder davon befreyet wurde: ſetzte ich meinen vorigen Lebenswandel immer weiter fort. Und weil mein Appetit ſo unordentlich worden war, daß ich bey der Mahlzeit mehr , als mir gut war: ſo ver - urſachte dieſe ſchaͤndliche Gewohnheit, daß ich gantz mager wur - de, und ſehr duͤrre ausſahe; da ich doch gern ſtarck und fett aus - geſehen haͤtte. Ehe ich dieſe Suͤnde begieng, hegte ich keine ſol - che Gedancken; aber durch dieſe zwey Contraria wurde ich deſto mehr gefoltert. Als ich in das zwey und zwanzigſte Jahr ging, und noch immer keine Warnung annehmen wolte: plagte mich GOtt mit einem Fieber, und brachte mich vor die Thuͤr des Grabes, und zeigte mir den hoͤlliſchen Abgrund. Denn ich war ſo gefaͤhrlich kranck, daß ich vermeinte, ich wuͤrde keine Nacht uͤberleben; ſondern gedachte alle Augenblick, nun wuͤrde ich zum Teufel fahren. Welches mich in ein ſolches Schrecken ſetzte, daß ich die Angſt nicht ausſprechen kann, in welcher ich mich be - fand. Da fing ich an, GOtt um Gnade und Barmhertzigkeit anzuflehen, und verſprach ein gottſeliges Leben zu fuͤhren, wenn er mir wieder zu meiner Geſundheit verhelfen wolte: da denn mein Fieber in kurtzer Zeit abnahm, bis ich gaͤntzlich davon be - freyet wurde. Alſo enthielt ich mich der vorigen Leichtfertigkeit eine Weile. Es waͤhrete aber nicht lange, ſo verleitete mich der Teufel, daß ich ſie wieder beging. Und mich meiner Suͤn - de eingedenck zu machen, ließ mich GOtt in wenig Stunden nach deren Begehung wieder in meine vorige Kranckheit fallen, ſo, daß ich augenſcheinlich ſahe, daß die Hand des HErrn dieſer Suͤnde wegen wieder mich war. Als ich aber meine Geſundheitwie -191Betrachtung der Unreinigkeit. wieder bekam: ſo gedachte ich von dieſer gottloſen Unart ab - zulaſſen. Allein die Gnade GOttes hatte dergeſtalt abgenom - men in meiner Seelen, und der Teufel hingegen eine ſolche Ge - walt uͤber mich erlanget, daß ich ſeinen Anfaͤllen nicht widerſte - hen konte. Mein Hertz war mir gantz ſchwer und traurig, wel - ches allein genug ſchien, mich von der garſtigen Unart abzuhal - ten. Aber endlich machte der Feind dieſe Schwermuth und Traurigkeit zu einem Mittel, mich aufs neue zu dieſer Suͤnde zu verleiten. Denn als ich gantz betruͤbt und ſchwermuͤthig beym Feuer ſaß: gab mir der Teufel ein, dieſe Suͤnde zu bege - hen. Hiermit ſtund ich auf, und ging in eine Scheune, wo ich dieſe Suͤnde beging. Als ich aber in die Scheune hinein trat, ſo kam mir ploͤtzlich in die Gedancken, ob auch vielleicht Geſpen - ſter darin ſeyn moͤchten, ſo daß ich dieſe Suͤnde ſicher begehen koͤnte. Aber der Teufel, welcher immer groſſe Sicherheit ver - ſpricht, wo ſich die groͤſte Gefahr findet, betrog mich: denn eben den Augenblick, da ich dieſe Suͤnde beging, kam mir vor, als ob von oben etwas herunter auf mich fiele. Es war weder ſchwer noch derb: denn es ſchwebte mir nur vor meinen Augen, wel - che von der Zeit an gantz ſchwach und dunckel wurden; da ſie doch mit 60. Jahren haͤtten ſchaͤrfer ſeyn koͤnnen, wenn ich ein tu - gendhaftes Leben gefuͤhret. Aber dieſes war meine Straffe noch nicht alle. Denn ich bekam eine ſo heftige Erkaͤltung, daß mich kein Doctor davon befreyen konte; ſondern dieſelbe fiel mir herunter auf die Lunge, davon ich wie ein Schatten verging. Dieſes geſchahe 1715. Was ich von der Zeit an ausgeſtanden ha - be, weiß kein Menſch als ich, auch bin ich nicht vermoͤgend, ſol - ches auszudrucken. Denn mein gantzer Leib war in Unord - nung gerathen. Jch hatte heftige Schmertzen im Haupt und auf der Bruſt, und war ſo verſtopft im Leibe, daß ich kaum mei - ne Nothdurft verrichten konnte; und dennoch hatte ich einen ſol - chen unerſaͤttlichen Appetit, daß mich nicht zu maͤßigen wuſte, wenn ich gleich uͤberzeuget war, daß es zu meiner Linderung diente. Was aber alle Schmertzen meines Leibes uͤbertraff, war die Pein, ſo ich in meinem Gemuͤth empfand ꝛc. Denn ich gedachte nun nicht anders, als daß ich eines langſamen To - des an der Schwindſucht ſterben wuͤrde. Und wenn ich mich der vorigen Staͤrcke, Geſundheit und Vermoͤglichkeit meines Leibes erinnerte, und zugleich bedachte, daß ich die Urſach meines Elendes ſelbſt waͤre, und ſahe, daß alles Vergnuͤgen und aller Troſt meines Lebens dahin ſey: ſo rieth mir die Ver - nunft ein beſſer Leben zu ſuchen, wenn dieſes geendet waͤre. Allein dieſes vermehrte mein Elend noch mehr. Denn wenn ich mich nach GOttes Wort unterſuchte: ſo erblickte ich ſo viel Suͤnde und Unreinigkeit an mir, die ich mir durch mein vergan - genes Leben zugezogen, daß es mich zur Verzweifelung trieb. Maſſen der Teufel nun eben ſo geſchaͤftig war, mich in Ver -zweif -192(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchezweiflung zu ſtuͤrtzen, als er vorhin geweſen war, mich zur Suͤn - de zu reitzen. Und da ich meinen Tod vor Augen ſahe, ſo konn - te ich nicht mehr ſicher ſeyn: daher beſtrebte ich mich mit allem Vermoͤgen, meine vorige Gottloſigkeit zu bereuen. Aber ach was kann ein Menſch thun, wenn ihn der Geiſt des HErrn verlaſſen hat? Denn ich mochte es angreiffen, wie ich wolte, ſo konte ich mich unter der Laſt meiner Suͤnden nicht aufrichten. Denn ich hatte keinen Glauben, der mich verſichern moͤgen, daß mir mei - ne Suͤnden ſolten vergeben werden. Und weil ich das wahre Weſen der Religion nicht verſtund: ſo vermeinte ich, die aͤuſſer - liche Uebungen derſelben wuͤrden mir eine Befoͤrderung zur Se - ligkeit ſeyn. Alſo ging ich fleißig zur Kirchen, und hoͤrte die Predigten mit Vergnuͤgen an, inſonderheit diejenigen, welche bußfertigen Suͤndern Vergebung verhieſſen. Daher war ich nun ſo ehrbar als iemand, und ſchien ſo fromm und andaͤchtig, als die meiſten. Allein meine Buſſe entſprang aus keinem lau - tern und aufrichtigen Hertzen; ſondern nur aus Furcht vor der Straffe. Und die Welt, welche einem Menſchen nicht ins Hertz ſehen kann, betrog ſich an mir. Denn ich wurde von etlichen Perſonen angemercket, welche wol recht fromm ſeyn mochten. Dieſe beredeten mich das heilige Abendmahl zu empfahen. Aber ach! wie ungeſchickt war ich fuͤr ein ſo heiliges Gaſtmahl: weil es mir an den noͤthigen Eigenſchaften fehlte, die mich zu einem wuͤrdigen Gaſt machen ſollen. Deſſen ungeachtet unterwand ich mich von Zeit zu Zeit zum Tiſch des HErrn zu gehen, bis mich im Jahr 1718. ein ſolch ſchreckliches Gericht betraf, wel - ches mich gaͤntzlich von GOtt und ſeinem Dienſt abzog. Wor - in dieſes goͤttliche Gericht beſtanden, will ich unterſchiedener Urſachen halber nicht hieher ſetzen. Denn wenn ich es gleich thaͤte, ſo wuͤrden es doch die wenigſten glauben, weil es dem ſinnlichen Auge verborgen iſt. Und gleichwie meine Suͤnden wieder den allmaͤchtigen GOtt begangen worden, daß ſie der Welt verborgen geblieben: alſo ſtraffet mich der Allmaͤchtige auch, daß die Welt meine Straffe nicht gewahr wird. Mein Wunſch iſt nur, daß alle diejenigen, welchen dieſer Brief zu Ge - ſichte kommen ſolte, ein Exempel an mir nehmen, und ſich durch dieſen meinen Fall warnen laſſen moͤgen; daß ſie ſich nicht unterſtehen, ohne gebuͤhrende Vorbereitung zum Tiſch des HErrn zu nahen. Um die Zeit, da mich dieſes goͤttliche Gericht betraf, hoͤrte ich eine Predigt, deren Text aus Luc. 19. v. 41. 42. genommen war. Und als er (JEſus) nahe hin - zu kam, ſahe er die Stadt an, und weinete uͤber ſie, und ſprach: Wenn du es wuͤſteſt, ſo wuͤrdeſt du auch be - dencken zu dieſer deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun iſt es vor deinen Augen verborgen. Woraus der Prediger vorſtellete, 1) daß ein Tag der Gnaden waͤre, woran ſich ein ieder Menſch gluͤckſelig machen koͤnnte,wenn193Betrachtung der Unreinigkeit. wenn er wolte. 2) Daß dieſer Tag nicht nach unſerm eige - nen Gefallen verlaͤngert werden koͤnnte. 3) Daß wir ſolchen verſchertzen moͤchten, und hernach waͤre keine Hoffnung der Barmhertzigkeit mehr uͤbrig. 4) Daß GOtt keinen Gefal - len am Verderben der Suͤnder haͤtte, ſondern auch diejeni - gen ſelbſt bejammere, die ſich ſeiner Gnade unwuͤrdig gemacht haben. 5) Fuͤhrte er eine gantze Reihe ſolcher Suͤnden an, welche den Menſchen ſolche ſchwere Gerichte GOttes uͤber den Hals zoͤgen. Wenn dieſe Predigt auf mich ins beſonde - re gerichtet, und niemand als mir allein gehalten worden waͤre, ſo haͤtte ſie dem Zuſtande meiner Seelen nicht naͤher kommen koͤnnen; und ich erkannte die Wege GOttes dar - aus, deren er ſich bedienet, ehe er die Menſchen in ihren ver - kehrten Sinn dahin giebet. Wobey ich mich ſehr wohl erin - nerte, wie gnaͤdig und langmuͤthig mein guͤtiger GOtt ge - gen mich geweſen war, und wie oft er mich vor denjenigen Gerichten gewarnet, die nun wieder mich herein zu brechen begunten. O wie kraͤnckte michs in der Seelen, wenn ich be - dachte, daß ich durch meine Gottloſigkeit die Gnade desjeni - gen verſchertzet, der doch mich gerne ſelig haben wolte, und mich im Gegentheil zu einem Sclaven des Satans gema - chet, der gegen das gantze menſchliche Geſchlecht einen unver - ſoͤhnlichen Haß traͤget, und ſich angelegen ſeyn laͤſſet, daſſelbe ins Verderben zu ſtuͤrtzen. Es duͤrften ſich vielleicht einige junge und unerfahrne Leute daruͤber wundern; wie doch der Teufel dieſes thun koͤnnte? Denn ich muß geſtehen, ich habe mich manchmal ſelbſt daruͤber verwundert; weil ich mir nicht einbilden konnte, wie es moͤglich ſey, daß die boͤſen Geiſter die Menſchen verſuchen und zur Suͤnde reitzen koͤnnten, da ſie mit Ketten zur Hoͤllen verſtoſſen waͤren. Nun aber weiß ich mehr als zu gewiß, daß ſie in der Luft ſchweben, und ſich dem Menſchen nahen koͤnnten, ihm boͤſe Gedancken einzugeben. Wo aber die Gnade GOttes herrſchet, da vermoͤgen ſie nichts auszurichten. Denn es iſt keine Suͤnde, verſucht zu wer - den, dafern ſich ein Menſch der Verſuchung nur nicht er - giebet. Und der eintzige Weg ſolcher zu entgehen iſt, daß man GOtt um ſeine Gnade bitte. Denn ich glaube ge - wiß, haͤtte ich mich ſo oft vor GOtt im Gebet und Flehen finden laſſen, als mir obgelegen waͤre, der Teufel wuͤrde nimmermehr ſo viel Mittel und Wege gefunden haben, mich zu vor erzehlten Suͤnden zu verleiten. Allein ſo iſt mehr als zu gewiß, was die Gottesgelehrten ſagen, daß ein Menſch, der nicht betet, gar bald von aller Gnade entbloͤſet wird. Ohne Gebet, ohne Gnade GOttes. Nun iſt aber keine Suͤnde der Gnade GOttes verhinderlicher, als die Selbſtbefleckung, als welche zum Himmel um Rache ſchreyet uͤber den Thaͤ - ter: weil es eine Art des Mordes iſt, und man durch dieſeI. Th. Betr. der Unreinigk. NSuͤn -194(I. Th.) Anatomiſch-MediciniſcheSuͤnde die Fortpflantzung vernichtet. Denn es koͤnnte eben ein ſolcher Menſch daraus werden und leben wie wir ſind. Es iſt eine Suͤnde, die man nicht abſcheulich ge - nug vorſtellen kann. Und der Verfaſſer iſt zu loben, daß er ein ſolches Buch, wie das Avertiſſement zu erkennen giebet, heraus gegeben hat. Denn ich habe das Buch ſelbſt noch nicht geſehen, ſondern nur gehoͤret, daß ein ſolches heraus ſeyn ſoll. Jch halte aber dafuͤr, wenn es wohlfeiler waͤre, ſo wuͤrde es von dem gemeinen Hauffen, unter welchem die - ſe Suͤnde gar ſehr im Schwange gehet, eher geſucht und an - genommen werden. Jch verlange, daß dasjenige, was ich hier geſchrieben habe, von dem Autore zu Ende ſeines Buchs einen Platz finden moͤge. Und wenn nicht alles ſo wohl an einander haͤnget, wie es ſeyn ſolte, ſo mag es eine geſchicktere Feder nach Gefallen aͤndern. Jedoch wuͤnſche ich, daß der Verſtand und Jnhalt behalten werde: weil es der Wahrheit gemaͤß iſt, und ich alles aus eigener Erfahrung alſo befun - den habe. Wobey mein demuͤthiges Bitten iſt, daß alle fromme und rechtſchaffene Chriſten Mitleiden mit meinem Zuſtande haben, und mich in ihr andaͤchtiges Gebet mit ein - ſchlieſſen, und GOtt anrufen moͤgen, ſich meiner zu erbar - men, und mich von dem erſchrecklichem Gerichte, worunter ich ſeufze, zu erloͤſen.

III.

Begegnet der Autor den leichtſinnigen Zweifeln derer, die da gedencken: Sie haͤtten dergleichen Schaden an Seele und Leib noch nicht an ſich wahrgenommen; vielleicht komme es nicht bey allen ſo ꝛc. an ſehr verſchie - denen Orten des Buchs. Er ſpricht zum Exempel p. 27. Es giebt viele erſchreckliche Miſſethaͤter, die recht in der Suͤnde erhaͤrtet ſind, und ohne alle Buſſe und Reue immer in ihren weltlichen Ergetzlichkeiten fortfahren, Allein die wenigſten gehen endlich ſo ruhig zu Grabe. Die meiſten groben Suͤnder fuͤhlen, ehe ſie ſterben, eine bittre Reue, und werden mit ſcharfen Gewiſſensſtichen gequaͤlet, die ihnen ihre Schuld vorruͤcken, und ſolche in ihren eigentlichen Far - ben und erſchrecklichſten Geſtalten vor Augen ſtellen. Wie muß einem Menſchen zu Muthe ſeyn, wenn er an die ver - gangenen Thaten ſeines Lebens gedencket, und kaum zu der Helfte des Alters gelanget, wozu er gar vernuͤnftig haͤtte ge - langen koͤnnen? Nun aber findet er ſich durch die Gewohn - heit der Selbſtbefleckung gantz entkraͤftet, ſeine Geiſter nie - dergeſchlagen, ſeinen Leib abgezehret, und ſeine Staͤrcke ver - fallen. Wobey er inunaufhoͤrlicher Gefahr ſtehet, ſich gezwun - gen zu ſehen, ſeinen unreinen Odem bey der geringſten Stren -gig -195Betrachtung der Unreinigkeit. gigkeit der Jahrszeit oder einem andern ſchlechten Zufall auf - zugeben. Wie muß einem ſolchen Menſchen zu Muthe ſeyn, ſage ich, wenn ſich ihm ſein Laſter in ſeiner allergraͤßlichſten Geſtalt darſtellet? Wenn ihm ſein Gewiſſen vorruͤcket, daß er durch ſo viel wiederholte Mordthaten ſich endlich ſelbſt, noch wohl vor ſeinem dreyßigſten Jahre (davon mir unter - ſchiedliche Exempel aus eigener Erfahrung bekannt ſind) ins Grab ſtuͤrtzet? Wenn ſich dieſes groſſe Ungluͤck nur ſo gar ſelten zutraͤgt, ſo giebt es viel andere Schwachheiten, die ſehr kuͤmmerliche Gedancken verurſachen koͤnnen. Wenn ſich Leute von anſehnlichen Vermoͤgen, in der beſten Bluͤte ihres Alters ihrer Mannheit beraubet finden, und aus Ueberzeugung ihres Unvermoͤgens und der verfluchten Urſache deſſelben ſich gezwungen ſehen, die vortheilhafteſten Heyrathen auszuſchla - gen, und ohne die geringſte Hoffnung einiger Erben andern zur Verachtung und ſich ſelbſt zur Laſt herum gehen, wel - chem Ungluͤck vielleicht noch dieſe Mortification beygefuͤget wird, daß der Name und die Ehre eines alten Geſchlechts mit ihnen verloͤſchet, und in eine ewige Vergeſſenheit ver - graben wird, da immittelſt die praͤchtigen Gebaͤude und ſchoͤ - nen Landſitze ihrer tugendhaften Vorfahren von Fremden be - ſeſſen, oder wohl gar niedergeriſſen werden. Andere, denen es eben nicht an Erben nach ihrem Tode fehlet, bekommen doch kleine verbuttete Kinder, die mehr durch Artzeney, als Kuͤchenſpeiſen aufgezogen werden, welche ſie mit 14. oder 15. Jahren, oder vielleicht noch juͤnger wieder verlaſſen muͤſſen, ohne einige Wahrſcheinlichkeit zu einem rechten Alter zu ge - langen. Wenn nun Leute von groſſem Vermoͤgen nicht wei - ter als auf dieſe ſehen koͤnnen, und zugleich Urſach haben ſich ſelbſt alle Schuld beyzumeſſen, weil ſie ſich in ihrer Ju - gend durch die ſchaͤndliche Selbſtbefleckung ſo ſehr geſchwaͤchet haben: ſo muß ſolches allerdings ein ſehr trauriger Zuſtand ſeyn.

P. 29. Wie muß nicht die Schuld die Perſonen beyderley Geſchlechts beſtuͤrtzt und verwirret machen, wenn ſie von der Ueberzeugung ihrer vielfaͤltigen Laſter und er - ſchrecklichen Beleidigungen GOttes geruͤhret werden. O wie muͤſſen ſie mit Schmertzen an die vergangenen Haͤndel zuruͤck gedencken! wie groß werden ſie ſich nicht alsdenn dieſe Laſter in ihrer eigenen Einbildung vorſtellen! Und es bilde ſich nur niemand ein, daß die Folgen dieſer Suͤnde und aller Wercke der Unreinigkeit bey denen nicht ſo traurig ſeyn werden, die entweder dergleichen leiblichen Plagen und Schwachheiten nicht treffen, und uͤber welche kein zeitliches Elend einigen Eindruck machen oder ſie zur Buſſe bewegen kann. Dieje - nigen, die niemals einige Bekuͤmmerniß uͤber ihre Suͤnden fuͤhlen, ſind oft auch eben ſo unempfindlich wegen der Stra -N 2fe196(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchefe derſelben; ich meyne ſolche Strafen, die ſie auch noch in dieſem Leben zu treffen pflegen. Man kann die Gerichte GOttes bisweilen uͤber den Haͤuptern der Unzuͤchtigen haͤn - gen ſehen, wie ſie ihnen drohen herein zu brechen, wie ſie die - ſelben recht augenſcheinlich entweder an ihrer eigenen Per - ſon, oder an ihren Anverwandten, oder bey ihren Angelegen - heiten in der Welt gleichſam uͤberall verfolgen, daß ſie un - ter dem Elend, Sorgen und mancherley Ungluͤcksfaͤllen, die ſie ſich uͤber den Hals gezogen haben, ſeufzen und klagen muͤſſen. Und dennoch wird man ſehen, wie wenig Empfin - dung ſie von der Urſache haben, warum ihnen dieſe traurige Plagen auferleget werden. Da werden ſie die Urſach bald dieſem bald jenem beymeſſen, an ſtatt, daß ſie ſich ſolche ſelbſt zuſchreiben ſolten. Ja einige fahren in ihrer Sicherheit ſo lange fort, bis ſie die Gerichte GOttes ergreiffen, und ſie in ihrer Unbußfertigkeit wegraffen, welches der allerjaͤmmer - lichſte und gefaͤhrlichſte Zuſtand iſt, worein ein Menſch nur fallen kann. Denn ſo lange der Suͤnder ſeine Schuld und die derſelben gebuͤhrende Strafe noch erkennet, ſo lange iſt noch einige Hoffnung. Wenn er aber einen ſolchen Grad der Verſtockung erreichet hat, daß er nichts mehr davon fuͤh - let, alsdenn iſt ſich wenig Hoffnung mehr von ihm zu ma - chen. Denn da ſtehet er gleichſam auf dem Rande des ewi - gen Verderbens, und fehlet nicht mehr als ein Schritt, ihn vollends hinein zu ſtuͤrtzen. Aus dieſem letzt beſagten dem - nach iſt offenbar, daß weder die Entgehung des leiblichen Leidens, welches ſo oft auf dieſes Laſter folget, noch auch die Unempfindlichkeit der Suͤnde oder zeitlichen Strafen derſel - ben, eine Aenderung und Beſſerung nach ſich ziehen. Jm Gegentheil erhellet eben ſo klar, daß die Folgen dieſes La - ſters die Betrachtung ſeiner Urſache den Suͤndern auf man - cherley Weiſe hoͤchſt erſchrecklich vorſtellen, und eine ſolche unbegreifliche Feindſchaft gegen ſich ſelbſt erwecken, die ſich ohne GOttes ſonderbare Barmhertzigkeit in nichts anders als der gaͤntzlichen Verzweifelung endigen kann. Der Autor thut dar, daß in einem natuͤrlich geſunden Leibe nie kein Ueber - fluß des Samens, die Kranckheiten |verurſachen koͤnne, moͤg - lich ſey, ſo er maͤßig und arbeitſam iſt; und daß eine ſolche Beſchuldigung der Natur und ihrer Nothwendigkeit nie mit keinem Exempel der unvernuͤnftigen Thiere, oder auch der geſunden Menſchen koͤnne erwieſen werden.

p. 410. Und hin und wieder, kan man z. E. folgende Atteſtata leſen: Einer ſpricht: Jch bin mit oͤftern und hefftigen Schmer - tzen, mit Schwindel, Sauſen und Brauſen in meinem Haupte geplaget, das letztere iſt ſelten ſo mercklich, als wenn ich mich nieder gelegt habe. Wenn ich noch ſo groſſe Luſt zu leſen oder ſchreiben empfinde, ſo werde ich gleich muͤde und ſchwach im Haupt, und wenn ich eine Weile laut leſe,ſo197Betrachtung der Unreinigkeit. ſo wird mir der Mund gantz trocken, und die Gedancken ver - gehen mir. Bisweilen habe ich innerliches Zittern und Hertzklopfen. Zu anderer Zeit uͤberfaͤllt mich ein kalter Schauer, und gehet mir durch alle Theile meines Leibes; und wenn ich mich eine Weile wo auflehne, ſo erſtarren mir alsbald meine Arme, daß es ſcheinet, als ob ich gar keine na - tuͤrliche Waͤrme mehr uͤbrig haͤtte. Was aber meinen Kum - mer noch heftiger vermehret iſt dieſes, daß ich ſolches vor ein Zeichen halte, ſo vor der Schwindſucht hergehet. Jch ha - be ein heßliches Aufſteigen in meinem Halſe, und wenn ich mich reuſpere, ſo koͤmmet dicker Speichel zum Vorſchein. Die oft wiederholte Begehung dieſer abſcheulichen Gewohnheit hat gantz gewiß mein Wachsthum verhindert, und nicht nur dieſes, ſondern es hat auch ſehr viel zu Verringerung der ſpermatiſchen Theile beygetragen.

Ein anderer ſpricht: Jch habe oͤfters einen Schmertzen im Creutz. Mein Gehirn iſt wie gantz betaͤubet und ich habe nicht einen heitern Gedancken. Mein Gedaͤchtniß iſt uͤber - aus boͤs, da es doch ſonſt nicht ſo zu ſeyn pflegte. Und es hat oftmals des Nachts ſolche Seminal-Emiſſiones hervor gebracht, die zwar eben nicht uͤbermaͤßig groß geweſen ſind, nebſt einer Schwachheit in dem Penis und der Verluſt der Erection; und die Roͤhre, ſo das Waſſer treibet, iſt nicht ſo ſtarck als ſie zu ſeyn pfleget. Jch bin beydes am Leibe und am Gemuͤthe geplaget und verlange einigen Rath bey Jhnen.

Ein anderer: Wenn ich ihr Buch nicht geleſen haͤtte, ſo wuͤrde ich eher geſtorben ſeyn, als daß ich meinen Zuſtand ei - nem lebendigen Menſchen wuͤrde entdecket haben. Jch habe nun veraͤnderliche Schmertzen, die mir bald in den Ruͤcken, bald auf die Bruſt, bald wiederum und zwar am gemeinſten in die Schenckel und Beine kommen, welche gantz hitzig aus - ſehen, auch mich ſehr unruhig, ungeſchickt zur Arbeit, und ſo verdruͤßlich und traͤge machen, daß ich oft ſtehend einſchlafen moͤchte. Dieſe Veraͤnderung hat ſich nur ſeit dieſem Monat gefunden, ausgenommen das Flieſſen, welches bisweilen als - bald nach Laſſung des Urins koͤmmt.

Ein anderer: Es wird mir nicht viel helfen, wenn ich Jh - nen ſage, daß ich von frommen Eltern geboren und gar gott - ſelig auferzogen worden. Deſſen ungeachtet lernte ich zwi - ſchen meinem funfzehenden und ſechzehenden Jahre durch boͤſe Geſellſchaft die laſterhafte Gewohnheit der Selbſtbefleckung, und trieb endlich ſolche Unart ſehr oft, (o abſcheuliche Suͤn - de wieder GOtt und erſchrecklicher Misbrauch meines armen Leibes!) Daher wurde ich endlich einer von denjenigen, deren Augen voll Ehebruch ſind, und konnte von dieſer Suͤn - de nicht mehr ablaſſen. Jch habe weder an Staͤrcke noch Statur zugenommen, ſeit dem ich 17. Jahr geweſen bin. JchN 3glau -198(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſcheglaube, daß ich durch die an mir ſelbſt veruͤbte Grauſamkeit meine vorher bluͤhende Natur verderbet habe. Jch wurde meines Fehlers uͤberzeuget, und demuͤthigte mich zwiſchen meinen 17. und 18ten Jahre vor GOtt. Es fiel mir aber ſchwer, meine ſtarcken Luͤſte zu uͤberwinden, daher ich ſtatt eines Mittels dazu in einem halben Jahre nichts, als Waſ - ſer, oder Milch und Waſſer tranck. Mein Fluß iſt nun gantz klein, die Theile ſchwach, wie auch der ſchmale Ruͤ - cken, werde auch immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher an dieſen Theilen ſeit 2. Jahren her. Ja meine Gottloſigkeit iſt ſo groß geweſen, daß wenn ich nur ein verliebtes Bild ge - ſehen, oder nur mit einem Kinde geſpielet, ſolches meinen Fluß vermehret und mich mit einer continuir - lichen Begierde den Urin zu laſſen, geplaget. Meine Le - bensgeiſter ſind gar ſehr abgemattet, und meine Lenden ſchwach. Und da mein Geſchaͤft das Studiren iſt, ſo ſcheinet mein Gehirn zu mancher Jahrszeit gantz erſtarrt und betaͤu - bet zu ſeyn, daß ich nicht einen heitern Gedancken haben kann.

Ein anderer: Um das 15. Jahr meines Alters war ich ſo ungluͤcklich, einen Schlafgeſellen zu bekommen, der mir (zu meiner gegenwaͤrtigen Betruͤbniß) die verdammte und ver - fluchte Gewohnheit, oder vielmehr teufliſche Unart der Selbſtbefleckung beybrachte, welche ich von der Zeit an, ohne ſonderliche Unterlaſſung getrieben habe. Jch bin bis - weilen ſo ſchwindlicht, daß ich kaum weiß, was die Leute in Geſellſchaft reden. Mein Gedaͤchtniß hat mich gaͤntzlich ver - laſſen, daß ich mich einer Sache kaum drey Tage erinnern kann. Jch bin gantz traͤge, ſchlaͤfrig und traurig, daß ich mich vielmals des Seufzens nicht enthalten kann, ohne zu wiſſen, was die Urſache iſt. Meine Leibeskraͤfte ſind auch ſehr geſchwaͤchet, denn ich mercke oͤfters an, wenn ich eine hohe Treppe hinauf ſteige, daß ſich meine Knie unter mir beugen. So kann ich auch nicht mehr mit ſolcher Gemaͤch - lichkeit und Leichtigkeit gehen, wie ſonſten. Jch fuͤhle zu - weilen einen fliegenden Schmertzen in meinen Armen, Ruͤ - cken und Lenden, wie auch in meinen Fingern, deren Gelen - cke dergeſtalt geſchwaͤchet ſind, daß ich beſorge, meine Nerven muͤſſen angegriffen ſeyn. Jch finde meinen Leib bisweilen, wenn ich zu Bette gehe, voller ausgefahrnen Blaͤttergen, nebſt einem erſchrecklichen Jucken an meinen Armen, Bei - nen und Schenckeln inſonderheit. Jch kratze manchmal in meine Beine hinein, bis das Blut nachgehet. Wenn ich meinen Arm auflege, indem ich ſchreibe, oder leſe, ſo iſt er mir gantz eingeſchlaffen und erſtarret.

Ein anderer: Jch bin einer von den ungluͤckſeligen jungenLeu -199Betrachtung der Unreinigkeit. Leuten, der ich mich dergeſtalt durch die abſcheuliche Unart der Selbſtbefleckung verderbet habe, daß ich beſorge, alle Mittel, die ich gebrauchen kann, werden mir nicht wieder zu meiner natuͤrlichen Staͤrcke verhelffen. Jch lernte dieſe ſchaͤndliche Leichtfertigkeit erſtlich durch das Exempel eines Schulgeſellen, als ich ohngefehr 12. Jahr alt war und folgte ihr faſt bis ins 15te Jahr nach. Jn welcher Zeit ich mich ſo daran gewoͤhnet hatte, daß ich mich auch unter der Schu - le deſſen bisweilen nicht enthalten konnte, ungeachtet ſolches mir oͤfters von meinen Schulgeſellen verwieſen wurde. Weil ſich aber einige darunter auch nicht gerecht wuſten, ſo kam es nicht vor den Lehrmeiſter, der ſonſt gewiß ein Exempel wuͤrde ſtatuiret haben. Jch ließ alsdenn ein Viertel Jahr lang davon ab, in welcher Zeit ich oͤfters Pollutiones no - cturnas zu haben pflegte und lange Zeit einen Schmertzen in meinem Ruͤcken, daß, wenn ich des Morgens aufſtunde, ich kaum vermoͤgend war meine Strumpfbaͤnder zuzubinden. Jch gehe nun ins 22te Jahr und habe nun dieſe letzten drey Jahre her meine vorige abſcheuliche Gewohnheit uͤber dreyſ - ſigmal wiederholet; aber ſeit Leſung Jhres Buchs, ſo ich nur letzlich gekaufet, habe ich den Schluß gefaſſet, dergleichen Laſter nimmermehr wieder zu begehen, und hoffe, GOtt wer - de mir auf meine aufrichtige Bekehrung meine vorige Miſ - ſethaten vergeben.

Wiederum: Jch habe viele Jahre ſehr ſchwache Nerven und ſehr ſtarcke Fluͤſſe gehabt. Wenn ich mich auf meinen Ellnbogen ſteure oder einige Gewalt mit meinen Haͤnden brauche, ſo erſtarren ſie gleich, und meine Finger ziehen ſich zuſammen als ob ich den Krampf haͤtte. Mein Magen ſcheint auswendig geſchwollen zu ſeyn, und ich habe einen hef - tigen Schmertzen darinnen, daß ich oͤfters dencke, ich muß er - ſticken, und es koͤmmt mir vor, als ob mir inwendig von Halſe bis zum Nabel alles rohe waͤre. Jch habe auch Reiſ - ſen in meinem Ruͤcken, zwiſchen meinen Lenden und unter meinen Schultern. Wenn ich mich ausdehnen will, ſo pfle - gen alle meine Gebeine zu knacken, daß mans hoͤren kann, wenn man neben mir ſtehet. Wenn ich manchesmal mei - nen Kopf auf eine Seite wende oder viel reden will, ſo faͤllt mirs grauſam beſchwerlich. Der hohle Raum meines Ma - gens und unter meinen Schultern ſcheinet inwendig geſchwol - len und voller Schmertzen zu ſeyn, Meine Haͤnde ſind mir ſelten warm, und meine Fußknoͤchel ſcheinen mir des Nachts gantz geſchwollen und ſchmertzhaft zu ſeyn. Wenn ich vom Schlaf erwache, ſo ſind mir meine Arme gantz erſtarrt, und wenn ich auf dem Ruͤcken gelegen bin, empfinde ich groſſen Schmertzen in meinen Ferſen. Wenn ich mich auf meine Ellnbogen lehne, ſo ſind ſie mir gantz erſtarret, es ſticht michN 4in200(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchein der Seiten, daß ich kaum aufrecht ſitzen kann. Wenn ich gehen will, moͤchte ich vor Erſtarrung in meinen Lenden und Schmertzen im Magen und Ruͤcken in Ohnmacht ſincken. Es iſt als wenn bisweilen Nadeln in meinen Schultern ſtaͤ - cken. Es ſticht mich, wenn ich mit der Hand auf den Kopf greiffen will, ſo daß ich mir einbilde, ich muß mir inwendig was zerſprengt oder verrenckt haben. Nachdem ich den gan - tzen Tag die Schmertzen ausgeſtanden, ſo ſteigt mir gegen Abend eine ploͤtzliche Hitze ins Geſicht, daß mir der Kopf da - von ſummet und brummet und die Augen ſo dunckel wer - den, daß ich faſt nicht ſehen kann. Des Morgens erwache ich ſehr durſtig, und meine Zunge iſt gantz weiß, habe groſſe innerliche Hitze und Neigung mich zu erbrechen; bin gantz ſchwindlicht und ſtets kraͤncklichen Zufaͤllen unterworfen; aber die Schmertzen an meinem Leibe ſind ſo groß, daß ich mich hieruͤber nicht wundere.

Ein anderer: Jch gedachte aber damals nicht daran, daß es ſolche ſchaͤdliche Folgen nach ſich ziehen wuͤrde, wie ich nun an Seel und Leib empfunden habe. Denn die letzte hat wohl, ſo lang einer dieſer Suͤnde nachhaͤnget, wenig Gemein - ſchaft mit goͤttlichen Dingen. Sintemal der Apoſtel Pau - lus ſpricht, daß der Heil. Geiſt in keiner befleckten Seele wohne. Und was den erſten anbetrifft, ſo hat derſelbe bereits mehr, als zu viel, erlitten. Und ich bitte GOtt, daß dieſes ſeine eintzige Strafe ſeyn moͤge, maſſen meine Leibesbeſchaf - fenheit gaͤntzlich erſchoͤpft und meine Gelencke entkraͤftet ſind. Denn erſtlich bin ich mit einem erſchrecklichen Zittern am gantzen Leibe geplagt, inſonderheit an meinen Haͤnden und Armen, nebſt Schmertzen im Haupt, Lenden und Ruͤcken, als auch um diejenigen Theile, welche am meiſten zu dieſer abſcheulichen Gottloſigkeit beygetragen haben, der faſt un - aufhoͤrlichen Laſſung des Urins, womit ich dieſe verwichnen neun Monate geplagt bin, ob ſchon nur ein klein wenig auf einmal hinweg gehet, zu geſchweigen. Wenn Sie es vor gut befinden, ſo bin ichs zufrieden, daß dieſer Brief oder ein Theil deſſelben ihrer naͤchſten Herausgabe der Onania beyge - fuͤget werde, damit durch mein Exempel andre von derglei - chen abſcheulichen Suͤnde abgeſchrecket werden moͤgen, welche mich vielleicht, wenn ich nicht das Gluͤck gehabt, Jhr Buch anzutreffen, ploͤtzlich moͤchte ins Grab geſtuͤrtzet haben, wel - ches eine traurige Sache vor einen Juͤngling meines Alters wuͤrde geweſen ſeyn, da ich kaum das achtzehende Jahr er - reichet habe.

Ein anderer: Jch befinde mich gantz ſchwach und matt und habe eine Schwachheit in meinen heimlichen Theilen, ſo daß, wenn ich das Waſſer laſſe, ſolches nicht mit ſo groſ -ſer201Betrachtung der Unreinigkeit. ſer Leichtigkeit hinweg gehet, als es zu thun pflegte. Jch habe Stechen im Ruͤcken, welches von einem Ort zum andern herum ziehet, und fuͤhle auch bisweilen dieſen Schmertzen in meinen Schenckeln und Ruͤcken. Meine Gemuͤthskraͤfte ſind gar ſehr geſchwaͤchet. Mein Gedaͤchtniß iſt ſehr ſchlimm, und meine Nerven ſind ſchwach und mit oͤftern Zittern be - laden. Der Kopf wird mir gantz tumm und ſchwindlich, daß ich gantz verdroſſen und niedergeſchlagen werde. Meine Stimme iſt nicht ſo ſtarck, als ſie zu ſeyn pflegte. Jch bin, GOtt ſey Danck, zu einer voͤlligen Ueberzeugung meiner Suͤnde gebracht, welches ich vornemlich der Leſung Jhres Buchs zu dancken habe.

Ein anderer: Jch bin einer von den vielen ungluͤckſeligen jungen Leuten, welche ſich ohne Betrachtung ihres Gewiſſens, ihrer Geſundheit und Ehre gar ſehr durch die abſcheuliche Unart, die Sie mit Recht ſo ſcharf beſtrafet, hoͤchlich be - nachtheiligt haben. Es iſt nun mehr als fuͤnf Jahr ſeit dem ich mich zuerſt damit befleckte, zu welcher Zeit ich es ſehr oft practicirte, und dieſe ſchaͤndliche Arbeit mit geringer Unter - laſſung eine geraume Zeit forttrieb. Weil ich aber von Na - tur von einer ſehr guten Conſtitution war, ſo wurde ich den Nachtheil, den ich mir zugefuͤget, nicht ſo gleich gewahr. Jch kann es ſo genau nicht ſagen, wenn ich zuerſt gewahr wor - den, daß ich mir einigen Schaden zugefuͤget. Aber ich glaube, es iſt ſchon uͤber drey Jahr, als nur nach einem gemaͤßigten Spatziergang es ſich durch eine Schwach - heit in meinem ſchmalen Ruͤcken und meinen Knien und Zaͤ - hen entdeckte. Ueber dieſes hatte ich wieder meinen Willen Pollutiones nocturnas, ſehr unreinen Urin, der bald wie Mol - cken, bald gantz braun und zu andern Zeiten wiederum gantz blutig ausſahe. Jch bin nun bey nahe 23. Jahr alt, und ha - be das letzte Jahr oder laͤnger dieſe unreine Befleckung un - terlaſſen, aber ach! daß die traurigen Wirckungen derſelben gleichfalls nachgelaſſen haͤtten. Allein dieſe werden leider! immer ſtaͤrcker. Mein Urin iſt gemeiniglich bleich oder un - rein; mein Kopf ſehr unordentlich und verworren, welches mir eine groſſe Hinderniß am Studieren iſt, und mich bis - weilen gaͤntzlich untuͤchtig dazu macht. Mein Gedaͤchtniß wird ins beſondere angegriffen, und ich bin gemeiniglich mit ungemeiner Schwermuͤthigkeit beladen, welches mir (etliche wenige Intervalla ausgenommen) mein Leben gantz verdruͤß - lich machet. Jch kann Jhnen auch nicht verſchweigen, mein Herr, daß meine Teſticuln eine lange Zeit her bald in einem groͤſſern bald in einem geringern Grade, mehrentheils gantz ſchlaff und kalt anzufuͤhlen geweſen, und der lincke inſonder - heit ſcheinet wie geſchwunden und eingeſchrumpffelt zu ſeyn.

N 5Ein202(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſche

Ein anderer: Jch bin auch aus der Zahl derjenigen un - gluͤckſeligen jungen Leute, welche ſich, wiewol aus Unwiſ - ſenheit durch die abſcheuliche Gewohnheit der Selbſtbefle - ckung groſſen Schaden zugefuͤget haben. Jch habe durch dieſe Suͤnde eine entſetzliche Schuld auf mich geladen. Als ich aber Jhr vortreffliches Buch gekaufet und darinnen gele - ſen, ſo wurde ich die ungluͤckliche Klippe gewahr, an welcher ich ſo oft geſcheitert war. Denn gewiß, haͤtte ich das Gluͤck gehabt Jhr Buch vor 5. Jahren anzutreffen, ich haͤtte mich dieſes Laſters nicht ſchuldig gemacht, welches ich ſchon in mei - nem 15ten Jahre auszuuͤben anfing, und uͤber 2. Jahr dar - innen fortfuhr, ſo daß ichs zum wenigſten die Woche einmal oder oͤfter beging. Aber GOtt hat an mir eine groſſe Barm - hertzigkeit erwieſen, daß er mich mit einem Bruche beſtraffet und mir alſo hierin einen Einhalt gethan, ob ich gleich deſſen ohngeachtet unterſchiedne mal wieder in dieſe Suͤnde gefallen. Allein als ich nach dieſem uͤber Jhr Buch gerieth, ſo hatte ich den erſten Theil deſſelben noch nicht ſo bald durch - geblaͤttert, als ich mit gewaltigem Schrecken und Entſetzen befallen wurde. Und gewiß, es iſt unmoͤglich die Unruhe meines Gemuͤths allhier auszudrucken, unter welcher ich mich gemartert, ſeit dem ich dieſe ſchaͤndliche Lebensart angefan - gen und wenn irgend wo auf der Erden eine Hoͤlle zu finden iſt, ſo glaube ich, ich bin damals drinnen geweſen, ob ich ſchon nicht ſagen konnte, wovon ſolche Angſt herruͤhrte. Aber nun bin ich gaͤntzlich uͤberzeugt, daß dieſes die Urſache geweſen, die GOttes Zorn gereitzet, mich auf ſolche erſchreck - liche Weiſe zu beſtrafen. Jch habe es nunmehro in die zwey Jahre her und druͤber unterlaſſen, und bin itzo neunzehen Jahr alt. Doch habe ich unterdeſſen faſt immer Emiſſiones nocturnas, zum wenigſten jede Woche einmal gehabt, und bin bis itzo noch mit dieſem Uebel behafftet, welches mich un - gemein beunruhiget. Jch habe derohalben meine Zuflucht zu Jhnen genommen, in der Hoffnung, Sie werden mit mir eden, wie mit andern, die ſich in dergleichen Umſtaͤnden be - funden, einiges Mitleiden haben, und mich nicht unter mei - ner Kranckheit erliegen laſſen, die mich gewiß in mein gaͤntz - liches Verderben ſtuͤrtzet, wenn mich nicht jemand aus chriſt - licher Liebe davon befreyet. Das Uebel, ſo ich mir durch dieſe verfluchte Gewohnheit zugezogen, iſt mancherley. Das vornehmſte iſt die Bloͤdigkeit meiner Augen, der ich ſchon uͤber vier bis fuͤnf Monat unterworfen geweſen. Meine Gemuͤthskraͤfte ſind durch dieſe Gewohnheit ſehr geſchwaͤ - chet, und mein Gedaͤchtniß welches ſonſt ſehr gut war, taugt im Grunde nichts mehr. Mein Gehirn iſt zuweilen hefftig ſtumpf und wie erſtorben. Und dieſes machet mich ſehr un - geſchickt zu meinen Verrichtungen.

II. Aus203Betrachtung der Unreinigkeit.

II. Aus des Englaͤnders Salmons zwo Schriften.

DEr gruͤndliche Englaͤnder Salmon hat in ſeinen zwey Schriften, der rechte Gebrauch und Miß - brauch des Ehebettes; und: die Wichtigkeit des Eheſtandes, die neulich zu Leipzig ins Teuſche uͤberſetzt heraus gekommen, ſehr viel hierher gehoͤriges, ſo ſich oben zu dem achten Lehrſatz ſonderlich ſchicket, und zu deſſen Beſtaͤtigung dienet. Er ſpricht zum Exempel im erſten pag. 85. Jch habe nicht noͤthig mich deut - licher zu erklaͤren. Die Natur ſelbſt uͤberhebt mich ſolcher Muͤhe und gibt mir voͤllige Freyheit dieſen kuͤtzlichen Punct mit der ſchaͤrfſten Anmerckung zu beruͤhren. Sintemal ſie es ſo oͤffentlich beſtraffet hat, daß man das Laſter der unzuͤchtigen Eltern an dem Leibe ihrer Kinder erkennen kann. Derglei - chen Kinder gereichen ihren Eltern zur Beſchaͤmung, ſo oft ſie die ſcorbutiſchen Feuchtigkeiten durch die Carfunckel und Blattern an den Geſichtern der armen unſchuldigen Laͤm - mer ausbrechen ſehen, welche die Schmach auf eine recht ungluͤckſelige Weiſe tragen muͤſſen.

Und pag. 440. ſeqq. Unſere Vorfahren haben viel genauer uͤber dem Geſetz der Natur gehalten als wir. Maſſen ſie vor denjenigen Befleckungen, woruͤber ich klage, einen Ab - ſcheu bezeuget, und aus eben dieſer Urſache viel geſuͤndere Nachkommen hinter ſich gelaſſen, als wir uns vielleicht von denen, die auf uns folgen werden, verſprechen koͤnnen. Es iſt ein groſſes Ungluͤck, daß dieſe Unart den Nachkommen ſo viel ſchadet; wir moͤgen es bedencken oder nicht. Es kann nicht anders ſeyn, unſere Kinder muͤſſen durch die verderbten Ge - wohnheiten der ietzigen leichtfertigen Zeit an ihrer Geſund - heit und Leibesbeſchaffenheit angegriffen werden. Was wir uns ſelbſt uͤber den Hals ziehen, das betrifft nur unſere Per - ſon; und wir moͤgen nur allein dafuͤr leiden: und es waͤre gut, wenn nichts weiters daraus entſtuͤnde. Aber Dinge verwircken, ſo unſere Nachkommen treffen; allerhand Kranck - heiten auf das Gebluͤt unſerer Kinder fortpflantzen; dieſel - ben mit grindigten Koͤpffen, gichtbruͤchtigen Gliedern, ange - erbten Kranckheiten, entzuͤndetem Gebluͤt und ſchwachen Nerven, erſtlich weinend in die Welt, und hernach ſeufzend wieder heraus ſenden: dieſes ſolte einem bedachtſamen Ge - muͤth einen ſtarcken Gewiſſensſtich geben, und uns bewegen, dem Elend unſerer Kinder ein wenig zuvor zu kommen, und bisweilen an ſtatt ihrer zu ſeufzen, ehe ſie zur Welt geborenwer -204(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchewerden. Das menſchliche Leben bringet von ſich ſelbſt Jam - mer genug mit ſich: und wir duͤrfen uns nicht leid ſeyn laſ - ſen, daß es unſern Kindern an ihrem beſcheidenen Theil feh - len werde. Sie werden ſich ſelbſt mehr als zu viel, (und mehr als zu bald) dergleichen Kranckheiten zuziehen; ohne daß wir noͤthig haben, dieſelben mit angeerbten Glieder - ſchmertzen, kruͤpplichten Gelencken und ſchwachen Beinen ans Licht der Welt zu bringen, und ihnen Urſache zu geben, Va - ter und Mutter, wie taͤglich von vielen geſchiehet, zu verflu - chen. Es iſt kein Zweifel, daß die Unmaͤßigkeit und Aus - ſchweifungen, davon ich in dieſem Capitel geredet habe, bis - weilen von einer Linie auf die andere, bis ins dritte und vier - te Geſchlecht fortgepflantzt werden; und manches Elend des Lebens dem angeſteckten Gebluͤt der Vorfahren zuzuſchreiben ſey. Wenn doch nur ſolche Leute einen ernſtlichen Blick auf die groſſe Anzahl Kinder thun wolten, welche zu dieſer wohl - luͤſtigen, unmaͤßigen und laſterhaften Zeit, abſonderlich in dieſer Stadt, zur Welt geboren werden, und in ihrer erſten Kindheit wieder dahin ſterben: die mit Kranckheiten, als den Wirckungen von ihrer Eltern Unmaͤßigkeit und unna - tuͤrlichen Laſtern behafftet in die Welt kommen, und etliche wenige Tage mit dem unertraͤglichen Leben kaͤmpfen, bis ſie unter der Laſt deſſelben den Geiſt wieder aufgeben: es iſt nur etliche wenige Tage, daß ich in Familien, die man nicht weit zu ſuchen hat, dergleichen Exempel geſehen habe. Jch darf mich hierbey nicht deutlicher heraus laſſen, ſondern will nur denenjenigen, die ſich ſchuldig finden, zu Gemuͤthe fuͤh - ren, daß die wilden Thiere im Walde, welche ihrem ordent - lichen Triebe folgen, in dieſem Stuͤck ſich viel ehrbarer bezei - gen. Der wilde Eſel, den die Schrift als das allerlaſter - hafteſte und unkeuſcheſte Thier beſchreibet, hat ſeine gewiſſe Zeit. Denn es ſtehet: in ihren Monaten werde man ſie finden. Alſo haben auch alle uͤbrigen Thiere ihre gewiſſe Jahrszeiten, die ſie nach dem Geſetz der Natur genau beob - achten. Nur der Menſch allein pflegt ſich hiervon auszu - ſchlieſſen ꝛc.

Und p. 392. Der Urheber des Lebens iſt der Regierer und Erhalter des Lebens: uud dat die Geſetze deſſelben als ein Hauptſtuͤck der unterſchiedenen Leibesbeſchaffenheiten beſtim - met; wodurch alle Creaturen regieret werden, und auch den - ſelben, insgemein betrachtet, (weil ſie mit ſolcher Beſchaffen - heit oder Ordnung zufrieden ſind) freywillig und gerne ge - horchen. Die unvernuͤnftigen Thiere folgen dem Geſetz der Natur. Und dieſes iſt keine Unterwuͤrfigkeit und kein Ge - harſam; ſondern eine bloſſe Folge ihres Lebens. Es iſt die Art und Weiſe, auf welche ihre natuͤrlichen Kraͤfte regieret werden. Es iſt gleichſam der Canal, worin ſie flieſſen. Siewiſſen205Betrachtung der Unreinigkeit. wiſſen ihre Jahrszeiten, und folgen der Natur, wie ſie die - ſelbe leitet. Sie ſind keuſch und eingezogen, wenn der na - tuͤrliche Trieb aufhoͤret: hitzig und grimmig, wenn die ani - maliſchen Geiſter wieder rege werden. Mit einem Wort ſie ſtellen ſich dar, wenn es die Natur befihlet, und eher nicht. Der Menſch aber, der ungezaͤhmte Menſch, den we - der die Geſetze GOttes, noch die Geſetze der Natur baͤndigen koͤnnen, laͤſſet ſeinen verderbten Neigungen den Zuͤgel ſchieſ - ſen, und unterwirft die Natur, die Vernunft, ja die Re - ligion ſelbſt, einer unordentlichen und ungeſtuͤmen Reitzung. Sein Verſtand wird von ſeinem Willen, und ſein Wille von ſeinem Laſter regieret. Die viehiſche Begierde tyranniſiret uͤber den Menſchen, und ſeine Vernunft wird von ſeinen aͤuſ - lichen Sinnen beherrſchet. Wenn die Wuth ſeiner Neigung durch die muntern Geiſter ſeiner Jugend rege gemacht wird: ſo ſteiget dieſelbe zu einem ungemein hohen Grad, und iſt kein Aufhoͤren. Sie wird durch die na - tuͤrliche Ausleerung nicht geloͤſchet: ſondern er bleibet immer bey ſeiner Unſinnigkeit, und weiß weder Maaß noch Ziel. Es iſt umſonſt, daß ihn GOtt mit Vernunft begabet hat, um ſich derſelben zum Leitſtern ſeines Lebens, zur Regiererin ſei - ner Neigungen, und zur Beherrſcherin ſeiner Leidenſchaften zu bedienen. Wenn ſeine verderbte Neigung einmal die Herrſchaft behaͤlt: ſo iſt ſie einem hartmaͤuligen Pferde gleich, das kein Gebiß fuͤhlet, keine Zucht annimmt, und ſich von nichts als ſeinem eigenen tollen Kopf regieren laͤſſet.

Ferner p. 520. Diejenige Gerechtigkeit, die an das Licht bringet, was im Finſtern verborgen iſt, kann das Laſter durch die Straffe offenbar machen. Und da mag es von iederman, der es anſiehet, mit Schrecken geleſen werden, weil zarte Oh - ren mit der Beſchreibung nicht geaͤrgert ſeyn wollen. Und dieſes iſt keine ungewoͤhnliche Zuͤchtigung. Die goͤttliche Vorſehung befindet oͤfters fuͤr gut, ſich deren zu bedienen. Die Trunckenheit, ob ſie ſchon noch ſo verborgen iſt, wird durch die Kennzeichen, die Salomo giebet, kund gemachet, wenn er ſaget: Wo ſind rothe Augen? Wo ſind Wunden ohne Urſache? Nemlich, wo man beym Wein liegt, nnd koͤmmt auszuſauffen, was eingeſchenckt iſt, Spruͤchw. 23, 29. Alſo mag man gleichfals ſprechen: Wo ſind magere Geſichter? Wo ſind verfaulte Gebeine? Wo ſind garſtige Kranckheiten? Wo man ſeinen unordentlichen Begierden weder Ziel noch Maaß vorzuſchreiben weiß. Sind dieſes nicht die Leute, von wel - chen ich rede? Sie moͤgen ſich dieſes zu ihrer Warnung die - nen laſſen. Jch koͤnnte auch einige lebendige Exempel der gedachten Unmaͤßigkeit| anfuͤhren, welche die aͤuſſerſte Schande erlebet haben, denen ihre krancken Leiber, ſchmer -tzende206(I. Th.) Anatomiſch-Mediciniſchetzende Koͤpffe, zitternden Glieder und ſchwache Gelencke, nebſt vielen und unzehlichen garſtigen Kranckheiten mehr, die ih - nen anhangen, zur immerwaͤhrenden Straffe gereichen; und ſie ſchleppen die Schmach ihrer Thorheit mit ſich herum, wo ſie hingehen, daß niemand gerne in ihre Geſellſchaft kom - met, und ſie ſich recht vor ſich ſelbſt ſchaͤmen muͤſſen.

Und p. 524. ſqq. Gewißlich, der allmaͤchtige GOtt, wel - cher den Menſchen erſchaffen, und ihm die Herrſchaft guten Theils uͤber ſich ſelbſt anvertrauet hat, hat ihm keine allge - meine Erlaubniß gegeben, nach ſeinem eigenen Gefallen zu le - ben. Er hat ihm den Trieb ſeiner Neigung keinesweges uͤber - laſſen, ohne ihm durch ſeine Vernunft die geringſten Grentzen zu beſtimmen: ſondern gleichwie er ihm hoͤhere Kraͤfte ver - liehen, und ſolche uͤber die andern geſetzt hat; alſo iſt ſein Abſehen geweſen, daß ſie dieſe in ihren beſondern Wirckungen und Bewegungen im Zaum, und alſo das gantze Kunſtgebaͤu - de in Ordnung erhalten moͤchten. Wenn nun der Menſch die - ſe Ordnung uͤbertrit; wenn er die Natur umkehret; wenn er ſich Freyheiten heraus nimmt, die ihm GOtt und die Natur nicht zugedacht haben, und welche mit der auserleſenen Ord - nung des Kunſtgeruͤſtes nicht beſtehen koͤnnen; ſo wird er das gantze Werck in Verwirrung ſetzen, daß auch die uͤbrigen Be - wegungen ihre Pflicht nicht vollziehen koͤnnen, wie ſie ſonſt thun wuͤrden. Wenn die Feder in einer Uhr allzuſtarck an - geſtrenget wird, ſo hoͤret ſie auf zu ziehen. Wenn die Wag - ſchale uͤberladen wird, ſtehet die Bewegung ſtille. Auf glei - che Weiſe verhaͤlt ſichs mit allen andern natuͤrlichen Bewe - gungen, und mit des Menſchen ſeinen gleichfals. Wer die Natur aus ihrem gewoͤhnlichen Lauf bringet, und ſie zu Din - gen zwingen will, wozu ihre Kraͤfte nicht zureichen, der hem - met diejenigen Kraͤfte, die ſie beſitzet; und wirft das gantze Gebaͤude uͤber einen Haufen. Dafern der Menſch bey ſich ſelbſt iſt: wenn er Meiſter ſeiner Vernunft iſt, und tuͤchtige Gruͤnde einen gebuͤhrenden Eindruck in ihm machen koͤnnen: ſo wird er dieſes um ſein ſelbſt willen bedencken, wenn es auch gleich keine Suͤnde wieder ſeinen Schoͤpfer und den Er - halter ſeines Lebens waͤre, welchem er deswegen Rechenſchaft geben muß. Dafern er, ſage ich, nur ſich ſelbſt bedencken, und als eine vernuͤnftige Creatur handeln wolte: ſo muͤſte ihn dieſes bewegen, ſein eigen Beſtes zu beobachten, und ſich kluͤglich aufzufuͤhren. Es iſt mir nichts, ja nicht ein eintzi - ges Exempel im menſchlichen Leben bekannt, worin die Tu - gend mit beſſern Grund ihre eigene Belohnung koͤnne ge - nennet werden, als eben dieſes. Denn laßt uns das obige umkehren. Wo iſt langes Leben? Wo iſt eine geſunde Na - tur? Wo iſt vollkommene Leibesſtaͤrcke? Wo ſind hurtige Glieder? Wo verſpuͤret man eine unverruͤckte Geſundheit? Nem -207Betrachtung der Unreinigkeit. Nemlich bey denenjenigen, die ſich der Maͤßigkeit, Zucht und Tugend befleißigen. Jhre Lebensgeiſter werden nicht er - ſchoͤpft: die Natur wird nicht unterdruͤcket; die Munterkeit ihres Gemuͤths nicht verſchwendet, und das Marck in ihren Beinen nicht verwuͤſtet. Jhre Jugend hat ihr Alter nicht beraubet. Jhre fruͤhzeitigen Laſter haben die Natur nicht ausgetrocknet, und das Waſſer gleichſam von der Muͤhle ab - geleitet. Da hingegen das Laſter die Jugend vor der Zeit unter Kopfſchmertzen, Steckfluͤſſen, und Waſſerſucht aͤchtzen und lechtzen laͤſſet. Die Gelencke zittern, und koͤnnen den Leib nicht unterſtuͤtzen; die Nerven ſind enerviret und ent - kraͤftet; die Spannadern eingekrumpfen. Das Gebluͤt iſt vergiftet; der Lebensgeiſt erſchoͤpffet, und die gantze Maſſe verderbet. Alſo muß das Gebaͤude, wie eine reiche Stadt, die durch ein Erdbeben verſchlungen wird, zu Grunde ſin - cken, daß nichts als ein trauriges Denckmahl des verderbli - chen Laſters, und ein Opfer der Schwelgerey uͤbrig blei - bet. Wie viele fi[n]den wir nicht faſt in je - dem woͤchentlichen Todtenzettel, die ſich zu todt geſoffen, zu todt erboſet, einander im Duell umgebracht, oder ihr Leben auf eine andere ungluͤckſelige Weiſe, einer durch dieſen, und der andre durch einen andern groben Exceß geendet haben? Wolte wol jemand vorgeben, dieſe haͤtten ihr Leben nicht ſelbſt verkuͤrtzet? Soll man nicht vielmehr mit David ſagen, daß ſie ihr Leben nicht zur Helfte gebracht haben? Pſ. 56, 24. Man wuͤrde die Gerechtigkeit der goͤttlichen Vorſehung be - leidigen, wenn man ſprechen wolte, ſie waͤren nicht durch ihre eigene Laſter umkommen, und mit den Gottloſen, deren Da - vid erwehnet, aus dem Lande der Lebendigen hingeriſſen wor - den, ehe ſie ihre Jahre noch zur Helfte gebracht haben. Da - mit wir uns aber nicht bey Dingen aufhalten, die zu weit von unſerm Zweck entfernet ſind, ſo iſt gewiß, daß, wenn ja das Leben durch unſere Unmaͤßigkeit und Laſter nicht verkuͤrtzt werden koͤnnte, dennoch daſſelbe viel unvergnuͤgter, beſchwer - licher und verdruͤßlicher gemacht werde, wenn man daſſelbe mit Kranckheiten und Sorgen beladet, und ſich an ſtatt der Geſundheit, Staͤrcke und Munterkeit, tauſenderley Elend uͤber den Hals ziehet. Ein heiteres Antlitz, muntere und lebhafte Augen, ein beſtaͤndiges Laͤcheln, ein hurtiger und behender Leib, ein klarer Verſtand, ein ſtarckes Gedaͤchtniß, und reine Gliedmaſſen, ſind die natuͤrlichen Zierrathen eines Menſchen von einem unbefleckten Geſchlechte. Allein wie oft muͤſſen dieſe urſpruͤnglichen Schoͤnheiten, als angebor - ne Kennzeichen der Jugend und einer guten Leibesbe - ſchaffenheit, verwelcken und hinfallen; da hingegen Bleich - ſucht und Magerkeit das Geſicht, Schwermuth das Hertz,und208(I. Th.) Anatom. Medic. Betr. ꝛc. und Dummheit den Kopf einnehmen? Wie wird das fun - ckelnde Augenlicht verfinſtert: der Verſtand erſticket, das Ge - daͤchtniß geſchwaͤchet, und das gantze mit der Luſtſeuche durch und durch angeſteckte Leibesgemiſche veraͤndert. Die Laſter haben eine ungemeine fruchtbare Eigenſchaft an ſich. Sie nehmen immer ſtaͤrcker zu. Sie greiffen immer weiter um ſich. Wenn ein Mannsalter Ketzerey heget, ſo heget das andere Gotteslaͤſterung. Wenn eins Rottirung heget, ſo heget das andere Verraͤtherey. Wenn eins naͤrriſch iſt, ſo wird das andere folgends gar unſinnig. Alſo auch in dem vor uns habenden Fall. Wenn ein Geſchlecht unmaͤßig iſt, ſo iſt das naͤchſte noch unordentlicher. Wenn eins in erlaubten Dingen Uebermaß begehet, ſo ſetzet das naͤchſte dergleichen Uebermaß in unerlaubten Dingen fort, oder machet dieſe erlaubten Dinge durch ſolche Uebermaß zu Laſtern. Wenn die Leute in einem Jahrhundert Beſtien ſind, ſo ſind ſie in dem andern gar Teufel. Heute eheliche Hurerey, Mor - gen ungebundene Hurerey. Wie das Laſter leitet, ſo fol - gen die Narren. Und wo kann ſich dieſes anders enden, als im Verderben und Untergang? Gleiche Bewandtniß hat es auch mit der Anſteckung des Gebluͤts. Die traurigen Wirckungen zeigen ſich ſowol daſelbſt, als in andern Thei - len des Leibes. Uebermaͤßige Liebeswercke ſchwaͤchen die Kraͤfte, zerſtoͤren die Natur, verderben die Schoͤnheit, und pflegen das Gehirn mit truͤben Nebeln der Dummheit zu uͤberziehen. Heute erreichen ſie den Leib, morgen die Seele, und in der folgenden Zeit das Geſchlecht. Die erlaubten Dinge der jetzigen Zeit werden die kuͤnftigen Zei - ten unerlaubt machen. Jhre Vaͤter haben Blut fortge - flantzt, und ſie pflantzen Gift fort. Unſere Eltern Geſund - heit, und wir Kranckheiten. Unſere Kinder werden in Pallaͤſten geboren, und muͤſſen vielleicht in Spitaͤlern ſter - ben. Unkeuſchheit iſt eine Mutter vieler Kranckheiten; Feuer im Gebluͤt verurſacht Froſt im Gehirn. Und es moͤgen die Ergoͤtzlichkeiten erlaubt oder unerlaubt ſeyn, ſo iſt dieſes die Wirckung der Thorheit, daß ſie ein Ge - ſchlecht der Narren hinter ſich laͤſſet.

Ende des Erſten Theils.

Anderer209

Anderer Theil. Theologiſche Betrachtung der Schande und des Schadens al - ler Arten der Unreinigkeit und Unzucht.

NUn iſt es Zeit, daß ich Jhnen auch weiſe, wie alle heimliche Un - zucht und fleiſchliche Luſt vor dem Allerheiligſten und Allerhoͤchſten angeſehen wer - de. Jch meine aber, Sie haben aufs hoͤchſte Urſach, darauf zu reflectiren: denn Sie wer - den ſich doch vor deſſen Gerichte ſtellen muͤſſen, von dem es heiſſet Dan. 7, 9. 10 : Sein Stuhl war eitel Flammen, und deſſelbi - gen Raͤder brannten mit Feuer, und von demſelbigen ging aus ein langer feuri - ger Strahl, tauſendmal tauſend dienten ihm, und zehen tauſendmal zehen tau - ſend ſtunden vor ihm; das Gericht ward gehalten, und die Buͤcher wurden aufge - than. Sehen ſie dabey mit nach v. 13. 14. 15. 28. Cap. 8, 17. 18. 27. Cap. 10, 8. 9. 10. 11. 15. 16. 17. Jeſ. 6, 1. 2. 3. 4. 5. Zu dem wird es auch bey Jhnen nicht ſte - hen, das Urtheil zu ſprechen, wie fern es ſuͤnd - lich oder nicht, gering oder wichtig anzuſehen ſey. Denn wo laͤſt irgend ein Magiſtrat die Male - fitzperſon uͤber ihren Uebelthaten das Recht ſprechen? Jch will es Jhnen aber nur mit we -II. Th. Betr. der Unreinigk. Oni -210(II. Th.) Theologiſche Betrachtungnigem anzeigen und mich ſo kurtz als moͤglich faſſen. Dis darf ich um deſto mehr thun, weil Jhnen gebuͤhret, das Wort des Allerhoͤchſten ſelbſt zu wiſſen. So hat auch Oſterwald im angefuͤhrten Tractat von der Unreinigkeit P. 1. Sect. 1. c. 2. 3. 4. 5. ſqq. die Oerter der heiligen Schrift altes und neues Teſtaments ordentlich angefuͤhret und unterſuchet, die GOtt zum Zeugniß wieder alle Unreinen hat aufſchrei - ben, und aller Welt vor Augen legen laſſen. Jch bitte nur folgende Puncte mit ſtillem Gemuͤthe und Ehrerbietung vor GOtt zu erwegen.

1) An-merckung.
6

I.

Es iſt ſehr bedencklich, daß GOtt im 3. Moſ. 12. den Sechswoͤchnerinnen ſolche Geſetze der Reinigung auferleget hat, als ob ſie gantz abominable Perſonen waͤren. Zum Exempel: hatte eine ein Knaͤblein geboren, ſo muſte ſie 7. Tage unrein ſeyn, und 33. Tage lang im Hauſe bleiben ohne, ſo zu ſa - gen, unter den freyen Himmel, geſchweige in die Gemeine GOttes und das Haus des HErrn zu kommen. Wo aber ein Maͤgdlein, ſo muſte ſie 2. Wochen unrein ſeyn, auch 66. Tage nicht aus dem Hauſe gehen; kein Heiliges durfte ſie anruͤhren, und zum Heiligthum gar nicht kom - men. Alsdenn erſt waren die Sechswoͤchne - rinnen ſchuldig ein Suͤnd-und Brandopfer zu bringen, und der Prieſter muſte ſie mit dem HErrn erſt wieder ausſoͤhnen, gerade als wenn ſie eine Uebelthat begangen haͤtten. Dieſe For - derung war auch ſo genau und unausbleiblich,daß211der Unreinigkeit. daß ſie ſo gar bis an den Sohn des Hoͤchſten, den ohne Suͤnde gebornen Heiland reichte, Luc. 2, 22. ſq. | welches gewiß was verwunderungs - wuͤrdiges iſt. Was muß doch die Empfaͤngniß und Geburt eines Menſchenkindes immermehr verſchuldet haben, daß ihn GOtt ſo unrein und greulich macht, und hiemit das gantze menſchli - che Geſchlecht mit allem ihrem Adel und hoher Geburt aufs hoͤchſte proſtituiret? Auguſtinus er - klaͤret es, da er ſpricht: Die eheliche Beywoh - nung der Eltern geſchiehet nicht ohne eine un - ordentliche Luſt: daher kann das aus ihrem Fleiſch und Blut empfangene Kind unmoͤglich ohne Suͤnde erzeuget und geboren werden. Und wir ſchlieſſen ja billig dabey: Jſt dieſe ſonſt unter den Menſchen gewiß ehrliche und durch oͤffentliche Geſetze, ja ſelbſt durch den von GOtt ſelbſt eingeſetzten Eheſtand beſtaͤttigte und legi - timirte Sache, ich meine, die Fortpflantzung ſei - nes Geſchlechts, mit allen ihren Umſtaͤnden, nun nach dem Falle, vor GOtt ſo unheilig, daß er ihr nebſt ſo vieler und langer Reinigung die Ver - ſoͤhnung durch Opfer auferleget: Ach! was muß erſt andere Wolluſt und Unflaͤterey, wo nicht dieſer von GOtt ſelbſt befohlene Endzweck in rechter Ordnung intendiret wird, fuͤr ein abſcheu - liches und verfluchtes Laſter ſeyn, vor dem GOtt, deſſen Heiligkeit ſo gar die heiligen Engel mit dreyfachem Zeugniſſe und bedecktem Angeſicht (Jeſ. 6, 1. ſq. ) ohne Aufhoͤren anbeten muͤſſen?

O 2II. So210(II. Th.) Theologiſche Betrachtung
(2 An-merckung.
6

II.

So iſt auch ſehr bedencklich, daß GOtt 3 Moſ. 15. und 5 Moſ. 23, 10. 11. 14. wegen derer, welche in pollutionem no - cturnam, oder gar eine Gonorrhœam ver - fallen, ſcharfe Geſetze von ihrer Abſon - derung und Reinigung geſtellet; wie auch, daß er ſich hiermit, den Menſchen zu Liebe, ſo gar in die niedertraͤchtigſten Umſtaͤnde ihrer Noth und Schande her - abgelaſſen, ſelbige durchgeſucht, und bloß ge - macht, und ſich ſolches Unflaths und Wuſts al - lerdings ſo ſpeciell angenommen, als wie etwa eine Mutter mit ihrem verunreinigten Kinde thun moͤchte, ohne ſich deſſen zu ſchaͤmen. Zum Exempel: wer auch nur ein einig mal im Schlaf - fe ohne und wieder Willen, und ohne was dafuͤr zu koͤnnen, eine Befleckung erlitten haͤtte: der muſte alſobald hinaus vor das Lager gehen; ſein gantzes Fleiſch mit Waſſer baden; alles Kleid und Fell, und alles, was damit beflecket war, muſte er mit Waſſer waſchen; und ſelbſt unrein ſeyn bis an den Abend; auch nicht eher wieder ins Lager gehen, bis er ſolche Reinigung gethan, und alsdenn doch noch erſt nach der Sonnen Un - tergang wieder hineinkommen. Denn (die Ur - ſach davon gibt GOtt ſelber, damit es keinem zu fremde oder hart vorkomme) der HErr dein GOtt wandelt unter deinem Lager, daß er dich errette: darum ſoll dein La - ger heilig ſeyn, daß keine Schande un - ter dir geſehen werde, und er ſich vondir213der Unreinigkeit. dir wende. Waͤre aber einer von der Go - norrhœa gar behaftet geweſen, ſo muſte er, wie alle andere Unreinen, alſobald aus dem Lager hinausgehen. Alles Lager, darauf er lag oder ſaß, alle ſeine Kleidung, ſein gantzer Leib, ſein Speichel, ja alles, was er nur beruͤhrete, ward unrein. Wer ſein Lager, oder Seſſel, oder ſei - nen Leib, oder Kleider anruͤhrete; wer etwas von ſeinen Sachen getragen haͤtte; oder etwa von ihm mit Speichel waͤre beflecket worden: derſelbe muſte ſeine Kleider waſchen, ſich mit Waſſer baden und unrein ſeyn bis an den Abend. Ja ſo gar, wenn einer ſeine Sachen getragen, und iemand andern beruͤhret, ehe er die Haͤnde gewaſchen haͤtte: ſo iſt der beruͤhrte ſo gar durch die dritte Perſon eben alſo unrein worden bis an den Abend, und muſte ſich reinigen. Wenn denn der unſaubere Patient war heil wor - den: ſo durfte er gleichwol nicht bald wieder ins Lager, vielweniger zum Heiligthum GOt - tes kommen; ſondern er muſte noch inzwiſchen 7. Tage vorbey gehen laſſen, ſich in flieſſendem Waſſer baden, und dann durch ein Suͤnd-und Brandopfer verſoͤhnet werden. Und dis iſt al - les mit ſolchem Ernſt geboten geweſen, daß GOtt 4 Moſ. 19, 20. geſaget hat: Welcher aber unrein ſeyn wird, und ſich nicht entſuͤndi - gen will; deß Seele ſoll ausgerottet werden aus der Gemeine: denn er hat das Heiligthum des Herrn (1 Cor. 3, 17.) verunreiniget. Und den Prieſtern hat er oͤffentlich und ausdruͤcklich ge -O 3bo -214(II. Th.) Theologiſche Betrachtungboten: (3 Moſ. 15, 31.) Sie ſolten die Kinder Jſrael warnen vor ihrer Unreinigkeit, daß ſie in derſelben nicht ſtuͤrben. Wir ſchlieſſen hier wiederum billig, ſonderlich von dem vorigen: Hat die bloſſe, ohne und wieder Willen geſchehe - ne, und zwar naͤchtliche Befleckung, (die endlich doch aus andern Urſachen und Kranckheiten, ſonderlich bey den Vollbluͤtigen, wenn die hiezu gehoͤrigen Theile und Gliedmaſſen irgend wo - durch relaxiret (erweitert) worden ſind,) den Menſchen vor GOtt ſo unrein gemacht: was wird erſt eine Befleckung, wenn ſie auch im Schlaff gantz ohne Willen geſchaͤhe, (die aber der Menſch ſelbſt durch gewaltſames Verderben ſei - ner Natur veranlaſſet und ihr gleichſam abge - noͤthiget hat,) vor GOtt im Himmel zu ſagen haben? Man ſehe davon die 12te Schlußfolge, oben pag. 134. an. Und noch vielmehr: Jſt die Befleckung, welche durch erregten und einge - fuͤhrten heftigen Naturtrieb wider Wiſſen und Willen des Menſchen, ſo greulich; weil ſie eine nothwendige Folge der vorigen muthwilligen, ob auch gleich laͤngſt bereueten Bosheit iſt: mein! welches Todes wird denn die Schaͤndung ſeines Leibes wuͤrdig ſeyn, die vorſetzlich und mit Bedacht, obgleich bey dem heftigſten Proteſtiren und De - preciren des Gewiſſens, geſchiehet?

Jch begehre nicht zu leugnen; daß viele Ge - ſetze, welche die aͤuſſerliche Reinigkeit betroffen haben, zum Levitiſchen Gottesdienſt der Juͤdenge -215der Unreinigkeit. gehoͤreten: aber eben darum, weil ſie dazu gehoͤr - ten, haben ſie denn nicht (ſage ich abermal) eben darum auf das Opferblut JEſu Chriſti gezie - let? Schlaͤgt denn das eines Chriſten ſein Hertz nicht, ſo oft er dergleichen Vorbilder und Rei - nigungen uͤberleget, daß es gleichwol im Wor - te des Allerhoͤchſten ſtehet: Es ſey keine Ver - gebung der Suͤnden moͤglich ohne Blut vergieſ - ſen? Ebr. 9, 22. und alle ſolche Reinigungen haͤt - ten die Schuld und den Unflath doch nicht abge - than, wie ſcharf u. genau ſie auch geweſen waͤren; ſondern ſeyen nur ad interim auf eine Zeitlang angeordnet geweſen, bis die voͤllige Abwaſchung durch das allertheureſte Blut geſchehen koͤnte; damit ſie inzwiſchen zum Zeugniß dienten, wie noͤthig aller ſolcher Dinge vollkommene Ausſoͤh - nung waͤre. Ebr. 8, 7. Cap. 9, 8. 9. Cap. 10, 1. 2. 3. 4. Muſten ſie ſo gar durch aͤuſſerliche und zwar blutige Opfer mit GOtt ausgeſoͤhnet werden: ey, folgt daraus nicht unwiederſprech - lich: daß dieſe Schulden vielmehr dem Sohne GOttes auf den Ruͤcken gefallen ſind, und durch ſein Blut muſten abgethan werden? Zu dem, ſo ſind das ja nicht ſo particuliere Sachen, ſo nur die Juͤden betroffen und graviret haͤtten: ſondern wir muͤſſen das alle zugeſtehen, daß al - le Welt disfalls bey GOtt in Schulden iſt. Hat ers nun bey einer Nation ſo angerechnet, ſo wird er ja nicht partheyiſch handeln, und bey andern ſeine Heiligkeit verleugnen, daß ers bey ihnen nicht eben ſo hoch nehmen ſolte; ob er gleich die - ſer ſeiner Nation ſeine Rechte und Gebote insO 4be -216(II. Th.) Theologiſche Betrachtungbeſondere, und vor allen andern hat wiſſen laſ - ſen, folglich ſie durch dis alles mehr, als irgend ein anders Volck, auf ſeinen Sohn gewieſen, der doch aber aller anderer Voͤlcker Heiland zugleich ſeyn ſolte. Pſalm 147, 19. 20.

3) An-merckung.
6

III.

So hat der heilige GOtt ſeine hoͤchſte Deteſtation (Abſcheu) gegen alle Schande und fleiſchliche Luſt, ſie mag geſchehen, wie ſie will, auf viel andere hoͤchſt bedenckliche Weiſe klar gnug dar - gethan, zum Exempel

[α]) Er hat 5 Moſ. 23, 2. geboten, Hu - renkinder (und alſo alle, die in gleicher Claſſe ſtehen koͤnnen), ſolten nie in das Haus des HErrn kommen, oder zu oͤffentlichen Aemtern beym Gottesdienſt und Regiment gezogen wer - den: auch nicht nach dem zehnten Glied, das iſt, ſchlechterdings niemals. Hat GOtt ſelber die Baſtarte, die doch zur Uebelthat ihrer El - tern nichts beygetragen, noch einige Schuld dar - an gehabt haben, fuͤr ſo verachtet und ausge - ſchloſſen erklaͤret: mein, wie werden die einſtens muͤſſen angeſehen werden, die ſich in den Greueln ſelbſt herumgeweltzet; und in welche Claſſe der unreinen Teufel wird der eiferige GOtt einmal ſolche Schandſclaven ſetzen muͤſſen?

[β]) 5 Moſ. 22, 21. 22. hat er geordnet, ei - ne Hure muͤſte vor ihres Vaters Hauſe von al - lem Volck zu Tode geſteiniget werden. Ehebre - cher muſten beyde des Todes ſterben; wenn aber eines Prieſters Tochter gehuret haͤtte, diemuͤ -217der Unreinigkeit. muͤſte man mit Feuer verbrennen. 3 Moſ. 21, 9.

[γ]) Er hat den geiſtlichen Abfall von ihm, und die Abgoͤtterey, folglich Suͤn - den, die offenbarlich des Todes wuͤrdig ſind, insgemein die Hurerey benennet: um ihre abominable (abſcheuliche) Art damit de - ſto mehr auszudruͤcken: und beſchreibt dieſen ih - ren Abfall zuweilen mit ſolchen Umſtaͤnden, die von der fleiſchlichen Luſt und Schande herge - nommen ſind; nennet ſolche Abtruͤnnige oͤfters Huren, ihre Suͤnden Hurerey, ihr Gluͤck, ſo ſie beym gottloſen Weſen meinen zu haben, nennet er Hurenlohn, und ſagt wol oͤfters zu ihnen, er wolle ſich ihrer nicht mehr erbarmen: denn ſie ſeyen Hurenkinder. So gar ſpricht er: Jch will deines Unflaths ein Ende machen, daß du bey den Heiden muſt verflucht geachtet werden, und erfahren, daß ich der HErr ſey, Ezech. 22, 26. Jch koͤnte Jhnen ſolcher Oerter 65. anweiſen, wo derglei - chen Vorſtellungen und Vergleichungen mit groſſem Ernſt geſchehen: ich habe aber doch zu beſorgen, daß Sie ſie nicht nachſchlagen moͤch - ten, und ſo mag ich Jhnen mit dem Worte des Allerhoͤchſten nicht beſchwerlich fallen. Le - ſen ſie aber nur den Propheten Jeremiam, Ezechiel und Hoſeam, Sie werden ihrer ſelbſt noch mehr antreffen.

[δ]) Daß der gerechte GOtt, der alles recht nach ſeinem Weſen und der Wahrheit ſchaͤtzet und anrechnet, die Unzucht und derſelben Luſt -O 5ſeu -218(II. Th.) Theologiſche Betrachtungſeuche nicht fuͤr was geringes anſiehet: koͤnnen ſie auch klar daraus ſehen, weil er dieſen Greuel mit unter die groͤſten geiſtlichen Gerichte rechnet, darein er die, ſo ſich verſtocken, fallen laͤſſet. Ach! ich meine doch, mein geliebter Freund, daß Jhnen die Worte billig ſehr bedencklich vorkommen ſolten: wem der HErr ungnaͤdig iſt, der faͤllet drein, Spruͤchw. 22, 14. Wie weit iſt es aber denn noch von dem Falle? Den Jſraeliten hat GOtt (Hoſ. 4, 12. 13. 14. Amos 7, 17.) mit groſſem Ernſt gedrohet: weil ſie ihn ſo ver - laſſen, und wider ihn gehuret haͤtten; ſo ſolten ſie auch die ihrigen dafuͤr in dergleichen Schande und Greueln ſehen muͤſſen. Und er hats ihnen auch redlich gehalten, 2 Macc. 6, 4. um eben hiemit auf eine wunderbare Weiſe ſeine Heilig - keit zu legitimiren, und ſeinen Abſcheu vor allen Suͤnden darzuthun, indem er ſo gar diejenigen Suͤnden, die wegen Bosheit der Menſchen oh - nedem geſchehen wuͤrden, nicht zwar gewalt - thaͤtig hindert, weil der Menſch kein Vieh noch Klotz iſt: (und er muͤſte manchen druͤber ehe todt ſchlagen, ehe er ſie ungethan lieſſe,) aber doch ſo dirigiret und determiniret, daß ſie zur Execution ſeiner Gerichte, folglich einer hoͤchſt heiligen Handlung contribuiren muͤſſen. Mithin wird durch das Boͤſe, ſo ſonſten bloß vor ſich, als durchaus boͤſe geſchehen waͤre, doch durch GOt - tes gerechte und heilige Regierung etwas gutes zugleich ausgefuͤhret. Wie? Erzittern Sie denn nicht, bey Erwegung der Gerichte GOttes,die219der Unreinigkeit. die er an den Heiden ausgeuͤbet: indem er ſie ihrer unvernuͤnftigen Abgoͤtterey halber vor - nemlich in die Luſtſeuche der ſchaͤndlichſten Un - zucht hat hineingerathen laſſen; da er ihnen ſonſt den Weg zu dieſem Verderben auch noch wol haͤtte verzaͤunen moͤgen, wo es etwas an ihnen gefruchtet haͤtte. Ey! wie iſt Jhnen denn zu muthe, wenn Sie Roͤm. 1, 28. ſqq. leſen, daß ſie GOtt hat dahin gegeben in ihres Hertzens Ge - luͤſte, in Unreinigkeit, zu ſchaͤnden ihre eigene Leiber, an ihnen ſelbſt; in ſchaͤndliche Luͤſte; in einen verkehrten Sinn, daraus ſo entſetzliche Bosheiten entſpringen, die v. 29-32. erzehlet werden? Jch meine doch, daß dasjenige un - moͤglich was gutes ſeyn koͤnne, damit der gerech - te GOtt gantze Nationen, als mit einer uͤber - ſchwemmenden Fluth geſtraffet hat! O! um ih - rer Unreinigkeit willen muͤſſen ſie (auch in ihren innerſten ohne dem ſchon elenden Seelenkraͤf - ten) unſanft verſtoͤret werden, Mich. 2, 10. 11.

[ε]) Wenn die Apoſtel die Suͤnden beſtraffen, und dieſelben in gantzen Re - giſtern erzehlen muͤſſen: ſo gedencken ſie der Unreinigkeit am allermeiſten, und gewiß keiner einigen Suͤnde ſo oft, als dieſer. Sie ſetzen ſie auch mehrentheils oben an, und iſt, als ob dieſe Suͤnde das gantz eigen haͤtte, in den Catalogis der Gottloſigkeiten immer mit unter den er - ſten zu ſtehen. Zum Exempel Marc. 7, 21. Roͤm. 1, 26. 1 Cor. 5, 11. Cap. 6, 10. Gal. 5, 29. Col. 3, 5.

Wel -220(II. Th.) Theologiſche Betrachtung

Welches denn ihre Abſcheulichkeit und Straf - barkeit ja greiflich gnug vorſtellet; zugleich aber zeiget, daß ſie eine derjenigen Haupt-Suͤnden ſey, dadurch andere Greuel ins Hertz und in gan - tze Haͤuſer, Familien und Laͤnder pflegen einge - fuͤhret zu werden; wie das bey den Kindern Jſ - rael in der Wuͤſten, 4 Moſ. 25. beym Koͤnige Salomo, Rehabeam ꝛc. offenbar gnug worden iſt. Die Apoſtel ſetzen ſie allezeit mit in die Rol - le derjenigen Suͤnden, die den Menſchen ſchlech - terdings vom Himmelreich ausſchlieſſen, und zeigen auf goͤttlichen Befehl deutlich und ernſt - lich gnug davon, daß wo irgend eine Suͤnde den Menſchen verdammet, ſo ſey es die Unreinigkeit. Sie unterwerfen alle Unzuͤchtige eben derjeni - gen Verdamniß, in welche diejenigen, ſo die groͤbſten Laſter veruͤben, beſchieden und verur - theilet ſind. Ja der Apoſtel Paulus, welcher dieſe Materie in 3. Capiteln nacheinander ab - handelt, 1 Cor. 5. 6. und 7. vermahnet und bittet, man ſolte ſolche greuliche Menſchen hin - aus thun, und nicht einmal mit ihnen eſſen, ge - ſchweige einigen Umgang mit ihnen haben. Denn hinaus gehoͤren ſie. JEſus ſelber ſpricht, wenn er die endliche Scheidung, die an jenem Tage geſchehen wird, vorſtellet: Offenb. 22, 15. Hauſ - ſen ſind die Hunde, (oder die in unverſchaͤm - ter hundiſchen Unzucht und Unflaͤterey geſtecket) und die Zauberer, und die Hurer ꝛc. und alle, die da lieb haben und thun die Luͤgen. Ja, welches gleichwol ſehr bedencklich und Ueberle - gens wuͤrdig iſt, da unſer Heiland, der unsrich -221der Unreinigkeit. richten wird, eines mals Marc. 7, 21. ſqq. die Materie de adiaphoris (von Mitteldingen) ex profeſſo abgehandelt, und daſelbſt die Sachen, ſo ihrer Natur nach ſchlechterdings boͤſe ſind, von denen, ſo da bey manchem gut, bey man - chem boͤſe ſeyn koͤnnen, aus einander geſetzet, und ſie genau unterſchieden: ſo ſetzet er alle Arten der Unreinigkeit auch mit unter die ſchlechterdings boͤſen und verdammlichen Dinge; in gleichen Rang mit Morden, Stehlen, Gotteslaͤſterung und dergleichen; und behauptet von allen, daß ſie den Menſchen ſchlechterdings vor GOtt ver - haßt und abſcheulich machen. Jch will aber doch hoffen, daß niemand das Hertz haben wird, demjenigen das Gericht und die Abfaſ - ſung der Sententz abzuſprechen, oder ihn zu leh - ren, wie hart und wie gelind er von einem Laſter urtheilen werde, dem der Vater ſelber das hoͤch - ſte Gerichte hat uͤbergeben, darum, weil er fuͤr die Gottloſen und Suͤnder geſtorben iſt, und es alſo wohl meritiret.

IV.

Die Chriſtliche Religion, und die4) An - merckung. Natur des wahren Chriſtenthums ver - binden den Menſchen zu einer ſolchen Reinigkeit und Heiligkeit, daß man ſich hoͤchſtens daruͤber wundern muß, wie es unter den Chriſten Leute geben koͤn - ne, die ſich zu ihren Lehrſaͤtzen bekennen, auch darauf leben und ſterben muͤſſen, und doch wol Erweis davon fordern, daß alle Unreinigkeit, ſo vorſetzlich undmuth -222(II. Th.) Theologiſche Betrachtungmuthwillig geſchiehet, ſchlechterdings eine Todſuͤnde ſey. Was brauchts denn viel weitlaͤuftigen Nachforſchens dabey, wenn man nur ein wenig gedencket, daß GOtt zu ie - dem Chriſten ſaget: ihr ſollet heilig ſeyn; denn ich bin heilig, der HErr euer GOtt? Wenn man die Chriſtliche Religion annimt, ſo iſt das die erſte Condition, die man ohne zu capituliren, oder was zu excipiren eingehen muß: Verleugne dich ſelbſt, und nimm dein Creutz auf dich taͤglich, und folge mir nach. Creutzige dein Fleiſch ſamt den Luͤſten und Begierden; wider - ſtehe den allererſten Bewegungen der unordent - lichen Luſt, auch ſo gar in erlaubten und gleich - geltenden Dingen; und reinige dein Hertz zur Wohnung des heiligen Geiſtes: denn ſo gar in Chriſto ſelbſt gilt nichts, denn eine neue Crea - tur; du muſt nun der goͤttlichen Natur theil - haftig werden. Wo nicht, ſo haſt du Chriſti Geiſt nicht, biſt alſo unmoͤglich ein Chriſt. Gewißlich, ein ieder boͤſer Gedancke, iede unor - dentliche Begierde, ieder mit boͤſem Verlangen verknuͤpfter Blick verunreiniget dich vor GOtt. Du muſt bis aufs Blut wiederſtehen, und deine Seele immer in Haͤnden tragen: du muſt dei - ne Seligkeit ſchaffen mit Furcht und Zittern; du muſt darnach ringen, daß du dich durch die enge Pforte und den ſchmalen Weg durchbeteſt und durchkaͤmpfeſt: Denn es koſtet Gewalt thun, wo man in den Himmel will. Alle Liebe der Welt (darunter Fleiſchesluſt, als die heftig - ſte, die erſte iſt) 1 Joh. 2, 6. laͤſt die Liebe GOttes, und das geiſtliche Vergnuͤgen undVer -223der Unreinigkeit. Verlangen nach himmliſchen Dingen durchaus nicht aufkommen; ja ſo gar, wenn du auch ſchon zum Kinde GOttes wiedergeboren biſt, und laͤſſeſt nur in etwas der Liebe der Welt und Eitelkeit Raum in deinem Hertzen: ſo ſtuͤrtzeſt du dich in die hoͤchſte Gefahr. Denn du kannſt dabey unmoͤglich GOtt bedie - nen, noch Liebe zu ihm tragen: ſondern ſo viel du jener nachgiebeſt, ſo viel er - ſtirbet dieſe in dir, und du kannſt kein Hertz zu GOtt, auch wahrlich keine Luſt an ihm haben.

Mein Hertzensfreund! Wenn Sie nur daran dencken: muͤſſen Sie denn nicht ohne einigen Anſtand mit dem Urtheil herausbrechen, und bey ſich ausmachen, was fuͤr eine ſaubere Sa - che es um die Unreinigkeit ſey? Wenn Sie ih - ren Taufbund ſtehen und guͤltig ſeyn laſſen: ſo wer - den Sie ja unmoͤglich dran zweifeln koͤnnen, daß alle innerliche und aͤuſſerliche Keuſchheit und Reinigkeit, der Seelen ſo wohl als des Lei - bes, von unumgaͤnglicher und unleugbarer Noth - wendigkeit ſey. Denn ich frage Sie: Jſts denn moͤglich, rechtſchaffene Tugenden auszuuͤben, oh - ne ſeine Luͤſte der Sinnen und des Fleiſches zu toͤdten und zu maͤßigen? Dieſen unumſtoͤßlichen Grund wahrer Tugenden haben ja alle heidniſche Moraliſten, ohne einigen Erweis davon zu for - dern oder zu geben, als einen Grundſatz feſt ge - ſtellet. Jſts nicht wahr, daß das Fleiſch alle - zeit wieder den Geiſt, und der Geiſt allezeit wie - der das Fleiſch iſt, und dieſe zwey allezeit gegenein -224(II. Th.) Theologiſche Betrachtungeinander ſind? Nun, ſo muß ja nothwen - dig eines dem andern weichen! Herrſcht denn das Fleiſch, ſo ſind alle Tugenden, weil ſie Fruͤchte des Geiſtes ſind, verbannet, nemlich Liebe, Freude, Friede, Geduld, Guͤtigkeit, Glau - be, Sanftmuth, Keuſchheit ꝛc. Regieret aber der Geiſt, ſo koͤnnen unmoͤglich die Fruͤchte des Fleiſches bleiben, nemlich Ehebruch, Hurerey, Unzucht, Gal. 5, 19. ſq.

Jſts Jhnen moͤglich, (ich frage Sie auf ihre Redlichkeit und gut Gewiſſen,) bey der heimli - chen Unzucht, GOtt zu dienen, ihn anzuruffen, ſeinen heiligen Namen zu veneriren, ihn uͤber alles hochzuhalten, alles in ſeinem Namen zu thun, damit er in allem und durch alles ver - herrlichet werde; und diß alles mit Andacht, Lie - be und Bruͤnſtigkeit, mit Aufrichtigkeit und mit Luſt? Nun aber muͤſſen Sie ja die unumgangba - re Nothwendigkeit dieſer Stuͤcke geſtehen: denn, kan denn iemand recht froͤlich, ſeren und in GOtt ſelig und heilig ſeyn, der dieſe Vorrechte und Begnadigungen nicht in ſeinem Hertzen eigen hat?

Haben Sie das Hertz zu behaupten, daß Sie in den fleiſchlichen Luͤſten und Begierden Jhrem allerhoͤchſten Liebhaber und allerbeſten Freunde JEſu Chriſto nachfolgen? welcher in den Tagen ſeines Fleiſches Gebet und Flehen oft mit ſtarckem Geſchrey und Thraͤnen geopfert hat, zu dem, der ihm von unſerm Tode konnte aushelfen, Ebr. 5, 7. Haben Sie ſich denn bey dieſen Greueln jemals darauf beſonnen, daßSie225der Unreinigkeit. Sie erſt nachgefragt haͤtten, ob Sie ihm denn das zu Liebe thun koͤnnen, um irgend eine gerin - ge Probe der Danckbarkeit und Ergebenheit fuͤr die ſo hohe Liebe und koſtbare Erloͤſung dran zu geben; und ob ihm denn das auch gefallen werde? Ey! mein liebſter Freund! wiſſen Sie denn nicht, daß dis das guͤldene arcanum und koͤſtlicher Vortheil wahrer Chriſten iſt: bey al - len ihrem Unternehmen, ſo gar auch bey den zweifelhaften Umſtaͤnden und Handlungen, nur lediglich zu fragen, obs denn JEſu Chriſto auch gefallen werde? Solts Jhnen denn unbewuſt ſeyn, daß ſich die Chriſten mit dieſer leichten Methode vor unzehlichen Suͤnden verwahren, und aus viel zweifelhaften Umſtaͤnden, ja den verworrenſten Schwierigkeiten aushelfen? Jch ſage Jhnen bey der Herrlichkeit des Allmaͤchti - gen: Die Chriſten muͤſſen ihrem GOtt und Hei - land ſchlechterdings aͤhnlich werden, und ihn mit ſolchen unflaͤtigen Dingen, die das Ebenbild des unreinen Geiſtes recht ausdruͤcken, nicht proſti - tuiren. Denn der feſte Grund GOttes beſtehet, und hat dieſes Siegel: der HErr kennet die Seinen; und, es trete ab von der Ungerechtigkeit wer den Na - men Chriſti nennet, oder er laſſe dieſen ehr - wuͤrdigen Namen ungeſchaͤndet, und wehle ſich welchen er will. Denn GOtt wird ja ſolche Unflaͤter unmoͤglich fuͤr die Seinen erklaͤren moͤ - gen, 2 Tim. 2, 19.

Jch ſage noch mehr: Muͤſſen wir Chriſten uns nicht hauptſaͤchlich durch die Reinigkeit derII. Th. Betr. der Unreinigk. PSee -226(II. Th.) Theologiſche BetrachtungSeelen und des Leibes von den Heiden unter - ſcheiden? 1 Cor. 6, 10-21. Dieſe ſind ruch - los oder fuͤhllos worden, und ergeben ſich der Unzucht und allerley Unreinigkeit, Eph. 4, 17. 18. 19. ſq. Wir aber muͤſſen es eben mit dem Gegentheil beweiſen, daß wir keine Heiden mehr ſind: ſondern in einer intimen Bekantſchaft und Vertraulichkeit mit dem Allerhoͤchſten ſtehen, weil wir im Lichte und in der Wahrheit wan - deln, wie er im Lichte iſt. Haben wir doch Chriſtum alſo gelernet; und ſo haben wirs von ihm gehoͤret, daß in ihm ein rechtſchaffen Weſen iſt. Solls denn umſonſt ſeyn, daß er uns den Beruff hat zugeſtellet, ihm zu folgen? Jeſ. 45, 19. Darum ſolten ſolche Greuel und Suͤnden von Rechts wegen nicht einmal unter uns ge - ſagt, oder ausgeſprochen werden, wie den Hei - ligen zuſtehet. Wenn nun aber wir uns doch als Chriſten ſchreiben, und den hochheiligen Namen JESU uͤber uns fuͤhren; werden aber nicht mit ihm einerley Sinnes und einerley Mei - nung: was meinen Sie werden wir fuͤr Ver - antwortung haben, daß wir den glorwuͤrdigen Namen zu ſeiner groͤſten Verunehrung und Beſchimpfung getragen haben; darauf ſo gar der Satan im Gerichte GOttes gegen uns pro - vociren, und uns zum haͤrteſten Proceß auffor - dern kann?

GOttes hohes Ver - bot.
6

Der Allerhoͤchſte hat es dem Men - ſchen mit hoͤchſtem Ernſt und verwun - derungswuͤrdigen Fleiß ie und ie in ſei - nem Worte eingeſchaͤrfet, wie rein undun -227der Unreinigkeit. unbefleckt er ihn haben wolle, und wie ſehr er alle Unkeuſchheit und Unzucht verabſcheuen muͤſſe, wo er ſich zu ihm bekennen will. Gewiß, es ſind der Oerter, darin GOtt die fleiſchliche Luſt und allerley Ar - ten der Unreinigkeit aufs ſchaͤrfſte verbietet, und den Unreinen Straffen androhet, hingegen den Gehorſamen allerley Gutes verheiſſet, unglaub - lich viel. Jch koͤnnte ihnen etliche und ſieben - zig Oerter in der heiligen Schrift beyderley Bundes anweiſen, darin es der heilige GOtt, als durch ſo oft wiederholte und publicirte Pa - tente den Menſchen, ſeinen Unterthanen, hat zu wiſſen gethan, und alle dieſe Suͤnden bey ho - her Straffe unterſaget: allein ich beſorge wie - derum, dieſe Arbeit wuͤrde ihnen zu verdrießlich werden, ſie alle nachzuſchlagen. Denn was iſt uns wol verdrießlicher, wo wir dem heiligen GOtt nicht mit ſubmiſſeſter Ergebenheit und Liebe zu - gethan ſind, als in ſeinem Wort zu forſchen? Aber ach! ſoll nicht ein Volck ſeinen GOtt fra - gen? Jeſ. 8, 19. und ſich darnach erkundigen, woran ſein Wille und Meinung geſchiehet? wo nicht: ſo werden ſie die Morgenroͤthe nicht ha - ben! Jch will mich begnuͤgen, weiter unten Jh - nen nur einige davon anzufuͤhren, und auszu - ſchreiben, damit Sie ſie nicht nachſchlagen muͤſſen.

Duͤrfen Sie doch nur die vor angezeigten Propheten leſen: ſo werden Sie ſehen, woruͤber GOtt am meiſten eifert; oder auch die Paral - leloͤrter aufſchlagen, von denen, ſo hie und da an - gefuͤhret ſind: ſo ſollen Sie ſich wundern, undP 2nicht228(II. Th.) Theologiſche Betrachtungnicht wiſſen, wie es moͤglich ſey, daß der aller - hoͤchſte GOtt dem nichtswuͤrdigen Menſchen dieſen ſeinen ernſtgemeſſenen Willen ſo oft hat koͤnnen ſagen, und gar an ihn uͤberſchreiben laſ - ſen; und wie er nach alle dem, bey deſſelben be - harrlicher Hartnaͤckigkeit und Wiederſpenſtig - keit noch ſolche Geduld mit ihm tragen kann. Sirach ſpricht C. 23, 22. da er die oͤftern Zu - ruͤckfaͤlle in ein Laſter bey ſich uͤberleget: Das andermal ſuͤndigen, das iſt zu viel; das dritte - mal bringt die Straffe mit ſich. Und ſo iſts auch unter den Menſchen Mode. Ja, wenn die gegen ihres gleichen ſo viel thun: ſo dencken ſie noch, Wunder was groſſes ſie praͤſtiret ha - ben. Was wuͤrden Sie wol thun, mein ge - liebter Freund, wenn Sie einem, dem Sie was zu ſagen haͤtten, wenn er auch nur einen eini - gen Grad niedriger waͤre, denn Sie, eine und eben dieſelbe Sache etliche und 70 mal verbo - ten haͤtten; ja ihm noch dazu derſelben unver - meidlichen Schaden angezeigt; ihn mit Straf - fen bedrohet; mit vielen Verſprechungen gerei - tzet; voͤllig uͤberfuͤhret, und durch Liebe alles moͤgliche an ihm verſucht, ihn dazu zu vermoͤ - gen: er aber wolte es nur ſo uͤberhin anſehen, gerade als waͤre ihm um Sie und Jhre Gewo - genheit nicht viel zu thun; oder als duͤrfte er nach Jhrem Bedrohen und Verſprechen, nach einem ſo wenig als nach dem andern fragen? Wie, Wenn er es wol gar kurtzum verwerfen moͤchte? was, frage ich Sie, wuͤrden Sie den - cken, oder mit Jhm vornehmen? Hielten Sieſich229der Unreinigkeit. ſich nicht mit ungezweifeltem Rechte befugt, ihn nach allem uͤber ihn habenden Vermoͤgen zu ſtraffen; und wenn Sie auch nur das erſte der erzehlten Stuͤcke an ihm gethan, und es ihm 70. mal verboten haͤtten? das glaube ich gantz gewiß, und Sie werden mirs auch ohne Zweifel zugeſtehen. Nun, ſagen Sie mir: was bilden Sie ſich von Jhrem GOtt ein? Jſt er nicht der allerhoͤchſte Beherrſcher der gantzen Welt, und um unzehlich ja unbegreiflich viel Grade hoͤher denn Sie? Hat er nicht eine unumſchrenck - te Macht und Gewalt uͤber ihr Leben und Tod? Koͤnnen Sie ihm ohne die hoͤchſte Ungerech - tigkeit auch ein einiges mal den Gehorſam ver - ſagen? Jſt er nicht berechtiget von uns zu for - dern, was er will, wenns auch das ſchwereſte, oder das liebſte, ja das Leben ſelber waͤre? Oder hat er etwa nicht Gewalt und Auctoritaͤt gnug, unſern Ungehorſam zu ſtraffen? Nun gebietet er allen Menſchen ſo gar unablaͤßlich, und ohne einiges Ausſetzen und Aufhoͤren (denn Wort und Gewiſſen iſt immer da,) die Reinigkeit und Keuſchheit. Er verbietet gleichfals alle Befle - ckung und Unzucht gantz beharrlich; weil es nun aufgeſchrieben und aller Orten publiciret; er auch ſelbſten allenthalben zugegen iſt, und Auf - ſicht druͤber hat, wie man ſeinen Befehlen Ge - horſam leiſte: welches ja kein Potentat in der gantzen Welt nachthun kann, ſondern ſiehet und reichet nur ſo weit als er durch Menſchen reichen kann. Wenn er Jhnen denn nun ſo ernſtlich, ſo oft und ſo continuirlich bey hoͤchſter Ungnade, jaP 3beym230(II. Th.) Theologiſche Betrachtungbeym Verluſt der ewigen Seligkeit befiehlet, Sie moͤchten ſich enthalten von den fleiſchlichen Luͤſten, welche wieder ihre eigene Seele ſtreiten; 1 Petr. 2, 11. Sie aber wagens, und bleiben ihm muthwillig ungehorſam: was wird doch dieſer Richter der gantzen Welt, (o helfe dencken, wer dencken kann!) mit einem ſolchen monſtroͤſen Unmenſchen thun?

Oder koͤnnen Sie etwa praͤtendiren, er ſol - le und muͤſſe, weil er GOtt iſt, mehr Geduld be - weiſen, mehr uͤberſehen und ertragen von ſei - nem eignen Geſchoͤpfe, als Sie ſelbſt nicht ein - mal von ihres gleichen thun wollen? Ey! ich glaube nicht, daß der duͤmmeſte Heide gegen ſei - nen Block und Klotz ſo einen ſeltſamen Glau - ben und eine ſolche Grobheit im Hertzen hegen kann. Wir wiſſen es ja, daß die Eigenſchaften GOttes alle zugleich und auf gleiche Weiſe mit einander unendlich ſind, eine ſo wohl ohne Gren - tzen wie die andere. Wie nun GOtt unend - lich allwiſſend, unendlich ſeliger, unendlich maͤch - tiger, unendlich herrlicher und glorioͤſer iſt, als wir verachtenswuͤrdige Menſchen alle auf einem Hauffen zuſammen: ſo iſt er eben ſo ſehr unend - lich gerechter und heiliger denn wir; folglich ge - buͤhret ihm unendlich mehr uͤber alle Suͤnde zu eifern, und ſie unendlich mehr zu beſtraffen als einem Menſchen; welcher ohne dem nie kein Geſetzgeber, ſondern allezeit ein Uebelthaͤter iſt.

Zu dem ſind wir auch um deßwillen unaus - bleiblich verpflichtet, den Willen des Allerhoͤch - ſten zu reſpectiren und ihm zu folgen, weil er ſogut,231der Unreinigkeit. gut, ſo heilig und ſo gnaͤdig iſt. Alles, was er befiehlet, das befiehlet er zu unſerm beſten; und iſt kein einiges unter allen ſeinen Geboten zu finden, die er den Chriſten als ſeinem ietzigen Volck vorgeſchrieben hat, das nicht aus Erbar - mung und Liebe gegeben waͤre: weil die unum - gaͤngliche Nothwendigkeit ſelbiges auszuuͤben, ſeinen unleugbaren Grund in der verderbten Natur und ietzigen Noth der Menſchen hat. Dis iſt ſo gewiß und ſo genau, daß man von ie - dem Befehl GOttes ſagen muß: alle, die da - wieder ſuͤndigen, verletzen (natuͤrlich und mit nothwendiger Folge) ihre Seele; alle, die ihren GOtt haſſen, lieben den Tod, Spr. 8, 36. das iſt: Ein Menſch kann unmoͤglich gluͤckſelig leben, wo er nicht nach dieſen Liebesgeboten lebet. Ey! finde ich mich verpflichtet, mit Danck anzunehmen, was mir zu meinem Beſten gerathen wird, und wenns mir auch mein aͤrgſter und abgeſagter Feind riethe: mein! womit haͤtte es doch mein allerliebſter GOtt um mich verſchuldet, daß ich ſein Warnen, Erinnern, Bedeuten, Vorſtellen, und Vermah - nen mir nicht wolte zu Hertzen gehen laſſen? Haͤtte er nicht eben Urſach, die hoͤchſt bedenckli - chen Worte gegen mich zu brauchen: Mich. 6, 3. Was hab ich dir gethan, mein Volck, und womit hab ich dich beleidiget? das ſage mir! Ach! was beweget dich ewig dazu, daß du nicht einmal das von mir annehmen wilſt, was ich dir zu deinem Beſten, aus deiner eigenen unumgaͤnglichen Nothwendigkeit vor - geſchrieben habe?

P 4Jch232(II. Th.) Theologiſche Betrachtung

Jch finde in dem annehmungswuͤrdigen Worte GOttes auſſer den vielen ernſtlichen Ver - boten der Unzucht, auſſer den Geboten der Keuſchheit, und auſſer ſehr vielen Exempeln ver - uͤbter Straffgerichte GOttes uͤber die Unzuͤchti - gen, noch wol zwanzigerley Oerter, darin dieſer Liebhaber der Menſchen Sie vor allen ſolchen Greueln, und allem was dazu verleiten kann, aufs buͤndigſte und fleißigſte gewarnet hat: oft mit ſo umſtaͤndlichen und deutlichen Ausdruͤcken, daß ſich ein ehrliebendes Hertz recht ſchaͤmen muß, wenn ſie ihm ſo vorgeruͤckt werden, und wenn ihm hiemit gewieſen wird, welch ein Wuſt in ihm ſtecken muͤſſe. Wenn Sie die Spruͤch - woͤrter Salomonis, (der es endlich auch erfah - ren, was auf Wohlluͤſte er folge,) mit geneigtem u. demuͤthigen Hertzen durchleſen, und das Buch Sirachs mit dabey nachſchlagen: ſo werden ſie ſolcher vaͤterlichen Warnungen und Vorſtellun - gen ſelbſt noch mehr als zwanzigerley antreffen. Wenn nun ein Menſch von ſeinem Schoͤpfer vor einer ſolchen Gefahr und Noth ſo vaͤterlich, ſo oft und ſo treulich gewarnet wird; er aber achtet der Warnung nicht: ach! wer will ſich denn ſein erbarmen, wenn er derſelben Ausgang auch mit groͤſter Pein erfahren muß?

5) An-merckung.
6

V.

Wenn dieſe Gruͤnde alle noch nicht hin - laͤnglich waͤren, Sie zu uͤberzeugen, daß GOtt alle heimliche Unzucht und Schande aufs hoͤchſte verabſcheue und haſſe: ſo ſage Jhnen noch dazu nach der Wahrheit, es ſey kein einiges La -ſter233der Unreinigkeit. ſter in der Welt, welches GOtt noch in dieſer Zeit mit ſo erſtaunenswuͤrdigen Gerichten heimgeſuchet, und auch deren Exempel aufſchreiben laſſen, als dieſes; und es ſey kein Laſter in der Welt, wel - ches ſo oft und mit ſo gar beſonderem Nachdruck zum ewigen Feuer laͤngſt ver - urtheilet worden iſt, als eben dieſes.

[α]) Wie der eifrige GOtt dieſe Suͤndeα) Jn dieſer Zeit ver - uͤbte Ge - richte. noch in dieſer Zeit aufs haͤrteſte beſtraf - fet habe, davon finde ich in ſeinem heili - gen Worte uͤber funfzig Exempel, deren ei - nige viele tauſend andere in ſich faſſen. Jch will aber ihrer nur vier erzehlen.

Es iſt weltkuͤndig, und wird ſo gar von vie -1) Sodom. len heidniſchen Auctoribus, als Iuſtino, Pauſa - nia, Plinio, Tacito erwehnet, was A. M. 2047. und alſo noch uͤber 1900. Jahr vor Chriſti Ge - burt in dem gelobten Lande und der Gegend der 5. Staͤdte, Sodom, Gomorrha, Adama und Zeboim, wie auch der kleinen Zoar ge - ſchehen ſey. Dieſes war nach Moſis umſtaͤnd - lichen Bericht, 1 Moſ. c. 18. und 19, die aller - anmuthigſte und fruchtbarſte Gegend im gan - tzen Lande: ſo daß auch Loth ſelber, da er ſich von ſeinem Bruder Abraham getrennet, vor al - len dieſe zu ſeiner Haushaltung erwehlete. C. 13, 10-13. Aber die Leute bemeldter 5. Staͤdte waren gottlos, lieſſen alles in Hoffart und Si - cherheit vollauf ſeyn, (Ezech. 16, 49.) und wa - ren ſonderlich in die Greuel der fleiſchlichen Luͤ - ſte dermaſſen verſtricket, daß ſie es ſchon ohn -P 5ge -234(II. Th.) Theologiſche Betrachtunggeſcheut in gantzen Comploten hauffenweiſe trie - ben. Als nun die zwey Engel, die GOtt aus - druͤcklich zu dem Loth abgeordnet hatte, ihn von da herauszufuͤhren, gekommen waren: ſo kamen ſie in groſſer Anzahl an ſeine Thuͤre heran, und forderten, er moͤchte die zwey Engel, (die ohne Zweifel, als Abgeſandte des allerſchoͤnſten GOt - tes, in ſehr anſehnlicher und lieblicher Geſtalt erſchienen waren,) herausgeben, damit ſie ſie er - kennen, oder Schande mit ihnen treiben moͤch - ten. Wie es dieſen Boͤſewichtern gegangen, das wollen Sie ja ſelbſten mit guter Ueberle - gung in angezeigten 2. Capiteln leſen; woſelbſt ſie vielerley Wunderproben, beydes von goͤttli - chem Erbarmen, als auch von ſeinem feuerbren - nenden Zorn antreffen werden. Der HErr, der hochgelobte Sohn GOttes, ließ Schweffel, Saltz und Feuer regnen, von dem Jehovah, ſeinem ewigen Vater, auf dieſe Staͤdte, und kehrete ſie um: dis gantze Revier und alle Einwohner der Staͤdte, und was auf dem Lande gewachſen war; dergeſtalt, daß die gantze Gegend, bey die 8. teutſche Meilen lang und 2. Meilen breit, in die Erde verſuncken und mit den Gewaͤſſern des Jordans bedeckt worden, damit ſie von dem An - geſicht des HErrn weggethan, und in die Tieffe verſchlungen wuͤrde.

Dieſes Monument oder Denckmahl geſtraf - ter Wohlluͤſte iſt ſo wichtig, merckwuͤrdig, und vor aller Welt Augen ſo offenbar, daß man er - ſtaunen muß. Sie ſind entſetzlich untergangen, und ihr Name und Gedaͤchtniß iſt noch ietzo un -ter235der Unreinigkeit. ter ewigem Fluch. Bis auf den heutigen Tag iſt dieſe groſſe und ſtinckende See da, unter dem Namen des Saltz-oder todten Meers, insge - mein bey den Geographis Lacus Asphaltites, das iſt, das Pechmeer genennt, 7. Meilen von dem itzigen Jeruſalem weg entlegen; und ſo voller aus Schwefel und Pech vermiſchten Unflaths, daß das Waſſer davon gantz dicke und ſchwartz iſt. Es kann vom Winde nicht rege gemacht, noch herumgetrieben werden; kein Fiſch iſt darin anzutreffen; und kein einiger Vogel ma - chet ſich da hinzu, ſein Neſt auf dem Waſſer, oder am Ufer, wie ſie ſonſt pflegen, zu machen; und wenn irgend was Lebendiges hinein fiele, wenns auch Cameele, Ochſen, und dergleichen waͤren, ſo ſinckt es nicht unter; ſondern nach - dem es erſt von dem ſchweren Dampf erſticket, mithin von dieſem ſtinckenden Wuſt und Waſ - ſer angefuͤllet worden: ſo ſinckt es erſt alsdenn zu Boden, welches in andern Gewaͤſſern juſt um - gekehrt geſchiehet. Tacitus Hiſt. V, 6. num. 5. ſa - get Es iſt eine entſetzlich groſſe See, nach Art eines Meeres, aber von einem ſtinckend faulen Geſchmack; deſſen ſchwerdaͤmpfender Geruch den nahe herumwohnenden ſchaͤdlich und an - ſteckend iſt. Sie wird durch keinen Wind in Wellen und Bewegung geſetzt, leidet auch kei - ne Fiſche, noch auf Waſſern niſtende Voͤgel und c. 7. erzehlet er, wie auch ſo gar das Land rings herum gantz verſenget ſey und alle Frucht - barkeit verloren habe: was auch rings herum aufwaͤchſt, ſey ungeſchmack, ungerathen, undzer -236(II. Th.) Theologiſche Betrachtungzerfalle endlich zu lauter Aſchen; davon die be - kanten Sodomsaͤpfel Zeugniß geben, die von auſſen zwar ſehr anmuthig und lieblich ausſe - hen, aber inwendig nur herbe und ſchaͤdliche Koͤrner tragen; welche, ſo bald der Apfel reiff worden, zu Aſche werden, und bey deſſelben Er - oͤffnung wie ein ſchwartzer Staub herausfahren. Es iſt dis um deſto mehr zu bewundern, weil die See rings herum mit Bergen umgeben iſt, und etliche groſſe Fluͤſſe, als der Jordan, Arnon, Di - bon, Jared und andere in denſelben beſtaͤndig hineinfallen, und doch nicht vermoͤgend ſind, ſein Waſſer, welches des Tages uͤber, nach verſchie - denem Stand der Sonne, ſeine Farbe dreymal veraͤndert, zu verbeſſern, oder dieſes oͤffentliche Atteſtat der Gerechtigkeit und Heiligkeit GOt - tes zu vernichten.

Ach! ſolte das nicht ein menſchliches Hertz, wenn es nicht auch ſchon, wie der Heiden ihres, Roͤm. 1. fuͤhllos worden waͤre, bewegen koͤnnen, ſich vor dieſem erſchrecklichen GOtt zu fuͤrchten? Jſts uns doch ſo gar in der Epiſt. Judaͤ v. 7. 8. ſqq. ſchriftlich gegeben, daß dieſe Gottloſen noch ietzo in der hoͤlliſchen Glut brennen: da es, (wie ichs Jhnen mit Fleiß nach dem Griechiſchen herſetzen will,) unter andern heiſſet: Denn eben alſo, wie Sodoma und Gomorrha, und die umliegende Staͤdte, (die gleicher - weiſe wie dieſe ietzigen Unflaͤter v. 12. aus - gehuret haben, und nach einem andern Fleiſch gegangen ſind,) zum Exempel ge - ſetzet ſind, und leiden noch ietzo (nun ſchonuͤber237der Unreinigkeit. uͤber 3600. Jahre) des ewigen Feuers Pein: eben alſo ſind auch dieſe Traͤumer und Eingeſchlaffene, die das Fleiſch beflecken, die Herrlichkeit des allerhoͤchſten GOt - tes nichts achten, und ſeine Majeſtaͤten oder unendliche und anbetungswuͤrdi - ge Eigenſchaften laͤſtern ꝛc. Laͤſtern da ſie nichts von wiſſen; was ſie aber na - tuͤrlich erkennen, (wenigſtens erkennen koͤn - ten,) wie die unvernuͤnftigen Thiere (es doch noch eꝛkennen), darin verderben ſie. We - he ihnen! denn ſie fallen in den Jrrthum des Balaams (davon bald ein mehrers): die - ſe Unflaͤther ſind Wolcken ohne Waſſer, (haben oft einen Schein des Chriſtenthums, wie - wol ordentlich das allerſchlimmſte davon, nem - lich eine ſtetswaͤhrende Gewiſſensangſt, ſo bey ei - nem wahren Chriſtenthum nimmermehr ſeyn ſoll noch kann), von den Winden herum - getrieben (und von den Luͤſten bald hie bald dorthin geworfen), ſind Baͤume, ſo eine ſpaͤ - te Frucht bringen wollen, (welche wegen hereinbrechender Kaͤlte nicht zur Reiffe kommen kann, ſondern erſterben muß; Baͤume) die gantz ohne Frucht zweymal erſtorben, und mit den Wurtzeln herausgeriſſen ſind, aus dem Weinſtock JEſu Chriſto und ſeiner Ge - meinſchaft. Sie ſind wilde Wellen des Meeres (Jeſ. 57, 20. 21. ) die ihre eigene Schande ausſchaͤumen; irrende Sterne, (die doch gleichwol was wichtiges wiſſen, gelten und bedeuten wollen,) fuͤr welche die aller -dun -238(II. Th.) Theologiſche Betrachtungdunckelſte Finſterniß aufbehalten iſt in Ewigkeit. Siehe! der HErr kommt mit viel tauſenden ſeiner Heiligen; das Gericht zu exequiren uͤber alle, und vol - lends zu beſtraffen alle Gottloſen, um ihres gottloſen Wandels willen, damit ſie gottlos geweſen ſind; und um aller der harten Dinge willen (der Praͤtenſionen, der Beſchuldigungen, der Grobheit wegen), wel - che ſie wider ihn geredet haben, (die gott - loſen Suͤnder). Das ſind die rechten Mur - renden, (Muckers) haben immerdar zu klagen, bald uͤber ihrem Verhaͤngniß, bald uͤber die, ſo ihnen GOtt zu Hirten und Lehrern vor - geſetzt, bald uͤber die genaue Strenge des Chri - ſtenthums, bald uͤber die allzugroſſe Haͤrte der Gerechtigkeit GOttes, und deſſelben ungleich ge - hende Providentz; Leute, denen es niemand, auch GOtt ſelber nicht nach Willen machen kann, welche nach ihren Luͤſten wandeln ꝛc. die Spoͤtter, von denen die Apoſtel un - ſers HErrn JEſu Chriſti geſagt haben, daß ſie zu der letzten Zeit kommen wuͤr - den, die nach ihren eigenen Luͤſten des gottloſen Weſens wandeln. Dieſe ſind es, die da Rotten machen, Fleiſchliche, die da keinen Geiſt haben ꝛc. Ach! lieb - ſter Freund! ob man denn etwas deutlicher und eigentlicher beſchreiben koͤnnte, als ſolcher Boͤſe - wichter ihren Zuſtand, die den Greueln der So - domiten nachgehen, und mit ihnen in gleiche hoͤlliſche Gluth geworfen werden muͤſſen? Ach! be -239der Unreinigkeit. beſinnen Sie ſich doch der Worte des Allerhoͤch - ſten, die er einſt Amos 4, 11. 12. zu ſeinem Jſ - rael geſaget hat; da er ihnen vorruͤcken muſte, ſie haͤtten ſich ſo gar nicht einmal durch das Ex - empel der Sodomiten, und durch gleiche Straf - fen zu andern Gedancken bringen laſſen wollen. Daher er endlich ſprach: Darum will ich dir weiter alſo thun Jſrael! (ich will noch eine andere Proceßordnung und Methode mit dir verſuchen.) Weil ich denn dir alſo thun will, ſo ſchicke dich Jſrael, und begegne deinem GOtt.

Es kann Jhnen auch nicht unbekant ſeyn,2) Jſrael. (um deſtomehr, weil im alten und neuen Teſta - ment ſo oft darauf gewieſen wird, und es auch Moſes, 4 Moſ. 22. bis 26. und Cap. 31. weit - laͤuftig beſchrieben,) was ums Jahr der Welt 2584. als die Jſraeliten die 41te oder letzte Station in der Wuͤſten nun bereits nahe am Jordan auf den Moa - bitiſchen Feldern gehalten, unter ihnen vorgegangen. Als nemlich Balak, der Moa - biter Koͤnig, uͤber der Ankunft des Volckes Jſrael erſchrocken war, und es auch nicht wagen wolte, ſie mit gewaffneter Hand zuruͤck zu treiben: ſo hat er den Bileam, der wol damals ein wahrer Prophet und Knecht GOttes ſeyn mochte, mit ſehr anſehnlichen Praͤſenten, und oft wiederhol - ter Geſandtſchaft dazu zu bereden geſucht, er moͤchte ihm dis Volck im Namen des HErrn verfluchen. Da aber der HErr dem Bileam auf keinerley Weiſe ſolches zu thun erlaubenwol -240(II. Th.) Theologiſche Betrachtungwolte; dieſer aber bereits ſein Hertz an die koͤſt - liche Geſchencke gehenget hatte: ſo wolte er nicht gerne gantz und gar ohne Recompens vom Ba - lack wieder zuruͤck kehren; gab ihm alſo den Rath, C. 31, 16. er moͤchte nur Gelegenheit machen, daß die Midianiter-und Moabiterwei - ber in das Lager der Jſraeliten kommen duͤrften. Dis wuͤrde ſie zur Unzucht, Hurerey, und als - denn auch zur Abgoͤtterey reitzen, und alſo den Grimm des HErrn uͤber ſie bringen. Der Rath ging leider gar wohl an; aber der Zorn des HErrn ergrimmete dermaſſen uͤber Jſrael, daß er nicht nur alſofort Moſi Ordre gab, alle Fuͤrſten und Oberſten des Vol - ckes, die ſich zu ſolcher Schande haben verfuͤhren laſſen, aufzuhengen, und auf andere Weiſe eilfertig hinzurichten: ſon - dern er ließ auch alsbald ein ſo ploͤtzliches Ster - ben unter das Volck kommen, daß ihrer flugs 23000. hinfielen; und wuͤrde die Plage ohne Zweifel noch viel heftiger und weiter ge - gangen ſeyn, wofern Moſes mit der Execution und Lebensſtraffe der Schuldigen nicht ſo geei - let haͤtte. Ueber dieſes hat GOtt noch alſobald Moſi geboten, er ſolte dieſe Bosheit und Liſt der Midianiter an ihnen raͤchen, welches er nach etlichen Tagen nochmals wiederholet, und ihm ausdruͤcklich damit zu eilen befohlen, damit er gleich darauf, weil der Termin ſeines eigenen To - desurtheils ohndem ſchon ankam, ſterben koͤnte. Sie koͤnnen es im 4 B. Moſ. 31. ſelbſt leſen, mit welcher Zuruͤſtung und gerichtlichen Um -ſtaͤn -241der Unreinigkeit. ſtaͤnden dieſer Befehl des Allerhoͤchſten ausge - fuͤhret worden. Hoffentlich werden Sie daraus handgreiflich ſehen, daß Unzucht und fleiſchliche Luͤſte nicht nur zu allen andern Suͤnden Thuͤr und Thor oͤfnen; ſondern auch vor GOttes Au - gen hoͤchſt verhaßt ſeyn muͤſſen: denn der guͤti - ge GOtt wird ja warlich um geringer Dinge willen nicht 24000. Menſchen in ſolcher Eil, und ohne ihnen eine Zeitlang zur Zubereitung zum Tode zu verſtatten, hinrichten laſſen.

[γ]) Eine ſolche erſchreckliche Schand -3) Gibea. that geſchahe auch noch zur Zeit der Richter im Stamme Benjamin, daſelbſt in der Stadt Gibea, (wo eine hohe Schule geweſen, und nachgehends Saul ſeine Reſidentz hin verlegt,) die mit der Sodomiter ihren Greueln gleiches Werthes war. Es rei - ſete ein Levite mit ſeinem Weibe da vorbey; und weil es Abend worden war, iſt er daſelbſt ein - gekehret, und von einem ehrlichen und guten Mann ins Haus genommen worden. Da ka - men aber die Leute dieſer Stadt, boͤſe Buben, die ſich in den Schandthaten der Sodomiter auch ſchon gantz verſtricket hatten; umgaben das Haus, pochten an die Thuͤr, und forderten von dem alten Manne, er moͤchte ihnen den Fremdling, der bey ihm eingekehret war, flugs ausliefern, daß ſie ihn erkenneten ꝛc. Sie wer - den aus dem Buch der Richter im 19, 20. 21. mit Erſtaunen ſehen, was darauf erfolget, und was dis fuͤr eine erſchreckliche Macht der Luſt - ſeuche ſeyn muͤſſe, wo ſie einmal eingewurtzelt. II. Th. Betr. der Unreinigk. QWie242(II. Th.) Theologiſche BetrachtungWie viel ſie vor dem heiligen GOtt gelte, er - meſſen Sie daraus, daß um deswillen in der dar - aus entſtandenen Unruhe, die GOtt gerichtlich, und mit ſehr ſonderlichen Umſtaͤnden zugelaſſen, von Jſrael bis funfzig tauſend Mann gefallen ſind; von Benjamin aber bey die fuͤnf und zwan - zig tauſend und ein hundert Mann, immaſſen der gantze Stamm bis auf 600. Mann voͤllig iſt ausgerottet worden. Jn Wahrheit, Sie muͤ - ſten dencken, daß es bey dem lieben GOtt eben ſo wenig zu ſagen hat, wenn er uͤber die fuͤnf und ſiebenzig tauſend Menſchen, groͤſten theils in Unbußfertigkeit verderben und auf ewig hin - richten laͤſſet: als wenig wir uns daraus ma - chen, wenn wir etliche tauſend Fliegen oder an - der ſchaͤdliches Geſchmeiſſe umbringen: wofern Sie daraus nicht ſchlieſſen wolten, die Schande und alle Unzucht muͤſſe gleichwol vor dem aller - heiligſten GOtt ein gantz unertraͤgliches Laſter ſeyn. GOtt iſt ja kein Tyrann, wie es der Menſch iſt; ſondern er erbarmet ſich aller ſeiner Wer - cke. O ja! du ſchoneſt aller, denn ſie ſind dein, HErr! du Liebhaber des Lebens. Weish. 2, 27.

4) Salo - mo.
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[δ]) Endlich iſt wol kein Exempel in der heiligen Schrift, das ſo gar erſtau - nenswerth waͤre, als das Exempel Sa - lomonis: man mag nun entweder die ſchreckliche Gewalt der Fleiſchesluͤſte, oder auch den Zorn des lebendigen GOt - tes uͤber dieſelben betrachten. Sie leſen nur zu allererſt 1 B. der Koͤn. 3. und C. 4, 20. ſqq. und ſonderlich Cap. 8. ſo auch 1 Chron. 29.243der Unreinigkeit. 29. 2 Chron. 1. ſonderlich Cap. 6. und 7. da - mit ſie daraus erſehen, mit welcher zaͤrtlichen Liebe der Allerhoͤchſte dieſem jungen Koͤnige zu - gethan war! ſo gar, daß er ihn Jedidjah, den Geliebten oder Favoriten GOttes durch den Propheten Nathan hat nennen laſſen; Sie werden mercken, daß nie kein Menſch in der Welt von ſo einer tieffen Weisheit und weitlaͤuf - tigen Gelehrſamkeit, beſonders in der Natur - wiſſenſchaft geweſen, als er. Seine Herrlichkeit und unſaͤgliche Reichthuͤmer hatten ihres glei - chen nicht; und GOtt hatte ihm an Natur - und Gnadenguͤtern ſolche Vorzuͤge gegeben, als ſonſt nie keinem, weil er in ehrerbietiger Devotion vor allem andern nur um die Weisheit und um ein gehorſames Hertz gebeten, damit er koͤnne GOtt gehorchen, und ſein Volck regieren.

Allein im 10. und 11. Cap. des erſten Buchs der Koͤnige werden Sie wahrnehmen, in welch eine unbegreifliche Veraͤnderung ſein Ge - muͤth, ſeine Weißheit, ſeine Ergebenheit gegen GOtt, und alſo auch ſeine Hofſtatt und gantze Lebensart durch die Wohlluͤſte gerathen iſt. Weil ſeine Weisheit und Magnificentz durch die da - mals von ihm in groſſen Flor gebrachte Hand - lung und Commercia weit und breit bekant wor - den, und alle auswaͤrtige Fuͤrſten um deſto mehr in Verwunderung ſetzte, da er noch ſo ein junger Herr war: ſo ſind ſehr viele Standesperſonen, beſonders auch viel auslaͤndiſches Frauenzim - mer hingereiſet, ſeine Bekantſchaft zu ſuchen, und den Pracht anzuſehen. Da nun die mei -Q 2ſten244(II. Th.) Theologiſche Betrachtungſten durch ſeine ausnehmende Schoͤnheit, groſſe Herrlichkeit, ungemeine Weisheit, und den ſo ordentlich eingerichteten Juͤdiſchen Gottesdienſt eingenommen worden: ſo ſuchten ſie ſeine Ge - wogenheit anfangs nur in ſo weit zu gewinnen, daß er ſie um der Converſation willen bey Ho - fe bleiben ließ. Hierdurch kam alſo in kurtzer Zeit ein ſehr zahlreiches Gynæceum von Hof - und Staatsdamen zuſammen. Er hatte hat 6. auswaͤrtige Printzeßinnen; nemlich eine Egypti - ſche, eine Moabitiſche, eine Ammonitiſche, eine aus Edom, eine aus Sidon, und eine Hitthaͤe - rin, wiewol zu verſchiedener Zeit, und nicht oh - ne groſſes Mißfallen GOttes, zu ſeinen Gemah - linnen genommen, nachdem er von ſeinem recht - ſchaffenen Weſen bereits war abgegangen. Die - ſe bekanten ſich Zweifels ohne anfangs alle zur Jſraelitiſchen Religion: aber nachhero haben ſie den Salomo durch vielfaͤltiges Bitten und Vor - ſtellen endlich zu einer der groͤſten Thorheiten beredet, daß er einer ieden zu gefallen eine Ca - pelle auf gewiſſen Hoͤhen bauen ließ, damit ſie neben der Juͤdiſchen Religion ihren Gottesdienſt darin verrichten koͤnten. Sie konten es nun leichte dahin bringen, weil der arme Koͤnig ſo wohl durch ihre Liebe, als durch den taͤglichen Umgang mit ſeinen uͤbrigen Hofdames gantz ge - fangen war, und dabey der Liebe des Al - lerhoͤchſten nothwendig vergeſſen muſte.

So hat ein exemplariſch frommer Koͤnig, dem ſonſten an Weisheit und Verſtande nie - mand gleich gekommen, ſich durch fleiſchliche Luͤ -ſte,245der Unreinigkeit. ſte, und die thoͤrichte Weiberliebe auf das ſo un - verſtaͤndige als unbillige principium verleiten laſſen: der wahre Gottesdienſt koͤnne endlich mit ſolchen Nebencapellen des Teufels beſtehen. Sein Exempel hat hiemit dargethan, es koͤnne niemand ſo klug, ſo gelehrt, ſo großmuͤ - thig und ſo vornehm werden, daß er nicht durch Wohlluͤſte, wenn er ſich ih - nen ergiebt, blind werden koͤnne u. muͤſſe.

Er iſt aber in ſeinen fleiſchlichen Begierden und einer recht oͤffentlichen Liebe der Ei - telkeit durch GOttes gerechte Zulaſſung, (nachdem er ihn einmal verlaſſen und von ihm wieder verlaſſen worden, Hoſ. 9, 12.) ſo weit gegangen, daß ſich auch die blin - den Heiden, die es vernahmen, druͤber wundern muſten. Denn er hatte bey ſeiner Hofſtatt Frauenzimmer von zweyerley Range, nemlich 700. vornehme Hofdames, (darunter wol viele von ſeinen Schwaͤgerinnen und Verwandten wer - den geweſen ſeyn,) die er, an ſtatt ihnen andere Gnaden - oder Taffelgelder zu geben, lieber ſelbſt bey ſich verſorgete; und 300. anderes geringeres Frauenzimmer, welches etwa zur Bedienung ſeiner 6. Gemahlinnen ꝛc. mag beſtellet geweſen ſeyn. 1 Koͤn. 2, 1. 2. 3. 4. ſqq. Gewiß, ein ſo zahlreiches Gynæceum, dergleichen auch von den wohlluͤſtigſten Koͤnigen in der Welt nie er - hoͤret worden iſt.

Was meinen Sie, mein geliebter Freund, wie ſchrecklich muß der Grimm des Hoͤchſten uͤber dieſem Koͤnige entbrennet worden ſeyn, daß erQ 3ihn246(II. Th.) Theologiſche Betrachtungihn in ſeinen Sinn ſo dahin gegeben hat, durch Trieb und Veranlaſſung ſeiner Wohlluͤſte ſo gar weibiſch zu werden, und ſein gefange - nes und verwirrtes Gemuͤth vor aller Welt ſo oͤffentlich bloß zu geben, daß es auch bey allen Heiden zum Hohn und Spott gediehen iſt? Denn wer nur davon hoͤrete, muſte ſich entſetzen; weil es nicht zu be - greiffen iſt, wie ein ſo weltberuͤhmter Monarch durch die Luͤſte ſo gar hat uͤbermocht werden, und ſeine gantze Hoheit, Weisheit, erlangten Ruhm und alles aufs hoͤchſte proſtituiren koͤn - nen; durch Dinge, die vor einen vernuͤnftigen Menſchen, wenn er auch ein gemeiner Mann waͤre, durchaus disreputirlich ſind.

Nun dis war Gerichts und Straffe genug: Aber GOtt hat die Gerichte auch vor andern Menſchen greiflicher machen muͤſſen; um deſto mehr, weil er ihm zweymal erſchienen war, und ihn alſo ſeines vertraulicheren Umgangs und Gemeinſchaft gewuͤrdiget hatte, wie ers ihm v. 9. vor Augen ſtellet. Er hat nicht nur 3. Rebel - len auf einmal wider ihn erreget, die ſeinen Na - men Salomo oder Friederich, (auf welchen doch GOtt in ſeiner Verheiſſung ſonderlich mit geſe - hen hatte,) zu ſchanden machen muſten; ſondern kuͤndigte ihm auch bald an, das Reich ſolte von ihm genommen werden: wiewol erſt nach ſeinem Tode, um ſeines Vaters Davids willen, welcher es von gantzem Hertzen mit GOtt gehalten hat - te. Ohne Zweifel wuͤrde GOtt auch in den aͤuſſerlichen Gerichten viel ploͤtzlicher und vielwei -247der Unreinigkeit. weiter gegangen ſeyn, (wie er es gleichwol her - nach mit deſſelben Sohn Rehabeam machte,) wo nicht der vaͤterliche Segen Davids nach 2 Moſ. 20, 6. im Wege geſtanden waͤre; und noch da - zu die theure Verheiſſung, die er ſelbigem gethan hatte; (conf. 2 Sam. 7, 12. 16. ) wie imglei - chen dieſes, daß Salomo ein Vorbild unſers HErrn JEſu ſeyn ſolte, auch noch zugleich die Familie durch ihn muſte fortgepflantzet werden, aus welcher Chriſtus wolte geboren werden. Si - rach redet dieſen Koͤnig C. 47, 21-25. alſo an: Dein Hertz hing ſich an die Weiber, und lieſſeſt dich ſie bethoͤren, und hingeſt dei - ner Ehre einen Schandfleck an: und machteſt, daß deine Kinder verworfen ſeyn muſten, und der Zorn uͤber deine Nachkommen ging, zur Straffe deiner Thorheit. Da das Koͤnigreich zerthei - let ward, und in Ephraim ein abgoͤttiſch Koͤnigreich entſtund. Aber der HErr wendete ſich nicht von ſeiner Barmher - tzigkeit, und aͤnderte nicht ſein verheiſſen Werck, und vertilgete nicht gar ſeines Auserwehlten (Davids) Nachkommen, und thaͤt nicht weg den Samen ſeines Liebhabers; ſondern behielt noch etwas uͤber, aus dem Volck Jacob, und eine Wurzel von David. Daher hat ihn die erbarmende Liebe GOttes, die ihm durch viele Truͤbſalen und Gewiſſensſchlaͤge ſo lange nach - gegangen, doch endlich wieder gefunden: daß er ſich im Alter von Hertzensgrunde zu GOtt be -Q 4keh -248(II. Th.) Theologiſche Betrachtungkehret, und die Sprichwoͤrter, wie auch den Prediger aufgeſetzet, darin er ſonderlich C. 2, 4. 5. 7, 8. ſeine vorige Thorheit wieder vor allen Menſchen erzehlet, und v. 11. den Schluß macht, dis alles ſey eitel Jammer und Eitelkeit geweſen.

[β]) Ewige Straffen GOttes.
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Stehet nun die Sache der wohlluͤſtigen Men - ſchen in Anſehung der zeitlichen Gerichte ſo: ge - wiß, ſo wird es nicht unnoͤthig ſeyn zu fragen: wie es denn am juͤngſten Gerichte damit gehen werde? Jch ſolte nicht dencken, daß iemand unter den unzuͤchtigen Menſchen meinen koͤnn - te, er werde bey dieſer allerhoͤchſten Jnquiſition nicht vortreten duͤrfen: denn er iſt ja laͤngſt da - hin citiret. Wird GOtt die Hurer und Ehe - brecher richten: Hebr. 13, 4. Vor weſſen Gerichte wird er denn erſcheinen wollen? denn er gehoͤret ja in dieſe Bande.

Es iſt ſo gar von den Heiden oͤffentlich an - geſagt, daß alle, die unter ihnen gewandelt ha - ben nach heidniſchen Willen, in Unzucht, Luͤſten, Trunckenheit, Freſſerey, Saufferey und greuli - chen Abgoͤttereyen, werden muͤſſen Rechenſchaft geben, dem, der ſchon bereit iſt zu richten die Lebendigen und die Todten, nach ſeinen Rechten, 1 Petr. 4, 3. 4. 5. Sollen nun die Heiden, die auſſer dem dunckeln Schimmerlichte der Natur nichts hatten, woran ſie ſich hielten, (und des - wegen nur durchs Geſetz der Natur werden ver - urtheilt werden, Rom. 2, 12.) von der Unzucht Rechenſchaft geben: ich bitte! weſſen habenſich249der Unreinigkeit. ſich denn die Chriſten zu verſehen, die beyderley Geſetze, der Natur und des Evangelii uͤbertreten; und mit Verach - tung ſo groſſen Lichts, ſo vieler Beweg - urſachen, ſo ofte wiederholter Bitten und Vermahnungen, und ſo vieler Huͤlfs - mittel, die ſie zur Reinigung hatten, den Luͤſten nachgegangen?

Es iſt uns allen ſehr deutlich geſagt, daß wir alle offenbar werden muͤſſen vor dem Richterſtuhl Chriſti, auf daß ein ieglicher empfahe an ſeinem Leibe (oder dasjenige, was ſeinem Leibe zukommen wird, nemlich die Straffe, die er ſich erarbeitet hat durch Suͤnden an ſeinem Leibe,) was er gearbei - tet oder verdienet hat, es ſey gut oder boͤſes, 2 Cor. 5, 10. Wird hie ſo eigentlich auf den Leib geſehen: o wie wirds doch denen gehen, welche dieienige Suͤnde, ſo in beſonderem Ver - ſtande die Suͤnde des Leibes heiſſet, ge - trieben haben, wenn ſie hier mit beflecktem Leib und Seele werden erſcheinen muͤſ - ſen?

GOtt hat auch dieſes ausdruͤcklich vermel - den laſſen, Eph. 5, 11. 12. daß die unreinen Haͤndel Wercke der Finſterniß ſind, und Sachen, die nur heimlich geſchehen; er hat auch Jeſ. 29, 15. 16. das Wehe uͤber ſol - che ausgeruffen, die verborgen ſeyn wollen vor dem HErrn, und die ihr Thun im Finſtern halten; ja ſo gar hat ers ihnen daſelbſt ausdruͤcklich und handgreiflich zu allem Uberfluß erwieſen, daßQ 5ſie250(II. Th.) Theologiſche Betrachtungſie ſehr unvernuͤnftig und gegen ſich ſelbſt un - billig daran thaͤten. Jſt nun GOtt gehalten, als ein Richter der Welt, die Suͤnden zu ſtraf - fen; ſo muß er gewiß wieder die heimlichen am ſchaͤrfſten verfahren, weil ſolche erſt durch das Licht des groſſen Gerichts ans Licht kommen und bekant werden muͤſſen. GOtt muß dieſe heim - liche und den Menſchen unbekante Suͤnden viel gewiſſer und weit haͤrter ſtraffen: weil die, ſo ſie begehen, ohnerachtet ſie durchaus ſchuldig, fuͤr unſchuldig dahin gehen; und geſchiehet ihnen auf der Welt vor menſchlichen Augen und Wahn nichts dafuͤr: da hingegen andere, die ihr Ver - brechen nicht haben verbergen koͤnnen oder wol - len, ſondern es redlich geſtanden, in dieſer Welt etwa ihre Schande und Straffe erduldet haben. O wie manche wird man an jenem Tage wegen ihres aͤuſſerlich gefuͤhrten ehrbaren Wandels unter den Seligen ſuchen; aber vergebens! Denn man wird erfahren, daß ſie wegen heim - lich gehaltener Unreinigkeit vom Himmel aus - geſchloſſen ſind!

Ueberhaupt ſind alle, die da heimlich ge - ſuͤndiget, in einem weit gefaͤhrlicheren Zu - ſtande, als die, deren Fehler an den Tag kommen: weil dieſe leichter vom Fall aufſtehen, und ihres boͤſen Gewiſſens los wer - den koͤnnen, als iene, die durch Verborgenheit, oder Verhelung ihrer Suͤnden verſtocket wer - den, und ohne ſie zu erkennen, dahin ſterben. Wenn ſie nun ſo dahin fahren, an welchen Ort der Quaal werden ſie denn gerathen muͤſſen?

Wenn251der Unreinigkeit.

Wenn unſer Erloͤſer Marc. 9, 43-48. von der Keuſchheit redet, ſo ſpricht er, es ſey aller - dings beſſer, ſeinen Leib zu toͤdten, und ſeine Glieder zu verlieren, folglich ſich der angenehm - ſten und nothwendigſten Dinge zu entſchlagen, als in die Hoͤlle geworfen werden, da ihr Wurm nicht ſtirbet, und ihr Feuer nicht verloͤſchet. Ach! wer ſolte nicht alles er - ſinnliche thun, dieſem Feuer zu entflie - hen?

So hat eben unſer Heiland und Richter den Verzagten, und Unglaͤubigen, und Greu - lichen, und Todtſchlaͤgern, Hurern und Zaͤuberern, und Abgoͤttiſchen, und allen Luͤgnern ihren Theil bereits zum vor - aus adjudiciret und angewieſen, Offenb. 21, 8. in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennet, welches iſt der an - dere Tod. Wie erſchrecklich, und von wel - cher peinlichen Schaͤrfe muß denn wol die Quaal der Unzuͤchtigen in der Hoͤlle ſeyn, wenn ſie der ewige Sohn der Liebe, und der wahrhaftige Zeuge mit ſo ausnehmenden Worten beſchrei - bet! Wir koͤnnen es ſchon greiflich genug aus der Heftigkeit der zeitlichen oben erzehlten Gerichte ſchlieſſen. Denn, ſind Heiden mit Flammen und Feuer verzehret, und GOtt ſoll doch richten mit Billigkeit, und nach der Groͤſſe der Laſter: was wird dann an den Chriſten ge - ſchehen muͤſſen, die durchs Evangelium erleuch - tet werden; Chriſti Lehre und Exempel vor ſich ha - ben; von der Sache unterrichtet und uͤberfuͤh -ret252(II. Th.) Theologiſche Betrachtungret ſind; und denen es an Mitteln im gering - ſten nicht fehlen darf, in heiliger Reinigkeit zu leben?

Jſt denn die Unreinigkeit nicht |viel ſtraͤfli - cher an einem Chriſten, als die Unzucht an einem in der Finſterniß der Abgoͤtterey gantz verſuncke - nen Heiden? Unreinigkeit begehen in der Gemeine Chriſti iſt was aͤrgeres, als die Greuel, die zu Sodom vorgegangen. Da - her macht auch Chriſtus den Unterſcheid ſorg - faͤltig und genau, Matth. 11, 20-24. indem er feſte ſetzet: daß die ſo ſich nicht gebeſſert, am juͤngſten Gericht viel ſchaͤrfer werden geſtraffet werden, als Sodom und Gomorrha. Jſt denn daraus nicht ſonnenklar, daß die unkeuſchen Chriſten, und die ſo aus heimlichen Wohlluͤſten ein Handwerck gemacht, eine weit ſtrengere Pein werden leiden muͤſſen, als die allerfreche - ſten und ſtraͤflichſten Heiden?

O mit welcher Verzweifelung werden Sie alsdenn ringen, und mit welcher Verbitterung werden ſie erſt alsdenn uͤber ſich ſelber entbren - net ſeyn, daß ſie die garſtigen und unflaͤtigen Wohlluͤſte hoͤher geachtet, als die ewige Selig - keit, deren ſie ſich nun auf ewig und immerdar beraubet ſehen! O wie wird ſie das nagen und freſſen, daß ihr Theil nun mit dem Teu - fel und ſeinen Engeln iſt; und daß ſie gleiche Pein leiden muͤſſen mit dem, der ausdruͤcklich der unreine Geiſt heiſſet, und dem ſie als Scla - ven in gleicher Unreinigkeit gedienet! O in welch einem ewigen Schimpf und Schande vor GOttund253der Unreinigkeit. und Menſchen muͤſſen ſie ſich quaͤlen, wenn als - denn alle ihre heimliche Dinge ans Licht kom - men werden, vor deren Offenbahrung ſie ſich hie ſo entſetzlich gefuͤrchtet! 1 Cor. 4, 5. Pred. Sal. 12, 14. wenn ſo wohl ihre Greuel und Uebelthaten, nach ihrer Zahl und Groͤſſe, als auch die Zahl, Menge und Haͤrte ihrer Straf - fen den Engeln und Menſchen kund gemacht werden wird, damit die Gerechtigkeit GOttes daruͤber verehret werde.

Was meinen Sie, mit welcher Beſtuͤrtzung werden wol die Verdammten in der Hoͤlle Leu - te um ſich ſehen, die ſie ſelber fuͤr fromm ge - halten, und ihr tugendhaftes Weſen geehret? Und wenn die Nachfrage geſchehen wird: wie ſie doch in dieſe Geſellſchaft, und an einen ſolchen Ort gekommen; ſo wird ſichs zeigen, daß ſie heimlichen und ins beſondere den viehiſchen Luͤ - ſten nachgegangen, und im Grunde unzuͤchtig geweſen. Daher ſie ietzo um deſto ſtraͤflicher ſind, weil ſie die Leute betrogen; zu ihrer Gottloſig - keit annoch Heuchler geweſen, und alſo oft viele Jahre hindurch in unausgeſetzten Luͤgen geſte - cket und gelebt, indem ſie unter dem Schein der Froͤmmigkeit ein geiles Hertz verberget, und den ſchaͤndlichen Begierden der Wohlluſt als Scla - ven gedienet.

Was werden Sie doch alsdenn von der vergifteten Anmuth dieſer Luſtbarkeit halten, wenn ſie nun den Lohn ihrer unreinen Flammen in dem ewigen Feuer empfangen werden, undmit254(II. Th.) Theologiſche Betrachtungmit was vor Augen werden Sie ſelbige doch als - denn anſehen? Schon ietzo darf ja nur eine Kranckheit, oder ein heftiger, obwol kurtzwaͤh - render Schmertz kommen: ſo werden Sie ge - gen die Wohlluͤſte dieſes Lebens gantz unempfind - lich, eckelhaft und verdrießlich; daraus ſie ja mercken koͤnten, was fuͤr ein ſchnoͤdes und bald vorbey gehendes Ding ſie ſich zur Luſt gewehlet haben. Ach! ſolten ſie denn nicht als vernuͤnf - tige Menſchen die ewige Schmach und Pein be - dencken, und jenes Foltern gegen dieſe unge - maͤchliche und nur einen Augenblick waͤhrende Ergoͤtzlichkeit halten; damit ſie doch ſehen moͤch - ten, wie viel eines das andere uͤberwiege, und was fuͤr einen ſchrecklichen und ewigen Jammer Sie fuͤr ein wenig ſchaͤndlicher und bitterwerden - der Luſt auf ſich nehmen? Wohlluſt vergehet bald; zum wenigſten wird, wenn der ge - ſchaͤndete verfluchte Leib ſchon vermo - dert, von Wuͤrmern gefreſſen wird, und in Staub und Aſche zerfaͤllt, nichts mehr davon zu genieſſen ſeyn: aber die Pein und Straffe kann nicht vergehen, ſo lange GOtt ein ewiger und wahrhaf - tiger GOtt bleibet.

VI.

6) An - merckung.
6

Die Luſtſeuche iſt eine der aller - maͤchtigſten und hartnaͤckigſten Hin - derniſſe zur wahren Bekehrung: ſo, daß man ſagen muß, wer da zu tief hinein gerathen iſt, iſt in die allerhoͤchſte Ge - fahr der Seelen, in die gewaltſamſtenBan -255der Unreinigkeit. Bande des Satans, in die verwirrteſten Netze der Hoͤllen, und in faſt unuͤber - windliche Schwierigkeiten ſeiner Er - rettung wegen gerathen. Mit ſehr vielen iſts ſo viel, wie gethan, und alles verloren. Daß diejenigen, ſo von dieſem Greuel eingenommen ſind, ſich zu allem Boͤſen verleiten laſſen, alle Schamhaftigkeit verlieren, und in eine ſolche unbegreifliche Boßheit, Thorheit und Laſter ver - fallen koͤnnen, als ſich kein Menſch auf der Welt von der menſchlichen Natur einbilden ſolte, iſt bereits oben mit Exempeln beſtaͤtiget. Ach! daß man dergleichen ſo betruͤbte als erſchreckli - che Exempel in keiner einigen Schule, und un - ter keiner Jugend aufweiſen koͤnnte, die durch die heilige Tauffe ihrem GOtt allen Gehorſam und Treue geſchworen! GOtt ſelber leitet Hoſ. 4, 11. 12. die unvernuͤnftige und ungereimte Ab - goͤtterey ſeines Volcks von den Wohlluͤſten her, und eignet ihnen die Schuld einer ſolchen unge - heuren und boßhaften Thorheit allein zu, da er ſpricht: Mein Volck fraget ſein Holtz, und ſein Stab ſoll ihm predigen; (das ſind kluge Leute! ey woher kommt ihnen doch dieſer wahn - ſinnige Verſtand?) denn der Hurerey Geiſt verfuͤhret ſie, daß ſie endlich ſo gar auch wie - der ihren GOtt Hurerey treiben.

Unſer Heiland aber ſpricht noch viel was mehrers, da er Cap. 5, 3. 4. uͤber eben daſſel - be Volck mit dieſen hoͤchſt bedencklichen Worten Klage fuͤhret: Jch kenne Ephraim wohl, und Jſrael iſt vor mir nicht verborgen:ich256(II. Th.) Theologiſche Betrachtungich weiß es gar wohl, worin der Knoten ſteckt, und was die Bekehrung meines Volcks ſo un - glaublich ſchwer machet, nemlich, daß Ephraim nun eine Hure iſt, und Jſrael iſt unrein. Sie dencken nicht einmal drauf, daß ſie ſich bekehreten zu ihrem GOtt; oder nach dem Hebraͤiſchen: Sie werden nicht einmal ih - re Gedancken dazu hergeben, werden es nicht einmal ihrem Hertzen erlauben, daß es viel dar - an gedencke; ihre Wege, Anſchlaͤge und Auf - fuͤhrung wird es auch gar nicht zulaſſen wollen, daß ſie zu ihrem GOtt wiederkehreten. Ach! Ach! was muß ſie doch ewig zu einer ſo entſetzlich ungerechten Auffuͤhrung gegen ihren Schoͤpffer, und zu ſo einem halsbrechenden Unterfangen ver - moͤgen? Antwort: Denn ſie haben | einen Hurengeiſt in ihrem Hertzen, und kennen GOtt (meinen Vater, ſpricht der Sohn GOt - tes mit Hertzeleid,) gar nicht. Wer haͤtte das gemeinet, daß dieſe Sache ſo weit hinanreichen koͤnte, bis an die wuͤrckliche Beherrſchung des Hertzens vom Teuffel, und zwar in einem gantz ausnehmend hohen Verſtande, daß er in ſol - chen Menſchen ſeine Reſidentz aufſchlaͤgt?

Was iſts Wunder, daß man die verderbten Weichlinge mit aller angewendeter Muͤhe und Arbeit auf keinerley Weiſe dazu uͤberreden, ja nicht einmal uͤberbitten kann, daß ſie doch nur wenigſtens etliche Tage im Gebet unablaͤßig an - hielten, (wenn ſie auch ſchon einmal Luſt krieg - ten, von ihrer Sclaverey loß zu werden): ſon - dern wenn ſie auch ein oder zwey Tage bereits vielThraͤ -257der Unreinigkeit. Thraͤnen vergoſſen haͤtten, ſo ſind ſie doch in we - niger Zeit juſt ſo, wie ſie vor waren; und lie - gen in ihrem Unflath gerne, oder ſind gar noch tieffer hinein geſuncken? Ach gewiß! wer es bis dahin kommen laſſen, daß er unter dieſer Di - ſciplin des boͤſen Geiſtes, der die Gottloſen mit Wohlluͤſten plaget und verfuͤhret, ſtehen muß: uͤber deſſen Seele kann man Jammer und Wehe ausſchreyen, und das allerbetruͤbteſte conclamatum eſt ausruffen!

GOtt iſt im allerhoͤchſten, ja unendlichem Grade gerecht; und darum muß ers zulaſſen, daß derjenige, dem ſeine liebesvolle, ſanfte und vergnuͤgende Regierung ſchlechterdings nicht an - ſtehet, unter die Obrigkeit der Finſterniß ver - faͤllet: denn die wolte er ja haben, da er fuͤr ſei - ne Luͤſte und Paßionen alle vollkommene Frey - heit praͤtendirte. Daher der Satan von ſo ei - nes Menſchen Hertzen voͤlligen Beſitz nimmt, und ihn dermaſſen feſſelt, daß auch die vernuͤnf - tigſten Gruͤnde, die beweglichſten Vorſtellun - gen, das inſtaͤndigſte Bitten, das klaͤreſte Er - weiſen der darauf folgenden Gefahr und Ge - richte nicht ſtarck genug ſind, ihn auch nur auf eine kurtze Zeit in einem beſtaͤndigen Ernſt zu erhalten. Sie koͤnnen noch zum Theil leicht beweget, und zu der Reſolution gebracht wer - den, ſie wolten und muͤſten ſich nun bekehren: aber ehe man ſichs verſiehet, liegen ſie wieder; und wenns einige mal ſo gegangen, ſo deſpe - riren ſie ſelbſt, geben alles verlohren, halten es fuͤr unmoͤglich, daß ſie iemals mehr koͤnten be -II. Th. Betr. der Unreinigk. Rkeh -258(II. Th.) Theologiſche Betrachtungkehret werden, und legen ſich alſo hiemit aufs neue ſchlaffen, indem ſie die Gewiſſensangſt durch allerley Mittel wegſchaffen, und in voͤlli - ger Sicherheit ihren Luͤſten nachgehen, wie ein Ochſe zur Schlachtbanck gefuͤhret wird, ohne zu dencken, was ihm da begegnen werde. O! iſt denn in der Welt ein bejammernswuͤrdigerer Zuſtand des Menſchen, als dieſer iſt? des Menſchen, der gleichwol zum Tode eilet; der in die unaufhoͤrlichen Ewigkeiten ſtracks und unausgeſetzt hinein laͤuft; der in die unuͤber - dencklichen periodos der unumſchraͤnckten Zei - ten hineinfaͤllt, und alsdenn in einem Zuſtand, da keine Aenderung oder Beſſerung weiter moͤg - lich iſt, ewig verbleiben muß?

Doch es geht des Satans Gewalt bey dieſem Laſter noch viel weiter. Er hat oft ſo gar, welches erſtaunlich iſt, in einer gantzen Fa - milie, Stadt und Land ſein Reich mit einer ſol - chen Macht und Liſt, und zu dem Zweck ausge - breitet, daß er, wo moͤglich, auch gantze Laͤnder gerne mit Unreinigkeit anſtecken moͤchte. Und das hat GOtt alles ſelber angemercket und uns er - oͤfnet, damit wir wiſſen, wie unſere Sache in der Welt ſtehe. Mit welchem Mitleiden er das ſehe, koͤnnen wir daraus abnehmen, weil er Zach. 13, 1. 2. verheiſſen hat, daß bey den Zeiten des Meßiaͤ nebſt den falſchen Propheten auch die unreinen Geiſter aus dem Lande wuͤrden hin - ausgetrieben werden, die damals Jſrael mit allen Unflaͤthereyen angefuͤllet hatten. Jſt nun die Macht, Liſt, und Verfuͤhrungen des unrei -nen259der Unreinigkeit. nen Geiſtes bey gantzen Societaͤten ſo groß, und, obwol unter GOttes gerichtlicher Zulaſſung, wircklich ausgebreitet: ſo koͤnnen Sie leicht den - cken, wie er eine eintzele Seele damit wird quaͤ - len, wenn ſie auch ſchon angefangen haͤtte, ſich zu ihrem GOtt zu wenden; und da noch am al - lermeiſten.

