Die folgenden Nachrichten ſind aus der Hand - ſchrift eines Officiers von großen Ver - dienſten, und von unbezweifelter Ehre genom - men. Es iſt unnoͤthig, hinzuzuſetzen, daß ſie aͤcht ſind, indem ſie innere Merkmale ihrer aͤchten Be - ſchaffenheit bey ſich fuͤhren, welche weiter keine Zweifel verſtatten.
Geheime Nachrichten, welche einen ſo außer - ordentlichen Mann betreffen, als der Czar Peter war, muͤſſen dem Leſer nothwendig angenehm ſeyn,2undund es muß ihm doppelt lieb ſeyn, ſie aus der Fe - der eines Mannes zu erhalten, welcher in deſſen Dienſten ſtand, und deſſen Vertrauen genoß. Eben um deswillen bedarf auch die Schreibart keiner weitern Vertheidigung, deren vornehmſtes Ver - dienſt in der Wahrheit, ohne allen Anſpruch auf Reiz und Schoͤnheit, beſtehet.
Da die Handſchrift mitten in dem Aufruhre von 1745 ploͤtzlich aufhoͤret, ſo iſt nothwendig zu bemerken, daß ſich der Verfaſſer um dieſe Zeit mit der Befeſtigung der Stadt Berwick beſchaͤftigte. Nachdem er dieſelbe vollbracht hatte, begab er ſich auf ſein Landgut, wo er 1757 ſtarb.
Geſchlecht des Verfaſſers. — Sein Großvater geht in Preuſſiſche Dienſte. — Johann Bruce’s Ver - maͤhlung und Kinder, und des Verfaſſers Geburt, u. ſ. f. — Er gehet in Preuſſiſche Dienſte. — Ei - ne merkwuͤrdige Geſchichte von des Verfaſſers Wirthinn. — Sein erſter Feldzug. — Sein zwey - ter Feldzug. — Niederlage der Franzoſen. — Be - lagerung von Liſle. — Ein merkwuͤrdiger Zufall des Prinzen Eugen. — Hauptmann Dubois. — Ein uͤbler Zufall der feindlichen Reiterey. — Wi - tziger Einfall des Herzogs von Marlborough. — Belagerung von Gent. — Dritter Feldzug. — Belagerung von Dornick. — Schlacht bey Mal - plaquet. — Geſchichte eines ſchweitzeriſchen Re - cruten. — Belagerung von Mons. — Vierter Feldzug. — Belagerung von Douay. — Bela - gerung von Bethune. — Ein uͤbler Zufall ſechs ſchottiſcher Offiziers. — Belagerungen von Aire und S. Venant. — Schreckliche Geſchichte der Jeſuiten zu Dornick.
Das folgende Tagebuch war urſpruͤnglich im Deutſchen, meiner Mutterſprache, geſchrie - ben; da ich aber vor kurzem die Muße eines laͤndlichenAAufent -2Aufenthalts genoß, ſo habe ich ſelbiges in dieſem Jahre 1755 ins Engliſche, (welches fuͤr mich eine fremde Sprache iſt,) zur Unterhaltung meiner Freun - de, und zum Unterricht meiner Familie uͤberſetzt, da - mit ſie ihre Verwandte in Deutſchland, und die be - ſondern Umſtaͤnde eines Lebens, welches ich in verſchied - nen Theilen der Welt viele Jahre im Kriege zuge - bracht habe, moͤchten kennen lernen. — Wir ma - chen alſo den Anfang.
Jacob Bruce und Johann Bruce, leibliche Vettern und Abkoͤmmlinge der Familie Airth in der Grafſchaft Stirling (eines Zweigs der Familie Clack - mannan) in Schottland, faßten, waͤhrend der Unru - hen des Olivier Cromwell, den Entſchluß, ihr Vaterland zu verlaſſen, und ihr Gluͤck auswaͤrts zu ſuchen. Da ſich eben einige Schiffe in dem Hafen von Leith befanden, die bereit waren, nach der Oſtſee un - ter Segel zu gehen, ſo wurden ſie einig, ſich mit ein - ander dahin zu begeben. Allein es trug ſich zu, daß zwey von dieſen Schiffern einen und eben denſelben Nahmen fuͤhrten, ſo daß die beyden Vettern aus ei - nem ſonderbaren Verſehen zwey verſchiedne Schiffe betraten, wovon eins nach Preuſſen, und das andre nach Rußland gieng, durch welchen Zufall ſie einan - der niemals wieder zu ſehen bekamen.
Johann Bruce, mein Großvater, ſtieg zu Koͤnigsberg in Preuſſen an das Land; von da gieng er nach Berlin, und trat in die Dienſte des Churfuͤr - ſten von Brandenburg, in welchen er von einer Stufe zur andern bis zu der Anfuͤhrung eines Regiments ge - langte, welches die hoͤchſte militairiſche Ehrenſtelle war, die er jemals erlangte, ungeachtet ihm der Chur -fuͤrſt3fuͤrſt ſonſt viele Gnade erwies, wovon folgendes kein geringes Beyſpiel iſt. Mein Großvater begleitete ei - nes Tags den Churfuͤrſten auf die Jagd, als derſelbe bey heftiger Verfolgung des Wildes in einen groſ - ſen Wald gerieth, und von allen ſeinen Begleitern ge - trennet ward, meinen Großvater ausgenommen, der bey ihm blieb. Die Nacht uͤberfiel ſie im Walde; ſie mußten daher abſteigen, und ihre Pferde fuͤhren, da ſie denn endlich, nachdem ſie eine betraͤchtliche Zeit im Finſtern herumgetappt hatten, in einer kleinen Entfernung ein Licht erblickten, und zu der elenden Huͤtte eines armen Theerbrenners kamen, der ſich meiſtentheils im Walde aufhielt. Als ſie von dem armen Bewohner derſelben erfuhren, daß ſie ſich ſehr weit von einer Stadt, einem Dorfe, oder einem an - dern Ort befaͤnden, und der Churfuͤrſt muͤde und hun - gerig war, ſo fragte er denſelben, was er zu eſſen ha - be; worauf der arme Mann ein grobes Brot und ein Stuͤck Kaͤſe herbey brachte, wovon der Churfuͤrſt mit vie - ler Begierde aß, Waſſer dazu trank, und ſagte: daß er noch nie mit ſo vielem Appetite gegeſſen habe. Er fragte hierauf, wie groß der Wald ſey, und erfuhr, daß er ſehr groß ſey, und an das Herzogthum Meck - lenburg Strelitz graͤnze. Mein Großvater aͤußerte bey dieſer Gelegenheit, daß es Schade ſey, daß eine ſo große Gegend ungenuͤtzt bleiben ſollte, und bat den Churfuͤrſten, ihm ſelbige zu ertheilen, da er denn ein Dorf in der Mitte, und ein anderes an demjenigen Orte, wo ſie ſich jetzt befanden, anlegen wollte. Der Churfuͤrſt war es zufrieden, und beſtaͤtigte nicht lange hernach dieſe Schenkung durch eine weitlaͤufige Ur - kunde, in welcher er ihm zugleich anſehnliche Freyhei -A 2ten4ten ertheilte. Mein Großvater legte hierauf ein Dorf in der Mitte des Waldes an, welches er Bruͤcen - Wald nannte, und ein anderes bey der Huͤtte des Theerbrenners, welches den Nahmen Jetzkendorf be - kam, indem bereits vorher ein Dorf dieſes Nah - mens an dieſem Orte geſtanden hatte, wie man noch aus den Ruinen ſehen konnte. Der Churfuͤrſt ſchlief auf ein wenig Stroh bis zu des Tages Anbruch, da er von dem Geraͤuſche ſeiner Leute aufgeweckt ward, welche ihn die ganze Nacht geſucht hatten, und mit welchen er wieder nach Berlin gieng.
Mein Großvater heirathete zu Berlin eine Da - me von Vermoͤgen, aus der Familie Arnsdorf, mit welcher er verſchiedene betraͤchtliche Guͤter bekam. Er zeugte mit ihr zwey Soͤhne und drey Toͤchter. Sein juͤngſter Sohn war mein Vater; ſeine aͤlteſte Tochter ward an den Oberſten Dewitz verheirathet, welcher nachmals Statthalter in Pommern ward, und das Gut Malchin in dieſer Provinz mit ihr bekam. Die zweyte Tochter ward Aebtiſſinn in einem, fuͤr Er - ziehung junger Frauenzimmer vom Stande, geſtifte - ten proteſtantiſchen Kloſter, heirathete aber nachmals den Oberſt-Lieutenant Rebeur, welcher Bruͤcen - Wald mit ihr bekam. Seine juͤngſte Tochter ward mit dem General-Major Lattorf verheirathet, dem ſie ſeine beyden beſten Guͤter Konikendorf und Woletz zu - brachte. Solchergeſtalt gab er alle mit ſeiner Frau erhaltenen Guͤter ſeinen Toͤchtern, und ſeine Soͤhne bekamen weiter nichts, als Erziehung und eine kleine Summe Geldes. Nachdem er ſie bey der großen Musketier-Garde des Churfuͤrſten angebracht hatte, ſo uͤberließ er ihnen, ihr Gluͤck bey der Armee ſelbſtzu5zu machen, ſo wie er es ehedem gemacht hatte. Sein aͤlteſter Sohn Carl blieb als Lieutenant in der Bela - gerung von Namur. Sein juͤngſter Sohn, mein Vater, heirathete Eliſabeth Catharina Detring aus einer angeſehenen Familie in Weſtphalen, und ſtand damals als Lieutenant bey einem Schottiſchen Regi - mente, welches der Graf von Leven in Dienſten des Churfuͤrſten commandierte. So ward ich zu Det - ring-Schloß, dem Stammgute dieſer Familie, 1692 gebohren.
Da dieſes Regiment nach Flandern befehliget ward, ſo nahm mein Vater meine Mutter mit dahin, wo wir bis 1698 blieben, da das Regiment wieder nach Schottland gieng, wohin wir es begleiteten. Als es nunmehr nach Fort-William zur Beſatzung kam, ſo ward ich, der ich damals fuͤnf Jahr alt war, einem Groß-Onkel, dem juͤngſten Bruder meines Großvaters anvertrauet, welcher ein kleines Gut bey Cupar beſaß, wo ich in die Schale gieng und drey Jahr blieb, da denn mein Vater mich nach Fort - William hohlen ließ, wo ich noch drey Jahr blieb.
Jm Jahr 1704 nahm mein Vater bey dem1704. Regimente Urlaub und gieng mit ſeiner Familie nach Deutſchland, einen Beſuch daſelbſt abzuſtatten; und nachdem er ſich ein Jahr bey ſeinen Verwandten auf - gehalten hatte, ſo gieng er wieder nach Schottland und ließ mich bey ſeinen Freunden zuruͤck, welche mei - ne Erziehung und Verſorgung uͤber ſich nahmen. Das erſte, was ſie in dieſem Stuͤcke thaten, beſtand darinn, daß ſie mich als Pagen bey dem Koͤnige von Preuſſen anzubringen ſuchten. Als ich dieſem nun von dem Marſchall, Grafen von Witgenſtein, vorge -A 3ſtellet6ſtellet werden ſollte, fragte der Kronprinz denſelben, wer ich ſey, und als man ihm die verlangte Nachricht gegeben, und zugleich geſagt hatte, daß ich Pagen - Dienſte ſuchte, ſo that er verſchiedene Fragen an mich, und ſagte hierauf zu dem Marſchall, daß er ſelbſt mich zum Pagen behalten wollte. Wir giengen alſo zuruͤck, ohne daß ich dem Koͤnige waͤre vorgeſtellet worden; aber als ich meinen Verwandten dieſe Nach - richt brachte, wollten ſie keines Weges darein willi - gen, indem ſie ſagten, daß der Kronprinz ſeine Pagen nicht gut halte, welches mein Vetter, ein Sohn des General Lattorf, erfahren hatte, welcher gleichfalls Page bey ihm geweſen, jetzt aber Kammerherr bey dem Koͤnige war.
Da ſie nun nicht zugeben wollten, daß ich dieſe Stelle annehmen ſollte, ſo ſuchten ſie mich den folgen - den Tag als Cadet in die koͤnigliche Akademie zu brin - gen, erfuhren aber, daß dieſes jetzt unmoͤglich ſey, weil ich des Kronprinzen Dienſte ausgeſchlagen hatte. 1706.Sie ſchickten mich deſſen ungeachtet auf ihre Koſten in die Akademie, die Kriegsbaukunſt und andere noͤthige Wiſſenſchaften zu erlernen. Um dieſe Zeit kam auch mein Onkel Rebeur aus Flandern an, welcher damals Oberſt-Lieutenant bey dem Regimente des Marquis de Varen war, und als er wieder zuruͤck reiſen wollte, aͤußerte ich mein Verlangen, mit ihm zu gehen. Er be - willigte es mir ſehr guͤtig, und da meine Freunde den Einwurf machten, daß mir dieſes an meiner Erzie - hung nachtheilig ſeyn koͤnnte, ſo verſicherte der Ober - ſte ihnen, daß es mir vielmehr zum Vortheil gereichen wuͤrde, indem ſich faſt in jeder Stadt in Flandern vortreffliche Lehrer in der Kriegsbaukunſt und Ar -tillerie7tillerie befaͤnden, und daß ich doppelten Vortheil haben koͤnnte, indem ich nicht allein die Theorie, ſon - dern auch vieles von der Ausuͤbung erlernen wuͤrde. Er erboth ſich zugleich, nicht allein mich um ſich zu be - halten, ſondern auch nichts an meiner Erziehung zu verſaͤumen. Dieſes guͤtige Anerbiethen war meinen Freunden ſehr angenehm, und er hat auch ſein Ver - ſprechen als ein Vater an mir erfuͤllet.
Jch reiſete alſo mit ihm zu dem Regimente,Er gehet in Preuſſiſche Dienſte. welches ſich damals zu Maſtricht befand, wo wir im April 1706 ankamen, da ich denn Gemeiner bey des Oberſten Compagnie ward, und die Uebungen ſehr bald begriff, worauf ich mich ſehr wohl befand, in - dem ich die Woche nur einmal auf die Wache ziehen durfte, meine uͤbrige Zeit aber den Kriegeswiſſenſchaf - ten widmete.
Dieſes Jahr ward durch die Niederlage der Franzoſen unter dem Marſchall Villeroy bey Ramil - lies merkwuͤrdig. Das Treffen fiel den 12ten May vor, da denn der Herzog von Marlborough einen voll - ſtaͤndigen Sieg erfocht, worauf die Uebergabe vieler Staͤdte, ſo wohl in Flandern als Brabant, folgte. Jn dieſem Jahre ruͤckte auch der Koͤnig von Schwe - den in Sachſen ein, und hob daſelbſt 20 Millionen Thaler Kriegesſteuern. Unter den Gefangenen, wel - che nach dem Treffen bey Ramillies eingeſchickt wur - den, befand ſich auch ein Marquis, welcher Oberſter bey einem Cavallerie-Regimente war. General Dopf, der Gouverneur der Stadt, erlaubte ihm nicht allein, frey in der Stadt herum zu gehen, ſondern gab ihm auch die Freyheit, auf dem Lande zu jagen. Allein, dieſer Hoͤflichkeit, und ſeines Ehrenwortes un -A 4geach -8geachtet, ließ er ſich einfallen, zu entwiſchen, ward aber gleich darauf von dem Marſchall Villeroy mit einer Wache zuruͤck geſchickt, worauf er unter Begleitung ei - nes Sergeanten nur in der Stadt herum gehen durfte.
Jn dem Hauſe, in welchem ich mit dem Oberſten logierte, hoͤrte ich eine merkwuͤrdige Geſchichte, wel - che ſich zwiſchen unſrer Wirthinn und ihrem erſten Manne zugetragen hatte, welcher aus dieſer Stadt ge - buͤrtig geweſen war. Er hieß Niepels, war Haupt - mann unter einem Hollaͤndiſchen Dragoner-Regimen - te, und ward mit ihr im Haag bekannt, wo ſie eines Kaufmanns Tochter war, da er ſie unter dem Ver - ſprechen der Ehe verfuͤhrte, und ſie ſchwanger verließ. Jhr Vater war ſo aufgebracht uͤber ſie, daß er ſie aus dem Hauſe ſtieß; allein eine Tante hatte Mitlei - den mit ihr, behielt ſie bey ſich, bis ſie niedergekom - men war, und gab ihr hernach ein wenig Geld, mit welchem ſie ſich, ohne von jemand erkannt zu werden, Mannskleider und ein Pferd kaufte, und ſich als ei - nen Freywilligen bey des Capitaͤn Niepels Compagnie annehmen ließ. Hier blieb ſie eine Zeitlang, und der Capitaͤn ſagte mehrmahls zu ſeinem unbekannten Freywilligen, daß er einer ſeiner alten Liebſten ſehr aͤhnlich ſaͤhe, ohne den geringſten Verdacht zu haben, daß er es ſelbſt war. Sie blieb bey der Compagnie bis zu Ende des Feldzuges, da der Capitaͤn nach ſei - nes Vaters Tode ſeinen Abſchied, und ſein vaͤterliches Haus und Vermoͤgen in Beſitz nahm. Hierdurch verlohr ſie nun alle Gelegenheit, den Capitaͤn zur Rechenſchaft zu fordern, welches die einzige Abſicht ihrer Verkleidung war. Sie legte alſo wieder weib - liche Kleidung an, und folgte ihm nach Maſtricht,wo9wo ſie ſeine Magd mit ein wenig Geld beſtach, daß ſie ſelbige in einem abgelegenen Zimmer in dem Hauſe eine Nacht beherbergte, damit ſie als ein fremdes Frauenzimmer nicht in einem oͤffentlichen Gaſthofe ein - kehren duͤrfte. Nachdem ſie es ſo weit gebracht hat - te, beſichtigte ſie das Haus, und beſonders das Schlaf - zimmer des Capitaͤns, welcher den ganzen Tag abwe - ſend war, und nur Abends ſpaͤt nach Hauſe kam. Sie hielt ſich ſtill, bis ſie glaubte, daß alles im Hauſe zu Bette ſey, da ſie denn mit einem Lichte in der einen, und einem Dolche in der andern Hand vor ſein Bett trat, ihn aufweckte, und ihn fragte, ob er ſie kenne. Als er nun wiſſen wollte, was ſie hier zu ſuchen haͤtte, erklaͤrte ſie ihm, daß er ſich jetzt ent - ſchließen muͤſſe, entweder ihr ſein Wort zu halten, oder zu ſterben. Der Capitaͤn ſuchte Ausfluͤchte, und rief zugleich ſeine Leute; aber ehe noch jemand herbey kommen konnte, ſtieß ſie ihn in die Bruſt, und gab ihm, ſo ſehr er ſich auch wehrete, noch verſchiedene Stiche an andern Orten ſeines Leibes. Endlich ka - men ſeine Leute ihm zu Huͤlfe, und da ſie ihren Herrn in ſeinem Blute ſchwimmen ſahen, ſo ſchickten ſie nach der Wache, ſich ihrer zu verſichern. Sie mach - te indeſſen keine Mine, zu entfliehen, ſondern fuhr fort, ihm ſeine Niedertraͤchtigkeit vorzuwerfen, ob er gleich ſelbſt ſie bath, auf ihre Sicherheit zu denken, indem er ſich fuͤr toͤdtlich verwundet hielt. Endlich kam die Obrigkeit mit einer Wache, ſie in das Gefaͤngniß zu fuͤhren, welches aber der Capitaͤn nicht zugeben wollte, ſondern bath, einen Prieſter hohlen zu laſſen, welchem er bey deſſen Ankunft geſtand, wie ſehr er dieſes jun - ge Frauenzimmer beleidiget habe, und ihn bath, ihnA 5ohne10ohne Zeitverluſt in Gegenwart der Obrigkeit mit ihr zu copulieren, welches auch geſchahe. Da nun auch der Wundarzt verſicherte, daß keine der Wunden toͤdt - lich ſey, ſo gieng die Wache ab, und durch die Sorg - falt des Wundarztes und der zaͤrtlichen Pflege ſeiner Gattinn ward der Capitaͤn ſehr bald wieder hergeſtellt. Sie lebten hierauf verſchiedene Jahre in dem beſten Vernehmen, bis ihn endlich ein ungluͤcklicher Zufall um das Leben brachte. Als er eines Abends mit ihr vor dem Trowen-Thore ſpatzieren gieng, und ſich bey einem Zeughauſe befand, wo eine Menge alter un - brauchbarer Gewehre lag, kam ein Frauenzimmer aus ihrer Nachbarſchaft zu ihnen, mit welchem ſie in großer Vertraulichkeit lebten, nahm eine alte verroſte - te Piſtole, und ſagte im Scherze zu dem Capitaͤn Nie - pels, es ſey beſchloſſen, daß er von der Hand eines Frauenzimmers ſterben ſollte, welches denn auch ſo gleich eintraf, indem die Piſtole los gieng und ihn auf der Stelle toͤdtete. Er hinterließ drey Toͤchter, wel - che jetzt mannbar waren; ſeine Wittwe, unſere Wir - thinn aber, heirathete einige Zeit nach ſeinem Tode ſeines Bruders Sohn.
Als ich in einer Nacht mit unſerm Lieutenant auf dem Petersberge auf der Wache war, und mit meiner Muskete Schildwache ſtand, und dieſe auf dem Kies - boden nachlaͤßig hinter mir her zog, gieng ſie von un - gefaͤhr los, und brachte die ganze Beſatzung in Be - wegung. Der Lieutenant mußte dieſen Zufall durch einen Sergeanten in Peters-Hafen melden laſſen, da ich denn den folgenden Tag vor den Gouverne[u]r ge - fuͤhret ward, wo ich in großer Angſt war, we[il]man mir ſagte, daß ich von Gluͤck wuͤrde zu ſagen haben,wenn11wenn ich mit Gaſſenlaufen davon kaͤme. Allein zu meiner großen Freude blieb es bey einem Verweiſe, wo - bey man mir ſagte, daß, wenn ein gemeiner Soldat einen ſolchen Fehler begangen haͤtte, er ſehr ſtrenge wuͤrde ſeyn beſtraft worden. Dieſer Verweis machte mich indeſſen auf die Zukunft in ſolchen Faͤllen vor - ſichtiger. Jch ward dieſen Winter Sergeant, indem man bey den Preuſſen von unten auf dienen muß, wenn man Officier werden will. Durch meine Be - foͤrderung uͤberhuͤpfte ich indeſſen die ſonſt gewoͤhnli - chen zwey Staffeln. Jm April 1707 kam der1707. Kronprinz bey uns an, und muſterte unſer Regiment. Als ich bey ihm vorbey marſchierte, und ihm auf Befragen meinen Nahmen ſagte, erinnerte er ſich meiner, und gab dem Oberſten einen Verweis, daß er bey ſeiner Compagnie ein Kind zum erſten Ser - geanten gemacht hatte. Allein da der Oberſte ihm ſagte, daß ich den Dienſt ſehr gut verrichtete, und ſehr viel Lernbegierde beſaͤße, ſchien der Prinz damit zufrieden zu ſeyn.
Jm May brach unſer Regiment von MaſtrichtSein erſter Feldzug. auf und ſtieß bey Mildert zur Armee, und den 9ten Auguſt ruͤckten wir nach Genap, in der Abſicht, den Feind anzugreifen. Den 10ten giengen wir in der Nacht bey Florinal uͤber die Deyle und marſchierten bis an den Morgen. Mit Tages Anbruch langten wir zu Maveren an, fanden aber, daß ſich der Feind zuruͤck gezogen hatte, worauf wir wieder nach Genap zuruͤck giengen. Die Franzoſen zogen ſich den ganzen Feldzug uͤber ſo eilfertig vor uns zuruͤck, daß wir nicht im Stande waren, ſie zu einem Treffen zu bringen, welches unſere Truppen durch die vielen fruchtloſenMaͤrſche12Maͤrſche und Gegenmaͤrſche ſehr abmattete. Gegen den Winter ruͤckte die Armee nach Aſche, wo wir uns trennten, und in die Winterquartiere giengen. Um dieſe Zeit ward der Prinz von Oranien zum Befehls - haber der Hollaͤndiſchen Truppen ernannt, ob er gleich erſt 21 Jahr alt war. Unſer Regiment gieng nach Huy in die Winterquartiere, wo der Schwe - diſche General Oxenſtein Gouverneur war. Dieſe Stadt liegt zu beyden Seiten der Maaß und iſt nur ſchlecht befeſtiget; doch hat ſie ein Caſtell und noch drey Forts, welche auf Anhoͤhen liegen und die Stadt decken. Jch zog eines Mahls mit einem Hollaͤndi - ſchen Lieutenant auf die Wache, der ſehr einfaͤltig war, und weder leſen noch ſchreiben konnte, indem er we - gen eines außerordentlichen Beyſpiels perſoͤnlichen Muthes und guten Verhaltens von einem Sergeanten zum Lieutenant war gemacht worden. Die Franzo - ſen hatten naͤmlich eine gewiſſe Stadt mit allen ihren Feſtungen eingenommen, einen einigen Thurm aus - genommen, auf welchem dieſer Sergeant mit 20 Mann ſtand, und welchen er gegen alle Verſuche des Feindes behauptete, bis der Platz im folgenden Jahre wieder erobert ward, wozu er folglich durch ſeine Stel - lung viel beygetragen hatte.
Als ich an einem Tage mit einer Patrouille aus - gieng und bey einem Kloſter vorbey kam, ſahen wir ein Frauenzimmer laufen, welches von verſchiedenen Perſonen verfolgt ward, daher wir auf ſie zu giengen. Als ſie hoͤrte, daß wir zu der Beſatzung von Huy ge - hoͤrten, war ſie vor Freude außer ſich, und nachdem ſie von ihrer Furcht ein wenig zu ſich ſelbſt gekommen war, ſagte ſie uns, daß ſie nach Namur gehoͤre, undſich13ſich wider Willen ihrer Aeltern mit einem Franzoͤſi - ſchen Officier verſprochen habe, daher ſie von ihnen in dieſes Kloſter ſey geſteckt worden, aus welchem ſie eben entſprungen ſey, und nach Luͤttich gehen wollte, wo ſie Verwandte habe, die ſich ihrer annehmen wuͤr - den. Der Erfog beſtaͤtigte ihre Ausſage, denn als ſie daſelbſt ankam, wirkten ihre Freunde einen Paß fuͤr ihren Liebhaber aus, mit welchem ſie darauf ge - trauet ward.
Jm May 1708 brachen wir von Huy auf und1708. Sein zweyter Feld - zug. ſtießen zur Armee. Wir kamen den 23ten nach Ander - lech, wo die Preuſſen, Hannoveraner und Hollaͤnder anfiengen, ſich zu formiren. Den 26ten ruͤckten wir nach Bellingen, wo wir zu den Englaͤndern und den uͤbrigen Truppen ſtießen; da denn die Armee aus 180 Escadrons und 112 Bataillons beſtand. Die Franzoͤſiſche Armee formirte ſich unter dem Herzog von Vendome zu St. Ghislain, und beſtand aus 197 Escadrons und 124 Bataillons. Die beyden Koͤniglichen Prinzen, die Herzoge von Bourgogne und Berry, befanden ſich bey ihrer Armee zu Bellin - gen, es kamen der damalige Churprinz von Hannover und der Prinz Eugen zu uns, deſſen Truppen von der Moſel nach Maſtricht geruͤckt waren, und bald dar - auf zu uns ſtießen.
Die Franzoſen oͤffneten den Feldzug mit der Ue -Niederlage der Franzo - ſen. berrumpelung der Staͤdte Gent und Bruͤgge. Auf Damme machten ſie einen vergeblichen Angriff, al - lein ſie eroberten dafuͤr Plaſſendahl zwiſchen Bruͤgge und Oſtende. Den 9ten Julii berenneten ſie Oude - narde, hoben aber bey unſerer Annaͤherung die Bela - gerung wieder auf, und zogen ſich uͤber die Schelde. Wir14Wir ſetzten ihnen auf dem Fuße nach und brachten ſie den 11ten zu einem Treffen. Es war Abends ſechs Uhr, ehe unſere Linie ſich formiren konnte. Prinz Eugen fuͤhrte den rechten, und der Herzog von Marl - borugh den linken Fluͤgel. Nach einem ſehr lebhaf - ten und gut geleiteten Angriffe wurden die Franzo - ſen geſchlagen, und entkamen durch Huͤlfe der Nacht, da ſie ſonſt wuͤrden ſeyn niedergehauen worden. Den folgenden Tag fanden wir von dem Feinde 4000 Mann Todte auf dem Wahlplatze, 7000 aber wurden gefangen gemacht; außer dem bekamen wir 535 Of - ficiers (die Generals mit eingeſchloſſen,) 34 Standar - ten, 25 Fahnen und 5 Paar Pauken, aber keine Kanonen, weil das Treffen ohne alles ſchwere Ge - ſchuͤtz von beyden Seiten geliefert ward. Unſer Ver - luſt beſtand in 2972 Mann an Todten und Ver - wundeten.
Nach dieſem Treffen zogen die Franzoſen ſich hin - ter den Canal zwiſchen Gent und Bruͤgge, und der Preuſſiſche General Lottum ward mit einem anſehnli - chen Corps abgeſchickt, die Linien von Ypern anzugrei - fen, welche wir nach einem geringen Widerſtande er - oberten und ſchleiften. Die Armee berennete hierauf Ryſſel, welches der Prinz Eugen bald darauf foͤrm - lich belagerte, da indeſſen der Herzog von Marlbo - rough die Belagerung deckte. Dieſe Belagerung, welche ſo langwierig und blutig war, ward von ver - ſchiedenen merkwuͤrdigen Begebenheiten begleitet.
Waͤhrend derſelben begegnete unter andern dem Prinzen Eugen folgendes. Er bekam einen Brief von einer unbekannten Hand, und als er denſelben oͤffnete, fand er in demſelben ein fettiges Papier,welches15welches er zum Gluͤcke auf die Erde fallen ließ. Sein Adjutant hob es auf und roch daran, bekam aber ſo gleich den Schwindel, ſo daß man ihm ein Gegengift geben mußte. Man band hierauf das Papier einem Hunde um den Hals, worauf er in vier und zwanzig Stunden ſtarb, ob man ihm gleich ein Gegengift bey - gebracht hatte. Als die Officiers, welche um ihn waren, ihr Erſtaunen uͤber dieſen Zufall an den Tag legten, verſetzte er ganz kaltbluͤtig: „ wundern ſie ſich daruͤber nicht, meine Herren, ich habe bereits mehrere ſolche Briefe bekommen. “
Da der Herzog von Bourgogne begierig war, zu1708. erfahren, in was fuͤr einem Zuſtande ſich die Beſa - tzung befaͤnde, ſo erboth ſich ein gewiſſer Capitaͤn du Bois, ſich in die Feſtung zu wagen. Er kam unerkannt bis an die Außenwerke, zog ſich aus, nahm ſeine Kleider auf den Kopf, ſchwamm uͤber ſieben Canaͤle und Graͤben, kam ſicher in die Stadt, und auf eben dieſelbe Art wieder zuruͤck, und brachte dem Herzoge noch dazu einen Brief von dem Marſchall von Boufleurs mit, welchen er bey dem Schwimmen in den Mund nahm, ſo daß er ihn ganz trocken uͤber - brachte.
Den 28ten September in der Nacht wurden wirTrauriger Zufall bey der feindli - chen Caval - lerie. von einem ſtarken Knall beunruhiget, worauf in einer halben Stunde noch ein anderer folgte, und um Mit - ternacht hoͤrten wir ein ſolches Gekrach, daß die Erde unter uns bebte. Die ganze Armee ward dadurch ſo beunruhiget, daß wir auch bis zu Tages Anbruch un - ter dem Gewehre zubrachten. Den folgenden Tag erfuhren wir, daß 1200 Mann feindlicher Reiterey, von welchen jeder 53 Pfund Pulver in Saͤcken hinter ſichauf16auf dem Pferde hatte, ſich in die Stadt hatten ſchlei - chen wollen. Allein da man ſie entdecket und auf ſie gefeuert hatte, ſo waren ſie nach der Stadt zu galop - pieret, wodurch einige Saͤcke los giengen, und das Pulver auf die Erde fiel. Die Funken, welche die Pferde mit ihren Hufeiſen machten, zuͤndeten dieſes Pulver, und dieſes zuͤndete das Pulver in den Saͤcken, ſo daß alles in die Luft flog. Ungefaͤhr 50 Mann kamen bey dem Eintritte in die Linien um, und 100 nahe an dem Thore. Es war den folgenden Tag ein fuͤrchterlicher Anblick, den Weg mit halb ver - brannten Koͤpfen, Gliedern und Koͤrpern von Men - ſchen und Pferden beſtreuet zu ſehen. Die uͤbrigen hatten ihr Pulver abgeworfen, und ſich auf die Flucht gemacht. Allein man glaubte, daß ihrer doch 300 in die Stadt gekommen waren.
Wenig Tage darauf wurden 50 Bauern gefan - gen genommen, welche auf ihren Schubkarren Pul - ver in die Stadt fuͤhren wollten. Da ſie Erlaubniß hatten, Milch bey der Armee zu verkaufen, ſo brach - ten ſie ſelbige in Faͤſſern, zwey auf einem Schubkar - ren; allein man fand, daß eines dieſer Faͤſſer voll Pulver war. Da ſie nun insgeſammt uͤberfuͤhret waren, ſo wurden ſie auch insgeſammt aufgeknuͤpft.
Um dieſe Zeit kamen der Koͤnig Auguſt, und ver - ſchiedene andere fuͤrſtliche Perſonen in das Lager, die - ſe beruͤhmte Belagerung mit anzuſehen. Der Feind ſuchte uns die Zufuhre von Oſtende her abzuſchneiden, verurſachte ſich aber dadurch eine Niederlage bey Wey - nendahl. Er hatte ſich durch dreyfache Linien in ſei - nem Lager bey Oudenarde verſchanzt, welches unſere Zufuhr aus dieſer Gegend gar ſehr erſchwerte, undda17da der Herzog von Bayern zu gleicher Zeit Bruͤſſel be - lagerte, ſo waren wir eine Zeit lang genoͤthiget, bloß von großen Ruͤben und Zwiebeln zu leben. Uns von dieſer Verlegenheit zu befreyen, und uns die Ge - meinſchaft mit unſern Vorraͤthen wieder zu oͤffnen, ward ein hinlaͤngliches Corps von der Armee abge - ſchickt, welches durch einen forcierten Marſch in der Nacht uͤber die Schelde gieng, und den folgenden Tag die feindlichen Linien angriff, wo wir weniger Wider - ſtand fanden, als wir erwartet hatten, indem die Feinde ſich in der groͤßten Eil auf die Flucht begaben, und ihr ganzes Lager, ihr Gepaͤck und alles im Stiche ließen. Bey dem Nachſetzen machte unſre Reiterey eine Menge Gefangene, und wir fanden hier einen großen Vorrath der beſten Lebensmittel von aller Art. Wir ruͤckten hierauf fort, Bruͤſſel zu entſetzen; allein ehe wir noch ankamen, hatte der Herzog die Belage - rung bereits aufgehoben, und 15 ſchwere Kanonen und zwey Moͤrſer zuruͤck gelaſſen. Nachdem uns nun unſer Vorhaben ſo gut gegluͤcket war, kehrten wir wieder in das Lager vor Ryſſel zuruͤck.
Als wir uns auf dem Glacis oder bedeckten We -Ryſſel ero - bert. ge feſt ſetzten, befand ich mich bey den Pionniers. Da der Jngenieur, welcher die Arbeit commandierte, getoͤdtet ward, und unſere Leute dem feindlichen Feuer zu ſehr ausgeſetzt waren, ſo unternahm ich es, dasje - nige zu endigen, was er angefangen hatte, und es ge - lang mir ſehr bald, uns durch Eingraben zu ſichern. Der General, welcher dieſe Nacht in den Laufgraͤben commandierte, empfahl mich deshalb unſerm Chef, dem General Graf Lottum, welcher zu meinem Be - ſten an den Koͤnig ſchrieb, daher ich in dem folgendenBWinter18Winter Faͤhndrich ward*)Das Patent ward an ſeinen Onkel den Oberſten Re - beur geſchickt, der es aber vor dem Herrn Bruce zur Zeit noch geheim hielt, weil er noch ſehr jung und erſt 16 Jahr alt war. Als dieſer ſolches erfuhr, gieng er auf ſeines Onkels Gezelt los, ſtieß ſein Kurz - gewehr unwillig in die Erde, und ſagte: „ hier ſtehet der Sergeant! “worauf er einige Schritte zuruͤck gieng, und ausrief: „ hier ſtehet der Offizier! “wor - auf er denn ſein Patent erhielt., aber dabey Jngenieurs - Dienſte thun mußte. Die Stadt ergab ſich den 23ſten October; und da wir nunmehr in die Barra - ken einquartieret wurden, ſo konnten wir die Belage - rung der Citadelle, welche ſich noch immer hielt, de - ſto bequemer fortſetzen. Endlich bekamen wir ſie den 9ten December durch Sappiren bey ſehr ſtrenger Kaͤlte und hartem Froſte, unter Anfuͤhrung des Ge - nerals Coehorn, und den 10ten marſchierte der Mar - ſchall Boufleur mit ſeiner Beſatzung aus, und ward nach Douay gefuͤhret.
Waͤhrend der Belagerung, als wir uns auf der zweyten Contreſcarpe feſtgeſetzt hatten, verließ ein Hol - laͤndiſcher Capitaͤn, welcher daſelbſt ſtand, bey Annaͤ - herung des Feindes ſeinen Poſten, ohne den gering - ſten Widerſtand zu leiſten. Sein Sergeant, der das Schimpfliche dieſes Ruͤckzuges fuͤhlte, ſuchte ihn zu bereden, umzukehren, und den Poſten wieder zu ero - bern, allein vergebens. Der Sergeant wandte ſich hierauf an die Gemeinen, und ſagte, wenn ſie ihm folgen wollten, ſo wollte er ſich des verlaſſenen Po - ſtens wieder zu bemaͤchtigen ſuchen. Dieſe waren ſo gleich willig, ſtellten ſich, und griffen den Feind ſoherzhaft19herzhaft an, daß der Poſten ſehr bald wieder erobert ward. Als dieſe That gemeldet ward, ward der Of - ficier degradiert, der Sergeant aber nach Verdienſt belohnet. Ein Soldat ohne Herz gleicht einer Leiche; Gram haͤngt auf den Geſichtern ihrer beſten Freunde, ſo lange bis ſie begraben, und ihren Augen entzo - gen iſt.
Man ſprach um dieſe Zeit in dem Lager viel vonScherz des Herzogs von Marlbo - rough. einem witzigen Einfalle des Herzogs von Marlbo - rough. Als der Koͤnig von Pohlen wieder nach Sachſen gehen wollte, und der Herzog ſich bey ihm beurlaubte, wuͤnſchte der Koͤnig ihm eine gluͤckliche Reiſe nach England, worauf der Herzog ihm auf Franzoͤſiſch antwortete, „ da es kalt ſey, ſo wolle er „ nicht ohne Handſchuhe uͤber See reiſen. “ Der Scherz liegt in der Aehnlichkeit des Klanges zwiſchen dem Worte Gand, ein Handſchuh, und Ghent, die Stadt Gent. Der Herzog hielt nachmals ſein Wort wirklich.
Unſere Armee ruͤckte, der ſtrengen Kaͤlte ungeach -Eroberung von Gent. tet, ſo gleich vor Gent, und noch den 17ten deſſelben Monathes ward die Stadt bloquiret. Der Herzog von Marlborough commandierte die Belagerung und der Prinz Eugen deckte ſie. Die Beſatzung beſtand aus 30 Bataillons und 19 Escadrons; allein da die Graͤben zugefroren waren, und ſie einen Ueberfall be - fuͤrchteten, ſo hielten ſie es fuͤr das Beſte, ſich den 31ſten December zu ergeben. Die Beſatzung mar - ſchierte den 2ten Jan. 1709 aus und ward nach1709. Dornick gebracht, worauf der Herzog von Argyle die Stadt und Citadelle ſogleich in Beſitz nahm. Der Feind raͤumte gleich darauf auch Bruͤgge, Redfort,B 2Plaſſen -20Plaſſendahl und Leffinghen, womit dieſer beruͤhmte Feldzug beſchloſſen ward, und unſere Armee in die Winterquartiere gieng. Unſer Regiment ward nach Bruͤſſel verlegt. Die Franzoſen thaten dieſen Win - ter Friedensvorſchlaͤge, welche aber von keinem Erfolge waren.
Mit dem Anfange des folgenden Junius ruͤckten wir zur Armee, welche ſich den 21ſten zwiſchen Cor - trick und Menin, 110000 Mann ſtark, formirte, worauf wir uͤber die untere Deyle giengen, und auf den Ebenen von Ryſſel das Lager aufſchlugen. Die Franzoͤſiſche Armee, welche aus 130000 Mann be - ſtand, hatte ſich auf den Ebenen von Lens gelagert, wo ſie ſich ſo feſt verſchanzte, daß es unweiſe geweſen ſeyn wuͤrde, wenn wir ſie haͤtten angreifen wollen, da -Belagerung Dornicks. her beſchloſſen ward, Dornick zu belagern. Der Feind war ſich dieſes ſo wenig vermuthen, daß er auch einen Theil der Beſatzung heraus gezogen, und die Armee damit verſtaͤrket hatte. Die Stadt ward alſo den 27ſten von dem Herzog von Marlborough beren - net, und den 30ſten wurde der Anfang mit den Linien gemacht. Der Graf Lottum fuͤhrte den Angriff auf die Citadelle, wobey ich das erſte Mahl als Jnge - nieur gebraucht ward. Die beyden uͤbrigen Angriffe auf die Stadt wurden von den Generals Schulenburg und Fagel commandiret, und der Prinz von Naſſau bemaͤchtigte ſich der beyden Forts St. Amand und Mortagne, welche uns zur Bedeckung der Belage - rung ſehr nothwendig waren. Den 6ten Julii ka - men die Linien zu Stande; den 7ten in der Nacht wurden die Laufgraͤben geoͤffnet, und den 13ten fien - gen unſere Batterien an, auf die Stadt zu ſpielen. Kurz,21Kurz, die Stadt ergab ſich den 28ſten, und die Beſa - tzung zog ſich 4000 Mann ſtark in die Citadelle; 2 Capitaͤns, 4 Lieutenants und 150 Gemeine deſer - tierten und kamen in unſer Lager, 800 ihrer Ver - wundeten aber wurden nach Douay gebracht. Wir hatten bey dieſer Belagerung 3210 Mann an Tod - ten und Verwundeten, und der Graf von Albemarle ward zum Gouverneur in der Stadt ernannt.
Den 1ſten Auguſt fieng der Feind an, aus der1709. Citadelle auf uns zu feuern, welches aus unſern Bat - terien ſo gleich erwiedert ward, und den 3ten fiel eine unſerer Bomben in ein Pulver-Magazin, welches daher in die Luft flog. Gleich darauf verglich man ſich wegen eines Waffenſtillſtandes, und die Beſa - tzung verſprach, ſich den 5ten September zu ergeben, wenn ſie inzwiſchen nicht entſetzt werden ſollte. Waͤh - rend des Waffenſtillſtandes ſuchten die in der Citadel - le befindlichen Ausreiſſer von unſerer Armee zu ent - kommen, allein ſie wurden insgeſammt erhaſchet und aufgeknuͤpft.
Als der Koͤnig von Frankreich die Bedingungen des Waffenſtillſtandes erfuhr, ſo wollte er in die Ue - bergabe nicht willigen, daher die Feindſeligkeiten wie - der angiengen: der Feind ließ viele Minen ſpringen, und unſere Gegenminen veranlaßten viele kleine Ge - fechte unter der Erde. Den 26ſten ſprengten ſie ver - mittelſt einer Mine 400 Mann von unſern Leuten in die Luft und toͤdteten den Herrn du May unſern erſten Jngenieur. Sie ließen hierauf noch verſchiedene Mi - nen ſpringen, welche uns vielen Schaden thaten, be - ſonders eine, welche eine Oeffnung ſechzig Schritt lang und zwanzig Fuß tief machte, und beynahe einB 3ganzes22ganzes Regiment Hannoveraner in die Luft geſprengt haͤtte, wenn ſie nicht noch bey Zeiten waͤre entdeckt worden, daher wir nur eine einzele Schildwache da - bey verlohren. Den 30ſten beſchoſſen wir ſie ſo hef - tig, daß ſie den 31ſten des Morgens zu capitulieren verlangten; allein da wir ſie ſchlechterdings zu Kriegs - gefangenen verlangten, ſie aber dazu noch keine Luſt hatten, ſo giengen die Feindſeligkeiten wieder an, und da wir ihnen auf das neue heftig zuſetzten, ſo mußten ſie ſich endlich den 5ten September zu Kriegesgefan - genen ergeben, und 3500 Mann ſtark, die Kranken und Verwundeten ungerechnet, ausmarſchiren.
Vor Dornick kam ein Expreſſer von dem Fuͤrſten Menzikoff an den Herzog von Marlborough an, der ihm die Nachricht brachte, daß der Czar den 8ten Julii bey Pultawa einen vollſtaͤndigen Sieg uͤber den Koͤnig von Schweden erfochten habe.
Unſere naͤchſte Unternehmung war auf Mons ge - richtet; als daher der Churfuͤrſt von Bayern, welcher ſich daſelbſt aufhielt, ſolches erfuhr, ſo begab er ſich nach Namur. Marſchall Boufleur ward nunmehr von dem Koͤnige von Frankreich abgeſchickt, dem Marſchall Villars beyzuſtehen, mit dem Befehle, eher ein Treffen zu wagen, als uns Mons einnehmen zu laſſen. Den 8ten ſtieß der Prinz Eugen mit ſei - ner Armee zu uns, da wir denn ſehr abgemattet wur - den, weil wir in beſtaͤndigem Regenwetter und auf ſchlechten Wegen Tag und Nacht marſchiren mußten. Den 9ten bemerkten wir, daß ſich der Feind nach Blarignies zog, die Waͤlder und Hecken bey Taniers und Malplaquet zu beſetzen, worauf wir in Schlacht - ordnung vorwaͤrts ruͤckten. Allein, da die Englaͤn -der23der fouragieren waren, ſo konnten ſie dieſen Tag nicht zu uns ſtoßen, und beyde Armeen fiengen an, einan - der zu canonieren, welches bis in die ſpaͤte Nacht dauerte, und den folgenden Morgen erneuert ward. Da wir noch 23 Bataillons aus Dornick erwarteten, ſo hielten wir es nicht fuͤr rathſam, uns dieſen Tag mit dem Feinde einzulaſſen. Jch waͤre an dieſem Tage von einem unſerer eigenen Soldaten beynahe er - ſchoſſen worden, denn da er aus ſeinem Gliede getre - ten war, und ich ihm befahl, ſich wieder zu ſtellen, er aber nicht gehorchen wollte, ſo ſchlug ich ihn uͤber die Schulter und ſtieß ihn in die Linie, worauf er zuruͤck ſprang und mir ſein Gewehr mit aufgezogenem Hahne auf die Bruſt ſetzte. Jch parierte es ſo gleich unter - waͤrts, da denn die Kugel zwiſchen meinen Fuͤßen in die Erde fuhr. Der Kerl warf ſogleich ſein Gewehr weg und lief davon, ward aber ſogleich von dem Adju - tanten zu Pferde verfolgt, und da er ein ſtarker Menſch war, ſo ergriff er den Adjutanten bey dem Fuße, warf ihn aus dem Sattel und war eben im Begriffe, ſich auf ſein Pferd zu ſchwingen, als der Major dazu kam und ſich ſeiner bemaͤchtigte. Doch wieder zur Sache.
Unſer Verzug verſchaffte dem Feinde Zeit, das Gehoͤlz niederzuhauen und ſich zu verſchanzen. Den Abend unterredeten wir uns mit den Franzoͤſiſchen Of - ficiers, und bewirtheten einander mit dem, was jeder hatte, auf das freundſchaftlichſte. Wir wurden dazu um ſo viel mehr bewogen, weil wir auf beyden Sei - ten glaubten, daß ein Waffenſtillſtand als der Vor - laͤufer des Friedens vor der Thuͤr ſey. Allein um Mitternacht erfuhren wir ein anderes, indem jeder Befehl erhielt, auf ſeinem Poſten zu erſcheinen undB 4ſich24ſich zu dem Angriffe auf den naͤchſten Morgen anzu - ſchicken.
Den 11ten verrichteten wir des Morgens um 2 Uhr unſer Gebeth, und ſtellten uns alsdann in Schlachtordnung. Um 8 Uhr ruͤckten wir vor und griffen die feindlichen Verſchanzungen an, deren wir uns bemaͤchtigten und den Feind in großer Unordnung und Verwirrung in ſeine Laufgraͤben trieben, aus wel - chen wir ihn, obgleich mit betraͤchtlichem Verluſte auf beyden Seiten, gleichfalls wieder jagten. Das - jenige Regiment, mit welchem das unſrige handge - mein war, war eben dasjenige, mit deſſen Officiers wir die Nacht vorher ſo freundſchaftlich umgegangen waren. Es befand ſich ein Lieutenant dabey, wel - cher einen Bruder, der gleichfalls Lieutenant war, bey unſerm Regimente hatte. Der Franzoͤſiſche Lieute - nant gab ſich ſeinem Bruder zum Gefangenen, und ward von ihm auf das zaͤrtlichſte in Schutz genom - men; allein zum Ungluͤck rann ein Soldat von den Unſrigen ihn in demſelben Augenblicke durch den Leib, ſo daß er ſeinem Bruder todt in die Arme fiel. Der Soldat entſchuldigte ſich damit, daß er ſolches zur Vertheidigung ſeines Officiers gethan, und den an - dern nicht gekannt habe; und doch hatte er den Abend vorher geſehen, daß beyde als Bruͤder mit einander umgegangen waren. Dergleichen traurige Verſehen fallen bey ſtreitenden Feinden in der Wuth des Ge - fechtes nur zu oft vor, und es iſt unmoͤglich, den ar - men Menſchen eines boͤſen Vorſatzes bey dieſer Gele - genheit mit Gewißheit zu beſchuldigen. Die Fran - zoſen zogen ſich uͤber einen Verhau, und wir folgten ihnen auf dem Fuße nach; da wir aber fanden, daßſie25ſie ſich verſtaͤrket hatten, ſo mußten wir uns nunmehr zu - ruͤck ziehen, da wir denn in dem Verhaue unſern Ober - ſten und verſchiedene von unſern Leuten verlohren. Jndeſ - ſen wurden wir aus unſerer Reſerve verſtaͤrkt, da wir denn den Feind zum zweyten Mahle aus dem Verhau trieben, und ihn bis zu ſeiner zweyten Verſchanzung verfolgten, ihn auch hier uͤber den Haufen warfen und bis zur dritten trieben, bey welcher Gelegenheit ich durch das Dickbein geſchoſſen ward, daher man mich aus dem Felde bringen mußte. Man trug mich in eine kleine Huͤtte, wo ich den Leichnam meines Ober - ſten fand, und mich verbinden ließ. Nach einem ſehr hitzigen Gefechte von ſechs Stunden wich der Feind uͤberall und uͤberließ uns das theuer erkaufte Schlachtfeld, indem es uns nicht weniger als 20300 Mann koſtete. Da die Umſtaͤnde dieſes ſo beruͤhm - ten Treffens von weit geſchicktern Federn beſchrieben ſind, ſo will ich nichts mehr davon ſagen, als daß von dem Feinde, ſeinen eigenen Berichten nach, 540 Officiers blieben, 1068 verwundet, und 301 gefan - gen gemacht wurden; von Gemeinen aber ſein Ver - luſt an Gebliebenen, Verwundeten und Gefangenen ſich auf 15000 Mann erſtreckte. Wir verlohren zwey Generals, die Grafen Lottum und Fettace.
Nach dieſem Treffen gieng das Geruͤcht, daß der Marſchall Villars ein neues Treffen wagen wolle, die Eroberung der Stadt Mons zu hindern, allein den Marſchall Boufleur wider ſich habe, daher der Koͤnig den Herzog von Berwick abgeſchickt habe, die zwiſti - gen Meynungen dieſer beyden geſchickten Feldherren zu vereinigen. Der Herzog kam, und nachdem er das Schlachtfeld mit ſeinen Verſchanzungen beſehen hatte,B 5ſo26ſo bewunderte er ihre außerordentliche Feſtigkeit, und ſagte, da ſie aus einem ſolchen Poſten waͤren vertrie - ben worden, ſo wuͤrde es ſehr unbeſonnen ſeyn, ein Treffen auf freyem Felde zu wagen.
Jndem der Wundarzt meine Wunde, bey wel - cher ich das Zimmer huͤten mußte, beſorgte, ſo er - zaͤhlte er mir eine luſtige Geſchichte von einem neu an - geworbenen jungen Schweitzer, der, als die Montie - rungsſtuͤcke verfertiget wurden, ſich eine runde eiſerne mit kleinen Loͤchern durchbohrte Platte machen ließ, und verlangte, daß der Schneider ſie uͤber der linken Bruſt inwendig in dem Rocke befeſtigen ſollte, damit er nicht durch das Herz geſchoſſen werden koͤnnte. Der Schneider, der ein Spaßvogel war, naͤhete ſie ihm in den Sitz der Hoſen, und ſo bald er die Mon - tierung angezogen hatte, mußte er in das Feld, da - her er keine Gelegenheit hatte, den bemerkten Fehler zu verbeſſern. Er kam gleich darauf in ein Treffen und da er vor dem Feinde fliehen mußte, und uͤber eine Dornhecke ſpringen wollte, blieb er ungluͤcklicher Weiſe ſitzen, ſo daß er von einem feindlichen Solda - ten eingeholet ward, der ihm mit dem Bajonette in den Hintern ſtieß, aber zum Gluͤck die eiſerne Plat - te traf, und durch den Stoß den Schweizer aus der Hecke half, der nunmehr geſtand, daß ſein Schneider mehr Verſtand als er ſelbſt habe, und beſſer wiſſe, wo er ſein Herz habe. Doch nunmehr zu edlern Thaten.
Unſere Feldherren, die durch die wiederholten Niederlagen des Feindes von ihrer Ueberlegenheit uͤberzeugt waren, bloquierten ſogleich Mons, da denn die Laufgraͤben den 25ſten unter Commando des Prin - zen von Naſſau geoͤffnet wurden. Die Belagerungward,27ward, des anhaltenden heftigen Regens ungeachtet, ſo lebhaft fortgeſetzt, daß die Stadt ſich den 20ſten Octo - ber ergeben mußte, und die Beſatzung 8000 Mann ſtark auszog, 1000 etwa ausgenommen, welche zu - ruͤck blieben, und bey uns Dienſte nahmen.
Der Sieg bey Malplaquet, und die Eroberung der Staͤdte Dornick und Mons beſchloſſen dieſen Feld - zug, daher unſere Armee aus einander und in die Winterquartiere gieng. Unſer Regiment kam nach Maſtricht, und da ich von meiner Wunde noch nicht wieder hergeſtellet war, ſo ward ich mit noch acht ver - wundeten Soldaten auf einem Wagen und unter der Aufſicht eines Sergeanten nach Bruͤſſel gefahren. Den 20ſten Abends kamen wir zu Notre-Dame de Hall an, auf dem halben Wege zwiſchen Mons und Bruͤſſel, wo eines unſerer Raͤder brach, und als der Fuhrmann hoͤrte, daß ſich eine Franzoͤſiſche Parthey in der Stadt befand, ſo machte er ſich mit den Pfer - den aus dem Staube. Als die Franzoſen von uns Nachricht erhielten, kamen ſie auf uns zu, erkundig - ten ſich nach den Pferden, und ſetzten, als ſie den Vorgang hoͤrten, ihnen nach. Zu meinem Gluͤcke war ich ehedem einige Zeit in dieſer Stadt geweſen, und war daſelbſt ſehr gut bekannt, daher mich die Ein - wohner in Sicherheit brachten, und mich dadurch vor der Pluͤnderung ſchuͤtzten; denn als die Franzoſen zu - ruͤck kamen, pluͤnderten ſie die acht verwundeten Sol - daten, und fuͤhrten den Sergeanten gefangen nach Namur. Als dieſer daſelbſt ankam, und dem Gou - verneur in dem Verhoͤre ſagte, daß er im Dienſte ge - weſen, und dieſe Verwundete in das Hoſpital nach Bruͤſſel habe bringen ſollen, daß ſie aber von denFran -28Franzoſen nackend waͤren ausgezogen und eines Mo - nathes Loͤhnung beraubet worden, ſo gab der Gouver - neur dem Officier einen derben Verweis, ſagte, daß er armen verwundeten und wehrloſen Leuten lieber haͤt - te Beyſtand leiſten, als ſo mit ihnen umgehen ſollen, und befahl ihm, dem Sergeanten ſowohl die Klei - dungsſtuͤcke als auch das Geld wieder heraus zu ge - ben; den Sergeanten aber ſchickte er mit einem Paſſe nach Maſtricht. Ein Beyſpiel des Edelmuthes, welchen man ſelten bey einem Feinde antrifft. Da ich an meiner Wunde noch immer unpaß war, ſo beſchloß ich zu Hall zu bleiben, ob es gleich ein offner Ort war, der faſt taͤglich von Franzoͤſiſchen Partheyen be - ſucht ward. Jch hatte hier einen geſchickten Wund - arzt, der niemand als mich ſelbſt zu beſorgen hatte, und daher meine Wunde deſto beſſer abwarten konnte, dagegen in Bruͤſſel alles voll von unſern Verwunde - ten war. So lange ich hier war, genoß ich viele Hoͤf - lichkeit von der Geiſtlichkeit dieſes Ortes, hielt mich aber nicht laͤnger auf, als bis ich auf Kruͤcken gehen konnte, da ich denn einen Franzoͤſiſchen Paß bekam, und mich nach Maſtricht begab, wo ein Lieutenants - Patent auf mich wartete.
1710 verließen wir ſchon im April unſere Win - terquartiere und kamen den 15ten bey Dornick an, wo unſer allgemeiner Sammelplatz war. Den 20ſten, nachdem die Armee formiret war, brach ſie Nachmit - tags um 5 Uhr auf, und marſchierte die ganze Nacht in zwey Colonnen. Unſer Aufbruch war ſo unerwar - tet, und ward mit ſo vieler Verſchwiegenheit und Ord - nung vollzogen, daß wir den folgenden Morgen ohne den geringſten Widerſtand in die Franzoͤſiſchen Linieneinruͤckten.29einruͤckten. Der Feind hatte dieſen Morgenbeſuch ſo wenig erwartet, daß er ſogar war fouragiren gegan - gen. Unſere Ankunft verbreitete ſo viele Unruhe un - ter ſeinen Truppen bey Lens, daß ſie ſich in aller Eil zuruͤck zogen, und wir in ihrem Lager auf den Ebe - nen bey Lens Poſto faßten.
Den 22ſten ſchlugen wir des Morgens unſereBelagerung von Douay. Bruͤcken uͤber die Scarpe; die Armee gieng die fol - gende Nacht daruͤber und berennete den naͤchſten Morgen die Stadt Douay. Den 25ſten fiengen wir unſere Linien an; der Fuͤrſt von Anhalt-Deſſau, der dem Grafen Lottum in dem Commando der Preuſſi - ſchen Truppen folgte, kam an dieſem Tage bey uns an, und fuͤhrte den einen Angriff auf die Stadt, der Prinz von Naſſau aber den andern. Den 29ſten waren unſere Linien fertig, und die Reiterey hatte eine große Menge Faſchinen und Schanzkoͤrbe zur Bela - gerung herbey geſchaffet. Den 1ſten May beſetzten unſere Truppen das Schloß Pignonville, und den 3ten Chateaux-Loway, wo ſich 340 Mann gefan - gen gaben. Den 4ten wurden unſere Laufgraͤben auf beyden Angriffen geoͤffnet, und unſere Leute gru - ben ſich ohne Verluſt ein, weil man ſie aus der Stadt nicht war gewahr geworden. Den 9ten Abends um 10 Uhr that der Feind einen lebhaften Ausfall auf des Prinzen von Naſſau Angriff, welches die Arbei - ter in große Unordnung brachte. Sie ſchleiften eini - ge Theile unſerer Parallele, wurden aber endlich mit betraͤchtlichem Verluſte zuruͤck getrieben, und bis an die Contreſcarpe verfolgt. Das Gefecht war ſo leb - haft, daß wir 300 Mann Todte und Verwundete hatten, und vermuthlich war der feindliche Verluſtnicht30nicht geringer. Die Parallele ward in eben derſelben Nacht wieder hergeſtellet, und den folgenden Morgen mit Anbruch des Tages fieng eine Batterie von acht Kanonen und vier Moͤrſern, von des Fuͤrſten von Anhalt Angriff, an, mir großer Heftigkeit auf die Stadt zu feuern. Die Batterie ſtand auf einem Bollwerke in einem Moraſte, der uns ſehr gehindert hatte, unſere Laufgraͤben zu flankiren, und ſie ward ſehr bald unbrauchbar gemacht. Der Feind that in derſelben Nacht einen Ausfall auf unſere Seite, ward aber mit betraͤchtlichem Verluſte zuruͤck geſchlagen. Den 10ten kam unſere ſchwere Artillerie an, und den 11ten kam auf jedem Angriffe eine Batterie von 24 Kanonen und 8 Moͤrſern zu Stande. Den 12ten waren unſere Laufgraͤben bis an den erſten Graben ge - kommen. Den 14ten waren unſere Batterien im Stande und mit 48 Kanonen und 32 Moͤrſern und Haubitzen beſetzt, daher wir anfiengen, die feindlichen Außenwerke zu beſchießen, aber vornehmlich auf des Fuͤrſten von Anhalt Seite, indem der Boden auf der andern ſo weich war, daß man nicht ſo ordentlich ap - prochiren konnte. Der Feind that den 17ten einen Ausfall, ward aber ſo lebhaft empfangen, daß er ſich in großer Unordnung zuruͤck zog und uͤber 100 Ge - fangene im Stiche ließ. Den 22ſten that er einen andern Ausfall, der auf beyden Seiten viele Leute ko - ſtete. Unſere Armee hatte ſich in den Linien nun - mehr ſo ſehr verſchanzt, daß wir nicht befuͤrchten durf - ten, in der Belagerung gehindert zu werden, obgleich der Feind um 10000 Mann ſtaͤrker war, als wir, wir auch aus ſeinen beſtaͤndigen Bewegungen vom 26ſten bis zum 30ſten glauben mußten, daß er unsangrei -31angreifen und zur Aufhebung der Belagerung zwingen wollte. Den 30ſten lagerte er ſich einen Kanonen - ſchuß von unſern Verſchanzungen, welches uns an der Belagerung hinderte, indem jedes Regiment, wel - ches wir nur auf einige Art erſparen konnten, zur Verſtaͤrkung der Armee gebraucht ward. Der Feind blieb vier Tage in dieſer Stellung, ohne uns zu be - unruhigen, da denn der Marſchall von Villars es fuͤr das Beſte hielt, ſich auf eine Stunde weit zuruͤck zu ziehen, worauf die Belagerungs-Regimenter wieder auf ihre Poſten giengen, und die Belagerung mit dem groͤßten Eifer foͤrtgeſetzt wurde. Der Feind that haͤufige Ausfaͤlle und ließ viele Minen ſpringen, wel - ches uns doch nicht hinderte, uns den 5ten Junii der Contreſcarpe zu bemaͤchtigen. Den 17ten liefen wir Sturm und eroberten ein Ravelin, und nachdem wir den Graben mit Faſchinen ausgefuͤllet hatten, ſchlugen wir unſere Bruͤcke nach der Haupt-Breſche. Jn der Nacht auf den 22ſten wurden die Laufgraͤben auf das Fort Scarp geoͤffnet, welches ein regulaͤres Fuͤnfeck war, worauf der Feind den 25ſten Nachmit - tags um 2 Uhr Chamade ſchlug, und den 26ſten ſo wohl die Stadt als das Fort uͤbergab. Die Bela - gerten hatten ungefaͤhr 3000 Mann Todte, unſer Verluſt aber beſtand in 8000 Mann an Todten und Verwundeten. Den 29ſten marſchierte der Mar - ſchall Albergotti mit ſeiner Beſatzung, die noch aus 4725 Mann beſtand, aus. General Hompeſch ward Gouverneur der Stadt, und der Brigadier des Roques, der erſte Jngenieur, ward Commendant des des Forts Scarp.
Nach32Nach einer Erholung von einigen Tagen nach ei - ner ſo ſchweren Arbeit brachen wir auf, in der Abſicht Arras zu belagern. Als der Feind ſolches merkte, gieng er in ſeine neuen Linien und vereitelte dadurch unſer Vorhaben, daher wir Bethune zu belagern be - ſchloſſen, und die Stadt den 13ſten Julii berenneten. Den 23ſten wurden die Laufgraͤben auf zwey Seiten eroͤffnet, die eine von dem General Schuylenburg und die andere von dem General Fagel. Die Fran - zoͤſiſche Armee machte eine Bewegung, als wenn ſie die Stadt entſetzen wollte; als ſie aber ſahe, daß wir bereit waren, ſie zu empfangen, ſo zeigte ſie ſich bloß und zog ſich hierauf wieder hinter ihre Linien. Die Belagerung ward ſehr lebhaft gefuͤhret. Den 29ſten that die Beſatzung einen Ausfall auf Fagels Seite, wo er faſt ein ganzes Regiment Preuſſiſcher Garde zu Grunde richtete, welches zum Ungluͤcke auf ein - mal gefeuert, ſich dadurch verſchoſſen hatte, und da - her von dem Feinde mit großem Verluſte uͤber den Haufen geworfen ward. Unſer Regiment eilte ihm ſo gleich zu Huͤlfe, und hinderte, daß es nicht abge -Ungluͤck ſechs Schot - tiſcher Offi - ciers. ſchnitten ward. Denſelben Tag begegnete ſechs Of - ficieren von einem Schottiſchen Regimente, welche in einer Reihe auf dem Banquette ſaßen, das Ungluͤck, daß eine Kanonenkugel ihnen allen die Fuͤße wegnahm, einen einigen ausgenommen, der den einen Fuß auf dem Banquette liegen hatte, und ihn dadurch rettete. Er war auch der einige, der mit dem Leben davon kam, die uͤbrigen mußten ſterben. Dieſe ungluͤckliche Ku - gel kam aus einer unſerer eigenen Kanonen auf Schuy - lenburgs Seite, welche auf ein Baſtion gerichtet war, aber ungluͤcklicher Weiſe unſere eigenen Laufgraͤbenflankierte.33flankierte. Die Stadt warf eine große Menge Bom - ben auf unſere Batterien, welche aber zu kurz gerich - tet waren, und groͤßtentheils in unſere Laufgraͤben rolleten, welches die Mannſchaft in denſelben in be - ſtaͤndiger Bewegung erhielt, ihnen auszuweichen. Jch mußte einmal in einen demolierten Keller ſteigen, und als ich kaum hinein war, rief die Schildwache: „ Huͤtet euch vor der Bombe! “ſogleich lag ſie in meinem Keller, und ich eilte, ſo ſehr ich konnte, hin - aus, worauf ſie ſo gleich platzte, und eine Menge Steine und Schutt um mich her warf, ohne mich doch zu beſchaͤdigen. Den 28ſten Auguſt ſchlug die Beſatzung Chamade, und den 31ſten marſchierte der General von Vauban mit 1700 Mann aus, die ihm noch uͤbrig waren, indem er beynahe 2000 Mann verlohren hatte. Sie koſtete uns 3665 Mann an Todten und Verwundeten. Der General-Major Keppel ward zum Gouverneur ernannt.
Hierauf folgte die Belagerung von Aire und St.Belagerung von Aire und St. Venant. Venant; wir brachen den 2ten September dahin auf, und beyde Orte wurden den 5ten berennet. Der Fuͤrſt von Anhalt fuͤhrte die Belagerung von Aire, der Prinz von Naſſau aber die von St. Venant. Um dieſe Zeit fieng der Feind einen Transport von Kriegs - geraͤthſchaften und Lebensmitteln auf, welcher auf dem Fluſſe Lys in Bothen zu uns gefuͤhret ward, welchen er wegnahm und verwuͤſtete, eine große Anzahl von der Bedeckung niedermachte oder verwundete, und 800 Gefangene machte. Dieß hielt indeſſen die Bela - gerung keinen Augenblick auf; denn St. Venant ergab ſich den 30ſten, und Herr Bruyn, der Jngenieur, ward daſelbſt zum Commendanten ernannt. Wir hattenCdabey34dabey 940 Mann an Todten und Verwundeten verloh - ren. Der Franzoͤſiſche Befehlshaber ward nachmals we - gen ſeiner ſchlechten Gegenwehr in die Baſtille geſchickt.
Vor Aire wurden die Laufgraͤben den 12ten September auf zwey Seiten geoͤffnet. Den 21ſten thaten die Belagerten einen Ausfall, der aber mit Verluſt von 40 Mann zuruͤck geſchlagen ward. Den 23ſten bemaͤchtigten wir uns einer Redoute nach geringem Widerſtande. Um dieſe Zeit uͤber - gab der Marſchall Villars das Commando der fran - zoͤſiſchen Armee dem Marſchall Harcourt, welchen der Koͤnig zu dem Ende abgeſchickt hatte. Den 8ten October nahmen wir eine andere Redoute mit ſtuͤrmender Hand ein, und bemaͤchtigten uns in der Nacht des bedeckten Weges. Nach vielen Arbeiten und Beſchwerden von unſerer Seite verlang - te der Feind den 3ten November zu capitulieren, und den 12ten marſchierte General Goesbriant der Gouverneur mit 3628 Mann aus, 1500 Verwun - dete nicht mitgerechnet, welche in der Stadt blieben. Unſer Verluſt beſtand in dieſer Belagerung in 7000 Mann an Todten und Verwundeten. Der Graf von Naſſau-Waldenburg ward zum Gouverneur der Stadt ernannt, worauf unſere ganze Armee auf die Ebenen von Ryſſel ruͤckte, wo ſie ſich den 15ten trennte, und in die Winterquartiere gieng. So endigte ſich dieſer Feld - zug, der zugleich fuͤr mich der letzte in dieſer Gegend war.
Vielleicht hat man zu keiner Zeit und in keinem Lande, ſelbſt die durch Caͤſars Siege ſo beruͤhmten Ge - genden nicht ausgenommen, ein Beyſpiel von einem ſo ſchnellen Fortgange der Waffen, als die alliirte Ar - mee in dieſem Kriege hatte. Sie ſchlug jederzeitweit35weit zahlreichere Armeen wohl disciplinierter, und mit allem uͤberfluͤßig verſehener Truppen, welche noch dazu von verſuchten und beruͤhmten Feldherren befeh - liget wurden, die ihr jeden Schritt ſtreitig machten. Und doch konnten ſie in ihren ſtark befeſtigten Staͤdten nicht die geringſte Sicherheit finden; ſie fielen in je - dem Feldzuge in die Haͤnde der Alliirten, und die ſiegreichen Helden glaͤnzen auf jeder Seite der kriege - riſchen Geſchichte. Allein wie wenig Bewunderung verdienen ſie, nach den Grundſaͤtzen des buͤrgerlichen Lebens betrachtet, wo uns die Menſchlichkeit zwinget, die kinderloſen Aeltern, huͤlfloſen Waiſen, klagenden Wittwen und traurenden Freunde zu bejammern, wel - che Ludwigs XIV Ehrgeiz ungluͤcklich und elend machte.
Wir bezogen unſere Winterquartiere in Dornick,Schreckliche Geſchichte von den Je - ſuiten zu Dornick. wo der Graf von Albemarle jetzt Gouverneur war. Kurz vorher trug ſich in dem Jeſuiter-Collegio eine Geſchichte zu, welche die ganze Stadt in Erſtaunen ſetzte. Ein Schuſter, welcher nahe an dem Collegio wohnte, hatte eine huͤbſche Frau, und ward daher von einem der heiligen Vaͤter mehrmals beſucht, wel - cher Schuhe und Pantoffeln fuͤr ſich und ſeine Colle - gen beſtellte. Endlich befahl er der Frau, wenn ſie fertig waͤren, ſie zu ihm zu bringen, und das Geld dafuͤr abzuholen, welches die Frau auch that. Sie ward in das Collegium gelaſſen, kam aber nicht wie - der zuruͤck, welches den armen Mann und ſeine Nach - barn ſehr beunruhigte, als welche ganz natuͤrlich in dem Collegio nach ihr fragten, aber zur Antwort erhielten, daß ſie das Geld empfangen habe, und damit fortgegangen ſey. Da man in die Wahr - heit der heiligen Vaͤter kein Mißtrauen ſetzte, ſoC 2durfte36durfte in dem Collegio auch keine weitere Unterſu - chung angeſtellt werden, und das Schickſal der Frau blieb unbekannt. Einige Tage darauf ſchlich ſich ein Knabe in der Nacht in einen Garten nahe an dem Garten der Jeſuiten, Aepfel zu ſtehlen und ſahe bey dem Mondſcheine von dem Gipfel des Baumes, daß die heiligen Vaͤter beſchaͤftiget waren, einen tod - ten Koͤrper in ihrem Garten zu begraben. Der Knabe, welcher wußte, daß man die Schuſterfrau vermißte, erzaͤhlte ſeinem Vater, was er geſehen hat - te. Der Vater, welcher nicht weit von dem Schu - ſter wohnte, gab ihm ſogleich davon Nachricht, und beyde giengen mit dem Knaben zu dem Gouverneur, welcher zu der Obrigkeit ſchickte, die ſich auch in das Collegium verfuͤgte. Als man in den Garten kam, zeigte der Knabe die Stelle, wo man den Koͤrper begraben hatte, und als man nachgrub, ſo fand man wirklich die Schuſterfrau mit abgeſchnittener Gurgel und ganz zerriſſenen Kleidern. Die Vaͤ - ter ſtellten ſich als wenn ſie von der ganzen Sache nicht das mindeſte wuͤßten, und ſchoben die ganze ſchaͤndliche That auf zwey ihrer Collegen, welche unſichtbar geworden waren. Dieß war aller Erſatz, welchen der arme Mann fuͤr den Verluſt ſeines Wei - bes erhalten konnte, obgleich der Knabe betheuerte, daß er acht Perſonen mit Begrabung des Koͤrpers be - ſchaͤftigt geſehen habe. Der Schuſter, deſſen Nach - bar und ſein Sohn hielten es fuͤr das Kluͤgſte, ſich nach Holland zu begeben, wo ſie Proteſtanten wurden, um der unbarmherzigen Rache dieſer heiligen Vaͤter zu ent - gehen. Dieſe Geſchichte ward mir von verſchiedenen Of - ficiers erzaͤhlt, welche damals hier in Garniſon lagen.
Er gehet als Capitaͤn in Ruſſiſche Dienſte. — Hohlt den General Bruce zu Preuſſiſch-Holland ein. — Merkwuͤrdige Geſchichte von einem Manne in El - bingen. — Sie kommen zu Jaweroff an, wo ſich der Czar in der Stille vermaͤhlet. — General Bruce’s Rang und Anſehen. — Nachricht von der Ruſſi - ſchen Armee. — Jhre Staͤrke und Kleidung. — Feldzug wider die Tuͤrken. — Kriegesrath am Dnieſter. — Prinz Cantemir kommt zu ihnen, aber ohne alle Truppen. — Ein Schwarm Heu - ſchrecken. — Die Tuͤrken kommen zum Vor - ſchein. — Die Ruſſen ſtellen ſich an dem Pruth. — Fechten drey Tage mit den Tuͤrken. — Die Cza - rinn rettet die ganze Armee. — Der Koͤnig von Schweden uͤberwirft ſich mit dem Groß-Vezier. — Ruͤckmarſch der Ruſſen. — Die Tartarn fuͤhren des Oberſten Pitt Gemahlinn und Tochter weg. — Der Groß-Herr beſtaͤtigt den Frieden. — Capi - taͤn Bruce wird als Expreſſer nach Conſtantinopel geſchickt. — Beſchreibung dieſer Stadt. — Jhre Moſcheen. — Gelegenheit fuͤr Fremde. — Staͤr - ke. — Das Serail. — Scutari, ſchoͤne Ausſicht. — Der Hafen. — Vorſtaͤdte. — Das Zeughaus. — Die Luft und das Clima. — Haͤuſer der Tuͤr - ken. — Jnnere Regierung des Landes. — Reli - gion. — Gottesdienſt. — Die Peſtſpiele der Tuͤr - ken. — Jhr Eſſen und Trinken. — Ruhe. — Ue - bungen in ihrer Jugend. — Kleidung des andern Geſchlechtes. — Herrſchender Eigennutz. — Frey -C 3heiten38heiten der Ehen. — Concubinat. — Politik ihrer Religion. — Strenge gegen verliebte Fremde. — Jhre Geſetze in Schuldſachen. — Jn peinlichen Faͤllen. — Jhre Strafen. — Woher der Capi - taͤn ſeine Nachrichten gehabt. — Neue Schwierig - keiten in Anſehung des Friedens. — Veraͤnderung des Miniſterii. — Neuer Tractat. — Der Frie - de wird von neuem gebrochen. — Der Czar thut dagegen Vorſtellungen. — Das Miniſterium wird abermals veraͤndert. — Der Ruſſiſche Ambaſſa - deur wird in die ſieben Thuͤrme geſchickt. — Groſ - ſe Kriegesruͤſtungen.