Ach! wie viel Zweifel und Einwuͤrfe, wie viel Schwierigkeiten und Hinderniſſe, wie viel heftige Reitzungen der verfluchten Brunſt ſucht er ihnen in den Weg zu legen, wenn er mercket, daß ſie gern aus der Sclaverey entrinnen moͤch - ten! Wie lange haͤlt er ſie unter dem knechtiſchen und ſclaviſchen Weſen, wenn ſie ja zu einiger Scheu vor GOtt gekommen ſind; ſo, daß ſie zu keiner Freudigkeit noch zu dem Troſt eines gu - ten Gewiſſens vor GOtt gelangen koͤnnen: ſo doch gleichwol eines der beſten Guͤter und Staͤrckungsmittel im Chriſtenthum iſt! Wie viel Ruͤckfaͤlle trachtet er ihnen zu verurſachen, da - mit er alsdann, wenn ſie gefallen ſind, ihr Ge - wiſſen foltern und aufs hoͤchſte aͤngſtigen koͤnne, folglich ihnen ihre Buſſe und Chriſtenthum, wo moͤglich, ſo ſchwer und ſo blutſauer machen moͤ - ge, daß ſie es endlich ſelbſt uͤberdruͤßig werden, und ſich entſchluͤſſen, (zumal wenn ihnen das boͤ - ſe Hertz noch dazu vorwirft, daß es ihnen doch vorher niemals ſo jaͤmmerlich und ſchlimm ge - gangen,) zu dem ungluͤckſeligen Unternehmen zu ſchreiten, daß ſie nun Gebet und Kampf, und alles lieber gar wollen fahren laſſen, damit ſie nur zu der vorigen Ruhe oder Sicherheit desR 2ſchlaf -260(II. Th.) Theologiſche Betrachtungſchlaffenden Gewiſſens wieder gelangen koͤnnten. Auf die Weiſe ſind ſie denn wieder geliefert, und (wiewol mit unablaͤßiger Deprecirung und wehmuͤthigſten Flehen und Verweiſen ihres Ge - wiſſens) einen mercklichen Grad weiter in die Verſtockung und geiſtlichen Gerichte hineinge - gangen; welche denn einige nicht viel achten, weil ſie ſie nicht ſo mit Augen ſehen, noch mit Haͤnden greiffen, als wenn GOtt mit Donner und Blitz um ſie herum ſchluͤge.

O mein Hertzensfreund! Solcher Seelen gibts gewißlich gar viel, die alſo haben angefan - gen zu arbeiten: aber da ihnen der Satan die Seelenarbeit gantz unertraͤglich hat geſuchet zu machen, (und dieſe Herren nicht ſo fort von dem allerhoͤchſten und beleidigten GOtt ſind be - neventiret worden,) wieder umgeſchlagen, und ſich nach der Schwemme in den vorigen Koth hineingeſtuͤrtzet haben; zumalen, da ſie die ſchweren Umſtaͤnde ihrer arbeitenden Seele kei - nem redlichen Knechte GOttes haben entdecken wollen. Das iſt gewiß der vornehmſte und gluͤcklichſte Kunſtgriff des Satans, den er hie brauchet, daß er ſolche Menſchen mit unzeitiger Schamhaftigkeit, (das iſt, dem unſeligen Hoch - muth) ſo bindet, und ihnen Mund und Haͤnde ſchlieſſet, daß ſie die Sache nicht einmal ihrem allerbeſten Freunde zu eroͤfnen ſich getrauen: da ihnen ſonſt wol viel eher und ſicherer gehol - fen werden koͤnnte, wenn man ihnen die naͤch - ſten Wege wieſe.

Jch will ihnen noch aus einem gewiſſenBu -261der Unreinigkeit. Buche ein Exempel anfuͤhren, daraus Sie die Umſtaͤnde ſolcher mitleidenswuͤrdigen Perſonen noch etwas deutlicher werden ſehen koͤnnen; und das zwar mit der Verſicherung, daß es ein Ex - empel ſey, darunter man wol viel tauſend ande - re von gleichen Umſtaͤnden und gleicher Noth ſetzen koͤnnte. Es erzehlet aber einer ſeinen Zuſtand unter andern alſo:

Als ich noch ein zartes Kind war, hatte ich Ge - legenheit, mit unzuͤchtigen Kindern zu ſpielen; da ich denn allerley fleiſchlichen Luͤſten und Begierden nachzuhaͤngen Anlaß nahm. Jn der Schule er - wehlte ich einen Knaben zum beſtaͤndigen Freund, welcher mein Hertz mit nichts als unzuͤchtigen Re - den von allerhand Liebeshaͤndeln zu ergoͤtzen ſuch - te; und dabey die greuliche Suͤnde an ſeinem ei - genen Leibe beging, welchen Greuel er mich in ei - nem Garten, darein er mich fuͤhrte, mit anſehen ließ. Jch fragte ihn anfangs, wie ihm denn zu Muthe waͤre, wenn er ſolche Suͤnde vollbracht haͤtte? er antwortete: ich empfinde gar nichts in meinem Hertzen und Gewiſſen: daher er auch, ie oͤfter er allein ſeyn konnte, deſto oͤfters und mehr dieſe Suͤnde ausuͤbte. Da nun ſeinem Vorgeben nach dieſe Suͤnde dem Fleiſch und Blut uͤberaus angenehm war, ſo probirte ich dieſelbige auch. Weil ich aber noch gar jung und das 14te Jahr kaum erreichet, war ich noch nicht in dem Stan - de die Suͤnde voͤllig auszuuͤben und ließ davon ab. Es wurde auch der Knabe auf ein Handwerck ge - than; weßwegen ich die wohlluͤſtigen Gedancken, wel - che er oͤfters bey mir erreget, deſto mehr unterdruͤ - cken konnte.

Als nachgehends ein Jahr ohngefehr verfloſſen, lag ich einſt im Bette, und hatte mancherley aus - ſchweiffende Gedancken; da mir denn nicht nur dieſer Menſch, ſondern auch die Suͤnde, die er ver -R 3 uͤbet,262II. Th.) Theologiſche Betrachtung uͤbet, einfiel. Weil ich nun GOtt damals nicht im Hertzen hatte, auch vielleicht wenig den Abend vorher zu GOtt geruffen; dachte ich du biſt nun aͤlter und vielleicht anjetzo geſchickt, dieſe Luſt zu ge - nieſſen, welche dein Camerad dir ſo ſuͤſſe gemacht. So bald dieſer teuffeliſche Gedancke in mein Hertz gekommen war, ſo bald ſchritte ich zum Verſuch und Ausuͤbung dieſer Suͤnde, und brach alſofort die ſchaͤndliche Luſt in wirckliche Befleckung meines Leibes aus.

Dieſes war der Anfang zu dieſem Greuel, wel - cher ſich dermaſſen feſte in meinem Hertzen ſetzte, daß ich bey Austilgung und Ausrottung dieſes Un - krauts ſehr groſſen Wiederſtand in der Natur ge - funden. Jch preiſe aber billig die groſſe Barm - hertzigkeit und Langmuth GOttes hierbey, welcher, ſo bald die Suͤnde vollbracht, mit heilſamen Ge - wiſſensſchlaͤgen, mit Furcht, Angſt und Quaal, mich dergeſtalt gnaͤdig heimgeſuchet, daß ich oft vor Un - ruhe meines Hertzens mich nicht zu laſſen gewuſt. Jch betete in ſolcher Angſt zu GOtt, klagte ihm dieſe Suͤndennoth mit tieffem Seuffzen, und ſchaͤtzte alle andere Menſchen gluͤckſeliger denn mich, als der ich den hoͤchſtverdammlichen und gefaͤhrli - chen Zuſtand meiner Seelen gar wohl empfand.

Als ich nun eine ziemliche Zeit in ſolchem Rin - gen und Beten angehalten, und beſtaͤndigen Ge - horſam verſprochen hatte: ließ mir der HErr ſei - ne Gnade wiederum ſpuͤren, und mein Hertz wur - de voller Liebe zu GOtt und meinem Naͤchſten; konte GOtt mit froͤlichem Munde loben, und mei - ne zuvor beſudelte Haͤnde als heilige Haͤnde auf - heben.

Dieſer gute Zuſtand daurete aber nur zwey Tage. Denn als ich am Abend des andern Tages uͤber den Buͤchern ſaß, und nicht auf meiner Hut ſtund, ſondern ſicher war: (weil ich die Gnade GOttes in meiner Seelen geſchmecket,) ſchoß der Teuffel von263der Unreinigkeit. von neuem ſeine feurigen Pfeile in mein armes Hertz, und reitzete mich ſo lange, bis ich die Suͤn - de abermals beging. So bald dieſelbe vollendet, legte ich meine Buͤcher hin, und hatte wiederum groſſe Gewiſſensangſt und Traurigkeit in meiner Seelen. Jch wolte die Angſt aͤuſſerlich nicht mer - cken laſſen, weil meine Eltern zugegen waren; ſon - dern klagte GOtt dem HErrn meine Noth im Verborgenen: die Huͤlfe aber wolte ſich ſo bald nicht finden; Denn es hieß: du haſt die Gnade GOt - tes bereits empfunden, und dennoch haſt du den Tempel GOttes wiederum verunreiniget, und die groſſe Liebe JEſu verſchmaͤhet! Als ich nun den - noch mir vorſetzte, nicht eher im Gebet nachzulaſ - ſen, bis mir GOtt ein ruhig Hertz gaͤbe, bekam ich nach vielen Thraͤnen wiederum Ruhe und Zu - friedenheit in meinem Gewiſſen.

Ob ich mich nun gleich nach dieſer abermaligen Staupe haͤtte beſſer vorſehen und in acht nehmen ſollen: ſo ließ ich mich doch nath zween oder dreyen Tagen von neuem verleiten; und als ich dieſe Boßheit noch einige mal fortgeſetzt hatte, entzog GOtt der HErr auch ſeine Gnade. Da war ich denn voller Angſt, ging auf dem Felde herum, und wuſte mit Cain nicht zu bleiben; ſuchte bald hie, bald da Ruhe: konte aber keine finden, und winſelte alſo wohl 3. Stunden lang nach einander; wurde der Suͤnden dabey gantz muͤde; und den - noch konnte ich derſelben nicht loß werden, ſondern wurde taͤglich damit angefochten: abſonderlich des Morgens und des Abends im Bette, und wenn ich ſonſten in der Einſamkeit, wozu ich von Na - tur groſſe Luſt hatte, mich befand.

Dieſes alles ſchadete meinem Haupte ſo ſehr, daß ich wenig in meinem Studieren vornehmen konte. Darauf geſchahe es, daß ich zu meinem Bruder, welcher in Jena ſtudirte, und zwar in den Hundstagen reiſete, um ihn daſelbſt zu beſuchen. R 4 Bey264(II. Th.) Theologiſche Betrachtung Bey demſelben blieb ich auf 14. Tage, und weil er einen frommen Contubernalem bey ſich hatte, nahm ich Gelegenheit, demſelben den elenden Zu - ſtand meiner Seelen zu entdecken. Dieſer gab mir zur Antwort; Jch habe leider! dieſe Suͤnde in meiner Jugend auch begangen, da ich von an - dern greulichen Menſchen damit inficiret worden war. Nachdem ich nun, aus Trieb meines Ge - wiſſens, dieſe abſcheuliche Suͤnde unterlaſſen habe; ſo habe ich beſtaͤndige Kopfſchmertzen, als eine wohlverdiente Straffe GOttes bisher empfinden muͤſſen; doch will ich ihm dawieder einige remedia an die Hand geben:

1) Bete er fleißig zu GOtt, daß er ihn aus die - ſer Suͤnde erloͤſen wolle, und ihm dieſelbe gnaͤdig vergebe.

2) Sey er nicht viel allein.

3) Warte er ſeine Geſchaͤfte fleißig ab.

4) Des Nachts decke er ſich nicht allzu warm zu; oder wenn er merckt, daß die Hi - tze im Bette den Leib zur Wohlluſt treibt, ſo thue er das Deckbette beyſeit, damit ein Theil der Hi - tze hinausgetrieben werde. Dieſe guten monita nahm ich an, und danckte GOtt vor dieſelben von gantzem Hertzen. Mein Bruder, welcher nichts davon wuſte, ließ ſich dieſe meine Seelennoth ſehr zu Hertzen gehen, und betete fleißig fuͤr mich.

Von der Zeit an konte der Satan meine von ſeinen Stricken aufgeloͤſete Haͤnde nicht wieder bin - den, ſondern ich war durch goͤttliche Gnade in dem Stande ſeinen Reitzungen maͤchtiglich zu wiederſte - hen. Bin auch bis hieher (davor GOtt ewig Lob und Danck ſey) vor dieſer abſcheulichen Suͤnde bewahret worden. Jch beklage nur noch hiebey, daß ich die Gnade GOttes, welche mein Hertz, ehe ich noch in dieſe Suͤnde gefallen, geſuchet, und mit ungemeinen Liebesblicken zu ſich gezogen, nicht beſſer zu meiner Seelen Heyl gebrauchet habe! Doch265der Unreinigkeit. Doch ſey der HErr gepreiſet, daß er mich durch ſeine uͤberſchwengliche Barmhertzigkeit endlich da - von erloͤſet. Jch halte davor, wen GOtt nicht ſelbſt davon befreyet, der wird in dieſer Suͤnde wohl ſtecken bleiben.

Sehen Sie nun, mein Freund, was fuͤr eine heftige Gewalt dieſe Suͤnde in ſich habe; Das kann und ſoll ja doch unmoͤglich fuͤr etwas geringes angeſehen werden, das die Seele, ſo von GOtt abhalten und gefangen nehmen kann. Und, o wie waͤre es zu wuͤnſchen, daß alle ſo bald heraus kaͤmen, wie an dieſem Beyſpiel zu ſehen iſt: aber es iſt leider zu beſorgen, daß ſich man - cher, wenn er endlich ja entrinnet, erſt 2. 3. 4. mal ſo lang in dieſer Quaal und Pein maceri - ret und uͤberwirft.

VII.

Die Keuſchheit und Reinigkeit7) An - merckung. Keuſchheit iſt der Seelen iſt nicht nur von GOtt ernſt - lich und fleißig geboten: ſondern auch als eine gantz beſondere Tugend ſehr ſchaͤtzbar und liebenswerth in ſeinem Worte vorgeſtellt.

  • a) Jſt Sie von unumgaͤnglicher
    1) noth - wendig.
    6 Nothwendigkeit; denn es iſt unmoͤglich ein Chriſte zu ſeyn, man toͤdte denn ſeine Luͤſte und Begierden. Die Vernunft lehrets, und die Erfahrung uͤberzeuget jedermann davon, man koͤnne unmoͤglich im Guten fortkommen, man maͤßige denn ſeine Begierden. Wir ſollen uͤber die menſchliche Natur erhaben, und der goͤtt - lichen Natur theilhaftig werden, ſo wirR 5flie -296(II. Th.) Theologiſche Betrachtungfliehen die vergaͤngliche Luſt der Welt. 2 Petr. 1, 4. welches gewiß die hoͤchſte Ueberle - gung und Verwunderung meritiret. Ohne Heiligung wird niemand den HErrn ſchauen. Denn unſer GOtt iſt ein ver - zehrend Feuer, Hebr. 12, 14. 29. conf. 1 Joh. 5, 3. 2 Cor. 7, 1. Offenb. 21, 22. 27. es wird nicht hineingehen irgend ein ge - meines, oder das da Greuel thut ꝛc.
2) Vor GOtt ſehr hochgeach - tet.
6
  • b) Jhre Schoͤnheit und Lieblichkeit iſt vor andern Tugenden ſehr groß, und auch vor GOttes Augen hoch angeſchrie - ben. Dort hat Johannes in ſeinen Offenbah - rungen C. 14, 1-6. eine groſſe Schaar auser - wehlter und ſeliger Seelen geſehen, die den Na - men des Allerhoͤchſten an ihren Stirnen geſchrie - ben hatten, und mit einer gewaltig durchdrin - genden, jedoch ſehr lieblichen und harmoniſchen Stimme vor dem Thron des ewigen GOttes und des Lammes ein neues Lied ſungen. Jhre fuͤrnehmſte Qualitaͤt iſt bald dabey geſetzt: Die - ſe ſinds, die mit Weibern nicht beflecket ſind. Denn ſie ſind Jungfrauen, und folgen dem Lamme nach, wo es hinge - het: dieſe ſind erkauft aus den Men - ſchen zu Erſtlingen GOtt und dem Lamm. Und an den Vorſteher der Gemeine zu Sardis Offenb. 3, 4. ließ der treue und wahrhaftige Zeuge JEſus Chriſtus unter an - dern folgendes ſchreiben: Du haſt zwar we - nig Namen, (oder wenig von ſolchen Perſo - nen) zu Sardis, die nicht ihre Kleider be -ſu -267der Unreinigkeit. ſudelt haben (mit allerley Greueln und Un - zucht, wie ſonſt zu eben der Zeit die Nicolaiten gethan,) aber (die wenige, die da ſind,) ſollen (um deſto mehr) mit mir wandeln in weiſ - ſen Kleidern. Denn ſie ſinds werth. So haͤlt auch Chriſtus ſelber das reine und keuſche Leben der Chriſten ſo hoch, daß man es daher eine Engliſche Tugend genennet hat; indem er Luc. 20, 35. 36. zu erkennen giebt, man werde damit gewiſſer maſſen den Engeln, den reinen und herrlichen Geiſtern aͤhnlich, und komme in dieſem Stuͤcke dem Zuſtand der Seeligen in je - nem Freudenleben nahe.
  • c) Jſt die Keuſchheit eine recht ehr -
    3) Ehr - wuͤrdig - machend.
    6 wuͤrdige und dem Menſchen ſonderlich wohl anſtaͤndige Tugend, die ſeiner Na - tur eine Ehre bringet und ihre Zierde iſt. Den Wohlluͤſten nachhaͤngen iſt dem Men - ſchen, als der eine geiſtliche und unſterbliche Seele hat, eine Schande; das fleiſchliche We - ſen iſt ein grober Affect, der die Seele nieder - druͤckt und beſchweret, der ſie auch zur Sclavin des Leibes und viehiſch macht. Je mehr man ihr ergeben iſt, ie gleicher wird man dem Vieh: ie weiter man ſich aber von den Wohlluͤſten entfer - net, ie freyer und vollkommener wird die Na - tur, und entledigt ſich von der Sclaverey des Leibes und der Sinnen. Wie vielmehr wird nun die Keuſchheit an einem Chriſten ſchoͤn und ehrwuͤrdig laſſen, der JEſu Chriſto verlobet, (Hoſ. 2, 19. 20. ) dem Allerhoͤchſten geheiliget, zur Herrlichkeit beruffen, und in den vertrautenUm -268(II. Th.) Theologiſche BetrachtungUmgang mit ſeinem GOtt aufgenommen iſt? Daher es 1 Theſſ. 4, 3. ſqq. ſehr nachdruͤcklich heiſſet: Denn das iſt der abſolute Wille GOttes (ſonſt waͤrs kein Wille) eure Heiligung, daß ihr meidet die Hurerey; und daß ein jegli - cher unter euch wiſſe ſein Gefaͤſſe zu be - ſitzen, (zu beherrſchen, und zu bewahren) in der Heiligung und Ehre (oder Reputation,) nicht in der (Paßion der Wohlluſt oder) Luſt - ſeuche, wie die Heiden, die von GOtt nichts wiſſen. Daraus ia offenbar, derjeni - ge beſitze nur ſein Gefaͤß, oder ſey ſeines Leibes Herr, der es in Heiligung und Ehren bewahret: Wo aber Unzucht und Unreinigkeit herrſchet, da habe der Teufel das Gefaͤß im Beſitz, und brauche es nach ſeiner Luſt. So kriegt auch die Keuſch - heit allhie einen gar merckwuͤrdigen Nahmen, nemlich Ehre und Reputation, weil ſie vor GOtt und Menſchen ſo hoch geachtet wird, und derjenige ſich keiner Ehre ruͤhmen kann, der ſeine Keuſchheit verlohren hat. Ein ſolcher hat we - der in der Kirche GOttes, noch vor der ehrba - ren Welt etwas mit Ehren zu ſagen, darf ſeine Augen nicht froͤlich aufheben, noch ſeinen Mund gegen GOtt getroſt aufthun, ſo lange ſein Hertz in unreiner Luſt wallet.
4) ver - gnuͤgend.
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  • d) Sie iſt eine ſehr vergnuͤgende, und das Gewiſſen ungemein beruhigende Tugend, wo der Glaube ihr Grund iſt. O welch eine ſuͤſſe Ruhe, innerlicher Friede und freudenvolles Vergnuͤgen empfindet man, wenn man einen und den andern Anfall der boͤſen Luͤſtuͤber -269der Unreinigkeit. uͤberwunden, oder gar die Empoͤrung der Sin - nen und Heftigkeit dieſes Affects bereits der - maſſen unter den Fuß gebracht, daß man ſich vor ſeinem Angriff nicht einmal mehr fuͤrchtet! O in welcher ſanften und ſuͤſſen Stille lebet man, und bleibt in den geiſtlichen Uebungen ungeſtoͤ - ret, erfaͤhret auch immer mehr, wie ſich GOtt in hoͤchſter Reinigkeit und heiligem Frieden, mit der Seelen auf die innigſte und hoͤchſterquicken - de| Weiſe verbindet! Man kann ſich auf die Er - fahrung aller derjenigen beruffen, welche ſich ie - mals hierinn Gewalt gethan, ihre Augen von etwas verfuͤhriſches abgewendet, und ihrem Flei - ſche was uͤppiges verweigert, daß es wahr und gewiß ſey: ie ſaͤurer es im Streite hergegangen, ie froher ſey die Seele worden, da es uͤberſtan - den, und um GOttes willen ein Kampf ge - wonnen war.
  • e) Jch will nicht anfuͤhren, daß die
    5) Dem Leben ſelbſt gleich ge - achtet.
    6 Keuſchheit auch unter ehrbaren Leuten faſt dem Leben gleich hochgeachtet wird; und daß es bey ſehr vielen Moraliſten eine ausgemachte Sache ſey, man koͤnne und ſolle einen gewaltigen Schaͤnder derſelben auch entleiben, um ſich zu retten. Jch will auch nicht vie - le Exempel von einer verwunderungswuͤrdigen Enthaltung einiger heidniſchen Philoſophen und vornehmer Leute in Anſehung dieſer Tugend anfuͤhren, weil ſie aus einem falſchen Grunde herkam; ſchlieſſe aber doch billig daraus: haben ſich die Heiden, um eine falſche Gemuͤthsruhe zu erlangen, oder in Ehre und Renommee zukom -270(II. Th.) Theologiſche Betrachtungkommen, oder weil ſie jenes fuͤr ſehr ungeſund, oder ſehr unanſtaͤndig hielten, der Enthaltung mit ſolchem Ernſt unterzogen: was ſollen denn wir Chriſten thun, um der ewigen Herrlichkeit wil - len? Wars den Heiden nicht unmoͤglich es auszufuͤhren: wie wollen, koͤnnen, und duͤrfen wir uns Chriſten denn uͤber die unuͤber - ſteigliche Schwierigkeit der Sache ſo beſchweren, bey der allmaͤchtigen Kraft des Allerhoͤchſten, und bey der unaufloͤßlichſten Verbindung des theuern Blutes JEſu Chriſti?
Wie hoch ſie die er - ſten Chri - ſten hiel - ten.
6

Jedoch kann ich nicht umhin, mit ein paar Worten anzuzeigen, in welcher Hochach - tung die Keuſchheit bey den erſten Chri - ſten geweſen ſey, davon Sie, wo ſie einſt be - lieben, in Arnolds ſeiner Abbildung der erſten Chriſten. L. 4. c. 5. p. 547. ſqq. mehr leſen koͤnnen. Ueberhaupt koͤnnen Sie aus dem Minutio Felice, und des Tertulliani, Athena - goræ und Juſtini ihren Apologien fuͤr die Chri - ſten und aus allen Martyrologiis ſehen, daß ſie dis zum Hauptargument der Wahrheit und Heiligkeit ihrer Religion machen, und eben da - her die Fuͤrtreflichkeit der Lehre Chriſti erweiſen, weil ihre Liebhaber ſo goͤttlich lebten, und auch leben koͤnnten. Sie ſtellen auch aus eben dem Grunde vor, daß man ſie um deßwillen, weil ſie ſo genau und puͤnctlich keuſch zu ſeyn ſuchten, un - billig ſo hinrichte und todtſchlage: denn das ſey ja gleichwol keine ſtraffwuͤrdige Sache. Sie ſagen zum Exempel Es hat uns niemand in ſo langer Zeit erweiſen koͤnnen, daß unſere Lehre mit271der Unreinigkeit. mit Unkeuſchheit beflecket ſey: Um ſolcher Un - ſchuld und Keuſchheit willen aber werden wir verbrannt! Wir duͤrffen ſolche Schandthaten nicht einmal anhoͤren, (Eph. 5, 3.) die unter euch Heiden vorgehen; ſo gar, daß es viele un - ter uns fuͤr ſchaͤndlich halten, wenn ſie ſich da - gegen nur verantworten ſolten. Bey uns iſt das alles ſchon ein Ehebruch, wenn man nur unzuͤchtige Augen hat. Unſere Augen ha - ben viel andere Dinge zu thun, die wir bis auf die geringſten Gedancken wer - den Rechenſchaft geben muͤſſen. Wir ſind nicht allein in unſerm Geſichte ſchamhaftig, ſondern auch im Hertzen. Neulichſt als ihr eine Jungfrau verdammetet, daß ſie lieber einem Hurenwirth dienen ſolte, als den Loͤwen vorgeworfen und zerriſſen wer - den: muſtet ihr, da ſie dieſes weit lieber als je - nes erwehlet, ſelbſt geſtehen, daß bey uns der Schandfleck der Unzucht fuͤr ſchrecklicher ge - achtet werde, als alle Straffen und Arten des Todes ꝛc.

Jene Jungfrau redete den herzutretenden Hencker unter andern alſo an: Wie freue ich mich, daß dieſer Wuͤterich mich durch das Schwerdt vom Fleiſche will befreyen ꝛc. Heran mein Freund, zerbrich und wuͤrge dieſe Glie - der! was ich verliehren kann, giebt mir mein JE - ſus wieder! Die Heiden haben es ie und ie ge - ſehen, daß die Chriſten die Schaͤndung ihrer Leiber fuͤr die allergrauſamſte Straffe gehalten, weil ſie oͤfters die Chriſten zu viel 100. herzu -fuͤhr -272(II. Th.) Theologiſche Betrachtungfuͤhrten, durch Unzucht und Schaͤndung ſie ih - rer Keuſchheit zu berauben: ſie ſturben aber lieber mit Freuden, als daß ſie dieſe Schaͤn - dung haͤtten leiden ſollen.

Bemeldte Auctores ſagen, zum Exempel, fer - ner: Wir ſind keuſch in unſern Reden, und unbefleckt an unſerm Leibe; die meiſten aber unter uns genieſſen einer immerwaͤhrenden Jungfrauſchaft in einem unverletzten Leibe, ob ſie ſich gleich derſelben nicht ruͤhmen. Die Be - gierde zur Unzucht iſt ſo ferne von uns, daß ſich auch einige einer ſchamhaften (ehelichen) Beywohnung enthalten. Sie entſchlagen ſich auch eines zulaͤßigen Ehebettes, und ehelichen Lebens, aus hertzlicher Begierde zu einer groſ - ſen und ungemeinen Reinigkeit, und damit ſie GOtt mit deſto keuſcherem Hertzen anbeten koͤnnen. Man wundert ſich faſt nicht mehr uͤber ſo viele 1000. Juͤnglinge und Jungfrauen, daß ſie die Hochzeit verachten und keuſch le - ben. Es gibt in den Gemeinen ſo viel keuſche und heilige Leute, die von der Liebe GOttes alſo entzuͤndet ſind, daß ſie in der hoͤchſten Enthaltung und unglaublicher Verſchmaͤhung dieſer Welt gerne einſam leben. Sie koͤn - nen auch C. 6. von ihrer Maͤßigkeit, ihrem Faſten, ihrem Abſcheu vor allen Ueppigkeiten, Tantzen, Spielen ꝛc. gar viel angenehmes leſen.

Sehen ſie nun daraus nicht, wie die Keuſch - heit des Hertzens und Leibes bey den erſten Chri - ſten fuͤr eine Hauptſache ihrer Religion und des Chriſtenthums iſt gehalten worden? Und iſt dashoͤchſt273der Unreinigkeit. hoͤchſt zu verwundern, daß ſie alle Unzucht mit ſolchem Ernſt und Abſcheu deteſtirt und geflo - hen haben, zu einer ſolchen Zeit, da ſie nicht nur gantz privilegiret war, ſondern da es denen, ſo ſie verachtet und vermieden, nach damaliger Art, Ehre und Reputation, Amt und Wuͤrde, Gluͤck und Wohlleben, ja mehrentheils ihr Leben ko - ſtete. Wird das die ietzigen Chriſten nicht gra - viren und beſchuldigen muͤſſen, die anietzo von der Keuſchheit ſo wenig halten, da ſie doch ſchon mit oͤffentlicher Lehre des Evangelii eingefuͤhret, und durch weltliche Geſetze in Sicherheit geſe - tzet iſt? Wenns nun mit andern Arten von Suͤnden auch einmal ſo gehen wird?

VIII.

Endlich ſagen Sie mir, wo ſie ihre8) An - merckung. Seele lieben, was ſie bey folgenden Ausſpruͤ - chen des Wortes GOttes gedencken muͤſſen, die ihnen nach dem Grundtext mit einer kleinen Er - laͤuterung gantz hieher ſetzen will; und was ſie dereinſt zur Entſchuldigung oder Exception da - gegen werden aufbringen koͤnnen, wenn ſie ih - nen das allerletzte mal werden vorgehalten wer - den?

1 Cor. 6, 9. 10. 13. 14. 15. 18. 19. 20. [α]) 1) 1 Cor. 6, 9. ſqq.Cap. 7, 29. 31. Laſſet euch nicht ver - fuͤhren, weder die Hurer, noch die Ab - goͤttiſchen, noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge, noch die Knabenſchaͤnder, noch die Diebe, noch die Geitzigen, noch die Trunckenbolde, noch die Laͤſterer noch die Raͤuber, werden das ReichII. Th. Betr. der Unreinigk. SGOt -274(II. Th.) Theologiſche BetrachtungGOttes ererben; und ſolche ſind eurer etliche geweſen: aber ihr ſeyd abgewa - ſchen, aber ihr ſeyd geheiliget, aber ihr ſeyd gerecht gemachet worden (man dencke, durch wie viel adverſativas und durch welche con - traria es erſt gehen muß,) in dem Nahmen des HErrn JEſu, und mit dem Geiſte unſers GOttes Der Leib gebuͤhret nicht (iſt nicht zu verſtatten, er ſieht ia ohndem ſchon ſcheuß - lich gnung aus, das wuͤſte Neſt der Suͤnden,) nicht der Hurerey, ſondern dem HErrn (iſt er zu uͤberantworten,) und ſo dann iſt auch der HErr dem Leibe gnaͤdig, verſorget ihn mit Luſt, nicht mit Unwillen, und laͤßt ihn ſeiner Freundlichkeit erſt recht genieſſen. GOtt aber hat nicht nur den HErrn JEſum, als einen Mann fuͤr alle Menſchen, und einen Uebelthaͤter, ſtatt aller andern, von den Tod - ten auferwecket, ſondern wird auch uns auferwecken durch ſeine Macht, daß wir dem jenigen dargeſtellet und uͤberliefert werden, der ſich ſo viel Muͤhe um uns gegeben, und ſichs ſein Leben hat koſten laſſen; der mithin auch das hoͤchſte Recht und Pflicht auf ſich hat, nachzu - ſehen, wie wir ihm mit ſeiner ſo blutigen Erloͤ - ſung umgegangen? Wiſſet ihr nicht, daß unſere Leiber Glieder Chriſti ſind? Ey werd ich denn die Glieder Chriſti neh - men und Hurenglieder daraus machen? Das muͤſſe nimmermehr geſchehen! Fliehet die Hurerey. Alle Suͤnde, welche derMenſch275der Unreinigkeit. Menſch nur irgend begehen moͤchte, iſt auſſer dem Leibe: aber wer da huret, der ſuͤndiget an ſeinem eigenen Leibe. Oder wiſſet ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel iſt des heiligen Geiſtes, der in euch iſt, welchen ihr von GOtt habet, und ſeyd nicht euer ſelbſt?

C. 3, 16. 17. 20. So jemand die Woh - nung GOttes verdirbet, verderben wird einen ſolchen der lebendige GOtt! Denn der Tempel GOttes iſt heilig, der ſeyd ihr. Dieweil ihr ſehr theuer erkauffet ſeyd, ſo preiſet doch GOtt an eurem Lei - be, und in eurem Geiſte, welche ia beyde muſten ranzionirt, und beyde von ihren zugehoͤ - rigen Straffen erloͤſet werden, und folglich nun mit vielfacherem Rechte und Pflicht GOttes ſind.

2 Cor. 6, 16. 17. 18. Jhr ſeyd der Tem -[β]) 2) 2 Cor. 6, 16. ſeqq. pel des lebendigen GOttes, wie GOtt geſaget hat: Denn ich will in ihnen wohnen, und unter ihnen wandeln, und werde ihr GOtt ſeyn, und ſie werden mir zum Volcke ſeyn; (alſo das Eigenthum des Allerheiligſten und Allerhoͤchſten) Darum gehet aus von ihnen, und werdet abge - ſondert, ſaget der HErr, und das Unrei - ne beruͤhret nicht, ſo werde ich euch ein Vater ſeyn, und ihr werdet mir Soͤhne und Toͤchter ſeyn, ſaget der HErr, der Allmaͤchtige! O Geliebte! da wir nun ei - ne ſolche Verheiſſung haben, (und ſolche Gnadenantraͤge, die ihres gleichen nicht finden:S 2Denn276(II. Th.) Theologiſche BetrachtungDenn wo iſt eine hoͤhere Luſt? wo eine groͤſſere Herrlichkeit? wo mehr Reichthums? wo mehr Weißheit? wo iſt ein inniglicheres Vergnuͤgen, als in dem Stande ſeyn kann und ſeyn muß, da man denjenigen zu ſeinem GOtt, zu ſeinem gnaͤ - digſten Fuͤrſten und verſoͤhnten Vater hat, dem das gantze Weltgebaͤude, und alle Lande und Staaten des Erdbodens, ia die Fuͤrſtenthuͤmer und Obrigkeiten unter den Seraphinen im Him - mel eigenthuͤmlich zugehoͤren! ſo laſſet uns von aller Befleckung des Fleiſches und des Geiſtes reinigen, und bis zu Ende fortfahren mit der Heiligung in der Furcht GOttes. Jch meine doch, es iſt der Muͤhe wuͤrdig; dieſes Gluͤck iſt ſo viel ſchon werth, daß man was drauf wende, GOttes Kind zu ſeyn, da es ohndem ſo rar iſt, und ſehr wenige es wircklich und recht genieſſen.

3) Gal. 5, 19. ſqq.
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Gal. 5, 19-25. Offenbar ſind die Wercke des Fleiſches, welche ſind: Ehe - bruch, Hurerey, Unreinigkeit, Unzucht, Abgoͤtterey, Zauberey, Feindſchaft, Ha - der, Neid, Zorn, Zanck, Zwietracht, Rot - ten, Haß, Mord, Sauffen, Freſſen, und alles, was dieſem aͤhnlich iſt; von wel - chen ich euch habe zuvor geſagt, und ſa - ge noch zuvor, daß die, ſo dergleichen thun, das Koͤnigreich GOttes nicht er - erben werden. Die Frucht aber des Geiſtes (iſt nur eine. Denn Er iſt nur einer, beherrſchet das Hertz gantz allein, regierets alſo gantz und gar; die Gottſeligkeit iſt ein integrumin277der Unreinigkeit. integerrimum, ſo, daß wer eine wahre Tugend hat, der hat ſie alle; und wer eine thut, der thut ſie alle; und wer ſie nicht im Hertzen und Ver - langen alle thut, der thut gar keine. Denn weſ - ſen Hertze nicht allen Gehorſam in allen Stuͤ - cken| GOtt leiſten will, der leiſtet ihm ja gar kei - nen mit Redlichkeit und Luſt;) iſt Liebe, Freu - de, Friede, Langmuͤthigkeit Freundlich - keit, Guͤtigkeit, Glaube, Sanftmuth, Keuſchheit, oder Enthaltung der Begier - den; wider dergleichen iſt kein Geſetze in der Welt. Diejenigen aber, die Chri - ſti ſind, haben das Fleiſch ſchon gecreu - tziget und creutzigen es noch immerfort, (ſonſt koͤnten ſie nicht Chriſti ſeyn. Denn ſo ac - cordiret er ia mit einem ieden, bey dem erſten An - ſpruch: Wer mein Juͤnger ſeyn will, Luc. 9, 23. 24. 25. 26. und Cap. 14, 26. 27. 33. da iſt noch viel was hoͤhers. Cap. 17, 25. 32. 33. C. 22. 29. ) mit ſamt ihren Affecten und Luͤ - ſten. Leben wir denn im Geiſte, ſo laſ - ſet uns auch im Geiſte wandeln.

Eph. 3, 16-19. C. 4, 17-22. 23. 24.4) Eph. 16. ſeqq. 29. 30. Cap. 5, 1-14. Darum ſupplicire ich, daß euch GOtt nach dem Reichthum ſeiner Herrlichkeit, (Kraft ſeines excellenten Ebenbildes und Kraft der groſſen Majeſtaͤt un - ſers Oberherrn, des HErrn JEſu Chriſti) zu geben beliebe in der Kraft (und an dem geiſtlichen Vermoͤgen, ſo ihr bereits habet,) ge - ſtaͤrcket zu werden durch ſeinen Geiſt in dem inwendigen Menſchen, (das iſt, bis einS 3recht278(II. Th.) Theologiſche Betrachtungrecht reelles Ebenbild GOttes in euren Seelen - und Leibeskraͤften herfuͤr gebracht werde, daran man einen vollkommenen Mann und geheilig - ten Wandel ſehen koͤnne, wie Chriſtus ſagt Matth. 5, 48.) auf daß Chriſtus wohnen moͤge durch den Glauben in eurem Her - tzen, und ihr in der Liebe eingewurtzelt und feſt gegruͤndet ſeyd: damit ihr ver - moͤgend werdet, mit allen Heiligen zu be - greiffen, welch eine Breite, und Laͤnge, und Tieffe, und Hoͤhe das ſey, (was man in der Erbarmung, Herrlichkeit und Heiligkeit GOttes zu bewundern; in der Bekandtſchaft und Vereinigung mit ihm aber zu erfahren und zu genieſſen kriegt,) und ſonderlich zu erken - nen, die weit uͤber alle Erkenntniß ge - hende Liebe Chriſti, damit ihr alſo er - fuͤllet werdet bis zu jeglicher Fuͤlle GOt - tes, nemlich mit allen Gnadenkraͤften und Se - ligkeiten, ſo hoch und ſo weit ſie der Allerhoͤch - ſte bey den Seinigen noch in dieſer Zeit gehen zu laſſen beliebet.

Dis ſage ich nun und bezeuge es in dem HErrn, (bitte euch um des Herrn willen drum, als ſein Bothe an euch, und als einer, der auf den Fall eures Ungehorſams ſelbſt wieder euch zeugen muß,) daß ihr nicht mehr wan - delt, wie die uͤbrigen Heiden wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes: die da verfinſtert ſind am Gemuͤthe, entfrem - det von dem goͤttlichen Leben, (alien und abgeneigt gemacht worden dem Leben, das ausGOtt279der Unreinigkeit. GOtt iſt,) durch die Unwiſſenheit, ſo in ih - nen iſt, und durch die Verblendung und Verhaͤrtung ihres Hertzens. Welche, nachdem ſie alles Gefuͤhl des Gewiſſens verloren, und ſeiner zum Theil mit Freuden loß worden, ſich ſelbſten der Unzucht uͤber - geben haben, zur Ausuͤbung aller Un - reinigkeit, in unerſaͤttlicher Begierde: Jhr aber habt ia Chriſtum ſo nicht ge - lernet, wofern ihr anders von ihm ge - hoͤret habt, und in ihm gelehret wor - den ſeyd, welchergeſtalt in JEſu Wahr - heit iſt: oder auf welche Weiſe im Hertzen ein reines und rechtſchaffenes Weſen ſey, ſo bald man mit JEſu eines Willens und Hertzens worden, nemlich daß ihr, ſchnurſtracks wieder den vorigen Wandel, muͤſſet ablegen den alten Menſchen, der ſich durch Luͤ - ſte im Jrrthum verderbet: hingegen im Geiſte eures Gemuͤthes erneuert wer - den, und den neuen Menſchen anziehen, der nach GOtt (dem allerhoͤchſten Original und Muſter,) geſchaffen iſt, in wahrhafti - ger Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Kein faul oder unnuͤtzes Wort muͤſſe aus eurem Munde herausgehen, ſon - dern wofern irgend eines gut iſt zur noth - wendigen oder nuͤtzlichen Erbauung, das duͤrfet ihr euch nicht ſcheuen zu reden, da - mit es die, ſo es hoͤren, gutwillig mache gegen GOtt und alles Gute; und betruͤ - bet nicht den heiligen Geiſt GOttes, mitS 4wel -280(II. Th.) Theologiſche Betrachtungwelchem ihr verſiegelt worden ſeyd, bis auf den Tag der Erloͤſung. Hurerey aber, und eine iede Unreinigkeit, oder Geitz, muͤſſe nicht einmal genennet werden unter euch, wie es den Heiligen gebuͤhret; ſo auch kein ſchaͤndliches We - ſen noch Narrentheidungen, (naͤrriſche Re - den) oder Schertz (luſtige und liſtige Verdre - hung und Stellung der Worte) als welches ſich nicht ſchicket, ſondern vielmehr Danckſagung. Denn ihr ſeyd euch deſ - ſen wohl bewuſt, daß ein ieder Hurer oder Unreiner, oder der unerſaͤttliche Be - gierden hat, welcher ia offenbarlich ein Goͤtzendiener iſt, kein Erbtheil hat in dem Koͤnigreiche Chriſti und GOttes. Laſſet euch niemand verfuͤhren mit ver - geblichen Worten: denn um ſolcher Dinge willen kommt der Zorn GOttes uͤber die Kinder des Unglaubens. Wer - det doch nicht ihre Mitgeſellen; (die glei - chen Antheil mit ihnen haben; denn was iſt ihr Theil und was werdet ihr mit ihnen zu ge - nieſſen haben? es ſtehet Offenb. 21, 8.) denn ihr ſeyd ehemals auch Finſterniß gewe - ſen, da habt ihrs ja koͤnnen erfahren, was hattet ihr fuͤr Gutes dabey? (Roͤm. 6, 21.) Nun aber ſeyd ihr ein Licht in dem HErrn. O wie lieb ſoll euch das ſeyn? Wandelt demnach und deswegen um deſto mehr, wie die Kinder des Lichts, habet keine Gemeinſchaft mitden281der Unreinigkeit. den unfruchtbaren Wercken der Finſter - niß, vielmehr aber beſtraffet ſie auch drum, ihr wiſſets ja, daß was heimlich von ihnen geſchiehet, iſt ſo gar auch nur zu ſagen ſchaͤndlich. Nun aber die Men - ſchen ſo unverſchaͤmt worden ſind, muß man es wol oͤffentlich in die Welt hinein ſchreyen und ſchreiben. Alles dieſes aber wird vom Lichte offenbar gemacht, wenn es be - ſtraffet wird.

Col. 3, 1. 3. 5. 6. 8. 12. 17. Wofern5) Col. 3, 1. ſqq. ihr nun mit Chriſto auferſtanden ſeyd, ſo ſuchet was droben iſt, wo Chriſtus iſt, ſitzend zur Rechten GOttes. Denn ihr ſeyd geſtorben, und euer Leben iſt verborgen mit Chriſto in GOtt: ſo toͤd - tet derowegen eure Glieder die auf Er - den ſind, (nicht nur die Ausbruͤche der boͤſen Luſt, denn das ſind ſchon die Wercke der Glie - der, ſondern die mannigfaltige Luſt ſelber, wel - che hie wegen ihrer reellen Gegenwart, Gewalt - thaͤtigkeit, und vielfaͤltigen Art, unzehliche Glieder des aͤuſſerlichen verdammlichen Menſchen, und gleichſam einen voͤlligen geruͤſteten Mann, den man umbringen muͤſſe, geiſtlicher Weiſe vorſtel - let, nemlich) Hurerey, Unreinigkeit, ſchaͤnd - liche Brunſt, boͤſe Luſt, und iede hefti - ge unerſaͤttliche Begierde, als welche eine Abgoͤtterey iſt; um welcher willen der Zorn GOttes kommt uͤber die Kin - der des Unglaubens ꝛc. Ziehet und neh - met an, als die Auserwehlten GOttes,S 5Hei -282(II. Th.) Theologiſche BetrachtungHeilige und Geliebte, hertzliches Erbar - men, Freundlichkeit, Demuth, Sanft - muth und Gedult. Alles, was ihr auch immer thut, mit Worten oder mit Wer - cken, das alles thut in dem Namen des HErrn JEſu, (ſo wird gewiß viele Arbeit und jaͤmmerliche Bemuͤhung wegfallen, vieler Ver - druß und Sorge zuruͤck bleiben, ja gewiß euer Le - ben ſoll euch unvergleichlich leichter werden, weil ihr dergeſtalt unglaublich viel weniger zu thun bekommt, die einzige Sorge, einem Einigen, dem allerſeligſten und allerliebſten GOtt allein zu ge - fallen und gleichwol iſt nur huius unius ſum - ma, vera, eminentisſima necesſitas, Luc. 10, 4.) und dancket GOtt und dem Vater durch ihn.

6) Tit. 2, 11. ſqq.
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Tit. 2, 11-14. Es iſt erſchienen die Gnade GOttes, die da heilſam und hoͤchſt - profitable iſt, allen Menſchen. Welche uns, wie kleine Kinder unterrichtet, daß wir, nachdem wir erſt die Gottloſigkeit und die weltlichen Luͤſte verleugnet ha - ben, zuͤchtig gegen uns ſelbſt, gerecht gegen unſern Naͤchſten, der ja auch ſo wohl Mitleidens wuͤrdig iſt, als wir, und gottſelig gegen GOtt leben moͤgen in dieſer Welt; (nicht erſt in jener, denn da haben dieſe Pflichten weder im Himmel ſtatt, in eben der Art, wie im ietzigen Leben, noch vielweniger in der Hoͤlle,) wartende auf die gluͤckſelige Hof - nung, und auf die Offenbarung der Herrlichkeit des groſſen GOttes und un -ſers283der Unreinigkeit. ſers Heilandes JEſu Chriſti, welcher ſich ſelbſten ſtatt unſerer hingegeben hat, (und wir bedencken uns erſt, ob wir wol ihm zu Liebe die ſchaͤndliche Luſt, den unſeligſten Jam - mer, | der unſere Seele verdirbet, die aͤuſſerſte Sclaverey und den Schandflecken unſers Lebens verlaſſen und ihr abſagen wollen; ey das ſind erkenntliche Leute!) damit er uns ranzioni - ren moͤchte von aller Ungerechtigkeit, (und wir wollen mit Wiſſen und Willen nicht heraus, ey das iſt ein treflich hoher Verſtand!) und heilige ihm ſelbſt ein gantz eigen - thuͤmliches Volck, das recht eiferte in guten Wercken, da es einer dem andern billig ſolte ſuchen zuvor zu thun, ſich gegen einen ſolchen gnaͤdigen Koͤnig und Heiland auf alle nur er - ſinnliche Weiſe erkenntlich, geneigt und gutwil - lig zu bezeugen, der es ja endlich wohl verdienet hat.

2 Petr. 2. toto. Es werden auch un -7) 2 Pet. 2 1. ſqq. ter euch ſeyn falſche Lehrer, welche hoͤchſt verderbliche erwehlte Lehrſaͤtze neben einfuͤhren, und den Oberherrn, ih - ren Fuͤrſten, der ſie erkauffet hat, ver - leugnen, und uͤber ſich ein ſchnelles Ver - derben ziehen werden. Denn ſo GOtt der Engel, die geſuͤndiget haben, nicht verſchonet hat; ſo er die gantze erſte Welt voll Gottloſen mit der Suͤndfluth vertilget; ſo er Sodom und Gomorrha zu Aſchen gemacht, umgekehret, und ver - dammt, und damit ein Exempel ſtatuirthat,284(II. Th.) Theologiſche Betrachtunghat, denenjenigen, die hernach eben ſo ſuͤndigen wuͤrden; ſo weiß wahrlich der HErr die Ungerechten, (die inzwiſchen ietzo ſchon jaͤmmerlich und hart genug gepeiniget wer - den) zu behalten zum Tage des Gerichts; am allermeiſten aber die, ſo da wandeln ja recht gehen nach dem Fleiſche, (Pro - feßion draus machen) in der Luſt der Un - reinigkeit; und die Majeſtaͤten (alle Obere, die ihre Luͤſte mit Gewalt und harten Schlaͤgen zaͤhmen ſollen) verachten; das ſind verwe - gene, (wildfreche; dis aber ſoll denn großmuͤ - thig und genereux heiſſen) eigenſinnige, die an ſich ſelbſt das groͤſte Gefallen haben,) erzit - tern nicht, wenn ſie die Herrlichkeiten (Eigenſchaften des anbetungswuͤrdigen GOttes mit ihrem gottloſen Weſen verlaͤſtern, daß Satan ſelbſt nun als mit Fingern drauf weiſen und provociren darf und ſagen: ſo iſt nunmeh - ro das Ebenbild GOttes, und ſo treflich ſiehets um die Erloͤſeten Chriſti aus!

Dieſe ſind wie die unvernuͤnftigen Thiere, fleiſchlich und viehiſch, die dem Directorio der geſunden Vernunft, ſo fern ſie etwas fuͤr gut oder ſchaͤdlich erkennet, nicht mehr folgen, ſondern nur der Gewalt und dem Trieb ihrer viehiſchen Affecten; grade als haͤtten ſie ſich nichts mehr in der Welt zu thun fuͤrgenom - men, als zu eſſen, zu trincken, zu ſchlaffen, Luͤſte auszuuͤben, und das Aufwachen ihres Gewiſ - ſens durch viehiſche und beharrliche Ergoͤtzlich - keiten zu verhuͤten: geſchweige, daß ihre Ver -nunft285der Unreinigkeit. nunft ſolte erleuchtet, und der Wille geheiligt worden ſeyn: die dazu gebohren ſind, daß ſie gefangen werden und umkommen, ſind auch bereits vom Teufel gefangen, ſo daß er ſie in ſeinen Stricken fuͤhret, wie man einen Ochſen zur Schlachtbanck beydes ziehet und treibet, welches ſie aber, weil ſie geiſtlich truncken ſind, und vom Becher des Zornes GOttes getrun - cken haben, nicht mehr fuͤhlen, (wie es heiſſet 2 Tim. 2, 25. 26.) Darum weiden ſie ihre Hertzen recht in allen Wohlluͤſten, wie auf einen Schlachttag, (ſo ſtehet es Jac. 5, 5.) laͤſtern ſo gar auch in ſolchen Dingen, darin ſie doch nichts wiſſen, und die groͤſten Jdioten ſind, die werden in ihrem verderblichen Weſen verderbet werden, weil ſie ſich durch ihre Suͤnden ſelbſt verderben, dem Leibe nach, den ſie um ſo viel eher dem Tode uͤber - liefern, jemehr ſie ihm durch Luͤſte wollen zu gu - te thun: der Seelen nach, indem derſelben Kraͤfte nicht mehr in natuͤrlichem angeerbten Verderben ſtehen, ſondern weit weit hoͤher in der Boßheit gegangen ſind, die doch zum Bilde GOttes corrigirt und reſtituirt werden ſolten: die den Lohn der Ungerechtigkeit, (eine quaͤlende Unruhe und Plage der gantzen Seele, Pſal. 32, 10. Jeſ. 57, 21. dagegen ſiehe Jeſ. 32, 17.) unausbleiblich empfangen und davon tragen: halten das taͤgliche und zeitliche Wohlleben fuͤr eine Wohlluſt, fuͤr ihr hoͤchſtes Gluͤck und Gut: ſie ſind Schandflecken und Laſter, die das Volckund286(II. Th.) Theologiſche Betrachtungund die Gemeine GOttes dergeſtalt beflecken, und die Chriſtliche Religion ſo proſtituiren, daß ſich auch die ehrbaren Heyden dafuͤr entſetzen, und um deswillen die Chriſten deteſtiren; ha - ben Augen voll Ehebruchs, die nicht ru - hen koͤnnen von der Suͤnde, (der Unzucht inſonderheit, denn die wird zuweilen im eigent - lichſten Verſtande Suͤnde genennet, als haͤtte ſie vor andern was voraus, Luc. 7, 37. 39. Marc. 2, 15. 16. Matth. 21, 31. 32. Joh. 8, 11.) nehmen die Leichtſinnigen, nicht feſt gegruͤndeten Seelen (Eph. 4, 14.) mit ih - ren Lockungen ein, haben ein Hertz, das recht geuͤbt und exercirt iſt in Luͤſten und Begierden. Verfluchte Leute! oder gar Kinder des Fluchs, von denen auch andere mit Fluch koͤnnen angeſteckt werden: haben den richtigen Weg verlaſſen, ſind verfuͤhret worden, indem ſie gefolget ſind dem Wege Balaams, welcher den Lohn der Ungerechtigkeit geliebet hat, nemlich hat - te Luſt zu dem ſchoͤnen Recompens, ſo ihm Ba - lack anboth, und richtete durch ſeinen Rath - ſchlag Unzucht, Greuel und Hurerey an ꝛc. Die - ſe ſind die Brunnen ohne Waſſer, und Wolcken vom Windwirbel herum ge - trieben (alſo mit nicht geringer Heftigkeit, denn der Gottloſe hat keinen Frieden, ſpricht mein GOtt, Jeſ. 48, 22.) denen eine ſtock - dicke Finſterniß ſelber behalten iſt in Ewigkeit. Folglich nicht nur die aͤuſſerſte Finſterniß, ſondern auch eine ewige Gefangen -ſchaft287der Unreinigkeit. ſchaft und Sclaverey, und ein immerwaͤhrender Jammer: denn dis bedeutet das Wort Fin - ſterniß in der Schrifft. Denn indem ſie uͤberaus ſchwuͤlſtige Worte der Eitel - keit reden, (oder ſtoltze Worte, da nichts hin - ter iſt, ſehr hochtrabende und einen Schein ei - nes groſſen Verſtandes habende Dinge, Hiſto - rien und Lehren ausbreiten) ſo fangen ſie, wie mit einer Lockſpeiſe, durch die fleiſchlichen Luͤſte und unverſchaͤmte Geilheit dieje - nigen, ſo wahrhaftig entronnen waren denen, ſo in der Jrre wandeln; und ver - heiſſen ihnen Freyheit, da ſie doch ſelbſt Knechte des Verderbens ſind. Denn von welchen iemand uͤberwunden iſt, deſſen Knecht iſt er. Denn ſo die - jenigen, ſo dem Unflat der Welt ſchon entflohen waren, durch die Er - kenntniß unſers HErrn und Heilandes JEſu Chriſti wiederum in ſolche Dinge verwickelt, eingeflochten und uͤberwun - den werden; ſo iſt mit ihnen das letzte aͤrger worden, denn das erſte. Denn es waͤre ihnen beſſer, daß ſie den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt haͤtten, denn daß ſie ihn erkennen, und ſich von dem heiligen Gebot wegkehren, ſo ih - nen uͤberantwortet war. Aber es iſt ih - nen wiederfahren, was in dem wahren Sprichwort geſaget wird: Der Hund friſſet wieder, was er geſpeyet hat, (denn er iſt ein Hund) und die Sau waͤltzet ſichnach288(II. Th.) Theologiſche Betrachtungnach der Schwemme wieder im Koth, kehret zu ihrem Kothlacken wieder um, denn ſie iſt eine Sau.

Mehrere Spruͤche mag ich nicht anfuͤhren: iſt doch das glaubwuͤrdige | Wort GOttes ein oͤffentliches Manifeſt des allerhoͤchſten Monar - chen, jedermann kann und ſolls leſen. Denn fuͤr die lange Weile gibt nicht einmal der ge - ringſte Menſch einigen Befehl, geſchweige, der allmaͤchtige GOtt, der ſouveraine HErr des gan - tzen Weltgebaͤudes. Jch meine aber, in dieſen angefuͤhrten Stellen iſt die Sache deutlich, nach - druͤcklich, und uͤberzeugend genug fuͤrgeſtellet, und noch dazu der Zuſtand ſolcher Leute, die Muthwillens in der Luſtſeuche ſtecken, und ſol - cher Boͤſewichte, die muͤndlich und ſchriftlich da - zu verfuͤhren, ſpeciell gnung beſchrieben, und mit lebendigen Farben abgemahlet.

Schlußanrede.

Schluß - anrede.
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NUn richten Sie ſelber, mein geliebter Freund! (GOtt forderts Jeſ. 5, 3. 4. 18. 19. 20. 21. ) ob das nicht Mo - tiven und Gruͤnde gnung ſind, und ob ſie nicht wichtig und uͤberzeugend gnung ſind, Sie zum billigen und wohlbedachten Ent - ſchluß zu bringen? Soll Sie dis alles noch nicht bis zu der Reſolution vermoͤgen, daß ſie nicht nur auf alle fleiſchliche Wohlluſt und Ueppigkeit, auch in ihren Gedancken voͤllig renunciren: ſon - dern ſich auch zur genauen Bewahrung desHer -289der Unreinigkeit. Hertzens in Reinigkeit und Keuſchheit vor dem Gerichte GOttes und ihres Gewiſſens verbind - lich machen wollen? Ein Menſch muß ſich durch die ſtaͤrckſten Bewegurſachen und Gruͤnde laſſen uͤberwinden, wo er anders vernuͤnftig ſeyn will. Verfangen nun dieſe nichts, und koͤnnen ſie dieſe nicht bewegen, von ſolcher Schande abzuſte - hen: ſo muͤſſen ſie noch wichtigere und ſtaͤrckere Gruͤnde haben. Die ein - tzige Luſt, die das Fleiſch kuͤtzelt, kann doch unter dem menſchlichen Geſchlecht, dem vernuͤnftigen und edelſten Geſchoͤpfe, unmoͤglich ſo wichtig ſeyn, einen ſtaͤrckern Grund abzuge - ben. Denn ſie iſt ia eine viehiſche Wohlluſt, ein fleiſchlicher, hoͤchſtſchaͤdlicher, ſclaviſcher, grober Trieb, deſſen ſich die Menſchen ſelbſt un - ter einander ungeheiſſen ſchaͤmen. Was ſoll doch nun ewig ſo vermoͤgend ſeyn, ihr armes Hertz und Leib und Leben an die Unreinigkeit ſo anzufeſſeln? Die angefuͤhrten Gruͤnde ſind von unwiederſprechlicher Gewißheit, und von hoͤchſter Wichtigkeit. Jſts denn, zum Ex - empel, ungewiß, daß wir ſterben, und daß wir nicht ſterben wie das Vieh, auch nicht leben ſol - len wie das Vieh? Jſts denn nicht wahr, daß wir alle auferſtehen und gerichtet werden muͤſ - ſen, und daß wir nach dem Ausſpruch dieſes Gerichts entweder in ewiger Quaal, oder ewi - ger Freude ſeyn werden? Jſts nicht unvernuͤnf - tig und boshaft, ſeinen Leib und ſeine Seele zu ruiniren? Jſts nicht ſtraffwuͤrdig, ſeine Geſund -II. Th. Betr. der Unreinigk. Theit,290(II. Th.) Theologiſche Betrachtungheit, und ſein Leben zu verkuͤrtzen? Jſts nicht ei - ne unſinnige Wuth und Raſerey, ſich und an - dere zu ſeinem eigenen Hertzeleid in die groͤſte Noth zu ſtuͤrtzen? Was iſt gewiſſers und wich - tigers, als dieſe Wahrheiten? Was kann uns hoͤher, naͤher, inniger und dringender angehen, als die erzehlten Dinge? Soll denn diß alles fuͤr nichts geachtet, verſchmaͤhet, und unter die Fuͤſſe getreten werden? Soll ein Menſch ſeine Augen alſo zuſchlieſſen vor allem, was ihm nach der Wahrheit und Billigkeit vorgeſtellet wird? Soll denn ein Menſch nichts ſehen, nichts hoͤren, nichts uͤberlegen, ſondern nur uͤber der Erfuͤllung ſeiner Luͤſte dem gewiſſen und erſchrecklichen Ver - derben in den Rachen hinein lauffen? Oder was meinen Sie dazu: Jſts denn nicht hoͤchſt billig und kurtzum erforderlich, daß ein vernuͤnftiger Menſch auf die allerheiligſte Natur und auf die Befehle, Anordnungen, Wercke, Herrlichkeit und Eigenſchaften ſeines Schoͤpfers reflectire? Soll denn ein Chriſte gar nicht einmal erwe - gen, wovon er durch JEſu Chriſti Leben, Leiden und Sterben erkauffet, und wozu er alſo theuer erworben iſt? Gebuͤhret ſichs denn nicht, daß ein Chriſte die Herrlichkeit ſeines Chriſtennah - mens, den Adel ſeiner Seele, die groſſen Ver - heiſſungen, die ihm bey einem rechtſchaffenen Weſen geſchehen ſind, zu Hertzen nehme? O das muͤſte ia eine uͤbermachte Verblendung und Boßheit ſeyn, die kaum zu begreiffen; und die unter den Menſchen, weil ſie Verſtand haben, mehr als andere Uebelthaten, mit Feuer undSchwerdt291der Unreinigkeit. Schwerdt verbannet werden ſolte, wenn man dergleichen nichts bey ſich wolte verfangen laſ - ſen. Wenns ein Menſch gegen ſeinen Schoͤpf - fer ſo machen wolte, wer will ſich denn ſein erbarmen? wer wird denn Mitleiden mit ihm haben? wer wird denn hingehen, und ihm bey GOtt wieder Frieden erwer - ben? Jerem. 15, 5.

Mein Hertzensfreund!

Da mir Jhre Vor - ſichtigkeit und Ueberlegung in andern Dingen ſonſt nicht unbekannt iſt, ſo kann ich unmoͤglich anders dencken, als daß Sie dieſelbe hierinnen um ſo viel ſorgfaͤltiger und ernſtlicher brauchen werden, ie mehr die Sache auf ſich hat. Auch unſerer verbindlichen Freundſchaft wegen iſt es mir nicht erlaubet, daran zu zweifeln, daß Sie alle billige und moͤgliche Vorſchlaͤge, die man Jhnen nur geben kann, von Hertzen gerne an - nehmen werden, um einer ſo vielfachen Gefahr und ſo vielen entſetzlichen Schulden und Straf - fen aufs eilfertigſte zu entgehen. So ſtehets Jhnen auch bey der Wahrheit und Herrlich - keit des allmaͤchtigen GOttes nicht frey, die Sa - che ſo wegzuwerffen, als ob ſie nicht einmal wuͤrdig waͤre, daß man ſich druͤber bedencke. Denn GOtt ſelbſt hat dißfalls mit ihnen tra - ctiret, und es Jhnen weitlaͤuftig, ich meine auch uͤberzeugend gnung vorſtellen laſſen. So hoͤren Sie demnach mit gutwilligem Hertzen, was Jh - nen die erbarmende Liebe des Allerhoͤchſten fuͤr Wege nun zu guter letzte entdecken will, durch welche Sie aus dem ſchrecklichen Labyrinth dochT 2noch292(II. Th.) Theologiſche Betrachtungnoch werden koͤnnen herausgeriſſen werden; ob zwar nicht anders, als mit der hoͤchſten Kraft des lebendigen GOttes, und mit nicht geringer und anhaltender Gewaltthaͤtigkeit, gegen die boͤ - ſe Luſt.

Anhang Einiger Zeugniſſe von der in dem andern Theile abgehandelten Materie aus einem Schweitzeriſchen Theologo.

§. 1.

JNdem man mit Edirung des ManuſcriptsVeranlaſ - ſung des Anhangs. beſchaͤftiget iſt, und die allgemeine Noth der gantzen Chriſtenheit, ja das heimliche Wehklagen aller Nationen uͤber dieſem graͤß - lichen Verderben einem Chriſten nothwendig zu Her - tzen gehen muß: ſo hat man es nicht laſſen koͤnnen, ſich nach allerley deßfalls edirten theologiſchen und mediciniſchen Schriften nach Moͤglichkeit, doch ge - treulich umzuſehen, und zu forſchen, ob denn bey ei - ner ſolchen alle Voͤlcker uͤberſchwemmenden Noth undGe -293der Unreinigkeit. Gefahr nicht ſchon mehrere hie und da aufgetreten ſind, die die Menſchen, die ſo theure Menſchen, ih - re ſo nahe Verwandte, ihre Mitbuͤrger der Welt und Miterloͤſete, in dieſem Stuͤcke bereits hinlaͤnglich ge - warnet und auch unterwieſen haͤtten. Und ſiehe da faͤllt uns ein vortreflich Buͤchlein in die Hand, von einem ruͤſtigen Waͤchter Zions, der in den Schwei - tzeriſchen Alpengebirgen und auf dem flachen Lande das Evangelium CHriſti getroſt lehret und Frieden verkuͤndiget. Es iſt dieſes Buͤchleins in den geſegne - ten Sammlungen zum Bau des Reiches GOttes im 48. Beytrag p. 1009. ſeqq. wie billig gedacht, und ein Theilchen daraus zur Probe excerpiret worden. Der Titel dieſes ausbuͤndig ſchoͤnen Buches iſt: Die Paradieſiſche Aloe der Jungfraͤulichen Keuſch - heit, welche GOtt giebet allen, die da ſind aus dem Glauben an den HErrn JEſum: wobey gelehret wird, wie dieſes himmliſche Gewaͤchs mit CHriſti Dornencron als einem Lebhag (le - bendigen Zaun) uͤmzaͤunet werden muͤſſe, damit es nicht von der hoͤchſtſchaͤdlichen giftigen Flei - ſchesluſt verderbet werde. Geſammlet und aus - gepreßt von Gratiano Chriſtophilo. Heriſau, im Verlag Joh. Laur. Mock, Buchbinders, 8. 1732. 1. Alphab.

§. 2.

Wir halten dis Buch in dieſer Materie, wasLucii Pa - radieſ. A - loe wird a) recom - mendiret. die theologiſche Ausfuͤhrung deſſelben nach der heili - gen Chriſtenreligion anbetrifft, fuͤr das ſchoͤnſte ſo wir haben, und fuͤr eine unentbehrliche Fortſetzung des von unſerm Verfaſſer aufgeſetzten, dritten Theils: immaſſen es eine aus dieſem Schlamm gerettete und zurecht gewieſene Seele nun auch weiter fortfuͤhret, und in die inneren Geheimniſſe und herrliche Selig - keiten, die bey der Hertzenskeuſchheit und Reinigkeit genoſſen werden, auf eine ſehr liebliche und hertzhafte Weiſe hinein leitet. Weil nun aber dis Buch in un - ſern Gegenden entweder gar nicht, oder doch nur all - zu theuer zu haben iſt; naͤchſt deme nicht jeder Leſer,T 3der294(II. Th.) Theologiſche Betrachtungder an die hochteutſche Sprache zu ſehr gewehnet iſt, aus der ſo bluͤhenden und landesmaͤßigen Schreibart dieſes Buͤchleins gleich viel Nutzens und Erbauung mit andern ziehen duͤrfte: ſo koͤnnen wir uns nicht entbrechen, die vornehmſten Stuͤcke daraus zu excer - piren, ſie nach der von dem Verfaſſer dieſes unſers Buchs beliebten Ordnung unter gehoͤrige Titel und Paragraphos zu bringen, die Schreibart hie und da nach unſrer Mundart einzurichten, und uͤbrigens das Buch ſelbſt, ſo man es irgendwo leichtlich haben kann, gleichwie dieſes lieben Theologi alle uͤbrige Schriften, jedermann aufs beſte zu recommendiren Wir unter - winden uns deſſen mit voͤlliger Freudigkeit: weil nicht nur der Zweck bey beyden Verfaſſern gantz einerley und redlich iſt, ſondern wir auch gewiß verſichert ſind, daß der Herr Verfaſſer dieſes angenehmen Tractats ſo wohl, als ſein Verleger, dieſe unſere Recommendati - on fuͤr genehm halten werden.

b) recenſi-ret.
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§. 3.

Es handelt der Herr Auctor auch die drey Hauptmaterien darinnen ab, welche ſonſt auch von an - dern pflegen gelehret zu werden: 1) den Schaden des Leibes und der gantzen Natur des Menſchen, 2) Den geiſtlichen Seelenſchaden, der aus der Unreinigkeit entſpringen muß; und 3) die Mittel und Bewegungs - gruͤnde zur Keuſchheit, ſamt Anzeige deſſen, wo - fuͤr man ſich ſonderlich huͤten muͤſſe. Das Buch iſt als wie ſtuͤckweiſe zuſammen geſchrieben aus der Fuͤl - le eines Glaub-und Lieb-vollen Hertzens und daher wird uns um deſto mehr vergoͤnnet ſeyn, das, was zu dieſem 2. Theile gehoͤrt, in bequemer Ordnung hier beyzufuͤgen; was aber zum dritten Theil gehoͤren mag, gleichfalls aus dem gantzen Buch zuſammen zu ſuchen, und zum Anhang des dritten Theils zu ſparen.

Des Auctoris Vorbe-richt.
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§. 4.

Jm Vorbericht zeigt der Verfaſſer die Urſa - chen an, warum er von dieſer Materie ſchreibe: weils von ihm begehret worden; ihm der Jammer ſo vie - ler Menſchen tief zu Hertzen gienge, und dis ein Wort ſey, zu ſeiner Zeit geredet: immaſſen die graſ -ſirende295der Unreinigkeit. ſirende Luſtſeuche allenthalben moͤrderlichen Schaden thut ꝛc. Er zeigt die Urſache an, warum er ſeinen Namen nicht drauf geſetzet: weil ich ſchon, ſpricht er, lange zu GOTT geſchrien, daß doch JEſus Name allein aller Menſchen Hertzen ein - nehmen, erfuͤllen, beruͤhren und ſaͤttigen moͤch - te. Aller Menſchen Ruhm iſt mir zum grauer - lichen Eckel worden; mein Hertz entſetzet ſich darob. Er entſchuldiget die freye Schreibart, und ſpricht: Moͤchte auch jemand gedencken, der Schrei - ber haͤtte ein und anders wohl koͤnnen verſchweigen: der hoͤre was Epiphanius ſagt, als er die heßlichen Unreinigkeiten der Gnoſticorum beſchreiben ſolte: Jn Anſehung der Unreinigkeit der Sachen kann man ſchwerlich davon reden; und in Anſehung der Er - ſchrecklichkeit des Zornes GOttes, der hiedurch ent - zuͤndet wird, kann man ſchwerlich ſchweigen. Sein Anfang iſt: Ach, mein HErr JEſu! was nehme ichAnfang. vor zu ſchreiben wieder die Unkeuſchheit, ſo heute zu einem ungeheuren Goliath aufgewachſen, der dem gantzen Heerlager Jſrael Trotz bietet; daß dieſem Un - geheuer faſt niemand unter Augentreten darf! Jeden - noch will ichs wagen in deinem Namen, O mein HErr Zebaoth! Ach gib mir die Schleuder des ſtets zu dir mein GOtt flehenden Geiſtes; fuͤhre mich zum Bach des theuer vergoſſenen Bluts, und zeige mir die im Grund der ewigen Heiligkeit und im Wort der Wahrheit liegende Steine der ſchaͤrfeſten und wichtigſten Gruͤnde; fuͤlle dann meinen Muth mit Glauben, mein Hertz mit erbarmendem Mitleiden, und meinen Sinn mit heiligen Einfluͤſſen: und richte alles ſeliglich dahin, daß der Feind getroffen, die boͤ - ſen Geiſter geſchrecket, in die Flucht gejagt, ihrer Waffen beraubet und erwuͤrget werden; dagegen dein erſchrockenes kaͤmpffendes Jſrael ſehr erfreuet werde und in unendlichem Jubelgeſchrey uͤber der Erloͤſung ausbreche, die du, o JEſu alleine ſchenckeſt. Amen!

§. 5.

Nach dieſem Eingang wollen wir die auser -T 4leſe -296(II Th.) Theologiſche Betrachtungleſenen Stuͤcke dieſer Paradiſiſchen Aloe nach den 8. Se - ctionen, oder Anmerckungen, die unſer Verfaſſer in ſeinem 2ten Theil gemacht, ordentlich zuſammenleſen und herſetzen. So gehoͤret demnach zur I. SectionSect. I. Keuſch - heit im Eheſtand. p. 210. darinnen der Sechswoͤchnerinnen ihre Geſe - tze beruͤhret werden, folgendes vom Eheſtande, und der ſo allgemeinen Noth der Menſchenkinder, auch in Ab - ſicht auf den Eheſtand und das Suͤndenjoch, ſo man bey demſelben mit tragen muß, z. E. folgendes: Lu - therus rathet jungen Leuten, ſie ſollen ſich nicht allzu - ſpaͤte verheyrathen, damit der Unluſt, Sorge und Be - duͤrfniß des Eheſtandes den Kitzel, wo nicht gantz ver - treibe, doch mindere. Denn es iſt gewißlich wahr, daß die wuͤſten und ſchaͤndlichen Phantaſeyen eine un - ſelige und verfluchte Hinderniß der Weisheit und al - les guten ſind, bey allen durchgehends, doch vornem - lich bey jungen Leuten. Ja, je anmuthiger, luſtiger und ſuͤſſer der Fleiſcheskitzel zu ſeyn ſcheinet, je ſchaͤdlicher und giftiger iſt er der Seelen, und greuli - cher als das giftigſte Eitergeſchwaͤr. Dagegen kan nun der beſchwerliche Eheſtand eine geſegnete Hinder - niß vieles Muthwillens ſeyn, und der hungrigen Kin - der ihr Geſchrey wird traun ein Antrieb zum Gebet und GOttesfurcht. Keuſchheit iſt eine rare ſeltene Blum, waͤchſt nicht in jedwedem Hertzensgarten, rie - chet aber deſto lieblicher; daher auch der Eheſtand mit ſo mancherley Unluſt verſaltzen iſt, auf daß wir auch in dieſem Stand Keuſchheit uͤben lernen. Denn man traͤgt ein wuͤſtes Neſt der Suͤnden am Halſe, das den Geiſt ſchaͤndlich u. unverſchaͤmt weckt und reitzet, quaͤlet und verunruhiget: es gehoͤrt Macht dazu, immer Herr und Koͤnig daruͤber zu ſeyn. Daher ſich manche Chri - ſten unter andern auch darum ſo ſehnlich und kindlich aufs ewige Leben freuen, weil ſie auch von dergleichen jaͤmmerlichen Beſchwerlichkeiten des Eheſtandes wer - den befreyet werden.

§. 6.

Ach! wer ſolte nicht ihm ſelbſt feind werden, ja Tag und Nacht daruͤber trauren, daß die edlen Glie -der,297der Unreinigkeit. der, die GOttes Kunſt, Weisheit und Guͤte ſo ſchoͤn geſchaffen, zu ſolchen Teufelsneſtern, ja gar Hoͤl - lenpforten worden ſind | Wann ſonſten nichts waͤre, das einem das zeitliche Leben verhaſſet machen ſolte: ſo waͤre das verdammte Suͤndenweſen Materie genug dazu; und muͤſte ein frommes Hertz wol daruͤber naͤr - riſch werden und gar verzweifeln, wenn nicht der all - maͤchtig gnaͤdige GOtt ſo groſſe und reiche Huͤlfe da - wieder in CHriſto geordnet haͤtte; ja auch aus dieſem grauſamen Gift eine geſegnete Artzney der Seelen be - reitete und unſer Beſtes dadurch befoͤrderte. Der gu - te GOtt verbirgt dadurch ſein Gnadenleben in uns vor unſerer Eigenliebe, damit wir uns deſſelben nicht uͤberheben, mit einem geringen Anfang des Chriſten - thums uns nicht begnuͤgen, und nicht ſicher und lau werden: ſondern uns billig fuͤr die ſchnoͤdeſten Men - ſchen achten, uns vor GOtt und allen Leuten ſchaͤ - men, unten an ſitzen, und deſto demuͤthiger nach de - nen Guͤtern und Fruͤchten des heiligen Geiſtes, dar - unter die Keuſchheit nicht die mindeſte iſt, inniglich ſeufzen. Auf dieſe Weiſe muß alles (auch die Suͤn - de) zur Seligkeit mitwircken denen, die auch in den heiligſten Dingen GOttes heiligen Willen und allein weiſen Rath ihrem eigenen Gutduͤncken und Wahl vor - ziehen. Roͤm. 8, 28.

§. 7.

Zur Sect. II p. 211 ſqq. darin die Befehle GOt - tes an die ohne Willen Unreinwordenen angezeiget werden, gehoͤret folgendes zur Erlaͤuterung. Ein groß Ungemach, ſo von allzunehrhaften oder ge -Sect. II. pollutio nocturna wuͤrtzten Speiſen, ſtarckem Wein und andern hitzigen Getraͤncken, allermeiſt aber von unreinen Einfaͤllen verurſachet wird, iſt die naͤchtliche Befleckung, wel - ches manchem faſt unleidlich iſt, weilen es die Na - tur gewaltig ſchwaͤchet; nam plus exhaurit virium, quam ſex dierum labor. Es nimmt oft allen Muth und Freudigkeit hinweg, und iſt den kaͤmpfenden See - len gewiß eine rechte Geiſſel, ſo alle unkeuſche Ge - dancken ſehr verleidet, wenigſtens eben ſo beſchwer -T 5lich298(II. Th.) Theologiſche Betrachtunglich und zuwieder macht, als das Geiſſeln ſelber, wel - ches ſonſt die alten Chriſten zu einem Gegengift wieder dieſe Schandſuͤnde zu gebrauchen pflegten. (Als einmals der heilige Bernhardus ein Weib ſteif anſahe, und ihm vielleicht ein unartiger Gedancken aufgeſtiegen war, ſtraffte er ſich darnach ſelbſt gar hart. Freylich moͤchte viel Boͤſes unterbleiben, wo man ſich iedesmal dar - uͤber ſcharf bis aufs Blut ſelbſt geiſſelte, den Kitzel zu vertreiben: doch iſt kein Mittel zulaͤnglich, wo nicht ein ſtarcker Glaub und Zuverſicht goͤttlicher Huld da - bey iſt.)

ein groſſesLeiden.
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§. 8.

Dis Elend menſchlicher Natur hielte GOtt vor eine ſehr grobe Unreinigkeit unter Jſrael, 5 Moſ. 23, 10. 11. Ein ſolcher muſte vor das Lager hinaus gehen, ſich untuͤchtig und unrein erkennen zum Erb - theil der Heiligen im Licht, (wie man denn in der That zu ſolcher Zeit zu allem unluſtiger und unge - ſchickter iſt;) ſich mit Waſſer baden ꝛc. Und ſo iſts allerdings nothwendig. Man muß ſich in Chriſti Blut und heiligen Reinigkeit waſchen; in wahrer Her - tzensbuß und Zerknirſchung ſeine Noth mit bitteren Klagen vor JEſu ausſchuͤtten; nicht ins Lager hinein kommen, bis die Sonne untergangen: ſelbigen Tag nichts thun, als was man nothwendig muß; ſich un - wuͤrdig achten unter die geſalbete Juͤnger GOttes ge - rechnet zu werden ꝛc. bis die Brunſt, ſo von der Be - fleckung uͤberblieben, mit einem glaubigen Gebet aus - geloͤſchet, und durch den Schlaf in der folgenden Nacht geſtillet iſt. Anbey iſts allerdings das Beſte, ſelbigen Tag an ſtatt des Unmuths durchaus in GOt - tes Lob zuzubringen, und einen Tag des Lobes, des Danckes, und der Anbetung daraus zu machen: ſo iſt die Zeit dennoch nicht verloren, wenn du ſonſt doch nicht viel erhebliches ausrichten kannſt. Auf dieſe Weiſe wird der Geiſt der Unreinigkeit in ſeinem Vor - haben maͤchtig zu ſchanden, daß man ihm ſein Werck, da er den Menſchen mit ſchaͤndlichen Traͤumen zu be - flecken, u. zu verunruhigen trachtete, damit er matt wuͤrde,und299der Unreinigkeit. und des HErrn Werck nicht luſtig genug treiben moͤchte, gerade umkehret, und gegen ihn richtet.

§. 9.

Es iſt aber nicht zu uͤbergehen, was Jud. v. 3. ſtehet, als ein Merckmahl der abſcheulichſten Menſchen, daß ſie traͤumende ihr Fleiſch beſudeln, mithin von der boͤſen Luſt nicht gereiniget ſeyn; daß der Hurenteufel der Seelen Haus beſitze; im Schlaf ſein unflaͤtiges Spiel darinnen habe, und die tief verſteckte Unreinig - keit hervorziehe und rege mache. Dieſer Leute ihr Proceß ſtehetgantz anders. Dagegen ein wahrer Chriſt auch im Schlaf von GOttes Geiſt geheiliget wird, von ſeinem Wort traͤumet, in der Gemeinſchaft heiliger En - gel ſich befindet; er wache oder ſchlaffe, ſo iſt er des HErrn, und was er lebt auch im Fleiſch, das lebt er im Glauben an den Sohn GOttes: denn er iſt Fleiſch von ſeinem Fleiſch, und Bein von Chriſti Beinen. Er ſchlaͤfft in den Armen des goͤttlichen Seelenbraͤutigams, in GOttes Schoos, und der Huͤter Jſraels iſt mit ſei - nen ſtarcken Helden um ſein Bette her. Jn welchen ſeligen Stand kein laͤßiger Traͤumer und Faullentzer nie kommt. Summa es gibt wenig rechtſchaffene Streiter um das wahre Kleinod recht gruͤndlicher Keuſchheit; wer die haben, mithin von heßlichen Nachttraͤumen unbeſudelt bleiben will, der muß un - ablaͤßig der Gnade folgen, und den gantzen Tag keinen unſauberen Gedancken bey ſich einlaſſen, anbey ſich ei - nes nuͤchternen Lebens ſehr befleißigen.

§. 10.

Zur Sect. III. p. 217. ſqq. die die hoͤchſteSect. III. GOttes Haß gegen die Un - zucht. Verabſcheuung GOttes gegen alle fleiſchliche Unreinig - keit in Exempeln vorſtellet, iſt folgendes merckwuͤrdig. Wenn eines Prieſters Tochter, die anfaͤhet zu huren, mit Feuer ſoll verbrannt werden, als die ihren Vater geſchaͤndet hat, 3 Moſ. 21, 9. Welch eine Angſthoͤlle wird denn eingeheitzt werden einer Seele, die GOttes Tochter und Chriſti Verlobte ſeyn ſoll, wenn ſie ihren innern Hertzensgrund nicht von aller unreinen Luſt und huriſchen Brunſt treulich ſaͤubert? Wenn ſich eine Dirne von einem andern zu ſeinem unkeuſchen Wil -len300(II. Th.) Theologiſche Betrachtunglen haͤtte bereden laſſen, ſo muſten ſie die Leute der Stadt vor ihres Vaters Hausthuͤr ſteinigen, darum, daß ſie eine Thorheit in Jſrael begangen, 5 Moſ. 22. v. 21. damit die Hausvaͤter durch das Geſchrey ih - rer ſterbenden Toͤchter erweckt wuͤrden, uͤber dero Auffuͤhrung beſſere Wache zu halten. Denen Buh - len und Buhlerinnen drohet GOtt, daß ihnen Naſen und Ohren ſollen abgeſchnitten werden, mithin ſollen ſie die Nardenſalbe des Koͤniges nicht riechen, noch das Jauchzen von der Hoͤhe zu Zion und des Braͤu - tigams Stimme hoͤren, Ezech. 23. 25. 32. Eine Un - keuſche ward zum Fluch in Jſrael, 4 Moſ. 5, 27. Es ſoll billig alle hundiſche Unflaͤterey aus der Chriſten - heit ausgerottet ſeyn, und ſolte freylich an jedem Stadt - thor geſchrieben ſtehen: Es ſoll keine Hure ſeyn un - ter den Toͤchtern Jſraels, und es ſoll kein Hurer ſeyn unter den Soͤhnen Jſraels, 5 Moſ. 23, 17. Wer GOttes Prieſter und ſein Heiligthum ſeyn, wer ein friſches und hohes Alter erreichen, wer wohl leben will: der eifere um ſeine eigene Seele mit goͤttlichem Eifer, daß ſie als eine reine Jungfrau Chriſto, dem ei - nigen Manne, dargeſtellet werde, und erwuͤrge die her - umſtreiffenden und laurenden Moͤrder gleich auf der Staͤtte, da ſie ſich im Lager Jſrael praͤſentiren, und in die gottgeheiligte Huͤtte des Hertzens hinein wiſchen wollen, wie Pinehas gethan, 4 Moſ. 25.

§. 11.

Unkeuſchheit iſt unter andern auch eine Urſach geweſen der Zerſtoͤrung Jeruſalems, und Einreiſſung des allerheiligſten Wundergebaͤudes des Salomoniſchen Tempels. Siehe doch Spruͤchw. 5, 3-14. 6, 23-35. welches unleugbar auf hoͤhere Dinge zielt, aber eben dadurch die Abſcheulichkeit der Unkeuſchheit anzeiget, indem der heilige Geiſt die allergreulichſten Geheim - niſſe der Boßheit des Satans, und die ſeelenver - fuͤhriſche Machten, Raͤncke und bezaubernd liſtige Er - findungen des Antichriſts, unter dem Bild eines Hu - renweibes vorſtellt. Wenn nun das Original ſo ſcheus - lich iſt, ſo kann ja wol das Conterfait auch nicht ſchoͤnſeyn.301der Unreinigkeit. ſeyn. O wie verhaßt muß demnach nicht der Huren - name im Himmel ſeyn! ſintemal die falſche Kirche als die gehaͤßigſte Feindin GOttes auf Erden eine Hu - re tituliret wird!

§. 12.

Zur Sect. IV. darinnen p. 271. ſqq. gewieſenSect. IV. Chriſten - religion heiliget. wird, wie hoch uns die heilige Chriſtenreligion zur Keuſch - heit verbinde, leſe man doch folgendes. Gewaltige Bewegungsgruͤnde zur Reinigkeit finden wir Gal. 5, 24. Chriſten gehoͤren Chriſto an; ſie ſind Reben an dieſem Weinſtock; JEſus nimmt ſie in Beſitz mit ſeinem Heiligen Geiſt; er iſt ihres Todes Tod und ihres Le - bens Leben; alles was Chriſtus hat und iſt, iſt ihr, 1 Cor. 3. ſein Leben iſt ihr Leben. Nun aber hat JE - ſus nicht in Ueppigkeit und Wohlluſt gelebet, ja er hat nicht nur die gantze Zeit ſeines Lebens nicht das ge - ringſte von weltlicher Luſt gekoſtet: ſondern hat von der Krippen an bis ans Creutz das ſchmertzlichſte, aͤngſt - lichſte und bitterſte Leiden an Leib und Seele ausſte - hen wollen um unſertwillen; Wie? ſolten wir uns denn nicht die Ausuͤbung der ſteten Verleugnung im hoͤchſten Fleiß und Freude gefallen laſſen, da unſer Her - tzog und Seligmacher ſie ſelbſt in unendlichem und un - begreiflichen Grad ausgeuͤbet hat? hat ers doch nicht allein darum gethan, damit er uns mit GOtt wieder ausſoͤhnen, und was wir mißhandelt, buͤſſen, ſondern damit er uns auch abziehen und erloͤſen moͤchte von allem, was dem Fleiſch wohlthut, und die Sinnen er - goͤtzt, mithin, damit wir von der im Fleiſch niſteln - den Suͤnde frey wuͤrden, Roͤm 7, 23. Er wolte hier - mit kurtzum alle Schande und Unordnung abſchaffen, der Unzucht alle Meiſterſchaft benehmen, und ſie als einen bezwungenen Feind zu den Fuͤſſen ſeines Creu - tzes niederlegen: und wir ſolten mit Willen und Wiſ - ſen Sclaven bleiben? Es iſt ſchlechterdings keine Se - ligkeit zu hoffen: wo nicht Chriſti Creutzestod ſei - ne Kraſt in uns beweiſet, in Ertoͤdtung unſers alten ſuͤndlichen Weſens, und in Erweckung eines neuen goͤttlichen innern Lebens und aͤuſſerlichen Wandels.

§. 13.302(II. Th.) Theologiſche Betrachtung

§. 13.

Das Fleiſch bruͤtet eine unzehliche Schlan - genbrut von allerley Luͤſten aus. Wer demnach der huriſchen und unzuͤchtigen Fleiſchesluſt los werden will, der muß auch die geitzige, neidiſche, ruhmſuͤchtige, zor - nige, und uͤppige Luſt, ſamt allen andern, die nicht nach GOtt und dem Heiligen Geiſt gehen, und dem heiligen Sinn, Lehre und Geboten Chriſti zuwieder ſind ausmuſtern: ſonſt wird er ſein Hertz nimmermehr von der Unkeuſchheit reinigen koͤnnen. Die Rotten der Teufel haben zum Verderben der armen Seelen gleichſam zuſammen geſchworen: wo auch nur ein eintzi - ger im Hertzen verſteckt bleibet, laͤſſet er die andern gleich hinein, ſo oft ſie ſich anmelden, und thut ihnen die Thuͤre auf.

taͤglichcreutz igen
6

§. 14.

Das gemeinſte Tagwerck, ſo ein Chriſt in GOttes Reich zu verrichten hat, iſt creutzigen; wers nicht kann, muß es lernen. Es wird aber die Schwaͤ - chung und Vertilgung der Suͤnde alſo betitelt, a) weil1) Chriſti Creutzestod eine verdienſtliche Urſache der Heiligung und Befreyung von der verfluchten Suͤnde iſt, Roͤm 6, 6. Gal. 3, 13. 14. Jmmittelſt wird die - ſes Werck dennoch den Chriſten zugeeignet, weil die Wercke des Haupts den Gliedern geſchencket und zu - geeignet werden; weil ſie das, was der Suͤnde ihren gewiſſen Tod bringet, in ſich haben, nemlich den Hei - ligen Geiſt und das Leben Chriſti, Gal. 2, 20. und weil dis der Chriſten Pflicht iſt: denn Chriſti Ver - dienſt, die Kraft des Heiligen Geiſtes, und unſer Be - muͤhen, Fleiß und Arbeit, ſtreiten nicht miteinander, ſondern bieten einander die Hand. Viele ſprechen: GOtt muß alles wuͤrcken, wir vermoͤgen nichts: ſie mißbrauchens aber zur Faulheit, und verfallen auf eine falſche Gelaſſenheit. Paulus hat dieſe Gelaſſenheit ohnfehlbar beſſer verſtanden, dennoch ſagt er von ſich Phil. 3, 14. 1 Cor. 9, 26. 27. gibt auch Anweiſung und Mittel an die Hand, Eph. 6, 10-18. und Vorſchrif - ten zur Heiligung, ziehet aus, ziehet an. nemlich Eph. 4. v. 22-24. fliehet, 1 Cor. 6. trachtet, toͤdtet, Col. 3. ꝛc. GOtt303der Unreinigkeit. GOtt der Vater hat das Todesurtheil uͤber die Un - keuſchheit ausgeſprochen; der Sohn hat das Recht dazu verdient; der Heilige Geiſt fuͤhret des Vaters, als des Richters, Sententz und des Sohnes Recht aus, eben indem er uns treibt, alle Mittel dazu fleißig zu gebrauchen. Solche Mittel ſind nun, z. E. 1) die Betrachtung des Willens GOttes und des Creutztodes Chriſti, daran wir alle Suͤnden, ſonderlich die Un - keuſchheit, als Moͤrder JEſu und unſerer Seelen er - blicken und anſehen koͤnnen. 2) Gebet und Seufzen um des Heiligen Geiſtes Gnade, und um Chriſti Kraft und Huͤlfe. 3) Die Beſuchung der ernſthaften Chriſten, und die Vermeidung der lauen und fal - ſchen, nebſt ſteter Wachſamkeit und Gottesfurcht. Wer dieſes nicht thut, verleugnet das Evangelium, Tit. 2. v. 14. Eph. 5-26. verſchmaͤhet Chriſti ſo theuer er - worbene Gnade, und iſt ein Feind ſeines Creutzes. Die Toͤdtung der Suͤnde heiſſet ferner eine Creutzi - gung, b) weilen Chriſti Creutzestod ein Muſter2) und Abbildung iſt, wie es mit der Ausfegung der Suͤnde zugehe. Der Chriſt haſſet ſie toͤdtlich; hat keine Freundſchaft noch Gemeinſchaft mehr mit ihr; bindet ſie; laͤſſet ihr keine Meiſterſchaft und Freyheit mehr; ſchmeiſſet ſie aus dem Hertzen, und verabſcheu - et ſie als einen Dieb am Galgen, Gal, 6. 14. Jm Gegentheil verbirgt und verringert ein Unchriſt die Suͤnde, und weiß ihr zu Liebe tauſenderley Ausfluͤchte zu erfinden; als, man ſeye ſchwach, man koͤnne nicht ſo heilig ſeyn, als man ſolte ꝛc, allein das heißt, die Hei - ligkeit als die herrlichſte Frucht der Erloͤſung mit Fuͤſſen treten. Denn es iſt ja nicht die Frage, was wir koͤnnen aus uns ſelber, 2 Cor. 3, 5. ſondern was Chriſtus vermoͤge? Was er verdienet habe? Was er durch ſeinen Heiligen Geiſt in uns wuͤrcken wolle und koͤnne, ſo fern wir uns nur der Heilsmittel heiliglich bedienen, und uns GOtt aufrichtig uͤbergeben.

§. 15.

Es gehet nicht ohne Schmertzen ab. Matth.mit Schmer - tzen ſie - gen. 5, 29. 30. heiſſet es: Haut um Haut; das iſt:es304(II. Th.) Theologiſche Betrachtunges gaͤbe der Menſch gern alles andere dafuͤr, wenn er nur das ſo liebe, ſuͤſſe Suͤndenleben behalten koͤnnte: Allein es muß doch einmal ſeyn; anders kann es nicht ſeyn, es muß dieſem ſchaͤdlichen Unthier| alles Futter entzogen, nichts nachgelaſſen, und kurtzum alles abge - ſchlagen ſeyn. Jſt man nun getreu im Wachen, Aufmer - cken, Ringen, und Kaͤmpfen; ſo wird die Suͤnde end - lich nach und nach gantz entkraͤftet. Ein jeglicher red - licher Streiter Chriſti, ja ein jeglicher, dem es ein Ernſt iſt, GOtt und ſeinem Nechſten, beſonders aber ſich ſelbſt aufrichtig zu dienen, der thut ſeiner verderb - ten Natur Gewalt an, ſchonet nicht, und haſſet alles Arge aͤrger als die Hoͤlle, Roͤm. 12, 9. Joh 12, 25. haͤlt auch ſein eigen Hertz vor den gefaͤhrlichſten und ſchlimmſten Feind. Wer ſich alſo ſelbſt uͤberwindet, der wird Satan und Welt leicht unter die Fuͤſſe bringen. Dasjenige, was anfangs ſo wehe thut, wird ihm nach und nach ohnfehlbar das angenehmſte werden. Wers nur einmal wagt, dem Fleiſch was abzuſchlagen, in dem wird die Liebe JEſu und alles Gute je laͤnger je ſtaͤr - cker, und dagegen der Abſcheu an allem Boͤſen hefti - ger: alſo, daß man ſich darnach ſelbſt daruͤber wun - dert, wie man dieſes und jenes habe thun koͤnnen; und gehet einem ein Stich durchs Hertz, wenn man es nur an andern etwa ſehen muß. Der Teufel fliehet mit ſeinen Verſuchungen, und darf einen ernſten Be - ter, der ſich tapffer wehrt, und ſein Band in und mit JEſu Kraft zerreiſſet, nicht ſo ſchmaͤhlich fortſchlep - pen, Jac. 4, 7. Jm Gewiſſen wohnet Ruhe, GOttes Friede und wahre Freyheit, anders als bey Suͤnden - knechten, Jeſ. 57, 20. 21. Roͤm. 8, 6.

§. 16.

Es meldet ſich zwar die Suͤnde, ſonderlichwieder zum Streit. die Unkeuſchheit, wol wieder an, als ein Thier von 10. ja von 1000. Koͤpffen: allein die Kraft iſt ihr doch benom - men. Sie regt ſich gar ſchwach, wird leicht gedaͤmpf - fet und uͤberwunden, kommt nicht zum Ausbruch, fin - det auch keinen ſichern Ort oder Beyſtimmung bey uns; und wenn ſie auch wieder Vermuthen eine kleineWun -305der Unreinigkeit. Wunde verurſachen ſolte: ſo iſt doch ſolche nunmeh - ro leicht zu heilen. Man macht ein fuͤr allemal kei - nen Frieden noch Stillſtand mehr mit dieſem Tod - ſeind, ſondern arbeitet unablaͤßig an ſeiner voͤlligen Ausrottung: denn es iſt alſo GOttes Wille. Die Suͤnden ſind ein verbannetes Volck, dem das Leben nicht eine Minuten geſchenckt werden ſoll. Dieſes Un - kraut muß taͤglich ja ſtuͤndlich aus dem Hertzensgarten ausgerauft, die wilden Schoͤßlinge abgehauen, und das Meſſer der Buſſe an die Wurtzel der Luſt und heimlichſten Neigung gelegt ſeyn und bleiben, bis al - les verdorret, und JEſus der Gecreutzigte voͤllig und eintzig in uns lebet, wie Salomo, in allem Frieden, nach allen erlegten Feinden. Schließlich iſt derjeni - ge ſtockblind, der in dieſem Text nicht ſehen will, daß des alten Menſchen Creutzigung und Toͤdtung die vornehmſte Frucht des Todes CHriſti ſey, und ein ungezweiffeltes Kennzeichen einer dem HErrn JEſu angehoͤrigen und mit ihm vereinigten Seele. Wer aber nicht daran will, der hat keinen Antheil an Chri - ſto; iſt noch unter Fluch und Tod, und ſein Glaube iſt ein fleiſchlicher irriger Wahn. Und eben dis iſt das grimmigſte Elend und die gewiſſeſte Landſtraß zur Hoͤlle und ewigen Verdammniß.

§. 17.

Die V. Section erzehlt p. 232. die goͤttli - chen Strafgerichte uͤber alle Unflaͤterey und Unzucht. Da iſt billig noch folgendes zu Hertzen zu nehmen. Derohalben ſey ein jeder wachſam folgende Geſchich - te der heiligen Schrifft Tag und Nacht zu behertzi - gen, und nicht blos daran zu gedencken oder davon zu reden. Huriſche Unzucht und Fleiſchesluſt muſte mit einer allgemeinen Waſſerfluth ausgeloͤſchet wer - den. Weil die Menſchen der erſten Welt aſſen - truncken, freyeten und lieſſen ſich freyen, mehr ihre fleiſchliche Brunſt und Geilheit zu ſaͤttigen, als den Saamen GOttes zu ſuchen, und heilige Kinder und Bilder GOttes fortzupflantzen: ſo muſten ſie auch alle mit einander vertilget werden, 1 Moſ. 6, 2. 4. 5. WerII. Th. Betr. der Unreinigk. Uhey -306(II. Th.) Theologiſche Betrachtungheyrathet heutiges Tages mehr in dem HErrn, auch von denen, die aus der heiligen Linie herzuſtammen, und die allein ſeligmachende Religion zu haben meinen? Jſt nicht Ehrgeitz, Geldgeitz und Wohlluſt der Handleiter zu den meiſten Ehen? Und das iſt ein Vorbote unſers Untergangs: alſo, daß GOtt end - lich auch uͤber die Chriſten-Welt den Stab brechen, und ein hartes Blutgericht faͤllen wird. Die Em - pfaͤngniß und Heiligung der Leibesfrucht wird nicht mehr mit vielem Gebet und Thraͤnen bey GOtt ge - ſucht: Darum haben wir viel mehr Cain, Nimrod, Cham, Jsmael und Eſaus, als Abel, Enoch, Noah, Jſaac, Jacob, Joſeph, Moſes, Samuel, Johan - nes ꝛc.

§. 18.

Paulus zehlet 1 Cur. 10, 8. von den unzuͤch - tigen Jſraeliten 23000. welche durch GOttes Zorn - gerichte in der Wuͤſte ſind niedergeſchlagen worden. Dieſe Leute haben kurtz vorher groſſe Wunder und Zeichen geſehen, und GOtt ſelbſt mit einem gewal - tigen und ſchrecklichen Donnerſchlag ſprechen gehoͤret: Du ſolt nicht ehebrechen! Mit einem ſolchen Wet - ter und Donnerſchlag, von welchem Stein, Felſen, Berge, Lufft, und Himmel erſchuͤttert worden. Und dennoch kam es ihnen aus dem Sinn; ſie trieben Hurerey, und fielen auf einen Tag 23000. Seelen, welche von einer freſſenden unflaͤtigen Kranckheit alle in einem Tag als von einer Peſt ſind weggerafft worden. Was duͤnckt dich hierbey, lieber Leſer! ſolle ſich nicht auch ein ſo groſſes Ungewitter des Zorns GOttes uͤber uns zuſammen ziehen; da dieſe Suͤnde ſo gemein iſt un - ter uns worden?

§. 19.

Solte GOtt die Namen aller Hurer und Unkeuſchen, die unter dem gantzen Chriſtenvolck er - funden werden, vor den Augen der gantzen Welt am Firmament anzeichnen; ſo ſolten ſich gewiß viele uͤber derſelben erſtaunenswuͤrdigen Anzahl entſetzen; und man wuͤrde manchen auf ſolchem Regiſter antreffen, dem es niemand zugetrauet haͤtte. Und O HErr JEſu! ach307der Unreinigkeit. ach daß doch nur die, ſo ſich zu dir nahen, und an denen, durch und von denen du willſt geheiliget wer - den, gantz davon frey waͤren! Ja gewiß, und ach Jammer! dieſe Suͤnde raubet manchem die beſte Bluͤthe ſeines Lebens, und die ſchoͤnſte und reicheſte Frucht ſeines kuͤnftigen Predigtamts hinweg; eben wie der Schwefelregen uͤber die vier verdammte Staͤdte das al - leredelſte Theil des verheiſſenen Landes verwuͤſtet, und zu einem dicken, todten und ſtinckenden Hartz - und Pechmeer gemacht hat. Darum betete Coccejus zu feiner Zeit: O HErr GOtt! behuͤte doch unſere ſtudierende Jugend vor der Suͤnde Onans! Ach wem ſoll nicht das Hertz erzittern und die Haut ſchauren, daß es noch ſo viele Weichlinge hat im Chriſtenland? Wer ſolte da nicht ſeufzen: Ach HErr JEſu, du keu - ſches Hertz, laß doch nimmermehr ſolche Greuel un - ter den Chriſten erfunden werden! O ihr Alten! o ihr Jungen meidet doch ja die verteufelte Onaniti - ſche Unflaͤtereyen, mehr aus Furcht des ſtrengen Ge - richts GOttes, und aus hertzinniger Ehrerbietung vor JEſum, als wenn ſie auf das allerhaͤrteſte von Obrigkeiten ſolten geſtrafft werden. Laſſe o Menſch! doch ja das Zeugungsmittel nicht auf die Erde ſallen: denn du verdirbſt ſonſt ein beſeeltes Weſen, und be - geheſt allerdings eine Art des Todtſchlages.

§. 20.

Ein Freund CHriſti ſagte mir, daß ſo oft er in ſeinem unbekehrten Naturſtand dazu ſey gerei - tzet worden, ſey es ihm nicht anders geweſen, als ſtuͤnde der Teufel hinter ihm, um ihn gleich nach der That zu zerreiſſen; und dadurch ſey er abgeſchreckt worden. Ein anderer bekannte, daß, ſo oft er ſich habe uͤberwaͤltigen laſſen, ſo oft habe er gleichſam ei - ne Stimme in ſich gehoͤrt, als eines, der ihn um Zi - ons willen bejammere, klagend ſprechen: Heu! quan - tum damni pateris eccleſia! O Zions-Stadt! welch ein unſchaͤtzbarer Schade wird dir hiemit vom Satan zugefuͤget! Diejenigen, ſo dieſem Teufels-Netze entgangen, und, wie Naaman, durch ſiebenmalige Ein -U 2tau -308(II. Th.) Theologiſche Betrachtungtauchung in dem geiſtlichen Jordan des Blutes und Waſſers JEſu CHriſti, von dieſem Erbausſatz ge - reiniget worden: die ſind insgemein groſſe Leu - te und herrliche Saͤulen in der Chriſtenheit wor - den. Jm Gegentheil habe ich derjenigen viele gekannt, welche Verſtand und Gedaͤchtniß daruͤber verloren, ja einige, die die fallende Sucht bekommen haben, oder zeitlich von der Gliederſucht, Podagra, Bloͤdigkeit der Sinnen, ſonderlich des ſinnlichen Geſichts ſind geplaget worden.

§. 21.

Zur VI. Section, daſelbſt p. 254. ſeqq. die entſetzliche Staͤrcke dieſer Suͤnde und der geiſtliche moͤrderiſche Schade, den ſie an des Menſchen Leib und Seel veruͤbet, vorgeſtellet wird, mercke man folgen - des. Den Leib betreffend: ſo verlieret derſelbe da - durch ſeinen allerkoͤſtlichſten Balſam und Safft, das theureſte Lebenslicht und Nervenoͤl: woraus Dumm - heit und Unverſtand entſtehet. davon das Gedaͤcht - niß gewaltig geſchwaͤcht, der Stral des Gemuͤths verfinſtert, das Gebluͤt entgeiſtert, und alle Saͤfte gleichſam zu unſchmackhaften und kanichten Hefen werden. Die lebendige Munterkeit der Natur wird verduͤſtert, und das Leben abgekuͤrtzet, alſo, daß es dem armen Leib gehet, wie einem Baum, da ein Loch hinein geboh - ret, und der Nahrungsſafft abgezaͤpfft wird, der als - denn vor der Zeit verdorren muß. Dieſen Schaden muͤſſen ſonderlich Studierende in acht nehmen, ſin - temal Unkeuſchheit den Glantz des Naturgeiſtes daͤmpfet, das Lebhaffteſte und Geiſtreicheſte ausſauget, und in Summa alles, was zu einem gewaltigen Pre - diger erfodert wird, unnuͤtz macht, verſchwendet und ruiniret. Es iſt nicht anders, als wenn ein Studie - render alles, was ihn zu groſſen Unternehmungen tuͤchtig koͤnte machen, auf die liederlichſte Weiſe zum Fenſter hinaus auf die Gaſſe ſchuͤttete, wenn er die - ſer Suͤnde nachhengt. Welches unſinnige Thun an - ders nicht, als durch die grauſamſte Bezauberung und Verblendung des Satans geſchehen kan, ſich um ei -ner309der Unreinigkeit. ner ſehr unverſchaͤmten, unflaͤtigen und moͤrderiſchen Luſt willen nicht nur zu wichtigen Geſchaͤfften untuͤch - tig zu machen, ſondern auch ein ſaures, bitteres, betruͤbtes Alter zu zuziehen, nach dem alten Sprich - wort: Jugend Suͤnden, Alters Schmertzen.

§. 22.

Es beſchaͤmen uns Chriſten die alten Hei - den hierinnen nicht wenig, indem ſie ſich allerdings von allem dem enthielten, was den Leib nur einiger maſſen abmatten und ſchwaͤchen, mithin ſie zum Kaͤm - pfen, Lauffen und Ringen ungeſchickter machen konte. Sie hielten alle Leibeskraͤfte von Jugend auf genau zuſammen, um tapfere Kaͤmfer, Laͤufer und Krieger dermaleinſt abzugeben, einen gantzen Tag in ſchwerer Kriegsruͤſtung wieder den Feind ſtehen, fechten, ſchla - gen und nachjagen zu koͤnnen, ohne ermuͤdet zu wer - den, und morgens wieder friſch daran zu gehen; wo - durch denn auch der Grund zu der Griechiſchen Mo - narchie geleget, und die unkeuſchen Perſer unter der damaligen keuſchen Griechen Joch gebracht worden. Und jetzt iſt ſchier kein weibiſcher Volck auf Erden, als die ehemals ſo gar kriegeriſche und heldenmuͤthi - ge Weltbezwinger, die Roͤmer und Jtaliaͤner: ſo ſehr hat ſie die Unflaͤtherey geaͤndert, und von ihrem Flor, Gewalt, Reich und Ehre hinunter geſtuͤrtzt.

§. 23.

Eben alſo gehet es auch eintzelen Perſonen, daß ſie um der ſchnoͤden Unkeuſchheit willen Geſund - heit, Ehre, Reputation, Haab und Gut, Leib und Leben einbuͤſſen: ſo daß kein Wunder waͤre, wann ſchon jedermann um der graͤßlichen Nachwehen und moͤrderiſchen Hertzensſtiche willen der Unkeuſchheit todt feind waͤre. Allein das iſt des Satans Gewalt uͤber den von GOtt abgewichenen Menſchen, daß er ihm auch ſchon auf Erden Leib und Gut verwuͤſtet und verſauet, und je nicht einmal wartet, bis er ihn bey ſich in der Hoͤlle hat. Ein ſolcher unbarmher - tziger Wuͤterich iſt der Satan, daß er dem Menſchen ſchon hier alles erſinnliche Hertzeleid anthut; und der thoͤrichte Menſch folget ihm doch lieber als dem gu -U 3ten310(II. Th.) Theologiſche Betrachtungten GOtt, unangeſehen er ſeinen Jammer vor Au - gen ſiehet; daß ſein Leib und Gemuͤth einem verheer - ten und verworrenen Garten gleich ſiehet, da kein le - bendiges Licht und Lebenskraͤfte empor wachſen koͤnnen. Der ſideriſche Sternenleib, nemlich die ſubtileſten Leibesſaͤffte und die ſtaͤrckſten Lebens - und Gemuͤths - kraͤfte werden allzugeſchwind aufgebraucht und abgenutzt, indem das leuchtende Lebensoͤl ſo die aͤuſſere Sinnen tuͤchtig machen ſolte, die Geſchoͤpfe der ſichtbaren Welt mit erwuͤnſchter Vergnuͤgſamkeit zu ſpuͤren und ihrer zu genieſſen mehr verſchuͤttet, als allgemach im an - muthigen Gebrauch nach des Schoͤpfers allerguͤtigſter Jntention und Abſicht in langwierigem Leuchten und Brennen verzehret wird. Da man bis ins ſpaͤte Al - ter haͤtte ſehr wohl hoͤren, ſehen, eſſen, trincken, ſchlaffen, arbeiten, ſingen und ſpringen koͤnnen: da fuͤhlet man im Gegentheil, daß allbereit im maͤnnli - chen Alter die wunderangenehme Anmuth, ſo die aͤuſſere Welt mit Farben, Klingen, Toͤnen, Ge - ſchmack, Geruch ꝛc. in den Sinnen erwecket, merck - lich abgenommen; ſo, daß auch in der Empfindung ſelbſt nicht mehr das angenehme Leben, ſondern da - gegen vielmehr eine veraͤchtliche Erſtorbenheit zu ſpuͤ - ren iſt. Aber, wie gemeldet, ob wol ein Unkeuſcher den einbrechenden Tod vor ſich ſiehet, und ob er gleich mit dem Kayſer Tiberio in der allerſtaͤrckſten Ueberzeu - gung ſagen muß:

Vivus, vidensquè pereo.
Jch lauf mit Luſt zum Tode hin,
Jch ſeh’s; Ach GOtt! wo iſt mein Sinn?

So kan er doch nicht davor ſeyn, er drehe und wen - de ſich ſo lang er immer mag, bis er auch die letzten Hefen der Straffen ausgetruncken, und ſtatt eines baldigen Schandtodes ein viel hundertmal peinlicher, ſchimpflicher und jaͤmmerlicheres Schandleben an den Hals bekommen, ſo ihn GOttes Erbarmung nicht er - rettet. Geſetzt aber, der zeitliche Schaden ſey beyman -311der Unreinigkeit. manchem nicht ſo mercklich: ſo ſolle man wiſſen, daß ſolche Exempel ſelten ſind, und daß die gantze Sa - che ſo viel gefaͤhrlicher iſt, ſo viel verborgener der Schade anfangs in Leib und Seele ſchleicht, und ſtill - ſchweigend frißt und wuͤtet.

Rari nantes in gurgite vaſto.
Viel tauſend wuͤrgt der Wohlluſt Liſt,
Nur ſelten giebt ſie kleine Friſt.
Der beſte Schwimmer muß daran,
Der ſich ſonſt wohl erwehren kan.
Ein weilchen ſpaͤter zu erſaufen
Heißt ja noch nicht der Hoͤll entlaufen.

§. 24.

Daß ſich einige in etwas zu maͤßigen wiſ - ſen, und ſich nicht in eine ſo gar unerſaͤttliche Geilheit verwickeln, das ſtellet ſie dennoch nicht ſchadlos. Sie entfliehen dennoch dem Seelenſchaden nimmermehr: denn wer GOttes Tempel verderbet, den wird GOtt hinwiederum verderben 1 Cor. 3. Der Seelenſcha -Seelen - ſchaden. den iſt unermeßlich. Einmal rumort der unkeuſche Geiſt wie ein wild Schwein im Hertzen, und ſeine Herrſchaft iſt nicht beſſer als Herodis Regiment. Er erwuͤrget alles, auch das beſte und vornehmſte um ſich herum; und ſchonet ſogar der kleinen zarten Kinder nicht. So bald nur was Gutes ins Hertz ge - ſaͤet wird, es ſeye durch theure Zuſpruͤche der Knechte GOttes, oder durch unmittelbare Ruͤhrungen vom heiligen Geiſt, das wird flugs vom Hurenteufel zu grunde gerichtet, ſo daß die Liebe CHriſti JEſu zu keiner himmliſchen, reinen Krafft und Schoͤnheit aus - brechen kann. Was auch immer gutes und ſeliges in ein ſolches Neſt der Suͤnden hinein kommt, das wird alſobald verſaͤuret und wurmicht, und kann nicht erhalten werden, daß es zur Reiffe und Zierde kaͤme. Der wuͤſte unflaͤtige Geiſt beſchmeiſſet alles, und hen - cket allem Guten ſeinen heßlichen Geiffer dergeſtalt an, daß bald keine Tugend oder Gnade ſich auch nur im mindeſten zeigen kan, da er nicht ſeine giftige BrutU 4dar -312(II. Th.) Theologiſche Betrachtungdaran henge. Kurtz, er mag nichts von GOtt und CHriſto neben ſich leiden noch dem Menſchen einige paradieſiſche Schoͤnheit goͤnnen. Daher iſt an keine unbefleckte Heiligkeit zu gedencken ſo lange auch nur das mindeſte dieſes Geniſtes im Hertzen verſteckt blei - bet: vielmehr hauſet der grimmige Drache ſo grau - ſam mit der armen Seele, daß er ſie in fleiſchlichen Gedancken herum ſchleppet, wie die Sau einen Bet - telſack. Dieſer Greuelsgaſt iſt mit einer aͤuſſerlichen Froͤmmigkeit gar wohl zu frieden, mag auch wohl lei - den, daß es nicht in ſchaͤdliche Thaten ausbreche und vor den Leuten offenbar werde: wenn nur das edle Menſchenhertz ſein hoͤlliſch Hurenbette bleibet, darin - nen er die theure Seel nach aller ſeiner hoͤlliſchen Luſt mißbrauchen, und mit allerhand unkeuſchen Bildern und Eing bungen gleichſam nohtzuͤchtigen kann; damit er ſie nur von Tag zu Tag ſcheußlicher, verwerflicher und ſtinckender mache vor der allerheiligſten Heiligkeit GOttes, und ſeiner reinen Geiſter. Ja, was noch das erbaͤrmlichſte iſt, ſo kan die Seele keinen Eckel daran haben, wenn ſie ſchon durch das goͤttliche Licht der heiligen Schrifft erkennet, daß es vor den heiligen Engeln ein eben ſo abſcheuliches und unertraͤgliches Ding ſey, unkeuſchen Gedancken nachzuhengen, als wenn man einen raſenden Menſchen ſaͤhe an einem Rabenaas nagen. Die im Grund verderbte Seele hat einen Sauruͤſſel (einen ſo erbaͤrmlich unflaͤ - tigen Sinn und Geſchmack) bekommen, alſo daß ihr der Unflath noch wohl ſchmecket und riechet, und es ſie ein ſuͤ[n]Ding deucht, des Hoͤllenhunds Geckoͤtz in ihr innerſtes hinein zu ſchlingen; da man ſonſt ei - nen Abſcheu haͤtte, des ſchoͤnſten Koͤniges ſeinen Rotz und Unrath zu verſchlucken. So eine groſſe Ehre thut die betrogene Menſchenſeele dem abſcheulichen Hoͤl - lenbock, dem Satan an, daß es ein unausſprechlich Wunder iſt, daß JEſus an ein ſolch unbegreiflich thoͤ - richt Geſch pffe nur noch gedencken, zu geſchweigen daſ - ſelbe in Gnaden anſehen, und ſich um deſſen Freund -ſchaft313der Unreinigkeit. ſchaft bewerben kann. Das heiſt recht, gantz umſonſt und ohne Urſach den Haßwuͤrdigſten lieben, und aus lauter freyer Gnade und Erbarmung zu demjenigen ei - ne Luſt und allergnaͤdigſtes Erbarmen hegen, der die allerhoͤchſie Verabſcheuung Tag vor Tag verdienet, und ſich unter dem Fluch und hoͤchſten Schimpf gleichſam hinnoͤthiget: welches niemand auſſer GOtt allein thun kann. Dieſes Wunder iſt um ſo viel mehr erſtaunli - cher, weil GOtt die Heiligkeit ſelber iſt, und weder Engel noch Menſch einen ſo groſſen Abſcheu vor der Unkeuſchheit haben kann, als GOtt ſelbſt, in deſſen allerheiligſtem Weſen eine unendliche Abkehr von die - ſem Greuel ewiglich ſeyn und bleiben muß. Ja mich duͤnckt, daß ſelbſt die Teufel einen Abſcheu und Eckel an einem ſolchen unkeuſchen Menſchen haben, und ſehr ſchimpflich unter ſich von ihm handeln muͤſſen: gleichwie es die Menſchen wuͤrden machen, wenn ſie wuͤſten, daß jemand ſo unſinnig waͤre, und das, was von andern ginge, auffraͤſſe. Es halten mir doch zaͤrt - liche Ohren dieſe Vorſtellungen zu gute, indem Un - keuſchheit in der unſichtbaren Welt der Geiſter vor hun - dert und tauſen[d]mal abſcheulicher angeſehen wird, als immer etwas in der ſichtbaren Welt der Leiber geach - tet werden kann. Jſt nun die Schande, iſt nun der Schade, iſt nun der Jammer nicht groß genug, ſo die arme Seele von der Unkeuſchheit hat, wenn ſchon nichts weiter dazu ſchlagen ſolte?

§. 25.

Aber neben dem Verderben, das in der See - le durch dieſe Luſt angerichtet wird, entſpringet noch ein in alle Ewigkeiten unausſprechlicher Schade, wel - cher iſt die Entbehrung der goͤttlichen Natur, deren niemand theilhaftig werden kan, er entrinne denn der Unkeuſchheit. Die Seele muß des ſchoͤnen und lieblichen Bildes JEſu ſchlechterdings beraubet ſeyn, ſo lange ſie die geile Bocksgeſtalt an ſich behaͤlt. Die innigſten Gnadenzuͤge werden unfruchtbar, ſo lang das Hertz einige Neigung zur Unkeuſchheit in ſich he - get. Ja waͤre es moͤglich, daß die Seele auch bisweilenU 5himm -314(II. Th.) Theologiſche Betrachtunghimmliſche Suͤßigkeiten empfinden, und in die Klarheit des Paradieſes entzuͤckt werden, ja JEſu Schoͤnheit im Glauben erblicken ſolte; koͤnte ſie auch auf die allerlieblichſte Weiſe in die ewige Einigkeit der ſelbſtſtaͤndigen Weisheit hinein gelocket werden, und bey ſo ſeligen Augenblicken eben nichts von der Flei - ſchesluſt fuͤhlen, ſondern wol, aus Begierde GOttes Eigenthum und Braut zu ſeyn in viel heiſſe Thraͤnen zerſchmeltzen: ſo finckt ſie dennoch wieder in ihre vo - rige Pfuͤtzen, wofern die Unkeuſchheit bey dieſem allem nicht gaͤntzlich mit Stumpf und Stiel ausgerottet wird. Wie eine Ente wol etwa hoch flieget, aber bald darauf wieder ins Waſſer faͤllet: ſo kann ein Unkeuſcher wol auch hochſinnige Betrachtungen uͤber geiſtliche Sachen anſtellen: Aber Unkeuſchheit kann dennoch ſein anziehen - des Element nach wie vor verbleiben.

§. 26.

So lang die Unſauberkeit und Wuſt der Bosheit nicht ausgeworfen wird, ſo lang kan auch kein ſeligmachendes Wort der Wahrheit tief wurtzeln, Jac. 1, 21. noch weniger Frucht ins Himmelreich tra - gen, Marc 4, 19. An den himmliſchen Wandel im Licht, und ſteten Umgang mit GOtt im Gebet, iſt da gar nicht zu gedencken; denn der heilige Geiſt will ei - ne ledige und aufgeraͤumte Staͤtte haben, da wenigſtens der Wille von aller Unkeuſchheit abgewandt ſey, und bey allen Beſtuͤrmungen redlich ſtreite, um nicht dem Fleiſch, ſondern dem heiligen Geiſte Beyfall zu geben. Wo das nicht iſt, da fliehet der heilige Geiſt von einer ſolchen verraͤtheriſchen, wiederſpenſtigen, und die ſtinckende Unkeuſchheit nicht hinaus werfenden Seele; er wohnet auch nicht in einem Leibe, der dieſer Suͤnde unterworfen iſt. Unkeuſche Gedancken vertreiben die - ſen hoͤchſten Hort der Seelen, den erbarmendgnaͤdi - gen Troͤſter, den Schatz des Himmelreichs, die eini - ge Wonne und glaͤntzende Crone aller ſeligen und hei - ligen Engel.

§. 27.

GOtt hat ein Himmelreich auf Erden, darinnen iſt JEſus ein heiliger Koͤnig, eine ewige Ge -rech -315der Unreinigkeit. rechtigkeit, ein wahrer Friede und Freude in dem hei - ligen Geiſt, eine ſelige Gemeinſchaft des Vaters und des Sohnes, eine vollkommene, verherrlichte und unau[ſ]ſprechliche Freude zu genieſſen. Wer mit Recht und Macht darinnen iſt, der hat eine Vergebung der Suͤnden, eine Hertzensreinigung in CHriſti Blut und Toͤdtung des alten Menſchen, eine Creutzigung des argen Feindes mit CHriſto, eine Vergrabung alles Unflats, eine Erweckung zu einem neuen, heiligen, goͤttlichen Leben, einen Vorhimmel, eine koͤnigliche Hochzeit, eine Fuͤlle der Freuden und lieblichen We - ſens in CHriſti Verdienſt, eine Erloͤſung und Freyheit, eine Einwohnung GOttes, einen Vorhof des Para - dieſes, einen Vorſchmack der kuͤnftigen Herrlichkeit, ein gnadenreich freudenvolles Leuchten des Angeſichts GOttes uͤber der Seelen, einen volleingeſchenckten uͤberlaufenden Kelch der Seligkeiten, und einen mit Heilsguͤtern bedeckten Gnadentiſch Hier iſt eine himmliſche reiche Quelle: Hier iſt eine Saͤttigung von den reichen Guͤtern des Hauſes GOttes; hier iſt ein cryſtalliniſcher Strom der allerreineſten goͤttlichen Wohlluͤſten ꝛc. ſo alles von gereinigten Seelen ſchon hier kann und darf genoſſen werden: und, o wehe! o wehe! an dem allen hat dieienige Seele keinen Theil, ſo die Unkeuſchheit lieber hat als den Willen GOttes, welcher uns in heiliger Schrifft geoffenbaret iſt; o iſt das nicht ein unſchaͤtzbarer Schade!

§. 28.

Ach! nur ein reines Hertz ſchauet GOtt, und iſt keine Scheidung zwiſchen ihme und dem hoͤch - ſten Gut; es erluſtiget ſich unausſprechlich in den Stralen der Sonne der Gerechtigkeit, und hat ein Hertz und einen willigen Geiſt wie JEſus, welcher wiederum eine ſolche Seele mit unendlicher Wohlluſt begnadiget. Aber, leider, von einem der verdammten Unkeuſchheit ergebenen Hertzen ſteigen abſcheulich ſtinckende Daͤmpfe auf, und breiten ſich dermaſſen aus, daß ſie auch den unendlichen Gnadenglantz der goͤttlichen Sonne zu verfinſtern vermoͤgend ſind, deſ -ſen316(II. Th.) Theologiſche Betrachtungſen die großmaͤchtige Sonnenfinſterniß am Charfrey - tag eine Abbildung war; und ſie erwecken endlich ein ſchrecklich Zornwetter von Feuer, Schweſel, Pech und Hagel. Pſalm 11. 1 Moſ. 19. Wer ſein Kleid in des Lammes Blut gewaſchen und helle gemacht hat, daß es von CHriſti keuſchem Sinn glaͤntzet: der gehet ohne Wiederſpruch zum Koͤnige in ſeine Kammer, und ins Heiligthum GOttes; der ſiehet ihn mit un - beſchaͤmten Augen an; der wird von ihm in die Arme aufgenommen und gekuͤſſet; der empfaͤhet Geſchencke. Jm Gegentheil aber, ſo wenig ein kothiger, unflaͤ - tiger Geſelle in eines groſſen Monarchen Cabinet ſo plumper Weiſe hinein platzen darf, ſondern von den Wachten zuruͤck getrieben und abgepruͤgelt wird: ſo wenig und noch viel weniger kan eine Seele, ſo ſich freywillig im Hoͤllenkoth der Unkeuſchheit herumſudeln laͤſſet, den Eingang treffen zum vertrauten Umgange mit GOtt, ſondern muß drauſſen bleiben ſamt allen Hunden und Unflaͤtern. JEſus, der Heilige und Wahrhaftige (wie er ſonderlich in Philadelphia er - ſcheinet) verſchlieſſet ſich vor ſolchen Leuten in die ewi - gen Tiefen ſeiner unendlich reinen Klarheit, und wenn ſie drauſſen ſtehen und anklopfen (weil ſie doch auch gern etwas erfahren moͤchten von alle dem, da - von die Kinder Zions ſo hoch ruͤhmen, daß ſie im Um - gang mit JEſu erfahren,) ſo muͤſſen ſie das Donner - wort hoͤren: Weichet alle von mir, ihr ſtinckenden Boͤ - cke, wahrlich ich ſage euch, ich kenne euer nicht! O! es probiere es doch nur keiner, der der Unkeuſchheit noch nicht aufrichtig abgeſaget hat, ſich in eine ſo groſ - ſe Seligkeit hinein zu heucheln: es wird, ſo wahr GOtt lebet, nichts daraus! Er mag wol vielleicht von weitem an GOtt gedencken: aber von Mund zu Mund, wie ein Freund mit dem andern, oder von Angeſicht zu Angeſicht, wie ein Kind mit ſeinem Va - ter, mit ihm zu reden und zu handeln; o! hierzu wird gewiß kein Unreiner in Ewigkeit nicht gelangen. Er nehme es nur nicht vor, ſich ſelbſt ſuͤſſe Gedancken da -von317der Unreinigkeit. von zu machen in ſeinem betruͤglichen Sinn. Wer aber den Sauerteig der Fleiſchesluſt rein ausfeget, und vom Schweintrog der unflaͤtigen Unkeuſchheit weg - laufet: der wird von GOtt gar ſeliglich bewirthet; der iſſet vom Oſterlamm und vomverborgenen Man - na; der trincket mit CHriſto vom neuen Gewaͤchs des Weinſiocks, von der neuen Auferſtehungsfreu - de in des Vaters Reich, und ſaͤttiget ſich von dem ſuͤſ - ſen Gnadenbrod aus dem Ort der freudenreichen Herr - lichkeit. Wer aber im Gegentheil wancket, und die Teufeley der Unreinigkeit durchaus nicht laſſen will: der hat keinen bereiteten Sinn noch Gaumen, ſo rei - ne Suͤßigkeiten und Ergoͤtzlichkeiten zu koſten; und wenn er ſchon ein wenig Appetit darnach haben moͤch - te, ſo iſt er doch allzuweit davon entfernet. Zudem iſt der Gaumen ſeiner Seelen nicht geſchickt, ſo reine, heilige, goͤttliche Fruͤchte des Paradieſes in der Rei - nigkeit des geſalbten GOttes zu koſten, und die Fruͤchte ſind auch noch nicht reif fuͤr ihn. Die unſau - bere Seele muß oft traurend und weinend mit den Schweinen des Satans wieder uͤber den Kuͤbel, den ſie anfangs ſo luſtig und willig der ſuͤſſen Gegenwart CHriſti, und der Mittheilung des heiligen Geiſtes vorgezogen hat. Nun wird ſie wieder ihren Willen, wenn ſie es gleich gerne beſſer haben wolte, aus gerechtem Gericht dvrthin verſtoſſen: damit ſie recht genug be - komme. Und weil das unordentliche Babel der Un - reinigkeit ihr ehmals beſſer gefallen, als das Zion der Erluſtigung in GOtt; ſo muß ſie nunmehro lang ge - nug daſelbſt als eine Verſtoſſene gefangen ſitzen, ihre Harpffen an die Weiden aufhengen und bitterlich wei - nen. Nun frage ich dich: Jſt das nicht Schade uͤber Schade, ſo groſſer und wichtiger geiſtlicher Vorrech - te des Gnadenreichs verluſtig, und in den unflaͤ - tigen Moraſt der Fleiſchesluſt banniſiret ſeyn, bis es einem gaͤntzlich verleidet iſt, von des Fuͤrſten der Fin - ſterniß ſeinem Gekoͤke ferner zu naſchen, und ſich noch tieffer in des Wuͤterichs Gewalt verſtricken zu laſſen?

§. 29.318(II. Th.) Theologiſche Betrachtung

§. 29.

Fleiſchliche Luͤſte werden Jebuſiter genen - net, weil ſie den Schweinen gleichen, die wie JEſus ſagt, die hochedlen Perlen (das Leben des Sohnes GOttes in ſich) mit den Fuͤſſen zertreten, gebe was vor geiſtliche und leibliche Wohlthaten, Vorbitten bey GOtt, treugemeinte Warnungen, Erinnerungen und dergleichen ans Hertz treffen. Das alles wird entweder grimmig oder unachtſam unter die Fuͤſſe geworfen und mit dem Miſt des fleiſchlichen Sinnes vermen - get, alſo, daß der ohnedem verfinſterte Verſtand und das vom Satan bezauberte Seelenauge keinen Glantz der ziehenden, warnenden und zuͤchtigenden Guͤte, Geduld und Langmuth GOttes an dieſen koſtbaren Perlen mercken kann, ſondern in der wilden Fleiſches - wuth alles verachtet. Wenn gleich Himmel und Hoͤl - le, Leben und Tod, GOtt und Teufel vor der See - le ſtuͤnden: ſo ſuchte ſie deß alles ohnerachtet, dennoch ihre wuͤtende Luſt zu buͤſſen, und ſolte ſie gleich dar - auf in den Rachen des Abgrunds fahren, ja ſie iſt in der Bitterkeit gegen alle Hinderer und Abmahner von ſolcher ſeelenverderblichen Fleiſchesluſt ſo er - boſt, daß ſie ſelbige alle in Stuͤcke zerreiſſen moͤchte, Matth. 7

§. 30.

Unkeuſchheit iſt der Beſeſſene mit der Legi - on, der durch die Feſſel der Gebote, und durch die Ketten der Erinnerungen, Abmahnungen, und War - nungen nur grimmiger wird, ja alles zerbricht und zer - ſchmettert. Das allerheiligſte Geſetz des allerhoͤchſten Herrn ſelbſt reitzet ihn leider oft, und veranlaſſet das ſchnoͤde Hertz ſelbſt zu unkeuſchen Gedancken, alſo daß die Luſt vom Verbot nur erregt und wuͤtiger wird, wie der Kalck und der Schmiede ihr Kohlfeuer vom Waſſer nur ſiedender wird - und deſto mehr ſpritzelt und Funcken von ſich wirft. Die klare Himmels - ſonne ſelbſt verurſachet einen aufſteigenden Geſtanck von unkeuſchen Seelen, die ihre Luſt in den Graͤ - bern der unflaͤtigen Hiſtorien und wuͤſten Geſchichte finden, von Leuten, die ehmals todt waren in Suͤndenund319der Unreinigkeit. und Ubertretungen und niemals Buſſe gethan haben von den todten Wercken, zu dienen dem lebendigen GOtt. Was alſo jene bey Leibes Leben im Fleiſch fuͤr den ewigen Tod gewircket haben, darinnen halten ſich dieſe auf mit luſtigem Andencken und kuͤtzelnden Erzehlungen. Geſtanck ſucht wieder Geſtanck; unkeu - ſche Seelen koͤnnen keine beliebigere Herberg antref - fen: begehen hundertmal in ihren Gedancken, was jene nur einmal im Werck gethan haben; wiewohl ſel - ten ein unkeuſches Werck geſchiehet, da nicht ſchon vorher die Gedancken den Weg zu der ſchaͤndlichen That gebahnet haͤtten. Ein ſolcher Beſeſſener laͤſſet auch ſelten jemand vorbey gehen, den er nicht wenig - ſtens im Sinn antaſte: ſo ſehr leicht wird das arge Ubel in ihm rege, daß es mit Recht ein entſetzlicher Jammer heiſſen mag. Er ſchlaͤgt ſich dazu mit Stei - nen, verflucht ſich ſelbſt wol tauſendmal, und nimmt viel Mittel an die Hand, die ſuͤndliche Luſt in ſich umzubringen, ohne daß er ſeinen Zweck erreichen, und davon gaͤntzlich loß werden koͤnne. Ein Unkeuſcher iſt eben ſo ein ſchaͤndliches Schauſpiel, als ein leiblich vom Teufel Beſeſſener. Er ſchaͤmet ſich keiner Unflaͤ - terey mehr; und kan auch nicht daheim bleiben in ſei - nem Hertzen durch die ſelige Einkehr zu GOtt. Nein! Eine ſchoͤne Haut ſteckt ſein unreines Hertz un - vermuthet an, wie ein uͤbertuͤnchtes peſtilentzialiſches Todtengrab. Ein Unkeuſcher haͤlt JEſum vor ſeinen Todfeind; er bedient ſich auch der Religion CHriſti (o! Himmel entſetze dich!) ſeine Paßionen gewiſſer maſſen zu vergnuͤgen, 2 Tim. 3, 6. 1 Sam. 2, 22. haſſet alles, was ſeinen fleiſchlichen Suͤndenfrieden ſtoͤ - ren kann; fliehet von GOtt und fuͤrchtet ſeine Befrey - ung; ſeine Fleiſchesluſt haͤlt haͤrter als alle eiſerne und eherne Ketten. O! GOtt erbarme dich! HErr JEſu bewahre uns! O heiliger Geiſt hilf uns! Ein Unkeuſcher iſt als in einer grauſamen Wildniß, allda weder Tranck noch Speiſe, weder Dach noch Fach, ja weder Weg noch Steg daraus zu kommen. O JE -ſu320(II. Th.) Theologiſche Betrachtungſu bring uns wieder! Hier begegnet eine Legion Feld - teufel der andern in Gedancken, Phantaſeyen, Luͤ - ſten, Geilheiten und Vorſiellungen, ja in allen Glie - dern, mit unzehlichem Fuͤrwitz und Unverſchaͤmtheit. Stehe auf, o GOtt! ſo werden alle dieſe deine Fein - de zerſtreuet werden, und die dich haſſen werden fuͤr dir fliehen. Du wirſt ſie vertreiben, wie der Rauch vertrieben wird, Pſalm 68.

§. 31.

Unkeuſchheit iſt ſo ein anſteckender Baſilisck, den niemand ins Angeſicht ſcharf anſehen oder mit ihm reden darf, als JEſus, der Heilige GOttes: ſonſt muͤſſen alle Meuſchen in Sorgen ſtehen, von ſeinem Hauch angeſteckt zu werden. Mit der Keuſchheit laͤſ - ſet ſich kein Accord treffen, daß man nur etwa dieſes oder jenes Luͤſtlein behalten wolte, oder etwa noch al - le Gelegenheit dazu meiden. Denn mit der Weiſe laͤſſet man ſich im Suͤndenland nieder, wo nicht als Buͤrger, doch als Beyſaß, da man wochentlich oder monathlich etwa einen Frohndienſt leiſten muß; und dis Ungemach waͤhret ſo lang, biß GOttes Sohn, als der einige, allmaͤchtige Zerſtoͤhrer ſolcher Teufels - wercken, in die Gegend kommt. Wer nun von der Unkeuſchheit durch die majeſtaͤtiſche Krafft CHriſti er - loͤſet wird, hat Materie genug mit groſſem Freuden - geſchrey in Zeit und Ewigkeit zu ruͤhmen, wie groſ - ſe Dinge GOtt an ihme gethan habe. Ach der hei - lige Geiſt gebiete in GOttes Krafft dem unreinen Geiſt, der ſo weit und breit auf Erden regieret, und mit ei - nigen moͤrderlich hauſet, daß er auf der Welt von den Suͤndern ausfahre, damit der Allerheiligſte unſer HErr ſeye, und wir ſein ruhig Eigenthum, von nun an bis in Ewigkeit Amen.

Entſetzli - che Staͤr - cke der Fleiſches-luſt.
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§. 32.

Unkeuſchheit iſt wahrlich das todte Meer, worin und um welches umher nichts Lebendiges und Geſundes bleiben kann. Durch Unkeuſchheit iſt das ſchoͤnſte Theil Canaans, als Abrahams Erbſchaft ver - derbet, und mithin dem Abraham ſein Erbe dadurch nicht wenig vermindert worden. O was gehet einemJuͤng -321der Unreinigkeit. Juͤngling nicht am Erbe der Welt, und an der Ge - winnung und Vermehrung des Reiches GOttes ab, wenn er ſich der vermaledeyeten Unkeuſchheit nur eini - ger maſſen uͤbergiebet! o gewiß mancher waͤre wie das Land Eden, da ſich die ſchoͤnſten Wieſen, die fruchtbar - ſten Baͤume, die angenehmſten Ebenen, die edel - ſten und koſtbarſten Weintrauben allerhand goͤttlicher Gnadenerquickungen und Erleuchtungen zeigen wuͤr - den; in Summa da GOtt ſelbſt zu wohnen geluͤſtete. Wo aber die himmelſchreyende Suͤnde der Abgoͤtte - rey, des Abfalls von GOtt, und der geiſtlichen und leiblichen Hurerey mit den Creaturen einſchleichet: Da faͤllt das Feuer des Zorns GOttes vom Himmel auf ein ſolches Hertz, und machts zu einer unſruchtbaren Erde, darauf nichts gruͤnes mehr wachſen kann. Die Schalen des Grimmes GOttes werden uͤber einen un - flaͤtigen Menſchen ausgegoſſen, der alles verbrennet, ſo daß er nichtsals Satans-Aepfel tragen kann, welche zwar von auſſen ſchoͤn roth, inwendig aber nichts als ein ſtinckendes Waſſer, und wenn ſie trocken worden, nur die Schale uͤbrig haben. Es kan wol ein ſolcher den Schein einer frommen, verſtaͤndigen und gelehrten Perſon haben; auch wol noch uͤber dieſes einige prah - lende Scheinwercke thun: GOtt aber, der das innere ſiehet, hat einen Eckel an eines ſo ungereinigten Men - ſchen Worten und Wercken; und ob er ſchon den Schein behaͤlt, ſo bleibt doch zuletzt, wenn alles aus - gebrauchet iſi, nichts uͤbrig als ein Todtengerippe ohne ewiges Leben. Und gleichwie das todte Meer wegen ſeines bittern, dicken und hartzigten Waſſers weder Fiſche noch Schiffer durchfahren laͤſſet, auch von den Winden nicht beweget wird: alſo iſt es auch mit einem beſchaffen, der unkeuſchen Sinnen und Gedancken nachhenget; weder engliſche, noch goͤtttliche, noch apoſtoliſche Kraͤfte finden da Platz: ſelbſt das Anwe - hen des heiligen Geiſtes beweget nur oben hin; und was aus einem ſo unſaubern Hertzen gen Himmel auf - ſteiget, iſt ein ſchweſelichter Geſtanck, Jeſ. 65, 5. ſieII. Th. Betr. der Unreinigk. Xcket322(II. Th.) Theologiſche Betrachtungcket andere nur an, toͤdtet ſie und macht zweyfaͤltige Hoͤllen-Kinder Matth. 23, 15. Der beruͤhmte Jor - dan aller geiſtlichen Guͤter verdirbt, verlieret ſich in un - keuſchen Hertzen, und kan nicht gebeſſert werden, bis GOttes Barmhertzigkeit die Waſſer des Heiligthums darein flieſſen laͤſſet; da denn alles darinnen geſund wird, lebet und webet. Ezech. 47, 9. da ſchaffet GOtt eine neue Erde und neue Baͤume, bringt neues Gras und Blumen hervor, und pflantzet die koͤſtlichſte Traube zu Engedi JEſum Chriſtum dahin, da die Baͤche nicht mehr zu Pech, noch der Staub zu Schwefel werden ſoll, Jeſ. 34, 9. Alsdenn wird erſt Eſ. 45. gantz mit allem Nach - und Eindruck an der zu GOtt umgekehr - ten Seele erfuͤllet. Unkeuſchheit mag wol das Jeri - cho ſeyn, das unſerm himmliſchen Joſua die Einneh - mung ſeines ihme zugefallenen und durch ſein vergoſſe - nes Gottesblut erworbenen Erbtheils | diſputirlich ma - chen will. Und o wie lange muß nicht das Heerlager ſeiner hohenprieſterlichen Gebetskraͤfte da herum ge - hen, und die Poſaunen der evangeliſchen Drohungen, Verheiſſungen, Ermunterungen und Handleitungen von GOttes Athem ſelbſt angeblaſen hinein hallen, ehe dis Laſter untergehet! Ja, alle Leibes - und Seelenkraͤfte muͤſſen hierinnen einmuͤthiglich zuſammenſtimmen, und ein groſſes Feld-Geſchrey gen Himmel machen, wenn dieſe hoͤlliſche Untugend fallen und ausgerottet werden ſoll. Wo aber die Eroberung des gelobten Landes, der allerheiligſten Gemeinſchaft GOttes, einen erwuͤnſch - ten Fortgang haben ſoll: ſo muß man ſich genau pruͤ - fen, daß ja keine heimliche Neigung und Belieben da - von verſtecket bleibe.

§. 33.

Unkeuſchheit iſt wol der liſtige Pharao, der das entrunnene und nach Canaan eilende Jſrael noch einzuholen ſich getrauet, und den armen Geiſt biswei - len in die aͤuſſerſte Noth treibet, da keine Errettung uͤbrig, als in Chriſti Blutmeer, und in den ſeligen Rubinfluthen ſeiner Gnaden. Wer nun dieſem Wuͤ - terich entrinnet, der kann mit groſſer Freude das LiedMoſis323der Unreinigkeit. Moſis und des Lammes ſingen, daß er entrunnen, wie ein Voͤgelein aus dem Stricke des Voglers. Unkeuſchheit iſt der unſaubere Geiſt Matth. 9. deſſen Verwegenheit und Unverſchaͤmtheit ſo greulich, daß wenn ein Menſch in ſei - nem Chriſtenthum ſchon ſo weit gekommen, daß er nun - mehr ſeinen Geiſt in die Stille zu Chriſti Fuͤſſen gebracht hat: er ſich gleichwol unterſtehet, denſelben unter den Au - gen der goͤttlichen Majeſtaͤt ſelbſt zu quaͤlen und hinzu - reiſſen; alſo daß ſich der nackete und arme Geiſt des Menſchen als ein Wurm voller Greuel mit aͤuſſerſter Scham vor GOtt und allen heiligen Engeln winden muß. Unkeuſchheit iſt das wuͤtende Meer voll hoͤlli - ſcher Sturmwinde, das ſich nicht ſcheuet das Hertzens - Schiflein, darinnen doch Chriſtus ſelbſt faͤhret und ru - het, zu verunruhigen. Kein Wehren und rudern der ge - genſeitigen guten Gedancken und Vorſaͤtze, und keine einige menſchlich moͤgliche Bemuͤbung, das Hertz dem HErrn Chriſto rein, trocken, ſauber und ruhig zu be - wahren, hilft hier nichts, bis der Menſch an allem ſei - nem Thun und Vornehmen, Streit und Gegenwehr verzagt und ſich aͤngſtig und demuͤthig zu C[h]riſti Fuͤſ - ſen hinwirft; bis derjenige erwachet, der die Schluͤſſel hat der Hoͤlle und des Todes, und der allein dieſe Un - thiere toͤdten, in die Hoͤlle verſchlieſſen, und alles To - ben der Natur ſtillen kann. Unkeuſchheit iſt tauſend - mal aͤrger als die feindſeligſten Tuͤrcken, uͤber welche alle Chriſten Zeter und Mordio ſchreyen, wenn ſie ſe - hen, die Tempel zu Pferdeſtaͤllen machen, und den hei - ligen Kelch mit Menſchen Harn erfuͤllen: denn die Un - keuſchheit macht das durch Chriſti theures Blut erkaufte Hertz zum Stall unſauberer Teufel; und die Einbil - dungskraft, darinnen der Freudenwein goͤttlicher Wahrheit und heiliger Liebe allein ſeyn ſolte, erfuͤllet ſie mit dem Unflath des hoͤlliſchen Drachens, macht ſie vor GOtt abſcheulich ſtinckend, und GOTT zum Verdruß, Chriſto zur groͤſſeren Schmach, den heiligen Engeln zum Eckel, und den Seelen ſelbſt zu einem ver - zweiffelten Schaden.

X 2Unkeuſch -324(II. Th.) Theologiſche Betrachtung

Unkenſchheit brachte Ruben um die Erſtgeburt, um die Cron, um das Prieſterthum, und um die dop - pelte Portion des Erbtheils; von welchem ſchweren Sententz ihn ſeine Jugend nicht beſreyte, ohnerachtet er noch keine 24. Jahr alt war. 1 B. Moſ. 35. Das heißt abermal: o kurtze Freud! o langes Leid! Das Vorrecht und die Herrlichkeit der Erſtgebohrnen des Lammes iſt unbeſchreiblich und unausſprechlich: und pflegt dennoch durch eine ſaͤuiſche Luſt verſchertzet zu werden, wie Ruben mit graufamer Angſt und unſaͤg - licher Wehmuth erfahren. Dieſer Menſch hat ſeine Schande und Schaden hernach nicht wieder einbrin - gen koͤnnen durch ſein Wohlverhalten gegen Joſeph, 1 B. Moſ. 37, 22. Ja er iſt auch ſeinem Vater forthin zum Eckel worden, alſo daß er auch deſſelben Buͤrgſchaft fuͤr Benjamin nicht hat annehmen wollen, 1 B. Moſ. 42, 37. Wie wirds erſt der ewige GOtt mit ſeinen Rechten der Erſtgeburt halten? Ey welch eine Ewigkeit des Jammers bringt ein ſo ſchnell vor - beyfahrender Kitzel! wie freuet ſich der hoͤlliſche Scha - denfroh, wann er die betrogene Seele laut und klaͤg - lich, aber vergeblich ihre Thorheit beweinen ſiehet!

§. 34.

Unkenſchheit verſaͤuet den Geiſt mit gar - ſtigen und unzuͤchtigen Fantaſeyen. Das Unkraut des un - flaͤtigen Sinnes und Neigungen waͤchſt mit ſo behender Schnelligkeit hervor, daß man es wachſen ſiehet; die Seele wimmelt von unkeuſchen Einfaͤllen mehr als kein Bettler von Laͤuſen; alle Winckel des Hertzens ſind erfuͤllet mit dieſem hoͤlliſchen Geſchmeiß. Was ein Unkeuſcher ſiehet und hoͤret, kann leicht ein Funcke ſeyn, dieſen Zunder anzufeuren; das Gedaͤchtniß ſelbſt muß des Hurenteufels Drecktraͤger ſeyn, und die Seele mit dem Dreck, den ſie vorlaͤngſt hoffieret hat, immer aufs neue beſudeln und entehren, damit auch die Erin - nerung einer genoſſenen Luſt oderirgend eines Hiſtoͤrchens durch widerholte Kitzelung die Seele aufs neue beflecke. Die Unkeuſchheit iſt die unverſchaͤmteſte Fliege, und die allerfauleſte Andachtſtoͤrerin, es ſey im Gebetoder325der Unreinigkeitoder Einkehr und heiliger Betrachtung und Anhoͤrung des Wortes der Wahrheit; wodurch denn der arme Menſch lau, zerſtreuet und ungeſchickt wird, die himm - liſchen Suͤßigkeiten zu genieſſen. Ja wann ſich einer ſchon ins Paradieß aufſchwingen wolte, und es das An - ſehen haͤtte, es werde ihm dismal gelingen; ſo kommt die Unkeuſchheit hinten drein, und ſtoͤßt ihn wieder herunter wie eine Ente ins Wolluſtwaſſer. Wann man meint, man wolle jetzo ſeinen Mund friſch anſe - tzen, und die reine Liebe GOttes aus der Gnaden - quelle luſtig trincken: ſo ziehet die Unkeuſchheit zuruͤck, verwehret allen Umgang mit dem hoͤchſten Gut, und laͤßt den armen Menſchen nicht recht anwachſen an JEſum Chriſtum, um ſein lebendig Glied zu werden, und der Hut des heiligen Geiſtes in ſeinem ſtillen Tem - pel zu warten. Seufzet die Seele nach der Erneue - rung zum uranfaͤnglichen Bilde GOttes, und vermeint allbereit einige Striche und Lineamente davon zu ha - ben: ſo kommt die Unkeuſchheit daher, und verwuͤſtet unverſehens alles wieder. Es gehet eben wie in einem Garten, der voll Wuͤrmer iſt: je koͤſtlicher das Ge - waͤchs iſt, ſo darinn geſaͤet wird; je ehender zerbeiſſen und verderben ſie ſelbiges, ſo daß man faſt nichts her - vor bringen kann.

§. 35.

Unkeuſchheit iſt ein dermaſſen ungezaͤhmter Wuſt, daß ſie auch keine Schamhaftigkeit um ſich lei - den mag. Ja ſie benimmt gar alle menſchliche Ver - nunft. Hurerey eben ſowol als Wein und Moſt machen toll. Hoſ. 4, 11. Wen die verfluchte Un - keuſchheit in ihren Feſſeln gefangen haͤlt, der iſt ſo we - nig aufzuhalten, daß er ſich nicht in zeitlich und ewig Verderben ſtuͤrtze, als die gadareniſchen Schweine. Er opfert Haab und Gut, Ehre und Reputation, Stand und Amt, Weib, Mann und Kind, Leib, Le - ben, Seel, Gewiſſen, Himmel, Seligkeit, JEſum ſelbſt, ſeine Gnad und ſein Blut dieſem Teufelsgoͤtzen auf. Es moͤgen ihm Prediger, fromme Menſchen, wohlmeinende und getreue Freunde und VerwandteX 3alle326(II. Th.) Theologiſche Betrachtungalle erſinnliche Vorſtellungen thun; es moͤgen ihm die heiligen Engel, Propheten und Apoſtel aufs beweg - lichſte zureden; ja GOtt ſelbſt mag ſich mit den er - ſchrecklichſten Donnerſchlaͤgen auf Sinai und im Ge - wiſſen hoͤren laſſen; man mag ihm JEſum GOttes eingebohrnen Sohn (vor dem die Welt billich als vor ihrem Heiland allen Reſpect haben ſoll) mit ſeinem Angſtgeſchrey am Creutz noch ſo lebhaft und hertzruͤh - rend vorſtellen; man mag dounern, blitzen, warnen, ruffeu, ſingen und ſagen was man will: der Rohrdom - mel der Unkeuſchheit uͤberſchreyet alles, und ſie hoͤren wegen der Entfernung des Hertzens von jenen Dingen, und wegen der taͤglichen Herannaͤherung zu dieſem Un - flat wenig ode[r]nichts davon. Unkeuſchheit verleitet endlich alle Blutstropfen, ja alle Lebensgeiſter auf ihr muͤhlrad. Dieſer Fluchbaum flechtet ſeine Zaͤſerlein durch das gantze Erdreich des aͤuſſeren und inneren Menſchen, ſo daß er mit keinem Wohl und Wehe mehr auszurotten iſt. Der Schnee des hohen Alters ſelbſt kan dis heimliche Luſtfeuer nicht bey allen und allemal daͤmpfen.

§. 36.

Unkeuſchheit verunruhiget entweder das Gewiſſen oder verhaͤrtet daſſelbe, darinnen doch ſonſt eine ſuͤſſe Ruhe und ſanfter Friede regieren ſolte. Bey vielen ſchlaͤgt das Gewiſſen wegen der Unkeuſchheit die Freudigkeit den Muth und Freymuͤthigkeit vor den Leu - ten dermaſſen darnieder, daß ſie meinen, die Suͤnde ſey ihnen an der Stirn geſchrieben; jederman ſehe es ih - nen an und rede davon; der Tod und das Gericht ſchrecken ſehr, ſolte es auch nur unterweilen ſeyn, wie ein Blitz und Wetterſtreich. Dieſer Handel wehret ſofort, bis es zum Abdruck und Sterben gehet; da denn die vormals fo kurtzweilig geweſene Befle - ckungen wie erzoͤrnte Leoparden auf die zitternde Seele paſſen, und der ſelbſtgemachte Glaube vermag ſie nicht abzutreiben. Ein entſetzlich Exempel erzehlet Con - rad Mel in ſeiner Poſaune der Ewigkeit pag. 152. Peter Vaſti ein wohlhabender Buͤrger, der inSauf -327Der Unreinigkeit. Sauffen, Spielen, Haren ꝛc. verfallen war, hieng ſich an eine Hure in einer benachbarten Stadt. Weil ihn ſein Sohn davon abzuhalten ſich be - muͤhete, ermordete er denſelben, und verbarg ſei - ne That, unter dem Vorwand, als haͤtte er ihn in die Fremde geſchickt. Kurtz darauf brachte er auch ſein eigen Weib um. Als endlich das Maß ſeiner Suͤnden voll war: eilete die goͤttli - che Gerechtigkeit mit ihm zur Rache; machte einen Anfang an ſeinem Gut, und ſetzte ihn durch Brandſchaden in ſolche Armuth, daß er auch von ſeiner Huren nicht mehr geachtet war, weil er durch Geſchencke ihre geile Brunſt nicht mehr hegen konte. Nach ſolcher ſchmaͤhlichen Ab - weiſung legte er ſich unterwegens aus Unmuth nieder unter einen Baum. Kaum war er vom Schlaff uͤberfallen, ſiehe, da kam nicht ohne Ver - hengniß GOttes ein wuͤtender Ochſe, der ſich loß geriſſen, und den das Volck zu fangen bemuͤ - het| war. Der faſſete den ſchlaffenden Suͤnder auf ſeine Hoͤrner, und riß ihm den Leib auf, ſo daß ihm das Eingeweide hervor hing. Nach - dem er darauf eine halbe Stunde ſprachloß gele - gen, kam er wieder zu ſich ſelber, und bekannte ſeine Uebelthaten; worauf er noch ſelbigen Ta - ges nach wiederholter oͤffentlichen Bekenntniß aufgehenckt, und hernach verbrannt wurde. Wahr iſts, daß nicht alle und jede unkeuſche Menſchen in ſo grauſame Exceſſen verfallen, noch vor der Welt ein ſo erſchreckliches Ende nehmen: inzwiſchen gilt doch hier was Chryſoſtomus, ſagt: Nicht alle verſtockte erſauf - fen im rothen Meer, weil auf ſie der Pfuhl wartet, der mit Feuer und Schwefel brennt. Nicht alle, die Chriſtum verſuchen, werden von den Schlangen umgebracht, weil auf ſie der Wurm wartet, der nicht ſtirbt. Nicht alle die Hurerey treiben, werden mit dem Spieſſe durchſtochen, weil ſie im hoͤlliſchen Feuer am gluͤenden Spieſſe des ewigen TodesX 4 und328(II. Th.) Theologiſche Betrachtung und nagenden Gewiſſens ſollen gebraten werden in Ewigkeit.

§. 37.

Bey einigen wird das Gewiſſen verhaͤrtet und verſtockt. Und da meinen ſie, wunder was ſie fuͤr gluͤckſelige Leute und großmaͤchtige Helden waͤren, weil ſie ohne Gewiſſensſchlaͤge und gleichſam mit Freuden ſuͤn - digen koͤnnten! Allein geſetzt auch, ein Menſch ſey zweyfach verſtocket,[α]) daß er die Suͤnde nicht fuͤhle, (wie denn gewiſſe Leute, deren gantzes Leben ſo beſchaffen iſt, daß eine ſtete Hoͤlle in ihrem Gewiſſen lichterloh brennen ſolte, dennoch ſcheinen allerdings lu - ſtig und wohl dran zu ſeyn: So ſind ſie durch ihre Fuͤhl - loſigkeit nicht gluͤcklicher gemacht, als ein ſchlaffender Menſch, der mit ſamt dem Schiffe ſchon in die Tieffe niederſincket, nur daß ers nicht weiß. Dis ſind gantz eigene Antichriſten, aͤrger als die aͤrgſten Heiden, die durch lange Gewohnheit auf der Hoͤllen-Straſſe eine harte Haut bekommen haben; alſo daß ſie ohne Schmer - tzen uͤber alle Unzuchtdornen und Suͤndenſteine hinge - hen koͤnnen. Eph. 4, 18. 19.

[β]) Daß er die Straffe nicht achte, ſo den unzuͤchti - gen auf den Ferſen nachtritt, oder uͤber ihren Koͤpfen henget, (wenn z. E. alle ihre Sachen den Krebsgang gehen, Schulden, Armuth, Bloͤdigkeit, Schmertzen, Mißcredit, uͤbler Ruff ꝛc. ſie umgeben und verfolgen:) ſo iſt ſein Zuſtand um deſto ungerechter, klaͤglicher und unſeliger, weil er ſich ſo gar auch hier nicht mehr unter die Hand, ſo ihn ſchlaͤgt beugen mag: ſondern ſtirbt in aͤuſſerſter Verſtockung dahin.

§. 38.

Sagſt du: Es bekehren ſich doch alleweil einige? So antworte ich, 1) das kann ſeyn: aber wunderſelten. Einmal verderben die meiſten in ihren Suͤnden, oder in falſcher Heuchelbuſſe. Es bleibt dennoch darbey, daß wer Unkeuſchheit nicht als ein Seelen-gefaͤhrlich Ubel erkennen will, derſelbe ſich muthwillens in die Sicherheit und die daranhangende Hoͤlle wirft. 2) Geſetzt man bekehre ſich, ſo henget ſich gleichwol ein unkeuſch geweſener Menſch eine dop -pelte329der Unreinigkeit. pelte Plage an den Hals. a) Jſt er vor dem Ueber - bleibſel dieſer Cananiter lange nicht geſichert, weil ſie wiſſen, durch welche Thuͤre ſie in die Veſtung des Wil - lens kommen, und die Seele faͤllen koͤnnen. Es iſt nichts ſchlimmers als der Eindruck, ſo die garſtigen Luͤſte hinter ſich laſſen. Zu dem hat das Gebluͤte ſeine Anſteckung und Ruin dahin genommen: ſo daß ſich der Geiſt den Stuͤrmen und Reitzungen faſt nicht mehr erwehren kann, noch den ſachte ſchleichenden Kitzel ernſthaft genug verpfuyen, daß gantz und gar keine Be - fleckung daraus entſtehen ſolte. Ach wie lange, wie lange gehets hernach, und wie ſchwer haͤlt es, daß ein Streiter Chriſti nicht mehr uͤbertoͤlpelt werde und aus - glitſche, ſondern alle dieſe faule Brut beym erſten An - blick zertrete! Faſten, Wachen, Schreyen muß da Tag und Nacht zur Hand genommen werden. b) Und ge - ſetzt, die Buſſe bringe eine ſo gewaltige Umkehrung, und ein ſo reiches Maß des Glaubens, des heiligen Geiſtes und der Liebe, daß dieſem Hoͤllenthier gleich das Genick eingeſchlagen, und alle deſſen Verſuchungen entkraͤftet werden: ſo iſt doch dieſes was ungemeines, unerhoͤrtes und auſſerordentliches. Worzu noch kom - met, daß man eine uͤbel hingebrachte Jugend lebenslang nimmer voͤllig verſchmertzen kann. O was genießt ein munterer, GOtt anhangender, keuſcher Juͤngling oder Jungfrau vor unſaͤgliche Mittheilungen der GOttheit, welche ein verfuͤhrter Burſch entbehren muß!

§. 39.

Laſſet uns auch ſehen, welch ein hoͤllenſchwar - tzes Suͤndengeleit die Unkeuſchheit nach ſich ſchleppe.

1. Der Vortrab iſt[α]) Nachlaͤßigkeit im Gebet, und veraͤchtliche Hintanſetzung der heiligen Schrift; item daß man ſich aͤrgerliche Worte oder Wercke, die man in der angehenden Jugend gehoͤrt oder geſehen, mehr erinnert als der Liebe GOttes und Chriſti, und ſeiner heiligen Gebote. [β]) Leſung ſchlimmer oder doch unheiliger Buͤcher, dadurch folglich das Hertz nicht geheiliget werden kann, noch den Feind abtreiben. X 5Da330(II. Th.) Theologiſche BetrachtungDa iſt man nun von allen Seiten wehrloß, und der Teufel hat gewonnen Spiel.

2. Der Nachtrab iſt 1.) ein ruchloſes Fortfah - ren, da man ſich doch noch in der erſte geſchaͤmt und geſcheuet hat. 2) Die Unkeuſchheit wird zu einem unerſaͤtlichen Abgrund: je mehr man Holtz drein wirft je grauſamer wird die Brunſt; 3 B. Moſ. 18. 3 ) Da - zu ſchlagen himmelſchreyende Suͤnden, da die armen Kinder verlaſſen, und an Leib und Seel ermordet wer - den. 4) Die Treuloſigkeit, Meineid und Zerreiſſung aller Geſetze. 5) Die entſetzliche Gottesvergeſſenheit, wie Salomon bey ſeiner Weiberliebe erfahren. (Es war vor der Verfolgung, da ſonderlich Herr Claude als Prediger zu Charenton ſehr beruͤhmt war, ein Candidat zu Paris, von ſo ſchoͤnen Na - turgaben, daß er einsmals dem Hrn. Claude die Can - tzel abforderte. Da er aber erſt im Vorbeyge - hen auf die Cantzel zu treten vom Herrn Claude den Text begehrte, ſo ſagte dieſer: wie? ihr wol - let aus dem Stegreif predigen? Alſo ſoll man zu Charenton nicht thun! ſchwange ſich darmit auf die Cantzel, und ließ den jungen Stutzer in ſei - nem neuen Cantzelrock mit Schanden drunten ſtehen. Nun haͤtten die Jeſuiten dieſen galanten, Kunſtbegabten Schwaͤtzer gern bey ſich gehabt, ſtelleten ihm demnach ein Lockaas mit einerſchoͤ - nen catholiſchen Jungfer auf; mithin gerieth der arme[Tropf] ins Garn und ward catholiſch. Alſo erſtickt die Unkeuſchheit alle Empfindung ſeiner Reli - gion. 6) Man verfuͤhre oder laſſe ſich verfuͤhren, ſo iſt man dennoch Schuld an des mitſuͤndigenden ſeiner Beſudelung. Welch eine Laſt ladet man ſich damit auf ſein Gewiſſen, ſonderlich wann Mord, Meineid, und endliche Unbußfertigkeit darauf erfolget! 7) Die Baſtarte werden meiſt dem Teufel zu Theil; man ſchickt ſie in den Krieg oder wohin man kann; viele werden an der Empfaͤngniß verhindert, heimlich abgetrieben, ſchaͤndlich ermordet! Und was eheliche Kinder ſind,da331der Unreinigkeit. da gehet oft der Sohn ſamt dem Vater, die Tochter ſamt der Mutter gleiche Suͤndenſtraſſen der Hoͤllen zu.