Dieſen Winter lud mich der General Bruce, welcher Ruſſiſcher Feldzeugmeiſter und ein Großenkel des Jacob Bruce war, welcher mit meinem Großva - ter Schottland verlaſſen hatte, ein, in Ruſſiſche Dienſte zu treten, wenn ich es fuͤr rathſam hielt, die Preuſſi - ſchen zu verlaſſen. Er meldete mir zugleich, daß er ſich jetzt zu Elbingen in Preuſſen befinde, wo er ſich einige Zeit aufhalten wuͤrde, daher ich dahin kommen ſollte, wenn ich ſein Anerbiethen annehmen wuͤrde. So ſehr mir auch dieſer Antrag gefiel, ſo konnte ich mich doch nicht eher entſchließen, als bis ich meine Verwandten zu Berlin befragt hatte, von deren Freundſchaft ich hinlaͤnglich uͤberzeugt war, und dieſe riethen mir einmuͤthig, den Antrag anzunehmen. Nachdem ich nun meinen Abſchied als Capitaͤn bekom - men hatte, ſchickte ich mich zur Abreiſe an, und gieng1711. den 25ſten Maͤrz 1711 von Dornick ab. Jch rei - ſete uͤber Oudenarde, Gent und Saß, und kam den 30ſten nach Rotterdam, worauf ich uͤber Delft undHaag39Haag gieng, und den 1ſten April zu Amſterſtam an - kam, wo ich mit einem Hollaͤndiſchen Schiffe nach Koͤnigsberg ſegelte. Wir ſegelten den 13ten aus dem Texel, liefen den 2ten May in den Sund ein, und ankerten den 7ten zu Pillau, welches ein Fort und Hafen iſt, der dem Koͤnige von Preuſſen gehoͤret. Jch machte ſogleich dem Gouverneur meine Aufwar - tung, welcher mir ſagte, daß General Bruce an ihn geſchrieben und ihn gebethen habe, mich, wenn ich an - kommen ſollte, nach Elbingen zu befoͤrdern. Weil nun der Gouverneur glaubte, daß der General nicht ſo bald von Elbingen abreiſen wuͤrde, ſo bath er mich, ein Paar Tage bey ihm zu bleiben, und ihm einige Nachricht von dem letzten Feldzuge zu ertheilen. Nach dem Eſſen trat ein Officier herein, welcher dem Gou - verneur meldete, wie er von einem Herrn, der eben von Elbingen gekommen ſey, erfahren habe, daß der General denſelben Tag habe von Elbingen abreiſen wollen. Jch beſchloß daher, ſogleich abzureiſen, ließ mich in einem Bothe an das andere Ufer ſetzen, nahm ein Pferd nach Elbingen, und kam noch denſelben Abend daſelbſt an. Hier erfuhr ich, daß der General den Nachmittag abge - reiſet ſey, nachdem er einen Expreſſen von dem Czar er - halten hatte, ſo geſchwinde als moͤglich zu ihm zu kommen.
Der General-Major Balk, Gouverneur zuEr hohlt den General Bruce ein. Elbingen, ſagte mir, der General Bruce habe ihn gebethen, mich, ſo bald ich ankommen wuͤrde, ihm ſo gleich nachzuſchicken. Jch nahm alſo ſo gleich ein Pferd, ritt die ganze finſtere Nacht durch, und hohlte ihn den folgenden Morgen, den 9ten May, in Preuſſiſch-Holland ein, eben da er ſeine Reiſe fort - ſetzen wollte. Er empfieng mich ſehr guͤtig, und daC 4er40er ſahe, daß ich ſehr ermuͤdet war, ſo verlangte er, daß ich mich in ſeinen Schlafwagen ſetzen ſollte, wo ich wirklich den ganzen Tag ſchlief, indem ich ſeit der Mahlzeit in Pillau weder gegeſſen noch geſchlafen hat - te. Ein ſolcher Schlafwagen iſt in jeder Ruͤckſicht ein Wagen; nur der Boden iſt ſo lang, daß man in einem Bette ausgeſtreckt darinn liegen kann. Jch fand nachmals, daß jeder Officier bey der Ruſſiſchen Armee einen ſolchen Wagen hatte, welches bey ihren langen Maͤrſchen durch wuͤſte Gegenden gewiß ſehr nothwendig iſt. General Bruce hatte verſchiedene Preuſſiſche Artillerie-Officiers zu Ruſſiſchen Dienſten beredet, wovon ihrer zwey Jngenieurs wurden.
Unter Weges unterhielt mich der General mit ei - ner Geſchichte, welche ſich waͤhrend ſeines Aufent - haltes zu Elbingen zugetragen hatte, wo ein Mann durch ihn von dem Scheiterhaufen war gerettet wor - den. Dieſer alte Mann hatte einen einigen Sohn, welcher ein Wuͤrzkraͤmer in der Stadt war, und wel - chem er ſein ganzes Vermoͤgen unter der Bedingung abgetreten hatte, daß er ihn, ſo lange er lebte, unter - halten ſollte. Der Sohn war ihm gut begegnet, al - lein deſſen Frau behandelte den alten Mann ſo grau - ſam, daß er ausziehen, und ſich eine eigene Wohnung ſuchen mußte, worauf der Sohn, auf Anſtiften ſeines Weibes, ſich weigerte, etwas zu ſeinem Unterhalte zu gebeu, oder die Miethe fuͤr ihn zu bezahlen, und ſo gar drohete, ihn in Verhaft nehmen zu laſſen. Dieſe ſchaͤndliche Begegnung gieng dem armen Man - ne ſo nahe, daß er auch daruͤber von Sinnen kam, und in ſeinem Wahnwitze mit ſeinem Blute eine Handſchrift aufſetzte, worin er ſich mit Seel und Leibedem41dem Teufel ergab, wenn er ihm dafuͤr eine gewiſſe Summe Geldes verſchaffen wuͤrde. Um nun des Teufels Geſinnung zu erfahren, trug er das Papier auf einen Kreuzweg und grub es daſelbſt ein, kam auch mehrmals wieder an den Ort, zu ſehen, ob der Teufel ſeinen Antrag angenommen habe. Da er nun kein Geld fand, ſo ward er wider den Teufel aufgebracht, und ſchmaͤhete auf ihn. Einige Arbei - ter, die in der Naͤhe waren, und ihn mehrmals an dieſem Orte bemerket hatten, giengen einmal in ſeiner Abweſenheit dahin, gruben das Papier auf, und brachten es zur Obrigkeit, welche den alten Mann in Verhaft nahm, ihm den Proceß machte, und ihn zum Scheiterhaufen verurtheilte. Als der General die Geſchichte hoͤrte, ſo nahm er ſich des alten Man - nes an, und uͤberzeugte ſeine Richter, daß bloß ſeine gegenwaͤrtige bedraͤngte Lage, und die Furcht vor kuͤnftigem Mangel den alten armen Mann wahnwitzig gemacht habe, und daß nicht er, ſondern ſein unna - tuͤrlicher Sohn geſtraft werden muͤßte. Der Be - weis war leicht, und die Wahrheit entdeckte ſich ſehr bald ſelbſt. Der alte Mann ward in Freyheit ge - ſetzt, und der Sohn verurtheilt, ihm alle Vierteljahr ſeinen Unterhalt zu bezahlen, worauf der Vater voͤllig wieder zu Verſtande kam.
Den 17ten kamen wir zu Warſchau an, und denGeheime Vermaͤhlung des Czars. 29ſten zu Jaweroff, wo ſich der Czar ins Geheim mit der Czarinn vermaͤhlte, wobey der General gegen - waͤrtig war, und bey dieſer Gelegenheit zum General - Feldzeugmeiſter ernannt ward. General Bruce warDes Gene - ral Bruce Anſehen. damals Ritter von vier Orden, naͤmlich von dem An - dreas -, weißen Adler -, ſchwarzen Adler - und Elephan -C 5ten -42ten-Orden, und hier erhielt ich mein Patent als Ca - pitaͤn bey dem Artillerie - und Jngenieur-Corps. Jch begab mich von hier nach Lemberg, mich meinem neuen Corps gemaͤß zu kleiden, und ward daſelbſt an einen Kaufmann, Nahmens Gordon, empfohlen, welcher mir viele Hoͤflichkeit erwies. Als ich wieder nach Jaweroff kam, brach die Armee auf, und wir reiſeten in des Kaiſers Gefolge nach Soroka an dem Dnieſter, wo wir zu der Ruſſiſchen Armee ſtießen. Der Ort liegt 600 (Engliſche) Meilen in Suͤden von Elbingen.
Die Ruſſiſche Armee wird von einem Feldmar - ſchalle und in deſſen Abweſenheit von dem General von der Artillerie commandiret, welcher einen Gene - ral-Lieutenant und einen General-Major unter ſich hat. Ein Regiment Artillerie beſteht aus 2400 Mann Bombardier, Kanonier, Minierer und Hand - langer; außer welchen jedes Bataillon von der Ar - mee ein Feldſtuͤck von drey Pfund bey ſich hat. Die Armee wird nach Diviſionen gerechnet, deren jede aus neun Regimentern beſtehet, wovon immer eines Grenadier ſind. Jede Diviſion wird von einem Ge - neral, einem General-Lieutenant, einem General - Major und einem Brigadier commandiret. Ein Regiment beſteht aus zwey Bataillons oder acht Com - pagnien, und wird von einem Oberſten, einem Oberſt - Lieutenant und zwey Majors commandiret; eine Com - pagnie aber beſtehet aus 150 Gemeinen, welche von einem Capitaͤn, zwey Lieutenants, einem Faͤhndrich, zwey Sergeanten, und einem Fahnjunker comman - diret werden. Ueberdieß befinden ſich bey jeder Com - pagnie ein Capitaͤn des Armes, ein Quartiermeiſter,ein43ein Geiſtlicher, ein Feldſcherer, zwey Tambours, ein Zimmermann, fuͤnf Denzigs, oder Unterofficier, und funfzehn Fuhrknechte, zuſammen 183 Mann. Je - de Compagnie hat ihre eigene Fahne, daher deren bey jedem Bataillon fuͤnf ſind. Die Generals haben ſo wenig Regimenter, als die Feld-Officiers Compa - gnien; auch haben die Capitaͤns mit dem Solde, den Montierungs-Stuͤcken, dem Gewehre und der Re - crutierung ihrer Compagnien nichts zu thun, indem dieſes von einem Commiſſaͤr oder Zahlmeiſter beſorgt wird. Die Recruten werden allemal von den Gou - verneurs der Provinzen gefordert, und von ihnen ge - ſtellet. Ein Regiment bekommt ſeinen Nahmen von der Stadt oder Provinz, wo es zuerſt iſt errichtet worden, und behaͤlt denſelben zu allen Zeiten; ausge - nommen die Grenadier-Regimenter, welche nach dem commandirenden General der Diviſion genannt werden. Die Compagnien jedes Regimentes werden gemeinig - lich mit Zahlen von 1 bis 8 unterſchieden. Sie ſte - hen in einem Treffen jederzeit vier Mann hoch, daher die beyden vorderſten Glieder niederfallen. Des Czars eigene Diviſion beſtand damals aus vier Regi - mentern, deren jedes eine Compagnie Grenadiers hat - te, welche ſonſt kein Regiment hat. Das erſte die - ſer Regimenter, welches das Prebaſinskiſche hieß, beſtand aus vier Bataillons; das zweyte oder das Samenofskiſche beſtand aus drey, das dritte oder das Jngermanlandiſche aus drey, und das vierte oder das Aſtrachanſche aus zwey Bataillons; in allem dreyzehn Bataillons, die vier Grenadier-Compagnien mit ein - geſchloſſen. Jede Compagnie bey dieſer Diviſion hatte uͤberdieß noch einen Capitaͤn-Lieutenant. Auſ -ſer44ſer dem befanden ſich bey des Kaiſers Diviſion noch zwey andere Grenadier-Compagnien, welche aus Bombardierern, Kanonierern und Minirern beſtan - den. Bey jedem Bataillon in der ganzen Armee be - findet ſich wenigſtens ein Officier, welcher ein Jnge - nieur iſt.
Die Ruſſiſche Macht beſtehet, die Beſatzungen mit eingeſchloſſen, aus 200000 Mann zu Fuß, und 100000 Mann zu Pferde; die Koſaken und Kal - mucken nicht mitgerechnet, welche, wenn es noͤthig iſt, 150000 Mann in das Feld ſtellen koͤnnen. Die ganze Armee traͤgt weiße Huthſchleifen; die Cavalle - rie iſt blau gekleidet mit roth eingefaſſet; das Fußvolk gruͤn mit roth und die Artillerie roth mit blauer Ein - faſſung.
Die Armee, zu welcher wir uns zu Soroka be - gaben, beſtund aus fuͤnf Diviſionen, jede von 6000 Mann, welche von dem Feldmarſchall, Grafen Tſche - remetof, commandieret wurden. Die erſte Diviſion war des Czars eigene, die zweyte des Generals Wey - de, die dritte des Fuͤrſten Repnin, die vierte des Ge - neral Hallard, und die fuͤnfte des General Rentzel, in allem 30000 Mann zu Fuß, wobey ſich eine zahl - reiche Artillerie befand. Die Armee war zu einer Unternehmnng gegen die Tuͤrken beſtimmt. Es ſoll - ten noch 30000 Dragoner zu uns ſtoßen, welche ab - geſchickt waren, ein Tuͤrkiſches Magazin an dem Dnie - ſter ein wenig uͤber Bender zu zerſtoͤren, welches ſie auch bewerkſtelligten und die Tuͤrken daſelbſt ſchlugen, aber verhindert wurden, zu uns zu ſtoßen, daher wir auch nicht laͤnger auf ihre Ruͤckkunft warteten. Ue - berdieß befanden ſich 50000 Kalmucken und Tartarnund45und 20000 Koſaken in voͤlligem Marſche zu uns, mit welchen Verſtaͤrkungen wir 130000 Mann ſtark waren.
Da der Kaiſer nun entſchloſſen war, aufzubre -Feldzug ge - gen die Tuͤr - ken. chen, ohne auf die uͤbrige Macht zu warten, ſo ward Befehl gegeben, alle bey der Armee befindliche Wei - ber fortzuſchicken. Allein die Kaiſerinn drang dar - auf, daß ſie ihren Gemahl begleiten wollte, welches ihr auch zugeſtanden ward, worauf die Generals um eben dieſelbe Freyheit fuͤr ihre Gemahlinnen anhielten, damit ſie der Kaiſerinn aufwarten koͤnnten, welches ſie auch erhielten. Die uͤbrigen Officier-Weiber glaub - ten nun, daß ſie eben daſſelbe Recht haͤtten, und blie - ben, des Befehls ungeachtet, bey der Armee. Ob nun gleich dadurch das Gepaͤck unſerer Armee anſehn - lich vermehret ward, ſo war uns doch dieſer Umſtand am Ende außerordentlich vortheilhaft.
Es ſcheinet, daß unſer ploͤtzlicher Aufbruch durch das geheime Verſtaͤndniß mit Brancowen, Fuͤrſten der Moldau, veranlaſſet worden, welcher nicht allein mit ſeiner ganzen Macht zu uns zu ſtoßen, ſondern uns auch hinlaͤnglich mit Lebensmitteln und rauhem Futter zu verſehen verſprach, wovon er doch nichts halten konnte. Denn ſo bald der Großherr von ſeiner Em - poͤrung Nachricht erhielt, entſetzte er ihn ſeines Fuͤr - ſtenthums und gab daſſelbe dem Cantemir, Fuͤrſten der Wallachey, mit dem Befehle, ſich des Branco - wen zu bemaͤchtigen, und denſelben nach Conſtantino - pel zu ſchicken. Zugleich ward demſelben aufgetra - gen, eine Bruͤcke uͤber die Donau zu ſchlagen, den Uebergang der Tuͤrken uͤber dieſen Fluß zu erleichtern, indem ſie uns entgegen ruͤcken wollten. Allein, dieTuͤrken46Tuͤrken wurden in ihrer Rechnung eben ſo ſehr betrogen, als wir; denn da einige ihrer Befehlshaber dem Fuͤr - ſten Cantemir ſehr uͤbel begegneten, ſo verzoͤgerte er den Bau der Bruͤcke, an Statt ihn zu beſchleunigen, und ſchickte indeſſen einen Officier an den Czar, und ließ denſelben bitten, in aller Eil mit 30000 Mann zu ihm zu ſtoßen, indem er glaubte, daß dieſe Macht nebſt ſeinen eigenen Truppen hinlaͤnglich im Stande ſey, die Tuͤrken an dem Uebergange uͤber die Donau zu hindern. Da der Czar eben von dem Branco - wen war hintergangen worden, (denn er machte ſich nachmals bey den Tuͤrken ein Verdienſt daraus,) ſo trauete er dem Fuͤrſten Cantemir anfaͤnglich nicht, und hernach war es zu ſpaͤt, den Uebergang zu hindern.
Den 14ten Jun. gieng unſere Armee uͤber den Dnie - ſter, worauf der Czar einen Kriegesrath berief, der in des General Bruce’s Zelt gehalten ward, wobey man zugleich den Brief des Fuͤrſten Cantemir verlas. Der Czar war nunmehr der Meynung, vorwaͤrts zu ruͤcken, ohne auf die uͤbrigen Truppen zu warten, und alle Generals billigten ſolches, den General Hallard ausgenommen, welcher nichts ſagte. Da der Czar deſſen Stillſchweigen bemerkte, ſo befahl er ihm, ſei - ne Meynung frey zu ſagen. Der General verſetzte, da der Kriegesrath ſo einmuͤthig ſey, ſo wuͤrde er ſich nicht unterſtanden haben, einen Einwurf zu machen, wenn der Czar es nicht ausdruͤcklich befohlen haͤtte. Er ſagte hierauf, wie er ſich ſehr wundere, daß man das Schickſal des Koͤniges von Schweden nicht als ei - ne hinlaͤngliche Warnung anſehe. Dieſer Monarch ſey durch den Verraͤther Mazeppa zu einem Fehltritteverlei -47verleitet worden, und er glaube, daß ſich die Ruſſi - ſche Armee jetzt in aͤhnlichen Umſtaͤnden befinde. „ Der Fuͤrſt der Moldau, “ſagte er, „ hat uns be - reits hintergangen, und der Fuͤrſt der Wallachey kann ein gleiches thun. Und wenn auch er ſelbſt es gut meynet, ſo kann es ihm an Macht fehlen, uns zu die - nen; denn es iſt ſehr zu fuͤrchten, daß ſeine Truppen, welche ſeit langer Zeit an die Tuͤrkiſche Regierung ge - woͤhnt ſind, nicht gleicher Meynung mit ihm ſeyn werden. “— Und dieß traf auch vollkommen ein.
Nichts deſto weniger ward der Marſch beſchloſ -Cantemir kommt allein zu uns. ſen, und wir brachen noch dieſelbe Nacht auf, die große Hitze am Tage zu vermeiden. Wir marſchir - ten drey Naͤchte lang durch eine wuͤſte duͤrre Heide, wo wir auf dem ganzen Wege keinen Tropfen Waſſer hatten, welches ſowohl die Menſchen als das Vieh aͤußerſt mitnahm. Den 18ten langten wir an dem Pruth an, wo wir viele von unſern Bagage-Pferden einbuͤßten, welche zu gierig getrunken hatten. Den 19ten giengen wir bey Jaſſy, der Haupt - und Reſi - denzſtadt des Fuͤrſten der Moldau, uͤber den Fluß. Hier kam der Fuͤrſt Cantemir mit einer geringen Be - gleitung ganz allein zu uns, indem ſowohl die Mol - dauiſchen als Wallachiſchen Truppen ihn aus Furcht vor den Tuͤrken verlaſſen hatten. Wir ſetzten unſern Marſch laͤngs dem Pruth fort, bis zum 21ſten, daEin Schwarm Heuſchrecken. wir auf einen fuͤrchterlichen Schwarm Heuſchrecken ſtießen, der, wenn er ſich erhob, die ganze Armee als eine Wolke uͤberſchattete. Sie hatten nicht allein al - les Gras auf dem Felde, ſondern auch die Blaͤtter und die zarte Rinde an den Baͤumen aufgefreſſen. Hier verlohren wir wieder einen Theil unſerer Bagage -Pferde48Pferde aus Mangel an Futter. Es war dabey merk - wuͤrdig, daß die Heuſchrecken unſere Armee niemals verließen, und ſo bald wir nur unſere Gezelte aufſchlu - gen, ſo ließen ſie ſich nieder und bedeckten das ganze Lager. Wir feuerten die Kanonen und das kleine Gewehr ab, und ſtreueten Pulver auf den Boden und zuͤndeten es an, ſie zu vertreiben; aber alles verge - bens. Sie begleiteten uns auf unſerm MarſcheDie Tuͤrken kommen zum Vorſchein. laͤngs dem Fluſſe, bis zum 27ſten, da wir die Tuͤrki - ſche Armee entdeckten, welche eben uͤber den Fluß ge - hen wollte. Der General Janus ward zwar ſogleich mit einem Corps und 12 Kanonen abgeſchickt, ihnen den Uebergang ſtreitig zu machen. Allein es war zu ſpaͤt, denn die Haͤlfte der Armee war bereits uͤber den Fluß, ehe er ankommen konnte, daher er es fuͤr das kluͤgſte hielt, ſich zur Armee zuruͤck zu ziehen. Es war in der That erſtaunlich, daß wir von einer ſo zahlrei - chen Armee, welche aus nicht weniger als 200000 Mann beſtand, nicht eher die geringſte Nachricht hat - ten, als bis wir ſie vor Augen ſahen.
Unſere Armee ſtellete ſich in einiger Entfernung von dem Fluſſe in Schlachtordnung, in der Hoffnung, ſie zu einem Treffen zu bringen. Allein, ſie hielten ſich uͤber einen Kanonenſchuß von uns entfernt, und dehn - ten ihre zahlreiche Armee aus, um uns zu umringen, und uns von dem Fluſſe abzuſchneiden. Wir blieben unter dem Gewehre bis in die Nacht, und da wir ihre Abſicht entdeckten, ſo zogen wir uns in großer Unord - nung zuruͤck, den Fluß zu behaupten, wobey alle unſere Diviſionen in der Finſterniß von einander ge - trennet wurden, und da wir jetzt großen Mangel an Pferden litten, ſo verbrannten wir einen Theil unſererBagage -49Bagage-Wagen, damit ſie dem Feinde nicht in die Haͤnde fallen moͤchten. Es war zu verwundern, daß der Feind aus den vielen Feuern, welche wir in der Nacht machten, unſere Verwirrung nicht merkte, welche ihm die beſte Gelegenheit wuͤrde gegeben ha - ben, unſere ganze Armee zu Grunde zu richten, wel - ches er mit einem kleinen Theil der ſeinigen haͤtte be - werkſtelligen koͤnnen. Allein zu unſerm Gluͤcke ſchie - nen die Tuͤrken mehr auf ihre eigene Sicherheit, als auf unſern Untergang bedacht zu ſeyn, denn ſie waren ſo geſchaͤftig, ſich zu verſchanzen, daß ſie daruͤber auf uns keine Acht hatten. Bey Anbruch des Tages wurden unſere zerſtreuten Truppen wieder in Ordnung gebracht, und unſere Armee ſtellte ſich in ein geſchloſ - ſenes Viereck, wobey der Fluß die vierte Seite aus - machte, welches den Vortheil brachte, daß wir un - ſer Viereck laͤnger ausdehnen konnten. Unſere Wa - gen wurden zur Bedeckung der Damen in die Mitte genommen.
Auf der andern Seite des Fluſſes und uns gegen uͤber ſtanden die Crimmiſchen Tartarn, unter welchen der Koͤnig von Schweden ſein Lager aufgeſchlagen hatte, die Bewegungen unſerer Armee zu beobachten. Die Tartarn fielen uns, ſo oft wir zu Waſſer giengen, ſehr beſchwerlich; allein ſo bald wir nur einige Kano - nen gegen ſie ſpielen ließen, hielten ſie ſich in einiger Entfernung. Unſere Armee ward mit Spaniſchen Reitern umgeben, welches die einige Schutzwehr war, welche wir hatten.
Die Tuͤrkiſche Armee umgab uns auf allen Sei -Wir fechten drey Tage mit den Tuͤr - ken. ten, in der Abſicht, uns durch Hunger zur Uebergabe zu bringen, und dieß wuͤrden ſie gewiß in kurzer ZeitDbewerk -50bewerkſtelliget haben, wenn ſie nicht zu hitzig geweſen waͤren, uns anzugreifen, welches ſie drey Tage und drey Naͤchte hindurch thaten. Allein zum Gluͤck fuͤr uns griffen ſie immer nur eine Seite unſers Viereckes auf einmal an, welches uns denn in den Stand ſetzte, unſere abgematteten Truppen, ſo wie ſie es bedurften, abzuloͤſen, und unſere zahlreiche Artillerie zu gebrau - chen, welche eine große Niederlage unter ihnen an - richtete, und zum Gluͤcke war ihr Geſchuͤtz noch nicht bey ihnen angekommen.
Den vierten Tag, da der Czar erfuhr, daß wir nur noch drey Patronen ſowohl fuͤr das grobe Ge - ſchuͤtz, als auch fuͤr das kleine Gewehr hatten, gab der Czar Befehl, daß alle Officiers bey der ganzen Ar - mee nebſt einer gewiſſen Anzahl auserleſener Leute auf - ſitzen, und ihm folgen ſollten. Seine Abſicht war, ſich in der Nacht durch die Tuͤrkiſche Armee zu ſchla - gen, und durch Siebenbuͤrgen nach Ungarn zu gehen. Allein als die Czarinn von dieſem verwegenen Ent - ſchluſſe Nachricht bekam, und ſowohl die Gefahr vor - aus ſahe, in welche ſich ihr Gemahl ſtuͤrzen wollte, als auch das Ungluͤck, welches die ganze Armee be - treffen mußte, ſo fiel ſie gluͤcklicher Weiſe auf ein beſ - ſeres Mittel, welches uns alle von dem Untergange rettete. Sie ſammelte alles Geld, Silbergeſchirr und Geſchmeide, welches ſich bey der ganzen Armee befand, und ſtellte dafuͤr eine Obligation von ſich, daß ſie es den Eigenthuͤmern wieder bezahlen wollte. Mit dieſem anſehnlichen Geſchenke bewegte ſie den Groß - Vezier, daß er ſich zum Frieden willig finden ließ. Die Sache ward auch ſehr bald von dem Feldmar - ſchalle zu Stande gebracht, ohne daß der Czar das ge -ringſte51ringſte davon wußte, indem er ſeine gefaͤhrliche Unter - nehmung eben antreten wollte, welche aber nunmehr von der Czarinn gehindert ward, indem ſie ihm melde - te, daß der Groß-Vezier geneigt ſey, auf billige Be - dingungen Frieden zu ſchließen. Dieſes Beyſpiel weiblicher Klugheit ward von der puͤnktlichſten Erfuͤl - lung ihres Verſprechens begleitet, indem ſie nach ih - rer Ruͤckkunft das entlehnte Geld, Geſchmeide u. ſ. f. richtig wieder bezahlte. Die vornehmſten Bedingun - gen des Friedens von unſerer Seite waren, daß wir den Tuͤrken Azoph, Taganrock und Caminieck abtreten, und unſere Truppen aus Pohlen ziehen ſollten, zu deſ - ſen Sicherheit der Vice-Kanzler Schaffirow und der General-Major Tſcheremetof als Geißel ausgehaͤndi - get wurden. Sie beſtanden auch darauf, daß der Fuͤrſt Cantemir von der Moldau ihnen ausgeliefert werden ſollte; allein man gab vor, daß er bereits das Lager verlaſſen habe, welches denn auch die meiſten bey unſerer Armee glaubten, denn ſo bald man den Vergleich auf die Bahn brachte, verbarg die Cza - rinn ihn in ihrer eigenen Kutſche, wovon niemand et - was wußte, als der Bediente, der ihm zu eſſen brach - te. Der Czar ſchaͤtzte nachmals den Fuͤrſten Cante - mir jederzeit ſehr hoch, und gab ihm verſchiedene Laͤn - dereyen, ſowohl in Rußland als der Ukraͤne, nebſt ei - nem Jahrgelde von 20000 Rubeln.
Sobald der Koͤnig von Schweden von dem Frie -Der Koͤnig von Schwe - den uͤber - wirft ſich mit dem Groß - Vezier. densſchluſſe Nachricht bekam, kam er mit dem Tar - tar-Chan, mit welchem er damals auf das genaueſte verbunden war, zu dem Groß-Vezier, und fragte denſelben, was ihn bewogen habe, einen ſo uͤbereilten Frieden zu ſchließen, da er doch den Czar und ſeineD 2ganze52ganze Armee haͤtte gefangen bekommen koͤnnen. Der Vezier verſetzte, da der Großherr ihm voͤllige Gewalt aufgetragen habe, Krieg und Frieden zu ſchließen, ſo habe er den Ruſſen den Frieden nicht verſagen koͤnnen, da ſie ihn auf Bedingungen erwarteten, welche dem Großherrn ſo ruͤhmlich waͤren, und wodurch man mehr gewoͤnne, als man jemals haͤtte erwarten koͤnnen. Der Koͤnig antwortete, wenn er den Czar gefangen nach Conſtantinopel gefuͤhrt haͤtte, ſo haͤtte er alles eingehen muͤſſen, was man nur von ihm wuͤrde ver - langt haben, und ſetzte hinzu, daß, wenn der Vezier ihm nur 20000 Mann ſeiner beſten Truppen ge - ben wollte, ſo wollte er ſich anheiſchig machen, das Verſaͤumte wieder einzubringen. Der Groß-Vezier erwiderte: „ Gott behuͤte uns, daß wir den Frieden ohne Urſache brechen ſollten, indem ich bereits die Geißel angenommen habe! “ Poniatowsky, ein Pohlniſcher General von des Stanislaus Parthey, der gegenwaͤrtig war, und ſahe, daß der Koͤnig nun - mehr ſchwieg, antwortete: „ Es iſt noch ein Mittel, ohne den Frieden zu brechen, und dieſes beſtehet dar - inn, daß man dem Koͤnige 20 oder 30000 Mann der beſten Truppen gebe, womit er den Czar angreif - fen und ihn zu beſſern Friedensbedingungen zwingen kann. “ Der Vezier verſetzte: „ Das wuͤrde wenig - ſtens eine mittelbare Verletzung des Friedens ſeyn, indem darinn verglichen worden, daß der Koͤnig mit einer zahlreichen Tuͤrkiſchen Bedeckung durch das Ruſſiſche Gebieth in ſeine eigene Staaten ſoll zuruͤck gehen koͤnnen, worauf er, wenn er Luſt hat, ſeinen Frieden ſelbſt mit dem Czar machen kann. “
Koͤnig ſahe den Groß-Vezier hoͤhniſch an, und lachteihm53ihm in das Geſicht, ohne zu antworten, und als er weggehen wollte, drehete er ſich ſo kurz um, daß er auch des Groß-Veziers Kleid mit ſeinen Spornen fort - zog. Er ſetzte ſich hierauf zu Pferde und ritt im groͤßten Verdruſſe fort. Er machte hierauf allerley Anſchlaͤge mit dem Chan, uns mit den Tartarn unter Weges anzugreifen, daher der Groß-Vezier, als er ſolches erfuhr, uns mit 30000 Spahis verſtaͤrkte, welche uns bis an den Nieſter begleiteten. Der Ve - zier ſchickte uns auch verſchiedene Wagen mit Lebens - mitteln als ein Geſchenk zur Armee.
Da die Sachen nunmehr verglichen waren, ſoRuͤckmarſch der Ruſſen. brachen wir den 2ten Julii in guter Ordnung auf und marſchirten mit klingendem Spiele und fliegenden Fah - nen ab. Unſer Geſchuͤtz und Gepaͤck marſchirte zwi - ſchen uns und dem Fluſſe, unſere Spaniſchen Reiter aber wurden, jeder von zwey Mann, zwiſchen uns und den Tuͤrken getragen, damit ſie in Bereitſchaft waͤren, wenn etwa die Tartarn darauf beharren ſoll - ten, uns anzugreifen. Wir marſchirten dieſen Tag im Angeſichte der Tuͤrkiſchen Armee. Als wir auf - brachen, hatte der Oberſte Pitt das Ungluͤck, ſeineUngluͤck des Oberſten Pitt. Gattinn und Tochter, ein ſehr ſchoͤnes Frauenzimmer, zu verlieren, indem ein Rad an ihrem Wagen brach, daher ſie ſo weit zuruͤck blieben, daß die Tartarn ſich ihrer bemaͤchtigten, und ſie davon fuͤhrten. Der Oberſte wandte ſich zwar ſo gleich an den Groß-Ve - zier, welcher befahl, daß auf das ſtrengſte nachge - forſcht werden ſollte; allein es war nichts heraus zu bringen. Als der Oberſte nachmals erfuhr, daß ſie[beyde]nach Conſtantinopel gefuͤhret, und dem Groß - herrn uͤberreicht worden, ſo wirkte er ſich einen PaßD 3aus,54aus, und gieng nach Conſtantinopel, ſie daſelbſt auf - zuſuchen. Er ward daſelbſt mit einem Juͤdiſchen Doctor bekannt, welcher Medicus in dem Seraglio war, und ihm ſagte, daß vor kurzem zwey ſolche Per - ſonen, als er beſchrieb, in das Seraglio waͤren ge - bracht worden; ſetzte aber auch hinzu, daß, wenn ſich ein Frauenzimmer einmal daſelbſt befinde, es nie wie - der heraus gelaſſen wuͤrde. Der Oberſte wandte nichts deſto weniger alle nur moͤgliche Mittel an, we - nigſtens ſeine Gattinn wieder zu bekommen, wenn er ſie auch nicht beyde erhalten koͤnnte, und ward endlich ſo ungeduldig und klagte ſo ungeſtuͤm, daß man ihn auch in das Gefaͤngniß ſteckte, und es viele Muͤhe ko - ſtete, ihm durch Vorſprache einiger Geſandten wieder die Freyheit zu verſchaffen. Der Juͤdiſche Arzt ſag - te ihm nachmals, daß ſie beyde an der Peſt geſtorben waͤren, mit welcher Nachricht er ſich begnuͤgen und wieder nach Hauſe reiſen mußte.
Sobald der Großherr die Nachricht von dem ge - ſchloſſenen Frieden und den dadurch erlangten Vor - theilen erhielt, ließ er auf drey Tage oͤffentliche Freu - densbezeigungen anſtellen, und billigte das Verhalten des Groß-Veziers nicht allein durch einen ehrenvollen Empfang, ſondern auch durch ſchmeichelhafte Briefe und praͤchtige Geſchenke. Aus Mangel an Pferden gieng unſer Marſch ſo langſam von Statten, daß wir erſt den 11ten Julii nach Stepanowa kamen, wo wir uͤber den Pruth giengen, und den 14ten wieder an dem Dnieſter anlangten. Den folgenden Tag gien - gen wir uͤber dieſen Fluß, und kamen zu dem Lager, wo wir unſere Dragoner, Koſaken und Tartarn fan - den, welche ſich jetzt uͤber unſere Ruͤckkunft freueten,indem55indem ſie von unſerer traurigen Lage Nachricht gehabt hatten. Als der Baſſa, welcher uns bis dahin be - gleitete, dieſe Truppen ſahe, ſo ſagte er, daß wenn wir ſie bey uns gehabt haͤtten, wir der Tuͤrkiſchen Ar - mee uͤberlegen geweſen ſeyn wuͤrden. Unſere Armee trennete ſich jetzt und nahm verſchiedene Wege. Der Czar gieng nach Deutſchland und nahm den General Bruce mit ſich, ſchrieb aber erſt neue Verhaltungs - befehle fuͤr den Baron Schaffirow, und ſchickte michCapitaͤn Bruce wird nach Con - ſtantinopel geſchickt. damit, als einen Expreſſen, nach Conſtantinopel, daher ich mit dem Baſſa zuruͤck gieng, welcher uns hierher begleitet hatte, und welcher jetzt nur noch 2000 Mann bey ſich hatte, indem die uͤbrigen zu - ruͤck gegangen waren, ſo bald ſich die Tartarn ent - fernt hatten. Jndeſſen hatte der Großherr auf An - ſtiften des Koͤniges von Schweden den Frieden bereits zweymal gebrochen, und ihn eben ſo leichtſinnig wie - der erneuert. Der Czar hatte dieß befuͤrchtet, und darauf bezogen ſich denn die Verhaltungsbefehle, welche ich uͤberbringen mußte.
Auf unſerm Wege nach Adrianopel erfuhr ich vie - le Hoͤflichkeiten von dem Baſſa. Wir kamen den 2ten Auguſt daſelbſt an, und fanden daſelbſt den Baron Schaffirow und Grafen Tſcheremetof, welche bald darauf mit uns nach Conſtantinopel giengen, wo wir den 25ſten ankamen. Jn einiger Entfernung von der Stadt kam der Graf Tolſtoi, unſer Geſand - ter zu uns, welcher ſeit der Kriegeserklaͤrung in die ſieben Thuͤrme war geſperret, jetzt aber in Freyheit ge - ſetzt worden.
Dieſe Stadt liegt auf einer Landſpitze, welche inBeſchrei - bung dieſer Stadt. die See hinein gehet; ſie hat eine dreyeckige Geſtalt,D 4und56und 14 Engliſche Meilen im Umfange. Die Haͤu - ſer ſind faſt insgeſammt von Holz gebauet, und die Straßen ſo enge, daß in den meiſten zwey beladene Pferde nicht neben einander gehen koͤnnen. Die Haͤuſer ragen auch mit den obern Stockwerken ſo weit vor, daß man an manchen Orten bequem aus dem Fenſter des einen Hauſes in das Fenſter des gegen uͤber liegenden ſteigen kann. Dieſer große Fehler ruͤhret nicht von einem Mangel an Raum her, weil die Stadt einen Ueberfluß an Gaͤrten, großen freyen Plaͤtzen und geraͤumigen Hoͤfen hat. Er iſt indeſſen Urſache, daß eine Feuersbrunſt hier allemal ſo ſchreck - liche Verwuͤſtungen anrichtet, weil es jederzeit ſo lan - ge fortbrennet, bis ein Garten oder freyer Platz deſſen Wuth Einhalt thut. Der regulaͤrſte Theil der Stadt iſt der Beſeſtin, der mit Mauern und Thoren umge - ben iſt, wo die Kaufleute ihre Gewoͤlber haben, die nach einer ſo ſchoͤnen Ordnung eingerichtet ſind, daß ein Kaͤufer ſein Geſchaͤft in einer Viertelſtunde voll - bringen kann. Jede Art des Handels hat hier ihren eigenen Platz, und Abends um zehn Uhr werden alle Thore geſchloſſen. An einem andern Orte der Stadt befindet ſich der Hippodromus, ein laͤngliches Viereck, 400 Schritte lang und 200 breit, wo die Uebungen zu Pferde gehalten werden. Gegen das Ende, dem Seraglio gegen uͤber, befinden ſich zwey Obelisken, wovon der erſte, der aus einem einigen Steine beſte - het, 70 Fuß hoch iſt, und auf einem viereckigen Fußgeſtelle von Marmor ſtehet, welches mit verſchie - denen erhabenen hieroglyphiſchen Figuren gezieret iſt. Der andere iſt eine gewundene Pyramide, welche aus Steinen zuſammen geſetzt iſt, aber weder Zierrathennoch57noch Aufſchrift hat. Nahe dabey ſtehet die Schlan - genſaͤule von Metall und von betraͤchtlicher Hoͤhe, welche aus drey verſchlungenen Schlangen beſtehet, die mit ihren Schwaͤnzen auf dem Boden ſtehen, und oben drey Koͤpfe mit aufgeſperrten Rachen und ausgeſtreckter Zunge zeigen. Jn einiger Entfernung davon befinden ſich zwey andere Saͤulen, und zwar in einem großen Hofe, der zur Uebung mit Pfeilen und Bogen beſtimmt iſt, wo die Schuͤtzen ſehr oft nach einem Ziele, welches nicht groͤßer als ein Engliſcher Schilling iſt, aus einer Entfernung von 100 Schrit - ten ſchießen. Der Maidan, oder Paradeplatz iſt ſehr groß und geraͤumig, und dienet allen Staͤnden zur Erfriſchung.
Die vornehmſte Moſchee iſt die Moſchee St.Jhre Mo - ſcheen. Sophia, welche ehedem eine chriſtliche Kirche-war. Sie iſt 120 Schritt lang und 80 breit. An jeder Seite befindet ſich eine Halle oder ein Vorgebaͤude, welches auf 30 Saͤulen, jede 16 Fuß hoch, und mit ſchoͤnen Capitaͤlen geziert, getragen wird. Sie hat eine Kuppel, welche ſchoͤn vergoldet und mit vortreffli - cher Muſiv-Arbeit gezieret iſt. Der Fußboden iſt von Marmor und mit Decken belegt. Das Grab Conſtantins des Großen iſt noch vorhanden, und wird von den Tuͤrken ſehr verehret, ob ſie gleich ſonſt weder Gemaͤhlde noch Bildſaͤulen in ihren Moſcheen dulden. Dieß iſt aber auch das einige alte Gebaͤude dieſer Art, welches hier vorhanden iſt. Denn alle uͤbrige Moſcheen ſind von Groß-Sultans oder Groß - Sultaninnen gebauet, deren Nahmen ſie auch fuͤhren. Sie ſind nach eben dem Muſter gebauet, und nur in der Groͤße verſchieden, und haben dabey eine MengeD 5Spring -58Springbrunnen mit verſchiedenen Gemaͤhlden, ſo daß man nur eine beſchreiben darf, um ſich alle vorzuſtel - len. Die naͤchſte nach jener iſt die Moſchee der Sul - taninn Valide, welche mitten in einem großen vier - eckigen Hofe ſtehet, und mit gewoͤlbten Hallen umge - ben iſt, worunter ſich Springbrunnen mit Haͤhnen be - finden, damit ſich das Volk daſelbſt waſchen kann, ehe es in die Moſchee gehet. Sie hat nur ein eini - ges Thor, welches von einer ſehr hohen und mit weiſ - ſem und ſchwarzem Marmor gepflaſterten Halle um - geben iſt, welche auf 64 Saͤulen von rothem Mar - mor ruhet, deren acht von Porphyr ſind und nahe an dem Eingange ſtehen. Die Decke iſt mit Gemaͤhl - den und Figuren nach Tuͤrkiſcher Art gezieret. Die Halle iſt mit kleinen Kuppeln bedeckt, welche ſich rings um eine groͤßere befinden, und welche insgeſammt mit Bley gedeckt ſind. An den vier Ecken des Gebaͤudes befinden ſich vier hohe Thuͤrme, welche ſich mit einer Kugel oder einem halben Monde endigen, von wel - chen Thuͤrmen die Prieſter das Volk zu dem Gebethe rufen, indem ſie keine Glocken haben.
Die Hans oder Caravanſerais, welche eigentlich fuͤr fremde Kaufleute beſtimmt ſind, ſind eine große Bequemlichkeit. Die Hans beſtehen aus einem vier - eckigen Gebaͤude, welches in der Mitte einen großen Hof hat, in welchem ſich allemal ein Springbrunnen befindet. Die Mauern ſind ſehr ſtark, und die Fen - ſter ſind zur Sicherheit der daſelbſt wohnenden mit ei - ſernen Stangen hinlaͤnglich verwahret. Die Zim - mer beſtehen aus kleinen mit Bley gedeckten Kuppeln, wie an den Moſcheen. Die Hans beſtehen nur aus zwey Stockwerken, deren Zimmer nicht die geringſteGemein -59Gemeinſchaft mit einander haben. Das untere Stock iſt in Waarenlaͤger, das obere aber in Wohnzimmer fuͤr die Kaufleute getheilet, welche ſich aber alles uͤbri - ge zu ihrer Bequemlichkeit ſelbſt ſchaffen muͤſſen, weil ſie hier nichts als die leeren Mauern finden. Die Caravanſerais ſind ſchlechter, aber doch auf eben dieſelbe Art gebauet. Sie dienen fuͤr aͤrmere Fremde und fuͤr die Bedienten der Caravanen, daher ſie auch Staͤlle fuͤr die Kameele haben. Außer dieſen beyden Arten von Gebaͤuden giebt es keine oͤffentlichen Her - bergen.
Die Stadt iſt mit einer hohen und dicken MauerFeſtigkeit der Stadt. mit Zinnen nach morgenlaͤndiſcher Art umgeben, wel - che von einer Entfernung zur andern Thuͤrme hat, die von einem flachen Graben vertheidiget werden. Auf der Landſeite ſind dieſe Werke doppelt. Dieſe machen nebſt den ſieben Thuͤrmen die ganze Befeſti - gung der Stadt aus.
Das Seraglio ſtehet auf der aͤußerſten SpitzeDas Sera - glio. der Landzunge, und hat 4 Engliſche Meilen im Um - fange, wovon doch die Gaͤrten den groͤßten Raum einnehmen. Die ganze Bauart iſt irregulaͤr, indem es aus einem unordentlichen Gemiſch verworrener Ge - baͤude beſtehet, welche mit einer Menge leicht vergol - deter Spitzen und Kugeln ohne Schoͤnheit und Ord - nung gezieret ſind. Der vornehmſte Eingang iſt bey St. Sophia, und gleicht dem Thore einer alten ſchlechten Stadt, ohne Architectur und Verzierungen. Durch dieſes Thor giengen wir in einen großen Hof, wo ſich zur rechten Hand die Krankenzimmer, auf der linken aber Gewehrvorraͤthe fuͤr 1000 Mann befin - den. Aus dieſem Hofe kamen wir in einen andern,der60der mit zwey großen bedeckten Gaͤngen umgeben iſt. Zur Rechten befinden ſich die Kuͤchen und zur Linken Staͤlle fuͤr 100 Pferde. Weiter durften wir nicht gehen. Das Seraglio iſt mit ſeinen Gaͤrten u. ſ. f. mit einer hohen Mauer von grauen Steinen umgeben, welche oben ein Parapet und Zinnen hat, wie die Stadtmauer. Sie ſchließet das alte und neue Sera - glio ein. Jn dem alten ſchließet der regierende Sul - tan die Weiber ſeines Vorgaͤngers ein, welche bey ihrem Eintritte den Vergnuͤgungen des Lebens auf immer entſagen. Das neue Seraglio ſtoͤßet an ſei - nen eigenen Pallaſt. Die großen Staatsbeamten wohnen ſehr ſchlecht, und ihre meiſten Haͤuſer ſind in eine Art von Park eingeſchloſſen, der einen Garten, und einen großen Hof enthaͤlt, an deſſen einen Seite ſich allemal die Kuͤchen, an der andern aber die Staͤl - le befinden. Die vielen vergoldeten Kuppeln, Ku - geln und Spitzen, welche man in allen Theilen der Stadt ſiehet, tragen viel dazu bey, der Stadt ein großes Anſehn zu geben, beſonders in einiger Ent - fernung.
Dem Seraglio gegen uͤber anderthalb Engliſche Meilen uͤber dem Waſſer, auf der Aſiatiſchen Seite liegt Scutari, welches eine große Stadt mit einer Koͤniglichen Moſchee und einem Luſthauſe des Groß - herrn iſt. Der Gipfel eines Huͤgels bey Scutari giebt eine der groͤßten und ſchoͤnſten Ausſichten, wel - che vielleicht in der Welt iſt. Hier uͤberſiehet man mit einem Blicke die Staͤdte Conſtantinopel, Galata und Pera, den Bosphorus und Propontis und die Kuͤſten der umliegenden Laͤnder.
Der61Der Hafen und die Bay haben ihre eigenenDer Hafen. Schoͤnheiten. Die Bay iſt 3 Engliſche Meilen lang und eine breit, durchaus rein und tief, und hat ein ſo ſteiles Ufer, daß auch die groͤßten Schiffe ſo nahe an das Land kommen koͤnnen, daß man von dem Ufer darein ſteigen kann, und kein Both noͤthig hat. An der Muͤndung des Hafens ſtehet Leanders Thurm, ein hohes viereckiges Gebaͤude, wo ſich eine Quelle in dem Felſen befindet. Es iſt mit einigen Kanonen beſetzt, die Stadt im Nothfalle von dieſer Seite zu vertheidigen.
Dem Hafen gegen uͤber befinden ſich vier betraͤcht -Vorſtaͤdte. liche Staͤdte, welche aber als Vorſtaͤdte betrachtet werden, indem ihre Entfernung von der Stadt uͤber dem Hafen ſo geringe iſt, daß man leicht jemanden zurufen kann. Sie heißen Pacha, Galata, Pera und Tophana, und halten 8 Engliſche Meilen im Umfange. Pera iſt der Ort, wo die fremden Ge - ſandten und alle Franken wohnen, indem ſie ſich in der Stadt nicht aufhalten duͤrfen. Galata iſt eigent - lich eine eigene Stadt, iſt ganz artig gebauet und mit Mauern und großen Vorſtaͤdten umgeben. Es iſt uͤberaus volkreich, und wird groͤßten Theils von Fran - ken und Chriſten bewohnt, und treibt große Hand - lung. Alle fremde Chriſten werden hier Franken ge - nannt. Am Ende des Hafens ſtehet das große Zeug -Arſenal. haus, welches einen betraͤchtlichen Raum einnimmt, und fuͤr 60000 Mann Gewehr enthaͤlt. Hier wer - den auch die Galeren in 120 Boͤgen verwahret.
Die Luft iſt hier außerordentlich rein und ſo ge -Luft und Clim[a.] ſund, daß die Einwohner keiner epidemiſchen Krank - heit ausgeſetzt ſind, außer der Peſt, welche ſie alleJahr62Jahr beſucht, und alsdann eine ſchreckliche Niederla - ge anrichtet. Man glaubt, daß die Einwohner bloß vor Alter ſterben wuͤrden, wenn dieſe Krankheit nicht ihr Leben verkuͤrzte. Sie ſind auch mit andern Krank - heiten ſo unbekannt, daß, wenn man ihnen ſagt, daß die Peſt in Europa ſehr ſelten iſt, ſie fragen, woran denn die Menſchen daſelbſt ſterben. Da die Stadt unter 41 Grad 30 Minuten noͤrdlicher Breite liegt, ſo iſt das Clima hier ſo gemaͤßigt, daß die Winter ſelten kalt ſind, und die Sommerhitze gemeiniglich von den Seewinden gemildert wird.
Die Tuͤrken ſind faſt in allen ihren Sitten das Widerſpiel von uns. Bey uns iſt es jederzeit Sitte geweſen, nur eine Frau zu haben, ſie haben deren mehrere. Wir halten unſere Kleidung fuͤr bequem, weil ſie kurz iſt; ſie tragen ſie lang bis auf die Ferſen. Wir ſchaͤtzen langes Haar und ein glattes Kinn; ſie ſcheren den Kopf und laſſen den Bart wachſen. Wir ſchreiben gerade von der Linken zur Rechten; ſie ma - chen krumme Zeilen von der Rechten zur Linken. Sie hucken nieder, wenn ſie ihr Waſſer laſſen, wie die Weiber.
Sie haben in ihren Haͤuſern keine ſolche Geraͤth - ſchaften als wir, z. B. Betten, Tiſche, Stuͤhle, Spiegel, oder Gemaͤhlde. Die bloßen Waͤnde mit einem Taͤfelwerke und Sopha machen alle Meublen und Zierrathen in ihren Zimmern aus. Die Rei - chen laſſen ihre Waͤnde und ihr Taͤfelwerk im Mohri - ſchen Geſchmacke bemahlen; ihre Sophas ſind 2 Fuß hoch, gehen von einem Ende des Zimmers bis zum andern unter den Fenſtern hin, ſind 10 Fuß breit, und werden mit Tuͤrkiſchen oder Perſiſchen Tapetenbedeckt.63bedeckt. Ueber dieß liegen laͤngs der uͤbrigen Seiten des Zimmers Matten 5 bis 6 Fuß breit, welche mit Zeug oder Sammt bedeckt ſind, worauf große mit Haar oder Wolle ausgeſtopfte Kuͤſſen liegen. Jn den Haͤuſern der Großen ſind dieſe Kuͤſſen kuͤnſtlich geſtickt, oder mit reichem Goldſtoff uͤberzogen. Auf dieſen Kuͤſſen oder Sophas lebt der Tuͤrke, mit kreuz - weiſe gelegten Beinen wie ein Schneider, ſeine Tage in Traͤgheit und Unthaͤtigkeit dahin, raucht Toback und trinkt Kaffee oder Sorbet, ohne ſich auf andere Art zu beluſtigen oder zu vergnuͤgen, als mit Scha - len, Tricktrack, oder das Gaͤnſeſpiel zu ſpielen.
Jhre Provinzen und Staͤdte werden von Beſſen,Regierung. Unter-Baſſen, Woiwoden, Kadis oder Richtern, und Einnehmern regiert. Der Baſſa hat die hoͤchſte ausuͤbende Gewalt, und muß dem Großherrn fuͤr die Einkuͤnfte aus ſeiner Provinz ſtehen. Um aber in derſelben ein ſo unumſchraͤnkter Tyrann zu ſeyn, als der Großherr in ſeinem Reiche iſt, ſo pachtet er die Erlaubniß, die Einwohner nach eigenem Gefallen zu druͤcken, gegen einen jaͤhrlichen Tribut an Geld und Sclaven, worunter doch die gewoͤhnlichen Abgaben und Zoͤlle der Provinz nicht gehoͤren. Da nun da - durch der Raubgier der herrſchſuͤchtigen Baſſen freye Haͤnde gelaſſen werden, ſo uͤben ſie auch alle Arten der grauſamſten Bedruͤckungen aus, wenn nur etwas dabey zu gewinnen iſt, ohne dabey auf den Stand oder die uͤbrige Beſchaffenheit der Gedruͤckten zu ſehen; Wittwen und Waiſen haben hier vor andern kein Vorrecht. Die Reichthuͤmer, welche einige dieſer Baſſen auf ſolche Art zuſammen ſcharren, ſetzen ſie in den Stand, aus eigenen Mitteln eine ſtehende Armeezu64zu unterhalten, wodurch ſie denn nicht ſelten dem Großherrn ſelbſt furchtbar werden, der alsdann zu ih - ren Verbrechen durch die Finger ſehen muß, weil er es nicht wagen darf, ſie zu ſtrafen. Denn ſo lange der Baſſa ſeine Truppen bezahlen kann, ſo lange kann er ſich auf ſie verlaſſen. Der Woiwode iſt eine Stadtobrigkeit; der Einnehmer nimmt die Zoͤlle ein, und hat große Gewalt uͤber alle Betruͤgereyen und Unterſchleife bey den Einkuͤnften zu erkennen, und iſt in allen ſolchen Faͤllen ſo wohl der Richter als der Ur - theilsverfaſſer; ſeine Urtheile werden immer nach dem Gewinne, welchen ſie ihm bringen, beſtimmt. Der Kadi iſt Richter in allem, was das Geſetz betrifft.
Die Tuͤrkiſche Religion erkennet vier Propheten, Enoch, Moſes, Chriſtus und Mahomed. Sie glauben, daß Judas, welcher ſeinen Herrn den Ju - den verrathen wollte, von ihnen an deſſen Statt ge - kreuziget, Chriſtus aber in den Himmel verſetzet wor - den. Sie werfen den Chriſten Gottloſigkeit und Wahnſinn vor, wenn ſie glauben, daß derjenige, wel - chen ſie als Gott verehren, eines ſo ſchimpflichen To - des geſtorben ſey; der bloße Anblick eines Crucifixes erfuͤllet ſie daher ſchon mit Zorn und Wuth. Sie glau - ben; daß Chriſtus kommen wird, die Welt zu rich - ten, daß er aber erſt tauſend Jahr auf Erden regie - ren, heirathen und Kinder zeugen wird. Allein von der Dreyeinigkeit wollen ſie nichts wiſſen, ſondern be - haupten, daß ein ſolcher Gedanke ungereimt ſey, und die Einheit des hoͤchſten Weſens, ohne welche es nicht Gott ſeyn koͤnne, aufhebe. Sie behaupten, auf Chriſtum ſey Mahomed gefolget, nach welchem weiter kein Prophet kommen werde. Sie glauben,daß65daß es eine unzaͤhlige Menge ſo wohl guter als boͤſer Engel, ſo wohl weißer als ſchwarzer Engel gebe, und behaupten, jeder Menſch habe zwey Engel, welche ihn beſtaͤndig begleiten; der eine ſchreibe ſeine guten und der andere ſeine boͤſen Handlungen auf. Die Seelen der Gottloſen kommen, ihnen zu Folge, nicht eher als am großen Gerichtstage in die Hoͤlle, bis dahin bleiben ſie bey ihren Koͤrpern in dem Grabe, wo ſie von den ſchwarzen Engeln bis zum juͤngſten Tage ge - martert werden, worauf ſie in die Hoͤlle geſchickt wer - den, und daſelbſt, nach der Groͤße ihrer auf dieſer Welt begangenen Verbrechen, eine gewiſſe Zeit noch haͤr - tere Strafen leiden. Nach Verlauf dieſer Zeit wer - den ſie erloͤſet, und kommen in das Paradies, wo ſie eben dieſelbe Gluͤckſeligkeit, welche den Tugendhaften beſtimmt iſt, genießen werden; denn, ſagen ſie, es iſt wider die Guͤte Gottes, fuͤr die Vergehungen eines ſo kurzen Lebens ewig zu ſtrafen.
Sie bethen fuͤnfmal des Tages; bey AnbruchJhr Gottes - dienſt. deſſelben, zu Mittage, Nachmittags um drey und ſechs, und eine Stunde nach Untergang der Sonne. Am Freytage, der ihr Sabbath iſt, kommen ſie zum oͤffentlichen Gottesdienſte zuſammen, da denn der Jmam oder Prieſter Gebethe herſagt, und eine Art Predigt oder Ermahnung an die Zuhoͤrer haͤlt; allein keines ihrer Weiber darf bey der oͤffentlichen Andacht erſcheinen. Jhre große Faſten dauert dreyßig Tage, da ſie denn dieſe ganze Zeit uͤber jeden Tag von Mor - gen bis in die Nacht faſten muͤſſen, und weder eſſen noch trinken, noch Tobak rauchen duͤrfen. Dieſe Faſten endigt ſich mit dem Monde, und jeder iſt ſo begierig, den Neumond, als den Befreyer von dieſerEbeſchwer -66beſchwerlichen Enthaltſamkeit zu erblicken, daß ſie auch auf die Daͤcher der Haͤuſer, und ſelbſt auf die Gipfel der Berge ſteigen, ihn zu erblicken. So bald er nur an dem Horizonte ſchimmert, begruͤßen ſie ihn mit verſchiedenen ehrerbiethigen Verbeugun - gen. Aus ihren Schloͤſſern wird dieſe angenehme Neuigkeit durch mehrmalige Abfeuerung ihres groben Geſchuͤtzes bekannt gemacht. Die drey folgenden Tage werden in Ueppigkeit und Froͤhlichkeit zuge - bracht. Sie duͤrfen zu keiner Zeit Schweinfleiſch eſſen, oder Wein trinken. An die Vorherbeſtim - mung glauben ſie ſo feſt, daß ſie auch zur Zeit der Peſt nicht die geringſte Vorſicht gebrauchen, und ſich aͤrgern, wenn ſie ſehen, daß die Chriſten zu einer ſolchen Zeit die angeſteckten Haͤuſer meiden, und fuͤr ihre Geſundheit Sorge tragen, indem ſie ſagen, man muͤſſe Sterbende oder Verſtorbene nicht verlaſſen.
Die Peſt, welche jaͤhrlich eine ſo große Menge Einwohner aufreibet, ſcheinet zur Erhaltung des Landes gewiſſer Maßen nothwendig zu ſeyn, indem ſich die Einwohner jaͤhrlich um ein Fuͤnftel vermehren; wovon man die Urſache leicht begreifen kann, wenn man erwaͤget, daß jeder Mann vier Weiber nehmen und ſich uͤber dieß noch verſchiedene Beyſchlaͤferinnen halten darf. Ueber dieß werden alle Jahr 50000 Sclaven in die Tuͤrkey gebracht, ſo daß das Land ſehr bald mit Einwohnern uͤberfuͤllet ſeyn, und das Volk in Gefahr gerathen wuͤrde, Hungers zu ſterben, wenn nicht dieſe Krankheit deſſen Anzahl verminderte. Da - her iſt das Land, dieſer Plage ungeachtet, immer mit Menſchen angefuͤllet.
Die67Die Sitten und Gebraͤuche der Tuͤrken ſind denGemuͤths - art. unſrigen, wie ich bereits bemerkt habe, faſt in allen Stuͤcken entgegen geſetzt. Sie wiſſen ſo wenig von Studieren, ihren Verſtand aufzuklaͤren, daß ſie ſich gewiſſer Maßen ihrer Unwiſſenheit ruͤhmen. Jhr Ehrgeiz iſt dabey ſo ſchwach, daß ſie nichts unterneh - men, wobey ſie nicht niedrige eigennuͤtzige Abſichten haben. Da ſie die meiſte Zeit in der Einſamkeit und Traͤgheit zubringen, ſo blicken ſie kaum uͤber den en - gen Kreis ihrer eigenen Familien hinaus; und wenn nur ihre Weiber huͤbſch ſind, ihre Pferde gut laufen, und ihre Sclaven ihnen ehrerbiethig begegnen, ſo be - kuͤmmern ſie ſich um die ganze uͤbrige Welt nicht. Mit ihrem Schickſale zufrieden, ſitzen ſie ganze Tage auf dem Sopha, ohne andere Beſchaͤftigung, als Kaf - fee zu trinken, Tobak zu rauchen, oder mit ihren Weibern zu taͤndeln; ſo beſtehet ihr ganzes Leben aus Eſſen, Trinken und Schlafen, mit wenigen plumpen Vergnuͤgungen untermiſcht. Und dennoch kann man ihnen keine Schwelgerey im Eſſen vorwerfen, denn ein mit Reiß, Coriander und Zucker gekochtes Huhn, welches Pillau genannt wird, iſt ihr herrlichſtes Ge - richt, welches nebſt einem Gerichte Fiſche u. ſ. f. und einem Nachtiſch von Confect ihre ganze Mahlzeit ausmacht. Wenn die Speiſeſtunde kommt, ſo bringt ein Sclave einen achteckigen mit Elfenbein ausgeleg - ten Tiſch von Nußholz, der nicht uͤber anderthalb Fuß im Durchmeſſer haͤlt, welchen er auf den Sopha ſetzt, ein Tuch daruͤber deckt, und die Gerichte, eines nach dem andern, auftraͤgt. Ein anderer Sclave breitet ei - ne Serviette auf ſeines Herrn Knie und ſtehet hinter ihm, ihm die Speiſen zu ſchneiden, und bey demjeni -E 2gen68gen zu helfen, was ihm zu nehmen beliebt; denn es iſt unter der Wuͤrde eines Tuͤrken, etwas ſelbſt zu thun. Sie trinken nie uͤber dem Eſſen, ob ſie ſich gleich hinlaͤngliche Zeit dazu nehmen; allein, ſo bald der Tiſch weggeſchaffet iſt, bringt ein Sclave einen Becher mit Sorbet, und hernach Kaffee und Tobak, womit ſein Herr den Ueberreſt des Tages zubringt. Jhre Gefaͤße ſind insgeſammt irden oder von Porzellan. Jhr Schlaf.Gegen die Nacht werden eine Matte, Betttuͤcher und eine Decke gebracht, und ſie ſchlafen an eben demſel - ben Orte, wo ſie eſſen, trinken, rauchen, ſpielen und den Tag in Muͤſſiggang zubringen.
Dieß iſt ihre beſtaͤndige Lebensart, ſo bald ſie die Jugendjahre verlaſſen haben; denn von dem funfzehn - ten Jahre an bis zum zwanzigſten uͤben ſie ſich in den Waffen, im Reiten, den Bogen und den Wurfſpieß zu gebrauchen, in andern aͤhnlichen Fertigkeiten. Sie ſind auch, ihrer hohen Saͤttel und kurzen Steig - buͤgel ungeachtet, vortreffliche Reiter, indem ſie ihre Pferde ohne Gerte und Spornen ſehr geſchickt zu re - gieren wiſſen, wobey ſie ſich eines Stabes 3 Fuß lang bedienen, welchen ſie in die Mitte faſſen, und mit den beyden Enden die Bewegung des Pferdes, ſo wie es noͤthig iſt, leiten. Jhre Pferde ſind ſehr ſchnell, und ſtrecken ſich im Laufen ſo lang, daß ſie mit den Baͤuchen die Erde zu beruͤhren ſcheinen. Die Tuͤrken werfen den Spieß zu Pferde ſo geſchickt, daß ſie in vollem Jagen ſelten das Ziel verfehlen; und was noch mehr zu bewundern iſt, ſo werfen ſie ihren Spieß ſo weit vor ſich her als ſie koͤnnen, folgen in vollem Gallop, und heben ihn im Vorbeyſprengen vonder69der Erde wieder auf ohne ſich im geringſten an - zuhalten.
Die Kleidung der Mannsperſonen beſtehet inJhre Klei - dung. langen Beinkleidern, die bis an die Knoͤchel herunter gehen, nebſt ledernen Struͤmpfen, die unten an den - ſelben befeſtiget ſind, und ein Chackſir genennet wird, und kurzen rothledernen Stiefeln; in einem Hemde von feinem baumwollenen Zeuge, das wie ein Frauen - zimmer-Hemde gemacht, und nur beſonders an den Aermeln etwas weiter iſt, welche offen ſind. Ueber die - ſes tragen ſie einen Caftan, der eine Art von einem langen Prieſterrocke iſt, mit Ermeln, die unten an der Hand zugeknoͤpft ſind; der Sommer-Caftan iſt von weißem baumwollenen Zeuge, im Winter aber tragen ſie ſeidne, die mit Baumwolle gefuͤttert ſind. Um die Weſte guͤrten ſie eine ſeidene Scherpe, worein ſie ihren Dolch ſtecken, deſſen Griff von Silber oder El - fenbein, und mit Juwelen beſetzt iſt; ſie gehen nie - mals mit einen Saͤbel, außer wenn ſie aufs Land rei - ſen. Das Oberkleid iſt ein weiter Rock von Zeug, welchen ſie Weſt nennen; im Sommer iſt er mit Taf - fet, und im Winter mit koſtbarem Pelze gefuͤttert. Dieſe machen nebſt dem Turban die voͤllige Kleidung einer Mannsperſon aus.
Die Kleidung der Frauenzimmer iſt wenig un -Kleidung des andern Ge - ſchlechts. terſchieden, und beſtehet hauptſaͤchlich darin, daß ſie viel reicher iſt. Sie tragen einen goldbrocatenen Caftan, den ſie vorne mit großen Perlen oder einem kleinen Knopf von Diamanten befeſtigen. Der Caf - tan bedeckt die Schultern voͤllig, iſt aber vorne eben ſo tief ausgeſchnitten, daß ihre Bruͤſte bloß bleiben wuͤrden, wenn ſie nicht mit dem Hemde, und einerE 3kleinen70kleinen Weſte, die ſie daruͤber tragen, bedeckt waͤren. Dieſe Weſte liegt feſt am Leibe an, und haͤlt die Bruͤ - ſte in der Hoͤhe. Ueber dieſen Caftan tragen ſie ei - nen ledernen Guͤrtel, der mit goldenen und ſilbernen Plaͤttchen und Knoͤpfen beſchlagen, und mit koſtbaren glaͤnzenden Steinen beſetzt iſt. Jhr Hemde iſt je - derzeit von der feinſten gebluͤmten Seide, und haͤngt uͤber ihren Chackſir, welcher im Sommer gleichfalls von Seide iſt, weil dieſe in der großen Hitze am bequem - ſten iſt. Jhr Oberkleid iſt entweder von feinem Tu - che oder Sammt beſetzt, oder von reichem goldenen Stoffe. Jhr Kopfputz iſt ſehr ſchoͤn und anſtaͤndig; die Talpo iſt eine weite hohe Sammet-Muͤtze, und gleicht faſt einer engen Krone; ſie ſchließt feſt am Kopfe an, und wird oben weiter. Sie iſt mit Gol - de, Silber und Perlen ſehr reich geſtickt, und iſt ſo hoch, daß ſie auf die Schultern zuruͤck fallen wuͤrde, wenn ſie nicht kuͤnſtlich auf dem Kopfe unterſtuͤtzet wuͤrde, wo ſie ſelbige mit vieler Kunſt in Falten le - gen. Sie iſt uͤberdieß mit langen Schnuren von Per - len, die kuͤnſtlich unter einander geſchlungen und mit Diamanten, Rubinen und allen Arten von Juwelen beſetzt ſind, verſehen, und wird mit einem Stirnban - de, das zwey Finger breit und ſo reich beſetzt iſt, daß es einem Diadem gleichet, an den Kopf befeſtiget. Um dieſes Stirnband herum gehen kleine goldene Ket - ten, an deren einem Ende ein Demant und an dem andern ein Smaragd haͤngt, die auf der Stirne und auf beyden Seiten des Geſichts baumeln. Jhr Haar iſt in einen langen Zopf, der vier Finger breit iſt, und ſehr weit, bey einigen bis auf die Ferſen her - unter gehet, geflochten. Sie tragen an beydenSeiten71Seiten der Stirne eine kleine Locke, die geringelt an der Seite des Geſichts herab haͤngt, und dieſen Lo - cken widmen ſie viele Aufmerkſamkeit; ſie faͤrben ſie ſchwarz, ſo wie ihre Augenbraunen, die ſehr regelmaͤſ - ſig ſind, denn ſie geben ihnen mit dem Scheermeſſer die gehoͤrige Geſtalt. Die Frauenzimmer uͤberhaupt ſchminken ſich, und ſind deſſen ungeachtet ſehr ſchoͤn. Sie ſcheinen zur Liebe geſchaffen zu ſeyn; ihre Hand - lungen, Gebaͤrden, Rede und Blicke, ſind verliebt und ſehr bequem, dieſe angenehme Leidenſchaft zu er - wecken. Da ſie ſonſt nichts zu thun haben, ſo ma - chen ſie es zu ihrem einzigen Geſchaͤfte, den Manns - perſonen zu gefallen. Außer ihrer Zierlichkeit und Schoͤnheit, iſt ihre Reinlichkeit nicht einer ihrer ge - ringſten Reize. Sie baden ſich woͤchentlich zwey Mahl, um ſich rein zu halten, und dann knacken mit beſonderer Geſchicklichkeit alle Gelenke ihrer Glieder; und um die uͤberfluͤßigen Haare zu vertreiben, ſalben ſie die Haut mit Pilaw, welches macht, daß die Haa - re ausgehen, und die Haut ſchoͤn weiß und weich wird.
Die Tuͤrken, die bey ihren Heirathen gemei -Jhre Heira - then. niglich auf den Gewinn ſehen, muͤſſen durch Unter - haͤndler heirathen, und mit einer Beſchreibung an - ſtatt einer Unterredung zufrieden ſeyn, die ihnen erſt, wenn ſie wirklich heirathen, geſtattet wird. Allein es werden ihnen ſo viel andere Bequemlichkeiten geſtat - tet, daß ſie nicht die geringſte Urſache haben, ſich zu beklagen; denn ſie koͤnnen vier rechtmaͤßige Weiber heirathen, und diejenigen, die noch mehr verlangen, koͤnnen bis auf zwanzig Concubinen nehmen, wie es ihnen beliebet, denn dieſes iſt auch eine Art von Hei -E 4rath,72rath, der ſchoͤnen Sclavinnen, die ſie kaufen und verkaufen, nicht zu erwaͤhnen. Diejenigen, die ih - rer Weiber uͤberdruͤßig ſind, koͤnnen ſie entlaſſen, wenn ſie wollen, wenn ſie ihnen nur ihren Wittwengehalt bezahlen. Es iſt zu bedauern, daß dieſes nicht auch bey uns Mode iſt; denn wenn dieſes waͤre, ſo wuͤrden wir manches ungluͤckliche Band aufgeknuͤpfet ſehen.
Die Concubinen-Heirath iſt noch bequemer, als jene. Die Mannsperſon fuͤhret das Frauenzimmer, welches ihm gefaͤllt, zum Cadi, und ſagt ihm, daß er geſonnen ſey, ſie fuͤr dieſen Preis zu nehmen, und ihr, wenn er ſie weiter nicht noͤthig habe, eine gewiſſe Summe Geld zu bezahlen.
Dieſes iſt auch die gewoͤhnliche Zuflucht der Frem - den; denn wenn ſie entdeckt werden, daß ſie mit Tuͤrkiſchen Weibern vertraut umgehen, ſo laufen ſie Gefahr, dem Sub-Baſſa mit einer ſchweren Strafe in die Haͤnde zu fallen, und wenn ſie dieſe nicht bezah - len koͤnnen, ſo bekommen ſie gewiß die Baſtonade. Was aber die arme Suͤnderinn betrifft, ſo wird ſie ſo gleich auf einen Eſel, mit dem Geſichte nach dem Schwanze, den ſie in der Hand haͤlt, geſetzt, und in dieſer Poſitur durch die Stadt gefuͤhret, und alsdenn als Sclavinn verkauft. Dieſe Strenge macht, daß die meiſten Fremden bey dem Concubinate bleiben, oder ſich eine Sclavinn kaufen, um mit dem Baſſa nichts zu thun zu haben. Ob die Frauenzimmer gleich nicht grauſam ſind, ſo iſt es doch wegen der Strenge des Baſſa, und der argwoͤhniſchen Wach - ſamkeit des Ehemannes, einem Verliebten faſt un - moͤglich, hier ſeine Abſicht zu erreichen.
Die73Die Tuͤrken haben keine geſchriebene Geſetze, auſ -Jhre Civil - Geſetze. ſer denen, die im Alkoran enthalten ſind; alle buͤr - gerliche Angelegenheiten werden von dem Cadi nach dem Beweiſe durch einen Eid, ohne Ruͤckſicht auf Schriften entſchieden, und der, ſo am meiſten bietet, iſt verſichert, daß das Urtheil zu ſeinem Beſten aus - fallen wird. Derjenige, welcher verlieret, muß, wenn es Schulden wegen iſt, ſogleich bezahlen oder ins Gefaͤngniß gehen, und wenn es ſich zutraͤgt, daß ſein Vermoͤgen nicht zureicht der Forderung Gnuͤge zu thun, ſo muß der arme Schuldner Stockſchlaͤge auf ſeine Fußſohlen fuͤr jeden Piaſter, der noch fehlet, aus - halten, doch darf die Summe nicht uͤber Fuͤnf hundert ſeyn; denn ſie ſtrafen nicht mit einer groͤßern Anzahl Schlaͤgen, indem der ſtaͤrkſte Mann ohne offenbare Lebensgefahr keine groͤßere Anzahl wuͤrde aushalten koͤnnen. Alsdenn kann ſein Glaͤubiger ihn behalten oder als einen Sclaven verkaufen.
Das Urtheil in Criminal-Sachen ſpricht derPeinliche Ge - ſetze. Baſſa, der auf eben die Art verfaͤhrt; denn Geld macht das grauſamſte Verbrechen gut, und ohne daſ - ſelbe wird die Gerechtigkeit zur Grauſamkeit, ſo daß der Pfahl und der Galgen die einzige Beſtimmung des armen Verbrechers ſind. Man hat auch keinen ſtaͤrkern Beweis von eines Mannes Armuth, als wenn er des Raubens oder Mordens wegen hingerich - tet wird. Allein es giebt fuͤr Moͤrder noch einen an - dern guͤnſtigen Umſtand; denn wie der Thaͤter ſo gluͤcklich iſt, davon zu kommen, ehe er entdeckt wird, ſo koͤnnen der Baſſa und Woiwode das Blut von denjenigen fordern, vor deren Thuͤre der Mord be - gangen worden, wenn er in einer Stadt oder einemE 5Dorfe74Dorfe geſchehen iſt, und ihnen eine Strafe von vier - zig tauſend Aspern (welches der feſtgeſetzte Preis iſt) auflegen; ſo daß alſo ſelten viel Fleiß angewendet wird, den Verbrecher ſebſt zu bekommen. Eben ſo guͤnſtig ſind auch die Gerichte den Raͤubern, die das Land beunruhigen.
Die gewoͤhnlichſten Strafen fuͤr Hauptverbre - cher in der Tuͤrkey ſind das Kopfabſchlagen, Erſaͤu - fen, Haͤngen, Stranguliren, Verbrennen, Spießen und die Strappador; die beyden letzten ſind die grau - ſamſten, und bloß fuͤr diejenigen Tuͤrken beſtimmt, die dem Mahometaniſchen Glauben entſagen, oder fuͤr Mamelucken, die wieder zur chriſtlichen Religion zuruͤcke kehren. Die Raͤuber und Moͤrder werden gehaͤngt, die Weiber erſaͤuft; Perſonen, die der Rebel - lion oder des Aufruhrs uͤberfuͤhrt worden, werden enthauptet, und das Verbrennen trifft die Chriſten und Juden, die den Mahomet oder den Koran laͤſtern, oder mit einer Tuͤrkinn zu thun haben.
Der Baſſa, unter deſſen Bedeckung ich von dem Fluße Neiſter nach Conſtantinopel kam, bewies mir unter Weges viel Hoͤflichkeit, und behandelte mich nach unſerer Ankunft ſehr guͤtig. Jch habe es meiner Bekanntſchaft mit ihm zu danken, daß ich die meiſten von dieſen Nachrichten von ihrer Regierung, Geſetzen, Gebraͤuchen und Lebensart erhalten habe.
Wir lebten bey unſerer Ankunft hier anfaͤnglich ſehr angenehm; allein dieſes wurde durch die unruhi - gen Raͤnke des Koͤnigs von Schweden, des Tartar - Chans und des franzoͤſiſchen Geſandten ſehr bald un - terbrochen. Der Groß-Vezier hatte ſich in einem Artikel des Tractats am Pruth anheiſchig gemacht,daß75daß der Koͤnig von Schweden das Tuͤrkiſche Gebiethe verlaſſen ſollte. Da aber der Koͤnig keine Luſt zur Abreiſe bewies, ſo hielten wir auch Azof uͤber die fuͤr uns zur Uebergabe deſſelben beſtimmte Zeit zuruͤck, und dieſes verurſachte eine zweyte Kriegserklaͤrung, welche deſto weniger Schwierigkeiten fand, da der Vezier, der mit uns unterhandelt hatte, war abgeſe - tzet worden, und ihm ein anderer folgte, der gaͤnzlich Schwediſch geſinnet war. Als aber der Sultan er - fuhr, daß dieſer Miniſter durch Geſchenke ſey gewon - nen worden, ſo ſetzte er ihn ab, und es wurde durch die Vermittelung des Herrn Robert Sutton und Graf Colyar, der Brittiſchen und Hollaͤndiſchen Geſandten an dieſem Hofe, den 16 April 1712 abermals ein1712. Neuer Frie - de. Friede geſchloſſen, welchen der Großherr dem Koͤnige von Schweden meldete, und ihn erſuchte zur Ruͤckkehr in ſeine Laͤnder Anſtalt zu machen.