§. 40.

Welche Zornruthen, Straffen, und Plagen uͤber unzuͤchtige Menſchen kommen, weiſen die goͤttli - chen Gerichte ſchon in dieſer Zeit deutlich aus. Die erſte Welt, Sodom und Gomorra, die 24000. Jſ - raeliten, 4 B. Moſ. 25, 9. Die Benjaminiten, Richt. 20, 46. Die Soͤhne Eli, Ruben, Simſon, David, Salomon. ꝛc. Dieſe alle ſind ewige Ge - denckſeulen, ſo da am Wege der Ewigkeit ſtehen und daran mit ſonnenhellen Buchſtaben die Worte zu le - ſen ſind: Wanderer! ſtehe ſtill, betrachte uns wohl, und mercke, 1) in was fuͤr einen betruͤb - ten Zuſtand uns die Unkeuſchheit gebracht. 2) zu wie viel andern Suͤnden ſie uns verleite. 3) in was vor Angſt, Plage und Quaal ſie uns geſtuͤr - tzet. So gehe nun hin, und huͤte dich dein Leb - tage vor der Unkeuſchheit. Jch will der un - zehlichen Trauergeſchichte nicht erwehnen, da oft die er - ſchrecklichſten Zornzeichen GOttes am Himmel und Erde erſchienen ſind, und da eben wegen dieſer Suͤn - de gantze Voͤlcker, Laͤnder und Staͤdte, Geſchlechter, Haͤuſer, und einzele Perſonen zu Grunde gehen mu - ſten, welche allzumal die boͤſe Unkeuſchheit an Leib und Seele, ja an Ehre und Gut zugleich hingerichtet, und ſamt ihrer Nachkommenſchaft ruiniret hat. Die meiſten, langwierigſten, ſchmertzhafteſten, und faſt un - heilbare Kranckheiten kommen daher: daß ſich die er - ſchoͤffte Natur faſt nicht mehr erholen kann: dagegen die Nuͤchternheit und Keuſchheit ihre Freunde oft mit einem hohen, geſunden und ſtarcken Alter kroͤnet. Uberdis gerathen ſolche unflaͤtige Hurenhengſte biswei - len in Armuth. Um einer Huren willen kommts zum Stuͤck-Brodt. Spruͤchw. 6, 26. Sein Hertz zum Weibe des Naͤchſten reitzen laſſen, iſt ein Laſter und Miſſethat fuͤr die Richter. Ja ein Feuer, das bis ins Verderben verzehret, und al - les Einkommen auswurtzelt. Job. 31, 12. Weinund332(II. Th.) Theologiſche Betrachtung. uud Weiber machen die Verſtaͤndigen abfaͤllig; und wer den Huren anhanget, iſt verwegen: den - ſelbigen werden Maden und Wuͤrme zu theil be - kommen, und er wird verdorren jedermann zum gewaltigen Exempel. Syr. 19, 3. Lutherus ſe - tzet dabey: ſie kriegen Frantzoſen, Laͤuſe und Kranck - heiten. Allein alles dis ſind doch nur noch Zuͤchtigun - gen zur Warnung, wie etwa eine Mutter zu ihrem Kinde ſagt: wilſt du nicht zu mir herkommen: ſoll ich dich mit der Ruthen herum holen? Die rechte Straf - fe kommt erſt zuletzt. Mancher entgehet hier allen oberzehlten Straffen: Aber nur deſto haͤrtere warten auf ihn in der andern Welt, wo er nicht noch wahre Buſſe thut.

§. 41.

Der HErr weiß die Ungerechten zu be - halten auf den Tag des Gerichts, daß ſie gepei - niget werden. Allermeiſt aber die, ſo da wan - deln nach dem Fleiſch in der unreinen Luſt. (grie - chiſch, in der Begierde der Unreinigkeit!) 2 Pet. 2. v. 9. 10. Drauſſen, drauſſen ſind die Hurer. Dieſen Leuten wird ihr Theil werden in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennet, wel - ches iſt der andere Tod. Offenb. Joh. 21, 8. 22, 15. Wer ſich hier mit unkeuſchem Betaſten beflecket, der wird dort zu unſaͤglicher Angſt, Quaal und Schmertzen von verfluchten Teufeln betaſtet und umarmet werden: Wovon dieſe unſelige Menſchen eine ſo grauſame Pein, Noth, Feuer und Marter durchdringen, durchfahren, und einnehmen wird, daß wenn einer Tag und Nacht mit gluͤenden Zangen geriſſen, oder mit brennendem Pech und Schwefel begoſſen wuͤrde, es nur als eine bloſſe Kurtzweil dagegen zu rechnen waͤre. Dieſes kuͤnftige Umarmen der Verdammten Hoͤllenbraͤnde hat Satan in dem Bilde Molochs ſpitzfindig genug vorzu - ſtellen gewuſt, in deſſen gluͤenden, feuerrothen Armen die Kinder lebendig verbrannt wurden. O Ewigkeit! Da alle unflaͤthige Phantaſeyen und Wercke der un - verſchaͤmten Finſterniß mit hoͤlliſchem Eckel, Schamund333der Unreinigkeit. und Reue wieder eingeſchlungen werden muͤſſen; eben als wenn ein Uebelthaͤter verurtheilet wuͤrde, alles was in einem gantzen Jahr von ihm gegangen, wiederum in ſeinen Leib hinein zu wuͤrgen! denn der Gottloſe muß ewig empfinden, was er in der Zeit gethan und gedacht hat. Es wird, es wird ihm vergolten werden, wie ers verdienet.

Wer die noͤthige Hertzensreinigung verabſaͤumet; Der kann mit JEſu nicht in weiſſen Kleidern, noch im Paradiß als ein prieſterlicher Koͤnig ſpatzieren, noch die Pallaͤſte der Groſſen, z. E. eines Enochs, Noa, Mo - ſis, Elias ꝛc. in der Gottesſtadt Jeruſalem beſehen, noch die goldenen Gaſſen betreten; ja nicht einmal zu den Stadtpforten hineingucken; ſintemal nichts unrei - nes eingelaſſen wird. Wenn eine unkeuſche Seele da - hinein gedaͤchte, ſo wuͤrden ſie nicht nur die flammen - den Schwerdter der Cherubinen vom Eingang abhal - ten, und das heilige Land ſie als einen Bann aus - ſpeyen: ſondern die unſaubern Geiſter wuͤrden die un - ſelige Seele bey dem Kleide der Unkeuſchheit faſſen und ſagen: du bethoͤrte Seele! Du biſt an einem gantz unrechten, und nunmehro am letzten Ort: uns, uns haſt du mehr als ein Dienſtlein gethan; darum iſts billig, daß wir mit dir abrechnen, und dir Geſtanck und Dampf zu Lohn geben. Alſo nimmt zuletzt ein - jeder Geiſt diejenige Seele zu ſich, die er bey Leibes Leben beherrſchet hat.

§. 42.

Ach! ſo mache ſich nur weit weit weg von dieſem bodenloſen Abgrund alles Uebels ein jeder, der ſeine Seele liebet! ach niemand ſeye ſicher! ſondern ſuͤrchte ſich vielmehr, und huͤte ſich doch vor dem ewi - gen Feuer. GOtt hat uns daſſelbe ja nicht bereitet, ſondern nur dem Teufel und ſeinen Engeln, wie JE - ſus ausdruͤcklich ſagt, Matth. 25. Daß uns Men - ſchen eigentlich das Reich vom Vater bereitet ſey: den Teufeln allein ſey das ewige Feuer zugerichtet: und daß nur diejenigen Menſchen dahin verwieſen werden, die es bey Leibes Leben lieber mit dem Teufel haltenals334(II. Th.) Theologiſche Betrachtungals mit Chriſto, und die lieber in Suͤnden dem Teufel gefallen, als Chriſto in der Heiligung. Darum wird der Richter auch billig zu ihnen ſagen: Jch hatte euch Menſchen zwar nicht ein ewiges Feuer ſondern ein ewiges Leben bey mir zugedacht: nachdem ihr mir aber nicht habt wollen folgen, ſondern meinen Rath verworfen, und euch (Trotz aller Warnung) vom Teu - fel habt fuͤhren laſſen: ſo iſts billig, daß ihr nun auch ewig bey ihm ſeyet, und nicht bey mir. Jch kann nicht dafuͤr: ich meinte es gut mit euch; aber ihr habts ſo wollen haben, und mir die Hoͤlle abgezwungen; ich kann meine Gerechtigkeit nicht verleugnen. Es iſt ſo in der Ewigkeit beſchloſſen, daß wer zu GOtt durch mich nicht will, der muß zuletzt des Teufels Ziel mit ſchwe - rem Hertzen leiden.

§. 43.

Zuletzt kann noch folgende Begebenheit des Hrn. Auctoris angemercket werden, die er alſo erzehlet:

(Einsmals ſpatzierte ich mit zweyen Juͤnglin - gen in einem Wald, die beyde Theologanten (Studioſi Theologiæ) waren. Der eine war ein demuͤthiger, gottſeliger, keuſcher Liebhaber Chriſti: der andere aber war ein Schatten - ſchnapper, taumelte ſich gewaltig mit Schrif - ten und Buͤchern herum und bemuͤhete ſich, den Ruhm eines gelehrten Mannes zu erjagen. Die - ſen bearbeitete ich mich zu uͤber eugen, daß goͤttliche Guͤter und Wahrheiten anders nicht als aus lebendigem Geſchmack und Erfahrung erkannt werden moͤgen; niemand koͤnne mit Grund und Nachdruck von Buße, Glauben, Verleugnung, Liebe Chriſti, Rechtfertigung ꝛc. reden, als wer wircklich darinnen ſtebe ꝛc. Als ich nun ſein Hertz von allen dieſen Reden zuge - ſchloſſen fand; brach ich in dieſe Worte gegen ihn aus, er habe den alleraͤrgſten Teufel in ſei - nem Hertzen, der dem heiligen Geiſt allen Ein - gang verſperre, ich meinte den Hochmuth. Er erſchrack darob, nahm mich aber auf die Seite, und335der Unreinigkeit. und bekannte ſchmertzlich, er ſey in der Suͤnde Onans ſchon ſieben Jahr lang dermaſſen ver - ſtrickt, daß er ſich mit keinem Lieb davon loß - wickeln koͤnne; gab mir auch nachwerts einen Rodel von 23. ſolchen ungluͤckſeligen Leuten, die mit gleichem Ubel behaſtet waͤren. Nun da ſiehet und hoͤret man es, wo es ſteckte. Da iſt das von GOtt ſelbſt entdeckte Geheimniß Hoſ. 5, 4. im Exempel dargeſtellt. Dis dis waren die heimlichen Ban - den, die alle andere Gefangenſchaft nach ſich zogen, und unvermeidlich machten. O wie viele tauſend aͤhnli - cher Exempel ſind unter dieſer einigen Hiſtorie begriffen!

§. 44.

Zur VII - Section, woſelbſt pag 265. die Vortreflichkeit der Keuſchheit beſchrieben wird, gehoͤret des Herrn Verfaſſers ſeine Vergleichung der Keuſchheit mit der Aloes, die er zur Erklaͤrung des Titels von ſeinem Tractat im Vorbericht machet. Er ſpricht: Jch nenne die Keuſchheit Aloes, weil 1) Wie dieſe wohlriechend iſt, ſo iſt auch die Keuſchheit. Die - ſe iſt Chriſto und ſeinen heiligen Engeln wol der lieb - lichſte Geruch. 2) Die Blaͤtter dieſer Staude, die ei - nem Baum gleich zu werden pflegt, ſind mit vielen ſte - henden Spitzen am Rande verſehen, welche ſehr fett und voller Safft ſind: Alſo auch die Keuſchheit. Sie waͤchſet ſo hoch, daß ſie bis ans neue Jeruſalem ruͤh - ret; die Blaͤtter, (ihre Worte) ſind nicht ſchmeichleriſch, ſondern ernſthaft, ſie treiben und halten ab alles, was ſie betaſten will; bleiben dabey voll himmliſcher Sal - bung, Gnade und Lebens JEſu. 3) Die Zweiglein ſind mit einer ungemein groſſen Menge Bluͤthen wun - derſam gezieret. Eben alſo quillen aus einem keuſchen Hertzen unzehlich viele heilige Gedancken und recht - ſchaffene goͤttliche Begierden hervor. 4) Die Aloes muß wohl gewartet ſeyn: Alſo auch die Keuſchheit. 5) Aloes iſt bitter, wird aber in der Artzneykunſt haͤuf - fig gebraucht: Alſo iſt die Keuſchheit dem fleiſchlichen Sinn ſehr zuwieder, befoͤrdert aber der Seelen Ge - ſundheit uͤber alle maſſen wohl, und verſetzet denMen -333(II. Th.) Theologiſche BetrachtungMenſchen in einen himmliſchen Sinn und ins Weſen der heiligen Engel. 6) Aloes waͤrmet und bewahret fuͤr Faͤulniß und Verweſung, toͤdtet die Wuͤrme, trei - bet die gallichte Rohigkeit aus dem Magen, und gibt den Grund zu heilſamen Pillen: Alſo erhaͤlt die Keuſchheit auch ſowol die natuͤrliche Leibes Waͤrme, als auch die erſte Liebe Offenb. Joh, 2. Sie be - wahret vor der ſtinckenden Luſtſeuche, laͤßt die Ge - ſchaͤfte des heiligen Geiſtes nicht verderben, toͤdtet alle Gewiſſenswuͤrme, ſo heut und morgen das Hertz nagen koͤnten, gibt dem Teufel keine Materie zu ver - klagen und zu beunruhigen, und vertreibet alles, was die hoͤchſt vergnuͤgliche Betrachtung der heiligen Schrift, und das hoͤchſtſelige voͤllige Wachsthum der neuen Creatur verſehren koͤnte. 7) Ein Stuͤckgen Aloes Holtzes auf die Kohlen geworfen, gibt einen unver - gleichlichen Geruch, der gantze Zimmer fuͤllet; das innerſte oder der Marck deſſelben aber iſt von ſolcher Koͤſtlichkeit und durchdringend ausdunſtender balſa - miſchen Kraft, daß es die Potentaten der Morgen - laͤnder nur fuͤr ſich zu behalten pflegen: Alſo hat die in der Probe bewaͤhrte Keuſchheit Jaſephs ihren Geruch in ſo viel tauſend Jahren noch nicht verlohren; Die Hertzensreinigkeit aber und inwendige Keuſchheit der geheimſten Gedancken behaͤlt JEſus fuͤr ſich allein als der Hertzenskuͤndiger. Pſ. 45, 9. Hohel. 4, 13. 14. Joh. 19, 39.

§. 45.

Zur VIII. Section, pag. 273. ſeq. und zur Erlaͤuterung und Schaͤrfung der daſelbſt angefuͤhrten Verbote und hohen Verordnungen GOttes iſt folgen - des mit tieffem Ernſt zu Hertzen zu nehmen. Hat nun GOtt von ſeinem alten buchſtaͤblichen Volck Jſrael die Reinigkeit des Hertzens und Lebens ſo ſcharf und ernſtlich erfordert: wie vielmehr dann von ſeinem neuen himmliſchen Volck, den Chriſten, denen ein weit groͤſſe - res Maaß des Lichts und der Gnaden beſcheret iſt, als den Juden. Derohalben JEſus die Keuſchheit in einem hohen Grad von ſeinen Juͤngern erfordert; Matth. 5. v. 28334der Unreinigkeit. v. 28. Er hat alles Futter des alten Menſchen, und alle fleiſchliche Sinnlichkeit, dadurch ſich das Hertz an die Welt und Creaturen haͤnget, durch taͤgliche Ver - laͤugnung ſchlechterdings abgeſchnitten, Matth. 17, 24. JEſus will keinen vor einen Liebhaber GOttes erken - nen, als der die Fleiſchesluſt verlaͤugnet, uͤber ſeinen Leib Meiſter iſt, und frey wird von der Herrſchaft aller unkeuſchen Luͤſte, Tit. 2, 12. 1 Joh. 2, 15. 17. 2 | Tim. 2, 5. Wer nicht beyzeiten und recht darwie - der kaͤmpft, der wird der hoͤlliſchen Obrigkeit ihr Scla - ve, und muß den unſaubern Geiſtern alle Tag etwa ein Dienſtlein thun. Dieſe unreine Wuͤteriche haben mit der gefangenen Seele ihr heilloſes Spiel; ſie laſ - ſen ihr wol zu, daß ſie ein Bißgen wiederſtrebe, weil ſie ſelbige zu ihrem Gehorſam bringen, und ſie auch ſogar im Gebet ſelbſt uͤberwaͤltigen ſollen, alſo daß kaum ein eintzeler Tag ohne friſche und wiederholte Befleckung hingehet, wo nicht des Fleiſches, dennoch des armſe - ligen Geiſtes in Gedancken. Ja dieſer boͤſe Wuſt laͤßt die Seele durchaus zu keiner Einkehr in ihr eigen Hertz, noch zu GOtt, noch zu einigem dauerhaften Geſchmack der vergnuͤglichen Gemeinſchaft Chriſti gelangen.

§. 46.

Daher verbietet GOttes Gnadenlehre alle Beruͤhrungen dieſes verbotenen Verſuchbaums, und ſchraͤncket alle aͤuſere und innere Sinnen genau ein. Sie will uns gantz uͤberall zur Liebe GOttes bilden, und zum nachjagen nach den himmliſchen Guͤtern. O wie rein und frey will uns das Evangelium haben! Dis iſt der Wille GOttes eure Heiligung, daß ihr euch enthaltet von der Hurerey: ein jeglicher unter euch wiſſe ſein Gefaͤß zu beſitzen in Heili - gung und Ehren; nicht in der Luſtſucht, wie die Heiden, die GOtt nicht erkennen. 1 Theſ. 4. v. 3. 4. 5. Dis iſt die wahre, allein ſeligmachen - de Religion, ſich von der Welt unbefleckt zu be - wahren. Jac. 1, 27. Wer nur ein Menſch iſt und einen Leib hat, der ſoll ihn nach gemeſſener Ordre ſei - nes Schoͤpfers und Heilandes keuſch und rein behal -II. Th. Betr. der Unreinigk. Yten,335(II. Th.) Theologiſche Betrachtungten, es ſey in - oder auſſerhalb der Ehe. Wer das nicht in acht nimmt, der beſitzt das Gefaͤß ſeines Lei - bes nicht, ſondern gibt ihn dem Satan hin, geſtattet dem Teufel ein unehrliches oder ſchaͤndliches Gefaͤſſe daraus zu machen, darein er ſeinen Unrath hinſchuͤtte. Wer noch gerne Nacktheiten, Gemaͤhlde und andere luſtreitzende Dinge ſiehet, oder dergleichen Hiſtoͤrgen gerne lieſet und hoͤret, deſſen Hertz iſt noch unkeuſch: er iſt dieſem Laſter noch nicht von Hertzen ſeind; er iſt nicht Meiſter uͤber ſeinen Leib; ſondern der Teufel be - ſitzt ihn, und braucht ſeine Glieder, Augen, Ohren, Zunge und Haͤnde zu Waffen der Unreinigkeit wieder GOtt, und beſudelt dieſes koͤſtliche Geſchirr mit ſei - nem heßlichen Koth, der unleidentlicher ſtincket vor den heiligen Engeln, als kein Rabenaas in unſern Naſen. Dis ſiehet der heilige Geiſt, darum ermahnet er uns durch Paulum ſo hertztreulich, daß wir unſern Leib recht ehrwuͤrdig halten ſollen, in Hochachtung als ein goldenes oder ſilbernes Geſchirr 2 Tim. 2. v. 20. das vor den Himmel geheiliget ſeyn, und noch zu groſſen Ehren kommen ſolle.

§. 47.

Daß unkeuſche Gedancken ins Gemuͤth kom - men, geſchiehet nur wegen unſerer Laͤßigkeit. Wenn wenn wir betrachteten, daß GOtt in uns wohnet: ſo wuͤrden wir kein fremdes Gefraͤß in uns einlaſſen. Denn der HErr Chriſtus, der in und bey uns wohnet, ſiehet ja auf unſer Leben: dahero weil wir ihn in uns tragen und beſchauen, ſo muͤſſen wir uns ſelbſt nicht hintanſetzen, ſondern uns heiligen, wie er heilig iſt. Laſſet uns auf dieſem Felſen ſtehen: ſo muß der Boͤſe - wicht wol zerberſten. Fuͤrchte dich nur nicht, ſo wird er dir nichts anhaben. Singe mit groſſer Kraft und ſprich: die auf den HErrn vertrauen, ſind wie der Berg Zion; es wird nicht beweget werden in Ewig - keit, wer in Jeruſalem mit Recht und gutem Muthe wohnet. Pſ. 125, 1. 2.

§. 48.

Paulus hat mit groſſem Ernſt wieder die Unkeuſchheit gedonnert, mehr als wieder keine andereSuͤnde336der Unreinigkeit. Suͤnde; fuͤrnemlich 1 Cor. 6. Er ſchlieſſet ihnen v. 10. eben ſowol die Himmelsthuͤre zu, als den alleraͤrgſten Miſſethaͤtern. Er zeiget anbey v. 51. die Moͤg - lichkeit davon erloͤſet zu werden, und daß keiner ein gerechtfertigter Chriſt ſeyn koͤnne, er ſey denn davon abgewaſchen und geheiliget durch den Namen des HErrn JEſu, und durch den Geiſt unſers GOttes. Jm 13. v. lehret er die Koſtbarkeit und den hohen Adel des Leibes der Chriſten, nemlich er ge - he den Hurenteufel nichts an, ſondern gehoͤre unter die eigenthuͤmlichſten Guͤter des allerhoͤchſten HErrn: ſo werde auch der HErr alle ſeine Gewalt, Majeſtaͤt, Schoͤnheit, Weißheit, Reichthum und Herrlichkeit daran wenden. Der Leib der Chriſten werde auch un - ausdencklich herrlich, ſtarck, friſch, ſchoͤn und rein vor GOtt geachtet, und dereinſt auch in eine ſichtbare Herr - lichkeit und hohen Glantz erhoben werden: dann GOtt habe ſeinem Sohn auch den menſchlichen Leib geſchen - cket eben ſowol, als die Seele, und wolle ſich gleich - maͤßig in unſern Leibern unendlich verklaͤren. Dem - nach verbinde uns dis Recht, ſo JEſus zu unſerm Leibe hat, und die Herrlichkeit, ſo er ihm erworben und be - ſtimmet hat, aufs allerhoͤchſte, alle Unzucht zu meiden, und den Leib ſowol als den Geiſt zu der Auferſte - hung, und dem darauf folgenden himmliſchen Leben zuzuruͤſten. v. 14.

§. 49.

Ach welch ein Jammer iſts denn, der Ver - klaͤrung des Leibes am Juͤugſtentag entbehren muͤſſen, und das zwar um der huͤndiſchen Luſt willen! unſere Leiber ſind zu einer ſolchen Glorie in der Gottheit er - haben, daß ſie Glieder Chriſti ſind v. 15. herrlicher als Adam im Paradis; Glieder des wunderbaren Gottmenſchen, die er als unſer Jmmanuel gebrauchen will, ſein heiliges, armes und niedertraͤchtiges Creutz - leben dadurch ſortzuſetzen: damit, wie ſeine Gedult, Reinigkeit und Unſchuld alhier an den geheiligten Lei - bern geleuchtet, er alſo auch ſeine allerreineſte Selig - ekit an ihnen in der Ewigkeit koͤnne hervorſtrahlen laſ -Y 2ſen.337(II. Th.) Theologiſche Betrachtungſen. Entſetzet euch denn dafuͤr ihr Himmel, erſchre - cket und erbebet ſehr: ſintemal ein Chriſt, der zum Hurer wird, eine zweyfache Suͤnde thut: einmal ſchnei - det er Chriſto eines von ſeinen Gliedern ab, welches boͤſe Stuͤck ſeine aͤrgſten Feinde nicht gethan haben, ja ſie haben ihm auch nicht einmal ein Bein zerbrochen! Naͤchſtdem hencket ers etwa einem ſtinckenden Fran - tzoſenaas an. O welch eine Unſinnigkeit! eine ſo un - ermeßliche Glorie und Seligkeit mit dem garſtigen Hoͤllengeſtanck zu vertauſchen: da er doch koͤnte ein Geiſt mit GOtt werden; welches die hoͤchſte Staffel einer unausdencklichen Herrlichkeit iſt, dahin ein Menſch gelangen kann; und welche zu erreichen Fuͤrſt - liche Perſonen unter den Malabaren ſich in Wildniſſe begeben, Tag und Nacht des Gebets warten, und in ſtrenger Buße leben: und ein Chriſt wirft dieſe aller - koͤſtlichſte Krone des Reiches GOttes hinweg, der un - flaͤtigen Hurenluſt zu Liebe? v. 16. 17.

§. 50.

Alle Suͤnden, die der Menſch thut, ſind auſſer ſeinem Leibe. Er braucht Hand oder Zunge andere zu beſchaͤdigen; oder ſo zum Exempel ein Trunckenbold ſeiner Geſundheit Schaden thut, ſo braucht er etwas auſſer ſich dazu, Wein und ſtarcke Getraͤncke: ein Hurer aber braucht zur Ausuͤbung ſei - ner boshaften und ſchaͤndlichen Luſt ſeinen eigenen Leib, und zwar gantz: er macht nicht nur die Augen und die Zunge zu Werckzeugen der Geilheit, ſondern er ſchaͤndet und verſaͤuet den edlen Coͤrper, der ein ſo erſtaunlich Meiſterſtuͤck des Schoͤpfers iſt; womit er dem armen Leibe wol uͤbel bettet, wo nicht vor das Alter, doch fuͤr die Ewigkeit, da er erfahren wird, er haͤtte kluͤg - licher gehandelt, wann er ſeinen Leib entweder in ein Dorngebuͤſch und Ameiſenhauffen geſchmiſſen, oder auf eine Hechel geſetzt, oder in einem Miſtlachen her - um geweltzet haͤtte, als daß er ihn dem unſaubern Sa - tan, als dem Urheber aller Geilheit, zu ſeinem ſchnoͤ - den Mißbrauch ſo ſchnoͤde und ſelaviſch hingeworfen und zugeeignet hat. Wann ein unſinniger ſich ſelbſtwund338der Unreinigkeit. wund ſchlaͤgt, oder mit Feuer und Gift Leid thut: ſo weinen wir; aber wenn der Hurenteufel einen Men - ſchen an Leib und Seel verwuͤſtet, ſo lacht man wol dazu; da doch des Teufels Wunden ungleich ſchaͤdli - cher ſind, als alle die ein Menſch ſich ſelber, oder an - dern anthun kan.

§. 51.

Wiſſet ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geiſtes iſt, der in euch iſt, welchen ihr habt von GOtt. und daß ihr nicht euer ſelbſt ſeyd? Es iſt einem Chriſten nicht genug, daß er durch Buße und Glauben den Befleckungen der Welt entflohen ſey, und ſich im Brunnen Jeruſalems Zach. 13. gewaſchen habe: Es iſt auch nicht genug, daß er bloß auf ſeine Seele ſehe, und darin z. E. be - trachte das groſſe Werck GOttes, daß er ihn durch ſeinen Geiſt heilige, und ſeine groſſe Gnade, daß er ihn | gerecht geſprochen, und Chriſti Abſicht in dem allen, daß wir nemlich ſein, und er unſer eigen ſey, und daß wir zu dem Ende in die innigſte Vereinigung mit ihm als dem Haupt treten duͤrfen und ſollen: ſon - dern er muß anbey auch die unbeſchreibliche Ehre und Herrlichkeit erwegen, daran der Leib theil hat, dage - gen aller Monarchen Pracht ein eitler Schaum und Schatten iſt. Nemlich daß der Chriſten Leib ein ſo heiliger Ort ſey, daß auch der Heilige Geiſt dariunen bleiben, wohnen, wircken, mit ſeiner Majeſtaͤt und goͤttlicher Pracht ſich gegenwaͤrtig bezeugen, und alles mit Heiligkeit zieren wolle. Wer demnach nicht weiß, ob der Heilige Geiſt in ihm ſey, der hat ihn noch nicht, ſintemal Paulus fragt: oder wiſſet ihr nicht? das ſoll ja bey euch eine ausgemachte und ungezwei - felte Sache ſeyn!

§. 52.

Erlaube mir hier mein lieber Leſer, etwas von der herrlichen Majeſtaͤt und Gewalt der Chriſten zu reden, wie ſie des Heiligen Geiſtes ſein Schloß, Paradis und Tempel ſeyn; dagegen aller Kayſer, Koͤ - nige und Fuͤrſten Pallaͤſte wie elende und zerriſſene Bettel-Huͤtten ſind. Tempel ſind die erhabenſte undY 3praͤch -339(II. Th.) Theologiſche Betrachiungpraͤchtigſte Gebaͤue, eine Zierde groſſer Staͤdte; alſo iſt ein Chriſt nach der Schatzung und dem Anſchlage, der im Himmelreich Mode iſt, gar ein anderer Mann, als die groͤſten Potentaten: er iſt eine Zierde und Seule der Welt. Der Heilige Geiſt ſtehet auf der Cantzel ſeines Hertzens, handelt bald von dieſer, bald von jener Materie; bald bewegt er ihn, wenn er ihn ſeiner vo - rigen groſſen Suͤnden erinnert, zu weinen, zur Trau - rigkeit nach GOtt, und zum Hunger nach Chriſto, Luc. 7. Er zeiget ihm ſeine Noth und Elend, und die jaͤhen Oerter dahin er von etwa einer Suͤnde z. E. der Unkeuſchheit bald waͤre geſtuͤrtzet worden, wie in den Abgrund des Verderbens. Ein andermal ſpricht er ihm Freud und Muth ein, und troͤſtet ihn mit der Hoffnung einer vollendeten Heiligung und Reinigung von aller ſolchen Teufeley. Er betet und ſingt ihm auch vor wie es in allen Kirchen der Gebrauch iſt. ꝛc. Nur iſt darinnen ein maͤchtiger Unterſcheid; wann ein Tempel, der mit Menſchen Haͤnden gemacht, einmal ausgebauet iſt, ſo bleibts dabey; aber die Gluͤckſelig - keit, Glorie und engliſche Reinigkeit eines GOtt ge - heiligten, und vom Heiligen Geiſt ſelbſt eingeweiheten Leibes waͤchſt allezeit bis in die himmliſche Klarheit ſelbſt; es gehet im unſichtbaren, weſentlichen und ewi - gen immer fort, und taͤglich weiter, auch ſo es treulich geht, und GOtt ſo beliebt, taͤglich leichter. Dort im aͤuſſern Kirchenregiment muß offt ein groſſer Hauffe Volcks mit einem eintzelen Prediger vor lieb nehmen; dagegen alle, die durch den wahren und ernſthaſten Glauben, in die Vorhoͤfe der paradiſtſchen Welt hin - eingekommen ſind, jede ihren eigenen Prediger im Hertzen, (wie Koͤnige und Fuͤrſten jedweder ſeinen Hof - prediger haben. O wol einen herrlichen, koͤſtlichen und fuͤrtreflichen Prediger, den Heiligen Geiſt ſelber, der ſie alles lehret, 1 Joh. 2, 27. Jer. 31, 34. Jſt das nicht eine uͤberaus groſſe Ehre? Ein aus GOtt geborner und mit Chriſti Geiſt geſalbter Menſch darf nicht weit lauffen: es mangle ihm Troſt, Weißheit,Krafft,340der Unreinigkeit. Krafft, Sieg, Licht, Wiſſenſchaft, Unterweiſung ꝛc. er kann ſich nur zu der ihm ſo gar innig nahen und reichen Quelle wenden und alles daraus holen: alles predigen iſt ohne dieſen Hertzenslehrer todt und un - fruchtbar. Wie wehe thuts einer Gemeine, wann ein getreuer Lehrer von ihr kommt; aber der Heilige Geiſt aͤndert nicht, er bleibt ewiglich. Joh. 14, 16. Ein Prediger iſt etwa eine Stunde im Tempel, alsdann gehet er fort; der Heilige Geiſt aber verharret Tag und Nacht in unſerm Geiſt und Leib. Sehet! ſo hoch ſind wir geachtet in GOttes Augen! wir haben ein ſol - ches Vorrecht, daß ich gewiß genug verſichert bin, daß wo Weltleute dieſe Sache wuͤſten, ſie uns eine ſolche unermeſſene Gluͤckſeligkeit entweder mißgoͤnnen, oder nicht ruhen wuͤrden, bis ſie auch den Heiligen Geiſt von JEſu Chriſto empfiengen, dadurch der Leib vor GOtt und allen heiligen Engeln herrlicher wird als der Tempel Salomonis, der doch nach Ausrechnung der Gelehrten uͤber zwey tauſend Millionen Thaler gekoſtet haben ſoll, und das allerſchoͤnſte Wunderge - beude der Welt geweſen iſt; von den Geſetztaffeln, dem Urim und Thummim der Ruthe Aarons, dem Manna und der Wolcke uͤber dem Gnadenſtul nichts zu ſagen. Ein GOtt-gewidmeter Leib uͤbertrifft das alles weit, und bleibt in Ewigkeit, da doch dieſes alles kaum tauſend Jahre, mithin gegen die Ewigkeit ge - rechnet, nicht einen Tag geblieben iſt. 2 Pet. 3. v. 8. Wie ſpoͤttiſch und ſchaͤndlich waͤr es nun, einen neu - erbaueten ſchoͤnen Tempel mit Dreck anſtreichen, oder garſtige Unflaͤtereyen darinnen treiben! wuͤrde der Prediger nicht unwillig darob werden und lieber ſchwei - gen, weil ihm doch niemand zuhoͤre? Eben alſo ge - hets, wo ſich ein Chriſt vor den Augen des Heiligen Geiſtes unreinen Gedancken nachzuhengen erfrechet, da wird derſelbe erbittert und entruͤſtet. Jeſ. 63. v. 10. Ein faul leichtfertig Woͤrtgen betruͤbt ihn ſchon. Eph. 4. v. 29. 30. Wie aͤngſtiglich und wehmuͤthig muſte David ſeuftzen, als er ſich mit Bathſeba verunreinigetY 4hatte:341(II. Th.) Theologiſche Betrachtunghatte: O GOtt! nimm doch den Heiligen Geiſt nicht von mir. Pſ. 51. Es war ihm gerade als wenn der Heilige Geiſt weichen und Abſchied machen wolte: ach tauſend Welten, mit allem was darinnen iſt, vermoͤchten dieſen Schaden nimmermehr zu erſetzen.

§. 53.

Jhr ſeyd nicht euer ſelbſt. Euer Leib und Glieder gehoͤren unter GOttes Hausrath, der nach dem Willen und Geſetzen des Hausherrn allein gebraucht werden muß. Dieſes iſt euer Vorrecht, ho - her Adel und vergnuͤglichſte Wonne, daß ihr GOttes Eigenthum ſeyd und ihm allein angehoͤret, als ſeine theuerſte und ſchoͤnſte Kleinodien; mithin iſts euch nicht erlaubt einem andern das ſeine zu mißhandeln und zu verderben, und zwar einem ſo groſſen Herrn. Eben daher iſt auch das ein ungoͤttlicher Muthwille, wenn man auch in einem andern durch unreine Ge - berden, Worte oder Entbloͤſſungen die fleiſchliche Luſt rege machet, welches manche fuͤr einen Spaß achten, jemand in ſich, verliebt zu machen: es ſoll aber jeder - mann wohl wiſſen, daß dieſer Kurtzweil ein Heulen und Zaͤhnklappen im Feuerofen nach ſich ziehen wird, wornach ſich ein jeder ſchicken kann. Man ſoll weder in ſich, noch in ſeines Naͤchſten Leibe boͤſe Luͤſte zu erre - gen, und denſelben aus dem ordentlichen Gehorſam gegen den Heiligen Geiſt heraus zu bringen ſich geluͤ - ſten laſſen: allermaſſen durch ſo eine ſchnoͤde That ein Leib, der GOttes Tempel entweder allbereit wircklich iſt, oder noch werden koͤnte, zum Goͤtzenhaus, zum Hundsneſt und Wohnung der Teufel, ja zu einer hoͤlliſchen Cloac gemacht wird. Wann ein vom Galgen erkauffter und hochbegnadeter Unterthan die Kleider ſeines Fuͤrſten und Koͤniges, ja den koͤnigli - chen Leib ſelbſt in Miſtlachen und Kothpfuͤtzen tun - ckete: welch eine henckermaͤßige Miſſethat waͤre das! Wer aber der unkeuſchen Luſt im geringſten zu willen wird, der mißhandelt das Bildniß, ja den Leib des Koͤnigs aller Koͤnige noch weit ſchaͤndlicher: eben da - mit, daß er ſeinen Leib, der eine Wohnung des Hei -ligen342der Unreinigkeit. ligen Geiſtes ſeyn ſolte, zu einer unflaͤtigen Moͤrder - gruben ſtinckender Fleiſchesluͤſte, zu einem todten Leib lebendiger und wimmlender Wuͤrme, ja ſelbſt zu einer Behauſung der hoͤlliſchen Geiſter macht. Wie billig ſtehet denn ein ſolcher im ſchwartzen Hoͤllenregiſter auf - gezeichnet, als ein vom Reiche GOttes ausgeſchloſ - ſener? 1 Cor. 6. Eph. 5. Wol recht mag der heilige Auguſtinus von dieſem Hoͤllengreuel ausruffen und ſa - gen: Welch ein groſſes Uebel, dadurch der luſtſuͤch - tige Menſch die Seele, die Chriſtus mit ſeinem theu - ren Blut erkaufft, um augenblicklicher Ergoͤtzung willen, dem GOtt der Wolluͤſte, das iſt dem Teufel, ſelbſt uͤbergibt, verkaufft und aufopffert, mithin zum Himmelreich uͤberall untauglich und dem hoͤchſten, al - lerheiligſten Weſen gantz unnuͤtz macht!

§. 54.

Freylich hat uns Adams Fall unbrauchbar gemacht: Chriſtus aber hat uns theuer erkaufft; ſei - nen Leib fuͤr unſern Leib, ſeine Seele ſuͤr unſere Seele hergegeben, und beyde zugleich GOtte reſtituirt und erkaufft, damit GOtt in beyden zugleich verklaͤret werde. Chriſtus kann alſo nicht anders, er muß das ſeinige fordern, was ihn gleichwol ſoviel gekoſtet. Wer nun mit aller Hertzensluſt Chriſti gantz eigen ſeyn und ewig bleiben will; der wird wol erfahren, was ſchoͤ - nes und herrliches er aus ihm zuletzt ſchaffen wird; dagegen ein ihm ſelbſt gelaſſener Luͤſtling ſeinem ver - dammten Leibe keine Zierde der himmliſchen Lichtwelt anhengen kann, ſondern muß ewiglich mit Seel und Leib ein abſcheulicher Unrathspfuhl bleihen. Darum iſts ſehr gut, nicht ſein ſelbſt ſondern allewege GOttes allein ſeyn. Chriſti Todes Krafft und Geiſtes Leben iſt gewißlich aller und jeder Verſuchung gewachſen, und er reichet einer jeden ihm von Hertzen trauenden Seele gerne das Vermoͤgen dar, alle unreine Gedan - cken als eine rechte Teufelsbrut gleich im erſten An - blick zu zertreten. Es ſey nun niemand ſo gar albern, daß er dem faulen Fleiſche einiger maſſen das Wort reden wolte, als ob nichts zu machen waͤre, ſondernY 5er343(II. Th.) Theologiſche Betrachtunger verklage nur bey jedem Anfall des Feindes ſeine Boßheit bey dem Heiligen Geiſte, als ſeinem derma - ligen Haus Herrn, der unendlich rein und heilig bleibt, ob er ſchon in einer Seelen wohnet, die noch von boͤ - ſen Einfaͤllen geplaget iſt; eben wie die Sonne auch ſchoͤn, helle und unbefleckt davon eilet, wenn ſie auch in unflaͤtige Oerter ſcheinet. Ach daß du nur allein dieſes niemals vergeſſeſt, daß weil die hochherrliche Heilige Dreyeinigkeit ein dreyfaches Recht zu dir hat, du mit einem jeden eitelen und unzuͤchtigen Gedancken nicht einen ſchlechten Diebſtahl begeheſt, ſondern einen unverantwortlichen Gottesraub: indem du deinem Bundes-GOtt entwendeſt was ſein iſt, und gibſts dei - nem und ſeinem aͤrgſten Feinde, Moͤrder und Betrie - ger.

§. 55.

Schließlich laß dir das fuͤr ein und allemal geſagt ſeyn, arme Seele! daß wo du die hertzreiche Liebe und Zuneigung, die GOtt deinem Braͤutigam gehoͤ - ret, nicht ſtets behalteſt, und den Willen des Heiligen Geiſtes nicht gebuͤhrend und einſtimmig erfuͤlleſt, du nicht lange reine himmliſche Koſt genieſſen werdeſt; ſondern von der koͤniglichen Taffel abgeſondert, und mit Hertzeleid und Jammer aus dem freudenreichen Licht des Heiligen Geiſtes in die Finſterniß hinausge - ſtoſſen werden muſt, als gar zu ungeſchickt des Koͤnigs Ehegemal zu ſeyn, und mit ihm in allen Ewigkeiten gemeinſam zu leben. Phil. 2, 21. klaget Paulus: ſie ſuchen alle das ihre, nicht das, was Chriſti JEſu iſt. Was wuͤrde er denn vielmehr jetzt ſchrei - ben, da man nur ſuchet was des Fleiſches, des Teu - fels und der Welt iſt? Wer nicht ſorget um dasjenige, was des HErrn iſt: wie ſolte der koͤnnen heilig ſeyn am Leib und auch am Geiſte? es iſt eine pure Unmoͤg - lichkeit, ſintemal ein Glaub-und Gebet-loſer Menſch allen Teufeln zum Raub offen ſtehet. Wer von Chri - ſto hoͤret, aber nach ſeiner Freundſchaft und ſteten Bewohnung wenig fraget, ihn nicht preiſet, nicht eh - ret noch dancket, und nicht hauptſaͤchlich bekuͤmmertiſt,344der Unreinigkeit. iſt, wie er JEſu Chriſto ſeinem HErrn vollkommen gefallen moͤge: der iſt weder vernuͤnftig noch billig; einen ſolchen Veraͤchter gibt GOtt dahin in die Luͤſte ſeines Hertzens, ſeinen eigenen Leib greulich zu ſchaͤn - den. Roͤm. 1. Dis, dis iſt die ſtete Sorge der erloͤ - ſeten Seelen, daß Chriſti Tod, Geiſt und Leben viele Fruͤchte taͤglich in uns bringe: JEſus, unſer HErr viele Freude, Ehre und Vergnuͤgen an uns habe, und gleichſam viele Einkuͤnffte von der Arbeit ſeiner Seele in ſeinem blutigen Schweiß uͤberkomme. Dieſe bil - lige Bekuͤmmerniß, ſage ich, daß JEſus auch etwas einerndte von allem, was er in uns geſaͤet hat, iſt das beſte Mittel der verfluchten Unkeuſchheit zu entrinnen.

§. 56.

So toͤdtet nun eure Glieder die auf Er - den ſind, Hurerey, Unreinigkeit, ſchaͤndliche Brunſt, boͤſe Luſt und den Geitz, (griechiſch hef - tige Begierlichkeit oder unerſaͤttliche Luſt nach etwas) welcher iſt Abgoͤtterey; um welcher willen kom - met der Zorn GOttes uͤber die Kinder des Un - glaubens, ſpricht Paulus Col. 3, 5. Glieder find eigentlich des Menſchen Zierde: die Luͤſte aber ſind wie der Krebs, wie der Gifft und die Kranckheit in Gliedern, die ſie zu Schandgliedern am Suͤndenkoͤr - per machen, darin Fluch, Teufel und Hoͤlle niſteln. Dieſe ſuͤndliche Neigungen nun werden Glieder genen - net, weil ſie 1) in den Gliedern herrſchen. Roͤm. 7. v. 23. Jeſ. 4, 1. Roͤm. 3, 13. 14. 15. 2 ) ſehr lieb und angenehm ſind, als das rechte Auge, Hand ꝛc. Marc. 9. 3 ) An der Seele und Gemuͤth wie die Haut angewachſen und feſt kleben. 4) Hangen ſie an einander und kommen einander zu Huͤlffe, eine Suͤnde ziehet die andere nach ſich. Auf Erden, 1) weil ſie einmal nicht aus dem Himmel, ſondern von der Erden, ja aus der Hoͤllen herſtammen. Jac. 3. v. 6. 15. der Erden ihr gantzes Erbe und Reich - thum iſt Suͤnde. 2) Suͤnde macht die Leute den Schlangen, Saͤuen und Hunden gleich, die im Staube und Miſt herum wuͤhlen Phil. 3, 19. 3 ) Weil derWelt345(II. Th.) Theologiſche BetrachtungWelt ihre gantze Abſicht 1 Joh. 2, 5. und ihr alles nur auf dieſes Leben und nicht weiter hin zjelet. Pſ 17. v. 14. 49, 12. 4 ) Es hoͤret alles mit dem irdiſchen Leib auf; alle Luſt, alle eitele Welt Freude und alle hochgetriebene und ſelbſt gewirckte Ehre und Reputa - tion dazu wird ins Grab verſcharret und verfaulet.

§. 57.

Was ſchaͤrffet nun Paulus ein, wie man mit dieſen Gliedern umgehen ſolle? ſoll man ſie hegen, pfle - gen ꝛc. ? o nein! ſondern abſchaffen: wie ein frommer Artzt ſchneidet und brennet, daß der Schaden nur nicht weiter um ſich freſſe; alſo muß ein Chriſt das Todesaas von den Schultern werfen, Roͤm. 7, 24. das Hertz zerreiſſen, Joel. 2, 13. Naſen und Ohren abſchneiden ꝛc. Ezech. 23, 13. ungeachtet es kuͤmmer - lich zugehet, ehe man der Suͤnde loß wird. Es iſt ja wol ein Werck von vieler Muͤhe, Schmertzen und ringen und wiederſtehen bis aufs Blut, | Hebr. 12. bis man dis ſchwere Schandjoch abgeworfen, und dieſe Kraͤfte zernichtet hat: allein es bleibt nicht immer, und auch nicht lange (woferne man nur ſelber nicht anders will) ſo ſchwer, ſo muͤhſam und ſo aͤngſtlich, als es ſich im Anfang anlaͤßt. Den Todes Stich bekommt der alte Menſch in der Wiedergeburt, da man dis teufliſche Geniſte erſt recht erkennt, ſich als heßlich verdorben fuͤhlet, findet und von Hertzen glaubt, da - mit aber auch ſofort einen ioͤdtlichen Haß und Abſcheu gegen alles gottloſe Weſen ſeines verderbten Hertzens und Kraft demſelben abzuſterben, und die Suͤnde in ſich alle Tage mehr zu daͤmpfen und zu toͤdten aus Gnaden uͤberkoͤmmt. Alsdenn iſts einem gantz natuͤrlich, und man kanns nicht laſſen, ſo man anders redlich im Glau - ben iſt, die Suͤnden Glieder und Ausbruͤche taͤglich umzubringen und auch ihrem gantzen ferneren Weſen und Wercken taͤglich mehr Abbruch zu thuu. Eben als wie wenn einer in einem groſſen Kummer waͤre, und weder Koſten noch Pein ſparte, ſofern er einen freſſenden Schaden am Backen haͤtte, oder ſofern eins ſeiner Glieder vom kalten Brand ergriffen waͤre, dieſesScha -346der Unreinigkeit. Schadens und der Gefahr je eher je lieber los zu wer - den. Wann nun alsdenn das Werck der Heilung gluͤcklich von ſtatten gehet; ſo iſts ein gut Zeichen, daß die Predigt vom Creutz nicht leer bey dir ſey, ſondern eine Kraft und Weißheit GOttes.

§. 58.

Die Suͤnde wird nach und nach wircklich umgebracht; wo man 1) keinen Vorſatz zu einiger Suͤnde, keine eigne Luſt und Eigennutz mehr behaͤlt, ſondern alle Gedancken und Begierden in der Brut er - ſticket. Pſ. 19, 14. 15. 2 ) wo man die Sinnen zaͤh - met und alle Gelegenheit meidet, dadurch die Luͤſte koͤn - ten rege werden, mithin auch allen Uberfluß in Spei - ſen fuͤr ein und allemal abſtrickt. Roͤm. 13, 12. 13. 3 ) Einen Abſcheu vor der Suͤnde hat wie vor einem ausſaͤtzigen ſtinckenden Gliede Pſ. 120, 5, 4) Jſt noth Wachen und abtreiben, wie man in harten Be - laͤgerungen handelt. Die Mittel, daß alles wohl ge - linge, ſind: 1) Die Suͤnden als Moͤrder ausfuͤhren auf den Platz, da JEſus ihrentwegen hingerichtet worden, auf Golgatha, da GOttes unendliche Liebe in Chriſto durch das| himmliſche Salboͤl den Heiligen Geiſt dieſes Hoͤllen-Geſchmeiß toͤdtet. 2) Nachſinnen den Drohungen, Verheiſſungen, Erinnerungen und Warnungen des Heiligen Geiſtes in der Schrifft Joh. 15, 3. 7. 22. 3 ) Die Suͤnden durchs Gebet. und Flehen zu JEſu bringen; auf ſein Creutz legen, damit er ſie als der Hoheprieſter ſelbſt toͤdte, 1 Pet. 2. v. 24. es ihm klagen als dem Koͤnige, wie ſein Feind in ſeinem ſo theuer erkaufften Reiche dermaſſen wuͤſt hauſe und alles ruinire ꝛc. Pſ. 74, 4. Leiden und Be - klemmung anſehen als ein ſcharfes dennoch aber ſeliges Brenneiſen in Chriſti Hand; alles GOTT wiedrige wegſchneiden, daß ſolch faules Fleiſch und alle geile Schoßreben ja nicht koͤnnen uͤberhand nehmen ꝛc. 1 Pet. 4, 1. 2. Pſ. 119, 7. Hebr. 12. Klagl. 3. Joh. 15, 2. Jeſ. 48, 10. Jac. 1, 2.

§. 59.

Ach ihr theure Zioniten und alle JſraeliſcheJuͤng -347(II. Th.) Theologiſche Betrachtung. Juͤnglinge und Jungfrauen! gedencket doch an Sit - tim, das luſtige Gefilde im Vorparadis: da das junge Jſrael noch erſt an den heiligen Grentzen Canaans von den Midianitiſchen Toͤchtern verlocket, in Vergeſſen - heit aller der herrlichen Wunder, Plagen und Gerich - te gebracht, mit der Freß - und Sauffluſt gefangen, darauf vom Hurerey-Geiſt verſtricket, dem Rach - Schwerdt goͤttlicher Gerechtigkeit uͤberliefert, hart an den Thoren Jeruſalems hingerichtet, und der koͤſtlich - ſten Fruͤchte des verheiſſenen Landes beraubet worden! Hier heißts: Behalt was du haſt, damit niemand deine Crone nehme. Wer ſich duͤncken laͤßt, er ſtehe, der ſehe zu, daß er nicht falle. Wie wehe thuts, wann man eine Viertelſtunde nur nach verſchloſ - ſener Stadtpforte daher ſchleichende kommt, und man alsdann die gantze Nacht drauſſen vor Angſt zittern und in Reue heulen muß, weil man ſich etwa an ſchaͤd - lichen oder ſonſt nichtswerthen oder auch ſcheinbaren Dingen verweilet hat! Man waͤre etwa ſchier tuͤchtig worden zum Erbtheil der Heiligen im Licht, und es haͤtte faſt nichts gefehlet, ſo waͤre man noch ins Hoch - zeithaus hineinkommen; aber leider man hat der Traͤg - heit und Unachtſamkeit nachgehenget!

Ein zur himmliſchen Hochzeitfreude Beruffener und auf dem Weg dahin begriffener kann ſich doch noch leichtlich von ein wenig kothiger fleiſchesluſt vergifften, einnehmen, bezaubern, und ſein Ziel verruͤcken laſſen: daß er am Ende ſeines Weges in einen feurig brennen - den Schwefelofen geworfen wird; iſt das nicht ein Jammer, und ewig zu bedauren? Jſts nicht unſinnig, um des thieriſchen Kitzels Willen, die ewige Pein und Schmach fuͤr die ewige Freude und Herrlichkeit hin - zunehmen? Wie wirds alsdenn einem ſolchen unerbittli - chen und leichtſinnigen Luͤſtlinge ergehen? Uber ſich hat er das grauſamſte Bruͤllen der gewaltigſten Donnerſchlaͤ - ge der allerheiligſten und gerechteſten Urtheile wegen ſei - nes Verfalls; Unter ſich die zitternde Erde; Neben ſich Heulen und Schreyen gemarterter Leute; Jn ſichdie348der Unreinigkeit. die greulichſte Gewiſſensquaal; Aeuſſerlich um ſich ein alle Glieder durchdringendes Pech, ſtinckenden Schwefel und beiſſendes Saltz. Welchem unbeſchreib - lichen Jammer man beynahe entrunnen waͤre, wo man nicht noch am Ende des Ziels, (da es an dem war, daß man ſeinen Fuß allbereit ins gelobte Himmelreich haͤtte ſetzen ſollen,) verwegener weiſe aufs ſchluͤpferige der unkeuſchen Luſt getreten, entglitſchet, und einen gantz klaͤglichen Sturtzfall in die Hoͤlle gethan haͤtte!

§. 60.

Ach darum laſſe nicht ab vom Wachen und Beten! Huͤte dich o Suͤnder bey Zeiten, und ſchone deiner Seelen! Zu dem Ende laͤßt dir dein GOtt JEſum und ſeine Boten erſcheinen; folge ihnen, eile und errette dein geiſtliches Gnadenleben vom ewigen Tode. Verlaſſe dich ja nicht darauf, daß du viele Jahre unbefleckt geblieben: die Suͤnde kann allzuleicht Anlaß[nehmen], ihr alt Heimatrecht wieder zu behaupten. Schaue den armen Loth an in ſeiner Hoͤhle, dahin wol alle Hurengeiſter, (die nun nach Vertilgung der Unflaͤter daſiger Gegend wenig mehr zu thun hatten,) ihm nachgeſetzt und ſich gleichſam an ihn allein ge - macht; wie ſie ihn zuvoͤrderſt vom feurigen Gebets - Kampf abgezogen, ſicher und leichtſinnig gemacht, und zu einem ſolchen greulichen Fall gebracht, daß der ar - me Loth wol zuvor nie gemeint haͤtte! was? ich? zweyfache Blutſchand! (wuͤrde der gute Mann wol zuerſt gedacht haben,) allein, ſiehe er wird beruͤckt: woruͤber die greßlichen Hurenteufel zweiffels ohne mehr gejauchzet und gefrohlocket haben, als uͤber alle Ein - wohner der[fuͤnf] Staͤdte. Loth hat ſolches nach be - gangener That wohl tief genug uͤberlegt, alſo daß ihn der Gram und Hertzens Kummer ſchleunig erwuͤrget und ins Grab gebracht: jedennoch iſt gleichwol ſeine gerechte Seele im ernſten Bußkampf von dieſem ange - ſpritzten Unflath durch den lebendigen Glauben an des Lammes Blut ſchneeweiß gewaſchen worden und dem ewigen Feuer entgangen. Ob es aber dir, der du dich an dieſer Warnungsſeule haͤtteſt ſpiegeln ſollen,eben349(II. Th.) Theol. Betr. der Unreinigk. eben ſo gut gehen werde, ſtuͤnde deiner armen befleck - ten Seele zu erwarten.

§. 61.

Gedencke an den Fall Jſrael in Sittim, da tauſend der Vornehmſten aufgehenget worden ſind, und zwar der Sonnen entgegen: damit die, ſo im verborgenen geſuͤndiget, deſto deutlicher von jedermann im Angeſicht moͤchten erkannt werden zu ihrer Schan - de. Drey und zwantzig tauſend ſind durch Feuer, wel - ches der HErr auf ſie zufahren laſſen, verzehret wor - den; ſo die ſiebende Plage uͤber Jſrael geweſen, in welcher zwar das Gerichte am Hauſe und Volcke GOt - tes angefangen, aber an den wiederwaͤrtigen vollen - det worden, zum Vorſpiel der ſiebenden Schale. Of - fenb. Joh. 16, 17 = = 21. Als der an Luſtbarkeit dem Thal Sittim gleichkommende Flecken Pluͤrs Anno 1618. von einem Felſenberg bedeckt wor - den, hat man im nachgraben etliche Menſchen in der wircklichen Schandthat todt angetroffen, als Erſtgeborne des Abgrunds. O luͤſterner Menſch! fuͤrchte dich, GOttes Rache moͤchte dich auch mitten in der boͤſen That durch gehlin - gen Tod dahin reiſſen. Und wie werden doch diejenigen verfluchten Seelen vor GOttes An - geſicht gerichtet werden, die Profeßion davon machen, die Luͤſte und Unzucht auch ſo gar in andern zu hegen und zu unterhalten! Wie werden ſolche Huͤtten und Wohnungen geachtet ſeyn, die zu ſolchen ſchaͤndlichen Gottloſigkeiten gebraucht werden? Man koͤnte mit allem Fug und Recht den Teufel in greßlicher Figur an diejenigen Haͤuſer mahlen, in welchen Unzucht getrieben wird, mit der Aufſchrifft: Wie ſcheußlich iſt dieſer Ort! hier iſt nichts anders als Satanas Haus und eine Pforte der Hoͤllen. Chriſten-Wohnungen ſol - len ein Jeruſalem ſeyn, da nichts unrei - nes eingehe, oder das da Greuel thut und luͤgen.

Ende des andern Theils.

353

Dritter Theil. Von den ſicheren Mitteln, wie man aus den Banden der Unreinig - keit gerettet, und in GOtt ſelig und keuſch werden koͤnne.

JCh will Jhnen mein Hertzensfreund, ſolche Mittel vorſchlagen, von denen ich, weil ſie auf dem Credit un - ſers treuen Erloͤſers JEſu Chriſti beruhen, vollkommen gewiß verſichert bin, daß ſie bey allen Menſchen, an allen Orten, zu allen Zei - ten, und in allen nur moͤglichen Zufaͤllen dieſer Noth ihre Probe richtig halten; ſolche Mittel, durch deren redlichen, ernſtlichen und unablaͤßlichen Gebrauch es allein moͤglich und leichte wird, von dieſer Kranckheit, ich meine die Luſtſeuche, wieder aufzuſtehen, und dann auch noch einem Theil der hiedurch etwa ſchon zugezogenen Plagen, ſo viel nemlich dem HErrn belieben wird, dennoch zu entfliehen; ohne ſelbige aber auch durch alle philoſophiſchen Kuͤnſte auf keinerley Weiſe; Mittel, die ohne einige andere dazu zu nehmen ohnfehl - bar hinlaͤnglich ſind, immaſſen ſie der Seele und dem Leibe, und beyderſeits auf eine geiſtliche und natuͤrliche Weiſe zu Huͤlfe kommen.

III. Th. Betr. der Unreinigk. ZSe -354(III. Th.) Von den ſichern Mitteln

Sectio I. Von dem einigen moͤglichen Grun - de der da muß geleget werden, ſo fern man in der Wahrheit gerettet wer - den will, mithin von der Erlangung der wahren Keuſchheit.

EHe ich Jhnen aber bemeldte Mittel er - oͤffnen darf, muß zuvor ein Punct von unausbleiblicher Nothwendigkeit aus - gemacht werden, dazu alle Menſchen zu unver - weiglicher Befolgung von dem Allerhoͤchſten verpflichtet worden ſind; das iſt folgendes: alle Menſchen, die von der verzweiffelten Seuche, der herrſchenden Fleiſchesluſt wollen befreyet werden, muͤſſen ſich ſchlechterdings durch den Geiſt GOttes bekehren laſſen, bis zu dem lebendigen GOtt. Act. 26, 18.

Jch meyne theureſter Freund daß ich nicht noͤthig habe, Jhnen den Satz erſt zu erweiſen, weil ſie von der Sache gnugſame Erkenntniß ha - ben. Waͤre es um anderer Willen erforder - lich, ſo darf ich ſie nur auf die allererſtern Gruͤn - de der wahren Chriſtlichen Religion; auf den oben erzehlten Zuſtand der Seele und des Lei - bes bey den fleiſchlichen Luͤſten; auf die entſetz - lichſte Macht derſelben; auf die allgemeine Er - fahrung; und auf den hoͤchſtbedencklichen Aus - ſpruch verweiſen, daß ſo gar in Chriſto JEſu nichts gilt, denn eine neue Creatur: ſo iſt erhier -355wieder die Unreinigkeit. hiermit ſcharff gnung erwieſen. Jch aber be - haupte ſo gar, daß, da ſonſten andere ziemlich gewaltige Affecten, durch vernuͤnftige Vorſtel - lungen, durch allerley philoſophiſche Recepte, durch Erregung contrairer oder gegenſeitiger Lei - denſchafften noch wohl ziemlich koͤnnen gebro - chen und geſchwaͤchet werden: (indem ein Teuf - fel dem andern gar wohl ausweichen kann) ſo iſt dieſer viehiſche Affect der Fleiſchesluſt ſo hart - naͤckig, ſo liſtig, ſo geſchwind, und gewaltſam, daß er durch ſolche Curen ſchlechterdings nicht gehoben werden kann. Sie koͤnnens aus dem 4ten Lehrſatz und der 12ten Schlußfolge leicht ſelbſt uͤberſehen.

Demnach haben ſie zu allererſt die ſchaͤrf - ſte Jnquiſition bey ſich anzuſtellen, ob ſie denn ſeit dem ſie den Taufbund ge - brochen, mithin das Recht und die Kraft der Wiedergeburt verloren, (denn dis iſt nicht nur moͤglich, ſondern es pflegt lei - der! gemeiniglich und wircklich zu geſchehen, wie aus Nicodemi Joh. 3, 3. 5. 7. Simonis Act. 8, 13. 20-24. der Galater, Gal. 4, 19. und andern Exempeln zu erſehen) nun aber - mal aus GOtt geboren, und ein Kind GOttes worden, folglich zur Veraͤnde - rung ihres Hertzens und Sinnes gekom - men ſind oder nicht? und wenn Sie ſich nun auch ſchon drauf zu beſinnen wuͤſten, wenn, wie, und wie lange es doch iſt, daß ſolches ge - ſchehen? wie Jhnen dabey zu Muthe geweſen, und wie ſie doch zu der ſo groſſen und ſo raren,Z 2gleich -356(III. Th.) Von den ſichern Mittelngleichwohl ſo vornehmen Wuͤrde gelanget ſind, ein Kind und geliebter GOttes worden zu ſeyn? Endlich aber ſo iſt doch noch die Frage uͤbrig, ob ſie es denn ietzo noch ſind? bey dem Dienſte dieſer Suͤnde iſt es eine abſolute Unmoͤglichkeit, ein Kind des Allerhei - ligſten, ein Glied und Nachfolger JE - ſu Chriſti, und ein Tempel des heiligen Geiſtes zu ſeyn. Es iſt nicht moͤglich mit freudigem Hertzen, guten Gewiſſen, und froͤlichen Angeſicht vor GOtt zu wandeln; es iſt nicht moͤglich eine voͤlli - ge und erwogene Zuverſicht zu GOtt, noch weniger eine Luſt und Liebe zu JEſu, und ein ſehnendes Verlangen nach GOtt zu haben, ſo gleichwohl die un - ausbleiblichen Qualitaͤten eines Kindes GOttes ſind.

Wenn ich nicht wuͤſte, daß ichs mit einem ehrlichen und redlichen Menſchen zuthun habe: ſo muͤſte und wolte ihnen ſolches alles, auch ſo gar aus bloſſen Gruͤnden der Vernunft erwei - ſen. Aber ſo darf ich nur darauf provociren, daß Sie es gleichwohl ſelbſt ſo erfahren, und alſo die Wahrheit dieſes Satzes ſich in ihrem eig - nen Gewiſſen oft beſorglich ſo hart legitimiret, daß ſie wohl mancherley Ausfluͤchte ſuchen mu - ſten, ſeinem Anklagen, Anſchreyen ja unabweis - lichen Verweiß zu entrinnen.

Mein Freund, ich unterſtehe mich hiemit, woferne Sie noch letzlich mit Wiſſen und Willen dieſer Suͤnde gehor -ſam357wieder die Unreinigkeit. ſam worden, ſie begangen, und gleich - wol nicht mit groſſer Wehmuth der Seelen die Gnade GOttes geſucht, und Vergebung der Suͤnde erlanget haben, Sie im Nahmen des heiligen Geiſtes, des allerunverwerflichſten Zeugen zu be - ſchuldigen, daß ſie nicht ein Kind GOt - tes, ſondern ein Sclave des unreinen und verfluchten Geiſtes ſind; und fordere ſie hiemit ſchriftlich im Nahmen Jhrer hoͤchſten Obrigkeit, GOttes des Vaters, und des Sohnes, und des heiligen Gei - ſtes dazu auf, daß ſie bey ewiger Ungna - de GOttes, und bey Verluſt Jhrer See - ligkeit, unausbleiblich, und unverwei - gerlich, ohne Aufſchub, alſofort, mit groͤſtem Ernſt, Buſſe thun, und die Gnade GOttes in Chriſto mit groͤſſeſter Angelegenheit ſuchen moͤgen! ach! aller - liebſter Freund! wollen Sie ſich dazu nicht uͤber - bitten laſſen? Ey beweget ſie denn nicht die er - barmende Liebe JEſu Chriſti, die ſie gleichwohl ietzo mit ſolcher Jnbrunſt, daß es Jhnen durch Marck und Bein dringen muß, zu ſich ruffet? ach! kann ſie der bereits empfunde - ne Schade auch nicht dazu vermoͤgen? oder ſol - te ich Jhnen erſt viele Motiven zu dem Ende anfuͤhren, die ihr Hertz dazu noͤthigen muͤſſen? Ja mein theurer Freund, ich wolte es auch thun, wenn ſie nicht das Annehmungswuͤrdige Wort Jhres Koͤniges auch in Haͤnden haͤt - ten.

Z 3Eins358(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,
1) Bewe - gungs - gruͤnde zur gaͤntzli - chen Be - kehrung. a) GOt - tes unauf - hoͤrliches Zuruffen.
6

Eins aber ſage ich: wenn Sie durch fol - gende hertzbrechende und durchdringen - de Ausſpruͤche des lebendigen GOttes gar nicht geruͤhret, noch iemahls gerei - tzet werden koͤnten: (welche, daß ich Jhnen nicht allzu beſchwerlich werde, nur aus den Ca - noniſchen Buͤchern des alten Teſtaments hie an - fuͤhren will) ſo muͤſten Sie traun wer weiß was fuͤr eine unbewegliche Haͤrtigkeit im Hertzen, und eine gantz aus der menſch - lichen Art geſchlagene Seele haben. Sehen Sie doch nur nach, was in dem An - nehmungswuͤrdigen Buche GOttes geſchrieben ſtehet,

  • I) Von GOttes unglaublicher Liebe gegen uns, 2 Moſ. 34, 6. 7. 5 Moſ. 33, 3. Pſ. 103, 10-14. Jer. 31, 3. Ezech. 18, 19-24. 31. 32. Ezech. 36, 26-33. Mich. 7, 18-20.
  • II) Von GOttes unablaͤßigem Zu - ruffen nnd Locken, darinnen er ſich oft ſo tief herablaͤſt, daß es ſeiner Majeſtaͤt faſt unanſtaͤndig und veraͤchtlich laſſen moͤchte. 5 Moſ. 5, 29. Cap. 32, 28. 29. Pſ. 147, 19. 20. Jeſ. 30, 18-21. Cap. 45, 22-25. Jeſ. 48, 9. 11. 12. 17. 18. 19. Cap. 55. 3. 6-11. Cap. 65, 2. 3. Jer. 2. gantz. Cap. 3, 1. 2. 12. ſq. Cap. 25, 3. 4. 5. Cap. 26, 2. 3. ſq. Cap. 32, 38-42. Cap. 33, 6-9. Hoſ. 11, 8. 9. Mich. 6, 2. 3. 4.
  • III) Von GOttes ausnehmender und zaͤrtlicher Liebe zu ſeinen Kindern 1 Moſ. 15, 1. Cap. 26, 4. 5. Cap. 28, 15. Cap. 39, 2. 5. 2 Moſ.359wieder die Unreinigkeit. 2 Moſ. 19, 5. 6. Cap. 32, 9. ſqq. Cap. 33, 11. ſqq. Joſ. 10, 12-15. Jeſ. 49, 14-16. Cap. 54, 7. 8. 10. Zeph. 3, 15. 16. 17.
  • IV) Von des eintzigen und allerlieb - ſten Sohnes GOttes hoͤchſtpeinlichem Leiden und allerſchimpflichſten Tode. Pſ. 22. gantz. Jeſ. 9, 6-9. Cap. 43, 24-27 Cap. 49, 3-7. Cap. 53. gantz. Zach. 12, 6.
  • V) Von GOttes anbetenswuͤrdiger Herrlichkeit, allerhoͤchſter Macht und alleiniger Oberherrſchaft uͤber alle Welt 2 Moſ. 3, 13. 14. 15. Cap. 15, 11. 2. 3. 5 Moſ. 10, 17. 12. 13. Cap. 32, 40. 1 Koͤn. 18, 21-46. 1 Chron. 30, 10. 11. 12. Jeſ. 40, 21. 22. 26-31 Jeſ. 45, 5. 9. Jer. 10, 6. 7. 10. 12. 13. Dan. 4, 30-33. Cap. 7, 9. 10. 13. 14. 15. 27. 28. Cap. 8, 17. 18. 27. Cap. 10, 8. 11. 15-18.
  • VI) Von des Menſchen Verachtens Wuͤrdigkeit, niedertraͤchtiger Art, und abſcheulich ſtinckender Suͤndlichkeit. Hiob. 1, 21. Cap. 4, 17. 18. 19. Cap. 7, 1. 2. 3. Cap. 10, 8-13. Cap. 15, 14-16. Cap. 25, 4. ſqq. Jeſ. 1, 6. 10-15. Ezech. 16. gantz.
  • VII) Von der groͤſten Billigkeit des Gehorſams gegen GOtt, und der ver - dammlichſten Unbilligkeit der Gottloſen, die ſie gegen den frommen GOtt bege - hen. 5 Moſ. 32, 4. 5. 6. Joſ. 24, 14-24. Jeſ. 1, 2. 3. 4. 5. Cap. 43, 21. 22. Cap. 44, 21. 22. Jer. 8, 4-7. Cap. 44, 4-8.
  • VIII) Von der ſchrecklichen Gerech - tigkeit GOttes, und ſeinem feurigenZ 4Zorn360(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Zorn gegen die Uebelthaͤter. 2 Moſ. 20, 5. 6. 4 Moſ. 14. gantz 5 Moſ. 8, 19. 20. 5 Moſ. 27. und 28. gantz Cap. 29. und 30. gantz Nah. 1, 2. 3. 1 Chron. 29, 8. 9.
  • IX) Von dem uͤberaus oͤftern und ernſtlichen Drohen des Allerhoͤchſten wieder die Miſſethaͤter. Pſ. 50, 16. 17. 21. Jeſ. 47, 3. 4. Jer. 7, 13. 14. 15. ſqq. 28. 15, 1. ſqq. Jer. 23, 15. Cap. 30, 23. 24. Ezech. 7, 25. 26. 27. Ezech. 11, 21-23. Cap. 21, 14. 15. 16. Cap. 23, 32. Amos 6, 8. ſqq. Cap. 7, 21. 23. Zach. 7, 11-14. Zach. 14, 12. 17.
  • X) Von der Gottloſen Ungluͤckſeli - gen und jaͤmmerlichen Zuſtande. 1 Sam. 15, 22. 23. Cap. 16, 13. 14. 15. 1 Koͤn. 21, 20. ſq. 2 Koͤn. 3, 14. Hiob. 20, 5. Pſ. 16, 4. Pſ. 32, 10. Spruͤchw. 8, 36. Pred. Sal. 6, 5. 6. Pred. Sal. 8, 11-13. Jeſ. 33, 14. Jeſ. 57. 21. Cap. 65, 13. 14. Dan. 5, 5-9. Hoſ. 7, 13. Hoſ. 8, 4. 5-12. Hoſ. 9, 12. Hab. 2, 4. Sap. 5, 1-18.
  • XI) Von der gottloſen Verſtockung und endlichen Verwerffung. 2 Moſ. 7, 3. 4. Jeſ. 6, 1-4 9. 10. Jer. 11, 11-14. Jer. 15, 1. 2. 3. 5. 6. 7. Ezech. 24, 13. 14. Zach. 11, 4-11.
  • XII) Von der Herrlichkeit und un - vergleichlichen Gluͤckſeeligkeit der Be - kehrten und Kinder GOttes. 5 Moſ. 33, 26. 29. Joſ. 1, 7. 8. 9. Pſ. 32, 1. 2. Pſ. 149, 6-9. Jeſ. 32, 17. Cap. 33, 15. 16. 24. Dan. 3, 16-18. Cap. 9, 22. 23. Zach. 9, 9. 17. Mal. 3, 14-18.
XIII)361wieder die Unreinigkeit.
  • XIII) Von der Art und Weiſe des Proceſſes, welchen andere auch ſehr vor - nehme Leute in der Buſſe erfahren mu - ſten. Eſr. 9, 5. ſqq. Cap. 10, 13. Pſ. 6. Pſ. 32. Pſ. 38. Pſ. 51. Pſ. 102. Pſ. 130. Pſ. 143. Dan. 9, 3-20. Das Gebeth Manaſſe ꝛc. Luc. 18, 13. 22, 62.

Jch ſage nochmahls: wer durch keinen dieſer angefuͤhrten Spruͤche gar niemals koͤnte beweget, noch empfindlich affici - ret, und zur Buſſe gereitzet werden, der muͤſte nicht nur verſtocket, ſondern auch in den hoͤchſten Grad der Gerichte GOt - tes auf dieſer Erden hinein gegangen ſeyn; ja an deſſen geiſtlicher Geneſung und Seligkeit deſperire ich fuͤr meinem Theil bey nahe.

Wolten Sie ſich nicht einmahl ſo viel Muͤ - he nehmen, die angezeigten Spruͤche aufzuſchla - gen, und ſie unter Anruffung GOttes, (ia nicht anders, als mit Seufzen und Flehen) zu erwe - gen: ſo will Jhnen uͤber dieſes nur noch 2. Mo - tiven zur wahren und unaufſchieblichen Bekeh - rung anfuͤhren, die gewiß von unverwerflicher Uberzeugung ſind, und eine unhintertreiblich an - dringende Kraft in ſich haben.

1) Der allerhoͤchſte GOtt hat ſeinenb) GOt - tes groſſer Aufwand auf unſer Heil. eintzigen hoͤchſtgeliebten ewigen Sohn an Sie gewendet; und JEſus der Sohn des hochgelobten GOttes hat ſein Gut und Blut, Leib, Seel und Leben, ja alle ſeine Seeligkeit und Herrlichkeit um ih -Z 5rent -362(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,rentwillen gleichſam aufgeſetzt, verlaͤug - net und dahin gegeben. Dagegen hat er ihre tiefſte Schande, ihre uͤbermachte Schulden, und peinlichſten Straffen, alle zuſammen, aus bloſſer Liebe fuͤr ſie, auf ſich genommen, damit ſie nur ſein heiliges Eigenthum und ſein geliebter Freund werden koͤnten und moͤchten. Beym erſten leſen ſie doch zuweilen mit Bedacht das Lied durch: Alſo hat GOtt die Welt geliebt ꝛc. und bedencken, daß wenn ſie GOtt ſo theuer bezahlt, und ſo viel fuͤr Sie gegeben, Er unlaͤugbar die hoͤchſte Forderung an Sie machen werde, Kraft welcher ſie ſollen und muͤſ - ſen ſein Eigenthum und Freude, mithin wie er heilig ſeyn.

Gewiß, wenn es moͤglich geweſen waͤre, Sie ohne Buſſe nnd Bekehrung folglich ohne Glau - ben an Chriſtum, ſie ſeyen geheiligt oder nicht, nur aus bloſſer barmhertziger Liebe, in den Him - mel zu nehmen: ſo wuͤrde er nimmermehr das allertheuerſte fuͤr Sie hingegeben haben; in - dem ja auch unter Menſchen niemand fuͤr das - jenige ſein gantzes Haab und Gut geben wird, welches er fuͤr wenigs Geld, oder gar umſonſt haben kann. Haͤtte ſie nun GOtt wollen und koͤnnen als einen Unbekehrten und Gottloſen ſe - lig machen, (als wie ietzt mancher ſelig zu werden praͤtendiret, weil Chriſtus geſtorben iſt) ach! warum haͤtte er doch ſeinen Sohn drum wegge - geben, das waͤre ia ſo gar unter den Menſchen die alleraͤuſſerſte Unbilligkeit und der hoͤchſte Un -ver -363wieder die Unreinigkeit. verſtand! Denn ſie wuͤrden nur eben ſo feindſe - lich, innerlich ſuͤndhaft, von GOtt gantz entfrem - det, und nach Satans Natur geartet und ver - derbt in den Himmel kommen ſeyn, wenn er ſei - nen Sohn nicht geſandt haͤtte, und durchaus nicht gottloſer, und ſuͤndiger, als ſie nun hinein - zu kommen gedencken, da Chriſtus geſtorben iſt. Ey! wolte GOtt ſie ietzt ſo verkehrt und graͤu - lich in den Himmel nehmen, durch den Sohn, den ſie ihm iederzeit mit Willen und Vorſatz ge - ring geachtet, und ſeine Herrlichkeit proſtitui - ret (indem ſie doch nicht einmahl auf ſein aller - erſtes Gebot, thut Buſſe viel reflectiret, noch Jhn einiger Nachfolge wuͤrdig geachtet haben) warum nicht zuvor auch ohne Sohn? Jenes waͤre ia lange nicht ſo ungerecht und ſo unheilig geweſen, einen einfach Gottlo - ſen umſonſt ſeelig zu machen, als diß ſeyn wuͤrde, einem doppelt Gottloſen, der ſo gar auch Chriſti Verdienſt und deſſen Kraft zu ſeiner Geneſung und Heiligung nichts achtet, die Seeligkeit zu ſchencken; und noch dazu ſeinen eig - nen, ewigen, liebſten, unſchuldigen Sohn um ſeinet willen ſo peinlich martern und ſo ſchimpflich ſterben zu laſſen: darauf koͤnten alle verdammten Geiſter mit Recht provociren, und Gotte vorruͤcken, er mache, den Menſchen bey den hoͤchſt - ſtraͤfflich und notoriſch groͤſſeren Suͤn - den (der Verwerffung ſeines Soh - nes) ſelig, die er doch bey wenigern Suͤn -den,364(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,den, ohne Sendung ſeines Sohnes auch haͤtte ſelig machen koͤnnen; ihnen aber ſey der Zugang zur Seligkeit auf ewig ab - geſprochen, denen doch der Antrag nie geſchehen, daß ſie durch JEſum koͤnten und doͤrften ſelig werden! Hat der Aller - hoͤchſte ſeinen Sohn darum geſandt, daß ſie ſich bekehren, und alſo glaͤubig und ſelig werden, und daß ihnen dieſe Be - kehrung erlaubet und moͤglich werde: Mein Freund! wie wollen ſie der heili - gen Gerechtigkeit GOttes entfliehen, ſo ſie Jhm nicht einmahl ſo viel aus Er - kaͤnntlichkeit zu geſtehen und ſich ſchnurſtracks dazu entſchlieſſen wollen?

Bey dem andern gedencken ſie doch: wenn ſie mich irgend aus einer barbariſchen Sclave - rey haͤtten ranzioniret, und aus purer Liebe zu mir die Helffte ihrer Guͤter drauf gewendet: wuͤrden Sie denn nicht billig fordern, daß ich mich Jhnen verbunden bezeugen, und Jhnen zu Liebe und Ehre alles moͤgliche thun moͤchte? Nun ſo viel ſchrecklicher die geiſtliche Sclaverey iſt vor der leiblichen; ſo viel hoͤher alle Ewigkeiten ſind, als eine kurtze Weile der zeitlichen Dienſt - barkeit; ſo viel und unendlich hoͤher der Sohn GOttes iſt denn Sie; und ſein Leben denn alle ihr Vermoͤgen und ihr Leben dazu; und ſo viel geringer ſie in Anſehung ſeiner ſind, als ich in Anſehung Jhrer ſeyn wuͤrde: ſo vielfach mehr ſind ſie dem Liebhaber Jhres Lebens verpflich - tet, ihm alles moͤgliche, mit Hertzensluſt zu ac -cor -365wieder die Unreinigkeit. cordiren, wodurch Sie Jhn lieben nnd ehren koͤnnen, als ſie etwa von mir fordern koͤnten. Nun iſt aber ſeine erſte und holdſelige For - derung iederzeit geweſen: Gib mir mein Sohn dein Hertz! Ach mein Freund! da ſie ſelbſt dasjenige am theuerſten achten, dafuͤr ſie am meiſten gegeben haben: ſo koͤnnen Sie es Jhm ja unmoͤglich verdencken, daß er ſie auch ſo theuer achtet, und ſie in ſeine Liebe, Nachfolge und Gemeinſchaft ſo flehentlich beruffet, weil ſie ihm gleichwohl ſein Leben gekoſtet haben!

Bedencken ſie noch dis: Jſts denn ſein oder ihr Vortheil wenn ſie ſich bekehren? iſt denn etwa ſeiner Herrlichkeit oder Seligkeit was dran gelegen, daß er um ihr Hertz ſo unermuͤdet wer - ben mag? Jſt ſeine Liebe worinn intereßirt, als wol der Menſchen ihre Liebe allemal zu ſeyn pfleget? Kann er denn was von ihnen haben? Mag er durch ſie herrlicher, ſeliger, ewiger, maͤchtiger, vollkommener werden? Koͤnnen ſie ſeiner Unendlichkeit was zuſetzen? Scheuen ſie ſich nicht, auch uur einen ſolchen Gedancken ins Gemuͤth kommen zu laſſen? Oder was koͤnnen ſie ihm geben, oder erwiedern, dem Jehovah, deß alle Welt eigen iſt, und dem durch des gan - tzen Erdcreiſſes Verluſt nichts verloren gehen kann? Was beweget ihn alſo wohl zu einer ſo unermuͤdeten Bemuͤhung? Jſts nicht die aller - lauterſte, redlichſte, heilige, ewige pur goͤttliche Liebe? Wenn ſie nun die nicht annehmen, und er verwirft und verachtet ſie endlich uͤber ihrem unbeſonnen Undanck, Prov. 1, 26. ſq. wird ſiedenn366(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,denn jemand in der Welt beklagen doͤr - fen?

c) GOttes Wunder - gedult ꝛc.
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2) GOtt iſt ſo | unbegreiflich gedul - dig, und hat auch ſchon an Jhnen ſo ei - ne ausnehmende Langmuth bewieſen, daß es ihm nie kein Menſch nicht nur wird nachmachen ſondern auch von ihm nicht einmahl begreiffen, oder ihm zu - trauen koͤnnen. Sein Erbarmen und Willigkeit, die Suͤnder anzunehmen, iſt ſo Erſtaunenswuͤrdig, daß ſie es ſelbſt bekennen muͤſſen: ſo koͤnten ſie mit ihres gleichen unmoͤglich verfahren, als GOtt mit dem unendlich geringern Menſchen thut. Ey nun! wiſſen Sie denn nicht, daß ſie dieſe Guͤte GOttes zur Buſſe locket? weils der Allerhoͤchſte doch thut, und iſts niemanden ſchuldig; niemand kann Jhn dazu verbinden, noch zwingen, noch durch Flehen und Bitten vermoͤgen! Ey: obligiret ſie denn das nicht un - wiederſprechlich, eines ſolchen freundlichen Herrn Gewogenheit mit hoͤchſter Eilfertigkeit, und unumſtoͤßlichen Ernſt zu ſuchen? Weil er Sie mit ſo einem muͤtterlichen Verſchonen traͤget; und ſie haben es doch nicht um ihn verdient, haben ihn auch vermuthlich nicht viel drum an - geſprochen: Verbindet ſie denn dieſe allerhoͤch - ſte Liebe GOttes nicht, kurtzum von allem, was Jhn beleidiget abzuſtehen und Jhm gehorſam zu werden? weil er ſie ſo hertzlich gerne lieben, ia ihnen von gantzem Hertzen und von gantzer Seelen Jer. 32, 41. gutes thun will, und iſtJhm367wieder die Unreinigkeit. Jhm gleichwohl nichts an Jhnen gelegen; iſt Jhm auch nicht ſchaͤdlich, ob ſie verlohren gehen oder nicht: Ey ſolten ſie ſich ſeine Gunſt und Gewogenheit nicht lieb ſeyn laſſen, und bald aufs beſte zu bezeugen ſuchen, wie viel Jhnen an ſeiner Gnade gelegen, die beſſer iſt denn le - ben? Pſ. 63, 4.

Weil nun derjenige, den die himmliſchen Armeen, die Cherubim uud Seraphinen mit hoͤchſter Luſt und Willigkeit anbeten, Jhnen ſei - ne Huld und Gnade ſo ſehnlich und ſo unablaͤß - lich auf dem Fuß nachtraͤget, und ſo ſehr drum ſollicitiret, daß ſie ſichs doch gefallen laſſen moͤch - ten, ſie anzunehmen (welches ſie niemanden ih - res Gleichen, geſchweige zum Exempel einem Hunde, der doch wahrlich unvergleichlich vor - nehmer iſt in Anſehung ihrer, denn ſie ſind in Anſehung GOttes, ie erweiſen wuͤrden) Ey koͤn - nen ſie ihm denn das verſagen, nur anzunehmen dasjenige, was er ihnen zu ihrem beſten frey - willig ſchencken will? Sie doͤrfen ja doch nicht gedencken, daß er ihrer wozu noͤthig habe, oder ſich ohne ſie nicht behelfen koͤnne? Denn mein! was haben ſie doch eigenes, das zu etwas zu brauchen waͤre? Jſts nicht wahr: wenn GOtt das ſeine wegnimmt, ſo behalten ſie nichts als ihre Suͤnde und Schande eigen? das andere haben ſie alles von ihm, und zwar aus Gnaden, und nur auf eine Weile. Mein Freund! wie koͤnten ſie doch ſo unglaublich ſtoltz ſeyn, und ſich ſo anſtellen, als muͤſte ihnen der ewige GOtt ſeine Gnade beſtaͤndig nachtragen? wie, wenner368(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,er ihnen nach ſo vielem Trotzen nnd Unſinn end - lich ſagen laͤßt: der HErr bedarf deiner nicht!

Jſts nicht ſo, jemehr man bey eines groſſen Herrn Antrag Gnade ſpuͤrt, und ſiehet, daß er fuͤr ſeine Gnade nichts begehre: je koſtbarer ſchaͤtzt man ihn, und je mehr eilt man, ſich ſeiner nicht unwuͤrdig zu machen? Und es iſt rechtl Denn wenn mich einer recht umſonſt liebet, und hat kurtz um nichts von mir zum Vergnuͤgen, zum Dienſt, zur Ehre oder zu irgend einem Vor - theil denn nur Muͤhe und Verdruß zu erwar - ten: ſo muß er mich doch recht ſehr lieben. Nun uͤberlegen ſie es doch! Was fordert doch der al - lerſeligſte GOtt von ihnen fuͤr alle ſeine maje - ſtaͤtiſche Liebe und unſaͤglich gnaͤdige Bemuͤhun - gen? Oder was kann er von ihnen, einer ſo miſerablen, und durch die Suͤnde in dem himm - liſchen Reich ſo infam wordenen Creatur fordern?

Jch wills Jhnen mit einem Worte ſagen: Er will haben, daß es Jhnen recht wohl gehe; daß Sie in Jhm nur recht ſelig, froͤlich und vergnuͤgt ſeyn. Fuͤr alle ſeine Liebe, fuͤr das entſetzlich ſchwere Leiden, fuͤr den bittern und ſchmaͤhlichen Tod, fuͤr die unglaub - lich groſſe Muͤhe, fuͤr die gantze Welt voll Guͤ - ter und Wohlthaten, die Jhnen alle Jahreszei - ten anders und alle Tage und Stunden im Ueberfluß neu werden, begehret er lediglich gar nichts: Nur daß es Jhnen, ſeinem allerliebſten Menſchen recht von Hertzen wohl gehe! Oder koͤnnen Sie was anders anzeigen davon er ſelbſt Nutzen haͤtte? Zielen alle ſeine Anforderungennicht369wieder die Unreinigkeit. nicht ſchnurſtracks und eintzig und allein da - hin?

Wenn er ihnen Suͤnden verbietet: iſts nicht juſt ſo viel, als wenn eine Mutter ihrem lieben Kinde Gift und Waſſer aus der Hand nimmt, oder Feuer und Treppen unterſagt? wenn er ihnen die Gottſeligkeit anbefiehlet: thut ers um ſeinet oder um ihrentwillen? wer bedarf ihrer Gottſeligkeit, ſie oder der ewige und ſelig - ſte GOtt? Ey! wenn ſie in den geringen Din - gen den billigen Schluß machen: das, was le - diglich nur ihr Vortheil iſt, muͤſſen ſie ſich doch lieb ſeyn laſſen: Mein Freund! wie? daß ihnen in dem hoͤchſten Gnadenantrag des allmaͤchtigen GOttes dieſer Schluß nicht auch durch Ohren und Hertz, ja durch Marck und Adern dringet? Weſſen iſt denn der Vortheil, frage ich abermal, wenn ſie ſich bekehren?

Und wenn ſie nun ſeinen Gnadenantrag dennoch nicht achteten: waͤre dieſe Verachtung GOttes und ſeiner Gnade nicht deſto unverant - wortlicher? Kann man in der Welt was hoͤhe - res verachten als goͤttliche Majeſtaͤt, und was koſtbarers verwerfen, als ſeine Gnade und Le - ben? die Verachtung einer Majeſtaͤt unter uns geringen Menſchen koſtet oft Haabe u. Gut, Ehre und Namen, Leib und Leben, mein! was ſoll die Ver - achtung dieſer Majeſtaͤt erſt koſten, die aller Himmel Himmel nicht umſchraͤncken moͤgen? Kann man aber jemanden hoͤher verachten, als wenn man ihn keiner Freundſchaft noch Gemein - ſchaft, keines Umgangs, keines Glaubens, ja ſoIII. Th. Betr. der Unreinigk. A agar370(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,gar keines Anhoͤrens, noch Ueberlegens, wuͤrdigen mag. Und gleichwol hats der allerſeligſte GOtt auf Freundſchaft und Gemeinſchaft mit ihnen angefangen? Matth. 12, 50. Joh. 15, 14. Jch bitte ſie: koͤnten ſie einen armen grindigen Bettelbuben vor ihren Augen vertragen, wel - cher, wenn ihm ein Fuͤrſt ſeine Gnade und Um - gang anboͤte, zu ſtoltz waͤre, es anzunehmen? Mein! wie koͤnnen ſie aber doch ſich ſelber er - tragen: begehen ſie doch einen unendlich groͤſ - ſeren Stoltz und Thorheit!

Weil GOtt, der HErr der Ewigkeiten, ſchon ſo lange Zeit auf ihre Wiederkehr gewar - tet, und ſo viel muͤhſeliger Arbeit durch ſeine armen Knechte bereits an Sie gewendet: ach! mein Freund! uͤberzeuget ſie denn das nicht, daß es nun recht hohe Zeit mit ihnen ſey, ſich anzu - ſchicken, und ihrem GOtt zu begegnen? Amos 4, 12. Wenn ſie ſo lange an der Verbeſſerung der Sitten zum Exempel ihres liebſten Bruders haͤtten gearbeitet, und ſo lange drauf geharret und verzogen: wuͤrden ſie nicht mit Recht von ihm fordern, er moͤchte nun aufs eylfertigſte zur Sache thun, oder gewaͤrtig ſeyn, daß ſie ſich ihm gaͤntzlich entziehen? Nun aber dencken ſie, wie unendlich weit die 2. Verhaͤltniſſe von ein - ander entfernet ſind, wenn man ſie gegen GOtt, und ihren Bruder gegen ſie rechnet? Gleich - wohl wiſſen ſie, daß der HErr HErr geſchworen hat bey ſeiner Seelen, daß ihn dieſe ihre Hof - fart verdruͤſſen muͤſſe, ſofern ſie ſeinem Anerbie - ten und Gnadenworte kein Gehoͤr geben ſolten. Amos371wieder die Unreinigkeit. Amos 6, 8. wie? wenn er des Erbarmens bald muͤde wird? Jer. 14, 6.

Mein Hertzensfreund! ich halte ihre Seele fuͤr ehrlich und billig: Sagen ſie mir, iſts ihnen denn moͤglich, die allerwichtigſten Dinge von der Welt unuͤberlegt zu laſſen? oder in einer ſolchen Capitalſache, da ſie es mit dem ewigen GOtt zu thun haben, und es um ihre unſterb - liche Seele gehet, annoch einen Augenblick laͤn - ger irreſolut zu bleiben? Oder koͤnnen ſie bey Ueberlegung ſolcher Dinge wohl gedencken: GOtt werde ſich ihrer ſchon erbarmen; ſie moͤ - gen ſich bekehren, wenn ſie wollen; habe ers doch ſchriftlich von ſich gegeben; es muͤſte eben nicht ſo ſchnell alles verlaſſen, und das Hertz bekehret ſeyn; ſie koͤnten auch wol, wie andere, warten, bis es ihnen gelegen faͤllt; oder gar GOtt koͤn - ne und werde verziehen, bis es ihnen beliebt, ſey er doch allezeit willig ſich zu erbarmen? ich frage: koͤnnen ſie ſolche unvernuͤnftige und un - ertraͤglich ungerechte Gedancken von ihrem GOtt wohl hegen? iſt ihr GOtt ſo ein ſchlecht Ding? iſt ihre Religion ſo albern? iſt das die Frucht der gehabten guten Erziehung?

Wiſſen ſie denn nicht, daß in dem Weſen GOttes alles ein ander aͤhnlich, alles vollkom - men unumſchrencket, alles einander gleich, und keines groͤſſer oder kleiner als das andere ſey und ſeyn koͤnne? haben ſie das noch nicht uͤberlegt, oder gehoͤrt, daß alle Eigenſchaften GOttes durchaus von gleicher Majeſtaͤt ſind, nemlich alle auf gleiche Weiſe unendlich? Jſt nun GOt -A a 2tes372(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,tes Gerechtigkeit, Heiligkeit und Herrlichkeit juſt und genau ſo unendlich, als ſeine Erbarmung und Liebe iſt; ſie aber erfahren anjetzo gleich - wohl lauter Liebe von ihm: ſagen ſie mir, was werden ſie denn bey dieſem ihrem Zuſtand kuͤnf - tighin erfahren? und wie wird ſich einmal die heilige Gerechtigkeit GOttes an ihnen legitimi - ren muͤſſen, da ſie bisher in lauter Wunderpro - ben der goͤttlichen Freundlichkeit und Langmuth geſchwebet, und gleichſam wie ein Fiſch im Waſſer darinn geſchwommen ſind; vergelten aber ihrem ewigen Erbarmer ſeine groͤſte Ge - dult und mitleidige Barmhertzigkeit mit dem ſchnoͤdeſten und ungerechteſten Trotz und Un - danck, deßgleichen ſie ſelbſt von keinem Men - ſchen vertragen wuͤrden?

Mein Hertzensfreund! ich moͤchte zu ihnen wol ſagen, was dorten Naemans bedienten zu ih - rem Herrn ſagten: wenn dich der Prophet etwas groſſes geheiſſen haͤtte, ſolteſt du es nicht thun? wie vielmehr ſo er zu dir nur ſaget: waſche dich, ſo wirſt du rein! 2 Koͤn. 5, 13.

Wenn man im Schiffbruch ſich mit einem Bret ins Meer hineinſtuͤrtzt, oder in Feuers - noth durch die Flammen ſelbſt hindurch lauft, und alſo was ſehr ſchweres und gefaͤhrliches un - ternimmt, um nur ſein natuͤrlich Leben zu ret - ten: ſolte man nicht vielmehr, um dem geiſtli - chen und ewigen Tode zu entrinnen? auch das allerſchwereſte mit Freuden uͤbernehmen? Und ſoll man billig auch das ſchwereſte wagen, undalles373wieder die Unreinigkeit. alles moͤgliche thun, um einer ſo unendlich groſ - ſen Noth zu entgehen, ach! wie ſolte man denn nicht noch vielmehr das leichte thun, ich meine, ſich dem ewigen GOtt ergeben, und ſich durch ſeine Gnade bekehren laſſen?

Oder iſt das nichts werth, dem Tode zu ent - gehen, das Leben zu uͤberkommen, und ein Kind GOttes zu werden? Wenn Menſchen Wohl - gebohrne, Hochgebohrne, oder Durchlauchte heiſſen, oder gar die Titul der Hoheiten und Ma - jeſtaͤten fuͤhren: ſo wiſſen ſie ſich insgemein ge - waltig viel damit, und iedermann macht, wer weiß wie viel daraus: aber die Ehre, ein Kind des Allerhoͤchſten zu ſeyn, folglich ſein Bild und ſeine Herrlichkeit an ſich zu tragen, iſt ia un - ſchaͤtzbar hoͤher, als alle fuͤrſtliche Dignitaͤten, und als alle koͤnigliche Hoheit. Jene haben ih - ren Adel, Wuͤrde und Hoheit zum Theil aus der ſuͤndlichen Geburt (wenigſtens wirds hie und da ſchlecht beobachtet und noch ſchlechter bezeu - get, daß mans aus bloſſer goͤttlicher Gnade ha - be, und ſeinem Schoͤpfer dafuͤr vielen Danck ſchuldig ſey,) und tragen ihn nur an dem ſuͤndli - chen Leibe, eine unmercklich kurtze Zeit: dieſe ſind aus GOtt gebohren, und haben die koͤnig - lichen und geiſtlichen Qualitaͤten in ihrer See - len, ohne zu ſorgen, daß ſie Jhren Adel iemahls verlieren, weggeben und verlaſſen muͤſten: Soll man denn den Gnadenſtand nicht uͤber alles ach - ten?

Schrecket ſie vielleicht die Schwierigkeit der Buſſe ab? ſo bezeuge ich Jhnen bey der War -A a 3heit374(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,heit des ewigen GOttes, daß es keine ſo blut - ſauere und unuͤberſteigliche Arbeit iſt, wie ſie der Satan den ungluͤckſeligen Suͤndenſclaven ins - gemein vorſtellet und ſie daß bereden will; ob ſichs gleich mancher ſelbſt ſchwer gnung machet. Diß will ich Jhnen handgreiflich erweiſen, und hofentlich am beſten damit, wenn ich Jhnen kuͤrtzlich die allerleichteſte Weiſe, die nur moͤg - lich iſt, (in ſo fern es auf des Menſchen ſein Ver - halten dabey aukommt) durch die Buſſe zum Glauben und rechtſchaffenen mithin auch freu - digen Weſen vor GOtt durchzudringen, aufs einfaͤltigſte erzehlen, und ſo gar die Umſtaͤnde, was Ort und Zeit anbetrifft, aufs puͤnctlichſte vorſtellen werde. Ach! Hertz, Willen und Ge - dancken her. Wuͤrdigen ſie ihren Freund einer ſo billigen Liebe und Aufmerckſamkeit, daß er ihnen ſagen doͤrfe, was zu Jhrem Frieden die - net.

II) Der ge - radeſte und leichteſte Weg der Wiederge - burt.
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GOtt fordert nicht von Jhnen, daß ſie et - was dabey thun, oder ſich ſelbſt bekehren und wiedergebaͤhren moͤchten; das koͤnnen ſie ohn - dem nicht. Denn wo hat ſich ie ein Todter von ſelbſt zur Arbeit aufgemacht? Nein! ſondern GOtt ſelbſt will alles ausrichten, nur muͤſſen ſie Jhm drein willigen, und Jhn ohne Hinderniß1) Willige doch nur drein. in ſich wuͤrcken laſſen, was er will. Denn das ſagen ia die Worte: Gib mir mein Sohn dein Hertz! Nun frage ich ſie, ob das nicht leichte ſey, in etwas zu willigen, das handgreiflich und ohnfehlbar gewiß zu unſerm Wohlſeyn abzie - let? Wer ſolte ſich doch des wegern, daß man ihn geſund mache?

Es375wieder die Unreinigkeit.

Es muß aber dieſe ihre Einwilligung, weil ſie es ia mit dem allerhoͤchſten, beſten und treue - ſten Artzte JEſu Chriſto zu thun haben, ſeyn ein conſenſus plenus evictus, und finalis das iſt eine gaͤntzliche vollkommen ausgemachte und auf ewig feſtgeſtellte Entſchluͤſſung. Jch wills noch deutlicher ſagen:

  • 1) Jhr Hertz muß mit GOtt nicht ca - pituliren und ſich diß und das Vorbe - dingen, daß Sie noch beybehalten wol - ten; ſondern ſie muͤſſen ſchlechterdings allen Suͤnden und allem ihrem Anhang gute Nacht zu geben, des gantzen Satans Bildes aus ihrer Seele los zu werden, dagegen aber des ſchoͤnen Ebenbildes GOttes, des Sin - nes JEſu, und der goͤttlichen Natur nach allen Stuͤcken theilhaftig zu werden entſchloſſen ſeyn.
  • 2) Der Conſens muß richtig, erwo - gen und vollkommen ausgemacht ſeyn, daß Jhr Hertz nicht einmahl mehr etwas dagegen einwende, oder einige Unluſt und Unwillen druͤber bezeuge. Es iſt die groͤſte Unbilligkeit, ſich noch lange zu bedencken, ob man das Leben fuͤr den Tod, Freyheit fuͤr Sclaverey, Frieden und Freude fuͤr immerweh - rende Angſt und Plagen annehmen wolle?
  • 3) Muß dieſer Accord und Ueberga - be an GOtt ſo feſtgeſetzet und erhaͤrtet ſeyn, daß ſie in Ewigkeit nicht mehr an - ders Sinnes werden wollen, es gehe wie es gehe; und wenn ihnen druͤber nicht nur die gantze Welt, und ihre liebſten Freunde, ſondernA a 4auch376(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,auch alle Teufel dazu ſpinnefeind werden wol - ten. Jſt eine ſolche Einwilligung in ihrer See - le: ſo verſichere ich ſie durch die ewige Liebe GOt - tes, daß Jhnen der allerhaͤrteſte Bußkampff unvergleichlich lieblicher und Hertzberuhigender vorkommen wird, als die groͤſte fleiſchliche und natuͤrliche Ergoͤtzlichkeit, die ſie je in der Welt gehabt haben.

So wirds Jhnen gewiß auch kurtz um un - moͤglich ſeyn, eine ſolche Einwilligung zu ver - tuſchen und zu verſchweigen: ſondern ſie wer - dens auf alle Weiſe, und ſehr oft gegen den ewi - gen GOtt und ihren Heiland JEſum bezeugen, wie ſehr es ihnen nun um ein ander Hertz zu thun ſey; ſie werden Kraft der groſſen Sehnſucht ihres Hertzens ſo gerne und ſo demuͤthig drum ſuppliciren, daß doch GOtt nur bald ſein Werck in ihnen anfangen moͤchte, daß ſie wahrlich keine Noͤthigung zu dem ihnen bisher ſo verdrießlich und aͤngſtlich geweſenen Gebet werden noͤthig ha - ben. Ja ich ſage noch mehr: Jſts mit Jhrem Conſens nach den 3. Abſichten zur Richtigkeit kommen: ſo ſehe ich nicht, wie es moͤglich waͤre, daß ſie nicht zuweilen mit tiefſter Wehmuth, ſubmiſſeſter Devotion, und empfindlichen Schmertzen bitterlich druͤber weinen ſolten, daß ſie einen ſo unendlich guͤtigen GOtt, der ihnen Zeit lebens kein Unrecht gethan, nie nichts als Liebes und Gutes erwieſen, ſeine Liebe zu ihnen noch nie keinen Augenblick ausgeſetzt, ſo vieles an ſie gewandt, und um ihre Seligkeit ſo uner - muͤdet bemuͤhet iſt, dennoch ſo ſchaͤndlich betruͤ -bet,377wieder die Unreinigkeit. bet, ſo unbillig beleidiget, ihm ſeine Liebe mit ſolcher Liebloſigkeit vergolten, und noch dazu ſich in einem ſolchen Jammerſtand geſetzet. Se - hen ſie davon nur das fuͤrtrefliche Lied: ach weh! ach weh! wo ſoll ich hin ꝛc. ohnſchwer nach, und uͤberlegen ſichs zum voraus, obs nicht ein gluͤck - ſeliger Zuſtand ſeyn muͤſſe, in ſolchen reuenden Liebesthraͤnen vor dem Gnadenthron GOttes fußfaͤllig zu zerflieſſen? Ach mein Freund! ich wolte dieſen Stand des bitterſten Weinens vor des liebreichen GOttes Angeſicht nicht mit koͤ - niglichen Ergoͤtzlichkeiten vertauſchen: ſo wohl bekommen ſie dem Gewiſſen und allen Seelen kraͤften!

Sie werden nun vermuthlich fragen: wie komme ich zu einer ſolchen gutwilligen Ueberlie - ferung meiner ſelbſt an den lebendigen GOtt? Jch will Jhnen einen Weg weiſen, daruͤber mei - nes Wiſſens ordentlicher Weiſe, und wo es GOtt nicht ſelbſten anders einzurichten beliebet, kein leichterer, kuͤrtzerer und ſicherer in der Welt moͤglich iſt. Bitte ſie aber um aller Barmher - tzigkeit GOttes Willen, daß ſie ſelbigen, weil ſie ihn dem goͤttlichen Worte gemaͤß, auch ohne dem vernuͤnftig und gut befinden werden, ohne die geringſte Bedenckzeit ſelbſten antreten.

Sie muͤſſen ſich im Anfang 2. 4. oder meh - rere Wochen lang, (nachdem als die Macht und das Gift der Suͤnden, oder auch die gerichtliche Verlaſſung des Geiſtes GOttes, mehr oder we - niger in der Seelen uͤberhand genommen,) recht ex profeſſo drauf legen, ia ihre HauptarbeitA a 5und378(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,und allerwichtigſte Verrichtung draus machen, daß ſie bekehret werden; folglich auf die Wir - ckungen des Geiſtes GOttes ſehr eigentlich mer - cken, damit ſie ihm nicht entgegen ſeyn, ſondern ſo viel moͤglich alle Hinderniſſe bey Seite ſchaf - fen. Und dazu gehoͤret nichts mehr, als dieſe dreyfache Sorgfalt und Treue:

[α]) Daß Sie in dieſen Tagen viel oͤf - ters und ernſtlicher beten, als ſie es ie - mahls gethan haben; und vielmehr ſup - pliciren und flehendlich bitten, als die hochmuͤthige und uͤberwitzige Welt fuͤr anſtaͤndig haͤlt. Denn es iſt allerdings ſehr vernuͤnftig, daß ein Maleficant um ſein natuͤr - lich Leben, bey Menſchen, oft und angelegentlich ſupplicire. Sollts denn unbillig ſeyn, daß ein Suͤnder, der Unrecht ſauft wie Waſſer, bey dem allerhoͤchſten GOtt und Richter, um ſein natuͤr - lich, geiſtlich und ewiges Leben oft und vielfaͤltig anhalte? David, ein Mann nach dem Hertzen GOttes, und ein Koͤnig, ſpricht Pſ. 119. 64. ich lobe dich Jehovah! des Tages ſie - benmahl um der Rechte willen deiner Gerechtigkeit: Solte denn ein elender Menſch, der bis dato nach dem Sinn des Teu - fels geartet, gewoͤhnt und gezogen war, nicht zwey mahl ſiebenmahl an einem Tage und wie - der in der Nacht, bey eben dieſem Jehovah der Armeen bittlich einkommen, um Gnade und Par - don zu erhalten? zumahl wenn der Menſch, der Uebelthaͤter, bereits um Chriſti willen Freyheit dazu erlanget hat?

Jch379wieder die Unreinigkeit.

Jch ſage nach der Wahrheit und mit der groͤſſeſten Freudigkeit vor dem lebendigen GOtt: ie oͤfter und angelegentlicher ſie beten, ie eher kommen ſie zur Ruhe; je einen feſtern und un - beweglicheren Grund legen ſie hiermit zu einem in GOtt recht froͤlichen Gemuͤthe, hertzhaften Weſen, ſtandhaften und ſtarcken Glauben, und muntern Chriſtenthum. Da hingegen andere, die es hie nicht mit hoͤchſtem Ernſt, und aller Kraft des Geiſtes, die ihnen GOtt giebet, an - greiffen und dem Himmelreich Gewalt anthun, die folglich nicht tief graben, wenns hoch kommt, nur zu einem aͤngſtlichen Weſen und unruhigen Chriſtenthum gelangen, wobey ſie ſelten etwas von der Seeligkeit der Kinder GOttes erfahren. Ach! mein Hertzensfreund daß ſie es wuͤſten und uͤberlegtens, was fuͤr ein Arcanum Chriſtianis - mi & veræ felicitatis dilectorum Dei (Geheim - niß des Chriſtenthums und der wahren Gluͤckſe - ligkeit der geliebten GOttes) ich ihnen hiemit geſaget habe!

Sie werden aber dencken: wenn ich des Ta - ges uͤber ſo ofte beten ſolte, ſo wuͤſte ich nicht, wo Materie herzunehmen; und muͤſte auch nur be - ſtaͤndig eingeſperrt bleiben? Jch antworte auf das erſte: bey dem folgenden andern Puncte werden ſie vollkommen einſehen, daß es an der Materie zum Gebet nicht fehlen wird. Auf das andere, ſollen ſie wiſſen, daß freylich bey dieſen Umſtaͤnden am beſten iſt, in der Stille und im Verborgenen ſein Kaͤmmerlein hinter ſich zuzu - ſchluͤſſen, und mit GOtt allein zu ſeyn und ſpre -chen380(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,chen zu doͤrfen; und daß es ſchlechterdings noth - wendig iſt, allen ſuͤndlichen, und auch allen un - noͤthigen Umgang, beſonders mit leichtſinnigen Gemuͤthern zu meyden; da ja ohndem begreif - lich iſt, es ſey allzeit beſſer mit GOtt zu conver - ſiren, als mit dem allerbeſten Menſchen ſelbſt. Sie duͤrffen aber drum nicht eingeſperret blei - ben. Das Gebeth des Hertzens kann, ſoll und muß fortgehen unterm Spatzieren, Studieren, Ruhen, Eſſen, Sitzen, liegen, und allen ihren Verrichtungen. Es iſt ia auch natuͤrlich ſo daß man an dasjenige, was einem am meiſten an - lieget, am meiſten und allenthalben denckt, und kanns faſt nicht laſſen. Dis kann uns auch kein Menſch verwehren, wenn er auch aller Po - tentaten Macht auf einmahl dagegen anwenden wolte und koͤnte. Und das ſollen ſie ſich ietzo mit angewoͤhnen, unter der Converſation mit an - dern, und aller andern Arbeit, wo ſie ſich auch nur befinden, hertzlicher, oͤfter und lieber an Jh - ren geliebten GOtt zu dencken, als ſie es vorhe - ro jemals gethan haben. So ſchwer ihnen auch dieſe Uebung anfangs ankommt, ſo ſetzt ſie doch den vollkommenſten Grund zu der ſo ſehr unbekandten Gluͤckſeligkeit rechtſchaffener Chri - ſten. So gar die Heiden und zwar die Alten ſowohl, als die heutigen Malabaren haben dis in ihrer natuͤrlichen Religion als einen Grund - ſatz, der keines Erweiſes mehr bedarf, feſtge - ſtellet: wer zu GOtt kommen will, der muß am allermeiſten an ihn dencken, und ſich gar oft mit Jhm unterreden.

Wenn381wieder die Unreinigkeit.

Wenn Jhnen der Satan hiebey oft gantz ſpoͤttiſch und leichtfertig vorwerffen moͤchte, was es denn ſo vielen Gebetes brauche, GOtt wiſſe ohndem alles, man duͤrffe es ihm nicht erſt ſa - gen (eine großmaͤchtige Klugheit!) und warum denn GOtt manche Seelen ſo lange ruffen laſſe, wenn er ſie doch ſelig haben will? ſo

1) fragen Sie nichts darnach, und haltens nicht einmahl Ueberlegens werth. Denn Satan der Luͤg - ner und Moͤrder kann doch warlich mit allen ſeinen Kuͤnſten nicht verdienen, daß man auf ſein Fuͤr - geben gegen GOttes ofenbares Geboth: Betet ohn Unterlaß. Luc. 18, 1. ſq. groß achte. Wer Sie ein - und mehrmal betrogeu hat, dem begeh - ren Sie ja ſonſt nicht vielmehr zuzutrauen, und das billig: warum gebrauchen Sie ſich dieſes Jh - res Rechts und Billigkeit nicht am allermeiſten gegen den Satan und ſeine Knechte?

2) Bedencken Sie, daß es ein Rathſchluß der goͤttlichen Heiligkeit und Weißheit iſt, nach welchem er alles fuͤr unbekandt annehmen will, worum er nicht gebethen wird. Es gibt Leute, von denen er ſchweret, daß er nicht wiſſe, wer ſie ſeyn. Matth. 7, 23. es gibt auch ſolche Verrich - tungen, von denen er nichts wiſſen will, noch ent - ſchloſſen iſt, ſie mit ſeinen Seegen gluͤcklich zu machen, nemlich alle, die man Jhm mit einem ſo faulen oder ſtoltzen Stillſchweigen verheelet: Sie reden etwa in Geſellſchaften von Jhrem Gluͤck oder Ungluͤck; ſo iſts dieſen Menſchen wohl bekandt: GOtt aber will davon nichts wiſſen. So wolte JEſus nichts wiſſen, daß Lazaruskranck382(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,kranck lag, bis es Jhm Maria und Martha ſa - gen lieſſen; und das iſt das heilige Geſetz, ſo Jhm ſeine Liebe vorgeſchrieben hat, Er laͤßts nicht aus der Acht.

3) Er braucht ja wohl unſers Wim - merns und Klagens nicht: aber wir ha - bens noͤthig, das unſre ſo ſchrecklich weit von ihm verirrte und verwoͤhnte Seelen durch dis Mittel des Umganges mit ihm wieder zu ihm und an ihn gewoͤhnet werden. Er hats nicht noͤthig, daß wir ihm etwas von unſrer Noth ſagen: aber wir beduͤrfen es, daß er mit uns rede, unſer Hertz zu ſich neige, eine Zuverſicht in uns wircke und ſich uns naͤher offenbare; welches er eben unter dem Gebet am gewiſſeſten und meiſten zu thun beliebt. Er muſte es alſo dem Menſchen noth - wendig vorſchreiben, wo er ihm recht rathen und helffen wolte; denn wir haben ia kein vollkom - mener Mittel, mit Jhm wieder bekandt zu wer - den, als dis Geſpraͤche, und gleichwohl iſt uns im hoͤchſten Grad daran gelegen. Ein Gleich - niß machts klaͤrer. Wenn Sie ein Clavier oder deß etwas wollen ſpielen lernen: muͤſſen Sie es denn nicht tagtaͤglich oͤfters und ernſtlich uͤben? Je treuer ſie im Fleiß dieſer Uebung ſind, je eher kommen ſie zur Fertigkeit; und je balder ge - winnen ſie eine rechte Luſt zu und an dem was ihnen gleichwol im Anfang oftmals peinlich ſchwer werden wolte. Sagen ſie mir: iſt ein ander Mittel moͤglich, dieſer anfaͤnglichen Beſchwerde und Unluſt zum Clavierſchlagen ꝛc. loß zu werden, und ſo viel Fertigkeit als Vergnuͤgens dran zu uͤberkommen, als dis einige, daß mans taͤglichund383wieder die Unreinigkeit. und oft tractire? Nun wie iſts doch moͤglich, und wer verwehrets doch ihrer Seelen, daß ſie in einer ungleich ſchwerern Sache als das Cla - vierſpielen iſt, auf einen ſolchen natuͤrlichen und billigen Schluß nicht kommen? Kein Ding in der Welt laͤßt ſich ohne viele Uebung lernen: doͤrfen ſie denn von GOtt praͤtendiren, daß ſie den gan - tzen goͤttlichen Sinn und Wandel, das allerwich - tigſte und heiligſte ſo ein Menſch in der Welt zu lernen hat, ohne Uebung, im Augenblicke, und wie im Traum erlernen oder vielmehr erlangen ſolten? Jſt nicht der gantze Verſtand dazu ver - duͤſtert, blind, dumm ja oft gantz verkehrt? Jſt nicht der gantze Wille dazu wiederſinniſch, und ſtraͤubet ſich dagegen ſo ſehr als ſonſt gegen kei - ne Sache mehr? Und je laͤnger der Verſtand, Wille und Begierden in der Suͤndenluſt gefan - gen waren, je ſchwerer und peinlicher iſts noth - wendig worden, an ſtatt des ſuͤndlichen oder gar teufliſchen und GOtt gehaͤßigen Sinnes den goͤttlichen Sinn anzunehmen. Kann nun die Wiederkehr des verboßten Suͤnders wie im Sprung geſchehen? kann ſo eine gaͤntzliche und tauſendfach verſchiedene Verwuͤſtung Anſteckung und Verſtoͤrung der Seelen im Augenblick um - geſtuͤrtzt, und eine gantz ſchnurſtracks Contraire, nemlich goͤttliche Natur dagegen aufgerichtet werden? Gehoͤren nicht Zeit und Mittel dazu? Eſr. 10, 13. Nehem. 9, 3. Soll GOtt den wiederſpenſtigſten und undanckbareſten zu Liebe ohne Noth wunder thun? Jſt denn des Men - ſchen Seele eine Machine, daß man darinn ge -walt -384(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,waltthaͤtig, ſpornſtreichs und tumultuarie ver - ſtoͤren und anrichten koͤnte, was man will?

Alle Welt fordert zu allen Dingen, die zu lernen ſind, ein genaues Aufmercken: Soll denn das allergroͤſte Werck, ſo mit und in dem Men - ſchen kann vorgenommen werden, ich meine die Bekehrung, ohne Attention koͤnnen geſchehen? Wenn ſie nun aber nicht beten, nicht oft beten, nicht ernſtlich und mit Gewalt thun beten, nicht anhalten im Gebet: iſts ihnen denn moͤglich attent zu ſeyn, auf das was GOtt in ihnen thut? oder iſts ihr Hertz etwa ſo ſehr gewohnt gewe - ſen, auf GOtt zu mercken, und immer um und bey ihm zu ſeyn? Wars ihnen nicht vielmehr eine Laſt und Pein, an GOtt zu dencken? Wie ſolls denn nun moͤglich werden, daß ſie mit Luſt und Freude an GOtt dencken und mit ihm um - gehen doͤrfen: ſo ihnen GOtt nicht das ernſte und anhaltende Gebet erlaubt hat, wodurch eben ihre Seele auf gewiſſe Weiſe gezwungen wird, zum genauen Aufmercken auf die Zucht GOt - tes.

Aber was muͤſſen ſie fuͤr ein trotzig und ver - zagt Hertz haben, daß ſie noch uͤber das, was ih - nen der ſeligſte GOtt (aus freyer Gnade, denn er wars ihnen ja nicht ſchuldig) als ein Haupt - mittel ihrer Geneſung erlaubt und gegeben, ſo jaͤmmerlich klagen, ſo ſaure Geſichter dazu ma - chen; oder wol gar Erweis davon fordern, obs eben ſchlechterdings noͤthig ſey? Wenn ſich ein Artzt mit ſeinem Patienten, der doch auf den Tod liegt, erſt muͤde diſputireu muͤſte, bis er ihmetwas385wieder die Unreinigkeit. etwas von Artzneyen einnaͤhme: laͤßt er ihn nicht endlich ſeinem Eigenſinn uͤber? Wie wenns GOtt mit Jhnen ſo machte? Meinen ſie denn, daß er ihrer bedarf, oder daß ihm an ihnen ſo was groſſes verloren gehet? Es iſt und bleibet eine abſolute Anforderung GOttes, die er aus Gnaden an ſie thut, und davon er ſchlechterdings nicht abgehen wird noch kann, daß ſie viel und oft beten. Und dis iſt auch natuͤrlicher und be - greiflicher Weiſe das ſtaͤrckſte Mittel, ſo ihnen GOtt verliehen, daß ihr ſehr verwildert und verwoͤhntes Hertz wieder an ſeine majeſtaͤtiſche Liebe gewoͤhnet werde.

4) Es iſt ein theurer Rath der verſuchten Theologorum, man ſolte doch, wenn man mer - cket, daß man noch ſo weit im Chriſtenthum, dem einigen Nothwendigen, zuruͤck waͤre, kein Be - dencken tragen, die beſten Stunden des Tages aufs Gebeth zu wenden; damit man zu einem vertraulicheren Umgang mit GOtt und groͤſſeren Zuverſicht zu ihm kommen, und mit ihm in eine genauere Connexion und Gemeinſchaft gelan - gen moͤge. Denn es ſey unmoͤglich, wenn man ſich den Tag uͤber bald in dieſem, bald in jenem Geſchaͤfte, Umgang und Geſchwaͤtze zerſtreuete, daß man denn, wenn man ſo fluͤchtig einmahl zum Gebet kaͤme, und flugs damit fertig wuͤrde, nie aber vom Hertzensgrunde recht mit GOtt ausredete, ſeine goͤttliche Kraft in ſeinem Her - tzen erfahren koͤnte. Es werde ia wohl oͤfters eine halbe Stunde erfordert, ehe man ſein Ge - muͤth recht faſſe und ſammle; und wenn manIII. Th. Betr. der Unreinigk. B bkaum386(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,kaum angefangen, und es nun am beſten gehen ſolte, ſo lauffe man wieder davon: wie koͤnte man da zu einer rechten Kraft des Glaubens, der Vertraulichkeit, der Liebe und der Gemein - ſchaft mit GOtt kommen, daß ſey ohne ein Wunderwerck ia unmoͤglich! Denn unmoͤglich iſts, daß man GOtt recht kennen lerne, oder auch in einer recht kindlichen Gemeinſchaft mit ihm bleibe, es ſey denn, daß man viel mit GOtt umgehe, und ſich in einen Henochiſchen Wan - del vor GOtt und mit GOtt begebe. Welches denn durch ein anhaltend Gebet, dadurch die Seele des himmliſchen Weſens (Col. 3, 1. 2. ) ſo gewohnet, und von dem eitlen ſuͤndlichen Wandel von ſelbſt, nicht wiſſende wie entweh - net wird, am meiſten geſchiehet.

Exempel ernſter Be - ter.
6

Jch kenne Leute, die nachdem ſie wahrge - nommen, ihr Proceß der Seele ſtehe im Gerich - te GOttes nicht richtig, und ſie koͤnten keinen Frieden in der Seele haben, weil ſie kein Hertz zu dem hochbeleidigten GOtt haben doͤrften, ih - rer Gewiſſenspein endlich muͤde worden und ins Gebet gantz eingegangen ſind. Jch will ſa - gen; ſie nahmen ſichs mit dem groͤſſeſten Ernſt vor, Tag und Nacht, von allen Geſchaͤften und Leuten abgeſondert, im verborgenen vor GOtt um Pardon zu ſuppliciren, und darinn ſo lang zu beharren, bis ſie das ſelige Friedenswort, ſey getroſt mein Sohn! dir ſind deine Suͤnden vergeben, in ihrem Hertzen voll Freuden verſpuͤret haͤtten. Kein Gebet iſt ih - nen jemals ſo ſchwer worden, keins kam ſo jaͤm -mer -387wieder die Unreinigkeit. merlich, ſo verworren, ſo aus - und durchgeaͤng - ſtet heraus, als eben dis: aber ſie lieſſen ſich nichts abſchrecken; wechſelten zuweilen mit eini - gen Verſen aus einem Liede, zuweilen mit der Betrachtung eines Spruchs ab; redeten mit ih - rem GOtt zuweilen laut, zuweilen ſtill, zuwei - len nur in dem hochbekuͤmmerten und angſtvol - len Hertzen; hielten an 12. bis 24. Stunden, auch wohl 2. und 3. Tage unablaͤßlich; lieſſen ſich nicht vom Gnadenthron GOttes abſpenſtig machen, auch durch GOttes gerechten Fluch - ſtrahl nicht abtreiben; blieben ſchlechterdings dabey: ſie wollen nun ein und allemal von der Gnadenthuͤr GOttes nicht weggehen! muͤſten ſie dabey umkommen, ſo geſchaͤhe ihnen kein Un - recht, auch ſey ihnen GOtt nichts ſchuldig: ſie wuͤrden aber dabey erfahren, was ſo lange die Welt ſtehet, wohl kein Menſch erfahren hat; nemlich, daß ein armer betruͤbter Suͤnder, der ſonſt nichts als nur Gnade ſucht, vor dem Thron des allerguͤtigſten GOttes, als ein ſupplicant, ungehoͤrt, unangeſehen und unangenommen oh - ne allen Pardon habe umkommen und verder - ben muͤſſen! Wuͤrden ſie aber nach einem 12. bis 48. ſtuͤndigen Kampf (1 Moſ. 32, 24. ſqq. Hoſ. 12, 5.) von dem HErrn ſelbſt lebendig ge - troͤſtet, geſtaͤrckt und aufgerichtet: ſo wuͤſten ſie es alsdenn, daß ihr Pardon vom Himmel kom - me; ſo wuͤſten ſie, worauf ſie ſich im Leben, im Tode und Gerichte berufen doͤrften; ſo wuͤſten ſie, daß ein lebendiger und ewiger GOtt der HErr der gantzen Welt ſey, und ewig lebe undB b 2die388(III. Th.) Von den ſicheren Mittelndie Suͤnden ſo gerne vergebe; 5 Moſ. 32, 39. 40. ſo wuͤſten ſie, was ſie fuͤr einen GOtt im Himmel zum Vater haben, und wie gewiß und heilig ihre Religion ſey ꝛc. Und ſiehe! der ewi - ge Erbarmer hat deren keinen unerhoͤret von ſich gelaſſen, ſondern ſie mehrentheils noch auf der Stelle, (in der Kammer, Stube, Garten, Felde, Wald ꝛc. ) mit uͤberſchwenglichem Frieden und Freude erfuͤllet, und ein gantz anderes, goͤtt - liches, getroſtes Leben und Weſen in ihnen her - vorgebracht, daß es ihnen hernach ſo zu muthe war, als wenn ſie in eine gantz neue Welt kom - men waͤren.

Jch kenne auch Leute, die, eben wie die vo - rigen, durch groſſe Gewiſſensplagen gedrungen, in ſo ein lang anhaltendes Gebet hinein gegan - gen ſind: nachdem ſie aber einige Stunden lang drinnen beharret, und gleichwol beſtaͤndig ſtar - cken Wiederſpruch im Hertzen empfunden, oder durch unausbleibliche Geſchaͤfte abgeruffen wur - den, oder ihnen auch einfiel, GOtt muͤſte ſich ja nicht eben gleich jetzt ſein Gnadenwort auf der Stelle abnoͤthigen laſſen ꝛc. zwar vom Gebet auf - geſtanden, allein in ſo u. ſo viel Stunden, wenn es ihnen erlaubet waͤre, gewiß mit ihrem Wimmern und Klagen wiederzukommen, GOtte angelobet haben; welches ſie auch, und oft zu wiederholten malen gehalten. Dieſe ſind auch vom HErrn begnadiget und aufgenommen worden: obwol mancher juſt ſo viel laͤnger warten und oͤfters wiederkommen muſte, ſo viel er ſich durch Zaͤrt - lichkeit und Eigenliebe ſchwaͤchen ließ, im Kam - pfe anzuhalten.

End -389wieder die Unreinigkeit.

Endlich kenne ich auch einige, die von der Billigkeit und Wichtigkeit der Gnadenanforde - rungen GOttes uͤberzeuget, geruͤhret, und zum Gebetskampfe wol ſind vermocht worden, ihn anzutreten: allein wurden ſo zu ſagen nicht ein - mal warm drinnen, lieſſen ſich von dem groſſen Getoͤſe ihrer ſtuͤrmenden und unruhigen Gedan - cken betaͤuben und uͤberwinden; wurden daruͤ - ber, daß ſie ihre Sinnen zum Gebet nicht koͤn - ten zuſammen halten, deſperat und ungeduldig, (denn GOtt ſoll ſolchen jungen Herren ſofort aufwarten und noch dazu Wunder thun!) hiel - ten weder etwas laͤnger an, noch begehrten wie - der zu kommen: ſondern gingen mit einem ſau - ren und trotzigen Geſicht davon, dem Cain nach, von GOttes Augen weg, und zu dem ihrer Mei - nung nach luſtigen Suͤndendienſt. Siehe da! Dieſe haben ihre Seele und Leben zum Theil auf eine Zeitlang zum Theil ewig verloren! Sie wendeten ſich zur Suͤnde, weil die ſo leicht iſt; kriegten eine entſetzliche Furcht vorm Chriſten - thum (weil ſie meinten, ihr anfangendes Angſt - gebet ſey das Chriſtenthum, oder dis wenigſtens in ſeinem gantzen Jnnbegrif nicht viel beſſer (ein unbilliger Unſinn! o eine ſtraͤfliche Verlaͤum - dung! o eine hoͤchſtverwegene uͤbereilte unge - pruͤfte Verurtheilung des allerſeligſten GOttes und ſeines Wortes! Jeſ. 32, 17. 18.) Sie gewonnen eine Luſt zu allen thoͤrichten Uppigkei - ten der Welt, und dagegen einen Haß und Wie - derwillen, folglich auch allerley Argwohn und Vorurtheile wieder die Gottſeligkeit; ſie wur -B b 3den390(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,den nach und nach in ihrem Verſtand verkehret oder geiſtlich wahnſinnig, daß ſie juſt das, was GOtt fuͤr recht, loͤblich, nuͤtzlich und wohlgefaͤl - lig erklaͤrt, fuͤr unrecht ſchaͤndlich, ſchaͤdlich, ver - daͤchtig und verhaßt achteten; ſie wurden in ih - rem Leib und Seel zu allerley Arten von Suͤn - den mit einer entſetzlichen Heftigkeit angetrieben, und kontens nicht laſſen. Weil aber doch das ſchlagende Gewiſſen ſie dann und wann an - ſchreyen muſte, und oftmals auch GOttes heili - ges Wort durch Leib und Seele drang: ſo wur - den ſie der zweyfachen Plage der Gottlo - ſen, nemlich des unruhigen Gewiſſens und unruhigen Hertzens unterworfen, Jeſ. 57, 20. 21. hatten bey ihrem klaͤglichen Suͤn - dendienſt keine froͤliche Stunde, (die Weilchen ausgenommen, darinnen ſie beſtialiſch worden, und auch den menſchlichen Verſtand vom Thron geſtuͤrtzt, und ſich ſeinem Regiment entzogen,) und erwarben ſich ihr ewiges Verderben auf eine entſetzlich ſaure und jaͤmmerliche Weiſe. Sie gingen dagegen immer weiter in die Bitterkeit und Zorn gegen den gerechten GOtt ein, und wurden zur Bekehrung und Seligkeit immer untuͤchtiger. Ach wie viele ſolcher Zaͤrtlinge und Wiederſpenſtige ſind ſo jaͤmmerlich und hoͤchſt - unſelig in die Ewigkeit gegangen, zum Theil ploͤtzlich und uͤbereilt! Raften ſich denn einige auf eine weile auf: wie geſchwind ſuncken ſie in ihren Suͤndenſchlaf wieder hin! Und wurden je einige gerettet: ach wie ſchwer hielts, und wie lang wehrete es, bis ſie zum geſetzten Stand derGna -391wieder die Unreinigkeit. Gnaden und einen unerſchrocken freudigen Ge - wiſſen vor GOtt gekommen ſind! Es hat allzu - viel auf ſich, die Zeit der Gnadenheimſuchungen und die kraͤftigen Ruͤhrungen der Liebe GOttes zu verſaͤumen: ſie kommen nicht alle Tage und Stunden wieder; mancher wird Jahr und Tag ſeinem Undanck und Eigenſinn uͤberlaſſen, bis er den Ruff GOttes wiederſpuͤret!

[β]) Zum andern muͤſſen ſie ihre Kranck -b) Erken - ne dich ſelbſt in deinen 1) Suͤn - denſchul - den. heit und ſuͤndlichen Jammer recht ſu - chen kennen und fuͤhlen zu lernen. Wie wolte ſonſt GOtt das Verlangen nach einem andern Zuſtand, und die ſchmertz - liche Reue in ihnen wuͤrcken? wer wird ſich wohl nach einem Artzte umſehen, ſo er nicht weiß, daß er ſehr kranck iſt? wer wird ihn ſehnlicher erwarten, als der, den es am meiſten ſchmertzet? So ſie nun dis redlich ver - langen, ſo wird ihnen der barmhertzige und treue Heiland, ſo fern ſie ſich der von ihm ver - ordneten Mittel recht gebrauchen, nicht nur ihre begangene unzehlbare Suͤnden und unabtraͤg - liche Schulden zu erkennen geben, ſondern vor allem andern ihre erſchreckliche und bejammerns - wuͤrdige Suͤndlichkeit.

Begangene Suͤnden koͤnnen ſie am leichte - ſten und einfaͤltigſten erkennen, wenn ſie ihren Lebenslauf durchgehen, und daraus alles was Jhnen nur einfaͤllt, nach den heiligen Geboten unſers HErrn pruͤfen. Die Sache iſt gar nicht ſchwer: ſie wird aber von dem ſehr trotzi - gen und ſehr verzagten Hertzen ſchwer gemacht. B b 4Daſ -392(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Daſſelbe will entweder von Verſchuldungen nichts hoͤren noch wiſſen, weicht den Vorruͤckun - gen GOttes auf alle Seiten aus, und trotzt ſo lang als moͤglich: oder wenns ſtarck geſchlagen und uͤberfuͤhret wird, ſo wirds verzweifelt ver - zagt, geht nicht ins reuen, beweinen, depreciren und Gnade ſuchen ein, ſondern in ein finſteres, confuſes, erſchrockenes und fluͤchtiges Aengſten. Und daher kommts, daß es ſich vor der Pruͤfung ſein ſelbſt ſo entſetzlich fuͤrchtet, weil ihm dieſe Art der Angſt nicht gelegen iſt, ohnerachtet ſie ihm auch nicht iſt befohlen worden.

Nehmen ſie doch zum Exempel den Cate - chiſmum vor, (ihr Hertz iſt dazu ja nicht zu vor - nehm, noch ihr Verſtand zu alt) und gehen dar - aus bald die 10. Gebote GOttes, bald ihren heiligen Chriſtlichen Glauben, bald das Gebet unſers HErrn JEſu mit ſtiller Erwegung und Gebet vor ſich durch; fragen ſich bey einem je - den Wort: ob ſie denn das bisher im Hertzen und aͤuſſerlich ſo gethan? Ob ſie es mit Luſt und um Gotteswillen, das iſt ihm zur Freude ge - than? Ob ſie das gegenſeitige Boͤſe wircklich vermieden, und auch vom Hertzen gehaſſet? ob ſie das ungezwungen, und nicht um eitler Ehre oder Nutzens willen gethan? Ja ob denn ihr Hertz mit all ſo ſtehe und beſchaffen ſey, daß es an dieſen Befehlen GOttes ſeine Freude habe, und ſie, was ſie ſagen und zuſagen, auch wirck - lich thun von Hertzen wollen und koͤnnen? Sie moͤgen auch das 27. und 28te Capitel des 5ten Buchs Moſis, oder das 2. und 3te Jeremiaͤoder393wieder die Unreinigkeit. oder die erſte Epiſtel St. Johannis zu gleichem Zweck, und mit ſolcher Pruͤfung ihrer ſelbſt le - ſen. Wenn ſie nun dabey auf ihre gantze Le - benszeit und alle derſelben nun ſchon ſo vielmal veraͤnderten Umſtaͤnde zuruͤck ſehen, und berech - nen ſich auch nur einiger maſſen ihre Jahre, Ta - ge, Stunden und Minuten ꝛc. ſo iſts nicht wohl moͤglich, daß ſie nicht ſolten einen ſtaͤrckeren und weitlaͤuftigern Begrif von der entſetzlichen An - zahl ihrer Suͤnden, folglich der groͤſſe ihrer Verſchuldung an dem ewigen GOtt, und was daraus folgen muß uͤberkommen. Nun aber gehoͤrt dis dazu, daß ihr Hertz nicht nur die Schuldenlaſt mercke, ſondern uͤber und uͤber da - von empfindlich und gleichſam ſchmertzensvoll werde; denn ſo wird man erſt ein Patient JE - ſu Chriſti, den er gerne in ſeine Cur nimmt, und der auch erſt mit ſich machen laͤſſt was dem Artzt beliebet. Glauben ſie ſicher: ehe und bevor ein Suͤnder in ſeinem Hertzen ſo uͤber und uͤber ſchwierig mithin zu einem recht armen Suͤn - der wird; ehe laͤßt er ſich von ſeinem Artzt und Erloͤſer nicht recht tractiren, ſondern wird ſeiner Gnadenpflege immerfort nnd auf hunderterley Weiſe ſuchen auszuweichen.

Vielleicht wirds ihnen angenehm und auch nuͤtzlich werden, wenn Jhnen eines gewiſſen Freundes Berechnung der Suͤnden, wie er ſie einmal zu ſeiner eigenen Demuͤthigung und durchdringenden Gefuͤhl aufgeſetzt, hier mit - theile.

B b 5Zur394(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,

Zur kraͤftigeren Ueberzeugung wie ſehr ſich eines unbekehrten Menſchen ſeine Suͤndenſchuld und Straffe von Augenblick zu Augenblick mehre, und wie er ſich alſo auch hiedurch ſeine Bekehrung ſo vielmal ſchwerer mache, wollen wir folgende Be - rechnung anſtellen: Geſetzt ein unbekehrter Menſch lebe nur 50. Jahr. Er haͤtte aber in ſeiner ſuͤnd - haften Bosheit vom Anfang ſeines Lebens an, der - geſtalt zugenommen, und das Verderben dermaſſen in ſich gemehret, daß, da man fuͤr ſein erſtes Jahr nur eine Suͤnde anſetzte, man fuͤr das andere ih - rer 6. fuͤr das dritte 6mal ſo viel, und ſo im fol - genden immer 6mal mehr, als im vorhergehenden anrechnen muͤſte: So wuͤrde ſein Suͤndenregiſter nur allein vom 50ten Jahr in folgender unbe - greiflichen Zahl enthalten ſeyn:

85,6 801, 403,5 197, 383,4 610, 865,3 352, 727,2 399, 351,1 687, 296.

Die Anzahl der Suͤnden ſeines gantzen Lebens aber wuͤrden nachfolgende Zahlen zwar ausdrucken, aber kein menſchlicher Verſtand, ſo lang wir im Leibe wohnen, uͤberſehen und faſſen koͤnnen:

102,6 961, 683,5 836, 260,4 332, 538,3 435, 605,2 877, 182,1 027, 868.

Es iſt nicht zu verwundern, wenn einem dis beym erſten Anblick gantz unbegreiflich vorkommt. Jſt doch in der Suͤnde ſchier alles unbegreiflich. Unendlich iſt GOttes Majeſtaͤt, die da beleidiget, und GOttes Gerechtigkeit, die da gereitzet wird. Unbegreiflich iſt des Menſchen unſinnige Verwe - genheit, wenn er wieder den allmaͤchtigen GOtt trotzig ſuͤndiget; unbegreiflich ſeine Unbilligkeit, wenn er ſeinem hoͤchſten und beſten Wolthaͤter ſo lieblos begegnet; unbegreiflich ſeine Grauſamkeit gegen ſich ſelber, daß er durchaus nicht will ſelig, ſondern allerdings verdammt werden; unbegreif - lich ſein Undanck und Thorheit, daß er ſich nicht mag395wieder die Unreinigkeit. mag von dem ſeligſten GOtt lieben laſſen; unbe - greiflich ſeine Faulheit und geiſtlicher Tod, daß er ſich lieber mag von der Suͤnde ſo jaͤmmerlich quaͤ - len und hudeln laſſen, als nach einer kleinen Be - muͤhung in GOtt ſelig, vergnuͤgt und froͤlich ſeyn; unbegreiflich iſt der ſo ſyſtematiſche Zuſammenhang der Suͤnden; unbegreiflich ihr Wachsthum, Aus - breitung und gantz entſetzliche Vervielfaͤltigung un - begreiflich und unergruͤndlich alle ihre Folgen. Doch damit dieſe Berechnung niemanden zu ſehr ge - haͤuft vorkomme, ſo uͤberlege man nur bey ſich in der Stille zum Exempel

1) Daß es hier nicht aufs bloſſe begehen eini - ger groben oder auch wenig geachteten Suͤnden ankommt, (o ſolche Rechnungen wird GOtt nicht anſtellen Pſal 50, 20. ſq. ) ſondern auf das | gantze Syſtema der Gottlofigkeit und Feindſchaft gegen GOtt, wie ſich daſſelbe bey einem Unwiedergebornen findet; woraus denn unmoͤglich was anders als eitel fuͤndliches und boͤſes hervorkommen kann, der Menſch mags uͤbrigens mercken oder nicht Matth. 7, 16. 18. (Wir wuͤrden dem lieben GOtt gantz eigene Geſetze zum juͤngſten Tage vor - ſchreiben, wenn er uns nur dasjenige als Suͤn - den anrechnen ſolte, was ſehr grob iſt, was wir folglich wircklich mercken, oder uns ſol - ches gethan zu haben bewuſt ſind; oder was eben nur wir fuͤr Suͤnden erkennen.) Sind nun alle Suͤnden nur Fruͤchte des verfluchten Baums der Gottloſigkeit, der ſich in des Menſchen Seel und Leib findet: ſo iſt ja unlaͤugbar, daß die Rechnung oder Schaͤtzung ſolcher Fruͤchte noth - wendig aus der Art und Fruchtbarkeit dieſes Baums muß angeſtellt werden. Jch will ſo viel ſagen: Je giftiger, ſtinckender, ſchaͤdlicher und anſteckender die gantze Art des Baums iſt: je aͤrger muͤſſen ſei - ne Fruͤchte ſeyn. Denn es gibt ſchaͤdliche Baͤume von allerley Arten: aber es iſt immer einer ſchaͤd - li396(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln, licher vor dem andern, mithin auch ſeine Frucht. Und eben ſo: Je traͤchtiger oder fruchtbarer ein boͤſer Baum iſt, je ſchaͤdlicher muß er ſeyn, wenn alle ſeine Fruͤchte ſchaͤdlich ſind; weil er ſie nicht nur giftig, ſondern noch dazu im Ueberfluß brin - get. So iſts mit des Menſchen ſeinen Suͤnden - ſtand. Je mehr er in der Suͤnde verſauret, ver - giftet, (oder gleichſam durchteufelt, das iſt mit des Satans ſeiner Natur durch und durch, uͤber und uͤber gantz und gar eingenommen) iſt: je ſchaͤdlicher iſt er ſich ſelber und dem menſchlichen Geſchlecht, darunter er wohnet. Und je activer er iſt, ſeine Fruͤchte zu bringen, (es mag nun die Activitaͤt der Natur, oder der heftige Trieb des Satans 2 Tim. 2, 25. 26. oder die contrahirten habitus in der Suͤnde zum Grunde liegen, genug, daß ers nicht laſſen kann) je mehr vergiftet er einen groſſen Theil des menſchlichen Geſchlechts rings um ſich herum und wird durch ſeine ſo fruchtbare Gottlo - ſigkeit ein groſſer Land und Leuteverderber, der dem lieben GOtt ſein Gnadenreich mit dem Satan um die Wette ruinirt und hindert.

2) Daß aus dieſem Grunde und Kraft der kla - ren Ausſpruͤche des ewigen Richters aller Welt der unbekehrten Menſchen ihre aͤuſſerliche Handlungen nicht allein, ſondern auch alles ihr Dichten und Trachten, (oder alle Verrichtungen die nur in der Seele drinnen vorgehen) vor dem Gerichte GOttes ſuͤndhaft, boͤſe und verwerflich ſind; und zwar, welches das merckwuͤrdigſte, nicht nur diejenigen die vor unſern Augen indifferent ausſehen und zum natuͤrlichen Leben gehoͤren, ſondern ſo gar auch die - jenigen, die zum Gottesdienſt gerechnet werden, und vor menſchlichen Augen fromm genug zu ſeyn ſcheinen; dahin alles Singen, Beten, Abendmal - gehen ꝛc. hingehoͤrete. Man ſehe davon nach 5 Moſ. 28, 47. Pſal. 109, 7. Prov. 21, 27. Cap. 28. 9. Joh. 9, 31. Hebr. 9, 14. Cap. 11, 6. ꝛc. Haͤt -ten397wieder die Unreinigkeit. ten ſichs die Gottloſen wol traͤumen laſſen, daß ſie mit ihren Eſſen und Trincken, mithin auch ſchlaf - fen und wachen und allen Handlungen, die zur Oeconomia animali gehoͤren, GOtt auch beleidi - gen? Jeſ. 66, 3. Pſal. 50, 9. 1 Tim 4, 3. 4. 5. 1 Cor. 10, 31. Col. 3, 17. Haͤtten ſie es auch gedacht, daß ſie mit ihrem unwuͤrdigen Abendmal gehen das Teſtament GOttes proſtituiren; ſich des Blutes JEſu mithin ſeiner gantzen Creutzigung und Todes ſchuldig machen; das gaͤntze groſſe Werck der Erloͤſung veraͤchtlich achten und machen; der Majeſtaͤt und der Einſetzungen GOttes ſpot - ten; und freventlich in ihr eigen Gerichte hinein gehen? 1 Cor 11, 26. 32. Hebr. 10, 29-31. Faͤllts ihnen denn ein, daß wenn ſie zum Exem - pel 4mal des Tages das Vater unſer beten, ſie dem allwiſſenden GOtt nur in den bloß allgemeinen Ausdruͤcken deſſelben taͤglich 28mal ins Angeſicht lůgen? Wer kann aber die entſetzliche Menge un - nuͤtzer Worte, luͤſterner Blicke, eitler und GOtt verlaſſender Gemuͤthsbewegungen, Vorſtellungen, Ueberlegungen Entſchlieſſungen, Vorſaͤtze, und ſon - derlich die unbegreifliche Anzahl der hypothetiſchen Suͤnden,*Hypothetiſche Suͤnden heiſſen diejenigen, die ein Menſch nur in ſeiner Seele mit bald ſchwaͤcheren bald heftige - ren, bald kurtz bald lange nach einander fortwehrenden Vorſtellungen und Begierden begehet; auf die Einbil - dung daß dis oder das voraus geſetzet ſey. Zum Exem - pel es ſtellt ſich einer vor, daß ihn jemand ſchimpfen wuͤrde: (Es iſt aber nicht geſchehen, und wird auch nicht dazu kommen) ſo bauet er in ſeiner aufgebrachten Ein - bildung bald gantze Berge von Vorſtellungen darauf, wie er ſich raͤchen wuͤrde; welches oft mit uͤberaus vie - len und weitlaͤuftigen Umſtaͤnden eine halbe Stunde lang nach einander in der Seele wircklich geſchiehet. Einan - (die oft zu halben und gantzen Stun - den in der Seele unausgeſetzt fortgehen und wuͤ - ten, ohne daß es der arme Menſch mercket,) zu - ſammen zehlen? Soll das in dem goͤttlichen Ge - richte nichts heiſſen?

398(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln
*anderer bildet ſich ein, wenn er einen Schatz gefunden, oder etliche hundert Thaler gewonnen haͤtte, wie er als - denn damit hauſen wuͤrde. Dergleichen Phantaſtiſche Vorſtellungen kanns nun unzehliche geben; und eine je - de kann wieder unzehliche, und oftmals entſetzlich ſtarcke Paßionen erregen, die in der Seele wircklich mit groſ - ſer Luſt und Wohlgefallen in einer langen Reihe nach einander, und in langer Zeit fortgetrieben und ausge - uͤbet werden. Sie hengen nicht nur untereinander Ket - tenweiſe zuſammen, ſondern ſie fuͤhren auch dieſe viertel Stunde durch in ſehr vielerley andere und gantz ver - ſchiedene Arten der Suͤnden hinein. Und dis alles bleibt dem Menſchen zu dieſer Zeit mehrentheils unbewuſt, weil er nicht gewohnt iſt, auf ſich zu mercken: mithin bleibts bis zu jener groſſen Berechnung angeſchrieben und noch dazu verborgen. O wie viel Millionen Suͤnden wird mancher auf ſeinem Schuldzettel finden, davon er nichts wird wiſſen wollen, die er wenigſtens nicht vermuthet haͤtte Matth. 25, 44.
*

3) Daß alles ſuͤndigen eines Gottloſen nicht nur fuͤr ſeine einige Perſon gantz Syſtematiſch ſey, und jede ſuͤndliche That ihn aller ſeiner uͤbrigen Suͤnden zugleich mit ſchuldig mache: ſondern, daß derſelbe auch eine unglaubliche Menge anderer Menſchen, und oͤfters unſchuldiger Seelen aͤrgere und ſuͤndigen mache. Geſetzt nun er veranlaſſete in ſeinem gantzen Leben, (das iſt 50. Jahre hin - durch) nur 1000. andere zu ſuͤndigen; und dieſe bringen dergleichen uͤbernommene oder angeerbte Suͤnden wieder auf wer weiß wie viele andere; dieſe wieder auf andere, und das ſo einige Jahr - hunderte durch: welch eine groſſe Summe Suͤn - den wird auf des Verfuͤhrers oder Urhebers Hals und Kopf fortgetrieben, wenn ſie gleich jeder Ver - fuͤhrter nur einmal nachgethan haͤtte. Bleibts aber bey einem mahl? Und wie, wenns Suͤnden ſind, wodurch zuweilen gantze Familien, Staͤdte und Laͤnder ins Seufzen oder Ungluͤck, oder gar in voͤlligen Ruin geſetzt, und zu unzehlichen andern Verſchuldungen gleichſam genoͤthiget werden?

4) Solte man erſt die Rechnung nach den all - gemeinen und beſonderen Claſſen der Suͤnden, oder auch399wieder die Unreinigkeit. auch nach den ſo vielerley Arten derſelben anſtel - len: ſo iſt ſie vollends nicht zu uͤberſehen. Wer kann die Suͤnden des Verſtandes, des Gedaͤchtniſ - ſes der Einbildung, des bloſſen Willens, der ſinn - lichen Affecten und der uͤbrigen bekanten und un - bekanten Seelenkraͤfte nur mercken, geſchweige denn zuſammen zehlen? Wer wird einen richtigen Ueber - ſchlag der unnuͤtzen oder gar ſchaͤdlichen und ver - fuͤhriſchen Worte im Reden und in Schriften ma - chen koͤnnen? wer unterwindet ſich aller ſeiner Sin - nen Luͤſternheit und Anomalie zu berechnen? ſeiner Minen und Geberden Jrregularitaͤt (woraus ja doch das herrliche Ebenbild GOttes hervorſirah - len ſolte) billig zu ſchaͤtzen? wer kann anzeigen, ob er an irgend einem Tage mehr Suͤnden von un - terlaſſenem Guten oder von begangenen Boͤſen auf ſeine Seele geladen? Wer unterſtehet ſich zu be - rechnen, wie viel oͤffentlicher und gleichſam privi - legirter oder erkaufter Suͤnden von einer gantzen Stadt oder Land veruͤbet werden auf den Hals desjenigen, der ſie auf goͤttlichen Befehl hindern ſolte und konte, und hats doch nicht gethan? Und welcher Financier kann auch nur den Politiſchen oder Cameralſchaden uͤberſchlagen (mithin die neuen Schnlden beſtimmen) der daraus kleinen und groſ - ſen im gantzen Lande erwaͤchſt? Denn es iſt ja GOtt noch Richter auf Erden!

Wenn man nun dieſes und dergleichen mit bil - liger Aufmerckſamkeit uͤberleget, und iſt gewohnt, auf ſich ſelber wohl acht zu geben ſo wird man ohnſchwer einſehen, daß die obengeſetzte Rechnung im Gerichte GOttes (denn dahin muß es doch al - les kommen: nicht uͤbernatuͤrlich groß ausgefallen. Da nun eine jegliche Suͤnde eine unendliche Ma - jeſtaͤt beleidiget: ſo laͤßt ſich daraus auf die Be - ſchaffenheit der gantzen Verſchuldung und der dar - auf im Worte GOttes (gewiß nicht fuͤr die lange weile) geſetzten Straffen gantz natuͤrlich ſchlieſſen. Wenn400(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln, Wenn nun eine jede dieſer Verſchuldungen nur eine viertel Stunde lang mit einer gewiſſen Art und Grad der Straffe muͤſte gebuͤſſet werden: welche Millionen Jahre muͤſten vorbey flieſſen, bis alles am Ende waͤre? Oder wenn man ſie bey dem ewigen GOtt mit Gelde abkauffen koͤnte, (Hagg. 2, 8. Pſ. 50, 9-13. ) oder ſonſt andere Arten von Habſeligkeiten oder Vergnuͤgungen dafuͤr verlieren muͤſte, ja fuͤr eine jede auch nur einen Pfennig ge - ben ſolte: welche Reichthuͤmer, welche Koͤnigrei - che, ja welches Vermoͤgen in der Welt wuͤrde zu - reichen, bis die Schuld abgetragen waͤre? Wenn nun der gerechte GOtt einem armen Suͤnder dieſe gantze Schuldenlaſt auf einmal in ihrem Jnnbe - griff und Wichtigkeit aufdecken wolte: muͤſte er nicht vergehen? Wie klåglich thut David in der Perſon des Meßiaͤ da ihm deren nur ein Theil ein - mal gewieſen worden! Pſal. 40, 13. wie muß erſt die gantze Suͤndenangſt JEſu Chriſti geweſen ſeyn! Und womit iſt des allmaͤchtigen GOttes al - lerhoͤchſte Gnade zu vergleichen, wenn er dieſe Menge Suͤnden einem armen und kuͤmmerlich be - truͤbten Supplicanten alle auf einmal, alle auf ewig, und alle gantz umſonſt vergiebt! *Eine aͤhnliche Rechnung iſt in des Rect. zu Neuſtadt an der Aiſch Herrn G. Sarganecks hoͤchſtnoͤthigen Berechnung der Suͤndenſchulden ꝛc. (welche als ein Anhang zu des Herrn J. J. Schmidts bibliſchen Mathematico beygefuͤgt iſt, Zuͤllichau 1736. 8. ) pag. 639. ſqq. zu leſen, und kann dis kleine Buͤchlein nicht nur zur mehrern Erlaͤuterung und Ueberfuͤhrung von dieſer gantzen Sache, ſondern auch zu andern heilſamen Abſichten jedermann und ſonderlich der Jugend gar wohl recommendiret werden.

Geliebter Freund. Obs nun gleich dabey eben nicht juſt auf Rechnungen, ſondern viel - mehr aufs hertzliche Gebet um eine lebendige Erkentniß und Bereuung der Suͤnden ankommt; maſſen der heilige Geiſt mit einer einigen Ent -de -401wieder die Unreinigkeit. deckung eines kleinen Theils der begangenen Suͤnden, wenn er das Hertz zugleich ruͤhret, weit mehr als viel tauſend ſolcher Rechnungen aus - richten kann: So glaube ich doch, daß auch die - ſe Ueberlegung in einer billigen Seele gewiſſen Nutzen haben wird; und kann nicht umhin, ſie ihnen mit Zuverſicht beſtens zu empfehlen. Auf dieſe oder dergleichen Art koͤnnen ſie ihre began - gene Suͤnden genauer erblicken, und mit mehre - rer Billigkeit aͤſtimiren.

2. Zur noͤthigen Warnehmung und Er -2) Suͤnd - lichkeit. blickung ihrer gantzen Suͤndlichkeit oder ihres ſuͤndlichen Verderbens aber kann Jhnen keine leichtere und gewiſſere Methode vorſchlagen, als folgende; die ich ihnen aufs hoͤchſte recommendire auch darum, weil ſie eben hierbey und hiedurch Materie genug zum Ge - bet erlangen und die allerſicherſten Mittel, zu einer redlichen und ernſtlichen Demuth zu kom -Huͤte und belaure dein inne - res. men, ſollen kennen und gebrauchen lernen. Neh - men ſie ſich doch um GOttes willen Zeit und Muͤhe (denn im Anfang iſts etwas muͤhſam) auf alle ihre Gedancken und Begierden, Worte und Wercke ſehr genau Achtung zu geben, und ſie durchgehends, wenns auch gleich zu weilen in einer Stunde zwantzigerley Arten von Ge - dancken ſeyn ſolten, nach dieſen leichten Fragen zu pruͤfen: Jſts auch recht vor GOtt? Kann dis deinem allerliebſten GOtt gefallen? Hat das wohl dein GOtt und Heyland auch gethan? Thuſt du Jhm wohl ſolches zu Liebe und zur Ehre, was du ietzt gedenckeſt, begehreſt, vor -III. Th. Betr. der Unreinigk. C chaſt,402(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,haſt, redeſt oder thuſt? wilſt du mit dieſen dei - nen ietzigen Gedancken und Vorſtellungen ſter - ben? wilſt du ſie verantworten? wuͤrdeſt du auch ſo dencken, wenn GOttes Ebenbild in dir waͤre ꝛc. Es iſt nicht moͤglich auf eine andere Art leichter auszumachen, ob was ſuͤndlich ſey oder nicht? ob etwas zuthun ſey oder nicht ꝛc. als auf dieſe einfaͤltige Weiſe. Und ich verſi - chere Sie, wenn ſie nur 8. Tage in einer ſo puͤnctlichen, redlichen, ernſten und Schritt vor Schritt fortgehenden Obſervirung und Belau - rung ihres Dichtens und Trachtens, doch unter ſtetem Suchen der goͤttlichen Gnade, aushalten werden: ſie werden einen ſolchen Abgrund des Verderbens, und eines vor dem heiligen GOtt recht abominablen Weſens in ſich gewahr wer - den, daß ſie erſtaunen ſollen, und nicht wiſſen werden, wie Jhnen iſt, und wie es doch nur moͤglich, daß ſie GOtt vor ſich und um ſich noch leiden kann.

Ach! daß ſie doch ſonderlich den unver - gleichlichen Vortheil, den man in der Buſſe und der Heiligung davon erlanget, wuͤſten, wenn man ſo allen ſeinen Jdeen, Vorſtellungen, Be - urtheilungen, Vernunftſchluͤſſen, jaͤmmerlich ver - wirrten und fluͤchtigen, ſeltſamen und kindiſchen Gedancken und allen Gemuͤthsverrichtungen nachſpuͤret, auf alle ihre Wege und Gaͤnge fleißiglich mercket, ihnen allenthalben mit groſ - ſem Ernſt und Aufmerckſamkeit gleichſam auf - paſſet, und wo man ſie nur ertappet, ein wenig in denſelbigen zuruͤck geht, und nachſiehet, wases403wieder die Unreinigkeit. es denn fuͤr Gedancken waren; mit eins, wenn man ſich ſelber aufs ſchaͤrfſte belauret: ſie wuͤrden ſich die Muͤhe, ſo dabey im Anfange iſt, nimmermehr verdrieſſen laſſen.

Oder meynen ſie, daß es mit den Gedancken ſo viel nicht zu ſagen habe? Was iſt denn der allererſte Urſprung und der Anfang zu allen Ver - gehungen wieder GOtt? Was iſt denn die al - lererſte Quelle der Suͤnden? ſinds nicht die Ge - dancken? Kann auch wol ordentlicher weiſe eine Suͤnde aͤuſſerlich begangen werden, ehe ſie in der Seele begangen iſt? Fangen ſie nicht alle bey den Gedancken und Gemuͤthsbewegungen an? Nun iſt ia unwiederſprechlich das, was zur Suͤnde leidet, zu haſſen und aͤuſſerſt zu verfol - gen. Darum muͤſſen ſie auf die Gedancken acht haben; um die Boͤſen darunter kennen zu lernen, und ſie ſo bald moͤglich zu erſticken, daß ſie im Hertzen nicht aufkommen. Und geſetzt, wenn gleich ſolche Gedancken und Begierden ſie nicht zu der geringſten aͤuſſerlichen Suͤnde verleiten koͤnten, ſo doch ſchlechterdings wieder die Erfah - rung: Beflecken ſie denn nicht fuͤr ſich ſelbſt ihre gantze Seele, wenn ſie gleich nicht einmahl zu Minen noch Worten kaͤmen? Die Suͤnde beſtehet ia hauptſaͤchlich im Abneigen oder Ab - weichen des Hertzens von dem heiligen Sinn und Willen GOttes; es brauchts nicht erſt, daß ei - ne groſſe Wiederſpenſtigkeit dazu ſchlaͤgt, das waͤre ſchon des Satans (des Wiederſachers) Art allzunahe; Nein! ſie wird durch die erſten Neigungen in der Abſicht, im VerlangenC c 2und404(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,und im Wollen, obgleich eben kein wohlbedach - ter Vorſatz dazu kommt, ſchon ſcharf und grob genug begangen. Denn womit hats der aller - liebſte GOtt um uns verdienet, daß wir ſeinen allerbeſten Willen und Befehle alſo ſcheel anſe - hen oder gar haſſen? Wenn ſich alſo die Seele nur fuͤr ſich ſelbſt von dem Allerhoͤchſten entfer - net ohne eben allemal den Leib nachzuziehen ſo wird ſie dadurch ſtrafbar und elend, und erloͤſcht in ſich die Gottſeeligkeit, die Andacht zum Ge - beth, und das Verlangen nach dem himmliſchen Guͤtern; ihre Kraͤfte werden auch bald ſo ein - genommen, daß ſie auſſer Stande iſt, an andere Sachen zu dencken, und von Dingen die ande - rer Natur ſind, einiges Vergnuͤgen zu ſchoͤpffen. Muß das nicht nothwendig den Menſchen vor GOtt unrein machen? wie es unſer HErr und Richter ſelbſten ausſaget: alles was aus dem Hertzen gehet, (zu allererſt boͤſe Gedancken ꝛc. beym Marc. 7, 20. 21. ) verunreiniget uns, und macht uns vor Jhm abſcheulich und verachtet. Daher der heilige GOtt auf die Beſchneidung und Heiligung des Hertzens und des Verſtan - des alſo ſcharf dringet, zum Exempel 2 Cor. 7, 1. 1 Moſ. 4, 7. Mich. 2, 1. Zach. 7, 10. Cap. Cap. 8, 17. Roͤm. 6, 12. 13. Roͤm. 7, 7. Gal. 5, 16. 17.