Dieſer Friede war von keiner langen Dauer, dennUnterbre - chung deſſel - ben. die Schweden unterbrachen ihn in Pohlen, wo der Staroſt Gruzinski, der mit dem Koͤnige von Schwe - den in der Tuͤrkey geweſen war, mit 4000 Walla - chen, Koſaken ꝛc. einen Einfall that und in Groß - Pohlen eindrang, wo er ein ganzes Regiment Ruſſen uͤberfiel und wegfuͤhrte, die keinen Feind vermuthet hatten. Eine andere Parthey gieng uͤber Poſen, wo ſie ein Magazin und 300 Ruſſen wegnahm. Als der General Bauer erfuhr, was ſich zugetragen hatte, ſo begab er ſich in aller Eil nach Poſen und zog ein Corps von 4000 Ruſſen zuſammen, mit welchem er den Gruzinski uͤberfiel und angriff, der dieſes ſo wenig vermuthete, und ſo wenig auf ſeiner Hut war, daß er ſich nicht einen Augenblick widerſetz -te,76te, ſondern das Lager verließ, ſo wie es ſtand. Der General Bauer verfolgte ihn Tag und Nacht, bis er ihn endlich in Kruterſchien einholte, wo Gruzinski, da er kein Treffen mit ihm wagen wollte, ſeine Offi - ciers mit ſich nahm, ſeine Truppen verließ, und ſich nach Schleſien begab; das ganze Corps ergab ſich hierauf zu Kriegsgefangenen.
Der Czar beſchwerte ſich nun uͤber dieſe Ueber - tretung des Tractats bey den Tuͤrken, und der Koͤnig von Schweden, ob er gleich den Anfang gemacht hat - te, machte ein großes Geſchrey wider die Ruſſen, die einige Koſaken bis in des Großherrn Gebiethe verfol - get hatten. Da ſich nun der Sultan ſelbſt von dem Tartar-Chan, dem Franzoͤſiſchen Geſandten, (M. Deſaleurs) und dem Schwediſchen Miniſter hinterge - hen ließ, ſo brach er, unter dem Vorwande, daß noch einige Ruſſiſche Truppen in Pohlen waͤren, den Frieden von neuem. Um indeſſen hieruͤber gewiſſe Nachricht einzuziehen, ſchickte der Großherr einen Aga nach Pohlen, um zu erfahren, ob einige von un - ſern Truppen ſich in dieſem Koͤnigreiche befaͤnden. Da aber dieſer Aga gleichfalls die Suͤßigkeiten des ſchwe - diſchen Einfluſſes gekoſtet hatte, ſo richtete er auch ſeinen Bericht darnach ein, und da auch der Groß - Vezier in den Verdacht kam, als ob er es mit dem Czar hielte, ſo wurde er abgeſetzt, und Solyman Baſſa zum Vezier erwaͤhlet. Die Folge von dieſem allem war eine neue Kriegserklaͤrung, und ein Befehl an den Ruſſiſchen Geſandten, die Geißeln, und alle Perſonen in ihrem Gefolge, ſich nach den ſieben Thuͤr - men zu begeben.
Dieſe77Dieſe ploͤtzliche Kriegserklaͤrung war mit Befeh -Kriegsruͤ - ſtungen. len an alle Baſſas, Truppen zu werben, begleitet, und der Sultan begab ſich mit ſeinem ganzen Hofe nach Adrianopel. Der Koͤnig Auguſtus und die Re - publik Pohlen hatten ſich indeſſen auf eine feyerliche Geſandtſchaft an den Sultan gefaßt gemacht, die jetzt unter Weges war, und an deren Spitze ſich der Woi - wode von Maſovien befand, welcher ein praͤchtiges Gefolge von 300 Perſonen hatte. Allein der Sul - tan, der nur den Stanislaus fuͤr den Koͤnig von Poh - len erkannte, verhinderte die Ankunft dieſer Geſandt - ſchaft, indem er ſich derſelben unter Weges bemaͤchtig - te, und ſie in Gefaͤngniſſe ſetzen ließ. Der Koͤnig Auguſtus beſaß indeſſen Geſchicklichkeit genug, den Tartar-Chan auf ſeine Seite zu bringen, und Ali Cumurgi, des Großherrn Liebling, der von dem Czar war gewonnen worden, fand Mittel, ſeinen Herrn zu uͤberreden, daß der Aga, der nach PohlenEndlicher Friede. war geſchickt worden, einen falſchen Bericht in Anſe - hung der Ruſſiſchen Truppen daſelbſt gemacht habe. Der Vezier Solyman und der Mufti, welche wieder Guͤnſtlinge des Lieblings waren, hatten zwar beyde zum Kriege gerathen; als ſie aber jetzt ſahen, daß Ali Cumurgi kein Vergnuͤgen mehr daran fand, ſo be - wegten ſie ihren unbeſtaͤndigen Herrn, daß er, aller die - ſer großen Zubereitungen ungeachtet, einem Verglei - che Gehoͤr gab, woran denn auch gearbeitet wurde. Die Unterhandlungen wurden alſo angefangen, da der Kanzler Schaffirow und der Graf Tſcheremetof hin - laͤngliche Vollmachten hatten, und im Nahmen des Czars verſprachen, daß ſeine Truppen Pohlen wirk - lich raͤumen ſollten. Der Großherr machte ſich da -gegen78gegen anheiſchig, den Koͤnig von Schweden zu noͤthi - gen, die Tuͤrkiſchen Laͤnder zu verlaſſen. Nachdem die Sachen ſo weit waren zu Stande gebracht worden, wurde ich nach Petersburg abgeſchickt, wo ich den 13ten anlangte; allein unſere Truppen hatten, ehe ich noch daſelbſt ankam, Pohlen bereits verlaſſen. Dieſer Friede, der auf 25 Jahre war gemacht wor - den, wurde hernach von dem Czar genehm gehalten, und als ſich der Koͤnig von Schweden weigerte, in des Großherrn Verlangen zu willigen, und die Tuͤrki - ſchen Laͤnder zu verlaſſen, ſo erhielten der Chan und der Baſſa Befehl, ihn dazu zu zwingen. Dieſes veranlaßte denn das beruͤhmte Gefecht bey Bender, wovon die Umſtaͤnde ſo bekannt ſind, daß ich es fuͤr unnoͤthig halte, ſie zu wiederholen.
Des Czarowitz Vermaͤhlung. — Des Czars Feyer ſeiner vorigen Vermaͤhlung. — Der General Bauer entdeckt ſich ſeinen Freunden und Nebenoffi - cieren. — Der Kaiſerinn Catharina Herkunft und Erhoͤhung. — Des Fuͤrſten Menzikofs Erhebung, und wie der Czar der Vergiftung kaum entgieng. — Expedition wider die Schweden. — Beſchreibung der Stadt Moskau. — Ein Geſandter aus Perſien; ein großes Feuer in Moskau. — Ein junger Arzt wird von der Geiſtlichkeit verbrannt, der daher die Gewalt uͤber Tod und Leben genommen wird, und die Feyertage und Kloͤſter vermindert werden. — Sitten der Adelichen. — Beſchreibung der Frauen - zimmer. — Ergoͤtzlichkeiten des gemeinen Volks. — Heirathen. — Der Prinzeßinn Natalia Einfall, Zwerge zu verheirathen. — Drey Weiber, die ihre Maͤnner erſaͤuft hatten, werden beſtraft. — Die Strafe der Knute. — Des Czars Geburt und Hei - rath. — Ein tugendhaftes Frauenzimmer. — Moscowitiſche Raͤubereyen und Mordthaten. — Des Czars Gefahr von denſelben. — Merkwuͤrdi - ger Mord einiger Schwediſchen Officiers von Ju - den. — Ausrottung der Raͤuber. — Die Reſidenz wird von Moskau nach Petersburg verlegt. — Ei - ne Beſchreibung der Perſon und Sitten des Czaro - witz. — Ruſſiſche Einſchraͤnkung der Heirathen in Anſehung der Blutsverwandtſchaft. — Laͤcher - licher Gebrauch beym Begraben. — Jhre Bil - der. — Jhre Baͤder. — Art zu reiſen. — Kirch - liche Faſten.
Der Czar war in Deutſchland geweſen, ſich mit ſeinen Alliirten zu berathſchlagen, und gieng alsdenn in das Carlsbad, und bediente ſich wegen ſei - ner Geſundheit des Geſundbrunnens, der ihm auch gute Dienſte leiſtete. Von da gieng er uͤber Dresden nach Torgau, wo er ſeinen Sohn, den Czarowitz, an - traf, der im Begriffe war, die Prinzeßinn von Wol - fenbuͤttel, eine Schweſter der Kaiſerinn, Carls des ſechsten Gemahlinn, zu heirathen. Der Czarowitz war im 22ſten und die Prinzeßinn im 18ten Jahre. Die Koͤniginn von Pohlen machte große Anſtalten zu dieſer Vermaͤhlung, und die Feyerlichkeit wurde den 25ſten October 1711 den Tag nach des Czars An - kunft ohne großen Pomp von einem griechiſchen Geiſt - lichen vollzogen. Den Czarowitz fuͤhrte der Czar, und die Prinzeßinn der Herzog von Wolfenbuͤttel ihr Großvater, zum Altare; die Koͤniginn von Pohlen war mit ihrem Hofſtaate, ſo wie der Herzog von Wol - fenbuͤttel, der Braut Vater, und die Herzoginn ihre Mutter, gegenwaͤrtig. Es folgte ein praͤchtiges Feſt in dem Pallaſte der Koͤniginn von Pohlen, und wenn es der Czar zugegeben haͤtte, daß der alte Herzog von Braunſchweig den Aufwand uͤbernehmen duͤrfen, ſo wuͤrde die Pracht bey der Vermaͤhlung ſeiner Enkelinn ihres Gleichen nicht gehabt haben. Allein es waͤre zu wuͤnſchen geweſen, daß anſtatt der Pracht im An - fange, mehr Gluͤckſeligkeit in der Folge bey dieſer Vermaͤhlung geweſen waͤre, welche aber hier kaum zu erwarten war, indem der Prinz auf ſeiner Seite keine Neigung zu dieſer Verbindung hatte. Der Czaro - witz war den niedrigen, ſinnlichen Vergnuͤgungen, und niedriger laſterhafter Geſellſchaft gaͤnzlich ergeben,hatte81hatte nicht die geringſte Luſt zu heirathen, und hegte jetzt keine andere Abſicht, als ſich ſo zu erhalten, daß er der Gefahr, in der er ſich befand, die Nachfolge zum Throne zu verlieren, entgehen moͤge. Die Prin - zeßinn, deren liebenswuͤrdige Perſon und reizende Voll - kommenheiten ein beſſer Schickſal verdienten, ver - fehlte daher den Weg zur Gluͤckſeligkeit gaͤnzlich.
Einige Tage nach der Vermaͤhlung begab ſichDer Czar feyert ſeine eigene Ver - maͤhlung. das junge Ehepaar nach Wolfenbuͤttel, und der Czar gieng durch Schleſien nach Petersburg, wo ſeine Vermaͤhlung mit der Czarinn den 20ſten Februar auf folgende Weiſe feyerlich und oͤffentlich begangen wurde. Herr Kyking, einer von der Admiralitaͤt, und Jaguzinski, General-Adjutant, wurden abge - ſchickt, Geſellſchaft zu ſeiner Majeſtaͤt alten Hochzeit (dieſes waren die Worte, deren ſie ſich zu bedienen Befehl erhalten hatten,) einzuladen. Der Czar ließ ſich in ſeiner Admirals-Uniform trauen, und dieſes machte, daß die Admiralitaͤts-Beamten den groͤßten Antheil an den Feyerlichkeiten dieſes Tages hatten. Der Vice-Admiral Kruys, und der Admiral der Galeeren, waren des Braͤutigams Vaͤter; die verwittwete Kaiſerinn, und des Vice-Ad - mirals Gemahlinn, ſtellten der Braut Muͤtter vor; die Brautjungfern waren zwey Toͤchter der Kaiſerinn Catharina ſelbſt; da aber dieſe Prinzeſſinnen noch zu jung waren, dieſes Amt in Perſon zu verrichten, ſo vertraten des Czars zwey Nichten, die Toͤchter des Czars Johannes, des Kaiſers aͤlteſten Bruders, ihre Stellen. Nach der Ceremonie begab ſich die ganze Geſellſchaft, ſo wie ſie waren eingeladen worden, in des Czars Pallaſt. Der Prinz Menzikof trug denFMar -82Marſchallsſtab, und der Vice-Admiral Kruys ſaß auf dem Schlitten und hatte den Czar zur Rechten. Das Gaſtmahl war ſehr praͤchtig. Des Abends machte ein Ball und Feuerwerk den Beſchluß. Die Stadt war die ganze Nacht erleuchtet, und hier - mit endigte ſich die alte Hochzeit.
Kurz darnach wurde der Fuͤrſt Menzikof nach Pommern geſchickt, das Commando uͤber die Ruſſi - ſche Armee, die aus 36000 Mann beſtand, zu uͤber - nehmen, zu welcher alsdenn die Daͤnen und Sachſen ſtießen. Der Czar folgte in kurzem nach, nahm ſei - nen Weg uͤber Berlin, und hielt eine Unterredung mit dem Koͤnige von Preuſſen; von da gieng er uͤber Hamburg nach Holſtein, wo er mit dem Koͤnige von Daͤnnemark Friedrichſtadt wegnahm. Er nahm hierauf von dem Koͤnige von Daͤnnemark Abſchied und gieng nach Schoͤnhauſen, wo er zum zweyten Mahle mit dem Koͤnige von Preußen zuſammen kam. Die in Holſtein gelaſſenen Truppen ſtanden den Daͤ - nen bey der Einnahme von Toͤnningen bey, und mach - ten den General Steinbock und ſeine Armee zu Kriegs - gefangenen, und die Truppen in Pommern nahmen Stettin weg, und bloquirten Stralſund. Der Fuͤrſt Menzikof ließ ſich damals von der Stadt Hamburg 250000, von Luͤbeck 100000, und von Danzig 150000 Kronen Contribution bezahlen.
Waͤhrend der Zeit, da unſere Truppen in Hol - ſtein waren, nahm der General Bauer, der die Ca - vallerie commandirte, und ſein Gluͤck von unten auf gemacht hatte, deſſen Familie und Vaterland aber bisher jedermann ein Geheimniß geweſen war, Gele - genheit, ſich zu entdecken, woruͤber ſich diejenigen, dieum83um ihn waren, wunderten und freuten. Da er na - he bey Huſum, in Holſtein, im Lager ſtand, ſo bat er alle ſeine Feldofficiers und einige andere zu Tiſche, und ſchickte ſeinen Adjutanten ab, einen Muͤller und deſſen Frau, die in der Nachbarſchaft wohnten, dazu zu holen. Das arme Paar kam mit vieler Furcht vor dem Ruſſiſchen General, und war ganz beſtuͤrzt, als es vor ihm erſchien, der ſie aber, als er dieſes ge - wahr ward, guter Dinge ſeyn hieß, und ſagte, er wolle ihnen bloß eine Hoͤflichkeit bezeigen, und haͤt - te deswegen nach ihnen geſchickt, daß ſie heute mit ihm eſſen ſollten, redete auch freundlich von den Um - ſtaͤnden des Landes mit ihnen. Nachdem das Mit - tagseſſen aufgetragen war, ſetzte er den Muͤller und deſſen Frau neben ſich, eines zur Rechten und das an - dere zur Linken an der Tafel oben an, bewies ihnen große Hochachtung und bat ſie, ohne Furcht und Zwang zu eſſen. Waͤhrend der Mahlzeit that er vie - le Fragen wegen ſeiner Familie und ſeiner Anverwand - ten an den Muͤller. Der Muͤller ſagte ihm, daß er der aͤlteſte Sohn ſeines Vaters ſey, der gleichfalls in eben der Muͤhle, die er jetzt beſaͤße, Muͤller geweſen ſey; daß er zwey Bruͤder habe, die Kaufleute waͤren, und eine Schweſter, die an einen Kaufmann verhei - rathet ſey, und daß ſeine eigene Familie aus einem Sohn und drey Toͤchtern beſtehe. Der General frag - te ihn, ob er außer den erwaͤhnten keinen Brude mehr gehabt habe, worauf er antwortete, daß er n[och]einen Bruder gehabt habe, der aber ſeit vielen Jah - ren todt ſey, weil ſie niemals etwas von ihm gehoͤret haͤtten, denn er habe, als er noch ſehr jung geweſen, Dienſte genommen, ſey mit den Soldaten fortgegan -F 2gen,84gen, und muͤßte gewiß im Kriege geblieben ſeyn. Als der General merkte, daß ſich die Geſellſchaft ſehr uͤber ſein Verhalten gegen dieſe Leute wunderte, weil ſie glaubte, daß er dieſes bloß zum Vergnuͤgen thue, ſo ſagte er: Meine Herren, ſie ſind beſtaͤndig neugie - rig geweſen, zu wiſſen, wer und woher ich ſey; ich ſage ihnen alſo, dieſes iſt mein Geburtsort; und ſie haben von meinem aͤlteſten Bruder jetzt gehoͤrt, was meine Familie iſt. Hierauf wandte er ſich zu dem Muͤller und deſſen Frau, umarmte ſie zaͤrtlich, und ſagte ihnen, daß er ihr Bruder ſey, den ſie fuͤr todt gehalten haͤtten, und um ſie hierinn zu beſtaͤtigen, er - zaͤhlte er alles, was in der Familie, ehe er ſie verlaſ - ſen hatte, vorgegangen war. Der General lud hier - auf die ganze Geſellſchaft ein, den folgenden Tag in des Muͤllers Hauſe mit ihm zu eſſen, wo ein herrli - ches Gaſtgebot veranſtaltet war, wobey er ihnen ſagte, daß dieſes das Haus ſey, worinn er ſey gebohren wor - den. Der General Bauer beſchenkte hierauf alle ſei - ne Verwandten reichlich, und ſchickte des Muͤllers einzigen Sohn nach Berlin zur Erziehung, aus wel - chem hernach ein vollkommen geſchickter Menſch wurde.
Da der General Bauer die Perſon war, durch deren Vermittelung die Kaiſerinn Catharina hernach z[u]ſo großem Anſehen gelangte, ſo bringt mich dieſes daauf, ihre Geſchichte zu erzaͤhlen, wie ich ſie von de - nen gehoͤret habe, die ſie von ihrer Kindheit an ge - kannt haben.
Sie war zu Runghen, einem kleinen Dorfe in Liefland, von ſehr armen Aeltern, die bloße Bauern oder Vaſallen waren, gebohren worden. Jhre Ael -tern,85tern, die, da ſie noch ſehr jung war, ſtarben, verlieſ - ſen ſie in großer Armuth, daher der Schulmeiſter ſie aus Mitleiden zu ſich in ſein Haus nahm, und ſie ſchreiben lehrte. Als Doctor Glack, ein Geiſtlicher aus Marienburg, ſie daſelbſt ſahe, ſo fragte er, wer ſie waͤre, und als er erfuhr, daß ſie eine arme Waiſe ſey, die er bloß aus Mitleiden in ſein Haus genom - men habe, ſo nahm er ſie, theils den Schulmeiſter von einer Laſt zu befreyen, die er nicht wohl zu tragen im Stande war, theils weil ihm die kleine Waiſe ge - fiel, mit ſich nach Hauſe, ob er gleich ſelbſt eine zahl - reiche Familie hatte. Hier hatte ſie beſſere Geſellſchaft und mehr Gelegenheit, etwas zu lernen, und ihr Be - tragen war ſo, daß ſie ſich bey dem Doctor, ſeiner Frau und Kindern zugleich beliebt machte. Jhre an - haltende, fleißige und ſorgfaͤltige Aufmerkſamkeit auf alle ihre haͤusliche Angelegenheiten, erwarb ihr bey dem Doctor und deſſen Frau eine ſolche Gunft, daß ſie zwiſchen ihr und ihren Kindern keinen Unterſchied machten. Sie bezeigte auch hernach allezeit ihre Er - kenntlichkeit mit der groͤßten Dankbarkeit, indem ſie alle diejenigen reichlich verſorgte, die nur einiger Maſ - ſen mit dem Doctor verwandt waren. Sie vergaß ſogar ihren erſten Wohlthaͤter den Schulmeiſter in Runghen nicht. Jn dieſem gluͤcklichen Zuſtande wuchs ſie auf, als ſich ein Lieflaͤndiſcher Sergeant, der in Schwediſchen Dienſten ſtand, heftig in ſie verliebte, und da ſie ihn gleichſalls liebte, ſo war ſie es zufrie - den ihn zu heirathen, wenn es anders mit des Do - ctors Bewilligung geſchehen koͤnne, der, nachdem er des Mannes Charakter unterſuchet hatte, und nichts darwider einzuwenden fand, dieſelbe ohne AnſtandF 3gab.86gab. Der Hochzeittag wurde beſtimmt, und kam auch wirklich, als der Sergeant an eben demſelben Morgen ploͤtzlich Befehl erhielt, mit ſeinem Detaſche - ment nach Riga zu marſchiren, wodurch er denn ver - hindert wurde, ſeine geliebte Braut zu erhalten. Kurz darauf kam der General Bauer mit einer Ar - mee vor dieſer Stadt, und nahm ſie 1702 ein, da denn alle Einwohner, und unter andern auch dieſe lie - benswuͤrdige Braut zu Gefangenen gemacht wurden. Als der General ſie unter dem Volke, das ſich uͤber ſein ungluͤckliches Schickſal in Thraͤnen badete, ge - wahr wurde, ſo ſahe er, ich weiß nicht was, in ihrer ganzen Geſtalt, das ihn bewegte, verſchiedene Fragen wegen ihres Zuſtandes an ſie zu thun, die ſie mit mehr Verſtande, als bey Perſonen von ihrem Stande gewoͤhnlich war, beantwortete. Er bat ſie daher, ſich nicht zu fuͤrchten, denn er wolle ſelbſt fuͤr ſie ſor - gen, und gab ſo gleich Befehl, ſie in ſein Haus zu nehmen, woruͤber er ihr die ganze Aufſicht uͤbergab, und ſie uͤber ſeine ganze Bedienung ſetzte, von welcher ſie auch, weil ſie freundlich mit denſelben umgieng, ſehr geliebt wurde. Der General hat hernach oͤfters geſagt, daß ſein Haus niemals ſo gut beſtellt geweſen, als da er ſie bey ſich gehabt habe.
Da der Fuͤrſt Menzikof, der des Generals Goͤnner war, ſie einmal in deſſen Hauſe ſahe, und etwas ſehr außerordentliches in ihrer Miene und Ver - halten wahrnahm, ſo fragte er, wer ſie ſey, und auf was fuͤr einem Fuße ſie ſich bey ihm befinde. Der General ſagte ihm das, was bereits erzaͤhlet worden, und zwar mit vielen Lobeserhebungen uͤber ihre Ver - dienſte und Verhalten in ſeinem Hauſe. Der Fuͤrſtſagte,87ſagte, daß ihm eine ſolche Perſon ſehr nuͤtzlich ſeyn wuͤrde, denn er war damals in dieſer Ruͤckſicht ſehr ſchlecht verſorgt; worauf der General antwortete, daß er ſeiner Hoheit zu viel ſchuldig ſey, als daß es ihm moͤglich ſeyn ſollte, ihm etwas abzuſchlagen, woran er einen Gefallen habe. Er ließ auch die Catharina ſo gleich vor ſich kommen, und ſagte ihr, daß dieſes der Fuͤrſt Menzikof ſey, daß er eine ſolche Bediente, wie ſie ſey, brauche, und daß der Fuͤrſt mehr Macht habe, als er, ihr gutes zu thun; worauf er hinzu ſetz - te, daß er eine zu große Hochachtung fuͤr ſie habe, als daß er ihr an einer ſolchen Ehre und großem Gluͤ - cke hinderlich ſeyn wolle. Sie antwortete durch eine bloße Verbeugung, welche, wenn ſie auch ihre Ein - willigung nicht bewies, doch verrieth, daß ſie das ge - genwaͤrtige Anerbiethen nicht ausſchlagen konnte. Kurz, der Fuͤrſt nahm ſie an eben dieſem Tage zu ſich, und ſie blieb bey ihm bis 1704, als der Czar, der einmal bey dieſem Fuͤrſten ſpeiſte, ſie ungefaͤhr zu ſehen bekam, und mit ihr ſprach. Sie machte ei - nen noch ſtaͤrkern Eindruck auf dieſen Monarchen, der ſie gleichfalls zu ſeiner Bedienten haben wollte, und ſie hernach zur Kaiſerinn von Rußland machte.
Da der Prinz Menzikof auch eine aus niedrigemHerkunft des Fuͤrſten Menzikof. Stande erhabene Perſon war, ſo ſind mir folgende Umſtaͤnde von ſeiner Erhebung erzaͤhlt worden. Er war von adelichen, aber ſehr armen Aeltern gebohren; und als dieſe ſtarben, veließen ſie ihn ſehr jung ohne alle Erziehung, ſo daß er weder leſen noch ſchreiben konnte, wie er es denn auch bis an ſeinen Tod nicht gekonnt hat. Seine Armuth noͤthigte ihn, in Mos - cau Dienſte zu ſuchen, wo ihn ein Paſtetenbecker inF 4ſein88ſein Haus nahm, der ihn dazu brauchte, daß er Ge - backenes auf den Straßen herum tragen mußte. Da er eine gute Stimme hatte, ſo ſang er auch allerley Lieder, wodurch er ſo bekannt geworden war, daß er in aller Vornehmen Haͤuſer kommen durfte. Der Czar ſollte einmal bey einem Bojaren oder großen Herrn zu Mittage ſpeiſen, und da Menzikof von un - gefaͤhr in die Kuͤche kam, ſo bemerkte er, daß der Bo - jar ſeinem Koche zu einem Gerichte Anweiſung gab, von dem er ſagte, daß es der Czar gern eſſe, und ſelbſt ein Pulver, als eine Art von Gewuͤrze, daran that. Der Knabe merkte ſich genau, woraus dieſes Gericht beſtand, gieng darauf fort, ſang ſeine Lieder, und hielt ſich in der Straße ſo lange auf, bis der Czar ankam, worauf er ſeine Stimme erhob. Der Czar bemerkte ihn, ſchickte ihm nach, und fragte ihn, ob er ſeinen Korb mit Paſteten verkaufen wollte. Der Knabe antwortete, daß er nur die Paſteten verkaufen duͤrfe, was den Korb betraͤfe, ſo muͤſſe er erſt ſeinen Herrn um Erlaubniß fragen; da aber ſeiner Majeſtaͤt alles zugehoͤre, ſo brauche er ihm nur zu befehlen. Dieſe Antwort gefiel dem Czar ſo ſehr, daß er ihm befahl, bey ihm zu bleiben, und ihm aufzuwarten, welches er mit vieler Freude that. Menzikof ſtand bey der Mahlzeit hinter des Czars Stuhle, und als er ſahe, daß das vorerwaͤhnte Gericht aufgetragen und ihm vorgeſetzet wurde, ſo lispelte er ſeiner Majeſtaͤt ins Ohr, und bat, daß er nicht davon eſſen ſollte. Der Czar gieng ſogleich mit dem Knaben in ein an - deres Zimmer, und fragte nach der Urſache, warum er ihm dieß zugelispelt habe, da er denn ſagte, was er in der Kuͤche geſehen, und daß der Bojar ſelbſtPulver89Pulver daran gethan habe, ohne daß es der Koch ge - wahr geworden ſey, welches ihm dieſes Gericht be - ſonders verdaͤchtig gemacht; daher er es fuͤr ſeine Schuldigkeit gehalten habe, ſeine Majeſtaͤt zu war - nen. Der Czar kam, ohne die geringſte Veraͤnde - rung der Miene, und ſeiner gewoͤhnlichen Munterkeit wieder an die Tafel, da denn der Bojar ihm dieſes Gericht empfahl, und ſagte, es ſey ſehr gut. Der Czar befahl dem Bojaren, ſich neben ihm zu ſetzen, denn es iſt in Moskau gebraͤuchlich, daß der Herr des Hauſes bey Tiſche aufwartet, wenn er ſeine Freunde bewirthet. Der Czar that hierauf etwas von dem Gerichte auf einen Teller, und erſuchte ihn, zu eſſen, und ihm ein gutes Beyſpiel zu geben. Der Bojar antwortete mit der groͤßten Beſtuͤrzung, daß es dem Diener nicht zukomme, mit ſeinem Herrn zu eſſen, worauf denn der Teller einem Hunde vorgeſetzet wur - de, der dasjenige, was darauf befindlich war, in kur - zem abraͤumte, aber auch gleich darauf Verzuckungen bekam und ſtarb. Der Hund wurde geoͤffnet, und als man die Wirkung des Giftes deutlich fand, ſo wurde der Bojar ſo gleich bewacht, aber den naͤchſten Morgen in ſeinem Bette todt gefunden, und dadurch alle fernere Entdeckung verhindert.
Des Menzikof merkwuͤrdiger Anfang erwarb ihm gar bald das Zutrauen ſeines Kaiſers, der ihn, da er einer von den Geringſten und Aermſten war, zu einem der reichſten Unterthanen des Ruſſiſchen Reichs mach - te. Er hatte nicht nur den Titel eines Fuͤrſten in Rußland, ſondern ward auch in den Fuͤrſtenſtand des Roͤmiſchen Reiches erhoben. Er war groß, wohl gebildet von Perſon, und hatte viel Verſtand. ErF 5handelte90handelte als Vice-Czar an dem Kaiſerlichen Hofe, der Czar ſelbſt erſchien in allen oͤffentlichen Zuſam - menkuͤnften als eine Privatverſon, und hatte aufs hoͤchſte zwey Bedienten bey ſich, und anſtatt einen Gefallen an Pracht und Hoheit zu haben, war ſein groͤßtes Vergnuͤgen, ſein Reich zu verbeſſern, welches er uͤberall in Perſon beſuchte.
Der Czar kam auf ſeiner Ruͤckreiſe aus Deutſch - land nach Riga, wo er die Czarinn antraf, die mit einer Tochter niedergekommen war, und begab ſich kurz darauf nach Petersburg, wo er 300 Schiffe ausruͤſten ließ, ſich zu Anfange des May 1713 mit 12000 Mann zu Schiffe ſetzte, und bey Helſingfu in Finland landete. Er gieng gleich darauf wieder nach Petersburg zuruͤck, ließ noch 6000 Mann ein - ſchiffen, gieng ſelbſt mit aller Eil zuruͤck, und ſetzte ſie an eben demſelben Orte ans Land. Dem Fuͤrſten Galitzin gab er das Commando uͤber die Armee, die aus 20000 Mann Jnfanterie, 4000 Mann Ca - vallerie, und einem großen Train Artillerie beſtand, zu Lande zu agiren, und er ſelbſt gieng mit 20 Kriegs - ſchiffen, und ſuchte die feindliche Flotte auf, die er aber ſo vortheilhaft geſtellet fand, daß er es nicht fuͤr rathſam hielt, ſelbige anzugreifen, ſondern zuruͤck zur Armee gieng, die bey Schrendo ſtand. Von da marſchirte er nach Abo, belagerte es, welches ſich auch den 8ten September uͤbergab; hierauf ließ er ſei - nen Generalen Befehl, die Schweden aus Finland zu treiben, und kehrte nach Petersburg zuruͤck, wo er verſchiedene Kriegsſchiffe und Galeeren von Sta - pel ließ.
Da91Da dieſe Stadt damals noch in ihrer Kindheit war, und viele tauſend Arbeiter in Erbauung derſel - ben beſchaͤftiget, und die Wohnungen ſehr koſtbar waren, ſo hatte ich das Gluͤck, mich in des General - Lieutenants Bruce Hauſe ſehr wohl zu befinden, wel - cher Commandant von Petersburg, und ein Bruder des General-Feldzeugmeiſters war. Da der Gene - ral-Feldzeugmeiſter aber in Deutſchland geblieben war, ſo ſchickte er mir Befehl, nach Moskau zu ge - hen, und bis zu ſeiner Ankunft bey ſeiner Gemahlinn in ſeinem Hauſe zu bleiben, daher ich zu Anfange die - ſes Jahres abreiſete. Als ich die Stadt von weitem ins Geſicht bekam, und eben ein ſchoͤner Tag war, ſo habe ich niemals einen ſchoͤnern Anblick geſehen, als mir dieſe Stadt in einiger Entfernung mit ihren ver - goldeten Thuͤrmen darſtellte. Meine Erwartung wurde aber ſehr getaͤuſcht, als ich hinein kam, und bloß von Holz erbaute Haͤuſer und Straßen fand, in welchen die Kirchen und hoͤlzerne und ſteinerne Haͤuſer unter einander ſtanden, die große Hoͤfe und Gaͤrten hatten, und die Wohnungen der Großen und Reichen waren. Als ich in des Generals Bruce Haus kam, wurde ich von ſeiner Gemahlinn wohl aufgenommen, die mich wie meine Mutter behandelte, denn ſie hat - ten damals kein Kind.
Moskau iſt in vier Theile eingetheilet; der erſteBeſchrei - bung der Stadt Mos - kau. wird die mittlere oder rothe Stadt genannt, und iſt mit einer ſtarken Mauer umgeben. Einen Theil davon macht das Schloß, der Kremelin genannt, aus, welches zwey Engliſche Meilen im Umfange hat, mit drey Mauern, die immer eine hoͤher als die ande - re ſind, und außer denſelben mit einem tiefen Grabenumgeben92umgeben iſt. Die Mauern ſind mit vielen Kano - nen beſetzt, und die zwey Fluͤſſe, die Moskau und Neglina, fließen auf beyden Seiten dieſes Theiles der Stadt. Das Schloß iſt ſo groß, daß ſich des Czars Pallaſt und die Wohnhaͤuſer fuͤr ſeine Hofleute, des Erzbiſchofs Pallaſt nebſt vielen andern, wie auch zwey Kloͤſter, eines fuͤr Moͤnche und das andere fuͤr Nonnen, darinn befinden; außer dieſen Gebaͤuden ent - haͤlt es noch funfzig Kirchen, die alle viereckig gebauet ſind; jede hat fuͤnf Kuppeln, davon die groͤßte in der Mitte, und die vier kleinen auf den Ecken ſtehen; al - le aber ſind mit vergoldetem Kupfer gedeckt. Mitten im Schloſſe ſtehet ein ſehr hoher Thurm, Jvan Weliki, oder der große Johann genannt, in wel - chem ſich eine Glocke befindet, die 336000 Pfund wiegt; ſie iſt 19 Fuß hoch, hat 23 Fuß im Durch - ſchnitte, 64 im Umfange, und iſt 2 Fuß dick. Sie wurde zu des Czars Boris Gudanofs Zeiten gegoſ - ſen, und 24 Mann muͤſſen auf jeder Seite den Kloͤp - pel von einer Seite zur andern ziehen. Die Glocke ſelbſt kann gelaͤutet werden, welches aber nur bey wichtigen Gelegenheiten geſchieht. Der andere Theil dieſer Abtheilung außer dem Schloſſe wird meiſtens von Großen bewohnet. Hier iſt auch der große vier - eckige Markt, der in Gaſſen eingetheilet iſt, wo die Kauf - und Handelsleute ihre Gewoͤlber haben. Da alle Arten von Waaren oder Manufacturen ihren ei - genen Platz auf dem Markte haben, ſo iſt es fuͤr die Kaͤufer ſehr bequem, die alles ohne große Muͤhe fin - den koͤnnen. Alle Gewoͤlber werden mit Sonnenun - tergange geſchloſſen, und die vier Thore des Markts werden von dem Officier von der Garde zugemacht,der93der rings herum Wache ſtellt, und fuͤr die darinn be - findlichen Guͤter ſtehen muß. Die Gewoͤlber wer - den bey Anbruche des Tages wieder geoͤffnet. Die - ſes iſt der einzige zum Verkauf der Guͤter beſtimmte Ort, und iſt faſt wie der Beſeſtin in Conſtantinopel.
Der zweyte Haupttheil der Stadt wird Czargo - rod genennet, und iſt mit einer ſtarken mit Schieß - ſcharten verſehenen Mauer umgeben, die nach orien - taliſcher Art erbauet iſt, und Thuͤrme hat, die in ge - hoͤriger Entfernung von einander ſtehen. Sie wird auch Bela-Stena, oder die weiße Mauer genannt. Der Fluß Neglina fließt dadurch. Hier befinden ſich des Czars Staͤlle, eine Stuͤck - und Glockengießerey, das Zeughaus, des Fuͤrſten Menzikofs Pallaſt, des Generals Bruce Haus, und vieler anderer vorneh - mer Herren Haͤuſer.
Der dritte Theil wird Skorodom, oder der Haus - markt genannt: denn ſkoro bedeutet geſchwinde, und dom, ein Haus. Hier kann man ein hoͤlzernes Haus von jeder Groͤße kaufen, und es innerhalb drey Tagen auf dem Orte, wo es ſtehen ſoll, aufſetzen laſ - ſen und bewohnen. Dieſer Platz iſt mit lehmernen Waͤnden, die mit Planken unterſtuͤtzet ſind, umgeben, und der Fluß Jaguſa fließt dadurch.
Die vierte Abtheilung wird Strelitza-Slaboda genannt, wo die Soldaten einquartiret ſind, und iſt mit einem Walle umgeben. Sie ſtehet auf der an - dern Seite des Fluſſes Moscow, woruͤber eine ſchoͤne Bruͤcke gehet, die der Fuͤrſt Galitzin gebauet hat, der Guͤnſtling der Prinzeßinn Sophia, des Kaiſers aͤlte - ſten Schweſter, die ihm ſo viele Unruhe waͤhrend der Regierung des Czars Johannes machte.
Gemei -94Gemeiniglich zaͤhlt man in dieſem Theile der Stadt 1500 Kirchen, Capellen und Kloͤſter, von welcher erſtaunenden Menge dieſes die Urſache ſeyn ſoll, weil ein jeder Großer ſeine eigene Capelle und Prieſter hat. Moskau liegt im 55ſten Grade, 36 Minuten noͤrdlicher Breite, und hat 16 Eng - liſche Meilen im Umfange. Es wohnen eine große Menge Fremde, als Griechen, Armenianer, Perſer, Tuͤrken und Tartarn in dieſer Stadt, und haben alle die Erlaubniß ihren Gottesdienſt zu uͤben. Nicht allzuweit von der Stadt iſt eine große Vor - ſtadt Jnoiſemska-Slaboda, oder die fremde Stadt genannt, wo Englaͤnder, Hollaͤnder und Deutſche wohnen. Es ſind darinn vier proteſtantiſche und eine katholiſche Kirche, deren keine aber einen Thurm oder Glocken haben darf. Sie liegt ſehr angenehm am Fluſſe Neglina, an deſſen Ufern eine Menge Luſthaͤu - ſer mit ſchoͤnen Gaͤrten befindlich ſind. Der be - ruͤhmte General le Fort ließ hier einen praͤchtigen Pal - laſt bauen. Die Einwohner leben hier ſehr angenehm unter einander, ohne ſich mit den Ruſſen, außer in Geſchaͤften, einzulaſſen. Da das Land an allen nothwendigen Lebensmitteln einen Ueberfluß hat, ſo leben die Menſchen hier ſehr wohlfeil, und bewirthen einander mit Baͤllen und Gaſtereyen, welches ſie ſehr wohlfeil haben koͤnnen. Jm Sommer ſchlagen ſie in den benachbarten Waͤldern Zelte auf, worinn ſie bis in die Nacht auf dem Gruͤnen tanzen. Als der Czar in Moskau war, fand er ſich ſehr oft bey ihren Ergoͤtzlichkeiten ein, und ſtattete ihnen oͤfters Be - ſuche ab.
Es95Es kam hier ein Geſandter aus Perſien an, undAnkunft ei - nes Perſi - ſchen Ge - ſandten. wartete bis auf die Ankunft des Czars. Die Ge - ſchenke, welche er mit brachte, beſtanden in 10 Per - ſiſchen Pferden, in einem ſehr großen Elephanten, einem Loͤwen, einem Tiger, einem Strauße, und vie - len Arten von Papageyen und andern Voͤgeln, wie auch in einer Menge Perſianiſcher ſeidener Tapeten und andern Koſtbarkeiten. Kurz darnach kam einGroße Feuers - brunſt. großes Feuer aus, welches den groͤßten Theil der Stadt, beſonders die hoͤlzernen Haͤuſer, in die Aſche legte. Es kam in einem Nonnenkloſter außerhalb der Stadt aus, und ein ſtarker Wind aus Weſten trieb das Feuer in die Stadt, die dadurch ganz in Flammen gerieth. Jhre einzige Art das Feuer zu loͤſchen iſt, daß ſie in einer Entfernung davon die Haͤuſer nieder - reißen, indem ſie ſich keiner Spritzen bedienen koͤnnen. Da auch die Straßen von Holz ſind, ſo verbrennen ſie mit den Haͤuſern zugleich. Als bey dieſer Gele - genheit ein armer aberglaͤubiſcher Mann das Feuer auf ſein Haus zukommen, und alles das Seinige verzehren ſahe, ſo nahm er des Heil. Nicolaus Bild, hielt es zwiſchen ſich und dem Feuer, und bat inbruͤn - ſtig um dieſes Heiligen Schutz; aber vergebens, denn die Flamme ergriff in kurzem ſein Haus, woruͤber er ſo erzuͤrnt wurde, daß er den Heiligen ins Feuer warf und ſagte, da er ihn nicht retten wolle, ſo moͤge er ſich nun ſelbſt retten. Als die Geiſtlichkeit dieſes er - fuhr, ſo wurde dieſer Mann verurtheilt, lebendig ver - brannt zu werden. Alle Gebaͤude von Steinen, als Kirchen und andere Bethhaͤuſer, der Adelichen und vornehmer Herren Haͤuſer blieben ſtehen, und es waren bloß die Daͤcher auf den letztern verbrannt, ohnedaß96daß ſie ſonſt Schaden gelitten hatten; denn alle Haͤu - ſer von drey oder vier Stockwerken ſind bis unter das Dach gewoͤlbt, und die Thuͤren und Fenſter, die auf die Straße gehen, und die Fenſterladen ſind von Eiſen.
Die Stadt wurde von dem vorher erwaͤhnten Skorodom in kurzem wieder erbauet, wo ſich jeder - mann mit einem Hauſe von beliebiger Groͤße verſehen kann. Man mußte in Wahrheit erſtaunen, wenn man ſahe, mit welcher Geſchwindigkeit das Bauholz herbey geſchafft, und mit welcher Geſchicklichkeit es von den Zimmerleuten aufgeſetzt wurde. Jn zwey Tagen war das Haus unter Dache, und nachdem der Kaͤufer Anweiſung gegeben hatte, wo die Thuͤren und Fenſter ſeyn ſollten, ſo hieben ſie die Stuͤtzen aus und ſetzten die Pfoſten und Raͤhmen ein, die alle ſchon fertig ſind.
Ein Beyſpiel von dem Aberglauben und der Ge - walt der Geiſtlichkeit trug ſich kurz vor dem Brande zu. Ein junger Menſch, den der Czar zur Erziehung nach Leiden geſchickt hatte, war, nachdem er Medicin ſtudiret hatte, und Doctor geworden war, wieder zu - ruͤck gekommen, und da er einmal in einer Zuſam - menkunft von Freunden aufgeraͤumt war, ſo fragten dieſe ihn wegen ſeiner Religion. Da er ein wenig be - trunken war, ſo ſagte er, daß er es noch eben ſo ſehr mit der griechiſchen Kirche halte, als jemals, aber an die Bilder der Heiligen allen Glauben verlohren haͤtte, und um das, was er ſagte, zu beweiſen, ſo nahm er eines von der Wand und warf es ins Feuer. Hierauf wurde er ſogleich ergriffen und der Geiſtlich - keit uͤbergeben, die ihn zum Feuer verurtheilte, undauf97auf die grauſamſte Art verbrannte, indem man das Feuer von ihm entfernt legte, um ihn deſto laͤnger zu quaͤlen. Als der Czar die Grauſamkeit der Geiſtli -Der Kaiſer zuͤchtigt ſie dafuͤr. chen erfuhr, und vorher ſchon die Wuͤrde des Patriar - chen abgeſchafft hatte, ſo nahm er ihnen nunmehr auch die Gewalt uͤber Tod und Leben, und machte ein Ge - ſetz, daß die ganze Geiſtlichkeit ſtudiren ſollte, wozu er ihr vier Jahre einraͤumte. Hierauf ſollten ſie exa - miniret werden, und diejenigen, die beſtehen wuͤrden, ſollten befoͤrdert, die uͤbrigen aber abgeſetzt werden. Da auch drey Viertel vom Jahre Feyertage zum Andenken dieſes oder jenen Heiligen waren, wobey das meiſte Volk muͤßig gieng, ſo machte er ein Geſetz, daß weiter kein Tag außer den Tagen zum Andenken unſers Heilandes, der Jungfrau Maria, der zwoͤlf Apoſtel, und des Heil. Andreas und Nicolaus, welches die Schutzheiligen von Rußland ſind, ge - feyert werden ſollte. Da es ferner viele tauſend Kloͤ - ſter im Lande gab, die voll muͤßiger Moͤnche waren, die in Faulheit lebten, ſo ſchraͤnkte er dieſelben bis auf funfzig ein, in deren keinem mehr als funfzig Moͤnche ſeyn ſollten, wovon jeder uͤber 40 Jahr alt ſeyn muͤßte; die uͤbrigen ſollten zu Hospitaͤlern fuͤr ſol - che, die bey der Armee oder bey der Flotte zum Dien - ſte untuͤchtig geworden, und fuͤr andere Perſonen, die ſich zu erhalten nicht im Stande waͤren, gemacht, und ihre Einkuͤnfte zum Unterhalte derſelben angewen - det werden. Alle Moͤnche aber, die keine Profeßion gelernet, und zum Dienſte tuͤchtig waͤren, ſollten bey der Armee gebraucht werden.
Die Perſonen vom Stande leben jetzt in Mos -Art zu leben. kau, nachdem ſie die alten Gebraͤuche und SittenGihrer98ihrer Vorfahren abgeleget haben, ſehr vergnuͤgt, klei - den ſich nach der franzoͤſiſchen Mode, und gehen viel freyer als vorher mit einander um. Da auch dem Frauenzimmer in Geſellſchaft alle Freyheit erlaubt iſt, ſo leben ſie in einem immerwaͤhrenden Vergnuͤgen und Ergoͤtzen, bringen das Meiſte von ihrer Zeit auf Baͤl - len und bey Gaſtmaͤhlern zu, und laden einander wechſelsweiſe in ihre Haͤuſer ein. Da ſie von ihren Ehemaͤnnern, die meiſtens auswaͤrtige Geſchaͤfte ha - ben, allein gelaſſen wurden, ſo nahmen die Damen Schwediſche Officiers, die bey Pultawa waren ge - fangen worden, in ihre Familien; einige als Haus - hofmeiſter, andere als Hofmeiſter fuͤr ihre Kinder, und andere als Muſik - und Tanzmeiſter, ſo daß endlich alle ihre Baͤlle aus Schwediſchen Herren und andern Auslaͤndern, denen ſie ſehr gewogen waren, beſtanden.
Die Ruſſiſchen Frauenzimmer ſind von mittel - maͤßiger Statur; die meiſten ſind wohl proportioniret, und koͤnnten in jedem Theile von Europa fuͤr ſchoͤn gehalten werden. Jhre Geſichter waͤren auch nicht zu verachten, wenn ſie nur nicht die haͤßliche Gewohnheit haͤtten, ſich zu ſchminken, welches ſie in ſolcher Ue - bermaaße thun, daß man ſicher ſagen kann, daß ſie ſich der Schminke als eines Schleyers bedienen, ihre Schoͤnheit zu verbergen.
Was den Mittelſtand des Volkes betrifft, ſo be - halten ſie noch viel von ihrer alten Lebensart bey. Bey ihren Gaſtmahlen erſcheinen bloße Mannsperſo - nen. Der Herr des Hauſes wartet ſeinen Gaͤſten auf, bis der Nachtiſch vom Gebackenen aufgeſetzt wird, da er ſich denn zu ihnen ſetzt, und ſein moͤg -lichſtes99lichſtes thut, ſie zum Trinken aufzumuntern, denn es wuͤrde eine große Schande fuͤr ſie ſeyn, wenn einer von der Geſellſchaft das Haus, ohne betrunken zu ſeyn, verlaſſen ſollte. Wenn die Gaͤſte fortgehen wol - len, ſo erſcheint die Wirthinn, nachdem ſie gerufen worden, tritt aber nur in das Zimmer, wendet ſich nach dem Winkel, wo die Familienheiligen ſtehen, kreuziget und buͤckt ſich tief, und hierauf macht ſie der Geſellſchaft ein Compliment, ohne einen Schritt wei - ter zu kommen, ſondern bleibt ſtehen. Sie iſt da - bey in einem weiten mit Pelz gefuͤtterten Rocke geklei - det, hat eine Haube von Zobel auf, und ihr Geſicht iſt uͤber und uͤber mit Schminke und Schminkpflaͤſter - chen belegt. Der ganze Leib aber iſt frey, indem ſie weder eine Schnuͤrbruſt noch Mieder, oder Unterrock, ja nicht einmal Struͤmpfbaͤnder traͤgt, ſondern nur Pantoffeln mit ſehr hohen Abſaͤtzen anhat. Jn die - ſem Aufzuge noͤthiget der Herr alle ſeine Gaͤſte, einen nach dem andern, ſeiner Frau ihr Compliment zu ma - chen. Hinter ihr ſtehet ein Bedienter mit einem Tel - ler und vier Glaͤſern, die mit Brandweine, Weine, Meth und Biere angefuͤllet ſind, die jedermann auf die Geſundheit der Dame zu trinken verbunden iſt. Hierauf begiebt ſie ſich wieder weg, ohne ein Wort zu ſagen; alsdenn werden andere Frauenzimmer von der Familie auf eben dieſe Art herein gebracht, und ſo be - ſchließen ſie ihre Gaſtmaͤhler ſehr betrunken.
Jn Rußland heirathet man gemeiniglich ſehrJhre Heira - then. jung, und die Aeltern ſtiften die Heirath ohne auf die Neigung ihrer Kinder zu ſehen, die einander nicht zu ſehen bekommen, als bis ſie in ihre Schlafkammer gefuͤhret werden. Dieſes war ehedem auch bey Vor -G 2nehmen100nehmen Mode, bis es der Czar aufhob und den jun - gen Leuten erlaubte ihre Werbungen perſoͤnlich zu thun, ohne einander eine Heirath wider ihre Neigun - gen aufzudringen, wodurch denn viele ungluͤckliche Heirathen verhuͤtet wurden; die alte Mode iſt indeſſen noch bey Niedrigen uͤblich. Wenn die Jungfer mannbar wird, ſo ſchicken die Aeltern nach einem Kuppler, (welches gemeiniglich eine alte Frau iſt,) und ſagen ihr, daß ſie einen geſchickten Ehemann fuͤr ihre Tochter ſuchen ſoll. Sie uͤbergeben ihr zugleich ein Verzeichniß, was ſie der Jungfer an Gelde, Ju - welen, Geſchirre, Hausrath und Kleidern, auch ſo gar an Hemden, mitgeben wollen, desgleichen auch die Anzahl der Bauern oder Vaſallen, deren einer gemeiniglich auf zehn Rubel des Jahres geſchaͤtzt wird. Mit dieſem Verzeichniſſe gehet dieſe Frau von einem Junggeſellen zu dem andern, von welchen ſie glaubt, daß ſie ſich zur Heirath fuͤr dieſes Frauen - zimmer ſchicken, und fragt ſie, ob ſie geſonnen ſind, zu heirathen, indem ſie ſie einem ſchoͤnen jungen Frauenzimmer mit einem anſehnlichen Vermoͤgen em - pfehlen koͤnne, und zeigt ihnen zugleich das Verzeich - niß. Wenn das Verzeichniß den jungen Menſchen gefaͤllt, ſo ſchreibt er ſeinen Nahmen dazu, und nach - dem ſich alſo verſchiedene unterſchrieben haben, ſo uͤbergiebt ſie das Papier denjenigen wieder, die ſie ſchickten; hierauf unterſuchen die Aeltern den Charak - ter und die Umſtaͤnde derer, ſo ſich unterſchrieben ha - ben, und wenn ſie deren dreye oder viere gewaͤhlet ha - ben, ſo werden ſie vom Vater auf ein Gaſtgebot ge - beten, da denn die Freunde zuſammen kommen und bey dieſer Gelegenheit tuͤchtig herum getrunken wird. Die101Die Mutter, die Tochter und andere weibliche Anver - wandte, bleiben im Hauſe ſtehen, ſo daß ſie die Ge - ſellſchaft ſehen koͤnnen, ohne von ihr geſehen zu werden. Sie fragen das Maͤdchen, welchen von den Freyern ſie zum Manne waͤhlen wolle, und nachdem dieſer Punkt in Anſehung ihrer Wahl ausgemacht iſt, ſo gehet die Geſellſchaft, wenn ſie wacker gezecht hat, aus einander, ohne zu wiſſen, wer der gluͤckliche Mann iſt. Den folgenden Tag werden etliche von des Maͤdchens Verwandten abgeſchickt, um ſich mit den Freunden des erwaͤhlten Braͤutigams zu berath - ſchlagen. Wenn die Heirath eingegangen wird, ſo werden zwey oder drey Weiber von dem Braͤutigam abgeſchickt, denen es erlaubt iſt, die Braut zu unter - ſuchen, ob ſie einen perſoͤnlichen Fehler hat, da ſie denn ganz nackend vor ihnen erſcheinen muß. Hier - auf ſchließen die Freunde die Heirath, dem neuen Paare aber iſt es nicht erlaubt, einander zu ſehen, als bis ſie in der Schlafkammer zuſammen kommen.
Die Prinzeſſinn Natalia, die einzige SchweſterEinfall der Prinzeſſinn Natalia. des Czars von eben der Mutter, ließ um dieſe Zeit Anſtalten zu einer großen Hochzeit zweyer von ihren Zwergen machen, die einander heirathen ſollten. Bey dieſer Gelegenheit wurden viel kleine Kutſchen gebauet und kleine Schottlaͤndiſche Pferde angeſchafft, dieſelben zu ziehen. Alle Zwerge, die ſich im Reiche befan - den, deren Zahl ſich auf 93 belief, wurden zuſam - men gefordert, dieſe Hochzeit zu begehen. Sie gien - gen in einer großen Proceſſion durch alle Straßen in Moskau; vor ihnen gieng ein großer offener Wagen, der mit ſechs Pferden beſpannt war, auf welchem Muſikanten mit Pauken, Trompeten, WaldhoͤrnernG 3und102und Hobojen ſaßen; hierauf folgte der Marſchall und ſeine Begleiter, zwey und zwey zu Pferde, alsdenn der Braͤutigam und die Braut in einer Kutſche mit ſechs Pferden, nebſt ihren Braͤutigams - und Braut - fuͤhreru, die vor ihnen in der Kutſche ſaßen. Jhnen folgten 15 kleine Kutſchen, jede mit Schottlaͤndiſchen Pferden, und in jeder vier Zwerge. Es war etwas erſtaunendes, auf einmal ſo viel ſolche kleine Ge - ſchoͤpfe in einer Geſellſchaft zu ſehen, beſonders da ſie mit einer nach ihren Staturen eingerichteten Equipage verſehen waren. Die Proceſſion wurde von zwey Compagnien Dragonern begleitet, das gemeine Volk zuruͤck zu halten, und viel vornehme Perſonen waren zur Hochzeit eingeladen, die in ihren Kutſchen mit in die Kirche fuhren, wo das kleine Paar getrauet wur - de. Von hier gieng die Proceſſion in guter Ord - nung zu der Prinzeſſinn Pallaſt zuruͤcke, wo ein groſ - ſes Tractement fuͤr die Geſellſchaft zubereitet war. Es waren zwey lange Tafeln, auf jeder Seite in ei - nem langen Saale gedeckt, woran die Geſellſchaft der Zwerge ſpeiſte; die Prinzeſſinn nebſt ihren zwey Nich - ten, die Prinzeſſinnen Anna und Eliſabeth, des Czars Toͤchter, ſorgten dafuͤr, daß ſie ordentlich geſetzt und bewirthet wuͤrden, ehe ſie ſich an ihre eigene Tafel ſetz - ten. Jn der Nacht fuͤhrten die Prinzeſſinnen, von dem Adel begleitet, das verheirathete Paar mit vieler Pracht zu Bette. Nach dieſer Ceremonie wurde der Geſellſchaft von Zwergen ein großes Zimmer einge - raͤumet, ſich luſtig zu machen. Das Gaſtmahl en - digte ſich mit einem Balle, der bis an den hellen Tag dauerte. Die Geſellſchaft, die bey dieſer Gele -genheit103genheit den Prinzeſſinnen ihre Aufwartung machte, war ſo zahlreich, daß ſie viele Zimmer einnahm.
Kurz darauf ſahe ich drey Weiber lebendig be -Drey Wei - ber erſaͤufen ihre Maͤn - ner. graben, die ihre Maͤnner erſaͤuft hatten. Sie waren, wie es ſchien, alle drey in einem Kahne uͤber die Mos - cow gefahren ihre Maͤnner aufzuſuchen, die ſie in ei - nem Wirthshauſe betrunken fanden. Da ſie ſich nun bemuͤheten, ſie durch gute Worte nach Hauſe zu bringen, ſo waren ſie ſehr von ihnen geſchlagen wor - den. Sie brachten ſie aber doch durch anderer Leute Huͤlfe endlich in den Kahn, worinn ſie einſchliefen. Die Weiber, um ſich fuͤr die Schlaͤge an ihren Maͤn - nern zu raͤchen, warfen einen nach dem andern, als ſie mitten auf dem Fluße waren, hinein, und kamen, nachdem ſie ſie erſaͤuft hatten, ſehr gleichguͤltig an das Ufer. Die Sache wurde aber ſogleich bekannt; ſie wurden ergriffen, verhoͤrt und verurtheilt, lebendig bis an den Hals vergraben zu werden, und ſo zu ſter - ben. Zwey davon lebten 10 und die dritte 11 Ta - ge. Die erſten drey Tage beklagten ſie ſich uͤber große Schmerzen, aber hernach nicht mehr; wahr - ſcheinlicher Weiſe hatte man ihnen des Nachts einige Nahrung gegeben, ſonſt haͤtten ſie nicht ſo lange leben koͤnnen; die aͤlteſte davon war noch nicht zwanzig Jahr alt.
Wenn ein Mann ſeine Frau, oder ſeinen Scla -Beſtrafung mit der Knute. ven unter der Zuͤchtigung, (wie ſie es nennen) toͤdtet, ſo bekommt er die Knute, die folgender Maßen voll - zogen wird. Es nimmt ihn ein ſtarker junger Menſch auf ſeinen Ruͤcken, und ein anderer bindet ihm die Fuͤße mit einen Stricke, der demjenigen, der ihn traͤgt, zwiſchen den Beinen durchgehet. Jn dieſer PoſiturG 4wird104wird er ſo feſt gehalten, daß er ſich nicht ruͤhren kann, und iſt bis auf den halben Leib ausgezogen. Hier - auf giebt ihm der Henker die Knute, welches ein an einem Stock befeſtigter Riemen von getrockneter und ungegaͤrbter Elendshaut iſt, die er ſo geſchickt zu fuͤh - ren weiß, daß das Blut auf jeden Hieb herausſpringt, oder eine Schwiele wie ein Finger dick entſtehet. Dieſes wird die gelinde Knute genannt; wenn ſie aber nach dem Urtheile ſtrenger ſeyn ſoll, ſo kommt der Henker drey oder vier Schritte gegangen, bis er den Verbrecher erreichen kann, und giebt ihn den er - ſten Hieb mitten auf den Ruͤcken, tritt bey jeden Hie - be zuruͤck, und iſt ſo geſchickt, daß er niemals zwey - mal auf einen Ort ſchlaͤgt; jeder Hieb nimmt das Fleiſch mit weg. Wenn die allerſchaͤrfſte Knute ver - ordnet iſt, ſo haut er in die Seiten, und durchſchnei - det oͤfters das Eingeweide, welches wenige uͤberleben. Es iſt eine allgemeine Anmerkung, daß magere Leute nach der Knute fett werden; und daß ſie ein un - truͤgliches Mittel fuͤr diejenigen iſt, die ſteif (hide - bound,) ſind.
Sie haben außer dieſer noch eine andere Art der Strafe, die Batoke genannt, deren man ſich in Fa - milien, die Kinder und Sclaven zu zuͤchtigen, desglei - chen auch bey der Armee bedient. Die Perſon, die ſo beſtraft werden ſoll, muß die Kleider bis auf die Beinkleider ausziehen, und ſich mit dem Leibe auf die Erde legen; hierauf ſetzt ſich einer auf ſeinen Kopf und Hals, und ein anderer auf ſeine Fuͤße; jeder hat ei - ne gute Ruthe, womit ſie ihn den Ruͤcken tuͤchtig kitzeln.
Waͤhrend105Waͤhrend meines Aufenthalts in Moskau wur -Des Czars Geburt und Vermaͤh - lung. den mir folgende beſondere Umſtaͤnde von dem Czar erzaͤhlt. Er war 1672 gebohren, und 1690 im 18 Jahre ſeines Alters an Ottokeßa, eines Bojaren Tochter, verheirathet worden, mit welcher er den Prinzen Alexis gezeuget hatte. Einige Zeit hernach verſtieß er ſie, und that ſie in ein Kloſter, weil er ſie in Verdacht hatte, als ob ſie ihm untreu ſey. Man ſagt, daß ſie dem Fuͤrſten Menzikof einsmals aus Ei - ferſucht aufgetragen, zwey Huren zum Czar zu fuͤh - ren, die er vorher gekannt und welchen er Kuchen ab - gekauft hatte, und ihm alſo dadurch ſein voriges Verhalten vorgeworfen haͤtte, und daß Menzikof her - nach einen unverſoͤhnlichen Haß gegen ſie und gegen ihren Sohn gehabt habe. Nach dieſer Trennung ſtand eine gewiſſe Jungfer Mons, ein ſehr ſchoͤnes Frauenzimmer, die in Moskau von fremden Aeltern gebohren war, bey dem Czar in großen Gnaden; als er aber auf Reiſen war, machte ſich Herr Keyſerling, damaliger Geſandter des Koͤnigs von Preußen in Moskau, an ſie, und heirathete ſie. Als der Czar zuruͤck kam, war er uͤber den Keyſerling ſo aufge - bracht, daß er ihm ſich von Moskau zu entfernen be - fahl, worauf er denn ſogleich von dem Koͤnige ſeinem Herrn zuruͤck berufen wurde, der einen andern an ſei - ne Stelle ſchickte. Man glaubt, daß er, wenn ihn ſein Charakter nicht geſchuͤtzt haͤtte, ſeiner Majeſtaͤt Mißfallen nachdruͤcklich gefuͤhlt haben wuͤrde.
Der Czar verliebte ſich kurz darauf in ein anderesEin tugend - haftes jun - ges Frauen - zimmer. ſchoͤnes junges Frauenzimmer, die Tochter eines frem - den Kaufmanns in dieſer Stadt. Er ſahe ſie zum erſten Mahle in ihres Vaters Hauſe, wo er einsmals zuG 5Mittage106Mittage ſpeiſte. Er war von ihrer Schoͤnheit ſo ein - genommen, daß er ihr alle Bedingungen anbot, wenn ſie mit ihm leben wollte, welches aber dieſes tugend - hafte junge Frauenzimmer mit aller Beſcheidenheit ausſchlug; weil ſie ſich aber vor den Wirkungen ſei - ner Macht furchte, ſo faßte ſie den Entſchluß, des Nachts Moskau zu verlaſſen, ohne ihren Aeltern etwas davon zu ſagen. Da ſie ſich nur mit wenigem Gelde zu ihrem Unterhalte verſehen hatte, ſo reiſte ſie viele Meilen auf dem Lande zu Fuße, bis ſie end - lich in ein kleines Dorf kam, wo ihre Amme mit ih - rem Manne und ihrer Tochter, dieſes jungen Frauen - zimmers Milchſchweſter, wohnten, denen ſie ihre Abſicht, ſich in dem Walde nahe bey dem Dorfe zu verbergen, entdeckte. Um auch aller Entdeckung zuvor zu kommen, machte ſie ſich noch dieſe Nacht auf den Weg, und der Mann und die Tochter begleiteten ſie. Der Mann, der ein Zimmermann und ſehr wohl in dem Walde bekannt war, fuͤhrte ſie auf einen kleinen trocknen Fleck, der mitten in einem Moraſte war, und baute ihr darauf eine Huͤtte, darinnen zu wohnen. Sie hatte ihr weniges Geld bey ihrer Amme gelaſſen, ihr das Nothwendigſte zu kaufen, das ihr auch des Nachts von der Amme oder ihrer Tochter treulich zu - getragen wurde, wie denn auch des Nachts immer eine von ihnen bey ihr blieb.
Den Tag nach ihrer Flucht kam der Czar zu ih - rem Vater, ſie zu beſuchen, und da er die Aeltern aͤngſtlich um ihre Tochter bekuͤmmert, und ſich ſelbſt hintergangen fand, ſo glaubte er, daß es ihre eigene Veranſtaltung ſey. Er wurde daher zornig, und drohete ihnen mit den Wirkungen ſeines Zorns,wenn107wenn ſie nicht herbey gebracht wuͤrde. Es war den Aeltern, außer den buͤndigſten Verſicherungen und außer den Thraͤnen, die auf ihren Wangen herunter liefen, nichts uͤbrig, ihn von ihrer Unſchuld und Un - wiſſenheit zu uͤberzeugen, und ſie verſicherten ihn, daß ihr ein ungluͤcklicher Zufall begegnet ſeyn muͤſſe, da ſie nichts, was ihr zugehoͤre, vermißten, als was ſie damals angehabt haͤtte. Als der Czar von ihrer Aufrichtigkeit uͤberzeugt war, ſo befahl er, daß ſie mit allem Fleiß geſucht werden ſollte, und bot demje - nigen eine große Belohnung an, der entdecken wuͤrde, wo ſie hingekommen ſey. Allein es war alles verge - bens, daher die Aeltern und Verwandten glaubten, ſie ſey todt, und die Trauer anlegten.
Ein Jahr darnach wurde ſie durch einen Zufall entdeckt. Ein Oberſter, der von der Armee zuruͤck gekommen war und ſeine Freunde beſuchte, gieng in dieſen Wald auf die Jagd, kam, als er ſein Wild durch den Moraſt verfolgte, zu dieſer Huͤtte, und wurde, indem er hineinſahe, ein ſchoͤnes junges Frauenzimmer in geringer Kleidung gewahr. Nach - dem er ſie gefragt hatte, wer ſie ſey, und wie ſie an einen ſo einſamen Ort gekommen, entdeckte er endlich, daß ſie das Frauenzimmer ſey, deſſen Entfernung ſo großen Laͤrm gemacht hatte. Sie bat ihn mit der groͤßten Beſtuͤrzung und auf das beweglichſte auf ih - ren Knien, ſie nicht zu verrathen, worauf er antwor - tete, er glaube, daß ihre Gefahr nunmehr voruͤber ſey, da ſich der Czar mit einer andern eingelaſſen habe, und daß ſie ſich nunmehr ſicher, zum wenigſten ihren Aeltern entdecken koͤnne, mit denen er ſich daruͤber be - rathſchlagen wolle, wie die Sache anzufangen ſey. Das108Das Frauenzimmer willigte in ſeinen Vorſchlag, und er begab ſich ſogleich zu ihnen, und erfreute ſie durch dieſe gluͤckliche Entdeckung. Der Erfolg ihrer Be - rathſchlagungen war, die Madame Catharine, (wie ſie damals noch genannt wurde,) um Rath zu fragen, auf welche Art man dem Czar die Sache hinterbrin - gen ſollte. Der Oberſte nahm alſo das Geſchaͤft uͤber ſich, und erhielt von der Madame die Antwort, morgen wieder zu kommen, da ſie ihn denn zu ſeiner Majeſtaͤt fuͤhren wolle, er aber ihm dieſe Entdeckung machen und die verſprochene Belohnung fordern ſollte. Er gieng abgeredeter Maßen hin, und erzaͤhlte, nach - dem er war eingefuͤhret worden, den Zufall, durch welchen er das Frauenzimmer entdeckt habe, und ſtell - te die elende Lage, in der er ſie gefunden, vor, und was ſie wegen der Zaͤrtlichkeit ihres Geſchlechts aus - geſtanden haben muͤſſe, da ſie ſo lange an einem ſo ſchlechten Orte eingeſperret geweſen. Der Czar be - zeugte eine große Reue daruͤber, daß er die Urſache zu ihrem Leiden geweſen ſey, und verſprach es wieder gut zu machen. Hier ſagte Madame Catharine, ſie glaube, der beſte Erſatz, den ihr Seine Majeſtaͤt machen koͤnne, ſey, ihr ein anſehnliches Heirathsgut, und den Oberſten, der das groͤßte Recht dazu habe, da er ſie in Verfolgung ſeines Wildprets gefangen haͤtte, zum Manne zu geben. Der Czar war mit dem Vorſchla - ge der Madame Catharine vollkommen zufrieden, und gab einem von ſeinen Lieblingen Befehl, mit dem Oberſten zu gehen, und das Frauenzimmer zuruͤck zu bringen, da ſie denn, zu unausſprechlicher Freude ihrer Aeltern und Anverwandten, ankam, die alle um ſie getrauert hatten. Der Czar machte alle An -ſtalten109ſtalten zur Hochzeit, welche auch auf ſeine Koſten voll - zogen ward, wobey er ſelbſt die Braut dem Braͤuti - gam zufuͤhrte, und ſagte, daß er ihm eine der tugend - hafteſten Frauenzimmer uͤbergaͤbe. Er begleitete die - ſe Worte mit ſehr koſtbaren Geſchenken, und ſetzte ihr und ihren Erben jaͤhrlich 3000 Rubel aus. Die - ſes Frauenzimmer wurde vom Czar und von jeder - mann, der ſie nur kannte, ſehr geliebt. Sie hat mir dieſe Geſchichte, welche ich aber auch von andern gehoͤret habe, ſelbſt erzaͤhlet.
Es geſchehen in Moskau ſo viel Todtſchlaͤge,Raͤubereyen und Mord - thaten. daß wenig Naͤchte vergehen, da nicht den andern Morgen etliche Leute todt auf den Straßen gefunden werden. Die Raͤuber gehen in großen Parthien, und ermorden, ehe ſie rauben, und dieſes thun ſie mit ſo wenig Furcht, daß ſie einen Menſchen vor ſeiner eigenen Thuͤre toͤdten. Die Furcht vor den Spitzbu - ben iſt dabey ſo groß, daß niemand von den Nach - barn dem ungluͤcklichen Opfer beyſtehet, aus Furcht, ſelbſt ermordet zu werden, oder daß man ihm ſein Haus anzuͤnde. Dieſes noͤthiget alſo die Leute, die des Nachts auf den Straßen ſind, in großen Geſell - ſchaften zu gehen, oder eine hinlaͤngliche Bedeckung von Bedienten zu Pferde zu haben, die ſie begleiten. Das Gewehr, deſſen ſich der Moͤrder bedienet, wird ein Dubien genannt, welches ein langer Stock mit einem runden Knopfe an einen Ende iſt, der mit Ei - ſen ſchwer gemacht wird, womit ſie einen Menſchen auf einen einzigen Schlag todt ſchlagen. Wenn es ſich zutraͤgt, daß einer ergriffen wird, ſo macht ihn eine gute Summe Geld von der Bande, zu welcher er gehoͤret, wieder los. Es wird ſo gar behauptet,daß110daß einige Adeliche dieſe Banden ſchuͤtzen, und an der Beute Antheil nehmen, welches ich aber fuͤr ungegruͤn - det halte.
Die Landſtraßen werden gleichfalls ſehr von die - ſen Rasbonicks, wie ſie genennet werden, beunru - higet, welches denn das Reiſen in jedem Theile Ruß - lands ſehr gefaͤhrlich macht. Sie haben ihre Spione in den Staͤdten, die ihnen Nachricht geben, wenn je - mand abreiſen, und wie er begleitet werden wird, und vermoͤge dieſer Nachricht machen ſie ihre Anſtalten zu einem Angriffe, und lauern in einem Buſche auf, durch welchen er gehen muß.
Ein vornehmer Mann, der Knipercron hieß, deſ - ſen Vater vor dem Kriege Schwediſcher Reſident ge - weſen war, erzaͤhlte mir, daß der Czar in ſeinen juͤn - gern Jahren ſelbſt ſey angegriffen worden. Er be - ſuchte ſeiner Aeltern Haus oͤfters, und bezeugte eine große Hochachtung fuͤr ihre Familie. Als der Czar ſie einen Abend beſuchen wollte, und nur zwey Be - dienten bey ſich hatte, von denen der eine vor dem Schlitten herritt, und der andere darauf ſtand, ſo kam ein Schlitten mit 8 Moͤrdern gefahren, die eben im Begriff waren, ſeinen Schlitten mit einem Haken an den ihrigen zu ziehen, deſſen ſie ſich bey ſolchen Gelegenheiten gemeiniglich bedienen. Allein der Czar, der damals noch jung, ſtark und beherzt war, ſtand auf, ergriff einen von den Raͤubern bey den Haaren, und zog ihn aus ihrem Schlitten heraus, hielt ihn feſt, fuhr ſo geſchwinde, daß ſie ihn nicht einholen konnten, und ſchleppte den Kerl mit ſich, bis er an des Reſidenten Haus kam, welches nicht weit entfernt war, und trat zu ihrem Erſtaunen vollerSchweiß111Schweiß herein, und hatte den Kerl noch bey den Haaren. Er ließ hierauf ſogleich die Thuͤren zuma - chen, daß keiner von den Bedienten hinaus gehen konnte, bis er den Raͤuber examinirt hatte. Als die - ſer ſahe, daß es der Czar ſelbſt ſey, den ſie angegrif - fen hatten, ſo zitterte und bebte er, und ſagte, wenn ſie gewußt haͤtten, wer er waͤre, ſo wuͤrden ſie ihn nicht angefallen haben, und bat hierauf, daß er, ohne auf die Tortur gebracht zu werden, hingerichtet werden moͤchte. Dieſes bewilligte der Czar mit dem Bedinge, wenn er die uͤbrigen von ſeiner Bande an - zeigen wuͤrde. Allein dieſes wollte er nicht thun, wenn ihm nicht das Leben und eine Belohnung ver - ſprochen wuͤrde, da ihm der Czar auch dieſes bewillig - te, ſo gieng er mit einem Detaſchement Soldaten zu ihrem Sammelplatze, und als er an das Haus kam, rufte er ihnen zu, das Haus zu oͤffnen. Als ſie ſeine Stimme hoͤrten, machten ſie es ſogleich auf, da denn die Soldaten hinein drungen, und nicht allein ſeine 7 Mitgeſellen, ſondern auch 13 andere von eben der Bande ergriffen, die in kurzem, außer dem Verraͤ - ther, insgeſammt hingerichtet wurden.
Ein ander Mahl wurde der Czar auf der Straße von Moskau nach Novogorod angefallen, da er nicht mehr als vier Bedienten bey ſich hatte. Als er von Twer abreiſete, wurde er von einer ſtarken Bande Rasbonicks angegriffen, worauf er ſogleich aus ſeinem Schlitten ſprang, in der einen Hand einen bloßen Degen, und in der andern ein aufgezogenes Piſtol hielt, ihnen ſagte, er ſey der Czar, und ſie zugleich fragte, was ſie wollten? Sie antworteten ihm, ſie waͤren ſehr arme Leute, und da er ihr Herr und Be -herrſcher112herrſcher waͤre, ſo ſey er auch die geſchickteſte Perſon - ihnen zu helfen. Er verſetzte, daß er kein Geld bey ſich habe, worauf ſie antworteten, wenn er auch wel - ches haͤtte, ſo wuͤrden ſie doch keines von ihm nehmen, ſondern baten ihn, daß er ihnen eine geſchriebene Or - dre an den Gouverneur von Novogorod auf die Sum - me, die es ihm gefaͤllig ſey, ihnen zu bewilligen, ge - ben moͤchte, die aber ſo beſchaffen ſeyn muͤßte, daß ſie dadurch aus ihrer Noth kaͤmen. Hierauf fragte ſie der Czar, ob 1000 Rubel genug ſeyn wuͤrden, und als ſie ja ſagten, ſo ſchrieb er, dieſe Summe ſo gleich beym erſten Anblicke zahlbar, worauf ſie ſogleich ei - nem von ihrer Anzahl abſchickten, der auch ſehr bald mit dem Gelde zuruͤck kam. Sie noͤthigten hierauf den Czar nach Twer zuruͤck zu gehen, und ſein kaiſer - liches Wort zu geben, ſie niemals zu verfolgen, oder ſich nach ihnen zu erkundigen, wogegen ſie verſpra - chen, ihr Leben zu beſſern und in Zukunft gute Unter - thanen zu werden. Anſtatt alſo nach Novogorod zu gehen, begab ſich der Czar wieder nach Mokau.
Jch kann nicht umhin, dasjenige anzufuͤhren, was zu meiner Zeit zwey Schwediſchen Officieren, die bey Pultawa waren gefangen worden, widerfuhr. Sie wurden vermißt, und es wurde große Unterſu - chung und vieles Nachfragen angeſtellt; man konn - te aber nichts von ihnen erfahren, woraus denn ge - ſchloſſen wurde, daß ſie waͤren ermordet worden. Ei - ne kurze Zeit darnach verlohren ſich vier andere, die aber nicht eher vermißt wurden, als bis einer von ih - nen, der Capitaͤn Horn, zuruͤck kam, der mit einer Piſtolenkugel durch die Schulter geſchoſſen war, ſich ins geheim an einen Lieutenant von unſerer Artilleriewandte,113wandte, den er vorher in Schwediſchen Dienſten ge - kannt hatte, und ihm das Ungluͤck, das ihm und ſei - nen Cameraden widerfahren war, erzaͤhlte. Der Lieutenant hinterbrachte ſo gleich dem Generalmajor von der Artillerie, was den Schwediſchen Officieren widerfahren ſey, und daß die Spitzbuben jetzo in ei - nem Hauſe in dem Theile der Stadt waͤren, wo die Artilleriſten einquartiret waren. Der General gab ſo gleich Befehl ſie zu arretiren, deren vier waren. Die Geſchichte war mit kurzem dieſe. Ein Jude, der die griechiſche Religion angenommen hatte, und der ſeinem Gewerbe nach ein Kupferſtecher war, mach - te Paͤſſe mit des Kanzlers Siegel nach, und wurde mit den zwey erſten fuͤr eine Summe Geld einig, ſie nach Pohlen zu bringen, woher ſie ſicher wieder in ihr Land zuͤruͤck kommen koͤnnten. Jn dem Paſſe waren ſie als zwey Officiers, die zur Armee giengen, jeder mit einem Bedienten, beſchrieben. Sie kamen alſo ohne den geringſten Aufenthalt oder Verdacht auf den Pohlniſchen Grenzen an. Der Jude hatte ſie er - ſucht, wenn ſie bey Smolensko vorbey ſeyn wuͤrden, an ihre Geſellſchafter in Moskau zu ſchreiben, und ih - nen Nachricht zu geben, daß ſie gluͤcklich durchgekom - men waͤren. Dieſes thaten ſie, und lobten den Ju - den als die geſchickteſte Perſon, deſſen ſie ſich bedie - nen koͤnnten, wenn einer von ihnen geſonnen ſey, zu entkommen, wie ſie gethan haͤtten. Nachdem der Jude dieſe Empfehlungsbriefe erhalten hatte, ſo er - bot er ſich, ſie eine Tagereiſe weiter zu bringen, wel - ches ſie auch annahmen; aber als die Officiers mit einander durch einen Wald ritten, und ſich uͤber ihre gluͤckliche Flucht freuten, nahm der Jude und ſeinHGeſell -114Geſellſchafter, die als Bedienten hinter ihnen herritten, jeder ein Piſtol heraus, und zielten ſo gut, daß ſie beyde Officiers erſchoſſen, und nachdem ſie ihnen al - les abgenommen hatten, giengen ſie wieder nach Mos - kau zuruͤck, wo ſie den Capitaͤn Horn und noch drey andere in ihre Schlinge lockten, indem ſie ihnen die Briefe von denjenigen zeigten, die bereits entkommen waͤren. Sie reiſeten alſo mit einem Paſſe auf vier Officiers und eben ſo viel Bedienten ab, kamen gleichfalls auf den Pohlniſchen Grenzen an, und da ſie ſpaͤt in der Nacht ritten, ſo feuerten die Bedien - ten auf ſie, und jeder toͤdtete ſeinen Herrn, ausge - nommen den Capitaͤn Horn, der, weil er durch die Schulter geſchoſſen war, vom Pferde fiel, da ſie ihn denn wie die andern fuͤr todt hielten, und den Pferden nachſetzten, die uͤber die Schuͤſſe erſchrocken und davon gelaufen waren. Jndeſſen hatte ſich der Capitaͤn Horn wieder erholt, war ins Holz gelaufen und hatte ſich darinnen verborgen. Die Moͤrder kamen zuruͤck, ver - mißten und ſuchten ihn; da es aber ſehr finſter war, und ſie ihn nicht finden konnten, und die uͤbrigen drey gepluͤndert hatten, ſo kehrten ſie wieder nach Moskau zuruͤck, und bekuͤmmerten ſich wenig um den Capitaͤn Horn, weil ſie glaubten, daß er ſich nicht unterſtehen wuͤrde, zuruͤck zu kommen und ſie zu ver - rathen. Allein, um dieſe Spitzbuben zu verhindern, mehreres Ungluͤck zu ſtiften, und ſie zur Strafe zu bringen, entſchloß ſich der Capitaͤn dennoch, zuruͤck zu gehen; er entdeckte ſich dem Hofmeiſter eines Edel - manns nahe bey Smolensko, und da dieſer damals etliche Wagen mit Proviant an ſeinen Herrn ſchickte, ſo ergriff er dieſe Gelegenheit, und gieng mit ihnen,und115und entdeckte bey ſeiner Ankunft, was ich hier erzaͤh - let habe. Die vier Moͤrder wurden eingezogen, ver - hoͤret, und geſtanden, was ich hier geſagt habe, gaben aber vor, daß ſie eine verdienſtvolle That gethan, und ſeiner Majeſtaͤt Feinde getoͤdtet haͤtten, die aus ihrer Gefangenſchaft entwiſchen wollen. Horns Erhal - tung war alſo ein gluͤcklicher Umſtand, denn ſie haͤt - ten noch vieles Ungluͤck anrichten koͤnnen, wenn ſie nicht waͤren entdeckt worden, da ſie nunmehr auch Empfehlungsſchreiben von den letzten vier ungluͤckli - chen Herren hatten. Die Moͤrder wurden auf die Tortur gebracht, verurtheilt, und lebendig geraͤdert.
Als der Czar von den vielen Mordthaten undAusrottung; der Rauber. Raͤubereyen, wodurch er viele von ſeinen nuͤtzlichſten Unterthanen verlohr, Nachricht bekam, ſo ſchickte er dem Knes Romadanofski, den er als Vice-Czar in ſeiner Abweſenheit geſetzt hatte, einen nachdruͤckli - chen und ſcharfen Befehl, dieſen Unordnungen auf ſeine Gefahr Einhalt zu thun. Der Vice-Czar ließ ſogleich einen Befehl an alle Wirthe ergehen, die Nahmen derer, ſo zu ihren Familien gehoͤrten, ein - zugeben, und bey Strafe des Lebens fuͤr jeden zu ſte - hen, der ſich unter ihrem Dache aufhalte, alle ver - daͤchtige Perſonen anzuzeigen, und diejenigen, die ſich nicht hinlaͤnglich legitimiren koͤnnten, in Verhaft zu nehmen. Es wurden alle Ausgaͤnge der Straßen beſetzt, und des Nachts durfte ſich niemand, der nicht einen Paß von dem Vice-Czar hatte, auf den Straßen ſehen laſſen. Die Straßen außer der Stadt wurden mit Dragonern beſetzt, und die Leute auf dem Lande mußten ebenfalls fuͤr diejenigen, die ſich bey ihnen aufhielten, wie die Einwohner in denH 2Staͤdten,116Staͤdten, ſtehen. Es wurden viele eingezogen, und auf eine ſehr ungewoͤhnliche Art hingerichtet, indem ſie mit einer Ribbe an einem eiſernen Haken aufge - hangen wurden, und in dieſer Quaal acht oder neun Tage lebten: ich habe ſie zu Dutzenden an einem Tage aufhaͤngen ſehen. Dieſe Hinrichtungen thaten ſolche Wirkungen, daß man uͤberall bey Tage und bey Nacht, ſo ſicher als in einem andern Lande, in Ruß - land reiſen konnte.
Der General Bruce kam den erſten Januar 1714 nach Moskau, ſeine Familie nach Petersburg abzuholen, nachdem 1000 der beſten und reichſten Fa - milien Befehl erhalten hatten, ſich dazu gefaßt zu ma - chen, die zur Kaiſerlichen Reſidenz beſtimmte Stadt zu bevoͤlkern. Es reiſeten alſo dieſen Fruͤhling nach Petersburg ab, die verwittwete Kaiſerinn, Gemah - linn des Czars Feodor, (die Schweſter des Generals Apraxin) mit ihrer Hofſtatt, die Kaiſerliche Wittwe des Czars Johannes, nebſt ihren drey Toͤchtern, naͤmlich, der Prinzeſſinn Anna, verwittweten Herzo - ginn von Curland (nachmaligen Kaiſerinn von Ruß - land), der Prinzeſſinn Catharina, nachmaligen Her - zoginn von Mecklenburg, und der Prinzeſſinn Prosco - via, (die unvermaͤhlt geſtorben iſt,) die Prinzeſſinn Natalia, des Czars einige Schweſter muͤtterlicher Seits, und ſeine zwey Toͤchter die Prinzeſſinn Anna und Eliſabeth; wie auch alle Familien vom Range und Stande, nebſt allen auslaͤndiſchen Kaufleuten, indem nun keine Waaren mehr uͤber Archangel nach Moskau kommen durften, ſo daß dieſe Hauptſtadt, eine der angenehmſten Staͤdte in Rußland, ganz wuͤſte ward, und niemand als gemeine Leute darinnblieben.117blieben. Es war dieſes eine große Unbequemlichkeit fuͤr alle Perſonen vom Stande, weil ſie einen Ort, wo alles im Ueberfluſſe war, gegen einen, wo alles theuer und ſelten war, verlaſſen mußten.
Dieſen Winter kam der Czarowitz nach Moskau,Perſon und Sitten des Czarowitz. wo ich ihn zum erſten Mahle ſahe. Er hatte ein ge - ringes Finlaͤndiſches Maͤdchen zur Maitreſſe. Wir haben ihm oͤfters mit dem General unſere Aufwartung gemacht, und er kam auch mehrmals zu dem Gene - ral, und hatte gemeiniglich niedrige und geringe Per - ſonen um ſich. Er hielt ſich ſehr ſchmutzig in der Kleidung; er war lang und wohl gewachſen, hatte ein braͤunlichtes Geſicht, ſchwarzes Haar und Augen, ein ernſthaftes Anſehen und eine grobe Stimme. Er that mir oͤfters die Ehre an, deutſch mit mir zu ſpre - chen, weil er dieſe Sprache vollkommen konnte. Das gemeine Volk betete ihn an, dagegen die Vor - nehmen ihn wenig ſchaͤtzten, gegen die er niemals die geringſte Hochachtung bewies. Er war beſtaͤndig von einer Menge ſchwelgeriſcher unwiſſender Prieſter, und anderer geringer Perſonen von ſchlechtem Charak - ter umringet, in deren Geſellſchaft er beſtaͤndig wider ſeines Vaters Abſchaffung der alten Gewohnheiten dieſes Landes eiferte, und ſagte, daß er, ſo bald er zur Regierung gelangen wuͤrde, Rußland wieder in ſeinen vorigen Zuſtand ſetzen wolle. Er drohete zu - gleich oͤffentlich, ſeines Vaters Lieblinge alle auszu - rotten. Dieſes that er ſo oft und mit ſo wenig Vor - ſicht, daß es dem Kaiſer beygebracht werden mußte, und man glaubte durchgaͤngig, daß er jetzt den Grund zu ſeinem Ungluͤcke, das ihm hernach widerfuhr, ge - legt habe. Der Czarowitz blieb, bis der Kaiſer nachH 3Peters -118Petersburg kam, in Moskau, und als er ſahe, daß ſein Sohn ſeine Gemahlinn in einem traurigen Zuſtande gelaſſen hatte, ſo ſchickte er dem Prinzen den Befehl, ohne Verzug zu ſeiner Familie zuruͤck zu kommen.
Die Ruſſen duͤrfen niemanden heirathen, der im vierten Grade mit ihnen verwandt iſt. Diejenigen, ſo vom gleichen Grade der Blutsfreundſchaft ſind, nennen einander Bruder und Schweſter, mit dem Unterſchiede des erſten und des zweyten, und ſo ferner, bis zum vierten Grade; diejenigen aber, welche von einem hoͤhern und niedern Grade ſind, werden Vet - tern, Nichten u. ſ. f. genennt, mit eben dem Unter - ſchiede. Bey ihren Taufen haben ſie gemeiniglich drey oder vier Gevattern und eben ſo viel Gevatterinnen, die ſich nach der Ceremonie fuͤr ſo nahe verwandt hal - ten, daß ſie einander eben ſo wenig heirathen koͤnnen, als wenn ſie Kinder von einerley Aeltern waͤren.
Bey ihren Begraͤbniſſen haben ſie eine ſehr laͤ - cherliche Gewohnheit. Ehe der Sarg zugemacht wird, giebt der Beichtvater dem Verſtorbenen ein Zeugniß oder Paß in die andere Welt mit dieſen Worten zwiſchen die Finger: Wir N. N. bekennen durch gegenwaͤrtige (Zeilen), daß der Ueberbringer der - ſelben ſich beſtaͤndig unter uns verhalten und gelebt, wie es einem guten Chriſten geziemet, und ſich zur grie - chiſchen Religion bekannt hat; und, ob er gleich etliche Suͤnden begangen hat, ſo hat er ſie doch bekannt, die Abſolution erhalten und das Abendmahl fuͤr die Bege - hung ſeiner Suͤnden genoſſen; daß er Gott und ſeine Heiligen geehret, ſein Gebet nicht verabſaͤumet, und in den von der Kirche verordneten Stunden und Tagen gefaſtet hat, daß er ſich jederzeit gegen mich, der ichſein119ſein Beichtvater bin, auf eine ſolche Art verhalten hat, daß ich keine Urſache habe, mich uͤber ihm zu beſchweren, oder ihm die Vergebung ſeiner Suͤnden zu verſagen. Dieſes zu beſtaͤtigen, haben wir ihm dieſes Zeugniß in der Abſicht ertheilet, daß ihm der heilige Petrus, ſo bald er dieſes ſiehet, die Thuͤre zur ewigen Seligkeit oͤffnen wolle.
Was ihre Bilder betrifft, ſo leiden ſie weder inJhre Bilder. ihren Kirchen noch Haͤuſern einige, die geſchnitzt oder gehauen, ſondern bloß ſolche, die mit Oelfarbe von ihren eigenen Religions-Verwandten auf Holz ge - malet ſind. Sie raͤumen niemals ein, daß ſie ihre Heiligen gekauft haben, ſondern gehen auf den Markt, und wenn ſie ſich ein Bild erwaͤhlet haben, das ihnen gefaͤllt, ſo legen ſie das Geld fuͤr den Tauſch deſſelben hin. Wenn es der Verkaͤufer nicht fuͤr hinlaͤnglich haͤlt, ſo ſchiebt er es zuruͤck, und der andere iſt ver - bunden mehr dazu zu legen, bis er damit zufrieden iſt. Die Mauern in ihren Kirchen ſind damit an - gefuͤllt; uͤber den Thuͤren ihrer Kirchen, auf den Marktplaͤtzen und uͤber den Stadtthoren, findet man gewiß das Bild eines oder des andern Heiligen, ſo daß, man mag gehen wohin man will, man allezeit ei - ne Menge Leute findet, die ſich kreuzigen, ſehr tief buͤcken und Gospodi Pomilui, oder Gott ſey mir gnaͤdig, ſagen. Dieſe Bilder halten ſie fuͤr ſo un - umgaͤnglich nothwendig, daß ſie ihre Andacht ohne dieſelben nicht verrichten koͤnnen. Sie ſind die groͤß - te Zierde ihrer Haͤuſer, und wer darein kommt, er - zeigt ſeine Ehrerbietung erſt dem Heiligen, und als - denn erſt der Familie. Als einmal ein Ruſſe in ei - ner Verrichtung zu mir kam, ſahe er ſich in der StubeH 4nach120nach einem Bilde um, und als er keines gewahr wur - de, fragte er mich, wo iſt dein Gott? Jch antwortete, im Himmel; hierauf gieng er ſogleich unverrichteter Sachen wieder fort. Jch erzaͤhlte dieſen Umſtand dem General, und er ließ ſogleich ein Bildniß eines Heiligen in meiner Stube aufhaͤngen, um kuͤnftig kein ſolches Aergerniß zu geben.
Alle Ruſſen, ſie moͤgen ſeyn wer ſie wollen, ſchlafen nach der Mittagsmahlzeit, ſo daß gegen Mittag alle Gewoͤlber geſchloſſen werden, und man, als wenn es Mitternacht waͤre, mit niemanden ſpre - chen kann. Sie baden ſich ſehr oft. Perſonen von Stande haben ihre eigene Baͤder, und baden ſich we - nigſtens woͤchentlich zwey Mahl, ihre oͤffentlichen Badeplaͤtze aber ſind alle nahe an den Fluͤſſen. Jh - re Stuben ſind enge und haben Oefen, die ſie ſehr ſtark heizen, und, um deſto mehr Dunſt zu machen, oͤfters kaltes Waſſer an den Ofen gießen. Rings herum ſind in einiger Entfernung Baͤnke eine uͤber der andern angebracht, ſo daß ſich jeder den Grad der Hi - tze erwaͤhlet, der ſich am beſten fuͤr ihn ſchickt. Auf eine von dieſen Baͤnken legen ſie ſich ganz nackend, und wenn ſie ſo lange, als ſie es fuͤr gut befinden, ge - ſchwitzet haben, ſo laſſen ſie ſich mit warmem Waſſer waſchen und mit einer Handvoll Kraͤuter reiben. Hierauf trinken ſie einen Schluck Brandwein und ge - hen ihren Gang. Das wunderbarſte aber iſt, wenn ihnen die Hitze zu groß iſt, ſo gehen ſo wohl Manns - als Weibsperſonen, ſo nackend, wie ſie ſind, aus der Stube heraus, werfen ſich in den Fluß, und ſchwim - men einige Zeit darinn, oder waͤlzen ſich im Winter im Schnee. Dieſe oͤffentlichen Baͤder ſind ſo leichtgebaut,121gebaut, daß man die Leute ſehr leicht durch die Oeff - nung der Breter, die dazwiſchen ſind, ſehen kann, woraus ſich die Frauenzimmer, die dieſe Baͤder be - ſuchen, nicht viel machen, weil ſie ſich nicht ſcheuen, nackend geſehen zu werden; beyde Geſchlechte gehen zu einer Thuͤre nackend heraus, wenn ſie ſich abkuͤhlen wollen. Dieſe Baͤder ſind bey den Moskowitern die einzigen Mittel zur Geſundheit und Reinlichkeit; und ſie ſind von ihrer Kindheit ſo an die groͤßte Hitze und Kaͤlte gewoͤhnt, daß ſie gemeiniglich ſtark und feſt werden, wenig den Krankheiten ausgeſetzt ſind und gemeiniglich lange leben. Die meiſten leben alſo oh - ne Aerzte, und viele von ihnen werden gar nicht krank. Sie fangen ihren Tag mit Aufgang der Sonne an, und beſchließen ihn auch wieder mit derſelben, ſo daß ſich ihre Nacht, ſobald die Sonne unter iſt, anfaͤngt, und mit dem Aufgange derſelben wieder endiget.
Die Art zu reiſen iſt in Rußland, beſonders imArt zu reiſen. Winter uͤberaus bequem, indem ihre Schlitten auf dem Eiſe oder Schnee in einem flachen Lande, mit unglaublicher Geſchwindigkeit gehen, und den Pfer - den ſo leicht werden, daß man leicht 50 oder 60 Engliſche Meilen an einem Tage reiſen kann. Jhre Schlitten ſind von Lindenrinden, nach der Groͤße eines Menſchen eingerichtet, mit einem dicken Filz gefuͤttert, und wenn jemand darinn liegt, ſo wird er in gute Pel - ze eingewickelt und damit ganz bedeckt. Der Knecht laͤuft meiſtens bey dem Schlitten her, um ſich zu er - waͤrmen, oder ſitzt zu des Reiſenden Fuͤßen. Weil die Schlitten ſehr niedrig gebauet ſind, ſo iſt wenig Gefahr zu befuͤrchten, wenn ſie auch umfallen ſollten. Bey dieſer Art zu reiſen wird die Zeit meiſtens ſchla -H 5fend122fend zugebracht, da die Bewegung, die man kaum empfindet, vieles dazu beytraͤgt. Wenn ſie durch große Wuͤſteneyen oder Waͤlder reiſen, wo ſie die gan - ze Nacht unter freyem Himmel bleiben muͤſſen, ſo machen ſie ein großes Feuer, ſetzen ihre Schlitten rings herum, damit ſie auf allen Seiten wohl einge - ſchloſſen ſind, und, wenn ſie ſich mit Pelzen wohl bede - cken, bequemer ſchlafen, als in einer Bauerhuͤtte, wo die Ruhe, da Menſchen und Thiere in einer Stu - be wohnen, ſehr geſtoͤret wird. Die groͤßte Unbe - quemlichkeit, in dieſen Gegenden zu reiſen, iſt der Man - gel an Wirthshaͤuſern, der die Reiſenden noͤthiget, alle Lebensmittel, und was ſie brauchen, mit ſich zu fuͤhren. Diejenigen, die allein reiſen, gehen gemei - niglich auf der Poſt, da ſie denn den ganzen Weg bey der Abfahrt bezahlen, und nicht eher wieder in die Taſche greifen duͤrfen, als am Ende derſelben, wel - ches denn ſehr bequem iſt. Der Poſtillion bekommt eine geſchriebene Ordre, die er dem naͤchſten, der nach ihm folget, uͤbergiebt, und ſo geht es fort, bis zu En - de der Reiſe. So reiſet man Tag und Nacht, und bekommt alle 10 Meilen friſche Pferde, und der Rei - ſende kann den ganzen Weg in ſeinem Schlitten ſchla - fen, wenn es ihm gefaͤllt. Sie reiſen gemeiniglich in 24 Stunden 150 Engliſche Meilen. Jch habe oͤfters 3 Stationen gemacht, ohne daß ich einmal aufgewacht bin.
Jm Sommer reiſen ſie entweder zu Waſſer, auf den Fluͤſſen, deren das Land voll iſt, oder zu Lande zu Pferde, in Kutſchen oder Schlafwagen. Die Straßen in Rußland ſind ſehr breit, ſchoͤn, und leicht zu reiſen. Auf den Fluͤſſen zu fahren, haben ſie eineArt123Art von Floͤßen, die von dicken Tannenbaͤumen ge - macht ſind, und eine große Laſt tragen koͤnnen. Aber die große Hitze und große Menge Muskitoes und Flie - gen ſind ſehr beſchwerlich, und hindern das Vergnuͤ - gen ſehr, das ein Fremder an der Schoͤnheit der Waͤl - der, Fluͤſſe und Seen, indem er durchreiſet, haben wuͤrde.
Es kann in der Welt keine Religion gefunden werden, die es ihren Bekennern ſchwerer macht, als die Ruſſiſche. Denn außer dem, daß ſie woͤchentlich zwey Faſttage haben, Mittwochs und Freytags, und die Tage vor den Feſten faſten, an welchen ſie ſich aller Arten Fleiſches enthalten muͤſſen, und weder Butter, noch Eyer oder Milch koſten duͤrfen, ſo haben ſie des Jahres noch vier Faſten. Die laͤngſte dauert ſieben Wochen; die erſte davon heißt die Butterwoche, und da dieſes ihr Carneval iſt, ſo haben ſie die Freyheit, alles zu eſſen, nur keine Fiſche. Jn dieſer Woche ſchweifen ſie auf eine faſt unglaubliche Art aus, und wenden ſie, gleichſam als wenn ſie zu der Zubereitung zu der Faſten von ſechs Wochen beſtimmt waͤre, zu den groͤßten Ausſchweifungen im Brandweintrinken und geſchmolzene Butter zu eſſen an, die ſie ſo haͤuſig verſchlingen, daß man glauben ſollte, daß der gering - ſte Feuerfunke ihre Koͤrper anzuͤnden koͤnnte. Ja ſie ſehen ſich oft genoͤthiget, dieſe Entzuͤndung mit Milch zu loͤſchen, damit ſie nicht auf der Stelle ſterben, wel - ches ſich auch oft zutraͤgt. Wehe den Fremden, der dieſen Trunkenbolden des Nachts entgegen kommt! Wenn er nicht wohl bedeckt iſt, ſo gehen ihre Grob - heiten ſo weit, daß deren jede Nacht eine Menge um - gebracht werden, diejenigen nicht zu rechnen, die,wenn124wenn ſie ſich betrunken, und niemanden haben, der ſie nach Hauſe fuͤhrt, in den Schnee fallen und erfrie - ren. Jn dieſer Woche iſt es etwas ſehr gewoͤhnli - ches, ob es gleich ein haͤßlicher Anblick iſt, 10 oder 12 an einem Morgen in einem offenen Schlitten fuͤhren zu ſehen, die erfroren ſind. Dieſes ſind Gegenſtaͤn - de, die man des Morgens taͤglich auf den Straßen in Moskau ſiehet. Alles, was ſie zu Erſetzung dieſer Abſcheulichkeiten, wenn die Woche voruͤber iſt, thun, iſt, daß ſie die Baͤder beſuchen, um die Unreinigkei - ten, die ſie waͤhrend ihren entſetzlichen Ausſchweifungen bekommen haben, abzuwaſchen. Die uͤbrige Zeit der Faſten leben ſie maͤßig, und die Strengſten eſſen die ganze Zeit nicht ein einziges Mahl Fiſch, ſondern leben von Honig, Kraͤutern und Brey, und trinken bloß Quas oder Waſſer.
Das Oſterfeſt feyern ſie ſo wohl zum Andenken der Auferſtehung unſers Heilandes, als auch wegen Endigung der Faſten, die ſie waͤhrend der Faſtenzeit ausgehalten haben, mit großen Ceremonien und Freuden. Sie freuen ſich nunmehr 15 Tage, eſſen recht gut mit einander, und um ſich das Leiden waͤh - rend der Faſten wieder zu erſetzen, ſind die oͤffentlichen Haͤuſer nunmehr von allen Arten von Leuten, Weibs - und Mannsperſonen, Geiſtlichen und Weltlichen an - gefuͤllt, und auf den Straßen kann man vor Trunken - bolden kaum durchkommen. Waͤhrend dieſen 15 Tagen haben ſie allerley gefaͤrbte Eyer, die ſie einan - der zu Geſchenken ſenden oder geben, und wenn ſie zu der Zeit zuſammen kommen, ſo gruͤßen ſie einander mit den Worten: Chriſtos wos Chreſt, das heißt, Chriſtus iſt erſtanden — da denn der andere daraufantwortet,125antwortet, Woiſtin wos Chreſt, das iſt, er iſt gewiß auferſtanden — und dann kuͤſſen ſie einander. Derjenige, der zuerſt gruͤßet, iſt verbunden, dem an - dern ein Ey zu geben. Niemand, von was fuͤr Stande oder Geſchlechte er auch ſey, unterſtehet ſich, das Ey oder den Kuß auszuſchlagen. Perſonen von Stande laſſen ſie mit goldnen oder ſilbernen Blaͤttchen belegen, oder laſſen ſie aus - und inwendig niedlich malen.
Sie begehen die meiſten Feſte mit Proceſſionen, davon die am Palmſonntage, die unſers Heilandes Einzug in Jeruſalem vorſtellet, beſonders ſehr feyer - lich iſt. Ehe die Wuͤrde des Patriarchen aufgehoben worden, pflegte der Patriarch bey der Proceſſion auf einem Eſel zu reiten, den der Czar von dem Schloſſe bis an die Kirche Jeruſalem genannt, die außer dem Schloſſe liegt, beym Zaume fuͤhrte, und der Pa - triarch gab ihm, zur Erkenntlichkeit der ihm dadurch erwieſenen Ehre, einen Beutel mit 100 Rubeln.
Die Stadt Novogorod. — Der Sterlet-Fiſch. — Des Marſchalls Tſcheremetofs Fehler im Kriegswe - ſen. — Die beſte Art aus den Ruſſiſchen Dienſten zu kommen. — Die Stadt Petersburg. — Des Czars gewoͤhnliche Tafel. — Seine Luſtbarkei - ten. — Geſchenke an Fahrzeugen und Bothen und gute Abſicht dabey. — Ein Abgeſandter aus der Uspeckiſchen Tartarey. — Uebungen zur See zu deſſen Vergnuͤgen. — Cronſtadt und Crone - let. — Oranienbaum, Peterhof und Catharinen - hof. — Geburt der Großherzoginn, und des Prinzen Verhalten dabey. — Sein Ungehorſam gegen den Czar. — Feldzug zur See, bey welchem der Czar Contre-Admiral war. — Sein großmuͤ - thiges Betragen gegen Ehrenſchield. — Er nimmt Aland weg. — Sein triumphirender Einzug in Petersburg. — Seine Befoͤrderung zum Vice - Admiral. — Er lobt Ehrenſchields Tapferkeit. — Seine Rede an den Senat. — Sein Zorn uͤber des Czarowitzes Ungehorſam. — Er ſtiftet oͤfte - re geſellſchaftliche Verſammlungen und eine Koͤ - nigliche Akademie. — Kriegsgericht uͤber den Admiral Kruys. — Der St. Catharinen-Or - den. — Verwirrungen in den Einkuͤnften, und das daraus entſtehende Ungluͤck. — Viele Ver - brecher werden geſtraft. — Fiscale werden ein - geſetzt. — Des Czars oͤffentliche Luſtbarkeiten. — Herrn Slitter’s Perpetuum Mobile. — Der alte Finlaͤnder. — Starker Froſt in Petersburg. — Verſuche mit Baͤren. — Art ſie zu toͤdten.
Der General Bruce reiſete den erſten Maͤrz mit1714. Stadt No - vogorod. ſeiner Familie von Moskan nach Petersburg ab. Wir giengen durch Twer, uͤber die Wolga, und kamen den 10ten in Novogorod an. Dieſe Stadt liegt in einer ſchoͤnen großen Ebene an der Wo - logda, einem Fluß, der von der Wolga noch unter - ſchieden iſt. Die Wologda kommt aus dem See Jlmen, ohngefaͤhr 3 Meilen uͤber dieſer Stadt, von da ſie in die See Ladoga faͤllt, und alsdenn nahe bey der Feſtung Noͤteburg in die Newa und endlich durch den Finlaͤndiſchen Meerbuſen in das Baltiſche Meer faͤllt. Dieſer Fluß bringt der Stadt Novogorod, nicht allein durch den Ueberfluß an allen Arten von ſehr vortrefflichen Fiſchen, womit er ihren Markt um einen ſehr billigen Preis verſiehet, ſondern auch da - durch, daß er bis zu ſeinem Urſprunge ſchiffbar iſt, großen Nutzen. Das herumliegende Land iſt ſehr fruchtbar, und hat einen Ueberfluß an Weizen, Flachs, Hanf, Honig und Wachs. Das Ruſſiſche Leder iſt eine von ihren Hauptwaaren, weil man glaubt, daß es hier beſſer, als irgendwo in Rußland, zuberei - tet wird, und Novogorod wird fuͤr eine der beruͤhmte - ſten Handelsſtaͤdte in ganz Rußland gehalten. Jn den vorigen Zeiten wurde dieſe Stadt fuͤr eine der reichſten in Europa angeſehen, und war ſo beruͤhmt, daß es zum Spruͤchwort wurde: wer kann ſich Gott und der großen Stadt Novogorod widerſetzen. Nach - dem aber der Czar Jvan Waſilowitz, der große Ty - rann in Moskau, ſie gepluͤndert, und das meiſte von der Stadt in die Aſche geleget, zog er die angeſehen - ſten Buͤrger nach Nibni - oder Klein-Novogorod, Der große Umfang der ruinirten Mauern, und dieMenge128Menge der Thuͤrme, die noch vorhanden ſind, ſind ein hinlaͤnglicher Beweis von ihrem ehemaligen Glanze, und daß ihre gegenwaͤrtige Beſchaffenheit keine Aehn - lichkeit mehr mit dem hat, was ſie vor ihrer Einaͤſche - rung geweſen iſt, indem ſie jetzt nur mit einer hoͤlzer - ner Mauer umgeben iſt, und lauter hoͤlzerne Haͤuſer hat. Der Stadt gegenuͤber, jenſeits des Fluſſes, ſtehet eine Feſtung, die durch eine Bruͤcke mit der Stadt verbunden iſt. Dieſe Feſtung hat eine ſtarke Mauer von Steinen, und iſt die Wohnung des Gou - verneurs und des Erzbiſchofs. Jn dieſer Stadt, dem Schloſſe gegen uͤber, iſt ein Kloſter, welches dem Heil. Antonius gewidmet iſt, von dem ſie ſehr groſ - ſe Wunder erzaͤhlen. Unter andern zeigen ſie an der Mauer des Kloſters einen großen Muͤhlſtein, auf welchem der Heil. Antonius, wie ſie ſagen, ſeine Rei - ſe von Rom bis hieher gethan hat. Sie verſichern, daß er auf dieſem Steine die Tiber herunter ins Mittel - laͤndiſche Meer, durch die Meerengen, uͤber alle Seen, uͤber die er auf ſeinem Wege in das Baltiſche Meer mußte, gegangen, und auf der Wologda herauf ge - kommen iſt, und ſich endlich in Novogorod niederge - laſſen hat. Nach ſeiner Ankunft iſt er mit etlichen Fiſchern um den erſten Zug ihres Netzes einig gewor - den, da ſie denn einen großen Kaſten heraus zogen, worinn dieſes Heiligen Kleider, Buͤcher und Geld waren, wovon er denn dieſes Kloſter bauete, und dar - inn ſein Leben endigte, wie denn auch ſein Koͤrper da - ſelbſt noch unverweſet vorhanden ſeyn ſoll. Als ich den Moͤnch, der mir dieſes erzaͤhlte, fragte, in wel - chem Schiffe dieſer Heilige auf ſeinem Muͤhlſteine an - gekommen ſey, und wie er da uͤber die Waſſerfaͤlle inder129der See Lagoda herauf gekommen, wurde er boͤſe, und ſagte, ich ſey ein Unglaͤubiger und kein Chriſt, und gieng fort, ohne mir den unverweſeten Koͤrper ſeines Heiligen zu zeigen.
Jn dieſer Stadt befinden ſich gegenwaͤrtig 144 Kloͤſter, außer einer großen Anzahl Kirchen und Ca - pellen. Von hier wird Petersburg mit allen Arten von Lebensmitteln und Nothwendigkeiten verſehen, die in Schiffen mit einem flachen Boden dahin gefah - ren werden, von denen viele in den Waſſerfaͤllen der See Ladoga verloren gehen, wenn ſie auf die Felſen kommen, die unter dem Waſſer verborgen liegen, und durch die Geſchwindigkeit des Stroms ſo darauf geworfen werden, daß ſie ſcheitern. Um dieſen haͤu - figen Verluſt zu verhindern, befahl der Czar, daß ein Canal von der Wologda zum Fluſſe Newa in gera - der Linie gezogen werden ſollte, und es arbeiten alle Sommer 30000 Mann, und eben ſo viel Soldaten und Bauern an dieſem Werke. Dieſer Canal iſt beynahe 100 Engliſche Meilen lang, und 80 Fuß breit. Die an dieſem Canal von der ausgegrabenen Erde erhoͤheten Ufer, ſind 60 Fuß breit, und machen eine Straße auf beyden Seiten. Das Land iſt eben und gleich, und gehet gegen Norden etwas abwaͤrts, hat aber ſehr viel Waͤlder und Moraͤſte. Wenn die - ſes Werk zu Stande ſeyn wird, ſo wird das Land ſehr großen Nutzen davon haben, weil die Communication zwiſchen Novogorod und Petersburg nicht nur kurz, ſondern auch ſicher ſeyn wird. Es wird auch eine große Bequemlichkeit fuͤr diejenigen ſeyn, die dieſen Weg im Sommer zu Lande reiſen, da ſie jetzt, um dieſen Moraͤſten zu entgehen, einen großen UmwegJmachen130machen muͤſſen. Wenn dieſer Canal zu Stande ſeyn wird, ſo iſt der Czar geſonnen, die Wolga und Wologda mit einander zu vereinigen, ſo daß man aus dem Caspiſchen in das Baltiſche Meer, und folg - lich nach jedem Hafen in Europa wird ſegeln koͤnnen.
Vor einiger Zeit ſcheiterten einige Schiffe, die mit lebendigen Fiſchen, Sterlette genannt, nach Pe - tersburg giengen, indem ſie uͤber die Waſſerfaͤlle der Ladoga fahren wollten, wodurch die Fiſche ihre Frey - heit erhielten, davon einige hernach bey Cronſtadt, und einer bey Stockholm gefangen, und fuͤr große Seltenheiten angeſehen wurden, weil man noch nie - mals einen in dieſen Seen geſehen hatte. Sie ſind ohngefaͤhr 18 Zoll lang, und von einer ihnen eigenen Geſtalt. Jhr Kopf gleicht dem Kopfe eines Hechts, iſt aber etwas laͤnger, und anſtatt der Schuppen, ha - ben ſie eine Art Schale auf den Ruͤcken, die der Schale einer Meer-Schildkroͤte ziemlich aͤhnlich iſt, haben aber keine Graͤten. Wenn ſie zugerichtet wer - den, ſind ſie die beſten Fiſche in der Welt, weil ſie ſehr fett ſind und einen angenehmen Geſchmack haben. Jn Petersburg koſtet einer gemeiniglich einen Duca - ten. Als der Brigadier le Fort, der damals als Gefangener in Stockholm war, dieſen Fiſch auf dem Markte ſahe, ſo kaufte er ihn, und bat den Fuͤrſten Dolgoruky und den General Weyde, ebenfalls Ge - fangene, mit ihm zu Mittage zu eſſen, die ſich denn, als dieſer Fiſch auf die Tafel kam, ſehr wun - derten, weil ſie wußten, daß er bloß im Caspiſchen Meere oder in der Wolga anzutreffen ſey. Jch habe niemals gehoͤret, daß ſie ſich in dieſen Seen fortge - pflanzet haͤtten.
Da131Da der General Bruce Gouverneur von dieſerTſcherems - tofs Fehler. Provinz war, ſo hielt dieſes ihn etliche Tage zuruͤck, die ſein Gouvernement betreffenden Sachen durchzu - gehen, da er denn, ſo lange er ſich aufhielt, von den vornehmſten in der Stadt bewirthet wurde. Als er einmal bey dem Vice-Gouverneur ſpeiſete, fiel die Rede auf einige von dem Feldmarſchall Tſcheremetof begangene Fehler, als der Czar erſt anfieng ſeine Ar - mee nach der deutſchen Kriegszucht einzurichten. Um die auslaͤndiſchen Officiers anzulocken, zu ſeiner Ar - mee zu kommen, hatte er dem Feldmarſchall Befehl gegeben, daß er ſie, wenn ſie gut empfohlen wuͤrden, eiren Grad hoͤher befoͤrdern ſollte, als der geweſen, den ſie verlaſſen haͤtten. Es trug ſich zu, daß ein Brigadier aus Oeſterreichiſchen Dienſten kam, den der Kaiſer ſehr empfohlen hatte, und nach des Czars Vorſchrift Generalmajor zu werden verlangte. Da der Feldmarſchall ſahe, daß dieſes eine zu hohe Stelle ſey, ſo ſagte er zu demſelben, daß er zufrieden ſeyn ſolle, wenn er erſt Generallieutenant wuͤrde. Als dieſer Officier dem Feldmarſchall zu gefallen darein willigte, ſo wurde ſein Diplom zur Beſtaͤtigung an den Czar uͤberſchickt, und der Feldmarſchall machte ſich ein Verdienſt daraus, daß er den Fremden ſo wohlfeil befriediget hatte. Der Czar lachte ſehr uͤber des Feldmarſchalls Jrrthum, beſtaͤtigte aber deſſen Diplom doch, und warnte den Marſchall, ſich in Zu - kunft vor dergleichen Fehlern zu huͤten. Dieſer War - nung ungeachtet gieng doch wieder ein aͤhnliches Ver - ſehen vor. Ein Deutſcher Capitaͤn des Armes, der noch weniger als ein Sergeant iſt, und der nur auf das der Compagnie zugehoͤrige Gewehr Achtung gebenJ 2muß,132muß, hielt um Dienſte bey der Armee an. Der Feldmarſchall ſragte ihn durch ſeinen deutſchen Dol - metſcher, in was fuͤr einem Poſten er gedienet haͤtte, und bekam zur Antwort, als Capitaͤn des Armes. Da das Wort arm in der deutſchen Sprache arm bedeutet, ſo ſagte der Dolmetſcher, daß er ein armer Capitaͤn geweſen ſey. Wenn das der Fall iſt, ſagte der Feldmarſchall, ſo will ich ihn zum reichen Capi - taͤn machen, und fertigte ein Capitaͤns-Diplom fuͤr ihn aus. Allein der Czar, anſtatt ſelbiges zu beſtaͤ - tigen, machte ihn nur zum Faͤhndrich, und ſchon die - ſes machte den armen Capitaͤn ſehr gluͤcklich.
Damals war es viel leichter, Dienſte zu erhal - ten, als wieder los zukommen, wie man aus des Ge - neralmajors Gordon Beyſpiele ſehen konnte, dem viel daran gelegen war, den Dienſt zu verlaſſen, und der da - her, ſo oft er nur konnte, um ſeine Erlaſſung, aber alles vergebens, anhielt. Als er daher nach dem Treffen bey Pultawa allein mit einem Commando in Pohlen ſtand, ergriff er dieſe Gelegenheit, ließ ſeine Frau und Toͤchter nach Pohlen kommen, und gieng mit ih - nen nach Danzig, und von da zu Schiffe nach Schott - land. Ein gleicher Fall trug ſich zu meiner Zeit mit einem Rittmeiſter bey den Dragonern zu, der, nach - dem er lange gedienet hatte, um ſeinen Abſchied anſuch - te, und ihn zwar ohne große Schwierigkeit erhielt, aber kein Mittel ausfuͤndig machen konnte einen Paß zu er - halten, um aus dem Lande zu kommen, weil er beſtaͤn - dig mit ſchoͤnen Worten abgewieſen wurde, womit ſie ihn ſo lange aufhielten, daß er ſich endlich genoͤthiget ſahe, Wechſelbriefe an ſeine Freunde in Deutſchland zu ſtellen, um in Rußland leben zu koͤnnen. DieRuſſiſche133Ruſſiſche Policey will, daß das bey der Regierung er - worbene Geld auch im Lande bleiben ſoll, und da man gemerkt hatte, daß dieſer Officier, als er mit ſei - nem Regimente in Pohlen ſtand, betraͤchtliche Sum - men an ſeine Freunde in Deutſchland geſchicket hatte, ſo war man darauf bedacht, nachdem er ſeinen Ab - ſchied bekommen, ſeine Perſon zuruͤck zu halten, um wiederum etwas von dieſem Gelde zuruͤck zu bekom - men. Als dieſer Rittmeiſter ſahe, daß er ſich rui - niren wuͤrde, ohne Hoffnung zu haben aus dem Lande zu kommen, ſo wandte er ſich an einige auslaͤndiſche Generals, und erſuchte ſie um Rath, die ihm ſogleich riethen wieder um Dienſte anzuhalten. Er that es, und ſahe ſich in kurzem wieder an der Spitze eines Regiments. Als dieſes Regiment nach Pohlen be - ordert worden, machte er ſich daſelbſt die Gelegenheit zu Nutze, gieng, nachdem er ſich hinlaͤnglich mit Gelde verſehen hatte, nach Deutſchland, und ſchrieb von daher an den Fuͤrſten Menzikof und entſchuldigte ſich, daß er auf dieſe Art die Dienſte verlaſſen muͤſſen, indem er keine andere Wahl gehabt haͤtte, denn es ſey ihm nicht erlaubt geweſen, es auf eine beſſere Art zu thun. Er rieth dem Fuͤrſten, die Auslaͤnder nicht wider ihren Willen in Dienſten zu behalten, denn dieſes wuͤrde geſchickte und verdiente Maͤnner ab - halten, in ihre Dienſte zu gehen. Hierdurch wurde aber die Sache nicht beſſer, und es wuͤrde zu ver - drießlich fallen, wenn ich mich in eine Beſchreibung der Schwierigkeiten einlaſſen wollte, die man den Fremden macht, wenn ſie aus dieſem Lande wollen. Wir fuhren den 25ſten von Novogorod ab und ka - men den 1ſten April in Petersburg an. Moscau iſtJ 3541134541 Engliſche Meilen, oder 812 Ruſſiſche Werſte von Petersburg entfernt.
Der Adel, die vornehmen und reichen Perſonen, die ſich mit ihren Familien von Moskau hieher bege - ben hatten, fanden hier einen traurigen Tauſch ihrer Umſtaͤnde. Anſtatt ihrer geraumen Pallaͤſte und ho - hen Haͤuſer in Moskau, und ihrer Landhaͤuſer und Guͤter in deren Nachbarſchaft, wo ſie alles im Ueber - fluß hatten, fanden ſie hier allen Vorrath ſelten und die meiſten Bequemlichkeiten fehlten. Allein da die - ſer Ort ſowohl den Abſichten als auch der Gemuͤths - beſchaffenheit des Czars gemaͤß war, ſo achtete er die Klagen derjenigen wenig, die mehr auf ihre Ruhe und Schwelgerey als auf den Nutzen ihres Landes ſahen. Die Kaufleute machten ihr Gluͤck in dieſer neuen Stadt, wo alles außerordentlich theuer war.
Dieſe Stadt war jetzt in ihrer Kindheit, da es kaum zehn Jahr war, daß der Grund dazu war gele - get worden. Als der Czar Noͤteburg und Neu - Schanz eingenommen hatte, gieng er bis an den Aus - fluß der Newa, wo ſie in das Baltiſche Meer faͤllt und durch verſchiedene Stroͤme viel Jnſeln macht. Dieſe Lage gefiel ihm ſo ſehr, daß er dieſe Stadt zu bauen beſchloß. Er fand hier nur 4 Fiſcherhuͤtten; zu dieſen ſetzte er ein Haus fuͤr ſich auf eine Jnſel ge - gen Norden des Fluſſes, und nannte es Petersburg. Dieſes Haus war nur eine Zuflucht vor dem Wetter und darinn zu ruhen; es iſt ein niedriger von Holz ge - bauter und mit einem hoͤlzernen Gange umgebener Saal, wo uͤber der Thuͤre das Jahr 1704 ausge - hauen iſt. Es iſt aber zum Andenken dieſes großen Unternehmens ſeit der Zeit immer beybehalten worden. Der135Der Generallieutenant Bruce, Commandant der Stadt, hat die Aufſicht und den Gebrauch dieſes er - ſten Saals, und hat ein ſehr ſchoͤnes Haus fuͤr ſich daran gebauet, welches eines der erſten war, das die - ſem Orte ein Anſehen gab. Das erſte, was unternom - men wurde, war, zwey Feſtungen zu bauen, die eine hier und die andere in Cronſtadt, um dieſen Ort wi - der den Anfall von den Schweden zur See zu decken, indem er wider einen Anfall zu Lande ſchon durch die Natur befeſtiget iſt, und rings herum moraſtigen Boden hat.
Jedermann ſahe nun den Fortgang und den Wachsthum dieſer Stadt in einer ſo kurzen Zeit mit Verwunderung und Erſtaunen, indem bereits viele tau - ſend Haͤuſer gebauet waren. Jn dem Theile, der Petersburg genannt wird, ſtehet ein großes viereckig - tes Gebaͤude von Ziegelſteinen, worinn ein großer Hof fuͤr Kauf - und Handelsleute iſt, wo ſie ihre Gewoͤl - ber unten und Waarenlager oben haben, und der jede Nacht verſchloſſen wird, und eben ſo wie der große Marktplatz in Moskau eingerichtet iſt; wie denn auch alle Kaufleute in dieſem Theile der Stadt wohnen. Hier iſt auch ein großes langes Gebaͤude von Ziegeln, worinn das Rathhaus, alle hohe Gerichte im Reiche, die Canzley, das Obergerichte, die Admiralitaͤt und Artillerie, das Kriegsamt ꝛc. ſich befinden. Der Praͤſident von jedem Gerichte iſt ein Senator. Da alſo der Sitz der Handlung, die Gerichte, als oͤffent - liche Aemter, und das große Concilium des Reichs an einem ſo kleinen Orte ſo nahe beyſammen ſind, ſo iſt dieſes eine große Bequemlichkeit zur Beſchleuni - gung der Geſchaͤfte. Auf einer andern Jnſel, dieſerJ 4gegen136gegen Norden, wohnen die aſiatiſchen Kaufleute, naͤmlich, Armenianer, Perſianer, Tuͤrken, Tartarn, Chineſer und Jndianer; aber Juden iſt es nicht er - laubt im Ruſſiſchen Reiche zu handeln oder zu wohnen. Dem Senathauſe gegenuͤber, auf einer kleinen Jnſel, ſtehet die Feſtung, und da ſie in der Mitte liegt, ſo kann ſie die ganze Stadt beſchießen. Die Feſtung iſt ein mit Ravelinen verſtaͤrkter Sechseck; die Waͤlle ſind alle gewoͤlbt und bombenfeſt. Sie hat Haͤuſer fuͤr die Officiers und Baraken fuͤr die Soldaten von der Garniſon, ein großes Zeughaus, Vorrathshaͤu - ſer und Magazine, und eine ſchoͤne große Kirche, mit einem ſehr hohen Thurme, worauf ſich ein Glocken - ſpiel befindet, welches alle Tage von 11 Uhr bis 12 ſpielet. Jn dieſer Kirche iſt ein großes Begraͤb - niß fuͤr die Kaiſerliche Familie. Die Werke, und alle inwendige Gebaͤude ſind von Mauerſteinen, und man kann nur auf Zugbruͤcken, die dem Senathauſe gegen uͤber ſind, hineinkommen. Weiter unter der Feſtung, auf eben der Seite des Fluſſes, iſt Waſilio - Oſtrof (oder Jnſel), darauf der Fuͤrſt Menzikof einen ſehr großen Pallaſt, und eine Menge Haͤuſer aus Zie - geln zur Bequemlichkeit ſeiner Hofleute hat erbauen laſſen. Dieſe Jnſel iſt groß, und mit ſchoͤnen Gaͤr - ten und Spatziergaͤngen gezieret, und hier ſiehet man alle Kaiſerliche Pracht, und alle fremde Geſandten und Miniſter haben hier Audienz. Bey dieſer Gele - genheit erſcheint der Czar allemal als eine Privatper - ſon, wie auch ſonſt uͤberall, und wird nur von einem Pagen und einem Bedienten begleitet, der ihm ſeine mathematiſchen Jnſtrumente und Zeichnungen traͤgt, denn er iſt ein vortrefflicher Zeichner und verſtehet alleZweige137Zweige der Mathematik, und iſt im Feſtungsbaue, in der Architektur, Schiffbaue, und Einrichtung al - ler mechaniſchen Werke, ſehr gut bewandert. Da er ein Prinz iſt, der von allen Dingen Kenntniß hat, ſo kann er nicht leicht von andern hintergangen werden. Waliſio-Oſtrof an der ſuͤdlichen Seite des Fluſſes, iſt die Admiralitaͤt oder das Werft, Schiffe und Ga - leren zu bauen. Da dieſe Jnſel vor dieſem tief und moraſtig war, ſo wurden viele Canaͤle gegraben, und der Boden erhoͤhet, und ſie dadurch zu der Abſicht, wozu ſie gebraucht wird, bequem gemacht. Sie iſt von dem Fluſſe umgeben, und hat wie das Uebrige dieſer Stadt, ihre natuͤrliche Vertheidigung von den moraſtigen Ufern des Fluſſes. Alle Schiffbauleute, wie auch die Officiers und Seeleute, die zur Flotte ge - hoͤren, haben ihre Wohnungen darauf.
Hinter der Admiralitaͤt ſtehet die Jnoiſemka Slo - boda, oder die fremde Stadt, wo alle Fremde aus Europa wohnen, und proteſtantiſche und katholiſche Bethhaͤuſer haben. Hier ſteht des Admirals Apraxin ſchoͤner Pallaſt. Auch dieſe Jnſel war tief und mo - raſtig; das Waſſer wurde aber durch Canaͤle abgelei - tet und die Jnſel erhoͤhet. Auf dieſer Jnſel hat der Czar ſeinen Winter - und Sommer-Pallaſt. Der erſte ſtehet nahe am Fluſſe, und der letzte gegen Oſten, oder am obern Ende der Jnſel, wo ſeine Jachten und Luſtbothe nahe vor der Thuͤre ſtehen. Hier ſind uͤber - aus ſchoͤne Gaͤrten und ein großer Park, die von ei - nem breiten und tiefen Canale umgeben ſind. Die Gaͤrten ſind voll Waſſerkuͤnſte, Jtaliaͤniſcher Sta - tuen, und bedeckter Spatziergaͤnge und Lauben. Eine ſchoͤne Allee von großen Baͤumen, die am FluſſeJ 5ſtehet,138ſtehet, ward mitten im Winter nebſt einrr großen Menge Erde an ihren Wurzeln ausgegraben, hieher gebracht, und in dieſe Ordnung geſetzt, wo ſie zu aller Erſtaunen, die ſie ſahen, bluͤheten. Jm Park wur - de ein Haus gebauet, worinn ſich alle Arten mathe - matiſcher Jnſtrumente befinden, wie auch der beruͤhm - te Gothorpſche Globus, den Tycho de Brahe erfun - den, worinn 12 Perſonen an einer Tafel ſitzen, und das Geſtirne am Himmel beobachten koͤnnen, wie es ſich um ſeine Achſe drehet. Jn dem Garten war ein langer Gang, oder Saal, worinn ſich der Czar alle Tage von 11 bis 12 Uhr des Vormittags aufhielt, da jedermann freyen Zutritt hatte, und er die Bitt - ſchriften von allen Staͤnden ſeiner Unterthanen an - nahm. Nach dieſem war es Niemanden, außer in ſehr wichtigen Angelegenheiten, erlaubt, zu ihm zuDes Czars Tafel. kommen. Er ſpeiſte gemeiniglich um 12 Uhr, und nur mit ſeiner Familie. Es wurde nur ein einziges Gerichte auf einmal aufgeſetzt, und um dieſes warm zu haben, ſpeiſte er in einem Zimmer, daran die Kuͤche ſtieß, aus welcher es der Koch zu einem Fenſter her - ein gab. Um 1 Uhr legte er ſich nieder und ſchlief eine Stunde; den Nachmittag und den Abend brachte er bis 10 Uhr bey dieſem oder jenem Vergnuͤgen zu, gieng hernach zu Bette, und ſtand des Morgens im Sommer und Winter um 4 Uhr auf.
An den Feſttagen erfand er alle Arten von Ver - gnuͤgen, und hatte ſehr oft Geſellſchaft auf ſeinem langen Saale in dem Garten; und da dieſer mit Waſſer umgeben iſt, ſo kamen die Gaͤſte in ihren Bo - then, die, wenn die Geſellſchaft ausgeſtiegen war, in dem Hafen bewacht wurden, damit niemand entwi -ſchen139ſchen konnte, ehe die ganze Geſellſchaft aufbrach, wel - ches ſelten vor dem andern Morgen geſchah. Kut -Der Czar verſchenkt Fahrzeuge. ſchen oder ander Fuhrwerk mit Raͤdern kann in dieſer Stadt wenig gebraucht werden, da ſie ganz von Fluͤſ - ſen oder Canaͤlen umringt iſt, uͤber die keine Bruͤcken gehen, ſo daß jedermann zu Waſſer fahren muß. Die - ſe Unbequemlichkeit zu erleichtern, ſchenkte der Czar je - dem vom erſten Range eine Jacht, einen Buͤyer, welches ein Both mit Seegeln iſt, und nach Hollaͤndi - ſcher Art eine große Cajuͤte in der Mitte hat, eine Barke mit 10 oder 12 Rudern, und ein kleines Both mit 2 oder 4 Rudern; denen vom zweyten Range einen Buͤyer und ein kleines Both, und denen vom niedrigern Range nur ein kleines Both. Jeder muß - te ſein Fahrzeug im baulichen Stande erhalten, und es auf ſeine Koſten wieder bauen laſſen, wenn dieſes nicht mehr zu brauchen war. Dieſes war zugleich ein politiſches Geſchenk, denn es war ein Tag in der Woche zur Muſterung aller dieſer Fahrzeuge beſtimmt, wie es dem Czar gefiel, und das Zeichen dazu wurde von der Feſtung gegeben. Wenn ſie ruderten, ſo ge - ſchah es auf dem breiten Fluſſe, in den kleinern Fahr - zeugen, welches ein ſchoͤnes Anſehen gab, und das Vergnuͤgen wurde durch die Geſellſchaften von Mu - ſikanten vergroͤßert. Die meiſten von erſten Range hatten ihre eigenen Muſikanten. Wenn das Zeichen nach Cronſtadt zu ſegeln gegeben wurde, ſo giengen alle Jachten und Buͤyers in 3 Escadrons ab; auf die - ſem Zuge wurden ihnen die verſchiedenen Uebungen einer Kriegsflotte durch Zeichen gewieſen, als das Ausſpannen und Einziehen der Segel, das Lavieren, eine Linie zum Treffen zu formiren, das Ankern ꝛc. wodurch140wodurch dem jungen Adel und andern Vornehmen die Beſchaffenheit dieſes Dienſtes bekannt wurde, und viele andere die Handgriffe der Seeleute lernten, und dadurch bey einer Flotte brauchbar gemacht wurden. Dem Sommer-Pallaſte gegenuͤber ſtehet auf einem trocknen erhabenen Boden, das große Zeughaus, die Gießerey zu Stuͤcken und Moͤſern, und ein ſchoͤnes Haus, welches der General-Feldzeugmeiſter erbauet hat. Hier wohnen alle Beamte ꝛc. der Artillerie. Wegen der ſchoͤnen Tage und geſunden Luft wohnen auch alle Verwandte des Kaiſerlichen Hauſes hier, da dieſe Gegend der Stadt der Ueberſchwemmung nicht, wie die andern, ausgeſetzt iſt. Der Czarowitz und ſeine Gemahlinn haben ihren Hof hier, desgleichen die Prinzeſſinn Natalia des Kaiſers Schweſter, die zwey Kaiſerlichen Wittwen des Czars Feodor und Johannes, nebſt einer Menge adelicher Familien. An dem Ende gegen Morgen aber ſtehet das Alexan - der-Newſki-Kloſter, wo der Erzbiſchof wohnet. Das Getuͤmmel, das man in allen Theilen dieſer Stadt ſahe, war unbeſchreiblich; man ſahe und hoͤrte den ganzen Tag nichts als Kaufleute und Arbeiter, die entweder ihre Schiffe und Galeeren, oder ſteinerne oder hoͤlzerne Haͤuſer bauten, Canaͤle gruben und Straßen pflaſterten. Der Fluß war beſtaͤndig mit großen Schiffen angefuͤllt, die alle Arten von Mate - rialien, als Ziegelſteine zu Mauern und Daͤchern und Steine zum Pflaſtern, brachten. Es kamen taͤglich große Holzfloͤßen zu Erbauung der Schiffe und Haͤu - ſer den Fluß herunter. Und da jedermann auf dieſe oder eine andere Art beſchaͤftiget war, ſo ſahe man nicht eine einzige muͤſſige Perſon.
Den141Den 17ten May kam ein Geſandter von demEin Usbecki - ſcher Geſand - ter. Chan der Usbeckiſchen Tartarn an, der den folgenden Tag vom Czar zur Audienz gelaſſen wurde. Sein Auftrag beſtand in drey Artikeln, erſtlich, daß ſich der Chan uͤber Seiner Majeſtaͤt Gluͤck im Kriege, und uͤber den Wachsthum ſeiner Macht erfreue, und ſich ſeiner Gunſt und ſeinem Schutze empfehle; zwey - tens erſuchte er den Czar, ſeinem Unterthan, dem Chan der Calmuckiſchen Tartarn, anzubefehlen, gute Nachbarſchaft und Frieden mit ihm zu halten, denn er ſchien geneigt zu ſeyn, ſich mit den Tartarn, die Un - terthanen von China ſind, zu vereinigen, und andere von ſeinen Nachbarn wider ihn aufzuwiegeln. Zur Erkenntlichkeit dafuͤr erbot ſich der Chan von Usbeck, beſtaͤndig 50000 Mann zum Dienſte des Czars be - reit zu halten, die auf ſeinen Befehl marſchiren ſoll - ten. Drittens bot er, zum Zeichen der Freundſchaft des Chans, einen Durchzug fuͤr die jaͤhrlich nach Chi - na gehenden Caravanen durch ſeine Laͤnder an, und daß er ſich in einen Handlungstractat mit Rußland einlaſſen wolle, davon Seiner Majeſtaͤt ein unglaub - licher Vortheil zuwachſen koͤnne, indem die Carava - nen damals mit großer Unbequemlichkeit nach Pecking reiſen mußten, und ein ganzes Jahr brauchten, durch ganz Siberien durchzureiſen, wo kein gebahnter Weg war, dagegen ſie durch ſeines Herrn Laͤnder auf einer guten Straße in vier Monathen dahin kommen koͤnn - ten. Der Geſandte legte hierauf viele Seide, und an - dere Chineſiſche und Perſiſche Waaren nebſt beſondern Pelzen, als ein Geſchenke von ſeinem Herrn, zu des Czars Fuͤßen, ſagte, daß er etliche Perſianiſche Pfer - de und andere Thiere in Moskau gelaſſen habe, undbeklagte,142beklagte, daß ihm ein ſchoͤner Leoparde und ein Affe unter Weges geſtorben ſey.
Bey dieſer Gelegenheit wurde das Zeichen zu den Jachten, und zugleich allen Bojaren Befehl gegeben, daß ſie Seine Majeſtaͤt nach Cronſlot begleiten ſollten. Jch gieng mit dem General-Feldzeugmeiſter in ſeiner Jacht, und wir kamen des Abends zu Cronſlot an, wo wir auf der Jacht ſchliefen. Der Czar hatte den Tartariſchen Geſandten erſucht, ihm dem Tag mit dem Groß-Canzler, dem Grafen Golofkin, auf einer Snaue nachzufolgen, und ſie fuhren gegen Mittage nebſt 7 Senatoren ab. Das Wetter war ſchwuͤhl, und ſie fuhren mit gutem Winde, bis ſie ohngefaͤhr 7 Meilen von Petersburg durch die Ungeſchicklichkeit des Ruſſiſchen Capitaͤns auf die ſeichten Oerter kamen, und das Schiff auf den Sand zu ſitzen kam. Die Matroſen arbeiteten bis 7 Uhr des Abend, ehe ſie es wieder los brachten, und gegen 9 Uhr entſtand ein ſo heftiger Sturm, dergleichen man in vielen Jahren hier nicht erlebt hatte. Gegen 12 Uhr waren ihre Bothe alle in Stuͤcken zerbrochen; ihr beſter Anker, und mit dieſem alle ihre Hoffnung gieng verlohren, ſo daß ſie nunmehr nichts als den Tod erwarteten. Der Geſandte, der vorher niemals auf einer ſolchen See geweſen war, wurde blaß, und wickelte ſich end - lich in eine ſeidene Madratze, ließ ſeinen Prieſter ſich ihm zu den Fuͤßen ſetzen, und ſich etwas aus einem Buche von dem Propheten Ali vorleſen, denn er war Perſianiſcher Religion. Gegen Morgen fieng der Sturm an nachzulaſſen, das Schiff wurde gluͤcklich aus der Untiefe gezogen, und ſo bald als es geankert hatte, begab ſich der Czar darauf, gratulirte ihm zuſeiner143ſeiner gluͤcklichen Ankunft, und blieb uͤber zwey Stun - den bey ihm in der Cajuͤte. Der Geſandte ließ ver - ſchiedene Arten von den Fruͤchten ſeines Landes aufſe - tzen, rief ſeine Saͤnger und Muſikanten mit Jnſtru - menten, und tractirte den Kaiſer. Der Czar that verſchiedene Fragen an den Geſandten von ſeinem Lan - de, beſonders von dem Fluſſe Darien, welcher durch daſſelbe laͤuft und ins Caspiſche Meer faͤllt. Man findet viel Gold auf dem Boden dieſes Fluſſes, das von den Bergen abgeſpuͤhlet wird, wo reiche Gold - erze ſind. Der Czar fuͤhrte den Geſandten an das Ufer, und zeigte ihm ſeine Flotte und Haͤfen, woruͤ - ber er ſich nicht wenig wunderte, indem er niemals dergleichen geſehen hatte.
Wir wurden hier drey Tage aufgehalten, undCronſtadt und Cron - ſlot. ich nahm mir Gelegenheit, die Retuſary zu beſehen, die mir neu war, und auf welcher der Czar eine neue Stadt, Cronſtadt genannt, zu bauen angefangen hat - te. Die Haͤuſer ſind alle von Ziegeln und groß; die unterſten Stockwerke ſind zu Gewoͤlben und Niederla - gen, zur Bequemlichkeit der fremden Kaufleute, die hier handeln oder ſich niederlaſſen wollen, beſtimmt, weil ihnen die Art auf den großen Marktplaͤtzen in Moskau und Petersburg, wo ſie ihre Gewoͤlber in ei - nem Theile der Stadt haben, und in einem andern wohnen, nicht gefiel. Hier ſind die Straßen breit, und in der Mitte ſind Canaͤle, daß die Guͤter auf dem Waſſer deſto leichter hergebracht und wieder ab - gefuͤhret werden koͤnnen. Hier ſind zwey ſchoͤne Haͤ - fen, der eine fuͤr die Kaiſerliche Flotte, der andere fuͤr Kauffarthey-Schiffe, und alle Schießſcharten ſind mit Kanonen beſetzt. Jnnerhalb eines Kanonen -ſchuſſes144ſchuſſes vom Hafen ſtehet die Feſtung Cronſlot auf ei - ner Sandbank in der See. Der Grund dazu wurde im Winter auf dem Eiſe mit ſtarken hoͤlzernen mit Steinen angefuͤllten Kaſten gelegt, worauf alsdenn das obere Gebaͤude von Holze gebauet und mit Erde angefuͤllet wurde. Dieſe Feſtung iſt rund und hat rings herum drey Gaͤnge einen uͤber den andern, die alle mit Kanonen wohl beſetzt ſind, daher der Zugang nach Petersburg, gegen jedes feindliche Unternehmen zur See, hinlaͤnglich geſchuͤtzt iſt. Ueber dieſes kann man auch ohne einen guͤnſtigen Wind wider die ſtar - ken Stroͤme nicht herauf kommen, und es wird auch ein geſchickter Steuermann erfordert, ſie durch die ſeichten Oerter und Sandbaͤnke, die jaͤhrlich ihre Lage aͤndern, durchzubringen.
Es liegt hier eine Flotte von 30 Schiffen von der Linie, außer den Fregatten und Jachten, zum Aus - laufen bereit, und die in der Nachbarſchaft einquar - tirten Truppen waren bereit, ſich auf 8 Galeeren und 100 Scampavies, oder halben Galeeren, einzu - ſchiffen. Der Czar befahl, daß alle Schiffe und Galeeren in See auslaufen ſollten, wo ſie daſelbſt ei - ne Linie machten, und eine Generalſalve mit allen Kanonen gaben, woruͤber der Tartariſche Geſandte er - ſtaunte, da er vorher niemals dergleichen geſehen hat - te. Nachdem dieſes geſchehen war, wurden die Schif - fe wieder vor Anker geleget, und die Galeeren kamen ans Ufer.
Der Czar gieng von hier nach Oranienbaum, ein Landhaus des Fuͤrſten Menzikofs, Cronſlot gegen - uͤber, an der Seite von Jngermannland, wo auf ſeine Verordnung ein großes Gaſtmahl veranſtaltet war. Von145Von da gieng er nach Petershof, ein ihm gehoͤriges Landhaus, und alsdenn nach Catharinenhof, ein der Czarinn zugehoͤriger Pallaſt; in beyden wurde die Geſellſchaft mit kaiſerlicher Pracht tractiret. Der Kaiſer kehrte nunmehr wieder nach Cronſlot zuruͤck, um mit der Flotte zur See zu gehen, und die Kaiſe - rinn und die uͤbrige Geſellſchaft gieng nach Peters - burg. Von Oranienbaum nach Petersburg gehet das Land vom Ufer an etwas aufwaͤrts, und iſt mit Landhaͤuſern der Großen angefuͤllt, die ohngefaͤhr eine halbe Meile von einander entfernt liegen, welches von der See einen ſchoͤnen Proſpect giebt.
Den 29ſten Junii, nahm der Gouverneur von Wyburg, in Finland, Nyslot, die Hauptfeſtung in der Provinz Savalaxia weg, und machte die Be - ſatzung zu Kriegsgefangenen.
Die Kaiſerliche Prinzeſſinn, Gemahlinn desGeburt der Großher - zoginn. Czarowitz, kam den 23ſten Julii mit einer Prinzeſ - ſinn nieder, die Natalia getauft und ihr der Titel Großherzoginn gegeben wurde. Der Czarowitz hatte ſich damals, unter dem Vorwand einer Unpaͤß - lichkeit, mit ſeiner Finlaͤndiſchen Maitreſſe nach Carlsbad begeben, eigentlich aber bloß deswegen, um bey der Entbindung ſeiner liebenswuͤrdigen, aber un - gluͤcklichen Gemahlinn nicht zugegen zu ſeyn. Jn dieſem unangenehmen Zuſtande hatte ſie bloß die Prin - zeſſinn von Oſt-Friesland, eine von ihren Anver - wandten, bey ſich. Der Czar, den ihr Ungluͤck ruͤhr - te, behandelte ſie mit der groͤßten Hochachtung, gab ihr einen praͤchtigen Hofſtaat, und ſchonte keine Ko - ſten, ihn zu vergroͤßern, ſtellte auch oͤfters Baͤlle und Verſammlungen in ihrem Hauſe an, um ihr ein Ver -Kgnuͤgen146gnuͤgen zu machen, wie ihr denn auch die Czarinn alle Liebe und Hochachtung erwies. Sie hatte ſich durch ihr ſanftmuͤthiges Betragen bey beyden ſehr be - liebt gemacht, aber das thieriſche Verhalten ihres Ge -Schlechtes Verhalten des Czaro - witz. mahls verbitterte ihr alles. Als der Czarowitz auf ausdruͤcklichen Befehl des Czars aus dem Carlsbad zuruͤck kam, bewies er dieſer Prinzeſſinn nicht allein die groͤßte Verachtung, ſondern mißhandelte auch al - le von ihrem Hofe ſo, daß ſie ihn alle verlaſſen wollten, welche Mißhandlung ſie in große Traurigkeit verſetzte. Die oͤftern Verweiſe ſeines Vaters, die er deswegen bekam, ſchienen es nur zu verſchlimmern, denn er beſchuldigte ſie, daß ſie ſich uͤber ihn bey dem Czar beſchwere, und ſagte ihr frey heraus, daß er, wenn er ſich nicht vor dem Zorne ſeines Vaters fuͤrch - te, ihre ganze Hofſtatt fortjagen, und ſie nach der al - ten ruſſiſchen Gewohnheit zu leben zwingen wolle. Ob ſie gleich in einem Hauſe wohnten, ſo waren ſie doch ſo fremd gegen einander, daß man ſie niemals mit einander ſpeiſen oder umgehen ſahe, ausgenommen wenn er kam, und ihr ihren zahlreichen Hof vorwarf. Dieſes war nicht die einzige Kraͤnkung, die dieſe lie - benswuͤrdige Prinzeſſinn auszuſtehen hatte; niemand von den Großen machte ihr ſeine Aufwartung, aus Furcht vor dem Prinzen, ausgenommen wenn er von Seiner Majeſtaͤt Befehl bekam; ſo daß es nur die auslaͤndiſchen Miniſter wagen konnten, ihr einige Hochachtung zu erweiſen.
Ueber die uͤble Behandlung einer ſo guten Prin - zeſſinn mußte man ſich um ſo viel mehr wundern, wenn man uͤberlegte, daß er ſie freywillig gewaͤhlet hatte. Der Czar ſchickte ihn, damit er Lebensartlernen147lernen ſollte, auf Reiſen, und empfohl ihm, daß er ſich eine auswaͤrtige Prinzeſſinn zu ſeiner Gemahlinn erwaͤhlen ſollte, und als er auf ſeinen Reiſen die Prin - zeſſinn von Wolfenbuͤttel, die Schweſter der roͤmiſchen Kaiſerinn, ſahe, ſo trug er ihr die Heirath an, und ſchrieb an den Czar um ſeine Einwilligung, die er auch ſogleich erhielt. Der Czar kam kurz darauf nach Torgau, und ſchloß dieſe ungluͤckliche Heirath.
Es iſt merkwuͤrdig, daß der Prinz niemals beySeine Unehr - erbietung ge - gen den Czar. einigen oͤffentlichen Verſammlungen erſchien, wenn alle Perſonen vom Stande, als bey Geburtstagen, Siegesfeſten, wenn Schiffe vom Stapel gelaſſen wur - den, ꝛc. dem Czar ihre Aufwartung machten. Der General Bruce, der gleich neben dem Prinzen wohn - te, hatte Befehl, dem Prinzen allemal den Tag vor - her von ſolchen oͤffentlichen Tagen oder Verſammlun - gen Nachricht zu geben, und ich hatte die Ehre, ſel - bige zu uͤberbringen. Um aber dieſe oͤffentliche Er - ſcheinung zu vermeiden, nahm der Prinz entweder Arzeney ein, oder ließ zur Ader, und entſchuldigte ſich beſtaͤndig, daß er wegen Unpaͤßlichkeit ſeine Aufwar - tung nicht machen koͤnne; da doch durchgaͤngig be - kannt war, daß er ſich in den ſchlechteſten Geſellſchaf - ten betrank, und ſeines Vaters Unternehmungen be - ſtaͤndig tadelte.
Sobald der Czar nach Cronſlot zuruͤck gekom -Feldzug zur See. men war, gieng er, auf erhaltene Nachricht, daß die Schwediſche Flotte, unter dem Admiral Watrang in der Abſicht, ihn im Hafen zu bloquiren, abgeſegelt ſey, und ihr Vice-Admiral Ehrenſchield den Hafen Twerwin in Finland weggenommen, wo er viele von unſern Schiffen verſenkt, und gegen 200 GefangeneK 2gemacht148gemacht habe, mit der Flotte aus. Die Schweden glaubten nunmehr im Stande zu ſeyn, die Landung auf der Jnſel Aland abzuhalten. Unſere Flotte, die der Admiral Apraxin, der Vice-Admiral Kruys und der Czar ſelbſt als Contre-Admiral, commandirten, gieng gerades Weges den Feind aufzuſuchen. Der Czar wurde abgeſchickt, ihre Unternehmungen zu beob - achten, er gab gar bald von ihrer Stellung Nach - richt, und daß ihr Vice-Admiral Lilie mit vielen Kriegs - und Bombenſchiffen abgeſchickt ſey, und auf Revel zuſegele. Er erſuchte zugleich den Admiral, mit der Flotte vorzuruͤcken, und wenn er ſie eingeholt haben wuͤrde, ſo war beſchloſſen, den Vice-Admiral Kruys abzuſchicken, den Schwediſchen Vice-Admiral aufzuſuchen und 20 Galeeren, unter dem Commando des Generals Weyde und des Capitaͤns Jsmaiewitz, abzuſchicken, ſich innerhalb der feindlichen Flotte dem Ufer ſo viel als moͤglich zu nahen. Die Galeeren fuͤhrten dieſes vermittelſt einer Windſtille aus; der Feind bemuͤhte ſich zwar, ſie abzuhalten, und that viele Canonenſchuͤſſe auf ſie, die aber, wie ſie mit ih - ren großen Schiffen nicht nahe genug kommen konn - ten, keine Wirkung thaten. Hierauf wurden un - ter dem Brigadier le Fort noch 15 Galeeren abge - ſchickt. Der Schwediſche Admiral gab ſeinem Vi - ce-Admiral ein Zeichen, daß er zuruͤck kommen ſollte, welches er auch that, ohne daß ihn der Admiral Kruys, ob er gleich ſtaͤrker war, aufzuhalten ſuchte. Daher er auch ſogleich in Verhaft genommen, und hernach vor ein Kriegsgericht in Petersburg geſtellet wurde.
Den149Den folgenden Tag gieng unſere Flotte nahe beyBetragen des Czars ge - gen den Eh - renſchield. der feindlichen vorbey und hielt ihr ganzes Feuer aus, wobey ſie nicht mehr als eine Galeere verlohr, die das Ungluͤck hatte, auf den Grund zu kommen, und blo - quirte den Admiral Ehrenſchield, der, weil er ſich auf des Czars Aufforderung, die er durch den General - Adjutanten Jaguzinski an ihn thun ließ, nicht ergab, um 3 Uhr des Nachmittags von des Czars, der nun - mehr Vice-Admiral war, eigener Diviſion tapfer an - gegriffen wurde. Das Gefecht wurde auf beyden Sei - ten zwey Stunden lang tapfer unterhalten, als, der feindlichen Ueberlegenheit an Kanonen ungeachtet, die Schwediſchen Schiffe erſtiegen und weggenommen wurden, und Ehrenſchield, der ſieben Wunden im Gefechte empfangen hatte, ſich unſerm Vice-Admi - ral ergab, von dem er ſehr hoͤflich aufgenommen, und auf ſeinen ausdruͤcklichen Befehl, waͤhrend der Hei - lung ſeiner Wunden, von denen keine toͤdtlich war, ſorgfaͤltig gepflegt wurde; wie ihm denn auch der Czar hernach jederzeit alle Hochachtung bezeigte.
Jn dieſem Gefechte verlohren die Schweden eine Fregatte von 24 Kanonen, 6 große Galeeren, jede von 14 Kanonen, und 3 halbe Galeeren, jede von 4 Kanonen, die alle weggenommen wurden. Sie ver - lohren in dieſem Treffen auch 930 Soldaten und Ma - troſen, davon 577 zu Kriegsgefangenen gemacht wurden. Der Verluſt auf unſerer Seite beſtand aus 1 Oberſten, 2 Capitaͤns, 4 Lieutenants, 1 Ad - jutanten, 103 Soldaten und 8 Matroſen, die ge - blieben waren; 1 Brigadier, 7 Capitaͤns, 7 Lieute - nants, 1 Faͤhndrich, 309 Soldaten und 16 Matro - ſen, waren verwundet worden; und wir hatten uͤber -K 3haupt150haupt 124 Todte und 341 Verwundete. Die Schwediſchen Schiffe und Gefangenen wurden nach Revel geſchickt.