Ach! ich bitte Sie, um der Liebe GOttes willen, wenn ſie noch nicht vollkommen uͤber - fuͤhret waͤren, daß die allermeiſten Gedancken, die ein Menſch in ſeinem Leben hat, ieder fuͤr ſich, den Menſchen vor GOtt veraͤchtlich undver -405wieder die Unreinigkeit. verdamlich machen: ſo ſehen ſie doch nur einen einigen Tag ihren Gedancken ſo zu, und mercken auf ihre ſchoͤnen Wege; ſie ſollens wahrlich er - fahren, daß ſie ſich ſcheuen wuͤrden, ſolche auch nur vor Menſchen zu ſagen oder ſich mit denſel - bigen, wenn ſie ſichtbar waͤren, und man ſie ih - nen an der Stirn ableſen koͤnte, irgendwo in der Welt ſehen zu laſſen. Geben ſie denn damit nicht zu, daß ſie ihre Gedancken ſo gar vor Menſchen verunreinigen ja verhaßt, verachtet und abſcheu - lich machen wuͤrden, wenn ein Menſch im Stan - de waͤre, ſie zu ſehen? wie vielmehr muͤſten ſie denn vor dem allerhoͤchſten GOtt, dadurch de - teſtable werden, der ja alles ſiehet, und am mei - ſten auf die verborgenen Verrichtungen der See - le, als welches er ſich gantz allein vorenthalten, und ſie ſonſt von niemand anders beſchauen laͤßt; den wir auch nach ſeiner Herrlichkeit fuͤrnehm - lich im Geiſt und in der Seele zu verehren ha - ben?

Wenn Sie dieſe geiſtliche Wachſamkeit vor - nehmen wollen, ſo werden ſie es ſelbſt greiffen koͤnnen, und wird weiter keines Erweiſens brauchen, wie treflich ungeſchickt ſie ſind, GOtt zu dienen, und wie in ihren beſten Kraͤften ſol - che Qualitaͤten ſind, die der Herrlichkeit GOttes durchaus unanſtaͤndig und entgegen ſind geſchwei - ge daß ers noͤthig haͤtte, oder viel Freude und Wohlgefallen daran haben muͤſte, ſich von ſol - chen ruinirten Menſchen bedienen zu laſſen. Als - denn, alsdenn werden ſie die abſolute Nothwen - digkeit der Hertzensveraͤnderung nicht nur mitC c 3hoͤch -406(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,hoͤchſter Gewißheit erkennen, ſondern auch wohl fuͤhlen lernen. Dadurch lernen ſie, zur Liebe des Sohnes GOttes zu fliehen, und zu ſeinem Creutze zu kriechen; dis wird in Jhnen die Sehn - ſucht und das Verlangen nach der Gnade wir - cken, die ſie nun ſchon uͤber alles in der Welt achten werden; dis wird ihnen auch Materie genug zum Gebeth erwecken und anweiſen. Nun hierinnen hab ich Jhnen nach goͤttlichem Willen und Befehl etwas hoͤchſtwichtiges eroͤfnet.

c) Uebe dich kurtz um im Worte GOttes.
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[γ]) Weil das eines ieden unwiedergebohr - nen Menſchen, als eines Rebellen, ordentlich und allezeit, obwohl in verſchiedenem Grade ſei - ne Hauptqualitaͤt iſt, daß er an dem Worte des allmaͤchtigen GOttes keine Luſt noch Gefallen hat, ſondern ihm in der Selen feind und zu - wieder iſt; und man ihm nicht bald eine ſchwe - rere Arbeit auflegen moͤchte, als wenn man ihn hieſſe, daſſelbe die meiſte Zeit des Tages uͤber rechtſchaffen zu betrachten; aber dieſer Affront und Verachtung des Hoͤchſten und ſeines Wor - tes gleichwohl eine wuͤrckliche und unausgeſetzt fortgehende Beleidigung der Majeſtaͤt GOttes iſt, wenn der Menſch ſein Hertz mit Wiſſen und Willen bey dem Zuſtand laͤſſet: ſo iſt auch kurtz - um nothwendig, daß ſie nun zum Worte GOt - tes umkehren, die goͤttlichen Befehle ehrerbie - tig und fleißig forſchen, lernen und zu rathe ziehen, und verſuchen es, in wie viel Tagen ſie doch wohl auch nur den 1000ten Theil der Luſt und des Geſchmacks am Worte GOttes erreichen koͤnnen, dergleichen David im 119. Pſalm zur Verwun -de -407wieder die Unreinigkeit. derung aller Welt dargethan. Diß iſt ſo zure - den wieder die erſte Probe des Gehorſams gegen GOtt, die er Jhnen mit groſſem Ernſt (und doch aus pur lauterer Gnade, denn er hat daß nicht noͤthig, und war ihnen kein Gnaden - wort ſchuldig. ) abfordert, wo ſie anders die Morgenroͤthe ſeiner Gnade und Herrlichkeit zu er - blicken gedencken Jeſ. 8, 19. 20. Das iſt die Sache, davon man etwann noch ſagen kann, |daß ſie die bey der Buſſe zu uͤbernehmende Arbeit ſey. Denn daß ſie GOtt um Gnade anruffen, und Jhn oft mit Flehen und Winſeln anlauffen, kann keine Pflicht oder muͤhſelige Arbeit ſeyn, ſondern iſt eine ertheilte Freyheit, oder Begna - digung, und Vorrecht eines armen Suͤnders; es iſt auch nicht ihr eigen Geſchaͤfte, denn GOtt ſelbſt muß Luſt und Andacht, und alles in ihnen wircken. Daher ſie leicht erachten koͤnnen, daß ſie dis dem lieben GOtt nicht als ihre eigene Bemuͤhung doͤrfen in Rechnung bringen, oder ſich was darauf einbilden; maſſen ſie ſelbſt da - durch nichts zu Stande bringen, vielweniger verdienen (ſo wenig als ein Bettler mit ſeinem Gebettele oder Hand ausſtrecken,) ſondern der ewige Sohn GOttes thuts aus Mitleiden alles, frey und umſonſt, dem ſie ſo unablaͤßlich in Oh - ren liegen. Gleichergeſtalt, daß ſie uͤber ſich ſo wachſam ſeyn, iſt ihre eigentliche Arbeit auch nicht; weil ſie damit nur die Steine wegneh - men, die den Geiſt GOttes in ſeinem Wercke hindern koͤnten: an und vor ſich wuͤrden ſie da - mit gleichfalls nichts ausrichten, als ſich in ver -C c 4zweif -408(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,zweiffelte Unruhe und Deſperation hineinſtuͤr - tzen; dis einige iſt ſchon eine wuͤrckliche Arbeit, die Jhre Seele unternehmen muß, daß ſie aus den oͤffentlichen Befehlen ihrer allerhoͤchſten Obrigkeit ſorgfaͤltig erlernen, wie denn Jhr GOtt eigentlich beſchaffen iſt in ſeinen Eigen - ſchafften und ſeinem gerechten und gnaͤdigen Willen, und wie er ſie denn zu ſeiner Aehnlich - keit und Gleichfoͤrmigkeit wieder gebracht wiſ - ſen wolle? Es bleibt alſo dabey, was vorbe - hauptet, das ſie eigentlich nichts zu ihrer Be - kehrung beytragen duͤrffen noch koͤnnen; Denn das iſt GOttes eigenes und dazu hoͤchſtes Werck: ſondern die Hinderniſſe muͤſſen ſie nur aus dem Wege raͤumen, daß GOtt in Jhnen ein neues Hertz ſchaffen koͤnne. Und das iſt darum noͤthig, weil ſie die Hinderniſſe ſelbſt ge - leget, und weil ſie ein vernuͤnfftiger Menſch ſind, mit dem GOtt als einen Block und Klotz nicht verfahren mag noch darf.

Nun uͤberlegen ſie, mein Freund, ob dieſe Arbeit wol ſo ſchwer ſey, daß die Welt daher Fug und Recht bekaͤme, das Chriſtenthum in ein boͤs Geſchrey zu bringen, alles unter ein - ander zu miſchen, dasjenige, davon ſie nichts weiß zu laͤſtern, und ſo entſetzlich zu klagen, daß der Kampff der Buſſe, ehe man zu einem ge - ſetzten Chriſtenthum durchbricht, ſo erſchrecklich ſchwer ſey? Koͤnnen ſie denn nicht andere Buͤ - cher mit Luſt und Ruhe leſen, auch wohl daruͤber oft und lang genug nachdencken? Sie geben mir ſolches gewiß zu. Nun warum nicht auchGOt -409wieder die Unreinigkeit. GOttes Wort? etwa darum, daß ſie deſſen Le - ſen und Betrachten mit beſtaͤndigem Flehen und Verlangen nach GOttes Gnade und Erleuch - tung verknuͤpffen muͤſſen? So muß es ſeyn, und ſo gebuͤhret ſichs fuͤr einen Rebellen! wirds ſo nicht gehalten, daß ſie aus einer jeden Lehre, und aus den meiſten Worten und Gedancken, die ſie dabey haben, einen kleinen Seuffzer ma - chen, und ihr Verlangen nach der Gnade, ge - gen GOtt bezeugen: ſo wird ſie das Leſen nicht viel helffen. Jſt denn das aber ſo ſchwer? ver - ſuchen ſie es doch nur ein paar Tage mit Ernſt, ſie ſollen ſehen, mit welcher Luſt ſie dieſe Arbeit weiterhin werden verrichten koͤnnen!

Fragen ſie, wie doch das anzufangen? So rathe Jhnen folgendes vom Hertzensgrunde: Laſſen ſie dasjenige, was von ihren ordentlichen Geſchaͤften zu entrathen iſt, vorietzo weg, und leſen den Propheten Jeremiam und Micham zu etlichen Capiteln auf einmal, etliche mahl durch; allein mit der genaueſten Aufmerckſam - keit, Erwegung der Worte GOtts, und unter ſtetem Seuffzen zu GOtt; wenn ſie Jhn auch iedesmahl erſt um ſeinen heiligen Geiſt demuͤ - thig angeflehet haben, daß er Licht und Recht durch dis ſein eigen Wort in ihrem Hertzen ſchaffen wolle. Sie koͤnnen zu der Arbeit taͤg - lich 2. 3. oder 4. Stunden, wenn ſichs nur thun laͤßt, ausſetzen. Denn es iſt gewiß, daß ſie in dieſem Theilchen ihrer Lebenzeit nichts in der Welt wichtigeres und eilfertigeres haben, daß ſo gar ohne Zaudern und Aufſchub auszurichtenC c 5und410(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,und zu Ende zu bringen waͤre als eben dieſe Proceſſe ihrer Seele vor dem Gerichte GOttes. Sie koͤnnen auch dann und wann die vorange - fuͤhrten Bewegungsgruͤnde zur Buſſe, ich mey - ne die citirten ungemein kraͤfftigen Spruͤche auf - ſchlagen, und einen oder 2. zu erwegen vor ſich nehmen; Jhre Meditation alsdenn etwa in der Stube auf und ab gehend druͤber anſtellen, und immer dabey zu GOtt ſeufzen und ruffen; wel - ches allerdings auch gehend manchmahl am be - ſten geſchiehet.

Alle fruͤh Morgens koͤnnen ſie ſich aus ei - nem Spruchkaͤſtgen, oder durch ein ohngefaͤhres Aufſchlagen der Bibel oder wie ſie ſonſt wollen einen Spruch zur Ueberlegung, Richtſchnur und Ausuͤbung auf den gantzen Tag nehmen; deſſen ſie ſich dann des Tages uͤber am meiſten wer - den erinnern, ſich darnach pruͤfen, und GOtt anrufen oder auch loben muͤſſen. Dabey wer - den ſie nun auch gewahr werden, wiefern ihr Gedaͤchtniß aufgelegt ſey, GOttes heiliges Wort zu bewahren oder nicht? ſich deſſelben ofte, und zu rechter Zeit zu erinnern, oder nicht? und ob mit all ihr Hertz bald ein guter und wohlgepfluͤg - ter Acker zu dieſem goͤttlichen Saamen ſey oder nicht? Jerem. 4, 3. 4. Zur lectione curſoria nehmen ſie hernach auch den Jeſaiam, die Epi - ſtel an die Roͤmer, und die erſte Epiſtel St. Jo - hannis.

Fragen Sie: wie lange denn dieſe dreyfache Beſchaͤftigung oder Hertzensuͤbung waͤhren ſoll? ſo antworte ich, daß es nicht moͤglich ſey, Jhnendie411wieder die Unreinigkeit. die Zeit zu beſtimmen, wenn es dem liebreichen GOtt, als Jhrer allerhoͤchſten Jnſtantz, belie - ben wird, Jhnen die Gnadenſententz zu erthei - len, und ſelbige auch in ihrem Gewiſſen zu pu - bliciren; oder ihnen durch eine beſondere Freu - de, Beruhigung und vollkommene Verſicherung zu wiſſen zu thun, daß Jhre Suͤnden alle ver - geben, und alle Gerechtigkeit Chriſti Jhnen zu - gerechnet worden. Dis iſt wol der hoͤchſte ge - richtliche Actus, der im Concilio der hochgelob - ten Dreyeinigkeit geſchiehet, daß ſo ein armer Suͤnder, der auf den Tod ſaß, nicht nur Pardon bekommt, ſondern auch zu einem geliebten Kin - de GOttes auf und angenommen, und NB. mit Schmertzen und mit Bewunderungswuͤrdiger groſſer und mitleydiger Muͤhe JEſu Chriſti wie - dergebohren wird. Demnach ſollen und muͤſſen ſie das nothwendig an Jhrem Gewiſſen erfah - ren, und empfinden; folglich ſich deſſen nachhe - ro wieder erinnern koͤnnen, wie Jhnen doch zu Muthe war, als ihr Proceß bey dem allerhoͤch - ſten Gerichte durch Jhren Blutsfreund und naͤchſten Anverwandten JEſum Chriſtum ſo an - haͤngig gemacht, mit ſolcher heiligen Gerechtig - keit und Erbarmung tractiret, und endlich zu ei - nem Abſolutionsdecret ausgefuͤhret worden.

Wird Jhre Sache im Gerichte GOttes al - ſo, und mit ſolchem Ernſt ausgemacht wie es unſer Mittler und Agente uns ſelbſten eroͤfnet (Pſal. 16, 24. Pſ. 22, 7. 23. 27. 28. Pſ. 69, 4. 7. 8. 10. 22. 23. Pſ. 72, 1. 2. ſq. Jeſ. 49, 1-7. ) ſo kanns warlich auch bey Jhnen nicht wieim412(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,im Traum zu gehen; ſondern alle ihre Seelen - kraͤfte muͤſſen davon eine Erfahrung haben, gleich wie es David ergangen, der Pſ. 32. nicht weiß, was er, nach erhaltenem gnaͤdigen Ur - theil, fuͤr Freuden und Jauchzen ſagen ſoll. Weil es aber im Gerichte GOttes ſo abgethan wird, woſelbſt ſie nicht perſoͤnlich zugegen ſind: (ich wills nach menſchlicher Weiſe ausdrucken, denn ich kann nach goͤttlicher Weiſe nicht reden, des ſeligſten GOttes eigentliche Sprache verſte - he und weiß ich armer einfaͤltiger Tropf nicht, und GOtt hat mitleidig beliebt, eben ſo mit uns zu reden, wie die Eltern mit den unmuͤndigen Kindern, weil wir ihn ſonſt nicht verſtehen wuͤr - den) ſo kann es gar wohl geſchehen, daß ihre Abſolutionsſententz ſo zu reden gleich am erſten Tage ihres Bußkampfes ausgefertiget wird, (wie er denn auf eine allgemeine Weiſe ſchon viel 1000. Jahre im Worte GOttes fertig lieget, und mit dem Blut Chriſti verſiegelt, aber Jhnen noch nicht zugeſtellet worden iſt; indem ſie davon durch eine lebendige und unzweifelhafte Verſi - cherung des heiligen Geiſtes im Gewiſſen noch2) Harre mit Unter - thaͤnigkeit. nicht ſind gewiß worden.) Daher lieget Jhnen ob, in Demuth zu erwarten, bis ſie GOtt ſelbſt davon verſichert; welches ſie auch von Hertzen gerne thun werden, wenn ſie nur mit Ernſt be - dencken, wie lange GOtt auf ihre Wiederkehr hat warten muͤſſen. Dieſe Verſicherung koͤn - nen ſie nun, wo ihre Seelen redlich, und der obgedachte Conſens oder voͤllige Uebergabe ih - res Willens, ſo voͤllig und lauter iſt, in wenigStun -413wieder die Unreinigkeit. Stunden, oder in ein paar Tagen, oder auch in ein paar Wochen nach dem Anfang ihres Flehens erlangen, wie dorten Dan. 9, 20. ſq.

Sie koͤnnen ſichs aber auch ſelbſt ſo verder - ben, und durch Traͤgheit, Leichtſinnigkeit, Unter - laſſung der obberuͤhrten drey kurtz um erforder - ten Vorbereitungen ſo verzoͤgern, und blutſauer machen, daß es viel Wochen ja viele Jahre lang waͤhren kann: und dabey wird ihnen der Sa - tan das gange Chriſtenthum, nach dem aͤngſtli - chen Anfang deſſelben, nemlich der Buſſe und juſt nur ihrer Buſſe abmeſſen, und Jhnen ſol - ches ſo erſchrecklich, verdrießlich, ſchwer und traurig vorſtellen, daß ſie wohl oͤfters dencken werden: ach! haͤtte ich nur nicht angefangen, vielleicht wuͤrde ich vielmehr Ruhe in meinem Gemuͤthe koͤnnen behalten haben, als ich ietzt nicht kann ꝛc. Daher ſie hiemit nochmals um ihres eigenen Heils nnd Lebens willen aufs an - gelegentlichſte bitte, daß ſie ſichs nicht ſelber ſchwer machen, und die 3. vorgeſchlagenen Be - ſchaͤftigungen ihres Hertzens (ich meine das Be - ten, Wachen und Lernen der Befehle GOttes) unter was fuͤr einem Vorwand es immer ſeyn moͤchte, durchaus nicht unterlaſſen moͤgen. Laſ - ſen ſie ſich alle die Luͤgenvorſtellungen vom ſchwe - ren Chriſtenthum nicht im geringſten anfechten, und glaubeu dem wahrhaftig und allmaͤchtigen GOtt Jeſ. 32, 17. 18. Gewiß, ie ſorgfaͤltiger ſie in den 3. Uebungen ſind, ie eher kommen ſie durch; ie haͤrter der Bußkampf, ie vollkomme - ner iſt alsdenn die Freude, ie ungezweifelterund414(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,und unbewegliche die Verſicherung von erlang - ter Gnade.

Fragen ſie: wenn ich nun aber keine ſo gar empfindliche, merckliche und lebendige Verſiche - rung oder Freude erlangen koͤnte; wie ich denn hoͤre, daß viele druͤber geklaget haben, ſie haͤt - ten den eigentlichen Terminum, oder dasjenige Weilchen der Zeit nicht ſo eigen mercken koͤnnen, wenn ſie aus Jhrem geſetzlichen Zuſtand, darinn ſie in der Buſſe geſtecket, in den froͤlichen und getroſten Stand der Gnade uͤbergetreten ſind: woran ſoll ichs denn mercken, daß ich nun Frey - heit habe, mich ohne Scheu als eine privilegirte Perſon mit voͤlliger parrheſie Zuverſicht und Freudigkeit Hebr. 10, 12. zu GOtt zu halten? So antworte darauf? Es iſt zwar an dem, daß der guͤtige GOtt nicht einer ieden Seele ſeine Ausſoͤhnung mit Jhr auf eine ſo ſehr merckliche, und unausſprechlich erfreuende Weiſe kund zu thun pfleget: es kann ſolches auch niemand von Jhm praͤtendiren, zumahl er es bey manchem Menſchen, damit er ihn nur recht demuͤthig ma - chen moͤchte, ohndem unterlaſſen muß; und gar mancher ſich auch dieſer ſonderbaren Gnade durch langwieriges Wiederſtreben gaͤntzlich hat unfaͤhig gemacht: Jedoch thut ers bey ſehr vie - len ohnerachtet ers keinem einigen ſchuldig iſt. Und ich wolte faſt ſagen, eine GOtt mit groſ - ſem Ernſt ſuchende Seele duͤrffe es gar wohl wagen, GOtt um Chriſti willen, nur ohne gro - be Forderung, und ohne Vorſchreiben der Zeit oder anderer Umſtaͤnde, anzuruffen daß er Jhrdoch415wieder die Unreinigkeit. doch eine recht empfindliche und in einen hoͤhe - ren Grad ſteigende Erkaͤnntniß, ſchmertzliche Reue und Wehmuth uͤber ihrem Verderben und gethanen Suͤnden ſchencken, ſie aber alsdenn auch mit einer ſonderbaren und empfindlichen Freude und Stillung ihres Hertzens begnadi - gen wolle; damit ihr dieſer Terminus, von welchem an ſie hat angefangen Jhrem JEſu lieb und angenehm zu ſeyn, gantz merckwuͤrdig und tief ins Gemuͤth gedruͤcket bliebe: inſonderheit aber, damit ſie recht erfahre, was fuͤr Jammer und Hetzeleid es bringe, den HErrn zu verlaſſen und Jhn nicht zu fuͤrchten; Jerem. 2, 19. folg - lich auch alsdenn, (wie Hiskias Jeſ. 38, 15.) mit groſſem Ernſt ſagen koͤnne: Jch werde mich huͤten alle mein Lebenlang fuͤr ſolcher Betruͤbung meiner Seelen!

Wenn aber eine ſolche Seele etliche Tage oder eine Zeitlang drum angehalten, und doch keines von beyden erlanget, weiß ſich aber auf einige andere Dinge zu beſinnen, da GOtt ihr Gebeth in eben dieſen Tagen handgreiflich erhoͤ - ret hat: ſo hat ſie Zeit und Urſach, von ihrem Bitten abzuſtehen, und in devoter Bekaͤnnt - niß, daß ſie der Gnade unwuͤrdig ſeyn muͤſſe, es bey ihrem GOtt zu depreciren, daß ſie ſich unterfangen, eine ſo hohe Wohlthat von ihm zufordern; unwiſſend, daß er ſie deren unwuͤr - dig oder unfaͤhig oder es ihr nicht heilſam und hoͤchſtnoͤthig erkennet habe. Jnzwiſchen, wenn ſie auch ſchon eine ſo gar merckliche| Traurigkeit, und eine ſo tiefe Empfindung der vor GOttesGe -316(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Gerichte bereits geſchehenen Rechtfertigung zu einer gewiſſen und wohlgemerckten Zeit nicht er - langten: ſo duͤrffen ſie aus dieſem Grund allein keinesweges ſchluͤſſen, daß es mit Jhrer Bekeh - rung nichts muͤſſe geweſen ſeyn. Denn es ſind ſehr viel redliche Chriſten da, die vor Jhrem GOtt gantz freudig wandeln, und mit Jhm wohl zufrieden ſind, wiſſen ſich aber doch auf keine Zeit zu beſinnen, da ſie eine ſo durch drin - gende Traurigkeit und Schmertzen uͤber ihre Suͤnden empfunden haͤtten; weil ſie GOtt (der ja thun darf und kann was ihm beliebt) bald durch die innigliche Kraft ſeiner Liebe, deren Groͤſſe er ihnen bald anfangs zu groſſer Bewe - gung ihres Hertzens gewieſen und angetragen, zu ſich gereitzet, und bald zu hertzlicher Wehmuth und Thraͤnen gebracht. So pflegt ers auch gar oft ſo zu halten, daß er manchen Seelen der - gleichen empfindliche Bereuung der Suͤnden erſt nach der Rechtfertigung giebt, wie ers Ezech. 36, 26-32. ſehr deutlich hat angezeigt, daß wirs zum Unterricht und Troſt wiſſen. Denn er ſagt: Jch will euch ein neu Hertz, und einen neuen Geiſt in euch geben, und will ſolche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln, und meine Rechte halten, und darnach thun; ihr ſollt mein Volck ſeyn, und ich will euer GOtt ſeyn; ich will euch von aller eu - rer Unreinigkeit loß machen; alsdenn (alsdenn erſt) werdet ihr an euer boͤſes Weſen gedencken, und eures Thuns, dasnicht417wieder die Unreinigkeit. nicht gut war, und wird euch eure Suͤn - de und Abgoͤtterey gereuen.

Jch will Jhnen aber doch bey ſolchen Um - ſtaͤnden aus vielen nur ein einiges Kennzeichen an die Hand geben; welches ſo beſchaffen iſt, daß wenn ſie es bey ſich redlich und beharrlich oder ſtandhaft finden, ſie mit der hoͤchſten Ge - wißheit den Anfang ihres geiſtlichen Lebens, und eines neuen Hertzens von da an rechnen koͤnnen und ſollen. Wenn ſie unter dem Bußkampf mercken, daß die Verabſcheuung und Haß aller Suͤnden (beſonders aber der Suͤnden, ſo nur im Hertzen vorgehen) und das innigliche Ver - langen nach der Gnade und Liebesgemeinſchaft GOttes in Jhnen waͤchſt: ſo haben ſie ein un - wiederſprechlich Kennzeichen, daß ſie auf dem rechten Wege ſind, und nahe bey dem Zweck, aber doch noch nicht zu Ende; denn der Glaube gehet noch immer im Chriſtenthum gleichſam hinein, und bricht mit groſſer Macht zu Jhm zu; ſie haben die erſten Grundſtriche und An - faͤnge zum voͤlligen Chriſtlichen Leben, und wach - ſen darinne, aber ſind noch nicht gebohren. Eben wie ein Kind unter dem muͤtterlichen Hertzen freylich ſchon ſein ſchwaches und anfangs kaum merckliches Leben hat, in ſolchem auch von Mo - nath zu Monath waͤchſt, ſtaͤrcker und groͤſſer wird: aber iſt doch noch nicht mit dem voͤlligen Leben an das Licht dieſer Welt getreten.

So bald ſie aber wahrnehmen, daß ſie nun auch ein hertzlich Wohlgefallen und Luſt an JE - ſu haben, daß ſie nun eine wahre Freude an dem -III. Th. Betr. der Unreinigk. D dje -418(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,jenigen haben, was ſie vor im fleiſchlichen Sinn haſſeten; u. das jenige aufrichtig haſſen, ja gar nicht vertragen koͤnnen, was ihnen ehedeß ſo ange - nehm war; daß ſie nun eine voͤllige Willigkeit, hertzliches Verlangen und redliches Beſtreben in ſich finden, Jhn auf alle moͤgliche Weiſe zu ehren, aufs hoͤchſte zu lieben, und mit wahrer Freude alles Jhm zu Liebe und zu gefallen zu thun; mit eins, daß ſie Jhn gerne lieben, und wieder von Jhm geliebet ſeyn wollen und koͤn - nens nicht laſſen, ihm fuͤr ſeine koſtbare Erloͤ - ſung, und anſcheinend habende Vergebung aller Suͤnden auf alle nur erſinnliche Weiſe danckbar zu ſeyn: ſo haben ſie den allerhoͤchſten Erweiß davon, daß GOtt Jhr Hertz bekehret habe; und koͤnnen den Anfang ihres geiſtlichen Lebens un - zweifelhaft von hie anrechnen, eher aber nicht.

Dis iſts, was dort David ſeinem Heilande auch ſaget. Pſ. 110, 3. Nach deinem Sie - ge wird dir dein Volck lauter Willigkei - ten opfern ꝛc. Denn hie hat das aͤngſtliche Treiben des Gewiſſens zum Guten, das abnoͤthi - gen von der Suͤnde, der Zwang des Geſetzes, das Schrecken, und die vom Satan eingewend - ten Schwierigkeiten und Verdrießlichkeiten ge - gen das Chriſtenthum ein Ende: der Glaube ru - het nun ſchon in Chriſto, und hat die Unendlich - keit ſeines Vergnuͤgens gefunden, darum er ſich eine gute Weile ſo geaͤngſtet hat. Hier, hier ge - het erſt der erwuͤnſchte Zeitlauf endlich an, da man tuͤchtig und werthgeachtet wird, eigentlich zuerfahren, wie unvergleichlich ſehr der allerſe -lig -419wieder die Unreinigkeit. ligſte GOtt ſeine Menſchenkinder liebe, und wie unglaublich wohl es wahre und rechtſchaffe - ne Chriſten in der Bekandtſchaft und Conver - ſation mit GOtt haben. Und wer es bis hieher nicht hat bey ſich bringen laſſen, der kann und darf zu einen Zeugen deſ - ſen, daß der Chriſten Gluͤckſeeligkeit, Freude und Ergoͤtzlichkeiten uͤber alle in der Welt moͤg - liche, und auch koͤnigliche Luſtbarkeiten, wer weiß wie weit gehen, nicht aufgefordert noch angenommen werden; der kann das nicht eigentlich verſtehen, was dorten GOtt ſaget: Jeſ. 32, 17. Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede ſeyn; und der Gerechtigkeit Nutz wird ewige Stille und Sicherheit ſeyn; der kann auch zu keiner heiligen Hertz - haftigkeit und maͤnnlichen Staͤrcke im Chriſten - thum gelangen: ſo fern er es nicht im Grunde und gleichſam von vorne mit ſeiner Buſſe an - faͤngt, und bis dahin durchdringet.

Einmahl ſtehet geſchrieben: im Reiche JE - ſu Chriſti des Koͤniges, welcher heiſſet HErr Zebaoth (Jerem. 48, 15.) darf kein Einwoh - ner ſagen: ich bin ſchwach: denn das Volck, ſo darinnen wohnet, wird Verge - bung der Suͤnden haben. Jeſ 33, 24. und wer ſchwach ſeyn wird unter Jhnen, ſoll zum wenigſten ſeyn wie David. Zach. 12, 8. conf. Pſ. 108, 14. ſqq. So ſind die rechten Him - melsbuͤrger, die ihr voͤlliges Recht und Erbtheil bey GOtt erlanget haben; darnach muß man ihren Stand aͤſtimiren, und ſich in ſie ſchicken;D d 2ein420(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,ein ſolches Volck hat der allerſeligſte GOtt. An - dere ſind im Hauſe GOttes (ich rede nur von Gottsfuͤrchtigen, denn die Feinde GOttes gehoͤ - ren gar nicht hinein Apoc. 22, 15.) nur Gaͤſte und Fremdlinge, und gleichſam nur zur Herber - ge, die ſich kaum mit froͤlichem Aufthun ihrer Augen und Erheben ihres Angeſichtes in dem wunderſchoͤnen Hauſe GOttes nur umſehen doͤr - fen.

3) Verlo - be dich mit JEſu auf ewig.
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Damit Sie nun zu einer ſo voͤlligen, und mit Hertz erquickender Luſt verknuͤpften Willig - keit, GOtt zu ehren und ihn demuͤthig zu lieben, deſto leichter gelangen moͤchten: ſo rathe Jhnen zu dem heiligen Abendmahl des HErrn JEſu zu gehen; aber mit gebuͤhrender Zubereitung, und bey Leibe nicht eher, bis ſie wenigſtens obi - ge 2. Stuͤcke in ſich finden, die hertzliche Ver - abſcheuung aller Suͤnde und Jhrer Suͤndlich - keit, und das unablaͤßliche Verlangen nach der Gnade GOttes in Chriſto. Wie ſich dazu am beſten zuſchicken, wird Jhnen der heilige Geiſt gantz gewiß nach einer ſolchen vorgehabten Ar - beit deutlich und puͤnctlich genug anweiſen, wenn ſie Jhn darum bitten, darum will Jhnen davon nichts uͤberſchreiben. Eins aber bitte nochmahls um Jhres Lebens willen, Sie wol - len von ſolchen 3. angezeigten Bußuͤbungen nicht ablaſſen, bis ſie GOtt zu der freudigen Willigkeit gebracht hat.

Se -421wieder die Unreinigkeit.

Sectio II. Von der Bewahrung dieſer erlang - ten Freyheit, mithin von der Er - haltung der errungenen Keuſch - heit.

FRagen Sie: wie nun alsdenn, wenn ich bis ſo weit kommen waͤre? So verſi - chere Sie zuvoͤrderſt, daß ſie keiner be - ſondern Anweiſung oder Antriebes mehr werden noͤthig haben; ſondern der heilige Geiſt, der nun ſchon in - und mit Jhnen iſt, wird ſie ſelbſt lehren, und aufs lieblichſte zu allen GOtt wohl - gefaͤlligen Dingen reitzen und dringen Jer. 31, 34. Er wird Sie auch lehren, daß die 3. Ex - ercitia, die Jhnen zum Bußkampfe angewieſen ſind, auch zur Heiligung ſchlechterdings erfor - dert werden, aber in einer gantz andern Art, und ohne Hindanſetzung der andern noͤthigen Be - rufsgeſchaͤfte; hauptſaͤchlich aber mit Luſt und Willigkeit. Ach! mein Hertzensfreund! daß ſie nur in dem Zuſtande ſchon waͤren! Jch bezeu - ge es Jhnen vor dem lebendigen GOtt, und ſa - ge hiemit die Warheit vor JEſu Chriſto dem wahrhaften Zeugen; wenn Sie nicht bis zu die - ſem Punct des Chriſtenthums, zu einer ſolchen Freudigkeit und Willigkeit vor GOtt durchdrin - gen werden, ſo werden ſie nicht capable ſeyn, den Luͤſten des Fleiſches allen redlichen, hertzhaf - ten und beſtaͤndigen Wiederſtand zuthun: ſon - dern kommen leicht wieder unter das Geſetz, undD 3dar -422(III. Th.) Von den ſichern Mitteln,daraus unter die Sclaverey der Suͤnde: hin - gegen brechen ſie durch, bis zu dieſer Realitaͤt des Glaubens an JEſum, ſo ſollen ſie ſich wun - dern, wo die Luͤſte des Fleiſches geblieben ſind! denn ſie haben ſie hiemit quaſi aliud agendo da ſie mit der Hauptſache ihres Lebens beſchaͤftiget geweſen ſind, dermaſſen unterdruͤcket, daß ſie ſich wenn ſie ernſtlich und redlich bleiben, auch nicht einmahl vor ihren Anfaͤllen was zu ſcheuen haben.

Wie ſich in dieſer Frey - heit zu er - halten?
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Jch haͤtte alſo nun wohl faſt nicht mehr noͤ - thig, Jhnen einige geiſtliche Mittel wieder dieſe Seuche vorzuſchlagen, weil dis allein vollkom - men genug, und hinlaͤnglich iſt: (denn es ja un - moͤglich iſt, daß ein ſolcher Umgang mit GOtt nicht keuſch machen, und in der Keuſchheit be - wahren ſolte) weil aber doch gar verſchiedene Zufaͤlle dabey vorzufallen pflegen, ſo achte ich doch, daß ſie ſich die Sache durch folgende 3. Mittel gar ungemein erleichtern koͤnnen, die auf Seiten der Seelen unter den Wirckungen der allmaͤchtigen Gnade GOttes hiezu wiederum ei - ne vollkommene Hinlaͤnglichkeit haben.

I. Regel. PERSEVER A. halte aus.

I. Halte aus |
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LAſſen ſie ſich aus der nun erlangten Freu - digkeit und Willigkeit vor GOtt auf keine Weiſe heraus locken noch heraus - treiben; daß ſie ia nicht wieder verlieren, wasſie423wieder die Unreinigkeit. ſie mit ſolcher Muͤhe erarbeitet haben. Se - hen ſie ja nach, was Ezech. 18, 24. ſtehet. Jn die - ſer Feſtung ſich zu halten und zu wehren iſt nun vollends nicht ſchwer, weil die groſſe Macht der Liebe JEſu das Hertz gantz lieblich regieret. Cant. 8, 6. 7. Erwegen ſie davon das ſchoͤne Lied: Es iſt nicht ſchwer ein Chriſt zu ſeyn. Und: Mein Salomo, dein freund - liches Kegieren ꝛc. Sie duͤrffen nur die 3. Exercitia beybehalten, Gebet, Wachſam - keit und GOttes Wort, deren ſie in der Buſſe recht gewohnt worden ſind, und deren Gebrauch Jhnen bey weiten ietzo nicht ſo ſchwer vorkommen kann, als damahls, weil GOtt in Jhnen iſt, und Sie in GOtt. (Joh. 14, 23. Cap. 17, 21-26.)

Gewiß! ſo lange ſie alle Tage, keinen eini - gen ausgeſetzet, in dieſen Hauptſtuͤcken der Hei - ligung bleiben, nur nicht ſo eingeſchrenckt, ge - zwungen und geſetzlich, wie damals: ſo lange wird ihnen Satan, Welt und Suͤnde, und alle ihre Rotten und Bundesgenoſſen unmoͤglich was anhaben koͤnnen. Doch mercken Sie noch hie - bey folgende 3. Cautelen.

[α]) Sagen Sie es Jhrem GOtt fein1) Sey ge - troſt und froͤlich in GOtt. alle Tage mit ehrerbietiger Danckbar - keit ins Angeſicht, daß er ſie zu Jhrem Kinde aufgenommen, und ſeine Augen auf ſie geworffen, um ſie wie ſein Eigenthum zu lieben; preiſen und loben Jhn dafuͤr mit groſſer Erkenntlichkeit, und declariren ſich auch in tiefer Demuth gegen ihn, wie ſie Jhm zu Liebe nunD d 4al -424(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,alles in der Welt gerne thun wolten; empfehlen ſich alſo ſeiner treuen Aufſicht, und geneigtem Andencken taͤglich aufs unterthaͤnigſte und beſte. Dieſes loben und verherrlichen GOttes ſcheuen ſie ſich nicht, auch vor andern zu thun, und es andern zu erzehlen, wie liebenswuͤrdig ihr GOtt ſey. Es iſt unglaublich, was fuͤr ein Vortheil des Chriſtenthums darinnen lieget, daß man GOtt in allen Umſtaͤnden, auch in der hoͤch - ſten und verzweifelteſten Empfindung der Suͤnde lobe. Das iſt der Weg und die ſo geheime und ſo ſchwer geglaubte Methode, nach welcher uns Chriſtus weiſet das Heil GOt - tes. Pſ. 50, 23. Und wiederum iſt unglaub - lich, was der liebes volle GOtt ſeinem Kinde fuͤr eine geiſtliche Staͤrcke und recht hertzhafte Freudigkeit ſchencket, wenn es ſich nicht ſchaͤmet, Jhn auch andern anzupreiſen, und liebenswuͤr - dig vorzuſtellen, ſeine Herrlichkeit zu ruͤhmen vor jedermann, und ſeinen Reſpect auf alle Weiſe gegen Jhn zubereiten. So gar daß man wahrnehmen kann, es ſteige und falle das in ei - ner gantz genauen Proportion: Jemehr ein Menſch fuͤr GOttes Ehre eingenommen iſt, und ſich fuͤr Jhn interesſiret, fuͤr ſeine Ehre was wa - get, und ſich ſeinethalben vor aller Welt nicht ſchaͤmet noch ſcheuet: je mehrern Muth und Kraft laͤßt Jhm GOtt im geiſtlichen wieder an - gedeyen Pſal. 15, 4. 1.

Es iſt drum nicht noͤthig zu brauſen, und alles ſtrafen und bekehren, zu wollen, wo man was boͤſes ſiehet. Nein! Ueber den Freveltha -ten425wieder die Unreinigkeit. ten der Gottloſen wird der Himmel ja nicht ein - fallen. GOtt ſiehets und weiß es auch, aber er kans tragen. Er wird ſich ſeine Sache zur rechten Zeit ſchon fuͤhren, wie er geſaget hat. Jeſ. 42, 8. 48, 11-17. Erzuͤrne dich nicht erſt uͤber die Gottloſen, Pſal. 37. gantz, nur habe du keine Gemeinſchaft mit ihnen; verachte und ver - abſcheue nur ihre kindiſche und thieriſche Selig - keiten mit einem geſetzten, froͤlichen und frie - densvollen Weſen: ſo ſind ſie geſtraft genug. Sap. 2, 12-6. doch es laſſen ſich auch hierin - nen keine allgemeinen Regeln wohl geben, weil die Umſtaͤnde auf unzehliche Weiſe verſchieden ſeyn koͤnnen; man auch keine ſo gar uneinge - ſchrenckte Erlaubniß hat, den Geiſt zu daͤmpfen: ein jeder bitte GOtt um ſeine Regierung, und laſſe ſich denn auch gerne regieren; ſo hat er die allervollſtaͤndigſte Anweiſung. Eben darum iſts ſo abſolut noͤthig und ſo vortreflich gut, von dem allerſeligſten GOtt in allen Stuͤcken und Umſtaͤnden und allezeit unterthaͤnig zu dependi - ren.

[β]) Seyn Sie Jhrem nunmehro ver -2) Thue ja nichts wie - der das Ge - wiſſen. ſoͤhnten Vater im Himmel ia treulich und puͤnctlich gehorſam, und folgen al - len Errinnerungen des Geiſtes GOttes, die ſie in ihrem Gewiſſen erfahren, unausbleib - lich: Denn das iſt nun ihr ſehr liebliches Opor - tet, daß ſie allenthalben mit Luſt in acht nehmen muͤſſen. Sie haben nun als ein Kind dis zu einem ſonderbaren Vorrecht, daß nicht leicht ei - ne Gelegenheit zum Guten vorfallen wird, derD d 5Geiſe426(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Geiſt GOttes, unter deſſen annehmlichen Di - ſciplin ſie nun ſtehen, wird ſie im Gewiſſen da - zu reitzen; ob ſie es denn ihren ſo hohen und majeſtaͤtiſchen und doch ſo leutſeligen Gotte zu Liebe nicht thun wolten? ſo wird auch nicht leichte eine Reitzung oder Gelegenheit zum Boͤ - ſen vorkommen, der heilige Geiſt wird ſie (und zwar in kleinen und groſſen Dingen) gar treu - lich im Gewiſſen auch dafuͤr warnen, und Jh - nen wenns erſt noͤthig waͤre auch die beweglich - ſten Vorſtellungen thun, daß ſie es doch ia nicht begehen moͤchten, Solchen unmittelbaren Leh - ren des heiligen Geiſtes folgen ſie alsbald un - ausgeſetzt, und folgen in allen Dingen; denn abermahl iſts nicht zu ſagen, was dieſe Treue und Redlichkeit im Chriſtenthum fuͤr Segen, Kraft und Freudigkeit auf das kuͤnftige und fuͤr ein ungemeines Vergnuͤgen der Seelen bringe.

Hingegen, wenn man erſt in den kleineſten Dingen ſolchen Unterweiſungen des Geiſtes GOttes nicht folgen will: ſo werden dieſelben im Gewiſſen aufgehalten und gemindert; die geiſtliche Kraft, groͤſſern Anfaͤllen zu wiederſte - hen, vergehet; und der Satan wird ſolcher Klei - nigkeiten ſo viel zuſammen haͤuffen, daß er ſie endlich damit erdruͤcken, und in das aͤngſtliche Chriſtenthum, ich meyne unter das Joch des Geſetzes ſtecken kann. Stuͤnden ſie denn manchmahl im Zweifel, wie ſie ſich in der und der Sache zu verhalten haͤtten: ſo fragen Sie nur einfaͤltiglich: wie wuͤrde es wohl mein ge - liebter Heiland dabey gemacht haben? oder wo -durch427wieder die Unreinigkeit. durch kann ich wohl meine Liebe, Ehrerbietung und devote Ergebenheit gegen GOtt am meiſten darthun? ich will ſie verſichern, daß der Zwei - fel ſehr wenige ſind, die ſie hiermit nicht ſolten heben koͤnnen.

[γ]) Wenn ſie es wo verſehen: ſo blei -3) Faͤllſt du: ach ei - le doch bald zu JEſu! ben ſie doch um der Liebe JEſu willen nicht die geringſte Zeit von Jhrem Hei - lande weg; verunruhigen ſich nicht; und halten ſich damit nicht zu lange auf; thun nicht ſo mißtrauiſch und liebloß, wie die Kinder, welche nach verdienter Straffe von ihren Eltern weglauffen, und ſie damit noch vielmehr betruͤben; ſondern alsbald nach geſche - henen Fall, und ſo bald ſie nur der Geiſt GOt - tes drum beſtraffet, gehen ſie ohne einiges Ver - zoͤgern und aͤngſtliche Furcht zu Jhrem Heilan - de hin; erzehlen Jhm die gantze Sache im ver - borgenen wenns noth iſt, auch ſehr ſpeciell, und nach allen Umſtaͤnden; depreciren es mit Weh - muth und Schamhaftigkeit; und gehen nicht da - von, bis ſie Verſicherung haben, es ſey verge - ben. Kaͤme denn gleich keine ſo empfindliche Verſicherung nicht wie zuvor, ſie wiſſen aber gewiß, daß ſie zuvor ein geliebter GOttes wa - ren: ſo reiſſen ſie die Vergebung der Suͤnde mit Gewalt zu ſich, diſputirens dem HErrn JEſu wo noͤthig mit unablaͤßlichen ſuppliciren und conteſtiren auch ab, denn ſie werden ihn gewiß dazu vermoͤgen. Sehen ſie nur nach, was Hoſ. 12, 5. ſtehet. Seine Liebe iſt ia unermaͤßlich hoͤher und zaͤrtlicher, als einer Mutter Liebeſeyn428(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,ſeyn kann. Nun dieſe ihr Kind, das im Koth gefallen, oder ſich auch das Angeſicht gantz zer - ſchlagen und blutruͤnſtig gemacht hat, wahrlich nicht ſchlaͤgt, oder anfaͤhret: ſondern beklagts, waͤſchts und heilet es, ſo koͤnnen ſie leicht den - cken, daß es JEſus noch unendlich eher mit Jh - nen ſo mache, da Jhm ihre geiſtliche Geburt ſo viel gekoſtet.

Jch rathe es Jhnen auf keinerley Weiſe, daß ſie ſich unterſtehen, mit einem zweifelnden Gewiſſen und unruhigen Hertzen dabey vorlieb zu nehmen, und ſich in ihre Geſchaͤfte flugs wie - der zu zerſtreuen. Denn ſie ſind in der augen - ſcheinlichen Gefahr, wieder unter das Geſetz zu kommen, wo keine Kraft und keine Raſt noch Ruhe iſt. Jch ſage noch uͤber dieſes: waͤren ſie gantz gewiß ein gerechtfertigter und begnadig - ter Menſch GOttes, ſo kann ſie eine Suͤnde, (die ſie ſonſt unter die groͤſten zehlen werden weil ſie ſich um der erlangten Gnade willen al - les ſehr ſcharf und genau nehmen,) wenn ſie nur nicht reclamante eonſcientia, (mit ſtarckem Wie - derſpruch des Gewiſſens,) und nach vorherge - gangener oͤftern Remonſtration des heiligen Gei - ſtes, folglich mit Wiſſen und Willen geſchehen, ſchlechterdings nicht aus der Gnade ſtuͤrtzen: ſon - dern hat ſie nur vor Jhrem GOtt veraͤchtlicher, in ihrem Glauben weit ſchwaͤcher, im Chriſten - thum trauriger, und in allen Jhren Verrich - tungen unruhiger und unluſtiger gemacht; wel - ches alles aber durch eine baldige Wiederkehrſehr429wieder die Unreinigkeit. ſehr leicht; durch Zaudern und Ausweichen aber ſchlechterdings nicht zu heben iſt.

Weil an der rechten Einſicht dieſer Grund -Umſtaͤnd - liche Be - ſchreibung des Proceſ - ſes der Rechtferti - gung wahrheit unſrer Chriſtlichen Religion ſo gar unglaublich viel gelegen: ſo muß ſie hier etwas deutlicher und gruͤndlicher ausgefuͤhret werden. Jch glaube kaum, daß ein armer Suͤnder, der unter der heiligen Cur und Pflege JEſu Chri - ſti ſtehet, es ſey vor oder nach|der Rechtfertigung, durch irgend einen Fall oder vergehen ſo bald und ſo gar auf einmahl muthloß werde, als ei - ner, den der Satan mit Suͤnden der Unzucht quaͤlet. Hat ſich ein Menſch, der nun ſeinen GOtt nicht gerne mehr betruͤbete, etwa mit ei - nem Wort vergangen, es iſt ihm eine Unwahr - heit, ein zorniger Ausdruck, ein leichtſinnig Wort, und dergleichen entfahren, er iſt etwa worinn zu uͤbereilt, oder zu weit ſchweifend, oder ungeduldig und ungeberdig geweſen: ſo hat er ſeine Gewiſſenszucht daruͤber, (einer vor dem andern; nachdem eben ſein Gemuͤthszuſtand iſt, und nach dem ihm der gute Artzt JEſus eine Zucht noͤthig findet,) er wird bekuͤmmert, geht eine weile conſternirt dahin, und kann kein froͤ - lich Hertz und Angeſicht vor GOtt ſehen laſſen. Allein, dis wehrt doch nur eine kleine Weile; er giebt doch drum nicht alles verloren; er er - mannt ſich wieder, faßt einen Muth, bittet es ab, (ach nur je eher, je beſſer!) und faͤngt denn deſto mehr an wieder die Suͤnde zu kaͤm - pfen, ſich ſelber nicht zu trauen, ſich ſelbſt ſehr gering zu ſchaͤtzen, ja zu verabſcheuen, und da -ge -430(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,gegen bemuͤht zu ſeyn, dem allerliebſten GOtt in JEſu Chriſto auf alle nur erſinnliche Weiſe gefaͤllig zu werden.

Aber ſo gehets mit dieſer Art Patienten nicht! Die wollen bald verzagen; die gehen GOtt aus den Augen; die erzittern vor jedes Menſchen Anblick, den ſie nur fuͤr einen from - men achten; die entſetzen ſich vor GOtt, ſobald ſie nur an ihn dencken, daß ihr gantzer Leib zit - tert, und ſie halb ſinn und kraftlos werden; die wollen gleich um alle Gnade kommen ſeyn; denen ſolls gleich nicht mehr moͤglich ſeyn, wie - der umzukehren, und dennoch, dennoch ſelig zu werden; die moͤchten ſich ſelber vor Gram und Unwillen gegen ſich ſelber bald Leides thun. Mit einem Wort: die gantze Welt wird ihrer be - klemmten Seele zu enge, und jedes Geſchaͤfte ihren ſchuͤchternen und ſehr verſtoͤrten Seelen bald unmoͤglich, bald unertraͤglich. Soll man da nicht zu Huͤlfe kommen, und retten, wenn man retten kann? Jch halte dafuͤr, dieſe jaͤm - merliche Noth komme bey den meiſten theils daher, weil ſie keinen voͤllig-richtigen Begrif von der Vergebung der Suͤnden haben; (die ihnen denn der Satan ſo beſchnei - det, und ſo kurtz und klein macht, als ihm nur immer moͤglich. ) andern auch theils daher, weil ſie ſich vom Satan einbilden laſſen, die Gnade GOttes gehe mir jedem groben Fehltritt und Fall gantz vollkommen und auf einmal verloren. Mein Freund! Jch will Jhnen von beyden Stuͤcken ſo kurtz als moͤglich Nachricht geben.

I. Die431wieder die Unreinigkeit.

I.

Die Vergebung der Suͤnden odera) Was hat die Vergebung der Suͤn - den fuͤr ei - nen Jnn - begrif? Rechtfertigung eines zur Verdamniß gleichſam verurtheileten Suͤnders vor GOtt iſt ein ſo groſſer und weitlaͤufti - ger Jnnbegrif von Seligkeiten: daß ſich auch kein Menſch recht voͤllig vor - ſtellen und es verſtehen kann, als der ſie empfangen. Wuͤſten es die Menſchen zum voraus, und koͤnten es begreifen: ſie wuͤrden gerne ihr Haab und Gut, ja gantze Koͤnigreiche dafuͤr hingeben, wenns noͤthig oder moͤglich waͤ - re, ſie zu erkaufen. Doch wird ſich dieſes auch von ſolchen, die es nie an ſich erfahren, aus Pſal. 32, 1. 2. oder Roͤm. 4, 6. 7. ſqq. einiger maſſen einſehen laſſen. Daſelbſt wird dieſer allerhoͤchſte goͤttliche Proceß etwas umſtaͤndli - cher beſchrieben, und entdecket, daß zum we - nigſten dreyerley gerichtliche Begnadigungs - actus darinnen zuͤſammen vorkommen: die Vergebung, die Bedeckung, die nicht Zurech - nung der Suͤnden.

1)

Vergibt GOtt der HErr den bußfer - tigen und glaͤubigen Suͤndern ihre Uebertretun - gen. Das haͤlt nun nothwendig 2. Stuͤcke in ſich, deren eins ohne das andere unmoͤglich, und der arme Suͤnder auch ohne beyde vor GOttes Augen ſchlechterdings nicht beſtehen kann. Nem - lich es werden

a) alle Schulden und Strafen, die dem ar - men Suͤnder wegen der angebohrnen und be - gangenen unzehlichen Suͤnden auf dem Halſe lagen, im Gerichte durchſtrichen, caßirt aufge -ho -432(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,hoben und fuͤr bezahlt und abgethan erklaͤret. Demnach muß der ſchuldige um Chriſti willen vor dem Gerichte GOttes angeſehen und decla - rirt werden als ein vollkommen unſchuldiger; das iſt: als waͤre er unſchuldig gebohren, haͤtte Zeit Lebens unſchuldig gelebt, und nie kein Un - recht gewuſt, gedacht gewollt, oder gethan ꝛc. Alles um der Unſchuld JEſu willen. Dagegen wird

b) dem pardonirten Suͤnder eine ſo hohe, ſo guͤltige und ſo vollkommene Unſchuld, Gerech - tigkeit und Heiligkeit frey hingegeben, als des HErrn JEſu ſeine iſt, die er uns erworben; das iſt welche uͤber alle Unſchuld und Gerechtigkeit der Seraphinen unendlich hoͤher ſteiget. Denn es iſt JEſu ſeine eigene Gerechtigkeit, die er den ſeinen zu eigen ſchencket: und die muß nothwendig aller Engel Gerechtigkeit und Hei - ligkeit unendlich uͤbertreffen. Demnach muß ein ſolcher im Gerichte GOttes als ein GOtt geliebter, angenehmer und getreuer Menſch an - geſehen werden; der alle ſein Lebetage alles ge - liebt, gedacht, gewolt, gethan gelidten, was GOtt will; und das alles mit Freuden weils JEſus fuͤr ihn gethan. Dieſer Begrif muß in dem Worte der Vergebung ſo gewiß liegen, als ge - wiß es iſt, daß JEſus fuͤr uns geſtorben, und daß uns unſre Suͤnde durch ihn nicht zuge - rechnet, ſondern dagegen JEſu Chriſti eige - ne Gerechtigkeit zugeſchrieben wird. Roͤm. 3, 24-26. 5, 6. 8. 10. 17-21.

Ja 2 Cor. 5, 14. 15. 18-21. wird noch un -glaub -433wieder die Unreinigkeit. glaublich viel mehr geſaget; nemlich, daß, weil JEſus fuͤr uns gar zur Suͤnde gemacht, oder fuͤr einen hoͤchſtſuͤndhaften, gottloſen, verfluch - ten Uebelthaͤter (fuͤr alle Uebelthaͤter, nomine vicario,) im Gerichte GOttes angenommen, de - clariret und abgeſtraffet worden iſt: ſo ſolten und muͤſten dagegen wir in ihm werden die Ge - rechtigkeit ſelbſt, die vor GOtt gilt, das iſt, fuͤr hoͤchſt unſchuldige, ja hoͤchſtgerechte Leute im Gerichte GOttes angenommen und dafuͤr decla - riret werden; im gantzen Himmelreich muͤſſe man uns ſchlechterdings paßiren laſſen als Leute, deren Gerechtigkeit vor GOtt guͤltig, hinlaͤng - lich und unverwerflich iſt; und das zwar kraft der ewigen Vertraͤge zwiſchen dem Vater und dem Sohn, die der heilige Geiſt in den Ewig - keiten verſiegelt, und in der Zeit vor den Augen aller Welt publiciret und beſtaͤttiget hat. Se - hen ſie da! der gegebene Begrif von der Verge - bung iſt dagegen nur noch viel zu klein; und wer ihn in ſeinem kleinmuͤthigen Hertzen noch ſchmaͤlern und vermindern wolte, der wuͤrde das gantze allerhoͤchſte Werck der Erloͤſung, und Aus - ſoͤhnung GOttes mit den Menſchen, verringern und verdrehen muͤſſen.

Jch will Jhnen dis mit einem angenehmen Glaubensſchluß erlaͤutern. Jch ſage: GOtt will und kann und darf den bußfertigen und an JE - ſum glaͤubigen Suͤndern ihre Suͤnden ſchlech - terdings nicht mehr zurechnen: denn er hat ſei - nen voͤlligen gerechten und heiligen Willen, ihre Suͤnden hinlaͤnglich abzuſtraffen, ſchon voͤlligIII. Th. Betr. der Unreinigk. E eaus -434(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,ausgeuͤbt. Zum andernmal aber einerley Ver - brechen zu ſtraffen, da die erſte Beſtraffung gantz vollkommen war, iſt bey goͤttlicher Majeſtaͤt bey - des nach der Liebe als nach der Gerechtigkeit kurtzum unmoͤglich. Daß aber GOtt ſein Strafgericht ſchon ausgeuͤbt, erweiſe ich ſo:

  • a) Vor dem Fall drohete er der Suͤnde den Tod, Gen. 2, 17.
  • b) Der iſt auch uͤber alle Menſchen kom - men. Roͤm. 5, 12. 17. Der geiſtliche zwar am meiſten, mit der Anwartung auf den ewigen; |wel - ches beydes aber der leibliche Straftod zugleich mit kund und ſichtbar machen muß, weil jener am meiſten in der Seele liegt und wuͤtet.
  • c) Nun hat ſich aber JEſus angeboten und verbindlich gemacht, unſere verlorne Sache durch eignen Tod auszufuͤhren Pſal. 40, 7. ſqq.
  • d) Dieſen Antrag hat der Vater angenom - men Jeſ. 42, 1. ſqq. Und ſolches alles, beydes der Antrag, als deſſen Annehmung, iſt vor al - ler Welt durch Opfer, Vorbilder und klare Ausſpruͤche publiciret worden. Jeſ. 45, 22-25. Cap. 49, 1-7.
  • e) JEſus iſt kommen, und iſt fuͤr alle ge - ſtorben, und zwar juſt desjenigen Todes, der im Paradis gedrohet war, nemlich des blutigen Gal. 4, 4. 5. Hebr. 9, 22. Doch ſo, daß die - ſer Tod jedermann nur auf die Condition des Glaubens zu Nutze kommen ſolte. Pſal. 16, 3. 4. Johan. 3, 16. 36.
  • f) Nun halten wir, GOtt und die Glaͤubigen, dafuͤr, daß ſo einer geſtorben iſt,ſo435wieder die Unreinigkeit. ſo ſind ſie alle geſtorben 2 Cor. 5, 14. So hat denn nun ein jeder Glaͤubiger ſeinen voͤlligen Straftod ausgeſtanden: Denn GOtt rechnet kraft des ewigen Vergleichs und publicirten Wortes dieſen Tod einem jeglichen Glaubenden ſo kraͤftig und vollkommen zu, daß, wie gewiß und ſtarck wir von Chriſto behaupten: Er iſt fuͤr uns gecreutziget, geſtorben, begraben, auf - erſtanden ꝛc. ſo gewiß und zuverlaͤßig kann auch ein jeder Chriſt mit bibliſchen Worten behaup - ten: Jch bin mit Chriſto gecreutziget, Gal. 2, 19. geſtorben, Roͤm. 6, 8. 11. begraben, Roͤm. 6, 4. und auferſtanden. Hoſ. 6, 2. Col. 3, 1. Demnach ſiehet uns GOtt fuͤr geſtorbene an.
  • g) Nun ſtehet geſchrieben: wer geſtorben iſt, der iſt gerechtfertiget von der Suͤnde Roͤm. 6, 7. Es ſind aber pœnaliter und im Straf - gerichte GOttes alle geſtorben 2 Cor. 5, 4: dem - nach auch nach dem Willen und Schluß GOt - tes und nach dem Zweck der Erloͤſung alle ge - rechtfertiget von der Suͤnde. Die Rechtferti - gung des Lebens iſt uͤber alle Menſchen kommen Roͤm. 5. 18. So hat nun GOtt an dieſem ho - hen Verſoͤhnungsfeſt 1 Joh. 1, 7. ſeine Ungna - de und Zorn gegen alle Menſchen fahren laſſen, und hat ſich fuͤr ſeinen Theil mit ihnen allen ausgeſoͤhnet, oder mit einem Wort: hat allen Menſchen alle Suͤnden wircklich vergeben, doch ſo, daß nun jeder komme, und hole ſich gleich - ſam die Vergebung bey JEſu Chriſto ab. Joh. 1, 12. 13. Dis geſchahe alles auf einen Tag, und auf einmal Zach. 3, 4. 9. Hebr. 10.
E e 2So436(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,

So folget alſo handgreiflich, daß nun kein Menſch mehr noͤthig habe, ein furchtſam und mißtrauiſch mithin auch unwilliges Hertz gegen den allerliebſten GOtt zu behalten; daß nun niemand mehr doͤrfe feindſelig, wiederſpenſtig und ungehorſam gegen ihn verbleiben, Jeſ. 59, 2. Roͤm. 5, 10. daß nun niemand mehr ſchul - dig ſey, in und uͤber ſeinen Suͤnden zu ſterben und zu verderben, ſo er nur JEſum im Glau - ben annehmen will Jerem. 31, 31. ſqq. 32, 38-42: ſondern daß nun jedermann ein voͤllig Hertz und Vertrauen zu ihm faſſen, und mit einem froͤli - chen und willigen Geiſte, durch Liebe gedrungen, in der innigſten Danckbarkeit fuͤr eine ſo hohe Begnadigung, vor GOtt |wandeln und JEſu nachfolgen doͤrfe und koͤnne Gal. 2, 19. 20.

Ja es iſt hieraus unwiederſprechlich offen - bar, daß das wahre Chriſtenthum in einer ſtets - wehrenden Verſoͤhnung oder guten Vernehmen der Menſchen mit GOtt und GOttes mit den Menſchen beſtehe, mithin nothwendig ein hohes Vorrecht und Privilegium ſeyn muͤſſe, mit der Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geiſt ja mit dem gantzen Himmelreich GOttes begleitet.

2)

Bedecket er die Suͤnden. Dieſe wundergroſſe Liebe und mitleidiges Erbarmen beweiſet GOtt der HErr zum Theil ſchon vor der Rechtfertigung, wenn er die Seele zu die - ſem wichtigen Proceß bereitet und geſchmeidig macht. Er ſtellt dem armen Suͤnder ſeine Suͤnden nicht alle mit einander, nicht auf ein -mal437wieder die Unreinigkeit. mal, nicht mit aller Schaͤrfe, nicht in aller und gantzer Abſcheulichkeit vor Augen, damit das erſt ſo trotzige Hertz alsdenn nicht gar verzage: ſondern alles nach dem hoͤchſten Erbarmen und des Patienten Faſſung abgemeſſen. Allein hier - mit macht GOtt nur den Anfang, gewoͤhnet ſich ſeine Patienten zu ſeiner Pflege, und weiſet ih - nen, wie er nun kuͤnftig nach der Rechtfertigung mit ihnen umgehen werde. Jm Pardon ſelber, wenn er ſie zu ſeinen lieben Kindern aufnimmt, und ſie deſſen verſichert, macht er ſich zu einer ſolchen Bedeckung ihrer Suͤnden um JEſu wil - len gantz beſonders verbindlich, und ſaget ihnen heiliglich zu, er wolle z. Ex. unter andern:

a) Jhnen ihre vorigen Suͤnden und Miß - handlungen, die bereits vergeben ſind, nicht weiter vor Augen ſtellen, nicht erſt vorruͤcken, noch ſie durch deren betruͤbtes Angedencken wieder bekuͤmmern und bloͤde machen: ſondern er wolle ihrer gerne ewiglich vergeſſen; ſo ſie nur nicht ſelbſten durch Untreue und Nachlaͤßigkeit im Glauben ihr Hertz bloͤde, und das Andencken der vorigen Ungerechtigkeit nothwendig machen. Jm - mittelſt ſolten ſie gleichwol immer Pflicht und Recht behalten, GOtt Jhren verſoͤhnten Vater zu bitten, daß er ihnen doch nach und nach offen - baren wolle: Welch eine Macht von Suͤnden ih - nen ſey vergeben worden; damit ſie hiedurch zu de - ſto freudigerer Zuverſicht und ſtaͤrckerer Liebe ge - drungen werden moͤgen. Luc. 7, 47. Hohel. 8, 6. 7.

b) Er wolle ihnen auch ihre gegenwaͤrtig noch uͤbrige Suͤndlichkeit u. Verderbniß des Hertzens nicht ſo oft, nicht ſo hart, und nicht inE e 3ſo438(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,ſo vielen Proben, als es ſonſt billig waͤre, vor ihre Augen ſtellen, und im Gewiſſen empfind - lich machen: ſondern gleichſam vor ihnen ver - bergen und ihre Augen davon abwenden, damit ſie ihm nur nicht zu furchtſam und kleinmuͤthig werden. Eben wie ein treuer Artzt ſeinem Pa - tienten nicht alle noch bevorſtehende Gefaͤhrlich - keiten anzeigt oder ſehen laͤßt: ſondern verbirgt derſelben ſo viel als er nur fuͤr noͤthig oder nuͤtzlich findet, damit er ihn ſo gut als moͤglich beym Muth und guter Hofnung erhalte.

c) Er wolle auch nicht allemal anzeigen und ſichs gleichſam mercken laſſen, wenn ſich ſeine armen Kinder im dencken, wollen, reden, thun und laſſen irgend an ihm verſuͤndigen, und worinn vergehen: vielweniger es alles zu ge - nau nehmen; oder ſo zu ſagen alles bald erblicken; zu hoch anrechnen; zu oft, zu viel, zu hart, zu lange ahnden; ſeinen heiligen Unwillen daruͤber im Gewiſſen zu ſehr und zu lange kund thun; oder ſie allemal drum ſchelten und ſchamroth machen ꝛc. Nein! das koͤnte er unmoͤglich uͤber ſein Hertz bringen, daß er auch nur ein einiges ſeiner Kinder in ſo einer oͤftern und langweh - renden Conſternation, Bloͤdigkeit und Jammer ſolte wiſſen, oder ſehen, und drein fallen laſſen, als oft es ſtrauchelt: dis ſey ja nicht einmal ei - ner leiblichen Mutter bey ihrem Kinde moͤglich; wie viel weniger ihm, der aller natuͤrlichen und heiligen Liebe in der gantzen Welt ihr Urheber und unendliche Quelle iſt. Dis waͤre ſo gar auch wieder die oͤffentlichen Vertraͤge der Ewig -kei -439wieder die Unreinigkeit. keiten: denn ſein Sohn, der Menſchenfreund und Erloͤſer habe dis ja aufs allerheiligſte aus - gemacht, daß dis ſchlechterdings nicht geſchehen doͤrfte noch koͤnte, Pſalm 69, 7. Es ſollen die pardonnirten nicht einmal ſchamroth geſchweige denn zu ſchanden werden koͤnnen an JEſu Chri - ſto, die den HErrn ſuchen und ſein harren. Dis waͤre auch wieder die oͤffentlichen und in al - ler Welt kundgemachten Verheiſſungen GOt - tes, und alſo wieder das allerhoͤchſte gegebene Wort, kraft deſſen ſich der unwandelbare und wahrhaftige GOtt ſelber hat verbindlich ge - macht, und ſo theuer als dort dem Noah bey der Suͤndfluth geſchworen: daß er uͤber ſeine arme ſchuͤchterne Kinder nicht zuͤrnen, noch ſie ſchelten will, Jeſai. 54, 9. 26, 3. 4. 27, 4. 5. Er weiſet ihnen alſo oͤfters aus 100. Vergehun - gen (denn wer kann mercken, wie oft er fehlet? wer kann die Seelenſuͤnden zehlen?) nur eine, oder 2. oder 10. je nachdem ſie es noͤthig haben oder tragen koͤnnen, und auch dis thut er nur in dem Maß, Grade, Dauer, Art und Wirckung, als es ſein erbarmend Hertz am nuͤtzlichſten fin - det, den begnadigten Suͤnder an ſeinen Hei - land zu gewoͤhnen, arm am Geiſt zu machen, im Glauben zu uͤben, durch Erfahrungen zu be - waͤhren, und zu einer heiligen Vorſichtigkeit an - zufuͤhren. Gewißlich, wenn der ewige Erbar - mer dieſe Bedeckung der Suͤnden, vor den Au - gen und Gewiſſen ſeiner armen Kinder, nicht Tagtaͤglich mit einer recht heiligen Gnade uͤbete: ſo wuͤrde deren kein einiges der Vergebung, undE e 4alſo440(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,alſo des gantzen Gnadenlebens aus GOtt recht froh werden koͤnnen. Denn wenn GOtt auf die Seelenſuͤnden mit ſeinen Kindern zur Rechnung gehen will, und will ſie nach dem un - endlichen Maß ſeiner Heiligkeit und Majeſtaͤt ſchaͤtzen, und es den Menſchen nur in ihrer See - le wiſſen und empfinden laſſen: ſo muß in allen Seelenkraͤften alles zu truͤmmern gehen, und in die hoͤchſte und unausbleibliche Beſtuͤrtzung, Verwirrung und Verwuͤſtung hineingeſetzet werden; wo man keinen Erloͤſer hat und weiß. Wer kann vor dem entſetzlich ſtrahlenden Glantz der Herrlichkeit GOttes und vor ſeinem feurigen Zorn beſtehen? Jeſ. 33, 14. Nah. 1, 2. Ebr. 12, 29.

Wer dis recht erkennet, der begreift leicht, daß der liebvolle GOtt ſeinen Kindern durch dieſe Verdeckung ihrer Suͤnden alle Tage ſo viel Gutes und Barmhertzigkeit erweiſet, als ihm mit aller Welt Guͤtern nicht koͤnte vergol - ten werden. Er ſiehet ein, daß auch nur allein dieſe Suͤndenbedeckung vor dem erwachten Ge - wiſſen mit einem gantzen Koͤnigreich nicht zu be - zahlen waͤre, wenn man die gegenſeitige Folgen zugleich mit abkauffen ſolte. Er wird inne, daß wenn GOtt der HErr Luſt haͤtte, ſeine Men - ſchenkinder zu plagen, und wuͤnſchte ſie nicht lie - ber ſelig zu wiſſen: er ja nur den Vorhang vor ihrem Gewiſſen wegziehen doͤrfte, daß ſie ſich muͤſten den Graͤuel ihrer Suͤnden, und den un - aufhoͤrlich fortflieſſenden und ſtinckenden Wuſt ihrer Hertzen anſehen, und dabey die entſetzlicheUn -441wieder die Unreinigkeit. Ungnade GOttes uͤber dis alles empfinden, wenn ſie JEſum nicht zum Freunde haben; So haͤtten ſie ja Hoͤllen und hoͤlliſcher Plagen genug in ihren eigenen Hertzen und Gewiſſen. Se - ligſter GOtt! mit welchem Danck werde ich dir denn fuͤr dieſe wundervolle Bedeckung meiner Suͤnden in den Ewigkeiten dancken?

d) Und eben ſo laͤſſts der liebreiche GOtt keinem einigen voraus wiſſen, was fuͤr Stuͤrme der Verſuchungen uͤber ihn kuͤnftig noch kom - men, oder worinn, wie, und wie vielmal er noch wol werde ſtraucheln, fallen und unterliegen muͤſſen; ohnerachtet ers alles gar wohl weiß, es auch leicht, wie dem Petro ſeinen Fall, voraus ſagen koͤnte. Es iſt einmal ein heilig Geſetz ſei - ner Liebe, daß er ihm ſein Volck aufrecht, ge - troſt, kindlich und freudig erhalte, und ein jegli - ches ſo viel immer moͤglich vor der Kleinmuͤthig - keit bewahre. Denn im Geſetz iſt weder Raſt noch Ruh, | weder Luſt noch Willigkeit, weder Muth noch Kraft.

e) Auf gleiche Weiſe verbindet ſich die ewi - ge Liebe um Chriſti willen auch, der angenom - menen und begnadigten Suͤnder ihre vorige, ge - genwaͤrtige und etwa noch kuͤnftige Fehltritte und Thorheiten vor den Augen der Welt, und dereinſt auch am juͤngſten Gerichte zu ver - bergen u. zu verdecken: Theils damit daraus von andern kein rechtliches Aergerniß genommen, und auf ſeine Rechnung fortgeſuͤndiget werden koͤn - ne; theils, damit ſein heiliger Name an ſeinem Volck nicht geſchaͤndet werde; theils damit ihmE e 5ſeine442(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,ſeine Kinder durch die erblickte Kundbarkeit ih - rer Fehler nicht in eine jaͤmmerliche Angſt, Ver - ſtoͤrung und ſchweren Kummer, (denn dieſer pflegt gewiß entſetzlich ſchwer zu ſeyn) mithin auch in Beſchaͤmung und Bloͤdigkeit vor der Welt und vor ſeinem Angeſicht hinein geſtuͤrtzet werden, woraus unzehlich viel Elendes entſprin - get; theils damit er ihm ſeine Leute von|den andern diſtinguire, als welchen es ſchon lange zum voraus angedeutet iſt, daß auch ihres Her - tzens Gedancken, mithin alle Verrichtungen der Seelen, am Tage der Offenbarung werden her - vor und ans Licht treten muͤſſen. Roͤm. 2, 16. 5. ſqq. 1 Cor. 4, 5. Pred. 12, 14. c. 31, 34. Mich. 7, 19. Man ſehe nur davon nach Je - ſai. 43, 25. Jerem. 50, 20. Mal. 3, 17. 18. Matth. 25, 34-41.

Auch darinnen verfaͤhret GOtt| nach ſeinem unergruͤndlichen Rath; richtet ſich nach ſeinem eigenen Maß, Graden, Zeiten und eigenem al - lerhoͤchſten Belieben; laͤßt ſich von niemanden auskundſchaften noch in Verſuchung ziehen; man kann ihms weder nachrechnen noch zum voraus erfinden, wie weit und wie lang er darinn gehen wolle; er gibts keinem ſeiner Kinder auf dem Zettel, vielweniger der Welt zur Schau und bravour; Nein! Er thut, was er will, denn er weiß, was er thut; er iſt niemanden nichts ſchuldig, und laͤßt ſich nichts nehmen; Er thut oft Dinge, daruͤber alle Welt erſtau - nen, und ſelbſt ſeine vertrauteſte Kinder erzit - tern muͤſſen: Denn er heiſſet Jehovah, von demal -443wieder die Unreinigkeit. alles dependiret, und deſſen gantzes Gnadenreich wunderbar, und der Welt ſchrecklich wiederſin - niſch ſeyn und bleiben muß. Aber die elenden Schafe mercken drauf und genieſſens. Zach. 11, 11.

3)

GOtt rechnet die Suͤnden nicht zu. Dis hohe Gnadenwerck der Rechtferti - gung iſt vom Bedecken der Suͤnden gantz unter - ſchieden. Denn GOtt kann die Uebertretun - gen ja wol bedecken, nicht ahnden, ſichs nicht mercken laſſen, noch dem Menſchen und andern kund thun: aber inzwiſchen doch anrechnen, und den groſſen Schuldzettel zu ſeiner Zeit produci - ren. Aber nein! dis iſt bey GOtt auch ſchlech - terdings unmoͤglich. GOttes Ausſoͤhnung iſt eine ewige Ausſoͤhnung. Seine Vergebung gehet aufs gantze, aufs beſtaͤndige, aufs zuver - laͤßige, ja auf ein vollkommenes Annehmen und vollkommenes Erbarmen hin. Er vergibt nicht nur alle bisherige Suͤnden, ſondern auch alle kuͤnftige Fehltritte, Ohnmachten, Schwachhei - ten, Kranckheiten der Seelen, Maͤngel und Ge - brechen: oder, welches eigentlicher geredet iſt, er verbindet ſich, durchaus keine mehr aufs neue anzuſchreiben oder anzurechnen; ſondern allen den uͤbrigen Suͤndenjammer, der ohnehin ſeine armen Kinder am meiſten druͤcket, und ihnen oft gantz unertraͤglich wird, ins tiefſte Meer der Vergeſſenheit hin zu verſencken; und dis zwar von Rechtswegen, gantz rechtlicher Weiſe, kraft ewiger Gerechtigkeit und Wahrheit, weil ſie be - reits dem HErrn JEſu angerechnet worden ſind,und444(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,und er ſie in ſeinem vollkommenen Verdienſt vollkommen abgethan.

Ein Gleichniß machts deutlicher. Wenn Eltern ihr Kind uͤber irgend einigen Vergehun - gen hart gezuͤchtigt haben, und das Kind hat ſich der Ruthe williglich unterworfen; fiel den Eltern in die Haͤnde, ſie zu kuͤſſen; beweinte nichts mehr, als daß es ſeine allerliebſten El - tern ſo betruͤbet hat; achtete ſich einer noch weit haͤrtern Beſtraffung werth, ja bat ſich ſelbige wol aus; ſtrafte ſich auch wol ſelbſten druͤber, durch Enthaltung einiger Dinge, die ihm gar wohl frey ſtunden; war um nichts ſo ſehr bekuͤmmert, als nur der Eltern Gewogenheit wieder zu er - langen; wendete alles dran, um nur zu dieſem Zweck zu kommen; ſuchte ihnen alles erſinnliche zu Liebe zu thun, um nur ihr Hertz wieder zu gewinnen ꝛc. Jch frage Sie: wer in der Welt wird mehr eilen, ſich uͤber ſo ein betruͤbt lieben - des Kind zu erbarmen, als eben die Eltern? welches unter allen Kindern wird den Eltern wol das allerliebſte ſeyn, daruͤber ihnen das Hertz ſobald brechen muß, und das von den El - tern wiederum alles zu Liebe erlangen kann, als eben dis gezuͤchtigte? Jſts nicht wahr: Dis Kind koͤnne durch eine kleine Bitte bey den El - tern auch fuͤr alle uͤbrige das meiſte ausrichten? Das muͤtterliche Hertz kans unmoͤglich abermals traurig von ſich laſſen. Je ſchaͤrfer die Zuͤchti - gung war, je groͤſſer iſt der Trieb und das Drin - gen der Liebe, ihm wieder vor allen den uͤbrigen was zur Freude zu thun. Waͤrs denn moͤglich,daß445wieder die Unreinigkeit. daß die Eltern einem ſolchen Kinde den erſten Fehler wieder aufs neue anrechneten, und auf den Schuldzettel zur kuͤnftigen Abthuung ſchrie - ben? Koͤnten ſie ihm auch wol gar anzeigen, nun ſey wieder ein oder mehrere Striche aufs neue da, da werde es wieder Ruthen ſetzen? Wiſſen denn dieſe Eltern nicht, daß das Kind nicht vorſetzlich und nicht boshaft unrecht gethan, ſondern nur eine kindliche Schwachheit oder Ue - bereilung, und vielleicht zu ſeinem eignen groͤ - ſten Kummer und Wiederwillen begangen |ha - be? Glauben ſie denn nicht, daß ihnen das Kind ſolches unmoͤglich habe zu leide thun koͤnnen, und daß vielleicht kein Menſch ſo viel Gram, Hertzeleid, Furcht und Reue, ja allerley Unruhe unter einander deßhalb in der Seele auszuſte - hen habe, als das arme gefallene Kind ſelber? Ehe ſie gantz gewiß uͤberzeugt worden, daß das Kind boßhaftig handele und darinnen fortfah - ren wolle, werden ſie gewiß keinen neuen Schuld - zettel anfangen. Ehe es aber dazu kommt: Mein! was fuͤr eine treue Pflege, was fuͤr eine Bewahrung, was fuͤr Warnen, Lehren, Erin - nern, Vorſtellen, Bitten und Drohen, Gedult und Mitleiden werden die Eltern erſt anwen - den, dis alles zu verhuͤten! Sollen wir denn von dem unendlichen Vater-Hertzen GOttes ge - ringere Begriffe haben, als von dem nur natuͤr - lich mitleidigen Hertzen eines leiblichen Vaters? Luc. 11, 13. 18, 6. ſqq. Kann das dem Unglau - ben frey ſtehen, oder ſo hingehen, den allerſelig - ſten GOtt, deſſen hoͤchſte Ehre und weitberuͤhm -ter446(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,ter Name das in der Welt iſt, daß er ſich ſo gerne erbarmet, alſo zu verkleinern? Jſt dis auch nur dem noch ungeſunden, geſchweige denn dem durch Glauben geſund wordenen Verſtand des Menſchen begreiflich?

So faſſen Sie denn dis wohl zu Hertzen, denn es liegt der groͤſte Theil ihrer Gluͤckſelig - keit daran: GOtt rechnet ſeinen Kindern ihre Fehltritte durchaus nicht wieder aufs neue an, ſo lange ſie nur im Glauben (ob auch oft noch ſo kuͤmmerlich und voller Bangigkeit) ſtehen bleiben; und ſo lange ſie nicht ausdruͤcklich, mit Vorbewuſt ihres Gewiſſens, und mit wohlbe - dachtem Vorſatz von GOtt abfallen, zum Satan und zur Welt wieder uͤbergehen, und ſich hin - geben, der Suͤnde wieder unterthan zu ſeyn, und ſich vom Satan wieder ſo ſclaviſch tra - ctiren zu laſſen, wie zuvor etwa geſchehen.

Die Gewißheit dieſes behaupteten Satzes iſt theils aus der Sache ſelbſt unwiederſprech - lich klar; theils aus den Ausſpruͤchen GOttes ſelber. Was waͤre doch dis fuͤr eine miſerable Vergebung, die alle Augenblick koͤnte aufhoͤren, die durch jeden Fehltritt koͤnte zerriſſen werden, die den armen Suͤnder unausgeſetzt in Zittern und Zagen, Gram und Unruhe koͤnte ſetzen, die ſich zu theureſt nicht einmal fuͤr den geringſten Menſchen ſchicken wuͤrde, geſchweige fuͤr einen Vater oder Fuͤrſten; am wenigſten aber fuͤr den ſeligſten GOtt! Waͤre dieſe Vergebung werth, daß ſich ein armer Suͤnder ſo viel Muͤhe drum gaͤbe? waͤrs recht, daß der wahrhaftigeund447wieder die Unreinigkeit. und ewige GOtt ſo hohe Worte und ſo groſſe Verheiſſungen davon gebrauchte, ja ſeinen Ruhm durch die gantze Welt Jer. 33, 9. juſt darinnen ſetzete? Jch entſetze mich fuͤr dieſer Verkleinerung des allerſeligſten GOttes!

Es erhellet dis ferner theils aus der gericht - lichen Anforderung JEſu Chriſti Pſal. 69, 7. wodurch dis ſeinen Patienten ſchlechterdings muß ausgemacht ſeyn; theils aus den deutlich - ſten Erklaͤrungen GOttes, Jerem. 50, 20. Hoſ. 2, 19. 20. 14, 5. ſqq. Jeſ. 54, 9. 10. 13. 17. ꝛc. theils aus den Zeugniſſen und Erfahrungen des Volckes GOttes ſelber Pſal. 103, 8-15. |Mich. 7, 18. ſqq. theils aus den unzehlichen und an - ſehnlichſten Verheiſſungen von dem Frieden, den die geliebten GOttes haben ſolten Jeſ. 3, 10. 32, 17. Roͤm. 5, 1. 8, 32. ſqq. theils aus Ezech. 36. und allen den Orten, die da anwei - ſen, wie GOtt ſeinem Sohn JEſu Chriſto alle Regierung uͤbergeben hat Jeſ. 42, 3. c. 41. gantz, Joh. 3, 35. ꝛc. ꝛc.

Dis alles gruͤndet ſich auf GOttes vollkom - mene Treue und Wahrheit ſowohl als auf ſeine vollkommene Gerechtigkeit, als etwas gantz un - umſtoͤßliches, unverwerfliches und unwiederruf - liches, worauf ſich alle Welt verlaſſen kann. GOtt haͤlt ſein Wort mit Freuden, und kann und will nicht anders. Nun hat er verſprochen uns ſeinen Sohn zu ſchencken, Gnade und Ver - ſoͤhnung verkuͤndigen zu laſſen aller Creatur, und gerne ewig zu vergeben, denen die zum Ge - horſam des Glaubens kommen wollen; und dasſo448(III. Th.) Von den ſichern Mittelnſo gewiß, als gewiß die Suͤndfluth aufgehoben iſt, und nimmer wieder kommen ſoll: Hat er denn nun ſein Wort nicht gehalten, daß wir ver - anlaſſet wuͤrden, einige Furcht oder Mißtrauen gegen ihn zu ſetzen? Oder ſoll man ſeinem Schoͤpfer nicht glauben? Oder kann er hoͤhere Siegel und Zeugniſſe ſeiner ewigen Erbarmung geben, als das Blut ſeines Sohnes, und dazu ſo vieler Millionen Maͤrtyrer und Zeugen Be - ſtaͤttigung in ſeinem gantzen Himmelreich? Wer ihm dis nicht zutrauen und glauben mag, der verwirft die drey allerhoͤchſten Zeugen, die in der Welt ſind, 1 Joh. 5, 7. und er ſelbſt lieſſe ſich doch gleichwol |nicht gerne ſo verwerfen und ſo treulos achten: iſt das nun recht? Ehret man damit nicht ſich ſelber vielmehr als den ewigen GOtt? Man glaubet ja damit ſeinen eigenen finſtern Vorſtellungen, mithin ſeinem eigenen trotzigen und verzagten Hertzen vielmehr als dem Worte des wahrhaftigen GOttes!

Dis iſt um deſto unbilliger, weil ja noch wol durch GOttes Erbarmen nicht ſchwer zu begreif - fen iſt, daß GOtt, ſo wahrhaftig als er ein ge - rechter GOtt iſt, nicht anders handeln kann. Macht denn nicht ein jegliches Verſprechen eine Schuldigkeit? aber wie vielmal hat GOtt ver - ſprochen, den ſeinen viel Frieden zu verſchaffen? kann dieſer nun durch eintzle Augenblicke weh - ren, und alle Tage 10mal wieder weggenommen, und 10mal wieder gegeben werden? Hat er denn nicht zugeſagt, Jhnen die Gerechtigkeit ſeines Sohnes zu ſchencken? aber kann die eine ſo zer -rißne449wieder die Unreinigkeit. rißne Gerechtigkeit ſeyn? Will GOtt ſein Volck nicht gerne lieben? Jer. 32, 38-41. nicht einen ewigen Bund mit ihnen machen? aber was waͤre doch dis fuͤr eine Liebe, die ſich alle Augen - blicke aͤnderte? Jſt das erlaubt, von dem un - wandelbaren GOtt dergleichen Ding auch nur zu gedencken? Sollen ſo viele und groſſe Ver - heiſſungen des ſeligſten GOttes wie nichts ſeyn?

Noch mehr: Jſt denn die Ranzion JEſu Chriſti nicht als vollkommen angenommen? iſt ſie denn nicht durch ſeine Auferſtehung liquidirt, legitimirt und publicirt genug? Und auf welche Conditionen wird denn der arme Suͤnder zu GOtt und zur Gnade wieder geruffen, als, daß er ſich JEſu Chriſto im unterthaͤnigen Glauben unterwerfe, und zum Zeugniß der Gnade und Danckbarkeit ſeinen feindſeligen Sinn und Trotz gegen GOtt und ſein Wort fahren laſſe? Wenn nun der arme Suͤnder ſich deß bewuſt iſt, und kann auf ſein Gewiſſen vor GOtt provociren, daß er ja nicht mehr begehre, auch nur im allergering - ſten ſeinen GOtt zu beleidigen und ſeinen Hei - land zu betruͤben; es ſey ihm doch jaͤmmerlich wehe dabey, daß er ſo gefallen; und er unter - werfe ſich aller ſeiner Zucht in Unterthaͤnigkeit; ja werde es fuͤr eine Gnade achten, ſo er ihn de - ren nur wuͤrdigen mag: hat er denn nicht eine gerechte Anforderung an den gerechten GOtt, um des Bluts JEſu willen, und um des gegeb - nen Wortes willen, und um der vorgeſchriebe - nen Condition willen, (die er ja mit tauſendfreu - den zu halten bemuͤhet ſeyn will,) um FriedenIII. Th. Betr. der Unreinigk. F fund450(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,und Sicherheit zu bitten, ja ſie rechtlich zu for - dern?

Aber eins iſt zu mercken: Man muß naͤ - her zu den Blutaltaͤren JEſu hinzutreten; da - ſelbſt zu erblicken, wie viel an uns gewendet iſt, wie koſtbar und lieb wir nun dem lieben GOtt ſeyn muͤſſen, wie groß alſo auch die Rechte unſrer demuͤthigen Anforderung an GOtt ſeyn doͤrfen und muͤſſen: wie uns dis Geheimniß Pſal. 84, 4. ſqq. entdecket iſt.

Mein Freund! damit ſie dis alles wohl ver - ſtehen, und tief genug zu Hertzen nehmen: ſo will Jhnen dis alles kurtz und puͤnctlich noch - mals ſagen.

  • 1) GOtt vergibt dem bußfertigen Suͤnder auf einmal alle ſeine bekante und unbekante, groſſe und kleine, alte und neue, heimliche und oͤffentliche, angebohrne und wirck - liche, eigene und von andern angenommene, be - reuete und unbereuete, noch bewuſte und ſchon vergeſſene, ja auch die ungethane, aber doch ge - dachte, reſolvirte, verhinderte und alle andere Arten von Suͤnden gantz vollkommen. Seine Vergebung iſt eine gantze Vergebung, er zerſtuͤckelt nichts, wie wir Menſchen, die wir wol ein und anders vergeben, aber etwa man - ches hinter die Ohren ſchreiben ꝛc. Nein! Wenn GOtt vergibt, ſo vergibt er alles, oder gar nichts. Jac. 2, 10.
  • 2) GOtt vergibt alles pur aus Gna - den, lediglich umſonſt; kein Menſch kans erkauffen, erben oder erwerben, oder durchſchreck -451wieder die Unreinigkeit. ſchrecklich harte Zuͤchtigungen erlangen: Nein! wenn ſich einer alle Tage halb todt martern lieſ - ſe, wuͤrde ihm GOtt dadurch nicht der allerklein - ſten Suͤnde Vergebung ſchuldig werden; und wenn ein Menſch all ſein Vermoͤgen, und ein Potentat ſeine Cron und Zepter, ja die halbe Welt drum geben wolte oder koͤnte; ſo gewoͤnne er damit nicht der allergeringſten Suͤnde Verge - bung. Roͤm. 4, 5.
  • 3) GOtt vergibt alle Suͤnden durchs Blut, und zwar ſeines einigen ewigen Soh - nes! Hebr. 9, 22. Cap. 10. gantz. Anders iſts nicht moͤglich worden. Nicht die allerklein - ſte Suͤnde kann bey dem unendlichen GOtt an - ders abgethan werden. Darum iſt dieſer Actus ſo reſpectable und mit einer heiligen Ehrfurcht zu bedencken; darum iſt die Vergebung der Suͤnden ſo ineſtimable, und mehr als die gantze Welt zu ſchaͤtzen; darum iſt ſie mit wahrem Glauben in einem guten Gewiſſen ſo innig zu bewahren.
  • 4) GOtt vergibt alle Suͤnden mit Schuld und Straffen, ſo daß ein armer Suͤnder nicht mehr ſchuldig bleibt, ſich vor der Straffe zu fuͤrchten: denn Schuld, iſt die Schul - digkeit zu zahlen, oder ſich ſtraffen zu laſſen; ſo man alſo noch auf eine Straffe warten muͤſte, ſo haͤtte man ja keine Vergebung. Zu dem braucht GOtt unſrer Straffen nicht. Dem - nach ſind alle Leiden der gerechtfertigten nicht Straffen, ja ſo gar lieber Artzneyen und Gene - ſungsmittel, als Zuͤchtigungen zu nennen. WennF f 2ein452(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,ein Kind ohngefehr wohin ſteigt, ſtuͤrtzt aber herab, faͤllt oder ſchlaͤgt ſich wund, lauft aber zur Mutter, ſchreyt, zeigt und klagt ihr ſein Ungluͤck: ſo wirds ja die Mutter nicht noch da - zu ſchlagen: (das arme unverſtaͤndige Kind iſt ja vorhin ſchon wund) allein laͤßt ſie es denn unge - waſchen, ungereinigt und unverbunden? Sie ſchont des Kindes nicht, ſie gibt bitteres und ſcharfes ein: aber nicht zur Straffe, noch zur Zuͤchtigung; ſondern, daß ihr nur ihr Kind wieder geneſe. So machts GOtt mit den Sei - nen. Wer ſeine Leiden fuͤr ſtraffen anſieht, und ſich dadurch zur Kleinmuͤthigkeit und Zagen bringen laͤßt, der thut ihm unrecht. Will er doch nicht einmal ſchelten, geſchweige denn ſtraf - fen: Aber darf und kann er drum ſeine armen Kinder ungeheilt laſſen? Nein! Er muß uns oft die bitterſten Leiden eingeben, und in man - chen periodis alle Tage damit wiederkommen; ſonſt wuͤrden wir ihm nimmermehr geſund.
  • 5) GOtt vergibt alles auf ewig und beſtaͤndig, das iſt, er nimmt ſeine Vergebung we - der zum Theil noch gantz und gar wieder zuruͤck, ſolang der Menſch nur im Gehorſam des Glau - bens bleibet. Will aber einer muthwillens und boßhaft wieder von GOtt abfallen, der kriegt alle ſeine jetzige und alle ſeine vorige Ungerechtigkeit mit einander wieder auf den Hals, und iſt zu allen ſeinen Schulden und Straffen von der gan - tzen Lebenszeit wieder verbunden und im Verhaft. Ezech. 18, 24. Denn GOtt laͤßt ſich nicht ſpotten.
  • 6) Die Gnade der Rechtfertigungiſt453wieder die Unreinigkeit. iſt alſo eine beſtaͤndige, immer fortweh - rende und nie unterbrochene Gnade, ſo wohl an ſeiten GOttes, als nach dem Recht, Grund und Pflicht des glaͤubigen Menſchen. Die Vergebung GOttes wehret nicht etliche Stunden, Tage, Wochen, Jahre ꝛc. wie die un - ſere; ſie wechſelt nicht ab, daß ſie bald zugegen waͤre, bald aber nicht: Nein! Sie wehret dem Grunde, dem Recht und ihrer eignen Kraft nach immerfort, bey Tag und Nacht, fuͤr und fuͤr, der Menſch mags fuͤhlen oder nicht, drauf merckē oder nicht ꝛc. ſo lange nur der Menſch im Gehorſam des Glaubens bleibet. GOtt bindet ſich an des Menſchen ſeine Noth nicht; er darf ſeine Vergebung und Gnade nicht im - mer wieder geben, wie wir oft ſo erſchrocken den - cken, weil wirs zuweilen ſo gemacht haben: denn er nimmt ſie ſeinen armen bloͤden Kindern nie - mals weg; nur die Verſicherung derſelben, nur derſelben Kundthuung, nur das daher kommen - de angenehme Gefuͤhl, nur die Luſt und Freu - de, nur die Hertzhaftigkeit und Staͤrcke, die aus dieſer unveraͤnderlichen Gerechtigkeit JEſu kommt, laͤßt er veraͤnderlich ſeyn, und bald groͤſ - ſer bald geringer werden.

Und eben darum ſuppliciren auch die heili - gen GOttes (Pſal. 32, 6.) in der fuͤnften Bitte drum, daß doch GOtt die Verſicherung von ſei - ner Gnade, und das daher kommende Licht und Recht, Muth und Kraft, Frieden und Wohl - gefallen an JEſu taͤglich in ihnen mehre, ſtaͤr - cke und verſiegle, wenigſtens durch ihre Gebre -F f 3chen454(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,chen nicht zu ſehr und nicht zu oft in ihnen ver - mindert werden laſſe; eben drum bekennen ſie auch, daß ihnen GOtt weder die Vergebung ſelbſt, noch ihre vortrefliche Wirckungen und Kraͤfte ſchuldig ſey; eben drum geſtehen ſie zu, daß ſie nun juſt um deſto mehr verbunden ſeyn, auch gerne und mit Freuden, und zwar taͤglich zu vergeben, und Gutes zu thun, denen, die ih - nen oftmals unrecht thun: weil und wie ihnen GOtt gerne vergeben hat, und mit Freuden gu - tes thut.

Wer dis alles recht einſiehet und an ſich ſelbſt erfaͤhret, der wird uͤberzeuget, daß die Vergebung der Suͤnden gewißlich der Grund und Anfang des wahren Chri - ſtenthums und aller Seligkeit in dieſer Welt ſeyn muͤſſe. Jch wills noch deutlicher ſa - gen: die Vergebung der Suͤnden iſt der einige Fel - ſengrund und Pfeiler, Licht und Recht, Element, und Hauptwerck, Kraft und Macht und Luſt des wahren Chriſtenthums. Ohne dieſelbe iſt das Chriſtenthum nur Marter und Plage, ſo es doch ſelig machen ſolte. Ja es iſt unmoͤglich, anders ein wahres Chriſtenthum zu fuͤhren, auch nicht moͤglich eher mit Luſt und gutem Willen GOtt gehorſam, das heißt in GOtt ſelig zu ſeyn, als wenn und bis man gantz gewiß Vergebung der Suͤnden hat. Je mehr einem dieſe Gnade kundbar und nach harten Kaͤmpfen mit den ſtaͤrck - ſten Unglaubenskraͤften vorm Zweifel ſicher wird: je angenehmer wird einem alles Chriſten - thum, je kindiſcher, verachteter und verhaßteralle455wieder die Unreinigkeit. Gottloſigkeit der Welt, und je unvernuͤnftiger aller ihr eitler Sinn. Mit einem Wort: Je ſeliger wird man in GOtt, und alle ſeine liebens - wuͤrdigen Befehle werden der Seele zu ſo viel Privilegiis und Begnadigungen. Ein gerecht - fertigter Menſch, der ſich mit ſeinem GOtt voͤl - lig ausgeſoͤhnet hat, ſiehet den lieben GOtt mit gantz andern Augen an, als andere Leute. Doch genug hievon.

II.

Daß nun ein wahrhaftig gerecht -b) Durch Fehltritte faͤllt man nicht aus dem Gna - denſtand. fertigter folglich wiedergebohrner Menſch die Gnade und Verſoͤhnung mit GOtt durch ſeine Fehltritte und Schwachheiten durchaus nicht verliere: laͤßt ſich aus dem bisherigen deutlich und ge - wiß genug ſchlieſſen. Jedoch iſts gut, noch et - was weniges davon beyzufuͤgen.

Die Meinung iſt nicht, daß man durch Schwachheitſuͤnden und Uebereilungen gar nichts von goͤttlicher Gnade verlieren ſolte: da ſey GOtt vor! Gal. 2, 17. ſqq. Ein jeder Fehl - tritt thut groſſen Schaden, in der Natur und dem Weſen der Seele und des Leibes ſelbſt, auf allerley Weiſe, wenn man ihn auch erſt nach der That merckt; ja wenn man ihn auch gar nicht einmal mercken ſolte: ſo kann das Gift nicht Gift ſeyn, ohne Schaden zu thun. Schlaͤgt ei - nen aber das Gewiſſen ſofort uͤber dem Mißtritt ſelber, und man zieht nicht alsbald und eilig den Fuß zuruͤcke, haͤlt nicht augenblicklich inne, und eilt zu JEſu hin: ſo ſchadets nothwendig nochF f 4viel -456(III. Th.) Von den ſichern Mitteln,vielmehr. Sinds gar Schwachheiten, dazu Bedenckzeit da war, und man hat ſie nicht in der allmaͤchtigen Kraft JEſu uͤberwunden, ſondern muſte unterliegen: ſo ſchaden ſie ſo viel mehr, als viel laͤnger die Bedenckzeit war, und der Kampf waͤhrete. Werden ſie gar vor andern began - gen, und andre mit geaͤrgert; ſo richten ſie nicht nur in der Seele groſſe Verſtoͤrung an, ſondern auch aͤuſſerlich unter andern mancherley aͤrgerli - che und betruͤbte Folgen. Und wie gehets erſt, wenn in ſolchen Schwachheiten und Uebereilun - gen zu viele und zu ofte Recidive kommen? Solche Patienten koͤnnen ihres Lebens nicht froh werden, weil ſie immer ſcharfe verweiſe des Ge - wiſſens und viele Angſt vor GOtt leiden muͤſſen. Und man muß ſagen, daß wie die Grade in den Schwachheitſuͤnden nach der vielen Mannig - faltigkeit der Umſtaͤnde unzehlich ſind: ſo iſt auch der Schade derſelben in allen Seelen - und Leibeskraͤften, in allen Lebensumſtaͤnden und Verrichtungen, und unter andern Leuten von unzehlicher Art und Graden.

Ein verbrennt Kind, je mehr es ſeinen Schaden empfunden: je mehr wird ſichs vorm Feuer huͤten. Alſo ein gerechtfertigter Menſch, der die Suͤndenplagen recht empfunden, wird keine Schwachheit zu gering achten, und ſich damit plagen wollen. Am allerwenigſten aber, ſo er die ſuͤſſe Liebe JEſu in einem hoͤheren Gra - de geſchmecket hat. Man verſtehe mich alſo recht: denn ich will damit dem alten Adam kei - ne Polſter der Sicherheit unterlegen. VieleFaͤlle457wieder die Unreinigkeit. Faͤlle machen, daß man endlich des Aufſtehens vergißt. 2 Petr. 2, 20-22. Ein jeder muß ſei - ner Sache vor GOtt und von GOtt ſelbſt ge - wiß ſeyn; ein jeder muß GOtt ſelbſt drum fra - gen, und ſich nicht auf Menſchen verlaſſen: Denn es muß dereinſt ein jeder fuͤr ſich ſelbſt GOtt Rechenſchaft geben. Roͤm. 14, 12.

Jch ſage nur, und dis zwar nicht fuͤr die Leichtſinnigen und im Eigenwillen ſteckenden ſtoltzen Seelen, ſondern den armen, bedraͤngten, hochbekuͤmmerten und bloͤden zu Liebe: daß ſie durch ihre Fehltritte, (wenn nur erſt ihr Recht zur Kindſchaft und Gnadenſtand richtig iſt) nicht das geringſte von der Gnade der Verſoͤhnung bey GOtt, wohl aber von der Gnade der Heiligung bey ſich ein Theilchen verlieren, das iſt: Jhre Verge - bung der Suͤnden und Recht an GOtt, und GOttes Gewogenheit zu ihnen wird dadurch im geringſten nicht kleiner: (denn GOttes un - veraͤnderliche Majeſtaͤt der Gnadenvollen Aus - ſoͤhnung und Wahrheit kann von unſrer jaͤm - merlichen Noth, ſofern wir noch in ſo einem ſte - ten Wechſel, fallen und aufſtehen, gleich den un - muͤndigen Kindern ſtehen, unmoͤglich dependi - ren) wohl aber die Gnade der Heiligung: das iſt die Luſt und Freudigkeit zu GOtt wird durch die peinliche Furcht niedergeſchlagen; die Liebe zu GOtt und Menſchen wird durch die Conſter - nation des Gemuͤths auf eine Zeitlang gewiſſer maſſen gehemmet und gleichſam gebunden; der rechte Friede, Muth und Kraft, mit GOtt undF f 5Men -458(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Menſchen recht umzugehen wird verſtoͤret, ge - ſchwaͤcht und ungeſchickt gemacht; mit einem Wort: der Menſch verliert etwas von ſeiner Seligkeit in GOtt, von ſeinem Frieden und Freude im Hertzen, von ſeiner Geſchicklichkeit, ein willig und froͤlich Chriſtenthum zu fuͤhren: nicht aber von ſeiner Gerechtigkeit vor dem goͤttli - chen Gericht; daß nun die Gottloſen auftreten und ſagen koͤnten: er muͤſte ſich eben ſo gut als wie ſie wieder in die gantze Gnade GOttes gleich - ſam einbetteln, und ſeinen Proceß von vorne anfangen und ausfuͤhren, als wie ſie (die Gott - loſen) thun muͤſſen.

Dis koͤnnen ſolche bloͤde und ſchuͤchterne Seelen theils aus der Natur der Sache und eigner Erfahrung ſehen, theils aber aus den ausdruͤcklichen Spruͤchen der heiligen Schrift. Es iſt ja zum Exempel unmoͤglich, daß GOtt ſeine Kinder ſo wie die Baſtarte, wieder| ſein ei - gen gegebenes Wort tractiren ſolte. Es iſt ein himmelweiter Unterſcheid zwiſchen der Neigung, die eine Mutter zu ihrem eignen Kinde, und da - gegen zu ihrem Geſinde; ein Fuͤrſt zu ſei - nen Printzen und wiederum zu ſeinen Untertha - nen (ich will nicht erſt ſagen Rebellen) im Her - tzen heget und empfindet. Solte nicht die wohlgefaͤllige Liebe GOttes, (der ja der Stifter, Erhalter und Raͤcher des Rechts der Natur iſt, von welchem dieſer Unterſcheid herruͤhret) einen unendlich hoͤheren Unterſcheid haben von der all - gemeinen Liebe und Erbarmung, die der allerſe - ligſte GOtt gegen ſeine Feinde, die Gottloſen,eine459wieder die Unreinigkeit. eine Zeitlang beweiſet? Man darf davon nur die oben p. 358. in gantzen Regiſtern ange - fuͤhrten Spruͤche nachſchlagen, ſo wird mans bald mit Haͤnden greiffen: zum Exempel, die von der Liebe GOttes zu ſeinen Kindern, und von ſeiner gerechten Ungnade gegen die Gottloſen; von der groſſen Seligkeit der Kinder GOttes, und der jaͤmmerlichen Unſeligkeit der Gottloſen; von GOttes entſetzlichem Drohen und Gerich - ten gegen die Miſſethaͤter ꝛc.

Noch mehr: Jſt denn wol ein Vater in der Welt zu finden, der uͤber ſein ſonſt wohl gearte - tes und liebenswuͤrdiges Kind alle Augenblicke und bey jedem Fehltritt koͤnte boͤſe werden? oder es gar ſtraffen? Ohnerachtet ers wuͤſte, daß es das Kind entweder gantz unwiſſend, oder ungern gethan; oder daß es ſchlechtweg unvermoͤgend war, das Gegentheil zu thun, maſſen es noch nicht Staͤrcke oder Verſtand, oder Geſchicklich - keit genug hatte, des Vaters willen zu erfuͤllen! Jch frage: waͤre hier das Kind, oder der Vater unſeliger? Jenes, daß ſichs allzeit zitternd fuͤrch - ten muͤſte, und Fehler die es doch nicht gerne gethan, oder gar nicht einmal vermeiden konte, auch ſo gar mit bittern Thraͤnen bey dem Vater nicht verbitten und wieder gut machen koͤnte: dieſer, daß er in lauter Unruhe und Gram leben muͤſte, und auch ſo gar uͤber ſein beſtes Kind kein bischen Freude haben duͤrfte, welches doch ſein Troſt und Vergnuͤgen des Lebens mit ſeyn ſolte? Solche Vaͤter wird man glaube ich in der gantzen Welt nicht aufbringen koͤnnen? Und460(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Und GOtt, der ſeligſte GOtt ſolte ſo ſeyn? Jſt das nicht gotteslaͤſterlich auch nur zu gedencken? 4 Moſ. 23, 19. 1 Sam. 15, 29. Was wuͤrde der allerliebſte GOtt zu ſolchen Gedancken ſa - gen? Man ſehe nur die erſtaunenswuͤrdige Worte Jeſ. 49, 14. 15. an! Und was werden ſeine Leute und Zeugen dazu ſagen? Man hoͤre nur den David davon an, Pſal. 103, 13.

Doch die Zeugniſſe der heiligen Schrift wieder dieſen ungerechten Unglauben (der ein vaͤterlich und muͤtterlich Hertz bis auf den Tod betruͤben wuͤrde) ſind ſo haͤufig und verſchieden, daß ich ſie in gewiſſe Claſſen theilen, und alsdenn nur anfuͤhren muß. Nehmen ſie ſich alſo ja die Zeit nachzuſchlagen, und unter kindlicher Anbe - tung GOttes zu erwegen, was da ſtehet

  • a) Von dem himmelweiten Unterſcheid zwiſchen den Schwachheit - und Bosheitſuͤnden 4 Moſ. 15, 27. 30. 31. Pſal. 19, 13. Gal. 6, 1. Roͤm. 6, 12. 8, 13. 1 Joh. 3, 6. 8. 9.
  • b) Von der groſſen Kraft Recht und Guͤl - tigkeit der Erloͤſung. Col. 2, 13. 14. Roͤm. 5, 10. 1. 2. Hebr. 7, 25.
  • c) Von GOttes disfaͤlligen theuren Verſi - cherungen. Jer. 31, 31-34. 33, 6-10. Jeſ. 9, 6. 7. 43, 25. 54, 7. 8. 10. 57, 16. Ezech. 34, 15. 16. Dan. 9, 24. Matth. 1, 21. Joh. 1, 29. Roͤm. 4, 25. 5, 21.
  • d) Von dem Recht und Kraft des Bundes mit GOtt 1 Petr. 3, 21. Roͤm. 8, 14-17. 1 Joh. 3, 21. ſqq. Jeſ. 55, 1-11. 2 Theſ. 1, 11. Luc. 15, 10.
e) Zeug -461wieder die Unreinigkeit.
  • e) Zeugniſſe gantzer Schaaren vom Volcke GOttes Pſal. 37, 24. 145, 14. 18. 20. 103, 8-12. Mich. 7, 18. 19. Roͤm. 3, 23-26. 5, 1. 10. 20. 21. 6, 14. 8, 34. 10, 4. 1 Theſ. 5, 9. 10. 1 Joh. 1, 7. 2, 1. 2.

Mehr mag ich nicht anfuͤhren; dis iſt auch genug. Wuͤrdigen ſie dis einer ernſten Ueber - legung, und glauben dem lebendigen GOtt, am billigſten und meiſten, wenn die Unglaubens - kraͤfte am meiſten ſtuͤrmen, und ſie es alſo am noͤthigſten haben. Dem Satan aber glauben ſie kurtzum nichts: der hats ohnehin um ſie nicht ja gewiß nicht verdienet.

Mercken ſie noch eins: Wenn ein Menſch, der wol 10. Jahr ein Sclave des Zorns, oder der Leichtſinnigkeit, oder des Stoltzes, oder des Fluchens ꝛc. war, ſich zu GOtt bekehret, und er - langt Gnade; wird aber von der ſo ſehr an den Hals gewoͤhnten Suͤnde zuweilen ploͤtzlich und heftig angefallen, laͤßt irgend wol, ehe er ſich nur beſinnt, einen Fluch, ein leichtfertig Wort, einen zornigen oder ſtoltzen Ausdruck fahren, oder des etwas: Wird denn dieſer ſo fort drum verzagen muͤſſen? wird er denn gleich gantze Tage und Wochen in aͤngſtender Unruhe herum - gehen? die Hoͤlle im Gewiſſen, und die Schmach fuͤr das Reich JEſu an der Stirn vor den Au - gen der Welt herumtragen? hat das GOtt be - fohlen? Und was nutzte es ihm nun endlich, wenn er gantze Jahre ſo gebuͤckt und zitternd einherginge? wird er davon beſſer, heiliger, ſanft - muͤthiger, keuſcher oder auch GOtt gefaͤlliger? Nein!462(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Nein! Nur zu JEſu zu JEſu, hin, und zwar je eher je lieber: denn es iſt in keinem andern Heil, es iſt ſelig werden, Apoſt. g. 4, 12. So iſts mit allen zur ſtarcken Natur und Gewohn - heit wordenen Suͤnden, und vielleicht mit den Suͤnden des Fleiſches am meiſten. Meinen ſie denn, daß dis der HErr JEſus nicht auch wohl wiſſe und zu Hertzen nehme? Jſt er denn Ungerecht, daß ihm das Hertz nicht am meiſten uͤber denjenigen brechen ſolte, der des Erbarmens am meiſten noͤthig hat? hat ers denn nicht zu - geſagt, daß er juſt darum kommen ſey, das ſchon verlorne, ſchon verderbte, ſchon ruinirte, ſchon deſperat und unheilbar wordene dennoch, den - noch ſelig zu machen? Luc. 19, 10. *Wer aus dieſen Vorſtellungen das Hertz JEſu nicht merckte: der mercke es doch aus folgender Hiſtorie. Ein gewiſſer Patient des HErrn JEſu ſtudirte vor ein paar Jahren auf einer Univerſitaͤt. Dieſer war in den Schuljahren in die Luͤſte und Suͤnden des Fleiſches hin - ein verfuͤhret worden. GOtt machte ihn aber davon frey, nicht durch Wunder, ſondern durch den ordentli - chen Proceß der Buſſe, des Glaubens und der Rechtfer - tigung. Er ſtund ſo mit GOtt, daß er ihn nicht gerne irgend womit betruͤben wolte. Einſt geht er vors Thor ſpatzieren; und weil er ſeine Augen nicht im Zaum haͤlt und nicht ploͤtzlich abwendt: ſo kommt durch ein ihm begegnendes obiect ein ſtuͤrmendheftiger Anfall von der alten Fleiſchesluſt, wie ein Blitz in ſein Hertz; durch - dringt und entzuͤndet auch ſeinen Leib mit ſo einer Ge - waltthaͤtigkeit, daß ehe er ſich begreift, und nur zur Weh - re ſetzen kann, er, weil er ſich allein fand, die erſchreck - liche Suͤnde der Selbſtbefleckung auf der Stelle beging. Auf der Stelle ſchlaͤgt ihn das Gewiſſen dergeſtalt, daß er gantz matt und kraftlos wird, und kommt in einen ſolchen jammernden Eifer wieder dieſe ſeine Bosheit, daß er anhebt, GOtt auf ſeinem Angeſicht anzuruffen, er moͤchte ihn doch nur auf der Stelle umbringen, da - mit er nur ſeine Majeſtaͤt nimmer beleidigen und ſein ſo liebvolles Hertz nimmer weiter betruͤben koͤnte. Eswird

463wieder die Unreinigkeit.
*wird auch ſein gantzer Ernſt, nicht von der Stelle zu gehen, bis er ſich dieſen Todesſententz von GOtt als eine Gnade erbeten haͤtte. Denn er konte ſich ſelber nicht mehr ertragen, daß er ſeinem allerliebſten GOtt ſo undanckbar, ſo lieblos, ſo untreu und ſo ungerecht begegnet haͤtte. Dis ſein ſuppliciren und provociren der Gerechtigkeit GOttes wehrete eine lange Zeit. Das Gewiſſen ließ nicht zu, Hand an ſich ſelber zu legen: aber durch GOt - tes gerechte Hand wolte er kurtzum getoͤdtet ſeyn. Was thut nun GOtt? der allerliebſte GOtt, der GOtt von unvergleichlicher Barmhertzigkeit hoͤret das ſo eine Wei - le mit jammernden Hertzen an: und ſtatt daß der arme Suͤnder Blitz und Wetterſtrahl uͤber ſeinen Scheitel flehendlich forderte, ſendet ihm GOtt ein durchdringend ſtarckes und hertzerquickendes Licht und Feuer ſeiner Lie - be in ſeine Seele hin; daß er nicht nur vom Pardon voͤllig verſichert, ſondern auch mit uͤberſchwenglichem Frieden und Freude an dieſem ſeinem ſo barmhertzigen GOtt uͤberſchuͤttet wird, und geht denn voller Luſt und neuer Lebenskraͤfte in ſein Haus mit Loben und dancken. Ein ſolcher iſt mein Freund! mein Freund iſt ein ſolcher ihr Toͤchter Jeruſalems! Hohel. 5, 16.
*

II. Regel. FVGE. Weiche aus.

DJs iſt eines der fuͤrtreflichſten Mittel,II. Weiche aus. welches der Kampf wieder die Unrei - nigkeit gantz eigen hat. Es gibt Ver - ſuchungen, die man ſtandhaft erwarten und ſich dann auf dem Kampfplatz ritterlich halten muß: aber in dieſem iſts ſtets ſicherer, die Flucht zu ergreiffen. Hie iſt der ſchoͤnſte Sieg, wenn man mit dem Feind nicht einmahl Hand gemein wird: ſondern dem Feinde ausweicht. Wer in Verſuchung geraͤth, und wiederſtehet hertzhaft, der thut wohl: aber er hat Muͤhe und Gefahr dabey; viel ſicherer iſt, vor der Verſuchung und Kampf zu fliehen.

Chry -464(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,

Chryſoſtomus ſagt: Hiob flohe nicht, als ihn der Satan ſelbſt angegriffen, ſondern ließ ſich mit dieſem gefaͤhrlichen Feinde gantz hertz - haft in ein Gefechte ein: aber dafuͤr, was ſeine Keuſchheit haͤtte in Gefahr ſetzen koͤnnen, flohe er mit groͤſtem Ernſt. Hiob 31, 1. Er wuſte wohl, daß es um die fleiſchliche Luſt gar ſehr was lebendiges und ſchnelles ſey. Sie beginnet zu - weilen langſam, aber im Augenblick thut ſie ſo groſſe Schritte, und entſetzlichen Schaden und Gewalt an den Seelenkraͤften, daß man ſich wundern muß. Unreinigkeit und der Zorn ſind unter allen Affecten in Anſehung der Aufwal - lung und des Fortgangs die geſchwindeſten. Jm Augenblick bemeiſtern ſie das Hertz dermaſſen, daß man ſich nicht mehr beſinnen noch wieder - ſtehen kann. Fleiſchesluſt iſt ein Feuer, wel - ches mit ſo erſchrecklicher Geſchwindigkeit uͤber - hand nimmt, daß man kaum die erſten Flam - men erblickt, ſo liegt das gantze Hauß ſchon uͤbern Hauffen. Daraus koͤnnen ſie, mein Freund, ſchon ſehen, daß es am ſicherſten und am leichte - ſten ſey, wenn man uͤberwinden will, man fliehe!

Solches kommt auf folgende drey Puncte an,

[α]) Trauen ſie ſich niemals zu viel zu, damit ſie ſtets wachſam, vorſichtig, in gewiſſer maſſe ſchreckhaft, und alſo klug verbleiben. Jn allen Suͤnden, da man zu uͤberwinden hat, muß man in Empfindung ſeiner Schwachheit ſich ſelbſten mißtrauen, und ſich fuͤrchten, durch die Verſuchungen unver - muthet uͤberfallen und dahin geriſſen zu werden:aber465wieder die Unreinigkeit. aber gewiß hat niemand groͤſſere Urſache dazu, als die, ſo ſchon einige mal in Unreinigkeit ver - fallen ſind. Manche haben etwa einiges Ab - nehmen dieſer Brunſt wahrgenommen, und glaubten allzufruͤhe und allzu leicht, daß ihr Fleiſch ſchon bezwungen ſey: aber es durfte nur die geringſte Gelegenheit vorkommen, ſo erfuh - ren ſie, daß die Luſtſeuche zwar oͤfters wie un - ter der Aſche glimmen kann, aber ploͤtzlich, und zuweilen gantz unverſehens mit groͤßrer Macht hervor bricht, wenn man ſie fuͤr verloſchen ach - tet. Dis ſtete Mißtrauen gegen ſich wird eine recht ernſtlich arbeitende Sorgfalt in Jhnen wircken, durch welche ſie ſich fuͤr allen Reitzun - gen in-und aͤuſſerlich beſtmoͤglichſt verwahren, und Jhr Vertrauen auf den lebendigen GOtt zu ſetzen lernen, deſſen Huͤlffe ſie ſehr treulich und ſehr angelegentlich dabey ſuchen werden. Proverb. 22, 19.

[β]) Gehen ſie allen NB. auch den allergeringſten und am ſchwaͤchſten ſcheinenden Reitzungen zu rechter Zeit aus dem Wege. Geringe Dinge ſind in die - ſem Punct von unglaublich groſſer Folge; und man kann Sachen, die andere fuͤr gantz unſchul - dig halten, ohne Abbruch der Keuſchheit un - moͤglich in den Wind ſchlagen. Man muß al - le Dinge und Gelegenheiten, die zur Unzucht reitzen koͤnnen, mit aͤuſſerſtem Vermoͤgen vermei - den, und darinnen ſehr ſcharf und behutſam ſeyn, damit man ſich ja unter keinem Vorwand nicht einige Freyheit ausnehme. Weil nunIII. Th. Betr. der Unreinigk. G gnicht466(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,nicht alle allen Verſuchungen auf gleiche Weiſe unterworfen ſind, und ſolche nicht bey allen ei - nerley Macht haben: ſo muͤſſen ſie ſorgfaͤltig obſerviren, was ſie am leichteſten zu Falle brin - ge? was fuͤr Dinge Jhr Gemuͤth am meiſten ruͤh - ren und am leichteſten einnehmen? bey welchen Umſtaͤnden ſie am erſten auf fleiſchliche Gedan - cken verfallen?

Manche ſind vor ſich und allein gut genug: gehen ſie aber aus, und ſie kriegen allerley zu Geſichte; ſo kommt ihr Gemuͤth in Unordnung, und ſie vergeſſen ſich ſelber, ſo bald ſie unter an - dere Leute gerathen. Solche muͤſſen fein zu Hauſe bleiben, und ohne hohe Noth nicht aus - gehen. Manchem iſt ein beſtaͤndiger Muͤßig - gang, Stricke und Feſſel genug, ihn in die Un - zucht zuruͤck zuziehen; der laſſe ſeinem Leibe und Gemuͤthe niemals Ruhe, ſondern arbeite, und arbeite ſcharf. Manchen ſtuͤrtzet ſein langes Schlaffen, und noch mehrere ihr Faullentzen, wenn ſie nachdem ſie ausgeſchlaffen haben, doch noch liegen bleiben, und ihrem Gemuͤth aller - ley ausſchweiffende Gedancken erlauben; (ſtatt deſſen, daß ſie bald aufſtehen, ſich GOtt erge - ben, mit Gebeth und einem alle fruͤh Morgens zu wiederhohlenden reſoluten Vorſatz und Er - neuerung des Bundes mit GOtt wapnen, und alſo zu ihrem heutigen Kampf geruͤſtet gehen ſolten,) in Suͤnde und Plage: inmaſſen ſie der Satan bey der Gelegenheit gewiß oft betriegen, faͤllen und alsdenn entſetzlich plagen mag. Manche fallen durch Uebermaß im Eſſen, oderet -467wieder die Unreinigkeit. etwas mehr Trincken bey Tiſche, als ihr wallend Gebluͤte tragen kann, in groſſe Verſuchungen; denen ſie gar ſehr leichte entgehen wuͤrden, wenn ſie nur ihre gehoͤrige Portion eſſen und trincken, oder wenn der Durſt zu groß waͤre, ſtatt des vie - len Bieres, viel Waſſer trincken wuͤrden. Man - chen ſtuͤrtzet ihr Vorwitz, da ſie gern etwas neues hoͤren, leſen, ſehen, erfahren wollen, in augen - ſcheinliche Gefahr: ſo ſie nicht noͤthig haͤtten, wenn ſie nicht gerne alles wiſſen wolten. Andere laſſen ſich allerley Luſtbarkeiten und Gemaͤchlich - keiten dieſes Lebens belieben, und erfahrens nachhero, daß ſie dißfalls nach ihrem eigenen Ungluͤck gerungen. Manche gehen an Oerter, von denen ſie leicht vorher wiſſen konten, daß ſie daſelbſt in ihrem Gemuͤthe zerſtreuet und aus - gelaſſen werden; ſie wagens aber, und bringen ein gebrandmahltes Gewiſſen mit zuruͤck, und wer weiß was fuͤr gewaltſame Reitzungen zur Fleiſchesluſt? Einige tragen kein Bedencken, allerley leichtfertige und unnuͤtze Geſchwaͤtze mit anzuhoͤren oder zu treiben, ob ſie es gleich erfahren haben, daß es Jhrer Seelen toͤdtliche Wunden bringet: ſolche ſolten bedencken jenes Wort Chryſoſtomi: Es iſt beſſer, einen giftigen und eiternden Unflat vor anderer ihre Augen aus dem Munde hinauszuwerfen, als ein unzuͤch - tig Wort fallen zu laſſen. Hoͤre doch nur! Wenns dir aus deinem Munde ſtinckt: ſo wird man dich nicht einmal zu den gemeineſten Mahlzeiten hinzulaſſen wollen. Mein, wie kanſt du dich doch unterſtehen, die GeheimniſſeG g 2 GOt -468(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln, GOttes u. den Umgang mit GOtt zu verlangen, da deine Seele ſo gar abſcheulich ſtinckt? Er will ſagen: wer unflaͤtige Worte reden kann, was muß der erſt fuͤr eine unflaͤtige Seele ha - ben? iſt denn der eines Umganges werth? Soll man den anhoͤren?

Dergleichen Umſtaͤnde gibts unzehlich viel, welche unmoͤglich iedem auf gleiche Weiſe koͤn - nen vorgeſchrieben werden. Ein ieder muß es ſelbſt obſerviren, und alles, was fleiſchliche Ge - dancken zu erwecken faͤhig iſt mit groͤſter Schaͤrf - fe und Behutſamkeit vermeiden. Alſo muͤſſen ſie fuͤr allen Dingen ihre Blicke mit einer redli - chen und ernſten Vorſichtigkeit einrichten; und ſich der Geſellſchaft ſolcher Perſonen moͤglichſt entreiſſen, die ſie ohne Gefahr nicht anſehen koͤn - nen. Sie muͤſſen nie nichts heimliches, ver - trauliches, familiaires, gemeines, weder in Wor - ten noch in Wercken haben; Ernſthaft und eingezogen im aͤuſſerlichen Weſen ſeyn; und wenn ſie an gewiſſe Oerter, oder zu gewiſſen Perſonen nicht koͤnnen gehen, ohne zur fleiſch - lichen Luſt entzuͤndet zu werden: ſo muͤſſen ſie ſolche Oerter und Perſonen durchaus meiden. Jn ſolchen Faͤllen iſts zuweilen gut, zuweilen ſchlechterdings noͤthig, dergleichen Bekandſchaf - ten mit Gewalt, ploͤtzlich und ſo abzubrechen, daß man ſie nicht wieder anheben kann. Da - hingegen iſt nicht auszuſprechen, was fuͤr Vor - theile man davon habe, wenn man ſich mit recht - ſchaffenen Leuten bekant macht, und mit Jhnen viel umgehet: immaſſen man nicht nur durchihre469wieder die Unreinigkeit. ihre Unterredungen mercklich gebeſſert, und durch ihre Vorbitte auf eine unſichtbare und den mei - ſten ſo gar unbekante Weiſe geſtaͤrcket wird; ſondern auch Freudigkeit und Gelegenheit be - kommt, ſich Jhnen zu entdecken, und ſich eines guten Raths oft genug bey Jhnen zu erhohlen. Wie viel dis letzte bey ſolchen Umſtaͤnden auf ſich habe, und wie ſehr man ſich zu bemuͤhen ha - be, mit erfahrnen und redlichen Seelen ver - traulich zu werden, zeiget und recommendiret aufs beſte Oſterwald c. l. p. 324. ſq. woſelbſt er ſpricht:

Weil manche Leute nicht wiſſen, ob gewiſſe Dinge erlaubt oder verboten, und davon nie kei - nen Unterricht bekommen: ſo begehen ſie in ſolch ihrer Ungewißheit Sachen, welche vielleicht der Keuſchheit zuwieder, ja ſchaͤndlich und ſtraͤflich; die aber, wenn ſie auch ihrer Natur nach nicht boͤſe waͤren dennoch denen, ſo ſie thun, zur Suͤnde wuͤr - den, weil alles, was aus Ungewißheit oder Zwei - fel kommt, Suͤnde iſt. Noch andere mercken ih - ren klaͤglichen Zuſtand, ſie gedencken ſich daraus zu reiſſen, greiffen ſich auch deswegen an, und gelingt ihnen doch nicht, weil ſie niemand haben, der ih - nen zu recht helfe. Zu geſchweigen derjenigen, welche, als des Laſters der Unreinigkeit ſchuldig, noͤthig haben jemanden um Rath zu fragen, da - mit ſie den dadurch veruͤbten Schaden erſetzen moͤ - gen. Alle dieſe Leute brauchten andere zu Gehuͤl - fen. Ein verheeltes Uebel iſt allzeit gefaͤhrlich; ein entdeckter Schade aber iſt ſchon halb geheilt. Manche Perſonen haben zwar aus Eigenſinn ihr Hertz niemand entdeckt, ſondern vor und in ſich be - halten: aber auch dabey keine Ruhe haben, noch ihrer herrſchenden Begierden ſrey werden koͤnnen. So bald ſie aber das Hertz gefaßt, ihr GewiſſenG g 3 aus -470(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln, auszuleeren, und ihr Anliegen zu entdecken, haben ſie Troſt und Staͤrcke empfunden, und zwar gleich den Augenblick, alſo, daß ſie nachmals neue Kraͤfte geſpuͤret, in der Gottesfurcht weiter zu kommen.

Warum bedienet man ſich denn eines ſo heil - ſamen Mittels nicht? Will man ſagen, man wiſ - ſe nicht, an wen man ſich hierinn vertrauen duͤrfe? So iſt gleichwol die Zahl verſtaͤndiger und wacke - rer Leute ſo gar geringe nicht, daß, entweder un - ter denen die GOtt andere zu unterrichten und die Gewiſſen zu troͤſten geſetzt, oder auch unter den Zuhoͤrern und Privatperſonen, nicht noch ein oder anderer befindlich waͤre. Hindert etwa die Schande das Geſtaͤndniß? Allein es iſt, (zum erſten) nicht allemal noͤthig, das, was einem am ſaͤuerſten an - kommt, eben zu entdecken, und es gibt heimliche Wege und Mittel, ſich Unterrichts und Raths zu erholen, ohne dergleichen teutſche und deutliche Eroͤfnung.

Geſetzt auch, (zum andern,) man haͤtte bey Ent - deckung ſeines Zuſtandes einige Schande und Be - ſchaͤmung zu beſorgen: iſts denn nicht beſſer, ſein Anliegen offenbaren, als bey deſſen Verheelung in ſteter Marter ſchweben, und zu Grunde gehen? Wer ein Hertze faſſet, ſolch Bekentniß abzulegen, der bezeuget dadurch, ihn kraͤncke ſein Zuſtand, er begehre davon loß zu werden, und hat gewiß ſchon einen groſſen Sprung zur Bekehrung voraus. Uebrigens ſchaͤmet ſich ein Suͤnder, der voller Scham iſt vor GOtt wegen der begangenen Feh - ler, eben nicht ſo ſtarck vor Menſchen, und liegt ihm nicht groß daran, etwas weniges leiden zu muͤſſen.

γ) Allen boͤſen Gedancken, Vorſtel - lungen und Begierden muͤſſen ſie aufs geſchwindeſte und hartnaͤckigſte wieder - ſtehen. Denn wo boͤſe Gedancken ſind, da iſtder471wieder die Unreinigkeit. der Teuffel nahe. Sie ſind, wie der ſeel. Scri - ver ſagt, des Teuffels ſeine Furiers, die ihm Thuͤr und Thor in des Menſchen Hertz oͤfnen. Vergoͤnnet man nur dem Hertzen, daß es ſich mit unreinen Vorſtellungen und Nachſinnen be - luſtige: ſo laͤßt man ſich ſchon mit dem Satan in Tractaten ein, und geſtehet ihm den Kampf wircklich zu und verlohren. Wie viel tauſend Menſchen, (ſonderlich junger Leute) ſind durch die Wolluſt, die ſie alſo in - und mit ihrer Seelen getrieben, in dieſe Brunſt gerathen, daß ſie hernach auch wircklich ihren Leib haben angefangen zu ſchaͤnden, und ſind auf dieſe Graͤuel durch Handleitung des Satans ſelbſt gekommen, oh - ne daß ſie iemand dazu verfuͤhret haͤtte! Jch kenne ihrer ſelbſt verſchiedene. Der Teuffel geht freylich nicht ſtracks drauf loß, wenn er einen heiligen Vorſatz im Menſchen mercket; ſondern ſpielt ihm gleichſam nur von ferne etwas vor, bringt ihm die ſuͤndlichen Wege ſeiner Jugend, oder einen aͤrgerlichen Schertz, Lieder, Hiſtorien, Umſtaͤnde, die er ehemahls gehoͤret und geſehen und tauſend ſolcher Dinge mehr zu Gemuͤthe ꝛc. wenn nun aber der Menſch ihnen nicht ſtracks, und in dem Augenblick, da ſie ſich melden, mit Macht und einem unbeweglichen Eifer wieder - ſtehet; ſo kann er in groſſe Suͤnden hinein ge - rathen. Es iſt aber noͤthig, von dieſer Uebung etwas puͤnctlicher und umſtaͤndlicher zu handeln.

Die Phantaſie oder Einbildungskraft des Menſchen iſt die eigentliche Hauptreſidentz undG g 4Be -472(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Beherbergerin dieſer Suͤnden. Alles, was die Augen erblicken, was die Ohren hoͤren, was die Zunge ſchmecket, und was ſonſt durch die aͤuſ - ſerlichen Sinnen auf irgend einige weiſe em - pfunden wird, praͤgt ſich gleichſam da hinein. Alles, was das Fleiſch kitzelt, und dem thieri - ſchen Menſchen annehmlich vorkommt, das fuͤh - let und genieſſet er zwar nur ſo lang, als lang es wehret; hernach geht das Gefuͤhl davon und die vermeinte Annehmlichkeit aus dem Fleiſch und den aͤuſſern Sinnen gleichſam verloren: al - lein es gehet drum nicht vom Menſchen weg, ſondern es niſtelt ſich nur inzwiſchen in ſeine Phantaſie ein. Da gehets zur Herberge, da legt ſichs im Verborgenen nieder, und bleibt ei - ne Weile ſtille, bis es zur andern Zeit mit Macht ausbricht. Je mehr unzuͤchtiger Bilder, Per - ſonen, Handlungen ꝛc. man geſehen, je mehr ſchaͤndlicher Worte, Lieder und Hiſtorien man gehoͤret, je mehr Seel vergiftender Romaͤnen und Vorſtellungen man geleſen, oder ſonſt empfun - den: je mehr dergleichen Schlangenbrut ſamm - let ſich nach und nach in die Phantaſie ein, und hecket bald in einer tuͤckiſchen Stille und unver - mercklich, bald in einer recht wuͤtenden und wim - melnden Heftigkeit tauſenderley aͤhnliche Otter - gezuͤchte mehr dazu aus. Man kann es auch nach der erſten Schlußfolge p. 66. ſq. natuͤrlich begreiffen, daß dis das eigentliche Behaͤltniß ſey, worein der unſaubere Geiſt alle ſeine Unflaͤ - tereyen nach und nach zuſammen traͤgt und in Verwahrung leget, um ſie gleichſam in reſervefer -473wieder die Unreinigkeit. fertig zu halten, und zu ſeiner Zeit zu lauter gif - tigen Pfeilen und Entzuͤndungsmitteln zu ge - brauchen. Dis iſt die groͤſte Mordgrube des Satans, darinn er ſeine meiſten und groͤſten Mordbrenner verborgen haͤlt, und ſie dann und wann in alle Seelen und Leibeskraͤfte ploͤtzlich ausſchicket, um ein hoͤlliſches Feuer der Unzucht anzulegen, und alles in dieſen unſeligen Brand zu ſtecken. Wer alſo die ſchreckliche Suͤnde der Unzucht nicht in dieſer tiefſten und innerſten Wurtzel angreift: der muß ſich nicht wundern, wenn er wenig oder nichts gewinnet. Keine gewaltſamen Triebe im Leibe, und keine Reit - zungen von auſſen koͤnnen dem Menſchen ſo ſtarck zuſetzen, und ihn zur Unzucht noͤthigen, als die in ſeine Phantaſie gepraͤgten Bilder und derſelben erinnerliche Vorſtellung.

So muß demnach vor allen Dingen ausge - macht ſeyn und zum Grunde liegen: daß wer von der Unzucht der Seelen und des Leibes frey werden will, der muß von dem allmaͤchtigen GOtt die Macht (Joh. 1, 12. 12. ) kriegen, ſolche Bilder aus ſeiner Phantaſie durchs Blut der Verſoͤhnung JEſu Chriſti wieder auszuwiſchen und zu vertilgen. Das iſts, was oben ausge - fuͤhret iſt: er muß ſich nicht halb, ſondern gantz bekehren, bis zu dem lebendigen GOtt, und muß kommen bis zum Blut der Beſprengung, mit - hin zur freyen Gnade des ſeligen GOttes, wie ſein untruͤgliches Wort bezeuget, Roͤm. 6, 14. c. 8, 1-4. 8. 9. 13. ꝛc. 1 Joh. 5, 3. 4. 12. Jeſ. 33, 24. Und hieraus erhellet handgreiflich:G g 5daß474(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,daß wer die Suͤnde noch nicht uͤberwinden kann, ſondern muß ſich von ihr uͤberwinden laſſen, der muß mit GOtt noch nicht ausgeſohnet ſeyn, u. noch keine Vergebung der Suͤnden haben; denn haͤtte er Vergebung der Suͤnden, ſo haͤtte er auch Leben und Seligkeit, Jeſ. 45, 24. und der ſelige GOtt wuͤrde ſein armes Kind, das er ſo innig lieb hat, nicht unter der Sclaverey der Suͤnden ſtecken laſſen. Wenn nun aber dis ausgemacht iſt, daß ein ſolcher armer Suͤnder wircklich und gewiß pardonniret, und des Lebens aus GOtt aus freyer Gnade durchs Blut JE - ſu iſt theilhaftig worden: ſo koͤnnen ihm wol ei - nige bewehrte Mittel vorgeſchlagen werden, wie er an dieſem Hauptpoſten rechte Wache halte, und weder den innern noch aͤuſſerlichen Feinden einigen Einbruch verſtatte. Nemlich

a) man muß beſtmoͤglichſt verhuͤten, daß im Hertzen keine boͤſe Gedancken auf - ſteigen. Dis iſt anfaͤnglich ſchwer, aber fan - gen Sie es auf die vorerzehlte Weiſe an, durch Obſervirung ihres innern Weſens: ſo ſollen Sie es in 2. Tagen ſehr weit bringen. Sie koͤnnen unzehlich vielen boͤſen Gedancken entgehen.

  • 1) wenn ſie, wie vor gewieſen, die Dinge und Gelegenheiten, daraus ſie entſpringen, flie - hen.
  • 2) Wenn ſie ſich fleißig, treulich und unab - laͤßlich bemuͤhen, Jhr Gemuͤth von der Fladder - haftigkeit zu befreyen, und zu figiren, oder geſetzt, ſtandhaft und maͤnnlich zu machen, daß es nicht ſo uͤberall herumſchwerme, alles begaffe, behoͤre, be -taͤn -475wieder die Unreinigkeit. taͤndele, und in jeder Viertelſtunde hunderterley Dinge vorhabe, und ſo fluͤchtig ſey: Denn dis iſt ſchon vor ſich allein eine ſehr gefaͤhrliche Kranck - heit, an welcher manche, die ſich nicht beſſern lieſ - ſen, zu Grunde gegangen. Was iſt das fuͤr ein jaͤmmerlicher Gemuͤthsſtand, wenn man ſich ſtets mit allzuvielen, ſeltſamen und verwirrten Gedancken plagen und ſchleppen muß, deren die meiſten noch thoͤricht und ſuͤndlich ſind, und die Seele immermehr vergiften! Sie muͤſſen ſich gewoͤhnen, nicht an allzu viele Dinge zu geden - cken, noch ſich mit etwas nichtswuͤrdigen, oder gar wircklich boͤſem aufzuhalten: und dis wird ihnen gewißlich moͤglich, und nach gerade auch leichte werden, wenn ſie dem fladderhaften Ge - muͤthe ſtets etwas ernſtlicheres zu thun geben. Koͤnnen ſie zuweilen vor uͤberhaͤuften Gedan - cken nicht zu ſich kommen, ſo rathe Jhnen als Jhr treuer Freund: beten ſie eine gute Weile, und thun das des Tages auch 10. mahl, es ſoll gantz gewiß anders werden. Je mehr man mit GOtt umgehet, je mehr wird man der goͤttlichen Natur theilhaftig, wenn erſt der Grund durch Ausſoͤhnung im Blut Chriſti geleget iſt.
  • 3) Behalten ſie ihre Sinnen, ſonderlich ih - re Blicke in ihrer Macht, und fliehen alles, was das Gemuͤth zerſtreuet.
  • 4) Reden ſie nicht zu viel, und ſeyn auch in ihrem gantzen Weſen nicht zu weitlaͤuftig, multiplicirt und zerſtreuet.
  • 5) So viel moͤglich errinnern ſie ſich der ge - hoͤrten, geleſenen, geſehenen garſtigen und ſuͤnd -li -476(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,lichen Dinge nicht: ſondern vertilgen ſie aus ih - rem Gedaͤchtniß. Dis wird Jhnen, weil der Grund durch erlangte freye Gnade da iſt, leicht werden, wenn ſie durch Betrachtung des Wor - tes GOttes, durch Studiren und andere noth - wendige Geſchaͤfte ꝛc. dem Gedaͤchtniß was an - ders zu thun geben.
  • 6) Schweiffen ſie nicht durch Fuͤrwitz aus, unnoͤthige Dinge zu wiſſen, zu ſehen, zu hoͤren, zu leſen und zu erfahren.
  • 7) Seyn ſie bemuͤhet, ſtets gute Gedancken zu haben, und bekuͤmmern ſich um eine wohl geordnete, GOtt gefaͤllige heilige Art zu dencken.
  • Zu dieſer koͤſtlichen und hohen Qualitaͤt wahrer Chriſten werden ſie unwiſſende wie, ge - langen, wenn ſie die 3. Stuͤcke, ſo bey der Buſ - ſe erforderlich waren, auch in der Heiligung fleiſ - ſig treiben, und bald unten ſoll noch etwas we - niges davon vorkommen.

b) Wenn boͤſe Gedancken und Be - gierden aufſteigen, ſo iſt der allerſicher - ſte und allerleichteſte Rath: daß man ſie ohne den geringſten Aufſchub verja - ge; ſie nicht den kleinſten Augenblick im Gemuͤthe dulde; noch ſich in Ueberle - gungen, wie man etwa der Verſuchung wiederſtehen werde einlaſſe. Der erſte Augenblick gibt hie den Ausſchlag, wie es mit der Verſuchung ablauffen werde. Finden un - reine Gedancken im Gemuͤth Auffenthalt, wenns auch ſchon mit unſerm Mißfallen waͤre: ſo ent - zuͤndet ſich unvermerckt ein Vergnuͤgen uͤberdie -477wieder die Unreinigkeit. dieſelben im Hertzen, und wird ploͤtzlich eine Luſt daraus; dann iſt man nicht mehr ſo im Stande ſich zu wehren, als vorher, ehe das Feuer auf - loderte. Wer iſt aber ie unter den Menſchen ſo naͤrriſch, der da ſagte, er wolle das Feuer erſt auflodern laſſen, hernach wolle ers noch wol loͤ - ſchen? viele klagen ſo ſehr uͤber die Heftigkeit der Verſuchungen, und wie hart es zugehe, ſie zu uͤberwinden. Wolten ſie nur mit Ernſt, ſie ſolten gewiß ſo heftig nicht ſeyn, noch der Kampf ſo ſchwer fallen. Warum verſaͤumen ſie den Anfang, da ſie am ſchwaͤchſten ſind, und laſſen ſie erſt ſtarck werden, und im Hertzen Wurtzel ſchlagen? Sie koͤnnen aber die einge - fallenen unreinen Gedancken bald wieder aus dem Gemuͤthe werffen, wenn ſie

  • 1) Jhr Gemuͤth ploͤtzlich wieder davon ab - kehren, und ſich nicht erſt beſinnen, was ſie da - bey thun wollen.
  • 2) Augen, Ohren und Sinnen von dem, was die fleiſchlichen Begierden erreget, ploͤtzlich, ohne ſich im geringſten druͤber zu bedencken, weg wenden. Denn es iſt thoͤricht und erlogen, der Anfang der Verſuchung ſey noch nichts boͤſes, warum wolte man ſo vor ihnen fliehen? 2 Tim. 2, 22.
  • 3) Den Muth nicht wegwerffen, wenn die ein - und abermal verjagten Luͤſte abermal wiederkommen; es wird nicht lange ſo waͤhren: der Anfang iſt immer das ſchwereſte, es wird aber alles nach und nach Stuffenweiſe leichter. So iſt das Werck auch im Anfange ſelber nichtim -478(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,immerdar gleich ſchwer, ſondern es gibt gewiſſe Umſtaͤnde, da ſichs ziemlich leichte durchkommen laͤßt. Zu dem iſt zu bedencken, daß ſich Ge - wohnheiten nicht auf einmahl ablegen laſſen; aber alle Tage koͤnnen ſie ſchwaͤcher gemacht werden. Was man um GOttes und ſeiner Seligkeit willen thut, muß man thun getroſt, hertzhaft, mit Freuden, und in unbeweg - licher Zuverſicht, GOtt, dem zu Liebe man es anfaͤngt, werde unzweifelhaft gewiß helffen; er kann ja die, denen es drum zu thun iſt, zu ſeiner eigenen Verunehrung unmoͤglich im Sti - che laſſen. Wenn ſich alle, die da angefangen haben in das Werck ihrer Bekehrung einzuge - hen, durch den Ruͤckfall haͤtten abſchrecken laſ - ſen, ſo wuͤrde nie kein Menſch bekehret worden ſeyn. Leſen ſie doch davon Oſterwald l. c. p. 331. ſqq. mehrmal, (nur nicht zu fluͤchtig) nach
  • 4) Wenn ſie mit kurtzen Seuffzern um die goͤttliche Huͤlffe und Rettung, auf der Stelle, und in dem Augenblick, da ſich der Feind zei - get, flehendlich bitten; geſetzt, daß es auch nicht ſo bruͤnſtig und freymuͤthig geſchehen koͤnte als ſonſten.
  • 5) Wenn ſie in dergleichen Anfaͤllen ihr Ge - muͤth alsbald auf andere Gedancken richten, ei - nen Spruch aufſchlagen, GOttes Allgegenwart, Chriſti Liebe und Leiden ſich vorſtellen, oder auch und zwar inſonderheit die bisher angefuͤhrten Be - wegungsgruͤnde zur Keuſchheit, und was noch weiter hin zur oͤftern Ueberlegung wird vorge - ſchlagen werden, mit rechtem Ernſt erwegen.
6) Ma -479wieder die Unreinigkeit.
  • 6) Machen ſie ſich bald was anders zu ſchaffen; reden mit jemanden, und laſſen ſich was erzehlen, oder lieber erzehlen und diſcuriren ſie ſelber von andern Dingen, daß ihre Gedan - cken nothgedrungen an was anders gleichſam feſt gebunden werden.
  • 7) Sonderlich aber rathe ihnen nicht einen Augenblick an dem Ort, am allerwenigſten aber allein zu bleiben; Sie thun im Anfang viel beſ - ſer, wenn ſie ſofort aus der Einſamkeit, und von dem Orte weglauffen, daß ſie nur unter andere Leute kommen, als daß ſie niederfallen und be - ten. Denn in dem heftigen Anfall der Luſt ſind ſie nicht faͤhig mit groſſem Ernſt, ohne einiges Wancken des Willens zu beten.
  • Uebrigens thun ſie dis alles hertzhaft und unerſchrocken; werden auch durch die dabey em - pfindenden Schwachheiten und Widerwillen im geringſten nicht verdruͤßlich noch kleinmuͤthig: GOtt wird den noch ſo wanckenden Willen ſchon befeſtigen, daß der Vorſatz immer eiferiger, ge - wiſſer und unbeweglicher werde; und dabey ſo redlich, daß das Hertz nicht die geringſte Ent - ſchuldigung oder Exception von der menſchlichen Schwachheit, Unmuͤglichkeit, von der Barmher - tzigkeit GOttes, und dergleichen mehr vorbehaͤlt, ſondern durch alles mit goͤttlicher Macht hin - durch bricht. Wiſſen ſie doch, daß dergleichen Kampf nicht lange dauret. Haben ſie einige Minuten uͤberſtanden, ſo iſt das Ungewitter vor - uͤber, ſie haben das Jhrige gethan, ſtehen nun in Sicherheit, und in dem inniglich ergoͤtzen -den480(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,den Veꝛgnuͤgen uͤber dem duꝛch JEſum erhaltenen Siege; ja ſie bekommen doppelt ſo viel Muth und Staͤrcke, der Suͤnde ein andermahl noch tapfferer zu begegnen, als ſie vorhin noch nicht hatten.
Ein ſtar - cker mag auch ohne Flucht kaͤmpfen.
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Auf dieſe Weiſe erhalten ſie die erſtern Sie - ge am allerſicherſten und geſchwindeſten durch die Flucht. Wird Sie dann GOtt im Glau - ben gegruͤndet, und Jhnen durch die Kraft ſei - ner Liebe die gantze geiſtliche Ruͤſtung angelegt haben: ſo uͤben ſie ſich auch dann und wann, nur mit groſſer Behutſamkeit, in dem maͤnnli - chen Wiederſtand. Kommen aufs neue heftige Reitzungen der Wolluſt: ſo fliehen ſie nicht bald, ſondern halten Stand, und laſſen ſich in einen foͤrmlichen und feierlichen Kampf und Diſput mit dem Satan ein, tractiren deshalb mit ſich ſelbſt, und ihrem Gewiſſen, in einer tieffen Ueber - legung ihres Zuſtandes, und ſtellen mit GOtt eine ehrerbietige Unterredung an, gleichwie dor - ten Joſeph anfangs auch auf dem Kampfplatze behertzt ſtehen blieb, und ehe nicht, bis in der hoͤchſten Noth geflohen.

Jch ſage: mercken ſie, daß das unreine Feuer der Luͤſte in ihnen aufgeſchuͤrret wird: ſo haben ſie Freyheit, mit dem unreinen Geiſte deßwegen gantz eigentlich mit lauter Stimme und unbewegten Muth im verborgenen zu ex - poſtuliren, und allein zu bleiben, ſo ſie vorhera) Kampf mit dem Satan. noch nicht durften. Sie ſprechen z. E. o Satan! welche ungereimte Dinge darfſt du mir zumu - then? Ey wie ſolt ich dazu kommen, daß ich wieder meinen allerliebſten GOtt ſuͤndigte? eywie -481wieder die Unreinigkeit. wie wolte mir das anſtehen, den ewigen Liebes - bund des Allerhoͤchſten zu verlaſſen, und mit dir, dem unreinen Geiſte, der ſchon zum ewigen Ge - richte verurtheilet iſt, ein neues Verſtaͤndniß und Bund zu machen? Ey! wie wolt ich das verantworten, meinem allerbeſten Freund, JE - ſu Chriſto, hiemit die Freundſchaft aufzuſagen? wie ſolte ich mein Hertz, die durchs Blut Chri - ſti gereinigte Wohnung des heiligen Geiſtes zu deiner ſcheußlichen Behauſung machen und ein - raͤumen? Jch ſpuͤre meines lieben GOttes Huld und vaͤterliche Aufſicht unablaͤßlich uͤber mir: wie ſolt ich denn ſo gottlos ſeyn, und ſeine groſſe Guͤte mit ſolcher Boßheit erwiedern? Er hat mich durchs Blut ſeines allerliebſten Sohnes theuer erkauft, und in Jhm von allen Suͤnden gereiniget; er hat mich durch die heilige Tauffe zu ſeinem Gnaden Kind aufgenommen, und mich meines Taufbundes und Kindſchaft mein Lebelang gemeſſen laſſen; Er hat eine ſo uͤber - groſſe Barmhertzigkeit, und eine ſo unbegreifli - che Langmuth und Gedult an mir erwieſen, daß ichs ihm in Ewigkeit nicht gnugſam dancken kann; Er hat mich ſeine Liebe im Hertzen laſſen ſchmecken, und durch ſeinen heiligen Geiſt mein Hertz als ſein Eigenthum verſiegelt, und mich ſeiner ewigen Gnade verſichert; Er hat mich mit ſo manchem ſuͤſſen Troſt aufgerichtet, und ſich in aller Noth meiner ſo hertzlich angenommen; Er laͤßt ſeine Gnade taͤglich uͤber mir maͤchtig ſeyn, und begnadiget mich alle Morgen mit neuer Guͤ - te; Er hat mir Macht gegeben, daß ich mit JhmIII. Th. Betr. der Unreinigk. H hals482(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,als ein Kind mit ſeinem lieben Vater darfkuͤhn - lich reden, und ihm mein gantzes Hertz mit aller Zuverſicht entdecken; ich kann greiflich mercken, wie er mich mit ſeiner Hand und mit ſeinen Au - gen leitet; wie er mich ſchuͤtzet, verſorget und erhaͤlt; taͤglich und ſtuͤndlich genieſſe ich ſeiner ſuͤſſen Gnade: wie ſolt ich denn nun dieſe aller - hoͤchſte Unbilligkeit begehen und meinen GOtt beleidigen? Solt ich ihm ein ſolches Gutes mit einem ſolchen boͤſen vergelten? Solt ich ihm fuͤr ſo viele Wohlthaten ſolchen Danck geben? ſolt ich wieder meinen ſo oft wiederholten und er - neuerten Taufbund ſo ſchaͤndlich handeln? Solt ich mein Hertz, deſſen Reinigung den hochgelob - ten Sohn GOttes ſo viel Muͤhe und Arbeit ge - koſtet, muthwillig verunreinigen; den heiligen Geiſt betruͤben; die Ruhe der Seelen zerſtoͤren; und um ſchnoͤder Fleiſchesluſt willen mir eine ewige Laſt und Unluſt uͤber den Hals ziehen?

O Satan! wie graͤulich unverſchaͤmt, und unerhoͤrt boßhaft muſt du ſeyn, daß du mir ſol - che Dinge anſinneſt? weiſſeſt du nicht, daß ich mit JEſu Chriſto, deinem anbetungswuͤrdigen HErrn und Richter, hingegen meinem Blut - braͤutigam auf ewig verſprochen bin? haſt du noch nicht geſehen, daß er ſein goͤttliches Bild und hellſtrahlende Herrlichkeit auch in mir zu - verklaͤren angefangen, daß man auch an mir, als im Spiegel ſehe, wie heilig, rein und fromm Er ſey? haſt du die allerhoͤchſte Verſicherung mei - nes Heils, und meinen groͤſten Troſt noch nie gehoͤret, da mein allerliebſter ſagt: Jhr in mir,und483wieder die Unreinigkeit. und ich in euch? Satan! ich ruͤhme mich daraus mit einem unnachgebenden Muth, wieder dich, und wieder die gantze Welt: daß mir nichts naͤher ſey, als mein Erloͤſer; und daß zwiſchen uns bey - den eine weit genauere und feſtere Verbindung ſey, als zwiſchen Leib und Seele! Und aus die - ſem unbeweglichen Grunde gloriire ich wieder alle Teufel und vor iedermann, daß keine Verdam - mung an mir ſey; daß ich gerecht, heilig und ſe - lig ſey; daß ich GOtt lieb und werth und dir Satan mit gantzer Seele feind, zuwieder, und noch darzu erſchrecklich ſey; und daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fuͤrſtenthum, noch Gewalt, weder gegenwaͤrtiges noch zukuͤnf - tiges, weder hohes noch tieffes, noch keine an - dere Creatur mich ſcheiden ſoll von der Liebe GOttes, die da iſt in Chriſto JEſu meinem HErrn. Pfui dich Satan! wie ſolte ich dieſe meine ausnehmende Hoheit und Herrlichkeit ſo liederlich verſchertzen? wie koͤnte ich mich durch ſchnoͤde Fleiſchesluſt von meinem allerbeſten Freunde ſo unertraͤglich undanckbar und unge - recht loßreiſſen? wie wolte ich mich ſeiner ſuͤſſen und ſeligen Gemeinſchaft begeben, und mich mit dem Satan verkuppeln? Solt ich mein Hertz, das an JEſu hanget, von ihm loßreiſſen, und dir ergeben?

O Satan, was nimmſt du dir bey einer ſol - chen verfluchten Anforderung aus? wer biſt du? und wie ſauber iſt deine Geſellſchaft? aus mei - nen Augen ſol die Liebe JEſu hervorleuchten, wie? ſolte ich ſie mit Hurenliebe verunreinigen? H h 2mei -484(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,meinen Mund und meine Lippen hat der HErr JEſus zu ſeinem Lob und Preis eroͤfnet, ſie mit ſeinem heiligen Leib und Blut geheiliget, und ſich deren heiligen Gebrauch aufs feierlichſte ausbedungen: Solt ich ſie mit Unflaͤtereyen ent - heiligen? Solt ich meine Haͤnde, die ich taͤg - lich oͤfters in heiliger Andacht zu GOtt aufhe - ben muß, mit Unreinigkeit beſudeln? das laſſe mein GOtt ferne von mir ſeyn! in Ewigkeit will ich dir das nicht eingehen, Satan! du Seelen - moͤrder! ſondern gebiete dir in dem Nahmen meines HErrn JEſu Chriſti, daß du den Au - genblick von mir weicheſt!

Hierauf, mein Freund, ſtehen ſie getroſt auf, und ſingen mit hertzlichem Aufmercken und Verlangen ein oder mehrere Lieder, oder auch nur eintzle Verſe, nemlich, ſo viel jetzt zur Sache und zu ihrem Hertzensſtand gehoͤret, z. E. Jn dich hab ich gehoffet HErr, oder: Entbinde mich mein GOtt ꝛc. Ringe recht, wenn GOttes Gnade ꝛc. Ruͤſtet euch ihr Chriſten Leute ꝛc. Keuſcher JE - ſu hoch vom Adel ꝛc. Nach erfochtenem Sie - ge frolocken Sie mit loben und dancken vor ih - rem GOtt, ruͤhmen ihn auch vor andern Men - ſchen; und preiſen ſeine goͤttliche Kraft allen ih - ren Mitſtreitern aufs beſte an, damit ſie auf dieſelbe etwas wagen lernen; an dieſer Sache iſt Jhnen uͤberaus viel gelegen.

b) Unter - redung mit ſich ſelbſt.
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Mit ſich ſelbſt und Jhrem Gewiſſen koͤnnen ſie ſich zuweilen bey aufſteigenden Gedancken auch in eine Unterredung einlaſſen, etwa auf folgende Weiſe: du armſeliges Huͤttlein mei -ner485wieder die Unreinigkeit. ner Seelen, du wuͤſtes Neſt der Suͤnden! wie kanſt du doch von der graͤulichen Schande ſo herumgetrieben werden? o mein armer Leich - nam! du biſt ſo kuͤnſtlich und wunderbar zu - ſammen geſetzet, aus Dingen, die ſonſt einander gantz entgegen ſind. Du biſt ſo ſinnreich und weislich aus Fleiſch und Beinen zuſammen ge - fuͤget, und mit der Haut, wie mit einem Kleide umhuͤllet; du biſt mit den 3. verwunderungs - wuͤrdigen Syſtematibus, den Pulsadern, Blut - adern und Nerven durchwircket, und gleichſam daraus gewebet, damit du eine wuͤrdige Her - berge wuͤrdeſt eines noch unvergleichlich edleren und fuͤrtreflichen Geiſtes! ach! was wuͤtet doch fuͤr eine Luſtſeuche in dir, und wie biſt du doch ewig in eine ſolche Schmach, Sclaverey und Noth gerathen?

Jhr meine Augen, wie ſeyd ihr ſo unge - zaͤhmt, nach eurem eignen Ungluͤck und Verder - ben ſo begierig hin zu gaffen? o ihr Haͤnde, wie ſeyd ihr ſo ſchnell, euch dem Teufel zu Waffen hinzugeben, die Seele zu ermorden; die in dem finſtern Kercker des Leibes ohnedem genug ge - aͤngſtet wird? werdet ihr denn nicht ohndem ſchon der Suͤnde wegen vermodern muͤſſen, und von Wuͤrmern gefreſſen werden: warum wolt ihr euch doch noch dazu durch Schandthaten be - flecken?

Du mein Gebluͤte, wie walleſt du? was hat dich in einen ſo ſchnellen Lauff gebracht, daß du ſo treibeſt, als ob du mit aller Macht dein elendes Behaͤltniß nur fein balde zerſtoͤren undH h 3ins486(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,ins Grab ſtuͤrtzen wolteſt? mein Hertz wie po - cheſt du, und warum biſt du ſo eilfertig, die Zahl deiner Schlaͤge nur fruͤhzeitig voll zu machen; und zwar zu einer Uebelthat, derentwegen du hernach mit tauſend Aengſten wirſt beklemmet und gepreſſet werden? warum eileſt du ſo, dein Uhrwerck durch Schandthaten und Graͤuel zu zernichten?

O du mein Gewiſſen! gebrauchſt du dich nicht deiner Gewalt eben ietzo, da der geringſte Verzug die hoͤchſte Gefahr mit ſich bringet? brichſt du mit deinem unabweislichen Proteſti - ren, Warnen, Bedrohen, und Ueberzeugen nicht bis ſo weit durch, daß ſich die entflammten Kraͤf - te des Leibes entſetzen und erzittern muͤſten? Ja gewiß, du wirſt, wenn ich der Suͤnde gehorſam wuͤrde, deine Sache hernach mit einer ſolchen Strenge und unerbittlichen Beſchuldigung fuͤh - ren, daß mir die Lebenskraͤfte vertrocknen und verzehret werden moͤchten! o mein geplagter Geiſt, begreiffe dich, durch die Kraft des Todes Chriſti, und uͤberlege, was in deiner ſcheußlichen Wohnung vorgehet. Jhr geringſchaͤtzigen und noch dazu violirten Kraͤfte des Verſtandes und des Willens! warum ſeyd ihr ſo langſam und nachlaͤßig, euren Proceß im Nahmen des all - maͤchtigen gegen den ungeheuren Leib der Suͤn - den zu fuͤhren?

Mein Hertz! was ziehet dich doch zu Be - gehung einer ſo verdammlichen Ungerechtigkeit? und was kann dich vermoͤgen, darein zu willi - gen? ach! uͤberlege doch, mit welch einer groſ -ſen487wieder die Unreinigkeit. ſen Zuruͤſtung und mit was fuͤr einem vortrefli - chen Kunſtgebaͤude ſo vieler und unglaublich ſub - tiler Gefaͤſſe der allerhoͤchſte die admirable Fa - brique hat zu wege gebracht, welcher du ſonſt Gewalt angethan haſt? je kuͤnſtlicher und fuͤr - treflicher der Bau, je eifriger verhuͤtet man ſei - nen Verderb. Ach! was wuͤrde der allerhoͤch - ſte Bauherr dazu ſagen, wenn du ihm dieſen Bau ferner ruinirteſt? Sage mir, mein Hertz: iſts billig, daß man die wunderbare Einrichtung dieſes Creißlaufs, die Communication des Ge - bluͤtes mit dem Samen, und wiederum des Samens mit dem Gebluͤte alſo eigenmaͤchtig zerſtoͤre und verderbe? daß man in alle dieſe ſehr zarten und leicht verderblichen Gefaͤſſe einen ſolchen klaͤglichen Ruin einfuͤhre, dem mit allen angewandten Kraͤften und Kuͤnſten nicht mehr moͤchte zu wehren ſeyn? Soll man die allerſtaͤrck - ſte Medicin, die GOtt dem Menſchen in deſſen eigenen Leib geleget, und ſo getreulich verſchloſ - ſen, alſo verſchwenden, und alſo wie einen Unflat achten? Jſt das wol zu verantworten, daß man ſich hiemit der beſten Lebenskraft und des natuͤrlichen Vermoͤgens in der Seele und im Leibe beraubet? Soll ein vernuͤnftiger Menſch ſein gantzes Gemuͤthe zuſehens ſo verwuͤſten? ſein Gedaͤchtniß ſo verderben? ſeine ohnedem ſchon jaͤmmerlich zugerichtete Einbildungskraft noch vollends hinrichten, und ſie zu einem ab - ſcheulichen Cloac und Werckſtaͤtte des unreinen Geiſtes machen? Jſts denn dem Menſchen er - laubt, ſein Nachdencken ſo zu ſchwaͤchen, ſeinH h 4Ge -488(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Gewiſſen ſo zu foltern, und daſſelbe endlich von ſeinem Thron und Amte zu eigenem groͤſten Ungluͤck abzuſetzen? ach! iſts denn eine Gluͤck - ſeligkeit, wenn die Vernunft ihr Directorium, und die Gemuͤthskraͤfte ihr Vermoͤgen verloh - ren; daß man ſich der ſchrecklichen Verwirrung und Heftigkeit der Affecten gantz zum Sclaven hingeben, und die fleiſchliche Luſt dermaſſen zum Tyrannen und Gebieter uͤber ſich ſetzen muß? Soll man den Augen ihr Licht ſo nehmen, und ihre Schaͤrffe ſo umnebeln, damit man doch die Herr - lichkeit GOttes an ſeinen Wercken ſchauen ſoll? Jſts recht, daß man ſeinem Hertzen ſo viel Aengſt - lichkeit und Klemme zurichte, und ſeinen gan - tzen Leib in unzehliche Kranckheiten unmercklich hineinfuͤhre?

Soll ein Menſch, dem ſein Schoͤpffer be - kant iſt, gegen ſein eigen Leben ſo wuͤten, daß er ſich entweder die Helfte ſeiner Tage verkuͤrtze, oder ſich ein jaͤmmerliches Alter ohne Alter, vol - ler Schmertzen, Aengſten, Gerichte, und ſtets - waͤhrenden Kranckheiten zuwege bringe, die ihm hernach das bitterſte Hertzeleid machen werden? Soll er ſich ſelbſt auf viele Jahre hinaus, oder auch wol ſeinen Nachkommen auf ihre gantze Lebenszeit ſo viele Noth des Leibes und Gemuͤ - thes zuziehen, und alſo an ſich und vielen an - dern viele Jahre hindurch zum langſamen Moͤr - der werden? Soll das dem Menſchen frey ſte - hen, die wunderbaren Anfaͤnge eines menſchli - chen Coͤrpers, die GOtt im Verborgenen gear - beitet, und in den Saamen geleget, ſo zu ver -der -489wieder die Unreinigkeit. derben? Soll man ſeiner gantzen Natur eine ſolche Schande und Gewalt anthun, daß ſie Kraft des empfangenen Verderbens nothwen - dig hernach wieder mit Gewalt drauf beſtehen und treiben wird; dadurch man ſich alſo die fer - nere Ausuͤbung ſolcher Schande ſelbſten auf den Hals ziehet, und eine Nothwendigkeit daraus machet; folglich fuͤr alle aus ſolcher nothwendi - gen Folge entſtehende Suͤnden, Schanden und Aergerniſſe ſtehen muß? bedencke dich mein Hertz, und faſſe einen unumſtoͤßlichen Entſchluß, und einen hertzhaften Muth, JEſu Chriſti ſein Erloͤſeter, und GOttes heiliges Eigenthum zu bleiben, es koſte auch was es wolle!

Solte mans wol wagen, ſich einen ſolchen hauffen Ungluͤcks und unumgangbarer Noth auf ſeine Lebenszeit fuͤr ſich und andere, um einer ſo ſchnoͤden Luſt willen auf den Hals zu laden? Be - trachte es mit Ernſt, (denn die natuͤrliche Folge aller ſolcher Wirckungen iſt genugſam erwieſen) und greiffe dann zu welchem du wilſt! Wiſſe aber, daß die Noth und Tod deine Luſt gewiß rauben, und der gerechte Richter dich fuͤr alles zur Rech - nung fordern wird. Wilſt du es aber doch wagen, die unſelige Luſt zu buͤſſen: ſo gehe da - mit hin, wo dich GOtt nicht ſehen kann: denn der wirds erblicken und dich verdammen. Ge - he erſt an einen Ort hin, wo du keine Spur der goͤttlichen Liebe und Freundlichkeit um dich ſie - heſt: denn es waͤre die hoͤchſte Unbilligkeit, dem Schoͤpfer ſelbſt fuͤr ſo groſſe Guͤter mit einem ſo groſſen Undanck zu begegnen. Und wo haſt duH h 5je490(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,je einen Menſchen geſehen, der einem Wohlthaͤ - ter ſelbſt unter dem Genuß der Wohlthat, ins Angeſicht getreten, ihn mit groͤſter Gewalt zu - wieder zu ſeyn, und ihm etwas zum Hertzeleid zu thun? Weiſſeſt du wol einen Fuͤrſten, dem ſein Unterthan alſo zuwieder geweſen, und ihm ſo begegnet iſt? oder wird denn ein Dieb etwas ſtehlen wollen, wenn er weiß, daß ihn zwar kein einiger Menſch ſehe, aber doch der Beſitzer ſelber vor Augen habe, und koͤnne ihn fangen und hinrichten laſſen wie er will? Kann ein Menſch ſo unſinnig werden? Ey nun! Schreyt dich denn dein Gewiſſen nicht an, und ſagts dir, das der ewige GOtt auf dich ſiehet? Wirſt du denn ſeiner Hand entrinnen? Endlich bitte ich dich, gehe erſt an einen ſolchen Ort, da du voll - kommen verſichert biſt, daß du nicht in der Suͤn - de ſterben kanſt: denn das kann dir, weil du ſo ernſtlich gewarnet biſt, vor viel tauſend andern, die das nicht ſo wiſſen, wahrlich gar leichte wie - derfahren!

Dieſe und dergleichen Gedancken koͤnnen ſie nun, mein Freund, fortſetzen ſo weit ſie wollen, und ſich die Beſchaffenheit aller ihrer Glieder, eines ieden gantz beſonders und fuͤr ſich, nach einander vorſtellen; wie ſie ietzo iſt, und wie ſie ſeyn wird, wenn ihr Leichnam dereinſt muß im hoͤchſten Todeskampfe liegen, wenn er ins Grab geſencket, und wenn er alsdenn wird von den Wuͤrmern gefreſſen werden. Sie koͤnnen es thun im Anſchauen eines Todtenbildes, am Kno - chengeruͤſte eines Todten, oder im Kupffer undder -491wieder die Unreinigkeit. dergleichen; doch nicht eher, bis ſie ſich ſtarck genug dazu finden. Sie koͤnnen dabey ſingen: Weg Luſt, du Unluſt volle Seuch ꝛc. Komm Sterblicher betrachte mich ꝛc. Chriſtus der iſt mein Leben ꝛc. Ein Wuͤrmlein bin ich arm und klein ꝛc. Jch bin ja HErr in deiner Macht ꝛc.

Endlich koͤnnen und ſollen ſie bey ſolcherc) Klage und Un - terredung mit GOtt. Gefahr am allermeiſten ſich mit dem lieben und heiligen GOtt viel zu thun machen. Denn die - ſe Converſation heiliget am meiſten, und verzeh - ret die Kraͤfte der Luͤſte auf eine gar ausneh - mende Weiſe. Sie koͤnnen, in dem ſie disfalls mit Jhm handlen, die aus ſeinem Worte oben angefuͤhrte Gruͤnde oft und aufs ſchaͤrfſte uͤber - legen, und nach derſelben Richtſchnur in ſtetem Aufſehen auf die Gerechtigkeit JEſu Chriſti mit ihm tractiren; denn Jhnen liegt aufs hoͤchſte dran, zu wiſſen, wie weit ihre Sache in dem goͤttlichen Gerichte gekommen ſey. Sie koͤnnen z. E. ſagen:

Du anbetenswuͤrdiger GOtt! deine Maje - ſtaͤt und Heiligkeit iſt ſo unbegreiflich groß, daß ſie auch die heiligen Engel und Seraphinen nicht ertragen koͤnnen, ſondern ihr Antlitz davor be - decken, und ſelbige mit einem dreyfachen Zeug - niß aufs feierlichſte beſtaͤttigen muͤſſen. Sie verehren ſie in der allertiefſten Ehrerbietung, und ihr oͤffentliches Bekennen heilig, heilig, heilig iſt der Jehovah der Heerſcharen waͤhret unausgeſetzt, und waltet fuͤr und fuͤr. Jch aber bin ein graͤulicher Menſch, ein unge - ſtalter, ſcheußlicher Madenſack, voller Unflats,Suͤn -492(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Suͤnden und Ungerechtigkeit. Jn meinem ſterblichen Coͤrper toben und wuͤten zuweilen ſol - che ſchaͤndliche Luͤſte, die deine Heiligkeit aufs hoͤchſte beleidigen und ihr verhaßt ſind. O wie weit bin ich noch von deinem Ebenbilde entfer - net! aber das Bild des unreinen Satans trug ich ſichtbarlich an mir, und noch vielmehr, un - ſichtbar in mir herum. O welch eine unermeß - liche Entfernung iſt noch zwiſchen dem heiligen Wandel deines Sohnes JEſu Chriſti, und zwiſchen der verzweifelt boͤſen Art meines ver - kehrten Hertzens!

Du allerhoͤchſter Gebieter in der gantzen Welt! du haſt mich ſchnoͤden Wurm der Suͤn - den von der Dienſtbarkeit der Finſterniß zu dei - nem wunderbaren Licht beruffen. Deine Voll - kommenheiten und ewigen Eigenſchaften, dein erſchrecklicher Ernſt gegen alles ſo unheilig iſt, die Bitterkeit des Todes JEſu, die gantze Ein - richtung meiner Seligkeit, und die Ordnung des Heils uͤberzeuget mich davon aufs vollkom - menſte, daß mein gantzes Gemuͤth und Hertz keuſch, rein, und unbefleckt ſeyn ſoll. Jch aber bin in allen meinen Seelenkraͤften durch das von der Hoͤllen entbrannte Feuer der Fleiſches - luſt ſo jaͤmmerlich verwuͤſtet worden. Du haſt deinen Menſchen alle Unreinigkeit des Hertzens, des Mundes und des Leibes aufs hoͤchſte ver - boten; dein Verbot zu unzehlichen malen wieder - hohlet; die Uebertreter mit harter Straffe be - drohet; und uͤber dieſes ſie auf eine recht muͤt - terliche Weiſe, mit der beweglichſten Vorſtellungdes493wieder die Unreinigkeit. des Schadens, treulich, und wiederum ſehr ofte dafuͤr gewarnet. Noch mehr: du haſt deine hoͤchſte Verabſcheuung gegen alle Unreinigkeit auf vielerley Art bewieſen, ja ſo gar um deswil - len die gantze Sache der Empfaͤngniß und Ge - burt der Menſchen vor aller Welt ſo ſuͤndhaft und beſchaͤmet dargeſtellt: und ſiehe ich bin noch kaum zu bewegen, ſolche Graͤuel des Hertzens mit aller Sorgfalt zu haſſen und zu fliehen! Du haſt deinen geliebten Kindern und Chriſten die Keuſchheit aufs hoͤchſte empfohlen, und deine heilige Verordnungen auch hierinnfals vielfaͤl - tig wiederholet; den Gnadenlohn ausgeſetzet; mit Exempeln erwieſen; und dein gnaͤdiges Wohlgefallen uͤber denen die ſie lieben, auf man - cherley Weiſe dargethan. Jch wolte auch gerne und gutwillig folgen, und zur Reinigkeit meines gantzen Weſens kommen: aber ach! ſiehe doch nur dieſen Leib der Suͤnden! Du haſt an den wolluͤſtigen und unreinen ſchreckliche Gerichte ie und ie ausgeuͤbet, und ſie zu jener allgemeinen Rechenſchaft bereits alle gerichtlich gefordert: ja noch mehr, ſie ſchon anietzo oͤffentlich verurthei - let, und dem Tode uͤbergeben. O wie muß ich mich vor deinen Gerichten entſetzen! Ach! mache mich loß von dieſen Banden, und ſtelle mich in deine Freyheit. Ach HErr! du weiſſeſts: ich fuͤrchte mich vor dieſem Graͤuel wie vor dem Teufel, wenn ich den geiſtlichen Schaden und das Ge - richte, ſo in der Seelen daraus folget, uͤberlege; noch mehr aber, wenn ich zu Hertzen nehme, wie koſtbar ich erloͤſet bin; wie zaͤrtlich du mich lie -beſt,494(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,beſt, und wie unendlich ich dir verpflichtet und verbunden ſey: aber in mir iſt keine Kraft. Ach HErr hilf! ich ſchreye zu dir, wie ein Kind, das ſich ſo ofte verbrandt hat, und nun wieder ans Feuer geruͤcket wird: ach HErr hilf! denn du biſt mein GOtt, mein Helfer und mein Erbar - mer, mein Fels und meine Burg, auf den ich mich verlaſſe immer und ewiglich. Wirf ab von mir das ſchwere Joch der Suͤnden ꝛc.

III. Regel. MEDITARE. Erwege und nimm zu Hertzen.

III. Nimm zu Hertzen.
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GEwoͤhnen ſie ihr Hertz zu gottſeli - gen Betrachtungen; und nehmen dabey alles tieff zu Hertzen, was ihnen unter ſolchen Ueberlegungen durch den Geiſt GOttes offenbar wird, es im danckbaren Gehorſam anzuwenden. O wie nuͤtzlich und heilſam iſt es, die Zeit, die man von den nothwendigſten Geſchaͤften entuͤbriget, mit anhaltenden geiſtlichen Betrachtungen zu - zubringen! Dis gibt eine ungemeine Artzney ge - gen die Unreinigkeit, und ein unvergleichliches Mittel zur Erlangung eines keuſchen Hertzens. Beſonders ſollen ſie die Zeit, da ſie auf das Feld, oder anders wohin ſpatzieren gehen, und da ſie im Bette Schlafloß liegen, ſolchen anfangs viel - leicht verdrießlichen, aber nachhero Seel und Leib erquickenden Betrachtungen widmen. Wie -wol495wieder die Unreinigkeit. wol was das letzte betrift, ich ihnen treulich ra - the, daß wenn ſie einmal ſchlaflos liegen ſolten, ſie lieber ſofort aufſtehen, und im verborgenen, geſetzt auch im finſtern, (lieber laut und ſpatzie - rend, wenn es die Umſtaͤnde ſo leiden, als ſtille und kniend) zu dem lebendigen GOtt ruffen, oder ſei - ne Majeſtaͤt anbeten und loben moͤgen. O wie viel Erquickung, wie viel maͤchtiger Staͤrckung, wie viel Munterkeit zum folgenden Kampf, und wie viel Segens hat mancher Chriſt durch ſo ein naͤchtliches Gebet vom HErrn uͤberkommen! denn JEſus hat auch viele Naͤchte im Gebet zugebracht.

Was die Betrachtungen anlanget, ſo ſolten ſie anfangs billig einige Zeit darzu ausſetzen: damit das mit freywilligem Hertzen ſo fortgeſetzet werde, was ſie im Bußkampf angefangen ha - ben; bis Jhr Gemuͤth deſſen gewohnt wird, und eine rechte Ergoͤtzung darinnen findet. Jch ſa - ge eine rechte Ergoͤtzung, denn wahren Chriſten ſtehets nicht nur frey, ſondern iſt ihnen von GOttes wegen gebothen, ſich durch geheime und veꝛtraute Unterredungen mit GOtt, und durch Be - trachtungen ſeiner Liebe geiſtliche Ergoͤtzungen zu machen, und ſich zu gewoͤhnen, von ſelbigen innigſt geruͤhret zu werden. So werden dieſe heilige Vergnuͤgungen, dieſe reine Ergoͤtzlichkeiten, die - ſer innere Friede und Luſt, die man uͤber der Ver - ſicherung der Gnade GOttes, und gewiſſer Er - wartung der Seligkeit hat, iene ſchaͤndliche Luͤ - ſte nicht nur gantz gewiß niederſchlagen, ſondern unendlich uͤberwiegen. Sie muͤſſen ihr Gemuͤthrecht496(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,recht anfuͤllen mit allen den kraͤftigen Bewe - gungsgruͤnden, dadurch ſie von der Unreinig - keit abgemahnet, und zu einem vor GOtt rei - nen Wandel geleitet worden. Dis wird, wenn ſie alle Morgen gleich beym Erwachen ſolche gute Gedancken haben, und ſich gewoͤhnen, ſel - bige auch am Tage unter andern Geſchaͤften zu unterhalten, eine reiche Quelle heiliger und beſ - ſernder Vorſtellungen in ihnen eroͤfnen, die ih - nen zu Zeiten eine unvergleichliche Luſt und Ver - gnuͤgung bringen kann.

Man muß aber hierbey Zeit und Gelegen - heit in acht nehmen. Es iſt nicht allezeit auf gleiche Weiſe leicht, gute Gedancken und geiſt - liche Bewegungen im Hertzen zu haben; meh - rentheils gibt ſie der liebe GOtt unterm Creutz und Leiden, unterm Gebet, unter dem Leſen ſeines Wortes, und wenn die Affecten gantz ge - ſtillet ſind. Wenn nun ſolche bequemere Stun - den der gnaͤdigen Heimſuchung GOttes vor - kommen; ſo laſſen ſie ſie ja nicht vorbey gehen, und die guten Gedancken verfladdern: ſondern eben da laſſen ſie ſich mit Jhrem GOtt in eine geheime Unterredung ein, handeln auch mit ih - rem eigenen Hertzen von ihrer groſſen Selig - keit, die ſie haben, wenn ſie von dieſer Luſt be - freyet ſind; und wie ungluͤcklich ſie dagegen wa - ren, da ſie ihr gehorchet ꝛc. Gewiß, auf Zeit und Stunde zu mercken, iſt ein groſſes Geheim - niß in dieſer Beſchaͤftigung. Sie duͤrffen eben nicht allezeit lange und an einander hangende gute Gedancken und Betrachtungen desfalls an -ſtel -497wieder die Unreinigkeit. ſtellen: es koͤnnen auch nur gute Einfaͤlle und Reflexiones ſeyn; ſie koͤnnen auch mehr oder weniger Zeit dran wenden, nach dem Stand des Hertzens und der Noth, und nach dem Maß der Umſtaͤnde, die ſie dazu haben. Es laͤßt ſich endlich eine Gewohnheit draus machen, ohne den geringſten Abbruch der Berufsgeſchaͤfte, mitten unter der Arbeit, zur Beſſerung und Rei - nigung des Hertzens dienliche Vorſtellungen und Gedancken zu haben. Und hiemit wird man eben faͤhig, mit einem etwas mehr geord - neten Gemuͤthe, und geheiligter Seele, meiſten - theils unter guten Gedancken vor GOtt zu wan - deln, ſo man vorher fuͤr unmoͤglich gehalten. Sie koͤnnen ſich aber zur Materie ſolcher Be - trachtungen wehlen, was ihnen zu verſchiede - nen Zeiten das naͤchſte und angenehmſte iſt. Jch recommendire Jhnen ſonderlich oft zu erwegen

[α]) Die anbetungswuͤrdige Herrlich -1) Die Herrlich - keit GOt - tes. keit ihres GOttes, wie ſie aus dem An - ſchauen des gantzen Weltgebaͤudes, mit Zuziehung oben angefuͤhrter Spruͤche, nach ſeiner hohen Macht, Weisheit und unvergleichlichen Menſchenliebe kund - bar iſt: als von welcher ja auch die Groͤſſe ih - rer Herrlichkeit und Seligkeit dependiret, und nach jener zu ſchaͤtzen iſt. Wenn ſie das unter demuͤthiger Anbetung und tieffer Verehrung der Majeſtaͤt GOttes thun, und allzeit von der Herrlichkeit GOttes auf ihre daher ruͤhrende Wuͤrde glaͤubig ſchlieſſen, wenn ſie im Stand der Gnaden ſind: ſo bin Jhnen gut dafuͤr, ſieIII. Th. Betr. der Unreinigk. J iſol -498(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,ſollen zuweilen weit mehr Freude und Ergoͤtzlich - keit in allen ihren Seelenkraͤften dabey genieſſen, als wenn ſie wircklich auf einem koͤniglichen Thron ſaͤſſen, und gantze Laͤnder zu regieren haͤtten. Denn wird Jhnen der erſt ietzo erkand - te hohe Adel ihrer Seelen die fleiſchliche Luſt ſo veraͤchtlich machen, daß ſie ſich wundern ſollen, wie ſie vormals mit der Unflaͤterey haben ſo ge - feſſelt werden koͤnnen.

2) JEſu ſeine Paßion.
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[β]) Das allerſchmaͤhlichſte und bit - terſte Leiden ihres Erloͤſers. Dis iſt ge - wiß die kraͤftigſte Bewegurſache, in dieſer Welt nicht unſere Gemaͤchlichkeit und Vergnuͤgung der Sinnen zu ſuchen, ſondern ſich ſelbſt immer mehr abzuſterben. O wie wuͤnſchte ich, daß ſie zuweilen in ihrem Gebet ſich die gantz er - baͤrmliche Geſtalt JEſu Chriſti aus Jeſ. 53, 2. 3. 4. ſo lebhaft als moͤglich, und ſehr ſpeciell, nach deſſelben heiligſten Gliedmaſſen, und nach allen Umſtaͤnden, ſo viel Jhnen derer nur ein - fallen koͤnnen, vorſtelleten; alle ſeine Lebensjah - re, Tage und Stunden und derſelben ſo vielfa - che Abwechſelungen mit den Jhrigen verglichen; und dabey ſtets uͤberlegten, daß er aller Men - ſchen, die je in der Welt geweſen und ſeyn wer - den, ihre Suͤnden alle zuſammen auf ſich allein genommen, mit allen ihren zeitlichen, geiſtlichen und ewigen Straffen getragen, und NB. fuͤr ei - ne jegliche Suͤnde eines jeglichen Menſchen ins - beſondere genug thun muͤſſen, wo ihn nicht die - ſe Suͤnde haͤtte verdammen ſollen! Ueberlegen ſie nun dabey die entſetzliche Menge der Suͤn -den499wieder die Unreinigkeit. den eines Menſchen, nach oben gezeigter Be - rechnung; die unbegreifliche Anzahl der Suͤn - der, auf dem ſo groſſen Erdboden, und die groſ - ſe Weitlaͤuftigkeit der Zeiten, darinnen ſie ge - ſuͤndiget haben; vergleichen aber dis alles mit der unendlichen Herrlichkeit und Gerechtigkeit GOttes: ſo werden ſie wol inne werden, wie ſehr ſich der hochgelobte GOtt, Chriſtus JEſus um uns hat verdient gemacht; und werden mit mehrer Billigkeit einſehen lernen, wie ſehr Sie Jhm zu allem Gehorſam verpflichtet ſind. *Es hat oben bemeldter Herr G. Sarganeck in ſeiner Be - rechnung der Suͤndenſchulden l. c. p. 670. 671. einige Hofnung gemacht, eine gleichmaͤßige Berechnung der entſetzlichen Schaͤrfe und Groͤſſe der Paßion JEſu Chri - ſti und ſeiner daher zu ſchaͤtzenden Liebe zu uns und der unausſprechlich hohen Verbindlichkeit des menſchlichen Geſchlechts gegen Jhn anzuſtellen. Welches, ſofern es ſchon geſchehen, hoffentlich eine erbauliche und auf alle Weiſe hieher gehoͤrige Betrachtung ſeyn doͤrfte, die be - ſonders den Patienten von dieſer Art koͤnte recommen - diret werden.

[γ]) Betrachten ſie ihren Tod ſehr3) Den ei - genen Tod. oft und mit groſſem Ernſt, weil ſie ihm nicht entgehen. Dis hat gewiß eine unge - mein groſſe Kraft, ihnen die Unreinigkeit ver - haßt zu machen, wenn ſie ſich die Geſtalt ihres erblaſten Leichnams, und aller ſeiner Glieder, die ſie gantz genau, wie ſie im Tode ausſehen werden, alle anzuſehen haben, ſo lebhaft als im - mer moͤglich vorſtellen. Seyn ſie ſich darinnen gantz billig, und ſcheuen ſich nicht alle ihre Wuͤrde, Ergoͤtzlichkeit, Vermoͤgen, und alles wo - ran man ſonſt in der Welt ſeine Freude haben oder ſich was drauf einbilden kann, nach demJ i 2Maß -500(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Maßſtab des kuͤnſtigen Todes zuweilen abzu - meſſen. Denn der Tod iſt es, der in allen ver - gaͤnglichen Dingen den Ausſchlag geben wird. Der wird ſie aller Luſtbarkeit berauben; der wird ſie ſtinckend und abſcheulich machen, daß ſich nicht einmal ein Hund gerne bey ihnen aufhal - ten, u. kein Menſch gern um ſie ſeyn wird; der wird ihren Leichnam ins Grab legen, und aus dem - ſelben zuerſt einen graͤulichen Wuͤrmerhauffen, dann aber ein wenig Staubs machen, der nach Verlauf einiger Jahre kaum eine Hand voll ausmachen wird.

Jch wuͤnſchte mein theurer Freund, daß ſie viel bey ſterbenden Perſonen moͤchten geweſen ſeyn, und ihre zum Theil entſetzliche Aengſtlich - keit, zum Theil freudiges Weſen, zum Theil ru - hige Stille mit angeſehen, nachmals aber ihren aͤuſſerlichen Anblick etwas eigentlicher erwogen haben: ſo wuͤrden ſie einen nicht geringen Ein - druck von ihrer Sterblichkeit erlanget haben. Jndeß betrachten ſie es nur fein oft, und unter - reden ſich mit Jhrem GOtt deswegen; uͤberle - gen, benennen und beſchreiben ſie Jhm alles fein genau, wie ſie im Tode und nach demſelben ausſehen werden; thun ſolches, wo ſie ſich nicht entſetzen, auch wol im finſtern, und mit lautem Geſpraͤche: ſo verſichere ſie, daß ſich das Bild ihres Todes an ſtatt der heßlichen und unreinen Bilder ziemlich tief in Jhre Phantaſie eindru - cken wird.

Jch kenne einen Freund, der ein Sceleton oder Knochengerippe von einem Weibsbilde, ſoih -501wieder die Unreinigkeit. ihrer Unzucht und Kindermords wegen am Le - ben erſt vor 5. Jahren beſtraft worden, beſitzet, und ſelbiges zu dergleichen Vorſtellungen fuͤr ſich und andere gebrauchet. Oben an der Stirn dieſes Knochengeruͤſtes ſtehet die Ueberſchrift an - gemacht: Wo iſt nun deine Wolluſt! hin - unter! ꝛc. Ezech. 32, 19. und weiter unten ſte - het: ach wehe! wehe dir! C. 16, 23. Und das iſt auch ein kraͤftiges Mittel, dem fladder - haften Hertzen endlich beyzubringen, daß es in kurtzem alles gantz anders empfinden wird.

Mir iſt allezeit des Kaͤyſers Theodoſii Sym - bolum uͤberaus bedencklich geweſen: Prius ſper - ma fœtidum, vixi domus ſtercorum, denatus eſca vermium; das iſt: Urſpruͤnglich, ehe ich das Licht dieſer Welt erblickte, beſtund mein Weſen in einem garſtigen Wuſt des Samens; meine Lebenszeit hindurch war ich eben ein Behaͤltniß von unzehlichem Unflat und Unreinigkeiten; nach dem Tode werde ich endlich von den Wuͤrmern gefreſſen. O eine geringe, o eine kurtze, o ei - ne verachtenswuͤrdige Herrlichkeit, davon ſchwer zu ſagen, ob man ſich mehr davor fuͤrchten, als ſich drauf freuen ſoll.

Dergeſtalt habe Jhnen nun, mein theurer Freund, in dieſer angelegentlichen Sache ſo viel mir bewuſt, einen hinlaͤnglichen Bericht gegeben, und den noͤthigen Rath ertheilet, auch allerley Uebungen, die von wohl verſuchten Streitern bewehrt befunden worden, hiemit oͤffentlich vor - geſchlagen. Bey alle dem muß ich Sie annochJ i 3fuͤr502(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,fuͤr zwey gefaͤhrlichen Abwegen mit allem erſinn - lichſten Fleiß und Treue warnen.

Einmal, daß Sie ſich ja nicht auf dieſe und dergleichen Uebungen verlaſſen, oder ei - niges Vertrauen darinnen ſetzen, als ob nun die Sache nothwendig wohl gehen muͤſte, weil Sie doch dieſe und jene vorgeſchlagene Mittel brau - chen, die andere Patienten auch gut befunden. Denn ich verſichere Sie bey der Wahrheit und Herrlichkeit JEſu Chriſti, dem allein die Ehre gebuͤhret: ſo viel Sie auf dieſe Jhre Uebungen (und unvermerckt alſo auch auf ſich ſelber) ſe - hen wuͤrden; ſo viel wuͤrden ſie von JEſu ab - ſehen, und ſich nicht auf JEſum, ſondern auf menſchlichen Arm verlaſſen. Und ſiehe! da ſte - het Jhnen ſofort der ſchreckliche Fluch Jerem. 17, 5-10. Cor. 16, 22. gerichtlich im Wege, und Sie muͤſſen nothwendig zu ſchanden wer - den. Solches iſt vor aller Welt mit einem hei - ligen Eidſchwur verſiegelt. Jeſai. 45, 22-25. Vor dieſer heimlichen Abgoͤtterey kann man die Chriſten nicht genug warnen, und ſie ſich nicht genug fuͤrſehen. Ehe ſie ſich vermuthen, faͤllt ihr Hertz einigermaſſen darauf, daß ſie ſich auf ihre Uebungen gleichſam auflehnen, und geden - cken, es koͤnne ihnen nicht fehlen, weil ſie gleich - wol dis thun, was ihnen verordnet, und wozu ihnen doch auch GOtt ſelber die noͤthige Kraft geben muß.

Die Abgoͤtterey, die desfalls begangen wird, iſt doppelt, obwol beyde ſehr ſubtil, aber eben um deſto gefaͤhrlicher. Einmal ſiehet man dieUebun -503wieder die Unreinigkeit. Uebungen mit einigem Vertrauen an, und ſchrei - bet ihnen die Kraͤfte und Wirckungen zu, oder erwartet ſie wenigſtens heimlich von denſelben, da ſie doch lediglich von JEſu allein zu begeh - ren und zu erwarten ſind. Dieſer Hertzog der Seligkeit hat es allein auszutheilen, und hats in kein einiges Mittel alſo gar hingeſetzt, daß je - der, der dis Mittel braucht, nun auch die Sa - che und ihre Kraft und Wirckung nothwendig haben muͤſte, wenn auch gleich ſein Hertz ohne Glauben an Jhn bliebe, und nicht auf ihn al - lein, ſondern auf das Mittel ſehen ſolte. Nein! Er iſt niemanden nichts ſchuldig, und hat die Mittel nur als Mittel gegeben, nicht daß man daran glaube, ſondern daß man durch deren rich - tigen Gebrauch zu dem Glauben an ihn, JE - ſum allein, hingewieſen und gefuͤhret werde. Man kann hunderterley Mittel brauchen, und tauſenderley Uebungen dazu anſtellen, und in allem recht aͤngſtlich treu, wirckſam und geſchaͤf - tig ſeyn, und gleichwol nicht den geringſten Nu - tzen zum Leben aus GOtt daraus ſchoͤpfen, wenn man ſein Vertrauen darauf, und nicht auf JE - ſum alleine ſetzet.

Zweitens ſiehet man zuweilen die Uebun - gen mit einigem Belieben und Beruhigung ſeines Hertzens an. Weil man nun bey den Uebungen auch ſelbſt geſchaͤftig und ſelbſt wirck - ſam iſt: ſo verfaͤllt man heimlich, ploͤtzlich und oft in die ſubtileſte und gefaͤhrlichſte Abgoͤtterey des Hertzens, nemlich, an ſich ſelbſt eine Freude und Wohlgefallen zu haben, und an ſeinen eig -J i 4nen504(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,nen Bemuͤhungen ein Belieben und Beruhi - gung zu finden. Aber beydes iſt eine Abwen - dung des Hertzens von JEſu Chriſto zur Crea - tur, und ſtoͤſſet wieder die gantze Gruͤndung un - ſers Heils an, die allein auf JEſum beru - het. Die Gefahr und der Schade von dieſer heimlichen Abneigung des Hertzens von JEſu iſt unſchaͤtzbar groß, und mit deſto mehrerem Ernſt und Einfaͤltigkeit des Glaubens zu verhuͤten. Je mehr man von JEſu ab - und auf die Mit - tel und Uebungen ſiehet: je aͤngſtlicher und ſchwaͤcher muß man bleiben, je oͤfters wird man uͤberwunden, je mehr Schlaͤge des Gewiſſens muß man erdulden, je mehr Marter und Plage hat man gewiß auszuſtehen; man findt ſich nach Verlauf eines viertheil oder halben auch wol gantzen Jahres noch auf dem vorigen Fle - cken, und kommt nimmer zur voͤlligen Stille und Sicherheit ſeiner Seelen.

Zweytens muͤſſen Sie ſehr wohl mercken, daß alle hie oben vorgeſchlagene Uebungen (und was man ſonſt noch dazu rathen, und in der gantzen Chriſtenheit zuſammen ſuchen kann) nur ſo lang ihre Kraft beweiſen und gleichſam Stich halten, als lange der Patient der ſie brauchet in JEſum eingewurtzelt iſt, oder den Sohn GOt - tes zu ſeinem Eigenthum hat. 1 Joh. 5, 12. So lange ein Menſch als ein armer und verdam - menswuͤrdiger Suͤnder nur der freyen Gnade lebt, und ſich auf nichts zu beruffen und zu ver - laſſen weiß, als auf den wunderbaren Pardon durchs Blut JEſu; glaubt alſo in lebendigerWahr -505wieder die Unreinigkeit. Wahrheit an den Heiland, der den Gottloſen gerecht macht, Roͤm. 4, 5. damit er nicht gottlos bleiben muͤſſe: ſo lange ſtehet ſeine Sache wohl im Gerichte ſowohl als im Kampf wieder die Suͤnde. Denn wer Gerechtigkeit JEſu genug hat, muß nothwendig auch Staͤrcke genug ha - ben. Jeſ. 45, 24. 33, 24. Zach. 12, 8. So - bald und ſo viel aber ein Menſch JEſum aus den Augen und dem Hertzen verlieret: ſobald und ſo viel verlieret er auch von dem goͤttlichen Sinn und Leben, folglich von der GOttes Kraft, die ihm ſonſt werden muͤſte, die Suͤnde zu uͤber - winden. Und alsdenn moͤchte man ihm tau - ſend der auserleſenſten Uebungen vorſchreiben, und er moͤchte ſie alle aufs treueſte in acht neh - men, und noch mehrere dazu thun: ſo werden ſie ihm alle ſo viel gelten, als eine koͤſtliche Eſ - ſentz oder Tinctur, die gantz ausgeraucht iſt, und wenig mehr vermag. Sie ſollen ihm gewißlich weder Saft noch Kraft mittheilen. Alſo heilig hat der heilige und ſeligſte GOtt ſein Kind JE - ſum verklaͤret, geehret und erhaben, daß ſchlech - terdings alles in ihm und auf ihm beruhet, und daß ihm alles Heil der Menſchenkinder gantz und gar, und auch ihm allein in die Haͤnde uͤberge - ben iſt, und ohne ihn kein Menſch nichts vermag. Jemehr nun ein gerechtfertigter und begnadig - ter Chriſt in JEſu lebet, und hat ſein Element und ſeines Hertzenskraft und Freude in ihm: je mehr hat er auch der Stroͤme des lebendigen Waſſers zu genieſſen, nemlich des heiligen Gei - ſtes, der ihn in allen Faͤllen lehret und ſtaͤrcket. J i 5Er506(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Er iſt wie ein gruͤnender Baum, der ſein Leben und die Kraft Frucht zu bringen, innerlich in ſich hat. Der wird ohne ſtetswehrende War - tung, Begieſſung und Beſorgung von auſſen (ſein Regen, Thau und Sonnenſchein aber iſt ihm ohne aͤngſtliche Sorge der Menſchen gewiß) durch das innere Leben erhalten, weil ers hat. Aber ein Menſch, der nicht in JEſu Chriſto wircklich lebet, gleichet einem verdorrten Baum, bey dem alles Warten, Begieſſen, Duͤngen, Be - ſchneiden und alle andere erſinnliche Mittel nur fuͤr die lange Weile und ohne Nutzen angewen - det werden. Was man auch einem ſolchen fuͤr Mittel und Uebungen vorſchlaͤgt, ſind eitel Fli - ckereyen, die nie nichts gantzes herausbringen; ja oftmals noch wiedrige Wirckungen hervorzu - bringen ſcheinen. Mit einem Wort: Einem le - bendigen Chriſten, der ein Chriſtlich Hertz von GOtt bekommen hat, hilft das glaͤubige und demuͤthige Aufſehen auf JEſum tauſendmal mehr wieder alle Suͤnden, als einem lebloſen Chriſten Millionen Uebungen helfen koͤnnen, und die gantze Welt voll Angſt dazu. Das wollen die richtigen Worte ſagen: So lange Chri - ſtus bleibt der HErr, wirds alle Tage herrlicher.

Rath, wie man des Leibes recht pfle - gen ſoll.
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WAs endlich die rechte Pflege ihres Leibes anbetrift, ſo gibt Jhnen Oſterwald l. c. p. 301. ſq. hievon Nachricht.

*Man leſe auch l. c. was Salmon p. 411. ſqq. davon ge - ſchrieben. und was in der Onania p. 70. ſq. ſtehet.
*

Ein einiges muß ich hiebey nothwen - dig zum voraus erinnern. Jch halteSie507wieder die Unreinigkeit. Sie fuͤr viel zu billig und zu vernuͤnftig dazu, daß Sie ſich etwa noch von dem ungereim - ten Wahn auf einige Weiſe ſolten irre machen laſſen, als ob es der Geſundheit nachtheilig ſeyn doͤrfte, von dieſer leichtfertigen Bosheit ploͤtzlich abzuſtehen, wenn man ihr lange nach einander iſt unterthan geweſen. Denn es iſt ſo weit ge - fehlet, daß dis der Geſundheit ſchaden ſolte: daß man vielmehr mit groͤſter Gewißheit und Freu - digkeit behaupten muß, und aus der gantzen bis - herigen Ausfuͤhrung uͤberzeugend begreiffen kann, daß man eben durch die voͤllige Befreyung von dieſer Dienſtbarkeit ſeine voͤllige Geſundheit und die gebuͤhrende Munterkeit des Leibes und Ge - muͤths wieder erlangen kann. Ja noch mehr: Wer in dieſem ſchaͤndlichen Unflat ſtecken bleibt, und nicht nach Seel und Leib davon gereiniget wird: der moͤchte alle Artzeneyen und Staͤr - ckungsmittel verbrauchen und an der Wieder - herſtellung ſeiner Gemuͤths - und Leibeskraͤfte flicken und beſſern wie er will: ſo ſoll er doch nim - mermehr zu einer rechten und gemeſſenen Staͤr - cke und Serenitaͤt des Lebens gelangen koͤnnen. Und wer ſich durch dieſe graͤuliche Suͤnde ruini - ret haͤtte, der kann eben dadurch (und durch - aus auf keine andere Weiſe) zu den verlor - nen Kraͤften der Seele und des Leibes wieder gelangen, munter und ſtarck, lebhaft und freu - dig, und zur froͤlichen Ausrichtung der ihm ob - liegenden Geſchaͤfte wieder tuͤchtig werden wenn er von dieſem elenden Suͤndendienſt gantz und gar errettet wird. Jch will und darf dis nichtaber -508(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,abermal hie ausfuͤhren: ſondern bitte Sie nur mit angelegentlichem Ernſt und Fleiß, daß Sie ſich die Muͤhe nehmen wollen, dieſe gantze Ab - handlung, ſo oft ſie es noͤthig ſinden, nochmals und zu wiederholten malen aufmerckſam durch - zuleſen, und alles, was aus den Gruͤnden der Medicin und den Zeugniſſen und Ausſpruͤchen des ewigen GOttes iſt angefuͤhret worden, aufs ſchaͤrfſte zu pruͤfen, zu uͤberlegen, und unter An - betung GOttes zu Hertzen zu nehmen. Eben darum iſt auch der Proceß der Befreyung ſo umſtaͤndlich ausgefuͤhret.

Wenn dis zum Grund geleget iſt: ſo thut alsdenn die richtige Pflege des Leibes zur Erleich - terung und Foͤrderung des Wohlſtandes gar un - gemein viel. Und da will ich Jhnen mit weni - gem viel ſagen. Wenn ſie ihrem Leib dann und wann Tort thun, nicht das volle Maß im Eſſen und Trincken geben, viel wachen, und ſcharf meditiren, Jhrem Leibe eine ziemlich ſtarcke Ar - beit geben, bey groſſer Hitze Waſſer trincken, dann und wann laxiren, zur Ader laſſen, ſich im Bette nicht zu warm zudecken, (welches aber nicht allezeit auf gleiche Weiſe geſchehen kann, weil man oft bey kuͤhlen Naͤchten die Tranſpi - ration dadurch verhindern wuͤrde, zum groſſen Nachtheil der Geſundheit; oft erfordert es auch eine andere Maladie, einen gelinden Schweiß zu wege zu bringen, deſſen Unterlaſſung das Uebel gleichfalls mercklich vermehren kann) nicht viel auf dem Ruͤcken liegen, bald nach dem Schlaff aufſtehen, den Urin niemals zu langever -509wieder die Unreinigkeit. verhalten, zuweilen in ihr Getraͤncke etwas we - niges vom gereinigten Salpeter hineinthun ꝛc. ſo ſoll ſich der Leib nach und nach auch ſchon in Ordnung geben, wenn gleich im Anfange eine Zeitlang die pollutiones nocturnæ geſchehen moͤchten; bis etwa, wo die Sache nicht gar ver - derbet iſt, der liquor ſeminalis ſeine vorigen Wege durch die vaſa lymphatica ins Gebluͤt zu - ruͤck wieder findet, und die Natur in die von GOtt geſetzte Ordnung reſtituiret iſt. Allein man muß die Sache in ſolchen natuͤrlichen Mit - teln gar nicht ſetzen, noch dencken, als waͤre man um deswillen etwas beſſer und vor GOtt ange - nehmer worden, wenn hiedurch einige uͤble Fol - gen verhindert ſind. Denn ſieht man von dem rechten Heiland ab, und verlaͤßt ſich auf einige natuͤrliche Mittel, ſo wird man gantz billig zu ſchanden.

Naͤchſtdem muß Jhnen gewiſſenswegen ra - then, daß wenn ſie unter dem Gebrauch ſolcher natuͤrlichen Mittel nicht durchkaͤmen, ſondern der Schaden an ihrem Leibe und Kraͤften viel weiter gegangen waͤre: ſie ja nicht unterlaſſen, einen erfahrnen und gewiſſenhaften Medicum zu rathe zu ziehen, und ihm alles rein heraus zu ſagen. Denn wo ſie nicht an den rechten Mann kaͤmen, oder ſich aus ſpaͤter und ſchaͤdli - cher Schamhaftigkeit vor ihm verbergen wolten: ſo koͤnten ſie ſich erſt durch allerley Quackſalbe - reyen in den unverwindlichſten Schaden hinein ſtuͤrtzen.

Der510(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,

Der Verfaſſer iſt in dieſem Punct ſehr kurtz, weil er nur eine einige Perſon, oder doch nur eine einige Art von dergleichen Patienten vor ſich hat. Gleich - wol wirds nuͤtzlich ſeyn, davon noch wenigſtens folgendes beyzufuͤgen.

1) Es iſt ſchlechterdings noͤthig, daß die Cur von der Seele anfange: Denn wenn die Seele mit der verkehrten Art der Luſtſeuche nach allen ih - ren Kraͤften inſiciret iſt, daß ſie nicht wol anders als nur unzuͤchtige Gedancken, Begierden und Vorſtel - lungen haben kann ſo moͤchte man ſich an dem armen Leibe auch todt curiren es ſoll dennoch nichts hel - fen, weil ſie ihn immer wieder anſteckt und entzuͤn - det. Die Seele iſt die Gebieterin des Leibes, und nach deren Einrichtung und Triebe werden die Le - bensgeiſter getrieben, die Nerven geſpannet, und al - les zur Ausuͤbung ihrer Luſt und Eingebung fertig gemacht. Dis kann kein Leib, und ob er auch der beſte und edelſte waͤre, verwehren noch hindern. Herrſchet der unſaubere Geiſt in - und uͤber die See - le: ſo muß der Leib wol mit in dieſe Unterthaͤnig - keit. Daher kommts, daß auch alte ausgemergelte Leute, deren Leiber zur Wohlluſt ſchon verſchrumpft und entkraͤftet zu ſeyn ſcheinen, dennoch geil bleiben. Sie koͤnnens nicht laſſen, den kleinen und welcken Ueberreſt ihrer Leibeskraͤfte dennoch durch Unzucht vollends hinzurichten: ohnerachtet dis Schandfeuer eben nicht mehr durch das Uebermaß der Saͤfte im Leibe ſo wie ehehin angeſchuͤrret wer - den kann.

Darum geben auch die Medici bey allen ihren remediis antivenereis alles verloren, ſo nicht zuvoͤr - derſt das Temperament der Seele geaͤndert wird. Und eben darauf gruͤndet ſich der Canon Medico - rum, der in dem theſauro Ludoviciano den remediis antivenereis beygeſuͤget wird: Dæmonium tamen hoc plerumque nec nive nec ieiuniis eiicitur: welches man zu teutſch fuͤglich ſo erklaͤren kann: Man moͤchte manchen Leib im Schnee u. kalten Baͤdern zu tode ba -den,511wieder die Unreinigkeit. den, oder auch zu tode hungern; es ſoll dennoch nicht helfen, wofern die Seele unzuͤchtig bleibet. Wie der Baum, ſo die Frucht. Wie der Jnnwohner des Hauſes, ſo auch ſein Haus; wie der Regent, ſo iſt der Unterthan. Jn welchem Leibe eine ſchmu - tzige und unflaͤtige Seele wohnet, wie kann derſelbe keuſch und zuͤchtig gemacht werden? alle Kuͤnſte und Kraͤfte der Welt reichen da nicht zu. Darum ſa - gen die Medici auch mit Recht: Temperamenta ſequuntur mores. das iſt: pflantze dir einen guten Baum, ſo haſt du gute Fruͤchte: Mache, daß das Temperament deiner Seele unter GOtt ſtehe, und vor ihm recht ſey: ſo wird ſich das Temperament des Leibes auch ſchon geben, mithin auch der gantze Wandel Dis iſt zum voraus, aber recht gruͤnd - lich zu mercken.

2) Gleichwol aber iſts auch unlaͤugbar, und braucht keines Erweiſes, daß die natuͤrliche Diſpoſition des Coͤrpers zu einer Suͤnde mehr als zur an - dern reitzen und gereitzt werden kann. Ein vollbluͤtiger ſaftiger und munterer Leib, in welchem die ſecretiones aller humorum reichlicher geſchehen, wird natuͤrlicher weiſe ex turgeſcente ſemine (da - fern die Wege, ihn genugſam wieder ins Gebluͤt zu - ruͤck zu fuͤhren, nicht zureichen) mehr Reitzungen zur Wohlluſt ſuͤhlen muͤſſen, wenn er ſtarck gefuͤttert wird, als ein hagerer, alter, erſchoͤpfter oder kraͤnck - licher Coͤrper. Daher ſich die Menſchen ſchon vor - laͤngſt den Generaldeckmantel ihrer Suͤnden und Ueppigkeiten gemacht haben: Mores ſequuntur tem - peramenta, das iſt: wie das Temperament, ſo die Sitten; oder wie es einige gotteslaͤſterlich grob ge - ben: warum hat mich GOtt ſo gemacht? mein Tem - perament bringts ſo mit ſich. Gerade als wenn ein Trunckenbold ſpraͤche: Warum hat mir GOtt einen Magen gegeben? Jch kann nun nicht anders, ich muß ihn voll gieſſen und voll ſtopfen. (Und der Unmenſch bedenckt nicht, daß er ohne Magen ſter -ben512(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,ben muͤſte; daß er ſich ihn ſelbſt ſo groß gedehnt, ge - ſtopft, gegoſſen, gewoͤhnet und verderbet; und daß, wenn er ihn noch groͤſſer haben oder beherbergen koͤnte, er gewiß nicht unterlaſſen wuͤrde, ihn auch alsdenn voll zu gieſſen, und doch noch mehr auszu - dehnen.)

Wiederum iſt auſſer allem Streit, und durch Vernunftsſchluͤſſe ſo wohl als durch Erfahrungen vollkommen ausgemacht, daß die natuͤrliche Diſpo - ſition auch durch natuͤrliche Mittel mercklich koͤnne geaͤndert werden. Ein deutlich Exempel kann man daran haben, daß Perſonen, welche nach ihrer na - tuͤrlichen Diſpoſition zu einer ſchaͤdlichen Obeſitaͤt incliniret, durch eine beſondere Diaͤt koͤnnen mager gemacht; gleichwie auch andere durch eine propor - tionirliche Diaͤt, dick und fett werden.

Demnach ſind auch in Leibes - und Seelennoͤthen von dieſer Art die natuͤrlichen Mittel nicht zu ver - achten: ſondern mit unterthaͤniger Erkenntlichkeit aus GOttes Hand anzunehmen, und mit einem treuen Ernſt zu gebrauchen. Nur mercke man aber - mal, daß ſich die Wirckung von allen ſolchen Mit - teln, die die natuͤrliche Beſchaffenheit des Coͤrpers, als eine cauſſam concurrentem verbeſſern und in Ordnung bringen ſollen, nicht eher mit Grunde hof - fen laſſet, als bis man ſich entſchloſſen, zuerſt und zugleich die Cur der Seele mit vorzunehmen.

3) Die Beſchaffenheit oder das Gebrechen des Leibes nun, welches zu dieſer Noth viel contribuiret, beſtehet vornemlich in dem auſſerordentlichen Ueberfluß und groſſer Spirituaſcenz des Sa - mens, die man ſich durch Faulheit, Unmaͤßigkeit, Verzaͤrtelung, Mißbrauch der Sinnen, und boͤſe Luͤ - ſte der Seele ꝛc. nach und nach ſelber zuziehet. Die Artzeneymittel, die aus den Apothecken dagegen an - gewieſen werden, ſind insgemein ſtarck kuͤhlend, und oft ſehr gefaͤhrlich. Wer z. E. die aus Bley ge - machten, darunter das ſaccharum Saturni das be -kan -513wieder die Unreinigkeit. kanteſte, iſt und andere dergleichen, die da vim pro - lificam utriusque ſexus gaͤntzlich deſtruiren, und da - bey die Nerven auf eine heimtuͤckiſche Weiſe an - greiffen, gebrauchen wolte: der koͤnte ſich auf Zeit Lebens in den voͤlligen Ruin ſeiner Geſundheit, und uͤber dis fuͤr ſich und die Seinigen in unzehlichen Jammer hinein ſtuͤrtzen. Und eben darum kann keinem einigen ſolchen Patienten, (es mag die Luſt - ſeuche in ihm ſchwach oder ſtarck, gewurtzelt oder erſt anfangend, dem Schaden nach mercklich oder annoch unmercklich ſeyn,) auf keine Weiſe gerathen werden, ſich einem unerfahrnen und ungewiſſenhaf - ten Medico oder Feldſcherer anzuvertrauen. Der eintzige Salpeter iſt das vornehmſte und ſicherſte Mittel, deſſen ſich jeder ohne beſorglichen Schaden, auf allerley Weiſe praͤparirt, auch nur bloß gelaͤu - tert, theils in ſeinem gewoͤhnlichen Tranck, theils auf andere Weiſe gebrauchen kann. Wenn einer be - ſonders des Abends ſtatt des Biers und andern Ge - traͤnckes nur kalt Waſſer trinckt, (und zwar in groͤſ - ſerer Quantitaͤt, auch zu 2. und mehrern Kannen,) darein er erſt einen halben Loͤffel voll gereinigten Salpeter geworfen und zergehen laſſen: ſo hat er daran die ſicherſte Mediein wider die heftigen An - faͤlle, inſofern ſie vom Leibe entſtehen oder auch ſe - cundiret werden koͤnnen. Denn der Seele ihre An - faͤlle und Triebe zwinget ſie nicht, und keine Medicin dazu). Einen jeden wird dabey die aufmerckſame Beobachtung ſeines Lebens lehren, ob er mit dieſem Tranck zu 8. oder 14. Tagen, oder gar zu gantzen Monaten, beſonders zu gewiſſen Jahreszeiten con - tinuiren, und dann wiederum ſo lange ausſetzen muͤſ - ſe: oder ob er ſich deſſelben unausgeſetzt als ſeines ordentlichen Abendtrunckes, wenn zumalen nicht zu viel Salpeter hinein gethan wird, gebrauchen doͤr - fe. Wolte aber jemand noch mehr andere Artzney - Mittel gebrauchen, ſo muß er dabey nothwendig ei - nen erfahrnen Medicum zu rathe ziehen: weil beyIII. Th. Betr. der Unreinigk. K kder514(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,der Application der Artzneymittel faſt in allen Sub - jectis verſchiedene Umſtaͤnde vorkommen, ohne de - ren Beobachtung man auch mit der beſten Medicin ſchaden thun kann.

  • 4) Die allerbeſte Medicin iſt die Artzney ohne Artzney, die uns GOtt in den Regeln der Diaͤt vorſchreibet, die nichts koſtet, die niemanden ſchaden kann, und die ſich fuͤr jedermann aufs beſte ſchicket. Die Medici theilen die hieher gehoͤrigen Vorſchlaͤge nach den ſo genanten ſex rebus non na - turalibus, (quæ ſunt 1. äer, 2. cibus et potus, 3. motus & quies, 4. ſomnus & vigiliæ, 5. excernen - da & retinenda, 6. animi pathemata) in 6. Claſ - ſen, woraus denn 6. Hauptregeln wohl zu mercken ſind.
  • a) Veraͤndere, wo moͤglich, den Ort und die Luft. Hiemit wird auch die Beſchaffenheit des Climatis, die Situation des Ortes, die Lebensart, der Umgang mit Perſonen, und hundert andere rei - tzende Dinge veraͤndert, die eine groſſe Gewalt in der Bewegung unſers Gebluͤts und anderer Saͤfte beſitzen. Reiſen zu Fuſſe bey magern Tractamenten ſind auch hierzu ſehr nuͤtzlich.
  • b) Durch maͤßiges Eſſen und Trincken wird der Ueberfluß des Bluts und aller Saͤfte noch mehr gemindert und in Ordnung geſetzt, als durch zuweilen vorkommendes faſten. Es iſt wahr, wenn man einmal 2. oder 3. Tage lang nach einander hungert, ſo gewinnt man einen guten Sprung voraus: aber wenn man alsdenn wieder zu viel thut, und nicht gemeiniglich noch mit gutem Appetit vom Tiſche aufſtehet; ſo zwingt mans da - mit nicht. Jnſonderheit wird recommendirt, bey dem vollen Mond, und allen deſſen Veraͤnderungen ſo nuͤchtern und maͤßig zu ſeyn als | immer moͤglich; noch mehr aber, ſich nur eines trockenen und gerin - gen Abendbrots zu bedienen.
  • Was die Wahl der Speiſen betrift: ſo mußman515wieder die Unreinigkeit. man ſich ſonderlich huͤten vor dem Ueberfluß alles a) zu ſehr nahrhaften, was den Chylum und die Saͤfte ſehr vermehret, dergleichen ſind vornemlich die Milch, die Eyer, die Nieren und alles Fleiſch, das im Ueberfluß genoſſen wird. b) Zu ſehr ge - ſaltzenen. Saltz macht ſalaces, wie man es auch beym Viehe bemercken kann. c) Zu ſcharf ge - wuͤrtzten Alles Gewuͤrtze iſt einem Sporn gleich, der die boͤſen Begierden heftig antreibt und entzuͤn - det. d) Starck aufblehenden, ſo Winde verur - ſacht, und alſo den Unterleib aufſchwellend macht, daß die innerſten Theile ſtarck gedruͤckt werden, der - gleichen auch von aller Ueberfuͤllung geſchehen muß. e) Zu fetten und oͤlichten, beſonders dem Ueber - maß in der Butter. f) Des Weines und aller hitzigen Getraͤncke. Sine Cerere et Baccho fri - get Venus. Wer dis weiß, daß ihm ſolche Dinge ſchaͤdlich ſind, und enthaͤlt ſich ihrer nicht lieber zu ſehr als zu wenig, der handelt ja nicht nur unver - antwortlich wieder ſeinen Leib, ſondern auch gantz unvernuͤnftig, weil er ſeine eigene Grundſaͤtze, die er doch zugibt, im Leben uͤbern Hauffen wirft; und ſtaͤrcker kann man ja keinem wiederſprechen, als mit dem gantzen Lebenswandel ſelbſt.
  • c) Arbeite nur ſcharf genug mit dem Ge - muͤth und Leibe. Jenes verbraucht die Lebens - geiſter nach goͤttlicher Ordnung, daß ſie nicht zu viel, zu heftig und zu unordentlich werden: dis aber mindert die Saͤfte des Leibes. Jn allen Artzneyen und allen Apothecken der Welt ſtecken nicht ſo viele Kraͤfte, als in der einigen, die der guͤtige Schoͤpfer allen Menſchen umſonſt, und allenthalben mitge - geben: Jm Schweiß deines Angeſichts ſolſt du dein Brot eſſen. Dieſe 2. Dinge, Eſſen und Trincken, und dann die Arbeit und Conſumtion der habenden Nahrung muͤſſen allezeit mit einander im Gleichgewichte und richtigem Ebenmaß bleiben. Dis iſt ohnfehlbar die Grundſtuͤtze des langen Le -K k 2bens516(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,bens und der ſtarcken Geſundheit bey den Patriar - chen geweſen.
  • d) Schlaffe nicht zu viel, oder nicht zu lang, lieber etwas geſchwinder. Das iſt: bleibe in dei - nem Leibe und Gemuͤth ſoweit nuͤchtern und ruhig, daß du koͤnneſt wohl und ruhig ſchlaffen, mithin mit der dir noͤthigen Portion eher fertig werden. Es kann einer 10. und 12. Stunden lang ſchlaffen, und hat doch nicht ſo vollkommen ausgeſchlaffen, als ein anderer, der nur 5. oder 6. Stunden Zeit hat drauf gewandt. Und noch mehr: Dieſer kann noch 2. mal mehr Vortheile von ſeinem Schlaf haben, als jener. Durch den Schlaf erholen ſich alle Kraͤf - te der Seele und des Leibes. Wer nun ſchon zu lebhaft und ſtarck iſt, und hat wichtige Urſachen, der uͤbermaͤßigen Lebhaftigkeit des Leibes Abbruch zu thun, damit er nicht geil werde; der kann ihm durch ſparſam zugemeſſenen Schlaf viel abgewinnen; zu - mal wenn er wachend mit GOtt gefaͤlligen Dingen beſchaͤftiget iſt, und mit eben dergleichen Gemuͤths - verrichtungen einſchlaͤft.
  • e) Entledige den Leib von andern uͤberfluͤſ - ſigen Feuchtigkeiten, in der Zeit und Maſſe, die fuͤr dich die beſte iſt, und die du aus den Um - ſtaͤnden, oder Erfahrung, oder dem guten Rath ei - nes Medici ſchlieſſen kanſt. Hieher gehoͤrt das Aderlaſſen, das Purgiren, und die bis zu vielem Schweiß oͤfters continuirete Leibesarbeit und Be - wegung. Dis reinigt durchgehends das Gebluͤt, mindert deſſelben Menge, folglich auch den bey al - len Erhitzungen und Wallungen entſtehenden allzu - heftigen Trieb, und thut einen groſſen Hauffen an - derer reitzenden Urſachen bey ſeite. Endlich
  • f) Baͤndige deine Begierden und deine luͤ - ſterne Phantaſie mit Macht, und mit allerley ihr unangenehmen Mitteln und Vorſtellan - gen. Was du an dir ſelber immer gewahr wirſt, darf man dir nicht erſt erweiſen. Wenn du vielSor -517wieder die Unreinigkeit. Sorgen und Kummer, oder viel Traurigkeit, oder allerley Verdruß und Hertzensangſt auszuſiehen haſt: ſo haſt du vor den Reitzungen der Wolluſt wohl ru - he. Aber wer alle Tage herrlich und in Freuden lebt, kann ſich ihnen kaum erwehren. Fliehe alſo nicht vorm Creutz. Gehe auch dem Betruͤbniß der Seelen uͤber deinen Suͤnden ꝛc. nicht aus dem We - ge. Beſſer hier als ewig betruͤbt. Behaupte nicht immer deinen eignen Willen, ſondern thue ihm vie - len Tort. Siehe oft nach deinem Tode, nach dem juͤngſten Gericht, nach der Ewigkeit, und nach der unvermeidlichen Rache GOttes uͤber alle Selbſt - moͤrder und Weichlinge.

Wer ſich ſelber langſam umbringet, macht ſich noch mehr Quaal und thut ſich noch mehr unrecht, als der es auf einmal thut, ſo ſie beyde dennoch zur Hoͤlle fahren. Denn jener muß ſich noch erſt ei - nige Jahre nach einander ſein ſchon modernd Leben abfreſſen, das doch nicht mehr zu retten iſt: dieſer kommt eher und leichter drum. Stelle nun deine Berechnung druͤber an. Nimm zu deiner Betrach - tung betruͤbte und erbarmenswuͤrdige Dinge fein ofte vor: Denn betruͤbte Gedancken machen den Leib ſtumpf und matt, daß er nach keinem Vergnuͤ - gen ſehr verlanget. Manche geben den Rath, daß man ein Knochengerippe, oder ſonſt eines ſchon in ſeinem Moder und urſpruͤnglichen Unflat liegenden Menſchen Contrefait, mit verfaulten Zaͤhnen, durch - loͤcherten und von Wuͤrmern zerfreſſenen Angeſicht, oh - ne Naſe, und mit all ſo heßlich und abſcheulich als mans nur vorſtellen kann, bey ſich fuͤhren ſolle. Dis Object ſoll man nun der erwachten Phantaſie und den erhitzten Begierden mit Gewalt vorruͤcken, und verſuchen, wie ſehr ſich durch deſſen ernſten An - blick und tieffe Erwegung die Luͤſte daͤmpfen laſſen. Mit all aber ſind alle die Mittel nicht hinreichend, ohne GOttes allmaͤchtige und erbarmende Gnade zuvoͤrderſt |im | Hertzen zu haben. Und je mehrK k 3man518(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,man ſich darauf anfaͤngt zu verlaſſen, und von JE - ſu, dem einigen Erretter abzuſehen, je eher wird man betrogen.

  • 5) Dieſe angefuͤhrte geiſt - und natuͤrliche Mittel ſind ohnfehlbar hinreichend fuͤr alle Pa - tienten, die nur noch nicht in ſchaͤndliche Kranckhei - ten verfallen ſind. Man darf ſich von niemand weiter irren noch bethoͤren laſſen. Viel weniger darf man den jenigen glauben, die die Entledigung des Samens als nothwendig ausgeben. Es iſt ei - ne rechte Verlaͤſterung GOttes und ſeiner Anſtalten und Ordnungen in der Natur. Man gebraucht ſich dabey ſo verfaͤnglicher Redensarten: vielleicht in Unwiſſenheit, und nicht in einem ſo boͤſen Sinn, als boͤs und groß der Schade iſt, der denen zufaͤllt, die ſich dergleichen etwas bereden laſſen. Es ſollen a ſemine diutius retento allerley giftige exhalationes ins Blut kommen, und allerley Kranckheiten, z. E. dunckle Augen, Traͤgheit Schwindel, Traurigkeit ꝛc. verurſachen. Aber iſt denn dis wahr?
  • a) Kommt denn dis nicht von aller Ueberfuͤllung mit Speiſe und Tranck, von aller Nachlaͤßigkeit, von aller Verzaͤrtelung des Leibes und 100. andern Ur - ſachen auch her? wer hat uns denn erlaubt, die Ur - ſache in etwas zu ſuchen, das wir unmoͤglich erklaͤren und nicht einmal als halbwege probable annehmen koͤnnen: da wir ſo viel andere Urſachen weiſen koͤn - nen, deren Connexion mit der Kranckheit ſich mit Haͤnden greiffen laͤſſet?
  • b) Sind doch alle ſolche Kranckheiten, die man der retentioni ſeminis ſo faͤlſchlich und ſo aͤrgerlich zuſchreibt, auch bey Weibsperſonen anzutreffen: aber es iſt ausgemacht gewiß, daß dieſe keinen Sa - men haben. So wuͤrden alſo dieſe Kranckheiten bey ihnen von der Retention deſſen herruͤhren, was ſie doch nicht beſitzen!
  • c) Was wird man denn von allen denjenigen Leuten ſagen, die bis ins 25. 30. Jahr und weiter -hin519wieder die Unreinigkeit. hin von ſolchen Graͤueln gar nicht einmal was ge - wuſt, und ſich dennoch immer ſtarck, munter und geſund befunden haben? Und
  • d) Wo ſind denn diejenigen Patienten, deren Kranckheiten man ohnfehlbar dieſer Urſache zuzu - ſchreiben Freudigkeit haben wird? Man gehe alle rechtſchaffene Medicos durch, und ſuche doch welche Exempel zuſammen! Noch mehr:
  • e) Man ſehe doch die Exempel der Patriarchen, der beſondern Freunde des allmaͤchtigen GOttes an, und unterſuche, in welchem Alter ſich dieſe verhei - rathet haben: welche gewiß der Suͤnde der Selbſt - befleckung nie ſchuldig geweſen, als welche zu ihren Zeiten nach Altteſtamentiſcher weiſe ſofort mit dem ploͤtzlichen Tode am Onan iſt beſtraft worden.
  • f) Die Erfahrung beſtaͤttigets in aller Welt, daß je weniger einer zu der uͤppigen Wolluſt iſt ge - neigt geweſen, je geſuͤnder, munterer und ſtaͤrcker bleibet er, je laͤnger wehrt auch ſein Leben. Eraſ - mus hat ſich in ſeinem colloquio ſenili weitlaͤuf - tig druͤber eingelaſſen.
  • g) Ein Hengſt, (ſpricht der Auctor der Onaniæ) der wohl abgerichtet, und abgehalten worden, eine Stutte zu beſpringen, bis er 9. oder 10. Jahr alt iſt, (dergleichen mit tauſenden hier in Engelland geſchiehet,) wird nach dieſem kaum ein Verlangen nach einem Mutterpferde bezeigen, davon er ſonſt nicht leicht abzuhalten iſt. Hier geſchieht eine Zu - ruͤckhaltung des Samens, auf beyderley Weiſe, (die man ſich nur einbilden kann) und dennoch haben ſie bey einerley Lebensart, Futter und Wartung, vielmehr noch groͤſſere Staͤrcke und Muth, ſind auch faſt vermoͤgender ſchwerere Arbeit auszuſtehen: will geſchweigen, daß ſie mehr Kranckheiten unterworfen ſeyn ſolten, als Stutten oder Wallachen von glei - chem Alter und von gleicher Groͤſſe. Wie kommt es denn nun, daß die giftigen Ausduͤnſtungen des Samens in ſo vielen Jahren keinen mercklichenK k 4Ein -520(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,Einfluß uͤber ſie gemacht haben? warum hats ihnen denn ſo gar nicht nur nichts geſchadet, ſondern viel - mehr genutzt?

Sprichſt du: vielleicht iſt ein geringeres Futter und harte Arbeit die Urſach davon: Ey, ſiehe! ſo weiſ - ſeſt du ja, was zu thun! Warum wilſt denn du deinen Leib verzaͤrteln? warum dem Muͤßiggang und uͤppiger Voͤllerey nachgehen, und dir dadurch die heßliche Noth und Kranckheiten zuziehen? Viel - leicht, damit du Materie zu calumniiren und uͤber den Ueberfluß des Samens zu klagen habeſt? Kanſt du GOtt ſo beſchuldigen uͤber dem, worein du dich ſelber ſtuͤrtzeſt? Wenn ſich ein Trunckenbold Kopf - weh und Dummheit im Verſtand an den Hals ſaͤuft: darf er denn hingehen und klagen, GOtt ha - be den Weinſtock wachſen laſſen; oder er habe ihm mit Kopfweh wollen plagen, und was dergleichen gotteslaͤſterlicher Thorheiten mehr ſind? Jſt dir dein Chriſtenthum ein rechter Ernſt: wirſt du dich denn nicht lieber aller niedlichen Speiſen und ſtarcken Nahrung enthalten, und durch harte Arbeit und Fa - ſten dein Fleiſch creutzigen, als GOtt vorſetzlich be - leidigen, und dich hernach mit einem Luͤgenmantel, obwol bey zitterndem Gewiſſen decken wollen? Man leſe und erwege wohl, was der Verfaſſer davon oben im 5. und 6ten Lehrſatz weitlaͤuftig ausgefuͤhret.

  • 6. Solte aber jemand gedencken: Mit ihm ſeys zu weit kommen, die Luſtſeuche ſey auf dem Thron, Leib und Seel in ihren Ketten, ihre Macht auch unuͤberwindlich; dazu ſey zu beſorgen, daß der Weg zur Ruͤckkehr des Samens ins Blut bereits vergangen; ſeine Sache ſey wol unheilbar, und er muͤſſe ſich zu retten aus der Noth eine Tugend ma - chen, und den heftigen Anfaͤllen der Luſtſeuche zuwei - len nachgeben ꝛc. der hoͤre zu!
  • a) Der Teufel iſt zu ſeiner Sache ein ſtarcker Orator, und der mit Paßionen verblendete Verſtand ein aufgeblaͤheter Beurtheiler |der Dinge, die |denBe -521wieder die Unreinigkeit. Begierden favoriſiren: aber man muß einem ſo wenig glauben als dem andern. Dem Teufel traue man juſt am wenigſten, wenn er am meiſten prahlt; und dem eignen Verſtand pflichte man juſt am we - nigſten bey, wenn er mit den Luͤſten conſpirirt, und ſich gleichſam mit ihnen verkuppelt, die Seele um - zubringen. Man glaube nicht! Es iſt auch nicht erſt noͤthig, auf alle Einwuͤrfe und Entſchuldigungen, die die Paßion macht, ſich in eine Beantwortung einzulaſſen. Warum ſolten ſie denn nicht unbeant - wortet verworfen und verachtet werden? Man weh - le doch den kuͤrtzeſten Weg, und frage nur: wo hats GOtt befohlen?
  • b) Wer hats denn geſehen, daß die Wege zur Communication des Samens mit dem Blut ſchon verſchloſſen und aufgehoben ſind? Und wenns nun auch waͤre: wer kann denn betheuren, das ſie nicht wieder koͤnnen geoͤfnet werden? iſt man doch ſonſt gerne ein Held im Unglauben, wenn man zu ſei - nem eignen Schaden nicht glauben ſoll: warum haͤlt man ſich denn hier nicht an den Unglauben ſo lange als moͤglich? waͤrs doch zum Vortheil? Man ſagt, dum ſpiro, ſpero: warum gibt man denn hier al - les ſobald verloren, und hat ſo ein feiges Hertz? Jſts nicht daher, weil man entweder ein verzagter oder ein heimtuͤckiſcher Freund der Suͤnde iſt?
  • c) Aber geſetzt, es ſey ſo; es muͤſten nun eva - cuationes erfolgen: werden ſie denn durch die pol - lutiones nocturnas (die man gleichwol auch nicht auf die leichten Achſeln nehmen darf, weil ſie einem jeden juſt ſo und nicht anders angerechnet werden, als wie man mit ſeinem Heiland und dem gantzen Gewiſſen vor dem Gerichte GOttes ſtehet, oder da - ſelbſt angeſehen werden kann) nicht hinreichend ge - ſchehen koͤnnen? Soll man nicht lieber die Quel - len ſelbſt verſtopfen, und ſeinen ohnehin ſo kruͤppel - haft wordenen Leib nicht lieber viel weniger fuͤttern, als ſo gar, auch mit dieſem remedio flebili noch nichtK k 5aus -522(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,auskommen moͤgen? Oder will man ſich gar den beſtaͤndigen Samenfluß uͤber den Hals ziehen?

Weil aber gleichwol die verwoͤhnte Phantaſie im Traum ſo ſehr geſchaͤftig ſeyn kann; ſo ſoll man doch mit ernſtem Gebetskampf moͤglichſt ſuchen zu hindern, daß dieſelbe bey den pollutionibus noctur - nis, zumal wenn ſie etwas oͤfters kommen, nichts zu ſchaffen habe. Man bemercke alſo ſehr genau, in wie weit ſich doch ſuͤndlichen und unzuͤchtigen Begierden u. Vorſtellungen von dieſem klaͤglichen actu einer kraͤnck - lichen oder violirten Natur wegſchaffen laſſen. Die Haͤnde aber, und alle disfaͤllige Bewegungen des Leibes muͤſſen hier ſchlechterdings wegbleiben, obs auch gleich mit Binden und groſſer Gewalt ſolte erhalten werden. Und bey alle dem iſts doch un - laͤugbar, daß ſo viel mehr die Phantaſie und die Be - gierden mit in den Handel kommen; ſo viel ſchuld - barer iſt der Patient vor GOtt. Und ſo viel mehr man dieſe moraliſche Kranckheit ſelbſt veranlaſſet hat, und daran ſchuld iſt; ſo viel mehr muß man auch jedesmal vor dem Gerichte GOttes daran Theil nehmen, und kommt ſchlechtweg nirgends anders aus, als im Blute Chriſti, und zwar auf die Bedingung Gal. 5, 24. 6. 13.

d) Meineſt du aber dennoch, es koͤnne nicht an - ders ſeyn, du habeſt alles verſucht, auch Medicos zu rathe gezogen ꝛc. es muͤſſe geſchehen: So thue auf deine Gefahr, was du wilſt. Doch ſolche de - ſperate Helden fallen insgemein dem Artzt in die Haͤnde, wenns noch am beſten ausgehet. Es hat welche gegeben, die geriethen an den Hencker; die meiſten aber (ach Jammer und Wehe uͤber ſolche erloͤſete Menſchen!) fielen in des Satans Macht und Lohn. Wer JEſum Chriſtum, den gecreutzig - ten, lieb hat, der wird eher ſterben, als ihn nach ſo einem langen Deliberiren und Zagen dennoch belei - digen, und dem Satan eine Freude machen. Mit Unreinigkeiten ehret man den Teufel, und nichtGOtt.523wieder die Unreinigkeit. GOtt. Verſuchteſt du es mit Ernſt, du wuͤrdeſt wohl erfahren, daß es kein Leben koſtet. Aber du biſt zu faul zum Glauben und zum Kampf. Du traueſt dem allmaͤchtigen und allerliebſten GOtt nicht einmal ſo viel zu, als einem ehrlichen Men - ſchen. Abraham hat GOtt anders geehret, Ebr. 11, 8. 11. ſq. Roͤm. 4, 18-22. Jehovah! deine Gnade iſt ja beſſer, denn das koͤſtlichſte Leben von der Welt, geſchweige das im ſteten Jammer und peinli - cher Angſt eines boͤſen Gewiſſens ſo kuͤmmerlich muͤſte gefuͤhret werden. Pſal. 63, 4. Wolan! ſterb - licher! thue was du wilſt, du wirſts verantworten. 4 Moſ. 15, 27. 30. 31.

7) Endlich, ſo iſt der Auctor billig zu entſchul - digen, daß er dieſe Materie nicht auch auf den Eheſtand appliciret hat. Er hats mit der Ju - gend zu thun. Doch wer dis faſſet, wird leicht be - greiffen, wie es damit in der Ehe ſtehet. Was an ſich unrecht iſt, kann in der Ehe unmoͤglich recht ſeyn, noch durch dieſelbe legitimiret werden. Was oben von der Stadt Corinth, und dem Orte 1 Cor. 7, 5. 9. angefuͤhret worden, gibt der Sache den Ausſchlag: aber bey Seelen, die GOtt unterthan ſind. Die andern ſind auch in beſſeren Sachen un - rein Tit 1, 15. Jn des ſel. Speners letzten theo - logiſchen Bedencken, i. e. Tom. V. Part. 2. p. 206. ſtehet ein weitlaͤuftiger Brief, der zum Theil hieher gehoͤrt. Salmon in dem Tractat vom Gebrauch und Mißbrauch des Ehebettes handelt c. 1. 2. 3. 4. und c. 12. p. 390. davon gantz ausfuͤhrlich. Jeder ſolte es billig vor dem Heirathen leſen. Kurtz zu ſagen: Es iſt gar nicht glaublich, daß GOtt in ei - ner ſolchen Sache, deren Umſtaͤnde unter den Men - ſchen tauſendfach verſchieden ſeyn koͤnnen, nur ei - nerley und allgemeine Regeln fuͤr jedermann auf gleiche Art ſolte gegeben haben. Die Welt wuͤr - de ſie ſchrecklich mißbrauchen. Und darum muͤſſen auch die Caſuiſten nicht zu ſehr und zu bald decidi -ren:524(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,ren: vielweniger allgemeine und unumſtoͤßliche Ver - ordnungen GOttes Hebr. 13, 4. 12, 14. durch ſehr wenige und abgedrungene Faͤlle aufheben. Ein toͤdt - lich krancker darf zum letzten Verſuch, ob ſein Le - ben noch koͤnte gerettet werden, in dem Miſerere einen klumpen Queckſilbers in ſich gieſſen: wirds denn aber ein andrer, der nur eine geringe Verſto - pfung des Leibes hat, auch thun wollen, oder duͤrfen? wird er nicht gelindere Artzneymittel gebrauchen? Und wenns gar ein geſunder thun wolte, dem gar nichts fehlet, waͤre das recht? So iſts auch mit den disfaͤlligen Diſpenſationen, die ſich die Menſchen auf 1 Cor. 7, 5. 9. machen. Man moͤchte jeden fragen: Biſt denn du auch ſo verderbt? und kann dir denn durchaus nicht mehr geholfen werden? Muſt du denn die Feſſeln ſchon beſtaͤndig tragen? hat denn deine Seele Ruhe dabey? und bleibt dei - nem Gewiſſen der freudige Zugang zu GOtt den - noch offen? Wenn du es nun meinſt zu haben: (aber es muß Wahrheit ſeyn, und du ſelbſt muſt wahrhaftig JEſu Chriſto angehoͤren Gal. 5, 24.) ſo muſt du we - nigſtens nur nicht praͤtendiren, daß es ein anderer auch habe. Der liebe GOtt wird ſich in dem Re - gieren eines andern nach deinem Gewiſſen und dei - ner Einſicht ja nicht eben richten muͤſſen. So man dich nun deshalb um Rath fraͤgt, (und du haſt nicht voͤllig eingeſehen, obs denn gewiß ſey, das der eine oder der andere Theil, oder gar alle beyde Ehegat - ten durch die ehemalige Ausuͤbung fleiſchlicher Luͤſte wircklich verderbet ſeyn? und obs denn bis zu dem Grade gekommen, daß die oben vorgeſchlagene geiſt - liche und natuͤrliche Mittel nicht mehr zureichen, dem Uebel abzuhelfen? mit einem Wort: obs denn juſt ein Corinthiſcher und auf alle Seiten gefaͤhrli - cher Zuſtand ſey? Aber mein! welch eine weitlaͤuf - tige Unterſuchung ſo vieler und intricater Umſtaͤn - de gehoͤrt dazu, in dieſer Sache gewiß zu decidiren!) So du dis alles, ſage ich, noch nicht voͤllig und rich -tig525wieder die Unreinigkeit. tig eingeſehen haſt: Ey! lieber Chriſt, wofuͤr deci - direſt du denn? Es ſtehet dir nicht frey, dem Ge - wiſſen untraͤgliche Buͤrden aufzulegen: aber gewiß noch viel weniger, die Befehle GOttes zu verklei - nern, und |leichtſinnige Seelen noch leichtſinniger zu machen, oder gar zu allerley Unreinigkeiten (dabey ein gottfuͤrchtend Hertz dennoch keinen Frieden und kein froͤliches Aufſehen zu GOtt haben kann). Di - ſpenſationen und Privilegia zu ertheilen. Warum unterlaͤſſeſt du nicht lieber alles beydes? Jſts denn Schande zu ſagen: Jch kann euren Handel nicht voͤllig einſehen: darum gebuͤhrt mir auch nicht, dar - inn zu decidiren: Gehet ihr zu GOtt ſelber hin! Warum ſolteſt du denn nicht ſagen doͤrfen: Es hat dem lieben GOtt nicht beliebet, gantz beſondere und auf alle Exempel paſſende Vorſchriften in allen ſpe - cielleſten Faͤllen deshalb zu geben; (weil bey denen, die ihn redlich ſuchen, die allgemeinen wohl hinrei - chen koͤnnen; nechſtdem auch der Welt in ihre un - ſauberen Haͤnde nicht alles hingegeben werden kann, daß ſie es nicht GOtt zur Schande und ſich zum Schaden mißbrauche; uͤber dem wars noth, den Menſchen unter der Hand und in der Pflicht und Nothwendigkeit des Gebets zu behalten, daß er zu GOtt ſelber gehe, ſelbſt bey der hoͤchſten Obrigkeit anfrage, und alſo nicht, wie es ſonſt ſein trotzig und verzagt Hertz immer machen will, nach Hoſ. 8, 4. handle.) Warum, ſage ich, ſoll denn ein Chriſt nicht an ſeinen GOtt hin verwieſen werden? Jeſ. 8, 19. 20. Gewinnet dann ein ſolcher Patient unter vielem Gebet und Gebrauch der angewieſenen Mit - tel dennoch die Freudigkeit, haͤlt ſich dennoch fuͤr ſo ſehr ruinirt, iſt aber uͤbrigens ſeines gantzen Pro - ceſſes vor GOtt gewiß, und darf Jeſ. 27, 4. unver - zagt nachſagen: ſo thue er denn, was er im Namen JEſu thun kann; denn er allein wird dafuͤr ſtehen muͤſſen. Roͤm. 14, 12. 23. So iſts ja nicht erſt noͤthig, das ers auf eines andern ſeine Rechnungthue,526(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,thue, noch viel weniger, das es ein anderer auf ſei - ne Rechnung nehme.

Es ſind dem Editori einige Lehrſaͤtze von dem Eheſtand in die Haͤnde kommen, welche in ſo weit ſie hieher gehoͤren, wol koͤnnen eingeruͤcket werden. Sie lauten alſo.

  • 1) Die Ehe ſoll ehrwuͤrdig unter allen ſeyn, Hebr. 13, 4.
  • 2) Daher kann ſie nicht verworfen werden.
  • 3) Der ledige Stand kann ihr nicht vorgeſetzet ſondern nachgeſetzet werden.
  • 4) Aber er iſt zum Dienſt des HErrn, die Af - fairen des HErrn zu beſorgen, dienlicher 1 Cor. 7, 32. Matth. 19, 12.
  • 5) Das Ehebett muß unbefleckt ſeyn Hebr. 13, 4. folglich
  • 6) Muß es frey ſeyn von der Luſtſeuche 1 Theſſ. 4, 5. 〈…〉〈…〉, i. e. einem ſolchen Zu - ſtande, darinnen ein Menſch leiden muß, daß ihm ſeine Begierde befiehlet, ihn beherrſchet, und regie - ret; und er nicht um des Gewiſſens willen, ſondern nur ſeiner Luſt zu Folge beywohnet.
  • 7) Wer noch nicht die Luſtſeuche uͤberwunden und unter den Fuß gebracht hat, daß er ſie regieret und nicht ſie ihn: der iſt nicht tuͤchtig zu einer heiligen Ehe; wie will nun ſein heirathen vor GOtt ausſe - hen?
  • 8) Wenn ein Mann und Frau einander in der Luſtſeuche beywohnen, das iſt vor dem Gerichte GOt - tes eine ſtrafbare Hurerey, die GOtt richten wird, Hebr. 13, 4.
  • 9) Die Ehe iſt eine Abbildung der Vereinigung einer glaͤubigen Seele mit Chriſto JEſu; und die allergenaueſte Verbindung der Eheleute ſoll ſeyn das allereigentlichſte Bild der Vereinigung mit Chriſto Eph. 5, 31.
  • 10) Ein Menſch, der in der Luſtſeuche ſtehet, iſt untuͤchtig dieſes Bild vorzuſtellen (das iſt ein Satz,deſ -527wieder die Unreinigkeit. deſſen Gegentheil einer Gotteslaͤſterung gleich ſie - het): denn ein Luſtſclave traͤgt das Bild des Teufels an ſich; und iſt nach ihm geartet. Niemand kann zweyerley Bilder an ſich tragen.
  • 11) Folglich ſoll ordentlicher weiſe kein bekehr - ter Mann ein unbekehrt Weib, und kene Glaͤubige einen unbekehrten Mann nehmen. Bekehrte ge - hoͤren zuſammen.
  • 12) Wer aber als ein Mann oder Weib beruf - fen iſt, und ſich bekehrt, da er bereits verheirathet war: der darf ſich von ſeinem unglaͤubigen Ehegat - ten nicht trennen 1 Cor. 7, 10.
  • 13) Er iſt auch ſeines eigenen Leibes nicht mehr maͤchtig, ſondern verbunden, die ſchuldige Liebe, wenn ſie der andere unbekehrte Theil praͤtendiret, zu leiſten 1 Cor. 7, 3.
  • 14) Doch iſt er von der Pflicht keuſch und rein zu ſeyn nicht frey: ſondern muß um ſo viel mehr rin - gen, daß er uͤber ſeines Ehegatten Hertz eine Macht gewinne, die ihn in Schrancken halte.

Dis kann denn ein kuͤnftiger oder auch ſchon wirck - licher Ehemann vor GOtt pruͤfen, nach dem Worte JEſu Chriſti, dem Zuſammenhang des Chriſtlichen Glaubens, und der groſſen Obligation, womit alle getaufte Chriſten ihrem Erloͤſer aufs hoͤchſte ver - bunden ſind, richtig uͤberſchlagen, und alsdenn das - jenige ergreiffen, wovon er durch den Geiſt GOt - tes in einem demuͤthigen Sinn wird uͤberfuͤhret werden.

So iſt es uͤbrigens mit allen Faͤllen und Seru - pelu des Gewiſſens zu halten, die in dergleichen Umſtaͤnden vorkommen koͤnnen. Ein jeder gehe doch hin zu JEſu, und frage den um Rath, der wird ihm ſolchen allezeit untrieglich geben: denn dafuͤr iſt er ja ein Erloͤſeter, und JEſus ſein Hei - land. Nur gehet die Ausſoͤhnung mit GOtt allem vor, und muß fuͤr allen Dingen ausgemacht ſeyn, ehe man in Decidirung ſeiner Gewiſſensſcrupel ſich einzulaſſen berechtiget iſt.

Be -528(III. Th.) Von den ſicheren Mitteln,

Beſchluß.

Bedenck - licher Schluß.
13

UNd ſo viel habe Kraft der zu Jhnen tra - genden hertzlichen Liebe in Eil und unter mancherley andern uͤberhaͤuften Geſchaͤf - ten aufſetzen wollen und ſollen. Jch fuͤge nichts mehr hinzu, als das gantz ungewoͤhnliche und hoͤchſt bedenckliche Epiphonema des groſſen GOt - tes Ezech. 24, 13. 14. Deine Unreinigkeit iſt ſo verhaͤrtet, daß, ob ich dich gleich gerne reinigen wolte, dennoch du nicht wilſt dich reinigen laſſen von deiner Un - reinigkeit. Darum kanſt du fort nicht wieder rein werden, bis mein Grimm ſich an dir gekuͤhlet habe. Jch der HErr habs geredt, es ſoll kommen, ich wills thun, und nicht ſaumen, ich will nicht ſchonen, noch michs reuen laſſen; ſondern ſie ſollen dich richten, wie du gelebet und gethan haſt, ſpricht der HErr, HErr, Urtheilen Sie ſelber, ob ſie dieſer majeſtaͤtiſche Ausſpruch GOttes nicht gantz eigentlich treffen ſolte und muͤſte: wenn ſie, ohnerachtet ihnen ihr Seelen - und Leibes Zuſtand ſo deutlich vorge - ſtellet, und alles ſo umſtaͤndlich, hoffentlich auch zu ihrer voͤlligen Ueberzeugung und vielfaͤltigen Hertzens Ruͤhrung, aus einander geſetzt iſt, den - noch wolten in dem ſchaͤmenswuͤrdigen Unflat und Sclaverey dieſer Suͤnden bleiben; da ſie ja Freyheit und Leben haben koͤnnen?

Mein Freund! ich halte Sie fuͤr viel zu bil - lig, zu edel und zu klug dazu, daß Sie eine ſolche Thorheit wider Jhr eigen Leben begehen ſolten. Jm -529wieder die Unreinigkeit. Jmmittelſt laſſe ichs auf den groſſen Tag der Offenbarung JEſu Chriſti ankommen, und bin gewaͤrtig, wofern wir einander in dieſer Zeit nicht mehr ſehen und ſprechen koͤnten, alsdenn vor dem Angeſichte JEſu Chriſti von Jhnen zu vernehmen: ob Jhnen dieſe meine Zuſchrift zur Rettung Jhrer Seele oder zu einer deſto ſchwe - reren Verantwortung gedienet habe?

Sie kennen mich, und ſinds uͤberzeuget, daß ich es mit Jhnen redlich meine, und auch in die - ſer Sache nichts als Jhren Vortheil ſuche. Es gehet mir um Jhre Wohlfahrt: und Jhnen ſolls billig noch mehr darum zu thun ſeyn. Gibt man ſonſt einem wahren Freunde in geringeren Sachen Gehoͤr: warum nicht vielmehr in groſ - ſen? Und da es in der Welt ausgemacht iſt, vox amici, vox Dei, wahrer Freunde Rath, iſt wie GOttes Rath: ſo bitte ich Sie hiemit nochma - len um GOttes und um Jhres Lebens willen (hoͤher kann ich Sie nicht bitten): Ach hoͤren Sie mich, daß Sie GOtt wieder hoͤre!

Jch glaube nicht, daß Sie noch irgend eine Ausflucht vor ſich finden werden, dieſen andrin - genden Anforderungen GOttes an Sie ferner auszuweichen, oder ſich hinter ſonſt etwas vor dem hellſtrahlenden Antlitz JEſu Chriſti zu verber - gen. Sein maͤchtig Wort hat Sie gefunden und getroffen, und daſſelbige gehet aus ſeinem Munde und iſt wie ein zweyſchneidig Schwert ge - gen alle Wiederſpenſtige unausbleiblich gerichtet: Dem entgehen Sie nicht. Geſetzt aber, Sie koͤnten noch einige Exceptiones aufbringen, und Satan moͤchte Jhnen doch noch etwa einenIII. Th. Betr. der Unreinigk. L lſchein -530(III. Th.) Von den ſichern Mitteln,ſcheinbaren Vorwand an die Hand geben, Sie damit zu verblenden und einzuſchlaͤffern: So ſollen Sie dennoch wiſſen, daß der ewige GOtt, der HErr Himmels und der Erden, der ſich mit Jhnen in kein diſputiren noch excipiren einlaſ - ſen wird, mit Jhnen geredet habe. Und der wird ſeine Sache auch fuͤhren, und in Jhrem Gewiſſen ſo hart und ſo gewiß legitimiren, daß Sie bey der Luſt dieſer Suͤnde, ja auch nur bey der Jndiffe - rentz gegen dieſelbe ſchlechterdings keinen Frieden und keine Sicherheit haben ſollen, wenn Sie es auch aufs aͤuſſerſte zu erzwingen ſuchten. Doch ich bitte ſeine Majeſtaͤt durch das Blut JEſu Chriſti, daß er ſie vor einem ſolchen ſtoltzen Trotz und rebelliſchen Wiederſpenſtigkeit in Gnaden behuͤten wolle. Ja ich ſcheue mich ſo gar, nach der zu Jhnen tragenden Liebe und Billigkeit, dergleichen Unternehmen von Jhnen auch nur zu beſorgen. Jndeß haben wir von einer der angelegentlich - ſten Sachen in der Welt mit einander tractiret. GOtt iſt deß Zeuge. Sie werden mich ſelber vor ſeinem Gerichte in dieſem Jhrem Proceß unſchuldig erklaͤren muͤſſen: dann ich habe eines Freundes Pflicht an Jhnen nicht verſaͤumet. Nun gehen Sie hin, und tractiren Jhre Sache mit GOtt ſelber. Mein Abſchiedswort iſt: GOtt wolle ſie bewahren! Dort wollen wir uns wieder ſehn. Womit Sie der erbarmenden Liebe des ewi - gen GOttes in JEſu Chriſto empfiehlet

Jhr treuer Freund N. N.

Ende des Sendſchreibens.
Des531

Des Editoris Nacherinnerung.

KUrtz vorm Schluß der Ausfertigung die - ſes Manuſcripts iſt dem Editori zur groͤſten Beſtuͤrtzung und Antrieb ſeines Gemuͤths ein Zettel zu handen kommen, wel - chen ein Candidat in einer ſehr groſſen und an - geſehenen Stadt auf ſeiner Stube hinterlaſſen, und darauf hingegangen, ſich ſelber ein Leid an - zuthun, damit er, ſeinem Begrif nach, in die Haͤnde der Obrigkeit fallen, und dieſelbe ihn ſodann Noth - und Amtswegen ſo gut als am Le - ben ſtraffen muͤſte. Es lautet aber der Zettel alſo:

Kurtzes, GOtt gebe aber demuͤthi - ges Bekenntniß der Suͤndengraͤuel N. N. unwuͤrdigen Studioſi der heiligen Schrift, welche er ſeit vielen Jahren begangen, aufgeſetzt zur Bekenntniß der Wahrheit, damit vielleicht die ar - me Seele um Chriſti willen gerettet werde.

1) Habe ich ſehr unreine Suͤnden wieder das 6te Gebot begangen an meinem Leibe.

2) Ob ich gleich daſſelbe bereuet, ſo bin doch darinnen fortgefahren; habe mich wol den Satanblenden laſſen, daſ - ſelbe bey Leſung der heiligen Schrift zu thun. Dieſes reuet mich nun. Jch ge - ſtehe auch, daß ich daruͤber Hoͤllen - ſchmertzen empfinde, daß viele NaͤchteL l 2 nicht532Nacherinnerung. nicht ſchlaffen kann. Da mir aber mei - ne Gebeine verſchmachten fuͤr dieſer Angſt: ſo habe mich der Obrigkeit zur Straffe uͤberliefert, ob GOtt dem Gei - ſte wolle gnaͤdig ſeyn. Welches einiger maſſen um Chriſti willen hoffet

N. N. (iſt der Ort der Woh - nung) Jch bitte GOtt, daß dieſe kurtze Wohnung mir ſey eine Himmelsſchule. Amen. den 8. Oct. 1738.

N. N. Der nun beſtaͤndig ſeuftzen wird: JEſu du Sohn David, erbarme dich mein!

NUn, ihr Chriſten! was ſoll man dabey gedencken? Ob dieſer arme Menſch ſe - lig oder unſelig ſey? das iſt uns zu ent - ſcheiden nicht befohlen; das iſt des Richters ſein Werck. Aber wie, wenns nun allen Weichlingen alſo gehen ſolte? Oder koͤnte ein Menſch GOtt zwingen, daß er ihm das freundliche Licht ſeines Gnadenantlitzes durchaus nicht verbergen doͤrf - te? Oder behaͤlt der Menſch ſeinen Verſtand und Gewiſſen in ſeiner Hand und Gewalt, dar - inn zuzulaſſen und zu verwehren was ihm be - liebt? Und wenns nun auch welche giebt, die da nach 2 Petr. 2, 10. bey allen ihren Graͤueln auch vor der hoͤchſten Majeſtaͤt nicht erzittern: iſts drum ein Gluͤck, im verſtockten und unem - pfindlichen Sinn der Ewigkeit zuzueilen? Wird denn dis entſchuldigen oder mehr graviren, daß man ungeſcheut geſuͤndiget, und keinen Augen - blick, vor den unvermeidlich drauf folgenden Straffen erſchrocken? Wirds helfen, ein ſtein -har -533Nacherinnerung. hartes Hertz gehabt zu haben, und ein ſtoltzer Veraͤchter GOttes und ſeiner heiligen Befehle geweſen zu ſeyn?

Doch mit ſolcher Art Seelen iſt im gantzen Tractat vielleicht wol genug geredet worden. Aber ſolte einem Chriſten das Hertz nicht bre - chen, wenns nun einem andern, der ſich ſchreck - lich fuͤrchtet zu ſuͤndigen, und doch das ſuͤndigen nicht laſſen kann, oder wird wenigſtens einmal ums andere uͤbern Hauffen geworfen, alſo er - gehet? Wie viel Jahre hat ſich dieſer arme Menſch wol mit ſeiner heimlichen Suͤnde uͤber - worfen? wie viel ſchrecklicher Gewiſſensaͤngſte ausgeſtanden? wie viel Thraͤnen vergoſſen? wie mancherley Uebungen vorgenommen, um ihrer los zu ſeyn? Wer kann den Jammer der Seelen, und das Aengſten des Leibes und Le - bens wol uͤberſehen, den er bey dieſem halb ab - genoͤthigten, halb uͤbereilten, halb ſelbſt zugezo - genen Sclavendienſt der Suͤnden einige Jahre hin mag ausgeſtanden haben, ehe die arme See - le aller dieſer Plagen ſo muͤde worden? O We - he! o Jammer in der Chriſtenheit, wenn der Geiſt der Unreinigkeit ſo viel Gewalt gewonnen, durch dis Laſter auch diejenigen, ſo juſt GOttes ſein eigenes Volck ſeyn, und ihm mit lauter Hertzensluſt dienen ſolten, alſo jaͤmmerlich zu plagen; und kein Menſch nimmts zu Hertzen, und niemand eilt, ſeinen im Schlamm verſin - ckenden Nebenmenſchen zu retten!

Dis iſt nur ein Exempel eines jaͤmmerlich verzagenden Suͤnders! aber iſts denn dis allei -L l 3ne?534Nacherinnerung. ne? wie viel hundert und tauſend andere moͤ - gen in dieſem einigen ſtecken! dis Schandlaſter ſchleicht ſich in Schulen ein, in die Pflantz - ſtaͤdte des ewigen GOttes, juſt in die Orte, da Leib und Seel vorm Ruin und Bann am meiſten verwahret, und dem ewigen GOtt zum freudigen Dienſte zubereitet werden ſolten! Ach wie viel edler Seelen haben deßfalls ſchon in den Schulen ihren Tod gefunden! Und wie viel Millionen Aergerniſſe, Verfuͤhrungen und Schaͤndungen werden da nicht fortgepflantzt und ausgebreitet!

Bey genauer Unterſuchung findet ſichs zwar, daß es insgemein mehrere hinein gebracht, als erſt darinn gelernet haben: daß demnach die Schuld eben nicht den Schulen beyzumeſſen; ſondern alle Arten der Erziehung, wo die Kinder nicht allenthalben dafuͤr als vorm Feuer verwah - ret werden koͤnnen, ſind bequem genug, ſie in dieſen Ruin zu ſtuͤrtzen. Allein iſt dis nicht um deſto klaͤglicher? Und iſts nicht eine ſchwere Verantwortung fuͤr die Chriſtenheit, daß ſolche Schulden und Suͤnden gleichwol auch in ihren Schulen ſo ausgebreitet, und durch ſie fortge - pflantzet werden? Solte man denn hie nicht al - les moͤgliche Verſuchen, dieſem Uebel zu ſteuren und zu wehren? Und ſolten nicht alle Eltern das ihre mit der groͤſten Treue und Ernſt dazu thun?

Von Schulen gehets auf Univerſitaͤten. Ach Jammer! wie mags da erſt ausſehen! von gro - ben Unflaͤtern iſt hie nichts mehr zu gedencken. Werden ſie auch durch dis Buͤchlein ihrerSchuld535Nacherinnerung. Schuld und Noth uͤberfuͤhret, und machen ſich nicht auf, ſich durch GOttes maͤchtige Hand ret - ten zu laſſen: ſo iſt ihr Verderben ja nicht un - billig, und ihre kuͤnftige Straffe nicht uͤbereilt noch zu groß. Aber Seelen, die druͤber in Angſt kommen, erblicken den Graͤuel, mercken den Schaden, koͤnnen ohne Erzittern nicht dran den - cken, und es gleichwol auch nicht laſſen: die ſind des Erbarmens werth und ſehr beduͤrftig.

Man ſtelle ſich den groſſen Schaden und Jammer nur vor, der auf die gantze Chriſten - heit daher entſpringet. Wie viele werdens wol ſeyn, unter viel tauſenden, die auf einer Univer - ſitaͤt ſtudiren, die weder Leib noch Seele jemals beflecket haͤtten? Und dagegen wie viele dienen den Luͤſten unverſchaͤmt und ohne Scheu? wie viele aͤngſten ſich darunter etliche Jahre durch faſt bis an den Tod? Jſt das nicht ein entſetz - licher und unerſetzlicher Ruin? Laßt uns bey dem andern ein wenig ſtehen bleiben.

Ein groſſer Theil davon ſollen Zeugen und Boten GOttes an die Menſchenkinder werden, die da bezeugen, und mit Jhrem froͤlichen An - geſicht und gutem Gewiſſen beſtaͤttigen ſollen, wie ſelig das Volck des allerſeligſten GOttes ſey. Nun wie wirds um dis Zeugniß ſtehen, wenn ſich juſt ſolche Menſchen, die das dauer - hafteſte Leben, den munterſten Verſtand, die richtigſte Gegenwart des Gemuͤths und die un - entfaͤrbteſte Leibes Kraft und Staͤrcke haben ſol - ten, erſt ſo ruiniren, oder auch nur einige Jah - re hin ſo zermartern? wenn ſie dabey zu eini -L l 4gem536Nacherinnerung. gem Dienſt am Evangelio gezogen werden, mit welcher Freudigkeit und Macht werden ſie denn das thun koͤnnen; wenn ſie ſo lang eine bebende Seele im Leibe herumgetragen? Was fuͤr einen Spott und Schauſpiel mag der Satan dran haben? Wie viel gutes wird dadurch nicht ge - hindert und auch unter andern aufgehalten? Und muͤſſen darunter nicht alle Seelenkraͤfte in ihrem gantze Syſtemate verſtoͤret werden und gleichſam zu truͤmmern gehen?

Wer kann den Schaden, der auf die gantze kuͤnftige Lebenszeit und alle deſſen Umſtaͤnde und Verrichtungen daher entſpringen muß, ermeſſen? Und werden Jammer, und die Pein, die ihre Seele und Leib darob erdulden muß, und woran ſie auch noch kuͤnftig Zeit Lebens gewißlich werden zu tragen haben, genug beſchreiben? Jſt das nicht ein Schade, nur halb ſo lang, halb ſowohl, halb ſo ordentlich, halb ſo deutlich und gruͤnd - lich dencken zu koͤnnen, als es den Naturkraͤften nach waͤre moͤglich geweſen? Jſts nicht Schade, nur halb ſo munter, freudig, getroſt, expedit und brauchbar ſeyn zu koͤnnen, als man wuͤrde geweſen ſeyn, wo man ſeine arme Seele mit dieſer Suͤndenluſt und Pein nicht ſo zermartert und ausgemergelt haͤtte? Jſts nicht ſchade, nur halb ſo lang, und nur halb ſo geſund leben zu koͤnnen, als nach dem Lauf der Natur waͤre moͤg - lich geweſen? Und wer kann alle noch daher flieſſende Folgen uͤberſehen, und die Schulden, die aus ſolchen Zeit Lebens fortwehrenden Ver - ſaͤumungen des Werckes GOttes im bangenHer -537Nacherinnerung. Hertzen entſtehen, auf einige Art berechnen? Solte man da nicht eher die gantze Chriſten - heit zur Rettung und Huͤlfe auf bieten, um einem ſo allgemeinen, und ſo unvermerckt uͤberſchwemmenden Uebel im tapferen Chriſten - glauben recht zu begegnen?

Wer dis alles auch nur einiger maſſen bey ſich uͤberleget; der wird es dem Auctori hof - fentlich nicht verdencken, daß er deßfalls die Fe - der ergriffen, und an ſeinem Theile ſeine Chri - ſtenpflicht nicht verabſaͤumen wollen. Wie denn auch bey der Herausgabe des Werckleins dis ein Hauptgrund und Trieb geweſen iſt. Der ewige Erbarmer und Freund der Menſchenkin - der JEſus Chriſtus wolle nun auch dieſe gerin - ge Arbeit dazu ſegnen, daß ſie zur Aufweckung der ſichern, zum Unterricht der Unwiſſenden, zur Anweiſung der Lehrbegierigen und zum Troſt der bloͤden koͤnne auf irgend einige Weiſe dienlich ſeyn. Amen!

Nur daß ihr den Geiſt erhebt von den Luͤſten dieſer Erden, und euch dem ſchon jetzt ergebt, dem ihr beygefuͤgt wolt werden: Schickt das Hertze da hinein, wo ihr ewig wuͤnſcht zu ſeyn.

ENDE.

L l 5An -538

Anhang Einiger Zeugniſſe aus dem oben recommendirten Buͤchlein der Paradiſiſchen Aloe, zu den in dieſem dritten Theil abgehandelten Materien.

NAch dem oben p. 294. §. 3. gethanen Verſprechen ſollen hie die uͤbrigen Stuͤcke dieſes erbaulichen Buches in etlichen gantzen Capiteln nach der vom Herrn Verfaſſer ſelbſt beliebten Abtheilung, obwol in der Ordnung der Materien unſers dritten Theiles beygefuͤget werden. Gleich - wie es dem Editore ſeines Entſchluſſes nicht ge - reuet, dieſe koͤſtliche Brocken, ohnerachtet anderer uͤberhaͤufter Arbeit, zu ſammlen, und etwa einiger - maſſen nach dem hochteutſchen Geſchmack einzu - richten: alſo hoft er lebendig, daß es dem HErrn gefallen werde, dieſen gantzen Nachtrag an ge - lehrigen Seelen uͤberſchwenglich zu ſegnen. Da nun vor der Anzeigung der beſten Mittel zuvoͤr - derſt die Grundquellen und Haupturſachen eines Uebels muͤſſen unterſuchet werden: ſo handlet billig

Das539Anhang zum dritten Theil ꝛc.

Das erſte Capitel.

Von den Grundquellen und Haupturſachen der Unkeuſchheit, die da nothwendig verſtopft und gehoben werden muͤſſen: woraus denn Eltern, Lehrer, Obrig - keiten und uͤberhaupt alle Chriſten erſehen koͤnnen, was ihnen oblieget, um dem allgemeinen Uebel zu wehren und es zu verhuͤten.

MAn hat ſich zu verwundern, wie ſichDie Grund - quellen der Unreinig - keit ſind doch ein Chriſt dieſem Schandlaſter alſo zum Sclaven hingeben kann, da er eine ſo großmaͤchtige Huͤlfe und Beyſtand dagegen bey GOtt findet in ſeinem Sohn und durch den heiligen Geiſt, wie es ihm das Evangelium anbietet, wann er ſich nur dieſe Anſtalten ſeines GOttes zu Nutze machen wolte. Woher kommt es dann nun, daß das Laſter der Unkeuſchheit dennoch ſo gar gemein iſt? Der

I.

Grund liegt in der jaͤmmerlich ſuͤndli -I. Jn der Fortpflan - tzung ſel - ber. chen Fortpflantzung. Die innerſte Wur - tzel und tiefſte Grundurſach iſt 1) die mei - ſtentheils gantz abſcheulich unreine Empfang - niß. Wann Eltern in geiler Brunſt ohne Furcht GOttes bey einander wohnen: ſo wird der Frucht eine Neigung zur Unzucht auf eine gantz aus - nehmende und ſonderbare Weiſe angeboren. Da - gegen ein Chriſt ſeinen Wandel heilig fuͤhret; und alle ſein Thun von der Gnade maͤßigen laͤſſet; da es denn durch das lautere Abſehen auf GOtt ge - heiliget wird. 2) Hilſt vieles darzu, wann die Frucht im Mutterleibe nicht mit vielem und glaͤubigemHer -540Anhang zum dritten Theil,Hertzensgebet GOtt aufgeopfert wird, daß Er ihr doch eine feine Seele ſchencken, und ſie mit dem heiligen Geiſt erfuͤllen wolle. Leben die Eltern in einem uͤppigen Muthwillen, fuͤrnehmlich in der Zeit der Schwangerſchafft: ſo wird der Leibes - frucht ein gleicher Sinn und Art eingepraͤget. Mithin wird die Welt nicht mit Bildern JEſu, ſondern mit Bildern des Teufels gebauet, der Schlangenſamen vermehret, und die Welt mit eingefleiſchten Teufeln erfuͤllt: da ſonſt JEſus der Leibesfrucht gottsfuͤrchtiger Eheleute ſeinen heili - gen Geiſt als den himmliſchen Samen zur goͤttli - chen Natur ſchon im Mutterleibe gnaͤdiglich mit - theilen, und alſo den Grund zur neuen Geburt le - gen will, ſo er anders drum erſucht wird. 3) Bey der heiligen Tauffe gehet es grauſam leichtſinnig her. Selten werden Taufpaten erwehlet, die im Bund und Freundſchaft mit GOtt ſtehen, und fuͤr das Kind ernſtlich und hertzlich beten koͤnnen. 4) Uebergiebt man die Kinder oͤfters leichtferti - gen Hurenbaͤlgen zu ſaͤugen; da dann ihre wilde, freche und unzuͤchtige Art in ſie hinuͤbergehet. Chriſtliche Muͤtter ſuchen dagegen ihren Hertzens - kindern in viel tauſend Seuftzern und heiligen Ge - dancken mit der Milch die Liebe GOttes und Chri - ſti einzufloͤſſen, wie die Muͤtter Moſis, Johan - nis, Samuels und Jſaacs. Sara war traun eine gewaltig vornehme Frau: dachte aber gleich - wol an keine Amme. 1 Moſ. 21, 7. Sind die Kin - der zu ihren Jahren gelanget, ſo kommt dieſes ein - reiſſende Laſter ferner her

II.

II. Jſts die grobe Un - wiſſenheit.
13

Von der Unwiſſenheit und Verfinſte - rung des Verſtandes. Epheſ. 4, 18. Sie wiſſen nicht, daß alles, was von weitem dazu verleitet,(es541Quellen der Unreinigkeit. (es beſtehe in Gedancken, im Sehen, im Hoͤren, im Reden ꝛc. ) eine ſo ſchwere Suͤnde ſey. Sie wiſ - ſen nicht, wie eine unkeuſche Fantaſie ein Pfeif - lein ſeye, ſo den Teufel wol aus Oſtindien herbey locken, und wie ein Magnet das Eiſen an ſich zie - hen koͤnte; und daß er gleich fertig iſt, auch unge - beten ins Fuͤncklein zu blaſen; dergeſtalt, daß ſich das Feuer der Unkeuſchheit im Huy durch den gan - tzen Leib ausbreitet, und nicht ſo leicht wieder zu loͤſchen iſt als es angegangen. Sie wiſſen nicht, wie groß, wie heilig, wie herrlich und gerecht der HErr iſt, den ſie ſo vermeſſentlich zur Ungnade reitzen. Sie wiſſen nicht, wie abſcheulich und verwerflich ihre Seele dadurch vor GOtt und al - len heiligen Engeln wird, und wie untuͤchtig zu dem Erbtheil der Heiligen im Licht; wie viel Gu - tes ſie damit verſchuͤtten, und wie viel Boͤſes ſie ſich thoͤrichter Weiſe uͤber den Hals ziehen. Die Bewegungsgruͤnde, ſo die heilige Schrifft zur Keuſchheit gibt, ſind gewaltig ſtarck, z. E. GOt - tes allerhoͤchſter Wille, ſeine Gegenwart, unſer majeſtaͤtiſcher Chriſtenberuf, das Taufgeluͤbde, der Tod, das Gericht, die Erwartung himmliſcher Glorie, die Furcht vor dem kuͤnftigen Strafur - theil ꝛc. allein dis alles iſt fern von ihren Sinnen! vom Wachen, Faſten, und Anhalten im Gebet ꝛc. wiſſen ſie nichts; wie man dem luͤſternen Fleiſch wehe thun, tieffe Betrachtungen uͤber das Wort der Wahrheit anſtellen, und taͤglich in die Gemein - ſchaft des Todes JEſu eintreten ſolle, davon ha - ben ſie nie gehoͤret oder es doch nie verſtanden; die Liebe GOttes, Chriſti Leiden, und das ſelige Reich des heiligen Geiſtes in den gereinigten Seelen iſt ihnen unbekant; von dem Saugen aus den Wun - den Chriſti, von dem anwachſen an dieſen Wein -ſtock,542Anhang zum dritten Theil,ſtock, vom Einziehen ſeiner goͤttlichen Heiligungs - kraͤfte weiß man nichts. Wir ſind rechte Liber - tiner, und verweiſen alle dieſe Grundregeln der himmliſchen Lehre GOttes in die papiſtiſchen Cloͤ - ſter. Die Jugend wird auch nicht deutlich genug von dem unermeßlichen Schaden der Unkeuſch - heit berichtet, und ernſthaft genug dafuͤr gewarnet; man ſchaͤmet ſich vieles davon zu ſagen, oft aus unzeitiger Beyſorge, man moͤchte ſie nur dadurch zu etwas veranlaſſen: inzwiſchen verfuͤhren junge Leute ſelbſt einander heimlich, und der Geiſt der Unreinigkeit feſſelt und toͤdtet die zarten Seelen im Verborgenen, die gewiß nicht ſo leichte ſolten angeſteckt worden ſeyn, wo ihnen das Gegengift bey zeiten waͤre beygebracht worden. Aber ach! es iſt manchen Eltern weit mehr daran gelegen, daß ihre Kinder fein huͤbſch tantzen, ſpielen und der Welt gefallen lernen, als wie ſie den Willen ihres Schoͤpfers aus heiliger Schrift verſtehen, und einen guten, gewiſſen und unbetrieglichen Grund zum ewigen Leben legen moͤchten. Jſt demnach

III.

III. Boͤſe Erzie - hung.
13

Die dritte Urſach die uͤble Auferziehung der Jugend. Die Sinnlichkeit und leichtſinnige Luſt und Fladderhaftigkeit iſt ein Aſt von der Erb - ſuͤnde: da ſolte man inſonderheit wehren, zumah - len die Neigung und Anhenglichkeit zu allerhand ſinnlichen Ergetzlichkeiten und fleiſchlichen Luͤſten junge Leute ſonderbar beherrſchet. O wie gut iſts, daß man ihnen ungeſaͤumt das anbetenswuͤrdige Exempel des Heilandes aufs lieblichſte vormahle, wie aͤrmlich, gering und ſchlecht Er in ſeiner Ju - gend gelebet, wie er allemal das ſchlechteſte vor ſich erwehlet, und wie Er uns eben darinnen die Bahn gezeiget, zu dem allervergnuͤgteſten Lebenauf543Quellen der Unreinigkeit. auf Erden ohnfehlbar gewiß zu gelangen! Alſo muß man den Kindern einſchaͤrfen, das es des Menſchen groͤſte Ehre, Ruhm und Reputation ſey, JEſu dem GOttmenſchen aͤhnlich zu werden, wie in der Liebe ſeines Vaters, alſo auch in Ent - haltung von weltlichen Luſtbarkeiten. Man ſoll ihnen die ſataniſchen Lockſpeiſen verleiden, und ih - nen den darunter verſteckten Mordangel entde - cken; damit ſie beyzeiten einen tief eingewurtzelten Abſcheu darob gewinnen, und ihre Haͤnde lieber in Menſchenkoth hineinſtecken, als daß ſie ſelbige zu garſtigen oder unkeuſchen Betaſtungen ge - brauchten; lieber einen todten Leib anbeiſſen, als mit geilem Kuͤſſen die Seele beflecken, und mir dem ruchloſen Eſau das Recht der Erſtgeburt um ein Linſenmuß vertauſchen. O moͤchte doch ein ſo goͤttlich Gemuͤthe der lieben Jugend beygebracht werden! wie ſchoͤn ſolte Joſephs Sinn unter uns bluͤhen! wie ſo wohlgleichende Contrefaͤte von dieſem heiligen Juͤngling ſolte man unter uns fin - den, die ſich wol nimmermehr von ihrem Erloͤſer abreiſſen und in ſchnoͤder Luſt mit dem Satan ver - kupplen wuͤrden! wie ſolte ſich das Lamm, ſo aus der Schwemme kommt und ſchneeweiſſe Wol - le traͤgt, zu der Sau in den Koth legen? wie ſolte die Biene, die ihre Freude in den lieblichſten Blu - men findet, mit dem Roßkefer den Miſt erweh - len? wie ſolte eine hohe Princeßin, welche von ei - nem maͤchtigen Monarchen werth gehalten wird, ſich an die Stallknechte und Kuͤchenbuben keh - ren? oder wie ſolte ein Juͤngling oder Jungfrau, die mit Chriſti Blut gewaſchen, in ſeiner Liebe ſich taͤglich weidet, und zu GOttes Braut erwehlet iſt, die ſchaͤndliche Fleiſchesluſt nicht verabſcheuen? wann nur die Jugendhertzen bey zeiten dem leben -di -544Anhang zum dritten Theil,digen Heiland eingeweihet, und in ſeinen heiligen Sinn eingetauchet wuͤrden.

Man thut der Jugend grauſamen Schaden, wann man ſie mit niedlichen Leckerbißlein oder huͤbſchen Kleidern oder ſonſt andern ſinnenvergnuͤ - genden Luſtbarkeiten ihre Pflicht zu thun anrei - tzet: dann damit gibt man ihnen zu verſtehen, als ob dieſes ſehr gute, und ſeligmachende Dinge waͤ - ren, wornach man als nach was koͤſtlichem zu ſtre - ben haͤtte; da doch die Abſterbung und Enthaltung davon was ungleich edleres, herrlicheres und ma - jeſtaͤtiſcheres iſt. Dis haben auch die alten Grie - chen und Roͤmer erkannt: daher ſie auch ihre Kin - der zu einem harten luſtloſen Leben angewoͤhnet haben; und ſo lange ſie ſolches practiciert, ſind ſie Herren und Monarchen der Welt worden, und geblieben. Fuͤrwahr dieſe Heiden werden aufſtehen am Tage des Gerichts, und werden die Chriſten verdammen; ſintemal ſie durch das bloſſe Na - turlicht mehr Gutes gethan haben als wir, denen die Lehre und das Exempel des Sohnes GOttes als die reineſte Tugendſonne in die Augen ſtrah - let, und den Weg zur vollkommenen Seligkeit vorleuchtet; alſo daß wir keine Entſchuldigung haben. Oder meinen wir unſere Kinder ſeyen etwa von hoͤherer und vornehmerer Extraction als JEſus, der nicht nur von den groͤſten und be - ruͤhmteſten Koͤnigen herſtammete, ſondern der hellſtrahlende Glantz der Herrlichkeit GOttes iſt, und uns gewiß nicht verfuͤhret, ſondern uns den edelſten Weg weiſet?

Die weichliche Auferziehung in allerhand Zaͤrt - lichkeiten und Bequemlichkeiten, Niedlichkeiten, Nettigkeiten ꝛc. bringt manchen beyzeiten auf ein Dornenfeld der Ungerechtigkeit, und verurſachettau -545Quellen der Unreinigkeit. tauſenderley verdrießliche Ungelegenbeiten. Zu einem ſolchen Leben muß man viel Geld haben: wo aber alles allezeit herzunehmen? und wo bleibt der arme Nebenmenſch? und was ſagt der Tod dazu? wie ungewohnt muß einmal die Hoͤlle thun auf ein ſo zaͤrtliches Leben, da man in den Flam - men gepeiniget wird? Allein das iſt das groͤſſeſte Ungluͤck, daß den Eltern ſelbſt die Seligkeit, der Friede, das Vergnuͤgen und die Reputation, ſo in Chriſti Nachfolge ſtehet, mehrentheils ſo unbekannt iſt: wie wollen ſie denn ſolches ihren Kindern an - ruͤhmen? wann dieſe nun nichts anders ſehen, hoͤ - ren, kennen und lernen, als das Weltgluͤck im Fleiſch: was iſt ſich denn zu verwundern, wann ihnen Chriſti Lehre ſo ſpaniſch vorkommt?

Und das betruͤbteſte hiebey iſt, daß die Jugend insgemein niemals weniger mit der heiligen Schrift, und mit den himmliſchen Wahrheiten umgehet, als juſt in den gefaͤhrlichſten Zeiten ih - res Lebenslaufs, da ſie gleichſam auf dem Schei - dewege ſtehen, und zwiſchen Himmel und Hoͤlle ſchweben muß, nehmlich vom 15ten Jahr an ih - res Alters, bis ins 20ſte, da ſie erſt auf die Schau - buͤhne der Welt zu treten, und ſich nach derſelben Thorheiten und Eitelkeiten umzuſehen, auch des Fleiſches Kitzel zu fuͤhlen die meiſte Gelegenheit uͤberkommt. Nach dem ſie denn einmal zum hei - ligen Abendmahl gegangen: ſo werfen ſie gemei - niglich die Religionsſachen ſamt allen Pflichten, dazu ſie ſich in der heiligen Communion ſo feierlich verbunden, auf die Seiten und vom Hals, leben als wehrloſe Soldaten in groſſer Sicherheit ihrer Seelen halben ꝛc. da kommen dann die unreinen Geiſter uͤber ſie her, und hauſen grauſamlich uͤbel mit ihnen.

III. Th. Betr. der Unreinigk. M mIV. 546Anhang zum dritten Theil,

IV.

IV. Die Le - densart.
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Die vierte Urſach der Unzucht iſt die Stadt - und Land uͤbliche angewoͤhnte Lebensart.

a) Tod der Seele.
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a) Die Seelen ſind los von GOtt: da iſt keine Furcht GOttes vor ihren Augen; das Gebet wird verabſaͤumet; die heilige Schrift liegt im Staub; da iſt keine Nachfrage, wo die Waffen des Lichts zu bekommen; kein forſchen, wo JEſus ruhe, und wo Er ſeine Heerden ruhen laſſe im Mittag; kein Suchen der verlornen Seligkeit, des himmliſchen Edens, der Vorhoͤfe des neuen Jeruſalems und der Stroͤme der Seligkeiten GOttes; da iſt kein Umgang mit JEſu, keine Bekuͤmmerniß um ſei - ne holde Freundſchaft, keine Sorge, daß man der engen Pforte zum Leben nicht etwa verfehle; da iſt kein Genuß der unausſprechlichen und verherr - lichten Freude, noch der Suͤßigkeit der Liebe Chri - ſti; da iſt kein Geſchmack der koͤniglichen Hochzeit, dadurch die Sautraͤber fleiſchlicher Luͤſte abſcheu - lich gemacht werden koͤnten ꝛc. Jm Gegentheil iſt alles Heilige der heutigen Jugend unbekannt und eckelhaft; ſie findet nirgends einige Vergnuͤ - gung, als im Fleiſch und bey der Welt. Die Ju - gend muß etwas haben, daran ſie ſich ergoͤtze; nimmt ſie ſich nun nicht die Muͤhe, dem Himmel - reich Gewalt anzuthun, und GOttes Liebe darin - nen zu koſten: ſo muß ſie ſich nothwendig zum geiſtlichen Tod und heimlichen Fluch hinwenden, der in des Fleiſches Triebe vom Teufel ausgekocht wird. Ach die eitele Jugend betet entweder ſchlecht, kaltſinnig und oben hin, oder gar nicht, und lieſet wenig in der Bibel, oder ohne wahre Andacht: darum ſpielet Satan den Meiſter, und fuͤhret ſie in Suͤndenſtricken bey taͤuſenden in ſeine Mord - grube dahin.

b) Muͤſ - ſiggang.
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b) Der Muͤßiggang. Wann der unſaubereGeiſt547Quellen der Unreinigkeit. Geiſt das Haus muͤßig findet; ſo gehet er ohne Wiederſtand hinein mit 7. noch aͤrgeren Geiſtern. Luc. 11. Wer nicht mit JEſu ſammlet, der zer - ſtreuet. Da die Knechte ſchlieffen, ſaͤete der Feind Unkraut. Matth. 13. Mein Vater wircket allezeit, und auch ich wircke, ſagte JEſus. Joh. 5. Wer nun den heiligen Geiſt vom Vater nicht in ſich wircken laͤſſet, noch ſich nach ſeiner allerſeligſten Wirckung innigſt ſehnet, mithin die Gnade ver - geblich empfangen hat, und nicht mit der Gnade die er erlanget wircket, ſondern ungehorſam iſt, in dem iſt, der Fuͤrſt der Luft geſchaͤftig, und bruͤtet boͤſe Luͤſte aus, nach Beſchaffenheit des Temperaments, Geitz, Hochmuth, Rachgier oder auch Unkeuſch - heit.

Muͤßiggang iſt und heißt des Teufels Pful - Kuͤſſen; fuͤrnemlich aber der geiſtliche Muͤßig - gang, da man nicht ſorgfaͤltig das aufſchieſſende Unkraut boͤſer Neigungen im inneren Weinberg des Hertzens ausrupfet. Daher man Leute ſiehet, die im aͤuſſeren Leben gewaltig beſchaͤftiget ſind, und dennoch geilen Gedancken Gehoͤr geben muͤſ - ſen, ja bey dem geringſten Puff, ohne Gegenwehr, unten liegen. Wo aber gar der leibliche Muͤßig - gang auch noch darzu ſchlaͤgt, da hindert die boͤſen Geiſter fein gar nichts, den armen gefangenen Menſchen ins aͤuſſerſte Verderben elendiglich zu ſtuͤrtzen; wie man in denen Staͤdten ſiehet, da der Muͤßiggang in vollem Schwang daher gehet; denn daſelbſt iſt der Suͤnden weder Maß noch Ziel. GOtt und ſein Reich, Wille und Ehre, wird ſon - derlich unter Muͤßiggaͤngern, auf eine ſataniſche Weiſe, verachtet: und darum werden ſie auf des Hausvaters Anfrage, warum ſie doch ſo den gan - tzen Tag am Marckte dieſer Welt muͤßig geſtan -M m 2den,548Anhang zum dritten Theil,den, und nichts fruchtbarliches fuͤrs Reich GOt - tes gearbeitet haben, verſtummen muͤſſen. Wer darf von uns ſagen, daß er nicht ſchon in ſeinen Kinderjahren ſey gedinget worden in den Wein - berg des Herrn, des allmaͤchtigen GOttes, was rechtſchaffenes zu arbeiten, und ſeine Seligkeit mit Furcht und Zittern zu ſchaffen?

JEſus gehet bey dem Acker eines faulen Mannes vorbey, und bey dem Weinberg ei - nes Menſchen, dems am Verſtande mangelt: Er gehet aber nicht hinein, und haͤlt ſich nicht lan - ge dabey auf, weil daſelbſt nichts luſtiges und lieb - liches zu ſchauen iſt: Denn ſiehe, es waren dar - auf uͤberall Diſteln aufgegangen; er war obenher mit Neſſeln bedeckt, und NB. ſeine ſteinerne Wand war niedergeriſſen. Nicht nur Schlangen, Kroͤten, Fuͤchſe ꝛc. koͤnnen da hin - ein ſchleichen, und ſich unter den Neſſeln und Di - ſteln verbergen: ſondern auch die hoͤlliſchen Wild - ſchweine der Unkeuſchheit doͤrfen nicht erſt lange mit Muͤhe einbrechen; dann ſie finden den Ein - gang gebahnet, und koͤnnen nach aller Luſt ihrer Seelen hineinlauffen. Da ich das anſchauete, nahm ichs zu Hertzen; da ichs ſahe, nahm ichs zur Warnung an. Spruͤch. 24, 30. Paulus ſagt von geilen Leuten; ſie ſeyen faul, und lernen umlauffen durch die Haͤuſer; nicht allein aber faul, ſondern auch geſchwaͤtzig und fuͤrwitzig. 1 Tim. 5, 13. Wer das Werck des HErrn laͤßig treibt, der iſt verflucht. Jerem. 48. Wer zu traͤ - ge iſt, in Chriſto zu bleiben, ſich gegen ſeine See - lenfeinde in Gegenwehr zu ſtellen, und nicht nur ſo den erſten Verſuchspuff auszuhalten, ſondern entweder uͤber ſeine Buſenſuͤnden zu ſiegen, oder lieber zu ſterben: der erlangt den Ritterkrantz nim -mer -549Quellen der Unreinigkeit. mermehr. Wer nicht will ſtreiten um die Kron, bleibt ewiglich in Spott und Hohn. Die Un - keuſchheit iſt der allerunverſchaͤmteſte Schandbalg; ſie tritt zur Seele hin; ſie erwiſchet die Einbil - dungskraft, und bezaubert ſie mit ihrer Schmin - cke; ſie erhaſchet das Hertz behend und unvermu - thet, (wie ein armes Voͤgelein) ins Garn der Fleiſchesbegierde, daß ſich der Menſch gefangen fuͤhlet, ehe er einmal an ſeinen Feind gedacht; welches ſich auch alsdenn zumalen zutraͤgt, wann ſich der Glaͤubige nach einem Gebetskampf einige Glaubensfreudigkeit zuwege gebracht hat, und ſich alsdann aufs Faulbett der Sicherheit wirft, und aller Gefahr entrunnen zu ſeyn vermeint: da kommt ein unkeuſcher Einfall ploͤtzlich wie ein Pfeil daher geflogen, und trift die unachtſame Taube, ſo nicht mit Chriſto in GOtt verborgen geblieben, ſehr gefaͤhrlich.

Faulentzerey, Fuͤrwitz und Muͤßiggang hat dem Teufel Anlaß gegeben, den David zu hinter - ſchleichen, und ſo grauſamlich zu verwunden, daß er davon am inneren Leben geſtorben waͤre, wann ihm JEſus der getreue nicht mit ſeinem Oel und Wein zu Huͤlfe gekommen waͤre, ſo bald derſelbe nur ſeine Entkraͤftung gefuͤhlt, und zu ſeinem ſo hochbeleidigten GOtt um Erbarmung geſchrien. Durch fuͤrwitziges ſpatzieren gehen und Muͤßig - gang hat Dina ihren Crantz verlohren. Haͤtte ſie bey Verwahrung ihres Hertzens auch ihre Hausgeſchaͤfte fein ordentlich abgewartet: ſo waͤre das entſetzliche Blutbad nicht erfolget. Eine ei - nige muͤßige Stunde hat mehrmahlen ein ſo groſ - ſes Hertzeleid gebracht, das in vielen Jahren nicht hat moͤgen erſetzet werden. Der muͤßige und ſchlaffende Simſon kam von aller ſeiner Ehre,M m 3Ma -550Anhang zum dritten Theil,Majeſtaͤt und Anſehen herunter, ja ſo gar ins Ge - faͤngniß, Hohn und Tod herab. Ach ſo meide doch ein jeder den Muͤßiggang, wer nicht dem Teufel und der Welt zu Spott werden will; ja wer nicht eine ewige Schmach vor GOtt, vor En - geln und vor Menſchen haben will. Wann der - jenige, der ſeine Haͤnde und Fuͤſſe nicht gebraucht hat, ein Hochzeitkleid zu erwerben, mit gebunde - nen Haͤnden und Fuͤſſen, ſo wohl als der, ſo ſein Talent in die Erden verſcharret, hinaus geworfen ward in die aͤuſſerſte Finſterniß, da Heulen und Zaͤhnklappen iſt: was wird denn dem begegnen, der ſein Seelenkleid von Schaben und Motten fleiſchlicher Luͤſte hat freſſen laſſen, und ſein Ta - lent ſchmaͤhlicher Weiſe in die Cloac der Hund - artigen Geilheit hinein verſencket?

c) Ueber - maß im Eſſen und Trincken.
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c) Luſtſucht und Uebermaß in Eſſen und Trincken reitzet gleichfalls zur Geilheit, erreget die thieriſche Natur, und entzuͤndet das Gebluͤt. Wer ſeinen Leib bemeiſtern will, daß er dem Geiſt unterthan ſey, und in heiliger Zucht und Ordnung bleibe: der muß ſeinem Maul abbrechen, ſonder - lich aber wann man noch jung und ſtarck iſt. Wein, Leckerey, und uͤberfluͤßige Nahrung machende Spei - ſen ſind fuͤr junge geſunde Leute ein toͤdtliches Gift, machen das Blut wuͤtend und wallend, und rich - ten Leib und Verſtand zu Grunde. Man meint oft, man wolle die Natur ſtaͤrcken, damit man zu allem hurtiger und munterer ſeye: allein auf dieſe Weiſe handelt man eben ſo naͤrriſch, als wie wann einer boͤſen Schleim in ein Geſchirr voll Wein ſchuͤttete, und machte darmit das geiſtreicheſte vom Wein uͤberflieſſen. Man befindt ſich freylich ge - rade des Augenblicks ein bißgen ſtaͤrcker: hernachaber551Quellen der Unreinigkeit. aber ergieſſen ſich die edelſten und geiſtreicheſten Balſamsſaͤfte durch die naͤchtlichen Befleckungen und andere Ungelegenheiten des armen verwuͤſte - ten Coͤrpers. Daher einige heidniſche Voͤlcker ih - ren lieben Kindern den Wein gantz und gar ent - zogen, biß ins maͤnnliche Alter; ſie haben ihren Kindern Eyer von Nachteulen zu eſſen gegeben, um ihnen einen Eckel am Wein zu erwecken, da - mit nicht ein Feuer zum andern kaͤme. Verſal - tzene, Gewuͤrtzte, und mit allerhand hitzigen Spe - cereyen angemachte Speiſen thun einem jungen Leibe auch einen grauſamen Schaden. Daniel und ſeine Geſellen haben ſich der koͤniglichen Spei - ſen und des koͤniglichen Weins, durch Eingebung des heiligen Geiſtes, und aus Liebe zu GOttes Geſetz gaͤntzlich enthalten, und haben den Glantz ihres Verſtandes, und den Strahl ihrer unver - gleichlichen Weißheit bis ins hoͤchſte Alter behal - ten. Dieſe ihre Verlaͤugnung iſt gewißlich ſehr groß geweſen: Denn der perſiſche Wein auf des Koͤ - nigs Taffel uͤbertraf an Anmuth alle durch die ge - ſchickteſte Apotheckerkunſt zubereitete Claretten und Getraͤncke gar weit. Eben ſo war der griechiſche oder aſiatiſche Wein, wovon ſich Timotheus ent - hielte, uͤber die maſſen anmuthig und delicat, als waͤre er mit Zucker und koſtbaren Specereyen an - gemacht geweſen: dagegen unſere Weine allwege etwas von Saͤure in ſich haben, und eben deßhal - ben um ſo viel deſto ſchaͤdlicher ſind, nicht der See - len allein, ſondern auch dem Leibe. Paulus mu - ſte ſeinem hertzenslieben Timotheo befehlen Wein zu trincken, um ſeiner Geſundheit willen: aber den - noch nur〈…〉〈…〉, das iſt, wie die 70. Dollmetſcher das hebraͤiſche Wort uͤberſetzt haben, geſchwaͤcht, oder mit Waſſer temperirt.

M m 4GOtt552Anhang zum dritten Theil,

GOtt hat ſeinem Volck verheiſſen, wann es ſeiner Stimme gehorchen wuͤrde, ſo wolle er auch ſein Waſſer ſegnen. 5 Moſ. 23, 25. Wo man ſich beyzeiten eine nuͤchterne, geſunde Lebensart an - gewoͤhnete, ſo wuͤrde der Geiſt aufgeraͤumter ſeyn und bleiben; der Leib waͤre auch ſtaͤrcker, und zu allen vorfallenden Geſchaͤften munterer: wie es die ſeligen Patriarchen und Propheten erfahren, die eine ſchlechte, einfaͤltige, ungekuͤnſtelte Nahrung gebrauchten. Allein wann dagegen die Lebens - lampe durch uͤberfluͤßigen Gebrauch von Wein, Thee, Caffee, und niedlichen Speiſen in eine allzu ſtarcke Flamme geſetzt wird: ſo wird das Lebens - oͤl deſto eher verzehret. Ein gelindes Feuer be - haͤlt alles beyſammen: ein ſtarckes aber macht den Keſſel uͤberlauffen. Eben alſo verſtaͤubert die Er - hitzung des Gebluͤtes die Lebensgeiſter, daß ſie ver - fliegen, und verderben, folglich der Menſch deſto eher ins Grab ſtuͤrtzen muß. weil er die Unordnung der Lebensgeſchaͤfte nicht verhuͤtet, und ſich aus dem Gleichgewicht der allezeit ſanft flieſſenden Lebens - ſaͤfte ſetzet. Es gehet hierinn mit der Unkeuſch - heit juſt ſo wie mit dem Zorn: man befindet ſich fꝛeylich anfangs bey dem Aufbrauſen ſtaͤrcker als ſon - ſten zuſeyn, bald darauf aber wird man deſto ſchwaͤ - cher am Leib und Geiſt; eben wie es bey der fal - lenden Sucht hergehet, oder in den hitzigen Fiebern und Raſerey. Alle Uebermaß bringet das Blut in einen zwar kurtz angenehmen aber ſehr ſchaͤdli - chen Jaͤſt. Cogita ſemper caſtitatem periclitari in deliciis, humilitatem in divitiis, pietatem in negotiis, ſagt Bernhardus.

Jn einer beruͤhmten Handelsſtadt wohnete unfern von ei - nem reichen Kaufmann ein alter gottſeliger armer Buͤr - ger in einem Keller; der, ob er wol nichts hatte als was er mit ſeinen ſchwachen Haͤnden und geringer Hand - thierung verdienete, und ſich mit ſchlechten Speiſen nachſol -553Quellen der Unreinigkeit. ſolcher Leute Art behelfen muſte, auch anders nicht als das ſchwache Bier oder Covent ſeinen Durſt zu ſtillen hatte, dennoch immer froͤlich war, und ſeine bebende al - te Stimme fruͤhe, und nach dem Fruͤhſtuͤck, wie auch gegen dem Abend und die Nacht hertzhaft und freudig erſchallen ließ. Dem Kaufmann, der in der Naͤhe wohn - te und den Zuſtand dieſes Mannes gar wohl wuſte, war ſein Singen nicht nur wunderlich ſondern manchmahl auch verdrießlich vorgekommen: darum er ihm auch ein - mahl zuredete und ihn befragte, wie er doch bey ſolcher Armuth und ſchlechten Tractamenten koͤnte ſingen und froͤlich ſeyn? Dieſer antwortete: wie? iſts denn allein an den zeitlichen Guͤtern und an der leiblichen Speiſe gelegen? haben denn wir Chriſten nicht was mehrers und beſſers, als dis vergaͤngliche? der Kaufmann ver - ſetzte: was habt ihr denn mehr als ein bißgen Zugemuͤ - ſe zu genieſſen? etwa Kaͤſe und Brot und einen Trunck Covent? der Arme antwortete: Meines GOttes Gna - de, ein geruhiges freudiges Gewiſſen, und die feſte verſicherte Hofnung des ewigen Lebens, das GOtt bereitet hat, denen die Jhn lieben. Dis iſt mein Ge - wuͤrtz, damit ich mein Zugemuͤſe ſchmackhaft kriege; dis iſt mein Zucker, damit ich meinen ſauren Co - vent lieblich mache: dis iſt mein Wein davon mein Hertz und Mund froͤlich wird: zu dem hab ich meinen JEſum allzeit bey mir, der iſt mein taͤg - licher Gaſt und Fuͤrleger. Er bricht mir mein Brot, und ich nehme es aus ſeinen goͤttlichen und geſeg - neten Haͤnden. Er ſegnet mir meinen Trunck, und macht ihn mit ſeiner Liebe lieblich und ſuͤſſe; Er verſichert mich der Kindſchaft GOttes und meines Heils, durch das innere Zeugniß des heiligen Gei - ſtes, welches kraͤfftiger und edler iſt als der edelſte und beſte Wein von der Welt: wie kann ich denn anders als froͤlich ſeyn? (Dis iſt ſchier auf den Schlag, als wie ein anderer Zionite bey gleicher Gelegenheit ſagte: Wie freut mich dis mein Eſſen! ich nehm es hin aus den verſoͤhnten Haͤnden des Vaters, der mich ewig lieht. Jch weiß, wie gerne und mit was fuͤr einem innigen Wohlgefallen ſeines Hertzens er mirs gibt und goͤnnet. Jch kanns nicht |ſo froͤlich empfangen, als froͤlich er mirs darreichet. Jch weiß auch, daß es mir Kraft des erlangten Gnadenrechts gewißlich gebuͤhret: denn meine Verſoͤhnung und Kindſchaft bey GOtt iſt unlaͤugbar und feſte. Und da gruͤndet ſich alles auf JEſum, der mir das Recht zur Creatur wieder erworben hat. Dieſer iſt meinM m 5HErr554Anhang zum dritten Theil,HErr, und mein Koͤnig, und mein Freund. Der ward um meinet willen arm, und hat mir zu Lie - be ſo oft gehungert und gedurſtet, oft gleichſam Bettelbrot gegeſſen, damit meine Schuld abgethan, und mir mein Recht zu meinem Brot und Waſſer vor GOtt wieder wuͤrde. So genieſſe ich denn eben deſſelben Brots und Waſſers, deſſen mein lieber HErr JEſus genoſſen hat; ja meine Seele naͤhret ſich dabey mit ihm ſelber, als mit dem ewigen Brot des Lebens. Solte mir meine Mahlzeit nicht von Hertzen wohl ſchmecken? Solte mich nicht jeder Biſſen zur neuen Danckbarkeit und freudigen Lie - be und Zuverſicht zu ihm anflammen? ꝛc.) Der Kauf - mann wuſte zwar nicht, was das geſagt war: verwun - derte ſich aber doch uͤber des Mannes Freudigkeit, und verhieß auf einandermal mehr davon zu reden.

Fuͤrwahr, wo alle Mahlzeiten auf gleiche Wei - ſe genoſſen wuͤrden, ſo muͤſte die Unkeuſchheit wol nach und nach verderben und untergehen: ſinte - malen der Menſch lauter heilige Liebe GOttes, ja Chriſtum ſelbſt in ſich eſſen wuͤrde. Es wuͤrden hiedurch alle Glieder des Leibes dem heiligen Geiſt gantz zu Dienſten unterworfen, und ein reiner Sitz des heiligen Koͤnigreichs der Himmel werden, mit GOttes Heiligkeit als mit einer hohen Mauer umgeben, und als mit einenewigen Sicherheit ver - wahret.

Hat man dann einen reichen Vorrath, ſo ſoll man nicht thun wie jener Unſelige Luc. 12, 19. und 16, 19. Dann die Armen habt ihr allezeit bey euch, ſagt unſer Heiland Matth. 36, 11. Deſſen Wort wahre Chriſten nicht verachten. Luc. 14, 12. 13. Wie von dem ſeligen Lodenſtein, hocherleuchteten Predi - ger zu Utrecht, geruͤhmet wird, daß er die ſchmack - hafteſten Speiſen konte laſſen bereiten, und ſich de - ren ſelbſt enthalten, und ſie den Armen und Kran - cken zuſchicken.

Die Ehre und Liebe, die man ſonderlich bey Gaſtereyen einander zu erweiſen vermeint, iſtſchaͤnd -555Quellen der Unreinigkeit. ſchaͤndlich, heidniſch, und abſcheulich. An ſtatt der Seelen ihres hohen Adels wahrzunehmen, und ſel - bigen nicht zu ſchaͤnden, iſt da ein ſolches noͤthigen, mahnen und anſtrengen zum Eſſen und Trincken, daß es oft ſchwer auszuſtehen iſt. Hier ſtellet oft ein Freund des andern ſeiner Seele nach, um ſie in die gerichtete Lotterfalle der Luſtſucht hinein zu ſtoſſen: welches gewiß wenig beſſer iſt, als die Ent - bloͤſſungen des Leibes zur Erweckung der Geilheit. Eben ſo that die Schlange der Eva, und dieſe wieder dem Adam unter dem Schein der vertrau - lichen Freundſchaft, da ſie einander mit der Lecker - ſpeiſe und anmuthigen Baumfrucht zu ſchaͤndlicher Uebertretung der liebenswuͤrdigen Befehle GOt - tes anlocketen. Der Freßteufel thut moͤrderli - chen Schaden, und wird nicht ſo leicht ausgetrie - ben; ja es iſt faſt kein Ding, dadurch mehr See - len gefangen werden: denn die Verſuchung kommt faſt taͤglich wieder. Eſſen und Trincken war ne - ben den andern Fleiſchesluͤſten der Untergang der erſten Welt, Matth. 24, 38, 39. Und der Staͤd - te Sodom und Gomorra, Luc. 17, 27. ja ſo gar auch der heiligen Stadt Jeruſalem. Jeſ. 22, 12. 13, 14. Das war ebenmaͤßig der Untergang des Jſraelitiſchen Koͤnigreichs. Amos 6, 4. 5. 6.

Von den erſten Chriſten bezeuget Tertullianus: Ita epulabantur, ut qui noctu Deum erant adoraturi. Jhre Liebes - und Freundſchaftsmaͤhler waren alſo beſchaffen, als Leuten, ſo die gantze Nacht GOtt anbeten, und ſich zu des Lammes Hochzeit berei - ten wolten, gebuͤhrete und anſtund. Von ſol - chen Mahlzeiten weiß man jetzo gar wenig: ſie kaͤmen wol vielen ſeltſam vor; zumahlen man des Braͤutigams nicht ſo begierig, daß man faſte und weine, ſo lange Er nicht gegenwaͤrtig da iſt. Matth.556Anhang zum dritten Theil,Matth. 9, 15. Man traͤgt eher uͤber tauſenderley andere Dinge leid, als uͤber Chriſti Abweſenheit; Man iſt daruͤber nicht ſo betreten, daß man vor Hertzenskummer nicht moͤge eſſen, weil JEſus nicht da iſt; und wer liebet doch Chriſti Regierung mehr als ſeine Leibesſtaͤrcke und Muthwillen, ſo daß er denſelben betaͤubete und in Knechtſchaft braͤchte? 1 Cor. 9, 27. Wer iſt, der die Toͤdtung des HErrn JEſu an ſeinem Leibe herum trage, und in demſelben von Tag zu Tag verweſe? 2 Cor. 4, 10. 16. Wer iſt, der ſich um Jeruſalems Ver - wuͤſtung willen mit Faſten und Beten bekuͤmmere? Dan. 9, 10. Amos 6, 6. Wer iſt der ſtetiglich vor GOtt ſtehe, und der Hat des Hauſes des HErrn warte? Jſt nicht vielmehr bey ſehr vielen der Un - heilige, von der Peſtilentz der Luſtſeuche angeſteck - te und vergiftete Thierleib dem armen Geiſte be - ſchwerlich, und zu heiligen Ueberlegungen un - tuͤchtig, ja gleichſam zu einem Schweintrog wor - den, dahin alle fleiſchliche Vergnuͤgungen und der Koth und Unflath aller unreinen Luͤſte und leicht - fertigen Bewegungen nach aller Begierde der Teu - fel zuſammen geſchuͤttet, und den unreinen Gei - ſtern als zu ihrer Ergoͤtzung hingegeben werden?

O wie hat JEſus zu dieſen Zeiten ſo wenig Naſireer! wie wenigen gehet Chriſti Hunger und Durſt zu Hertzen? die mannigfaltige Niedlichkeit im Eſſen und Trincken, ſamt der daraus entſtehen - den Geilheit, iſt ein guter Theil des geſchmuͤckten Hurenkelchs Babylons. Paulus ſetzt beydes zu - ſammen Roͤm. 13, 13. (Jſt eben der Spruch, wel - chen Auguſtinus aufſchlug.) Der Leib eines glaͤu - bigen iſt wircklich ein Altar, darauf die guten Ge - ſchoͤpfe durch den Verdienſt des Segensmannes, Chriſti, wieder um GOtt geheiliget, und aufgeopfertwer -557Quellen der Unreinigkeit. werden. So ſoll dann ein Chriſt mit nicht gerin - ger Andacht bey der Taffel ſitzen, und vor dem Angeſicht GOttes eſſen und trincken, als wie ein frommer Prieſter ſein Opfer bey dem Altar des HErrn verrichtet. Bloß wegen des Geſchmacks, oder um der Annehmlichkeit und ſeltener Koſtbar - keit der Speiſen willen zu eſſen, gehoͤret unter die betrieglichen Luͤſte des alten Menſchen, dadurch er ſich verdirbet; in dem er ſich nicht nur der goͤttli - chen Koſt des himmliſchen Mahls beraubet, ſinte - mal bey einem vollen Tiſch die hoͤchſtſeligen Aus - fluͤſſe des heiligen Geiſtes gewaltig gehemmet wer - den,) ſondern der Menſch ſchlinget wircklich un - vorſichtiger weiſe den Unſegen, und allerley Kranck - heiten ja den Tod ſelber nach und nach in ſich.

Die heilige Schrift ſetzt zwar keine allgemeine Regel, was und wie viel ein jeglicher eſſen ſolle: allermaſſen die Naturen ſehr verſchieden. Luthe - rus ſchreidt: Jch habe im Cloſter einen Frater ge - ſehen, der konte fuͤnf Semmeln auf einmal aufeſ - ſen, da ich an einer genug hatte. Wenn nun der Prior demſelben Bruder geboten haͤtte, daß er ihm auch an| einer Semmel ſolte genuͤgen laſſen; oder wo er mir haͤtte geboten, daß ich ſo viel Semmeln ſolte aufeſſen wie jener: ſo haͤtte |jener Hungers ſterben muͤſſen, und ich waͤre von vielem Freſſen verdorben. GOtt goͤnnet dir Speiſe und Tranck wie viel dir noth iſt; nur daß du dir nicht ſelbſt entweder an der Geſundheit oder am Himmel ſchadeſt. Es iſt auch nicht angezeichnet, wie viel oder wenig dieſer oder jener Heilige gegeſſen und getruncken: nur wird die ſchlechte Lebensart am Daniel und ſeinen Geſellen angemercket, die ſich mit Gemuͤſe behalfen; und am Johanne dem Taͤuf - fer, der an Heuſchrecken und wildem Honig genughat -558Anhang zum dritten Theil,hatte. Ein jeder ſoll ſeine eigene Natur kennen, was und wie viel ſie erfordere, daß der Leib ein tuͤchtig Werckzeug einer gottgeheiligten Seele blei - be. Nur daß man die Fleiſchesluſt nicht hege, ſondern ſelbige um GOttes und des Himmelreichs willen creutzige.

Eraſmus ſchreibet: Cavendi potus, qui non ſitientes ad bibendum illectent; cavendi cibi, qui non eſurientes ad edendum invitent. Man ſolle niemals eſſen und trincken, man ſeye denn hung - rig und durſtig. O daß man dieſe Geſundheits - regel in acht naͤhme an denen Orten, da man vor eitelem Muͤßiggang faſt nicht weiß was vorzuneh - men! da man nie weder hungrig noch durſtig wird, weil man ſpat aufſtehet, und gleich fruͤhſtuͤcket; und ehe dieſes aus dem Magen; ſo iſt das Mit - tagmal ſchon bereit; ja kaum hat man ſich da ge - ſaͤttiget, ſo gehet das Thee und Caffee trincken wie - der an: alſo daß man faſt mehr beſorget ſeyn muß, wie der Magen zu entladen, und was darinnen iſt zu verzehren, als ſeinen Hunger und Durſt aus GOttes ſegnender Hand, zufolge ſeiner heiligen Ordnung, nach Nothdurft zu ſtillen; will von Collationen und Exceſſen bis in die ſpaͤte Nacht hinein nichts melden. JEſus ſelbſt hat uns deßfalls dieſe Vor - ſchrift hinterlaſſen: Luc. 21. Huͤtet euch, daß eure Hertzen nicht etwa beſchweret werden. Er will uns zum wachen und beten anmahnen. Ueber - ladeſt du nun die Wagſchalen deines Leibes, und fuͤhreſt dein Gemuͤth aus dem Gleichgewicht der andaͤchtig betenden Stille hinaus, alſo daß du traͤ - ge und zum geiſtlichen Emporſchwingen deines Hertzens untuͤchtig werdeſt: ſo gehorcheſt du nicht der Stimme des HErrn deines GOttes, und da - fuͤr wirſt du dich vor ſeinem Angeſicht zu verant -wor -559Quellen der Unreinigkeit. worten haben. Mit Freſſen: da man ſeines Ap - petitsſclave iſt; da der Kopf von aufſteigenden Duͤnſten, und der Menge des ausgekochten Ge - bluͤtes betaͤubet wird; da der Geiſt der Unmaͤßig - keit, der Ueberladung des Magens und aller geiſt - lichen und leiblichen, groben und ſubtilen, offenba - ren und geheimen Unreinigkeiten Leib und Seele uͤbermannet, feſſelt und bindet. Und Sauffen: da man mehr und oͤfters als nur fuͤr den Durſt trincket, das aͤngſtigende Gewiſſen zu erſaͤuffen, und der Warnungen und Betruͤbungen des heili - gen Geiſtes los zu ſeyn. Hiezu iſt das Waſſer nicht gut genug; die ſchoͤnen Brunnquellen, die an vielen Orten des Erdkreiſes ſo hochgeſchaͤtzet wer - den, ſind bey uns fuͤr den Durſt allzugering: da es doch ſonderlich den jungen und hitzigen Naturen ein geſunder, wohlthuender, und erfriſchender Kuͤhl - balſam ſeyn ſolte. Jm Gegentheil ſind ſtarcke fette Weine und hitzige Getraͤncke voraus jungem Blut ſehr ſchaͤdlich, und werden nach und nach zum etzenden herben Gift, ſo alle Saͤfte verſaͤuert und alterirt, die Seele ſamt dem Leib thieriſch und un - keuſch macht, das Hertz verfinſtert, und dem heili - gen Geiſt allen Zugang verfperret: ſo je ein un - ausdencklicher Schade iſt, davon einem die Haare ſolten zu Berge ſtehen, wers verſtuͤnde. Zechen, Bancketiren und Hurerey treiben ſtehet 2 Petr. 2, 13. 14. Apoc. 2, 14. beyſammen. Wer die edlen Creaturen GOttes auf eine ſo ungerechte Weiſe nothzuͤchtiget, der wird zur Straffe dem Geiſt der Unreinigkeit uͤbergeben. Apoſtg. 22, 11.

Trunckenheit iſt die verderblichſte Landſeuche und eine Hauptſtadt aller Laſter. 1) Verdirbet ſie den Leib. Spw. 23, 29-31. 2) Jſt ſie eine unheil - bare Sclaverey und beraubet des Verſtandes. Hoſ.560Anhang zum dritten Theil,Hoſ. 4, 11. Jeſ. 28, 7. 3 ) Machet ſie den Men - ſchen aͤrger als ein Thier. 1 Pet. 4, 3. Jerem. 8, Jeſ. 1. und iſt eine Mutter vieler Suͤnden. 4) Sie daͤmpfet alle Gedancken von GOtt und GOttes Gericht von ſeinem Wort und Heil in JEſu, ja von Zeit und Ewigkeit, und ſchlaͤgt ſie mit Macht darnieder. 5) Sie macht, daß man ſeinen Beruf verſaͤumet. Jeſ. 5, 11. 12. 56, 11. 12. Amos 4, 6. 6, 5. 6. 6 ) Sie loͤſchet alle Sorge fuͤr die ſeinen aus 7) ſie treibt ab vom Weg der Wohlfahrt, und gebieret Schande, Verachtung, 1 Cor. 5, 11. Sprw. 20, 1. und Armuth. Sprw. 21, 17. Joel 1, 5. 8 ) Sie ſtuͤrtzet in die Hoͤlle, 1 Cor. 6, 11. Jeſ. 5, 21. oft durch einen jaͤhen Tod. Die Heiden pflegten ei - nen Trunckenbold als einen der unwuͤrdig waͤre den Erdboden zu betreten, mit gebundenen Fuͤſſen an einen Wagen zu hencken, und ihn wie ein Vieh, mit dem Leib und Kopf in den Koth herab hangen zu laſſen und ſo ſchleppeten ſie ihn durch die Gaſſen hin, bis er ums Leben kam. Den griechiſchen Kaͤyſer Zeno ließ ſeine Gemahlin Adriana truncken ins Grab tragen: als er nun ausgenuͤchtert, muſte er mit klaͤglichem Geſchrey darinnen ſeinen Geiſt aufgeben. Alſo kommt mancher in ſeiner Trun - ckenheit, ehe er ſich beſinnen kann, in die Hoͤlle.

Der beruͤhmte Chriſtian Gerber erzehlet von einer Standes - perſon aus einem vornehmen Hauſe und wohlgezogen, der wegen ſeines durchdringenden Verſtandes und Gelehrt - heit bey den Hohen beliebt war, und ſonderlich gluͤck - lich, die ſtreitenden Partheyen durch kluge Vorſtellun - gen in der Guͤte zu vergleichen. Weil er die Rechte voll - kommen inne hatte, und ein ſtarcker Juriſt war: ſo kon - te er eben den Partheyen alles vorher ſagen, wie es lauf - fen wuͤrde und muͤſte. Dieſer Mann erwarb ſich dar - uͤber bey maͤnniglich einen groſſen Ruhm. Er ward oft zu Gaſte gebeten: gewoͤhnete ſich aber an ſtarcke Truͤncke, und kam ſelten nuͤchtern nach Hauſe. Speiſete er da - heim, ſo ließ er allezeit ein paar gute Freunde zu ſich bitten, war alsdann nach Mittag nichts nuͤtze, verlohrſei -561Quellen der Unreinigkeit. ſeinen guten Eſtim, machte auch groſſe Schulden. Hierzu kam auch, daß er wieder das ſechſte Gebot grobe Suͤnden begieng, und unzuͤchtige Perſonen zu ſich ho - len ließ, die viel Geld koſteten, und ihn noch dazu beraubten: dabey denn auch die Diener vieles entwen - deten, und hernach ſagten, die Weibsperſonen haͤtten es mitgenommen; womit der HErr leicht zufrieden war. Seine hohe Anverwandten legten ſich darein, tractirten mit den Creditoren, und bezahlten eine ſehr groſſe Summe fuͤr ihn. Sie wolten ihn auch zu einer Heirath bereden: er gab ihnen aber kein Gehoͤr, ſondern mochte ſchon an das boͤſe Hurenleben gewoͤhnet ſeyn; fiel auch wieder einmal ums andere in das Laſter der Trunckenheit, und lebte ſo arg als vorhin.

Ein alter Prediger, der ihn von Jugend auf kennete, ward von ſeinem Gewiſſen getrieben, daß er ihm ingeheim beweglich vorſtellete, wie gefaͤhrlich es um ſeine Seele ſtehe ꝛc. er moͤchte doch als ein hochverſtaͤndiger Herr an ſeine fromme Eltern, an ſeine gute Auferziehung, an ſeinen Taufbund, an ſeinen Character. u. ſ. f. gedencken, und erwegen, was es mit ſeinem boͤſen Leben fuͤr ein boͤ - ſes Ende nehmen werde. Sonderlich fuͤhrte er ihm zu Gemuͤthe, daß die Trunckenbolde und Hurer das Reich GOttes nicht ſehen ſolten, und die ſich an Huren haͤn - gen, Motten und Wuͤrmer zum Lohn bekommen, und andern zum mercklichen Exempel verdorren oder auch verfaulen ſolten. Dieſe Vorſtellungen giengen ihm nun ziemlich zu Hertzen, daß er auch Beſſerung verſprach: allein ſein Hertz war nicht rechtſchaffen am HErrn, und er machte es wie die Koͤnige in Juda zum Theil es machten. 2 Reg. 14, 3. 4. Er ließ zwar von der ſchaͤnd - lichen Hurerey ab, die Saufſeuche aber und Voͤllerey wolte und konte er nicht uͤberwinden.

Bey ſolchem ſeinem unordentlichen Leben, um welches willen aller goͤttliche Segen verſchwand, gerieth er zum andern mal in tieffe Schulden, und muſte ſich abermal unſichtbar machen: welches ihm keine geringe Schmach war, und ſeinen hohen Anverwandten groſſe Gemuͤths - kraͤnckungen verurſachte. Als er nun einsmals des Morgens allein in ſeinem Zimmer ſaß und einen Brief ſchreiben wolte, gieng die Thuͤre auf. Er ſahe ſich da - her um, und erblickele eine lange weiſſe Geſtalt, die win - ckete ihm mit dem Finger und ſprach: beſſere dich, beſ - ſere dich, beſſere dich! ſonſt wirſt du bald vor Ge - richt erſcheinen muͤſſen. Dieſer HErr erſchrack der - maſſen, daß er kein Wort ſagen konte. Die Geſtalt gieng wieder zur Thuͤr hinaus, und machte dieſelbe hin -III. Th. Betr. der Unreinigk. N nter562Anhang zum dritten Theil,ter ſich zu: er aber behielte das, ſo ihm begegnet war, bey ſich, und ſagte keinem Menſchen etwas davon: faſ - ſete jedoch den guten Entſchluß, alle Geſellſchaft zu mei - den, und ein nuͤchternes ordentliches Leben zu fuͤhren.