Nach dieſem Siege gieng die Flotte nach der Jn - ſel Aland, wo der Czar 16000 Mann ans Land ſetz - te, und die Feſtung und andere Poſten wegnahm, und geſonnen war, ſeine Truppen, die bey Abo cam - pirten, an dieſen Ort zu ziehen, der ungefaͤhr 12 Meilen von der Schwediſchen Kuͤſte entfernt iſt, in der Abſicht, eine Landung auf Stockholm zu machen. Dieſes noͤthigte die Schweden, ihre Flotte zuruͤck zu rufen, und ihre Kuͤſten zu bewahren. Da es aber jetzt zu ſpaͤt im Jahre war, als daß man ein ſo wich - tiges Unternehmen haͤtte anfangen koͤnnen, ſo gieng der Czar uͤber Revel nach Cronſlot, wo er ſich einige Tage aufhielt, und von da den 18ten September in Catharinenhof ankam, und daſelbſt die Czarinn von einer zweyten Prinzeſſinn entbunden fand, der er den Nahmen Anna gab.
Nachdem den 25ſten September ein Theil von unſerer Flotte nebſt den Schwediſchen Schiffen und Gefangenen angekommen war, hielt der Czar ſeinen triumphirenden Einzug in Petersburg, und wur - de, als er ſich der Admiralitaͤt und der Feſtung nahe - te, von 150 Kanonen begruͤßet. Sie kamen in fol - gender Ordnung den Fluß herauf:
Als die Galeeren dem Triumphbogen gegenuͤber ka - men, der an der Fronte des Senathauſes der Feſtung gegenuͤber errichtet war, ſo gruͤßten ſie mit allen Ka - nonen, welches mit einer gleichen Salve aus den Ka - nonen von der Feſtung und Admiralitaͤt beantwortet wurde; alsdann ſtieg die ganze Mannſchaft ans Ufer, und fieng die Proceſſion in folgender Ordnung an:
das Uebrige von dem Regimente von der Garde.
So bald der Czar unter den Triumphbogen kam, kamen die großen Senatoren und auslaͤndiſchen Mini - ſter, ihm zu ſeinem Siege zu gratuliren; allein der Czarowitz erſchien weder in Perſon, noch durch einen Abgeordneten. Der Gouverneur von Moskau wuͤnſchte Seiner Majeſtaͤt zu dieſer Tapferkeit Gluͤck, und dankte fuͤr ſeine großen und hohen Dienſte. Der Triumphbogen war mit vielen emblematiſchen Vorſtellungen praͤchtig gezieret; und unter andern ſa - he man den Ruſſiſchen Adler, der einen ElephantenK 4ergriff,152ergriff, welches auf die Schwediſche Fregate, der Ele - phant genannt, anſpielte, mit der Ueberſchrift: Aqui - la non capit Muſcas.
Jn eben dieſer Ordnung gieng die Proceſſion bis in die Feſtung, wo der Vice-Czar Romadanofsky, vom Senate umgeben, auf dem Throne ſaß, den Con - tre-Admiral Peter vor die Verſammlung rufen ließ, und eine ſchriftliche Beſchreibung von dem erhaltenen Siege von ihm erhielt, die ſie, nachdem ſie war vor - geleſen worden, in Berathſchlagung nahm, dem Contre-Admiral verſchiedene Fragen vorlegte, und ihn hierauf zur Belohnung ſeiner treuen Dienſte, die er ſeinem Vaterlande geleiſtet hatte, einſtimmig zum Vice-Admiral erklaͤrte. Nachdem dieſes in der Ver - ſammlung bekannt gemacht worden, ertoͤnte das gan - ze Haus: Lange lebe der Vice-Admiral! Nach - dem ihnen der Czar gedanket hatte, begab er ſich auf ſeine Schaluppe, und ließ, nachdem er viele Gluͤck - wuͤnſche erhalten hatte, ſeine Admiralsflagge wehen.
Der Czar begab ſich hierauf, von dem Adel und Officieren begleitet, in des Fuͤrſten Menzikofs Pallaſt, wo ein großes Gaſtmal veranſtaltet war. Nach der Mittagsmahlzeit bezeugte er dem Contre-Admiral Ehrenſchield beſondere Hochachtung, redete die Ge - ſellſchaft an, und ſagte: Meine Herren, hier ſehen ſie einen tapfern und treuen Diener ſeines Herrn, der ſich wuͤrdig gemacht hat, daß er die groͤßten Belohnungen von ihm erhalte, und der meine Gewogenheit haben ſoll, ſo lange er bey mir bleiben wird, ob er mir gleich manchen tapfern Mann getoͤdtet hat. Jch vergebe es Jhnen, fuhr er fort, indem er ſich zu dem Schwe - den wandte und laͤchelte, und Sie koͤnnen ſich jederzeitauf153auf meine Gewogenheit verlaſſen. Ehrenſchield dank - te dem Czar und antwortete: „ So rechtſchaffen ich auch „ immer gegen meinen Herrn gehandelt habe, ſo habe „ ich doch nichts als meine Schuldigkeit gethan; ich „ ſuchte zu ſterben, aber der Tod flohe vor mir; es iſt „ aber bey meinem Ungluͤcke kein geringer Troſt fuͤr „ mich, Jhro Majeſtaͤt Gefangener zu ſeyn, und ſo „ viele Gunſt und Hochachtung von einem ſo großen „ Seehelden, und nun wuͤrdigen Vice-Admiral zu „ genießen. “ Ehrenſchield bekraͤftigte es, daß die Ruſſen wie Loͤwen gefochten haͤtten, und daß ihn nichts als ſeine eigene Erfahrung uͤberzeugen koͤnnen, daß der Czar ſo gute Soldaten aus ſeinen Unterthanen ge - macht habe. Dieß war eine Folge einer ſtrengen Zucht, der Zeit und der Klugheit. Die Truppen waren jetzt ſo disciplinirt, und hatten ſich ſolchen Ruhm, beſonders die Jnfanterie, erworben, daß es keine Truppen in der Welt gab, denen ſie etwas nach - gegeben haben wuͤrden.
Bey dieſer Gelegenheit hielt der Czar folgendeSeine Rede an die Sena - toren. Rede an die Senatoren.
„ Wer iſt unter Jhnen, meine Bruͤder, der vor „ zwanzig Jahren geglaubt haͤtte, daß er ſich hier mit „ dem Schiffbaue auf dem Baltiſchen Meere mit mir „ beſchaͤftigen, und ſich in den Laͤndern niederlaſſen „ ſollte, die wir durch Muͤhe und Tapferkeit erobert ha - „ ben? Daß er es erleben und ſo viel tapfere und ſieg - „ reiche Soldaten und Seeleute aus Ruſſiſchem Blute „ erblicken, und unſere Soͤhne als vollkommene Maͤn - „ ner aus fremden Laͤndern zuruͤckkommen ſehen ſollte? „ Die Geſchichtſchreiber ſetzen den alten Sitz aller „ Wiſſenſchaften in Griechenland; von da breiteten ſieK 5„ ſich,154„ ſich, durch die ungluͤcklichen Zeiten vertrieben, in Jta - „ lien, und hernach in ganz Europa aus, konnten „ aber wegen Verkehrtheit unſerer Vorfahren nicht „ weiter, als bis nach Pohlen, durchdringen. Die „ Pohlen ſo wohl als die Deutſchen tappten vor die - „ ſem in eben der Finſterniß, in der wir bisher gelebt „ haben; aber die Regenten oͤffneten endlich durch un - „ ermuͤdete Sorgfalt ihre Augen, und bemeiſterten „ ſich derjenigen Kuͤnſte, Wiſſenſchaften und des ge - „ ſellſchaftlichen Unterrichts, deren ſich Griechenland „ vor dieſem ruͤhmte. Jetzt haͤngt es von Jhnen ab, „ ob Sie meine Abſichten ernſtlich unterſtuͤtzen, und zu „ Jhrem willigen Gehorſame noch Wiſſenſchaften fuͤ - „ gen wollen. Jch kann dieſe Wanderung der Wiſ - „ ſenſchaften mit nichts beſſer, als mit dem Umlaufe „ des Blutes im menſchlichen Koͤrper, vergleichen; und „ mein Geiſt ſagt mir faſt voraus, daß ſie dereinſt ih - „ re Wohnung in Britannien, Frankreich und Deutſch - „ land verlaſſen, und ſich auf etliche Jahrhunderte un - „ ter uns niederlaſſen, und vielleicht alsdann wieder „ zu ihrem erſten Sitze, nach Griechenland, zuruͤck keh - „ ren werden. Unterdeſſen empfehle ich Jhnen ernſt - „ lich die Ausuͤbung der lateiniſchen Worte, Ora & „ Labora (bete und arbeite); alsdenn koͤnnen Sie uͤber - „ zeugt ſeyn, daß Sie andere geſittete Voͤlker ſchamroth „ machen, und den Ruhm des Ruſſiſchen Nahmens „ bis auf den hoͤchſten Gipfel erheben werden. “ Die Senatoren hoͤrten die Rede ihres Monarchen mit ei - nem ehrerbietigen Stillſchweigen an, und antworteten, daß ſie alle geſonnen waͤren, ſeinen Befehlen zu ge - horchen und ſeinem Beyſpiele zu folgen. Ob ſie inihrer155ihrer Antwort aufrichtig geweſen ſind, das iſt eine an - dere Frage.
Den folgenden Tag ward ein großes GaſtmahlSeine Ahn - dung gegen den Czaro - witz. in des Vice-Czars Romadanofky Pallaſte gegeben, wohin ein Bataillon von der Garde zur Parade, und eine Compagnie Grenadiers zur Aufwartung befehli - get waren. Nachdem ſie durch die ganze Stadt mar - ſchiret waren, ſtellten ſie ſich vor des Vice-Czars Pal - laſte, und machten ihre Uebungen. Da der Czaro - witz nur noch Sergeant bey den Grenadieren war, ſo marſchirte er den ganzen Weg, mit ſeiner Hellebar - de auf der Schulter, auf der rechten Seite mit. Als er bey ſeinem eigenen Pallaſte vorbey zog, und die Prinzeſſinn ſeine Gemahlinn, die mit ihrer Freun - dinn der Prinzeſſinn von Oſt-Frießland heraus ſahe, ihn auf eine ſo große Art marſchiren ſahe, ward ſie ohnmaͤchtig und wurde zu Bette gebracht. So bald die Uebungen gemacht waren, wurden alle Officiers zur Tafel eingeladen; die Gemeinen blieben aber un - ter Gewehr ſtehen, und der Czarowitz blieb auf ſeinem Poſten, bis das Bataillion wieder abmarſchirte.
Dieſe Kraͤnkung wurde dem Czarowitz deswegen angethan, weil er ſeine Schuldigkeit verabſaͤumet und ſeinem Vater bey ſeinem triumphirenden Einzuge nicht entgegen gekommen war, und ihm zu ſeiner gluͤcklichen Ankunft Gluͤck gewuͤnſchet hatte. So viel iſt gewiß, daß ihm ein Sieg zur See groͤßere Freude machte, als jeder andere Sieg gethan haben wuͤrde; ſo daß al - ſo dieſe Nachlaͤßigkeit viel uͤbler als eine andere aufge - nommen wurde. Als der Czar die Unpaͤßlichkeit der Prinzeſſinn vernahm, und was Gelegenheit dazu gege - ben habe, ſo beſuchte er ſie, und ſagte, daß ſie ſichnicht156nicht wundern ſollte, daß der Prinz Sergeant ſey, denn er ſelbſt habe auch die niedrigſten Dienſte zu Lande und zur See gethan, bis er durch ſeine Verdien - ſte geſtiegen, und General bey der Armee und nun - mehr Vice-Admiral bey der Flotte geworden ſey. Ob nun gleich der Prinz ſeine Schuldigkeit, wie er haͤtte thun ſollen, nicht beobachtet hatte, ſo empfohl er ihn doch dem Vice-Czar, verſchaffte ihm eine Faͤhndrichsſtelle bey der Garde, und ſagte, daß er gekommen ſey ihr zu ihres Gemahls Befoͤrderung Gluͤck zu wuͤnſchen. Dieſe Herablaſſung des Czars machte, daß ſich die Prinzeſſinn wieder erholte.
Bey dieſer Gelegenheit dauerten die Luſtbarkeiten eine ziemliche Zeit, denn die Großen ſtellten ebenfalls einer nach dem andern Feyerlichkeiten an. So ſehr nun auch der Czar wegen ſeines vorigen Verhaltens auf den Prinzen uͤbel zu ſprechen war, ſo erſchien dieſer doch bey keiner von dieſen oͤffentlichen Zuſammenkuͤnf - ten, ob ihm gleich der General Bruce allemahl Nach - richt davon gab, und mich verſchiedene Mahle zu ihm ſchickte, ihm Seiner Majeſtaͤt Mißfallen anzuzeigen, wenn er nicht erſchiene. Er wandte aber bey jeder Gelegenheit die alte Entſchuldigung, den Mangel an Geſundheit, vor.
Da dem Czar die Wohlfahrt und Vergroͤßerung ſeines Volks ſehr am Herzen lag, ſo verſaͤumte er kei - ne Gelegenheit, ſeine Unterthanen vollkommener zu machen. Er machte damals eine Einrichtung, wie die Aſſembleen gehalten werden ſollten. Er verord - nete, daß deren woͤchentlich zwey in den Haͤuſern der Großen wechſelsweiſe ſeyn, und ein Zimmer zur Un - terredung, eines zum Spielen, und eines zum Tanzenbeſtimmt157beſtimmt ſeyn ſollte; daß man ſich um 8 Uhr ver - ſammeln, und um 11 Uhr wieder auseinander ge - hen ſollte; daß der Herr des Hauſes einen Nebentiſch mit Liqueurs, die aber nicht eher angebothen werden ſollten, als bis ſie verlangt wuͤrden, und Karten und Muſik veranſtalten ſollte; alle Herren, fremde ſowohl als einheimiſche, wie auch ihre Gemahlinnen und Toͤch - ter, ſollten freyen Zutritt haben. Dieſe neue Ein - richtung gefiel den Frauenzimmern uͤber die Maßen wohl, da ſie ſelbige von der ſtrengen Einſchraͤnkung befreyte, worunter ſie ſich befanden, weil es ihnen nicht erlaubt war, in oͤffentlicher Geſellſchaft zu er - ſcheinen. Hierdurch lernten ſie mit Menſchen umge - hen und ſich mit Geſchmack kleiden.
Waͤhrend dieſes Winters errichtete der Czar auchStiftet eine Akademie. eine Akademie zu Erziehung junger Edelleute, und gab ſich alle Muͤhe, geſchickte Lehrer zu bekommen, die verſchiedenen Wiſſenſchaften zu lehren. Er gab auch der Admiralitaͤt Befehl, gegen den folgenden Fruͤhling 50 Schiffe von der Linie und eben ſo viel Galeeren und andere Schiffe in Bereitſchaft zu hal - ten, um ihn in den Stand zu ſetzen, kuͤnftiges Jahr eine Landung in Schweden zu machen, und ſeinen Truppen zu thun zu geben, da er ſich genoͤthiget geſe - hen, ſie aus Deutſchland zuruͤck zu ziehen, weil der Koͤ - nig von Daͤnnemark Holſtein, und der Koͤnig von Preuſ - ſen Pommern in Sequeſtration genommen hatten. Dieſes mißfiel dem Czar uͤberaus ſehr, da er gern ei - nen Fuß in Deutſchland haben, und ein Glied von dieſem Reiche werden wollte. Allein der Kaiſer und die uͤbrigen deutſchen Fuͤrſten, die ſeine zunehmende Macht mit eiferſuͤchtigen Augen anſahen, ergriffendieſes158dieſes Mittel, ſeine Truppen aus ihrem Lande los zu werden. Der Koͤnig von Schweden kam indeſſen bloß mit dem Oberſten Duͤring und zwey Bedienten, nachdem er in 16 Tagen 300 deutſche Meilen gerei - ſet war, den 22ſten November in Stralſund an, und fieng ſogleich die Feindſeligkeiten wider Preuſſen an, welches das ganze Syſtem des deutſchen Reichs ver - eitelte, das ſich, indem der Koͤnig nichts von der Se - queſtration wiſſen wollte, einen neuen Feind zuzog, und dem Czar einen guten Vorwand gab, wieder mit ſeiner Armee in Pommern einzufallen.
Es wurde nunmehr ein Kriegsgericht ernannt, welches das Verhalten des Vice-Admirals Kruys, welcher, wider ſeine Ordre, die Schwediſche Flotte nicht angegriffen hatte, unterſuchen ſollte. Er ward von derſelben ſchuldig befunden, und verurtheilet, fuͤr ſeine Zaghaftigkeit und Vernachlaͤßigung ſeiner Schul - digkeit todtgeſchoſſen zu werden. Kruys beſchwerte ſich uͤber die Strenge dieſes Urtheils, und ſagte, daß keine Seemacht ein ſolches Urtheil uͤber ſein Verhal - ten bey dieſer Gelegenheit geſprochen haben wuͤrde. Als dieſes dem Czar hinterbracht wurde, ſchickte er an alle benachbarte Seemaͤchte Abſchriften von dieſent Verhoͤr, beſonders aber nach Holland, welches des Admirals Vaterland war, daß ſie ihren Ausſpruch uͤber dieſes Urtheil thun ſollten. Sie waren aber al - le einſtimmig, daß es gerecht ſey, und daß es an jedem Officier in ihren Dienſten, der ſich ſo verhalten haͤtte, wuͤrde ſeyn vollzogen worden. Als man dem Admi - ral dieſe Erklaͤrung gezeiget hatte, bat er um Gnade, die ihm der Czar, was ſein Leben betraf, gewaͤhrte, ihn aber auf die uͤbrige Zeit ſeines Lebens nach Olontzverwies.159verwies. Allein, als er bereits abgereiſet und ſchon einen Tag unter Weges geweſen war, berief ihn der Czar zuruͤck, ertheilte ihm Pardon, und machte ihn zum Admiralitaͤts-Commiſſaͤr; er wurde aber zur See niemals wieder gebraucht, und beſchloß alſo in dieſem Amte ſein Leben.
Jn eben dieſem Jahr ſtiftete der Czar zur EhreStiftung des Catharinen - Ordens. der Czarinn den St. Catharinen-Orden, das Anden - ken der Liebe und Treue zu verewigen, die ſie ihm in ſeiner ungluͤcklichen Lage, als er am Prut von den Tuͤrken umringet und in die aͤußerſte Verlegenheit verſetzt war, erwieſen hatte. Das Zeichen dieſes Ordens iſt eine Schaumuͤnze mit Diamanten und mit dem Bilde der heiligen Catharina und den Worten: Fuͤr Liebe und Treue. Die Medaille haͤngt an ei - nem weißen breiten Bande, das auf der rechten Schulter getragen wird. Die Kaiſerinn hatte die Freyheit, den Orden von ihrem Geſchlechte zu geben, wem ſie wollte, und ſie erſchien am St. Andreasfeſte zum erſten Mahle damit. Die Czarinn ertheilte ihn zuerſt ihren beyden Toͤchtern, der Prinzeſſinn Anna, die hernach an den Herzog von Holſtein vermaͤhlet wurde, und der Prinzeſſinn Eliſabeth, nachmaligen Kaiſerinn von Rußland, und einige Zeit hernach gab ſie ihn auch des Kaiſers drey Nichten, den Toͤchtern des Czars Johannes, naͤmlich der Anna, verwittwe - ten Herzoginn von Curland, der Herzoginn Cathari - na von Mecklenburg, und der Prinzeſſinn Paskovia, wie auch der Prinzeſſinn Menzikof.
Nachdem der Czar mit unendlicher Muͤhe und1715. Verwirrung in den Fi - nanzen. Fleiße die Urſachen der Unordnungen, die ſich in die Verwaltung ſeiner Finanzen eingeſchlichen, unterſuchtund160und endlich entdeckt hatte, woher es gekommen war, daß ſeine Armee und Flotte ſo ſchlecht bezahlet wur - den und ſo viel gelitten hatten, daß viele tauſend Ar - beiter aus Mangel an Lebensmitteln elend umgekom - men waren, (es wurde berechnet, daß faſt 100000 Menſchen ihr Leben in Petersburg verloren hatten,) daß ſeine Handlung abgenommen, und die Einkuͤnfte in Verwirrung waren: ſo faßte er einen feſten Ent - ſchluß, dieſen Uebeln abzuhelfen, und ſetzte zu Anfan - ge 1715, unter der Aufſicht des Knes Dolgoruky, ein großes Gericht nieder, gewiſſe Perſonen von aller - ley Stande zu verhoͤren, von denen man ſagte, daß ſie ihn um viele Millionen betrogen haͤtten.
Dieſe Unterſuchung traf die Meiſten von den Großen in Rußland, und ſie mußten Rechenſchaft von ihrem Verhalten geben. Der Groß-Admiral Apraxin, Fuͤrſt Menzikof, und Feldzeugmeiſter Bru - ce, entſchuldigten ſich, daß ſie entweder in fremden Laͤndern, oder mit der Armee zu Felde geweſen waͤren, daß ſie alſo nicht im Stande geweſen waͤren, das uͤble Verhalten ihrer Untergeordneten zu entdecken oder zu verhindern, und alſo nicht wuͤßten, was zu der Zeit in ihren eigenen Haͤuſern vorgegangen ſey, und dieſe Entſchuldigung wurde angenommen. Allein ihre un - getreuen Beamten litten fuͤr ihre Untreue, wie auch alle andere, die ſich nicht rechtfertigen konnten. Kor - ſakof, der Vice-Gouverneur von Petersburg, Kekin, der Praͤſident, und Sinawin, erſter Commiſſaͤr der Admiralitaͤt, nebſt einer unglaublichen Menge ande - rer Beamten vom zweyten und dritten Range, wur - den zur Rechenſchaft gefordert. Korſakof bekam die Knute oͤffentlich, desgleichen auch Apuchin undWolchon -161Wolchonſky, beyde Senatoren, und es wurden ihnen die Zungen mit gluͤhenden Eiſen gebrannt. Einige vom niedrigern Range wurden mit der Batogge ge - zuͤchtiget, und nach Siberien und in andere entlegene Oerter geſchickt, und ihr ganzes Vermoͤgen confiscirt. Viele kamen auf die Tortur, daß ſie die Wahrheit bekennen ſollten, indem nach ihren Geſetzen niemand, wenn auch die Sache noch ſo deutlich wider ihn bewie - ſen wird, beſtraft werden kann, wenn er die That nicht ſelbſt geſtehet.
Die ſchaͤrfſte Tortur, die ſie haben, iſt die Stra - pado, die folgender Maßen geſchieht. Man bindet dem Uebelthaͤter die Haͤnde auf den Ruͤcken und ein ſtarkes Holz an die Fuͤße, und haͤnget ihn ſo auf. Hierauf zieht der Henker ihn zu verſchiedenen Mahlen in die Hoͤhe, und renkt ihm die Arme aus, welches ſehr große Schmerzen verurſacht. Es wird ein Feuer unter ſeinen Fuͤßen gemacht, deſſen Rauch ihn beyna - he erſtickt und die Hitze brennt. Wenn man dieſe Tortur noch ſchaͤrfer machen will, ſo ſchiert man ihm den Kopf, und wenn er nun, wie oben erwaͤhnet wor - den, aufgehangen iſt, ſo laͤßt man kaltes Waſſer aus einer ziemlichen Hoͤhe auf ſeinen Wirbel herab triefen, welches die ſchmerzhafteſte Quaal iſt, die nur erfunden werden kann.
Nachdem dieſe Jnquiſition, wodurch ganz Pe -Der Czar er - richtet Fis - caͤle. tersburg mit Beſtuͤrzung war erfuͤllet worden, geen - diget war, ſo wurden die Angelegenheiten, um kuͤnf - tig dergleichen Betruͤgereyen bey den Commiſſarien zu verhuͤten und dem Volke die Laſt zu erleichtern, auf einen viel beſſern Fuß geſetzet, und eine ganz neue Art von Beamten, die Fiscaͤle oder Angeber hießen,Leingeſe -162eingeſetzet. Der General-Fiscal mußte beſtaͤndig bey dem Czar ſeyn; auch bey der Armee wurde ein Ober-Fiscal beſtellt, desgleichen geſchah auch bey der Flotte und in jedem Gouvernement. Bey jedem Re - gimente, Schiffe oder Garniſon, und in jedem Ge - richte der Nation, wurde ein ordentlicher Fiscal ge - ſetzt, deren Geſchaͤft war, alles, was ſie unrechtes in dem Dienſte oder der Verwaltung wahrnahmen, an die Ober-Fiscaͤle zu berichten, die es wieder dem Ge - neral-Fiscal melden mußten, der alsdann ihre Berich - te dem Czar vorlegte.
Vor dieſer Art Leute fuͤrchtete man ſich mehr, als vor dem Czar ſelbſt. Einige von ihnen waren ſehr zaͤnkiſch, und brachten oft Leute ohne Urſache in Un - gelegenheit, wovon es mehr als zu viele Beyſpiele gab. Als der Czar dieſes wahrnahm, ſo ließ er ih - nen, um dieſes zu verhindern, eben dieſe Strafe an - thun, wenn ſie ihren Bericht nicht beweiſen konnten, als ſie andern zuzuziehen gedachten, und dieſes noͤ - thigte ſie, kuͤnftig vorſichtiger zu ſeyn. Deſſen un - geachtet mußten diejenigen, von denen etwas einge - geben war, vieles leiden, indem ſie von dem Augen - blicke an, da ſie in Arreſt genommen wurden, ih - res Gehaltes beraubet wurden, und keinen Anſpruch eher darauf machen konnten, bis ſie ihre Unſchuld be - wieſen hatten und wieder in ihr Amt geſetzet worden waren; und wenn ſie dieſes noch ſo gut thaten, ſo be - kamen ſie doch den ruͤckſtaͤndigen Sold ſehr ſelten. Beym Urlaube bekam keiner eher Sold, als bis er wieder Dienſte that. Wenn ein Officier, der ein ge - bohrner Ruſſe war, von einem Kriegsgerichte fuͤr ſchul - dig erkannt wurde, daß er ſeine Pflicht verſaͤumethabe,163habe, ſo wurde er gemeiniglich verurtheilt, als Ge - meiner zu dienen, und gelangte nie wieder zu ſeinem vorigen Range, wenn ihn nicht ſein Verdienſt beſon - ders erhob, und auch alsdann verlohr er das Recht des Dienſtalters. Hier muß ich bemerken, daß, wenn dieſes nicht bey den Ruſſen geſchaͤhe, ſo wuͤrde ſich der groͤßte Theil bemuͤhen reduciret zu werden, um von den Soldaten los zu kommen. Der Unter - ſchied unter dem Solde der Eingebohrnen und der Fremden verurſacht bey ihnen vieles Mißvergnuͤgen, und das mit Recht. Officiers von gleichem Range und in eben demſelben Regimente, werden auf drey verſchiedene Arten beſoldet: z. E. ein Capitaͤn, der ein Auslaͤnder iſt, hat monatlich 18 Rubel; ein Ca - pitaͤn, von auslaͤndiſchen Aeltern, aber in Rußland gebohren, hat 14; und ein gebohrner Ruſſe nur 12 Rubel; und ſo durch alle Staͤnde der Soldaten nach Beſchaffenheit. Dieſes macht, daß ſie die Auslaͤnder mit ſcheelen Augen anſehen.
Der Czar ſtellte nunmehr oͤfters in ſeinem Win -Luſtbarkeite bey Hofe. ter - und Sommer-Pallaſte, und nicht wie vorher in Menzikofs Pallaſte, Baͤlle und Luſtbarkeiten an. Weil ihm dieſes aber zu unbequem war, ſo ließ er zwiſchen beyden in der Mitte ein großes Haus zu ei - nem General-Poſtamte mit großen Zimmern eine Treppe hoch zu oͤffentlichen Baͤllen und Unterhaltun - gen bauen. Aber an großen Feſttagen und bey auſ - ſerordentlichen Gelegenheiten wurden ſie auf dem Se - nathauſe gehalten. Zwiſchen dieſem und der Fe - ſtung war ein großer Platz, worauf die Feuerwerke abgebrannt wurden. Bey dieſen oͤffentlichen Zuſam - menkuͤnften wurden viele Tafeln fuͤr Perſonen vonL 2allen164allen Staͤnden gedeckt: eine fuͤr den Czar und die Großen, eine fuͤr die Geiſtlichkeit, eine fuͤr die Offi - ciers von der Armee, eine fuͤr die von der Flotte, eine fuͤr Kaufleute, Schiffbauleute und auslaͤndiſche Schif - fer ꝛc. alle in verſchiedenen Zimmern. Die Czarinn und die Frauenzimmer hatten ihre Zimmer eine Trep - pe hoͤher. Dieſe Tafeln wurden alle mit kalten Spei - ſen, mit Gebacknem von aller Art und etlichen warmen Gerichten beſetzt, und zu Ende derſelben wurde ge - meiniglich ſtark getrunken. Nach der Mahlzeit gieng der Czar aus einem Zimmer und von einer Tafel zur andern, und unterhielt ſich mit allen Gaͤſten von ihrem Geſchaͤfte und Gewerbe, beſonders aber mit den Herren auslaͤndiſcher Kauffartheyſchiffe, und erkundig - te ſich nach den verſchiedenen Waaren, womit ſie han - delten. Bey dieſer Gelegenheit habe ich geſehen, daß die hollaͤndiſchen Schiffer auf eine ſehr vertraute Art mit ihm umgiengen, denn ſie nannten ihn nicht anders als Schiffer Peter, welches der Czar uͤber - aus gerne hoͤrte. Er machte ſich die von ihnen erhal - tenen Nachrichten ſehr wohl zu Nutze, und ſchrieb ſie beſtaͤndig in ſeine Schreibtafel.
Der Czar hatte einen gewiſſen Herrn Slitter, ei - nen beruͤhmten Baumeiſter, nebſt einer Menge ge - ſchickter Arbeiter in ſeine Dienſte genommen, und ih - nen eine Wohnung in ſeinem Sommerpallaſte gege - ben, damit er beſtaͤndig nahe bey ihm ſeyn moͤge. Dieſer Herr war damals mit Erbauung vieler Pal - laͤſte, Haͤuſer, Akademien, Manufacturen, Buch - druckereyen ꝛc. uͤberaus beſchaͤftiget, und da er zu Ent - werfung ſeiner Plane ſehr wenig Gehuͤlfen hatte, ſo bot ich ihm hierinn meinen Beyſtand an, wenn ermich165mich in der Baukunſt unterrichten wollte, welchen er auch willig annahm, ſo daß ich taͤglich bey ihm war. Da nun der Czar ſehr oft bey ihm war und meine Zeichnungen ſahe, ſo gefielen ſie ihm ſo ſehr, daß ich ihm hernach viele Plane in der Kriegs - und Civil - Baukunſt machen mußte.
Da Herr Slitter von ſehr ſchwacher und kraͤnk - licher Leibesconſtitution war und durch die immerwaͤh - renden Geſchaͤfte ſehr abgemattet wurde, ſo ward er krank und ſtarb, nachdem er nur ein einziges Jahr in Petersburg geweſen war. Er hatte ſehr viel Zeit auf die Erfindung eines Perpetuum Mobile gewendet, und dadurch ſeine Geſundheit ſehr geſchwaͤcht. Doch hatte er es, ehe er ſtarb, noch dahin gebracht, daß es gieng. Das Modell war eine runde meſſingene Ma - ſchine, die 18 Zoll tief und 2 Ellen im Durchſchnitte breit war, und inwendig rings herum meſſingene hohle Platten 4 Zoll lang hatte, worein eine Kanonenku - gel geleget wurde. Die Platten wurden von Federn bewegt, und trieben die Kugel beſtaͤndig herum. Jede von dieſen Platten trieb verſchiedene Raͤder, die viele verſchiedene Bewegungen verurſachten. Weil aber die Federn und Raͤder oft zerbrachen, ſo wurde ſehr viel Zeit zu ihrer Ausbeſſerung erfordert. Wenn Herr Slitter daran arbeitete, ſo ſchloß er ſich beſtaͤn - dig ein, und es war außer dem Czar, der oͤfters mit ihm eingeſchloſſen war, niemanden erlaubt, hinein zu gehen. Nach ſeinem Tode beſchaͤftigte ſich ſein Nach - folger damit; da aber auch dieſer kurz darauf krank wurde und ſtarb, ſo ward die Maſchine eingeſchloſſen, und ich habe niemals erfahren, ob es nach dieſem Je - mand unternommen hat, ſie fertig zu machen. DennL 3ich166ich habe ſie, waͤhrend der Zeit, da ich mich auf die Baukunſt legte, nicht mehr als zweymal geſehen.
Um dieſe Zeit ſchickte der Knes Golitzin, Gene - ral unſerer Armee in Finland, einen Mann, der 120 Jahr alt, und noch von geſunder Leibesbeſchaffenheit war, den Gebrauch aller ſeiner Sinne hatte, und noch gut gehen konnte, nach Petersburg. Der Czar mach - te ſich ein großes Vergnuͤgen daraus, ſich mit ihm zu unterhalten, und bot ihm an, bey Hofe zu bleiben, und daſelbſt ſein Leben in Ruhe zu endigen. Aber der alte Mann bat, ihm die Erlaubniß zu geben, wie - der in ſein Vaterland zuruͤck zu gehen, und ſagte, daß er an ſchwere Arbeit und ſchlechte Koſt gewohnt ſey, und, wenn er jetzt ſeine Lebensart aͤndern ſollte, dieſes in kurzem ſeinen Tod beſchleunigen wuͤrde. Wenn es ihm alſo erlaubt ſey, nach ſeiner vorigen Art zu leben, ſo hoffe er, daß Gott noch einige wenige Jahre zu ſeinen vorigen Tagen hinzufuͤgen wuͤrde. Der Czar machte ihm alſo ein Geſchenk und ſchickte ihn wieder nach Hauſe, und ich erfuhr ſechs Jahre hernach, daß er noch lebe.
Dieſen Winter war hier ein ſo ſtrenger Froſt, daß vielen ihre Naſen, Ohren, Finger und Zaͤhen er - froren. Es war auch etwas gewoͤhnliches, daß Leu - te, wenn ſie bey einander vorbey giengen, einander zuriefen, die Naſe in Acht zu nehmen, denn dieſer Theil empfindet die Kaͤlte nicht, hingegen wird es ein anderer gewahr, indem die Naſe alsdann weiß wird. Das einzige Mittel iſt, ſie ſo lange mit Schnee zu reiben, bis ſie ihr Gefuͤhl wieder bekommen hat. Alsdann iſt es gefaͤhrlich, in eine Stube zu gehen, weil gemeiniglich der Verluſt des erfrornen Theiles die Folge davon iſt. Zu Ende des Septembers ge -fror167fror die Newa in 24 Stunden ſo ſtark, daß man dar - uͤber gehen konnte, welches von den großen Eisſchol - len herruͤhrte, die aus der Ladogaſee herunter kamen. Sie gefroren an einander an, und weil der ſtarke Strom ein Stuͤck auf das andere trieb, ſo ward das Eis ſehr dick und uneben, ſo daß man die Wege von ei - nem Theile der Stadt zu dem andern hauen mußte. Das Eis brach nicht eher als den 1 ſten May auf, und es wurde dem Volke durch einen Kanonenſchuß ein Zeichen gege - ben, daß es ſich nicht mehr darauf wagen ſollte. Es gieng hierauf ploͤtzlich mit einem großen Getoͤſe auf, und nach 2 oder 3 Stunden war alles fort; ein Theil davon geht in die See, aber der groͤßte Theil ſinkt zu Boden. Die - ſer Warnung ungeachtet, ertrinken jeden Fruͤhling, weil der Aufbruch ſo ploͤtzlich geſchieht, viele Perſonen.
Da man mir oͤfters geſaget hatte, daß die BaͤrenVerſuch mit einem Baͤ - ren. den ganzen Winter unter dem Schnee begraben laͤgen, und weiter nichts zu leben haben, als daß ſie an den Pfoten ſaugen, und mir dieſes unglaublich zu ſeyn ſchien, ſo ſchaffte ich mir einen jungen Baͤren an, und erzog ihn, bis er ſehr groß wurde. Jch befeſtigte einen Pfahl, worauf ein Rad lag, in die Erde, machte dem Baͤr eine Kette um den Hals und einen Ring um den Pfahl, und ſetzte ihm einen großen Kaſten hin, daß er darinn liegen konnte. Er kletterte an dem Pfahl hinauf, ſetzte ſich auf das Rad, und machte ſeltſame Poſſen, die ſehr luſtig anzuſehen waren. Jch fuͤr - terte ihn mit Brot und Hafer, und gab ihm niemals Fleiſch. Er riß ſich zuweilen los, und lief in ein Gewoͤlbe, das in meiner Nachbarſchaft war, wo ſie Honig verkauften, und fraß ſich ſatt, weil ſich jeder - mann vor ihm fuͤrchtete, und ihn niemand fortjagte. L 4Sobald168Sobald zu Anfange des Winters Schnee gefallen war, begab er ſich in ſeinen Kaſten, und blieb einen Monat darinn, ohne heraus zu kommen, und hatte alſo nichts zu freſſen, als an ſeinen Pfoten zu ſaugen. Jch legte Brot an die Thuͤr ſeiner Huͤtte, er kam aber niemals heraus, es zu freſſen; doch fraß er es, wenn es ihm hineingeworfen wurde. Jm Fruͤhlinge kam ein junges Schwein ſeiner Huͤtte zu nahe; dieſes zog er hinein, daß wir es mit aller Muͤhe nicht retten konnten, und als er einmal Fleiſch und Blut gekoſtet hatte, ſo wur - de er ſehr grauſam, und griff jedermann an, der ihm zu nahe kam. Jch mußte ihn alſo toͤdten, und bediente mich ſeiner Haut zur Satteldecke. Es iſt merkwuͤrdig, daß er, wenn er geſchlagen wurde, ſeine Naſe zwiſchen ſeine Vorderpfoten ſteckte, weil er aus einer einge - pflanzten Kenntniß die Schwaͤche ſeiner Natur kennt, denn der geringſte Schlag auf die Naſe toͤdtet ihn.
Die Ruſſen toͤdten deren jeden Winter viele tauſend, um ihre Haͤute zu bekommen, und eſſen bloß ihre Pfoten, die fuͤr ein gutes Gericht gehalten werden. Sie ſchieſ - ſen keinen, weil ſie die Haut verderben moͤchten, ſon - dern, weil die Baͤren gemeiniglich ihre Huͤtten an den Wurzeln eines Baumes bauen, ſo merken ſie ſich den Baum, und wenn ſie nun unter dem Schnee begra - ben liegen, ſo macht der heraufſteigende Brothem ihres Athems ein Loch in den Schnee, wodurch man ihre Hoͤlen entdeckt. Die Landleute gehen ihrer viele mit einander auf dieſe Jagden, um nicht im Schnee zu verſinken; ſie umringen den Ort, wo er iſt, machen einen Laͤrm, und ſcheuchen ihn aus ſeiner Huͤtte, und da er nicht in dem lockern Schnee gehen kann, ſo wird er gemeiniglich durch einen Schlag auf die Naſe getoͤdtet.
Landung in Schweden. — Die Geburt Peters des Enkels des Kaiſers, und der Prinzeſſinn ſeiner Mutter Tod. — Die Geburt des Peter Petrowitz, Sohnes des Kaiſers. — Ein Carneval. Des Czars doppelter Adler. — Des Czars Aufmerkſamkeit, ſeine Hauptſtadt und ſein Land zu verbeſſern. — Seine Belohnungen und Strafen bey der Miliz. — Dreyßig große Grenadiers fuͤr den Koͤnig von Preuſſen. — Ein ſchrecklicher Mord in Riga. — Contributionen in Danzig. — Sein Entwurf Wißmar weg zu nehmen. — Unterredung mit dem Koͤnige von Daͤnnemark und Ankunft in Ko - penhagen. — Die vereinigten Flotten. — Die Daͤnen werden in Schrecken geſetzt. — Schlagen den Truppen die Lebensmittel ab. — Eine Unterre - dung mit dem Koͤnige in Daͤnnemark in ſeiner Hauptſtadt, und deren Folgen. — Geſchichte des Generallieutenants Bohn. — Unterdruͤckungsſy - ſtem des Herzogs von Mecklenburg. — Das Elend ſeines Volks. — Der Czarowitz verſchwindet. — Der Capitaͤn ſchlaͤgt die Erlaubniß, die Ruſſiſchen Dienſte zu verlaſſen, aus. — Des Czars Zuruͤck - kunft von Paris. — Die Zuruͤckkunft ſeiner Ar - mee nach Petersburg. — Denen in ſeiner Abwe - ſenheit vorgefallenen Unordnungen wird abgehol - fen. — Verſuch einen Weg durch Norden nach Jndien zu finden. — Die ungluͤckliche Expedition des Fuͤrſten Bockwitz. — Eine neue Einrichtung in Petersburg, und Seidenmanufactur in Moskau.
Was die Operationen der Campagne dieſes Jah - res betrifft, ſo wurde der Feldmarſchall, Graf Tſcheremetof, im Monat Maͤrz mit 12000 Mann abgeſchickt, die Armee der Alliirten in Pommern zu verſtaͤrken, die Wißmar, den einzigen Ort, den der Koͤnig von Schweden noch in Deutſchland hatte, wegnehmen ſollte.
So bald als kein Eis mehr auf dem Fluſſe und auf der See war, ſetzte der Czar ſeine Truppen auf Galeeren, und gieng mit ihnen nach Cronſlot, wo er zu ſeiner Flotte ſtieß, die aus 50 Schiffen von der Linie beſtand. Von hier ſegelte er nach Reval, blieb bis zu Ende des Junii daſelbſt, und gieng hierauf nach Gothland, und ſtellte ſeine Flotte ſo, daß die Schweden keine Verſtaͤrkung aus Stockholm nach Pommern ſchicken konnten. Unterdeſſen wurde ein Corps Cavallerie von der Armee in Finland um den Bothniſchen Meerbuſen herum geſchickt, in die noͤrd - lichen Provinzen von Schweden einzudringen, wel - ches dieſes Koͤnigreich in große Beſtuͤrzung verſetzte. Gegen die Mitte des Septembers gieng der Czar nach der Kuͤſte von Suͤdermannland, und landete bey Je - vel mit 15000 Mann wenige Meilen von der Schwe - diſchen Armee, und nachdem er das Land rings um ſie herum verwuͤſtet hatte, gieng er mit einer großen Beute wieder zu Schiffe nach Reval und von da nach Petersburg, wo er zu Anfange des Octobers ankam.
Den 22ſten dieſes Monats wurde die Kaiſerliche Prinzeſſinn, Gemahlinn des Czarowitz, von einem Sohne entbunden, der in der Taufe den Nahmen Peter, und zu großer Freude des Czars den Titel Großherzog erhielt. Allein dieſe Freude wurde balddurch171durch den Tod der Prinzeſſinn, die ihn zur WeltTod der Prinzeſſinn. gebracht hatte, wieder unterbrochen, indem ſie den 9ten Tag nach ihrer Niederkunft, im 21ſten Jahre ihres Alters verſtarb, nachdem ſie 4 Jahre und 6 Tage an einen Gemahl, der einer ſo tugendhaften und wuͤrdigen Prinzeſſinn gaͤnzlich unwuͤrdig war, vermaͤhlt geweſen war. Als ſie uͤberzeugt war, daß ſich ihr Ende herannahe, ſo verlangte ſie den Czar zu ſprechen, von dem ſie, als er zu ihr kam, auf die ruͤhrendſte Art Abſchied nahm, und ihre zwey Kinder ſeiner Sorgfalt und ihre Bedienten ſeinem Schutze empfahl. Nachdem ſie ihre Kinder umarmet und mit den Thraͤnen muͤtterlicher Liebe benetzt hatte, ſo uͤbergab ſie ſelbige dem Czarowitz, der ſie in ſeine Zim - mer trug, aber nicht wieder zuruͤck kam, oder ſich im geringſten nach ihrer Mutter und ſeiner liebenswuͤrdi - gen Gemahlinn erkundigte. Er hatte ſeit dem Tage ihrer Vermaͤhlung bis an ihren Tod niemals, auch nicht einmal bey der gegenwaͤrtigen ruͤhrenden Scene, die geringſte zaͤrtliche Hochachtung oder Sorgfalt fuͤr ſie bezeiget, daß man alſo von ihr ſagen kann, daß ſie wirklich ungluͤcklich geweſen iſt. Als ihr die Aerz - te einige Arzeney einzunehmen riethen, ſagte ſie mit einiger Bewegung des Gemuͤths: Quaͤlen ſie mich nicht mehr, laſſen ſie mich ruhig ſterben, denn ich will nicht laͤnger leben. Sie ſtarb den erſten Novem - ber, und ihr entſeelter Leichnam wurde, weil ſie es verlangt hatte, den 7ten in der großen Kirche der Feſtung, mit allem ihrer Geburt gehoͤrigen Pomp und Ehrenbezeugungen, ohne einbalſamiret zu werden, beygeſetzt.
Gleich172Gleich den Tag darauf, als die Prinzeſſinn war beerdiget worden, gebahr die Kaiſerinn, zur unaus - ſprechlichen Freude des Czars, einen Prinzen. Bey dieſer Gelegenheit waͤhrten die Freudenbezeugungen acht ganzer Tage, und er erhielt in der Taufe eben - falls den Nahmen Peter. Die Solennitaͤten wur - den bey dieſer Gelegenheit mit außerordentlichem Pomp begangen, als praͤchtigen Gaſtmahlen, Baͤllen und Feuerwerken. Bey einem dieſer Gaſtmahle wur - den drey ſehr beſondere Paſteten aufgeſetzt. Als die erſte auf der Tafel der Großen geoͤffnet wurde, ſo trat eine nackende Zwerginn heraus, die nichts als einen Kopfputz aufhatte; ſie hielt eine Rede an die Geſell - ſchaft, und hierauf wurde die Paſtete weggetragen. Auf die Tafel der Damen wurde auf eben dieſe Art ein Zwerg aufgeſetzt, und aus der dritten, auf der Ta - fel der Herren, kam ein Flug von zwoͤlf Rebhuͤnern, mit einem ſolchen Laͤrm, daß die ganze Geſellſchaft daruͤber erſtaunte. Des Abends wurde ein praͤchti - ges Feuerwerk zu Ehren des neugebohrnen Peters ab - gebrannt, wobey verſchiedene Deviſen brannten, oben darauf aber ſahe man mit großen Buchſtaben folgen - de Jnſchrift:
Hoffnung mit Geduld.
Auf dieſe Freudenbezeugungen folgte ein Carne - val. Nachdem der Czar die Wuͤrde des Patriarchen aufgehoben und die großen Einkuͤnfte derſelben mit der Krone vereiniget hatte, und den Charakter des Pa - triarchen dem Volke laͤcherlich machen wollte, ſo mach - te er ſeinen Hofnarren Sotof, der jetzt in ſeinem 84ſten Jahre war, zum Spott-Patriarchen, der bey dieſer Gelegenheit an eine muntere Wittwe von34 Jah -17334 Jahren verheirathet, und die Hochzeit dieſes auſ - ſerordentlichen Paares von ungefaͤhr 400 Perſonen beyderley Geſchlechts in einer Masquerade begangen wurde, wobey allemal vier Perſonen ihre beſondere Kleidung und Muſik hatten. Die vier Perſonen, die die Geſellſchaft einladen mußten, waren die vier groͤßten Stammerer im ganzen Reiche; die vier Laͤu - fer waren die allerlangſamſten, dickſten Podagriſten, die nur gefunden werden konnten; die Brautfuͤhrer, Aufſeher und Aufwaͤrter waren ſehr alte Manner, und der Prieſter, der ſie traute, war faſt 100 Jahr alt. Die Proceſſion, die von des Czars Pallaſte aus und auf dem Eiſe uͤber den Fluß in die große Kirche nahe beym Senathauſe gieng, geſchah in fol - gender Ordnung. Zuerſt kam ein Schlitten mit vier Laͤufern; dann ein Schlitten mit den Stammerern, den Brautfuͤhrern, Aufſehern und Aufwaͤrtern; hier - auf folgte der Knes Romadanofski, der After-Czar, der in ſeiner Kleidung den Koͤnig David vorſtellte, anſtatt der Harfe aber eine mit einer Baͤrenhaut be - deckte Leyer hatte, darauf zu ſpielen. Da er die Hauptperſon in dem Schauſpiele war, ſo war auch ſein Schlitten wie ein Thron gebauet, und er hatte des Koͤnig Davids Krone auf dem Kopfe, an jede Ecke des Schlittens aber war ein Baͤr ſtatt der Laͤufer gebun - den, und einer ſtand hinten darauf und hielt den Schlitten mit ſeinen zwey Pfoten. Die Baͤren wurden die ganze Zeit uͤber mit Stacheln geſtochen, und bruͤllten auf eine fuͤrchterliche Art. Hierauf folg - ten Braut und Braͤutigam auf einem mit Fleiß erhoͤhe - ten Schitten, der von Liebesgoͤttern umgeben war, von denen jeder ein großes Horn in ſeiner Hand hielt. Vorne174Vorne auf dem Schlitten war anſtatt des Kutſchers ein großer Bock mit großen Hoͤrnern, und hinten ſtatt des Bedienten ein Ziegenbock. Hinter dieſem folgte eine Menge Schlitten, deren jeder von vier andern Thieren, als Boͤcken, Ziegen, Rehen, Ochſen, Baͤ - ren, Hunden, Woͤlfen, Schweinen und Eſeln gezo - gen wurden. Alsdann kamen viele Schlitten, jeder mit ſechs Pferden, auf welchen ſich die Geſellſchaft befand. Die Schlitten waren lang, und hatten in der Mitte eine lange mit Haaren ausgeſtopfte und mit Tuch beſchlagene Bank, ſo daß in jedem Schlit - ten 20 Perſonen wie auf einem Pferde hinter einander ſaßen. Als die Proceſſion ihren Anfang nahm, wurden alle Glocken in der Stadt gelaͤutet, und alle Trommeln in der Feſtung, darauf ſie zugieng, wur - den auf den Waͤllen geruͤhret. Die verſchiedenen Thiere wurden gezwungen, zu ſchreyen; die ganze Geſellſchaft ſpielte oder rumpelte auf ihren verſchiede - nen Jnſtrumenten, und machte einen unbeſchreibli - chen verwirrten Laͤrm. Der Czar und ſeine drey Ge - ſellſchafter, der Fuͤrſt Menzikof, und die Grafen Apra - xin und Bruce, waren wie Frieslaͤndiſche Bauern ge - kleidet, jeder mit einer Trommel. Aus der Kirche gieng die Proceſſion in den Pallaſt zuruͤck, wo die ganze Geſellſchaft bis um Mitternacht bewirthet wur - de, und alsdann gieng die Proceſſion mit Fackeln in das Haus der Braut, das verheirathete Paar zu Bet - te zu bringen.
Dieſes Carneval dauerte zehn Tage. Die Ge - ſellſchaft gieng taͤglich von einem Hauſe zum andern, wo immer Tafeln mit kalten Speiſen beſetzt ſtanden; uͤberall wurde ſo vieles ſtarke Getraͤnk gegeben, daßwaͤhrend175waͤhrend dieſer Zeit kaum eine nuͤchterne Perſon in Petersburg zu finden war. Den 10ten Tag gab der Czar im Senathauſe ein großes Gaſtmahl, und zu Ende deſſelben bekam jeder Gaſt ein großes Glas mit einem Deckel, der doppelte Adler genannt, worinn ei - ne große Bouteille Wein war, die jeder austrinken mußte. Um dieſes zu vermeiden, ſchlich ich mich davon, und machte dem wachhabenden Officier weiß, daß ich von dem Czar weggeſchickt wuͤrde, welches er auch glaubte und mich gehen ließ. Jch begab mich daher in des Herrn Keldermanns Haus, der vor die - ſem einer von des Czars Hofmeiſtern geweſen war, und noch in großen Gnaden bey ihm ſtand. Herr Keldermann folgte mir bald nach, hatte aber ſeinen doppelten Adler getrunken, und beklagte ſich, daß er vom Trinken krank ſey. Er ſetzte ſich an ſeinen Tiſch, legte ſich mit dem Kopfe darauf, und ſchien einge - ſchlafen zu ſeyn. Da dieſes etwas gewoͤhnliches bey ihm war, ſo gaben ſeine Frau und ſeine Toͤchter nicht Achtung darauf, bis ſie nach einiger Zeit gewahr wur - den, daß er ſich nicht bewegte und keinen Athem holte, und endlich nahe zu ihm kamen, und ihn ſtarr und todt fanden, wodurch die Familie in große Verwir - rung gerieth. Weil ich die Hochachtung wußte, in der er bey dem Czar geſtanden, ſo gieng ich und hin - terbrachte ihm den ploͤtzlichen Tod des Herrn Kelder - manns. Seine Beſtuͤrzung uͤber dieſe Begebenheit fuͤhrte ihn ſogleich in das Haus, wo er die Wittwe wegen des Verluſts ihres Ehemannes bedauerte, und ein anſtaͤndiges Begraͤbniß fuͤr den Verſtorbenen auf ſeine Koſten veranſtaltete, ihr auch einen jaͤhrlichen Gehalt ausſetzte. So endigte ſich das Geraͤuſch desCarne -176Carnevals. Allein es dauerte einige Zeit, ehe die Glieder deſſelben wieder zu Verſtande kommen konnten.
Am 14ten Januar 1716 ſtarb Martha Apra - xin, verwittwete Czarinn, Wittwe des Czars Feodor, des Kaiſers aͤlteſten Bruders, im 51ſten Jahre ihres Alters, welche nicht laͤnger als vier Wochen im Ehe - ſtande gelebt hatte. Jhr Begraͤbniß geſchahe bey Fackeln und ihrem hohen Stande gemaͤß. Der Leichnam wurde in die Kirche in der Feſtung beyge - ſetzt, wo bereits ein Prinz, zwey Prinzeſſinnen, des Czars Kinder, und die Kaiſerliche Prinzeſſinn ſtanden.
Waͤhrend dieſer Zeit war der Kaiſer unermuͤdet, ſein Land zu verbeſſern, und baute nicht allein Schiffe, Feſtungen und Haͤuſer, ſondern verſah auch ſeine Akademie mit geſchickten Lehrern, alle Zweige der zur Erziehung junger Edelleute noͤthigen Wiſſenſchaf - ten vorzutragen. Er errichtete auch Druckereyen, die mit geſchickten Ueberſetzern aus allen Sprachen verſe - hen waren, die alle damals in Europa vorhandenen guten Buͤcher in die Ruſſiſche Sprache uͤberſetzten, und ſeine auswaͤrtigen Agenten kauften in Auctionen die beſten Buͤcher und ganze Bibliotheken. Man muß in der That erſtaunen, daß man deren ſchon eine ſol - che Menge in Petersburg ſiehet. Es befand ſich hier auch bereits ein ſchoͤnes Cabinet von Seltenhei - ten, worinn man alles fand, was in allen Theilen der Welt nur merkwuͤrdiges vorhanden iſt, wie auch eine ſchoͤne Sammlung von Muͤnzen, Medaillen ꝛc. wor - uͤber Herr Schuhmacher, ein rechtſchaffner und ge - lehrter Mann, der vor dieſem bey dem Doctor Er - ſkine, dem Leibarzte des Kaiſers, Secretair geweſen,geſetzt177geſetzt war. Der beruͤhmte Gottorpiſche Globus, der mit großen Koſten nach Petersburg gebracht wor - den, war ein Geſchenke von dem Koͤnige in Daͤnne - mark. Der Koͤnig von Preuſſen machte dem Czar mit einem Bernſtein-Cabinette ein Geſchenk, welches unter die groͤßten Seltenheiten dieſer Art in Europa gerechnet wurde. Man ſahe daſelbſt auch eine ſchoͤne Sammlung wilder Thiere, Voͤgel ꝛc. einen der groͤß - ten Elephanten in ganz Aſien, Rennthiere mit ihren Schlitten und lapplaͤndiſche Bauern, Venetianiſche Gondeln mit ihren Gondelieren ꝛc. welches alles bewei - ſet, daß der Czar die Abſicht hatte, Rußland mit der Zeit der Aufmerkſamkeit jedes Reiſenden wuͤrdig zu machen.
Jn Moskan errichtete er große Tuch - und Lein - wand-Manufacturen, wie auch unter der Direction der Englaͤnder Glashuͤtten, Fenſter - und Spiegelglaͤ - ſer zu machen. Die Ruſſen hatten ſich vorher zu ih - ren Fenſtern und Kutſchen bloß des Marienglaſes be - dienet, und bey der Erbauung Petersburgs mußten ſie alles Glas aus England holen. Ob ſie gleich jaͤhrlich eine große Menge Hanf in alle Theile von Europa ausfuͤhrten, ſo waren ſie doch genoͤthiget, ihr Seegeltuch und Seilwerk, das auswaͤrts aus ih - rem Hanfe verfertiget worden, nach Rußland zu ho - len. Dieſem Uebel abzuhelfen, errichtete der Czar in Moskau, Novogorod und Petersburg Seegeltuch - und Tau-Manufacturen; und damit es zur Verbeſſe - rung ſeines Landes an nichts fehlen moͤge, ſo ließ er geſchickte Bergleute aus Ungarn und Sachſen kom - men, welche Metalle von allen Arten, Gold, Silber, Kupfer, Bley und Eiſen, entdeckten, welchen letztenMArtikel178Artikel ſie vor dieſem den Schweden abkaufen mußten, jetzt aber andere Laͤnder damit verſehen koͤnnen.
Es war zum Erſtaunen, wenn man ſo große Dinge ſahe, die eine einzige Perſon, ohne allen Bey - ſtand, unternommen und ausgefuͤhret hatte; wenn man ſeinen großen Geiſt und unermuͤdeten Fleiß er - wog, wie er ſelbſt alles regierte, und alles mit eigenen Augen ſahe, ohne ſich auf die Nachrichten anderer zu verlaſſen, ſo daß niemals ein Monarch weniger als er hintergangen worden iſt. Jch muß hier noch er - waͤhnen, daß die Ruſſen, vom Hoͤchſten bis zum Nie - drigſten, wenn ſie eine Sache vom Werthe auf ihrem Grunde und Boden entdecken, es mag auch ſeyn was es will, es geheim halten, damit ihre Leibeige - nen nicht gebraucht werden, es zu bearbeiten, ſo, daß alſo alle Entdeckungen von dieſer Art von Auslaͤndern herruͤhren. Auf dieſe Art bleiben alſo viel koſtbare Dinge unentdeckt, die dieſer Nation zum Reichthume gereichen koͤnnten.
Jm Monat Februar kam der Oberſte Swarts aus Caſan zuruͤck. Er war mit einem deutſchen Re - gimente von 12000 Mann, welches aus Schwedi - ſchen Gefangenen errichtet war, dahin geſchickt wor - den, und brachte nun Nachricht, daß er auf 6000 Cubaniſche Tartarn geſtoßen ſey, die einen Einfall in Caſan gethan haͤtten, und die eben zuruͤck gehen und ohngefaͤhr 8000 Ruſſen mit ſich in die Sclave - rey nehmen wollten, die ſie zu Gefangenen gemacht haͤtten; daß er nicht allein die Gefangenen befreyet, ſondern die Cubaner geſchlagen und eine große Menge Gefangene bekommen haͤtte, unter denen ſich des Chans Sohn befunden habe, den er ſogleich nebſt verſchie -denen179denen ſeiner Mitgenoſſen der Raͤuberey habe haͤngen laſſen. Der Czar machte ihm dafuͤr ein Geſchenke von ohngefaͤhr 100 Bauern.
Es war eine feſtgeſetzte Regel bey dem Czar,Militaͤriſche Belohnun - gen und Strafen. das Verdienſt zu belohnen, wo er es fand. Nach ei - nem Siege zur See oder zu Lande bekam jeder Offi - cier eine goldene Kette mit einer Medaille, deren Werth ſeinem Range angemeſſen war, und jeder Soldat eine ſilberne oder ſtatt derſelben die Loͤhnung eines Monats. Ein Officier, der ſich beſonders her - vorgethan hatte, erhielt das erſte Avancement. Jm Gegentheil aber wurde der Soldat oder Officier, der ſich uͤbel gehalten hatte, ſehr ſtrenge beſtraft. Der Czar ſahe nicht auf hohe Geburt oder Familie, ſondern be - foͤrderte das Verdienſt in jedem Stande, ſo gar bey dem geringſten, und ſagte, daß hohe Geburt nur ein bloßer Zufall ſey, und keine Achtung verdiene, wenn ſie ſonſt keine Verdienſte habe. Man findet in der Geſchichte kaum ein Beyſpiel, daß Leute von niedriger Geburt ſo waͤren befoͤrdert worden, als unter des Czars Peter Regierung, oder wo ſo viele von hoher Geburt und Vermoͤgen in den niedrigſten Stand ſind verſetzet worden.
Am 6ten Februar reiſeten der Czar und ſeine Gemahlinn in Geſellſchaft der Prinzeſſinn Catharina, zweyten Tochter des Czars Jvan (oder Johannes), des Kaiſers Nichte, nach Danzig ab, und kamen den 29ſten daſelbſt an. Den 19ten April wurde die Prinzeſſinn an Carl Leopold, Herzog zu Mecklenburg, vermaͤhlet.
Es wurde dieſen Winter befohlen, 30 großeGroße Gre - nadiers. Grenadiers zu uͤben, die zu einem Geſchenke fuͤr denM 2Koͤnig180Koͤnig von Preuſſen beſtimmt waren. Sie waren aus verſchiedenen Theilen von des Czars Laͤndern zuſam - men geſucht wurden, und waren von 6 Fuß 6 Zoll, bis 6 Fuß und 9 Zoll, die Schuhe nicht gerechnet, hoch. Sie mußten das Preuſſiſche Exercitium ler - nen, bekamen Preuſſiſche Waffen, Montirung und Muͤtzen. Unter dieſen befand ſich auch ein Jndianer, der den Elephanten gewartet hatte, ein Tuͤrk, zwey Perſianer, und drey Tartarn, und man konnte mit Gewißheit ſagen, daß kein Koͤnig in der Welt eine ſolche Garde, die aus ſo verſchiedenen Nationen be - ſtand, hatte, als der Koͤnig von Preuſſen, wenn man die Geſchenke dieſer Art, die ihm aus allen Theilen Europens gemacht wurden, erwaͤget.
Jch reiſete auf Befehl des Fuͤrſten Menzikof den 25ſten Maͤrz von Petersburg ab, und fuͤhrte die - ſe 30 Grenadiers nach Berlin, und da die Straßen noch gut waren, weil man noch auf dem Schnee rei - ſen konnte, ſo bekamen wir bis nach Riga Pferde und Schlitten. Wir kamen den 30ſten nach Narva und den 12ten April waren wir in Riga, wo ich mich zu Erholung der Leute drey Tage aufhielt. Hier ſahen wir zwoͤlf Perſonen lebendig raͤdern; ihr Verbrechen war folgendes.
Ein Mann, der ein Wirthshaus vor einem Tho - re der Stadt, und auch eine Windmuͤhle auf ſeinem Grund und Boden beſaß, hatte einen von ſeinen Leu - ten auf verſchiedenen Betruͤgereyen ertappt, und ihn alſo weggejagt, und ihm ſeinen Lohn, als eine kleine Schadloshaltung, zuruͤck behalten. Als der Kerl fortgieng, drohete er ſeinem Herrn, daß es ihn ge - reuen ſollte, ſeinen Lohn zuruͤck behalten zu haben. Er181Er gieng und geſellte ſich zu eilf andern, die noch ſchlimmer als er waren. Sie giengen kurz hierauf mitten in der Nacht auf dieſes Haus zu, und da ih - nen eine Magd begegnete, die nach Waſſer gieng, ſo brachten ſie dieſe um, und ſteckten ihren Koͤrper unter das Eis. Hierauf giengen ſie in das Haus und in die Staͤlle, und ermordeten drey Maͤgde und fuͤnf Knechte. Endlich giengen ſie in des Beſitzers Stu - ben, und brachten ſeine Frau und drey von ſeinen Kindern vor ſeinen Augen um; das vierte, ein Kna - be von 5 Jahren, hatte ſich in der Beſtuͤrzung unter einem Bette unvermerkt verborgen. Hierauf zwan - gen ſie den Wirth alle ſeine Kuͤſten und Kaſten auf - zumachen, und trugen alles, was tragbar und vom Werthe war, aus dem Hauſe. Sie banden ihn hierauf mit Haͤnden und Fuͤßen an das Geſtell eines großen Tiſches, an den ſie ſich ſetzten, und es ſich bey dem Beſten, was ſie im Hauſe fanden, recht wohl ſeyn ließen. Sie machten endlich den Beſchluß da - mit, daß ſie Heu und Stroh in die Stuben ſtreuten, und das Haus anzuͤndeten, damit der niedertraͤchtige Wirth, wie ſie ihn nannten, mit den ermordeten Koͤr - pern lebendig verbrennen moͤchte, und folglich nichts entdeckt werden koͤnnte. Um recht ſicher zu gehen, holten ſie auch den Koͤrper der Magd unter dem Eiſe hervor, und legten ihn zu ihrem lebendigen Herrn. Nach dieſem wohl uͤberlegten Plane zuͤndeten ſie das Haus an, und machten ſich mit ihrer Beute davon. Der kleine Knabe, der ſich unter dem Bette verbor - gen hatte, wurde durch den Rauch verdraͤnget, und als der Vater hoͤrte, daß ihn das Kind rufte, hieß er ſelbiges ein Meſſer aus ſeiner Taſche nehmen, undM 3den182den Strick von ſeinen Haͤnden los ſchneiden, welches das Kind auch that. Da der Vater alſo los war, ſo nahm er ſeinen kleinen Sohn auf ſeine Arme, gieng durch die Flammen durch, und begab ſich ſogleich in den bedeck - ten Weg der Stadt, damit einige von den Moͤrdern, die noch in der Naͤhe lauren koͤnnten, ihn nicht entde - cken moͤchten. Als das Haus und die Nebengebaͤude in Flammen ſtanden, ließ der Gouverneur die Thore oͤffnen, und ſchickte einige Mannſchaft hinaus, zu ret - ten, was ſie aus dem Feuer retten koͤnnten; es war aber, ehe ſie dahin kommen konnten, ſchon alles nie - der gebrannt, ſo daß der Plan der Moͤrder ſo gut ausgeſonnen war, daß ihre Bosheit, wenn das Kind und der Vater nicht ſo wunderbarer Weiſe waͤren er - halten worden, vielleicht noch jetzt verborgen ſeyn wuͤr - de. Der Wirth entdeckte ſich dem Officier, der die - ſes Commando anfuͤhrte, und bat, daß er in geheim zum Gouverneur gebracht werden moͤchte, dem er ſei - ne ganze ſchreckliche Scene entdeckte, und der auch ſo gleich Befehl gab, daß alle Perſonen, die dieſen Mor - gen in die Stadt kommen wuͤrden, in Verhaft ge - nommen und unterſucht werden ſollten. Durch die - ſe Vorſicht wurden die Moͤrder, die ſich von aller Ent - deckung frey zu ſeyn glaubten, da aller Beweis im Feuer verbrannt ſey, als ſie in die Stadt giengen, ſaͤmmtlich eingezogen.
Den 16ten April reiſete ich von Riga ab, gieng uͤber Mietau und Polangen, und kam den 24ſten in Memel an, nachdem ich dieſen ganzen Weg in Wagen gemacht hatte. Von hier gieng ich zu Waſ - ſer nach Staken, fuhr uͤber das Curiſche Haf, wel - ches 15 deutſche Meilen lang iſt, nach Koͤnigsberg,wo183wo ich den 26ſten ankam, und ſehr freundſchaftlich aufgenommen wurde; es wurde auch ſehr gut fuͤr die - ſe Leute geſorget, weil ſie zu des Koͤnigs Garde ſollten. Da es in der Stadt bekannt geworden war, daß dieſe Leute von verſchiedenen Nationen waͤren, ſo verſamm - lete ſich viel Volk ſie zu ſehen. Hier hatten wir freye Quartiere und blieben bis auf den 2ten May, da ich denn nach Elbingen abreiſete und den 5ten nach Dan - zig kam, wo ich die Stadt ſo voll antraf, daß ich kein Quartier fuͤr meine Leute bekommen konnte, und alſo bis ins Kloſter Oliva gehen mußte. Damals hielten ſich der Czar und die Czarinn, Auguſtus der Koͤnig von Pohlen, und der Herzog und die Herzoginn von Mecklenburg mit ihrem zahlreichen Gefolge in Danzig auf. Der Czar war nach Pillau gegangen, 44 von ſeinen Galeeren zu beſehen, die von Petersburg da - ſelbſt angekommen waren, und 8000 Mann am Bord hatten; ich machte alſo der Czarinn meine Aufwartung, die mir befahl, bis zur Zuruͤckkunft des Czars in Oli - va zu bleiben, welche den 9ten erfolgte. Den fol - genden Tag kam er mit dem Herzoge von Mecklen - burg nach Oliva, wo er die Grenadiers muſterte, ſie ihre Exercitia machen ließ, und ſehr wohl mit ihnen zufrieden war. Er befahl mir hierauf, mit langſa - men Maͤrſchen nach Berlin zu gehen, damit die Leute nicht abgemattet wuͤrden.
Die Danziger ſchienen damals ſo wohl mit demDie Danzi - ger werden gebrannt - ſchatzet. Czar als mit dem Koͤnige von Pohlen nicht ſonderlich zufrieden zu ſeyn, weil ſie die Stadt gezwungen hat - ten, nicht allein allen Handel mit den Schweden auf - zugeben, ſondern auch vier Kriegsſchiffe auszuruͤſten und wider ſie zu kreuzen, und dem Czar 100000M 4Reichs -184Reichsthaler zu bezahlen. Als dieſer mit ſeinem Ge - folge den 10ten von hier nach Mecklenburg abreiſete, ſo begruͤßten ſie ihn mit 150 Kanonen, ihn zu uͤber - zeugen, daß es ihnen nicht an Geſchuͤtze fehle. Jch marſchirte mit meinen Leuten den folgenden Tag ab, und kam den 15ten nach Stolpe, wo ich erfuhr, daß der Czar und der Koͤnig von Preuſſen vor drey Tagen eine geheime Conferenz mit einander gehalten haͤtten, in welcher ſie, wie man mir hernach ſagte, einig ge - worden waren, nicht zuzulaſſen, daß der Koͤnig von Schweden einige Unternehmungen auf Daͤnnemark mache; aber auch den Daͤnen in keinem Unternehmen wider die Schweden beyzuſtehen, indem dieſe ſchon ohnedem hinlaͤnglich gezuͤchtiget waren, und alle ihre auslaͤndiſche Provinzen verloren, und nun weiter nichts als Schweden hatten.
Jch kann hier nicht unterlaſſen, des Czars Ab - ſichten auf die Stadt und Feſtung Wißmar zu erwaͤh - nen, welche dem Herzoge von Mecklenburg ſo ſehr bequem iſt, und nahe bey Schwerin und Roſtock liegt. Der Czar hatte dem Herzoge verſprochen, dieſen Ort den Schweden wegzunehmen, und ihm den Beſitz deſſelben zu geben; in dieſer Abſicht zog er eine Armee von 26000 Mann zuſammen, ihn zu belagern. Da aber die Daͤniſchen, Preuſſiſchen und Hannoͤveri - ſchen Truppen davon Beſitz genommen und jede Macht zwey Bataillons Beſatzung darein geleget hatten, oh - ne einige von den Ruſſiſchen Truppen dazu zu nehmen, ſo wurde dieſe Abſicht, zu nicht geringem Verdruſſe des Czars, vereitelt. Dieſen Vergleich der Alliirten hat er niemals verdauen koͤnnen, ſondern ihn bey jeder Ge - legenheit, wie wir hernach bey der vorgehabten Lan -dung185dung in Schonen, und bey andern Vorfaͤllen ſehen werden, geahndet. Es lag dem Czar beſtaͤndig ſehr am Herzen, einen Fuß in Deutſchland zu bekommen. Er bot daher anfaͤnglich dem Kaiſer an, ihm mit 25000 Mann, auf ſeine eigene Koſten, wider Frank - reich beyzuſtehen, wenn man ihm zum Gliede des Roͤ - miſchen Reichs aufnehmen wolle; dieſes wurde ihm aber abgeſchlagen. Hierauf ſuchte er es durch die Vermaͤhlung ſeiner Nichte an den Herzog von Meck - lenburg zu erhalten, indem er ihm Wißmar verſprach, und dadurch einen ſichern Hafen, in dieſe Laͤnder zu ſchiffen, zu bekommen gedachte. Hierauf wurde dem Herzoge vorgeſchlagen, Mecklenburg gegen ein Aequi - valent zu vertauſchen, welches entweder Curland oder Liefland haͤtte ſeyn muͤſſen. Weil aber die Reichsfuͤr - ſten uͤber des Czars außerordentliche Macht eiferſuͤch - tig waren, ſo vereitelten ſie ihm alle Abſichten, einen Fuß in dieſem Reiche zu erlangen. So gar der Re - gent in Frankreich ruhete nicht eher, bis der Czar ver - ſprochen hatte, ſeine Truppen aus Deutſchland zu ziehen.
Den 16ten May reiſete ich von Stolpe ab, und kam den 27ſten mit meinen Leuten, die alle geſund und friſch waren, in Berlin an. Jch ward von dem wachthabenden Officier zu dem Feldmarſchall, Graf Wartensleben, gefuͤhret, dem ich den Brief von dem Fuͤrſten Menzikof uͤbergab. Der Feldmarſchall ließ den Leuten ſogleich Quartiere zu ihrer Erholung geben, bis der Koͤnig von Potsdam zuruͤck kommen wuͤrde, welches in zwey Tagen hernach erfolgte, und als der Koͤnig ſie beſahe, ſagte er, daß es die ſchoͤnſten und wohlgeſtalteſten Leute waͤren, die er jemals von ihrerM 5Groͤße186Groͤße geſehen habe, und hatte einen großen Gefallen an ihnen. Als ich meinen Auftrag verrichtet hatte, begab ich mich weg, und der Feldmarſchall gab mir den folgenden Tag eine Boͤrſe mit 200 Stuͤck Duca - ten. Die Entfernung von Petersburg bis Berlin iſt 1210 Ruſſiſche Werſte, oder 807 Engliſche Meilen.
Da viele von meinen Verwandten, von welchen ich zehn Jahre abweſend geweſen war, in und um Berlin herum wohnten, ſo brachte ich drey Monate ſehr angenehm bey ihnen zu. Sie wollten mich uͤber - reden, die Ruſſiſchen Dienſte zu verlaſſen und in Preuſſiſche zu treten, weil ſie glaubten, daß ich dieſes jetzt leicht erlangen koͤnnte, da ich dem Koͤnige das angenehmſte Geſchenk, das er nur bekommen koͤnnte, uͤberbracht haͤtte. Meine Freunde fragten den Feld - marſchall und den General Gersdorf deswegen um Rath, die beyde der Meynung waren, daß es jetzt leicht geſchehen koͤnne, wenn ich von den Ruſſiſchen Dienſten loskommen koͤnnte. Jndem nun meine Verwandten ſich alle Muͤhe gaben dieſe Veraͤnderung zu Stande zu bringen, bekam ich einen Expreſſen von dem Feldmarſchall, Grafen Tſcheremetof, mit dem Befehl, mich ſogleich nach Roſtock in Mecklenburg zu ihm zu verfuͤgen, und mit ihm als Adjutant nach Daͤnnemark zu gehen, indem er damals niemanden hatte, der dieſe Sprache verſtund. Jch reiſete hier - auf ſogleich von Berlin ab und kam den 24ſten Au - guſt nach Roſtock. Der Marſchall gieng den folgen - den Tag nach Warnemuͤnde, wo unſere Truppen ein - geſchifft wurden.
Der187Der Czar und der Koͤnig von Daͤnnemark hattenUnterredung mit dem Koͤ - ge von Daͤn - nemark. zu Ham und Horn, nahe bey Hamburg, eine lange Conferenz gehalten, die vom 28ſten May bis den 4ten Junii gedauert hatte, und worinn eine Landung in Schonen war beſchloſſen worden. Den 5ten Junii gieng der Czar nach Pyrmont, den Brunnen zu trin - ken, und kam den 31ſten wieder nach Schwerin, der Reſidenz des Herzoges von Mecklenburg, zuruͤck. Den 4ten Julii gieng er nach Roſtock und Warnemuͤnde, wo die 45 Galeeren von Danzig, die 8000 Mann am Bord hatten, angekommen waren, mit welchen er alsdann nach Daͤnnemark abſegelte. Der KoͤnigDer Czar kommt in Ko - penhagen an. von Daͤnnemark kam zu Proveſtein zu ihm, da ſie denn auf des Czars Galeere abfuhren, und den 17ten mit einander in Kopenhagen ankamen.
Den 28ſten Auguſt fuhr der Marſchall Tſchere - metof mit 10000 Mann von Warnemuͤnde ab, und kam den 29ſten in Kopenhagen an. Der Marſchall begab ſich in das fuͤr ihn in der Stadt beſtimmte Haus; die Zollbedienten kamen auf das Schiff, ſeine Bagage zu durchſuchen, wurden aber durch den wachthabenden Officier verhindert. Da ſie nun das Schiff nicht in den Hafen ließen, ſo ward ich an das Zollhaus abgeſchickt, um zu hoͤren, warum des Mar - ſchalls Bagage nicht in den Hafen einlaufen duͤrfe? Sie ſagten mir, daß es der Waaren wegen unterſuchet werden muͤſſe. Jch antwortete, daß es bey den Ruſ - ſiſchen Generalen nicht Mode ſey, Kaufleute abzuge - ben, und verſicherte ſie, daß keine Kaufmannswaaren auf dem Schiffe waͤren, und daß der Marſchall ge - wiß eine ſo beleidigende Bewegung ahnden wuͤrde. Hierauf wurde Befehl gegeben, das Schiff in denHafen188Hafen zu bringen, und als das Gepaͤck an das Land gebracht wurde, gaben die Zollbedienten auf alles, was ausgeſchifft wurde, ſehr genau Achtung. Den folgenden Tag wurde ein Herr vom Hofe an den Mar - ſchall abgeſchickt, das ungeziemende Verhalten des Zollhauſes zu entſchuldigen, und ihm zu verſichern, daß alle in dieſer Unhoͤflichkeit begriffene Beamte be - ſtraft und abgeſetzt waͤren.