Nach einer Zeit ward er erſucht, zu einem guten Freunde mitzufahren, warum er denn immer ſo allein zu Hauſe ſitzen wolle? Er entſchuldigte ſich aber und ſagte, er wolle in keine Geſellſchaft mehr kommen, wo ſtarck ge - truncken wuͤrde. Man verſicherte ihn, er ſolte ſeinen freyen Willen haben; ja man wolle ihn vertreten, wenn ihm mit Trincken ſolte zugeſetzet werden. Er ließ ſich endlich uͤberreden und fuͤhr mit zu dem Gaſtgebot. Als man nun eine Zeitlang gegeſſen und getruncken hatte, und einige anfiengen unbeſonnen und leichtſinnig zu werden, ward er auch ſorglos, und fieng an ſtarck zu trincken, ob ihn gleich niemand noͤthigte. Sein Freund erinnerte ihn hoͤflich, und ſagte: ich meinte, der Herr Bruder wolle nicht trincken? allein er kehrte ſich nichts daran, fuhr fort groſſe Glaͤſer auszuleeren, ja ſo gar an - dere mit zu noͤthigen; ward aber endlich ſo truncken, als er wol jemals geweſen war. GOtt wartete zwar noch eine Weile auf eine recht ernſtliche Buße: da ſie aber nicht erfolgte, ſo kam nach etlichen Tagen die vor etlichen Wochen ihm erſchienene Geſtalt wieder, redete ihn ſehr ernſtlich an, und ſprach: Dieweil du dich nicht beſſerſt, ſo iſt nun dein Ende beſchloſſen, und ud muſt vor GOttes Gericht. Alſobald verſchwand die weiſ - ſe Geſtalt, und er entſetzte ſich heftig uͤber dieſer harten Todespoſt, fiel erſt in eine tieffe Schwermuth, ſodann aber in eine groſſe Kranckheit, dabey ſein Leib durch die ſchwere Noth entſetzlich gequaͤlet ward. Jn ſolchem Zuſtande entdeckte er was ihm begegnet war, und wie er von GOtt gewarnet worden, aber nicht gehorchet haͤtte. Er gerieth in eine groſſe Angſt, und muſte bis an ſein Ende einen ſtrengen Kampf und verzweifelnde Beaͤng - ſtigung ausſtehen. Ob er aber durch dieſes Feuer gerei - nigt und endlich durch den Fuͤrſprecher, den wir bey dem Vater haben, zu Gnaden angenommen worden ſey oder nicht, werden wir am juͤnſten Tage wol vernehmen.

Einmal laͤßt ſich GOtt nicht ſpotten; was der Menſch ſaͤet wird er auch erndten, Gal. 6. Jedoch wird es denen gelinder und ertraͤglicher ergehen, die hier ſind zerknirſchet und gedemuͤthiget worden, als denen ſo in roher Frechheit, und in ihrem un - gebrochenen Sinn ſicher hin ſterben. Jndeſſenſoll563Quellen der Unreinigkeit. ſoll ein Chriſt wohl wiſſen, daß ſeine Suͤnden weit ſchrecklicher ſollen geſtrafft werden, als eines Ju - den, Tuͤrcken oder Heiden.

Darum hat uns JEſus befohlen, daß wir, ſo oft wir Brot eſſen, daruͤber man ſegnet, und vom Gewaͤchs des Weinſtocks trincken, daruͤber man gebetet hat, ſeinen Tod verkuͤndigen, und uns ſeines gecreutzigten Leibes und vergoſſenen Bluts erin - nern ſollen: und dis waͤre gewißlich nicht ſtreitig mit dem Apoſtoliſchen Abendmahl, wann man bey jedem Brotbrechen und Weintrincken 1) mit Bre - chung des Fleiſches und Ertoͤdtung des Gebluͤts der Suͤnden beſchaͤftiget waͤre. 2) in die Gemein - ſchaft des Leibes und Blutes Chriſti einzudringen, und voll heiligen Geiſtes zu werden ſuchte. Eph. 5, 18. O wie Himmelweit uͤbertrift die Lehre des heiligen Geiſtes aller heidniſchen Dichter ihre Weiß - heit! wie tief durchſchneidet jene das Hertz gegen dieſe! es iſt wie Sonne und Mond gegen einan - der.

Die weiſeſte Heiden wuſten nichts zu ſagen als: Sine Cerere & Libero friget Venus. Bulen iſt nicht vor Hungerleider. Gleichwol muß ich ſagen, daß man unter den Heiden ausnehmende Exempel der Maͤßigung und Nuͤchternheit antrift. Aus ſo vielen nur des Diogenis zu gedencken: ſo hat derſelbe, da man ihn gewaltig zu trincken noͤthigte, den eingeſchenckten Wein hinterrucks ausgegoſſen auf die Erden; und als dis einige wahrnahmen, und ihn daruͤber beſtraften, warum er den edlen Wein alſo verderbete? da fragte er ſie: obs nicht beſſer ſey, der Wein verderbe allein, als daß er mit zugleich verderbe? Dieſe Heiden moͤ - gen uns Chriſten wol beſchaͤmen, da uns unſere Religion ſo erſtaunliche Gruͤnde an die Hand gibt,N n 2wo -564Anhang zum dritten Theil,wovon jene nichts wuſten, und doch bey wenigem ſo vergnuͤgt lebten. Da im Gegentheil die Man - nigfaltigkeit der heutigen Modenchriſten ſie oft in unerſchwingliche Nahrungsſorgen hinein ſtuͤrtzet.

Was iſt aber bey einer ſo ungezaͤhmten und mehr als heidniſchen Lebensart zu befuͤrchten? Und falle jener Tag ſchnell uͤber euch: denn wie ein Fall - ſtrick wird er kommen uͤber alle die auf der gantzen Erden wohnen. Von dem erſchreckli - chen Tag 1) des Todes 2) des Gerichts uͤber Ba - bel und 3) des Gerichts uͤber die gantze Welt als von einem Fallſtrick, damit man das Wild faͤngt, unverſehens uͤberfallen zu werden, und von den Wolluͤſten und Unkeuſchheit nicht gereiniget zu ſeyn, ſondernſofort vor GOttes Richterſtuhl erſchei - nen zu muͤſſen, das iſt ein erſchrecklich Ding! O wie wird dieſer Fallſtrick allen unreinen und be - fleckten bald, bald, die grauſamſten Schrecken in den Buſen jagen! Jhr Mitglieder der Sterblich - keit! Jhr Fremdlinge im Thraͤnenthal; iſts denn nicht moͤglich nuͤchtern und fertig zu ſeyn, wenns zum Abſchiednehmen ploͤtzlich kommen ſolte? Koͤn - nen wir denn nicht alſo eſſen und alſo trincken, daß wir vor, in und nach dem Eſſen allezeit bereit ſeyn, vor Chriſti Angeſicht zu erſcheinen? Kanns denn nicht dazu kommen, das uns die keuſche und reine Wahrheit (von Verlaͤugnung der Welt und ih - rer Augenluſt, Fleiſchesluſt und hoffaͤrtigen Lebens, mithin auch ihrer Mahlzeiten und Er - goͤtzungen, von der Nachfolge des keuſchen, nuͤchternen, armen und verſchmaͤheten Lebens Chriſti, vom Haß des eigenen Lebens, Ehre, Ruhms und fleiſchlichen Friedens, von Aen - derung, Creutzigung und Ertoͤdtung der altenNa -565Quellen der Unreinigkeit. Natur, der eigenen Luſt, Willens und Ver - gnuͤgung, von der Gleichfoͤrmigkeit des Todes und der Auferſtehung Chriſti, vom Wandel im goͤttlichen Licht, vom unablaͤßigen Gebet, von Haltung der Gebote GOttes, von gaͤntz - licher Reinigkeit des Hertzens, ꝛc. ) ſuͤſſer und an - genehmer werde als alle Luſt der Welt, auch gefaͤl - liger und koͤſtlicher als aller Reichthum? Soll und muß es denn unter den erloͤſeten Chriſten nicht dazu kommen, daß ihnen die zauberiſche Ba - belslehre von eigenmaͤchtiger und unbefug - ter Zurechnung des Verdienſtes Chriſti durch den Hirn - und Wahnglauben, von Ver - gebung der Suͤnden in ſtarcker ſelbſt gemach - ter Einbildung und falſchen Hofnung, ohne der Suͤnden Abthuung und Tilgung durch Chriſti Blut und Geiſt, von der Unmoͤglich - keit GOttes Gebote zu halten, vom nicht richten der kalten und lauen Maulchriſten, (als ob man ſchuldig waͤre nach dem Urtheil der Liebe das ſchwartze weiß, und die Finſterniß Licht zu nen - nen, und Dornſtraͤuche fuͤr Weinſtoͤcke zu halten) und dergleichen grundverderbliche Jrrlehren mehr, zu einem unertraͤglichen Eckel und ſchnoͤden Geſtanck werden?

d) Zur Lebensart, dadurch die Hurenluſt unter -d) Ver - zaͤrtelung des Leibes. halten wird, gehoͤret auch die Weichlichkeit und Verzaͤrtelung des Leibes. Diß iſt dem evan - geliſchen Leben und Geiſt ſchnurgrad zuwieder: Denn da heißt es, ziehet an den HErrn JEſum Chriſtum in ſeinem Sinn und Leben, und war - tet des Fleiſches nicht alſo, daß ihr die Luͤſte deſſelben vollbringet. Roͤm. 13, 14. 8, 9, 13. Hier iſt den ungehorſamen, die ihr Leben lieber in Kurtz - weil verzehren, ein ewiges Wehe angekuͤndiget. N n 3Luc.566Anhang zum dritten Theil,Luc. 6, 25. Jac. 5, 1-5. Wer der Sinnlichkeit nachhenget, iſt auf einem gar ſchlipfrigen Wege, bricht ſich zuletzt den Hals, weil er von dem ein - mal gewohnten Wege des Schmertzens und Verderbens ſchwerlich zuruͤck kann.

Allein hier mag die Seelengefahr auch noch ſo groß ſeyn: ſo wendet ſich dennoch fuͤrnemlich die ſchoͤne Welt allermeiſt dahin. Sie wollen ihrer Natur nirgend und durchaus in keinem Stuͤck we - he thun; was ſie nur geluͤſtet, juſt das wollen ſie haben, es ſey in der Nahrung, oder Kleidung oder Wohnung und uͤberall; darin ſetzen ſie ihr groͤſtes Gluͤck und ihr vornehmſtes Geſchaͤfte, als ob ſie ſich mit ernſtem Fleiß drauf legen muͤſten, wie ſie es im Schwaͤtzen, Lachen, Schertzen, luſtig ſeyn, ſpielen, jagen, ſchimpfen, bulen, ſpatzieren, die Stadt auf und abgehen, Geſellſchaft beſuchen ꝛc. aufs beſte machen; wie ſie ſich um Meubles, Kleider, Haußrath, Gebaͤude, Pracht, Moden, Schein ꝛc. bekuͤmmern; wie ſie nach Ehren und Befoͤrderun - gen ſtreben, und mithin wie ſie die kurtze und hoch - theure Gnadenzeit auf tauſenderley Weiſe ver - ſchleudern, GOtt verachten, ſeinen Geiſt betruͤben, ſeines Gnadenbundes und Wortes vergeſſen, ſeine Zucht und Furcht aus dem Hertzen bannen, und alle Tage durch in voller Sicherheit und Ueber - muth leben, wie die Buͤrger zu Lais und Zidon. Richt. 18, 7.

Dieſe Weichlichkeit iſt die breite Karrſtraſſe zur Unreinigkeit; und wenn dergleichen Weichlin - ge nicht in Unkeuſchheit gerathen: ſo geſchichts nur darum, daß entweder dieſes nicht ihre Schooß - ſuͤnde und liebſte Neigung iſt, oder weil ſie man - cherley weltliche Abſichten zuruͤck halten. Uebri - gens iſts unmoͤglich bey dieſer Lebensart zu verhuͤ -ten,567Quellen der Unreinigkeit. ten, daß nicht viel unordentliches in ihrem Hertzen vorgehen ſolte, dadurch die Seele entkraͤftet, vom Hoͤllengeiſt dieſer Welt taͤglich geſchwaͤngert, alles gute Wort Chriſti erſticket und der Menſch zu al - lem Leidenskampf und Erduldung der Drangſa - len allerdings gantz ungeſchickt gemacht wuͤrde Matth. 13, 21. Luc. 8, 14. Der Teufel hat keine Muͤhe ſolche Seelen zu fahen, dann ſie ſuchen ſei - ne Netze, und lauffen ſeinen Verſuchungsſtricken ſelber nach. An ſtatt daß ſie zu GOtt ſolten ſchreyen um Huͤlfe, Errettung und Bewahrung, |und ſich anbey in Enthaltung und Abſterbung uͤben: ſo ſind ſie gantz bruͤnſtig dem Teufel in ſeiner Be - gierde zu dienen, welche iſt, die Menſchen aufzu - behalten im Verderben, das in der Welt iſt, durch die Luſt. Dieſer boͤſe Feind kann nicht anders als uns die Theilhaftigkeit der goͤttlichen Natur, da - hin Weltſterbende gelangen, unendlich zu mißgoͤn - nen: daher ſchmeißt er alle Tage friſche Materia - lien herzu, das Luſtfeuer zu ſchuͤrren, und ſie helfen mit ihrer weichlichen Zaͤrtlichkeit wacker und mit Freuden dazu. Gewißlich, GOtt muͤſte an wol - luͤſtigen Weichlingen ein Wunder thun uͤber die Natur, wofern ſie zur Geilheit nicht geneigt wer - den ſolten. Ja es waͤre ein groͤſſer Wunder, als da der Feuerofen zu Babel nicht brannte. Nein! das kann nicht unterbleiben: vielmehr ſteiget von ſolchem Luſtfeuer der fleiſchlichen Zaͤrtlichkeit und des thieriſchen Maͤſtens ein ſo ſchwartzer Rauch und Dampf auf, daß die Sonne der Gerechtig - keit davon verfinſtert wird wie ein haͤriner Sack, und alle Luſt und Freude an Chriſti Schoͤnheit bey den Menſchen verſchwindet. O wehe den armen Seelen!

Alſo ſpricht der HErr HErr zu Jeruſalem:N n 4Sie -568Anhang zum dritten Theil,Siehe, das war deiner Schweſter Sodom Miſſethat, Hoffart und alles voll auf, guter Friede und Muͤßiggang. Ezech. 16, 49. Sel - bige Gegend war ein immerwaͤhrender Luſtgar - ten, allwo das gantze Jahr hindurch die koſtbarſten Gewaͤchſe gruͤneten, und die allerdelicateſten Fruͤch - te, auch die fuͤrtreflichſten Weine und Balſam brachten: durch welcher Gaben Mißbrauch ſie er - hitzet greuliche Geilheit trieben; weßwegen ſie GOtt auch durch ein unerhoͤrtes Gericht umge - kehrt, zu Aſchen gemacht und verdammet hat, des ewigen Feuers Pein zu tragen. 2 Petr. 2. Die Un - reinigkeit brennet unerſaͤttlich: was iſt denn billi - ger, als daß ſie mit unausloͤſchlichem Feuer ge - ſtraffet werde, und mit einem Wurm der nicht ſtirbet? Es iſt auch zu beſorgen, daß die in Grund verdorbene und abgefallene Chriſtenwelt allererſt durch die entſetzlichſten Zorngerichte werde klug und nuͤchtern gemacht werden: wiewol nicht oh - ne erſtaunen geſehen und geleſen wird, daß unter allen dieſen Zornſchalen dennoch, dennoch keine Bekehrung erfolget von Todtſchlaͤgen, Zaube - rey, Hurerey, und Diebſtaͤhlen! Offenb. 9, 21. und 16, 9. 11. 21. Alſo daß wol zu muthmaſſen, daß wann ſchon eine verdammte Seele aus der Hoͤllen zuruͤck wieder in ihren Leib einkehren doͤrf - te, es nicht lange anſtehen wuͤrde, daß ſie nicht ihr voriges Leben forttreiben ſolte.

e) Kleider - pracht.
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e) Pracht und Ungeziemenheit der Kleider, wie jene ſtinckende und unverſchaͤmte Dirne Sprw. 7. ſich ſchminckete, putzte, und mit Mirrhen, Aloes und Cynnamen beſprengte. Der heilige Geiſt der Weiſſagung verweiſet aber auch den Toͤchtern Zions alle leichtfertige, freche und ausgelaſſene Geberden, Schritte und Blicke, nebſt ihren hof -faͤu -569Quellen der Unreinigkeit. faͤrtigen Kleidern, und drohet ihnen ſchreckliche Dinge an, Jeſ. 3. Vom Kleiderpracht und uͤber - maͤßigem Weiberſchmuck iſt vieles geſchrieben, und mancherley Geſetze dawieder gemacht worden: das beſte Geſetz aber gibt der heilige Geiſt, in dem er Weibern und Maͤnnern den mehr als Koͤnig - lichen, ja mehr als Engliſchen Seelenſchmuck der Ewigkeit vorweiſet. 1 Tim. 2, 9. 10. 1 Petr. 3, 1-6. Pſalm. 45. Offenb. 19. nemlich die reinen, hellen, und glaͤntzenden Kleider des Lichtes, Hohel. 1, 11. Die von der hochheiligen Dreyeinigkeit ſelbſt be - reitet ſind. Es koſtet zwar ungleich mehrere Muͤ - he, Abſterbens, Reinigens, Bittens und Flehens, Ringens, Wachens und Anhaltens, wer ſich durch weſentliche Anziehung des Bildes Chriſti als des einigen Brautſchmucks zur koͤniglichen Vermaͤh - lung des goͤttlichen Braͤutigams ausgeruͤſtet ſehen will; (darzu hilft weder der Kaͤyſerin noch Koͤni - gin ihr Gold und Silber, es ſey denn, daß ſie es im lebendigen Glauben und Liebe JEſu an arme Glieder Chriſti wenden, Dan. 4, 27. Luc. 16, 9. Ap. geſch. 10, 4. Es muß ein jedes an den Streit, wer diß himmliche Geſchmeide haben will; es muß ſichs jeder ſelbſt von GOttes freyer Gnade bittend und weinend, als ein nackt und ſchwuͤrig hinge - worfener erlangen: er ſey Herr oder Bauer, Koͤ - nig oder Bettler): aber wehe dem, ders nicht hat, dann er wird nicht nur aus dem neuen Jeruſalem u. von des Lammes Hochzeit ausgeſchloſſen, ſondern dazu in die aͤuſſerſte Finſterniß hingeworffen, da Heulen und Zaͤhnklappern iſt; ſolte er noch ſo ein aufgeputzter, artiger, hoͤflicher, luſtiger, beliebter Cavalier, oder noch ſo ein ſtattliches, zartes, feines charmantes und galantes Edelfraͤulein geweſen ſeyn, der der Ausbund der muntern Jugend Auf -N n 5war -570Anhang zum dritten Theil,wartung gemacht haͤtte. Da iſt keine Barmher - tzigkeit mehr, ſie muß in die grauſame Hoͤlle, wann ſie uͤber dem verabgoͤttern ihres Madenſacks den geiſtlichen Seelenſchmuck verſaͤumet hat. O we - he! wehe!

Entbloͤſ - ſung.
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Sonderlich wartet eine heiſſe Quaal und aͤngſt - liche Pein auf ſolche Juͤnglinge und Jungfrauen, die ſich ſo geputzt und ihre weiſſe oder gelbe Haut ſo luͤſtern und hochmuͤthig entbloͤßt haben, um die Hertzen ihrem Schoͤpfer und Seligmacher abzu - ſtehlen und an ſich zu ziehen. Anfaͤnglich und biß - weilen geſchiehet dis zwar nicht ſo ſehr aus geiler Luſt, ſondern aus vermeinten Spaß und Eigenluſt andere in ſich verliebt zu ſehen: allein, gleichwie dis ſchon an ſich ein gar zu grober Spaß und Schimpf iſt, einem andern Netze zu ſtellen, daß man ihn fan - ge: ſo breitet ſich dis giftige Uebel insgemein ſo viel ploͤtzlicher und ſchrecklicher aus, ſeinen eignen Herrn zu faͤllen, jemehr man damit zu ſpielen meint. Die Menſchen dencken, es werde damit nicht viel zu ſagen haben (als ob GOtt ſchuldig waͤre, es eben nicht viel zu achten und nicht hoch anzurechnen, weils ihnen ſo geluͤſtet:) allein der Aus - gang wird es |ſchon lehren, wie viel es im Gericht GOttes zu bedeuten habe. Wann dis eine Miſ - ſethat iſt vor dem Richter, den naͤchſten am Leib und Leben zu vergiften: was meinet ihr, was das erſt fuͤr ein Greuel ſey vor GOtt, des Naͤchſten feine Seele ſo moͤrderiſch zu vergiften, und ihm das Leben der etwa bis dahin unbefleckten und rei - nen Liebe Chriſti zu rauben? Soll man eine Lilie, die zu GOttes Paradies haͤtte ſollen aufwachſen, alſo mit dem Koth der Unkeuſchheit beſpritzen und vergiften? Wo es recht zugehet und Chriſtus re - gieret, da eifert eines um das andere mit goͤttli -chem571Quellen der Unreinigkeit. chem Eifer, daß eines das andere zubereite und als eine reine Jungfrau dem einigen Mann Chri - ſto darſtelle, 2 Cor. 11, 2. Es ſtehet ja keinem Chriſten wohl an, dem Teufel in ſein Handwerck zu greiffen, und dem Naͤchſten auf einige Weiſe eine Lotterfalle zuzurichten, oder ihn mit fleiſchli - cher Luſt zu reitzen, ſeine Seele zu fahen, und den teufeliſchen Samen der Unkeuſchheit zur Schaͤn - dung des Bildes GOttes in ihm zu ſaͤen und her - vor zubringen.

Jch geſtehe, daß an den Orten, da es Landuͤb - lich und dergleichen Entbloͤſſungen von Kindheit auf angewoͤhnet ſind, manch keuſches Hertz ohne aͤrgerliche Abſicht von einer ſolchen eingeriſſenen Gewohnheit als von einem Waldwaſſer mit hin - geriſſen werden kann; alſo, daß es manche ohne Luſt und uͤberlegte Suͤnde ſo hin mitmachen, und es auch kaum fuͤr Suͤnde achten werden: Allein ſtehets denn bey ihnen, alle boͤſe und ihnen ſelbſt unbewuſte Folgen und Aergerniſſe zu verhuͤten, die ſie gleichwol damit veranlaſſen? Dis mag ja wol unter die unerkannten und unbekannten Suͤnden gezehlet werden; und iſt freylich eine Anzeigung des aͤuſſerſten Verfalls des Chriſtenthums, daß man ſolche Dinge nicht mehr fuͤr Suͤnde achtet, dergleichen die erſten Chriſten bis auf den Tod ver - abſcheueten. Wann Tertullianus die Sitten der barbariſchen Voͤlcker, ſo am ſchwartzen Meer woh - neten, beſchreiben will, ſo ſagt er unter andern: die Weiber deſſelben Landes haben keine Schamhaftigkeit, und laſſen ſich mit bloſſen Bruͤſten ſehen. Woraus ja wol zu ſchlieſſen iſt, wie wenig dergleichen Entbloͤſſung unter den er - ſten Chriſten waͤre geduldet worden. GOtt hat alle Verfuͤhrung bey hoher und feierlicher Lebens -ſtraf -572Anhang zum dritten Theil,ſtraffe verboten, und aufs beweglichſte unterſaget, ſich von andern verfuͤhren zu laſſen. 5 Moſ. 13, 6. 11. 3 Moſ. 24, 17. 19. ſqq. Jſts nun Unrecht und Suͤnde, daß man ſich reitzen laſſe: ſo muß es ja noch mehr Suͤnde ſeyn, wenn man andere reitzet. Paulus ſtrafte die Corinthiſchen Weiber, daß ſie mit unbedeckten Haͤuptern in die Gemeine kamen: 1 Cor. 11, 13. Was ſolte wol Paulus ſagen, wann er in dieſen kalten Laͤndern unſer Frauenvolck mit bloſſen Bruͤſten ſaͤhe?

f) Um - gang bey - derley Ge - ſchlechts.
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f) Der allzu freye und genaue Umgang bey - derley Geſchlechts gebieret auch nicht viel gutes. Bey den Morgenlaͤndern hielten ſich die Maͤgd - lein ſehr innen, blieben zu Hauſe unter der Aufſicht ihrer Eltern, verhuͤlleten ſich, wann ſie ausgien - gen, und lieſſen ſich von keinem fremden Manns - bild ſehen. Daher in hebraͤiſcher Sprache das Wort Almah, eine Jungfrau, von einem Worte das verbergen heißt herkommet, weil ſie nicht ohne eine groſſe Nothwendigkeit auf die Gaſſen giengen, und zwar mit einem Schleyer dermaſſen verhuͤllet, daß man ihnen uͤberall nichts von der bloſſen Haut ſahe. 1 Cor. 11, 10. Hohel. 5, 7.

Dina nahm eine Luſtreiſe vor, wolte den Toͤch - tern des Landes auch eine Viſite geben, kam in Bekantſchafft mit Sichem, und verlohr daruͤber ihren Ehrenkrantz. 1 Moſ. 34. Wie manche Toch - ter waͤre nicht in ſchweren Kummer gerathen, wo ſie von dieſer und jener Compagnie und Luſtbarkeit weggeblieben waͤre! Bey uns lebet die Jugend ſehr ungebunden, und lauft zuſammen bis in die ſpaͤte Nacht: da kommt Feuer zum Zunder, und brennet die Hoͤlle der Unkeuſchheit lichterloh, alſo daß den armen Seelen die heilige, reine und goͤtt - liche Liebe JEſu Chriſti ſehr fremd und abge -ſchmackt,573Quellen der Unreinigkeit. ſchmackt, auch aller Fleiß der Heiligung gantz eckelhaft wird. Und ſo werden die unſeligen Kin - der fein beyzeiten von der Schaar der unſaubern Geiſter mit Fleiſchesluſt eingebeitzt und verſauet; folglich der himmliſchen Salbung und des ſeligen Koͤnigreichs der Himmel durchaus unfaͤhig ge - macht. Da lernt eines vom andern ſuͤndigen; da heitzet der hoͤlliſche Drache ein, und verkleiſtert den Spiegel des Gemuͤths mit Unzuchtsbildern der - maſſen, daß kein Strahl vom Gnadenlicht des Evangelii hindurchſcheinen kann, und alle gute Unterweiſungen in der Fleiſcheshitze wie in einem Backofen zu Staub verbrannt werden; denn ſie entzuͤnden ihr Hertz untereinander. Hoſ. 7, 6. 7. Und die Eltern ſehens wol gar nicht ungern, wann nur ihre Maͤgdgens viele Freunde haben; bis ſie in Jammer und Hertzeleid geſtuͤrtzet ſind. Sonſt aber verlangen ſie eben nicht ſo heftig, daß ihre Kinder kluͤger, weiſer und heiliger ſeyn, als ſie ſelbſt in dem Alter geweſen ſind, nur daß dem Ehrenhauſe kein Schandfleck angehengt werde, gebe auf wel - cher Straſſe ihre Seelen der Ewigkeit zu wandern. Auf dieſe Weiſe hat ſich denn Moloch nicht zu be - klagen, daß er nicht unter uns eben ſo wohl ſeine Sache habe, als unter den Heiden und heidniſchen Jſraeliten; ſintemal die Kinder durch Weltgeſinnt - heit ihrer Eltern im Luſtfeuer gelind und ſachte an ihren Seelen gebrannt und endlich zu Tode ver - brannt werden.

g) Jm Krieg lernet man insgemein auchg) Solda - ten Leben. nicht viel gutes, dahin man aus Geld - und Ehr - geitz, aus Muthwillen, aus Armuth und Mangel, meiſtens aber aus Faulheit lauffet. Die Wer - bungen ſind die Beſem, die das groͤbſte aus dem Lande wegwiſchen. Was nun die ungezogeneBur -574Anhang zum dritten Theil,Burſche daſelbſt von einander gelernet, das brin - gen ſie nach Hauſe, ſtecken andere an, und ſpotten aller Ehrbarkeit.

h) Un - vernuͤnfti - ges Heira - then.
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h) Zu der Lebensmanier, daraus Unkeuſchheit entſtehet, gehoͤret zum achten, das ſpate und das unvernuͤnfftige Heirathen. Da begiebt es ſich leicht, wo man allzulange ledig bleibet, oder nicht aus Liebe, Neigung und Hochſchaͤtzung einen Ehe - gatten nimmt, ſondern aus Geldliebe, wegen des Reichthums, (oder aus Ehrſucht, vermittelſt der Verwandtſchaft hoch ans Bret zu kommen, oder aus Begierde anderer weltlichen Vortheile) heira - thet, daß man da bald nach anderm Fleiſch hun - gert und in Ehebruch faͤllt. O wie uͤbel hauſet man auch hierin in der Chriſtenheit! da man im Heirathen ſchlechterdings auf den theuren Schatz, Adel und Ehrenſtand der Gottſeligkeit ſolte ſchauen, und fuͤrnehmlich hierin am erſten nach GOttes Reiche und Gerechtigkeit trachten: ſo iſt dieſes wol das letzte. Wie koͤnte dann der reine heilige Geiſt da die Meiſterſchaft fuͤhren!

V. Leicht - fertige Buͤcher.
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V. Die fuͤnfte Urſach der Unzucht ſind ſchaͤnd - liche und leichtfertige Buͤcher, darin man wuͤſte Hiſtoͤrchen, Spruͤche und unflaͤtige Bulerlieder findet, welche den ſtill und verborgen liegenden Samen der Unkeuſchheit gewaltig rege machen, die Erbluſt der Geburt entzuͤnden, und dermaſſen tieffen Eindruck in junge Gemuͤther machen, daß ſolche heßliche Fantaſeyen in vielen Jahren, oft bis ins hohe Alter nicht ausgetilget werden moͤgen, und nicht nur in den heiligſten Verrichtungen ja im Gebet ſelbſt das Hertz verunruhigen, ſondern wol noch auf dem Todbette die Seele plagen; alſo daß die hoͤlliſchen Mackeln auf keine Weiſe ausge - loͤſchet werden koͤnnen. Es wird zwar dieſe Ot -ter -575Quellen der Unreinigkeit. tergalle in den Romanen und erdichteten Liebes - geſchichten heimlich verſtecket und gleichſam ver - guͤldet und uͤberzuckert: allein dis ſind eben die ei - gentlichen Fackeln des Satans, womit er dem Le - ſer ſeinen Verſtand und Willen am allergewaltig - ſten verwuͤſtet.

* Daß das Leſen der Romanen ein ſchaͤdliches Seelengift ſey, und die, ſo ſie machen, drucken, verkauffen, verleh - nen oder ſonſt auf eine andere Weiſe den jungen Leuten in die Haͤnde ſpielen, ein unverantwortliches Gewerbe ha - ben, das ihnen GOtt unmoͤglich ſegnen kann; und daß ſie der Richter aller Welt ſchrecklich dafuͤr zur Verant - wortung ziehen wird, als Menſchen, die ihm ſein Land und Leute verderben, und Feinde ſeines Himmelreichs ſind: haben verſchiedene in Schriften erwieſen. Der Abt Bellegarde in ſeinem Tractat von der Converſation und Herr Freyer in ſeinen Programmatibus latino ger - manicis p. 449. ſq. verdienen davon geleſen zu werden. Wer die unbegreifliche Liebe GOttes zu den Men - ſchen, die unſchaͤtzbar koſtbare Erloͤſung, den ho - hen Adel der Seele aus der Anverwandtſchaft mir JEſu, die Seligkeit ſeiner Gemeinſchaft, die groſſe Wuͤrde und Reputation aus der Einwohnung des heiligen Geiſtes, die Koſtbarkeit der Zeit, das Annaͤ - hern der Ewigkeit, die entſetzliche Strenge, mit welcher GOtt diejenigen ſtraffen will, die ihm ſein Volck verfuͤhren 5 Moſ. 13, 6-12. 3 Moſ. 24, 17. ſq. Das hoͤchſt bedenckliche und jammernde Wehe des ſanftmuͤthigen Heilandes der Welt uͤber diejenigen, von denen Aergerniß kommt, Matth. 18, 6, 7. ſqq. die Billigkeit und Wuͤrde der Nachfolge JEſu, die hochnoͤthige Creutzigung und Ertoͤdtung der eig - nen Luſt zur Rettung der Seele ꝛc. zu Hertzen zu neh - men capable iſt; dem darf man keine Gruͤnde mehr an - fuͤhren, um ihm dis Gift ſeiner Seelen zu verleiden. Er wird ſichs nicht nur fuͤr hoͤchſt ſchaͤndlich und gefaͤhr - lich, ja ſeinem Gnadenſtande, den er von GOtt durch die Wiedergeburt erlanget, ſchlechterdings unanſtaͤndig achten: ſondern es wird ihm kraft der neuen Natur 2 Petr. 1, 3. 4. die er ja nicht fuͤr die lange Weile kann empfangen haben, unertraͤglich ſeyn, ſich mit ſolchen ſchlechten Dingen zu tragen, da er zu ſo was hohen und edlen beruͤffen iſt. Ein Mann wird ja nicht auf dem Stecken reiten: und ein Chriſt wird ja an Dingen, daran Menſchen, die gantz ohne den Sinn Chriſti ſind,ih -576Anhang zum dritten Theil,ihre ſinnloſe und ſuͤndliche Freude haben, kein Vergnuͤ - gen finden koͤnnen.

Weil aber die Romanen-Freunde von allen ſolchen Dingen keinen Begriff haben, noch haben koͤnnen, ſo lange ihnen JEſus ſeinen Sinn nicht aus Erbarmen ſchencket, und ſie denſelben auch danckbarlich annehmen: ſo muß man ihnen auch wol uͤber dieſe noch andere Gruͤnde anfuͤhren, die ſie, wenn ſie ſelbige der Uberlegung wuͤrdigten, gar wohl diſponiren koͤnten, ein ſolch ſchaͤdliches Unterneh - men, ſo wieder ihre eigene Seele und Leben ſtreitet, mit gutem Willen fahren zu laſſen. Wer ſich ſelbſt wohl will, und ſich auf eine vernuͤnftige, billige und ehr - liche Weiſe liebet, der kann ſich mit Romanen leſen nicht einlaſſen,

  • 1) weil man dabey ſein gut Talent, das man zu vortref - lichen Wiſſenſchaften gebrauchen koͤnte und ſolte, ſo uͤbel anwendet. Dis kommt auf Rechnung und zur Verantwortung.
  • 2) Weil man einen bloſſen Kitzel oder unziemliche und kindiſche Beluſtigung, die nur ein kleines und nieder - traͤchtiges Gemuͤth gefangen nehmen kann, dem wahren und realen Nutzen, den man von andern Beſchaͤfti - gungen haben koͤnte, vorziehet. Man lieſet Romanen nur zur Luſt, und nicht zum Nutzen: jedoch, damit dis nicht allzu unvernuͤnftig laſſe: ſo fingiret man ſich gleich - wol ſo viel Nutzbarkeiten als nur moͤglich, die man da - her zu haben hoffet.
  • 3) Weil man ſich der Republic unnuͤtz und unbrauch - bar macht, da man doch verbunden iſt, ſich ihr ſo brauchbar und nuͤtzlich als immer moͤglich machen zu laſſen. Man unterhaͤlt ſein Gemuͤth mit lauter nichts - wuͤrdigen Dingen, die man Zeit Lebens in keinem Amt, Stand, Ort, Geſchaͤfte ꝛc. wieder anbringen kann, und wird dadurch ein unwuͤrdiges und faules Mitglied ſei - ner Societaͤt, jederman zur Laſt und Schaden. Wenn man aͤlter worden, hat die Welt verſucht, und wahrge - nommen, was man darin braucht und nicht braucht, und hat die brauſende Hitze eines jungen Verſtandes und jungen Willens nun muͤſſen fahren laſſen, iſt auch dabey kein muͤßiger Broteſſer blieben ſondern zu allerley Ex - peditionen in der Welt gezogen worden: ſo verliert man alle Hochachtung und allen Geſchmack an dergleichen faulen und muͤßigen Geſchmiere, wodurch ſich zum Theil eine groſſe Anzahl verdorbener Leute aus Deſperation und Noth nur ihr Brot zu erwerben ſuchen, weil ſie ſonſt nicht viel reales gelernt, oder bey einiger vermein - ten Cultur ihres Verſtandes auf die Verbeſſerung ihres Willens nicht einmal gedacht haben.
4) Weil577Quellen der Unreinigkeit.
  • 4) Weil man ſich dadurch die Liebe zur Unwahrheit angewoͤhnet. Romanen muͤſſen ein Gewebe von Luͤ - gen ſeyn, ſo ſie die Ehre einer geſchickten Liebes - und Heldengeſchichte behaupten ſollen. Aber was kann doch ein vernunftliebendes Gemuͤth fuͤr Vergnuͤgen in Un - wahrheiten finden? Einen edlen Geiſt ruͤhrt nichts ſo ſehr als die Wahrheit: Dis iſt die eigentliche und rechte Nahrung des Verſtandes. Durch erdichtete Exempel von ritterlichen und abentheuerlichen Tugenden wird ein ehrliches Gemuͤthe, das Wahrheit liebt, kaum be - wegt, geſchweige zur Tugend angeleitet. Dagegen iſts unlaͤugbar gewiß, daß insgemein ſo viel junger Leute ins Romanen leſen hinein verwickelt worden ſind: ſo viel Luͤgner und Muͤßiggaͤnger ſinds auch worden: nur daß bey den meiſten noch abentheuerliche Spitzbuͤbe - reyen ꝛc. dazu geſchlagen.
  • Weil uͤber dieſes in den Romanen oft wahr - hafte Geſchichte in unzehlich viele erdichtete Um - ſtaͤnde eingekleidet und alſo verſtuͤmmelt und veraͤn - dert werden: ſo wird ein Menſch, der in der Erkentniß der Hiſtorie nicht wohl bewandert iſt, und nicht Ver - ſtandes und Erfahrung genug hat, die Fiction von dem wahren zu unterſcheiden, oft hinter das Licht gefuͤhrt und confundirt; daß er nicht weiß, was wircklich ge - ſchehen, und was dazu fingiret iſt. Dergeſtalt verwir - ret er denn oft, theils in ſeinem Gemuͤth, theils im Diſcurs das wahre mit dem falſchen, und ſtellet ſich auch die facta ſelbſt nicht in dem aͤchten und nackten Bilde vor, daß er daraus die noͤthigen Regeln der Klugheit nehmen koͤnte.
  • 5) Weil der Verluſt der Zeit, die man auf das leſen ſol - cher Buͤcher wendet, unerſetzlich und unverantwortlich iſt. Man kann ſie nicht ohne die innigſte Aufmerck - ſamkeit leſen; und muß ſich allzeit groſſe Gewalt an - thun, wenn man ſie einmal weglegen ſoll. Aber wie groß iſt der Vortheil? Was hats denn fuͤr Nutzen, zu wiſſen, daß ein Menſch, der nie geweſen iſt, die gantze Welt durchloffen, viele erdichtete Armeen commandiret, viel Staͤdte erobert, Koͤnigreiche bezwungen, und hun - dert andere ſeltſame Dinge ausgerichtet, deren doch nie keines in der Welt geſchehen iſt? Jſt dis nicht eine ſub - tiliſirte und deſto gefaͤhrlichere Art der Wohlluſt, die nur in der Seele begangen wird, mit ſolchen Chimaͤren ſein Gemuͤth recht vollzutraͤncken, damit es ſich ja auf nichts geſcheutes, reales, und brauchbaͤres mehr recht zu beſin - nen wiſſe? Hat es viele beruͤhmte Leute gegeben, die noch auf ihrem Todbette oͤffentlich beklaget haben, daß ſie auf reelle und nothwendige Wiſſenſchaften nur allzu -III. Th. Betr. der Unreinigk. O oviel578Anhang zum dritten Theil,viel Zeit gewendet, und daruͤber die allerwichtigſte Sa - che ihres Lebens, ich meine den Proceß des Gewiſſens aus der acht gelaſſen haben: ſo iſt leicht zu dencken, daß die, ſo manche edle Zeit mit dem leſen unnuͤtzer Buͤcher zubringen, einmal eine unglaubliche Anzahl Stunden in ihrer Rechnung werden finden muͤſſen, die ſie nicht werden verantworten oder Rechenſchaft davon geben koͤnnen.
  • 6) Weil insgemein die Romanen nicht ſo beſchaffen ſind, wie es diejenigen fordern, die ſie loben und vertheidi - gen. Wenn ſie aber auch ihren rechten Eigenſchaften noch etwas naͤher kaͤmen ſo erlangen doch die wenig - ſten Leſer den rechten Endzweck, weil ſie ihn niemals zu ſuchen, noch ſich darum zu bekuͤmmern begehren. Vie - len fehlt es am Verſtande, das ſo in den Romans ver - ſtecket ſeyn und zur Erkenntniß der gemeinen Thorhei - ten, folglich zur Erweckung der Weisheit und Tugend dienen ſoll, aufzuſuchen und einzuſehen; mithin iſt alſo das Leſen vergeblich: und weil natuͤrlich das boͤſe am erſten und leichteſten im Gemuͤthe bleibt, zugleich ver - derblich.
  • 7) Weil es falſch iſt, was man vorgibt, daß in den Ro - manen beſonders die heimlichen Anſchlaͤge der Menſchen und ihre Leidenſchaften aufs lebhafteſte vor Augen ge - ſtellet wuͤrden; und daß alſo ſelbige zur Erkenntniß der groſſen Welt ein groſſes beytragen koͤnten. Denn es ſind wenige Romanenſchreiber ſo gluͤcklich, daß ſie die menſchlichen Gemuͤthsneigungen in ihrer wahrhaften Beſchaffenheit und Vermiſchungen ſolten beſchreiben koͤnnen. Die Leidenſchaften und Anſchlaͤge die ſie vor - ſtellen, ſind meiſtens aus ihrem eigenen Gehirne, ſo oͤf - ters mit ſchlechter Erfahrung angefuͤllt iſt, entſproſſen; ſie bleiben meiſt bey einerley Object, nemlich bey Liebes - haͤndeln und Abentheuern (womit ſich doch die wenig - ſten Leute in ihrem Leben zu thun machen koͤnnen, und womit ſich kein geſcheuter Menſch zu verwirren begeh - ret,) ſtehen, und beruͤhren von Begebenheiten, die im gantzen Leben tagtaͤglich vorkommen muͤſſen, gar nichts; ſo wird auch der Ausſchlag von ihnen ſelten nach der Na - tur der Sache und Beſchaffenheit der Anſchlaͤge erdich - tet, alſo daß wenig gruͤndliches und natuͤrliches daraus zu nehmen iſt. Jungen und Neugierigen Gemuͤthern, die mit ſteter Verwunderung wollen unterhalten ſeyn, ſtehen zwar die ſeltſamen Veraͤnderungen und ploͤtzlich durch einander gehenden Abwechſelungen der Dinge, ſo in den Romanen befindlich, eine Zeitlang ſehr wohl an: allein was bewundern ſie darinnen? Einen nichtigenSchat -579Quellen der Unreinigkeit. Schatten, einen erdichteten Traum, der oͤfters nicht einmal eine Wahrſcheinlichkeit hat. Und iſts nicht gleichwol vor GOtt und der Vernunft hoͤchſtunverant - wortlich, daß ein Menſch der Verſtand hat, nach dem Dunſt und Schatten erdichteter Gedancken greift, um Klugheit daraus zu lernen: da er doch in der Hiſtorie ſo viel realer Zeugniſſe ſo wol von goͤttlicher Regierung, Macht, Weisheit, Guͤte und Gerechtigkeit, als von menſchlicher Thorheit und derſelben jaͤmmerlichen Be - ſtraffung ſchritt vor Schritt antreffen kann?
  • 8) Weil ſie eine ſtete und gewaltige Reitzung ſind zu ver - liebten Phantaſien, und zu einem melancholiſchen Muͤſ - ſiggang; mithin zu einer gantz eigenen Seelenpla - ge, welche beſonders in Gemuͤthern, die etwas empfind - lich ſind, und ſich eine Sache zu lebhaft vorſtellen, er - ſtaunliche Wuͤrckungen nach ſich ziehen kann. Jch kenne ei - nen Menſchen, der in ſeinem 18ten Jahre in einem Ro - man, der unter die beſten gezehlet wird, etliche Stun - den lang geleſen, und durch darin vorgeſtellte Chimaͤren und Leidenſchaften dergeſtalt eingenommen worden, daß er als halb verruͤckt alle Arbeit muſte liegen laſſen, ja ſo gar weder eſſen noch ſchlaffen konte; ſondern ſich bey ſteter Vorſtellung dieſer thoͤrichten Schatten in die kraͤf - tigſte Begierde geſetzt fand, ſolche abentheuerliche Be - gebenheiten doch ſelbſten zu erfahren. Heißt das nicht ein armes Gemuͤthe recht zum beſten haben, wenn mans mit ſolchen ſuͤſſen Traͤumen in ſolche Finſterniſſe und Quaal der Seelen hineinbringet? Aber die Paßion der Liebe regieret den gantzen Roman gerade durch; darauf beziehen ſich alle Geſpraͤche und alle Vorſtellungen: und wenn dis Hauptmeiſterſtuͤck in der Roman zu ſparſam angebracht wuͤrde: ſo wuͤrde es fuͤr einen groſſen Fehler geachtet. Dis, dis ſind juſt die allergefaͤhrlichſten Le - ctiones fuͤr die Jugend, die zu allen Thorheiten und Bosheiten Thuͤr und Thor oͤfnen. Was iſts doch noͤ - thig, Paßionen, die ohnehin nur allzuviel Gewalt in jungen Gemuͤthern haben, und welche ſie, wo ſie ſich nicht um ihre Wohlfahrt bringen wollen, mit Macht be - ſtreiten muͤſſen, erſt durch Buͤcher zu naͤhren und in einen ſtaͤrckeren Trieb zu bringen?
  • 9) Weil kein kraͤftiger Mittel iſt, das gantze Gemuͤth des Menſchen zu verderben, und es ſo gar zu dem geſellſchaftlichen und gemeinſchaftlichen Leben, und den Bedienungen, deren man in der Republic noͤthig hat, unbrauchbar zu machen, als die Romans. Sie koͤnnen den Verſtand mit ſo viel Einbildungen unmoͤglicher und abentheuerlicher Dinge, mit ſo viel kindiſchen Vorſtel -O o 2lun -580Anhang zum dritten Theil,lungen, und mit einer rechten Laſt von ſeltſamen Chi - maͤren entzuͤckender Traͤume erfuͤllen, den Willen aber mit ſo vielen unnoͤthigen, verworrenen und verzweifelt ſtarcken Paßionen anſtecken, ja gleichſam in Feuer und Flammen ſetzen, als man nicht geglaubet haͤtte. Ein ſolcher verliebter Romanenleſer verlieret bey ſeiner ver - meintlich ſuͤſſen Empfindung allen Geſchmack an ernſt - lichen, vernuͤnftigen, noͤthigen und heilſamen Dingen, womit man in einem rechtſchaffenen Wandel vor GOtt und vor der Welt zu thun bekommt, und ſetzt ſein gantz Gemuͤthe in eine recht ſyſtematiſche Phantaſterey von lauter Abentheuern, davon ſein gantzes Dencken, ur - theilen, ſchlieſſen, Begehren, Dichten und Trachten, ja alle nur moͤgliche Beſchaͤftigungen des Verſtandes und des Willens entweder ſtarck tingiret, oder gar gefangen genommen ſind. Er wuͤnſchet und erwartet allenthal - ben lauter abentheuerliche Begebenheiten; alles wird ihm in ſeiner Lebensart zu niedertraͤchtig und muͤhſam; er iſt nicht gewohnt noch im Stande, die in ſeinen Le - bensumſtaͤnden vorkommende Begebenheiten vorauszu - fehen, anzunehmen, zu beurtheilen, und ſich drein zu ſchicken, weil er in den praͤchtigen Abentheuren ſeines Romans keine ſolche oder aͤhnliche angetroffen, und hat ſich gleichwol in jene verliebt, vergaft und verbildet: dagegen ihm dieſe zu ſchlecht und unanſehnlich vorkom - men muͤſſen. Er gehet mit lauter Abentheuern ſchwan - ger; und wuͤnſchte ſich nur in einer andern Welt zu ſeyn, die voll von ſolchen Avanturen waͤre.
  • 10) Weil ſich ein junger Menſch durch die ſchwuͤlſtige und affectirte Schreibart, die in theils Romanen be - findlich, einen ſolchen Ausdruck ſeiner Gedancken im Reden und Schreiben angewoͤhnet, der ihn bey jeder - man laͤcherlich und veraͤchtlich macht. Wodurch er al - ſo auch zum Dienſte GOttes und ſeines Naͤchſten auf mancherley Weiſe untuͤchtig wird, und ſein ſo uͤbel an - gewandtes Talent ſehr ſchwer vor GOtt wird verant - worten muͤſſen. Jch will jetzt nicht mehr gedencken, wie eine ſchwere Rechnung er deßhalb vor dem Richter al - ler Welt wird thun muͤſſen, daß er ſich in ſeine arme Seele ſoviel unnoͤthiger Paßionen zugezogen, ſeine Phan - taſie zu einem Sammelplatz der verworrenſten und ſelt - ſamſten Bilder, ſeinen Willen aber zu einem Sammel - platz der heftigſten und meiſtens | wiedereinander ſtrei - tenden Affecten gemacht, mithin die Wohnung GOttes, die in ſeiner Seele ſeyn ſolte verderbet, und unzehlige andere Aergerniſſe und Plagen ſich und andern dadurch erworben.
11) Weil581Quellen der Unreinigkeit.
  • 11) Weil ſie auch ein gutes und nicht ungeordnetes Ge - muͤth von aller Luſt zu gruͤndlichen und rechtſchaffenen Studiis herunterbringen koͤnnen. Denn ob ſie gleich nicht einmal der erſten Stunde werth ſind, die man anfaͤngt drauf zu wenden: ſo wird doch, (wie Herr Freyer aus ſo vieler Erfahrung junger Leute ſchreibet) ein unvorſichtiges und unerfahrnes Gemuͤth vielmals dadurch alſo bezaubert, daß es Tage und Naͤchte drauf ſpendiret, und ſelten eher aufhoͤren kann, als bis das letzte Blat umgeſchlagen. Jſt doch das ſchon ſehr un - recht, | und den gruͤndlichen Studiis ſehr hinderlich: wenn junge Leute vor der Zeit zu ſehr auf das wahre ſtudium hiſtoricum fallen, und ſonderlich die Leſung guter und angenehmer Geſchichtbuͤcher und Particular - begebenheiten ihrem gegenwaͤrtigen Hauptgeſchaͤfte vor - ziehen wollen. Denn daraus entſtehet lauter Unord - nung: die Tagesarbeit wird nicht richtig eingetheilet, das, was zu verfertigen iſt, bis auf die letzte Stunde verſparet, und daher nur obenhin gemacht, das Hiſto - rienbuch wol gar mit in die Claſſe genommen, und daruͤber ein Verweis nach dem andern veranlaſſet, die Lection bey Abweſenheit des Gemuͤths nicht recht ge - faßt, die ſonſt moͤglich geweſene Translocation verhin - dert, und zuletzt doch nichts mehr, als ein Kopfvoll uͤbel zuſammenhangender Hiſtoͤrchen davon gebracht. Ja welches gewiß eine der wichtigſten und gewiſſeſten Fol - gen iſt: ſo wird das gantze Gemuͤth von ernſten und ei - niges Anſtrengen erfordernden Studiis abgezogen und verwoͤhnet, daß es an nichts mehr, als an Reiſebeſchrei - bungen, Erzehlungen, ſinnlichen Vorſtellungen und leicht geſchriebenen Schriften ſein Belieben findet, bis es endlich in die Romans ſelbſt hinein verfuͤhret wird. Wie viel unbilliger und bedaurenswuͤrdiger wird nicht erſt der Zeitverluſt und Schaden ſeyn, den man von dem Romanenleſen ſelber hat!
  • 12). Weil darinnen auſſer dem oben erzehlten annoch die kraͤftigſten Reitzungen zu allerley ſchweren Suͤnden, z. E. zu einer ſehr honnet ausſehenden Unkeuſchheit und Un - reinigkeit, zu ſpitzfindigen Jntriguen, zu einem recht er - habenen Hochmuth, Selbſtliebe, Eigengefaͤlligkeit, Rach - gier, ſtoltzen Ungehorſam ꝛc. und zwar unter lauter ſuͤſ - ſen Vorſtellungen und unvermerckt in die Seele hinein gebracht werden: ſo daß es nicht wol moͤglich iſt ſie ohne mannigfaltige Befleckungen des Gemuͤths und Leibes zu leſen; da ja das gantze Hertz dergleichen Flammen luͤ - ſterner Vorſtellungen gleichſam zur Reſidentz und Werck - ſtette eingeraͤumet wird.
O o 313) Weil582Anhang zum dritten Theil.
  • 13) Weil ſie das Gemuͤth gegen alles was GOtt wohlge - faͤllt, und zum wahren Heil gehoͤret, mit groͤſter Gewalt einnehmen, bezaubern und gleichſam verpalliſadiren: ſo daß auch die buͤndigſten und beweglichſten Vorſtellungen aus GOttes Worte theils nicht angehoͤret, theils nicht verſtanden werden, und an der Seele nicht haften koͤn - nen, um gleichwol zu einer gewiſſen Frucht zu kommen. Welches das eigene Geſtaͤndniß von viel hundert ſolcher ungluͤckſeligen Perſonen allbereit beſtaͤttiget hat, die die - ſer Gefahr durch GOttes maͤchtige Erbarmung ſind ent - riſſen worden. Aber dis muß doch einem Chriſtlichen Hertzen nothwendig hoͤchſtabſcheulich und empfindlich ſeyn: weil es ja das ewige Heil des Menſchen, mithin diejenige Sache betrift, warum er nach goͤttlicher Ab - ſicht vornemlich in der Welt iſt, und woran er ſich ſo wenig in der Jugend als im gantzen uͤbrigen Lebeu ſoll hindern laſſen.
  • 14) Weil es unter den erſten Chriſten nimmermehr waͤre geduldet, ja den aͤrgſten Uebelthaten gleich geachtet wor - den, wenn ſich jemand ſeinem heiligen Taufbund zuwie - der durch aͤrgerliche Schriften ſelbſt verderbet, oder El - tern und Lehrer es ihren anvertrauten und andern auch nur zugelaſſen, oder nicht genugſam dagegen gewachet und geſorget haͤtten; davon aus Arnolds Abbildung der erſten Chriſten vieles anzufuͤhren waͤre. Die Chriſten zu Epheſo verbrannten die Schriften, womit ſie vor - witzige Kunſt getrieben hatten: und verlaͤugneten dabey uͤber 6000, oder wie andere rechnen uͤber 25000. Rthlr. auf einmal.
  • 15) Wer endlich auf den elenden Urſprung und die gan - tze Hiſtorie der Romaniſchen Schriften zuruͤcke ſiehet: bey dem werden ſie gewiß wenigen Eſtim und Credit behalten. Sie ſind zuerſt bey den Griechen aufgekom - men, einer Nation, die ſo wol zum Luͤgen als Muͤßig - gang recht aufgelegt geweſen; uud welche, nachdem die wahre Gelehrſamkeit und Tapferkeit unter ihnen auf - gehoͤret, ſich mit Fleiß darauf geleget hat, allerhand Abentheuer zu ihrer und ihrer Landesleute Beluſtigung zu erfinden. Es kann ſeyn, daß die Frantzoſen in ih - ren Creutzzuͤgen in die Orientaliſchen Laͤnder ſolche Ge - wohnheit mit in ihr Vaterland gebracht, oder daß zum wenigſten von derſelben Zeit an ſie mehr und mehr un - ter ihnen in Schwang gekommen: inmaſſen von da an unter groſſen Herren gebraͤuchlich worden, Poeten und Romanſchreiber, die man damals Trouveurs, i. e. Er - finder zu nennen pflegte, um ſich zu haben. Weil ſol - che Fabelbuͤcher von wegen ihres ſo geringen Nutzensnicht583Quellen der Unreinigkeit. nicht eben ſonderlich geachtet werden durften: ſo bemuͤ - heten ſich derſelben Verfaſſer, ſie durch einen neuen und ihrer Meinung nach angenehmen Stilum beliebter zu machen: ſchrieben demnach nicht in der alten Galliſchen oder Spaniſchen Sprache, die der gemeine Mann rede - te, ſondern nahmen nach der damaligen Gewohnheit viele Worte und Redensarten aus der Roͤmiſchen und Lateiniſchen Sprache her; daher man anfieng eine jede ſolche Schrift einen Roman zu nennen: wie denn die Spanier noch bis auf den heutigen Tag ihre ſchoͤnſten Poeſien mit dem Namen Romance zu belegen pflegen. Ein ſchoͤnes Erbtheil von den durch Luͤſte im Jrrthum verderbten Heiden auf das Chriſtenvolck des heiligen und lebendigen GOttes!
  • 16) Weil ſie ihren Liebhabern einmal in der letzten To - desnoth zur ſchrecklichen Marter und Angſt wer - den koͤnnen: und am erſten denjenigen, die ſo oft und ſo hertzlich dafuͤr ſind gewarnet worden. Denn hier heißts recht im hohen Verſtand: Jhre Wercke folgen ihnen nach. Was der Menſch ſaͤet, das wird er erndten: was er mit ſo groſſem Fleiß und Belieben in ſeine Seele hinein geſamlet hat, das wird nun endlich anfangen, ſeine letzten und bitterſten Fruͤchte zu bringen, O wer Ohren hat zu hoͤren, der hoͤre!

VI. Der Mangel der Kirchenzucht, welcheVI. Man - gel der Kir - chenzucht. Paulus ſo ernſthaft treibet, ſonderbar wieder die Unreinen, 1 Cor. 5. iſt auch eine Haupturſach und Befoͤrderung der Unreinigkeit. Jn der erſten Kirche waͤre ein Biſchof abgeſetzt worden, und die gantze Gemeine haͤtte es fuͤr eine unerhoͤrte Got - tesdieberey angeſehen, wenn er leichtfertigen Leu - ten das heilige Abendmahl gereicht haͤtte. Allein in unſrer heutigen Chriſtenheit ſiehets leider gantz anders aus.

Wenn gleich ein Pfarrer an jungen Leuten keine Chriſtliche Ader noch Begierde Chriſto zu leben ver - ſpuͤret; wenn gleich die Luſtſeuche nicht im gering - ſten angegriffen und gecreutziget wird; wenn gleich im Gegentheil JEſus in den Seelen gecreutziget und ſeine Lehre oͤffentlich zum Geſpoͤtt gemacht wird; wenn gleich junge Leute vom HurengeiſtO o 4gantz584Anhang zum dritten Theil,gantz eingenommen, und ſie vom Satan mit der Suͤnde und allen Luͤſten der Jugend gleichſam ge - tauft ſind, wenn ſie dieſelbige gleich nicht fliehen, ſondern ihr vielmehr nachlauffen: ſo muß ſie deſſen alles ungeachtet ein Prediger dennoch vor Juͤnger Chriſti erklaͤren, und als ſolchen zum heiligen Abendmahl zu gehen erlauben. Nicht anders, als ob das heilige Abendmahl eine Handſchrifft vor den Teufel waͤre, unter ſeine ſchwartze Fahne zu ſchweren, und nach des fleiſchlich geſinnten Hertzens - trieb in den Tag hinein zu leben. Nun ſoll das heilige Abendmahl alle freche und ſichere Suͤnder wieder alle Drohungen des gerechten GOttes ſchir - men! durch eine ſolche Freygeiſterey und zuchtloſes Kirchenweſen ſchwingt ſich alles boͤſe ſamt der Un - keuſchheit auf den Thron: und die Leute erkennen ihr Lebtag nicht die Nothwendigkeit der Hertzens - reinigung von allen groben und ſubtilen, offenba - ren und geheimen Luͤſten; ſie leben, ſterben, und verderben in ihren Suͤnden! Ja ſie trotzen noch wol dazu den treulich warnenden Prediger, weil ſie wiſſen, daß die Sache nicht mehr auf dem Fuß ſtehet, wie in der erſten Kirche: ſondern im Wie - derſpiel, daß derſelbige Pfarrer in Gefahr waͤre verſtoſſen zu werden, der ſich allen Hunden und Schweinen das heilige Abendmal zu geben wei - gerte. O wer Ohren hat zu hoͤren der hoͤre, was der Geiſt den Gemeinen ſaget Offenb. 2. und 3. Cap.

Das585C. 2. Man muͤſſe ſich zu erſt bekehren.

Das andere Capitel.

Von dem Felſenfeſten Grund der Befreyung, daß wer von der Unrei - nigkeit geſichert loß werden will, nothwendig von der gantzen Wiederkehr zu GOtt und der Wiederausſoͤhnung mit ihm anfangen muͤſſe.

DU muſt dein Chriſtenthum mit recht - ſchaffenem Ernſt anfangen. Dis iſt von einer ſolchen ausgemachten und unum - gangbaren Nothwendigkeit, daß alle an - dere Mittel wenig helfen werden, wo dis nicht zum Grunde liegt. Wo kein gut Fundament ge - leget wird, da ſinckt der Bau allezeit wieder ein, und muß wieder von vorne angefangen werden. Daß dieſes ſchlechterdings noͤthig ſey, wirſt du gleich ſehen, wann ich dir anzeige, was die Keuſch - heit fuͤr ein koͤniglich Haus und hochedles himmli - ſches Gewaͤchs ſey. Die Keuſchheit iſt eine we - ſentliche (reelle, wirckliche, rechtſchaffene, ge - genwaͤrtige) von GOtt geſchaffene und der Chriſtlichen Seele eingepflantzte Tugend aus Chriſto JEſu vom Glauben, und der Liebe des heiligen Geiſtes erzeuget, dadurch die glaͤu - bige Seele ihr Hertz, Mund und Hand, ja den gantzen Leib von aller verbotenen Luſt unbe - fleckt zu behalten befliſſen iſt, auf daß ſie ihrem JEſu als eine keuſche Braut gefallen, und in aufrichtiger und williger Heiligkeit dienen moͤge.

Es fehlet in dieſen magern Zeiten gar vielen Frommen an der Aufrichtigkeit ihrer Buſſe: derO o 5Glau -586Anhang zum dritten Theil,Glaube, und die Liebe iſt nur halb und falſch; ſie haſſen ihre Buſenſuͤnde nicht von Hertzen und gruͤndlich; ſie treten in keinen Bund mit GOtt, daß ſie fein allem auf ewig abzuſterben gedaͤchten, und ob GOttes Liebestreue, und ob dem Worte der Wahrheit unzerbruͤchlich hielten; ſie nehmen nicht frey eine hertzhafte Abrede mit Chriſto, wie ſie es hinfuͤhro in allem mit einander halten wol - len ꝛc. Weil nun beyderſeits nichts gewiſſes ge - ſchloſſen iſt: ſo iſt auf Seiten des Menſchen der ſchelmiſchen Ruͤckfaͤlle kein Ende; der Menſch ſucht allezeit nur das ſeine, und nicht das was Chriſti JEſu iſt; wann er nur ein bißgen Troſt, Friede, Freude oder Hoffnung der Seligkeit hat, ſo iſt er zufrieden, und bekuͤmmert ſich nicht ſo ſehr, wo die reine Fruͤhlingsbluͤthe, der kornreiche Sommer, und der fruchtbare Herbſt im Erbtheil des HErrn, in ſeinem Hertzen zuruͤck bleibe.

Ach das Suͤndenband iſt nicht zerriſſen, das Schiff iſt noch nicht vom Lande, die Sache iſt nie reiff uͤberſchlagen, der Handſchlag iſt noch nicht gegeben, die Schlangenbrut iſt nicht ausgeworfen, Egyptens Wolluſtſtrom iſt noch nicht in Blut verwandelt, der Haß gegen die Suͤnde, Teufel, Fleiſch und Welt iſt noch nicht zum Ausbruch kommen, der Schluͤſſel zur Veſtung iſt noch nicht fuͤr ein und allemal in die Hand des Koͤniges der Ehren uͤbergeben, es ſind ihm noch nicht alle Plaͤ - tze eingeraͤumet, noch aller Anhang des Drachen abgedancket und hinausgemuſtert. Es bleibet noch immer eine heimliche verraͤtheriſche Verſtaͤnd - niß mit dem Erbfeind uͤbrig; die greulichen Ba - belsgruͤnde der verborgenen Neigungen zu denen - jenigen Suͤnden, darinnen man ſonſt gelebet hat, werden nicht aufgegraben, und unter mancherleyKampf -587C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. Kampfuͤbungen und Schmertzen der Buſſe nicht weggeſchaffet, damit der Grundſtein und Felſen des Heils in das gebrochene, leere und zermalme - te Hertz tieff von GOtt hinein geſencket werden koͤnte: mithin hat die neue Creatur, der neue Tempel Jeruſalems weder Anfang noch Funda - ment im inneren Menſchen. Wie will und mag denn dieſer immermehr eine Wohnſtaͤtte GOttes, und eine Behauſung dieſer beſtaͤndig daſelbſt re - gierenden Koͤnigin, der heiligen Keuſchheit ſeyn? Ach bey den meiſten Frommen findet ſich das neue Weſen des Geiſtes nicht; ſie ſind nach ſo vielen, vielen Jahren ihrer erſten Erweckung doch noch kein wohlgegruͤndetes Haus Chriſti. Hebr. 3. Da - her ſo bald die Unkeuſchheit einen Stoß daran gibt, ſo faͤllt alles uͤbern Hauffen, und ſind gar zwey ſolche faule Sandgebaͤude beyſammen, ſo ſchlaͤgt im fallen eines das andere darnieder ins Verderben, es ſeye in Zorn, Zanck, Neid, Geitz, Hochmuth, Falſchheit, Complimenten oder in die Unkeuſchheit.

Wie iſt ihm dann nun zu thun? Antwort〈…〉〈…〉 Lucaͤ 13, 24. Ringet kaͤmpfende. Denn es iſt nicht nur um Leib und Leben, ſondern um Himmel und Hoͤlle zu thun. Ewiges Leben, wo ihr uͤberwindet, der ewige Tod, wann ihr uͤberwunden werdet; darum ſtrecket alle Kraͤffte daran, ſparet nichts, wendet alles an, bis der Sieg gelinget, und ihr euch durch die enge Pforte hin - durch gearbeitet habet. Man ſoll im geiſtlichen Lauff keinen Winckel, keinen Abweg, keine Aus - flucht, noch Aufhaltungen haben, ſondern gerade zulauffen. Ein welſcher Edelmann, ſo in goͤttlicher Erleuchtung ſtunde, ſagte: II faut des efforts epou - vantables pout faire ſauter le mal.

Wann588Anhang zum dritten Theil,

Wann Macht mit Macht zuſammen ſpannt,

Muß Macht mit Macht ſeyn abgewandt. Wo will aber die Macht herkommen, ſo man noch nicht einmal das Leben aus GOtt erlanget hat? Kann denn ein todter Menſch ſtarck ſeyn? Frey - lich wehret ſich Belial bis aufs aͤuſſerſte: er iſt kein ſo feiger Tropf, wie wir arme Menſchen; und mit dieſem muͤſſen ſich Davids Helden in ein blutiges Gefechte einlaſſen, zumalen er immer da - mit umgehet, daß er uns den Paß ins Paradis der lauteren, heiligen und reinen Liebe GOttes und des Naͤchſten abſchneide.

Es iſt kein ſeliger Mittel, die gruͤndliche wah - re Keuſchheit des Hertzens zu erlangen, als der neue und lebendige Weg der inneren Einkehr der Sinnen und Gedancken ins Hertz zu GOtt als in das Heiligthum; und dazu hat uns JEſus Frey - heit und Krafft erworben durch ſein Blut. Hebr. 10. Die Erfahrung lehret uns, daß woran man am meiſten denckt, eben daſſelbe wirckt in der See - len, es ſey GOtt oder die Creatur. Woran wird man aber wol mehr dencken, und womit wird man mehr umgehen, als damit, an deſſen Natur man Theil hat, und womit man gantz inniglich verei - nigt und verbunden iſt? Darein verbildet ſich gleichſam die gantze Seele. Alſo iſts hie auch. Fuͤrwahr der Sinn Chriſti muß tieff im Hertzen wurtzeln. Ein uͤbelgepflantzter Baum wird ent - weder leicht ausgeriſſen oder er verdorret. So iſts auch mit allen Kuͤnſten und Wiſſenſchafften: fehlts an einem rechten Grund, ſo bleibet man ein elender Pfuſcher. Jſrael mag bisweilen lang in Egypten als unter dem Joch der Unkeuſchheit ſeuftzen: er iſt deßwegen noch nicht in Canaan, im Stand und Land der heiligen Keuſchheit; bis er erſt durchs rothe Meer, durch die heulende Einoͤde unddurch689C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. durch den Jordan hindurch gewatet. Niemand gehoͤret zum heiligen Volck und zum koͤniglichen Prieſterthum, er ſey dann verſetzt aus der Fin - ſterniß ins wunderbare Licht des HErrn, 1 Petr. 2, 9. Wie die Geburt iſt, ſo iſt auch das Leben; wie der Stand, ſo die Handlungen und Verrich - tungen; und nachdem das Gebluͤt und Stamm, es ſey nun Koͤniglich oder Goͤttlich, nach dem ſind auch die Neigungen. Wer hierauf nicht acht hat, wird von ſeiner Unart niemals frey.

Ein erſtaunlich Exempel haben wir an Noa, der durch ſein ſtetes anhangen an GOtt und durch unablaͤßigen Wandel mit GOtt ſeine Jungfrau - ſchafft 500. Jahr lang heiliglich bewahret hat; zu einer Zeit, da alles in fleiſchlichen Wolluͤſten er - ſoffen war, und man faſt von nichts hoͤrete als von Heirathen und Hochzeiten: und es ſcheint, er ſey auf goͤttlichen Befehl in Eheſtand getreten, erſt nachdem er ſchon 20. Jahr lang vom Ende der Welt gepredigt hatte; da ihm zugleich mit ge - offenbaret worden, daß er der Vater einer neuen Welt ſeyn ſolle. O wol eine guͤldene Zeit, da ſo viele majeſtaͤtiſche Patriarchen voll Weißheit und heiligen Geiſtes mit einander lebten, von Adam biß auf Lamech. Dieſer letzte, als der 9te Pa - triarch, hat noch 56. Jahr mit Adam gelebt; und wo dieſer heiligen GOttes Maͤnner ihr Lebens - lauff aufgeſchrieben waͤre, ſo waͤren wir gegen ih - nen zu rechnen als wie geringe Nachtlichtlein ge - gen die hellfunckelnden Sterne und Fackeln. Ach unſer Ding iſt ſo gar nichts gegen jener ihre hoch - erhabene Tugend und Erfahrenheit! Solte ſich noch jetzt der Menſchen Alter ſo weit erſtrecken, ſo koͤnte mancher ſagen: mein Vater hat JEſum geſehen am Creutz ſterben, hat troͤſtliche Wortevon590Anhang zum dritten Theil,von ihm gehoͤret, und viele groſſe Wunder mit angeſehen. Wir werden ſie aber in der Ewigkeit alle ſehen, alle kennen und freundliche Geſpraͤche mit ihnen halten. Die Urſach, warum die hei - ligen Ertzvaͤter ſo ſpaͤt zur Ehe geſchritten, mag wol ſeyn, daß ſie zuerſt nach dem Reich GOttes und nach ſeiner Gerechtigkeit getrachtet, und vor allen Dingen einen tieffen Grund zum ewigen Le - ben gelegt haben.

Mercke hiemit, daß 1) wer im Stand der Suͤnden iſt, der kennet und beſtreitet die Suͤnde nicht, als nur ihre groben Ausbruͤche, und nur aus weltlichen Abſichten; 2) wer unterm Geſetz iſt, der kennet zwar die Suͤnde und wehret ſich gegen dieſelbe: er liegt aber faſt allemal unten. 3) Unter der Gnade wird man vom heiligen Geiſt getrieben, man thut das gute mit Freuden und ſieget uͤber das Boͤſe; 4) im Stand der Herrlich - keit iſt ein ewiger Triumph im Guten, ohne eini - gen Streit. Nun darnach mache deine Rechnung.

Damit du nun bewogen werdeſt ein dauer - haftes Fundament deines Chriſtenthums zu le - gen; und zu dem neuen Bund und Band mit GOtt zu eilen: ſo uͤberlege doch noch heute die tieffe Kluft zwiſchen Chriſti und des Satans Reich. Dieſer iſt ein ungeheuer Geſpenſt, ein graͤßlicher Meiſter, der mit ſeinen Unterſaſſen moͤrderlich umgehet, wie zu ſehen Marc. 9, 16-25. Er macht dich bald durch boͤſe Worte deine eigene Schande ausſchaͤumen; bald ſchmeiſſet er nicht nur den Leib, ſondern was noch viel klaͤglicher iſt auch die Seele in allerley Wuſt und Ungluͤck der Suͤnde; er wirft dich bald in Luſt, bald in Zorn, ſchleppet dich aus Suͤnd in Suͤnd, machet dich zu heimlichen Geſpraͤchen mit GOtt ſtumm undtaub591C. 2. Man muͤſſe ſich zu erſt bekehren. taub ꝛc. Ja kein Nero iſt ſo tyranniſch; nach - dem er das Hertzenshaus, deine Leibes und See - lenkraͤfte mit dem Koth der Hoͤllen durch und durch beflecket: ſo drehet er dir den Hals um, das iſt dein Danck. Jn des Teufels Finſterniß ſind gar keine geiſtliche Segen, keine Ruhe, keine Heili - gung; da ſchlaͤgt er ſeine Mandate immer an, und fordert alle Stunden friſchen Tribut. Ein Hertz, das ſeine Behauſung iſt, gleichet einem zerſtoͤrten Schloß, da Fledermaͤuſe, Nachteulen, Schlan - gen ꝛc. ziſchen und heulen, da Kroͤten ihre Eyer legen. Es gleichet einer Vorhoͤlle, wo Beelzebub ſeinen Stuhl hat, und wo ein ewiger Rauch boͤ - ſer Luͤſte und fleiſchlicher Fantaſeyen aufſteiget; da das Hoͤllenfeuer der Weltliebe im boͤſen Ge - wiſſen brennet, Jac. 3, 6. Der Teufel laͤßt die Seele oͤde vom Vorrath goͤttlicher Guͤter, und kann ſeine liebſten Diener vom kuͤnftigen Zorn des Lammes nicht beſchirmen.

Sagſt du: ach wann mich nur JEſus in ſein Gnadenreich wolt hineinlaſſen. Antwort. O ja freylich! Er will deine Seele ja gantz und gar bey ſich haben, und begehret kurtz um, daß du dem Teufel entſageſt, und dich ihm auf Diſcretion er - gebeſt; und eben drum ſchlaͤgt er dieſe lieblichſten und billigſten Bedingungen vor. Pſalm. 45, 7. 8. Sein Geſetz iſt, die weſentliche Guͤte, Schoͤnheit und Weißheit lieben; dabey verheiſſet er himmli - ſche Vorrechte an allem, was aus Zion genoſſen werden mag, dazu Schutz wieder alle Feinde. Die Mauren ſeiner Reſidentz heiſſen Heil, und ihre Thore Lob, in ſeinem Lande hoͤret man keinen Frevel und keinen Schaden oder Verderben in ſeinem Koͤnigreich. Jeſ. 60, 18. Wer bey die - ſem Koͤnige oͤfters zur Audientz gehet, der berei -chert592Anhang zum dritten Theil,chert ſich mit wahren Schaͤtzen, die uͤbrig bleiben, wann alles vergehet. Unter Chriſti Regiment iſt alles Gute gar wohlfeil, da iſt Brot des Lebens und himmliſcher Freudenwein Jeſ. 55, 1-3. Da wehet eine ſehr anmuthige geſunde Luft der Liebe des heiligen Geiſtes; da bluͤhet der allerſeligſte Friede; die Haͤuſer der koͤniglichen Stadt ſind lau - ter Tempel und Pallaͤſte, kuͤnſtlich erbauet und zierlich geſchmuͤckt; ja die hochheilige Dreyeinig - keit verbindet ſich, dich zu einem ewigſeligen Koͤ - nige und Freyherren zu machen. Da offenbaret JEſus ſeine Majeſtaͤt, alles ſchimmert vom Gol - de ſeines Bildes und Natur, ſeiner Gerechtigkeit und Heiligkeit; alles wartet in dir dem HErrn JEſu auf als ſeine Hoffdiener; das Hertz iſt ſein innerſtes Cabinet, allwo die ewige Weißheit ihre Kleinodien austheilet. Wo iſt wol ein froͤmme - rer Haußvater? wo ein ſo glorioͤſer Koͤnig? JE - ſus iſt der Erbe aller Dinge. Hebr. 1. Alles iſt ſein, Vermoͤge der Schoͤpfung und Erloͤſung.

JEſus allein befreyet von des Teufels Joch, das ſo unflaͤtig und unertraͤglich iſt. Wie froh iſt eine bedraͤngte Stadt, wenn der Erloͤſer kommt! Sie oͤffnet die Thore; ſie ziehet mit ſchallendem toͤnenden und klingenden Seitenſpiel entgegen; ſie eilet mit groſſem Freudengeſchrey herzu. JEſus kommt, dich o kaͤmpfendes Jſrael von der Un - keuſchheit und andern ſchlimmen Widerſachern zu erretten, und in den allererwuͤnſchteſten Wohlſtand zu ſetzen: Ey wie ſolteſt du nicht guter Dinge ſeyn, ſingen, ſpringen, jauchzen, dancken, loben und jubiliren, ſagende: Jhr Thore, erhebet eure Haͤupter! hebet euch empor ihr Thuͤren der Ewigkeit, daß der Koͤnig der Herrlichkeit ein - ziehe. Pſalm 24, 7-10. Daß er bey mir mitſei -593C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. ſeinem gantzen Gnadengeleit, und mit blinckenden Waffen und fliegenden Fahnen ſeiner Liebe ein - kehren moͤgen. Hohel. 2, 4.

Alſo muſt du JEſum aufnehmen: anderſt wirſt du weder Keuſchheit noch irgend eine andere Tugend erlangen und bewahren koͤnnen, als nur durch ſeine Zukunfft ins Hertz. Warte nur nicht laͤnger, ſonſt moͤchte er mit ſeinen Straffgerichten kommen, an einem Tag und zu einer Stund, da du es nicht vermeinet haͤtteſt: Er wuͤrde den Fein - den erlauben dich mit ewiger Angſt zu belagern, zu ſchleiffen, und deine harte verſtockte Seele zu zerſtoͤren; Er muͤſte dich dem Hoͤllenheer zu pluͤn - dern uͤberlaſſen. O wie bald wie bald werden die Blitze ſeines Grimmes in der unbaͤndigen und la - ſtergeilen Chriſtenheit alles in Feuer und Blut ſetzen! Apoc. 19, 3. Ezech. 5, 11.

Sprichſt du: Ach ich erkenne wol, was zu mei - nem Frieden dienet: wie gerne waͤre ich vom Teu - fel loß, und von allen ſeinen Wercken und einge - worffenen Uebereilungen frey! O welch ein golden Jubeljahr und Freudenfeſt waͤre es fuͤr mich, von JEſu beherrſchet zu ſeyn! Aber ach! merckt der Teufel im geringſten, daß ich ſeines Dienſtes uͤber - druͤßig bin, und mich nach der Heiligung in Chri - ſti Reiche ſehne: ſo bezwinget er mich bald wieder, bindet mich mit noch haͤrteren Ketten, ziehet mich vom Gnadenthron ſelbſt hinweg; macht das Joch noch ſchwerer, und ſchlaͤffert mich wieder ein in die alte boͤſe Ruhe des Fleiſches: wie kann ich denn deinem Rath zufolge rechtſchaffen anfahen? So mercke und hoͤre: Sehneſt du dich nach dem rechtſchaffenen Weſen das in Chriſto JEſu iſt: O ſo ſuche es nur nicht bey dir; es iſt niemand auf Erden, ders vermoͤge; ſchreye zu JEſu, demIII. Th. Betr. der Unreinigk. P pHel -594Anhang zum dritten Theil,Helden der helfen kann, der den Teufel am Creu - tze unter ſeine Fuͤſſe geworffen, und da er noch im Fleiſch auf Erden wandelte, ihn aus ſo vielen aus - getrieben, ja ihn ſelbſt gefangen und gebunden, ihm auch alles Recht und Anſpruch benommen, und ihn dergeſtalt veraͤchtlich gemacht, daß er jetzt nur als ein eingeſchlichener Betruͤger, Luͤgner und Moͤrder (Joh. 8, 44.) wieder alles Recht und Billigkeit ſein Mordneſt zu behaupten ſuchet. JE - ſus kann und will dich durch ſein Evangelium und heiligen Geiſt frey machen; alle Feſſel des Sa - tans und des Fleiſches zerreiſſen, und des Hertzens verſchloſſene Eingaͤnge aufbrechen: ſtelle du dich nur als ein uͤber alle maſſen elendes und verwuͤſte - tes Haus deinem JEſu dar, daß er den Diebs - gaſt ausſtoſſe und dir alles teufliſche Gewehr und Suͤndenharniſch ausziehe, damit du nicht mehr wiederſtehen noch dich Chriſti unausſprechlicher Liebe weiter erwehren koͤnneſt, ſondern dich in dei - nes allergetreueſten Ueberwinders Gnade werffen muͤſſeſt. Dencke, und ſetze als ausgemacht vor - aus, das aller dein Eigenduͤnckel, Froͤmmigkeit, Witz und Recht ꝛc. eine hoͤllenſchwartze Decke ſey die dir der Ertzbetrieger aufs Geſicht lege, damit du ja nicht durchaus und voͤllig den Sinn aͤnderſt noch ſeheſt, wie ſo gar leer du von allem gottge - ziemenden Guten, und wie ſo gar voll von allem bekanten und unbekanten Boͤſen du ſeyeſt. 2 Cor. 4. Pſ. 19. Seuftze zu JEſu, daß er den Schluͤſſel zu deinem Hertzen zu ſich nehme, und keinem Fremdem aufthue, ſondern nur ſeiner Wahrheit, und ſeinem ſanften, demuͤthigen, keuſchen Lammes - ſinn, und ſeinem heiligen Geiſte darin Platz und Raum mache Alt. 16, 14.

Weißt du nicht wie es anzufangen, um ausdie -595C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. dieſer Stanckgruben zu kommen: ſo mache es wie Moſes, als er den Tabernackel einſetzen und ein - weihen wolte. Er hat den Boden aufgebrochen, und die Todtenbeine ausgeworffen: alſo muſt du auch den Hertzensgrund aufbrechen mit ungeheu - chelter Selbſtpruͤfung im Lichte GOttes, und alle deine vermeinte gute Wercke als eitel todte Wercke mit Verfluchung u. Verpfuyung weit und auf ewig von dir thun und abſchaffen, alſo daß du dir nimmer - mehr weiter etwas darauf einbilden, oder drauf verlaſſen wolteſt. Moſes muſte den gantzen Ta - bernackel waſchen und reinigen und mit Golde uͤber - ziehen: ſo komme auch du, und laſſe dich gerne waſchen; ſpintiſire ohne Unterlaß darauf, wie du zum Reichthum des heiligen Geiſtes gelangen, und der goͤttlichen Natur theilhafftig werden moͤgeſt. Hoͤre nicht auf zu bitten, daß der GOtt unſers HErrn JEſu Chriſti, der Vater der Herrlichkeit dir gebe den Geiſt der Weißheit und der Offenba - rung zu ſeiner Selbſterkaͤntniß, und erleuchtete Augen des Verſtandes, damit du wiſſen moͤgeſt, welche da ſey die Hofnung deines Beruffs, und welcher da ſey der Reichthum ſeines herrlichen Er - bes an den Heiligen. Eph. 1, 17. 18. O wie wird dir ſolche Wiſſenſchafft alles andere fremd und eckelhafft machen! Bitte nur, daß dir GOtt die Huͤllen und Decken von deinen Augen wegthue, damit du die Wunderdinge aus ſeiner Wegwei - ſung einſchauen koͤnneſt. Pſalm. 119, 18. Da wird dich gewiß keine weiſſe oder linde Haut oder ſtuͤck Fleiſch mehr charmiren und bezaubern koͤn - nen. Pſal. 146, 8. Bitte nur um ein neu Hertz und um einen neuen Geiſt: Ezech. 36, 26. So wird der alte Wuſt ſchon muͤſſen weichen, wann der ſtaͤrckere uͤber den ſtarcken kommt und uͤber -P p 2win -596Anhang zum dritten Theil,windet ihn, und nimt ihm alle ſeine Waffen dar - auf er ſich verließ, und theilet ſeinen Raub aus. Luc. 11, 22. Nichts mag das Feuer der ſuͤndli - chen Begierden, ſo wie ein heimlich Feuer ſtets glimmet und oftmals auflodert, ausloͤſchen, als der Thau goͤttlicher Gnaden. Jſt nur dein Wille erſt auf - gelodert, GOtt geſchencket und ſein eigen worden, und du biſt wahrhaftig ſein Koͤnigreich: ſo laſſe nur den Satan ſeine verlorne Veſtung wieder be - ſtuͤrmen; laſſe ihn immerhin in deinem Fleiſch und Blut poltern und die Vorwercke antaſten; du wirſts zwar fuͤhlen, aber der Feind ſoll ſeine Begierde an dir nicht vollbringen: dann GOtt iſt bey dir drinnen, du ſolt nicht beweget werden, der Bundesgott hilft dir, wann der Morgen an - bricht. Pſalm. 46, 6.

Mit einem Wort: Wer mit GOtt wieder ausgeſoͤhnet wird, der bekommt auch das Leben aus GOtt: Denn wo Verge - bung der Suͤnden iſt, da iſt auch Leben und Seligkeit. Und wenn GOtt einem ſein goͤttlich Leben ſchencket, der hat nothwendig eben damit ſo wol den lebendigen Glauben an JEſum und die daraus flieſſende Hertzensliebe zu GOtt und JEſu als den heiligen Geiſt GOt - tes in ſeine Seele empſangen. Nicht auf Heute und Morgen oder auf einige Tage und Wochen nach einander: ſondern auf beſtaͤndig und ewig: nur daß ers heiliglich und treulich bewahre. Kein Menſch, kein Teufel, keine Zeit und keine Ewig - keit ſoll ihn drum bringen koͤnnen, ſo ers nicht ſel - ber muthwillig verſchleudert und gleichſam weg - wirft, oder durch faulen Muͤßiggang und Untreue nach und nach ſelbſt bey ſich ausſterben laͤßt. GOtt pardonnirt nicht auf heut und morgen ſondern auf ewig: Und eben ſo gibt er ſeinen heiligenGeiſt,597C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. Geiſt, ſeinen Sinn und ſeine goͤttliche Natur, 2 Petr. 1, 3. 4. mithin auch den lebendigen Glau - ben an JEſum nicht auf etwa einige Zeit, daß ers hernach wieder wegnehme, oder vom Menſchen verlohren wiſſen wolte: Nein! ſeine Gnade iſt ei - ne ewige Gnade. Wo nun aber bey einem Ge - rechtfertigten der lebendige Glaube und die Liebe JEſu Chriſti, und die Einwohnung und Wir - ckung des heiligen Geiſtes ins Hertz gepflantzt und gegruͤndet iſt: da ſolls wol nicht Noth haben, daß ein ſolcher der Unkeuſchheit nachgeben und ihr un - terthaͤnig ſeyn muͤſte: Ehe muͤſſen Himmel und Erde zu truͤmmern gehen, als GOttes heiliges Verheiſſungswort; und ehe muͤſte die gantze Na - tur umgekehret werden: gleichwie auch hie in der That die empfangene neue goͤttliche Natur erſt wieder umgekehret werden muͤſte, als mit welcher der Dienſt der Suͤnden unmoͤglich ſtehen kann. Und eben darum iſt allemal der erſte Rath dieſer: Werde doch nur erſt ein Chriſt, das iſt, laß dir durch die gruͤndliche Ausſohnung mit GOtt erſt nur ein Chriſtlich Hertz geben; ſo ſolſt du ſchon gottſelig und frey leben koͤnnen; die Suͤnde ſoll dich wol ungehudelt laſſen, daß du ihr nicht wirſt dienen muͤſſen. Um davon deſto mehr uͤberfuͤhret zu werden; ſo laßt uns doch nur ein wenig erwe - gen was dieſer lebendige Glaube vermoͤge.

Daß der Glaube an Chriſtum und die dar -Des Glau - benswun - derbare Kraft zur Keuſch - heit. aus flieſſende Hertzensliebe zu ihm eine ſolche Wunderkraft habe, deſſen iſt die Maria Magdale - na und auch die arme Suͤnderin Luc. 7. Ein unwie - derſprechlich Exempel. Lutherus ſchreibet: Der Glaube iſt ein goͤttlich Werck in uns, das uns ver - wandelt u. neugebieret aus GOtt; toͤdtet den alten Adam; machet aus uns gantz andere Menſchen vonP p 3Her -598Anhang zum dritten Theil, Hertzen, Muth, Sinn und allen Kraͤften, und brin - get den heiligen Geiſt mit ſich. O es iſt ein leben - dig, geſchaͤfftig, thaͤtig, maͤchtig Ding um den Glauben, daß es unmoͤglich iſt, daß er nicht ohne Unterlaß ſolte gutes wircken. Es iſt unbegreiflich dem der es nicht erfahren, was der lautere Glaube (der ohne alles Verdienſt gerecht und ſelig macht aus der freyen und unverdienten Gnade GOttes, durch die Erloͤſung ſo allein durch JEſum Chriſtum vollbracht iſt) fuͤr eine unaus - denckliche Krafft habe, die Suͤnde ſamt aller Angſt und Furcht zu vertreiben, und das Hertz froͤlich, getroſt, muthig, rein, vergnuͤgt und heilig zu ma - chen! Der Glaube bringt alles wieder in ſeine rechte Ordnung, erquickt Leib und Seele und macht den Teufel in allen ſeinen Verſuchungen ſchwach und matt. Er nimt all ſein Blendwerck weg und verwehet alle Nebel der finſtern Vorurtheile, Zweifel, und ſeiner erlogenen Eingebungen, daß man alles klar ſiehet, und ſich nicht genugſam be - ſtuͤrtzen kann, wie man ſich doch ſo habe koͤnnen von dieſem verdammten Moͤrder am Narrenſeil herum fuͤhren laſſen, mit dergleichen will nicht ſa - gen Lappalien ſondern ſchnoͤden Staͤnckereyen.

Wann nun der Gnadenzug des himmliſchen Vaters den Menſchen einmal recht allarmiret und wieder den Teufel in Harniſch gebracht hat; ſo gehet der Krieg an. JEſus behauptet das ſeine, welches er als eine angenehme und theure Gabe vom Vater empfangen, wofuͤr er auch ſein Blut nicht umſonſt vergoſſen haben will, und nimmet in Beſitz, was ſo gar rechtmaͤßig ſein iſt. Wenn nun der Teufel laͤrmet, und dir zuſetzt, wenn dich die Suͤnden ſchwer drucken, und alles ſo zu ſagen zu lauter Hoͤlle, Angſt, Kummer, Kampf und Un -ru -599C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. ruhe in dir wird: ſo ſchlieſſe eben daraus, jetzt ſey die Zeit der Heimſuchung; die Stunde JEſu ſey kommen, der ſtaͤrckere ſey da dich zu erloͤſen; da - her wuͤte der Teufel, weil ihm abermal ein Unter - than entlauffen wolle. Dencke, nun ſey JEſus allermeiſt im Werck begriffen ihn zu entwaffnen, in dem dir die Schuppen von den Augen fallen, daß du dein Elend und JEſu Allgenugſamkeit ſieheſt. Dencke und glaube, der Suͤndenſtiffter werde ſich bald muͤſſen fortpacken, und du werdeſt JEſu, des Suͤndentilgers, Pallaſt werden und bleiben. O Loͤwe aus Judaſtamm! wie herrlich biſt du! wer dir trauet, ruffe Victoria! Phil. 1, 6.

Des Glaubens Natur iſt ſich ſelbſt verſchmaͤ - hen und JEſum hoch ſchaͤtzen, und ſich deß - wegen ihme ſtets uͤbergeben. Der Glaube ſtel - let ſich alſo alle Dinge dieſer Welt nicht ſo, wie die blinden Menſchen, die ſo viel Wercks aus dieſer Welt machen praͤchtig und herrlich, ſondern in ih - rer rechten Geſtalt vor. Z. E. 1) Die Eitelkeit dieſer Welt, und wie aller Reichthum, Lob, Ruhm, Freude, Luſt und ſinnliche Ergoͤtzlichkeiten ſo ge - ring, ſo eitel, ſo unwerth, ſo unbeſtaͤndig ſind, und wie wir als Uebelthaͤter taͤglich dem Tode zuge - fuͤhret werden ꝛc. und damit wird verhindert, daß die Welt dieſe unſere geiſtliche Schule mit ihrem Getuͤmmel und vielem Plaudern nicht verhinde - re. 2) Die Eitelkeit unſrer ſelbſt, unſere Weis - heit, Staͤrcke, Gerechtigkeit, Heiligkeit ꝛc. und wie geneigt wir ſeyn alles ohne den himmliſchen Lehr - meiſter, nur allein von uns ſelbſt und in eigenem Sinn, Verſtand und Belieben zu lernen; wie wir eben daher ſo unwiſſend bleiben; wie wir ſo auf - gelegt und erpicht ſind alles zu thun ohne die Krafft JEſu, und daher allemal das Gegentheil thun,P p 4von600Anhang zum dritten Theil,von dem was wir thun ſolten ꝛc. Und juſt dadurch wird ein billiges Mißtrauen gegen uns ſelbſt ge - wircket, und wir von uns ſelbſt und unſrer Eigen - liebe nach und nach frey gemacht. 3) Endlich ſchauet der Glaube unſern HErrn JEſum an in ſeinen himmliſchen Reichthuͤmern, Ehre, Herrlich - keit, geiſtlichen Freude, Weisheit und Staͤrcke ꝛc. die er uns verheißt und mittheilet, ſo offt wir in uns ſelbſt zu Thoren und ſchwach werden.

Findet nun ein glaubiger in heiliger Schrifft. Z. E. greuliche Laſter, von denen ſie uns ab - mahnet, als Hochmuth, Geitz, irdiſches Wohlle - ben, Ungedult, Neid, Haß, Zorn, Unzucht, Geil - heit ꝛc. ſo ſucht er dieſe Greuel alsbald in ſeinem eigenen Hertzen auf, in die wir alle fallen, ſo lang und ſo oft wir auſſer JEſu ſind, das iſt, ſo oft wir uns unſerer eigenen Schwachheit nicht erin - nern, und nicht alle Augenblicke friſche Krafft von JEſu begehren. Es hilft gewißlich nichts anders zur Ueberwindung aller Laſter als nur die Erkent - niß, wir ſeyen in uns ſelbſt gantz unvermoͤgend und allzugebrechlich, welches uns allezeit zu un - ſerm Heiland treiben muß, daß wir ſuchen uns gleichſam in ihm zu verbergen, am Creutz in ſei - nen Schmertzen ihn anzuſchauen, und ſein heili - ges keuſches Leben zu betrachten, uns auch ſeiner Reden zu erinnern und auf ſeine Verheiſſungen zu, bauen, da er geſagt hat, er wolle ſtarck ſeyn in uns ſchwachen ꝛc. So, ſo lernen wir auch in der aͤu - ſerſten Anfechtung auf JEſum vertrauen, welcher uns noch heute ſeine goͤttliche Krafft zeigen wird; da es denn nicht anders ſeyn kann, als daß wir daruͤber auch auf das zukuͤnftige einigen Troſt em - pfinden; und wann uns GOtt dabey unſere Schwachheit zeigt, ſo iſt und bleibet das Lob ſein ei -gen601C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. gen und nicht unſer; und ſo lernen wir taͤglich mehr nichts von uns zu halten und an uns ſelbſt zu ver - zagen, bis wir endlich voͤllig wiſſen, daß wir uns vor uns ſelbſt immer fuͤrchten ſollen, und unſere Zuflucht allezeit und unverruͤckt nur zu JEſu neh - men.

Findet ein Glaͤubiger in heiliger Schrifft herr - liche Tugenden da ſiehet er, wie viel ihm doch noch fehle, ſo oft er von JEſu entfernt in ihm ſelbſt lebet; welches ihn abermal ſeines Elendes uͤberweiſet, damit er taͤglich JEſu anklebe, in welchem wir alles vermoͤgen. Findet er eine Be - ſchreibung der Herrlichkeit GOttes, wie reich, wie ſchoͤn, wie herrlich und ſelig in ihm ſelbſt, wie weiſe, wie ſtarck, wie gut und heilig er ſey: ſo be - trachtet er das alles ſo, daß er nicht verzage in ſei - ner eigenen Armuth, Schande, Creutz und Noth, und in der Ueberzeugung von ſeiner eigenen Un - erkaͤntniß und Schwachheit; weil GOtt verheiſ - ſen hat, alle arme, verachtete, betruͤbte, thoren und ſchwache in Chriſto vollkommen zu machen: wel - ches uns aber, wann wir reich, weiſe, fromm, ver - gnuͤgt und ſelig in uns ſelbſt waͤren, und unſers ſtrauchelns nicht achteten, gantz und gar nicht an - gienge. Und ſo ſind wir durch den Glauben an JEſum dennoch ſelig, wann wir gleich arm, un - rein, jaͤmmerlich und beſudelt in uns ſelbſt ſind weil wir in JEſu alles haben und finden. Alſo, alſo bluͤhet aus des alten Menſchen Tode die ſchoͤne Lilie, das Leben vom Himmel aus GOtt hervor, und wird aus dem verweſenen Kern der Baum; alſo uͤberwindet Chriſti Geiſt unſern Wil - len; alſo eroͤffnet die Armuth am Geiſt die erſte Thuͤr am neuen Jeruſalem, und vereiniget mit GOtt, wo nur dieſe Wahrheiten fleißig geuͤbetP p 5wer -602Anhang zum dritten Theil,werden. Sonſt iſt der Menſch, der viel wiſſen und lernen will, ohne daß er die erkante Wahr - heiten ins Thun, Weſen und Leben bringe, gleich einem Feldherrn, der viel Staͤdte einnimmt, die - ſelbe aber nicht mit Volck beſetzt, ſondern nur im - mer mehr einzunehmen trachtet: da kommt ſein Gegenpart hinter ihm her, und nimmt alles wie - der hinweg, ſo daß er zuletzt nichts hat.

Der kuͤrtzeſte Weg zur Heiligung iſt 1) auf den erſten Zug des Vaters der Weltluſt und Creatu - renliebe abſagen. 2) Jn dem Zug des Sohnes ſich ſelbſt verlaͤugnen, ohne die geringſte Abſicht auf ſich ſelbſt in Zeit und Ewigkeit. Wer ſich nun hierinnen ernſthafft uͤbet, der wird befinden, daß der Vater unter dem Geſetze ſein getreuer Be - ſchuͤtzer, JEſus in der Kindſchaft ſein treuer Lieb - haber, Lehrer und Wegweiſer, und der heilige Geiſt des gantzen Bekehrungswercks Meiſter ſey: ruhet deßwegen allezeit im Willen Chriſti. Eben ſo wohl unter den Fauſtſchlaͤgen des Satans und Pfahl im Fleiſch, als in hohen Offenbahrungen und Entzuͤckungen ins Paradis, 2 Cor. 12. ſinte - mal er wohl weiß, daß Chriſti Wille auf gruͤnd - liche Heiligung und Seligmachung abzielet. Er weiſet alle ſeine Feinde bey ſeiner voͤlligen Ueber - gabe Chriſto zu, und iſt verſichert, daß er maͤch - tig genug und gantz geneigt ſeye, alle geiſtliche und leibliche Feinde zu ſeiner Zeit und nach ſeinem Willen zum Schemel ſeiner Fuͤſſe zu legen. Ehe er aber dieſes recht faſſet, muß er in allem oft Lehr - geld geben. Durch Fallen lernen die Kinder ge - hen, und ihr eigen wircken, dadurch ſie fallen, von Chriſti wircken, dadurch ſie ſtehen, wohl unter - ſcheiden. Sind wir Chriſti, ſo wird er uns als die ſeinen herrlich bewahren. Wer aber JEſuei -603C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. eigen iſt mit Leib und Seel, im Leben und Ster - ben, der nimmt ſich weder des in ihm gewirckten Guten an, (denn er legt es Chriſto zu den Fuͤſſen) noch auch des Boͤſen, wann Satan im Fleiſch und Blut poltert; er ſchreibet ſichs nicht zu, vollbrin - gets auch nicht, (ſonſt naͤhme er ſich Chriſto wie - der, das thaͤte er aber nicht ohne Schaden) ſon - dern er laͤßt Chriſtum in ſich ſtreiten bis zur Ue - berwindung. Wer aber ſelbſt in eigenem Witz und Krafft ſtreiten will, der nimmt ſich GOtt wie - der weg, Chriſtus muß zuſehen, und er wird von den ſtarcken Feinden geſchlagen. Der Menſch fuͤhlet zwar, wie reitzend die Anfechtung iſt von innen und auſſen, haͤlt ſie aber dennoch hoͤher und edler als alle ſuͤſſe Empfindungen, weil die Treue in allerley Verſuchungen Chriſto aͤhnlich machet u. mit GOtt vereiniget durch den heiligen Geiſt. Es waͤre GOtt ein leichtes den Satan in den Abgrund zu weiſen, damit er ſeine Auserwehlten nicht mehr verſuche, plage oder gar verfuͤhre; allein ein Chriſt muß durch taͤglich Leiden ein wahrer geiſtlicher Maͤrtyrer und JEſu Chriſto ein ſuͤſſer Geruch wer - den, 2 Cor. 12, 7. Nachmals kennet ein ſo wohl - geuͤbter Streiter GOttes Liebe, Krafft und Weis - heit, ſiehet und hoͤret in ſich Chriſti Geſtalt und Hirtenſtimme viel ſchoͤner und lieblicher als man ſie mit Worten in Ewigkeit beſchreiben koͤnte. Solte alsdann ein wahrer Juͤnger JEſu auch durchs finſtere Todesthal gehen, und durch den tiefſten Moraſt fleiſchlicher Verſuchungen waten: ſo iſt gleichwol JEſus in und bey ihm, ob ſchon er ihn eben nicht allezeit ſo ſuͤßiglich ſpuͤret. Dar - um verzage kein Hertz unter den ſchnoͤdeſten Be - ſtuͤrmungen der Unkeuſchheit, ſondern klebe nur be - ſtaͤndig JEſu Chriſto an, und werde ein Geiſtmit604Anhang zum dritten Theil,mit ihm, 1 Cor. 6, 17: So wird er ſchon als ein tapferer Ritter das Siegeskraͤntzlein empfahen.

Daß dieſes glaͤubige Anhangen und Aufſchauen auf JEſum ein gewaltig kraͤftiges Mittel ſey ge - gen allerley Verſuchungen, hat uns GOttes Barmhertzigkeit ſchon durch Moſen gelehret durch die Figur der ehernen Schlange 4 Moſ. 21. Bil - de dir demnach ein, wenn ſich die boͤſe Luſt in dir erreget, es krieche, (wie es auch in der That nicht anders iſt) eine ſchluͤpfrige und feurige Schlange zu dir hinein, und trachte dir nach dem Leben: als - dann iſt inſonderheit ſehr hohe Zeit, daß du dein Glaubensgeſichte ſteif richteſt auf JEſum den ge - creutzigten, ehe ſie dich gantz angreifft und erwuͤr - get, indem ſie dich in die Suͤnde wirft; und ob die von JEſu ausgehende Kraft nicht gleich alſo - bald gefuͤhlet wird, ſo ſey du nur ſtandhaft im widerſtehen und im fliehen zu Chriſto, ſo wird ſich JEſus Huͤlfe und Gnade wol finden. Gewiß hilfft in dieſem geiſtlichen harten Streit mit der Unkeuſchheit nichts ſo ſehr noch ſo empfindlich, als ein guter ſtarcker Glaube; nemlich ein hinunter - fallen aus dem hochfliegenden luciferiſchen Sinn zu unſerem ſo unausſprechlich tief erniedrigten Heiland in ſeine Hertzensdemuth: da unſer arme, nackte Geiſt in JEſu Verheiſſungen und Wun - denloͤcher hineinſchleuffet, und ſeine Sicherheit, Schmuck und Schutz ſuchet und findet. Pſal. 84, 3. 4. Wer alſo lebt, daß er ſich aller Gnade zu GOtt gewiß und mit Recht verſiehet: dem ge - faͤllt die geiſtliche Reinigkeit ſehr wohl. Darum kann und will er ſo viel leichter der fleiſchlichen Unreinigkeit wiederſtehen; und in ſolchem Glau - ben ſagt ihm der heilige Geiſt gewißlich, wie er boͤſe Gedancken und alles was der Keuſchheit zu -wie -605C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. wieder iſt, meiden ſoll: Nicht aus Zwang, ſondern aus Liebe, eben aus der Urſach, weil unſere Er - loͤſung von unſerer Buſenſuͤnde GOttes Sohn ſo unermeßlich viele Schmach und Schmertzen, Angſt und Kampf gekoſtet, und weil er uns die aller - hoͤchſte Liebe eben hierinnen erwieſen, daß er ſich ſelbſt in unſern Suͤndenpful, darein wir unachtſa - mer Weiſe gerathen, freywillig hinunter gelaſſen, und nunmehr nichts von uns fordert, als daß wir von des Satans Sinn, der uns verſchlungen, aus - gehen, und durch Verlaͤugnuug und Abſterbung aller Eigenheit 1 Cor. 6, 17. mit ihm durch das unzerbruͤchliche Band des Glaubens ewig verbun - den werden.

Darum wache du armer Chriſt, dann du ſchwebeſt in ſteter Gefahr, und wirſt der Anfech - tung nicht ſo ſchnell loß. Ja du muſt dir nicht fuͤrnehmen, ruhe vor der Suͤnde zu haben ſo lang du lebeſt, ſonderlich ſo die Natur zur Unkeuſchheit geneigt iſt: dieſe Hertzensplage muſt du nicht an - ders aufnehmen als wie eine Reitzung und Vermah - nung zum beten, wachen, faſten, arbeiten und andern Uebungen das Fleiſch zu daͤmpfen, ſonder - lich aber den Glauben in GOtt zu treiben und zu uͤben. Dann das iſt nicht eine koͤſtliche Keuſchheit, die ſtille Ruhe hat, ſondern die mit der Unkeuſchheit zerfaͤllt, ſeuftzet, ſtreitet und ohn Unterlaß allen Gift austreibet, den das Fleiſch und der boͤſe Geiſt einwirft, indem er die Seele mit fleiſchlichen Luͤſten dann und wann antaſtet. 1 Petr. 2, 11. Da gilts wehren, und die Suͤnde nicht herrſchen laſſen in un - ſerm ſterblichen Leibe, ihr Gehorſam zu leiſten in ihren Begierden. Roͤm. 6, 11. Niemand iſt ohne boͤſe Luſt: aber ein Chriſt uͤberwindet ſie. Wie - wol uns aber dieſer Streit Unruh und Unluſtbringt:606Anhang zum dritten Theil,bringt: ſo iſt er doch ein angenehm Werck vor GOtt, und daran ſoll uns genuͤgen. Wer aber meinet ſolcher Anfechtung zu ſteuren, in dem er ihr nach - giebt und folget, der zuͤndet ſie nur mehr an: und ob ſie gleich eine Weile ſtille ſcheinet zu ſtehen, ſo kommt ſie gleichwol auf eine andere Zeit nur deſto ſtaͤrcker wieder, und findet die Natur mehr ge - ſchwaͤcht als vorhin. So muß auch die arme See - le zuletzt heulen, als eine vom Teufel betrogene Naͤrrin, die durch den eingeſchlichenen Feind zu eitel Schlacken und Heuchelgold worden. Darum fege ja den Wuſt ſaͤuberlich und rein aus, und ver - einige dich mit JEſu: ſo wird er ſich als deinen getreuen Erretter ewig in und mit dir freuen, und du wirſt hinwiederum in ihm jubiliren und trium - phiren ohne aufhoͤren. So wohl gehe es dir! Amen.

Jndeſſen bleibts dabey, ſo viel ich aus eigener Erfahrung davon zeugen kann, daß weder Para - dis noch Hoͤlle, noch alles andere nicht ſo kraͤfftig iſt das Hertz zu reinigen, als wie der Glaube an JE - ſum: der doͤrret und verderbet die Suͤnde von der Wurtzel aus. Alle andere Mittel, Ueberlegungen, Betrachtungen, Creutzigungen, Mortificationen, Verfolgungen, Kranckheiten ꝛc. beſchneiden den Dornſtrauch wol: der Glaube aber verwandlet ihn gantz und gar in einen Weinſtock. Ach wann ein gekraͤncktes, im Gewiſſen uͤbel verklagtes, und vor GOttes Gericht ſo viel als verdammtes Hertz dieſe froͤliche Botſchafft vernimmt, daß GOttes Sohn ins Mittel getreten, ſo ſage ich: Teufel, und Geſetz, laſſet mich mit frieden, und bleibet mir von meinem Gewiſſen weit hinweg! ihr habt mir nichts zu ver - weiſen; dann ihr habt groͤſſere Suͤnden gethan: ihr habt GOttes eingebornen Sohn unſchuldiger weiſeer -607C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. ermordet. Jhr habt wol naͤrriſch gehandelt: nicht nur habt ihr das Maul an Chriſto verbrennt, ſon - dern habt mich dazu aus aller eurer Gewalt, Recht und Anſpruch verlohren. Weil ihrs mit Chriſto habt angefangen, ſo muͤßt ihr mich derweilen gehen laſſen in GOttes Himmelreich, und die Sache mit Chriſto vollends ausmachen. Jch bedarf keiner gu - ten Wercke und keines frommen Lebens zu meiner Rechtfertigung u. Seligkeit. Chriſtus allein iſt mir mehr als tauſend Himmel. Dieſes unendliche Ge - ſchenck und allerhoͤchſte Werck GOttes macht mich wahrlich reicher, froͤlicher, herrlicher, heiliger u. ſeli - ger als wann ich aller Engel und Menſchen Gerech - tigkeit, Fꝛoͤmmigkeit und Heiligkeit zuſammen haͤtte.

Dieſes unausdenckliche Geſchenck iſt anbey eine uͤberſchwengliche Brunnquell von allerley guten und heiligen Gedancken, Worten und Wercken, bey Tag und Nacht: wiewol ſich der Menſch nicht ſo viel um Wercke bekuͤmmert als wie er ſich ohne Unterlaß des unvergleichlichen Schatzes des Sohnes GOttes hertzinniglich erfreuen moͤge, vor deſſen Gerechtig - keit, Leben und Seligkeit ſeine Suͤnde, Tod und Verdammniß gantz und gar ſchmeltzen muß. Man kann es niemand verſtaͤndlich genug beſchreiben, was dis in einer ihres groben Ungehorſams wegen betruͤbten Seele wircket. Summa dieſer Glaube drehet dem Teufel den Hals um, toͤdtet die Suͤnde und wirffet ſie auf den Schindacker, und lachet des Todes ſuͤßiglich, trauet GOtt, ſiehet ſeine Herrlich - keit, und iſt eine fruchtbare Mutter alles Guten.

Schließlich iſt dieſer Glaube das hoͤchſte und bewaͤhrteſte Mittel alle Laſter auszurotten, z. E. Geitz, Ungedult, Hochmuth, Heucheley, Men - ſchenfurcht oder Gefaͤlligkeit, mithin auch die Un - keuſchheit ꝛc. Alle andere Mittel und Vorſtellun -gen608Anhang zum dritten Theil,gen ſind nur Kammermaͤgde dieſer vortreflichen Koͤ - nigin: doch iſts nicht anſtaͤndig ſie allein gehen zu laſſen, man muß ihr wenigſtens ein Dutzend feiner, edler Jnngfrauen zu ihrem Begleit mitgeben. Und dieſes ſind wir dem heiligen Geiſt ſchuldig, dem Fleiſch aber ſind wir nichts ſchuldig, als daß wirs toͤdten. Roͤm. 8, 12. Dis haben wir Chriſto zu dancken, daß Er unſern Leib und Seel, die ſein er - kaufft Erbtheil ſind, ſo freygemacht hat, daß wir der Unkeuſchheit nicht ſchuldig ſind, ſie auch nur mit ei - nem einigen unzuͤchtigen Sinn durch unſer Hertz fahren zu laſſen: ſo auch niemals ohne Schaden und Verderben abgehet. Dagegen die Fußſtapfen des Glaubens von Fett trieffen: wo er durchpaßiret, da wachſen nicht nur paradiſiſche Roſen und Lilien, Violen und Narciſſen, ſondern auch gar unvergaͤng - liche Cronen des Sieges uͤber Suͤnde, Fleiſch und Teufel. Wahr iſts, daß man nicht gleich alles das in ſeiner Schoͤnheit ſiehet: man muß aber nur der Zeit des HErrn erwarten. So lehret auch die Er - fahrung, daß der Glaube mit ſeinem hochedlen Schatz und maͤnnlichen Krafft ſich nur als wie im Blick ſehen laͤßt: alſo daß man in ſelbigem Him - melsſeligen Blick meinet, es ſey nun alles uͤberwun - den; da ſey kein Wille des Fleiſches mehr; man werde GOttes Gegenwart nun nicht mehr aus den Augen verlieren, noch den gecreutzigten JEſum aus dem Glaubensgeſicht; man werde ſeines glo - rioͤſen Chriſtenſtandes nimmermehr vergeſſen; die Furcht des Todes ſey voͤllig verſchwunden; Teufel und Hoͤlle ſey nicht mehr capable einen Schrecken einzujagen; ja es mangle nun nichts mehr an der Tuͤchtigkeit zum Erbtheil der Heiligen im Licht ꝛc. Aber, aber wie bald ſiehet man, daß es nur ein Durchzug des Himmelskoͤniges geweſen, der unsein609C. 2. Man muͤſſe ſich zu erſt bekehren. ein wenig hat wollen zeigen, was fuͤr eine groſſe Seligkeit auf einen Kaͤmpfer Chriſti warte, wann er das Wort der Gedult wird bewahret haben.

Wer mit GOtt durch JEſum wahrhaftig ausge - ſoͤhnet wird, und alſo mit dem Pardon das Leben aus GOtt erlangt: der uͤberkommet auch zur beſtaͤndi - gen und bleibenden Gabe die ſtete RegierungWas die ſtete Re - gierung des heili - gen Geiſtes vermoͤge. des heiligen Geiſtes. Kanns denn nun einem ſolchen ſchwer werden, die Reinigkeit und Keuſch - heit des Hertzens und Leibes zu bewahren? Man mercke doch nur mit Fleiß auf die wunderbare Liebespflege, Kraͤfte und Wirckungen desheiligen Geiſtes! Der heilige Geiſt iſt das Oel in der Lam - pen, das die klugen Jungfrauen tuͤchtig macht, mit dem Braͤutigam hineinzugehen in den Hoch - zeitſaal. Alle Tugenden, Wercke und Gedancken, die nicht mit dieſem heiligen Balſam durchdrun - gen werden, ſind zum Himmelreich untauglich.

Er handelt mit einem Pilgrim, der ſich nach dem Lande der ewigen Heiligkeit ſtrecket, als ein vorſichtiger und frommer Geleitsmann. Roͤm. 8, 14. Und das thut er als der Regent und Grund - quell alles Guten, alſo daß Er allezeit mit ſeinen Wirckungen vorangehet, und mit ſeiner Gnaden - huͤlf uns zuvorkommt. So laͤßt er uns auch nicht faul, blind, todt, muͤßig und traͤge ſeyn, ſondern zeiget uns die Straſſe, darauf Chriſtus und alle Heiligen gewandlet, und wir ſehen ſie; Er laͤßt uns fuͤhlen die Merckzeichen des guten Weges, und wir nehmens wahr; er ziehet, ſo lauffen wir. Hohelied 1, 4. Damit man aber ſehe, was dis fuͤr ein gewal - tig und bleibendes Mittel ſey, die Keuſchheit zu be - wahren: ſo mercke man doch nur auf ſein Amt und ſeine vornehmſten Wirckungen.

III. Th. Betr. der Unreinigk. Q qI)610Anhang zum dritten Theil.
1) Er ord - net die Seelen - kraͤfte.
13

I) Der heilige Geiſt bringt alle Seelenkraͤf - te wieder in ihre rechte goͤttliche Ordnung.

a) Er eroͤfnet den Verſtand, daß der reiſende Wanderer nach dem heiligen Vaterland den wah - ren Weg bald vom falſchen unterſcheidet. So bald wird er nicht verſucht zum Zorn, Neid, Unbillig - keit oder Unkeuſchheit: ſo ſiehet er durch GOttes Erleuchtung flugs, das ihn der Seelenfeind auf den breiten Jrrweg verleiten will; daß er elender Wei - ſe die Gnade verſaͤume, und in Suͤnde und Schan - de hineinlauffe, mithin ſich dem Tod und der Hoͤlle ſowol als des Teufels Reich unterwuͤrfig mache ꝛc. Wo er nun erſchrickt, an ſich haͤlt, nicht fort rennet, ſondern achtet, was ihm der heilige Geiſt der liſtigen Teufelsſtricke halben entdeckt, und ihn auf eine ſo liebreiche Manier vor Gefahr warnet: ſo weiſet er ihm gleich JEſum den guten, koͤſtlichen und wah - ren Weg, Joh. 14, 6. der uns, ſo wir in ihm blei - ben und uns von ihm forttragen laſſen, den Weg der Sanftmuth, Gedult, Keuſchheit ꝛc. gen Him - mel fuͤhret, und ſo ſaͤnfftiglich vom verderblichen Wege der Suͤnde und dem daran hangenden See - lentode abziehet.

b) Der heilige Geiſt bringet auch den goût oder geiſtlichen Geſchmackdes Menſchen wieder zurechte, durch die Suͤßigkeit der Gunſt GOttes, durch die Annehmlichkeit ſeiner Schoͤnheit oder Heiligkeit, und durch die Anmuth ſeiner Seligkeit. Ein Rei - ſegefehrte oder Fuͤhrer probiert mit dem Stabe, wo man ſey, ob der Ort da man durchreiſen will tieff, ſumpficht, moraſtig ſey, obs jaͤhe Felſenoͤrter ſeyn ꝛc. Hier laͤßt der heilige Geiſt die Seele, wo ſie etwa in Kleinmuth, Mißtrauen, Murren, Liebloſigkeit oder Fleiſchesluſt und Unreinigkeit neben austreten wolte, mit Grauſen und Schrecken fuͤhlen, wo ſie hin -tre -611C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. trete, und wie geſchwind ſie ſich den Hals abſtuͤrtzen wuͤrde: daß es ſie duͤnckt, der Teufel ſey hinter ihr, u. werde ſie, ſo bald ſie in ſeine Verſuchung einwillige, ploͤtzlich umbringen; oder daß ſich der Abgrund un - ter ihr aufthun wuͤrde ſie zu verſchlingen: alſo daß ſie ſchleunig von ihrem Vorhaben abſtehet, und ih - rem getreuen Fuͤhrer dieſe hohe und unverdiente Gnade in Ewigkeit nicht genug verdancken kann, daß er ſie ſo gnaͤdiglich davon zuruͤck gezogen. Jn - ſonderheit wann ſie andere ſiehet im Pfuhl liegen, und hoͤret ſie Ach und Wehe ſchreyen, oder wie Ru - ben und Eſau uͤber die verlorne Krone der Erſtge - burt heulen: da denckt ſie, ach wie wenig hats ge - fehlt, daß du nicht auch dieſen Mißtritt gethan haͤt - teſt! ey behuͤte GOtt! wo waͤreſt du jetzt, wann der heilige Geiſt JEſu Chriſti nicht das beſte an dir ge - than haͤtte? Da gaͤbe ſie ihm wol tauſend Welten, ſeine treue Liebe zu vergelten.

Nachdem ſie nun dem Sturtzfall entgangen, ſo mercket ſie mit zitternder Freude, wie gut der Weg ſey, darauf ſie der heilige Geiſt GOttes aus Gna - den gebracht und auch aus Gnaden bis dahin erhal - ten, und gedencket bis an ihres Lebens Ende nicht da - von abzuweichen: denn ſie ſpuͤrt wohl, daß ſie nicht in Hecken und Dornen gehe; ſie fuͤhlet auch mit heiliger Angſt, wie entſetzlich gefaͤhrlich der Suͤn - denweg ſeye. O wie wohl iſt ihr in der Gewißheit des goͤttlichen Wohlgefallens, und daß ſie weiß, daß ſie auf einer ſo angelegentlichen Reiſe die ſie noch nie gemacht, und da ſie nicht zum zweytenmal ausrei - ſen kann, den unbetrieglichen Geiſt des Lebens der in Chriſto JEſu iſt, zum Geleitsmann hat! was fuͤr Vergnuͤgen trifft ſie nicht auf ſeinem Wege an! O wie wohl thuts einem ſuͤndhaften Menſchen von GOtt geliebet zu ſeyn, ſeiner Heiligkeit theilhaftig,Q q 2und612Anhang zum dritten Theil,und der Schoͤnheit des Hoͤchſten Gutes, dazu des ewigen Lebens gewiß zu ſeyn! Und eben dis ſind al - les ſichere und ſelige Merckmahle, daß man auf dem guten Wege des heiligen Geiſtes, den uns unſer Heiland und GOtt gewieſen, gelehret und | ſelbſt in ſeinem Leben und Wandel auf Erden vorgegangen iſt, befindlich ſey. Wahrlich ſolche Gewißheit hat nie kein Unreiner.

c) Der heilige Geiſt wirckt allermeiſt mit ſeiner allerhoͤchſten Krafft im Willen, und macht ihn frey, luſtig und begierig zu allem Guten, Pſalm 110, 3. Dagegen aber abgewandt von allem Boͤſen, voraus von der moͤrderiſchen Buſenſuͤnde, alſo daß der liebe Pilgrim innen wird, daß es im wandlen fort ruͤckt. Er neiget aber und bewegt den Willen 1) durch ſein Licht und Wort der Wahrheit. 2) Durch empfind - liche Suͤßigkeiten, die wahrlich unvergleichlich ſind in einer Seele von vielen und mancherley Siegen. 3) Durch ſeine allmaͤchtige Krafft des Glaubens. Ja gewiß, dis iſt wol eine unausdenckliche Wohl - that GOttes; wann der Wille bey nahe auf der Neige iſt, dem Satan und ſeinen Engeln ein hoͤniſch Jauchtzen zu machen, daß alsdann der heilige Geiſt ins Mittel kommt, und den Willen im Kampf an GOtt feſt haͤlt und gewaltiglich nach Zion umwen - det, daß er nicht ſtille ſtehe in der gantzen Gegend der unkeuſchen Geiſter, noch zuruͤck ſehe oder dencke an die ehemaligen Luͤſte, noch unter den hitzigen Stuͤr - men im Fleiſch und Blut erliege. O tauſend, tau - ſendmal ſey dir theureſter JEſu Danck dafuͤr!

d) Laͤßt dieſer himmliſche Geleitsmann die Seele das gute empfinden, ſo man unter ſeinem Rath und Leitung genieſſet, damit es doch niemanden der gehabten Muͤhe und Schadens auf ſeiner groſſen Reiſe gereue. Ein Fuͤhrer muntert den Wandererauf,613C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. auf, und ſpricht ihm einen friſchen Muth ein: eben - maͤßig troͤſtet der heilige Geiſt alle Liebhaber GOt - tes, ſo auf dem Lebenspfade ſchwitzen, eilen, ringen und von den Beſtreitungen des ſtets wiederkom - menden Fleiſches ſo abgemattet ſind, daß ſie oft faſt unmoͤglich mehr glauben koͤnnen, daß ſie noch Chri - ſto angehoͤren. Denen floͤſſet der beſte Troͤſter Frieden ein, und ſpricht ihnen ins Hertz: wohl, wohl mein Kind! du haſt JEſum, und JEſus be - ſitzet dich auch; gib dich nur zu frieden. Da wird das im Evangelio geoffenbarte Heil je laͤnger je tief - fer erkant, und iſt in einem ſo viel hoͤherem Werth, je grimmiger die Suͤnde ſich wehret, verklagt, aͤng - ſtiget und das Hertz klemmet. Die Suͤßigkeiten ſeiner Lockungen und ſchmackhafften Freudenblicke werden immer juſt ſo viel lebendiger empfunden u. geſchmeckt: je gallenbitterer die Unkeuſchheit, Flei - ſchesluſt und alle Suͤnden werden. Das Hertz und Wille wird zu dieſen anmuthigen und lieblichen Dingen, der Wahrheit nach, in der Gottſeligkeit mit Macht gezogen: und dis um deſto mehr, je abgeneig - ter es allen viehiſchen und teufliſchen Luͤſten wird. Es hat der heilige Geiſt eine ſonderliche Freude und Luſt daran, einen armen muͤden Pilgrim mit der - gleichen ſeelenruͤhrenden Offenbarungen als mit ei - nem Labetrunck auf dem Wege zu ſtaͤrcken, um den Berg Zion deſto muthiger hinanzuſteigen, und die ſtinckenden Daͤmpfe der Welt nebſt den kothigen Revieren der Geilheit deſto lieber zu verlaſſen.

Dieſe Wolcken-und Feuerſeule begleitet nicht nur ſo ein ſtuͤck Weges, (ſonſt wuͤrden wir bald in unzehliche Thorheiten und Fehltritte gerathen, und der Geiſt der Hurerey wuͤrde mit den ihm allbereit entrunnenen Seelen gleich wieder ſein verfluchtes Gauckelſpiel bis in die Grube haben; ja er wuͤrde ſieQ q 3wol614Anhang zum dritten Theil,wol aͤrger reiten als zuvor nie, die Zeit ihres Lebens ohne aufhoͤren das verſaͤumte einzubringen, bis er ihnen die Seele ausgedruckt haͤtte): ſondern ſie bleibt fuͤr und fuͤr auf dem gantzen Lebens Wege bey denen, die ſich nur wollen leiten laſſen im Erbarmen unermuͤdet. Ach die Heiligſten waͤren den ſatani - ſchen Verſuchungen uͤberall nicht gewachſen, wo ſie nur eine kurtze Zeit allein gelaſſen wuͤrden, ohne den ſtarcken Beyſtand des heiligen Geiſtes. Ohne ihn vermoͤgen wir nichts als Jrrgehen und Verderben. Pſalm. 85, 9. Gal. 3, 3. 5, 25. Wir koͤnnen ſeine Wercke weder bewahren noch ausmachen; koͤnnen wir doch nicht einmal eine gruͤne Kirſche reiff ma - chen. Vom heiligen Geiſt ſingt David Pſalm. 90, 16. 16, 17. 138, 8. 73, 23. 24. und Paulus Phil. 1, 6. 2, 13. Er muß ſtets in uns wohnen und leben, ſollen wir je fortkommen. Roͤm. 15, 13. Wie koͤnten wir uns ſelbſt das hoͤchſte und beſte unter allen Guͤ - tern, nemlich die Heiligkeit geben, die wir auch nur nicht das geringſte in der Natur vermoͤgen? Matth. 5, 36. 6, 27.

Jnzwiſchen muß man geſtehen, daß dieſe Gna - denwirckungen und alle und jede Huͤlfleiſtungen des heiligen Geiſtes ſo nahe, ſo innig und auf eine der Natur unſerer Seele ſo gar angemeſſene Weiſe ge - ſchehen, daß wir dieſelben nicht wol allemal mercken, und von unſerem eigenen Geiſt unterſcheiden koͤn - nen. O wie gar verborgen theilet er ſich uns mit! JEſus gibt recht heimliche Almoſen! Ohne ſei - ne Huͤlfe koͤnnen wir nicht einen Fuß fortſetzen. Laſ - ſet uns nur ſagen 1 Chron. 29, 10-19. 1 Cor. 4, 7. Joh. 3, 8. Adam wuſte nicht wie ihn ſeines Schoͤ - pfers Hand gebildet, ſo wenig als wir; dennoch empfinden er und wir, daß wir uns nicht ſelbſt ge - macht: eben alſo iſts mit der neuen Creatur. Eph. 2, 10.615C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. 2, 10. Pſalm. 100. Wir wiſſen, daß uns GOtt erneuret, unangeſehen wir nicht wiſſen, wie es zuge - gangen. Joh. 9, 25. Jetzund fuͤhlen wir mit ſeel - ergoͤtzender Wohlluſt, daß wir auf dem Wege der Kinder GOttes ſind. Luc. 15, 24. Alle gute Be - gierden ſind Fruͤchte vom heiligen Geiſt. Gal. 5, 22.

II. Der heilige Geiſt ſtreitet wieder das Fleiſch,2) Sreitet wieder das Fleiſch. alſo daß ſeine Fruͤchte und des Fleiſches Wercke ein - ander nicht leiden und unmoͤglich beyſammen beſte - hen koͤnnen. Gal. 5. Die Liebe, Andacht, Friede und unausſprechliche Freude und himmliſche Wohl - luſt in GOtt vertreiben die naͤrriſche, viehiſche, au - genblickliche und ſchaͤdliche Luͤſte der Natur. Der heilige Geiſt zeiget uns, wie ſchimpflich es dem Ma - jeſtaͤtiſchen GOtt unſerm unendlichen Gutthaͤter ſey, wann ein ſo hochbeguͤnſtigter Menſch ihm einen ſo ſchnoͤden Wuſt vorziehet, da er ihm die Suͤnder durch die Befreyung von ſo greulichem Unrath zur allerſeligſten Wonne bereiten will. Dabey aber theilet er unſerm Geiſt die von unſerm Jmmanuel fuͤr uns erworbene Kraͤfte des Todes und der Aufer - ſtehung mit, ja er vereiniget uns als eine Pflantze innigſt mit JEſu, der um unſerer Suͤnden willen auferwecket iſt. Roͤm. 4, 25. 6, 4.

Und dieſe Einverleibung in JEſum iſt der eini - ge Grund und Wurtzel unſerer Heiligung, und ſon - derlich einer innerlichen beſtaͤndigen Keuſchheit, wo - zu alle Moralberedungen menſchlicher Weisheit unzulaͤnglich ſind. 1 Cor. 2, 4. Hierinnen erweiſet ſich der heilige Geiſt als einen unuͤberwindlichen Bezwinger aller Feinde JEſu Chriſti in uns, bis er das Gericht zum ewigen Sieg und Triumph ausfuͤhret, nachdem erſt die Suͤnde in der Wieder - geburt erſchreckt, bedecket und verhuͤllet worden, alsQ q 4ein616Anhang zum dritten Theil,ein zum Tode verdammter Uebelthaͤter. Pſal. 32, 1. Eſth. 7, 8. Roͤm. 8, 3.

3) Er leget die heilige Schrift aus.
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III. Jſt das Amt des heiligen Geiſtes, daß er ein Ausleger der heiligen Schrifft ſey, und GOt - tes Geſetz in unſere Hertzen hinein ſchreibe: ohne welche einpraͤgende GOtteskraft keine Vorſtellung zureichet, in der Verſuchungsſtunde. Er iſt der Waſſerbach, ohne deſſen Einfluß der Baum keine Frucht traͤgt ins Himmelreich, mithin auch nicht die Keuſchheit Pſalm. 1. erſt in ſeiner Hand ſind die himmliſchen Wahrheiten ſcharffe Pfeile, Pſalm. 45. ein zweyſchneidiges Schwert, Hebr. 4. und blitzende Donnerſchlaͤge. 4 Moſ. 19. Kraft ſolches ſeines Lehramtes gibt der heilige Geiſt Augen zu ſe - hen

1) Wie ſo hochnoͤthig, ſchoͤn und anſtaͤndig die Keuſchheit ſey: eine Engliſche Tugend, die uns dieſen reinen und glaͤntzenden Einwohnern des Thrones GOttes aͤhnlich macht. Luc. 20, 35. 36. Wie luſtig und lieblich es ſey die reitzende Luſt zu erſticken; wie mancher Angſt und Gewiſſensunruh man da - durch entgehe; welch eine unſaͤgliche Gemuͤthsruhe in GOtt und heilige Freude es ſey, ſeine angenehm - ſte Paßion aus Liebe zu JEſu verlaͤugnet, beſieget und erwuͤrget zu haben: wie doch das Voͤgelein ſo wohlgemuth ſinge, wann es dem Strick des Vog - lers entgangen! Pſalm. 124.

2) Siehet das Hertz im Gnadenlicht des heili - gen Geiſtes, wie ſo heilig, majeſtaͤtiſch, nuͤtzlich, ſelig der Wille GOttes ſey, der Vollmacht hat uns alles abzuſchneiden und zu verbieten. 1 Theſ. 4, 3. 4. 5. Hier neiget der heilige Geiſt den neuge - ſchaffenen Willen, daß er tauſendmal mehr Suͤßig - keit und Vergnuͤgung im Gehorſam gegen GOttſchme -617C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. ſchmecket, als in irdiſcher Liebe und Schande, ſo zu - letzt ein unendlich Uebel verurſachen; alſo daß nicht nur der kindliche Reſpect vor GOtt ſondern auch un - ſer eigener Nutz uns noͤthiget, den Willen des GOt - tes der Liebe uͤber alles zu ſetzen: ſintemal ſein lieb - reicheſtes Mutterhertz uns nur allein dasjenige verbietet, was uns hoͤchſtſchaͤdlich iſt. O was fuͤr ein Paradis erblickt die Seele im Willen eines ſol - chen GOttes, alſo daß ſie nicht die gantze Welt da - fuͤr naͤhme ungehorſam zu ſeyn, ſo wenig als die heiligen Engel.

IV. Empfaͤht man in der Schule des heiligen4) Er ſetzt uns in GOttes Gegen - wart. Geiſtes Augen zu ſehen, und ein Hertz mit tieffeſter Ehrfurcht zu verehren die Gegenwart GOttes. Wann manches Menſchen ſeine unflaͤtige Gedan - cken, Wercke und Fantaſeyen ſolten unter den Leu - ten ſichtbar und laut werden: er begaͤbe ſich vor Scham in Oſt-oder Weſtindien. Solte aber die Allgegenwart und Allwiſſenheit eines ſo herrlichen GOttes, der alles ſiehet, weiß und richtet, uns nicht unendlich ſtaͤrcker zuruͤck halten, als aller Menſchen Wiſſen und Zuſchauen? Act. 17, 27. Syr. 23, 26. Ein Unkeuſcher ſpricht: Finſterniß iſt um mich her, und die Waͤnde bedecken mich, und ſiehet mich niemand: was fuͤrchte ich mich dann, der Hoͤch - ſte wird meiner Suͤnden nicht gedencken. Aber, dieſer fuͤrchtet ſich vor den Augen der Menſchen, und erkennet nicht, daß die Augen des HErrn, wel - cher der Hoͤchſte iſt, viel tauſendmal heller leuchten denn die Sonne, als welche anſchauen alle Wege der Menſchen, und betrachten bis auf die verbor - genſte Stuͤcke. O die Augen dieſes heiligen und gerechten GOttes leiden nichts unreines: der HErr dein GOtt wandelt mitten in deinemQ q 5La -618Anhang zum dritten Theil, Lager, daß Er dich errette, und deine Feinde vor deinem Angeſicht uͤbergebe: darum ſoll dein Lager heilig ſeyn; daß Er nichts ſchaͤnd - liches unter dir ſehe, und ſich von dir abwen - de. 5. Moſ. 23, 14. Bey jedweder Verſuchung haben wir GOtt zu einem Zuſchauer, der darauf mercket, was wir deſſelben augenblicks thun wer - den? ob Er mehr bey uns gelte als Satanas? Ach ſolten einer geilen Seele nicht die Haare zu Berge ſtehen, wann ſie bedencket, was ſie fuͤr einen gegen - waͤrtigen Augenzeugen gehabt aller der unkeuſchen Fantaſeyen, die ſie ſeit ſo vielen Jahren in ihrem Hertzen aufſteigen laſſen, und daran ſie ſich mit ih - ren innern Sinnen ergetzt! Ach wann wir zuruͤck dencken an unſere Jugendjahre, wie wir unſer zartes Jugendhertz und Leben verunreiniget, und GOttes Heiligkeit nicht geſcheuet! ach wie viel heimliche Kammerſuͤnden! O ihr Kammern, o du Bette, und alle ihr geheime Oerter! Wann ihr Zungen haͤttet und reden koͤntet, was wuͤrdet ihr wieder uns zeu - gen! O du unreines, verdammliches und verbultes Hertz! was redet und zeuget nun das Gewiſſen in dir wieder dich! O wann alle deine Bulerſuͤnden, und inwendige Fleiſchesluͤſte (wie ſie in GOttes Buch, und in dein Gewiſſen mit einem eiſernen Griffel ſamt derſelben Straffen, die auf dich war - ten eingeſchrieben ſind) alſo an deine Stirne oder an eine Wand aufgezeichnet wuͤrden durch eine Hand vom Himmel, wie Dan. 5: o wie wuͤrdeſt du dich entfaͤrben; dein Angeſicht erbleichen; dein Mund verſtummen; deine Lenden zittern, und dein Ge - beine ſchlottern! Nun kommt aber ein Tag und iſt nahe, an welchem der HErr der alles ſiehet und rich - tet, wird ans Licht bringen, was im finſtern verbor - gen iſt, und wird es vor dem Angeſicht aller Men - ſchen und Engel offenbaren.

Jch619C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren.

Jch halte, ſagte der ſelige Scriver, ein einiger Anblick des gecreutzigten Heilandes, der im Glau - ben und in rechtſchaffener Andacht geſchiehet, ſey genug alle Suͤndenluſt zu daͤmpfen. Mir iſt er - zehlet worden, das in Genf ein frommer Theologus in der Nachbarſchafft eines unkeuſchen Weibsbil - des gelebt und gewuͤnſchet, dieſelbe von ihren boͤſen Wegen ab und dem HErrn JEſu zuzufuͤhren. Hierzu erſinnet er ein ſolch Mittel: Er laͤßt das Bild des gecreutzigten JEſu auf eine Taffel, die wie ein Spiegel eingefaſſet, gar artig und klaͤglich mah - len: haͤnget dieſelbe an ein Fenſter, in welches das Weib aus ihrem Hauſe ſehen konte, und tritt oft da - vor, als wann er ſein Angeſicht im Spiegel be - ſchauete. Sie wird deſſen bald inne und verwun - dert ſich, was ein ſo beruͤhmter Mann ſo oft vorm Spiegel macht? Als ſie ihm aber auch einmal mit Lachen zuſahe, wendet er ſeinen Spiegel unvermuth - lich um, und haͤlt ihr mit betruͤbtem Geſicht und trau - riger Geſtalt das Bild ihres gecreutzigten Heilan - des entgegen: als wolte er ſie erinnern, ſie moͤchte an dieſe Liebe ihres JEſu gedencken, und nicht vergeſſen, wie ſauer ſie ihm geworden zu erloͤſen, und wie uͤbel ſie thaͤte, daß ſie ihn ſo vielfaͤltig mit ihren groſſen Suͤnden beleidigte. Ueber welchen unvermutheten Anblick das Weib ſich dermaſſen beweget, daß ſie dieſen Spiegel begehrt, ihr vorgenommen, keinen andern hinfort zu gebrauchen, und ein keuſches, gott - ſeliges Leben inskuͤnftige zu fuͤhren. Dieſes meldet Scriver aus Engelgrav, es ſey ſolches in Jtalien ge - ſchehen. So befleißige du dich denn auch nur darauf, daß du die Betrachtung des keuſchen und reinen Le - bens JEſu und deſſen ſchmaͤhlichen und ſchmertzli - chen Creutztod dem luͤſternden Fleiſch entgegen hal - teſt, ſo oft es dir eine Suͤnde zumuthet. BetrachteChri -620Anhang zum dritten Theil,Chriſti allerheiligſten Leichnam als im Grab lie - gend; und gedencke, daß eben wie Adam GOttes Bild und Leben durch die Suͤnde nicht nur getoͤdtet, ſondern mit dem irdiſchen Sinn und Koth der Luͤſte dermaſſen zugedeckt, daß es unter der Kraft der Suͤnden und des alten Adams jaͤmmerlich vergra - ben liegt, alſo auch wir demnach mit Leib und Seele ewiglich haͤtten ſollen in der Hoͤlle begraben liegen. Aber durch JEſum Chriſtum ſey die Suͤnde und der alte Menſch als das Ebenbild des Teufels getoͤd - tet und begraben worden, und JEſus habe, als Er am dritten Tag aus dem Grabe kommen, Suͤnde, Fluch und alles Uebel alſo fuͤr ewig begraben gelaſ - ſen. Hier auf der Schedelſtettte und beym Grab - gewoͤlbe JEſu Chriſti ſiehet man im Reich des hei - ligen Geiſtes mittelſt ſeiner gnadenvollen Erleuch - tung eine ſo ſuͤſſe und reine Klarheit in dem leiden - den, am Creutz hangenden und ſterbenden JEſu: daß man wol lieber hundert tauſend allergreulich - ſte Martertoͤde leiden wuͤrde, als den getreuen Hei - land noch mit dem kleinſten Luͤſtlein einen Geiſſel - ſtreich auf ſeinen um unſerer Suͤnden willen genug zerfleiſchten allerheiligſten Leichnam zu geben. Gal. 2, 19. 20. 5, 24.

Darum hinunter du uͤppige geile Weltjugend; Jhr Juͤnglinge und Jungfrauen! reichet mir die Hand und kommet, ich will euch fuͤhren an einen Ort, da ihr gleich in einem Blutſpiegel eure blutro - the Suͤnden werdet erblicken; und dieſes iſt die blutrothe Roſe von Saron, der leidende JEſus in einem Oelthal im Garten. Schaue da an die - ſem Blutbraͤutigam, was alle deine fleiſchliche Luͤſte fuͤr eine untraͤgliche Zornlaſt auf ſeine Schultern ge - legt! ſchaue was dieſes reine Laͤmmlein und traute JEſushertz um ſolcher Geilheiten willen leidenmuß!621C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. muß! wie ſein Angſtſchweiß mit Blutstropfen ver - miſchet von ſeinem heilig reinen Leibe herab auf die Erde rinnet! ſchaue da, wie Er uͤber deinen buleri - ſchen Geſpraͤchen weinet, ſeuftzet und klaget, und wie ſie ihm ſein Hertz durchſchneiden, daß Er in dieſe jammervolle Klage ausbrechen muß: meine Seele iſt betruͤbt um und um bis in den Tod! mir, mir haſt du Muͤhe gemacht mit deinen Suͤnden. Jeſ. 43, 24. Schaue da, du leichtferti - ger Taͤntzer, wie dieſer ſtarcke GOtt um deines uͤp - pigen Tantzens und Springens willen ſchwach wird von hoͤlliſcher Seelenangſt, daß ihn ſeine Bei - ne nicht mehr tragen wollen: er faͤllt auf ſein Ange - ſicht, ſinckt auf die ſchwartze Erde, windet ſich und winſelt wie ein zertretenes Blutwuͤrmlein. Schaue du Trunckenbold! wie JEſus da deine Wohlluſt - ſuͤffe abbuͤſſet, und um derſelben willen den Zorn - kelch des Vaters austrinckt. JEſus betet mit ſtarckem Geſchrey und Thraͤnen in der Angſtnacht, und du biſt luſtig in der Sauf-und Spielnacht, und traͤnckeſt den nach deinem Heil durſtigen JE - ſum uͤber deinem Sauffen und Spielen mit einem Tranck von Eßig und Galle bereitet?

O gehe nur weg und ferne du armes Bulerkind! du eitele Weltjugend! die du trachteſt nicht dem ſchoͤnen Braͤutigam JEſu, ſondern der Welt und deinen Cameraden und Geſpielen zu gefallen, mit deinen Augen und Geberden und mit der Hoͤllenfar - be der Hoffart deiner Kleider. Gehe nur von GOttes Augen weg: denn ſeine Majeſtaͤt wird deinen Un - danck und Liebloſigkeit nicht tragen. Aber wohin? Ach gehe doch, bitte ich, hin mit deinen Gedancken in den Hoff Caiphas: da wirſt du einen andern Spiegel finden, in welchem du dich ſpieglen, und nach welchem du dich halten und zieren ſolſt. Sieheda,622Anhang zum dritten Theil,da, wie eben dieſer Braͤutigam JEſus mit Faͤu - ſten und Spitzruthen geſchlagen, verwundet, ver - ſpeyet, geraufft und verſpottet wird, um aller dei - ner Leichtfertigkeiten willen! ſeine wohlriechende Oele und Waſſer ſind ſtinckender Rotz und Spei - chel und Geiffer; ſeine Krauswercke ſind die Haͤnde der Lotterbuben, mit denen ſeine Haare gekaͤmmet; Fauſtſchlaͤge und Gertenſtreiche ſind ſeine Kuͤſſe und Liebkoſungen; Stricke und Ketten ſind die Arm - baͤnder damit er geziert; Spott und Purpurman - tel iſt das Kleid darinnen er geehret; ſeine Wohlluſt und Bett iſt das harte und ſchwere Creutz daran er hanget. O ſchnoͤde Jugend! ihr muthwillige Weltkinder! wann ihr euch nun in dieſem Spiegel beſchauet: kann euch das ſolche Ueppigkeiten eurer Buler - und Weltfreude nicht verleiden? Kanns denn euer Hertz in Liebesthraͤnen nicht zerſchmeltzen, ja in tauſend Stuͤcke zerreiſſen? ſo werden die har - ten Steine auf der Gaſſen euch anſchreyen und uͤberzeugen muͤſſen!

5) Zeigt uns die geiſtliche Schoͤnheit.
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V) Der heilige Geiſt laͤßt uns unterweilen ei - nen Blick thun in die geiſtliche ſelige Schoͤnheit, ſo unſer Geiſt aus Gnaden von GOtt um JEſu Chriſti willen in ſich empfangen, durch die neue Geburt heilig zu ſeyn wie GOtt. 1 Petr. 1, 14-17. 4, 3. Eph. 4, 19-24. Col. 3, 5-10. Ein Chriſt ſoll ſeinen Leib GOtt aufopfern. Roͤm. 12, 1. Wie wuͤrde ſichs doch nun reimen, ein ſo garſtiges Suͤn - denaaß vor ſeinen Augen auf ſeinen Altar hin zule - gen? Hunde und Schweine opfern iſt der abſcheu - lichſte Greuel. 2 Pet. 2, 19-22. Solte ein Kind des Lichts, das in Gemeinſchaft ſtehet mit dem hoͤchſten HErrn, ſich in Satans Pfuͤtzen weltzen? Wercke der Finſterniß begehen? die heiligen Freyheiten und Vorrechte ſeines himmliſchen Beruffs mit Fuͤſſentre -623C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. treten? ein Chriſt ſoll ſich ehrerbietigſt vor ſich ſelbſt ſchaͤmen! 2 Cor. 6, 15-19. Die Tauffe und das heilige Abendmahl verbinden uns gewal - tiglich zu einem keuſchen Wandel. Solten die Pa - triarchen ſo viele 100. Jahr in Engliſcher Keuſch - heit gelebt haben, die doch die Stimme des neuen Bundes noch nicht gehoͤrt hatten, zu was fuͤr einer Hoheit wir beruffen und erhaben ſeyn: und wir ſol - ten bey ſolchem Glantz Chriſti nicht noch mehr thun als jene?

VI. Der heilige Geiſt ſtellet uns in ſeiner Schu -6) Er zeigt uns un - ſern Tod. le recht lebendig und empfindlich vor unſern un - vermeidlichen Ueberſchritt aus der Zeit in die Ewigkeit. Nun iſt nichts jaͤmmerlicheres als un - gern ſterben, und dagegen nichts freundlicheres und erwuͤnſchteres als ein freudiger Abſchied. Ein noch unabgeſtorben wohlluͤſtig leben aber macht das ſter - ben uͤbelbitter. Darum wage es doch ja niemand, ei - nen Tag laͤnger in einem ſolchen Zuſtand zu bleiben, darinn er ein ſo grauſam boͤſes Angſtſtuͤndlein zu be - fuͤrchten habe, nach welchem die zittrende Seele in in eine unbekante dunckele Geiſterwelt hineinwan - dern muß; allwo ſie der angewohnten zeitlichen Luͤ - ſte, und andern Zeitvertreibes immer und ewig ent - behren und gequaͤlet werden wird von einem er - ſchrecklichen Warten des Gerichts; da ſie in allen ihren Suͤndengreueln und Schanden nacket ſtehet und offenbar wird: dagegen eine heilige Seele naͤ - her in GOtt kommt, als ſie war, da ſie noch im Leibe wallete; da ſie des juͤngſten Tages ruhig, freudig und ſelig wartet, und es alſo fuͤr richtig und gewiß erfaͤh - ret, daß es nicht vergeblich ſondern ſehr nuͤtzlich und hoͤchſtnoͤthig iſt, ſich auf eine ſo erwuͤnſchte Heim - farth in Zeiten vorzubereiten. Es weiß zwar jeder - mann daß er davon muß: aber erſt unter der Zuchtund624Anhang zum dritten Theil,und Regierung des heiligen Geiſtes lernet der Weiſe ſeinen Sterbetag alſo bedencken, daß er ſei - nen Nutzen davon mache, und des Suͤndigens muͤßig gehe. O ja! denckeſt du tieff an das Bild eines Sterbenden, wie ihm der Angſtſchweiß aus - bricht, das Hertz bebet, alle Glieder erzittern, die Augen brechen, der Hals roͤchelt, das Angeſicht erblaſſet und alles erſtarret; und glaubeſt du da - bey gewiß, daß zu ſeiner Zeit (wer weiß aber wie bald!) andere ein eben dergleichen Bild an dir ſchauen werden: O wie wirſt du nach der Krafft JEſu Chriſti lechtzen, daß doch ſein Blut den Greuel der Unkeuſchheit gantz aus dir hinweg nehme! du wirſt mercken auf die Stimme ſeines Geiſtes, und ſeine Gnadenbewegungen treulich brauchen, bis du andern in der Wahrheit bezeu - gen kanſt: JEſus habe ein unendlich Vermoͤgen und Bereitwilligkeit, die Menſchen von der Un - keuſchheit zu reinigen. Ja was du alſo ſelbſt fuͤr ſtarck und gut befunden, die Herrſchafft dieſes Greuels zu brechen, das wirſt du nicht unterlaſ - ſen zu taͤglicher Reinigung anzuwenden: damit, wann das Geſchrey von dir unter die Leute kommt, er iſt geſtorben! du alsdann an einem guten Or - te ſeyeſt. Gewiß ein andaͤchtiger Durchgang uͤber den Kirchhoff, und die Grabſtaͤtte der Nach - barn und Bekanten koͤnte noch manchen zu beſſern Gedancken bringen; weil gleichwol die Reihe an einen jeden kommt, und keiner juͤnger wird, aber wol taͤglich aͤlter.

7) Erin - nert uns der Ver - klaͤrung unſrer Lei - ber.
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VII. Der heilige Geiſt lehret ſeine aufmerckſa - me Schuͤler, daß unſer HErr JEſus Chriſtus die groͤſte Hertzensfreude habe den Erloͤſeten und Geheiligten am juͤngſten Tage verklaͤrte Lei - ber zu ſchencken; daher JEſus dieſes ſo oft wie -der -625C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. derholet. Joh. 6. Derowegen ſoll ja kein Chriſt ſeinem HErrn durch Beſudelung ſeines Leibes die Freude ſtoͤren, die er alsdann haben will in Wie - deraufrichtung der durch den Tod eingefallenen Pallaͤſte Jeruſalems. Unſere leiber ſind nicht ge - ſchaffen, fuͤr dieſe kurtze Lebens zeit, ihre Luſt da auf Erden in dieſem kothigen Jammerthal zu buͤſſen, daß es hie gehen ſolle, wie Luther ſagt: daß wir lieber ſehen wolten was ſchoͤn, ſaͤuͤberlich und wohl - geſtalt iſt, als Gold, Silber[ ꝛc .]. lieber eine junge Tochter oder einen munteren Juͤngling, denn ein alt Weib oder einen alten Mann. Dis iſt eine Maͤu - ſefalle, die unſere Sinnen betruͤbt. Nun ſind un - ſere beyde Augen innerlich und aͤuſerlich Augen GOttes, ja auch alle unſere Glieder und alles was in uns iſt, ſind Jnſtrumente und Werckzeuge GOttes, und iſt nichts unſer, ſo ſie von GOtt re - gieret werden: aber alsdenn ſind ſie unſer, wenn wir vom heiligen Geiſt verlaſſen werden. Das iſt das Auge das uns aͤrgert, das ſollen wir ausgra - ben, als Chriſtus ſagt, und von uns werffen. Unſere Leiber ſind nicht vor dieſe alte Welt: nein! GOtt hat ſie zu unausdencklich herrlicheren Ver - richtungen beſtimmet, im neuen Himmel und auf der neuen Erden. Dieſes wuſte Paulus, des - halben ließ er ſich vom heiligen Geiſt antreiben, zu wuͤnſchen, daß er doch einmal zum voraus nach dem inneren Menſchen dem hochheiligen Auferſtehungsleben am naͤchſten kommen moͤchte. Phil. 3, 11. Roͤm. 8, 11-14. 1 Cor. 12, 2. Ein Chriſt ſoll einen ſonderbaren Reſpect haben vor ſeinen Leib, als vor den Tempel und Wohnung eines ſo groſſen HErrn, daß nichts unſauberes daran komme. Wer demnach ſeinem Leib alles unreine abſchlaͤgt, und ihn mit Chriſti GebotenIII. Th. Betr. der Unreinigk. R rzaͤu -626Anhang zum dritten Theil,zaͤumet, durch Enthaltung von allem Ueberfluß und Unzucht, der liebet ihn recht als ein kluger feiner Mann. Wer im Gegentheil der Geilheit (ſo wenig als es iſt) nachhenget: der iſt ein Stock - narr, und ruͤſtet ſeinen Leib zum hoͤlliſchen unaus - loͤſchlichen Feuer und Schmach. Nun wiſſen wir die Lehre alle von der kuͤnftigen Auferſtehung: wer aber den heiligen Geiſt nicht zu ſeinem Fuͤh - rer hat, der wird nimmermehr daraus grundgut, keuſch, zuͤchtig und heilig. Komt der unſaubere Geiſt und erreget die Fantafie und das Gebluͤte: ſo iſt aller der geheimnißreichen Wahrheiten in einem Huy vergeſſen, und ſie machen nicht mehr Eindruck als ein gemahltes Papier, weil der rechte Erin - nerer und Lehrer, der heilige Geiſt nicht im Her - tzen Meiſter iſt. Eben wie die thoͤrichten Jung - frauen vieles zu ſingen und zu ſagen wuſten, von des Lammes Hochzeit; weil es ihnen aber am Oel des heiligen Geiſtes gebrach: ſo vergaſſen ſie bey allem ihrem Wiſſen, Hoͤren, Leſen und guter Ver - traulichkeit mit den Klugen, der rechten Zuberei - tung auf die Zukunfft des Braͤutigams und der Wachſamkeit. So gehts mit allen und jeden Be - wegungsgruͤnden und Anweiſungen, wann der heilige Geiſt nicht um einen tieffen Eindruck er - ſucht wird, ins Hertz und Leben.

8) Er erin - nert uns des juͤng - ſten Ge - richts.
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VIII. Der heilige Geiſt laͤßt uns auch das juͤngſte Gericht nicht in Vergeſſung ſetzen, an welchem ein jeglicher empfahen wird, was er an ſeinem NB. Leibe gehandelt hat. 2 Cor. 5, 10. 1 Pet. 4, 3-9. Daß alsdann ein ſonderbar ſchrecklicher Zorn vom Himmel uͤber unkeuſche geoffenbaret werden ſolle: zeiget die erſte Welt, Sodom und Gomorra. 2 Pet. 2, 5-10. Und weil die ſchaͤndlichen Dinge unkeuſcher Menſchen mei -ſtens627C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. ſtens heimlich geſchehen: (Eph. 5, 12.) ſo behaͤlt ſich GOtt ſonderlich dieſer Gattung Suͤnden vor, ſelbige oͤffentlich zu richten; Hebr. 13, 4. und die Larven der Heucheley denen ſo ſie treiben abzuzie - hen, damit alle Welt ſehe, wer ſie geweſen. So groß nun alsdann dieſer ihr Schrecken und Be - ſtuͤrtzung ſeyn wird: ſo groß wird auch die Freu - digkeit ſeyn derjenigen, die in einem keuſchen, nuͤchternen und gottſeligen Wandel gewartet ha - ben auf die ſelige Hoffnung und Erſcheinung der Herrlichkeit dieſes groſſen GOttes und Seligma - chers. Tit. 2, 13.

IX. Der heilige Geiſt fuͤhret auch dann und9) Er zeigt die ewige Quaal der Verdam̃ - ten. wann ſeine Kinder an den Rand des ewigen Ab - grunds, und zeiget ihnen die unbeſchreibliche Noth der Verdammten; davor auch JEſus vielfaͤltig warnet, als Matth. 9, 43, 44. Apoc. 21, 8. Und lehret uns, daß es beſſer ſey ſich in dieſem Leben wehe zu thun durch Enthaltung, als die ewige Pein zu erfahren; die ein Chriſt mit der geringſten Ga - lanterey eher und mehr verdienet, als die Heiden mit ihren groͤbſten Unflaͤtereyen. Matth. 11, 24. Luc. 13, 3. Merckwuͤrdig iſts, daß der Richter vom Himmelreich ſaget, daß es den Gerechten vor der Grundlegung der Welt bereitet geweſen. Da - gegen vom ewigen Feuer ſagt er nicht, daß es den Menſchen, ſondern nur den Teufeln be - reitet ſey. Matth. 25. Die geilen Boͤcke aber ha - bens lieber wollen mit den unreinen Geiſtern gleich gut haben, als Chriſti Sinn, Bild und Willen an - ziehen: darum werden ſie von dieſem ab und zu jenen hingewieſen. JEſus der gute Hirte hat ihnen lange genug geruffen, gelocket und gepfiffen, auf daß Er ſie zu ſeinem Volck, und zu SchafenR r 2ſei -628Anhang zum dritten Theil,ſeiner Weide machte; Pſalm. 100, 3. damit Er ſie von der hoͤlliſchen Bocksgeſtalt befreyen und ihnen ſeine keuſche Lammesart ſchencken moͤchte: aber das laſtergeile Hertz hatte keine Ohren fuͤr JEſum, tantzte dem Teufel immerhin nach ſeiner Leyer und Geige, und raſete der Hoͤllen zu. Wie wird ſie doch die Reue nagen in Ewigkeit! Jſt das Hertz jetzt ſo hart und unempfindlich, daß dieſe reine Liebesflammen JEſu, und der Engel Luſt bey dir nichts vermag, und du auch noch jetzt den Seelen - Braͤutigam aufs neue creutzigeſt und mit neuen Suͤndenſeilen bindeſt: ſo iſt dir nichts anders be - reitet als die ewige Hoͤllenglut und die ewige Trauer und Angſtnacht, da du den unreinen Bu - lerſchweiß ſchon abbuͤſſen wirſt. Ach wie wird es dich dann nicht ewig gereuen, daß du ſo einen ſchlech - ten Tauſch gethan; die Welt fuͤr JEſum erweh - let; unreine ſtinckende Fleiſchesluſt fuͤr die goͤttli - che Liebe JEſu angenommen; den Schooß der Weltbulen fuͤr des himmliſchen Vaters Schooß beliebet; den ewigen Hoͤllenpfuhl und Traurigkeit fuͤr ewige Wohlluſt, Reichthum, Freude und Jauchtzen, und die Geſellſchafft unkeuſcher Hoͤllen - ottern anſtatt der reinen Seelen und heiligen En - gel im Himmel (ach unverhoft und doch ſo oft gewarnet!) davon getragen! O wie wird alsdann dein Jugendhertz in Angſt zappeln; dich ſelbſt und andere anklagen; gegen die unkeuſche Liebe im hoͤch - ſten Haß ergrimmen; (2 Sam. 13, 15.) Die Bu - ler und Bulen, die du, und die dich verfuͤhrt, ver - fluchen und verdammen! O Abgrund des Elen - des! wer kanns begreiffen und genugſam mit Worten ausſprechen!

Da ruhet Ehre und Glorie auf den Heiligen; die Ungehorſamen aber faſſet Schmach und Zit -tern.629C. 2. Man muͤſſe ſich zuerſt bekehren. tern. Pred. 12, 14. Da wird mancher vermeinter heiliger wegen heimlich getriebener Fleiſchesluſt vergebens im Himmel geſucht, und mit entſetzen unter den Verfluchten werden angetroffen werden. O wie wird ein unkeuſcher anders von der Sache urtheilen in der Hoͤlle: da wol ſonſt ein Zahnwehe oder Bauchgrimmen die Geilhelt ſchon vertreiben kann! Ach daß dieſes fuͤrnehmlich junge Leute be - daͤchten, und ihre friſche, muntere Jugend in Keuſchheit zubraͤchten: wie viel Schmertzen ent - giengen ſie! Welch einen guten Grund legten ſie zur allerhoͤchſten Fortun in Zeit und Ewigkeit! Wo aber der heilige Geiſt nicht Gehoͤr findet; da ſchrecket die Hoͤlle nicht mehr von Suͤnden ab, als der Berg Hecla in Jsland; er mag Feuer ſpeyen ſo lang er will. Die groſſe Sicherheit macht, daß man ſich bey allen Suͤnden viel weiter von der Hoͤlle zu ſeyn einbildet, als wir hier in der Schweitz von allen Feuerſpeyenden Bergen der Welt ſind.

X. Jſt dieſes auch ein treflich Mittel die10) Er gibt einen Vor - ſchmack des ewigen Lebens. Keuſchheit zu behalten, wann der heilige Geiſt ei - nem Juͤnger Chriſti einen Vorſchmack der ewi - gen Freude gibt, und ihn truncken macht von den reichen Guͤtern des Hauſes GOttes, und einen heiligen Strahl aus der reinen Ewigkeit in ſein andaͤchtig Hertz hinein ſcheinen laͤßt. Wann man die himmliſchen Erſcheinungen in der Offenba - rung Johannis nur liefet, ſo erweckts ſchon einen heiligen Schauer: wie vielmehr wann der heilige Geiſt den Vorhang wegziehet, und hinein gucken laͤßt in die ewige Herrlichkeit? O wie bringt das tieffe Erwegen der klaren Reinigkeit der heili - gen Seraphim, und der alles unendlich uͤberſtei - genden Heiligkeit der Menſchheit JEſu (vorR r 3de -630Anhang zum dritten Theil,deren Majeſtaͤt ſich auch die Heiligkeit der hoͤch - ſten Thron-Fuͤrſten ſchaͤmen muß) einen unſaͤgli - chen Eckel und Abkehr von aller Fleiſchesluſt! Jnſonderheit, wann die lebendige Hoffnung aus dem gnadenvollen Zeugniß des heiligen Geiſtes im Hertzen aufbluͤhet, man werde Chriſto gleich ſeyn und ihn ſehen wie er iſt: o da reiniget man ſich, wie JEſus auch rein iſt. 1 Joh. 3, 2. 3.