Zu eben der Zeit lag der Admiral Norris und der Contre-Admiral Graves mit einer Engliſchen und Daͤniſchen Flotte vor Kopenhagen, welchen der Czar nunmehr den Vorſchlag that, die Daͤniſche und Ruſſiſche Flotte mit einander zu vereinigen, und die Schweden in den Hafen zu treiben. Dieſes wurde auch angenommen, und beſchloſſen, daß der Czar mit dem Admiral Norris die vereinigte Flotte, Norris die vorderſten Schiffe, der Czar das Centrum, und der Daͤniſche Vice-Admiral die hintern Diviſionen commandiren, der Admiral Graves aber die Handels - ſchiffe beyder Nationen in ihre Hafen begleiten ſollte. Der Czar ſteckte alſo ſeine Kaiſerliche Flagge auf, und gieng mit der Flotte ab. Jndem ſie aber bey Born - holm vorbey fuhr, erfuhr er, daß die Schwediſche Flotte nach Carlscron gegangen ſey. Hierauf trenn - te ſich die vereinigte Flotte; der Czar gieng nach Stralſund, ſetzte ſeine daſelbſt einquartirten Solda - ten auf Schiffe, und fuͤhrte ſie nach Kopenhagen.
Durch dieſe Verſtaͤrkung beſtand unſere Armee aus 24000 Mann, die alle nahe bey Kopenhagen im Lager ſtanden. Dieſes ſetzte die Daͤnen in ein ſolches Schrecken, daß ſie ihre Truppen aus allen Theilen Seelands nach Kopenhagen zuſammen zogen. Ein189Ein großer Theil davon ſtand rings herum auf den Waͤllen; ſie beſetzten auch die Thore ſtark, mit dem ſtrengen Befehle, nicht uͤber hundert Ruſſen auf ein - mal, um Waſſer zu holen, in die Stadt zu laſſen, da ſonſt nirgends welches zu bekommen war. Die - ſes Waſſer wurde in einer ziemlichen Entfernung aus dem Koͤniglichen Park durch Roͤhren in die Stadt ge - leitet. Da aber 100 Mann fuͤr eine ſolche Armee nicht Waſſer genug herbey ſchaffen konnten, ſo er - laubten ſie, daß 150 auf einmal herein kommen durf - ten, da denn die eine Parthie bereit war, hinein zu gehen, ſo bald als die andere heraus kam. Da ſie aber oͤfters von den Daͤniſchen Soldaten abgehalten wurden, ſich mit Waſſer zu verſehen, indem jene das Recht zu haben glaubten, zuerſt Waſſer bekommen zu muͤſſen, ſo verurſachte dieſes große Unordnungen. Endlich kam es zu Schlaͤgen, und es wurden auf bey - den Seiten einige getoͤdtet und verwundet. Als nun die Ruſſen ſahen, daß die Wache zu partheyiſch gegen ihre eigene Leute war, ſo bemaͤchtigten ſie ſich derſel - ben, und jagten ſie fort. Nachdem ſie ins Lager zu - ruͤck gekommen waren, fiengen ſie uͤberall an nach Waſſer zu graben, und trafen von ungefaͤhr eine von den Roͤhren, die Waſſer in die Stadt fuͤhrte. Sie hieben dieſe entzwey, und hatten hernach Waſſer ge - nug. Da ſie aber nicht gehoͤrig mit Holz, ihre Speiſen zu kochen, verſehen waren, ſo fiengen ſie an, die Baͤume in dem Park umzuhauen, und hatten de - ren ſchon eine Menge nieder gehauen, ehe ihnen durch ihre Officiers Einhalt gethan werden konnte. Es wurden indeſſen viele von den Anfuͤhrern hart beſtraft.
Die190Die Daͤnen hatten uns nur fuͤr die 16000 Mann Proviant verſprochen, die der Czar ihnen zu Huͤlfe zu bringen verſprach, und nun weigerten ſie ſich, den von Stralſund heruͤber gebrachten 8000 Mann Un - terhalt zu geben, und ſagten, daß ſie ohne ihr Wiſſen und Einwilligung gekommen waͤren, ſo daß von nun an auf beyden Seiten nichts als Eiferſucht und Mißtrauen herrſchte. Doch unterbrach dieſes die Ergoͤtzlichkeiten, als Baͤlle, Aſſembleen und Masque - raden, bey Hofe im geringſten nicht. Der Czar be - ſuchte waͤhrend der drey Monate, die er ſich in Ko - penhagen aufhielt, ihre Collegia und Academien ſehr fleißig, und beſahe alles, was merkwuͤrdiges an die - ſem Orte war. Er fuhr auch taͤglich in einem Bo - the aus, erforſchte die Tiefen und Kuͤſten von Daͤn - nemark und Schweden ſo genau, daß ihm die klein - ſte Sandbank nicht entwiſchte, und brachte alles zu - ſammen auf eine Charte. Als er einmal bey Scho - nen vorbey fuhr, einen bequemen Platz zum Landen zu entdecken, hatte er bey ſeiner Ruͤckkehr einen widri - gen Wind, und konnte alſo bey Tage Kopenhagen nicht erreichen. Die Czarinn ſchickte an den Gou - verneur, ihn zu erſuchen, das Thor bis zu des Czars Ankunft offen zu laſſen, welches auch verſprochen wur - de. Als ich aber von dem Marſchall abgeſchickt ward, zu ſehen, ob es geſchehen ſey, fand ich es geſchloſſen, und bekam von dem Officier die Nachricht, daß die Schluͤſſel dem Koͤnige waͤren uͤbergeben worden. Jch meldete dieſes dem Marſchall, der ſogleich ſelbſt zum Gouverneur gieng, der nach einer kahlen Ent - ſchuldigung, daß die Schluͤſſel aus Jrrthum dem Koͤ - nige waͤren uͤberſchickt worden, zu ihm ſagte, derKoͤnig191Koͤnig ſey zur Ruhe, und er unterſtehe ſich nicht, ihn zu ſtoͤren. Es war um 1 Uhr des Morgens, ehe der Czar das Land erreichen konnte, und da es nicht moͤg - lich war, in den Hafen, oder mit dem Bothe nahe an das Ufer zu kommen, ſo ſprang er bis an den Hals ins Waſſer, watete bis ans Ufer, und gieng in ſeinen naſ - ſen Kleidern bis an das Thor. Als er nun dieſes ge - ſchloſſen fand, ſo gieng er zuruͤck in die Vorſtadt, und begab ſich in das Quartier eines Officiers von ſeiner eigenen Garde, wo er des Officiers Waͤſche und Klei - dung anzog, und die Nacht uͤber da blieb. Des Morgens zog er des Officiers Montirung an, und ob ihm dieſe gleich viel zu kurz war, gieng er doch in der - ſelben in die Stadt, wo ihm die Czarinn, der Mar - ſchall und verſchiedene andere entgegen kamen. Der Entſchuldigungen wegen dieſes Verſehens waren viel, und der Gouverneur und der Oberſte von der Garde kamen in Arreſt; allein der Czar lachte daruͤber und bat fuͤr ſie, und ſagte, daß ſie bloß ihre Pflicht ge - than haͤtten, und alſo kamen ſie wieder los.
Wenige Tage darauf kamen dieſe zwey gekroͤntenConferenz mit dem Koͤ - nige von Daͤnnemark. Haͤupter zuſammen und hielten einen Kriegsrath, wobey bloß ihre erſten Miniſter und Feldmarſchaͤlle zu - gegen waren, um die Maßregeln, die ſie beſchließen wuͤrden, ſehr geheim zu halten. Bey dieſer Zuſam - menkunft wurde beſchloſſen, ohne Zeitverluſt in Scho - nen zu landen. Ob nun gleich dieſes Vorhaben ſehr geheim gehalten werden ſollte, ſo hoͤrte ich doch alle Schritte, die dabey beobachtet werden ſollten, auf ei - nem oͤffentlichen Kaffeehauſe von einem Daͤniſchen Officier. Als ich dieſes dem Marſchall hinterbrachte, ſo wunderte er ſich ſehr daruͤber; und als der Czar undder192der erſte Miniſter damals zu ihm zur Tafel kamen, und er ihnen ſagte, was ich in der Stadt gehoͤret hatte, ſo ſchien der Czar ſehr mißvergnuͤgt daruͤber zu ſeyn.
Die Truppen machten indeſſen alle Anſtalten zum Einſchiffen, und es wurde auf einen Monat Proviant fuͤr die Armee verlangt. Wir bekamen darauf zur Antwort, daß wir keinen noͤthig haͤtten, weil in Scho - nen eine reiche Ernte geweſen ſey, und wir dort alles finden wuͤrden, was wir noͤthig haͤtten; und da uͤber dieſes die Communication zwiſchen Kopenhagen offen ſey, ſo koͤnnten wir ihn von da erhalten, wenn wir ihn noͤthig haͤtten. Der Czar, der ſich darauf nicht verlaſſen wollte, ſagte hierauf zu dem Koͤnige, daß es zu dieſer Unternehmung nun zu ſpaͤt im Jahre ſey, indem noch keine Anſtalten dazu waͤren gemacht wor - den, und es alſo beſſer ſey, ſie bis auf den kuͤnftigen Fruͤhling zu verſchieben. Wenn aber der Koͤnig ent - ſchloſſen ſey, dieſe Landung jetzt zu wagen, ſo wolle er ihm, den Stralſunder Tractaten gemaͤß, mit den darinnen bewilligten 15 Bataillonen gerne beyſtehen. Der Koͤnig verlangte uͤber dieſes noch 13 Bataillons, die aber der Czar abſchlug, und ſagte, daß er ſeine Truppen anderswo noͤthig habe. Hierauf erwiederte der Koͤnig, daß er bey ſo geſtalten Sachen keine von ſeinen Truppen brauche, und wuͤnſchte, daß ſie eiligſt aus ſeinen Laͤndern gezogen werden moͤchten, und daß die Transporte, die ihn monatlich 40000 Rthlr. gekoſtet haͤtten, bezahlet werden moͤchten. Es wur - den alſo alle unſere Truppen den 19ten September eingeſchifft. Allein, da ſie wegen widrigen Windes beynahe einen Monat vor Kopenhagen liegen mußten, ſo litten ſie am Holze zum Brennen großen Mangel, alswelches193welches fuͤr kein Geld zu haben war. Der Czar gab daher Befehl, daß zehn von ſeinen Galeeren zer - hauen, und unter die Flotte vertheilet wurden.
Als wir uns in Kopenhagen befanden, begegneteGeſchichte des General - lieutenants Bohn. einem Generallieutenant in unſern Dienſten, welcher Bohn hieß, etwas, das ich nicht unerwaͤhnt laſſen kann. Er war auf der Jnſel Bornholm geboren, wo ſein Vater Prediger geweſen war, und ſeine Mut - ter als eine arme Wittwe hinterlaſſen hatte. Als dieſe jetzo hoͤrte, daß ihr Sohn in Kopenhagen und in ruſſiſchen Dienſten General ſey, ſo kam ſie, ihn zu beſuchen, erhielt aber von ſeinen Bedienten die Ant - wort, daß er nicht zu Hauſe ſey. Sie bat ſeine Be - dienten, ihm zu ſagen, daß ſie ſeine Mutter ſey, und in der Abſicht ihn zu beſuchen von Bornholm gekom - men ſey, und daß ſie kuͤnftigen Morgen wieder kom - men wolle. Bey dieſer Nachricht wurde der Gene - ral ſehr boͤſe, und ſagte, daß ſeine Mutter ſchon vor vielen Jahren todt ſey, und daß dieſes eine andere ar - me oder unſinnige Perſon ſeyn muͤſſe, und befahl ſei - nem Adjutanten, wenn ſie wieder kaͤme, ihr 10 Du - caten zu geben, und ſie fort zu ſchicken, damit ſie ihn nicht ferner beunruhigen moͤchte. Die Mutter kam den andern Morgen, und der Adjutant that, was ihm befohlen war, und bot ihr 10 Ducaten, als ein Almo - ſen, an. Allein ſie warf ſie mit Verachtung auf die Er - de, und ſagte mit thraͤnenden Augen, ſie ſey nicht ge - kommen um ein Allmoſen zu bitten, ſondern ihren Sohn zu ſehen; und da er ſeine Mutter verleugnen und ver - achten koͤnne, ſo wolle ſie gehen, wo ſie hergekommen ſey, und ihn nicht weiter beunruhigen. Dieſes mach - te einen ſolchen Laͤrm in der Stadt, daß es die CzarinnNerfuhr.194erfuhr. Sie ſchickte daher nach der Frau, die ihr in kurzem bewies, daß ſie des Generals Mutter ſey. Es wurde ſogleich nach ihm geſchickt, und er bekam fuͤr ſein unnatuͤrliches Verhalten einen Verweis, und den Befehl, ſeiner Mutter jaͤhrlich 200 Rubel auf Lebenszeit auszuſetzen, welches er auch that. Es wurde ihm dabey das Verhalten des General Bauers gegen ſeine armen Verwandten vorgeſtellet, der ſich ihrer nicht geſchaͤmet hatte, ob ſie gleich von gerin - germ Stande geweſen, als die ſeinigen. Dieſer Verweis machte den General ſehr beſchaͤmt, und er wurde hernach von jedermann verachtet.
Wir fuhren den 12ten October ſehr fruͤh mit ei - nem friſchen Nordwinde ab, und kamen den folgenden Tag nach Warnemuͤnde in Mecklenburg, wo die gan - ze Armee ans Land gieng, und ein Lager aufſchlug. Zwey Tage nach unſerer Abfahrt wurde der Czar von dem Daͤniſchen Monarchen praͤchtig bewirthet, und den folgenden Tag fuhr er mit der Kaiſerinn nach Hamburg ab, und nachdem er uͤber den Belt gegan - gen war, und Toͤnningen und Friedrichſtadt beſehen hatte, gieng er nach Luͤbeck und Schwerin.
Der Feldmarſchall, Graf Tſcheremetof, bekam nunmehr Befehl, mit 12000 Mann durch Pom - mern nach Pohlen zu marſchiren, 12000 Mann aber wurden auf des Herzogs eigenes Verlangen in dem Mecklenburgiſchen einquartiret, ſeine Adelichen zu peinigen und zu demuͤthigen, die am Kaiſerlichen Ho - fe, wegen Behauptung ihrer Rechte, einen Proceß mit ihm hatten. Da der Marſchall mit einem Thei - le der Armee nach Pohlen abgeſchickt wurde, ſo bekam ich auf des General Weyde Verlangen, der die Trup -pen195pen in Mecklenburg commandirte, die Ordre, wegen der Sprache als Adjutant bey ihm zu bleiben. Wir beka - men unſer Quartier in Guͤſtrow, und die Armee wurde, auf ausdruͤcklichen Befehl des Herzogs, auf die Guͤter der Adelichen gelegt, die er in ſehr ſchwere Contribu - tionen ſetzte, und ſie gaͤnzlich ruinirte. Dieſe wand - ten ſich um Abwendung ihrer Beſchwerden an den Kaiſerlichen Hof und den Reichstag, die auch alles thaten, was ihnen moͤglich war, den Czar dahin zu bringen, ſeine Truppen aus Deutſchland zu ziehen. Allein der Czar war von Schwerin nach Havelberg ge - gangen, wo er ſich zwey Tage lang mit dem Koͤnige von Preuſſen unterredete, und alsdann nach Hamburg, und von da nach Amſterdam gieng, wo er den 6ten December ankam, und auf die Ankunft der Kaiſerinn wartete, die, als ſie ſich zur Abreiſe von Weſel gefaßt gemacht hatte, den 2ten Januar 1717 von einem1717. Prinzen entbunden wurde, der aber noch an eben dem - ſelben Tage ſtarb, ſo daß ſie erſt den 10ten Februar in Amſterſtam ankam. Hierauf giengen beyde Ma - jeſtaͤten den 9ten Maͤrz nach Haag, wo ſie ſich bis den 4ten April aufhielten.
Es wurde indeſſen ein Geruͤcht verbreitet, daß die Kreistruppen des Reichs auf der Granderheyde nahe bey Hamburg eine Armee formirten, und unſere Truppen aus Mecklenburg vertreiben wollten. Hier - auf ruͤckte unſere Armee, unter dem Commando des Ge - nerallieutenants Lacy, des Generalmajors Schlippen - bach, und des Generalbrigadiers le Fort, bey Gadebuſch ins Lager. Der General Weyde lag in Guͤſtrow krank und ſchickte mich auf die Granderheyde, zu ſe - hen, wie viel Truppen daſelbſt ſtuͤnden. Als ich aberN 2dahin196dahin kam, hoͤrte und ſahe ich nichts von Truppen. Jch begab mich daher zu unſerm Reſtdenten nach Hamburg, etwas von ihm zu erfahren; aber, anſtatt etwas von Kreistruppen, die ſich wider uns zuſammen zoͤgen, zu vernehmen, wurde geſagt, daß unſre Ar - mee einen Einfall ins Churfuͤrſtenthum Hannover thun wollte. Dieſes falſche Geruͤcht ſetzte die Hanno - veraner in ein ſolches Schrecken, daß viele vermoͤgende Leute ihre Sachen nach Hamburg, und an andere ſich - re Oerter ſchafften, um ſie daſelbſt in Sicherheit zu bringen. Dieſes Geruͤcht ruͤhrte indeſſen daher, daß wir bey Gadebuſch ein Lager aufgeſchlagen hatten, und uns alſo auf beyden Seiten ohne die geringſte Urſache fuͤrchteten. Nachdem ich nach Guͤſtrow zu - ruͤck gekommen war und erzaͤhlet hatte, was vorge - gangen war, wurde ich ſogleich in unſer Lager mit dem Befehl abgeſchickt, daß unſere Armee wieder aufbre - chen und in ihre Quartiere zuruͤck gehen ſollte. Als dieſes falſche Schrecken voruͤber war, beruhigte ſich auch das Publicum in kurzem wieder; allein die armen Mecklenburgiſchen Unterthanen wurden auf Befehl ihres unbarmherzigen Herzogs von unſern Truppen taͤglich immer mehr gequaͤlet, welches denn machte, daß viele Bittſchriften von adelichen und andern Frauenzimmern an die Herzoginn kamen, mit ihrem elenden Zuſtande Mitleiden zu haben. Sie hatte auch wirklich mit ihnen Mitleiden, konnte aber den Herzog nicht bewegen, ihnen die geringſte Gnade wi - derfahren zu laſſen. Sie entſchloß ſich hierauf, ei - nen Expreſſen an den Czar abzuſchicken, fuͤr das arme Volk zu bitten, und ihm einige Beſchwerden, die ſie ſelbſt betrafen, vorzutragen. Da ſie nun keinen vonihren197ihren Bedienten ohne des Herzogs Wiſſen ſenden konn - te, ſo ſchickte ſie den Herrn Beſtuchef, ihren damali - gen Kammerherrn (nachmaligen Großkanzler von Rußland), an den General Weyde, und erſuchte ihn, einen Expreſſen in ſeinem Nahmen an den Czar zu ſenden. Hierauf ſchickte der General mich mit dem Herrn Beſtuchef nach Schwerin, ohne Vorwiſſen des Herzogs, der ſehr eiferſuͤchtig war, zu der Her - zoginn, und ihre Befehle zu empfangen. Wir gien - gen durch einen Garten hinein, und als wir in das Schloß kamen, ſo war er gerade die erſte Perſon, der wir begegneten, welches uns in einige Verwirrung ſetzte. Wir machten ihm indeſſen ein tiefes Compli - ment, und er gieng, ohne ein Wort zu ſagen oder uns zu bemerken, fort. Allein Herr Beſtuchef fuͤhrte mich nunmehr, anſtatt gerade zur Herzoginn zu gehen, wie wir Willens geweſen waren, in ſeine Zimmer, wo ich ſo lange blieb, bis es finſter ward, da ich denn zur Herzoginn gefuͤhret wurde, die mir ihre Befehle gab, mit denen ich mich noch dieſelbe Nacht bis Guͤ - ſtrow begab. Da der General indeſſen ſeine Briefe fertig gemacht hatte, ſo machte ich mich den folgen - den Tag auf den Weg nach Holland, und kam den 8ten May in Amſterdam an. Weil aber der Czar nach Paris abgereiſet war, ſo machte ich der Czarinn meine Aufwartung, die mir dem Czar zu folgen be - fahl. Als ich daher ihre Briefe bekommen hatte, reiſete ich den folgenden Tag ab, und kam den 13ten, 6 Tage nach Seiner Majeſtaͤt Ankunft, in Paris an. Die Aufnahme des Czars, und die ihm erwieſenen Ehrenbezeugungen ſind ſo bekannt, daß es verdruͤß - lich ſeyn wuͤrde, wenn ich ſie hier wiederholen wollte. N 3Jch198Jch will daher nur bemerken, daß der Herzog von Orleans (damaliger Regent von Frankreich) bey dieſer Gelegenheit das Verſprechen von ihm erhielt, daß er ſeine Truppen aus Deutſchland ziehen wollte.
Sobald ich des Czars Depeſchen nach Amſter - dam am 3ten Junii erhalten hatte, reiſete ich ab und kam den 9ten daſelbſt an. Nachdem ich daſelbſt der Czarinn Befehle erhalten hatte, ſo reiſete ich den Tag darauf wiederum nach Schwerin ab, wo ich den 16ten anlangte, und der Herzoginn die Kaiſerlichen Depeſchen in ihre eigene Haͤnde uͤbergab. Der Jn - halt deſſen, was ich uͤberbrachte, war ſo angenehm, daß ich ſehr gnaͤdig aufgenommen wurde, und ein gu - tes Geſchenk bekam. Um aber nicht verrathen zu werden, gieng ich des Nachts in geheim von Schwe - rin ab und wieder nach Guͤſtrow. Des Czars Be - fehl an den General Weyde war, daß er den Einwoh - nern dieſes Landes keine Contributionen mehr abfor - dern ſollte.
Der Herzog war mit dieſem neuen Befehle ſo unzufrieden, daß er ſich ſeiner eigenen Truppen be - diente und noch viel ſtrenger als vorher Contributio - nen von ſeinen Unterthanen forderte, welches ſeine Adelichen noͤthigte, ihr Silberzeug und Juwelen, und zuletzt ihre Equipage und Hausrath zu verkaufen, wo - durch ſie ſo ruiniret wurden, daß ſie das Land verlaſ - ſen mußten. Jhre Bauern giengen meiſtens in die Preuſſiſchen Laͤnder, wo ſie ſich nebſt ihren Weibern und Kindern, als Vaſallen oder Leibeigene, anboten. Auf einiger meiner Freunde Verlangen, und mit Bewilligung ihrer Herren, welche ſagten, daß ſie ſel - bige nun nicht mehr noͤthig haͤtten, indem ſie ſo her -unter199unter gekommen waͤren, daß ſie ihr Feld aus Mangel des Viehes und des Saamens nicht mehr bauen koͤnn - ten, nahm ich viele von dieſen armen Familien in Dienſte. Jhre Noth und ihr Elend waren nicht zu beſchreiben, welches auch viele Fuͤrſten im Reiche be - wog, daß ſie ihrentwegen den Czar ernſtlich erſuchten, ſeine Truppen weg zu ziehen, welches auch kurz dar - auf bewilliget wurde, und die Sache endigte ſich end - lich mit dem gaͤnzlichen Verderben des Herzogs, denn ſein Land wurde ſequeſtrirt, und er mußte viele Jahre in Danzig als ein Verbanneter leben.
Als wir nach Daͤnnemark abgiengen, bekam derFlucht des Czarowitz. Czarowitz ausdruͤcklichen Befehl von ſeinem Vater, ihn zu begleiten; er machte ſich aber, anſtatt zu gehor - chen, lieber davon, und verbarg ſich, ſo daß niemand etwas von ihm wußte. Es wurden daher Bothen durch ganz Europa geſchickt ihn aufzuſuchen, und er wurde endlich von dem Capitaͤn der Garde, Ro - manzof, zu Neapel entdeckt. Der Capitaͤn gab dem Grafen Tolſtoi, unſerm Geſandten in Wien, von die - ſer Entdeckung Nachricht, worauf der Graf zu ihm nach Neapel gieng, und ihn endlich beredete, nach Moskau zu gehen und ſich der Gnade ſeines Vaters zu unterwerfen. Er verſicherte ihn zugleich, daß es kein Fuͤrſt in Europa wagen wuͤrde, ſich des Czars Zorn zuzuziehen und ihn zu ſchuͤtzen.
Zu eben der Zeit hatten mir meine Freunde beyDer Capitaͤn darf die Ruf - fiſchen Dien - ſte nicht ver - laſſen. des General Gersdorfs Regimente unter der Preuſſi - ſchen Armee eine Compagnie verſchafft, wenn ich mei - nen Abſchied bey den Ruſſen bekommen koͤnnte. Da ich aber eine Compagnie bey der Artillerie unter dem General Bruce hatte, und Adjutant des GeneralsN 4Weyde200Weyde war, ſo konnte ich ihn keinesweges erhalten, und mußte alſo in Ruſſiſchen Dienſten bleiben, ob es mir gleich ſehr zuwider war; ich konnte ſie auch ohne Abſchied nicht verlaſſen, weil ich wußte, daß ich ohne denſelben keine Preuſſiſche Dienſte erhalten konnte.
Zu Ende des Junii erhielten wir vom Czar Be - fehl, aus Mecklenburg abzumarſchiren, nachdem wir neun Monate freye Quartiere daſelbſt gehabt hatten. Wir ließen auf des Herzogs Verlangen 4 Bataillons zu ſeinen Dienſten daſelbſt, und fiengen den 1ſten Ju - lii an zu marſchiren. Mit dieſen und ſeinen 4000 Mann glaubte er die Kreistruppen von ſeinem Lande abzuhalten. Unſere Armee war aber kaum abmar - ſchirt, als er Nachricht bekam, daß die Hannovera - ner auf dem Marſche waͤren und in ſein Land einfallen wollten, worauf er dem General Schwerin Befehl gab, mit ſeinen und den Ruſſiſchen Truppen den Paß zu beſetzen, durch den die Hannoveraner herein - kommen mußten; des Herzogs Truppen verſchanzten ſich alſo daſelbſt und beſetzten ihn mit vielen Kanonen. Als die Hannoveraner anruͤckten, wollten ſie mit Ge - walt durchdringen, und es erfolgte daher ein blutiges Gefecht, worinn auf beyden Seiten viele getoͤdtet und verwundet, und die Hannoveraner gezwungen wurden, ſich zuruͤck zu ziehen. Als hierauf Klagen bey dem Czar einliefen, daß ſeine Truppen den Angriff gethan haͤtten, gab er ihnen Befehl, Mecklenburg zu verlaſ - ſen und zu unſerer Armee zu ſtoßen. Des Herzogs Truppen folgten ihnen in kurzem nach; der Czar be - hielt ſie in ſeinen Dienſten, und der Herzog retirirte ſich nach Danzig.
Den201Den 13ten verſammlete ſich unſere Armee in Neu-Brandenburg, und wir marſchirten durch Stet - tin und Landsberg nach Pohlniſch-Schwerin, wo wir den 25ſten ankamen. Da wir nunmehr auf Pohlniſchem Gebiete waren, ſo blieben wir bis den 7ten Auguſt ſtehen, worauf wir uͤber Friedland nach Tuchol ruͤckten, wo wir den 1ſten September anka - men, und bis auf weitern Befehl daſelbſt bleiben mußten.
Der Czar reiſete den 21ſten Julii von Paris ab,Des Czars Ruͤckkunft von Paris. und nahm ſeinen Weg uͤber Soiſſons, Charleville, Namur, Huy und Luͤttig, beſahe alle Feſtungen, die ihm in Wege lagen, ſonderlich aber Namur, wo ihm der Gouverneur waͤhrend ſeines Aufenthalts ganz be - ſondere Hochachtung erwies. Den 28ſten kam er nach Spaa, bediente ſich des Brunnen, und gieng den 2ten Auguſt nach Amſterdam ab, in welcher Stadt die Czarinn ſeine Zuruͤckkunft mit Ungeduld erwartet hatte. Er hielt ſich einen Monat in Amſterdam auf, waͤhrend welcher Zeit er in Loo (ein dem Prinzen von Oranien gehoͤriger Pallaſt) viele geheime Conferenzen mit dem Baron Goͤrtz, Miniſter des Herzogs von Holſtein, hielt. Der Czar begab ſich hierauf den 2ten September auf die Reiſe nach Berlin, und kam den 19ten daſelbſt an, und die Czarinn drey Tage hernach, welcher die Koͤ - niginn von Preuſſen und die Margraͤfinn von Bran - denburg vor der Stadt entgegen kamen, und ſie nach Berlin fuͤhrten, wohin auch der Herzog und die Her - zoginn von Mecklenburg kamen, und ihren Beſuch bey ihnen abſtatteten.
N 5Hier202Hier hielt ſich der Czar nicht laͤnger als drey Ta - ge auf, und gieng von hier nach Danzig, wo er den 15ten September ankam, und wo der General Wey - de demſelben ſeine Aufwartung machte, um ſeine Be - fehle zu empfangen. Der Czar reiſete hierauf nach Petersburg ab, und wir giengen nach Tuchol zuruͤck, wo wir den 1ſten October ankamen. Herr Gruzins - ky, ein von dem Koͤnige von Pohlen dazu beſtimmter Commiſſar, begleitete uns durch Pohlen, bis wir auf Ruſſiſches Gebiete kamen. Wir traten den 2ten October unſern Weg an, und giengen uͤber Warſaw, Wilda (die Hauptſtadt in Lithauen) Riga und Nar - va, wie auch uͤber viel Fluͤſſe, naͤmlich zweymal uͤber die Weichſel, zweymal uͤber die Weper, und uͤber die Zaas, Memel, Wilda, Swenta, Dwina und Narva. Da wir nicht eilten, ſo blieben wir jede Woche vier Tage in guten Quartieren, und da wir Proviant genug hatten, ſo brachten wir auf dieſem Marſche ſieben Monate ſehr angenehm zu, und kamen den 19ten Februar in Petersburg an. Die Entfer - nung von Guͤſtrow, unſerm Hauptquartiere in Meck - lenburg, bis Petersburg, iſt 1959 Ruſſiſche Werſte oder 1306 Engliſche Meilen. Der Pohlniſche Commiſſar, Gruzinsky, wurde von dem Czar dafuͤr, daß er ſeine Truppen ſo gut verſorget hatte, reichlich belohnet.
Nachdem der Czar den 1ſten October, nach ei - ner Abweſenheit von 16 Monaten, in Petersburg an - gekommen war, ſo erwartete eine Menge wichtiger Angelegenheiten ſeine Zuruͤckkunft. Es liefen wider diejenigen, denen die Regierung in ſeiner Abweſenheit war anvertrauet worden, viele Klagen ein. Um diewider203wider die Partheyen angebrachten Beſchuldigungen zu unterſuchen, kam er jeden Morgen um 4 Uhr in den Senat; als er aber ſahe, daß viel Zeit zu den Pro - ceſſen erfordert werden wuͤrde, ſo ſetzte er ein außeror - dentliches Gericht nieder, welches dieſe Sachen unter - ſuchen ſollte. Wolchonsky, der Gouverneur in Ar - changel, und viele andere wurden uͤberfuͤhret und am Leben geſtraft; viele andere bekamen die Knute und wurden ins Elend verwieſen.
Es waren auf des Czars Befehl von ArchangelNoͤrdlicher Weg nach Jndien. verſchiedene Verſuche gemacht worden, einen Weg in Norden nach Oſt-Jndien zu entdecken, die aber we - gen der großen Eisſchollen, die wie Jnſeln auf dieſen Meeren herum ſchwimmen, fuͤr unmoͤglich befunden wurde. Ehe der Czar nach Deutſchland abreiſete, ſchickte er jemanden, der die Mathematik verſtand, mit Geſchenken an verſchiedene nordiſch-tartariſche Fuͤrſten, damit er entdecken ſollte, ob die See im Norden der Tartarey ſich bis nach China erſtrecke. Als dieſer zuruͤck kam, berichtete er, daß ihn viele tartariſche Fuͤrſten ſehr freundſchaftlich aufgenommen und hoͤflich behandelt, und ihm einer zu dem andern Bedeckung gegeben haͤtten, bis er in den 70ſten Grad noͤrdlicher Breite, zu einer Provinz, Jakuti genannt, am Fluſſe Lena, gekommen ſey, der im 80ſten Gra - de, nahe bey einer Jnſel, Tazata genannt, in das Eis - meer faͤllt. Dieſer Fuͤrſt wollte weder ſeine Geſchen - ke annehmen, noch ihn auf dem Fluſſe herunter gehen laſſen, ſondern drohete ihm, wenn er nicht zuruͤck gien - ge, Befehle zu geben, ihn und ſeine Leute in Stuͤcken zu zerhauen; dieſes endigte alſo ſeinen weitern Fort - gang und ſeine Entdeckungen. Er verfertigte vonden204den verſchiedenen tartariſchen Koͤnigreichen, durch die er gegangen war, eine Karte, mit einer umſtaͤndli - chen Beſchreibung der Laͤnder und Einwohner, welche viel mehr enthielt, als man von dieſen wilden Gegen - den gewußt hatte, und dieſe uͤbergab er dem Czar. Er ſagte, daß es lauter herumſchweifende Tartarn waͤren, welche in Zelten wohnten, und ihre Woh - nungen von einem Orte zum andern aufſchluͤgen, wo ſie Futter fuͤr ihr Vieh faͤnden, weil ihr ganzer Reich - thum darinn beſtehe. Doch bemerkte er eine Art von Haͤuſern oder Huͤtten an den Fluͤſſen, worinn alle - zeit ihre Chams wohnten, wie auch ein wenig Getrei - de. Da aber die nordiſchen Tartarn ſo wild bleiben, ſo wird es wohl unmoͤglich ſeyn, dieſe Gegenden voll - kommen zu entdecken.
Faſt um eben dieſe Zeit bekam der Czar eine ſehr unangenehme Nachricht von dem Ausgange des Unternehmens, welches an der oͤſtlichen Seite des Cas - piſchen Meeres gegen die Usbeckiſche Tartarey war ge - macht worden. Da der Czar erfahren hatte, daß mit dem Fluß Daria eine große Menge Goldſand herunter kaͤme, ſo ſchickte er den Fuͤrſten Alexander Beckewitz mit 3000 Mann ab, daß er an dem Aus - fluſſe dieſes Fluſſes landen, eine Feſtung daſelbſt an - legen, und alsdann im Lande weiter herauf gehen und die Berge entdecken ſolle, aus denen dieſer Goldſand kam. Der Fuͤrſt baute ohne den geringſten Wider - ſtand eine Feſtung, ob ſich gleich die Usbeckiſchen Tartarn eben daſelbſt befanden, die ihm, anſtatt zu hindern, allen nur moͤglichen Beyſtand thaten, die Truppen mit allen Arten von Proviant verſahen, und den freundſchaftlichſten Umgang mit einander hielten. Als205Als die Feſtung fertig war, wollte der Fuͤrſt auf dem Fluſſe weiter herauf gehen und die Erzgruben entde - cken; allein die Tartarn ſagten ihm, als ſie dieſes merkten, daß er den Fluß, wenn er ſeinem Lauſe zu folgen geſonnen ſey, wegen ſeiner vielen Wendungen und Kruͤmmen unfahrbar finden wuͤrde; wenn er aber bloß zu den Erzgruben wollte, ſo gebe es einen viel naͤhern Weg zu Lande, den ſie in drey Tagen zuruͤck legen koͤnnten, und daß ſie ihn denſelben fuͤhren wollten. Der Fuͤrſt, der ihrer ſcheinbaren Freundſchaft trauete, und wegen ihrer unbetraͤchtlichen Anzahl auch keine Urſache ſich zu fuͤrchten hatte, ließ einen Capitaͤn mit 200 Mann zuruͤck, der die Feſtung beſetzen und die Schiffe bewachen ſollte, und marſchirte mit ſeinen tartariſchen Fuͤhrern durch eine Wuͤſte ab. Als ſie, anſtatt drey, ſieben Tage marſchiret waren, befanden ſie ſich, wegen Mangel an Waſſer, in der aͤußerſten Verlegenheit, und kamen endlich nach vielen Be - ſchwerlichkeiten zu den Bergwerken, fanden aber vor denſelben den Cham von Usbeck mit 50000 Mann ſeiner Tartarn, der mit allem Scheine der Freund - ſchaft dem Fuͤrſten von Beckewitz allen Beyſtand, ſo viel ihm nur moͤglich ſey, anbot. Da er auch merk - te, daß der Fuͤrſt eine Feſtung daſelbſt anlegen wollte, ſo verſprach er, ſeinem Volke Befehl zu geben, Bau - materialien anzuſchaffen, und erbot ſich, die Armee, da ſie auf ihrem Marſche durch die Wuͤſte wegen Mangel am Waſſer viel ausgeſtanden haͤtte, und nun wegen des Proviants in Verlegenheit kommen koͤnnte, bey ſeinen eigenen Leuten in den Kibbits oder Zelten cantoniren zu laſſen. Der Cham begegnete dem Fuͤrſten und allen ſeinen Officieren mit ſo vieler ſchein -baren206baren Vertraulichkeit, daß ſie ſich fuͤr recht gluͤcklich hielten. Als der Fuͤrſt den Vorſchlag that, daß ſei - ne Leute bey den Tartarn cantoniren ſollten, ſo prote - ſtirten alle ſeine Officiers, nicht einen einzigen ausge - nommen, dawider, und ſagten, daß man den Tar - tarn nicht trauen muͤſſe; denn ſo lange als ſie beyſam - men blieben, haͤtten ſie, ihrer großen Menge unge - achtet, nichts von ihnen zu befuͤrchten; ſo bald ſie ſich aber trennten, wuͤrden ſie in Gefahr ſeyn, ins - geſammt von ihnen niedergemacht zu werden.
Als der Tartarcham merkte, daß ſie einiges Mißtrauen in ihn ſetzen wollten, ſo ſagte er zu dem Fuͤrſten und ſeinen Officieren, daß ſie keine Ur - ſache haͤtten, ein Mißtrauen auf ſeine Freundſchaft zu ſetzen, und daß er dieſes bloß aus Hochachtung ge - gen den Czar, ihren Herrn, thue, von dem er wiſſe, daß er in große Kriege in Europa verwickelt ſey, die er nicht ohne Gold fuͤhren koͤnne. Er gebe ihnen daher auch freywillig die Freyheit, zu nehmen, ſo viel als ihnen gefaͤllig ſey. Was ihn betreffe, ſo ſchaͤtze er weder Gold noch Silber, da es in ihrem Lande keinen Nutzen habe, denn ſie lebten ohne daſſelbe, und koͤnn - ten ſogar das Brot entbehren, folglich haͤtten ſie bey - des nicht noͤthig, weil ihr ganzer Reichthum in Heer - den von Viehe beſtehe, mit denen ſie ſich nebſt ihren Zelten begeben koͤnnten, wohin es ihnen beliebe. Da ſie auch weder Feſtungen, noch Staͤdte oder Doͤrfer haͤtten, ſo duͤrften ſie auch nicht fuͤrchten, daß ſie ih - nen wuͤrden genommen werden, weil ſie einen Tag hier und den andern an einem andern Orte wohnten. Was das Anerbieten betreffe, ihre Leute bey ſeinen Leuten einzuquartieren, ſo habe er es aus guter Mei -nung207nung gethan, um ſie bis zur Ankunft ihres Pro - viants von ihren Schiffen zu verſorgen, der nicht lange ausbleiben koͤnne, da er eine Parthie von ſeinen Leuten mit Kameelen, ihn deſto geſchwinder herbey zu ſchaffen, abgeſchickt habe.
Der General ließ ſich endlich wider den Rath ſei - ner Officiers durch die Schmeicheleyen bereden, ſeine Leute unter die Tartarn einzuquartieren. Jndem dieſes geſchahe, bewirthete der Cham den Fuͤrſten und ſeine vornehmſten Officiers in ſeinem eigenen Zelte bis ſpaͤt in die Nacht, da denn, indem ſie in der groͤßten Freude waren, ein Tartar herein trat, und ſagte, daß ſeine Befehle vollzogen waͤren. Hier - auf nahm der Cham eine grauſame Miene an, und befahl, daß alle Officiers entwaffnet und gebunden wuͤrden, welches auch ſogleich geſchahe. Hierauf ſagte er zu dem Fuͤrſten, daß ſeine Leute alle ermor - det waͤren, und daß er und ſeine Officiers, weil ſie ſich ohne Erlaubniß in ſein Gebiete zu kommen unterſtanden haͤtten, gleichfalls umgebracht werden ſollten. Die Officiers wurden dieſen Augenblick von ſeinem Angeſichte weggebracht, und dem Fuͤr - ſten Beckewitz wurde befohlen, auf ein Stuͤck ro - thes Tuch niederzuknien, welches auf die Erde aus - gebreitet war und daſelbſt ſein Schickſal zu erwar - ten. Der Fuͤrſt fieng ſtatt deſſen an, dem Cham ſeinen Betrug vorzuwerfen, und verſicherte ihn, daß es der Czar auf die empfindlichſte Art ahnden wuͤrde. Hierauf hieben ſie ihn ſo gleich mit ihren Saͤbeln in die Beine, bis er nieder fiel, da er denn unmenſchlicher Weiſe in Stuͤcken zerhauen wurde. Zu eben der Zeit uͤberfiel die nach dem Proviantenach208nach der Feſtung geſchickte Parthey die darinn be - findliche Beſatzung, machte ſie nieder, zerſtoͤrte die Feſtung und verbrannte die Schiffe, und ließ nicht die geringſte Spur uͤbrig, daß jemals etwas von dieſer Art daſelbſt geweſen ſey.
Dieſes Ungluͤck verurſachte in ganz Rußland verſchiedene Muthmaßungen und Betrachtungen, indem nicht die geringſte Nachricht weder von der Mannſchaft noch von den Schiffern eingegangen war, bis endlich geſchloſſen wurde, daß ſie alle auf dem Caspiſchen Meere umgekommen ſeyn muͤßten. Die ganze Sache wurde endlich dem Czar von einem Officier hinterbracht, der von Geburt ein Deutſcher war, in dem Treffen bey Pultawa in Schwediſchen Dienſten war gefangen worden, und mit dem Ge - neral als Capitaͤn und Adjutant auf dieſe Expedition gegangen, auch vom Anfange bis zu Ende bey die - ſem Vorfalle ein Augenzeuge geweſen war. Er war in dem allgemeinen Blutbade von ſeinem Wir - the, um ihn zu verkaufen, erhalten worden. Weil er aber keiner ſchweren Arbeit gewohnt war, ſo ward er oft von einem Herrn an den andern ver - kauft, bis er endlich an einen Armeniſchen Kauf - mann kam, der eine Correſpondenz mit Armenia - nern in Aſtracan hatte. Dieſem entdeckte er ſich, der ihm denn, nachdem er ſeines Geldes wegen, das er ihn gekoſtet hatte, Sicherheit bekommen, ſeine Freyheit gab. Von ihm erhielten wir alſo dieſe Nachricht, die vielleicht ſonſt ewig wuͤrde ver - borgen geblieben ſeyn.
Der209Der Fuͤrſt Alexander Beckewitz war der einzige Sohn des Fuͤrſten Archilla, aus Jberien und Min - grelien, der bey dem Perſiſchen Monarchen des - wegen in Ungnade fiel, weil er ihm ſeine Gemah - linn, (die Mutter dieſes Fuͤrſten) eine ſehr ſchoͤne Frau, abgeſchlagen hatte. Dieſes noͤthigte den Fuͤrſten, ſein Land zu verlaſſen und ſich unter den Schutz des Czars zu begeben. Da er nun kurz dar - auf verſtarb, ſo hinterließ er ſeinem einzigen Soh - ne, dem Fuͤrſten Alexander, den ganzen unermeß - lichen Reichthum, den er mitgebracht hatte. Die - ſer Fuͤrſt heirathete eine Prinzeſſinn aus dem Hauſe Galitzin, die die groͤßte Schoͤnheit in ganz Ruß - land war. Allein ſie ertrank ungluͤcklicher Weiſe in der Wolga, als ſie ſich zu ihrem Gemahl nach Aſtracan begeben wollte.
Als der Czar ſahe, daß die Mißbraͤuche in derNeue Ein - richtung zu Petersburg. Verwaltung ſeiner Einkuͤnfte hauptſaͤchlich von der verworrenen Methode ſeiner Dicaſterien herruͤhrte, ſo richtete er ſie nunmehr nach einem neuen Plane ein, den er, vermittelſt ſeiner eigenen Beobachtun - gen in Paris, entworfen hatte. Das erſte war der Senat; das zweyte das Collegium der auslaͤndiſchen Angelegenheiten; das dritte das Finanzcollegium; das vierte zu Handhabung der Gerechtigkeit; das fuͤnfte zur Reviſion; das ſechste zum Kriegswe - ſen; das ſiebente fuͤr die Marine; das achte fuͤr die Handlung; das neunte, Sachen anzunehmen und auszufertigen, und das zehnte fuͤr Kuͤnſte, Wiſ - ſenſchaften, Bergwerke, Gebaͤude ꝛc. Zu eben der Zeit errichtete er auch eine Seidenmanufactur inOMoskau,210Moskau, und hatte eine Menge Seidenweber in Paris angenommen. Er bekam dazu rohe Seide genug aus der Provinz Gilan, auf der ſuͤdlichen Kuͤ - ſte des Caspiſchen Meeres, die fuͤr die beſte in Per - ſien gehalten, und auf dieſem Meere nach Aſtra - can, und von da auf den Fluͤſſen Wolga und Acka nach Moskau gebracht wird.
Des Czarowitz Zuruͤckkunft nach Moskau und deſſen Ausſchließung von der Thronfolge. — Seine Mitſchuldigen. — Die Prinzeſſinn Maria iſt eben - falls darinn begriffen. — Das Verhoͤr des Cza - rowitz in Petersburg. — Sein Tod und Charak - ter. — Des Schwediſchen Feldmarſchalls Rein - ſchield Ruͤckkehr nach Schweden. — Der Alan - der Friedenstractat wird vereuert. — Des Koͤ - nigs von Schweden Tod. — Tod des Baron Goͤrtz. — Des Fiscals Angeben wider das uͤble Verhalten der Großen, und ihr Verhoͤr. — Des Fuͤrſten Gagarins unverantwortliches Betra - gen. — Noch mehrere von des Czarowitz Mit - ſchuldigen. — Der Tod des Prinzen Peter Pe - trowitz. — Prinz Peter Alexowitz wird zum Ser - geanten gemacht, lernt exerciren, und wird Faͤhn - drich. — Friedenshandlungen werden erneuert, aber vergebens. — Der Czar entſchließt ſich den Frieden zu erzwingen. — Merkwuͤrdige Landung in Schweden. — Die Brittiſche Flotte kam zu ſpaͤt. — Der Czar zerfaͤllt mit Großbritan - nien. — Die Jeſuiten werden vertrieben. — Der Czar wird in Reval krank. — Des Generals Weyde Krankheit, und des Czars Sorge fuͤr ihn. — Schwediſche Angelegenheiten. — Marſchall Wey - des Tod. — Ueble Behandlung ſeiner Familie. — Deſſen Begraͤbniß. — Der Czar verſtoͤßt Menzi - kofen. — Des Capitaͤns Bruce vergebliches Be - muͤhen die Ruſſiſchen Dienſte zu verlaſſen. — DerO 2neue212neue Koͤnig von Schweden laͤßt ſeine Thronbeſtet - gung melden. — Ein zweyter Einfall. — Die Schweden greifen unſere Flotte mit Verluſt an. — Der Czar nimmt den Herzog von Holſtein in ſei - nen. Schutz. — Kriegsgericht uͤber den Oberſt - Lieutenant Graves. — Ein ſeltner Proceß zwi - ſchen zwey Bruͤdern in Reval. — Neue Zuruͤſtun - gen wider Schweden. — Die von ihrer Seite ge - machten Vorſchlaͤge zu einer Aufhebung der Feind - ſeligkeiten werden verworfen. — Dritte Landung in Schweden, wodurch ſie genoͤthiget werden, die Praͤliminarien zu unterſchreiben, und den Frieden zu ſchließen. — Die Flotte und Armee in einem Sturme, und ein auf eine merkwuͤrdige Weiſe er - haltenes Kind. — Die Flotte kommt in Peters - burg an. — Dem Czar wird von ſeinem Senate der Titel Peter der Große ꝛc. gegeben. — Weiſe Verbeſſerung in Anſehung der Geſetze. — Dem Capitaͤn wird die Abdankung zum zweyten Mahle abgeſchlagen. — Triumphirender Einzug in Moskau. — Befehl und Eid die Thronfolge be - treffend.
Der Czar reiſete den 3ten Februar nach Moskau ab, nachdem er vernommen hatte, daß der Graf Tolſtoi mit dem Czarowitz von Neapel unter Weges ſey, welche auch den 11ten gleichfalls daſelbſt ankamen. Bey dieſer Gelegenheit wurde ein großer Rath in Moskau gehalten, weil der Czar entſchloſſen war, ſeine Gerechtigkeit auf die feyerlichſte Art an dieſem Prinzen wegen ſeines Ungehorſams auszuuͤben. Nachdem ſich der Rath verſammlet hatte, wurde derCzaro -213Czarowitz als ein Gefangener vor denſelben in den Saal gefuͤhret. Bey ſeinem Eintritte uͤbergab er dem Czar ein Schreiben, worinn er ſein Verbrechen geſtand. Der Czar fragte ihn, worinn ſein Suchen beſtehe; der Prinz bat um Gnade und daß ihm das Leben geſchenkt werden moͤchte. Der Czar ge - waͤhrte ihm dieſe Bitte, mit der Bedingung, wenn er alle ſeine Mitſchuldigen entdecken und ſeinem An - ſpruche und Rechte auf die Thronfolge ſchriftlich ent - ſagen wolle. Hierauf unterzeichnete er eine Schrift, in der er geſtand, daß er ſich zur Regierung untuͤchtig befaͤnde, und alſo allem Rechte auf die Thronfolge entſage, welches er auch hierauf eidlich beſtaͤtigte, und ſeinen Bruder Peter fuͤr den rechtmaͤßigen Erben der Krone erklaͤrte. Als dieſes geſchehen war, lei - ſteten alle Miniſter und Große, die gegenwaͤrtig wa - ren, den Eid der Treue, ſchloſſen den Prinzen Alexis von der Krone aus, erkannten den Prinzen Peter fuͤr den wahren Nachfolger derſelben, und machten ſich verbindlich, ihm mit ihrem Leben wider alle diejenigen, ſo ſich ihm widerſetzen wuͤrden, beyzuſtehen, auch un - ter keinem Vorwande dem Prinzen Alexis anzuhan - gen, oder ihm zur Wiedererhaltung beſagter Thronfol - ge behuͤlflich zu ſeyn. Eben dieſen Eid mußte auch die Armee und Flotte innerhalb und außerhalb des Landes, wie auch jeder Unterthan des Ruſſiſchen Reichs, ſchwoͤren. Deſſen ungeachtet wurde der Prinz noch gefaͤnglich verwahret, und außer den Grafen Tolſtoi, und noch einigen, die der Czar dazu ernannt hatte, nie - mand zu ihm gelaſſen.
Nachdem dieſes geſchehen war, wurden des Prin -Seine Mit - ſchuldigen. zen Mitſchuldige eingezogen, worunter ſich auch ſeineO 3Mutter,214Mutter, die vormalige Ezarinn, jetzige Aebtiſſinn im Kloſter Susdale, und ihr Liebling, der Bojar Gle - bof befanden, der nicht allein ein boͤſes Leben mit der Mutter gefuͤhret hatte, ſondern auch die vornehmſte Triebfeder der Verſchwoͤrung, zwiſchen ihr und ihrem Sohne, dem Czarowitz, geweſen war. Die Briefe, die ſie an einander geſchrieben hatten, wurden bekannt gemacht, und waren nicht allein verraͤtheriſch, ſondern auch ſchaͤndlich. Nebſt dieſen wurden auch der Bojar Abraham Lapuchin, der verſtorbenen Czarinn Bru - der, und Oheim des Prinzen, Alexander Kikin, er - ſter Commiſſar bey der Admiralitaͤt, vor dieſem ein großer Liebling des Czars, der Biſchof von Roſtof und Puſtinoi, der vorigen Czarinn Beichtvater und Schatzmeiſter, verhoͤrt und zum Tode verurtheilt. Glebof wurde lebendig geſpießt, und die andern vier lebendig geraͤdert. Hierzu wurde vor dem Schloß - thore ein hohes Viereck erbauet; der geſpießte Koͤrper Glebofs wurde in der Mitte und die Koͤpfe der vier andern an den Ecken auf vier hohen Pfaͤhlen aufge - ſteckt. Es wurden auch zu eben der Zeit viele ande - re hingerichtet, worunter ſich auch 50 Prieſter und Moͤnche befanden, die die letzten Geſellſchafter des Czarowitz geweſen waren, und ihn zu allen Arten der Schwelgerey verfuͤhret hatten, denen die Koͤpfe auf einem Blocke, welches ein dazu gemachter Baum war, daß ſie alle zugleich Platz hatten, abgehauen wurden.
Die Prinzeſſinn Maria, eine Halbſchweſter des Czars, war ebenfalls mit in dieſer Verſchwoͤrung ver - wickelt; ſie ward nachmals in ein nahe an der Lado - gaſee gelegenes Kloſter eingeſperrt; die vorige CzarinnOttakeſa215Ottakeſa Lupochin aber wurde in die Feſtung Schluͤſ - ſelburg, die auf einer Jnſel in dieſem See ſtehet, ein - geſchloſſen. Alle Bedienten des Czarowitz und ſeine Maitreſſe Euphroſina, wurden eingezogen, wie auch der Fuͤrſt Waſilia Dolgoruky, Generallieutenant und Oberſter bey der Garde, Ritter des Elephanten-Or - dens, und Generaldirector der zur Unterſuchung des Finanzenzuſtandes des Czars niedergeſetzten Commiſ - ſion, in welchem Poſten er ſich ſehr ſtolz gegen den Fuͤrſten Menzikof, den Admiral Apraxin und ver - ſchiedene andere bezeiget hatte. Er wurde auf Zeit - lebens nach Caſan in das Elend geſchickt. Der Si - beriſche Czarowitz und die Senatoren Woinof, Wo - rof, und Johann Kikin, der Bruder Alexander Ki - kins, wurden ebenfalls in das Elend geſchickt; aber die Senatoren Graf Peter Apraxin, des Admirals Bruder, und der Graf Samarin wurden frey ge - ſprochen. Einer von des Czars Pagen und viele Nonnen wurden hart am Leibe gezuͤchtiget, und mit den meiſten von des Czarowitz Bedienten in das Elend geſchickt; Euphroſina aber bewies, daß der Prinz auf ihre Ueberredung zuruͤck gekommen, und daß ſie, nachdem ſie zum erſten Mahle niedergekom - men, die Ruſſiſche Religion angenommen, und wirk - lich auf ihrer Reiſe mit dem Prinzen von einem grie - chiſchen Prieſter copuliret worden, welcher in Leipzig eingezogen und als ein Gefangener nach Moskau ge - bracht ward; ſie wurde alſo nicht allein wieder in Freyheit geſetzt, und erhielt viele von des Czarowitz Juwelen zuruͤck, ſondern bekam auch aus der Schatz - kammer ein betraͤchtliches Vermoͤgen zu ihrem Unter - halte. Sie konnte nachmals nie wieder zur HeirathO 4beweget216beweget werden; ſie war von niedrigem Herkommen und eine Gefangene aus Finland.
Als dieſe große Unterſuchung in Moskau zu En - de war, reiſete der Czar von da wieder ab, und kam den 4ten April in Petersburg an. Der Czarowitz langte zwey Tage ſpaͤter an, und wurde in die Feſtung geſetzet. Kaum war der Czar angekommen, ſo gieng er auf das Schiffwerft, und befahl, daß die fertigen Kriegsſchiffe von Stapel gelaſſen und ſeine Flotte in aller Eil ausgeruͤſtet werden ſollte, Großbritannien und Holland zuvor zu kommen, welche den Koͤnig von Schweden zu einem beſondern Frieden mit der erſtern Macht zwingen wollten.
Gegen das Ende des Mayes wurde die erſte Conferenz auf der Jnſel Aland gehalten, wohin ſie auf Verlangen des Baron Goͤrtz war verlegt worden, weil ſie Stockholm naͤher und daher zu dem Geſchaͤfte bequemer ſey. Die Gevollmaͤchtigten des Czars bey dieſem Congreſſe waren, der Graf Bruce, General - Feldzeugmeiſter, und der Baron Oſtermann, gehei - mer Rath, und von dem Koͤnige in Schweden, der Baron Goͤrtz und der Graf Gyllenborg. Von den fremden Miniſtern wurde keiner zu dieſen Conferenzen gelaſſen, außer der Baron Mardefelt, Envoye des Koͤnigs von Preuſſen.
Wegen der großen Menge der Hinrichtungen und Beſtrafungen, nach der in Moskau gehaltenen Jnquiſition, glaubte jedermann, daß die Sache nun - mehr zu Ende ſey. Allein es erhellete aus den Ent - deckungen, die noch taͤglich gemacht wurden, daß der Prinz in Entdeckung ſeiner Mitſchuldigen nicht auf - richtig geweſen war. Da nun die Mitſchuldigen ſozahlreich217zahlreich und das Complot ſo tief gegruͤndet war, ſo fand der Czar fuͤr unumgaͤnglich nothwendig, den Prinzen vor ein foͤrmliches Verhoͤr zu ziehen. Jn die - ſer Abſicht berief er den ganzen Adel und die Geiſtlich - keit, die vornehmſten Officiers von der Armee und der Flotte, die Gouverneurs in den Provinzen, und noch viele andere von verſchiedenen Range und Staͤnden zu - ſammen, ſich in dem Senathauſe zu verſammeln, und dem Verhoͤre des Prinzen beyzuwohnen. Das Ver - hoͤr wurde den 25ſten Junii angefangen, (die Um - ſtaͤnde davon ſind von andern ſo umſtaͤndlich erzaͤhlet worden, daß ich die Wiederholung derſelben fuͤr un - noͤthig gehalten habe,) und dauerte bis den 6ten Ju - lii, da dieſes hohe Gerichte dem Prinzen einſtimmig das Leben abſprach, die Art des Todes aber Seiner Majeſtaͤt Ausſpruche uͤberließ. Der Prinz wurde dem zu Folge vor das Gericht gefuͤhret, ihm ſein Ur - theil vorgeleſen, und er wiederum zuruͤck in ſein Ge - faͤngniß in der Feſtung gebracht.
Den folgenden Tag begab ſich der Czar, in Be -Sein Tod und Charak - ter. gleitung der Senatoren und Biſchoͤfe, in die Feſtung und in die Zimmer, worinn der Czarowitz gefangen ſaß. Kurz hierauf kam der Marſchall Weyde her - aus, und befahl mir, zu dem Herrn Bear, dem Apo - theker, zu gehen, deſſen Gewoͤlbe nahe dabey war, und ihm zu ſagen, daß er den Trank, den er beſtellt habe, ſehr ſtark machen ſolle, weil der Prinz ſehr krank ſey. Als ich dem Herrn Bear dieſe Nachricht uͤberbrachte, wurde er ganz blaß, fieng an zu zittern und zu beben, und ſchien in der groͤßten Verlegenheit zu ſeyn, woruͤber ich mich ſo ſehr verwunderte, daß ich ihn fragte, was ihm fehle; er konnte mir aberO 5nicht218nicht antworten. Jndeſſen trat der Marſchall ſelbſt herein, faſt in eben dem Zuſtande, wie der Apothe - ker, und ſagte, daß er mehr haͤtte eilen ſollen, da der Prinz an einem Anfalle vom Schlage ſehr krank ſey. Der Apotheker uͤbergab ihm hierauf einen ſilbernen Becher mit einem Deckel, den der Marſchall ſelbſt in des Prinzen Zimmer trug, und den ganzen Weg wie ein Betrunkener taumelte. Eine halbe Stunde her - nach begab ſich der Czar nebſt allen ſeinen Begleitern mit ſehr traurigen Angeſichtern weg, worauf der Marſchall mir befahl, in des Prinzen Zimmer zu bleiben, und, im Fall eine Veraͤnderung vorfallen ſoll - te, ihm ſogleich Nachricht davon zu geben. Es be - fanden ſich zwey Aerzte, zwey Wundaͤrzte, und der wachthabende Officier daſelbſt, mit welchen ich das Mittagsmahl aß, welches fuͤr den Prinzen war berei - tet worden. Die Aerzte wurden ſogleich herein be - rufen, auf den Prinzen Acht zu haben, der aus einer Convuſion in die andere fiel, und nach einem heftigen Todeskampfe des Nachmittags um 5 Uhr verſchied. Jch gieng ſo gleich, den Marſchall davon zu benach - richtigen, der ſolches in dem Augenblicke dem Czar hinterbrachte. Dieſer befahl, daß das Eingeweide aus deſſen Koͤrper genommen werden ſollte; worauf er in einen mit ſchwarzem Sammet uͤberzogenen Sarg gelegt, und uͤber denſelben ein reiches mit Gol - de geſticktes Leichentuch gedeckt wurde. Alsdann wurde er aus der Feſtung in die heilige Dreyfaltig - keits-Kirche getragen, wo er bis den 11ten auf ei - nem Paradebette lag, und alsdann des Abends wie - der in die Feſtung gebracht, und in das Kaiſerliche Begraͤbniß neben den Sarg ſeiner verſtorbenen Ge -mahlinn219mahlinn beygeſetzet wurde; bey welcher Gelegenheit der Czar und die Czarinn, wie auch die vornehmſten Adelichen in Proceſſion mitgiengen. Die von die - ſem Tode verbreiteten Nachrichten waren ſehr verſchie - den. Es wurde oͤffentlich bekannt gemacht, daß ihm, als er ſein Todesurtheil ſprechen hoͤrte, die Furcht da - vor einen Schlagfluß verurſachet habe, woran er ge - ſtorben ſey. Allein es glaubten es nur ſehr wenige, daß er eines natuͤrlichen Todes geſtorben ſey; indeſſen war es gefaͤhrlich, zu ſagen, was man dachte. Dem Kaiſerlichen und dem Hollaͤndiſchen Geſandten ward der Hof verboten, weil ſie bey dieſer Gelegenheit zu frey geredet hatten, und wurden, weil man ſich uͤber ſie beſchweret hatte, beyde zuruͤck berufen.
Auf dieſe Art ſtarb der fuͤr dieſe große Monar - chie beſtimmte Erbe, und wurde ſehr wenig von Per - ſonen von Stande bedauert, weil er ihren Umgang und Bekanntſchaft beſtaͤndig vermieden hatte. Man ſagte, daß der Czar uͤberaus große Muͤhe auf die Erziehung dieſes Prinzen gewendet habe, die aber ins - geſammt vergebens war, weil er von Natur traͤge und ungeſittet war, und mit der niedrigſten Geſellſchaft umgieng, mit der er allen Arten von Laſtern und Schwelgerey nachhieng. Um dieſes zu verhindern, ſchickte ihn ſein Vater auf Reiſen, auslaͤndiſche Hoͤfe zu beſuchen, und glaubte, ihn dadurch zu beſſern; aber auch dieſes war ohne Nutzen. Hierauf befahl er ihm, ihn auf ſeinen Reiſen zu begleiten, um ſelbſt ein wach - ſames Auge auf ihn zu haben; aber dieſem entgieng der Prinz dadurch, daß er beſtaͤndig vorgab, er ſey krank, welches auch wohl ſeyn konnte, weil er die meiſte Zeit betrunken war. Zuletzt glaubte derCzar220Czar ihn dadurch zu beſſern, daß er ihn an eine aus - laͤndiſche Prinzeſſinn verheirathete; was dieſes aber fuͤr eine Wirkung gethan hat, iſt bereits gemeldet worden. Nach dem Tode ſeiner liebenswuͤrdigen Ge - mahlinn befahl der Czar demſelben, ihn auf ſeiner Reife nach Deutſchland zu begleiten; allein als er, unter dem Vorwande, ſich nach Mecklenburg zu ihm zu begeben, auf der Reiſe war, machte er ſich in ge - heim auf die Flucht, und begab ſich zu ſeinem Schwa - ger, dem Roͤmiſchen Kaiſer, den er zu einem Kriege wider ſeinen Vater aufzuwiegeln ſuchte.
Aus ſeinem Verhoͤr erfuhr man, daß er gedro - het hatte, wenn er auf den Thron kommen wuͤrde, al - les, was ſein Vater gethan, uͤber den Haufen zu ſtoſ - ſen, ſich an dem Fuͤrſten Menzikof und ſeiner Schwaͤ - gerinn, wie auch an dem Großkanzler, dem Grafen Golofkin, und deſſen Sohne zu raͤchen, und ſie le - bendig ſpießen zu laſſen, weil ſie ihn uͤberredet haͤtten, die Prinzeſſinn von Wolfenbuͤttel zu heirathen; daß er alle Lieblinge ſeines Vaters ins Elend jagen, und alle Auslaͤnder aus ſeinem Lande vertreiben wollte; daß er ſeine Mutter aus dem Gefaͤngniſſe laſſen, und die Dame Catharina und ihre Kinder an ihre Stelle ſetzen wollte; hierauf wollte er ſeinen Hof aus ſolchen Perſonen erwaͤhlen, denen die alten Gebraͤuche und Lebensarten Rußlands am meiſten am Herzen laͤgen, denn er haßte alle Neuerungen. Nichts ruͤhrte den Czar empfindlicher, als die Drohung, alles umzuſtoſ - ſen, was er ſo viele Jahre mit ſo vieler Gefahr und ſaurer Arbeit, ohne dabey ſeine eigene Perſon zu ſcho - nen, fuͤr die Wohlfahrt und den Ruhm ſeines Landes gethan hatte. Dieſes erbitterte ihn ſo, daß er auchmit221mit vieler Heftigkeit ſagte, er wolle ſeine Laͤnder lieber einem wuͤrdigen Auslaͤnder, als einem ſo unwuͤrdigen Sohne geben. Zu der Zeit, als er dieſes ſagte, hat - te er keinen andern Sohn als den Czarowitz, welches alſo deutlich bewies, daß ihm das Wohl ſeines Lan - des mehr als die Thronfolge ſeiner Familie am Her - zen lag.
Der Schwediſche Feldmarſchall, Graf Rein -Der Schwe - diſche Gene - ral Rein - ſchield gehet zuruͤck. ſchield, der ſeit dem Treffen bey Pultawa als Gefan - gener in Caſan geweſen war, kam jetzt nebſt 20 Offi - cieren in Petersburg an, um gegen zwey Ruſſiſche Geuerale, den Knes Trubetzkoi und den Grafen Gol - lowin, die beyde, ſeit der Bataille bey Narva, als Gefangene in Stockholm geweſen waren, ausgewech - ſelt zu werden. Der Graf Reinſchield wurde ſehr gnaͤdig von dem Czar aufgenommen, und er empfahl ihn dem Feldmarſchall Weyde zu ganz beſonderer Sorgfalt. Er war taͤglich bey einem oder dem an - dern von den Großen zu Gaſte, wobey ſich der Czar jederzeit gleichfalls befand, und bey dieſen Gelegenhei - ten gieng er ſehr vetraut mit dem Grafen um, und ſagte einmal zu ihm, daß er nichts ſo ſehr wuͤnſche, als mit ſeinem Bruder, dem Koͤnige Carl, perſoͤnlich bekannt zu ſeyn, welches, wie er hoffe, in kurzem ge - ſchehen wuͤrde, wenn ſie zu ihrem beiderſeitigen Ver - gnuͤgen einen dauerhaften Frieden wuͤrden geſchloſſen haben. Er hoffe in kurzem eine perſoͤnliche Zuſam - menkunft mit demſelben zu haben, wo ſie Sachen mit einander verabreden wollten, wobey nicht viel Zeugen zugegen ſeyn ſollten. Da der Graf Reinſchield viel laͤnger, als er vermuthet hatte, aufgehalten ward, ſo befuͤrchtete er, der Koͤnig, ſein Herr, moͤchte nicht indie222die Auswechſelung willigen, welches ihn ſo unru - hig machte, daß er ſich deswegen bey unſerm Mar - ſchall beklagte, der ihn aber verſicherte, daß, wenn der Koͤnig in Schweden dieſe Auswechſelung ausſchla - gen ſollte, er nicht laͤnger aufgehalten werden ſollte, ſondern der Czar ihn auf ſeine Parole fortlaſſen wuͤr - de. Jch wurde aber wenig Tage nachher um Mit - ternacht mit der angenehmen Nachricht zu ihm ge - ſchickt, daß er den Morgen nach Stockholm abfah - ren ſollte, indem eine Jacht bereit laͤge, die ihn und ſeine Officiers an Bord nehmen ſollte. Der Mar - ſchall ſchlief, als ich zu ihm kam, ich meldete aber die angenehme Nachricht ſeinen Officieren, die ſie ſo freudig aufnahmen, daß ſie den Grafen durch ihr Laͤr - men aufweckten. Als er fragte, was es gaͤbe, trat ich vor ſein Bette, und richtete das mir aufgetragene aus, welches ihn auf eine ſo angenehme Art uͤber - raſchte, daß er aufſtand, mich umarmte, und ſagte, daß er, wenn ich jemals nach Schweden kommen ſollte, mir die uͤberbrachte angenehme Nachricht ver - gelten wollte, indem er jetzt nichts habe, womit er mich gehoͤrig belohnen koͤnnte. Jch blieb bey ihm, bis der Tag anbrach, und begleitete ihn alsdann auf die Jacht. Gegen 11 Uhr kam der Czar von dem Marſchall Weyde begleitet, um Abſchied von dem Grafen zu nehmen, gab ihm ſeinen eigenen Degen von der Seite, der mit Diamanten beſetzt war, und wuͤnſchte ihm eine gluͤckliche Reiſe nach Stockholm.
Nachdem der Baron Goͤrtz von dem Koͤnige von Schweden mit deſſen letzten Entſchließungen zuruͤck gekommen war, ſo wurde die Conferenz zwiſchen un - ſern und den Schwediſchen Miniſtern in Aland fort -geſetzet.223geſetzet. Der Czar gieng im Monat Auguſt mit ſei - ner Flotte von Cronſ lot nach Reval, und von da nach Abo, um dem Orte, wo die Conferenzen gehalten wur - den, nahe zu ſeyn. Man verglich ſich, daß der Czar dem Koͤnige von Schweden Finland und einen Theil von Carelia abtreten, und an deſſen Stelle Wiburg, einen Theil von Carelia, ganz Jngermann - land, Eſtland und Liefland bekommen, dagegen aber den Schweden zur Wiedereroberung von Pommern, Bremen und Verden behuͤlflich ſeyn, wie auch den Herzog von Holſtein wieder in ſein Herzogthum ein - ſetzen, und den Herzog von Mecklenburg uͤberreden ſollte, ſein Herzogthum den Schweden auf immer zu uͤberlaſſen, wofuͤr er anderswo ein Aequivalent erhal - ten ſollte (man glaubte, daß es auf Curland abgeſe - hen geweſen). Zugleich ſollte der Czar den Stanis - laus, nach dem in Alt-Ranſtadt mit dem Koͤnige Auguſtus gemachten Vergleiche, wieder auf den Pohlniſchen Thron ſetzen; und wenn ſich Großbri - tannien in die Zuruͤcknahme von Bremen und Verden mengen ſollte, ſo wollten ſie alsdann mit vereinigter Macht und Flotten mit dem Praͤtendenten eine Lan - dung thun, und dieſen auf den Thron ſetzen.
Hierauf wurde beſchloſſen, daß der Baron Goͤrtz noch einmal mit dieſen Vorſchlaͤgen zu dem Koͤnige von Schweden zuruͤck gehen ſollte. Dieſer reiſete auch zu Ende des Septembers in der voͤlligen Hoff - nung ab, den Koͤnig dahin zu bewegen, ſie anzuneh - men. Jndeſſen geſchahe nichts, den Koͤnig von Schweden in ſeiner Unternehmung wider Norwegen zu hindern, indem der Czar mit ſeiner Flotte nach Cronſlot gieng, und den 15ten September in Pe -tersburg224tersburg anlangte, wo er die Czarinn von einer Prin - zeſſinn, der er den Nahmen Natalia gab, entbunden fand. Der Czar befahl, daß die Flotte in Cronſlot abgetakelt werden ſollte, ſo daß jedermann den Frie -Tod des Koͤ - nigs von Schweden. den mit Schweden fuͤr nahe anſahe. Dieſe Hoff - nung verſchwand aber nach dem Tode des Koͤnigs von Schweden gar bald, der in der Nacht zwiſchen dem 29ſten und 30ſten November erfolgte, als ihm vor Friedrichshall in Norwegen eine Kugel durch den Kopf geſchoſſen ward, wovon jedermann glaubte, daß es von einem ſeiner eigenen Leute geſchehen ſey. Der General-Feldmarſchall Reinſchield, der damals in den Trancheen war, und dem Koͤnige ſeine Aufwartung machen wollte, fand ihn auf einem Ab - ſatze kniend mit dem Kopfe auf der Bruſtwehr nach einer Seite geneigt liegen; der Marſchall glaubte er ſchliefe, und bemuͤhte ſich, ihn aufzuwecken, fand aber, daß er todt und kalt war.
Der Baron Goͤrtz wurde hierauf, als er ſich zu dem Koͤnige begeben wollte, in Verhaft genommen, kurz darauf enthauptet und ſein Koͤrper unter den Gal - gen begraben. Es wurden auch verſchiedene andere Perſonen, die mit Goͤrtzen Umgang hatten, eingezo - gen, wie denn auch ein Officier nach Aland geſchickt wurde, den Secretair Stamble in Verhaft zu neh - men und ſich aller ſeiner Schriften zu bemaͤchtigen. Durch dieſen erfuhren wir, daß der Koͤnig von Schwe - den todt, und ſeine Schweſter, die Prinzeſſinn Ulrica, zur Koͤniginn erklaͤret worden. Der Secretair Stamble gieng nach Petersburg, wo er unter des Czars Schutze blieb, und hernach in Ruſſiſche Dien - ſte trat. Dieſe ploͤtzliche Veraͤnderung ſtieß alle zumFrieden225Frieden gethane Vorſchlaͤge wieder uͤber den Haufen, der damals, wie es ſchien, eben unterſchrieben wer - den ſollte.
Bey der Zuruͤckkunft des Czars gab der General -Proceß wi - der viele Große. Fiscal viele Große bey der Regierung an, daß ſie die Unterthanen druͤckten und den Czar um große Sum - men betroͤgen. Der Czar ſetzte ſogleich ein Gericht nieder, dieſe Sachen zu unterſuchen, ernannte den Marſchall Weyde zum Praͤſidenten deſſelben, und ſagte, daß er der einzige Mann ſey, den er noch in keiner Sache falſch befunden habe. Zu Beyſitzern gab er ihm die Generallieutenants Butterlin und Schlippenbach, die Generalmajors Galitzin und Ja - guſinsky, wie auch die Generalbrigadiers Wolkof und Mamonof. Dieſes Gericht ſollte das uͤble Ver - halten derjenigen Perſonen unterſuchen, die der Gene - ral-Fiscal anzeigen wuͤrde, und diejenigen, die ſie ſchuldig befinden wuͤrden, verurtheilen, ſo wie es die Beſchaffenheit ihres Verbrechens erfordern wuͤrde, ohne Ruͤckſicht auf die Perſonen zu haben. Der er - ſte, der vor dieſes Gericht gefordert wurde, war der Fuͤrſt Menzikof, welcher der wider ihn ange - brachten Klage ſchuldig erkannt wurde, und, nach - dem er ſich dem Ausſpruche dieſes Gerichts unterwor - fen hatte, ſeinen Degen uͤbergab, und in ſein Haus gieng, wo er ſo lange im Arreſte bleiben ſollte, bis man des Kaiſers Willen erfahren wuͤrde. Die fol - genden waren der Großadmiral Apraxin und ſein Bru - der, ein Senator und Gouverneur in Aſtrakan, wie auch Generaldirector der Salzwerke. Nachdem ſie alle drey waren ſchuldig befunden worden, wurde ihnen das Urtheil geſprochen, daß ſie ihre Aemter verlieren,Pihre226ihre Guͤter zu Seiner Majeſtaͤt Gebrauche confiscire und ſie in das Elend geſchicket werden ſollten. Sie wurden alſo abgeſetzt und ihr Proceß durch den Druck bekannt gemacht. Hierauf wurde der Fuͤrſt Dolgo - ruky, der Generalzahlmeiſter, vorgefodert, der aber ſeine Sache ſo gut vertheidigte, daß er fuͤr unſchuldig erkannt wurde. Es wurden noch verſchiedene andere verhoͤrt und ſchuldig befunden; allein als jedermann glaubte, daß ihr Urtheil vollzogen werden wuͤrde, ſo nahm der Czar ſie wegen ihrer vorigen Verdienſte und treuen Dienſte wieder zu Gnaden an, nachdem ſie vorher große Summen in die Schatzkammer be - zahlet hatten.
Hierauf wurde der Fuͤrſt Gagarin, Gouverneur in Siberien, von dem General-Fiscal angegeben und beſchuldiget, daß er mit Haufen von Tartarn, die er dazu gehalten, die Kaiſerliche Caravane aus China uͤberfallen und gepluͤndert habe, wobey viele Perſonen von dem Detaſchement, welches beſagter Fuͤrſt abge - ſchickt gehabt, die Caravane zu decken, getoͤdtet wor - den, ſo daß das Verbrechen nicht allein in der Pluͤn - derung Seiner Majeſtaͤt Caravane, ſondern auch dar - inn beſtehe, daß ſo viele von ſeinen unſchuldigen Un - terthanen ihr Leben verloren hatten, durch welche un - gerechte und boshafte Mittel er unendlichen Reich - thum zuſammen gebracht habe. Die Beweiſe gegen ihn waren ſo offenbar, daß das Gericht ihn in die Fe - ſtung ins Gefaͤngniß bringen ließ, bis man wiſſen werde, was der Czar ferner uͤber ihn beſchließen wuͤr - de. Nachdem er war eingezogen worden, begab ſich der Czar ſelbſt in die Feſtung, verhoͤrte ihn und ſagte, daß, wenn er freywillig geſtehen wolle, in wie weit erder227der beſchuldigten Verbrechen ſchuldig ſey, er ihm auf ſein Kaiſerliches Wort vergeben wolle. Hierauf ge - ſtand der Fuͤrſt, daß er aller wider ihn angebrachten Verbrechen ſchuldig ſey, und uͤbergab dieſes Bekennt - niß ſchriftlich mit ſeinem Nahmen unterzeichnet. Der Senat erhielt nunmehr Befehl, ſich den folgen - den Tag zu verſammeln; des Fuͤrſten Gagarins Be - kenntniß ward vorgeleget und vor dem Senate verle - ſen, worauf der Czar ſagte, daß er dem Fuͤrſten, weil er dieſes Geſtaͤndniß gethan, voͤllig vergeben ha - be; und daß er ſie in der Abſicht zuſammen kommen laſſen, ihnen zu zeigen, daß er mehr zur Gelindigkeit als zur Strenge geneigt ſey, weil er dadurch diejeni - gen, die bisher in ihrer Pflicht nachlaͤßig geweſen, zu beſſern glaube. Nachdem der Fuͤrſt hierauf aus der Feſtung vor den Senat war gebracht, und ihm ſein ſchriftliches und von ihm ſelbſt unterſchriebenes Be - kenntniß oͤffentlich vorgeleſen, und er gefraget worden, ob er eben dieſes vor dem Senate eingeſtehe, ſo ſagte er, daß er in Anſehung des ihn beſchuldigten Ver - brechens unſchuldig ſey; allein der Czar habe ihn er - ſchreckt und gezwungen, ſein Geſtaͤndniß wider ſeinen Willen ſchriftlich aufzuſetzen und zu unterſchreiben. Dieſe Erklaͤrung ſetzte den Czar in ſolches Erſtaunen, daß er einige Augenblicke ſtille ſchwieg, und alle Se - natores waren faſt außer ſich. Endlich ſagte der Czar, obgleich der Fuͤrſt ihn ſo offenbar einer Un - wahrheit beſchuldige, und ſo ſehr auf ſeiner Unſchuld beſtehe, ſo ſolle ihm doch die Vertheidigung ſeines Le - bens erlaubt ſeyn. Hierauf befahl er, daß die Zeu - gen wider ihn erſcheinen ſollten, an deren Spitze ſein eigener Secretair war, welcher unleugbare ThatſachenP 2wider228wider ihn bewies. Der Fuͤrſt, der bisher nicht wußte, daß ſein Secretair ſein Angeber ſey, wurde ſo beſtuͤrzt, daß er auf die Knie niederfiel, und ſagte, daß er ein verſtockter Suͤnder geweſen, und keine Gnade verdiene.
Dieſes unverantwortliche Bezeigen des Fuͤrſten Gagarin, nachdem er voͤllig Pardon erhalten hatte, ſetz - te jedermann in großes Erſtaunen; einige hielten ihn fuͤr unſinnig, andere glaubten, daß er ſich geſchaͤmet, vor der ganzen Welt ſo oͤffentlich zu bekennen, daß er ſo ſchreckliche Verbrechen begangen habe, indem er beſtaͤndig fuͤr einen frommen und tugendhaften Mann war gehalten worden. Er war in einem hohen Gra - de mildthaͤtig, und die Gefangenen in Siberien ver - loren einen ſehr warmen Freund an ihm, beſonders aber die Schwediſchen Officiers, die ſeine Freygebig - keit gegen ſie nicht genugſam erheben konnten. Bey ſeiner Ankunft in Petersburg war er mit ſeinen Ge - ſchenken ſehr verſchwenderiſch, beſonders gegen die Czarinn, der er einige nicht nur ſeltene ſondern auch koſtbare Gefchenke machte, wie er es denn auch dem maͤchtigen Vorſpruche dieſer Dame zu danken hatte, daß er Pardon erhielt. Nachdem er aber den Czar ſo oͤffentlich im vollen Senate beſchimpfet hatte, un - terſtand ſich niemand mehr, ein einziges Wort fuͤr ihn zu reden. Der Czar, der im hoͤchſten Grade wider den Fuͤrſten aufgebracht war, befahl daher, daß, nach dem Beyſpiele Hamans, ein 50 Ellen hoher Galgen vor dem Senathauſe aufgerichtet wer - den, und er in Gegenwart aller Senatoren, unter welchen er mit den meiſten verwandt oder auf andere Art verbunden war, daran gehaͤnget werden ſollte. Sein229Sein Urtheil war, ſo lange zu haͤngen, bis er ſtuͤck - weiſe herunter fallen wuͤrde; um aber jemanden da - hin zu bewegen, ihn eher abzuſchneiden, ſteckte der Fuͤrſt zwey Beutel mit Gelde in ſeine beyden Hoſen - taſchen zu ſich. Allein dieſes ward dadurch ver - eitelt, daß jede Nacht eine ſtarke Wache dahin geſtellt wurde, die ſeinen Koͤrper bewachen mußte, daß er alſo wirklich ſo lange hieng, bis das Geld mit ſeinen Gliedern herab fiel. Dieſes Geld theilten die Sol - daten unter einander, und der Galgen ward endlich mit dem Uebrigen ſeines Koͤrpers weggeſchafft.
Um dieſe Zeit wurden noch verſchiedene von des ver -Noch mehr Mitſchuldige des Czaro - witz. ſtorbenen Czarowitz Bedienten am Leben geſtraft, als z. B. ſein Beichtvater Puſtinoi, Aßonaſief, ſein Be - reiter, Woinof, ſein Haushofmeiſter, Dubrofsky, ei - ner von ſeinen Kammerherren, und vier andere von ſeinen Bedienten. Die vier erſtern wurden gekoͤpft und auf Raͤder geflochten, die uͤbrigen bekamen die Knute.
Am 15ten Januar 1719 kam Herr Jefferies,1719. Friedens - handlungen. der Engliſche Reſident am Schwediſchen Hofe, von Stockholm nach Petersburg; aber anſtatt, wie[man]vermuthet hatte, Vorſchlaͤge zu einem Vergleiche zu bringen, ſagte er, daß er dieſelben von dem Ruſſi - ſchen Hofe zu empfangen gekommen ſey. Zu An - fange des Februars ward der Baron Oſtermann von Aland nach Petersburg geſchickt, neue Jnſtructionen zu holen, und die Conferenzen wurden indeſſen von den Grafen Bruce und Guͤllenberg fortgeſetzet. Al - lein der Baron Oſtermann wurde zu Anfange des Aprils nach Schweden geſchickt, die Erklaͤrung zu thun, daß, wenn der Hof innerhalb zwey MonatenP 3die230die vor dieſem eingegangenen Bedingungen nicht an - naͤhme, derſelbe einen Beſuch von 40000 Gevoll - maͤchtigten zu erwarten habe, die ihn mit dem Schwerte in der Hand dazu zwingen wuͤrden.
Den 6ten May ſtarb der Prinz Peter Petrowitz, des Czars einziger Sohn, in vierten Jahre ſeines Al - ters, zu großem Leidweſen ſeines Vaters. Er lag ei - nige Tage auf dem Paradebette, und wurde alsdann mit vieler Pracht in die Kirche der Feſtung gebracht, und in das Kaiſerliche Begraͤbniß beygeſetzet.
Hierauf wurde der Großherzog, Peter Petrowitz, ein Sohn des verſtorbenen Czarowitz und des Czars Enkel, aus der Aufſicht ſeiner Hofmeiſterinn (die ſeine Mutter erzogen hatte) genommen, zum Ser - geanten bey der Garde gemacht, und ihm Lehrer ge - geben, die ihn in allen Arten der Wiſſenſchaften un - terrichten ſollten. Jch bekam Befehl, taͤglich zwey Stunden bey ihm zu ſeyn, und ihn in dem Kriegsweſen, der Artillerie und der Fortification zu unterrichten. Es zog taͤglich ein Corporal mit 24 Mann und einem Tambour als ſeine Wache auf; der Prinz exercirte dieſe Leute jeden Morgen ſelbſt, hatte ſeine Hellebarde n der Hand und fand großes Vergnuͤgen daran. Nach dem Exerciren feuerte er jederzeit drey meßin - gene einpfuͤndige Kanonen ab, die zu ſeinem Vergnuͤ - gen vor ſeiner Thuͤre ſtanden. Der Czar kam oft und ſah ihn ſeine Uebungen machen, und hatte an ſeiner Lebhaftigkeit und Aufmerkſamkeit große Freude. Als er einmal einige Zeichnungen und Modelle zu Fe - ſtungen auf dem Tiſche liegen ſahe, ſo fragte er den jungen Prinzen um den Gebrauch und Nutzen eines jeden Werks, worauf er ſo hurtig, und mit ſo vielerKlugheit231Klugheit in Betrachtung ſeiner Jahre, antwortete, daß ſein Großvater ſo wohl damit zufrieden war, daß er ihn herzlich umarmte, ihm ſein mit Diamanten reich beſetztes Portrait gab, und ihn zum Faͤhndrich bey dem erſten Regimente der Garde machte. Da er auch fand, daß ſein Verſtand ſein Alter weit uͤbertraf, ſo gab er verſchiedenen Kuͤnſtlern, als Schiffsbauleu - ten, Baumeiſtern ꝛc. Befehl, zu ihm zu gehen, und ihm ihre Zeichnungen zu zeigen und ſie ihm zu erklaͤren. Es war merkwuͤrdig, daß er ſich mit kei - nem Kinderſpiele beſchaͤftigte, und wenn ihm ſeine Schweſter, die Großfuͤrſtinn, einen Vorſchlag that, mit ihr zu ſpielen, ſo ſagte er zu ihr, daß es ſich fuͤr ſie beſſer als fuͤr ihn ſchicke, denn er muͤſſe ſeine Zeit beſſer anwenden, wie es einem Prinzen gezieme. Dieſes Verhalten machte, daß er von jedermann be - wundert wurde, und man ſich große Hoffnung von ihm machte, indem er damals der einzige Erbe der Ruſſiſchen Krone war.
Die Koͤniginn von Schweden ernannte endlichErneuerung der Friedens - handlungen. den Baron Lilienſtaͤd, anſtatt des Baron Goͤrtz, zum Miniſter auf dem Congreſſe in Aland. Dieſer kam in Monat Junii daſelbſt an; allein durch den Tod des Koͤnigs von Schweden, deſſen Ehrgeiz alle ſeine Nachbarn in große Furcht geſetzt hatte, waren auch alle Geſinnungen der Europaͤiſchen Fuͤrſten gegen die - ſes Koͤnigreich veraͤndert worden. Der Koͤnig von Großbritannien ſchickte den Lord Carteret, ſeinen Ge - ſandten, nach Schweden, einen Tractat und Buͤndniß mit dieſer Krone zu ſchließen, worinn man ſich ver - glich, daß Britannien Bremen und Verden fuͤr eine Million Kronen behalten, und, im Fall der Krieg mitP 4Rußland232Rußland fortgeſetzet wuͤrde, jaͤhrlich 300000 Kronen an Schweden bezahlen, und demſelben mit ſeiner Macht wider den Czar beyſtehen ſollte. Gleich darauf machten die Schweden faſt auf gleiche Be - dingungen mit dem Koͤnige von Preuſſen Frieden, und traten demſelben Stetin und deſſen Zubehoͤr ab. Zu eben der Zeit hatte auch der Koͤnig von Pohlen einen Tractat mit dem Kaiſer und dem Koͤnige von England geſchloſſen.
Als ſich der Czar nunmehr von allen ſeinen Al - liirten verlaſſen ſahe, ſo beſchloß er, eine Landung in Schweden zu thun und dieſes Reich dadurch zum Frieden zu zwingen. Er gab daher Befehl, daß alle ſeine Galeeren und Kriegsſchiffe in Bereitſchaft gehalten werden ſollten, ſchiffte 40000 Mann, unter dem Commando des Apraxin ſeines Großadmirals, ein, und gab ihm Befehl, alles auf den Schwedi - ſchen Kuͤſten zu verwuͤſten und zu verheeren. Der Admiral hielt auf der Jnſel Capel Kriegsrath, und richtete ſeine Fahrt nach den Dalder Jnſeln, wo er viele Vornehme zu Gefangenen machte. Er gieng hierauf weiter, ruinirte die Kupferbergwerke, und zuͤndete die Waͤlder und viele in dieſen Gegenden be - findliche Haͤuſer der Adelichen an. Von hier gieng er nach Suͤd-Telle, und ſetzte 50 Koſacken zu Pfer - de ans Land, die bis auf eine Meile nach Stockholm vorruͤckten, eine Wache wegnahmen, und 1 Major und 8 Mann Gefangene zuruͤck brachten. Den 19ten Julii kam die Flotte bey Landfort an, nachdem ſie zwey mit Getreide beladene Schiffe, die nach Stock - holm fuhren, auf dieſer Fahrt weggenommen hatte. Die Galeeren waren in 3 Escadren vertheilet; dieeine233eine landete zwiſchen Nord - und Suͤd-Talle, die an - dere auf der Kuͤſte bey Gefle, und die dritte bey Ni - koͤping. Jn Sandmar wurden viele Dragoner und Koſacken ans Land geſetzet, die alles auf dem Lande um Stockholm herum verwuͤſteten und verbrannten. Zu eben der Zeit kam unſere Flotte an der Muͤndung des Fluſſes bey Stockholm an, wo ſie fuͤnf mit Pro - viant beladene Barken wegnahm. Von hier gieng ſie nach Norden, wo eine Menge Staͤdte und Doͤrfer verwuͤſtet wurden, beſonders diejenigen, die nahe an den betraͤchtlichen Eiſenbergwerken des Reichs lagen, deren Verwuͤſtung ein unerſetzlicher Schade fuͤr Schweden war. Mit einem Worte, da die Ruſſi - ſchen Truppen an ſo verſchiedenen Orten des Koͤnig - reichs landeten, ſo war es der Schwediſchen Armee unmoͤglich, ſelbiges zu verhindern; denn ſobald ſie ei - nen Ort in Lande verwuͤſtet hatten, zogen ſie ſich ſo - gleich zu einem andern. Nach der Beſchreibung des auf den Kuͤſten von Schweden erlittenen Schadens, beſtand derſelbe in der Einaͤſcherung von 8 Staͤdten, 11 Pallaͤſten, und 130 Haͤuſern, die adelichen und andern Herren gehoͤret hatten, 1361 Doͤrfern, 43 Muͤhlen, 26 Magazinen, 2 Kupfer - und 4 Eiſen - gruben, nebſt allem darinn befindlichen Viehe und Getreide. Alle Einwohner, die ſie antrafen, alt und jung, Manns - und Weibsperſonen, wurden weggenommen und in Transporten nach Finland ge - ſchafft, deren Zahl ſich uͤber 60000 belief, wo ſie bis zum Schluſſe des Friedens behalten wurden. Allein da ſich die Schweden zu ſehr auf die von ihren Alliirten ihnen verſprochene Huͤlfe verließen, ſo woll - ten ſie die zwiſchen dem Czar und ihrem verſtorbenenP 5Koͤnige234Koͤnige getroffenen Vertraͤge noch immer nicht einge - hen; der Czar drang daher nunmehr darauf, daß er uͤber das, was er vorher von Schweden verlangt hat - te, auch ganz Carelien und Kecksholm behalten woll - te; weil aber dieſe Vorſchlaͤge mit Verachtung ver - worfen wurden, ſo hoͤrte der Congreß in Aland auf, und die Miniſter giengen aus einander.
Den 21ſten Auguſt kam die Engliſche Flotte, unter dem Admiral Norris, acht Tage hernach, als ſich unſere Flotte bereits in ihre verſchiedene Haͤfen zuruͤck begeben hatte, vor Stockholm an. Kurz dar - auf kam Herr Berkeley mit Briefen von dem Lord Carteret und dem Admiral John Norris an den Czar in Aland an, und wollte von dem Grafen Bruce einen Paß nach Petersburg haben. Weil aber der Graf von dem Jnhalte derſelben unterrichtet war, ſo ſchlug er es aus, dem Czar dieſe Briefe zu uͤberſchi - cken, und gab auch dem Herrn Berkeley keinen Paß nach Petersburg, ſondern ſchickte ihn mit einer Ant - wort an den Lord Carteret fort, worinn er ihm ſagte, daß er den Jnhalt der Briefe, die ſie an Seine Ma - jeſtaͤt uͤberſchickt haͤtten, ſo ſonderbar, und ſo wenig mit dem Buͤndniſſe und der Freundſchaft, die noch zwiſchen ſeiner Czariſchen und Brittiſchen Majeſtaͤten beſtuͤnden, uͤbereinſtimmend gefunden, daß er das unmoͤglich thun koͤnne, was ſie von ihm verlangten, bis er nicht vom Czar, ſeinem Herrn, Befehl dazu er -Bruch mit England. halten habe. Ueberdieſes ſey er auch uͤberzeugt, daß ſeine Britanniſche Majeſtaͤt nicht unterlaſſen wuͤrde, dem Czar Dero Gedanken oder die Anſpruͤche in einer ſo wichtigen Sache, entweder durch Briefe an ihn ſelbſt, oder durch Jhren Miniſter in Petersburg, be -kannt235kannt zu machen. Nach dieſer Antwort bekamen die Herren Jefferis und Weber, der Brittiſche und Han - noͤveriſche Miniſter, Befehl, den Hof in Petersburg zu verlaſſen, wie denn auch alle Englaͤnder aus den Ruſſiſchen Dienſten giengen. Hierauf ließ der Czar alle Engliſche Kaufleute in ſeinem Gebiete in Ver - haft bringen, und drohete, wenn die Brittiſche Na - tion wider ihn Krieg fuͤhren wuͤrde, alle ihre Guͤter zu confisciren, die ſich auf 50 Millionen Rubel beliefen.
Um dieſe Zeit wurden die Jeſuiten, welche aufVerbannung der Jeſuiten. Empfehlung des Roͤmiſchen Kaiſers einen Fuß in Rußland bekommen hatten, weil ſie ſich zu ſehr in Staatsſachen gemiſcht hatten, verbannet, und beka - men Befehl, ſich in vier Tagen, von der Zeit der Bekanntmachung an, aus Rußland zu begeben, weil die Welt hinlaͤnglich von ihren gefaͤhrlichen Unterneh - mungen, und von ihrer Stoͤrung der oͤffentlichen Angelegenheiten jedes Landes, wo ſie aufgenommen worden, uͤberzeuget ſey. Dieſe Vaͤter befanden ſich daher jetzt in großer Verlegenheit und Eil, da ſie ſich genoͤthiget ſahen, ſo gleich abzureiſen, und ihre rei - chen Capellen den Capucinern zu uͤberlaſſen, welches der einzige Orden von der Roͤmiſchen Religion war, der in Rußland gedecket wurde, und zwar wegen der Catholiken, deren es ſehr viele bey der Ruſſiſchen Armee gab.
Jn dem letztern Verhoͤre des Fuͤrſten Menzikofs hatte man entdeckt, daß Herr Weſalofsky, ſein ehe - maliger Secretair, mit den zwey Solowiofs, den Agenten des Fuͤrſten, zu großem Nachtheil der Nation einen unerlaubten Handel gefuͤhret hatte. Die zweySolo -236Solowiofs wurden deswegen beſtraft, und da Weſa - lofsky damals Envoye am Brittiſchen Hofe war, ſo bekam er Befehl, zuruͤck zu kommen, und Herr Be - ſtuzof ſollte ſein Nachfolger an dieſem Hofe ſeyn. Weil aber Weſalofsky nicht ohne Urſache beſorgte, daß er wegen ſeiner Vergehungen zur Rechenſchaft moͤchte gefordert werden, ſo fand er fuͤr gut, anſtatt zuruͤck zu gehen, einen Brief an den Kaiſer zu ſchrei - ben, worinn er ſein Verbrechen bekannte, und demſel - ben meldete, daß er, um den gerechten Zorn Seiner Majeſtaͤt zu vermeiden, ſeinen Nahmen geaͤndert ha - be, und entſchloſſen ſey, niemals wieder nach Ruß - land zuruͤck zu kommen, ſondern ſeine uͤbrige Lebens - zeit in einem entfernten und freyen Theile der Welt zuzubringen, wo man niemals mehr etwas von ihm hoͤren ſollte. Es wurde aber doch durchgaͤngig ge - glaubet, daß er ſich in England verheirathet, und ſich hernach daſelbſt nationaliſirt habe. Herr Beſtu - zof war nicht lange in England geweſen, als er den Hof in London durch ein Memorial beleidigte, und daher Befehl bekam, das Land zu verlaſſen.
Als der Czar ſich im Monat September nach Reval begab, die Feſtung zu beſehen, bekam ich Be - fehl, ihn zu begleiten. Er war willens, dieſen Ort zu einem der feſteſten Plaͤtze in Europa zu machen und zu der Ausruͤſtung ſeiner Flotte zu beſtimmen. Als er an einem Tage die Feſtungswerke beſahe, und zu denjenigen, die er noch fuͤr noͤthig hielt, Befehl gab, wurde er von einer heftigen Colik befallen, die ihm den Tod drohete, die er aber, vermoͤge ſeiner guten Leibesconſtitution, noch uͤberſtand. Er begab ſich kurz darauf wieder nach Petersburg, und machte da -ſelbſt237ſelbſt große Anſtalten zum kuͤnftigen Feldzuge. Jch blieb auf ſeinen Befehl noch ſechs Wochen in Reval, die Plane zu entwerfen, und die noͤthigen Anweiſun - gen zu Errichtung der Außenwerke zu geben. Der vielen Geſchaͤfte, damit der Kaiſer beſtaͤndig uͤber - haͤuft und beſchaͤftiget war, ungeachtet, machte er ſich doch alle Abende, wenn die Geſchaͤfte des Tages vor - uͤber waren, ein oder das andere Vergnuͤgen, beſon - ders mit Aſſembleen, die jeden Abend in den Haͤuſern der Perſonen vom Stande wechſelsweiſe gehalten wur - den, und gieng in dieſen Zuſammenkuͤnften mit Per - ſonen von allen Staͤnden ſehr vertraut um, welches denn machte, daß dieſe Aſſembleen ſtark beſucht wurden.
Bey meiner Zuruͤckkunft nach Petersburg warKrankheit des General Weyde. der Marſchall Weyde eben von Olonitz, wo er ſich ſeiner Geſundheit wegen der mineraliſchen Waſſer be - dienet hatte, zuruͤck gekommen; allein, anſtatt ihn zu curiren, hatten ſie die Sache noch ſchlimmer gemacht. [D]er Czar war fuͤr des Marſchalls Geneſung ſo be - ſorgt, daß er ihn alle Tage beſuchte, und den Aerzten genauen Befehl gab, ihn niemals zu verlaſſen, und ihr moͤglichſtes zu ſeiner Erhaltung zu thun. Er ſag - te bey dieſer Gelegenheit, daß er, wenn Weyde ſter - ben ſollte, den beſten General und den getreuſten Die - ner, den er im ganzen Reiche habe, verlieren wuͤrde. Durch die viele Sorgfalt und Aufmerkſamkeit erholte ſich auch der General wieder.
Der Czar hatte dem Marſchall Weyde vor eini - gen Jahren ein Gut in Liefland, das jaͤhrlich 12000 Rubel eintrug, fuͤr ihn und ſeine Erben, zum Ge - ſchenke gemacht. Er hatte nur zwey Toͤchter, davondie238die eine an den Generalmajor le Fort, einen Enkel des großen le Fort, des groͤßten Lieblinges des Czars, ver - heirathet geweſen, kurz darauf geſtorben war, und nur eine einzige Tochter hinterlaſſen hatte. Die juͤngſte und damals einzige Tochter verlangte Herr Weber, der Hannoͤveriſche Miniſter zur Ehe, die ihm aber aus der Urſache, weil er zu einem andern Hofe gehoͤrte, abgeſchlagen wurde, zumal da dem Czar die - ſe Heirath auch aus andern Urſachen nicht gefiel. Hierauf warb Herr Romanzof, des Czars General - adjutant, um ſie, aber dieſen wollte das Frauenzim - mer nicht, weil er ein Ruſſe und von anderer Reli - gion war. Weil der Marſchall beſorgte, daß der Czar auf dieſe Heirath dringen moͤchte, ſo verlobte er ſie wider ihren Willen mit dem Generallieutenant Bohn, einem Manne, den ſie weder lieben noch hoch - achten konnte, weil er ſeines Alters wegen eher ihr Vater als Ehemann ſeyn konnte. Der Gram, den dieſes junge Frauenzimmer daruͤber hatte, zog ihr ei - ne Auszehrung zu.
Der Czar erfuhr nunmehr, daß die Koͤniginn von Schweden die Krone an ihren Gemahl, den Erbprinzen von Heſſen Caſſel, abgetreten hatte, und daß der Koͤnig von Frankreich 600000 Kro - nen ruͤckſtaͤndige Gelder an Schweden bezahlet, und zugleich die Verſicherung gegeben hatte, daß die Subſidiengelder in Zukunft richtig bezahlet wer - den ſollten; und daß Schweden außer dieſem auch eine Million Kronen von England fuͤr Bremen und Verden und die verſprochenen Subſidien von 300000 Kronen, ſo lange der Krieg mit Rußland dauerte, bekommen hatte. Alles dieſes zuſammenmachte,239machte, daß die Schweden neuen Muth bekamen, und dem Czar erklaͤrten, daß er keinen Frieden zu er - warten habe, wenn er nicht alle Provinzen zuruͤck gaͤ - be, die er ihnen ſeit dem Anfange des Krieges weg - genommen hatte. Als nun der Czar ſahe, daß ſein Feind ſo reichlich mit Gelde verſehen war, daß er von einer Engliſchen Flotte, dem Koͤnige von Preuſſen und von dem Koͤnige von Daͤnnemark unterſtuͤtzet wurde, und im Begriff ſtand, mit Pohlen Friede zu machen, er im Gegentheil von allen ſeinen Alliirten verlaffen wurde: ſo ſchickte er eine zahlreiche Armee nach Finland, und bemuͤhte ſich durch eine ſtarke Flot - te den Bothniſchen Meerbuſen in Beſitz zu nehmen.
Jm Jahre 1720 kam der Admiral Norris im1720. Fruͤhlinge bey Zeiten mit einer Brittiſchen Flotte im Sunde an, und ſtieß bald darauf bey Stockholm zur Schwediſchen Flotte. Den 5ten Maͤrz kam der Woiwode von Maſovien als Pohlniſcher Geſandter nach Petersburg, und erſuchte den Czar in Verbin - dung mit Pohlen mit Schweden Friede zu machen. Allein der Czar hatte bereits den Entſchluß gefaßt, Schweden zu einem beſondern Frieden zu zwingen, und die Welt zu uͤberzeugen, daß er es, Trotz des maͤchtigen Beyſtandes, den man ſeinem Feinde leiſte, ungeachtet er allein ſey, dennoch in ſeiner Gewalt habe, Schweden nach ſeinem Gefallen zu zwingen.
Der Marſchall Weyde verlohr jetzt ſeine einzigeTod des Ge - neral Weyde. Tochter, die an eben dem Tage, da ſie wider ihren Willen an den General Bohn verheirathet werden ſollte, vor Gram ſtarb. Sie hatte ihre Neigung auf Herr Webern, den Hannoͤveriſchen Miniſter, geworfen. Jhrem Vater gieng der Verluſt ſeineseinzigen240einzigen Kindes ſo zu Herzen, daß er wieder krank wurde, und am 4ten Junii gleichfalls ſtarb, und von beyden Majeſtaͤten und von allen Staͤnden des Volks ſehr bedauert ward; beſonders aber von der Armee, die ihn, ſeiner ſtrengen Zucht ungeachtet, an - betete, denn er beſaß die Kunſt, ſie dahin zu bringen, daß ſie ihm mit Vergnuͤgen gehorchte, weil er denje - nigen, die ſeine Befehle uͤbertraten, nur in geheim einen Verweis gab, ſo daß waͤhrend ſeines Comman - dos Kriegsgerichte und Strafen ſehr ſelten bey der Armee vorkamen. Dieſer Gelindigkeit ungeachtet iſt die Ruſſiſche Armee doch niemals beſſer discipli - nirt oder in ſchoͤnerer Ordnung geweſen. Der Mar - ſchall war in Moskau von deutſchen Aeltern geboren; er hatte in ſeiner Jugend viele Feldzuͤge unter dem Fuͤrſten Eugen in Ungarn gemacht, bey dem er Ad - jutant geweſen war, und unter welchem er, wie er jederzeit ſagte, die Kriegskunſt gelernet hatte. Er war im Jahre 1700 bey Narva gefangen worden und bis 1710 in Stockholm geweſen, da er denn ausgeloͤſet und zum Feldmarſchall gemacht wurde, nachdem der Graf Tſcheremetof nach ſeinem Marſche durch Pohlen geſtorben war.
Der Marſchall war kaum todt, als der General - lieutenant Romanzof in des Czars Nahmen in das Haus kam und in des Generals le Fort und meiner Ge - genwart alles verſiegelte, und hierauf ein Verzeichniß von allem Silbergeſchirre und Hausgeraͤthe verfertigte, zu großem Erſtaunen des Generals, der der Vater von des Marſchalls Enkelinn, der einzigen Erbinn dieſes großen Vermoͤgens, war. Der General le Fort ver - langte hierauf zu wiſſen, weil alles Geld, faſt 60000Ducaten,241Ducaten, verſiegelt worden, wie ſein Schwieger - vater begraben werden ſolle, da er kein Geld zu den Koſten habe. Hierauf ſagte Romanzof, des Czars Wille ſey, daß des Marſchalls Leiche praͤchtig begraben und keine Koſten geſparet werden ſollten, worauf er einen Kaſten oͤffnete, 10000 Rubel her - aus nahm, und ſelbige mir uͤbergab, mit dem Befeh - le, ſie ſo anzuwenden, wie mir der General le Fort befehlen wuͤrde; wenn dieſe alle waͤren, ſollte ich nur mehr fordern. Jch ſchrieb alſo alles genau auf, was ausgegeben wurde, weil ich nach dem Begraͤb - niſſe mit Quittungen berechnen ſollte.
Dieſe uͤble Begegnung ruͤhrte von einer Empfind - lichkeit des Romanzof gegen den Herrn le Fort her, weil er glaubte, daß dieſer Schuld daran geweſen, daß er des Marſchalls Tochter nicht bekommen hatte. Um ihn nun noch nachdruͤcklicher zu kraͤnken, ſo bat er den Czar um des Marſchalls Vermoͤgen, und erhielt es auch, weil er ihm nichts abſchlug, weil er damals ein ſteigender Liebling war. Um ſeine Rache vollkom - men zu machen, that er dem Nereskin, einem nahen Verwandten des Czars, der eben von ſeinen Reiſen gekommen war, und ein Haus brauchte, den Vor - ſchlag, daß er des Marſchalls Haus nebſt dem ganzen Hausgeraͤthe und Silberzeuge kaufen ſollte, welches auch geſchahe, nachdem alles auf Befehl des Hofes war geſchaͤtzet worden. Allein es wurde von dem ge - ſchaͤtzten Preiſe niemals etwas bezahlt, und die Er - binn, die damals noch ein Kind war, bekam nur ei - nige Juwelen, die ihr ihr Großvater hinterlaſſen hatte, und 12000 Rubel zu ihrer Ausſtattung; das uͤbrige hatte Romanzof, wie durchgaͤngig geglaubet wurde,Qzu242zu ſeinem eigenen Nutzen angewendet. Bey dieſer allgemeinen Pluͤnderung mußte ich ebenfalls leiden; der Marſchall hatte mir in ſeinem Teſtamente 200 Ducaten, ſein beſtes Kleid und das ſchoͤnſte Pferd nebſt dem dazu gehoͤrigen Reitzeuge vermacht. Jch bekam zwar das Geld und das Kleid, aber das Pferd und Geſchirr wurde in des Czars Stall gebracht, wo - fuͤr mir 300 Ducaten verſprochen wurden, die ich aber niemals erhalten habe. Alles dieſes ruͤhrte haupt - ſaͤchlich von des le Fort zweyten Frau her, die er in Deutſchland geheirathet hatte, und die immer ſehr ſtrenge gegen des Romanzofs Betragen geweſen war, welches er denn auch zum Theil an mir zu raͤchen ſuch - te, indem ſie meine nahe Verwandte war, ob ich ſonſt gleich bey ihm in großen Gnaden ſtand.
Da dieſes das erſte Beyſpiel von der willkuͤhrli - chen und ungerechten Behandlung der Fremden war, ſo gab es Perſonen von allen Staͤnden viel Gelegen - heit zu Betrachtungen, beſonders, da es bey einem Manne von ſo großem perſoͤnlichen Verdienſte und allgemeiner Hochachtung vorgefallen war; bey einem Manne, der der Enkel und Erbe des großen le Fort, und der Schwiegerſohn des Marſchalls Weyde war, beyde große Lieblinge des Czars, ſo daß ſich kuͤnftig niemand in Anſehung ſeines Vermoͤgens fuͤr ſicher halten konnte. Dieſe ungerechte Behandlung mach - te mir einen ſolchen Begriff von Rußland, daß mich nach dieſem nichts bewegen konnte, aller angetragenen Befoͤrderungen und Vortheile ungeachtet, mich dar - inn niederzulaſſen.
Nachdem man das Eingeweide aus dem Koͤrper des Marſchalls heraus genommen und ihn einbalſami -ret243ret hatte, wurde er zwoͤlf Tage in einem Sarge unter einem Himmel, in einem weißen geſtickten Kleide, in Stiefeln und einer Peruque, und den Andreasorden umhabend, auf ein Paradebette geſtellt. Jede Nacht wurde der Koͤrper nach der Gewohnheit des Landes von vielen Frauenzimmern und Herren be - wacht. Da niemand in des Marſchalls Hauſe war, als ſeine Bedienten, ſo hatte ich alles unter mir. Als ich die letze Nacht mit der Geſellſchaft, die dieſe Nacht wachen ſollte, auf den Abend ſpeiſte, bekam ich den Einfall, ſie zu erſchrecken; ich ließ daher den Koͤrper in ein anderes Zimmer bringen, und legte mich an deſſen Stelle in den Sarg. Nachdem nun die Geſellſchaft in das Zimmer gekommen war, und einige Zeit geſeſſen hatte, ſieng ich an, mich unter der Decke, die auf mich gedeckt war, zu bewegen, wor - auf ſich die Geſellſchaft voll Schrecken aufmachte und aus dem Hauſe lief, auch nicht wieder zuruͤck kam, ſondern vielmehr eine fuͤrchterliche Erzaͤhlung von der Erſcheinung ausbreitete, die ſie geſehen haͤtte. Den folgenden Morgen kamen die Leute in Menge, das Wunder der vorigen Nacht zu unterſuchen, die aber eben wieder ſo fortgiengen, wie ſie gekommen waren. Die Erzaͤhlung kam vor den Czar, der mir befahl, zu ihm zu kommen, und mich fragte, was an der Sache ſey. Jch erzaͤhlte ohne Anſtand vor der Cza - rinn und den zwey Prinzeſſinnen, wie es geweſen ſey, woruͤber ſie ſehr lachten; allein der Czar gab mir des - wegen einen derben Verweis.
Der 16te Junii war zur Beerdigung beſtimmt, und die Proceſſion wurde mit vielem Pomp in folgen - der Ordnung gehalten.
Q 21. Ein244Jn dieſer Ordnung gieng die Proceſſion bis zu dem Alexander-Newsky-Kloſter, welches drey Engli - ſche Meilen entfernt iſt. Die ganze Zeit uͤber wur - den alle Minuten die Kanonen von der Feſtung geloͤ - ſet, bis die Leiche beygeſetzet war; endlich machten drey Salven der zwey Bataillons Garde den Be - ſchluß. Der Czar gieng mit der uͤbrigen Geſellſchaft in des Verſtorbenen Haus zuruͤck, wo ein großes Gaſtmahl fuͤr ſie zubereitet war. Jeder von der Ge - ſellſchaft wurde mit einem Trauerringe beſchenkt, der zwey Ducaten werth war, worauf des MarſchallsQ 3Geburts -246Geburts - und Sterbetag geſtochen war; dergleichen Ringe wurden beynahe 700 unter die Geſellſchaft vertheilet.
Bey dieſer Gelegenheit entſtand eine Zwiſtigkeit zwiſchen dem Fuͤrſten Menzikof und dem Fuͤrſten Galitzin, die einander ziemlich unhoͤflich begegneten. Der Czar, der im naͤchſten Zimmer war und ſie be - horchte, ließ den Menzikof holen, und gab ihm ei - nen derben Verweis, indem er zu ihm ſagte, daß er ſich nicht vergeſſen, ſondern uͤberlegen ſollte, daß er nur von geſtern, hingegen der Fuͤrſt Galitzin von der alten Familie der Jagellons ſey, die Fuͤrſten von Li - thauen und nachher Koͤnige von Pohlen geweſen waͤ - ren. Hierauf befahl er ihm, es dem Fuͤrſten Gali - tzin vor der ganzen Geſellſchaft abzubitten, welches er auch thun mußte. Beyde Fuͤrſten lebten hernach be - ſtaͤndig in Feindſchaft; allein die Familie des Gali - tzin war zu maͤchtig, als daß ſie ſich vor dem Zorne Menzikofs haͤtte fuͤrchten ſollen.
Den Tag nach dem Begraͤbniſſe wurde der Knes Repnin zum Feldmarſchall gemacht, der ſogleich nach mir ſchickte und mich fragte, ob ich kein Adjutant werden wollte. Jch antwortete ihm, daß ich dieſes bereits unter zwey Feldmarſchaͤllen geweſen ſey, und hoffte alſo, da ich ſo lange in dieſer Stelle geweſen waͤre, daß er mich entſchuldigen wuͤrde. Er nahm meine abſchlaͤgige Antwort ſehr uͤbel, und drohete mir, daß ich es bereuen ſollte. Da ich nun der Ruſſi - ſchen Dienſte bereits uͤberdruͤßig war, ſo ſahe ich die - ſes fuͤr eine guͤnſtige Gelegenheit an, um meinen Ab - ſchied anzuhalten, welches ich auch den folgenden Tag that, und dem Czar ſelbſt ein Bittſchreiben uͤber -gab.247gab. Der Czar fragte mich, warum ich ſeine Dien - ſte verlaſſen wolle? Jch antwortete, daß, da mir der Marſchall Repnin, weil ich es ausgeſchlagen haͤtte, ſein Aide de Camp zu werden, gedrohet haͤtte, es un - ſicher fuͤr mich ſeyn wuͤrde, laͤnger bey der Armee zu bleiben. Der Czar antwortete, daß ich nicht unter des Marſchalls Commando ſtehen ſollte, und alſo nichts von ihm zu befuͤrchten habe. Jch getraute mich alſo nicht, auf meinen Abſchied zu dringen, da - mit es mir nicht wie dem Dean, der Capitaͤn bey der Flotte war, ergehen moͤchte, der deswegen nach Si - berien geſchickt wurde, weil er ſeinen Dienſt, auf Be - fehl des Koͤnigs George I, der allen Brittiſchen Un - terthanen Rußland zu dienen verbot, niedergelegt hat - te. Der Capitaͤn kam nach einiger Zeit wieder los, und wurde, als er nach England zuruͤcke kam, als Conſul nach Oſtende geſchickt.
Nachdem mich der Czar bey ſeiner eigenen Divi - ſion zum Capitaͤn gemacht hatte, bekam ich eine Compagnie bey dem Aſtrakaniſchen Regimente, wel - ches damals in Reval ſtand, und erhielt ſogleich Be - fehl, mich an dieſen Ort zu begeben, um daſelbſt die Aufſicht uͤber die Feſtungswerke, die der Czar im vori - gen Jahre entworfen hatte, zu haben, und ſie zu be - ſchleunigen. Bey meiner Ankunft, den 24ſten Julii, fand ich, daß ſie ſeit meiner Abreiſe ſehr weit gekom - men waren. Jch wurde nunmehr bey einem Kauf - manne in der Stadt einquartiret, der mich in ſein Luſthaus fuͤhrte, welches er am Ende ſeines Gartens hatte, und aus einem Keller, einer Stube fuͤr die Bedienten, und zwey ſchoͤn ausmoͤblirten Zimmern uͤber denſelben, beſtand. Als der Wirth ſahe, daßQ 4mir248mir meine Wohnung ſehr gefiel, ſagte er, er beſorge, daß ich des Nachts von einem Laͤrme wuͤrde beunru - higet werden, und nannte mir einen Officier in der Stadt, den ich kannte, der dieſes Haus deswegen verlaſſen muͤſſen. Jch fragte ihn, was fuͤr ein Laͤrm mich in einem von andern Haͤuſern ſo entfernten Orte ſtoͤren koͤnnte? Er ſagte, daß es von einem Gei - ſte beunruhiget wuͤrde; ich antwortete ihm, daß ich, wenn dieſes der Fall ſey, bey Gelegenheit auch einen Geiſt vorſtellen koͤnne, und da ſich ihrer zwey von ei - nerley Profeſſion ſelten in einem Hauſe vertruͤgen, ſo wollte ich den andern ſchon zu vertreiben ſuchen. Jch befahl hierauf meinen Bedienten, in Gegenwart des Wirths und ſeiner Leute, ihr Gewehr mit Kugeln zu laden, damit ſie, im Fall ein Laͤrm entſtehen ſollte, bereit ſeyn moͤchten, auf diejenigen zu feuern, die ihn machten. Dieſer Befehl verhinderte die Unruhe, ſo lange ich darinn wohnte, und andere fuͤrchteten ſich nach mir auch nicht mehr, darinn zu logiren.
Um dieſe Zeit ſchickte der neue Koͤnig von Schwe - den einen Generaladjutanten nach Petersburg, und ließ dem Czar melden, daß er mit Bewilligung der Koͤniginn, ſeiner Gemahlinn, und der Reichsſtaͤnde, den Thron beſtiegen habe. Da er nun eine vorzuͤg - liche Hochachtung gegen den Czar habe, ſo wuͤnſche er nichts mehr, als einen feſten und dauerhaften Frie - den mit ihm zu ſchließen, wozu er alles moͤgliche bey - zutragen willig und bereit ſey. Der Czar antwor - tete, daß er dem Koͤnige von Schweden vom Herzen Gluͤck zu ſeiner Thronbeſteigung wuͤnſche, und ihm fuͤr dieſe Nachricht danke; daß es ſein ernſter Wille ſey, einen dauerhaften Frieden mit Schweden zuſchließen,249ſchließen, wenn Seine Schwediſche Majeſtaͤt einen feſten Entſchluß dazu faſſen wuͤrden. Der Geſandte wurde einige Zeit in Petersburg aufgehalten, damit er ein Augenzeuge von den großen Zuruͤſtungen zum naͤchſten Feldzuge ſeyn moͤchte, wie ihm denn auch alle Schiffe, Galeeren und Truppen gezeiget wurden. Nachdem ihm viele Hoͤflichkeiten erwieſen worden, ward er endlich mit des Czars Antwort auf des Koͤ - nigs von Schweden Brief wieder nach Stockholm abgefertiget.
Dieſes Compliment zu erwiedern, ſchickte der Czar den Generaladjutanten Romanzof nach Stock - holm, und ließ dem Erbprinzen von Heſſen-Caſſel zu ſeiner Thronbeſteigung Gluͤck wuͤnſchen, ihn ſeiner wahren Hochachtung, die er jederzeit gegen ſeine Per - ſon gehabt habe, verſichern, und ihm erklaͤren, wie er ernſtlich wuͤnſche, eben die Neigung zum Frie - den bey ihm zu finden, die er dazu habe. Der Ge - ſandte wurde mit eben ſo großem Pomp in Stockholm aufgenommen, als dem von dem Koͤnige in Schweden in Petersburg war erwieſen worden; er wurde uͤberall hingefuͤhret, wo ſich der Hof befand, und nahm an jedem Vergnuͤgen des Hofes Theil. Nachdem er ſich einige Zeit daſelbſt aufgehalten hatte, kam er mit der Ehre, die man ihm am Schwediſchen Hofe erwieſen hatte, ſehr zufrieden wieder nach Petersburg zuruͤck.
Unſere Truppen in Finland waren indeſſen nichtNeuer Ein - fall in Schweden. muͤſſig. Der Fuͤrſt Galitzin ruͤckte mit ſeinen Galee - ren nahe nach Aland, damit er, ſobald das Eis auf - gehen wuͤrde, und noch vor der Ankunft der Britti - ſchen Flotte unter dem John Norris, eine Landung inQ 5Schwe -250Schweden unternehmen koͤnnte; allein er wurde durch das Eis abgehalten. Deſſen ungeachtet zog er die Aufmerkſamkeit der Schweden auf dieſe Seite, und beſchleunigte dadurch die Ausfuͤhrung einer andern Abſicht. Der Fuͤrſt hatte dem Brigadier von Meng - den Befehl gegeben, 5000 Mann in Waſa einzu - ſchiffen, und gerades Weges nach Uma in Lappland zu gehen, welches dieſer auch that, viele Officiers und Gemeine zu Gefangenen machte, die Stadt, worinn viele Magazine waren, abbrannte, alsdann auf bey - den Seiten weiter ins Land hinein drang, und 2 Ritterſitze, 41 Doͤrfer, darinnen uͤber 1000 Haͤuſer waren, 17 Muͤhlen, 113 Magazine und andere Ge - baͤude verheerte und verbrannte. Hierauf kam er mit Beute beladen, ohne den geringſten Verluſt ge - habt zu haben, wieder nach Waſa zuruͤck.
Den 17ten Auguſt griff der Schwediſche Vice - admiral unſere Flotte, die der Fuͤrſt Galitzin comman - dirte, unter Ameland an, ward aber mit ſolcher Hitze empfangen, daß ſie mit einem Verluſte von 4 Fre - gatten, 2 Galeeren, 150 Kanonen und 400 Ge - fangenen, wieder abziehen mußte, und noch uͤber die - ſes 200 Todte und 300 Verwundete hatte. Die Gefangenen ꝛc. wurden nach dieſem im Triumphe in Petersburg aufgefuͤhret, bey welcher Ceremonie der Czar und die Czarinn zugegen waren, und der mit großem Pomp vollzogen wurde, weil der Czar keine Siege ſo hoch ſchaͤtzte, als die, die er zur See ge - wonnen hatte.
Endlich noͤthigte die Jahreszeit den Admiral Norris, das Baltiſche Meer zu verlaſſen, wo er da - durch viel gethan hatte, daß er die Ruſſen wenig thunließ.251ließ. Der Czar zweifelte nicht, daß die Brittiſche Flotte das kuͤnftige Jahr wiederkommen wuͤrde, und weil er aus dem Verhalten der Schweden ſahe, daß ſie zu dem Frieden, welchen er ihnen angeboten hatte, mit Gewalt gezwungen werden muͤßten, ſo machte er ſich bey Zeiten zu einem entſcheidenden Feldzuge ge - faßt; er vermehrte ſeine Flotte und ſetzte ſich in den Stand, der Brittiſchen und Schwediſchen Flotte die Spitze zu bieten.
Herr Stamke, Miniſter des Herzogs von Hol -Er nimmt den Herzog von Holſtein in Schutz. ſtein, hatte ſich, ſeitdem er nach dem Tode des Koͤ - nigs von Schweden Aland verlaſſen hatte, in Peters - burg aufgehalten, und alles moͤgliche gethan, die Freundſchaft und den Schutz des Czars fuͤr den Her - zog ſeinen Herrn zu gewinnen, der ſich zu Breslau in Schleſien aufhielt und auf den Ausgang dieſer Un - terhandlung wartete. Der Herzog von Holſtein, ein Sohn der aͤlteſten Schweſter des letztverſtorbenen Koͤnigs von Schweden, machte Anſpruch auf ein naͤ - heres Recht zur Krone, als die Prinzeſſinn Ulrica, die die juͤngſte Schweſter war, ihn aber nunmehr fuͤr entfernter anſahe, nachdem die Koͤniginn ihr Recht an ihren Gemahl, den Prinzen von Heſſen, abgetreten hatte. Der Czar, der mit den ungluͤcklichen Um - ſtaͤnden des Herzogs, welchen der verſtorbene Koͤnig von Schweden zu ſeinem Nachfolger beſtimmt hatte, Mitleiden trug, entſchloß ſich, ihn in ſeinen Schutz zu nehmen, und ſchickte ihm, als einen Beweis davon, 100000 Kronen, nebſt einer Einladung, von Bres - lau nach Riga zu kommen.
Dieſen Winter hatte der Oberfiscal den Oberſt -Kriegsgerich - te uͤber Gra - ves. lieutenant von der Artillerie, Graves, einen Englaͤn -der252der angegeben, daß er Seiner Majeſtaͤt Schiffsvor - raͤthe veruntreuet, und an auslaͤndiſche Schiffherren verkauft habe. Jch ſaß mit in dem Kriegsgerichte, und wir fanden dieſe Beſchuldigung bey dem Verhoͤre ganz falſch, indem ſie bloß aus Bosheit herruͤhrte, weil Graves dem Fiscal einige Materialien, welche er brauchte, abgeſchlagen hatte. Dieſer beſtellte aus Rache zwey Canoniers als Zeugen wider den Oberſten, die aber beyde fuͤr meineidig befunden und ins Ge - faͤngniß geſetzt wurden. Der Fiscal, dem unſer Verfahren nicht gefiel, beſchwerte ſich bey dem Gene - ralfiscal uͤber unſere Partheylichkeit; dieſer trug die Sache dem Czar vor, der ſogleich Befehl gab, daß das Kriegsgericht, der Beklagte und die Zeugen nach Petersburg kommen ſollten, wo die Sache als - dann unterſucht ward; da denn die Bosheit des Fis - cals ſo offenbar wurde, daß er und ſeine zwey Zeugen die Knute bekamen und nach Siberien geſchickt wur - den. Wir erhielten unſere Reiſekoſten, und giengen wieder nach Reval zuruͤck. Ob nun der Oberſte Gra - ves gleich fuͤr unſchuldig erkannt und freygeſprochen wurde, ſo konnte er doch den Sold fuͤr die 6 Mona - te, die er im Arreſte geweſen war, niemals erhalten, welches ein hinlaͤnglicher Beweis von der Strenge iſt, unter welcher die Officiere in dieſen Dienſten ſtehen. Der Vorwand war, daß er waͤhrend dieſer Zeit keine Dienſte gethan habe. Dieſe Begegnung verdroß den Oberſten ſo ſehr, daß er ohne Abſchied aus den Dienſten gieng.
Bey meiner Zuruͤckkunft nach Reval fieng ſich ein luſtiger Proceß zwiſchen meinem Wirthe und ſeinem Bruder an, die beyde Kaufleute in der Stadt waren. Der253Der Fall war folgender. Beyde Bruͤder hatten be - ſtaͤndig in großer Uneinigkeit mit einander gelebet; daher hatte mein Wirth, der ſehr reich war, beſchloſ - ſen, daß ſein Bruder, im Fall er eher ſterbe, ihn nicht erben ſollte. Er war ſeit vielen Jahren an eine ſehr ſchoͤne Frau verheirathet, hatte aber keine Kinder mit ihr gezeuget. Dieſes ſchrieb er mehr ſich ſelbſt als ſeiner Frau zu; und da er beſchloſſen hatte, daß ſeine Frau, es moͤge auch geſchehen wie es wolle, ein Kind bekommen ſollte, um ſeinem Bruder die Erb - ſchaft zu entziehen, ſo nahm er einen Lieutenant, ei - nen artigen jungen Menſchen, in ſein Haus, und gab ihm alle Gelegenheit, mit ſeiner Frau umzugehen, mit der er vorher die Sache abgeredet hatte, und die auch wirklich ſchwanger ward. Sie machte dem jun - gen Menſchen hierauf ein Geſchenk mit 100 Duca - ten, und bat ihn zugleich, ſich nach einem andern Quartiere umzuſehen, weil ihr Mann eiferſuͤchtig ge - worden waͤre, und ſie im Verdacht zu haben anfienge, daher es unumgaͤnglich noͤthig ſey, daß er auszoͤge; ſie verſprach ihm aber, daß ſie ihn, wenn er etwas noͤthig habe, unterſtuͤtzen wolle, worauf er ſich ver - laſſen koͤnne. Da dieſer ſahe, daß ſie aller ſeiner Vorſtellungen ungeachtet dabey blieb, ſo mußte er endlich einwilligen, und ſchmeichelte ſich, oft Gele - genheit zu finden, mit ihr umzugehen, fand ſich aber darinn betrogen, weil ſie alle Gelegenheit, mit ihm allein zu ſeyn, vermied. Dieſes verdroß ihn ſo ſehr, daß er, als er einmal des Abends wußte, daß ihr Mann nicht zu Hauſe ſey, ſich mit Gewalt in ihr Schlafzimmer drang, und wiſſen wollte, warum ſie ſeine Geſellſchaft vermiede. Sie ſagte ihm alſo ganzfrey,254frey, daß ſie nicht aus Wolluſt, ſondern bloß in der Abſicht mit ihm umgegangen ſey, ein Kind von ihm zu haben, das ihres Mannes Vermoͤgen erben ſolle, und da ſie nunmehr ſchwanger ſey, ſo hoffe ſie, daß er das Kind nicht beneiden wuͤrde, da es der Erbe ei - nes anſehnlichen Vermoͤgens ſey; ſie bat ihn zugleich, alle Gedanken, jemals wieder mit ihr vertraut zu wer - den, gaͤnzlich aufzugeben, weil ſie keine Neigung da - zu empfinde. Sie gab ihm nach dieſer Verſicherung einen Ring mit einem Demant, und einen Beutel mit 50 Ducaten, gieng fort und ſchloß ſich in ein anderes Zimmer ein. Er gieng hierauf mit vielem Verdruſſe fort, erzaͤhlte die ganze Begebenheit einigen Cameraden, die es bald in der ganzen Stadt aus - breiteten. Hierdurch bekam ſein Bruder Nachricht davon, und fieng alſo einen Proceß an; da aber der Mann das Kind fuͤr das Seinige erkannte, ſo hatte der Proceß ein Ende.
Da die Schweden fortfuhren, den Frieden unter den von dem verſtorbenen Koͤnige eingegangenen Be - dingungen auszuſchlagen, ſo war der Czar nunmehr entſchloſſen, ſie dazu zu zwingen, und vermehrte des - wegen des Fuͤrſten Galitzin Armee in Finland mit 5 Bataillons und 2 Grenadiercompagnien von ſeiner eigenen Diviſion, wie auch mit 2 Regimentern aus Reval. Wir ſetzten uns am 9ten May des Mor - gens auf Galeeren, und kamen des Abends in Elſing - foe in Finland an, welches 50 Engliſche Meilen iſt.
Der Schwediſche Monarch hatte indeſſen den Herrn Dahlmann, ſeinen Generaladjutanten, mit den Vorſchlaͤgen zu einem Waffenſtillſtande auf ein Jahr an den Czar abgeſchickt, um waͤhrend dieſerZeit255Zeit die Einrichtungen zu einem dauerhaften Frieden zu machen; weil aber der Czar bereits große Anſtal - ten zum kuͤnftigen Feldzuge gemacht hatte, ſo wollte er keinesweges darein willigen. Deſſen ungeach - tet willigte er doch in die Vermittelung Frankreichs, die Herr Campredon, der Franzoͤſiſche Miniſter am Schwediſchen Hofe, vor einiger Zeit vorgeſchlagen hatte. Auf dieſe Erklaͤrung reiſete Herr Campredon auf Verlangen des Schwediſchen Hofes nach Peters - burg ab, die Vorſchlaͤge des Czars zu vernehmen, der aber den Czar noch bey eben der Geſinnung fand, die er auf dem Congreſſe in Aland gehabt hatte, ob er gleich ſeitdem viele Vortheile erlangt hatte. Herr Campredon gieng wieder nach Stockholm zuruͤck, und Neuſtadt in Finland wurde zum Congreſſe beſtimmt, wo auch die Gevollmaͤchtigten zuſammen kamen.
Der Herzog von Holſtein kam im Monat April in Riga an, wo ſich der Ruſſiſche Hof damals auf - hielt, und wurde von dem Czar und der Czarinn ſehr gnaͤdig aufgenommen, wie denn auch bey dieſer Zu - ſammenkunft der Grund zu einer naͤhern Verbindung geleget wurde. Jn Finland wurden unſere Opera -Dritte Lan - dung in Schweden. tionen mit vieler Hitze fortgeſetzet; denn wir waren kaum in Elſingfoe angelanget, als wir ſogleich unter dem Generallieutenant Lacy abgeſchicket wurden, eine Landung auf den Schwediſchen Kuͤſten zu thun. Es wurden daher den 7ten May 5000 Mann und 370 Coſaken zu Pferde auf 50 Galeeren geſetzt, die nahe bey Gefel auf der Schwediſchen Kuͤſte landeten, und laͤngſt der Kuͤſte bis Sunderham, und von da nach Umaͤ giengen, welches uͤber 100 Meilen iſt. Auf dieſem ganzen Marſche fanden wir ſo wenig Wider -ſtand256ſtand von den Schweden, die, wie es ſchien, ihre Tapferkeit voͤllig verloren hatten, daß wir nur 11 Mann verloren, da auf ihrer Seite 103 blieben. Wir machten 47 Gefangene, bekamen 1 Standarte und 4 Fahnen, 2 meßingene und 5 eiſerne Kanonen, 3 Trompeten und 10 Pauken; wir nahmen ihnen auch 6 neu erbaute Galeeren weg, die wir verbrann - ten, desgleichen auch 2 Kauffartheyſchiffe und 25 andere Fahrzeuge; wie wir denn auch ein Magazin von Gewehr und Ammunition verbrannten und rui - nirten; desgleichen 1 Flintenmanufactur und 2 Ei - ſenſchmieden. Wir verbrannten und verheerten auch 13 Muͤhlen, 4 Staͤdte, 509 Doͤrfer, 80 Kirch - ſpiele und 334 Scheuern ꝛc.
Dieſe Verheerung ſetzte die Schweden in ſolches Schrecken, daß ihre Gevollmaͤchtigten zu Neuſtadt ſogleich Befehl erhielten, die Praͤliminarien zu unter - ſchreiben. Hierauf bekamen wir Befehl, uns wieder einzuſchiffen und nach Finland zuruͤck zu gehen, wo wir den 9ten September in den Junfer Scheren an - langten, und wo auch der Friede verkuͤndiget wurde. Von hier marſchirten wir den 14ten ab und ſtießen in Elſingfoe zu der großen Armee unter des Fuͤrſten Galitzin Commando, wo der Friede mit allen Freu - denbezeugungen gefeyert wurde, weil jedermann nach dieſem langen und verderblichen Kriege, der 20 Jah - re gewaͤhret hatte, Ruhe zu genießen hoffte. Allein wir fanden uns hierinn betrogen, denn der Schwedi - ſche Krieg war kaum geendiget, als, wie wir hernach ſehen werden, ſchon wieder ein neuer angieng. Jch erhielt am 16ten Befehl, die Werke in Elſingfoe zu demoliren, und da 3000 Mann dazu beſtimmtwurden,257wurden, ſo waren die Materialien in kurzer Zeit in die See geworfen, wodurch der Hafen verſtopft, und die Feſtung ſo vollkommen geſchleift wurde, daß nicht der geringſte Anſchein uͤbrig blieb, daß jemals eine Feſtung daſelbſt geweſen ſey.
Den 7ten Qctober ſetzte ſich die Armee auf Ga -Heftiger Sturm. leeren, um wieder nach Petersburg zuruͤck zu gehen, und der General Lacy ſegelte an eben dieſem Tage mit der Avantgarde ab. Wir folgten ihm den folgenden mit der Hauptarmee, und der Generalmajor von Mengden fuͤhrte die Arrieregarde. Den 10ten uͤber - fiel uns ein heftiger Sturm, in welchem wir viele Galeeren und eine große Menge Mannſchaft verloren. Wir ſahen auf den Felſen viele geſcheiterte Schiffe von des General Lacys Detaſchement, ſahen auch eine Menge Federbetten, Tiſche, Stuͤhle und Faͤſſer ſchwimmen. Unter andern wurde eine Wiege von einer Galeere aufgefangen, in der ein Kind ſchlief, welches einem Major gehoͤrte, der mit ſeiner Frau im Sturme umgekommen war, und da ſie beyde Aus - laͤnder geweſen waren, ſo hatte die Waiſe keinen Ver - wandten, der ſich ihrer angenommen haͤtte. Nach - dem aber die Czarinn dieſen Umſtand erfahren hatte, ſo nahm ſie ſich des Kindes an. Wir erreichten den 11ten die Sandinſel und den 13ten die ſchwarze Jn - ſel; der Wind gieng aber noch ſo kalt mit Froſt und Schnee, daß es unſern Leuten ſehr ſchwer wurde, die Segel zu regieren und zu rudern. Den 17ten er - langten wir die weiße Jnſel, indem wir durch Eis - ſchollen und vielen Schnee fuhren, und vor Kaͤlte ſo erſtarrten, daß wir uns durch ſtarkes Arbeiten erwaͤr - men mußten. Den 18ten erreichten wir Beloſorof,Rwo258wo wir unſere beſchaͤdigten Galeeren ausbeſſerten, und den 20ſten in Cronſ lot ankamen. Hier hielten wir uns nicht auf, ſondern fuhren gleich wieder ab, undDie Flotte kommt in Pe - tersburg an. kamen den folgenden Tag in die Newa, wo ſich die Galeeren verſammelten, und in großer Parade eine hinter der andern den Fluß hinauf fuhren, und jede die Feſtung begruͤßte, indem ſie bey derſelben vorbey fuhr. Als wir dem Senathauſe gegenuͤber kamen, warfen wir die Anker, und ſtellten uns in ſechs Linien queer uͤber den Fluß; ſobald ein Zeichen durch ei - ne Rackete gegeben worden, gaben wir aus unſern Kanonen und kleinem Gewehre eine Generalſalve, welche die Feſtung und Admiralitaͤt mit allen Kano - nen beantworteten. Dieſes geſchah dreymal, und machte uns ſo taub, daß wir in etlichen Tagen her - nach kaum wieder hoͤren konnten. Nachdem dieſe Begruͤßung voruͤber war, ſtiegen alle Officiers, die uͤber den Rang eines Subalternen waren, ans Ufer, und begaben ſich nach geſchehener Einladung in das Senathaus, wo ein großes Tractament fuͤr alle Staͤn - de des Volks zubereitet war, bey welcher Gelegen - heit auch viel Feuerwerke abgebrannt wurden. Der Schmaus dauerte bis an den hellen Morgen, da ſich denn die Officiers wieder auf die Galeeren bega - ben, und ſie in die Werfte brachten, wo ſie verwah - ret werden ſollten. Die Mannſchaft ſtieg ans Land und wir wurden in die Winterquartiere verleget, und hofften nach ſo viel ausgeſtandener Muͤhe und Gefahr einige Zeit Ruhe zu haben.
Es wurden nunmehr im ganzen Reiche große Freudenbezeugungen angeſtellt, und man ſahe nichts als Gaſtmahle, Baͤlle und Masqueraden. DenGefan -259Gefangenen von beyden Seiten wurde die Freyheit ge - geben; es wurde eine Generalpromotion bey der Ar - mee und bey der Flotte vorgenommen; unſere Ge - vollmaͤchtigten wurden mit Gunſtbezeugungen uͤber - haͤuft; der General Bruce wurde in den Reichsgra - fenſtand erhoben, und bekam ein Geſchenk von 10000 Rubeln. Herr Oſtermann wurde zum Ba - ron gemacht, und erhielt 8000, und der Secretair 2000; alle, deren Verbrechen eine willkuͤhrliche Strafe verdiente, erhielten Pardon, und alle die, ſo Abgaben ſchuldig waren, welches ſich auf viele Mil - lionen belief, wurden freygeſprochen.
Bey dieſer wichtigen Gelegenheit verſammelteDer Czar be - kommt den Titel des Großen. ſich der Senat, die Großen des Landes, die vornehm - ſte Geiſtlichkeit und die Deputirten vieler Provinzen, welche ſich insgeſammt zu dem Czar begaben, und ihm fuͤr ſeine vaͤterliche Sorge und den unermuͤdeten Fleiß dankten, welchen er angewendet habe, das Gluͤck und die Wohlfahrt des Reichs zu befoͤrdern. Zugleich baten ſie ihn, daß er ſich gefallen laſſen wolle, die dankbare Erkenntlichkeit ſeines getreuen Volkes, und, nach dem Beyſpiele anderer Monarchen, den Titel des Vaters ſeines Landes, Kaiſers aller Reußen und Peters des Großen anzunehmen. Als ihm dieſe Ti - tel vorgeleget wurden, verlangte er einige Zeit zur Ueberlegung, und nahm nach einiger Erwaͤgung ihr Anerbieten an, worauf der Senat zu drey wiederhol - ten Mahlen ausrief: Lange lebe Peter der Groſ - ſe, der Vater ſeines Landes und Kaiſer aller Reußen! Die ganze Verſammlung bezeugte ihren Beyfall mit Trompeten und Pauken, und zugleich wurden alle Kanonen auf der Feſtung und Admira -R 2litaͤt260litaͤt geloͤſet, worauf eine Salve von 24000 Mann zu Fuße und etlichen Bataillonen von der Garde, die vor dem Senathauſe aufgezogen waren, folgte. Der Kaiſer hielt alsdann eine Rede an die Staͤnde, und dankte ihnen fuͤr ihre Treue. Sie antworteten mit einer tiefen Verbeugung, und dankten ſeiner Kaiſer - lichen Majeſtaͤt fuͤr die vaͤterliche und gnaͤdige Rede, worauf eine zweyte Salve mit den Kanonen und klei - nem Gewehr, und ein lautes Zurufen des Volks er - folgte, das von einer dritten Salve bgleitet wurde. Hierauf gieng der ganze Senat und gratulirte der Kai - ſerinn und den Kaiſerlichen Prinzeſſinnen, die ihm ſehr gnaͤdig dankten. Alsdann begab ſich der Kaiſer und die Kaiſerinn in den Saal des Senats, wo der Herzog von Holſtein mit ſeinem ganzem Gefolge und mit ihm alle auslaͤndiſche Miniſter warteten, und bey - den Majeſtaͤten bey dem Eintritte in den Saal gratu - lirten. Nach dieſer Ceremonie ſetzte ſich die ganze Geſellſchaft zu Tafel, und es wurden uͤber tauſend Perſonen, beyderley Geſchlechts, bewirthet; es ſprang Wein auf den Straßen; es wurde ein ganzer mit Voͤgeln geſpickter Ochſe fuͤr das gemeine Volk gebra - ten, und des Abends die Stadt erleuchtet und Feuer - werke abgebrannt, worauf die Feyerlichkeiten, die 14 Tage zu jedermanns großem Vergnuͤgen gedauert hatten, beſchloſſen wurden.
Als der Kaiſer erfahren hatte, wie viel ſeine Un - terthanen in Proceſſen durch den Geiz derer litten, deren ſie ſich bey denſelben bedienten, indem dieſe den Proceß, ſo lange noch einiges Geld von den Clienten zu ziehen war, zu verzoͤgern ſuchten, ſo nahm er die Sache in Erwaͤgung, und verordnete, daß eine hin -laͤngliche261laͤngliche Anzahl Advocaten und Anwaͤlde geſetzt wer - den, und jeder einen hinlaͤnglichen jaͤhrlichen Gehalt haben ſollte, wofuͤr ſie allen ſeinen Unterthanen in je - der Sache umſonſt dienen ſollten. Damit auch nicht eine Perſon der andern vorgezogen wuͤrde, mußten ſie jeden Proceß, wie er ihnen vorgetragen worden, in ihre Tagebuͤcher eintragen, und in demſelben nach den Tagen des Eintragens, ohne Ruͤckſicht auf die Per - ſonen, arbeiten. Wer befunden werden wuͤrde, daß er Beſtechungen oder Belohnung annaͤhme, oder ei - nen Proceß zu verzoͤgern ſuchte, ſollte die Knute bekom - men und auf Zeitlebens nach Siberien geſchickt wer - den, wie es denn auch jedem Unterthan, wenn er ſich durch den Ausſpruch des Richters fuͤr beleidiget hielt, an den Kaiſer in Perſon zu appelliren, freyſtehen ſoll - te. Dieſe neue Einrichtung war allen ſeinen Unter - thanen, beſonders aber den niedrigſten, hoͤchſt ange - nehm. Da ſie bisher auch kein geſchriebenes Geſetz gehabt hatten, ſo ließ der Kaiſer eine Sammlung von buͤrgerlichen Geſetzen, ſo deutlich, kurz und leicht als moͤglich war, nach der Methode verfertigen, die der Marſchall Weyde vor dieſem bey Zuſammentra - gung der Kriegsgeſetze erwaͤhlet hatte, die in einem kleinen Taſchenbuche enthalten, und Ruſſiſch und Deutſch gedruckt waren, und davon jeder Officier ei - nes zu ſeinem Unterrichte erhalten hatte.
Jch erhielt um dieſe Zeit Nachricht aus Schott -Der Verfaſ - ſer ſucht ſei - nen Abſchied vergebens. land, daß mir daſelbſt ein kleines Gut durch den Tod eines Bruders meines Großvaters zugefallen ſey. Jch bat hierauf den Grafen Bruce, mir von dem Kaiſer die Erlaubniß zu verſchaffen, nach SchottlandR 3zu262zu gehen, meine Freunde zu beſuchen und meine Sa - chen in dieſem Lande in Ordnung zu bringen. Der Kaiſer gab ihm aber zur Antwort, daß er mich auf ei - ne gewiſſe Expedition mit ſich nehmen wolle, wo er Gelegenheit habe mich zu brauchen, und verſprach, daß ich, ſobald dieſe geendiget ſeyn wuͤrde, Erlaubniß haben ſollte, nach Schottland zu gehen.
Da der Kaiſer geſonnen war, einen triumphiren - den Einzug in Moskau, der Hauptſtadt ſeines Reichs, zu halten, ſo gab er ſeiner Diviſion oder Garde, die aus 4 Regimentern oder 12 Bataillonen und 4 Com - pagnien Grenadiers beſtand, Befehl, nach Moskau zu marſchiren, wo wir den 26ſten December zuſam - men kommen ſollten, und wobey jedem freygelaſſen wurde, dahin zu reiſen, wie er wollte. Dieſes letz - tere hatte aber ſehr viel Unbequemlichkeiten fuͤr die Officiers, indem wir alle unſere Pferde und Equipa - ge in Reval gelaſſen hatten, wo wir ſie ſehr wohlfeil verkaufen mußten, und nun aus Mangel derſelben in große Verlegenheit kamen, da der gegenwaͤrtige Um - ſtand ſie ſehr rar und uͤberaus theuer machte. Als ich dem Grafen Bruce meine Schwierigkeit vorſtellte, gab er mir ſechs von ſeinen Kutſchpferden, die er oh - nehin nach Moskau ſchicken wollte. Jch reiſete alſo den 1ſten November ab; weil aber der Froſt nicht ſtark genug war, und die Pferde nicht trug, ſo hatte ich ſehr uͤbles Reiſen, und kam mit vieler Schwierig - keit fort. Das Eis, welches bey jedem Schritte brach, verwundete und zerſchnitt den Pferden die Fuͤſ - ſe ſo ſehr, daß ich Novogorod erſt den 25ſten errei - chen konnte, wo ich des Generals Pferde zu Couri -ren263ren hinterließ, mit gemietheten Pferden weiter nach Seragorod gieng, und den 14ten December ankam, und zum Regimente ſtieß, das ſich daſelbſt ſtellte, wo wir alsdann zuſammen marſchirten, und den 26ſten ankamen. Hier ſtießen wir zu den uͤbrigen von unſerer Diviſion, und da noch ein Feldregi - ment zu uns kam, ſo machten wir uͤberhaupt 7 Ba - taillons aus.
Den 29ſten December hielt der Kaiſer ſeinen triumphirenden Einzug in Moskau in einer ſehr ſchoͤ - nen Ordnung. Der Kaiſer gieng dabey zu Fuße, und fuͤhrte das erſte Regiment von der Garde auf. Vor ihm marſchirte eine Grenadiercompagnie, und die Kriegsmuſik, welche aus ein paar Pauken, 2 Trompeten, 2 Waldhoͤrnern, 8 Hoboyen und 4 Baſ - ſons beſtand. Nach dem Kaiſer giengen die zwey Oberſtlieutenants, Menzikof und Butterlin, hinter dieſen die vier Majors, Galitzin, Uſupof, Matus - kin und Romanzof, dieſen folgten vier Capitains, die 4 Capitainlieutenants hinter ſich hatten; hierauf kamen die Fahnen der 16 Compagnien des erſten Regiments der Garde in zwey Reihen. Die andern Regimenter folgten in eben der Ordnung, und die Er - ker, Fenſter und Straßen, durch welche wir mar - ſchirten, waren von Zuſchauern angefuͤllt. Als der Kaiſer bey dem erſten Triumphbogen angekommen war, der in der Tweerſtraße errichtet worden, wurde er mit einer Generalſalve der ganzen Artillerie der Stadt und mit dem Gelaͤute aller Glocken empfangen. Als er zum zweyten Triumphbogen kam, wurde er von dem Erzbiſchof von Novogorod, dem Vice-Praͤ -R 4ſidenten264ſidenten des Synods, an der Spitze der Welt - und regulairen Geiſtlichkeit complimentiret, und einige Zeit mit Vocal - und Jnſtrumentalmuſik unterhalten, die von jungen Studenten in verſchiedenen Sprachen, vor dem Herzoge von Holſtein, den Senatoren und andern von Stande, gemacht wurde. Hierauf gieng der Kaiſer zu dem dritten Bogen, den der Fuͤrſt Menzikof hatte errichten laſſen, wo er ſich eine Zeit lang aufhielt, die Neugierde des Volks zu befriedi - gen, welches viele Freude an den Tag legte. Als - dann begab ſich der Kaiſer zu dem vierten Bogen, den der Rath hatte errichten laſſen, wo er von dem Praͤſidenten des Raths, dem Knes-Trubetzkoi, und von dem ganzen Rathe, von einer großen Anzahl Kaufleute begleitet, empfangen wurde. Von da marſchirten wir nach der Jnoiſemska-Slaboda, wel - ches der Theil der Stadt iſt, wo alle Auslaͤnder woh - nen, wo wir mit Eſſen und Trinken bis in die ſpaͤte Nacht bewirthet wurden, und uns von da in unſere Quartiere begaben.
Auf dieſen triumphirenden Einzug folgten ſechs Wochen lang nichts als Gaſtmahle, Baͤlle, Mas - queraden und andere Ergoͤtzlichkeiten. Unter andern vortrefflichen Verzierungen, die bey dieſer Gelegen - heit angebracht wurden, war eine uͤber und uͤber ver - goldete ſehr ſchoͤn gearbeitete kleine Jacht, mit 12 kleinen meßingenen Kanonen, nebſt Fahnen und flie - genden Wimpeln. Dieſes Fahrzeug ſtand auf einem Schlitten, der von Pferden gezogen wurde, und in demſelben ſaßen der Kaiſer und der Herzog von Hol - ſtein nebſt andern bis auf 24 Perſonen, die alle wieSeeleute265Seeleute gekleidet giengen, und auf dieſe Art etliche Tage lang durch die Straßen in Moskau mit einer Geſellſchaft Muſikanten, von eines Großen Hauſe zu dem andern fuhren, wo große Gaſtgebote fuͤr ſie an - geſtellt waren. Die Kanonen der Jacht wurden bey jedem Hauſe abgefeuert, wo ſie anhielten. Alle Straßen der Stadt wurden jede Nacht erleuchtet. Dieſes Gepraͤnge war den Einwohnern ſehr ange - nehm, indem ſie noch niemals ein Schiff geſehen hat - ten. Waͤhrend dieſer ganzen Zeit dachten alle Ein - wohner von allen Staͤnden auf nichts als auf Ver - gnuͤgen, bis eine neue und unvermuthete Sache ihre ganze Freude unterbrach.
Es wurde naͤmlich den 22ſten Februar 17221722. ein Befehl durch Trompeten bekannt gemacht, wo - durch allen Eingebohrnen des Ruſſiſchen Reichs, und allen damals darinnen befindlichen Auslaͤndern an - befohlen wurde, einen Eid zu ſchwoͤren und zu unter - zeichnen, daß ſie diejenige Perſon, die Jhre Majeſtaͤt zu ihrem Nachfolger ernennen wuͤrde, nach ihrem Tode als Thronfolger erkennen wollten. Dieſer Be - fehl machte alle Gemuͤther niedergeſchlagen, wenn ſie an das Recht des jungen Peters, des Kaiſers En - kel, und einzigen maͤnnlichen Erben der Kaiſerlichen Familie gedachten, der ein ſo viel verſprechender und hoffnungsvoller Prinz war, als einer von ſeinem Alter nur ſeyn konnte. Sie mußten indeſſen dem Befehle gehorchen, ob er gleich von vielen mit widri - gen Herzen vollzogen wurde, indem der unſchuldige Prinz nichts vor ſeines Vaters Vergehungen konnte. Alle Officiers von unſrer Diviſion wurden in verſchie -R 5dene266dene Kirchſpiele vertheilet, dieſen Eid zu betreiben und ihn unterſchreiben zu laſſen; ich bekam eines in der Stadt, welches mich, da es ſehr zahlreich war, fuͤnf Wochen lang, vom Morgen bis in die Nacht beſchaͤftigte. Es war dieſes der unangenehmſte Dienſt fuͤr mich, den ich jemals in Rußland gethan habe, indem ich das vortreffliche Gemuͤth und den Charakter des jungen Prinzen ſo wohl kannte, weil ich die Ehre gehabt hatte, ihn in den militaͤriſchen Uebungen und dem Feſtungsbaue zu unterrichten, die - ſer Eid aber ohne Zweifel zu ſeinem Nachtheile vor - geſchrieben war.