Das dritte Capitel.

Von den ſtaͤrckſten Huͤlfsmitteln wieder die Unkeuſchheit, welche, wenn nur erſt der Grund durch gruͤndliche Hertzens - aͤnderung geleget iſt, mit zuverlaͤßiger Wirckung und Vortheil von Chriſten gebrauchet werden

Solche ſind z. E.

  • 1. Wachſamkeit, und Mißtrauen gegen ſich ſelbſt, um den erſten Anfaͤngen vorzubeugen oder zu entrinnen.
  • 2. Ein heiliger Ernſt im Kampf des Glaubens und in der Sorgfalt fuͤr die theure Seele.
  • 3. Schnelle und gewaltſame Abziehung der Augen und Gedancken.
  • 4. Heilige Betrachtungen und rechter Gebrauch der hei - ligen Schrift nebſt dem heiligenden Andencken JEſu.
  • 5. Ein gewaltthaͤtiges Ueberwinden ſein ſelbſt, um ſich darin andern heiligen und erfahrnen Leuten zu entde - cken.
  • 6. Beſcheidene Regierung und Beſorgung des Leibes.
  • 7. Unterthaͤnige Gedult und demuͤthiger Glaube.

I. Ein wiedergeborner Chriſt trauet ſich ſelber durchaus nichts zu: ſondern wachet uͤber ſich ſcharf und beſtaͤn - dig, um den erſten Anfaͤngen der wolluͤſtigen Anfaͤlle recht zu begegnen, und ſie wenigſtens flugs niederzu - ſchlagen, wo er ihnen ja kurtzum nicht haͤtte aus dem Wege gehen koͤnnen.

Vor631C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit.

VOr Kranckheiten braucht man zweyerley Mittel: die erſten zur Fuͤrſorge, der Kranckheit vorzukommen; die andern zur Heilung. Zur Fuͤrſorge, wie allen Suͤnden alſo auch der Unkeuſchheit vorzubeugen, gehoͤret theils das Mißtrauen an ſich ſelbſt, da man in ſteten Sorgen ſtehet, man moͤchte vom Verſucher uͤbervortheilet werden: theils die Wach - ſamkeit. Anfechtungen und mancherley Verſu - chungen muͤſſen wir alle Tage gewaͤrtig ſeyn: Dis iſt die Natur des menſchlichen Lebens. Man muß aber aus der Urſach nicht meinen, daß man allezeit uͤberwinden werde, weil man ſich etwa vor - geſetzt hat lieber zu ſterben, als GOtt zu beleidi - gen: nein! ſolche Hoffart und eigen Vertrauen kann GOtt zu Boden nicht leiden; da iſt der Fall mehr denn gewiß. Jm Gegentheil macht die Furcht fuͤrſichtig und JEſu anklebend: ſind wir aber in uns ſchwach und verzagt, vertrauen in Chriſtum allein, und JEſus haͤlts mit uns und ſtreitet fuͤr uns, ſo haben wirs gewonnen.

Es iſt kein einiger Feind des Heils, wieder welchen man mehr auf der Hut ſeyn muͤſſe als die Unkeuſchheit. Wo man meint, ſie ſey todt, da ſchlaͤfft ſie nur; und man kann die Frucht eines langen Kriegs uͤberaus bald und leicht verlieren, wo man ſich den Sieg allzugeſchwind zutrauet. Ach da, da lauret die Unkeuſchheit wie ein Wolf auf ein Schaf, und ein geringer Anlaß zeiget, daß ſie noch nicht vertilget ſey. Unkeuſchheit iſt ein Feuer, ſo unter der Aſchen glimmet und unverſehens al - les in Brand ſteckt: hier hilft am ſtaͤrckſten, ſich nichts, und GOtt alles zutrauen.

Es iſt aber auch der allzugemeinſame und oͤf - tere Umgang zwiſchen Perſonen beyderley Ge -ſchlechts632Anhang zum dritten Theil,ſchlechts auch unter Frommen nicht ohne Gefahr. Zuerſt ſcheint es nur eine geiſtliche Liebe in Chriſto zu ſeyn, und man will auf keiner Seiten nichts ar - ges vor haben: indeſſen ſpuͤret der Tauſendkuͤnſt - ler ſeinen Vortheil aus, erwiſchet entweder das eine oder alle beyde ploͤtzlich, blaͤſet ins Fleiſch, und zuͤndet eine Hurenbrunſt an; alſo daß dieſe un - vorſichtige ihre Schantze verlieren, und beyde mit einander zu Falle kommen, mithin zu groſſen Un - ehren des Namens Chriſti und mercklichem Nach - theil ſeines Reichs im Fleiſch vollenden, was doch im Geiſt angefangen war. Gal. 3, 3. Wie wir manch betruͤbt Exempel hievon leſen im Leben der Altvaͤter.

  • Der heilige Macarius erzehlet Hom. 27. §. 15. 16. fol - gendes. Ein anderer gab ſeinen Leib auch dahin in der Verfolgung, ward auch aufgehencket und entzuckt, dar - auf ins Gefaͤngniß geworffen. Dieſem dienete eine glaͤubige Frau, die nach der Regel (nach der Vor - ſchrift eines geiſtlichen - oder Nonnenordens) lebe - te, mit welcher er bekannt war, und im Gefaͤngniß in Unreinigkeit fiel. Siehe, wie der, welcher ſeinen Leib zur Marter dahin gab, gleichwol gefallen iſt! Ein an - derer kluger Kaͤmpfer, welcher bey mir im Hauſe war und mit mir betete, war ſo reich an der Gnade, daß er im Gebet neben mir heftig geruͤhret ward: denn die Gnade war in ihm bruͤnſtig. Er hatte auch die Gabe geſund zu machen, und trieb nicht allein die boͤſen Gei - ſter aus, ſondern heilete auch durch Auflegung der Haͤn - de die, ſo an Haͤnden und Fuͤſſen gebunden, und mit ſchweren Gebrechen beladen waren. Darauf ward er nachlaͤßig: und weil ihn die Welt erhub, und er Gefal - len an ſich ſelber hatte, ward er aufgeblaſen und fiel in die tiefſten Suͤnden. Wer mag die Hinterliſtigkeiten des Teufels allzumal ermeſſen?
  • Zu unſerer Vaͤter Zeiten kamen Prediger ins Land, wel - che in der hungariſchen Verfolgung unter Kaͤyſer Leo - poldo ſehr vieles um des Evangelii willen ausgeſtanden hatten. Sie muſten z. E. Tag und Nacht bis uͤber die Lenden in ehe Graͤben ſtehen; ihnen ward ſchimlicht Brot zur Speiſe vorgeworfen, das muſten ſie aus Men - ſchenkoth und Harn aufheben und eſſen, weil ſie ſonſtnichts633C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. nichts hatten; ihnen wurden zuletzt ihre Knieſcheiben mit gluͤenden Blechen verbrannt ꝛc. Dieſe wurden an andern Orten, nach dem man ſie endlich aus den Mar - tern entlaſſen und aus dem Lande getrieben, mit man - cherley Ehrenbezeugungen aufgenommen, und mit groſ - ſer Solennitaͤt vorgeſtellet: da dann ein weltberuͤhmter vornehmer Theologus eine Rede hielt, und alſo anfieng: Wer ſind dieſe? und woher ſind ſie kommen? mit der Hand auf dieſe Prediger deutende; Und antwortete ſich ſelbſt: dieſe ſinds, die da kommen ſind aus der groſſen Draugſal, und haben ihre Kleider gewaſchen, und ſie helle gemacht im Blut des Lammes. Aber leider eben dieſe, nachdem ſie wohl gehalten wurden, und des Kampfs vergaſſen, ſchlieffen alsdenn ſchaͤndlich ein, und geriethen in aͤrgerliche Unreinigkeiten.
  • Ein Juͤngling, eines Predigers Sohn in der welſchen Schweitz am Murtenſee, war Officier in Holland, ſahe ein groß Weltgluͤck vor ſich, kam in vollem Pracht nach Genf, friſche Soldaten zu werben, Compagnien aufzu - richten und zu ergaͤntzen ꝛc. Er ward von ſtuͤrmiſchen Platzregen zum zweytenmal aufgehalten, daß er zu Hau - ſe bleiben muſte. Da laſe er beydemal fuͤr die lange Weile ein Buch, das eben da lag: das erſte mal ſchmiß ers weg; das andere mal ward er unterm leſen ſo heftig geruͤhrt, daß er ſich gerade zu reſolvirte, in das arme verachtete Creutzleben Chriſti zu treten, nach dem Kleinod zu lauffen, und das Himmelreich mit Gewalt zu ſich zu reiſſen. Er ſchickte Geld, Pferde und Bedien - te gleich zuruͤck in Holland, und wandte ſein gantzes Hertz zu ſeinem geereutzigten, nun aber unendlich erhoͤ - heten Heiland; er ſehnete ſich nach einem Ort auf Erden, woſelbſt er ſein Vorhaben am bequemlichſten und un - gehindert koͤnte werckſtellig machen; brachte demnach zwey Jahre in Schwartzenau zu, in ſtiller Gemuͤthsru - he und voͤlliger Abgeſchiedenheit von allem Weltgetuͤm - mel; lebte gar aͤrmlich, dabey aber hoͤchſtvergnuͤgt, in ſeligſter Gewiſſensfreudigkeit und innigem Geſchmack der goͤttlichen Ruhe und Friedens. Da er ſich nun un - beweglich im guten gegruͤndet, und allen Verſuchungen weit und uͤbrig gewachſen zu ſeyn vermeinte: wolte er aller treugemeinten Warnungen ſeines Vetters (eines welſchen Edelmanns der faſt ſeine gantze Lebenszeit, nehmlich bey 32. Jahr in ernſtlicher und ungemeiner Verleugnung zugebracht, und den Lauff ſeines Chriſten - thums im Wittgenſteiniſchen ſeliglich geendiget) unge - achtet, die ſeinigen heimſuchen. Daſelbſt ward ſein Hertz nach und nach verbildet, von eitelen Luͤſten der -R r 5maſ -634Anhang zum dritten Theil,maſſen verfinſtert, verkehret, und von ſeinem ſeligen Mittelpunet verruͤckt, daß er ſeinen Polarſtern auf keine weiſe wieder finden konte. Er ward ſich ſelbſt und den ſeinigen unertraͤglich. Auf einen Tag gieng er mit ſei - ner Schweſter nach dem Mittageſſen ſpatzieren in dem Baumgarten, und legte ſich ſchlaffen. Bald aber fuhr er im Schrecken auf, und ſagte ſeiner Schweſter, ihm habe getraumt, es ſey ein Sarg daher getragen worden, darauf er ſeinen Namen gar deutlich geleſen. Sie ſag - te ihm, ſie wiſſe kein beſſer Mittel fuͤr ihn, als er ſolte ſich bekehren und darnach ringen, daß er wieder in ſei - nen vorigen guten Zuſtand komme. Er antwortete: Jch kann, ich kann nicht mehr; es iſt mir als wenn mir Haͤnde und Fuͤſſe gebunden waͤren. Er hub ſeine Stimme auf, und weinete bitterlich; ſeine Schwe - ſter weinete auch mit ihrem elenden Bruder: konte ihm aber nicht wieder aufhelffen. Etwa acht Tage nach dieſem Traum begleitete er ſeinen Bruder, der auf Murten verreiſete, und machte ſich dort brav luſtig. Jm heimfahren fuͤhrete er das Steuerruder: der Ring aber zerriß und er ſtuͤrtzete in See und ertranck nahe beym Land, alſo daß man ihn im Waſſer ſahe und herauszog aber todt. Und das war ſein Ende! Was ich euch ſa - ge, das ſage ich allen: wachet. Marc. 13, 37.
Wachſam - keit.
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Die Wachſamkeit iſt eine unumgaͤnglich noͤ - thige Sache in dieſer Mordgrube, darinnen wir ſchweben. Dazu ermuntert uns unſer HErr JEſus Chriſtus und ſeine heiligen Apoſtel. Die Unkeuſchheit iſt ein fertiger, liſtiger, ploͤtzlicher und tuͤckiſcher Feind: ehe man ſichs vermuthet, iſt er der Seele auf der Hauben, und ſtuͤrtzet ſie jaͤm - merlich in die Befleckung. Hie muß man alſo die Verſuchungsoͤrter und Gelegenheiten ſorgfaͤl - tig meiden. Ein jeder weiß bey ſich ſelbſt am al - lerbeſten, was ihn reitzen kann. Es iſt zwar unmoͤglich allen Reitzungen zu entfliehen: doch aber ſolls ſeyn, ſo viel man mit GOttes Huͤlfe kann, als da ſind Muͤßiggang, Ueberladung des Magens, vieles Schlaffen, Gemaͤchlichkeit, uͤppi - ge Geſellſchafft, ſchlimme Buͤcher, ausſchweiffender635C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. der Augen, reitzende Haͤute und Geſtalten oder Gemaͤhlde; ſumma alles leichtfertige Weſen.

Es iſt zwar eine ſchwere Sache, die aͤuſſeren Sinnen ſtets zu huͤten; ſonderlich wo man um ge - wiſſe Orte und Perſonen herum ſeyn muß: aber noch weit ſchwerer iſts die inneren Sinnen und Gedancken zu zaͤhmen, und zu verwehren, daß nicht etwas unreines darinnen empor ſteige. Ach da kann niemand helfen als der ſtarcke Schlan - gentreter, durch die Ausgieſſung des heiligen Gei - ſtes, ſo allein alle Unſauberkeit wegſchaffet: gleich wie das Oel alles Geſchmeiß durchs bloſſe anruͤh - ren umbringet. Hier, hier erkennet man, wie unendlich noͤthig es geweſen, daß GOtt ſich in unſerm Fleiſch offenbare.

II. Ein wiedergeborner Chriſt hat eine ungemeine und ungewoͤhnliche Sorgfalt fuͤr ſeine Seele, und einen hei - ligen Ernſt im Gebet, und Glaubenskampf, im Aufſe - hen auf JEſum und im creutzigen ſeines Fleiſches und Blutes ꝛc.

DAs erſte beweiſet er ſowol in der Verja - gung und Abhaltung boͤſer Gedancken, als in der Zuſammenſuchung und Unter - haltung guter Gedancken. Zur Verjagung und Abhaltung boͤſer Gedancken dienet 1) Daß man dem Fleiſch allen Anlaß darzu abſchneide. Die Keuſchheit der Glaͤubigen iſt wie ein lauterer rei - ner Wein, der aber noch auf ſeinen Hefen liegt und nicht abgezogen iſt: der wird bey der gering - ſten unordentlichen Bewegung truͤbe; bevorab wenn der Weinſtock bluͤhet. Alſo iſt der Kinder GOttes ihr Vorſatz, ſich von aller Befleckung lauter und rein zu halten: ſie muͤſſen ſich aber vor dem anklebenden Fleiſch fuͤrſchen, ſonderlich wann die Welt ſchmeichelt. Die Weinhaͤndler wiſſenaller -636Anhang zum dritten Theil,allerhand gute Mittel, den truͤben Wein wieder klar zu machen: alſo auch die Chriſten. 2) Daß man nicht ſo fladdere und die Einbildungskrafft ausſchweiffen laſſe. Man muß fich fuͤrnehmlich hierinn fuͤrſehen vor ſeinem eigenen Geiſt, Ma - lach. 2, 16. der offt in einem ledigen und ſtillen Gemuͤthszimmer dergleichen unreine, giftige Spin - nen ausbruͤtet: dann dieſe Einbildungskrafft fuͤh - ret uns gleich unvermeidlich auf die alte Lock-und Giftweide, dadurch das Gemuͤth gantz verheret wird. Wann nun die geringſte Anneiglichkeit dazu ſchlaͤgt: ſo ſtehet der Menſch hart an der Hoͤllenthuͤr; und wann er nicht ohne Verzug um - kehrt, ſo faͤllt er in den Angſtpfuhl. Wer Oh - ren hat zu hoͤren der hoͤre, und gebe acht dar - auf. 3) Daß man ſein Gedaͤchtniß von allen garſtigen Bildern ſauber mache und behalte, auch den erſten Gedancken davon mit ernſtem Haß und Abſcheu flugs wegſchmeiſſe. Hier iſt das beſte, JEſum bitten, daß Er den Schwamm des Evangelii in dem Brunn ſeines Bluts und heili - gen Geiſtes tuncke, und alle ſolche wuͤſte Bilder auswiſche, damit alſo dein Gedaͤchtniß und Phan - taſie wie ſchneeweiß Pappier werde, darauf hernach keine andere mehr als des Himmelreichs Bilder gezeichnet werden.

  • Ein Sucher des Reiches GOttes fragte einen alten ge - uͤbten Chriſten: was ſoll ich thun, weil ich ſo viel un - reine Gedancken habe, die meine Seele aͤngſten? dieſer ſprach: wenn die boͤſen Geiſter ſolche Gedancken in dir ausſtreuen, und du es ſonſt merckeſt, ſo beſprich dich nicht lange mit deinem Hertzen; weil die Geiſter dir nur im - mer mehr eingeben werden. Und ob ſie gleich ſolches eingeben: ſo koͤnnen ſie dich doch nicht dazu zwingen; darum ſtehets bey dir, ob du ſie wilt annehmen oder nicht. Der geplagte anwortete: Aber was ſoll ich thun, weil ich ſchwach bin, und die Luſt mich wol uͤberwaͤlti - gen koͤnte. Dieſer ſprach: gib darauf wohl achtung,du637C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. du weißt, was die Midianiter gethan haben: ſie ſchmuͤck - ten ihre Toͤchter und ſtellten ſie den Jſraeliten vor; doch konte ſie niemand darzu zwingen, ſondern, welche nur ſelber wolten die lieſſen ſich mit ihnen ein; die an - dern aber wurden unwillig und ſtrafften dieſen Frevel mit dem Tod ſolcher Verſucher. Alſo muß man auch mit unreinen Gedancken thun. Wenn ſie anfangen im Hertzen zu reden, ſo muß man ihnen nicht antworten ſondern beten, es bereuen und ſagen: O du Sohn GOt - tes, erbarme dich mein! Dieſe arme Seele ſprach wie - derum: Siehe, ich bemuͤhe mich ſehr, und finde doch keine Zerknirſchung in meinem Hertzen, auch keine Krafft. Er antwortete: fahre du doch fort in der An - dacht, denn ich habe weiſe Leute hoͤren ſagen: ein Be - ſchwerer weiß nicht die Krafft ſeiner Worte, und den - noch hoͤret ſie die Schlange, fuͤhlet ihre Krafft und wird dem Beſchwerer unterthaͤnig: alſo ob wir gleich die Krafft desjenigen was wir reden nicht wiſſen, ſo er - ſchrecken doch die Geiſter davor und weichen.

4) Daß man nicht unnoͤthige Sachen begehre zu wiſſen, zu ſehen und zu entdecken. Die Cu - rioſitaͤt hat ſchon manchen in unzehlich Leiden ge - ſtuͤrtzt, und iſt auch ein Aſt von der Erbſuͤnde, und gewißlich ein weit groͤſſer Uebel, als man insgemein dafuͤr haͤlt. Z. E. was wars Adam und Eva vonnoͤthen zu wiſſen, was Boͤſe ſey? ich meine ſie habens ſattſam erfahren muͤſſen! O wie ſelig waͤren ſie bey ihrer Unerkentniß geblieben, wann ſie ſchon nie gewuſt haͤtten was Suͤnde und Fall ſeye! Das iſts, was ſonſt andere ehrliche Chriſten auch rathen: Man ſoll aufs boͤſe gantz ein - faͤltig, ſchlaͤfrig, plump und dumm, ja wie hoͤltzern und unbehuͤlflich ſeyn. Je duͤmmer und unge - ſchickter, und unbeweglicher und veraͤchtlicher zum Boͤſen: je geſchwinder und leichter kann dich JE - ſus zum Guten tuͤchtig machen.

Bey der Nachjagung und Unterhaltung guter Gedancken iſt ſonderlich das Wort zu mercken: Wer da weiß Gutes zu thun, und thuts nichtder638Anhang zum dritten Theil,der hats Suͤnde, und wird verdammt. Jac. 4, 17. Matth. 3, 10. 7, 26. 22, 12. 25, 3. 18, 42. Hierzu dienet 1) daß man die Zeit der Ruhe wohl anwende. Wann man vor den fleiſchlichen Verſu - chungen Frieden hat, und wann die Gnade JEſu Chriſti das Hertz umgibt und umglaͤntzet: ſo muß man nicht nur trachten Huͤtten da zu bauen, ſon - dern anbey der guten Gelegenheit wahrnehmen, und des Koͤnigs guͤnſtiges Angeſicht angelegent - lich erſuchen, daß Er das Hertz wieder die Beſtuͤr - mungen der Unkeuſchheit wohl verſchantze. Da muß man ſich die wunderbare Schoͤnheit der Keuſchheit lebendig vorſtellen; welch ein ſelig, ma - jeſtaͤtiſch und luſtiges Weſen es ſey, von der Flei - ſchesluſt als dem Schlangengeiffer gewaſchen und rein zu ſeyn; wie jaͤmmerlich hingegen der ſey, der ſich dieſem Schandgreuel hingibt und uͤberliefert. Wer alſo die Friedenszeiten wohl anlegt: der wird in der Keuſchheit gewaltig befeſtiget. 2) Daß man unter der Anfuͤhrung unſers Feldherrn eine Armee von guten und heiligen Gedancken ſammle, und das Hertzensfeld uͤberall darmit beſaͤe: damit das ſchaͤndliche Unkraut eitler Gedancken keinen Raum darinnen finde. Wirſt du alſo dein Hertz immerfort vom heiligen Geiſt gut machen laſſen, ſo wird auch gutes daraus hervor wachſen. Nur daß JEſus der erſte ſey, der beym erwachen des Nachts oder des Morgens zur Hausthuͤr deines Willens eingehe; deſſen heiliger Gegenwart du auch unter der Arbeit und den Geſchaͤfften nicht vergeſſeſt. Summa trachte den Anfang der ewi - gen Freude in deinem Hertzen zu empfinden, ſo wirſt du von der Welt-und Fleiſchesluſt nicht viel halten: ſondern als von einer ungeheuren und gefaͤhrlichen Einoͤde weit davon und hinwegflie -hen,639C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. hen, dich von derſelben naͤrriſchen und laͤppiſchen Befleckungen hinwegſchwingen, und gleich als mit Taubenfluͤgeln ins glaͤntzende Koͤnigreich der himm - liſchen Reinigkeit hineinfliehen. Ach wer gibt mir ſie! Pſalm 55, 7.

Das Hertz iſt die Quelle: ſo dieſe truͤbe und ſchlammig iſt, wie kann das Stroͤmlein lauteres Waſſer fuͤhren? das Hertz iſt die Ruhekammer des Sohnes GOttes: drum muß es ſauber gehal - ten werden. Es iſt ein Spiegel, darin ſich JE - ſus ſpiegelt: drum muß es mit einem Vorhang (mit einem ſtets erneuerten Vorſatz) verwahret werden, daß es nicht mit unreinem Anhauchen beflecket werde. Das Hertz iſt die Huͤtte GOt - tes, auf deſſen Thron Engel beſtellet ſind, als Waͤchter, daß nichts unreines hineingehe. Die Engel ſind Glaube, Liebe, Gottesfurcht und ande - re geiſtliche und himmliche Sinnen. Prov. 4, 23.

Sodann beweiſet ſich ein Chriſt auch ernſtlich und gleichſam unabweislich im Gebet. Es muß aber das Gebet wircklich ein geheim vertraut Ge - ſpraͤch mit GOtt ſeyn, davon der Seelen Ange - ſicht helleuͤchtend werde, und das den unreinen Geiſtern ein Schrecken einjage. Die Seele ge - nießt im Umgang mit GOtt ein ſolch unausſprech - lich Vergnuͤgen, daß alle viehiſche Luſt dagegen ſtincket und eckelt. Das Gebet muß geſchehen im Glauben und Vertrauen, GOtt ſey tauſend - mal geneigter uns aus der Suͤnde zu helfen, als wir immer daraus begehren moͤgen: allermaſſen die Liebe zur Heiligkeit unendlich groͤſſer in GOtt iſt, als ſie immermehr in uns ſeyn kann. Er hat nicht Luſt am Tode des Suͤnders, ſondern daß er ſich bekehre und lebe: darum wird Er dich nicht ſtecken laſſen; ſeine Ehre liegt daran, daß Er helf -fe.640Anhang zum dritten Theil,fe. GOtt hat ja ſeinen Sohn gegeben zum Hei - land der Welt: halte Jhm vor ſein Wort und un - wandelbare Zuſage, ſeine ſo theure Verheiſſungen und ſeine Wunder von alters her. Halte GOtt vor die Sendung ſeines Sohnes als eines Artztes in das Spital dieſer Welt, allen krancken Seelen zu ihrer Freude, Troſt und Heilung. Sage Chri - ſto: Er ſey ja der Heilbrunn, wann Er nicht helf - fen wolle, wer es dann thun ſolle? Sage JEſu: du moͤchteſt uͤberaus gern ſo durchaus keuſch und rein ſeyn: das vermoͤgeſt du aber nicht; wo du doch nun ſonſt Keuſchheit hernehmen ſolleſt als bey Jhm? Dieſes Kleinod gehoͤre ja ſo wohl als andere Gnaden und Tugenden unter die Schaͤ - tze ſeiner Erloͤſung. Er ſolle doch Mariam nicht zur Luͤgnerin werden laſſen, daß ſie voll heiligen Geiſtes geſungen: du GOtt fuͤlleſt die Hungri - gen mit Guͤtern, welches ſind die Fruͤchte des hei - ligen Geiſtes, darunter ja die Keuſchheit mit ge - rechnet ſey. JEſus habe ja ſo zu ſagen auf ſei - nem Todbette, keine 24. Stunden vor ſeinem En - de, mit einem doppelten Eide verheiſſen: wer et - was bitte in ſeinem Namen, das ſolle ihm wiederfahren von ſeinem himmliſchen Vater: nun beteſt du jetzund angelegentlich um die Gabe der Keuſchheit; darum ſey es dir allermeiſt zuthun; GOtt habe ja Luſt an der Heiligkeit, und du auch durch ſeine Gnade: warum Er dir denn die - ſelbe nicht ſchencken wolte? ſeit wenn Er doch ſolte ſo unbarmhertzig worden ſeyn? Er ſeye ja die Liebe ſelbſt und ein Vater der Erbarmun - gen: Er koͤnne gantz und gar nicht vorbey, Er muͤſſe dir helffen; Er habe ſich ja dazu verbunden: Er wolle ſeine Schaffe ſelbſt weiden, das Abgetriebene wiederbringen, das Schwacheſtaͤre641C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. ſtaͤrcken, das Krancke heilen, das Verwunde - te verbinden ꝛc. Ezech. 34. Du geſteheſt zwar, du ſeyeſt noch kein Schaf: doch aber begehreſt du eins zu werden; andere haben ſich ja auch nicht ſelbſt zu ſeinem Volcke gemacht, und zu Schafen ſeiner Weide. Pſalm 106. Du moͤchteſt doch ſo gerne ihn fuͤr deinen Hirten haben ewiglich: Er ſolle ſich doch laſſen bewegen, und erbitten, und aufmachen und Gnade vor recht ergehen laſſen; der Geiſt des HErrn ſey ja uͤber ihm und habe Jhn geſalbet und geſandt, daß Er die Gefange - nen erledige. Luc. 4. Du wolleſt ſonſt gerne alles leiden, nur dieſen Greuel nicht ꝛc.

Freylich muß Glaube und Gelaſſenheit im Ge - bet ſich beyſammen finden: aber wo du nicht eine flammende Liebesbrunſt und unvergleichliche Treue in deinem Lebenslauf und uͤbrigen Thun be - weiſeſt; ſo waͤre ſo eine Gelaſſenheit billig verdaͤch - tig. Heilige Seelen haben bißweilen wol im paroxyſmo oder gleichſam in der Verruͤckung ihrer Liebe und hochentflammter Jnnigkeit die Sache gleichſam von ſich abgelehnt, hingegeben, und mit Luthero geſagt: O mein lieber GOtt, da iſt Hoͤlle, da iſt Himmel, da iſt Keuſchheit, Hei - ligkeit, gute Wercke und alles: darinnen hab ich zwar die Meinung, daß ich gern keuſch, heilig und voll guter Wercke wuͤrde: aber, lieber GOtt, ich ſetze es frey zu dir, mach da - mit was dir gefaͤllt, denn mein Wille iſt nicht ſo gut als deiner. Darum geſchehe dein Wille, derſelbe gehe in allen Dingen vor ꝛc. aber dis wuͤrde ſchlaͤffrigen Chriſten oder unge - ſchickten Anfaͤngern uͤbel anſtehen nachzuaͤffen. Bleibe du beym allgemeinen Evangelio, ſchreye mit jenem Cananeiſchen Weibe Matth. 15. HErr,III. Th. Betr. der Unreinigk. S sHErr642Anhang zum dritten Theil,JEſu! du Sohn David, erbarme dich meiner Seelen, ſie wird vom unſaubern Geiſt der Unkeuſchheit faſt erbaͤrmlich geplagt. Vor allen Dingen uͤbergib Chriſto dein Hertz zur Ver - wahrung. Prov. 4, 23. Uebe dich im Gebet und halte bey JEſu, deinem getreuen Schoͤpfer in gu - ten Wercken Tag und Nacht an um ein keuſch rein Hertz, Er ſolle es doch in dir ſchaffen: Es ſey ihm ja ein gar geringes; ein Kraftwort aus ſeinem Munde bringe das ſchon zuwege; du ſeyeſt ja nicht Schoͤpfer; die ewige Liebe ſolle dir doch ja nicht anmuthen, daß du dir ſelbſt ein ſo reines Hertz gebeſt; das ſey dir eine pure Unmoͤglichkeit; du erwarteſt es von ihm und von ſeiner freygebi - gen milden JEſushand, die dich ja angeruͤhret, und eben dadurch dieſes aufrichtige Verlangen nach einem gantz keuſchen Sinn in dir erwecket, da du ſonſt von Natur wol niemals darzu kommen waͤreſt; du wolleſt ſolches theure Geſchenck erken - nen, als eine gantz unverdiente Gabe ſeiner laute - ren freyen Liebe und Jhm ewig dafuͤr Danck wiſ - ſen; es ſtehe jetzt nur an dem HErrn Chriſto, ob Er dich annehmen wolle unter ſein auserwehltes Volck, und dir das geben was du noch nicht ha - beſt, doch aber von Hertzen verlangeſt; ſolche Ver - ehrung von ſo hoher Hand werde dich mehr er - freuen als keines Kaͤyſers Krone, ja als Geſund - heit und Leben; ſeine Gnade habe dich ja bereits willig gemacht alle Mittel, Wehr und Waffen, ſo dir ſeine Barmhertzigkeit beſcheren werde, zu ge - brauchen, wo dich ſein heiliger Geiſt nur immer geſchickter dazu machen und anfuͤhren werde ꝛc.

Auch ſind die Stoßgebeter und kurtze Seuftzer zu GOtt hier nicht zu verſaͤumen: es iſt unglaͤub - lich, was das in dieſem Streit vor Nachdruck undSe -643C. 3. Mittel wieder die Unkeuſchheit. Segen hat. Siehe das Lied: Groſſer GOtt! hier komt ein Suͤnder. Ein gut Stoßgebetlein mag auch wol dieſes ſeyn: Ach Hertzens JEſu! laß mirs doch ja nie kommen aus dem Sinn, wie viel es dich gekoſtet, daß ich erloͤſet bin! Jtem: HErr! laß dein bitter Leiden mich reitzen fuͤr und fuͤr mit allem Ernſt zu meiden die ſuͤnd - liche Begier ꝛc. Jtem. Jch bin, mein Heil, verbunden, all Augenblick und Stunden, dir uͤberhoch und ſehr: Was Leib und Seel ver - moͤgen, das will ich willig legen allzeit an dei - nen Dienſt und Ehr. Nun ich kann nicht viel geben ꝛc. Jtem. HErr JEſu! weil du mich in dein Bild ſo gerne bilden wilt: ſo ſchaffe doch von Zeit zu Zeit mehr unverfaͤlſchter Reinigkeit. Jtem. Jch lieg im Streit und wiederſtreb, hilff o HErr Chriſt mir Schwa - chen! An deiner Gnad allein ich kleb, du kanſt mich ſtaͤrcker machen: Kommt nun An - fechtung, HErr! ſo wehr, daß ſie mich nicht umſtoſſen, du kanſts maſſen, daß mirs nicht bring Gefahr, Jch weiß du wirſts nicht laſſen.

Dis ſind Pfeile der Starcken, die manchen Anſchlag der boͤſen Geiſter verſtoͤren; dis iſt gleich - ſam das Ausſtrecken der Hand JEſu gegen den ſinckenden Petrum. Sie ſind ein in die Ewigkeit geworffenes Weitzenkoͤrnlein, das tauſendfache Frucht bringet; ein Waͤchtergeſchrey; ein Allarm, ſo das Hausgeſind und Stadtwache erweckt und den Feind ſchrecket.

Jndeſſen wo der Schade allzutieff eingeſeſſen, und gleichſam das Marck angegriffen und um ſich gefreſſen; da gedencke nur nicht, daß es im Huy geſchehen und alle Neigung aus deiner ſuͤndigen Natur wegfliegen werde. Muß doch eine koͤſtli - che Salbe bißweilen Jahr und Tag aufliegen, woS s 2der644Anhang zum dritten Theil,der Schade doch nur leiblich iſt, ehe er curiret wird: nun iſt der geiſtliche Seelenſchade unendlich aͤrger, und gehet die Cur in die Ewigkeiten der Ewigkei - ten: Darum muͤſſen es unzehlich mal wiederholte Gebete ſeyn, wann es recht gut werden ſoll. Das ſage ich darum, damit du dir nicht etwa leichtlich einbildeſt, dein Gebet ſey nicht erhoͤret; denn es ſey allzuſchwach, gebrechlich, voller Unglauben und Zerſtreuung, daher werde es eher aͤrger als beſſer mit dir. O Nein! nein! du liebes Chriſtenhertz! glaube du nur GOtt unter Hofnung, auch wieder Hofnung: es ſoll dir genug ſeyn, daß GOtt ver - heiſſen hat zu geben dem der da bittet. JEſus ſetzt keine andere Bedingung des Gebets, als daß es im Glauben geſchehe, in ſeinem Namen, mit verſoͤhntem Hertzen: nun haſt du keinen Groll als nur allermeiſt wieder die Unkeuſchheit; du halteſt die Glaubens Articul fuͤr wahr und gewiß, (ge - wiſſer als das 3. und 4. ſieben gebe) und glaubeſt, ſie ſeyen fuͤr dich und deines gleichen verdorbene Suͤnder aufgeſetzt; du geheſt auch nicht in deinem eignen Namen fordern, ſondern JEſus ſchicket dich zum Vater; du forderſt fuͤr Jhn, in ſeinem Namen, damit dein JEſus Freude und Ehre an dir habe: was wilt du mehr? Wann JEſus ge - ſagt haͤtte: wer mit einem harten, duͤrren und hoffaͤrtigen Hertzen betet, ohne Zerſchmeltzung in viele Thraͤnen; item wem unterm Gebet fremde Gedancken wieder ſeinen Willen einfallen; item wer ſehr verwirrt und verſtoͤrt iſt in ſeinem elen - den Gemuͤth, daß er faſt ſelbſt nicht weiß ob und was er bete; wer mit allerhand wunderlichen Zweiffelsgedancken fechten muß, daß er mehr GOt - tes Zorn fuͤrchten muß, als daß er ſeine Gnade er - warten doͤrfe; wen die boͤſe Unkeuſchheit mitten imGe -645C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. Gebet anfaͤllt, ſtoͤrt und mit ſchaͤndlichen Bildern quaͤlt: Dieſe alle beten ohne Frucht und werden nimmer, nimmermehr erhoͤrt! Ach ſo dann moͤch - teſt du dich fortpacken! ſo muͤſteſt du ſchamroth ſte - hen, und der argen Seelenfeindin gewonnen ge - ben. Aber die Knechte ſind vielmal ſtrenger als ihre Herren; wir Menſchen ſetzen oft ſo viele Be - dinge die JEſus nicht macht, und dencken ſo ſelten an das unausſprechlich ſchoͤne Wort JEſu, Pſal. 69, 7. kraft deſſen es mit unſrer Abweiſung wol keine Noth haben ſoll. Sage deßhalben nur kurtz: lie - bes Hertz! waͤreſt du gern keuſch, ſo bete ſo gut du kanſt und magſt, du wirſts (wills GOtt) taͤglich beſſer lernen, und erfahren, wie koͤſtlich das Gebet ſey und was es vermoͤge. Wann du dis ſo eine Zeitlang wirſt probiret haben: ſo wirſt du forthin nicht nur auf gerathwohl hinbeten, ſondern du wirſt GOtt muͤſſen die Ehre geben, daß Er getreu und wahrhafftig ſey, indem du ſpuͤren wirſt, wie die Kraͤfte der Verſuchungen abnehmen, und du mit - hin je laͤnger je ruhiger wirſt, und mit Frieden und Jnnigkeit auch immer mehr mit einem guten Her - tzen zu GOtt beten kanſt; ja du wirſt gar als ein Erloͤſeter bald wieder kommen mit Jauchtzen, Dan - cken, Loben und Frolocken. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um ein Ey, der ihm einen Scorpion darbiete? Luc. 11, 12. Wann du aber wilt, daß dein Gebet eine ſo geſegnete und ſelige Wirckung habe, wen̄ du dich wilt aus dieſem Ungluͤck heraus beten, und jenen ewigen Segen empfahen: ſo muſt du meiden, was daran hindert und ſchaͤd - lich iſt: maſſen keine Artzney zur voͤlligen Geſund - heit wircken kann man ſchone ſich denn.

Noch iſt ſo wol bey der Wachſamkeit als bey dem Gebetskampf ein ſehr wichtiger Vortheil zuS s 3ent -646Anhang zum dritten Theil,Beobach - tung der rechten Gnaden - zeit.entdecken, der auf die Beobachtung der rechten Zeit ankommt. Man ſoll ſich freylich zu allen Zeiten gegen der Unkeuſchheit wehren: Allein es gibt doch ſonderlich bißweilen ſehr guͤnſtige Son - nenblicke und gnaͤdige Aufluͤfftungen, da man mit JEſu kann Abendmahl halten, wie die Eſther mit Ahasverus; da JEſus den Gnadenſcepter ausſtreckt, und ſein Hertz nicht laͤnger bergen kann, ſondern in unbeſchreiblicher Leutſeligkeit der See - len zuſpricht: bitte von mir was du wilt, ſo will ich dirs geben, bis an die Helfte meines Koͤnigreichs; ſolche Augenblicke muß man wahr - nehmen, und das, was am meiſten druͤckt, GOtt hertzvertraulichſt darlegen. Es iſt auch gut, daß man das Sacrament des heiligen Abendmahls daraufhin empfahe, JEſum im Glauben als fuͤr uns am Creutz geopfert getroſt ergreiffe, und ihn kindlich und gebeugt anſchauend mit innigem Seuftzen vor GOtt bezeuge: O mein getreuer Hei - land! ſo gewiß als ich dieſes Brot eſſe und dieſen Kelch trincke: ſo gewiß will ich durch Huͤlfe des heiligen Geiſtes glauben, die ſelige und erwuͤnſchte Stunde ſey nunmehro vorhanden, daß ich von al - ler Unkeuſchheit ſoll frey und ledig geſprochen ſeyn, Halleluja!

Es iſt nicht allezeit einerley Zeit: was heute ſchwer ja unmoͤglich und unerſteiglich wie eine ho - he Mauer ſcheint, das kann Morgen gantz leicht werden, daß man daruͤber ſpringt; auch laͤßt der Fuͤrſt des Lebens nicht zu, daß ſein Jſrael ohne Unterlaß von der Unkeuſchheit geplagt werde; nein, die ewige Liebe ſorget auch fuͤr deine Seligkeit, und verlaͤßt dich nicht durchaus. Seine Stim - me erſchallet unterweilen im Gewiſſen, und ruͤhret das Hertz, daß man ſeines unordentlichen Lebensuͤber -647C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. uͤberdruͤßig wird; auch koͤnnen Wiederwaͤrtigkei - ten die Suͤnde eckelhafft machen. 1 Petr. 4, 1. Summa es gibt Gnadenſtunden, da unſer Koͤnig JEſus nahe bey dir fuͤruͤber gehet, dich mit er - barmen anblickt, und dir die Hand reichet, dich aus der grauſamen Schlamgruben heraus zu zie - hen: O da iſts hohe Zeit, daß du einen ſo herrli - chen Anlaß ſelig zu werden nicht vorbeyflieſſen laſſeſt! zumahl wenn du dich alsdann ſonderbar gelocket und gezogen befindeſt, und in die erfreuli - che Moͤglichkeit geſetzet biſt errettet zu werden.

Fuͤrnehmlich ſind Leibesſchmertzen und See - lenaͤngſte rechte ſtarcke Liebesſeile dich aus dem wuͤſten Sumpf und Dorngehecke ins ſchoͤne Para - dies der Reinigkeit JEſu Chriſti hineinzuziehen. Creutzſtunden haben das reine, feine Gold der Keuſchheit im Mund; Creutztage ſind die Erndte - zeit, und das Lauberhuͤttenfeſt, einen reichen Vor - rath von Fruͤchten und Kraͤfften des heiligen Gei - ſtes vom Baum des Lebens zu ſammlen: wobey du je der Keuſchheit nicht vergeſſen wirſt, ſelbige in glaͤubigem Gebet abzubrechen, und deine See - le davon zu nehren. Wann man mit einem groſ - ſen Stecken auf einen Froͤſchweiher ſtarck ſchlaͤgt, ſo laſſen ſie von ihrem Gequaͤcke ein bißgen ab: alſo machen harte Schlaͤge der himmliſchen Zucht - ruthen, daß Unkeuſchheit innehalten und ſchweigen muß.

Vielleicht denckt mancher: das waͤre alles gut, die Heilsmittel ſind gar koͤſtlich: aber, aber, wann ich nur Neigung und Luſt haͤtte ſelbige zu gebrau - chen! es fehlet mir nur daran, ſo wolt ich bald hof - fen, die Keuſchheit zu erlangen: ach GOtt! wer gibt mir den Willen? Antwort: GOtt. Darum wann du ſeinen Gnadenzug in dir merckeſt, ſo hal -S s 4te648Anhang zum dritten Theil,te nur an und probiere alles Ernſts, ob dir nicht etwa das unvergleichliche Gluͤck beſcheret ſey Chriſti Sclave zu werden.

Ein ſtar - cker und groſſer Muth im Kampf.
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Jm Glaubenskampf wieder die Suͤnde bewei - ſet ein Chriſt zwar allewege, auf das Wort, Macht und Credit JEſu Chriſti, einen ſtarcken und hertz - haften Muth: doch hat er denſelben ſonderlich in den Kaͤmpfen wieder die Unkeuſchheit hochnoͤthig. Hier muß der Muth in allewege groß ſeyn. Ein ſchlechter Soldat iſts, der auf den erſten Schuß fliehet! Ein Lehrknabe darf ſich nicht gleich abtreiben laſſen, wann es ihn ſchwer ankommt: was jetzt im Anfang nicht gerathen will, das kann gar wol auf ein andermal gerathen. Der Baum faͤllt nicht vom erſten Streich. Unkeuſchheit iſt wie jene Waſſerſchlange, thut man ihr an einem Ort Abbruch, ſo erhebt ſie ſich an drey andern Orten wiederum, ihren Beſtreiter zu betruͤben und zu verletzen: mithin iſt er alleweil in Gefahr wieder drein zu fallen. Wer nun in dieſem hei - ligen Streit den Muth verlieret: der wird ſeines Feindes nimmermehr loß. Mancher hat ſich vorgenommen ſeine Buſenſuͤnde abzuthun. An - faͤnglich ſchiene es, der Handel wolte gelingen: aber weil er etwas ſchlaͤffrig dazu that, oder daß die Fleiſchesluſt ſich wieder anmeldete, oder daß er einen Fall that aus Uebereilung oder Leichtſin - nigkeit: ſo hat er den Sieg aufgegeben, als ob alle Gegenwehr umſonſt ſey, und alſo iſt er wie - der aufs neue im alten Karrgeleiſe dem Verder - ben zu hingefahren. Wer aber das thut, der hat groß unrecht. Dann wann ein jedweder alſo handeln und wegen einer Strauchelung auf der Reiſe gen Jeruſalem wieder zuruͤck durch den Weg Babels gen Sodom kehren wolte: ſo wuͤrdeſich649C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. ſich auf dieſe Weiſe niemand bekehren. Deßwe - gen iſt die mit heimlichen Zagen und Verzagen verknuͤpfte Faulheit hoͤchſtſchaͤdlich: wann Muth und Hofnung des Sieges darnieder liegt, ſo laͤßt mans gehen, und ergibt ſich dem Seelenfeind zu allem ſeinem Muthwillen, da man ſchon ſo viel als ewig verloren iſt!

Der gelehrte Frantzos Arnold d Andilly meldet im Le - ben der Altvaͤter eine bedenckliche Geſchichte, aus welcher man ſehen kann, was ein hertzhaftes wagen und ſtand - haftes Durchtreiben in dieſer Sache vermag. Es wa - ren zwey Bruͤder, von denen der eine verheyrathet ge - weſen und eine Tochter hatte, der andere war im ledi - gen Stand. Dieſe beyde begaben ſich nach dem Tode des Weibes an einen einſamen Ort, um in Abgeſchie - denheit vom Getuͤmmel der Welt bey maͤßiger Arbeit dem Reich GOttes ungeſtoͤrt obzuliegen. Der Vater ſtarb, und uͤbergab ſein einiges Kind der Heilsſorge ſei - nes Bruders. Dieſer nahm dieſe theure Beylage wohl in acht, und eiferte um ſie mit goͤttlichem Eifer, daß er ſie als eine reine Jungfrau dem einigen Manne Chri - ſto moͤchte zufuͤhren, und ſie ihm, dem heiligen Jmma - nuel, als eine heilige, unſtraͤffliche und unbefleckte Braut darſtellen. Aber was geſchicht? Satan reitzte einen Juͤngling, daß er einmal dieſe ſchoͤne adeliche Jungfrau erblicket hat und ſterbens in ſie verliebt ward, ſelbige auch, nachdem ſie ein Jahr lang deſſen Nachſtellungen wiederſtanden, endlich zu Falle brachte, da ſie etwa 17. Jahr alt war. Dieſe zarte gottſelige Seele ward dar - uͤber dergeſtalt verlegen, daß ſie an goͤttlicher Gnade gantz verzweifelte, und gedachte, nun ſey die Schantze verſehen; der Krantz fuͤr ein und allemal verloren; und nachdem ſie eine ſo ſchaͤndliche Untreue an ihrem Seelen - braͤutigam begangen, ſo ſey forthin kein Opfer mehr fuͤr ihre Suͤnde, ſondern ein ſchrecklich warten des Gerichts, und des Feuereifers, der die Wiederwaͤrtigen freſſen werde: der Allerheiligſte koͤnne ſie unmoͤglich wiederum zu Gnaden aufnehmen, weil ſie in ihren eigenen Augen ſelbſt zum aͤuſſerſten Greuel und Eckel worden; es ſey nichts beſſers fuͤr ſie, als die Welt in Suͤnden genieſſen, ſo lange ſie lebe; verdammt ſey verdammt, und es ma - che ja nichts, ein Grad oder hundert tieffer im Hoͤllen - pful zu ſtecken. Eben um dieſe Zeit hatte ihr Oncle einen Traum, daß ein grauſamer Drache eine TaubeS s 5ver -650Anhang zum dritten Theil,verſchlungen habe: welche aber, weil ihm der Bauch zerberſtet, lebendig, weiß und glaͤntzend von ihm wieder - kommen ſey: welches er alſobald auf die Kirche deute - te, es ſtehe ihr eine ſchwere Verfolgung vor. Da er aber ſeine Beylage verloren, und zwey Jahr lang nicht wuſte, wo ſie hingekommen, trieb ihn der Traum an zum Gebet fuͤr ſie, im Vertrauen, JEſus der getreue werde ſie gewiß erretten und wiederbringen.

Nach Verflieſſung zweyer Jahre vernahm er, ſeine Ma - rion ſey in einem Wirthshaus eine gemeine Hure. Gleich faſſet er den Muth, als ein kluger und vorſich - tiger und unverdroſſener Jaͤger, dieſes elende verſcheuch - te Rehe wieder zu fahen, den Woͤlfen abzujagen, und in den Seilen der Liebe Chriſti auf die Berge Jſraels in Sicherheit zu bringen. Verkleidet ſich in den Habit eines Roͤmiſchen Hauptmanns, reitet hin bis er zu dem Gaſthof kommt, kennet die arme, unſelige Maria gleich, ſie aber ihn nicht. Nach dem Nachteſſen verlangt er ſie bey ſich zu haben, und verſiehet ſich mit Licht fuͤr die gantze Nacht. Da nun die Kammer verſchloſſen, er ſich aufs Bett geſetzt, und ſie ihn auskleiden wolte, hieß er ſie neben ſich ſitzen, entbloͤſſete ſein zuvor halb verhuͤll - tes Angeſicht, ſahe ſie ſteiff an, und fragte ſie: kenneſt du mich Maria? Hierauf ſanck ſie faſt in Ohnmacht, weinete ſehr, durffte ihre Augen nicht aufheben und ſagte: ach mein lieber, theurer Oncle! was hab ich ge - than? was hab ich gethan? meine Suͤnde iſt groͤſſer, dann daß ſie mir koͤnne vergeben werden! ach ich bin ewig verloren! Der heilige Mann fragte ſie: was hat dir dein JEſus zuleide gethan, daß du ſo treulos an Jhm geworden? wer hat dir ihn alſo verlaͤumdet und ver - leidet, daß du von Jhm ſo weit weggeflohen, der Welt und Hoͤllen zu? war dir dann nicht wohl bey mir? Hab ich dich doch mit dem Manna der goͤttlichen Lehre taͤg - lich aufs niedlichſte geſpeiſet, und mit Honig aus dem Felſen des Heils geſaͤttiget, auch ließ ich dir im Leibli - chen keinen Mangel: ich fuͤhrete dich ſanfft die Straſſe gen Zion: ich ſchmuͤckte dich mit den Geboten Chriſti als mit goldenen Ketten; ich zog dir an mit (Gebetern und Ermahnungen) den gantzen Brautſchmuck der goͤtt - lichen Tugenden JEſu; ich ſparte keine Muͤhe, dich mit Perlen und Edelgeſteinen der Gaben des heiligen Gei - ſtes wohl zu verſehen, damit du eine wohl anſtaͤndige Braut des Koͤniges aller Koͤnige wuͤrdeſt. Ey wer hat dich denn dergeſtalt bezaubert, daß du dich von allem Guten abgewandt, dem ſchaͤndlichen Satan nach? Kehre um, mein liebes Kind! dein JEſus hat mich dir nach -ge -651C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. geſchickt, daß ich dich herum hole: Er kann und will deiner Liebe nicht laͤnger entbehren. Deine Treuloſig - keit iſt in ſeinem liebreicheſten Hertzen laͤngſt vergeben und vergeſſen: komme! dein JEſus wartet dein; eben an dem Ort, da du geſuͤndiget, will Er dir Gnade er - zeigen, dich heilen, und den rechten Weg leiten, dich bey deiner Hand halten, dich mit dem Oel des heiligen Geiſtes ſo reichlich ſalben, daß dich der Boͤſewicht nicht mehr antaſten ſoll ꝛc. Es iſt wahr, deine Suͤnden ſind groß, und gehen uͤber die hoͤchſten Berge: aber GOttes Barmhertzigkeit reichet bis an den oberſten Himmel. Hat die Suͤnde uͤber dich geherrſchet eine kurtze Zeit zum Tode: ſo ſoll forthin die Gnade uͤber dich herrſchen durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben, durch JEſum Chriſtum unſern HErrn. Biſt du nunmehro zwey Jahr lang aus deines allein guten, allein ſeligen, allein heiligen und herrlichen GOttes und Vaters Hauſe weg - geblieben: ſo will Er dich ewig wieder ſammlen, daß du bey Jhm und in Jhm bleibeſt, und dich mit JEſu im heiligen Geiſt erfreueſt ohne aufhoͤren. Mein lie - bes Hertzenskind, du haſt mit vielen Bulern gehuret, doch komme wieder zu mir! kehre wieder du abtruͤn - nige, ſpricht der HErr, ſo will ich mein Antlitz nicht gegen dich verſtellen: dann ich bin guͤtig, ſpricht der HErr, und will nicht ewiglich zuͤrnen. Allein erkenne deine Miſſethat, daß du vom HErrn deinem GOtt abgefallen, und haſt meiner Stimme nicht gehorchet. Bekehre dich, ſpricht der HErr, dann ich will mich mit dir vertrauen. Jerem. 3. Ob deine Suͤnden gleich blutroth ſind, ſollen ſie doch ſchneeweiß werden. Mithin ward dieſe Nacht in heiligen Reden, Gebet und unzehlichen Thraͤnen, ſchluchſen, weinen und ſeuftzen beyderſeits zugebracht. Es iſt kaum eine evangeliſche Verheiſſung in heiliger Schrifft, die nicht in dieſer Nacht als ein ſchoͤner Stern zum Vorſchein kam, und der abtruͤnnig wordenen Maria in ihren finſtern um und um betruͤbten Hertzensgrund hinein ſtrahlete und flinckerte, um ihr den Weg wieder heim gen Bethlehem zum holden JEſulein zu weiſen. Als ſich nun dieſe im Himmel angeſchriebene Nacht be - gunte zu neigen, fragte ſie der heilige Mann: Ma - ria! wilt du wieder mit? ſie antwortete behend: O ja! o ja! Doch dachte ſie an ihren mit ſuͤndigen gewonne - nen Hurenlohn und ſagte: mein Hertzens wertheſter Onele! was ſoll ich aber mit allen den Kleinodien ma - chen, die ich noch hier habe? Da entbrannte er im Ei - ſer wieder den hoͤlliſchen Boͤſewicht, daß er mit derglei -chen652Anhang zum dritten Theil. chen Lappalien die hochtheure Seele, ſeine Marion ver - fuͤhret und geſchaͤndet; ſchuͤttelte dieſen Staub von ſich ab, auf des boͤſen Drachen ſeinen Kopff und ſprach: du haſt dieſes alles vom Teufel; derowegen laſſe es dem Teufel, eile und errette deine Seele aus dem ſtincken - den Sodom. Da nahm er ſie in der Morgendemme - rung hinter ſich aufs Pferd, und ritte als mit einer un - ſchaͤtzbaren Beute ſchnell davon, und ließ die hoͤlliſchen Geiſter als des Drachen ſein Geſinde hintennach bruͤl - len; dann ſie wurden begleitet mit einem Heer heiliger Engel, welche allzumal frolockten und jubilirten. Dieſe Maria ward hernach ein Palmbaum, der mehr edleſter Fruͤchte trug als tauſend andere. Sie ſenckte ſich tieff ins Paradis der Gnade Chriſti, und ward eine Mutter in Jſrael. GOtt that groſſe Wunder durch ſie, und al - le angefochtene, abgewichene, gefallene und ins Suͤnden - gefaͤngniß gerathene, vom Teufel und Fleiſch uͤbelgeplagte Suͤnder weit und breit lieffen zu ihr, und giengen mun - ter und froͤlich, voll Hofnung und Zuverſicht zu Chriſti Huld von ihr wieder hin auf ihren Kampfplatz, geruͤſtet mit den angezeigten Waffen zu ſtreiten und zu ſiegen: dann ſie verbarg keinem aus Neid den Vortheil, wie er mit den Waffen Chriſti, als des oberſten Feldherrn um - gehen muͤſſe, wann er den Siegeskrantz davon tragen wolle. Und alſo hieß es auch bey ihr: Non ignara ma - li, miſeris ſuccurrere diſco, und ward an ihr erfuͤllt, was JEſus zu Petro geſprochen: Simon! ich habe fuͤr dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhoͤre: darum, wann du dich wirſt bekehret haben, ſo ſtaͤrcke deine Bruͤder. Luc. 22.

Darum verzage doch niemand an Chriſti Huͤl - fe, die allmaͤchtig iſt. Solte Satanas den ſeinen helfen und befoͤrderlich ſeyn zum boͤſen; und JE - ſus das Haupt des Reiches GOttes, der Urſprung der neuen Welt, ſolte den ſeinen nicht helfen zu Vollbringung des Willens GOttes: da Er doch GOtt ſo unendlich lieb hat, und eben zu dem Ende hingegangen iſt in ſein Leiden, damit die Welt er - kenne, daß Er den Vater lieb habe? Wer wolte ſich nicht gern in ſeine Schule begeben, anerwogen Er ein ſanfftmuͤthiger HErr iſt, auch von Hertzen demuͤthig und eines recht guͤtigen mitleidigen Her -tzens,653C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. tzens, der ſchwache Menſchen, die nicht ſo gerade alles Boͤſe laſſen, und alles Gute thun koͤnnen, mit unendlich liebreicher Gedult ertraͤgt, und nach und nach anfuͤhret? Wann ſie nur alles Arge haſſen, und allem Guten nachjagen, und auf - richtig unter vielem leiden und kaͤmpfen, beten und flehen Gehorſam von ihm lernen wollen: ſo hilfft ſeine Gnade einem jeden aus vielen Faͤllen zur Gerechtfertigung. Roͤm. 5, 6, Was man fuͤr GOtt thut, dabey muß groſſer Muth, Vertrauen und Freudigkeit ſeyn, denn GOtt wird ſeine Sache nicht verlaſſen.

Die ſchwaͤchſten Anfaͤnger duͤrfen ſchon glau - ben, ſie ſeyen GOtt angenehm, wo ſie nur auf - richtig ſind. Ueber Fehltritte ſoll man billig den Schmertzen rechtſchaffener Buſſe walten laſſen, daß wir noch in ſo harter Gefaͤngniß liegen; darin ſollen wir nicht traͤumen und faulentzen, in ſo ei - ner ſcheuslichen Seelengefahr. Auch duͤrfen wir nicht unſere Untreue gegen den HErrn JEſum gering achten, ſondern billig Hertzensangſt und Betruͤbniß empfinden: aber gleichwol nach dem vorgeſteckten Ziel der vollkommenen Aehnlichkeit Chriſti muthig fortſchreiten. Wir ſind wol ver - aͤnderlich, GOttes Verheiſſungen aber bleiben in heiliger Schrift unveraͤndert. So hoͤret GOttes Sohn auch darum nicht auf JEſus zu heiſſen, eben ſowol nach meinem Suͤndenfall und ſchaͤnd - lichen Treuloſigkeit als vorhin, ja ehe noch ein Staͤubgen von mir vorhanden war. Nein! ge - rade entgegen! du muſt dich aufs friſche erman - nen, und trachten wiederum auf die Fuͤſſe des Glaubens und der Hofnung zu kommen: GOtt wird ungezweifelt helfen, und alle Faͤlle, in denen man nicht verharren will, um JEſu Chriſti wil -len654Anhang zum dritten Theil,len vergeben. Wo man aber kleinmuͤthig wird, ſo wird man den Verſuchungen zum Raub und immer tieffer hineingeſchleppet. Ein witziger Menſch ſtehet auf und gehet ſeine Straſſe fort: dagegen ein durchaus wahnſinniger im Koth lie - gen bleibt, darein er gerathen.

Allein dieſer Troſt gehet nur redliche Gemuͤ - ther an, die ſich fein ordentlich beſſern: keineswe - ges aber die Heuchler, die immer wieder ſuͤndi - gen, und keine heilige Gewalt brauchen, die Suͤn - de hinunter zu bringen. Dergleichen ſchweiffende Vorſaͤtze ſind nur leichtſinnige und fladderhafte Luftſtreiche; der Hoͤllen Grund iſt damit gepfla - ſtert, und ſelche Leute ſterben gemeiniglich in Un - bußfertigkeit. Jm Kampfe wieder die Unkeuſch - heit muß vornemlich eine ernſthafte Beſtaͤndig - keit angezogen, und alle leichtſinnige Weichlich - keit weggeworfen werden: anders erlangt man keine Tugend. Unſer HErr JEſus CHriſtus und ſeine Apoſtel ermuntern uns zum groſſen Ernſt: ſonderlich iſt dieſes noͤthig dem, der mit der Fleiſchesluſt Krieg fuͤhren will; und das fuͤr - nemlich im Anfang, da es am haͤrteſten muß ge - fochten ſeyn; im ausdaurenden Fortgang wird alles von Tage zu Tage leichter. Der aushar - rende und beſtaͤndige Gebrauch der oben angezeig - ten Mittel wird allererſt die Keuſchheit bringen, als eine wohl ausgewachſene, ſchoͤne Frucht aus dem Luſtgarten GOttes. Dieſe Mittel erweiſen ihre erwartete Wirckung nicht ſo flugs: ſondern erſt nach langwierigem harren, beten und ſchar - fem ringen: eben gleichwie die Sonne nicht in einem Tag die reiffen Fruͤchte aus dem Holtz her - vorzeucht. O mein Pilgrim! wie wilt du denn in einem Tag zuruͤck an den Ort, von dannen dudoch655C. 3. Mittel wieder die Unreinigkert. doch ſchon von vielen Jahren ausgereiſet und irr - gegangen biſt? Ein ſo tief eingewurtzelter Scha - de laͤßt ſich ja nicht ſogleich mit einer Feder wegwi - ſchen. Mancher hat ziemlich gluͤcklich angefan - gen, iſt auch mit einigem Fortgang fortgefahren; weil er aber nicht bis ans Ende ausgeharret, hat er alles wieder verlohren was er erarbeitet hatte, und iſt nur ſchlimmer worden.

Jn der Uebung dieſer Mittel muß eine wach - ſame Genauigkeit beobachtet werden, auch in kleinſten Sachen, ohne etwas von allen dieſen heilſamen Vorſchlaͤgen zu verſaͤumen. Es iſt nicht genug auf der Hut zu ſeyn, die Dinge be - treffend, ſo am naͤchſten zum Sturtzfall fuͤhren, und dagegen ſich in geringeren Haͤndeln Freyheit geben; man muß ſeiner Natur nicht das wenig - ſte geſtatten das die Keuſchheit beſchmitzen koͤnte; auch nichts aus der Acht laſſen, was ſie befoͤrdern koͤnte. Das kleine verleitet gar leicht zum groſ - ſen; ein klein Fehlerlein fuͤhret oft zu einer groſſen Suͤnde; und die Behutſamkeit in den geringſten Pflichten erhebet dagegen die Seele auf den hoͤch - ſten Gipfel der Keuſchheit. Die mindeſte Ge - faͤlligkeit und Herunterlaſſung des hochedlen Gei - ſtes zum Fleiſch, in ſich oder andern, iſt gerade capabel, alles in der Seele umzuwerffen, das ober - ſte zu unterſt zu kehren, und das Feuer der unrei - nen Luſt zu entzuͤnden; und das alles in ſchneller Zeit. Jm Gegentheil kann die Enthaltung von un - ſchuldig ſcheinenden Luͤſtlein das Hertz in goͤttlich ruhigem Frieden und himmliſch reiner Freude be - wahren, und vor ſchweren Verſuchungen und See - len kraͤnckenden Fehltritten beſchirmen. Wer im Geringſten treu iſt, der iſt auch im Groſſen treu. Luc. 16, 10. Wer das Geringe verachtet,wird656Anhang zum dritten Theil,wird allgemach fallen. Syr. 19, 1. Wer dieſe theure Wahrheiten lieſet, und vom heiligen Geiſt im Hertzen und Leben kraͤfftig machen laͤßt, der wird Freude uͤber Freude haben, und zuletzt nach dem Ausſpruch unſers Heilandes Matth. 5, 8. zum Anſchauen GOttes kommen in hoͤchſter Se - ligkeit ohne Ende. Wers aber auf die leichten Achſeln nimmt, der ſchreibe ſichs zu, wenn ihn die boͤſen unflaͤthigen Geiſter mit der Unreinig - keit plagen und nach allem ihren Gefallen hudeln werden.

Es iſt inſonderheit ſehr vieles im Leben der Altvaͤter von ihren Streitigkeiten, die ſie mit den unflaͤtigen Teufeln hatten, Matth. 8. und wie gewaltig ihnen GOtt beyge - ſtanden, wenn ſie nur unablaͤßig mit feurigem Ernſt zum Schlangentreter und Heiland in glaͤubigem Gebei ihre Zuflucht genommen haben, (nach Beſchaffenheit der damaligen Zeiten) hier und da aufgezeichnet. Nur eins und das andere hier beyzubringen, zumalen nicht jeder - mann die Buͤcher hat: ſo erzehlte der heilige Pacho - mius: GOtt ſey mein Zeuge, ich habe die Teufel oft hoͤ - ren mit einander reden von ihren Kuͤnſten, welche ſie wieder die ſo Chriſto anhangen, gebrauchen. Es ſagte einer: ich habe einen Kampf wieder einen harten und unbeweglichen Menſchen vor. So oft ich ihm verkehrte Gedancken eingebe; faͤllt er ſtracks mit groſſem Seuftzen nieder zum Gebet, und haͤlt an, daß ihm Chriſtus mit ſeiner Huͤlfe beyſtehen wolle. Du weiſt aber, mit was hefftiger Liebe dieſer ſeinen Chriſten beygethan iſt. Wenn er denn wieder aufſtehet, ſo muß ich mit allen Schanden wiederum abziehen. Ein anderer Teufel ſprach: Jch habe einen, darauf ich laure. Wenn ich ihm Gedancken eingebe: williget er drein, nimmt ſie an und vollbringet ſie. Jch kann ihn oft in Harniſch jagen, daß er fuͤr jaͤ - hem Zorn gleich entbrennet. Jch bringe ihn zur Faul - heit, daß er fuͤr Schlaͤfrigkeit und Zerſtreuung nicht be - ten kann. Auch kann ich ihn in unkeuſchen Einbildun - gen herum weltzen wie eine Sau einen Bettelſack: er aber wiederſpricht mir nicht; ich habe manchen Spaß mit dieſem faulen Schlingel ꝛc. Alſo iſt der Teufel nicht geſtorben, der unzehlich viel Kuͤnſte weiß.

Einem andern that der Hurengeiſt viel Hertzeleid an. Dieſer gieng hin zu einem wohl verſuchten Mann, batihn657C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. ihn und ſprach: Laß dir doch meinen Zuſtand hertzlich angelegen ſeyn, und bete fuͤr mich. Der Mann that ſei - ne Fuͤrbitte innig und andaͤchtig. Dis geſchahe zu ver - ſchiedenen malen. Daher wunderte ſich der alte from - me Mann, daß der angefochtene ſo oft wieder zu ihm kam mit ſeiner alten Klage. GOtt aber offenbarte ihm als ſeinem Freunde im Geſicht, wie laͤßig und faul jener in ſo hohen ſchweren Uebungen waͤre. Er ſahe nemlich den angefochtenen, und ſiehe der Hurengeiſt hatte ſein Spiel vor ihm. Er ſahe aber auch den Engel des HErrn da - bey ſtehen, der war ſehr ungehalten auf dieſen faulen Bru - der, daß er in ſolcher Anfechtung nicht auf die Erde fiel, ſein Gebet mit Ernſt zu GOtt dem HErrn zu thun, ſondern ließ ihm ſeine eigene Gedancken gefallen, und hatte ſei - ne Luſt daran. Demnach ſprach der heilige Mann zu dieſem vermeintlich angefochtenen, als er mit ſeinen kal - ten und faulen Klagen wiederkam: Es iſt unmoͤglich daß der Hurengeiſt von dir weiche, obſchon hundert an - dere Leute mit inſtaͤndiger Fuͤrbitte fuͤr dich anhalten moͤchten; es ſey dann, daß du dich auch ſelbſt bemuͤheſt mit flehendlichem ſeufzen, daß unſer Herr JEſus Chri - ſtus dir ſeine Barmhertzigkeit wiederfahren laſſe. Denn wann gleich ein Artzt einem zur Geſundheit Artzney giebet, und dabey allen moͤglichen Fleiß anwendet: ſo iſt doch, wann der Krancke ſich von ſchaͤdlichen Dingen nicht ent - halten will, mit des Artztes Sorge nicht viel geholfen. Alſo iſts beſchaffen, wann die Seele Noth leidet. Es koͤnnen und ſollen ja wol Maͤnner GOttes JEſum, ſol - cher angefochtenen Leute halber, auf ihr Begehren gantz inniglich anruffen: jedoch wann ſich dieſe nicht nach al - lem Wohlgefallen GOttes richten: ſo kann ihnen, als Faulentzern, die ſich um ihrer Seelen Wohlfarth nicht viel bekuͤmmern, das Gebet heiliger Menſchen nicht zu gute kommen. Da der Bruder dis hoͤrete: giengs ihm durchs Hertz, und er trachtete mit Fleiß nach GOttes Reich; ließ es ihm mit faſten, wachen und beten ſauer werden. Da erlangte er Barmhertzigkeit bey Chriſto, und der Geiſt der unreinen Luſtſeuche muſte alsdenn von ihm weichen.

Ach daß dis auch alle Juͤnglinge tief zu Her - tzen naͤhmen; alſo daß es ihnen vor dieſem verzu - ckerten Gifft eckeln und ihrer Seelen zuwieder ſeyn moͤchte dieſe Speiſe anzuruͤhren. 1 B. Moſ. 39, 8. Job. 6, 7. Sonderlich iſt die Verſuchung als -III. Th. Betr. der Unreinigk. T tdenn658Anhang zum dritten Theil,denn gar ungemein ſtarck, wann in der andern Perſon eine heftige Begierde wallet, und alsdenn die Menſchengefaͤlligkeit, nach welcher man ſich ſo gerne einliebet, die Begierde in andern auch ent - zuͤndet und ihn ſo mit hinreiſſet. Das bruͤnſtige Verlangen careßiret und geliebet zu ſeyn, iſt ge - rade wie ein Funcke im Zunder, und wie eine ver - borgene magnetiſche Krafft aus dem giftigen Ha〈…〉〈…〉 der Schlange, dadurch ſie die armen Voͤgelein von den hoͤchſten Baͤumen herunter ziehet: und wann es die Voͤgelein zuvor wuͤſten, ſo wuͤrden ſie ſich auf keinen Baum ſetzen, da eine ſolche Zau - berſchlange unten ſaͤſſe, die auf ſie lauret. Wuͤſte jemand zuvor, daß ſo ein durchdringendes Gift in der platten und nackten Haut ſteckete: ſo wuͤrde er nicht einmal darnach gucken. Gewiß, man darf die glatte und nackte Haut nur anſehen: ſo iſt die giftige Lockſpeiſe ſchon eingewuͤrget und ver - ſchluckt; und wo ſie die Seele nur inwendig mit einem Gedancken anruͤhret: ſo iſt das Hertz flugs befleckt, und der Wille zum Boͤſen geneigt, ſolte es auch nur ein Kuß oder Haͤndedrucken ſeyn; wo nicht die Zucht des himmliſchen Vaters den alten Adam zaͤumet und noch dazu wacker durchſchlaͤgt. Daher der Sieg Joſephs als eines 28. jaͤhrigen Juͤnglings erſtaunlich iſt, und unvergleichlich herr - licher als alle Siege aller Weltbezwinger. Jm Himmel unter den heiligen Engeln gilt er gewiß - lich unendlich mehr, weil der Hurengeiſt in Poti - fars Weibe ſo gewaltig nach ihm gehungert, und mit allen erſinnlichen Lockungen angeſetzet, und er dennoch ſeinem GOtt bis auf Kercker und Ketten getreu geblieben: unangeſehen ers bey dieſem vor - nehmen Herrn ſo gut hatte. Und als einem Fremdling, ja gar als einem Sclaven ſpiegelteihm659C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. ihm die bloͤde Vernunft ohnfehlbar ein groſſes Weltgluͤcke vor, in huriſcher Willfahrung: allein er entriß ſich allem, was ihm das Hoͤllenheer im - mer vor Stricke zu legen berathſchlagete, nur die Gunſt der ewigen Weißheit zu behalten, die Sa - lomon ſo hoch preiſet, Spruͤchw. 8. Rabbi Elie - ſer giebt vor, Joſeph haͤtte erſt ſchier darein[ge]williget: es ſey ihm aber ſeines alten Vaters Jacobs Bild in ehrwuͤrdiger Poſitur vor dem Bette erſchienen, deſſen Gegenwart ihm ein Ent - ſetzen vor dieſer ſuͤndlichen That beygebracht. Jm Talmud ſteht, Potifars Weib habe ihm 1000. Talent an Silber angeboten: Joſeph aber habe ſich gewegert in dieſer Welt Schande mit ihr zu treiben, und alsdenn auch in jener Welt bey ei - ner Schandhure zu ſeyn. Chryſoſtomus verwun - dert ſich mehr uͤber Joſeph, als uͤber die drey im Feuerofen unverſehrt gebliebene Maͤnner.

Nicht minder ruhmwuͤrdig iſt die That Nicetas, eines teutſchen Soldaten, aber wahrhaften Kaͤmpfers Chriſti und tapfern Siegeshelden im Heer GOttes. Hiero - nymus erzehlt den Handel alſo: Der Tyrann Decius hatte ihn in eines lieblichen Gartens Sommerhaus fuͤh - ren und durch eine angeſtellte Hure zur Wolluſt verlei - ten laſſen. Nachdem er ihr aber im geringſten kein Gehoͤr geben wollen, hat man ihm Haͤnde und Fuͤſſe gebuuden. Als ſich hierauf die geile Dirne zu ihm ge - nahet, hat er ihm ſelbſt die Zunge abgebiſſen, und ſie der Huren ins Angeſicht geſpien. Siehe hievon Hars - doͤrffers Heldenlied.

Es iſt keine Suͤnde, die dem Fall Adams und Evaͤ ſo aͤhnlich iſt, als wie dieſe. Der Ver - ſuchbaum war ihnen verboten anzuruͤhren: aber vom Geſpraͤch kam Eva zum luͤſterenden An - ſchauen; von dar zum Betaſten; da war der Wie - derſtand hin. Sie geriethe darauf ins abbrechen und eſſen; da verſchwand aller Eindruck von derT t 2Suͤßig -660Anhang zum dritten Theil,Suͤßigkeit, Schoͤnheit, Seligkeit, Guͤte und Hei - ligkeit GOttes, ſamt aller Furcht vor dem ange - droheten Tod: Und Adam ſuͤndigte dem Weibe zu Gefallen. Ferner, wie hier der Fall bald vor - bey war, aber 900 Jahre lang, nemlich ſo lang Adam lebete, unter unzehlichen Gewiſſensaͤng - ſten, Schmertzen, Plagen und hohen geiſtlichen Anfechtungen zu bereuen da ſtunde: eben alſo iſt der Kitzel des Fleiſches gar zu kurtz; hingegen der dar - auf folgende Greuel, der aͤngſtlich nagende Wurm und das grimmige Erzittern vor jedem Andencken deſſelben, waͤhret gar zu lang; und es iſt noch eine groſſe Gnade, wann ſolches in dieſem Leben geſchie - het, und nicht bis in die Hoͤlle aufgeſparet wird, welche letzte grauſame Noth faſt allen unkeuſchen Seelen begegnet, ſehr wenige ausgenommen.

Hebe derowegen, o du koſtbares und hoch - geliebtes Volck GOttes! deine Augen in die Hoͤhe, und ſiehe dir an die helle Wolcke Zeugen um den Thron GOttes und des Lammes, welche dir die Moͤglichkeit eines keuſchen Wandels an ihnen ſelbſt weiſen, die das Eiß zu dieſer heiligen und geſegneten Laufbahn gebrochen, und dir zuruf - fen und wincken, daß du dich ihnen nach in dieſen ſchneeweiſſen und himmliſch glaͤntzenden Heeres - zug mit begebeſt. Die Reihe iſt jetzt an uns; JEſus ſchauet auf uns; ſeiner Helden Freuden - triumph will uns als eine Wolcke mit keuſcher Hei - ligkeit und mit engliſcher Reinigkeit durchdringen, und die Suͤndenhitze abkuͤhlen: ihr Kampf und Sieg macht ja den Weg leichter, ihre Schritte auf dieſem heiligen Wege, darauf kein unreiner gehen kann (Jeſ. 35, 8.) trieffen noch von Segen; Elias laͤſſt uns ſeinen Mantel ſowol als der jung - fraͤuliche Leib Chriſti ſeine Kleider; jeder Vor -gaͤn -661C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. gaͤnger gibt neues Licht, Tapferkeit, friſchen Muth und Erholung; ein jeder wirfft einen Stein aus dem Wege ꝛc. GOtt eilet zur Vollendung, die Zeiten ſind erfuͤllet, und das Himmelreich iſt naͤ - her als es jemals geweſen von Anbegin der Welt; das Tageslicht wird immer heiterer durch Exem - pel recht munterer Streiter und mehrerer Kriegs - Erfahrung; es gehet ein friſcher, helleuchten der Stern nach dem andern auf, der aufs neue am Kirchenhimmel ſchimmert; es erhebt ſich eine bethauende Wolcke nach der andern, deren Ge - beter uns unzehliche Heilskraͤffte erlangen und den Vater eilen machen, Offenb. 6. Jhr Durch - bruch macht uns die Sache leichter, und der Koͤ - nig JEſus laͤſſt uns keinen Tritt umſonſt thun; niemand, wer nur im Glauben und Liebe JEſu ſtehet, creutziget die geringſte Luſt unbelohnet: wer aber nach der Gemeinſchaft des Sohnes GOt - tes nichts fraget, und lieber lincks zur ſaͤuiſchen Suͤndencrone laͤufft, der wird ſeinen Theil fruͤhe genug im Schwefelpfuhl bekommen, und Jo ſephs Herrlichkeit mit Schrecken anſehen.

Jhr mit beſonderer Schoͤnheit begabte Wei - besperſonen! verpfuyet in eurem Hertzen die Grif - fe und ſchaͤndliche Stuͤcklein der Moabitinnen: ſchlaget nicht in ihre Art, betrieget euch nicht mit falſchen Gedancken, als ob GOtt euch was beſon - ders machen und mit ſeinen zeitlichen und ewigen Straffen verſchonen werde: o nein! dann bey GOtt iſt fuͤrwahr kein Anſehen der Perſon; glei - che Suͤnden, gleiche Straffen. Derowegen brau - chet doch um GOttes willen euer luſtreitzendes Weſen nicht zu Satans Stricken, unſchuldige Hertzen damit zu binden. Laſſet euch doch, ſo lieb euch eure eigene Seligkeit iſt, nicht zum RadeT t 3an662Anhang zum dritten Theil,an des Teufels Karren brauchen, Seelen die GOtt zu ſeiner Liebe erſchaffen, Chriſtus mit ſeinem Blut gewaſchen und zu ſeiner Braut erloͤſet, See - len die der Geiſt des HErrn zu ſeinem Tempel geheiliget, in die hoͤlliſche Schindgrube zu fuͤhren! Ach leider nichts hat die Hoͤlle faſt reicher gemacht, als ſchoͤne Angeſichter. Sehet auf die gecroͤneten Keuſchheits Fuͤrſtinnen, deren Angeſichter heller ſcheinen werden als die Sonne in GOttes Reich, und ſchoͤner ausſehen als das Angeſicht der ſchoͤn - ſten heiligen Engel, weil ſie die Schoͤnheit ihrer irdiſchen Leiber verachtet und verlaͤugnet haben, nur damit ſie ihrer Seelen Schoͤnheit unverletzt bewahren moͤchten.

Giſulphi und Rombildæ Toͤchter haben als die Longobar - der mit ihnen Unzucht treiben wolten, ihre Bruͤſte mit verfaultem Voͤgelfleiſch verwahrt, davon ſie ſo uͤbel geſtuncken, daß die Soldaten ſelbſt einen Abſcheu davor gehabt und davon gegangen ſind.

Ein Edelmann, ſo bey einem Hertzog in Dienſten war, hatte ein ausbuͤndig ſchoͤn Weib. Der Hertzog entbrann - te mit boͤſer Luſt gegen ſie, und ſparete weder Verſpre - chungen noch Beſchenckungen noch Drohungen, aber verge - bens. Als ſie nun kein ander Mittel erſehen konte: faßte ſie einen Schluß, den Stein des Anſtoſſes, nemlich ihre Schoͤn - heit aus dem Wege zu raͤumen: Nahm demnach Schei - dewaſſer, und richtete ihr Angeſicht ſo zu, daß ſich der Hertzog dafuͤr entſetzte, ſeine Verheiſſungen, wiewol aus einem andern Antrieb, reichlich erfuͤllte, und ihrer See - len Schoͤnheit (ſowol als ihr Mann) unter ihrem ver - derbten Angeſichte verehrete.

Wie werden die unheiligen Modenſchweſtern ihre Augen am groſſen Gerichtstage fuͤr ſo keu - ſchen Seelen doͤrffen aufheben? da ja zumal nicht begehret wird, daß ſie dergleichen auch thun, ſon - dern nur, daß ſie mit der Schoͤnheit ihres Leibes bedaͤchtlich umgehen, wie es die Furcht des HErrn und wahre Liebe des Naͤchſten erfordert; und da - bey fleißig beten: HErr GOTT Vater undHErr663C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. HErr meines Lebens! behuͤte mich fuͤr un - zuͤchtigem Geſicht, und wende von mir alle boͤſe Luͤſte: Laß mich nicht, auch nicht andere durch mich, in Unkeuſchheit gerathen, und be - huͤte mich fuͤr unverſchaͤmten Hertzen! Sie ſollen nur ſich allenthalben ſo auffuͤhren, daß auch weltgeſinnte Leute erkennen muͤſſen, ſie ſeyen ein Heiligthum und Sitz GOttes, und ſich ſcheuen, ſie mit unreinen Gedancken anzuſehen. Wie jene gottſelige Mutter zu ihrer Tochter ſagte: Bezei - ge dich an allen Orten ſo, wie du thun wuͤr - deſt, wenn dein Seelen Braͤutigam ſichtbar - lich bey dir waͤre; habe einen Abſcheu an allem, was auch den geringſten Schein einer Leichtſinnig - keit hat; dencke an der heiligen Jungfrauen Ma - riaͤ ihr Exempel, und ſey in allen Dingen zuͤchtig, damit die heiligen Engel gern um dich ſeyn.

Aus Luc. 21. und Matth. 24. iſt offenbar, die Hauptpflicht der Menſchen dieſer letzten Zei - ten ſey eine maͤßige und nuͤchterne Keuſchheit. Einige, die ſich GOtt zu Wunderleuten auser - leſen, und die er zu Zeugen ſeiner Wahrheit ge - brauchen will, werden zum Faſten und anhalten - dem Gebet aufgefordert, beyde Maͤnner und Wei - ber, Junge und Alte. Andere, die dieſen himm - liſchen Beruf ausgeſchlagen, ſind verdorben. An - bey ſiehet man, wie Bileam und Jeſabel nicht feiren, GOttes Knechten Stricke zu legen, um ſie zur Hurerey zu verfuͤhren: Offenb. 2, 20. Zu einer Zeit, da der HErr des Himmels im Anzug iſt, und geneigt das Erbe der Heiden ſeinen Aus - erwehlten einzuraͤumen. Die Schlange iſt hoͤchſt - bemuͤhet, durch ihre Argliſt den beynahe reif ge - wordenen Anſchlag GOttes ruͤckgaͤngig zu ma - chen, und ihr wuͤſtes Suͤndenreich laͤnger wiederT t 4den664Anhang zum dritten Theil,den Geſalbten und ſeine Kirche behaupten zu koͤn - nen, wozu ſie erboßt und unverſchaͤmt genug iſt.

Ein jaͤmmerliches Vorſpiel deſſen haben wir an David. Kaum hatte er die Verheiſſung vom Meßia empfangen und von deſſen Vorbild, dem herrlichen Friedens-Reich ſeines Sohnes und Nach - folgers in der Regierung: ſo ward er vom Hu - rengeiſt auf deſſen Grund und Boden, nemlich im Muͤßiggang noch ertappet, juſt da er der Erfuͤl - lung allbereit gantz nahe gekommen war. Ohne Zweifel wolte dadurch dieſe arge, ſchluͤpfrige Schlange die Verheiſſung wo nicht gar vereiteln, doch wenigſtens aufhalten. GOtt aber, der aus Nacht Tag, aus Finſterniß Licht, und aus Gifft koͤſtliche Artzney ziehen kann, der wandte es dem Teufel zu Trotz alſo, daß eben aus Bathſeba ein Salomo geboren ward: damit aller Ruhm goͤtt - licher Barmhertzigkeit rein bleibe, und man im gantzen Reich Chriſti erkenne, daß die Verheiſ - ſung aus Gnaden geſchehen ſey, und nicht aus den Wercken. Mithin kam die ewige Liebe den - noch zu ihrem Zweck, und GOtt fuͤhrte nach Be - weiſung ſeiner Heiligkeit durch harte Zuͤchtigun - gen ſeinen Rath gleichwol herrlich aus.

Hieher gehoͤret die Weiſſagung auf das Ende der Tage des Neuen Teſtaments. Joel. 3, 18. Es wird eine Quelle vom Hauſe des HErrn her - aus gehen und das Thal Sittim waͤſſern. Wann die Kirche ihre beſchwerliche Reiſe durch die Wuͤſte dieſer Welt faſt zu Ende gebracht, und ſie nunmehro nahe beym Lande Canaan iſt: ſo wird der Drach ſein letztes verſuchen, und ſie zum unreinen greulichen Suͤndenthal machen wollen; alſo daß man faſt keinen Artickel und kein Wort GOttes mehr glauben wird. Luc. 18, 8. Nach -dem665C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. dem aber der himmliſche Joſua die zween Zeu - gen von Sittim wird ausgeſandt Joſ. 2, 1. Of - fenb. 11. und durch ſchwere Gerichte vor aller Welt dargethan haben, daß kein unkeuſcher oder geitziger das hochzeitliche Abendmal des Lammes und das herrliche Reich erblich beſitzen koͤnne: 1 Cor. 6, 9. 10. alsdann wird ſich eine Quelle eroͤfnen, nemlich der heilige Geiſt aus JESU Chriſto, Pſ. 36, 10. Joh. 4, 14. daraus 1000. Bruͤnnen entſpringen werden, Jeſ. 12. Joh. 7, 38. ſo alle unreine Sinnen abſpuͤlen und alles goͤttlich fruchtbar machen werden. Selig wer ſich als ein Suͤndenthal Sittim Chriſto darſtellet, und mit Schmertzen geſtehet, wie er ſein Hertz leider an die Luͤſte und Greuel der Welt gehenget, aber von nun an nimmermehr nach dem Fleiſch ſondern nach dem heiligen Geiſt wandeln wolle, auch ſei - nen Bund darauf mit GOtt erneuert, wie in Sit - tim geſchehen: (5 Moſ. 29.) den wird der Aller - hoͤchſte nicht allezeit unter der Suͤnde laſſen blei - ben, ſondern ſein Geſchrey erhoͤren. Ein heller Schein aus der Morgenroͤthe wird ihm auffgehen, Jeſ. 60. 2 Sam. 23. und er das Reich einneh - men. Dan. 7.

Aber auch alsdann in ſeinem ſo erhahenen Stand muß er nicht ablaſſen zu ſeuftzen: Laß mich kein Luſt noch Furcht von dir in dieſer Welt abwenden, beſtaͤndig ſeyn ans End gib mir; du haſts allein in Haͤnden ꝛc. Es gilt Wa - chens; allermaſſen auch das Reich des weiſen Salo - mons durch eben dieſen ſtinckenden Hoͤllenruß ſei - nen Flor und Glantz verloren. So ſehr erhebet ſich dieſer ſchlangenartige, ſachtſchleichende Geiſt uͤber das menſchliche Geſchlecht; alſo daß dieſe ohne dem ſo rare und ſchoͤne Blume der Keuſch -T t 5heit666Anhang zum dritten Theil,heit in wenigen Hertzensgaͤrten von deſſen Geiffer unverſehrt geblieben. Ey wie verdrießlich iſts, wann an einer wichtigen Koͤnigscrone oder an einem ſonſt unſchaͤtzbaren Kleinod eine Luͤcke iſt, in dem eine Perle oder Edelgeſtein daraus gefal - len und verloren worden! wie mager und unlu - ſtig iſts, wann an einem Hochzeitkrantz die ſchoͤn - ſte Koͤnigin der Blumen fehlet! Seele! wilt du dieſen Verdruß, Betruͤbniß und Schande nicht haben; ſo kaͤmpfe uͤber der Keuſchheit, vertauſche nicht die Liebe JEſu um eine ſchnoͤde Luſt, und bleibe dem heiligen Geiſt ſtets getreu bis an deines Lebens Ende. Amen.

III. Ein wiedergeborner Chriſt baͤndiget ſeine innere und aͤuſſere Sinnen, und fliehet alle Gelegenheit der Reitzung zur Luſt mit einem heiligen und ſtand - haften Eifer.

EJnes der bewaͤhrteſten und vornehmſten Mittel wieder alle Unkeuſchheit iſt, ſeine aͤuſſere Augen, und noch mehr die in - nern Gedancken gaͤntzlich davon abzuziehen. Hierzu wird der heilige Geiſt einer winſelnden und kaͤmpfenden Seele allen noͤthigen Vorſchub und Huͤlfe thun, mit ſchnellen Einleuchten, Erinnern und Abmahnen. Auf dieſes Abziehen der Ge - dancken deutet Paulus 1 Cor. 6, 18. Fliehet die Hurerey. Es hat mit dieſem garſtigen Greuel eine gantz eigene Bewandniß. Wo eine dazu geneigte oder eingenommene Perſon nur einen Blick darauf thut: ſo iſts, als wenn ſie einen Ba - ſilisken anſaͤhe; ſie wird gleich davon bezaubert, vergiftet und beflecket; Ja, welches wohl zu mer - cken, oͤfters vielmehr als denn, wenn das innereSeelen667C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. Seelenauge in der Einbildungskraft etwas un - keuſches betrachtet, als wenn das aͤuſſere Auge des Leibes etwa ein Manns - oder Weibsbild an - ſiehet. Wiewol auch mit den Augen ein Bund ge - macht werden muß, nicht zu ſehen nach einer Jung - frauen Job. 31: ſintemal durch dieſe Fenſter der Suͤndentod hinein ſteiget. So iſts auch ein hoͤlliſcher Undanck, die Augen (ſo ein theures Ge - ſchenck des Schoͤpfers und wunderwuͤrdiges Mei - ſterſtuͤck unſers unendlichen Gutthaͤters) zu Waf - fen und Siegespforten der Unkeuſchheit zu ma - chen, GOtt zur Schmach und Verdruß.

Ein ſchoͤner und wohlgebildeter Leib und eine ausgefuͤllete weiſſe Haut hat etwas in ſich, das die Sinnen wunderlich bezaubert. Dis iſt eine uͤber - aus wichtige Probe unſeres Abfalls von GOtt, unſerer verlornen Freyheit, und unſers bejam - mernswuͤrdigen Verderbens. Die leibliche Schoͤn - heit iſt ja nichts anders, als nur eine gewiſſe Ein - theilung der Farbe und Bildung der Glieder. Wenn eben dieſelbe Haut, eben dis Fleiſch und Blut, nur ein jedwedes beſonders dem allerun - keuſcheſten Menſchen vorgeleget wuͤrde: ſolte es ihn wol nimmermehr zur Geilheit reitzen. O des unendlichen Elendes des Menſchen: daß ihn Blut, Haut und Fleiſch fahen, und zur Hoͤllen verſtri - cken koͤnnen; und kein Ding ihn von dieſer Zau - berey voͤllig und gruͤndlich befreyen kann, als al - lein die allmaͤchtige Kraft des heiligen Geiſtes, welche gantz allein des Satans Zauberkraft im Fleiſch zu zerbrechen und zu zerſtoͤren vermag.

Es war ein Altvater, der viel und oft angefochten ward wegen eines Weibes, das er etwa angeſehen hatte. Da er nun hoͤrte daß ſie geſtorben war, grub er ſie ſich zum Tort und Straffe aus, damit er mit dem Geſtanck ſeine Anfechtung vertreiben moͤchte. Freylich iſts auch gut,daß668Anhang zum dritten Theil,daß wenn man ein ſchoͤn Menſchenbild, (als den ver - botenen Verſuchbaum) vor ſich ſiehet, man ſich gleich einbilde, man ſehe ein graͤsliches Todtengerippe vor ſich: Daraus die Geiſter, die ſich mit fleiſchlichen Begierden einander verunruhiget und innerlich in einander verun - reiniget haben, vor der klareſten Heiligkeit GOttes in der Ewigkeit erſcheinen muͤſſen.

Hier iſt niemand durchaus geſichert, als wer mit bekuͤmmertem Gemuͤth und haͤuffigen Thraͤ - nen bittet: Vater fuͤhre uns nicht in Verſu - chung! und wer mit ſeinen Augen einen Bund macht, daß es heiſſet: Jhr meine lieben Augen! wollet ihr ſo fromm ſeyn, daß ihr euch von allen unzuͤchtigen Geſichtern abwendet: ſo ſollet ihr de - ſto laͤnger hell und friſch bleiben. Jhr ſolt nach dem juͤngſten Tage in der himmliſchen lichten Welt ewig aufs allerſchoͤnſte leuchten und funckeln; ihr ſollet Chriſtum den wahren lebendigen GOtt, und die heiligen Engel ſamt den verklaͤrten Menſchen ewig mit unbegreiflicher Wonne und Vergnuͤgung anſchauen: ſo daß durch dieſes Anſchauen die kla - re Heiligkeit, Seligkeit und das unergruͤndliche Leben GOttes ſelbſt hindurch ſcheinen, und in die innerſten Kraͤfte eures Leibes und der Seele hin - einſtrahlen ſoll immer und ewiglich. Werdet ihr aber leichtfertig umher gaffen: ſo ſollet ihr deſto eher dunckel werden, verdorren, verfallen, und nach dem letzten allgemeinen Gericht in aͤuſſerſter Finſterniß die zornigen Geiſter, die verfluchten und ſcheuſſlichen Hoͤllenbraͤnde anſchauen. Wie hier die abſcheuliche Suͤnde der Unkeuſchheit durch euch als durch geiſtliche Fenſter in Leib und Seele wuͤrde eingegangen ſeyn: ſo ſoll dorten in der ſchrecklich finſtern Zornwelt aller Teufel Wuth ſamt der Hoͤllenglut und Schrecken durch euch hin ins innerſte Marck der Gebeine und Adern hin - eindringen ꝛc.

Der669C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit.

Der ſelige Arnd ſagt: das Anſchauen GOttes ſey ſo lieb - lich: daß wanns moͤglich waͤre, daß ihn eine Verdam̃te See - le in ſeiner weſentlichen Liebe erblicken koͤnte, ſie ſofort des Augenblicks der Hoͤllenpein ledig, und mit unausſprechli - cher Himmelsfreude uͤbergoſſen und durchfloſſen werden muͤſte. Hingegen ſagt ein anderer Heiliger, dem der Teuffel in ſeiner natuͤrlichen Geſtalt erſchienen: es ſeye ſo was entſetzlich ſcheußliches, daß einer wol in einen gluͤenden Feuerofen ſpringen moͤchte, dieſem Anblick zu entrinnen. Erwege nun, wohin dich der Mißbrauch deiner Augen fruͤhe oder ſpat bringen werde!

Was durchs Geſicht erkannt wird, ſetzt ſich gar zu tief ins Gemuͤth: daher die heilige Schrifft Be - hutſamkeit der Augen gewaltig einſchaͤrfet. Keiner wird ſo hefftig beweget vom Hoͤren als vom Sehen. Wer einen ſelber ermorden oder hinrichten ſiehet, der wird weit mehr geruͤhrt, als wann er nur davon hoͤrt. Das Auge ſchoͤpfet in kurtzer Zeit ſehr viel in ſich, und das zwar nur allzu klar und allzutieff. Alſo ward Eva zuerſt durch das Anſchauen der Frucht ſo heftig bewegt. Petrus ſetzt um deßwil - len den Ehebruch in die Augen, daraus ein beſtia - liſch oder viehiſch Leben entſtehe; dadurch ein unkeu - ſcher wie ein Ochs zur Schlachtbanck und Feſſeln kommt, biß ihm ein Pfeil die Leber ſpaltet; und eilet wie ein Vogel zum Strick, ohne zu wiſſen oder zu bedencken, daß derſelbe wieder ſein Leben iſt. 2 Petr. 2, 12. 14. Spruͤchw .. 7, 22. 23.

Jch habe einen 15. jaͤhrigen Knaben gekannt, der etliche monat in wunderbarer, ſtarcker und lebendiger Erwe - ckung zum Reich GOttes geſtanden. Weil er aber von fuͤrnehmen Geſchlecht war, und den Eltern ſothane An - dacht nicht anſtehen wolte: ſo ſchickten ſie ihn zu einem hohen Anverwandten, bey dem es mit Tautzen und al - lerhand weltlichen Ergoͤtzlichkeiten, wie an einem Fuͤr - ſtenhoff zuginge: hier blieb er nur etwa drey Tage lang. Da er aber daſelbſt eine ſehr ſchoͤne Tochter im Tantz er - blicket, konte er ſeine verworrene Fantaſie von dem ein - gedruckten Bild auf keine Weiſe erledigen. Er ward vom Satan auf ſeinem Grund und Boden erwiſcht, und ins haͤßliche Gefaͤngniß der Unkeuſchheit eingeſperrt; ge -rieth670Anhang zum dritten Theil,rieth auch daruͤber in Verzweifelung, ohnerachtet er ſie nach dem Tantz nie wieder geſehen. Er ſchrieb mir nachmals einen Brief, darinnen er ewigen Abſchied von mir nahm, weil er doch nimmer wieder zurecht kom - men, demnach mich auch in der Ewigkeit nicht ſehen wuͤrde. So grauſam iſt ſein armes ſchwaches Jugendhertz von dem einigen Anblick verletzet worden; daß ihn auch nicht die Entfernung davon hat heilen koͤnnen: da es doch ſonſt heiſſet: Auge ab, Hertz ab.

Alſo gehets tollen Juͤnglingen und Jungfrauen, ſo mit ihren Augen nicht in Himmel und Hoͤlle, nicht in die heilige Schrifft, nicht in ihr Hertz, und nicht in die Schoͤnheit JEſu und der neuen Creatur hin - ein ſehen; ſondern im Gegentheil dem Seelenfeind geſtatten, allen Wuſt, Unrath und Befleckungen des Fleiſches und des Geiſtes durch die uͤbel ver - machte Augenloͤcher in die Seele hinein zu ſchuͤtten. Derohalben hat unſer wohlgetreue Seligmacher, nachdem Er Matth. 5, 128. vorm Ehebruch des Hertzens, der aus dem Anſchauen entſpringet, gewar - net, ſo gleich darauf den goͤttlichen Rath gegeben, wir ſollen das aͤrgernde Auge ausreiſſen, d. i. nicht dazu gebrauchen, ſondern davon abwenden, und alſo handlen, als wann wir zum Dienſt des Hurenteufels kein Auge haͤtten. Und weil das Auge auch die Hand leichtlich zu unkeuſchen Betaſtungen erreget; ſo ſoll dieſe ebenmaͤßig abgehauen und weggeſchmiſ - ſen, mithin dem verſuchenden Geiſt der Unreinig - keit zu verſtehen gegeben werden, man habe weder Auge noch Hand fuͤr ihn, ſondern allein fuͤr JEſum. Damit aber der fleiſchliche Menſch nicht meine, es habe nichts zu bedeuten: ſo ſetzt der Amen, der ge - treue und wahrhafftige Zeuge die erſchreckliche Dro - hung hinzu: auf daß nicht dein gantzer Leib in die Hoͤlle geworfen werde. Aber O HErr! wer glaubts, daß du ſo hefftig zuͤrneſt, und wer fuͤrchtet ſich vor ſolchem deinem Grimm? Pſalm 90, 11. Die671C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. Die Alten erkennen es nicht, duͤncken ſich ehrbar und fromm genug zu ſeyn, wann ſie ſich nur von grober Hurerey und Ehebruch enthalten; aber ſie betriegen ſich und haben keinen goͤttlichen Sinn, eben darum weil ſie in ihrer alten Haut bleiben, den alten Adam in ſich herrſchen laſſen, und gar uͤberall nichts vom neuen Weſen des Geiſtes in ſich haben; mithin nach dem Ausſpruch Chriſti zuletzt gantz duͤr - re Brandſcheiter der Hoͤllen abgeben. Aber die Neuen, das iſt die geiſtlichen himmliſchen Men - ſchen, die neue Creaturen in Chriſto worden ſind, denen ſchauert ihr Fleiſch von wegen des Schreckens GOttes, und ſie fuͤrchten ſich vor ſeinen Gerichten. Pſ. 119, 120. Welche Furcht mit Hoffnung ewiger Herrlichkeit verbunden ſie dazu antreibt, daß ſie ſich reinigen wie JEſus rein iſt. 1 Joh. 3.

Beſiehe demnach ein wenig die betruͤbten Warnungsſaͤulen, ſo vor dir ſtehen: und werde witzig und klug an anderer Leute Schaden, damit du nicht ſelbſt auch eine ſo klaͤgliche Warnungs - ſaͤule andern werden muͤſſeſt. Siehe nur die heiligen majeſtaͤtiſchen Patriarchen an, die in ih - ren taubenweiſſen Haaren mit Anſehen, Weis - heit und Heiligkeit der erſten Welt als ſo viel Sonnen vorleuchteten! deren Kinder ſielen durch das herumgaffen mit ihren Augen ſo hart: daß ſie die Suͤndfluth alle hinnahm. Denn die Kinder GOttes ſahen auf die Toͤchter der Menſchen, daß ſie ſchoͤn waren, und nahmen ihnen Weiber welche ſie wolten, nicht aber welche ihnen ihre heilige Vaͤ - ter, die gottesfuͤrchtig und aus GOtt neugebohren waren, vorſchlugen und anratheten. Dieſe jungen Leute liebeten auch ein weiß ſtuͤck Fleiſch mehr als das Leben des heiligen Geiſtes. Wenn ſie nur ih - ren fleiſchlichen Augen wohlgefielen: ſie moͤchten als -dann672Anhang zum dritten Theil,dann GOtt gefallen oder nicht, ſie moͤchten vom Cain oder vom Seth abſtammen, darnach fragten ſie wenig. Der Seelen Schoͤnheit, das Reich GOttes und ſeine Gerechtigkeit, die Gewogenheit bey GOtt ꝛc. galt nichts bey ihnen: ſie ſahen ſich nicht um nach tugendſamen und gottſeligen Ehegat - ten, ſondern ſahen ſich nur um nach weiſſen Haͤuten und wohlbefleiſchten Gliedern: 1. Moſ. 6, 2. Alſo ha - ben ihre Augen ihren Seelen Gewalt angethan, und ſie dahin geraubet; ihre Augen haben ihnen wahr - haftig das Leben gefreſſen, Klagl. 3, 51. indem ſie durch das Geſicht in fleiſchliche Luͤſte geriethen, da - durch GOtt zum Zorn gereitzet worden, und ſie alle miteinander durch die Suͤndfluth vertilget hat.

Traue dir ſelbſt niemals; ob du auch ſchon einen feinen Grad in der Heiligung erreichet haͤtteſt: ſin - temal, durch eben die Augenfenſter der Tod, und die gaͤntzliche Erſchuͤtterung ja groß Ungluͤck zu einem koͤniglichen Propheten hineingeſtiegen, und in ſeine Seelenkraͤffte (die doch durch langwierige Gottſelig - keit zu paradieſiſchen Pallaͤſten und goͤttlich ſchoͤnen Veſtungen des heiligen Geiſtes worden waren) ein - gedrungen. 2 Sam. 11, 2. Jer. 9, 20. Ach der Augen ihre Luſt iſt nicht vom Vater, ſondern von der Welt, und in keinem der ihr folget iſt die Liebe des Vaters zugegen. 1 Joh. 2. Des Menſchen ſchaͤdlichſten Feinde ſind wol ſeine Hausgenoſſen, nemlich die von der ſchnoͤden Luſt durchgiftete Sinnen. O des groſ - ſen Jammers! darinnen wir in der Welt ſchweben.

Die Liebe zu GOtt iſt zwar ein ſolcher Balſam, davor kein Gift der Suͤnden lange beſtehen mag: Jndeſſen bleibt dieſes allerdings ein ſehr heilſames Gebot Chrifli, daß man den Augen bey Zeiten ihre Begierde abſchlage; ehe ſich die boͤſe Luſt zu weit ausbreitet, und nicht nur gegenwaͤrtig Unruhemacht,673C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. macht, ſondern auch auf weit hinaus Jahr und Tag der Seele zur Plage werde. Es nehme ſich doch ja niemand vor, die Augen zu ſaͤttigen: denn das iſt eben ſo wenig moͤglich, als daß die Hoͤlle und das Verderben erfuͤllet werden moͤge. Spruͤchw. 27, 20. Die Geilheit iſt ein unerſaͤttlich Ding: dahero iſt die Abziehung der Gedancken unumgaͤnglich noͤthig, daß man das Auge der Seelen vor dieſem Baſilisk zuſchlieſſe, und ihn inwendig mit keinem Gedancken anſehe. Alle andere Laſter, je ſteiffer man ſie be - trachtet, je groͤſſeren Eckel und Abſcheu erwecken ſie, (als zum Exempel, Geitz, Hochmuth, Voͤllerey, Luͤgen, Falſchheit, Diebſtahl ꝛc. ) nur an die eintzige Unkeuſchheit iſts nicht richtig noch rathſam auch nur einen Augenblick zu gedencken. Ja noch mehr: gleich wie die Wirckungen der Seele weit ſchneller, heftiger, und durchdringender ſind, als die Verrich - tungen des Leibes: alſo kann das Nachſinnen und die Erinnerung eines einigen Hiſtoͤrgens oder einer unreinen That, die etwa ein anderer begangen, das Luſtfeuer viel hitziger im Leibe entzuͤnden, als noch wol das leibliche anſchauen etwa thun mag; ſonder - lich, wenn etwa eine wuͤſte Geſchichte im Gedaͤcht - niß befeſtiget worden. Da iſt kein beſſer Mittel, als ſolche gleichſam aus dem Gedaͤchtniß zu verban - nen, und nicht mehr daran zu gedencken. Der Un - keuſchheit mit Gewalt ins Angeſicht wiederſtehen wollen, macht das uͤbel nur aͤrger. Je laͤnger ſich die Seele dieſem ſchmeichleriſchen Verraͤther gerade zu entgegen ſetzt: je tieffer ſie unvermerckt in den Koth hineinkommt, allmaͤhlig gefangen und wenig - ſtens in Befleckung der Seele geſtuͤrtzt und verſtri - cket wird. Ja wenn das Gedaͤchtniß der Phantaſie ein unkeuſch Werck nur vorſtellet, welches etwa ge - ſchehen iſt oder geſchehen koͤnte: ſo wird dadurch derIII. Th. Betr. der Unreinigk. U uMenſch674Anhang zum dritten Theil,Menſch oft mehr gereitzet, als wenn er die That ſelbſt mit ſeinen Augen ſaͤhe, welches ihm viel - leicht einen graͤuerlichen Eckel erwecken wuͤrde.

Summa: der heilige Geiſt will, daß Hurerey und alle Unreinigkeit unter den Chriſten nicht ein - mal genennet werde. Epheſ. 5, 3. Man muß mit der Unreinigkeit fliehende fechten, ihr den Ruͤcken zuwenden, und nur Pfeile zuruͤckſchieſſen; das iſt: Nicht dran gedencken, in JEſu Wunden und GOt - tes Heiligkeit hinein fliehen, und den Feind mit gen Himmel aufſteigenden Stoßgebetlein abtreiben: ſonſt wird man gemeiniglich gefaͤllet. Eine Pfuͤtze und Schlammgrube weichet einem Wanderer nicht: der Reiſende muß ihr weichen und auf die Seite ge - hen. Will er mit ihr fechten und auf ſie zuſchlagen, ſo wird er an ſeinen Kleidern und Angeſicht bald erfahren was er macht. Ein Chriſt iſt eben auch ein Fußgaͤnger: er gehet von der Karrſtraſſe der kothigen Welt ab; meidet die weiten Umwege, und gehet ſchoͤn gerade zu: der Fußweg iſt kuͤrtzer, erha - bener und trockener. Spruͤchw. 3, 17. Gal. 6, 16.

IV. Ein wiedergeborner Chriſt ſtellet oftmals heilige Betrachtungen uͤber die Liebe GOttes, uͤber den Adelſtand ſeiner Seele, uͤber das Leiden JEſu, uͤber die hei - lige Schrift ꝛc. an

Ein Chriſt erweget
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EJn Hauptmittel wieder alle Unzucht iſt, hei - lige Betrachtungen anſtellen. Nicht nur der leibliche Muͤßiggang iſt des Teufels Hauptkuͤſſen und Neſt, darinnen er ſeine Brut aus - hecket: ſondern fuͤrnehmlich der geiſtliche Muͤßig - gang. Wo er das Hauß muͤßig findet, nimmt ers mit ſiebenmal aͤrgeren Kraͤfften ein. Matth. 12, 44.

1) Wie edel ſey Leib und Seele.
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Betrachte demnach 1. wie Leib und Seele gleich - wol Tempel des heiligen Geiſtes ſind. Die Juden wolten lieber ihre Haͤlſe hergeben, als des KaͤyſersCa -675C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. Caligulaͤ Bild im Tempel zu Jeruſalem laſſen auf - richten: und du wolteſt dem Hoͤllenbock in dem un - vergleichlich koſtbaren Tempel, ſo GOtt alleine ewig gewidmet ſeyn ſoll, die Ehre anthun, und ſein Ge - ſchirre da hindurch tragen, ja ſo gar wuͤſte und un - flaͤtige Bilder an die Waͤnde und Mauren mahlen laſſen? das waͤre die greulichſte Beſchimpfung und Laͤſterung der allerheiligſten Majeſtaͤt.

Wann Petrus die allerabſcheulichſten Greuelmen - ſchen beſchreibt: 2 Pet. 2, 14. ſo ſagt er, ſie haben Au - gen voll von der Ehebrecherin. Die Seele kann mit den Augen verglichen werden. Das Auge iſt an ſich ſehr klein, und gleichwol kommt der weite Him - mel, Meer und Land, groſſe Staͤdte und hohe Ber - ge drein: alſo kommt in die Seele das Himmel - und Hoͤllenreich. Warum nun nicht auch eine Ehe - brecherin? Allerdings ſtehet ſie da, auch abweſend, vor dem Auge der Seelen, und die Seele treibet wie bey Tag ſo bey Nacht in den Gedancken ſchaͤndliche Dinge mit ihr, als ob ſie leibhaftig zugegen waͤre. Wie huͤndiſch waͤre es nun, in einer Kirche Unzucht zu begehen: wie vielmehr denn im Tempel des leben - digen GOttes, da der heilige Geiſt ſelbſt in eigner allerhoͤchſten Perſon betet, ſinget, lehret, beſtraffet, ermahnet, troͤſtet ꝛc. Wie, mein Chriſt! erkenneſt du nicht, wie hoch dich dein GOtt ehre? wolteſt du dich vom Mord und Luͤgengeiſt zum Schwein und Hundesſtall machen laſſen? O nein! ſeuftze vielmehr: O JEſu, JEſu! mach von ſol - cher Teufeley mir auch mein Gemuͤthe frey. Nun mein liebſter! der du weideſt unter Roſen reiner Zucht, keine Geilheitsneſſeln leideſt, dein Kuß reine Lippen ſucht. Du ſolt ſtets vor an - dern allen, meinen Augen wohlgefallen; laß dann auch bey mir nichts ein, was dir koͤnte wiedrig ſeyn.

U u 2Son -676Anhang zum dritten Theil,
2) Wie heilig die Liebe zu JEſu.
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Sonderlich muſt du fuͤr das allerkoͤſtlichſte Ge - waͤchſe der reinen Liebe Sorge tragen, daß ſie nicht aus der Art ſchlage und verunreinigt werde. Dann es iſt bald geſchehen, daß das was anfangs reine Liebe war, mit fleiſchlicher Neigung vermiſcht werde. Daher Paulus aus reicher und goͤttlicher Weißheit, nachdem er von der Chriſtlichen Liebe geſchrieben, gleich darauf vor Hurerey warnet, weil der Zunder ſo leicht anglimmet, wo nur ein Fuͤnck - lein dazu kommt, Epheſ. 5, 1. 3. Und iſt immer und ewig ſchade, wann die heilige Liebe auf dieſe Weiſe geſchaͤndet wird. Denn je lieblicher ſie rie - chet vor GOtt und allen heiligen Engeln, wenn ſie im lauteren Weſen des heiligen Geiſtes als ein pa - radieſiſches Balſamſtraͤuchlein bleibet: je heßli - cher ſtinckt ſie, wann ſie verderbet wird. Wem Chriſti Reich und Ehre, auch ſeine und ſeines Naͤch - ſten Seele aufrichtig lieb und angelegen iſt: der wird alle nothwendige Vorſichtigkeit von GOtt erbitten und brauchen, daß nicht der Fliegen des Todes auch nur eine die Salbe des Apotheckers, (JE - ſu Chriſti, der ſeine Kinder mit dem Geiſt der heili - gen Liebe ſalbet, Joh. 16, 7. Pſ. 68, 19. Joh. 13, 35.) 1 Cor. 5, 6.) ſtinckend mache noch vergifte. Je herrlicher jemand in der Kirche iſt an Gaben: je eher wird das falſche und fremde, was nicht von der himmliſchen Weißheit und von Chriſti Sinn iſt, und was nicht zur Heiligkeit der Kindſchafft gehoͤ - ret, von den Leuten angemercket; zumalen ſehr viele Augen auf einen ſolchen Mann oder Frau gerichtet ſind, deßwegen auch der Schein des boͤſen zu mei - den. 1 Theſ. 5, 22. Ach kein Chriſt ſoll niemals ver - geſſen, daß es hauptſaͤchlich darum zu thun ſey, daß wir JEſum Jehova vergnuͤgen, dem alle Serafim zuruffen; Heilig, heilig, heilig iſt der HErr, unddie677C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. die Erde iſt die Fuͤlle ſeiner Herrlichkeit. Er hats ja unendlich wohl um uns verdienet. Darum muß man gar ſorgfaͤltig wachen, wann etwan unſer Naͤchſte durch eine tugendſame Auffuͤhrung eine Liebe im Hertzen erreget, daß man ſolche Liebe ja nicht etwan aͤuſſerlich mit Umhalſungen oder ſonſt mit verſtrickenden Worten bezeuge: ſondern man muß die Liebesbewegung in GOttes Heiligthum bringen, und in eine lautere, bruͤnſtige, heilige Vor - bitte, ſegnen, und heilſame Zuſpruͤche verwandlen. Denn warum wolteſt du alle deine Arbeit im innern Weinberg verwerflich und eckelhaft vor deinem GOtt machen, um einer ſo beſchaͤmenden Luſt wil - len? Sehet euch fuͤr, daß wir nicht verlieren, was wir erarbeitet haben, ſondern vollen Lohn emphahen. 2 Joh. v. 8. Eine einige herrſchende Suͤnde macht alles andere untuͤchtig und eckelhaft, Jac. 25, 20. Geſetzt, JEſus habe nur dieſes eintzi - ge wieder dich, daß du nicht keuſch genug ſeyeſt: ſo kann dieſes ſchon die Augen ſeiner Majeſtaͤt erbit - tern, alle andere gutſcheinende Dinge Chriſto uner - freulich machen, und ſchwere Gerichte uͤber dich zie - hen. Denn wo JEſus dich ein und andermal deß - wegen im Gewiſſen angeredet und gefragt hat: was macht doch das Stinckgeſtꝛaͤuche in deinem Hertzens - garten? fort mit dem Wuſt! und er es dennoch alle - mal wieder ſehen muß, ſo oft er kommt: ſo ſiehe zu, daß Er nicht endlich darvon gehe, dich nicht mehr be - ſuche, keines Thaues noch Sonnenſcheins wuͤrdige, ſondern gar verwildern und von boͤſen Thieren vol - lends zertreten laſſe, nachdem Er der Falſchheit lan - ge genug zugeſehen. Ja wenn ſchon kein ewiges Gericht zu befahren waͤre: ſo ſolteſt du gleichwol ei - nem ſo guten JEſu den Verdruß nicht anthun. Wer JEſum lieb hat, wie ſein eigen Hertz, dem iſt deſſel -U u 3ben678Anhang zum dritten Theil,ben Mißvergnuͤgen und Abwendung ſeines Ange - ſichts unleidlicher als das ſtrengſte Hagelwetter, wann auch gleich ſein Hertzensgarten durchaus kein natuͤrlich Vergnuͤgen, ſondern eitel Duͤrre, und weder Kraut noch Fruͤchte noch Blumen haben ſolte. Wo man aber ſpuͤrt, daß man nach ſeinem Wunſch und Hertzen ſey: ſo bezeuget JEſus ſeine Zufriedenheit; er laͤßt ſein Antlitz leuchten, und man hat groͤſſere Freude, als uͤber Korn und Moſt. Pſalm. 4, 8. Nun wie angenehm ihm die Keuſchheit ſey, erhellet aus der unausdencklichen Verheiſſung, daß die, ſo reines Hertzens ſind, ſollen GOtt ſchauen: wie wiedrig und mißfaͤllig Jhm dagegen die Unkeuſch - heit ſey, ſieheſt du daher, weil er, der GOtt von un - vergleichlicher Barmhertzigkeit (GOtt, der ſonſt ſo Sorge fuͤr uns hat, daß Er auch jedes Haar auf un - ſerm Haupte gezehlet) dennoch haben will, daß man ſolche zu vermeiden das rechte Auge ausreiſſen, und die rechte Hand abhauen ſoll. Ja Er will Hurer und Ehebrecher zu Tode ſchlagen, in groſſe Drangſal werffen, und ihnen ihren Theil zu - letzt im feurigen Schweffelpfuhl geben. Offenb. 2, 22. 23. c. 21, 8. Wer ſolte denn nicht heftig darob er - ſchrecken, wo dieſes Hoͤllengeſaͤme hervorſchießt, daß er flugs darauf ſpringe, und es wurtzelrein weg - ſchaffe?

3) Wie billig die Nachfolge JEſu.
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JEſus wird genennet und iſt das ungebrechli - che, unbefleckte Lamm. 1 Petr. 1, 19. Solche muͤſ - ſen auch wir werden, wann wir zu ſeiner Rechten ſtehen wollen an jenem groſſen Gerichtstage, und er - erben das Koͤnigreich, ſo uns der Vater bereitet hat, ehe der Welt Grund geleget ward. Matth. 27. JE - ſus iſt der Siegespreiß und die Krone, ſo auf keinen andern als keuſchen Haͤuptern glaͤntzet. Wer mitder679C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. der unausſprechlichen Ewigkeit der erſtgebornen des Lammes geſchmuͤcket ſeyn will: deſſen Hertz muß von aller Otterbrut der Unkeuſchheit durchaus gerei - niget, und kein Hundsneſt mehr ſeyn. Wer ſich in den holden Liebesblicken des Geſalbeten GOttes er - freuen will: der muß dem Teufel keine Luſt mehr im Fleiſch machen, zum Verdruß dem majeſtaͤtiſchen GOtt. Wer dem goͤttlichen Braͤutigam entgegen gehen, und nicht vor ihm zu Schanden werden will: der kann der Keuſchheit als der edleſten Frucht des heiligen Geiſtes und des ſchoͤnſten hochzeitlichen Kleinods unmoͤglich entbehren. Wer die en - gelreinen Niedlichkeiten des Abendmahls des Lamms recht vergnuͤglich koſten will: der muß von dieſem Greuelsgift durchaus befreyet und voll heili - gen Geiſtes ſeyn. Wer GOtt ſchauen, und von dieſem Anſchauen geſaͤttiget, mit himmliſcher Klar - heit durchſtrahlet, und recht | durchlauchtig gemacht werden will, vor dem Thron der ewigen Majeſtaͤt unter den Himmelsfuͤrſten: der muß reines Her - tzens ſeyn Matth. 5, 8. Die reine Taube mit dem Oelblat, der heilige Geiſt mit ſeinem Zeugniß der himmliſchen Kindſchaft, bleibt nicht beym Unflath und Geſtanck unheiliger Regungen. Die licht - und lebensvolle Freudigkeit, Troſt und Trotz in GOtt, verlieret ſich, ſo bald dem Fleiſch nur das geringſte eingeraͤumet wird. Der Satan behaͤlt allezeit einen Anſpruch an die Seele, wo man ihm nur bißweilen im wenigſten zu willen wird, und kaum etwa zur Raritaͤt und heimlichen Verſuch ein Mundvoll von dem Luſtaas anbeißt, (etwa mit ei - nem unreinen, reitzenden Kuß oder ſonſt) welches bey allem ernſtlichen Vorſatz der Keuſchheit aus Uebereilung geſchehen kann; und zwar im Augen - blick vorbey iſt, aber bittere Wehetage und friſcheU u 4Schmer -680Anhang zum dritten Theil,Schmertzen der Buſſe verurſachet, wobey man mer - cket, daß GOtt dennoch, dennoch hoch beleidiget wor - den. Der ſchalckhafte Satan verbirgt zwar ſeinen Anſpruch, damit nicht die Seele in einen noch ern - ſtern Kampf trete, und tieffer auf die Hertzensreini - gung dringe: wo man aber mit dem Licht des heili - gen Geiſtes die innerſte Kammern durchſuchet, Spruͤchw. 20, 27. da findt man ſie in ein Winckelgen geſteckt, und ſie ſchreyet aͤngſtiglich zu Chriſto.

Ein ſtreiter Chriſti um die Krone der Erſtge - burt muß nicht eine Linſe mehr von dem rothen Muß einſchlucken; nicht das mindeſte dem Teufel an - gehoͤrige behalten; dieſem Seelenfeinde und hoͤlli - ſchen Schadenfroh auch nicht ein einiges Dienſtlein mehr thun: ſondern GOtt Tag und Nacht um Er - rettung und voͤllige Ausſtoſſung dieſes Wiederſa - chers anſchreyen, und GOtt mit ſolchem Seelenge - ſchrey gleichſam uͤbertaͤuben: wann er keine aus dem verborgenen hervorkommende Anklage an dem groſſen Tage der Noth befuͤrchten will. Derowe - gen laſſe ſich niemand betriegen mit dem alber - nen Sprichwort, wenig ſchade wenig: ſinte - mal die Braut allerdings ohne Flecken, und ohne Runtzel ſeyn muß. Darum huͤte dich vor allem, was auch nur einen Schein hat der boͤſen Unkeuſch - heit. Ein geiler Kuß iſt ſchon ein giftiger Mord - ſchuß des Teufels. Es iſt in der Welt keine Suͤnde anzuͤgiger: gibſt du ihr einen Finger, ſo will ſie dich uͤberall mit Leib und Seel in den Schlamm hinun - ter haben, damit du des Kampfs und Laufs nach dem Kleinod daruͤber gar vergeſſeſt. Man kommt aus ſeiner Veſtung heraus in groſſe Noth und Elend. Die Unkeuſchheit iſt wie das Meer bey Groͤnland: wo man nur etwa einen Fuß oder Arm darinnen baden will, ſo kommt ein Fiſch, undſchnellt681C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. ſchnellt es mit ſeinen ſcharffen Zaͤhnen hinweg. Alſo kommt einem dieſe oder jene fleiſchliche Liebesbezeu - gung ſehr unſchuldig vor: aber ehe man ſichs ver - ſiehet, befindt man, daß die neue Creatur gefaͤhrlich davon verletzet worden ſey. Wer ein reines Klei - nod der Sonne der Gerechtigkeit bleiben, und nicht ein heßlich Glied des Satans werden will, ſondern ein glaͤntzendes Himmelsgefaͤß des groſſen Hauſes GOttes: der muß ſich von allen Greueln der Un - keuſchheit durchaus reinigen. 2 Tim. 2, 21. Und ſich auch vorſichtiglich verwahren vor allem, was auch nur von weitem allgemach dazu verfuͤhren kann, zumalen dieſe Schlange gar ſubtil daher ſchleichet.

Ein Chriſt iſt ein verſchloſſener Garten, Hohel. 4) Wie angenehm er bey JE - ſu.4, 12, Woſelbſt JEſus, der neue Adam ein wun - derſchoͤn Paradis anzulegen beliebet, und ſelbiges mit Pflantzen aus dem Himmelreich beſetzet und zieret, um allda mit goͤttlicher Wonne und Ver - gnuͤglichkeit ſtets aus-und eingehen zu koͤnnen, und alles vom Glantz bemahlet zu ſehen. Wilt du nun die wilde Sau der Unkeuſchheit da hineinſtuͤrmen und alles verwuͤſten laſſen? wehe dir am Tage der Heimſuchung. Du ſolt ein verſiegleter Brunn ſeyn, da das Waſſer des Heils der gnadenvollen goͤttlichen Gedancken, Regungen und Bewegungen Tag und Nacht, Sommer und Winter aus der Quelle des heiligen Geiſtes ſtets friſch, hell, klar, rein und ſuͤß aufquille. Wie darſt du denn immer - mehr ſo thoͤricht ſeyn, und den Satan freywillig das Siegel laſſen erbrechen (dann zwingen kann dich keine hoͤlliſche noch menſchliche Macht,) damit er nur alles betruͤben, vergiften, verunreinigen, wenig - ſtens verſtopfen koͤnne? Ey warum wolteſt du dem Boͤſewicht eine ſolche Macht uͤber dich in Klauen ge -U u 5ben?682Anhang zum dritten Theil,ben? biſt du denn noch nicht gewitziget? haſt du noch nicht Lehrgeld genug gegeben, daß du nicht wiſſeſt fuͤr ein und allemal, was die Unkeuſchheit fuͤr hoͤlliſche Wirckungen habe? Wer hundert mal Gifft nimmt, wird hundert mal beſchaͤdiget, biß er zuletzt daran crepirt. Eben alſo weiſſeſt du nicht, wenn der Termin dir geſteckt iſt; welches die allerletzte Untreue ſey, die dir der gerechte GOtt, der ſich nicht ſpotten laͤßt, vergeben wolle, und du demnach das Gelach auf ſolche Weiſe bezahlen muͤſſeſt, daß dir deine Haare gen Berge ſtehen. Fuͤrwahr, wann du alſo von Zeit zu Zeit eine ſo groſſe Miſſethat wageſt, und dein JEſus dir zuſehen muß, wie du dein ſo oft wieder - holtes Geluͤbde brichſt, und nach dem Er dir deine Treuloſigkeit ein und abermal vergeben, du dennoch wiederum ſo heilsvergeſſener Weiſe zu den unſau - beren Geiſtern und ihren ſchaͤndlichen Einraunun - gen dich neigeſt: ſo koͤnte wol zuletzt das erſchreckli - che Urtheil uͤber dich ergehen: ſo fahr nun immer hin nach deinem Will und Sinn! alſo daß dir alle Glaubens-und Gebetskrafft entgienge wieder umzukehren, und du mithin unter den unreinen und graͤßlichen Teufeln bleiben muͤßteſt, als ihr unſeli - ger Sclave. Gewißlich du waͤreſt nicht der erſte, dem ſolcher Unfall begegnet.

Der ſtaͤrckſte Riegel, alles JEſu wiedrige drauſ - ſen zu laſſen und gar nichts davon hinein zu nehmen, iſt die unbeſchraͤnckte Meiſterſchafft des heili - gen Geiſtes, der den Willen dergeſtalt bemeiſtert, daß GOttes Wohlgefallen der Seelen Element wird; alſo daß es ihr ſehr wehe wird, wann ſie die mindeſte Unzufriedenheit in GOtt ihres Thuns hal - ben verſpuͤren muß. JEſus weidet unter den Li - lien, die nur des Himmels Einfluͤſſen offen ſtehen, von der heiligen Salbung riechen, allen Scheindes683C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. des Boͤſen meiden, gar annehmlich und ſchneeweiß ſind, in reinen Sitten und Geberden, ihre Unſchuld auch unter Feldern voll Geilheitsneſſeln behalten, wie Joſeph in Egypten, wie Loth in Sodom, wie Obadia an Ahabs Hofe. Die gantze heilige Schrifft weiß von keinen andern Reichsgenoſſen und Erben GOttes, als ſolchen, die des heiligen Gei - ſtes Chriſti begehren zur Heiligung, und des Bluts Chriſti zur Reinigung von aller Untugend; verlan - gen und ſuchen auch die Heiligung nicht um des Pa - radieſes willen, ſondern vielmehr begehren ſie des Himmels um der Heiligung willen, weil die Zierde dieſes Orts lauter Heiligkeit iſt. Solchen Seelen iſts alſo erleidlicher, daß es ihnen am Paradis abge - he, als an dem heiligen JEſusleben: und wann demnach nur eins von beyden muͤſte erwehlet wer - den, ſo wuͤrden ſie im Huy eher den Abgang himm - liſcher Suͤßigkeiten wehlen, als den Abgang an der Gleichfoͤrmigkeit des Bildes und Willens Chriſti. Nun dis muß mit Hintanſetzung aller andern Stimmen und Anerbietungen reiflich erwogen und in acht genommen werden: damit man ſich ſelbſt vor ewigem Heulen und Zaͤhnklappen gut und ge - wiß ſeyn koͤnne.

Du wirſt beruffen Gottes Braut zu ſeyn. Hoſ. 5) Die Hoheit des Braut - ſtaudes.2, 21. 22. Solt du nicht allerdings ſchoͤn ſeyn, und keinen Flecken an dir haben? Hohel. 4, 7. Herrlich, heilig, und unſtraͤflich? Epheſ. 5, 27. Eine reine Jungfrau? 2 Cor. 11, 2. Dem Lamm nachfol - gend und von Weibern unbefleckt? Offenb. 14, 4. Um der Geilheit willen dieſe Herrlichkeit einbuͤſſen iſt grade eben ſo unvernuͤnftig, heillos und halsbre - chend, als wann eine Tochter auf der Reiſe begriffen waͤre, den allerſchoͤnſten und weiſeſten Koͤnigs Sohn zu heirathen; und es begegnete ihr ein ſchmu -tziger684Anhang zum dritten Theil,tziger ausſaͤtziger Stallknecht, und ſie lieſſe ſich von ihm entheiligen, und er wuͤrde ploͤtzlich zum ſcheußli - chen Rabenaas, und ſie wuͤrde an daſſelbe mit rußi - gen Ketten angefeſſelt, und muͤſte der Hochzeit ewig entbehren! Jch kann kein lebendigeres Bild finden, die Thorheit unkeuſcher Leute vor Augen zu mahlen: allermaſſen die augenblickliche kurtze Luſt im Huy in ewigen Geſtanck verwandelt wird; und wo ſie nicht in der Gnadenzeit durch Chriſti Tod getoͤdtet wor - den: ſo werden dieſe unflaͤtigen Luͤſte mit der Seele ſo tieff vermenget, daß ſie wie ein Scheuſal vor GOtt und allen heiligen Geiſtern offenbar wird. Sodann | erwachet die Hoͤlle, die in dieſen tollen Begierden verborgen liegt, fein rechtſchaffen, und in derſelben muß ſich die Seele unerſaͤttlich quaͤlen, ewig aͤngſten, und der Freuden-Hochzeit GOttes ewiglich miſſen.

Wann die Braut keine Schoͤnheit haben kann, die den Koͤnig erfreue, ſie vergeſſe dann vor erſt ih - res Volcks und vaͤterlichen Hauſes: Pſalm 45, 11. 12. Luc. 14. wie viel weniger wird der glorwuͤrdigſte Gottmenſch eine Seele in ſeine Brautkammer hin - einfuͤhren, die ſich noch nicht in aufrichtiger Buſſe durch Chriſti Blut und Geiſt von todten Wercken und kothigen Luͤſten hat reinigen laſſen? O darum bitte eifrig: HErr JEſu! da haſt du meine viehi - ſche Hurenluͤſte: creutzige, toͤdte und begrabe ſie tieff genug, damit ſie doch nimmermehr wieder in mir lebendig werden! o verſaltze ſie mir nur recht! ich uͤbergebe mich tauſendmal lieber in alles aͤuſſere und innere Leiden, als daß das geringſte davon in mir ſolte uͤbrig gelaſſen werden. Du haſt dich mit mir vermaͤhlet, dein Geiſt iſt mein Unterpfand, auch ich habe dich erwehlet, und mit Hertzen, Mund und Hand, meine Treue dir geſchworen,dich685C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. dich hab ich allein erkohren, es weiß alle Crea - tur, JEſum, JEſum lieb ich nur.

Du wirſt eingeladen GOttes Koſtgaͤnger zu6) Wie groß die Seligkeit bey GOtt. ſeyn; des Tiſches des HErrn theilhafftig zu wer - den, und aus ſeinem heiligen Trinckgeſchirr zu trincken, 1 Cor. 10, 21. da nur JEſu Gnade, Ge - dult, Keuſchheit, Sanfftmuth, des heiligen Gei - ſtes Friede und Freude, der neue Wein der Liebe GOttes, der Offenbarung JEſu Chriſti, der reinen himmliſchen Krafft des goͤttlichen Lebens und Ver - gnuͤgens zu genieſſen aufgeſetzet wird, (welches al - les die huͤndiſche Fleiſchesluſt zum grauerlichen Cckel machet): Welche Schande waͤre es denn nun, des Koͤniges Taffeln verlaſſen, und zum hoͤlliſchen Sauhirten hinſitzen, mit ſeinen Schweinen aus gleichem Trog zu naſchen? an des Teufels Bruſt zu liegen, und ſich an deſſen vergifteten Lockſpeiſen zu weiden? in der hoͤllenſchwartzen Kammer der Ab - kehr von GOtt, der Vergeſſenheit aller der hohen und unermeßlichen Liebe Chriſti, und der luſtigen Hinzuwendung zur Seelverwuͤſtenden Unreinig - keit (da gleich ein giftiger Athem des Drachen die Seele anhauchet, daß ſie ein Schwindel ankommt, und ſie aller empfangenen leutſeligen Gutthaͤtigkeit bey Chriſto vergißt, und ſich zum Tiſch der Teufel herbey noͤthigen laͤßt), aus den Schuͤſſeln eines un - zuͤchtigen Hiſtoͤrgens, eines unehrbaren Gemaͤhl - des, einer weiſſen blutgefuͤlleten Haut ꝛc. den Gift des Seelentodes durch unkeuſche Gedancken und Geberden hineinzuſchlucken?

Man ſagt, es gebe viele Tuͤrcken, die nie - mals keinen Wein gekoſtet: aber keine, die es nur einmal gethan, und es beym erſten und einigen bewenden laſſen. Eben alſo ver - haͤlt ſichs mit dieſem Laſter. Darum iſts tauſend - mal weislicher, fein ordentlich gethan wie Joſeph:kei -686Anhang zum dritten Theil,keinen Blick thun auf Satans Tiſch, was auch fuͤr Brocken darauf geſtellet ſeyn; kein Broſamen ihme abnehmen, (geb wie er dringet und noͤthiget,) damit man nicht hernach noch mehr habẽ muͤſſe. Ach dieſes Hoͤllengift gehet gelind, ſchnell und ſuͤßiglich den Seelenſchlund hinunter: wanns aber einmal verſchlucket iſt, ſo iſt man nicht mehr daruͤber Mei - ſter, ſondern man muß es laſſen rumoren, ſo greulich als der Teufel will, und es GOtt nach verachteten allen ſeinen Warnungen aus gerechtem Gerichte verhenget.

Weſſen Koſtgaͤnger du jetzo biſt, deſſen wirſt du es ewig ſeyn, es ſey GOttes oder des Satans. Mache dir deßhalben die Rechnung beyzeiten, wo du es beſſer werdeſt haben. Glaubeſt du, JEſus koͤnne nichts geben als Heil, Leben, Friede, Freude, Vergnuͤgen, Heiligkeit und Seligkeit, denn Er habe ja nichts anders: ey ſo gewehne dich doch in der geſchenckten kurtzen Gnadenzeit an ſeinen Gna - dentiſch; ſeinen reinen Leib, trincke ſeines ſuͤſſen Freudenweins genug; es wird dir wohl thun, und die verrenckte Geiſteskraͤffte nach und nach uͤberall zu recht bringen, daß dichs nicht weiter nach dem Sautrog geluͤſten wird; mithin wirſt du dich im neuen Himmelreich der Gnaden goͤttlich bewirthen laſſen. Es wird dich forthin nichts mehr gut duͤn - cken, als was von des Koͤnigs Taffel kommt aus Chriſti Liebesmahl. Wann ſchon bittere Salſen des geheimen Creutzes, des aͤuſſern und innern Lei - dens dabey ſind: ſo ſinds nur Pomerantzen und Ci - tronen, aus dem Garten Eden, Myrrhen aus dem Lobethal, und Saffran von den Feldern Jericho; das bittere iſt bald vorbey, und thut hernach lang uͤberaus wohl: das iſt Chriſti Brauch. Leidens - proben und Demuͤthigungen ſind die Teller, daraufer687C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. er ſeine himmliſche Guͤter zu genieſſen vorlegt: und niemand weiß, was fuͤr eine goͤttliche Krafft darin - nen ſey, als wer fein munter davon ißt, und das wahrhaftige Creutz Chriſti ihm mit Simon nach - traͤgt. Summa, Chriſti Creutz macht der Unkeuſch - heit den Garaus, und iſt ihr Tod. Hingegen wirſt du, liebes Hertz! dem tuͤckiſchen Verſucher nicht mehr trauen, weil du an anderer Leute Schaden wi - tzig worden biſt, und Satans Methode merckeſt, wie er ſein unflaͤtiges Suͤndengift in lauter angenehmen vehiculis, (untermengten Saͤften der unſauberen Fleiſchesluͤſte) einzufloͤſſen pfleget: er wird dich dem - nach nicht bereden, noch von ſeinem Wuſt weiter et - was beybringen koͤnnen.

Mit einem Wort: Dieſer ſchoͤne, luſtigreitzende, aber von GOtt bey ſeiner hohen, ewigen Ungnade verbotene Suͤndenbaum ſtuͤrtzet die Lebendigen, ſo davon eſſen, in zeitlichen und ewigen Tod: dage - gen bringet Chriſti Creutzbaum allen Getoͤdteten, ſo ſich in ernſthafter, aufrichtiger, ſtrenger Buſſe und recht hungriger Glaubensbegierde dazu nahen und davon eſſen, wiederum ein neues, unverderbliches Leben. Biſt du nun, o Geſalbeter und begnadig - ter Chriſt, einmal GOttes Tiſchgaͤnger worden: o ſo nimm vorlieb, bleib dabey, und laß dich weder Luſt noch Fleiſch noch Welt davon ablocken, damit dir nicht hernach die Ruͤckkehr zu ſchwer werde, und du die Gnadenthuͤr wegen deines Ausſchweiffens in der Suͤndennacht verrieglet ſindeſt; auch mit ſchreck - lichen Urtheilen des Geſetzes, mit Satans Kraͤfften im Fleiſch und mit Verdammungen im Gewiſſen, als ein banniſirter dein ehemaliges Vaterland von weitem anſehen muͤſſeſt! Jch weiß nicht, ob der Vater ſeinen verlornen Sohn wiederum ſo freund - lich aufgenommen haͤtte, wenn er nach ſo koͤſtlichenTra -688Anhang zum dritten Theil,Tractamenten abermal zum Schweintrog wieder gekehret waͤre. Darum wende dich doch nicht mehr zum Tiſch der Teufel, zu den Einblaſungen, und immer aufs friſche anſetzenden Reitzungen der un - ſaubern Geiſter: wann ſie dirs auch machen ſolten, wie die boͤſen Heiden dem Eleaſar. Dem ſperre - ten ſie mit Gewalt den Mund auf, daß er ſolte Schweinefleiſch eſſen: er aber wolte lieber ehrlich ſterben. 2 Macc. 6, 18. Die Hoͤlle ſey uns erleid - licher als Unkeuſchheit.

7) GOttes lieben Willen in der hei - ligen Schrift.
13

Ein gewaltig Mittel wieder die Unkeuſchheit iſt auch, die heilige Schrifft mit Demuth, Fleiß, An - dacht und heiligem Zittern leſen; als Worte, da an jedwedem Buchſtaben nicht nur gantze Berge, wie die juͤdiſchen Lehrer zu ſagen pflegen, ſondern Him - mel und Hoͤlle hanget; Worte, die ſcharfe zwey - ſchneidige Schwerter ſind, alle geile Schoͤßlinge abzuſchneiden; Worte die als ein Kuͤhlbalſam von JEſu dem gecreutzigten herabtrieffen, die brennen - de Suͤndenhitze abzukuͤhlen; Worte, die als Waſ - ſerbaͤche des Heiligthums alle unzuͤchtige Brunſt ausloͤſchen, und mit heiliger ſanfter Liebe und lau - terer engliſcher Freude in GOtt erfriſchen; Wor - te, die als ſtarcke Donnerſchlaͤge die Einraunun - gen der unſaubern Geiſter verſtieben und zu nich - te machen. Bey der Leſung und Betrachtung derſelben aber laſſe dir ſeyn, als ſtuͤndeſt du am Fuß des Berges Sinai, und hoͤreteſt den maje - ſtaͤtiſchen GOtt in duncklen Wolcken, Finſterniß und Ungewitter, im brennenden und den gantzen Himmel enttzuͤndenden Feuer, mit dem Schall der Poſaunen, und Berge und Felſen erſchuͤtternden Donnerſchlaͤgen zu dir und mir ſagen: Du ſolt nicht ehebrechen, du ſolt nicht huriſch ſeyn!

Du689C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit.

Du muſt dich aber in der Betrachtung der hei - ligen Schrifft recht uͤben: dann dieſes iſt 1) ein heili - ger Zeitvertreib, und hindert vieles boͤſe. 2) Gibt es Materien und Anlaß zum Gebet. Man kann die entſetzlichen Gerichte GOttes, die Offenba - rung ſeines allerheiligſten Willens, und die ma - jeſtaͤtiſchen Exempel der Keuſchheit der Alten, (z. E. eines Koͤnigs 1 Moſ. 20.) nicht ohne Schauer leſen. 3) Der heilige Chryſoſtomus ſagt: das bloſſe anſchauen oder anruͤhren der hei - ligen Schrifft koͤnne ſchon die boͤſen Gedancken verjagen; einen ſolchen Reſpect und Furcht praͤ - ge ſie ins Gemuͤth. Allein das iſt nur wahr von denen, die allbereit in ihrer Umkehrung naͤher bey GOtt als beym Teufel ſind. Einer der noch un - ter der Macht der Finſterniß iſt, koͤnte wol die Bibel Tag und Nacht anſehen, ohne davon hei - liger zu werden. Ey wie mancher Gelehrter weiß die gantze Schrifft auswendig, und weltzet ſich dennoch im Geitz, Hochmuth, Neid und heimli - cher Luſt herum? Chryſoſtomus war von den Juͤnglingen, die den Boͤſewicht uͤberwunden, und in welchen das Wort GOttes bleibet: ſein Hertz war voll Erkenntniß und Liebe Chriſti: daher konte er wol ſo reden von der heiligen Schrifft. Welche aber noch nicht verſetzt ſind ins Reich des Sohnes der Liebe GOttes, denen gehet es, wie etwa einem Gefangenen, der um einen vermaur - ten koͤniglichen Garten herum gehet; er moͤchte auch gerne ſehen und haben was darinnen iſt: inzwiſchen kommt der Haͤſcher, deſſen Gefangener er iſt, erwiſchet ihn und ziehet ihn mit ſich ins Stanckloch der irdiſchen Luſt oder Unkeuſchheit. Es gehet hier eben, wie Eraſmus ſagt vom Cicerone: derjenige muͤſſe allbereit in der Latini -III. Th. Betr. der Unreinigk. X xtaͤt690Anhang zum dritten Theil,taͤt vieles profitiret haben, deme Ciceronis ſaubere Schreibart wohl ſchmecken ſoll. Wer in groſſer Erfahrung des Reichs Chriſti ſtehet, und mit dem heiligen Geiſt getauft iſt, dem ſchmecket faſt kein Buch mehr als die heilige Schrifft: Anfaͤn - ger aber koͤnnen faſt beſſer mit andern geiſtlichen Buͤchern hauſen, und dieſe muͤſſen ſie mehrmalen leſen und wieder leſen, wann ſie Frucht davon ha - ben wollen. Das ſind die Kraͤuter und Bluͤm - lein am Fuß des Bergs, da die Bienen Ho - nig ſammeln: die kraͤfftigſten aber ſind auf der Spitze des Berges, das iſt die heilige Schrifft. Wann du demnach eine Biene biſt, und nicht mehr eine Spinne: ſo wirſt du nach und nach auf die Spitze des Berges Zion, ins Paradis der heiligen Schrifft hinauffliegen koͤn - nen, allwo der lauterſte Honig der ſauberſten Her - tzensreinigkeit herzuholen iſt. Allein unſere Chri - ſten haben eine aͤuſſerſt unverantworliche Gering - ſchaͤtzung dieſes goͤttlichen Buchs, nicht anders als ob es ihnen bey Henckers Straffe verboten waͤre darin zu leſen, ungeacht aller Obrigkeitlichen guten Anſtalten. Daher faſt keine erleuchtete und geheiligte Chriſten unter dem Volck anzutref - fen: es ſind eitel getauffte Heiden. Das iſt ein gewaltiger Aſt von der Erbſuͤnde, die Unluſt zu geiſtlichen himmliſchen Dingen, und das wie - derſtreben der Natur: das muß aber uͤberwunden ſeyn, ſonderlich in Leſung heiliger Schrifft. Duͤnckts den Leſer, er ſehe darin nichts vergnuͤgliches, es ſey gar zu ein finſterer dunckler Ort: ſo zwinge er ſich ſelbſt nur immerfort zum Leſen, ſo wird er zu - letzt ein Lichtlein erblicken, von einer Morgendem - merung, und wird ihm klar werden, was Un - keuſchheit vor ein groſſes Uebel ſey. 2 Pet. 1, 19.

Dis691C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit.

Dis wird ſonderlich aus den erbaͤrmlichen Hiſtorien und Exempeln offenbar, die in der heili - gen Schrift vorkommen, und darthun, was der Unzuchts Teufel hie und da ausgerichtet habe. Gewißlich iſt ſein Mordgeiſt, wie er unter der bunten Unzuchtsdecke verborgen iſt, oft ſo ſtarck und lebendig abgeſchildert, daß ſich auch die ga - lante und honnette Welt nicht ungerne dran ſtoͤßt. Allein ſie kann ihr ſtoſſen und Aergerniß wol laſ - ſen. Es iſt an ſolche Hiſtorien, als an einem Verſuchbaum, allemal Schwerdt und Ruthe auf - gehengt, wers nur begehret mit anzuſchauen; daß ihm die Luſt zur Nachfolge wol vergehen kann. Jn Teutſchland ſiehet man hie und da an den Straſſen allerley Wild und Jaͤgereyen abgemahlt: aber gleich dabey iſt auch ein Staupbeſen, ein Beil, eine abgehauene blutende Hand. Alſo habens auch die heiligen Hiſtorien, damit niemand dieſem Teufel zu nahe komme. Und naͤchſtdem, lieber Menſch, ſolſt du aus ſolchen Hiſtorien den ſo ſcheußlichen als jaͤmmerlichen Anblick deines hu - riſchen Hertzens erblicken, den du ſo treflich un - gerne glaubeſt, und den dir nicht leichtlich jemand vorzuwerfen ſich unterſtehen ſolte. Wenn dirs nun der ewige und treue GOtt nicht ſelber zeigt und vor deine Augen ſtellt: mein! wer ſolls dir denn ſagen, und dich zur Erkentniß deines Jam - mers fuͤhren doͤrfen?

V. Ein geſegnet Mittel iſt auch, ſeines Hertzens Jam - merſtand verſuchten und gottſeligen alten Leuten zu entdecken.

EJns ſoll dem andern helffen, nicht nur in zeitlichen Dingen, ſondern allermeiſt in den Sachen der Seligkeit; dieſes erfor -X x 2dert692Anhang zum dritten Theil,dert die Liebe. Hebr. 3, 13. 10, 24. Ernſthaffte und in der Tugend befeſtigte Chriſten zu ſprechen iſt uͤberaus heilſam. Jhr Exempel iſt ein Blitz, und ihre Reden ſind ein Donner, die unſaubern Gedancken aus dem Hertzen zu treiben. Offen - hertzige und vertraute Geſpraͤche gottesfuͤrchtiger Leute ſind niemals ohne Frucht: dagegen ſind leichtfertige Worte hoͤchſtſchaͤdlich, und muͤſſen wo nicht hier, dennoch in der Hoͤlle geſtrafft werden.

Ein anſehnlicher Mann faulete bis in den Hals und auf die Lunge: ſtanck daß niemand faſt um ihn bleiben kon - te. Jedermann hatte mitleiden mit ihm: er erkante es aber fuͤr eine ſonderbare Straffe GOttes, weil er un - verſchaͤmte Schertzreden ſo ofte gefuͤhrt, und ſo viele ſchandbare grobe Hiſtorien erzehlt. Es waren ein Paar gute Freunde, welche der Satan mit einerley Suͤnden - ſtricken feſt verbunden hatte, dergeſtalt, daß ſie auf ihren wolluͤſtigen Hoͤllenwegen gantz vertraulich wandelten. Als dieſe einmal den Tag in ruchloſer Geſellſchafft mit Sauffen, Spielen und Lachen hatten hingebracht, und bey eingetretener Nacht, dem von Wein und Bier er - hitzten Fleiſch, in einer Schlam-pfuͤtzen eine Abkuͤhlung zu ſuchen giengen, hoͤreten ſie einen Chriſtlichen Hauß - vater das ſchoͤne Abendlied: Chriſt der du biſt der helle Tag, vor dir die Nacht nicht bleiben mag ꝛc. mit ſeinen Hausgenoſſen ſingen. Dis legte dem einen ohne Zweifel durch des heiligen Geiſtes Gnad und Kraft, gleichſam einen Zuͤgel an, daß er ſtehen blieb und dem Geſang in der Stille zuhoͤrete. Als nun dieſe gottſeli - ge Haußkirche auf die Worte kam: wir bitten dich HErr JEſu Chriſt, behuͤt uns vor des Teufels Liſt, der ſtets nach unſrer Seelen tracht, daß er an uns hab keine Macht ꝛc. erſeufzete er und die Thraͤnen ſtiegen ihm in die Augen. Er eilete dem andern, der indeſſen etwas fortgegangen war, nach, und ſagte: mein, was machen wir? dieſe Seelen beten ſo emſig und hertzlich, daß ſie ihr JEſus vor des Teufels Macht und Liſt bewahren wolle, und wir verwicklen uns muthwil - lig in ſeinen Stricken. Wir haben den gantzen Tag in Suͤnden zugebracht, und eilen nun an einen unreinen Ort, daſelbſt ihn mit neuen Greueln zu beſchlieſſen! wie, wenn GOtt der gerechte und allwiſſende Richter, deſſen Guͤte und Langmuth wir uns bisher zur Buſſe nicht ha - ben leiten laſſen wollen, dieſe Nacht ſie von uns wen -de -693C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. dete, und uns in des Satans Gewalt voͤllig uͤbergebe, daß wir aus der unreinen Pfuͤtze, die wir verlangen, in den Pfuhl, der mit Feuer und Schweffel ewiglich brennet, geſtuͤrtzet wuͤrden? O wie wenig haben wir biß - hero an unſern Erfoͤſer gedacht, der unſere Seele ſo theuer erkaufft hat? Wie ſchlechten Danck haben wir Jhm fuͤr ſeine Liebe, Verdienſt und Blut bißher gege - ben? womit er den andern bewegte, daß er mit ihm zuruͤck nach Hauſe gieng.

Hat nun ein Geſang im vorbeygehen durch GOttes Segen ſo vieles ausgewuͤrcket, bey Leuten die in vollem Sauß und Brauß dahin giengen: was wird nicht eine genaue Verbindung mit wahrhaftig bekehrten Freunden Chriſti in einem gnadenhungrigen Streiter unter der Mitwirckung des heiligen Geiſtes ausrichten koͤnnen?

Zur Gemeinſchafft der Heiligen gehoͤrt auch ihre Vorbitte, womit ſie allen ſchwachen Mit - bruͤdern kaͤmpfen helfen; welche Uebung der ge - meinſchafftlichen Bruderliebe im Gebet GOtt ſehr angenehm, Jac. 5, 16. und vieles zum Sieg beytraͤgt: doch iſt zu mercken, daß du dich alles Ernſts dabey mit befleißigen muͤſſeſt. Es war ein frommer Altvater, zu dem kam ein junger Menſch, klagte ihm ſeine Suͤndennoth, und hiel - te dringend bey ihm an, um ſeine Vorbitte. Je - ner ſagte ihms zu, hielt es auch getreulich: indeſſen kam der Juͤngling allezeit mit gleichen Klagen wieder. Der Altvater ward daruͤber betruͤbt, be - klagte ſich gegen GOtt, ob er denn die Gebete ſei - ner Freunde nicht mehr erhoͤren wolle? Worauf ihm GOtt antwortete: ſo lang der Juͤngling die unkeuſchen Einfaͤlle hege, nur ſo ſchlendere, keinen ernſten Widerſtand thue ꝛc. koͤnne er ihm nicht beyſtehen, und werde ſeine Vorbitte nur zu des lauen Menſchen groͤſſerer Verurtheilung gereichen. X x 3Wor -694Anhang zum dritten Theil,Worauf ſich dieſer auch beſſer angriff, alſo daß ihm bald von GOtt herrlich geholfen ward.

Einen vertrauten Freund ſich erwehlen, der verſchwiegen und im geiſtlichen Kampf mit der Suͤnde wohl geuͤbt ſey, hat hierin ſehr was groſ - ſes zu ſagen. Wer ſeine Suͤnde bekennet und laͤßt, der wird Barmhertzigkeit erlangen. Spruͤchw. 28, 18. Ein wahrer Chriſt wird die heimlichen Wunden, ſo ihm ſein Freund geſtehet, und daruͤ - ber Rath und Artzney bey ihm ſucht, nicht nur obenhin mit Pflaſtern zudecken, ſondern von Grund aus zu heilen trachten. Wie ſanfft thut es einem, ſo einen Freund zu haben, bey dem man ſein Hertz ausſchuͤtten, und ſich deſſen entledigen kann, was einen druͤckt. Lutherus ſagt: Den Vortheil haſt du in der Beichte, daß du alle deine Fehle ſagen kanſt, und daruͤber Rath holen. Und wenn gleich keine andere Urſach waͤre, und GOtt nicht ſelbſt da redete: wolt ichs dennoch um dieſes Stuͤcks willen nicht gern entbehren, daß ich hierinn mei - nem Bruder eroͤfnen kann und klagen was mir anliegt.

Hierin ſolte man ungeſcheut handeln, fein al - len Hochmuth abthun, nicht begehren daß jemand hoͤher von uns halte, als wir in der That ſind, un - ſer Elend nicht ſo gefliſſentlich verbergen, in der Meinung es wuͤrde uns ſchimpflich ſeyn ꝛc. Sa - get dir dein vertrauter Hertzensfreund auch ſeine Kranckheit: ſo hat keiner dem andern vieles zu verweiſen, ſondern durch Demuth wird einer den andern hoͤher achten als ſich ſelbſt. Und was ſcheuen wir uns lang unſern Schaden einem Bru - der zu offenbaren, gucket doch der Eiter heraus vor GOtt und Menſchen? Jn den alten Bran - denburgiſchen Kirchenagendis von An. 1572. wirdpag.665C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. pag. 175. geklagt: Es ſind auch rohe Leute; die ſagen ſich wol fuͤr den Pfarrern und der Ge - meine fuͤr Suͤnder an, aber die Gebrechen, darin ſie wol Raths beduͤrften, verſchweigen ſie. Daher ihnen denn nicht mag nothduͤrf - tiger Rath mitgetheilet werden. Wir wiſſen vorhin, daß wir alle vom Teufel toͤdtlich verwun - det ſind. Wer nun ſeinen ſonderbaren Schaden gegen einander auch nicht ingeheim geſtehen will, der zeigt ſchlechte Begierde nach der Geſundheit an, und wie wenig Schmertzen ihm die Suͤnde mache: welches doch von einem Prediger fuͤrnem - lich an den Communicanten zu beobachten iſt, da - von die wenigſten weder ihre Gebrechen noch goͤttliche Gnade lebendig erkennen; mithin der meiſten ihr Abendmahlgehen ein eiteler Spott der allerheiligſten Majeſtaͤt GOttes iſt, und des gan - tzen Wercks der Erloͤſung.

Salomon lehret in ſeinem Prediger Cap. 4, 9. 10. 11. 12. Es ſey ein vierfacher Nutz, wann einer nicht allein, ſondern mit einem gottesfuͤrchti - gen Freund in Chriſto verbunden ſey. Matth. 18, 20. Gal. 6, 1. Roͤm. 14, 4. Pſalm 37, 24. Man kann ſich an der Bruſt und in der Schooß des HErrn JEſu durch wahren Glauben und Er - kentniß des Heils mit einander erwaͤrmen. Auch ſtehen ihrer zwey wieder den Boͤſewicht ſolcher Ge - ſtalt feſter, in dem einer den andern mit dem Wort u. Exempel JEſu Chriſti treulich warnet, daß er ſich vom Argen nicht uͤberwinden laſſe; beten deßwe - gen hertzlich mit einander, ruffen GOtt um Huͤlfe an, laſſen Chriſti Wort reichlich unter ſich woh - nen, ziehen den gantzen Harniſch GOttes an, ein - ander befoͤrderlich zu ſeyn; da ſonſt eine eintzige boͤſe fleiſchliche Luſt einen ſolchen, der keinen treuenX x 4und696Anhang zum dritten Theil,und gottesfuͤrchtigen Freund um ſich hat, der ihn mit GOttes Wort fleißig ermahnet, zu ſolchen Suͤnden verleiten kann, durch welche er vor GOtt und allen zuchtliebenden Menſchen zu ſchanden wird. Auch hat Satan bey denen, ſo allein ſind, offtmals einen groſſen Eingang, daß er ſie aufs greulichſte ſichten, und ihnen mit ſeinen Verſu - chungen hefftig zuſetzen kann. Summa, wer al - lein iſt, mag leicht von jemand uͤberwaͤltiget wer - den.

Mancher begehet greuliche Suͤnden, ohne ein - mal zu wiſſen, daß es ſo grob gefehlt ſey, weil er niemanden hat, den er daruͤber fragen duͤrffe. Mancher zappelt in ſeinem Jammer, waͤre gern draus, hat aber keinen Glaubens-und Gebets - freund, der ihm huͤlfliche Hand biete: Will ge - ſchweigen, daß die wenigſten wiſſen, wie der be - gangene Fehler zu verbeſſern ſey. Ein Uebel, daß man nicht laͤnger in ſich ſelbſt verſchließt und verſteckt, ſondern einem weiſen Freund, in GOtt offenbaret, iſt halb gehoben; ein entlaſtetes Ge - wiſſen bekommt Ruhe, Freyheit von Satansban - den, und Krafft im Wege der Gottſeligkeit fortzu - wandern mit Luſt und Freudigkeit.

Und warum wolte man doch das nicht thun? es iſt ja noch wol ein frommer weiſer Mann un - ter den Predigern und andern zu finden. Warum ſich ſchaͤmen? Fuͤrs erſte, kann man ja wol hin - ten herum Rath fragen, ohne ſich bloß zu geben, wen es angehe? Hernach, geſetzt auch, man komme durch ſein Geſtaͤndniß in einige Gering - achtung: iſts nicht beſſer den Seelenfrieden der Weltehre vorzuziehen, als eine eingeſchloſſene Hertzensquaal und nagenden Wurm in ſich lei - den, und zuletzt gar verderben? Wann der Koͤnigoder697C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. oder ſein Bottſchaffter an ein Haus anklopfet, und fraͤgt: ob dieſer oder jener Rebell nicht etwa darin verſtecket ſey? Sagt man nein: ſo iſt es je ein Zeichen, man ſey ein Verraͤther. Sagt man aber ach ja! ach ja! helft mir ihn doch hinausmu - ſtern! ſehet, Herr Koͤnig! dort liegt euer Maje - ſtaͤt geſchworner Feind, der Greuel ꝛc. das iſt je eine rechtſchaffene Treue an dem Koͤnig bewieſen, und ein Zeichen einer redlichen Sinnesaͤnderung; ja ein Anfang der Seligkeit. Ach da nimmt man die Schmach, zeitliche Schande und Schmertzen nicht mehr zu Hertzen, wegen der aͤuſſerſten Be - ſchaͤmung des Gewiſſens, ſo gar zu ſchaͤndlich und abſcheulich vor GOttes allerheiligſtem Angeſicht gelebt zu haben.

* (Jnſonderheit aber koͤnnen Eltern ihren Kin - dern zu kuͤnfftiger Keuſchheit behuͤlflich ſeyn, wann ſie ſich mit gantzem Ernſt befleißigen, ihnen von zarter Kindheit an eine tieffe Schamhafftigkeit einzupraͤgen. Den Kindern eine anſtaͤndige Ehr - barkeit anzugewoͤhnen iſt ſchlechter Dings noͤthig, und das zarte Alter nimmts von ſich ſelbſt an: iſt aber die Schamhafftigkeit einmal dahin, ſo iſts al - les verloren; und dergleichen arme Kinder kommen kaum ihr Lebelang wieder zurecht. Derowegen muͤſſen ſich Eltern vor allen aͤrgerlichen Worten und Wercken voraus wohl huͤten, uͤber unzuͤchtige Reden oder Geſchichte nie lachen; ſondern im Ge - gentheil ein ſauer Geſicht dazu machen, und uͤber allen Unflaͤtereyen eine Scham und Abſcheu be - zeugen. Eltern muͤſſen ihre Kinder lehren, wenig, ſchlecht, gering und zu rechter Zeit eſſen, (nichts zwiſchen hinein, welches ohne hin eine gantz gewiſ - ſe, unverantwortliche und gewaltthaͤtige Verfuͤh - rung zur Naͤſcherey, und tauſend andern darausX x 5ent -698Anhang zum dritten Theil,entſprieſſenden Schand und Uebelthaten iſt;) Sie muͤſſen ſie lehren den Muͤßiggang meiden ſamt aller Wolluſt; ſchlimme Oerter, Buͤcher, ꝛc. Perſonen fliehen, des Nachts daheim bleiben, und ihre blut - getuͤnchte Haut allerwegen, wo ſichs ziemet mit einer ernſtlichen Schamhafftigkeit verbergen, um nichts bloſſes, davon eine boͤſe Reitzung genommen werden koͤnte, davon ſehen zu laſſen ꝛc.)

Doch muß es einer aus tauſenden ſeyn, wel - chen man alſo zu ſeinem geheimen Freund auser - leſen darf: anerwogen eines ungeuͤbten ſchlechter Rath entweder in Verzweiflung oder in Sicher - heit ſtuͤrtzen kann.

Es kam ein Juͤngling von der Luſtſeuche aufs aͤuſſerſte gequaͤlet, zu einem kalten Heiligen, der ſein Lebtag in keinem Scharmuͤtzel mit dergleichen unſauberen Geiſtern geweſen: klagte ihm ſeine groſſe Noth. Dieſer ſtieß ihn als einen Teufelsſclaven und Hoͤllenbrand von ſich. Als dieſer nun aus Verzweiflung wieder zur Welt kehren wol - te begegnete ihm ein gewaltig: geuͤbter Kaͤmpfer im Heerlaͤger Chriſti, der laſe des Juͤnglings verſtoͤrtes Ge - muͤth aus ſeinem Geſicht, und forſchete nach der Urſach. Der Angefochtene dachte: hat dich jener, der dieſem an Weisheit und Heiligkeit bey weitem nicht beykommt, platt hin verdammt, ſo wird dich dieſer wol in die Hoͤlle ſtoſſen unter alle Teufel; Schwieg derowegen ſtill, bis ihms der weiſe Mann heraus lockte und ihm aus dem ſuͤſſen Troſt des Evangelii Leben und Segen vorhielt; wovon er dermaſſen in GOtt geſtaͤrcket ward, daß er als ein hellglaͤntzender Stern mitten unter GOttes liebſten Kindern leuchtet. Es bat aber dieſer fromme Samari - ter den allmaͤchtigen HErrn, daß Er doch eine gleiche Verſuchung uͤber den unerfahrnen Wegweiſer verhenge. Welches, da es geſchahe, den Mann ſo kleinmuͤthig machte, daß er alles aufgab, den Weg der Gerechtigkeit ploͤtzlich verließ, und ſich behend zur Welt kehren wol - te: wo nicht jener goͤttlich erleuchtete auf ihn gepaſſet, ihn aufgefangen, nach kurtzer Beſtraffung ihn ermuntert und gleichfals Oel und Wein in ſeine Wunden gegoſ - ſen haͤtte. Und ſo hat er ihn zur Schul gefuͤhrt, damit er lernte zu naͤchſt vorſichtiger mit angefochtenen um - gehen.

Es699C. 3. Mittel wieder die Unkeuſchheit.

Es war ein vornehmer, wackerer Freyherr in Teutſchland, der hatte zwey Soͤhne, an deren guter Auferziehung er nichts wolte ermanglen laſſen; that ſie zu dem End auf eine hohe Schule zu einem beruͤhmten Profeſſor in die Koſt und Aufſicht. Was geſchicht? der aͤltere wird in deſſen Tochter ſterbens verliebt. Der Herr Profeſſor, als Vater des Maͤgdleins, fuhr ihn ſehr rauh an: ſeine Tochter ſey nicht fuͤr ihn, er ſolle die Bule - rey aus dem Sinn ſchlagen und dem Studieren abwar - ten. Das arme verworrene junge Gemuͤth, ſo etwa bey 17. Jahr alt war, faͤllt uͤber dieſen unvermutheten harten Abſchlag in Verzweiflung, (dann er liebte ſie, wie man ſagt, in allen Ehren, und haͤtte ſie gerne ein - mal zu ſeiner Gemahlin gehabt,) gehet in ſein Zimmer und erhenget ſich. Jm Augenblick trat ſein Bruder hinein, und wolte ihm zum Nachteſſen ruffen: erſchrack aber vor dem betruͤbten Anblick dermaſſen, daß er ruͤck - lings die Treppen hinunter fiel und in Ohnmacht ſanck. Ehe er nun im Stand war die Urſache ſeines Schre - ckens anzuzeigen, erwuͤrgete inzwiſchen der aͤltere Bru - der. Als der liebe Baron dieſes vernahm, fuͤhrte er den Profeſſor zur Schule, und ſchrieb ihm: ſeines armen Sohnes Seele ſey mit einem Pfeil verwundet worden; dieſen haͤtte er als ein weiſer und mitleidiger Artzt mit groſſer Vorſichtigkeit, gelinden Zuſpruͤchen, kluger Zu - rechtweiſung und andern Mitteln ſollen herausziehen, und mit dem Balſam liebreicher Erinnerungen hei - len ꝛc.

Allein ſolche geiſtreiche Fuͤhrer ſind annoch duͤnn geſaͤet, die mit hertzlicher Vorbitte, heilſamer Lehre, gedultiger und ſanfftmuͤthiger, anbey aber auch recht ernſthafter Weißheit, den verſtrickten Hertzen auszuhelffen, und ſie zu JEſu hinzutragen wiſſen; wie ehemahls die Jſraeliten ihre Beſeſſe - ne und Krancke zu JEſu Fuͤſſen legten. Matth. 9, 2. Es fehlet ſehr an der Kraft des Glaubens, an der Gedult, und an einer bruͤnſtigen Liebesbe - gierde vor die Errettung der Seelen. Wann man in geſetzlichem Eifer etwa ein Schnarchwort her - aus platzet; da meint man, man habe ſeiner Pflicht genug gethan: aber das Geſetz wircket nur Zorn,und700Anhang zum dritten Theil,und gibt weder Kraft noch Leben; das Evangelium allein und der Glaube bringen den heiligen Geiſt, Sieg und neues Leben. Dis, dis muß derjenige geſchmecket und an ſich ſelbſt erfahren haben, der andern armen in dieſer oder jener Suͤnde gefan - genen Seelen zurecht helffen will: ſonſt wird er das Evangelium in einem geſetzlichen Geiſt und Weiſe handeln; da im Gegentheil, ein mit dem Evangelio geſaͤttigter mit dem Geſetz ſelbſt Evan - geliſch umgehen wird. So vieles iſt daran gele - gen, wie ein Fuͤhrer in ſeiner eigenen Perſon be - ſchaffen ſey. Wie der Baum ſo die Frucht: es ſind wol hundert tauſend Zuchtmeiſter, aber nicht viel Vaͤter. 1 Cor. 4, 15. Und gehoͤret der Spruch Gal. 4, 19. nach ſeiner Ausuͤbung unter die koͤſtlichſten Seltenheiten unſerer Zeiten. Sum - ma der Buchſtabe toͤdtet, der Geiſt macht leben - dig. 2 Cor. 3.

VI. Ein wiedergeborner Chriſt haͤlt ſeinen Leib in ei - ner ſehr ſchamhaftigen, zuͤchtigen und ernſtlichen Pfle - ge. Und dis iſt auch ein gewaltig Mittel wieder die Unkeuſchheit.

DAs ſechste Mittel, deſſen ſich rechtſchaffe - ne Chriſten wieder die Unkeuſchheit mit groſſem Ernſt und Nutzen bedienen, iſt ei - ne beſcheidene Regierung und Beſorgung ihres Lei - bes, und zwar

1) in Anſehung der Nahrung. Dahin gehoͤret z. E. a) eine einfaͤltige, ſchlechte Koſt b) ein bißweili - ges Faſten. JEſus und ſeine heiligen Apoſtel haben dieſes Mittel vorgeſchrieben. Wer wei - ſer ſeyn will als ſie, und dieſes Mittel nicht neben andern gebrauchen mag, der wird Schaden davon haben; da es gleichwol auch ſonderbar zur Ge -ſund -701C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. ſundheit dienet, wie der Gelehrte Aretius ſchreibt: Jejunii beneficia ignorant, qui pharmacis utuntur. Die ſich mit Schleckerey und Medicin bela - ſten, die haben nicht gelernt, wie dienlich ſey das Faſten. Wer thut was JEſus rathet, wird ſich niemals uͤbel dabey befinden. Eines groſſen Herrn Rath verwerfen ziehet deſſen Ungnade und Mißvergnuͤgen nach ſich: allein es iſt gar was ungewohntes in der Welt, JEſu Chriſto folgen.

2) Den Leib mit arbeiten, ſtudiren und aller - ley Geſchaͤfften abmatten, macht der Unkeuſchheit ihre Verſuchungspfeile ſtumpf, muͤde und zer - bricht ſie.

3) Die Sinnen mortificiren und in der Ab - ſterbung uͤben iſt ein fuͤrtreflicher Vortheil. Die - ſes beſtehet aber darinnen a) daß man dem Leib ſeine Neigung, Trieb, Luſt und was er nur ger - ne hat, hertzhaft verſage und abſchlage, es ſey in Eſſen, Trincken, Kleidern, Standsmaͤßigen Ge - maͤchlichkeiten, oder ſonſt fuͤr erlaubt gehaltenen Ergoͤtzlichkeiten. Wer dem Leib alles zu gefallen thut, iſt dem Verſucher allezeit naͤher als der Gna - de. Er iſt offenbarlich der Suͤnde naͤher zuge - than, als dem in uns lebenden und ſiegenden Hei - land. b) Daß man im Gegentheil den Leib zu einem rauhen und harten Leben bezwinge, wie ja auch wol Koͤnigs Kinder gethan haben. Z. E. Heinrich IV. Koͤnig in Franckreich, iſt in ſeiner bluͤhenden Jugend zu einem Hirten verdinget wor - den, woſelbſt er ſich mit Molcken erhielt, mit bloſ - ſem Haupt und barfuß auf den Bergen herum - lieff, und zu einem großmaͤchtigen Kriegshelden ausgehaͤrtet ward. Ey wie ſolten wir denn des Leibes ſchonen, die wir zu einem ewigen Koͤnig - reich und Triumph beruffen ſind? Kurtz! manmag702Anhang zum dritten Theil,mag ſagen was man will: ſo muß man ſich vor allem durchaus auf die groͤſte Noth gefaßt ma - chen: naͤchſtdem, wanns fehlen will, allezeit das koſtbarſte ſuchen zu retten, und lieber den Leib um der Seelen willen hingeben, und in die Schan - tze ſchlagen als die Seele verlieren. Dis haben ſchon die heidniſchen Dichter alſo fuͤr noͤthig und rathſam zu ſeyn erkannt, und viele Weltweiſe in ihrem Leben wircklich ausgeuͤbet.

Ut corpus redimas, ferrum patieris & ignes,
Arida nec ſitiens ora levabis aqua.
Ut valeas animo quidquam tolerare negabis?
At pretium pars hæc corpore maius habet!
Daß du den Leib erhaͤltſt, erduldſt du Schnitt und Brennen;
Und wenn der Durſt dich plagt, ſieht man zur Quell dich rennen:
Damit die Seel geneſ, ſag! leidſt du gern Beſchwerd?
Denck aber, wer iſt wol mehr unter beyden werth?
nam cur
Quæ lædunt oculos feſtinas demere? ſi quid
Eſt animum, differs curandi tempus in annum?
Dimidium facti, qui cœpit, habet. ſapere aude.
Jucipe: vivendi rectè qui prorogat horam
Ruſticus expectat dum defluat amnis: at ille
Labitur & Iabetur in omne volubilis ævum. Horat.
Du nimmſt geſchwind heraus, was dir dein Aug verletzet:
Und haſt die Seelencur ſo weit hinaus geſetzet?
Eil doch! Wer wol anfaͤngt, hat ſchon die helft gethan:
Nimms dir nur ernſtlich vor; und fangs mit JEſu an.
Wer703C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit.
Wer eine Stund verzieht, den kann man aͤhn - lich ſehen
Dem Landmann, der da gern haͤtt Korn im Felde ſtehen,
Und wartet bis der Bach nur erſtlich bald verfließt:
Bringt dis Erwarten nicht um Hofnung, Saat und Friſt?

Der heilige Paulus erduldete alles um der Aus - erwehlten willen. Hunger und Durſt, Froſt und Hitze, Wachen und Faſten und eine oͤftere Ermuͤ - dung (indem er mit ſeinen eigenen Haͤnden arbei - tete) iſt ihm nicht zu ſchwer worden. Hat nun ein Paulus ein ſo ſtrenges Leben gefuͤhret; wer ſolte wol unter uns ſeyn, der es nicht noͤthig habe? Eine ſolche Abgeſtorbenheit iſt eine Quelle der reineſten Freude, und des ſuͤſſeſten Vergnuͤgens. Ein abge - ſtorbener Menſch entrinnet vielen Hertzensaͤngſten, und gehet tauſenderley Paßionen und Verdrieß - lichkeiten aus dem Wege, denen ein Sclave ſeines Leibes unterworfen iſt. Ein ſolcher uͤber ſeinen Leib herrſchender Geiſt traͤgt die Strahlen der goͤtt - lichen Herrlichkeit als ein Spiegel in ſich herum. 2 Cor. 3, 18.

4) Nicht lang und tief anſchauen, was das Hertz verunreinigen kann: ſondern ſeine Augen ploͤtzlich davon abkehren, und nicht lange warten noch verziehen, ſintemal der Feind nicht viel Zeit braucht die Seele zu verwunden. Das Geſicht macht insgemein den Anfang zum Fall. Jm Au - genblick liegt die Seele im Suͤndentod, eben wie eine Taube von einem Schuß. Deßwegen muͤſ - ſen fuͤrnehmlich junge Leute ihren Leib ſtets GOt - tes Liebe aufopfern.

VII. 704Anhang zum dritten Theil,

VII. Ein wiedergeborner Chriſt harret endlich auch in Demuth und glaͤubiger Unterthaͤnigkeit auf GOtt, und erwartet ſein Stuͤndlein: denn er weiß, daß ihm GOtt nichts ſo abſolut ſchuldig ſey; daß er ſich nichts abmurren noch abtrotzen laſſe, und daß er aber doch nicht mehr mit ihm zuͤrne. Jeſ. 27, 4.

DJs iſt noch eins der verborgenſten und bewaͤhrteſten Mittel, in dem gantzen Grunde der Hertzenskeuſchheit und Rei - nigkeit feſt geſetzet zu werden: welches einen kein Menſch lehren kann, und welches ſchlechterdings und lediglich nur der Geiſt GOttes im Hertzen offenbaren muß, damit mans recht verſtehe und keinen Mißgriff thue. Wenn du nun, lieber Chriſt, dich der boͤſen Gedancken noch nicht ſo bald entſchlagen, und ihrer allemal eben den Au - blick da ſie kommen, loß werden kanſt, ſo ſiehe

1) zu, ob du nicht lange mit den Hurenteufeln gelof - fen ſeyſt, und ihnen hoͤflich aufgewartet habeſt: denn ſo haben ſie eine weite Pforte und groſſen Anſpruch an dein Hertz bekommen, und es iſt eine Gewohnheit daraus worden, dich an dem ſtincken - den Rabenaas der Unkeuſchheit zu ergoͤtzen. Ach ſo gehe hin und klage dich ſelbſt an, daß du ſo weit von Zion und ſo ferne gen Babel weggefuͤhret ja verſtoſſen biſt, bis an das Ende der Erden! Die geile Hoͤllenthiere haben bey einem ſo langen Dienſt ſo viele Eingaͤnge zu deinem Hertzen durch - graben, daß ſie dich durch jedes Ding, was dir nur immer vorkommt, zur Geilheit reitzen koͤnnen. Dein Blut und Adern iſt davon dermaſſen ange - ſteckt, daß beym geringſten Anlaß gleich alles in Gang kommt. Dieſen unbeſchreiblichen Jam - mer, (da jedes Geſchoͤpfe, waͤre es auch nur eben, ſo die Baͤume umſchlinget, oder eine Spinne, ſo eine Fliege umfaſſet, ſchon unkeuſche Einfaͤlle er -re -705C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. regen kann,) haſt du deiner Faulheit, Gebetloſig - keit, und Verachtung des Wortes GOttes zu dan - cken. Der erleuchtete Taulerus ſetzt unter andern Kennzeichen der falſch bekehrten dieſes: ſie fra - gen nicht viel nach den abſcheulichen Einbildun - gen ihres Hertzens; daher denn oftmals die un - flaͤtigen Gedancken aus dem Hertzen brechen, und auch den Leib bewegen; und ſiehe, da ſtehen ſie gleich in der Hoͤllenpforten, und ſind willig ihre boͤſen Luͤſte zu erfuͤllen, wenn ſie nur Gele - genheit dazu haͤtten. Er ſchlieſſet aber mit dieſer herrlichen Ermahnung: Darum ſehe ſich ein jeder wohl fuͤr, daß er den Zuſtand ſeines Hertzens erforſche, und weil er noch kann, wohl erwege, wie gefaͤhrlich unſer Leben ſey. Keiner ſey hinfuͤro ſicher, ſondern ſchaffe mit Furcht und Zittern daß er ſelig werde. Philipp. 2, 12. Denn ob es ſchon heute um einen wohl ſtehen mag, ſoll er ſich doch nicht ruͤhmen noch vermeſſen ſeyn. Wenn er aber auch gleich ſehr ſchwerlich gefal - len iſt, ſo bekehre er ſich doch nur heute von Her - tzensgrund. Denn die verlorne Seligkeit wird ja wieder erlanget, ſo lange nemlich der Menſch allhier lebet, und ſo lange der Herr dem Suͤnder verzeihet.

2. Dieſemnach iſt nur dis die Hauptfrage, ob es dir rechter Ernſt ſey, davon voͤllig erloͤſet zu ſeyn? JEſus will ein ſuͤr allemal entweder ein vollkommener Heiland ſeyn und den Schaden gruͤndlich heben, oder er laͤßt es gar bleiben; denn er mag kein Stuͤmper ſeyn, wie ihn die Natur wuͤnſcht, daß er nur das groͤbſte obenhin weg - ſchaffen ſolte, davon hernach Schaden und Schmach an Leib und Gut erwachſen moͤchte. Wer ſich nur halb und halb zu JEſu wendet und die gro -III. Th. Betr. der Unreinigk. Y ybe706Anhang zum dritten Theil,be Unzucht unterlaͤßt, weidet aber inzwiſchen gern die Augen des Leibes und der Seelen mit heimlichen Luͤſten, bey dem iſts verloren; einer ſolchen gefaͤng - lich weggefuͤhrten Seele ſind alle Kammern der Weißheit verſchloſſen, daß ſie dann demjenigen was wahrhaftig, ehrbar, gerecht, keuſch, lieblich und wohllautend iſt, und was ſie von den Apoſteln und Heiligen gelernet, empfangen, gehoͤrt und ge - ſehen haben ſolte, nicht einmal nachdencken kann. Phil. 4, 8. 9. Sie findet allenthalben Wuſt und Unflat, nebſt allerley Saͤuſen und Brauſen vor ſich offen, dabey ihr die boͤſen Geiſter mit einem Gerichte unkeuſcher Einbildungen aufwarten; und davon naſchet die an ſolche Greuel gewoͤhnte Seele ſo hin; ſchaͤmet ſich aber deſſen ſo ſehr, daß ſie ihre Augen nicht gen Himmel aufheben darf.

Wie lange es oft gehe, ehe es recht Ernſt wer - de, ſehen wir am heiligen Auguſtino. Sein Wil - le wurde alſo hin und her gezogen. Bald wolte er, und hatte groß Gefallen an der Keuſchheit; bald wuͤtete die fleiſchliche Neigung wieder, daß er ſich der Anfechtungen mit keinem Lieb entſchlagen konte: es ſtiege in ihm auf und nieder; es gieng vermiſcht durch einander, und lieffe in den Gedan - cken herum wie ein Rad im Koth; ſeine Seele ſchwebete im Mittel, und mochte ſich auf keine Seite frey hinwenden; beyde Theile waren ihm bald ſuͤß, bald ſauer. Die Keuſchheit praͤſentirte ſich ihm in einer himmliſch anmuthigen und ma - jeſtaͤtiſchen Klarheit mit dem Geruch des edelſten Balſams, umgeben mit vielen Schaaren junger Knaben und Jungfrauen, ſo die wuͤſte Luſt mit wachen, faſten, arbeiten, Glauben und Beten ge - daͤmpfet und deßfalls von der Keuſchheit gekroͤ - net worden, und mit einem unbeſchreiblichemLicht707C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. Lichtesglantz: anderſeits zupfte ihn die unver - ſchaͤmte ſtinckende Geilheit, blinckete mit huriſchen Blicken, und laͤchelte ihn an in ihrer bezaubernden Schmincke; ſie brachte ihm die eingeſchluckte fleiſchliche Ergoͤtzungen wider ins Gedaͤchtniß, und fragte ihn gleichſam, ob er ſich wohl getraue, ſie vor ein und allemal aufgeben zu koͤnnen, und ſich kein einigesmal mehr ihrer Aufwartung zu be - dienen? Sie begehrte nur ein Jahr, einen Monat oder wenigſtens nur eine Wochefriſt, ehe er ſie voͤl - lig beurlaubte; ſie wolte ihn denn und denn zu - frieden laſſen; die Zeit zur Buſſe ſey ja noch nicht zum Ende; ihre unflaͤtige Betaſtungen uͤbertref - fen ja alle andere Vergnuͤgungen; ſie wiſſe, er werde es nicht aushalten koͤnnen derſelben zu ent - behren; es ſeyen viele vornehme und gemeine, die von keinem andern Vergnuͤgen wiſſen ꝛc. Auf die - ſe weiſe wurde ſeine Seele geſchleudert und zer - martert, und er lernete aus eigener Erfahrung, wie wenig frey der Wille ſeye, und daß GOttes Sohn allein den Willen des Menſchen von der Suͤnde zum Willen GOttes wenden und frey ma - chen koͤnne ꝛc. Er ward mithin zu einer rechten Don - nerkeule in Chriſti Hand, die pelagianiſche Ketze - rey niederzuſchlagen.

Er warf ſich auf die Erde, er bat, er weinete und heulete um Erloͤſung von der Unkeuſchkeit. Der Mund ſagte: gerade jetzt, ja, heute! das Hertz aber beſorgte, JEſus moͤchte ihn beym Wort neh - men, und wiederſprach dem Gebet; wuͤnſchete, daß die Erloͤſung eben nicht ſo bald geſchehe. Dis ja und nein waͤhrete ſo lange biß eine Stimme aus dem Himmel zu ihm kam und ſprach: tolle, lege, hebe auf und lis! er hub das Teſtament, ſo neben ihm auf dem Boden lag auf, und beym aufſchlagenY y 2leuch -708Anhang zum dritten Theil,leuchteten ihm die Worte Roͤm. 13, 11-14. wie helle Blitzen in ſein Hertz; jedes Wort war ein gewaltiger Donnerſchlag, daruͤber die Unkeuſch - heit erſchrack und verſtummete, und JEſus er - ſchien ihm im Wort. Da wurden ſeine Feinde zerſtreuet; JEſus ſein heiliger Geiſt verjagte die unſauberen Geiſter wie ein Rauch vom Wind vertrieben wird Pſalm 68, 2. 3. ꝛc. Nun iſt GOtt unpartheyiſch: trittſt du in einen ſo ernſten Buß - kampf wie Auguſtinus, ſo wird dir JEſus helfen, wie er jenem und vielen andern geholfen hat; der Ernſt wird dich auch alsdann fort und fort be - wahren und begleiten, daß du nicht wieder zur Thorheit kehreſt.

3. Jſts dir alſo Ernſt, ſo wirſt du keinem un - keuſchen Gedancken nachhengen. So bald in dir etwas aufſteigt, ſo wirds dir nicht anders ſeyn als ſaͤheſt du eine groſſe Kroͤte zu dir kriechen, oder eine Spinne dein Kleid gegen den Hals hinan - lauffen, oder ein Fuͤncklein Feuers auf deinem Sonntagskleid: ey wie wirſt du dich ſuchen des Un - flats ungeſaͤumt zu erwehren! Hoͤre abermal den lieben Tauler: Die recht bekehrten haben ſo zuͤch - tige und ſchamhaftige Hertzen vor GOttes und der heiligen Engel Angeſicht, daß ſie viel lieber den Tod lidten, als daß ſie von ſelbſt ein ab - ſcheulich Bild oder unzuͤchtige Gedancken in ihr Hertz nehmen ſolten: ja ſie bewahren ihre Her - tzen recht von aller Unreinigkeit, und von unnuͤtzer Sorge und Bekuͤmmerniß; ſie nehmen auch al - le ihre Sinnen und Gliedmaſſen ſo fleißig in acht, daß ſie auch nicht gerne ihre eigene Haut ſehen: und damit ſie in der Reinigkeit und Zucht deſto beſſer verharren moͤchten: ſo zaͤhmen und zwingen ſie ihren Leib mit vieler Arbeit, mit vie -lem709C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. lem wachen, mit oͤftern Faſten, mit ſteter Andacht und mit einem ſtarcken Vertrauen zu GOtt, in welchem auch allein ihr gantzer Troſt und Hoff - nung ſtehet. Solche Menſchen laͤſſt der heilige Geiſt niemals ohne Rath, Huͤlfe und Warnung; er erinnert ſie gleich, wo eine Gefahr der Suͤnden vorhanden; ſie ſind ihm auch ſehr folgſam, und zwar ploͤtzlich ohne Verzug und Wiederſtehen, damit nicht etwa aus einem Einfall ein fleiſchli - cher Kuͤtzel entſtehe, der ſie ſonſt alſo fort vor GOtt gemein und unanſtaͤndig machen wuͤrde. Ach das kann nur gar zu geſchwind geſchehen; dar - uͤber alle Kinder GOttes ſeuftzen und jammern; deßhalb ſie ſich auch den heiligen Geiſt, der in ih - nen wohnet, nicht erſt lange abwehren laſſen, ſon - dern ſind allezeit fertig, ſeiner Stimme alsbald zu gehorchen, dancken ihm dafuͤr, ſind ſeiner Zucht uͤber allemaſſen froh, und verwundern ſich uͤber ſei - ner ſo unermuͤdeten Vorforge, die er fuͤr ſie hat mehr als keine Mutter fuͤr ihr liebſtes Kind haben kann.

(Es iſt unwiderſprechlich eine hohe Gnade, jemanden wider ſeinen Todfeind anfuͤhren, ehe er noch faſt unuͤberwindlich wird: und ſiehe! dis thut der heilige Geiſt mit einer gantz unglaublichen Treue und Erbarmung! Einen jungen Baͤr der erſt zur Welt kommt, kann ein junger Knabe wol bemeiſtern: wo er aber erwaͤchſt, ſo zerreiſſet er auch wol einen ſtarcken Mann. Ein Schlaͤng - lein kann ein Kind zertreten: laͤßt man es aber zu einem groſſen Drachen werden, ſo verſchlinget er Vieh und Menſchen. Es koſtet mehr Muͤhe ei - ne Feuersbrunſt zu daͤmpfen, als ein Fuͤncklein zu loͤſchen. Darum iſt die Lehre des heiligen Geiſtes ſehr koͤſtlich, da er ſpricht: Pſal. 137, 9. Selig iſt, der die jungen Kinder, die erſten einfallen -Y y 3den710Anhang zum dritten Theil,den Gedancken, faſſet, und ſie am Felſen zer - ſchmettert, ehe ſie zu maͤchtigen und ungeheuren Rieſen werden, und dir eins verſetzen, wo nicht gar dich umbringen, und mit ſich zur Hoͤllen ſchlep - pen.

Ein geiler Kuß iſt ein Pfeil des Teufels. Ein verliebtes Wort mag einem ſchwachen Gemuͤth zum hoͤlliſchen Funcken werden. Ach wir gehen durch diß Jammerthal unter brennenden Kohlen, und ſind die aͤrgſten Feinde unſerer Seligkeit. Be - fleckt uns der Naͤchſte ein Tuch, ſo zuͤrnen und wuͤten wir: verwuͤſtet der Teufel unſern ewigen Geiſt, ſo machen wir einen Spaß draus und la - chen darzu!)

4. Will aber alles nicht helfen: ſo gedencke, Unkeuſchheit ſey dein Jſmael, dein Eſau, dein Farao, dein Saul, deine Jeſabel, dein Nero und Domitian, der uͤber dich von GOtt zuge - laſſen ſey, dich zu treiben und zu uͤben. Vor Sicherheit verwahrt der ſaure Streit, den man in ſich mit Fleiſch und Blut muß fuͤh - ren, wann ſich nunmehr die boͤſen Luͤſte ruͤh - ren: Der Streit verwahrt (O groſſe Selig - keit!) vor Sicherheit.

Laß dich nun alſo durchs Geſetz GOttes erleuch - ten, zu erkennen, was Fleiſch und die Welt ſey, was die Erbluſt fuͤr ein Gift ſey, und wie viele Suͤnde in dir ſtecke, Roͤm. 3, 20. 7, 7-24. Hier - aus, hieraus erkenne die unendliche Duͤrftig - keit des menſchlichen Geſchlechts.

Thuſt du alles was du vermagſt durch Huͤlfe der goͤttlichen Gnade, und kanſt hernach dieſes Wuͤterichs, des Geiſtes der Unreinigkeit dennoch nicht loß werden: ſo lerne dermaleins, wie wahr der Spruch ſeye, Joh. 15, 5. Ohne mich koͤn -net711C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. net ihr nichts thun. Wieder dieſe Kranckheit muſt du Artzney ſuchen durchs Gebet. Da ich erkante, daß ich nicht konte zuͤchtig ſeyn, es gebe mirs denn GOtt, (und diß war auch Klug - heit zu erkennen, weß ſolche Gnade iſt) flehete ich den HErrn innig, und bat ihn, und ſprach aus meinem gantzen Hertzen: B. Weish. 8, 20. ſqq. O GOtt meiner Vaͤter und HErr aller Guͤter ꝛc. Faſſe auch die Worte Auguſtini der da ſaget: Wer die fleiſchliche Luſt wieder ſeinen Willen empfindet, durch Gewohnheit der Suͤnde, (welche, ſo ſie nicht gezaͤhmet iſt, den Menſchen mit Gewalt in das Gefaͤngniß ziehet:) der ſoll ſo ſehr er vermag be - dencken, wie er eine ſo groſſe innerliche Stille und Frieden durch die Suͤnde verloren habe, und ſoll mit Paulo ſprechen: O Jch elender Menſch, wer wird mich erretten aus dem Leibe dieſes Todes! Dis aber thut die Gnade GOttes durch JEſum Chriſtum unſern HErrn. Roͤm. 7, 24. 25. Denn ſo er ſich alſo unſelig zu ſeyn beklaget, ſo er - langt er mit ſeinem Weinen Huͤlfe des Troſtes; und iſt gewiß ein nicht geringer Zugang zur Se - ligkeit, wenn der Menſch ſeine Unſeligkeit erken - net. Der ſel. Lutherus ſagt: unſer Fleiſch iſt vor - nemlich mit zweyen Wunden verletzt, 1) daß wir alle Beleidigungen ſo bald und ſo ſehr empfinden. 2) Daß wir die boͤſe Luſt des Fleiſches in uns haben; dieſe zwo Wunden werden uns durch die Gebote offenbahrt, aber durch die Gnade werden ſie geheilet. Und iſt die boͤſe Luſt eine ſo viel ſchaͤd - lichere Wunde, ſo viel weniger ihr Schmertzen em - pfunden wird: darum wird ſie von den Thoren lu - ſtig, und vor rein Uebel gehalten, ſo ſie doch gewiß - lich zweyfach ſchaͤdlicher iſt Hiob. 40, 11.

Dancke derohalben dem HErrn Chriſto, undY y 4ach -712Anhang zum dritten Theil,achte es fuͤr eine ſonderbare Gnade, wann du die unreine Luſt fuͤr ein toͤdtlich Gift und boͤſes Ge - ſchwaͤr achteſt, und fuͤr einen feurigen Biß der al - ten Schlange, der das Gewiſſen in ſchrecklichen Schaden bringt, und die aͤuſſerſte Bitterkeit erwe - cket: dis aber beweget dich Gnade zu ſuchen, und JEſum den gecreutzigten im Glauben thraͤnend anzuſehen. 4 Moſ. 21. Selig ſind die armen am Geiſt, die da meinen, ſie ſeyen voll Unflaths; die Keuſchheit werde ihnen abgeſchlagen und ſey ſehr ferne von ihnen; es ſeye nichts gutes da; ſie ſeyen gantz verlohren ꝛc. Siehe, das Himmelreich iſt ihr. Die Tugend der Keuſchheit iſt ihnen am naͤchſten. GOtt verbirgt ſein Reich ſo tief in den Seelen ſeiner begnadigten, daß es niemanden be - kannt iſt, auch ihnen ſelbſt nicht, ſondern ihm al - lein, Pſalm. 1, 6. Col. 3, 3. Ruhe liegt im Un - frieden verborgen; des Gerechten ſeine reelle und wahrhaftige Ehre beruhet in JEſu ſeiner Schmach, und ſeine Freude wird oftmals in Leid verſtecket und unſichtbar gemacht: Eben alſo mag ſeine Keuſchheit in der jaͤmmerlichen und peinigenden Naturluſt und Trieb wie in einem ſtachlichten Dorn - gehecke eine Weile verberget werden; und dis macht ihm ſein groͤſtes Creutz auf Erden.

Selig ſind die da Leide tragen, daß ſie noch ſo oft mit dieſem Koth der Hoͤllen beſpritzt werden; daß ihnen wieder ihren Willen ſo arge Gedancken einfallen; daß ſie nicht ſo vollkommen keuſch ſeyn koͤnnen, gantz und gar ohne alle fleiſchliche Be - gierde, wie die Engel im Himmel zu bleiben: dieſe um die rechte, ewige, grundgute Keuſchheit be - kuͤmmerte Hertzen werden getroͤſtet werden. Man muß ihnen allerdings anzeigen, daß diß erſt die rechte guͤldene Keuſchheit ſey, die ſich alſo imStreit713C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. Streit zerwirft, und den giftigen Stachel em - pfindet; ſintemal der Vorſatz und die Begierde der Keuſchheit immerfort waltet, die Oberhand hat und feſt haͤlt, ob ſchon der aͤuſerliche Menſch im Hertzen und in den Gliedern groſſe Unruhe hat, auch der Teufel heftig ins Fleiſch blaͤſet und greu - lich rumoret. Ja jemehr einen ſo kaͤmpfenden Suͤnder das Uebel angreifft und in ihm wuͤtet, je groͤſſer wird in ihm der Haß gegen ſich ſelbſt, und die Luſt zur Tugend und Gebet. Gleichwie Sanfft - muth und Gedult nichts iſt ohne eine oͤftere auch wol ſtrenge Reitzung zum Zorn: alſo iſt Keuſch - heit nichts ohne widerwaͤrtige Anfechtung zu der wuͤſten Geilheit. Anfaͤnger und Unerfahrne mei - nen zuweilen, ein keuſcher Menſch habe keine ſol - che boͤſe Gedancken und Einfaͤlle mehr auszuſte - hen: ſie werden alſo aus heimlicher Deſperation um ſo viel deſto eher dem unreinen Teufel zu wil - len, und ſchreiten zum Werck, in dem falſchen Wahn, die Keuſchheit ſey doch allbereit im Her - tzen verloren. Nein! nicht alſo, du armer Menſch, nicht alſo! ja vielleicht biſt du nie keuſcher gewe - ſen, als dißmahl: iſt es dir anders mit allem erſinn - lich gantzen Hertzen leid, daß du ſo unordentliche und greßliche Gedancken haſt. Ach leider! weil dieſe Weißheit den Menſchen ſo unbekant iſt: ſo iſt eben ſo unglaublich viel Schadens daraus entſtan - den. Armer Patient, beſinne dich doch! Sie - he, Holtz und Steine haben keine Regung zur Un - keuſchheit: ſind ſie deßwegen fuͤr keuſch zu achten? ja die aͤrgſten Huren und Buben ſind auch gar ofte ruhig von boͤſen Gedancken, haben wol biß - weilen einen Eckel darob, ſonderlich wann ſie erſt ihre Luſt gebuͤſſet haben, und ſich in ihrer unflaͤti - gen Hurenbrunſt an ihrem eigenen oder andernY y 5Fleiſch714Anhang zum dritten Theil,Fleiſch geſaͤttiget: ſind ſie deßwegen gerecht und keuſch, daß ſich eine Zeitlang nichts geiles in ihnen regt? Selbſt der verfluchte Satan iſt auch ohne fleiſchliche Luſt, wiewol er die armen Menſchen ſo uͤbel damit zerplagt. Darum wiederſtehe dem Boͤſewicht im Glauben, und wehre dich tapfer: er iſt ein uͤberwundener Feind, der ſich unter Chri - ſti Fuͤſſen wie ein zerknirſchter Blindſchleich kruͤm - men und winden muß. Schaͤme dich nicht als ein Unkeuſcher vor dem Gnadenthron zu erſcheinen; lege dich immerhin als ein vergiftet und beſudlet Kind vor dem allerliebreichſten Mutterhertzen JEſu demuͤthiglich nieder, und klage ihm im Vertrauen all dein Elend; dancke ſeiner allwei - ſen Barmhertzigkeit, daß er dich ſo ſeliglich fuͤhret; laſſe den Feind im Fleiſche raſen, nur ſey du gantz todt und leihe ihm keines deiner Glieder zu ſeinen Greueln; verachte ſeine Beſtuͤrmung; ſchaue ſehn - lich auf JEſum: der Streit iſt ſein und nicht dein, der ſtarcke Himmelsheld iſt ſchon ausgezo - gen dir zu helfen, und ſiehet deine zuverſichtliche Treue an ſeinen hohen, heiligen, und unuͤberwind - lichen JEſus Namen, der in der innerſten Burg des Hertzens wie eine ſtarcke Citadell und feurige Mauer um deinen angefochtenen, matten und ſchwachen willen her iſt. Verbirge dich nur darhin - ter, ſo wird der hoͤlliſche Ungluͤcksſtifter mit allen ſeinen Feuerpfeilen weniger als nichts ausrichten: er wird mit ſeinem gantzen Herrlager ſchachmatt werden, und daruͤber wird denn alles Himmels - heer mit einem Freudengeſchrey jauchtzen, die ſil - berglaͤntzende Siegesfahnen muthig ſchwingen, und ihre Triumphs-Trommeten ſchallen laſſen; man ſinget mit Freuden vom Siege in den Zelten der Gerechten, Pſalm. 118, 15. Laß dich das Ge -fuͤhl715C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. fuͤhl im Fleiſch nicht irren, daß du muthmaſſen wol - teſt, du ſeyeſt darum deinem JEſu nicht theuer und werth, und er werde dir nicht beyſtehen, weil du noch ſo gar elend und jaͤmmerlich biſt. Nein! ſo iſt ſein Hertz nicht als das deine: Er wird ſich deiner deſto mehr erbarmen, und dir deſto mehr beyſtehen, ja ſelbſt den Streit vom Anfang bis ans Ende ausfuͤh - ren, und dich aus unbegreiflicher Guͤte als einen Siegenden gleichwol kroͤnen, wann du nur in kind - licher Einfalt des Hertzens dem GOtt des Friedens ſo viel Liebe, Weisheit, Staͤrcke, Gnade und Treue zutraueſt, daß er dich durch und durch heiligen, und den gantzen Geiſt ſamt Seele und Leib unſtraͤflich bewahren werde, auf den Tag JEſu Chriſti, 1. Theſſ. 5, 23. Der goͤttliche Joſeph muß auch den Stachel der Natur empfunden haben, weil er ſo ſchnell davon geloſfen, und ſich nicht einmal etwa ein wenig bemuͤhet hat, ſein Kleid dem boͤſen Huren - Weib aus den Haͤnden zu winden.

Ach es folge doch niemand dem Betrug und Bosheit des Teufels, wie viele leider thun; die meinen, ſie koͤnten nicht eher und leichter der Rei - tzungen los werden, als wenn ſie derſelben gehor - chen; wodurch aber der Schade nur groͤſſer, die Gnade entferneter, der Menſch ſchwaͤcher, und die Wunde unheilbarer wird. Ja was anfaͤnglich nur ein Faden war, wird auf die Art endlich zu ei - nem Wagen-Seil; es wird Knopf auf Knopf, Strick auf Strick gewunden und gemacht, wo man ſo leichtfertig wider den allerhoͤchſten Reſpect, den wir GOtt und ſeinem Wort, den wir ſeiner Maje - ſtaͤt, und Heiligkeit, und Liebe, und Gnade in Chri - ſto ſchuldig ſind, angehet, und ſo unbeſonnen wider ſeine ſo heiliglich guten Befehle und Verordnungen handelt. Niemand hat jemals dem Teufel mit Ge -horſam716Anhang zum dritten Theil,horſam was abgewonnen, wol aber mit Widerſtand im Glauben an GOttes Krafft. Warum wolteſt du denn, o mein theurer Chriſt! einen Strick nach dem andern flechten, daran dich der Erb-Feind al - ler Keuſchheit und Gottesfurcht erwuͤrgen kann und will? Warum wolteſt du einen gewetzten Dolch uͤber den andern in ſeine Mord-Klauen liefern, da - mit er dich mit unſaͤglichen Schmertzen deſto gewiſ - ſer und oͤfter verwunden, ja deſto liſtiger durchſte - chen, und ermorden koͤnne? Ruffe doch GOtt den Vater im Himmel durch JEſum Chriſtum an, und halte es doch nur fuͤr keine unmoͤgliche Sache, davon erloͤſet zu werden, geb wie ſchwer dich auch der Streit ankommt. Siehe Auguſtinus, der ſich mit dieſem Laſter gewaltig zerzanſet, war oft verwundet, ja nie - dergeſchlagen worden: hat aber dennoch vom Streit nicht abgelaſſen, bis er uͤberwunden, und Triumph geſungen. Was ſagt er aber unter ſo vielerley Er - fahrungen und ſtetem Ueberwerfen, welches er mit dieſer Suͤnde auch hatte, ehe er zur vollen Kraft des goͤttlichen Lebens im Blut der Verſoͤhnung JEſu Chriſti, nach Pſ. 84, 3. 4. gelanget iſt? Er ſpricht: Inter omnia certamina Chriſtianorum duriora ſunt prælia caſtitatis, nam ibi continua pugna & rarior victoria.

Jch Armer muß ſtreiten mit Suͤnden und
Schulden,
Ja oftmals die Feinde im Buſen er dulden:
Jch weine, ich ſtreite, oft ohne zu ſiegen.
Ach JEſu! ſoll ich denn ſo Kraft-los da liegen?

Cyprian war erſtlich ein grauſamer Schwartzkuͤnſtler. Sa - tanas hielt viel von ihm, und zeigte ihm oft ſeine hoͤlliſche Pracht. Er erſchien ihm zuweilen in einer ſehr groſſen Majeſtaͤt (wie er denn ſo gerne gar vornehm thut, und ſein unſeliges Volck auch darnach artet) ſitzende auf einem er -habenen717C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. habenen Stuhl, und ſeine Trabanten um ſich her. Er verſprach ihn zu einem hoͤlliſchen Fuͤrſten zu machen, und befahl ihn allen ſeinen untergebenen ſchwartzen Engeln an, daß ſie moͤchten Cyprianum reſpectiren, und alles munter ausrichten was ihm beliebet. Was geſchicht? Ein Heide wird in eine Chriſtliche Tochter von 16. Jah - ren ſterbens verliebt, und weil alle Liebkoſungen und Ge - ſchencke nichts verfangen wolten, bittet er Cyprianum um Huͤlfe. Dieſer ſendet einen Huren-Teufel an ſie, ja endlich gantze Regimenter, wormit er wol das gantze roͤ - miſche Reich haͤtte in Huren-Lauf bringen koͤunen. Die - ſe verſuchen ihr aͤuſerſtes: Es war aber dieſe engliſche Seele dermaſſen wohl mit dem Glauben an Chriſtum be - waffnet, daß ſie alleſamt mit groſſer Schande und Un - muth unverrichteter Sache abziehen muſten; denn ſie war in der Kraft GOttes gleich als in einer Beſatzung ver - wahret, durch den Glauben zur Seligkeit. 1. Petr. 1, 5. Als Cyprianus dis wahrgenammen, beſann er ſich, und fing an von Chriſto hoch zu halten, und machte dagegen dem Satan eine veraͤchtliche Mine. Dieſer wolte ihn erwuͤrgen: Allein Chriſtus wolte es ihm nicht geſtatten, weil er ihn von Ewigkeit zu einem Biſchof und Blut - Zeugen beſtimmet hatte. Dieſes pflegte Cyprianus in der Chriſten Verſammlung zuweilen zu erzehlen, mit ange - haͤngter beweglicher Vermahnung, daß doch ja kein Menſch in der Buſſe und Heiligung bey dem Kampf wie er Suͤn - de, Tod, Teufel, und Fleiſch verzage.

Dieſer fromme Kirchen-Vater nun ſpricht an einem Orte von der Keuſchheit: Zucht u. Scham - haftigkeit iſt die Zierde der hohen Standes-Per - ſonen. Sie erhoͤhet die, ſo vom niedrigen Stan - de ſind; Sie adelt diejenigen, die man eben nicht hoch und wohlgebohren nennt; Sie macht auch die aͤrmſten und geringſten Leute ſehr werth und annehmlich. Sie iſt im Kummer und Traurig - keit ein gewaltiger Troſt; Sie giebt aller Schoͤn - heit und Annehmlichkeit erſt ihre rechte Erhoͤhung und Liebenswuͤrdigkeit; ſie macht die Religion der Chriſten recht angeſehen und ehrwuͤrdig; ſie beuget vielen tauſend Suͤnden und Laſtern vor, und hilft ihnen ab; ſie macht ſich um das Wohl - ſeyn718Anhang zum dritten Theil, ſeyn und Wohlſtand der gantzen Welt verdient; mit einem Wort: ſie iſt dem ewigen GOtt, dem Schoͤpfer Himmels und der Erden, hoͤchſt-ange - nehm.

Daher auch Satanas wider ſie hoͤchſt-entbrannt iſt, und alle ſeine Macht und Liſt und Zorn wider ſie richtet; weil er gar wohl weiß, wie unſaͤglichen Schaden er einer Stadt, Land und Volcke anthun, und was er fuͤr eine jaͤmmerliche Verwuͤſtung dar - innen anrichten kann, wenn er nur erſt die Keuſch - heit hat ruiniret, und aus demſelben Volcke und Orte gleichſam ausgerottet. Daher iſt es durch - aus kein Wunder, daß die Kriege wider die Un - keuſchheit ſo ſchwer und gefaͤhrlich, ja vor andern gewaltthaͤtig ſeyn muͤſſen. Denn hier iſt man in dem allerheftigſten Feuer der Feinde, und hat die allerſtaͤrckſte und allergrauſamſte Macht derſelben wider ſich zu Felde. Woraus denn auch im Glau - bensſchluß unfehlbar folgen muß: daß man eben hier, eben an dieſem gefaͤhrlichſten Poſten, eben in der gefaͤhrlichſten Zeit auch die ſtaͤrckſte Macht GOttes, und die allergetreueſte Aufficht und Mut - terpflege ſeines guten Hirtens haben muͤſſe. Wir haben 2. Chron. 7, 16. ſein Wort, ja Hand und Hertz darauf. Jn dieſer Abſicht und Ueberlegung ſchreibt der alte Lehrer Beda ſehr merckwuͤrdig: Es iſt ein groͤſſeres Wunder, den Zunder und das tuͤckiſche Feuer der Unkeuſchheit aus den Seelen und Leibern gaͤntzlich auszurotten, als die unſau - beren Geiſter aus den Leibern der Beſeſſenen aus - zutreiben. Man braucht eine weit hoͤhere Kraft und groͤſſere Gnade (der Rechtfertigung und Hei - ligung) dazu, die zu innerſt im Buſen brennende Luſt auszuloͤſchen, als die leichtfertigen Tuͤcken und Bosheiten der Teufel, die uns von auſſen an - fallen,719C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. fallen, unter das Joch und die Macht des leben - digen GOttes zu bringen.

Ein erſtaunliches Exempel, wie unter allen be - ſtuͤrmenden unkeuſchen Einblaſungen, die Keuſch - heit gleichwol unverſehrt bleiben koͤnne, haben wir an der guten Armellen. Deren ihr Hertz ward zwey Jahr lang mit den garſtigſten Gedancken und greu - lichſten Vorſtellungen angefuͤllet, ja der grimmi - gen Wuth des Geiſtes der Unreinigkeit gleichſam uͤbergeben. Allein ſie hat den ſchaͤndlichen Einge - bungen nie im geringſten zugeſtimmet, und iſt ih - nen nicht ein Haar breit gehorſam worden. Die Furcht, GOtt zu beleidigen, blieb allezeit viel zu tief in ihres Hertzens Grund eingedruckt; dieſe war ihr Schutz, alle Streiche des Feindes abzuwehren; ſo, daß er in allen Anfaͤllen, womit er ſie beſtuͤrme - te, nie die geringſte Einwilligung in die allerkleine - ſte Unvollkommenheit erhalten koͤnnen. Maſſen ſie, wie die erſten Chriſten, Maͤrtyrer und Vlut - zeugen JEſu, flugs lieber ſterben, als ihren aller - liebſten HErrn und Heiland JEſum CHriſtum betruͤben und beleidigen, oder auch ihre Seele und Leib auf einige Weiſe beflecken wolte. Und dis, dis iſt der Sinn aller mit GOtt durch CHriſtum verbundenen Seelen.

Ein gewiſſer Begnadeter von Chriſto, der groß Mitleiden hat mit allen, ſo uͤberaus gern heilig waͤ - ren, u. doch von dieſem Laſter-Geiſt muͤſſen geplaget werden, pfleget faſt jedesmahl, wenn er zur Unkeuſch - heit verſucht wird, bey ſich ſelbſt zu gedencken: Ey! es iſt ja beſſer, daß dich die Erde verſchlinge, daß du mit Kore, Datan und Abiram lebendig zur Hoͤllen fahreſt, ja daß dich Satan in Stuͤcken zerreiſſe; als daß du GOtt beleidigeſt! denn was iſt an dir Lum - penhund gelegen? wann nur ein ſo liebreich Hertz,als720Anhang zum dritten Theil,als das Hertz des HErrn JEſu iſt, nicht beleidiget wird. Ja er ſagt oͤfters, er wolte lieber von der gan - tzen Welt fuͤr den allerunkeuſcheſten Menſchen ange - ſehen ſeyn, als nur einen eintzigen unreinen Gedan - cken heimlich hegen, oder beherbergen, vor den Augen JEſu Chriſti, deſſen Liebe, ſagt er, ſein Himmelreich ſeye. Darinnen hat er auch ohnfehlbar gantz recht.

Fahre alſo nur fort im Widerſtreben, du armes Hertz, und leide dich gedultiglich: die rechte Hand des Hoͤchſten kan alles aͤndern, und eine Seele aus dem Abgrund alles Elendes und Jammers, wo Noth, mit einem eintzigen Gnaden-Winck heraus fuͤhren, und in Ruhe, Friede und Gluͤckſeligkeit verſetzen. Ein gewiſſer frommer Mann in Franck - reich, ward mit dieſer Art Eingebungen auch ſehr vom Teufel geqvaͤlet. Da er ſich nun endlich vor - nahm, ſolche Noth ſeinem Pfarrer zu offenbahren, unterwegens aber unter einem Baum auf die Knie fiel und betete: Da kam eine Stimme aus den Wolcken zu ihm, die ſprach: Dorenavant tu ne ſeras plus harcelé; von nun an ſolt du nicht mehr vexiret werden; von ietzt ſoll dich Satanas mit dieſer Pla - ge gewiß ungeqvaͤlet laſſen. Woraus er denn er - kannte, daß dis von GOtt uͤber ihn zugelaſſen wor - den, und daß jedwede Probe ihre gewiſſe Zeit ha - be, wie lang ſie waͤhren ſolle. Auch iſt artig was von Sylvano geleſen wird, im Leben der Alt-Vaͤter, l. 2. p. 184.

Das721C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit.

Das vierte Capitel.

Von den mannigfaltigen geiſtli - chen Zufaͤllen und Ruͤckfaͤllen, die ſich bey Seelen, welche in die Suͤnden der Unrei - nigkeit hinein gerathen, und ſich darinnen verderbet, zu ereignen pflegen; ſonderlich, wenn ihre Cur nicht richtig gehet.

WEnn ſich die Menſchen den Rath GOttes zu ihrer Seligkeit ſofort gefallen lieſſen, ſobald ſie ihn hoͤren, und naͤhmen ihre Zuflucht allein zu dem einigen Artzt, dem HErrn JEſu Chriſto, unverweilt und unverzagt: ſo wuͤrde es mit ihrer Heilung keine Noth haben. Die - ſer hat wol deſperateren Patienten zurechte geholf - fen, und iſt zu theureſt juſt dazu kommen, daß er hei - le und ſelig mache das, was ſchon von jederman (und von ſich ſelbſt dazu) ſo gut als weggeworfen, ver - laſſen, und fuͤr unheilbar ausgegeben worden. Lieſſe man ſich nur JEſu ſeiner allmaͤchtigen Gnaden - Hand uͤber, und lieſſe ſich nur flugs im Anfang als ein unterthaͤniger und williger Patient tractiren, der weiter nichts begehret, als Gnade und Heilung, und der es ſeinem guten Artzt auch zutrauet, daß ers verſtehe und vermoͤge: ſo ſolte die Heilung ſchneller fertig werden, als man vermeinet und glauben kann. Weil ſich aber dieſer Art Patienten erſt ſo lange beſinnen, und wenn ihnen ja eine halb - wege Reſolution abgezwungen worden, alsdenn doch erſt capituliren, und dem Artzt noch wol dazu vorſchreiben wollen, wie ers mit ihnen machen ſoll: ſo gehets mit vielen ſo verworren, und der Zufaͤlle werden ſo viele, daß man von einer jeden ſolchen Kranckheit (wenn man auf das, was in der SeeleIII. Th. Betr. der Unreinigk. Z zdabey722Anhang zum dritten Theil,dabey vorgehet, acht haben ſolte, wol eine aus - fuͤhrliche Hiſtorie, als eine hiſtoriam morbi ſingula - rem ſchreiben koͤnnte. Es laſſen ſich alle hier vor - fallende Symptomata in drey Haupt-Claſſen brin - gen, immaſſen die in dieſer Noth ergriffenen See - len entweder leichtſinnig diſputiren, und alles excuſiren, oder bald halb, bald gantz deſperat za - gen und verzagen wollen; oder ſich endlich zu einigem ſchwachen Kampf verſtehen, und zur Noth entſchlieſſen. Nach ſolchen drey Haupt - abtheilungen haͤtten die hieher gehoͤrigen Zufaͤlle auch koͤnnen abgehandelt werden. Es wird aber hoffentlich erbaulicher und nuͤtzlicher ſeyn, wenn des Herrn Verfaſſers eigene Abtheilung beybehal - ten, und die Einwendungen und Klagen ſolcher Leute in etlichen abgezehlten Puncten angefuͤhret und beantwortet werden: Denn ſo wird jeder, der in gleiche Zweifel und Schwierigkeiten kommt, eben am deutlichſten und beſten zurechte gewieſen wer - den koͤnnen.

I. Einwendung.

Zuerſt entſchuldigen ſich Unzuͤchtige, es ſey ein Trieb der Natur; Antwort:

1) Freylich geſtehet man, daß GOtt den heiligen Eheſtand eingeſetzt hat, das menſchliche Geſchlecht durch keuſche eheliche Liebe fortzupflantzen: Aber die huriſche Luſt und Sucht, die ſich ſo weit ausge - breitet hat, iſt vom Teufel; der uͤber uns arme Menſchen Gewalt bekommen, und den Brunnen der Geburt ſo gerne vergiftet, die Erb-Suͤnde fort - zupflantzen. GOtt aber will die Qvelle des menſch - lichen Geſchlechts von allen Greueln rein behalten: weil er ſich eine Braut aus demſelben erwehlen, und neu gebaͤhren will, folglich uns Menſchen uͤberdie723C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. die heiligen Engel liebt, und ſchon im Mutterleib der Leibes-Frucht gottsfuͤrchtiger Eheleute ſeinen heiligen Geiſt mittheilen, und den Grund zur neuen Geburt legen will. Dagegen will Satanas durch die Unzucht gerne die Welt mit eingefleiſchten Teu - feln anfuͤllen: welches auch gantz gluͤcklich ange - het, und gantz natuͤrlich zugehet, wenn im Eheſtande mehr die Luſt als die Frucht geſucht wird.

Bey den heiligen Ertz-Vaͤtern iſt die Beywoh - nung aus Trieb ihrer gereinigten Natur (da ſie den Samen GOttes ſuchten, und nur fuͤr das himm - liſche Jeruſalem Kinder zeugen wolten,) geſchehen. Allein die unflaͤtigen Betaſtungen, die unzuͤchtigen Gedancken, die unkeuſchen Worte, die geilen Bli - cke der Augen, die unreinen Fantaſeyen des Ge - muͤths, ꝛc. dis alles kommt nicht aus einem or - dentlichen Trieb der unter der Zucht goͤttlicher Lang - muth ſtehenden Natur, und wird alſo vergebens, (und GOtt zur Schmach und Beſchuldigung) da - mit beſchoͤniget. Nein! dis alles ſind hoͤlliſche Funcken, die aus einem vom Erbfeind angeſteck - ten heilloſen, gnadenloſen, glaubloſen Hertzen ausfliegen; aus einem Hertzen, das JEſum in ſeinen Schmertzen und Seelenaͤngſten nicht an - ſchauet, ſein keuſches und reines Leben nicht be - trachtet, auch in ſeinen Worten nicht bleibet, da er geſprochen, daß ſich viele um des Himmelreichs willen beſchneiden. Summa: was die H. Schrift Unkeuſchheit nennet, verdammet und vermaledeyet, (das iſt, alles dasjenige, was eine von GOtt ab - weichende Seele in dieſem Fall ſich vorſtellet, ſin - net, redet und thut, die unreine Seuche zu hegen,) das iſt ein Geſchaͤfte des unreinen Geiſtes: und wer dergleichen mit Willen bey ſich duldet, der laͤßt ſich von unſaubern Geiſtern ſaͤuiſch genug beſudeln. Z z 2Wann724Anhang zum dritten Theil,Wann man auch nur einen unkeuſchen Gedancken, etwa einer Minuten lang, taͤglich mit Wiſſen und Willen bey ſich einkehren lieſſe: ſo iſt dis ſchon ein Greuel der Verwuͤſtung.

2) Eben ſo ſind die von unreinen Gedancken oder Einfaͤllen erweckte Regungen im Leib ein Werck des Teufels, welches der Sohn GOttes verſtoͤren will; und ſie ſchaden dem Menſchen an Leib und Seele. Darum iſt auch dieſes unſers liebreichen GOttes ernſter Wille, daß auch die geringſte Luſt oder Gedancke wieder irgend eines ſeiner Gebote in unſer Hertz nimmermehr kommen: ſondern daß wir fuͤr und fuͤr allen Suͤnden feind ſeyn, und Luſt zu aller Gerechtigkeit haben ſollen.

3) Bewahreten die Menſchen ihre Gefaͤſſe in Heiligung und Ehren: ſo wuͤrden nicht ſo kraͤnckliche ſchwache Kinder, und voll Außatzes und boͤſeꝛ Neigun - gen erzeuget, ſondern feine, ſtarcke, geiſtreiche, mun - tere, geſunde Nachkommen. So koͤnnten auch die Samengefaͤſſe, die vom Schoͤpfer der unſchul - digen Natur beygeleget worden, in einem GOtt eingeweiheten Leib eben ſo wohl mit den koͤſtlichen Saͤften und Lebensgeiſtern angefuͤllet bleiben, als etwa in einem Hirſch ꝛc. und nur zur rechten Zeit ausgeleeret werden, zur Staͤrckung und Erquickung des Leibes und Gemuͤths. Woher kommts aber, daß die Hirſche ihre gewiße Zeit der Brunſt haben, einige Menſchen aber ſind das gantze Jahr durch zur Geilheit geneigt und getrie - ben? Das koͤmmt allermeiſt aus dem unkeuſchen Heꝛ - tzen her, das durch ſeine aufſteigende Gedancken ein ſolch ſchaͤndlich Weſen anſtellet, und in Leib und Seel alles greulich durch einander verwirret und beflecket. Unmaß, Zorn, Unkeuſchheit erwuͤr - gen einen guten Theil der Menſchen, und ver -kuͤr -725C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. kuͤrtzen manchem das Leben, der ſonſt wegen ſei - ner ſtarcken Leibesbeſchaffenheit ein hoͤher Alter haͤtte erreichen koͤnnen als kein Hirſch.

4) Auf gleiche Weiſe iſts ſo unbeſonnen als an - zuͤglich geredt, wenn man ſpricht: ein ſolcher Trieb der Natur ſey nothwendig, und muͤſſe um der Fortpflantzung willen da ſeyn. Denn warum ſolte eine heilige Begierde, die Zahl der Liebhaber JEſu CHriſti zu vermehren, oder auch nur eine vernuͤnftige Begierde ſein Geſchlecht fortzupflan - tzen, Erben zu haben und ſeines gleichen zu ſehen, bey einem weiſen Mann nicht ſo viel vermoͤgen, als ein viehiſcher Trieb der Natur? Die erſten Menſchen im Paradies waren mit Schoͤnheit, Ge - ſundheit und Keuſchheit geſchmuͤcket, wuſten von keiner ſuͤndlichen Luſt, und waren wie ſichtbare, beliebte Engel; darum ſchaͤmeten ſie ſich nicht na - ckend zu ſeyn; die Neigung und Kraft in ihnen, ſo zur Fortpflantzung ihres Geſchlechts dienete, war als eine reine Quelle. Allein der Satan, der groſſe Unflaͤter, hat dieſe edle Quelle mit allerley Unrath erfuͤllet, und das heili - ge Liebesfeuer ſtinckeud gemacht. Muß denn das verfaͤllene Ebenbild GOttes nicht auch in die - ſem Stuͤck wieder aufgerichtet werden, in allen, die nicht zum Teufel ins ewige Feuer wollen? JEſus will und muß das Hertz erneuern mit ſei - ner Begierde, Liebe und Neigungen im heiligen Geiſt. Es iſt kein beſſer Bild, einen gottgefaͤlli - gen Eheſtand vorzuſtellen, als wenn man zwey Hertzen an einander gefuͤget und flammend mah - let, und uͤber denſelben das dritte mit einem hellen Schein umgeben, mit einer Krone gezieret und mit dem Nahmen JEſu bezeichnet, mit der Beyſchrifft: in JEſu eins, oder: geheiliget inZ z 3dem726Anhang zum dritten Theil,dem Heiligen. Gottesfurcht und Keuſchheit wehret, daß man ſich nicht in ſeinem eigenen Wein bezeche. 1 Cor. 7, 29. 31. 1 Theſ. 4, 4. 5. Und wann ſo die eheliche Verbindung keine Verhin - derung, ſondern eine Erinnerung und Abbildung der Vermaͤhlung mit JEſu iſt: Erſt alsdann iſt der Eheſtand heilig und das Ehebette unbefleckt. Hebr. 13, 4.

5) Eſſen und Trincken iſt auch natuͤrlich; aber ſchaͤdlich, ſchaͤndlich, und mehr als viehiſch iſts, wann der Seelen ihr Wille den Leib dazu mahnet und treibt, und nicht die Nothdurft des Leibes den Geiſt. Daher die, ſo ſich nicht Zeit nehmen an das Eſſen zu ſinnen, geſund bleiben und alt wer - den; dagegen, Leute die vor Muͤßiggang nicht wiſ - ſen, was vorzunehmen, die eſſen und trincken oh - ne Hunger und Durſt, und forciren alſo ihre Na - tur erbaͤrmlich, daß der Magen faſt nicht weiß, woran er iſt. Gleiche Bewandniß hat es mit dem Beywohnen; der Geiſt ſoll immerdar mit goͤttli - chen Dingen beſchaͤfftiget ſeyn, oder ſonſt mit an - dern Sachen, ſo dem menſchlichen Leben dienlich ſind, und niemals den Leib an dergleichen Haͤndel erinnern, ſondern warten bis die Beduͤrfniß des Leibes den Geiſt mahnet. Gleichwie nicht die ehe - mals empfundene Annehmlichkeit der Speiſe zum eſſen reitzen ſoll, ſondern nur bloß der leere Magen.

II. Einwurff.

Jch kann mich nicht enthalten; es plagt mich dergeſtalt, daß ich keine Ruhe habe, biß das Feuer geloͤſcht iſt.

Antwort:

1) Jſts mit allen ſuͤndlichen Neigungen eben das. Ein Rachgieriger hat keine Raſt noch Ru - he, bis er ſich gerochen. Einen Hochmuͤthigenquaͤlet727C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. quaͤlet der Ehrgeitz Tag und Nacht, bis er dahin kommt. Ein Geitziger hat auch eine hoͤlliſche Plage; und wann ſchon ſein Hunger mit etwa einem Vortheil oder friſchgemachten Guͤltbrieff ge - ſtillet iſt: ſo wird er dennoch nicht ſatt, wiewol er zuvor vermeinet hatte, daß wenn er nur noch diß oder das erlangete, ſo wuͤrde er alsdenn zufrieden ſeyn. Nichts weniger: ſondern erſt dadurch ent - zuͤndet ſich ſein Hunger gleich wieder nach mehre - rem! Wie laͤppiſch waͤre es nun, wann ſich ein Zorniger, Geitziger, Stoltzer ꝛc. damit wolte ent - ſchuldigen; das waͤre ſeine Natur, er koͤnnte ſich nicht enthalten ꝛc, ſo muͤßte man nur alle Diebe und Moͤrder lauffen laſſen.

2) Das iſt eben recht der Chriſten Leben, ein ſtetes Ringen und Wiederſtehen der Suͤnde, bis aufs Blut. Hebr. 12. Wer nicht geſetzmaͤßig kaͤmpfet, der wird nicht gekroͤnet, 2 Tim. 2. Nur den Ueberwindern iſt das Koͤnigreich der Himmel verheiſſen.

3) Heiden ſelbſt haben in Enthaltung gelebt; ey wie ſolte dis denn einem Chriſten nicht moͤglich ſeyn? Demoſthenes verſchmaͤhete die Lais und wolte eine Luſt nicht haben, die ihm, wie er ſagte, eine ſpaͤre Nachreue bringen moͤchte. Ictis ein ed - ler Kaͤmpfer, weil er wohl wuſte, daß Geilheit den Leib ſchwaͤchte, hat die gantze Zeit ſeines Lebens ausgeharret, ohne jemals zu erfahren, was fleiſch - liche Luſt ſey, nur damit er zu den Olympiſchen Spielen deſto fertiger bliebe. Wie? ſolte uns der unſterbliche Wurm nicht abſchrecken? ſolte die ewige Reue, JEſum verloren zu haben, nicht Leib und Seele durchdringen, und in ein Grauſen und Abſcheu gegen die Fleiſchesluſt ſetzen? Wie? ſolten wir uns nicht enthalten, da uns ein unverwelckli -Z z 4cher728Anhang zum dritten Theil,cher Krantz vorgeſtecket, und der Sieg und Triumph ſo gewiß iſt, ſofern es uns nur recht ernſt iſt, und wir uns nicht Lufft-Streiche thun? Clitomachus ſtund auf und gieng davon, ſo bald etwas von Bulerey geredt ward: ſolte denn der heilige Geiſt GOttes, und Chriſti unausſprechliche Liebe nicht weit ein mehrers auf uns vermoͤgen? Dem Kriegs-Hel - den Scipio, einem jungen, friſchen, ſieghaften Feldherrn brachte man eine ungemein ſchoͤne Weibsperſon zu; allein er wolte ſie nicht einmal anſchauen, damit er nicht etwa mit einem Blick ſeine Keuſchheit verſehrete: Wie! ſoll dich denn die goͤttliche Kindſchafft und Bruͤderſchafft CHriſti, und die freundliche Jnwohnung des heiligen Gei - ſtes nicht ungleich kraͤftiger von allen fleiſchlichen Betaſtungen abhalten? Cyrus wolte die Panthe - am nicht anſehen. Da ihm nun ſeine Freunde ſagten, ſie ſey ſo wunderſchoͤn, daß ſie des Koͤ - niges Augen wohl werth ſey; da ſagte Cyrus: eben darum will ich mich enthalten, damit ſie mir in Verwaltung meines Reichs keine Hinderniß ma - che. Ey warum ſoll denn ein Chriſt nicht meiden, was ihn ſeines ewigen Freudenreichs verluſtig ma - chen kann? Als dem jungen Alexander ſein Admiral eine Fleiſchesluſt zurichten wolte; da ſagte er: was hat dieſer wuͤſtes an mir geſehen, daß er mir ſolche Unflaͤtereyen anbietet? Eben alſo ſoll ein Chriſt den Verſucher abweiſen und ſprechen: wofuͤr haͤltſt du mich denn, daß du mir ſolche ſtinckende Haͤn - del anmutheſt:

4) Wer der goͤttlichen Natur theilhaftig werden will, der muß wahrhaſtig entflohen ſeyn dem Ver - derben, das in der Welt iſt durch die Luſt, 2 Petr. 1, 4. Und aus dieſer neuen Natur muß ein Chriſt wircken, damit ſeine Wercke in GOtt gethan ſeyn,und729C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. und nicht wie Stoppeln im Zornfeuer verbrennen. Biſt du nun in CHriſto; iſt das Alte in dir ver - gangen und alles neu worden, 2 Cor. 5. und erfaͤh - reſt du die unbeſchreibliche Suͤßigkeit, Freund - lichkeit, Lieblichkeit des Allerſchoͤnſten unter den Menſchenkindern: o wie leicht wird dirs ſeyn, das heßliche, giftige, kriechende Gewuͤrm der Unkeuſch - heit zu uͤberwinden, ja gar zu zertreten, und zwar mit aͤuſſerſtem Eckel an ſo ſchnoͤden Fantaſeyen.

5) Daß dir aber die Enthaltung ſo gar ſchwer, ja gar unmoͤglich vorkommet: das iſt deiner ſorg - faͤltigen Ueberlegung und Unterſuchung wohl werth. Bedencke nur wenigſtens folgende Stuͤcke. 1) Du ſeyeſt ſelbſt ſchuldig daran. Du haſt deine Ju - gend nicht keuſch und unbefleckt zu fuͤhren getrachtet; du haſt den Feind ins Hertz hinein gelaſſen, daß er dieſes hoͤlliſche Unkraut ungehindert hinein geſaͤet: du haſt ſelbiges alsdenn laſſen einwurtzeln, und zu einem großmaͤchtigen Fluchbaum werden: was Wunder denn, daß du dich von dieſem Dornen - ſtrauch muſt quaͤlen und ſtechen laſſen, und daß du ſelbigen nicht ausreiſſen kannſt? Haͤtteſt du JEſum davor geliebet: ſo waͤre dir ſo eine greuliche Noth nicht begegnet. Du haſt den ſuͤßen, holden JE - ſum nicht geſucht in hulden zu behalten: jetzt biſt du ein verloren Schaaf; jetzt zupfen die Hurenteufel hie und da an dir; jetzt laßen ſie dich wieder nicht mit frieden; du muſt ihnen oſt in einem Tag wol noch ſo manch wuͤſtes Dienſtlein in deiner Seele thun.

2) Jmmittelſt wage es doch nur, dich darge - gen in CHriſti Kraft zu wehren; mit GOtt wirſt du ritterliche Thaten thun; mit GOtt wirſt du uͤber die Mauren ſpringen, Pſ. 18. Wenn du gleich ietzo noch kein Auskommen ſieheſt, als einer der zwiſchen vier hohe Mauren eingeſperret iſt; ſo wird dir den -Z z 5noch730Anhang zum dritten Theil,noch Sieg und Entrinnen gegeben werden, GOtt zu loben in den Verſammlungen, wenn du nur im Gebet anhaͤlteſt, und die von GOtt vorgeſchriebene Mittel recht gebraucheſt. 3) Je haͤrter der Streit, je herrlicher iſt auch der Triumph! Wahr iſts, daß die Reitzung oft ſo ſtarck iſt, daß man die groͤ - ſte Muͤhe hat, im Widerſtand auszuharren bis ans Ende, ohne dem unſaubern Geiſt ſchmaͤhlich ge - wonnen zu geben; ſintemalen es ein zaͤher Feind iſt auszutreiben, wo er ſich einmal in Marck und Adern hinein geſetzet hat: aber wiſſe o Menſch! daß bey keinem Triumphseinzug niemal kein ſolch freudenreicher Jubellſchall geweſen iſt, als bey einer Seele, wann ſie aus einer geiſtlichen Schlacht gluͤcklich nach Hauſe kehret. Das iſt ein Ver - gnuͤgen uͤber alles andere, wann man das Joch dieſes Wuͤterichs einmal abgeſchuͤttelt, und ſich in die wunderſelige Freyheit der Kinder GOttes verſetzet hat. 4) Wann man eine Schwierig - keit gegen die andere haͤlt: ſo iſts je tauſendmal leichter, ſich die Augen hier auszureiſſen, und hier die Haͤnde abzuhauen, als nur noch hier die Schmach und Schmertzen auszuſtehen, welche ein unkeuſch Leben neben unertraͤglichem Kummer nach ſich ziehet; will geſchweigen die entſetzliche Angſt und Verzweifelung auf dem Todtenbette, und noch dazu den ewigen Jammer, aus der eben erſt ausgeſtandenen und kaum uͤberſtrittenen Todesnoth ins hoͤlliſche Feuer geworffen zu wer - den. Ein Kluger erwehlet ja allezeit das leich - teſte und beſte: nun iſts ja beſſer, dem Teufel und Fleiſch nicht nur kaltſinnig und obenhin, ſondern gantz rund eine augenblickliche ſchaͤndliche Luſt abzuſchlagen, als Lebenslang ein Brandmahl im Gewiſſen herum zu tragen.

III. Klag -731C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit.

III. Klagbare Einwendung.

Jch bin von andern darzu verfuͤhrt wor - den. Ach haͤtte ich nur dieſen und jenen mein Lebtag nie geſehen! Jch war damals ein ar - mes unſchuldiges Kind, und erkannte weder den Schandflecken dieſer Suͤnde, noch ihre grauſamen Folgen: jetzt muß ich erſt an mei - nem eigenen unwiederbringlichen Schaden, aber allzuſpaͤt witzig, werden!

Antwort:

Es iſt je wahr, daß mancher waͤre ein groſ - ſer Mann worden, wenn er in jungen Jahren unter beſſerer Aufſicht geweſen waͤre, und gott - ſeligere, ernſthaftere, und eifrigere Anfuͤhrer ge - habt haͤtte; aber wie mancher hat wol die beſte Handleitung, und iſt gleichwol ein ungerathe - ner boͤſer Bube? Darum frage ich dich

1) Haſt du nicht etwa die H. Schrifft hintan geſetzet, und die Worte JEſu gering geachtet, ſelbige auch nicht als deinen beſcheidenen Theil und als einen theuren Schatz in dein Hertz ge - leget, damit du nicht ſuͤndigteſt? Wie darfſt du denn JEſu CHriſto anmuthen, daß er ſich ſelbſt verlaͤugne, und ſein eigen Wort zu nichte mache, da er geſagt: Er ſey das Licht der Welt, wer ihm nicht nachwandle, der bleibe im Fin - ſterniß; und an einem andern Ort: wie wird ein Knab ſeinen Fußſteig rein, gerade, und un - tadelich einrichten? wann er ihn in acht nimmt, und einrichtet nach deinem Wort. Pſalm 119. v. 9. Mithin kanns unmoͤglich gut gehen, wann einem die Gebote CHriſti nicht ſuͤſſer ſind als Zucker, und koͤſtlicher als Gold und Per -len.732Anhang zum dritten Theil,len. Es kann nicht ſeyn, daß GOtt ſeine Ord - nung aͤndere, ſintemal alles ſeinen Grund hat in GOttes Natur und Weſen ſelbſt.

2) Biſt du nicht etwan zu curioͤs und vor - witzig geweſen, laſtergeile Hiſtoͤrgen zu leſen und zu hoͤren, dadurch die Einbildungskraft bey Zeiten befleckt und verwuͤſtet worden? Das heißt GOtt verſuchen, und wollen, daß das Gift dem, ders trinckt, wieder allen Lauf der Natur und wieder ſeine angeborne Art kein Ungemach verurſache. Das will ſagen: der Feuerofen ſoll nicht anzuͤnden, das Waſſer ſoll nicht netzen, das ſcharfgewetzte Meſſer ſoll nicht hauen! Biſt du nie gewarnet worden? Haͤtteſt du nichts be - gehret zu wiſſen, als was gut, heilſam, gerecht, heilig und nutzbar iſt; haͤtteſt du nichts mit der Seelen Mund gegeſſen als das Wort und Brodt des Lebens, das verborgene Manna, JEſum den Gecreutzigten: ſo waͤre das Zauber - gift der Unkeuſchheit nicht ſo tief in dich einge - drungen. Die Welt redet, ſchreibt und lieſet aus dem Tod, vom Tod, im Tod, und zum Tod: und du meinteſt, du haͤtteſt in ſolchen Dingen ſollen Leben und Segen finden? Ach nein! So wenig du kanſt boͤſes finden in JEſu CHriſto, ſo we - nig findeſt du gutes im Teufel und in der Welt.

3) Haſt du nicht etwa das Wachen, und die Gebetskaͤmpfe auf die Seite geſetzt? Biſt du nicht etwa ſicher worden, und haſt dich verlaſſen auf einige Gnadenblicke, ſuͤſſe Empfindungen der Liebe und wol gar auf deine vermeinte Freudein733C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. in GOtt? Haſt du etwa mit der empfangenen Gnade nicht gewuchert, und ſie nicht angewen - det zur Vermehrung und Staͤrckung des Lebens CHriſti in dir? Haſt etwa die Gnade deines GOttes zur Geilheit verſetzet, und dich verlaſ - ſen auf falſche Lehre, vermeſſentlich dir einbil - dend, daß weil du heimlich dieſe und jene Lo - ckung empfunden, ein und andere Kraͤfte der kuͤnfftigen Welt geſchmeckt ꝛc. ſo ſeyſt du ver - ſiegelt worden, und es koͤnne dir jetzt nicht mehr fehlen? Was wunderſt du dich denn, daß bey ſo ruchloſem und heilsvergeſſenem Muthwillen dich der Teufel im Garn der Unkenſchheit ge - fangen und ſo grauſam uͤbel zugerichtet hat? Denn gewißlich, der Mangel der Furcht GOt - tes iſt aller Thorheit Grund und Anfang. Wers mit der Suͤnde ſo luſtig wagen darf, der lauft blindlings am Rande der Hoͤllen hin: und iſt ein unbegreiflich Wunder der unermeſſenen Lang - muth GOttes, daß du nicht entglitſcht, und ſchon vor vielen, vielen Jahren darein geſtuͤrtzet wor - den biſt, und noch eine ſo lange Zeit ohne Heu - len und Zaͤhnklappen haſt koͤnnen zubringen.

4) Haſt du dich nicht etwa einmal mit Murren an GOttes Majeſtaͤt vergriffen? Welches die allergreulichſte Bosheit iſt von einem Menſchen gegen ſeinen Schoͤpffer: womit du ja wol ver - dienet haͤtteſt, daß du von dem Verderber um - gebracht wuͤrdeſt. 1 Cor. 10, 10.

5) Hat dich nicht etwa dein Fleiß und Na - turgaben aufgeblehet? Wodurch GOtt gleich -ſam734Anhang zum dritten Theil,ſam gezwungen worden, dich ſtoltzen Ehrendieb den liederlichſten Lotterteufeln zu uͤbergeben, um dich zu demuͤthigen, und deine hoffaͤrtigen Fe - dern wohl mit dem Koth der Unkeuſchheit zu be - ſchmieren, damit du recht allerdings ſcheußlich ausſieheſt, und dich vor GOtt und Menſchen, vor Himmel und Erden und vor dir ſelbſt ins Hertz hinein ſchaͤmeſt, auch jederman beſſer ach - teſt als dich ſelbſt.

6) Die Klage iſt bitter, und ſcheinet einigen Grund zu haben: wo man ſie aber beym Licht be - ſiehet, ſo ſteckt ſie voller Eigenliebe. Es ver - drießt dich mehr, daß nicht etwas ſonderbares aus dir worden iſt, als daß Chriſto die Lie - be, die du ihm als deinem froͤmmſten HErrn und Gutthaͤter ſchuldig wareſt, iſt entwendet worden, mithin ſeinem Reich ein merckliches ab - gegangen. Auf dieſem gefaͤhrlichen und GOtt ſehr mißfaͤlligen Weg der ſchnoͤden Eigenliebe, geratheſt du aus einem Uebel ins andere, und treibeſt Hurerey mit dir ſelbſt.

Du klageſt, man habe dich verfuͤhret; allein eben damit verrahteſt du deines Hertzens faule Falſchheit. Dann wann du es mit JEſu red - lich gemeinet haͤtteſt: ſo wuͤrdeſt du dich nicht ſo leicht von ihm haben abreiſſen laſſen; dein Geiſt wuͤrde treulicher an ihm gehalten haben. Ueber dis iſt juſt dadurch auch offenbar worden, daß du nicht deiner Einbildung nach ein von GOtt ge - pflantzter Baum ſeyeſt, gewurtzelt an den Waſ - ſerbaͤchen: ſondern leichtfertige Spreuer, die jeder Verſuchungswind hin und her wehen kann. Der735C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. Der Same aller Gottloſigkeit war in dir: da wars dem Teufel ein leichtes ſelbigen hervorzu - ziehen. Darfſt du wol dabey ſagen, daß dich GOtt ohne alle vaͤterliche Warnung gelaſſen habe? Hat ſeine Treue und Wahrheit nicht mehrmalen wie ein Blitz in dein innerſtes geleuch - tet und dir den unermeßlichen Schaden gezei - get? Was fuͤr eine Beſſerung aber iſt deiner ſeits darauf erfolget? Biſt du auch, nach dem du uͤberfuͤhret biſt, was grauſamen Hertzeleides dir die Unkeuſchheit angethan, derſelben auch von Hertzen feind? ey wie kanns denn immer - mehr ſeyn, daß du noch einen einigen unrei - nen Gedancken um dich leiden, und freundlich anſehen kannſt? Es ſolte dich ja ein Schauer und Entſetzen ergreiffen, wo ſich nur von wei - tem etwas davon dem Gemuͤth praͤſentiret. Aber dis iſt nicht bey dir, daß du dich Lebens - lang vor ſolcher Betruͤbniß deiner Seelen ver - wahreteſt; ſondern, ungeachtet dir des Satans Raͤncke wohl bewuſt ſind, wie er die Hertzen pflege zu fahen: ſo zieheſt du dennoch deinen Fuß nicht zuruͤck, ſondern tritteſt wieder in ſeine Stricke; mithin gelingts dem Teufel wol viel - mal aufs neue mit dir. Folglich iſt dein Ruhm vergebens, da du ſprichſt: Ach wenn ich das in meiner Jugend gewuſt haͤtte, was ich jetzt weiß: ſo haͤtte ich die neue Geburt aus GOtt angelege - ntlicher geſucht, und nicht verwahret daß mich der Boͤſewicht nicht haͤtte angetaſtet! Dieſer Ruhm, ſage ich, iſt gantz eitel, weil du das, was duge -736Anhang zum dritten Theil,gethan zu haben wuͤnſcheſt, jetzo noch thun koͤnn - teſt, und thuſts doch nicht.

Jch geſtehe zwar, daß es leichter iſt, einem Feinde zu wehren, daß er nicht in die Veſtung hinein breche, als ihn hinaus zu jagen, nach - dem er ſich darinn einquartiret und verbollwer - cket, auch der Veſtung ſo vollſtaͤndige Kund - ſchafft | hat, daß er ihre heimliche Gaͤnge und Schliche weiß, wo ihr am erſten beyzukoͤmmen: allein eben hierinnen beweiſet ſich JEſu des Schlangentreters unbeſchraͤnckte GOttes kraft; daß wo der Glaube rechter Art iſt, und der Kraft CHriſti ſo lange unermuͤdet nachſchleichet, bis er ſie ergriffen, derſelbe ſich darin gewißlich verbergen und ſich damit gewaltiglich gegen den Feind waffnen kann. Jſraels Feinde wurden durch ſeine Abweichung von GOtt immer maͤch - tiger: ſo bald ſie ſich aber von gantzem Hertzen bekehrten, und zum HErrn ſchrien, ſandte er ihnen allezeit einen Heiland, und errettete ſie aus allen ihren Noͤthen. Ruffe nun auch du unablaͤßig zu dem Sohn des Hoͤchſten, deſſen Name JEſus heißt, und faſſe ihn bey dieſem ſeinem Namen: ſo wird er dich ungezweiffelt ſe - lig machen von allen deinen Suͤnden, und auch von dieſer, die dich hauptſaͤchlich quaͤlet.

IV. Klagender Einwurf.

Ach haͤtte ich doch die Gabe der Enthal - tung! Jch wolte mich lieber von einem an - dern Feind exerciren laſſen, als von dem greß - lichen Ungeheuer der Unkeuſchheit.

Ant -737C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit.

Antwort:

1) Der Feind der uns anfaͤllt, und mit dem wir in den Haaren liegen, duͤnckt uns alle - zeit der ſchlimmſte zu ſeyn. Du aber ſchreibe GOtt nichts vor, ſondern uͤberwinde in GOt - tes Namen den Feind, den er auf dich anlauf - fen laͤßt; die Crone der Keuſchheit iſt wol eine von den herrlichſten und ſchoͤnſten.

2) Huͤte dich aber hiebey mit gantzem groſſem Ernſt vor der Gotteslaͤſterlichen teufli - ſchen Bosheit, daß du gleichſam die Schuld wolteſt auf GOtt werffen, er habe dir ein ſol - ches Temperament gegeben. Mit der Weiſe koͤnnte ſich ein jaͤhzorniger, neidiſcher, zaͤncki - ſcher, hoffaͤrtiger, geitziger unbarmhertziger (und wer nicht?) GOttes Gerichten und Straf - fen auch entziehen: Das gilt dir aber nicht! mit ſolchem Schlangenbalg kanſt du nicht einmal unter deines gleichen auskommen, geſchweige vor deinem GOtt, der mit dir wol nicht diſpu - tiren wird. Und mit dieſem Sinn darfſt du dich unter die jungfraͤulichen Geiſter der erſtgebor - nen, die dem Lamme nachfolgen auf Zion wo es hingehet, und die ſich mit Weibern nicht befle - cken, Offenb. 14. gewiß nicht hinwagen. Hat - te nicht Auguſtinus auch eine gar hitzige und zur Unkeuſchheit ſehr geneigte Natur? Aber in un - ablaͤßigem Bußkampf hat er uͤberwunden, und ſich ſelbſt um des Himmelreichs willen beſchnit - ten. Nun, der JEſus, der ihm geholfen hat, lebt noch, und wird dir auch beyſtehen. Hat alſo jemand Mangel an Keuſchheit, der bitteIII. Th. Betr. der Unreinigk. A a aſie738Anhang zum dritten Theil,ſie von GOtt, der ſie gibt reichlich jederman, und ruͤckets niemanden auf: ſo wird ſie ihm ge - geben. Er bitte aber im Glauben und zweife - le nicht. Wo aber dein Zweck im ledigen Stand nicht lauter iſt (nemlich daß du das beſſere er - wehleſt, das Reich GOttes deſto bequemlicher abwarteſt, JEſu CHriſto mit unzertheilter Lie - be unverruͤckter anhangeſt, und nur ſorgeſt um das was des HErrn iſt, daß du heilig ſeyſt bey - des am Leib und Geiſte): ſo kannſt du nicht im Glauben bitten, noch das Bild der ewigen Rei - nigkeit in dich empfangen, ſo wenig als das un - geſtuͤme Meer des Himmels Geſtalt. Dein Hertz iſt und bleibet ein Meer, das hin und her getrieben wird, und ſeine eigene Schande aus - ſchaͤumet. Jch will ſagen: Wann dich nem - lich das Creutz und Ungemach ſo in der Ehe iſt beſchweret; wenn dich die Unluſt von Weib und Kindern, die Hausſorgen und Ausgaben ꝛc. vom Heirathen abhalten: in ſolchem creutzfluͤch - tigen Sinn wirſt du eher Plagen und Peitſchen als Cronen und Palmen vor GOttes Richter - ſtuhl zu gewarten haben.

Was Onan aus Neid gethan, das thun verehelichte aus Geitz und Hochmuth, nicht viele Kinder zu haben, da - mit ſie den wenigen deſto mehr Pracht, Reichthum und Befoͤrderung anhengen koͤnnen. Dis iſt ein Mordgreuel in GOttes Augen, und zeigt ein mſſitrauiſch Gemuͤth an, das an GOttes vaͤterlicher Vorſorge verzweiflet. Anders machte es jener gottſelige Prediger in Engelland, der ein Dutzeud Kinderlein hatte und nichts dazu. Als er ein - mal in kummerhaften Gedancken zum Fenſter hinaus ſa - he: erblickte er eine Henne mit 13. Huͤnlein. Da mach - te er ſich dieſe Rechnung: dieſe Henne hatte bloß vor ſich genug, da ſie alleine war: jetzt findet ſie, was ſie vor ſichund739C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. und ihre dermalige zahlreiche Familie bedarf. Wie? ſol - te ich ꝛc. Wohlgezogene Kinder geben einen tauſendfa - chen Glantz in der Ewigkeit. Sie ſind frommer Eltern unvergaͤnglicher Schatz, Krone und Ehre: Auch iſt GOtt reich genug, jedwedem ein ewig Koͤnigreich zu geben. Daher mir vorlaͤngſt eine ſehr keuſche heilige Matronin (ſo ſonſt der Welt in einem ungemein hohen Grad ab - geſtorben war) bezeugete, es waͤre ihr eine ſelige Luſt, hundert Kinderlein mit ihrem Eheherrn zu haben, in welchen allzumal Chriſti Bild leuchtete.

Ungleich greulicher aber iſt dieſe Suͤnde, wo ſie gar aus Scheinheiligkeit begangen wird, da ſich ein ſolcher Heuch - ler vor Menſchen ſchaͤmt davor gehalten zu ſeyn, als leb - te er im Beyſchlaf. Wie mir ein junger Ehemann bußfertig bekant hat, er habe die Empfaͤngniß verhin - dert, damit er nicht den Ruhm ſeiner hohen angemaß - ten Geiſtlichkeit verliere. Da habe ihn GOtt im Traum geſchrecket, indem die Kinder, ſo natuͤrlich haͤtten koͤn - nen geboren werden, ihn als einen Kindermoͤrder ankla - geten. Als nun ſein Sinn dadurch geaͤndert wurde, und er nach Kindern verlangte: da aͤngſtigte ihn der Unglau - be, GOtt werde ihn jetzt auch nicht werth achten, ihm Kinder zu beſcheren: bekam aber zu rechter Zeit ein ſchoͤ - nes Knaͤblein, wovor er GOTT auch hertzlich danckete, daß er ihn die begangene teufliſche Boßheit nicht habe entgelten laſſen.

3) Jſt demnach der heilige Ancker, daran ſich die, ſo auf dieſem beſchwerlichen Welt-Meer unter den Wellen des Fleiſches und Winden der Natur den ſtillen Port der ruhigen Hertzens Rei - nigkeit nicht erreichen koͤnnen, halten muͤſſen: daß ſie in heiliger Furcht GOttes zur Ehe greiffen, nach dem Rath Pauli; und daß ein jedes einen froͤmmeren Ehegatten ſuche als es ſelbſt iſt, da - mit man vor allen Dingen von der Gottſeligkeit der Perſon die man heirathen will, gewiß ſey, 2. Cor. 6, 14-19. alſo, daß es im HErrn ge - ſchehe. 1. Cor. 7, 39. Sonſt wo man in den Ehe - ſtand tritt, nur ſeine viehiſche Luͤſte zu ſaͤttigen; da liegt man unter GOttes entbranntem Zorn, inA a a 2des740Anhang zum dritten Theil,des leidigen Satans Gewalt. Hiervon ſagt dort der Engel Tob. 6, 17. 18. Hoͤre zu, ich will dir ſagen, uͤber welche der Teufel Gewalt hat, nemlich uͤber diejenigen, die da GOtt verachten, und allein um Un - zucht willen Weiber nehmen, wie das dumme Vieh. Dann je heiliger und herrli - cher der Eheſtand an ſich ſelber iſt, und von GOtt ſehr hoch geehret, je ſchaͤndlicher iſt deſſelben Mißbrauch: wann etwa ein Part uͤber des an - dern unerſaͤttlichen Geilheit klagen, und am Lei - be Schaden nehmen muß. Der Eheſtand iſt eine Artzney wider die Unreinigkeit zu gebrau - chen. 1. Cor. 7, 9. Nun iſts je nicht rathſam, ſich mit Artzneyen zu uͤberfuͤllen. Aus unkeuſchem Beywohnen kan auch zuletzt Haß, Eckel, Ueber - druß und Uneinigkeit entſpringen, daß Ehegat - ten einander das Hertz aus dem Leibe freſſen, dem Aſmodi Platz geben, GOtt und ſeine Engel be - truͤben, den Teufel erfreuen, und aus ihrem Ehe - ſtand eine Hoͤlle machen.

V. Laͤßige Klage.

Wenn doch nur die Gelegenheiten um mich herum nicht waͤren; ſo daͤchte ich nie dran: Aber ich werde gereitzt durchs Geſicht und Ge - hoͤr. Wann ich in der groͤſten Stille bin, ſo erhebt ſich auf einmal ein Ungeſtuͤm etwa aus einem Anlaß, daß alles brauſet und wuͤtet im Fleiſch.

Antwort:

1) Was nutzte doch ſo vieles Schifgeraͤthe, wann nie kein Sturm kaͤme? Du biſt noch nichtin741C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. in den ſicheren Hafen des Paradieſes eingelauf - fen; du biſt noch in der Welt auf dem Meer; dieſes Leben hat die Eigenſchaft, daß eine Anfech - tung die andere abloͤſet, deſſen muſt du ſtets ge - waͤrtig ſeyn von innen und von auſſen; du rei - ſeſt durch abgeſagter Feinde Grund und Boden in dein Vaterland; und eben deßwegen hat dich dein Koͤnig und dein Vater mit Waffen verſehen, damit du dich auf jeden Angriff gefaßt macheſt.

2) Die Guͤte des Schifleins und der Waffen erzeigt ſich in der Probe. Ja du muſt wiſſen, daß alle Gebote GOttes fuͤr die Zeiten der An - ſechtungen gegeben ſind. Du ſolſt nicht Ehe brechen. Das verbietet dir dein GOtt nicht dazumal, wenn du dazu unvermoͤglich, alt, kranck, ſchwach, in einer Wildniß biſt, und uͤberall keine Gelegenheit dazu haſt: ſondern wann Tuͤch - tigkeit, Leibesſtaͤrcke, Neigung und Reitzungen die Menge da ſind. Waͤre das nicht eine naͤr - riſche Rede eines Soldaten: Jch wolte ein un - vergleichlicher Held ſeyn, wenn ich nie fechten muͤſte? Nein! die Tapferkeit beweiſet ſich im Feuer, Rauch und Dampf, mitten in den dickſten Feinden. Wie waͤre Noa, Joſephs, Loths, Mo - ſes und Daniels Keuſchheit offenbar worden, wann ſie nicht um und um mit Verſuchungen waͤren umzingelt geweſen?

3) Was nutzt dir die geſchenckte Gnade, wenn du ſie nicht zur Berſuchungszeit braucheſt? Du haſt eine unermeſſene Huͤlfe und Beyſtand. Chriſtus und der heilige Geiſt ſind nicht Zuſchauer des Streits: ſondern ſie miſchen ſich ſelbſt drein,A a a 3wo742Anhang zum dritten Theil,wo du nur nach ihrer Huͤlfe von Hertzen begierig biſt, und ſie darum anſiehet. GOtt Vater, Sohn, und heiliger Geiſt haben ſich unter einander ver - bunden, keinen Streiter zu verlaſſen. Phil. 4, 13.

VI. Einwurf und zaghafte Klage.

Das alles iſt ſchoͤn und gut; aber was hilfts, wann einer weder Luſt, noch Trieb, noch Willen hat zu einem gottlichen Wandel im Licht, ſich auch niemand dieſen neuen Wil - len ſelbſt geben kann, ſelbſt das maͤchtige Wort GOttes vermag lediglich nichts an meinem unempfindlichen und todten Hertzen?

Antwort.

1) Es iſt leider nur allzuwahr, daß wir uns ehe uns GOtt erleuchtet, ſelbſt ſo hoͤlliſch haſſen, daß wir die Ruͤhrungen des heiligen Geiſtes aus - loͤſchen, ſein Leben von uns ſtoſſen, GOtt ſein be - gehren abſchlagen, und uns mit einem verſtockten Spoͤtterhertzen dawieder auflehnen. Apoſtg. 7, 51. Jerem. 44, 16. 17. Pſalm 10, 4.

2) Und ob es ſchon etwa zuweilen das anſehen hat, als wolle man denen beſtmeinenden Wegwei - ſungen des heiligen Geiſtes Gehoͤr geben und von ſeinen Schooßſuͤnden ablaſſen: ſo iſt man doch dergeſtalt dran gewoͤhnet, daß gleich, ſo bald ein Scheinvortheil oder falſche Luſt ins Hertz kommt, ſie daſſelbe von JEſu ab und auf die Weltbahn zur Hoͤllen hinziehen kann. Matth. 13, 21. 1 Tim. 5, 15. Luc. 19, 14. Die Fluthen der Luſt nnd hoͤlliſchen Sturmwinde der Paßionen tilgen alle Gnadenfuͤncklein aus.

3) Wie mancher kommt gar nahe der Suͤnde in den heiligen Geiſt? wie ſo: wirſt du fragen: behuͤte GOtt! aber ich nehme dich und mich ſelbſt zu Zeugen: iſts nicht wahr, das es offt mit euchſtrei -743C. 3. Mittel wieder die Unreinigkeit. ſtreitet? das Licht der Welt klopft an euren Wil - len; Vernunft und Gewiſſen halten der Seelen die Bewegungsgruͤnde vor aus GOttes Wort; da kommts oft ſo weit, daß das Hertz beunruhiget und vom heiligen Geiſt hefftig geruͤhrt wird, daß es wol in Thraͤnen zerſchmeltzt, auch eine innig ſuͤſſe Luſt im Evangelio findet. Matth. 13, 20. So bald ſich aber die Schooßſuͤnde als ein Gaſt widerum anmeldet: ſo hat alle Gunſt gegen den Welt-Heiland ein Ende, und man ziehet ihr die beliebte Paßion weit vor. Da heißt es allewege: nur noch dißmal, nur noch dißmal! da ſucht die elende Seele geſchwind Ausfluͤchte, den alten Adam vom Creutzgalgen zu erretten; ach da toͤd - tet man den Geiſt durch die Geſchaͤffte des Flei - ſches, und dis iſt juſt das Wiederſpiel deſſen, was ein Chriſt thut. Roͤm. 8, 13. Chriſti Wort ſolte dir ſeyn als ein Feuer und Hammer der Fel - ſen zerſchmeißt Jerem. 23, 29. Aber ach! wie viel gilts bey dir? wie lieb iſt es dir? und wie hoch achteſt du daſſelbe? Dergleichen Leute ſind durch die Jſraeliten abgebildet, die ihren Hertzog ſo oft in der Wuͤſten verſuchet haben: aber GOtt ſchwur, ſie ſolten nicht in ſeine Ruhe eingehen. 4 Moſ. 14, 21-24. Hebr. 3, 11.

* Was aber die wichtige und bedenckliche Klage betrift: Daß GOttes Wore nicht die geringſte Kraft am Hertzen beweiſet; ſo gehoͤret mehr Unterricht dazu. Nachdem das Hertz iſt, nachdem beweiſet ſich GOttes Wort an ihm. Je mehr bey Leibes Leben alle zwiſchen Waͤnde des Unglaubens, des Welt - und Flei| ches Sinns, und der Eigeuheit abgebrochen werdeu, uud der Menſch in GOtt und ſeine Gemeinſchaft eindringet; je lebeu - diger und durchdringender werden ihm auch alle goͤttli - che Ausſpruͤche. Je mehr aber im Gegentheil ein Menſch ſein Hertz durch Betrug wiederholter Suͤnden verhaͤr - tet, und gleich eine babyloniſche dicke Schiedmauer zwi - ſchen ſich und GOtt in ſeiner verſtockten Luſtſucht auf - fuͤhret; je weniger ruͤhren alle Worte und Gebote GOt -A a a 4tes744Anhang zum dritten Theil,tes ſein in Suͤnden todtes Hertz. Es gibt unter uns mancherley Gattungen Menſchen, wornach ſich ein je - der zu pruͤfen hat, in welche Claſſe er gehoͤre.

  • 1) Gibt es uͤberbeſtialiſche Unthiere, aͤrger als das Vieh. Das Vieh iſſet und trincket nicht mehr, als ihm natuͤrlich nutz und gut iſt; ſo gibts auch unter den Thieren ſehr viele Arten, die ſich paar - und paarweiſe zuſammen halten, vermiſchen ſich auch gemeiniglich nicht eher und nicht mehr als zur Fortpflantzung die die Natur erfordert, und iſt dieſer Zweck erreichet, ſo leben ſie in einer rechten Enthaltung. Die Urſach aber, war - um eiu Menſch in Geilheit (und ſo ein jeder in ſeiner Buſenſuͤnde als Geitz, Neid, Hochmuth ꝛc. ) unerſaͤttli - cher iſt als das Vieh, iſt dieſe: weil das Vieh keinen ſo hohen Geiſt in ſich hat, der zu einer gantz unver - gaͤnglichen Luſt und zum Genuß GOttes ſelbſt (als welcher allein des Geiſtes unendliches Verlangen fuͤllen und vergnuͤgen kann) geſchaffen iſt. So lange nun der Menſch mit ſeiner Liebe von GOtt abweicht, ſo bleibt er ein Sclave ſeiner tyranniſchen Luͤſte; forciret die Kraͤffte der Natur; uͤberſchreitet dero Graͤntzen; und iſt tauſendmal unſinniger, mißvergnuͤgter und ungluͤckſeli - ger als das unvernuͤnftige Vieh.
  • 2) Thieriſche Menſchen, ſo nach ihrem ſinnlichen Appe - tit leben, und es nicht ſo gar arg machen als jene; ha - ben dann und wann einige Ruͤhrungen von der zuͤchti - genden Gnade, (ſo bey den erſten weder Raum noch Gehoͤr findet): indeſſen hoͤren ſie ungerne, wo man auf die Creutzigung ſinnlicher Luͤſte dringet.
  • 3) Vernuͤnfftige, weltweiſe Leute, die ihre Paßionen beſ - ſer zaͤhmen und verbergen koͤnnen, auch in allem ihrem Thun gar manierlich ſind, denn ſie huͤten ſich ſehr vor allem, was in der Welt vor unanſtaͤndig gehalten wird: ſind aber gar nicht zum Himmelreich geſchickt. 1 Cor. 1, 26. Mithin iſt auch dieſen das Evangelium noch nicht eine Kraft GOttes zur Seligkeit. Roͤm. 1, 16. (womit ich die lebendigmachende Wuͤrckung des heiligen Geiſtes keinesweges einſchraͤncken will, Matth. 3, 9. Roͤm, 4, 17. ſondern nur die Hinderniſſe in uns anzeigen, und wo - her es doch komme, daß uns GOttes Wort nicht mehr zu Hertzen gehet, wie JEſus auch thut. Luc. 8, 11 -- 14. c. 14, 18 -- 20. Joh. 5, 44. c. 12, 43. Keuſchheit iſt wahrlich eine Frucht des heiligen Geiſtes, den die Welt nicht kann empfahen. Joh. 14, 17. Wer nun den Baum nicht in ſeinem Hertzensgarten haben kann, wie will er zur Frucht kommen?) Dieſe geſcheite und kluge Mo - denleute ſind heimlich die faulſte Spoͤtter des Evangelii,daher745C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. daher machen ſie ohne Scheu mit, was die Welt vor erlaubt haͤlt, ungeachtet die klare Schrifft dawieder iſt. Was hingegen die Welt vor diſreputirlich und ſchimpflich haͤlt, davor huͤten ſie ſich ſehr, wenn es GOtt noch ſo ernſtlich befohlen haͤtte. Dieſes ſind die Leute, die ſo gerne Eſprits forts heiſſen wollen, eichenhoͤltzerne Gei - ſter, die aͤrgſten Spoͤtter der Nachfolger Chriſti, und werden nicht unfein durch einen Satyrum oder Wald - teufel abgebildet: denn die hatten aufgerichtete Hoͤrner, alſo ſtoſſen und ſtuͤrmen dieſe wieder den Himmel; ſie hatten lange Ohren, alſo geben dieſe ſehr viel auf Welt - ruͤhmen und Reputation, auf das qu’en dira-t-on? da ſpitzen ſie ihre Ohren weit und breit herum; endlich hat ein Satyrus Bocksfuͤſſe, alſo leben dieſe in Geilheit und heimlichen unreinen fleiſchlichen Luͤſten.
  • 4) Phariſaͤiſche Betruͤger und Heuchler, die wol ſchwaͤ - tzen koͤnnen und einen huͤbſchen Schein fuͤhren, inwen - dig aber voll Unflaths ſtecken, gegen welche ſo ſubtil ein - ſchleichende verdammte Eigenliebe die allerheiligſten noch taͤglich zu wachen und zu kaͤmpfen haben, als Ruhm - ſucht, Eigennutz, Fleiſchesvergnuͤgen ꝛc. ) dieſe ſpielen mit dem Geiſt der Unflaͤterey unterm Huͤtlein, alſo daß kein Wort GOttes bey ihnen tieffe Wurtzeln faſſen kann.
  • 5) Selbſtbetrogene, die in ihren gottesdienſtlichen Uebungen eine aufrichtige Abſicht haben, aber ihr Chri - ſtenthum in ſolch bloß| aͤuſſerlich weſen ſetzen, eifern ſehr uͤber ihre vaͤterliche Satzungen. Solche ſind an - faͤnglich faſt alle die, ſo aus vorigen 4. Claſſen ſich zu GOtt umwenden, wie an dem lieben Benjamin und vielen andern zu ſehen. Dieſer Zuſtand iſt der Vorhof der Jſraeliten, und die erſte Huͤtte, dadurch man ins Heiligthum paßiret. 2 Tim. 1, 3. Phil. 3, 6. Solche ha - ben wol ein rein, aber nicht ein gut, ruhig, ſelig Ge - wiſſen, (wie hernach 1 Tim. 1, 5. Hebr. 13, 18.) ſie haben Schuppen auf ihren Augen, und werden nicht inne, was vor Hitz und Blitz in den Worten der Zeugen GOttes ſey: bis ſie JEſus vom Himmel anſchreyet. Jn ſolchen mag die Suͤnde der Unkeuſchheit wol etwa als todt lie - gen und ſchlaffen, weil ſie Satan in einem andern ſub - tilen ſtrick der eigenen Gerechtigkeit gefangen haͤlt: ſie iſt aber darum nicht ausgefeget.
  • 6. Geſetzliche, die gegen GOtt und Menſchen aufrichtig ſind, und ſich des Singens, Betens, Leſens und ande - rer Heilsmittel zu ihrer Aufmunterung bedienen; dar - an auch nicht hangen bleiben, ſondern zum rechten En - de zielen und hungern, nemlich, zur neuen Creatur undeinem746Anhang zum dritten Theil,einem ſtets waͤhrenden innern Gottesdienſt. Dieſe em - pfinden inwendig Hertzeleid, davon ſie uͤber alles durch Chriſti Huͤlfe errettet zu ſeyn ſich beſtreben. Sie ſind noch Kinder des alten Bundes unterm Geſetz am Berg Sinai, erblicken bisweilen von weitem etwas vom Berg Zion, es vergehet ihnen aber bald wieder; ſie ſe - hen ſich nach wahrer gruͤndlicher Heiligkeit und gantz neuer Schoͤpfung um; verzagen an eigenen Kraͤfften und wuͤrcken; uͤbergeben ſich Chriſto gantz und gar: indeſſen macht ihnen der ſtarcke Rauch Sinai noch alles ſehr dunckel: dahero ihr Aengſten nach Chriſto oft ſehr zwei - felhaft wird. Dieſe ſind ſchon begieriger nach der Evan - geliſchen Lehre, ſind aber noch weit vom ſieg uͤber die Unkeuſchheit: denn dieſe Suͤnde in ihnen nimt Anlaß am Gebot, und erreget in ihnen allerley Luͤſte, die ſie nicht vermoͤgen auszuwerſen, weil die goͤttliche Glau - benskraft noch nicht in ihnen iſt, wie Paulus dieſen Zuſtand gar lebendig beſchreibet Roͤm. 7, 7-23. JEſus ruft aus tieffer Erbarmung dergleichen arme, von Un - keuſchheit, Zorn und andern Suͤnden uͤbelgeplagte Leu - te zu ſich, Matth. 11, 28. und verheiſſet ihnen Ruhe.
  • 7) Anfaͤnger in JEſu Schule, die unterm Zug des Va - ters zur wahren Demuͤthigung gelanget, und aus Trieb ihres unbeſchreiblichen Elendes zum allgemeinen Heilan - de der Welt wircklich gekommen, und ſich in ſeine Cur voͤllig uͤbergeben haben. Solche Menſchen nimmt JE - ſus gern auf, vereinigt ſie durch ſein eigen Blut, und macht ſie zu ſeinen Nachfolgern, Joh. 1, 12. cap. 12, 32. cap. 13, 8. Da, da iſt erſt nicht nur Luſt und Vorſatz, den alten Adam zu creutzigen und alles auszuſtehen, was Teufel und Welt gegen ſie vornimmt: (welches die er - ſte Halle des Chriſtenthums iſt, als der Stand der Rei - nigung, darinn ſie GOttes| Treue erfahren, uud daß alles, was GOtt mit ihnen anfaͤngt, auf ihr Wohlſeyn abzie - le, Tag fuͤr Tag einſehen,) ſondern hier iſt die endliche voͤllige Uebergebung in JEſu Hertz und Sinn, und die heilige Vermaͤhlung mit ihm. Dieſe verlangen nun nicht mehr empfindliche Suͤßigkeiten; ſintemal Chriſti Wohlgefallen ihre ſeligſte Zufriedenheit iſt. Wann ſie alſo darinnen treulich ausharren, ſo wird endlich Chri - ſti Geſtalt in ihnen ausgeboren, und in dieſem, erſt in dieſem allen leidet die Unkeuſchheit einen gewaltigen Stoß und toͤdtlichen Hieb.
  • 8) Das koͤnigliche Prieſterthum; Leute, die von einer Klarheit zur andern fortſchreiten, in denen JEſus lebt, denen die Welt untern Fuͤſſen liegt. Dieſe ſind ein Chor unſichtbarer Koͤnige in Zion, deren die Welt la -chet747C 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. chet als lediger Fantaſten. Laß ſie ſpotten, laß ſie lachen; GOTT, mein Heil, wird in Eil ſie zu Schanden machen.

4) GOttes Kinder ſelbſt wiederſtehen ſeinen guten trieben nur allzuoft, erbittern und betruͤben den heiligen Geiſt. Pſ. 63, 10. Eph. 4, 30. Sie vergeſſens, daß ſie in ſeiner Gegenwart ſeyn; ſie verſtecken ſich vor ihm; geben dem Fleiſche Gehoͤr und laſſens gehen; wenden das Geſicht ab vom Eindruck der Gnade; wenigſtens bleiben ſie nicht allezeit in aller der Welt Verlaͤugnung, die man haben muß, um ſich vom heiligen Geiſt weiſen zu laſſen; es menget ſich noch ſo viel vom Cigenwillen darunter, ſo dem Werck GOttes ſeinen Gottge - ziemenden Glantz und heilige Schoͤnheit ſehr be - nimt. Da ſpuͤren ſie wohl, daß ſich der Friede und die Freude im heiligen Geiſt verliere, und daß ſich der, ſo ihr Hertz lebendig machte, von ihnen entſerne: da dencken ſie an GOtt, beten, und ſchreyen: wie lange! O HErr! wie lange! Sie haben weder Raſt noch Ruh, bis ſie ſich wie - der unter der Hand ihres himmliſchen Geleits - mannes befinden, dem ſie hinfuͤro in aller De - muth, Zuverſicht und Folgſamkeit begegnen, nach - dem ſie erfahren, wie ſehr ſie eines ſo weiſen und maͤchtigen Fuͤhrers beduͤrffen; dann ſchaͤtzen ſie fich die ſeligſte Leute zu ſeyu, deſſen Geleit zu ha - ben.

VII. Eruſtliche Frage.

Ach wie muß ichs denu machen, daß ich mich in allen meinen Kaͤmpfen, Noͤthen und Anfechtungen ſeines Beyſtandes zu erfreuen habe?

Antwort.

1) Erkennen, daß du dich ſelbſt nicht regieren koͤnneſt, ja daß von Natnr nichts in dir ſey, daßdich748Anhang zum dritten Theil,dich nicht vom guten Wege abtreibe, und ſich dem von GOtt zugegebenen Fuͤhrer widerſetze: das ſoll dich lehren deinem eigenen Wiſſen und Wol - len abſagen. Je mehr ein Schulkind ſeine Hand ſteiffet, und dem Meiſter nicht zu fuͤhren uͤberlaͤßt, je ſchlechter wird die Schrift. Das Wachsthum in der geiſtlichen Lehre beſtehet in voͤlligerer Ueber - gabe an die Regierung des heiligen Geiſtes. Wo nun ein Kind GOttes zwar voll guten Vorſatzes und immer im Guten beſchaͤfftiget iſt, aber nicht durchaus an der Wirckung des heiligen Geiſtes hanget, und ſich fuͤrchtet, es moͤchte etwas geden - cken oder reden, das Chriſtus nicht in ihm gewirckt habe: Da kanns ja leichtlich zu einem groben Feh - ler gebracht werden. Roͤm. 15. 1 Cor. 2. Was iſt aber das vor eine himmelſteigende Miſſethat, ſich dem heiligen Geiſt Chriſti gantz entreiſſen und vom Teufel zur Unkeuſchheit bewircken laſſen?

2) Stets gedencken, die heilige Schrift ſey un - ſer Reiſebuch, wohin und wodurch wir muͤſſen. Pſalm 119, 54. 105. Und dieſemnach leite der innere Fuͤhrer durch die Schrift und nicht anders. 1 Joh. 4, 1. Welches wohl zu mercken wider die ſataniſche Jrrgeiſter, die aus den abſcheulichſten Unflaͤtereyen groſſe Geheimniſſe und Zeichen der Zeiten machen doͤrfen, und ſie mit heiliger Schrift ſchmuͤcken: dis ſind entſetzliche Gotteslaͤſterungen, die billig obrigkeitlicher Straffe anheim fallen, als eine greuliche Peſtilentz guter Sitten und aller Gottesfurcht, ſo die Religion unſers HErrn JE - ſu Chriſti austilget.

3) Der Schluß muß mithin ſtandhaft gemacht ſeyn, in dieſer lauteren Abſicht bis ans Ende zu beharren, in Chriſto JEſu zu GOtt zu nahen; und den Weg den Er uns fuͤhret, mit demuͤthigerBe -749C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. Begierde unſerm Geleitsmann in aller Treue nachzufolgen wohin er will ꝛc. Offenb. 14, 4. Nun iſt dieſer Weg heilig, kein unreiner gehet darauf, Jeſ. 35, 3. ſondern allein die Jungfrauen des Lammes, die mit Weibern nicht befleckt, ſondern Erſtlinge GOttes und Chriſti ſind.

4) Wer der Regierung des heiligen Geiſtes taͤglich genieſſen will, muß auf GOttes Stimme fleißig mercken, und horchen an ſeine Thuͤr. Pſal. 8. Pſalm 16, 7. 85, 9. Wer ſich zu der Stimme GOttes gewoͤhnet, dem kommen die Verſuchun - gen zur Unkeuſchheit eben vor wie das hoͤlliſche Drachengeheul aus dem Abgrund, und wie das Zettergeſchrey der Verdammten. Himmliſch Weſen! laß geneſen mich in deiner Gegenwart, und hergegen gantz ablegen Eſaus Welt ge - ſinnte Art, die das Brauſen liebet drauſſen, und ſich nicht vorm Feind bewahrt.

5) Darmit iſts aber nicht genug: man muß ſich auch folgſam einſtellen, wie David dem heili - gen Geiſt getreu war, und that ſeinen Befehl. Pſalm 27, 8. Wer ſich aber vom toͤdlichen Ge - ſtanck des hoͤlliſchen Rabenaaſes der Unkeuſchheit ſtaͤrcker ziehen laͤßt, als vom heiligen Gnadenzug des himmliſchen Koͤniges: der hat harte Strei - che zu gewarten. Jac. 4, 17. Luc. 12, 47. 48. Wer den heiligen Geiſt nicht mit freudigem Ge - horſam erfreuet, der wird gewaltiglich betruͤbet werden. Eph. 4, 29. 30. O HErr du biſt ge - recht, und gerecht ſind deine Gerichte! wer ſolte dich nicht fuͤrchten o du Koͤnig der Heili - gen, und deinen Namen preiſen? denn du biſt heilig, und deine Urtheile ſollen offenbar werden.

6) Es iſt unter der Herrſchaft des heiligen Gei -ſtes750Anhang zum dritten Theil,ſtes gar ein lauteres einfaͤltiges Weſen, wie der Himmel, wanns klar iſt: wo aber dieſes nicht ge - achtet und tieff reſpectiret wird, da heget man ſo viele Nebenabſichten, weichet alleweil von der Bahn der Heiligkeit neben aus, und gehet nicht den kuͤrtzeſten und geradeſten Weg zu GOtt. Die vielen Sproſſen ſtehlen ſo viel Safts hinweg, daß die Trauben der Keuſchheit und aller Gnadenwir - ckungen nicht ſo ſuͤſſe und vollkommen werden. Jch rede hier nicht von den luaen und Heuchlern, die GOTT und die Welt zuſammen vereinigen, und beyde haben wollen, und JESUM mit ver - rauchtem Eßig traͤncken, auch den unkeuſchen Fantaſeyen oͤfters wiederum aufwarten und nach - hengen: dann an ſolchen ungeordneten Menſchen hat Chriſtus einen Eckel, Offenb. 3, 16. und ſol - che haben kein Chriſtenthum: ſondern ich rede von den leichtſinnigen ausſchweiffenden Gedancken, die uns aufhalten von JEſu redlicher Nachfolge, 2 Cor. 11, 3. die David haſſete. Pſalm 119, 104. 113, 128. Es laͤßt ſich nicht ſchertzen mit dieſer grauſamen Natter der Unkeuſchheit, noch ihr hier - in oder darin nachgeben und flattiren: die Seele muß ihr recht entriſſen ſeyn, und ſie auf ihren er - ſten Anbiß ins Feuer der Vertilgung ſchlenckern.

7.) Wirſt du inzwiſchen uͤbereilet und hinter - ſchlichen, alſo, daß du falleſt, und dich von dem ſteiffen Vorſatz goͤttlich und heilig zu leben, und von dem ſchmalen Weg, der zum Leben fuͤhret, verir - reſt: ſo muſt du 1) dich aufs neue demuͤthigen, und mit ſchmertzlichem Leiden erkennen und geſtehen, daß dein Hertz noch nicht rein ſey; derowegen zu GOtt deſto duͤrſtiger fliehen durch JEſum Chri - ſtum, daß er ein neu und rein Hertz in dir ſchaffe, und daß JEſus Chriſtus doch den himmliſchen Va -ter751C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. ter allezeit in Hulden behalte, damit er den heiligen Geiſt nicht gar wieder wegnehme, und der Glaube aufhoͤre. 1. Joh. 2, 1. 2. Luc. 22, 32. 2 ) Noch ernſt - licher wachen und beten, zumahlen die Uebereilun - gen dich eben ſo wenig entſchuldigen, als einen un - achtſamen Soldaten. Du ſolt die Feinde uͤberei - len, und nicht die Suͤnde dich. 2. Sam. 3, 24. Eſau und Ruben haben aus Uebereilung die Erſtgeburt verſchertzt: ja auch der heilige Moſes hat ſich wegen einer Ubereilung des Landes Canaan verluſtig ge - macht, Pſalm 106, 32. 33. Das wiederholte Stol - pern bricht dir zuletzt den Hals. Wer ein oder zweymal uͤbereilt worden, ſoll nachgehends ja end - lich klug ſeyn; ſonſt gibt er an den Tag, daß er nicht wiedergeboren, und daß ſein Chriſtenthum ein Spiegelfechten ſey; er wird demnach vom Koͤnig als ein arger Schalck zum Halsgericht verurthei - let werden. Darum iſts hohe Zeit, daß du meh - rern Ernſt und Treue in dem geſchloſſenen Bund mit GOtt beweiſeſt: wo nicht, ſo wiſſe, das aus vielen kleinen Steinen endlich eine Centnerlaſt wird, die dich zur Hoͤllen druͤcket. 3) Deßhalben verweile nicht einen Tag laͤnger, den Geiſt der Kindſchaft, der dich etwa getroͤſtet und in die Hei - ligkeit GOttes verliebt gemacht, wiederum um ſei - ne unuͤberwindliche Kraft und Sieg - und Segen - reiche Regierung zu erſuchen; daß er dir mehrere Vorſichtigkeit verleihe, damit du doch nicht ſo gleich wieder verliereſt, was du erarbeitet, und das glo - rioͤſe Werck der Erneuerung nicht ſo liederlich al - lezeit wieder verderbeſt. Dann, wann wird doch immermehr das ſchoͤnſte Contrefait des Koͤniges der Ewigkeiten in dir koͤnnen erſcheinen, wenn du ihm ſeine goͤttliche Arbeit immer wieder mit dem unreinen Koth der Luͤſte beſchmitzeſt und beſpruͤ -tzeſt752Anhang zum dritten Theil,tzeſt? Auf die Weiſe bleibeſt du heuer wie vorm Jahr; was wills denn zuletzt mit dir werden? viele Luͤſtlein machen Eſaus Linſenmuß. Wilt du lieber nach verfloſſener Gnadenzeit deine Stimme aufheben und bitterlich weinen und heulen: als jetzt im Gebet unermuͤdet anhalten, daß dir GOtt eine Hertz aͤndernde Reue gebe, und alle knechtiſche Furcht aus dir vertreibe? O gewißlich, nichts iſt auf der Welt und im Himmelreich, daß dich ſo maͤchtig vor deinen Seelenfeinden und Buſenſuͤn - den verwahren wird, als wann du die Suͤßigkeit der himmliſchen Kindſchaft ſchmeckeſt. 4) Nach - dem du dich alſo aufs neue in GOtt geſtaͤrcket; ſo ſetze die Reiſe im Glauben, Demuth und Ein - falt freudig fort, bis auf den Berg GOttes Ho - reb; 1 Koͤn. 19. mit Paucken und mit Harffen, daß dich GOtt vor ſo vielen tauſenden ſo hoch ge - benedeyet, und dir ſeinen ewigen Geiſt zum Ge - leitsmann, Fuͤhrer und Wegweiſer zugegeben hat.

VIII. Klagende Einwendung eines verzagten. Jch habe es oft probiret: es will mir nicht gerathen, daß ich ſiege?

Antwort:

1. Es iſt dir nicht Ernſt, darum gelingts dir nicht Matth. 23, 27. 28. 2 ) Man behaͤlt ſich alleweil etwa eine Suͤnde vor; aber wiſſe, daß der kalte Brand toͤdtet, wenn er auch nur am kleinſten Finger waͤre, 3) Du biſt traͤge, wirſt muͤde und verzagt, ſo bald ſich das Boͤſe nur ein wenig wehret. 4) Du wilt nichts leiden, nnd JE - ſu nicht im Leiden ſtille halten. Du haſt kein Hertz vor den Himmel; die Erde nimmt die mei - ſte Zeit und Gedancken weg: daher bleibeſt du voll unterkothigter Eitergeſchwuͤre Jeſ. 1, 6. Unddie753C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. die Suͤnden bleiben immer als Fluchmeſſer in der Seelen ſtecken. Aller Wuſt der Unſauberkeit wim - melt in dir, und du wirſt ſehen, welchen du mit deinem halsſtarrigen Eigenſinn durchſtochen haſt? Offenb. 1, 7. Wie oft thuſt du des Fleiſches Wil - len! Wie viele Chriſto widrige Gedancken ereig - nen ſich nicht in dir! Wie wenig haſſeſt du was die heilige Schrift verwirft! Wie unandaͤchtig biſt du im Gebet? Wie wenig ſchickeſt du dich ins Lei - den! Wie ſehr ſcheueſt du das blutige Ringen wi - der die Suͤnde? Hebr. 12, 4. Wie verblendet dich die Eigenliebe, daß du gleich meineſt, die Suͤn - de ſey uͤberwunden, die ſich doch nur ein bisgen verborgen haͤlt; daher ruckts ſo langſam mit dem Glauben und Liebe fort, und das neue Weſen ſie - het ſo gar ſchlecht aus.

Derowegen muſt du dich demuͤthigen vor Chri - ſto, einen Eckel an dir ſelbſt haben, an GOtt ſtets hangen, und friſchen Muth faſſen. Pauli Laͤr - mengeſchrey ſchalle immer in die Ohren: toͤdte, toͤdte! ſchreye auch mit einem hefftigen Lobge - ſchrey zu GOtt, ſo oft er dich von einem Fall zu - ruͤck ziehet; gehe viel mit Chriſto um, ſiehe ihm zu, wie er die Suͤnde getoͤdtet, und bete im Creutz, daß es ein geſegnet heilig Mittel ſeyn moͤge al - les abzuſchneiden.

Beſinne dich wohl! Suchſt du alle deine Nei - gungen auf, ſie moͤgen dir noch ſo viel Gewinn, Nutzen, Anſehen, oder Wohlluſt bringen; es ſey Falſchheit, Verleumdung, Groll, Hochmuth, Geitz oder unreine Luͤſte und ſchnoͤde Unzuchts - flammen? erkenneſt du deren Greuel? gibſt du ſie bey Chriſto klaͤglich und wehmuͤthig an? zie - heſt du ſie hervor ins Licht ſeines Angeſichts? zaͤumeſt du dein Fleiſch? thuſt du ihm ſchmertz - lich wehe, alſo, daß du dem wuͤſten Unthier nie -III. Th. Betr. der Unreinigk. B b bmals754Anhang zum dritten Theil,mals nachhengeſt? wirſt du der Unkeuſchheit nie zu Willen? ſieheſt du die Reitzungen an als Naͤ - gel und Geiſſel, damit GOttes Sohn gepeiniget worden? faͤhreſt du alſo in dieſen heiligen, GOtt angenehmen Geſchaͤften immer fort, bis die Suͤn - den weggehen? und zwar nicht aus natuͤrlichem Eckel des Temperaments, oder nur aus weltlichen Abſichten, die Ausbruͤche hinterhaltend; ſondern die geheimſten Gedancken des Hertzens erſtickend. Wo ſind die getoͤdteten Feinde? wo die Sieges - ſeulen? wo die Zeugen deiner Vereinigung mit JEſu dem Gecreutzigten? Wer dem heitern Wort GOttes zuwieder der geringſten Unart und Unſauberkeit ſchonet, und ſie nicht haſſet und laͤſ - ſet, der kann ſich der Wiederkunft Chriſti zum Gericht ſo gar nicht troͤſten, daß er vielmehr, ſo viel an ihm iſt, creutziget; wen? den Sohn GOt - tes; er trittet mit Fuͤſſen; was? das Blut des Bundes; er ſchmaͤhet; wen? den Heil. Geiſt der Gnaden. O himmelſteigender Greuel! Er vernichtiget Chriſti Creutztod, verleugnet deſſen Kraft, verſetzet die Gnade GOttes zur Geilheit, als ob Chriſtus geſtorben waͤre, dieſer oder jener Suͤnde in ihm (dem ungehorſamen Menſchen) das Leben zu erhalten. O gewiß! wem JEſus nicht alhier auf Erden zur Heiligung wird, dem wird er auch nicht zur Erloͤſung am juͤngſten Tag.

Schone nur der Suͤnde, oleichtſinniger Menſch! wie Saul des Agags: aber wiſſe, daß dich der HErr vom himmliſchen Koͤnigreich verwerfen wird. Entweder muſt du den Himmel oder die Suͤnde aufgeben. Wo du nicht allen Suͤnden das Genick zerbrichſt, ſo werden ſie dirs zerbre - chen: ſo wehle nun was dir lieber iſt. Ey wie kannſt du eine Stunde froͤlich ſeyn in ſo grau - ſamer Gefahr deiner Seelen? wie magſtdu755C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. du noch einen Tag auſſer JEſu Chriſto leben? GOtt will nicht den Tod des Suͤnders, aber wol der Suͤnde: du aber wilt (GOtt zu Leid und Trotz) der Suͤnden Leben und deiner Seelen Tod! O de - rowegen kuͤndige doch allen Suͤnden den Krieg an! Wache, bete, kaͤmpffe bis du obgeſieget! Ey warum wolteſt du nicht alles, was GOttes Feind, alles, ſo | da dem Sinn und Lehre JEſu zuwieder, auch fuͤr deine Feinde erklaͤren? Denn

1) Traͤume nicht in GOttes Gunſt und Frie - den zu ſeyn, ſo lange du Freundſchaft haͤltſt mit ſeinem Feinde. Laſſe dich die ſchmeichelnde Suͤn - de nicht verfuͤhren; ſcheinets jetzt eitel Gold und Honig, ſo iſts deſto gefaͤhrlicher, und liefert die Seele dem ewigen Tode uͤber. Die Luͤſte haben dem Adam und uns allen einen toͤdtlichen Streich verſetzt, uns von GOtt getrennt, und erregen gar zu boͤſe Verwirrungen.

2) Bedencke, wenn jemand im Sinn haͤtte dich zu ermorden, wenn er dir deine Aecker und Re - ben verderbete, oder eine ziemliche Summa Gel - des raubete; wie ſehr wuͤrdeſt du ihn haſſen? Aber welches ſind denn die rechten Moͤrder und Diebe? Die Fleiſches-Luſt iſts mit allen ihren Arten und Ausbruͤchen: dieſe ſtehlen nicht nur die ſuͤſſe Em - pfindung der Huld GOttes, und ſo viele himmliſche Segen und Gnaden-Gaben, ſondern GOtt und den Himmel ſelbſt, daß du weder an GOtt noch Chri - ſto und ſeiner Seligkeit einen Theil haben kannſt: ſolſt du dis nicht haſſen? So dich jemand grob und empfindlich beleidigte, oder deine Ehre und guten Namen verletzte: wie wuͤrdeſt du aufbren - nen? (welches zwar abermal nicht Chriſtlich waͤ - re: denn Rachgier, Geitz und Stoltz muͤſſen ſo wol als fleiſchliche Begierden gecreutziget werden.) Jndeß ſiehe doch! dieſe greiffen dich ſo gar an dei -B b b 2ner756Anhang zum dritten Theil,ner hoͤchſten Ehre an; alſo, daß, an ſtatt daß du GOttes Kind und Chriſti Bruder heiſſen koͤnteſt, du ein Seelendieb, Selbſtmoͤrder und Satans Sclave geſcholten werden muſt. Siehe! hier ſolſt du dich raͤchen. Dieſe Rache iſt heilig, eben wie Jſraels wider die Cananiter. Warum wilſt du erſt lange derer ſchonen, die dich nicht nur ums zeitliche, ſondern ums ewige Leben gewißlich brin - gen werden? Roͤm. 8, 6-13. 1 Koͤn. 20, 39. Jo - hanan warnete heimlich den Gedalia und ſprach: Lieber, ich will hingehen und Jſmael erſchlagen, daß es niemand erfahren ſoll: Warum ſoll er dich erſchlagen? Aber Gedalia ſprach: du ſolt das nicht thun: es iſt nicht wahr, das du vom Jſmael ſa - geſt, Jer. 40, 15. 16. O wie mag er ſeinen Unglau - ben bereuet haben, als er ſahe das Schwerdt durch ſein Eingeweide dringen! Eben alſo wird man - cher in der Hoͤlle zaͤhnknirſchen, daß er GOttes Warnung nicht geglaubt, wenn das gluͤende Mord - ſchwerdt der Unkeuſchheit durch ſeine Seele faͤhrt. So dich jemand muthwillens in einen gluͤenden Ziegel - oder Backofen ſtuͤrtzen wolte, oder dir allenthalben mit dem Degen aufpaſſete: wuͤrdeſt du dich nicht huͤten und fliehen, wo du ihn erblick - teſt? nun ſchonet die verſchonte Suͤnde niemand mit ewigem Feuer, ſie wartet mit dem Mord - meſſer auf deiner Pilgrimſtraſſe, und paſſet dir auf, dich zu erwuͤrgen: und du kanſt ſie ſo gelin - de und zaͤrtlich tractiren?

3) Laͤſſeſt du die Suͤnden gehen, ſo ſchlagen ſie dich ans Creutz. Schweigeſt du und ſchreyeſt nicht zu JEſu: O JEſu! creutzige dieſe und je - ne Suͤnde in mir! ſo ſchweiget die Suͤnde nicht: und ob ſie ſchon jetzt flattiret, alles Gutes verheißt, Hoſianna ruft; ſo wird ſie dermaleinſt nur deſto ſtaͤrcker ſchreyen: weg mit ihm ins ewige Feuer! De -757C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. Derowegen fahre doch beyzeiten ab mit der Suͤn - de: ſo kann ſie dir nachwerts kein Leid zufuͤgen, wenn ſie einmal vertilget iſt.

Dieſe Gegenwehr unterlaſſen bringet unendli - chen Jammer. Wo wilt du alsdenn bleiben, wenn du ewig ausſtehen muſt, was JEſus gelit - ten? wenn du als ein Fluch GOtt und Menſchen zum Schauſpiel wirſt, und der ewige Tod als ein Wurm dich naget? O Jammer! im Tode aus der Zeit in die Ewigkeit wandern! gehoͤreſt du alsdenn nicht JEſu an, ſo biſt du des Teufels, und dein Theil iſt ewig Feuer, Grimm und Ver - zweiſelung. Ach wo wilt du hinfliehen, wenn JEſus im Gericht ſaget: du biſt nicht mein, wei - che von mir! wenn Himmel, Hoͤlle, Erde, Meer, wider dich wuͤten, und wenn dich alle Creaturen verlaſſen muͤſſen, wenn ſich JEſus deiner nicht annimmt?

4) Bedencke, daß die kleineſten Suͤnden Dor - nen, Speer und Naͤgel ſind die JEſum creutzi - gen, Hebr. 6, 6. Wie wolteſt du ihnen denn zu Dienſte ſtehen, und in einem weg doch JEſum deinen Bruder, Vater, Braͤutigam, nennen? Kuͤſſet je eine Braut die Moͤrder ihres Braͤuti - gams? Behaͤlt je ein Sohn den Dolch, ſo von ſeines Vaters Blut rauchet? eine Schlange, die ſeinen Bruder umgebracht hat, im Schooß? Hat der auch ein Fuͤncklein Liebe GOttes und Chriſti in ſich, der ſeine Todtfeinde in der Hertzenskam - mer ſicher hauſen und wohnen laͤßt? Alſo zeigeſt du ja, daß du mit dem Zorn, Geitz - und Huren - teufel wider JEſum zuſammen geſchworen haſt. Ach meineteſt du es redlich mit Chriſto; du wuͤrdeſt dich als ſein naher Blutsfreund weidlich an ſeinen Feinden raͤchen. JEſus iſt dein Koͤnig, den dir das Evangelium, als von deinen Suͤnden ermor -B b b 3det,758Anhang zum dritten Theil,det, vor Augen mahlet: ſoll er dir nicht lieber ſeyn als Julius Caͤſar den Roͤmern, die durch das Anſchauen ſeiner blutigen Kleider wider die Kayſermoͤrder ergrimmet? Und du wolteſt JEſum noch ſelbſt mit fleiſchlichem Weltſinn beleidigen, und deine Haͤnde in ſeinem Blut waͤltzen! o ſchaͤ - me dich, der du ein Chriſt heiſſeſt, und dich Chri - ſti Juͤnger zu ſeyn ruͤhmeſt! Dencke doch, wenn Petrus oder Johannes JEſum ans Creutz gehef - tet haͤtten! und du wolteſt das thun, ſo viel an dir iſt? o das ſey ferne! es ſoll dich bis auf den Tod gereuen, das ſolche Uebelthaten in vergangener Zeit geſchehen ſind.

5) JEſus hat die Suͤnde bereits zum Tode ver - dammt, und mit ſich ans Creutz gehencket, und dir alſo Kraft erworben ſie zu creutzigen: ſolteſt du einem verdammten Maleficanten das Leben ſchen - cken, da es JEſum ſo viel gekoſtet, denſelben zu toͤdten? ey was? die Suͤnde lieben, die JEſus ſo heftig haſſet, daß er lieber ſterben wolte, als ſie beym Lehen laſſen? was? einen verruchten Verraͤ - ther verbergen, und hernach ſeinetwegen dem Hen - cker uͤbergeben werden? Nein, nein, liebe Seele, mache der Suͤnde in GOttes Namen den gar - aus, nachdem ſie JEſus am Creutz gelaͤhmet und entkraͤftet. Wer wolte einen aufgehenckten Schel - men mit ſich heim ſchleppen? Faſſe doch einen fri - ſchen Muth und ſchlage auf die hoͤlliſchen Moͤrder, bis zu ihrer voͤlligen Zerſtoͤrung!

6) Jm Gegentheil iſt allen recht kaͤmpffenden ein unausſprechlicher Troſt beygelegt. JEſus haͤlt ſie fuͤr ſein Eigenthum, Kleinodien und Kin - der. Da kanſt du alle Puͤffe muthig auslachen, Jeſ. 43, 1. 2. Zach. 2, 5-8. Wer an nichts hanget, der fliegt wie eine entrunnene Taube zu JEſu. Und o wie ruhig ſcheidet derjenige von hinnen, dem dieerſchla -759C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. erſchlagene Seelenfeinde das Zeugniß geben muͤſſen, daß er wider ſie bis aufs Blut geſtritten, ja daß JEſus in ihm dieſe Niederlage gemacht habe! Von des Fleiſches Creutzigung hat man ſchon hier einen unvergleichlichen Vortheil: ſinte - mal die ungetoͤdteten Luͤſte die Seele fort und fort quaͤlen; ſie des ſuͤſſeſten Geſchmacks der Liebe JE - ſu und der Freude im Heiligen Geiſt berauben; die Begierden beunruhigen, und unerſaͤttlich ſind: die Verleugnung aber bringt tieffen Frieden. Ver - ſuche es nur, ſo wirſt du der Erfahrung glauben.

7) Laß dichs nicht reuen, daß es ein wenig ſchmertzt: Was ſind alle Schmertzen gegen die Schmertzen Chriſti? biſt du zaͤrtlicher als er? das bittere wird zuletzt gar ſuͤß, und bringt die ſe - ligſten Fruͤchte. Ein bitterer Tranck, ein ſchmertz - licher Schnitt errettet vom Tode. Brich dero - wegen deinen Willen, zwinge dich, bis die Suͤn - de am Creutz JEſu verblutet. Du muſt dich ſchlechterdings dazu reſolviren, und das bey Zei - ten, ehe es zu ſpaͤt iſt. Es kann und mag kurtz - um nicht anders ſeyn. Die Haare ſolten einem Zau - derer, Traͤumer und Faulentzer zu Berge ſtehen, wann man den Ausſpruch GOttes lieſet: Ezech. 24, 11-14. Alſo gehts denen, ſo das gute Gewiſ - ſen und alle Schamhaftigkeit von ſich ſtoſſen, ſich den Befleckungen vorſetzlich verkauffen, daß ſie ſelbige endlich behalten und in die Ewigkeit mit ſich nehmen muͤſſen; zu grauſamer Schmach und Schrecken, da die roſtige Seele ewig in der tief - feſten Hoͤllenglut ſitzen muß. Laſſe es denn um GOttes willen nicht auf dieſe heiſſe Feueroͤfen und hoͤlliſche Schmeltztiegel ankommen; ſondern weil du noch Zeit haſt, ſo ringe nach gaͤntzlicher Hertzensreinigung. Weil du noch gereiniget wer - den kannſt: ſo nimm die Heiligung mit hoͤchſtemB b 4Danck760Anhang zum dritten Theil,Danck auf den Knien an. Das Werck iſt groß und langwierig: die Zeit aber dazu gar kurtz. Darum eile ja die Sache zu beſchleunigen, Hebr. 12, 12. Damit du am Abend deines Lebens fertig ſeyſt, und dieſe todte Unthiere dich nicht mehr beiſſen noch reiſſen koͤnnen; und damit du alsdenn ohne Suͤnde getroſt vor GOtt ſtehen, nach vollendetem Streit und Arbeit in GOttes Schooß ausruhen, aus dem Bach ſeiner Wolluͤſte trincken, und ewig mit Chriſto herrſchen moͤgeſt. Eile! die Zeit iſt wahr - lich kurtz.

IX. Wiederholter Einwurf und Klage.

Wann ich gleich des ſteiffeſten Vorhabens bin, mich zu reinigen von allen Befleckungen des Fleiſches und des Geiſtes, und mich auch ernſt - lich wehren will, ſo falle ich doch!

Antwort:

1) Muſt du die Gelegenheiten meiden. Wenn du merckeſt, daß dir deine Augen oder Ohren verwun - dende Pfeile ſind: ſo ſchlieſſe ſie zu; fliehe alles, was auch nur das geringſte Flecklein in dein Schnee - weiſſes Kleid ſpritzen kann. 2) Bleibe in JEſu, da - mit du in ſeiner Huͤtten verborgen ſeyſt vor der Pe - ſtilentz, ſo im Finſtern ſchleichet, und vor der Gift - ſeuche, die im Mittag verderbet. Pſ. 91, 9. Oft meint der arme Menſch, er ſey nunmehr durch Chri - ſtum befreyt; der Strick ſey zerriſſen; nun werde ein ſteiffes Anſchauen, ein Handdruck, ein Kuß ꝛc. nicht leicht ſchaden; die Luſt ſey erſtorben, man fuͤhle ſo wenig davon, als ein Kind in der Wiegen ꝛc. Aber kaum gibt man ſich nur einige Erlaubniß: ach ſo faͤllt gleich alles uͤbern Hauffen, woran man ſo lan - ge gebauet, wie die Schindelhaͤusgen der Kinder, wenn nur ein Fuß daran ſtoſſet.

Dem David war vom Teufel eine ſchaͤndlicheLotter -761C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. Lotterfalle geſtellet, darein er auch unvorſichtiger Weiſe gerieth. Wer haͤtte gedacht, daß ein ſo hei - liger, in GOttes Liebe ſo geuͤbter, und in der Gnade und heiligen Salbung ſo befeſtigter Mann capable ſeyn ſolte, Ehebruch und Mord zu begehen, und daß noch ein ſo abſcheulicher Unrath in ihm heim - lich ſteckte? Allein, weil er auf ſich ſelbſt bauete, ſo erlaubte er ſeinen Augen, die nackete Bathſeba zu erblicken, meinte wol nicht, daß er, ein ſo beruͤhm - ter Gottesmann, Schaden davon kriegen wuͤrde.

Darum iſt das Mittagsluͤftlein ſehr gefaͤhr - lich, wann man in allem wohl auf iſt, in der Glau - bensfreudigkeit, und in der empfindlichen Liebe - brunſt; da iſt man gar hoch erhaben im hellen Gnadenlicht: daher iſt der Fall deſto tieffer, und die geringſte Untreue wird deſto ſtrenger gerochen.

Wenn eine arme Bettelmagd von einem groſſen Koͤnig ſo hoch begnadiget wuͤrde, daß er ſie zu ſeiner Brant erkieſen moͤchte, und ſie alsdann ſich einbil - dete, eine geringe Untreue, etwa ein Nebenblick, koͤnne ſie nicht aus der hohen Gunſt in Ungnade ſtuͤrtzen: ſo muͤſte ſie durch Verſtoſſung in ihren vo - rigen Bettelſtand wol inne werden, daß ein ſo ro - her Leichtſinn dem Koͤnige ſein Hertz tieffer verwun - det, als die groͤſte Miſſethat eines gemeinen Unter - thanen. Eben alſo iſt bey einem Chriſten ein un - vorſichtiger Kuß oder Anruͤhren des Fingers aus rei - tzender Luſt viel ſtraͤflicher, und Chriſto an einem er - leuchteten Kinde GOttes unertraͤglicher, als Hurerey und Ehebruch eines rohen Weltmenſchen. Dan - nenhero auch dieſer in ſeinem Gewiſſen bey weitem nicht ſo ſcharf gegeiſſelt wird, als Chriſti Freunde uͤber gering ſcheinende Verbrechen. Wenn Kinder GOttes, die ins Gnadenreich aufgenommen ſind, gegen die Erinnerung des Geiſtes der Kindſchaft angehen: ſo werden ſie von ihres him̄liſchen VatersB b b 5Tiſch762Anhang zum dritten Theil,Tiſch fortgejaget, u. wieder unter das Geſetz gethan, als unter ihren vorigen Zuchtmeiſter. Das Man - na der goͤttlichen Freude und des tieffen Seelenfrie - dens wird ihnen entzogen, und ſie werden gleichſam zu den Dienſtboten in die Kuͤche hin verwieſen, und ihr hochvergnuͤgter Umgang mit GOtt verlieret ſich. Da befinden ſie ſich aͤrmer und elender, als alle ge - ſetzliche Menſchen: gleichwie ein vom Vater zu den Knechten verſtoſſenes Kind betruͤbter unter ihnen ausſiehet, als ſie alle.

Derowegen freue dich allezeit mit Zittern, und ſey niemals mehr auf deiner Hut, als wann die Gnade uͤber deinem Haupt am heiſſeſten ſcheinet; alsdann ſey am meiſten in Sorgen, wie einer, der einen ſehr koͤſtlichen Balſam in einem Glas uͤber eine ſehr unebene Gaſſe traͤgt, voll Augen iſt, daß er ja nirgends anſtoſſe. Springe du nicht; gehe ſachte; ſo bleibt der Schatz der reinen Liebe JEſu im Hertzen. Muthwille thut nie gut. Es koͤn - nen wenige die guten Tage weder im geiſtlichen noch leiblichen vertragen: ſie ſtolpern bald, und machen, daß der liebe und gute GOtt ſie hart halten muß, und nicht anders kann, wann er ſie nicht ver - derben will. Jſt dir hiemit wohl am Leib, und auch am Geiſt: ſo fuͤrchte dich alsdenn am meiſten, und dencke, es ſey keine groͤſſere Anfechtung, als ohne Anfechtung und Leiden ſeyn; bete um ſo viel deſto bruͤnſtiger: Vater, ach fuͤhre uns nicht in Ver - ſuchung, ſondern erloͤſe uns vom Boͤſen ꝛc. Nimmſt du dieſen guten Rath an: ſo magſt du wol vor einem ſchweren Fall bewahret bleiben. Jch nenne einen ſchweren Fall auch die geringſte Beleidigung JEſu, dadurch der hellleuchtende Leitſtern des troͤſtenden heiligen Geiſtes verfinſtert, und die jauchzende Freudigkeit in GOtt in Un - muth verwandelt wird. Ach wie ſubtil iſt dochdas763C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. das Leben JEſu in der Seele! es iſt keine Sache im Himmel noch auf Erden, dazu man eine ſo ernſthafte Sorgfalt haben muͤſte. Wer einmal in ununterbrochener Vertraulichkeit mit einem ſo heiligen GOtt leben will: der muß JEſum nie betruͤben, ſondern allezeit in Hulden und Gunſt behalten, damit er ſtets ſeine Weisheit, Gerech - tigkeit, Heiligung und Erloͤſung ſeyn moͤge.

3) Darum ſtehe in der Freyheit, damit dich CHriſtus befreyet hat, und laß dich nicht wiederum in das Joch der Knechtſchaft ein - zwingen. Gal. 5, 1. Thuſt du das geringſte dei - ner eigenen oder eines und einer andern Neigung zu geſallen: ſo gibſt du ſchon deinen Willen der Suͤnde, und ſie erwiſchet dich und ziehet dich zu ſich. Es gehet hie eben, wie es ein gewiſſer Moͤr - der machte; der war lahm an Fuͤſſen, hatte dage - gen gewaltig ſtarcke Arme. Wann nun ein reicher Kauffmann allein vorbey ritte, und er ſahe ihn von weitem daher reiten: ſo legte er ſich flugs in eine Schlammgrub hart an der Straſſe, und ſchrie er - baͤrmlich, er ſey dahinein geſuncken, man ſolte ihm heraus helfen. Stiege nun der Reuter ab, und der Moͤrder erwiſchte ihn nur beym Ermel oder kleinen Finger: ſo war er des Todes, und betrie - geriſcher weiſe erſtochen. Eben ſo machts der leidi - ge Satanas. Er iſt durch CHriſti Tod und Aufer - ſtehung gelaͤhmet: wo man ihm aber zu nahe kommt, hat er er grauſam ſtarcke Kraͤuel. Nun ſiehe, du reiteſt daher, biſt durch den Bund mit CHriſto uͤber das hoͤlliſche Heer erhaben. Der Teufel liegt im Schlamm des Fluchs mit ewigen Banden im Dun - ckeln. Dich traͤgt die Gnade GOttes, wie Kem - pis ſagt: Derjenige reitet ſanft, der auf GOt - tes Gnade einherfaͤhret. Du haſt auch theure Geſchencke von GOtt bey dir, und Schaͤtze desHeils764Anhang zum dritten Theil. Heils, auch herrliche Waaren, die du beym HEr - ren CHriſto haſt eingekaufft: die will dir Satan rauben. Weil er aber mit Gewalt nicht kann, ſo braucht er Liſt und Macht, Geitz, Zorn, Hoch - muth, und fuͤrnemlich die Unkeuſchheit zu Lockſpeiſen und Schlingen. Da ſteigſt du vom Pferde herun - ter; verlaͤſſeſt die Gnade unſers HErrn JEſu CHriſti, der dich ſo getreulich locket, ſtaͤrcket und traͤgt; wirſt treuloß an ihm; neigeſt dich vom Him - mel ſeiner Barmhertzigkeit hoͤllenwerts zur Suͤnde; meinſt, du wolteſt ihr nur ein klein bißgen nachhen - gen, und dich gleich wieder von ihr loß wircken, und aufs Pferd der gnadenreichen Ruhe in GOtt ſchwin - gen: (ungeacht du aus langer Erfahrung ſchon wiſſen ſolteſt, wie arg ſolcher Abfall von GOtt iſt, und in welche Noth er Leib und Seele bringet: ſintemal durch ſolche Einwilligung die Suͤnde wiederum aller - dings Recht und Anſpruch zu dir bekommt, laut des uralten Spruchs Petri, 2 Petr. 2. Von welchem iemand uͤberwunden iſt, des Knecht iſt er wor - den:) Dieſe ziehet dich in ihr finſter Stanckloch hin - ein, zwinget dich zu mehreren Gehorſam, beraubet dich der edlen Freyheit und macht dich zinsbar: da biſt du nun wie Simſon, der ſich lange gewehret, ehe er der Delila nur die Haarzoͤpfe ſeines Haupts anvertraute; kaum aber iſt dieſes geſchehen: ſo muſte er in ehernen Ketten gehen, und verlor ſeine Augen mit Spott und mit Schmertzen. Alſo machts die Unkeuſchheit, wo man ihr nur ein Haupthaar er - laubet.

Daß du aber nicht in ihren Feſſeln umkommeſt, das haſt du unſerm HErrn JEſu Chriſto immer und ewig zu dancken. Deſſen Hertz brauſet vor Mitlei - den und Erbarmung uͤber deine dumme Wahnſin - nigkeit, und gibt dir zu empfinden, wie das Ge - baͤude des Chriſtenthums allenthalben krachet, unduͤber765C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. uͤber deinem Kopf einzufallen drohet, und wie die Un - keuſchheit alles aufgerichtete Gute wiederum einreiſ - ſet. So bald du nur einen Fuß auf ihre ſchlipfrige Karrſtraſſe ſetzeſt: ſo gibt dir der heilige Geiſt ge - ſchwind zu fuͤhlen, daß du hinunter, dem hoͤlliſchen Feuerofen zuruͤtſcheſt. Das bringt dich alsdenn in Schrecken und Angſt, daß du zu CHriſto um Huͤlfe ruffeſt, und wolteſt, du haͤtteſt der Stimme des Herrn deines GOttes gehorchet; und ſeufzeſt nach dem vorigen wohlſeligen Zuſtand, da die Fackeln Jehova uͤber deinen Zelten leuchteten, und da dich die freudige Kraft des Glaubens umglaͤntzete, alſo daß die hoͤlliſche Philiſter auch auf das erſte bloſſe Jubelgeſchrey deines Loͤwenmuths fliehen muſten. Allein dieſes will dir die Unkeuſchheit, von der du dir einen giftigen Zauberſtrick haſt anwerfen laſſen, nunmehr nicht geſtatten; ſie gibt deinem Fleiſch einen Knipp, und will dich dadurch in ihrer Knechtſchafft behalten. Doch wenn du dich unter die Zuchtruthen GOttes tief demuͤthi - geſt, dich vor Himmel und Erden erbaͤrmlich ſchaͤmeſt, dich aufs neue ermanneſt, zu dem Brun - nen Jſraels lauffeſt, dich im Blut der Verſoͤh - nung badeſt, den 51. Pſalm mit Davids Sinn und Hertzen beteſt, und mit dem Vorſatz von al - ler Fleiſchesluſt ausgeheſt, GOtt allein mit allen deinen Gedancken zu lieben und ihm anzuhan - gen: ſo magſt du wol wieder zu rechte kommen, und Barmhertzigkeit finden bey dem GOtt Jſra - el. Du muſt indeſſen die Harfen aufhengen an den Weiden, und ein bißgen warten an den Waſ - ſern Babylons, biß du Zionslieder ſingen koͤnneſt wie zuvor. Ach keine einige Willfahrung den un - ſaubern Geiſtern gehet ohne grimmigen Schaden und Nachtheil der Seele ab: darum ſey klug und huͤte dich!

4) Doch766Anhang zum dritten Theil,

4) Doch muſt du nicht verzagen, und dich die Kleinmuth einnehmen laſſen, als ſey es dir einmal unmoͤglich zu ſo einer lilienreinen Keuſchheit zu ge - langen: weil es ja nicht durch deine eigene, ſondern durch CHriſti Goͤttliche Kraft, Gewalt, Reich - thum und Majeſtaͤt geſchehen muß. Jch weiß wohl, wie es Satan, Fleiſch und Suͤnde machen. Haben ſie der Seele was angehaͤngt: ſo bereden ſie ſie flugs darauf, ſie ſolle nur fort fahren, und ſich aus ihrem Saͤutrog mit Luſttrebern ſaͤttigen; die Keuſchheit ſey doch dahin, das Kleid wuͤſt und be - ſudelt, was ſie ſich doch noch lange ſchonen wolle, ſie duͤrfe doch jetzt nicht alſo friſch nach begangener Untreue zu JEſu, dem ſie nun ein Eckel ſey ꝛc. Ach arme Seele! folgeſt du dieſen Einblaſungen: ſo wirſt du gewiß genug dem hoͤlliſchen Moͤrder zur Beute werden. Dann wer aus der Pfuͤtze des Sa - tans trincket, den wird wieder duͤrſten. Biſt du ge - fallen: ach um GOttes willen, gibs deßwegen nicht auf; wirff das Vertrauen nicht weg, noch die Waffen des Lichts; ergib dich nicht dem abgeſagten Seelenfeind, daß er dir Haͤnde und Fuͤſſe binde, und dich hinſchleppe, biß du des Wie - derkehrens vergeſſeſt. Je eher die Fliege aus dem Spinnengeweb entrinnet, je beſſer es fuͤr ſie iſt. Wann ein Kind flugs ruffet, ſo bald es mercket, daß es beruͤcket und verfuͤhret werden will: je ſchnel - ler und ſeliger iſt die Errettung, wann es ſeine El - tern und Nachbarsleute noch erſchreyen kann; dage - gen je weiter vom Haus, je gefaͤhrlicher iſts, und die Erloͤſung ſchwerer.

Derowegen eile doch ungeſaͤumt zu deinem Hei - land JEſu. Laß dich nicht irren, daß du ihn haſt beleidiget mit deinen Suͤnden; denn mit Unglau - ben und Unbußfertigkeit beleidigeſt du ihn tauſend - mal mehr. Er hat Gnade, Liebe, Treue, Blut,Kraft767C. 4. Mittel wieder die Unreinigkeit. Kraft und Heil genug dir zu helfen. Du biſt ja nicht geſonnen in den Suͤnden zu ſterben: wo wilt du aber hin, daß dir geholfen werde? Thue doch deinem getreuen Schoͤpfer und unendlichen Liebha - ber dieſen groben Schimpf nicht an, daß du anders - wo Heilung, Frieden und Leben ſucheſt, als bey dem, der da zwar todt geweſen, nun aber lebet in alle E - wigkeit, und welchen GOtt der Vater dir zu einem voll - kommenen JEſus gegeben hat: ach! der dein getreuer Hertzens Bruder iſt. Oder meineſt du, je ſpaͤter du kommeſt, je willkommener werdeſt du ihm ſeyn? o nein! liebe ihn doch, und gedencke, daß je laͤnger du die Wieder - auflebung in GOtt aufſchiebeſt, je mehr Zeit und Kraft du ſeinem heiligen Dienſt abſtehleſt. Laͤßt er dich eine kleine Weile vor der Gnadenpforte ſtehenan, klopfen und heulen; laͤßt ers geſchehen, daß dich inzwiſchen der hoͤl - liſche neidige Hund mit unreinen Gedancken uͤberfaͤllt und anbellt: ſo harre nur, und laſſe dich eher in Stuͤcke zer - reiſſen, ehe du mit der Seelenbegierde Ja ſageſt. War - te doch nur! der Koͤnig, welchen GOtt geſalbet hat uͤber Zion, den Berg ſeiner Heiligkeit, wind dir die Thore ſei - nes lichthellen Jeruſalems ploͤtzlich aufthun, und dich wie den Loth hineinziehen in ſeine eigene Wohnung; ja in ſein Hertz, daß die unreinen Geiſter den Zutritt zu dir nicht ſol - len finden. Und ob ſie ſchon wie die Hunde um den Pal - laͤſt herum lanffen und heulen ſolten: Pſ. 59, 7. ſo ſoll dennoch dein innerſter Hertzensgrund vor ſelbigen ver - borgen ſeyn, und in GOtt bleiben. Ja thaͤten ſie noch ſo grimmig und raſend: ſo wird ſie der heilige Geiſt der Gnaden und des Gebets gleichwol alleſamt uͤberſchrey - en. Ergib dich nur nicht, o du liebes Hertz! der Sturm ſoll nicht uͤber Vermoͤgen wehren; dieſer Streit ſoll auch ein Ende haben. Siehe CHriſti Kraft wird in aͤuſſerſter Schwachheit vollfuͤhret. 2 Cor. 12. Wirff dich in CHRJSTJ Liebesmeer, und nimm aus ſeiner Fuͤlle Gnad um Gnade. Gibt dir der heilige Geiſt den goldenen Gebetsſchtuͤſſel zu ſeinen Schaͤtzen: ſo halte an, biß dir das unſchaͤtzbare Kleinod derKeuſch -768Anhang zum dritten Theil,Keuſchheit zu Theil wird. Je grauſamer dich die Un - keuſchheit qvaͤlet, je eilender dringe durch alles hindurch zu JEſu. Waͤreſt du vorhin goͤttlich, keuſch und rein; was waͤre dir das keuſche Laͤmmlein GOttes nutz? Darum klage ihm deine groſſe Noth freymuͤthig, bitte und fordere ohne Scheu, was du nicht haſt. Nur daß du nicht mei - neſt, weil du dich verletzt haſt: ſo wolleſt du eben deßwe - gen vom Wundartzt weit hinweg lauffen, und den Scha - den eben ſo mehr groͤſſer und gefaͤhrlicher machen, wozu dich der Schadenfroh ſo ſtarck anreitzet. Thue du ja bey Leibe nichts, du frageſt denn erſt JEſum zuvor darum, ob du dis oder das thun ſolleſt? Er wird dir wincken mit ſeinem hellen Weisheitsauge. Frage ihn, obs ihm denn wohlgefaͤlliger ſey, du ſteheſt von Suͤnden ab, kommeſt fein bey Zeiten zu ihm, laͤſſeſt dich heilen, und ſchoͤpfeſt ein unwanckelbar Vertrauen zu ihm: Er koͤnne und wolle ja in kurtzem alles wieder gut machen ꝛc. Ey wie viel Boͤſes bliebe ungethan, wann man nichts JEſum unbefragt thaͤte!

Zuletzt mercke jedermann die gewaltigen Worte des wahrhaftigen GOttes 2 Chron. 20, 15. 17. 20.

So ſpricht der HErr zu euch: Jhr ſollt euch nicht fuͤrchten noch zagen vor dieſem groſſen Hauffen: Denn ihr ſtreitet nicht, ſondern GOtt. Jhr werdet nicht ſtreiten in dieſer Sa - chen: Tretet nur hin und ſtehet, und ſehet das Heil des HErrn, der mit euch iſt. Juda und Jeruſalem! fuͤrchtet euch nicht, und zaget nicht: Morgen ziehet aus wieder ſie: Der HErr iſt mit euch! Amen.

ENDE.

About this transcription

TextUeberzeugende und bewegliche Warnung vor allen Sünden der Unreinigkeit und Heimlichen Unzucht
Author Georg Sarganeck
Extent792 images; 195514 tokens; 22236 types; 1349740 characters
Responsibility Alexander Geyken, ed.; Susanne Haaf, ed.; Bryan Jurish, ed.; Matthias Boenig, ed.; Christian Thomas, ed.; Frank Wiegand, ed.

CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe

EditionVollständige digitalisierte Ausgabe.

About the source text

Bibliographic informationUeberzeugende und bewegliche Warnung vor allen Sünden der Unreinigkeit und Heimlichen Unzucht darinnen aus Medicinischen u. Theologischen Gründen vernünftig vorgestellet wird, I. Was für Gefahr und Schaden, II. Schulden und Gerichte, und III. Für Rettungs-Mittel vorhanden. Aus Liebe und Verbindlichkeit zum menschlichen Geschlecht sonderlich aber zur studirenden Jugend auf Schulen und Universitäten Georg Sarganeck. . [8] Bl., 768 S. WaysenhausZüllichau1740.

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SLUB Dresden SLUB Dresden, Path.spec.1962

Physical description

Fraktur

LanguageGerman
ClassificationGebrauchsliteratur; Erbauungsliteratur; Gebrauchsliteratur; Erbauungsliteratur; core; ready; china

Editorial statement

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Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.

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  • Deutsches Textarchiv
  • Berlin-Brandenburg Academy of Sciences and Humanities (BBAW)
  • Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW)
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ShelfmarkSLUB Dresden, Path.spec.1962
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