Die Urſache zur Expedition wider Perſien. — Ein - ſchiffung auf dem Fluſſe Moskau. — Nisni-No - vogorod. — Einſchiffung auf die Galeeren. — Die Czeremiſſiſchen Tartarn. — Caſaniſche Tar - tarn. — Art, in der zu Wolga fiſchen. — Arten der Fiſche. — Alabaſter-Bruch. — Bulgariſche Tartarn, und der Jungfernberg. — Kalmukiſche Tartarn. — Aſtrakan. — Nogayiſche Tartarn. — Kurze Beſchreibung der Tartarn uͤberhaupt. — Der Nogayiſchen Tartarn Lebensart. — Wuͤſte - neyen nahe bey Aſtrakan, reich am Salze. — Fruͤchte in Aſtrakan. — Eine Banyaniſche Frau verbrennt ſich bey ihres Mannes Tode ſelbſt. — Die Einwohner Jndiens. — Die Banyaner.
Nachdem dieſer Punkt war in Richtigkeit gebrachtUrſachen zum Kriege wider Per - ſien. worden, machte der Kaiſer Anſtalt zu einem Feldzuge, ſich wegen der Beleidigungen zu raͤchen, welche ihm die rebelliſchen Perſianer, die am Caspi - ſchen Meere wohnen, angethan hatten. Herr Wo - linsky, welchen er als Geſandten an Myr Maghmut, den, welcher ſich zum Beherrſcher aufgeworfen, abge - ſchickt hatte, war eben mit einer ſehr unbefriedigen - den Antwort aus Perſien zuruͤck gekommen. Die Einwohner um den Berg Caucaſus, auf der weſtli - chen Seite des Caspiſchen Meeres, hatten Schama - chi, in der Provinz Schirvan, weggenommen, 300 Ruſſiſche Kaufleute, die ſich in Handelsgeſchaͤften daſelbſt befanden, niedergehauen, und ſich ihrer Ef - fecten, die ſich gegen eine Million Rubel beliefen, be -maͤchti -268maͤchtiget. Die Ruſſiſche Caravane aus China war von den Usbeckiſchen Tartarn, die mit dem Maghmut im Buͤndniſſe ſtunden, auf gleiche Art behandelt wor - den, und die Einwohner von Androfska, nahe an den Ruſſiſchen Grenzen, hatten viele Einfaͤlle in das Ruſſi - ſche Gebiete gethan, und alles, was ihnen vorgekom - men war, gepluͤndert, verbrannt und verheeret, wie auch eine Menge Menſchen beyderley Geſchlechts in die Sclaverey gefuͤhret. Da Herr Wolinsky, der abgeſchickt worden war, Genugthuung fuͤr dieſe Be - leidigungen zu fordern, ohne die geringſte Befriedi - gung erhalten zu haben, zuruͤck kam, ſo beſchloß der Kaiſer Genugthuung durch Gewalt der Waffen zu ſu - chen, und dieſe Expedition in Perſon zu commandi - ren. Jndem dieſes beſchoſſen wurde, kamen drey Expreſſe vom Schach Hußein, dem abgeſetzten Monarchen in Perſien, an, der den Kaiſer um Huͤlfe und Beyſtand wider den Aufruͤhrer, und zwar unter ſolchen Bedingungen anſprach, die fuͤr einen ſo weiſen Fuͤrſten zu vortheilhaft waren, als daß er ſie ausſchla - gen ſollte, daher ſie auch dieſe Expedition beſchleu - nigten.
Als ſich der Kaiſer zu dieſem Kriege entſchloß, gab er ſogleich Befehl, daß zu Nisni-Novogorod eine hinlaͤngliche Menge Galeeren und Proviantſchiffe erbauet werden ſollte, worauf 30000 ſeiner regulai - ren Truppen auf der Wolga nach Aſtrakan gebracht werden koͤnnten. Nachdem er nun alle Anſtalten ge - troffen hatte, wie die oͤffentlichen Angelegenheiten in ſeiner Abweſenheit verwaltet werden ſollten, ſetzten wir uns den 26ſten April auf dem Fluſſe Moskau, zu unſerer Unternehmung nach Aſien, zu Schiffe. Jndem269Jndem wir den Fluß hinunter fuhren, hatten wir ei - ne der ſchoͤnſten Ausſichten in die fruchtbarſten und angenehmſten Laͤnder der Welt. Wir kamen den 3ten May vor der Stadt Columna an, welche zu Waſſer 108 Werſte von Moskau liegt, aber zu Lan - de nicht halb ſo weit iſt. Es iſt dieſes eine betraͤcht - liche Stadt; ſie hat eine Mauer von Steinen und Thuͤrme, und iſt der Sitz eines Biſchofs. Hier faͤllt die Moskau in die Occa. Dieſe kommt aus Suͤden, und iſt nicht allein ein viel breiterer Fluß, ſondern hat auch an ihren Ufern ein vortreffliches Land, welches ſehr volkreich und fruchtbar iſt, und von einer großen Menge praͤchtiger Eichen auf beyden Ufern zu einem der angenehmſten Laͤnder in der Welt gemacht wird. Die Stadt Wolodimer ſtehet zwi - ſchen der Occa und der Wolga, und liegt in dem fruchtbarſten Lande von ganz Rußland; ſie iſt lange Zeit die Reſidenz der Großherzoge geweſen, bis die Kaiſerliche Reſidenz nach Moskau verleget wurde, ſeit welcher Zeit ſie ſehr in Verfall gekommen iſt. An dieſe Provinz ſtoßen die zwey Tartariſchen Fuͤr - ſtenthuͤmer Caßinu und Mordwa; die Hauptſtadt des erſten iſt Caßinogorod, die zur Rechten am Fluſſe Occa liegt, und von einer großen Menge Doͤrfer und Kloͤſter umgeben iſt, die ſehr angenehm zwiſchen den Waͤldern liegen. Die Hauptſtadt des zweyten iſt Moruma, die zur Linken an der Occa lieget, die hier die Clesna aufnimmt, welche von Wolodomer kommt. Hier begegneten uns zwey ungluͤckliche Zufaͤlle; es verlohr ein Soldat ein Bein durch ein Tau, indem er einen Anker herab ließ, und eines Soldaten Frauwurde270wurde zwiſchen zwey Fahrzeugen erquetſcht, indem ſie aus einem in das andere ſtieg und herunter fiel.
Den 25ſten May langten wir vor Nisni-No - vogorod an, welches 750 Werſte von Moskau liegt. Dieſe Stadt iſt am Zuſammenfluſſe der zwey groſſen Fluͤſſe, der Occa und der Wolga, erbauet; die Wolga iſt bey der Vereinigung der zwey Fluͤſſe 4500 geometriſche Schritte breit. Dieſer Fluß nimmt ſei - nen Urſprung aus der See die Wolga genannt, in der Provinz Roſchovia, und iſt ohne Zweifel der groͤß - te in Europa, indem er von ſeinem Urſprunge bis an das Caspiſche Meer, in welches er ſich ergießt, gegen 2900 Werſte lang iſt. Von ſeiner Quelle an bis an dieſe Stadt, wobey er ungefaͤhr 400 Werſte durch die ſuͤdlichen Theile von Moskau fließt, iſt er nur mittel - maͤſſig breit, ſtoͤßt auch nur an wenig merkwuͤrdige Oer - ter. Dieſe Stadt erhielt ihren Nahmen von der be - ruͤhmten Stadt Novogorod, deren Einwohner auf Befehl des Tyrannen Jvan Baſilowitz, an dieſen Ort verſetzet worden. Sie iſt mit einer ſtarken ſteinernen Mauer und Thuͤrmen umgeben. Die Vorſtaͤdte ſind groͤßer als die Stadt, indem ſie faſt drey Meilen im Um - fange haben, und von Tartarn, Ruſſen und Hollaͤndern, die meiſtens Kaufleute ſind, bewohnet werden, wie denn auch die Hollaͤnder hier eine proteſtantiſche Kirche haben.
Hier verſammelte ſich die ganze zu dieſer Unter - nehmung beſtimmte Armee, und ſetzte ſich auf die hier erbauten neuen Galeeren; und da dieſe ſehr ſchmal waren, ſo wurden deren fuͤr jedes Regiment 16 be - ſtimmt, welches, mit einer großen Menge Proviant - und Krankenſchiffen, ein ſehr zahlreiche Flotte aus - machte. Der Kaiſer und die Kaiſerinn kamen den27ſten27127ſten in einer in Moskau fuͤr ſie erbauten ſchoͤnen Jacht hier an. Da des Kaiſers Geburtstag den 30ſten einfiel, ſo wurde die ganze Armee an dem Ufer in Ordnung geſtellt, worauf ſie ſich, nachdem ſie drey Salven gegeben hatte, wieder auf die Galeeren begab. Als die Kanonen auf des Kaiſers Jacht abgefeuert wurden, zerſprang eine davon, toͤdtete ei - nen auf der Wache ſtehenden Grenadier, und verwun - dete eine von den Hofdamen ſo gefaͤhrlich, daß ſie in wenig Stunden ſtarb. Bey dieſer Gelegenheit ſtell - te Herr Strogenof, ein Kaufmann, der den Ruhm hatte, daß er den groͤßten Handel und die groͤßten Reichthuͤmer unter allen Kaufleuten in Rußland be - ſaß, ein großes Tractament fuͤr beyde Majeſtaͤten, und alle Feldofficiers, in der Stadt an. Er ſchickte im Ueberfluſſe Bier und Brandwein fuͤr die Soldaten auf die Galeeren, und beym Beſchluſſe des Tracta - ments machte der Kaiſer ihn zum Baron. Der Kaiſer begab ſich an eben dieſem Abende auf die Jacht und fuhr vor uns nach Aſtrakan ab, alle An - ſtalten zu beſehen, die zu der Expedition uͤber das Caspiſche Meer noͤthig waren; aber die Flotte wurde noch etliche Tage durch Herbeyſchaffung aller noͤthigen Beduͤrfniſſe zuruͤck gehalten.
Es befand ſich hier ein Capuciner, der in Schwei - zeriſchen Dienſten Capitain geweſen war, weil er aber einen andern Officier in einem Duelle getoͤdtet hatte, ein Capuciner geworden war, und jetzt als Mißionair nach Perſien gieng. Da ich hoͤrte, daß er predigen ſollte, ſo bekam ich Luſt, einigen catholiſchen Officie - ren Geſellſchaft zu leiſten und ihn zu hoͤren; ſeine Pre - digt war in der That beſſer, als wir vermuthet hatten. Nach272Nach der Predigt wandte er ſich an ſeine Zuhoͤrer, und erſuchte ſie, ihn nach Aſtrakan mitzunehmen. Ob nun gleich damals viele Feldofficiers von ſeiner Religion zugegen waren, ſo war doch keiner ſo hoͤflich, ihm dieſes Anerbieten zu thun, woruͤber er ſehr be - ſtuͤrzt zu ſeyn ſchien. Jch gieng daher zu ihm, und ſagte, wenn er die Reiſegeſellſchaft eines Ketzers an - nehmen wollte, ſo ſolle er mir in meiner Cajuͤte will - kommen ſeyn, welches er mit vielem Danke annahm. Jch muß auch geſtehen, daß ich niemals mit einem angenehmern Geſellſchafter gereiſet bin, der mir bey aller Gelegenheit die groͤßte Dankbarkeit bewieſen hat. Als wir in Aſtrakan ankamen, erhielt er die Stelle ei - nes andern Moͤnches, der unlaͤngſt geſtorben war, und blieb alſo daſelbſt, welches in Anſehung des uͤb - len Zuſtandes, in dem ſich Perſien damals befand, ein gluͤcklicher Umſtand fuͤr ihn war.
Unſere Flotte fuhr den 10ten Junii, unter Com - mando des Admirals Apraxin, ab. Wir fanden ei - ne Menge Spargel, der wild an den Ufern des Fluſ - ſes wuchs, welches von dem Austreten ſeines Waſſers herruͤhrte, das im Fruͤhlinge, wenn der Schnee ſchmilzt, geſchieht. Wir kamen den 11ten nach Baſiligorod, auf der rechten Seite der Wolga, die der Tyrann gleiches Namens als eine Grenzfeſtung wider die Einfaͤlle der Czeremiſſen erbauet hat. Seit - dem aber die Ruſſen ihre Eroberungen auf dieſer Sei - te bis an das Caspiſche Meer uͤber die Tartarn ausge - breitet haben, iſt dieſer Ort ſehr aus der Acht gelaſ - ſen worden, und gelicht jetzt bloß einem Dorfe.
Die Czeremiſſiſchen Tartarn bewohnen beyde Seiten der Wolga von hier bis nach Cafan. Sieſind273ſind ein barbariſches betruͤgeriſches und grauſames Volk, das bloß vom Raube lebt. Jhre Nahrung ſind wilde Voͤgel, Fiſche und Honig, nebſt einem Ue - berfluſſe an Milch, die ihnen ihre Weiden verſchaffen, wie ſie denn auch das Fleiſch von ihren Pferden und Kuͤhen eſſen, wenn ſie ſterben; denn ſie toͤdten niemals einige davon. Sie haben keine Haͤuſer, ſondern elen - de Huͤtten. Die auf der rechten Seite des Fluſſes wer - den Nagarin oder Bergbewohner genannt, und die zur Linken, heißen Lugoivi, von ihren Wieſen, auf welchen ſie auf beyden Seiten des Fluſſes Heu ma - chen. Sie ſind alle Heiden, und bedienen ſich we - der der Beſchneidung noch der Taufe; ihren Kindern geben ſie die Namen der erſten Perſonen, denen ſie innerhalb ſechs Monaten von dem Tage der Geburt an gerechnet, begegnen. Sie bekennen einen un - ſterblichen Gott, den Urheber alles Guten, den man anbeten muͤſſe, lachen aber uͤber die Unſterblichkeit der Seele. Ob ſie gleich keine Hoͤlle glauben, ſo fuͤrchten ſie ſich doch vor dem Teufel als dem Urheber alles Ungluͤcks, und wollen ihn alſo durch Opfer ver - ſoͤhnen. Wenn ſie Gott ein Opfer bringen, ſo toͤd - ten ſie ein Pferd, eine Kuh oder ein Schaf, ſpan - nen deſſen Fell an einer hohen Stange aus, und rufen es an, damit es bey Gott fuͤr ſie bitten moͤge, daß er die Anzahl ihres Viehes vermehre. Sie bezeigen der Sonne und dem Monde, als den Urhebern aller Fruͤchte der Erden, große Hochachtung. Sie bedie - nen ſich keiner Kirchen, Geiſtlichen oder Buͤcher. Die Vielweiberey iſt bey ihnen gewoͤhnlich, ſo daß ſie zwey oder drey Schweſtern zugleich heirathen. Jhre Weiber und Toͤchter ſind insgeſammt in ein StuͤckSgrobes274grobes weißes Tuch eingewickelt, ſo daß man kaum etwas anders, als ihre Geſichter ſiehet. Die Manns - perſonen tragen einen Rock von Leinwand und Bein - kleider darunter. Sie ſcheren ſich insgeſammt das Haupt, die jungen unverheiratheten Perſonen aber laſſen einen Zopf ſtehen, der zum Unterſchiede auf ih - rem Ruͤcken lang herunter haͤngt. Sie haben eine ih - nen ganz eigene Sprache, die keine Aehnlichkeit weder mit der Sprache der benachbarten Tartarn, noch mit der Tuͤrkiſchen oder Ruſſiſchen hat; obgleich einige, die mit Ruſſen zu thun haben, einige Kenntniß von die - ſer Sprache erlanget haben. Vierzig Werſte von Baſiligorod liegt die Stadt Kasmademiunski, an dem Fuße eines Berges zur Rechten des Fluſſes; das ganze Land in dieſer Gegend iſt ein langer Wald von Erlen, die ungewoͤhnlich groß ſind. Vierzig Werſte am Fluſſe herunter, ſtehet an eben dem Ufer die Stadt Sabakzar, die wegen ihrer Lage eine der ſchoͤnſten in dieſen Gegenden iſt. Wenn man noch 25 Werſte weiter hinunter gefahren, und uͤber drey Jnſeln auf der linken Seite des Fluſſes paßiret iſt, kommt man zu der Stadt Kockſchage. Auf eben der Seite, etliche Werſte hinunter, ſtehet die Stadt Suiatski, an einem Berge erbauet; das Schloß und die Kirchen ſind von Steinen, die uͤbrigen Ge - baͤude und Feſtungswerke beſtehen aus Holz.
Als wir von hier des Nachts ab - und auf den Fluß Caſanski zufuhren, wurde mein Fahrzeug leck, und waͤre beynahe verlohren gegangen, ehe wir es entdeck - ten. Wir hatten ſehr viel Schwierigkeiten, ehe wir ans Ufer kamen, und ſobald wir das Waſſer ausgeſchoͤpfet und die Luͤcke ſo gut wir konnten verſtopft hatten, fuh -ren275ren wir auf dem Fluſſe Caſanski herauf, 7 Werſte von der Wolga auf die Stadt Caſan zu, wo ich mein Fahrzeug ausbeſſern ließ. Dieſe Stadt iſt ſehr groß, und liegt an der linken Seite der Wolga in ei - ner ſehr fruchtbaren Ebene; die Haͤuſer und Feſtungs - werke ſind von Holze, aber das Schloß und deſſen Werke, die aus vier Baſtionen und vielen Thuͤrmen beſtehen, ſind von Steinen erbauet, und der Fluß, der um ſie herum gehet, vertritt die Stelle eines Gra - bens. Die Beſatzung beſtehet bloß aus Ruſſen, die unter einem Gouverneur ſtehen, aber die Stadt wird von Ruſſen und Tartarn bewohnet, die ihren eigenen Gouverneur haben. Jn den vorigen Zeiten fuͤhrten die Koͤnige von Caſan mit den Ruſſen ſehr blutige Kriege, und ſetzten ſie oft unter Contribution, indem ſie gemeiniglich eine Armee von 60000 Mann ins Feld ſtellten; endlich aber wurden ſie von Jvan Ba - ſilowitz in Jahr 1552 unter das Joch gebracht, und die Koͤnigliche Familie gefangen nach Moskau gefuͤh - ret, wo ihre Nachkommen noch wohnen, und ihr Oberhaupt bis auf dieſen Tag der Caſanski Czarowitz genannt wird. Jch muß hier bemerken, daß der Lauf des Fluſſes Wolga von Moskau nach Caſan oͤſtlich, und von da, bis ins Caspiſche Meer, nach Suͤden gehet. Das Koͤnigreich Caſan liegt an der Wolga zur Linken, deſſen Einwohner in Haͤuſern wohnen und vom Ackerbau leben. Sie verſehen die ſuͤdlichen Provinzen mit allen Arten von Lebensmit - teln, und ſind aus eben der Urſache die civiliſirteſten unter allen Tartarn. Sie ſind zum Theil Mahome - taner, aber die meiſten von denen, die in Staͤdten wohnen, ſind griechiſcher Religion; es iſt ihnen beyS 2ſchwerer276ſchwerer Strafe verboten, in eine von den Feſtungen zu gehen. Sie grenzen gegen Suͤden an die Bulga - riſchen, und gegen Norden an die Siberiſchen Tartarn.
Sobald meine Galeere ausgebeſſert war, reiſete ich den 17ten Junii von Caſan ab, konnte aber die Flotte nicht eher einholen, als bis wir nach Aſtrakan kamen, weil ſie weder bey Tage noch bey der Nacht anhielt. Ungefaͤhr 60 Werſte unter Caſan faͤllt der Fluß Kama zur linken Hand in die Wolga; 30 Werſte noch weiter hinunter fließt der Fluß Zer - dick ebenfalls darein, und in einer Entfernung von 30 Werſten weiter hinunter liegt die Stadt Tetus, die wegen der unordentlichen Gebaͤude mehr einem Dorfe als einer Stadt aͤhnlich ſiehet. Zwanzig Wer - ſte unter dieſer faͤllt der Fluß Utka auf der andern Seite hinein, der nahe bey der Stadt Bulgar, der Hauptſtadt des Koͤnigreichs dieſes Namens, ent - ſpringt. Etliche Werſte weiter iſt eine Jnſel Sta - ritza genannt, und nicht weit unter dieſer ſiehet man Rudera von einer betraͤchtlichen Stadt unter den Tar - tarn, die Ureneskora geheißen hat, und von dem Tamerlan iſt zerſtoͤret worden; ſie hat in einer ange - nehmen Gegend gelegen, und iſt heutiges Tages noch wegen eines Begraͤbniſſes eines ihrer Heiligen, dem ſie eine große Verehrung bezeigen, beruͤhmt.
Eine ziemliche Anzahl von Werſten weiter un - ter dieſer, zur Rechten, ſiehet man ebenfalls die Rui - nen von zwey großen Staͤdten nicht weit von einander, die ſehr angenehm an den Ufern des Fluſſes gelegen haben. Die erſte hat Simberska und die zweyte Arbuchim geheißen, die Tamerlan ebenfalls zerſtoͤ - ret hat. Hier holte ich drey Galeeren und ein Pro -viant -277viantſchiff ein; ſie hatten drey Anker eingebuͤßet, und drey Soldaten und ein Canonierer waren ertrunken. Da ich der aͤlteſte Officier war, ſo nahm ich ſie unter mein Commando, und dieſe Zuſammenkunft machte die uͤbrige Reiſe deſto angenehmer, indem etliche Of - ficiersweiber und Muſikanten auf dem Proviantſchiſſe waren. Wir brachten unſere Zeit des Abends mit Tanzen, und des Tages mit Fiſchen und Vogelſchieſ - ſen zu, indem die beſten Arten von Fiſchen ſowohl als Voͤgeln in großem Ueberfluſſe vorhanden waren; alle uͤbrige Arten von Speiſen und Proviant konnte man fuͤr weniges Geld oder faſt umſonſt haben, und da wir einen guten Vorrath von Liqueuren auf unſern Schiffen hatten, ſo brachten wir unſere Zeit auf dem Proviantſchiffe beyſammen ſehr angenehm zu, weil wir darauf Platz genug hatten.
Jn dieſer Gegend iſt die Wolga mit kleinen Jn -Art in der Wolga zu fiſchen. ſeln und Sandbaͤnken angefuͤllt, welche gegen beyde Ufer hie und her zerſtreuet liegen, und daher die Fahrt ſehr ſchwer, und in gewiſſen Jahreszeiten fuͤr Schiffe von großen Laſten unmoͤglich machen, die meiſtens im Monat May und Junius fahren muͤſſen, in welchen, wegen des thauenden Schnees, und der darein fallenden aufgethauten Fluͤſſe, das Waſſer ſo hoch ſteiget, daß die Fahrzeuge oft uͤber die kleinen Jnſeln gehen koͤnnen. Dieſer Fluß fuͤhret einen groſ - ſen Vorrath an Fiſchen aller Arten mit ſich, die eine gute Waare in Moskau ſind, weil ſie ſo viel Feſttage haben, und die ſowohl die Tartarn als die Ruſſen mit Angeln, aber auf verſchiedene Art, fangen. Die Tar - tarn nehmen ein langes Seil, und binden an das eine Ende einen großen Stein, der mit demſelben auf denS 3Boden278Boden herunter gehet, und an dem andern Ende be - feſtigen ſie große Stuͤcken Holz, die in dem Waſſer ſchwimmen. Laͤngſt dieſem großen Seile befeſtigen ſie viel kleine Stricke in einer gewiſſen Entfernung von einander, davon jeder einen Haken hat, daran ein gewiſſer kleiner Fiſch haͤngt, nach welchen die groſ - ſen Fiſche ſehr begierig ſind. Dergleichen Seile le - gen ſie jeden Abend queer uͤber den Fluß, und neh - men ſie des Morgens wieder heraus, da es ſich denn ſelten zutraͤgt, daß nicht an jedem Haken ein Fiſch von dieſer oder jener Art haͤngt, davon einige 10, 12 oder mehr Fuß lang ſind. Die Ruſſen bedienen ſich auch eines Seiles, woran ſie ebenfalls Haken mit Koͤder befeſtigen; ſie haben auch kleinere Seile, wor - an aber kleine hoͤlzerne Fiſche hangen, die mit Zinn uͤberzogen ſind, die, wenn ſie hinter dem Bothe her - gezogen werden, an den Sonnenſtralen wie Fiſche ausſehen, wodurch ſie ſehr große Fiſche zu dem Koͤ - der locken. Unter den verſchiedenen Fiſchen, woran dieſer Fluß einen Ueberfluß hat, iſt der Stoͤhr nicht einer der unbetraͤchtlichſten, deſſen Eyer dasjenige ge - ben, was die Ruſſen Jkari und wir Caviar nen - nen. Der Beluga oder Weißfiſch verdient ebenfalls angemerkt zu werden; er iſt 5 bis 6 Ellen lang, und nach Proportion dick. Man macht ebenfalls Caviar aus ſeinen Eyern oder Rogen, der eine hellgraue Far - be hat, groͤßer und angenehmer von Geſchmack iſt, als der vom Stoͤhre, ſich aber nicht ſo gut verfahren laͤßt, da ſie kein Mittel, ihn zu erhalten, ausfuͤndig machen koͤnnen. Die Eyer des Stoͤhrs ſind ſchwarz und klein, und werden, in 10 oder 12 Tagen nach ihrer Zube - reitung mit Salz, in einen Teig eingeſchlagen und nachallen279allen Theilen Europens verfahren. Dieſe Art Waa - re verſchafft Rußland einen betraͤchtlichen Handel. Außer dem Stoͤhr der Beluga fuͤhrt dieſer Fluß auch den Oſotrin, das ebenfalls ein ſehr großer, delicater und fetter Fiſch iſt. Dieſer Fluß hat auch einen Ue - berfluß an Lachſen, Sterlitzen, einem ſehr guten Fi - ſche, und unzaͤhligen andern Arten von Fiſchen, deren Benennung zu weitlaͤuftig fallen wuͤrde.
Jndem wir den Fluß hinunter fuhren, begegne - ten wir vielen Strußen, oder Schiffen mit flachen Boden, davon eines 8 - bis 900 Tonnen traͤgt, die von Aſtrakan mit Salz, Fiſchen, Caviar und allen Arten Jndianiſchen und Perſiſchen Waaren beladen nach Moskau giengen. Sie fuͤhren wegen der ſchwe - ren Arbeit, wenn ihnen der Wind mangelt, indem ſie den Fluß herauf fahren, welches denn oft geſchieht, ſelten weniger als 200 Mann, und wo das Ufer un - gleich iſt, ſchicken ſie ihre Bothe voraus, die eines hin - ter dem andern in einer ziemlichen Entfernung Anker werfen, wodurch ſie ſich in einer ziemlichen Geſchwin - digkeit wider den Strom hinauf ziehen; die Maͤnner laufen mit dem Wurfſeile auf den Schultern, und loͤſen einander wechſelsweiſe ab. Wo aber das Ufer flach und eben iſt, gehet die Mannſchaft ans Land und ziehet das Schiff fort.
Nahe bey der verwuͤſteten Stadt Arbuchim lag ein Stein der 10 Ellen lang und 6 breit, und tief in den Grund eingeſunken war. Auf dieſem ſtand eine Aufſchrift in Ruſſiſcher Sprache, des Jnhalts: „ Wer dieſen Stein aufheben wuͤrde, dem ſollte ſeine Muͤhe belohnet werden “. Es verſammelten ſich eines Mahls viele von den Einwohnern, die ihn umwand -S 4ten280ten und alsdann folgende Aufſchrift auf der andern Seite fanden: „ Jhr Thoren, was ſuchet ihr? hie - her iſt nichts geleget worden “.
Von hier kamen wir zu einem Dorfe Teneſowa genannt, wo ein ſchoͤner Alabaſterbruch war, davon ich auch etliche große Stuͤcken mitnahm und ſie in das Proviantſchiff legte, um ſie dem Kaiſer zu zeigen. Den 20ſten Junii kamen wir nach Samara, einer Stadt zur linken Hand des Fluſſes, die zu dem Koͤ - nigreiche Bulgar gehoͤret. Der Fluß Samar, von dem ſie den Nahmen hat, faͤllt hier in die Wolga,Bulgariſche Tartarn. und liegt uͤber 300 Werſte von Caſan. Die Stadt Samara iſt viereckig, die Feſtungswerke und andere Gebaͤude ſind von Holz, die Kirchen und Kloͤſter aus - genommen. Die Beſatzung beſtehet aus einer An - zahl regulairer Truppen und Coſaken, die unter einem Gouverneur ſtehen. Der Bulgaren Leben und Sit - ten kommen faſt mit der Caſaner ihren uͤberein. Nicht weit von dieſem Orte, nahe am Fluſſe Ußa, ſtehet ein merkwuͤrdiger Berg, Dewitza Gora oder der Jungfernberg genannt, davon ſie viel fabelhafte Ge - ſchichten erzaͤhlen, die nicht verdienen wiederholet zu werden. Er war vor dieſem der Sammelplatz einer Menge Koſakiſcher Raͤuber, die von deſſen Anhoͤhe in eine betraͤchtliche Entfernung den Fluß herauf und herunter ſehen konnten, und hierdurch in den Stand geſetzt wurden, die Fahrzeuge anzuhalten und zu be - rauben; aber jetzt iſt er in ein Moͤnchskloſter verwan -Jungfern - berg. delt. Der Berg iſt wie ein Hut Zucker geſtaltet, mit einem Wege, der rund herum bis auf den Gipfel hinauf gehet. An dieſem Wege ſtehen kleine Cellen nicht weit von einander, davon jede von einem Moͤnchebewohnet281bewohnet wird, und oben darauf iſt die Wohnung des Superiors, deſſen Haus, wie auch die Capelle auf einer ziemlich großen Ebene von Holze erbauet ſind. Hier iſt eine der ſchoͤnſten Ausſichten, die ich jemals ge - ſehen habe. An den Seiten dieſes ſich herumwinden - den Weges, ſtehen von unten an bis auf den Gipfel große Fichten in ſolcher Ordnung, als wenn ſie mit Fleiß dahin geſetzet waͤren, die einen ſehr angenehmen Eindruck auf das Auge machen. Jn einer nicht großen Entfernung faͤngt ſich ein anderer Berg an, der beynahe 40 Werſte laͤngſt dem Fluſſe hingehet; die Thaͤler zwiſchen demſelben ſind voll von Aepfelbaͤu - men, die einen Ueberfluß an Cyder geben, den die Ruſſen Yablona Quas nennen. Einige von die - ſen Bergen erſtrecken ſich tief ins Land hinein. Auf dieſer ſehr angenehmen Reiſe verſchafften uns die klei - nen zu den Galeeren gehoͤrigen Jachtſchiffe, die jedes 6 bis 10 Ruder hatten, vieles Vergnuͤgen, indem ſie uns in den Stand ſetzten, unſere Neugierde zu be - friedigen, ohne daß wir mit unſern Schiffen von un - ſerer Reiſe abweichen durften.
Den 27ſten Junii kamen wir nach Saratof, das zu Waſſer 708 Werſte von Moskau liegt. Wir fiengen hier zwey große Stoͤhre und einen Belu - ga oder Weißfiſch, der 6 Ellen lang und auch nach Beſchaffenheit dick war, und eine hinlaͤngliche Mahl - zeit fuͤr das ganze auf den 5 Schiffen ſich befindliche Volk abgab. Die Stadt Saratof liegt auf einer ſehr ſchoͤnen großen Ebene an einem Arm der Wolga ohngefaͤhr 4 Werſte vom Hauptfluſſe. Sie wird von einer großen Anzahl Ruſſiſcher Soldaten und Coſaken bewohnt, oder iſt vielmehr mit ihnen beſetzt,S 5die282Kalmucken.die als eine Wache wider die Streifereyen der Kalmu - ckiſchen Tartarn hierher verlegt ſind, welche Tartarn ein großes Stuͤck Land, zwiſchen der Wolga und dem Fluſſe Jaick nach dem Caspiſchen Meere zu, bewohnen, und die linke Seite der Wolga von hier faſt bis nach Aſtrakan beſitzen, wo man in dieſem un - geheuern Strich Landes nicht ein einziges Haus ſie - het, weil ſie alle in Zelten wohnen, und ſich von ei - nem Orte zum andern begeben, wo ſie Weide fuͤr ihre großen Heerden Vieh ſuchen, die aus Pferden, Ka - meelen, Kuͤhen und Schaafen beſtehen. Sie ſaͤen und aͤrnten nicht, wie ſie denn auch kein Heu fuͤr ihr Vieh machen, ſo daß ſie ohne Brot oder andere Ar - ten von Fruͤchten leben. Jm Winter ſucht ſich ihr Vieh wie andere wilde Thiere zu naͤhren. Jhre Speiſe iſt Fleiſch (beſonders das von Pferden), Fi - ſche, wilde Voͤgel und Wildbret, wie ſie denn auch einen großen Vorrath an Milch, Butter und Kaͤſe haben. Sie ziehen die Milch von Pferden aller an - dern vor, und machen einen ſtarken Branntwein dar - aus, den ſie uͤberaus gern trinken; er ſiehet ſo hell aus wie Waſſer, ich habe aber deſſen Zubereitung niemals erfahren koͤnnen. Die Kalmucken ſind in unendlich viele Horden und Clans vertheilet, davon jede unter ihrem eigenen beſondern Chan ſtehet, die aber alle die Oberherrſchaft eines Haupt-Chans er - kennen, der Otchicurti-Chan, oder der Koͤnig der Koͤnige genennet wird, und ſein Geſchlecht von dem großen Tamerlan herleitet. Er iſt ein ſehr maͤchti - ger Fuͤrſt und lebt in großer Pracht; allen benachbar - ten Tartarn und ſelbſt den Ruſſen iſt er fuͤrchterlich, die ſich genoͤthiget ſehen betraͤchliche Garniſonen aufder283der rechten Seite des Fluſſes von Saratof bis nach Aſtrakan zu haben, ihre Streifereyen zu verhindern, indem die Kalmucken das gegenſeitige Ufer inne haben. Die Ruſſen ſind daher auch genoͤthiget, die Negaya - niſchen Tartarn um Aſtrakan herum, zu ihrer Ver - theidigung, mit Gewehr zu verſehen. Die Kalmu - cken pflegten ſonſt alle Sommer das Land der Noya - ger um Aſtrakan zu verwuͤſten; ſeitdem ſie aber die Wirkungen des kleinen Gewehres und der Kanonen empfunden haben, die ihnen die Ruſſen in die Haͤnde gegeben, ſo kommen ſie des Jahrs nur einmal auf die großen Ebenen bey Aſtrakan, weil ſie da Fut - ter fuͤr ihr Vieh zu einer Zeit finden, wenn ihre noͤrd - lichen Gegenden gaͤnzlich davon entbloͤßet ſind. Dieſes geſchieht gemeiniglich mit nicht weniger als 100000 Mann, und ſie gehen ſelten wieder zuruͤck, ohne ihr gewoͤhnliches Geſchenk an Brot, Branntwein und Toback von dem Gouverneur in Aſtrakan erhalten zu haben.
Es iſt gewiß, daß die Ruſſen ſtark genug ſind, dieſe unſtaͤten Voͤlker abzuhalten, wenn ſie es nicht wegen des Nutzens thaͤten, welchen ſie von der Hand - lung mit ihren Pelzen und Pferden haben, die ſie jaͤhrlich im Ueberfluſſe nach Aſtrakan bringen, wie auch wegen der Huͤlfe, die ſie den Ruſſen in ihren Kriegen wider die Tuͤrken und Tartarn in der Crim leiſten, weil ſie fuͤr das geſchwindeſte Volk in der Welt, ihre Zelte aufzuſchlagen und abzubrechen, gehalten werden, wozu ſie durch ihre beſtaͤndige Strei - fereyen, die ſie bald in dieſes bald in ein anderes be - nachbartes Land thun, gewoͤhnt ſind. Aus dieſer Abſicht halten die Ruſſen es fuͤr rathſamer, ihreGrau -284Grauſamkeit durch einige Geſchenke, die ſie freylich durch die Laͤnge der Zeit, als eine Schuldigkeit for - dern, zu zaͤhmen, als ſich wider eine Menge unſtaͤter Raͤuber, die ſo wenig zu verlieren haben, in einen Krieg einzulaſſen, indem ſie weder Haͤuſer noch be - ſtaͤndige Wohnungen in ihrem Lande haben, ſondern das ganze Jahr durch in mit Fellen bedeckten Zelten wohnen, worinn ſie aber, in Anſehung der Reinlichkeit und Bequemlichkeit, alle benachbarte Nationen, ſo - gar diejenigen, die in feſten Wohnungen leben, uͤber - treffen.
Die Kalmucken, wie auch alle andere Nationen der großen Tartarey, ſind Heiden. Was ihre Per - ſon betrifft, ſo ſind ſie klein von Statur, und haben gemeiniglich krumme Beine, welches daher kommt, daß ſie faſt beſtaͤndig reiten, oder im Sitzen die Bei - ne unter ſich haben. Jhre Geſichter ſind breit und flach, haben eine blatte Naſe und kleine ſchwarze Au - gen, die wie bey den Chineſern weit von einander ſte - hen. Sie ſehen olivenfarfig aus, und ihre Geſichter ſind voll Runzeln; ſie haben einen kleinen oder gar keinen Bart; ſie ſcheren ſich die Haare auf dem Kopfe ab, und laſſen nur einen Buͤſchel auf dem Wirbel ſtehen. Die Vornehmſten unter ihnen tragen Roͤcke von Zeug oder Seide, und daruͤber einen großen, weiten mit Schaafsfellen gefuͤtterten Pelz, und eine dergleichen Muͤtze. Jm Kriege bedecken ſie ihren Kopf und Leib mit einer Art eiſerner Netze, die ſie einen Panzer nen - nen, deſſen Maſchen ſo enge beyſammen ſind, daß es alle andere Gewehre, das Feuergewehr ausgenommen, aushaͤlt. Eine Kugel aber gehet durch, und fuͤhret gemeiniglich einige zerbrochene Stuͤcke mit in dieWunde,285Wunde, daher ſie ſich auch vor dem Feuergewehre ſehr fuͤrchten. Jhr Gewehr beſtehet in einem Saͤbel, einer Lanze, Bogen und Pfeilen; ſie fangen aber ſchon an, ſich der Feuergewehre zu bedienen, welche ſie mit der Zeit furchtbarer machen werden. Jhr Vieh iſt groß; ihre Schaafe ſind von der groͤßten Art, und haben große fette Schwaͤnze, die 26 bis 30 Pfund wiegen. Jhre Ohren haͤngen herunter wie bey unſern Hunden; ſie haben anſtatt der Wolle weiches krauſes Haar, daher ihre Haͤute insgeſammt zu Futtern unter die Kleider gebraucht werden. Jh - re Pferde ſind klein und haben ein ſchlechtes Anſehen, ſind aber fluͤchtig, munter und ſtark; viele gehen von Natur einen Paß, und trottiren unglaublich geſchwin - de. Sie eſſen Kameele, Kuͤhe und Schaafe, ziehen aber das Pferdefleiſch allen andern vor.
Sie ſind in ihrer Einbildung die gluͤcklichſten Menſchen von der Welt, weil ſie ſich mit keiner Ar - beit ermuͤden, ſondern ſich mit Fiſchen und Jagen vergnuͤgen. Jch kann mir auch nichts angenehmers vorſtellen, als ihre Lebensart im Sommer; allein im Winter muͤſſen ſie ſich uͤber den Fluß begeben, und auf der duͤrren Ebene von Aſtrakan wohnen, wo ſie nichts als den Miſt ihres Viehes zu brennen haben, und das Vieh bey dem wenigen Grafe einer unfrucht - baren Wuͤſteney beynahe verhungert. Hier bleiben ſie bis auf den Fruͤhling, da ihre vorige Wohnung, auf der oͤſtlichen Seite des Fluſſes, faſt einen ganzen Monat von dem geſchmolzenen Schneewaſſer uͤber - ſchwemmt iſt, und ihr Land wie eine mit Baͤumen bewachſene See ausſiehet. Sobald dieſes Waſſer faͤllt, gehen ſie mit vieler Freude zuruͤck, laſſen ihrebeladenen286beladenen Kameele und Vieh uͤber den Fluß ſchwim - men, wobey die ſich darinn beſindlichen Jnſeln ihre Ueberkunft erleichtern. Man muß wiſſen, daß die Kalmucken, wenn ſie auf eine Unternehmung ausge - hen, weder nach Bruͤcken noch Bothen fragen; denn ſobald ſie an einen Fluß kommen, ſetzen ſie mit ihren Pferden hinein, ſpringen von ſelbigen herunter, halten ſich feſt an ihre Maͤhnen bis ſie durch ſind, ſe - tzen ſich alsdann wieder auf, und reiten fort. Doch ich komme wieder auf unſere Fahrt den Fluß hinunter.
Den 2ten Julii kamen wir nach Kamuſinski, welches eine wohlbefeſtigte Stadt iſt, die am Fluſſe Kamus liegt, und eine ſtarke Beſatzung von Solda - ten und Koſaken hat. Man hatte hier angefangen, einen Canal zwiſchen den beyden Fluͤſſen, der Wolga und dem Don oder Tanais, zu machen, um eine Com - munication zwiſchen dieſen Fluͤſſen herzuſtellen, der aber, nachdem man ſchon weit damit gekommen war, wegen der vielen harten Felſen, die man antraf, und bloß durch Sprengen mit vieler Zeit und großen Ko - ſten weggeſchafft werden mußten, fuͤr unmoͤglich be - funden wurde. Kamus gegenuͤber gehet ein Arm von der Wolga eine Werſte lang gegen Nordoſt in das Land hinein, dem Laufe des großen Fluſſes gerade entgegen, nimmt aber alsdann ſeinen gewoͤhnlichen Lauf gegen Suͤdoſten, und geht ſo fort, bis er in das Caspiſche Meer faͤllt. Ungefaͤhr 40 Meilen von hier, und in einer kleinen Entfernung auf der Seite des Fluſſes, ſiehet man die Ruinen einer großen Stadt, die vor dieſem Czarefgorod geheißen hat, und, wie erzaͤhlet wird, vom Tamerlan erbauet worden iſt. Jhr Schloß und Mauern waren von Ziegelſteinen,welche287welche der Stadt Aſtrakan ſeit vielen Jahren zu Er - bauung ihrer Mauern, Kirchen und Kloͤſter, die Baumaterialien hergegeben haben. Den 4ten Ju - lii kamen wir nach Czaritza, die mit hoͤlzernen Ba - ſtionen und Thuͤrmen befeſtiget iſt, und von Soldaten und Koſaken bewohnet wird. Jn der ganzen Ge - gend herum und ſelbſt bis Aſtrakan, die Jnſel Zer - pinsko ausgenommen, die 12 Werſte lang iſt, und das der Garniſon gehoͤrige Vieh ernaͤhret, iſt der Bo - den ſo unfruchtbar, daß er keine Art Getreide traͤgt. Dieſem Mangel wird aber vermittelſt des Fluſſes leicht abgeholfen, und die fruchtbaren Gegenden in Caſan verſchaffen dieſem Lande und der Stadt Aſtra - kan Weizen und Rocken fuͤr einen ſehr billigen Preis. Vierzig Meilen unter Czaritza macht dieſer große Fluß ſeinen zweyten Arm, der ſich mit dem erſten vereiniget, die alsdann mit einander in die See fallen. Von hier bis an die See waͤchſt auf beyden Seiten der Wolga eine große Menge Suͤßholz, deſſen Staͤm - me ſo dick als eines Mannes Arm, und zuweilen uͤber 4 Fuß hoch ſind; der Saame liegt in Schoten. Allein es iſt doch kleiner und auch nicht ſo ſuͤß, als dasjenige, welches am Fluſſe Araxis in Aſien waͤchſt.
Den 6ten langten wir vor Zornayar an, welches zur Rechten des Fluſſes auf einem hohen Ufer, nahe an einer großen Ebene lieget, darauf man weder Baͤume noch Anhoͤhen findet. Die Geſtalt dieſes Orts iſt viereckig, und hat hoͤlzerne Thuͤrme und Waͤl - le; er iſt mit Soldaten und Koſaken beſetzt, beydes Cavallerie. Etliche Werſte unter dieſem Orte macht die Wolga den dritten Arm, der Buchwoſtowa ge - nannt wird, und in die zwey vorhergehenden faͤllt. Zwanzig288Zwanzig Werſte weiter hinunter macht ſie den vierten, Donitoska genannt, der ſich aber mit keinem von den vorigen dreyen vermiſcht, ſondern in einem be - ſondern Canale ins Caspiſche Meer laͤuft. Jndem wir auf dem linken Ufer hinunter giengen, ſprachen wir den Kalmucken in ihren Kibbits oder Zelten oft zu, die wir allemal an den ſchoͤnſten Orten, die ich je - mals geſehen habe, aufgeſchlagen fanden, weil ihr Land in einer großen Flaͤche beſtehet, die voller Holz und Wieſen iſt. Wir hatten unſere Freude an der Menge ihrer Kinder beyderley Geſchlechts, die na - ckend am Ufer herum liefen, und die, wenn wir Brot ins Waſſer warfen, haufenweiſe hinein ſprangen, und es auffiengen, weil es keines unter ihnen giebt, das nicht vortrefflich ſchwimmen kann. Sechzig Werſte uͤber Aſtrakan iſt der fuͤnfte Arm der Wolga, der Mituska genannt wird, und ſich, in einiger Entfer - nung von dem Hauptfluſſe, wiederum in zwey Stroͤ - me theilet, davon ſich der eine mit der Donitoska ver - einiget, und der andere wieder in die Wolga faͤllt. Fuͤnf und zwanzig Werſte uͤber Aſtrakan liegt die Jnſel Buſan, und 10 Werſte hinter dieſer Jnſel befindet ſich der ſechste Arm der Wolga, Baltzick ge - nannt, und etliche Werſte weiter der ſiebente, den man Kniluße nennt, der die Jnſel Dolgoi macht, worauf die Stadt Aſtrakan ſtehet, und der, nachdem er dieſe Jnſel umfloſſen hat, in verſchiedenen Canaͤlen ins Caspiſche Meer faͤllt.
Jch langte den 10ten Julii in Aſtrakan an, und kam alſo daſelbſt wieder zur Armee. Sie wun - derten ſich alle, als ſie mich ſahen, weil ſie von einer Galeere, die eben dieſe Nacht bey uns vorbeygefahrenwar,289war, als wir uns in der groͤßten Gefahr befanden, erfahren hatten, daß wir alle ertrunken waͤren. Hier kam mein angenehmer Geſellſchafter, der Capuciner, in ein Kloſter von ſeinem Orden, weil durch den Tod eines ihrer Bruͤder eine Stelle offen ſtand, welches auch ein Gluͤck fuͤr ihn war, weil es ihm bey den da - maligen Verwirrungen in Perſien unmoͤglich geweſen ſeyn wuͤrde, dahin zu gehen. Er und ſeine Mitbruͤ - der bezeugten mir den groͤßten Dank und Hoͤflichkeit. Jch ließ, als ich auf unſere Expedition uͤber das Cas - piſche Meer gieng, alles, was ich nicht noͤthig hatte, in ihrem Kloſter zuruͤck, und er ſchickte mir hernach mit jedem Schiffe, welches ankam, Proviant von al - len Arten, wodurch ich alſo beſſer verſorget wurde, als irgend ein anderer Officier von der Armee, und alſo durch meine Hoͤflichkeit gegen den Capuciner nichts verlohr.
Die Stadt Aſtrakan liegt an den Grenzen zwi -Stadt Aſtra - kan. ſchen Europa und Aſien, welche der Fluß Wolga von einander ſcheidet. Sie ſtehet auf der Jnſel Dolgoi, die von einem Arme der Wolga gemacht wird, wie bereits erwaͤhnet worden, im 46ſten Grade, 22 Mi - nuten noͤrdlicher Breite, 2630 Werſte von Moskau, 90 Werſte auf einen Grad gerechnet. Die Stadt iſt ziemlich groß, und wird jetzt faſt von lauter Ruſſen be - wohnet. Es iſt den ehemaligen Einwohnern dieſes Lan - des, den Tartarn, nicht erlaubt, innerhalb der Ring - mauern, ſondern nur in den dabeyliegenden Vorſtaͤd - ten zu wohnen, die nur mit Palliſaden umgeben ſind. Die Feſtungswerke ſind alle von Stein, ſehr hoch, und haben in der Ferne, wegen der vielen großen und kleinen Thuͤrme, ein vortreffliches Anſehen, beſondersTgegen290gegen den Fluß. Die Haͤuſer in der Stadt ſind aber alle von Holz und ſehr niedrig, und folglich ſcheinet ihr Jnwendiges nicht mit dem Uebrigen uͤberein zu kommen. Es iſt hier ein großer Vorrath Artillerie befindlich, der in 500 meßingenen Kanonen und ei - ner verhaͤltnißmaͤßigen Anzahl von Moͤrſern beſtehet. Jn Friedenszeiten iſt die Beſatzung gemeiniglich 6000 Mann ſtark, und ſtehet unter dem Gouverneur und andern Officieren. Da die Stadt Aſtrakan an einer ſchiffbaren Grenze zwiſchen den betraͤchtlichſten Theilen der Welt lieget, ſo iſt es ganz natuͤrlich, daß ſie der Sitz einer großen Handlung iſt, weil ſie nicht allein von den benachbarten Tartariſchen Nationen, ſondern auch von Perſern, Armenianern und Jndia - nern beſucht wird. Den Jndianern iſt ein beſonde - rer Diſtrict in der Stadt zu ihrer Wohnung ange - wieſen.
Als der Czar Jvan Baſilowitz im Jahre 1552 das Koͤnigreich Caſan erobert hatte, richtete er ſeine Waffen gegen die Nogayiſchen Tartarn, nahm Aſtra - kan, ihre Hauptſtadt, 1554 mit Sturm ein, und ließ, um ſeine Eroberung ſicher zu machen, eine ſtar - ke Mauer um die Stadt fuͤhren. Der Czar Michael Fedrowitz baute, außer dem, daß er die Stadt durch einige neue Werke befeſtigte, den Theil, der Strelitza - Gorod, oder die Stadt der Soldaten genannt wird, weil den Soldaten ihre Quartiere darinn angewieſen wurden. Jch will nunmehr eine kurze Beſchreibung von dieſem Lande und deſſen Einwohnern machen.
Es ſcheinet ausgemacht zu ſeyn, daß die alten Erdbeſchreiber nichts von Tartarn gewußt haben, ſon - dern ſie unter der allgemeinen Benennung der Scy -then291then und Sarmataner verſtehen. Es iſt offenbar, daß die Tartarn aus verſchiedenen Nationen beſtehen, die ſich durch ihre Nahmen, Sprache und Gebraͤuche unterſcheiden. Von den Nogayiſchen Tartarn, wie wie auch von den Caſaniſchen und einigen andern, die zwiſchen der Wolga und dem Don oder Tanais woh - nen, ſagt man, daß ſie Jndianer geweſen, die wider ihre Oberherren rebelliret haben, um das Jahr 1212 aus ihrem Laͤndern gegangen ſind, und ſich nahe am Euxiniſchen Meere niedergelaſſen, und ihre Erobe - rungen bis an den Don, und von da bis an die Wol - ga ausgebreitet haben, an der ſie auch bis auf den heutigen Tag wohnen. Die Nogayer halten ſich laͤngſt den Ufern des Caspiſchen Meeres, vom Fluſſe Jaick bis an die Wolga, auf. Sie ſagen, daß ihre Hauptſtadt, Aſtrakan, von einem Tartariſchen Koͤ - nige, deſſen Nahme Aſtra geweſen, erbauet worden, und von ihm den Nahmen erhalten habe. Ehe die Ruſſen dieſes Land eroberten, ward ſie von Tartarn bewohnet, aber jetzt iſt ihnen nicht erlaubt dieſe Stadt zu bewohnen, noch eine neue zu bauen, oder einige von ihren Staͤdten oder Doͤrfern zu befeſtigen.
Die Nogayiſchen Tartarn wohnen meiſtens inNogayiſche Tartarn. runden von großen Binſen oder Rohr gemachten Huͤt - ten, die ſelten uͤber 12 oder 13 Ellen im Umfange weit ſind, und oben ein Loch haben, wodurch der Rauch herausgehen kann; und dennoch hat auch die kleinſte von dieſen Huͤtten einen Falken oder Habicht, indem die Tartarn große Meiſter in dieſer Art der Jagd ſind. Sie haben Falken aller Art und Groͤße, davon jeder auf verſchiedene Thiere abgerichtet iſt. Die Ruſſen nennen die Nogayer HerumſchwaͤrmerT 2oder292oder Landſtreicher, weil ſie im Sommer keine gewiſſen Wohnungen haben, ſondern hin und wieder ziehen. Sie packen alsdann ihre Huͤtten auf Wagen, ihre Weiber, Kinder und Guͤter auf Kameele, Pferde und Ochſen, und begeben ſich von einem Orte zum andern, wo ſie beſſere Weide fuͤr ihr Vieh finden. Wenn der Winter herannahet, ſo verſammeln ſie ſich mit ihren Heerden, um ihn in verſchiedenen Haufen bey Aſtrakan zuzubringen, wo ſie mit Waffen verſe - hen werden, die Einfaͤlle der Kalmucken oder anderer Tartarn vom Fluſſe Jaick abzuhalten. Sobald aber der Winter voruͤber iſt, muͤſſen ſie alles Gewehr wie - der zuruͤck geben. Sie geben dem Ruſſiſchen Kaiſer keinen Tribut, ſind aber verbunden, zu Kriegszeiten unter ihren eigenen Befehlshabern ihm zu dienen, da ſie in Friedenszeiten von ihren eigenen kleinen Fuͤrſten und Richtern regieret werden. Jhres Gehorſams verſichert zu ſeyn, hat der Kaiſer beſtaͤndig einige von ihren Fuͤr - ſten oder Mirzas als Geiſeln in der Feſtung Aſtrakan.
Jhre Religion iſt die Mahometaniſche, einige wenige ausgenommen, die ſich zur griechiſchen Kirche bekannt haben. Sie pflegen einige von ihren Kin - dern Gott oder einem andern Heiligen zu widmen, und dieſe unterſcheiden ſich von andern durch einen Ring, den die Knaben am rechten Ohre, die Maͤd - chen aber an der Naſe tragen. Sie leben von ihrem Viehe, von der Jagd und Fiſcherey. Statt des Brotes bedienen ſie ſich an der Sonne getrockneter Fi - ſche; ſie machen auch Kuchen von Mehl und Reiß. Sie eſſen Kameel - und Pferdefleiſch, und ſchaͤtzen der letztern Milch ſehr hoch. Jhr gewoͤhnliches Ge - traͤnke iſt Waſſer und Milch, doch findet man auch,außer293außer dem Weine, Meeth und dem Branntweine, ziem - lich gutes Bier in Aſtrakan. Jhr Vieh iſt faſt wie der Kalmucken ihres. Die Nogayer ſind ſchoͤner von Perſon als die Kalmucken, beſonders ihre Wei - ber. Die Maͤnner tragen einen weiten Rock von grobem Tuche, und uͤber dieſen eine Art eines Man - tels von Schaffellen, die Wolle auswaͤrts gekehret, wie auch dergleichen Muͤtze, nur daß dieſe gemeinig - lich ſchwarz iſt. Jhre Weiber ſind in weiße Lein - wand gekleidet, und haben eine Haube mit Falten auf ihren Koͤpfen, woran eine Menge Silbermuͤnze auf beyden Seiten herab haͤngt. Das Clima iſt hier ſehr heiß, und im Monat September und October iſt die Hitze viel groͤßer als in England in den Hundsta - gen; deſſen ungeachtet iſt der Winter, der aber ſel - ten uͤber zwey Monate dauert, ſo außerordentlich kalt, daß dieſer große Fluß uͤber und uͤber gefriert, und das Eis dick genug iſt, Pferde und Schlitten zu tragen.
An der Seite der Wolga gegen Weſten, nach demSalzſteppen um Aſtrakan. Euxiniſchen Meere zu, liegt eine große Steppe, die uͤber 350 Werſte lang iſt, und gegen Suͤden am Ufer des Caspiſchen Meeres iſt ebenfalls eine befind - lich, die faſt 400 Werſte lang iſt. Jn dieſen uner - meßlichen Weiten iſt weder eine Stadt noch ein Dorf zu ſehen, wie man denn auch weder einen Huͤgel noch ei - nen Baum, ſondern nur hier und da einen mit Gras bewachſenen Fleck findet. Es giebt auch kein Waſſer daſelbſt, als den Fluß Kisliar oder einige ſtehende Suͤmpfe geſalzenen Waſſers. Deſſen ungeachtet fin - det man haͤufiges Salz in dieſen Wuͤſteneyen; denn 10 oder 20 Werſte von Aſtrakan giebt es großeT 3Salzadern,294Salzadern, wo das Salz, wenn es von der Sonne hart geworden iſt, eines Fingers dick auf dem Waſſer ſchwimmt, ſo rein wie ein Cryſtall iſt und wie Veil - chen riecht. Ganz Rußland wird von hier mit Sal - ze verſehen. Die drey vornehmſten Salzquellen heißen Mozakofski, Kainkowa und Gostofski, wo das Salz in ſolchem Ueberfluſſe iſt, daß man einen Centner auf der Stelle fuͤr zwey Stuͤber kaufet. Es wird an die Wol - ga gebracht, und alsdann in andere Theile verfuͤhret.
Die Jnſel Dolgoi oder die lange Jnſel, die Gegend um Aſtrakan, und einige andere Theile dieſer Provinz, haben einen Ueberfluß an vortrefflichen Fruͤchten, die weder an Schoͤnheit noch Geſchmack keinen, auch ſogar denen in Perſien oder Jndien, et - was nachgeben; ihre Aepfel, Quitten, Nuͤſſe, Pfir - ſchen und Melonen ſind von vorzuͤglicher Guͤte, und beſonders die Waſſermelonen, die eine hellgruͤne Rin - de, fleiſchfarbiges Fleiſch und ſchwarze Koͤrner haben, und alſo angenehm fuͤr das Auge und ſehr wohlſchme - ckend fuͤr den Gaumen ſind. Sie ſind ſo wohlfeil, daß man deren zwey fuͤr einen Stuͤber bekommt, und ſo groß, daß ſich zwey Perſonen an einer ſatt eſſen koͤnnen, und ſo erquickend, daß man ſie ohne Gefahr in Fiebern genießen kann. Es iſt noch nicht uͤber hundert Jahr, daß man hier Weintrauben hatte; die Perſianer brachten einige Reben hieher, und dieſe pflanzte ein Moͤnch, der von Geburt ein Deutſcher war, in dem Garten des Kloſters, welches in einer Vorſtadt von Aſtrakan ſtand. Dieſer kleine Anfang hat ſich ſeit der Zeit ſo vermehret, daß nicht allein die Gaͤnge und Lauben in den Gaͤrten, ſondern auch große Weinberge damit bepflanzet ſind. Die Trauben ſind ſoaußeror -295außerordentlich groß und haͤufig, daß man nicht allein bey Tiſche rothen und weißen Wein im Ueberfluſſe hat, ſondern daß auch unſere Armee hinlaͤnglich damit verſorgt wurde. Ueberdieſes giebt es auch nahe bey Aſtrakan und laͤngſt der Wolga in Menge Arzeney - kraͤuter, die ſehr groß daſelbſt wachſen. Die Wolfs - milch waͤchſt hier ſo hoch als ein Mann, und die An - gelikenwurzel wie eines Mannes Arm dick. Unge - faͤhr 30 Meilen unter Aſtrakan iſt eine der beſten Fi - ſchereyen, von welcher dieſe Stadt im Ueberfluß mit Lachſen, Stoͤhren, Belugen, Oſotrin, Sterlitzen und vielen andern Arten guter Fiſche verſehen wird; und auf den kleinen Jnſeln in dieſer Gegend ſind ſehr viel verſchiedene wilde Voͤgel. Obgleich die benachbarten Laͤnder nicht fruchtbar am Getreide ſind, ſo wird doch dieſem Mangel aus dem fruchtbaren Lande Caſan ſo - wohl abgeholfen, daß man dieſe Stadt, wenn man alles zuſammen nimmt, mit Recht fuͤr eine der be - quemſten und angenehmſten in Europa halten kann. Doch ich komme wieder zur Hauptſache.
Den Tag nach meiner Ankunft machte ich dem Kaiſer meine Aufwartung und uͤbergab ihm die drey Stuͤck Alabaſter, die ich aus Teneſowa mitgebracht hatte, die ihm auch ſo wohl gefielen, daß er ſogleich Befehl gab, dieſen Bruch zu bearbeiten, der in ſeiner Art vortrefflich zu ſeyn ſchien. Als ich ſie ihm uͤber - geben hatte, machte der Kaiſer die Anmerkung, daß ihm noch kein Mineral von Ruſſen, aber ſehr viele von Auslaͤndern entdeckt worden. Allein er dachte dabey nicht an die Beſchwerlichkeit, darein diejenigen verſetzet werden, auf deren Boden etwas dergleichen entdecket wird, weil ſie nicht allein den Nutzen deſſel -T 4ben296ben verlieren, ſondern auch verbunden ſind, die Gru - ben mit ihren Bauern zu bearbeiten, ohne den gering - ſten Nutzen davon zu haben, wodurch alſo das Spruͤchwort, welches man in Rußland hat, beſtaͤti - get wird, daß alles, was ſie haben, Gott und dem Kaiſer gehoͤret.
Jch wurde in dieſer Stadt zu einer Wittwe in das Quartier geleget, die eine Magd hatte, die als Sclavinn von den Tartarn war erkauft worden. Die - ſe Magd hatte ihrer Frau verſchiedene Sachen geſtoh - len, und da dieſe bey ihr gefunden wurden, ſo ward ſie wegen ihres Diebſtahls hart beſtraft. Sie dro - hete ſich deswegen an ihrer Frau zu raͤchen, die aber dieſe Drohung damals nicht achtete. Allein etliche Tage hernach bekam ſie einen ſolchen Anfall von Ra - ſerey, daß man ſie binden mußte. Die Magd mach - te ſich hierauf davon, und man fand in ihrer Lade ver - ſchiedene Kraͤuter, Wurzeln und Pulver. Als die Aerzte die Beſchaffenheit derſelben unterſuchten, fan - den ſie ſogleich die Urſache von der Krankheit dieſer Frau, und da ſie die gehoͤrigen Mittel anwandten, ſo wurde ſie wieder vernuͤnftig. Dieſe Sclavinn wurde von einer Parthey Tartarn zuruͤck gebracht, und ge - ſtand, als man ſie verhoͤrte, was ſie gethan hatte; ſie gab dabey vor, daß ſie hexen und ſich an denjeni - gen raͤchen koͤnnte, die ſie beleidigten. Sie wurde hierauf durch die Stadt gepeitſchet und den Tartarn uͤbergeben, ſie in einiger Entfernung zu verkaufen.
Jn dieſer Stadt iſt den Armenianern eine Vor - ſtadt zu ihrem Aufenthalte angewieſen, die einen groſ - ſen Handel von hier nach Perſien treiben, wozu aber die Banyanen ohne Zweifel vieles beytragen. Dieſeſind297ſind eine Art heidniſcher Jndianer, deren Hauptbe - ſchaͤftigung der Handel iſt, und die ihre Factorey in der Stadt haben. Da nun damals einer von ihren vornehmſten Kaufleuten ſtarb, ſo erſuchte deſſen Witt - we den Kaiſer um Erlaubniß, ſich nach dem Gebrau - che ihres Landes mit dem Koͤrper ihres Mannes ver - brennen zu duͤrfen. Der Kaiſer, der einen ſo bar - bariſchen Gebrauch nicht unterſtuͤtzen wollte, ſchlug ihr ihre Bitte ab, womit die Jndianiſche Factorey ſo uͤbel zufrieden war, daß ſie ſich mit ihren Guͤtern aus der Stadt weg zu begeben drohete. Als nun der Kaiſer ſahe, daß man den Entſchluß dieſer Frau durch keine Gruͤnde aͤndern konnte, ſo gab[e]r ihnen endlich die Erlaubniß, zu thun, was ſie fuͤr gut befaͤnden. Nachdem alſo der Leichnam war bekleidet worden, tru - gen ſie ihn in einige Entfernung von der Stadt, wo ein Scheiterhaufen von trockenem Holze errichtet war, und legten den Koͤrper darauf. Vor dem Scheiter - haufen waren Jndianiſche Teppiche aufgehangen, ſo daß man ihn nicht ſehen konnte. Die Frau wurde in ihrer beſten Kleidung, Ohrgehaͤngen, Ringen an den Fingern und einem Halsbande von Perlen, von einem Bramin oder Prieſter zu dem Scheiterhaufen gefuͤhret, und von vielen Jndianern beyderley Ge - ſchlechts dahin begleitet, der, ſobald ſie dabey ange - kommen war, angezuͤndet wurde. Sie theilte hier - auf ihre Oberkleider und ihren Schmuck unter ihre Freunde und Bekannte aus, von welchen ſie auch mit vielen Ceremonien Abſchied nahm, und als der Schei - terhaufen in voller Flamme ſtand, und die Teppiche weggenommen waren, ſo ſprang ſie mitten in das Feuer hinein. Hierauf goſſen ihre Freunde eineT 5Menge298Menge Oel auf ſie, welches ſie ſehr bald erſtickte und beyde Koͤrper in kurzem in Aſche verwandelte, die ſorg - faͤltig geſammelt und in eine Urne gethan wurde, weil ſie an ihre Freunde nach Jndien geſchickt werden ſollte.
Dieſe barbariſche Gewohnheit wurde anfaͤnglich aus einem politiſchen Grunde eingefuͤhret; denn da die Vielweiberey viele bittere Eiferſucht unter den Weibern, den Mitbuhlerinnen an der Liebe ihrer Maͤnner, verurſachte, ſo pflegte es oft zu geſche - hen, daß diejenigen, die hintenangeſetzt zu werden glaubten, ihre Maͤnner umbrachten. Um ih[n]en alſo das Leben ihrer Maͤnner werth zu machen, wurde ver - ordnet, daß bloß diejenigen Weiber, die entſchloſſen waͤren, ihren Maͤnnern in die andere Welt Geſell - ſchaft zu leiſten, und ſich, wenn er ſterben wuͤrde, mit ſeinem Koͤrper verbrennen ließen, den Ruhm haben ſollten, daß ſie ehrliche und tugendſame Weiber waͤ - ren, und daß diejenigen, die dieſe Probe ihrer Liebe nicht ablegen wollten, nach dem Tode ihres Mannes fuͤr unehrlich angeſehen werden ſollten. Qbgleich die Pflicht, ſich mit ihren Ehemaͤnnern zu verbrennen, den - jenigen, die es ausſchlagen, keine andere Strafe auf - legt, als daß ſie deswegen fuͤr unehrlich gehalten wer - den, ſo war doch die Begierde nach Ehre und die Liebe zum Ruhme bey den Banyaniſchen Weibern ſo groß, daß man unzaͤhlige Beyſpiele unter ihnen von ſolchen hat, die ihr Leben freywillig auf den Scheiterhaufen aufgeopfert haben. Was ſie hierzu bewegt, iſt, daß ſie glauben, wenn eine Frau eine ſo große Liebe zu ihrem Manne hat, ſich nach ſeinem Tode mit ihm zu verbren - nen, ſie in der andern Welt ſiebenmal ſo lange mit ihm leben, und ſiebenfaches Vergnuͤgen von dem, welchesſie299ſie hier gehabt hat, ohne eine Mitbuhlerinn, genießen wird. Sie betrachten alſo dieſe Art des Todes als einen Uebergang, durch den ſie zu dem Genuſſe der - jenigen Ergoͤtzlichkeiten, woran ſie nur einen kleinen Antheil in dieſer Welt hatten, gelangen werden. Dieſe Gewohnheit iſt nur bey den Banyanen, und nicht in ganz Jndien uͤblich.
Jndien wird von drey verſchiedenen Voͤlkern be - wohnet: das erſte ſind die Jndoſtaner, welches die alten Eingebohrnen dieſes Landes ſind, eine traͤge und ſchmutzige Nation; das zweyte die Moguln, die aus der großen Tartarey gekommen ſind, ein kriegeriſches und zu den Waffen ſehr geneigtes Volk; dieſe ſind alle Mahometaner. Das dritte ſind die Banyanen, die urſpruͤnglich aus China herruͤhren, alle Heiden ſind, und ſich einzig und allein auf Manufacturen und den Handel legen. Die Banyanen ſind verſtaͤn - diger, liſtiger und hoͤflicher, als alle andere Jndia - ner. Es giebt keine Art von Handlung in Perſien oder dem Tuͤrkiſchen Gebiete, die nicht groͤßtentheils von ihnen getrieben wird, wie es denn auch in ganz Jndien keine Waaren giebt, womit ſie nicht handeln. Die Banyanen unterſcheiden ſich durch ihre KleidungBanyanen. von den Tuͤrkiſchen Glaubensgenoſſen, denn ſie tragen kein langes Haar, ſcheren auch ihre Koͤpfe nicht, wie denn auch die Weiber ihre Angeſichter nicht, wie die Mahometaner, bedecken. Schwarze Zaͤhne werden bey ihnen ſo hoch geſchaͤtzt, daß ſie die Europaͤer mit weißen Zaͤhnen nur Bondra oder Affen nennen. Sie tragen auch keine Beinkleider, wie die andern Jndia - ner, ſondern nur ein Stuͤck ſeidnen Zeug, welches ſie um ſich wickeln, und welches bis auf die dicken Beineherunter300herunter haͤngt, woruͤber ſie ihre Hemden tragen, und ihr Oberkleid daruͤber anziehen, welches ſie mit einem Guͤrtel guͤrten. Unter dieſem haben ſie eine enge We - ſte, deren Aermel nur bis an die Ellbogen reichen. Sie tragen ſammtne, brocadene oder von vergoldetem Leder gemachte Schuhe, die ſie mit Riemen an die Fuͤße befeſtigen, und ſie ausziehen, wenn ſie in ein Zimmer gehen, worinn der Boden gemeiniglich mit Teppichen bedeckt iſt. Sie tragen aber hoͤlzerne Schuhe, wenn ſie auf dem Lande gehen.
Jhre Braminen, oder Prieſter unterſcheiden ſich nur durch dasjenige von andern, was ſie um ihre Koͤpfe tragen, welches aus Leinwand gemacht, und viele Mahle um ihren Kopf herum gewickelt iſt, ihr heiliges Haar damit zu bedecken, das ſie niemals ab - ſchneiden. Sie tragen auch zwey Stuͤck Bindfaden auf der bloßen Haut, die von den Schultern queer uͤber die Bruſt bis an die Lenden herunter gehen, die ſie niemals ablegen, wenn ſie auch ihr Leben dadurch retten ſollten. Sie ſtehen wegen ihrer Heiligkeit in ſolchem Anſehen, daß keine Heirath fuͤr heilig gehal - ten wird, wenn die Braut nicht dazu von dem Prie - ſter durch den erſten Genuß eingeweihet worden iſt, zu dem ſie jederzeit aus dieſer Abſicht geſuͤhret wird, und der dieſen Theil ſeines heiligen Amtes, außer dem emſigen Bitten des Braͤutigams, ihn dieſer ſauern Arbeit zu uͤberheben, ſehr hoch anrechnet. Auf dieſe Art befriediget der liſtige Prieſter, indem er die Ein - falt ſeiner Heerde hintergehet, ſeinen natuͤrlichen Trieb, und auch zugleich ſeinen Geiz, nach Wunſch. Aber das iſt es noch nicht alles, denn der Ehemann behaͤlt gegen ſeinen Mitgenoſſen eine ſo fromme Hochach -tung,301tung, daß, wenn er eine Reiſe thut, oder ſonſt bey ei - ner Gelegenheit nicht zu Hauſe ſeyn kann, er ihm ſei - ne ganze Familie, beſonders aber die Sorge fuͤr ſeine Frau in ſeiner Abweſenheit empfiehlt, und ſeine Stelle bis zu ſeiner Zuruͤckkunft zu vertreten bittet. Die Frau wendet dagegen ihre Sorge darauf, ſeine ab - nehmenden Kraͤfte durch ſtaͤrkende Mittel zu erſetzen, worinn die Jndianiſchen Weiber die geſchickteſten in der Welt ſind, wie ſie denn auch die leichteſten Me - thoden wiſſen, ihre Maͤnner bey gewiſſen Gelegenhei - ten in die andere Welt zu ſchicken. Dieſes ſind die Nachrichten, die ich in Aſtrakan erhalten habe.
Die Armee ſetzt ſich den 18ten Julii zu Aſtrakan zu Schiffe. — Verſchiedene kleine wilde Voͤgel auf den kleinen Jnſeln. — Terki, die Hauptſtadt in Circaßien. — Heringe in dem Caspiſchen Meere. — Reiſe nach Buſtrow. — General Waterangs Nachricht von der Provinz Andreof. — Circaßien und deſſen Einwohner, ihre Sitten, Religion ꝛc. — Fortſetzung der Reiſe und Betrachtung des Berges Caucaſus ꝛc. — Die Armee landet bey Agre - chan. — Marſch nach Aſien. — Hoͤflichkeit der Dageſtaniſchen Tartarn. — Die Armee ge - het uͤber den Fluß Sulack. — Der General Wa - derang ſtoͤßt zur Armee. — Geraͤth auf ihrem Marſche in Noth, und die Officiers von der Gar - de werden beſtraft. — Ankunft in Tarku, nebſt einer Beſchreibung der Dageſtaniſchen Tartarn. — Unterredung mit den Frauenzimmern. — Die Dageſtaniſchen Frauenzimmer machen der Kaiſe - rinn ihre Aufwartung. — Errichtung eines Denkmals in Tarku, und Marſch nach Derbent durch ein ſchoͤnes Land. — Des Sultans Ude - nach Grauſamkeit, und deren Folgen. — Zwan - zig verzweifelte Tartarn. — Ein ſehr ſchoͤner er - ſchlagener Tartariſcher Juͤngling. — Unerſchro - ckener Entſchuß eines Prieſters. — Ankunft in Derbent. — Beſchreibung dieſer Stadt. — Merk - wuͤrdige Graͤber. — Alexander und Melkehatu - ra. — Jackalls und Sandhaſen. — Dreyzehn Transportſchiffe gehen verlohren und werden imSande303Sande begraben. — Zwieback. — Zwey Ex - preſſen und ein Geſandter kommen bey der Armee an. — Ein Tuͤrkiſcher Geſandter noͤthiget den Kaiſer umzukehren. — Gelegenheit zu den Un - ruhen in Perſien. — Die Armee geht zuruͤck. — Kalte Naͤchte. — Gefaͤhrlicher und beſchwerli - cher Marſch. — Die neue Stadt Smetago - Kreſt. — Ein Fort wird am Fluſſe Nitzi eingeaͤ - ſchert und gerochen. — Die Armee geht bey Agre - chan wieder zu Schiffe. — Der Vorrath fuͤr des Capitains Galeere geht verlohren; eine Reiſe, wo viele erhungern. — Ankunft in Aſtrakan den 15ten October.
Der General Waderang war vor einiger Zeit mit einer Armee von 7000 Dragonern und 10000 Koſaken, nebſt 20000 Kalmuckiſchen Tar - tarn und einem großen Gefolge von Kameelen, die ih - ren Proviant und Waſſer trugen, durch die große Aſtrakaniſche Wuͤſte geſchickt worden, und hatte Be - fehl, die Provinz Andreof anzugreifen und zu verwuͤ - ſten, und die vielen Einfaͤlle zu raͤchen, die ſie bey den Ruſſiſchen Unterthanen gethan hatten. Dieſem Generale folgten in kurzem noch 10000 Koſaken und 20000 Kalmuckiſche Tartarn nach, ſeine Armee zu verſtaͤrken und ihn in den Stand zu ſetzen, dieſe Pro - vinz voͤllig zu verwuͤſten.
Den 18ten Julii ſetzte ſich unſere Armee aufDie Armee ſchifft ſich zu Aſtrakan ein. 250 Galeeren zu Schiffe, und ihr folgten 35 mit Proviant und den Kranken beladene Schiffe. Unſere Armee beſtand aus 33000 alten erfahrnen Solda - ten, die in allen Feldzuͤgen waͤhrend des langen Krie -ges304ges mit Schweden geweſen waren. Wir giengen eben dieſen Abend unter einer allgemeinen Begruͤßung der ganzen Artillerie und der Flotte von Aſtrakan ab. Wir fuhren die ganze Nacht mit dem Strome herab, und kamen den andern Morgen an die Muͤndung des Fluſſes, 60 Werſte von Aſtrakan, an, wo wir die Caspiſche See zum erſtenmal erblickten. Wir gien - gen auf dem Strome der Wolga hinunter, der am meiſten gegen Weſten iſt, welches auch der einzige iſt, der Schiffe mit ſchweren Laſten tragen kann; die uͤbrigen Stroͤme, die eine große Menge kleine JnſelnViele wilde Voͤgel. machen, fließen gegen Morgen und fallen in 32 Ca - naͤlen in das Caspiſche Meer. Jm Sommer weidet eine große Menge Vieh auf dieſen Jnſeln, und da ſie alle von einer Menge dicken und hohen Rohre um - geben ſind, ſo giebt es eine unbeſchreibliche Menge wilder Voͤgel, beſonders aber Seevoͤgel daſelbſt. Wenn eine Kanone abgefeuert wird, ſo ſteigen ſie wie eine Wolke in die Hoͤhe, da man denn mit leichter Muͤhe eine ganze Menge davon toͤdten kann. Man findet ſie in der ganzen Welt nicht ſo verſchieden. Außer den Schwaͤnen und gemeinen wilden Gaͤnſen giebt es hier eine große Art, die von den Ruſſen Ba - ba oder Kropfgans, von andern aber Pelikan ge - nannt wird. Jhre Schnaͤbel ſind anderthab Fuß lang und 2 Zoll breit und am Ende gekruͤmmet. Ei - nige von dieſen Voͤgeln ſind vom Kopfe bis auf die Fuͤße uͤber 7 Fuß lang; ſie haben unter ihrem Schna - bel eine runzelige Haut herab haͤngen, die wie ein Beutel ausſiehet,